— —.—— 1 „ . F ——— M ◻‿£ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mik. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 1 „ 2„„„=„ 4„,—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. en jetne⸗pit⸗ Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— 8 an 8 s 6 * 1 -. 1 ſ 4. Tausend und Ein Tag. Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Aus dem Persischen, Turkischen und Arabischen nach 1 Petis de la Croix, Galland, Cardonne, 6 Chawis und Cazotte, dem Grafen Laylus und Anderen, ü berſetzt von F. H. von der Hagen. Vierter Band. */— . Prenzlau, Druck und Verlag der Ragoczyſchen Buchhandlung. IT827. Tauſend und Ein Tag. Perſiſche Erzaͤhlungen. Ban d. Vierter ———— Inhalt des vierten Bandes. Seite Seltſame Abenteuer des Abulfauaris, benannt der Große Reiſende: Hundert und fünf und ſiebzigſter Tag⸗-⸗⸗1 176ſter Tag 7 ⸗= 7 5 1727 ſter Tag r 2 ⸗ 10 178ſter Tag ⸗.. 14 17 9ſter Tag 2 ⸗ ⸗ 17 TSoſter Tag⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 2 2 ⸗ 21 Die ſeltſamen Abenteuer des Abulfauaris, genannt der Große Reiſende. Zweite Reiſe.⸗⸗ 25 18 1ſter Tag ⸗ ⸗ ⸗ 26 182ſter Tag ⸗ 29 183ſter Tag 2 7. 2 17172. 2 ⸗ 34 184ſter Tag 2 2 ⸗ 2 ⸗⸗ ⸗ 39 185ſter Tag⸗⸗ ⸗ ⸗ 5., eAO⸗ 43 186ſter Tag 7 ⸗ ⸗ 2 22 3 18ꝑ9ſter Tag 2 ⸗ ⸗ 2 52 . 188ͤſter Tag eee e l lz a e 57 4 I189ſter Tag r ⸗, ⸗⸗ 62 Tooſter Tag r ⸗- 66 19 Iſter Tag 7 z-⸗ ⸗ e 70 192ſter Tag ⸗ ⸗⸗⸗ 73 193ſter Tag z ⸗ ⸗⸗ 77 1 94ſter Tag 195ſter Tag ⸗ 196ſter Tag 197 ſter Tag 198ſter Tag 190ogſter Tag 200ſter Tag 20 1ſter Tag 202ter Tag 203ter Tag 204ter Tag 205ter Tag 206ter Tag . 207ter Tag — 208ter Tag 209ter Tag 210ter Tag 21 Iter Tag 212ter Tag 213ter Tag 214ter Tag NANA Nuunuu NunnunAuuun u R u. nun uNuunngðuunnmnn Geſchichte des Aönigs des Kaufmanns Abderrahman der ſchoͤnen Seineb N N AN N Nnn. u n wn m N n u NU u an NAAuanuugn n N wn u Inhaln. Beſchluß der Geſchichte des Bedreddin⸗Lolo, ſe ne Veſyre und ſeines Günſtlings 2 ⸗ ⸗-. RaununnuNauanu n a u u K 2 Geſchichte der beiden Geſſerbrlder 2by und Dahy u uN Nnugu8uuag«aunnuunann n Nn nununnuniiununu nn a RudRnNnnwhn a A A AAK Rumnu KN N An W U N 9 R GRAugngnRnununugmunn a Nugudnnagunununaununn n A Naßiraddolé von Mußel, u K A n un an R n A n n von Bagdad und n n u d N un A n u n Au n A NNu u NANNu aA K U⸗u n — r— .Q 2 215ter Tag 2 2 216ter Tag⸗ ⸗ 212 ter Tas ⸗ ⸗ 218ter 2 ⸗ Geſchichte Henagnas 219ter Tag 220ſter Tag 22 Iſter Tag 222ſter Tag 223ſter Tag 224ſter Tag 225ſter Tag 226ſter Tag Geſchichte von den 227 ſter Tag 228ſter Tag 22 9 ſter Tag NNn N u A AR u dGan nnng uA VUN A Nu Rn n n a R A n a N NRugnNUn n Uu 2 — Nnanhnnaäaagnunnmnud— n RN u Geſchichte der beiden Naſenden 230ſter Tag⸗ ⸗ 23 1ſter Tag⸗ ⸗ ANnNn K N Nn U n Aunu beiden Tauben Nu B u N Geſchichte vom Derviſch und vom 232ſter Tag⸗ ⸗ 233ſter Tag⸗ ⸗ Geſchichte des Koͤnigs minen 2 2 234ſter Tag 235ſter Tag N N u N u von Indien und de V N A A u v an mumunun n N R A UA Nu n; u Vn NNnNnmgnugogganuNoun n Diebe U V N KA& 2 ARnNnnnnnnnnnagnnnnnn n u Na A u äe a e e e a e a RBUu8ungnNntnunnKNCmgnnag on u NR n U A 253 257 274 275 281 236ſter Tag 237ſter Tag⸗ ⸗ 238ſter Tag⸗ ⸗ Geſchichte des Koͤnigs 239ſter Tag⸗ ⸗ Geſchichte des Fuͤrſten 240ſter Tag⸗ ⸗ 24 Iſter Tag⸗ ⸗ 242ſter Tag⸗ ⸗ Geſchichte der beiden Pantoffeln Seineh. 243ſter Tag⸗ ⸗ Geſchichte der ſchoͤnen 2aſter Tag 245ſter Tag 246ſter Tag 242 ſter Tag 248ſter Tag d N A N N Abenteuer einer Weſs⸗ Tochter. 249ſter Tag 250ſter Tag 25 Iſter Tag 252ſter Tag Geſchichte des Sohnes 253ſter Tag ⸗ 254ſter Tag 3 N K mn„A* uan u A u AU N g, A u d Uu U N von Demen von Alep u NN N RN K R N n A No n n Ah . 8 ₰ & G μ d un N Nn Nu u u d a un u u u u n „ U Und RKn—n a n a n A NN Nu n RN N u N n Ru RN A A Nonn n N RNWw u n N uA 9 Auu N n dGn u n VN U a a K u N n u N aA N N 286 292 297 299 303 307 310 316 323 325 328 332 338 341 346 35 355 358 362 366 370. 375 ———mrõmüömö⸗õ—— Tauſend und Ein Tag. Perſiſche Erzaͤhlungen. Hundert und fuͤnf und ſiebzigſter Tag. Ich zitterte vor Freuden bei den Worten des Skla⸗ ven; und indem ich ihm einen Ring zum Geſchenke darbot, ſagte ich zu ihm: „Mein lieber Freund, ich beſchwoͤre dich, unter⸗ richte mich von dem Schickſale dieſer Prinzeſſinn, die mir, ungeachtet ihrer Haͤrte, immer noch theuer iſt. Beſfindet ſie ſich noch in derſelben Lage, wie ich ſie verlaßen habe?“ MNein, Herr,“ antwortete der Sklabe;„ihre Verhaͤltniſſe haben ſich ſeit zwei Monaten ſehr veraͤn⸗ IV. 1 2 275. C a g. dert. Der Koͤnig von Serendib hat verlangt, daß ſie einen alten Herrn ſeines Hofes, der in ſie verliebt war, heiraten ſollte: ſie hat nicht umhin gekonnt, ihm zu gehorchen; ſie iſt vermaͤhlt.“ Der Schmerz, welchen ich bei dieſer Neuigkeit blicken ließ, war ſo lebhaft, daß der Sklave davon geruͤhrt ſchien. „Es thut mir Leid,“ ſagte er,„daß die Vermaͤh⸗ lung meiner Herrinn euch ſo betruͤbt: es iſt aber eure Schuld auch; warum entſagtet ihr nicht euerm Pro⸗ phetenk ſo wuͤrdet ihr gegenwaͤrtig die ſchoͤnſte Frau von der Welt und unermeßliche Reichthuͤmer beſitzen. Waͤre ich an eurer Stelle geweſen, mir haͤtte man nicht ſo lange Bedenkzeit zu geben gebraucht, als man euch gab: gleich den erſten Tag, ja noch in der erſten Stunde und in der erſten Minute, haͤtte ich mich entſchloſſen, alles zu thun, was Kanſade verlangte. Wie viel Herzeleid haͤttet ihr euch ſelber, und auch ihr, erſpart! denn nach eurer Abfahrt, ward ſie krank, und es fehlte nicht viel, ſo waͤre ſie geſtorben. Ich weiß nicht,“ fuhr er fort,„ob ich ihr ſagen darf, daß ihr in Serendib ſeid; ich fuͤrchte, ihr ei⸗ nen Kummer zu erneuen, welchen der alte Herr, den ſie geheiratet hat, nicht eben geeignet iſt zu zerſtreuen. Auf der andern Seite ſehe ich euch ſo betruͤbt, daß ich mich nicht entſchließen kann, euch allen Troſt zu entziehen. Ich verſpreche euch alſo, daß heute noch —.— —— Abulfauaris: erſte Reiſe. 3 meine Herrinn alles erfahren ſoll, was ich geſehen habe. Ich werde ihr durch eine ihrer Frauen ſagen laßen, daß ihr euer voriges Betragen ſehr bereuet, und daß ihr, wenn es jetzo noch erſt zu thun waͤre, nicht einen Augenblick anſtehen wuͤrdet, ihretwegen Mahomeds Lehre zu entſagen.“ „Nein, nein,“ rief ich bei dieſen Worten aus, „huͤte dich wohl, ihr etwas ſagen zu laßen, woran ich nicht denke, und woran ich nicht denken koͤnnte, wenn es auch noch von mir abhinge, ſie um dieſen Preis zu beſitzen. Sage ihr bloß, daß ich in Ver⸗ zweiflung bin, ſie verloren zu haben, und zu verneh⸗ men, daß ſie mit ihrer Lage nicht zufrieden iſt.“ Der Sklave ſchwur mir, daß er den Auftrag wel⸗ chen ich ihm gab, genau ausrichten wuͤrde. Er fuͤgte noch hinzu, ohne Zweifel, um meinen Schmerz zu lindern, er waͤre uͤberzeugt, daß Kanſade Mitleid mit mir empfinden wuͤrde; daß ihr Mitleid ſich nicht dar⸗ auf beſchraͤnken wuͤrde, mich im Geheimen zu bekla⸗ gen; und daß ſie, da ſie ſo gewandte Frauen um ſich haͤtte, mich nicht meiner Betruͤbnis uͤberlaßen wuͤrde. Nach dieſem Geſpraͤche, verließ mich der Sklave, und ich blieb in einem Zuſtande zuruͤck, in welchem eben ſo viel Freude als Leid war. Wenn die Veraͤn⸗ ddeerung von Kanſadens Lage mich betruͤbte, ſo em⸗ pfefand ich dagegen einige Freude, wenn ich daran dachte, daß ſie mir wohl erlauben koͤnnte, ſie im „» 4 175. Tag. Geheimen zu ſehen, und daß ſie ſich meine Liebe ge⸗ fallen laßen moͤchte. Von einer ſo ſchmeichelhaften Vorſtellung eingenom⸗ men erwartete ich taͤglich, daß der Sklave, der mit mir geſprochen hatte, mich bei Habib aufſuchen ſollte, wohin ich ihn beſchieden hatte: aber meine Erwartung war vergeblich; ein ganzer Monat verlief,“ ohne daß ich irgend etwas von Kanſade'n vernahm. Ich zog hieraus den Schluß, daß der Sklave die Empfindungen ſeiner Herrinn unrichtig beurtheilt haͤtte, und daß der Herr, den ſie geheiratet, von ihr geliebt wuͤrde, oder daß endlich ihre Tugend uͤber ihre Liebe zu mir den Sieg davon getragen haͤtte. 1 Erfuͤllt von dieſem letzten Gedanken, welchen ich, in meiner Eitelkeit, fuͤr den richtigen hielt, zog ich mich in ein recht huͤbſches Landhaus zuruͤck, welches der Handelsfreund meines Vaters eine Viertelmeile von der Stadt Serendib hatte. Hier war meine Beſchaͤftigung, zu luſtwandeln, oder vielmehr, beim Umherwandeln an den geliebten Gegenſtand zu denken, von dem ich erfuͤllt war. Eines Tages entfernte ich mich unnvermerkt von dem Landhauſe; und indem ich ſo an einem Strome hinſchritt, gelangte ich an einen Goͤtzentempel, wel⸗ cher am Ufer deſſelben erbauet war. Nachdem ich die Bauart deſſelben bewundert hatte, zog ploͤtzlich ein Abulfauaris: erſte Reiſe. 5 Gegenſtand meine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich, welche er zu verdienen ſchien. Ich ſah naͤmlich mehrere Heidenprieſter, die am Ufer von Rohr und anderem brennbaren Zeuge eine Art von Huͤtte errichteten. Ich naͤherte mich ihnen, und fragte ſie, was ſie da machten. Einer von ihnen antwortete mir:„Ihr muͤßt wohl erſt neulich nach Serendib gekommen ſein, weil ihr mir dieſe Frage thut. Sind euch denn die Gebraͤuche der Heiden unbekannt, und daß dieſer Ort zu ihrer Leichenfeier beſtimmt iſt? Hier wird ihre ſterbliche Huͤlle verbrannt, und hier erwerben ſich ihre Frauen, indem ſie ſich ihren abgeſchiedenen Gatten zum Opfer darbringen, unſterblichen Ruhm. Es iſt kuͤrzlich ei⸗ ner von den vornehmſten Herren des Hofes von Se⸗ rendib verſtorben; ſein Leichnam wird binnen fuͤnf bis ſechs Stunden an dieſem Ufer verbrannt, und ſeine treue Gattinn von denſelben Flammen verzehrt wer⸗ den, welche ihn in Aſche verwandeln ſollen.“ Hundert und ſechs und ſiebzigſter Tag. Da ich dieſe Feierlichkeit niemals geſehen hatte, obgleich ich wohl wußte, daß ſie an Tauſend Orten auf Erden beobachtet wird, ſo beſchloß ich, Zeuge davon zu ſein. Ich konnte mich nicht enthalten, die Ver⸗ 6 176. Tag. blendung dieſer Gotzendiener zu beklagen, deren grauen⸗ volle Froͤmmigkeit die Wuth heiligt; oder vielmehr ich verwuͤnſchte deshalb ihre Prieſter, von welchen ich ſchon zu Szurat gehoͤrt hatte, wo die Heiden auch dieſen Gebrauch beobachten. Ich wußte daß die ab⸗ ſcheulichen Diener ihrer Goͤtzentempel dieſes unmenſch⸗ liche Geſetz aufrecht erhalten, um deſto bequemer leben zu koͤnnen. So wie die Stunde dieſer ſcheußlichen Hinrichtung herannahte, fuͤllte ſich allmaͤhlich das Gefilde von Leuten. Die Mehrzahl der Einwohner der Stadt kam heraus, zuzuſchauen, die Einen zu Fuße, die Anderen zu Pferde. Ich bemerkte darunter mehrere Vornehme, die auf Palankinen**) getragen wurden, und denen Sklaven vorausgingen, einige mit Fahnen in den Haͤnden, die uͤbrigen Trompeten blaſend. Auch ſah ich den Statthalter von Serendib daherkommen: er ſaß auf einem Elephanten, und erſchien in der Mitte von zehn oder zwoͤlf Perſonen, die mit ihm unter ei⸗ nem Zelte ſaßen, welches man auf dem Ruͤcken des großen Thieres ausgeſpannt hatte. Binnen weniger als zwei oder drei Stunden, hatten ſich mehr denn *) Ein Palankin hat faſt die Geſtalt eines Ruhebettes; es iſt gewöhnlich mit einem reichen Stoff überzogen, und vier Männer tragen ihn auf den Schultern. Abulfauaris: erſte Reiſe. 8* 7 dreißig tauſend Menſchen um den Tempel und um die Huͤtte verſammelt. Damit kein Umſtand bei dieſer Feierlichkeit meiner Neugier entginge, draͤngte ich mich durch die Menge und naͤherte mich dem Scheiterhaufen ſo ſehr als moͤglich. Ich zaͤhlte gegen zwanzig Prieſter, welche jeder ein Buch in der Hand hatten. Sie begannen, Gebete herzuſagen, bis das Schlachtopfer kaͤme. Es war beinahe Nacht, als die Frau ankam. Sie ritt ein weißes, reich aufgeſchirrtes Roß, und folgte, mit Blumen bekraͤnzt, der Leiche ihres Man⸗ nes, welche ſechs Maͤnner auf einem praͤchtigen Pa⸗ lankin trugen. Zwoͤlf Frauen, ebenfalls zu Pferde, geſchmuͤckt mit Ringen, Armbaͤndern und dicken Span⸗ gen von Gold und Silber, begleiteten ſie. Alle tru⸗ gen langes Haar, Halsbaͤnder von Perlen, ſchoͤne Ohrringe, und goldene Kraͤnze, daran Silberbleche mit Rubinen geſchmuͤckt, ihr Antlitz zur Haͤlfte be⸗ deckten. Sie hatten keine lange Oberrcke, ſondern nur ſehr zierliche Leibchen an, deren Aermel bis auf den Ellbogen herabgingen. Mehrere Spielleute folgten dieſen Frauen, die ſaͤmmtlich Sklavinnen der Herrinn waren, die geopfert werden ſollte. Ihre Verwandten und Freunde folgten hinterdrein, tanzend und ſingend, um ihre Freude daruͤber auszudruͤcken, daß ſie eine ſo hachherig Frau in ihrer Familie oder zur Freundinn 8 176. C a g. gwei Prieſter halfen ihr vom Pferde ſteigen, und fuͤhrten ſie bei der Hand an das Ufer des Stromes, woohin ihr auch der Leichnam ihres Mannes gebracht wurde. Sie wuſch ihn vom Kopfe bis zu den Fuͤßen, und uͤbergab ihn dann wieder den Haͤnden der Prieſter, welche ihn in die Huͤtte trugen und ihn auf einen mit Schwefel uͤberzogenen Stuhl ſetzten. Jetzo erhub ſie ſich, ohne ſich zu entkleiden oder die Kleider zu wech⸗ ſeln, und naͤherte ſich dem Scheiterhaufen. Sie ging mehrmals rings umher, und betrachtete dabei die Zu⸗ ruͤſtungen zu ihrem Opfer mit großer Unerſchrocken⸗ heit. Darnach umarmte ſie ihre Verwandten und Freunde, welche ſich gleich darauf entfernten. Sie wurde auch von ihren dienſtbaren Frauen umarmt, die in Thraͤnen zerfloſſen: ſie ſchenkte ihnen allen die Frei⸗ heit, und vertheilte unter ihnen die Kleinode und den Schmuck, womit ſie geziert ward. Als ſie ſo das Silberblech abnahm, welches ihr Geſicht zur Haͤlfte bedeckte und mich bisher verhindert hatte, ſie zu er⸗ kennen, obwohl ich ſonſt nahe genug dazu ſtand,— denket euch, wie groß mein Erſtaunen war, als ich V ſah, daß es Kanſade ſelber war.— Nein, und wenn ich ploͤtzlich eine voͤllige Umkehrung der Natur erlebt haͤtte, ich wuͤrde nicht ſtaͤrker davon uͤberraſcht wor⸗ den ſein. 1 „Großer Gott,“ ſagte ich jetzo bei mir ſelber, „muß ich meinen Augen trauen? darf ich nicht 1 — ———— Abulfauaris: erſte Reiſe. 9 an ihrem Scheine zweifeln? Iſt es wirklich Kanſade, die ſo grauenvoll umkommen ſoll?“ Ich bemuͤhte mich einige Augenblicke, mich ſelber zu taͤuſchen: aber ich mochte meine Blicke noch ſo viel Luͤgen ſtrafen, ich konnte meine Geliebte nicht ver⸗ kennen.— Der Schmerz, welchen ich uͤber ihre Hinopferung empfand, verſtattete mir nicht die Vollendung davon mit anzuſehen. Ich ließ ſie dort unter den Haͤnden der Prieſter, welche ſie, nachdem ſie ſie ermahnt hat⸗ ten, ſich durch ihre Standhaftigkeit des Gluͤcks wuͤrdig zu machen, welches ihrer wartete, in die Huͤtte fuͤhr⸗ ten, und ihr, wie gewoͤhnlich, eine brennende Fackel in die Hand gaben, damit ſie ſelber den Scheiterhau⸗ fen anzuͤndete. Ich entzog mich dieſem Schauſpiele nach dem Land⸗ hauſe Habibs, in einer Gemuͤthsverfaſſung, welche ich euch nicht lebendig genug ſchildern kann: ich war ſo erſchuͤttert, ſo vernichtet, daß ich nicht wußte, was ich that. Ich drehte von Zeit zu Zeit die Augen nach dem Orte der Leichenfeier, und die Flammen des Scheiterhaufens, welche ich in der Luft emporſteigen ſah, griffen gluͤhend in mein Herz. 10’ 177. Tag. Hundert und ſieben und ſiebzigſter Tag. Endlich kam ich wieder zu Habib. So bald er mich erblickte, fragte er mich nach der Urſache der Betruͤbnis und Gemuͤthsbewegung, welche ich blicken ließ. Ich ſagte ſie ihm, und dieſer edelmuͤthige Freund begleitete ſeine Thraͤnen mit denen die ich vergoß, in⸗ dem ich ihm alles erzaͤhlte. „Es wundert mich,“ ſagte er zu mir,„daß Kan⸗ ſade einem alten Herrn in den Tod hat folgen wollen, den ſie, allem Anſcheine nach, nicht liebte.“ „Wie,“ unterbrach ich ihn,„hing es denn von ihr ab, ihn zu uͤberleben? Sind die Frauen hier nicht verpflichtet, ſich mit den Leichen ihrer Maͤnner zu verbrennen?“ „Nein,“ erwiederte Habib;„man zwingt ſie kei⸗ nesweges, ſich zu opfern: im Gegentheil laͤßt der Statthalter, auf Befehl des Koͤnigs, alle die Witt⸗ wen, die verbrannt werden wollen, vor ſich kommen, um ſie uͤber dieſes truͤbſelige Vorhaben zu befragen; er bemuͤht ſich, ſie davon abwendig zu machen, und kurz, er gibt ihnen nur dann die Erlaubnis zum Todesopfer, wenn ſie durchaus darauf be⸗ ſtehen. Kanſade hat alſo,“ fuhr er fort,„gern ſterben wollen, in der Ueberzeugung, wie alle Frauen, die ſich ſo opfern, daß ſie durch dieſen ruͤhmlichen und Abulfauaris: erſte Reiſe. 11 freiwilligen Tod ſich ewige Gluͤckſeligkeit erwerben werde; uͤberdieß hat ſie ſich vielleicht durch die Ehre blenden laßen, welche man dieſen ungluͤcklichen Schlachtopfern nach ihrem Tode zeigt. Denn man ehret hier ihr Andenken hoͤchlich; man errichtet ihnen ſo⸗ gar Standbilder in den Pagoden:*) mit einem Worte, man verehret ſie als Gottheiten: und dieß iſt es ohne Zweifel, was die Frauen, welche den Tod verlangen, zu dieſer Wuth begeiſtert, daß ſie die Zuruͤſtungen ih⸗ rer Opferung mit anſehen, ohne zu erbleichen.“ Dieſe Betrachtungen Habibs veranlaßten mich zu anderen. Ich bedachte, wenn Kanſade mich ſo geliebt haͤtte, wie ich ſie liebte, ſo waͤre ſie nicht ſo bereit⸗ willig geweſen, ſich zu verbrennen; ſie haͤtte mir ge⸗ wis zuvor nochmals entbieten laßen, daß ſie ſich nicht opfern wuͤrde, wenn ich ſie nun unter den fruͤ⸗ her von mir verworfenen Bedingungen heiraten wollte; ſie haͤtte mich auf dieſe Probe ſtellen muͤßen, welche mich ohne Zweifel ſehr ins Gedraͤnge gebracht haben wuͤrde. Ich hatte alſo triftige Gruͤnde genug, mich uͤber ihren Tod zu troͤſten, und gleichwohl konnte ich nie⸗ mals daran denken, ohne daß mein Schmerz ſich er⸗ neute. *) Götzen⸗Tempeln. 177. Tag. „Freund,“ ſagte ich jetzo zu Habib,„wie viel Urſache ich auch habe, Kanſade'n zu vergeſſen, ſo ver⸗ zweifle ich jedoch, es dahin zu bringen, und ich kann, nach dem was vorgegangen iſt, nicht laͤnger in Se⸗ rendib bleiben: erlaubet mir, daß ich mich von hier entferne, und nach Baßra heimkehre.“ Mein Wirth wollte mir keinen Zwang anthun, und willigte ein. Wir begaben uns gleich am folgen⸗ den Tage nach der Stadt; und das erſte, was ich hier, bei meiner Ankunft that, war, mich zu erkun⸗ digen, ob nicht bald ein Schiff nach den Indiſchen Kuͤſten abginge. Ich erfuhr, daß ein Schiff von Szu⸗ rat, mit gemalter Leinwand beladen, ſo eben in dem Hafen angekommen waͤre, und binnen kurzer Zeit ſeine Waaren verkauft haben wuͤrde. Ich beſchloß, mich dieſer Gelegenheit zu bedienen, und waͤhrend ich ſo die Abreiſe erwartete, fuͤhrte ich in Habibs Hauſe ein ſehr trauriges Leben. Wie ſehr ſich mein Wirth auch bemuͤhete, meine Schwermuth zu bekaͤmpfen, er vermochte ſie nicht zu zerſtreuen. Er ſparte gleichwohl nichts, um es zu bewirken: es verging kein Tag, wo er mir nicht irgend ein neues Vergnuͤgen darbot; er 5 mir kein Mahl, welches nicht mit Geſang und anz waͤre begleitet geweſen. Er unterließ nicht, die reizendſten der Taͤnzerinnen zu ſich kommen zu laßen„ die unter dem Schutze der Abulfauaris: erſte Reiſe. 13 Regierung ſtehen,*) und die Privatleute bei ſich fuͤr Geld koͤnnen tanzen laßen. Er hoffte, daß eine von dieſen Maͤdchen, die eben nicht das Geluͤbde der Keuſchheit abgelegt haben, meine Blicke reizen, und endlich Kanſade'n aus meinem Gedaͤchtniſſe verdraͤngen wuͤrde. Waͤhrend er ſo nichts vernachlaͤßigte, ſeine Abſicht zu erreichen, kam ein Sklave in ſein Haus, fragte nach mir, und wollte mich allein ſprechen. Es war derſelbe Sklave, dem ich bei meiner Ankunft in Se⸗ rendib begegnet war, und der mir ſo ſchoͤne Verſpre⸗ chungen gethan, welche er ſo ſchlecht gehalten hatte. „Herr,“ ſagte er zu mir,„wenn ihr mich nicht eher wiedergeſehen habt, ſo iſt das nicht meine Schuld: meine Herrinn hatte mir verboten, mit euch zu reden, und ich wagte nicht, ihr ungehorſam zu ſein: ſie ſetzte etwas darein, ſich als eine Tugendheldinn zu *) In Indien gibt es an vielen Orten ſolche Geſellſchaften von Tänzerinnen, unter Genehmigung der Fürſten, welche die Statthalter beſchützen und ſogar eine Abgabe von ihnen be⸗ ziehen. Dieſe Tänzerinnen kommen in die Privathänſer, ſo bald man ſie verlangt, und tanzen für Geld. Sie find prächtig gekleidet, mit Steinen geſchmückt, und verſchmä⸗ hen gemeinlich freigebige Liebhaber nicht: aber es iſt nicht erlaubt, ſie zu beſchimpfen, und man würde ihnen nicht ungeſtraft Gewalt anthun. Ihre Tänze ſind lebhaft, ſehr ergetzlich, aber etwas üppig. 14 177. 178. Tag. zeigen, und wollte keinen Verkehr mehr mit euch ha⸗ ben; und ſo hat ſie ſich nicht damit begnuͤgt, einem Manne getreu zu ſein, welchen ſie nicht liebte, ſie hat ſich ſogar mit ihm verbrannt, um ſich goͤttliche Ver⸗ ehrung zu erwerben.— Aber reden wir nicht mehr davon; laßen wir ſie einer Gluͤckſeligkeit ſich erfreuen, welche ſie nur zu theuer bezahlt hat, und hoͤret, was mich eigentlich zu euch herfuͤhret. Ich bin gegen⸗ waͤrtig Sklave einer andern Herrinn, die nicht minder ſchoͤn iſt, als Kanſade, und die euch noch ſtaͤrker liebt. Ich habe vernommen, daß ihr im Begriffe ſteht, euch nach Szurat einzuſchiffen: waͤhrend ihr nun eure Abreiſe erwartet, ſo rathe ich euch, das gute Gluͤck zu benutzen, welches ſich euch darbietet.“ Hundert und acht und ſiebzigſter Tag. Ich war von dieſer Rede des Sklaven mehr ver⸗ wundert, als gereizt, und ſagte zu ihm: „Mein Freund, es thut mir Leid, daß ich mich genoͤthigt ſehe, die guͤnſtigen Geſinnungen, welche deine neue Herrinn fuͤr mich gefaßt hat, mit Undank zu vergelten: Kanſadens Bild ſtellt ſich unaufhoͤrlich vor meine Seele, und raubt mir allen Geſchmack an dergleichen Abenteuern. Die Herrinn, der du dieneſt, muß mir alſo verzeihen, wenn ich ihre Huld ablehne: Abulfauaris: erſte Reiſe. 15 da ich ſie niemal geſehen habe, ſo beleidigt ſie meine Gleichguͤltigkeit nicht.“ „Man muß geſtehen,“ hub der Sklave wieder an, „ich bin nicht gluͤcklich in meinen Unterhandlungen: in⸗ deſſen bin ich verſichert, wenn ihr nur einen Augen⸗ blick mit der Frau von welcher die Rede iſt, geſpro⸗ chen haͤttet, ihr wuͤrdet von ihr bezaubert ſein, wie groß auch eure Anhaͤnglichkeit an Kanſade'n ſei.“ „Ihr irret euch,“ erwiederte ich dem Sklaven; „ihr verſteht die Bewegungen des Herzens nicht richtig zu beurtheilen: ihr bildetet euch ein, daß eure vorige Herrinn mich noch liebte und nichts lieber wuͤnſchte, als mich wiederzuſehen, ſo bald ſie meine Ankunft in Serendib vernaͤhme..“ „Ich raͤume ein,“ unterbrach er mich,„daß ihr Recht habet, mir dieſe Vorwuͤrfe zu machen: aber fuͤr dießmal, glaubet mir nur, daß ich meiner Sache et⸗ was gewiſſer bin; williget nur ein, daß ich dieſe Nacht zu euch komme und euch hinfuͤhre.“ „Nein,“ rief ich aus,„nein, ich kann mich nicht dazu entſchließen: ich kenne die Frauen zu gut, um dieſe da auf eine aͤhnliche Probe zu ſtellen. Welcher Aerger fuͤr ſie, wenn mein Herz ihr entſchluͤpfte!“ Der Sklave mochte mich noch ſo viel verſichern, ſie waͤre ſo verſtaͤndig, daß ſie mir aus meiner Beſtaͤn⸗ digkeit gegen Kanſade'n kein Verbrechen machen wuͤrde, ich ſchlug es ab, ſie zu ſehen. 16 178. Tag. Ich war uͤberzeugt, ich wuͤrde hienach nicht mehr von dem Sklaven, noch von ſeiner Herrinn reden hoͤ⸗ ren: aber er kam denſelben Abend noch wieder, mit einem Briefchen, welches er mir uͤbergab, und wel⸗ ches ungefaͤhr folgendermaßen lautete: „Die Unterredung, welche ihr mit meinem Sklaven gehabt, hat mir mehr Vergnuͤgen als Verdruß gemacht; ſie vermehrt noch die Unge⸗ duld, welche ich fuͤhle, euch zu ſehen: und wenn ihr wirklich ſo ſehr mit Kanſade'n beſchaͤf⸗ tigt ſeid, wie ihr ſcheinet, ſo werden wir beide bald mit einander ſehr zufrieden ſein.“ Dieſe geheimnisvollen Worte gaben mir viel zu denken, oder vielmehr, ſie ſchienen mir auf gut Gluͤck hingeſchrieben. Ich konnte gleichwohl dem Geluͤſte nicht widerſtehen, mich daruͤber auf der Stelle aufzu⸗ klaͤren. Ich folgte dem Sklaven, der mich nach einem kleinen Hauſe fuͤhrte, undgmich in ein ſehr einfaches Zimmer treten ließ, wo er mich verließ, um, wie er ſagte, ſeine Herrinn zu benachrichtigen. Ich erwartete ſie nicht lange; ſie kam; aber ſtellt euch vor, in welchen Zuſtand ich mich verſetzt fuͤhlte, als ich ihr Antlitz ſah, und erkannte, daß ſie— die Prinzeſſinn Kanſade ſelber war, welche ich laͤngſt in Aſche verwandelt waͤhnte.“— Abulfauaris: erſte Reiſe. 17 Hundert und neun und ſiebzigſter Tag. Die drei Zuhdrer des Abulfauaris waren hoͤchſt erſtaunt, als er ihnen ſagte, daß er Kanſade'n, nach ihrem Leichenbegaͤngniſſe, dennoch lebendig vor ſich ſah. Er bemerkte es, laͤchelte daruͤber, und fuhr dann in ſeiner Erzaͤhlung folgendermaßen fort: „Ich glaubte anfangs, es waͤre eine Erſcheinung, und die Zuͤge der Schoͤnen, welche mir die theuerſte auf der Welt war, erregten meinen Sinnen denſelben Schauder, welchen ein Geſpenſt wuͤrde hervorgebracht haben. Sie bemerkte meine Verwirrung, und konnte ſich nicht enthalten daruͤber zu laͤcheln. „Abulfauaris,“ ſprach ſie zu mir,„es geſchah nicht, um euch zu erſchrecken, daß ich euch zu ſehen wäuͤnſchte: nicht Kanſaden's Schatten iſt es, der ſich euren Augen darbietet, es ſind wirklich ihre eigenen Zuͤge.— Euer Schreck,“ fuͤgte ſie hinzu,„iſt zwar nicht ohne Grund; man ſieht keinesweges mit Ruhe ploͤtzlich eine Perſon wiedererſcheinen, welche man todt glaubt: aber ich will euer Entſetzen zerſtreuen, indem ich euch ſage, daß ich noch gar nicht zu leben aufge⸗ hoͤrt habe.“ Hierauf erzaͤhlte ſte mir nun, wie ſie das Ober⸗ haupt der Prieſter ihres Glaubens gewonnen, und IV. 2 28 179. Tag. auf welche Weiſe dieſer Bramiin ſie fuͤr eine anſehn⸗ liche Summe den Flammen entzogen haͤtte: „Er ließ heimlich,“ erzuͤhlte ſie,„durch andere Prieſter, welche er in ſein Vertrauen zog, ein unter⸗ irdiſches Behaͤltnis ausgraben. Der Scheiterhaufen wurde uͤber dieſer Hoͤhle errichtet, in welche ich hin⸗ abſtieg, nachdem ich das Rohr angezuͤndet hatte, welches nur die Leiche meines Mannes verzehrte. Als ſodann die Nacht gekommen, und alle Zuſchauer ſich entfernt hatten, fuͤhrte der Oberbramin ſelber mich nach dieſem Hauſe, welches ich zuvor durch einen ge⸗ treuen Sklaven hatte miethen laßen.“ „Aber meine Prinzeſſinn,“ ſagte ich zu ihr,„wer noͤthigte euch denn, das Volk durch dieſes falſche Lei⸗ chengepraͤnge zu taͤuſchen? Warum ſtelltet ihr euch, als wenn ihr euerm alten Gatten im Tode folgen wolltet? Man zwang euch doch nicht, mit ihm zu ſterben, ihr haͤttet euch alſo dieſe Verſtellung erſparen koͤnnen.“ 1 „Nein,“ verſetzte die Prinzeſſinn,„ich befand mich in der Nothwendigkeit, zu thun, was ich ge⸗ than habe: ihr werdet euch davon uͤberzeugen, wenn ich euch ſage, daß meine Abſicht war mein Loos mit dem eurigen zu verknuͤpfen, den Goͤtzendienſt abzu⸗ ſchwoͤren, und mit euch nach Baßra zu gehen, um die Religion Mahomeds anzunehmen. Es muß euer großer Prophet ſelber geweſen ſein, der mir dieſe Abulfauaris: erſte Reiſe. 19 große Unternehmung eingegeben hat: aber um ſie un⸗ geſtraft ausfuͤhren zu koͤnnen, war ich genoͤthigt, das Mittel zu ergreifen, deſſen ich mich bedient habe. Da meine Verwandten mich todt waͤhnen, ſo kann ich ohne Furcht Serendib verlaßen, und mein Schickſal mit dem eurigen verbinden. Sehet, das iſt der ein⸗ zige Beweggrund meiner Handlung, welche euch ver⸗ wundern mußte, und welche ohne Zweifel alle Welt in Erſtaunen geſetzt hat; denn man weiß wohl, daß ich dieſen alten Herrn nicht liebte, welchen ich bloß aus Gehorſam gegen den Koͤnig geheiratet habe. Man hat ſich eingebildet, daß die Eitelkeit, fuͤr eine Hel⸗ dinn zu gelten und eine Bildſaͤule in den Pagoden zu erhalten, mich dahin gebracht, mich mit der Leiche meines Mannes zu verbrennen: aber meine Vernunft, oder vielmehr meine Liebe zu euch, hat mich dieſes aberglaͤubiſche Opfer viel richtiger wuͤrdigen laßen.“ „Wie, meine Koͤniginn,“ rief ich aus,„aus Liebe zu Abulfauaris habt ihr alſo dieſe ſinnreiche Liſt ausgefuͤhrt! um meinetwillen ſeid ihr entſchloſſen, Serendib zu ver⸗ laßen! und um die Freude vollkommen zu machen, ihr ſeid geſonnen, die Lehre unſers großen Propheten anzunehmen! Ah, ſchoͤne Kanſade, in dieſem Augen⸗ blicke macht ihr mich zum gluͤcklichſten der Menſchen.“ Mit dieſen Worten warf ich mich ihr zu Fuͤßen, und umfaßte ihre Knie mit Entzuͤcken. 179. Tag. „Stehet auf, Abulfauaris,“ ſagte ſie hierauf; „ich weiß nicht, ob ihr euer Gluͤck ſo ſehr zu ruͤhmen habt: Kanſade iſt keine ſo koſtbare Eroberung mehr. Leider! ich beſitze gegenwaͤrtig nicht mehr alle die Reichthumer, welche ich euch damals mit meinem Herzen anbot; ich habe den groͤßern Theil davon den Prieſtern gegeben, die mir gedient haben, und der Statthalter von Serendib hat mich die Erlaubnis, mich mit meinem Manne zu verbrennen, theuer er⸗ kaufen laßen.“ Bei dieſen Worten, welche mir eine ſo ſchoͤne Ge⸗ legenheit darboten mich in leidenſchaftlichen Reden zu ergießen, blickte ich die Geliebte zuͤrtlich an, und ſagte zu ihr: 1 „Wie ungerecht ſeid ihr, reizende Kanſade, wenn ihr argwaͤhnet, daß meine Gefähle nicht eben ſo rein ſind, als die eurigen! Als ihr in dem prachtvollen Palaſte, worin ihr mich aufnahmet, alle eure Herr⸗ lichkeit vor meinen Augen entfaltetet, ſo war ich je⸗ doch nur,— der Himmel ſei mein Zeuge!— mit euch allein beſchaͤftigt.“ Abulfauaris: erſte Reiſe. 21 Hundert und achtzigſter Tag. Ich blieb dabei nicht ſtehen; ich verbreitete mich ſtark uͤber meine Uneigennuͤtzigkeit, und ich uͤberzeugte ſie endlich, daß ich einzig und allein ſie ſelbſt liebte. Hierauf ſagte ſie mir, meine Geſinnungen waͤren ganz ſo, wie ſie wuͤnſchte; ſie waͤre aber keinesweges von ihrem ganzen Vermoͤgen entbloͤßt, und beſaͤße noch Edelſteine genug zu einem Brautſchatze, womit ich Urſache haben wuͤrde zufrieden zu ſein. Sie ſprach hierauf von den Leiden, welche ſie mir verurſacht, und bekannte mir, daß ſie dieſelben durch ihren Schmerz genugſam gebuͤßt haͤtte. Wir kamen darnach uͤberein, ſobald es uns moͤg⸗ lich waͤre, nach Baßra abzureiſen: was denn auch ſchon wenige Tage darauf geſchah. Das Schiff von Szurat entledigte ſich ungeſaͤumt ſeiner Leinwand, kaufte dagegen andere Waaren ein, und war bald im Stande, die Segel zu ſpannen. So bald es ſo weit war, nahm ich Abſchied von meinem Wirthe, begab mich zu Kanſade'n, und fuͤhrte ſie bei Nacht nach dem Hafen, wo ich mich mit ihr, und einigen ge⸗ treuen Sklaven, die ihre Edelgeſteine trugen, ein⸗ ſchiffte.- Wir gelangten, ohne die mindeſte Gefahr auszu⸗ ſtehen, uach Szurat. Wir trafen daſelbſt ein Schiff von Baßra, welches dorthin zuruͤckkehrte. Wir 22 180. Tag. benutzten dieſe Gelegenheit, und als wenn der Him⸗ mel uns recht ſeine Gunſt zu erkennen geben wollte, wir erreichten Baßra auf die gluͤcklichſte Weiſe von der Welt. Nichts iſt mit der Freude zu vergleichen, welche mein Vater bei meinem Wiederſehen bezeugte. Nach den erſten Umarmungen, ſtellte ich ihm Kanſade'n vor, deren Stand ich ihm nicht erſt anzuruͤhmen brauchte: ihr edles Weſen und ihre Schoͤnheit ſpra⸗ chen genugſam fuͤr ſie. Er empfing ſie freundlich, und faßte fuͤr ſie eine vaͤterliche Zaͤrtlichkeit, als er ihre ganze Geſchichte erfuhr, welche ich ihm als be⸗ geiſterter Liebhaber erzaͤhlte. Ich machte ihm auch einen Bericht von meiner Reiſe, und er ſagte mir darauf, daß er von dem Schiffshauptmann die Per⸗ len empfangen haͤtte, welche derſelbe uͤbernommen, ihm von mir zu bringen.. Ich fuͤhrte mit meinem Vater meine Geliebte zu dem Kadi, welcher ſie in Gegenwart mehrerer Zeugen das Heidenthum abſchwoͤren ließ. Hierauf fragte er ſie, ob ſie einwilligte, meine Gattinn zu werden. Sie antwortete, das waͤre ihr liebſter Wunſch; und auf dieſe Antwort vermaͤhlte uns der Kadi. Zur Feier dieſer Vermaͤhlung ſtellte mein Vater ein großes Gaſtmahl an, zu welchem er alle unſere Verwandten und Freunde einlud; und vierzehn Tage hindurch waͤhrten in unſerer Familie die Feſtlichkeiten. Abulfauaris: erſte Reiſe. 23 So endete ſich meine erſte Reiſe. Ihr habt hier ſchon außerordentliche Dinge gehoͤrt; aber ich habe euch noch ganz andere zu erzaͤhlen. Morgen will ich euch die Begebenheiten meiner zweiten Reiſe mittheilen, und ihr werdet geſtehen, daß vielleicht niemand ſo ſeltſame Abenteuer begegnet ſind, als mir.“ 24 3 180. Tag. Hiemit beſchloß der Große Reiſende Abulfauaris ſeine Erzaͤhlung, ſo wohl, um Athem zu ſchoͤpfen, als um die Aufmerkſamkeit ſeiner Zuhoͤrer nicht zu ermuͤden.. Die Karavane zog unterdeſſen immer weiter; ſie machte dieſen Tag einen laͤngern Weg, als gewoͤhn⸗ lich. Am Fuß eines Berges, in einer zur Lagerſtaͤtte bequemen Gegend, hielt ſie an. Man ſchlug die Zelte auf, erquickte ſich, und am folgenden Morgen wurde die Reiſe fortgeſetzt. Der Koͤnig von Damask, Atalmuͤlk und Söyfel Muͤluk wuͤnſchten, daß Abulfauaris die Erzaͤhlung ſei⸗ ner Abenteuer fortſetzte, und dieſer war eben ſo ge⸗ neigt dazu. Er nahm alſo den Faden ſeiner Geſchichte wieder auf und fuhr folgendermaßen darin fort: —* Abulfauaris: zweite Reiſe. 25 Die ſeltſamen Abenteuer des Abulfauaris, genannt der Große Reiſende. Zweite Reiſe. „Kanſade war alſo mein. Beide von einander ent⸗ zuͤckt, genoſſen wir die Suͤßigkeiten einer vollkomme⸗ nen Vereinigung. Wir baten den Himmel nur um — uns dieſes Gluͤck, deſſen er uns genießen ließ, recht lange zu erhalten. Aber ach! in welchem Irrthume ſind die Menſchen, ſich einzubilden, wenn ſie ein gluͤckliches Leben fuͤhren, ihre Gluͤckſeligkeit werde lange dauern! Alle unſere Tage ſind ſo aus Freuden und Leiden gemiſcht, daß oft der Augenblick unſers hoͤchſten Vergnuͤgens dem tiefſten Schmerze dicht vorangeht. Einige Monate nach meiner Verheiratung ſtarb mein Vater. Ich theilte das Erbe mit einem Bruder, den ich noch hatte. Dieſer, namens Hur, wollte ſein Gut durch den Handel vermehren. Er kaufte ein 26 180. 181. T a g. Schiff, belud es mit Waaren, welche er in dem Koͤ⸗ nigreiche Malabar zu verhandeln gedachte, und ver⸗ wandte darauf ſein ganzes Erbtheil. Er reiſte endlich ab; aber er war nicht gluͤcklich in ſeiner Unterneh⸗ mung, er litt bei Ormus Schiffbruch, und konnte nur ſich ſelber retten. Ich ſah ihn faſt nackt, und in dem klaͤglichſten Zuſtande von der Welt, heimkehren. Ich hatte Mitleid mit ihm, nahm ihn in meinem Hauſe auf, gab ihm wieder Beſitzthum, und ſetzte ihn in den Stand, einen neuen Handel anzufangen. Er kam nicht reicher zuruͤck, als das erſtemal. Anſtatt ſeinen Verluſt einzuholen, litt er abermals Schiffbruch; er ſelber rettete ſich nochmals aus den Fluten, und kam wieder nach Baßra, um mir das neue Ungluͤck, welches ihn getroffen hatte, zu verkuͤnden. 4 Hundert und ein und achtzigſter Tag. Ich war von ſeinem Ungluͤcke geruͤhrt, und ſparte nichts, ihn zu troͤſten. „Mein Bruder,“ ſagte ich zu ihm,„dir iſt nicht unbekannt, daß alle unſere Unfaͤlle ſo wohl als un⸗ ſere Wohlfahrt, auf der Tafel der Vorbeſtimmung verzeichnet ſtehen. Was wuͤrde es dir alſo helfen, dich zu betruͤben? Du haſt vielmehr dem Himmel Dank zu ſagen, daß er dir das Leben gelaßen hat. Abulfauaris: zweite Reiſe. 27 Gib den Handel auf, und lebe ruhig bei mir; es ſoll dir an nichts fehlen.“ Er nahm mein Erbieten an. Er wohnte bei mir im Hauſe, und indem er allmaͤhlich an der Muͤßigkeit Gefallen fand, verlebte er ſeine Tage ganz angenehm, unter Luſtwandeln und Ergetzungen mit ſeinen Freunden. Ich meinerſeits war nur damit beſchaͤftigt, Kan⸗ ſade'n zu gefallen, und ihr Vergnuͤgen zu verſchaffen. Ich habe von jeher den Aufwand geliebt, und da meine Einkunfte, obwohl anſehnlich genug, jedoch nicht zureichten, unſere Lebensweiſe zu beſtreiten, ſo gewahrte ich nach einigen Jahren, daß mein Erbtheil ſich ſehr vermindert hatte. Aus Furcht, in Duͤrftig⸗ keit zu gerathen, war ich darauf bedacht, dem zuvor⸗ zukommen. Ich beſchloß alſo, mich mit einem reichen Kaufmanne zu verbinden, und einen Handel nach dem Koͤnigreiche Golkonda anzufangen. Nicht ohne Muͤhe willigte meine Frau ein, daß ich eine ſo weite Reiſe unternaͤhme. Sie gab jedoch meinen Beweggruͤnden nach, in der Hoffnung, daß ich mit Reichthuͤmern beladen nach Baßra heimkehren, und darnach meine uͤbrigen Tage bei ihr in Ruhe derleben wuͤrde. Ich trat alſo mit einem Kaufmanne, deſſen Red⸗ lichkeit mir bekannt war, in Handelsgeſellſchaft. Wir kauften Waaren, um ſie in Szurat zu verkaufen, 28 181. Tag. und rechneten darauf, dort wieder andere einzunehmen, welche wir in Golkonda umſetzen koͤnnten. Als der Tag meiner Abreiſe gekommen war, ent⸗ wand ich mich den Thraͤnen Kanſaden's, und ſagte zu meinem Bruder Hur, indem ich ihn umarmte: „Lebe wohl, mein Bruder, ich uͤberlaße dir die Beſorgung meines Hauſes und die Verwaltung meiner Habe. Schone weislich meiner Ehre und meines noch aͤbrigen Vermoͤgens. Ich empfehle dir vor allen Dingen meine Frau in Obhut zu nehmen, und ſie zu bewa⸗ chen, ich meine nicht ihre Schritte,— denn ich kenne ihre Tugend zu gut, um ihr zu mistrauen,— wohl aber die boͤſen Abſichten, welche irgend ein Feind meiner Ruhe gegen ſie hegen koͤnnte. Mit Einem Worte, handle ſo, daß ich bei meiner Heimkehr dieß theure Unterpfand ſo wiederfinde, wie ich es dir in dieſen Augenblick anvertraue.“ Hur ruͤhmte mir auf dieſe Rede ſein Zartgefuͤhl in Betreff der Ehre, und verſprach, mir von dem Auftrage, dem ich ihm hier gaͤbe, genaue Rechenſchaft abzulegen; er fuͤgte hinzu, daß die Bande des Bluts, welche uns beide vereinigten, ihn dieſe Sache als ſeine eigene Angelegenheit betrachten ließe. Im Vertrauen auf dieß Verſprechen, reiſte ich ru⸗ hig mit meinem Gefaͤhrten ab. Wir gingen unter Segel, und ſchifften nach Szurat, mit beſtaͤndig guͤn⸗ ſtigem Winde. Dort verkauften wir unſere Waaren Abulfauaris: zweite Reiſe. 29 und kauften dafuͤr noch andere ein, welche wir in Golkonda vortheilhaft abzuſetzen gedachten; ſodann gingen wir wieder in See. Ich uͤbergehe mit Stillſchweigen die Windſtillen und Sturmwinde, welche uns hinderten, das Koͤnig⸗ reich Golkonda ſo bald zu erreichen, als wir hofften. Wir landeten endlich daſelbſt, und machten einen ſehr großen Gewinn an unſeren Waaren. Da mein Han⸗ delsgefaͤhrte ſich vollkommen auf Edelſteine verſtand, und wir hier in dem Lande waren, wo man die ſchoͤn⸗ ſten Diamanten auf der Welt findet, ſo kauften wir fuͤr den groͤßten Theil unſers Geldes dergleichen ein, verſichert, ſie in Baßra viermal theurer zu verkaufen, als ſie uns koſteten. Zufrieden mit dem Gewinne, welchen wir ſchon an unſeren Waaren gemacht hatten, und mit demjenigen, welchen wir noch an unſeren Edelſteinen zu machen hofften, blieben wir nicht lange in Golkonda, ſondern reiſten bald ab, um nach Baßra heimzukehren. Hundert und zwei und achtzigſter Tag. Unſer Schiff ging mit vollen Segeln, und wir ſchmeichelten uns, wie alle Reiſende thun, gluͤcklich den Hafen zu erreichen, nach welchem unſer Verlan⸗ gen gerichtet war: aber eines Nachts erhub ſich ein 3⁰ 182. T a g. ſo wuͤthender Sturm, daß, trotz der Geſchicklichkeit des Steuermanns und der Anſtrengung der Matroſen, ich. Wir warfen uns ſchleunig in das Boot, und vermittelſt deſſelben entgingen wir der Wuth der Wo⸗ gen. Aber ach! eine eben ſo furchterliche Gefahr, als der Sturm, der uns alle zu Grunde gerichtet hatte, erwartete uns.— Schon hatten wir das Geſtade erreicht und wollten eben ans Land ſteigen, als ein Krokodil von ungeheu⸗ rer 38 auf uns los ſturzte. Dieſes furchtbare Unthier ſtemmte ſich auf ſeine Vorderfuͤße und ſchlug mit ſeinem Schwanze ſo gewaltig gegen das Boot, daß es in tauſend Stuͤcke zerbrach. Ich war mit meinem Gefaͤhrten noch nicht ausgeſtiegen; wir ſtuͤrz⸗ ten alſo ins Waſſer: zu gleicher Zeit ſtreckte das Un⸗ thier ſeinen Rachen vor, uns zu verſchlingen, und ergriff zuvoͤrderſt meinen Gefaͤhrten; aber waͤhrend es damit beſchaͤftigt war ihn hinunter zu wuͤrgen, ge⸗ wann ich das Ufer, und entfernte mich durch ſchleu⸗ nige Flucht von dem Krokodil in die Inſel hinein. Abulfauaris: zweite Reiſe. 31 Ich kam an das Ufer einer Quelle, deren Waſſer ſo weiß wie Milch war; ich trank davon, und fand ſeinen Geſchmack vortrefflich: ich waͤhnte den koͤſtlich⸗ ſten Sorbet zu trinken. Ich pfluͤckte darauf einige. Kraͤuter, welche um die Quelle her ſtanden; ich aaß davon, und ſie ſchmeckten mir beſſer, als die erleſen⸗ ſten Speiſen. Ich bewunderte die Fruchtbarkeit und Mannigfaltigkeit der Natur, die ſich darin gefaͤllt, ſo viele verſchiedene Dinge hervorzubringen; und ſo zu Grunde gerichtet, wie ich war, dankte ich jedoch dem Himmel, daß er mich wenigſtens auf eine Inſel habe gelangen laßen, wo ich nicht vor Hunger und Durſt umkommen konnte. Ich war gleichwohl nicht ohne Unruhe wegen der wilden Thiere; und die Furcht, ihr Raub zu werden, verhinderte mich, einiger Ruhe zu genießen, obſchon ich ihrer gar ſehr bedurfte. Ich wanderte nach einem Gehoͤlze, das ganz aus Aloe⸗ und Sandelbaͤumen beſtand; ich trat hinein, und nachdem ich ungefaͤhr dreihundert Schritte darin gemacht hatte, befand ich mich an einer mit tauſend Blumen geſchmuͤckten Wieſe, deren Wohlgeruͤche die Luft durchdufteten. Mitten auf dieſer Wieſe erhub ſich ein Baum, wenigſtens hundert Ellen hoch, deſſen ausgebreitete Zweige und dichtes Laub einen weiten Schatten gaben. Am Fuße deſſelben ſtand, unter ei⸗ nem Gezelte von Brokat, ein Ruhebette, auf wel⸗ chem ein Mann lag, der zu ſchlafen ſchien; ſeine 3² 182. Tag. rechte Hand ſtuͤtzte ſich auf ein goldenes Kaͤſtchen, und ein großer Lindwurm, der neben ihm lag, hielt in ſeinem Rachen einen Balſamſtrauß, welchen er ihm von Zeit zu Zeit an die Naſe brachte. Bei dieſem Anblicke wurde ich von Schrecken er⸗ griffen:„Wehe!“ ſagte ich bei mir ſelber:„es wird mir nichts helfen, dem Krokodil entgangen zu ſein; dieſer Drache wird alsbald auf mich losſtuͤrzen und mich verſchlingen.“ Weit entfernt, mich dem Gezelte zu naͤhern, rannte ich ins Gebuͤſch, mich zu verbergen, und beobachtete von dort aus den Mann und das Unge⸗ heuer. Nachdem ich ſie einige Zeit betrachtet hatte, ſah ich ploͤtzlich den Drachen unter dem Zelte hervor⸗ kommen, er erhub ſich mit reißendem Fluge in die Luft, und war in einem Augenblick meinen Augen entſchwunden. Die Entfernung des Unthiers beruhigte mich: und da ich eine lebhafte Neugierde fuͤhlte, zu wiſſen, wer der Mann ſein moͤchte, den ich auf dem Ruhebette liegen ſah, ſo ſchritt ich in ſtarker Bewegung uͤber die Wieſe hin, und trat unter das Zelt. Der Mann, den ich naͤher zu ſehen wuͤnſchte, war ein Greis, der wohl hundert und zwanzig Jahr alt ſein mochte, und ſchien noch lebendig, obſchon er ſeit mehreren Jahrhunderten an dieſem Orte, der truͤb⸗ ſeligen Ruhe des Todes genoß. Ich verweilte einige Abulfauaris: zweite Reiſe. 35 Zeit dabei, ihn von oben bis unten zu betrachten; ſodann nahm ich das goldene Kaͤſtchen, auf welchem ſeine rechte Hand ſich ſtuͤtzte, und nachdem ich es geoͤffnet hatte, zog ich daraus alte Papiere hervor, auf welchen Folgendes geſchrieben ſtand: „Aßef, der Sohn Barkina's, und Groß⸗ veſyr Salomons, iſt der Greis, der unter dieſem Zelte ruhet. Als dieſer Miniſter ſich am Ziele ſeines Lebens ſah, erwaͤhlte er dieſes oͤde Eiland, um daſelbſt ſeine ſterbliche Huͤlle zu la⸗ ßen. Er errichtete dieſes Zelt mitten auf dieſer Wieſe, und legte ſich auf dieſes Bette, wo er ſtarb, nachdem er dieſe Zeilen geſchrieben hatte, welche er in dieſes Kaͤſtchen legte. Wer auf dieſes Eiland koͤmmt, der wiſſe, daß er niemals die Seinigen und ſeine Heimat wiederſehen, ſondern umkommen wird, wenn er nicht Muth genug fuͤhlt, die furchtbarſte Gefahr zu beſtehen. Wenn aber nichts im Stande iſt, ihn abzuſchrecken, ſo gehe er gen Weſten: er wird an den Fuß eines Berges gelangen, und eine Oeffnung in demſelben finden; er trete ge⸗ troſt hinein, und ſchreite, ohne ſich aufzuhalten, bis er auf eine Wieſe koͤmmt, deren Schoͤnheit ihn erſtaunen wird: nur auf dieſem Wege kann er ans Ziel ſeiner Wuͤnſche gelangen.“ IV. 3 183. Ta g. Hundert und drei und achtzigſter Tag. Nachdem ich dieſe Worte geleſen hatte, kuͤßte ich ehrfurchtsvoll die Urkunde Aßefs; dann warf ich mich auf die Knie, hub die Augen gen Himmel, und rief aus: „O Herr, du erbarmeſt dich mein, und willſt nicht, daß ich an dieſem unſeligen Orte umkomme, weil du mir eine Pforte eroͤffneſt, hinaus zu gelangen! Großer Prophet der Muſelmaͤnner, du, der du ohne Zweifel großen Theil an der neuen Gnade haſt, welche ich von dem Allerhoͤchſten empfange, fahr fort, mich zu beſchuͤtzen: deine Huͤlfe hat mich aus dem Ab⸗ grunde gezogen, in welchem der treuloſe Hyſum mich gelaßen hatte, verlaß mich nicht in der Gefahr, in welche ich mich jetzo ſtuͤrzen werde.“ Hierauf ſchritt ich, ohne Zeit zu verlieren, gen Weſten hin, und gelangte bald an den Fuß eines Berges, wo ich wirklich eine weite Oeffnung erblickte, deren ſchreckbare Finſternis mich nicht zum Eintreten einlud: aber ich vertraute zu ſehr auf die Urkunde Aßefs, um etwas zu fuͤrchten; ich trat ohne Beden⸗ ken hinein, und ſchritt zuverſichtlich vorwaͤrts, obwohl nur hin tappend; denn ich war von der dickſten Fin⸗ ſternis umgeben. Ich ſpuͤrte, daß der Boden ſich abwaͤrts ſenkte, und da ich raſtlos immer weiter ging, ſo konnte ich, nach funfzehn bis zwanzig Stunden Abulfauaris: zweite Reiſe. 35 Weges, mit Grund denken, daß ich zu den Geiſtern der Unterwelt hinabſteigen muͤßte. 1 Endlich zerſtreute ſich die Nacht, welche mich um⸗ huͤllte, und ich ſah wieder das Tageslicht, welches ich ſchon fuͤr immer verloren zu haben waͤhnte. Eine Wieſe, mit tauſend Arten von Blumen beſaͤet, der⸗ gleichen ich noch niemals geſehen hatte, und Baͤume, mit den ſchoͤnſten Fruͤchten beladen, boten ſich ploͤtz⸗ lich meinen Augen dar. Ich naͤherte mich einem dieſer Baͤume und aaß von den Fruͤchten; dann ſtreckte ich mich auf das Gras hin, um auszuruhen, und verſank in tiefen Schlaf. Als ich erwachte, ſah ich mit Erſtaunen um mich her zwoͤlf bis funfzehn ſchwarze und magere Geiſter, mit funkelnden Augen. Ich bemerkte, daß ſie von Antlitz den Menſchen aͤhnlich waren: aber einige von ihnen trugen auf der Stirn ein langes Horn und hat⸗ ten einen Hundeſchwanz; und andere ſahen, vom Guͤrtel bis zu den Zehen wie Eidechſen aus. „Kind Adams,“ ſprach einer von ihnen zu mir, „durch welchen Zufall befindeſt du dich hier bei den Erdgeiſtern?“ Ich erzaͤhlte ihnen mein Abenteuer; darauf ſagte ein andrer zu mir: „Bleib hier bei uns, und ſei verſichert, daß wir dir kein Leid thun werden: wenn du uns nun einige Jahre gedient haſt, ſo wollen wir, aus Erkenntlich⸗ 3⁵ 183. Tag. keit, dich nach dem Orte der Welt bringen, wohin du verlangſt.“ Ich hatte ihnen nicht ſo bald geſagt, daß ich ein⸗ willigte, als ſie zu mir ſprachen:. „ du haſt wohlgethan, dich gutwillig zu ergeben; denn wir haͤtten dich wohl auch wider deinen Willen mit uns hinweg gefuͤhrt.“ Mit dieſen Worten ergriffen ſie mich, und ſchwan⸗ gen ſich mit mir in die Luft; ſo flogen ſie mit mir äber mehrere Berge und Meere hinweg, bevor ſie zu ihrer Behauſung gelangten. Dieſe beſtand aus unzaͤh⸗ ligen Hoͤhlen, deren jede ein Geiſt bewohnte. Einige Geiſter hauſeten in den Quellen, und andere in den Abgruͤnden. Ich blieb ein ganzes Jahr bei dieſen Geiſtern. Ihre gewoͤhnliche Nahrung waren die Knochen, von welchen die Menſchen das Fleiſch gegeſſen hatten: das waren fuͤr ſie Leckerbiſſen; und ich erinnere mich, daß ſie manchmal, indem ſie die Knochen abnagten, ihr koͤſtliches Mahl ruͤhmten. Sie beſchuldigten ſogar die Menſchen eines ſchlechten Geſchmacks, daß ſie lie⸗ ber das Fleiſch, als die Knochen, aͤßen. Damit es ihnen nie an Vorrath fehlete, ſo waren gewiſſe Geiſter nur damit beſchaͤftigt, ſie uͤberall aufzuſu⸗ chen. Dieſe Geiſter brachten einen großen Ueberfluß Abulfaunaris: zweite Reiſe. 37 aus allen Weltgegenden ,beſonders Stutenknochen aus der Tatarei,“) nach welchen ſie ſehr luͤſtern waren. Die ſchlechte Nahrung, welche ich bei dieſen ver⸗ fluchten Geiſtern hatte, und die Nothwendigkeit ihr Sklave zu ſein, war noch nicht mein groͤßter Kummer: was mir das Herz mit dem tiefſten Schmerze durch⸗ bohrte, war ihre Verachtung des Korans und Maho⸗ meds. Sie verboten mir das Gebet, die Abwaſchung, und den Tekbir.*) Wie gefaͤhrlich es auch fuͤr mich war, ihnen ungehorſam zu ſein, dennoch unter⸗ ließ ich nicht, meine Zeit ſo gut wahrzunehmen, daß ich oft verſtohlenerweiſe that, was ſie mir verboten. Eines Tages, da ich allein in der Hoͤhle war, in welcher ich dienen mußte, verrichtete ich die Abwa⸗ ſchung, und waͤhrend ich einige Spruͤche des Großen Propheten herſagte, hoͤrte ich die Luft von Freuden⸗ geſchrei und Geſaͤngen zum Lobe des Allerhoͤchſten er⸗ ſchallen. Erſtaunt uͤber dieſe neue Erſcheinung, trat ich ſogleich aus der Hoͤhle, um die Urſach einer ſo großen Veraͤnderung zu erforſchen: da erblickte ich weißgekleidete Geiſter, in langen Gewaͤndern der from⸗ *) Wo das Pferdeſfleiſch die voenehmſte Speiſe iſt. 0) Tekbir heißt, wenn man ſagt: Gott iſt über alles, „Alla hue Akbar.“ 183, Tag. men Sophi's.*) Sie ſahen ſtark und wohlbe⸗ leibt aus, und waren ſo ſchoͤn, als die vorigen ſcheuß⸗ lich geweſen waren. Dieſe beiden Arten von Geiſtern hatten eben mit einander gekaͤmpft, und die ſchoͤnen den Sieg davon getragen, ſie feierten denſelben durch ihre Geſaͤnge und ſagten dem Himmel Dank dafuͤr. Sie hielten einen Theil ihrer Feinde in Feſſeln, und hatten die uͤbrigen in die Flucht geſchlagen. Ich konnte bei dieſem Schauſpiele meine Freude nicht zuruͤckhalten, ich ſtimmte in die Geſaͤnge der Sieger ein, und rief aus allen Kraͤften: „s iſt kein andrer Gott als Gott, und Maho⸗ med iſt ſein Prophet!“ Als eine Schaar der ſieghaften Geiſter mich ſo ſprechen hoͤrte, umgaben ſie mich, und einer von ihnen fragte mich: „Wer biſt du, und wer hat dich dieſe Worte ge⸗ lehrt? Wir wußten nicht, daß hier ein Muſelmann waͤre. Wo biſt du her, und wie biſt du an dieſen Ort gekommen?“ *) Ein geiſtlicher Orden in Perſien. Bgl. die Vorrede zu Bd. I.— Doch haben, nach d⸗Herbelot, der das Wort lie⸗ ber vom Griechiſchen Sophos herleitet, mehrere Perſer⸗ könige des jetzigen Stammes wirklich dieſen Veinamen ge⸗ führt, z. B. Schach Ismael, der ſich erſt zum Könige emporſchwang. Abulfauaris: zweite Reiſe. 39 Ich befriedigte ihre Neugierde. Darauf fuͤhrten ſie mich vor einen Geiſt, welchen ſie als ihren Koͤnig anſahen. Er that mir dieſelben Fragen, und ich beantwortete ſie ebenſo. Er fragte mich, welcher Re⸗ ligion ich waͤre; und ich hatte ihm nicht ſo bald ge⸗ ſagt, ich waͤre ein Mahomedaner, als er ausrief: Fenſels, wer zu dem Volke Mahomeds ge⸗ Dann fragte er mich nach meinem Namen, und als ich ihm denſelben geſagt hatte, ſprach er: „Abulfauaris, es freuet mich, daß du aus den Haͤnden der unglaͤubigen Geiſter biſt befreiet worden; dieſe elenden haͤtten dir einſt noch das Leben geraubt. Du kannſt dich nunmehr der Freude uͤberlaßen, weil du bei Geiſtern biſt, welche ſich eben ſo wohl als du zu Mahomeds Lehre bekennen.“ Hundert und vier und achtzigſter Tag. Dieſer Koͤnig gewann mich allmaͤhlich ſehr lieb; und da ich ihm vollkommen unterrichtet ſchien, ſo wohl in Anſehung der in der muſelmaͤnniſchen Religion verbotenen, als erlaubten Dinge, ſo beſtellte er mich zu ſeinem Im am.*) Ich rief alſo zu den Stunden *⁴) Imam bedeutet im Arabiſchen überhaupt Vorſteher, be⸗ 40 184. Tag. des Gebetes das Eſan⸗) aus; ich ſprach das Sza⸗ launat,**) und das Tekbir. Wenn ich faſtete, ſo faſteten die Geiſter auch. Ich las und erklaͤrte ih⸗ nen taͤglich den Koran mit ſeinen Auslegungen. So erwarb ich mir ihre Hochachtung, und gelangte end⸗ lich zu ſo hohem Anſehn bei ihnen, daß ſie nichts unternahmen, ohne mich zuvor zu Rathe zu ziehen, und ſie befolgten meine Fatua's. wae⸗ Eines Nachts traͤumte mir, ich waͤre zu Medina in dem Rauſa, wie) und ſaͤhe Kanſade'n in dieſen heiligen Garten treten, mit todtbleichem Antlitze, ſich dem Grabe Mahomeds naͤhern, und den Großen Pro⸗ pheten mit folgenden Worten anrufen: „O Mahomed! dem ich die Goͤtzen aufgeopfert habe, welche ich anbetete, habe Erbarmen mit einer ſonders des Gottesdienſtes in den Moſcheen und im höch⸗ ſten Sinne das Oberhaupt des Muſelmanismus, ſo wohl in geiſtlichen als in weltlichen Dingen. Die Chalifen vereinigten, wie Mahomed, beides in ſich, und waren und nannten ſich zugleich auch Jmam. H. *) Eſan heißt Ruf zum Gebete.. **) Szalaunat heißt: Gott ſegne Mahomed! *2*) Fatua's ſind Entſcheidungen, Ausſprüche des Mufti's oder Oberprieſters.— Arab. Fataoda, Türkiſch Fetvaz vom Arab. fata, in Rechtsſachen entſcheiden, H. 34**) Raüſa heißt der Garten, worin Mahomed zu Medina be⸗ graben iſt. Abulfauaris: zweite Reiſe. 41 Frau, die gewiſſenhaft alle Pflichten deines Glaubens erfuͤllt: gib ihr ihren geliebten Gemahl wieder, deſſen Abweſenheit ſie nicht laͤnger ertragen kann; laß ihn nach Baßra heimkehren, um ein Herz zu beſchuͤtzen, das ich ihm geſchenkt habe, und das ein Nebenbuhler ihm rauben will.“ Ich erwachte bei dieſen Worten; eine unbegreifliche Unruhe bemaͤchtigte ſich meiner Seele, und ich nahm dieſen Traum fuͤr eine uͤble Vorbedeutung. Ich dachte mir meine Frau als Ziel eines gegen meine Ehre ge⸗ richteten Anſchlages, und dieſe quuͤlende Vorſtellung, von welcher mein Geiſt ſich nicht losmachen konute, verſenkte mich in eine tiefe Schwermuth. Der Geiſterkoͤnig bemerkte dieß bald, und ſprach zu mir: „O Imam, was fehlt dir? eine toͤdtliche Betruͤb⸗ nis malt ſich ſeit etlichen Tagen in deinen Augen: du langweilſt dich ohne Zweifel hier.“ „Großer Koͤnig,“ antwortete ich,„nach all der Guͤte, welche ihr mir erzeigt habt, nach den Bewei⸗ ſen von Hochachtung und Freundſchaft welche ich hier von den muſelmaͤnniſchen Geiſtern empfangen habe, koͤnnte ich nicht ohne Undankbarkeit euch verlaßen wol⸗ en: aber ich kann euch nicht verhehlen, daß eine andre Urſache meine Zufriedenheit ſtoͤrt.“ 42 194., a g⸗ Hierauf erzaͤhlte ich ihm meinen Traum, und ge⸗ ſtand ihm, daß dieſes allein meine Betruͤbnis verur⸗ achte. t„Ich nehme es dir nicht uͤbel,“ erwiederte der Koͤnig,„weil du eine Frau haſt, welche du liebſt, daß du daran denkſt, und dich ſehneſt, bei ihr zu ſein.— Wie weit aber,“ fuͤgte er hinzu,„waͤhnſt du wohl, daß von hier bis Baßra ſeid— Vernimm, es iſt ein Weg von neunzig Jahren: aber Gott der Allmaͤchtige hat fuͤr uns auch die entfernteſten Laͤnder nahe gemacht, und deshalb will ich dich durch einen Geiſt nach der Stadt bringen laßen, in welcher du geboren biſt, und bald ſollſt du wirklich dieſe Kanſade wiederſehen, die du hier im Traume geſehen haſt.“ Indem er ſo ſprach, faßte er mich bei der Hand und fuͤhrte mich an das Geſtade eines rothen Meeres, wo er mir eine Inſel zeigte, und zu mir ſagte: „Siehſt du jene Inſel, auf welcher ſich ein Fel⸗ ſen erhebt, deſſen Stirn die Wolken beruͤhrt?“ „Ja, Herr,“ antwortete ich. „Wohlan,“ fuhr er fort,„dieſer Felſen, der ei⸗ ner Feſtung ſo aͤhnlich ſcheint, iſt hohl, und dient den unglaͤubigen Geiſtern zum Gefängniſſe, welche in meine Haͤnde fallen, ſo wie anderen Geiſtern, die ſich gegen mich empoͤren.“ R dieſen Worten hub er mich auf von der Erde, und ſchwang ſich mit mir nach der Inſel hinuͤber. Abulfauaris: zweite Reiſe. 43 Wir nahten uns dem Felſen und einem dicken Eiſen⸗ thore, welches verſchloſſen war. Er befahl, ihm zu oͤffnen; man gehorchte im Augenblick: wir traten hin⸗ ein in den Felſen, wo ich eine Unzahl von Geiſtern mit Ketten belaſtet ſah, unter welchen ich auch dieje⸗ nigen erkannte, deren Sklave ich geweſen war. Hundert und fuͤnf und achtzigſter Tag. Hiier war unter andern auch ein Afrits) von ungeheurer Groͤße, und ſcheußlicher Haͤßlichkeit. Er trug keine Ketten, wie die uͤbrigen, ſondern dicke Ei⸗ ſenringe feſſelten ihn dermaßen an den Felſen, daß er nicht ſo viel Freiheit hatte, die geringſte Bewegung zu machen. Der Kdͤnig redete denſelben an, und ſprach: „O Elender, weißt du, wie große Verpflichtungen du gegen mich haſt?“ „O großer Koͤnig,“ antwortete der Afrit,„ich vergeſſe nicht, in welchem Grade ich euch verſchuldet bin: ich habe tauſendmal die grauſamſten Qualen ver⸗ dient, und ihr habt doch die Guͤte gehabt, mir zu verzeihen.“ *) Afrit heißt ein ungläubiger, nicht muſelmänniſcher Geiſt. — Afriet oder Ifriet heißt das ſchrecklichſte Ungeheuer unter dieſen Geiſtern, welches Salomon beſiegte und ſi dienſtbar machte. H. d 44 285. Tag. „Wohlan,“ fuhr der Koͤnig fort,„du ſiehſt mich heute ſogar geneigt, dir die Freiheit wieder zu geben.“ „Herr,“ erwiederte der Afrit,„dieſer Zug der Großmuth iſt nichts neues an euch; ihr habt mir ſchon oft die Freiheit gegeben.“ „Ich gebe ſie dir nochmals,“ verſetzte der Koͤnig, „aber nur unter der Bedingung, erſtlich, daß du der Lehre Mahomeds folgeſt, und dann, daß du dieſen Muſelmann nach Baßra bringeſt; auch fordre ich, daß du dieſen Weg in kurzer Zeit zuruͤcklegeſt.“ „Ich will ihn binnen drei Stunden hinbringen,“ ſagte der Geiſt,„und ich verſpreche, Stuͤck fuͤr Stuͤck alle Befehle Euer Majeſtaͤt auszufuͤhren.“ Jetzo wandte ſich der Koͤnig zu mir, und ſagte: „Wiſſe, junger Mann, dieſer Afrit iſt ein Boͤſe⸗ wicht, ein Betruͤger, ein Verraͤther, ein Miſſethaͤter; ich traue nicht auf ſeine Verſprechungen, ſondern fuͤrchte, er ſpiele dir einen boͤſen Streich, und ich halte es fuͤr gut, dich gegen ihn zu verwahren.— Ich will dich,“ fuhr er fort,„ein Gebet lehren, das darfſt du nur, ſo lange du auf dem Ruͤcken des Afrits ſitzeſt, herſagen, und ſei verſichert, daß er dir kein Leid thun kann.“ Zu gleicher Zeit ſagte er mir das Gebet vor, wel⸗ ches alſo lautete: „Sei gelobt, o Allerhoͤchſter, wie deine Himmel dich loben! Abulfauüagris: zweite Reiſe. 45 Sei gelobt, o Allerhoͤchſter, wie deine Meere und deine Erde dich loben! Sei gelobt, o Allerhoͤchſter, wie deine Engel und deine Propheten dich loben!“ Als ich dieſes Gebet auswendig gelernt hatte, ließ der Koͤnig den Afrit entfeſſeln, und ſetzte mich ſelber auf ſeinen Ruͤcken, nachdem er mir die Augen verbunden hatte, um zu verhindern, wie er ſagte, daß ich unterweges nicht Dinge ſaͤhe, die mich er⸗ ſchrecken moͤchten.— „Abulfauaris,“ ſprach er hierauf zu mir,„fuͤr die Genugthuung, welche ich dir gewaͤhre, fordere ich eins von dir: wenn du in Baßra deine Familie um⸗ armt haſt, ſo bitte ich dich, in meinem Namen zu Omar,*) dem Beherrſcher der Glaͤubigen, und zu Aly⸗Ben⸗Eby⸗Taleb,**) dem Eidam Maho⸗ *²) Omar, zweite Chalif(d. h. Nachfolger, Vertreter Ma⸗ homeds) und der erſte dieſes Namens, der bekannte zerſtö⸗ rende Verbreiter der Lehre Mahomeds, vom J. 13,— 24 nach Mahomeds Flucht... 2*) Ali, der Mahomeds Tochter Fathimah heiratete, war auch ſein Better, und eigentlicher Erbe, jedoch erſt der dritte Chalif, und Omars Nachfolger. Ebenſo war ſein Nachfolger, Othmann und die übrigen Chalifen aus anderm Geſchlechte, und damit begann ſchon der Zwieſpalt, indem die Schiiten(von Schiiah verwerfliche Sekte: ſie ſelbſt nennen aber ebenſo ihre Gegner, und ſich Adaliah, Religion der Rechtgläubigen), als Chalifen 185. T a g. meds zu gehen, und ihnen zu ſagen, daß unter der Erde ein Volk muſelmaͤnniſcher Geiſter wohnt, die niemals eſſen, ohne das Biſmillah) auszuſpre⸗ chen, die die Abwaſchung verrichten und alle maho⸗ medaniſchen Gebete, und die Tag und Nacht gegen ein andres Volk dem Geſetze Mahomeds widerſpenſti⸗ ger Geiſter kaͤmpfen.“ Ich ſchwur es ihm zu, mich des mir gegebenen Auftrags gewiſſenhaft zu entledigen. Sodann verließ ich den Felſen, mit dem Geiſte, der mich auf ſeinem Ruͤcken trug.* „Nimm dich in Acht, junger Mann,“ rief der Koͤnig mir nach,„und laß nicht ab, das Gebet her⸗ und Oberhaupt des Muſelmanismus, oder Imam,(was die Chalifen zugleich, wie Mahomed, waren) nur diejeni⸗ gen anerkennen, welche, als einzige Erben Mahomeds, von Ali abſtammen, und daher die zwölf Imame aus die⸗ ſem Stamme, deren letzter Mohammed noch leben und mit Elias bei Chriſti zweiter Zukunft am Ende der Welt, wieder erſcheinen wird, hoch verehren. Dieſe Aliden, ſammt Ali ſelber, wurden dagegen von den Szunniten (von Szunna, Szonna, zweites, mündliches Geſetz Mahomeds, das ſie annehmen), verflucht, und überhaupt ein Uebergang dieſer Würde auf andere Geſchlechter aner⸗ kannt. Schiiten ſind alle Perſer und einige usbekiſche und Indiſche Fürſten. H. 2) Biſmillah heißt: im Namen Gottes! dieſes Gebet pfle⸗ gen die Muſelmänner vor dem Eſſen zu ſprechen. Abulfauaris: zweite Reiſe. 47 zuſagen, das du weißt. Der Afrit bleibt dir nur unterwuͤrſig, ſo lange er es herſagen hoͤrt: vernach⸗ laͤßigſt du dieſe Weiſung, die ich dir gebe, ſo laͤufſt du Gefahr, dich ſelber zu verderben.“ Hundert und ſechs und achtzigſter Tag. Nicht ohne Grund hatte der Koͤnig der muſelmaͤn⸗ niſchen Geiſter mir ſo ſehr empfohlen, mein Gebet unaufhoͤrlich herzuſagen: ich erfuhr bald die Wirkung davon. Wenn ich einen Augenblick abließ, es zu ſprechen, ſtieß der Afrit ein graͤßliches Geheul aus, welches ſogleich aufhoͤrte, ſo bald ich es wieder an⸗ hub. Ich ſpuͤrte, daß der Geiſt bald mit mir empor⸗ ſtieg, bald ſich hinab ſenkte; manchmal erregte er furchtbare Gewitter, in dem Wahne mich dadurch zu erſchrecken, daß ich hinabſtuͤrzte: aber er mochte thun, was er wollte, ich hielt mich immer feſt auf ſeinem Ruͤcken.. Indeſſen, wie ſehr ich auch darauf bedacht war, die kraͤftigen Worte, die meine ganze Sicherheit aus⸗ machten, zu wiederholen, doch konnte ich mich nicht erwehren auf ein verworrenes Getoͤſe von Stimmen zu merken, welches ich in den Luͤften vernahm. Ich ging noch weiter, ich wollte ſehen, was es waͤre, und hatte ſogar die Unbeſonnenheit, mit einer Hand 186. Tag. meine Binde zu luͤften, um meine Neugierde zu be⸗ friedigen. Ich erblickte mehrere Geiſter, deren jeder eine andre Geſtalt hatte, und die in den Luͤften mit einander kaͤmpften. Das Geſchrei, welches ſie bei dieſem Kampfe ausſtießen, und die Art, wie ſie ein⸗ ander angriffen, beſchaͤftigte mich eine Weile: ich vergaß meines Gebetes, und der Afrit benutzte meine Zerſtreuung, warf mich hinab in das Meer, uͤber welchem wir gerade ſchwebten, und miſchte ſich unter die Streitenden. Da ich nicht weit vom Ufer niederfiel, und ſehr gut ſchwimmen konnte, ſo erreichte ich bald das Land, welches ich tauſendmal kuͤßte, indem ich dem Himmel fuͤr meine Rettung dankte. Aber wenn ich auch den Troſt hatte, mein Leben aus den Fluten gerettet zu haben, ſo befand ich mich doch hier in einer Wuͤſte, und was mein Elend vollmachte, der ſuͤßen Hoffnung hirabt⸗ meine Gattinn und meine Heimat wiederzu⸗ ehen. Waͤhrend ich mich uͤber dieſen meinen Zuſtand be⸗ truͤbte, und mit dem Veſyr Salomons haderte, deſ⸗ ſen Geſchreibſel mir die Urſach aller meiner Leiden ſchien, erblickte ich auf der Oberflaͤche des Meeres einen kleinen Vogel, der auf mich zukam. Ich habe niemals einen dergleichen geſehen: ſein Kopf war blau, ſeine Augen roth, die Fluͤgel gelb, und der Leib gruͤn. Dieſer ſchoͤne Vogel naͤherte ſich mit ausge⸗ Abulfauaris: zweite Reiſe. 49 breiteten Fluͤgeln meinem Munde, ſtreckte ſein Schnaͤ⸗ belein hinein, und erfuͤllte ihn mir mit einem friſchen und koͤſtlichen Naß; ſodann ſprach er zu mir alſo: „Junger Muſelmann, verlier nicht den Muth: du biſt auserwaͤhlt, um den Anhaͤngern deines Glau⸗ bens zum Beiſpiele zu dienen: es iſt der Wille des Schickſals, daß ſie dich eines Tages deine Abenteuer erzaͤhlen hoͤren, und dadurch belehrt werden.“ „O lieblicher Vogel,“ rief ich aus, eben ſo er⸗ ſtaunt, ihn ſprechen zu hoͤren, als uͤber das was er zu mir ſagte,„Vogel guter Vorbedeutung, durch welches Wunder iſt dir der Gebrauch der Sprache ge⸗ worden?“ „Ich bin,“ antwortete er,„der Vogel des Pro⸗ pheten Iſaak;*) mir liegt es ob, dieſes Meer zu bewachen, den verungluͤckten Sterblichen, die hieher verſchlagen werden, zu Huͤlfe zu kommen, und vor allen den Muſelmaͤnnern. Drum, anſtatt dich zu be⸗ truͤben, troͤſte dich, und ſei verſichert, daß der Aller⸗ hoͤchſte den Guten die Leiden, welche ſie in ihrem ſterblichen Leben erdulden, anrechnet.“ *) Die Muſelmanen glauben, daß nach Abrahams Tode die bisher dem Patriarchen ausſchließlich verliehene Propheten⸗ gabe, zwiſchen Iſaak und Ismael und ihren Nach⸗ kommen getheilt worden, von welchem letzten jedoch nur Shoaib oder Jethro und Mohammed abſtammen. H. W. 4 50 186. Ta g. Nachdem er alſo geſprochen hatte, zeigte er mir den Weg, welchen ich nehmen muͤßte, und verſicherte mich, ich koͤnnte demſelben getroſt folgen, ohne noch ein uͤbles Begegnis zu befuͤrchten. Ich ging den Weg, auf welchen er mich wies; und was das erſtaunlichſte dabei iſt, ich wanderte vierzig Tage auf demſelben fort, ohne im geringſten ein Beduͤrfnis zu eſſen und zu trinken zu fuͤhlen: das Naß, welches der Vogel mir eingefloͤßt hatte, be⸗ wahrte mich vor Hunger und Durſt. Endlich, gelangte ich an den Fuß eines Berges, der mitten in der Wuͤſte ſtand. Ich erſtieg den Gip⸗ fel deſſelben, auf welchem ich einen ſehr ſchoͤnen Pa⸗ laſt aus gehauenen Steinen erbauet ſah: er hatte keine Fenſter, ſondern nur eine Thuͤre von Erz, die verſch! oſſen war. Ich ſetzte mich zwei Schritte davon im Schatten nieder, und waͤhrend ich mich hier aus⸗ ruhte, traf ploͤtzlich eine ſtarfe Stimme mein Ohr, welche mir zurief: „Kind Adams, du biſt recht zur gelegenen Zeit, ſo wohl fuͤr mich, als fuͤr dich, hiehergekommen.“ Ich warf ſogleich den Blick nach der Seite hin, wo die Stimme herkam, und erblickte einen auf der Erde liegenden Afrit. Er war noch groͤßer und fuͤrchterlicher, als derjenige, der mich ſo treulos ins Meer hatte fallen laßen. Er hatte einen Ruͤſſel, wie Abulfauaris: zweite Reiſe. 51 ein Elephant, das rechte Auge war blutroth, und das linke blau. „Komm, ſetze dich an meine Seite,“ fuhr er fort, „und fuͤrchte nichts.“ Ich bedurfte meiner ganzen Standhaftigkeit, um nicht vor dieſem Ungeheuer zu entfliehen. Indeſſen, obwohl ſeine Geſtalt eben nicht zu ſeinem Gunſten einnahm, doch hatte ich den Muth, mich ihm zu nahen, und ſogar mich neben ihm hinzuſtrecken. Es ſchien ihn zu freuen, daß er mich ſah, und er ſprach zu mir: „Junger Mann, der Anhaͤnger welches Propheten biſt du? „Mahomeds,“ antwortete ich ihm. „Deſto beſſer,“ verſetzte er,„gerade eines ſolchen Menſchen bedarf ich, wie du biſt. Ich habe eine große Unternehmung im Einne, welche ich ganz al⸗ lein nicht auszufuͤhren vermoͤchte: aber ich ſchmeichle mir, mit deiner Huͤlfe zum Ziele zu gelangen. Du kannſt darauf rechnen, wenn ich erreiche, wonach ich trachte, ſo will ich dich mit Ehren und Reichthuͤmern uͤberhaͤufen. Ich werde dann Herr uͤber alle von Menſchen bewohnte Reiche ſein, und ich gedenke, dir aus Erkenntlichkeit eins davon zu ſchenken.“ „Ich willige ein,“ ſagte ich zu ihm,„dir zu hel⸗ fen, verlange jedoch keine Krone von dir dafuͤr: al⸗ 5² 186. 187. Tag. les was ich von dir fordere, beſteht darin, daß du mich nach Baßra bringeſt. Verſprichſt du mir das?“ „Ja,“ antwortete er,„und ich beſchwoͤre es dir auf das Haupt deines Propheten.“ „Wohlan,“ ſagte ich hierauf,„du darfſt mir jetzo nur vorſchreiben, was ich thun ſoll, und ich will mich deſſen entledigen, ſo gut es mir irgend moͤglich iſt.“ Hundert und ſieben und achtzigſter Tag. Der Afrit war erfreuet, als er mich ſo geneigt ſah, ihm zur Erreichung ſeines Vorhabens zu helfen: aber ich mistraute ihm mit Grund, und beſchloß, mich gegen ihn in Sicherheit zu ſetzen; und deshalb fing ich an, ganz leiſe mein Gebet herzuſagen. Waͤh⸗ rend dieſer Zeit zog er aus ſeiner Taſche eine handvoll kleiner Kugeln, welche er mir in die Hand gab, mit den Worten: „Nimm dieſe Kugeln, und unterlaß nicht, immer eine davon auf mich zu werfen, ſo oft du mich be⸗ wußtlos hinfallen ſiehſt.“ „Ich will thun, was du mir befiehlſt,“ antwor⸗ tete ich ihm, und du kannſt auf mein Wort bauen.“ Auf dieſe Zuſicherung, erhub er ſich; ich ſtand auch auf, und wir ſchritten nach dem Palaſte hin. Der Afrit hatte, ſo wie ich, eine Hand voll Kugeln: Abulfauaris: zweite Reiſe. 5³ er warf eine davon ſo ſtark gegen die Thuͤre, daß ſie alsbald aufſprang: wir traten in einen mit Jaspis⸗ marmor gepflaſterten Vorhof, wo wir zwei Loͤwen erblickten, welche anfingen zu bruͤllen, ſo bald ſie uns ſahen: aber mein Gefaͤhrte warf eine Kugel auf jeden, und ſogleich ſtanden ſie unbeweglich da. Wir kamen an eine zweite Thuͤre von Erz, welche durch ein ſilbernes Vorhangſchloß verſchloſſen war: eine Ku⸗ gel hatte dieſes nicht ſo bald beruͤhrt, als die Thuͤr ebenfalls aufſprang. Eine Hoͤhle von weitem Umfange ſtellte ſich unſeren Blicken dar: ein reißender Strom von ſchwaͤrzlichem Waſſer floß mitten durchhin, und am Geſtade deſſelben ſtanden zwei Drachen von unge⸗ heurer Groͤße. Dieſe Ungethuͤme breiteten bei unſerm Anblick ihre Fittige aus, und begannen auf furchtbare Weiſe zu ziſchen, indem ſie Flammenwirbel ausſpien. Der Afrit bewarf ſie mit Kugeln, und ſogleich legten ſie ſich auf die Erde nieder, anſtatt ihr Geziſch fort⸗ zuſetzen, und ließen uns fuͤrder gehen. Wir kamen in einen andern Hof, deſſen Mauern von Goldziegeln erbauet ſchienen; das Pflaſter beſtand aus Silberplatten, und in der Mitte erhub ſich, auf ſechs Saͤulen von Chineſiſchem Stahl eine Kuppel von rothem Sandelholz, unter welcher ein großes Sopha von gediegenem Golde ſtand. Auf dieſem Sopha ſtand ein Sarg von Edelſteinen, die einen Glanz aus⸗ ſtrahlten, von welchem meine Augen geblendet wurden. 5, 187. Tag. Als wir uns naͤhern wollten, ſtuͤrzten zwei Greife, welche das Gebaͤude bewachten, hervor, um uns in Stuͤcke zu reißen: aber die Kugeln zwangen auch ſie, bald zu weichen; ſo daß uns nichts mehr hinderte, zu ſehen, was in dem Sarge laͤge. Es war ein Mann von ehrwuͤrdigem Anſehn; er ſchien noch zu athmen. Der Tod, der die ſchoͤnſten Weſen der Na⸗ tur am ſcheußlichſten entſtellt, ſchien die Geſtalt, welche ſie uns hier zeigte, verſchont zu haben. Der Mann im Sarge trug am Finger mehrere Ringe, und unter anderen einen ſtarken Ring, auf welchem der hoͤchſte Name Gottes eingegraben war. ³4) Der Afrit ſtreckte die Hand aus nach dieſem Ringe, und wollte ihn abziehen, als in demſelben Augen⸗ blick eine Fluͤgelſchlange oben von der Kuppel hernie⸗ der ſchoß, ihm ins Antlitz ziſchte, ſo daß er leblos zu Boden ſtuͤrzte. Jetzt erinnerte ich mich, was mir der Afrit empfohlen hatte, ich warf eine Kugel auf ihn, und er belebte ſich ſogleich wieder. *) Gott hat, zufolge der kabaliſtiſchen Mahomedaner, hundert und Einen Namen, d. h. Beinamen, als, Gut, Heilig, Gerecht u. ſ. w., deren jeder eine eigenthümliche Kraft hat: dieſer höchſte Name aber hat alle Kräfte der übrigen zuſammen.— Gemeinlich werden nur 99 Namen angenom⸗ men, die mit Allah hundert bilden. Daher hat der mu⸗ ſelmänniſche Tesbich oder Roſenkranz, hundert Kügel⸗ chen, bei deren jeder ein Name angerufen wird. H. Abulfauaris: zweite Reiſe. 55 „Du haſt wohl gethan,“ ſprach er zu mir;„das iſt der ganze Dienſt, welchen ich von dir fordre; fahr fort, mir ihn zu leiſten, wenn ich deſſelben ferner bedarf.“ 3 Nach dieſen Worten, bemuͤhte er ſich zum zwei⸗ tenmale, den Ring abzuziehen. Die Fluͤgelſchlange ſtuͤrzte ihn durch ihren Hauch nochmals bewußtlos nieder, und ich brachte ihn eben ſo, wie das erſtemal, wieder zur Beſinnung. 4 „O Freund Muſelmann,“ rief der Afrit aus,„ich habe dir große Verpflichtung! Vernimm, daß der Todte, der in dieſem Sarge liegt, der Prophet Sa⸗ lomon iſt: ich moͤchte mich ſeines Siegelringes be⸗ maͤchtigen; vermittelſt deſſelben wuͤrde ich Herr der ganzen Welt werden, und du kannſt wohl denken, daß ich deiner Dienſte nicht vergeſſen wuͤrde.“ „Aber warum,“ verſetzte ich,„bedieneſt du dich nicht deiner Kugeln, um die Schlange zu verſcheuchen?“ „Sie vermoͤgen nichts gegen ſie,“ antwortete er mir,„und nur dadurch, daß ich ihren Hauch aus⸗ halte, kann ich zu meinem Ziele gelangen.“ Mit dieſen Worten machte er einen dritten Ver⸗ ſuch, und zog den Ring bis auf die Mitte des Fin⸗ gers des großen Propheten: aber die Fluͤgelſchlange ſchoß nochmals hernieder und ſtuͤrzte durch ihren Hauch den Afrit zum drittenmale zu Boden. 56 187. Tag. Ich ſchickte mich an, ihm abermals meinen Dienſt zu leiſten, und hatte ſchon den Arm aufgehoben um eine Kugel auf den Geiſt zu werfen, als die Schlange mich alſo anredete: „O Muſelmann, laß ab, dieſem verfluchten Geiſte deine Huͤlfe zu leiſten: er iſt einer der ſieben Afrite, die ſich gegen Salomon empoͤrten, und welche dieſer Prophet im Mittelpunkte der Erde verſperrte, um ſie fuͤr ihren Frevel zu beſtrafen. Der Afrit trachtet nur nach dem Beſitze dieſes Ringes, deſſen Macht er ken⸗ net, und er harrte ſchon lange an dem Fuße des Berges, wo du ihn getroffen haſt, auf jemand, der ihm zu dieſer Eroberung behuͤlflich ſein koͤnnte: aber er ſchmeichelt ſich vergeblich mit der Hoffnung, dieſen wunderbaren Ring zu gewinnen, der unter meinem Schutze ſteht: ich bin einer der Geiſter, die Salo⸗ mon immer treu geblieben, und folglich bin ich al⸗ lein ſtaͤrker, als dieſer Afrit ſammt ſeinen ſechs Ge⸗ ſellen. Laß ihn drum in dem Zuſtande, worin ich ihn eben verſetzt habe; und moͤge er darin verbleiben bis ans Ende der Tage. Entferne dich ſchleunig von dieſem Grabe, und ſtoͤhre nicht mehr die Ruhe dieſes heiligen Ortes, ſonſt bin ich gendthigt, dich zu ver⸗ tilgen; was ich ſchon gethan haͤtte, wenn du nicht von dem Volke des Propheten Mahomed waͤreſt.“ Abulfauaris: zweite Reiſe. 57 Hundert und acht und achtzigſter Tag. Ich antwortete dem Geiſte nur durch meinen Ge⸗ horſam: ich kehrte ſogleich um, und gelangte wieder an den Fuß des Berges, ohne meiner Kugeln zu be⸗ duͤrfen, um die Drachen und die Lowen, auf meinem Wege, zu vertreiben: dieſe wilden Thiere waren noch in demſelben Zuſtand, in welchen der Afrit ſie verſetzt hatte. Ich folgte einem Fußſteige, der mich in eine Ebene fuͤhrte; aber ehe ich dahin gelangte, mußte ich an einer Hoͤhle voruͤber, aus welcher ich Wirbel von Flammen und NRauch hervorſteigen ſah. Ich hoͤrte auch ein entſetzliches Geklirr von Ketten, welches mit Wehklagen und Seufzern, Geſchrei und fuͤrchterlichem Geheule daraus hervorkam. Am Eingange dieſes Ortes ſtand ein Ungeheuer, deſſen Scheuslichkeit ich euch nur ſchwach zu ſchildern vermoͤchte. Ich hielt ihn auch fuͤr einen Afrit, weil er denen voͤllig glich, welche ich ſchon geſehen hatte. Er war mit dicken Eiſenketten an einen Felſen gefeſſelt. Dieſes Ungeheuer rief mich mit einer Donnerſtimme an, und ſprach zu mir: „Junger Mann, ſteh ſtill, und antworte mir: woher biſt du, und zu welchem Propheten bekennſt du dich?““ 5 Ich antwortete ihm, ich waͤre aus Baßra, und bekennete mich zu der Lehre Mahomeds. 58 188. Tag. „Mahomed,“ fragte er weiter,„lebt er noch?“ „Er hat ſchon ſeinen Wohnſitz veraͤndert,“ ant⸗ wortete ich ihm,„nachdem er ſeine Sendung gaͤnzlich erfuͤllt, er hat dieſe gebrechliche Welt verlaßen, um der himmliſchen Freuden zu genießen.“ Er that mir hierauf noch andere Fragen, und agte: „Verrichten die Muſelmaͤnner regelmaͤßig das Ge⸗ bet, und ſind ihre Sitten rein und unſchuldig?“ „Sie verrichten das Gebet,“ antwortete ich; gaber ach! es fehlt gar viel, daß ſie die Vorſchriften Mahomeds unverbruͤchlich erfuͤllen.“ „Gut, deſto beſſer,“ erwiederte er.„Und die Quelle Semſem“) fließt ſie noch immer?“ ¹) Dieſer Brunnen Semſem zu Mekka ſoll aus der Quelle herrühren, welche Gott für Hagar und ihren Sohn Is⸗ mael(von dem die Araber ſich ableiten) in der Wüſte entſpringen ließ. Die Dſchorhamiden, die Hagar zuerſt in der Wüſte trafen und den Brunnen fanden, eigneten ſich ihn zu: Abraham aber gab ihn ſeinem Sohn Ismael, mit dem er die Kaabah baute. Unter Ismaels Nachkommen eroberten ihn die Dſchorhamiden, und als ſie wieder dertrieben wurden, warfen ſie den ſo hochverehrten ſchwarzen Stein(vgl. zu Tag 40) und die beiden von einem Arabiſchen Könige geſchenkten goldenen Gaſellen in den Brunnen und verſchütteten ihn gänzlich. Erſt Maho⸗ meds Großvater Abdalmothleb grub ihn wieder auf, von einer Stimme hingewieſen: wodurch die beiden Götzenbil⸗ Abulfauaris: zweite Reiſe. 59 „Ja,“ ſagte ich. „Sie wird indeſſen verſiegen,“ unterbrach er mich, „und die Verderbnis allgemein werden. Alle Verbre⸗ chen wird man mit zuͤgelloſer Frechheit begehen; Ehe⸗ bruch wird uͤberall herrſchen; taͤglich wird man Mein⸗ eide ſchwoͤren; man wird Schweinfleiſch eſſen; man wird oͤffentlich Wein trinken; und Frauen wird man auf Pferden reiten ſehen.“ „Ohl dieſe Zeit,“ ſagte ich,„iſt nicht mehr ferne, man ſieht dergleichen ſchon jetzo.“ Ich gewahrte, daß meine letzten Worte ihm viel Freude verurſachten, und mit Entzuͤcken rief er aus: „O Kind Adams, iſt es moͤglich, daß die Men⸗ ſchen ſchon ſo laſterhaft ſind? Welche angenehme Neuigkeit verkuͤndigſt du mir da! Es nahet alſo die Zeit, daß ich aus der Gefangenſchaft hervorgehe und mich dem Menſchengeſchlecht zeige. Vernimm, junger Mann, ich bin Deddſchal,*) und komme in die Welt, meine Wuth auszulaßen.“ der des Stammes der Koraiſhiten von ihrer alten Stelle verdrängt wurden. Laut der Ueberlieferung des Chalifen Omar, rühmte Mahomed von dieſem Brunnen ſeines Ge⸗ burtsortes, daß ſein Waſſer geſund mache, und wer recht ſatt davon trinke, erhalte Vergebung von allen Sünden. Auch ſoll es das Gedächtnis ſtärken. H. *) Deddſchal heißt der Antichriſt.— Bei den Türken und Perſern; Arabiſch Daddſchal, bedeutet Lügner und Be⸗ 60 188. Tag. Mitt dieſen Worten ſchuͤttelte er ſeine Ketten ſo ge⸗ waltig und machte ſo große Anſtrengungen, ſich los⸗ zureißen, daß es ihm wirklich gelang. Aber er behielt nicht Zeit, ſeine Freiheit zu misbrauchen; denn zwei Geiſter, in gruͤnen Gewanden, erſchienen zur Stunde, ergriffen ihn, und waͤhrend der eine ihn wieder an den Felſen feſſelte, ſchlug ihn der andre mit einer ſtaͤhler⸗ nen Keule, und ſprach zu ihm: „FHalt an, Verfluchter! es iſt noch zu fruͤh, deine Feſſeln zu brechen; warte, bis dir verſtattet iſt, auf der Welt zu erſcheinen: die Stunde dazu iſt noch nicht kommen.“ Ich war kein ruhiger Zuſchauer dieſes Auftrittes, der unter meinen Augen vorging: ich entfernte mich ſo eilig als moͤglich von dem Deddſchal; ganz erſchrok⸗ ken gelangte ich auf die Ebene, und ſchlug einen Weg ein, der mit den ſchoͤnſten Sandelbaͤumen beſetzt trüger, auch Einäugiger nur mit einer Augenbraue, wie auch der Antichriſt erſcheinen wird, welchen Chriſtus, der noch nicht geſtorben, beſiegen, und dann erſt wirklich ſter⸗ ben ſoll. So verehrt Chriſti Eſel iſt, und ſelbſt ins Para⸗ dies aufgenommen, ſo verabſcheuet iſt der Eſel Daddſchals. Tamim, einer der Szahaba's oder Geſellen Mahomeds, der, duech ein Wunder auf eine Inſel verſetzt, dort Wun⸗ derdinge ſah(wovon eine Handſchrift in Paris), hat auch aus Mahomeds Munde die Geſchichte des Daddſchal ge⸗ ſchrieben. H. Abulfauaris: zweite Reiſe. 61 war, welche ich jemals geſehen habe. Sie zogen ſich bis an den Graben eines Schloſſes hin, welches man in der Ferne ſah. Dieſes Schloß, deſſen Mauern von Gold waren, ſteigerte meine Verwunderung, je mehr ich mich ihm naͤherte. Den Eingang bildete eine ſil⸗ berne Thuͤre, welche ein Vorhangſchloß von Smarag⸗ den verſchloß. Nachdem ich mit großem Erſtaunen ein ſo ſchoͤnes Gebaͤude betrachtet hatte, fuͤhlte ich eine lebhafte Neugier, es im Innern zu ſehen. Ich naͤherte mich der Thuͤr, auf welcher folgende Worte mit goldenen Buchſtaben geſchrieben ſtanden: „Jeder der hieher koͤmmt und dieſe Thuͤre oͤffnen will, wiſſe, daß ſie keinen andern Schluͤſſel hat, als folgende Worte: „Es iſt kein andrer Gott als Gott, und Mahomed iſt ſein Prophet! Es iſt kein andrer Gott als Gott, und Adam iſt der Auserwaͤhlte Gottes! Es iſt kein andrer Gott als Gott, und Is⸗ mael*) iſt das Suͤhnopfer Gottes!“ *) Nach der Ueberlieferung der Mahomedaner, ſollte J84 mael, der Hagar Sohn, von ſeinem Vater Abraham geopfert werden, der Engel Gabriel ſtellte aber, auf Got⸗ tes Befehl, einen Widder für ihn dar, welchen nun Va⸗ ter und Sohn an derſelben Stelle opferten, wo beide nach⸗ 189. Tag. Hundert und neun und achtzigſter Tag. In der That, ich hatte nicht ſo bald dieſe Worte geleſen, als die Thuͤre ſich aufthat. Was ſoll ich euch ſagen? ich wuͤßte hier keine Ausdruͤcke zu finden, um euch eine angemeſſene Vorſtellung von den Dingen zu geben, welche ich ſchaute. Stellet euch vor, was eure Einbildungskraft ſich nur Reiches, Praͤchtiges und Schoͤnes zu erdenken vermag, und ſeid uͤberzeugt, daß alles weit hinter dem zuruͤckbleibt, was ſich hier meinen Blicken darbot. Ich erblickte einen Palaſt, der aus einem blauen, mir unbekannten Metall erbauet war; aber wie koſt⸗ bar auch das Bauzeug war, die Arbeit uͤbertraf es dennoch. Die Bauart des Palaſts glich nicht der un⸗ ſrigen: man erkannte wohl, daß es kein Werk von Menſchenhaͤnden ſein konnte. Die Zimmer waren mit mals den Tempel zu Mekka, die Kaabah, erbauten. An den Hörnern dieſes Widders hing auch die goldene Dachrinne des Tempels, bis Mahomed ſie wegthat, damit ſie nicht Anlaß zu Abgötterei gäben. Den Ismael halten die Araber für ihren Stammvater, nachdem ſie auch Is⸗ maeliten heißen(obwohl ſie ſchon von Joktan, Hebers Sohne, herzuleiten ſind), und einige Gelehrte behaupten ſogar, der Islam, die Lehre Mahomeds, ſei früher ſchon von Ismael gelehrt, und auch nach ihm ſo benannt: istam, eslam, bedeutet aber unbedingte Ergebung; der Grundzug dieſer Lehre.§. Abulfauaris: zweite Reiſe. 65 Sopha's von Gold⸗ und Seiden⸗Stoffen beſetzt, und ich bemerkte darin mehrere Gemaͤlde, welche lange meine Blicke beſchaͤftigten: ſie ſtellten die Kriege dar, welche unſer großer Prophet gefuͤhrt hat, um ſeine Religion zu befeſtigen; und dieß alles war mit ſo großer Kunſt gemalt, daß der beruͤhmte Many ſelber wuͤrde bekannt haben, daß dieſe Werke ſeinen Pinſel weit uͤbertraͤfen. Nachdem ich mehrere Zimmer durchſchritten hatte, in denen ich, zu meiner Verwundrung niemand an⸗ traf, trat ich in einen Garten von unermeßlichem Umfange, und deſſen Wunder nicht minder ſchwer zu beſchreiben ſind, als der Palaſt. Unabſehliche Gaͤnge, von allerlei mit Fruͤchten beladenen Baͤumen eingefaßt; Blumenbeete, beſetzt mit tauſend Arten uns unbe⸗ kannter Blumen, und Becken von gediegenem Golde voll kryſtallhellen Waſſers, zogen wechſelsweiſe meine Aufmerkſamkeit auf ſich. In dieſem wundervollen Garten, wo eine unzäh⸗ lige Menge buntfarbiger Voͤgel ihr Gezwitſcher hoͤren ließen, begegnete ich einem Ritter ohne Bart, deſſen Kleider mit Diamanten bedeckt waren; er trug einen gruͤnen, mit Rubienen beſaͤeten Turban, und ritt auf einem roſenrothen Roſſe, unter deſſen Tritten auf der Stelle Blumen aus der Erde hervorſproſſen. Er war ſchoͤn wie der Mond, und von ſeinen Augen gingen Lichtſtrahlen aus. 64 189. Tag. Ich ſchloß aus ſeinem Anſehn und aus der Pracht ſeiner Kleidung, daß er der Herr des Palaſts waͤre, und ich begann ſchon zu fuͤrchten, er moͤchte es uͤbel aufnehmen, daß ich ſeinen Garten betreten haͤtte, 86 4 im Voruͤberreiten bei mir anhielt, und zu mir prach: „O junger Mann biſt du nicht aus Baßra?“ „Ja,“ antwortete ich ihm. „So ſei willkommen,“ fuhr er fort;„ich wußte wohl, daß du hieher kommen wuͤrdeſt. Aber ſage mir, haſt du die Wunder dieſes Aufenthalts wohl betrachtet, und haſt du von den Speiſen gegeſſen, von denen man ſich hier naͤhrt?“ „Ich habe ſehr erſtaunliche Dinge geſehen,„ant⸗ wortete ich ihm;„was aber eure Nahrung betrifft, ſo weiß ich nicht, wie es darum bewandt iſt.“ „Verfolge denn deinen Weg,“ verſetzte er,„du wirſt jemand begegnen, der dir zum Fuͤhrer dienen, und dich endlich ans Ziel deiner Wuͤnſche bringen wird.“ Ich ging alſo weiter, indem ich mich nach allen Seiten umblickte. Ich konnte nicht muͤde werden, alle die Gegenſtaͤnde zu betrachten und zu bewundern, die mich umgaben. Endlich, erblickte ich einen Mih⸗ rab,*) uͤber welchem die Worte geſchrieben ſtanden: *) Mihrab heißt der Altar der Mahomedanes, in Geſtalt ei⸗ ner Niſche. Abulfauaris: zweite Reiſe. 65 „Es iſt kein andrer Gott, als Gott, und Maho⸗ med iſt ſein Prophet.“ Davor lag ein Mann auf den Knien; ich wartete bis er ſein Gebet geendigt hatte, dann begruͤßte ich ihn. Er erwiederte meinen Gruß, und ſprach zu mir: „O junger Muſelmann, du mußt beſonders von Mahomed geliebt ſein, weil du haſt bis hieher kom⸗ men koͤnnen: weißt du wohl, an welchem Orte du biſt? Vernimm, dieſer Garten iſt zur Wohnung fuͤr die Freunde und Verwandten des Propheten beſtimmt. Hier erwartet ſie alle eine ewige Gluͤckſeligkeit: es iſt ihrer ſchon eine große Anzahl, und ich will ſie dich alle ſehen laßen.“ Hierauf fuͤhrte er mich zu einem Milchſtrome, der langſam durch den Garten dahinfloß, und an deſſen Geſtade eine unzaͤhlige Menge Menſchen an Tiſchen ſaß, die mit mannigfaltigen Speiſen bedeckt waren. Ich ſah hier die Scherifs von dem Stamme Maho⸗ meds und die Szahabah' s*) dieſes Propheten. Als ſie mich erblickten, ſagten ſie mit freundlicher Miene zu mir: „Setze dich hier, junger Mann, weil Mahomed dir vergoͤnnet hat, daß du dieſen fuͤr ſeine Schuͤler *) Szahabah(Mehrzahl von Szaheb. H.) heißen die gleichzeitigen Freunde und Schüler Mahomeds. IV. 3 66 189. 190. Tag. und Nachkommen beſtimmten Ort ſeheſt; komm her und trink von unſeren Weinen und iß von unſeren Speiſen.“ Ich ſetzte mich neben meinem Fuͤhrer nieder, der mir ein Brot darreichte, welches ich trefflich fand; dann legte er mir einen Fiſch vor, mit den Worten: „Koſte von dieſem Fiſch, und ſage mir, ob du ſchon einen beſſern gegeſſen haſt.“ „Ich habe niemals etwas ſo koͤſtliches gegeſſen.“ Hierauf gab man mir von dem Waſſer des Stro⸗ mes zu trinken, welches mi den Geſchmack eines koͤſtlichen Weines zu haben ſchien. Hundert und neunzigſter Tag. Nach dieſer Mahlzeit fuͤhrte mein Begleiter mich auf eine Wieſe, wo mehr als tauſend junge Maͤdchen beiſammen waren. Einige von ihnen vergnuͤgten ſich hier mit Geſang, andere mit Lautenſpiel, und die uͤbrigen hatten ſich bei den Haͤnden gefaßt, und fuͤhr⸗ ten Taͤnze auf. Sie waren reich gekleidet; aber ſie ſtrahlten noch weit mehr durch den Glanz ihrer Reize, als durch die Edelgeſteine, womit ſie bedeckt waren. Alle ſchienen mir mit der hoͤchſten Schoͤnheit ausge⸗ ſtattet; ich konnte keine von ihnen liebenswuͤrdiger fin⸗ den, als die anderen. Auch ſchienen mir alle in Abulfaäaris: erſte Reiſe. 67 gutem Einverſtaͤndniſſe zu leben, und ich gewahrte in ihren Blicken keine Spur von Eiferſucht. „Du ſiehſt hier,“ ſagte mein Fuͤhrer,„Huri's: dieſe himmliſchen Weſen machen die Gluͤckſeligkeit der Scherifs und Szahabah's. Es iſt dir vergoͤnnt, ſie von ferne zu betrachten; aber naͤhere dich nicht. Das Vergnuͤgen, dich mit ihnen zu unterhalten, iſt dir verſagt, ſo lange der Engel des Todes dich noch nicht von der Welt abgefordert hat.“ Meine Blicke ſchweiften lange auf der Wieſe um⸗ ber. Dann folgte ich meinem Fuͤhrer nach einer Grotte, welche am Ende des Gartens war. „Hier,“ ſagte er,„iſt meine Wohnung. Der ann ohne Bart, welchen du auf einem roſenfarben Roſſe geſehen, iſt der Prophet Elias;*) er wohnt an dem andern Ende des Gartens; und ich, der ich der Prophet Cheder bin, wohne in dieſer Grotte. Es ſteht nur bei dir, hier mit mir zu leben; wir wollen gemeinſchaftlich das Gebet verrichten, und die Freuden dieſes ſchoͤnen Aufenthaltes, genießen, wel⸗ chem die Erde nicht zu vergleichen iſt. Wir wiſſen hier nicht, was Wechſel der Jahreszeiten iſt; man athmet hier ſtaͤts eine linde Luft, ein ewiger Fruͤhling herrſcht hier; die Nacht verbreitet hier niemals ihr *) Vgl. zu Tag 105. 68 190. Tag. Dunkel, und der Tag, der uns leuchtet, iſt ſtaͤts rein und heiter.“ Ich nahm das Erbieten des Propheten Cheder an. Ich leiſtete ihm einige Jahre lang Geſellſchaft: aber ungeachtet der Annehmlichkeiten dieſes ſchoͤnen Ortes, langweilte ich mich hier. Das Andenken Kanſadens machte mir fuͤhlbar, daß ich noch der Welt ange⸗ hoͤrete. Das Verlangen, ſie wiederzuſehen, ſtoͤhrte meine Ruhe, und ich glaube daß ſelbſt der Beſitz der Huri's mich Kanſadens nicht vergeſſen gemacht haͤtte. Cheder bemerkte meine Langeweile, und ſprach zu mir: „Ich ſehe wohl, du moͤchteſt gern in Baßra ſein. Weil die Reize dieſes Gartens nicht vermoͤgend ſind, dich feſtzuhalten, ſo will ich zur Stunde dein Verlan⸗ gen erfuͤllen.“— Indem er alſo ſprach, hub er die Augen empor, und als er ein kleines Gewoͤlk erblickte, welches uͤben unſere Koͤpfe hinzog, hielt er es an, und fragte, wo es hin wollte. Die Wolke, oder vielmehr der darin verhuͤllte Geiſt, antwortete: „O großer Prophet, ich ziehe nach China: haſt du mir etwas aufzutragen?“ „Bringſt du eine Wohlthat oder eine Strafe da⸗ hin?“ fragte Cheder weiter. „Eine Wohlthat,“ antwortete der Geiſt. Abulfaüaris: zweite Reiſe. 69 „Wenn das iſt,“ ſagte der Prophet,„ſo verfolge deinen Weg, ich bedarf deiner nicht.“ Einen Augenblick darnach zog eine zweite Wolke voruͤber. Cheder that an ſie dieſelben Fragen, wie an die erſte; und als ſie antwortete, ſie zoͤge nach Bag⸗ dad, um wohlzuthun, ſagte der Prophet zu ihr: „Wenn das iſt, ſo mußt du mir einen Gefallen thun: bringe dieſen Muſelmann nach Baßra, und ſetze ihn an der Thuͤr ſeines Hauſes nieder.“ Der Geiſt in der Wolke willigte ein; aber bevor ich mit ihm abreiſte, dankte ich dem Propheten Che⸗ der fuͤr alle ſeine Guͤte, und empfahl mich ſeinem Gebete. Er ſeinerſeits lehrte mich ein kurzes Gebet, welches er mich auf der Reiſe herſagen hieß, und verſicherte mich, daß es mich mein uͤbriges Leben lang vor der Bosheit meiner Feinde, vor dem Zorne der Koͤnige, und vor jedem Unfalle bewahren wuͤrde. Ich wiederholte unterweges mein Gebet mehr als hundertmal, bloß um es recht auswendig zu lernen, denn ich mistraute dem Geiſte nicht, der mich trug: es war ein wohlthaͤtiger Geiſt, ich haͤtte alſo unrecht gethan, ihm nicht zu trauen. Er brachte mich bin⸗ nen weniger als drei oder vier Stunden nach Baßra, und ließ mich an meiner Thuͤre nieder. Ich klopfte an; es war Nacht: ein ſchwarzer Sklave kam, und oͤffnete, als er aber, beim Scheine einer Leuchte, welche er trug, meine Geſtalt erblickte, 7⁰ irr9o. r9o. Tag. ſchlug er mir die Thuͤre vor der Naſe zu, und fragte mich dann, wer ich waͤre, und was ich wollte. Ich antwortete ihm, ich waͤre der Herr dieſes Hauſes, und befoͤhle ihm, alsbald die Thuͤre zu oͤffnen. Hundert und ein und neunzigſter Tag. Auf meine Antwort, welche er meiner Frau uͤber⸗ brachte, kam ſie ſelber und oͤffnete mir: aber anſtatt mich mit dem freudigen Entzuͤcken zu empfangen, welches meine Heimkehr ihr erregen mußte, ſtieß ſie bei meinem Anblick einen furchtbaren Schrei aus, und ging ſchleunig wieder hinein. „Was iſt das?“ ſagte ich hierauf,„mein Anblick erſchreckt Kanſade'n! Ihre Augen miskennen mich! Kann ich mich dergeſtalt veraͤndert haben?— Man laße meinen Bruder Hur herkommen,“ rief ich aus, „ich will mit ihm reden.“ 6 Er erſchien alsbald mit einem jungen Menſchen, welchen ich nicht kannte. Er naͤherte ſich mir, be⸗ trachtete mich ſehr aufmerkſam, und ſagte darauf zu mir, er kennete mich nicht. „Abulfauaris,“ fuͤgte er hinzu,„gleicht euch ganz und gar nicht: er iſt ein ſchoͤner Mann, und ihr ſeid ſehr haͤßlich; er iſt wohlbeleibt, und ihr ſeid abgema⸗ gert, wie ein Gerippe.— Laßt ab, euch fuͤr ihn Abulfauaris: zweite Reiſe. 71 auszugeben, ihr werdet uns nicht taͤuſchen. Obwohl wir ihn ſeit ſieben Jahren nicht geſehen, ſo haben wir jedoch ſeine Zuͤge nicht vergeſſen: wir zweifeln nicht daran, daß er auf ſeiner Fahrt nach Golkonda umge⸗ kommen iſt.“ Ich war von dieſen Worten ſehr uͤberraſcht; ich ſah wohl ein, daß ich mich veraͤndert haben konnte, aber ich begriff nicht, wie mein Bruder mich misken⸗ nen konnte. „Wie denn, Kanſade,“ ſagte ich zu meiner Gat⸗ tinn, welche durch die Gegenwart Hurs und der Sklaven, die uns zuhoͤrten, ſicher gemacht, wieder an die Thuͤre gekommen war,„du erkenneſt in mir nicht die Zuͤge dieſes Abulfauaris, den du geliebt haſt, und der dich immerdar zaͤrtlich liebt, trotz allen Un⸗ faͤllen, welche ihm begegnet ſind. Ach wie beklagens⸗ werth iſt mein Schickſal! Wehe! ich dachte nicht, daß ihr mir bei meiner Heimkehr einen ſo traurigen Empfang bereiten wuͤrdet! Warum bin ich nicht noch unter der Erde! Wie uͤbel wird meine Ungeduld, dich wiederzuſehen, belohnt!“ „Ihr habt,“ ſagte Kanſade hierauf ganz geruͤhrt, „den Ton von Abulfauaris Stimme: und obwohl ſonſt eure Zuͤge nicht den ſeinigen gleichen, ſo geſtehe ich euch doch, ich hoͤre euch nicht ohne Bewegung an. Aber,“ fuͤgte ſie hinzu,„wenn ihr wirklich mein Gatte ſeid, ſo ſaget mir, warum erſcheint ihr ſo 72² 191. T a g. ganz anders, als da ihr von Baßra reiſtet. Wo ſeid ihr geweſen, und was iſt euch begegnet, das eine ſo große Veraͤnderung an euch hervorbringen konnte?“ Hierauf erzaͤhlte ich meine Reiſe, ohne den gering⸗ ſten Umſtand zu vergeſſen; und als ich meine Erzaͤh⸗ lung beendigt hatte, nahm der junge Menſch, der mit meiner Frau und meinem Bruder zugegen war, das Wort und ſagte zu mir: „Ihr ſeid ein Betruͤger, und habt dieſes laͤcherliche Maͤhrchen nur deshalb erſonnen, um meinem Gluͤcke Hinderniſſe in den Weg zu legen: aber ihr irret euch,“ fuhr er mit Heftigkeit fort,„wenn ihr euch ſchmei⸗ chelt, es werde euch gelingen: da ich Kanſade'n heute geheiratet habe, ſo will ich ſie auch behalten.“ Bei dieſen letzten Worten, welche mich ergrimm⸗ ten, betrachtete ich meinen Bruder und meine Gat⸗ tinn: ſie ſchienen mir beide verwirrt und beſtuͤrzt. „Was hoͤr' ich?“ rief ich aus:„Kanſade, deren Beſtaͤndigkeit ich der meinen gleich waͤhnte, Kanſade hat einen andern Gatten„als ich?“ Ich wollte fortfahren; aber ich fuͤhlte mich ſo hef⸗ tig ergriffen, daß ich nicht mehr zu ſagen vermochte. Ich brachte die uͤbrige Nacht im Wortwechſel mit dem jungen Manne hin. Je mehr ich behauptete, ich waͤre Abulfauaris, je mehr ſchien er vom Gegen⸗ theil uͤberzeugt. Kanſade und Hur aber ſchwiegen V Abulfauaris: zweite Reiſe. 73 dabei, und ſahen einander mit Augen an, in denen die Beſchaͤmung ſich malte. So bald es Tag war, gingen wir alle vier zu dem Kadi, und der junge Mann ſagte zu ihm: „Herr, ihr vermaͤhltet mich geſtern mit Kanſade'n, und dieſe Nacht iſt der Fremdling, den ihr hier ſehet, gekommen und hat unſere Hochzeit geſtoͤhrt: er be⸗ hauptet, der Gatte dieſer Frau zu ſein, und gibt ſich fuͤr Abulfauaris aus.“ Hundert und zwei und neunzigſter Tag. Der Kadi ſchuͤttelte bei dieſen Worten den Kopf, und ſagte, er haͤtte den Abulfauaris wohl gekannk, ich gliche demſelben aber keineswegs. Sodann wandte er ſich zu Kanſade'n, und ſagte: „Und ihr, ſchoͤne Frau, was denket ihr von die⸗ ſem Menſchen hier? haltet ihr ihn fuͤr Abulfauaris?“ „Herr,“ antwortete ſie,„ſoll ich meinen Augen trauen, ſo iſt er es nicht: er hat nur die Stimme von ihm.“ „O Richter der Muſelmaͤnner,“ ſagte ich hierauf zu dem Kadi,„ich flehe euch demuͤthigſt an, mich an⸗ zuhoͤren. Huͤtet euch wohl, zu uͤbereilt zu urtheilen; ihr koͤnntet ein ungerechtes Urtheil ausſprechen. Wenn ich veraͤndert bin, ſo iſt das eine Wirkung meiner 74 292. C a g. letzten Abenteuer: mein Aufenthalt unter der Erde hat dieſe Veraͤnderung hervorgebracht.“ „Was fuͤr wunderliche Dinge redet ihr da?“ rief der Richter aus:„kann ein lebendiger Menſch unter der Erde verweilen?“ „Ohne Zweifel,“ verſetzte ich; und ich will euch, wenn ihr's erlaubt, erzählen, was mir begegnet iſt.“ „Oh!“ unterbrach mich an dieſer Stelle der junge Menſch, indem er ſich zu dem Kadi wandte,„gnaͤdi⸗ ger Herr, er hat ein Maͤhrchen in Bereitſchaft und wird euch wunderbare Dinge erzaͤhlen: aber ihr ſeid nicht ſo leichtglaͤubig.. „Schweiget, junger Mann,“ unterbrach ihn wie⸗ derum der Richter:„ich will ihn anhoͤren.— Redet,“ fuhr er fort, indem er ſich nach meiner Seite wandte; „ich hoͤre euch zu, und verſichere euch, ich will euch Gerechtigkeit widerfahren laßen.“ Sofort hub ich die Erzaͤhlung meiner letzten Reiſe an, und berichtete alles, was mir ſeit meiner Abfahrt von Baßra bis zu meiner Heimkehr begegnet war. Als ich meinen Bericht geendigt hatte, ſah der Richter Kanſade'n, Hur, und den jungen Menſchen an, und ſprach zu ihnen:„Dieſe Sache ſcheint mir ſehr wichtig, und ich kann ſie nicht ſelber entſcheiden. Was dieſer Menſch hier uns eben erzaͤhlt, klingt nicht wahrſcheinlich; man kann ihn in Verdacht der Luͤgen haben: aber vielleicht ſagt er doch nichts, als Abulfauaris: zweite Reiſe. 75 die Wahrheit, und dieß muß man erforſchen. Gehet alſo alle viere nach Medina zu Aly⸗Ben⸗Aby⸗ Taleb, dem Schwiegerſohne Mahomeds, und zu Omar, dem Beherrſcher der Glaͤubigen: die Sache verdient es, daß ſie Kenntnis davon nehmen, und ſie ſelber entſcheiden.“ So lautete der Spruch des Kadi's. Wir reiſten alsbald nach Medina, Hur, Kanſade, der junge Mann und ich. Dort gingen wir zuerſt nach dem Pa⸗ laſt Omars, der nicht ſo bald die Erzaͤhlung meiner Abenteuer vernommen hatte, als er zu mir ſagte: „Was du mir da erzaͤhlt haſt, iſt zu ſeltſam, als daß ich ihm Glauben beimeſſen koͤnnte: ihr muͤßt zur Stunde alle viere nach dem Garten des Propheten gehen; ich will euch dahin begleiten: der Schwieger⸗ ſohn Mahomeds wird uns ſagen, was wir von dem wunderſamen Bericht zu denken haben, welchen ich eben gehoͤrt habe.“ Wir gingen mit Omar nach dem Rauſe, wo wir Aly im Gebet am Grabe des Propheten trafen. „O Abulhuͤßeyn,“ redete der Beherrſcher der Glaͤubigen ihn an,„ich bringe euch hier einen Men⸗ ſchen, der mir ſo unerhoͤrte Dinge erzaͤhlt hat, daß ich ſie nicht glauben moͤchte.“ Aly fragte mich nach meinem Namen, und ſd bald ich ihm geſagt hatte, ich hieße Abulfauaris von 76 192. TC a g. Baßra, hub er die Augen gen Himmel, und rief in Entzuͤckung aus: „O Prophet Gottes, Mahomed, mein Schwaͤher, du haſt wahr geſprochen!— Herr,“ fuͤgte er hinzu, ſich zu Omar wendend,„ich muß, wenn's euch be⸗ liebt, die Erzaͤhlung ſeiner Abenteuer hoͤren: dieſer Menſch iſt kein Betruͤger; denn Mahomed hat mir ſchon laͤngſt von ihm geſprochen; er hat mir ſelber geweiſſagt, daß einſt ein Mann, mit Namen Abul⸗ faüaris, in den Rauſe kommen, und mir eben ſo wahrhafte, als außerordentliche Dinge erzaͤhlen werde. Dieſer Tag iſt denn endlich gekommen, und Abulfaua⸗ ris ſoll meine Neugierde befriedigen.“ Nachdem er alſo geſprochen hatte, bat er den Be⸗ herrſcher der Glaͤubigen, mir zu erlauben, daß ich ihm meine Geſchichte erzaͤhlete. „Er mag ſie erzaͤhlen,“ ſagte Omar,„ich hoͤre ſie gern zum zweitenmal.“ Hierauf begann ich abermals die Erzaͤhlung meiner unterirdiſchen Abenteuer; ich verbreitete mich inſonder⸗ heit uͤber die muſelmaͤnniſchen Geiſter, und uͤber das was ihr Koͤnig mir befohlen hatte, in ſeinem Namen dem Beherrſcher der Glaͤubigen und dem Schwieger, ſohne des Propheten zu melden. Omar und Aly waren hoch erfreuet uͤber das was ich ihnen ſagte. Sie umarmten mich wechſelsweiſe, und ſagten, ſie hielten mich fuͤr den Käekiſchten aller Abulfauaris: zweite Reiſe. 77 Menſchen, weil ich vor meinem Tode den Aufenthalt geſehen, welcher den Verwandten und Freunden Ma⸗ homeds nach dieſem ſterblichen Leben beſtimmet iſt. Hundert und drei und neunzigſter Tag. Der Erfolg meiner Reiſe nach Medina war, daß Omar, in der Ueberzeugung, ich waͤre wirklich Abul⸗ fauaris, den jungen Mann fortſchickte, und mir Kanſade'n wiedergab. Sodann ließ er aus ſeinem Schatze zweimal hunderttauſend Goldzeckienen nehmen, und ſchenkte ſie mir, nebſt hundert Sklaven und hun⸗ dert Kameelen. So kehrte ich heim nach Baßra, wo ich ein praͤchtiges Haus kaufte. Ich lebte mit Kanſade'n wie ein Mann, der ſie immerdar liebte. Ich machte ihr keine Vorwuͤrfe uͤber ihre Ungeduld, ſich wieder zu verheiraten. Es iſt wahr, ſie bezeugte mir viel Reue darüͤber, und ſchien mir ſogar ſehr zu entſchuldigen. Hur hatte waͤhrend meiner Abweſenheit mit meinem Gute uͤbel gewirthſchaftet, oder vielmehr es gaͤnzlich verſchwendet; dergeſtalt, daß er, um der Duͤrftigkeit zu entgehen, und zugleich Kanſade'n ein angenehme⸗ res Loos zu bereiten, ſie vermocht hatte, einen rer chen Kaufmann von ſeinen Freunden zu heiraten. 78 3 193. Ta g. Ich verfuhr aber nicht aͤbler mit meinem Bruder, als mit meiner Gattinn: ich vergaß das Geſchehene, und wir begannen wieder, wie zuvor, in der beßten Eintracht von der Welt zu leben. Außer den Wohl⸗ thaten Omars, welche allein ſchon mich in den Stand ſetzten, ein gemaͤchliches Leben zu fuͤhren, hatte ich noch das Gluͤck, in dem Hauſe, welches ich gekauft, einen Schatz zu entdecken. Ich habe dadurch ſo be⸗ traͤchtliche Einkuͤnfte, daß ich ſie kaum verthun kann, mit welchem Aufwande ich auch lebe.“ Bedreddin⸗Lolo. 79 Beſchluß der Geſchichte des Bedreddin⸗Lolo, ſeines Veſyrs und ſeines Guͤnſtlings. Als der Reiſende Abulfauaris hiemit die Erzaͤhlung ſeiner Abenteuer beſchloſſen hatte, bezeugten ihm Be⸗ dreddin und ſeine Gefaͤhrten, daß ſie niemals ſo ſelt⸗ ſame vernommen haͤtten. „Aber, Herr Abulfauaris,“ ſprach der Koͤnig von Damask zu ihm,„nach ſo viel Muͤhſeligkeiten und Leiden, ſeid ihr endlich doch zufrieden: ihr erfreuet euch nunmehr einer vollkommenen Gluͤckſeligkeit. Schon lange ſuche ich einen gluͤcklichen Menſchen. Es freuet mich um ſo mehr, jetzt einen gefunden zu haben, als ich ſchon die Hoffnung dazu aufgegeben hatte.— Meine beiden Gefaͤhrten,“ fuhr er fort, „ſind uͤberzeugt, daß es auf Erden keinen Menſchen gibt, den nicht irgend etwas fehlete, um in Wahrheit ſagen zu koͤnnen, daß er gluͤcklich waͤre: ich aber habe ſtaͤts das Gegentheil behauptet, und ich danke nun 30 193. T a g. dem Himmel, daß er ſie enttaͤuſcht hat; denn nach allem, was ihr uns eben erzaͤhlt habt, iſt nicht daran zu zweifeln, daß ihr hoͤchſt gluͤcklich ſeid.“ „Ich bitte um Verzeihung,“ antwortete der Rei⸗ ſende;„ſie koͤnnen mit Recht daran zweifeln, und ihr ſelber taͤuſchet euch, wenn ihr mich zufrieden waͤhnet. Ein Umſtand, welchen ich in meiner Erzaͤhlung unter⸗ druͤckt habe, wird es euch nur zu deutlich erkennen laßen: Kanſade liebt den jungen Mann, mit welchem ich ſie bei meiner Heimkehr verheiratet traf. Ich ge⸗ ſtehe, daß ſie, ihrer Pflicht getreu, keinesweges mit ihrem Geliebten zu ſprechen ſucht: aber ſie iſt wider ihren Willen mit ihm beſchaͤftigt. Ich habe es mehr als einmal bemerkt, und dieſe Entdeckung hat mir das Herz durchbohrt. Da ich verliebter in ſie bin als jemals, und nicht weniger Zartgefuͤhl als Liebe hege, ſo ermeſſet, welches Leid es fuͤr mich iſt, nicht mehr geliebt zu ſein, und wie weit ich von jenem vollkom⸗ menen Gluͤck entfernt bin, in deſſen Genuſſe ihr mich waͤhnet.“ Der Koͤnig von Damask hatte nichts zu erwiedern auf dieſe Rede, und er dachte nun, ſein Veſyr und ſein Guͤnſtling moͤchten in der That wohl nicht Unrecht haben, daran zu zweifeln, daß es vollkommen gluͤck⸗ liche Menſchen gaͤbe. Nach mehreren Tagereiſen, langte die Karavane zu Bagdad an. Da Abulfauaris in dieſer großen Bedreddin⸗Lolo. 31 Stadt zu thun hatte, ſo ließen Bedreddin⸗Lolo, Atal⸗ muͤlk und Séyfel Muͤluk ihn dort, und ſetzten ihren Weg nach Damask fort, wo ſie gluͤcklich ankamen. Der Veſyr dem die Verwaltung des Staates uͤber⸗ tragen war, hatte ſo gut regiert, daß keine Klage gegen ihn erhoben wurde. Der Koͤnig belohnte ſeinen Eifer und ſeine Treue. Sodann ſagte er zu dem Prinzen Séyfel Muͤluk und zum Veſyr Atalmuͤlk: „Nehmet an meinem Hofe euern Rang wieder ein, den ihr vor unſrer Abreiſe hattet.— Ich bin gegen⸗ waͤrtig eurer Meinung. Ich bin uͤberzeugt, es gibt auf Erden keinen Menſchen, der nicht ſein Leid habe. Die gluͤcklichſten Menſchen ſind nur diejenigen, deren Leiden am ertraͤglichſten ſind. Laßt uns nunmehr ru⸗ hig daheim bleiben. Sind wir alle drei auch nicht voͤl⸗ lig zufrieden, ſo wollen wir bedenken, daß es noch viel ungluͤcklichere gibt. „Ja, Herr;“ ſagte Séyfel Muͤluk,„man findet ohne Zweifel noch ungluͤcklichere; wir beduͤrfen keines großen Standmuthes, um unſere Leiden zu ertragen. Ich fuͤr mein Theil will mich troͤſten, daß ich Bedy al Dſchemal nicht beſitzen kann;— und ihr beide,“ fuhr er laͤchelnd fort,„muͤßt euch ebenfalls uͤber den Verluſt eurer Geliebten troͤſten: leben ſie noch, ſo wird ihr Anblick den Kadi's und den Pagen wohl nicht mehr ſo gefaͤhrlich ſein.“ IV. fe—- 6 3 8² 193. 194. T a g. Hiemit endigte Suͤtluͤmeme die Geſchichte des Koͤnigs von Damask, ſeines Veſyrs und ſeines Guͤnſtlings. Die Frauen der Prinzeſſinn Farruͤchnas bezeigten ihr, wie gewoͤhnlich, ihren Beifall. Sie lobten ſehr die Beſtaͤndigkeiten der Liebenden, deren Abenteuer ſie eben verommen hatten: die Prinzeſſinn dagegen unterließ auch hier nicht, nach ihrer Gewohn⸗ heit, ihrer Treue etwas anzuhaͤngen. Ddieß ſchreckte jedoch die Amme nicht ab, ſondern ſie bat um die Erlaubnis, noch andere Geſchichten er⸗ zaͤhlen zu duͤrfen. Sie erhielt dieſelbe, und am fol⸗ genden Tage nahm ſie wieder alſo das Wort: Hundert und vier und neunzigſter Tag. „Eines Tages, als der Chalyf Harun Alra⸗ ſchid ſich mit der ſchoͤnen Suͤltanuͤm, ſeiner Favo⸗ ritinn, in einem Zimmer befand, welches die Ausſicht auf den Tigris hatte, und von wo er, ohne geſe⸗ hen zu werden, alle diejenigen ſah, die an den Ufern dieſes Stromes luſtwandelten, erblickte er zwei Maͤnner, deren einer ihm jung und der andre ſehr alt ſchien. Er betrachtete ſie aufmerkſam, weil ſie aus vollem Halſe lachten. Da er von Natur neugierig war, ſo rief er einen ſeiner Beamten und befahl ihm, den bei⸗ den Maͤnnern zu ſagen, er wollte ſie ſprechen. Tauſend und Ein Tag. 8⁵ Der Beamte entledigte ſich ſeines Auftrages, und fuͤhrte den Greis und den Juͤngling vor den Chalyfen, der ſie um die Urſache ihres unmaͤßigen Lachens be⸗ fragte, der Greis nahm das Wort, und antwortete: „Beherrſcher der Glaͤubigen, ich luſtwandelte mit dieſem jungen Menſchen; er erzaͤhlte mir eine ſehr an⸗ genehme Geſchichte, und ich meinerſeits erzuaͤhlte ihm eine andre, welche er ſo ergetzlich fand, daß er ſich nicht enthalten konnte, daruͤber zu lachen; und ich geſtehe, daß ſein Lachen das meinige erregt hat.“ „Es wuͤrde mir lieb ſein,“ erwiederte Harun,„ſie ebenfalls zu hoͤren, und auch dieſer jungen Dame wuͤrde ſie Vergnuͤgen machen. Erzaͤhle ſie uns alſo,“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich zu dem Greiſe wandte, „und dieſer junge Mann wird uns darnach auch ſeine Geſchichte erzaͤhlen.“ Der Greis gehorchte dem Chalyfen und hub fol⸗ gendermaßen an: Geſchichte der beiden Geiſterbruͤder Ady und Dahy. „1— „In der Gegend von Maßalipatam, einer Stadt des Koͤnigreichs Golkonda, an der Kuͤſte Koro⸗ mandel, wohnte eine Baͤurinn mit zwei ſehr lieb⸗ lichen Toͤchtern. Die aͤltere, die Fatime hieß, war ſiebzehn Jahr alt, und Kadidſche, ſo hieß die zuͤngere,— zaͤhlte erſt zwoͤl Jahre. Sie bewohnten eine von allen Doͤrfern entfernte Huͤtte, und dieſe kleine Familie naͤhrte ſich von ihrer Haͤnde Arbeit. Ein Bach der in der Naͤhe der Huͤtte entſprang, ver⸗ ſchaffte ihnen das Mittel dazu, und gewaͤhrte ihnen ſein Waſſer, um fuͤr einige Leute in Maßuͤlipatam, deren Kundſchaft ſie hatten, die Waͤſche zu reinigen. Nachdem die Baͤurinn und ihre Toͤchter das Zeug wohl gewaſchen und getrocknet hatten, pflegten ſie dieſelbe mit Blumen zu beſtreuen, um ſie wohlrie⸗ chender zu machen. Ady und Dahy. 85 Eines Tages als die Mutter beſchaͤftigt war, fuͤr dieſen Zweck, auf einer Wieſe Blumen zu pfluͤcken, ergriff ſie unverſehens den Schwanz einer Natter, die unter einer Hyacynthe verborgen lag. Dieſes giftige Thier raͤchte ſich auf der Stelle, und ſtach die Baͤu⸗ rinn ſo heftig, daß ſie laut aufſchrie. Die Toͤchter liefen ſogleich herbei, fanden aber ſchon den Daumen ihrer Mutter angeſchwollen, und in weniger als einer Viertelſtunde drang das Gift ver⸗ mittelſt des Blutes in alle Hauptadern und hatte bald die edlen Theile ergriffen. Als die ungluͤckliche Frau ſo ihr Ende herannahen ſah, erfuͤllte ſie zuletzt noch die Pflichten einer guten Mutter, und ſprach alſo zu ihren Toͤchtern: „Meine Kinder, es thut mir wehe, euch zu einer Zeit verlaßen zu muͤßen, wo meine Huͤlfe euch am meiſten vonnoͤthen geweſen waͤre: aber meine Stunde iſt kommen. Ich ſehe den Engel des Todes ſich mir nahen; ich muß ſcheiden. Was mich troͤſtet, iſt, daß ich mir wegen eurer Erziehung nichts vorzuwerfen habe, und, Dank dem Himmel! ich laße euch als gutgeartete Kinder zuruͤck. Beharret ſtaͤts in der Tu⸗ gend, welche ich euch eingepraͤgt habe, und befolget genau die Lehren unſers großen Propheten Mahomed. Huͤtet euch vor allen, ſeine Religion zu verlaßen, und euch dem Aberglauben der Goͤtzendiener hinzuge⸗ ben. Lebet von eurer kleinen Arbeit, wie wir bisher 86 194. Tag. gethan haben: ich hoffe, der Himmel wird ſich euer annehmen. Noch empfehle ich euch beide in ſchweſter⸗ licher Gemeinſchaft zu leben, und euch, wo moͤglich, nie zu trennen; denn von eurer Eintracht haͤngt euer Gluͤck ab.— Kadidſche,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ſich zu der juͤngern wandte,„meine Tochter, du biſt noch ein Kind: gehorche deiner Schweſter Fatime, ſie wird dir keine boͤſen Lehren geben.“ Nach dieſer Ermahnung fuͤhlte die Mutter ſich er⸗ mattet, ſie umarmte ihre Toͤchter, und ſtarb in ihren Armen.. Es iſt nicht mit Worten auszudruͤcken, wie troſt⸗ los ſie waren, als ſie ihre Mutter todt ſahen. Sie zerfloſſen in Thraͤnen, und ließen das Gefilde von ih⸗ ren Wehklagen widerhallen. Darnach, als ihren Au⸗ P die Thraͤnen verſiegten, verſanken ſie in eine Schwermuth, aus welcher ſie ſich nur aufrafften, um ihrer Mutter die letzte Pflicht zu erweiſen. Sie nah⸗ men jede einen Spaten, die ihnen zur Bearbeitung eines kleinen Gemuͤſegartens bei ihrer Huͤtte dienten, uͤnd machten funfzig Schritte davon ein Grab, in welches ſie mit vieler Muͤhe den Leichnam legten und ihn mit Erde und Blumen bedeckten. Darauf kehrten ſie nach ihrer Huͤtte zuruͤck, wo ſie, ohne Nahrung zu ſich zu nehmen, ihren Schmerz auf einige Augenblicke durch einen Schlaf beſchwich⸗ Ady und Dahy. 87 tigten, welchen die Cembdanng dieſes Tages ihnen ge⸗ waͤhrte. Am folgenden Tage ſtellte Fatime, als die ver⸗ ſtändigere, ihrer Schweſter vor, ſie muͤßten ihre Arbeit wieder vornehmen, und hieß ſie zwei Koͤrbe mit der Waͤſche fuͤllen, welche ſie den Tag vor dem traurigen Zufalle gereinigt hatten. Sie nahmen die Koͤrbe auf ihre Koͤpfe, und gingen damit weg, um ſie nach Maßuͤlipatam zu tragen. Sie hatten noch nicht hundert Schritte gethan, als ſie auf ihrem Wege einem kleinen buckligen und reichgekleideten Greiſe begegneten, der ſtill ſtand und ſie mit Aufmerkſamkeit betrachtete. Er ſchien nahe an hundert Jahre alt zu ſein, und ſtuͤtzte ſich auf einen Stock, an welchem er, trotz ſeinem Alter, doch ziemlich beruͤhrig einherging. Hundert und fuͤnf und neunzigſter Tag. Dem Greiſe gefielen die beiden Schweſtern, und er fragte ſie freundlich: „Wo geht ihr hin, meine ſchoͤnen Kinder?“ „Wir gehen antwortete die aͤltere,„nach Ma⸗ ßuͤlipatam.“ 195. Tag. „Darf ich, ohne euch zu beſchweren,“ fuhr er fort,„euch fragen, welches Gewerbe ihr treibt, und ob man euch etwa einen Dienſt leiſten kann?“ „Ach! Herr,“ erwiederte Fatime,„wir ſind nur Baͤuerinnen, und ungluͤckliche Waiſen. Wir verloren geſtern durch den traurigſten Zufall unſre Mutter.“ Und hierauf erzaͤhlte ſie ihm alles, nicht ohne neue Thraͤnen zu vergießen. „Ah, wie leid thut es mir,“ ſagte der Greis, „eure Mutter nicht noch vor ihrem Tode geſehen zu haben: ich haͤtte ſie ein ſicheres Mittel gelehrt, das Gift aus der Wunde zu vertreiben, und binnen zwei Tagen waͤre ſie geheilt geweſen.— Meine lieben Kin⸗ der,“ fuhr er fort,„ich bin von eurer Betruͤbnis geruͤhrt, und erbiete mich, euch Vaterſtelle zu ver⸗ treten, wenn ihr Vertrauen zu mir faſſen koͤnnt, um meiner Erfahrung und meinem Eifer die Sorge fuͤr eure Wohlfahrt zu uͤberlaßen.— Ich muß euch bekennen,“ fuhr er fort, indem er die junge Kadidſche anblickte,„daß ich fuͤr dieſes liebenswür⸗ dige Maͤdchen eine ſtarke Neigung verſpuͤre. Ihr erſter Anblick verurſacht mir eine Bewegung, welche ich bisher noch nicht gekannt habe. Wenn ihr beide mir folgen wollt, ſo verſpreche ich euer Gluͤck, weit uͤber euern Stand hinaus, zu machen, und ihr ſollt Urſache haben, euch immerdar gluͤcklich zu preiſen, daß ihr mich auf euerm Wege angetroffen habt.. Ady und Dahy. 89 Nach dieſen Worten, erwartete der Greis mit Ungeduld die Antwort, die er erhalten wuͤrde. Er hatte Urſache, unruhig zu ſein; ſein Alter und ſeine Geſtalt nahm die beiden jungen Maͤdchen nicht genug zu ſeinen Gunſten ein, um ſie zur Annahme ſeines Antrages willig zu ſtimmen. Indeſſen, wie ſehr es ihnen auch widerſtrebte, Fatime hatte Verſtand genug, um einzuſehen, daß dieß, bei der Lage, worin ſie ſich befanden, kein zu uͤbles Erbieten waͤre. Der Greis bemerkte die Ueberwindung, welche es ſie koſtete, ſich zu entſchließen, und ſagte zu ihr: „Mein ſchoͤnes Kind, wenn ihr ſchon alle die Be⸗ trachtungen angeſtellt haͤttet, welche ihr anſtellen muͤßt, uͤber die Gefahren, denen ihr auf einem von allen Wohnungen ſo entlegenen Gefilde ausgeſetzt ſeid, ſo wuͤrdet ihr nicht anſtehen, mein Erbieten anzuneh⸗ men. Glaubt ihr, ohne Stuͤtze, wie ihr ſeid, allen den Schlingen zu entgehen, welche das Laſter und die Argliſt nicht unterlaßen werden eurer Unſchuld zu legen? Wenn ihr auch tugendhaft genug ſeid, verbre⸗ cheriſchen Antraͤgen eure Einwilligung zu verſagen, ſo werdet ihr jedoch nicht Macht genug haben, den Uebermuth und die Gewaltthat zuruͤckzuweiſen.— Ihr habt,“ fuhr er fort,„nichts von dergleichen bei mir zu fuͤrchten: mein Alter ſichert euch vor meiner Zu⸗ dringlichkeit, und meine Erfahrung wird euch auch vor den Uebrigen zu verwahren wiſſen. Verlaßet eine 9⁰ 195. Ta g. muͤhſelige Arbeit, welche euch nur kuͤmmerlich ernaͤh⸗ ren kann. Ihr ſollt bei mir nicht bloß das zum Le⸗ ben Nothduͤrftige haben, ſondern auch, was dazu dienen kann, es annehmlich zu machen; und ich will euch Dinge ſagen, welche euch begreiflich machen wer⸗ den, daß unſer gemeinſames Gluͤck von dieſem An⸗ trage abhaͤngt. Kommet alſo, ihr koͤnnt nichts beſſe⸗ res thun. Wenn eure Mutter noch lebte, ſo wuͤrde ſie mir Recht geben, und in der Freiſtaͤtte, welche ich euch anbiete, euch mehr in Sicherheit glauben, als in der Huͤtte welche ihr bewohnet.“ Kurz, der Greis ſprach ſo annehmlich, daß Fa⸗ time anfing, ſich uͤberreden zu laßen, und zu ihm ſagte: „Herr, ich ſehe wohl zum Theil ein, was ihr da ſaget, und bin ſehr geneigt, von der Guͤte Gebrauch zu machen, welche ihr mir und meiner Schweſter bezeuget: aber weil, nach dem aufrichtigen Bekennt⸗ nis eurer Zuneigung fuͤr ſie, euer Antrag ſie beſondes angeht, ſo will ich erſt ihre Geſinnung erforſchen, bevor ich eine entſchiedene Antwort gebe.— Rede denn, Kadidſche,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ſich zu ihrer Schweſter wandte:„fuͤhlſt du dich geneigt, die Guͤte dieſes Herrn anzunehmen, und ihn zum Gatten zu nehmen? Denn ich halte ihn fuͤr zu verſtaͤndig, als daß er die Unſchuld zweier Waiſen ſollte misbrau⸗ — qq— Ady und Dahy. 94 chen wollen, welche ihm die Sorge fuͤr ihre Ehre an⸗ vertrauen.“ „Nein, meine Schweſter,“ antwortete Kadidſche errdthend,„er iſt zu alt und zu haͤßlich.“ Die ruͤckſichtloſe Freimuͤthigkeit dieſes jungen Mäd⸗ chens ſchmerzte Fatime'n, die von den Erbietungen des Greiſes geruͤhrt war, und ſie ſagte darauf: „Meine Schweſter, man ſieht wohl, daß du noch in einem Alter biſt, welches des Nachdenkens unfaͤhig iſt, da du auf die Ehre welche dieſer Herr dir anthut, ſo unziemlich antworteſt. Anſtatt ihm unhoͤfliche Dinge zu ſagen, erkenne lieber dein Gluͤck, daß du ihm haſt gefallen koͤnnen.“ „Ja, wahrhaftig,“ verſetzte Kadidſche weinend, „daß iſt etwas recht Annehmliches um dafuͤr erkennt⸗ lich zu ſein! Ich weiß nicht, ob er ein paſſender Mann fuͤr mich iſt, aber das weiß ich wohl, daß es kein großes Vergnuͤgen iſt, beſtaͤndig einen ſolchen Mann, wie dieſen da, vor Augen zu haben.“ „Es ziemt ſich nicht, ſo zu reden,“ erwiederte ihr ihre Schweſter. „Ich weiß nicht anders davon zu reden,“ ant⸗ wortete die Juͤngere;„und wenn es ein Gluͤck iſt, ihm zu gefallen, warum wendet er ſich nicht an dich, da du doch ſchoͤner und verſtaͤndiger biſt, als ich? 9² 195. 196. Tag. Mag er dich lieben, und wir werden ſehen, ob du ihn lieben willſt.“ Hundert und ſechs und neunzigſter Tag. Die harten Reden Kadidſchens betruͤbten den Greis, und er rief aus: „Bewundert mein verhaͤngnisvolles Schickſal: ich habe die beruͤhmteſten Schoͤnheiten des Morgenlandes geſehen, und bis zu dieſem Alter, worin ihr mich ſe⸗ het, gelebt, ohne mein Herz feſſeln zu laßen: und erſt in dieſem Augenblick empfinde ich eine heftige Lei⸗ denſchaft fuͤr ein junges Maͤdchen, welches einen un⸗ uͤberwindlichen Abſcheu gegen mich hegt. Ich ſehe all das Widerwaͤrtige meines Schickſals, das ich mir be⸗ reite, und gleichwohl zwingt mein Stern mich, wider Willen meiner Neigung zu folgen.“ Dem Greiſe traten bei dieſen Worten die Augen voll Thraͤnen, und er ſchien ſo bewegt, daß Fatime, die von Natur ſehr gutmuͤthig war, Mitleid mit ihm hatte, und zu ihm ſagte:. „Herr, laßet ab, euch zu betruͤben: euer Uebel iſt vielleicht noch nicht unheilbar. Laßt euch die erſten Reden eines Kindes nicht beunruhigen, die noch nicht weiß, was ſich ziemt; die Zeit wird ihren Verſtand reifen. Ihr beſitzet freilich nicht die Annehmlichkeiten Ady und Dahy, 9³ der Jugend: aber ich halte euch fuͤr einen redlichen Mann; eure Liebe und Sorgfalt wird ſie endlich ruͤh⸗ ren. Wir wollen euch gern begleiten, und ich ver⸗ ſpreche euch meine guten Dienſte.“ „Ja aber, meine Schweſter,“ unterbrach ſie ver⸗ drießlich das kleine Maͤdchen,„wenn er mich quaͤlt und mich noͤthigen will, ihn zu lieben, ſo ſtehe ich euch nicht dafuͤr, daß ich entfliehe.“ „Nein, ſchoͤne Kadidſche,“ ſagte der Greis,„ihr ſollt nicht gequaͤlt werden, ich ſchwoͤre es bei allem, was heilig iſt auf Erden. Ich werde euch durchaus keinen Zwang anthun, ihr ſollt unumſchraͤnkte Gebie⸗ terinn uͤber alles ſein, was ich beſitze. Wenn ihr ir⸗ gend ein reiches Kleid oder andern Putz wuͤnſchet, ſo ſollt ihr es auf der Stelle haben; denn ich mache es mir zur Pflicht, euren geringſten Wuͤnſchen zuvorzu⸗ kommen. Ich ſage noch mehr;“ fuhr er fort,„wenn ich bemerke, daß mein Anblick euch unangenehm iſt, ſo werde ich ihn euch erſparen, was es mir auch ko⸗ ſten mag.“ Hierauf nahm Fatime das Wort, und ſagte zu dem Greiſe::— 1 „Da meine Schweſter geſonnen ſcheint, euch unter den verheißenen Bedingungen zu folgen, ſo laßt uns jetzo nur noch dieſe Waͤſche zu den Leuten tragen, dee nen ſie gehoͤrt, wir kommen ſogleich wieder zu euch.“ 94 196., Tag. „Ah!“ rief der Greis aus,„entfuͤhret mir nicht eure reizende Schweſter, ich beſchwoͤre euch darum. Sei es Taͤuſchung, ſei es Ahndung, wenn ihr beide mich verlaßet, ſo befuͤrchte ich, euch niemals wieder⸗ zuſehen, und wuͤrde dann vor Gram ſterben. Ihr wollt nicht ſaͤumen wiederzukommen, ſagt ihr: ſo laßt ſie denn bis zu eurer Ruͤckkehr hier bei mir; was habt ihr zu fuͤrchten? koͤnnt ihr Mistrauen hegen ge⸗ gen einen. „Nein, nein,“ unterbrach ihn Kadidſche mit Hef⸗ tigkeit,„ich will mit meiner Schweſter gehen, und nicht mit euch allein bleiben.“ „Warum denn,“ ſagte zu ihr Fatime der es will⸗ kommen war, jetzo ſchon dem Greiſe zu zeigen, daß ſie Theil naͤhme fuͤr ihn,„warum willſt du nicht hier bleiben? Ich komme im Augenblicke zuruͤck, und bitte dich, meine Schweſter, mich hier zu erwarten: du biſt dieſem Herrn dieſes Zeichen des Vertrauens ſchuldig, um ihm die unhoflichen Dinge zu verguͤten, welche du ihm geſagt haſt.“ Kadidſche fuͤhlte den groͤßten Widerwillen von der Welt, bei ihm zu bleiben: aber ſie wagte es nicht, dem Willen ihrer Schweſter zu widerſtreben, welche ſie als ihre zweite Mutter anſah. Fatime nahm alſo auch den Korb der juͤngern Schweſter, und ging hin, nachdem ſie dem Greiſe ſehr empfohlen, den widerſpenſtigen Geiſt des Maͤd⸗ Ado und Dahy. 95 chens, die ſie bei ihm ließe, zu ſchonen. Aber anſtatt bald wieder zu kommen, wie ſie verheißen hatte„ blieb ſie den ganzen Tag aus. Nichts war mit Kadidſchens Unruhe deshalb zu vergleichen. So bald ſie die Nacht heran nahen ſah, verlor ſie die Geduld; ſie uͤber⸗ haͤufte den Greis mit Vorwuͤrfen„ und ſagte zu ihm: „Ihr ſeid der Urheber unſers Ungluͤcks; ohne eure widerwaͤrtige Begegnung, wuͤrde ich bei meiner Schwe⸗ ſter ſein. Welcher Unfall ihr auch zugeſtoßen ſein mag, ich wuͤrde ihn lieber mit ihr theilen, als hier bei euch zu ſein.“ Dieſe Reden kraͤnkten den Greis ſehr. Er wußte nicht, was er antworten ſollte, ſo ſehr fuͤrchtete er, ſie noch mehr zu reizen, da er wohl wußte, daß ſie, nicht ohne Urſache, gegen ihn eingenommen war. In⸗ deſſen bot er alles auf, ſie zu beruhigen: aber weit entfernt, damit zum Ziele zu kommen, vermehrte er nur ihre Unruhe, und den Abſcheu, welchen ſie ge⸗ gen ihn hegte. Sie hieß ihn ſogar ſchweigen, und wollte ſelber nach Maßuͤlipatam gehen, trotz der Dun⸗ kelheit der Nacht und eines ſtarken Regens, welcher einfiel. Dieß wollte ſie ſo wohl, um nicht die Nacht bei dem Greiſe zuzubringen„als um Kunde von ihrer Schweſter einzuziehen. Er brachte ſie jedoch von die⸗ ſem Vorhaben ab, indem er ihr vorſtellte, daß allem Anſcheine nach, Fatime ſich irgendwo aufgehalten; daß das boͤſe Wetter ſie an der Ruͤckkehr verhindert Ady und Dahy. 97 Hundert und ſieben und neunzigſter Tag. Dieſe Dunkelheit, welche uͤber Fatimens Schickſal ſchwebte, erhoͤhte noch ihren Schmerz. Sie konnten nicht zweifeln, daß dem ungluͤcklichen Maͤdchen irgend etwas Außerordentliches begegnet waͤre. Ihre juͤngere Schweſter war in Verzweiflung, daß ſie ſie nicht be⸗ gleitet hatte, und ſie antwortete nur mit Schmaͤhun⸗ gen auf die Reden, durch welche der Greis ſie zu troͤſten ſuchte. Er ſeufzte im Grunde ſeines Herzens, daß er die kleine Widerſpenſtige nicht zu Vernunft bringen konnte. Sie verwandten die folgenden ſieben oder acht Tage, um auch das ganze Gefilde rings um die Stadt zu durchſuchen. Es gab kein Schloß, kein Haus auf vier Stunden in der Runde welche ſie nicht genau durchſuchten, aber immer mit eben ſo wenig Erfolg. Kurz, da ſie nicht mehr wußten, was ſie vornehmen ſollten, kehrten ſie ganz troſtlos nach der Huͤtte zuruͤck. „Als der Alte bemerkte, daß Kadidſche ſich uͤber alle Maßen betruͤbte, war er von Schmerz durchdrun⸗ gen, und ſagte mit Thraͤnen in den Augen zu ihr: „Meine theure Kadidſche, laßt ein wenig nach, euch ſo lebhaft zu betruͤben. Ich wage es euch vorzu⸗ ſtellen, daß ihr jetzt andere Dinge zu beachten habt. V. 7 98 197. Tag. Bedenket, daß ihr, nach dem Tode eurer Mutter und dem Verſchwinden eurer Schweſter, hier nicht in Si⸗ cherheit ſeid. Ich fuͤrchte, daß eure Schoͤnheit euch zum Gegenſtande der Zudringlichkeit einer uͤbermuͤthi⸗ gen Jugend mache. Koͤnnte ich, ſchwach und hinfaͤl⸗ lig, wie ich bin, euch gegen ihren Ungeſtuͤm verthei⸗ digen? Auf der andern Seite iſt euer Unterhalt nicht wohl geſichert. In einem ſo zarten Alter, ſeid ihr nicht recht im Stande, ihn euch ſelber zu verſchaffen. Ueberdieß iſt das wenige Geld, was ich hatte, bei⸗ nahe verzehrt; und hier mangelt uns alles. Bedenket dieß, ſchoͤne Kadidſche, und laßt euch gefallen, daß ich euch nach der Stadt fuͤhre, wo mein gewoͤhnlicher Aufenthalt iſt. Ihr werdet in meinemn Hauſe alles im Ueberfluſſe finden, und ihr ſollt dort die Gebieterinn meiner Habe und meines Schickſals ſein.“ Als der Greis ausgeredet hatte, erwartete er ſehr ungeduldig die Antwort des Maͤdchens; und nicht ohne Grund fuͤrchtete er den widerſpenſtigen Geiſt des Maͤdchens. Da ſie nicht antwortete und mehr mit dem Verluſt ihrer Schweſter beſchäͤftigt ſchien, als mit der Sorge fuͤr die Erhaltung ihres Lebens, ſo war er genoͤthigt, ihr von neuen alles vorzuſtellen, was ſie beſtimmen ſollte, ſeinen Vorſchlag anzuneh⸗ men, und er zweifelte mehr als einmal daran, ſie herumzubringen. Endlich gelang es ihm jedoch: ſie Ady und Daby. 99 willigte ein, ihm zu folgen, wohin es ihm beliebte, ſie zu fuͤhren. Sie machten ſich alſo auf den Weg: aber bevor ſie die Huͤtte verließen, ſchrieb der Alte mit Kohle uͤber der Thuͤre den Namen des Ortes, wohin er Kadidſche'n fuͤhrte, damit, wenn Fatime heimkaͤme, ſie von ihrer Schweſter Nachricht vorfaͤnde. Hierauf ver⸗ ſchloſſen ſie die Thuͤre, und legten den Schluͤſſel der⸗ ſelben in einen hohlen Baum in der Naͤhe, wo er ſonſt gewoͤhnlich verſteckt wurde. Die Stadt, wohin der Alte Kadidſche'n fuͤhren wollte, war nur drei Tagereiſen von dort; aber ein alter Mann von hundert Jahren, und ein zwoͤlfjaͤhri⸗ ges Maͤdchen konnten nicht lange Tagereiſen machen: ſie brachten ſieben Tage auf dem Wege zu. Beide waren ganz erſchoͤpft von Muͤdigkeit und Hunger, als ſie anlangten. Das erſte was Dahy(ſo hieß der Alte) that, war, daß er in der Stadt nach dem Er⸗ leſenſten was es zu eſſen gab, ausſchickte und es aufs ſchleunigſte herbei bringen ließ. Man mußte eiligſt darnach laufen. Nachdem ſie ihren Hunger geſtillt hatten, fuͤhrte Dahy ſeine Herrinn in ein ſehr ſaube⸗ res Zimmer, wo er ſie ausruhen ließ, und ging in ein andres Zimmer, ebenfalls auszuruhen. Am folgenden Morgen waͤhlte er bei Kaufleuten ſehr ſchoͤne Stoffe aus, von denen er fuͤr Kadidſche'n Kleider machen ließ, und kaufte ihr eine alte Skla⸗ 100 197. 198. Tag. oinn, welche ſehr geſchickt ſein ſollte, und die erſte in der Welt fuͤr den Frauenputz.— Kadidſche konnte die Veräͤnderung ihres Zuſtandes nicht genug bewundern; obwohl ſie die Empfindungen des Alten fuͤr ſie wohl bemerkte, ſo konnte ſie jedoch nicht begreifen, wie ſie uͤber ihn eine ſo unbeſchraͤnkte Herrſchaft hatte gewinnen koͤnnen. Sie bedachte zuwei⸗ len, daß ſie ihm alle die großen Annehmlichkeiten ver⸗ dankte, deren ſie hier genoß, und im Grunde ihres Herzens war ſie erkenntlich dafuͤr: aber ungeachtet aller ihrer Betrachtungen, konnte die Sorgfalt des Greiſes fuͤr ſie doch nicht den Widerwillen vermindern, wel⸗ chen ſie bei der Annahme derſelben empfand. Au⸗ ßer den Kleidern und Kleinoden, womit er ſie jeden Tag beſchenkte, vergaß er auch nicht des Verſpre⸗ chens, welches er ihr gethan hatte. Er bezeigte ihr eine Ehrfurcht, welche ſie erfreute, jedoch nicht ver⸗ moͤgend war, ihr die geringſte Zuneigung fuͤr ihn und fuͤr ſeine Liebe einzufloͤßen. Hundert und acht und neunzigſter Tag. Mehr als drei Monate vergingen, ehe Kadidſche nur ein wenig getroͤſtet ſchien. Das Andenken ihrer Schweſter miſchte Bitterkeit in alles, was ſie Angenehmes in ihrer gluͤcklichen Lage haͤtte finden koͤnnen; und unauf⸗ Ady und Dahy. 10r horlich rief ſie in ihr Gedaͤchtnis den Rath ihrer ſter⸗ benden Mutter zuruͤck, ſich niemals von ihrer Schwe⸗ ſter Fatime zu trennen. Das Gefuͤhl ihres Schmerzes ward indeſſen allmuͤhlich weniger lebhaft, ſei es nun, daß die Veräͤnderung ihres Schickſals die Staͤrke deſ⸗ ſelben verminderte, oder, daß es die gewoͤhnlich Wir⸗ kung der Zeit war. Eines Tages, als ſie von einem Spaziergange etwas ermüͤdet war, legte ſie ſich fruͤher nieder, als gewoͤhnlich. Sie ſank in einen tiefen Schlaf; und gegen Morgen, wo die Vorſtellungen klarer und leb⸗ hafter ſind hatte ſie einen Traum, der einen tiefen Eindruck auf ſie machte. Ihr traͤumte, ſie ſaͤhe einen jungen praͤchtig gekleideten Mann, deſſen Antlitz und blonde Locken ſie entzuͤckten. Waͤhrend ſie ihn mit Aufmerkſamkeit betrachtete, ſprach er zu ihr: „Ah! Kadidſche, wo denkeſt du hin? haſt du Fa⸗ time'n vergeſſen? waͤhneſt du, daß die ſchoͤnen Ge⸗ waͤnder, womit Dahy dich bekleidet hat, dich der Verpflichtung uͤberheben, ſie zu ſuchen? Nein, gewis nicht, und ich verkuͤndige dir, daß du nicht anders gluͤcklich ſein wirſt, als wenn du nach der Inſel Sumatra reiſeſt, ſie aufzuſuchen. Betrachte mich, und du ſieheſt in mir denjenigen, welchen der Himmel dir zum Gatten beſtimmt.“ it dieſen Worten verſchwand der junge Mann, und Kadidſche erwachte. Lebhaft ſtand ihr dieſes Bild 102 196. T a g. noch vor der Seele, welches ſie weniger als einen Traum, denn als eine Erſcheinung anſah. Die Worte, welche dieſes liebenswuͤrdige Geſpenſt zu ihr geſprochen hatte, ſchienen ihr ſo zuſammen⸗ hangend und ſo paſſend fuͤr die Lage, worin ſie ſich befand, daß ſie dieſen Bezug nicht genug bewundern konnte; und obwohl ſie ſchon Verſtand genug beſaß, um nicht zu glauben, daß es wirklich einen Mann auf der Welt gaͤbe, welcher dem im Traume geſehe⸗ nen aͤhnlich waͤre, ſo bewahrte ſie jedoch die Zuͤge davon in ihrem Herzen. Sie beſchloß ſogar, um ſich nichts vorzuwerfen zu haben, Dahy zu vermoͤgen, mit ihr die Reiſe nach der Inſel zu machen: ſie bat ihn noch denſelben Tag darum, nachdem ſie ihm ihren Traum erzaͤhlt hatte. Der Greis hoͤrte ihn mit Verwunderung an, und da er ihm auch zu außerordentlich vorkam, um ihn fuͤr ein bloßes von den Duͤnſten des Schlafes aufge⸗ regtes Gebilde zu halten, ſagte er zu Kadidſche'n: „Ich gaͤbe gern mein Leben hin, um euch zufrie⸗ den zu ſtellen. Ich willige ein, mit euch nach der Inſel Sumatra zu reiſen, obwohl kein Anſchein dazu vorhanden iſt, daß wir dort etwas von dem Schickſal eurer Schweſter erfahren werden. Ich bin eben ſo be⸗ troffen uͤber dieſen Traum, wie ihr, und bin nicht weniger begierig, eure Wuͤnſche in Erfuͤllung gehen zu ſehen.“ Ady und Dahy. 103 Mehr bedurfte es fuͤr das junge Mauͤdchen nicht, um ſie zu der Reiſe nach Sumatra zu beſtimmen. Kaum ließ ſie dem Alten Zeit genug, Anſtalten zu der Reiſe zu treffen, ſolche Ungeduld hatte ſie, Fati⸗ me'n wiederzuſehen, oder wenigſtens uͤber ihr Schick⸗ ſal aufgeklaͤrt zu werden. Sie wurden mit einander einig, zuvor nach der verlaßenen Huͤtte zu gehen, um zu ſehen, ob keine Spur da waͤre, woraus ſie ſchließen koͤnnte, daß Fa⸗ time waͤhrend ihrer Abweſenheit heimgekommen waͤre; alsdann wollten ſie ſich nach Maßuͤlipatam begeben, um ſich auf dem erſten Schiffe einzuſchiffen, welches nach der Inſel Sumatra ginge. Dahy kaufte drei Pferde zu ihrer Reiſe, nahm mit ſich alles, was er an Goldſtuͤcken beſaß, nebſt eini⸗ gen Edelgeſteinen, welche er in einen ledernen Guͤrtel naͤhte, den er gewoͤhnlich trug. Sein uͤbriges Geld gab er einem ſeiner Freunde, einem Greiſe in Ver⸗ wahrung, und trug ihm auf, wenn etwa waͤhrend ihrer Abweſenheit Fatime kaͤme, ſie aufzuſuchen, daß er ſie baͤte, ſie bis zu ihrer Heimkehr in dieſer Stadt zu erwarten. Sie machten ſich alſo auf den Weg. Dahy be⸗ ſtieg das beßte Pferd, und nahm Kadidſche'n hinter ſich; die Sklavinn ritt auf dem zweiten Pferde; und das dritte, welches mit allem ihren Geraͤthe beladen 10¾ 198. Tag. war, wurde von einem ſchwarzen Sklaven am Zuͤgel gefuͤhrt. In dieſem Aufzuge gelangte die kleine Karavane binnen zwei Tagen nach der Huͤtte der beiden Schwe⸗ ſtern. Sie fanden den Schluͤſſel in dem hohlen Baume, wie ſie ihn hinein gelegt hatten: aber als ſie hinein⸗ traten, ſahen ſie nirgend etwas verruͤckt, nirgends eine Spur, woraus ſie abnehmen konnten, daß Fa⸗ time waͤhrend ihrer Abweſenheit dort geweſen waͤre. Dieſes diente nur dazu, ſie in dem Entſchluſſe, nach der Inſet Sumatra zu reiſen, zu beſtaͤrken. ie beeilten ſich, nach Maßuͤlipatam zu gelangen, wo Dahy bald vernahm, daß ein Schiff von Aſchem,*) mit reichen Kaufmannsguͤtern beladen, binnen zwei Tage unter Segel gehen wuͤrde, um heimzukehren. Er ging auf der Stelle zu dem Schiffsherrn hin, und ward mit ihm wegen der Ueberfahrt einig. Alsdann kam er wieder zu Kadidſche'n, verſah ſich mit allen Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten, welche eine langwierige Seefahrt ertraͤglich machen koͤnnen, und verkaufte ſeine Pferde, welche ihm auf dem Meere unnuͤtz waren. *) Aſchem, Hafen und Hauptſtadt an der Nordſpitze Suma⸗ tra's. Ady und Dahy. 105 Hundert und neun und neunzigſter Tag. Nach zwei Tagen ſchifften ſie ſich ein, bei guͤnſti⸗ gem Winde, der ſie betraͤchtlich vorwaͤrts brachte. Die junge Gebieterinn Dahy's war etwas verwundert, als ſie nichts mehr ſah, denn Himmel und Waſſer: aber das Verlangen, das Schickſal ihrer Schweſter zu vernehmen, ſtaͤrkte ihre Entſchloſſenheit. Der Alte that ſein Moͤgliches, ſie zu vergnuͤgen: bald erzaͤhlte er ihr zur Ergetzung angenehme Geſchich⸗ ten; bald unterhielt er ſie von ernſthaften und wichti⸗ gen Dingen, um ihren Geiſt und ihre Sitten zu vervollkommnen. Da er ſie ſo mit Muße ſah, glaubte er ſie nicht laͤnger in Unwiſſenheit laßen zu duͤrfen, wer er waͤre, und welches ſeltſame Schickſal er haͤtte. Sie hatte wohl etwas Außerordentliches in der Anhaͤnglichkeit vermuthet, welche er fuͤr ſie zu haben ſchien: aber ſie betrachtete dieſe Seltſamkeit viel mehr als einen Eigenſinn des Geſchmacks denn als eine Verkettung von Umſtaͤnden. Und ſie wurde ſehr uͤberraſcht, als der Alte ſeine Erzaͤhlung folgendermaßen anhub: „So hinfaͤllig und abgelebt ich euch erſcheine, ſchoͤne Kadidſche, ſo vernehmet jedoch, daß ich un⸗ ſterblich bin.“ Nach dieſen wenigen Worten hielt er inne, um zu beobachten, was bei einem ſo unerwarteten Be⸗ 206 199. S a g. kenntnis in der Seele des jungen Maͤdchens vorgehen wuͤrde. Er bemerkte leicht die Verwundrung, worin dieſer Anfang ſie verſetzte. Sie wußte erſt nicht, ob ſie es fuͤr Ernſt nehmen ſollte: aber die Gemuͤthsart des Greiſes, der uͤber nichts zu ſpaßen pflegte, was es auch waͤre, uͤberzeugte ſie, daß er die Wahrheit redete: „Herr,“ ſagte ſie,„da ich euch ſo viel Dank ſchuldig bin, ſo ſollte ich mich uͤber eure Vorzuͤge freuen: aber wenn ich bedenke, daß der Vorzug, welchen ihr mir jetzt erſt bekannt macht, euch von keinem großen Nutzen ſein kann, ſo weiß ich nicht, ob es euch nicht unangenehm ſein moͤchte, wenn ich euch meine Freude daruͤber bezeigte. Denn,“ fuhr ſie fort,„von Alterſchwaͤche niedergebeugt, wie ihr zu ſein ſcheint, welche Annehmlichkeit kann das Leben fuͤr euch haben?“ „Es waͤre mir eine ſchwere Laſt,“ erwiederte der Greis,„und ich wuͤrde dem Himmel Vorwuͤrfe ma⸗ chen, mir einen Vorzug gegeben zu haben, welchen er den Menſchen verſagt hat, wenn ich wirklich ſo waͤre, wie ich erſcheine: aber ihr werdet noch mehr erſtaunen, reizende Kadidſche, wenn ihr vernehmet, daß ihr mich hier unter einer fremden Geſtalt ſehet. Von Natur ſind meine Zuͤge geeigneter, dem ſchoͤnen Geſchlechte zu gefallen, als ihm Grauen zu erregen; und dieſe Zuͤge vermoͤgen um ſo eher zaͤrtliche Gefuͤhle * Aby und Dahy. 207 zu erwecken, als ſie durch eine ewige Jugend belebt ſind. Jasmin und Roſen bluͤhen auf meinen Wangen; mit Einem Wort, alles, was man Anmuthiges ſehen kann, findet ſich auf meinem Antlitze vereinigt und uͤber meine ganze Geſtalt verbreitet.“ „Ei warum denn,“ unterbrach ihn Kadidſche un⸗ duldig,„nehmet ihr nicht ſchleunigſt dieſe reizende Geſtalt wieder an?“ „Ach!“ antwortete Dahy ſeufzend,„das ſteht nicht in meiner Macht, und dieß eben iſt mein Leid. Ein ſo großes Ungluͤck iſt mir nur empfindlich, weil es mich euch unter einer ſo unangenehmen Geſtalt darſtellt.“ „Und wird dieß Ungluͤck nie endigen?“ fragte ihn das junge Maͤdchen. „Es ſteht nur bei euch, daß es aufhoͤre,“ erwie⸗ derte er:„ihr duͤrft mir nur dazu helfen.“ „Unter dieſen Umſtaͤnden,“ ſagte ſie freimuͤthig, „glaube ich wohl, daß ihr niemals eure Geſtalt wie⸗ der veraͤndern werdet.— Aber, Herr,“ fuͤgte ſie hinzu,„wie ſoll ich ſo viel erſtaunlichen Dingen Glau⸗ ben beimeſſen?“ „Ihr duͤrft mich nur anhoͤren, meine Koͤniginn,“ antwortete er,„und ihr werdet nicht mehr an der Wahrheit meiner Worte zweifeln. Was ich euch vorhin geſagt habe,“ fuhr er fort, „wird euch leicht begreiflich machen, daß ich kein 108 3 199. 200. Ta g. Menſch bin: ich bin ein Geiſt. Wir ſind unſer zwei, Zwillingsbruͤder, gleich ſchoͤn und wohlgebildet. Ich heiße Dahy und mein Bruder Ady. Die Herrſchaft aber, welche unſer Geiſterſtand uns uͤber alle natuͤr⸗ liche Dinge gab, enthub uns nicht, daß wir ſelber der Macht eines Brachmanen von Viſapur dienſtbar waren, der durch ſeine Wiſſenſchaft ſich eine unum⸗ ſchraͤnkte Herrſchaft uͤber unſer Geſchlecht erworben batte. Er hatte mich und meinen Bruder liebgewon⸗ nen; und um uns ſein Vertrauen zu beweiſen, uͤber⸗ Bi er uns die Bewachung ſeiner Geliebten, auf deren beue er nicht ſonderlich rechnete. Zweihundertſter Tag. Wir dienten ihm bei dieſem Auftrage getreulich. Die Dame war ſtaͤts von Ady oder mir begleitet. Ziemlich lange Zeit ging alles in der Ordnung zu. Wollte der Himmel, daß ihr Eigenſinn und ihre Hals⸗ ſtarrigkeit nicht dieſen gluͤcklichen Zuſtand veraͤndert haͤtte! Ihre Treue hatte ſich noch nicht verdaͤchtig gemacht; es ſchien uns nicht, daß die Dame eine Neigung fuͤr jemand haͤtte und nicht einmal, daß das Verlangen zu gefallen, ſie verleitete, etwas zu thun, das gegen die Wohlanſtaͤndigkeit geweſen waͤre: als ſie ——V—V—V—V—Vʒ———— allmaͤhlich nachdenklich ward. Bald darauf verwan⸗ —O—˖-—— Ady und Dahy. 109 delte ſich ihre Traͤumerei in Schmachten: ſie ſeufzte mitten unter den Luſtbarkeiten, welche Kanßu(ſo hieß der Brachmane) ihr veranſtaltete; und manchmal blickte ſie Ady und mich ſo an, als wenn ſie unſer Mitgefuͤhl fuͤr ein geheimes Herzeleid anflehte. Verwundert uͤber dieſe Verwandlung, welche die lebhafte Farbe ihres Antlitzes zu bleichen, und ſelbſt ihre Geſundheit anzugreifen begann, ſagten wir zu einander, mein Bruder und ich: „Was fehlt ihr doch? was vermochte, ſie in kur⸗ zer Zeit ſo gaͤnzlich zu veraͤndern?“ Ach! wir waren ſehr weit entfernt, uns einzubil⸗ den, daß wir ſelber der Anlaß dieſes traurigen Zuſtan⸗ des waren, der uns verwunderte. Dieſe ungluͤckliche Dame, die uns ſtaͤts vor Augen war, hatte auf unſere Schoͤnheit geachtet, und dieſe Aufmerkſamkeit war ihr verderblich geworden. Sie konnte ſich nicht erwehren, uns zu lieben; und was mehr, als alles uͤbrige, ſie zu dieſer Liebe verfuͤhrte, waren, wie ſie uns nachmals geſtanden hat, die lan⸗ gen blonden Haare, welche uns in vollen Locken uͤber die Schultern wallten.“ Die junge Kadidſche rief ſich bei dieſer Stelle ihren Traum wieder ins Gedaͤchtnis, ſie betrachtete den Greis verwundrungsvoll, und fuͤhlte, daß ſeine Er⸗ zaͤhlung anfing, ſie anzuziehen: ſie hatte ihm noch niemals ſo aufmerkſam zugehdrt. 2 110 200. Tag. „Als mein Bruder und ich bemerkten,“ fuhr Dahy fort,„daß die Zeit, anſtatt dem geheimen Kummer der Dame einige Linderung herbeizufuͤhren, vielmehr die Heftigkeit deſſelben zu erhoͤhen ſchien, ſo beſchloſ⸗ ſen wir, alles aufzubieten, das ſie vermoͤgen konnte, uns ihr Herz zu oͤffnen. Eines Tages alſo, als wir beide bei ihr waren, und der Brachman ſich zum Vorſitz in einer Verſamm⸗ lung der Feen begeben hatte, welche an den Graͤnzen der Großen Tatarei gehalten wurde, ſprach mein Bruder zu ihr: „Schoͤne Herrinn, ſchon lange bemerken wir daß ein geheimer Schmerz eure Ruhe ſtoͤrt: wir haben uns bemuͤht, die Urſache davon zu entdecken, in der Ab⸗ ſicht, euch unſern Beiſtand anzubieten: aber wir haben ihn nicht durchdringen koͤnnen. Verberget uns ihn nicht laͤnger; und wenn unſre Huͤlfe etwas beitragen kann, die Ruhe eurer Seele wiederherzuſtellen, ſo zaͤhlet auf unſern Eifer und auf unſre Sorgfalt.“ Wir haͤtten uns ohne Zweifel ein großes Vergnuͤ⸗ gen daraus gemacht, ſie aus dem ſchmachtenden Zuſtand, in welchen wir ſie verſunken ſahen, zu befreien; denn wir waren ihr ſehr zugethan. Ady's Rede verſetzte ſie in die aͤußerſte Verwirrung; indeſſen, da es ihr eine Gelegenheit darbot, ſich zu erklaͤren, die ſie ſchon laͤngſt geſucht hatte, ſo ließ ſie dieſelbe nicht entſchluͤpfen. Ady und Dahy. 111 „Ihr ſeid zu edelmuͤthig, liebenswuͤrdiger Ady,“ antwortete ſie ſchmachtend,„fuͤr eine ungluͤckliche Theil zu nehmen, die eurer Aufmerkſamkeit nicht wuͤr⸗ dig iſt. Beraubet mich nicht, ich bitte euch, des ſchwachen Troſtes, im Geheimen meine unheilbaren Leiden zu beweinen.“ „Was ſagt ihr, ſchoͤne Herrinn!“ rief ich mit Erſtaunen aus:„die Leiden, welche ihr fuͤhlet, ſoll⸗ ten unheilbar ſein! Von welcher Art ſind ſie denn?“ „Die Haͤrte meines Schickſals,“ erwiederte ſie, viſt ſo groß, daß, wenn etwas ſie zu lindern ver⸗ moͤchte, es allein das Mitleid waͤre, welches ihr da⸗ mit haben wolltet.“ 3 „Ah! was das Mitleid betrifft,“ verſetzte ich haſtig,„ſo erbieten wir es euch ganz und gar: aber wir beſchraͤnken es nicht darauf, euch zu beklagen; ſondern wir werden nicht zufrieden ſein, wenn unſere Bemuͤhungen nicht dieſe tiefe Schwermuth zerſtreuen, welche euch unmerklich verzehrt. Fuͤhlt ihr euch von irgend einem unbekannten Weh befallen, ſo wißt ihr wohl, daß uns alle Geheimniſſe der Natur bekannt ſind, um die krankhaften Zuſtaͤnde des Leibes zu hei⸗ len; oder wenn der Brachman euch durch eine Be⸗ handlung gekraͤnkt hat, welche eurer Wuͤrdigkeit und eurer Zaͤrtlichkeit fuͤr ihn unangemeſſen iſt, ſo wißt ihr wohl, daß wir etwas uͤber ihn vermoͤgen. Redet alſo, liebenswuͤrdige Herrinn! Vertrauet euch uns 122 200. 201. T agg. an; gebet unſerm Eifer Gelegenheit, euch ein gluͤck⸗ licheres Daſein zu verſchaffen.“ Zweihundert und erſter Tag. Farſana, ſo hieß die Schoͤne, antwortete mir folgendermaßen: 3 4 „Meine Geſundheit iſt nicht angegriffen, noch hat Kanßu mir irgend Anlaß gegeben, mich uͤber ihn zu beklagen: gleichwohl dulde ich qualvolle Leiden; und wenn ihr ſie vernäaͤhmet, welchen Eifer ihr mir jetzt auch bezeuget, ſo weiß ich doch nicht, liebenswuͤrdiger Dahy, ob ihr ſo geneigt waͤret, ſie zu lindern, als ihr ſaget.“ „ Ah! Herrinn,“ rief mein Bruder aus,„ihr thut uns Unrecht; ſtellet uns auf die Probe, und ihr werdet vortheilhafter von uns denken.“ „und wenn ich euch nun ſagete,“ erwiederte ſie errdthend,„daß ihr ſelber es ſeid, einer wie der an⸗ dre, die das Leid verurſachen, welches ihr heilen wollt!“ „Wer? wir!“ verſetzte ich, ſehr uͤberraſcht, ob⸗ wohl ich noch nicht begrifſ, wo ſie hinaus wollte: „ei! wie haͤtten wir doch etwas thun koͤnnen, das unſerer Abſicht ſo entgegen iſt?“— Ady und Dahy. 123 „Ich habe ſchon zu viel geſagt,“ fuhr ſie fort,„um euch nicht vollends mein ganzes Ungluͤck zu erkennen zu geben; und weil ihr ſelber mich dazu draͤnget, ſo wiſſet denn, allzu liebenswuͤrdige Bruͤder, daß ich mich der Macht eurer Reize nicht erwehren konnte. Vergeblich habe ich mich den Fort⸗ ſchritten widerſetzt, welche ſie jeden Tag in meinem Herzen machten, mein Widerſtand hat mich nun in den Zuſtand verſetzt, in welchem ihr mich ſehet.“ Hierauf begann ſie, uns mit ſo lebhaften und natuͤrlichen Farben die innern Kaͤmpfe zu ſchildern, welche in ihrer Seele vorgegangen waren, daß wir ebenſo geruͤhrt, als uͤberraſcht davon waren. „Iſt es denn moͤglich,“ ſagte ich zu ihr,„daß die Sorge fuͤr euer Gluͤck und fuͤr eure Ruhe, daß alles, was ihr dem Brachmanen verdankt, euch nicht vor den Empfindungen bewahren konnte, welche ihr uns erklaͤrt? Habt ihr euch wohl vorgeſtellt, wie wenig Erfolg ihr von einem ſolchen Eigenſinne zu erwarten habt?“ 1 Hierauf boten wir alles auf, mein Bruder und ich, um ſie wieder zur Vernunft zu bringen: aber es war zu ſpaͤt; das Uebel hatte ſchon zu tiefe Wurzeln ge⸗ ſchlagen. Nach allen unſeren Vorſtellungen, welche Farſana willig anhoͤrte, ohne uns zu unterbrechen, ſchien ſie hIV.. 8 114 201. Ta g. aus ihrer tiefen Niedergeſchlagenheit etwas ermuntert; das Geſtaͤndnis, welches ſie uns abgelegt hatte, war eine ſchwere Laſt, von welcher ſie ſich erleichtert fuͤhlte. Nicht, daß ſie, bei der Art, wie wir das Bekenntnis ihrer Schwachheit aufgenommen, im ge⸗ ringſten Grund zu hoffen gehabt haͤtte: aber es iſt ein ſo natuͤrlicher Wunſch, den Gegenſtand unſrer Liebe von den Leiden zu unterrichten, welche er uns verurſacht, daß wir es immer fuͤr einen Gewinn ach⸗ ten, wenn wir Gelegenheit gefunden haben, ſie ihm zu entdecken. Die Schöne ſchmeichelte ſich, daß wir uns endlich V von ſo viel Liebe und Beſtaͤndigkeit wuͤrden ruͤhren la⸗ ßen. Dieſe Hoffnung beſchwichtigte fuͤr einige Zeit ihren Kummer. Aber als die Zeit allmaͤhlich verlief, ohne daß ſie die Linderung empfing, welche ſie wuͤnſchte, ſo machte ihre Leidenſchaft, deren Macht ſeit ihrer Ent⸗ deckung noch ſtaͤrker geworden war, ſie zum Raub ihrer Begierden, und verſenkte ſie wieder in ihr vori⸗ ges Schmachten. Dieß brachte uns in große Verlegenheit; weil Kanßu's Befehle uns nicht erlaubten, ſie zu verlaßen, ſo waren wir taͤglich ihren Vorwuͤrfen ausgeſetzt, welche ſie nicht abließ zu wiederholen. „Ihr Grauſamen!“ ſagte ſie zu uns;„wollt ihr erbarmungslos mich ſterben laßen, da es doch nur von euch abhaͤngt, mir ein Leben lieb zu machen, — Ady undd Dahy. 115 welches ich verfluche? Die edelmuͤthige Freude an der Linderung der Leiden, welche in gutgearteten Herzen ſo maͤchtig iſt, vermag ſie denn gar nichts uͤber euch, und findet ihr nur Vergnuͤgen daran, mich leiden zu ſehen?“ „Schoͤne Farſana,“ antwortete ich ihr,„was duͤrft ihr von uns erwarten? Sollten wir einem Uebel ſchmeicheln, welches wir nicht heilen koͤnnen? Soll⸗ ten wir den Brachmanen verrathen, der ſich auf un⸗ ſre Treue verlaͤßt? Wolltet ihr ſelber ihn verrathen, nach allem, was er fuͤr euch gethan hat? Nicht mit Gewalt hat er euch euren Aeltern geraubt, die euch ſo hart behandelten; ihr habt eingewilligt, daß er euch entfuͤhrete, und ohne Widerſtreben habt ihr ſein Gluͤck gemacht. Ermuthiget euch alſo, und befreiet euch von der Herrſchaft, welche eine unwuͤrdige Schwachheit uͤber euch gewonnen hat.“ Die Schoͤne hoͤrte geduldig dieſe Worte an; ſodann rief ſie aus: „Wied iſt es denn ein ſo großes Verbrechen, Zaͤrtlichkeit fuͤr zwei Bruͤder zu fuͤhlen, die man nicht anſehen kann, ohne ſie zu lieben? Warum habt ihr euch taͤglich meinen Augen dargeboten? Bei welchem Volke der Erde iſt dieſe Leidenſchaft, die ihr verdammt, nicht verzeihlich? Verlangt man, daß ich in einen Greis verliebt ſein ſoll, deſſen Liebe ich bisher nur aus Erkenntlichkeit deſſen, was er fuͤr mich gethan 116 201. TDag. hat, geduldet habe? Soll ich denn immerdar das Opfer meiner Erkenntlichkeit ſein?“ „Aber, Herrinn,“ ſagte Ady zu ihr,„wenn dieſe Schwachheit, die ihr beſchoͤnigen wollt, nun auch Nachſicht und Erwiederung von unſrer Seite verdienete, waͤret ihr nicht immer doch zu tadeln, daß ihr ſie zu weit ausdehnet? Sollen wir denn beide, mein Bru⸗ der und ich, der Gegenſtand derſelben ſein?“ „Ich geſtehe,“ antwortete ſie erroͤthend,„daß wirklich etwas Außerordentliches in meiner Leidenſchaft liegt: aber ich bin nicht Herrinn derſelben. Ihr und Dahy, beide ſcheint ihr mir ſo gleich an Wuͤrdigkeit, daß ich mich nicht entſchließen kann, einen zu waͤhlen, ohne nach dem andern zu ſchmachten; und ich koͤnnte mich nicht beruhigen, wenn ihr nicht allebeide meiner Zaͤrtlichkeit entſpraͤchet.“ „Wie?“ rief ich aus:„ihr gedenket alſo wirklich, uns beide zu verleiten? und ihr koͤnnt euch ſchmeicheln, daß ich und mein Bruder uns zu einer ſo abſcheulichen Gemeinſchaft verſtehen wuͤrden?“ „Warum nicht?“ verſetzte ſie:„euch verbindet eine ſo innige Freundſchaft, daß keine Eiferſucht zwiſchen euch obwalten kann.— Kurz,“ fuͤgte ſie hinzu,„ich habe es euch ſchon geſagt: es iſt das Schickſal, wel⸗ ches meine Empfindungen lenkt. Vergeblich iſt es, ihm zu widerſtehen; und wenn ihr mit einer Ungluͤck⸗ lichen, deren Leiden ihr verurſacht, nicht Mitleid habt, Ady und Dahy. 147 ſo verſehet euch, bald meine ſchmachtenden Tage geen⸗ digt zu ſehen, welche ich ſo lange ſchon hinſchleppe.“ Zweihundert und zweiter Tag. Alles was ſie mit uns ſprach, ging immer nur uͤber dieſen Gegenſtand. Ihre Empfindungen, ich ge⸗ ſtehe es, ſchienen mir ſeltſam, und ich konnte ihren Eigenſinn und ihre Hartnaͤckigkeit nicht genug beklagen. Eines Abends, als ich allein mit ihr war, und ſie niedergeſchlagener als gewoͤhnlich war, fragte ich h; welchen neuen Gegenſtand des Kummers ſie aͤtte.. „Grauſamer!“ antwortete ſie mir:„koͤnnt ihr mir noch dieſe Frage thund Bedarf ich noch eines anderen Gegenſtandes des Schmerzes, um in den Zu⸗ ſtand zu gerathen, in welchem ich mich befinde? Iſt eure Haͤrte nicht hinreichend, mich niederzubeugen?“ „Schoͤne Herrinn,“ antwortete ich ihr,„da mein Bruder eben ſo ſchuldig iſt, als ich, warum muͤßt ihr eure Vorwuͤrfe gerade auf mich allein richten?“ „Miſchet euern Bruder nicht mehr mit hinein:“ erwiederte ſie mit ſchmachtender Miene:„er hat fuͤr meine Ruhe alles gethan, was ich von ihm er⸗ wartete.“ 5 118 202. TSag. Ich bekenne euch, daß ich bei dieſen Worten nicht recht gehoͤrt zu haben waͤhnte:. „Ady,“ rief ich aus,„ſagt ihr, hat gethan, was ihr von ihm erwartet habt?“ „Ja,“ antwortete ſie ruhig:„iſt denn das ſo et⸗ was beſonderes, daß ihr euch ſo ſehr daruͤber wun⸗ dert? denkt ihr, daß alle Welt ſo hartherzig iſt, wie ihr? Er hat durch meine Thraͤnen ſich erweichen la⸗ ßen, meiner Zaͤrtlichkeit nachgebend, hat er ſich ſelber ein reizendes Loos bereitet, und er empfindet keine andre Reue dabei, als daß er ſo viel Zeit verloren, bevor er ſich deſſelben verſichert hat.“ „Und ihr ſeid nicht damit zufrieden,“ ſagte ich zu ihr in einer Art von Wuth,„ihn euren Reizen un⸗ terworfen zu haben? ihr wollt noch eine neue Erobe⸗ rung, und waͤhnet, mich ebenſo zu verfuͤhren, wie den allzu willfaͤhrigen Ady?“ „Ja, mein geliebter Dahy,“ erwiederte ſie, in⸗ dem ſie mich mit Augen anblickte, in welchen die luͤhendſte Leidenſchaft ſich lebhaft malte;„ja, die oberung eures Herzens mangelt noch meiner Gluͤck⸗ ſeligkeit. Ach! nachdem ich ſo lange fuͤr euch ſeufze und leide, verdiene ich da nicht einen zaͤrtlichen Be⸗ weis eures Mitleids?“ „Ah! Farſana,“ erwiederte ich,„nach dem was ihr mir eben geſagt habt, kann ich nicht glauben, 4 —— „ Ady und Dahy. 119 daß ihr Ady liebt, weil ihr noch fuͤr ſeinen ungluͤckli⸗ chen Bruder ſeufzet.“ „Ich liebe ihn zaͤrtlich,“ verſetzte ſie;„ich wuͤrde tauſendmal mein Leben hingeben, um ihm genugzu⸗ thun, und die heftige Liebe, welche ich fuͤr ihn hege, iſt es eben, welche meine Liebe zu euch belebt. Ich habe es euch ſchon geſagt: ich finde euch beide ſo aͤhnlich, daß ihr, einer wie der andre, den gleichen Eindruck auf mich macht. Die Gefuͤhle, welche Ady fuͤr mich hegt, wie theuer ſie mir auch ſeien, koͤnnen mich nicht gluͤcklich machen, wenn ich euch nicht gleiche Gefuhle einfloͤfße. Kurz, reizender Dahy, ich ſterbe, wenn ihr nicht alle die Zaͤrtlichkeit erwiedert, welche ich euch bezeuge. Wollt ihr unerbittlicher ſein, als euer Bruder, und errͤthet ihr, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Ah! laßt ab, zu widerſtreben, oder ihr werdet mich vor euren Augen dieß ungluͤckliche Herz durchbohren ſehen, daß ihr nicht wuͤrdig genug geach⸗ tet habt, ſeinen Beſitz zu wuͤnſchen.“ Nachdem ſie alſo geſprochen hatte, vergoß ſie ei⸗ nen Strom von Thraͤnen. Sie warf ſich ſogar mir zu Fuͤßen, mit allen Zeichen der gluͤhendſten Leiden⸗ ſchaft und auf eine Weiſe, welche mich befuͤrchten ließ, daß ſie wirklich ſich ſelber ein Leid anthun wuͤrde, wenn ich darauf beharrete, mich ihrem Wil⸗ len zu widerſetzen.— Wie ruͤhrend iſt eine ſchoͤne Frau in Thraͤnen! und wie ſchwer iſt es, eine uner⸗ 120 202. 203. Ta g. ſchuͤtterliche Entſchloſſenheit zu behaupten, welche ſie mit dieſen Waffen bekaͤmpft!— Was ſoll ich euch mehr ſagen? Ich war eben ſo ſchwach, als mein Bruder; denn er belehrte mich nachmals, daß die verſchmitzte Farſana ſich derſelben Liſt bedient hatte, ihn zu verfuͤhren, das heißt, daß ſie, ohne uns die hoͤchſte Gunſt zu gewaͤhren, uns beide zu verleiten wußte, ſie zu lieben. Nachdem ſie ſo unſern Widerſtand beſiegt hatte, gewann ſie binnen kurzer Zeit ihre Reize wieder; ihre Augen wurden noch glaͤnzender, als zuvor, die Be⸗ friedigung ihres Herzens ſtellte ihre Geſundheit her, und ihre natuͤrliche Heiterkeit zeigte ſich in ihren Handlungen. Ady und ich, wir waren entzuͤckt, ſie wieder ſo ſchoͤn zu ſehen; indeſſen vermochte ihre Schoͤnheit, wie vollkommen ſie auch war, doch in unſeren Herzen keine Eiferſucht zu erregen. Vielleicht haͤtte allerdings die Schoͤne unſre bruͤderliche Eintracht geſtoͤrt, wenn ſie uns voͤllig begluͤckt haͤte. Zweihundert und dritter Tag. Unſere Treuloſigkeit gegen den Brachmanen, ob⸗ wohl ſie nicht ſo weit ging, als ſie gehen konnte, verurſachte uns zuweilen Gewiſſensbiſſe: aber unſere gemeinſame Geliebte war ſo geſchickt in der Kunſt zu Ady und Dahy. 121 gefallen, daß ſie das Geheimnis fand, uns von ei⸗ nem ſo unbequemen Bedenken zu befreien. Sie brachte uns allmaͤhlich bis zur Vergeſſenheit unſers Verbrechens, ohne gleichwohl uns noch ſchuldiger zu machen. Wir hatten fuͤr ſie keine eigentliche Leiden⸗ ſchaft: jedoch fuͤhrten wir ein ganz angenehmes Leben, als unſre zu große Zuverſicht uns das Ungluck zuzog, welches euch gegenwaͤrtig in Verwundrung ſetzt. Ein haͤßlicher ſchwarzer Sklave, namens Torguͤt, ſtand auch im Dienſte des Brachmanen, und ſein ge⸗ woͤhnliches Geſchaͤft war, die Haare einer Tatariſchen Stute zu kraͤuſeln, auf welcher Farſana ritt, wenn ſie friſche Luft ſchoͤpfen und ſich eine Bewegung ma⸗ chen wollte. Dieſer misgeſtaltete Schwarze hatte die Verwegenheit, ſeine Gedanken bis zu ſeiner Gebiete⸗ rinn zu erheben, und ihr eine Liebeserklaͤrung zu machen. Da man ihm nicht mistraute, fand er leicht Gelegenheit dazu, bei einem Spaziergange, welchen die Schoͤne ohne uns machte; denn Kanßu's Befehle beſchaͤftigten uns gerade anderswo. Sie war zu Pferde und er folgte ihr ſehr nahe. Wenn die Natur ihm Misgeſtalt und ein haͤßliches Geſicht gegeben, ſo hatte er dagegen eine ſehr ergetz⸗ liche Gemuͤthsart. Er erzaͤhlte Farſanen Geſchichten, die daran Gefallen fand. Er unterhielt ſie dießmal von mehreren Maͤdchen, deren Gunſt er ſich ruͤhmte erhalten zu haben. 122 203. Tag. „Wie denn, Torguͤt,“ ſagte die Schoͤne laͤchelnd zu ihm,„ein Menſch von deiner Geſtalt macht ſol⸗ ches Gluͤck?“ 3 „Warum nicht?“ antwortete der ſchwarze Sklave: „bin ich nicht ſo gut, wie jeder andre?— Oh wahr⸗ haftig,“ fuhr er fort,„was das betrifft, da bin ich noch lange nicht mit meiner Rechnung fertig, weil ich euch ſelber noch zu meinen Eroberungen zu zaͤhlen ge⸗ denke.“ Auf dieſe Rede des Schwarzen, brach Farſana in neues Gelaͤchter aus. Sie bildete ſich ein, er ſpraͤche ſo nur, um ſie zu beluſtigen. „Du haſt alſo Abſichten auf mich?“ ſagte ſie zu ihm:„es iſt mir lieb, daß ich das weiß; ich werde alles aufbieten, verſichere ich dich, um mich gegen einen ſo gefaͤhrlichen Menſchen, als du biſt, zu ver⸗ wahren.. Torguͤt antwortete in demſelben Tone; ſie erwie⸗ derte auf eine Weiſe, welche ihm ſo freies Spiel gab, daß er ſogar die Unverſchaͤmtheit hatte, und ihr vor⸗ ſchlug, die Gelegenheit zu benutzen, indem er ihr eine Wieſe zeigte, welche, wie er ſagte, ihnen ihre Blu⸗ men darboͤte, um ſie zum Vergnuͤgen der Liebe ein⸗ zuladen.. Da ſie nicht argwaͤhnte, daß er im Ernſte ſpraͤche, ſo ward ſie uͤber dieſe letzte Rede nicht mehr entruͤſtet, als uͤber die vorhergehenden; und dieß gab Anlaß, Ady und Dabhy. 423 daß der Sklave ſeine Frechheit ſo weit trieb, daß die Schoͤne endlich gewahrte, es waͤre kein Scherz. Sie gerieth daruͤber in Zorn, nahm eine gebieteriſche Miene an, wies ihn mit veraͤchtlichen Worten an irgend eine ſeiner wuͤrdige Sklavinn, der er ſeine Antraͤge machen koͤnnte, und drohte ihm ſogar, ſeine Unverſchaͤmtheit Kanßu zu klagen. Dieſer Verweis, zu welchem ſie ſich berechtigt glaubte, brachte nicht die Wirkung hervor, welche ſie davon erwartet hatte. So misgeſchaffen Torguͤt war, dennoch hatte er, trotz dieſer Behandlung, eine ſo hohe Meinung von ſich, daß er ſich einbildete, Farſana verſchmaͤhete bloß deshalb das Anerbieten ſeiner Dienſte, weil ſie heimlich anderweitig dergleichen an⸗ naͤhme. Er war verſchlagen und durchdringend; er kannte den Brachmanen als einen Greis, der eben nicht geeignet war, eine ſo lebhafte Frau treu zu er⸗ halten. Erfuͤllt von dieſem Gedanken, beſchloß er, nichts zu verſaͤumen, um ſie mit dem gluͤcklichen Ge⸗ liebten zu ertappen, der ihm vorgezogen wuͤrde. Er war nur zu geſchaͤftig dabei, es waͤhrte nicht lange, ſo hatte er unſer Einverſtaͤndnis entdeckt, und ſeine Wuth daruͤber gab ihm den Vorſatz ein, uns zu ver⸗ derben. Er entdeckte Kanßu die Treuloſigkeit gegen ihn, und ſagte ihm noch viel mehr bavon, als er ge⸗ ſehen hatte, um ſeinen Zorn zu reizen. 124 203. Tag. Der Brachman war durch dieſe Nachricht hoͤchſt be⸗ troffen, und wollte ſich ſelber von der Sache uͤberzeu⸗ gen. Er gab eine Reiſe von etlichen Tagen vor, und waͤhrend dieſer verſtellten Abweſenheit, fand er Gelegen⸗ heit, mich und Ady zu uͤberraſchen. Farſana hatte uns erlaubt, uns mit ihr zu baden, und wir hatten uns alle drei in dem Badezimmer verſchloſſen. Aber es half uns nicht, alle moͤgliche Vorſicht gebraucht zu haben, damit wir nicht entdeckt wuͤrden, die Wiſſen⸗ ſchaft des Brachmanen vereitelte unſere Vorkehrungen. Die Thuren oöͤffneten ſich bei ſeiner Annaͤherung, er erſchien vor unſeren erſchrockenen Augen wie ein furcht⸗ barer Richter. Unſre Nacktheit erlaubte uns nicht, uns zu ſeinen Fuͤßen zu werfen, um ſeine Gnade anzu⸗ flehen, wir tauchten im Waſſer unter, um unſre Be⸗ ſchaͤmung zu verbergen. Wollte der Himmel, dieſes Element haͤtte ebenſo unſer Verbrechen bedecken koͤnnen, wie es unſere Leiber verhuͤllte! Farſana, dreiſter als wir, wollte ſich entſchuldi⸗ gen. Sie bemuͤhte ſich, ihr Vergehen durch Reden zu beſchoͤnigen, welche Kanßu's Wuth nur vermehrten. Er warf uns allen dreien Blicke zu, welche ſeine Rache verkuͤndigten: „Ihr Verraͤther,“ ſprach er zu mir und meinem Bruder,„die grauſamſten Qualen waͤren noch zu leichte Strafen fuͤr euer Verbrechen: aber da ihr, als Geiſter, nicht dem Tod unterworfen ſeid, ſo will ich — Ady und Dahy. 1225 euch in einen ſolchen Zuſtand verſetzen, der fuͤr euch hundertmal truͤbſeliger ſein ſoll, als dieſer Tod, von welchem ihr ausgenommen ſeid.— Und du, Elende,“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich zu der Frau wandte, „da die Ehre meines Bettes und meine Gute dich nicht verpflichten konnten, mir treu zu ſein, ſo ſollſt du auch fuͤr deine Undankbarkeit beſtraft werden.“ Zu gleicher Zeit begann er, ohne auf unſere Ent⸗ ſchuldigungen und Wehlagen zu hoͤren, ſeine Beſchwoͤ⸗ rungen. Wie fuͤrchterlich waren dieſe! die Luft ward im Augenblick dadurch verdunkelt; dichte Finſterniß vertrieb das Tageslicht aus dem Zimmer, worin wir uns befanden; wir hoͤrten den Donner rollen mit ſchrecklichem Getoͤſe; die Winde ſtuͤrmten wuͤthend heran, und wir fuͤhlten die Erde beben unter unſeren Fuͤßen. Zweihundert und vierter Tag. Wir blieben zwei Stunden lang in dieſer furchtba⸗ ren Finſternis und in Erwartung der Strafe, welche uns bevorſtand; hierauf ward die Luft wieder heiter, wie zuvor, und der Tag leuchtete wieder. Aber wie groß war unſer Erſtaunen, als wir, ich und mein Bruder, anſtatt in einem praͤchtigen Palaſt und in den reichen Badezimmern zu ſein, uns auf einem duͤrren Gefilde befanden, bedeckt mit Lumpen, und in der Geſtalt zweier kleiner misgeſtalter Greiſe, ſo wie ich in dieſem Augenblick, ſchoͤne Kadidſche, vor euch ſtehe. „Undankbare!“ ſprach der Brachman zu uns, „empfanget endlich die Strafe eures Verbrechens. Die Macht und die Kunde, welche euer Rang, als Geiſter, euch uͤber die Dinge der Natur gab, ſollen euch fortan zu nichts mehr dienen, oder vielmehr, ihr ſollt derſelben beraubt und zu dem gemeinen Schickſale der Menſchen erniedrigt werden, wie ihr gegenwaͤrtig zu ſein ſcheinet. Ihr ſollt nichts mehr wiſſen und vermoͤgen, als was ſie vermoͤgen und wiſ⸗ ſen; ausgenommen, daß ihr nicht, wie ſie der Gewalt des Todes unterworfen ſeid, ſollt ihr von allen Vorzuͤ⸗ gen entbloͤßt ſein, deren ihr zuvor euch erfreutet.“ Nachdem Kanßu dieſes Urtheil ausgeſprochen hatte, wollte er noch von allen Umſtaͤnden unſrer Treuloſig⸗ keit unterrichtet ſein. Wir erzaͤhlten ſie ihm ganz un⸗ befangen. Wir ſagten ihm, welche Ueberraſchung uns Farſana's Erklärung verurſacht hatte; welche An⸗ ſtrengungen wir gemacht, um ſie von ihrem Eigenſinne zu heilen; die inneren Kaͤmpfe, welche wir ausgehal⸗ ten, bevor wir uns ergeben; die Liſt, welche die Schoͤne angewandt, uns zu verfuͤhren; und endlich bezeugten wir umſtaͤndlich die Reue, welche wir em⸗ pfaͤnden, ſein Vertrauen getaͤuſcht zu haben. Alles dieß wirkte auf ihn, und er wurde durch unſre Reue geruͤhrt. Er erkannte wohl, daß mehr Ady und Dahy. 127 Schwachheit, als Bosheit in unſerm Betragen obge⸗ waltet haͤtte; und da er uns immer liebgehabt, ſo erweichte ſich ſein Herz zu unſeren Gunſten. „Meine Kinder,“ ſprach er zu uns,„die Beſchwoͤ⸗ rung, welche ich eben vollbracht habe, iſt zu ſtark, als daß ich euch eure vorige Geſtalt wiedergeben koͤnne: aber ich kann die Haͤrte eures Schickſals etwas lin⸗ dern. Ihr ſollt eure natuͤrliche Geſtalt und alle da⸗ mit verbundenen Vorzuͤge wieder annehmen, wenn jeder von euch ein junges Maͤdchen unter zwanzig Jahren findet, welche euch liebt.“ 12 „Ah! Herr,“ rief mein Bruder bei dieſen Worten aus,„auf welche Hoffnung verweiſet ihr uns? Und welches Maͤdchen wird einen ſo ſchlechten Geſchmack haben, um fuͤr Geſtalten, wie die unſrigen, Liebe zu empfinden?“ „Es iſt nicht unmoͤglich, daß es doch geſchehe,“ erwiederte der Brachman;„getroͤſtet euch dieſer Hoff⸗ nung, und ſeid verſichert, daß ihr nur unter dieſer Bedingung in euern vorigen Zuſtand zuruͤckkehren koͤn⸗ net.— Meine Freunde,“ fuhr er fort,„gehet hin, euer Schickſal zu erfuͤllen: ihr muͤßt euch trennen, und jeder von euch allein ſein Heil verſuchen.“ Hierauf wies er uns den Ort an, wo wir uns gewoͤhnlich aufhalten ſollten, es war ungefaͤhr ſechzig Stunden von einander. Noch ließ er jedem von uns funfzigtauſend Zeckienen aus ſeinem Schatze geben, 128 1 204. T ga g. damit wir anſtaͤndig leben koͤnnten, ſo lange unſer Misgeſchick waͤhrete. Er ließ uns auch unſere Lumpen ablegen, und unſerm Stande gemaͤßer kleiden. Dar⸗ nach umarmte er uns, und wuͤnſchte unſerm Ungluͤck ein baldiges Ende. In Ruͤckſicht Farſana's war er unerbittlich: er verwandelte ſie in einen Froſch und verbannte ſie in einen Sumpf, wo er ihr Torguͤt zum Geſellſchafter gab, nachdem er durch die Macht ſeiner Kunſt erkannt hatte, daß dieſer Sklave ihm nur aus Bosheit das Verbrechen ſeiner Gebieterinn entdeckt hatte, weil er nicht ſo gluͤcklich geweſen war, ihr zu gefallen. So waren der Anklaͤger und die Angeklagte, beide⸗ ſammt verdammt, ihre uͤbrigen Tage in einem und demſelben Sumpfe zu verleben, wo nur, wenn irgend etwas, die Hoffnung ſie troͤſten konnte, einer des an⸗ dern Pein zu ſein. Als ich mit meinem Bruder den Brachmanen ver⸗ laßen hatte, ſchickten wir uns an, uns jeder nach dem Orte hin zu begeben, welcher uns angewieſen war. Wir trennten uns unter vielen Thraͤnen, da wir uns nicht eher wiederſehen ſollten, als nach der Ruͤckkehr in unſern vorigen Zuſtand: was uns ſehr weitausſehend ſchien, wenn wir an die Bedingung dachten, woran dieß geknuͤpft war. Ady und Dahy. 129 Zweihundert und fuͤnfter Tag. So bald ich in der Stadt angekommen, wo ich meinen Wohnſitz nehmen ſollte, war ich darauf be⸗ dacht, meine funfzigtauſend Zeckienen zu Rathe zu halten, da ich wohl einſah, daß ich Sparſamkeit noͤ⸗ thig haͤtte, um nicht Mangel an Gelde zu leiden, bevor ich gluͤcklich das Ziel erreichete, wonach ich trach⸗ tete. Es fiel mir ein, mich auf den Handel zu le⸗ gen; und ſo wohl durch mich ſelbſt als durch die Handelsfreunde, welche ich mir erwarb, ſah ich mich binnen weniger als drei oder vier Jahre, im Stande, einen anſtaͤndigen Aufwand zu machen, ohne mein Vermoͤgen zu ſchmaͤlern. Um aber den Ausſpruch des Brachmanen zu er⸗ fuͤllen, mußte ein junges Maͤdchen gefunden werden, welche an mir Gefallen finden konnte. Gluͤcklicher⸗ weiſe waren in unſrer Stadt die Frauen nicht in ih⸗ ren Harems verſperrt, wie anderswo im Morgenlande. Sie genoſſen dort einer anſtaͤndigen Freiheit. Ich ſahe⸗ taͤglich Frauen; ich machte ihnen Geſchenke; ich war bei allen Luſtbarkeiten; kurz, ich that alles, was von mir abhing um den Einfluß des boͤſen Geſtirns, das mich verfolgte, abzuwenden. Durch ſolche Lebensart machte ich mich bald bei aller Welt beliebt: IV. 9 130 205. Tag. „Der gute Mann!“ ſagte man:„es ſcheint, daß er nur fuͤr das Vergnuͤgen geboren iſt. Was muß der nicht in ſeiner Jugend geweſen ſein, da er, mit finem Fuße im Grabe, noch ſo ſehr ſich zu erluſtigen iebt? Die Frauen vor allen erhuben mich bis uͤber die Sterne, und ſtellten mich ihren Maͤnnern zum Muſter auf. Nur einige muͤrriſche Ehemaͤnner hielten ſich uͤber mein Betragen auf: „Iſt dieſer Menſch,“ ſagten ſie von mir,„nicht ein rechter Narr, nach Vergnuͤgungen zu jagen, welche er nicht mehr genießen kann?““ Ich fuͤr mein Theil, da ich mein Ziel im Auge hatte, ich lachte uͤber alles, was man auch ſagen mochte, und ging ungeſtoͤrt auf meinem Wege fort. Indeſſen, wie ſehr ich mich auch in Bewegung ſetzte, welche Geſchicklichkeit ich auch anwandte, Liebe einzu⸗ flößen, es wollte mir nicht gelingen. Ich beſchraͤnkte mich nicht auf die Stadt, welche ich bewohnte, obwohl es darin eine große Menge jun⸗ ger Maͤdchen gab; ich machte mehrere Reiſen, uͤber funfzig Stunden in der Runde: aber ich aͤrntete keinen andern Gewinn davon, als, zu erfahren, daß ich nicht gefallen konnte. Mehr als zweihundert Jahre ſind uͤber dieſe fruchtloſe Bemuͤhung vergangen; ich war das Erſtau⸗ nen aller Welt; man begriff nicht, wie ich immer ſo Ady und Dahy. 131 fortleben konnte. Ich hatte ſchon dreimal die Jugend der Stadt ſich erneuern geſehen; ich begrub alle, die mich ſchon ſo abgelebt bei meiner Niederlaßung dort geſehen hatten, ſo wie die Kinder ihrer Kinder. Je⸗ dermann fluͤſterte ſich ins Ohr: „Was fuͤr eine Art Menſchen iſt dieſer? man be⸗ merkt an ihm durchaus keine Veraͤnderung.“ Die aͤlteſten Vaͤter zeigten mich ihren kleinen Kin⸗ dern mit dem Finger, und ſagten ihnen: „Sehet da den guten Dahy; waͤhnet nicht, daß ich ihn jemals juͤnger geſehen habe: immer habe ich ihn ſo alt und ſo gebrechlich gekannt, als er euch gegenwaͤrtig erſcheint; und ich habe in meiner Jugend meinen Großvater ſagen gehoͤrt, daß er ihn nie an⸗ ders geſehen hat.“ Das gemeine Volk nannte mich nur den ewigen Greis, und die Gelehrten nannten mich den Indi⸗ ſchen Neſtor, hinzufuͤgend, daß ich mehr Menſchen⸗ alter geſehen haͤtte, als der Griechiſche. „Ich wußte nicht mehr, was ich vornehmen ſollte, nachdem ich mich vergeblich bemuͤht hatte, geliebt zu werden, und ich kehrte nach Maßuͤlipatam zuruͤck, der Stadt, wo ich eigentlich wohne, als ich euch mit eurer Schweſter begegnete. Die Worte, welche ich zu euch ſagte, reizende Kadidſche, gaben euch genugſam zu erkennen, daß ich von euerm Anblicke bezaubert war. 132 205. Tag. Aber, ach! ich bemerkte nur zu ſehr, wie unange⸗ nehm euch der meine war.“ Hiemit beſchloß Dahy ſeine Geſchichte, und er konnte ſie nicht vollenden, ohne Thraͤnen zu vergießen, weniger im Andenken ſeines vergangenen Gluͤcks, als aus Schmerz, den Abſcheu ſeiner jungen Geliebten auf ſich gezogen zu haben.— Kadidſche war uͤber ſeine Betruͤbnis geruͤhrt, und glaubte, ihn troͤſten zu muͤßen: „Edelmüͤthiger Dahy,“ ſprach ſie zu ihm,„ich empfinde euer Ungluͤck mit euch: es iſt ſo ungewoͤhn⸗ lich daß ich es nicht glauben wuͤrde, wenn ihr ſelber es mir nicht erzaͤhlt haͤttet. Warum kann ich es nicht lindern! Ihr wuͤrdet ſehen, wie erkenntlich Kadidſche fuͤr alles iſt, was ihr an ihr gethan habt. Ihr wer⸗ det mir vielleicht einwenden, daß es nur bei mir ſteht, es zu enden; daß ich euch nur lieben darf, um euch eure erſte Geſtalt wiederzugeben: aber kann ich mei⸗ nem Herzen gebieten?“ 4 „Ahl ſchoͤne Kadidſche,“ unterbrach ſie der Greis, „iſt das aller Troſt, welchen ihr mir gebet? Er ſchaͤrft vielmehr mein Leid, als daß er es lindere.“ „Das iſt alles, was ich fuͤr euch thun kann,“ erwiederte Kadidſche:„wenn es mir unmdoglich iſt, den natuͤrlichen Abſcheu zu uͤberwinden, welchen ich gegen die Geſtalt, die ihr meinen Augen darbietet, Ady und Dahy. 6 135 gefaßt habe, koͤnnt ihr ihn mir uͤbel nehmen, weil ſie euch nicht angehoͤrt?“ „Ach!“ verſetzte Dahy, indem er einen tiefen Seufzer holte,„ich bin ſchon an dieſe Geſtalt ge⸗ woͤhnt, weil ich nicht mehr hoffe, die meinige wieder anzunehmen.“ „Der Brachman,“ erwiederte ſie,„hat euch in⸗ deſſen voraus geſagt, daß es dennoch wohl geſchehen koͤnnte, und ihr duͤrft nicht die Hoffnung dazu aufge⸗ ben. Euer Muth wird euch dieſe unwuͤrdige Schwach⸗ heit beſiegen lehren, welche ihr fuͤr mich fuͤhlet. Ihr werdet durch die Gleichguͤltigkeit, welche ein Maͤdchen euch beweiſet, die nicht eure Aufmerkſamkeit verdient, ermuͤdet werden; ihr werdet irgend eine andere lieben, die eure Zuneigung zaͤrtlich erwiedert, und euch jene reizende Geſtalt wiedergibt, deren Verluſt ihr mit Recht ſo ſehr beklaget.“ Zweihundert und ſechſter Tag. Die junge Kadidſche beklagte den ungluͤcklichen Greis, da ſie nichts anderes zu ſeinem Troſte thun konnte; aber das Mitleid, welches ſie mit ſeinem Schickſale fuͤhlte, war nicht ihre einzige Beſchaͤftigung. Sie hatte noch andere, geheime Unruhe: ihr Herz war ſeit ihrem Traume nicht mehr ganz frei. Jenes 154 1 206, Tag. liebenswuͤrdige Traumbild, deſſen Antlitz und blonde Locken ſie gefangen hatten, ſtellte ſich unaufhoͤrlich vor ihre Seele; ſie konnte ſich manchmal nicht erweh⸗ ren bei dem Gedanken daran zu ſeufzen. Die Worte welche ſie von ihm gehoͤrt hatte:„betrachte mich, und du ſiehſt in mir denjenigen, den der Himmel dir zum Gatten beſtimmt hat,“ ſchienen ihr etwas Ge⸗ heimnisvolles zu enthalten, und ſie dachte wider ihren Willen daran. Unterdeſſen wogte das Schiff dahin, und binnen vierzehn Tagen hatte es ſchon uͤber fuͤnfhundert Stun⸗ den zuruͤckgelegt. Da drehte ſich der Wind, und es erhub ſich ein Unwetter, welches, ohne unſere Rei⸗ ſenden ſonſt zu gefaͤhrden, ſie betraͤchtlich von ihrem Wege verſchlug. Sie wurden einige Tage lang hin und her geworfen, und bald auf die eine bald auf die andre Seite getrieben. Endlich befanden ſie ſich im Angeſicht einer Inſel, die ihnen, ſo wie dem Schiffshauptmann und den uͤbrigen Leuten auf dem Schiffe unbekannt war. Sie naͤherten ſich derſelben, und erblickten eine große Stadt, welche ſtufenweiſe am Geſtade emporſtieg, und einen praͤchtigen und bequemen Hafen bildete. Da die See noch hoch ging, ſo wurde ein Boot ab⸗ geſchickt, daſelbſt um eine Zuflucht zu bitten, welche auch bewilligt wurde. 1 Ady und Dahy. 135 Sie liefen alſo in den Hafen ein, und blickten ſich nun auf allen Seiten um, den Bau dieſer Stadt zu betrachten, welche durch ihre halbmondfoͤrmige Geſtalt, ihnen die Arme zur Zuflucht gegen den Sturm zu oͤff⸗ nen ſchien. Die Haͤuſer ſchienen mehr dauerhaft als angenehm gebauet. Es waren hohe und weite Thuͤrme von gehauenen Steinen, mit Kupfer gedeckt. Das Volk wimmelte in den Straßen, und bald wurden die Reiſenden es inne; denn kaum hatten ſie Anker geworfen, als ſie ſich auf allen Seiten von einer gro⸗ ßen Menge Fahrzeuge umringt ſahen, die herankamen, und aus welchen eine zahlloſe Menge Leute ausſtiegen und anfingen unſer Schiff zu erklimmen. Sie waren von Geſicht und Leibesgeſtalt uns faſt aͤhnlich: aber ihr Blick, ihre Gebaͤrde und ihre Miene ſchien uns ſo außerordentlich, oder richtiger zu ſagen ſo widernatuͤr⸗ lich, daß mit Recht zu zweifeln war, ob es wirklich Menſchen waͤren. Ihre Kleidung war nicht weniger ſeltſam, als ihr Benehmen. Sie trugen lange Roͤcke von Baumwollen⸗ zeug, worauf man in weiß, gruͤn und gelb, mancherlei Teufelsgeſtalten gemalt ſah, mit Flammen und ande⸗ ren wunderlichen Gebilden; und auf dem Kopfe tru⸗ gen ſie eine hohe ſpitze Muͤtze von Pappe, ebenfalls mit bunten Farben bemalt. Das erſte, was dieſe Inſelbewohner thaten, ſo bald ſie auf dem Verdecke des Schiffs waren, beſtand 136 206. T ag. darin, daß ſie die Reiſenden in mehrere Reihen ſtell⸗ ten. Die meiſten wollten ſich dieſe vertrauliche Be⸗ handlung nicht gefallen laßen, und ſtraͤubten ſich, in Reihe und Glied zu treten: aber die Leute aus der Stadt liebten nicht, daß man ihren Gebraͤuchen wi⸗ derſtrebte, nahmen eine gebieteriſche Miene an, welche keinem verſtattete, ſich zu widerſetzen, und ſie ſtellten alle, wider ihren Willen auf. Nachdem ſie ſo die Widerſpenſtigen fuͤgſam gemacht hatten, durchgingen ſie die Reihen. Sie unterſuchten genau einen jeden von der Schiffsbeſatzung, drehten ihn nach Gefallen hin und her, beinahe wie diejenigen thun, die auf den oͤffentlichen Maͤrkten Sklaven kaufen. Sie hielten ſich beſonders dabei auf, die Zaͤhne und die Haare zu beſchauen, und zaͤhlten ſehr ſorgfaͤltig alle Runzeln eines Geſichts. 31 Die Reiſenden, wohl wiſſend, daß ſie nicht die ſtaͤrkeren waren, hatten weislich den Entſchluß gefaßt, ſich zu unterwerfen, und erwarteten mit großer Un⸗ ruhe, wo eine ſo beſondere Unterſuchung hinaus wollte. Der Ausgang war gleichwohl ganz anders, als ſie dachten. Die Beſchauer ſtellten die alten Matroſen beiſeite, und ſchienen ſie mit Auszeichnung zu betrach⸗ ten, als ſie Dahy, Kadidſche und die alte Sklavinn hervorkommen ſahen, die ſich bisher in der Kammer unter dem Hinterdecke verborgen gehalten hatten und nicht mit in die Reihe geſtellt waren. Bei dieſem Ady und Dahy. 137 Anblicke war der Anfuͤhrer des Volks, der einer von den vornehmſten Herren der Stadt und Hauptmann von der Leibwache des Koͤnigs der Inſel war, au⸗ ßer ſich vor Freuden und Verwundrung. Er heftete beſonders ſeine Blicke auf die alte Sklavinn, und da er ſie der Ehre ſeines Bettes wuͤrdig erkannte, naͤ⸗ herte er ſich ihr, und warf ſich ihr zu Fuͤßen. Er machte ihr ein Geſtaͤndnis ſeiner Leidenſchaft, welche ſie ihm eben erſt eingefloͤßt hatte, und erklaͤrte ihr ſeine Abſicht, ſie in ſein Harem aufzunehmen und zu ſeiner Favoritinn zu machen. Sie ergab ſich gutwillig den lebhaften Bewerbungen des Befehlshabers; denn es waͤre auch fruchtlos geweſen, ſich denſelben dzu widerſetzen. Er uͤbergab ſie dem Vertrauteſten ſeiner Leute, befahl ihm, mit ſeinem Kopfe fuͤr ſie zu haf⸗ ten, und ſchaͤrfte ihm vor allen Dingen ein, zu ver⸗ hindern, daß jemand ſich die geringſte Freiheit gegen ſie herausnaͤhme. Zweihundert und ſiebenter Tag. Der weiſe Dahy, verwundert uͤber dieſen verkehr⸗ ten Geſchmack, ſagte bei ſich ſelber: „Es muß in dieſem Lande keine Frauen geben, weil ſogar eine Alte im Stande iſt, einen ſo ſtarken Eindruck zu machen.“ 138 2074. T a g. Dieſer Gedanke beunruhigte ihn ſehr, wegen Ka⸗ didſche, da er vorausſah, daß ihre Reize fuͤrchterliche Wirkungen fuͤr ihn hervorbringen wuͤrden: aber bald zerſtreuten ſich ſeine Beſorgniſſe. Seine junge Ge⸗ liebte hatte gar nichts an ſich, was den Geſchmack der Inſelbewohner reizen konnte; und wenn ihr einige Gefahr bei ihnen drohte, ſo war es nicht die, welche er fuͤrchtete..— Er zitterte noch fuͤr ſie, als derſelbe Befehlshaber, der bei dem Anblicke der alten Sklavinn ſo entbrannt war, zufaͤllig ſeine Augen auf das junge Maͤdchen warf. Verwundert, ſie ſo reich gekleidet zu ſehen, ſagte er mit rauhem Tone zu ihr: „Du kleine, biſt huͤbſch gekleidet fuͤr ein ſo haͤßli⸗ ches Maͤdel!“— Zu gleicher Zeit wandte er ſich zu einem ſeiner Bedienten, rief ihn bei Namen, und ſagte zu ihm: „Fuͤhre dieſe garſtige Dirne in mein Arbeitshaus, und laß ſie dort die niedrigſten Dienſte verrichten.“ Bei dieſen harten Worten konnte Kadidſche ſich ei⸗ nes Schauders nicht erwehren. Der Schmerz, ſich ſo unwuͤrdig behandelt zu ſehen, war ſtaͤrker, als die Standhaftigkeit eines Maͤdchens von ihrem Alter. Sie wandte wehmuͤthig ihre Augen zu Dahy, als wenn ſie ihn, in dieſer ſchrecklichen Lage um Huͤlfe anfle⸗ hete; und da ſie in ſeinen Blicken ſo wohl ſein Un⸗ vermoͤgen, als ſeine Betruͤbnis las, nahm ſie ihre Ady und Dahy. 139 Zuflucht zu Thraͤnen: aber um dieſe Unmenſchen, die ſie ihr auspreßten zu ruͤhren, haͤtte ſie triefende un blutrothe Augen haben muͤßen. 8 Eine Schaar von Untergebenen ſchleppte die un⸗ gluͤckliche Kadidſche, ungeachtet ihres Weinens und Schreiens, mit ſich fort. Bei dieſem Schauſpiele konnte Dahy ſeinen Schmerz nicht maͤßigen; er er⸗ fuͤllte die Luft mit Seufzen und Wehklagen. Waͤhrend er ſo das Schickſal ſeiner Geliebten be⸗ jammerte, betrachteten die Inſelbewohner ihn mit Aufmerkſamkeit. Die Reize, welche ſie an ſeiner Ge⸗ ſtalt fanden, dieſe Runzeln, dieſer unter der Laſt der Jahre gekruͤmmte Ruͤcken, dieſe verdrehten und ge⸗ knickten Beine, dieſes olivenfarbige, mit Warzen be⸗ ſaete Geſicht, kurz, alles was dazu diente, Kadidſche'n Abſcheu gegen ihn zu erregen, ward der wuͤrdige Ge⸗ genſtand der Bewunderung fuͤr dieſes Volk. Dieſe Bewunderung war eine zeitlang ſtumm; das Ueber⸗ maaß ihres Erſtaunens ließ es anfangs nicht zu, es auszudruͤcken: aber auf einmal brachen ſie dieſes Stillſchweigen, durch Ausrufe der Freude, denen ſie ſich ruͤckhaltlos hingaben. Man hoͤrte nichts als ein verworrenes Geſchrei von Lobeserhebungen und Bei⸗ fallsbezeigungen. Der Befehlshaber ſelbſt vergaß der Wuͤrde ſeines Amts, und ſtimmte in dieß Zujauchgen der uͤbrigen mit ein. Er that noch mehr; er naͤherte ſich Dahy, 140* 207. Ta g. warf ſich ihm zu Fuͤßen, ſetzte ſeine pappene Muͤtze auf den Boden, um ihm noch mehr Ehrfurcht zu be⸗ zeigen, und ſprach zu ihm: „Reizender Greis, wir verdienen keine Verzeihung, daß wir euch nicht eher die tiefe Ehrfurcht erwieſen haben, welche wir euch ſchuldig ſind. Was mich be⸗ trifft, ich geſtehe es, ich war ganz von dem Glanze der ſchoͤnen Frau geblendet, welche ihr mit euch her⸗ gebracht habt, und die ich in mein Harem habe fuͤh⸗ ren laßen. Indeſſen, wie eingenommen ich auch fuͤr ſie war, ſo kann ich doch nicht umhin zu bekennen, daß eure Schoͤnheit noch die ihrige uͤbertrifft. Geſtat⸗ tet, daß man euch nach dem Palaſt unſrer Koͤniginn fuͤhre: ich zweifle nicht, daß dieſe große Fuͤrſtinn bei euerm Anblicke entzuͤckt ſei, und euch alle die Ehre erweiſe, welche euch gebuͤhrt. Sie hat in ihrem gan⸗ zen Harem keinen Greis, den ihr nicht verdunkeltet.“ Der Befehlshaber wollte fortfahren, ihm das Gluͤck zu ruͤhmen, welches ihn erwartete, als Dahy ihn unwillig unterbrach, und zu ihm ſagte: „Anſtatt mir alle dieſe ſchnoͤden Reden zu ſagen, gebet mir das junge Maͤdchen wieder, welche ihr mir entfuͤhrt habt.“ 1 „Wen?“ antwortete der Befehlshaber:„dieſe kleine Jaͤmmerliche? Ah! ſchoͤner Greis, nehmet euer wuͤrdigere Geſinnungen an, und denket nur Ady und Dahy. 141 daran, unſerer Großen Koͤniginn Scheherbanu zu gefallen, der wir euch vorfuͤhren wollen.“ Mit dieſen Worten, faßte er und ſein Gehuͤlfe Dahy unter die Arme, und beide fuͤhrten ihn wider ſeinen Willen nach dem Palaſt. Zweihundert und achter Tag. Bei dieſer Gewaltthaͤtigkeit, welche Dahy fuͤr eine Beleidigung hielt, welche man ihm anthat, um ſein Alter und ſeine leiblichen Gebrechen laͤcherlich zu ma⸗ chen, ſtellte er traurige Betrachtungen an:„Wie ſelt⸗ ſam iſt mein Schickſal!“ ſagte er bei ſich ſelber, waͤhrend man ihn fortſchleppte.„Wer ſollte glauben, daß ein Geiſt bis zu dieſer Ohnmacht und Beduͤrftig⸗ keit gebracht werden konnte, worin ich mich befinde? Es iſt nicht der kleinſte Uebelſtand meines Ungluͤcks, daß ich ſo den Kindern Adams zum Spielballe die⸗ nen muß.“ Als er vor Scheherbanu kam, konnte dieſe Koͤni⸗ ginn ihn nicht ohne Bewunderung anblicken, noch ſich erwehren, Liebe fuͤr ihn zu fuͤhlen: „ wundervoller Greis,“ rief ſie aus,„aus wel⸗ chem Lande koͤmmſt du, und welche guͤnſtige Gottheit hat dich auf dieſe Inſel gefuͤhrt, um die Zierde der⸗ ſelben zu ſein? Wir wiſſen nicht, daß unſerm Volke 3 208. T a g. 4 jemals ein gleiches Gluͤck zu Theil geworden ſei: auch wollen wir ſogleich dffentlich tauſendfaͤltig unſre Freude kund thun, von welcher wir durchdrungen ſind.“ Hierauf wandte ſie ſich zu den vornehmſten Herren ihres Hofes, und ſprach: „Cheilet die zaͤrtlichen Gefuͤhle, welche mich be⸗ ſeelen, und ſeid nicht minder eifrig fuͤr den Ruhm eu⸗ res Vaterlandes, als eure Koͤniginn.. Sie hatte dieſe Worte noch nicht ausgeſprochen, als die Hofleute, wie getreue Unterthanen der Abſicht Ihro Majeſtaͤt zuvoreilend, ſich mit dem Angeſicht auf den Boden und mit dem Hute in der Hand, vor Dahy niederwarfen. Sie blieben lange in dieſer Stel⸗ lung liegen, ohne zu reden, noch irgend ein Lebens⸗ zeichen von ſich zu geben; ſodann ſtanden ſie wieder auf, und riefen allzumal aus: „Es lebe, es lebe der unvergleichliche Greis, der vor unſeren Augen erſcheint, wie die Sonne, wenn ſie, nachdem ſie den Wendekreis des Steinbocks ver⸗ laßen, zu dem des Krebſes zuruͤckkehrt! Er lebe! Er ſei immerdar der gluͤckliche Liebling unſrer großen Koͤniginn Scheherbann! Moͤge der erhabene Be⸗ ſchuͤtzer dieſer Inſel, der alte Affe, den wir anbeten, auf ihn einen gnäͤdigen Blick werfen!“ . Nach dieſem Empfange, welcher dem Greiſe nicht ſo ſehr geſiel, wie die Koͤniginn ſich einbildete, ließ dieſe Fuͤrſtinn ihn durch den Oberſten ihrer Verſchnit⸗ Ady und Dahy. 143 tenen in das ſchoͤnſte Zimmer des Harems fuͤhren. Dieſes Zimmer war mit Binſenmatten umhaͤngt. Nichts galt in dieſem Lande fuͤr geſchmackvoller und praͤchtiger, als dieſe Art von Verzierung; ſie gehoͤrte zum Luxus: Dahy aber, ob aus Misvergnuͤgen, oder ſonſt, wurde nicht davon geblendet; kaum wuͤrdigte er dieſe Pracht eines Blickes; alles was er ſah, ſchien nur ſeinen Kummer zu vermehren. Waͤhrend er die Haͤrte ſeines Geſchicks beklagte, trat die Koͤniginn, ohne Gefolge, in ſein Zimmer, und ſprach zu ihm: „Werdet ihr mir verzeihen, daß ich euch einige Augenblicke allein gelaßen habe?“ „Ei ja,“ antwortete Dahy mit verdrießlicher Miene;„und wollte der Himmel, daß ihr mich mein lebelang allein ließet.“ „Undankbarer,“ erwiederte die Fuͤrſtinn,„erwie⸗ derſt du ſo die Geſinnungen, welche ich gegen dich hege?“— „Ich bitte euch,“ entgegnete er,„hoͤret auf, mich zu verſpotten: haltet ihr mich fuͤr unſinnig genug, mir einzubilden, daß meine Geſtalt euch einnehme? Nein, nein, ich weiß nur zu gut, daß ſie geeigneter iſt, Abſcheu zu erregen, als zaͤrtliche Gefuͤhle einzu⸗ floͤßen.”“ 114 „Du ſetzeſt mich in Erſtaunen,“ ſagte die Koͤni⸗ ginn,„daß du nicht beſſer die Wirkung kenneſt, welche 144 208. Tag. dein Anblick auf alle Herzen macht. Kann man genug dieſes hohe Alter bewundern, welches ſich in deiner ganzen Geſtalt kund gibt? es erſchien nimmer jemand in ſolchem Glanze.“—. Hierauf ließ ſie ſich in eine umſtaͤndliche Herzaͤh⸗ lung aller der bewundernswuͤrdigen Eigenſchaften ein, welche ſie an ihm entdeckte; und that dieß mit einem ſo leidenſchaftlichen Ausdrucke, daß Dahy nicht zwei⸗ feln konnte, ſie ſpraͤche im voͤlligen Ernſte. Das Entzuͤcken Scheherbanu's erregte aber Dahy's Zorn; er warf ihr ihren ſchlechten Geſchmack vor, und erklaͤrte ihr, da er nicht ihr Unterthan waͤre, ſo duͤrfte ſie ihn nicht als ihren Sklaven behandeln: „Laßt mir meine geliebte Kadidſche wiedergeben,“ fuhr er fort,„und verſtattet, daß wir beide uns von hier entfernen.“ „Ha! grauſamer,“ rief die Koͤniginn ſchmerzlich aus,„du kannſt dich entſchließen, mich zu verlaßen? Dieß allgemeine Zujauchzen, das deine Ankunft be⸗ gleitet, dieſe Ehre, die man dir bewieſen hat, alles dieß iſt nicht im Stande, dir die geringſte Gefaͤlligkeit fuͤr die unwiderſtehliche Leidenſchaft einzufloͤßen, welche ich fuͤr dich empfinde?“ Bei dieſen Worten verlor der Greis, anſtatt ſich erweichen zu laßen, all ſeine Zuruͤckhaltung, er konnte ſeine Ausdruͤcke nicht mehr maͤßigen, und hatte die Ady und Dahy. 145 Unverſchaͤmtheit zu der Koͤniginn zu ſagen, ſie muͤßte ſicherlich den Verſtand verloren haben. Zweihundert und neunter Tag. Wie ſehr Scheherbanu fuͤr Dahy eingenommen war, doch fuͤhlte ſie ſich durch ſeine Heftigkeit belei⸗ digt. Sie hatte gleichwohl die Kraft, ſich zu verſtel⸗ len; ſie verſuchte ſogar noch die Guͤte, um ihn zu ruͤhren: als ſie aber ſah, daß er dadurch nicht bieg⸗ ſamer ward, ſo legte ſie ihre Verſtellung ab; ſie rief den Hauptmann ihrer Leibwache, und ſagte zu ihm: „Bedbakt, ſchaffe dieſen Greis hier aus dem ſchoͤnen Zimmer, welches ich ihm gegeben hatte, und fuͤhre ihn in den ſchwarzen Thurm: da mag er jenem andern Greiſe Geſellſchaft leiſten, der ebenſo die Zaͤrt⸗ lichkeit meiner Schweſter Muͤlkara verſchmaͤhet hat. Sie moͤgen dort beide mit Muße bereuen, die Grau⸗ ſamen geſpielt zu haben.“ Mit dieſen Worten ging ſie ſtolz hinweg, und ihr Befehl wurde ſogleich vollzogen. Dahy, zufriedener mit der Haͤrte der Koͤniginn, als mit ihrer Huld, ließ ſich nach dem ſchwarzen Thurme fuͤhren. Es war ein Troſt fuͤr ihn, daß er in ſeinem Gefaͤngniſſe einen andern ebenſo ungluͤcklichen 10 146 209. Ta g. Greis ſehen ſollte, und daß ſie mit einander ihr ge⸗ meinſames Ungluͤck beweinen koͤnnten. Aber denket euch ſein Erſtaunen, als er beim Eintritt in das ihm beſtimmte Gemach, in ſeinem Ungluͤcksgenoſſen ſeinen Bruder Ady erkannte. So bald ſie einander erblickten, fielen ſie ſich in die Arme, und hielten ſich lange umarmt, die Augen in Thraͤnen gebadet, und ohne die Freude ausdruͤcken zu koͤnnen, welche ſie erfuͤllte. Endlich, nachdem das erſte Entzuͤcken voruͤber war, rief Dahy aus: „O mein Bruder, iſt es moͤglich, daß ich dich wiederfinde!— Aber, ach!“ fuͤgte er hinzu,„„an welchem Orte ſind wir hier vereint? Sollen wir Gott dafuͤr danken, daß er uns wieder zuſammengefuͤhrt hat, da es nur deshalb zu geſchehen ſcheint, um uns gegenſeitig zu Zeugen unſerer Knechtſchaft zu machen?“ „Mein Bruder,“ antwortete Ady,„obwohl die Zeit unſere Leiden zu vermehren ſcheint, anſtatt, ſie zu vermindern: gleichwohl hoffe ich noch, daß unſer Ungluͤck bald ein Ende nehmen werde. Der verkehrte Geſchmack dieſer Inſelbewohner gibt mir dieſe ange⸗ nehme Hoffnung.“ 1 09 „Ich fuͤr mein Theil,“ erwiederte Dahy,„kann mir nicht damit ſchmeicheln. Die Fuͤrſtinnen, die uns hier in Ketten gelegt haben, ſind nicht in einem Al⸗ ter, daß ſie uns durch ihre Zaͤrtlichkeit unſre erſte Geſtalt wiedergeben koͤnnten.“ Ady und Dahy. 147 Nach dieſem Geſpraͤche, verlangten die beiden Bruͤder von einander Bericht, was ſie waͤhrend ihrer Trennung erlebt haͤtten. Dahy erzaͤhlte ſeine Aben⸗ teuer: wie er Kadidſche'n gefunden, und alles was ihm bis dahin begegnet war, ohne eines Umſtandes dabei zu vergeſſen. So bald er ſeine Erzaͤhlung been⸗ digt hatte, ſagte Ady zu ihm: „Was du mir eben berichtet haſt, beſtaͤrkt mich in meiner Meinung, oder vielmehr, ich darf nicht mehr an unſerm baldigen Gluͤcke zweifeln: ja, mein Bruder, wir ſind dem gluͤcklichen Augenblicke nahe, der uns unſere natuͤrlichen Zuͤge wiedergeben, und uns wieder in den Beſitz der Vorzuͤge unſers Ge⸗ ſchlechts ſetzen ſoll, deren wir ſo lange beraubt ſind: du wirſt davon ſo uͤberzeugt ſein, wie ich, wenn du vernommen haſt, was ich dir zu erzaͤhlen habe: Ich lebte,“ fuhr er fort,„in der mir von dem Brachmanen Kanßu zur Wohnung angewieſenen Stadt. Dort bemuͤhte ich mich unablaͤßig, aber ver⸗ geblich eine junge Schoͤnheit zu finden, welcher meine abſchreckende Geſtalt gefallen mochte, als ich eines Nachts im Traum ein junges Landmaͤdchen von ſieb⸗ zehn bis achtzehn Jahren ſah, welche zu mir ſprach: „Vergeblich ſchmeichelſt du dir mit der Hoff⸗ nung, in dieſer Stadt ein junges Maͤdchen zu finden, welche dich zu lieben vermoͤchte. Willſt du, daß dieſes Wunder geſchehen ſoll, ſo ſchiffe 148 209. Tag. nach der Inſel Sumatra: betrachte mich, du ſollſt dereinſt der Macht meiner Augen unter⸗ worfen werden.“ Das Landmaͤdchen war mit wundervoller Schoͤn⸗ heit begabt; ich wurde lebhaft davon getroffen; ich wollte reden, und ihr die Liebe ausſprechen, welche ſie mir ſchon eingefloͤßt hatte: aber ſie ließ mir dazu keine Zeit, ſie verſchwand und ich erwachte. Dieſer Traum ſchien mir geheimnisvoll; ich be⸗ trachtete ihn nicht als ein Hirngeſpinſt, ſondern ruͤſtete mich zu der Reiſe nach Sumatra: ich begab mich nach der naͤchſten Seeſtadt, und benutzte die erſte Gelegenheit, welche ſich mir darbot. Ein Sturm, welchen ich nicht fuͤr natuͤrlich halte, verſchlug uns von unſerer Fahrt, ebenſo wie dich, und zwang uns in dem Hafen dieſer Stadt anzule⸗ gen. Die Koͤniginn Scheherbanu war damals abwe⸗ ſend, und die Fuͤrſtinn Muͤlkara herrſchte unterdeſſen an ihrer Statt. Als das Volk mich erblickte, froh⸗ lockte es uͤber meine Abgelebtheit eben ſo ſehr, als andere Voͤlker der Welt nur uͤber die ploͤtzliche Er⸗ ſcheinung einer himmliſchen Schoͤnheit bei ihnen ge⸗ frohlockt haben koͤnnten. Die Palaſtbeamten fuͤhrten mich im Triumphe vor Muͤlkara, fuͤr welche mein hohes Alter ebenfalls unwiderſtehlich war: ſie gab ihre Liebe zu mir ungefaͤhr auf dieſelbe Weiſe zu erkennen, wie die Koͤniginn dir die ihrige. Ich bildete mir an⸗ Ady und Dahy. 149 fangs ein, man verſpottete mich, und dieſe Inſelbe⸗ wohner gebaͤhrdeten ſich nur ſo, um ſich auf meine Koſten luſtig zu machen. Deshalb lachte ich nur uͤber die erſten Lobeserhebungen, welche die Fuͤrſtinn mir ertheilte: aber ſie liebkoſte mir auf eine ſo lebhafte Weiſe, daß ich endlich aus meinem Irrthume kam. Ich verlor die Geduld, und in meiner wuͤthigen Auf⸗ wallung ſtieß ich gegen Muͤlkara eben ſo unehrerbietige Reden aus, als die ihrigen ſchwaͤrmeriſch waren. Unſer Geſpraͤch nahm ein ſchlimmes Ende; meine Fuͤrſtinn, von Grimm und Zorn entbrannt, ließ mich in dieſes Gefaͤngnis werfen, wo ſie beſchloſſen hat, mich ſitzen zu laßen, bis ich guͤnſtigere Geſinnungen fuͤr ſie angenommen habe und ſie um die Erlaubnis bitten laße, die ihren Reizen angethane Beleidigung zu ihren Fuͤßen zu ſuͤhnen. Ich fuͤhle mich aber we⸗ nig geneigt, zu thun, was ſie von mir verlangt, und ich bin darauf gefaßt, lange hier zu leiden: aber was mich in meinem Ungluͤcke troͤſtet, iſt, daß ich wenigſtens wieder mit einem Bruder vereinigt bin, deſſen, Gehendart mir meine Leiden ertraͤglich machen wird.O Hiemit endigte Ady ſeine Erzaͤhlung, und Dahy ſagte zu ihm: „Ich kann mich uͤber einen Umſtand in deiner Erzaͤhlung nicht genug wundern. Das Landmoͤdchen, welche du im Traume geſehen haſt, faͤllt mir auf, 150 aog. aro. T a g. eben ſo wie die Worte, welche ſie zu dir geſprochen hat, und ich kann nicht genug die Aehnlichkeit bewun⸗ deer⸗ welche dein Traum mit Kadidſchens Traume at. „Dieß ſcheint mir nicht weniger wunderbar, als dir,“ antwortete Ady;„und was dir vielleicht noch auffallender ſein wird, als alles uͤbrige, iſt, daß jenes Landmaͤdchen meines Traumes mir ſtaͤts vor der Seele ſchwebt. Ich bewahre ihr Bild ſo feſt, daß ich ſie jeden Augenblick zu ſehen waͤhne.“ Waͤhrend Ady und Dahy ſich auf dieſe Weiſe un⸗ terhielten, kam der Hauptmann von der Leibwache der Koͤniginn in den Thurm, und ſprach zu ihnen: „Ihr unbeſcheidenen Greiſe, bewundert beide die Huld unſerer liebenswuͤrdigen Koͤniginn und der Fuͤr⸗ ſtinn, ihrer Schweſter. Anſtatt zu befehlen, euch da⸗ fuͤr zu beſtrafen, daß ihr die Ehrerbietung gegen ſie aus den Augen geſetzt habt, wollen ſie nicht allein das Vergangene vergeſſen, ſondern ſind ſogar entſchloſ⸗ ſen, euch goͤttliche Ehre zu erweiſen.“ Zweihundert und zehnter Tag. Der Hauptmann waͤhnte, ſich bei den beiden Gei⸗ ſterbruͤdern mit der Nachricht welche er ihnen brachte, beliebt zu machen: aber weit entfernt, ihm dafuͤr Ady und Dahy. 151 Dank zu wiſſen, behandelten ſie ihn ſehr ſchnoͤde. Da ſie ſich weigerten, ihm zu folgen, er aber Befehl hatte, ſie nach der Pagode zu bringen, wollte er nicht unverrichteter Sache wieder abziehen: er ließ ſie beide durch die Wache ergreifen, und ſie wider ih⸗ ren Willen fortfuͤhren. Der Oberprieſter ſammt den Dienern der Pagode kamen ihnen an der Thuͤre entgegen. Sie trugen alle lange Roͤcke von Matten, welche auf der Erde nach⸗ ſchleppten, und auf dem Kopfe Strohhuͤte, mit bun⸗ ten Farben bemalt. Sie ſangen zu Ehren dieſer bei⸗ den neuen Gottheiten Lieder, deren Inhalt war: „Dieſe beiden wundervollen Greiſe haben alle Inſeln des Weltmeeres durchzogen, und ſie durch den bloßen Glanz ihrer Reize erobert: aber durch einen Vorzug, der den Neid aller Voͤlker erregen wuͤrde, haben ſie jetzo die Inſel der Koͤni⸗ ginn Scheherbanu zu ihrem Wohnſitz erwaͤhlt.“ Bei jedem Verſe, den ſie ſangen, machten ſie den Geiſterbruͤdern eine tiefe Verneigung des Hauptes. Nach dieſen erſten Ehrenbezeigungen, ließen ſie beide, unter dem Zujauchzen des verſammelten Volks, eine große Buͤhne beſteigen, welche ſechs oder ſieben Fuß hoch war, und auf welcher zwei kleine, fuͤr ſie beſtimmte Throne von Binſen ſtanden. Dieſe Buͤhne war mitten in der Pagode errichtet, und am Fuße 152 210. Tag. derſelben ſtand ein Altar, auf welchem ein Bock und ein Schwein geopfert werden ſollten. Ady und Dahy ſahen wohl ein, daß es ihnen nichts helfen wuͤrde, widerſpenſtig zu ſein, und ent⸗ ſchloſſen ſich weislich, alle Unſinnigkeiten der Inſelbe⸗ wohner zu ertragen, ohne etwas zu ſagen. Sie ſetzten ſich auf ihre Throne und ſchauten in der Ver⸗ ſammlung umher, deren Blicke alle auf ſie gerichtet waren: ſie erkannten darunter wohl die Koͤniginn und Muͤlkara, ſammt allen Fuͤrſtinnen von Gebluͤt, welche auf beſonderen erhoͤhten Stuͤhlen ſaßen. Die Opferthiere wurden geſchlachtet, und mit ei⸗ ner uͤberſchwaͤnglichen Menge Weihrauch, Haare, Fe⸗ dern, Haut und Miſt verbrannt, was einen ſo dicken Rauch hervorbrachte, daß er vielleicht die beiden Gottheiten erſtickt haͤtte, wenn ſie nicht unſterblich geweſen waͤren. Nach dieſen Raͤucherungen, welche alle Leute waͤhrend der Feierlichkeit ſtark zum huſten und nieſen brachten, verſammelten die Frauen und Maͤdchen ſich um den Altar, und begannen zu ſingen und dazu zu tanzen: aber ploͤtzlich endigten dieſe Ge⸗ ſaͤnge und Taͤnze durch ein Ereignis, welches alle Zuſchauer hoͤchlich uͤberraſchte. Ady und Dahy verloren auf einmal ihre Greiſenge⸗ ſtalt, und nahmen ihre natuͤrliche Geſtalt wieder an: ſie wurden wieder ſo, wie ſie damals waren, als Farſana ſie mit allzu zaͤrtlichen Augen anſah. Ady und Dahy. 153 Welche furchtbare Veraͤnderung! Die Prieſter der Pagode erſchrecken uͤber eine Verwandlung, welche ih⸗ nen eine uͤble Vorbedeutung erregt, und machen ſich beſtuͤrzt davon; die tanzenden und ſingenden Frauen entfliehen ſchaudernd von dem Altar; die Koͤniginn und die Fuͤrſtinn ihre Schweſter, fuͤhlen ihre Zaͤrtlichkeit in Abſcheu verkehrt, und eilen nach ihrem Palaſt. In einem Augenblicke war die Pagode leer, und nur die beiden Geiſterbruͤder blieben darin, die anfangs ih⸗ ren Augen nicht trauen wollten: da ſie indeſſen ſogleich auch alle mit ihrem Stande verbundene Kunde wieder bekamen, ſo erkannten ſie, daß ihre Bezauberung durch die beiden jungen Frauen aufgehoben war, die von ihrer Greiſengeſtalt bezaubert worden, jetzt aber, voll Abſcheu vor ihrer neuen Geſtalt, mit den uͤbrigen die Flucht ergriffen hatten. 3 Waͤhrend ſie ſich uͤber eine Veräͤnderung freuten, welche ihnen alle ihre verlorenen Vorzuͤge wiedergab, ſahen ſie ploͤtzlich den Brachmanen Kanßu in der Pa⸗ gode erſcheinen; er war begleitet von einem jungen Maͤdchen, die Dahy fuͤr Fatime'n erkannte, und die Ady der im Traume geſehenen Geſtalt ſo aͤhnlich fand, daß er bei ihrem erſten Anblick ausrief: „Ah! iſt das nicht das ſchoͤne Landmaͤdchen, de⸗ ren Andenken ich ſo theuer bewahre?“ „Ja, Ady,“ ſprach jetzo der Brachman,„ſie iſt es ſelber, und um dein Gluͤck vollſtaͤndig zu machen, 154. 210. Tag. habe ich ſie dir hergefuͤhrt.— Endlich, meine Kinder,“ fuhr er fort, indem er die beiden Geiſterbruͤder anſah, „ſeid ihr aus dem quaalvollen Zuſtande befreiet, in welchen mein Zorn euch verſetzt hatte; ungerne habe ich euch ſo lange darin geſehen: aber ich konnte euch nicht eher daraus befreien; ich war es, der durch Traͤume euch den Entſchluß eingab, nach Sumatra zu reiſen; und ich war es, der durch Stuͤrme, welche ich erregte, euch hieher fuͤhrte, weil ich wußte, was hier geſchehen mußte.— Dahy,“ fuͤgte er hinzu, „geh hin und hole Kadidſche'n her, damit ſie das Vergnuͤgen habe, ihre Schweſter wiederzuſehen.“ Dahy entſchwand, wie ein Blitz, und ging nach der Kuͤche des Hauptmanns der Leibwache, entfuͤhrte Kadidſche'n und brachte ſie nach der Pagode. Die beiden Schweſtern umarmten ſich zu wieder⸗ holten Malen mit eben ſo viel Zaͤrtlichkeit als Freude. Die aͤltere ergab ſich, ohne Widerſtreben dem ſchoͤnen Ady; und die juͤngere, entzuͤckt, in Dahy die Zuͤge wiederzuſehen, welche ſie ſeit ihrem Traume, ſtaͤts beſchaͤftigt hatten, willigte gern ein, ſein Gluͤck zu machen.. 1 14 k Hierauf ſagte Kanßu zu den Geiſterbruͤdern: „Lebet wohl, meine Kinder, ihr ſeid meiner Macht nicht mehr unterworfen; ich gebe euch beiden A d y un d Dahy. 155 die Freiheit; fuͤhret dieſe jungen Maͤdchen, wohin ihr wollt, und lebet alle viere in vollkommener Ein⸗ tracht.“ Mit dieſen Worten verſsswand er, und die beiden Bruͤder begaben ſich mit ihren Geliebken nach einer von Geiſtern bewohnten Inſel. 156 82 210½ a g. Beherrſcher der Glaͤubigen,“ fuhr der Greis fort in ſeiner Erzaͤhlung an den Chalyfen,„dieß iſt die Ge⸗ ſchichte, welche ich dieſem jungen Manne erzaͤhlte, und welche uns beide zu lachen machte.“ Harun Alraſchid und die ſchoͤne Suͤltanuͤm ſeine Favoritinn, bezeugten dem Greiſe, daß ſie auch ihnen Vergnuͤgen gemacht haͤtte. Hierauf ſagten ſie zu dem jungen Manne, er moͤchte nun auch ſeine Geſchichte Wihlen was er denn auch mit folgenden Worten that: Geſchichte des Koönigs Naßiraddolé von Mußel, des In Kaufmanns Abderrahman von Bagdad und der ſchoͤnen Seineb. „Ein junger Kaufmann in Bagdad, namens Abderrahman,*) beſaß unermeßliche Reichthuͤmer; auch lebte er wie ein großer Herr. Man ſah taͤglich an ſeiner Tafel die vornehmſten Beamten des Chalyfen, * Iſt Abſchleifung für Abdalrahman: von Abdal, Gottbegeiſtert. 9. 1220. Lag. des Vorgaͤngers Euer Majeſtaͤt;*) alle anſtaͤndige Leute der Stadt waren bei ihm wohl aufgenommen, eben ſo wie die Fremden, welche ihn beſuchten. Es war von Natur ſeine Luſt, aller Welt gefaͤllig zu ſein: be⸗ durfte man ſeiner Buͤrgſchaft oder ſeiner Boͤrſe, ſo durfte man ſich getroſt an ihn wenden, ohne abſchlaͤg⸗ liche Antwort zu befuͤrchten; diejenigen, die er ſich ſchon verpflichtet hatte, ermuͤdeten nicht ſeine Groß⸗ muth, wenn ſie von neuen ſeine Huͤlfe anflehten. Man ſprach in der Stadt nur von ſeinem wohlthaͤti⸗ gen Gemuͤth und von ſeinen großmuͤthigen Handlun⸗ gen. Seine Geſtalt entſprach den Eigenſchaften ſeiner Seele: er war ſchoͤn und ſehr wohlgebildet. Mit Ei⸗ nem Wort, er galt fuͤr einen vollkommenen jungen Mann. Eines Tages trat er in eine Fikaa⸗Schenke; er bemerkte darin einen jungen Fremdling von gutem Ausſehen, der allein an einem Tiſche ſaß; er ſetzte ſich zu ihm, und beide fingen an, ſich von verſchiede⸗ nen Dingen zu unterhalten. Wenn der Fremdling dem Bagdader geſiel, ſo gefiel dieſer nicht minder dem Fremdlinge; ſie waren ſo erbaut von einander, daß ſie ſich den naͤchſten Tag an demſelben Orte wieder aufſuchten; ſie fanden ſich, und unterhielten ſich aber⸗ *) Haruns Vater und Vorgänger war Mahadi, der dritte Abbaſßidiſche Chalyf. H. * Naßiraddols, Abderrahman und Seineb. 159 mals mit einander: es fand ſich ſo viel Uebereinſtim⸗ mung zwiſchen ihnen, daß ſie von dieſem Tage an ein enges Buͤndnis mit einander ſchloſſen. Zu Abder⸗ rahmans Leidweſen, war der Fremdling genoͤthigt, am folgenden Tage ſchon abzureiſen, und nach Mußel zuruͤckzukehren, wo er, wie er ſagte, gebuͤrtig war: „Aber, Herr, bevor ihr abreiſet,“ ſagte der Bagdader zu ihm,„ſaget mir doch, wer ihr ſeid: ich muß auch bald eine Reiſe nach Mußel machen, an wen ſoll ich mich da wenden, um von euch etwas zu erfahren?“ „Ihr duͤrft nur,“ antwortete ihm der Fremdling, „nach dem Palaſte des Koͤnigs von Mußel gehen, da werdet ihr mich finden: wenn ihr dort erſcheinet, ſo werde ich mir ein Vergnuͤgen daraus machen, euch gaſtlich zu empfangen, ihr ſollt erfahren, wer ich bin, und dort wollen wir die Freundſchaft befeſtigen, welche wir in dieſem Lande geſtiftet haben.“ 1i an Zweihundert und eilfter Tag. Abderrahman war betruͤbt uͤber die Abreiſe des Fremdlings, und troͤſtete ſich nur durch die Hoffnung, ihn in Mußel wiederzuſehen, wohin ſeine Geſchaͤfte ihn kurz darauf zu reiſen noͤthigten. Er: unterließ nicht, ſich alsbald nach dem Palaſte des Koͤnigs zu 160 arr. Ta g8. begeben; er forſchte in allen Geſichtern, die ihm hier begegneten, nach den Zuͤgen des Fremdlings, den er liebgewonnen hatte, als er ihn endlich in der Mitte eines Schwarms von Hofleuten erblickte, die bemuͤht waren, ihm zu gefallen: er vermuthete wohl, daß es der Fuͤrſt waͤre; wie es wirklich auch Naßiraddolé, der Koͤnig von Mußel ſelber war. Dieſer Fuͤrſt er⸗ kannte ihn auch ſogleich, und trat hervor, ihn zu bewillkommnen. Der Kaufmann von Bagdad warf ſich vor ihm nieder und blieb mit dem Antlitz am Boden liegen, bis der Koͤnig ſelber ihn aufhub, ihn umarmte, ihn bei der Hand nahm, und in ſein Zim⸗ mer fuͤhrte. Alle Hofleute waren hoͤchlich verwundert uͤber den Empfang, womit ihr Herr den jungen Kaufmann ehrte. „Wer iſt doch dieſer Fremdling?“ fragten ſie ſich unter einander:„es muß ein Fuͤrſt ſein, weil der Koͤnig ihn mit ſolcher Auszeichnung behandelt.“ Die großen Herren, welche das meiſte Vertrauen des Fuͤrſten beſaßen, begannen von Stund an ihn zu fuͤrchten und zu haſſen; und die Hoͤflinge, welche Wohlthaten erwarteten, faßten ſchon den Entſchluß, ihm den Hof zu machen. Unterdeſſen blieb Naßiraddolé allein mit dem Kauf⸗ mann von Bagdad, und uͤberhaͤufte ihn mit Liebko⸗ ſungen: Naßiraddolé, Abderrahman und Seineb. 161 „Ja mein theurer Abderrahman,“ ſprach er zu ihm,„ich liebe euch mehr, als alle dieſe Leute, welche ich eben verlaßen habe, um mich mit euch zu unterhalten. Und habe ich nicht Urſach, euch lieber zu haben, als ſie alle? wie weiß ich, ob nicht Hab⸗ ſucht oder Ehrgeiz, die Triebfeder ihrer Anhaͤnglichkeit an mich iſt? es gibt vielleicht nicht einen einzigen un⸗ ter ihnen, der eine wahrhafte Zuneigung fuͤr mich ſelber hegt: das iſt das Ungluͤck der Großen, daß ſie nicht ſicher ſein koͤnnen, ob man ſie wirklich liebt; das Gute, welches ſie im Stande ſind zu thun, be⸗ raubt ſie des Vergnuͤgens, nicht daran zweifeln zu duͤrfen: was dagegen eure Geſinnungen betrifft, ſo weiß ich, daß ſie aufrichtig ſind, und kenne den gan⸗ zen Werth derſelben: ihr habt mir eure Freundſchaft geſchenkt, ohne mich zu kennen; ich kann mich jetzo ruͤhmen, einen Freund zu beſitzen.“— Der junge Kaufmann von Bagdad beantwortete die Huld des Koͤnigs in gefuͤhlvollen und dankbaren Ausdruͤcken; worauf der Fuͤrſt zu ihm ſagte: „So lange ihr in Mußel bleibt, ſollt ihr in mei⸗ nem Palaſte wohnen und von meinen eigenen Beam⸗ ten bedient werden, und ich werde dafuͤr ſorgen, euch den Aufenthalt ſo angenehm zu machen, wie mir moͤglich iſt.“ IV. TI 1 162 211. Tag. Er hielt Wort, und vergaß nichts, wovon er glaubte, daß es ſeinem Gaſte Vergnuͤgen machen koͤnnte. Bald verſchaffte er ihm die Beluſtigung der Jagd, bald gab er ihm Konzerte von Singſtimmen und Inſtrumenten, die hinreißend ausgefuͤhrt wurden, und faſt taͤglich vergnuͤgte er ſich mit ihm beim Mahle. Es war beinahe ſchon ein Jahr, daß der Kauf⸗ mann von Bagdad auf dieſe Weiſe hier lebte, als ihm von Bagdad Botſchaft kam, daß ſeine Gegen⸗ wart dort durchaus noͤthig waͤre, wenn er verhindern wollte, daß ſeine Vermoͤgensumſtaͤnde nicht in Ver⸗ fall geriethen. Er ſprach mit dem Koͤnig uͤber dieſe Nachricht, und 3t ihn, zu genehmigen, daß er nach Bagdad heimkehrete. Naßiraddolé willigte ein, obwohl ungern, und Abderrahman riß ſich endlich von den Ergetzlichkeiten des Hofes von Mußel los. So bald er heimkam, bemuͤhte er ſich ſehr ernſt⸗ lich, den Nachtheil, welchen ſeine Abweſenheit ſeinen Umſtaͤnden zugezogen hatte, wieder gut zu machen; und als er ſie ganz wieder hergeſtellt hatte, fing er wieder an, ſeine Freunde zu bewirthen, aller Welt dienſtwillig zu ſein, und noch groͤ⸗ ßern Aufwand zu machen, als zuvor; er kaufte ſich neue Sklavinnen, und fand ſein Vergnügen darin, von allen Voͤlkern der Welt welche zu haben. ——— —— Naßiraddolé, Abderrahman und Seineb. 163 Eines Tages verkaufte ihm ein Sklavenhaͤndler eine Sklavinn; ſie war aus Circaſſien gebuͤrtig, und man durfte behaupten, daß ſie eins der vollkom⸗ menſten Geſchoͤpfe war, ſo man ſehen konnte; ſie war noch nicht achtzehn Jahr alt, und nannte ſich Seineb.*) Abderrahman kaufte ſie fuͤr ſechstauſend Goldzeckienen; aber wenn er auch zehntauſend dafuͤr gegeben, ſo haͤtte er ſie doch nicht zu theuer bezahlt. Ihre hohe Schoͤnheit war nicht ihr einziges Verdienſt: man bewunderte in ihr auch einen gebildeten Geiſt, ein ſanftes und ſtaͤts gleichmaͤßiges Gemuͤth, und ein zaͤrtliches, aufrichtiges und getreues Herz. Ein ſo liebenswuͤrdiges Weſen ermangelte keinesweges, Ab⸗ derrahman zu bezaubern; er empfand fuͤr ſie eine in⸗ nige Liebe, und er hatte das Gluͤck, auch Seineb geneigt zu finden, ihn ebenſo zu lieben, wie er ſie. Waͤhrend ſie in Ruhe der Gluͤckſeligkeit ihrer gegen⸗ ſeitigen Liebe genoſſen, und daraus ihre ganze Be⸗ ſchaͤftigung machten, kam der Koͤnig von Mußel ohne Gefolge wieder nach Bagdad, und trat bei dem jun⸗ gen Kaufmann ab. „Abderrahman,“ ſprach er zu ihm,„ich bekam Luſt, nochmals unerkannt dieſe Stadt und den Hof des Chalyfen zu ſchauen; oder vielmehr, es war *) Wohl vom Arabiſchen Sein, Seinat, Zierde; womit viele Namen zuſammengeſetzt ſind.. 164 arr. 212. Ta g. mein Wunſch, euch wiederzuſehen. Ich will bei dir wohnen, und ich ſchmeichle mir, daß es dir eben ſo viel Freude machen wird, als ich empfand, dich in meinem Palaſte bei mir zu ſehen.“ Der Kaufmann von Bagdad, entzuͤckt von der Ehre, welche ihm widerfuhr, wollte ſich dem Koͤnige zu Fuͤßen werfen, um ihm ſeine Erkenntlichkeit dafuͤr zu bezeugen; aber der Fuͤrſt hub ihn auf, und ſagte u ihm: 3„Laß die Ehrerbietung beiſeite, welche du dem Koͤnige von Mußel ſchuldig biſt, und ſieh in mir nur einen Freund, der ſich mit dir vergnuͤgen will: laßt uns ohne allen Zwang leben; nichts iſt ſo angenehm, als ein freies Leben; um das Vergnuͤgen deſſelben zu genießen, ſtehle mich von Zeit zu Zeit von mei⸗ nem Hofe weg, und gefalle mich darin, ohne Ge⸗ folge zu reiſen; und ich muß dir geſtehen, daß die Tage, welche ich auf ſolche Weiſe verlebe, die gluͤck⸗ lichſten meines Lebens ſind.“ Zweihundert und zwoͤlfter Tag. Der junge Kaufmann von Bagdad ſetzte ſich, um dem Koͤnige von Mußel zu gehorchen und zu gefallen, auf einen vertraulichen Ton mit ihm; ſie begannen beide ſo freundſchaftlich mit einander umzugehen, als Naßiraddols, Abderrahman und Seineb. 165 wenn ſie von demſelben Stande geweſen waͤren; taͤg⸗ lich hatten ſie irgend eine Luſtbarkeit mitſammen; und Naßiraddolé vergaß, wer er war, und lebte ganz wie ein Privatmann. Eines Abends, als ſie beide allein bei Tiſche ſa⸗ ßen und von den beßten Weinen tranken, lief ihre Unterhaltung uͤber die Schoͤnheit der Frauen; der Koͤ⸗ nig von Mußel ruͤhmte die Reize einiger Sklavinnen ſeines Harems, und behauptete, daß es auf der Welt nicht ihresgleichen gaͤbe. Der Bagdader hoͤrte dieſe Reden nicht ruhig an; ſeine Liebe zu Seineb und der Wein, den er getrunken hatte, erlaubten ihm nicht, einzuraͤumen, was er eben gehoͤrt hatte: „Herr,“ ſprach er zu ſeinem Gaſte,„ich zweifle nicht, daß ihr ſehr ſchoͤne Frauen habt: aber ich glaube nicht, daß ſie an Schoͤnheit die meinigen uͤber⸗ treffen; ich habe mehrere Sklavinnen, welche man nicht ohne Bewunderung anſehen kann, und unter an⸗ deren eine Circaſſierinn, in deren Bildung die Natur ſich gefallen zu haben ſcheint.“ „Das heißt,“ erwiederte der Koͤnig,„du liebſt dieſe Circaſſierinn; deine Lobpreiſung ihrer Schoͤnheit beweiſet mir, daß du von ihr ſehr eingenommen biſt, ohne mich zu uͤberzeugen, daß ſie eben ſo reizend ſei, als meine Sklavinnen.“ „Es iſt leicht, euch davon zu uͤberfuͤhren,“ ver⸗ ſetzte Abderrahman; und als er dieß geſagt hatte, 166 212. Tag. ließ er einen Verſchnittenen rufen, und fluͤſterte ihm ins Ohr: „Geh hin und ſage meinen Sklavinnen, daß ſie ihre reichſten Kleider anlegen und ſich alle in einem hell erleuchteten Zimmer verſammeln. Der Verſchnittene lief hin, ſeinen Befehl auszu⸗ richten, und Abderrahman ſetzte ſich wieder zu Tiſche, indem er zu dem Fuͤrſten ſagte: „Herr, ihr ſollt bald ſelber entſcheiden, ob ihr Recht oder Unrecht habt zu denken, daß euer Harem die ſchoͤnſten Frauen Aſiens einſchließt.“ „Ich geſtehe dir,“ antwortete der Koͤnig,„daß ich neugierig bin, zu ſehen, ob die Liebe dich nicht ver⸗ blendet.“ Sie fuhren fort, ſich zu erluſtigen, und tranken noch Brandweine, bis der abgeſchickte Verſchnittene wiederkam, und ſeinem Herrn meldete, daß die Skla⸗ vinnen verſammelt waͤren, und daß ſie nichts verſaͤumt haͤtten, was ihre Schoͤnheit erhoͤhen koͤnnte. Jetzo fuͤhrte der Bagdader den Koͤnig von Mußel in ein aͤußerſt praͤchtiges Zimmer, worin ſich dreißig Sklavinnen befanden, alle jung, ſchoͤn, wohlgebildet, und mit Edelſteinen bedeckt; ſie ſaßen auf Sopha's von roſenfarbenem und ſilbergebluͤmtem Seidenſtoff; einige ſpielten die Laute, andere das Tamburin, und noch andere ſangen und unterhielten ſich ſo, in Er⸗ wartung der Ankunft ihres Herrn. So bald ſie ihn —— Naßiraddols, Abderrahman und Seineb. 167 erblickten, ſtanden ſie auf, blieben ſtehen und beob⸗ achteten ein ſittſames Stillſchweigen. Abderrahman befahl ihnen, ſich wieder zu ſetzen und fortzufahren, auf ihren Inſtrumenten zu ſpielen; ſie gehorchten im Augenblick. Der Koͤnig Naßiraddolé, ein ſo großer Fuͤrſt er war, mußte doch geſtehen, daß er in ſeinem Harem keine liebenswuͤrdigere Frauen haͤtte; er begann, ſie, eine nach der anderen, genauer zu betrachten, und fing bei den Lautenſpielerinnen an, die ihm ſehr rei⸗ zend vorkamen; er fand die Tamburinſchlaͤgerinnen nicht minder anmuthig, und als er zu den Saͤngerin⸗ nen kam, erblickte er darunter eine, deren Schoͤnheit ihn blendete: „Iſt dieſe hier,“ ſprach er zu dem Bagdader,„die Circaſſierinn, von welcher du mir geſagt haſt?“ „Ja, Herr,“ antwortete Abderrahman,„ſie iſt es ſelber: bin ich ein ſchmeichelnder Maler? habt ihr jemals etwas ſchoͤneres geſehen?“ Zweihundert und dreizehnter Tag. Der Bagdader erwartete die Antwort des Koͤnigs, und zweifelte nicht, daß ſie ſehr ruhmwuͤrdig fuͤr Seineb ausfallen wuͤrde: aber er war ſehr verwun⸗ dert, als er ſah, daß der Fuͤrſt, anſtatt die Schoͤn⸗ 168 213. Tag. heit dieſer Sklavinn zu preiſen, ein ernſthaftes und verdrießliches Weſen annahm, und nicht ſagen wollte, was er davon urtheilte; woraus er ſchloß, daß der Fuͤrſt Seineb ſchoͤner faͤnde, als alle Frauen ſeines Harems, und daruͤber einen geheimen Aerger em⸗ pfaͤnde. „Herr,“ ſprach er einen Augenblick darauf, indem er ihn in ſein Zimmer zuruͤckfuͤhrte,„ich ſehe wohl, daß ich Seinebs Reizen zu viel zugetrauet habe; ich habe ſie euch ohne Zweifel zu hoch geruͤhmt.“ Naßiraddolé antwortete auch nichts auf dieſe Worte, und als er in ſeinem Schlafzimmer war, bat er ſeinen Wirth, ihn dort allein zu laßen, weil er, wie er ſagte, auszuruhen wuͤnſchte. 1 Abderrahman entfernte ſich ſogleich, uͤberzeugt, daß es nur Verdruß bei ihm waͤre, ſich uͤberwunden zu ſehen.— Am folgenden Morgen fruͤh beſuchte der junge Kaufmann den Koͤnig von Mußel; er waͤhnte, dieſen Fuͤrſten in einer beſſern Stimmung zu finden, aber er ſah ihn in einer Traurigkeit, in einer Niedergeſchla⸗ genheit, von welcher er innig geruͤhrt wurde.. „Was iſt euch, Herr?“ fragte er ihn:„welch trauriges Gewoͤlk umſchattet eure Augen? was iſt die Urſache dieſer tiefen Schwermuth, worin ich euch verſunken ſehe?“ Naßiraddolé, Abderrahman und Seineb. 169 „Abderrahman,“ antwortete ihm der Koͤnig,„ich reiſe heute noch heim nach Mußel; ich nehme einen Schmerz mit mir weg, welchen die Zeit vielleicht nur erhoͤhen wird: laß mich abreiſen, ohne weiter nach der Urſache zu forſchen.“ „Nein, Herr,“ erwiederte der Kaufmann von Bagdad,„ihr muͤßt ſie mir ſagen; verhehlet ſie mir nicht, ich beſchwoͤre euch darum: habe ich etwa die Unvorſichtigkeit begangen, die euch ſchuldige Ehrfurcht zu verletzen? Ich habe die Huld, welche ein ſo gro⸗ ßer Koͤnig mir erzeigt, misbraucht, ich habe euch ohne Zweifel beleidigt?“ „Verhuͤte der Himmel,“ verſetzte Naßiraddolé, „daß ich mich uͤber dich beklage! ich beklage mich nur uͤber mein unſeliges Schickſal.— Noch einmal,“ fuhr er fort,„forſche nicht nach dem, was mich betruͤbt.“ Je mehr der Koͤnig von Mußel darauf beharrte, den Grund ſeiner Betruͤbnis zu verbergen, je mehr drang der Bagdader in ihn, dieſelbe zu enthullen. Unterdeſſen ſchickte der Fuͤrſt ſich an zur Abreiſe, und hatte die Abſicht, ſein Geheimnis zu bewahren: aber endlich noͤthigte ihn doch ſein Wirth durch ſein drin⸗ gendes Bitten, ſich ihm zu entdecken. „Wohlan denn, Abderrahman,“ ſagte beim Schei⸗ den Naßiraddolé zu ihm,„du willſt, daß ich rede, und ich will dich befriedigen: ich liebe Seineb, oder vielmehr ich bete ſie an; ich habe ſie nicht anblicken 170 213. Tag. koͤnnen, ohne aus ihren ſchoͤnen Augen die unſelige Liebe zu empfangen, welche meine Ruhe ſtoͤrt. Ich wollte abreiſen, ohne dir dieß traurige Bekenntnis zu machen: du aber entreißeſt es mir; deine Freund⸗ ſchaft mache es mir nicht zum Vorwurf. Ach! ich werde es nur zu ſehr durch die Leiden buͤßen, welche ich tragen muß. Lebe wohl!“ Mit dieſen Worten ſchied er von dem Kaufmanne von Bagdad, und nahm ſeinen Heimweg nach Mußel. Naßiraddolé's letzte Worte uͤberraſchten Abderrah⸗ man hoͤchlich, ſo daß er erſt lange nach der Abreiſe des Fuͤrſten aus ſeiner Verwirrung wieder zu ſich kommen konnte. „Ach, ich ungluͤcklicher!“ rief er aus,„warum mußte ich Seineb den Koͤnig von Mußel ſehen laßen? Konnte ich nicht vorausſehen, daß er ſie nicht unge⸗ ſtraft betrachten wuͤrde?— Er wird ſich nun an ſei⸗ nem Hofe in Sehnſucht verzehren; die Frauen ſeines Harems, mit welcher Schoͤnheit ſie auch ausgeſtattet ſein moͤgen, werden ihn nicht der unſeligen Circaſ⸗ ſierinn vergeſſen machen, mit deren Bild er beſchaͤf⸗ tigt iſt; ich fuͤhle es in mir ſelber: ein Herz, das ſie bezaubert hat, kann von keiner andern Liebe mehr entbrennen; ich werde mir alſo mein lebelang vorzu⸗ werfen haben, daß ich Schuld bin an dem Ungluͤcke eines Koͤnigs, der noch groͤßer iſt durch ſeine Tugen⸗ den, als durch ſeine Krone; ich bin es, der durch ——— Naßiraddolé, Abderrahman und Seineb. 171 den unziemlichen Uebermuth eines Verliebten die Ruhe ſeiner gluͤcklichen Tage unterbricht; iſt es Recht, daß ich zum Lohne fuͤr alle die Freundſchaftsbeweiſe, welche ich von ihm empfangen habe, ihm einen Dolch in das Herz ſtoße?— Nein, nein, mein theurer Fuͤrſt, nein, Abderrahman wird dich nicht in dem qualvollen Zuſtande laßen, in welchen er dich verſetzt hat! Ich bin bereit, mich fuͤr dich aufzuopfern: ich will dir Seineb abtreten, ja, ich bin dazu ent⸗ ſchloſſen.“ So bald er dieſen Entſchluß gefaßt hatte, rief er einige ſeiner Hausbeamten, und befahl ihnen, eine Saͤnfte zur Reiſe zu ruͤſten. Sodann ließ er Seineb kommen, und ſprach zu ihr: „Du biſt nicht mehr mein, du gehoͤrſt dem Koͤnige von Mußel: dieſer Fuͤrſt iſt es, den du geſtern Abend geſehen haſt; er fuͤhlt fuͤr dich eine gluͤhende Leiden⸗ ſchaft, er iſt liebenswuͤrdig, du darfſt ohne Muͤhe in das Geſchenk willigen, welches ich ihm mit dir ſelber mache.“ Bei dieſen Worten fing die Sklavinn an zu weinen. „Iſt es moͤglich,“ ſprach ſie,„daß Abderrahman mich hingibt, nachdem er mir ſo oft ewige Liebe geſchwo⸗ ren hat? Ah! flatterhafter, du liebſt mich nicht mehr; eine neue Schoͤnheit triumphiert ohne Zweifel uͤber die Macht meiner Augen, und du entferneſt 213. Ta g. mich nur von dir, um die geheimen Vorwüuͤrfe zu vermeiden, welche meine Gegenwart dir machen koͤnnte.“ „Nein, ſchoͤne Seineb,“ antwortete Abderrahman ganz weichherzig,„du haſt keine Nebenbuhlerinn, und ich habe dich niemals mehr geliebt als jetzt, ich ſchwoͤre es bei dem Grabe unſers Großen Propheten zu Medina!“ Aund wenn das iſt/ unterbrach ihn Seineb mit Heftigkeit,„warum muͤßen wir uns denn trennen?“ „Mei in Herz bricht daruͤber,“ antwortete er:„aber ich kann nicht ertragen, daß ein Fuͤrſt, fuͤr den ich die groͤßte Zaͤrtlichkeit hege, und der mir ſo viele Beweiſe von der ſeinigen gegeben hat, ſich in Sehn⸗ ſucht verzehre; da es ſeine Ruhe gilt, achte ich nicht mehr der meinigen; wenn ich den Abſtand ermeſſe, welchen die Natur zwiſchen mir und meinem Neben⸗ buhler geſetzt hat, ſo gibt es kein Opfer, welches ich ihm nicht ſchuldig zu ſein glaube; und uͤbrigens, wenn ich bedenke, daß ich dich dadurch zur Favoritinn eines maͤchtigen Fuͤrſten machen will, ſo lindert dieß die Haͤrte der Gewalt, welche ich mir anthue, indem ich dich abtrete: geh alſo hin, und erfuͤlle dein gluͤck⸗ liches Geſchick, welches dich zu Mußel erwartet; eile zu Naßiraddolé, und laß in ſeinem Herzen die lebhafteſte Freude auf die Betruͤbnis folgen, wovon es erfuͤllt iſt.“ Naßiraddolé, Abderrahman und Seineb. 173. Nach dieſen Worten, welche er nicht ausſprechen konnte, ohne einige Thraͤnen zu vergießen, befahl er den Bedienten, welche er erwaͤhlt hatte, Seineb nach Mußel zu fuͤhren, ſich ſchleunig mit ihr auf den Weg zu machen und ſie ſeinen Augen zu entziehen; denn ſie zerſchmolz in Thraͤnen, und ſchien ſo betruͤbt, daß er dieſen Anblick nicht laͤnger aushalten konnte. Die Bedienten huben ſie, mit einer alten Sklavinn, zu ihrer Bedienung, in die Saͤnfte, und reiſten ſo dem Koͤnige von Mußel auf ſeinem Wege nach. Zweihundert und vierzehnter Tag. Sie mochten noch ſo ſehr eilen, die Saͤnfte ging doch zu langſam, als daß ſie Naßiraddolé haͤtten einholen koͤnnen, der eins der kraͤftigſten Arabiſchen Roſſe ritt. Er kam mehrere Tage vor Seineb in ſeiner Hauptſtadt an. Seineb war aber auch nicht ſo bald dort angelangt, als einer ihrer Begleiter nach dem Palaſt eilte, und den Koͤnig benachrichtigte, daß Abderrahman, ihr Herr, ihm dieſe Sklavinn ſendete. Es iſt nicht zu beſchreiben, wie groß die Ueberra⸗ ſchung und die Freude dieſes Fuͤrſten war, als er dieſe Neuigkeit vernahm: „O großmuͤthiger Freund,“ rief er aus,„wenn ich nicht ſchon uͤberzeugt waͤre, daß du der vollkom⸗ 174 214. Tag. menſte Freund auf der Welt biſt, ſo koͤnnte ich ge⸗ genwaͤrtig nicht mehr daran zweifeln, weil du mein Gluͤck dem deinen vorziehſt.“ Er ſchickte den Oberſten ſeiner Verſchnittenen hin, Seineb in Empfang zu nehmen, und ließ ihr eine beſondere Wohnung geben, die bequemſte und praͤch⸗ tigſte im ganzen Palaſte. Hier war ſie nicht lange, als ſie den Fuͤrſten erſcheinen ſah; er naͤherte ſich ihr, und als er auf ihrem Antlitze einen Ausdruck von Traurigkeit wahrnahm, ſprach er zu ihr: „Schoͤne Seineb, es iſt unſchwer zu erkennen, daß euer Herz nicht das Opfer billigt, welches der großmuͤthige Abderrahman mir durch euch darbringt; ich ſehe wohl, daß ihr viel mehr als ein Schlachtopfer nach Mußel kommt, welches man zum Tode fuͤhrt, denn als eine ſtolze Schoͤnheit, welche einen Koͤnig zu ihren Fuͤßen ſehen ſoll; euch ruͤhrt mehr der Verluſt eines Mannes, den ihr liebt, als die Eroberung ei⸗ nes Fuͤrſten, der euch anbetet!“ „Herr,“ antwortete Seineb,„ich ſollte meine Geſinnungen dem neuen Looſe anpaſſen, welches mich hieherruft; ich ſollte mir Gluͤck wuͤnſchen, das Gluͤck eines ſolchen Fuͤrſten machen zu koͤnnen, wie ihr ſeid. Ich ſage noch mehr: ich moͤchte mich gern losreißen und des Undankbaren vergeſſen, der mich ſo hingibt, und euch ſeine Staͤtte in meinem Herzen einraͤu⸗ men: warum kann ich nicht, um mich an ſeiner Treu⸗ —,— Naßiraddols, Abderrahman und Seineb. 175 loſigkeit zu raͤchen, von Stund an alle die Liebe fuͤr euch empfinden, welche ſeine falſche Inbrunſt mir fuͤr ihn anzufachen wußte! Aber, ach! zu meinem Un⸗ gluͤcke bin ich nur noch zu ſehr mit dem Treuloſen be⸗ ſchaͤftigt; ſo lange ich lebe, wird er ſtaͤts meinen Gedanken gegenwaͤrtig ſein, und unaufhoͤrlich die Ruhe meines Lebens ſtoͤren.“ Die ſchoͤne Sklavinn zerſchmolz bei dieſen Worten in Thraͤnen und ſtieß tiefe Seufzer aus, ſo daß Naßiraddolé davon innig geruͤhrt wurde. „Ah! reizende Seineb,“ rief er aus,„maͤßiget eure Betruͤbnis, ich beſchwoͤre euch darum, und laßt mich wenigſtens mir ſchmeicheln, daß die Zeit und meine Bemuͤhungen ſie endlich beſiegen werden: rau⸗ bet mir nicht dieſe Hoffnung, welche allein mein Leben erhalten kann.“. Der Koͤnig von Mußel begnuͤgte ſich nicht mit dieſen Reden, er warf ſich ſelbſt der ſchoͤnen Skla⸗ vinn zu Fuͤßen, und fuͤgke den eben geſagten Worten noch tauſend andere zaͤrtliche und leidenſchaftliche Dinge zu, kurz, er bot alles auf, ſie zu troͤſten: aber es wollte ihm nicht gelingen; er bemerkte ſogar, daß, je mehr er ihren Schmerz bekaͤmpfte, derſelbe nur deſto groͤßer zu werden ſchien; er entfernte ſich alſo: er wollte lieber Seineb verlaßen, als durch ſeine Gegenwart ihr Leid noch vermehren. 276 214. Tag. Wir wollen jetzt wieder auf den jungen Kaufmann von Bagdad zuruͤckkommen. Nach der Abreiſe ſeiner Sklavinn, verſank er in ein Hinſchmachten, welches nichts zu zerſtreuen vermochte. Er mochte ſo viele Luſtbarkeiten vornehmen, Seineb, die ihm ſtaͤts vor der Seele ſchwebte, ließ ihm keinen zufriedenen Augenblick: „Ach, ich ungluͤcklicher!“ ſprach er oft bei ſich ſelber,„ich fuͤhle, daß ich ohne Seineb nicht leben kann! Warum mußte ich ihren Beſitz dem Koͤnige von Mußel uͤberlaßend heißt das nicht die Graͤnzen der Freundſchaft uͤberſchreiten, ſeinem Freunde eine Geliebte zu uͤberliefern, die man anbetet? Wuͤrde Naßiraddolé dieſelbe Anſtrengung fuͤr mich gemacht haben? Nein, ohne Zweifel, und ich bin uͤberzeugt, daß er nicht den ganzen Werth des Opfers kennet, welches ich ihm dargebracht habe: er bildet ſich ein, ich liebte dieſe Sklavinn nur fluͤchtig, weil ich ſie ihm geſchenkt habe, ohne daß er mich nur darum gebeten hat. In Wahrheit, welcher begluͤckte und ſo leiden⸗ ſchaftlich Liebende hat jemals ſeiner Geliebten entſagt, aus Mitleid mit einem Freunde? Gleichwohl liebe ich Seineb ſo ſehr, als man nur lieben kann.— Aber, ach! wohin reißt mich mein Scherz? was hilft es mir, mich ſelbſt zu verurtheilen? Ich wuͤrde ja noch thun, was ich gethan habe, wie groß auch in dieſem Augenblicke mein Schmerz iſt; der Fuͤrſt, Naßiraddolé, Abderrahman und Seineb. 177 deſſen Gluͤcke ich meine Zaͤrtlichkeit aufopfre, wird ein ſo großes Opfer erkennen, und er iſt wuͤrdiger, als ich, Seineb zu beſitzen.“ In ſolchem Zuſtande befand ſich Abderrahman; er war in Verzweiflung ſeine Geliebte verloren zu ha⸗ ben, ohne gleichwohl zu bereuen, daß er ſie dem Koͤnige von Mußel abgetreten hatte. Es waren ſchon drei Monate verfloſſen, daß er ein ſo trauriges Leben fuͤhrte, als er eines Tages ploͤtzlich in ſeinem Hauſe im Namen des Großveſyrs verhaftet wurde: man ſagte ihm, er waͤre angeklagt, bei einem luſtigen Mahle unehrerbietige Reden gegen den Beherrſcher der Glaͤubigen ausgeſtoßen zu haben. Er mochte noch ſo viel betheuern, daß ihm niemals das geringſte Wort entſchluͤpft waͤre, welches den ehelhlen beleidigen koͤnnte, er wurde ins Gefaͤngnis geſetzt. 4 Zwei Herren von Hofe, die ſeine geheimen Feinde waren, hatten dieſe Verlaͤumdung erſonnen, um ihn zu verderben; und auf ihr falſches Zeugnis ließ der Großveſyr ihn verhaften. Es wurde ſogar Befehl gegeben, daß alle ſeine Guͤter ſogleich eingezogen, ſein Haus geſchleift, und ihm ſelber am naͤchſten Tage auf dem Schafot der Kopf abgeſchlagen, und dieſer ſodann vor dem Palaſte des Chalyfen aufgeſteckt werden ſollte. IV. 12 178 214. 215. Tag. Der Aufſeher des Gefaͤngniſſes, worin er ſaß, kam in der Nacht und kuͤndigte ihm ſein Urthel an: „Herr Abderrahman,“ ſagte er darnach,„ich nehme viel Theil an euerm Ungluͤcke; ich bin um ſo mehr davon geruͤhrt, als ich euch große Verpflichtung habe; ihr habt mir bei zwei Gelegenheiten, wo ich eurer Huͤlfe bedurfte, Dienſte geleiſtet: jetzo bietet ſich eine Gelegenheit dar, euch meine Erkenntlichkeit zu beweiſen; ich bin entſchloſſen, euch in Freiheit zu ſetzen, um mich meiner Schuld gegen euch zu entle⸗ digen: verlaßet das Gefaͤngnis, die Thuͤren deſſelben ſtehen euch offen, entfliehet, und entziehet euch der Todesſtrafe, welche euch erwartet.“ Zweihundert und funfzehnter Tag. Auf dieſe Rede umarmte Abderrahman mit freudi⸗ gem Entzuͤcken den Kerkermeiſter, und dankte ihm fuͤr ſeinen Edelmuth. Dann aber dachte er ploͤtzlich an die Gefahr, welcher dieſer Mann durch ſeine Befrei⸗ ung ſich ausſetzte, und ſagte zu ihm: „Ihr bedenket nicht, daß ihr, indem ihr mir das Leben rettet, das eurige in Gefahr ſetzet: ich will eure edelmuͤthigen Geſinnungen nicht misbrauchen; 4 iſt nicht recht, daß ich euch fuͤr mich umkommen aße. Naßiraddolé, Abderrahman und Seineb. 179 „Seid unbekuͤmmert, was aus mir werde,“ ant⸗ wortete der Kerkermeiſter;„bekennet mir nur„ob ihr ſchuldig oder unſchuldig ſeid; habt ihr in der That von dem Chalyfen in ſo unehrerbietigen Ausdruͤcken geredet? verhehlet mir nichts; es liegt mir daran, die Wahrheit zu wiſſen; ich werde meine Maaßregeln darnach nehmen.“ 4 „Ich rufe hier den Himmel zum Zeugen an, er⸗ wiederte der junge Kaufmann,„daß ich niemals an⸗ ders von dem Beherrſcher der Glaͤubigen geſprochen habe, als mit aller der Ehrfurcht, welche ich ihm ſchuldig bin.“ „Wenn das iſt,“ fuhr der Kerkermeiſter fort,„ſo weiß ich ſchon, was ich zu thun habe: waͤret ihr ſchuldig, ſo wuͤrde ich mit euch die Flucht ergreifen; da ihr es aber nicht ſeid, ſo werde ich hier bleiben und nichts ſparen, um eure Unſchuld an den Tag zu bringen.“ Abderrahman dankte dem Kerkermeiſter abermals, und verließ das Gefaͤngnis: er fluͤchtete ſich zu einem ſeiner Freunde, der ihn in einem Winkel ſeines Hau⸗ ſes verbarg, wo er ihn in Sicherheit glaubte. Am folgenden Tage, als der Großveſyr die Flucht des Gefangenen vernommen hatte, ließ er den Kerker⸗ meiſter holen, und ſprach zu ihm: „O elender, thuſt du ſo deine Pflicht? du haſt einen deiner Verwahrung uͤbergebenen Gefangenen 80 215. Tag. entwiſchen laßen, oder vielmehr du ſelber haſt ihn in Freiheit geſetzt: ſchaffſt du ihn nicht binnen vier und zwanzig Stunden wieder herbei, ſo ſollſt du die ihm beſtimmte Strafe erleiden.“ „Gnaͤdiger Herr,“ antwortete der Kerkermeiſter, „ich weigere mich nicht, fuͤr ihn zu ſterben: ich will es euch bekennen, ich habe ihn entlaßen; ich konnte nicht zugeben, daß er umkaͤme; ich habe ihm die Thuͤren des Gefaͤngniſſes geoͤffnet und ihm gerathen, die Flucht zu nehmen; ich geſtehe mein Vergehen, und bin bereit, es durch den Tod zu buͤßen, welchen ihr dem edelſten, ja ich wage es zu ſagen, dem un⸗ ſchuldigſten Manne in Bagdad beſtimmt hattet.“ „Ei, welchen Beweis,“ verſetzte der Veſyr,„haſt du denn von ſeiner Unſchuld?“ „Sein eigenes Geſtaͤndnis gegen mich,“ antwor⸗ tete der Kerkermeiſter.„Abderrahman iſt nicht im Stande zu luͤgen: aber ihr, gnaͤdiger Herr, erlaubet mir, daß ich es euch vorſtelle, ihr habt euch zu leicht gegen ihn einnehmen laßen; kennet ihr wohl die An⸗ klaͤger des jungen Kaufmanns? ſeid ihr ihrer Redlich⸗ keit gewis, um ihnen auf ihr Wort glauben zu koͤn⸗ nen? ſollten ſie nicht geheime Feinde des Angeklagten ſein? Wißt ihr, daß nicht Neid und Haß ſie gegen ihn bewaffnen? Nehmet euch in Acht, euch durch Betruͤger hintergehen zu laßen, und fuͤrchtet, un⸗ ſchuldiges Blut zu vergießen; denn ihr muͤßt dereinſt Naßiraddolé, Abderrahman und Seineb. 181 Rechenſchaft ablegen von der Gewalt, womit ihr be⸗ kleidet ſeid: ihr werdet belohnt werden, wenn ihr einen guten Gebrauch davon machet; aber ihr werdet beſtraft werden, wenn ihr dieſelbe misbrauchet.“ Dieſe Worte, welche der Kerkermeiſter mit Feſtig⸗ keit ausſprach, ſetzten den Veſyr in Erſtaunen, und bewogen ihn, in ſich zu gehen. Er ließ den Kerker⸗ meiſter, bis auf weitern Befehl, ins Gefaͤngnis ſetzen, und war entſchloſſen, nichts zu verſaͤumen, um zu entdecken, ob die Anklaͤger des jungen Kauf⸗ manns, ihre Angabe in gutem Glauben gemacht haͤt⸗ ten: weil er indeſſen ſchon das Haus des Verklagten hatte ſchleifen und alle ſeine Guͤter einziehen laßen, ſo wollte er ſeinen Urtheilsſpruch nicht verdaͤchtig ma⸗ chen. Er befahl dem Kadi, Abderrahman in der Umgegend von Bagdad aufſuchen zu laßen. Waͤhrend der Stellvertreter des Kadi's mit allen ſeinen Haͤſchern das Gefilde durchſtreifte, hielt der junge Kaufmann ſich bei einem ſeiner Freunde in Bagdad verborgen. Aus der Muͤhe welche man ſich gab, ihn aufzuſuchen, ſchloß er, daß ſeine Sache ſchlimm ſtuͤnde, und er fuͤrchtete, der Kadi moͤchte ihn in ſeinem Verſteck ausſpuͤren; er entſchloß ſich alſo, nach Mußel zu entfliehen. „Ich werde dort,“ ſagte er,„eine ſichere Zu⸗ flucht finden, wofern ich nur an den Hof Naßirad⸗ 3 * 1382 215. Tag. dolé's gelangen kann; dieſer Fuͤrſt wird mich bald mein Ungluͤck vergeſſen laßen.“ So bald er wußte, daß die Haͤſcher, der fruchtlo⸗ ſen Nachforſchungen muͤde, nach Bagdad zuruͤckgekehrt waren, verließ er eines Nachts dieſe Stadt, auf ei⸗ nem ſehr guten Roſſe, welches ſein Freund ihm gab, und nahm ſeinen Weg nach Mußel. Er eilte ſo ſehr, daß er binnen kurzer Zeit dort ankam. Er ſtieg in der naͤchſten Karavanſerei ab, ließ dort ſein Pferd, und begab ſich an den Hof.. Alle Beamte des Koͤnigs erkannten ihn ſogleich, und riefen aus: 3 „Seht, da iſt der Fremdling, welchen unſer Ko⸗ nig ſo lieb hat! er ſei willkommen!“ In einem Augenblicke verbreitete ſich das Geruͤcht von ſeiner Ankunft in dem Palaſt, und kam auch Naßiraddolé zu Ohren. Sogleich ließ der Furſt ſeinen Schatzmeiſter rufen, und ſprach zu ihm ganz leiſe: „Geh hin zu Abderrahman, gib ihm in meinem Namen zweihundert Goldzeckienen; und ſage ihm, er ſolle ſie im Handel anlegen, aber meinen Palaſt ver⸗ laßen, und vor ſechs Monaten nicht wiederkommen. Der Schatzmeiſter entledigte ſich auf der Stelle ſeines Auftrags, welcher den Kaufmann von Bagdad aͤußerſt befremdete. Dieß war in der That ein ſelt⸗ ſamer Empfang, deſſen er ſich nimmer verſehen konnte: 8 8 —˖—᷑—ꝭ—ꝭ—ꝭO˖Q—Q—ꝑ—— ———OZLA—m„. Naßiraddols, Abderrahman und Seineb. 183 „Wie denn!“ rief er aus:„kann der Koͤnig von Mußel auf ſolche Weiſe einen Mann empfangen, den er einſt gewuͤrdigt hat als ſeinen Freund anzuſehen? Habe ich irgend etwas gethan, das ihm misfallen hat? — Ach! ich ſchmeichelte mir, daß er immer dieſelben Geſinnungen fuͤr mich hegen wuͤrde, und dieſe Hoff⸗ nung troͤſtete mich in allen meinen Leiden!“ „Betruͤbet euch nicht,“ ſagte der Schatzmeiſter zu ihm:„der Koͤnig liebt euch noch, und wenn er euch jetzo nicht beſſer empfaͤngt, ſo muß er ſeine Urſachen dazu haben. Thut, was er euch heißt, und ihr wer⸗ det vielleicht nicht Urſache haben, es zu bereuen.“ Der Kaufmann von Bagdad verließ den Palaſt, und kehrte nach der Karavanſerei zuruͤck, ohne zu wiſſen, was er von Naßiraddolé denken ſollte. „Was ſoll ich,“ ſprach er bei ſich ſelber,„mit. dieſen zweihundert Zeckienen machen? mit einer ſo maͤ⸗ ßigen Summe laͤßt ſich kein großer Handel anfangen. Wenn er mir noch tauſend Goldzeckienen gegeben haͤtte, ſo koͤnnte ich mich mit irgend einem Großhaͤndler ver⸗ binden und von neuem mein Glluͤck verſuchen.“ Er unterließ indeſſen nicht, alle Mittel anzuwen⸗ den um ſein Geld vortheilhaft anzulegen: aber fuͤr die Kaufleute iſt es nicht genug, ihre Geſchaͤfte fleißig zu betreiben; ſie beduͤrfen zu ihrem Gedeihen auch des Gluͤcks. Wenn das Gluͤck ihren Fleiß nicht be⸗ guͤnſtigt, ſo bemuͤhen ſie ſich vergeblich, ſich zu 18½ 215. 216. Tag. bereichern. Umſonſt ſetzte aber Abderrahman alle ſeine Kraͤfte in Bewegung, er zog aus ſeinem Handel nicht einmal das wieder, was er darin angelegt hatte: ſo daß er am Ende der ſechs Monate nur noch hundert und funfzig Zeckienen uͤbrig hatte. Er erſchien jetzo wieder an dem Hofe. Der Schatzmeiſter kam im Namen des Koͤnigs, und fragte ihn, ob er noch ſeine zweihundert Zeckienen haͤtte. „Nein,“ antwortete der junge Kaufmann,„es fehlt mir ein Viertel davon.“ „Wenn dem ſo iſt,“ erwiederte der Schatzmeiſter, 2— indem er ihm funfzig Zeckienen hinzaͤhlte,„ſo habt hier wieder eure Summe vollzaͤhlig. Gehet hin, ver⸗ ſuchet es noch einmal damit, und kommet nach ſechs Monaten wieder hier.“ Zweihundert und ſechzehnter Tag. Der Kaufmann von Bagdad war uͤber dieſe Rede nicht minder verwundert, als das erſtemal. „Was iſt doch Naßiraddolé's Meinung?“ ſprach er bei ſich ſelber:„gedenkt er ſich alſo ſeiner Schuld gegen mich zu entledigen? waͤhnt er hiemit zu bezah⸗ len, daß ich ihm mein Liebſtes und Theuerſtes auf der Welt zum Opfer dargebracht habe? Sollte er ſich nicht ſchaͤmen, mir funfzig Zeckienen zu geben? 2 Naßiraddols, Abderrahman und Seineb. 185 Iſt das ein Geſchenk, das ſeiner wuͤrdig iſt?— Ich will indeſſen noch einmal,“ fuhr er fort,„thun, was er mir befiehlt. Ich will zur beſtimmten Zeit wieder in dieſen Palaſt kommen: aber es ſoll das letzte Mal ſein, wenn ich nicht auf eine andere Weiſe hier empfangen werde.“ Er kaufte von neuem Waaren, und fing damit an zu handeln; und er that es dießmal mit ſo viel Gluͤck, daß er nach Verlaufe der ſechs Monate bei⸗ nahe hundert Zeckienen gewonnen hatte. Er ermangelte nicht, ſich wieder in dem Palaſt des Koͤnigs einzufinden. Der Schatzmeiſter kam, ihn zu empfangen, und fragte ihn, ob er noch ſeine zweihundert Zeckienen haͤtte. „Ich habe jetzo beinahe dreihundert,„antwortete der Kaufmann von Bagdad;„das Gluͤck iſt mir dieß⸗ mal guͤnſtiger geweſen.“ „Wenn dem ſo iſt,“ erwiederte der Schatzmeiſter, „ſo will ich euch zu dem Koͤnige fuͤhren; er wird kei⸗ nen Anſtand mehr nehmen, euch zu empfangen.“ Mit dieſen Worten nahm er den jungen Kaufmann bei der Hand, und fuͤhrte ihn in Naßiraddolé's Zim⸗ mer. So bald der Koͤnig ſeinen Gaſtfreund erblickte, ſtand er auf, ihn zu empfangen, und nachdem er ihn 7 wiederholten Malen umarmt hatte, ſprach er zu ihm: 186 216. Tag. „O mein theurer Freund! ich zweifle nicht, daß der Empfang, welchen du hier gefunden, dich ſehr uͤberraſcht hat. Du hatteſt Urſache, ich bekenne es, eine freundlichere Aufnahme von mir zu erwarten; aber deute es mir nicht uͤbel, ich beſchwoͤre dich darum. Du weißt, das Ungluͤck iſt anſteckend. Ich hatte dein Ungluͤck durch einen Kaufmann von Bagdad vernommen, bei dem ich mich nach dir erkundigt hatte. Ich wagte es nicht, dir in meinem Palaſt eine Zuflucht einzuraͤumen, ja nicht einmal dich zu ſehen, aus Furcht, dein Ungluͤck moͤchte ſich mir mittheilen und mich außer Stand ſetzen, dir Gutes zu erweiſen, wenn dein Misgeſchick aufgehoͤrt haͤtte.— Gegenwaͤr⸗ tig,“ fuhr er fort,„da das Ungluͤck von dir gewi⸗ chen zu ſein ſcheint, hindert mich nichts mehr, den Antrieben meiner Freundſchaft zu folgen. Du ſollſt nunmehr an meinem Hofe bleiben, und ich werde alles aufbieten, was in meinen Kraͤften ſteht, um die Leiden, welche du erduldet haſt, vergeſſen zu machen.“ Wirklich, ließ Naßiraddols dem Kaufmanne von Bagdad eine Wohnung in ſeinem Palaſt anweiſen, und ernannte Beamte zu ſeiner Bedienung. Sie brachten den erſten Tag am frohen Mahle mit einan⸗ der zu, und als die Nacht gekommen war, ſagte der Koͤnig zu dem jungen Kaufmanne: —— Naßiraddolé, Abderrahman und Seineb. 187 „Ich will mich gegenwaͤrtig meiner Schuld fuͤr das Opfer entledigen, welches du mir an der jungen Schoͤ⸗ nen dargebracht haſt, die du liebſt. Ich gedenke es dir mit gleichem zu vergelten; ich will dir diejenige meiner Frauen abtreten, welche mir die allertheuerſte iſt; ich werde ſie dieſe Nacht zu dir ſenden, unter der Bedingung, daß du ſie heirateſt.“ „Herr,“ antwortete Abderrahman,„ich danke Euer Majeſtaͤt fuͤr die Guͤte, welche ihr mir erweiſen wollt. Ich kann aber keine andre Frau mehr lieben, nach Seineb, und ich beſchwoͤre euch, mir keinen Zwang anzuthun.“ „Wie ſehr du auch mit Seineb beſchaͤftigt ſein magſt,“ erwiederte der Koͤnig,„dennoch zweifle ich ſehr, ob du die Frau, welche ich dir beſtimmt habe, ſehen kannſt, ohne Liebe fuͤr ſie zu empfinden: ich verlange nicht mehr von dir, als daß du nur eine Unterredung mit ihr habeſt; und wenn ihr Geiſt und ihre Schoͤnheit keine Wirkung auf dich machen, ſo will ich nicht weiter in dich dringen, ſie zu heiraten.“ „Herr,“ verſetzte der Bagdader,„ich willige ein, mit ihr zu reden, aus Gefaͤlligkeit, weil ihr es wuͤn⸗ ſchet. Indeſſen, ſeid verſichert, daß, trotz ihren Reizen, mein Herz doch nicht fuͤr ſie entbrennen wird. — 188 217. Tag. Zweihundert und ſiebzehnter Tag. Endlich, begab ſich Abderrahman nach ſeinem Zimmer, wo er kaum angekommen war, als der Oberſte der Verſchnittenen, in Begleitung einer ver⸗ ſchleierten Frau eintrat, und zu ihm ſagte: „Herr, hier iſt die Frau, welche mein Gebieter euch ſchenken will. Es iſt die ſchoͤnſte ſeiner Frauen. Er koͤnnte euch kein koͤſtlicheres Geſchenk machen.“ Mit dieſen Worten machte er dem Kaufmanne von Bagdad eine tiefe Verbeugung, ließ die Sklavinn dort, und ging weg. Abderrahman begruͤßte die Frau ſehr hoͤflich, und bat ſie, ſich auf ein großes Sopha von blauem, mit Gold geſticktem Brokat zu ſetzen. Sie ließ ſich nieder; er ſetzte ſich neben ihr, und ſprach zu ihr: „O, die ihr unter dieſem Schleier die mit einem dichten Gewoͤlk umhuͤllte Sonne darſtellet, hdret mich an, ich beſchwoͤre euch darum. Ich bin uͤberzeugt, daß die Abſicht des Koͤnigs euch beunruhigt. Ihr fuͤrchtet ohne Zweifel, daß ich ſofort ſeine Großmuth benutzen, und euch durch ewige Bande an mein Schickſal feſſeln werde: aber fuͤrchtet nicht mehr, daß ich euch dieſen Zwang anthun werde. Ich liebe Na⸗ ßiraddolé zu ſehr, um ihn eines Weſens zu berauben, welches er anbetet; und uͤbrigens, muß ich euch be⸗ kennen, lege ich eben keinen Werth auf das Opfer, — —— Naßiraddolé, Abderrahman und Seineb. 189 welches der Fuͤrſt mir bringen will. Da ich eure Reize nicht geſehen habe, ſo beleidigt euch dieß Ge⸗ ſtaͤndnis nicht.“ Nachdem er dieſe Worte geſprochen hatte, ſchwieg er, und erwartete, was die Sklavinn ihm antworten wuͤrde, als ſie ploͤtzlich in ein lautes Lachen ausbrach; zugleich ſchlug ſie ihren Schleier zuruͤck, und Ab⸗ derrahman erkannte ſeine geliebte Seineb. „Ah! meine Fuͤrſtinn,“ rief er aus, hingeriſſen von Ueberraſchung und Freude,„ihr alſo ſeid es, die ich vor mir ſehe!“ „Ja, mein geliebter Abderrahman,“ antwortete ſie,„es iſt deine Seineb, die dir wiedergegeben iſt. Der Koͤnig von Mußel iſt nicht weniger großmuͤthig, als du. So bald er meine ganze Zaͤrtlichkeit fuͤr dich erkannte, und ſah, daß ſeine Bemuͤhungen nichts uͤber ſie vermochten, gab er ſeine Bewerbung auf; und er behielt mich ſeit langer Zeit nur noch hier, um mich deinen Armen wiederzugeben.“ Die ſchoͤne Seineb und der junge Kaufmann ver⸗ brachten die Nacht unter gegenſeitigen Bezeugungen der Freude, welche ſie uͤber ihr Wiederſehen, und uͤber die Art, wie ſie hier wiedervereint waren, empfanden. Am folgenden Morgen kam Naßiraddolé in ihr Zimmer: beide warfen ſich ihm ſogleich zu Fuͤßen, um ihm fuͤr ſeine Guͤte zu danken. Er hub ſie auf, und ſprach zu ihnen: — 190 217. T a g. „Gluͤckliche Liebende, genießet in Ruhe an meinem Hofe das Vergnuͤgen einer vollkommenen Vereinigung. Um eure Herzen noch inniger zu verbinden, will ich die Anſtalt zu eurer Hochzeitfeier machen laßen. Kann ich auch nimmer aufhoͤren, Seineb zu lieben, ſo wird meine Liebe ſich jedoch nur in den Wohlthaten kund geben, womit ich euch beideſammt uͤberhaͤufen will. In der That, begnuͤgte er ſich nicht, ihnen einen ſtarken Jahrgehalt anzuweiſen, er ſchenkte ihnen auch uͤber zwanzig tauſend Morgen Landes, die von allen Laſten frei waren. Ein Zuwachs dieſes Gluͤckes war noch, daß Ab⸗ derrahman auch erfreuliche Nachrichten aus Bagdad erhielt: er vernahm, daß einer ſeiner Anklaͤger, von Gewiſſensbiſſen getrieben, dem Großveſyr alles entdeckt, und dieſer, auf deſſen Ausſage, den andern Anklaͤger hinrichten laßen, dem Kerkermeiſter verziehen, und den Verurtheilten fuͤr unſchuldig erklaͤrt hatte. Auf dieſe Botſchaft, machte Abderrahman eine Reiſe nach Bagdad, und begab ſich zu dem Veſyr, der ihm einen Theil ſeiner Guͤter zuruͤckſtellte: aber er ſchenkte alles zuſammen dem Kerkermeiſter, der ihn ſo edelmuͤthig gerettet hatte, und kehrte alsbald wieder nach Mußel zuruͤck, wo er ſeine uͤbrigen Tage eben ſo ruhig als annehmlich verlebte.“ Tauſend und Ein Tag. 191 Zweihundert und achtzehnter Tag. Der junge Menſch, der dem Chalyfen Harun Al⸗ raſchid und ſeiner Favoritinn dieſes erzaͤhlte, beſchloß hiemit die Geſchichte von Naßiraddolé, Abderrahman und Seineb, und empfing ebenfalls ihren Beifall. Der Chalyf lobte ſehr den Edelmuth des jungen Kauf⸗ manns und des Koͤnigs von Mußel, und Suͤltanum unterließ nicht, die Treue der ſchoͤnen Circaſſierinn bis zu den Wolken zu erheben.. Hierauf nahm der Greis, welcher die Geſchichte der beiden Geiſterbruͤder erzahlt hatte, wieder das Wort, und ſagte zu der Favoritinn des Beherrſchers der Glaͤubigen: „8 meine Fuͤrſtinn! weil ihr ſo ſehr die Zuͤge von getreuen Frauen liebt, ſo will ich, wenn ihr es mir erlaubt, euch die Geſchichte der Repßima erzaͤhlen: ich glaube nicht, daß die Erzaͤhlung ihrer Abenteuer euch langweilen wird.“ Suͤltanuͤm bezeugte ſo großes Verlangen, dieſe neue Geſchichte zu hoͤren, daß der Chalyf dem Greiſe erlaubte, ſie zu erzaͤhlen. Der Alte, der von Natur geſchwaͤtzig war, wuͤnſchte nichts lieber, und hub fol⸗ gendermaßen an: Geſchichte Repßima's. „Ein Kaufmann in Baßra, namens Duͤkin, gab ſein Gewerbe auf, um ſich gaͤnzlich der Froͤmmigkeit zu widmen. Er war ſchon immer ſehr gewiſſenhaft geweſen, und hatte folglich wenig Vermoͤgen geſam⸗ melt; er bewohnte ein kleines Haus am Ende der Stadt, mit einer einzigen Tochter, welche er in der Furcht des Allerhoͤchſten und in Beobachtung der mu⸗ ſelmaͤnniſchen Gebote erzog: ſie faſteten gemeinſchaft⸗ lich nicht bloß an den vorgeſchriebenen Tagen, ſondern auch ſonſt noch oft, um Buße zu thun; kurz, ſie widmeten all ihre Zeit dem Gebet und dem Leſen des Korans. So lebten ſie zufrieden mit ihrem Looſe, und es mangelte ihnen nichts, weil ſie nichts be⸗ gehrten. Wie ſehr Repßima,— ſo hieß die Tochter Duͤ⸗ kins,— ſich bemuͤhte, ſich den Blicken der Maͤnner zu entziehen und in voͤlliger Abgeſchiedenheit von der — Rep bimaa. 193 Welt zu leben, ſo unterblieb es doch nicht, daß ſie bald in ihrer Einſamkeit geſtoͤrt wuͤrde. Der Ruf ihrer Tugend zog mehrere Maͤnner herbei, die bei ihrem Vater um ſie anhielten; und ſie wuͤrde bald noch eine groͤßere Zahl von Bewerbern gehabt haben, wenn man gewußt haͤtte, daß ihre Schoͤnheit eben ſo groß waͤre, als ihre Tugend. Duͤkin, in Betrachtung ſei⸗ nes maͤßigen Vermoͤgens, wüuͤnſchte, daß ſeine Toch⸗ ter einen reichen Kaufmann heiratete: ſie aber bezeugte ſo viel Abſcheu gegen die Ehe, daß er es nicht wagte, ſie zu dieſem Stande zu bereden, aus Furcht, ihren Gefuͤhlen Zwang anzuthun. „Nein, mein Vater,“ ſagte ſie jedesmal, wenn ein Heiratsantrag gemacht wurde,„ich will euch nie verlaßen: vergoͤnnet, daß ich mit euch die Suͤßigkeit eures ruhigen Lebens theile.“ 1 Sie lebten alſo mitſammen mehrere Jahre auf die beſagte Weiſe. Da wurde Duͤkin von dem Engel des Todes abgefordert. Repßima, die ſich der Stuͤtze ih⸗ res Vaters beraubt ſah, hub die Augen und die Haͤnde gen Himmel, und flehte ihn mit folgenden Worten an: „Guͤtiger Himmel, einzige Hoffnung der Verzwei⸗ felnden, alleinige Zuflucht der Waiſen, der du die Ungluͤcklichen, die vertrauensvoll deine Huͤlfe anrufen nicht verlaͤßeſt, und die Stimme der ſeufzenden Un⸗ IV. 23 194 218. Tag. ſchuld erhoͤreſt, verwirf nicht mein Gebet! Du biſt allmaͤchtig, du kannſt mich bewahren: entferne von mir alle Gefahren, die meine Unſchuld bedrohen!“ Nach Duͤkins Leichenbegaͤngniſſe, ſtellte die ganze Familie Repßimen vor, daß ſie nicht mehr mit Wohl⸗ anſtaͤndigkeit ſo einſam leben koͤnnte, und daß ſie ſich vermäaͤhlen muͤßte. Zugleich trug man ihr einen jun⸗ gen Kaufmann namens Temim an, deſſen Verſtaͤn⸗ digkeit und Rechtſchaffenheit man ihr ruͤhmte. Anfangs wollte ein ihrer Neigung ſo widerſtreben⸗ der Rath bei ihr keinen Eingang finden: aber, nach⸗ dem ſie in ihrem Gebete den Großen Propheten befragt hatte, glaubte ſie ſeine Zuſtimmung zu ver⸗ nehmen, und mehr bedurfte es nicht, um ſie zur Verheiratung mit Temim zu beſtimmen. Die Hochzeit wurde wenige Tage danach gefeiert. Sie fand in ihrem Gatten, außer all dem Guten, welches man ihr von ihm geruͤhmt hatte, einen Mann, der ſie herzlich liebte. Temim ward ihr taͤg⸗ lich inniger zugethan; und entzuͤckt, eine Frau von ſo ſeltenen Verdienſten zu beſitzen, ſchaͤtzte er ſich fuͤr den gluͤcklichſten der Menſchen. Aber, ach! ſein Gluͤck war nicht von langer Dauer.— Zittert, ihr Sterblichen, wenn ihr euch auf dem Gipfel eurer Wuͤnſche ſehet! der letzte Augenblick eurer Gluͤckſelig⸗ keit iſt vielleicht nicht mehr fern von euch! Repß im a. 195 Ein Jahr nach ſeiner Verheiratung, war Temim genoͤthigt eine Reiſe nach den Indiſchen Kuͤſten zu machen. Er hatte einen Bruder, dem er die Sorge fuͤr ſeine haͤuslichen Angelegenheiten uͤbertrug: „Revendé, mein lieber Bruder,“ ſprach er zu ihm,„leiſte Repßimen waͤhrend meiner Abweſenheit Geſellſchaft, und halt meine Habe zu Rathe. Ich will dir nicht mehr ſagen; ich ſchließe von mir ſelber auf dich. Ich glaube, daß dir mein Vortheil nicht we⸗ niger am Herzen liegen wird, als dein eigener.“ „Ja, mein Bruder,“ antwortete Revendé,„du haſt wohl Urſache, in mich voͤlliges Vertrauen zu ſetzen, und es iſt wirklich unnoͤthig, mir noch deine Angelegen⸗ heiten zu empfehlen. Das Blut und die Freundſchaft werden mir nicht verſtatten, ſie zu vernachlaͤßigen.“ Auf die Zuſicherung, welche Revendé ſeinem Bruder Temim gab, treulich fuͤr ſein Haus zu ſor⸗ gen, verließ dieſer Baßra, und ſchiffte ſich ein, um uͤber den Meerbuſen nach Szurat zu fahren. So bald er abgereiſt war, begab ſein Bruder ſich nach ſeinem Hauſe, und erbot Repßimen unter tau⸗ ſend Betheurungen ſeine Dienſte, welche ſie freundlich annahm. Revendé ward aber ungluͤcklicherweiſe ſterb⸗ lich verliebt in ſeine Schwaͤgerinn. Einige Zeit ver⸗ barg er ſeine Liebe: aber unmerklich war er nicht mehr Herr derſelben, und erklaͤrte ſie. Die Frau, obwohl durch die Unverſchaͤmtheit ihres Schwagers entruͤſtet, 218. Tag. redete jedoch in Guͤte mit ihm, und bat ihn, ſie fer⸗ ner mit ſolchen Antraͤgen zu verſchonen. Sie ſtellte ihm die Beſchimpfung vor, welche er ſeinem Bruder Temim anthun wollte, und wie wenig Frucht er von ſeinem ſtrafbaren Geluͤſte zu erwarten haͤtte. Als Revendé ſah, daß ſeine Schwaͤgerinn die Sache ſo glimpflich aufnahm, verzweifelte er nicht, ſie zu verfuͤhren, und ward dreiſter: 3„O meine Koͤniginn,“ ſagte er zu ihr,„alles was ihr mir dagegen einwenden koͤnntet, waͤre frucht⸗ los! Erhoͤret lieber meine Seufzer, und nehmet meine Dienſte an. Ich will mich mit dem Guͤrtel der Knechtſchaft guͤrten, und euer Sklave ſein bis in den Tod. Laßt uns einig ſein, und unſer Einverſtaͤndnis ſei ſo geheim, daß keine uͤble Nachrede uns erreichen kann.“ G Bei dieſer Rede konnte Repßima nicht laͤnger ihren Zorn zuruͤckhalten:— „Ha! Ehrloſer,“ rief ſie aus,„dich kuͤmmert nur, dein Verbrechen vor den Augen der Welt zu verber⸗ gen; du fuͤrchteſt nur bei den Leuten entehrt zu wer⸗ den: du machſt dir aber kein Gewiſſen aus der Beſchimpfung, welche du deinem Bruder zufuͤgſt, und aus der Beleidigung des Himmels, welcher auf den Grund deiner Seele ſchauet. Aber hoͤre auf, dir zu ſchmeicheln: ich will tauſendmal lieber ſterben, als deinen verbrecheriſchen Luͤſten froͤhnen.“ Repy ßim aa. 197 Ein andrer, minder brutaler, als Revendé, waͤre bei dieſen Worten vielleicht in ſich gekehrt, und wuͤrde Repßimen nur um ſo hoͤher geachtet haben. Er aber, als er ſah, daß er ſie nicht verfuͤhren konnte, beſchloß, ſie zu verderben, um ſich an ihr zu raͤchen: und auf folgende Weiſe ſtellte er dieß an. Eines Nachts, waͤhrend ſie ihr Gebet verrichtete, ließ er heimlich einen Mann in Temims Haus. Die⸗ ſer Menſch ſchlich ſich leiſe in das Schlafgemach der Hausfrau. Jetzo kam Revendé, in Begleitung von vier beſtochenen Zeugen, ſtieß die Thuͤre des Hauſes ein, und drang in das Zimmer ſeiner Schwaͤgerinn: „Ha! Elende,“ ſprach er zu ihr,„ich ertappe dich mit einem Manne. So alſo entehreſt du meinen Bruder? Ich habe Zeugen mitgebracht, ſo daß es dir nichts helfen ſoll, dein Verbrechen zu laͤugnen. Du Laſterhafte! du gibſt dir ganz den aͤußern Anſchein der ſtrengſten Tugend, waͤhrend du im Geheimen die ſchamloſeſten Handlungen begehſt.“ Indem er alſo ſprach, erhub er einen ſolchen Laͤr⸗ men, daß er alle Nachbarn aufweckte, und die Be⸗ ſchimpfung offenkundig machte. 219. T a g. Zweihundert und neunzehnter Tag. Durch dieſe ſchwarze Anſtiftung brachte es Re⸗ vendé dahin, daß ſeine Schwaͤgerinn fuͤr eine Ehe⸗ brecherinn angeſehen wurde. Damit begnuͤgte er ſich noch nicht, er lief mit ſeinen vier Zeugen zu dem Kadi, unterrichtete ihn von dem Vorgang, und for⸗ derte ihn zur Beſtrafung auf. Der Richter vernahm ſogleich die Zeugen, und auf ihre Ausſage, befahl er ſeinem Stellvertreter hinzugehen, Repßima zu verhaf⸗ ten und ſie bis auf morgen ins Gefaͤngnis zu ſetzen. Der Beamte entledigte ſich ſeines Auftrags, und am folgenden Tage wurde die Angeklagte verurtheilt, neben der Heerſtraße lebendig begraben zu werden. Dieſes ſtrenge Urtel wurde vollzogen. Man fuͤhrte das Schlachtopfer, unter großem Zulaufe des Volks, eine halbe Meile weit vor die Stadt hinaus, ver⸗ ſcharrte ſie bis an die Bruſt in einer Grube, und ließ ſie alſo dort. Als das Volk nach der Stadt hinging, ſprach man ſehr verſchiedentlich von Temims Ehefrau. Ei⸗ nige ſagten: „Es iſt eine Verlaͤumdung; dieſer ganze Handel iſt ſehr uͤbereilt abgethan worden: die Frau ſchien ſo ſittſam und tugendhaft.“ Reyhima. 199 „Man darf nicht,“ ſagten Andere,„dem aͤußern Scheine der Weiber trauen: dieſe hier iſt mit Recht verurtheilt worden.“ Kurz, ein jeder redete daruͤber, nach ſeiner Weiſe. Repßima befand ſich alſo neben der Heerſtraße in dem Zuſtande, wie ich geſagt habe, als um Mitter⸗ nacht ein Arabiſcher Raͤuber zu Pferde an ihr voruͤber kam. Sie rief ihn an: „Wanderer, wer du auch ſeieſt,“ ſprach ſie zu ihm,„ich beſchwoͤre dich, mir das Leben zu retten: ich bin hier ungerechterweiſe lebendig eingegraben. Um Gottes willen, hab' Erbarmen mit mir, und be⸗ freie mich von einem quaalvollen Tode, der mir be⸗ vorſteht; dieſes gute Werk wird nicht unbelohnt bleiben.“. Der Araber, obſchon nur ein Raͤuber, wurde doch von Mitleid geruͤhrt:„Ich muß,“ ſprach er bei ſich ſelber,„dieſes ungluͤckliche Geſchoͤpf retten. Mein Gewiſſen iſt mit tauſend Verbrechen belaſtet, dieſe Handlung des Erbarmens bewegt vielleicht den Aller⸗ hoͤchſten, ſie mir zu verzeihen.“ Indem er dieſe Betrachtung anſtellte, ſtieg er vom Pferde, naͤherte ſich Repßima, und nachdem er ſie aus ihrem Grabe gezogen, ſtieg er wieder auf, und nahm die Frau hinter ſich auf ſein Pferd. „„Herr,“ ſagte ſie zu ihm,„wohin wollt ihr mich fuͤhren?“ 219. Tag. „Ich will,“ antwortete er,„euch nach meinem Zelte bringen, das nicht weit von hier entfernt iſt. Dort werdet ihr in Sicherheit ſein, und meine Frau, die das beßte Gemuͤth von der Welt hat, wird euch freundlich aufnehmen.“ Sie gelangten bald zu mehreren Zelten, worin eine Bande Arabiſcher Raͤuber hauſte. Sie ſtiegen vor der Thuͤre des einen Zeltes ab, und der Araber klopfte an. Es erſchien alsbald ein Schwarzer, und dffnete. Der Raͤuber ließ Repßima hineintreten, ſtellte ſie ſeiner Frau vor, und ſagte ihr, wie er ſie angetroffen haͤtte. Die Frau des Arabers war von Natur mitleidig, und ſah nur ungern ihren Mann das Handwerk eines Raͤubers treiben; ſie empfing Repßima liebreich, und bat ſie, ihre Geſchichte zu erzaͤhlen. Die Gattinn Temims begann dieſe Erzaͤh⸗ lung mit Seufzen, und ſprach auf eine ſo ruͤhrende Weiſe, daß ſie ihre Zuhoͤrer erweichte. Die Frau des Raͤubers beſonders war ganz davon durchdrungen, und ſagte mit Thraͤnen in den Augen zu Repßima: „Liebe ſchoͤne Frau, ich empfinde euer Leid ſo ſehr, wie ihr ſelbſt, und ihr koͤnnt darauf rechnen, daß ich geſonnen bin, euch alle Dienſte zu leiſten, welche in meinem Vermoͤgen ſtehen.“ „Liebe gute Frau,“ erwiederte ihr die Gattinn Temims,„ich danke euch herzlich fuͤr eure Guͤte. Ich ſehe wohl, daß der Himmel mich nicht verlaßen ——— —— — ReyBima. 201 will, weil er mich zu Menſchen bringt, welche an meinem Ungluͤcke Theil nehmen. Vergoͤnnet mir, bei euch zu bleiben, gebet mir ein Kaͤmmerlein, wo ich meine Tage im Gebete fuͤr euch verleben kann.“ Zweihundert und zwanzigſter Tag. Die Frau des Arabers fuͤhrte ſie in ein kleines Gemach, und ſagte zu ihr: „Hier koͤnnt ihr ganz in Ruhe ſein; kein uͤberlaͤſti⸗ ger wird euch hier in euern Gebeten ſtoͤren.“ Es war ein großer Troſt fuͤr Repßima, dieſe Zu⸗ flucht gefunden zu haben; ſie ſagte unablaͤßig dem Himmel Dank dafuͤr. Aber, ach! ſie war noch nicht am Ende ihrer Leiden; es ſtand ihr noch manches an⸗ dre Ungluͤck bevor. Der Schwarze, der im Dienſte des Arabers ſtand, und deſſen Verrichtung es war, die Pferde zu ſatteln, das Vieh auf die Weide und wieder heim zu treiben, warf ein luͤſternes Auge auf Repßima: „Wie ſchoͤn iſt ſie!“ ſprach er bei ſich ſelber, „und wie gluͤcklich waͤre mein Loos, wenn ich es da⸗ hin bringen koͤnnte, von ihr geliebt zu werden!“ Kalid,— ſo hieß er,— obwohl er einer der abſchreckendſten Ungeheuer ſeiner Art war, verzichtete dennoch nicht auf die Hoffnung, ein begluͤckter Lieha⸗ 202 220. Ta g. ber zu werden. Dieſe Hoffnung und die Schoͤnheit des geliebten Gegenſtandes, den er haͤufig vor Augen ſah, ſteigerten ſeine Leidenſchaft dermaßen, daß er ſich entſchloß, ſie bei der erſten ſich darbietenden Gelegen⸗ heit zu erklaͤren. Dieſe Gelegenheit bot ſich auch bald dar; und eines Tages, als der Araber mit ſeiner Frau nicht daheim waren, benutzte er ſie. Er trat in Repßi⸗ mens Kammer, und ſprach zu ihr: „Schon lange laure ich auf den Augenblick, euch allein ſagen zu koͤnnen, daß ich mich ſterblich in euch verliebt habe: ich bin unfehlbar des Todes, wenn ihr mich nicht erhͤret. „Ha, Elender!“ antwortete ſie ihm:„wie kannſt du dir einbilden, daß du meine Aufmerkſamkeit auf dich ziehen koͤnnteſt? Wenn du auch der ſchoͤnſte und wohlgebildeteſte aller Maͤnner waͤreſt, doch wuͤrde deine thoͤrichte Leidenſchaft fruchtlos ſein: und du ſchmeichelſt dir mit der Hoffnung mir zu gefallen? Hinweg, Verwegener! nur mit Grauen faͤllt mein Blick auf dich.— Wenn es dir jemals wieder ein⸗ faͤllt,“ fuhr ſie fort,„mit mir von Liebe zu reden, ſo werde ich es deinem Herrn ſagen, der deine Unver⸗ ſchaͤmtheit zuͤchtigen wird.“ Sie ſprach dieſe Worte mit einem ſo feſten Tone, daß er wohl erkannte, eine ſo ſchoͤne Eroberung waͤre ihm nicht aufbehalten. Da er nicht weniger boshaft —— — R ey hima. 203 war, als Revendé, ſo glaubte er ſich auch an einer Frau raͤchen zu muͤßen, welche ſeine Brunſt ver⸗ ſchmaͤhte: aber er ſtellte dieß auf eine ſehr ſeltſame Weiſe an. Der Araber hatte einen Sohn, der noch in der Wiege lag, und die ganze Freude ſeines Vaters und ſeiner Mutter ausmachte. Eines Nachts ging Kalid hin, ſchnitt dieſem Kinde den Hals ab, ging mit dem Meſſer, womit er eine ſo unmenſchliche That voll⸗ bracht hatte, in Repßima's Kammer, welche er leiſe und ohne Geraͤuſch oͤffnete, und legte es ganz blutig, wie es war, unter ihr Bette, in welchem ſie ſchlief. Ueberdieß ſprengte er von der Wiege des Kindes bis zu dem Bette dieſer ungluͤcklichen Frau Blutstropfen hin, und machte ſelbſt ihr Gewand blutig, damit der Verdacht des Mordes auf ſie fiele. So bald am folgenden Morgen fruͤhe der Araber und ſeine Frau ihr Kind in dem Zuſtand erblickten, worin der Schwarze es verſetzt hatte, ſtießen ſie ein entſetzliches Geſchrei aus, ſie zerſchlugen ihr Angeſicht und ſtreuten Aſche auf ihr Haupt. Kalid lief auf ihr Geſchrei herbei, und fragte ſie nach der Urſache, als wenn er von nichts wuͤßte. Sie zeigten ihm die von Blute triefende Wiege und ihren ermordeten Sohn darin. Bei dieſem Schauſpiele gebaͤrdet er ſich ganz wuͤthend, reißt ſeine Kleider in Stuͤcke, heult, raſet, und ruft aus: 220, 221. Tag. „O Ungluͤck ohne gleichen! o abſcheuliche Bosheit! Warum weiß ich nicht, von welcher Hand dieſer Streich herkoͤmmt? Haͤtte ich in dieſem Augenblick den Urheber eines ſo graͤßlichen Verbrechens, ich wuͤrde ihn in Stuͤcke reißen.— Aber,“ fuͤgte er hinzu,„mich duͤnkt, er muͤßte ſich noch entdecken la⸗ ßen. Wir duͤrfen nur die blutigen Spuren dieſes Wordes verfolgen.“ Nach dieſen Worten folgte er mit ſeinem Herrn den Blutstropfen, welche ſie in Repßima's Kammer fuͤhrten. Der Schwarze zog hier unter dem Bette das Meſſer hervor, das er ſelber dahin gelegt hatte und machte dem Araber auch ihr blutiges Gewand bemerk⸗ lich. Sodann ſprach er alſo: „O mein Gebieter, ihr ſeht nun, auf welche Weiſe dieſe Elende euch die Guͤte vergilt, welche ihr ihr erzeiget.“ Zweihundert und ein und zwanzigſter Tag. Der Araber ſtand hoͤchſt erſtaunt da, als er ſah, daß er wirklich Urſache hatte, Repßimen einer ſo un⸗ menſchlichen That in Verdacht zu haben. „Ha! Elende,“ ſprach er zu ihr,„auf ſolche Weiſe alſo beobachteſt du die Pflichten der Gaſtfreund⸗ ſchaft? Warum haſt du das Blut meines Sohnes Rephßima. 203 vergoſſen? Was hatte dir dieſes arme unſchuldige Kind gethan, um deine Hand gegen ſeine kaum be⸗ gonnenen Lebenstage zu waffnen? O du Unmenſch⸗ liche! die Dienſte, welche ich dir geleiſtet habe, verdienten eine andre Belohnung.“ Indem er dieß ſagte, zerfloß er in Thraͤnen und war in Verzweiflung.- „ mein theurer Herr,“ ſprach Kalid zu ihm, oͤnnt ihr noch in ſolchen Ausdruͤcken mit der fluch⸗ wuͤrdigen Fremden reden? Wollt ihr euch begnuͤgen, ihr Vorwuͤrfe zu machen? Stoßt ihr lieber das un⸗ ſelige Meſſer in die Bruſt, womit ſie euch euern ein⸗ zigen Sohn entriſſen hat. Und wollt ihr ſelber euch nicht raͤchen, ſo uͤberlaßet mir die Rache: ich will dieſe Abſcheuliche, die ſich im Blute deines Kindes gebadet hat, beſtrafen.“ Mit dieſen Worten ergriff er das Meſſer und wollte es Repßimen ins Herz ſtoßen, die von der Anſchuldigung eines ſo ſchwarzen Verbrechens ſo uͤber⸗ raſcht war, daß ſie in tiefes Stillſchweigen verſunken war. Sie hatte nicht Kraft, ein Wort zu ihrer Entſchul⸗ digung hervorzubringen, und der Schwarze ſtand im Begriffe, ſie zu durchbohren, als der Araber ihm den Arm zuruͤckhielt. „Was thut ihr?“ fragte ihn Kalid:„wollt ihr mich verhindern eine Verruchte zu beſtrafen, welche 206 221. K a g. das Gaſtrecht des Brotes und des Salzes*⁴) ſo verletzt hat? Ah! laßt ab, euch meinem Vorhaben zu wi⸗ derſetzen. Verſtattet, daß ich die Erde von einem Ungeheuer reinige, welches in der Folge noch andere Miſſethaten begehen wird, wenn man ſie dießmal un⸗ beſtraft laͤßt.“ 4 Mit dieſen Worten hub er den Arm zum zweiten⸗ mal empor, um Repßimen den Todesſtoß zu geben. Aber der Araber hielt ihn abermals zuruͤck, und ver⸗ bot ihm, ſie zu toͤdten. Der Raͤuber faßte ſich in ſeiner Verzweiflung, und obgleich der Anſchein gegen die Gattinn Temims war, ſo ward es ihm jedoch ſchwer, ſie ſchuldig zu glauben; er wollte hoͤren, was ſie zu ihrer Rechtfertigung ſagen wuͤrde. Er fragte ſie, warum ſie, ſein Kind ermordet haͤtte. Sie antwortete, daß ſie gar nichts von dieſer ganzen Sache wuͤßte, und fing an ſo bitterlich zu weinen, daß der Raͤuber zum Mitleide bewegt wurde. Der Schwarze gewahrte dieß, und trotz dem Verbote ſeines Herrn, der Angeſchuldigten ein Leid zu thun, wollte er abermals ſie durchbohren. Die Geſchaͤftig⸗ keit, welche er hiebei zeigte, fiel dem Araber auf, und er befahl ihm, ſich zu entfernen: °) Dadurch daß man mit einem Gaſte Salz und Brot ißt, wird ſchon das Gaſtrecht geſtiftet. . Rexpim a. 20 „Geh, Kalid,“ ſagte er zu ihm,„du treibſt dei⸗ nen Eifer zu weit, ich will nicht, daß dieſe Frau ge⸗ toͤdtet werde, ich halte ſie fuͤr unſchuldig, trotz dem Anſcheine, welcher ſie verurtheilt.“ Die Gattinn des Raͤubers, wie lebhaft auch ihr Schmerz uͤber den Tod ihres Sohnes war, konnte ſich jedoch auch nicht uͤberzeugen, daß Repßima des Verbrechens faͤhig waͤre, deſſen man ſie beſchul⸗ digte. 3„Es iſt beſſer,“ ſagte ſie zu ihrem Manne,„dieſe Frau zu entlaßen, ohne ihr ein Leid zu thun, als ſie zu toͤdten, ohne von ihrer Schuld uͤberzeugt zu ſein.“ Der Araber billigte dieſen Ausſpruch, und ſagte zu Repßima: „Noͤget ihr nun unſchuldig ſein, oder ſchuldig, ich kann euch bei mir laͤnger keine Zuflucht gewaͤhren. So oft meine Frau und ich euch anſaͤhen, wuͤrden wir uns nur das Andenken unſers Sohnes zuruͤckrufen, und ihr wuͤrdet nur taͤglich unſern Schmerz erneuen. Verlaßet dieſes Zelt, und ſuchet euch eine Zuflucht, wo es euch beliebt. Ihr koͤnnt mit meiner Maͤßigung zufrieden ſein. Anſtatt euch das Leben zu nehmen, will ich euch vielmehr noch Geld zum Unterhalte geben.“ Repßima pries die Milde des Arabers, und ſagte zu ihm, der Himmel waͤre zu gerecht, um nicht der⸗ einſt den Urheber des Verbrechens ans Licht zu brle gen. Hierauf dankte ſie ihm fuͤr die Guͤte, we che er 206 221. Ta g. ihr erwieſen hatte. Als er ihr aber eine Boͤrſe mit hundert Zeckienen anbot, ſprach ſie zu ihm: „Behaltet euer Geld, und uͤberlaßet mich der Vor⸗ ſehung; ſie wird ſchon fuͤr mich ſorgen.“ „Nein, nein,“ erwiederte er,„ich verlange, daß ſhe dieſes Geld nehmet, es wird euch nicht unnutz ein.“ 3 Sie nahm es an, und nachdem ſie noch die Frau des Raͤubers gebeten hatte, keinen Groll gegen ſie zu hegen, entfernte ſie ſich von der Wohnung des Arabers. Sie wanderte den ganzen Tag fort, ohne auszu⸗ ruhen, und beim Anbruche der Nacht, gelangte ſie an die Thore einer Stadt, die nicht weit vom Meere lag. Sie klopfte auf gut Gluͤck an die Thuͤre eines kleinen Hauſes, worin eine gute alte Frau wohnte, welche oͤffnete und ſie fragte, was ſie begehrete. „O gute Mutter, antwortete ihr Repßima,„ich bin eine Fremde, und komme jetzt eben in dieſer Stadt an, wo ich niemand kenne; ich beſchwoͤre euch, ſo liebreich zu ſein, und mich bei euch aufzunehmen.“ Ddie Alte willigte ein, und gab ihr eine kleine Kammer. Da zog die Gattinn Temims aus ihrer Boͤrſe eine Zeckiene, uͤbergab ſie ihrer Wirthinn, und ſagte zu ihr:— „Meine gute Mutter, gehet hin und kaufet uns etwas zum Abendeſſen ein.“ Rephßimaa. 2⁰9 Die Alte ging aus, und kam nach kurzer Zeit wieder, mit Datteln, trockenen und eingemachten Fruͤchten, und beide fingen an davon zu eſſen. Nach dem Mahle, erzaͤhlte Repßima der Alten ihre Ge⸗ ſchichte, die davon ſehr geruͤhrt wurde; hierauf legten beide ſich ſchlafen. Am folgenden Tage hatte Temims Gattinn Luſt, ins Bad zu gehen, und die Alte begleitete ſie dahin. Auf dem Wege dahin ſahen ſie einen jungen Menſchen mit gebundenen Haͤnden und einem Strick um den Hals: der Scharfrichter fuͤhrte ihn zur Hinrichtung, und eine große Volksmenge folgte ihm. Repßima fragte, welches Verbrechen der junge Menſch begangen haͤtte. Man ſagte ihr, es waͤre ein Schuldner, und nach den Geſetzen dieſer Stadt wuͤrden alle diejenigen gehenkt, die nicht ihre Schulden bezahlten. „Wie viel iſt denn dieſer da ſchuldig?“ fragte die Gattinn Temims. „Er iſt ſechzig Zeckienen ſchuldig,“ antwortete ihr einer der Einwohner:„wollt ihr ſie fuͤr ihn bezahlen, ſo rettet ihr ihm das Leben.“ „Sehr gern,“ erwiederte ſie, indem ſie ihre Boͤrſe hervorzog:„an wen muß man das Geld gebend“ Man benachrichtigte ſogleich den Kabi, der den jungen Menſchen zum Tode begleitete, daß eine Frau ſich erboͤte, fuͤr den Schuldner zu bezahlen. Man IV. 1 4½4 210 22r. 222. Ta g. ließ den Glaͤubiger kommen; Repßima bezahlte ihm die ſechzig Zeckienen, und der junge Mann wurde auf der Stelle in Freiheit geſetzt. Das Volk, von dieſer Großmuth der Fremden entzuͤckt, wollte gerne wiſſen, wer ſie waͤre: und dieß bewog ſie, daß ſie, anſtatt ins Bad zu gehen, von ihrer alten Wirthinn Abſchied nahm, und die Stadt verließ, um ſich der zudringlichen Neugierde der Einwohner zu entziehen. Zweihundert und zwei und zwanzigſter Tag. Unterdeſſen ſuchte auch der junge Mann, der ſo eben dem Tode entgangen war, ſeine Befreierinn auſf, um ihr zu danken; und als er vernahm, daß ſie die Stadt verlaßen haͤtte, erkundigte er ſich nach dem Wege, welchen ſie genommen, und folgte ihr auf dem Fuße nach. Er holte ſie am Rande einer Quelle ein, wo ſie ſich niedergelaßen hatte, um ſich ausruhen; er gruͤßle ſie ehrerbietig, und erbot ſich zu ihrem Sklaven, um ihr ſeine Erkenntlichkeit zu bezeugen. „Nein,“ antwortete ſie ihm,„ich begehre nicht, daß ihr den Dienſt, welchen ich euch geleiſtet habe, ſo theuer erkaufet; ihr habt mir keine ſo große Ver⸗ pflichtung, als ihr euch einbildet. Nicht um euret⸗ Repßim a. 211 willen habe ich euch das Leben gerettet, ſondern es geſchah einzig um Gottes willen.“ Waͤhrend ſie alſo ſprach, heftete der junge Mann ſeine Augen auf ſie; und von ihrer hohen Schoͤnheit getroffen, ward er verliebt in ſie. Er erklaͤrte ſeine Liebe auf der Stelle; und uͤberzeugt, daß er keine beſſere Gelegenheit finden koͤnnte, ſich lebhaft und dringend zu zeigen, warf er ſich Repßimen zu Fuͤßen und beſchwur ſie in den leidenſchaftlichſten Ausdruͤcken, die Glut zu erwiedern, welche ſie in ihm angefacht haͤtte. Aber die keuſche Gattinn Temims, anſtatt mit Vergnuͤgen einen Liebhaber zu ihren Fuͤßen zu ſehen, gerieth in Zorn gegen ihn, und behandelte ihn nicht guͤnſtiger, als jenen Schwarzen. „O Ungluͤcklicher!“ ſagte ſie zu ihm,„du weißt wohl, daß du ohne mich gegenwaͤrtig nicht mehr auf der Welt waͤreſt: des Henkers Hand haͤtte dir ehrlos das Leben geraubt, und du wagſt es jetzo meine Ehre anzutaſten! du biſt ſogar ſo unverſchaͤmt, mir deine Begierden zu erklaͤren.“ „Schoͤne Frau,“ antwortete ihr der junge Mann, nich glaube, euch nicht zu beleidigen, wenn ich euch die Empfindungen ausdruͤcke, welche die Dankbarkeit und euer Anblick in meinem Herzen erzeugt. Iſt es denn eine ſo große Beleidigung fuͤr euch, wenn ich euch ſage, daß ihr mich bezaubert habt?“ 212 4 222. Tag. „Schweig, Elender!“ unterbrach ihn Repßima, „und waͤhne nicht, meine Tugend zu beſtechen, um dich zu erhdren; vergeblich verbirgſt du deine boͤſen Abſichten unter unterwuͤrfigen und ehrerbietigen Wor⸗ ten, ich erkenne ſie wohl durch deine Schmeichelreden hin. Geh, flieh, und noͤthige mich nicht, den Dienſt zu bereuen, welchen ich dir geleiſtet habe.“ Die Miene mit welcher ſie dieſe Worte ausſprach, gab dem jungen Manne wohl zu erkennen, daß er nichts zu hoffen haͤtte. Er ſtand auf, ohne weiter etwas zu ſagen, und wanderte bis zum Geſtade des Meeres hin. Dort ſah er ein Schiff liegen, deſſen Beſatzung eben ans Land ſtieg: es waren Kaufleute von Baßra, die nach Serendib fuhren; er naͤherte ſich ihnen, und fragte nach dem Schiffshauptmann. „Ich habe,“ ſprach er zu dieſem,„eine Sklavinn von vollkommener Schoͤnheit, welche ich verkaufen moͤchte; ſie liebt mich nicht: und ich habe beſchloſſen, mich ihrer zu entledigen; ſie iſt nur zwei Schritte von hier, am Ufer einer Quelle; kaufet ſie, ich laße ſie euch wohlfeil; ich will ſie euch fuͤr dreihundert Zeckie⸗ nen hingeben.“ „Ich nehme euch beim Worte,“ antwortete ihm der Schiffshauptmann,„vorausgeſetzt, daß ſie jung und auch ſo ſchoͤn iſt, wie ihr ſaget.“ Hierauf fuͤhrte der junge Mann den Schiffshaupt⸗ mann zu der Quelle, wo Repßima, nach der Abwa⸗ Repkim a. 215 ſchung, noch ihr Gebet verrichtete. Der Hauptmann hatte ſie nicht ſo bald von Angeſicht geſehen, als er die dreihundert Zeckienen dem jungen Manne bezahlte, der damit nach der Stadt zuruͤckkehrte. Der Hauptmann, der Repßima gekauft hatte, naͤherte ſich ihr, und ſprach: „O hinreißende Schoͤnheit, ich bin entzuͤckt uͤber den Handel, welchen ich gemacht habe! Ich habe ſchon viel Sklavinnen geſehen, und in meinem Leben wohl ihrer mehr als tauſend gekauft, aber ich bekenne euch, daß ihr ſie alle uͤbertrefft. Eure Augen ſind ſtrahlender, als die Sonne, und eure Geſtalt iſt un⸗ vergleichlich.“ Wenn dieſe Anrede Repßimen ſehr uͤberraſchte, ſo erſtaunte ſie bald noch weit mehr, als der Hauptmann ihr die Hand reichte, und zu ihr ſagte: 6„Kommt, meine Prinzeſſinn, ich will euch aufs Schiff fuͤhren, und euch die Kammer des Hinterdecks einraͤumen. Wir werden in einem Augenblick in See ſtechen, zuſammen nach Serendib fahren, und bei unſrer Nuͤckkehr nach Baßra ſollt ihr die Gebieterinn meiner Habe und meines Hauſes ſein; denn ich denke nicht daran, euch zu verkaufen. Wenn ich euch von jenem jungen Manne gekauft habe, welchen ihr nicht liebt, ſo iſt es geſchehen, um euch zur gluͤcklichſten Frau von der Welt zu machen. Ich will euch alle nur denkbare Zaͤrtlichkeit und Gefalligkeit beweiſen.“ 21½ 1 222. Tag. Bei dieſen Worten, welche Repßima ſehr ungedul⸗ dig anhoͤrte, unterbrach ſie den Schiffshauptmann und rief aus: „Was ſagt ihr mir da? ich bin niemals eine Sklavinn geweſen, ſondern ich bin frei, und niemand hat das Recht, mich zu verkaufen.“ Indem ſie dieſes ſagte, ſtieß ſie die Hand des Schiffshauptmanns unſanft zuruͤck. Dieſer war von Natur ungeſtuͤm und hitzig; die Art wie ſie die verbindlichen Dinge aufnahm, welche er ihr zu ſagen waͤhnte, verdroß ihn. Er aͤnderte auf einmal die Sprache, und redete aus einem andern Tone mit ihr. „Wie, du kleines Geſchoͤpf,“ ſprach er,„darfſt du ſo mit deinem Herrn reden? Ich habe dich fuͤr mein Geld gekauft, du biſt meine Sklavinn, und ich werde dich, du magſt wollen oder nicht, mit mir nehmen.“. Mit dieſen Worten, umfaßte er ſie mit ſeinen Ar⸗ men, und trug ſie, trotz ihrem Widerſtreben, mit ſich hinweg, wie der Wolf ein von dem Hirten ver⸗ irrtes Lamm hinwegtraͤgt. Sie mochte noch ſo viel die Luft mit ihrem Geſchrei erfuͤllen, er ſchiffte ſie mit ſich ein, und bald ging das Schiff unter Segei. Der Schiffshauptmann ließ Repßimen einige Tage in Ruhe: als er aber ſah, daß ſie, ungeachtet aller „Beweiſe von Zaͤrtlichkeit, welche er ihr geben mochte, Repßima. 215 ihn nicht mit guͤnſtigeren Augen anſah, ſo verlor er die Geduld, und forderte eines Tages, daß ſie ſich ſeiner Liebe gefaͤllig bezeigte. Sie fand ſich keineswe⸗ ges geneigt, den Bemuͤhungen ihres Verſuchers nach⸗ zugeben, der ſeinerſeits nichts mehr ſchonte, und end⸗ lich ſo weit ging, durch Gewalt erzwingen zu wollen, was man ihm in Guͤte verſagte, als ein furchtbares Unwetter das ganze Schiffsvolk in Schrecken ſetzte. Es erhub ſich ploͤtzlich ein ſo wuͤthender Sturm, daß in einem Augenblicke das Schiff entmaſtet iſt, das Tauwerk zerriſſen, und die Segel hinweggefuͤhrt ſind. Die Matroſen wiſſen nicht mehr, was ſie thun ſollen, und der Steuermann uͤberlaͤßt das Schiff den Winden und Wellen, indem er auf dem Verdeck ausruft: „O ihr Reiſenden, wenn jemand von euch Ver⸗ brechen begangen und die Gebote des Propheten ver⸗ letzt hat, ſo flehe er den Himmel um Verzeihung an; es iſt keine Zeit zu verlieren, wir gehen bald alle zu Grunde.“ Wirklich ward der Sturm immer ſtaͤrker, und nachdem das Schiff einige Augenblicke mit den Wogen gekaͤmpft hatte, verſank es. 216 223. Tag. Zweihundert und drei und zwanzigſter Tag. Alle die auf dem Schiffe waren, ertranken„ außer, Repßima und der Hauptmann. Beide retteten ſich, jeder auf einem Brette, und kamen an verſchiedenen Stellen ans Land. Die Gattinn Temims wurde von den Fluten ans Geſtade einer ſehr volkreichen Inſel getragen, welche von einer Frau beherrſcht wurde. Es befanden ſich damals gerade viele Einwohner am Ufer des Meeres. Als dieſe Repßimen auf dem Waſſer erblickten und ſie gluͤcklich an ihrer Inſel landen ſahen, betrachteten ſie dieß als ein Wunder. Sie umringten ſie alle und thaten tauſend Fragen an ſie. Um ihre Neugierde oollig zu befriedigen, erzaͤhlte ſie ihnen ihre Abenteuer, und beſchwur ſie, ihr eine Freiſtatt zu gewaͤhren, wo ſie ruhig leben koͤnnte. Die Inſelbewohner, von ihrer Schoͤnheit, ihrem Geiſt und ihrer Tugend entzuͤckt, gaben ihr eine Wohnung, in welcher ſie einige Jahre unter Gebeten verlebte. Die Inſelhewohner konnten das ſtrenge Leben, welches ſie fuͤhrte, nicht genug bewundern. Sie un⸗ terhielten ſich nur von der Fremden und der Reinheit ihrer Sitten: ſie ward ſogar bald ihr Orakel. Wenn jemand von ihnen eine lange Reiſe antreten wollte, oder irgend eine andre Unternehmung vorhatte, ſo er⸗ mangelten ſie nicht, ſie zuvor um Rath zu fragen, ———— R ep himaa. 217 und ſie verkuͤndigte ihnen den Erfolg. Kurz, ſie er⸗ warb ſich die Hochachtung aller Leute, oder vielmehr man betrachtete ſie als eine Gottheit. Die Koͤniginn der Inſel faßte ſo große Freund⸗ ſchaft fuͤr ſie, daß ſie nichts beſſeres thun zu koͤnnen glaubte, als ſie ihrem Volke zur Herrinn zu geben, und erklaͤrte ſie fuͤr ihre Erbinn; was von allen ihren Unterthanen gebilligt wurde. Dieſe Koͤnigin war ſchon in einem hohen Alter, und ſtarb bald darauf. Repßima machte einige Schwierigkeiten, ihre Stelle einzunehmen; aber ihr Volk noͤthigte ſie dazu, und hatte nicht Urſache, es zu bereuen; denn ſie machte alle ſo gluͤcklich, daß ſie in der Folge den Schiffbruch ſegneten, der ſie an ihr Geſtade gefuͤhrt hatte. So bald ſie auf dem Throne ſaß, widmete ſie ſich ganz den Staatsgeſchaͤften. Sie erwaͤhlte eben ſo rechtſchaffene als einſichtsvolle Veſyre, und ließ es ſich beſonders angelegen ſein, allen Leuten Gerechtigkeit angedeihen zu laßen. Dem Gebete widmete ſie jeden Augenblick, welchen die Pflichten ihres Ranges ihr irgend vergoͤnnten. Sie faſtete, und je hoͤher ſie ſich von den Menſchen geehrt ſah, je tiefer demuͤthigte ſie ſich vor dem Allmäͤchtigen. Wenn ein Kranker ſeine Zuflucht zu ihr nahm, und ſie anflehte, den Himmel um Heilung fuͤr ihn zu bitten, ſo verdoppelte ſie ihr Gebet deshalb, und der Herr erhoͤrte ſie. Die Be⸗ wohner ihres Reichs konnten den Wundern, von 218 223. Ta g. welchen ſie Zeugen waren, nicht laäͤnger widerſtehen: ſie entſagten dem Sonnendienſte, welchem ſie bisher ergeben waren, und nahmen alle den Mahomedanis⸗ mus an. Sie fuͤhrte heilige Geſetze ein, und ließ auf den Truͤmmern der Goͤtzentempel Moſcheen erbauen. Auch ließ ſie oͤffentliche Gebaͤude fuͤr die Armen errichten, und Karavanſereien fuͤr die Fremden, welche dieſe Inſel beſuchten. Sie verwendete große Summen, um dieſe milden Stiftungen mit allem nothwendigen zu verſehen, und dieſelben wurden ſo anſehnlich, daß man bald darnach Kranke von allen Voͤlkern der Erde auf der Inſel anlangen ſah, welche auf den Ruf der Koͤniginn hieher kamen, um Linderung ihrer Uebel zu ſuchen. Eines Tages meldete man Repßimen, daß in ei⸗ ner Karavanſerei ſechs Fremdlinge waͤren, welche ſie zu ſprechen begehrten, einer von ihnen waͤre blind, der andre am halben Leibe gichtbruͤchig und noch ein andrer waſſerſuͤchtig. Sie befahl, ihr dieſelben auf der Stelle vorzufuͤhren. Zu gleicher Zeit ſetzte ſie ſich auf einen praͤchtigen Thron, neben ihr ſtanden, auf der einen Seite funfzig bis ſechzig reichgekleidete Sklavinnen, und auf der andern Seite alle Großen ih⸗ res Hofes. Als die Fremdlinge in den Palaſt kamen, fuͤhrten zwei Herren ſie vor die Koͤniginn, welche ihr Geſicht mit einem dichten Schleier verhuͤllt hatte, eben ſo wie ——— Reeyhzima. 219 alle ihre Sklavinnen. Die Fremdlinge warfen ſich vor ihr nieder und blieben mit dem Geſicht auf dem Boden liegen, bis Repßima ihnen befahl, aufzuſtehen. Sie fragte ſie ſodann, was ſie von ihr begehreten und wo ſie her waͤren. Einer unter ihnen nahm das Wort und antwortete fuͤr die anderen: „O große Koͤniginn, Gott verleihe Sieg euren Heeren; die Erde moͤge euch gehorchen, und der Him⸗ mel euch ſegnen! ir ſind arme Suͤnder und kom⸗ men hieher, um durch Vermittelung Euer Majeſtaͤt von dem Allerhoͤchſten Vergebung fuͤr unſere Suͤnden zu erlangen.“ „Redet deutlicher,“ antwortete die Kdoͤniginn, nachdem ſie die Fremdlinge betrachtet hatte:„ich vermag nichts fuͤr euch, wofern ihr nicht oͤffentlich und ohne den geringſten Umſtand zu verſchweigen, eure Abenteuer erzaͤhlt.“ 8 „Fuͤrſtinn,“ erwiederte hierauf einer der Fremdlinge, „wir muͤßen euch gehorchen. Ich bin ein Kaufmann aus Baßra; ich hatte eine Jungfrau geheiratet, die damals nicht ihresgleichen auf der Welt hatte: ſie war eine vollkommene Schoͤnheit, ſanftmuͤthig, ge⸗ fallig und tugendhaft. Einſt war ich genoͤthigt, eine Reiſe zu machen, und ließ ſie als freie Gebieterinn in meinem Hauſe zuruͤck. Ich bat nur meinen Bru⸗ der, dieſen Blinden, den ihr hier ſehet, ſich meiner haͤuslichen Angelegenheiten anzunehmen. Bei meiner 220 3 223. Tag. eimkehr, ſagte er mir, er haͤtte meine Gattinn im hebruch ertappt, ſo daß man ſie endlich lebendig begraben: welcher Unfall ihn meinetwegen dermaßen betruͤbt und ihm ſo viel Thraͤnen ausgepreßt haͤtte, daß er zuletzt das Geſicht davon verloren.— Dieß, große Koͤniginn,“ fuhr er fort,„dieß iſt meine ganze Geſchichte. Ich bitte euch nun demuͤthigſt, meinem Bruder das Geſicht wiederzugeben. Um dieſe Bitte an euch zu thun, bin ich hergekommen, und habe ihn hergefuͤhrt.“ Temim,— denn er war es, der mit Repßima ſprach, ohne ſie zu kennen,— endigte mit dieſen Worten ſeine Erzaͤhlung. Er erwartete die Antwort der Koͤniginn, die ſo uͤberraſcht war, ihren Gatten hier wieder zu ſehen, daß ſie nicht ſogleich antworten konnte. Als ſie ſich aber von ihrer Erſchuͤtterung er⸗ holt hatte, ſprach ſie zu ihm: „Iſt es denn wahr, daß dieſe lebendig begrabene Frau dir untreu geweſen? Was denkſt du davon?“ „Ich kann es nicht glauben,“ verſetzte Temim, „wenn ich mir ihre hohe Tugend ins Gedaͤchtnis zu⸗ ruͤckrufe. Aber ach! ich habe ein blindes Vertrauen auf meinen Bruder, und das laͤßt mich an ihrer Un⸗ ſibud zweifeln.“— Repßima. 221 Zwei hundert und vier und zwanzigſter Tag. Als der Kaufmann von Baßra alſo geſprochen hatte, ſagte die Koͤniginn zu ihm: „Es iſt genug: ich weiß beſſer als du, ob deine Gattinn mit Recht verurtheilt iſt. Ich werde es dir morgen bewaͤhren, und wir wollen ſehen, ob dein Bruder ſein Geſicht wiederbekommen kann.“— Einer aus der Geſellſchaft Temims nahm jetzo das Wort, und ſprach alſo: „Ich habe einen ſchwarzen Sklaven, den ich als Kind gekauft und aufgezogen habe: er iſt ſeit einigen Jahren am halben Leibe gichtbruͤchig, und kein Arzt vermochte ihn zu heilen: ich bringe ihn jetzo hieher, um ihn dem Gebet Euer Majeſtaͤt zu empfehlen.“ Als die Koͤniginn dieſe Rede vernommen und in dem Manne, der ſie zu ihr geſprochen, den Arabi⸗ ſchen Raͤuber erkannt hatte, bei welchem ſie eine zeit⸗ lang gewohnt, und in dem Gichtbruͤchigen denſelben ſchwarzen Sklaven ſah, der ihre Tugend verſucht hatte, ſagte ſie: „Das iſt hinreichend, ich bin von deiner Angele⸗ genheit ganz unterrichtet, ſie kann morgen auch ent⸗ ſchieden werden.— Und du,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich zu einem andern wandte,„wovon biſt du waſſerſuͤchtig?“ 222. 224. Tag. „O Koniginn,“ antwortete dieſer,„ich weiß nicht, wem ich mein Uebel zuſchreiben ſoll, wenn nicht der Gewaltthat, welche ich an einer ſchoͤnen Sklavinn veruͤben wollte, die ich vor einigen Jahren von einem jungen Manne am Geſtade des Meeres gekauft hatte.“ Die Koͤniginn betrachtete bei dieſen Worten den Waſſerſuͤchtigen naͤher, und erkannte in ihm den Schiffshauptmann, an welchen ſie wirklich verkauft worden war. Sie that aber, als kennete ſie ihn eben ſo wenig, als die uͤbrigen, und ließ ihn alſo in ſeiner Rede fortfahren: „Ich betrachte alſo,“ fuͤgte er hinzu,„„mein Uebel als eine gerechte Strafe des Himmels.“ „Und ich,“ rief ein andrer unter den Fremdlingen aus,„ich betrachte ebenfalls die Raſerei, welche mich von Zeit zu Zeit befaͤllt, als eine wohlverdiente Strafe dafuͤr, daß ich dir eben dieſe Sklavinn verkauft habe, welche du wider ihren Willen mit dir einſchiffteſt. Ich bin noch ſchuldiger, als du; denn ſie war eine Freie, der ich das Leben verdankte, und die ich zum Danke dafuͤr dir uͤberlieferte und zur Sklavinn machte.“ Dieſe Worte gaben Repßimen noch zu erkennen, daß der Mann, der ſie ausgeſprochen hatte, derſelbe waͤre, welchen ſie fuͤr ſechzig Zeckienen vom Tode be⸗ freiet hatte. Hierauf ſprach ſie zu den ſechs Fremd⸗ ingen: RNRephßimaa. 223 „Ich will gerne fuͤr euch beten, und all mein Moͤgliches thun, um euch einige Linderung zu ver⸗ ſchaffen. Kehret zuruͤck nach eurer Karavanſerei, und kommet morgen zu derſelben Stunde wieder hieher. Der Blinde und der Gichtbruͤchige koͤnnen geheilt wer⸗ den, wofern ſie ein aufrichtiges Bekenntnis der Ver⸗ brechen, welche ſie begangen haben, ablegen. Ich weiß alle ihre Abenteuer, aber ich fordere von ihnen, daß ſie aufrichtig ſeien und in ihrer Erzaͤhlung keinen Umſtand verfaͤlſchen; denn es wuͤrde ſie gereuen: an⸗ ſtatt mich ihrer anzunehmen, wuͤrde ich ſie ſehr ſtrenge beſtrafen. Was die uͤbrigen betrifft,“ fuhr ſie fort,„ſo verſpreche ich ihnen, von Stund an fuͤr ſie zu beten; denn ſie haben ſchon die Wahrheit geſagt.“ Die ſechs Fremdlinge begaben ſich wieder nach ih⸗ rer Karavanſerei. Viere von ihnen waren ſchon ſehr zufrieden: der Bruder Temims und der ſchwarze Sklave waren allein noch traurig. Sie waͤren lieber ihr lebelang in dem Zuſtande verblieben, worin ſie ſich befanden, als ſich genoͤthigt zu ſehen, ein oͤffent⸗ liches Geſtaͤndnis ihrer Verraͤtherei und ihrer Rohheit abzulegen. Sie bemuͤhten ſich, ihren Verdruß den Augen derjenigen zu entziehen, welche ſie beleidigt hatten; ſie brachten die Nacht ohne einen Augenblick Ruhe hin. 4 224 224. 225. Tag. Indeſſen am folgenden Morgen mußten ſie den anderen folgen. Sie verfuͤgten ſich alle nach dem Pa⸗ laſt, und erſchienen vor der Koͤniginn, die auf ihrem Throne ſaß, wie am vorigen Tage. „Wohlan,“ ſprach ſie zu ihnen, ſo bald ſie ſie erblickte,„iſt der Blinde und der Gichtbruͤchige ent⸗ ſchloſſen, nichts zu verhehlen? Wehe dem von ihnen beiden, der nicht die Wahrheit ſagen wird!“ Jetzo trat der Schwarze ganz beſchaͤmt und voll Furcht hervor; und da er wohl ſah, daß er beim Luͤgen nicht ſeine Rechnung finden wuͤrde, entſchloß er ſich, es darauf ankommen zu laßen, was auch daraus entſtehen moͤchte, und ein aufrichtiges Ge⸗ ſtaͤndnis von allem abzulegen, was bei ſeinem Herrn in Betreff Repßimens vorgegangen war. Er bekannte alſo, daß er fuͤr dieſe Frau in heftiger Leidenſchaft entbrannt waͤre, und daß er endlich, als er ſich ver⸗ ſchmaͤht geſehen, ſich entſchloſſen haͤtte, den einzigen Sohn des Arabers zu ermorden, um ſie zu verderben. Zgweihundert und fuͤnf und zwanzigſter Tag. Als der Schwarze alles bekannt hatte, fuͤgte er hinzu:— 4 „Sehet, das iſt mein Verbrechen, und der Him⸗ mel iſt mein Zeuge, daß es mich gereuet.“ I Repßim a. 225 „Ah! Verraͤther,“ rief der Araber aus, von Zorn hingeriſſen,„du alſo haſt mir meinen einzigen Sohn geraubt?— O Koͤniginn,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich an Repßima wandte, nerlaubet, daß ich ihm au⸗ genblicks den Kopf abhaue. Ein Boͤſewicht, der im Stande geweſen, das Verbrechen zu begehen, welches er ſo eben bekannt hat, verdient nicht laͤnger zu leben!“ „Nein,“ erwiederte ihm die Koͤniginn,„ich will nicht, daß du ihm das Leben nehmeſt.“ „Ich verſtehe euch, Fuͤrſtinn,“ verſetzte der Ara⸗ ber;„ihr widerſetzet euch ſehr gerecht meiner Wuth: es iſt beſſer, daß dieſer Elende gichtbruͤchig bleibe; der Tod wuͤrde ſeine Leiden zu bald endigen.“ „Du taͤuſcheſt dich,“ entgegnete Repßima,„nicht um ſein Uebel zu verlaͤngern, wuͤnſche ich, daß er lebe, ſondern, weil er ſein Verbrechen bereuet, mu man den Allerhoͤchſten bitten, ihm zu verzeihen.“ Hierauf kniete ſie am Fuße ihres Thrones betend nieder, und alsbald ſah man den Schwarzen wieder ſeiner Glieder maͤchtig werden. Alle Gegenwaͤrtige waren erſtaunt uͤber eine ſo wunderbare Erſcheinung, und prieſen tauſendfaͤltig Gott und die Koͤniginn. IV. 15 1 226— 225. Tag. Sie betete dann auch fuͤr den Waſſerſuͤchtigen und fuͤr den Raſenden, und auch dieſe beiden wurden voll⸗ kommen geheilt. Nun zweifelte Temim auch nicht mehr, daß ſein Bruder das Geſicht wiederbekommen wuͤrde, und ſprach zu ihm: „O Revendé, jetzt iſt es an dir, zu reden, die Koͤniginn erwartet dieß nur noch, um zu deinen Gun⸗ ſten ein neues Wunder zu thun.“ „Ja,“ ſagte Repßima:„aber er muß ſeine Ge⸗ ſchichte erzaͤhlen und ſich wohl huͤten, etwas Unwah⸗ res zu ſagen; denn ich weiß alle ſeine Abenteuer, und wenn er die geringſte Luͤge einmiſcht, ſo ſteht die Strafe ſogleich bereit.“ Revendé erkannte aus dieſen Worten, daß, wenn er darauf beharrete zu ſchweigen, oder es wagete zu luͤgen, er auf der Stelle beſtraft werden und die Be⸗ ſchaͤmung nicht vermeiden wuͤrde, welche ihn abhielt zu reden; er entſchloß ſich alſo endlich, alles zu be⸗ kennen. Da es ihn wirklich gereute, ſeinen Bruder verrathen zu haben, und er ſeine Schwaͤgerinn fuͤr todt hielt, machte er ein ſehr bewe liches Geſtaͤndnis ſeiner Treuloſigkeit, ohne daß er ſc dabei zu ent⸗ ſchuldigen ſuchte. 3 Als er ſeine Erzaͤhlung geendigt hatte, ſprach die Koͤniginn: Repß im a. 227 „Er iſt ſehr aufrichtig geweſen, und hat nichts ausgeſagt, was nicht mit der Wahrheit uͤberein⸗ ſtimmete.“ Temim that bei dieſen Worten, welche ihm die ganze Bosheit ſeines Bruders und die Unſchuld ſeiner Gattinn enthuͤllten, einen lauten Schrei, und ſank in Ohnmacht. 3 Einige Beamte der Koͤniginn eilten ihm zu Huͤlfe, und als er durch ihre Bemuͤhungen wieder zu ſich ge⸗ kommen war, warf er ſich vor dem Throne nieder, und ſagte: „O meine Fuͤrſtinn, erlaubet, daß ich dieſen treu⸗ loſen Bruder nach Baßra zuruͤckbringe. Ich verlange nicht mehr ſeine Heilung, ich athme nur noch Rache; ich will ihn nach derſelben Staͤtte fuͤhren, wo meine Gattinn lebendig begraben iſt, und ihn dort erwuͤrgen. Ihr ſehet, daß ſein Verbrechen zu ſchwarz iſt, als daß ich es ihm verzeihen koͤnnte.“ Die Koͤniginn ſaß einige Augenblicke ſchweigend da, ohne zu antworten, weil ſie unter ihrem Schleier weinte, ſo ſehr ruͤhrte ſie der Zuſtand, worin ſie ih⸗ ren Gatten vor ſich ſah. Nachdem ſie ihre Thraͤnen getrocknet hatte, ſprach ſie zu Temim alſo: „9 Kaufmann von Baßral ich beſchwoͤre dich, deinen Zorn zu maͤßigen, um meinetwillen. Dein Bruder hat zwar eine große Miſſethat begangen, aber da er ſie oͤffentlich bekennt, und ſich ſelber deshalb 228 2 225. Tag. anklagt, ſo bedenke, daß ihr beide aus demſelben Blute entſprungen ſeid, und erlaß ihm die Strafe, womit du dich an ihm raͤchen wollteſt.“ Auf dieſe Worte erwiederte Temim: „Euer Majeſtaͤt hat zu befehlen. Ihr verlanget, daß ich ſein Vergehen vergeſſe, und ich willige ein, es zu vergeſſen, vorausgeſetzt, daß er es endlich be⸗ reue und nie mehr jemand faͤlſchlich anklage.“ Kaum hatte der Kaufmann von Baßra der Koͤni⸗ ginn erklaͤrt, daß er ſeinem Bruder vergaͤbe, als dieſe Fuͤrſtinn ſich mit dem Antlitz auf den Boden warf, und den Kimmel bat, dem Blinden das Geſicht wie⸗ derzugeben. Ihr Gebet wurde erhoͤrt, und in dem⸗ ſelben Augenblick konnte Revendé wieder ſehen. Bei dieſem Schauſpiel erneute ſich das Zujauchzen. Die ganze Verſammlung begann Gott zu preiſen und die Koͤniginn; und dieſe entließ die Fremdlinge mit folgenden Worten nach ihrer Karavanſerei: „Kommet morgen nochmals hieher, ihr ſollt Dinge ſehen, welche euch vielleicht noch mehr in Erſtaunen ſetzen werden, als die, welche ihr hente bewundert habt.“ Am folgenden Tage verfehlten ſie nicht, wieder in den Palaſt zu kommen. Die Koͤniginn rief Temim zu ſich, und noͤthigte ihn, ſich auf einen goldenen Lehn⸗ ſtuhl zu ſetzen, welchen ſie zu dieſem Zwecke neben b —,— Rephim a. 229 vin Thron hatte hinſtellen laßen. Sodann ſprach ſie zu ihm: „O Kaufmann von Baßra, du haſt viel Leiden und Kummer ausgeſtanden; ich nehme Theil an dei⸗ nem Ungluͤck, und um es dich vergeſſen zu machen, habe ich beſchloſſen, dir die ſchoͤnſte meiner jungen Sklavinnen zur Gattinn zu geben, und du ſollſt an meinem Hofe bleiben, wenn du willſt.“. Temim, anſtatt dieſes Erbieten der Koͤniginn an⸗ zunehmen, fing an zu weinen, und ſagte zu ihr: „Euer Majeſtaͤt uͤberſchuͤttet mich mit Gnade, und ich bin von all eurer Huld innig durchdrungen: aber ich beſchwoͤre euch, es mir nicht uͤbel aufzunehmen, wenn ich das Geſchenk ablehne, welches ihr mir mit der Hand einer eurer Sklavinnen erbietet. So lange ich lebe, wird keine andre Frau als Repßima in mei⸗ nen Gedanken leben. Meine geliebte Repßima iſt meiner Seele ſtaͤts gegenwaͤrtig. Ich kann mich uͤber ihren Verluſt gar nicht troͤſten, und ich bin entſchloſ⸗ ſen, mich nach der Staͤtte zu begeben, wo ſie mit ſo ſchreiender Ungerechtigkeit lebendig iſt begraben worden, und will dort meine uͤbrigen Tage damit zu⸗ bringen, ſie zu beweinen.“ 230 226. Tag. Zweihundert und ſechs und zwanzigſter Tag. Repßima war voll Freuden, ihren Gatten ſo ge⸗ treu wiederzufinden; und entzuͤckt uͤber ſeine Ablehnung der jungen Sklavinn, ſprach ſie zu ihm: „Wenn ich nun den Allmaͤchtigen anflehete, dieſe Frau wieder zu erwecken, deren Verluſt dich ſo ſehr betruͤbt, und wenn du ſie wieder ſaͤheſt, wuͤrdeſt du ſie erkennen?“ Indem ſie dieſe Worte ſagte, hub ſie ihren Schleier auf, und Temim erkannke Repßima. Die Freude, welche er empfand, ſeine Gattinn wiederzufinden, kann nur mit dem Erſtaunen vergli⸗ chen werden, in welches der Arabiſche Raͤuber und ſein Sklave, der Schiffshauptmann und der junge Mann geriethen, als ſie in den Zuͤgen der Koͤniginn die Frau erblickten, welche ſie ſo ſchwer beleidigt hatten. 3 Die Fuͤrſtinn umarmte ihren Temim, und erzaͤhlte nun alle ihre Abenteuer, in Gegenwart aller Herren ihres Hofes, zur allgemeinen Bewunderung. Sodann ließ ſie dem Arabiſchen Raͤuber tauſend Dukaten geben, nebſt einem reichen Rocke von Bro⸗ kat und einem praͤchtigen Kleide fuͤr ſeine Frau; der Schiffshauptmann erhielt tauſend Dukaten, desglei⸗ chen der junge Mann, der ſie verkauft hatte. —— —— Rephßimaa. 231 Darnach erhub ſie ſich von ihrem Throne, nahm Temim bei der Hand, und fuͤhrte ihn in ihr Zimmer, wo beide ſich im Gebete vereinigten, um dem Him⸗ mel dafuͤr zu danken, daß er ſie wieder zuſammen gefuͤhrt hatte. Hierauf ſprach Repßima zu ihrem Gatten: „Da die Geſetze der Inſel mir nicht erlauben, die koͤnigliche Wuͤrde abzulegen, um dich damit zu beklei⸗ den, ſo wirſt du jedoch bei mir in meinem Palaſt wohnen, und hier die Freuden eines angenehmen Le⸗ bens mit mir theilen; und auch deinem Bruder wol⸗ len wir ein Loos bereiten, womit er zufrieden ſein kann.“ In der That, Revendé ward bald der erſte Mini⸗ ſter, und verwaltete dieſes Amt ſo gut, daß er ſich die Achtung und Freundſchaft aller Bewohner der Inſel erwarb.“ 232 226. T a g. Der Greis, welcher dem Beherrſcher der Glaͤubi⸗ gen und ſeiner Favoritinn dieſe Geſchichte erzaͤhlte, beſchloß ſie hiemit. Die ſchoͤne Suͤltanuͤm bezeigte ſich ſehr zufrieden damit; der Chalyf ließ ihm zum Zeichen ſeines Wohl⸗ gefallens an dieſer Geſchichte, ſo wie an jener von den beiden Geiſterbruͤdern, tauſend Goldzeckienen ge⸗ ben. Der junge Mann, welcher die Geſchichte von Naßiraddolé und Abderrahman erzaͤhlt hatte, empfing dieſelbe Summe von Harun Alraſchids Schatzmeiſter. — — Nach dieſen Zuͤgen von einer bewundernswuͤrdigen Standhaftigkeit,⸗ fuhr Suͤtluͤmeme fort,„erlaubet mir, euch eine Geſchichte zu erzaͤhlen, welche eben⸗ falls eure Aufmerkſamkeit verdient: * Geſchichte von den beiden Tauben. Zwei Tauben liebten ſich ſo zaͤrtlich, daß ſie gemein⸗ ſchaftlich Ein Neſt bewohnten; und der Vorrath von Koͤrnern und Waſſer, welche ſie dort im Ueberfluſſe hatten, ließ ſie dieſe zuruͤckgezogene Lebensart allen Vergnuͤgungen der Welt vorziehen, welche ſie, nach reiflicher Ueberlegung, aus triftigen Gruͤnden aufzuge⸗ ben beſchloſſen hatten. Die eine hieß Baſendeh und die andre Nevaſendeh. Vereint durch gleiche Ge⸗ muͤthsart und Neigungen, verlebten ſie gluͤckliche Tage. Jeder Morgen ſah ihre Liebe zunehmen, und war Zeuge ihrer gegenſeitigen Betheurungen, ſich nie⸗ mals zu trennen. Die Zeit indeſſen, die alles zerſtoͤrt, ſchien eifer⸗ ſuchtig uͤber die Dauer einer ſo innigen Verbindung, und belehrte ſie, daß man auch den feſteſten Ent⸗ ſchließungen mistrauen muß. Bald folgten auf die zaͤrtlichſte Freundſchaft Gleichguͤltigkeit, und Ueberdruß, ſtaͤts an demſelben Orte zu weilen. 254 226. Tag. Dieſe lange, aber vergeblich bekaͤmpften Gefuͤhle zwangen endlich Baſendeh, ſeinem Freunde den Grund ſeiner Schwermuth zu erklaͤren: „Theurer Freund,“ ſprach er zu ihm,„wollen wir denn unſer lebelang in dieſem Neſte bleiben, wie in einem Gefaͤngniſſe? Was mich betrifft, ſo kann ich dir nicht bergen, daß ich das lebhafteſte Verlan⸗ gen fuͤhle, zu reiſen und ein wenig die Welt zu ſehen. Ich weiß, daß ich auf dieſe Weiſe viele wunderbare Dinge ſehen werde, welche mich unterrichten und mir Erfahrung verleihen werden. Der Saͤbel iſt nicht be⸗ ſtimmt, in der Scheide zu bleiben, ſondern im Kampfe zu wirken; und die Feder foͤrdert nicht ſo viele ſchoͤne Geiſteswerke ans Licht, wenn ſie in ihrer Buͤchſe bleibt, ſondern indem ſie ihren Weg auf dem Papier zuruͤcklegt. Der Himmel, der in ſtaͤter Bewegung iſt, nimmt die hoͤchſte Stelle des Weltgebaͤudes ein, die Erde dagegen, die in beſtaͤndiger Ruhe iſt, wird von den Menſchen und Thieren mit Fuͤßen getreten. Kurz, nur durch Reiſen unterrichtet man ſich, er⸗ wirbt man Ehre, Reichthum und Tuͤchtigkeit.“ Nevaſendeh war keinesweges von der Leidenſchaft bewegt, welche Baſendeh zwang, ſo zu ihm zu re⸗ den, und erwiederte ihm: 8 „Theurer und unzertrennlicher Baſendeh, ich kann aus deinen Worten leicht abnehmen, daß du die Muͤhſeligkeiten noch nicht erfahren haſt, welche man —,— Die beiden Tauben. 235 auf Reiſen auszuſtehen hat, noch die Beſchwerden, welche man in fremden Laͤndern erdulden muß; und du kennſt ohne Zweifel noch nicht den ſo wahrhaften Spruch, daß Reiſen nur mit Bekuͤmmernis und un⸗ vermeidlichem Verdruß verknuͤpft ſind; noch einen andern Spruch, daß die Trennung von dem Gelieb⸗ ten(und ich ſetze voraus, daß du in demſelben Falle biſt) das Herz einnimmt und jegliche Ruhe verſcheucht. Welch ein Vergnuͤgen, ſich am Ende jeder Tagereiſe von Beſorgnis und Furcht ergriffen zu fuͤhlen!“ „Ich laͤugne nicht,“ entgegnete Baſendeh,„daß man auf Reiſen zu leiden hat; ich geſtehe es, man muß allerlei Beſchwerden ausſtehen: aber man wird dafuͤr hinlaͤnglich belohnt, indem man von Land zu Land gelangt und taͤglich etwas Neues und Außeror⸗ ordentliches ſieht. Man gewoͤhnt ſich an die Be⸗ ſchwerden, und waͤhrend man mit den Gegenſtaͤnden beſchaͤftigt iſt, welche man wahrnimmt, empfindet man wenig, was man auszuſtehen hat.“ „Wohlan denn,“ erwiederte Nevaſendeh,„durch⸗ reiſe die Welt und beſchaue alle ihre Schoͤnheiten: aber es geſchehe in Geſellſchaft deiner Freunde. Man kann kein wahres Vergnuͤgen genießen, ſelbſt nicht beim Anblicke der ſchoͤnſten Gegenſtaͤnde, wenn man von ſeinen innigen Freunden und Verwandten getrennt iſt; das iſt durchaus unmoͤglich. Daher man auch ſagt, daß die Trennung von Freunden ein Bild der 236 226. Ta g. Hoͤlle iſt. Aber man kann mit noch mehr Grund ſa⸗ gen, daß die Hoͤlle ein Bild von allen den Leiden iſt, welche die Trennung hervorbringt. Weil du nun, durch Gottes Gnade, reichlich zu leben und eine be⸗ queme Wohnung haſt, ſo begnuͤge dich mit deinem Gluͤcke, und uͤberlaß dich nicht ſo leicht einer ungezuͤ⸗ gelten Leidenſchaft, welche dich fortreißt, ſondern bleib in dem Zuſtande, worin du biſt.“ „Der Gedanke unſerer Trennung,“ entgegnete Baſendeh,„darf dich nicht ſo ſehr beunruhigen. Man findet ſo viel Freunde, als man begehrt, und kaum hat man einen verloren, ſo findet man ſchon wieder einen anderen. Du weißt ohne Zweifel, was ein Dichter hieruͤber ſagt: „Binde dich nicht zu feſt an irgend einen Freund, noch an irgend ein Land: die Zahl der Menſchen iſt ſo groß, daß es nicht daran fehlt; und die Erde und das Meer ſind von weitem Umfange.“ Wenn dieſer Ausſpruch dir nicht genuͤgt, ſo betrachte die Sache von einer andern Seite, und bedenke, daß die Trennung nicht in dem Grade ſchmerzlich iſt, daß ſie nicht noch ihre Annehmlichkeiten habe; und daß die vollkommenſten Freuden der Freundſchaft und ſelbſt der Liebe, nicht alle in dem Beſitze des geliebten Gegen⸗ ſtandes beſchloſſen ſind.“ Die beiden Tauben. 237 Zwei hundert und ſieben und zwanzigſter Tag. Bei dieſen Worten rief Nevaſendeh aus:„Ah Baſendeh! ich zweifle nicht, daß du unterweges auch Freunde finden wirſt, aber das ſind voruͤbergehende Freunde, welche es nur ſo lange ſind, als ihr beiſam⸗ men ſeid. Ich ſehe wohl, warum du, auf einen An⸗ ſchein von Vergnuͤgen und Befriedigung, ſo hartnaͤckig auf deinem Vorſatz beſtehſt; es geſchieht, weil du noch nicht empfunden haſt, was es koſtet, ſich von einem wahren Freunde zu trennen. Ich kann mich nicht entbrechen, dir nochmals zu wiederholen, daß nichts auf der Welt ſchmerzlicher iſt, als ſeine Heimat und ſeine Freunde zu verlaßen; und daß man, der Beſchwerlichkeiten des Weges zu geſchweigen, ſich tau⸗ ſend Zufaͤllen und tauſend Gefahren ausſetzt. Gib alſo den Bitten eines Freundes nach, der dich liebt, und dir die Reue erſparen will, welche unausbleiblich die Ausfuͤhrung eines Vorſatzes nach ſich ziehen wird, deſſen Erfolg nur verderblich fuͤr dich ſein kann.“ „Das kannſt du nicht wiſſen,“ unterbrach ihn Baſendeh;„hoͤr auf, mir mehr von Muͤhſeligkeiten und Beſchwerden zu reden, welche man auf Reiſen zu erdulden hat. Man muß es einmal verſucht ha⸗ ben, um zu wiſſen, was leben heißt, und um Reife des Geiſtes zu erlangen. Weißt du denn nicht, daß 238 3 227. Tag. rohes Fleiſch nur dadurch gahr wird, daß man es am Feuer umdrehet?“ „Ich ſehe wohl,“ ſagte Nebaſendeh nochmals, „daß du feſt entſchloſſen biſt, dich von mir zu tren⸗ naen, und daß die Ruͤckſicht auf eine alte Freundſchaft, wie die unſrige, dich nicht zuruͤckhalten kann. Du ſollteſt gleichwohl den Spruch eines Weiſen beachten, welcher ſagt, daß man ſich niemals von einem alten Freunde trennen ſoll, um ſich dem erſten beßten hin⸗ zugeben, wobei man ſich nimmer wohl befinden wird. Aber du willſt nun einmal fremde Laͤnder ſehen, und der verderblichen Lehre derjenigen folgen, welche ſich ſchmeicheln und behaupten, jegliches Neue habe ſeinen Reiz und ſein beſonderes Vergnuͤgen. Da meine mit ſo viel Waͤrme dir ertheilten Rathſchlaͤge nicht vermo⸗ gen, die Kaͤlte deines unempfindlichen Herzens aufzu⸗ thauen, ſo iſt unnuͤtz, dir noch mehr zu ſagen. Erinnere dich nur an dasjenige, was ich dir voraus ſage, daß deine Reiſe kein gluͤckliches Ende nehmen wird, daß du es bereuen wirſt, ſie unternommen zu haben, und was mich am meiſten betruͤbt, daß deine Reue mit ſehr empfindlichen Leiden und Kraͤnkungen begleitet ſein wird.“ Hiemit endigte das Geſpraͤch; die beiden Tauben umarmten ſich, und vergoſſen Thraͤnen, indem ſie ſich Lebewohl ſagten. Baſendeh riß ſich los, und flog weg. In dieſem Augenblick konnte Nevaſendeh, mit ——yj ————,— Die beiden Tauben. 239 Thraͤnen in den Augen, ſich nicht enthalten auszu⸗ rufen: „Mein Freund trennt ſich von mir, und gibt mir den Todesſtoß. Alle Welt ſcheuet die Nacht des To⸗ des, und ich verabſcheue den Tag der Trennung.“ Baſendeh, der noch nicht ſo entfernt war, um dieſe Worte nicht zu vernehmen, wurde jedoch nicht mehr davon geruͤhrt, als von dem guten Rath, wel⸗ chen er nicht hatte hoͤren wollen. Er richtete ſeinen Flug empor, und entfernte ſich, indem er ſich in die Luͤfte erhub. Lange flog er durch angenehme Gefilde, welche ihn ergetzten; und gegen Abend ließ er ſich in einen Garten an einem hohen Berge nieder, deſſen Gebuͤſche, Gewaͤſſer und mannigfaltiger Blumen⸗ ſchmelz ein bewundernswuͤrdiges Schauſpiel gewaͤhrten. Das gefiel ihm ſehr, und er bewunderte das Ganze in dem Einzelnen mit großem Vergnuͤgen. Als die Sonne untergegangen war und das Dunkel den Geſichtskreis zu umziehen begann, ſetzte er ſich auf einen der ſchoͤnſten Baͤume des Gartens, der ein Sproͤßling des Toba's*) im irdiſchen Paradieſe zu ſein ſchien, um auf demſelben die Nacht ruhig zuzu⸗ bringen. ²) So heißt der Baum, welchen die Araber in das irdiſche Paradies verſetzen.. 4 240— 227. Tag. Aber kaum hatte er ſich von den Beſchwerden des Weges, welchen er zuruͤckgelegt, etwas erholt, als ein ſtuͤrmiſcher Wind ploͤtzlich mit dichtem Gewoͤlke den zuvor ſo heitern Himmel verfinſterte. Blitze und Donner, die bald nachfolgten, unterbrachen die Ruhe, deren die ganze Welt eben zu genießen begann; und Baſendeh, erſchrocken uͤber dieſen Aufruhr und den Himmel ganz in Feuer zu ſehen, wurde noch von ei⸗ nem ſtarken Hagel befallen; dergeſtalt, daß er, weit entfernt zu ſchlafen, vielmehr ſehr verlegen war, wie er es anſtellen ſollte, um ſich gegen die Gefahr zu ſchuͤtzen, in welcher er ſich befand. Er veraͤnderte jeden Augenblick ſeine Stelle, um unter den Zweigen und Blaͤttern gegen den Hagel und Regen Schutz zu ſuchen. Das half ihm aber faſt gar nicht, denn das Gewitter nahm immer zu, mit ſo heftigem Sturm und ſo ſtarkem Regen, daß er eine neue Suͤndflut zu drohen ſchien. Baſendeh mußte dieß ganze Unwetter aushalten, welches bis zum Morgen waͤhrte. Als daſſelbe am heftigſten tobte, erinnerte er ſich an ſein Neſt daheim, und vermißte ſehr die Geſellſchaft ſeines Freundes Nevaſendeh. „Ach!“ ſprach er bei ſich ſelber, mit tiefen Seuf⸗ zern,„wenn ich gewaͤhnt haͤtte, daß ich ſo viel leiden ſollte, als ich mich von dir trennte, nimmer wuͤrde ich mich einen Augenblick von dir entfernt haben.“ Die beiden Tauben. 241 Die Nacht verging endlich, und ſo bald es Tag ward, begann Baſendeh wieder ſeinen Flug; aber er war ungewiß, ob er nach ſeiner Wohnung heimkehren, oder ſeine Reiſe fortſetzen ſollte. Er hatte ſich noch nicht entſchieden, als er einen Falken erblickte, der, auf Raub umherfliegend, ihn ſchon ins Auge gefaßt hatte, und mit unglaublicher Schnelligkeit und Gewalt auf ihn niederſchoß, um ihn mit ſeinen Krallen zu packen, deren er ſo gewis war, als wenn ſie von Eiſen geweſen waͤren. Zweihundert und acht und zwanzigſter Tag. Es waͤre ſchwer zu beſchreiben, von welchem Schreck Baſendeh bei dieſem Anblick ergriffen wurde. Er wußte nicht mehr, wo er war; ſo hell auch ſchon das Tageslicht ſchien, ſo ſahen ſeine Augen doch nur Finſternis, und die ganze Welt erſchien ihm als ein Gefaͤngnis fuͤr ihn: zuletzt verließen ihn die Kraͤfte und er zitterte wie ein Laub, ſo groß war ſeine To⸗ desfurcht. Und in der That iſt es fuͤr die kleinen Voͤgel ein ſchrecklicher Zuſtand, von einem Falken ver⸗ folgt zu werden. In dieſem bedraͤngten Augenblick erinnerte er ſich abermals an den guten Rath Neva⸗ ſendehs, aber mit dem groͤßten Herzeleid, das man IV. 16 7 242 228. Tag. ſich denken kann; und dieß machte ihn ſo niederge⸗ ſchlagen, daß er unbeweglich blieb, und nichts that, um ſich zu retten. Er raffte ſich jedoch wieder auf, und that ein Geluͤbde und feierliches Verſprechen, wenn er gluͤcklich der ihm drohenden Gefahr entginge, ſeinen Freund Nevaſendeh fortan nur als ſein Heil zu betrachten, welches ihn vom Untergange gerettet haͤtte, und nicht mehr daran zu denken, nochmals zu reiſen. Ja, er trieb ſeine Betheurung noch weiter, und that das Geluͤbde, ſo lange er lebte, nicht mehr das Wort„Reiſe“ auszuſprechen, und ſich keinen Schritt mehr von ſeinem Neſte zu entfernen, wenn er es nochmals wieder erreichen koͤnnte. Und dieſer Ent⸗ ſchluß ſcheint dazu beigetragen zu haben, ihn aus ei⸗ ner ſo gefaͤhrlichen Lage zu reißen. Weil Baſendehs Stunde noch nicht gekommen war, ſo geſchah es, nach dem Spruche, daß Gott die Urſachen der Dinge lenkt, welche geſchehen ſollen, daß, indem der Falke ihn verfolgte, ein Adler hoch in den Luͤften ebenfalls einen Raub erſpaͤhte, und wahrnahm, was zwiſchen dem Falken und der Taube vorging. „Seltſam!“ ſagte er bei ſich ſelber;„hat man je dergleichen geſehen? ich habe Durſt, wie das Sprichwort ſagt, und anſtatt eines heilſamen Waſſers, erblicke ich vor mir ein vergiftetes Waſſer. Zwar iſt eine Taube ein veraͤchtlicher Biſſen und zu unbedeutend -* Die beiden Tauben. 245 fuͤr mich: gleichwohl, bei dem Hunger, der mich verzehrt, iſt es etwas, ihn zu ſtillen, und mich einige Stunden zu getroͤſten, bis ich ein beſſeres Abenteuer finde.“. Zu gleicher Zeit ſchoß der Adler hernieder, um dem Falken zuvorzukommen und ihm die Taube vor dem Schnabel wegzufangen. Als der Falke, dem es weder an Muth noch an Staͤrke fehlte, wohl ſah, daß er dem Adler weichen muͤßte, ſo war es ihm nicht mehr um die Beute zu thun, ſondern nur, daß der Adler nicht mehr davon kriegte, als er; und um ihn daran zu hindern, griff er ihn an. Da erhub ſich zwiſchen den beiden Voͤgeln ein grimmiger Kampf, und ſie zerfleiſchten ſich mit Schnaͤbeln und Klauen. Baſendeh ließ ſie ſich hacken, und verfehlte nicht die Gelegenheit, ſich zu retten. Er machte ſich davon und entſchluͤpfte in einen Haufen Steine durch ein ſo enges Loch, daß ein Sperlingsneſt meilenweit in Vergleichung damit iſt; und dort blieb er den ganzen eeſden Tag und die Nacht, mit großem Leid und ehe. Am folgenden Morgen, ſo bald die Sonne er⸗ ſchien, raffte Baſendeh, obſchon von dem langen Hunger ganz erſchoͤpft, alle ſeine Kraͤfte zuſammen, und nahm ſeinen Flug ſo gut als moͤglich, nachdem er ſich links und rechts umgeſehen und geſpaͤhet hatte, ob nichts zu fuͤrchten waͤre. Im Fluge bemerkte er 244 3 228. Tag. am Eingang eines kleinen Gehoͤlzes eine andre Taube, vor welcher Koͤrner im Ueberfluſſe lagen; und da der Hunger ihn quaͤlte, ſo flog er gerade dahin und fiel um ſo zuverſichtlicher daruͤber her, als er eine andre Taube dort ſah, mit welcher er im Vorbeigehen gern Bekanntſchaft machen wollte. Er hatte aber kaum ein Korn oder zweie verſchluckt, als er ſich in Netze verwichelt ſah. Da jammerte er von neuem, und be⸗ klagte ſich uͤber die Treuloſigkeit der andern Taube, mit den Worten: „Mein Bruder, ich ſah, daß ihr mit mir von derſelben Gattung waret, und da ich weiß, daß jeder Vogel Neigung hat zu ſeinesgleichen, ſo war ich her gekommen, um mit euch Bekanntſchaft zu machen und mich mit euch zu unterhalten. Warum habt ihr mich nicht gewarnt, warum habt ihr verſaͤumt, die Rechte der Gaſtfreundſchaft an mir auszuuͤben? So wuͤrde ich dieſe Gefahr vermieden und meinen Weg fortgeſetzt haben bis ans Ziel.“ „Lieber Gaſt,“ antwortete die andre Taube, „man kann nur ſelten ſeinem Schickſal entgehen; und wenn der Ausſpruch der Vorbeſtimmung einmal er⸗ gangen iſt, ſo vermag keine Vorſicht ſeinen Schlaͤgen auszuweichen. Habt ihr niemals ſagen gehoͤrt, daß ſelbſt die Hellſehendſten und Einſichtvollſten beim Her⸗ annahen des Schickſals erſtaunt und beſtuͤrzt ſind, und daß, wenn man die Wirkung deſſelben ſpuͤrt, kein Die beiden Tauben. 245 andres Mittel uͤbrig bleibt, als ſich darein zu ergeben, und ſich dem Willen Gottes zu unterwerfen? Viſſet, wenn die Beſtimmung einmal im Rathe des Ewigen beſchloſſen, und auf die Tafel der Allmacht verzeich⸗ net iſt, ſo ſteiget ihr, ſo wie die gewaltigſten Voͤgel, von den Aeſten herab, worauf ihr ruhet, um euch in den Netzen fangen zu laßen. Weil es alſo von aller Ewigkeit her beſtimmt war, daß ihr ſolltet gefangen werden, ſo gibt es kein andres Mittel, als euer Un⸗ gluͤck ohne Murren zu ertragen. Ihr kennet wohl das Sprichwort, welches ſagt, daß der in den Netzen gefangene Vogel Geduld faſſen muß.“ „Es iſt hier nicht der Ort, eure Beredtſamkeit und euer Gedaͤchtnis glaͤnzen zu laßen,“ entgegnete Ba⸗ ſendeh;„ſaget mir nur, ob ihr mir nicht ein Mittel anzeigen koͤnnt, hier heraus zu kommen; ich werde es euch Dank wiſſen, und ihr werdet den Lohn davon haben, welchen eine gute Handlung verdient.“ „Aber ihr bedenkt nicht,“ erwiederte die andre Taube,„wenn ich wuͤßte, was ihr mich fraget, und wenn es mir moͤglich waͤre, zu jemandes Befreiung etwas beizutragen, ſo wuͤrde mein Fuß nicht gefeſſelt ſein, wie ihr ſeht, und ich wuͤrde damit anfangen, mich ſelber zu befreien, ohne ſo vergeblich, wie ich bisher gethan habe, auf die Schaaren von Voͤgeln zu warten, um mir eine Freiheit zu verſchafſen, nach welcher ich ſchmachte. So wie ihr da zu mir ſprechet, 246 228. TDag. ſo gleichet ihr ſehr dem jungen Kameele, welches, neben der Mutter hergehend, von dem Wege ermuͤdet, mit Thraͤnen zu ihr ſagte: 1 „Liebloſe Mutter, halt doch ein wenig an; wie lange ſoll ich denn laufen? Iſt das das Mitleid, welches eine Mutter mit ihrem Kinde haben ſoll? Ich, ein armes kleines Kameel, dem du das Leben gegeben haſt, habe keine Kraft mehr, und muß durch deine Schuld umkommen.“ „Thoͤrichtes und unbedachtes Kind,“ antwortete die Mutter,„ſiehſt du denn nicht, daß, was du ver⸗ langſt, nicht von mir abhaͤngt und keinesweges in meiner Macht ſteht. Wuͤrde ich nicht, ohne laͤnger zu zoͤgern, die Buͤrde, womit ich beladen bin, an den Boden werfen, und mich davon befreien, auf Dornen einher zu gehen, wenn ich die Freiheit haͤtte, es zu thun? Wollte Gott, daß dem ſo waͤre! nim⸗ mer wuͤrde man mich in den Karavanen ſehen, an den Schwanz eines andern Kameels gebunden.“*) *) Auf dieſe Weiſe ziehen in den Karavanen die Kameele hin⸗ ter einander her: voran reitet jemand auf einem Eſel. Die beiden Tauben. 247 Zweihundert und neun und zwanzigſter Tag. Baſendeh hoͤrte nur auf die Eingebungen ſeiner Verzweiflung und fing an mit Fluͤgeln und Fuͤßen zu ſchlagen, um ſich loszumachen. Gluͤcklicherweiſe wa⸗ ren die Netze alt und morſch, ſie zerriſſen bei den Anſtrengungen, welche er machte, und er ſetzte ſich ſo in Freiheit. Er richtete ſogleich ſeinen Flug nach ſeiner Heimat, und zufrieden, das Leben gerettet zu haben, dachte er nicht mehr an ſeinen Hunger. Er kam an ein Dorf, wo er, um ſich ein wenig auszu⸗ ruhen, ſich auf eine Mauer, an einem friſch beſaͤeten Felde niederſetzte. Ein junger Bauer bewachte, mit einer Armbruſt bewaffnet, dieſes Feld, und ſchlich dort umher; ſo bald er den armen Reiſenden erblickte, beſchloß er ihn zu toͤdten, um ſich davon ein Mahl zu bereiten, welches ihm in Gedanken ſchon koͤſtlich ſchmeckte. Seiner Beute faſt gewis, ſchoß er, ohne recht zu zielen, nach dem armen Baſendeh, der ſich nichts weniger verſah, als dieſes Unfalls: der Schuß fuhr durch einen ſeiner Fluͤgel, und ſtuͤrzte ihn in ei⸗ nen Brunnen, in der Naͤhe des Orts, wo er ſich hingeſetzt hatte. Gluͤcklicherweiſe war kein Waſſer darin, und die Tiefe deſſelben machte, daß der junge Bauer es aufgab, ihn heraus zu holen. Baſendeh verblieb in dieſem klaͤglichen Zuſtande, den ganzen uͤbrigen Tag und die folgende Nacht. Als 248 229. Tag. er von der Ohnmacht, welche ſein Fall ihm zugezogen hatte, wieder zu ſich gekommen war, erinnerte er ſich ſchmerzlich der Weiſſagungen Nevaſendehs; und als wenn er mit dieſem Freunde ſpraͤche, richtete er dieſe Worte an ihn: „Wo iſt die gluͤckliche Zeit,“ ſagte er,„wo ich unzertrennlich bei dir war/ und meine Blicke auf kei⸗ nen andern Gegenſtand richtete? Nichts glich damals meinem Gluͤcke, und ich verlebte meine Tage auf die angenehmſte Weiſe von der Welt.“ Am folgenden Tage, als er ſich von ſeinem Schmerz und von ſeiner Betaͤubung genugſam herge⸗ ſtellt fuͤhlte, erklomm er mit vieler Muͤhe den Rand des Brunnens; und von dort flog er, trotz ſeiner Schwaͤche weiter, und erreichte gegen Mittag wieder ſein Neſt. Nevaſendeh erkannte an dem Fluͤgelſchlage, daß es Baſendeh waͤre, der ankaͤme, er ging ihm entgegen, und empfing ihn mit den Worten: „Ich weiß nicht, wie ich dir meine Freude dar⸗ uͤber ausdruͤcken ſoll, daß ich dich wiederſehe.“ Sie begruͤßten ſich gegenſeitig ſehr freundlich; als aber Nevaſendeh gewahrte, wie veraͤndert Baſendeh war, fragte er ihn: „Theurer Freund, theurer Gefaͤhrte meiner Tage, was bedeutet dieſe Schwachheit? woher koͤmmt es, daß du die Fluͤgeln ſo hangen laͤßt; und warum * Die beiden Tauben. 249 erkenne ich das geſunde Ausſehen nicht wieder, welches du bei deiner Abreiſe hatteſt?“ „Theurer Nevaſendeh,“ antwortete Baſendeh,„ich beſchwoͤre dich im Namen Gottes, wenn du mich noch liebſt, befrage mich nicht uͤber den Zuſtand, worin du mich ſiehſt. Befrage mich nicht uͤber meine Leiden, noch uͤber die heißen Seufzer, welche mich unablaͤßig waͤhrend der kurzen Zeit meiner Abweſenheit begleitet haben. Es wuͤrde mir unmdoͤglich ſein, dir auch nur den kleinſten Theil von dem ausfuͤhrlich zu erzaͤhlen, was ich ſeit meiner Entfernung von dir ge⸗ litten habe. Es wuͤrde zu viel Zeit erfordern, dir die Groͤße meiner Unfaͤlle mit allen ihren Umſtaͤnden zu erzaͤhlen und auseinander zu ſetzen. Um dir alles in wenigen Worten zu ſagen: ich hatte ſagen gehoͤrt, daß die Reiſenden von ihren Reiſen ſchoͤne Erfahrun⸗ gen heimbraͤchten. Aus denen, die ich gemacht habe, weiß ich nun wohl, daß mir, ſo lange ich lebe, nie mehr die Luſt anwandeln wird, zu reiſen; daß ich mein Neſt nicht mehr verlaßen werde, wenn nicht ein ungluͤckliches Schickſal mich dazu zwingt, und daß ich nicht freiwillig das Vergnuͤgen, einen Freund, wie dich, zu ſehen, mit dem Misvergnuͤgen und Verdruß einer leidvollen Abweſenheit vertauſchen werde. Nein, es wird mir nie mehr einfallen, mich nur einen Schritt von dir zu entfernen. Ich weiß gegenwaͤrtig 250 229., Tag. nur zu gut, was man leidet, wenn man nicht mehr ſieht, was man liebt.“ Eine von den Fraͤulein der Prinzeſſinn, welche Suͤtluͤmeme's Erzaͤhlung aufmerkſam angehoͤrt hatte, nahm hierauf das Wort und ſagte: „Wenn meine Gebieterinn es erlaubt, ſo will ich ihr dagegen eine Geſchichte erzaͤhlen, welche beweiſet, daß nicht bloß Gefahr beim Reiſen iſt.“ Farruͤchnas verſtattete es gern, und die Sklavinn begann alſo: —— —j— Geſchichte der beiden Reiſenden. „Szalem und Ganem waren Freunde und mach⸗ ten mit einander eine Reiſe von mehreren Tagen. Eines Tages gelangten ſie an einen hohen Berg, und indem ſie am Fuße deſſelben hingingen, trafen ſie eine Quelle, deren Waſſer friſch und vortrefflich war. Aus der Quelle floß ein Bach, deſſen Ufer Cypreſſen, Pinien und Platanen beſchatteten, mitten durch eine mit duftenden Blumen beſaͤete Wieſe. Alle dieſe An⸗ nehmlichkeiten luden die beiden Reiſenden ein, hier zu verweilen und ſich von den Beſchwerden ihres Weges durch eine ermuͤdende Wuͤſte zu erholen. Sie erwaͤhl⸗ ten ſich eine bequeme Stelle, und ſetzten ſich aufs Gras nieder. i Nachdem ſie eine zeitlang ausgeruhet hatten, luſt⸗ wandelten ſie um die Quelle und an dem Bache hin. Sie naͤherten ſich auch der Stelle, wo das Waſſer der Quelle 252 229. Tag. ſich in ein weites Becken ergoß, und am Ufer deſſelben be⸗ merkten ſie eine weiße Marmortafel mit himmelblauen und ſo ſchoͤn gebildeten Schriftzuͤgen, daß man leicht die Trefflichkeit des Meiſters, der ſie eingegraben hatte, daraus erkennen konnte. Die Inſchrift lautete folgendermaßen: „Wanderer, der du dieſen Ort mit deiner Gegen⸗ wart ehreſt, wir haben eine praͤchtige Behauſung, dich aufzunehmen, wenn du unſer Gaſt ſein willſt: aber unter der Bedingung, daß du dieſen Bach durchſchwimmeſt, ohne die Tiefe noch die reißende Schnelle des Waſſers zu fuͤrchten. Wenn du am jen⸗ ſeitigen Ufer biſt, ſo mußt du den am Fuße des Berges ſtehenden Loͤwen von Marmor auf deine Schulter nehmen, und ihn ohne Zaudern in Einem Lauf und in Einem Athem bis auf den Gipfel des Berges tragen, ohne auf die bruͤllenden Loͤwen, wel⸗ chen du begegnen moͤchteſt, noch auf die Dornen zu achten, womit der Pfad beſaͤet iſt. Fuͤhreſt du dieſes aus, ſo biſt du gluͤcklich fuͤr immer. Man erreicht nicht die Herberge, wenn man nicht darauf losgeht. Wer nicht arbeitet, erlangt nicht, was er wuͤnſchet. Das Licht der Sonne erfuͤllt die ganze Welt: die mindeſt weichlichen und die entſchloſ⸗ ſenſten empfangen und ertragen ihre lebhafteſten und heißeſten Stralen.“ .— —y——ÿ— Die beiden Reiſenden. 255 Nachdem beide dieß geleſen hatten, ſagte Ganem zu Szalem: „Laß uns in die Schranken treten und den Kampf beſtehen, welchen man uns anbietet. Laß uns unſere Kraͤfte verſuchen und ſehen, ob die Verheißung dieſes Talismans wahrhaft iſt: wohlauf, wir wollen ſehen, was uns dabei widerfaͤhrt.“ „Lieber Freund,“ erwiederte Szalem,„es wuͤrde ſehr unbeſonnen ſein, ſich in eine ſo offenbare Gefahr zu ſtuͤrzen, auf eine bloße Inſchrift, welche uns ein ſehr ungewiſſes Gluͤck verheißt. Ein verſtaͤndiger Menſch mag nicht um ein ſo eingebildetes Gut, wie dieſes da, ſein Leben wagen; und kein Weiſer wird ſich jemals fuͤr ein verborgenes Vergnuͤgen in eine offenbare Gefahr begeben. Glaube mir, tauſendjaͤh⸗ rige Freuden verlohnen nicht der Muͤhe, ihretwegen einen Augenblick das Leben zu wagen.“ Zweihundert und dreißigſter Tag. Ganem ließ ſich nicht mit dieſen Spruͤchen abwei⸗ ſen:„Freund,“ verſetzte er,„die Neigung, gemaͤch⸗ lich zu leben, ohne etwas aufs Spiel zu ſetzen, iſt der Vorbote eines veraͤchtlichen und ſchmachvollen Le⸗ bens: hingegen erreicht man Ruhm und Gluͤckſeligkeit, indem man ſich Gefahren bloßſtellt. Wer ſich der 2530. Ta g. Weichlichkeit ergibt, ſchmeckt weder die Freude, noch das Vergnuͤgen, etwas uͤberſtanden zu haben; und wer den Kopfſchmerz ſcheuet, beraubt ſich der An⸗ nehmlichkeit des ſuͤßen Weins. Wer Muth hat, be⸗ ſchraͤnkt ſich nicht darauf, ein ſtilles und klaͤgliches Leben zu fuͤhren: der Genuß der wahren Ruhe beſteht darin, daß man uͤber die Anderen erhaben iſt. Laß uns nicht laͤnger uͤberlegen. Es fordert nicht minder unſere Ehre, als unſer Vortheil, daß wir unſre Reiſe nicht fortſetzen, ohne den Gipfel dieſes Berges erſtie⸗ gen zu haben, trotz dem reißenden Strom, trotz den Loͤwen, trotz den Dornen. Wir werden etwas auszu⸗ ſtehen haben; aber dann duͤrfen wir auch glauben, daß wir zum Lohne fuͤr unſre Anſtrengungen, und nach den durchwanderten Wuͤſten ſchoͤne Gefilde an⸗ treffen werden.“ „Thu, was dir gefaͤllt,“ verſetzte Szalem:„ich fuͤr mein Theil, kann mich nicht enthalten, dir noch⸗ mals vorzuſtellen, daß es nicht minder thoͤricht iſt, zu unternehmen, was du vorhaſt, als durch eine Wuͤſte reiſen zu wollen, deren Ende man nicht zu erreichen gewis iſt, oder ein Meer zu beſchiffen, das keine Ge⸗ ſtade hat. Was man immer unternehme, man muß nicht minder wiſſen, wie man ſich herausziehen, als wie man es anfangen ſoll, damit man nicht unnuͤtz arbeite, und das Leben ausſetze, welches wir uͤber alles auf der Welt werth halten ſollen. Hoͤre noch Die beiden Reiſenden. 255 den Spruch eines Weiſen, welcher ſagt:„Wohin du auch treten magſt, hebe niemals den Fuß auf, bevor du dich nicht wohl der Stelle verſichert haſt, wohin du ihn ſetzen willſt, und ohne daß die Oeffnung, durch welche du wieder hinaus gehen ſollſt hinlaͤnglich breit ſei.“— Ueberdieß iſt dieſe Inſchrift vielleicht nicht richtig, oder man hat ſie bloß zum Spaße hin⸗ geſetzt, und um die Leichtglaͤubigkeit der Narren zu verſpotten; vielleicht auch iſt das Waſſer undurch⸗ dringlich und nicht moͤglich, das jenſeitige Ufer zu er⸗ reichen. Geſetzt aber auch, du koͤmmſt hinuͤber, ſo findeſt du vielleicht den ſteinernen Loͤwen ſo ſchwer, daß du ihn nicht einmal von der Erde zu heben ver⸗ magſt. Aber wenn du ihn auch aufhebſt, biſt du ſicher, ihn in Einem Laufe zum Gipfel des Berges hinauf zu tragen? Und am Ende von allem dieſem, weißt du nicht, wohin ſo viele Schwierigkeiten ab⸗ zwecken.— Ich fuͤr mein Theil erklaͤre dir, daß ich mich nicht deshalb dir zugeſellt habe, um mit dir eine Gefahr ſolcher Art zu theilen. Alles was ich thun kann iſt, dich zu beſchwoͤren, wie ich es denn thue, ein ſo uͤbelverſtandenes Unternehmen aufzugeben.“ So dringend Szalems Vorſtellungen waren, den⸗ noch widerſtand ihnen Ganem, und ſagte: „Ich kann auf deine Bitten nicht hoͤren, und nichts vermag mich von der Ausfuͤhrung meines ge⸗ faßien Entſchluſſes abzuhalten. Weder Däͤmonen noch 256 230. Tag. Geſpenſter, welcher Art ſie auch ſeien, ſollen mich durch ihre Einfluͤſterungen davon abſchrecken. Ich weiß wohl, daß du dich nicht zu dieſer Reiſe mit mir ver⸗ bunden haſt, um mir auch hierin zu folgen, und ich ſehe, daß du nicht dieſe Gefaͤlligkeit fuͤr mich haben willſt. Komm aber wenigſtens doch, und ſieh zu, und begleite mit deinen Wuͤnſchen und Gebeten, was ich thun will. Erlaube mir noch dich an den Spruch eines Dichters zu erinnern, welcher ſagt: „Ich weiß, daß du nicht Vergnuͤgen daran findeſt, Wein zu trinken: unterlaß deshalb je⸗ doch nicht mit in die Schenke zu kommen, um die Trinker mit dem Glaſe in der Hand zu ſehen.“ Als Szalem ſeinen Gefaͤhrten ſo feſt entſchloſſen ſah, ſagte er noch zu ihm: „Aus dieſem Spotte, welcher mich nicht beleidigt, erkenne ich genugſam, daß du dich um meine War⸗ nung nicht kuͤmmerſt, und von deinem Vorſatze nicht abſtehen willſt, der keinesweges wohlbegruͤndet iſt. Ich fuͤhle mich nicht ſtark genug, die Ausfuͤhrung mit meinen Augen anzuſehen. Ueberdieß bin ich nicht neu⸗ gierig, ein Schauſpiel zu erleben, vor welchem ich einen natuͤrlichen Abſcheu hege. Drum laße ich dich gewaͤhren, und entferne mich von einem Anblicke, der mir wehe thun wüuͤrde.“ Die beiden Reiſenden. 257 Mit dieſen Worten nahm er ſeinen Bettelſack, ſagte Ganem Lebewohl, und ſetzte ſeinen Weg fort. Als Ganem allein war, machte er ſich auf alles gefaßt, und indem er ſich dem Fluſſe naͤherte, ſagte er: „Ich muß mich in dieſes Meer hinabtauchen, um darin unterzugehen, oder die Perle, welche ich hoffe, herauf zu holen.“ Mit dieſer Entſchloſſenheit ſtuͤrzte er ſich ins Waſ⸗ ſer, welches ſehr tief und ſehr reißend war; aber er blieb in dieſer muthigen That ſo beſonnen, daß er gluͤck⸗ lich das jenſeitige Ufer erreichte. Er ſchoͤpfte wieder Athem, nahm den Marmorloͤwen auf ſeine Schulter, und erſtieg mit gleichem Schritte den Gipfel des Ber⸗ ges, ungeachtet der Schwierigkeiten, welche er an⸗ traf, und der Schwere der Laſt, welche er am Ziele niederſetzte. Zweihundert und ein und dreißigſter Tag. Auf der andern Seite, am Fuße des Berges er⸗ blickte Ganem eine ſchoͤne Stadt deren Umgebungen mit wohl gebauten Landhaͤuſern und großen Gaͤrten einen ſehr reizenden Anblick darboten. Waͤhrend er mit der Betrachtung dieſer angenehmen Gegenſtaͤnde IV. 17 258 231r. Tag. beſchaftigt war, ſtieß der Marmorloͤwe ein ſo fuͤrch⸗ terliches Gebruͤll aus, daß der Berg davon erbebte und das Gefilde rings umher widerhallte. Auf dieſes Gebruͤll, welches in der Stadt gehoͤrt wurde, kamen die Einwohner ſchaarenweiſe heraus, und machten ſich auf den Weg nach dem Berge; was Ganem nicht weniger in Erſtaunen ſetzte, als das Gebruͤll des Löwen. Die Ausgezeichneteſten und Vor⸗ nehmſten ſchritten an der Spitze der uͤbrigen heran, und bezeigten Ganem ihre tiefe Ehrfurcht, mit gro⸗ ßen Lobeserhebungen und Gluͤckwuͤnſchungen. Hierauf fuͤhrten ſie ihm ein ſchoͤnes und praͤchtig aufgeſchirrtes Pferd vor; er beſtieg es, auf ihre Bitten, und ſo geleiteten ſie ihn in die Stadt, mit allem Volke, welches ihm entgegen gegangen war. Sie fuͤhrten ihn in einen praͤchtigen Palaſt, und brachten ihn erſt in ein Bad von Roſenwaſſer, worauf ſie ihn mit Moſchus und Ambra rieben. Endlich bekleideten ſie ihn mit einem Koͤnigsmantel, riefen ihn zu ihrem Koͤnig aus, und leiſteten ihm als ſolchem die Treue und Huldigung. Bis dahin hatte Ganem nichts Außerordentliches in den ihm erzeigten Ehren gefunden; er hatte ſie als eine Wirkung der beſondern Ehrerbietung dieſes Volks gegen Fremdlinge angeſehen: als er aber ſah, daß man ihn zum Koͤnig ausrief, verlangte er, die Urſache Die beiden Reiſenden. 259 zu wiſſen, warum man gerade ihn zum Herrſcher und Regierer erwaͤhlte. „Herr,“ antwortete einer der Großen,„die alten Weiſen dieſes Reichs haben an der Quelle, welche ihr geſehen habt, einen Talisman errichtet und ihn unter gewiſſen Geſtirnungen nach den Regeln ihrer Kunſt bereitet. Wenn irgend ein beherzter Mann den Strom durchſchwimmt, und den Marmorloͤwen auf den Gip⸗ fel des Berges traͤgt,(was nur geſchieht, wenn der Koͤnig dieſer Stadt und des dazu gehoͤrigen Gebietes geſtorben iſt), ſo gehen, auf das Gebruͤll des Loͤwen, die Einwohner, wie Euer Majeſtaͤt geſehen hat, ihm entgegen und ſetzen ihn, anſtatt des Abgeſchiedenen, auf den Thron. Seit langen Jahren, ja ſeit mehre⸗ ren Jahrhunderten, iſt dieſes Verfahren bei uns im Gebrauch.“ Aus dieſer Rede erkannte Ganem, daß alle Un⸗ faͤlle und Leiden, welche er bisher erduldet hatte, eben ſo viele Stufen geweſen waren, um zu dieſem hohen Gluͤcke zu gelangen, und daß, wenn muthige Thaten den Ruhm zum Ziele haben, dieſer ſeinerſeits ihnen in allewege entgegen koͤmmt, um ihr Lohn zu ſein. 4 26⁰ 231. C d g. Aus dieſem Abenteuer,“ fuͤgte die Sklavinn hinzu, „koͤnnt ihr leicht erkennen, daß man der Suͤßigkeit nur nach der Bitterkeit genießt. Dieſer Spruch iſt eben ſo alt, als die Welt, und man findet ihn in allen lehrreichen Buͤchern.“ Dieſe Geſchichte machte der Prinzeſſinn ſo viel Beiengen, daß die Sklavinn noch die folgende er⸗ zaͤhlte: Geſchichte vom Derviſch und vom Diebe. „Ein Koͤnig ſchenkte eines Tages einem Derviſch einen ſehr koſtbaren Rock. Einer der verſchmitzteſten lund geſchickteſten Diebe vernahm es, und machte ſogleich den Entwurf, ihm denſelben zu ſtehlen. Um dieß auszufuͤhren, begab er ſich zu dem Derviſch in ſeine Einſiedelei, und bat ihn, ihn in ſeinen Dienſt und Obhut zu nehmen, indem er ſich ſtellte, als wollte er die Welt verlaßen und von ihm die Vorſchriften des geiſtlichen Lebens lernen. Der Derviſch nahm ihn mit großer Leutſeligkeit auf: aber nach Verlauf einiger Tage benutzte der Spitzbube die Achtung und das Zutrauen, welches er ſich bei dem Derviſch erworben hatte, und bemaͤchtigte ſich in einer Nacht des Rockes, und verſchwand damit. Am folgenden Morgen, als der Derviſch weder den Lehrling, noch den Rock mehr ſah, ward es ihm nicht ſchwer zu erkennen, daß der Lehrling ein Spitz⸗ .262 231. Tag. bube waͤre und den Rock mitgenommen haͤtte. Um zu verſuchen, ob er ihm nicht auf die Spur kommen koͤnnte, verließ er alsbald ſeine Einſiedelei, und nahm den Weg nach der Stadt. Mit ſeinem erlittenen Verluſte beſchaͤftigt, wanderte er eifrig dahin, und begegnete zweien Widdern im Kam⸗ pfe, die mit den Koͤpfen ſo hart gegen einander ſtie⸗ ßen, daß das Blut aus den Wunden hinabrieſelte, welche ſie ſich beibrachten; und ein Fuchs der zufaͤllig in der Naͤhe war, leckte das auf dem Kampfplatze vergoſſene Blut auf. Die beiden Widder ſetzten hitzig den Kampf fort, und rannten mit geſtreckten Koͤpfen auf einander los. Nach mehreren Gaͤngen, befand ſich der Fuchs gerade zwiſchen ihnen, und beide rann⸗ ten ihm in demſelben Augenblick ſo heftig mitten auf den Leib, daß ſie ihm das Herz zerſtießen und er todt auf dem Platze blieb. Ein ſo ungewoͤhnliches Ereignis verwunderte den Derviſch, welcher es ſich ſo zu Nutze machte, wie er ſollte, und fuͤrder ging. Es war, als er die Stadt erreichte, ſchon ſo ſpaͤt, daß er die Thore geſchloſſen fand und ſich ge⸗ noͤthigt ſah, in der Vorſtadt eine Herberge zu ſuchen. Eine Frau, die zufaͤllig am Fenſter ſtand, bemerkte, daß er ein Nachtlager ſuchte, rief ihn heran, und er⸗ bot ſich, ihn in ihrem Hauſe aufzunehmen. Der Derviſch nahm das Erbieten an, und nachdem die Der Derviſch und der Dieb. 263 Frau ihn mit einem Abendeſſen bewirthet hatte, fuͤhrte ſie ihn in ein Schlafgemach, wo er ſein Gebet ver⸗ richtete, bevor er ſich niederlegte. Die Frau, die ihn herein gerufen und ſo liebreich aufgenommen hatte, war indeſſen keine von denen, die einen ordentlichen Lebenswandel fuͤhren und um ihren Ruf beſorgt ſind: ſie machte vielmehr ihr Ge⸗ werbe daraus, ſchoͤne Maͤdchen zum Vergnuͤgen jun⸗ ger Wuͤſtlinge bei ſich zu halten. Eine von denen, welche ſie damals in ihrem Hauſe hatte, wurde von einem Ritter in der Nachbarſchaft ſo leidenſchaftlich geliebt, daß niemand, außer ihm, ſie beſuchen ſollte. Da die Hausmutter dabei nicht ihre Rechnung fand, und der Ritter durch ſeine Eiferſucht alle ihre Kunden verſcheuchte, ſuchte ſie Gelegenheit, ein abſcheuliches Vorhaben auszufuͤhren, welche ſich in derſelben Nacht darbot, als ſie den Derviſch bei ſich aufgenommen hatte: aber ihre Bosheit fiel auf ſie ſelber zuruͤck. Sie hatte Mittel gefunden, den Ritter und ſeine Geliebte zu berauſchen; als ſie beide eingeſchlafen ſah, und waͤhnte, alles ſchliefe in ihrem Hauſe, that ſie Giftpulver in ein Rohr, nahm das eine Ende in den Mund und hielt das andre dem Schlafenden an die Naſe, um ihm das Gift hineinzublaſen, damit es ihm ins Gehirn fuͤhre, und er des Todes waͤre. Aber in dem Augenblicke, als ſie blaſen wollte, nieſte der junge Mann mit ſolcher Heftigkeit, daß ſein Athem 264 231. 232. Tag. all das Gift der Frau durch den Mund in den Hals trieb. Das Gift wirkte mit ſolcher Heftigkeit, daß ſie nach wenigen Augenblicken todt hinfiel, und durch ih⸗ ren Tod den alten Spruch beſtaͤtigte: wer andern eine Grube graͤbt, faͤllt ſelber hinein. Zweihundert und zwei und dreißigſter Tag. Dem Derviſch, der Zeuge von dieſem Abenteuer war, ward dieſe unſelige Nacht uͤber diemaßen lang, und er konnte das Ende derſelben kaum erwarten; endlich erſchien der Tag, und er verließ einen ſo ge⸗ faͤhrlichen Ort. Er trat in die Stadt, und indem er eine andre Herberge ſuchte, begegnete er einem Schuſter, der aus Verehrung fuͤr die Derviſche, ſich ein Vergnuͤgen daraus machte, ihn in ſein Haus zu fuͤhren, und den Seinigen anzubefehlen, ihn ſorgfaͤltig zu pflegen und gut zu bewirthen, waͤhrend er genoͤthigt waͤre, dem Mahle einiger Freunde beizuwohnen, die ihn eingela⸗ den haͤtten. Die Frau des Schuſters hatte einen Liebeshandel mit einem Ritter, welcher ſie nicht weniger liebte, als ſie in ihn. Ihre Zwiſchentraͤgerinn war die Frau eines Baders, die ſo gewandt und einſchmeichelnd war, daß ſie durch ihre Reden im Stande geweſen Der Derviſch und der Dieb. 26656 waͤre, das Feuer mit dem Waſſer zu vereinigen, die Sterne auf die Erde herabzuziehen, und den haͤrteſten Felſen in Staub zu verwandeln, wenn ſie es darauf angelegt haͤtte. Die Schuſtersfrau ſah kaum ihren Mann entfernt, als ſie dieſe Gelegenheit benutzte, ſich zu vergnuͤgen und der Badersfrau auftrug, ihrem Geliebten einen Wink zu geben, daß er in der naͤch⸗ ſten Nacht kommen ſollte, mit der Verſicherung, daß nichts ihr Vergnuͤgen ſtoͤren und die Fliegen ihn nicht hindern ſollten, den Zucker zu ſchmecken, womit ſie ihn bewirthen wollte, indem ſie mit ihm allein ſein wuͤrde. Die Nacht kam, und auf die Botſchaft ermangelte der Ritter nicht, ſich einzuſtellen. Aber indem er noch an der Thuͤre ſtand und erwartete, daß die Frau ihm oͤffnen ſollte, kam der Schuſter heim und er⸗ blickte ihn. Da er ſchon Verdacht hatte von dem, was vorginge, war er kaum, gluͤhend vor Zorn, in ſein Haus getreten, als er ſeine Frau mit Schlaͤgen bedeckte: und noch nicht begnuͤgt mit dieſer Zuͤchtigung, band er ſie an einen Pfeiler, und legte ſich nieder. Dieß war dem Derviſch anfangs ein großes Aer⸗ gernis, weil er glaubte, daß der Schuſter ſeine Frau aus uͤbler Laune ſchluͤge, oder weil er zu viel getrun⸗ ken haͤtte, und er machte ſich ſchon Vorwuͤrfe, daß er nicht ſogleich dazwiſchen getreten waͤre, um dieſe Mishandlung zu verhindern. Er war noch mit dieſen — — — 266 232. Tag. Gedanken beſchaͤftigt, als er die Stimme der Baders⸗ frau hoͤrte, welche die Thuͤr offen gefunden, weil der Nann in ſeinem Jaͤhzorn vergeſſen hatte, ſie zu ver⸗ ſchließen: „Nachbarinn,“ rief die Badersfrau mit leiſer Stimme zu,„Nachbarinn, woran denkt ihr denn 5 warum laßt ihr euch ſo lange erwarten? Es iſt eine Schande: kommet eilig, und verſaͤumet nicht die Ge⸗ legenheit.“ Die Schuſtersfrau rief ſie heran„ und als ſie bei ihr war, ſagte ſie zu ihr mit betruͤbter Stimme: „Sehet, in welcher Verfaſſung ich mich befinde; und ob ihr Recht habet, mir Saͤumigkeit vorzuwer⸗ fen: mein Mann hat meinen Geliebten an der Thuͤre geſehen, er iſt wie ein wuͤthender Teufel hereingetre⸗ ten, hat mich graͤulich geſchlagen, und mich hier an⸗ ebunden, wie ihr ſehet, er ſelber ſchlaͤft jetzt.“— it tiefen Seufzern fuͤgte ſie hinzu:„Wenn ich in dieſem elenden Zuſtande euer Mitleid zu ruͤhren ver⸗ moͤchte, ſo wuͤrdet ihr mich losbinden, und euch von mir an meiner Statt anbinden laßen, waͤhrend ich hinginge zu meinem Liebhaber„ mich zu entſchuldigen, daß ich ihn ſo lange habe warten laßen: ich wuͤrde gleich wieder zuruͤckkommen, euch zu befreien und meine Stelle wieder einzunehmen. Ihr wuͤrdet da⸗ durch auch demjenigen Vergnuͤgen machen, den ich 3 1 —— Der Derviſch und der Dieb. 267 liebe, und er wuͤrde nicht ermangeln, euch ſeine Er⸗ kenntlichkeit dafuͤr zu bezeugen.“ Aus Freundſchaft und Mitleiden willigte die Ba⸗ dersfrau in ihr Begehren, und ließ ſich an ihrer Statt feſtbinden. Die Schuſtersfrau begab ſich zu ihrem Geliebten, der ſie mit Ungeduld erwartete. Der Derviſch, der alles hoͤrte, was vorging, be⸗ griff jeto, warum der Mann in Zorn gerathen war, und erkannte, daß er nicht Unrecht hatte. Waͤhrend die Schuſtersfrau außen war, erwachte der Schuſter, und rief ſie. Die Badersfrau huͤtete ſich wohl, zu antworten, weil ſie damit alles verdor⸗ ben haͤtte. Nachdem er ſie mehrmals gerufen hat, ohne Antwort zu kriegen, wird der Schuſter ungedul⸗ dig, ſteht auf, laͤuft mit einem Meſſer in der Hand, hin zu der Badersfrau, welche er fuͤr ſeine eigene Frau haͤlt, ſchneidet ihr die Naſenſpitze ab, und gibt ihr dieſelbe in die Hand, mit den Worten: „Da, ſchicke das deinem Buhler, es iſt ein ſcho⸗ nes Geſchenk fuͤr ihn.“ Die arme Badersfrau erduldete, aus Furcht ent⸗ deckt zu werden, dieſe Schmach, ohne den Mund zu oͤffnen, indem ſie bei ſich ſelber ſagte:„Seltſames Abenteuer! die Rolle, die ich ſpiele, iſt einzig: die Schuſtersfrau macht ſich luſtig, und ich leide die Strafe dafuͤr!“ 268 232., Tag. Die Schuſterinn kam endlich heim, und war aͤu⸗ ßerſt betruͤbt, als ſie vernahm, daß ihre Freundinn die Naſe verloren haͤtte. Da ſie aber nicht wieder gut machen konnte, was jene fuͤr ſie gelitten, ſo bat ſie ſie mit Thraͤnen in den Augen tauſendmal deshalb um Verzeihung. Sie ſtellte ſich wieder an ihren Platz und ließ ſich feſtbinden, wie zuvor. Die Badersfrau, der nichts anderes uͤbrig blieb, ging wieder nach Hauſe, in groͤßter Beſorgnis, wie ſie ihrem Manne die Sache vorſtellen ſollte. Nach Verlauf einer Stunde unterbrach die wieder an den Pfeiler gebundene Schuſtersfrau das Still⸗ ſchweigen, und richtete mit lauter Stimme folgendes Gebet zum Himmel, damit ihr Mann es hoͤrete: „Herr,“ ſprach ſie,„der du das Weltall beherr⸗ ſcheſt, Gott Schoͤpfer aller Dinge, allmaͤchtiger Gott, der du alle Geſchoͤpfe erhaͤltſt und behuͤteſt, nichts iſt dir verborgen; die Wahrheit iſt dir bekannt; du weißt, daß mein Mann mir mit Unrecht und fuͤr ein Vergehen, woran ich unſchuldig bin, dieſe Mishand⸗ lung zugefuͤgt hat. Darum rufe ich jetzo deine Guͤte und Barmherzigkeit an. Ich flehe dich an, mir die⸗ ſen Theil meines Geſichts, der deſſen Zierde war, wieder herzuſtellen wie zuvor. Laß meine Unſchuld auf glaͤnzende Art kund werden; reiß den Schleier des Truges weg, der ſie verhuͤllet, und befreie mich von einer Schmach, welche mich immerdar entehren wird, — Der Derviſch und der Dieb. 269 wenn ich in meinem gegenwaͤrtigen Zuſtande vor der Welt erſcheine.“ Zweihundert und drei und dreißigſter Tag. Der Mann, der aufgewacht war und dieſes heuch⸗ leriſche Gebet gehoͤrt hatte, rief ihr zu:. „Du Freche, Ehrvergeſſene, was fuͤr ein Gebet richteſt du da an Gott? Weißt du denn nicht, daß die Gebete der treuloſen Weiber bei ſeinem Richter⸗ ſtuhle nicht angenommen werden, und daß die Schaam⸗ loſen bei dem Gerichtshofe des Himmels nicht gehoͤrt werden? Um erhoͤrt zu werden muͤßteſt du einen rei⸗ nen Mund und ein aufrichtiges Herz haben.“ Die Frau, ihrer Sache gewis, unterbrach ihren Mann und rief ihm zu:, „Steh auf, Grauſamer; komm, und ſieh ein Zeichen der unendlichen Macht Gottes, der ſich mei⸗ nes Jammers erbarmt und meine Bitte erhoͤrt hat, damit meine Unſchuld erkannt werde.— Ja, Herr, du weißt, daß ich unſchuldig bin, und ich danke dir tauſendmal fuͤr die Gnade, welche du mir erzeigſt, und daß du mich von der Entehrung reinigſt, welche mich beflecken ſollte.“ Bei dieſen Worten ſteht der Mann, der dieß feine Abenteuer nicht durchſchaute, und ſich nimmer einer 270 ⸗ 233. TC a g. ſolchen Liſt verſehen haͤtte, mit großer Verwunderung auf, verſchafft ſich Licht und ſieht in der That, daß ſeine Frau ihre Naſe unverſehrt hat. „Ich habe Unrecht,“ ſprach er jetzo zu ihr, in⸗ dem er ſie losband,„und ich bitte dich um Verzei⸗ hung, es ſoll mir nie wieder einfallen, dich ſo zu behandeln, ich uͤberlaße dir ganz die Leitung des Hausweſens und ooͤllige Freiheit zu thun, was du willſt.“ Die Badersfrau, mit ihrer abgeſchnittenen Naſe, war daheim in großer Beſorgnis, und ſie ſann nach, auf welche Weiſe ſie ihr Ungluͤck verbergen, welches 1 Maͤrchen ſie ihrem Mann, ihren Verwandten und Nachbarn vorſpiegeln, kurz, wie ſie ſich aus der Verlegenheit ziehen ſollte. Sie war noch immer in dieſen Gedanken vertieft und unſchluͤßig, als ihr Mann, der erwacht war, aufſtand, und ſein Beſteck forderte, um auszugehen, eine Wunde zu verbinden. Die Frau bat ihn, ſich ein wenig zu gedulden, ließ ihn aber lange warten, und als der Mann ſie eilen hieß, zog ſie ein Scheermeſſer hervor, warf es ihm 1 murrend hin, und fragte ihn, ob er das da haben wollte. Der Mann, der ſchon ungeduldig war, warf ihr das Scheermeſſer mit Schimpfwoͤrtern zuruͤck, und das war es eben was ſie wollte. Sie benutzte den Vortheil, daß es noch nicht Tag war, und rief aus: Der Derviſch und der Dieb. e71 „Ach Himmel! mir iſt die Naſe abgeſchnitten,“ und zu gleicher Zeit warf ſie ſich auf den Boden und waͤlzte ſich mit lautem Geſchrei in dem Zimmer umher. Der Mann ſtand beſtuͤrzt da, und die Nachbarn und Verwandten, die herbeiliefen, waden in großem Erſtaunen, als ſie ſeine Frau ohne Naſe und voll Blut ſahen. Sie uͤberhaͤuften den Mann mit Schmaͤh⸗ worten, und dieſer war ſo verwirrt, daß er nicht den Mund oͤffnen konnte, die That zu laͤugnen oder zu geſtehen. Es ward daruͤber Tag, die Verwandten der Frau bemaͤchtigten ſich des Mannes, und fuͤhrten ihn vor den Richter, bei welchem ſich der Deroiſch ſchon befand, weil er ſehr fruͤh aus dem Hauſe des Schuſters gegangen war, um ſeine Verfolgung des verſtellten Lehrlings, der ihn beſtohlen hatte, fortzu⸗ ſetzen. Die Verwandten trugen die Sache dem Kadi vor, und dieſer befragte den Bader, warum er ſeine Frau auf eine ſo unmenſchliche Weiſe behandelt haͤtte; und weil dieſer keine genuͤgende Urſach angeben konnte, wollte er ihn ſchon zum Tode verurtheilen, als der Derviſch, der die Unſchuld deſſelben kannte, ſich naͤ⸗ herte, und alſo das Wort nahm: „Herr,“ ſprach er zu dem Kadi,„dieſe Sache verdient mehr Aufmerkſamkeit, als ihr derſelben wid⸗ met. Es iſt nicht der Dieb, der meinen Rock ge⸗ 233. Ta g. ſtohlen hat; es ſind nicht die Boͤcke, die den Fuchs getoͤdtet haben; auch iſt es nicht das Gift, welches das boͤſe Weib getoͤdtet hat, noch iſt es der Schuſter, welcher der Badesfrau die Naſe abgeſchnitten hat: wir alle zumal ſind ſelber die Urſache dieſer verſchiede⸗ nen Ereigniſſe.“ Bei dieſen Worten wandte der Kadi ſich nach ſei⸗ ner Seite hin, und ſprach zu ihm: „Was ihr da ſaget, iſt ein Raͤthſel, welches un⸗ verſtaͤndlich bleibt, wenn ihr es nicht erklaͤret.“ Um den ganzen Handel aufzudecken, erzaͤhlte der Derviſch nun alles, was ihm begegnet und wovon er Zeuge geweſen war, und fuͤgte ſchließlich hinzu: „Haͤtte ich mich nicht durch die Eitelkeit verblenden laßen, mir Schuͤler zu machen, ſo wuͤrde ich nicht einen Dieb in meine Einſiedelei aufgenommen, und ihm nicht Gelegenheit gegeben haben, an mir den Diebſtahl zu begehen, welcher mich hieher fuͤhrt. Waͤre der Fuchs nicht ſo lecker und blutgierig geweſen, ſo haͤtten ihn die Widder nicht zu Tode geſtoßen; das boshafte Weib wuͤrde ſich nicht ſelber den Tod gegeben haben, wenn ſie es nicht darauf angelegt haͤtte, den Ritter zu toͤdten; und der Schuſter haͤtte der. Baders⸗ frau nicht die Naſe abgeſchnitten, haͤtte ſie ſich nicht mit dem ehrloſen Handel befaßt, welchen ich euch eben erzäͤhlt habe. Zum Sluſſe, iſt nichts wahrer, —jy————— ——ęB——C—CQLO’—LQLñCO:HOQ—OQO·Aꝑ˖A::·˖xx; Der Derviſch und der Dieb. 273 als was ihr alle wiſſet: thue nicht Boͤſes, ſo wird man dir auch kein Boͤſes thun.“ Man muß auch immer die Stimme der Billgkeit hoͤren; wie ein Koͤnig von Indien that, deſſen Ge⸗ ſchichte ich euch erzaͤhlen will: IV.. 1 8 Geſchichte des Koͤnigs von Indien und der Braminen. — In Indien herrſchte ein Koͤnig namens Szalar. Der Umfang ſeiner Staaten, die Weisheit ſeiner Re⸗ gierung, die Tapferkeit und die Anzahl ſeiner Trup⸗ pen, machten ihn zum maͤchtigſten Fuͤrſten des Morgenlandes. Er hatte zwei Soͤhne, die durch tauſend gute Eigenſchaften ſeine vaͤterliche Zaͤrtlichkeit verdienten. Dieſe beiden jungen Prinzen waren die ſuͤßeſte Hoffnung des Volks. Die Sultaninn, ihre Mutter, vereinigte mit ſeltener Schoͤnheit, Geiſt, Anmuth und Geſchicklichkeit. Der Sultan liebte ſie uͤberſchwaͤnglich. Alles vereinigte ſich zum Gluͤcke des Sultans. Sein Groß⸗Veſyr war eben ſo rechtſchaf⸗ fen als einſichtsvoll. Einzig mit dem Ruhme des Sultans und dem Gluͤcke des Volks beſchaͤftigt, war 2——— Der Koͤnig von Indien und die Braminen. 276 er weder geizig noch ehrſuͤchtig. Der Reichskanzler war durch ſeine umfaſſenden Kenntniſſe das Orakel ſei⸗ nes Zeitalters, ſo wohl im Geſpraͤche, als in ſeinen Schriften. 4 Dieſer Sultan hatte einen weißen Elephanten, den einzigen, den es in Indien gab: er beſtieg ihn an den Tagen der Schlacht. Dieſes furchtbare Thier ſtuͤrzte mit ſeinem Ruͤſſel die Schaaren der Feinde um und trat ſie unter ſeine Fuͤße. Auch hatte der Fuͤrſt zween ſchwarze Elephanten, die dem weißen nur in der Seltenheit und dem Farbenglanze nachſtanden. Zwei ſo leichtfuͤßige Dromedare, daß ſie im Laufe kaum die Erde zu beruͤhren ſchienen, brachten mit un⸗ glaublicher Schnelligkeit die Befehle des Sultans von einem Ende des Koͤnigreichs bis zum andern. Noch bewunderte man unter den Seltenheiten, welche dieſer Fuͤrſt beſaß, das allerſchoͤnſte Roß auf der Welt, und einen Saͤbel von ſo feinem Stahle, daß nichts ſeinen Streichen widerſtand. Zweihundert und vier und dreißigſter Tag. Es hatte ſich vormals in den Staaten des Sul⸗ tans ein Braminen⸗Stamm befunden, welcher, dem Irrthum und dem Aberglauben ergeben einen boͤ⸗ ſen Goͤtzendienſt trieb. Da der Koͤnig die Verfinſterung 276 2354. Tag. dieſer Braminen nicht hatte zerſtreuen koͤnnen, ſo hatte er, durch ihren Widerſtand gereizt, den groͤßten Theil derſelben ausrotten und ihre Weiber und Kinder zu Sklaven machen laßen. Vierhundert von ihnen waren dieſer Verfolgung entgangen: ſie waren eine Art von Magier, in die Geheimniſſe der Natur eingeweiht und in allen Arten der Wiſſenſchaft bewandert. Der Sul⸗ tan hatte ſie in ſeinen Palaſt aufgenommen und zog ſie bisweilen zu Rathe. Dieſe Braminen, die dem Anſcheine nach, dem Willen des Fuͤrſten ergeben wa⸗ ren, bargen im Grunde ihres Herzens einen toͤdtlichen Haß gegen ihn, und erwarteten mit Ungeduld nur die Gelegenheit, ihn ausbrechen zu laßen. Dieſe blieb denn auch nicht aus. Der Sultan lag eines Nachts in ſuͤßem Schlaf, als er durch einen Traum beunruhigt wurde. Er hoͤrte eine helle Stimme, und ſah zween weiße Fiſche aufrecht vor ihm ſtehen. Der Klang der Stimme weckte ihn auf; aber ſeine ſchweren Augenlieder ſanken bald wieder zu. Kaum war er wieder eingeſchlafen, als er in einem neuen Traume zween Enten und eine Gans ſah, die hoch oben in der Luft ſchwebten. Die Gans verließ die Enten, und trat auf dem Boden ſchreitend in der Stellung eines Flehenden vor den Fuͤrſten hin. Der Fuͤrſt erwachte zum zweitenmal, ſchlief wieder ein, und ſah nun einen ungeheuren gruͤn und gelb gefleckten Drachen, der auf ihn zuſtuͤrzte —-—— Der Koͤnig von Indien und die Braminen. 277 und ihm mit den Windungen ſeines Schwanzes die Beine umſchlang: vor Entſetzen ſchrie er laut auf. Er ſchlief abermals ein, und hatte einen vierten Traum: Sein Antlitz und ſein Leib war mit Blut be⸗ ſudelt, welches aus ſeinem Munde uͤberſtroͤmte. Die⸗ ſer Traum entſetzte ihn noch mehr, als die vorigen. Es folgte ein fuͤnfter Traum: er ſaß auf einem wei⸗ ßen Noſſe, welches wider ſeinen Willen mit ihm durchging; voll Angſt ſtrengte er vergeblich ſich an, es aufzuhalten; er blickte ſich nach allen Seiten um, und gewahrte mit Schmerzen, daß niemand von ſei⸗ nem Gefolge ihm zu Huͤlfe kam. Die Anſtrengungen, welche er machte, verſcheuchten ſeinen Schlaf; aber er gab ſich demſelben von neuem hin, und hatte noch einen ſechſten Traum: er ſah ſein Haupt ganz in Flammen ſtehen, das Feuer theilte ſich weiter mit und entzuͤndete einen großen Brand. Der ſiebente und letzte Traum war der fuͤrchterlichſte: ein Adler von ungeheurer Groͤße ſtieß auf ihn herab und zerflleiſchte ihm den Leib mit ſeinen moͤrderiſchen Krallen. Der Sultan ſtieß einen ſo lauten Schrei aus, daß ſeine Edelknaben herbeiliefen. Er war zu ſehr aufgeregt, um noch der Suͤßigkeit des Schlafes zu genießen.„Dieſe ſo außerordentlichen Traͤume,“ ſprach er bei ſich ſelber,„kuͤndigen mir die groͤßten Ungluͤcksfaͤlle an. Wer wird kundig genu ſein, mir die Auslegung davon zu gebenk oder der 278 234. Tag. mehr wer wird die Macht haben, von meinem Haupte die Uebel abzuwenden, womit es bedrohet iſt?“ Voll von dieſen traurigen Betrachtungen, erwar⸗ tete er den Tag mit Ungeduld. Gleich mit der Mor⸗ genroͤthe ließ er die Braminen, die in ſeinem Palaſte wohnten, rufen, und erzaͤhlte ihnen, wovon er ſo erſchuͤttert waͤre: der Schreck malte ſich noch auf ſei⸗ nem Antlitze. Die Braminen, die es wohl gewahrten, thaten ihr Moͤgliches, ſeine Furcht noch zu erhoͤhen: „Herr,“ ſagten ſie zu ihm,„niemals haben au⸗ ßerordentlichere, und zugleich unſeligere Traͤume einen Sterblichen erſchreckt. Erlaubet uns, unſere heiligen Buͤcher zu befragen: vielleicht finden wir darin den wahren Sinn der ſchreckbaren Vorzeichen, welche der Hüne euch ſendet. Vielleicht zeigen 5r uns ein 3 ittel an gegen die Uebel, von welchen ihr bedrohet eid.“ Der Fuͤrſt genehmigte es. „Dieſer Wuͤthrich,“ ſprachen ſie unter ſich, ſo bald ſie aus ſeiner Naͤhe waren,„hat gewaltthaͤtig unſern Stamm ausgerottet; einige der unſern ſind unter ſchrecklichen Qualen getoͤdtet, andere ſind gend⸗ thigt worden, um ſeiner Wuth zu entgehen, ihr Va⸗ terland zu verlaßen. Laßt uns jetzt ihr Leid und das unſrige raͤchen, da er ſich ſelber unſern Streichen dar⸗ bietet. Der Schreck, von dem er ergriffen iſt, die 3 —— —— Der Koͤnig von Indien und die Braminen. 279 Hoffnung, durch die Macht unſerer magiſchen Geheim⸗ niſſe, die Unfaͤlle zu vermeiden, mit welchen er ſich bedrohet waͤhnt, werden ihn unſerer Stimme folgſam machen. Ein furchtſamer Menſch iſt immer leichtglaͤu⸗ big: wir wollen ihn uͤberreden, daß dieſe Traͤume den Verluſt ſeiner Krone und ſeines Lebens bedeuten, und daß er dieſem Ungluͤcke nicht anders entgehen kann, als wenn er ſich in dem Blute ſeiner Frauen, ſeiner Kinder und ſeiner Miniſter badet: es wird uns als⸗ dann ein leichtes ſein, uns von dieſem Ungeheuer zu befreien, wenn es ſo allein ſteht, ohne Stuͤtze, ohne Rath, und durch dieſe Graͤuelthat ſeinen Unterthanen zum Abſcheu geworden.“ Nachdem die Braminen dieſen ſchwarzen Anſchlag gemacht hatten, traten ſie wieder vor den Sultan, und Schmerz und Betruͤbnis malte ſich auf ihrem Antlitze. „Warum, Herr,“ ſprachen ſie zu ihm,„mußtet ihr unſern Dienſt dazu auffordern, um euch die truͤb⸗ ſeligſten Dinge zu verkuͤndigen? Die ſchweren Traͤume, welche eure Ruhe geſtoͤrt haben, bedeuten den Fall eures Reichs und den Verluſt eures Lebens. Hoͤret hier die wahrhafte Auslegung: Die beiden Fiſche, welche ſich vor euch aufgerich⸗ tet haben, bedeuten eure beiden Soͤhne. Die beiden Enten und die Gans bezeichnen eure beiden ſchwarzen und den weißen Elephanten. Die gruͤne und gelbge⸗ fleckte Schlange iſt das Bild eurer geliebteſten Sul⸗ taninn; und das ſcheue Roß, welches mit euch durch⸗ ging, iſt eben das Roß Euer Majeſtaͤt. Das Feuer, welches euch umgab, bedeutet euern Groß⸗ Veſyr; und der Adler bedeutet euern Kanzler. Das Blut, welches in großen Stroͤmen eurem Munde ent⸗ floß, bezeichnet euer Schwert, welches Verraͤther mit dem Blut euer Majeſtaͤt faͤrben werden. Nachdem wir euch alle Unfaͤlle verkuͤndigt haben, von denen ihr bedrohet ſeid, ſo wollen wir euch auch die Mittel anzeigen, welche unſere Kunde in der Traumdeutung entdeckt hat, und wodurch ihr dieſelben vermeiden koͤnnt. Sie ſind fuͤrchterlich, und werden euch entſetzen: aber ihr muͤßt entweder ſie anwenden, oder euch entſchließen, ſelber umzukommen. Der Himmel verlangt zu ſeiner Verſoͤhnung das Blut eu⸗ rer beiden Soͤhne, eurer geliebteſten Sultaninn, ſo wie eures Veſyrs und eures Kanzlers. Ihr muͤßt zu gleicher Zeit eure beiden ſchwarzen Elephanten, den weißen Elephanten, die beiden Dromedare und euer Roß ſchlachten, und aus allem dieſem Blute ein Bad bereiten laßen, in welchem ihr euch badet. Waͤhrend ihr darin ſeid, werden wir Beſchwoͤrungen ausſprechen, und gewiſſe geheimnisvolle Gebete herſagen, welche die Kraft haben, den Grimm des Himmels zu be⸗ ſaͤnftigen.“. Der Koͤnig von Indien und die Braminen. 2821 Dieſe Rede erfuͤllte den Sultan mit Abſcheu und Unwillen: „Ihr Unmenſchen!“ rief er aus,„was waget ihr mir anzumuthen? Iſt der Tod nicht tauſendmal dem Mittel vorzuziehen, welches ihr mir darbietet, um ihn zu vermeiden? Wie kann ich mich entſchließen, Perſonen aufzuopfern, welche mir theurer ſind, als mein eigenes Daſein? Welche Freude kann fuͤr mich das Leben noch haben, wenn ich deſſen beraubt bin, was mich erhaͤlt. Ihr kennt gewis nicht die Geſchichte des großen Salomon mit Butimar. Zweihundert und fuͤnf und dreißigſter Tag. Ein Engel erſchien dem Propheten Salomon und brachte ihm, im Namen des Ewigen, ein Gefaͤß voll eines wunderbaren Waſſers, welches die Kraft hatte, unſterblich zu machen. 3 „Wenn du von dieſem Waſſer trinkſt,“ ſprach der himmliſche Bote zu ihm,„wirſt dich der Unſterb⸗ lichkeit erfreuen; wenn du aber nicht davon trinkſt, wirſt du das Loos der uͤbrigen Menſchen theilen. Der Allmaͤchtige ſtellt dir die Wahl frei.“ Salomon, unſchluͤſſig, verſammelte ſeinen Rath; alle, aus denen derſelbe beſtand, waren der Meinung, er muͤßte die Unſterblichkeit vorziehen. Als der Pro⸗ 282 3 235., TCag. phet bemerkte, daß Butimar, einer ſeiner einſichts⸗ dollſten Veſyre, abweſend war, ließ er ihn holen, und legte auch ihm die Frage vor. 3 „Großer Koͤnig,“ ſprach Butimar zu ihm,„iſt dieſes himmliſche Waſſer fuͤr euch allein beſtimmt, oder haben auch andere, außer euch, die Freiheit, davon Gebrauch zu machen?“ Salomon antwortete ihm, dieſe Gunſt waͤre nur ihm allein gewaͤhrt worden. „Wenn dem ſo iſt,“ fuhr der Veſyr fort,“ ſo werden eure geliebteſten Frauen, eure Kinder, dieſe ſußen Gegenſtaͤnde eurer Zaͤrtlichkeit, eure Miniſter, eure Freunde, alles was euch umgibt, wird der Natur ſeine Schuld bezahlen: ihr allein werdet alle uͤberleben; jedes Jahr, was ſage ich, jeder Augenblick wird euch jemand entreißen, der euerm Herzen theuer iſt; ihr werdet daruͤber ſeufzen. Welchen Reiz wird fuͤr euch noch ein Leben haben, welches dem Schmerze und der ſtaͤten Wehklage gewidmet iſt? Ihr werdet nur immerdar leben, um immerdar zu leiden.“ Der Prophet zog den Rath Butimars jenem ſeiner uͤbrigen Rathgeber vor, und verzichtete freiwillig auf eine Unſterblichkeit, welche fuͤr ihn tauſendmal truͤb⸗ ſeliger geweſen ſein wuͤrde, als der Tod. Ich will dem Beiſpiele Salomons folgen. Welche Freude wuͤrde ich davon haben, meine Tage zu ver⸗ laͤngern, wenn ich diejenigen uͤberleben und beweinen * Der Koͤnig von Indien und die Braminen. 285 muͤßte, die ich mehr als mich ſelbſt liebe?— Uebri⸗ gens alles auf dieſer Welt hat eine beſtimmte Zeit ſei⸗ ner Dauer. Die am feſteſten gegruͤndeten Reiche, wenn ſie den hoͤchſten Gipfel ihrer Macht erreicht haben, gerathen in Verfall und endigen mit Umſturz. Die ſtolzeſten Staͤdte werden in Einoͤden verwandelt. — Welcher Wahnſinn waͤre es, das Blut ſo vieler theuren Perſonen zu vergießen, um noch einige Au⸗ genblicke meine Tage zu verlaͤngern, welche doch bald endigen muͤßen! Suchet ein andres Mittel, die Un⸗ faͤlle abzuwenden, von denen ich bedroht werde. Nimmer werde ich von demjenigen Gebrauch machen, welches ihr mir vorſchlaget; es iſt zu graͤulich, zu unmenſchlich.“ Die Braminen aber beſtanden darauf, und erwie⸗ derten ihm: „Der Verluſt eurer Gattinn, eurer Kinder, eurer Veſyre iſt nicht unerſetzlich. Wollt ihr am Leben blei⸗ ben, ſo wird es euch leicht ſein, neue Bande zu knuͤpfen, welche euch alle die Suͤßigkeit wiederfinden laßen, deren ihr in den vorigen genoſſet; ſeid ihr aber entſchloſſen zu ſterben, ſo iſt alles unwiederbringlich fuͤr euch verloren.“ Dieſe dringenden Vorſtellungen vermehrten die Un⸗ gewisheit und den Schmerz des Sultans. Er hieß die Braminen ihm aus den Augen gehen, und zog ſich in die innerſten Gemaͤcher ſeines Palaſts zuruͤck. 284 255. Tag. Ein Strom von Thraͤnen entſtuͤrzte unwillküͤhrlich ſei⸗ nen Augen:— „Ach, ich Ungluͤcklicher!“ rief er aus:„der Donner rollet uͤber meinem Haupte, er iſt bereit her⸗ nieder zu ſchmettern. Welcher Arm iſt maͤchtig genug, ihn abzuwenden?— Aber lieber will ich umkommen, als das ſcheußliche Mittel ergreifen, welches die Bra⸗ minen mir vorgeſchlagen haben. Wer koͤnnte ein ſo unmenſchliches Herz haben, ſelber dasjenige hinzuop⸗ fern, was ibm das Theuerſte iſt, und durch eine Graͤuelthat ſeine Tage zu friſten, die dennoch bald endigen muͤßen?“ Der Sultan ſtellte ſich hierauf die Liebe vor, welche er fuͤr ſeine Soͤhne hegte, ihr zartes Alter, ihre Unſchuld, die Schoͤnheit ſeiner geliebten Sulta⸗ ninn, die Weisheit ſeines Groß⸗Veſyrs, das Ver⸗ dienſt und den Eifer ſeines Kanzlers, und rief aus: „Verhuͤte Gott, daß ich meine Hand mit ſo koſt⸗ barem Blute beſudele! moͤgen ſie leben, und der un⸗ gluͤckliche Szalar allein den ganzen Zorn des Himmels auf ſich entladen!“ Der Kummer des Sultans, deſſen Urſache man nicht wußte, beunruhigte ſeine Unterthanen. Sie fuͤrchteten, den beßten der Koͤnige zu verlieren. Be⸗ lar,— ſo hieß der Groß⸗Beſyr,— war ungewis, welchen Weg er einſchlagen ſollte: er wagte nicht in den Fuͤrſten zu dringen, ihm ein Geheimnis zu offen⸗ Der Koͤnig von Indien und die Braminen. 285 baren, deſſen Kunde er ihm ſo hartnaͤckig zu entziehen ſuchte. Auf der andern Seite fuͤrchtete er, daß das Uebel, wenn es noch laͤnger verborgen bliebe, unheil⸗ bar werden moͤchte. In dieſer Ungewisheit begab er ſich zu der Sul⸗ taninn und ſprach zu ihr: „Fuͤrſtinn, ſeitdem der Sultan meinen ſchwachen Haͤnden das Steuer ſeiner Staaten anvertrauet, hat er ſtaͤts gewuͤrdigt, mich anzuhoͤren, ſelbſt uͤber die geringſten Dinge. Dieſes Betragen gegen mich hat ſich ſehr geaͤndert. Er hat ſeit einigen Tagen mehrere geheime Unterredungen mit den Braminen gehabt; ich habe mich vergeblich bemuͤht, den Gegenſtand derſelben zu durchdringen. Seit dieſem unſeligen Augenblicke verlaͤßt er nicht mehr ſeinen Palaſt; unzugaͤnglich fur alle ſeine Diener, behauptet er ein hartnaͤckiges Still⸗ ſchweigen, er weigert ſich, irgend eine Nahrung zu ſich zu nehmen, und ſcheint von dem tiefſten Kummer verzehrt zu werden. Seine Unterthanen, die ihn an⸗ beten, ſind ſehr beunruhigt; ſie beſchwoͤren euch, alle eure Kraͤfte aufzubieten, um die Urſache ſeiner Leiden zu entdecken: ſie fuͤrchten, daß die Braminen, dieſe gottloſen Ueberbleibſel eines ausgerotteten Volks, den Sultan zu irgend einem unſeligen Schritte ver⸗ leiten. Es wuͤrde nicht mehr Zeit ſein, ſich ihren Entwuͤrfen zu widerſetzen, wenn es ihnen gelungen 235. 236. Ta g. waͤre: eine zu ſpaͤte Reue wuͤrde das Unheil nicht wieder gut machen, welches ſie geſtiftet haͤtten.“ „Veſyr,“ antwortete die Sulkanin,„ich habe den Kummer des Koͤnigs wohl bemerkt, und er beunru⸗ higt mich nicht weniger lebhaft, als euch; aber ſeit einigen Tagen weicht er mir aus, und ich wage nicht, ſeine Einſamkeit zu ſtoͤren, noch in ein Geheimnis einzudringen, welches er uns nicht anvertrauen will; ich fuͤrchte, mich ſeinem Zorn auszuſetzen.“ „Gebieterinn,“ verſetzte Belar,„in einem Falle, wo es das Wohl des Fuͤrſten und des ganzen Reichs gilt, muß man mehr Muth beweiſen. Wer ſollte es wagen, vor den Sultan zu treten, wenn ihr es nicht verſucht? Wer hat beſſer als ihr, den Weg zu ſei⸗ nem Herzen zu finden gewußt? Wendet Bitten, ja Thraͤnen an, wenn es noͤthig iſt; malet ihm eure Verzweiflung: da wird er nicht widerſtehen koͤnnen. „Freund,“ hat der gute Fuͤrſt oft zu mir geſagt, „die Sultaninn iſt fuͤr mich eine wohlthaͤtige Gottheit; ihre Gegenwart allein erzeugt ſchon Freude in meinem Herzen.“ Zweihundert und ſechs und dreißigſter Tag. Die Sultaninn, durch die Reden des Veſyrs er⸗ muthigt, begab ſich zu dem Sultan. — Der Koͤnig von Indien und die Braminen. 287 „Welches duͤſtre Gewoͤlk,“ ſprach ſie zu ihm, „hat ploͤtzlich das Licht verdunkelt, welches ſonſt auf eurem Antlitze ſtrahlte? Welche Traurigkeit hat die Freude aus eurem Herzen verſcheucht? Warum wol⸗ len dieſe Augen, von denen ein einziger Blick mein Gluͤck ausmacht, ſich nicht zu mir aufheben? Was hedeutet dieſes Stillſchweigen, dieſes truͤbſelige und niedergeſchlagene Ausſehen? Wenn etwa die Brami⸗ nen euch Unheil verkuͤndigt haben, ſo vertrauet es euren treueſten Dienern, vielleicht finden ſie irgend ein Mittel dagegen.“ „Licht meiner Augen,“ antwortete ihr der Sul⸗ tan, indem er einen tiefen Seufzer ausſtieß,„warum befragt ihr mich um etwas, das mich betruͤbt, und worauf die Antwort, wenn ich ſie euch zu geben wagte, euch noch mehr betruͤben wuͤrde?“ „Herr,“ erwiederte die Sultaninn,„wenn die Unfaͤlle, womit die Braminen euch bedrohet haben, nur diejenigen betreffen, welche euern Thron umgeben, ſo ſind es keine Unfaͤlle mehr: tauſend Leben, ſo wie das meinige, ſeien euch dargebracht, wenn ſie das eurige erhalten koͤnnen! Wenn aber das Uebel euch ſelber betrifft, ſo muͤßt ihr euch nicht niederſchlagen laßen. Die Furcht verduͤſtert den Geiſt, indem ſie die Seele niederſchlaͤgt; ſie verhindert bei Gefahren die Rettungsmittel zu ſehen; ſie entmuthiget unſere Freunde, und beherzet unſere Feinde.“ 236. Tag. „Und wenn der Berg Kaukauſus,“*) ſagte hierauf der Sultan zu Jrandoht**)(ſo hieß die Sultaninn)„nur einen Theil von dem gehoͤrt haͤtte, was die Braminen mir geſagt haben, ſo wuͤrde er bis in ſeinen Grundfeſten erſchuͤttert ſein, wie es der Berg Sinai war, als der Allmaͤchtige unter Don⸗ ner und Blitz zu Moſes redete. Und wenn die Sonne das graͤuliche Opfer ſaͤhe, welches man mir gebietet, ſo wuͤrde ſie von Abſcheu ergriffen, ſich zu⸗ ruͤckwenden. Thut mir keine Fragen weiter, ich habe nicht die Kraft, darauf zu antworten, und euch wuͤrde ſie fehlen, mich anzuhoͤren.“ Irandoht drang aber von neuem in den Sultan. „Ihr wollt es denn, meine Theure, ich ſoll eu⸗ erm Herzen einen toͤdtlichen Schlag geben; aber ihr habt euch deshalb nur ſelber anzuklagen. Schreckbare Traͤume haben vor einigen Tagen meine Ruhe geſtoͤrt; ich habe die Braminen um die Deutung derſelben be⸗ fragt, und ſie haben mich verſichert, daß dieſe Traͤume mir die groͤßten Unfaͤlle bedeuten; und daß das einzige Mittel dieſelben zu vermeiden, darin beſtehe, meine Kinder, meinen Groß⸗Veſyr, meinen Kanzler, und euch ſelber zu opfern.“ *) Der Indiſche(Hindn⸗Kuſch) iſt wohl gemeint. 2) Der Gegenſat von Turandoht. Vgl. zu Tag 62. Der Köoͤnig von Indien und die Braminen. 289 Dieſe Worte waren ein Donnerſchlag fuͤr die Sul⸗ taninn. Als ſie ſich wieder gefaßt hatte, ſagte ſie zu dem Fuͤrſten: „Ich bringe willig mein Leben zum Opfer dar: es kann nicht beſſer angewendet werden, als das eu⸗ rige zu retten. Aber, Herr, dieſe Deutung, iſt ſie denn wohl ſicher? Diejenigen, die ſie ausgeſprochen haben, ſind die verworfenen Ueberbleibſel eines Vol⸗ kes, welches ihr ausgerottet habt. Sie moͤgen Kennt⸗ niſſe haben, aber ſie ſind ohne Grundſaͤtze, ohne Glauben; nichts Reines entſtroͤmt einer vergifteten Quelle. Wer weiß, ob der Rath, welchen ſie euch ertheilt haben, nicht vom Geiſte der Rache eingegeben iſt? Sie haben nicht vergeſſen, daß ihr ihre Bruͤder vertilgt habt; ſie heißen euch eure beiden Soͤhne hin⸗ opfern, damit Euer Majeſtaͤt keinen Nachfolger habe, dem daran laͤge, ſie zu beſtrafen. Die Weisheit eures Groß⸗Veſyrs, die Einſicht eures Kanzlers ſind ihnen ein Dorn im Auge; ſie wollen euch der Stuͤtze dieſer beiden Miniſter berauben, damit niemand da ſei, den Schlag abzuwenden, welchen ſie gegen euch ſelber fuͤhren wollen. Was mich betrifft, obwohl vom ſchwaͤchern Geſchlechte, dennoch fuͤrchten ſie mich; ſie kennen meine Liebe zu euch; ſie wiſſen, daß die Au⸗ gen einer Liebenden hellſehen, und daß ſie ſtaͤts fuͤr den geliebten Gegenſtand zittert, welchen ſie anbetet. IV. 19 29⁰ 236. Ta g. Sie befuͤrchten, ich werde ihre Schritte beleuchten, und ihren ſchwarzen Anſchlag enthuͤllen. Dieſe Treu⸗ loſen haben bisher, in ihrer Ohnmacht ſich zu raͤchen, unter dem Scheine des Eifers, den unverſoͤhnlichen Haß gegen euch verdeckt: nun da ſich die Gelegenheit gezeigt hat, ihn ausbrechen zu laßen, haben ſie die⸗ ſelbe mit Feuer ergriffen.— Mein Fuͤrſt, wenn ihr ihrem Rathe folget, ſo werden die Voͤlker ſich empoͤ⸗ ren; alles wird in Aufruhr gerathen, und die Feinde werden die Gelegenheit benutzen, ſich eures Reichs zu bemaͤchtigen. Die Koͤnige muͤßen mehr, als andere, ihren Fein⸗ den mistrauen, ſelbſt diejenigen, die ohnmaͤchtig ſchei⸗ nen, ſich zu raͤchen. Weil dieſe nicht einen offenen Angriff thun koͤnnen, ſo legen ſie einen Hinterhalt, und man wird, fruͤher oder ſpaͤter das Schlachtopfer einer blinden Sicherheit. Ich widerſetze mich nicht der Ausfuͤhrung des grau⸗ ſamen Ausſpruchs der Braminen: aber bevor man zu dieſem Aeußerſten ſchreitet, muß man ſich der Wahrheit wohl verſichern. Ich weiß ein ſicheres Mit⸗ tel, ſie zu entdecken, wenn Euer Majeſtaͤt einwilligt, es zu verſuchen. 3 Auf einem Berge unweit dieſer Stadt, wohnt ein alter Einſiedler; er verlebt die Nacht in Gebeten und den Tag in Betrachtungen. Die Vergangenheit und die Zukunft ſind ſeinen Augen gegenwaͤrtig. Der All⸗ Der Koͤnig von Indien und die Braminen. 29: maͤchtige hat ihm, zum Lohne ſeiner Tugenden, die Gabe der Weiſſagung verliehen: er allein, Herr, kann euch die wahre Deutung der Traͤume geben, welche ihr gehabt habt. Stimmt dieſelbe mit jener der Bra⸗ minen uͤberein, ſo iſt nicht mehr zu ſchwanken, man muß ausfuͤhren, was ſie euch vorgeſchrieben haben; wenn ſie aber abweicht, ſo wird Euer Majeſtaͤt leicht⸗ lich das Licht von der Finſternis unterſcheiden.“ Der Sultan willigt in den Vorſchlag Jrandohts. Er ſteigt zu Pferde, und begibt ſich ſelber zu dem frommen Klausner. Dieſer koͤmmt ihm entgegen, und ſpricht zu ihm: 4 „Herr, es thut mir Leid, daß ihr euch ſelber be⸗ muͤhet habt, hieher zu kommen; haͤtte ich die Abſicht Euer Majeſtaͤt vorausſehen koͤnnen, ſo wuͤrde ich ge⸗ kommen ſein, mich zu den Stufen eures Thrones niederzuwerfen und eure Befehle zu empfangen. Aber ich bemerke auf eurem Antlitze die Spuren eines tie⸗ fen Schmerzes: darf ich euch um die Urſache deſſelben fragen?“ Der Sultan erzaͤhlte hierauf dem Derviſch die au⸗ ßerordentlichen Traͤume, welche ihn ſo ſehr beunruhigt, und die Deutung, welche die Braminen davon gegeben, die Unfaͤlle, womit ſie ihn bedrohet, und die Mittel welche ſie ihm vorgeſchrieben hatten, um ſie zu ver⸗ meiden. 29² 237. T a g. Zweihundert und ſieben und dreißigſter Tag. Karidun(ſo hieß der fromme Einſiedler) blieb einige Zeit in tiefes Nachſinnen verſunken. Hierauf wandte er ſich zu dem Koͤnig, und ſprach zu ihm: „Daͤrfte ich es euch bemerklich machen, ſo haͤttet ihr die Braminen nicht zu Rathe ziehen ſollen. Das ſind gewandte Betruͤger, die durch den Anſchein einer Wiſſenſchaft, welche ihnen aber nicht zu Theil gewor⸗ den iſt, die Menge taͤuſchen; ſie ſind uͤberdieß die Feinde Euer Majeſtaͤt und ſuchen ſeit langer Zeit eine Gelegenheit euch zu verderben. Die ſieben Traͤume, welche euch ſo ſehr beunruhigt haben, bezeichnen, weit entfernt euch irgend ein Ungluͤck zu drohen, die ruhmvollſte Zeit eures Reichs. Sieben Geſandte der groͤßten Fuͤrſten des Morgenlandes werden, mit rei⸗ chen Geſchenken beladen, an eurem Hof erſcheinen. Die beiden weißen Fiſche, welche aufrecht vor euch ſtanden, bedeuten zween Geſandten des Koͤnigs von Serendib: ſie ſollen Euer Majeſtaͤt im Namen ihres Herrn einen vollſtaͤndigen Schmuck der ſchoͤnſten Ru⸗ bienen uͤberreichen. Die beiden Enten und die Gans bezeichnen zwei weiße Roſſe und ein Dromedar von der groͤßten Schoͤnheit, welche der Sultan von Deli*) *) in Indien, vormals Hauptſtadt des Groß⸗Moguls. Der Koͤnig von Indien und die Braminen. 293 euch ſendet. Ein Saͤbel vom feinſten Stahle, mit Diamanten geſchmuͤckt, wird durch den Drachen ver⸗ kuͤndigt, der euch ſo ſehr erſchreckt; hat: es iſt ein Geſchenk des Koͤnigs von Syrien. Das Blut, wel⸗ ches eurem Munde entſtroͤmte, iſt das Sinnbild eines Scharlachkleides, mit Perlen und Edelgeſteinen ge⸗ ſtickt, welches der Fuͤrſt von Gasna der ſchoͤnſten eurer Sklavinnen beſtimmt hat. Das Feuer, welches euer Haupt umloderte, bedeutet eine Diamantenkrone: ſie iſt eine Huldigung des Koͤnigs von Ceylan. Das unbaͤndige Roß, auf welchem ihr rittet, bildet einen weißen Elephanten vor, welchen der Abgeſandte von Aegypten Euer Mafjeſtaͤt zufuͤhren wird. Endlich, der Adler, welcher euer Eingeweide zer⸗ fleiſchte, bedeutet weniger erfreuliche Dinge. Eine euch theure Perſon wird euern Unwillen auf ſich ziehen: ſie wird waͤhrend einiger Zeit aus eurer Gegenwart entfernt ſein: ihr werdet euch aber zu ihren Gunſten⸗ beſaͤnftigen laßen, ſie wird eure Gnade wieder erlan⸗ gen, und eure Liebe wird, weit entfernt durch dieſes Ereignis geſchwaͤcht zu ſein, nur um ſo herzlicher werden. Dieß iſt, mein Fuͤrſt, die wahrhafte Auslegung der Traͤume, welche euch ſo ſehr erſchreckt haben. Sie gleicht keinesweges den Taͤuſchungen, welche die Bra⸗ minen euch vorgeſpiegelt haben. Ich wage es, Euer Majeſtaͤt zu erinnern, daß ihr niemand mit eurem 237. Ta g. Vertrauen beehren muͤßt, ohne ihn recht gepruͤft zu haben.“ Die Rede Kariduns erfuͤllte den Sultan mit Freu⸗ den; er bezeigte ſie, eben ſo wie ſeine Erkenntlichkeit, und ſagte zu dem Einſiedler: „Wie viel Dank bin ich dem Ewigen ſchuldig, daß er meine Schritte zu einem Manne gelenkt hat, wie ihr ſeid, erfuͤllet mit Weisheit! Ihr habt die Finſter⸗ nis zerſtreuet, die mich umhuͤllte, und das reinſte Licht der Wahrheit in mein Auge ſtrahlen laßen.“ Nachdem der Sultan dem Derviſch gedankt hatte, ſtieg er zu Pferde, und kehrte nach ſeinem Palaſt zuruͤck. Wenige Tage darnach erſchienen die ſieben von Karidun angekuͤndigten Abgeſandten; die Geſchenke, welche ſie darbrachten, bewaͤhrten vollſtaͤndig die Weiſſagung des Einſiedlers. Szalar ließ, um dem Himmel zu danken, daß er ihn auf ſo außerordentliche Weiſe vor den Fallſtricken der Braminen bewahrt hatte, betraͤchtliche Summen unter die Derviſche und die Armen ſeines Reichs aus⸗ theilen. Zugleich wollte er die Sultanin und den Ve⸗ ſyr fuͤr den Eifer belohnen, welchen ſie ihm bei dieſer wichtigen Gelegenheit bewieſen hatten. Der Veſyr aber ſagte zu dem Fuͤrſten: „Auszeichnungen und Hoffnung auf Lohn ſind nicht die Beweggruͤnde der Handlungen eines guten Der Koͤnig von Indien und die Braminen. 295 Miniſters, die Liebe ſeiner Pflichten, der Ruhm des Fuͤrſten, das Gluͤck des Volks duͤrfen allein ihn be⸗ ſeelen.— Was die Sultaninn betrifft, ſo bekenne ich, daß ſie durch den ausgezeichneten Dienſt, welchen ſie euch geleiſtet hat, die ihr zugedachte Gnade voͤllig verdient. Irandoht war lange ohne Nebenbuhlerinn geweſen; der Sultan betrachtete die mannigfaltigen Schoͤnheiten, welche ſein Harem einſchloß, mit Gleichgaͤltigkeit. Eine Circaſſierinn wußte jedoch endlich ſein Herz zu ruͤhren. Besmefrus(ſo hieß dieſe Sklavinn) war gemacht zu gefallen: ſie hatte Jugend, Lebhaftigkeit, Anmuth, einen ſchlanken und zierlichen Wuchs; zwei ſchwarze Augen voll Feuer erhuben noch die blendende Weiße ihres Geſichts; ſie konnte verſchiedenen Saiten⸗ ſpielen die lieblichſten Toͤne entlocken, und begleitete ſie mit ihrer Stimme, welche bis zum Herzen drang; ihr Tanz war leicht, voll Anmuth und Ausdruck. Dieſe neue Leidenſchaft des Sultans verloͤſchte jedoch nicht ſeine Neigung zu Irandoht: beide theilten auf gleiche Weiſe ſein Herz. Er ließ jetzt auch Besmefrus rufen, um ihr ebenfalls ein Geſchenk zu machen. Irandoht bekam die Diamantenkrone, und ihre Ne⸗ benbuhlerinn den mit Perlen geſtickten Scharlachrock. Der Veſyr beurlaubte ſich von dem Fuͤrſten, der nun mit ſeinen beiden Frauen allein blieb. Nachdem Irandoht ihr Haupt mit der Diamantenkrone ge⸗ 296 4 238. T a g. ſchmuͤckt hatte, ließ ſie ſich vor dem Sultan auf ein Knie nieder und uͤberreichte ihm eine Kryſtallſchale mit Sorbet. Szalar, weniger auf den Sorbet achtend, als auf diejenige, die ihn darbot, betrachtete ſie mit Wohlgefallen in dieſer Stellung. Einige Augenblicke darauf trat Besmefrus, die ſich mit dem Scharlach⸗ rocke bekleidet hatte, vor den Sultan, und uͤberreichte ihm eingemachte Fruͤchte auf einer goldenen Schale. Der Fuͤrſt, von ihrer Schoͤnheit geblendet, der dieſes Kleid neuen Glanz verlieh, wandte die Augen zu Iran⸗ doht, und ſagte ihrer Nebenbuhlerinn die ſchmeichel⸗ hafteſten Sachen. Irandoht konnte ſich einer neuen Regung der Eiferſucht nicht erwehren; der Zorn und Verdruß uͤberwaͤltigten ſie, die Kryſtallſchale ent⸗ ſchluͤpfte ihrer Hand, und der Sorbet uͤberfloß die Kleider des Sultans.. Dieſes Ereignis war ihm von dem frommen Ein⸗ ſiedler, der ihm die Traͤume gedeutet hatte, voraus⸗ geſagt: aber er dachte nicht daran, er hoͤrte nur auf die Eingebungen ſeines Zorns: uͤberzeugt, daß die Sultaninn ihn haͤtte beleidigen wollen, rief er den Veſyr, und befahl ihm, ſie hinrichten zu laßen. Der Koͤnig von Indien und die Braminen. 297 Zweihundert und acht und dreißigſter Tag. Belar fuͤhrte, ganz erſtaunt, Irandoht hinaus, die ihm traurig folgte. Unterweges ſetzte er ſich vor, den Befehl ſeines Herrn nicht auf der Stelle zu voll⸗ ziehen. Die Schoͤnheit der Sultaninn, die Liebe des Fuͤrſten fuͤr ſie, der ausgezeichnete Dienſt, welchen ſie ihm eben erſt geleiſtet hatte, uͤberzeugten Belar, daß es den Fuͤrſten eines Tages gereuen wuͤrde, ſeine Fa⸗ voritinn verurtheilt zu haben.„Wenn er uͤber den Tod der Sultaninn geruͤht iſt,“ ſagte der Veſyr bei ſich ſelber,„wenn es ihn zu gereuen ſcheint, daß er ihn verurſacht hat, dann iſt der Augenblick gekommen, ihm zu verkuͤndigen, daß ich die Vorſicht gehabt habe, ihm nicht zu gehorchen. Wenn hingegen die Zeit ſeinen Zorn nicht beſchwichtigt ſo werde ich ohne Zwei⸗ fel gehorchen, obwohl mit Widerſtreben: es iſt immer noch zu fruͤh, eine Handlung der Grauſamkeit auszu⸗ uͤben.“— Der Veſyr fuͤhrte alſo Irandoht in die innerſten Gemaͤcher ſeines Palaſts. Er befahl den Frauen, die er ihr zur Bedienung gab, ſie als Koͤniginn zu be⸗ handeln. Darnach erſchien er wieder vor dem Sultan, Schmerz und Betruͤbnis malte ſich in ſeinem Antlitz, und er berichtete, daß der Befehl vollzogen waͤre. Dieſe Worte waren ein Donnerſchlag fuͤr den Fuͤrſten. 298 4 238. T a g. Die lebhafteſte Reue war ſeinem Zorn gefolgt, wie es der weiſe Veſyr vorausgeſehen hatte. Er erkannte dieß an der Traurigkeit, welche ſich auf dem Antlitze des Fuͤrſten malte.. „Herr,“ ſprach hierauf Belar zu ihm,„vergeb⸗ lich bedauert ihr die Sultaninn; niemand kehrt von den truͤbſeligen Geſtaden des Todes zuruͤck. Thraͤnen und Seufzer koͤnnen das Uebel nicht wieder gut ma⸗ chen, das wir ſtiften, indem wir die Stimme der Vernunft erſticken und nur auf die der Leidenſchaft hoͤ⸗ ren. Ich will euch noch eine Geſchichte erzaͤhlen, welche euch lehren wird, welches faſt unvermeidliche Ungluͤck der Zorn ſtiftet, und wie ſehr wir uns an⸗ ſtrengen muͤßen, dieſe Leidenſchaft zu bezaͤhmen. Geſchichte des Koͤnigs von Yemen. Ein Koͤnig von YVemen,*) der den ganzen Tag ge⸗ jagt hatte, ohne etwas zu finden, kehrte mismuthig nach ſeinem Palaſt zuruͤck. Indem er durch ein Ge⸗ hoͤlz reitet, hoͤrt er ein Geraͤuſch, und waͤhnt einen Hirſch zu erblicken: er ſpannt ſeinen Bogen, und druͤckt einen Pfeil ab. Nach dem Schuſſe, ſpringt er vom Pferde, aber wie groß war ſein Schmerz, als er ſah, daß er einen Menſchen getroffen hatte! Es war ein armer Bauer, der Reiſig von den Baͤumen auf⸗ las und ſich, zu ſeinem Ungluͤck, ein Kleid von einer Hirſchhaut gemacht hatte. Der Sultan ſchenkte dem Ungluͤcklichen, den er ſo verwundet hatte, tauſend Goldſtuͤcke, und befahl einem ſeiner Beamten, fuͤr ihn Sorge zu tragen. *) Das Glückliche Arabien. 300— 238. Tag. Er hatte den Heimweg nach der Stadt eingeſchla⸗ gen, als er die Einſiedelei eines Derviſchs anſichtig ward; er wollte ihm einen Beſuch machen, um aus ſeinem Munde irgend eine nuͤtzliche Wahrheit zu ver⸗ nehmen. Der Einſiedler, dem der Himmel das Un⸗ gluͤck offenbart hatte, welches dem Koͤnige begegnet war, ſprach zu ihm: „Mein Fuͤrſt, ihr muͤßt eure Lebhaftigkeit maͤßi⸗ gen, und euern Zorn zuruͤckdraͤngen, wenn ihr in die⸗ ſer Welt gluͤcklich ſein wollt, und in jener.“ „Ich kenne,“ antwortete ihm der Sultan,„den ganzen Werth der Maͤßigung: aber wenn mich der Zorn einmal hinreißt, ſo iſt meine Vernunft zu ſchwach gegen ihn.“ K „Herr,“ verſetzte der Derviſch,„ich will Euer Majeſtaͤt drei kleine Rollen Papier geben, auf welche ich Schriftzuͤge hinzeichne, die fuͤr euch die Kraft ei⸗ nes Talismans haben werden. Befehlet einem eurer Beamten, euch jedesmal, wenn er euch im Zorne ſieht, eine dieſer Rollen darzureichen. Genuͤgt die erſte nicht, ſo ſoll er die zweite Rolle entfalten, und darnach die dritte.“ Der Koͤnig dankte dem Derviſch und kehrte nach ſeinem Palaſt zuruͤck. Es waͤhrte nicht lange, ſo wurden die Rollen aufgewickelt, und jedesmal wenn der Fuͤrſt ſie anſah, gewann er die Staͤrke, ſeinen Zorn zu unterdruͤcken. Der Koͤnig von gemen. 301 Hier ſind die drei. Spruͤche, welche der Derviſch auf dieſe Rollen geſchrieben hatte: 1.„Laß nicht deinem Zorne den Zuͤgel ſchießen, bis er den hoͤchſten Grad erreicht hat. Haͤltſt du ihn nicht zuruͤck, ſo wird er dich in einen Abgrund des Ungluͤcks ſtuͤrzen, aus welchem du dich nicht wieder emporziehen kannſt. 2. Im Ungeſtuͤm deines Zorns bewahre einiges Mitleid mit denjenigen, die der Gegenſtand deſſelben ſind; deine Guͤte wird dir ihre Herzen gewinnen, und ſie werden ihr Leben fuͤr dich opfern, um dir ihre Erkenntlichkeit zu beweiſen. 3. Die Billigkeit, und nicht die Leidenſchaft, muß bei dir zu Gerichte ſitzen. Ein von Zorn eingegebe⸗ nes Uttheil iſt faſt immer ein ungerechtes Urtheil.“ Dieſer Fuͤrſt war von den Reizen einer jungen Circaſſierinn bezaubert, welche ihn die uͤbrigen Schoͤn⸗ heiten ſeines Harems vernachlaͤßigen machte. Die Fa⸗ vorit⸗Sultaninn, in Verzweiflung uͤber die Untreue des Fuͤrſten und den Triumph ihrer Nebenbuhlerinn, faßte den Entſchluß, die beiden Verliebten aufzuop⸗ fern. Sie theilte einer Putzmacherinn des Harems ih⸗ ren Kummer mit, und flehte ſie um ihre Huͤlfe.“ „Ich will eurer Rache dienen,“ ſagte hierauf die Putzmacherinn;„aber ihr muͤßt mich von einem Um⸗ ſtand unterrichten, von welchem der ganze Erfolg des Mittels abhaͤngt, welches ich anwenden will. Wenn 3⁰2 238. T a g. der Sultan ſich in das Gemach ſeiner Geliebten be⸗ gibt, ſo gibt er ihr beim Eintritt ohne Zweifel einen Kuß: welche Stelle ihres Geſichts iſt es nun, die er. am liebſten kuͤßt?“ Die Sultaninn antwortete ihr, es waͤre das Kinn, welches an dieſer Sklavinn wirklich ſehr niedlich waͤre. „Wenn dem ſo iſt,“ fuhr die Putzmacherinn fort, „ſo gebet mir von dem feinſten Gift: dieſen Abend, wenn ich eure Nebenbuhlerinn anputze, will ich das Gift mit blauer Farbe vermiſchen und damit ein Schoͤnfleckchen auf das Kinn der Circaſſierinn malen: kaum hat der Koͤnig es mit ſeinen Lippen beruͤhrt, ſo wird er des Todes ſein.“ Die Sultaninn gab ſelber der Putzmacherinn das gif und dieſe wandte es ſo an, wie ſie verſprochen atte. Zum Ungluͤcke fuͤr beide, hatte ein Page, hinter einem Thuͤrvorhange verborgen, den ganzen ſchwarzen Anſchlag gehoͤrt, welchen ſie entworfen hatten: er lief hin zu dem Sultan, ihn davon zu unterrichten; aber dieſer Fuͤrſt, der ſehr dem Weine ergeben, und oft ſeiner Sinne nicht maͤchtig war, befand ſich dieſen Augenblick in einem Zuſtande, der ihn unfaͤhig machte, irgend etwas zu vernehmen. Als die Nacht gekommen war, begab ſich der Sultan ins Gemach der ſchoͤnen Circaſſierinn; weil er aber von den Duͤnſten des Weines noch ganz betaͤubt Der Koͤnig von gemen. 3⁰³ war, ſo ſchlief er auf der Stelle ein. Der Page wußte nicht mehr, welches Mittel er anwenden ſollte, um ſeinem Herrn das Leben zu retten, er ſchlich ſich alſo ganz leiſe an das Bette, wo der Sultan mit ſeiner Geliebten lag, und wiſchte mit der Spitze ſei⸗ nes Fingers, welche er benetzt hatte, das Schoͤnfleck⸗ chen ab, welches auf dem Kinne der Sklavinn ge⸗ malt war. Zweihundert und neun und dreißigſter Tag. In demſelben Augenblick erwachte der Sultan. Wuͤthend uͤber den Anblick des Pagen, der es gewagt, in dieſes Gemach einzudringen und mit verwege⸗ ner Hand ſeine Favoritinn zu beruͤhren, ſprang er auf, und wollte dem Pagen ſeinen Dolch in die Bruſt oßen.. Dieſer ergriff erſchrocken die Flucht; der Fuͤrſt, aaußer ſich, verfolgte ihn. Der Beamte, dem die Rollen des Derviſchs zur Bewahrung uͤbergeben wa⸗ ren, wollte den Fuͤrſten aufhalten, indem er ihm die erſte Rolle vorhielt: aber der Sultan war zu ſehr in Wuth. Die zweite hatte keine ſtaͤrkere Wirkung: bei dem Anblicke der dritten erſt beſaͤnftigte ſich ſein Zorn ein wenig; er befahl dem Sklaven, ohne Furcht naͤ⸗ her zu treten, und fragte ihn: 3⁰⁴4 259. Tag. „Was hat dich ſo verwegen gemacht, und wie haſt du es gewagt, eine freche Hand an meine Favo⸗ ritinn zu legen?— Der Page erzaͤhlte nun alles, wie es zugegangen waͤre. Man ließ die Sultaninn kommen; ſie erklaͤrte den Pagen fuͤr einen Luͤgner, und ſagte zu dem Koͤ⸗ nige: „Ich habe ſchon ſeit einiger Zeit das Einverſtuͤnd⸗ nis bemerkt, welches zwiſchen euerm Pagen und eurer Sklavinn herrſcht; weil ich aber eure uͤberſchwaͤngliche Leidenſchaft fuͤr dieſe Treuloſe kenne, ſo hat die Furcht, euch zu misfallen, mich verhindert, euch da⸗ von in Kenntnis zu ſetzen. Der Himmel hat ohne Zweifel dieſen Augenblick herbeigefuͤhrt, um die beiden Undankbaren zu Schanden zu machen und euch uͤber ihre Ausſchweifungen aufzuklaͤren.“ Der Sultan befahl dem Pagen, ſich zu rechtfer⸗ tigen. 3„Es bleibt mir nur noch ein Mittel uͤbrig,“ ſagte dieſer,„meine Unſchuld darzuthun: das Gefaͤß, worin die Putzmacherinn das Gift bereitet hat, ſteht noch auf dem Putztiſche der Circaſſierinn: Euer Maje⸗ ſtaͤt laße daſſelbe durch einen Zuverlaͤßigen herholen.“ Das Gefaͤß wurde dem Sultan gebracht, der nun die Putzmacherinn kommen ließ. Sobald ſie erſchien, nahm der Koͤnig ſelber etwas von der Fluͤſſigkeit aus dem Gefaͤß, und rieb damit die Zunge und die Lippen Der Koͤnig von gemen. 303 der Putzmacherinn, die auf der Stelle verſchied. Ihr ſchleuniger Tod rechtfertigte den Pagen, der nun be⸗ lohnt wurde. Die Sultaninn erlitt die Strafe, welche ihr Verbrechen verdiente. Wenn dieſer Fuͤrſt,“ fuhr Belar in der Rede zum Koͤnig Szalar fort,„ſeinen Zorn nicht unterdruͤckt haͤtte, ſo wuͤrde er einen Unſchuldigen getoͤdtet haben, und dann bald ſelber das Schlachtopfer der Hinterliſt der Sultaninn geworden ſein. Dieſe Geſchichte bewaͤhrt, daß die Koͤnige, mehr als alle andere, verpflichtet ſind, gegen den Zorn auf ihrer Hut zu ſein, und daß ſie ſich nicht genug beden⸗ ken koͤnnen, bevor ſie ihre Befehle ertheilen.“ „Ich bekenne,“ ſagte hierauf Szalar,„ich haͤtte mehr Maͤßigung haben, und Jrandoht nicht fuͤr ein ſo leichtes Vergehen verurtheilen ſollen: aber du, Belar, der du ſo vorſichtig biſt, mußteſt du einen vom Zorn eingegebenen Befehl vollziehend Warum haſt du nicht verſucht, mich zum Widerrufe zu bewe⸗ gen? wie haſt du dich entſchließen koͤnnen, eine Un⸗ ſchuldige umzubringen? Ihre Tugend, ihre Schoͤn⸗ heit, konnten ſie dein Herz nicht ruͤhren?“ IV. 3 20 3⁰6 239. Ta g. „Herr,“ antwortete der Veſyr,„die Gaͤrten Euer Majeſtaͤt ſind mit den ſchoͤnſten Blumen geſchmuͤckt: duͤrft ihr euch da ſo ſehr um den Verluſt einer ſchmach⸗ tenden verbluͤhten Roſe graͤmen, die ihren Glanz ver⸗ loren hat, waͤhrend tauſend andere vor euren Blicken ihre lebhaften Farben entfalten?“ „Du ſuchſt vergeblich mich zu troͤſten,“ erwiederte der Sultan:„dieſe ſchoͤne Roſe machte meine Gluͤck⸗ ſeligkeit; die uͤbrigen Blumen in meinen Gaͤrten haben weder ihren Glanz, noch ihre Schoͤnheit; die Reize jener machen auf mich nicht denſelben Eindruck: ich kann dir meinen Schmerz nicht verhehlen; er wird ſo lange dauern, als mein Leben.“ Jetzt entdeckte der Veſyr alles, und der Koͤnig wußte es ihm hoͤchlich Dank, daß er ſein uͤbereiltes Urtheil nicht ebenſo ſchleunig vollzogen hatte. Die ſchuldloſe Koͤniginn ging um ſo glaͤnzender aus ihrer Verborgenheit wieder hervor, zur unausſprechlichen Freude ihres Gatten und ihrer Kinder.“ Suͤtluͤmeme nahm hierauf wieder das Wort und agte:. 3„Wenn meine Prinzeſſinn es mir erlaubt, ſo will ich ihr eine Geſchichte erzaͤhlen, welche beweiſt wie gefaͤhrlich es iſt, ſein Vertrauen verderbten Menſchen zu ſchenken. Geſchichte des Fuͤrſten von Alep und Szadi's. Ruſtem, Sultan von Alep,*) uͤberließ, in Weichlichkeit verſunken, ſeinen Veſyren die laͤſtigen Sorgen der Regierung, wozu er ſich unfaͤhig fuͤhlte. Nur Gegenſtaͤnde der Ueppigkeit erfuͤllten ſein Herz; ein Juwelier, der ihm recht erleſene Kleinode ver⸗ ſchaffte, war ihm lieber, als ein Feldherr, der Schlachten fuͤr ihn gewann. Die wichtigſte Stelle am Hofe war die des Juweliers. Die Favoritſultaninn hatte ihm einen Sohn gebo⸗ ren., Ruſtem, der ſeinem Juwelier die Sorge fuͤr das, was ihm am wichtigſten war, naͤmlich ſeine *) Nach Italieniſcher Ausſprache Aleppo, in Syrien. 3⁰³⁸ 239. Tag. Edelgeſteine, anvertrauet hatte, glaubte nicht beſſer thun zu koͤnnen, als ihm auch den Thronerben zu uͤbergeben. Der neue Hofmeiſter pflanzte in die Seele des jungen Prinzen alle die Laſter, welche in der ſeinigen waren, oder vielmehr er pflegte nur die Keime dieſer Laſter, welche alle Menſchen mit auf die Welt brin⸗ gen, und welche allein durch eine weiſe Erziehung und durch gute Lehren erſtickt werden koͤnnen. Der junge Behadirſchah, dem nichts jemals widerſtan⸗ den hatte, und der in der Kindheit von den Schmeich⸗ lern verdorben worden, war auffahrend, ungerecht, habgierig, und betrachtete die Menſchen, welche er einſt beherrſchen ſollte, nur wie ein ihm zugehoͤriges Gut, uͤber welches er das Recht haͤtte nach ſeiner Laune zu ſchalten. Das Gewerbe, welches ſein Erzieher, bevor er an den Hof kam, getrieben, hatte noch eine ſtarke Vorliebe fuͤr Edelgeſteine in ihm zuruͤckgelaßen; und dieſe Vorliebe war, wie alle ſeine uͤbrigen Nei⸗ gungen, in die Seele ſeines Zoͤglings uͤbergegangen. Szadi(ſo hieß der Hofmeiſter) vernahm, daß ein Jude mit einer großen Menge Juwelen in Alep ange⸗ kommen waͤre; er wollte den jungen Prinzen welche davon kaufen laßen, und zugleich fuͤr ſich ſelbſt die guͤnſtige Gelegenheit benutzen. Nuſtem und Szadi. 3⁰9 Deer Jude, der nach dem Palaſt gekommen war, ſah, daß man ſich ſeiner Juwelen bemaͤchtigte, ohne daß der Preis, welchen man ihm dafuͤr ſetzte, ſeinen Hoffnungen entſprach. Er beklagte ſich uͤber Gewalt⸗ thaͤtigkeit, und forderte ſeine Diamanten zuruͤck. Behadirſchah, der keinen Widerſpruch ertragen konnte, befahl, den Juden aus dem Palaſt zu werfen. Die⸗ ſer Ungluͤckliche, empoͤrt von der Ungerechtigkeit, be⸗ klagte ſich bitterlich, und in wenig abgemeſſenen Ausdruͤcken. Der Prinz, von ſeinem unmenſchlichen Hofmeiſter aufgereizt, ließ den armen Juden ſo grau⸗ ſam mit Schlaͤgen mishandeln, daß er auf der Stelle verſchied. Das Geſchrei uͤber dieſe That brachte Ruſtem ge⸗ gen ſeinen Sohn und deſſen Hofmeiſter auf. Der junge Prinz wurde nach einem vom Hofe entfernten Schloſſe verwieſen. Szadi, auch vom Hofe verjagt, wollte ſich zu ſeinem Zoͤgling begeben: aber er em⸗ pfing von ihm nur Vorwuͤrfe, und den Befehl, ihm fuͤr immer aus den Augen zu gehen, damit er ihn nicht zu neuen Unthaten verleiten moͤchte. Der Ungluͤckliche entfernte ſich, ganz beſtuͤrzt. In der Nacht, da er in einem dichten Walde fortging, gerieth er uͤber eine von jenen Gruben, die man mit leichtem Mooſe bedeckt, um die im Morgenlande zu haͤufigen wilden Thiere darin zu fangen: er ſtuͤrzte hinein, und fiel gerade zwiſchen drei Thiere, welche 8* 310 239. 240. Tag. ſeinen Schreck noch vermehrten, einen Loͤwen, einen Affen und eine Schlange. Unſer Mann kam mit der Furcht, welche dieſe Thiere ihm erregten, davon. Das grimmigſte Thier wird ſanft, wenn es ſich ge⸗ fangen fuͤhlt. Der anbrechende Tag traf Szadi noch in den traurigſten Betrachtungen vertieft: er fuͤrchtete, daß der Hunger ihm das Leben rauben wuͤrde, wel⸗ ches die Thiere ihm ließen, als er oben an der Grube einen Mann erblickte, der ihm von ſeinem Schickſale geruͤhrt ſchien. Dieſer Anblick gab ihm wieder Hoff⸗ nung; und das Geſchrei des Ungluͤcklichen bewog den Reiſenden ihm ein Seil hinabzuwerfen, mit deſſen Huͤlfe er ſich aus dieſem fuͤrchterlichen Aufenthalte emporarbeiten koͤnnte. Zweihundert und vierzigſter Tag. Der Affe, behender als der Mann, ergriff dieſe guͤnſtige Gelegenheit, und erſchien am Rande der Grube, anſtatt desjenigen, den der Reiſende erwar⸗ tete. „Es wird dich vielleicht eines Tages nicht gereuen, ſprach der Affe zu ihm,„mir das Leben gerettet zu haben; die Thiere wiſſen ihren Wohlthaͤter zu ſchaͤtzen und ihm erkenntlich zu ſein. Du willſt dieſen Men⸗ ſchen retten, der mein Misgeſchick theilte: gebe der Ruſtem und Szadi. 31* Himmel, daß dieſer Undankbare dich deine Großmuth nicht bereuen laße! Meine Wohnung iſt am Fuße dieſes Berges, den du hier ſiehſt: moͤge ich dir einſt wieder begegnen und dir dienlich ſein koͤnnen!“ Der Reiſende, der nicht ſonderlich auf die Ver⸗ ſprechungen des Affen achtete, zog ihn, von Mitleid bewogen, doch vollends heraus, und beeilte ſich, das Seil wieder hinab zu werfen, in der Hoffnung, ſei⸗ nesgleichen zu retten. Als er bei dieſem zweiten Emporziehen eine viel ſchwerere Laſt fuͤhlte, ſo zweifelte er nicht, daß es der Mann waͤre, der nun das Sell ergriffen haͤtte: aber die ungeheure Maͤhne, die Zaͤhne und die Klauen des Koͤnigs der Thiere, erſchreckten ihn dermaßen, vaßf er dieſe fuͤrchterliche Laſt ſchon wieder fallen laßen wollte. „Beruhige dich,“ ſagte aber der Loͤwe mit ſanfter und gebietender Stimme zu ihm,„damit dein Schreck nicht fuͤr uns beide verderblich ſei: du erwirbſt dir einen Vertheidiger, der nicht zu verſchmaͤhen iſt: ich kann dir auch einmal das Leben retten, welches du mir wiedergegeben haſt: dein Mitmenſch da unten in der Grube wird dir niemals eben ſo viel Gutes er⸗ wiedern.“ Der Reiſende, durch dieſen beredten Zuſpruch be⸗ wogen, verdoppelte ſeine Anſtrengung, und es gelang ihm endlich, den Ldwen aus der Grube zu ziehen. 240. Tag. : ich hoffe, wir werden uns dort eines Tages wiederſehen.“ umwickelte jetzo die Schlange.. „Großmuͤthiger Befreier,“ ſprach ſie zu demjeni⸗ gen, der ihr das Leben wiedergab,„ich will dir einen Rath geben, welchen du zwar nicht befolgen wirſt; den Schlangen ward die Klugheit zu Theil, welche den Menſchen zuweilen mangelt. Ich habe auf dem Boden der Grube den undankbarſten der Menſchen zu⸗ ruͤckgelaßen; ich verſtehe mich auf Geſichtszuͤge: dieſer Elende muß irgend ein Verbrechen begangen haben, wofuͤr die Vorſehung ihn hat beſtrafen wollen: uͤber⸗ laß ihn ſeiner Beſtimmung, wenn dich deine Wohl⸗ thaten nicht gereuen ſollen. Du haſt mir das Anſe⸗ hen, etwas zu willfaͤhrig zu ſein: ich verſpreche dir, auf Schlangentreue, dich aus der naͤchſten Verlegen⸗ heit zu ziehen, worin deine zu große Gutmuͤthigkeit dich verwickeln moͤchte. Lebe wohl; meine Wohnung iſt an der Stadtmauer: benutze meine Weiſung, und rechne auf die Erkenntlichkeit eines Thieres, welches zu klug iſt, um undankbar zu ſein.“ Der Reiſende war zu menſchlich, um einen ſolchen, vielleicht heilſamen Rath zu befolgen: er warf das —— Nuſtem und Szadi. 3¹3 Seil zum vierten Male hinab, und der ungluͤckliche Szadi, der es endlich ergriffen hatte, ſah ſich nun auch, gegen alle Hoffnung, gerettet. Es iſt uͤber⸗ fluͤſſig die Ausbruͤche der Freude und die uͤberſtroͤmende Dankbarkeit zu beſchreiben, welche er ſeinem Befreier bezeigte; er verſprach viel mehr, als alle diejenigen, die vor ihm waren befreit worden. Indem er den Reiſenden mit Thraͤnen der Zaͤrtlichkeit umarmte, be⸗ gann er ſchon, zum Lohne fuͤr einen ſo wichtigen Dienſt, ihn zu betruͤgen. Szadi's Geſchichte war allerdings zu ſchmachvoll, als daß er es wagte, ſie in ihrer nackten Wahrheit zu erzaͤhlen: er ſagte zwar, daß er am Hofe in Un⸗ gnade gefallen und von dem Gipfel des Gluͤckes hin⸗ abgeſtuͤrzt waͤre; aber er huͤtete ſich wohl, die Gruͤnde davon zu entwickeln. Er ſprach nur von der Undankbarkeit der Großen, von der Ungerechtigkeit, der ſie ſich unaufhaͤrlich ſchuldig machen; er wieder⸗ holte dem Reiſenden, er waͤre eins von jenen Beiſpie⸗ len, welche dazu dienen die Menſchen zu belehren, daß man ſich nicht mit den Fuͤrſten einlaßen muͤßte; und er gab ſeiner Erzaͤhlung einen ſolchen Anſtrich von guter Lehre und Tugend, daß der gute Reiſende einen Weiſen gerettet zu haben waͤhnte. „Ich wohne in der Vorſtadt,“ ſagte Szadi zu ihm,„und biete euch eine Herberge in meiner armen Zuruͤckgezogenheit an. 314— 240. Tag. Der Reiſende hatte ſich ein anderes Ziel vorgeſetzt: er ging nach Indien, um dort eine Geld⸗Summe zum Ankaufe mehrerer Waaren anzulegen; er ſetzte alſo ſeine Reiſe dorthin fort, mit der innern Genug⸗ thuung, welche ſtaͤts eine gute Handlung gewaͤhrt. Bei ſeiner Ankunft in Indien war alles ihm guͤnſtig: ſein gut angelegtes Geld verdreifachte ſich binnen kur⸗ zer Zeit. Fruͤher reich geworden, als er gehofft hatte, bekam er Luſt, ſein Vaterland wiederzuſehen. Er nahm denſelben Weg, und als er durch den Wald reiſte, in welchem er, wenige Jahre zuvor die ungluͤcklichen Gefangenen aus der Grube gerettet hatte, erinnerte er ſich mit Vergnuͤgen der ſchoͤnen Reden des erkenntlichen Szadi. Die drei Thiere hatten nur geringen Eindruck auf ihn gemacht; er wußte es ihnen nur Dank, daß ſie nicht den Wohlthaͤter erwuͤrgt hatten, dem ſie das Leben ver⸗ dankten. Waͤhrend er noch ganz voll von dieſen Be⸗ trachtungen war, umringten ihn andere, noch viel grimmigere Thiere: es waren Raͤuber; ſie ergreifen den ungluͤcklichen Kaufmann„reißen ihn vom Pferde, berauben ihn, und ſie ſchickten ſich an, ihm das Leben zu nehmen, als einer von ihnen den anderen vorſtellte, daß dieß ein durchaus unnoͤthiges Verbre⸗ chen waͤre. Man bindet alſo den ungluͤcklichen Rei⸗ ſenden an einen Baum, wo er jeglichem Unwetter ausgeſetzt bleibt. Die Raͤuber begeben ſich in die —— — Ruſtem und Szadi. 3*5 Tiefe des Waldes und laßen ihm keinen andern Troſt, als den Tod, welchen er aber noch nicht ſo nahe ſah. Das Klagegeſchrei, welches der Schmerz ihm aus⸗ preßte, erreichte das Ohr des großen Affen, der in einiger Entfernung von dieſem Orte wohnte. Das Thier laͤuft herbei, und erkennt ſeinen Befreier in ei⸗ nem eben ſo traurigen Zuſtande, als derjenige, aus welchem er ihn vormals befreiet hatte. Sogleich zer⸗ reißt er mit ſeinen Haͤnden und Zaͤhnen die Stricke, welche Ahmed(ſo hieß der Reiſende) feſſelten; er erwaͤrmt ihn wieder durch ſeine Umarmungen, und nachdem er ſeinen Unfall vernommen, fuͤhrt er ihn in eine Hoͤhle, wo einige wilde Fruͤchte Ahmeds Hun⸗ ger ſtillten, der ſchon lange Zeit nichts gegeſſen hatte. Die Erzaͤhlung ſeines traurigen Abenteuers ruͤhrte das Herz des erkenntlichen Thieres. Sein Aufenthalt in dieſem Walde hatte ihn mehrere Tage zuvor den Schlupfwinkel der Raͤuber kennen gelehrt, die ſeinen Freund gepluͤndert hatten: er ſpringt mit der Ge⸗ wandheit und Leichtigkeit, deren dieſes Thier fuͤhig iſt, dorthin, und findet ſie ſchlafend, in der Sorglo⸗ ſigkeit der Frevler, welche keine Strafe fuͤrchten zu duͤrfen waͤhnen. Neben ihnen erblickt er Saͤcke, deren Schwere ihm verraͤth, daß ſie mit Gold gefullt ſind; mit Vergnuͤgen beladet er ſich mit einer Buͤrde, welche die Dankbarkeit ihm leicht machte; er ſchleppt auch die Kleider mit fort, welche er fuͤr diejenigen 3¹6 240. 241. Tag. ſeines Gaſtes haͤlt, und koͤmmt ſo wieder nach der Hoͤhle mit der Freude, welche eine edelmuͤthige Hand⸗ lung einfloͤßt. Ahmed dankte dem Affen, daß er ihn wieder zu ſeinem Gute verholfen hatte, und ſetzte dann ſeinen Weg weiter fort. Er verwunderte ſich im Stillen, einen ſo wohl⸗ thaͤtigen Affen angetroffen zu haben, und warf es ſich treuherzig vor, daß er dieſe Thierart bisher ſo wenig geachtet haͤtte, als ein furchtbarer Loͤwe ihm in den Weg trat. Er war ſchon ganz erſtarrt vor Schreck: aber anſtatt des Gebruͤlls, hoͤrte er nur fol⸗ gende ſanfte Worte aus der furchtbaren Kehle des Loͤ⸗ wen ertoͤnen: „Komm, mein Freund, komm, mein Befreier; du biſt es, der mir das Leben gerettet hat; ich werde dir immerdar meine Dankbarkeit dafuͤr bezeugen: komm in meine Hoͤhle, und ruhe dort bei mir aus.“ 8 Zweihundert und ein und vierzigſter Tag. Das Benehmen des Affen hatte Ahmed ſchon ein wenig mit den Thieren vertraut gemacht; welche Furcht ihm auch die Geſellſchaft eines Loͤwen ein⸗ floͤßte, doch hoffte er, daß der Koͤnig der Thiere nicht minder großmuͤthig ſein wuͤrde, als ein Affe; und ſo wohl, um Seine Majeſtaͤt zu ergetzen, als um ihr — — Ruſtem und Szadi. 3¹⁷ ein gutes Beiſpiel vorzuhalten, erzuͤhlte er unbefangen das edle Betragen des Affen gegen ihn. Der Loͤwe fand die Handlung ſehr ſchoͤn; er be⸗ dachte im Stillen, daß es ihm nicht anſtaͤnde, minder edelmuͤthig zu ſein, als einer ſeiner ſchwaͤchſten Un⸗ terthanen; und nachdem er ſich von ſeinem Gaſte hatte das Wort geben laßen, daß er ſeine Wohnung nicht vor ſeiner Ruͤckkunft verlaßen wollte, machte er ſich auf den Weg. Das Schloß, in welches der Koͤnig von Alep ſei⸗ nen Sohn Behadirſchah verwieſen hatte, lag nicht weit ab von dieſem Walde. Dieſer ungluͤckliche Prinz, der nur eine ſehr kleine Zahl von Bedienten hatte, erging ſich haͤufig allein in einem mit ſehr niedrigen Mauern eingehegten Park. Sein Gefallen an Edel⸗ geſteinen hatte ſich nicht vermindert; er trug beſtaͤn⸗ dig einem mit Juwelen geſchmuͤckten Turban; das war das einzige Stuͤck, was ihm von ſeinem vorigen Glanze uͤbrig blieb. Der Loͤwe, der dieſe Pracht bemerkt hatte, ſah eine doppelte Beute zu machen, wenn er den Koͤnigsſohn erwuͤrgte, naͤmlich ein gutes Fruͤh⸗ ſtuͤck fuͤr ihn ſelber, und ein anſehnliches Geſchenk fuͤr den Gaſt, welchen er in ſeiner Hoͤhle zuruͤckge⸗ laßen hatte. Der Fuͤrſt der Thiere ſtuͤrzte auf den Fuͤrſten der Menſchen, und der Sieg war nicht lange zweifelhaft. Die Vorſehung, welche den ungerechten Tod des Juden durch die Klauen des Loͤwen raͤchte, 3¹8 3 241. Tag. beſtimmte dem armen Reiſenden die ſchoͤne Agraffe des Koͤnigsſohns, welche der Loͤwe mit Freuden ſeinem Gaſte brachte. Ahmed, von demjenigen mit Wohlthaten uͤberhaͤuft, der ihm ſo viel Furcht gemacht hatte; lenkte nun ſeine Schritte nach der Stadt, wo er ſeinen Freund Szadi zu finden hoffte, von welchem er wenigſtens guten Rath erwartete: in der That, nachdem die Thiere ſeine Dienſte ſo reichlich bezahlten, was mußten nicht erſt die Menſchen thun.?.. Er betrat mit Anbruche des Tages die Stadt. Die Nachricht von dem Tode des Prinzen war ſchon dorthin gelangt. Man hatte im Parke bei dem Schloſſe Blut und Ueberbleibſel eines zerriſſenen Men⸗ ſchen gefunden. War nun der ungluͤckliche Behadir⸗ Schah der Raub reißender Thiere geworden oder von Raͤubern ermordet, die einen Theil ſeines Leichnams bei Seite geſchafft haͤtten, um ihre Unthat zu verſtek⸗ ken? Dieſe Frage beſchaͤftigte die ganze Stadt, ſie war der Gegenſtand aller Geſpraͤche, und jeder hatte daruͤber ſeine Meinung, ohne daß man die Wahrheit vermuthen, noch weniger ergruͤnden konnte. 4 Sobald Ahmed in der Wohnung ſeines Freundes angekommen war, und nach den erſten Freudenbezei⸗ gungen, erzaͤhlte der Reiſende ſeine erſtaunlichen Aben⸗ teuer. Ein Affe hatte ihm ſein von Raͤubern entriſſe⸗ nes Gut wiedergebracht; ein Lowe, großmuͤthiger als Ruſtem und Szadi. 3¹9 alle Koͤnige, hatte ihm eine Agraffe geſchenkt, welche wuͤrdig war, den Turban des Beherrſchers der Glaͤu⸗ bigen zu ſchmuͤcken. Der ungluͤckſelige Reiſende ahn⸗ dete nicht das Unheil, welches ihm dieſe verhaͤngnis⸗ volle Agraffe verurſachen ſollte; er wußte nicht, daß ſie dem Koͤnigsſohne gehoͤrt hatte, und daß ſie die Urſache des traurigen Endes dieſes Prinzen geweſen war. Da dieſes unſchaͤtzbare Geſchenk ſchwer abzuſetzen war, zog Ahmed ſeinen Freund zu Rathe, was er mit ſo großem Reichthum anfangen ſollte, er beſchwur ihn, ihm zum Verkaufe ſeiner Edelſteine zu verhelfen, deren Preis er mit ihm theilen wollte. Szadi erkannte leichtlich die Diamanten, welche er ſelber gefaßt hatte.„Das iſt die Agraffe des Prinzen, deſſen Verluſt man beweint,“ ſagte er bei ſich ſelber;„welche Belohnung hat derjenige zu hof⸗ fen, der dem Koͤnig Kunde davon gibt, und ihm zur Rache gegen den Moͤrder, oder wenigſtens gegen den Mitſchuldigen am Morde ſeines Sohnes verhilft!“ Nachdem er ſeinem Befreier zaͤrtlich umarmt und die erſten Pflichten der Gaſtfreundſchaft gegen ihn er⸗ fuͤllt hatte, und der Reiſende ſich im Schooße des Vertrauens, dem Schlaf uͤberließ, bereitete ſich der treuloſe Juwelier, ſeinen abſcheulichen Entwurf aus⸗ zufuͤhren; ihn erſchreckt nicht die Abſcheulichkeit des Verbrechens, deſſen er ſich ſchuldig machen will; er achtet es fuͤr nichts, denjenigen zu opfern, der ihn 3²0. 241r. Tag. gerettet hat, wenn er nur ſeine vorige Gunſt wieder⸗ erlangen kann. Er lief nach dem Palaſte des Sultans, um ihm anzuzeigen, daß er den Moͤrder ſeines Sohnes bei ſich zu haben glaubte: „Seht hier,“ ſprach er,„den Raub von demje⸗ nigen, den ihr ſo ſtrenge beſtraft habt, und den ihr gegenwaͤrtig beweinet. Dieſe Agraffe gehoͤrte dem Prinzen; ich kenne ſie: ich ſelber habe ſie gefaßt; derjenige, der ſie mir anvertrauet hat, und den ich in meiner Gewalt habe, iſt ohne Zweifel der Moͤr⸗ der des Prinzen, oder doch der Mitſchuldige derer, die ihn ermordet haben.“ Der Sultan ließ ſich ſogleich den angeblichen Schuldigen vorfuͤhren. Der ungluͤckliche Reiſende, der von dem ihm angeſchuldigten Verbrechen gar nichts wußte, erſchien vor dem Fuͤrſten; Unruhe und Ver⸗ wirrung malte ſich auf ſeinem Antlitze. Er erblickte ſeinen treuloſen Freund; und argwoͤhnend daß er die Urſache ſeines Ungluͤcks waͤre, erkannte er nunmehr, aber zu ſpaͤt, die Weisheit des Raths der Schlange, des Affen und des Loͤwen.„Ich verdiene,“ rief er aus,„das Schickſal, welches mir bevorſteht!“ Der Sultan, der den wahren Sinn der Worte nicht verſtand, nahm ſie fuͤr ein Geſtaͤndnis des Schuldigen, dem die Wahrheit unwillkuͤhrlich ent⸗ ſchluͤpfte: er verurtheilte ihn demnach, daß er auf RNuſtem und Szadi. 3²¹ daß er auf einem Eſel durch die ganze Stadt gefuͤhrt, und alsdann in ein ſcheußliches Gefaͤngnis geworfen werden ſollte. Seine Hinrichtung wurde bis nach der Todtenfeier Behadirſchahs verſchoben. Der ungluͤckſelige Reiſende wurde alſo, nachdem er dem ganzen Volke zum Schauſpiel gedient, in ein fin⸗ ſteres Loch geworfen, wo er hinlaͤnglich Muße hatte, uͤber ſein Ungluͤck, und was daſſelbe herbeigezogen, nachzudenken. Die Schlange, welche aufmerkſam das Schickſal ihres Befreiers beobachtet hatte, Zeuge ſeiner Schmach geweſen, und den Verraͤther kannte, der der Urheber davon war, und die eben ſo große Luſt hatte, ihn zu beſtrafen, als Ahmed zu befreien, drang leichtlich in ſein Gefaͤngnis ein. „Hatte ich dir nicht vorausgeſagt,“ ſprach ſie zu ihm,„daß der Menſch das undankbarſte aller Thiere iſt, der Gutes mit Boͤſem vergilt? Ich hatte es wohl vermuthet, daß der Undankbare, welchen du trotz meiner Warnung gerettet haſt, eines Tages der Urheber deines Verderbens ſein wuͤrde, und ich hatte damals ſchon einen Theil des Ungluͤcks vorausgeſehen, dem du gegenwaͤrtig zur Beute geworden biſt, weil du nicht den Rath hoͤren wollteſt, welchen die Klug⸗ heit und Freundſchaft eingab.“ IV. 21 322 „Grauſamer Freund,“ rief der ungluͤckliche Ahmed aus, der die Schlange an der Stimme erkannte,„iſt mein Ungluͤck nicht ſchon groß genug, ohne daß du es noch durch deine bitteren Vorwuͤrfe zu vermehren ſucheſt? Denke vielmehr daran, meine Unſchuld an den Tag zu bringen, und mich, wo moͤglich, aus dieſer grauenvollen Lage zu ziehen.“ „Ich habe dir verſprochen,“ erwiederte ihm die Schlange,„deine Unklugheit wieder gut zu machen, und ich halte treulich mein Wort: du haſt mir nicht glauben wollen; aber nun iſt es Zeit, daß du mir dein ganzes Vertrauen ſchenkeſt: ich bin vielleicht noch ſchlauer, als der Boͤſewicht, der dich hat verderben wollen. Nimm dieſes Kraut: es allein hat Heilkraft gegen das Gift, welches ich der Favoritſultaninn in die Adern gefloͤßt habe; der Koͤnig iſt ein Raub des lebhafteſten Schmerzes; du allein kannſt ihn gegen⸗ waͤrtig troͤſten: man wird alsbald dein vorgebliches Verbrechen vergeſſen. Wer bei euch Menſchen ſich nuͤtzlich zu machen weiß, iſt immer unſchuldig; ruͤhme nur recht deine Geſchicklichkeit; das iſt das Mittel, wodurch es gelingt; wende dein Kraut an, und bald wirſt du Wunder ſehen.“— Ruſtem und Szadi. 323 Zweihundert und zwei und vierzigſter Tag. Es war Zeit, ſich belehren zu laßen, und Ahmed benutzte willig den Rath und das Mittel. Sobald man am Hofe vernommen hatte, daß ein Gefangener heilkraͤftige Kraͤuter gegen das Schlangengift kennete, wurde dieſer Gefangene in das Gemach der Koͤniginn gefuͤhrt: der erſte auf die Wunde gelegte Verband heilte ſie faſt auf der Stelle. „Herr,“ ſprach hierauf Ahmed zu dem Sultan, „die Fuͤrſtinn wird nichts mehr von den Schmerzen fuͤhlen, welche ſie ausgeſtanden hat, und ihr Leben iſt nunmehr in Sicherheit: ich aber ſtehe nahe daran, das meinige unter fuͤrchterlichen Quaalen zu endigen, welche ich nicht verdient habe; ihr ſeid zu gerecht, um einen Unſchuldigen hinrichten zu laßen. Ich bin nicht der Moͤrder eures Sohns: Szadi, das Unge⸗ heuer, hat ſeine Jugend vergiftet; er iſt es, der dem jungen Prinzen durch ſeine ihm eingefluͤſterten ver⸗ derblichen Rathſchlaͤge eure Ungnade zugezogen hat; ihr werdet das Herz dieſes Boͤſewichts kennen lernen, wenn ich euch bewieſen habe, daß er der undankbarſte aller Menſchen iſt.“ Hierauf erzaͤhlte er dem Sultan das Abenteuer von der Grube, und alles was darauf gefolgt war. Der Sultan, durch Ahmeds Bericht von ſeiner Unſchuld und von der Bosheit Szadi's uͤberzeugt, be⸗ 324 242. T a g. fahl, daß dieſer die Strafe desjenigen erleiden ſollte, der auf die bloße Ausſage dieſes ehrloſen Angebers verurtheilt war. Der Treuloſe, der nicht wußte, was im Palaſt vorging, erwartete mit Ungeduld den Er⸗ folg ſeiner ſchwarzen Verraͤtherei; er ſchmeichelte ſich, wieder in die Gunſt des Koͤnigs zu kommen, und machte ſchon weitgreifende Entwuͤrfe des Ehrgeizes, als er, anſtatt der eingebildeten Herrlichkeit, woran er ſchon im Geiſte ſich weidete, ſich auf das Scha⸗ fot gefuͤhrt hat, wo er unter Quaalen, ſein laſter⸗ haftes Leben endigte.“— Dieſe Geſchichte hatte Farruͤchnas wohlgefallen. „Wenn ihr ſeltſame Abenteuer liebt,“ ſagte hierauf die Amme,„ſo will ich euch die Geſchichte der Pan⸗ toſſeln Abu⸗Kaſems erzaͤhlen. — Geſchichte der beiden Pantoffeln. ———— Es lebte in Bagdad ein alter Kaufmann, namens Abu⸗Kaſem⸗Tamburifort, der durch ſeinen Geiz beruͤhmt war. Obſchon er ſehr reich war, ſo beſtand ſeine Kleidung doch nur aus Lumpen und Fetzen; ſein Turban von grober Leinwand war ſo ſchmutzig, daß man die Farbe deſſelben nicht mehr erkennen konnte; aber unter allen ſeinen Kleidungs⸗ ſtucken verdienten ſeine Pantoffeln am meiſten die Aufmerkſamkeit der Neugierigen: die Sohlen waren mit dicken Naͤgeln bewaffnet; das Oberleder war uͤberall geflickt. Nimmer beſtand das beruͤhmte Schiff von Argos aus ſo viel Stuͤcken, als dieſe Pantoffeln und ſeit zehen Jahren, daß ſie als ſolche dienten, hatten die geſchickteſten Schuhflicker Bagdads ihre Kunſt erſchoͤpft, die Truͤmmer derſelben zuſammenzu⸗ halten. Sie waren dadurch ſo ſchwer geworden, daß ſie ſogar zum Sprichwort dienten, und wenn man 326 2442. Ta g. etwas Schwerfaͤlliges bezeichnen wollte, ſo dienten immer die Pantoffeln Kaſems zur Vergleichung. Eines Tages, als dieſer Kaufmann auf dem Ba⸗ ſar“*) der Stadt umherging, bot man ihm eine an⸗ ſehnliche Menge Kryſtall zum Kauf an. Er ſchloß den Handel ab, weil er vortheilhaft war. Einige Tage darnach, als er erfahren, daß ein verſchuldeter Rauchwerkhaͤndler, als letztes Huͤlfsmit⸗ tel nur noch Roſenwaſſer zu verkaufen hatte, benutzte er das Ungluͤck dieſes armen Mannes, und kaufte ihm all ſein Roſenwaſſer fuͤr die Haͤlfte des Werthes ab. Dieſes glaͤnzende Geſchaͤft hatte ihn in die beßte Laune verſetzt: aber anſtatt, nach der Sitte der Kauf⸗ leute des Morgenlandes, die irgend einen vortheilhaf⸗ ten Handel gemacht haben, ein Feſt zu geben, fand er es raͤthlicher, ins Bad zu gehen, wo er ſeit langer Zeit nicht geweſen war. Als er ſeine Kleider ablegte, ſagte zu ihm einer ſeiner Freunde, oder den er wenigſtens dafuͤr hielt, (denn die Geizigen haben ſelten Freunde,) ſeine Pan⸗ toffeln machten ihn zum Maͤhrchen der ganzen Stadt, und er muͤßte ſich endlich wohl andere kaufen. „Ich denke ſchon lange daran,“ antworte ke Ka⸗ ſem;„jedoch wenn ichs recht betrachte, ſind ſie noch nicht ſo zerriſſen, daß ſie nicht ferner dienen koͤnnten.“ *) Bedeckte Markthalle. Die beiden Pantoffeln. 32²„ Ueber dieſes Geſpraͤch wurde er entkleidet, und trat in die Badſtube. Waͤhrend er ſich wuſch, kam auch der Kadi von Bagdad ſich zu baden. Kaſem verließ vor ihm die Badſtube, und ging wieder in das Vorzimmer. Hier legte er ſeine Kleider an, ſuchte aber vergeblich ſeine Pantoffeln: ganz neue Babuſchen) ſtanden an der Stelle der ſeinigen. Unſer Geizhals bildete ſich ein, weil er es wuͤnſchte, es waͤre ein Geſchenk von dem⸗ jenigen, der ihm eine ſo gute Ermahnung gegeben hatte, zog die ſchoͤnen Pantoffeln an, welche ihm den Verdruß erſparten, ſelber neue zu kaufen; und ver⸗ ließ voll Freuden das Bad. Als der Kadi ausgebadet hatte, ſuchten ſeine Sklaven vergeblich die Babuſchen ihres Herrn; ſie fanden nur ein klotziges Schuhwerk, welches ſogleich fuͤr Kaſems Pantoffeln erkannt wurde. Die Thuͤrhuͤ⸗ ter liefen dem vermeinten Diebe nach, ergriffen ihn auf dem Diebſtahl und brachten ihn zuruͤck. Der Kadi, nachdem er die Pantoffeln wieder umgetauſcht hatte, ſchickte ihn ins Gefaͤngnis. Kaſem mußte ſich loskaufen, um den Klauen der Gerechtigkeit zu ent⸗ gehen; und da er wenigſtens fuͤr eben ſo reich, als geizig galt, ſo kam er nicht wohlfeil davon. *) Was wir Schuhpantoffeln nennen⸗ 243. Tag. Zweihundert und drei und vierzigſter Tag. Als er wieder zu Hauſe gekommen, warf der be⸗ truͤbte Kaſem ſeine Pantoffeln in den Tigris, der unter ſeinen Fenſtern vorbeifloß. Einige Tage dar⸗ nach zogen Fiſcher ihr Netz heraus, das ſchwerer als gewoͤhnlich war, und fanden darin die Pantoffeln Kaſems. Die Naͤgel, womit ſie beſchlagen waren, hatten die Maſchen des Netzes uͤbel zugerichtet. Die Fiſcher, aͤrgerlich uͤber Kaſem und ſeine Pan⸗ toffeln, verfielen darauf ſie ihm durch die offengela⸗ ßenen Fenſter ins Haus zu werfen: die mit Macht geſchleuderten Pantoffeln trafen die Flaſchen, die auf den Geſimſen aufgeſtellt waren und ſtuͤrzten ſie hin⸗ unter; die Glaͤſer zerbrachen, und all das Roſenwaſ⸗ ſer war verloren. Man wird ſich, wenn es moͤglich iſt, den Schmerz Kaſems beim Anblick einer ſolchen Zerſtoͤrung vorſtel⸗ len:„Verfluchte Pantoffeln!“ rief er aus indem er ſich den Bart zerraufte,„ihr ſollt mir keinen Scha⸗ den mehr ſtiften.“ So ſpricht er, nimmt einen Spaten und graͤbt in ſeinem Garten ein Loch, um darin ſeine Pantoffeln zu vergraben. 5 Einer ſeiner Nachbarn, der ihm ſchon laͤngſt am Zeuge flicken wollte, gewahrte es, daß er die Erde aufwuͤhlte: er laͤuft ſogleich hin, und benach⸗ Die beiden Pantoffeln. 529 richtigt den Statthalter, daß Kaſem in ſeinem Gar⸗ ten einen Schatz ausgegraben hat. Mehr bedurfte es nicht, um die Habgier des Statthalters zu entzuͤnden. Unſer Geizhals mochte noch ſo viel verſichern, daß er keinen Schatz gefunden haͤtte, ſondern nur ſeine Pan⸗ toffeln vergraben wollen, der Statthalter hatte nun einmal ſeine Rechnung auf Gold gemacht, und der betruͤbte Kaſem erkaufte abermals ſeine Freiheit nur fuͤr eine ſehr ſtarke Summe. Verzweiflungsvoll wuͤnſcht er nun ſeine Pantoffeln von ganzem Herzen zum Teufel, und geht hin und wirft ſie in eine von der Stadt entfernte Waſſerlei⸗ tung: er glaubte fuͤr dießmal nicht mehr von ihnen reden zu hoͤren. Aber der Teufel, der nicht muͤde ward, ihm boͤſe Streiche zu ſpielen, fuͤhrte die Pan⸗ toffeln gerade in die Hauptroͤhre der Waſſerleitung, ſo daß der Zufluß des Waſſers gehemmt wurde. Die Roͤhrleute eilen herbei, den Schaden zu beſſern; ſie finden das Schuhwerk Kaſems, bringen es dem Statt⸗ halter, und erklaͤren, daß es den ganzen Schaden verurſacht hat. Der Herr der Ungluͤckspantoffeln wird abermals ins Gefaͤngnis geworfen, und zu einer noch ſtaͤrkern Geldbuße, als die beiden vorigen, verdammt. Der Statthalter, der das Vergehen beſtraft hatte, wollte jedoch von niemand etwas zuruͤck behalten, und ſtellte ihm getreulich ſeine koſtbaren Pantoffeln wieder zu. 330 243. Ta g. Kaſem, um ſich endlich von allen Leiden zu be⸗ freien, welche ſie ihm verurſacht hatten, beſchloß nun, ſie zu verbrennen. Weil ſie aber vom Waſſer durchzogen waren, ſo ſetzte er ſie auf dem flachen Dache*) ſeines Hauſes zum Trocknen in die Sonne. Aber das Misgeſchick hatte noch nicht alle Pfeile gegen ihn verſchoſſen, und der letzte, welchen es fuͤr ihn aufgeſpart hatte, war der grauſamſte. Der Hund eines Nachbarn erblickt die Pantoffeln, ſpringt von dem Dache ſeines Herrn hinuͤber auf das des Geizigen, nimmt einen der Pantoffeln ins Maul, und indem er damit ſpielt, laͤßt er ihn in die Straße hinab fallen. Der unſelige ſchwere Pantoffel faͤllt gerade auf den Kopf einer ſchwangern Frau, die an dem Hauſe vor⸗ beiging: der Schreck und die Gewalt des Schlages verurſachten der verwundeten Frau eine Fehlgeburt. Ihr Mann bringt ſeine Klage vor den Kadi an, und Kaſem wird zu einer Geldbuße verurtheilt, welche ee Ungluͤcke, das er veranlaßt hat, angemeſſen iſt. Er geht nun nach Hauſe, holt ſeine beiden Pan⸗ toffeln, und ſie in ſeinen Haͤnden haltend ſagt er zu dem Kadi, mit einer Heftigkeit, welche den Richter lachen machte: *) Die Häuſer im Morgenlande haben alle flache Dächer, auf denen man leicht von einem zum andern gelangen kann, und die nach Sonnenuntergang auch dazu dienen friſche Luft zu ſchöpfen. Die beiden Pantoffeln. 331 „Hier iſt das verhaͤngnisvolle Werkzeug aller mei⸗ ner Leiden; dieſe verfluchten Pantoffeln haben mich endlich an den Bettelſtab gebracht: geruhet nun, ein Urtheil auszuſprechen, daß man mir hinfort nicht mehr die Unfaͤlle zurechne, welche ſie ohne Zweifel noch verurſachen werden.“ Der Kadi konnte ihm ſeine Bitte nicht verſagen; und Kaſem bezahlte die Erfahrung ſehr theuer, wie gefaͤhrlich es iſt, nicht oft genug die Pantoffeln zu wechſeln. Aber,“ fuhr die Amme fort,„laßt uns jetzo wieder auf Geſchichten von treuen Liebhabern kommen: Geſchichte der ſchonen Seineb. Zwei hundert und vier und vierzigſter Tag. Unter der Regierung Abdulmeliks,*) des fuͤnften Chalyfen vom Stamme der Ommiaden, lebte in ²*) Abdulmelik, Mervans Sohn, und fünfter Chalyf aus dem Stamme der Ommiaden, herrſchte ein und zwan⸗ zig Jahre, und erhielt den Beinamen Steinſchweiß, um ſeinen äußerſten Geiz zu vezeichnen.— Er befand ſich in dem Schloſſe der Stadt Kufa, als man ihm das Haupt Maßaabs brachte, der ſich gegen ihn empört hatte. Da ſagte einer ſeiner Hofleute zu ihm:„Ich habe in eben dieſes Schloß hier den Kopf Hüſßeins an Obeidallah bringen ſehen, der ihn beſiegt hatte; den Kopf Obeidallahs an Moktar, ſeinen Sieger; den Kopf Moktars an Maßaab⸗ und den Kopf Maßaabs an Euer Majeſtät.“ Abdulmelik, durch dieſe Rede überraſcht und verwundert, befahl zur ſelben Stunde, das Schloß zu zerſtören, um die üble Vorbedeutung deſſelben zu vereiteln. Sein e b.— 33³3 Kufa ein reicher Kaufmann namens Dſchaber, der nur einen Sohn hatte. Dieſes Kind war der Ge⸗ genſtand der zaͤrtlichſten Sorgfalt eines guten Vaters; und nachdem dieſer ihm in ſeinen erſten Jahren eine angemeſſene Erziehung gegeben hatte, wuͤnſchte er ihn auch fuͤr ſein uͤbriges Leben dadurch zu begluͤcken, daß er ihm eine liebenswuͤrdige Gefaͤhrtinn zugeſellte. Dſchaber war, wie geſagt reich, und verſchwen⸗ dete Gold, um eine anziehende Schoͤnheit zu finden, welche, juͤnger als ſein Sohn, ſich unter ſeinen Au⸗ gen noch entfalten und die Zaͤrtlichkeit ihres Herrn ge⸗ winnen konnte, deſſen Gattinn ſie werden ſollte. Eine Circaſſierinn wurde unter vielen anderen ausgewaͤhlt, ſich dieſer gluͤcklichen Beſtimmung zu erfreuen. Sei⸗ Gneb(dieß war ihr Name) war derſelben wuͤrdig: mit einer reizenden Geſtalt verband ſie ſanfte Gemuͤthsart und mehr Verſtand, als gewoͤhnlich dieſe in den Mau⸗ ern eines Harems verſperrten Frauen zu haben pfle⸗ gen, deren Geiſt ſtaͤts durch die Sklaverei und die Furcht geſchwaͤcht wird. Seineb, zum Gefallen geſchaffen, bezauberte bald den jungen Numan(ſo hieß Dſchabers Sohn); die Erziehung der beiden Liebenden wurde unter den Au⸗ gen des Vaters fortgeſetzt, und vollendete ſich durch ihre gegenſeitige Zaͤrtlichkeit. Dieſelben Lehrmeiſter un⸗ terrichteten beide in allen angenehmen Kuͤnſten, und 8 ihre Fortſchritte waren um ſo raſcher, als beide das 244. Tag. Beſtreben hatten, einander immer mehr und mehr zu gefallen. Nachdem die Jahre ihre Bildung und ihre Schoͤn⸗ heit vollendet hatten, beſchloß Dſchaber ſie zu vereini⸗ gen. Sie waren dieſem erſehnten Ziele nahe, als ſie eines Tages in einem Kioſchks) am Ende von Dſchabers Garten ſich unterhielten, und Seineb eine Laute nahm, ihre Stimme zu begleiten, und anhub die Anmuth ihres Geliebten und das Gluͤck, welches ihr bevorſtand, zu beſingen. Hadſchadſch,**) der Feldherr des Chalyfen, ging gerade an der Mauer des Gartens voruͤber: er 3 *) Gartenhaus. 2*) Dieſer iſt einer der größten und beredteſten Feldheren der 4 Araber. Der Chalyf Abdulmelik verdankte ihm den Thron, indem Hadſchadſch den Empörer Abdallah Sobeir, der ſich zum Chalyfen hatte ausrufen laßen, beſiegte, und gab ihm zum Lohne die Statthalterſchaft des Arabiſchen Irak. Man beſchuldigt ihn einer an Grauſamkeit gränzen⸗ den Strenge, und verſichert, daß er zwanzigtauſend Men⸗ ſchen habe hinrichten laßen, und bei ſeinem Tode funßzig⸗ tauſend in den Gefängniſſen geweſen. Er pflegte zur Entſchuldigung dieſer Härte gegen die ihm untergebenen Völker zu ſagen:„In der Regierung iſt Strenge, ſelbſt bis zur Gewaltthätigkeit, der Schwäche vorzuziehen, weit dieſe nur das Einzelne, jene aber das Allgemeine betrifft.“ Trotz ſeiner nätürlichen Strenge konnte ihn jedoch eine dreiſte oder geiſtreiche Antwort bewegen, einem Schuldigen Sein eb. 3³3⁵ hoͤrte eine Stimme, welche ihn zum Stillſtehen zwang, und indem er ihre Toͤne bewunderte, bildete er ſich ein, daß dieſe Saͤngerinn nicht anders als ſehr zu verzeihen. Kumeil, ein ſchöner Geiſt ſeiner Zeit, 1 hatte unter mehreren Verwünſchungen gegen Hadſchadſch auch geſagt:„ſein Geſicht möge ſchwarz werden,“(das heißt im Arabiſchen, mit Schmach bedeckt),„ſein Hals abgehauen, und ſein Blut vergoſſen.“ Dieß wurde Ha⸗ dſchadſch hinterbracht, und er ſtellte Kumeil darüber zur Rede; worauf dieſer antwortete:„Ja Herr, ich hab' es geſagt: aber ich befand mich damals in einem Garten un⸗ ter einer Weinlaube und betrachtete mit Sehnſucht die noch unreifen Trauben: da wünſchte ich, daß ſie bald ſchwarz werden möchten, damit man ſie abſchnitte und Wein dar⸗ aus machte.“ Dieſe ſinnreiche Ausrede gefiel Hadſchadſch ſo wohl, daß er von Stund' an Kumeit unter ſeine Freunde . aufnahm.— Ein Sterndeuter, den er in ſeiner letzten Krankheit zu Rathe zog, war nicht ſo glücklich. Dieſer hatte ihm verſichert, ſeinen Beobachtungen zu Folge, wäre ein Feldherr namens Kolaib vom nahen Tode bedrohet. Hadſchadſch erwiederte:„Eben dieſen Namen⸗⸗(welcher Hündlein bedeutet)„gab mir meine Mutter in der Kind⸗ heit.“—„Wenn ihr als Kind dieſen Namen gefuͤhrt habt,“ verſetzte der Sterndeuter keck,„ſo dürft ihr nicht daran zweifeln, daß der Erfolg meine Weiſſagung bewähre.“— „Weil mein Tod denn gewis iſt,“ ſagte hierauf Ha⸗ dſchadſch,„und du ſo geſchickt biſt in der Zukunft zu leſen, ſo will ich dich in die andre Welt vorausſchicken, um mich deiner auch dort bedienen zu können.“ Zu glei⸗ cher Zeit befahl er, den unvorſichtigen Sterndeuter hin⸗ zurichten. 3³⁶ 3 244. Tag. reizend ſein koͤnnte. Er ging eben damit um, ſeinem Herrn ein Geſchenk zu machen, und dachte, wenn dieſe Schoͤne der Vorſtellung entſpraͤche, welche er ſich nach ihrer Stimme von ihr machte, daß er dem Chalyfen nichts angenehmeres darbringen koͤnnte. Hadſchadſch erkundigte ſich, wem der Garten ge⸗ hoͤrte, und vor allen wer die junge Schoͤne waͤre, welche er mit ſo viel Vergnugen gehoͤrt hatte. Man ſagte ihm, er haͤtte ſich nicht getaͤuſcht, in⸗ dem er ſie ſich ſo ſchoͤn vorgeſtellt: Seineb waͤre in der That ein Wunder der Natur, und der Gegenſtand der zaͤrtlichſten Sorgfalt eines reichen Braͤutigams der ſie naͤchſtens heiraten wuͤrde, und ſeines Vaters, der eine anſehnliche Summe darauf gewandt haͤtte, ſie zu kaufen, und ihr eine ſeines Sohns wuͤrdige Erziehung zu geben. Die Hinderniſſe, welche der Feldherr vor ſich ſah, verdroſſen ihn, ohne ihn abzuſchrecken: da er nicht hoffen durfte, Seineb zu kaufen, ſo beſchloß er, ſie zu rauben. Aber in dem Hauſe des Kaufmanns war eine Menge Sklaven beiderlei Geſchlechts; uͤberdieß ſcheute er ſich, Gewalt zu gebrauchen, woruͤber man ſich unfehlbar beklagen, und welche der Chalyf, bei⸗ dem er ſich beliebt machen wollte, beſtrafen wuͤrde. Eine Liſt verſchaffte ihm den Beſitz derjenigen, welche er nicht gewaltſam zu entfuͤhren wagte. Es gab in Kufa, wie anderswo, jene verworfenen Werk⸗ Seineb. 337 zeuge des Laſters, welche, nachdem ſie ihre Ehre mit ihrer Jugend verbraucht haben, mit der Ehre anderer junger Schoͤnheiten ihres Geſchlechts Handel treiben. Eine von dieſen nichtswuͤrdigen Geſchoͤpfen, verſchmitz⸗ ter, als alle anderen, wurde haͤufig von den Wuͤſt⸗ lingen benutzt, welche ſie ihre Dienſte theuer bezahlen ließ. An dieſe abgefeimte Alte wandte ſich Hadſchadſch. Der Anſtrich von Froͤmmigkeit, welchen ſie ſich offentlich gab, und wodurch ſie ſtets das andere Ge⸗ werbe verdeckte, dem ſie ernſtlicher oblag, verſchaffte ihr Eintritt in Numans Harem. Sie erſchien vor Seineb, mit verſchleiertem Antlitz, in der einen Hand einen der groͤßten Roſenkraͤnze, welchen die Heuchelei jemals verfertigt hat, und mit der anderen auf einen Stock geſtuͤtzt, als wenn ſie unter der Laſt der Jahre gebuͤckt einher ginge. Die junge Sklavinn, eben ſo fromm als zaͤrtlich, hatte von ihrer Kindheit an eine große Verehrung fuͤr diejenigen, welche Froͤmmigkeit zeigten; durch das heuchleriſche Anſehen der Alten getaͤuſcht, empfing ſie ddieſe mit aller moͤglichen Ehrfurcht. Ihr ſanftes und der Welt abgeſtorbenes Weſen, das grobe Zeug, woorin ſie gekleidet war, ihre bald zum Himmel erho⸗ benen, bald zur Erde geſenkten Augen, ihre haͤufigen Seufzer, alles uͤberzeugt Seineb, daß ſie das Gluͤck IV. 4 22 338 244. 245. Ta g. hat, einen Liebling des Großen Propheten unter ihrem Dache zu ſehen. Zweihundert und fuͤnf und vierzigſter Tag. Die Gewandtheit dieſer boshaften Alten nahm bald die Geliebte Numans ein, welche ſchon nicht mehr ohne ſie leben zu koͤnnen waͤhnte. Als dieſe Schein⸗ heilige ſich der Gewalt verſichert hatte, welche ſie uͤber ſie erworben, ſprach ſie davon, daß ſie wegge⸗ hen muͤßte. „Wie grauſam ſeid ihr, meine gute Mutter,“ ſagte Seineb zu ihr,„daß ihr uns ſchon wieder ver⸗ laßen wollt! welcher dringende Beweggrund noͤthigt euch, uns ſo bald der Annehmlichkeit eurer Unterhal⸗ tung zu berauben?“ „Wenn ich nur auf meine Freundſchaft zu euch hoͤrte,“ antwortete ihr die Alte,„ſo wuͤrde ich nicht anſtehen, euch all meine Muße zum Opfer zu brin⸗ gen: aber es gibt Pflichten gewiſſer Art, wel⸗ chen alle menſchlichen Ruͤckſichten weichen muͤßen. Es wohnen hier in eurer Nachbarſchaft mehrere Frauen, welche die Froͤmmigkeit unter Einem Dache vereinigt hat; ſie uͤben in dieſer Zuruͤckgezogenheit alle Muſel⸗ maͤnniſchen Tugenden; ſie faſten nicht allein an den (Seineeb. 339 vorgeſchriebenen Tagen, ſondern auch ſonſt haͤufig, um ihr Fleiſch zu toͤdten; kurz, ihr ganzes Leben iſt dem Gebete, dem Leſen des Korans und anderen im Geſetze vorgeſchriebenen guten Werken gewidmet. Ihr frommes Beiſpiel kraͤftigt meine Sitten und reinigt ſie. Dieſe guten Frauen, obſchon ſie weiter, als ich, auf dem geiſtlichen Wege vorgedrungen ſind, wuͤrdigen jedoch zuweilen meine ſchwache Einſicht zu Rathe zu ziehen. Dieſen Morgen eben haben ſie mich bitten laßen, zu ihnen zu kommen, um mich uͤber einen Ge⸗ genſtand des Geſetzes zu befragen, der ihnen Be⸗ denken macht: kann ich mich da ihrem frommen Eifer entziehen, und Freundinnen, welche mir ſo theuer ſind, vergeblich auf mich warten laßen 5“ Das Verlangen, dieſe Heiligen kennen zu lernen, entzuͤndete bald das Herz der unvorſichtigen Seineb; ſie drang in die fromme Alte, ihr eine ſo ehrenvolle und foͤrderliche Bekanntſchaft zu verſchaffen. Die treu⸗ loſe Alte widerſtand, um die Begierde ihrer neuen Schuͤlerinn deſto ſtaͤrker anzufachen: endlich ſchien ſie ihrem Andringen nachzugeben, und willigte ein, ſie nach der Wohnung jener Heiligen zu fuͤhren. Als ſie in das Haus gekommen waren, welches nicht weit von Dſchabers Haus entfernt war, verließ die Alte ihre junge Freundinn, um, wie ſie vorgab, die heiligen Frauen auf ihren Beſuch vorzubereiten. 340 3 245. Tag. Aber nicht lange war Seineb hier in dem Vorhofe al⸗ lein, als vier vermummte Maͤnner ſie ergriffen, ihr ein Schnupftuch vor den Mund hielten, um ſie am Schreien zu verhindern, und ſie ſo in eine Saͤnfte huben, welche mit ihr den Weg nach Damask ein⸗ ſchlug.. 1 Man kann ſich leicht den Zuſtand dieſer Ungluͤckli⸗ chen vorſtellen; ſie klagte dem Himmel die Bosheit der Menſchen, und weinte bitterlich um ihren Geliebten, ihren Schwiegervater, und das gluͤckliche Loos, deſ⸗ en man ſie beraubte. Das Grauen vor dem, was ihr bevorſtand, miſchten noch Angſt unter ihre Weh⸗ klagen, und die Sorgfalt, welche man fuͤr ſie be⸗ zeigte, machte ihr das Leben nur noch bitterer und unertraͤglicher. Nach einer beſchwerlichen Reiſe von dreißig Tagen langt ſie zu Damask an; man ſtellt dem Chalyfen die betruͤbte Schoͤne im Namen ihres Entfuͤhrers vor, und ungeachtet der Schmerzen, welche ſie erduldet hatte, erſchien ihre Schoͤnheit nur um ſo ruͤhrender: zu allen den Leiden, welche ſie ſchon quaͤlten, kam auch noch das, wider ihren Willen zu gefallen. Der Chalyf, von ihrer Schoͤnheit entzuͤckt, hoffte ſchon, dieſe Umwoͤlkung derſelben zu erheitern. Faſt alle Schoͤnen, welche er beſiegt hatte, waren anfangs traurig vor ihm erſchienen, und dieſe Betruͤbnis, welche er ſtaͤts dem Abſcheu der Sklaverei und dem — 8—— Seineb. 341 Schmerze der Trennung von geliebten Aeltern zuſchrieb, hatte ihm dieſe Schoͤnheiten nur um ſo anziehender gemacht, ohne daß er gefuͤrchtet, ſie nicht gewinnen zu koͤnnen. Die Pracht des Harems, die Ehrfurcht einer Menge von Sklaven, welche ſich ſtaͤts derjenigen zu⸗ wandten, welche der Fuͤrſt eben vorzog, die Bemüͤ⸗ hung des Chalyfen ſelber, konnten jedoch nicht einen Schmerz vertilgen, der vielmehr nur mit der Zeit zu wachſen ſchien; und der Chalyf, ſo eingebildet er war, fing an zu fuͤrchten, daß er es mit einer Sproͤden zu thun haͤtte, und vertraute der Prinzeſſinn, ſeiner Schweſter, ſeine Liebe, und die Hinderniſſe, welche ſie aufhielten. Zweihundert und ſechs und vierzigſter Tag. Abaſa(ſo hieß die Schweſter des Chalyfen) wollte dieſe ſtolze Schoͤnheit kennen lernen, welche ihrem Herrn ſo widerſtand. Bei ihrem erſten Anblick, konnte ſie ſich einer herzlichen Theilnahme fuͤr die ſchoͤne Betruͤbte nicht erwehren, deren Geſtalt ſo viel Sanftmuth und Unbefangenheit ankuͤndigte. Die Prinzeſſinn war mitfuͤhlend, ſie erkannte bald, daß Seinebs Herz nicht frei war, und ſchaͤtzte an ihr eine ſo hohe Treue, daß ſie einen dunklen Geliebten 246. Tag. einem maͤchtigen Fuͤrſten vorzog, der ihr Herr gewor⸗ den war. Die beiden Schoͤnen wurden bald Freun⸗ dinnen, jedoch nicht ſo ſehr, daß Seineb ihr Geheim⸗ nis entſchluͤpfen ließ. Abaſa, welche die Wahrheit durchſchaute, rieth ihrem Bruder, jede Art des Zwanges zu entfernen, indem ſie ihn verſicherte, daß die Zeit allein die Lei⸗ den Seinebs heilen koͤnnte. Wie ungluͤcklich hier die junge Schoͤne war, ihr von ihr getrennter Geliebter, der nicht wußte was aus derjenigen geworden, welche er mehr als ſein Le⸗ ben liebte, war nicht minder zu deklagen. An jenem ungluͤcklichen Tage ihrer Entfuͤhrung hatte er, ver⸗ wundert uͤber die Abweſenheit Seinebs, ſie mit der lebhafteſten Ungeduld erwartet; und als er ſah, daß er nicht mehr hoffen duͤrfte, ſie wiederzuſehen, wuͤnſchte er nicht laͤnger zu leben. Dieſe heftige Verzweiflung verwandelte ſich nach vielen Tagen in ein ſtaͤtiges Hinſchmachten: ſein Schmerz malte ſich in ſeinem Antlitze und machte darin taͤglich Fort⸗ ſchritte. Sein Vater, eben ſo betruͤbt als er, fuͤrchtete vor allen, ihn zu verlieren. Er hoffte vergeblich von der wohlthaͤtigen Zeit, daß ſie ihm Linderung gewaͤhren ſollte, und mit Schrecken ſah er, daß der Schmerz und die Erſchoͤpfung ihn ſeines einzigen Sohnes be⸗ rauben wuͤrde, als in der Stadt ſich das Geruͤcht Seineb. 343 verbreitete, daß ein beruͤhmter Arzt angekommen waͤre. Dieſer Mann verſtand ſich auf die Aſtrologie, Geo⸗ mantie und alle Geheimniſſe der Kabala: aber wir werden ſehen, daß er noch beſſer die Menſchen kannte, und ſie ſo wohl zu ihrem, als zu ſeinem Vortheile zu taͤuſchen wußte. Der geſchickte Arzt entdeckte bald die Wahrheit: er erkannte, daß dieſes Hinſchmachten des Kranken nur einem Seelenleiden zuzuſchreiben waͤre; und da er eben ſo gewandt als gelehrt war, ſo entlockte er ihm bald das Geheimnis ſeines Herzens. Es war nicht leicht das Schickſal einer jungen vom Erdboden verſchwundenen Schoͤnen zu erforſchen, an deſſen Geheimhaltung ihren Entfuͤhrern ſo ſehr ge⸗ legen war. Die Gewandtheit des Arztes und ein gluͤcklicher Zufall hatten ihn aber von allem unterrich⸗ tet, was vorgegangen war, und er ermangelte nicht, ſeine Entdeckung der Kraft geheimer Wiſſenſchaften zu⸗ zuſchreiben. Es lebte naͤmlich damals in Kufa eine Juͤdinn, deren Handel mit Schmuckwaaren ſie durch ganz Aſien gefuͤhrt hatte; ſie war auch zu Damask geweſen und mehrmals an den Hof der Prinzeſſinn Abaſa gekommen; dieſe, und der Chalyf ſelber hat⸗ ten ihr aufgetragen, der jungen Seineb mehrere koſt⸗ bare Kleinode zu uͤberbringen, welche dieſe Schoͤne je⸗ doch immer nur mit Gleichgultigkeit angenommen hatte. Der tiefe Ausdruck des Schmerzes auf ihrem 344 3 246. Ta g. Geſichte war den durchdringenden Augen der Juͤdinn nicht entgangen, deren wiederholte Beſuche des Ha⸗ rems ſie mit der Liebe des Chalyfen und der Sproͤdig⸗ keit der ſchoͤnen Sklavinn vertraut machte, und auch ſie, wie die Prinzeſſinn Abaſa, den Grund dieſer Verſchmaͤhung ahnen ließ. Seineb hatte ihren Namen nicht veraͤndert. Die Juͤdinn, welche mit dem Arabi⸗ ſchen Arzt in Verbindung ſtand, hatte ihm von Seineb, von der Liebe des Chalyfen fuͤr ſie, und von ihrer Gleichguͤltigkeit gegen ihn, ſo wie von der ge⸗ heimen Leidenſchaft erzaͤhlt, welche man als die Ur⸗ ſache davon anſah. Man darf ſich nicht wundern, daß dieſer vorgebliche Weltweiſe und eine Unterhaͤndle⸗ rinn mit einander in Verkehr ſtanden. Dieſe beiden Gewerbe haben mehr Beziehung unter einander, als man waͤhnt. Unſer Schwarzkuͤnſtler und die alte Juͤ⸗ dinn lebten beide von der Kunſt, die Menſchen zu be⸗ truͤgen, und machten haͤufig gemeinſame Sache zum beſſern Gelingen.. Der Weltweiſe wußte, daß ſein junger Kranker in eine Sklavinn namens Seineb zum Sterben verliebt war, und daß dieſe Seineb ſich zu Damask befand, und machte nur zum Schein allerlei Vorrichtungen der Geomantie: er zeichnete eine Weltkugel, ſetzte darauf viele Punkte, und nachdem er die Sonne und den Mond befragt und allerlei kauderwelſche Woͤrter aus⸗ geſprochen hatte, that er den feierlichen Ausſpruch, Sein eb. 3⁴45 daß Numan nur geheilt werden koͤnnte, wenn er eine Reiſe nach Damask machte, und daß dieſe Stadt das Ziel ſeiner Leiden ſein wuͤrde. Der geſchaͤftige Arzt erbot ſich, ihn dahin zu begleiten, indem er verſi⸗ cherte, daß er dort ſeines Raths und ſeiner Huͤlfe be⸗ duͤrfen wuͤrde. Der Vater, der kein groͤßeres Ungluͤck kannte, als den Verluſt ſeines Sohnes, willigte in alles in der Hoffnung, ihm das Leben zu retten. Er ließ den jungen Kranken mit ſeinem Wunderarzt dahin reiſen, und gab ihnen Gold die Fuͤlle mit, welches ſein Reich⸗ khun und ſeine vaͤterliche Liebe ihn nicht ſparen ießen. Als die Reiſenden in Damask angekommen waren, verſchaffte ſich der Arzt, der weniger unwiſſend und dabei dreiſter war, als ſeine Genoſſen, bald mehr Zulauf, als ſie alle. Er miethete einen Laden,(denn im Morgenlande ſind die Aerzte zugleich Apotheker), und beſetzte ihn mit vielen Arzneien, welche ſehr heil⸗ ſam fuͤr ihn waren, und denen nicht ſchaden konnten, die ſich ihrer bedienten. Numan, der fuͤr ſeinen Schuͤler galt, gab die Heilmittel aus, und die anzie⸗ hende Schoͤnheit des jungen Lehrlings ermangelte auch nicht, die Apotheke in Kundſchaft zu bringen. 546 3 247. Tag. Zweihundert und ſieben und vierzigſter Tag. Der Ruf des neuen Arztes verbreitete ſich bald bis in das Harem. Der Chalyf hatte ſchon alle Aerzte der Stadt verſucht, um das Siechthum ſei⸗ ner jungen Sklavinn zu vertreiben und Uebel zu hei⸗ len, welche nicht zu ihrem Fache gehoͤrten. Der ver⸗ liebte Fuͤrſt wollte nun auch noch dieſen Arzt zu Rathe ziehen, deſſen Geſchicklichkeit man ſo ſehr ruͤhmte. Er ſchickte die Kahermané, oder Ober⸗ aufſeherinn des Harems, namens Raſisé, zu ihm, welche hinging und im Namen ihres Herrn dem Arzte den Zuſtand der Favoritinn weitlaͤuftig auseinander⸗ ſetzte. Der Araber hatte in der That das einzige Mittel bei ſich, welches Seineb heilen konnte. Er befahl dem jungen Numan, ein gewiſſes Arzneiglas zu bringen, und ließ ihn eigenhaͤndig auf einen daran ge⸗ bundenen Zettel die Vorſchrift ſetzen, auf welche Wirſ das darin enthaltene Mittel gebraucht werden ſollte. Man kann denken, daß die Schriftzuͤge Numans der zaͤrtlichen Seineb bekannt waren; und es waͤre ſchwer, die Unruhe auszudruͤcken, welche ſie beim An⸗ blicke derſelben empfand. Dieſe vermehrte ſich noch, als ſie vernahm, daß es die Handſchrift eines jungen Seinebh. 347 Menſchen aus Kufa von hinreißender Schoͤnheit waͤre, der aber Kummer zu haben ſchiene. Bei dieſer Erzaͤhlung ſank Seineb in Ohnmacht: als ſie durch Raſis's Huͤlfe, und noch mehr durch die Kraft dieſes koͤſtlichen Tranks, wieder zu ſich ge⸗ kommen war, verriethen die Thraͤnen der Geliebten, ihre haſtigen Fragen und die Freude, welche ſie un⸗ willkuͤhrlich blicken ließ, bald ihr Geheimnis. Die mitleidige Kahermané beſchloß, Seineb zu retten, welche ſie bisher ſo unglaͤckſelig geſehen hatte, und fuͤr welche ſie lebhafte Theilnahme fuͤhlte; denn es war das Loos dieſer Schoͤnheit, uͤberall geliebt zu werden. Raſié eilte wieder nach dem Laden des Arz⸗ tes, und nachdem ſie lange von ihrer jungen Kranken geſprochen, von der Linderung, welche die Arznei ihr verſchafft haͤtte, von ihrer Schoͤnheit und ihrer Schwermuth, von der Anmuth, welche ſie vor allen ihren Gefaͤhrtinnen auszeichnete, und von der Liebe des Chalyfen, deren Lohn ihm jedoch noch immer nicht zu Theil geworden waͤre, fiel Numan, der al⸗ les verſchlang, was er hoͤrte, ſeinerſeits auch in Ohnmacht. Raſié, welche nur in dem Herzen des Juͤnglings hatte leſen wollen, war ſehr befriedigt, als ſie ihn ſo zaͤrtlich erfand. Nachdem ſie dem Arzte geholfen, ihn wieder zu ſich zu bringen, gab ſie ihm zu verſte⸗ hen, daß ſie ihn durchſchaut haͤtte; und um ſeinen 348 Schmerz zu lindern und ſeine Liebe zu ermuthigen, verſprach ſie ihm ihren Beiſtand, welchen der junge Menſch gern mit all ſeinem Blute bezahlt haͤtte, und welche er ſich mit all ſeinem Vermoͤgen zu vergelten erbot. zu den Fuͤßen derjenigen zu bringen, welche er ſeine Gattinn nannte. Raſieé willigte ein. Die Sache ward thunlich vermittelſt einer Verkleidung. Numan wurde in ein Maͤdchen umgewandelt. Ungeachtet der Regel⸗ maͤßigkeit ſeiner Zuͤge, konnte ſein ausgebildetes Ge⸗ ſicht jedoch nicht mehr fuͤr ein weibliches gehalten werden: der ihn bedeckende Schleier allein beguͤnſtigte dieſen Betrug. beſeitigte die Oberaufſeherinn die Schwierigkeiten, welche die Verſchnittenen machten, eine fremde Frau einzulaßen. Dieſe hier wurde fuͤr die Frau des Arz⸗ tes ausgegeben. Beide ſtiegen nun zu einem langen Gange hinauf, und Raſié, die aus Beſcheidenheit, nicht Zeuge des erſten Wiederſehns der beiden jungen Liebenden ſein wollte, wies die angebliche Frau des Arztes nach den Zimmern Seinebs. Sie waren in der Naͤhe der Zimmer der Prinzeſſinn Abaſa. Numan, ganz verwirrt, verwechſelte die Thuͤren. Er trat in eine Reihe von Zimmern, eins immer praͤchtiger, als das andre, und erblickte endlich in dem letzten 247 Tag. Die erſte ihrer Huͤlfleiſtungen ſollte ſein, Numan Als beide ſo an die Pforte des Harems kamen, Seinuſeb. 349 eine fuͤrſtlich gekleidete Frau, welche ihn gebieteriſch fragte, wie ſie ſich erdreiſten koͤnnte, zu ihr herein zu treten, ohne gerufen zu ſein. Numan, von Schreck erſtarrt, wollte einige Worte vorbringen; ſeine Stimme verrieth ihn aber noch mehr. Die Prinzeſſinn argwoͤhnte ſogleich, daß dieſer Schleier einen Mann verhuͤllte, riß ihn weg, und uͤberzeugte ſich auf der Stelle von der Wahrheit. Jetzo verdop⸗ pelte ſich ihr Zorn, und da ſie im Begriff ſtand, den Verwegenen mit dem Tode buͤßen zu laßen, warf er ſich ihr zu Fuͤßen, und wuͤnſchte nur zu den Fuͤßen Seinebs zu ſterben, welche die eigentliche Urſache ſei⸗ nes Vergehens waͤre. Da er ſich rettungslos verlo⸗ ren waͤhnte, ſo erzaͤhlte er ſeine ganze Geſchichte in wenigen Worten, mit eben ſo viel Offenheit als Schmerz, und ohne daß er von den Fuͤßen der Prin⸗ zeſſinn aufſtand, welche er noch immer umfaßt hielt. Abaſa, von Natur guͤtig, hoͤrte mit Theilnahme die Erzaͤhlung ſeiner Leiden, und freute ſich, die Ur⸗ ſache von Seinebs Schwermuth errathen zu haben. Sie ließ auf der Stelle die junge Liebende rufen, und ſtellte ihr denjenigen vor, um den ſie ſo viel Thraͤnen vergoſſen hatte. 3 Ich uͤberhebe mich, die Ueberraſchung, das Ent⸗ zuͤcken und die Freude der beiden jungen Liebenden zu ſchildern. Nachdem ſie mehrere gluͤckſelige Stunden mit einander zugebracht hatten, wollte die Prinzeſſinn, 350 3 247. Ta g. die jetzt ihre Beſchuͤtzerinn geworden war, ihnen ein kleines Feſt geben, mit Zuziehung aller der Sklaven, welche ſie bedienten. Numan ſtaͤts verſchleiert, galt fuͤr eine Fremde, welche die Prinzeſſinn hatte kommen laßen, um die Laute zu ſpielen, die Numan in der That hinreißend ſpielte. Nach einem koͤſtlichen Abendeſſen, ließ die Prin⸗ zeſſinn Seineb die zaͤrtlichen Lieder ſingen, welche ſie in ihrer Schwermuth oft wiederholt hatte, wenn ſie ſich nach ihrem theuren Numan ſehnte. Dieſer be⸗ gleitete mit der Laute die Stimme ſeiner Gebieterinn; und dieſes Konzert, von zwei Liebenden ausgefuͤhrt, die ſo innig mit einander uͤbereinſtimmten, entzuͤckte ſelbſt diejenigen, die nicht wußten, wie viel Vergnu⸗ gen es beiden gewaͤhrte, indem ſie ſo ihre Kunſt mit einander verſchmolzen.. Die ruͤhrende Stimme Seinebs ertoͤnte uͤber die Zimmer der Prinzeſſinn hinaus. Der Chalyf, der ge⸗ rade unter ihren Fenſtern vorbeiging, wurde durch Toͤne feſtgehalten, welche ſtaͤts den Weg zu ſeinem Herzen gefunden hatten: er trat hinein, und machte ſeiner Schweſter freundliche Vorwuͤrfe, daß ſie in ih⸗ ren Zimmern ſich Vergnuͤgungen machte, an welchen ſie ihn nicht theilzunehmen vergoͤnnte. 8 Sein e. 351 Zweihundert und acht und vierzigſter Tag. Die wohlwollende Abaſa ergriff dieſe Gelegenheit, zwei Gluͤckliche zu machen, und ihren Bruder von ei⸗ ner Leidenſchaft zu heilen, welche ihm nur Herzeleid erregen konnte. Sie empfing den Chalyfen mit aller Ehrfurcht, welche ſie dem Beherrſcher ſchuldig war, und mit aller Zaͤrtlichkeit, welche ſie dem Bruder ge⸗ widmet hatte. Sie ſelber ſchenkte ihm koͤſtliches Ge⸗ traͤnk ein, und ließ vor ihm durch ihre Frauen leichte und glaͤnzend Taͤnze auffuͤhren, um ſeine Augen zu ergetzen und ſein Gemuͤth zu erheitern. Hierauf bat ſie ihn um Erlaubnis, mit einer an⸗ dern Unterhaltung abzuwechſeln, und ließ von denjeni⸗ gen ihrer Frauen, welche ſich am beßten darauf ver⸗ ſtanden, mancherlei Geſchichten erzaͤhlen. Da der Fuaͤrſt großes Gefallen an ſinnreichen Erzaͤhlungen fand, erzaͤhlte ihm auch Abaſa„ als die Reihe an ſie kam, folgende Geſchichte:. „Herr, ich will Euer Majeſtaͤt eine Geſchichte er⸗ zaͤhlen, deren ungluͤckliche Wendung auf gleiche Weiſe die Liebe und die Menſchlichkeit empoͤrt. Ein reicher Kaufmann in Agra) hatte einen Sohn, welchen er gluͤcklich machen wollte; er waͤhlte *) Große Stadt in Indien, vormals Sitz des Groß⸗Mo⸗ gols. 35² 248. Ta g. ihm eine Gattinn aus, welche er ſeiner wuͤrdig ach⸗ tete, und die gegenſeitige Zuneigung der beiden jun⸗ gen Liebenden rechtfertigte bald die Wahl des Vaters. Alle drei haͤtten ſich eines dauernden Gluͤcks erfreuet, wenn nicht ein boshafter Veſyr, der nur darauf dachte, die Geluͤſte ſeines Herrn zu befriedigen, um ihn in Ueppigkeit einzuſchlaͤfern, die junge Gattinn ihrem Geliebten und Schwiegervater entriſſen haͤtte, um ſie als Sklavinn dem Sultan zu ſchenken. Als der Fuͤrſt ſich in dem Beſitz dieſes ſeltenen Schatzes ſah, ward er bald darin verliebt; aber es wollte ihm nim⸗ mer gelingen, ihr zu gefallen: ſeine Sklavinn ver⸗ zehrte ſich in Schmerz unter ſeinen Armen, ſie ſehnte ſich unaufhoͤrlich nach ihrem Gatten, dem man ſie entriſſen hatte, und erwiederte die Liebkoſungen ihres Herrn nur durch die kaͤlteſte Verſchmaͤhung. Endlich fand ihr Gatte, der ſie anbetete, Mittel, in d5 Gefaͤngnis ſeiner Geliebten einzudringen;(denn der Liebe iſt nichts unmoͤglich;) er erfreute ſich des Gluͤcks, diejenige wiederzuſehen und zu hoͤren, der er ſein Le⸗ ben geweihet hatte, als der eiferſuͤchtige Sultan ſie beide uͤberraſchte. Sein Stolz und ſeine verachtete Liebe entflammten ihn zum heftigſten Zorn: er wollte ihre Entſchuldigung nicht hoͤren, er ſah in den beiden Gat⸗ ten nur eine treuloſe Sklavinn und einen Verwegenen, der in ſein Harem eingebrochen war, zog ſeinen Dolch, und opferte ſie beide ſeiner Rache auf. — Seineb. 353 Ich bekenne, daß das Schickſal dieſer beiden un⸗ ſchuldigen Schlachtopfer mich immer empoͤrt hat, und ich meine nicht, daß die Gewalt eines Sultans hoͤher ſtehe, als die der Liebe und der Ehe.“ „Ich denke, wie du,“ ſagte hierauf der Fuͤrſt ganz geruͤhrt:„wir haben keine rechtmaͤßige Gewalt uͤber zwei Herzen, die ſich lieben. Eine Frau gehoͤrt ihrem Manne vor allen anderen an; und wie groß auch die Leidenſchaft des Sultans ſein mag, ſie muß der ge⸗ genſeitigen Liebe weichen.“ „Beherrſcher der Glaͤubigen,“ rief jetzo die Prin⸗ zeſſinn aus,„ihr haͤbt einen eurer Weisheit und Guͤte wuͤrdigen Ausſpruch gethan: Sehet hier die Gattinn und den Gatten, von denen ich eben geredet bahes und ihr ſeid der wohlwollende Fuͤrſt, der alles Unrecht wieder gut macht, welches man ihnen an⸗ thun wollte. Dieſe Sklavinn, der ihr nicht zu gefal⸗ len vermochtet, iſt die rechtmaͤßige Gattinn desjenigen, den ihr hier unter Kleidern ſehet, welche ſeinem Ge⸗ ſchlechte nicht zukommen. Der Schmerz und Liebe haben ihn dahin gebracht, die Geſetze des Harems zu verletzen: ihr werdet ihm verzeihen, daß er ſo treu und gefuͤhlvoll geweſen, und euch fuͤr den edelmuͤthig⸗ ſten Fuͤrſten des Morgenlandes geachtet hat.“ Numan und Seineb ſanken, zitternd und vernich⸗ tet, zu den Fuͤßen des Chalyfen, der von den zum IV. 23 3⁵ʃ. 248. Ta g. voraus ertheilten Lobeserhebungen ſeiner Schweſter befeuert, nur noch daran dachte, dieſelben zu verdie⸗ nen, indem er die Treue, den Muth und die Tugend des Paares kroͤnte, welches die Geſetze des Morgen⸗ landes zum Tode verurtheilt haͤtten. Er ließ ſie, mit Geſchenken uͤberſchuͤttet, heimkehren, und legte ihnen keine andre Verbindlichkeit auf, als die, ſich immer⸗ dar zu lieben: ein Gebot, welches ſie ihr lebelang erfuͤllten. Der gewandte Arzt, der ſo gut das Heilmittel ih⸗ rer Leiden zu finden gewußt hatte, galt fortan in ganz Arabien, eben ſo wohl, und noch mehr fuͤr den Arzt der Seele, als des Leibes.“— Abenteuer einer Veſyrs⸗Tochter. Zweihundert und neun und vierzigſter Tag. „Das Koͤnigreich Kafhemir war einſt von einem Fuͤrſten, namens Aladin beherrſcht. Er hatte eine Tcochter, welche ohne Widerſpruch die vollkommenſte Schoͤnheit des Morgenlandes geweſen waͤre, wenn nicht die Tochter ſeines Veſyrs ihr dieſen Vorzug ſtrei⸗ ſiiig gemacht haͤtte. Man ſprach im ganzen Morgen⸗ lande nur von den himmliſchen Reizen, womit dieſe beiden Prinzeſſinnen begabt waren. Mehrere Fuͤrſten wurden durch den bloßen Ruf von ihnen entzuͤndet, und dachten daran, um ihre Hand anzuhalten. Es war ſchwer zu entſcheiden, welche von dieſen Schoͤnheiten die vollkommenſte war; aber, ſei es Vorliebe, ſei es, daß die Tochter des Veſyrs, minder ſtolz und leutſeliger als ihre Nebenbuhlinn, ſich die Herzen der Menge gewonnen hatte, alle Stimmen waren fuͤr ſie. 356. 249. Tag. Die Tochter des Koͤnigs empfand einen ſo heftigen Verdruß, als ſie ſah, daß Ghuͤlnas,(ſo hieß die Veſyrstochter,) ihr vorgezogen wurde, daß ſie in ein toͤdtliches Siechthum verfiel. Ihr beſorgter Vater ließ die Aerzte kommen, welche verſicherten, daß das Uebel der Prinzeſſinn nur von irgend einem geheimen Herzeleid herruͤhrte.. Der Koͤnig drang in ſeine Tochter, ihm ihr Herz zu eroͤffnen. Um ſie dazu zu bewegen, verband er ſich durch einen feierlichen Eid, ihr alles zu gewaͤh⸗ ren, was ſie verlangen moͤchte, und ſollte es ihn auch die Haͤlfte ſeines Koͤnigreichs koſten. Die Toch⸗ ter Aladins, weit entfernt, die niedrige Eiferſucht welche ſie beſeelte, geſtehen zu wollen, haͤtte ſie geern vor ſich ſelber verborgen. Aber geruͤhrt von den Be⸗ weiſen der Zaͤrtlichkeit, welche ihr Vater ihr gab, und von dem tiefen Schmerze, welchen er bezeugte, konnte ſie nicht laͤnger widerſtehen, und bekannte ihm, das Ghuͤlnas die Urſach ihrer Leiden waͤre, welche nur durch Entfernung dieſer verhaßten Nebenbuhlerinn endigen wuͤrden. Aladin ſuchte ſeine Tochter zu troͤſten, und verſi⸗ cherte ſie, daß ſie binnen kurzer Zeit nicht mehr von derjenigen hoͤren wuͤrde, die ihre Leiden verur⸗ ſachte.. In der That ließ er ſogleich ſeinen Groß⸗Veſyr kommen, und ſprach zu ihm: Die Veſyrs⸗DSochter. 3⁵⁷ „Veſyr, ungern befehle ich es, du mußt deine Tochter verkaufen; ich weiß, wie viel es deinem Herzen koſten wird: aber das Leben meiner Tochter haͤngt davon ab. Das iſt genug geſagt; und ich er⸗ warte dieſes Opfer von deinem Eifer, welchen du mir ſtaͤts bezeugt haſt.“—. Derr beſtuͤrzte Veſyr ſchwankte einige Zeit zwiſchen der vaͤterlichen Liebe und dem Ehrgeiz. Die letzte Leidenſchaft trug jedoch endlich den Sieg davon und erſtickte die Stimme der Natur. Er behielt gleichwohl noch ſo viel Schaam, daß er ſeine Tochter nicht oͤffentlich zum Verkauf ſtellen woollte. Dieſe Schmach zu vermeiden, erſann er Fol⸗ gendes. Er ließ ſeine Tochter in eine Kiſte legen, ſo⸗ dann einen Ausrufer kommen, und ſagte zu ihm: „Biete dieſen Kaſten fuͤr vierzigtauſend Asper aus, aber unter der Bedingung, daß derjenige, der ihn er⸗ kauft, ihn nehme, ohne zu ſehen, was er enthalte.“ Der Ausrufer bemuͤhte ſich vergeblich, den Auftrag des Veſyrs auszufuͤhren: die auf den Kauf geſetzte Bedingung entfernte alle Kaͤufer. Ein junger Waſſer⸗ traͤger endlich, dreiſter als alle andere, ahndete ein Geheimnis, und erbot ſich, den Handel zu wagen: er entlehnte von einem Kaufmanne, ſeinem Freunde, die beſtimmte Summe, und nachdem er ſie dem Aus⸗ rufer aufgezaͤhlt hatte, trug er ſeinen Kaſten heim. 35⁵8⁸ 2349. 250. T a g. Nichts konnte ſeiner Ueberraſchung gleichkommen, als ſeine Freude, als er beim ungeduldigen Oeffnen des Kaſtens darin ein Fraͤulein von hinreißender Schoͤnheit erblickte. „Reizende Huri,“ ſprach er zu ihr,—„denn ohne Zweifel ſeid ihr eine jener himmliſchen Nymphen, welche zur Wonne der Auserwaͤhlten in jener Welt beſtimmt ſind,— durch welches ſeltſame Abenteuer ſeid ihr in dieſen Kaſten verſperrt?“ Die Veſyrstochter, die ſich nicht zu erkennen ge⸗ ben wollte, antwortete ihm: „Ihr ſeht eine Ungluͤckſelige vor euch, welche das Schickſal verfolgt: es hat mich jetzo zu eurer Skla⸗ vinn gemacht, ich murre nicht daruͤber, und ihr ſollt in mir alle die Unterwuͤrfigkeit und Treue finden, welche ich euch ſchuldig bin.“ Zweihundert und funfzigſter Tag. Die liebenswuͤrdige Ghuͤlnas beſaß zu viel Reize, als daß ihr Herr nicht die Macht derſelben empfunden haͤtte. Sie war ſeine Sklavinn, und er konnte nach Gefallen uͤber ſie ſchalten: aber er hatte bei ſeiner Liebe ein Zartgefuͤhl, welches ihn weit uͤber ſeinen Stand erhub. Sein Gluͤck haͤtte ihn als bloße Folge des Zwanges unvollkommen geduͤnkt, und er wollte es Die Veſyrs⸗Tochter. 359 gaͤnzlich der Liebe verdanken. Er faßte alſo den Ent⸗ ſchluß, Ghuͤlnas die Freiheit wiederzugeben, und ſich alsdann mit ihr durch die Bande der Ehe zu ver⸗ binden. Aber bevor er dieſen Entwurf ausfuͤhrte, wollte er pruͤfen, ob ſie auch der Beſtimmung wuͤrdig waͤre, welche er ihr zudachte. Er fuͤhrte ſie zu ſei⸗ ner Mutter, welche in einer kleinen, eine Tagereiſe von Kaſhemir entfernten Stadt wohnte, und ſagte zu dieſer insgeheim: „Liebe Mutter, ich habe Abſichten auf dieſe junge Sklavinn, welche ich eurer Sorgfalt anvertraue: lei⸗ tet ihr Betragen, und pruͤfet ſie, ob ihre Sittſamkeit ihrer Schoͤnheit gleichkoͤmmt.“ Hierauf nahm er Abſchied von ſeiner Mutter und von Ghuͤlnas, mit der Verſicherung, daß er ſie bald wiederſehen wuͤrde. Die ſchoͤne Sklavinn gewann bald das Herz der⸗ jenigen, die ihrem Herrn das Leben gegeben hatte. Sie war bezaubert von ihrer Sanftmuth und Gefällig⸗ keit, und ſie ward ihr binnen kurzer Zeit eben ſo lieb, als wenn ſie ihre leibliche Tochter geweſen waͤre. Dieſe gute Frau, die in der aͤußerſten Armut lebte, hatte dieſelbe ſtaͤts mit Geduld ertragen; aber ſeitdem ſie Ghuͤlnas bei ſich hatte, ſchmerzte es ſie, ſie ihr Elend mit ihr theilen zu ſehen„ und wuͤnſchte ſie ſich Reichthuͤmer, um ihr ein ihrer Tugenden wuͤrdigeres Schickſal zu bereiten. 360 4 260. Ta g. Die liebenswuͤrdige Ghuͤlnas ihrerſeits geruͤhrt von der traurigen Lage derjenigen, die ihr ſo viel Guͤte erzeigte, ſuchte ſie zu erleichtern. Sie uͤbergab ihr einen Diamant, welchen ſie verborgen hatte, als ihr unmenſchlicher Vater ſie in den Kaſten geſperrt, und trug der alten Frau auf, ihn fuͤr zweitauſend Zeckie⸗ nen zu verkaufen. Da der Diamant von großer Schoͤnheit war, ſo fand die alte Frau bald einen Kaͤufer, und kam ganz freudig wieder heim zu derjenigen, die ſie ihre geliebte Tochter nannte. Ghuͤlnas miethete nun fuͤr ſich und ihre Gefaͤhr⸗ tinn ein bequemeres und geraͤumigeres Haus, welches ſie mit ſauberem Geraͤthe verſehen ließ. Sie begann, ſich uͤber ihr Ungluͤck zu troͤſten und ſich nach dem Stande zu bequemen, in welchem ſie ſich befand, als neue Unfaͤlle ſie noch beklagenswerther machten, als zuvor. Der Ruf ihrer Schoͤnheit verbreitete ſich in der Stadt, wo ſie wohnte; und ein junger Mann ward ſo ſterblich in ſie verliebt, daß er es wagte, ihr ſeine Leidenſchaft zu erklaͤren. Da ſeine Verwegenheit nicht den von im erwarteten Erfolg hatte, verwandelte ſeine Liebe ſich in Wuth, und er beſchloß ſich an derjeni⸗ gen zu raͤchen, die ſeine Liebe verachtete. Er reiſte nach Kaſhemir, und als er hier dem Waſſerträger be⸗ gegnete, ſagte er zu ihm: Die Veſyrs⸗Tochter. 361 „Wie beklage ich euch, daß ihr mit ſo viel Sorg⸗ falt eine Undankbare aufzieht! waͤhrend ihr hier mit Arbeiten uͤberladen ſeid, ſchwimmt ſie in wolluͤſtigem Ueberfluß, welchen ſie ſich durch den Verkehr mit ih⸗ ren Liebhabern zu verſchaffen weiß.“ Der Waſſertraͤger, voll Wuth, ohne zu unterſu⸗ chen, ob der ihm hingeworfene Bericht irgend einen Grund hat, reiſt ſogleich ab, um ſich zu raͤchen. Die Schoͤnheit des Hauſes, welches ſeine Mutter bewohnte, die Sauberkeit des Geraͤths, alles beſtaͤ⸗ tigt ihm, daß er betrogen ſei. Er tritt ein; Ghuͤlnas, die ſich nichts verſah, weil ſie ſich nichts vorzuwerfen hatte, will ihm entgegen gehen: er aber laͤßt ihr nicht die Zeit dazu, er ſtuͤrzt auf ſie los, und ſtoͤßt ihr einen Dolch in die Bruſt, welchen er unter ſeinem Rocke verborgen hatte. Als er ſieht, daß ſie von dem erſten Stoße noch nicht faͤllt, will er ihr einen zwei⸗ ten geben: Ghuͤlnas aber weicht ihm aus, und ſpringt in der Verzweiflung aus dem Fenſter. Ein Jude, der gerade durch die Straße vorbei⸗ ging, ſah das junge in ihrem Blut gebadete Maͤdchen, hub ſie auf, und brachte ſie in ſeine Wohnung. Unterdeſſen war die Mutter des Waſſertraͤgers, welche ſich in einem Nebenzimmer befand, auf das Geſchrei Ghuͤlnaſens herbeigekommen. Sie erblickt ih⸗ ren Sohn mit wuthfunkelnden Augen und einen bluti⸗ gen Dolch in der Hand, und fraͤgt ihn: „ „Wen gilt es, mein Sohn; und wo iſt Ghuͤlnas?“ „Dieſer Stahl,“ antwortete er ihr,„hat mich ſo eben an einer Treuloſen geraͤcht, die mich verrieth.“ „In welchem Irrthume biſt du!“ rief die Alte in Thraͤnen zerfließend aus:„und wie ſehr wirſt du ihn noch beweinen! Du haſt die liebenswuͤrdigſte und tu⸗ gendhafteſte aller Jungfrauen unſchuldig getoͤdtet.“ Sie erzaͤhlte ihm nun, auf welche großmuͤthige Weiſe Ghuͤlnas ſie aus ihrem Elende gezogen hatte. Der Waſſertraͤger uͤberließ ſich auf dieſen Bericht, dem lebhafteſten Schmerze; er ſtieg hinab nach der Straße, wo er ſeine geliebte Ghuͤlnas zu finden glaubte; aber ſie war verſchwunden. Er durchlief die ganze Stadt, ohne ihre Spur entdecken zu koͤnnen. Zweihundert und ein und funfzigſter Tag. Der Jude unterdeſſen ließ einen Wundarzt holen, welcher, nachdem er die Wunde der Veſyrstochter un⸗ terſucht hatte, verſicherte, ſie waͤre nicht toͤdtlich. Er taͤuſchte ſich auch nicht, und ſie ermangelte nicht, mit ihrer Geſundheit auch alle ihre Reize wieder zu gewinnen.“ Der Jude konnte ſie nicht mit gleichguͤltigem Auge betrachten, und erklaͤrte ihr ſeine Leidenſchaft, als ein Liebhaber, welcher Gehorſam verlangte. Ghuͤlnas 8 Die Veſyrs⸗Tochter. 363 ſchauderte vor der Gefahr, welche ihr drohte. Zu eng bewacht, um die Flucht zu ergreifen faßte ſie den Entſchluß, ſich in das Meer zu ſtuͤrzen, welches die Mauern des Hauſes beſpuͤlte. Sie achtete ihr Leben gering, wenn ſie nur ihre Ehre retten konnte. Um dieſen Vorſatz auszufuͤhren, mußte ſie den zudringli⸗ chen Juden entfernen; ſie ſtellte ſich, als wenn ſie bewilligte, was er von ihrer Gefaͤlligkeit verlangte, forderte aber, daß er zuvor ins Bad ginge, ſich zu waſchen. Der Jude geht hin, Ghuͤlnas oͤffnet das Fenſter, und ſtuͤrzt ſich unerſchrocken ins Meer hinab. Drei Bruͤder, die in der Naͤhe fiſchten, erblickten ſie, wie ſie mit den Wellen kaͤmpfte. Da ſie gewandte Schwimmer waren, ergreifen ſie ſie bei den Kleidern, bringen ſie in ihr Book, und rudern nach einer Wieſe auf der andern Seite der Stadt. Die Veſyrstochter, nachdem ſie durch die Bemuͤ⸗ hungen ihrer Retter, wieder ins Leben zuruͤckgerufen war, ſah ſich bald einer noch ſchrecklichern Gefahr ausgeſetzt. Ihre ungemeine Schoͤnheit machte den lebhafteſten Eindruck auf die drei Bruͤder; ein heftiger Streit erhub ſich unter ihnen, und jeder von ihnen verlangte, ſie zu beſitzen. Sie ſtanden im Begriff daruͤber handgemein zu werden, als der Zufall einen jungen Ritter in ihre 4 364 4 251. Tag. Naͤhe fuͤhrte, welchen ſie nun zum Schiedsrichter er⸗ waͤhlten.. „Das Loos allein,“ ſagte der junge Mann zu ih⸗ nen, nachdem er ſich von dem Gegenſtande ihres Streites unterrichtet hatte,„kann euern Zwiſt entſchei⸗ den: ich will drei Pfeile nach drei entgegengeſetzten Richtungen abſchießen; wer von euch am ſchnellſten einen der Pfeile erreicht, ſoll der Beſitzer dieſer Schoͤn⸗ heit ſein.“ Dieſer Vorſchlag erſchien den Fiſchern ſo billig, daß ſie ihn ohne Bedenken annahmen. Der Ritter ſpannt ſogleich ſeinen Bogen, und ſchießt nach einander drei Pfeile, nach verſchiedenen Richtungen ab. Die drei Bruͤder laufen raſch darnach aus, jeder in der Hoff⸗ nung, zuerſt das Ziel zu erreichen. Als der Ritter ſie weit entfernt ſieht ſpringt er ab, ſchwingt Ghuͤl⸗ nas hinter ſich aufs Pferd, ſprengt mit ihr im Ga⸗ lopp den Fiſchern aus den Augen, und erreicht ſo ſein Dorf. Es war Ghuͤlnaſens Beſtimmung, alle diejenigen zu entflammen, welche ſie erblickten. Kaum war der Ritter mit ihr abgeſtiegen, als er ihr ſeine heftige Leidenſchaft erklaͤrte. Ghuͤlnas ſah wohl, daß ſie die⸗ ſem neuen Angriff nur durch Liſt entgehen koͤnnte, und hoͤrte ohne Entruͤſtung das Geſtaͤndnis ſeiner feu⸗ rigen Liebe an: ſie ſtellte ſich ſogar, als wenn ſie Die Veſyrs⸗Dochter. 365 ihn erhoͤren wollte, und beſchwur ihn nur, ſein Gluͤck noch bis auf die Nacht zu verſchieben. „Ich habe einen Einfall, ſprach die Veſyrstochter zu ihm, welcher, ſo wunderlich er iſt, doch zu eurer und meiner Ruhe beitragen kann. Niemand weiß hier um meine Ankunft: leihet mir eins von euren Klei⸗ dern, und gebet mich fuͤr einen von euren Verwand⸗ ten aus, der aus fremden Laͤndern heimkoͤmmt. Da man ſo mein Geſchlecht nicht ahnden wird, ſo habt ihr keinen Nebenbuhler zu befuͤrchten.“ „Der entzuͤckte Ritter gab ihr willig ein Manns⸗ Kleid. Als ſie ſich darin verkleidet hatte, fuͤgte ſie hinzu: 3,3ch will euch auch beweiſen, daß ich das Ge⸗ ſchlecht nicht Luͤgen ſtrafe, unter welchem ich vor eu⸗ ren Augen erſcheine, und daß wenig Maͤnner mir an Geſchicklichkeit ein Roß zu lenken gleich kommen.“ So ſpricht ſie, und zugleich ſchwingt ſie ſich mit Leichtigkeit auf das Roß des Ritters, laͤßt es verſchie⸗ dene Spruͤnge machen, und waͤhrend er ihre Geſchick⸗ lichkeit bewundert, entfernt ſie ſich allmaͤhlich, druͤckt endlich dem Roſſe die Sporen in die Seite, ſprengt in vollem Galopp davon, und verſchwindet wie ein Blitz vor den Augen des ganz verdutzten Ritters. Die Furcht, verfolgt zu werden, trieb ſie, den ganzen uͤbrigen Tag und die ganze Nacht hindurch zu reiten, ohne eine beſtimmte Richtung zu halten. 366 25r. 262. Tag. Die erſten Strahlen der Sonne, welche den Ge⸗ ſichtskreis erhellten, ließen ſie eine große Stadt ent⸗ decken. Ungewis lenkte ſie nach dieſer Seite hin. Wie groß war aber ihr Erſtaunen, als ſie die Ein⸗ wohner ihr entgegen kommen ſah, und dieſe ſie fol⸗ gendermaßen begruͤßten: „Unſer Koͤnig iſt dieſe Nacht geſtorben; da er kei⸗ nen Thronerben hinterlaßen hat, und deshalb einen Buͤrgerkrieg befuͤrchtete, hat er in ſeinem letzten Wil⸗ len geboten, denjenigen auf den Thron zu erheben, den man zuerſt bei der Oeffnung der Stadtthore an⸗ treffen werde.“ 3 Ghuͤlnas empfing mit einer hoheitsvollen und zu⸗ gleich leutſeligen Miene die Huldigungen ihrer neuen Un⸗ terthanen, welche ſehr. weit entfernt waren, ihr wah⸗ res Geſchlecht zu ahnden. Sie durchzog die Straßen unter dem Zurufe des Volks, und nahm den Palaſt in Beſitz, welcher der gewoͤhnliche Aufenthalt der Fuͤrſten dieſes Landes war. Zweihundert und zwei und funfzigſter Tag. Sobald ſie auf dem Throne ſaß, widmete ſie ſich gaͤnzlich der Regierung des Staats. Sie erwaͤhlte ſich rechtſchaffene und einſichtsvolle Veſyre, und richtete ihre Sorgfalt beſonders darauf, jedermann Gerechtig⸗ —— Die Veſyrs⸗Dochter. 367 keit angedeihen zu laßen. Ihre Unterthanen bewun⸗ derten die Weisheit ihrer Regierung, und ſegneten das Geſchick, welches ihnen einen Koͤnig zugefuͤhrt hatte, der mehr mit ihrem als ſeinem eigenen Gluͤcke be⸗ ſchaͤftigt war. Nachdem die ſchoͤne Ghuͤlnas eine zeitlang ſo regiert hatte, ließ ſie an dem Thore der Stadt einen praͤchti⸗ gen Springbrunnen erbauen. Als dieß Gebaͤude vollendet war, ließ ſie ihr Bildnis malen, aber, ohne dem Maler ihre beſonderen Gruͤnde anzugeben, in Geſtalt und Tracht einer Koͤniginn. Dieſes Bildnis wurde hoch uͤber dem Springbrunnen angebracht, und in der Umgegend ſtellte ſie Spaͤher auf, mit dem Befehle, ihr alle diejenigen zuzufuͤhren, welche bei dem An⸗ blicke des Bildes Seufzer ausſtoßen oder irgend ein Zeichen des Schmerzes aͤußern wuͤrden. Indeſſen war der Waſſertraͤger untroͤſtlich uͤber den Verluſt ſeiner geliebten Sklavinn; er durchwanderte alle Staͤdte, in der Hoffnung, ihre Spur zu ent⸗ decken. Endlich kam er auch an dieſen Springbrunnen, und kaum hatte er die Zuͤge des theuren Weſens er⸗ blickt, welches ſtaͤts ſeinem Geiſte gegenwaͤrtig war, als er einen tiefen Seufzer ausſtieß. Die Soldaten ergriffen ihn ſogleich und fuͤhrten ihn zu Ghuͤlnas, welche er in ihrer Verkleidung weit entfernt war, zu erkennen. 368— 252. Tag. Sie befahl ihm mit erzuͤrntem Tone, die Urſache anzugeben, welche ihn bewogen hatte, bei dem An⸗ blicke des Bildniſſes uͤber dem Springbrunnen Thraͤnen zu vergießen. Er, am ganzen Leibe zitternd, erzaͤhlte ihr ſein Ungluͤck. Ghuͤlnas ließ ihn hierauf ins Ge⸗ faͤngnis ſetzen. Der Zufall fuͤhrte einige Tage darnach die drei Fiſcherbruͤder an denſelben Brunnen; ſie erkannten in dem Bildniſſe, welches ihn zierte diejenige, die ſie aus dem Waſſer gerettet hatten: die keinesweges er⸗ loſchene Flamme entzuͤndete ſich von neuem bei dieſem Anblick, und ſie konnten ſich nicht enthalten zu ſeufzen. Sie wurden alsbald auch vor Ghuͤlnas gefuͤhrt, welche ſie ebenſo befragte, wie den Waſſertraͤger, und ſie ebenfalls ins Gefaͤngnis ſchickte. Der Ritter und der Jude kamen endlich auch an dieſen Springbrunnen, aͤußerten dieſelben Empfindun⸗ gen und hatten daſſelbe Schickſal. Als nun alle beiſammen waren, ließ die Veſyrs⸗ Tochter ſie vor ſich kommen, und ſprach zu ihnen, mit bewegter Stimme: „Wenn nun die Perſon, welche der Gegenſtand eurer Sehnſucht iſt, hier vor euren Augen erſchiene, wuͤrdet ihr ſie wieder erkennen?“ Und indem ſie dieſes ſprach ſchlug ſie ihren koͤnig⸗ lichen Mantel zuruͤck, und ließ ſich in den Kleidern Die Veſyrs⸗Sochter. 369 ihres wahren Geſchlechts ſehen. Alle ſechs ſtuͤrzten auf ihre Knie, und flehten um Verzeihung der Ueber⸗ tretungen, zu welchen eine zu heftige Liebe ſie hin⸗ geriſſen haͤtte. Die Veſyrstochter hub ſie guͤtig auf, reichte dem Waſſertraͤger die Hand, ließ ihn auf ihren Thron ſitzen und mit koͤniglichem Gewande bekleiden. Sie verfammelte hierauf die Großen ihres Reichs, erzaͤhlte ihnen ihre Geſchichte, und bat ſie ihren alten Herrn als Koͤnig anzuerkennen. Wenige Tage dar⸗ nach vermaͤhlte ſie ſich mit ihm, und die Hochzeit wurde mit wahrhaft koͤniglicher Pracht gefeiert. Der Jude, die drei Fiſcherbruͤder und der Ritter wurden nach ihrer Heimat entlaſſen, mit Reichthuͤ⸗ mern beſchenkt, welche, ſo anſehnlich ſie waren, ſie doch nicht abhielten, das Loos des Waſeertraͤgers zu beneiden.“— Geſchichte des Sohnes Kebals. Zweihundert und drei und funfzigſter Tag. „Ein Kaufmann, namens Kebal, hatte eine junge reiche und liebenswuͤrdige Frau geheiratet; und obwohl das Geſetz Mahomeds die Vielweiberei verſtattet, ſo wollte dieſe gebieteriſche Frau doch weder das Herz, noch das Bette ihres Mannes mit einer andern thei⸗ len. Kebal, ſchwach und unterwuͤrfig, fuͤrchtete ſeine Frau, der er ſein Vermoͤgen verdankte; er hatte ſogar zu ihren Gunſten foͤrmlich auf das Vorrecht verzich⸗ tet, welches ihm das Geſetz gab, und ihr eine un⸗ verbruͤchliche Treue geſchworen. In der Entfernung von ſeiner Frau vergaß er jedoch bald die Schwuͤre, welche er ihr gethan hatte. Handelsgeſchaͤfte noͤthigten ihn einſt eine Reiſe zu machen, und da ward er von den Reizen einer Skla⸗ vinn gefeſſelt, welche er fuͤr fuͤnfhundert Zeckienen kaufte. Nach neun Monden gebar ihm die Sklavinn Der Sohn Kebals. 371 einen Sohn, deſſen Geburt, weit entfernt ſeinem Va⸗ ter zu ſchmeicheln, ihm vielmehr lebhafte Unruhe er⸗ regte. Kebal, der den Hausfrieden erhalten wollte, ſtand nicht an, ihn durch ein Verbrechen zu erkaufen: ſeine Gemahlinn, die er in einem Augenblick der Trunken⸗ heit vergeſſen hat, trat ihm jetzo vor die Seele, und die Furcht vor einer eiferſuͤchtigen Frau brachte ihn dahin, alles Gefuͤhl der Menſchlichkeit abzuſtreifen. Er begann damit, den ungluͤcklichen Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft aufzuopfern; und nachdem er die Mutter umgebracht hatte, wollte er auch den Sohn opfern: aber die Stimme der Natur ließ ſich, ſo hartherzig er war, doch wider ſeinen Willen in ihm vernehmen, und hemmte ſeinen Arm. Um nicht ſein eigenes Blut zu vergießen, faßte er den Entſchluß, das Kind in einer Wuͤſte auszuſetzen, in der Ueberzeugung, daß dieſes ſchuldloſe Schlachtopfer dort unfehlbar umkom⸗ men wuͤrde. Aber die Vorſehung welche uͤber das Leben des Kindes wachte, fuͤhrte einen Hirten in die Gegend, wo es ausgeſetzt war; ſeine Schoͤnheit, ſein Geſchrei, ſein Elend ruͤhrten den armen Schaͤfer, der es nach ſeiner Huͤtte trug. Seine Frau, eben ſo mitleldig als er, uͤbernahm willig die Pflege dieſes Kindes, und gab ihm eine Ziege zur Amme. 37² 253. Tag. Es war ſo ſchon vier Jahr alt geworden, als Ke⸗ bal, auf ſeinen Reiſen durch das Dorf kam, wo der Schaͤfer wohnte, und bei ihm einkehrte. Er ſah dort ſeinen Sohn, den er zwar nicht erkannte, aber, ſei es von der Schoͤnheit des Kindes getroffen, oder weil die Natur fuͤr daſſelbe in ihm ſprach, er fuͤhlte ſich beim ſeinem Anblicke bewegt, und fragte den Schaͤfer, ob er der Vater des Kindes waͤre. 1d Wie groß war das Erſtaunen Kebals, als der Schaͤfer ihm erzaͤhlte, auf welche Weiſe er das Kind gefunden hatte, und er nun ſeinen Sohn darin er⸗ kannte! Auf dieſes Mitgefuͤhl und dieſe Ruͤhrung folgten jedoch die Empfindungen eines grimmigen Haſſes. Er verbarg ſie, und ſtellte ſich, als wenn die Lieblichkeit des Kindes ihn ruͤhrete: er drang in den Schaͤfer, es ihm zu verkaufen, und bot ihm funfzig Zeckienen dafuͤr.. 3 Die Duͤrftigkeit des Schaͤfers, und ſeine Liebe fuͤr das Kind, und die Ueberzeugung, daß es in den Haͤnden eines reichen Mannes gluͤcklicher ſein wuͤrde, als in den ſeinen, bewogen ihn, in dieſen Antrag zu willigen. Er war weit entfernt, das Schickſal zu argwoͤhnen, welches ſeinen Pflegling erwartete. Kebal hatte ihn nicht ſobald in ſeiner Gewalt, als er ihn mit ſich hinweg nahm und ihn an das Geſtade des Meeres fuͤhrte. Die Schoͤnheit des zarten Kindes, ſeine Unſchuld, ſeine zarten Liebkoſungen, ſeine Thraͤ⸗ Der Sohn Kebals. 373 nen, ſein Geſchrei, nichts kann die grimmige Seele Kebals erweichen: er nimmt ſeinen Sohn, ſchnuͤrt ihn in einen Lederſack, und wirft ihn ſo ins Meer, und ſchmeichelt ſich, daß er dießmal nicht dem Tode ent⸗ gehen werde. Aber der Himmel hatte es anders ver⸗ haͤngt. Der Sack gerieth in die Netze eines Fiſchers, der ſie zufaͤllig in demſelben Augenblicke herauszog. Der Fiſcher oͤffnete voll Verwunderung den Sack, und als er darin ein Kind fand, welches noch ath⸗ mete, hub er es bei den Beinen empor, und nachdem er es ſo wieder ins Leben zuruͤckgerufen hatte, trug er es nach ſeiner Huͤtte. Der Sohn Kebals war be⸗ ſtimmt, uͤberall gefuͤhlvolle Seelen zu finden, ausge⸗ nommen hei ſeinem unmenſchlichen Vater. Der Fiſcher erzog den Knaben nach ſeinem Ge⸗ werbe, und dieſer zeichnete ſich bald darin durch ſeine Geſchicklichkeit und Unerſchrockenheit aus.. Er war ſchon ein Juͤngling von funfzehn Jahren, als Kebal, der in ſeinem Handel haͤufige Reiſen machte, auch durch die Stadt kam, wo dieſer Juͤngling wohnte; er begegnete ihm mit dem Fiſcher, der ihm das Leben gerettet hatte: beide waren mit Fiſchen beladen welche ſie in den Straßen feilboten. Das gute Ausſehen des jungen Menſchen fiel Kebal auf, und um gelegentlich zu erfahren, wer er waͤre, kaufte er von dem Fiſcher etliche Fiſche. Sodann fragte er ihn, ob derjenige, der ihm folgete, ſein Sohn waͤre. Der Fiſcher ant⸗ —— 7 ——— Der Sohn Kebals. 375 bals oͤffnet, und vor ihr ſteht ein Juͤngling, ſchoͤner als der Liebesgott, der ihr von Seiten ihres Vaters einen Brief uͤberreicht. Ungeduldig erbricht ſie den Brief: aber welches Entſetzen ergreift ſie, als ſie folgende Worte lieſt: „Der dir dieſen Brief uͤberbringt, iſt mein groͤßter Feind: ich ſende ihn dir, damit du ihn umbringen laſſeſt; ich fordere von dir dieſen Beweis deiner Zaͤrt⸗ lichkeit.“ Zweihundert und vier und funfzigſter Tag. Die Tochter Kebals, weit entfernt ihrem Vater zu gleichen, hatte ein edles und gefuͤhlvolles Herz; ſie betrachtete den Ueberbringer des Briefes aufmerkſamer, retten, der ihr in einem Augenblick ſo theuer gewor⸗ den war, und ihn zugleich fuͤr immer mit ſich zu ver⸗ binden: ſie ſchrieb mit den nachgeahmten Zuͤgen ihres „Der euch dieſen Brief uͤberbringt, iſt mir theurer, als ein Sohn; betrachtet ihn als mein anderes Selbſt; uͤbergebet ihm die Verwaltung aller meiner Guͤter, und verheirathet ihn mit meiner Tochter Me⸗ lahié.“. 376 3 254. D a g. Nachdem ſie dieſen Brief geſchrieben hatte, verſie⸗ gelte ſie ihn, ging damit wieder in das Zimmer, wo ſie den Juͤngling gelaſſen hatte, und ſagte zu ihm: „Ihr habt euch verſehen; der Brief, welchen ihr mir uͤbergeben, iſt an meine Mutter: ich will euch ſo⸗ gleich in ihr Zimmer fuͤhren.“ Der junge Kebal uͤbergab nun der Mutter den Brief; ſie las ihn, und da ſie nicht zweifelte, daß er von ihrem Manne waͤre, vollzog ſie die darin ent⸗ haltenen Befehle, und verheirathete ihre Tochter mit dem jungen Menſchen. Unterdeſſen kehrte auch Kebal, nach Vollendung aller ſeiner Geſchaͤfte, nach Bagdad zuruͤck. Er war ganz erſtaunt, als er bei ſeiner Heimkunft ſeinen Sohn am Leben fand. Sein Erſtaunen ſtieg aber noch hoͤ⸗ her, als er vernahm, daß er ſogar ſein Schwieger⸗ ſohn geworden war. Alle dieſe Vorgaͤnge kamen ihm unglaublich vor: aber die Furcht, ſeine Unthaten zu enthuͤllen, benahm ihm die Luſt, ſich daruͤber aufzu⸗ klaͤren. Er verſtellte ſich, und verbarg unter dem An⸗ ſchein der Freundſchaft den toͤdtlichen aß, welchen er ð ſtaͤts gegen ſeinen ſchuldloſen Sohn hegte. Seine Toch⸗ ter Melahié ließ ſich aber durch dieſe ſcheinbare Ruhe nicht taͤuſchen: ihre fuͤr das Leben eines geliebten Gat⸗ ten beſorgte Zaͤrtlichkeit ließ ſie alle Schritte ihres Vaters bewachen. Der Sohn Kebals. 377 Einige Zeit nach ſeiner Heimkehr, gab Kebal ſei⸗ nem Hausgeſinde einen Hammel und mehrere Kruͤge Weins zum Beßten, und ſagte dabei: „Erfreuet euch dieſe Nacht, und feiert meine gluͤck⸗ liche Heimkehr ins Vaterland; aber ich fordere von euch einen großen Dienſt: ein heimlicher Feind trachtet mir nach dem Leben, ich werde ihn dieſen Abend in mein Haus locken; um die vierte Stunde der Nacht wird er die Treppe meines Zimmers herabſteigen, ſobald ihr ihn kommen hoͤret, ſo erdolchet ihn.“ Als nun dieſe Stunde gekommen war, befahl Ke⸗ bal ſeinem Sohn, in den Hof zu dem Hausgeſinde hinab zu ſteigen und einen davon zu rufen. Der Juͤng⸗ ling war im Begriff die verhaͤngnißvolle Treppe zu be⸗ treten, als ſeine ſtaͤts argwoͤhniſche Gattinn, ihn aufhielt, und ihn beſchwur, einen Auftrag nicht aus⸗ zufuͤhren, in welchem ſie etwas Unheimliches ahndete, und fuͤhrte ihn mit ſich hinweg. Unterdeſſen war Kebal von wechſelnden Leidenſchaf⸗ ten bewegt: als eine halbe Stunde vergangen war, ohne daß er den Erfolg ſeiner Treuloſigkeit vernommen hatte, wollte er wiſſen, ob ſeine Leute endlich ſeine Rache vollſtreckt haͤtten. Da er nun raſch die Treppe herab ſtieg, und diejenigen, denen er ſeine Befehle ge⸗ geben, bis dahin noch niemand die Treppe herabkom⸗ men gehoͤrt hatten, zweifelten ſie nicht, daß es ihr 278 3 254. Tag. Schlachtopfer waͤre, ſtuͤrzten uͤber ihn her und ermor⸗ deten ihn in der Dunkelheit. Dieß war das wohlverdiente Ende dieſes unmenſch⸗ lichen Vaters. Derjenige, dem er das Leben gegeben, und dem er es mehrmals wieder zu nehmen getrachtet hatte, erbte alle ſeine Guͤter: da ſeine Geburt ein Geheimnis fuͤr ihn war, ſo lebte er ganz ruhig mit ſeiner Gattin, und erfuhr niemals, daß ſie ſeine Schweſter war.“ ——