Lei pbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 von.. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em vfanenahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Ubr bis Abends 8. Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von fedan Tag 5, Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mi. 50 Ff. 2 Mk.— Pf. „ 5— Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der 3ucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexrriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— S das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausſeihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir Nie, auch dafür u ſtehen haben. X V 3 7 1 — “ Vausend und Ein Tag. Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Aus dem Versischen, Türkiscyen und 6 Arabischen nach Petis de la Croix, Galland, Cardonne, Chawis und Cazotte, dem Grafen Caylus und Anderen,— berſezt von F. H. von der Hagen. Dritter Band. Prenzlau, Druck und Verlag der Ragoczyſchen Buchhandlung. 1827. —;—— Tauſend und Ein Tag. Perſiſche Erzaͤhlungen. Dritter Band. 1 Inhalt des dritten Bandes. 6 Seite Geſchichte des Prinzen Séyfel⸗Muͤluk: Hundert und vierter Tagg-⸗⸗ 1 105ter Tag 7 7 ⸗ 2 2- 2 6 106ter Tag ⸗ ⸗ ⸗ 2 ⸗ IIT 107ter Tag ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 2 2 18 108ter Tag 27 2 2 ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 23 Fortſetzung der Geſchichte Bedreddin⸗ n⸗Polo,s und ſeines Veſyrs⸗⸗ ⸗ 2 28 109ter Tag ⸗ ⸗ 7 ⸗-⸗ 2⸗ 2 ⸗ 2 8 29 Geſchicht⸗ Maleks und der Prinzeſſinn Schirin ⸗ 33 IIoOter Tag ⸗⸗,⸗ ⸗ 35 IITter Tag 2 ⸗ ,⸗⸗⸗ ⸗ 41 112ter Tag„ ⸗,, ⸗ 46 113ter Tag ⸗= ⸗ 53 I114ter Tag 2 ⸗„ ⸗ 59 115ter Tag ſeines Veſyrs⸗ ⸗ I16ter Tag 2 ⸗ TI2ter Tag⸗ ⸗ I18ter Tag⸗ ⸗ II9ter Tag⸗ ⸗ 120ſter Tag⸗ ⸗ Geſchichte des Koͤnigs nig Sorgenfrei ⸗ 12 1ſter Tag 122 ſter Tag 123ſter Tag 124ſter Tag 125ſter Tag 126ſter Tag 127ſter Tag 128ſter Tag 1209ſter Tag 130ſter Tag 131ſter Tag 132ſter Tag 133ſter Tag 134ſter Tag 135ſter Tag KAðN UWn URunun Nu n uN Nn U NMR Uun N u RN uRNu n u K& N uU N A NRNn R AN R Nu n Un n u Nn Ruu u R uR N KNNUugunuununnn Mununn u nu Knu nnanun n d u U R u u NVnmunn nnnngunuaNunn IV Inhal r. u u au u NU w genannt der Koͤ unn NununnunNANuunnNgununn VUuu n V KNunnunununn N U u d Fortſetzung der Geſchichte Bedreddin⸗ Lolb's nn un u u 2 nuUnununnun Wu Runnan Seite und 2 272 ⸗ 2 75 2 2 80 2 85 2. 2 89 99 u R 101 103 107 112 115 118 121 124 126 131 134 138 141 146 150 154 ununnnnmnnnhnn ununa n unnunungnunmyiununnnun n Geſchichte des Avicenna 136ſter Tag 137 ſter Tag 138ſter Tag 139ſter Tag 140ſter Tag 141Iſter Tag 8 Wu AgNn u Nunn NU u u A N Nunun n n a Inh a 2 n uunnn A nu N u RN u v A UN d annn A nN Fortſetzung und Beſchluß der Geſchichte des Köͤnigs Hormos, genannt König Sorgenfrei 142ſter Tag 143ſter Tag 144ſter Tag 145ſter Tag Fortſetzung der Nu N u n u u u un N 2 2 Geſchichte der ſchinen Aruja 146ſter Tag 142 ſter Tag 148ſter Tag „149ſter Tag 150ſter Tag 15 1ſter Tag 152ſter Tag 153ſter Tag 15 4ͤſter Tag dn uKRuuuunu n n An n wn u U n n AN uu8u u un n u Nnn u n Kn n n Nun nuunnunnn Nu n N NnuUn Rau nn a Nunn n NNRKRnunn nann u u u A AnNnna u u u u n au n u K Geſchichte des Bedreddin ſeines Veſyrs und ſeines Günſtlings u u dyh AK u A u N A u 5 2 Lolo, 2 2 · 2 2 155ſter Tag 156ſter Tag Seltſame Abenteuer des NU n In hal. 2 2 ⸗ 7 2 2 2 2 der Große Reiſende 157ſter Tag 158ſter Tag 159ſter Tag 16oſter Tag 161ſter Tag r62ſter Tag 163ſter Tag 164ſter Tag 165ſter Tag 166ſter Tag 167ſter Tag 168ͤſter Tag 169ſter Tag I7oſter Tag 17 1Iſter Tag 172ſter Tag 173ſter Tag 17 4ſter Tag N u U MN A KXK RN NU Anun uU n R A n n N NNNNUKNKNNGAGnn u U n u 2 A u n RNNn Knn N A U d n b Abulſaſtaris. ANN N Aau KNANN Kn unn KN u Nu NRuagnnn Run nm NNu ANnoaunnnu un Nn un uN A NN u nAunannun AN Rnun KN Nnnn KNn Cd a ANd N Nn aann n v v KRKn NRN N AGun KNu—innanmnhn Fortſetzung der Geſchichte des Bedreddin⸗Lolo, ſeines Veſyrs und ſeines Gänſlings ⸗ Ro KRRNN nn d u a Kdnung unn NunNn unun—nnN ag, u Seite 241 242 246 248 250 252 257 261 264 268 272 275 279 283 287 291 295 297 3⁰3 30⁷ 312 317 Tauſend und Ein Tag. Perfiſche Erzaͤhlungen. Hundert und vierter Tag. Naum hatten wir angefangen zu rudern und uns vom Ufer zu entfernen, als wir den Schwarzen er⸗ ſcheinen ſahen, dem dies Bot gehoͤrte; er ſtieß ein entſetzliches Geheul aus, als er es nicht mehr am Pfahle ſah, und er drohte uns: aber all ſein Schreien war vergebens, eben ſo wie ſeine Drohungen. Wir waren ſchon im offenen Meer, und hatten die Inſel aus dem Geſichte verloren, als die Nacht anbrach. Wir dankten dem Himmel fuͤr unſre Befreiung, und empfanden daruͤber ſo große Freude, als wenn wir in einem ſichern Hafen geweſen waͤren. Obgleich wir auf 1 III. ——-——ÿ—— 1 ö² 104. Tag. dem Meere, ohne Vorraͤthe waren und das gebrech⸗ liche Fahrzeug, welches uns trug, jeden Augenblick in Gefahr ſchwebte unterzuſinken, ſo dachten wir jedoch nur an das Gluͤck, den Haͤnden der Schwarzen ent⸗ gangen zu ſein; es duͤnkte uns weniger ſchrecklich, in den Fluten unterzugehen, als von einer Schlange ver⸗ ſchlungen zu werden. Nachdem wir die ganze Nacht auf gut Gluͤck um⸗ hergewogt waren, erblickten wir bei Anbruche des Tages ein kleines Eiland; wir landeten daran, und ſtiegen aus: mehrere Baͤume mit ſehr ſchoͤnen Fruͤch⸗ ten beladen, die bis auf die Erde herabhingen, fielen uns ſogleich in die Augen, und erfreuten uns um ſo mehr, als wir ſchon anfingen ſtarke Eßluſt zu ſpuͤren; wir brachen Fruͤchte davon ab, aaßen ſie, und fan 1 ſie vortrefflich. Eine vollkommene Freude folgte bald 8* auf den Schreck, welchen die Schwarzen uns einge⸗ jagt hatten; wir lachten ſelbſt uͤber die Dinge, welche uns am meiſten entſetzt hatten, und begannen, uͤber das reizende Gluͤck zu ſcherzen, welches wir verſchmaͤht atten. Als wir uns etwas erfriſcht hatten, banden wir unſer Boot an einen Pfahl, und gingen weiter in die Inſel hinein. Ich habe niemals einen angenehmeren Aufenthalt geſehen: da waͤchſt Sandel⸗ und Aloeholz, man ſieht uͤberall Quellen von ſuͤßem Waſſer, und Séyfel Muluk. 3 eben ſo wohl allerlei Fruchtbaͤume, als die ſchoͤnſten Blumen. 3 Was uns aber noch mehr verwunderte, war, daß dieſe Inſel, obwohl ſo bequem und angenehm darauf zu leben war, uns jedoch oͤde ſchien:„Wie koͤmmt es,“ ſagte ich zu Saed,„daß dieſe Inſel unbewohnt iſt? Wir ſind doch wohl nicht die erſten, die hieher⸗ gekommen; andere vor uns werden ſie ohne Zweifel ſchon entdeckt haben; warum iſt ſie nun ſo verlaßen?“ „Mein Prinz,“ antwortete mir mein Vertrauter, „da niemand hier wohnt, ſo iſt das ein ſicheres Zei⸗ chen, daß man hier nicht wohnen kann; es muß hier irgend ein Uebelſtand ſein, der ſie unbewohnbar macht.“ Ach! als der ungluͤckliche Saed alſo ſprach, ahn⸗ dete er noch nicht, daß er ſo wahr redete. Wir brachten den Tag hin, uns zu vergnuͤgen und zu luſtwandeln; und als die Nacht gekommen war, ſtreckten wir uns auf dem Graſe hin, welches mit tauſend Blumen durchwirkt war, die lieblich dufteten. Wir ſchliefen wonniglich ein; aber bei meinem Erwa⸗ chen, war ich ſehr erſtaunt, mich allein zu ſehen. Ich rief Saed zu wiederholten Malen; da er mir nicht antwortete, ſo ſtand ich auf, ihn zu ſuchen; und nachdem ich einen Theil der Inſel durchlaufen hatte, kam ich wieder an dieſelbe Stelle, wo ich die Nacht zugebracht hatte, in der Hoffnung, ihn jetzo dort zu finden. Ich wartete auf ihn vergeblich den 4 104. Ta g. ganzen Tag, und ſelbſt die folgende Nacht; da ver⸗ zweifelte ich, ihn wiederzuſehen, und ließ die Luft von meinen Klagen und Seufzern erſchallen. „Ach! mein theurer Saed,“ rief ich aus,„was iſt aus dir geworden? So lange ich dich beſaß, halfft du mir die Buͤrde meines Misgeſchicks tragen; du lin⸗ derteſt meine Leiden, indem du ſie mit mir theilteſt: durch welches Ungluͤck oder durch welche Bezauberung biſt du mir entriſſen? Welche Macht, grauſamer als die Schwarzen, hat uns getrennt? Es wuͤrde mir ſuͤßer geweſen ſein, mit dir zu ſterben, als hier al⸗ lein zu leben!“ Ich war untroͤſtlich uͤber den Verluſt meines Ver⸗ trauten; und es machte mich ganz verwirrt, daß ich nicht begreifen konnte, was mit ihm vorgegangen ſein mochte. Ich gerieth in die außerſte Verzweiflung; und entſchloſſen, ebenfalls auf dieſer Inſel umzukom⸗ men, ſagte ich:„ich will ſie ganz und gar durchlau⸗ fen, und hier Saed, oder den Tod finden.“ 34 Ich ging auf einen Wald zu, den ich vor mir ſah; und als ich hineinkam, entdeckte ich mitten in demſelben ein Schloß, das ſehr ſchoͤn gebaut und mit breiten und tiefen Graͤben voll Waſſers umgeben, de⸗ ren Zugbruͤcke niedergelaßen war. Ich ging hinuͤber, und trat in einen weiten, mit weißem Marmor ge⸗ llaſterten Hof, und naͤherte mich der Thuͤr eines ſchoͤnen Hauptgebaͤudes; ſie war von Aloeholz und Séyfel Muͤluk. 5 allerlei Gevoͤgel in erhobenem Bildwerke darauf, und ein dickes Vorhangſchloß von Stahl, in Geſtalt eines Loͤwen, verſperrte ſie. Der Schluͤſſel ſtak in dem Schloſſe; ich nahm ihn, und drehte ihn um, und das Schloß zerſprang wie Glas, und die Thuͤre oͤff⸗ nete ſich mehr von ſelbſt, als durch die Kraft, welche ich dazu anwendete: was mich hoͤchlich in Erſtaunen ſetzte. Ich ſah nun eine Treppe von ſchwarzem Mar⸗ mor; ich ſtieg hinauf, und trat erſt in einen großen Saal, der mit ſeidenen und goldenen Teppichen und Sopha's von Brokat geſchmuͤckt war. Von hier kam ich in ein Zimmer, das mit reichem Geraͤthe verſehen war; aber dieß war es nicht, was am meiſten meine Aufmerkſamkeit beſchaͤftigte: eine junge Dame von vollkommener Schoͤnheit zog alle meine Blicke auf ſich; ſie lag auf einem großen Sopha, das Haupt auf ein Kiſſen geſtuͤtzt, mit reichen Kleidern angethan, und neben ihr ſtand ein Tiſchchen von Jaspis⸗Marmor. Da ihre Augen geſchloſſen waren, und ich Grund hatte zu zweifeln, ob es auch ein lebendiges Weſen waͤre, ſo naͤherte ich mich ihr leiſe, und bemerkte, daß ſie athmete. 105. Ta g. Hundert und fuͤnfter Tag. Ich ſtand einige Augenblicke ſtill, ſie zu betrach⸗ ten; ſie ſchien mir reizend, und ich waͤre verliebt in ſie geworden, wenn ich nicht ſo ſehr von meiner Bedy al Dſchemal eingenommen geweſen waͤre. Ich war hoͤchſt neugierig zu wiſſen, warum ich auf einer oͤden Inſel ein Frgulein ſo allein in einem Schloſſe ſah, worin ich niemand weiter fand. Ich wuͤnſchte ſehnlich, daß ſie erwachte; aber ſie lag in einem ſo tiefen Schlafe, daß ich es nicht wagte, ihre Ruhe zu ſtoͤren. Ich verließ das Schloß wieder, mit dem Entſchluſſe, nach einigen Stunden zuruͤckzukommen. Ich wanderte auf der Inſel umher, und ich er⸗ blickte mit Entſetzen eine große Menge Thiere, von der Groͤße eines Tigers und beinahe geſtaltet wie Ameiſen; ich wuͤrde ſie fuͤr wilde und reißende Thiere gehalten haben, wenn ſie nicht meinen Anblick geflo⸗ hen haͤtten. Ich ſah auch noch andere Thiere, die mich zu ſcheuen ſchienen, obwohl ſie ein Anſehen von Wildheit hatten, welches Furcht einjagte. Nachdem ich einige Fruͤchte gegeſſen hatte, deren ſchoͤner Anblick mich erfreute, und ziemlich lange um⸗ her gewandert war, kehrte ich in das Schloß zuruͤck, wo das Fraͤulein noch im Schlafe lag. Ich konnte nicht laͤnger der Luſt widerſtehen, mit ihr zu reden; ich machte Geraͤuſch in dem Zimmer, und ich that Ssyfſel Müuͤluk. 7 als wenn ich huſtete, um ſie aufzuwecken. Da ſie immer noch nicht erwachte, ſo faßte ich ſie an den Arm, auf eine Weiſe, welche die erwuͤnſchte Wirkung hervorbringen mußte. Gleichwohl ſuchte ich hier ver⸗ geblich, den Sinn des Gefuͤhls zu erregen. Dieß ſchien mir unnatuͤrlich:„es waltet hier eine Be⸗ zauberung ob,“ ſagte ich jetzo bei mir ſelber,„irgend ein Talisman verſenkt dieß Fraͤulein in den Schlaf; und wenn es ſich ſo verhaͤlt, ſo iſt es unmoͤglich, ſie aus dieſem Zauberſchlafe zu erwecken.“ Ich verzweifelte, damit zu Stande zu kommen, als ich auf dem Marmortiſche, deſſen ich ſchon ge⸗ dacht habe, einige Schriftzuͤge eingegraben ſah; ich vermuthete, daß ſie einen aus dem Stande der Ge⸗ ſtirne berechneten Zauber enthielten; ich bemuͤhte mich, ihn wegzuruͤcken: aber kaum hatte ich ihn beruͤhrt, als das Fraͤulein einen tiefen Seufzer holte und er⸗ wachte. War ich erſtaunt geweſen, in dieſem Schloſſe ein ſo ſchoͤnes Frauenbild zu finden, ſo war ſie nicht min⸗ der verwundert, mich hier zu ſehen. „Ah! junger Mann,“ ſprach ſie zu mir,„wie habt ihr hier herein kommen koͤnnen? Wie habt ihr es angeſtellt, alle die Schwierigkeiten zu uͤberwinden, welche euch hindern ſollten, in dieſes Schloß einzu⸗ dringen, und welche uͤber menſchliche Kraft hinausrei⸗ 8 105. T a g. chen? Ich kann kaum glauben, daß ihr ein Menſch ſeid. Ihr ſeid ohne Zweifel der Prophet Elias? 1*) „Nein, edles Fraͤulein,“ antwortete ich ihr,„ich bin nur ein gewoͤhnlicher Menſch, und ich kann euch verſichern, daß ich ohne alle Muͤhe hereingekommen bin; ich habe gar keine Schwierigkeit zu beſiegen ge⸗ habt. Die Thuͤre dieſes Schloſſes hat ſich geoͤffnet, ſobald ich den Schluͤſſel angeruͤhrt habe; ich bin in dieß Zimmer heraufgeſtiegen, ohne daß irgend eine Macht ſich mir widerſetzt hat. Ich konnte euch aber nicht ſo leicht aufwecken; das hat mir die meiſte Muͤhe gekoſtet.“ *) Dieſer iſt auch, unter dem Namen Jlia, oder Jli, bei den Muſelmännern berühmt, und ſie erwarten, wie die Chriſten, ſeine Erſcheinung am Weltende; mit dem Zuſatze, daß er, oder jemand von ſeiner Verwandtſchaft, genannt Serib Bar Elia, dieſe zweite Zukunft Chriſti, auf ei⸗ nem Verge in Syrien erwarte. Sie nennen ihn auch Chedher(oder Chiſir, nach Türkiſcher und Perſiſcher Ausſprache), d. h. im Arabiſchen Grünlicht, wegen ſei⸗ nes Fortlebens in einem paradieſiſchen Garten. In allen Morgentändiſchen Romanen iſt auch die Quelle des Elias oder der Unſterblichkeit berühmt, welche der große König Dhulkarnaim(d. h. der zweihörnige,— Alexander Ammon) vergeblich luchte, und welche die Quelle unſerer Dichtungen von dem Jungorunnen oder der Quelle der ewigen Jugend iſt. 8 Séyfel Muͤluk. 9 „Ich kann es kaum glauben, was ihr mir da ſa⸗ get,“ verſetzte das Fraͤulein;„ich bin ſo uͤberzeugt, es ſei einem Menſchen unmoͤglich das zu thun, was ihr gethan habt, daß ich euch nicht fuͤr einen Men⸗ ſchen halten kann.“ „Mein Fraͤulein,“ ſagte ich zu ihr,„ich bin viel⸗ leicht etwas mehr, als ein gewoͤhnlicher Menſch. Ein Fuͤrſt iſt der Urheber meiner Geburt, aber ich bin zuletzt doch nur auch ein Menſch. Ich habe dagegen viel mehr Grund zu glauben, daß ihr von einer hoͤ⸗ hern Gattung ſeid, als ich.“ „Nein,“ erwiederte ſie,„ich bin, ſo wie ihr, von dem Geſchlechte Adams.— Aber ſaget mir,“ fuhr ſie fort,„warum habt ihr den Hof euers Vaters verla⸗ ßen, und wie ſeid ihr auf dieſe Inſel hergekommen?“ Hierauf befriedigte ich ihre Neugier; ich bekannte ihr aufrichtig, daß ich in Bedy al Dſchemal, die Tochter des Koͤnigs Schabbal, verliebt geworden, ſo bald ich ihr Bildnis geſehen haͤtte; und ich zeigte ihr dieſes; denn ich hatte es, nebſt meinem Ringe ſo gut verborgen, daß die Schwarzen es nicht bemerkt hatten. Das Fraͤulein nahm das Bildnis, betrachtete es ſehr aufmerkſam, und ſagte dann zu mir: „Ich habe von dem Koͤnige Schabbal reden gehoͤrt, er herrſcht auf einer Inſel in der Nachbarſchaft von 10 105. Tag. Serendib.*) Wenn ſeine Tochter eben ſo ſchoͤn iſt, als das Bildnis, ſo verdient ſie wohl, daß ihr ſie mit dieſer Inbrunſt liebt. Aber man muß den Bild⸗ niſſen der Prinzeſſinnen mistrauen; man malt ſie ge⸗ woͤhnlich ins Schoͤne.— Vollendet,“ fuͤgte ſie hinzu, „eure Geſchichte, hernach will ich euch die meinige erzaͤhlen.“ Ich erzuͤhlte ihr umſtaͤndlich alle meine Abenteuer; und darnach bat ich ſie, mir auch die ihrigen mitzu⸗ theilen. Sie begann ihre Erzaͤhlung folgendermaßen: „Ich bin die einzige Tochter des Koͤnigs von Se⸗ rendib. Eines Tages, als ich mit meinen Frauen auf einem Schloſſe bei der Stadt Serendib war, be⸗ kam ich Luſt, mich in einem weißen Marmorbecken zu baden, welches im Garten war. Ich ließ mich ent⸗ kleiden, und trat mit meiner Lieblingsſklavinn in das Becken. Kaum waren wir in dem Waſſer, als ein heftiger Wind ſich erhub. Ein Staubwirbel verdun⸗ kelte die Luft rings um uns her, und aus der Mitte ¹) Serendib nennen die Morgenländer die Inſel Ceylan. Auf einem Berge dieſer Inſel begegneten ſich, nach mehre⸗ ren Morgenländiſchen Schriftſtellern, Adam und Eva, nachdem ſie die Welt umwandert hatten. Andere Maho⸗ medaniſche Schriftſteller behaupten dagegen, dieß ſei auf dem Berge Arafat bei Mekka geſchehen. Vgl. Bd. II. (Tag 52). ——— Séyfel Muͤluk. 11 dieſes Wirbels ſtieß ploͤtzlich ein gewaltiger Vogel auf mich hernieder, ergriff mich mit ſeinen Faͤngen, hub mich empor und entfuͤhrte mich durch die Luft nach dieſem Schloſſe, wo er ſich alsbald verwandelte, und ſich in der Geſtalt eines jungen Geiſtes zeigte. „Prinzeſſinn,“ ſprach er zu mir,„ich bin einer der maͤchtigſten Geiſter dieſer Welt. Als ich heute an der Inſel Serendib voruͤber kam, erblickte ich euch im Bade, und ihr habt mich bezaubert:„Wie ſchoͤn iſt dieſe Prinzeſſinn!“ ſagte ich bei mir ſelber; es waͤre Schade, daß ſie einen der Kinder Adams begluͤckete; ſie verdient wohl die Zuneigung eines Geiſtes; ich muß ſie entfuͤhren, und ſie nach einer oͤden Inſel bringen.“ Alſo, Prinzeſſinn, vergeſſet fortan euern Vater, und denket nur daran, meine Liebe zu erwie⸗ dern. Nichts ſoll euch in dieſem Schloſſe fehlen; ich werde dafuͤr ſorgen, euch alles noͤthige hier zu ver⸗ ſchaffen.“ Hundert und ſechſter Tag. Waͤhrend der Geiſt alſo zu mir ſprach, that ich nichts als weinen und wehklagen: „Ungluͤckliche Malika,“*) ſagte ich,„iſt dieß das Schickſal, das dir beſtimmt? Hat der Koͤnig mein *) Malika bedeutet Königinn: von Malek, König. 12 3 106. T d g. Vater mich mit ſo viel Sorgfalt erzogen, um den Schmerz zu haben, mich auf ſo traurige Weiſe zu verlieren? Wehe! er weiß nicht einmal, was aus mir geworden iſt, und ich fuͤrchte, daß mein Verluſt ihm toͤdtlich ſein wird.“ „Nein, nein,“ ſagte der Geiſt zu mir,„euer Vater wird ſeiner Betruͤbnis nicht erliegen; und was euch betrifft, meine Prinzeſſinn, ſo hoffe ich ihr werdet den Beweiſen der Zaͤrtlichkeit nachgeben, elche ich euch zu geben gedenke.“ „Schmeichelt euch nicht,“ erwiederte ich ihm, „mit dieſer falſchen Hoffnung, ich werde zeitlebens einen toͤdtlichen Haß gegen meinen Entfuͤhrer hegen.“ „Ihr werdet ſchon anderes Sinnes werden,“ ver⸗ ſetzte er,„ihr werdet euch an meinen Anblick, an meine Unterhaltung gewoͤhnen: die Zeit wird dieſe Wirkung hervorbringen.“ „Sie wird keinesweges dieſes Wunder bewirken,“ unterbrach ich ihn mit Erbitterung;„ſie wird viel⸗ mehr den Haß noch ſteigern, welchen ich gegen euch fuͤhle.“ Der Geiſt, anſtatt durch dieſe Worte beleidigt zu erſcheinen, laͤchelte daruͤber; und uͤberzeugt, daß ich mich in der That allmaͤhlich daran gewoͤhnen wuͤrde, ihn anzuhoͤren, ſparte er nichts, mir zu gefallen. Er ging, ich weiß nicht wohin, mir praͤchtige Kleider zu holen, und brachte ſie mir; er richtete ſeine ganze b V „ —— —————— ——— Sésyfel Muͤlnk. 13 Aufmerkſamkeit darauf, mir Geſchmack an ihm einzu⸗ floͤßen: als er aber gewahrte, daß er, weit entfernt, einige Fortſchritte in meinem Herzen zu machen, mir von Tage zu Tage verhaßter ward, ſo verlor er end⸗ lich die Geduld, und beſchloß, ſich fuͤr meine Verach⸗ tung zu raͤchen. Er verſenkte mich in einen tiefen Zauberſchlaf. Er ſtreckte mich auf den Sopha in der Stellung hin, in welcher ihr mich gefunden habt, und ſtellte neben mir dieſe Marmortafel, auf welcher talismaniſche Schriftzuͤge ſtehen, welche er zuſammen⸗ geſetzt hatte, um mich in ewigem Schlafe, bis ans Ende der Tage feſtzuhalten. Er machte außerdem noch zwei Talismane: den einen, um dieß Schloß unſichtbar zu machen, und den andern, um zu ver⸗ hindern, daß man die Thuͤre deſſelben oͤffnete. Hier⸗ auf ließ er mich hier in dem Zimmer, und entfernte ſich von dieſem Schloſſe. Aber von Zeit zu Zeit kommt er wieder hieher, er erweckt mich, und fraͤgt mich, ob ich endlich ſeine Leidenſchaft befriedigen will: und weil ich ſtaͤts dabei verharre, ihn zu mishandeln, ſo verſenkt er mich immer wieder in Zauberſchlaf, welchen er zu meiner Beſtrafung erſonnen hat.— Gleichwohl, Herr,“ fuhr die Tochter des Koͤnigs von Serendib fort,„habt ihr mich erweckt, ihr habt die Thuͤre dieſes Schloſſes geoͤffnet, und daſſelbe iſt fuͤr euch nicht unſichtbar geweſen: habe ich da nicht Urſache, zu zweifeln, daß ihr ein Menſch ſeid? Ich 14 106. T a g. muß euch ſogar ſagen, daß es zu verwundern iſt, wie ihr noch am Leben ſeid; denn ich habe den Geiſt ſa⸗ gen gehoͤrt, daß die wilden Thiere umher alle zerrei⸗ ßen, welche auf dieſer Inſel verweilen wollen; daher es denn koͤmmt, daß ſie unbewohnt iſt.“ Waͤhrend die Prinzeſſinn Malika noch alſo ſprach, hoͤrten wir einen großen Laͤrmen im Schloſſe. Sie ſchwieg, um deutlicher zu hoͤren, und bald traf ent⸗ ſetzliches Geſchrei unſer Ohr. „Gerechter Himmel!“ rief jetzo die Prinzeſſinn aus,„wir ſind verloren; das iſt der Geiſt, ich er⸗ kenne ihn an ſeiner Stimme. Ihr ſeid des Todes, nichts kann vor ſeiner Wuth euch retten. Ach! un⸗ gluͤcklicher Prinz, welches Misgeſchick hat euch in die⸗ ſes Schloß gefuͤhrt? Wenn ihr auch der Grauſam⸗ keit der Schwarzen entgangen ſeid, wehe! ſo koͤnnet ihr doch nicht der Unmenſchlichkeit meines Raͤubers entſchluͤpfen.“ Ich hielt alſo meinen Tod fuͤr gewis, und ich konnte mir in der That keinen freundlichen Empfang verſprechen. Der Geiſt trat mit wuͤthiger Gebaͤrde herein; er trug in der Hand eine ſtaͤhlerne Keule, und ſeine Geſtalt war von ungeheurer Groͤße. Er er⸗ grimmte bei meinem Anblick; aber anſtatt mir ſeine Keule auf das Haupt zu ſchmettern, oder einen dro⸗ henden Ton anzuſtimmen, naͤherte er ſich mir zitternd, Séyfel Müuͤluk. 15 warf ſich mir zu Fuͤßen, und ſprach folgendermaßen u mir: 1„O Prinz, Koͤnigsſohn, ihr habt nur zu befehlen, was euch beliebt, ich bin bereit, euch zu gehorchen.“ Dieſe Anrede uͤberraſchte mich; ich konnte nicht begreifen, wie dieſer Geiſt ſo kriechend vor mir war, und als ein Sklave zu mir ſprach. Aber ich hoͤrte auf, mich zu verwundern, als er fortfuhr in ſeiner Rede und zu mir ſagte: „Der Ring, welchen ihr am Finger tragt, iſt der Siegelring Salomons) Jeder, der ihn beſitzt, kann durch keinen Unfall umkommen. Er kann auf einem bloßen Nachen die ſtuͤrmiſchten Meere durch⸗ ſchiffen, ohne Furcht, von den Fluten verſchlungen zu werden. Die wildeſten Thiere koͤnnen ihm nicht ſcha⸗ den, und er hat eine unumſchraͤnkte Gewalt uͤber die Geiſter. Alle Talismane, alle Bezauberungen weichen dieſem wundervollen Siegelringe.“ „Es geſchah alſo durch die Kraft dieſes Ringes,“ ſagte ich hierauf zu dem Geiſte,„daß ich nicht Schiff⸗ bruch litt?“ *) So groß iſt die beklagenswerthe Verblendung der Maho⸗ medaner; ſie legen dem Siegelringe Salomons tauſenderlei Kräfte bei. Dieß kann ich dem Derviſch Mokles nicht ver⸗ zeihen, daß er ſelber in dieſem Aberglauben befangen ſcheint. 106. TDag. „Ja, Herr,“ antwortete er mir,„er iſt es, der buch⸗ vor den wilden Thieren auf dieſer Inſel beſchuͤtzt at.“ „Sage mir,“ ſprach ich zu ihm,„wenn du es weißt, was aus meinem Gefaͤhrten geworden, der mit mir hieher gekommen iſt?“ „Ich weiß das Gegenwaͤrtige und das Vergangene,“ erwiederte der Geiſt:„ich kann euch ſagen, daß euer Gefaͤhrte von den Ameiſen gefreſſen iſt, welche ihn an eurer Seite verzehrten. Dieſe Art Ameiſen ſind hier in großer Menge und machen dieſe Inſel unbewohn⸗ bar. Sie verhindern jedoch nicht, daß die benachbar⸗ ten Voͤlker, und vor allen die Bewohner der Mal⸗ diven,“*) jaͤhrlich hieher kommen, um Sandelholz zu faͤllen. Aber nicht ohne Gefahr bringen ſie daſſelbe weg, und auf folgende Weiſe verfahren ſie dabei. Sie kommen im Sommer hieher, und haben in ihren Schiffen ſehr muthige Roſſe, welche ſie ausſchiffen, und beſteigen; ſie jagen mit verhaͤngten Zuͤgeln uͤberall hin, wo ſie Sandelbaͤume erblicken, und ſo bald ſie die Ameiſen herbei kommen ſehen, werfen ſie ihnen große Stuͤcke Fleiſch hin, welche ſie zu dieſem Zwecke mitgenommen haben. Waͤhrend die Ameiſen daruͤber her ſind⸗ dieſe Fleiſchſtucke zu freſſen, bezelchnen die *) Eine Inſeigruppe, unter der Südſpitze von Indien weſtlich von Ceilan. Séyfel Muͤluk. v7 .Ql Reiter die Bäͤume, welche ſie faͤllen wollen, und keh⸗ ren dann heim. Im Winter kommen ſie wieder her, und faͤllen die Baͤume, ohne die Ameiſen zu fuͤrchten, welche waͤhrend dieſer Jahreszeit nicht zum Vorſchein kommen.“ Ich konnte das traurige Schickſal Saeds nicht ver⸗ nehmen, ohne neuen Schmerz zu empfinden. Dar⸗ nach fragte ich den Geiſt, wo das Reich des Koͤnigs Schabbal laͤge, und ob die Prinzeſſinn Bedy al Dſchemal, ſeine Tochter, noch lebte. „Herr,“ antwortete er mir,„es liegt in dieſem Meer eine Inſel, wo ein Koͤnig namens Schabbal herrſcht, aber er hat keine Tochter. Die Prinzeſſinn Bedy al Oſchemal, von welcher ihr redet, war wirk⸗ lich die Tochter eines Koͤnigs Schabbal, dieſer lebte aber zu den Zeiten Salomons.“ „Ei wie!“ rief ich aus,„Bedy al Dſchemal iſt alſo nicht mehr auf der Welt?“ „Nein, ſicherlich nicht,“ fuhr er fort;„ſie war eine Geliebte dieſes großen Propheten.“ III. 2 Hundert und ſiebenter Tag. Ich war hoͤchſt niedergeſchlagen, zu vernehmen, daß ich einen Gegenſtand liebte, deſſen Lebenslauf laͤngſt beſchloſſen war. „d ich unſinniger!“ rief ich aus:„warum habe ich den Sultan meinen Vater nicht gefragt, weſſen Bildnis es ſei, das ich in ſeinem Schatze gefunden habe? er wuͤrde mir ſchon geſagt haben, was ich jetzt erſt vernehme. Welche Leiden und Todesgefahren haͤtte ich mir erſpart! Ich wuͤrde meine Liebe in der Geburt erſtickt, und ſie vielleicht nicht ſolche Macht uͤber mich gewonnen haben; ich haͤtte Kahiro nicht verlaßen, und Saed lebte noch: muß nun ſein Tod die Frucht meiner eingebildeten Liebe ſein?— Was mich noch allein troͤſtet, ſchoͤne Prinzeſſinn,“ fuhr ich fort, indem ich mich zu Malika wandte, „iſt, daß ich euch nuͤtzlich ſein kann: Dank der Kraft meines Ringes, ich bin im Stande, euch dem Koͤnig euerm Vater wiederzugeben.“ Zu gleicher Zeit wandte ich mich zu dem Geiſte, und ſagte zu ihm:„Weil ich ſo gluͤcklich bin, im Beſitze des Siegelringes Salomons zu ſein, und alſo die Macht habe, den Geiſtern zu gebieten, ſo gehorche mir: ich befehle dir zur Stunde mich mit der Prin⸗ zeſſinn Malika nach dem Koͤnigreiche Serendib vor die Thore der Hauptſtadt zu verſetzen.“ 4 Ssyfel Muluk. 19 „Ich bin bereit, euch zu gehorchen, Herr,“ ant⸗ wortete mir der Geiſt,„welches Herzeleid mir auch der Verluſt der Prinzeſſinn erregen mag.“ „Du biſt gluͤcklich genug,“ erwiederte ich,„daß ich mich begnuͤge, von dir zu fordern, daß du uns beide nach der Inſel Serendib bringeſt; du verdienteſt, daß ich, zur Strafe fuͤr die Entfuͤhrung Malika's, von aller meiner Macht Gebrauch machte, welche der Siegelring des Propheten mir uͤber die abtruͤnnigen Geiſter verleihet.“ Der Geiſt erwiederte nichts auf dieſe Worte; er ſchickte ſich auf der Stelle an, meinen Befehl auszu⸗ fuͤhren: er nahm uns beide, die Prinzeſſinn und mich, unter ſeine Arme, und verſetzte uns im Augenblick an die Stadtthore von Serendib. „Iſt das alles,“ ſagte hierauf der Geiſt zu mir, „was ihr von mir verlanget? habt ihr mir nichts weiter zu befehlen?“ Ich antwortete ihm Nein, und ſpogleich ver⸗ ſchwand er. „Wir nahmen Herberge in der erſten Karavanſerei, welche wir beim Eintritt in die Stadt antrafen, und hier uͤberlegten wir nun, ob wir nach Hofe ſchreiben ſollten, oder ob ich ſelber zu dem Koͤnige gehen und „ihm die Ankunft der Prinzeſſinn kund thun ſollte. Das letzte ſchien am raͤthlichſten, und ich be⸗ gab mich nach dem Palaſte, der mir von ſeltſamer 20 107. Tag. Bauart ſchien. Er erhub ſich auf ſechzehnhundert Saͤulen, und man ſtieg eine Treppe von hundert Stufen des ſchoͤnſten Geſteins zu ihm hinan. Ich kam an eine Wache, welche in dem Vorſaale ſtand; ein Offizier, der an meinem Ausſehn mich fuͤr einen Fremden erkannte, kam an mich heran, und fragte mich, ob ich am Hofe etwas zu thun haͤtte, oder ob bloße Neugierde mich herein fuͤhrete. Ich antwortete, ich haͤtte wegen einer wichtigen Sache mit dem Koͤnige zu reden. Hierauf fuͤhrte der Offizier mich zu dem Groß⸗Veſyr, der mich dem Koͤnige ſeinem Herrn vorſtellte. „Junger Menſch,“ redete der Fuͤrſt mich an,„aus welchem Lande biſt du, und weshalb koͤmmſt du hie⸗ her nach Serendib?“ „Herr,“ antwortete ich ihm,„Aegypten iſt mein Geburtsland; es ſind drei Jahre, daß ich von mei⸗ nem Vater entfernt bin, und alle Arten von Unfaͤllen erleide.“ Kaum hatte ich dieſe Worte ausgeſprochen, als der Koͤnig, der ein gutmuͤthiger Greis war, anfing zu weinen. „Ach!“ ſagte er zu mir,„ich bin nicht gluͤckli⸗ cher, als du. Es iſt bald eben ſo lange, daß ich meine einzige Tochter verloren habe, und zwar auf eine Weiſe, welche den Schmerz noch erhoͤhet, den ich dar⸗ uber empfinde, daß ich ſie nicht mehr ſehe. —— SésSyfel Muͤluk. 21 „Herr,“ ſprach ich zu ihm,„ich komme eben des⸗ halb in dieſen Palaſt, um euch Nachricht von dieſer Prinzeſſinn zu bringen.“ „Wehe!“ rief er aus,„welche Nachricht haſt du mir von ihr zu ſagen? Du koͤmmſt alſo, mir ihren Tod anzukuͤndigen? Du biſt ohne Zweifel Zeuge ihres klaͤglichen Endes geweſen?“ „ Nein, nein,“ erwiederte ich ihm,„ſie lebt noch, und ihr werdet ſie heute noch wiederſehen.“. „Oh! wo haſt du ſie angetroffen?“ fragte der Koͤnig weiter:„an welchem Orte war ſie verborgen?“ Jetzt erzaͤhlte ich ihm alle meine Abenteuer, ich verbreitete mich beſonders uͤber dasjenige von dem Schloſſe und dem Geiſte, welches er mit um ſo groͤ⸗ ßerer Aufmerkſamkeit anhoͤrte, als er am meiſten Theil daran nahm. So bald ich meinen Bericht vollendet hatte, um⸗ armte er mich, und ſagte zu mir: 4 „Prinz,“(denn ich hatte ihm bei der Erzaͤhlung meiner Geſchichte auch meine Abkunft entdeckt,)„was habe ich euch nicht zu verdanken? Ich liebe meine Tochter zaͤrtlich, ich hoffte nicht mehr, ſie wiederzu⸗ ſehen, und ihr bringet ſie mir zuruck: wie kann ich euch meine Schuld dafuͤr abtragen?— Auf, laßt uns jetzt,“ fuhr er fort,„zuſammen nach der Kara⸗ vanſerei gehen, wo ihr ſie gelaßen habt: ich brenne vor Ungeduld, meine geliebte Malika zu umarmen.“ 1 22 10%. Tag. Mit dieſen Worten gab er ſeinem Veſyr Befehl, eine Saͤnfte bereiten zu laßen; was alsbald geſchah. Er ließ mich ſodann mit ihm die Saͤnfte beſteigen, und ſo begaben wir uns beide, in Begleitung einiger Beamten zu Pferde, nach der Karavanſerei, wo Ma⸗ lika mit Ungeduld mich erwartete. Es laͤßt ſich nicht ausdruͤcken, wie groß die gegen⸗ ſeitige Freude war, welche der Koͤnig von Serendib un ſeine Tochter bei ihrem Wiederſehen empfanden. ch den erſten Entzuͤckungen, verlangte der Koͤnig von Malika ſelber eine umſtaͤndliche Erzaͤhlung ihrer Entfuͤhrung und Befreiung. Sie ermangelte nicht, ihm alles zu erzaͤhlen, dergeſtalt, daß er ganz befrie⸗ digt war. Er hatte Grund zu glauben, daß ſeine Tochter ihre Tugend gluͤcklich vor der Unverſchaͤmtheit ihres Entfuͤhrers bewahrt, und auch daß ſie die Er⸗ kenntlichkeit gegen ihren Befreier nicht zu weit getrie⸗ ben hatte. Auch ſchien er ſehr mit meiner Zuruͤckhal⸗ 8 tung und Großmuth zufrieden. Wir kehrten alle nach dem Palaſte zuruͤck, wo der Koͤnig mir eine praͤchtige Wohnung gab. Er ließ oͤf⸗ fentliche Gebete anſtellen, um dem Himmel fuͤr die Heimkehr der Prinzeſſinn zu danken. Darnach feierten die Einwohner dieſelbe durch vielfache Freudenfeſte. Bei Hofe war auch ein praͤchtiges Feſt, zu welchem der ſnmshhe Adel der Inſel eingeladen war; alle —. — q¶— — — Sésyfel Muüuͤluk. 23 wurden koͤſtlich bewirthet, und dabei Areka) im Ueberfluß geſpendet. Hundert und achter Tag. Der Koͤnig von Serendib erzeigte mir tauſend Freundlichkeiten: er nahm mich mit auf die Jagd; kurz, ich mußte bei allen ſeinen Vergnuͤgungen ſein. Allmaͤhlich faßte er ſo große Zuneigung zu mir, daß er eines Tages zu mir ſagte: „O mein Sohn, es iſt Zeit, euch einen Plan zu entdecken, welchen ich entworfen habe. Ihr habt mir meine Tochter wiedergegeben, ihr habt einen betruͤbten Vater getroͤſtet; ich will mich meiner Schuld gegen euch entledigen: werdet mein Schwiegerſohn und der Erbe meiner Krone.“ Ich dankte dem Koͤnige fuͤr ſeine Guͤte, und bat ihn, es mir nicht uͤbel zu deuten, wenn ich die Ehre ablehnete, welche er mir anthun wollte. Ich ſagte * *) Areka heißt ein Baum, der auf Ceylan, und auch an⸗ derswo, wächſt. Seine Frucht ſchmeckt ſäuerlich, aber dabei ſehr angenehm. Man genießt ſie mit etwas Kalk und in ein Bethelblatt eingewickelt. Die Einwohner von Cey⸗ lan, welche gemeinlich ein hohes Alter erreichen, ſchreiben es dem Genuſſe dieſer Frucht zu. 24 108. T a g. ihm die Urſache, welche mich bewogen hatte, Kahiro zu verlaßen; ich bekannte ihm, daß ich mich von dem Bilde Bedy al Dſchemals nicht losreißen, und nicht aufhoͤren koͤnnte, eine gegenſtandloſe Leidenſchaft zu naͤhren:„wolltet ihr,“ fuhr ich fort,„eure Tochter einem Manne geben, deſſen Herz ſie nicht beſitzen koͤnnte? Nein, Herr, die Prinzeſſinn Malika verdient ein beſſeres Loos!“ e ne denn aber,“ hub der Koͤnig wieder an, wie kann ich fuͤr den Dienſt erkenntlich ſein, welchen ihr mir geleiſtet habt?“ „Herr,“ antwortete ich ihm,„ich bin genugſam dafuͤr belohnt. Die Aufnahme, welche Euer Majeſtaͤt mir gewaͤhrt hat, das Vergnüͤgen allein ſchon, die Prinzeſſinn von Serendib aus den Haͤnden des raͤube⸗ riſchen Geiſtes befreiet zu haben, iſt hinlaͤngliche Be⸗ lohnung fuͤr mich. Alles was ich von eurer Erkennt⸗ lichkeit mir erbittte, iſt ein Schiff, welches mich nach Baßra bringe.“ Der Koͤnig that, was ich wuͤnſchte; er befahl, ein Schiff mit allen Vorraͤthen zu verſehen, und es zur Abreiſe bereit zu halten, ſo bald es mir beliebte. Indeſſen hielt er mich noch einige Zeit an ſeinem Hofe zuruͤck, und wiederholte mir taͤglich, wie Leid Sésyfel Müluk. 25 es ihm thaͤte, daß ich nicht in Serendib bleiben wollte. Endlich kam der Tag meiner Abreiſe; ich nahm Abſchied von dem Koͤnig und von der Prinzeſſinn„ die mir beide noch tauſend Freundlichkeiten bezeigten, und ſchiffte mich ein. Wir beſtanden auf der Fahrt mehrere ſo heftige Stuͤrme, daß wir haͤtten Schiffbruch leiden muͤßen; aber die Kraft meines Ringes verhinderte unſern Un⸗ tergang. So gelangte ich, nach einer langen See⸗ fahrt, gluͤcklich nach Baßra, von wo ich mit einer Handelskaravane nach Groß⸗Kahiro in Aegypten heim⸗ kehrte. Hier fand ich große Veraͤnderungen am Hofe; mein Vater lebte nicht mehr„ und mein Bruder ſaß auf dem Throne. Der neue Sultan empfing mich an⸗ fangs, wie ein Bruder, der die Bande ehrte, welche uns mit einander verknuͤpften; er verſicherte mich, er waͤre erfreut, mich wiederzuſehen; er ſagte mir, mein Vater haͤtte einige Tage nach meiner Abreiſe, in ſei⸗ ner Schatzkammer zufaͤllig das Kaͤſtchen eroͤffnet, worin der Siegelring Salomons und das Bildnis der Prinzeſſinn Bedy al Dſchemal verwahrt geweſen, und da er beides vermißt, haͤtte er vermuthet, daß ich 108. TDag. ſie genommen. Ich bekannte meinem Bruder alles, und uͤbergab ihm den Ring. Er ſchien von meinem Ungluͤcke geruͤhrt, und ver⸗ wunderte ſich uͤber mein eigenſinniges Schickſal; er beklagte mich, und ich fuͤhlte, daß ſein Bedauern meine Leiden vermehrte. Gleichwohl war alle Theil⸗ nahme, welche er mir bezeigte, nichts als treuloſe Verſtellung: noch am Tage meiner Heimkehr ließ er mich in einen Thurm ſperren, und ſchickte in der Nacht einen Offizier dahin, mir das Leben zu nehmen. Aber dieſer Offizier hatte Mitleid mit mir, und ſagte zu mir: „Prinz, der Sultan euer Bruder hat mir aufge⸗ tragen, euch zu ermorden; er fuͤrchtet, es moͤchte euch die Luſt anwandeln, zu herrſchen, und euch da⸗ hin bringen einen Aufſtand zu erregen: ſeine grauſame Vorſicht haͤlt es fuͤr noͤthig, euch ſeiner Sicherheit aufzuopfern. Gluͤcklicherweiſe fuͤr euch, hat er ſich an mich gewendet; er bildet ſich ein, ich werde ſeinen unmenſchlichen Befehl vollſtrecken, und erwartet, mich mit eurem Blute befleckt wiederzuſehen. Ha! eher ſoll dieſe Hand das meinige vergießen. Rettet euch, Prinz; die Thuͤre eures Gefaͤngniſſes ſteht of⸗ fen, benutzet die Dunkelheit der Nacht; verlaßet Ka⸗ hiro, entfliehet, und haltet euch nicht eher auf, als bis ihr in Sicherheit ſeid.“. Sésyfel Muͤluk. 927 Nachdem ich dieſem edelmuͤthigen Offizier allen ſchuldigen Dank geſagt hatte, ergriff ich die Flucht, und mich der Vorſehung hingebend, eilte ich, die Staaten meines Bruders zu verlaßen. Ich hatte das Vergnuͤgen, in die euren zu gelangen, Herr, und an eurem Hofe eine ſichere Zuflucht zu finden.“ Fortſetzung der Geſchichte Bedreddin⸗Lolo's und ſeines Veſyrs. Nachdem der Prinz Séyfel Muͤluk die Erzaͤhlung ſeiner Abenteuer vollendet hatte, ſagte er zu dem Koͤnige von Damask: „Das iſt es, was Euer Majeſtaͤt zu wiſſen ge⸗ wuͤnſcht hat; ermeſſet jetzt, ob ich mich eines voll⸗ kommenen Gluͤckes erfreue; ich bin mehr als jemals mit Bedy al Oſchemal beſchaͤftigt; ich mag mir im⸗ merhin vorſtellen, daß es etwas Thoͤrichtes iſt, in ſie verliebt zu ſein, wie in eine noch lebende Schoͤne: es iſt mir unmoͤglich, uͤber ihr Bild Herr zu werden: ſie herrſchet immerdar in meinem Herzen.“ Bedreddin konnte eine ſo ſeltſame Liebe nicht be⸗ greifen; er fragte ſeinen Sinftlig, ob er das Bild⸗ nis von Bedy al DOſchemal noch haͤtte. „Ja, Herr,“ antwortete ihm Séyfel Muͤluk, nund ich trage es ſtaͤts bei mir.“ 3 — Bedreddin⸗Lolo. 29 Mit dieſen Worten zog er es aus ſeinem Buſen, und zeigte es dem Koͤnige. Der Fuͤrſt bewunderte die Zuͤge des Bildes, und ſagte: „Die Tochter des Koͤnigs Schabbal war wirklich eine reizende Prinzeſſinn; ich billige wohl die Liebe, welche Salomon fuͤr ſie hegte: aber eure Leiden⸗ ſchaft ſcheint mir ſehr thoͤricht.“ „Herr,“ nahm hierauf der traurige Veſyr das Wort,„Euer Majeſtaͤt kann aus der Geſchichte des Prinzen Séyfel Muͤluk abnehmen, daß alle Menſchen ihren Kummer haben, und daß ſie nicht geboren ſind, um vollkommen gluͤcklich auf Erden zu ſein.“ „Ich kann immer noch nicht glauben, was du mir ſagſt,“ erwiederte der Koͤnig;„ich habe eine beſſere Meinung von der menſchlichen Natur, und ich bin uͤberzeugt, daß es Menſchen gibt, deren Ruhe durch keinen Kummer geſtoͤrt wird.“ Hundert und neunter Tag. Der Kdoͤnig von Damask wollte ſeinem Veſyr be⸗ weiſen, daß es doch Menſchen gaͤbe, welche mit ih⸗ rem Schickſale ſehr zufrieden waͤren, und ſagte zu ſeinem Guͤnſtling: 30 109. Ta g. „Geh in der Stadt umher, nahe dich den Laͤden der Handwerker, und bringe mir auf der Stelle den⸗ jenigen her, welcher dir der froͤhlichſte ſcheint.“ Séyfel Muͤluk gehorchte, und kam einige Stunden darnach zu Bedreddin zuruͤck. „Wohlan,“ ſagte der Fuͤrſt zu ihm,„haſt du ge⸗ than, was ich dir befohlen hatte?“— „Ja, Herr,“ antwortete der Guͤnſtling;„ich bin an mehrere Laͤden gegangen, ich habe allerlei Hand⸗ werker geſehen, welche bei ihrer Arbeit ſangen, und mir ſehr zufrieden mit ihrem Looſe zu ſein ſchienen: unter anderen bemerkte ich einen jungen Weber, na⸗ mens Malek,*) der aus vollem Halſe lachte, und mit ſeinen Nachbarn ſcherzte; ich blieb ſtehen, um mit ihm zu reden: „Freund,“ ſagte ich zu ihm,„du ſcheinſt mir ſehr froͤhlich zu ſein.“ „Das iſt meine Art ſo,“ antwortete er mir;„ich bruͤte keine Schwermuth.“ Ich fragte die Nachbarn, ob er wirklich von einer ſo heitern Gemuͤthsart waͤre; und ſie verſicherten mich alle, er thaͤte vom Morgen bis Abend nichts als la⸗ chen und ſcherzen. Hierauf hieß ich ihn mir folgen, und ich habe ihn hieher in den Palaſt gebracht; er *) Maler bedeutet König. Bedreddin⸗Lolo. 31 befindet ſich in eurem Vorzimmer; ſoll ich ihn zu euch herein fuͤhren?“ „Laß ihn herein treten,“ ſagte der Koͤnig,„ich muß hier mit ihm reden.“ Sogleich verließ Séyfel Muͤluk das Zimmer Bedreddins, und kam nach einem Augenblick wieder, in Begleitung eines jungen Mannes von ſehr gutem Aus⸗ ſehen, welchen er dem Koͤnige vorſtellte. Der Weber warf ſich vor dem Fuͤrſten nieder, und dieſer ſagte zu ihm: „Steh auf, Malek, und bekenne mir aufrichtig, ob du wirklich ſo vergnuͤgt biſt, als du zu ſein ſcheinſt: man ſagt, du thuſt den ganzen Tag bei deiner Arbeit nichts als lachen und ſingen; du glltſt fuͤr den gluͤck⸗ lichſten meiner Unterthanen, und man hat Grund zu glauben, daß du es auch wirklich biſt: laß mich hoͤ⸗ ren, ob man dich unrichtig beurtheilt, oder ob du wirklich mit deiner Lage zufrieden iſt; es iſt mir ſehr wichtig, dieſes zu wiſſen, und ich fordere von dir vor allen, daß du ohne Verſtellung mit mir redeſt.“ „Großer Koͤnig,“ antwortete der Weber, nachdem er aufgeſtanden war, moͤgen die Tage Euer Majeſtaͤt ſo lange dauern, als die Welt„ und von tauſend Ver⸗ gnuͤgungen, ohne Einmiſchung einiges Kummers, zuſammengewebt ſein! Aber erlaßet es euerm Skla⸗ ven, eure Neugier zu befriedigen. Wenn es verboten iſt, vor den Koͤnigen zu luͤgen, ſo muß man auch 3² 109. TDag. geſtehen, daß es Wahrheiten gibt, welche man nicht zu enthuͤllen wagt: ich kann euch nur ſagen, daß man eine falſche Meinung von mir hegt. Trotz meinem Lachen und meinem Geſange, bin ich vielleicht der ungluͤcklichſte der Menſchen; begnuͤget euch mit dieſem Bekenntnis, und noͤthiget mich nicht, euch eine um⸗ ſtaͤndliche Erzaͤhlung meiner Unfaͤlle zu geben.“ „Ei warum fuͤrchteſt du,“ fuhr Bedreddin fort, „mir deine Abenteuer zu erzaͤhlen? machen ſie dir etwa keine Ehre?“ „Sie wüͤrden auch den groͤßten Fuͤrſten ehren,“ verſetzte der Weber,„aber ich habe beſchloſſen, ſie geheim zu halten.“ 1 „Malek,“ ſagte jetzt der Koͤnig,„du reizeſt meine Neugierde, und ich befehle dir, ſie zu befriedigen.“ Der Weber wagte nichts mehr gegen dieſe Worte eimendan, und begann alſo die Geſchichte ſeines ebens: Geſchichte Maleks und der Prinzeſſinn Schirin. —/ „Ich bin der einzige Sohn eines Kaufmanns zu Szurat;*) bald nach ſeinem Tode verſchwendete ich den groͤßten Theil des großen Vermoͤgens, welches er mir hinterlaßen hatte; ich verzehrte eben noch das Uebrige vollends mit meinen Freunden, als ein Frem⸗ der, der durch Szurat kam, und wie er ſagte, nach der Inſel Serendib reiſen wollte, ſich zufaͤllig eines Tages an meiner Tafel befand. Das Geſpraͤch lief uͤber Reiſen; die Einen ruͤhmten den Nutzen und die Annehmlichkeit davon; und die Andern ſtellten die *) Bedeutende Handelsſtadt, im Königreiche Guſurar, am Meerbuſen von Kambaya, auf der Weſtküſte In⸗ diens, vormals zum Reiche des Groß⸗Moguls gehörig. III. 3 34 109. Tag. Gefahren dabei vor. Einige von der Geſellſchaft, die ſchon gereiſt atten⸗ erzaͤhlten uns von ihren Aben⸗ teuern. Die merkwuͤrdigen Dinge, welche ſie geſehen hatten, reizten mich im Stillen, auch zu reiſen; die Gefahren aber welche ſie beſtanden hatten, verhinder⸗ ten mich, dieſen Entſchluß zu faſſen. 1 Nachdem ich ſie alle angehoͤrt hatte, ſprach ich zu ihnen: „Man kann nicht von dem Vergnuͤgen die Welt zu durchreiſen ſprechen hoͤren, ohne die groͤßte Luſt zum Reiſen zu bekommen; aber die Gefahren, denen ſich ein Reiſender ausſetzt, benehmen mir allen Ge⸗ ſchmack an fremden Laͤndern. Wenn man,“ fuͤgte ich laͤchelnd hinzu,„von einem Ende der Erde bis zum andern reiſen koͤnnte, ohne widerwaͤrtige Begegniſſe unterweges, ſo wuͤrde ich morgen Szurat verlaßen.“ Auf dieſe Worte, welche die ganze Geſellſchaft la⸗ chen machten, ſagte der Fremde zu mir: „Herr Malek, wenn ihr Luſt habt zu reiſen und bloß die Gefahr, Raͤubern zu begegnen, euch verhin⸗ dert, euch dazu zu entſchließen, ſo will ich euch, wenn es euch beliebt, eine Weiſe lehren, wie ihr un⸗ verſehrt von Land zu Land reiſen koͤnnet.“ Ich glaubte, er ſcherzete; aber nach dem Mahle zog er mich beiſeite und ſagte zu mir, er wuͤrde ſich am naͤchſten Morgen fruͤh wieder bei mir einfinden, und mich etwas ſehr Seltſames ſehen laßen. Malek und Schirin. 35 Er blieb nicht aus; er kam wieder zu mir und ſagte zu mir:„Ich komme, euch mein Wort zu hal⸗ ten; aber ihr werdet erſt in einigen Tagen den Erfolg meines Verſprechens ſehen, denn was ich euch zu zeigen habe, iſt nicht ein Werk von Einem Tage. Schicket einen eurer Sklaven aus, einen Tiſchler zu holen, und laßt Beide Bretter mitbringen.“. Dieß geſchah auf der Stelle. Hundert und zehnter Tag. Als der Sklave mit dem Tiſchler gekommen war, ſagte der Fremde zu dem letzten, er ſollte einen Ka⸗ ſten ſechs Fuß lang und ſieben Fuß breit machen. Der Tiſchler legte ſogleich Hand ans Werk. Der Fremde ſeinerſeits blieb auch nicht muͤßig; er machte mehrere Stuͤcke zu der Maſchiene, als Schrauben, Springfedern und dergleichen. So arbeiteten beide den ganzen Tag, worauf der Tiſchler entlaßen wurde. Der Fremde verwandte den naͤchſten Tag dazu, die Springfedern einzuſetzen und das Werk zu vollenden. Endlich, am dritten Tage, war der Kaſten fertig; er wurde mit Perſiſchen Teppichen bedeckt, und aufs Feld hinaus getragen, wo ich mich auch mit dem Fremden hin begab, der hier zu mir ſagte: 36 rro. Tag. „Schicket eure Sklaven heim, und laßt uns hier allein bleiben; ich moͤchte nicht gern andere Leute, 81 euch, zu Zeugen deſſen haben, was ich jetzo thun Ich befahl meinen Sklaven, nach Hauſe zu ge⸗ hen, und ich blieb mit dem Fremden allein. Ich war ſehr darauf geſpannt, was er mit dieſer Maſchiene vornehmen wuͤrde, als er hinein trat: in demſelben Augenblick erhub ſich der Kaſten von der Erde, und durchſchnitt mit unglaublicher Geſchwindigkeit die Luft: in einem Nu war er ſehr weit von mir, und gleich darauf ſchwebte er wieder zu mir herab. Ich kann nicht beſchreiben, wie ſehr ich von die⸗ ſem Wunder uͤberraſcht war. „Ihr ſeht,“ ſagte der Fremde, indem er wieder aus dem Kaſten trat,„ein ſehr gemaͤchliches Fahrzeug, und ihr werdet uͤberzeugt ſein, daß man bei dieſer Art zu reiſen nicht zu befuͤrchten hat, unterweges be⸗ raubt zu werden. Ihr ſeht hier nun das Mittel, welches ich euch verſchaffen wollte, ſicher zu reiſen; ich ſchenke euch dieſen Kaſten; ihr koͤnnt euch deſſelben bedienen, wenn euch eines Tages die Luſt anwandelt, fremde Laͤnder zu durchreiſen. Bildet euch nicht ein,“ fuhr er fort,„daß eine Zauberei hiebei im Spiele iſt: weder durch kabaliſtiſche Worte, noch durch die Kraft eines Talismans erhebt ſich dieſer Kaſten in die Luft; ſeine Bewegung iſt durch die ſinnreiche Kunſt bewirke Malek und Schirin. 37 welche aus der Lehre von den bewegenden Kraͤften her⸗ vorgeht. Ich verſtehe vollkommen die Mechanik, und kann noch andere eben ſo auffallende Maſchienen ma⸗ chen, als dieſe hier iſt.“ Ich dankte dem Fremden fuͤr ein ſo koſtbares Ge⸗ ſchenk, und gab ihm aus Erkenntlichkeit dafuͤr eine Boͤrſe voll Zeckienen. „Lehret mich,“ ſagte ich hierauf zu ihm,„was ich thun muß, um dieſen Kaſten in Bewegung zu ſetzen.“ „Das ſollt ihr ſogleich lernen,“ antwortete er mir. Zugleich ließ er mich mit ihm in die Maſchiene treten, dann druͤckte er eine Springfeder, und alsbald wurden wir in die Luͤfte erhoben. Hierauf zeigte er mir, was man thun müͤßte, um ſeine Fahrt ſicher zu len⸗ ken, und ſagte: 1 „Wenn ihr dieſe Schraube hier drehet, ſo fahret ihr rechts, und wenn ihr jene da drehet, ſo geht es links: druͤcket ihr dieſe Feder, ſo ſteiget ihr auf, und druͤcket ihr jene Feder, ſo ſenket ihr euch herab.“ Ich wollte ſelber den Verſuch machen, ich drehte die Schrauben, ich druͤckte die Federn, und wirklich gehorchte der Kaſten meiner Hand, er ging, wie es mir beliebte, und ich beſchleunigte oder hemmte nach Gefallen ſeine Bewegung. Nachdem wir in den Luͤften mehrere Schwenkun⸗ gen gemacht hatten, richteten wir unſern Flug nach 38 1 110. Tag. meinem Hauſe, und ließen uns in meinem Garten herab. Das geſchah alles ganz gemaͤchlich, denn wir hatten den Teppich abgenommen, welcher die Ma⸗ ſchiene bedeckte, und dieſe hatte mehrere Loͤcher, ſo wohl zum Athemholen, als zum Sehen. Wir waren noch vor meinen Sklaven zu Hauſe, und dieſe konnten ſich nicht genug verwundern, uns ſchon dort zu finden. Ich ließ den Kaſten in mein Zimmer bringen, wo ich ihn ſorgfaͤltiger bewahrte, als einen Schatz; und der Fremde ſchied ebenſo zufrie⸗ den von mir, als ich es mit ihm war. Ich fuhr fort, mit meinen Freunden luſtig zu le⸗ ben, bis ich mein ganzes Erbe verzehrt hatte; ich fing ſogar ſchon an, zu borgen, dergeſtalt, daß ich mich unvermerkt mit Schulden belaſtet ſah. Sobald man in Szurat wußte, daß ich zu Grunde gerichtet waͤre, verlor ich alles Zutrauen; niemand wollte mir noch leihen, und meine Glaͤubiger waren ſehr unge⸗ duldig, ihr Geld wieder zu haben, und draͤngten mich, ſie zu bezahlen. Da ich mich nun ohne Huͤlfsmittel ſah, und mir alſo Verdruß und Schimpf bevorſtand, ſo nahm ich meine Zuflucht zu meinem Kaſten. Ich ſchleppte ihn eines nachts aus meinem Zimmer in den Hof, und trat hinein, mit einigen Lebensmitteln und dem weni⸗ gen Gelde, das mir noch uͤbrig blieb. Ich druͤckte die Springfeder, welche die Maſchiene emporſteigen Malek und Schirin. 39 ließ; ſodann drehte ich die eine Schraube, und ent⸗ fernte mich von Szurat und von meinen Glaͤubigern, ohne zu befuͤrchten, daß ſie Aßa's hinter mir her ſen⸗ den wuͤrden. Ich ließ den Kaſten die Nacht hindurch ſo ſchnell als moͤglich laufen, und ich glaubte die Schnelligkeit des Windes zu uͤbertreffen. Bei Anbruche des Tages ſchaute ich durch ein Loch, um zu ſehen, an welchem Ort ich waͤre. Ich erblickte nichts als Berge, Ab⸗ gruͤnde, duͤrres Gefilde, und eine grauenvolle Wuͤſte. Ueberall, wo ich hinſah, entdeckte ich keine Spur ei⸗ ner menſchlichen Wohnung. Ich ſetzte alſo meine Luft⸗ fahrt den ganzen Tag und die folgende Nacht fort. Am naͤchſten Morgen befand ich mich uͤber einem ſehr dichten Walde, an welchem eine recht ſchoͤne Stadt in einer weiten Ebene lag. 1 Ich hielt an, die Stadt zu betrachten, ſo wie den praͤchtigen Palaſt, der ſich am Ende der Ebene mei⸗ nen Blicken darbot. Ich wuͤnſchte ſehnlich zu wiſſen, wo ich waͤre, und ich uͤberlegte, auf welche Weiſe ich meine Neugier befriedigen koͤnnte, als ich auf dem Felde einen Bauern bei der Landarbeit erblickte. Ich ſenkte mich in dem Walde nieder, ließ dort meinen Kaſten, naͤherte mich dem Landmanne, und fragte ihn, wie die Stadt hieße. „Junger Mann,“ antwortete er mir,„man ſieht wohl, daß ihr ein Fremdling ſeid, weil ihr nicht wiſſet, 40 110. TDag. daß dieſe Stadt Gasna) heißt. Der gerechte und tapfere Koͤnig Bahaman hat darin ſeinen Sitz.“ „Und wer bewohnt,“ fragte ich weiter,„den Pa⸗ laſt, welchen wir dort am Ende der Ebene ſehen?“ „Der Koͤnig von Gasna,“ antwortete er,„hat ihn bauen laßen, um darin die Prinzeſſinn Schirin**) ſeine Tochter verwahrt zu halten, welche durch ihr Horoſkop bedroht iſt, von einem Manne verfuͤhrt zu werden. Bahaman hat, um dieſe Weiſſagung zu ver⸗ eiteln, jenen Palaſt bauen laßen, der aus weißem armor, und von tiefen Waſſergraͤben umgeben iſt. Die Pforte iſt von Chineſiſchem Stahle, und uͤberdieß daß der Koͤnig ſelber den Schluͤſſel dazu hat, ſteht 2) Gasnah und Gasnin, Hauptſtadt der Provinz Sab⸗ leſtan, an den Gränzen Indoſtans, hat weder Bäume noch Gärten, und iſt nur beruͤhmt als Sitz des nach ihm benannten Perſiſch⸗Indiſchen Herrſcherſtammes der Gas⸗ neviden, deren Stifter Mahmud ſie erbaut hat. Die 14 Fürſten dieſes Stammes herrſchten von 997 bis 1162, und unter ihnen iſt kein Bahaman, wohl ein Baharam⸗ ſchah, der vorletzte... **) Schirin bedeuter im Perſiſchen Sanft, Angenehm. Berühmt iſt der Morgenländiſche Liebesroman von Fer⸗ had und Schirin, der Gemahlinn des Perſiſchen Königs Chosru Parvis, welche die Tochter des Griechiſchen Faiſers Mauritius und eine Chriſtinn geweſen, namens Irene,(Serena), woraus die Morgenländer bedeut⸗ ſam Schiein gemacht haben. H. . Malek und Schirin. 4¹ eine zahlreiche Wache Tag und Nacht bereit, jeder⸗ mann den Eingang zu verwehren. Der Koͤnig koͤmmt jede Woche einmal, die Prinzeſſinn ſeine Tochter zu beſuchen; dann kehrt er wieder nach Gasna zuruͤck. Schirin hat in dieſem Palaſte keine andre Geſellſchaft, als eine Hofmeiſterinn und einige Sklavinnen.“ Hundert und eilfter Tag. Ich dankte dem Bauern dafuͤr, daß er mich von allen dieſem unterrichtet hatte, und lenkte meine Schritte nach der Stadt. Als ich nahe daran war, hoͤrte ich ein großes Geraͤuſch, und bald ſah ich meh⸗ rere praͤchtig gekleidete Reiter, alle auf ſehr ſchoͤnen und reich aufgeſchirrten Roſſen, zum Vorſchein kom⸗ men. In der Mitte dieſes praͤchtigen Aufzuges er⸗ blickte ich einen großen Mann, der auf dem Haupt eine goldene Krone trug und deſſen Kleid mit Dia⸗ manten beſaͤet war. Ich vermuthete gleich, es waͤre der Koͤnig von Gasna, der ſeine Tochter zu beſuchen ritt; und in der Stadt erfuhr ich wirklich, daß ich mich in meiner Vermuthung nicht getaͤuſcht hatte. Nachdem ich einen Gang durch die Stadt gemacht, und meine Neugier etwas befriedigt hatte, gedachte ich meines Kaſtens; und obwohl ich ihn an einem Orte gelaßen hatte, der ſicher genug ſchien, ſo ward 4² 111. Tag. ich jedoch unruhig. Ich verließ Gasna wieder, und ich war nicht eher beruhigt, als bis ich wieder dahin gekommen, wo er noch war. Jetzt verzehrte ich un⸗ beſorgt und mit großer Eßluſt die wenigen Ueberbleibſel meines Vorraths; und da die Nacht bald anbrach, ſo beſchloß ich, hier im Walde zu bleiben. Ich hatte Grund zu hoffen, daß ein tiefer Schlaf ſich bald meiner Sinne bemeiſtern wuͤrde; denn meine Schulden und die uͤble Lage, worin ich mich befand, machten mir wenig Unruhe: gleichwohl konnte ich nicht einſchlafen; was der Bauer mir von der Prin⸗ zeſſinn Schirin erzaͤhlt hatte, beſchaͤftigte unaufhoͤrlich meine Gedanken. „Iſt es moͤglich,“ ſagte ich bei mir ſelber,„daß Bahaman ſich durch eine leere Weiſſagung hat ein⸗ ſchrecken laßen? Hatte er noͤthig, einen Palaſt zu bauen, um ſeine Tochter zu verwahren? waͤre ſie nicht ſicher genug in dem ſeinigen geweſen?— Auf der andern Seite, wenn die Sterndeuter wirklich die dunkle Zukunft durchdringen, wenn ſie in den Ster⸗ nen die kuͤnftigen Ereigniſſe leſen,*) ſo iſt es vergeb⸗ lich, ihre Weiſſagungen vereiteln zu wollen, ſie muͤßen ſich nothwendig erfuͤllen. Alle Vorkehrungen, welche die menſchliche Weisheit dagegen treffen mag, koͤnnen *) Misbrauch der Perſer für das Horoſkop,(Weiſſagung aus dem Stande der Geſtirne bei der Geburt.) Malek und Schirin. 43 ein in den Sternen uͤber uns verhaͤngtes Ungluͤck nicht abwenden. Da die Prinzeſſinn nun einmal fuͤr einen Mann eine Schwachheit haben ſoll, ſo iſt es verge⸗ bens, ſie davor bewahren zu wollen.“ Dieſe raſtloſe Beſchaͤftigung mit Schirin, welche ich mir viel ſchoͤner malte, als alle Frauen, welche ich noch geſehen,— obwohl ich zu Szurat und Goa*) ihrer genug gekannt hatte, die fuͤr ſehr ſchoͤn gelten konnten, und die nicht wenig dazu beigetragen hatten, mich zu Grunde zu richten,— erregte in mir die Luſt, das Abenteuer zu verſuchen. „Ich muß,“ ſagte ich bei mir ſelber,„mich auf das Dach des Palaſts der Prinzeſſinn ſchwingen, und von dort verſuchen in ihr Gemach zu gelangen: ich habe vielleicht das Gluͤck, ihr zu gefallen; vielleicht bin ich der Sterbliche, deſſen begluͤckte Kuͤhnheit die Sterndeuter in dem Himmel geleſen haben.“ Ich war jung, folglich unbeſonnen; es fehlte mir nicht an Muth. Ich faßte dieſen verwegenen Ent⸗ ſchluß und fuͤhrte ihn auf der Stelle aus: ich ſchwang mich in die Luft empor und lenkte meinen Kaſten nach dem Palaſt hin; die Dunkelheit der Nacht war ſo groß, als ich nur wüuͤnſchen konnte. Ich ſchwebte unbemerkt uͤber die Koͤpfe der Soldaten weg, welche *) An der Indiſchen Küſte, unterhatb Szurat, im König⸗ reich Dekan: Hauptſtadt der Portugieſiſchen Beſitzung. 44 IIIr. Tag. rings um den Graben vertheilt genau Wache hielten. Ich ließ mich auf das Dach an einer Stelle nieder, wo ich Licht ſah; hier ſtieg ich aus meinem Kaſten, und ſchluͤpfte durch ein Fenſter, welches, um die Kuͤh⸗ lung der Nacht einzulaßen, offen ſtand, in ein mit reichem Geraͤthe verziertes Zimmer, wo die Prinzeſ⸗ ſinn Schirin auf einem brokatenen Sopha lag und ſchlief. Sie erſchien mir von blendender Schoͤnheit, und ich fand ſie noch weit uͤber der hohen Vorſtellung welche ich mir von ihr gemacht hatte. Ich naͤherte mich ihr, um ſie zu betrachten; aber ich konnte nicht ohne Entzuͤcken ſo viel Reize anſchauen; ich kniete vor ihr nieder, und kuͤßte eine ihrer ſchoͤnen Haͤnde. Sie erwachte im Augenblick, und als ſie einen Mann in einer ſie beunruhigenden Stellung erblickte, ſo that ſie einen lauten Schrei, der alsbald ihre Hofmei⸗ ſterinn herbei rief, welche in einem Nebenzimmer ſchlief. „Mahpeiker,“) ſagte die Prinzeſſinn zu ihr, „komm mir zu Huͤlfe, hier iſt ein Mann! wie hat er nur in mein Gemach eindringen koͤnnen? Oder vielmehr, biſt du nicht Mitſchuldige dieſes Frevels?“ „Wer? ich?“ oerſetzte die Hofmeiſterinn:„ha! dieſer Verdacht beleidigt mich; ich bin nicht weniger erſtaunt, als ihr, dieſen jungen Verwegenen hier zu ſehen. Uebrigens, wenn ich wirklich auch ſeine Kuͤhn⸗ *) Mahpeiker bedeutet Geſtalt des Mondes. Malek und Schirin. 45 heit haͤtte beguͤnſtigen wollen, wie haͤtte ich die auf⸗ merkſame Wache rings um das Schloß hintergehen koͤnnen? Ihr wiſſet uͤberdem, daß zwanzig ſtaͤhlerne Pforten zu oͤffnen ſind, bevor man hier herein gelangt; daß das koͤnigliche Siegel auf jedem Schloſſe liegt, und daß der Koͤnig euer Vater die Schluͤſſel dazu hat. Ich begreife nicht, auf welche Weiſe dieſer junge Menſch alle dieſe Schwierigkeiten hat uͤberwinden koͤnnen.“ Waͤhrend die Hofmeiſterinn alſo ſprach, ſann ich darauf, was ich ihnen ſagen ſollte, und es fiel mir ein, ſie zu bereden, ich waͤre der Prophet Mahomed. „Schoͤne Prinzeſſinn,“ ſagte ich zu Schirin,„ſei nicht erſtaunt, und du Mahpeiker eben ſo wenig, daß ihr mich hier erſcheinen ſeht. Ich bin keiner von je⸗ nen Liebenden, welche Gold verſchwenden, und aller⸗ lei Kunſtgriffe anwenden, um zum Ziel ihrer Wuͤnſche zu gelangen: ich habe kein Verlangen, welches deine Tugend beunruhigen darf; fern ſei von mir jeder ſtraͤfliche Gedanke. Ich bin der Prophet Mahomed; nicht ohne Mitleid habe ich dich verurtheilt ſehen koͤn⸗ nen, deine ſchoͤnen Tage in einem Gefaͤngniſſe zu vertrauern, und ich komme, dir mein Wort zu ge⸗ ben, daß ich dich gegen die Weiſſagung, welche dei⸗ nen Vater Bahaman erſchreckt hat, in Sicherheit ſetzen werde. Sei fortan, ſo wie er, unbeſorgt we⸗ gen deiner Beſtimmung, welche nicht anders als 46 111. I12, Tag. ehrenvoll und gluͤcklich ſein kann, denn du ſollſt die Gemahlinn Mahomeds ſein. So bald als die Kunde von unſerer Vermaͤhlung in der Welt wird verbreitet ſein, ſo werden alle Koͤnige den Schwaͤher des großen Propheten fuͤrchten, und alle Prinzeſſinnen werden dein Loos beneiden.“. 4 Hundert und zwoͤlfter Tag. Schirin und ihre Hofmeiſterin ſahen bei dieſer Rede einander an, als wollten ſie ſich berathen, was ſie davon denken ſollten. Ich bekenne es, ich hatte Grund zu fuͤrchten, daß ich wenig Glauben bei ihnen finden wuͤrde: aber die Frauen ergeben ſich gern dem Wunderbaren. Mahpeiker und ihre Herrinn ſchenkten meinem Maͤhrchen Glauben. Sie hielten mich fuͤr Mahomed, und ich misbrauchte ihre Leichtglaͤubigkeit. Nachdem ich den ſchoͤnſten Theil der Nacht bei der Prinzeſſinn von Gasna zugebracht hatte, verließ ich vor Tages Anbruch ihr Gemach, nicht ohne ihr zu verſprechen, in der naͤchſten Nacht wiederzukom⸗ men. Ich begab mich eiligſt wieder zu meiner Ma⸗ ſchiene, ſetzte mich hinein, und erhub mich ſehr hoch, um nicht von den Soldaten bemerkt zu werden. Ich ſenkte mich abermals in dem Walde nieder; dort ließ ich den Kaſten ſtehen, und begab mich nach Malek und Schirin. 47 der Stadt, wo ich Lebensmittel fuͤr acht Tage, praͤchtige Kleider, einen ſchoͤnen Turban von Indi⸗ ſchem, goldgeſtreiften Linnen, und einen reichen Guͤr⸗ tel kaufte; ich vergaß auch nicht wohlriechende Waſ⸗ ſer und kraͤftiges Raͤucherwerk. Ich verwandte all mein Geld auf dieſen Einkauf, ohne wegen der Zu⸗ kunft beſorgt zu ſein; mich duͤnkte, nach einem ſo lieblichen Abenteuer, koͤnnte mir nichts mehr fehlen. Ich blieb den ganzen Tag in dem Walde, wo ich mich damit beſchaͤftigte, mich zu ſchmuͤcken und mit Wohlgeruͤchen zu umduften. So bald die Nacht an⸗ gebrochen war, trat ich in meinen Kaſten, und be⸗ gab mich auf das Dach des Palaſts Schirins. Ich ſchluͤpfte in ihr Gemach, wie in der vorigen Nacht. Die Prinzeſſinn bezeugte mir, daß ſie mich mit gro⸗ ßer Ungeduld erwartete, und ſagte zu mir: „O großer Prophet, ich fing ſchon an, mich zu beunruhigen, und ich fuͤrchtete, ihr haͤttet eurer Gat⸗ tinn ſchon vergeſſen.“ „Ah! meine geliebte Prinzeſſinn,“ antwortete ich ihr,„konntet ihr dieſer Furcht Raum gebenk weil ich euch mein Wort gegeben habe, ſollt ihr da nicht uͤberzeugt ſein, daß ich euch immerdar lieben werde?“ „Aber ſaget mir,“ hub ſie wieder an,„warum ihr ein ſo jugendliches Anſehen habt? Ich bildete mir ein, der Prophet Mahomed waͤre ein ehrwuͤrdi⸗ ger Greis.“ 4 48. 112. Tag. „Ihr irrtet euch nicht,“ erwiederte ich ihr,„dieſe Vorſtellung muß man eigentlich von mir haben, und wenn ich vor euch eben ſo erſchiene, wie ich zuweilen den Glaͤubigen erſcheine, denen ich dieſe Ehre anthun will, ſo wuͤrdet ihr mich mit einem langen weißen Barte und ganz kahlem Haupte ſehen. Aber mich duͤnkte, ihr wuͤrdet lieber eine weniger bejahrte Geſtalt ſehen, und deshalb habe ich die Geſtalt eines jungen Mannes angenommen.“ Die Hofmeiſterinn miſchte ſich jetzt in unſre Un⸗ terhaltung und ſagte, ich haͤtte ſehr wohl daran ge⸗ than, und wenn man einen Ehemann vorſtellen wollte, koͤnnte man nicht liebenswuͤrdig genug erſcheinen. Gegen das Ende der Nacht verließ ich abermals das Schloß, aus Furcht, daß man in mir einen fal⸗ ſchen Propheten entdecken moͤchte. Ich kam in der folgenden Nacht wieder, und ich richtete es immer ſo geſchickt ein, daß Schirin und Mahpeiker nicht einmal argwoͤhnten, es koͤnnte eine Betruͤgerei dahinter ſtek⸗ ken. Es iſt wahr, daß die Prinzeſſinn unvermerkt ſo großen Geſchmack an mir fand, daß dieſes nicht we⸗ nig dazu beitrug, ſie alles glauben zu machen, was ich ihr ſagte; denn wenn man fuͤr jemand eingenommen iſt, ſo hat man ſeine Aufrichtigkeit nicht in Verdacht. Nach Verlauf einiger Tage, begab der Koͤnig von Gasna, in Gefolge ſeiner Beamten, ſich wieder nach dem Palaſte der Prinzeſſinn ſeiner Tochter; und als 4 Malek und Schirin. 49 er die Thuͤren wohlverſchloſſen und ſein Siegel auf jedem Schloſſe fand, ſo ſagte er zu ſeinen Veſyren, die ihn begleiteten: „Alles geht aufs beßte von der Welt. So lange die Thuͤren dieſes Schloſſes noch in dieſem Zuſtande ſind, fuͤrchte ich wenig das Ungluͤck, von welchem meine Tochter bedrohet iſt.“. Er ſtieg allein hinauf in das Zimmer Schirins, die ſich nicht erwehren konnte, bei ſeinem Anblicke un⸗ ruhig zu werden. Er gewahrte es, und wollte die Urſache davon wiſſen. Seine Neugierde vermehrte die Unruhe der Prinzeſſinn, die ſich endlich genoͤthigt ſah, ſie zu befriedigen und ihm alles erzaͤhlte, was vorge⸗ gangen war.—. Eure Majeſtaͤt kann ſich denken, wie groß die Ueberraſchung des Koͤnigs Bahaman war, als er ver⸗ nahm, daß er, ohne darum zu wiſſen, der Schwie⸗ gervater Mahomeds waͤre. „Ha, welcher Unſinn!“ rief er aus.„Ah, meine Tochter, wie leichtgläͤubig biſt du! O Himmel! ich ſehe wohl, es iſt vergeblich, die Unfaͤlle abwenden zu wollen, welche du uͤber uns verhaͤngt haſt; die Weiſ⸗ ſagung aus den Geſtirnen iſt an Schirin erfuͤllt, ein Betruͤger hat ſie verfuͤhrt!“ Mit dieſen Worten verließ er in großer Aufwallung das Zimmer der Prinzeſſinn, und durchſuchte den III. 4 50 112. Tag. Palaſt von oben bis unten. Aber er mochte uͤberall noch ſo viel ſuchen, er entdeckte keine Spur des Ver⸗ fuͤhrers. Dieß verdoppelte ſein Erſtaunen. „Auf welchem Wege,“ ſagte er,„hat der Verwe⸗ gene in dieſes Schloß gelangen koͤnnen? Das kann ich noch immer nicht begreifen.“ Jetzo rief er ſeinen Veſyren und ſeinen Vertrauten; ſie eilten auf ſeinen Ruf herbei, und als ſie ihn ſo bewegt ſahen, waren ſie ganz erſchrocken daruͤber, und ſein erſter Miniſter fragte ihn: „Was gibt es, Herrd ihr ſcheint unruhig, be⸗ wegt: welches Ungluͤck verkuͤndigt uns der Unmuth, welcher ſich in euren Augen malt?“ 1 Der Koͤnig erzaͤhlte ihnen alles, was er vernom⸗ men hatte, und fragte ſie, was ſie von dieſem Aben⸗ teuer daͤchten. Der Groß⸗Veſyr ſprach zuerſt; er meinte, dieſe vorgebliche Heirat koͤnnte wohl wahr ſein, obſchon ſie ganz das Anſehn eines Maͤhrchens haͤtte; es gaͤbe in der Welt maͤchtige Haͤuſer, die kein Bedenken truͤgen, ihren Urſprung aͤhnlichen Begebenheiten zuzuſchreiben; kurz, was ihn betraͤfe, ſo hielte er den Umgang welchen die Prinzeſſinn mit Mahomed zu haben be⸗ hauptete, fuͤr etwas ganz Moͤgliches. Die uͤbrigen Veſyre waren, vielleicht aus Gefaͤl⸗ » ligkeit fuͤr denjenigen, der zuerſt geredet hatte, alle Malek und Schirin. 51 ſeiner Meinung. Aber ein Hofmann erhub ſich gegen dieſe Meinung, und beſtritt ſie folgendermaßen: „Ich bin erſtaunt, verſtaͤndige Leute, einem ſo wenig glaubwuͤrdigen Berichte Glauben ſchenken zu ſe⸗ hen. Wie koͤnnen kluge Maͤnner nur denken, daß un⸗ ſer Großer Prophet im Stande ſei, wieder auf die Erde zu kommen, um ſich Frauen zu ſuchen? er, der in ſeiner himmliſchen Wohnung von den ſchoͤnſten Huri's*) umgeben iſt. Das widerſpricht dem geſunden Menſchenverſtande; und wenn der Koͤnig mir folgen will, ſo wird er, anſtatt dieſem laͤcherlichen Maͤhrchen Glauben zu leihen, der Sache auf den Grund zu kommen ſuchen. Ich bin uͤberzeugt, er wird bald den Buben entdecken, der unter einem geheiligten Na⸗ men die Frechheit gehabt hat, die Prinzeſſinn zu ver⸗ fuͤhren.“ Obwohl Bahaman von Natur leichtglaͤubig genug war, und er ſeinen erſten Miniſter fuͤr einen ſehr einſichtsvollen Mann hielt, auch alle ſeine Miniſter wirklich an Mahomeds Vermaͤhlung mit Schirin glau⸗ ben ſah, ſo war er doch nicht minder entgegengeſetzter Meinung. Er beſchloß, ſich uͤber die Wahrheit auf⸗ ¹) Die Huti's ſind, wie ſchon geſagt iſt, Mädchen in Ma⸗ homeds Paradieſe. Durch ein Wunder des Korans bleiben ſie immer funfzehn Jahr alt, und immer friſch, obwohl ſie das Glück der glückſeligen Muſelmänner machen. 5² 112. Tag. zuklaͤren; aber um es kluͤglich anzuſtellen, und wo moͤglich mit dem vorgeblichen Propheten ſelber ohne Zeugen zu ſprechen, entließ er ſeine Veſyre und Hof⸗ leute, und ſagte zu ihnen: „Kehret zuruͤck nach Gasna; ich allein will dieſe Nacht hier im Schloſſe bei meiner Tochter bleiben. Gehet, und kommet morgen wieder hieher zu mir.“ Sie gehorchten alle dem Befehle des Koͤnigs; ſie kehrten nach der Stadt zuruͤck, und Bahaman begann, in Erwartung der Nacht, die Prinzeſſinn von neuen auszufragen. Er fragte ſie, ob ich mit ihr gegeſſen haͤtte. „Nein, Herr,“ antwortete ihm ſeine Tochter;„ich habe vergeblich ihm Speiſen und Getraͤnk angeboten, er hat nichts davon gewollt, und ich habe ihn keine Nahrung zu ſich nehmen ſehen, ſo lange er hieher koͤmmt.“ „Erzaͤhle mir nochmals das ganze Abenteuer,“ ſagte er zu ihr,„und verhehle mir keinen Umſtand.“ Schirin erzaͤhlte ihm hierauf von neuen alles aus⸗ fuͤhrlich; und der Koͤnig hoͤrte ihr aufmerkſam zu, und erwog alle Umſtaͤnde. Malek und Schiriu. 55 Hundert und dreizehnter Tag. Unterdeſſen kam die Nacht heran. Bahaman ſetzte ſich auf ein Sopha, und ließ Wachslichter anzuͤnden, welche auf einen Marmortiſch vor ihn geſetzt wurden. Er zog ſeinen Saͤbel, um ſich noͤthigenfalls deſſelben zu bedienen, und mit meinem Blute den ſeiner Ehre zugefuͤgten Schimpf zu raͤchen. Er erwartete mich jeden Augenblick; und in dieſer Erwartung, mich ploͤtzlich erſcheinen zu ſehen, war er, wie ich glaube, nicht ohne Unruhe. In dieſer Nacht war zufaͤllig die Luft ſehr entzuͤn⸗ det. Ein langer Blitzſtrahl blendete die Augen des Koͤnigs, und machte ihn zittern; er naͤherte ſich dem Fenſter, durch welches ich, wie Schirin ihm geſagt hatte, herein kommen wuͤrde, und als er die Luft in ſtaͤtem Wetterleuchten ſah, ſo verwirrte ihn ſeine Ein⸗ bildungskraft, obgleich er nichts ſah, was nicht ſehr natuͤrlich war. Er betrachtete dieſe Lufterſcheinungen nicht als die Wirkungen von Duͤnſten, welche ſich entzuͤndeten, er wollte lieber glauben, daß dieſe auf⸗ flammenden Feuer der Erde die Niederfahrt Mahomeds ankuͤndigten, und daß der Himmel nur deshalb ſo feurig erſchiene, weil er ſeine Thore oͤffnete, um den Propheten herauszulaßen. Da nun der Geiſt des Koͤnigs ſich in einer ſolchen Stimmung befand, ſo konnte ich ungeſtraft vor die⸗ 54 113. Tag. ſem Fuͤrſten erſcheinen. Auch war er, weit entfernt, bei meiner Erſcheinung am Fenſter, in Wuth zu ge⸗ rathen, von Ehrfurcht und Scheu ergriffen; er ließ ſeinen Saͤbel fallen, warf ſich zu meinen Fuͤßen, kuͤßte ſie, und ſagte zu mir: „O großer Prophet, wer bin ich, und was habe ich gethan, um die Ehre zu verdienen, euer Schwaͤher zu ſein?“ Ich ſchloß aus dieſen Worten, was zwiſchen dem Koͤnig und der Prinzeſſinn vorgegangen war, und ſah wohl, daß der gute Bahaman eben ſo leicht zu taͤu⸗ ſchen war, als ſeine Tochter. Ich war erfreuet, zu vernehmen, daß ich nicht mit einem jener Starkgeiſter. zu thun hatte, welche den Propheten einer aͤngſtlichen Pruͤfung unterworfen haͤtten, und ſeine Schwaͤche be⸗ nutzend, ſagte ich zu ihm, indem ich ihn aufhub: „O Koͤnig, du biſt von allen Muſelmaͤnniſchen Fuͤrſten mein eifrigſter Anhaͤnger, und folglich derje⸗ nige, der mir der angenehmſte ſein muß. Es ſtand auf der Tafel des Schickſals geſchrieben, daß deine Tochter von einem Menſchen verfuͤhrt werden ſollte, wie deine Sterndeuter durch die Einſicht ihrer Kunſt richtig entdeckt haben: aber ich habe den Allerhoͤchſten gebeten, dir ein ſo toͤdtliches Leid zu erſparen, und dieſes Ungluͤck aus der Reihe der Vorbeſtimmungen der Menſchen zu tilgen. Dieß hat er, mir zu Liebe, gern thun wollen, unter der Bedingung, daß Schirin Malek und Schirin. 55 eine meiner Frauen wuͤrde. Und hierin habe ich ge⸗ willigt, um dich fuͤr die guten Handlungen zu beloh⸗ nen, welche du taͤglich ausuͤbſt.“ Der Koͤnig Bahaman war nicht im Stande, ſich zu enttaͤuſchen. Dieſer ſchwache Fuͤrſt glaubte alles, was ich ſagte; entzuͤckt von der Verbindung mit dem großen Propheten, warf er ſich abermals zu meinen Fuͤßen, um mir ſeine Erkenntlichkeit fuͤr meine Huld zu bezeugen. Ich hub ihn wieder auf, ich umarmte ihn, und verſicherte ihn meiner Obhut. Er konnte nicht Ausdruͤcke finden, die ihm ſtark genug waren, mir zu danken. Darnach hielt er es der Wohlanſtaͤn⸗ digkeit gemaͤß, mich mit ſeiner Tochter allein zu la⸗ ßen, und zog ſich in ein anderes Zimmer zuruͤck. Ich blieb einige Stunden bei Schirin; aber wel⸗ ches Vergnuͤgen ich auch an ihrer Unterhaltung fand, doch gab ich wohl Acht auf die Zeit; ich fuͤrchtete, der Tag moͤchte mich uͤberraſchen und mein Kaſten auf dem Dache geſehen werden; deshalb entfernte ich mich gegen Ende der Nacht, und begab mich wieder in das Holz. Am folgenden Morgen kamen die Veſyre und Hof⸗ leute wieder nach dem Schloſſe der Prinzeſſinn. Sie fragten den Koͤnig, ob er nun darmuͤber aufgeklaͤrt ware, was er zu wiſſen wuͤnſchte. „Ja,“ ſagte er ihnen,„ich weiß nun, woran ich bin; ich habe den großen Propheten ſelber geſehen, 56 113. T a g. ich habe mit ihm geſprochen. Er iſt der Gemahl mei⸗ ner Tochter, nichts iſt gewiſſer.“ Bei dieſen Worten wandten ſich die Veſyre und Hofleute zu demjenigen, der ſich gegen die Moͤglichkeit dieſer Heirath aufgelehnt hatte, und warfen ihm ſeine Unglaͤubigkeit vor. Aber ſie fanden ihn in ſeiner Mei⸗ nung feſt; er vertheidigte ſie mit Hartnaͤckigkeit, was auch der Koͤnig ſagen mochte, um ihn zu uͤberzeugen, daß Mahomed ſelber Schirin geheiratet haͤtte. Es fehlte nicht viel, ſo waͤre Bahaman gegen dieſen Un⸗ glaͤubigen in Zorn gerathen, der nun das Maͤhrchen des ganzen Hofes ward. Ein neuer Zufall, welcher denſelben Tag eintrat, befeſtigte die Veſyre vollends in ihrer Meinung. Als ſie mit ihrem Herrn nach der Stadt zuruͤckkehrten, uͤberfiel ſie auf der Ebene ein Ungewitter. Ihre Au⸗ gen wurden von tauſend Blitzen geblendet; und der Donner ließ ſich auf eine furchtbare Weiſe hoͤren, daß es ſchien, als waͤre der juͤngſte Tag gekommen. Es geſchah zufaͤllig, daß das Pferd des unglaͤubigen Hofmanns ſcheu ward, es baͤumte ſich und warf ſeinen Herrn ab, der ſich ein Bein brach: dieſer Un⸗ fall wurde als eine Wirkung des himmliſchen Zorns angeſehen. „O Elender!“ rief der Koͤnig aus, als er den Hofmann ſtuͤrzen ſah,„da ſiehſt du nun die Frucht Malek und Schirin. 57 deiner Halsſtarrigkeit. Du haſt mir nicht glauben wollen, und der Prophet beſtraft dich dafuͤr.“ Man trug den Beſchaͤdigten nach ſeinem Hauſe, und Bahaman war nicht ſo bald in ſeinem Palaſt, als er in Gasna oͤffentlich bekannt machen ließ, alle Einwohner ſollten die Hochzeit Schirins mit dem Pro⸗ pheten durch Freudenfeſte feiern. Ich ging an dieſem Tage in der Stadt umher, und vernahm dieſe Neuigkeit, ſo wie den Unfall des vom Pferde geſtuͤrzten Hofmanns. Es iſt unbegreiflich, wie weit die Leichtglaͤubigkeit und der Aberglaube die⸗ ſes Volks ging. Man ſtellte oͤffentliche Luſtbarkeiten an, und man hoͤrte uͤberall ausrufen:„Es lebe Bahaman, der Schwiegervater des Propheten!“ So bald die Nacht gekommen war, begab ich mich wieder in den Wald, und war bald wieder bei der Prinzeſſinn. 5 Schoͤne Schirin,“ ſagte ich zu ihr beim Eintritt in ihr Zimmer,„du weißt noch nicht, was heute auf der Ebene vorgegangen iſt. Ein Hofmann, welcher zweifelte, daß du wirklich Mahomed zum Gemahl haͤtteſt, hat ſeinen Zweifel gebuͤßt: ich habe ein Ge⸗ witter erregt, welches ſein Pferd ſcheu gemacht hat; der Hofmann iſt hinab geſtuͤrzt, und hat ſich ein Bein gebrochen. Ich habe nicht fuͤr noͤthig erachtet, die Rache weiter zu treiben: aber ich ſchwoͤre bei meinem 113. Tag. Grabe, welches zu Medina) iſt, wenn noch je⸗ mand ſich unterfaͤngt, an deinem Gluͤcke zu zweifeln, ſo ſoll es ihm das Leben koſten.“ Nachdem ich einige Stunden mit der Prinzeſſinn zugebracht hatte, entfernte ich mich wieder. Am folgenden Tage verſammelte der Koͤnig ſeine Veſyre und Hofleute, und ſprach zu ihnen: „Laßt uns alle zuſammen hingehen, und Maho— med fuͤr den Ungluͤcklichen um Verzeihung bitten, der ſich weigerte, mir zu glauben, und der nun die Strafe ſeiner Unglaͤubigkeit empfangen hat.“ Zu gleicher Zeit ſtiegen ſie zu Pferde und begaben ſich nach dem Palaſte der Prinzeſſinn. Der Koͤnig ſelber oͤffnete die Pforten, welche er am vorigen Tage verſchloſſen und mit ſeinem Petſchaft verſiegelt hatte. Er ſtieg, in Begleitung ſeiner Veſyre, hinauf in das Zimmer ſeiner Tochter, und ſagte zu ihr: „Schirin, wir kommen, dich zu bitten, daß du dich bei dem Propheten fuͤr einen Mann verwendeſt, der ſich ſeinen Zorn zugezogen hat.“ ——;— *) Medinah bedeutet überhaupt Stadt, vorzugsweiſe Jathreb in Arabien, wohin ſich Mahomed von Mekka flüchtete, und welches der Sitz und die Grabſtätte der erſten Chalyfen, ſo wie Mahomeds ſelber, ward, und der Wallfahrtsort der Muſelmänner. H. Malek und Schirin. 59 „Ich weiß ſchon, was es iſt, Herr,“ antwortete die Prinzeſſinn,„Mahomed hat mir davon geſagt.“ Hierauf wiederholte ſie ihnen, was ich ihr in der Nacht geſagt hatte, und that ihnen kund, daß ich ge— ſchworen haͤtte, alle diejenigen zu vertilgen, welche an ihrer Vermaͤhlung mit dem Propheten zweifelten. Hundert und vierzehnter Tag. Als der gute Koͤnig Bahaman dieſe Rede vernahm, wandte er ſich zu ſeinen Veſyren und Hofleuten, und ſprach zu ihnen: „Wenn wir auch bisher allem dem noch nicht Glauben beigepflichtet haͤtten, was wir geſehen haben, koͤnnten wir gegenwaͤrtig noch unuͤberzeugt ſein, daß Mahomed mein Schwiegerſohn iſt? Ihr ſeht, er hat ſelber zu meiner Tochter geſagt, daß er das Ungewit⸗ ter erregt hat, um ſich an den Unglaͤubigen zu raͤchen.“ Alle die Miniſter und auch die Uebrigen befeſtig⸗ ten ſich nun in der Ueberzeugung, ſie waͤre die Ge⸗ mahlinn des Propheten. Sie warfen ſich vor ihr nieder und flehten ſie demuͤthiglich an, ſich zu Gun⸗ ſten des ungluͤcklichen Hofmanns bei mir zu verwen⸗ den; was ſie ihnen denn auch verſprach. Waͤhrend dieſer Zeit verzehrte ich alles, was mir noch an Vorraͤthen uͤbrig blieb, und da ich kein Geld 60 114. Tag. mehr hatte, ſo kam es dahin, daß der große Prophet Mohomed nicht mehr aus noch ein wußte. Doch er⸗ ſann ich bald ein Mittel. „Meine Prinzeſſinn,“ ſprach ich eines Nachts zu Schirin,„wir haben bei unſerer Vermaͤhlung noch eine Foͤrmlichkeit zu beobachten vergeſſen: du haſt mir keinen Brautſchatz gegeben, und dieſe Unterlaßung iſt mir unlieb.“ „Wohlan, mein theurer Gemahl,“ antwortete ſie mir,„ich will morgen meinem Vater davon ſagen, und er wird mir ohne Zweifel alle ſeine Reichthuͤmer herſenden.“ „ Nein, nein,“ erwiederte ich,„es iſt nicht noͤthig, ihm davon zu ſagen, ich kuͤmmere mich wenig um Schaͤtze, die Reichthuͤmer ſind mir unnuͤtz: es iſt hin⸗ reichend, daß du mir einige von deinen Kleinoden ge⸗ beſt, das iſt der einzige Brautſchatz, welchen ich von dir haben will.“ Schirin wollte mich mit allen ihren Edelgeſteinen beladen, um den Brautſchatz deſto ſtattlicher zu ma⸗ chen; aber ich begnuͤgte mich damit, zwei dicke Dia⸗ manten zu nehmen, welche ich am folgenden Tage an einen Juwelier in Gasna verkaufte. Durch dieſes Mit⸗ tel ſetzte ich mich in den Stand, die Rolle Mahomeds noch laͤnger zu ſpielen. Es war beinahe ſchon ein Monat verſtrichen, daß ich unter dem Namen des Propheten ein ſehr angeneh⸗ 4 Malek und Schirin. 61 mes Leben fuͤhrte, als in der Stadt Gasna ein Ge⸗ ſandter von einem benachbarten Koͤnige kam, um Schirin anzuhalten. Er wurde bald vorgelaßen, und nachdem er den Gegenſtand ſeiner Geſandtſchaft vorge⸗ tragen hatte, ſagte Bahaman zu ihm: „Es thut mir Leid, meine Tochter dem Koͤnig eu⸗ erm Herrn, nicht bewilligen zu koͤnnen: ich habe ſie ſchon dem Propheten Mahomed zur Gemahlinn ge⸗ eben.“ 8 Der Geſandte dachte bei dieſer Antwort, der Koͤnig von Gasna waͤre naͤrriſch geworden. Er nahm Ab⸗ ſchied von dem Fuͤrſten und kehrte heim zu ſeinem Herrn, der anfangs auch mit ihm glaubte, daß jener den Verſtand verloren haͤtte: nachmals aber hielt er dieſe Antwort fuͤr Verachtung, und ward dadurch er⸗ bittert; er hub Truppen aus, brachte ein ſtarkes Heer zuſammen, und uͤberzog damit das Koͤnigreich Gasna. Dieſer Koͤnig, namens Kakem, war ſtaͤrker als Bahaman, der uͤbrigens ſich ſo langſam zum Em⸗ pfange ſeines Feindes ruͤſtete, daß er die ſtarken Fort⸗ ſchritte deſſelben nicht aufhalten konnte. Kakem ſchlug etliche Heerhaufen, welche ſich ſeinem Zuge wider⸗ ſetzen wollten, drang ſchleunig gegen die Stadt Gasna vor, und fand Bahamans Heer in der Ebene vor dem Schloſſe der Prinzeſſinn verſchanzt. Die Abſicht dieſes erzuͤrnten Brautwerbers war, den Koͤnig ſogleich in ſeinen Verſchanzungen anzugreifen; aber weil ſeine 6²2 114. T a g. Truppen der Ruhe bedurften, und er erſt gegen Abend in der Ebene ankam, ſo verſchob er den Angriff bis auf den naͤchſten Morgen. Unterdeſſen begann der Koͤnig, bei der Kunde von der Anzahl und Tapferkeit der Krieger Kakems, zu fuͤrchten; er verſammelte ſeinen Rath, wo jener Hof⸗ mann, der vom Pferde geſtuͤrzt war und ſich beſchaͤ⸗ digt hatte, folgendermaßen ſprach: „Ich bin erſtaunt, daß der Koͤnig bei dieſem Vor⸗ fall einige Unruhe zu haben ſcheint. Welche Beſorgnis koͤnnen, ich ſage nicht bloß Kakem, ſondern alle Fuͤr⸗ ſten der Erde, dem Schwiegervater Mahomeds verur⸗ ſachen? Euer Majeſtaͤt darf ſich ja nur an den Schwiegerſohn wenden. Flehet den großen Propheten um Huͤlfe an, er wird alsbald eure Feinde zerſtieben. Ja, er muß es, weil er Urſach iſt, daß Kakem herge⸗ kommen, die Ruhe eurer Unterthanen zu zerſtoͤren.“ Obwohl dieſe Rede nur aus Spott geſprochen war, ſo ermangelte ſie jedoch nicht, Bahaman Vertrauen einzufloͤßen. „Du haſt Recht,“ ſagte er zu dem Hofmann,„ich muß mich an den Propheten wenden: ich will ihn bit⸗ ten, meinen ſtolzen Feind zuruͤckzuſchlagen, und ich Hagezz hoffen, daß er mein Gebet nicht verwerfen wird. Nach dieſen Worten, begab er ſich zu Schirin, und ſagte zu ihr: Malek und Schirin. 68 „Meine Tochter, morgen fruͤh mit Anbruche des Tages wird Kakem uns angreifen, und ich fuͤrchte er wird unſere Verſchanzungen erſtuͤrmen: deshalb komme ich her, Mahomed um Huͤlfe zu bitten. Wende all deinen Einfluß bei ihm an, um ihn zu vermoͤgen, daß er unſere Vertheidigung uͤbernehme. Wir wollen uns beide vereinigen, um ihn uns geneigt zu machen.“ „Herr,“ antwortete die Prinzeſſinn,„es wird nicht ſehr ſchwer halten, den Propheten fuͤr uns zu ge⸗ winnen; er wird alsbald die Truppen eurer Feinde zerſtreuen, und alle Koͤnige der Welt werden, auf Unkoſten Kakems, Ehrfurcht vor euch lernen.“ „Indeſſen,“ erwiederte der Koͤnig,„koͤmmt die Nacht heran, und der Prophet erſcheint nicht. Sollte er uns verlaßen haben?“ „Nein, mein Vater,“ verſetzte Schirin,„waͤhnet nicht, daß er uns in der Noth verlaßen koͤnne. Er ſieht vom Himmel, wo er iſt, das Heer das uns um⸗ lagert, und vielleicht iſt er ſchon im Begriff, Verwir⸗ rung und Schrecken darunter zu verbreiten.“ Dieß war es in der That, was Mahomed zu thun Luſt hatte. Ich hatte waͤhrend des Tages von ferne Kakems Heer beobachtet; ich hatte mir ſeine Stellung bemerkt, und vor allen das Zelt des Koͤnigs in Obacht genommen. Ich las kleine und große Kieſel zuſammen, fuͤllte damit meinen Kaſten, und um Mitternacht er⸗ hub ich mich in die Luft. Ich ſchwebte uͤber Kakems 64 114. Sag. Lager, und erkunnte ohne Muͤhe das Zelt, worin der Koͤnig lag. Es war ein ſehr hohes, glaͤnzend vergol⸗ detes Gezelt, in Geſtalt einer Kuppel, auf zwoͤlf Saͤulen von bemaltem Holze, die in die Erde einge⸗ ſenkt waren. Die Zwiſchenraͤume der Saͤulen waren durch Geflechte von mancherlei Baumzweigen geſchloſ⸗ ſen; oben an den Knaͤufen waren zwei Fenſter, eins gen Oſten, das andre gen Suͤden. Alle Wachen um das Zelt her ſchliefen, ſo daß ich unbemerkt bis zu einem der Fenſter herabſchweben konnte. Ich ſah den Koͤnig auf einem Sopha liegen, das Haupt auf ein ſeidenes Kiſſen geſtuͤtzt. Ich bog mich zur Haͤlfte aus meinem Kaſten vor, ſchleuderte einen dicken Kieſelſtein nach Kakems Stirn und ver⸗ wundete ihn gefaͤhrlich. Er that einen lauten Schrei, der alsbald ſeine Wachen und Offiziere aufweckte. Man lief herbei und fand den Fuͤrſten mit Blute be⸗ deckt und faſt ohne Bewußtſein. Man ſchreiet, der Laͤrm verbreitet ſich in dem Lager, und jeder fraͤgt, was es gibt. Das Geruͤcht laͤuft bald um, daß der Koͤnig verwundet worden, ohne daß man wiſſe, wo⸗ her der Wurf gekommen ſei. Waͤhrend man noch den Urheber davon ſucht, erhebe ich mich bis zu den Wol⸗ ken, und laße einen Hagel von Steinen auf das Zelt des Koͤnigs und die Umgegend hinab fallen. Einige Soldaten werden davon verwundet, und ſchreien, es regne Steine. Dieſe Neungkeit verbreitet ſich ſchnell, Malek und Schirin. 65 und um ſie zu beſtaͤtigen, werfe ich uͤberall Kieſel aus. Jetzo bemaͤchtigt ſich Schrecken des Heeres; die An⸗ fuͤhrer, wie die Gemeinen, waͤhnen, der Prophet ſei gegen Kakem ergrimmt, und druͤcke durch dieſes Wun⸗ der nur zu ſehr ſeinen Zorn aus. Kurz, die Feinde Bahamans ergriffen voll Entſetzen die Flucht; ja ſie flohen mit ſolcher Uebereilung, daß ſie alles ihr Zeug und ihre Zelte in Stich ließen, mit dem Geſchrei: „Wir ſind verloren, Mahomed will uns alle ver⸗ tilgen!"/à5 Hundert und funfzehnter Tag. Der Koͤnig war bei Anbruche des Tages nicht we⸗ nig uͤberraſcht, als er anſtatt ſich angegriffen zu ſehen, gewahrte, daß der Feind ſich zuruͤckzog. Alsbald ver⸗ folgte er ihn mit ſeinen beßten Soldaten. Er richtete unter den Fluͤchtlingen ein großes Blutbad an, und holte den Koͤnig Kakem ſelber ein, den ſeine Wunde verhinderte ſehr zu eilen. „Warum,“ ſprach er zu ihm,„biſt du ohne al⸗ les Recht und Grund in mein Reich eingefallen? Welche Urſache habe ich dir gegeben, mich zu be⸗ kriegen?“ 1 1 III. 5 66 115. Tag. „Bahaman,“ antwortete ihm der beſiegte Koͤnig, „ich bildete mir ein, du haͤtteſt mir aus Verachtung deine Tochter verſagt, und deshalb wollte ich mich raͤchen. Ich konnte nicht glauben, daß der Prophet Mahomed dein Schwiegerſohn waͤre: aber gegenwaͤr⸗ tig zweifle ich nicht mehr daran, weil er es iſt, der mich verwundet, und mein Kriegsheer zerſtreuet hat.“ Bahaman ließ ab von der Verfolgung des Feindes, und kehrte heim nach Gasna, mit Kakem, der noch denſelben Tag an ſeinen Wunden ſtarb. Man theilte die Beute, welche ſo anſehnlich war, daß alle Sol⸗ daten mit Reichthuͤmern beladen heimkehrten. In allen Moſcheen wurden Gebete angeſtellt, um dem Himmel zu danken, daß er die Feinde des Reichs zer⸗ ſtaͤubt hatte. Und als die Nacht gekommen war, begab der Koͤ⸗ nigiſic nach dem Palaſte der Prinzeſſinn und ſagte zu ihr: „Meine Tochter, ich komme, dem Propheten mei⸗ nen ſchuldigen Dank darzubringen. Du haſt durch den Eilboten, welchen ich an dich abgeſchickt habe, ſchon alles vernommen, was Mahomed fuͤr uns gethan hat: ich bin davon ſo durchdrungen, daß ich vor Verlan⸗ gen ſterbe, ſeine Knie zu umfaſſen.“ „Sein Wunſch wurde bald erfuͤllt; ich kam, wie gewoͤhnlich, durch das Fenſter in Schirins Zimmer, wo ich wohl vermuthete ihn zu finden. Er warf ſich Malek und Schirin. 67 mir ſogleich zu Fuͤßen, und kuͤßte den Boden, indem er ſagte: „ großer Prophet! es gibt keine Worte, wodurch ich euch alle meine Empfindungen ausdruͤcken koͤnnte. Leſet ſelber in meinem Herzen meine ganze Erkennt⸗ lichkeit.“ Ich hub Bahaman wieder auf, kuͤßte ihn auf die Stirn, und ſagte zu ihm: „Fuͤrſt, haſt du waͤhnen koͤnnen, ich wuͤrde dir in der Verlegenheit, worin du dich meinetwegen befan⸗ deſt, meine Huͤlfe verſagen? Ich habe den ſtolzen Kakem beſtraft, der die Abſicht hatte, ſich deiner Staaten zu bemeiſtern, und Schirin zu entfuͤhren, um ſie unter die Sklavinnen ſeines Harems aufzuneh⸗ men. Fuͤrchte fortan nicht mehr, daß irgend ein Fuͤrſt auf der Welt es wage, dich zu bekriegen. Und wenn einer die Verwegenheit haͤtte, dich anzugreifen, ſo werde ich auf ſeine Truppen einen Feuerregen hin⸗ abfallen laßen, der ſie allzumal in Aſche verwan⸗ deln ſoll. Nachdem ich dem Koͤnige von Gasna von neuen verſichert hatte, daß ich ſein Reich unter meine beſondere Obhut naͤhme, erzaͤhlte ich ihm, wie das feindliche Heer durch den Steinregen auf das Lager hinab war in Schrecken geſetzt worden. Bahaman ſeinerſeits berichtete mir, was Kakem zu ihm geſagt hatte, und ſodann zog er ſich 68 I 15. T a g. zuruͤck, um mich mit Schirin in voller Freiheit zu laßen. Dieſe Prinzeſſinn war nicht minder als ihr Vater erkenntlich fuͤr den wichtigen Dienſt, welchen ich dem Reiche geleiſtet hatte, und bezeugte mir ihre innige Dankbarkeit durch tauſend Liebkoſungen. Ich haͤtte mich dießmal beinahe vergeſſen; der Tag wollte ſchon anbrechen, als ich wieder zu meinem Kaſten kam: aber ich galt damals bei aller Welt ſo feſt fuͤr Ma⸗ homed, daß die Soldaten mich immerhin in der Luft haͤtten ſehen koͤnnen, ohne enttaͤuſcht worden zu ſein. Ja, es fehlte nicht viel, ſo haͤtte ich ſelber mich fuͤr 2 den Propheten gehalten, nachdem ich ein Arieasher in die Flucht geſchlagen hatte. Zwei Tage nach der Beerdigung Kakems, den man, obſchon er ein Feind war, doch mit einem praͤchtigen Leichenbegaͤngnis ehrte, befahl der Koͤnig von Gasna, in der Stadt Freudenfeſte anzuſtellen, ſo wohl wegen der Niederlage des feindlichen Heeres, als zur oͤffent⸗ lichen Hochzeitfeier der Prinzeſſinn Schirin mit Ma⸗ homed. Ich gedachte, ich muͤßte ein Feſt, welches unir zu Ehren angeſtellt wurde, auch durch irgend ein Wun⸗ der auszeichnen. In dieſer Abſicht kaufte ich in Gasna weißes Pech, Baumwollenſaamen und ein kleines Feuerzeug; ich war den ganzen Tag im Walde damit beſchaͤftigt, ein Feuerwerk zu bereiten: ich tauchte die — — * Malek und Schirin. 69 Baumwollenkoͤrner in das Pech, und in der Nacht, waͤhrend das Volk ſich auf den Straßen erluſtigte, ſchwebte ich uͤber die Stadt hin. Ich erhub mich ſo hoch, als moͤglich, damit man beim Leuchten meines Feuerwerks meine Maſchiene nicht leicht bemerken koͤnnte: jetzo ſchlug ich Feuer, und zuͤndetete das Pech an, welches mit den Baumwollenkoͤrnern ein ſehr ſchoͤnes Feuerwerk machte. Hierauf begab ich mich wieder nach dem Walde. Weil der Tag bald darauf anbrach, ſo ging ich nach der Stadt, um das Vergnuͤgen zu haben, zu hoͤren, was man von mir ſagte. Ich wurde in mei⸗ ner Erwartung nicht getaͤuſcht: das Volk fuͤhrte tau⸗ ſenderlei ausſchweifende Reden uͤber das Spiel, wel⸗ ches ich getrieben hatte; Einige ſagten, es waͤre Mahomed, der, um ſeine Zufriedenheit mit ihrem Feſte zu bezeugen, das himmliſche Feuer haͤtte erſchei⸗ nen laßen; Andere verſicherten, ſie haͤtten inmitten dieſer neuen Lufterſcheinungen den Propheten geſehen, mit weißem Bart und ehrwuͤrdigem Antlitze, welches ihre Einbildungskraft ihm verlieh. Men „Alle dieſe Reden ergetzten mich unendlich. Aber ach! waͤhrend ich dieſes Vergnuͤgen genoß, verbrannte in dem Walde mein Kaſten, mein theurer Kaſten„ das Werkzeug meiner Wunder: vermuthlich hatte ein Funke, den ich nicht bemerkt, die Maſchiene waͤhrend meiner Abweſenheit entzuͤndet und ſie verbrannt. Ich 70 115. Tag. fand ſie bei meiner Ruͤckkehr in Aſche verwandelt. Ein Vater, der bei der Heimkehr in ſein Haus ſeinen ein⸗ zigen Sohn von tauſend toͤdtlichen Stichen durchbohrt in ſeinem Blute ſchwimmen ſieht, koͤnnte von keinem heftigeren Schmerz ergriffen werden, als der war, welchen ich bei dieſem Anblick empfand. Der Wald hallte von meinen Wehklagen wieder; ich raufte mir die Haare aus, und zerriß meine Kleider. Ich weiß nicht, wie ich in meiner Verzweiflung noch meines Lebens ſchonte. Indeſſen, das Uebel war nicht mehr zu heilen; ich mußte einen Entſchluß faſſen, und es blieb mir nichts anderes uͤbrig, als anderswo mein Gluͤck zu ſuchen. Und ſo ließ der Prophet Mahomed Bahaman und Schirin ſehr in Sorgen uͤber ihn, und entfernte ſich traurig von der Stadt Gasna. Drei Tage darnach begegnete ich einer ſtarken Ka⸗ ravane von Kaufleuten aus Kahiro, welche in ihr Vaterland zuruͤckkehrten; ich geſellte mich zu ihnen, und gelangte ſo nach Groß⸗Kahiro, wo ich, zu mei⸗ nem Unterhalte das Weberhandwerk erwaͤhlte. Ich wohnte dort einige Jahre; ſodann kam ich hieher nach Damask, wo ich daſſelbe Handwerk treibe. Ich ſcheine nur mit meinem Zuſtande ſehr zufrieden, aber das iſt ein falſcher Anſchein. Ich kann des Gluͤcks nicht ver⸗ geſſen, deſſen ich vormals mich erfreuet habe. Schi⸗ rin ſtellt ſich unaufhoͤrlich meiner Seele dar; ich Malek und Schirin. 72² moͤchte ſie, meiner Ruhe wegen, aus meinem Ge⸗ daͤchtniſſe verbannen, ich biete ſelbſt alle meine Kraͤfte dazu auf, und dieſe eben ſo vergebliche als ſchmerz⸗ liche Anſtrengung macht mich ſehr ungluͤcklich. Das iſt es, Herr, was Euer Majeſtaͤt mir be⸗ fohlen hat, euch zu erzaͤhlen. Ich weiß wohl, daß ihr keinesweges die Betruͤgerei billigen werdet, welche ich mit dem Koͤnige von Gasna und der Prinzeſſinn Schirin geſpielt habe; ich habe ſelbſt mehr als ein⸗ mal bemerkt, daß meine Erzaͤhlung euern Unwillen erregt und eure Froͤmmigkeit meine entheiligende Frech⸗ heit verabſcheuet hat. Aber ich bitte euch, bedenket, daß ihr von mir Aufrichtigkeit gefordert habt, und geruhet, das Bekenntnis meiner Abenteuer mit der Nothwendigkeit euch zu gehorchen zu entſchuldigen.“ Fortſetzung der Geſchichte Bedreddi n⸗Lolo's und ſeines Veſyrs. Der Koͤnig von Damasr entließ den Weber, nach⸗ dem er ſeine Geſchichte gehoͤrt hatte. Hierauf ſprach er zu dem Veſyr und dem Guͤnſtling: „Die Abenteuer, welche dieſer Menſch uns er⸗ zaͤhlt hat, ſind nicht minder wunderſam, als die eu⸗ rigen. Aber obgleich er nicht gluͤcklicher iſt, als ihr, ſo bildet euch jedoch nicht ein, daß ich mich ſchon er⸗ gebe, und daraus ſchließe, daß niemand auf der Welt ſich einer vollkommenen Gluͤckſeligkeit erfreue. Ich will meine Feldherren, meine Hofleute und alle Beamten meines Hauſes befragen.— Geh, Veſyr,“ ſetzte er hinzu,„laß ſie mir, einen nach dem andern, herkommen.“ Atalmuͤlk gehorchte; er brachte zuerſt die Feld⸗ herren. Der Koͤnig befahl ihnen„ dreiſt zu ſagen, ob irgend ein geheimer Kummer die Ruhe ihres Lebens vergiftete, indem er ſie verſicherte, daß dieſes Be⸗ kenntnis durchaus keine Folgen nach ſich ziehen ſollte. Bedreddin⸗Lolo. 73 „Alsbald geſtanden ſie alle, daß ſie ihr Herzeleid haͤtten, daß ihre Ruhe getruͤbt waͤre. Der eine be⸗ kannte, er haͤtte zu viel Ehrgeiz; der andre, zu viel Habgier; noch ein andrer geſtand, er waͤre eiferſuch⸗ tig auf den Ruhm, welchen ſeine Genoſſen ſich erwor⸗ ben, und beklagte ſich, daß das Volk ſeiner Geſchick⸗ lichkeit in der Kriegskunſt nicht Gerechtigkeit widerfahren ließe. Kurz, als alle Feldherren den Grund ihrer Seele aufgedeckt, und Bedreddin geſehen hatte, daß keiner unter ihnen gluͤcklich waͤre, ſagte er zu ſeinem Veſyr, er wollte am folgenden Tage alle ſeine Hof⸗ leute hoͤren. 4. In der That, wurden ſie alle, der Reihe nach, befragt. Man fand aber auch nicht einen darunter, der zufrieden war:„Ich ſehe,“ ſagte dieſer hier, ntaͤglich meinen Einfluß geringer werden.“— 4 „Man durchkreuzt meine Plane,“ ſagte jener da, hich kann nicht zum Ziele meiner Wuͤnſche gelan⸗ gen.— 3 „Ich muß,“ ſagte ein andrer,„meine Feinde ſaͤuberlich ſchonen, und mich beſtreben, ihnen zu ge⸗ fallen.“— Noch ein andrer bekannte, er haͤtte ſein ganzes Vermoͤgen verzehrt, und ſogar alle ſeine Huͤlfsquellen erſchoͤpft. 8 Da der Koͤnig von Damask eben ſo wenig unter ſeinen Hofleuten, als unter ſeinen Feldherren, den 74 115. Tag. Mann fand, welchen er ſuchte; ſo glaubte er, der⸗ ſelbe koͤnnte doch unter den Beamten ſeines Hauſes ſein. Er hatte die Geduld auch dieſe alle, jeden ins⸗ beſondere, zu vernehmen: aber alle gaben ihm die⸗ ſelbe Antwort, wie die Feldherren und Hofleute; das heißt, ſie waͤren nicht frei von Kummer. Der eine beklagte ſich uͤber ſeine Frau; der andre uͤber ſeine Kinder; die nicht reich waren, klagten ihren Mangel als ihr Ungluͤck an; und denen, die Reichthuͤmer be⸗ ſaßen, fehlte Geſundheit, oder ſie hatten irgend einen andern Grund der Betruͤbnis. Bedreddin konnte, trotz allem dem, nicht die Hoffnung aufgeben, noch einen zufriedenen Menſchen anzutreffen.„Wenn ich auch nur Einen finde,“ ſagte er zu dem Veſyr,„mehr verlange ich nicht; denn du behaupteſt, es gibt gar keinen.“ „Ja, Herr,“ antwortete Atalmuͤlk,„ich behaupte es, und Euer Maieſtaͤt ſtellt eine vergebliche Nach⸗ forſchung an.“ Noch bin ich nicht davon uͤberzeugt,“ erwiederte der Koͤnig,„und mir faͤllt ein Mittel ein, wodurch ich bald erfahren kann, wie ich daruͤber denken ſoll.“ Zu gleicher Zeit ließ er in der Stadt oͤffentlich be⸗ kannt machen, daß alle diejenigen, die mit ihrem Schickſale zufrieden waͤren, und deren Ruhe durch keinen Kummer getruͤbt wuͤrde, binnen drei Tagen vor ſeinem Thron erſcheinen ſollten. I —„— Bedreddin⸗Lolo. 75 Dieſe Zeit verſtrich, und niemand erſchien vor dem Koͤnig; es ſchien, als wenn alle Einwohner mit Atal⸗ muͤlk im Einverſtaͤndniſſe waͤren. Hundert und ſechzehnter Tag. Als der Koͤnig von Damask ſah, daß niemand er⸗ ſchien, war er hoͤchſt erſtaunt daruͤber: „Das iſt unbegreiflich!“ rief er aus:„iſt es moͤg⸗ lich, daß in Damask, in einer ſo großen und volk⸗ reichen Stadt, ſich auch nicht Ein gluͤcklicher Menſch befinde?“ „Herr,“ ſagte Atalmuͤlk zu ihm,“ und wenn ihr auch alle Voͤlker der Erde befragetet, ſie wuͤrden euch alle daſſelbe ſagen, daß ſie ungluͤcklich ſind.“ „Das iſt etwas,“ erwiederte der Koͤnig,„das ich mir nicht denken kann: wie ſehr auch die Probe, welche ich angeſtellt habe, mich ſtutzig macht, ſo wollte ich doch, daß mein Reich in Frieden waͤre, und moͤchte gern die Welt durchwandern, um mich zu uͤberzeugen, wer von uns beiden in Irrthum iſt.“ Da fuͤgte es ſich in dieſer Zeit zufaͤllig, daß die Feinde Bedreddins Geſandte abſchickten und ihm, un⸗ ter vortheilhaften Bedingungen, den Frieden antragen ließen. Der Koͤnig verſammelte deshalb ſeinen Rath, und man hielt es fuͤr rathſamer, die Bedingungen 76 116, Dag. anzunehmen, als ſie zu verwerfen. Alſo wurde der Friede zwiſchen dem Koͤnig von Damask und ſeinen Feiden geſchloſſen, und alsbald oͤffentlich kund ge⸗ macht. 3 Kurze Zeit darauf, ſprach der Koͤnig zu ſeinem Veſyr: 1 „Jetzo, da ich keinen Krieg mehr zu fuͤhren habe, muß ich auf Reiſen gehen; ich bin dazu entſchloſſen, und werde nicht eher nach Damask zuruͤckkommen, als bis ich einen zufriedenen Menſchen angetroffen habe.“ „Herr,“ entgegnete ihm Atalmuͤlk,„warum will Euer Majeſtaͤt ſich den Gefahren und Muͤhſeligkeiten der Reiſe ausſetzen? muͤßt ihr nicht ſchon voͤllig uͤber⸗ zeugt ſein, daß ihr nicht finden werdet, was ihr ſu⸗ chet? Beurtheilet die Herzen aller anderen nach dem eurigen: ihr habt keine Feinde mehr zu fuͤrchten, eure getreuen Unterthanen lieben euch, euer Hof iſt unab⸗ laͤßig darauf bedacht, euch zu gefallen. Wenn ihr nun nicht gluͤcklich ſeid, welcher Menſch auf der Welt kann es denn ſeind?“—. „Es iſt wahr,“ erwiederte Bedreddin,„daß ich, ungeachtet des Friedens, welchen ich mit meinen Feinden geſchloſſen habe, dennoch keines vollkommenen Gluͤckes mich erfreue. Ich muß dir ſelbſt bekennen, daß eben das Verlangen, zu wiſſen, ob es wirklich keinen begluͤckten Menſchen auf Erden gibt, mich in Bedreddin⸗Lolo. 77 eine Unruhe verſetzt, welche allein ſchon das Gluͤck meines Lebens truͤben kann.“ 335 1 2 „Ach! Herr,“ ſagte der Veſyr,„warum wollt ihr dieſem Verlangen, welches euch alſo treibt, nach⸗ geben? ſeid verſichert, daß ihr niemand antreffen werdet, der mit ſeinem Looſe vollkommen zufrie⸗ den ſei.“ Der Veſyr Atalmuͤlk haͤtte ſehr gewuͤnſcht, daß ſein Herr dieſen Entſchluß aufgegeben„ aber der Koͤnig be⸗ harrte auf ſeinem Sinne; und nachdem er die Ver⸗ waltung des Staats ſeinen uͤbrigen Veſyren uͤbergeben hatte, reiſte er mit Atalmuͤlk, Séyfel Muͤluk und ei⸗ nigen Sklaven ab. int Gerrdt..1. Sie nahmen ihren Weg nach Bagdad, wo ſie gluͤcklich anlangten und in einer Karavanſerei abtraten, wo ſie ſich fuͤr drei Juwelenhaͤndler von Groß⸗Kahiro ausgaben, welche von einem Hofe zum andern reiſe⸗ ten. Sie hatten ſich mit allerlei Arten von Edelgeſtei⸗ nen verſehen, um beſſer zu ſcheinen, wofuͤr ſie gehal⸗ ten ſein wollten. Bedreddin hatte unerkannt das Vergnuͤgen, den Beherrſcher der Glaͤubigen zu ſehen, ſo zuit alles was es fuͤr ihn merkwuͤrdiges zu Bagdad gab. 1. 95 Eines Tages erblickte er in einer Straße einen Kalender,**) welcher mit ſehr lauter Stimme zu den *) Eine Art Mohammedaniſcher Bettelmönche. 116. TDag. ihn umgebenden Leuten redete. Er naͤherte ſich, und hoͤrte ihn folgendes ſagen: „O meine lieben Bruͤder, wie thdricht ſeid ihr, euch ſo viel Muͤhe zu geben, um Reichthuͤmer zuſam⸗ men zu raffen! Wenn der Engel des Todes euch ab⸗ zuholen koͤmmt, ſo moͤget ihr noch ſo viel ſie ihm anbieten, damit er euch leben laße, der Unerbittliche wird euch nicht erhoͤren. Uebrigens, bekennet nur, daß auch der Beſitz eurer Guͤter euch Unruhe verur⸗ ſacht: die Sorge, ſie zu bewahren, verhindert euch, ein gluͤckliches Leben zu fuͤhren. Schauet mit Neid auf mich: von Guͤtern entbloͤßt, aller Bequemlichkei⸗ ten des Lebens entbehrend, genieße ich mitten in mei⸗ ner Armut eines vollkommenen Gluͤcks.“ Bei dieſer Rede zog der Koͤnig von Damask ſeinen Veſyr beiſeite, und ſagte zu ihm: „Du haſt, ſo wie ich, die Worte dieſes Kalenders gehoͤrt. So bin ich nun der Muͤhe uͤberhoben, lange Reiſen zu machen; ich habe gefunden, was ich ſuchte: dieſer Menſch iſt gluͤcklich.“ 4 „Herr,“ antwortete ihm Atalmuͤlk,„wir muͤſſen ſuchen, mit dieſem Kalender insgeheim zu ſprechen, und ihn, wo moͤglich, bewegen, uns ſein Herz zu enthuͤllen: vielleicht denkt er nicht ſo, wie er redet.“ „Das will ich gern,“ antwortete Bedreddin;„aber wenn er in unſerer geheimen Unterredung mit ihm, Bedreddin⸗Lolo. 79 uns mindeſtens verſichert, daß er zufrieden ſei, willſt du es dann glauben?“ „Ja, Herr,“ verſetzte Atalmuͤlk,„ich will es glauben, und alsdann bekennen, daß ich im Irrthume geweſen bin.“ Sie nahmen ſich alſo vor, den Kalender nicht aus den Augen zu verlieren. Derſelbe beſchloß ſeine Rede, nachdem er von ſeinen Zuhoͤrern etliche Silberſtuͤcke empfangen hatte, und kehrte nach ſeiner Wohnung in der Vorſtadt zuruͤck. Die beiden folgten ihm, und nachdem ſie ihn unterweges ſchon angeredet hatten, fragten ſie ihn, ob er ſich mit ihnen erluſtigen wollte. Der Kalender ſchloß aus ihrem Anſehen, daß ſie reiche Fremde waͤren, und gab ihnen zu erkennen, daß ſie ihm nichts angenehmeres antragen koͤnnten. Er fuͤhrte ſie in ein kleines Haus, wo er mit zwei anderen Kalendern wohnte, die daheim waren. Dieſe waren nicht ſo bald von der Abſicht der Fremden unterrich⸗ tet, als ſie große Freude daruͤber bezeugten. Atal⸗ muͤlk zog einige Goldzeckienen aus ſeiner Boͤrſe, uͤber⸗ gab ſie einem der Kalender, und ſagte zu ihwm: „Gehet hin, und kaufet uns alles was uns noͤthig iſt, um uns dieſen Tag hier guͤtlich zu thun.“ —ꝙ 8⁰ 117. Tag. Hundert und ſiebzehnter Tag. Der Kalender ging mit den Zeckienen in die Stadt, und kam nach zwei Stunden zuruͤck, beladen mit Speiſen, Fruͤchten, und einem großen Schlauch voll koͤſtlichen Weins. Alsbald ſetzten ſich alle um einen Tiſch, und fingen an zu eſſen. Hierauf tranken ſie; und in dem Maaße wie ſie ſich dabei erhitzten, ward die Unterhaltung immer aufgeweckter. Die Kalender vor allen wurden ſo guter Laune, daß Bedreddin nicht mehr zweifelte, ſie waͤren ſehr gluͤckliche Men⸗ ſchen, und ſich zu ſeinem Veſyr wandte und ſprach: „Wir koͤnnen, glaube ich, uns an dem begnuͤgen was wir hier vor uns ſehen: bekenne nun deinen Irrthum.“ „Nein, nein,“ erwiederte der Veſyr,„noch iſt nicht Zeit dazu. Der Anſchein iſt oft ſehr truͤgeriſch.“ „ Aber, ihr Herren,“ ſagte jetzt einer der Kalen⸗ der zum Koͤnige von Damask und ſeinem Veſyr,„was wollt ihr mit dieſen Worten ſagen?“ 1 „Hoͤret, ihr Kalender,“ antwortete Bedreddin, indem er eine Boͤrſe hervorzog und ſie demjenigen, den er auf der Straße reden gehoͤrt hatte, darbot: „ich mache euch hiemit ein Geſchenk, unter der Be⸗ dingung, daß ihr mir den Grund eurer Seele enthuͤl⸗ let. Ihr ſehet hier drei verbundene Juwelenhaͤndler. Einer von meinen Genoſſen behauptet nun, es gebe Bedreddin⸗Lolo. 81 keinen zufriedenen Menſchen auf der Welt. Ich glaube das Gegentheil, und ich habe euch unlaͤngſt ſagen ge⸗ hoͤrt, daß ihr euch einer vollkommenen Gluͤckſeligkeit erfreuet. Belehret uns nun, ich bitte euch, was wir davon denken ſollen. Es iſt mir ſehr daran gelegen, daruͤber im Klaren zu ſein, und ihr werdet mir ein großes Vergnuͤgen machen, offenherzig mit mir davon zu reden.“ Der Kalender nahm die Boͤrſe, dankte Bedreddin dafuͤr, und ſprach zu ihm: „Herr, weil ihr es wänſchet, ſo will ich euch als die Mildthaͤtigkeit meiner Zuhoͤrer zu erregen. Die Kalender fuͤhren ein zu kuͤmmerliches Leben„ um in ihrem Stande die Gluͤckſeligkeit zu finden, der alle Menſchen vergeblich nachtrachten. Ich bin, mit eu⸗ erm Genoſſen, aͤberzeugt, daß niemand zufrieden iſt. Nichts kann das menſchliche Herz befriedigen. Kaum hat es die Erfuͤllung eines Wunſches erlangt, ſo III. 6 32 117. Tag. fuͤhlt es ſchon ein neues Verlangen aufſteigen, wel⸗ ches ſeine Ruhe truͤbt.“ Der Veſyr des Koͤnigs von Damask freute ſich, den Kalender ſo reden zu hoͤren, und hoffte, Bedred⸗ din wuͤrde ſeine Meinung aufgeben, und bald nach ſeinen Staaten zuruͤckkehren. In der That fing dieſer Fuͤrſt an, ſich uͤberzeugen zu laßen, daß er ſelber im Irrthume ſein koͤnnte, und nachdem er von den Ka⸗ lendern Abſchied genommen hatte, ſagte er zu Séyfel Muͤluk und dem Veſyr: „Laßt uns den uͤbrigen Tag in einer Fykaa⸗ Schenke*) zubringen.“ Sie gingen dahin, und fanden dort eine große Menge von Leuten, welche ſich taͤglich dort einzufin⸗ den pflegten. Sie ſetzten ſich alle drei an einen Tiſch, wo ſich zwei, wie es ſchien, angeſehene Maͤnner, zu⸗ faͤllig, auch uͤber die vom menſchlichen Leben unzer⸗ trennlichen Leiden beſprachen. „Nein,“ ſagte der eine,„wir duͤrfen nicht hoffen, ſo lange wir auf Erden ſind, daß Gott uns ein gluͤck⸗ liches Leben gewaͤhre; wenn er zugaͤbe, daß unſere Tage ſtaͤts heiter und freudenvoll waͤren, ſo wuͤrden wir um ſo weniger nach den Freuden trachten, welche er den Glaͤubigen nach ihrem Tode verheißt.“ ») Es iſt ſchon bemerkt, daß Fy kaa ein Getränk aus Gerſte, Waſſer und Roſienen iſt⸗ Bedreddin⸗Lolo. 83 „Ich bin nicht gaͤnzlich eurer Meinung,“ ſagte der andre;„ich weiß wohl, daß die meiſten Menſchen ungluͤcklich ſind; aber ich zweifle, daß alle es ſind. Ich kenne unter anderen einen, der ein koͤſtliches Le⸗ ben fuͤhrt, und deſſen Augenblicke in Freuden dahin fließen.“ „Ei! wer iſt denn dieſer gluͤckliche Sterbliche?“ rief der Veſyr Atalmuͤlk aus, indem er ſich in das Geſpraͤch miſchte:„in welcher Gegend der Welt mag er wohnen?“ 7 „In der Stadt Aſtrakan,“*) antwortete derje⸗ nige, der zuletzt geſprochen hatte:„es iſt der Koͤnig von Aſtrakan ſelber. Wenn an dem Gluͤcke dieſes Fuͤrſten noch etwas mangelt, ſo will ich eingeſtehen, daß niemand ſich einer vollkommenen Gluͤckſeligkeit er⸗ freuen kann: aber ich bin feſt uͤberzeugt, daß kein Kummer die Suͤßigkeit ſeiner freudenvollen Tage ver⸗ bittert. Mit Einem Worte, er iſt ein zufriedener Menſch. Auch wird er vorzugsweiſe der Koͤnig Sorgenfrei benannt.“ *) An der Wolga, zwölf Meilen vom Ausfluſſe in das — Kaspiſche Meer: Hauptſtadt von Nagaya, eines vormals unabhängigen Tatariſchen Reichs; 1554 von den Ruſſen eingenommen. 117. Tag. Dieſe Unterhaltung verfehlte nicht ihre Wirkung bei Bedreddin; und als ſie aus der Fikaa⸗Schenke gegangen waren, ſagte er zu ſeinem Veſyr: „Wir muͤßen nach Aſtrakan reiſen; ich will den Koͤnig Sorgenfrei ſehen.“ „Ich habe nicht minder Luſt dazu, als Euer Ma⸗ zeeäte ſagte Atalmuͤlk,„und ich bin bereit zu der Reiſe.“ So waren ſie denn entſchloſſen, gleich den naͤchſten Tag abzureiſen; aber als ſie bei der Ruͤckkehr nach ihrer Karavanſerei vernahmen, daß in wenigen Tagen eine Karavane von Circaſſiſchen Kaufleuten, die eben in Bagdad waren, heimkehren wuͤrde, ſo ver⸗ 84 ſchoben ſie ihre Abreiſe, um ſich ihnen anzuſchließen und ſo ſicherer zu reiſen. Sie reiſten endlich mit die⸗ ſen Kaufleuten ab, und kamen gluͤcklich nach Circaſ⸗ ſien. Sie begaben ſich nach Aſtrakan, wo damals der Koͤnig Hormos,*) benannt der Koͤnig Sorgen⸗ frei, herrſchte. Sie bemerkten, daß das Volk voll Freuden war, und daß man in der Stadt große Feſt⸗ lichkeiten anſtellte. Sie fragten den Wirth, was es ——;—— *) Hormus heißen mehrere alte Perſiſche Könige, deren ei⸗ nem die Erbauung der berühmten Stadt Ormus(Perſiſch Hormus), am Perſiſchen Meerbuſen, zugeſchrieben wird. Der Königsname lautet auch Hormosd, woraus die Griechen Hormisdas gemacht haben. H. Bedreddin⸗Lolo. 85 neues in Aſtrakan gaͤbe, und warum alle Leute da⸗ ſelbſt in Jubel waͤren. „Ihr muͤßt wohl,“ antwortete ihnen der Wirth, „noch nicht in dieſe Stadt gekommen ſein, ſeitdem der Koͤnig Hormos regiert, weil ihr mir dieſe Frage thut. Nicht wegen eines uͤber unſere Feinde erfochtenen Sie⸗ ges werden dieſe Freudenfeſte angeſtellt, noch um ſonſt ein gluͤckliches Ereignis zu feiern. Alle Tage begeht das Volk irgend ein neues Feſt, und dieß bloß um dem Sinne des Koͤnigs zu entſprechen, welcher ein Fuͤrſt von der heiterſten Gemuͤthsart iſt, unaufhoͤrlich ſcherzt und ſich vergnuͤgt, und dem man deshalb den ſeltenen Beinamen des Koͤnigs Sorgenfrei gegeben hat.“ Hundert und achtzehnter Tag. Nachdem der Koͤnig von Damask dieſe Rede des Wirths gehoͤrt hatte, ſagte er zu ſeinem Veſyr: „Trotz dem ſchoͤnen Bilde, welches uns der Wirth von dem Koͤnige von Aſtrakan entworfen hat, bin ich verſichert, daß du dennoch nicht uͤberzeugt biſt, daß dieſer Fuͤrſt mit Recht ſo benannt werde.“ „Nein, gewis nicht,“ antwortete Atalmuͤlk;„ich will mich nicht durch den Anſchein blenden laßen, ſeit dem Abenteuer mit dem Kalender zu Bagdad.) 118. T a g. „Du haſt nicht Unrecht,“ verſetzte Bedreddin, „dem Rufe zu mistrauen, welchen der Koͤnig Hormos ſich erworben hat, und ich zweifle, wie du, daß ein mit der Buͤrde eines Staats beladener Mann, ſorgen⸗ frei ſei.— Wir wollen bald erfahren,“ fuhr er fort, „woran wir uns hier zu halten haben; denn ich habe be⸗ ſchloſſen, mich an ſeinem Hofe einzufuͤhren, wo moͤg⸗ lich, ſeine Freundſchaft zu gewinnen, und ihn zu be⸗ wegen, mir den Grund ſeiner Seele zu enthuͤllen.“ „Ich billige eure Abſicht, Herr,“ ſagte der Ve⸗ ſyr;„aber ich bitte Euer Majeſtaͤt, mir zu verſpre⸗ chen, daß, wenn der Kͤnig von Aſtrakan euch be⸗ kennt, er habe auch Kummer, ihr ablaßen wollet, nach gluͤcklichen Leuten zu ſuchen.“ 13 „Ja,“ ſagte Bedreddin;„und noch mehr, ich verſpreche dir, alsdann nach Damask heimzukehren.“ „Wenn dem ſo iſt,“ ſagte der Miniſter,„ſo laßt uns eilen, beim Koͤnige Hormos Zutritt zu erhalten; laßt uns ſorgfaͤltig alle ſeine Handlungen pruͤfen: nichts muß uns entſchluͤpfen.“.— 4 Sie hatten nicht ſo bald den Entſchluß gefaßt, an den Hof von Aſtrakan zu gehen, als ſie ihn auch ausfuͤhrten. Sie begaben ſich nach dem Palaſte des Koͤnigs. Sie durchſchritten einen weiten Hof, der mit Kriegsmaͤnnern angefuͤllt war, und traten in den erſten Saal, welchen ſie voll von Saͤngern und In⸗ ſtrumentenſpielern fanden. Von da kamen ſie in einen 86 Bedreddin⸗Lolo. 87 andern Saal, wo viele Sklaven beiderlei Geſchlechts, in zierlichen Kleidern, allerlei Taͤnze auffuͤhrten, welche, gut eingeuͤbt, und mit Geſchmack erfunden, zum Entzuͤcken ausgefuͤhrt wurden. A Nachdem Bedreddin, ſein Veſyr und ſein Guͤnſtling einige Zeit die Geſchicklichkeit und Leichtigkeit der Taͤn⸗ zer bewundert hatten, hatten ſie Luſt, zu ſehen, was in einem dritten Saale vorginge, in deſſen Thuͤre ſie ein Gedraͤnge von Leuten gewahrten, welche aufmerk⸗ ſam irgend einem Schauſpiele zuſahen. Sie ſchritten vorwaͤrts, miſchten ſich unter die Anderen, draͤngten ſich allmaͤhlich hindurch, als wenn ſie wider ihren Willen von anderen geſchoben wuͤrden, und gelangten ſo in das Zimmer. 54 Hier erblickten ſie zwanzig bis dreißig Perſonen, welche rings um eine lange mit Speiſen aller Art be⸗ deckte Tafel ſaßen: es war ein Feſtmahl, welches der Koͤnig den vornehmſten Herren ſeines Hofes gab, und man erkannte unter ihnen leichtlich den Fuͤrſten. Er ſaß auf dem Ehrenplatze, und trug auf dem Haupt eine ſilberne, mit Topaſen und Rubinen geſchmuͤckte Krone. Er mochte in ſeinem dreißigſten Jahre ſein, war ſchoͤn, wohlgebildet, und hatte ſtats eine laͤchelnde Miene. Er forderte durch ſeine Worte und durch ſein Beiſpiel ſeine Hofleute zum Trinken auf. Er erzaͤhlte ihnen luſtige Geſchichten, er ſcherzte mit ihnen: kurz er war die Seele des Feſtes. 83 118. Tag. Nach der Mahlzeit, ſtand der Fuͤrſt auf, ging in Gefolge aller ſeiner Hofleute in den Tanzſaal, und verbrachte dort den uͤbrigen Tag unter allen den Ver⸗ gnuͤgungen, welche der Tanz und die Tonkunſt gewaͤh⸗ ren koͤnnen. Als die Nacht heran kam, entließ er alle ſeine Hofleute, und begab ſich in ſein Frauen⸗ Zimmer. Alle Taͤnzer und Spieler verſchwanden, und der Koͤnig von Damask, ſein Veſyr und Séyfel Muͤ⸗ luk, ſammt den Leuten aus der Stadt, welche die Neugier dahin gelockt hatte, verließen den Palaſt. „Man muß geſtehen,“ ſagte Bedreddin, als er wieder in der Karavanſerei war,„der Koͤnig von Aſtrakan ſcheint gluͤcklich zu ſein. Ich habe nichts an ihm bemerkt, was mich argwaͤhnen ließe, daß die Freude welche ihn beſeelte, unecht waͤre. Wir haben endlich doch einen zufriedenen Menſchen gefunden, und was dabei das außerordentlichſte iſt, dieſer Menſch iſt ein Fuͤrſt.“ „Was mich betrifft,“ ſagte Seyfel Muͤluk,„ich bin der Meinung Euer Majeſtaͤt;„ich kann mir nicht denken, daß der Koͤnig Hormos einen geheimen Kum⸗ mer habe, der ſeine Ruhe ſtoͤre. Wenn ich ihn falſch beurtheile, ſo weiß er ſich ſehr gut zu verſtellen.“ „Ihr wiſſet,“ ſagte darauf Atalmuͤlk,„daß dieß eine Kunſt iſt, welche am Hofe nicht unbekannt iſt; und der Koͤnig mein Herr vergoͤnnt wohl, daß ich mein Urtheil noch aufſchiebe. Wer verſichert uns, — — . Bedreddin⸗Lolo. 89 daß der Fuͤrſt in dieſem Augenblicke nicht der Raub eines toͤdtlichen Kummers iſt? vielleicht bezahlt er die Vergnuͤgungen, deren wir ihn genießen ſahen, ſehr theuer.“ Hundert und neunzehnter Tag. Am folgenden Tage begab ſich der Koͤnig von Damask mit Atalmuͤlk und Séyfel Muͤlluk wieder nach dem Palaſt, jeder mit einem Kaͤſtchen voll Edel⸗ ſteine. Sie verlangten den Koͤnig zu ſprechen, und ließen ihm ſagen, ſie waͤren drei verbuͤndete Juwelen⸗ haͤndler, die von Hofe zu Hofe reiſeten um ihre Edel⸗ geſteine zu verkaufen. Hormos ließ ſie alle drei her⸗ ein fuͤhren. Sie oͤffneten ihre Kaͤſtchen und zeigten ihm ihre ſchoͤnſten Diamanten. Er unterließ nicht, ſie zu bewundern; vor allen brach er in laute Be⸗ wunderung aus, als er einen Stein von der Grͤße eines Taubeneys erblickte.) 1 *) Dieſe Art Steine nennt man auf der Inſel Ceylan Katzenauge. Einige Reiſende ſagen, es finden ſich welche von obiger Größe. Es iſt ein runder Stein, und je nachdem man ihn drehet und aus verſchiedenen Entfer⸗ nungen beſchauet, ſieht man ihn in verſchiedenen Farben ſpielen. Deshalb wird er Katzenauge genannt. 9⁰ 119. Tag. „Ah welch ein ſchoͤner Stein!“ ſagte er,„ich habe niemals ſeinesgleichen geſehen. Es ſcheint, die Natur hat ſich gefallen, in ihm alle lebhaften Farben zu vereinigen. Welches gluͤckliche Land hat ein ſolches Kleinod hervorbringen koͤnnen?“ Atalmuͤlk, der Juwelier geweſen war, nahm das Wort, und erwiederte: 4 „Herr, man findet dieſe Art Steine auf der Inſel Serendib; dort haben wir ihn gekauft; und in Wahr⸗ heit iſt von allen Edelſteinen dieſes Landes dieſer hier der geſchaͤtzteſte.“ Da der Koͤnig von Aſtrakan nicht muͤde zu werden ſchien, dieſen Stein zu betrachten, ſo ſagte Bedred⸗ din zu ihm: „Herr, wir ſind hoch erfreut, etwas zu haben, das Euer Majeſtaͤt gefaͤllt. Wir bitten unterthaͤnigſt uns zu erlauben, euch dieſen Stein zu uͤberreichen. Laßt euch dieſes kleine Geſchenk gefallen, welches wir uns die Freiheit nehmen euch darzubieten, und thut uns nicht die Kraͤnkung an, es zu verſchmaͤhen.“ Hormos nahm es mit Vergnuͤgen an, und ſagte zu den Juwelieren, er wollte ſie einige Zeit an ſeinem Hofe behalten und bei ihm im Palaſte wohnen laßen. Sie nahmen denſelben Tag noch ihre Wohnung daſelbſt. Man gab ihnen praͤchtige Zimmer und ſie wurden durch die Hausbeamten des Koͤnigs bedient. Dieſer Fuͤrſt hielt die Fremdlinge fuͤr Leute, welche —,— —— Bedreddin⸗Lolo. 912 ganz Aſien durchreiſten, und beſchloß, ihnen jede gute Bewirthung und alle moͤgliche Ehre anzuthun, damit ſie an allen Hoͤfen den Ruhm des ſeinen verkuͤndigeten. Er machte ihnen taͤglich neue Geſchenke; bald ge⸗ waͤhrte er ihnen das Vergnuͤgen der Jagd, bald un⸗ terhielt er ſie mit irgend einem ſehenswuͤrdigen Schau⸗ ſpiele. Ein andermal ſtellte er ein praͤchtiges Feſt an, wobei der ganze Adel von Circaſſien ſich einfand; und in allem was er jetzo that, uͤberbot er noch die gewoͤhnliche Pracht, um die angeblichen Kaufleute zu blenden..— Der Koͤnig Bedreddin war weniger mit allen die⸗ ſen Vergnuͤgungen, als damit beſchaͤftigt, den Koͤnig von Aſtrakan zu beoabchten, und ließ keine Handlung dieſes Fuͤrſten unbemerkt voruͤbergehen, der nicht min⸗ der aufmerkſam von Atalmuͤlk und Séyfel Muͤluk beobachtet wurde. Dieſe drei verſtellten Juweliere leg⸗ ten ſich mit allem Fleiße darauf, in dem was Hor⸗ mos that, irgend einen Zwang zu entdecken: aber ſie mochten ihn noch ſo ſcharf umſpaͤhen, ſie ſpuͤrten durchaus nichts in ſeinem Benehmen, das ihnen ver⸗ da3ͤchtig war. .„Atalmuͤlk,“ ſagte eines Tages der Koͤnig von Damask zu ſeinem Veſyr,„wollen wir unſeren An⸗ ſichten trauen, ſo iſt der Fuͤrſt, den wir beobachten aiacEichr e ⸗ ſo iſt der Fürſe, ten, 119, Tag. „Es iſt wahr,“ antwortete der Miniſter,„man hat Grund, anzunehmen, daß er zufrieden iſt. Es iſt indeſſen noch nicht gewis, daß er es wirklich iſt. Wir ſehen ihn nicht des Nachts. Waͤhrend man ihn in ſuͤßer Ruhe waͤhnt, verſcheucht vielleicht ein fuͤrch⸗ terliches Weh den Schlummer von ihm.“ „Wie koͤnnen wir denn aber wiſſen,“ hub Bedred⸗ din wieder an,„was in ſeinem Herzen vorgeht?“ „Ihr muͤßt,“ erwiederte der Veſyr,„ihm euch entdecken. Saget ihm euern Namen, und weshalb ihr nach Circaſſien gekommen. Eure Freimuͤthigkeit wird die ſeine hervorrufen, und er enthuͤllet euch viel⸗ leicht ein Geheimnis, welches er aller Welt verbirgt.“ Seyfel Muͤluk ſtimmte Atalmuͤlks Vorſchlag bei, und Bedreddin faßte den Entſchluß, mit dem Koͤnige Hormos auf eine ſolche Weiſe zu reden, daß er die erwuͤnſchte Aufklaͤrung aus ihm hervorzoͤge. Wirklich gingen die drei Juweliere eines Tages zu dem Koͤnig, und baten ihn um eine geheime Unterre⸗ dung, welche ihnen auch bewilligt wurde. Bedreddin nahm nun das Wort, und ſprach zu Hormos: „Herr, wir kommen, Euer Majeſtaͤt zu erſuchen, uns von euerm Hofe zu entlaßen. Die Zeit, welche wir in dieſer Stadt zubringen wollten, iſt verſtrichen. Wir bitten, erlaubet uns, euch fuͤr eure Huld zu dan⸗ ken, und weiter zu reiſen.“ Bedreddin⸗Lolo. 9³ „Ich will euch nicht,“ antwortete der Koͤnig von Aſtrakan,„wider euern Willen an meinem Hofe zu⸗ ruͤckhalten; ich muß euch indeſſen bekennen, daß eine ſo ſchleunige Abreiſe mir Leid thut; ich rechnete dar⸗ auf, daß ihr nicht ſo bald abreiſen wuͤrdet: aber ich ſehe wohl, daß mein Hof nicht Annehmlichkeiten ge⸗ nug hat, um euch zuruͤckzuhalten.“ „Oh! Herr,“ erwiederte Bedreddin,„ich betheu⸗ ere beim Himmel, daß euer Hof uns voller Freuden und angenehmer erſcheint, als der des Beherrſchers der Glaͤubigen ſelber. Uebrigens wuͤrde die gaſtliche Aufnahme, und die Huld, welche ihr uns erwieſen habt, ſchon hinreichen, uns den Aufenthalt an dem⸗ ſelben angenehm zu machen: aber wir haben ſtarke Urſachen, in unſer Vaterland heimzukehren; denn, kurz, Herr, wir alle wie ihr uns hier ſehet, wir ſind keine Juweliere. Ich bin ein Fuͤrſt, wie ihr; ich be⸗ herrſche die Voͤlker von Damask; und dieſe beiden aͤnner, welche ihr fuͤr meine Handelsgenoſſen haltet, ſind, der eine mein Groß⸗Veſyr und der andre mein Guͤnſtling.“— Der Koͤnig von Aſtrakan war erſtaunt uͤber dieſe Entdeckung, und er ward es bald noch mehr, als Bedrcddin ihm erzaͤhlte, warum ei Damask verlaßen aͤtte. Hormos brach am Ende ſeiner Erzaͤhlung in lau⸗ tes Lachen aus, und ſagte zu ihm: 119. Ta g. „Ki, wie, Herr, euer Veſyr behauptet, es gebe keinen zufriedenen Menſchen auf Erden?“ „Ja,“ antwortete der Koͤnig von Damask,„ich aber kann mich nicht davon uͤberzeugen. Zwar habe ich in meinem ganzen Reiche keinen einzigen Menſchen finden koͤnnen, der ſich eines vollkommenen Gluͤcks erfreuete. Ich habe ſelbſt anderswo vergeblich nach luͤcklichen Menſchen geſucht. In Bagdad habe ich Dce fegen welche ſehr zufrieden mit ihrem Looſe ſchienen; gleichwohl waren ſie es keinesweges. Einer ſo vergeblichen Nachforſchung muͤde, war ich im Be⸗ griff nach Damask heimzukehren, als ich vernahm, in der Stadt Aſtrakan herrſchete ein Koͤnig, benannt der Koͤnig Sorgenfrei, wegen ſeines froͤhlichen Ge⸗ muͤths. Aus Neugier wollte ich euch ſehen, und ich habe befunden, daß wirklich die Freude alle eure Schritte begleitet. Ich beſchwoͤre euch nun, Herr, mir zu ſagen, ob dieß ein falſcher Anſchein iſt. Ge⸗ nießet ihr wirklich einer vollkommenen Gluͤckſeligkeit? ſtoͤrt kein Kummer eure Ruhe?“ Hormos konnte ſich nicht enthalten, nochmals bei dieſer Frage zu lachen. K B 4 „Iſt es moͤglich, Herr,“ ſagte er hierauf zu dem Koͤnige von Damask,„daß ihr wirklich eure Staaten verlaßen habt und die Welt durchwandert, um einen vollkommen zufriedenen Menſchen zu finden??.— Bedreddin⸗Lolo. 95 „Nichts iſt gewiſſer,“ verſetzte Bedreddin;„und ich bitte euch, mir euer Herz zu enthuͤllen. Geruhet, auch noch dieſen Beweis eurer Huld denen die ich ſchon von euch empfangen habe, hinzuzufuͤgen.“ 14 „Weil ihr mich denn ſo ernſtlich darum angeht,“ erwiederte der Koͤnig von Aſtrakan,„und euch ſo viel daran gelegen ſcheint, dieß zu wiſſen, ſo will ich euch ſagen: euer Veſyr hat Recht. Ich bin ſeiner Mei⸗ nung; ich glaube nicht, daß es einen ganz gluͤcklichen Menſchen gibt. Was mich betrifft, ich bin weit ent⸗ fernt, es zu ſein; oder, um richtiger zu ſagen, ob⸗ gleich ich der Koͤnig Sorgenfrei benannt werde, ſo bin ich doch vielleicht der ungluͤcklichſte Fuͤrſt auf der Welt. Die Freude, welche auf meinem Antlitz er⸗ ſcheint, iſt eine falſche Freude: ſie iſt die Wirkung eines peinlichen, aber unvermeidlichen Zwanges; und ich bin um ſo elender, weil ich mich in der Nothwen⸗ digkeit ſehe, meinen Unterthanen den Kummer zu ver⸗ bergen, welcher mich verzehrt.“— Der Koͤnig von Damask bezeugte dem Koͤnige von Aſtrakan ſein großes Erſtaunen, ihn alſo ſprechen zu hoͤren; er ließ zugleich eine ſo lebhafte Neugier blik⸗ ken, den Grund ſeiner Leiden zu erfahren, und brachte 6 dahin, daß Hormos verſprach, ſich ihm zu ent⸗ ecken. Indeſſen herrſchte fortwaͤhrend die Freude in der Stadt Aſtrakan, und die Hofleute, erfindungsreich 96 119. Tag. genug, die Feſtlichkeiten des Hofes in ſtaͤtem Gange zu erhalten, erſannen taͤglich neue Vergnuͤgungen, immer eine ſeltſamer, als die andre. Sie machten ihre einzige Beſchaͤftigung daraus, ihren Herrn zu er⸗ getzen, und alle ſchienen um den Ruhm zu wetteifern, fuͤr denjenigen zu gelten, dem es am beßten damit gelaͤnge. Hormos, um ſeine Zufriedenheit mit dieſem Eifer ſeiner Hofleute zu bezeigen, ſchien immer ſehr er⸗ kenntlich fuͤr die Feſte, welche ſie ihm veranſtalteten. Aber obgleich er ſich eben ſo gut wie vorher verſtellte, ſo glaubten Bedreddin, Atalmuͤlk und Séyfel Muͤluk, ſeit dem Geſtaͤndniſſe, welches er ihnen abgelegt hatte, doch auf ſeinem Geſichte zu bemerken, daß er ſich zwaͤnge. Alle drei erwarteten ungeduldig, daß er ſein Verſprechen erfuͤllete: und dieß that er denn auch bald, auf folgende Weiſe: Eines Nachts, als im Palaſt alles ruhig war, ließ er ſie durch einen Verſchnittenen abholen, der ſie in ſein Frauen⸗Zimmer fuͤhrte. Der Koͤnig Sor⸗ genfrei befand ſich in dem vordern Gemache, und ſprach zu ihnen: „Endlich will ich mein Wort loͤſen; ihr ſollet ſel⸗ ber urtheilen, ob ich Unrecht habe, euch zu ſagen, daß ich der ungluͤcklichſte Fuͤrſt auf der Welt bin.“ Nach dieſen Worten, nahm er den Koͤnig von Da⸗ mask bei der Hand, durchſchritt mit ihm zwei Zim⸗ mer, und fuͤhrte ihn bis an die Thuͤre des dritten, — Bedreddin⸗Lolo. 97 in welches er ihn hineinſchauen hieß. Bedreddin ſah umher in dem Zimmer, und erblickte auf einem So⸗ pha eine junge Frau, deren Schoͤnheit ihn uͤberraſchte: ihre Farbe uͤbertraf die Weiße des Schnees, und ihre Augen glichen zwo Sonnen; ſie hatte eine freundliche Miene, und ſchien aufmerkſam auf die Erzaͤhlung ei⸗ ner alten Sklavinn, welche mit ihr ſprach. „Betrachtet dieſe Prinzeſſinn, die hier auf dem Sopha ſitzt,“ fuhr Hormos fort,„habt ihr jemals etwas ſo ſchoͤnes geſehen? Scheint die Natur ſich nicht darin gefallen zu haben, ein ſo reizendes Weſen zu bilden? Geſtehet, Herr, daß ihr in euerm Ha⸗ rem keine ſo vollkommene Schoͤnheit habt.— Und ihr,“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich zu dem Veſyr und dem Guͤnſtlinge des Koͤnigs von Damask wandte, „beſchauet ſie wohl, und bekennet, daß niemals eine ſo ſchoͤne Frau ſich euren Blicken dargeboten hat.“ Bedreddin, nachdem er ſie mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit betrachtet hatte, geſtand, ſie waͤre unvergleich⸗ lich. Atalmuͤlk glaubte bei ihrem Anblicke Sélika zu ſehen; und der Prinz Séyfel Muͤluk fand ſie nicht unter Bedy al Dſchemal. „Dieſe liebenswuͤrdige Prinzeſſinn nun,“ hub der Kͤnig von Aſtrakan wieder an,„iſt es, welche meine Leiden verurſacht; ſie iſt es, die mein Ungluͤck macht.“ III. 7 — 119. Tag. „Sollte ſie euch etwa nicht lieben, Herr?“ fragte 98 der Koͤnig von Damask:„ihre Gleichguͤltigkeit...“ „Nein, nein,“ unterbrach ihn Hormos,„nicht das iſt es, woruͤber ich mich beklage. Wenn ich ſie anbete, ſo bin ich von ihr geliebt.“ „Wie denn aber,“ wandte Bedreddin ein,„kann ſie euch ungluͤcklich machen?“ 1G „Ihr ſollt es gleich ſehen,“ erwiederte der Circaſ⸗ ſiſche Koͤnig:„bleibet alle drei hier an der Thuͤre, und beobachtet wohl, was vorgehen wird.“ Nach dieſen Worten, trat er in das Zimmer und ging auf die Prinzeſſinn zu. In dem Maaße, wie er ſich naͤherte,— o unerhoͤrtes Wunder!— verwan⸗. delte ſich ihr Antlitz: ihre glaͤnzend weißen und hoch⸗ roth bluͤhenden Wangen uͤberzog allmaͤhlich eine To⸗ desblaͤſſe; ihre Lippen erbleichten, ihre laͤchelnde Miene verſchwand, und ihre ſchoͤnen Augen ſchloſſen ſich. Endlich, nachdem er nahe bei ihr war, ſetzte er ſich auf das Sopha, ſah ſie mit liebevollen und ſchmerzlichen Blicken an, und ſprach zu ihr: „Meine Koͤniginn, ich flehe euch, oͤffnet die Augen, und ſehet euern bejammernswuͤrdigen Gemahl an. Der Zuſtand, worin ich euch ſehe, durchbohrt mir das Herz.“ Die Koͤniginn antwortete ihm nichts; ſie gab ihm nicht einmal ein Zeichen, woran er erkennen konnte, daß ſie ihn gehoͤrt hatte: ſie ſchien ganz leblos. „. Bedreddin⸗Lolo. 99 Hormos konnte dieß traurige Schauſpiel nicht laͤn⸗ ger aushalten. Er ſtand von dem Sopha auf, und mit jedem Schritte, welchen er zu Bedreddin zuruͤck that und ſich von der Koͤniginn ſeiner Gemahlinn ent⸗ fernte, belebte ſich die Fuͤrſtinn wieder: ihre ſchoͤnen Augen verſcheuchten die Schatten welche ſie umhuͤll⸗ ten, und wurden noch lebhafter und ſtrahlender, als zuvor; ihre Farbe nahm ihren Glanz wieder an; mit Einem Worte, man ſah alle ihre Reize wieder auf⸗ bluͤhen: ein Schauſpiel, welches bei den Zuſchauern das Erſtaunen erregte, welches man ſich denken kann. Hundert und zwanzigſter Tag. Der Koͤnig von Damask, ſein Veſyr und ſein Ganſtling hielten noch immer die Augen unverwandt auf die Koͤniginn von Aſtrakan geheftet. Sie konnten von ihrer Verwunderung gar nicht zuruͤckkommen. „Wohlan,“ ſprach Hormos zu ihnen,„glaubt ihr gegenwaͤrtig, daß ich dieſer gluͤckliche Menſch bin, welchen ihr ſuchet?“ „Nein,“ antwortete Bedreddin;„wir ſind viel⸗ mehr uͤberzeugt, daß ihr ein ſehr ungluͤcklicher Fuͤrſt ſeid; das erſtaunenswuͤrdige Wunder, wovon wir eben Zeuge geweſen ſind, gibt es uns nur zu ſehr zu er⸗ kennen.— Aber, Herr,“ fuͤgte er hinzu,„warum 100 120. Tag. wird ſie denn bei eurer Annaͤherung ohnmaͤchtig? und durch welchen Zauber koͤmmt ſie gleich wieder zu ſich, ſo bald ihr euch von ihr entfernet?“ „Eure Frage uͤberraſcht mich nicht,“ antwortete der Koͤnig von Aſtrakan;„ich erwartete dieſelbe wohl. Ihr habt zweifelsohne Urſache genug, uͤber dieſen Anblick erſtaunt zu ſein; aber um euch mitzutheilen, was ihr zu wiſſen wuͤnſchet, muß ich weit ausholen. Es iſt jedoch ſchon tief in der Nacht: drum laßt uns jetzt zur Ruhe gehen, und morgen will ich eure Neu⸗ gier befriedigen.“ Derſelbe Verſchnittene, der Bedreddin, Atalmuͤlk und Séyfel Muͤluk in das Frauen-Zimmer gefuͤhrt hatte, brachte ſie auch wieder in das ihrige zuruͤck. Sie konnten alle drei nicht ſchlafen. Staͤts mit dem beſchaͤftigt, was ſie geſehen hatten, ſuchten ſie durch ſich ſelbſt die Urſache davon zu ergruͤnden; aber ſie ermuͤdeten nur ihren Geiſt, ohne daß ihre Vermu⸗ thungen ihnen genuͤgen konnten. Endlich, am folgenden Tage wurden ſie zu Hor⸗ mos ins Zimmer gefuͤhrt, und er erzaͤhlte ihnen alſo ſeine Geſchichte: Geſchichte des Konigs Hormos, genannt der Koͤnig Sorgenfrei. „Es ſind fuͤnf Jahre her, daß ich Luſt zu reiſen be⸗ kam. Ich bat meinen Vater ſeligen, Koͤnig von Aſtrakan, um Erlaubnis dazu, und er gab meinen dringenden Bitten nach. Er waͤhlte mir ein ſehr zahl⸗ reiches Gefolge aus, ſo wohl meiner Sicherheit wegen, als auch, damit ich in der Fremde auf eine meines Ranges wuͤrdige Weiſe erſcheinen koͤnnte. Er oͤffnete ſeine Schatzkammer und ließ daraus unermeßliche Summen zu meinem Reiſegelde nehmen, nebſt einer erſtaunlichen Menge von Edelgeſteinen. „Ein Prinz muß,“ ſagte er,„uͤberall wo er hin koͤmmt, Beweiſe ſeiner Pracht und ſeiner Großmuth 102 120, Tag. zuruͤcklaßen. Er darf ſich nicht wie ein Privatmann betragen. Er ſoll das Gold mit vollen Haͤnden ver⸗ theilen: die von ſeiner Freigebigkeit geblendeten Voͤl⸗ ker legen ihm oft Tugenden bei, welche der Himmel ihm verſagt hat.“ Ich verließ alſo Aſtrakan in einem ſtattlichen Auf⸗ zuge. Wir ſetzten uͤber die Wolga und den Fluß Dſchark, und am Kaspiſchen Meere hin ziehend, kamen wir nach Dſchenhikuͤnt. Von dort reiſten wir nach Dſchuͤnd, weiter nach Karaku, und ſo⸗ dann begaben wir uns nach Otrar.*) Ich erman⸗ gelte nicht, die Lehren meines Vaters zu befolgen. Alle Staͤdte, wo ich mich aufhielt, empfanden die Wirkungen meiner Freigebigkeit: Geſchenke wurden verſchwendet; mit Einem Worte, ich bezahlte die mir dort wiederfahrenen Ehren ſehr hoch, ſo wie die ge⸗ ringſten Dienſte, welche man mir zu gefallen that. Gewis iſt, meine Verſchwendung bewirkte, daß man mich als einen vollkommenen Prinzen betrachtete. Unter den Circaſſiſchen Herren, welche mich be⸗ gleiteten, war einer, der mir zum Hofmeiſter diente. *) Hieß vormals Farab oder Fariab, und war Haupt⸗ ſtadt in Türkeſtan, am Fluſſe Schaſch(der in den Aral⸗See mündet); von Kothbeddin, erſtem Schah von Chuaresm, erobert, der deshalb mit Dſingischan in blutigen Krieg gerieth.. . Hormos. 103 Er nannte ſich Huͤſſeyn, und war ein Mann von ausgezeichneten Verdienſten: aber was mir vielleicht am meiſten an ihm gefiel, war ſeine Gefaͤlligkeit ge⸗ gen mich. Anſtatt ſich zum verdrießlichen und uͤber⸗ aaͤſtigen Richter aufzuwerfen, zeigte er ſich vielmehr allen meinen Wuͤnſchen geneigt. Er gewann ſo ſehr zneht Vertrauen, daß ich kein Geheimnis vor ihm hatte. „Huͤſſeyn,“ ſagte ich eines Tages in Otrar zu ihm,„ich bin es uͤberdruͤßig, als Prinz zu reiſen. Die Ehren, welche man mir uͤberall anthut, fangen an, mich zu ermuͤden. Ich habe nicht das Vergnuͤ⸗ gen, was gewoͤhnliche Menſchen von ihren Reiſen ha⸗ ben. Es entgehen mir tauſend Dinge, weil meine unbequeme Hoheit mir nicht immer erlaubt, meine Neugierde zu befriedigen. Ich wuͤnſchte, man hielte mich fuͤr einen bloßen Privatmann: ſo koͤnnte ich zu den niedrigſten Staͤnden hinabſteigen, und das Volk reden hoͤren und handeln ſehen. Außerdem, daß die⸗ ſes mich ergetzen wuͤrde, koͤnnte ich vielleicht auch Nutzen davon ziehen.“ Hundert und ein und zwanzigſter Tag. Der gefaͤllige Huͤſſeyn ermangelte nicht, dem Wunſche beizuſtimmen, welchen ich ihm aͤußerte: 104½ rism, wie einfache Reiſende.“ denn wir bedurften 121. Tag. „Nichts,“ ſagte er zu mir,„iſt loͤblicher, als das Verlangen, welches euch beſeelt; und ihr koͤnnt es befriedigen, ſo bald es euch gefaͤllt. Wohlan, mein Prinz, ihr duͤrft nur euer ganzes Gefolge hier laßen, und wir beide nehmen unſern Weg nach Ka⸗ Ich war hocherfreut uͤber die Gefaͤlligkeit meines Hofmeiſters. Ich trug ihm auf, alles zu unſrer Abreiſe vorzubereiten; und das war bald geſchehen, nur zweier Pferde. Wir nahmen Gold und Edelgeſteine zu uns, und reiſten von Otrar ab, wo ich mein ganzes Gefolge zuruͤckließ, mit dem Befehle, mich dort zu erwarten. heute, Klitſch⸗Arßela n ei) herrſchte. und man hielt uns unbedenklich fuͤr bloße Reiſende. Am Morgen nach unſrer Ankunft beſchauten wir die welche wir uns von ihrer Pracht gemacht hatten. l Wir ſetzten uͤber den Jaxartes,*) reiſten weiter in Sagathay) hinein, und erreichten gluͤcklich die große Stadt Karism wo damals, wie noch Wir nahmen unſre Herberge in einer Karavanſerei, Stadt, und fanden ſie ganz der Vorſtellung gemaͤß, *) Der Szihon. 3 3 **½) Ein Name der großen Tatarei. *½*) Klitſch bedeutet Säbel, und Arßelan Lanze. Hormos. 105 Wir hielten uns vor allen bei der Betrachtung eines Palaſts auf, welcher uns von einer ſehr ſeltſamen Bauart ſchien: er beſtand nicht aus einem Hauptgebaͤude, welches mit anderen Gebaͤuden, die ihm als Fluͤgel dienten, verbunden war, ſondern er war bloß ein wei⸗ ter mit niedrigen Mauern umringter Raum, auf wel⸗ chem in gewiſſen Abſtaͤnden ſehr hohe und duͤnne Thuͤrme errichtet waren. 1 Wir bekamen Luſt, in dieſen Hof einzutreten. Wir naͤherten uns den Thuͤrmen, aus welchen uns Stimmen hervorzutoͤnen ſchienen. Wir taͤuſchten uns nicht. Es waren Leute drinnen, die man nicht ſah, und die mit ſehr lauter Stimme ſprachen, ſangen und in Gelaͤchter ausbrachen. Wir ſchloſſen daraus, wir waͤren an einem Orte, wo man die Narren eingeſperrt hielt, und bald vernahmen wir Dinge, welche uns in unſrer Meinung beſtaͤrkten. Einer von dieſen Wahnſinnigen ſagte Arabiſche Verſe mit großer Hef⸗ tigkeit her. Er beſang ſeine Geliebte, und begnuͤgte ſich nicht, ſie uͤber die Huri's zu erheben. „„Die Nymphe, die ich anbete,“ ſprach er, iſt die Tulipane auf dem Beete der Erde. Ihren Mund kann man eine Schaale voll herzſtaͤrkenden Weines nennen; lacht ſie, ſo glaubt man die geoͤffnete Muſchel der Koͤnigs⸗ perle zu erblicken; und wenn ſie ſpricht, ſo ſind ihre Worte an einander gereihte Perlen in dem 106 121. Tag. Halsbande der Anmuth. Ihre blonden Flechten ſind der Wohnſitz der Sonne, und ihre Finger haben dem beruͤhmten Many zum Pinſel ge⸗ dient, um den wundervollen Bilderſaal China's zu malen.“ Er bediente ſich noch anderer uͤbertriebenerer Aus⸗ druͤcke, welche uns nur zu deutlich erkennen ließen, daß er ſich das Gehirn verbrannt hatte. „Huͤſſeyn,“ ſagte ich zu meinem Hofmeiſter,„was denket ihr von dieſem Menſchen da?“ „Ich denke,“ antwortete er mir,„daß ihn die Dichtkunſt verruͤckt gemacht hat.“ Nachdem wir uns lange genug an ſeinen aus⸗ ſchweifenden Verſen ergetzt hatten, welche er nicht müͤde ward zu wiederholen, ſo ließen wir ihn ſich an den Lobpreiſungen ſeiner Geliebten erluſtigen, und naͤ⸗ herten uns einem andern Thurme. Hier wurden un⸗ ſere Ohren ploͤtzlich von der Stimme eines andern Narren getroffen, der folgende Worte ſang: „„d du, deren Schoͤnheit der Sonne das Licht leihet, welches ſie in den Palaͤſten, wie in den Huͤtten verbreitet, reizende Prinzeſſinn, vernimm, daß ich mit Freuden den Strahl auf⸗ nehme, womit du meine traurige Zelle zu er⸗ leuchten wuͤrdigeſt. Wehe mir! ich bin ein zertruͤmmertes Ge⸗ baͤude, und du biſt der Baumeiſter deſſelben. 4 — Hormos. 807 Ich bin ein Strom, der unaufhoͤrlich ſeine Fluten in das Meer deiner Vollkommenheiten waͤlzet. Du biſt eine Quelle des Lebens, und ich bin der gerade Weg dahin.“ Ein andrer Narr, der in demſelben Thurme war, und ohne Zweifel durch das Beiſpiel des erſten aufge⸗ regt wurde, ſang aus einem andern Tone. Er beklagte ſich uͤber die Haͤrte, womit ein reizendes Weſen ihn behandelte, und er beſchwur den Tod, her⸗ bei zu kommen und ſeine Leiden zu endigen. „Herr,“ ſagte hierauf Huͤſſeyn zu mir,„beachtet wohl, daß in allen Reden und Geſaͤngen dieſer Nar⸗ * die Liebe vorkoͤmmt. Sie ſcheinen ſaͤmmtlich Ver⸗ iebte. 4 Hundert und zwei und zwanzigſter Tag. Waͤhrend mein Hofmeiſter mich hierauf aufmerkſam machte, miſchte ſich ein Karismier, der ſich zufaͤllig in unſeer Naͤhe befand, in unſer Geſpraͤch, und ſagte zu uns: „Es iſt nicht zu verwundern, daß dieſe Wahnſin⸗ nigen von Liebe ſprechen; daher koͤmmt eben ihr Un⸗ gluͤck; ihr Wahnſinn entſpringt aus einer und derſel⸗ ben Quelle.— Ihr muͤßt wohl Fremde ſein,“ fuͤgte 1208 122. Tag. er hinzu,„und niemals nach Karism gekommen, wenn euch unbekannt iſt, daß ſie uͤber den Anblick der Tochter unſers Sultans den Verſtand verloren haben.“ Da der Karismier bemerkte, daß ſeine Rede uns in großes Erſtaunen verſetzte, fuhr er fort: M„ch ſage euch da, ich geſtehe es, eine faſt un⸗ glaubliche Sache: gleichwohl iſt nichts gewiſſer; ihr duͤrft euch nur in der Stadt darnach erkundigen; alle Welt wird euch beſtaͤtigen, daß die Schoͤnheit der Prinzeſſinn von Karism eine ſo wunderbare Wirkung auf dieſe Ungluͤcklichen hervorgebracht hat. Dieſe Prinzeſſinn,“ erzaͤhlte er weiter,„ſpielt zu⸗ weilen oͤffentlich das Kolbenſpiel; ſie iſt alsdann ohne Schleier, und man kann ſie ſehen: aber wehe denje⸗ nigen, welche dort verweilen, um ſie zu betrachten; ſie ſaugen aus ihren Augen eine Liebe, welche ihnen verderblich wird. Einige verſinken in ein Schmachten, und ſterben vor Verzweiflung, nicht beſitzen zu koͤn⸗ nen, was ſie lieben; und Andere verlieren daruͤber den Verſtand. Die letzten ſetzt man in dieſe Thuͤrme, welche der Sultan eigens fuͤr ſie hat bauen laßen. Dieſer Fuͤrſt, der ſonſt tauſend Tugenden beſitzt, ſcheint jedoch, anſtatt ſeine Tochter zu verhindern, ſich dem Volke zu zeigen, ein grauſames Spiel mit dem Un⸗ gluͤcke zu treiben, welches ſie anrichtet, und frohlockt, einem ſo gefaͤhrlichen Geſchoͤpfe das Leben gegeben zu. haben.“ ——— ——— Hormos. 109 Waͤhrend der Karismier uns dieſes erzuͤhlte, ſahen wir eine Menge Leute aus der Stadt kommen, mit ei⸗ ner Wache des Sultans, welche zwei junge Menſchen fuͤhrte, und auf die Thuͤrme zuging. „Das ſind ohne Zweifel,“ rief ich aus,„neue Narren, welche man hieher fuͤhrt.“ „Ja,“ ſagte der Karismier,„die Prinzeſſinn Reſia⸗Beguͤm ſpielt vermuthlich heute wieder das Kolbenſpiel.“ 8 Er hatte kaum dieſe Worte ausgeſprochen, als ich ihn haſtig verließ. Huͤſſeyn folgte mir, und da er bemerkte, daß ich ſo eilig vorwaͤrts ſchritt, fragte er mich, warum ich ſo eilete. 4— „Ich will,“ antwortete ich,„die Prinzeſſinn von Karism ſpielen ſehen; ich will mich ſelber von ihrer Schoͤnheit uͤberzeugen: ich zweifle ſehr, daß ſie ſo furchtbar iſt, wie man ſagt.“ „Miein Hofmeiſter erſchrak bei dieſer Rede, und be⸗ kaͤmpfte zum erſtenmal meinen Willen. „Ach! Herr,“ ſagte er zu mir, mit allen Zeichen des tiefſten Schmerzes,„huͤtet euch wohl, dieſem Ge⸗ luͤſte nachzugeben. Welcher boͤſe Geiſt hat es euch eingehaucht? Nach dem was wir ſo eben mit unſern eigenen Augen geſehen haben, nach dem was der Ka⸗ rismier uns erzaͤhlt hat, koͤnnt ihr dennoch den ver⸗ haͤngnisvollen Anblick Reſia's wuͤnſchen? Ich ſchwoͤre 110 3 122. Tag. euch bei dem großen Propheten,*) ohne welchen der Himmel und die Erde nicht geſchaffen waͤren, euch nicht ihren Blicken auszuſetzen. Fuͤrchtet das Schick⸗ ſal dieſer Ungluͤcklichen, deren Geſchichte wir eben erſt gehoͤrt haben.“ Ich konnte mich nicht enthalten, uͤber die Furcht zu lachen, welche Huͤſſeyn blicken ließ, und antwor⸗ tete ihm: „Wahrhaftig, ihr ſeid nicht bei Sinnen! Wie koͤnnt ihr einer ſo laͤcherlichen Furcht Gehoͤr geben? Bildet ihr euch denn ein, daß der Anblick eines ſchoͤ⸗ nen Weibes im Stande ſei, mich um den Verſtand zu bringen? Ihr wißt doch wohl, daß es in dem Ha⸗ rem meines Vaters Weiber von vollkommener Schoͤn⸗ heit gibt, und doch keine mich jemals hat reizen koͤn⸗ nen. Ich bin vielleicht unter den Prinzen meines Alters der unzugänglichſte fuͤr den Eindruck der Liebe. Ihr wißt, daß ich am Hofe daheim dieſen Ruf hatte; was Einige fuͤr einen Fehler, und andere fuͤr eine Tu⸗ gend anſehen. Waͤhnet alſo nicht, daß ich auf einmal von einem Aeußerſten zum andern uͤbergehen koͤnne. Seid unbeſorgt uͤber die Neugier, welche mich dahin⸗ zieht, und verlaßt euch auf mein Wort, das ich euch gebe, daß ich Reſia⸗Beguͤm ungeſtraft anſehen will, *) Alak. Hormos. 111 welches Geſchrei ihre Reize ſonſt auch machen moͤgen.“ Mein Hofmeiſter entgegnete mir nichts mehr; aber obwohl ich mich ihm fuͤr mich ſelbſt verbuͤrgte, ſo be⸗ merkte ich doch wohl, daß ich ihn nicht beruhigen konnte. Indeſſen war ich nur darauf bedacht, meine Neu⸗ gierde zu befriedigen; und da ich den Ort nicht wußte, wo die Prinzeſſinn ſpielte, ſo wandte ich mich an den erſten beßten, dem ich in der Stadt begegnete. Es war ein Imam,*) und ich ſagte zu ihm: „Seid doch ſo gut, und zeiget mir den Weg nach der Kolbenbahn.“ „Junger Mann,“ antwortete er mir,„wenn ihr Luſt habt zum Kolbenſpiele, ſo verſchiebet es doch bis morgen: die Prinzeſſinn vergnuͤgt ſich heute mit die⸗ ſem Spiele; und anſtatt euch der Bahn zu naͤhern, rathe ich euch, euch davon zu entfernen“ „Oh! Herr,“ entgegnete ich dem Imam,„meine Abſicht iſt nicht, zu ſpielen, ſondern die Prinzeſſinn zu ſehen.“”“— „Ach! Ungluͤcklicher,“ rief er aus,„ſeid ihr des Lebens oder des Gebrauchs der Vernunft uͤberdruͤßig? Hat man euch denn nicht geſagt welche Wirkungen der *) Prieſter der höhern Ordnung. 112 Anblick Reſia's auf die Maͤnner hervorbringt? Wenn ihr es wiſſet, ſo ſeid ihr ſehr verwegen, eine ſo ge⸗ faͤhrliche Schoͤnheit nicht zu fuͤrchten.“ 122. 123. Tag. Hundert und drei und zwanzigſter Tag. Er ſagte noch manches andre zu mir, und that ſein moͤgliches, um mich von meinem Vorſatze abzu⸗ bringen: endlich aber, da er ſah, daß ich darauf be⸗ ſtand, von ihm den Weg nach der Kolbenbahn zu er⸗ fahren, zeigte er ihn mir mit Unwillen, und ſagte zornig zu mir: „So gehet denn, rennet in euer Verderben, weil ihr meinem Rathe nicht folgen wollt.“ Einen Augenblick nach dem ich den Imam verla⸗ ßen hatte, hoͤrte ich einen Herold mit lauter Stimme in den Straßen ausrufen: „Im Namen des Sultans, kund und zu wiſſen allem Volke, daß die Prinzeſſinn Reſia auf der Kolbenbahn ſpielt. Wenn jemand die Unvorſichtigkeit hat, ſie zu betrachten, ſo erklaͤre ich, daß er nur ſich ſelber das Unheil zuzuſchrei⸗ ben hat, welches ihm daraus entſteht.“ Je mehr ich mich der Kolbenbahn naͤherte, je mehr Bewegung bemerkte ich unter dem Volke. Ich hoͤrte, wie Vater ihren Soͤhnen riefen, und ſich Horamo s. 113 aͤngſtlich bemuͤhten, ſie von dem Anblicke Reſia's ab⸗ zuhalten. Ich lachte bei mir ſelber uͤber dieſe Behut⸗ ſamkeit, und noch mehr uͤber die Furcht, welche ſie Huͤſſeyn erregten. Als wir in die Naͤhe der Bahn kamen, ſahen wir nichts als Greiſe, und auch dieſe hielten ſich noch fern von der Prinzeſſinn; ſie beſorg⸗ ten, trotz dem Froſt ihres Alters„ ſich von ihr bezau⸗ bern zu laßen und ihr Schickſal in den Thuͤrmen zu vollenden. Die Schranken waren mit keinen Zuſchau⸗ ern umgeben; alle Maͤnner mieden den Anblick des ſchoͤnſten Weſens auf der Welt. Ich aber ging dreiſt naͤher; und taub fuͤr die Stimme einiger guten Greiſe, die mir aus Mitleiden zuriefen, ich ſollte mich entfernen, trat ich zu der Tochter des Sultans heran. Aber ich kam zu ſpaͤt; ſie hatte eben das Spiel geendigt, und ihren Schleier ſchon wieder uͤbergeworfen, ſo daß ich nur ihren Wuchs ſehen konnte, der mir koͤniglich erſchien. Sie ſtieg mit zweien ihrer Geſpielen in eine Saͤnfte, und kehrte nach dem Palaſte zuruͤck, umgeben von einer zahlreichen Wache. Hierauf wandte ich mich zu meinem Hofmeiſter, und ſagte mit verdrießlicher Miene: „Wie ungluͤcklich bin doch! waͤre ich einen Augen⸗ blick fruͤher gekommen, wuͤrde ich Reſia geſehen haben.“ III. 8 114 123. Ta g. „Herr,“ antwortete Huͤſſeyn mit einer Freude, welche er nicht zuruͤckhalten konnte,„dem Himmel ſei Dank, daß ihr ſie nicht ſahet! Trotz den Verſicherun⸗ gen, welche ihr mir gegeben habt, ihren Anblick gleichguͤlttg aushalten zu wollen, muß ich euch doch bekennen, bin ich ſehr erfreuet, daß ihr die gefaͤhr⸗ liche Probe nicht gemacht habt.“ „Ihr habt eben nicht,“ erwiederte ich ihm,„groß Urſach euch daruͤber zu freuen; denn dieſe Probe iſt nur verſchoben. Das naͤchſte Mal, wenn die Prin⸗ zeſſinn wieder ſpielt, verſpreche ich euch, ſie recht genau zu betrachten, waͤre ſie auch noch gefaͤhrlicher, als ihr euch einbildet.“ Ich verblieb den uͤbrigen Tag in dieſer Stimmung. Am folgenden Morgen aber wurde in der Stadt kund gemacht, die Prinzeſſinn Reſia wuͤrde nicht mehr oͤf⸗ fentlich vor dem Volke ſpielen, und nicht mehr ohne Schleier den Augen der Maͤnner ſichtbar ſein: der Sultan ihr Vater haͤtte, auf die unterthaͤnigſten Vor⸗ ſtellungen ſeiner Veſyre, dieſen Beſchluß gefaßt. Dieſe Kundmachung betruͤbte mich eben ſo ſehr, als ſie meinem Hofmeiſter angenehm war, der auch jetzo ſeine Freude nicht zuruͤckhalten konnte, und zu mir ſagte: „Ahl mein Prinz, jetzt erſt ſehe ich euch außer Gefahr! Die Prinzeſſinn wird fortan das Harem nicht mehr verlaßen, und ihre Schoͤnheit kann dem Men⸗ Hohrrmo s. 115 ſchengeſchlechte nicht mehr ſchaͤdlich werden. Ich kann dem Himmel nicht genug danken..“ „Ihr irret euch, Huͤſſeyn,“ unterbrach ich ihn mit Heftigkeit,„wenn ihr waͤhnet, daß ich der Hoffnung entſage, meine Neugierde zu befriedigen. Wie ſchwer es gegenwaͤrtig auch halten mag, Reſia zu ſehen, ſo wird es doch nicht unmoͤglich ſein, Mittel dazu zu finden.“ Hundert und vier und zwanzigſter Tag. Wirklich kamen mir allerlei Wege dazu in den Sinn, und ich blieb endlich bei dieſem hier ſtehen. Ich ſteckte Gold und Geſteine zu mir, ging ſo zu dem Gaͤrtner des Sultans, und uͤberreichte ihm eine Boͤrſe voll Zeckienen, mit den Worten: 1 „Nehmet, mein Vater, es ſind fuͤnfhundert Gold⸗ ſtuͤcke darin; ich bitte euch, dieſelben, in Erwartung reicherer Geſchenke, anzunehmen.“ Der Gaͤrtner war ein guter Greis, der eine Frau beinahe von ſeinem Alter hatte. Er nahm laͤchelnd die Boͤrſe, und antwortete mir: „Junger Mann, das Geſchenk iſt anſtaͤndig; aber da ihr es mir ohne Zweifel nicht umſonſt gebt, ſo ſaget mir, welchen Dienſt wuͤnſchet ihr, daß ich euch leiſten ſoll?“ 124. Tag. „Ich habe eine Bitte an euch,“ antwortete ich ihm,„und dieſe iſt, mich in die Gaͤrten des Harems zu laßen, und mir Mittel zu verſchaffen, nur ein einziges Mal die Prinzeſſinn Reſia zu ſehen, weil ſie ſich nicht mehr in der Stadt zeigen ſoll.“ Bei dieſen Worten gab mir der Gaͤrtner unwillig meine Boͤrſe wieder, und ſagte zu mir: „Gehet verwegener Juͤngling, ihr denkt nicht an die Folgen des Antrags, welchen ihr mir da machet. Außerdem daß ihr Gefahr laufet, durch den Anblick der Prinzeſſinn verruͤckt zu werden, wißt ihr denn nicht, daß ihr euer Leben und das meinige in Gefahr ſetzet? Wenn ich euch auch Frauenkleider anziehen, und unter dieſer Verkleidung in den Garten ließe, waͤhrend Reſia darin luſtwandelt,— haͤtte ich da nicht alle Urſache, eure Entdeckung zu fuͤrchten? Die Verſchnittenen, welche die Sicherheit der Frauen be⸗ wachen, ſind erſtaunlich ſcharfſichtig; nichts entgeht ihnen, und ſehr leicht erregt man ihr Mistrauen. Bedenket doch die Gefahr, in welche ihr euch ſtuͤrzen, und mich mit hineinziehen wollt.“ Dieſe Rede ſchreckte mich nicht ab:„O mein Va⸗ ter,“ hub ich wieder an, indem ich ihm die Boͤrſe darbot,„verſaget mir nicht eure Huͤlfe; ich bin ein Fremdling, der hier weder Verwandte noch Freunde dat; ich habe das aͤußerſte Verlangen, die Prinzeſſinn zu ſehen; nur von euch allein kann ich die Befriedigung 116 . Hormos. 117 deſſelben erwarten: wenn ihr ſie mir nicht verſchafft, ſo ſterbe ich vor Schmerz.“ Die Gaͤrtnerinn konnte mich nicht ohne Mitleid anhoͤren; ſie nahm ſich meiner an, und wir beide be⸗ gannen ihren Mann dringend zu bitten, meinem Wunſche nachzugeben. Da er waͤhrend dieſer Zeit nachſann, ohne uns zu antworten, ſo dachte ich, er ſchwankte, und bot ihm noch einige Diamanten dar, um ihn vollends fuͤr mich zu beſtimmen. Dieß weckte ihn wieder aus ſeinem Nachſinnen, und er ſagte zu mir: 8 „Mein Sohn, es war nicht noͤthig, mir noch dieſe Edelſteine zu geben, um mich fuͤr euch zu ge⸗ winnen. Gleich beim erſten Anblicke habe ich Zunei⸗ gung fuͤr euch geſpuͤrt. Ich habe beſchloſſen, euch zu dienen, und ſo eben ein Mittel erdacht, euer Ver⸗ langen zu befriedigen, ohne einen von uns beiden in Gefahr zu ſetzen.“ Ich umarmte den Greis fuͤr die ſchmeichelhafte Zuſicherung, welche er mir gab; und voll Ungeduld, das Mittel zu erfahren, welches er gefunden hatte, bt ich ihn, mich nicht laͤnger in Unwiſſenheit zu aßen. „Ihr muͤßt,“ ſagte er jetzo zu mir,„eure Kleider ablegen und einfachere anziehen. Ich will euch fuͤr ei⸗ nen Gaͤrtnerburſchen ausgeben; aber weil eure blonden Haare den Blicken der Verſchnittenen auffallen und 118 124. 125. Tag. ihren Argwohn erregen moͤchten, ſo wollen wir euern Kopf mit einer Blaſe bedecken und dieſelbe beſchmie⸗ ren, ſo daß es ausſieht, als wenn ihr den Grind haͤttet: das wird die beßte Wirkung von der Welt thun; denn je widriger ihr ſcheint, je weniger ſeid ihr verdaͤchtig. Vielleicht,“ fuͤgte er hinzu,„iſt euch eine ſolche Verkleidung zuwider; aber ich weiß euch keine andre vorzuſchlagen, und ihr duͤrft keine Schwie⸗ rigkeiten machen, euch derſelben zu bedienen, wenn ihr nur, wie ihr ſagt, die Abſicht habt, die Tochter des Sultans zu ſehen. Wolltet ihr ihr gefallen, ſo muͤßtet ihr freilich eine andre Geſtalt annehmen, welche mehr geeignet waͤre, ſie fuͤr euch einzunehmen.“ Hundert und fuͤnf und zwanzigſter Tag. Ich nahm den Vorſchlag an, und ließ mich als Gaͤrtnerburſchen verkleiden: man ſteckte meine Haare unter eine Blaſe, und richtete mich dergeſtalt zu, daß auch die lebhafteſten Frauen mich ungeſtraft betrach⸗ ten konnten. Waͤhrend der Greis und ſeine Frau noch die letzte Hand an meine Verkleidung legten, trat mein Hof⸗ meiſter herein, der ungeduldig geworden war, einige Schritte von da laͤnger auf mich zu warten, und wiſſen wollte, was ich bei dem Gaͤrtner machte. Er + 4 Hormpos. 119 warf die Augen auf mich, und als er mich erkannte, obwohl ich ſo gut verkleidet war, erſtaunte er uͤber den ſeltſamen Zuſtand, worin er mich ſah. Ich konnte mich nicht enthalten, uͤber ſeine Ver⸗ wunderung zu lachen, und mein Gelaͤchter erregte das ſeinige. Meine einfache Kleidung, meine Muͤtze, welche mir das Ausſehn eines Grindigen gab, alles dieß gab uns Stoff genug, uns zu beluſtigen. Der alte Gaͤrtner allein behielt ſeine Ernſthaftig⸗ keit; er bezeugte mir ſogar einige Unruhe, und fragte mich, ob ich auch der Verſchwiegenheit Huͤſſeyns recht verſichert waͤre. Ich verbuͤrgte mich dafuͤr; und um ihn vollends zu beruhigen, ſagte ich ihm, es waͤre mein Bruder. „Das iſt genug,“ ſagte hierauf der Greis zu mir, „ich bin nun zufrieden. euch in den Garten zu bringen. Laßt euern Bruder nach Hauſe gehen: er kann von Zeit zu Zeit wieder herkommen, und ich werde ihm Nachricht von euch geben.“ Hierauf entfernte ſich Huͤſſeyn, und bald darnach nahm der Gaͤrtner mich mit in den Garten. Er gab mir einen Spaten, lehrte mich ihn handhaben, und wies mir an, was ich thun ſollte. Waͤhrend ich ſo arbeitete, kamen etliche Verſchnit⸗ tene bei mir voruͤber: ſie betrachteten mich, und da ſie ſahen, daß ich grindig war, ſagten ſie: Jetzo koͤmmt es darauf an, 120 125, Tag. „Gut, das iſt noch ein Gartenburſche, wie wir ihn haben muͤßen.“ Sodann ſetzten ſie ihren Weg fort, und ich war ſebe zufrieden, daß ich ihnen keinen Argwohn erregt hatte. Gegen Ende des Tages hieß mich mein alter Gaͤrtner, der ſich wohl dachte, daß ich muͤde ſein muͤßte, die Arbeit verlaßen, und fuͤhrte mich in die Naͤhe eines Marmorbecken, in welchem ſehr ſchoͤnes Waſſer war. Ich fand hier eine Haut, welche er auf dem Raſen ausgebreitet und mit mehreren Schuͤſ⸗ ſeln Reis und Fleiſchſpeiſen beſetzt hatte. Daneben ſtand ein großer Krug voll Weins, und eine Tam⸗ bura.*) Wir ſetzten uns beide auf die Haut, und ſpeiſten mit guter Eßluſt; ſodann ſprachen wir dem Weinkruge zu. Wir hatten ihn beinahe ſchon geleert, als der Alte, in der guten Laune worin er war, das Saitenſpiel nahm und darauf ſpielte. Ich hatte zu gut die Taſanaa) fuͤhren gelernt, um von ſeiner Art zu ſpielen, entzuͤckt zu werden; aber obgleich er bei ſeinem Spiele mehr Vergnuͤgen * *) Eine Art Laute mit langem Griffbrett und ſechs Drath⸗ ſaiten. 1 —*) Taſana iſt ein Stäbchen von Schildkrötenſchaale, lang und breit wie ein Finger, womit man die Saiten der Tambura rührt. 3 Horm o s. 121 empfand, als er mir mittheilte, ſo unterließ ich jedoch nicht, ihm zu ſagen, daß er ſeine Sache gut machte. Er bezeigte ſich erkenntlich fuͤr dieſe Lobeserhebung, und ſagte zu mir, indem er mir das Saitenſpiel in die Hand gab: „Nimm, mein Sohn, und ſpiele nun auch ein wenig; wir wollen ſehen, wie du dich dabei benimmſt.“ Ich ließ mich nicht zweimal bitten: ich ſpielte ihm zu gefallen eine der ſchoͤnſten Weſen Abdelmumens, und begleitete ſie ſelbſt mit meiner Stimme.*) Er ermangelte nicht, mir die von mir empfange⸗ nen Lobeserhebungen zuruͤckzugeben; aber ich war eben nicht geruͤhrt davon, obwohl ich ſie beſſer zu verdienen glaubte, als er. Hundert und ſechs und zwanzigſter Tag. Ich bildete mir ein, allein den Gaͤrtner zum Zu⸗ hoͤrer und Bewunderer zu haben: aber ich taͤuſchte mich; der Großveſyr, der zufaͤllig gerade damals im Garten luſtwandelte, hatte ſich, durch meine Stimme und durch die Begleitung meines Saitenſpiels ange⸗ *) Abdelmumen iſt der berühmteſte Altperfiſche Tonkünſtlers der eine zahlreiche Menge von Werken geſetzt hat. Er woß der Lulli ſeiner Zeit. 122 126. Tag. zogen, ohne Geraͤuſch uns genaͤhert, und mir zuge⸗ hoͤrt. Als er ſah, daß ich nicht weiter ſang, naͤherte er ſich uns. Ich ſtand auf, um aus Ehrfurcht mich zu entfernen; er aber ſagte zu mir: „Bleib hier; warum willſt du vor mir fliehen?“ „Oh! gnaͤdiger Herr,“ antwortete ich ihm,„ich bin nicht wuͤrdig, vor ſo großen Herren zu erſcheinen, wie ihr ſeid.“ „Bleib, junger Menſch,“ wiederholte er,„und ſage mir, wer du biſt.“ „Da ich nicht auf dem Fleck antwortete, weil ich nicht recht wußte, was ich ſagen ſollte, ſo nahm der Gaͤrtner das Wort: „Gnaͤdiger Herr,“ ſagte er,„es iſt mein Burſche; er verſteht ſich ſehr gut auf die Gaͤrtnerei, und ich bin froh, eine ſo gute Erwerbung gemacht zu haben.“ Der Veſyr hieß mich hierauf nochmals ſingen, und ich ſang und ſpielte auf eine Weiſe, daß er davon entzuͤckt ſchien. „Nein,“ rief er aus,„alle Tonkuͤnſtler des Sul⸗ tans mitſammen wiegen nicht dieſen Juͤngling auf.— Aber,“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich mir naͤherte und mich genauer betrachtete,„was hat er denn an dem Kopfe? es ſcheint, er hat den Grind.“ „Leider, ja, gnaͤdiger Herr,“ ſagte der alte Gaͤrt⸗ ner,„der arme Burſche hat den Grind.“ Hormos. 123 „Ah! das thut mir Leid,“ erwiederte der Miniſter: „ohne dieſe Kraͤtze, die anſteckt, und nicht eben ange⸗ nehm zu ſehen iſt, wuͤrde ich den jungen Menſchen aus ſeiner Dunkelheit hervorgezogen haben; ich haͤtte ihn immer um mich haben moͤgen, mich zu ergetzen; ich haͤtte ſein Gluͤck gemacht: Schade, daß er den Grind hat.“ Nachdem der Groß⸗Veſyr dieſe Worte geſprochen hatte, verließ er uns, und am folgenden Morgen ſprach er zu dem Sultan: „Herr, Euer Majeſtaͤt weiß nicht, daß ſie in ih⸗ rem Garten einen Schatz hat.“ Und hierauf erzaͤhlte er ihm alles, was am vorigen Abend zwiſchen uns vorgegangen war. Auf dieſe Erzaͤhlung ſeines Miniſters, bekam der Sultan auch Luſt, mich zu hoͤren, und ſagte: „Ich will heute in den Garten gehen, um dieſen Grindigen zu ſehen. Man gebe meinen Tonkuͤnſtlern die Weiſung, dort ein Konzert zu veranſtalten, und man ſorge dafuͤr, daß Erfriſchungen aller Art dorthin ge⸗ bracht werden.“ Dieſer Befehl war nicht ſo bald ertheilt, als man rings um das Marmorbecken, wo ich mit dem alten Gaͤrtner getrunken hatte, praͤchtige Fußteppiche aus⸗ breitete. Die Tafelbeamten ſtellten mehrere Schenk⸗ tiſche auf, welche ſie mit reichen Gefaͤßen voll koͤſtli⸗ cher Brandweine beſetzten, ſo wie ſie unter zwei 124 Gezelten von gruͤnem Taft mancherlei Fleiſchſpeiſen und Fruͤchte auftiſchten. Alles war bereit, als der Sultan, in Begleitung ſeines Groß⸗Veſyrs und eines Theils ſeines Hofſtaats, ankam. 126. 127. Tag. So bald er ſich geſetzt, und den Leuten ſeines Gefolges befohlen hatte, daſſelbe zu thun, erſchien ich vor ihm mit einem Korbe voll Blumen; ich war um die Huͤften mit weißem Linnen geſchuͤrzt, ſetzte den Blumenkorb zu ſeinen Fuͤßen hin, und zog mich mit ehrfurchtsvoller Miene zuruͤck. Ich gewahrte, daß er mich aufmerkſam anſah, und inſonderheit die Blaſe betrachtete, welche meinen Kopf ſo uͤbel ſchmuͤckte. Er errieth ohne Muͤhe, daß ich derjenige waͤre, von welchem der Veſyr ihm geſagt hatte. „Ho, ho! Grindiger,“ ſprach er zu mir,„was machſt du hier?“ Mein alter Meiſter, der mich begleitete, antwor⸗ tete abermals fuͤr mich, und ſagte, ich waͤre ſein Burſche, und verſtaͤnde den Gartenbau: was er ſo dreiſt verſicherte, als wenn er uͤberzeugt geweſen waͤre, die Wahrheit zu ſagen. Hundert und ſieben und zwanzigſter Tag. Der Sultan hatte ſtaͤts den Blick auf mich gerich⸗ tet, und ſagte zu dem Gaͤrtner: —— Hormos. 125 „Iſt es wahr, daß dein Burſche da ſo gut die Tambura ſpielt, und dazu trefflich ſingt?“ „Ja, Herr,“ antwortete ihm der Greis,„er hat die anmuthigſte Stimme von der Welt. Wenn man ihn hoͤrt, ſo vergißt man, daß man ihn ſieht.“ „Ich bin neugierig, ihn zu hoͤren,“ verſetzte der Monarch:„Laß ſehen, was er kann.“ Nun waren da auch mehrere Hoffnarren. Einer unter andern bildete ſich ein, der Sultan ſpraͤche ſo nur aus Spott, und ich waͤre gut genug, dem gan⸗ zen Hofe zum Spielballe zu dienen, er kam alſo auf mich zu, faßte mich beim Arm, und wollte mich zwingen, mit ihm zu tanzen. Er dachte, ich wuͤrde mich dabei auf eine Weiſe gebaͤrden, welche mein aͤbeles Ausſehen noch laͤcherlicher machte, und er alſo die Ehre davon tragen, der Geſellſchaft einen ſo un⸗ terhaltenden Auftritt verſchafft zu haben. Aber das Ding ſchlug weniger zu ſeinem Ruhm, als zu ſeiner Beſchaͤmung aus; denn ich ergriff ihn mit kraͤftigem Arm und ſchuͤttelte ihn ſo derbe, daß die Lacher nicht auf ſeiner Seite waren. Hierauf zeigte ich, daß ich mit mehr Anſtand tanzte, als er ſich eingebildet hatte. Der Sultan, der Groß⸗Veſyr und alle Zuſchauer ga⸗ ben mir tauſend Beifallsbezeigungen. Die geringe Meinung, welche man anfangs von mir gehegt, hatte ohne Zweifel großen Antheil an der Bewunderung, welche ich mir jetzt erwarb. Man war 127. Tag. uͤberraſcht, einen Menſchen ſo gut tanzen zu ſehen, der nur veraͤchtlich ſchien. Wie dem nun ſei, man reichte mir Sil's,*) ich ſchlug ſie, und bezeichnete damit ſo geſchickt die Bewegungen und Wendungen meines Tanzes, daß ich, laut Aller Eingeſtaͤndniſſes, fuͤr den beßten Taͤnzer galt, welchen man noch an dem Hofe von Karism geſehen hatte. Nachdem ich lange genug getanzt hatte, nahm ich die Tambura des Gaͤrtners, und machte damit der Geſellſchaft hier nicht weniger Vergnuͤgen, als ich den Tag zuvor dem Groß⸗Veſyr gemacht hatte. Ich be⸗ merkte in den Augen dieſes Miniſters eine Zufrieden⸗ heit, welche in dem Maaße ſtieg, wie ſein Herr, den er unverwandt anſah, mehr und mehr ſein Vergnuͤ⸗ gen zu erkennen gab. 1 Man brachte mir hierauf noch eine Harfe, eine Laute, eine Geige, eine Floͤte: und ich ſpielte dieſe vier Inſtrumente, eins nach dem andern, ſo gut, daß der Sultan davon entzuͤckt war. Er befahl, ihm auf der Stelle eine Boͤrſe von tau⸗ ſend Goldſtuͤcken zu bringen, und ließ ſie vor mich hinſetzen. Ich oͤffnete ſie ſogleich, zog die Goldſtuͤcke heraus, und vertheilte ſie unter die Spielleute. 126 *) Sil's ſind zwei Stückchen Elfenbein, deren ſich die Mor⸗ genländer als Caſtagnetten bedienen. Hormos. 127 Der ganze Hof war erſtaunt uͤber mein Benehmen: „dieſer junge Menſch,“ ſagte man,„hat ein groß⸗ muͤthiges Herz; er will's den Koͤnigen gleich thun: Schade, daß er den Grind hat!“ Der Sultan, der nicht weniger daruͤber verwundert war, als die uͤbrigen, fragte mich, warum ich die Goldſtuͤcke nicht behielte. Ich antwortete ihm, ich beduͤrfte keiner Reichthuͤmer, weil ich die Ehre haͤtte, Seiner Majeſtaͤt anzugehoͤren und in ſeinen Gaͤrten zu dienen. Der Sultan ſchien ſehr zufrieden mit meiner Antwort, welche den Beifall aller ſeiner Hoͤflinge er⸗ hielt. Darnach befahl er ſeinen Tiſchbeamten, die von ihnen bereiteten Gerichte herbei zu bringen. Der Fuͤrſt und die Herren ſeines Hofes aaßen davon, ſodann tranken ſie Brandweine. Hierauf begann das Konzert: aber ſo ſchoͤn die Weiſen waren, und obwohl es hier bewundernswuͤr⸗ dige Stimmen gab, ſo hoͤrte ſie jedoch der zu ſehr fuͤr mich eingenommene Sultan faſt ohne Aufmerkſam⸗ keit an; ſo wie wir mittelmaͤßige Saͤnger nach einer Stimme anhoͤren, welche uns viel Vergnuͤgen ge⸗ waͤhrt hat. 128 128. T a g. Hundert und acht und zwanzigſter Tag. So bald das Konzert beendigt war, entfernte ſich der Hof. Man nahm ſogleich die Teppiche wieder weg, und die beiden Zelte nebſt den Schenktiſchen verſchwan⸗ den. Alle Bediente verliefen ſich, und ich blieb zuletzt allein mit dem Gaͤrtner, welcher zu mir ſagte: „Wenn die Geſchenke, welche ihr mir gemacht habt, mich nicht ſchon uͤberzeugt haͤtten, daß ihr nicht von gemeinem Stande ſeid, ſo wuͤrde der Gebrauch, welchen ihr von den euch geſchenkten Zeckienen gemacht habt, es mir bewieſen haben: gemeine Leute ſind ei⸗ nes ſolchen Zuges der Großmuth unfaͤhig.“ Obwohl mir der Greis hier eine gute Gelegenheit darbot, ihm zu entdecken, wer ich waͤre, ſo erachtete ich es jedoch nicht fuͤr rathſam, es ihm zu vertrauen; ich begnuͤgte mich damit, ihm zu ſagen, daß ich wirklich von ſehr gutem Hauſe waͤre. Hierauf veraͤn⸗ derte ich den Gegenſtand des Geſpraͤchs, und aͤußerte ihm die groͤßte Ungeduld, die Prinzeſſinn von Karism zu ſehen. „Es wundert mich,“ ſagte er zu mir,„daß ihr ſie noch nicht geſehen habt; es vergeht ſonſt ſchwerlich ein Tag, wo ſie nicht in den Garten koͤmmt mit ihren Frauen zu luſtwandeln.— Aber, ach!“ fuͤgte er hinzu, indem ſeine Miene ſich truͤbte,„ihr werdet ſie nur noch allzu fruͤh ſehen; und ich fuͤrchte, mich Hormos. 129 wird die Gefaͤlligkeit noch ſehr gereuen, welche ich fuͤr euch gehabt habe.“ ⸗ Anſtatt mich durch dieſe Worte abzuſchrecken, reizte der gute Greis dadurch nur mein Verlangen noch mehr. Am folgenden Tage,— es war der dritte,— nachdem ich etwas gearbeitet hatte, ruhte ich unter einem Roſenbuſche, und war in Gedanken verſunken, waͤhrend ich auf der Laute ſpielte, als ploͤtzlich eine verſchleierte Frau vor mir erſchien, und zu mir ſagte: „Junger Menſch, laßt eure Laute liegen, ſtehet auf, und eilet, fuͤr die Tochter des Sultans Blumen zu pfluͤcken und ihr zu uͤberreichen; ſie iſt hier im Garten. Haͤttet ihr es nicht ſchon von ſelber thun ſollen? Muß man euch an eure Pflicht erinnern? Was ſeid ihr fuͤr ein Gaͤrtnerburſche?“ Ich kuͤßte alsbald die Erde, und antwortete der Frau, ich wuͤßte nicht, daß die Prinzeſſinn im Gar⸗ ten waͤre; und wenn ich es uͤbrigens auch gewußt haͤtte, ſo wuͤrde ich mich doch wohl gehuͤtet haben, mich mit meiner Geſtalt ihren Blicken zu zeigen.“ Die Frau brach bei dieſer Rede in ein lautes Ge⸗ laͤchter aus, und ſagte zu mir: „Ei, was? weil ihr ein wenig den Grind habt, wolltet ihr es nicht wagen, euch zu zeigen? Oh, ich werde es nicht zugeben, daß eine falſche Scheu euch III. 9 130 128. Tag. zuruͤckhaͤlt, ſondern euch alsbald zu der Prinzeſſinn fuhren. Sie weiß ſchon eben ſo gut wie ihre Sklavinnen, daß ihr den Grind habt; ſie ſind darauf vorbereitet, und weit entfernt, ihnen Ekel zu erregen, werdet ihr ihnen vielmehr Vergnuͤgen gewaͤhren. Man hat ihnen ſo viel von euch geruͤhmt, daß ſie ſich freuen werden, euch zu ſehen. Eilet alſo hin und holet einen Korb, und ſeid verſichert, daß Reſia, de: ren Hofmeiſterinn zu ſein ich die Ehre habe, euch ſehr freundlich empfangen wird.“ Da ich nichts lieber wuͤnſchte, als wozu ich hier aufgefordert wurde, ſo lief ich hin zu dem Gaͤrtner. Ich nahm einen Korb, und eilte zuruͤck, ihn mit Blumen zu fuͤllen. Sodann ließ ich mich von der Hofmeiſterinn fuͤhren, und folgte ihr zu einem Saale, der mit einer hohen Kuppel mitten im Garten ſtand. Ich hatte, wie am vorigen Tage, eine weiße Schuͤrze vor, und den Korb in der Hand. Die Prinzeſſinn ſaß in dem ſehr praͤchtigen Saal auf einem goldenen Thron, umgeben von zwanzig bis dreißig jungen Sklavinnen, eine immer ſchoͤner als die andre. Es ſchien, als wenn ſie eigens ausgewaͤhlt waͤren, um einen Reſia's wuͤrdigen Hofſtaat zu bil⸗ den. Nein, die Schoͤnheiten, welche die Wonne der glaͤubigen Muſelmaͤnner nach ihrem Tode ſind,*) *) Die Huri's in Mahomeds Paradieſe. Hormos. 231 koͤnnen nicht reizender ſein. Die Prinzeſſinn aber vor allen ſtrahlte in ſo blendender Schoͤnheit, daß ich mit⸗ ten im Saale wie unbeweglich ſtehen blieb, die Augen ſtarr auf ſie gerichtet, und den Mund aufgeſperrt. Hundert und neun und zwanzigſter Tag. Meine Verwirrung und mein Hinſtarren, deren Urſache nicht ſchwer zu entdecken war, erregten langes und lautes Gelaͤchter. Die Sklavinnen machten ſich alle ein wenig uͤber meine Gebaͤrde luſtig, und mein⸗ ten, die Schoͤnheit ihrer Herrinn haͤtte mich um den Verſtand gebracht. Dieſe Meinung war auch nicht ungegruͤndet. Ich erſchien wie außer mir, ſo ver⸗ wirrt, ſo verſtoͤrt, daß man wohl denken konnte, ich waͤre verruͤckt geworden: und in der That war der Zuſtand, in welchem ich mich befand, wenig verſchie⸗ den vom Wahnſinne.. „Tretet doch naͤher,“ ſagte meine Fuͤhrerinn zu mir,„ihr ſteht ja da, wie eine Bildſaͤule; gehet, und bietet der Prinzeſſinn die Blumen dar.“ Bei dieſen Worten kam ich wieder etwas zu mir. Ich naͤherte mich dem Thron, und nachdem ich mei⸗ nen Korb auf die erſte Stufe hingeſetzt hatte, warf ich mich nieder, und blieb mit dem Geſicht am Bo⸗ den liegen, bis Reſia zu mir ſagte: 129. Ta g. „Steh auf, junger Menſch, wir freuen uns, dich zu ſehen.“. Ich gehorchte, und jetzo, als die Frauen meinen kahlen Kopf, oder vielmehr meine Muͤtze, erblickten, obwohl ſie es ſchon wußten, ſchrien ſie laut auf, und rechtfertigten nicht die Zuſicherung, welche die Hofmeiſterinn mir gegeben hatte, ſondern fingen von neuen an zu lachen. Nachdem ſie ſich auf meine Unkoſten hinlaͤnglich luſtig gemacht hatten, ließ die Prinzeſſinn mir eine Laute geben, und befahl mir, dieſelbe mit meiner Stimme zu begleiten, indem ſie zu mir ſagte: „Du haſt geſtern den Sultan meinen Vater ent⸗ zuckt: es iſt mir nicht glaublich, daß du ſo vollkom⸗ men ſingen und die Laute ſpielen kannſt, als er es mich hat uͤberreden wollen.“ Sogleich ſtimmte ich das Saitenſpiel, und ſang in der Weiſe Ueſſal) folgende Perſiſche Reime: „Ach! ich bin hin, kann nicht dem Tod' entweichen, Seit ich erblickt dein himmliſch Angeſicht: Vor Leid ich ſterbe, liebeſt du mich nicht; Vor Luſt ich ſterbe, kann ich dich erweichen.“ Obwohl es nicht ſchwer war, die Anwendung zu errathen, welche ich von dieſen Verſen machen wollte, 132 *) Ueſſal heißt die Weiſe für zärtliche Lieder. Honrm o s. 55 c und dieß folglich den Lachluſtigen neuen Stoff geben mußte, ſich zu ergetzen, ſo verſchonten ſie mich jedoch fuͤr diesmal. Vielmehr, anſtatt weiter ſpoͤttiſch zu lachen, zollten ſie mir Beifall. Zwar, die Prinzeſſinn war die erſte, welche mich lobte; und dieß macht die Lobeserhebungen ihres Hofes ſehr verdaͤchtig. Wie dem nun ſei, eine Sklavinn nahm mir jetzo die Laute ab, und reichte mir ein Tamburin; ſodann wurden mir die Floͤte, die Harfe und die Geige, eins nach dem andern, gebracht: und ich hatte das Gluͤck, alle auf eine Weiſe zu ſpielen welche mir neue Lobſpruͤche erwarb. „Das iſt noch nicht genug, mein Freund,“ ſagte hierauf die Sultanstochter;„ich habe auch gehoͤrt, daß du meiſterhaft tanzeſt: ich moͤchte gern ſehen, wie du dich dabei gebaͤrdeſt.“ Ich verlangte Sil's, mit welchen ich dieſelben Taͤnze tanzte, wie am vorigen Tage, und ich machte es nicht weniger gut. Alle Sklavinnen begannen von neuen mich zu lo⸗ ben.„Ah!“ ſagte die eine,„wie huͤbſch und zierlich er tanzt!“ „Welche anmuthige Stimme er hat!“ ſagte die andre:„ohne ſeinen Grind, koͤnnte er einer der belieb⸗ teſten Tonkuͤnſtler werden.“ Waoͤhrend ſie mir ſo tauſend verbindliche Dinge ſagten, betrachtete Reſia mich aufmerkſam, ohune 254 129. 130. T A g. etwas zu ſagen. Darnach unterbrach ſie ploͤtzlich das Stillſchweigen, und indem ſie von ihrem Throne her⸗ abſtieg, um nach dem Palaſt zuruͤckzukehren, rief ſie aus: „Schade, Schade, daß er den Grind hat!“ Kaum hatte ſie dieſe Worte ausgeſprochen, ſo lie⸗ ßen ihre Frauen, als wenn ſie von ihr zur Wieder⸗ holung derſelben aufgefordert waͤren, den Saal davon wiederhallen; und indem ſie mit ihr hinaus gingen, ſagten alle zuſammen: „Es iſt ſehr Schade, daß er den Grind hat!“ Hundert und dreißigſter Tag. Ich blieb auch nicht lange mehr in dem Saale, nachdem ihn alle verlaßen hatten. Ich ging wieder nach dem Hauſe des alten Gaͤrtners, und traf hier meinen Hofmeiſter, der ſich nach mir erkundigen wollte. „Wohlan!“ ſagte ich zu ihnen beim Eintritt,„ich habe jetzt eben Reſia geſehen!“ 3 Beide erblaßten bei dieſen Worten, und ſahen zit⸗ ternd mich an: ſie fuͤrchteten in meinen Augen die Hormos. 135 Beſtaͤtigung ihrer Beſorgnis zu leſen. Ich bemerkte es, und fuhr fort: „Ich ſehe wohl, warum ihr mich ſo forſchend an⸗ blicket. Verbannet eure Furcht: ich bin nicht naͤrriſch geworden. Aber wenn man auch die Menſchen ein⸗ ſperren ſoll, welche in die Prinzeſſinn verliebt ſind, ſo bekenne ich es, ich verdiene einen Platz in den Thuͤrmen.“ Hierauf erzaͤhlte ich ihnen umſtaͤndlich alles, was in dem Saale vorgegangen war. Ich fugte hinzu, ich wollte noch laͤnger unter derſelben Verkleidung in dem Garten bleiben, und mich bemuͤhen, Reſia zu gefallen. Mein Hofmeiſter und der alte Gaͤrtner ſtellten mir dagegen alles vor, wodurch ſie mich zu vermoͤgen waͤhnten, dieſen Vorſatz aufzugeben; aber dem einen verbot ich, ſich laͤnger demſelben zu widerſetzen, und den andern bewog ich durch neue Geſchenke, mich noch ahe die Rolle eines Gaͤrtnerburſchen ſpielen zu aßen. Am folgenden Tage, nachmittags, als ich mich ausruhen wollte, ging ich hin, und ſetzte mich am Rande eines Waſſerbeckens, welcher mit Raſen beklei⸗ det, und mit dichtem Gebuͤſch umgeben war, die es mit ihrem Laube beſchatteten. Ich wußte, daß die Prinzeſſinn ſich manchmal hier badete. Dieß war wohl geeignet, die Einbildungskraft eines Liebenden in 136 130. T a g. Thaͤtigkeit zu ſetzen. Ich beſchaͤftigte mich mit tau⸗ ſend angenehmen Bildern, wie ſie ſich nur der Seele eines ſterblich Verliebten darſtellen. Aber ich blieb nicht lange in einer ſo ſuͤßen Traͤumerei. Indem ich die Augen auf den Waſſerſpiegel richtete, erblickte ich darin mein Abbild, welches mich zu traurigen Be⸗ trachtungen veranlaßte. Weit entfernt, mich mit mir ſelber zufrieden zu fuͤhlen, ſeufzte ich vor Betruͤbnis, mich zu einer ſolchen Verkleidung genoͤthigt zu ſehen. „O Himmel!“ rief ich aus,„durch welches wunderliche Geſchick muß ich in dieſer ſeltſamen Ent⸗ ſtellung vor einer Prinzeſſinn erſcheinen, welche ich liebe? Wo denke ich hin? darf ich hoffen, unter ei⸗ ner ſo widerwaͤrtigen Geſtalt, einen zaͤrtlichen Eindruck zu machen? Welche Ungereimtheit!— Ha!“ fuhr ich fort, indem ich die Blaſenkappe von meinem Haupte riß,„waͤre es mir vergoͤnnt, mich ſo zu zei⸗ gen, wie ich wirklich bin, ſo wuͤrde ich wenigſtens, wenn meine Geſtalt auch nicht anmuthig genug waͤre um Reſia zu gefallen, ihr doch keinen Abſcheu er⸗ regen.“— Nachdem ich mein Schickſal und die Nothwendig⸗ keit beklagt hatte, unter dieſer widerwaͤrtigen Verklei⸗ dung zu bleiben, ſetzte ich die Blaſe wieder auf. Meine Haͤnde waren noch damit beſchaͤftigt, ſie wie⸗ der zurecht zu ruͤcken, als eine Frau zu mir heran F 7 Hormo s. 137 trat. Sie hub ihren Schleier auf, und ich erkannte in ihr die Hofmeiſterinn der Prinzeſſinn. „Grindkopf,“ ſprach ſie zu mir,„ich ſuche euch, um euch zu ſagen, daß ihr gluͤcklicher ſeid, als ein anſtaͤndiger Menſch: meine Gebieterinn hat, ungeachtet eures Kahlkopfs, Geſchmack an euch gefunden, und will euch dieſe Nacht in ihre Zimmer fuͤhren laßen; ſie wuͤnſcht, euch noch einmal ſingen zu hoͤren und tanzen zu ſehen. Findet euch dieſe Nacht wieder an dieſem Orte ein, und bleibet ja nicht aus.“ Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich, ohne meine Antwort abzuwarten, und ließ mich in großer Bewe⸗ Puns uͤber die Neuigkeit, welche ſie mir verkuͤndigt atte. Die Hofmeiſterinn hatte nicht noͤthig, mir Puͤnkt⸗ lichkeit zu empfehlen. Ich lief ſogleich zu dem alten Gaͤrtner, weniger um ihm mein gutes Gluͤck mitzu⸗ theilen, als um ihn zu benachrichtigen, daß er mei⸗ netwegen nicht beſorgt ſein moͤchte, wenn ich die Nacht außer ſeinem Hauſe zubraͤchte. Sodann kehrte ich zuruͤck und ſtreckte mich wieder auf den Raſen hin, wo ich die Botſchaft vernommen hatte. Nicht ohne die lebhafteſten Regungen der Ungeduld ſah ich endlich den erſehnten Augenblick herannahen. Ein Verſchnittener kam, und hieß mich, ihm folgen. Er ließ mich durch eine geheime Thuͤre, deren Schluͤſſel 138 130., 131. T a g. er hatte, in den Frauen⸗Palaſt, und fuhrte mich in Reſia's Zimmer. Hundert und ein und dreißigſter Tag. Die Prinzeſſinn lag auf einem Sopha, und alle ihre Frauen ſaßen auf dem Fußteppich rings um ſie her, und erzaͤhlten ihr allerlei ergetzliche Geſchichten. So bald ſie mich kommen ſahen, ſtanden ſie auf, und riefen aus: „Ah! da iſt der Grindige, der wird uns wieder beluſtigen.“ „Junger Menſch,“ ſprach die Sultans⸗Tochter zu mir,„du haſt mir geſtern ſo viel Vergnuͤgen ge⸗ macht, daß ich dich noch einmal habe ſehen wollen.“ Alsbald ließ ſie mir eine reingeſtimmte Laute ge⸗ ben, und befahl mir, darauf zu ſpielen. Ich ge⸗ horchte, und ich ſang dazu Worte, zu welchen die Prinzeſſinn mich begeiſterte, deren Anblick meine Liebe entflammte. Kurz, man brachte mir hierauf dieſelben Inſtrumente, auf welchen ich den vorigen Tag in dem Gartenſaale geſpielt hatte, und ich erwarb mir noch groͤßern Beifall. Darnach war die Rede vom Tanze. Ich wollte zeigen, daß ich hierin Meiſter war. Ich tanzte ver⸗ ſchiedene Taͤnze: aber bei einem derſelben, welcher — Hormos. 139 heftige Bewegungen und Spruͤnge erforderte, ging meine Blaſe los, die ich nicht feſt genug gebunden hatte, und ſiel auf den Fußteppich hin. Bei dieſem Anblick thaten die Sklavinnen einen lauten Schrei, und Reſia nahm eine erzuͤrnte Miene an. Ihr Zorn funkelte in ihren Augen, und zeigte ſich noch mehr in ihren Worten. „Ha, Verwegener!“ ſprach ſie zu mir,„ich hielt dich fuͤr einen unbedeutenden Menſchen. Hoffe nicht daß ich deine Dreiſtigkeit durch das Vergnuͤgen ent⸗ ſchuldigen werde, welches du uns gemacht haſt.“ Nach dieſen Worten ließ ſie ihre Verſchnittenen herbeirufen. Sie kamen, ſtuͤrzten uͤber mich her, und fuͤhrten mich aus dem Zimmer der Prinzeſſinn, in ein Gemach, wo ſie mich einſperrten, bis ſie am folgen⸗ den Tage den Sultan von dieſem Ereignis unterrich⸗ tet hatten. „Ha! Elender,“ ſagte dieſer Fuͤrſt zu mir, als man mich ihm vorgefuͤhrt hatte,„warum haſt du dich als Gaͤrtnerburſche verkleidet? Was war deine Abſicht dabei? Du hatteſt ohne Zweifel im Sinne, mein Harem zu entehren. Aber, Dank dem Himmel, deine Verraͤtherei iſt entdeckt, und deine Strafe gewis. Du ſollſt auf der Stelle ſchmaͤhlich durch die Stadt gefuͤhrt werden und ein Herold voraufgehen, der dein Verbrechen kund macht; alsdann ſollſt du in tauſend Stuͤcken zerriſſen werden. Ich frage dich nicht, wer 140 131. T a g. du biſt; denn es wuͤrde dir nichts helfen, ob du auch von Geburt waͤreſt: wenn du ſelbſt ein Koͤnigsſohn waͤreſt, muͤßteſt du doch umkommen, weil du die Frechheit gehabt haſt, mich zu betruͤgen. Aber noch nicht genug,“ fuhr er fort,„meine Nache fordert noch ein Opfer: man beſtrafe meinen Gaͤrtner auf dieſelbe Weiſe. Ich zweifle nicht, daß er der Mitſchuldige dieſes jungen Waghalſes iſt.“ Ich wollte den alten Gaͤrtner entſchuldigen, indem ich betheuerte, daß er keinen Theil an meiner Ver⸗ kleidung haͤtte: aber man glaubte mir nicht, und wir ſollten eben beide den Scharfrichtern uͤberliefert werden, als der Groß⸗Veſyr ankam, und zu dem Koͤnige ſprach:. „Herr, ich vernehme ſo eben eine unangenehme Neuigkeit: der Koͤnig von Gasna, gereizt durch die Verſagung eurer Tochter, um welche er vor zehn Monaten durch einen Geſandten bei euch angehalten, hat ſich mit dem Koͤnige von Kandahar verbuͤndet. Dieſe beiden Fuͤrſten haben ihre ganze Heeresmacht ver⸗ einigt, und ziehen heran, eure Staaten zu verwuͤſten; ſie haben ſchon den Oxus uͤberſchritten, und ſtehen zwiſchen Samarkand und Bochara.“ Der Sultan war durch dieſe Neuigkeit beſtuͤrzt, und ſagte zu ſeinem Veſyr: „Schams⸗el⸗Muluk, was ſollen wir unter dieſen Umſtaͤnden thun?“ Horzmos. 141 „Herr,“ antwortete der Miniſter,„ich bin der Meinung, daß ohne Zeitverluſt alle Truppen, welche ihr gewoͤhnlich auf den Beinen habt, zuſammengezogen werden, und daß ſie nach Sogd aufbrechen, unter Anfuͤhrung eines Feldherrn, der geſchickt genug iſt, die Feinde hinzuhalten, bis man ihm Verſtaͤrkungen genug ſchicken kann, um angriffsweiſe vorzuſchreiten. — Indeſſen,“ fuͤgte er hinzu,„wollen wir uns den Himmel geneigt zu machen ſuchen, und ſeine Huͤlfe anflehen. Laßt die Moſcheen ſtaͤts offen ſtehen, und unaufhoͤrlich Gebete darin thun. Befehlet uͤberdieß al⸗ len Bewohnern von Karism, mehrere Tage zu faſten. Laßt auch Almoſen vertheilen, und ſetzet alle Gefange⸗ nen in Freiheit, welche Verbrechen ſie auch begangen haben moͤgen. Ich hoffe, durch ſolche gute Handlun⸗ gen werden wir den Himmel bewegen, uns zu helfen.“ Hundert und zwei und dreißigſter Tag. Schams⸗el⸗Muluk rettete durch dieſen Rath mir, ſo wie dem alten Gaͤrtner, das Leben. „Veſyr,“ ſagte der Sultan,„dein Rath ſcheint mir ſehr verſtaͤndig; ich will ihn befolgen. Gieb ſo⸗ fort Befehl, daß meine Truppen aufbrechen, und und uͤbernimm ſelbſt ihre Anfuͤhrung. Ich werde neue Aushebungen veranſtalten, und dich bald in den 142 132, Tag. Stand ſetzen, meine Feinde zuruͤck zu ſchlagen. Un⸗ terdeſſen ſollen die Moſcheen von Glaͤubigen gefuͤllt ſein, die Armen ſollen Mildthaͤtigkeit erfahren, und die Gefangenen ſollen ihre Feſſeln gebrochen ſehen. Ich verzeihe ſelbſt dieſen beiden Schuldigen hier, welche ich ſo eben verurtheilt habe. Ich widerrufe ihr Todesurtheil.“ Auf ſolche Weiſe entging ich einem ſchmaͤhlichen Tode. So bald ich außerhalb des Palaſtes war, eilte ich wieder nach meiner Karavanſerei, wo ich meinen Hofmeiſter in Verzweiflung traf. Er kam von dem Hauſe des Gaͤrtners, wo er mein Ungluͤck vernommen hatte. Er war freudig uͤberraſcht, als er mich wiederſah. Ich erzaͤhlte ihm alles, was mir begegnet war; und als ich Miene machte, daß ich noch laͤnger in Karism bleiben und, trotz meinem un⸗ gluͤcklichen Abenteuer, neue Mittel aufſuchen wollte, zu der Prinzeſſinn zu gelangen, warf er ſich mir zu Fuͤßen, und ſagte zu mir, mit Thraͤnen in den Augen: „O mein theurer Prinz, misbrauchet nicht die Gnade des Himmels; nachdem er euch aus einer ſchrecklichen Gefahr gezogen, worin die Liebe euch ge⸗ ſtuͤrzt hatte, ſetzet euch nicht fuͤrder einem ſo klaͤglichen Tode aus. Ach! wenn der Koͤnig euer Vater wuͤßte, was hier vorgegangen iſt, welches Herzeleid, großer Gott! wuͤrde ihm eure Unvorſichtigkeit machen! Hormos. 4 Folget mir, Herr, vergeſſet die Prinzeſſinn von Ka⸗ rism; auch verdient ſie nicht, daß ihr noch weiter an ſie denket: es hat nicht an der Grauſamen gelegen, daß ihr nicht das Leben verloren habt. Ein gerechter Abſcheu muͤße euch beſeelen, und die Vernunft euch uͤberzeugen! Laßt durch meine Thraͤnen und durch meine Betruͤbnis euch ruͤhren, und uns aus dieſer un⸗ ſeligen Stadt entfernen. Denket an das hohe Alter des Koͤnigs von Aſtrakan: er ſteht vielleicht ſchon in dieſem Augenblick am Rande des Grabes. Ihr allein koͤnnt ſeine Voͤlker, die euch anbeten, und jeden Au⸗ genblick eurer Abweſenheit zaͤhlen, uͤber ſeinen Verluſt troͤſten. Wolltet ihr ſo ihrem ungeduldigen Verlangen euch wiederzuſehen, entſprechen?“ Mein Hofmeiſter erweichte mich durch dieſe und aͤhnliche Reden. „Huͤſſeyn,“ ſagte ich zu ihm,„es iſt genug: du ſollſt mir nicht mehr vorzuwerfen haben, daß ich ſchwach bin; ich gebe deinen dringenden Bitten nach: laß uns abreiſen.— Lebe wohl, Reſia! allzu grau⸗ ſame Prinzeſſinn; moͤge deine Haͤrte und die Zeit dich aus meinem Gedaͤchtniſſe vertilgen!“ Indem ich dieſe Worte ausſprach, trat der alte Gaͤrtner in die Karavanſerei. Er kam, mir zu ſagen, ds⸗ man ihn aus den Gaͤrten des Harems gejagt e. 144 132. Tag. „Wohlan,“ ſagte ich zu ihm,„weil ich Schuld bin, daß ihr euern Dienſt verloren habt, ſo iſt es billig, daß ich euch entſchaͤdige. Folget mir in mein Land, dort will ich euch eine Stelle geben, welche wohl eure hieſige aufwiegt.“ „Ich danke euch, Herr,“ antwortete er mir;„ich bin im Sagatay geboren, und will auch darin ſter⸗ ben. Ich werde mich nach meinem Geburtsdorfe be⸗ geben, und dort gemaͤchlich von dem leben, was ich in meinem Dienſt erworben, und was ich von euch geſchenkt erhalten habe.“. Um ſein Leben noch zufriedener und bequemer zu machen, gab ich ihm noch mehr Gold und Edelſteine, und er ging ſehr vergnuͤgt hinweg. Ich verließ noch denſelben Tag Karism, und kehrte mit meinem Hofmeiſter nach Otrar zuruͤck, und kam hier wieder zu meinem uͤbrigen Gefolge, welches ſchon anfing, die Geduld zu verlieren, obwohl ich eben nicht viel Zeit auf dieſe Reiſe verwendet hatte. Als ich bei meiner Ankunft erklaͤrte, daß ich unverzuͤglich nach Circaſſien heimkehren wollte, ſo waren die Circaſſier, welche nichts ſehnlicher wuͤnſchten als ihre Frauen und Kinder wiederzuſehen, hoch erfreut uͤber meinen Vorſatz. Wirklich, blieb ich nicht mehr ſechs Tage in Otrar. Ich machte mich auf den Weg, und naͤherte mich in kleinen Tagereiſen Aſtrakan, als ein Eilbote mir entgegenkam, welchen mein Vater an mich ab⸗ — ——. Hormos. 143 geſchickt hatte, und durch welchen er mir meldete, daß er krank danieder laͤge, und wohl fuͤhlte, daß ihm nur noch kurze Zeit zu leben uͤbrig bliebe, daher ich keine Zeit zu verlieren haͤtte, wenn ich ihn vor ſeinem Tode noch einmal ſehen und umarmen wollte. Auf dieſe Neuigkeit, welche mich in die außerſte Betruͤbnis verſetzte, beſchleunigte ich meine Heimreiſe: aber ach! was frommte mir meine Eile? Ich kam noch zeitig genug an, um Zeuge eines Schauſpiels zu ſein, welches mir das Herz durchbohrte: ich fand meinen Vater in den letzten Zuͤgen. Ich trete zu ihm hin, ich nahe mich ſeinem Bette, ich faſſe eine von ſeinen Haͤnden, ich bade ſie mit Thraͤnen, und uͤber⸗ waͤltigt von den zaͤrtlichen Gefuͤhlen, welche die Na⸗ tur mir einfloͤßte, rief ich aus⸗ „O. mein Vater! in welchem Zuſtande muß ich euch wiederfinden! Kann ich euch anſehen, ohne vor Schmerz zu ſterben?“ Bei dieſen Worten, welche ihn mächtig wieder aufregten, warf er irre Blicke auf mich; und indem er mich weniger vermittelſt ſeiner Augen, als durch das Gefuͤhl erkannte, raffte er alle ihm noch uͤbrigen Kraͤfte zuſammen, um nach mir ſeine Arme auszu⸗ ſtrecken und mit mir zu reden. III. 10 146 132. 233. Tag. „O mein Sohn!“ ſagte er zu mir:„du biſt wie⸗ der da: jetzo habe ich den Himmel nichts mehr zu bitten. Ich ſterbe zufrieden: lebe wohl!“ Indem er dieſe Worte ausſprach, gab er ſeinen Geiſt auf, als wenn der Engel des Todes nur noch meine Ankunft abgewartet haͤtte, um das Leben des Koͤnigs zu enden, und als wenn er dieſem guten Fuͤr⸗ ſten noch den Troſt gewaͤhren wollte, mir Lebewohl zu ſagen. 2 n. Hundert und drei und dreißigſter Tag. Nachdem ich ſeiner Leiche alle ſchuldige Ehre er⸗ wieſen hatte, beſtieg ich den Thron, und befliß mich, meine Staaten auf eine Weiſe zu regieren, welche die gute Meinung, die man von mir gefaßt hatte, recht⸗ fertigen konnte. Ich war ſo gluͤcklich, daß es mir gelang, und daß mir das ſuͤßeſte Vergnuͤgen zu Theil ward, welches die Koͤnige haben koͤnnen: ich wurde von meinen Unterthanen angebetet, und werde es noch. Da ich nichts anderes im Auge habe, als ihre Gluͤckſeligkeit, ſo denken ſie auch nur darauf, mir zu gefallen und jeden Tag meiner Herrſchaft durch irgend ein neues Feſt zu bezeichnen. Auf dieſe Weiſe iſt mein Hof der Aufenthalt der Freude geworden: unaufhoͤr⸗ lich gibt es hier Luſtbarkeiten, ſo wie in der Stadt. H or m. 9 6. 147 Es gibt kein Volk, welches gluͤcklicher ſchiene, noch in der That auch waͤre. Ich freue mich ihres Gluͤk⸗ kes; und aus Furcht es zu ſtoͤren, bemuͤhe ich mich, den Kummer zu verbergen, welcher mich verzehrt. Ich bin uͤberzeugt, wenn ſie wuͤßten, daß ich, an⸗ ſtatt zu ſein, was ich ihren Augen ſcheine, im Ge⸗ heimen ein Raub des grimmigſten Schmerzes bin, man wuͤrde bald eine tiefe Traurigkeit auf dieſe Freude folgen ſehen, welche gegenwaͤrtig in Aſtrakan herrſcht.— Bald nach meiner Thronbeſteigung, fuͤhlte ich wohl, daß ich Reſia noch nicht vergeſſen hatte. Zwar hatten der Tod des Koͤnigs meines Vaters, die Feierlichkeiten, welche ich ſeiner Aſche ſchuldig war, und die Aufmerkſamkeit, welche ich den Staats⸗ geſchaͤften widmen mußte, die Regungen meiner Liebe gehemmt: aber weit entfernt, geſchwaͤcht zu ſein, ſchien ſie mir nur noch neue Kraft gewonnen zu ha⸗ ben. Ich ſprach zu Huͤſſeyn davon, und er ſagte zu mir: „Herr, gegenwaͤrtig, da ihr mit eurer Hand eine Krone zu bieten habt, bin ich der Meinung, daß ihr durch einen Geſandten um die Prinzeſſinn von Karism anhalten laßet. Und um den Sultan deſto mehr zu bewegen, ſie euch zu bewilligen, ſo verheißet ihm eure Huͤlfe gegen ſeine Feinde.“ IIch befolgte dieſen Rath; ich ſchickt e Huͤſſeyn ſelber mit einem praͤchtigen Gefolge und mit koſtbaren Ge⸗ 148 133. Tag. ſchenken an den Hof von Karism, und ſchrieb folgen⸗ dermaßen an den Sultan: „Gott verleihe langes Leben dem Sultan von Karism, dem Kaiſer der Kinder Adams, dem Eroberer der Welt, und dem gluͤcklichen Fuͤrſten, deſſen Fuß der Himmel geſtaͤrkt hat, um gewaltig die hoͤchſten Stufen der Macht und der Groͤße zu erſteigen! Er lebe immerdar in Gläͤckſeligkeit, ohne daß ſein Gluͤck von den Stuͤrmen des Neides geſtoͤrt werde! Wir eroͤffnen Euch, daß wir uns mit Euch zu verbinden wuͤnſchen, wenn es Euch beliebt, uns die Prinzeſſinn Reſia Eure Tochter zur rechtmaͤßigen Gemahlinn zu geben. Und obwohl Ihr nur Eurer immerdar ſiegreichen Truppen beduͤrfet, um Eure Feinde zu demuͤthigen, ſo erbieten wir Euch jedoch die ganze Macht der Circaſſier und ihrer Verbuͤndeten. Heil Euch!”“ Ich glaube, ich brauche euch nicht zu ſagen, mit welcher Ungeduld ich die Ruͤckkunft meines Geſandten erwartete: ihr koͤnnt ſie euch wohl denken. Kurz, nachdem ich die Quaalen einer langen Erwartung aus⸗ geſtanden hatte, ſah ich endlich Huͤſſeyn ankommen: er verkuͤndigte mir, daß der Sultan von Karism ihn ſehr wohl empfangen haͤtte, daß ich jedoch auf die Hoffnung von Reſia's Beſitz verzichten muͤßte. ————— Hormos. 249 „Ei warum denn,“ fragte ich ihn,„muß ich dar⸗ auf verzichten?“ „Herr,“ antwortete mir Huͤſſeyn,„weil ſie dem Koͤnige von Gasna verſprochen iſt. Dieſer Fuͤrſt hat die Truppen des Sultans mehrmals geſchlagen, und denſelben gendthigt, zur Erhaltung ſeiner Staaten, ſeinen Feind um Frieden zu bitten und ihm ſeine Tochter zu verſprechen. Da nun der Koͤnig von Gasna nur deshalb den Sultan bekriegte, um ihn zu zwingen, ihm ſeine Tochter zu geben, ſo ſind die bei⸗ den Fuͤrſten bald einig geworden: dergeſtalt, daß Re⸗ ſia ſchon zwei Tage nach meiner Abreiſe von Karism ihrem Gemahle zugeſandt werden ſollte.“ Es fehlte nicht viel, daß dieſe Neuigkeit mich um den Verſtand gebracht haͤtte. Ich beklagte mich uͤber mein Schickſal in Ausdruͤcken, welche Huͤſſeyn befuͤrch⸗ ten ließen, ich moͤchte wahnſinnig werden. Ich be⸗ gnuͤgte mich nicht, mich zu betruͤben, ich ward krank, und ich begreife nicht, wie ich von dieſer Krankheit wieder heneſen bin; denn mein Geiſt war ſtaͤts in ei⸗ ner ſolchen Verfaſſung, welche nicht zu meiner Gene⸗ ſung mitwirken konnte. Aber wenn auch meine Geſundbeit ſich herſtellte, ſo war jedoch mein Herz nicht beruhigt: ich war ſtaͤts mit der Prinzeſſinn von Karism beſchaͤftigt; ich dachte ſie mir in den Armen ihres gluͤcklichen Gatten, und 150 153. 134. Ta g. deß quaalvolle Vorſtellung ſtoͤrte unablaͤßig meine Ruhe. Huͤſſeyn bildete ſich ein, daß eine neue Schoͤnheit Reſia's Stelle in meinem Herzen einnehmen koͤnnte, und ließ uͤberall ſchoͤne Sklavinnen aufſuchen. Er er⸗ fuͤllte damit mein Harem: vergebliche Bemuͤhung! Sein Eifer mochte mir tauſend noch ſo reizende Weſen vorfuͤhren, keine vermochte, mich von Reſia⸗Beguͤm abwendig zu machen. Hundert und vier und dreißigſter Tag. Waͤhrend Huͤſſeyn ſich vergeblich abmuͤhete, die Reize der liebenswuͤrdigſten Maͤdchen Aſiens an mir zu verſuchen, kam eines Tages mein Groß⸗Veſyr, mir zu ſagen, daß ſeit einigen Tagen vor den Thoren von Aſtrakan ſehr praͤchtige Baͤder erſchienen waͤren. „Das Waſſer,“ ſagte er zu mir,„iſt rein und klar; man ſieht da Saͤulen von koͤſtlichem Marmor, und die ſchoͤnſten Becken von der Welt. Die ganze Stadt ſtroͤmt hinaus, dieſe Baͤder zu bewundern, und man iſt um ſo mehr davon uͤberraſcht, als nie⸗ mand ſie hat erbauen ſehen. Man hat ſie auf ein⸗ mal ſo erblickt, wie ſie daſtehen: das iſt alles, was man davon weiß.“ Hormo s. 151 Ich war ſehr verwundert uͤber dieſen Bericht, und hatte die Neugier, hinzugehen und mich ſelber von einer Sache zu uͤberzeugen, welche mir an das Wun⸗ derbare zu granzen ſchien. Ich begab mich alſo verkleidet mit meinem Groß⸗Veſyr nach dieſen Baͤdern; und mein Erſtaunen wuchs, als ich die Bauart und ihre Pracht betrachtete. Außerdem, daß alles hier ſehr ſauber, und wohl eingerichtet war, bemerkte ich auch, daß die zur Aufwartung beſtimmten Knaben alle ſchoͤn und wohlgebildet waren; aber was noch außerordentlicher war, ſie glichen ſich alle ſo vollkommen, daß man ſie nicht von einander zu unterſcheiden vermochte. Der Herr des Bades, der ein Mann von funfzig Jahren und von gutem Ausſehn war, hatte große Sorgfalt fuͤr gute Bedienung. Nachdem man geba⸗ det hatte, trank man koͤſtliche Brandweine, und je⸗ dermann verließ das Bad ſehr zufrieden. Als ich wieder in meinem Palaſte war, unterhielt ich mich mit meinen Hofleuten von dieſen Baͤdern, welche ſie alle ſchon beſucht hatten. Ich fragte ſie, was ſie davon daͤchten; und da mir ihre Antworten nicht genuͤgten, ſo beſchloß ich, hinzuſchicken und den Mann holen zu laßen, der ſie erbauet hatte, um ihn ſelber zu befragen. Ich trug Huͤſſeyn auf, in mei⸗ nem Namen hinzugehen, ihm alle moͤgliche Freundlich⸗ keit zu bezeigen und ihn mir herzufuͤhren. 152 134. T a 9. Huͤſſeyn entledigte ſich ungeſaͤumt dieſes Auftrags, und ich ſah ihn bald mit dem Herrn des Bades zu⸗ ruͤckkommen, der ſich ſogleich mir zu Fuͤßen warf. Ich hub ihn ſelber auf, und empfing ihn ſehr freundlich. Entzuͤckt von der Aufnahme, welche er bei mir fand, begann nun dieſer Mann meine Lobeserhebun⸗ gen, und ergoß ſich in ſo beredten Worten, daß er meine und all meiner Hofleute Bewunderung erregte. Seine Unterhaltung war ſo angenehm, und ich fand ſo viel Vergnuͤgen daran, daß ich lange nicht an den Gegenſtand dachte, um welchen ich ihn hatte rufen laßen. Endlich erinnerte ich mich deſſen gleichwohl, und ſagte zu ihm: „Großer Weltweiſer,— denn es iſt nicht ſchwer, einzuſehen, daß ihr einer der erleuchteteſten ſeid— ich habe eine Bitte an euch; ſeid aufrichtig gegen mich, und verhehlet mir nichts: wie habt ihr ſo praͤchtige Baͤder erbauen koͤnnen? und wie iſt es moͤg⸗ lich, daß ihr vor den Thoren Aſtrakans ein ſo herrli⸗ ches Werk aufgefuͤhrt habt, ohne daß jemand es ge⸗ wahr geworden iſt?“ „Herr,“ antwortete er mir,„ich habe in meinem Dienſte vierzig Arbeiter, einer immer geſchickter, als der andre. Durch ihre Vermittelung kann ich in we⸗ niger als Tagesfriſt noch ſchoͤnere Baͤder bauen, als jene da. Alle dieſe Arbeiter ſind ſtumm; aber ſie Hormos. 153 verſtehen, was man ihnen ſagt. Es iſt ſogar nicht einmal noͤthig, zu ihnen zu ſprechen, wenn man ih⸗ nen etwas befehlen will: an der geringſten Gebaͤrde, welche ihr macht, erkennen ſie eure Abſicht; ihr duͤrft ſie nur anblicken, und ſie leſen in euren Augen, was ihr von ihnen begehret. Wenn Euer Majeſtaͤt ſie will hieher kommen laßen und ihnen irgend einen Befehl ertheilen, ſa werden ſie ihn augenblicklich ausfuͤhren.“ Ich hatte zu große Luſt, die Wahrheit ſeiner Rede zu erproben, als daß ich es haͤtte unterlaßen koͤnnen, ihn beim Worte zu nehmen. Ich ſchickte auf der Stelle hin, und ließ dieſe Arbeiter holen, in welchen ich die Knaben wieder erkannte, die ich im Bade hatte aufwarten ſehen. Abermals uͤber ihre Aehnlichkeit verwundert, bezeugte ich meine Verwunderung dem Weltweiſen und fragte ihn, ob ſie Bruͤder waͤren. „Ja, Herr,“ antwortete er;„und noch mehr, ich kann euch verſichern, daß ſie alle von einer und derſelben Mutter geboren ſind.— Befehlet ihnen nun,“ fuͤgte er hinzu,„was euch beliebt; aber ich bitte Euer Majeſtaͤt unterthaͤnigſt, zuvor jedermann zu ent⸗ fernen; es iſt mir daran gelegen, daß wir ohne Zeu⸗ gen ſeien.“) 154 135. Tag. Hundert und fuͤnf und dreißigſter Tag. So bald meine Hofleute den Weltweiſen alſo ſpre⸗ chen hoͤrten, entfernten ſich alle ohne meinen Befehl zu erwarten, und ich blieb allein mit dem Herrn der Baͤder und ſeinen vierzig dienſtbaren Geiſtern. Nach⸗ dem ich lange nachgedacht hatte, was ich ihnen befeh⸗ len ſollte, wuͤnſchte ich, ſie ſollten in dem Saale, worin wir uns befanden, auch ein Bad bauen. Ich hatte ihnen nicht ſo bald meine Abſicht zu er⸗ kennen gegeben, als ſie alle verſchwanden. Einen Au⸗ genblick darauf kamen ſie, mit Marmor von allen Farben, und mit anderem zum Bau eines Bades nothwendigen Zeuge beladen, zuruͤck. Sie fingen an zu arbeiten, und ließen mir die Zeit nicht lang wer⸗ den, indem ich ihrem Bauen zuſah. Waͤhrend die Einen den Bau mit einer Geſchwindigkeit errichteten, daß ich ihnen kaum mit den Augen folgen konnte, gingen die Anderen hin, und brachten mit derſelben Schnelligkeit das Bauzeug herbei. Kurz, binnen eini⸗ gen Stunden, war das Bad vollendet.. Man konnte nichts Vollkommeneres noch Praͤchti⸗ heres ſehen: da ſtanden zwoͤlf Saͤulen von Jaspis⸗ armor, ſo glaͤnzend, daß man ſich darin ſpiegelte; und mehrere Springbrunnen ließen ihr Waſſer plaͤt⸗ ſchernd in weiße Marmorbecken fallen. Hormos. 153 Verwundert uͤber die Gegenſtaͤnde, welche ſich meinen Augnn darboten, und uͤber die Wiſſenſchaft des Weltweiſen, bat ich ihn, mir zu erklaͤren, wie alle dieſe Dinge zugingen. „Herr,“ antwortete er mir,„dieſe Erklaͤrun wuͤrde uns zu weit fuͤhren: erlaubet mir nur, euch zu ſagen, daß ich neun und dreißig Wiſſenſchaften be⸗ ſitze.“ Dieſe Rede vermehrte noch mein Erſtaunen und erregte mir große Luſt, einen ſo großen Mann bei mir feſtzuhalten. Ich erzeigte ihm tauſend Freundlich⸗ keiten; dann fragte ich ihn, aus welchem Lande er waͤre, und wie er hieße. „Ich bin,“ antwortete er mir,„aus der Gegend von Bochara, und Avicenna) iſt mein Name.— *) Ein unter dieſem Namen auch im Abendlande berühmter Gelehrter: eigentlich Abu Ali Huſſain Ben Abdal⸗ lah, Ben Szina Al Scheich, Al Reis, von den Muſelmännern gewöhnlich Ebn Szina, von den arabi⸗ ſierenden Juden Aben Szina(Sohn des Szina) genannt; im J. 930 zu Bochara(in der Bucharei) geboren: gro⸗ ßer Arzt und Philoſoph, der auch die Griechen, Eukli⸗ des, Prolemäus und Ariſtoteles, ſtudierte und commentierte, aber weder durch ſeine Lebensweiſe, noch durch ſeine Sitten, ſeinen Lehren entſprach. Er war am Hofe Mamons, Königs von Chuaresm(hier immer Karism genannt), als er, auf ſeinen Ruf, nebſt ande⸗ ren dortigen Gelehrten, zu Mahmud, erſtem Gasnevidi⸗ 156 135. Ta g. Wenn ihr, fuhr er fort,„meine Geſchichte hoͤren wollt, ſo bin ich bereit, ſie euch zu erzaͤhlen.“ Ich bezeugte ihm, er wuͤrde mir ein großes Ver⸗ gnuͤgen damit machen; und ſogleich begann er folgen⸗ dermaßen: ſchen Sultan, nach Choraſan eingeladen wurde, aber anſtatt dorthin, nach Dſchordſchan ging; worauf er ſich nach Hamadan begab, und dort eine Zeitlang wider Willen Veſyr war, ſein Amt ſchlecht verwaltete, und ins Gefängnis kam. Er machte weite Reiſen, und ſtarb im ösſten Jahre, Er wird auch wegen ſeiner Studien von den Muſelmännern nicht für rechtgläubig gehalten, ſoll ſich aber am Ende noch bekehrt haben. H. Geſchichte des Avicenna. „Ich bin in einem Flecken namens Afhana geboren. Kaum war ich aus der Wiege, als meine Verwand⸗ ten mich nach der wiſſenſchaftlichen Anſtalt in Bochara ſchickten, um meine Studien zu beginnen. Ich lernte zuerſt den Koran, und hatte ſo großen Trieb zu den ſchoͤnen Wiſſenſchaften, daß ich ſie ſchon im zehnten Jahre inne hatte. Man lehrte mich die Rechenkunſt; dann ließ man mich den Euklides leſen, und ich legte mich auf die Mathematik. Ich befliß mich auch der Weltweisheit, der Heilkunde, und der Gottesge⸗ lahrtheit. In allen dieſen Wiſſenſchaften machte ich ſolche Fortſchritte, daß ich mir binnen kurzer Zeit, einen großen Ruf erwarb. Ich hatte noch nicht mein zwanzigſtes Jahr erreicht, als mein Name ſchon von den Ufern des Gihon bis zu den Muͤndungen des Indus bekannt war. 158 135. 136. Tag. Eines Tages, als ich mit meinem Vater auf einer Reiſe in Samarkand war, wohin einige Geſchaͤfte ihn riefen, wollte ich auch den Hof beſuchen: ich fand dort einige von meinen Bekannten, welche nicht unterließen, mich ſehr zu ruͤhmen. Die Lobſpruͤche, welche ſie mir uͤberall ertheilten, gelangten auch zu den Ohren des Groß⸗Veſyrs, und er wuͤnſchte, mit mir zu reden. Er war ſo zufrieden mit meiner Unter⸗ haltung, daß er mir antrug, bei ihm in Samarkand zu bleiben. Ich willigte ein, und ich gewann ſo gro⸗ ßes Zutrauen bei ihm, daß er nichts mehr that, ohne mich zu befragen. Dieſer Miniſter lebte nicht lange; aber ich verlor an ihm nur einen Mann, der mich liebte, und mein Gluͤck ward dadurch nur um ſo glaͤnzender. Der Koͤ⸗ nig faßte fuͤr mich dieſelbe Freundſchaft, wie ſein Veſyr; ich bekam Statthalterſchaften, und in der olge wurde mir die noch offene Stelle ſeines erſten iniſters geboten, und ich nahm ſie an. Hundert und ſechs und dreißigſter Tag. Obwohl ich alle Pflichten eines Groß⸗Veſyrs ge⸗ wiſſenhaft erfuͤllte, ſo fand ich dennoch Zeit, mich mit den Wiſſenſchaften zu beſchaͤftigen; aber mein Ei⸗ fer fuͤr dieſelben konnte ſich nicht damit begnuͤgen, —— —,õↄſ— Avieenna. 159 einige Stunden taͤglich zu leſen, ich faßte alſo den Entſchluß, die Staatsgeſchaͤfte aufzugeben. Der Koͤnig erlaubte es mir ungern, ſo ſehr war er mit meiner Verwaltung zufrieden. Er wollte mir gleichwohl auch keinen Zwang anthun, und hatte die Guͤte zu bewilligen, daß ich mein Amt niederlegte, unter der Bedingung, daß ich mich nicht von ſeinem Hofe entfernete. Ich hatte nicht die Abſicht, denſelben zu verlaßen; ich liebte den Koͤnig herzlich; ich war von ſeiner Huld gegen mich zu ſehr durchdrungen, als daß ich mich in die Einſamkeit haͤtte zuruͤckziehen ſollen, welche Wuth ich auch fuͤr die Wiſſenſchaften hatte. Ich blieb alſo am Hofe; aber ich raͤumte meine Amtwohnung meinem Nachfolger ein; und nahm eine andre Woh⸗ nung in einem abgelegenen Theile des Palaſts, wo ich wie in einer Art von Einſamkeit lebte. Ich theilte meine Zeit zwiſchen dem Fuͤrſten und meinen Buͤchern. Ich begnuͤgte mich nicht mehr, zu leſen, ich verfaßte ſelber auch mehrere Werke, einige in Verſen, andere in Proſa; und weit entfernt, jenen unnuͤtzen Gelehr⸗ ten zu gleichen, welche, zufrieden, ihren Geiſt mit einer Menge von Kenntniſſen und Wiſſenſchaften be⸗ reichert zu haben, dahinſterben, ohne daß die Welt die geringſte Frucht ihrer Nachtwachen aͤrnte, theilte ich jedermann meine Betrachtungen mit, indem ich ſie allmaͤhlich niederſchrieb. Ich habe ſo gegen hundert 260 136. Tag. Baͤnde uͤber mancherlei Gegenſtaͤnde verfaßt, und meine Werke werden vorzugsweiſe die ruhmvollen Werke genannt. Ich legte mich auch auf die Chemie, und auf jene geheime Wiſſenſchaft, durch welche man alle Verrich⸗ tungen der Natur erklaͤrt. Ich war ſchon ein ganz guter Kabaliſt, als ein Geſandter des Koͤnigs Kut⸗ beddin*) von Kaſchgars) in Samarkand ankam. Man ſprach viel uͤber den Beweggrund dieſer Geſandt⸗ ſchaft. Einige bildeten ſich ein, ſie kaͤme, um dem Koͤnige von Samarkand den Krieg zu erklaͤren, An⸗ dere, um ihm ein Buͤndnis anzutragen. Keiner traf das Rechte. Der Geſandte uͤberraſchte, als er vorge⸗ laßen wurde, alle Welt, indem er, nach Ueberrei⸗ chung ſeines Beglaubigungsſchreibens an den Koͤnig, alſo zu ihm ſprach: *) Kothb⸗eddin bedentet Pol der Religion: von Kothb, eigentlich das Eiſen, auf welchem ſich der obere Mühlſtein umdrehet; dann auch die Erd⸗ und Himmels⸗ achſe, nach Arabiſcher Vorſtellung. Dieſen Beinamen füh⸗ ren mehrere Fürſten, unter andern auch der erſte Sultan von Chuaresm, unter Seldſchukkiſcher Hoheit, ſt. 1127. H. 2*) Hauptſtadt eines Landes in Turkeſtan, von Einigen zu Kathai(d. i. China) gezogen. Tamerlan eroberte ſie auf dem Zuge nach Perſien. H. Avieenna. 161 „Gnaͤdiger Herr, der Koͤnig Kutbeddin, mein Ge⸗ bieter unterhielt ſich eines Tages uͤber Tiſche mit eini⸗ gen ſeiner Hofleute uͤber die alten Weltweiſen. „Ich wuͤnſchte wohl zu wiſſen,“ ſagte er zu ihnen, „ob es noch gegenwaͤrtig ſo große Gelehrte gibt, wie Hippokrates und Sokrates.“*) Hierauf erwiederte ihm ein Hofmann, es waͤren Kaufleute nach Kaſchgar gekommen, welche viele Laͤnder durchreiſet haͤtten und vielleicht wuͤßten, wo es noch gelehrte Maͤnner gaͤbe. Man ſchickte auf der Stelle hin, und ließ dieſe Kaufleute holen, und ſie ſagten dem Koͤnige meinem Herrn, es lebten am Hofe von Samarkand zwei be⸗ ruͤhmte Weltweiſe, deren Verdienſte man nicht genug ruͤhmen koͤnnte: der eine hieße Avicenna und der andre Faſel Aſphahani:**)„dieß ſind zwei Maͤn⸗ *) Beide der Arabiſchen, vielfach aus der benachbarten Grie⸗ chiſchen geſchöpften Litteratur wohlbekannt: der letzte, von ihnen Sokrath oder Sokrathis genannt, als Lehrer des Plato und Ariſtoteles, und Oberhaupt der Welt⸗ weiſen, welche ſie Elahiun, Göttliche, nennen, weil. dieſe zuerſt eine einzige, alles bewegende und beherrſchende Gottheit erkannt haben. H. **) Den Beinamen Esfahani, aus Isfahän oder Esfa⸗ hän(einer bekannten Hauptſtadt Perſiens) gebürtig, füh⸗ ren mehrere Gelehrte, unter denen ſich bei d'Herbelot je⸗ doch kein Faſel oder ähnlicher findet. III. 11 162 156. T a g. ner,“ ſagten ſie,„die eine vollkommene Einſicht in die Geheimniſſe der Natur haben, und die wir Wun⸗ derdinge haben thun ſehen.“ Sie ruͤhmten dieſen Avicenna und dieſen Faſel der⸗ maßen, daß mein Herr beſchloß, Euer Majeſtaͤt fuͤr einige Zeit um ſie zu bitten. Er wunſcht leidenſchaft⸗ lich, ſie alle beide zu ſehen. Er beſchwoͤrt euch, Herr, ſie ihm zu ſenden. Er will ſie hoͤren und ſel⸗ ber von ihrer Wiſſenſchaft urtheilen: denn er iſt ein Fuͤrſt, der viel Geiſt und dabei eine Einſicht in alle Wiſſenſchaften hat.“ Alſo ſprach der Geſandte. Sogleich ließ der Koͤ⸗ nig von Samarkand mich und Faſel holen, und ſagte zu uns: 3 „Der Koͤnig von Kaſchgar verlangt euch beide bei ſich zu ſehen, um ſich einige Zeit eurer Unterhaltung zu erfreuen. Ich bin nicht geſonnen, ihm dieſen Wunſch zu verſagen.“ „Herr,“ antwortete Faſel,„ihr habt zu gebieten, und es iſt an uns zu gehorchen. Was mich betrifft, ich thue alles, was euch beliebt.“ Da ich noch immer ſchwieg, und man mir wohl anſehen konnte, daß die Reiſe nach Kaſchgar nicht nach meinem Sinne war, ſagte der Koͤnig zu mir: „Und ihr, Aoicenna, ihr antwortet nicht; es ſcheint, daß dieſe Botſchaft euch unlieb iſt.“ Aviceenna. 163 Hundert und ſieben und dreißigſter Tag. Ich bezeugte dem Koͤnige, daß ich in der That Widerwillen hegte, zu thun, was man von mir for⸗ derte. Hierauf ſtellte Faſel mir vor, wenn wir es verſagten, die Neugier Kutbeddins zu befriedigen, ſo wuͤrde dieſer Monarch es vielleicht uͤbel deuten, und koͤnnte wohl gar denken, wir waͤren nicht ſo geſchickt, wie man ſagte; uͤberdieß waͤren die Fuͤrſten auf ge⸗ wiſſe Weiſe die Herren unſers Ruhms, und ſie duͤrf⸗ ten nur in fremde Laͤnder zu unſerm Nachtheile uͤber uns ſchreiben laßen, um uns zu verrufen: folglich muͤßten wir, zur Erhaltung unſers Ruhms, uns dem Willen des Koͤnigs von Kaſchgar unterwerfen. Dieſe Rede Faſels erregte nur meinen Zorn:„Ihr habt,“ ſagte ich zu ihm,„eine fuͤr einen Weltweiſen ſehr laͤcherliche Furcht. Wie koͤnnten doch alle Fuͤrſten auf der Welt einem Manne ſchaden, der die Wiſſen⸗ ſchaften beſitzt, wie ich? Wiſſet, wenn ich an die⸗ ſem Hofe mich aufhalte, ſo geſchieht es, weil ich den Fuͤrſten deſſelben liebe. Ohne dieſe Freundſchaft, welche ich durch tauſend Freundlichkeiten erwiedert ſehe, wuͤrde ich laͤngſt an irgend einem andern Orte der Erde in voͤlliger Unabhaͤngigkeit leben. Was euch betrifft, weil ihr noch nicht uͤber das Schickſal erha⸗ ben ſeid, und noch des Schutzes der Koͤnige beduͤrfet, ſo werdet ihr ſehr wohl thun hin zu gehen, um 164 137. T 0 g. Kutbeddin nicht zu vernachlaͤßigen. Er wird mit eurer Wiſſenſchaft, oder wenigſtens doch mit eurer Gefallig⸗ keit ſo zufrieden ſein, daß er nichts zu euerm Nach⸗ theile in fremde Laͤnder wird ſchreiben laßen.“ Ich ſah bei dieſen Worten in Faſels Augen eine Wuth funkeln, welche er kaum zu maͤßigen im Stande war. Der Koͤnig bemerkte es, und um zu verhindern, daß das Geſpraͤch nicht zu lebhaft wuͤrde, ſagte er zu mir: „Aoicenna, ich bitte euch, laßt euch bewegen. Der Fuͤrſt, der euch zu ſehen wuͤnſcht, verdient es wohl; er liebt die Wiſſenſchaften und die Gelehrten, er brennt vor Begierde, ſich mit euch zu unterhalten: iſt es nun wohlanſtaͤndig, ſeinen Geſandten mit ab⸗ ſchlaͤglicher Antwort heimzuſchicken? Ich tadle kei⸗ nesweges den edlen Stolz, welchen die ſeltenen Kenntniſſe, die ihr beſitzet, euch einfloͤßen: aber be⸗ denket doch, daß die Koͤnige wohl verdienen, daß man einige Ruͤckſicht auf ſie nehme. Folget mir, gehet an den Hof Kutbeddins, und nachdem ihr dort einige Zeit verweilt habt, ſo kehret an den meinigen zuruͤck, wofern ihr noch gegen mich die Empfindungen heget, welche ihr mir ſo eben bezeigt habt.“ „Maͤchtiger Monarch der Welt,“ erwiederte ich dem Koͤnige von Samarkand,„weil ihr mir bezeuget, daß es euch Vergnuͤgen macht, wenn ich nach Kaſch⸗ gar gehe, ſo weigere ich mich nicht laͤnger. Ich bin Avicenna. 165 bereit abzureiſen. Ihr werdet ſtaͤts unbeſchraͤnkte Ge⸗ walt uͤber euern Sklaven haben: er wird euch ſelbſt ſein Leben opfern, wenn ihr es verlanget.“ Der Koͤnig zeigte ſich ſehr erfreut uͤber meine Ge⸗ fälligkeit fuͤr ihn. Er ließ den Geſandten mit einem Rocke von Goldſtoff bekleiden, verſicherte ihn, Faſel und ich wir wuͤrden naͤchſter Tage nach Kaſchgar ab⸗ reiſen, und ſchickte ihn mit dieſer Antwort heim zu ſeinem Herrn. Faſel Aſphahani war ein Mann ungefaͤhr von mei⸗ nem Alter. Er wußte zwar viel; aber die Kaufleute, welche ihn dem Koͤnige von Kaſchgar ſo hoch geruͤhmt, hatten zu viel von ihm geſagt. Dieſer Weltweiſe kam nun wenige Tage vor unſerer Abreiſe zu mir, und ſprach alſo: „Ruhmwuͤrdiger Avicenna, da man uns als zwei vollendete Gelehrte betrachtet, ſo duͤnkt mich, waͤre es angemeſſen, wenn wir nicht wie gewoͤhnliche Men⸗ ſchen reiſeten. Laßt uns etwas Abſonderliches thun: iſt's euch genehm, daß wir von hier nach Kaſchgar reiſen, ohne zu eſſen und zu trinken? Dieß iſt fuͤr einen Weltweiſen, wie ihr, kein ſchwieriger Vorſchlag, obwohl der Weg etwas lang iſt. Wir brauchen dann nur Lebensmittel fuͤr unſere Sklaven mitzunehmen, die Zeugen ſein werden von der ſtrengen Enthaltung, welche wir unterweges beobachten: dieß wird weit und breit kund werden, und uns großen Ruhm erwerben.“ 166 137. 138. TDag. Er machte mir dieſen Antrag nur, weil er das Geheimnis beſaß, gewiſſe Pillen zuſammenzuſetzen, von welchen eine einzige zur Nahrung eines Menſchen fuͤr den ganzen Tag hinreichte; ſo daß er, wenn er ſo viel Pillen zu ſich ſteckte, als wir Tagereiſen zu machen hatten, er ſicher war, nicht zu hungern. Er dachte wohl, daß ich, um nicht weniger gelehrt zu erſcheinen, als er, nicht wagen wuͤrde, dieſe Art von Ausforderung abzulehnen, und er ſah mich am fuͤnf⸗ ten oder ſechsten Tage ſchon kommen. Aber ich war nicht ſo verlegen, als er ſich einbildete; denn, nach⸗ dem ich ihm geantwortet hatte, ich willigte gern in dieſe Art zu reiſen, machte ich eine Art von Opiat, welches dieſelbe Kraft hatte, wie ſeine Pillen. Auf ſolche Weiſe machten wir uns, ohne uns ein⸗ ander mitzutheilen, auf den Weg von Samarkand nach Kaſchgar. Hundert und acht und dreißigſter Tag.* Die drei oder vier erſten Tagereiſen unterhielten wir uns beide ſehr ſtolz. Das Opiat wirkte eben ſo wunderbar, als die Pillen. Jeder, ſeiner Sache ge⸗ wis, war voll Zuverſicht. Ich beobachtete ihn von Zeit zu Zeit, um zu ſehen, ob er ſich nicht veraͤn⸗ derte; und dieſelbe Urſache bewog ihn, auch mich zu -— Aviceenna. 167 beobachten. Ich fuͤr mein Theil ſchien, weit entfernt, zu ermatten, von Tage zu Tage kraͤftiger zu werden. Es verhielt ſich nicht ebenſo mit meinem Gefaͤhrten. Er verlor ſeine Pillen. Da ward er nachdenklich und bekuͤmmert, und ſein Geſicht uͤberzog eine Blaͤſſe, woraus ich abnahm, daß es ſchlecht mit ihm ſtuͤnde. Indeſſen verbarg er den Unfall, der ihm begegnet war; er trug ſein Leid mit Geduld und verzehrte ſich allmaͤhlich. Endlich, als ich ihn in einem hoͤchſt klaͤglichen Zuſtande ſah, erbot ich ihm von meinem Opiat; aber er nahm es nicht, und wollte lieber ver⸗ hungern, als bekennen, daß er Huͤlfe beduͤrfte. Ich war von Faſels Tod innig geruͤhrt. Ich ba⸗ dete ſeinen Leichnam mit meinen Thraͤnen, und be⸗ grub ihn, mit Huͤlfe ſeiner und meiner Sklaven in den Bergen von Botom.*) Unter ſeinen Sklaven war einer, welchen er mehr liebte als die uͤbrigen: dieſer war es, der mir entdeckte, daß ſein Herr der⸗ gleichen Pillen zu machen wußte; und da wir dieſel⸗ ben nach dem Tode des weiſen Mannes in ſeinen Kleidern vergeblich ſuchten, ſo ſchloſſen wir daraus, daß er ſie unterweges verloren haͤtte. *) Ein Bergland in Transoxranien, deſſen Vergſpitzen faſt im⸗ mer mit Schnee bedeckt ſind, und wo die berühmte Höhle iſt, aus deren feurigen Dämpfen der Nuſchader(d. i. das sal ammoniacum, Salmiak), mit Lebensgefahr, ge⸗ ſammelt wird. H. 168 138. T a g. Nachdem wir ſeiner Leiche alle Ehren erwieſen hat⸗ ten, die wir an dieſem Orte ihm erweiſen konnten, vertheilte ich unter allen Sklaven all das Geld, wel⸗ ches der Koͤnig von Samarkand mir und Faſel zu ih⸗ rem Unterhalte waͤhrend unſers Aufenthalts zu Kaſch⸗ gar gegeben hatte, und ſchenkte ihnen die Freiheit. „Gehet,“ ſagte ich zu ihnen,„wohin es euch beliebt, und laßt mich ganz allein in dieſen Bergen. Ich bedarf euer nicht.“ Alsbald begaben ſich einige nach Tokareſtan, andere nach Pergam, und noch andere gingen uͤber das Gebirge Imaus in das Land Tuͤrchend. Ich aber, nachdem alle ſich ſo vertheilt hatten, blieb allein noch einige Zeit am Grabe Faſels Aſpha⸗ hani, das ungluͤckliche Schickſal dieſes Weltweiſen zu beklagen, nicht ohne ſeine Unvorſichtigkeit und ſeinen Stolz zu tadeln. Hierauf dachte ich nach, was ich thun ſollte: ich wollte weder meine Reiſe nach Kaſchgar fortſetzen, noch nach Samarkand zuruͤckkehren. Ich bekam Luſt, ganz allein zu reiſen und die Welt zu durchſtreifen: ich ging nach Uskuͤn, von dort nach Kodſchand, von wo ich, ohne eine beſtimmte Richtung zu halten, nach mehre⸗ ren Tagereiſen, in Karism ankam. Als ich in dieſer großen Stadt umherwanderte, hoͤrte ich ploͤtzlich einen ſtarken Laͤrm, und ſah zu glei⸗ cher Zeit das Volk in großer Bewegung: die Hand⸗ — Avicenna. 169 werker verließen ihre Werkſtaͤtten, und geſellten ſich zu anderen Einwohnern, welche auf den Straßen ſtanden: ſo daß man haͤtte glauben ſollen, es waͤre etwas ſehr Wichtiges vorgegangen, oder ginge eben noch vor. Aber die Urſache dieſes ganzen Auflaufs war nichts anderes, als ein oͤffentlicher Ausrufer, der durch die Stadt zog, und von Viertelſtunde zu Viertelſtunde, mit lauter Stimme kund machte: „O ihr alle, die ihr die Wiſſenſchaf⸗ ten liebt, wiſſet, daß morgen der Ein⸗ gang zu der Hoͤhle offen ſteht!“ So bald ich dieſe Worte vernommen hatte, be⸗ ſchloß ich, dem Ausrufer zu folgen, um von ihm noch Naͤheres uͤber dieſe Hoͤhle zu erfahren. Ich nahte mich ihm gegen Ende des Tages, als er eben wieder in ſein Haus treten wollte, und bat ihn ſehr hoͤflich, mir zu ſagen, was es mit der Hoͤhle fuͤr eine Bewandtnis haͤtte, in welche die Gelehrten mor⸗ gen eingehen ſollten. Der Ausrufer hielt mich fuͤr einen Geiſtlichen, und antwortete mir: „„d heiliger Mann, wiſſet, daß vor den Thoren dieſer Stadt, nach dem Kaspiſchen Meere hin, ein Berg ſteht, genannt der Rothe Berg, weil er das ganze Jahr hindurch mit Roſen bedeckt iſt. Am Fuße dieſes Berges iſt eine Hoͤhle von weitem Um⸗ fange, in welche man durch vier Thuͤren gelangt, die 190 138. Tag. ſich durch die Kraft eines Talismans zu Anfange je⸗ des Jahres von ſelber oͤffnen und wieder ſchließen. Die Neugierigen treten mit Anbruche des Tages, noch bevor die Sterne ganz verſchwinden, hinein; ſie fin⸗ den darin eine ungeheure Menge Buͤcher, ſie waͤhlen ſich diejenigen aus, welche ſie leſen wollen, nehmen ſie mit ſich nach Hauſe, und eilen damit aus der Hoͤhle, denn ſie ſchließt ſich eine halbe Stunde und funfzehn Minuten nach ihrer Eroͤffnung wieder; und wenn ungluͤcklicherweiſe ein Gelehrter durch ſeine Leſeluſt feſt⸗ gehalten, einen Augenblick uͤber die beſtimmte Zeit darin verweilt,— wie ſolches nur zu haͤufig geſche⸗ ben iſt,— ſo muß er Hungers darin ſterben, weil die Thuͤren ſich erſt nach einem Jahre wieder oͤffnen. Man ſagt,“ fuhr er fort,„daß der weiſe Scheich⸗Shahabeddin) dieſe Hoͤhle gemacht hat, um ſeine Buͤcher darin zu verwahren, ſo wohl diejenigen, welche er ſelber verfaßt hat, als die von ihm weit und breit geſammelten. So lange er lebte, oder doch wenigſtens die letzten Jahre ſeines Lebens, *⁴) Von dieſem Gelehrten erzählt die 1001 Nacht mehrere Zau⸗ bergeſchichten, Bd. 1I.— Dieſen Namen führten mehrere Gelehrte; gemeint iſt hier aber wohl der berühmteſte, Shehabeddin Jahia Ben Geiſch oder Habeſch, der ein großer Philoſoph auch Poet, aber auch durch ſei⸗ nen Uebermuth, Ruchloſigkeit und Magie verrufen war, und auf Saladins Befehl hingerichtet wurde. H. Avieenna. 121 hat er nichts geſpart, merkwuͤrdige Buͤcher zuſammen zu bringen; und die Frucht ſeiner Bemuͤhungen iſt, daß er mehr als zwanzigtauſend Baͤnde aufgefunden hat, welche vom Steine der Weiſen handeln, und von der Kunſt, Schaͤtze zu ſuchen und zu finden. Es gibt darunter Buͤcher, welche Wunderdinge lehren, als, die Menſchen in Thiere zu verwandeln, die Pflanzen zu beſeelen: mit Einem Worte, alle Ge⸗ heimniſſe der Natur ſind in einigen dieſer Buͤcher ab⸗ gehandelt, und beſonders in denjenigen, welche er ſel⸗ ber verfaßt hat.“ Hundert und neun und dreißigſter Tag. Ich hoͤrte mit großer Aufmerkſamkeit dieſen Be⸗ richt des Ausrufers, welcher hinzufuͤgte, daß der weiſe Scheich⸗Shahabeddin, zur Sicherung dieſes koſtbaren in der Hoͤhle niedergelegten Schatzes, einen Talisman verfertigt haͤtte, durch deſſen Kraft die Thuͤren, obwohl ſie nur von einfachem Sandel⸗Holze gemacht waͤren, weder geoͤffnet, noch erbrochen wer⸗ den koͤnnten, welche Geſchicklichkeit oder welche Kraft man auch anwenden moͤchte. „Dieſe Vorſicht,“ ſagte ich zu dem Ausrufer, „ſcheint mir ziemlich unnuͤtz; denn weil jedermann die Freiheit hat, einmal des Jahres in die Hoͤhle zu 1272 139. Tag. treten und Buͤcher daraus mitzunehmen, ſo kann man ſie ja alle wegſchleppen; und es wundert mich, daß dieſes nicht ſchon geſchehen iſt.“ „Ihr habt Recht,“ antwortete er mir laͤchelnd, „dieß zu erinnern, weil ich euch noch nicht geſagt habe, daß diejenigen, die ein Buch mitnehmen, ge⸗ noͤthigt ſind, es im naͤchſten Jahre in die Hoͤhle zu⸗ ruͤck zu bringen, und es an ſeinen vorigen Ort hin⸗ zuſtellen. Unterließen ſie ſolches, ſo wuͤrde es ihnen theuer zu ſtehen kommen. Es ſind Geiſter beſtellt, uͤber die Erhaltung der Buͤcher zu wachen, und dieſe quaͤlen, ja toͤdten zuweilen ſelbſt diejenigen, die aus Habſucht eins oder das andere davon behalten wollen.“ Als der Ausrufer mir alle dieſe Umſtaͤnde mitge⸗ theilt hatte, dankte ich ihm, und nahm Abſchied von ihm. Ihr koͤnnt euch wohl denken, ob ich mich freute, dieſe Dinge zu vernehmen, und ob ich mir vorſetzte, am naͤchſten Morgen mit anderen Neugierigen die Hoͤhle zu beſuchen. Ich beſchloß, nicht nur hinein zu gehen, ſondern auch nach den anderen darin zu bleiben und mich allem auszuſetzen, was mir wider⸗ fahren koͤnnte. Ich war ſchon zu tief in die Geheim⸗ niſſe der Kabala eingeweiht, um noch die Geiſter zu fuͤrchten. Ich verließ zur Stunde die Stadt und wanderte dem Kaspiſchen Meere zu; ich gelangte an den Fuß des Rothen Berges: ich ſah die vier Thuͤren der —————˖—˖QOQ·::‧·:˙„,.y öy·y·,··— Avieenna. 173 Hoͤhle, die, in der That, von Sandelholz gemacht waren, wie der Ausrufer mir geſagt hatte, und ich bemerkte darauf mehrere Thiergebilde in erhobener Ar⸗ beit, in welchen der Talisman beruhte. Ich beſtieg den Gipfel des Berges, und legte mich in die Roſen, welche ihn hedeckten und die Luft mit ihren Wohlgeruͤchen erfuͤllten. Ich fuͤhlte eine ſo leb⸗ hafte Ungeduld, in die Hoͤhle zu kommen, daß ich keinen Augenblick Ruhe finden konnte. Endlich, nahte ſich der von mir ſo erſehnte An⸗ bruch des Tages, und die Neugierigen kamen aus der Stadt; ich hoͤrte das Getdſe, welches ſie bei ihrer Ankunft an dem Berge machten; und ich ſtieg von der Stelle, wo ich die Nacht zugebracht hatte, hinab, um beim Eintritt in die Hoͤhle nicht einer der letzten zu ſein.. Schon fingen die Sterne an vor unſeren Augen zu verſchwinden, als ploͤtzlich die vier Thuͤren, welche an den vier Seiten des Berges waren, von ſelber mit ſchrecklichem Krachen aufſprangen: ſogleich traten alle hinein, und verbreiteten ſich in der Hoͤhle, deren weiten Umfang mir der Ausrufer nicht mit Unrecht geruͤhmt hatte. Eben ſo gegruͤndet war, was er mir von der ungeheuern Menge der Buͤcher geſagt hatte: ſie waren alle ſehr ſauber an den Waͤnden hin aufge⸗ ſtellt, auf Brettern von Aloeholz, mit Auſſchriften, welche ihren Inhalt angaben. Man bemerkte anfangs 174 139. 140. Tag. zwiſchen ihnen Luͤcken; aber die Gelehrten hatten die⸗ ſelben bald durch die im vorigen Jahre mitgenommenen Buͤcher wieder ausgefuͤllt. Dieß geſchah freilich nicht, ohne wieder neue Luͤcken zu machen; denn ſie nahmen jetzt andere Baͤnde, und eilten damit hinaus. Einige Augenblicke darnach hoͤrte ich das Krachen der vier Thuͤren, welche wieder zuſchlugen, und ich blieb allein in der Hoͤhle zuruͤck, welche nur durch die Thuͤren Licht empfing, und jetzo, da ſie zugeſchloſſen waren, finſterer als die dunkelſte Nacht war. Jeder andre, der nicht gewußt haͤtte, was ich wußte, wuͤrde in dieſer Finſternis ſehr verlegen gewe⸗ ſen ſein; aber es fehlte mir nicht an einem Mittel, ſie V zu zerſtreuen. Ich begann damit, mir die Geiſter zu unterwerfen, welche die Aufſicht dieſer wunderbaren Buͤcherſammlung hatten; und als ich ſie mir durch die Gewalt meiner Beſchwoͤrungen dienſtbar gemacht hatte, befahl ich ihnen mir Licht zu verſchaffen, und dafuͤr b zu ſorgen, daß die Hoͤhle immer hell erleuchtet waͤre, Y Hundert und vierzigſter Tag. Die Geiſter, die immer ſehr gehorſam ſind, wenn ein Menſch, welchen ſie fuͤrchten, ihnen etwas be⸗ fiehlt, entſchwanden, und waren im Augenblick wieder da, mit mehr Licht, als man bedurft haͤtte„ um zehn Avicenna. 175 ſolche Hoͤhlen zu erleuchten wie dieſe hier, obwohl ſie ſehr geraͤumig war. Ich glaube, daß ſie alle Lampen aus der Stadt Karism zuſammenſtahlen. Man hat nie eine glaͤnzendere Erleuchtung geſehen, als dieſe, wodurch ſie meine Ankunft in der Hoͤhle feiern wollten. Ueberall brachten ſie Lampen an; ſie reihten ihrer un⸗ zaͤhlige an den Brettern hin, und beſaͤeten damit das Gewoͤlbe, aus welchen ſie eine Art von Himmel bilde⸗ ten. Kurz, ſie dienten mir weit uͤber meine Wuͤnſche hinaus. Jetzo legte ich mich darauf, mehrere ſehr merkwuͤr⸗ dige Buͤcher zu leſen: ich fand dergleichen, welche von den Wundern der Chemie und der geheimen Wiſſen⸗ ſchaften handelten: aber ihre Schreibart war ſo ver⸗ bluͤmt, und ihr Ausdruck ſo dunkel, daß alle Gelehr⸗ ten nicht im Stande geweſen waͤren, ſie zu entziffern: um zu ihrem Verſtaͤndniſſe zu gelangen, mußte man die Kenntniſſe haben, welche ich ſchon beſaß. Da ich einige Stellen dieſer Buͤcher abſchreiben wollte, ſo brauchte ich nur auszuſprechen, daß ich Pa⸗ pier und Dinte haben wollte, und meine unterthaͤnig⸗ ſten Sklaven brachten es mir. Desgleichen ſorgten ſie dafuͤr, mir Lebensmittel herbei zu ſchaffen, als mein Opiat mir anfing auszugehen. Sie brachten mir taͤg⸗ lich koͤſtliche Speiſen und die beßten Weine von Schi⸗ ras. Ich durfte nur befehlen, was mir beliebte, und ich war ſicher, es im Augenblicke zu haben. 82 176 140. Ta g. Ich verlebte alſo meine Zeit ſehr angenehm in dieſer gemaͤchlichen Hoͤhle. Las ich auch manche Buͤcher, welche mich nichts neues lehrten, ſo gab es dagegen viele andere, welche mir ſehr nuͤtzlich waren, und worin ich die ſchoͤnſten Geheimniſſe der Natur entdeckte. Kurz, ich las das ganze Jahr hindurch, ohne daß mir die Zeit lang ward. Mit dem Beginne des folgenden Jahres oͤffneten ſich die Thuͤren wieder, wie gewoͤhnlich: die Neugie⸗ rigen traten herein; aber da ſie ſich nicht der Erleuch⸗ tung verſahen, von welcher ihre Augen geblendet wur⸗ den, ergriff ſie Schrecken: ſie warfen ſchleunig die Buͤcher hin, welche ſie zuruͤck brachten, und nahmen alle die Flucht. Zu gleicher Zeit trat ich aus der Hoͤhle. Ich muß bemerken, daß ich meinen Bart, meine Augen⸗ braunen und meine Haare hatte wachſen laßen, derge⸗ ſtalt, daß ich ſehr abſchreckend ausſah: auch diente meine Erſcheinung nur dazu, ihre Furcht zu verdoppeln. „Da iſt der Hexenmeiſter Muk!“ riefen ſie aus: „er iſt es ſelber!“ Dieſer Zauberer, fuͤr welchen ſie mich anſahen, war ein boshafter Menſch, der ſich nur darin gefiel, im Lande Boͤſes zu thun. Er gebrauchte ſeine Schwarz⸗ kunſt, um dem menſchlichen Geſchlechte zu ſchaden. Alle Welt verfluchte ihn, und der Sultan von Karism hatte, auf die Klagen, welche von allen Seiten gegen ihn einliefen, bisher vergeblich ſeine Leute ausgeſchickt, Avieenna. 177 ihn zu ergreifen. Er hatte ſtaͤts ihrer Verfolgung zu entgehen und ſich der uͤber ihn verhaͤngten Strafe zu entziehen gewußt. Als ich hoͤrte, daß ſie mich fuͤr einen Zauberer hielten, hatte ich die Unbeſonnenheit, ſie enttaͤuſchen zu wollen:„Meine Bruͤder,“ rief ich ihnen zu,„ihr irret euch, ich bin nicht Muk, wie ihr waͤhnet, ich habe nicht die Abſicht, euch das geringſte Boͤſe zu thun.“— 3 Sie ſtanden ſtill bei dieſen Worten, ohne ſich je⸗ doch davon uͤberzeugen zu laßen: und die Beherzteſten unter ihnen ermunterten die anderen, ihrem Beiſpiele zu folgen, ſie umringten mich, und fielen alle uͤber mich her. Ich haͤtte durch ein einziges Wort ſie allzumal zu Boden ſtuͤrzen und mich aus ihren Haͤnden befreien koͤnnen; aber ich fand es fuͤr rathſam, keinen Wider⸗ ſtand zu leiſten, und ſie in dem Wahne zu laßen, daß ſie mein Leben in ihrer Gewalt haͤtten. Sie wa⸗ ren auch ganz davon uͤberzeugt, als ſie mich, nach⸗ dem ſie mich feſt gebunden hatten, ihrem Kadi vor⸗ fuͤhrten.. 3 „Ho, h er mich erblickte,„ſo haben wir dich dießma! Bilde dir nicht ein, Boͤſewicht, der hen, welche du verdienſt 178 140, 141. Tag. du die Reinheit des Tages durch dein abſcheuliches Le⸗ ben.— Man fuͤhre ihn auf der Stelle,“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich an ſeinen Nayb wandte,„man fuͤhre ihn auf der Stelle nach dem dͤffentlichen Platze, wo man die groͤßten Verbrecher hinzurichten pflegt.“ Mit dieſen Worten uͤbergab er mich den Haͤnden ſeiner Aſſa's, die mich nach einem weiten Platz fuͤhr⸗ ten, waͤhrend er ſelber hineilte, dem Sultan zu be⸗ richten, was vorginge, und ihn zu fragen, mit wel⸗ cher Todesart er mich beſtraft wiſſen wollte. Hundert und ein und vierzigſter Tag. Der Sultan von Karism vernahm nicht ſo bald, daß der Zauberer Muk auf dem Richtplatze waͤre, als er ſich in einer Saͤnfte ſelber hintragen ließ. So bald er dort angelangt war, verlangte er mich zu ſehen, und auf meinen bloßen Anblick ſchon verdammte er mich zum Feuer. Er hatte kaum mein Urtheil ausgeſprochen, ſo ſah ich auf dem Platz einen Scheiterhaufen emporſtei⸗ gen, der zwanzig Zauberer haͤtte verbrennen koͤnnen. Er ſtand im Augenblicke bereit, denn das ganze Volk ſchleppte um die Wette Holz herbei, und freute ſich oͤchlich darauf, mich bald in Aſche verwandelt zu ſehen. 3 Avicenna. 179 Ich hatte die Geduld, mich auf dem Holzſtoße feſtbinden zu laßen: aber ſo bald man ihn in Brand ſteckte, da ſprach ich einige kabaliſtiſche Worte aus, durch deren Kraft meine Bande abfielen. Hierauf er⸗ griff ich einen Knuͤttel von dem Holzſtoße, gab ihm die Geſtalt eines Siegeswagens, und beſtieg denſelben: ich ſchwebte einige Zeit in der Luft umher, angeſichts aller Einwohner von Karism, welche nicht ſo viel Vergnuͤgen daran fanden, mich auf meinem Wagen zu ſchauen, als es ihnen gewaͤhrt haͤtte, mich verbren⸗ nen zu ſehen. Ich ließ ſodann meine Stimme vernehmen, und ndn ich mich an den Sultan richtete, ſprach ich zu ihm: „Ungerechter Klitſch⸗Arßelan, der du mich wie einen Miſſethaͤter wollteſt hinrichten laßen, ver⸗ nimm, daß ich kein Zauberer bin, ſondern ein Weiſer, der noch viel wunderbarere Dinge thun kann, als dieſe hier, von denen deine Augen Zeugen ſind.“ Mit dieſen Worten verſchwand ich, und ließ den Fuͤrſten ſo wohl als das Volk, in dem hoͤchſten Er⸗ ſtaunen zuruͤck. Nach dieſem Abenteuer, habe ich zehn Jahre lang gereiſet. Ich bin in Kahiro, in Bagdad, in Perſien geweſen; und uͤberall, wo ich mich aufge⸗ halten, habe ich diejenigen begluͤckt, fuͤr welche ich Freundſchaft gefaßt. 180 141. Sag. Indem ich ſo die Welt durchſtreife, bin ich end⸗ lich auch nach Aſtrakan gekommen, wo es mir einfiel, von mir reden zu machen. Zu dieſem Zwecke ging ich vor die Stadt hinaus, und dort in einer buſchigen Gegend, ſchnitt ich vierzig Zweige von derſelben Laͤnge ab, ich beſeelte ſie kraft einiger Worte, deren Macht ich kenne, und befahl ihnen, menſchliche Geſtalt an⸗ zunehmen und die Baͤder zu erbauen, welche man vor den Thoren Aſtrakans ſieht. Das alſo ſind meine vierzig Knaben, Herr, und mich duͤnkt, ich habe mit Recht Euer Majeſtaͤt geſagt, daß ſie alle dieſelbe Mutter geboren hat, indem ſie ſaͤmmtlich aus der Erde entſproſſen ſind.“ Hormos und Reſia. 181 Fortſetzung und Beſchluß der Geſchichte des Koͤnigs Hormos, genannt Koͤnig Sorgenfrei. Aoicenna beſchloß hiemit ſeine Geſchichte und ich, voll Erſtaunen uͤber das was ich gehoͤrt hatte, rief aus: „O großer Weltweiſer, welches Gluͤck, euch zum Freunde zu haben! Nach dem was ihr mir erzaͤhlt habt, glaube ich, iſt euch nichts unmoͤglich. Ich ver⸗ wundere mich nun nicht mehr, daß eure Knaben al⸗ les ausrichten, was man ihnen befiehlt, weil ihr es ſeid, der ſie belebt. Ich bilde mir ſelbſt ein, wenn ich ihnen geboͤte, mir zur Stunde die Prinzeſſinn von Karism, die ſchoͤne Reſia, hieher zu bringen, ſie wuͤrden einen ſo ſchwierigen Auftrag ausfuͤhren.“ „Ohne Zweifel,“ antwortete Avicenna;„ſie wer⸗ den ſich nach ihrem Palaſte begeben, ſie aus der Mitte ihrer Frauen emporheben, und ſie euch in die⸗ ſem Augenblicke herbringen, wenn ihr es wuͤnſchet.“ 182 141. 142. Sag. „Ob ich es wuͤnſche!“ verſetzte ich mit Entzuͤcken: nah, ihr vermoͤchtet nimmer etwas zu thun, das mir angenehmer ſein koͤnnte.“ „Ihr ſollt alsbald befriedigt werden,“ erwiederte er;„uͤberdieß iſt es mir nicht unlieb, mich an dem Koͤnige von Karism zu raͤchen.“ Der Weltweiſe hatte noch nicht dieſe Worte aus⸗ geſprochen, als er ſeine Augen auf einen ſeiner vier⸗ zig dienſtbaren Geiſter warf, und ihn hin eilen hieß. Der Geiſt verſchwand ſogleich, mit einem ſtarken Getoͤſe, und kam einige Augenblicke darnach mit der Prinzeſſinn von Karism zuruͤck. Hundert und zwei und vierzigſter Tag. Ich konnte Reſia nicht verkennen, noch mich er⸗ wehren, alle die Freude zu empfinden, welche der Anblick eines geliebten Gegenſtandes einfloͤßt: gleich⸗ wohl, wie entzuͤckt ich war, ſie wiederzuſehen, ver⸗ hinderte mich jedoch die Art„ wie mir dieſes Vergnüͤ⸗ gen verſchafft war, mich demſelben hinzugeben. Ich fuͤrchtete, es waͤre nur ein Scheinbild, und ich wagte nicht, meinen Augen zu trauen.. „Ich bitte euch,“ ſagte ich zu dem Weltweiſen, „taͤuſchet mich nicht: ſind dieſe Zuͤge, welche ſich meinen Blicken darſtellen, Zauberei, oder wirklich die Hormos und Reſia. 183 Zuͤge der Prinzeſſinn von Karism? Saget mir, was ſoll ich davon denken?“— 3 „Zweifelt nicht daran, Herr,“ antwortete er mir, „es iſt dieſe Prinzeſſinn ſelber: bewundert ihre Schoͤn⸗ heit, und uͤberlaßet euch ohne Mistrauen dem Ent⸗ zuͤcken, welches ſie euch erregen muß.“ Auf dieſe Verſicherung warf ich mich Reſia zu Fuͤßen, und ohne ihr Zeit zu laßen, ſich zu beſinnen, ſagte ich zu ihr: „Ah, meine Prinzeſſinn, ſo ſehe ich euch denn hier! Ach! ich verzweifelte ſchon, eure Reize jemals wieder zu erblicken, und ich verdanke dieſes Gluͤck nur der Freundſchaft dieſes großen Weltweiſen, der ſo guͤ⸗ tig geweſen iſt, ſeine Macht fuͤr mich zu gebrauchen. Eure Entfuͤhrung iſt eine Wirkung ſeiner Wiſſenſchaft, oder vielmehr meiner Liebe. Erkennet in mir jenen jungen Menſchen, welcher in der Tracht eines Gaͤrt⸗ nerburſchen vor euch erſchien. Ihr wißt, mit welcher Grauſamkeit ihr mich aus eurem Zimmer ſchleppen ließet, ſo bald ihr entdecktet, daß ich verkleidet war, und durch welches Gluͤck ich dem ſchmaͤhlichen Tode entging, der mir beſtimmt war. Trotz eurer Haͤrte, habe ich nicht aufgehoͤrt, euch zu lieben. Demnach, meine Koͤniginn, laßt euern Zorn gegen einen Verwe⸗ genen aus, der ſich der Gewalt bedient hat, um euch zu beſitzen: aber, ich flehe euch, bedenket zuvor, daß dieſer Verwegene der ungluͤckliche Koͤnig von Circaſſien 1865a 142. Ta g. iſt, der bei dem Sultan euerm Vater um euch hat anhalten laßen.“ Wenn ich uͤber die Erſcheinung Reſia's erſtaunt geweſen war, ſo koͤnnt ihr wohl denken, daß ſie es nicht minder war, als ſie ſich ploͤtzlich an einem un⸗ bekannten Orte befand. Ich verſah mich, und nicht ohne Grund, eines Stroms von Schmaͤhungen, als die Prinzeſſinn, nachdem ſie mich wiedererkannt und ſich ein wenig von ihrer Verwirrung erholt hatte„ fol⸗ gendermaßen zu mir ſprach: „Mich wuͤrde ohne Zweifel zu einer andern Zeit eure Verwegenheit gegen mich empoͤrt haben: aber gagenwaͤrtig kann ich mich nicht erwehren, ſie euch zu verzeihen. Ich ſollte eben einen Fuͤrſten heiraten, ge⸗ gen welchen ich einen toͤdtlichen Widerwillen fuͤhle: ich kann mich alſo nicht uͤber eine Gewaltthat beklagen, welche mich von dem Abſcheu befreiet, die ſeinige zu werden.“ „Wie denn, Reſia?“ unterbrach ich ſie,„ihr ſeid alſo nicht die Gemahlinn des Koͤnigs von Gasna?“ „Nein, Herr,“ erwiederte die Prinzeſſinn;„ſeit⸗ dem euer Geſandter von Karism abgereiſet iſt, haben ſich dort manche Vorfaͤlle ereignet, von welchen ihr, wie ich ſehe, nicht unterrichtet ſeid; ich will ſie euch mittheilen. Nach dem Siege, welchen das Heer des Koͤnigs von Gasna, in Verbindung mit dem des Koͤ⸗ nigs von Kandahar, uͤber die Truppen des Sultans V Hormos und Reſia. 185 meines Vaters davongetragen hatte, drangen die bei⸗ den Fuͤrſten gegen die Stadt Karism vor, ſie zu be⸗ lagern; aber der Sultan ſandte ihnen einen ſeiner Veſyre entgegen, der mit ihnen einen Frieden ab⸗ ſchloß, deſſen vornaͤmlichſte Bedingung war, daß ich unverzuͤglich dem Koͤnig von Gasna uͤberliefert wer⸗ den ſollte. Denſelben Tag, da ich von Karism abreiſen ſollte, vernahm man am Hofe, daß auch der Koͤnig von Kandahar, auf den Ruf von meiner Schoͤnheit ſich in mich verliebt haͤtte und mich beſitzen wollte; daß er ſolches dem Begram⸗Schah erklaͤrt, die beiden Koͤnige ſich daruͤber entzweiet, und handgemein ge⸗ worden, der Koͤnig von Kandahar aber die Oberhand gewonnen haͤtte. Dieſe Neuigkeit beſtaͤtigte ſich bald. Es kam ein Offi⸗ zier des Koͤnigs von Kandahar, welchen dieſer ſiegreiche Fuͤrſt an meinen Vater ſandte, ihm die Nachricht von dem vollſtaͤndigen Siege zu bringen, welchen er uͤber Begram⸗Schah erfochten, der ſelber im Kampfe ge⸗ toͤdtet worden, und ihm ſeine Abſicht zu eroͤffnen, daß er ſich zum Koͤnige von Gasna wollte kroͤnen laßen. Zu gleicher Zeit hielt er um meine Hand an. Der Sultan wagte nicht, mich einem Fuͤrſten zu verſagen, der ſo maͤchtig geworden war. Er bewil⸗ ligte ſein Geſuch, und verſprach ihm meine Hand, ungeachtet des Abſcheus, welchen ich, auf das Bildnis, 186 142. 143. Tag. welches ſein Abgeſandter mir von ihm entworfen, gegen ihn gefaßt hatte. Es wax ſchon der letzte Tag vor der unſeligen Abreiſe, welche mich fuͤr immer von meinem Vater trennen und einem Gemahle zufuͤhren ſollte, den ich verabſcheute. Ich ergoß mich eben in meinem Gemache gegen meine Frauen, wie hoͤchſt verhaßt mir dieſe Heirat waͤre, als ich mich ploͤtzlich von gewaltiger Hand ergriffen fuͤhlte, die mich in ei⸗ nem Augenblicke hieher verſetzte.“ Hundert und drei und vierzigſter Tag. 8 Ich fuͤhlte ſo große Freude uͤber die Nachricht, daß Reſia noch nicht vermaͤhlt waͤre, daß ich mich nicht enthalten konnte, ſie bei dieſer Stelle zu unterbrechen. „Ah! geliebte Prinzeſſinn,“ rief ich aus,„iſt es moͤglich, daß ihr, ohne die gluͤckliche Gewaltthat, deren ich mich bediente, einem Fuͤrſten waͤret uͤberlie⸗ fert worden, der euch misfaͤllt? Dieſer Umſtand ver⸗ mindert mein Vergehen.“— „Er vermindert es nicht,“ unterbrach mich ihrer⸗ ſeits die Prinzeſſinn;„aber er benimmt mir die Kraft, es euch zum Vorwurfe zu machen.“ „Wohlan, meine Herrinn,“ erwiederte ich,„ber⸗. zeihet es mir denn, ich beſchwoͤre euch darum, und Hormos und Reſia. 187 verſchmaͤhet nicht die Krone Circaſſiens, welche ich euch mit meinem Herzen darbiete.“ Ich uͤbergehe alle die leidenſchaftlichen Reden, welche ich anwandte, um Reſia fuͤr meine Liebe em⸗ pfaͤnglich zu machen: aber die groͤßte Gefaͤlligkeit, die ich von ihr erreichen konnte, beſtand in der Verſiche⸗ rung, welche ſie mir gab, daß ſie ohne Widerſtreben mein Gluͤck machen wuͤrde, wofern ich die Einwilli⸗ gung ihres Vaters erlangen koͤnnte. Ich fragte Avicenna deshalb um Rath, und er ſagte zu mir: „Schicket einen Geſandten an den Sultan, ihn von dem Schickſale ſeiner Tochter zu unterrichten und bei ihm um ſie anzuhalten: fuͤr das Uebrige laßt mich ſorgen.“ Ich befolgte den Rath des Weiſen, und ließ Huͤſſeyn zum zweitenmale, mit neuen Geſchenken nach dem Hofe von Karism reiſen; und in Erwartung ſei⸗ ner Ruͤckkehr, fuͤhrte ich die Prinzeſſinn in die ſchoͤnſte Wohnung meines Harems, wo ſie bedient wurde, als wenn ſie ſchon Koͤniginn geweſen waͤre. Anlangend den Weltweiſen, dem ich ſo viel Ver⸗ pflichtungen hatte, ſo bat ich ihn, an meinem Hofe 4 bleiben, und hier ganz nach ſeinem Gefallen zu eben.. „Ich erbiete euch nicht,“ ſagte ich zu ihm,„die Stelle meines erſten Miniſters; ſie iſt euer nicht 188 143. Tag. wuͤrdig: aber laßt uns Freunde ſein, und theilet die hoͤchſte Gewalt mit mir; ich kann euch meine Erkennt⸗ lichkeit nie ſtark genug bezeigen.“ Auf dieſe Rede, welche ihm zu erkennen gab, wie dankbar ich fuͤr den Dienſt waͤre, welchen er mir ge⸗ leiſtet hatte, antwortete mir Avicenna, er naͤhme mit eben ſo viel Vergnuͤgen als Ehrfurcht die Ehre an, welche ich ihm erzeigete, indem ich ihn zu dem Range eines Freundes erheben wollte; dieß waͤre die ſchoͤnſte Belohnung, welche ich ihm erbieten koͤnnte, und er ſaͤhe ſich fuͤr das, was er mir geleiſtet haͤtte, nur zu reichlich bezahlt. Ich muß jetzo wieder auf Huͤſſeyn zuruͤckkommen, und erzaͤhlen, in welcher Verfaſſung er den Hof von Karism bei ſeiner Ankunft fand. Der Sultan hatte, ſo bald er vernommen, auf welche wunderbare Weiſe ſeine Tochter war entfuͤhrt worden, ſeine Veſyre und die vornehmſten Herren ſei⸗ nes Reichs verſammelt, um ſie zu befragen, was ſie fuͤr rathſam erachteten, das er in dieſer ſeltſamen Lage thun ſollte. Sie waren alle der Meinung gewe⸗ ſen, man muͤßte ſich an einen geſchickten Sterndeuter wenden, der in Schehereſtan) wohnte; und man *) Sheher und Schehereſtan bedeutet im Perfiſchen über⸗ haupt Stadt, iſt aber beſonders Name von drei Perſi⸗ Hormos und Reſia. 189 hatte in der That durch ſeine Beobachtungen entdeckt, daß die Prinzeſſinn von Karism ſich in meinem Ha⸗ rem befaͤnde. Hierauf hatte man einen Eilboten an den Koͤnig von Kandahar abgefertigt, um ihn von die⸗ eſem außerordentlichen Ereigniſſe zu benachrichtigen, und ihm anzutragen, er moͤchte ſeine Truppen mit denen von Karism vereinigen, um uͤber Reſia's Ent⸗ fuͤhrung Rechenſchaft zu fordern. Der Kͤnig von Kandahar hatte ſich auf dieſe Neuigkeit, welche nur zu ſehr ſeine Rache aufreizte, alsbald mit ſeinem Heere in Bewegung geſetzt. Er war ſchon uͤber Nur hinaus und nahte ſich mit ſtarken Tagemaͤrſchen Ka⸗ rism, als der Sultan die Ankunft meines Geſandten vernahm.— Klitſch-Arßelan iſt von Natur etwas gewaltſam. Er ließ Huͤſſeyn verhaften und ſich vorfuͤhren, und ſagte zu ihm mit wuͤthiger Miene:. „Ich errathe wohl den Gegenſtand deiner Geſandt⸗ ſchaft: du koͤmmſt im Namen deines treuloſen Herrn hieher, um mir kund zu thun, daß er meine Tochter ohne Fug und Recht in ſeinem Harem verſperrt haͤlt: bald aber ſoll ihn die mir angethane Beleidigung ge⸗ reuen, und zuvorderſt, bis ich ganz Circaſſien in ſchen Städten, in Fars, in Irar(bet Jspahan) und in Choraſan, zwiſchen Niſchabur und Chuaresm. H. 4 190 43. 144. Ta g. Aſche legen werde, befehle ich, dir den Kopf abzu⸗ ſchlagen. Koͤnnte ich nur heute noch ebenſo den ſchnoͤ⸗ den Fuͤrſten behandeln, der, ohne Ehrfurcht vor der koͤniglichen Wuͤrde, mein Haus entehrt, indem er mir durch die unſelige Kunſt irgend eines Zauberes meine Tochter entfuͤhrt hat.“ Nach dieſen Worten, ließ er vor ſeinem Palaſt ein Schafot errichten, und Huͤſſeyn beſtieg es, um den Todesſtreich zu empfangen, angeſichts des ganzen Volks der Stadt Karism, welches ſich zu dieſem Schauſpiele verſammelt hatte. Aber in demſelben Augenblicke, wo der Scharf⸗ richter den Arm emporhub, um ihm den Kopf abzu⸗ hauen, wurde Huͤſſeyn in die Luft emporgehoben und entſchwand, zur nicht geringen Ueberraſchung des Sultans und aller uͤbrigen Zuſchauer. Hundert und vier und vierzigſter Tag. Der Sultan von Karism erkannte wohl, daß die: ſelbe Macht, welche ihm ſeine Tochter entfuͤhrt, auwh Huͤſſeyn der Todesſtrafe entzogen haͤtte. Er ward nur um ſo wuͤthender daruͤber: „Man gehe wenigſtens hin,“ gebot er,„und hole die Circaſſier her, welche mit dieſem Geſandten nach Karism gekommen ſind, und bringe ſie um.“ 4 Hormos und Reſia. 291 Die Wachen rannten ſogleich nach dem Hauſe, wo Huͤſſeyn gewohnt hatte, aber ſie fanden dort niemand mehr von ſeinem Gefolge: ſie waren alle zu gleicher Zeit durch die dienſtbaren Geiſter Avicenna's entfuͤhrt worden. Ich erfuhr dieß Abenteuer ſchon im Augenblick, nachdem es vorgegangen war. Huͤſſeyn, der ploͤtzlich vor mir erſchien erzaͤhlte es mir. Er berichtete mir hierauf, daß der Koͤnig von Kandahar und der Sul⸗ tan von Karism ſich ruͤſteten, heranzuziehen und Cir⸗ caſſien zu verheeren. Indem er mich von der Abſicht dieſer beiden Fuͤr⸗ ſten unterrichtete, kam Avicenna und miſchte ſich in unſer Geſpraͤch. Wir lachten alle drei viel uͤber das Erſtaunen, worin er ſo eben die Stadt Karism durch Huͤſſeyns Entfuͤhrung verſetzte. Darnach ſprachen wir uͤber den Krieg, womit man uns bedrohte; und als der Weltweiſe gewahrte, daß die Zuruͤſtungen unſerer Feinde mir einige Unruhe erregten, machte er mir Vorwuͤrfe daruͤber. „Herr,“ ſagte er zu mir,„was habt ihr zu fuͤrch⸗ ten, weil ich bei euch bin? Man kann nur frucht⸗ loſe Anſtrengungen machen, euch zu uͤberwaͤltigen, ſo lange ich auf eurer Seite ſtehe. Und wenn die Voͤl⸗ ker Indiens, die von China, und alle Staͤmme der Mongolen ſich mit euren Feinden gegen euch vereinigten, ſo wuͤrde ich ſie in die Flucht zu ſchlagen 19² 144. Tag. und euch den Sieg zu verſchaffen wiſſen.— Der Sul⸗ tan von Karism,“ fuhr er fort,„und der Koͤnig von Kandahar gedenken ſchreckliche Verheerungen in euerm Reiche anzurichten: wohlan, ſie moͤgen nur herkom⸗ men; ich uͤbernehme die Vertheidigung eurer Graͤnzen; uͤberlaßet mir die Sorge, ſie zu beſchuͤtzen; ich werde es beſſer ausrichten als eure Feldherren.“ Ich dankte dem Weltweiſen fuͤr die Huͤlfe, welche er mir verhieß; und voll Freuden, meine Angelegen⸗ heiten in ſo guten Haͤnden zu ſehen, und weit ent⸗ fernt, den Koͤnig von Kandahar und den Sultan von Karism zu fuͤrchten, wuͤnſchte ich nur, ſie moͤchten ſchon an der Wolga ſein. Meine Wuͤnſche wurden bald erfuͤllt. Die beiden Fuͤrſten drangen, ohne Zeit zu verlieren, gegen meine Staaten vor. Sie zogen am Ufer des Kaspiſchen Meeres hin; und nachdem ſie uͤber die Muͤndung des Jaxartes in daſſelbe hinaus waren, naͤherten ſie ſich ſchon dem Fluſſe Oſchark,*) ſo daß das Geruͤcht von ihrem Anzuge Beſtuͤrzung in Aſtrakan verbreitete. Da ich mich gaͤnzlich auf Avicenna verließ, und deshalb nur wenig Leute aufgeboten hatte, ſo wagten meine Voͤlker nicht, zu hoffen, daß man dem Feinde wider⸗ ſtehen koͤnnte, der uns anzugreifen kam und deſſen *) der, aus Nordaſten herab, ebenfalls ins Kaspiſche Meer ausmündet. Hormos und Reſia. 193 Menge der Ruf noch vermehrte, und ſie waͤhnten ſchon ganz Circaſſien verwuͤſtet und die Stadt Aſtra⸗ kan den Flammen preisgegeben zu ſehen. Auf der andern Seite konnte auch der Feind, als er vernahm, daß ich ihm nur ſehr wenige Truppen entge⸗ gen zu ſtellen haͤtte, ſich nicht uͤberzeugen, daß ſie die Kuͤhnheit haben wuͤrden, ihm Widerſtand zu lei⸗ ſten. Alſo marſchierten ſie vorwaͤrts, in dem Wahne, bis zu meiner Hauptſtadt vorzudringen, ohne daß ſie noͤthig haͤtten, zu fechten, und nahmen ſich feſt vor, in meinem Reiche das unterſte zu oberſt zu kehren, und mit Beute beladen heimzukehren. Der Erfolg taͤuſchte gleichwohl ihre Zuverſicht und bekrog ihre Er⸗ wartung. Aoicenna hielt mir Wort, und brauchte nur eins von ſeinen Geheimniffen anwenden, um meine Staa⸗ ten von der Gefahr, welche ihnen drohte, zu befreien. Wir ſtellten uns beide an die Spitze meines Heeres; wir ſetzten uͤber die Wolga, und machten Halt, als wir nur noch eine halbe Meile von den Feinden ent⸗ fernt waren. Jetzo ſtiftete der Weltweiſe Zwietracht unter ihnen. Er ließ zwiſchen dem Sultan von Ka⸗ rism und dem Koͤnige von Kandahar einen Zwiſt ent⸗ ſtehen; und dieſer Streit erhitzte ſich dermaßen, daß die beiden Fuͤrſten ihre Waffen gegen einander ſelber kehrten. Sie wurden handgemein; und nach einem III. 13 langen Kampfe, worin der Koͤnig von Kandahar mit allen den ſeinen umkam, blieb der Sultan Herr der Wahlſtatt; aber er hatte nicht groß Urſach, ſich des Sieges zu freuen, weil ihm ſo wenig von ſeinen Truppen uͤbrig geblieben, daß er nicht im Stande war, uns zu widerſtehen, als wir ihm entgegentra⸗ ten. Wir umringten ihn. Er mußte der Nothwen⸗ digkeit weichen: er ergab ſich, und ich fuͤhrte ihn nach Aſtrakan. Er konnte mit der Behandlung, welche er von mir erfuhr, wohl zufrieden ſein. Es wurde ihm an meinem Hofe alle moͤgliche Ehre erwieſen. Ich ſparte nichts, um ſeinen Groll zu beſchwichtigen, und es gelang mir auch endlich. Aber was, wie ich glaube, mehr dazu beitrug, als alles andre, war das Gute, was die Prinzeſſinn ſeine Tochter ihm von mir ſagte. Sie erzaͤhlte ihm umſtaͤndlich, welche Ruͤckſichten alle ich gegen ſie beobachtet haͤtte; wie ſehr ich mich bemuͤhete, taͤglich neue Vergnuͤgungen fuͤr ſie hervorzuſuchen; und beſon⸗ ders verbreitete ſie ſich uͤber mein ehrfurchtvolles Be⸗ tragen, welches ich auch nicht einen Augenblick vergeſſen haͤtte. Er war hoch erfreut uͤber meine Maͤßigung, und willigte endlich ein, daß ich ſein Schwiegerſohn wuͤrde. — Hormos und Reſia. 195 Hundert und fuͤnf und vierzigſter Tag. Nunmehr war nur noch die Rede von Freudenfe⸗ ſten. Meine Hochzeit wurde praͤchtig gefeiert. Der Hof und die Stadt waren ein ganzes Jahr hindurch in ſtaͤten Luſtbarkeiten, oder, beſſer zu ſagen, ſie ſind es annoch, ſeit jener Zeit her. 8 Klitſch⸗Arßelan kehrte nach dieſer Hochzeit, welche ihn uͤber ſeine Niederlage troͤſtete, in ſeine Staaten zuruͤck; aber vor ſeiner Abreiſe hatte er mit Avicenna noch mehrere Unterredungen, und betrachtete ihn nun nicht mehr als einen Zauberer. Er vergab dieſem gro⸗ ßen Weltweiſen nicht nur die Entfuͤhrung ſeiner Toch⸗ ter, er bat ihn ſelbſt um ſeine Freundſchaft, welche er auch erhielt; und ich weiß nicht, ob er bei ſeiner Heimkehr nicht eben ſo vergnuͤgt daruͤber war, ſich einen ſolchen Freund erworben zu haben, als Reſia in einer ſo gluͤcklichen Lage zuruͤckzulaßen. Ich hatte nicht ſo bald dieſe Prinzeſſinn geheiratet, als ſie, nicht mehr durch ihren Stolz gezwungen, mir bekannte, daß ſie Gefallen an mir faͤnde. Dieſes Wohlgefallen wuchs von Tage zu Tage, und wir lebten endlich in vollkommener Eintracht, als ploͤtzlich derſelbe, ſo der Urheber davon war, auch alle Freude darin zerſtoͤrt und uns ein bejammernswuͤrdiges Loos bereitet hat. 145. Tag. Aoicenna konnte ſich durch alle ſeine Wiſſenſchaften nicht davor verwahren, daß Reſia's Augen eine unſe⸗ lige Liebe in ihm entzuͤndeten, welche noch heute das ganze Ungluͤck meines Lebens macht. Um dieſem Weltweiſen die hohe Achtung, welche ich fuͤr ihn hegte, zu bezeugen, erlaubte ich ihm, taͤglich die Koͤnigin zu ſehen und zu ſprechen. Seine Unterhaltungen mit ihr erhoͤhten ſeine Leidenſchaft. Er war ihrer nicht mehr maͤchtig, er erklaͤrte ſie. Die Prinzeſſinn fuͤhlte ſich durch ein ſo dreiſtes Geſtaͤndnis hoͤchſt beleidigt; aber ſie glaubte einen Mann, deſſen Macht ſie fuͤrchtete, ſchonen zu muͤßen, und ſagte zu ihm mit betruͤbter Miene: „Avicenna, beſinnet euch, ich bitte euch, und be⸗ ſieget die Gefuͤhle, welche ihr mir kund gebet. Dieſer Sieg muß euch weniger koſten, als jeden andern. Gedenket an die Freundſchaft, an die Hochachtung, welche der Koͤnig fuͤr euch hegt. Koͤnnt ihr nicht eure Blicke anderswohin wenden? Der Koͤnig betet mich an; ich liebe ihn zaͤrtlich, und ich kann nur ihn al⸗ lein lieben. Laßet alſo ab, ich flehe euch, eine Ver⸗ einigung ſtoören zu wollen, welche ihr ſelber geſtiftet habt.. Die Milde, mit welcher man den Weltweiſen be⸗ handelte, diente aber nur dazu, ſeine Kuͤhnheit zu erhoͤhen. Er fuhr fort, von ſeiner Liebe zu reden, und er bedraͤngte die Koͤniginn dermaßen, dieſelbe zu „ b —— Hormos und Reſiag. 19 erwiedern, daß ſie endlich die Geduld verlor. Sie be⸗ handelte ihn als einen Unverſchaͤmten und verwies ihm ſeine Verwegenheit mit einem ſo ſtolzen und veraͤcht⸗ lichen Tone, daß er daruͤber ergrimmte. Er war von Natur heftig. Seine Zaͤrtlichkeit verwandelte ſich ploͤtzlich in Haß; aus einem zaͤrtlichen und inbruͤnſti⸗ gen Liebenden ward er ein eiferſuͤchtiger und wuͤthen⸗ der; und indem er die Koͤniginn mit drohenden Blicken anſah, ſagte er zu ihr: „Undankbare, waͤhne nicht, daß ich dich unge⸗ ſtraft werde meine Liebe verachten laßen. Du ſollſt lange daran gedenken, ſie verſchmaͤht zu haben. Ich will dich an der empfindlichſten Stelle treffen. Du liebſt den Koͤnig deinen Gemahl, und von dieſer Seite will ich dich beſtrafen.“ Mit dieſen Worten blies er die Fuͤrſtinn an; und nachdem er noch einige geheimnisvolle Worte ausge⸗ ſprochen hatte, verſchwand er. Die Koͤniginn war erſchrocken uͤber ſeine Drohun⸗ gen; aber da ſie keine Veraͤnderung an ſich vekſpuͤrte, ſo bildete ſie ſich ein, Avicenna haͤtte ſich begnuͤgt, ſie in Furcht zu ſetzen; und erſt, nachdem ſie zwei oder dreimal, bei meiner Annaͤherung, das Bewußtſein verloren hatte, ward ſie inne, daß der Zuſtand, unri ihr ſie geſehen habt, das Werk des Weltwei⸗ en 4 19g8 145. Ta g. Dieß iſt alſo der unſelige Zauber, welcher die Ruhe meines Lebens ſtoͤrt. Gleichwohl, ſo ungluͤck⸗ lich ich bin, ſo habe ich noch dem Himmel dafuͤr Dank zu ſagen, daß Avicenna mir meine Reſia nicht entfuͤhrt hat.“ Bedreddin⸗Lolo. 199 Fortſetzung der Geſchichte des Bedreddin⸗Lolo, ſeines Veſyrs und ſeines Guͤnſtlings. Der Koͤnig von Aſtrakan beſchloß hiermit ſeine Ge⸗ ſchichte. Bedreddin dankte ihm, daß er ſo freundlich ſeine Neugier befriedigt haͤtte, und verſicherte ihn zu⸗ gleich, daß man von dem, was er jetzo vernommen, nicht mehr geruͤhrt ſein koͤnnte, als er es waͤre. Die beiden Fuͤrſten ſchieden darnach von einander, und der Koͤnig von Damask kehrte nun mit Atalmüuͤlk und Séyfel Muͤluk bald in ſein Koͤnigreich zuruͤck. Der Zuſtand, worin ſie die Koͤniginn von’ Aſtra⸗ kan geſehen hatten, war unterweges oft der Gegen⸗ ſtand ihrer Unterhaltung. Eines Tages, als ſie auch davon ſprachen, ſagte Séyfel Muͤluk zu Bedreddin: „Herr, man muß geſtehen, daß es keine voll⸗ kommenere Schoͤnheit gibt, und daß man nichts Rei⸗ zenderes ſehen kann, als dieſe Fuͤrſtinn. Indeſſen,“ 200 145. Tag. ſetzte er laͤchelnd hinzu,„obwohl wir ſie genau be⸗ trachtet haben, ſo bemerke ich doch nicht, daß einer von uns dreien dadurch den Verſtand verloren hat. Zwar ich habe das Bildnis von Bedy al Dſchemal, welches mich ohne Zweifel vor dieſem Ungluͤck bewahrt hat. „Und ich,“ ſagte Atalmuͤlk,„ich befinde mich ohne Zweifel in demſelben Falle; es iſt nicht zu ver⸗ wundern, daß ich eben ſo wenig wahnſinnig geworden bin: das Bild Séelika's, welches meinem Herzen ein⸗ gegraben iſt, macht mich unempfindlich gegen alle an⸗ dere Schoͤnheiten auf der Welt.“— „Was euch jedoch verwundern muß,“ hub der Guͤnſtling wieder an,„iſt die Gleichguͤltigkeit des Koͤnigs, unſers Herrn: obwohl er noch von keiner Prinzeſſinn eingenommen iſt, ſo iſt er dennoch von Reſia's Reizen nicht mehr getroffen, als wir.“ „Ihr ſeid in einem großen Irrthume,“ ſagte jetzo der Koͤnig,„wenn ihr waͤhnet, daß ich nicht auch verliebt bin, weil ihr ſeht, daß ich keine Geliebte habe. Um euch daruͤber zu enttaͤuſchen, muß ich euch ſagen, daß ich eben ſo gut liebe, wie ihr, und daß auch die Liebe allein mich hindert, gluͤcklich zu ſein. Es iſt nicht eine Prinzeſſinn, welche in meinem Her⸗ zen herrſchet, ſondern eine Frau von gemeinem Stande Bedreddin⸗Lolo. 201 iſt es, welche es eingenommen hat. Ich will euch dieſe Geſchichte erzuͤhlen. Ich hatte nicht die Abſicht, euch eine ſo vertrauliche Mittheilung zu machen; aber ihr gebt mir dazu einen Anlaß, welchen ich nicht will voruͤbergehen laßen. Geſchichte der ſchoͤnen Aruja. — Es ſind einige Jahre her,“ fuhr er fort,„daß zu Damask ein alter Kaufmann, namens Banu wohnte. Er beſaß ein ſehr ſchoͤnes Landhaus nahe bei der Stadt, zwei Waarenlager voll Indiſcher Leinwand und Gold⸗ und Seidenſtoffe aller Art, dabei eine junge Frau, welche in Betreff der Schoͤnheit wohl mit der Koͤniginn von Aſtrakan den Vergleich aushal⸗ ten konnte. Banu war ein Lebemann; er liebte den Aufwand, und ſetzte was drein, Großmuth zu zeigen. Er be⸗ gnuͤgte ſich nicht damit, ſeine Freunde zu bewirthen, er lieh ihnen auch Geld. Er unterſtuͤtzte diejenigen, die Huͤlfe bedurften. Kurz, er waͤre nicht mit ſich ſelbſt zufrieden geweſen, wenn ein Tag vergangen, ohne daß er irgend einen Dienſt geleiſtet haͤtte. Er fand aber ſo viel Gelegenheit, ſeinem wohlthaͤtigen Hange zu genuͤgen, daß er allmaͤhlich in ſchlechte Araj a. 203 Umſtaͤnde gerieth. Er erkannte wohl, daß er ſich in Verlegenheit ſetzte; aber er konnte ſich nicht entſchlie⸗ ßen, ſeine Lebensweiſe zu aͤndern: dergeſtalt, daß er taͤglich mehr und mehr herunterkam, genoͤthigt wurde ſein hadbans zu verkaufen, und zuletzt tief ins Elend gerieth. Hundert und ſechs und vierzigſter Tag. Als er ſo ſein Vermoͤgen zu Grunde gerichtet ſah, nahm er Zuflucht zu ſeinen Freunden: er erhielt aber von ihnen keine Unterſtuͤtzung; ſie ließen ihn alle im Stiche. Er glaubte, daß wenigſtens ſeine Schuldner ihm wiedergeben wuͤrden, was er ihnen geliehen hatte: aber die Einen laͤugneten die Schuld, und die Ande⸗ ren waren nicht im Stande, ſie abzutragen; und dieß iachte dem Banu ſo viel Kummer, daß er krank ward. Waͤhrend ſeiner Krankheit, erinnerte er ſich zufaͤl⸗ lig, einem Doktor von ſeiner Bekanntſchaft tuuſend Goldzeckienen geliehen zu haben. Er rief ſeine Frau, und ſagte zu ihr: „O meine liebe Aruja, wir duͤrfen noch nicht verzweifeln; ich erinnere mich jetzt eben eines Schuld⸗ ners, deſſen ich ganz vergeſſen hatte. Ich habe ihm einmal tauſend Goldzeckienen geliehen; es iſt der 204 146. T a g. Doktor Daniſchmend. Ich halte ihn nicht fuͤr ſo treulos, als die anderen. Geh hin zu ihm, weil ich nicht ſelber hingehen kann, und ſage ihm, ich laße ihn bitten mir die von mir empfangene Summe wie⸗ der zu ſchicken. Aruja nahm ſogleich ihren Schleier und begab ſich nach Daniſchmends Hauſe. Man ließ ſie zu dem Alfakihn) ins Zimmer treten, und dieſer bat ſie, ſich zu ſetzen und ihm zu ſagen, was ſie zu ihm fuͤhrete.. „Herr Doktor,“ antwortete die junge Frau, in⸗ dem ſie ihren Schleier aufhub,„ich bin die Frau des Kaufmanns Banu. Er wuünſcht euch alles Gluͤck und Heil, und beſchwoͤrt euch, die Guͤte zu haben, und ihm die tauſend Golbzeckienen wieder zu geben, welche er euch geliehen hat.“ Bei dieſen Worten, welche die ſchoͤne Aruja mit freundlicher und anmuthiger Miene ausſprach, heftete der Doktor, roͤther als Feuer, ſeine Augen auf die Frau des Kaufmanns, und antwortete ihr, indem er mit ihr liebaͤugelte:— 3 .„ Feengeſicht, gern will ich euch geben, was ihr von mir verlanget, nicht als eine Schuld an eu⸗ ern Mann, ſondern an euch ſelber fuͤr das Vergnuͤgen, „ Al, Fakih bedeutet der Gelehrte, Doktor. Ar ua. 205 welches ihr durch euern Beſuch mir gewaͤhret. Ich fuͤhle, daß euer Anblick mich außer mich verſetzt. Ihr koͤnnt mich zum gluͤcklichſten der Alfakihs machen. Erwiedert, ich flehe euch, die Empfindungen, welche ihr mir einfloͤßt: auch iſt ja euer Mann ſchon allzu bejahrt, um eure Zuneigung zu verdienen. Wollt ihr meine Wuͤnſche kroͤnen, ſo will ich euch anſtatt tau⸗ ſend, zweitauſend Zeckienen geben, und ich ſchwoͤre bei meinem Haupt und bei meinen Augen,*) daß ich mein Lebelang euer Sklave ſein will.“ Indem er alſo ſprach, wollte der allzu hitzige Doktor, auch durch die That beweiſen, daß er nicht minder verliebt waͤre, als er ſagte, naͤherte ſich der jungen Frau, und wollte ſie in ſeine Arme druͤcken: ſie aber ſtieß ihn ſehr unſanft zuruͤck, und ſprach zu iin mit einer Miene, welche nichts Guͤnſtiges weiſ⸗ agte: nicht, daß ich dich erhoͤren werde. Und wenn du mir alle Schaͤtze Aegyptens anboͤteſt, und es in deiner Gewalt ſtaͤnde, ſie mir zu geben, ſo vermochteſt du nicht, meine Treue damit zu beſtechen. Gib mir nur die tauſend Zeckienen zuruͤck, welche du meinem Manne ſchuldig biſt, und verliere nicht deine Zeit, ein *) Der gewöhnliche Schwur der Muſelmänner. „Halt ein, Unverſchaͤmter, und ſchmeichle dir 146. Tag. Herz zu bedraͤngen, welches ſich deinen Wuͤnſchen verſagt.“ Der Alfakih hatte zu viel Verſtand, um, nach dieſer Antwort, nicht einzuſehen, was er noch von der tugendhaften Aruja zu erwarten hatte. Er verlor die Hoffnung, ſie zu verfuͤhren, und da er ein ſehr roher Menſch war, ſo veraͤnderte er alsbald den Ton, und ſagte zu ihr mit großer Entruͤſtung: „Du biſt hoͤchſt unverſchaͤmt, von mir Geld zu fordern! Ich bin deinem Manne Banu nichts ſchul⸗ dig; und wenn dieſer alte Narr ſich durch ſein aus⸗ ſchweifendes Leben zu Grunde gerichtet hat, ſo bin ich nicht ſo thoͤricht, ihm wieder aufzuhelfen.“ Nach dieſen Worten wies er ihr ungeſtuͤm die Thuͤre, und es fehlte nicht viel, ſo haͤtte er ſie ſelbſt ge⸗ ſchlagen. Die junge Frau kam ganz in Thraͤnen wieder nach Hauſe.„Mein lieber Banu,“ ſagte ſie zu ihrem Manne,„der Doktor Daniſchmend iſt nicht ehrlicher, als eure uͤbrigen Schuldner: er hat mir dreiſt ins Geſicht behauptet, er ſei euch nichts ſchuldig.“ „O der Undankbare!“ rief der alte Kaufmann aus: „iſt es moͤglich, daß er mich ſo in der Noth verlaͤßt? Aber was ſage ich„mich verlaͤßt?“ er iſt ſogar noch treulos genug, mir die empfangene Summe abzu⸗ laͤugnen. Der Spitzbube! er ſchien ein ſo redlicher Mann, und ich haͤtte ihm mein ganzes Vermoͤgen Arnjia. 2⁰7 anvertrauet, als er mich um die tauſend Zeckienen an⸗ ſprach. Wem ſoll man doch gegenwaͤrtig noch trauen? — Aber was ſoll ich thun?“ fuhr er fort:„ſoll ich ihn in Ruhe laßen? Nein, ich will ihn zur Rechen⸗ ſchaft ziehen: Aruja, geh hin zu dem Kadi; er iſt ein ſtrenger Richter, und geſchworener Feind aller Unge⸗ rechtigkeiten. Erzaͤhle ihm die ganze Treuloſigkeit des Doktors: ich bin verſichert, er wird ſich meiner an⸗ nehmen, und mir Gerechtigkeit widerfahren laßen.“ Hundert und ſieben und vierzigſter Tag. Die junge Frau des alten Kaufmanns ging hin zu dem Kadi. Sie trat in den Saal„ wo dieſer Richter dem Volke Gehoͤr gab, und hielt ſich dort in einem Winkel. Ihr ſtolzer Wuchs und ihr ſtattliches An⸗ ſehn machten ſie bald bemerklich. Der Kadi liebte von Natur das ſchoͤne Geſchlecht. Sobald er Aruja be⸗ merkte, gab er ihr einen Wink naͤher zu treten, und fuͤhrte ſie ſelber in ſein Gemach. Hier noͤthigte er ſie, ſich auf das Sopha zu ſetzen und den Schleier abzu⸗ legen: aber er erblickte nicht ſo bald die hohe Schoͤn⸗ heit, womit ſie ausgeſtattet war, als er ebenſo da⸗ von entbrannt ward, als der Alfakih. 3 „8 Zuckerrohr!“ rief er aus, ſchon ganz von Liebe entzuͤckt,„ſchoͤnſte Roſe des Gartens der Welt, 2⁰08 147. Tag. eroͤffne mir, was dich herfuͤhrt, und ſei zum voraus verſichert, daß ich alles fuͤr dich thun will, was du verlangeſt.“.— Hierauf ſtellte ſie ihm die Treuloſigkeit des Dok⸗ tors Daniſchmend vor, und bat ihn demuͤthigſt, ſein Anſehen zu gebrauchen, um dieſen Doktor zur Er⸗ ſtattung der Schuld an ihren Mann zu zwingen. „Das iſt nur allzu gerecht,“ unterbrach ſie der Kadi, der ſich immer mehr und mehr entflammt fuͤhlte,„ich will ihn ſchon dazu zwingen. Er ſoll die tauſend Zeckienen wiederbezahlen, oder ich will ſie ihm aus den Eingeweiden reißen laßen.— Aber, himmli⸗ ſche Huri,“ fuhr er fort, indem er ſich beſaͤnftigte, „bedenke, ich flehe dich, daß der Vogel meines Her⸗ zens ſich in den Netzen deiner Schoͤnheit gefangen hat; bewillige mir, was du dem Alfakih verſagt haſt, und ich will dir auf der Stelle viertauſend Goldzeckienen ſchenken.“ Bei dieſer Rede zerſchmolz Aruja in Thraͤnen: „O Himmel!“ rief ſie aus:„gibt es denn keine Tugend mehr bei den Maͤnnern? ich kann keinen fin⸗ den, der wahrhaft edelmuͤthig iſt: diejenigen ſelbſt, denen es obliegt, die Schuldigen zu beſtrafen, ma⸗ chen ſich kein Gewiſſen daraus, Verbrechen zu be⸗ gehen.“ Der Kadi bemuͤhte ſich vergeblich, die Thraͤnen der jungen Frau zu trocknen. Da er darauf beſtand, von Arnu a. 209 ihr Gunſtbezeigungen zu verlangen, und verſicherte, daß ſie ohne das keinen Dienſt von ihm zu erwarten haͤtte, ſo ſtand ſie auf, und verließ, von lebhaftem Schmerze durchdrungen, ſein Haus. Als Banu ſeine Frau zuruͤckkommen ſah, war es ihm nicht ſchwer, zu erkennen, daß ſie ihm keine gute Nachricht zu verkuͤndigen haͤtte. „Ich ſehe wohl,“ ſagte er zu ihr,„daß du mit dem Kadi nicht ſehr zufrieden biſt: er hat dir ſeinen Beiſtand verweigert; der Doktor Daniſchmend gehoͤrt ohne Zweifel zu ſeinen Freunden.“ „Ach!“ antwortete ſie,„ich habe mich vergeblich bemuͤhet: er will dir nicht Gerechtigkeit angedeihen laßen; es bleibt uns jetzo keine Hoffnung mehr uͤbrig. Was ſoll aus uns werden?“ „Wir muͤßen uns,“ erwiederte Banu,„an den Statthalter von Damask wenden. Ich habe ihm mehrmals Stoffe auf Borg verkauft; er iſt mir ſelber noch Geld ſchuldig: laß uns ſeinen Beiſtand anflehen; ich glaube, er wird gern ſein Anſehn fuͤr unst ver⸗ wenden.“ Am naͤchſten Tage, ermangelte Aruja nicht, in ihrem Schleier verhuͤllt zu dem Statthalter zu gehen. Sie verlangte Gehoͤr bei ihm; man fuͤhrte ſie in ſeine Zimmer: er empfing ſie ſehr hoͤflich, und bat ſie, ſich zu entſchleiern. III. 210 147. Tag. Da ſie die Folgen davon kannte, ſo wollte ſie ſich weigern; aber es half nichts, er bat ſie ſo verbindlich, den Schleier abzulegen, daß ſie es nicht verſagen konnte. Hatte der Anblick dieſer jungen Schoͤnen das Herz des Doktors und des Kadi's entflammet, ſo machte ſie keine geringere Wirkung auf den Statthalter, der einer von jenen alten Herren war, die hinter alle Schoͤnheiten her ſind, welche ihnen zu Geſichte kommen. „Welche Reize!“ rief er aus:„ich habe niemals etwas ſo Anziehendes geſehen. Ach, welche liebens⸗ wuͤrdige Frau!— Saget mir,“ fuhr er fort,„wer ihr ſeid, und was zu euren Dienſten ſteht.“ „Gnaͤdiger Herr,“ antwortete ſie,„ich bin die Frau eines Kaufmanns, names Banu, der manch⸗ mal die Ehre gehabt, euch Stoffe zu verkaufen.“ „Oh, ich kenne ihn ſehr gut,“ unterbrach er ſie, „er iſt einer von den Maͤnnern, die ich am meiſten auf der Welt liebe und achte. Wie gluͤcklich iſt er, eine ſo reizende Frau zu haben! wie beneidenswerth iſt ſein Loos!“ 4 „Er iſt vielmehr bemitleidenswerth,“ unterbrach ihn ihrerſeits Aruja.„Ihr wißt noch nicht, Herr, in welche Umſtaͤnde der ungluͤckliche Banu gerathen iſt.“ Zu gleicher Zeit ſtellte ſie ihm die uͤble Lage vor, in welcher ſich die Angelegenheiten ihres Mannes be⸗ Ar n a. 211 fanden, und ſagte ihm die Gruͤnde, welche ſie noͤ— thigten, ihn anzuſprechen.. Hundert und acht und vierzigſter Tag. Als der Statthalter wußte, wovon die Rede war, verhieß er ſogleich ſein Anſehen zu gebrauchen, um den Doktor Daniſchmend zur Bezahlung ſeiner Schuld an Banu zu zwingen: aber er war nicht großmüͤ⸗ thiger, als der Kadi. „Ich verſpreche euch meinen Beiſtand,“ ſagte er zu der jungen Frau,„ich laße den Alfakih holen, und wenn er nicht gutwillig die empfangenen tauſend Zeckienen wiedererſtattet, ſo moͤchte es ihn wohl ge⸗ reuen. Mit Einem Worte, ich verpflichte mich, ſie euch wieder zu verſchaffen, vorausgeſetzt, daß ihr da⸗ mit anfanget, fuͤr das erkenntlich zu ſein, was ich fuͤr euch thun will; denn unſer eins fordert immer den Lohn vor dem Dienſte.“— Da die ſchoͤne Aruja nicht mehr Luſt hatte/ die Leidenſchaft des Statthalters, als der beiden vorigen, zu befriedigen, ſo ging ſie ganz troſtlos hinweg. „Ach! Banu,“ ſagte ſie zu ihrem Manne,„wir duͤrfen auf nichts mehr rechnen: niemand will ſich un⸗ ſer annehmen, noch uns auf irgend eine Weiſe zu Huͤlfe kommen.“ 212 148. Tag. Dieſe Worte ſetzten den alten Kaufmann in Ver⸗ zweiflung: er ſtieß tauſend Verwuͤnſchungen gegen die Menſchen aus, und er wollte ſie nochmals wiederho⸗ len, als ſeine Frau zu ihm ſagte: „Laß ab, die Urheber unſers Ungluͤcks zu verflu⸗ chen: welchen Troſt koͤnnen dir deine eitelen Klagen gewaͤhren? Laß uns lieber auf andere Mittel denken, unſer Geld wieder zu bekommen; und ich habe eben eins im Sinne, welches Mahomed ſelber mir eingibt. — Frage mich nicht,“ fuͤgte ſie hinzu,„worin dieß Mittel beſteht; ich halte es nicht fuͤr rathſam, dich davon zu unterrichten, begnuͤge dich mit der Verſi⸗ cherung, welche ich dir gebe, daß es viel Aufſehen machen, und uns an dem. Alfakih, dem Kadi und dem Statthalter vollſtaͤndig raͤchen wird.“ „Thu alles, was dich gut duͤnkt,“ ſagte Banu zu ihr,„ich uͤberlaße mich ganz deinem Erfindungs⸗ geiſte.“ Die junge Kaufmannsfrau, verließ ſogleich ihr Haus, und nachdem ſie zwei oder drei Straßen durch⸗ ſchritten hatte, trat ſie in den Laden eines Kiſten⸗ machers.. Der Meiſter gruͤßte ſie, und fragte ſie:„Schoͤne Frau, was ſteht zu euren Dienſten?“ „O Meiſter,“ antwortete ſie,„ich brauche drei Kiſten, ich bitte euch, mir recht haltbare zu geben.“ Aruj a.„ 2213 Der Kiſtenmacher zeigte ihr mehrere von verſchie⸗ dener Groͤße. Sie waͤhlte darunter dreie aus, deren jede bequem einen Menſchen aufnehmen konnte; ſie bezahlte ſie und ließ ſie auf der Stelle nach ihrem Hauſe tragen. Hierauf legte ſie ihre reichſten Kleider an, ſchmuͤckte ſich mit allen Edelgeſteinen, welche zu verkaufen ihr Ungluͤck ſie noch nicht gendthigt hatte, und vergaß auch nicht die Wohlgeruͤche. In einem ſo verfuͤhreriſchen Anzuge, ging ſie wieder zu dem Alfakih, und mit all dem freien und anmuthigen Weſen, welches ſie ungeſcheut annahm, legte ſie ihren Schleier ab, ohne erſt zu erwarten, daß der Doktor ſie baͤte ſich zu enthuͤllen. Sodann blickte ſie ihn mit ſolchen Augen an, welche auch dem vweupſedlichſeön Liebe mitgetheilt haͤtten, und ſprach zu ihm: „Herr Alfakih, ich komme nochmals euch zu bit⸗ ten, die meinem Manne ſchuldigen tauſend Zeckienen wiederzugeben. Wenn ihr ſie, mir zu Liebe, erſtattet, ſo koͤnnt ihr auf meine Erkenntlichkeit rechnen.“, „Schoͤne Frau,“ antwortete ihr der Doktor,„ich verharre ſtaͤts in derſelben Geſinnung: ich bin bereit, euch zweitauſend Zeckienen zu geben, unter den Be⸗ dingungen, welche ich euch vorgeſchlagen habe.“ „Ich ſehe wohl,“ erwiederte Aruja,„daß ihr nicht davon abſtehen wollt: ich muß mich alſo gutwillig entſchließen, euch zu willfahren.— Ich erwarte euch 214„ 148. 149. Ta g. dieſe Nacht,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihm eine ihrer ſchoͤnen Haͤnde hinreichte, die er inbruͤnſtig kuͤßte: „bringet nur das verſprochene Geld, und kommet ge⸗ nau um zehn Uhr und klopfet an meine Hausthuͤre; eine vertraute Sklavinn wird euch oͤffnen, und in mein Gemach fuͤhren, wo wir die Nacht mit einan⸗ der zubringen wollen.“ Der Alfakih war bei dieſen Worten, die ihm alles verhießen, was er nur wuüͤnſchen konnte, nicht mehr ſeiner maͤchtig: er umarmte die junge Frau, ohne daß ſie es ſich erwehren konnte. Jedoch wand ſie ſich bald aus ſeinen Haͤnden, und da ſie ihn in ſolcher Stimmung ſah, daß er am Abend nicht ausbleiben wuͤrde, verließ ſie ihn, um bei dem Kadi dieſelbe Rolle zu ſpielen. Hundert und neun und vierzigſter Tag. So bald ſie mit dieſem Richter allein war, ſagte ſie zu ihm:— „O gnaͤdiger Herr, ſeitdem ich euch verlaßen, habe ich keinen Augenblick Ruhe gehabt. Ich habe tauſendmal dasjenige in mein Gedaͤchtnis zuruͤckgerufen, was ihr mir geſagt habt. Es hat mir geſchienen, daß ich euch nicht misfalle, und daß es nur an mir liege, um euch zum Liebhaber zu haben. Welche Ehre fuͤr Ara a. 226 eine Buͤrgersfrau, die Geliebte eines jungen, wohlge⸗ bildeten Kadi's zu ſein! Meine Tugend, ich bekenne es, beſteht nicht die Probe eines ſo verfuͤhreriſchen Gluͤcks.“ Dieſe Anrede bezauberte den Kadi:„Ja, meine Koͤniginn,“ rief er aus,„ihr ſollt, wenn ihr wollt, die erſte Frau meines Harems, und die unumſchraͤnkte Gebieterinn meines Willens ſein. Verlaßet den alten Banu, und kommet und wohnet bei mir.“ „Nein, Herr,“ antwortete Aruja, ich kann mich nicht entſchließen, ihm ein ſo großes Herzeleid anzu⸗ thun. Ueberdieß wuͤrde ich durch einen ſolchen Schritt meinen guten Ruf einbuͤßen. Ich will Aufſehen ver⸗ meiden, und nur ein geheimes Verſtaͤndnis mit euch haben.“ „Aber an welchem Orte,“ verſetzte der Kadi, „kann ich mit euch unterhalten?“ „In meinem Zimmer,“ antwortete die Kaufmanns⸗ frau:„das iſt der ſicherſte Ort: Banu ſchlaͤft in dem ſeinigen; er iſt ein alter ſchwacher und hinfaͤlliger Mann, und darf uns keine Beſorgnis erwecken. Kom⸗ met alſo dieſe Nacht zu mir, wenn es euch belikbt,“ fuͤgte ſie hinzu;„ſeid um eilf Uhr an meiner Thuͤre, aber ohne Begleitung; denn ich waͤre in Verzweif⸗ lung, wenn einer von euren Leuten um meine Schwachheit fuͤr euch wuͤßte.“ Die Vorſicht, welche die junge Frau beobachtete, ſchien dem Kadi, weit entfernt, ihm verdaͤchtig zu 216 149. Tag. ſein, vielmehr den Werth ſeines Gluͤcks zu erhoͤhen. Er ermangelte nicht, der ſchoͤnen Frau ſein Vergnuͤ⸗ gen daruͤber zu bezeugen, daß er ſie ſo guͤnſtig fuͤr ihn geſtimmt ſaͤhe; er machte ihr Liebkoſungen, deren Lebhaftigkeit ſie zu maͤßigen wußte, und verſprach ihr, ſich zur beſtimmten Stunde einzuſtellen. Hierauf ſchieden beide ſehr vergnuͤgt von einander, obwohl je⸗ des im ſehr verſchiedenen Sinne.“ So waren nun ſchon zwei Liebhaber geſtimmt, in die ihnen gelegte Schlinge zu gehen: es blieb jetzo nur noch der Statthalter zu bearbeiten; was denn auch eben nicht ſchwer war. Die junge Kaufmanns⸗ frau wußte ihn eben ſo geſchickt anzukoͤrnen, wie die beiden anderen: er glaubte willig alles, was ſie ihm ſagte; und der Schluß ihrer Unterredung war, daß ſie ihn um Mitternacht zu ſich beſtellte, und er ihr ſchwur, ſich ganz allein einzufinden, um das Ver— ſtaͤndnis ſo geheim zu halten, wie ſie wuͤnſchte. „O großer Prophet,“ rief Aruja aus, als ſie aus dem Palaſte des Statthalters war,„du Beſchuͤtzer der glaͤubigen Muſelmaͤnner, Mahomed, du, der du vom Himmel herab alle meine Schritte erkenneſt, ſieh auf den Grund meines Herzens: gib meinem Vorha⸗ ben Gelingen, und verlaß mich nicht in den Gefahren der Ausfuͤhrung!“ Nach dieſer Anrufung, welche ſie fuͤr noͤthig er⸗ achtete, um deſto ſicherer zu dem vorgeſteckten Ziele A r u j g. 8217 zu gelangen, fuͤhlte ſie ſich von Zuverſicht erfullt, und folgte allen ihren Antrieben, als eben ſo vielen geheimen Weiſungen des Propheten. Sie ging hin, und kaufte allerlei Fruͤchte und ein⸗ gemachte Sachen, und ließ ſie nach ihrem Hauſe tra⸗ gen. Sie hatte eine alte Sklavinn, deren Treue ſie kannte; dieſe unterrichtete ſie von ihrem Vorhaben, und ertheilte ihr ihre Befehle. Beide fingen darauf an, ein Zimmer einzurichten; ſie ſtellten das Geraͤth in Ordnung, und deckten einen Tiſch, welchen ſie mit mehreren Porzelan⸗Schalen voll Fruͤchte und einge⸗ machten Sachen beſetzten. Und wenn die junge Kauf⸗ mannsfrau die Abſicht gehabt haͤtte, ihre Liebhaber zu begluͤcken, ſo haͤtte ſie keine groͤßeren Anſtalten zu ihrem Empfange machen koͤnnen. Sie erwartete nun ihre Ankunft mit hoͤchſter Un⸗ geduld: ſie fuͤrchtete ſogar manchmal, ſie wuͤrden aus⸗ bleiben: aber ihre Furcht war grundlos; die Hoffnun⸗ gen, welche ſie gefaßt hatten, waren zu verfuͤhreriſch, als daß ſie dieſelben haͤtten aufgeben koͤnnen. Der Doktor Daniſchmend zuvoͤrderſt paßte auf, und da er zuerſt beſchieden war, ſo ermangelte er nicht, mit Schlag zehn Uhr an Banu's Hausthuͤre zu ſein: er klopft, die alte Sklavinn oͤffnet, laͤßt ihn herein, und fuͤhrt ihn in das Zimmer ihrer Gebiete⸗ rinn, indem ſie ihm zufluͤſtert: 2¹8 149. 150. Ta g. „Nehmet euch wohl in Acht, Geraͤuſch zu ma⸗ chen, damit ihr den alten Kaufmann, der ſchon zur Ruhe iſt, nicht aufwecket.“ So bald Daniſchmend die ſchoͤne Aruja erblickte, die ſich eben ſo ſorgfaltig geſchmuͤckt hatte, als wenn ſie einen geliebten Liebhaber erwartete, wurde er von ihren Reizen ganz geblendet, und ſprach mit leiden⸗ ſchaftlichem Ausdrucke zu ihr: „O Phnix von den Auen der Schoͤnheit, ich kann nicht genug mein Gluͤck anſtaunen!— Hier,“ fuhr er fort, indem er eine Boͤrſe auf einen Tiſch warf, „hier ſind die zweitauſend Zeckienen, die ich euch ver⸗ ſprochen habe: ein ſo hohes Gluͤck iſt damit nicht zu theuer bezahlt.“— Hundert und funfzigſter Tag. Aruja laͤchelte bei dieſer Anrede; ſie reichte dem Alfakih ihre Hand, und nachdem ſie ihn auf ein Sopha gendthigt hatte, ſagte ſie zu ihm: „Herr Doktor, leget euern Turban und euern Guͤrtel ab; machet es euch bequem, ihr ſeid hier wie zu Hauſe.— Dalla⸗Muchtala,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich zu der alten Sklavinn wandte,„komm her und hilf mir meinen Liebhaber entkleiden; denn ſeine Kleider ſind ihm unbequem.“ Aruja. 2¹9 Mit dieſen Worten band ſie ſelber Daniſchmend den Guͤrtel los, und die Sklavinn nahm ihm den Turban ab; beide entledigten ihn ſodann ſeines Rocks, defheſalt, daß er in dem Unterkleide und baarhaupt daſaß. „Laßt uns zubvoͤrderſt,“ ſagte hierauf die junge Kaufmannsfrau,„einige Erfriſchungen genießen, welche ich euch bereitet habe.“ Zu gleicher Zeit begannen ſie, von dem Einge⸗ machten zu eſſen, und von den Brandweinen zu trinken. Gegen Ende des Mahles, waͤhrend deſſen die Frau dafuͤr ſorgte, den Alfakih mit allerlei Reden zu uͤber⸗ ſchuͤtten, die ihn entzuͤckten, hoͤrte man ploͤtzlich Laͤrm im Hauſe. Aruja ſchien daruͤber beſtuͤrzt, als wenn ſie nicht gewußt haͤtte, was es waͤre. „Dalla,“ ſagte ſie zu der alten Sklavinn, mit unruhiger Miene,„geh hin und ſieh zu, woher der Laͤrm koͤmmt, welchen wir hoͤren.“ Dalla verließ das Zimmer, und kam einen Augen⸗ blick darnach wieder herein, und ſagte zu ihrer Gebie⸗ terinn mit großer Unruhe und Beſtuͤrzung: „Ach, gnaͤdige Frau, wir ſind verloren! euer Bruder iſt ſo eben von Kahiro angekommen. Er iſt jetzo noch bei eurem Manne, der ihn euch alsbald herbringen wird.“ 220 150. Tag. „O unſelige Ankunft!“ rief Banu's Frau aus, indem ſie ſich ſehr bekuͤmmert ſtellte:„der widerwäͤr⸗ tige Zufall! Nicht genug, daß man mein Vergnüͤ⸗ gen ſtoͤrt, man muß mich auch noch mit meinem Liebhaber uͤberraſchen, und ſchon bei der erſten Ueber⸗ tretung meiner Pflicht muß ich ſchon als eine treuloſe Gattinn erſcheinen! Was ſoll aus mir werden? Wie kann ich der Schande entgehen, welche mir drohet?“ „Ihr ſeid da recht in Verlegenheit,“ ſagte die alte Sklavinn;„aber laßt den Herrn Daniſchmend ſich in einer der drei Kiſten verſtecken, die euer Mann hat machen laßen, um Waaren darein zu packen, welche er nach Bagdad verſenden will. Sie ſtehen im Neben⸗ zimmer und wir haben die Schluͤſſel dazu.“ Der Rath Dalla's wurde angenommen: der Dok⸗ tor ſchluͤpfte in das Nebenzimmer und verſteckte ſich in einer der drei Kiſten, welche Aruja ſelber zweimal verſchloß, indem ſie zu Daniſchmend ſagte: „O mein geliebter Alfakih, laßt euch die Zeit nicht lang werden; ſo bald mein Bruder und mein Mann ſich wieder entfernt haben, komme ich wieder zu euch, und wir wollen dann die uͤbrige Nacht mit einander um ſo angenehmer zubringen, nachdem unſer Vergnüͤ⸗ gen iſt unterbrochen worden.“ Das Verſprechen, welches Aruja dem Doktor gab, ihn wieder aus ſeinem Gefaͤngniſſe zu ziehen, und die HKoffnung, welche ſie ihm machte, ihn fuͤr die unan⸗ Aruja. 221 genehmen Augenblicke reichlich zu entſchaͤdigen, welche er in der Kiſte zubringen ſollte, verhinderten ihn, ſich uͤber ein Abenteuer zu betruͤben, welches noch ver⸗ drießlichere Folge fuͤr ihn haben ſollte. Anſtatt die Aufrichtigkeit der Frau in Zweifel zu ziehen, und zu argwoͤhnen, daß die Lage, in welcher er ſich hier ſah, eine ihm gelegte Schlinge waͤre, uͤberredete er ſich lie⸗ ber, daß er geliebt wuͤrde, und uͤberließ ſich den ſuͤ⸗ ßeſten Taͤuſchungen, an welchen die Liebenden ſich weiden, die vergeblich ſich ſchmeicheln, die Erfuͤllung ihrer Wuͤnſchee zu erreichen. Die junge Kaufmannsfrau ließ ihn dort in der Kammer, und ging wieder in ihr Zimmer, indem ſie ganz leiſe zu ihrer Sklavinn ſagte: „Da haben wir ſchon einen, der in mein Netz gegangen iſt; laß ſehen, ob die anderen mir entſchluͤp⸗ fen werden.“. 1 „Das werden wir ſehr bald erfahren,“ antwor⸗ tete Dalla,„denn es iſt beinahe eilf Uhr, und ich glaube nicht, daß der Kadi ausbleiben ſollte.“ Die alte Sklavinn hatte Recht, dieſen Richter fuͤr nicht minder puͤnktlich zu halten, als den Doktor: in der That hoͤrte man noch vor der beſtimmten Stunde an Banu's Hausthuͤre pochen. Dalla lief hin, zu oͤffnen, und als ſie ſah, daß es ein Mann war, fragte ſie ihn nach ſeinem Namen. „Ich bin,“ antwortete er,„der Kadi.“ 222 150. Tag. „Redet leiſe,“ erwiederte ihm die Sklavinn,„ihr moͤchtet ſonſt Herrn Banu aufwecken. Meine Gebie⸗ terinn, die eine große Schwachheit fuͤr euch fuͤhlt, hat mir befohlen, euch in ihr Zimmer zu fuͤhren; be⸗ muͤhet euch, wenn's beliebt, mir zu folgen, ich will euch hin bringen.“ Der Richter fuͤhlte bei dieſen Worten ſich doppelt entflammt; er folgte Dalla, die ihn in das Zimmer der jungen Kaufmannsfrau fuͤhrte. „O meine Koͤniginn,“ rief er aus, indem er ſich der ſchoͤnen Aruja naͤherte,„endlich ſehe ich euch! Mit welcher Ungeduld habe ich dieſen gluͤcklichen Au⸗ genblick erwartet!— Es iſt mir alſo,“ fuhr er fort, indem er ſich ihr zu Fuͤßen warf,„es iſt mir alſo vergoͤnnt, die ſuͤßeſten Hoffnungen zu hegen! Nein, es gibt kein Gluͤck, welches mit dem meinigen zu vergleichen waͤre.“ Die junge Kaufmannsfrau hub den Kadi auf, bat ihn, ſich auf das Sopha zu ſetzen, und ſagte zu ihm: „Herr Kadi, es freut mich, daß ihr einiges Ge⸗ fallen an mir findet, weil ihr von allen Menſchen auf der Welt mir am meiſten gefallet, oder vielmehr der erſte ſeid, der meine Aufmerkſamkeit auf ſich ge⸗ zogen hat. Dieſe alte Sklavinn wird es euch beſtaͤti⸗ gen: ſeit meiner letzten Unterhaltung mit euch, thue ich nichts, als ſchmachten; ich rede mit ihr unauf⸗ Agy u a. 223 hoͤrlich von euch, und meine Leidenſchaft laͤßt mir kei⸗ nen Augenblick Ruhe.“ Hundert und ein und funfzigſter Tag. Als der Kadi Aruja alſo reden hoͤrte, ſo fehlte nicht viel, daß er den Verſtand verloren haͤtte. „Hehre Cypreſſe,“ ſprach er zu ihr,„lebendiges Bild der Huri's, ihr bezaubert mich durch ſo ſuͤße Worte: ich flehe euch, ſetzet meinen Wuͤnſchen die Krone auf; aber, meine Prinzeſſinn, ſaͤumet nicht, mich zu begluͤcken, ich beſchwoͤre euch darum, denn ihr habt mich ganz außer mich verſetzt, und ich bin meiner nicht mehr maͤchtig.“. „Es freuet mich,“ verſetzte die Frau,„euch ſo verliebt zu ſehen; das ſchmeichelt hoͤchlich meiner Zaͤrtlichkeit, und eure Ungeduld gewaͤhrt mir zu viel Vergnuͤgen, um ihre Befriedigung noch laͤnger zu ver⸗ ſchieben. Ich hatte euch Erfriſchungen bereitet und wollte mit euch von dieſen Brandweinen trinken, aber da ihr ſo leidenſchaftlich ſeid, ſo gebe ich euerm An⸗ dringen nach: entkleidet euch alſo, und leget euch in das Bette, welches ihr hier ſehet; ich gehe unterdeſſen noch in das Zimmer meines Mannes, um zu ſehen, ob der Alte ſchlaͤft, und in einem Augenblicke bin ich wieder bei euch.“ 224 151. Tag. Der Richter waͤhnte bei dieſen Worten ſchon den Gegenſtand ſeines Verlangens in ſeinen Armen zu ha⸗ ben, zog ſchleunig ſeine Kleider ab, und legte ſich ins Bette. Kaum hatte er ſich niedergelegt, als er Laͤrm hoͤrte. Einen Augenblick darnach trat Aruja, ſehr bewegt, wieder herein, und ſagte zu ihm: „Ach, Herr Kadi, ihr wißt nicht, was ſo eben vorgegangen iſt: wir haben hier einen alten Sklaven, den ich nicht in mein Vertrauen ziehen wollte, weil er mir meinem Manne zu ſehr zugethan ſchien; der hat euch ins Haus treten ſehen, und ſeinen Herrn davon benachrichtigt, der auf der Stelle nach meinen Aeltern geſchickt hat, um Zeugen meiner Untreue zu ſein. Sie werden bald alle in mein Zimmer kommen: ich bin die ungluͤcklichſte Frau von der Welt!“ Mit dieſen Worten fing ſie an zu weinen, und machte es ſo geſchickt, daß der Kadi ſie fuͤr ſehr be⸗ kuͤmmert hielt. „Troͤſtet euch, mein Engel,“ ſagte er zu ihr, „ihr habt nichts zu befuͤrchten: ich bin der Richter der Muſelmaͤnner, und will ſchon durch mein Anſehn, euren Aeltern und euerm Manne Stillſchweigen aufer⸗ legen. Ich werde ſie bedrohen, und ihnen verbieten, irgend ein Aufſehn zu machen, und ihr koͤnnt uͤber⸗ zeugt ſein, daß ſie meine Drohungen fuͤrchten werden.“ Ar u j a. 225 „Ich zweifle nicht daran, gnaͤdiger Herr,“ fuhr die junge Kaufmannsfrau fort;„auch iſt es nicht die Entruͤſtung meines Gatten, noch der Zorn meiner Aeltern, was ich fuͤrchte. Ich weiß wohl, daß ich unter dem Schutz eures Anſehns vor Beſtrafung ſicher bin: aber, ach! ich werde als eine ehrloſe verrufen, und die Schmach und Verachtung meiner Familie werden. Welches Herzeleid fuͤr eine Frau, die bisher nicht den geringſten Anlaß gegeben hat, ihre Tugend verdaͤchtig zu machen! Was ſage ich„werdaͤchtig machen?“ Ich wage zu behaupten, daß ich fuͤr ein Muſter tugendhafter Frauen gelte: in Einem Augen⸗ blicke werde ich nun einen ſo guten Ruf verlieren!“ Mit dieſen Worten fing ſie an zu weinen und zu wehklagen, auf ſo natuͤrliche Weiſe, daß der Richter davon geruͤhrt wurde. „O Licht meiner Augen!“ rief er aus,„ich bin von deiner Betruͤbnis geruͤhrt: aber laß ab, dich ihr hinzugeben, weil ſie fruchtlos iſt. Was hilft es, ſo viel Thraͤnen um ein unvermeidliches Ungluͤck zu ber⸗ gießen?. Dalla⸗Muchtala unterbrach bei dieſen Worten den Richter und ſagte:. „Großer Kadi der Glaͤubigen, und ihr ſchoͤnſte Roſe des Gartens der Schoͤnheit, hoͤret beide mich an. Ich habe Erfahrung, und es iſt nicht das erſte⸗ III. 15 226 151. Tag. mal, daß ich einem Liebespaar aus Noth geholfen habe. Waͤhrend ihr beide nichts anderes thut, als euch zu erweichen, denke ich auf Mittel, euch aus der Verlegenheit zu ziehen; und wenn mein gnaͤdiger Herr Kadi einwilligt, ſo wollen wir den Herrn Banu und die Aeltern meiner Gebieterinn ſchon hinters Licht fuͤhren.“ „Und wie das?“ fragte der Richter. „Ihr duͤrft nur,“ fuhr die Alte fort,„euch in einem Kaſten verſtecken, welcher in Aruja's Kammer ſteht: ich bin feſt verſichert, daß man nicht daran denken wird, euch den Schluͤſſel abzufordern.“ „Ah! ſehr gern,“ antwortete der Kadi;„ich bin es zufrieden auf einige Augenblicke in den Kaſten zu kriechen, wenn ihr es fuͤr raͤthlich erachtet.“ Hierauf bezeugte die junge Frau, dies wuͤrde ihr ſehr angenehm ſein, und verſicherte den Richter, ſo bald ihr Mann und ihre Aeltern ihr Zimmer durch⸗ ſucht haͤtten, und wieder weggegangen waͤren, wuͤrde ſie nicht ermangeln zu kommen und ihn aus dem Ka⸗ ſten zu befreien.. d Auf dieſe Verſicherung und auf das Verſprechen der Kaufmannsfrau, ihm ſeine Gefaͤlligkeit fuͤr ſie mit Wucher zu vergelten, ließ der Kadi ſich einſperren, wie der Alfakih. Jetzo war nur noch der Statthalter uͤbrig, der denn auch um Mitternacht ſich an der Thuͤre einſtellte. Aru a. 227 Dalla fuͤhrte ihn eben ſo herein, wie die beiden vorigen, und Aruja empfing ihn auf dieſelbe Weiſe. Sie machte ihm große Liebkoſungen, und als ſie ge⸗ wahrte, daß der alte Herr zu dringend ward, gab ſie Dalla ein verabredetes Zeichen, worauf dieſe hinaus⸗ ging. Einen Augenblick darnach hoͤrte man ſehr ungeſtuͤm an die Straßenthuͤre pochen, und alsbald trat die alte Sklavinn außer Athem wieder ins Zimmer, und ſagte mit erſchrockener Miene: „Ach! Herrinn, welches Misgeſchick! der Kadi iſt ſo eben hereingekommen, und man hat ihn in das Zimmer eures Mannes gefuͤhrt.“ „O Himmel!“ rief die junge Kaufmannsfrau aus,“ welches unſelige Ereignis!— Meine liebe Dalla,“ fuhr ſie fort,„geh leiſe hin und horche, was der Richter mit Banu redet, und komm wieder, es uns zu ſagen.“ Die alte Sklavinn ging zum zweitenmale hinaus; und waͤhrend es ſchien, als wenn ſie ſich des Auftra⸗ ges ihrer Gebieterinn entledigte, ſagte der Statthalter zu der jungen Frau: „Was mag doch den Kadi um dieſe Stunde noch hieherfuͤhren? Sollte Banu irgend einen boͤſen Handel haben? 228 151. 152. Tag. „Nein,“ antwortete Aruja: ich bin nicht weniger, als ihr, uͤber die Ankunft dieſes Richters verwundert.“ Hundert und zwei und funfzigſter Tag. Kurze Zeit darnach kam Dalla wieder herein, und ſagte zu ihrer Gebieterinn:— „Herrinn, ich habe aufmerkſam das Geſpraͤch be⸗ horcht, welches im Zimmer des Herrn Banu gefuͤhrt wird, und ich habe genug gehoͤrt, um zu wiſſen, wo⸗ von die Rede iſt. Der Kadi koͤmmt in euer Haus, um euch in Gegenwart Daniſchmends, der ihn be⸗ gleitet, zu vernehmen. Dieſer Doktor behauptet, euch die tauſend Zeckienen wiedergegeben zu haben, welche euer Mann ihm geliehen hat. Der Groß⸗Ve⸗ ſyr, vor den man dieſen Handel gebracht, hat dem Kadi aufgetragen, ihn dieſe Nacht noch zu unterſu⸗ chen, um ihm gleich morgen fruͤh daruͤber Bericht abzuſtatten.“ Hierauf nahm Aruja ihre Zuflucht zu den Thraͤnen, und bat den Statthalter, er moͤchte ſich doch verſtek⸗ ken, indem ſie zu ihm ſagte: 5 „Gnaͤdiger Herr, ich beſchwoͤre euch, Mitleid mit mir zu haben. Der Kadi, Banu und Daniſchmend werden bald hieher kommen; erſparet mir die Schande, fuͤr eine untreue Frau erkannt zu werden; nehmet Ar u a. 229 einige Ruͤckſicht auf die Schwachheit, welche ich fuͤr euch habe: tretet in meine Kammer, und erlaudet, daß ich euch fuͤr einige Augenblicke dort in einem Ka⸗ ſten verſtecke.“A) Da der alte Herr einige Abneigung gegen dieſen Antrag bezeigte, warf die Frau ſich ihm zu Fuͤßen, und brachte es endlich dahin, ihn zu uͤberreden. Der Statthalter wurde alſo in den dritten Kaſten geſperrt.. Hierauf verſchloß die Kaufmannsfrau die Kammer, ging hin zu ihrem Mann, und erzaͤhlte ihm alles, was vorgegangen war. Nachdem ſie ſich beide auf Koſten der drei ungluͤcklichen Liebhaber luſtig gemacht hatten, ſagte Banu: „Aber auf welche Weiſe gedenkſt du nun dieß Abenteuer zu entwickeln?“ „Du ſollſt es morgen erfahren,“ antwortete Aruja:„denke nur daran, daß ich dir verſprochen habe, uns auf eine glaͤnzende Weiſe zu raͤchen, und ſei verſichert, daß ich dir mein Wort halten werde.“ In der That, am folgenden Morgen begab ſie ſich nach meinem Palaſt, und ſchluͤpfte in den Saal, wo ich meinem Volke Gehoͤr gab. Sobald ich ſie er⸗ blickte, zog ihr edles Anſehn und die Schoͤnheit ihrer Geſtalt meine Aufmerkſamkeit an. Ich machte ſie meinem Groß⸗Veſyr bemerklich, und ſagte zu ihm: 230 152, K a g. „Siehſt du dort jene wohlgebildete Frau? ſage ihr, ſie ſoll ſich meinem Throne naͤhern.“ Der Veſyr hieß ſie naͤher treten; ſie draͤngte ſich durch, kam heran, und warf ſich vor mir nieder. „Was fuͤhrt dich hieher?“ fragte ich ſie:„ſteh auf, und rede.“ „O maͤchtiger Beherrſcher der Welt,“ antwortete ſie mir, nachdem ſie wieder aufgeſtanden war,„moͤ⸗ gen die Tage Euer Majeſtaͤt ewig waͤhren, oder we⸗ nigſtens erſt mit der Zeit ſelber aufhdren! Wollt ihr die Gnade haben, mich anzuhoͤren, ſo will ich euch eine Geſchichte erzaͤhlen, welche euch verwundern wird.“ „Ich will es gern,“ ſagte ich zu ihr;„ich bin geneigt, dich anzuhoͤren.“ „Ich bin,“ fuhr ſie fort,„die Frau eines Kauf⸗ manns, namens Banu, der die Ehre hat, euer Un⸗ terthan zu ſein, und in dieſer eurer Hauptſtadt zu wohnen. Er lieh vor etlichen Jahren dem Doktor Daniſchmend tauſend Zeckienen, welche derſelbe ihm ablaͤugnet. Ich bin bei dieſem Alfakih geweſen, und habe ihn darum gemahnt. Er hat mir geantwortet, er ſei meinem Manne nichts ſchuldig, er wolle mir aber zweitauſend Zeckienen geben, wenn ich ſeine Wuͤnſche befriedige, welche er mir erklaͤrt hat. Ich bin hierauf zu dem Kadi gegangen, und habe mich uͤber die Treuloſigkeit des Alfakih's beklagt: der Rich⸗ ter aber hat mir erklaͤrt, er werde mir keine Gerech⸗ Ar u a. 251 tigkeit angedeihen laßen, wenn ich nicht fuͤr ihn die Gefaͤlligkeit habe, welche Daniſchmend von mir gefor⸗ dert hat. Beſchaͤmt, und voll Unmuth uͤber die boͤſe Sinnesart des Kadi's, habe ich ihn unwillig verlaßen, und mich an den Statthalter von Damask gewandt, weil er meinen Mann kennt. Ich habe ihn um Huͤlfe angefleht: aber ich habe ihn nicht edelmuͤthiger, als den Kadi befunden, und er hat nichts geſpart, mich zu verfuͤhren.“ Ich konnte kaum glauben, was ſie mir da er⸗ zaͤhlte, oder vielmehr ich hatte Aruja in Verdacht, ſie erfaͤnde nur dieſes Maͤhrchen, um Daniſchmend, dem Kadi und dem Statthalter bei mir einen uͤblen Dienſt zu leiſten. „Nein, nein,“ ſagte ich zu ihr,„ich kann dem nicht Glauben beimeſſen, was du mir da erzaͤhlſt: ich kann mich nicht uͤberzeugen, daß ein Doktor im Stande ſei, eine Summe abzulaͤugnen, welche man ihm geliehen hat, noch daß ein Mann, den ich zum Richter des Volks beſtellt, euch einen ſo ſchaamſoſen Antrag gemacht habe.“ „O Beherrſcher der Welt,“ erwiederte mir Banu's Frau,„wenn ihr meinen Worten Glauben verſagt, ſo hoffe ich jedoch, daß ihr den unverwerflichen Zeu⸗ gen glauben werdet, welche ich uͤber alles, was ich geſagt, habe!“ 23² 152. Tag. „Wo ſind ſie, dieſe Zeugen?“ fragte ich mit Erſtaunen. „Herr,“ antwortete ſie,„ſie ſind in meinem Hauſer ſchicket hin, wenn's euch beliebt, und laßt ie auf der Stelle herholen: ihr Zeugnis wird Euer Majeſtaͤt nicht verdaͤchtig ſein.“ Ich ſchickte augenblicklich Wachen nach dem Hauſe Banu's, der ihnen die drei Kiſten mit den Liebhabern uͤberlieferte. Als die Wachen ſie vor mir niedergeſetzt hatten, ſagte Aruja zu mir: „Meine Zeugen ſtecken da drinnen.“ Mit dieſen Worten zog ſie unter ihrem Kleide drei Schluͤſſel her⸗ vor, und oͤffnete die Kaſten. Ihr koͤnnt euch denken, wie groß meine Ueberra⸗ ſchung und die meines ganzen Hofes war, als wir den Doktor, den Kadi und den Statthalter erblickten, alle drei beinahe nackt, bleich, entſtellt, und ganz zerknirrſcht uͤber dieſe Entwickelung des Abenteuers. Ich konnte mich anfangs nicht enthalten zu lachen, als ich ſie in dieſem Zuſtande ſah, welcher auch nicht ermangelte, bei allen Zuſchauern lautes Gelaͤchter zu erregen. 3 8 Ich nahm aber bald wieder eine ernſte Miene an, und redete die drei Liebhaber mit wohlverdienten Na⸗ men an. Nachdem ich ihnen oͤffentlich ihr Betragen vorgeworfen hatte, verurtheilte ich den Doktor Da⸗ niſchmend, dem Kaufmann Banu viertauſend Gold⸗ zeckienen zu bezahlen; den Kadi ſetzte ich ab, und die Statthalterſchaft der Stadt Damask vertraute ich ei⸗ nem andern Herrn meines Hofes. 1 Hierauf, nachdem ich die Kaſten hatte wegtragen laßen, befahl ich der jungen Kaufmannsfrau, ihren Schleier abzunehmen: „Zeig' uns nun doch,“ ſagte ich zu ihr,„dieſe gefaͤhrlichen Zuͤge, deren Anblick fuͤr jene drei Maͤn⸗ ner, die ſich davon haben bezaubern laßen, ſo ver⸗ haͤngnisvoll geweſen iſt.“ Hundert und drei und funfzigſter Tag. Die Frau Banu's gehorchte; ſie hub ihren Schleier auf, und ließ uns die ganze Schoͤnheit ihres Angeſichts ſchauen. Die Bewegung, welche dieſes Ereignis, und die Nothwendigkeit, ſich den Blicken meines ganzen Hofes auszuſetzen, in ihr erregte, erhoͤhten noch den Glanz ihrer Farbe. Ich habe niemals etwas ſo ſchoͤ⸗ nes geſehen, als Aruja. Ich bewunderte ihre Reize, und im Uebermaaße meiner Bewunderung rief ich aus: „Ah, wie ſchoͤn iſt ſie! der Alfakih, der Kadi und der Statthalter ſcheinen mir nun nicht mehr ſo ſchuldig.“ Ich war nicht der einzige, den ſie entzuͤckte. Bei dem Anblick ihrer unvergleichlichen Schoͤnheit, erhub ſich bei meinem ganzen Hofe ein Gemurmel des Bei⸗ 234 153. TDa g. falls. Alle Welt hatte nur Augen fuͤr ſie: man konnte nicht muͤde werden, ſie zu betrachten, und ſie zu preiſen. Da ich meinen Wunſch bezeugte, noch die genaue⸗ ren Umſtaͤnde der Geſchichte zu vernehmen, welche ſie uns nur in der Kuͤrze vorgetragen hatte, ſo erzaͤhlte ſie uns dieſelbe mit ſo viel Geiſt und Anmuth, daß ſie unſre Bewunderung noch erhoͤhte. Der ganze Saal hallte von ihren Lobeserhebungen wider; und diejeni⸗ gen, die Banu kannten, prieſen ihn, trotz ſeinen uͤbelen Umſtaͤnden, noch uͤbergluͤcklich, eine ſo reizende Frau zu beſitzen. Nachdem ſie meine Neugierde befriedigt hatte, dankte ſie mir fuͤr die Gerechtigkeit, welche ich ihr hatte angedeihen laßen, und ging nach Hauſe. Aber, ach! wenn ſie nun auch nicht mehr vor meinen Augen ſtand, ſo blieb ſie mir jedoch immerdar in Gedanken. Ich war unaufhoͤrlich mit ihrem Bilde beſchaͤftigt, und konnte mich keinen Augenblick davon trennen. Kurz, weil ich inne ward, daß ſie meine Ruhe ſtoͤrte, ſo ſchickte ich heimlich hin, und ließ ih⸗ ren Mann holen. Ich ließ ihn in mein Zimmer tre⸗ ten, und ſprach folgendermaßen zu ihm: „Hoͤre Banu, ich weiß, in welche Lage dich dein großmuͤthiges Herz verſetzt hat, und ich zweifle nicht, daß der Kummer, nicht fuͤrder ſo leben zu koͤnnen, wie du bisher immer gelebt haſt, dir empfindlicher ſei, — Ar uz a. 234 als der Mangel ſelber: ich habe beſchloſſen, dich wie⸗ der in den Stand zu ſetzen, deine Freunde zu bewir⸗ then; du kannſt ſogar noch mehr Aufwand machen, als du jemals gemacht haſt, ohne zu befuͤrchten, daß du wieder in Armut verſinken werdeſt. Mit Einem Worte, ich will dich mit Guͤtern uͤberhaͤufen, voraus⸗ geſetzt, daß du deinerſeits auch geneigt ſeieſt, mir ei⸗ nen Gefallen zu thun, welchen ich von dir fordere. Ich bin von einer heftigen Leidenſchaft fuͤr deine Frau entbrannt: verſtoß ſie, und ſchicke ſie mir her. Bringe mir dieſes Opfer, ich beſchwoͤre dich darum, und aus Erkenntlichkeit verſtatte ich dir, außer den Reichthuͤmern, welche ich dir geben will, dir noch die ſchoͤnſte Sklavinn aus meinem Harem zu erwaͤhlen; ich ſelber will dich in die Wohnung meiner Frauen fuͤhren, und du magſt dir diejenige nehmen, welche dir am meiſten gefaͤllt.) „Großer Koͤnig,“ antwortete mir Banu,„wie groß auch die Gluͤcksguͤter ſein moͤgen, welche ihr mir verheißet, dennoch koͤnnen ſie mich nicht reizen, wenn ich ſie durch den Verluſt meiner Frau erkaufen ſoll. Aruja iſt mir tauſendmal lieber, als alle Reich⸗ thuͤmer der Welt. Beurtheilet, Herr, meine Gefuͤhle nach den eurigen, und ihr werdet erkennen, ob das glaͤnzende Gluͤck, welches ihr mir erbietet, mich blen⸗ den kann. Indeſſen, ſo groß iſt meine Liebe fuͤr meine Frau, daß ich im Stande bin, ihre eigene Zufrieden⸗ 236 153. Ta g. heit der meinigen vorzuziehen. Ich gehe auf der Stelle hin zu ihr, um ihr mitzutheilen, welchen Eindruck ihre Schoͤnheit auf euch gemacht hat, und was ihr mir fuͤr die Abtretung ihres Beſitzes erbietet: vielleicht laͤßt ſie, gereizt von einer ſo glaͤnzenden Eroberung, mir ein geheimes Verlangen blicken, verſtoßen zu wer⸗ den; und wenn das iſt, ſo ſchwoͤre ich, will ich ſie, ohne Anſtand, verſtoßen, ungeachtet der Zaͤrtlichkeit, welche ich fuͤr ſie hege: ich will mich ihrem Gluͤcke aufopfern, welches Herzeleid mir auch ihr Verluſt verurſachen mag.“ Er ſagte mir nichts, was er nicht auch wirklich im Stande war, zu thun. So bald er mich verla⸗ ßen hatte, ging er hin zu ſeiner Frau, und berichtete bhe die Unterredung, welche er eben mit mir gehabt atte: „Aruja,“ ſprach er zu ihr,„da du dem Koͤnige ſo gefallen haſt, ſo benutze dein gutes Gluͤck. Geh hin und lebe mit dem jungen Fuͤrſten; er iſt liebenswuͤrdig und verdient mehr dich zu beſitzen, als ich. Indem du ſein Gluͤck machſt, wirſt du dich eines ſchoͤnern Looſes erfreuen, als das iſt, die Gefaͤhrtinn meines Ungluͤcks zu ſein.“ Er konnte dieſe Worte nicht ausſprechen, ohne ei⸗ nige Thraͤnen fallen zu laßen. Seine Frau war innig geruͤhrt daruͤber: A e u j a. 237 „O Banu,“ antwortete ſie ihm,„bildeſt du dir ein, mir irgend eine Freude zu machen, indem du mir die Liebe des Koͤnigs verkuͤndigſt? Denkſt du, daß die Hoheit mich reizt? Ahl! enttaͤuſche dich, wenn du dieſen Gedanken hegſt, und glaube vielmehr, daß ich, wie ungluͤcklich du auch biſt, dennoch lieber mit dir„als mit irgend einem Fuͤrſten der Welt leben will.“ Der alte Kaufmann war innig geruͤhrt uͤber dieſe Rede. Er umarmte ſeine Frau mit Entzuͤcken, und rief aus: „Phoͤnix des Zeitalters, welchen Preis verdieneſt du! Du biſt wuͤrdig, uͤber das Herz zu herrſchen, dem du mich vorziehſt. Es iſt unbillig, daß eine ſo reizende Frau einem Manne angehoͤre, wie ich bin. Ich bin ſchon in ſehr bejahrtem Alter, und du biſt erſt in der Bluͤte deiner ſchonen Tage. Ich bin nur ein ungluͤcklicher, und du kannſt dir, wenn du mich ver⸗ laͤßt, das gluͤcklichſte Loos bereiten. Schon allzu lange biſt du mit einem Manne verbunden geweſen, zu deſ⸗ ſen Gunſten nichts ſpricht, als deine Tugend. Derfadſ dich nicht dem Range, zu welchem die Liebe dich be⸗ ruft; und ohne zu beruͤckſichtigen, wie groß mein Schmerz uͤber deinen Verluſt ſein wird, willige ein, daß ich dich verſtoße, um dein Schickſal erfreulicher zu machen.“ 238 154. T d g. Hundert und vier und funfzigſter Tag. Je mehr Banu darauf drang, mir Aruja abzutre⸗ ten, je mehr weigerte ſie ſich. Endlich, nach einem langen Kampfe, worin die eheliche Liebe den Sieg be⸗ hielt, ſagte der Kaufmann zu ſeiner Frau: „O meine geliebte Gattinn! ſo begnuͤge dich denn, mein Herz zu beherrſchen, weil du darauf dein Ver⸗ langen beſchraͤnkeſt: aber was ſoll ich dem Koͤnige ſa⸗ gen? Er erwartet Antwort von mir, und er ſchmei⸗ chelt ſich ohne Zweifel, daß ſie ſo ausfallen wird, wie er wuͤnſchet. Wenn ich nun komme und ihm deine Weigerung verkuͤndige, was haben wir da nicht von ſeinem Unwillen zu fuͤrchten. Bedenke, daß er ein unumſchraͤnkter Herrſcher iſt. Du weißt, er vermag alles. Vielleicht wird er Gewalt gebrauchen, dich zu erhalten: ich kann dich nicht gegen einen ſo maͤchtigen Nebenbuhler verheidigen.“ „Ich ſehe wohl,“ antwortete Aruja,„das Un⸗ gluͤck, welches uns bedrohet; aber es iſt nicht unmoͤg⸗ lich, es zu vermeiden. Anſtatt wieder zu dem Koͤnige zu gehen, und ihn durch die Nachricht zu reizen, daß ich auf die Ehre verzichte, welche er mir zugedacht hat, nimm lieber alles Geld, was dir noch uͤbrig iſt; wir wollen das Koſtbarſte, ſo wir noch haben, zuſam⸗ menraffen, und uns damit von Damask entfernen: Aruja. 239 laß uns fliehen, und uns dem Propheten empfehlen, er wird uns nicht verlaßen.“ Banu gefiel dieſer Rath, und er beſchloß ihn zu befolgen. Kaum hatten ſie beide dieſen Entſchluß gefaßt, als ſie ihn auch ausfuͤhrten. Sie verließen noch denſelben Tag die Stadt, und wanderten nach Groß⸗Ka⸗ hiro zu. Ich erfuhr alles dieß am folgenden Tage durch Dalla⸗Muchtala, welche ihre Gebieterinn nicht hatte begleiten wollen, und die mir durch einen Vertrauten vorgefuͤhrt wurde, den ich in meiner Ungeduld, Banu wiederzuſehen, nach deſſen Hauſe geſchickt hatte. Waͤre ich weniger Herr meiner Leidenſchaften geweſen, oder haͤtte ich mich durchaus befriedigen wollen, ſo wuͤrde ich Aruja, wider ihren Willen, bald in meinem Ha⸗ rem gehabt haben; ich haͤtte ſie nur duͤrfen verfolgen laßen: aber das waͤre eine ungerechte Handlung ge⸗ weſen, und ich habe niemals geliebt, ein Herz zu zwingen. Ich ließ alſo der Frau des Kaufmanns volle Frei⸗ heit, mich zu fliehen und ſich zu verbergen, wo es ihr beliebte, und ich beſtrebte mich, eine ungluͤckliche Liebe zu beſiegen: ein Beſtreben, das nicht weniger vergeblich, als ſchmerzlich war. Aruja blieb, trotz allen Anſtrengungen, welche ich machte, ſie aus mei⸗ nen Gedanken zu entfernen, ſtaͤts darin gegenwaͤrtig: 240 154. Tag. ihre Schoͤnheit und ihre Tugend befeſtigten ſie in mei⸗ nem Herzen, und ſeit mehr als zwanzig Jahren macht ihr Andenken mich fuͤr die Reize meiner ſchoͤnſten Skla⸗ vinnen unempfindlich: die anziehendſten unter ihnen vergnuͤgen mich, ohne mein Herz zu beſchaͤftigen.“ Bedreddin⸗Lolo. 241 Fortſetzung der Geſchichte des Bedreddin⸗Lolo, ſeines Veſyrs und ſeines Guͤnſtlings.— Bedreddin⸗Lolo beſchloß mit dieſen Worten ſeine Geſchichte. Der Veſyr Atalmuͤlk und der Prinz Séyfel-Muͤluk fragten ihn, ob er gar nicht wuͤßte, was aus Aruja geworden ſein moͤchte. Er antwor⸗ tete mit Nein, und daß er von ihr, ſeitdem ſie Da⸗ mask verlaßen, durchaus keine Nachricht haͤtte. „Man muß geſtehen,“ ſagte jetzo der Guͤnſtling laͤchelnd,„daß wir alle drei ſeltſame Liebhaber ſind. Der Koͤnig ergibt ſich auf den erſten Blick einer Buͤr⸗ gersfrau, welche ihm einen Greis vorzieht; und laͤn⸗ ger als zwanzig Jahre hindurch bewahrt er ihr zaͤrt⸗ liches Andenken, ohne von ihr geliebt worden zu ſein. Ich ſelber liebe eine Frau, welche zu Salomons Zei⸗ ten lebte; und der Veſyr... aber ich irre mich,“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich beſann,„was Herrn III. 16 242 154. 155. Ta g. Atalmuͤlk betrifft, ſo bekenne ich, er wuͤrde Unrecht thun, die Prinzeſſinn Sélika zu vergeſſen: ſie iſt zu liebreich gegen ihn geweſen, als daß er das Anden⸗ ken daran verlieren koͤnnte.“ Der Koͤnig von Damask konnte ſich nicht enthal⸗ ten uͤber die Bemerkung Séyfel⸗Muͤluks zu lachen. Er lachte noch daruͤber, als er auf einmal eine große Menge Kameele und Pferde erblickte, die auf einer Wieſe weideten. Er bemerkte daſelbſt auch einige auf⸗ geſchlagene Gezelte, unter welchen Leute ſaßen, die ſich mit Eſſen und Trinken die Zeit vertrieben. „Laßt uns nach dieſer Wieſe gehen,“ ſagte er zu dem Veſyr und dem Guͤnſtling:„wir wollen hoͤren, was es fuͤr Leute ſind, die wir dort ſehen, und wo⸗ hin ſie reiſen.“ Alsbald ſpornten ſie ihre Pferde nach den Gezelten hin; und ſo wie ſie ſich nuaͤherten, entdeckten ſie noch allerlei Neues. Hundert und fuͤnf und funfzigſter Tag. Als ſie dicht an der Wieſe waren und die Gegen— ſtaͤnde deutlich unterſcheiden konnten, ſahen ſie, daß alle Gezelte ſehr praͤchtig waren, und daß beſonders eins derſelben von Goldſtoff und Seide war, unter welchem ſie einen großen, reichgekleideten Mann von Bedreddin⸗Lolo. 245 ſtattlichem Anſehen, bemerkten. Er ſaß mit gekreuz⸗ ten Beinen auf einem ſchoͤnen Fußteppich, und vor ihm ſah man verſchiedene Speiſen in goldenen Schuͤſ⸗ ſeln aufgetragen. Einige Schritte von ihm erhub ſich ein Schenktiſch mit einer Unzahl koſtbarer Gefaͤße. Dieſer ehrwuͤrdige Mann, der etwa funfzig Jahr alt ſein mochte, aaß ganz allein: zwanzig bis dreißig ſehr ſtattlich gekleidete Bediente ſtanden hinter ihm, und zwei wohlbewaffnete Sklaven ſtanden als Wache am Eingange ſeines Gezeltes. Als Bedreddin und ſeine Gefaͤhrten ihn ſo deutlich ſahen, bemerkte er ſie ebenfalls. Er ſchickte einen von ſeinen Leuten zu ihnen, um ſie zu befragen, wer ſie waͤren, und wohin ſie reiſeten. „Mein Freund,“ antwortete der Koͤnig von Da⸗ mask dem Boten,„wir ſind drei Juweelenhaͤndler; wir kommen von dem Hofe Circaſſiens, und reiſen nach Bagdad: ich bitte euch, ſaget ihr eurerſeits uns nun auch den Namen euers Herrn. Es iſt ohne Zweifel irgend ein maͤchtiger Fuͤrſt, der aus Neugierde reiſet.“ „Nein, Herr,“ antwortete der Bediente,„mein Herr zaͤhlt keine Chane unter ſeinen Ahnen; er ruͤhmt ſich keiner erlauchten Abſtammung; er macht nur Anſpruch auf eine große und edelmuͤthige Seele: er heißt Abulfauaris, vorzugsweiſe benannt der Große Reiſende. Er verdiente allerdings, als Fuͤrſt 244 155. Tag. geboren zu ſein; denn er gebraucht ſich ganz wie ein Fuͤrſt: er lebt gewoͤhnlich zu Baßra, wo er einen praͤchtigen Marmorpalaſt hat bauen laßen; er em⸗ pfaͤngt dort aufs gaſtlichſte alle, die ihn beſuchen, und niemand ſcheidet von ihm, ohne irgend ein Ge⸗ ſchenk von ihm empfangen zu haben. Er bewirthet faſt taͤglich die vornehmſten Herren des Hofes von Baßra, und der Koͤnig findet an ſeiner Unterhaltung ſo viel Vergnuͤgen, daß er ihn oft zu ſich einladet, um ihn ſeine Abenteuer erzaͤhlen zu hoͤren. „Es muͤßen ihm alſo,“ ſagte Bedreddin,„ſehr ſeltſame Abenteuer begegnet ſein.“ „Man kann nichts Außerordentlicheres hoͤren; ver⸗ ſetzte der Bediente; aber freilich es iſt auch nicht zu verwundern, daß ein Mann, der die Meere Indiens durchfahren hat, der faſt alle Inſeln derſelben kennt, ſeltſame Dinge erlebt habe.“ Nachdem der Bediente dieſes geſagt hatte, kehrte er zu ſeinem Herrn zuruͤck, der nicht ſo bald vernahm, daß die Fremden, welche er vor ſich ſah, Kaufleute waͤren, als er aufſtand, und aus ſeinem Zelte her⸗ vortrat, um ſie zu empfangen.. Sie begruͤßten ſich gegenſeitig ſehr hoͤflich; Abul⸗ fauaris noͤthigte hierauf Bedreddin, Atalmuͤlk und Séyfel Muͤluk, in ſein Gezelt zu treten, und lud ſie ein, ſich auf den Teppich zu ſetzen und mit ihm zu ſpeiſen. Sie thaten, was er wuͤnſchte, ſie aaßen von Bedreddin⸗Lolo. 245 mehreren ſehr guten Fleiſchgerichten, und tranken koͤſt⸗ liche Brandweine, welche die Sklaven ihnen in golde⸗ nen, mit Smaragden und Rubinen geſchmuͤckten Schaalen darreichten. Abulfauaris ließ waͤhrend des Mahles ſo viel Verſtand blicken, daß der Koͤnig von Damask und ſeine Gefaͤhrten davon bezaubert waren. Obwohl leb⸗ haft, waren jedoch ſeine Gedanken ſehr treffend, und er ſprach mit großer Anmuth. Bedreddin wuͤnſchte ſich Gluͤck, einen ſo guten Geſellſchafter angetroffen zu haben. Er bezeugte ihm ſeine Freude daruͤber, und bat ihn, mit ihm in Geſellſchaft reiſen zu duͤrfen. Abulfauaris antwortete ſehr verbindlich hierauf, und ſie fuhren fort, ſich zu unterhalten. Unterdeſſen beluden die Sklaven des Großen Rei⸗ ſenden wieder die Kameele, welche ſie entlaſtet hatten, um ſie weiden und ruhen zu laßen; ſie legten die Zelte zuſammen, und es blieb nur noch das Gezelt ihres Herrn abzubrechen, der, als er alles zur Fahrt bereit ſah, endlich auch aufſtand, ein ſehr ſchoͤnes Pferd beſtieg, welches ihm von einem ſeiner Bedienten vorgefuͤhrt wurde, und ſich mit den drei vorgeblichen Kaufleuten und ſeinem ganzen Gefolge in Bewegung ſetzte; welches Gefolge aus mehr als hundert, mit Bogen und Saͤbel bewaffneten Leuten beſtand. So 246 155. 156. Tag. zog die Karavane, die nicht leicht zu pluͤndern war, mit aller Sicherheit in kleinen Tagereiſen gen Baßra. Hundert und ſechs und funfzigſter Tag. Abulfauaris gewann allmaͤhlich den Koͤnig von Damask und deſſen Gefaͤhrten herzlich lieb; vielleicht weil er bemerkte, daß er ihnen gefiel, und daß ſie ihn anhoͤrten, wie ein Orakel. Die geſpannte Auf⸗ merkſamkeit, welche ſie ſeinen Reden widmeten, brachte ihn erſt recht in den Zug: er fing an, ihnen von ſei⸗ nen Reiſen zu erzaͤhlen. „Es gibt wenig Menſchen meines Alters, die ſo viel gereiſt ſind, als ich: ich kenne die Kuͤſten des Indiſchen Meeres, als meine Heimat; ich habe ſo wunderbare Dinge geſehen, daß ich ſie nicht aufzu⸗ ſchreiben wage, aus Furcht fuͤr einen Aufſchneider zu gelten; die Abenteuer ſelbſt, welche mir begegnet, ſind meiſtentheils ſo außerordentlich, daß die Leute, denen ich ſie erzaͤhlt habe, ſie nicht geglaubt haͤtten, wenn ich nicht als ein Feind der Luͤgen bekannt waͤre.“ Der Herr Abulfauaris bot dem Koͤnige von Da⸗ mask und dem Prinzen Séyfel Muͤlluk zu gute Gele⸗ enheit, als daß ihre gereizte Neugier ſie unbenutzt aßen ſollte. Sie baten ihn ſehr dringend, ihnen ſeine ————,— 2——— ³α☛+⏑ u Bedreddin⸗Lolo. 247 Geſchichte zu erzaͤhlen, und er gab auch bald ihren Bitten nach. „Ja, meine Herren,“ ſagte er zu ihnen,„ich willige ein, weil ihr ein ſo lebhaftes Verlangen dar⸗ nach bezeiget; aber ich bitte, euch wohl zu erinnern, was ich ſo eben geſagt habe: ihr werdet Muͤhe haben, einen Theil der Dinge, welche ihr hoͤren ſollt, zu glauben. Seltſame Abenteuer des Abulfauaris, benannt der Große Reiſende. Ich din der Sohn eines Schiffsherrn zu Baßra, und heiße Abulfauaris. Mein Vater noͤthigte mich von meiner Kindheit an, ihn auf ſeinen Reiſen in dem Indiſchen Meere zu begleiten; dergeſtalt, daß ich ſchon im zwoͤlften Jahre einen Theil der Inſeln kannte, welche es in ſeinem unermeſſenen Umfange verbirgt. Er erwarb ſich ſo einiges Vermoͤgen, legte ſich damit ſelber auf den Handel, und in weniger als zehn Jah⸗ 8 ren, war er einer der reichſten Kaufleute in Baßra. Eines Tages ſprach er zu mir:„Mein Sohn, ich habe mit meinem Handelsfreunde auf der Inſel Se⸗ rendib einige wichtige Berechnungen abzuſchließen, Abulfaüaris: erſte Reiſe. 249 und ich bin Willens, dich nach dieſem Lande zu ſchik⸗ ken, um dort meine Geſchaͤfte abzumachen.“ Wie Leid es mir that, meinen Vater zu verlaßen, ſo bewirkte jedoch das Verlangen, die beruͤhmte Stadt Serendib zu ſehen, wo ich zwar ſchon geweſen, aber in einem Alter, das wenig geeignet war, ihre Schoͤn⸗ heiten zu bemerken, daß ich ſeinen Auftrag mit Freu⸗ den uͤbernahm. Ich reiſte bald mit allen Unterwei⸗ ſungen und noͤthigen Vollmachten verſehen ab, und ſchiffte mich in dem Hafen von Baßra ein, auf ei⸗ nem Schiffe, das mit Kaufmannsguͤtern nach Szu⸗ rat und nach der Inſel Serendib befrachtet war. Wir durchſchifften den Meerbuſen von Baßra, der uͤber hundert Meilen lang, und zwanzig Meilen breit iſt. Er wird durch die oſtliche Kuͤſte des Gluͤckli⸗ chen Arabiens und durch die Suͤdkuͤſte Perſiens ebildet, und die beiden Spitzen derſelben laufen an einer Muͤndung bei Ormus zuſammen. Wir hielten einige Zeit bei dieſer Stadt an, ſodann ſchifften wir in das offene Perſiſche Meer hinaus, und wandten uns oͤſtlich gen Szurat, wo wir gluͤcklich ankamen. Wir ließen dort die Waaren, welche fuͤr dieſe Stadt beſtimmt waren, und ſteuerten nun gen Serendib, um dort die uͤbrigen auszuſchiffeu. 25⁰ 157. Tag. Hundert und ſieben und funfzigſter Tag. Wir hatten das Gluͤck, ohne irgend einen widrigen Zufall dort anzulangen. Das erſte, was ich that, war, mich nach der Wohnung des Handelsfreundes meines Vaters zu erkundigen. Man zeigte ſie mir alsbald, weil der Herr Habib*) niemand in der Stadt Serendib unbekannt war. Er war einer der reichſten Kaufleute auf der ganzen Inſel, und ein ſehr redlicher Mann. Er empfing mich ſo, wie ich es von dem beßten Freunde meines Vaters erwarten durfte. Nachdem er mich umarmt hatte, ſagte er zu mir, er wuͤrde es nimmer zugeben, daß ich anderswo wohnete, als bei ihm, und es war mir unmdglich, es abzuleh⸗ nen. Da er vollkommen die Geſchaͤfte verſtand und er durchaus nur das Rechtliche wollte, ſo hatten wir binnen weniger Tage unſere Berechnungen beendigt. In meinen Erholungsſtunden ging ich aus, die Merk⸗ wuͤrdigkeiten der Stadt zu ſehen, deren Menge ſehr groß iſt. Ich unterrichtete mich von den Geſetzen die⸗ ſes Volks, ſeinen Beſchaͤftigungen, und ſeiner Staats⸗ Verwaltung. Kurz, nach Verlauf von fuͤnf bis ſechs Wochen, da meine Geſchaͤfte beendigt waren, und meine Neugierde voͤllig befriedigt, bereitete ich mich 1 *) Bedeutet im Arabiſchen Freund. H. Abulfauaris: erſte Reiſe. 251 zur Heimfahrt und wartete auch nicht lange auf eine Gelegenheit dazu. Ein Schiff von Szurat, das nach Serendib gekommen war, um Waaren umzutauſchen, lag bereit, in See zu ſtechen, und ich wollte mich darauf einſchiffen. Am Tage vor meiner Abreiſe, als ich etwa um Mittag nach dem Hauſe meines Wirthes zuruͤckkehrte, ſah ich an mir eine Frau vorbeigehen, die vollkommen wohlgebildet, praͤchtig gekleidet und von einem Skla⸗ den begleitet war, welcher ihr einige ſo eben einge⸗ kaufte Sachen nachtrug. Obſchon ein dichter Schleier meinen Augen die Schoͤnheit ihres Angeſichts entzog, ſo war ich dennoch von ihrer hohen Geſtalt und ſtolzen Haltung betroffen. Ich ſtand ſtill, um ſie zu be⸗ trachten, und meine Aufmerkſamkeit ließ mich noch neue Reize an ihr entdecken, ſo daß ich mich nicht enthalten konnte, in meinem Entzuͤcken auszurufen: „O welch ein liebenswuͤrdiges Weſen! das iſt ohne Zweifel die Favoritinn des Koͤnigs!“ Sie hoͤrte dieſe Worte, ſtand voll Verwunderung ſtill, und betrachtete mich ſehr aufmerkſam; ſodann ſetzte ſie ihren Weg fort, ohne etwas zu ſagen, noch ſonſt durch irgend etwas zu erkennen zu geben, daß ſie uͤber meine freie Aeußerung vergnuͤgt oder unwillig waͤre.— Ich dagegen dachte noch lange uͤber dieß Abenteuer nach, und war dadurch in große Unruhe verſetzt: ich fuͤrchtete die Schoͤne erzuͤrnt zu haben, 252 157., 158. T a g. fuͤr welche ich zu empfinden begann, was ich noch fuͤr niemand empfunden hatte. Ich war noch ganz beſchaͤftigt mit dieſen Gedanken, als ein Sklave ſich mir naͤherte. Ich erkannte ihn fuͤr den Begleiter der Dame, und ſein Anblick ver⸗ doppelte meine Aufregung: 6 nda6 wollt ihr von mir, mein Lieber?“ fragte ich ihn. „Mein Herr,“ antwortete er mir mit ehrerbietiger Miene,„ich habe Befehl, euch zu bitten, mir nach einem Orte zu folgen, wohin ich die Ehre haben werde, euch zu fuͤhren.“ „Geſchieht es im Namen deiner Gebieterinn,“ er⸗ wiederte ich hoͤchſt bewegt,„ſo bin ich ganz zu ihren Befehlen: ich folge ihnen willig, welches Schickſal mir auch bevorſtehe.“. „Meine Gebieterinn;“ verſetzte der Sklave,„hat ſich nicht uͤber ihre Abſicht erklaͤrt: aber wenn ihr ihre Bitte ſtatt finden laßet, ſo glaube ich nicht, daß ihr Urſache haben werdet, es zu bereuen.“ Hundert und acht und funfzigſter Tag. Ich ließ mich durch dieſe Worte verleiten. Ich mochte mir noch ſo viel vorſtellen, daß ich morgen abreiſen ſollte, und nur an die Vorbereitungen dazu Abulfauaris: erſte Reiſe. 255 denken muͤßte, dennoch folgte ich dem Sklaven auf gut Gluͤck, was daraus werden moͤchte. Er fuͤhrte mich durch enge, abgelegene Straßen nach einem großen Palaſte, deſſen bloßer Anblick mich ſchon bezauberte. Wir traten hinein, und nachdem er mich in ein geraͤumiges, mit praͤchtigem Geraͤth verſe⸗ henes Zimmer gefuͤhrt hatte, hieß er mich dort blei⸗ ben und warten, bis man mich abholete. Ich war zu ſehr bewegt, um auf ſo viel reiche und merkwuͤr⸗ dige Sachen um mich zu achten, welche unter anderen Umſtaͤnden meine Aufmerkſamkeit lange wuͤrden beſchaͤf⸗ tigt haben: ich dachte nur an die Herrinn dieſes Pa⸗ laſts. Waͤhrend ich ſo in Gedanken ſtand, traten mehrere Frauen herein, den Saal noch mit ihren Reizen zu ſchmuͤcken; aber wie ſchoͤn ſie auch ſein mochten, ſie ſtanden jedoch alle weit hinter derjenigen zuruͤck, deren Ankunft ich erwartete. Endlich erſchien ſie ſelber. Ich erkannte ſie an ih⸗ rer Geſtalt und an ihrem Weſen; und da ſie jetzo keinen Schleier trug, ſo fand ich ſie noch ſchoͤner, als ich ſie wohlgeſtaltet gefunden hatte. Die Edelge⸗ ſteine und der Reichthum ihres Anzuges erhuben noch ihre natuͤrliche Anmuth, welche ſonſt nicht der Kunſt bedurfte, um zu bezaubern. Ich war davon geblen⸗ det. Sie bemerkte es und laͤchelte. Dann ſetzte ſie ſich auf ein Sopha, welches einem kleinen Throne 254 158. Tag. aͤhnlich war, und ihre Frauen ſtellten ſich zur Rech⸗ ten und zur Linken in zwei Reihen. Jetzo redete ſie mich an, und ſagte zu mir mit großer Freundlichkeit: „Tretet naͤher, junger Mann; eine andre als ich wuͤrde ſich vielleicht durch die wenige Ehrerbietung be⸗ leidigt finden, welche ihr mir auf oͤffentlicher Straße bezeigt habt: aber ihr ſcheint mir ein Fremder, und das verdient einige Nachſicht. Ich muß euch ſogar ſagen, daß die Geſtirne mich bewegen, euch wohlzu⸗ wollen. Wenn ihr euch durch eine aufrichtige Anhaͤng⸗ lichkeit meiner Zuneigung wuͤrdig macht, ſo erlaube ich euch, auf meine Huld zu hoffen: eine Gunſt, welche ich noch niemand bewilligt habe.“ Bei dieſen Worten, welche ſie mit hoheitsvoller Miene ausſprach, die noch den Preis der mir gewaͤhr⸗ ten Gunſt erhoͤhte, war ich außer mir vor Freuden, zdfrief aus, indem ich mich zu ihren Fuͤßen nieder⸗ warf: „Ah! meine Sultaninn, habe ich recht gehoͤrt? zu welchem Gluͤcke wuͤrdiget ihr einen Fremdling zu erheben, der kein andres Verdienſt hat, als das, euch anbetungswuͤrdig zu finden!“ „Deſto beſſer,“ unterbrach ſie mich,„die Gunſt iſt um ſo groͤßer, je weniger ihr zu verdienen glaubt. — Saget mir nun,“ fuhr ſie fort,„aus welchem — Abulfauaris: erſte Reiſe. 256 Lande ihr ſeid, von welcher Abkunft, und was euch hieher nach Serendib gefuͤhrt hat.“ Ich befriedigte vollſtaͤndig ihre Neugier; aber als ich darauf kam, daß ich morgen mich zur Heimfahrt einſchiffen ſollte, unterbrach ſie mich, mit einiger Be⸗ wegung, und ſagte zu mir: „Wie denn, Abulfauaris, ihr wollt uns alſo ſchon ſo bald verlaßen? hat die ſchoͤnſte Inſel des Indiſchen Meeres fuͤr euch nicht Reize genug, um euch laͤnger zuruͤckzuhalten?“ „Prinzeſſinn,“ antwortete ich, die Stadt Serendib hat ohne Zweifel Reize genug auch fuͤr ſchwerer zu befriedigende Augen, als die meinigen ſind: aber welche Wunderwerke man auch in dem ſtolzen Um⸗ fange ihrer Mauern anſtaunen mag, ich wuͤrde mich ohne Muͤhe von ihnen losreißen, wenn nicht der heu⸗ tige Tag meinen Augen Schoͤnheiten gezeigt haͤtte, welche im Stande ſind, mich zuruͤckzuhalten.“ „Ihr beharret alſo nicht,“ fragte die Schoͤne laͤ⸗ chelnd,„in dem Entſchluſſe dieſer voreiligen Abreiſe?“ „Nach den glaͤnzenden Hoffnungen,“ antwbrtete ich ihr,„welche ihr mir zu hegen vergoͤnnt habt, kann ich da noch, meine Koͤniginn, einen andern Willen haben, als den, welchen ihr, nach euerm Gefallen, mir einhaucht.“. „Mit ſolchen Geſinnungen,“ erwiederte ſie, „koͤnnt ihr nicht verfehlen, mir zu gefallen, und es 296 158. Ta g. herenet mich nicht, daß meine Wahl auf euch gefal⸗ en iſt.— Nachdem ſie alſo geſprochen hatte, hieß ſie mich neben ihr auf den Sopha ſitzen; und da ich Schwie⸗ rigkeiten machte, bezeugte ſie mir ſo ernſtlich, es wuͤrde ſie beleidigen, wenn ich es verſagte, daß ich ihr mehr Ehrfurcht zu bezeigen gedachte, wenn ich ihr gehorchte, als wenn ich ein ſklaviſches Weſen bei ihr annuͤhme. Sie eroͤffnete mir nun, ſie hieße Kanſade,*) waͤre die Tochter eines der erſten Veſyre des Koͤnigs von Serendib; der Tod ihres Vaters gaͤbe ihr das Recht, ſelber uͤber ſich zu verfuͤgen; die groͤßten Her⸗ ren des Reichs haͤtten ſich um ſie beworben, ſie aber hatte alle abgewieſen, und ſich bis daher noch nicht verbinden wollen: ſie geſtand mir, daß die Worte, welche mir bei ihrem Anblick entſchluͤpft waͤren, ſie getroffen haͤtten; daß ſie mich mit Aufmerkſamkeit be⸗ trachtet, und ich ihr gefallen haͤtte; daß ihr Vater waͤhrend ſeiner vierzigjaͤhrigen Amtsfuͤhrung unermeß⸗ liche Reichthuͤmer geſammelt haͤtte, und es nur bei mir ſtaͤnde, dieſelben mit ihr zu theilen. Ich bezeugte ihr meine Erkenntlichkeit in den zaͤrt⸗ lichſten und unterwuͤrfigſten Ausdruͤcken, und ich ſprach d *) Chan⸗ ſadah oder Chan⸗ fadeh bedeutet Königs⸗kind. Abulfauaris: erſte Reiſe. 257 auf eine Weiſe zu ihr, welche ſie uͤberzeugen mußte, daß ſie ſelber mich mehr reizete, als all ihre Reich⸗ thuͤmer. Sie bezeigte ſich mit meinen Geſinnungen zufrieden. Wir wechſelten ſodann den Gegenſtand un⸗ ſerer Unterhaltung, und ich erkannte dabei mit Ver⸗ gnuͤgen, daß die Natur ſich gefallen hatte, in ihr die ſchoͤnſten Eigenſchaften des Geiſtes und des Leibes zu vereinigen. Hundert und neun und funfzigſter Tag. Unſer Geſpraͤch wurde durch die Ankunft von zwoͤlf Sklaven unterbrochen, die in den Saal traten. Sie brachten alle Zuruͤſtungen zu einem großen Mahle. Sie hatten im Umſehen den Tiſch aufgeſchlagen und mit den erleſenſten Gerichten beſetzt. Der angenehme Ge⸗ ruch verkuͤndigte die Feinheit ihrer Wuͤrze. „Kanſade nahm mich bei der Hand, ſetzte ſich zu Tiſche, und ließ mich neben ihr ſitzen. Wir fingen an zu eſſen: ſie legte mir mit eigener Hand von al⸗ lem das beßte vor; die Koͤſtlichkeit und Mannigfaltig⸗ keit der Weine entſprach den Speiſen; ſie funkelten in Gold und Kryſtall, worin ſie eingeſchenkt wurden: aber die Geiſter, welche ſie ausdufteten, berauſchten mich weniger, als die Blicke des Fraͤuleins, welche III. 127 258 159. Tag. mir mit laͤchelnder Miene eine Schale darbot, und in meinem Herzen eine Flamme entzuͤndete, welche ſich von Augenblick zu Augenblick vermehrte. Sie unterhielt mich waͤhrend des Mahles von an⸗ genehmen Dingen. Ihr froͤhliches Weſen hatte einen eigenthuͤmlichen Reiz; und das Verlangen zu gefallen verlieh ihr noch neue Anmuth. „Abulfauaris,“ ſagte ſie zu mir jedesmal, wenn ſie mir von einem Weine bot, welchen ich noch nicht getrunken hatte,„koſtet dieſen Wein.“ Ihre ſchoͤnen Lippen nippten zuvor davon, und ſchienen ihn noch koͤſtlicher zu machen, als er ſchon war. Ich nahm die Schale mit Entzuͤcken, und mit dem Weine, ſchluͤrfte ich in langen Zuͤgen das ſuͤße Gift der Liebe. Gegen Ende des Mahles theilten ſich die Frauen Kanſade's; ein Theil nahm Inſtrumente und begann zu ſingen; und die andern huben Taͤnze an, welche den unſrigen ziemlich aͤhnlich waren. Alle machten ihre Sachen gleich vortrefflich; und ſo wohl im Geſange, als im Tanze, zeigte ſich Kunſt und Geſchicklichkeit auf vollkommene Weiſe.. Waͤhrend ſo die zaͤrtlichſten Lieder geſungen wurden, redeten Kanſade's Augen mit den meinigen eine ſtumme Sprache auf die zaͤrtlichſte Weiſe von der Welt. Sie war untermiſcht mit brennenden Seufzern, welche die Glut unſers Verlangens genugſam verriethen.“ Abulfanaris: erſte Reiſe. 259 Nachdem ihre Frauen geſungen hatten, wollte die Herrinn ſelber auch ſingen; ſie ließ ſich eine Schale reichen, und indem ſie mich mit einem Blicke anſah, worin ſich Zaͤrtlichkeit und Freude zugleich mahlten, ſang ſie ein Lied, deſſen Inhalt war: „Wie wunderbar verfuͤhrt der Wein durch ſeine ſuͤße Waͤrme das Herz einer Frau, die Glut ihres Geliebten zu theilen!“ Als das Mahl geendigt war, wurde Raͤucherwerk hereingebracht: es war eine goldene Pfanne, worin das koͤſtlichſte Zimmetholz von der ganzen Inſel Seren⸗ dib brannte. Wir wuſchen uns die Haͤnde mit wohl⸗ riechendem Waſſer; darnach beſchaͤftigten unſere Auf⸗ merkſamkeit die Geſaͤnge und Taͤnze, welche noch fortwaͤhrten, als wir ſchon von Tiſche aufgeſtanden waren. Dieſe Vergnuͤgungen fuͤhrten uns den Abend heran.. Als die Nacht gekommen war, wollte ich mich von der Schoͤnen beurlauben. Sie aber ſagte zu mir, mit misvergnuͤgter Miene: „Wie denn? ihr denkt alſo noch daran, mich zu verlaßen? Nach den Verſicherungen, welche ihr mir gegeben habt, keinen andern Willen zu haben, als den meinigen, verſah ich mich nicht mehr einer ſolchen Artigkeit. Die Aufnahme, welche ihr bei mir findet, ſcheint euch ohne Zweifel nicht wuͤrdig, die Fortſetzung derſelben zu wuͤnſchen. Fuͤr einen Mann, der uͤberre⸗ 260 159. Tag. den will, daß er ſehr verliebt ſei, bezeigt ihr eine Ungeduld, die ziemlich ungewoͤhnlich iſt: ihr fuͤrchtet die Nacht eben ſo ſehr, als andere Liebende ſie herbei wuͤnſchen.“ 4 „Ah, meine Herrinn!“ rief ich aus,„wie wenig leſet ihr in dem Grunde meines Herzens! Mit Un⸗ recht klaget ihr mich an, daß ich den Werth dieſer Aufnahme nicht erkenne, da ſie doch der ſuͤßeſte Ge⸗ danke meiner Seele iſt. Ich fuͤrchte nur, eure Guͤte zu misbrauchen; und anſtatt mich zu tadeln, daß ich mich von euch beurlauben wollte, beklaget mich viel⸗ mehr wegen der Gewalt, welche ich mir anthun mußte, bevor ich mich entſchließen konnte, euch zu verlaßen.“ „Ihr verdient nicht,“ erwiederte ſie,„wegen einer Gewalt beklagt zu werden, welche ihr euch erſparen konntet: eine ſo große Beſcheidenheit iſt mir verdaͤch⸗ tig; ich rathe euch nicht, euch daraus ein Verdienſt bei mir machen zu wollen.“ „Wie, meine Herrinn,“ ſagte ich zu ihr,„duͤrfte ich mir ſchmeicheln, daß ihr mir vergoͤnntet, die Nacht in euerm Palaſte zu bleiben?“ „Nach allem was ich euch geſagt habe,“ erwiederte ſie,„wuͤrde ich es euch verziehen haben, es zu glau⸗ ben: ich gewahre in euerm Benehmen eine Lauigkeit, welche der Lebhaftigkeit eurer Gefuͤhle wenig entſpricht.” Abulfauaris: erſte Reiſe. 261 Hundert und ſechzigſter Tag. Ich ermangelte nicht, der Schoͤnen zu ſagen, daß ſie mir durch den Verdacht der Kaͤlte großes Unrecht thaͤte. Ich ergoß mich in leidenſchaftlichen Reden, um ſie zu enttaͤuſchen: ich bekannte ihr, daß mitten unter allen Vergnuͤgungen, welche ihre Guͤte mir ge⸗ waͤhrte, ich mich jedoch einer leiſen Unruhe nicht haͤtte erwehren koͤnnen. Ich erzaͤhlte ihr die Aufnahme welche ich bei meiner Ankunft in Serendib bei meinem Wirthe gefunden; ich ſtellte ihr vor, daß er meinet⸗ wegen ſehr beſorgt ſein muͤßte, und daß er es noch mehr werden wuͤrde, wenn ich zur Nacht nicht zu Hauſe kaͤme. Kanſade ließ ſich uͤberzeugen; ſie erkannte die Ver⸗ pflichtung, welche ich hatte, meinen Wirth Habib zu beruhigen: ſie wollte jedoch nicht zugeben, daß ich ſelber hinginge zu ihm, welche Betheurungen ich ihr auch gab, auf der Stelle wiederzukommen. Sie fuͤrchtete, der verſtaͤndige Habib moͤchte mich verhin⸗ dern, den Trieben meines Herzen zu folgen: ſie er⸗/ laubte mir bloß, an ihn zu ſchreiben, und verbot dabei noch, ihm die geringſten Umſtuͤnde meines Aben⸗ teuers und den Ort meines Aufenthaltes zu melden. Ihr Mistrauen hierin ging ſogar ſo weit, daß ſie mir den Brief in die Feder ſagen wollte. Ich ſchrieb alſo meinem Wirthe ganz einfach, daß ein wichtiges Ge⸗ 26² 160. Tag. ſchaͤft mich noͤthigte auszubleiben, und mich fuͤr einige Tage ſeines Wiederſehens berauben wuͤrde; ich baͤte ihn aber, meinetwegen außer Sorgen zu ſein. Sie ließ den Brief zu Habib hintragen, und als ſie ſo meines Bleibens verſichert war, fuͤhrte ſie mich durch alle Gemaͤcher ihres Palaſts und zeigte mir die Pracht derſelben, welche mir eines Groß⸗Veſyrs wuͤr⸗ dig ſchien. Als nun die Stunde des Schlafengehens gekommen war, fuͤhrte ſie mich in das Zimmer, welches ſie fuͤr mich beſtimmt hatte, und welches nicht das mindeſt praͤchtige ihres Palaſtes war. Hier verließ ſie mich, und kaum war ſie hinaus gegangen, als mehrere Sklaven zu meiner Bedienung erſchienen, mit allem was zu einem ſauberen und zierlichen Nachtkleide ge⸗ hoͤrt, und mich zu Bette brachten. Als ich mich allein ſah und volle Freiheit hatte, uͤber die Lage, worin ich mich hier befand, Betrach⸗ tungen anzuſtellen, ſagte ich bei mir ſelber: „Wohin ſoll dieß alles fuͤhren? Welches glaͤnzende Loos bietet ſich mir dar! welche Reichthuͤmer ſind in jeſem Palaſt ausgebreitet! darf ich in der That hof⸗ ar⸗ daß ich bald der Beſitzer einer ſo ſchoͤnen Frau ſein werde?— Nein, Abulfauaris, alles dieß iſt nicht fuͤr dich gemacht. Hoͤre auf, dir zu ſchmeicheln; es ſind Schlungen, welche das Schickſal dir legt, und du wirſt ohne Zweifel bald, wie einen betruͤglichen Traum, Abulfauaris: erſte Reiſe. 263 alle dieſe Vorſtellungen von Groͤße und Wolluſt ver⸗ ſchwinden ſehen, womit du dich berauſcheſt.“ Dieſer Gedanke beaͤngſtigte mich anfangs: aber einen Augenblick darauf, bedachte ich wieder, daß ich mich ohne Noth beunruhigte; daß Kanſade keinen Grund haͤtte, mich zu taͤuſchen, und ich deshalb ihrer Huld nicht mistrauen duͤrfte; daß das Benehmen ihrer Leute mir ſehr ernſthaft und ungezwungen vorgekom⸗ men, daß ich ſelbſt in ihren Augen wahrgenommen haͤtte, wie ſie von einer wahrhaften Leidenſchaft fuͤr mich erfuͤllt waͤre. Auf ſolche Weiſe, bald mich der Zuverſicht uͤber⸗ laßend, bald wieder meiner Unruhe hingegeben, wie ein von zwei entgegengeſetzten Winden getriebenes Schiff brachte ich die ganze Nacht ohne einen Augen⸗ blick Ruhe hin. Der Tag uͤberraſchte mich, waͤhrend ich noch im⸗ mer ſehr lebhaft an alle dieſelben Dinge dachte, welche mich die ganze Nacht beſchaͤftigt hatten. Die Sonne leuchtete in mein Schlafgemach herein, und ließ das praͤchtige Geraͤth deſſelben ſchimmern. Geblendet von ſeinem Glanze, betrachtete ich dieſen Palaſt als eins von jenen Zauberſchloͤſſern, worin die Magia, als Be⸗ herrſcherinn der Natur, ihre ganze Macht entfaltet. Ich ſtand auf, und ſo bald die Sklaven, welche mich zu Bette gebracht hatten, mich gehen hoͤrten, 2. traten ſie mit praͤchtigen Kleidern in der Hand herein. 26 160. 161. Tag. Ich waͤhlte eins von gruͤnem Seidenſtoff mit goldener Stickerei, deren Arbeit und geſchmackvolles Muſter mir ungemein gefiel. Kaum war ich damit bekleidet, als Kanſade, da ihr gemeldet worden, daß ich ſichtbar waͤre, herein trat, und mich fragte, ob ich wohl geruhet haͤtte. Ihre Ungeduld mich wiederzuſehen hatte ihr nicht ver⸗ ſtattet, zu warten, bis ich ſie in ihrem Zimmer zu beſuchen kaͤme. Ich antwortete ihr, ich haͤtte die Nacht auf eine Weiſe zugebracht, welche es wohl verdiente, daß ſie den Augenblick meines Gluͤcks beſchleunigte. Worauf ſie laͤchelnd erwiederte, ſie muͤßte erſt voͤllig von der Aufrichtigkeit meiner Worte uͤberzeugt ſein, bevor ſie eine fuͤr ihre Ruhe ſo bedenklichen Schritt thaͤte. Hundert und ein und ſechzigſter Tag. Ich blieb ſo acht Tage in Kanſadens Palaſt, wo ich mit aller moͤglichen Aufmerkſamkeit behandelt wurde, wie man ſie nur einem Koͤnige haͤtte erzeigen koͤnnen. Die Herrinn benahm ſich auf die reizendſte Weiſe ge⸗ gen mich. Sie verſagte mir keinen von allen Bewei⸗ ſen der Zaͤrtlichkeit und Gefaͤlligkeit, welche ich von ihr verlangen mochte, mit Ausnahme jener beſondern Abulfauaris: erſte Reiſe. 266 Gunſt, welche die hoͤchſte Gluͤckſeligkeit der Liebenden ausmacht. Eines Tages, als wir mitſammen in den Gaͤrten ihres Palaſtes luſtwandelten, ſprach ſie zu mir: „Abulfauaris, ich ſchmeichle mir, daß ihr mich liebt; und in dieſem Vertrauen, habe ich mich endlich ent⸗ ſchloſſen, eure Wuͤnſche zu erfuͤllen. Danket es der Liebe, daß ſie euch die Dornen von den Roſen ſtreift, welche ihr brechen ſollet. Hoͤret, was ich fuͤr euch thun will: ich mache euch nicht nur zum Herrn aller meiner Schaͤtze, ſondern uͤbergebe euch auch mich ſelbſt, die ihr nicht geringer ſchaͤtzen werdet, wenn ihr recht verliebt ſeid. Koͤnnt ihr mir hienach verſagen, auch etwas fuͤr mich zu thun?“ „Ah! Herrinn,“ unterbrach ich ſie an dieſer Stelle, mit allem Ausdruck einer innigen Erkenntlichkeit,„die⸗ ſer Zweifel beleidigt mich; redet: und waͤre es mein eigenes Leben, ich wuͤrde es mir zum Ruhme anrech⸗ nen, es eurem leiſeſten Verlangen zum Opfer zu bringen.“ „Was ich von euch begehre,“ erwiederte ſie, „wird eine neue Gunſt fuͤr euch ſein, wenn ihr mich ſo liebet, wie ich es glauben will.“ „Erklaͤret euch doch, Herrinn,“ rief ich aus:„ihr laßt mich zu lange in Ungewißheit ſchweben.“ „Es koͤmmt darauf an,“ ſagte ſie nun,„meine Ruhe und meine Ehre zu ſichern. Verſprechet mir, — 266 161. Tag. ſchwoͤret mir ewige Treue, und um mir den Schmerz unſerer Trennung zu erſparen, ſo fuͤget zu dem Ge⸗ ſchenk eures Herzens auch noch das eurer Hand: la⸗ ßet uns mit einander durch das heilige Band der Ehe verbinden.“ Wenn der Anfang von Kanſadens Rede mich mit Freuden erfuͤllt hatte, ſo brachten dieſe letzten Worte eine ganz entgegengeſetzte Wirkung hervor. Ich hatte mir etwas ganz anderes eingebildet, als dieſen Antrag von ihr. Da ſie von der Sekte der Gebern,*) ich aber Mahomedaner war, ſo glaubte ich, daß ſie nur ein geheimes Einverſtaͤndnis im Sinne haͤtte, und daß die Verſchiedenheit unſers Glaubens ſie verhindern wuͤrde, andere Abſichten zu hegen. Sie verſetzte mich alſo in großes Erſtaunen, als ſie mir ihre Gedanken entdeckte. Ich war beſtuͤrzt, ich erbleichte, und erroͤ⸗ thete, ich ſchlug die Augen nieder. Die Verwirrung und Verlegenheit nahmen auf meinem Geſichte die Stelle der Freude ein, welche einen Augenblick zuvor darauf herrſchte. Die Dame, die mich mit ſolcher Aufmerkſamkeit beobachtete, daß ihr meine Bewegung nicht entgehen konnte, durchdrang leichtlich die Urſache meiner Verwir⸗ rung, und ſprach zu mir mit ſtolzem und veraehili⸗ chen Tone: *) Gebern heißen die alten Perſiſchen Feueranbeter. Abulfaüaris: erſte Reiſe. 267 „Ich glaubte nicht, daß ein ſolcher Antrag euch ſo unangenehm ſein koͤnnte, und erwartete vielmehr tauſend Ausbruͤche der Freude, als dieſe Beſtuͤrzung, welche mich beleidigt. Wie, ſchaͤtztet ihr es euch denn zur Unehre, mich zur Gattinn zu haben?“ „Herrinn,“ antwortete ich ihr,„ich erkenne den ganzen Werth des hohen Gluͤckes, zu welchem eure Huld mich erheben will: aber der Himmel verbietet es durch ein unuͤberſteigliches Hindernis; und wenn ihr Unruhe und Verwirrung auf meinem Antlitze ſe⸗ het, ſo ruͤhrt es daher, weil ich im Stillen mein Un⸗ gluͤck beweine, welches mir nicht erlaubt, ein Erbieten anzunehmen, welches mir ſonſt zur hoͤchſten Ehre und Gluͤckſeligkeit gereichen wuͤrde. „Ich bildete mir ein,“ erwiederte ſie,„daß mein Rang und mein Wille allein eurem Gluͤcke ein Hin⸗ dernis entgegenſetzen koͤnnten; und da ich mich gern zu euch herablaßen wollte, ſo dachte ich, alle Schwierigkeiten gehoben zu haben.— Aber belehret mich doch,“ fuhr ſie fort,„was dieſes fuͤr ein Hin⸗ dernis iſt, welches euch unuͤberwindlich ſcheint?“ „Meine Religion,“ antwortete ich ihr.„Ich wage es nicht, die Vorſchrift zu uͤbertreten, welche uns verbietet, eine Frau zu heiraten, welche nicht den Lehren Mahomeds folgt.“ „Ich bin nicht weniger bedenklich, als ihr, in Betreff der Religion,“ erwiederte Kanſade,„und — 268 161. 162. Tag. nicht um ein Koͤnigreich moͤchte ich mich mit einem Mahomedaner verheiraten. Ich beabſichtige, bevor wir unſer Loos mit einander vereinigten, euch zu be⸗ wegen, der falſchen Lehre eures Propheten zu entſa⸗ gen, und euch zu dem Glauben der Gebern zu be⸗ kennen. Ich rechnete darauf, daß auch ihr das Feuer und die Sonne anbeten, kurz, daß ihr eure Religion abſchwoͤren und die meinige annehmen wuͤrdet. Ich machte mir, ich geſtehe es, ein Verdienſt bei der Sonne daraus, ihr einen Mann als Anhaͤnger zuzu⸗ fuͤhren, der mir ſo theuer war, daß ich ihm alle meine Schaͤtze uͤberliefern wollte. Aber ihr wollt mir dieſe Freude nicht vergoͤnnen; und indem ihr ein hohes Gluͤck verſchmaͤhet, und euch weigert, meine Hand anzunehmen, erzeiget ihr euch als den undankbarſten aller Menſchen.“ Hundert und zwei und ſechzigſter Tag. Dieſe letzten Worte, und der Ton, womit Kan⸗ ſade ſie ausſprach, vermehrten meine Verwirrung, und gaben der Schoͤnen neue Waffen gegen mich, indem ſie ihren Zorn reizten. Sie uͤberhaͤufte mich mit Vor⸗ wuͤrfen, indem ſie zugleich Thraͤnen vergoß, welche mir jeden Augenblick das Herz durchbohrten. Wie furchtbar war ſie nicht in dieſem Zuſtande fuͤr einen Abulfauaris: erſte Reiſe. 269 Liebenden, der ſeine Tugend bewahren wollte! Mein eigener Schmerz, ſammt dem, welchen ſie blicken ließ, beraubten mich faſt der Beſinnung. Ach! we⸗ nig fehlte, daß ich unterlegen waͤre; und ich haͤtte ohne Zweifel ihren Thraͤnen alles aufgeopfert, wenn ich nicht durch geheime Einwirkung des großen Pro⸗ pheten den Beiſtand erhalten haͤtte, deſſen ich ſo ſehr bedurfte: ich blieb alſo feſt in meiner Pflicht. Kanſade war ſehr erſtaunt, daß die Anhaͤnglich⸗ keit an meine Religion im Stande war, mich auf ih⸗ ren eigenen Beſitz, ſo wie auf ihre Reichthuͤmer ver⸗ zichten zu machen: ſie hatte vermuthlich von manchem weniger bedenklichen Muſelmann gehoͤrt, als ich war. Meine Standhaftigkeit betruͤbte ſie ſehr; indeſſen naͤhrte ſie noch einige Hoffnung, daß ich mich endlich wuͤrde bewegen laßen, und ſie wollte meine Verſagung noch nicht als eine letzte Antwort annehmen. „Die Unbilligkeit und Haͤrte eures Verfahrens,“ ſagte ſie zu mir,„haͤtten meiner Geduld ſchon ein Ende machen ſollen; ich erroͤthe, daß ich noch die Schwachheit habe, euch anzuſehen: ich will bei alle dem gern glauben, daß ihr euern Sinn noch aͤndert; ich laße euch acht Tage Bedenkzeit; ihr ſollt nicht Urſach haben, mir vorzuwerfen, daß ich euch nicht Zeit gegeben habe, euch zu beſinnen. Wenn ihr aber nach dieſer Zeit euch nicht entſchloſſen habt, das zu thun, was ich von euch verlange, wenn ihr darin 270 162. Tag. beharret, euch meiner Huld unwuͤrdig zu zeigen, ſo macht euch auf alles gefaßt, was der Zorn eines be⸗ leidigten Weibes vermag.“ Nach dieſen Worten, verließ ſie mich, mit einer Miene, die mich uͤberzeugte, daß ſie wirklich zu den aͤußerſten Mitteln ſchreiten wuͤrde, wenn ich mich nicht entſchloͤſſe, ſie zu heiraten. Ich blieb in der klaͤglich⸗ ſten Verfaſſung zuruͤck, die ſich denken laͤßt. Nichts glich meiner Beſtuͤrzung. Ich hatte durchaus keine Ausſicht, gluͤcklich zu werden, wenn ich nicht den Mahomedanismus abſchwoͤren wollte. Wie konnte ich aber dieſen Ausweg ergreifen! „Reizende Kanſade,“ rief ich ſeufzend aus,„es ſoll mir alſo nicht mehr vergoͤnnt ſein, meine Wuͤn⸗ ſche bis zu euch zu erheben? Ach! obſchon ich die Ausſicht eures Beſitzes verloren habe, ſo fuͤhle ich doch wohl, daß es nicht in meiner Macht ſteht, euch zu lieben aufzuhoͤren. Obwohl entfernt von mir, werdet ihr jedoch ſtaͤts die unbeſchraͤnkte Beherrſcherinn meines Herzens ſein.“ Ich brachte die acht mir verſtatteten Tage damit hin, mich mit mir ſelber zu berathen; ich betrauerte das Gluͤck, worauf ich mir zuvor Hoffnung gemacht hatte: aber wie ſchmerzlich es mir auch ankam, dar⸗ auf zu verzichten, dennoch hatte ich die Kraft, mei⸗ nen Entſchluß nicht zu aͤndern. Abulfauarist erſte Reiſe. 271 Als Kanſade am Ende der mir gegebenen Bedenk⸗ zeit gewahrte, daß ich noch nicht ſo geſonnen war, wie ſie es von mir wuͤnſchte, ſo bewilligte ſie mir noch⸗ mals acht Tage; und um ihrerſeits auch zu dem Siege mitzuwirken, welchen ſie davontragen wollte, ſetzte ſie die Macht aller ihrer Reize in Bewegung. Endlich, als ſie ſah, daß auch alle dieſe Tage verliefen, ohne daß ſie einen Schritt weiter vorwaͤrts kam, ließ ſie mich zu ihr entbieten. Man fuͤhrte mich in das praͤchtigſte Zimmer ihres Palaſts: ſie erwartete mich hier in der Mitte aller ih⸗ rer Frauen auf einem durch etliche Stufen erhoͤhten Throne. Sie hatte mehr das Anſehn eines ſtrengen Richters, als einer gefuͤhlvollen Geliebten. Nur zitternd naͤherte ich mich dem Throne; denn ich erkannte an allen dieſen feierlichen Anſtalten wohl, daß man zum letztenmal eine Erklaͤrung von mir for⸗ dern wollte. Obſchon ich Zeit genug gehabt hatte, mich auf eine Antwort vorzubereiten, war ich dennoch ſo verwirrt, daß ich kaum meiner Sinne maͤchtig war. Sie hieß alle hinausgehen, welche nicht in das Ge⸗ heimnis gezogen waren, und indem ſie ihre Blicke ein wenig beſaͤnftigte, ſprach ſie zu mir: „Wohlan, Abulfauaris, habt ihr euch gegenwaͤr⸗ tig eines beſſern beſonnen? haben eure Betrachtungen euer widerſpenſtiges Herz zu meiner wuͤrdigeren Geſin⸗ nungen zuruͤckgefuͤhrt?“ 272 162, 263. Tag. Sie ſprach dieſe Worte auf eine ſo ruͤhrende Weiſe aus, daß ich davon ergriffen wurde. Der Schmerz, ſo viel Reize einbuͤßen zu muͤßen, raubte mir die Beſinnung: ich ſank an den Stufen des Thrones in Ohnmacht nieder.“ Hundert und drei und ſechzigſter Tag. Kanſade konnte mich nicht ohne Mitleid in dieſem Zuſtande ſehen; ſie ſtieg herab von ihrem Throne und war eifrig bemuͤht mir zu helfen. Ich gewahrte es, als ich wieder zu mir kam, und die Augen aufſchlug, und ſah ſie unverwandt an. Ich bemerkte ſogar in den ihrigen einen Ausdruck von Zaͤrtlichkeit. „Hoͤret auf, theure Herrinn,“ ſagte ich zu ihr mit ſchwacher Stimme,„hoͤret auf, fuͤr einen Un⸗ gluͤcklichen Theil zu nehmen, der eurer Sorge nicht wuͤrdig iſt.“ „Es iſt wahr,“ unterbrach ſie mich,„daß ich Urſache habe, mich zu beklagen; aber es ſteht nur bei euch, eure Verzeihung durch eine aufrichtige Be⸗ kehrung zu verdienen, in welcher ich noch immer ſchwach genug bin mein Gluͤck zu ſetzen. Vergeſſet eu⸗ rer Ungerechtigkeit, und nehmet den Beſitz meiner Perſon als ein Gut an, welches ihr nicht genug ſchaͤtzen koͤnnt.“ Abulfauaris: erſte Reiſe. 273 „Ach, kann ich es denn? meine Theure,“ rief ich aus in einem von Schmerz und Verzweiflung ge⸗ miſchten Ton:„kann ich denn, unter den grauſamen Bedingungen, welche ihr mir auferlegt, eurer Huld mich erfreuen?“ „Wenn es darauf ankommt, mich zu beſitzen,“ verſetzte ſie)„duͤrft ihr da noch Betrachtungen anſtel⸗ len, welche ein ſo ſchoͤnes Loos ſchwankend machen? Ich ſoll alſo glauben, daß es etwas gibt, das euch noch theurer iſt, als ich?“ „Ihr ſeid mir theurer, als alles auf der Welt, meine Herrin,“ rief ich aus;„aber wuͤrde ich euer wuͤrdig ſein, wenn ich die Schwachheit und Feigheit haͤtte, meine Ehre zu beflecken, und einer Religion zu entſagen..“ „Schweig, Treuloſer,“ unterbrach ſie mich mit hoͤchſtem Ungeſtuͤm:„bringe nicht leere Ausfluͤchte vor gegen ſo dringende Gruͤnde, welche dich nicht binden, weil du mich niemals geliebt haſt. Geh, du biſt mei⸗ ner Huld unwuͤrdig, und ich wuͤrde mich ſchaͤmen, in einen Undankbaren, wie du biſt, noch weiter zu drin⸗ gen. Ich ſchwanke nicht mehr, ich uͤberlaße dich dei⸗ ner Undankbarkeit.“ Nach dieſen Worten, welche mich tief erſchuͤtterten, ſaß ſie einen Augenblick ſchweigend da. Hierauf nahm ſie wieder das Wort mit einer Kaͤlte, in welcher nicht III. 18 274 163. Tag. weniger Grimm lag, als in dem Tone, welchen ſie eben abgelegt hatte. „Abulfauaris,“ fuhr ſie fort,„laßt euch nie wie⸗ der vor mir blicken. Erwartet meinen Befehl, ihr ſollt bald davon unterrichtet werden, was ich uͤber euer Schickſal beſchloſſen habe.“ Mit dieſen Worten verließ ſie das Zimmer, in ei⸗ ner Bewegung, welche der meinigen gleich war. Aber wir waren beide von ſehr verſchiedenen Gefuͤhlen durchdrungen. Ich erkannte jetzo wohl, was ich, bei ſo bewand⸗ ten Umſtaͤnden zu fuͤrchten haͤtte. Und wenn ich in manchen Augenblicken, als allzu leidenſchaftlicher Lieb⸗ haber, mir ein Vergnuͤgen daraus machte unter den Streichen des geliebten Gegegenſtandes zu ſterben, ſo trieb in anderen Augenblicken die natuͤrliche Liebe zum Leben mich an, auf Mittel zu meiner Rettung zu ſin⸗ nen. Aber wie haͤtte ich dieſe bewerkſtelligen wollen: man ließ mich nicht aus den Augen, und alle Befehle der Herrinn wurden ſtreng erfuͤllt. Und ſo konnte ich nicht einmal, wenn ich es auch gewollt haͤtte, dahin gelangen, meinen Wirth von meinem Aufenthaltsort und der Gefahr, worin ich ſchwebte, Nachricht geben. Ich erwartete jeden Tag, daß jemand kaͤme, mir meinen Urtheilsſpruch von ihr anzukuͤndigen; es ver⸗ liefen aber faſt drei Wochen, ohne daß ich irgend et⸗ was vernahm. Die Ungewisheit, worin ich ſchwebte, Abulfauaris: erſte Reiſe. 275 hatte etwas Furchtbareres fuͤr mich, als ein entſchie⸗ denes Ungluͤck. Ich wuͤnſchte ihr Ende herbei, was mir dann auch immer geſchehen mochte. Endlich kam der Augenblick, der mich hieruͤber aufklaͤren ſollte. Ich war eines Morgens, nach einer mehr als gewoͤhnlich unruhig zugebrachten Nacht, eben fertig mit dem Ankleiden, als ich fuͤnf oder ſechs Sklaven Kanſadens in mein Zimmer treten ſah. Sie fuͤhrten eine Schaar von Leuten herein, welche anders als in Serendib gewoͤhnlich iſt, gekleidet waren. Der⸗ jenige, der das Oberhaupt dieſer Fremdlinge zu ſein ſchien, betrachtete mich einige Zeit aufmerkſam und ohne ein Wort zu ſagen. Endlich brach er gebieteriſch dieß Stillſchweigen, und hieß mich ihm folgen. Er ſagte mir dieß mit einem Tone, welcher mir eindring⸗ lich machte, daß ich ihm gehorchen muͤßte. Hundert und vier und ſechzigſter Tag. Wir gingen durch den Palaſt hin. Als wir an der Thuͤre waren und eben hinaustreteten wollten, fragte ich einen meiner Fuͤhrer, wohin man mich zu bringen gedaͤchte. „Das werdet ihr zu ſeiner Zeit erfahren,“ antwor⸗ tete er mir;„denn es iſt uns ausdruͤcklich verboten, es euch gegenwaͤrtig ſchon zu ſagen.“ 276 164. Tag. Ich folgte alſo dieſen Maͤnnern, die mich nach dem Hafen fuͤhrten, wo ich mich mit ihnen einſchiffte. Man machte ſich ſogleich fertig und ging unter Segel. Als wir in offener See waren, kuͤndigte der Schiffsherr mir an, er waͤre aus dem Kdͤnigreiche Golkonda, und Kanſade haͤtte mich ihm als Skla⸗ ven uͤbergeben, und ihm dabei vor allen Dingen ver⸗ boten, daß er mir die Freiheit gäͤbe, nach Baßra heimzukehren. Er ſagte mir nichts weiter hieruͤber, und that auch keine Frage in Betreff Kanſadens an mich: was mir Anlaß gab, zu vermuthen, daß ſie, um ihm die Schwachheit, welche ſie fuͤr mich gehabt, und den Schimpf meiner Weigerung zu verbergen, von ihm gefordert hatte, nicht weiter nach der Urſache zu for⸗ ſchen, weshalb ſie ſich meiner entledigte. Dieß war alſo die Rache Kanſadens, die ich nicht der Haͤrte anklagen konnte. Mich duͤnkte, daß ſie mich nur zu gelinde fuͤr das Verbrechen beſtrafte, deſſen ich mich gegen ſie ſchuldig gemacht hatte. Ich hatte mich einer grauſamern Behandlung verſehen. Nicht daß mir, bei dem Gedanken, weder meinen Vater noch mein Vaterland jemals wiederſehen zu ſollen, meine Sklaverei nicht unertraͤglich geweſen waͤre. Die erſten Tage war ich ſehr betruͤbt. Indeſſen machte ich aus der Noth eine Tugend, und befliß mich, meinem Herrn getreulich zu dienen. Dieſer war ein guter Abulfauaris: erſte Reiſe. 277 Mann, dem es auch nicht an Verſtand fehlte. Ich begnuͤgte mich nicht, genau alles auszurichten, was er mir befahl, ſondern ich ſuchte auch ſeinen Wuͤn⸗ ſchen zuvorzukommen, und ich gewahrte von Zeit zu Zeit, daß er immer zufriedener mit mir ward.. Wir umſchifften die Inſel Serendib, um nordwaͤrts in den Meerbuſen von Bengalen zu gelangen: die⸗ ſer iſt der groͤßte Meerbuſen von ganz Aſien, in deſ⸗ ſen Tiefe die Koͤnigreiche Bengalen und Golkonda lie⸗ gen. Wir waren eben im Begriff hineinzuſegeln, als ein ſo heftiger Sturm ſich erhub, wie man niemals einen in dieſen Meeren erlebt hatte. Wir hatten einen vollen Suͤdwind noͤthig, der uns gen Norden triebe, dieſes aber war ein Nordweſt, der uns nach Suͤdwe⸗ ſten warf, gerade unſerer Fahrt entgegen, weil wir nach Golkonda wollten. Wir mochten immerhin die Segel einziehen, lavieren, und die Seite vordrehen, wir konnten uns gegen den Wind nicht halten, und wurden, trotz aller Geſchicklichkeit der Matroſen, weit von unſerer Fahrt verſchlagen; dergeſtalt, daß wir, um einem uns drohenden Schiffbruche zu entgehen,“ genoͤthigt waren, alle Arbeit einzuſtellen, und uns den Winden und Wellen preiszugeben. Dieſer Sturm hielt vierzehn Tage an, und tobte waͤhrend dieſer ganzen Zeit mit ſolchem Ungeſtuͤm, daß er uns mehr als zweihundert Meilen von unſerer Fahrt verſchlug. Er trieb uns links an den langen 278 164. Tag. Inſeln Sumatra und Java voraͤber bis auf die Hoͤhe der Molukken im Suͤden der Philippinen, in Meeren, welche unſeren Matroſen ganz unbekannt waren. Endlich drehte ſich der Wind, ſetzte ſich in einen gemaͤßigten Weſtwind um, und belebte das Schiffsvolk wieder mit Freude. Aber dieſe Freude war nicht von langer Dauer, ſie wurde durch ein Aben⸗ teuer geſtoͤrt, welches ihr, ſeiner Seltſamkeit wegen, kaum glauben werdet. Wir begannen froͤhlich, wieder unſere anfaͤngliche Vichtung einzuſchlagen, und ſchon waren wir von ſten her an die Spitze der Inſel Java gelangt, als wir in der Naͤhe unſers Schiffes einen ganz nackten Mann erblickten, der mit den Wogen kaͤmpfte, um nicht von ihnen verſchlungen zu werden. Er klam⸗ merte ſich feſt an ein Brett, welches ihn emporhielt, und forderte uns durch Zeichen auf, ihm zu Huͤlfe zu kommen. Das Mitleid bewog uns, unſer Boot hin⸗ abzulaßen, um ihn aufzunehmen. Wenn das Mitleid ein ſehr loͤbliches Gefuͤhl iſt, ſo muß man doch auch geſtehen, daß es manchmal ſehr gefaͤhrlich iſt; wie ihr ſogleich vernehmen werdet. 8 Man nahm alſo dieſen Menſchen in das Boot auf und brachte ihn an Bord. Es war ein Mann, der vierzig Jahr alt ſchien. Er hatte eine etwas un⸗ geheuerliche Geſtalt, einen dicken Kopf, kurzes, dich⸗ tes und ſtruppichtes Haar; und ſein uͤbermaͤßig weit Abulfauaris: erſte Reiſe. 279 geſchlitztes Maul, ließ, wenn er es oͤffnete, lange und ſehr ſcharfe Zaͤhne blecken. Seine Arme waren ſtammig, ſeine Haͤnde breit und an jedem Finger hatte er einen langen gekruͤmmten Nagel. Seine Au⸗ gen, nicht zu vergeſſen, glichen den Augen eines Ti⸗ gers, und ſeine Stumpfnaſe hatte zwei weit offene Naſeloͤcher. Seine ganze Bildung gefiel uns keines⸗ weges, und ſein Anblick war wohl geeignet, das Mitleid, welches er uns anfangs eingefloͤßt hatte, in Grauen zu verwandeln. Hundert und fuͤnf und ſechzigſter Tag. Als dieſer Menſch nun, ſo wie ich ihn euch be⸗ ſchrieben habe, vor Dehauſch, unſern Schiffsherrn, kam, ſagte er zu ihm: „Herr, ich verdanke euch das Leben: ich war im Begriff umzukommen, als ihr mir Huͤlfe leiſtetet.“ „In der That,“ antwortete ihm Dehauſch,„ihr wuͤrdet bald untergeſunken ſein, wenn ihr nicht das 1 Gluͤck gehabt haͤttet, uns zu begegnen.“ „Es iſt nicht das Meer, was ich fuͤrchte,“ er⸗ wiederte ihm laͤchelnd der Menſch:„ich haͤtte jahre⸗ lang im Waſſer bleiben koͤnnen, ohne ſehr dadurch beſchwert zu werden. Was mich weit mehr quaͤlt, iſt ein Heißhunger, der mich ſeit zwoͤlf Stunden, in 280 165. Tag. 71 denen ich nichts gegeſſen habe, verzehrt. Das iſt fuͤr einen Menſchen von meiner Eßluſt eine gar lange Zeit. Seid alſo ſo gut, und laßt mir alsbald etwas brin⸗ gen, um meine durch ein ſo langes Faſten erſchoͤpften Kraͤfte wieder herzuſtellen, und macht eben keine Um⸗ ſtande deshalb, denn ich bin nicht lecker, ich eſſe alles.. Wir ſahen, uͤber eine ſolche Rede ſehr verwundert, einander an, und hielten dafuͤr, daß die Gefahr, worin dieſer Menſch ſich befunden, ihn ohne Zweifel wahnſinnig gemacht haͤtte. So dachte auch der Schiffs⸗ herr, der wohl begreifend, daß er wirklich Hunger haben koͤnnte, befahl, ſo viel Lebensmittel herbeizu⸗ bringen, daß wohl ſechs ausgehungerte Menſchen daran genug haͤtten, und auch Kleider, um ihn da⸗ mit zu bedecken. „Was die Kleider anlangt,“ ſagte der Fremdling, „ſo erlaße ich ſie euch, ich gehe immer nackt.“ „Aber bedenket,“ erwiederte Dehauſch,„daß die Wohlanſtaͤndigkeit es nicht erlaubt, in euerm gegen⸗ waͤrtigen Zuſtande bei uns zu bleiben.“ „Ho, ho!“ erwiederte jener trotzig,„ihr werdet euch noch zeitig genug daran gewoͤhnen.“ Dieſe freche Antwort beſtaͤrkte uns noch mehr in unſerer Meinung, daß er nicht recht bei Sinnen waͤre. Da der Hunger ihn trieb, ſo ward er ungeduldig, daß man ihn nicht hurtig genug nach ſeinem Gefallen be⸗ Abulfauaris: erſte Reiſe. 281 diente; er ſtampfte mit den Fuͤßen auf das Verdeck, knirrſchte mit den Zaͤhnen, und drehte die Augen auf eine Weiſe, die etwas Wildes und Furchtbares hatte. Endlich ſah er kommen, was er begehrte. Sogleich warf er ſich mit einer Gierigkeit daruͤber her, welche uns in Erſtaunen ſetzte; und obwohl ſicherlich ſo viel vorhanden war, daß ſich ſechs Menſchen daran ſatt eſſen konnten, ſo hatte er doch im Umſehen alles ver⸗ ſchlungen. Als er reinen Tiſch gemacht hatte, hieß er uns in einem gebieteriſchen Tone, ihm noch mehr Speiſen bringen. Dehauſch wollte ſehen, wie weit dieſer Heißhun⸗ grige die Sache treiben wuͤrde, und befahl, ihm zu willfahren. Die Tafel wurde alſo nochmals, wie zuvor, mit Speiſen beſetzt: aber dieſe zweite Tracht hielt nicht laͤnger vor, und war auch alsbald verſchlungen. Wir bildeten uns nun wenigſtens ein, daß dieſer Menſch es hiebei wuͤrde bewenden laßen. Wir taͤuſch⸗/ ten uns aber. Er forderte abermals zu eſſen. Jetzo wollte einer von den Sklaven der Schiffsmannſchaft, den die Unverſchaͤmtheit dieſes viehiſchen Kerls verdroß, ihn dafuͤr zuͤchtigen: aber dieſer gewahrte es, kam ihm zuvor, ergriff ihn bei den Schultern und zerriß ihn mit ſeinen ſcharfen Krallen. 282 165. Tag. Im Augenblick waren funfzig Saͤbel gezuͤckt, um dieſen ſcheuslichen Mord zu raͤchen. Ein jeder beei⸗ ferte ſich, auf ihn zu hauen und ihn fuͤr dieſe Graͤuel⸗ that zu beſtrafen, als wir mit Schrecken gewahrten, daß die Haut unſers Feindes undurchdringlicher war, als Stahl. Unſere Saͤbel bogen ſich und zerſprangen, ohne ihn auch nur zu ritzen. Obwohl er alſo unſere Streiche nicht fuͤrchtete, ſo empfing er ſie jedoch nicht ungeſtraft. Er ergriff einen ſeiner erbittertſten Geg⸗ ner, und mit einer entſetzlichen Staͤrke riß er ihn vor unſeren Augen in Stuͤcken. Als wir ſahen, daß unſere Saͤbel uns unnuͤtz wa⸗ ren und wir unſern Mann nicht verwunden konnten, warfen wir uns allzumal uͤber ihn her, um ihn ins Meer hinabzuſtuͤrzen. Aber wir vermochten nicht ein⸗ mal, ihn von der Stelle zu bewegen. Außerdem, daß er eine ungeheure Straffheit und Muskelkraft hatte, ſchlug er auch ſeine krummen Naͤgel in das Holz des Verdecks, und hielt ſich darin auf eine ſolche Weiſe feſt, daß ein Fels mitten in den Fluten nicht unbeweglicher ſteht. Weit entfernt auch, uͤber unſer Beginnen beſorgt zu ſcheinen, ſprach er zu uns: „Guten Freunde, aufrichtig, ihr habt das ſchlech⸗ tere Theil erwaͤhlt: ihr wuͤrdet beſſer thun, mir zu gehorchen. Ich habe ſchon viel widerſpenſtigere, als ihr ſeid, gezaͤhmt. Ich erklaͤre euch, wenn ihr fort⸗ fahret, euch meinem Willen zu widerſetzen, ſo werde Abulfauaris: erſte Reiſe. 285 ich mit euch allen eben ſo verfahren, wie ich ſchon mit zweien eurer Gefaͤhrten gethan habe.“ Hundert und ſechs und ſechzigſter Tag. Bei dieſen Worten erſtarrten wir vor Schrecken. Wir thaten keinen Widerſtand mehr. Man ging ge⸗ horſam zum drittenmale hin, ihm Speiſen zu holen, unnd trug ſie ihm auf. Er ſetzte ſich zu Tiſche, und wenn man ihn eſſen ſah, ſo haͤtte man glauben ſollen, daß ſein Hunger ſich nur vermehrte, anſtatt ſich zu vermindern. So bald er bemerkte, daß wir uns endlich ent⸗ ſchloſſen hatten, uns zu unterwerfen, ward er guter Laune. Er bezeugte uns, es thaͤte ihm Leid, daß wir ihn gezwungen haͤtten, zu thun, was er gethan, und aͤußerte uns freundlich, er haͤtte uns lieb wegen des großen Dienſtes, welchen wir ihm geleiſtet, indem wir ihn aus dem Meere gezogen, worin er vor Hun⸗ ger geſtorben, wenn er uns nur zwei Stunden ſpaͤter begegnet waͤre; er wuͤnſchete zu unſerm Beßten, daß irgend ein andres, reichlich mit Lebensmitteln verſehe⸗ nes Schiff herbei kaͤme, weil er ſich alsdann auf daſ⸗ ſelbe begeben und uns in Ruhe laßen wuͤrde. So redete er mit uns, waͤhrend er immerfort fraß. Er lachte und ſcherzte, wie andere Menſchen; und wir 284 166. ET a g. wuͤrden ihn ſelbſt ergetzlich gefunden haben, wenn un⸗ ſre Lage uns ſeine Spaͤße genießbar gemacht haͤtte. Endlich, nach der vierten Mahlzeit, ſtreckte er das Gewehr, und blieb zwei Stunden lang, ohne et⸗ was zu eſſen. Waͤhrend dieſer außerordentlichen Nuͤch⸗ ternheit ſprach er ſehr vertraulich mit uns. Er be⸗ fragte uns, einen nach dem andern, uͤber unſer Vaterland, uͤber unſere Gebraͤuche und uͤber unſere Abenteuer. Wir hofften, die Duͤnſte ſo vieler Speiſen, wie er in ſeinem Magen hatte, wuͤrden ihm zu Kopfe ſteigen und ihn einſchlaͤfern. Wir erwarteten ſo mit Ungeduld, daß der Schlaf ſich ſeiner Sinne bemaͤchti⸗ gen ſollte, und hatten uns vorgenommen, ſo bald er ſchliefe, ihn ſchleunig aufzuheben, und ihn, bevor er ſich noch beſinnen koͤnnte, ins Meer zu werfen. Dieſe Hoffnung war unſer einziger Troſt; denn obwohl wir einen bekraͤchtlichen Vorrath von Lebensmitteln in dem Schiffe hatten, ſo war er jedoch, bei ſeinem Heißhun⸗ ger, der Mann dazu, ſie binnen kurzer Zeit alle auf⸗ zuzehren. Aber, ach! wir ſchmeichelten uns mit einer eitlen Hoffnung. Der Unmenſchliche, wie wenn er unſere Abſicht errathen haͤtte, belehrte uns, er ſchliefe nie⸗ mals. Er ſagte uns, die Menge der Nahrungsmit⸗ tel, welche ſein Bauch einnaͤhme, ſtaͤrkte zugleich wie⸗ der ſeine Kraͤfte und uͤberhuͤbe ihn des Beduͤrfniſſes der Ruhe. Abulfauaris: erſte Reiſe. 285 Wir ſahen mit Leidweſen bald dieſe traurige Wahr⸗ heit beſtaͤtigt. Wir mochten, zur Beantwortung ſeiner Fragen, ihm noch ſo weitſchweifig und langweilig al⸗ les erzaͤhlen, der Teufelskerl ſchlief darum doch nicht ein. Wir beklagten alſo unſer Misgeſchick, und unſer Schiffsherr verzweifelte daran, Golkonda jemals wie⸗ derzuſehen, als ploͤtzlich die Luft uͤber uns ſich zu ver⸗ finſtern ſchien. Unſer erſter Gedanke war, es zoͤge wiederum ein Sturm herauf; und wir empfanden dar⸗ uͤber um ſo groͤßere Freude, als ein Ungewitter uns mehr Hoffnung zur Rettung uͤbrig ließ, als der Zu⸗ ſtand, in welchem wir uns gegenwaͤrtig befanden. Unſer Schiff konnte im Angeſicht irgend einer Inſel an einer Klippe ſcheitern, wo wir uns dann durch Schwimmen gerettet, und uns vielleicht von dieſem Ungeheuer befreiet haͤtten, welches ohne Zweifel im Sinne fuͤhrte, uns alle ebenfalls zu freſſen, nachdem es alle unſere Lebensmittel aufgezehrt haͤtte. Wir wuͤnſchten alſo, daß ein heftiger Sturm uns uͤberfiele; und, was vielleicht noch nicht vorgekommen iſt, wir baten den Himmel, uns doch Schiffbruch lei⸗ den zu laßen. Indeſſen, wir taͤuſchten uns: was wir fuͤr einen großen Haufen Duͤnſte angeſehen hatten, war einer der groͤßten Roche,*) die man jemals in *) So heißt ein ungeheurer Vogel, der mit Leichtigkeit einen — 286 166. Ta g. dieſen Meeren geſehen hat. Dieſer ungeheure Vogel ſchoß pfeilſchnell auf unſer Verdeck herab und ergriff unſern Feind, der in der Mitte des geſammten Schiffs⸗ volks war, und ſich nichts verſehend, nicht Zeit hatte, gegen dieſen Angriff auf ſeiner Hut zu ſein. Wir ſel⸗ ber gewahrten es nicht eher, als einige Augenblicke darnach, als der Vogel ſich mit ſeinem Raube ſchon wieder in die Luft emporgeſchwungen hatte. Wir ſahen hierauf einen ganz außerordentlichen Kampf. Als jener Unmenſch ſich erholte und ſich in der Luft zwiſchen den Klauen eines gefluͤgelten Unge⸗ heuers ſah, deſſen Staͤrke ihm fuͤhlbar ward, ſo ſetzte er ſich zur Wehre. Er hatte die Haͤnde frei: er krallte alſo ſeine krummen Naͤgel in die Seiten des Rochs, und zu gleicher Zeit ſchlug er ſeine Zaͤhne in den Bauch des Vogels und fing an, die Federn und das Fleiſch deſſelben zu zerreißen und zu verſchlingen. Dem Vogel verurſachte dieß einen Schmerz, welcher ihm einen Schrei auspreßte, davon die Luft weit um⸗ her widerhallte; und ſich zu raͤchen, riß er mit einer ſeiner Klauen, ſeinem Feinde beide Augen aus. Die⸗ ſer, obwohl nun blind, ließ jedoch ſeinen Fang nicht fahren, und endigte damit, daß er dem Roch das Herz abfraß, welcher nun ſterbend alle noch uͤbrigen Ochſen oder andere Thiere von ähnlicher Größe aufhedt, und durch die Luft entführt. Abulfauaris: erſte Reiſe. 297 Kraͤfte zuſammenraffte und ihm mit einem Schlage des Schnabels den Kopf zerſchmetterte. So ſtuͤrzten beide Ungeheuer leblos einige Schritte von uns ins Meer. Hundert und ſieben und ſechzigſter Tag. Auf ſolche Weiſe war es auf der Tafel der Vor⸗ beſtimmung geſchrieben, daß wir von dieſem gefaͤhrli⸗ chen Unmenſchen befreiet werden ſollten. So bald wir uns ſeiner entledigt ſahen, entſtand eine allgemeine Freude im Schiffe. Wir konnten unſere Rettung nicht genug bewundern, und wir bedauerten den Tod des Rochs, dem wir dieſelbe verdankten. Wir ſetzten nun unſere Fahrt fort, indem wir uns von dieſem Abenteuer unterhielten, welches uns um ſo wunderbarer vorkam, als wir nicht begreifen konnten, wie es moͤglich waͤre, daß es eine ſolche Art Men⸗ ſchen auf Erden gaͤbe. Wir hatten ſtaͤts guͤnſtigen Wind, und nach einer Fahrt von etlichen Tagen, er⸗, blickten wir gluͤcklich das Land. Auf die erſte Ankuͤndigung deſſelben durch den Matro⸗ ſen vom Maſtkorbe, wurde die Hoͤhe aufgenommen; und wir erſahen aus unſeren Beobachtungen, daß wir uns an der Suͤdſpitze der Inſel Java befanden, welche mit der Oſtſpitze der Inſel Sumatra, ziemlich nahe bei der 288 3 167. T a g. Stadt Bantam,*) die Einfahrt der Meerenge von Sunda⸗*) bildet. Erfreuet uͤber dieſe Entdeckung, ſpannten wir ſogleich alle Segel auf; und unſer Gluͤck vollſtändig zu machen, geſchah, daß der Wind, der aus Weſten kam, ſich drehte und aus Suͤden wehte, uns folglich guͤnſtig ward, durch die Meerenge zu fahren. Wir benutzten ihn ſo gut, daß wir bin⸗ nen kurzer Zeit bei Bantam anlegten. Wir erneuten dort unſere Vorraͤthe; und da un⸗ ſer Schiffsherr in der beruͤhmten Stadt Batavia,) die nur zehn bis zwoͤlf Meilen davon entfernt iſt, Geſchaͤfte hatte, ſo ſegelten wir zunaͤchſt dorthin. Ich hatte große Freude daruͤber; denn dieß iſt eine einzige und hoͤchſt praͤchtige Stadt. Alles was es Seltenes in China gibt, ſieht man hier im Ueberfluſſe. Sobald Dehauſch ſeine Geſchaͤfte dort beendigt hatte, ſteu⸗ erten wir nach dem Kdoͤnggreiche Golkonda,*e) *) Auf Java. „o) Beide Inſeln heißen ſelber die Großen Sunda⸗In⸗ ſeln, zwiſchen welchen und den Molukkiſchen Inſeln die Kleinen Sunda„Inſeln liegen; das Inſer⸗Meer zwiſchen Java, Sumatra, Borneo und Celebes, heißt die Sunda⸗ See. ***) Die bekannte Hauptſtadt der Holländer auf Java. „***) An der Oſtküſte der Indiſchen Halbinſel, vormals auch dem Groß⸗Mogul unterworfen. Die Hauptſtadt gleiches Namens, heißt gewöhnlich Heider⸗Abad(entſtellt Abulfaüaris: erſte Reiſe. 289 wo wir denn auch, nach der Fahrt eines Monats, von den Sundiſchen Inſeln aus, anlangten. Mein Schiffsherr wurde in der Hauptſtadt, wo er wohnte, mit allgemeinem Jubel empfangen; denn er war bei aller Welt beliebt. Die Freude der Seinigen vollends war unbeſchreiblich; ſeine Frau und ſeine Tochter konnten nicht muͤde werden, ihn zu um⸗ armen; und er, entzuͤckt uͤber das Wiederſehen dieſer Theuren, weinte vor Zaͤrtlichkeit, indem er ihre Um⸗ armungen erwiederte. Nach tauſend und aber tauſend Liebkoſungen, ſtellte er mich den beiden Frauen als einen Sklaven vor, welchen er beſonders werth hielte, und bat ſie, freund⸗ lich meine Dienſte anzunehmen. Ich erwarb mir bei ihnen binnen kurzer Zeit großes Zutrauen. Nichts war wohlgethan, was ich nicht that. Die uͤbrigen Sklaven ſelbſt, anſtatt daruͤber eiferſuͤchtig zu ſein, ſchienen vielmehr erfreuet, mich ſo beliebt zu ſehen. Wahr iſt, daß ich ihnen auch ſo gute Behandlung als moͤglich zu verſchaffen ſuchte, und daß ich ihnen oft zut Belounungen verhalf, welche ſie nicht verdient atten. Hidrabad), weil Heider Schah ſie erbauet haben ſoll; ſie liegt tiefer ins Land hinein, und hat einen der präch⸗ tigſten Götzentempel. 1 III. 19 167. Tag. Kurz, die Freundſchaft, welche Dehauſch fuͤr mich hegte, wuchs dergeſtalt, daß er eines Tages zu mir ſprach: „Abulfauaris,“(denn ich hatte ihm weder mei⸗ nen Namen, noch meine Heimat verborgen)„du haſt wohl bemerken koͤnnen, daß ich dich immer vor allen meinen anderen Sklaven ausgezeichnet habe. Gleich bei deinem erſten Anblicke, habe ich Zuneigung zu dir gefaßt, und ich habe nichts geſpart, dir die Haͤrte der Sklaverei zu mildern. Ich habe ſogar im Sinne, dir noch ſtaͤrkere Beweiſe meines Wohlwollens zu geben. Du haſt meine Tochter geſehen; es gibt vielleicht keine ſchoͤnere Jungfrau in ganz Golkonda: ich bin ent⸗ ſchloſſen, ſie dir zur Frau zu geben. Ich habe ſchon ihre Geſinnungen daruͤber erforſcht, und es ſcheint mir, daß du ihr nicht misfaͤllſt.“ Ich war beſtuͤrzt uͤber dieſen Antrag, und der ihn mir machte, konnte leichtlich erkennen, daß er mir eben nicht genehm war. „Wie denn,“ ſprach er zu mir,„mein Antrag macht dir Bedenken? Iſt denn der Vorzug, mein Erbe zu werden und meine Tochter Fakrinniſa zu beſitzen, ſo gering, daß er nicht einmal das Verlan⸗ gen eines Sklaven reizen kann?“ „Herr,“ antwortete ich ihm,„die Ehre, euer Schwiegerſohn zu werden, wuͤrde fuͤr mich reizend ge⸗ nug ſein, wenn ihr, wie ich, dem muſelmaͤnniſchen Abulfanaris: erſte Reiſe. 291 Glauben zugethan waͤret: aber ihr ſeid dem Heiden⸗ thum.. 4 u „Oh, wenn nur dieſes Hindernis dir im Wege ſteht,“ antwortete mein Herr,„ſo werden wir bald einig ſein; denn ich bin eben entſchloſſen, Mahome⸗ daner zu werden, und meine Tochter mit mir. Un⸗ geachtet der Vorurtheile, mit welchen die heidniſchen Prieſter meinen Geiſt erfuͤllt haben, bin ich es doch muͤde, Ochſen und Kuͤhen goͤttliche Ehre zu beweiſen. Ich habe zu viel geſunden Verſtand, um nicht einzu⸗ ſehen, daß dieſes ein klaͤglicher Aberglaube iſt, und ich fuͤhle, daß es ein hoͤchſtes Weſen gibt, welches uͤber alle andere Goͤtter erhaben iſt. Drum, mein Sohn, nimm meinen Antrag ohne Bedenken und ohne Zaudern an.“ Hundert und acht und ſechzigſter Tag. Obſchon Fakrinniſa ſehr liebenswuͤrdig, und die, Heirat ſehr vortheilhaft fuͤr mich war; obſchon ich mir von Seiten meiner Religion durch die Verheiratung mit Dehauſch's Tochter nichts vorzuwerfen hatte, ſo fuͤhlte ich jedoch einen Widerwillen gegen dieſe Ver⸗ bindung: was nur die Wirkung des Andenkens an Kanſade ſein konnte. Ich hatte gleichwohl Gewalt genug uͤber mich, meinem Herrn nichts davon zu ver⸗ 292² 168. Tag. rathen, der da glaubte, ich willigte ein, weil ich nicht mehr widerſprach, und hin ging, ſeiner Frau und ſei⸗ ner Tochter dieſe Neuigkeit mitzutheilen. Ich hatte bald darauf eine Unterhaltung mit Fa⸗ krinniſa. Sie ſchien mir ſo froh und zufrieden, daß ich mich nicht enthalten konnte, mir einzubilden, daß ich ihr wohlgefiele. Ihr werdet gleich hoͤren, ob ich mir ihre Freude richtig auslegte. „Abulfauaris,“ ſprach ſie zu mir,„ich bin er⸗ freuet, daß euch mein Vater zu meinem Gatten er⸗ waͤhlt hat, denn ich zweifle nicht, daß ihr großmuͤ⸗ thig genug ſein werdet, mein Gluͤck machen zu wollen, ſelöſt auf Koſten des eurigen.“ „Ihr taͤuſchet euch nicht, ſchoͤnes Fraͤulein,“ ant⸗ wortete ich ihr,„es gibt nichts, was ich nicht fuͤr die reizende Fakrinniſa thaͤte.“ „Hdret mich an,“ fuhr ſie fort,„und ihr ſollt erfahren, welchen Dienſt ich von euch erwarte. Ich liebe den Sohn eines Kaufmanns in Golkonda, und werde leidenſchaftlich wieder geliebt. Er hat mehrmals bei meinem Vater um mich anhalten laßen, dieſer mich ihm aber jedesmal abgeſchlagen, wegen einer al⸗ ten Feindſchaft, die zwiſchen unſeren beiden Haͤuſern obwaltet. Ihr muͤßt mich nun heiraten, aber am Morgen nach unſerer Hochzeit mich, wie im Zorne, verſtoßen; ſodann ſtellet ihr euch, als wenn ihr mich Abulfanaris: erſte Reiſe. 293 wiedernehmen wollt, und erwaͤhlet meinen Geliebten zu eurem Huͤlla.“*) „Ich verſtehe euch,“ unterbrach ich ſie,„ihr wuͤnſcht nur, daß ich euch heirate, um euch euerm Geliebten zu uͤberliefern. Wohlan, mein Fraͤulein, ich willige ein: ihr ſollt befriedigt werden. Wie ſchwer es auch ſei, den Beſitz eines reizenden Weſens einem andern abzutreten, doch fuͤhle ich mich einer ſolchen Ueberwindung faͤhig. Aber was wird Herr Dehauͤſch davon denken? was wird er zu mir ſagen? Euch iſt nicht unbekannt, was ich ihm verdanke. Mein Be⸗ tragen wird ihm auffallen; er wird nicht ermangeln, mir Vorwuͤrfe daruͤber zu machen: was ſoll ich ihm darauf antworten?“ „Seid deshalb unbeſorgt,“ erwiederte ſie;„ihr duͤrft nur genau alles thun, was ich euch ſagen werde, und ich ſtehe euch dafuͤr, mein Vater wird mit euch zufrieden ſein.“ Auf dieſes Verſprechen hin, verſicherte ich ſie, daß ich entſchloſſen waͤre, ihrer Liebe auf ſolche Weiſe zu dienen, wie ſie wuͤnſchte. Erfreuet uͤber dieſe Zuſicherung, drang ſie bei ih⸗ rem Vater ſo ſehr auf die Beſchleunigung unſerer Hochzeit, daß ſie ſchon wenige Tage darnach gefeiert *) S. Bd. I. S. 217. 294 168. Ta g. wurde. Aber ſie ſchwur zuvor ihre Religion ab, und nahm die Mahomedaniſche an. Der ganze Gewinn, welchen ich von meiner Verbindung mit Fakrinniſa hatte, beſtand darin, daß ich dieſes Fraͤulein noͤthigte, dem Goͤtzendienſte fruͤher zu entſagen, als ſie ſonſt wohl gethan haͤtte. So liebenswuͤrdig ſie war, ſo opferte ich jedoch die Rechte des Gatten der Ehre meines ihr gegebenen Wortes auf, ſie nur als ein mir anvertrautes fremdes Beſitzthum zu betrachten, wel⸗ ches ich rein und ganz zuruͤckgeben muͤßte. Ich war nicht lange damit belaͤſtigt, und auf folgende Weiſe ſtellte ich es, nach der Vorſchrift meiner Frau, an, um ſie den Armen ihres Geliebten zu uͤberliefern. Wenige Tage nach unſerer Vermaͤhlung verſtieß ich ſie. Dehauſch, erſtaunt uͤber mein Verfahren, kam zu mir; denn wir hatten gleich am Tage unſerer Hoch⸗ zeit ein eigenes Haus bezogen. Er befragte mich, warum ich Fakrinniſa verſtoßen haͤtte. Ich antwortete ihm, ich haͤtte wahrgenommen, daß 15 eine geheime Leidenſchaft im Herzen naͤhrete, und weil ich nicht eine Frau wider ihren Willen beſitzen wollte, ſe. haͤtte ich ſie verſtoßen. Er lachte mich aus uͤber mein Zartgefuͤhl, und ſagte ſeine Tochter wuͤrde ſich ſchon allmaͤhlich an mich gewoͤhnen. Kurz, er ermahnte mich, ſie wiederzu⸗ nehmen, und ich ſtellte mich, als ließe ich mich uͤber⸗ reden. Abulfanaris: erſte Reiſe. 295 „Ich will in die Stadt gehen,“ ſagte ich zu ihm, „einen Huͤlla zu ſuchen, und ihn dieſe Nacht, ſammt dem Nayb des Kadi's, in mein Haus fuͤhren. Mor⸗ gen fruͤh, wenn der Huͤlla Fakrinniſa verſtoßen hat, komme ich, euch davon zu benachrichtigen, und wir wollen dann unſere Ehe unter guͤnſtigeren Vorbedeu⸗ tungen erneuen.“ 1 Hundert und neun und ſechzigſter Tag. Dehauſch ging nach Hauſe, wieder etwas zufrie⸗ dener mit mir, als er bei der Nachricht von der Ver⸗ ſtoßung ſeiner Tochter geweſen war. Er uͤberließ mir die Sorge, einen Huͤlla zu waͤhlen, und alles was ſonſt zu der Feierlichkeit gehoͤrte. So ging ich denn ſelber hin, Fakrinniſa's Geliebten zu holen, und beide wurden in meiner Gegenwart durch den Stellvertreter des Kadi's vermaͤhlt. Sie brachten die Nacht mit ein⸗ ander zu, und am folgenden Morgen, als der Huͤlla ſich weigerte, ſeine Frau zu verſtoßen, begab ich mich zu Dehauſch, und erzaͤhlte ihm, indem ich einen Schmerz bezeigte, welchen ich nicht fuͤhlte, daß der Huͤlla ſeine Frau nicht verſtoßen wollte, obgleich er mir den Tag zuvor verſprochen haͤtte, alles zu thun, was ich verlangete. 1 296 169. Ta g. „Man muß ſehen, wer dieſer Huͤlla iſt,“ ſagte hierauf Dehauſch;„iſt es nur ein Elender, ſo habe ich Anſehen und Geld genug, ihm meine Tochter wie⸗ der zu entreißen.“ Indem er noch alſo ſprach, kam auch der Nayb an, und ſagte zu ihm: „Herr Dehauſch, ich komme, euch zu benachrich⸗ richtigen, daß der Huͤlla, welchen euer Schwieger⸗ ſohn erwaͤhlt hat, der Sohn des Kaufmanns Amer iſt. Somit iſt eure Tochter fuͤr ihren erſten Mann verloren; denn der zweite iſt entſchloſſen, ſie ihm nie⸗ mals wieder abzutreten. Ich weiß wohl, daß Amer nicht zu euren Freunden gehoͤrt; aber ich rathe euch, zu Gunſten dieſer Heirat, euch mit ihm zu verſoͤhnen und den alten Haß zu erſticken, welchen ihr ſeit ſo langer Zeit gegen ihn genaͤhrt habt.“ Der Nayb begnuͤgte ſich nicht, meinen Schwieger⸗ vater zur Verſoͤhnung mit der Familie ſeines neuen Schwiegerſohns zu ermahnen, er erbot ſich auch, ſel⸗ ber mit dem Herrn Amer deshalb zu ſprechen und Aiits zu ſparen, um ſie mit einander voͤllig auszu⸗ nen. 4 Dehauſch, im guten Glauben, daß alles ſich ſo verhielte, ſah wohl ein, daß er nichts beſſeres ergreifen konnte, als was man ihm vorſchlug; er weigerte ſich alſo nicht, und da der Stellvertreter des Kadi's den Amer eben ſo geneigt dazu fand, ſo 3 Abulfauaris: erſte Reiſe. 297 ſtellte er zwiſchen den beiden Vaͤtern ein vollkommenes Einverſtaͤndnis her. Das Luſtigſte dabei war, daß Dehauſch, in dem Wahne, ich waͤre das Opfer dieſer Verſoͤhnung, mich beklagte, und um mich dafuͤr zu entſchaͤdigen, mir eine ſtarke Summe Geldes und die Freiheit gab, nach Baßra heimzukehren. Auf ſolche Weiſe wurde Fakrinniſa eines Mannes entledigt, welchen ſie nicht liebte, und mit ihrem Geliebten vereinigt. So bald ich ihr Gluͤck geſichert ſah, verließ ich Golkonda, geſellte mich zu einigen Leuten, welche nach Szurat reiſen wollten, und ging mit ihnen zur See. Wir beſtiegen ein Schiff, welches bald unter Segel ging, und unſre Fahrt war ſehr gluͤcklich. Haͤtte ich ſchon am Tage nach meiner Ankunft in Szurat, ein nach Baßra ſegelfertiges Schiff angetrof⸗ fen, ſo wuͤrde ich ſogleich dieſe Gelegenheit benutzt haben: da ich aber keins vorfand, ſo war ich gendoͤ⸗ thigt, dort zu verweilen. Hundert und ſiebzigſter Tag. Die Stadt Szurat iſt zu angenehm und zu reich an Merkwuͤrdigkeiten, als daß ich mich daſelbſt ge⸗ langweilt haͤtte. Ich beſuchte fleißig die oͤffentlichen 298 170. Tag. Baͤder, welche dort ſehr ſchoͤn ſind, und wo man beſ⸗ ſer bedient wird, als irgend anderswo auf Erden. Ich luſtwandelte auch haͤufig in den ſchoͤnen Umgebun⸗ gen und vor den Thoren der Stadt, oder in den koͤſt⸗ lichen Gaͤrten; denn man ſieht hier Gaͤrten, die ſehr ſorgfaͤltig unterhalten, und fuͤr jedermann offen ſtehen, wer ſich darin ergehen will. Eines Tages, als ich in einem dieſer Gaͤrten luſt⸗ wandelte, nahte ſich mir am Ende eines Baumgan⸗ ges ein ſchon etwas bejahrter Mann, und gruͤßte mich ſehr hoͤflich. Ich gruͤßte ihn ebenſo wieder, und wir knuͤpften ein Geſpraͤch mit einander an. Da er ſich mir ſehr freimuͤthig und offenherzig zeigte, ſo reizte ſeine Offenheit auch die meinige. Er ſagte mir, er waͤre ein Heide und haͤtte auf der Rheede von Szurat ein ihm gehoͤriges Schiff, womit er alljaͤhrlich eine kleine Seereiſe machte. Ich meinerſeits, um nicht im Vertrauen hinter ihm zuruͤckzubleiben, ſagte ihm, ich waͤre ein Mahomedaner, und erzaͤhlte ihm alle meine Abenteuer. Er bezeigte ſich ſo theilnehmend an meinen Unfaͤl⸗ len, daß es mir auffiel. Er bemerkte dieß, und ſprach zu mir: 3 „Ich ſehe wohl, mein Sohn, daß ihr verwundert ſeid, mich ſo lebhaft an euren Leiden theilnehmen zu ſehen. Aber, außerdem daß ich von Natur hoͤchſt mitleidig mit den Ungluͤcksfaͤllen meiner Naͤchſten bin, — Abulfauaris: erſte Reiſe. 299 muß ich euch ſagen, daß ich noch beſondere Freund⸗ ſchaft fuͤr euch fuͤhle, obwohl ihr nicht von meiner Religion ſeid. Ich bin geruͤhrt von den Faͤhrlichkeiten, welche ihr beſtanden habt; und wenn ihr ſie eurem eigenen Vater erzaͤhltet, ſo bin ich verſichert, daß er nicht mehr dabei empfinden wuͤrde, als ich.“ Es iſt natuͤrlich, die Freundſchaft, welche man uns bezeugt, zu erwiedern. Wenn er ſo verbindlich mit mir ſprach, ſo konnte er auch mit dem zufrieden ſein, was ich zu ihm ſagte. Er ſchien hoͤchſt erfreuet daruͤber, und rief aus: „O junger Mann, wie ſehr danke ich es meinem Heile, daß ich heute in dieſen Garten gekommen bin, weil ich euch darin gefunden habe! Ihr koͤnnt euch nicht vorſtellen, wie ſehr eure Unterhaltung mich er⸗ freuet. Jeder Augenblick erhoͤhet die Zuneigung, welche ich fuͤr euch gefaßt habe. Laßt uns zuſammen in die Stadt gehen, und ich bitte euch, nehmet eure Woh⸗ nung bei mir. Ich bin alt, reich, und habe keine Kinder: ich erwaͤhle euch zu meinem Erben.“ Mit dieſen Worten ſtreckte er mir die Arme ent⸗ gegen und umarmte mich mit einer Zaͤrtlichkeit, als wenn ich ſein Sohn geweſen waͤre. Ich mußte ihm fuͤr die neue Guͤte, welche er mir erzeigte, Donk ſagen. Abermalige Freundſchaftsver⸗ ſicherungen von ſeiner Seite; lebhafte Betheurungen von der meinigen. Kurz, der Beſchluß unſerer Un⸗ 500 170. Ta g. terhaltung war, daß wir zuſammen den Garten vee⸗ ließen und wieder in die Stadt gingen. Er fuͤhrte mich nach ſeinem Hauſe, welches keins der minder ſchoͤnen in Szurat war. Nachdem ſein Thuͤrhuͤter uns die Straßenthuͤre geoͤffnet hatte, erblickte ich, anſtatt des Hofes, zwei Blumenbeete*) mit allerlei Blumen, beide durch einen breiten Baumgang getrennt, deſſen Steig mit einem Moͤrtel bedeckt war, haͤrter und ſchoͤner als Marmor. Wir folgten dieſem Gange, der uns zu einem ſchoͤnen Wohngebaͤude fuͤhrte, wo man zwar kein Gold ſchimmern ſah, aber das Geraͤth, wenn auch eben nicht reich, doch nicht minder ange⸗ nehm zu ſehen war. Die Teppiche und Sopha's, obwohl nur von einfacher bunter Leinwand, zierten jedoch nicht deſto weniger die Zimmer; denn dieſe Leinwand war hoͤchſt geſchmackvoll gemuſtert und von der ſchoͤnſten, welche in Maßuͤlipatane) und an anderen Orten der Kuͤſte Koromandel verfertigt wird. Der Greis noͤthigte mich zuvoͤrderſt, in einem gro⸗ ßen ſteinernen Becken voll klaren reinen Waſſers, welches ihm gewoͤhnlich zum Waſchen diente, mich mit ihm zu baden, ſo wohl um ſich zu erfriſchen, *) In Szurat haben alle Häuſer der Reichen, anſtatt der Höfe, dergleichen Blumenbeete. **) Ein zu Golkonda gehöriger Hafen. Abulfauaris: erſte Reiſe. 301 als um die Pflichten ſeiner Religion zu erfuͤllen. Beim Austritt aus dem Bade, brachten Sklaven uns feines Linnen und trockneten uns ab. 1 Wir gingen hierauf in einen Saal, wo wir uns beide an einen Tiſch ſetzten, der mit mehrerlei Fleiſch⸗ ſpeiſen in Schuͤſſeln von Chineſiſchem Porzelan und Japaniſchem lackiertem Zeuge bedeckt war. Muskaten⸗ nuß von Malakka,) Gewuͤrznelken von Makaſ⸗ ßares⸗) und Zimmet von Serendib wuͤrzten vor allen die Bruͤhen dieſer Speiſen. Nachdem wir nach Gefallen davon gegeſſen hatten, tranken wir Palmen⸗ wein, genannt Tary, welchen ich koͤſtlich fand. Als wir ſo mit einander guter Dinge waren, ſprach mein alter Wirth zu mir: „Ich will euch etwas vertrauen, das euch zu er⸗ kennen geben wird, wie weit meine Zaͤrtlichkeit fuͤr euch geht. Ich werde binnen vierzehn Tagen aus dem Hafen Szualisn) abſegeln, um nach einer Inſel zu ſchiffen, welche ich gewoͤhnlich alljaͤhrlich beſuche. Ihr —» Auf der Malayiſchen Hinterindiſchen Halbinſel, Sumatra gegenüber; daher die Straße dazwiſchen die Malakka⸗ Straße heißt. 291 **) Haugtſtadt der ſonſt ebenſo, gewöhnlich aber Celebes genannten Inſel. 5 4 ***) Szuali heißt der Hafen von Szurat, nach einem großen Dorfe, welches zweihundert Schritte vom Meere liegt. 3⁰² 4 170. Tag. ſollt mit mir reiſen. Es befinden ſich auf dieſer In⸗ ſel, welche wegen der vielen Tieger daſelbſt unbewohnt iſt, mehr als zweihundert Brunnen, in welchen es Perlen von außerordentlicher Groͤße gibt. Dieſe iſt niemand bekannt, außer mir. Ein alter Schiffshaupt⸗ mann, deſſen Lieeblingsſklave ich einſt war, entdeckte mir dieſe Schaͤtze, und unterrichtete mich, auf welche Weiſe man ſich jenen Brunnen naͤhern kann, trotz den wilden Thieren, welche nur dort zu ſein ſcheinen, um den Zugang derſelben zu verwehren.“ „Wahrlich,“ ſagte ich, an dieſer Stelle den Greis unterbrechend,„der Schiffshauptmann that ſehr wohl, daß er euch das Geheimnis mittheilte, wie man un⸗ geſtraft in dieſe Inſel eindraͤnge; denn mich duͤnkt, die Tieger duͤrften die Fremden, welche dort anhalten, uͤbel empfangen.“ „Es iſt leicht,“ fuhr er fort,„auch die wuͤthig⸗ ſten Tieger in die Flucht zu jagen: wir duͤrfen nur waͤhrend der Nacht mit angezuͤndeten Reiſigbuͤndeln die Inſel betreten; der Anblick des Feuers erſchreckt dieſe Thiere und zwingt ſie, zu fliehen. Wir wollen alſo hingehen,“ fuͤgte er hinzu, und aus dieſen koſtbaren Quellen eine große Menge Per⸗ len hervorziehen, welche wir bei unſerer Ruͤckkehr in dieſer Stadt verkaufen koͤnnen; und das Geld, wel⸗ ches wir daraus loͤſen, vereinigt mit dem, welches ich Abulfanaris: erſte Reiſe. 3⁰³ ſchon auf dieſelbe Weiſe zuſammengebracht habe, wird ein anſehnliches Vermoͤgen ausmachen, deſſen ihr euch nach meinem Tode erfreuen koͤnnet.“ Hundert und ein und ſiebzigſter Tag. Um mich zu uͤberzeugen, daß er nur die Wahrheit redete, fuͤhrte er mich in ſeine Schatzkammer, und ließ mich Haufen von Gold- und Silber-Rupien*) ſehen: es war eine ungeheure Menge. „Wohlan,“ ſprach er zu mir,„ſcheint euch dieß hier der Aufmerkſamkeit werth, und ſpuͤrt ihr Wider⸗ willen gegen dieſe Reiſe?“ Ich antwortete ihm: keinesweges; aber ich bat ihn, er moͤchte mir erlauben, an meinen Vater zu ſchreiben, und ihm meine Ankunft in Szurat zu mel⸗ den, und die Urſachen, welche mich daſelbſt zuruͤck⸗ hielten. Mein alter Wirth willigte ein, und nahm ſelber meinen Brief, nachdem ich ihn vollendet hatte, und ſagte, er uͤbernaͤhme es, denſelben meinem Vater zu⸗ kommen zu laßen. *) Die Gold⸗Rupie gilt ungefähr vier und zwanzig Livres, und die Silber⸗Rupie dreißig Sous, nach Franzöſiſcher Währung. Beide ſind in Szurat gangbar. 3⁰4 171. T a g. Ich verließ mich hierin ganz auf Hyſum,— ſo hieß dieſer Heide,— und als der Tag unſerer Abreiſe gekommen war, ſchifften wir uns im Hafen Szuali ein. Wir gingen unter Segel, und nach einer dreiwoͤchentli⸗ chen gluͤcklichen Schiffahrt, erblickten wir ein kleines wuͤſtes Eiland, welches mein Alter mir als dasjenige bezeichnete, wo wir zu thun hatten. Wir legten bei derſelben an; aber wir erwarteten die Nacht, ehe wir ausſtiegen. Wir hatten jeder ein Reisbuͤndel in der Hand und noch viele andere unter den Armen. Wir fuͤhrten auch Saͤcke mit uns, um die Perlen hinein⸗ zuthun. In dieſem Aufzuge ſuchten wir die Brunnen beim Scheine unſerer Reisbuͤndel. Wir ſuchten nicht lange, bis wir einen der tiefſten fanden. „Steig in dieſen Brunnen hinab, mein Sohn,“ ſagte der Alte zu mir,„ich zweifle nicht, daß es ſehr ſchoͤne Perlen darin gibt.“ Ich ließ mich ſogleich an einem Stricke hinab, deſſen eines Ende er feſthielt. So bald ich auf den Grund kam, fuͤhlte ich Muſcheln unter meinen Fuͤßen: ich las davon auf, und fuͤllte damit einen Sack, welchen ich an das Seil band. Der Alte zog es hin⸗ auf, band den Sack los, oͤffnete die Muſcheln, und da er nur Perlenſaamen darin fand, band er den Sack wieder an das Seil, und rief mir zu: 3 „Die Perlen in dieſem Brunnen ſind noch nicht ſo beſchaffen, um ſie herauszunehmen: bedecke ſie mit Abulfauaris: erſte Reiſe. 3⁰q Erde, dadurch werden ſie wachſen, und wenn wir im naͤchſten Jahre wieder herkommen, wollen wir ſie holen.“ Ich that, was Hyſum mir ſagte; darnach zog er mich an dem Seile wieder hinauf. Wir gingen zu ei⸗ nem andern, noch tiefern Brunnen, der ſich an einem hohen Berge mitten auf der Inſel hinabſenkte. Die Muſcheln dieſes Brunnens enthielten Perlen von aus⸗ gezeichneter Schoͤnheit. Ich fuͤllte damit mehrmals den Sack des Alten, der zuletzt, als er ſo viel Perlen hatte, als er fortſchleppen konnte, das Seil zu ſich hinaufzog. Sodann ſprach er lachend zu mir: „Fahr wohl, junger Narr; ich danke dir fuͤr den Dienſt, welchen du mir geleiſtet haſt.“ „O, mein Vater, antwortete ich ihm,„ziehet mich doch wieder heraus.“— „Du biſt da ganz gut,“ verſetzte der Treuloſe; „lege dich nieder, und ruhe auf den Perlen aus. Ich habe die Gewohnheit jedes Jahr ſo einen jungen Mu⸗ ſelmann herzufuͤhren, wie du biſt. Du darfſt dich nur an deinen großen Propheten wenden: wenn er die Macht hat, Wunder zu thun, wie du es dir einbil⸗ deſt, ſo wird ar einen ihm ſo getreuen Anhaͤnger nicht verlaßen.“ III. 20 — 306 7T. Ta g. Mit dieſen Worten entfernte er ſich von dem Brunnen, und ließ mich darin ſchreien, weinen und wehklagen. „Ach ungluͤckſeliger Abulfauaris,“ rief ich aus, „zu welchen Leiden hat der Himmel dich verdammt? Was haſt du verbrochen, um dieſes grauſame Schick⸗ ſal zu verdienen?— Aber was beklage ich mich uͤber ein Ungluͤck, welches ich mir ſelber zugezogen habe? Haͤtte ich nicht dem treuloſen Goͤtzendiener, der mich ſo betrogen hat, mistrauen ſollen? Seine uͤbertriebe⸗ nen Liebkoſungen haͤtten mir verdaͤchtig ſein muͤßen; und wenn ich nur etwas Beſonnenheit gehabt haͤtte, ſo wuͤrde ich mich ihm nicht uͤberliefert haben.— Ach, uͤberfluͤſſige Reue! was frommt es mir gegenwaͤrtig, mich eines Fehlers anzuklagen, welchen ich nur zu ſehr buͤßen werde, und welchen zu vermeiden, nicht in meiner Macht ſtand? Ich ſollte nun einmal noth⸗ wendig in dieſen Abgrund ſinken, und dieſelbe Hand, die mich herabgeſtuͤrzt hat, kann mich auch wohl wie⸗ der daraus emporziehen.“ Dieſe Betrachtung hielt mich ab, mich der Ver⸗ zweiflung hinzugeben. Ich brachte die Nacht damit zu, den Grund des Brunnens zu unterſuchen, der mir von weitem Umfange ſchien. Ich fuͤhlte, daß ich uͤber Gebeine hinging, und ich erkannte daraus, daß ſchon andere vor mir in dieſem Abgrunde elendig⸗ lich umgekommen waren. Dieſer Gedanke raubte mir Abulfauaris: erſte Reiſe. 30⁰7 jedoch nicht den Muth; und mit Huͤlfe unſers großen Propheten der mich ohne Zweifel leitete, ſchritt ich dreiſt genug bis zu einer Oeffnung hin, wo ſich ein furchtbares Getoͤſe vernehmen ließ. Ich ſtand ſtill, und horchte; und nachdem ich einige Zeit aufmerkſam hingehoͤrt hatte, glaubte ich die Urſache dieſes Geraͤu⸗ ſches zu erkennen, und ich taͤuſchte mich nicht in mei⸗ ner Vermuthung. Es war das Zuſammenſchlagen mehrerer Wogen des Meeres, welche durch verſchie⸗ dene Spalten in die Kluͤfte des Berges eindrangen, ſich an dieſer Stelle begegneten. Hieraus ſchloß ich, daß ſie durch irgend eine Oeffnung wieder ins Meer zuruͤckſtromten, welche weit genug waͤre, daß ich mit ihnen hinaus koͤnnte, und ſprang in den Schlund hinab. Es fehlte nicht viel, ſo haͤtten die Fluten mich erſtickt: ſie benahmen mir die Beſinnung, riſſen mich mit ſich ſich hinweg, und ſchleuderten mich durch eine Spalte, welche man in dem Berge ſah, aufs Ufer des Meeres hin. 3 Hundert und zwei und ſiebzigſter Tag. Als ich wieder meiner Sinne maͤchtig war, und die Kluft erblickte, durch welche die Fluten mich wie⸗ der ans Licht gebracht hatten, ſo warf ich mich am Ufer auf die Knie nieder, um dem Himmel fuͤr meine 3⁰8 172. Tag. Befreiung zu danken. Sodann rief ich Mahomed fol⸗ gendermaßen an: „O großer Prophet der Glaͤubigen, Liebling des Allerhoͤchſten, ich bedarf deiner Huͤlfe mehr, als jemals. Was frommt es mir, daß du mich aus dem tiefen Schlunde gezogen haſt, in welchen ich gerathen war, wenn ich ein Raub der wilden Thiere auf dieſem Ei⸗ lande werde, oder wenn der Hunger hier meinem Le⸗ ben ein Ziel ſetzt!“ 5 Ich fuͤhlte mich, nach dieſer Anrufung, voll Ver⸗ trauens; ich ſtand auf, und ging rings um das Ei⸗ land her, ohne mich von der Kuͤſte zu entfernen. Ich ſah Hyſums Schiff nirgends mehr: der Verraͤther war ſchleunig wieder unter Segel gegangen, um heimzu⸗ kehren. Ich fuͤrchtete immer noch, die Tieger wuͤr⸗ den mich zerreißen und mich verſchlingen: indeſſen ſah ich keinen, und um mein Gluͤck vollſtaͤndig zu machen, erblickte ich bald ein großes Schiff, welches ziemlich nahe bei dem Eilande hin fuhr: ich entfaltete die Leinwand meines Turbans, um ein Zeichen zu geben, daß man mich abholen ſollte. Einige Leute, die auf dem Verdecke waren, bemerkten mich. Es wurde ein Boot niedergelaßen, man kam herbei, nahm mich ein, und brachte mich an Bord. Denket euch meine Freude, als ich in dem Haupt⸗ manne dieſes Schiffs einen vertrauten Freund meines Vaters erkannte, und in der uͤbrigen Schiffsmann⸗ Abulfauaris: erſte Reiſe. 3⁰]9 ſchaft Leute aus Baßra. Ich erzuͤhlte ihnen, durch welches Abenteuer ich auf dieſes Eiland gekommen waͤre; was ſie mit großer Aufmerkſamkeit anhoͤrten. Jedermann verfluchte den Alten, der mir ſo unmenſch⸗ lich mitgeſpielt hatte; ich ließ ihren Verwuͤnſchungen gegen ihn freien Lauf. Hierauf befragte ich den Schiffshauptmann nach meinem Vater. „Er befindet ſich ſehr wohl,“ antwortete er mir, „als ich Baßra verließ; denn ich habe ihn noch am Tage meiner Abreiſe geſehen.“ Ich that dem Schiffshauptmann noch etliche andere Fragen uͤber Dinge, welche meine Familie betrafen. Darnach kam man wieder auf den treuloſen Hy⸗ ſum zuruͤck, und die ganze Schiffsmannſchaft war der Meinung, man muͤßte an der Inſel landen, um in den Brunnen zu fiſchen. Da wir in zu großer An⸗ zahl waren, um die Tieger zu fuͤrchten, ſo bedurften wir nicht der brennenden Reisbuͤndel; und wenn mein treuloſer Alte dieſe Vorſicht gebrauchte, ſo geſchah es bloß deshalb, weil er mit niemand die Perlen theilen wollte. Wir legten uns alſo bei der Inſel vor Anket, und ſtiegen ans Land, ohne die Nacht abzuwarten. Wir waren mit Pfeilen und Saͤbeln bewaffnet, um die wilden Thiere abzuwehren, wenn ſie es wageten, ſich uns zu naͤhern. Hierauf ſtiegen wir abwechſelnd in die Brunnen hinab, worin wir Perlen in Ueberfluß fanden. Die Menge der Muſcheln welche man her⸗ 172. Tag. auszog, war nicht zu zaͤhlen. Wir gebrauchten drei volle Tage, um ſie alle zu oͤffnen, und die Perlen aus denſelben zu theilen, und dieſe Theilung fiel ſo aus, daß jeder damit zufrieden ſein konnte. Sodann ging man wieder unter Segel und ſteu⸗ erte nach Serendib, um dort die gemalte Leinwand von Szurat zu verkaufen, und dagegen Zimmet ein⸗ zukaufen. Wir ſchifften froͤhlich dahin, als ſich ploͤtz⸗ lich ein wuͤthender Sturm erhub, der uns von unſerer Fahrt abtrieb, und uns auf gut Gluͤck ſechs Tage lang umher irren ließ. Am ſiebenten Tage ward wie⸗ der ſchoͤn Wetter; aber weder der Steuermann noch der Schiffshauptmann konnten beſtimmt angeben, wo wir waͤren. Es duͤnkte uns, daß unſer Schiff dahin liefe, als wenn es von Meerſtroͤmen fortgeriſſen wuͤrde. Wir wußten nicht, was wir davon denken, noch was wir dagegen anſtellen ſollten; denn trotz al⸗ len unſeren Anſtrengungen, wurde das Fahrzeug un⸗ widerſtehlich gegen einen Berg hingezogen, welchen wir endlich am achten Tage entdeckten. Dieſer Berg ſtreckte ſich weit hin, und ſchien von erſtaunlicher Hoͤhe. Er war ſehr ſteil, und, was uns am meiſten auffiel, er ſah aus, als wenn er von geſchliffenem Stahle waͤre, ſo hell und leuchtend erſchien er uns. Da ſtieß ein alter Matroſe einen tie⸗ fen Seufzer aus, und rief: Abulfauaris: erſte Reiſe. 312 „Wir ſind verloren! Ich erinnere mich, vormals von dieſem Berge gehoͤrt zu haben. Man ſagt, er iſt allen Schiffen verderblich, welche ſich ihm naͤhern. So bald ſie einmal an den Fuß des Berges gekommen ſind, werden ſie dort, wie durch einen Zauber, feſtge⸗ halten: ſie koͤnnen nicht wieder los, noch ſich davon entfernen.“ Dieſer Bericht des alten Matroſen verſetzte die ganze Schiffsmannſchaft in graͤnzenloſe Betruͤbnis. „Wehe!“ ſagte der eine:„was nuͤtzt es uns nun, ſo viel Perlen gefunden zu haben, wenn wir ſie hier zugleich mit dem Leben verlieren ſollen?“ „Konnte denn niemand unter uns“ rief ein an⸗ drer aus,„die Gefahr fruͤher erkennen, in welcher wir uns nun befinden?“ Dieſer hier erfuͤllte die Luft mit Wehklagen und Jammergeſchrei, daß er ſeine Frau und Kinder nie wiederſehen ſollte; jener warf ſich auf dem Verdeck zuf die Knie nieder und flehte die Huͤlfe des Prophe⸗ en an. Mehr geruͤhrt von der Betruͤbnis, in welcher ich alle um mich her ergriffen ſah, als von der Gefahr — welche uns drohte, ſagte ich zu dem Schiffs⸗ errn: „Herr, was hilft es, uns feige dem Schmerze hinzugeben? Laßt uns lieber auf Mittel denken, aus dieſer Noth zu kommen. Was mich betrifft, ſo 3¹² 172. 173. T a g. bekenne ich euch, ſei es, daß ich von Natur etwas beherzt bin, oder ſei es, daß Mahomed mich in die⸗ ſem Augenblick beſeelt, ich bin keinesweges uͤber die Lage erſchrocken in welcher wir uns befinden. Folget mir: ſo bald wir an den Fuß des Berges gekommen ſind, ſo laßt uns verſuchen, den Gipfel deſſelben zu erreichen: wir wollen mit einander hinauf klimmen, vielleicht finden wir dort oben ein Mittel zu unſerer Rettung.“ Der Schiffshauptmann, der nicht minder in Angſt war, als alle uͤbrigen, antwortete mir, er wollte zwar, mir zu Gefallen, thun, was ich ihm vor⸗ ſchluͤge; er haͤtte jedoch keine Hoffnung, daß wir uns noch retten koͤnnten.. Unterdeſſen trieb unſer Schiff bis an den Fuß des Berges. Der Hauptmann und ich, wir warfen uns in das Boot, wir ſtiegen ans Land, und begannen, den Berg zu erklimmen. Nicht ohne Muͤhe gelangten wir bis auf den Gipfel. Hundert und drei und ſiebzigſter Tag. Wir erblickten hier oben mit Erſtaunen ein gruͤ⸗ nes ſehr umfaſſendes und hohes Kuppelgebaͤude: wir nahten uns demſelben, und ſahen, daß oben darauf eine ſtaͤhlerne, zehn Ellen hohe Saͤule ſtand, an Abulfauaris: erſte Reiſe. 3¹3 deren Fuß mit goldenen Ketten eine kleine Trommel von Aloeholz und ein Schlaͤgel von rothem Sandel⸗ holze hing. Ueber dieſem Becken ſtand eine Ebenholz⸗ Tafel, auf welcher man folgende Worte mit goldenen Buchſtaben las: „Wenn etwa ein Schiff ſo ungluͤcklich iſt, von dieſem Berge angezogen zu werden, ſo kann es nicht wieder ins offene Meer gelangen, wo⸗ fern nicht Folgendes beobachtet wird: Einer von der Mannſchaft muß mit dieſem Schlaͤgel drei Schlaͤge auf die Trommel thun. Beim erſten Schlage wird das Schiff ſich einen Pfeilſchuß weit von dem Berge entfernen; beim zweiten wird es den Berg aus dem Geſichte verlieren; und beim dritten wird es ſich auf dem Wege befinden, welchen es nehmen will. Aber derje⸗ nige, der die Trommel ſchlaͤgt, muß freiwillig hier bleiben und die uͤbrigen fahren laßen.“ Als wir dieſe Inſchrift geleſen hatten, welche u einen Talisman vorausſetzen ließ, kehrten wir na dem Schiffe zuruͤck, um der Mannſchaft unſre Ent⸗ deckung mitzutheilen. Jeder war erfreuet, daß es noch ein Mittel zu unſerer Rettung gaͤbe: aber nie⸗ mand woltte das Opfer dafuͤr ſein. Der geringſte Matraſe weigerte ſich, ſich fuͤr die uͤbrigen aufzu⸗ opfern. 5¹4 75. LC a g. „Wohlan,“ ſagte ich jetzo,„weil denn niemand von euch hier bleiben mag, ſo will ich hier bleiben. Ich bin bereit, mich fuͤr euch alle aufzuopfern, wo⸗ fern ihr mir verſprechet, daß ihr von hier aus nach Baßra ſchiffet, meinem Vater Nachricht von mir V bringet, und ihm getreulich alle die mir gehoͤrigen Perlen uͤbergebet.“ Auf dieſes Erbieten, riefen alle aus, ſie baͤten den Himmel, ſie Schiffbruch leiden zu laßen, wenn ſie nicht genau alles erfuͤlleten, was ich von ihnen forderte. Der Schiffshauptmann verſicherte mich, wie die uͤbrigen, daß ich daruͤber ganz ruhig ſein koͤnnte: ſie wuͤrden ſtraks nach Baßra zuruͤckkehren, ohne nach Serendib zu fahren. Er bezeugte mir auch einigen Schmerz uͤber meinen Verluſt; aber ich konnte wohl gewahren, daß er heilfroh war, aus der Noth zu kommen. 1 Kurz, ich umarmte Alle, die auf dem Schiffe waren, und ſagte ihnen auf ewig Lebewohl. Sie ſetz⸗ ten mich ans Land. Ich ſtieg allein wieder den Berg hinauf, trat zu der Kuppel hin, ergriff den Schlaͤgel, und ſchlug damit auf die Trommel. Das Schiff ent⸗ fernte ſich alsbald von dem Berge, und bei dem zwei⸗ ten Schlage verlor ich es aus dem Geſichte. Ich ſchlug noch zum drittenmale, und hierauf verweilte ich unter der Kuppel, bereit mein Opfer zu vollbringen, Abulfauaris: erſte Reiſe. 315 und das Schickſal uͤber mich ergehen zu laßen, wel⸗ ches mir beſtimmt waͤre. Ich unterließ nicht, mich abermals an den Prophe⸗ ten zu wenden; und als wenn ich ſeines Beiſtandes ſicher geweſen waͤre, ſchritt ich getroſt vorwaͤrts auf dem Berge, der einen Umfang von mehr als zwei Meilen hatte. Nach einer Stunde Weges, erblickte ich einen abgelebten Greis. Er hatte einen Kahlkopf, einen weißen, wunderlangen Bart, und Triefaugen. Es ſchien kaum noch ein Lebenshauch in ihm zu ſein. Er ſaß auf einem Steine, an der Thuͤre eines kleinen, von Erde und Holz gebauten Hauſes, und hielt einen Stock in der Hand. Ich naͤherte mich ihm, und nachdem ich ihn ehr⸗ erbietig gegruͤßt hatte, bat ich ihn, mir zu ſagen, warum doch die Schiffe, welche dieſem Berge bis auf eine gewiſſe Entfernung nahe kaͤmen, von demſelben unwiderſtehlich angezogen wuͤrden, und wer der Ur⸗ heber des Talismans ſein moͤchte, deſſen Kraft ſie wieder ins offene Meer zuruͤcktriebe. Der Greis erhub ſich bei dieſen Worten, indem er ſich auf ſeinen Stock ſtuͤtzte, und das Haupt vor Schwaͤche ſchuͤttelte; er erwiederte meinen Gruß, und ſagte mir, die Schiffe wuͤrden durch Meerſtroͤme dem Berge zugetrieben; was den Talisman betraͤfe, der in der Trommel enthalten waͤre, ſo wuͤßte er nicht, wer ihn gemacht haͤtte: wenn ich aber neugierig waͤre, 5¹⁶ 173. Ta g. dieſes Geheimnis zu erfahren, ſo duͤrfte ich nur mei⸗ nen Weg fortſetzen: ich wuͤrde ſeinen Bruder antref⸗ fen, der noch viel aͤlter waͤre, als er, und mir einige Aufkläͤrung daruͤber geben koͤnnte. Ich nahm ſogleich Abſchied von ihm, und traf auch wirklich bald einen zweiten Greis. Dieſer ſchien aber kraͤftiger: er fing erſt an zu ergrauen, und man haͤtte ihn eher fuͤr den Sohn, als fuͤr den aͤlteren Bruder des erſten halten ſollen. Ich fragte ihn, wie den erſten, ob er nicht wuͤßte, wer den Talisman gemacht haͤtte. „Nein,“ antwortete er mir,„ich weiß es nicht; wenn es euch aber jemand ſagen kann, ſo iſt es ohne Zweifel mein aͤlterer Bruder, welchen ihr zwei Schritte von hier auf eurem Wege antreffen werdet.“ Ich ging alſo fuͤrder, und erblickte bald einen Mann, der das Land baute. Er hatte noch gar kein graues Haar, und ſchien mir ſo kraͤftig, daß ich mir nicht denken konnte, daß er bejahrter waͤre, als die beiden Greiſe, welche ich ſo eben geſehen hatte. „O mein Vater,“ redete ich ihn an,„ich komme eben von zwei alten Leuten, welche mich zum beßten gehabt haben: ich bat ſie, mir zu ſagen, wer der Urheber des Talismans auf dem Berge waͤre, und ſie antworteten mir, ſie wuͤßten es nicht; ſie haͤtten aber einen aͤlteren Bruder, der es mir ſagen koͤnnte.“ Abulfauaris; erſte Reiſe. 3⁰7 Der Greis laͤchelte bei dieſen Worten, und ant⸗ wortete mir: „O mein Sohn, ſie haben euch die Wahrheit ge⸗ ſagt; ſie ſind wirklich beide meine juͤngeren Bruͤder.“ Hundert und vier und ſiebzigſter Tag. Wenn dieſe Antwort des dritten Greiſes mich ſchon in Erſtaunen ſetzte, ſo vermehrte ſich dieſes, als er hinzufuͤgte: 34 „Man nennt uns,“ ſagte er,„die drei Alten vom Berge. Der erſte, den ihr angetroffen habt, iſt der juͤngſte: er iſt nur funfzig Jahr alt; und wenn er gebrechlich, hinfaͤllig und veraltet iſt, ſo koͤmmt es daher, daß er ein boͤſes Weib gehabt hat und Kinder, welche ihm Herzeleid gemacht haben. Der zweite iſt fuͤnf und ſiebenzig Jahr alt, und noch etwas jugendlicher, weil er eine gute Frau und keine Kinder gehabt hat; ich aber bin noch ruͤſtiger, als! meine Bruͤder, obgleich ich ſchon uͤber hundert Jahr alt bin, weil ich mich niemals habe verheiraten wollen. Was den Talisman betrifft,“ fuhr er fort,„deſe ſen Urheber ihr zu wiſſen wuͤnſcht, ſo erinnere ich mich, in meiner Jugend gehoͤrt zu haben, daß er von 318 174. T a g. einem großen Indiſchen Kabaliſten herruͤhrt; das iſt⸗ alles, was ich davon weiß.“ Ich fragte ihn darauf, ob ich nahe bei einem be⸗ wohnten Lande waͤre. „Ja,“ antwortete er mir,„ihr duͤrfet nur den Weg verfolgen, den ihr geht, ſo werdet ihr bald auf eine weite Ebene gelangen, welche durch einen andern Berg begraͤnzt wird, an deſſen Fuß zwei Steige ſich ſcheiden, der eine zur Rechten der andre zur Linken; folget dem erſten, und er wird euch in eine große Stadt mit einem ſehr ſchoͤnen Hafen fuͤhren. Huͤtet euch wohl, den Steig zur Linken zu gehen, ihr wuͤr⸗ det da in ein Gehoͤlz gerathen, welches von ſehr boͤs⸗ artigen Menſchen bewohnt wird: ſie beſchaͤftigen ſich damit, Seife zu ſieden, und ſie machen ſich kein Ge⸗ wiſſen daraus, in ihre Seifenkeſſel alle Fremdlinge zu werfen, welche das Ungluͤck haben, in ihre Haͤnde zu fallen; ſie behaupten, daß ihre Seife davon um ſo beſſer wird; und wahr iſt, daß man ſie mehr ſchaͤtzt, als alle andere Seifen auf der Welt.”“) Ich dankte dem Alten fuͤr die Weiſung, welche er mir gab, und ich huͤtete mich wohl, ſie zu vernach⸗ *) Man erinnert ſich hier, daß bei der Räumung eines Kirch⸗ hofs innerhalb Paris, um 1780, eine große Menge dicht dei einander gelegener Leichen in Seife verwandelt gefun⸗ den wurden. 4 1 ——— ——— Abulfauaris: erſte Reiſe. 319 laͤßigen. Nachdem ich die Ebene durchſchritten hatte, folgte ich dem Steige zur Rechten, und derſelbe fuͤhrte mich, wie man mir geſagt hatte, zu einer ziemlich großen und volksreichen Stadt. Die Straßen und Haͤuſer derſelben waren ſchoͤn, und der Hafen lag vol⸗ ler Schiffe. Ich ſchloß daraus, daß hier ein großer Handel getrieben wuͤrde, und ich taͤuſchte mich nicht. Ich ſah hier Schiffe, mit Pfeffer beladen, welche aus den Koͤnigreichen Kanara und Viſapur) kamen, und andere mit Kardamum*—⸗) von Kananor befrach⸗ tet, und noch andere mit Zimmet. Ich erblickte Kauf⸗ leute von allerlei Voͤlkerſchaften. Waͤhrend ich ſo beſchaͤftigt war, den Hafen zu beſchauen, trat ein Mann zu mir heran; wir ſahen uns einander an, und erkannten uns: es war Ha⸗ bib, der Handelsfreund meines Vaters aus Seren⸗ dib. Nachdem wir uns zu wiederholten Malen um⸗ armt hatten, rief er aus: *) Viſapur heißt die Hauptſtadt des Indiſchen Königreichs/ Dekan. Das Königreich Kanara liegt zwiſchen Dekan und Malabar. **) Kardamum iſt ein Gewürz, welches nur in dem Königreiche Kananor wächſt. Die Indier, Perſer und Türken thun es in die Brühen aller ihrer Fleiſchſpeiſen. In Europa wen⸗ det man es nur in Arzeneien an.— Kananor oder Ka⸗ naeor iſt eine Stadt der Malabariſchen Küſte von Indien. 320 174. Tag. „Wer haͤtte glauben ſollen, daß ich hier Abul⸗ fanaris wiederfinden wuͤrde? Welches Geſchick hat euch von Serendib weggefuͤhrt, ohne von mir Abſchied zu nehmen, ja ohne mich von eurer Abreiſe zu benach⸗ richtigen? und durch welches unverhoffte Gluͤck ſeid ihr mir wieder zugefuͤhrt?“. Hierauf erzaͤhlte ich ihm mein Abenteuer mit Kan⸗ ſade, und was ſeitdem mir begegnet war. Er ſeiner⸗ ſeits unterrichtete mich, daß er ein Schiff in dieſem Hafen haͤtte, womit er hergekommen, Zimmt zu ver⸗ kaufen; daß er ſeine ganze Ladung verkauft haͤtte, und binnen vier und zwanzig Stunden ſchon wieder weit von hier zu ſein hoffte.— Ich bezeugte ihm meine Freude, ihn wiedergefun⸗ den zu haben. Er fuͤhrte mich an Bord ſeines Schif⸗ fes, und noch denſelben Tag gingen wir unter Segel nach Serendib. Ich freute mich, wieder dorthin zu kommen, und ihr koͤnnt wohl denken, daß Kanſade viel Antheil an dem Vergnüͤgen hatte, welches ich mir daraus machte, dieſe Stadt wiederzuſehen. Wir ka⸗ men nach einer nicht langen Fahrt dort an, weil wir beſtaͤndig guͤnſtigen Wind hatten. 8 Ich war aͤußerſt ungeduldig, etwas von Kanſade'n zu vernehmen, welche ich nicht aufhdͤren konnte zu lieben, obwohl ich eben nicht Urſache hatte, mit der Behandlung, welche ich von ihr erfahren hatte, zu⸗ frieden zu ſein. 1 Abulfauaris: erſte Reiſe. 321 Eines Morgens ging ich aus Habibs Hauſe, in der Abſicht, nichts zu ſparen, um uͤber dasjenige was ich wiſſen wollte, aufgeklaͤrt zu werden, als eine Art un Sklave mich auf der Straße anhielt, und zu mir agte: „Herr,„erkennet ihr mich nicht?“ „Nein,“ antwortete ich ihm:„eure Zuͤge ſind mir gleichwohl nicht ganz unbekannt; es ſchwebt mir wohl ſo vor, daß ich euch ſchon geſehen habe, aber ich kann doch nicht ſagen, wo.“ „Ich meinerſeits erkenne euch wohl,“ fuhr er fort: vihr ſeid Muſelmann und nennt euch Abulfauaris: ich habe die Ehre gehabt, euch allerlei kleine Dienſte zu leiſten, waͤhrend eures Aufenthalts bei der Prinzeſ⸗ ſinn Kanſade, deren Sklave iich war, und noch bin. Ich war es, der, auf ihren Befehl, den Schiffsherrn Dehauſch holte, dem man euch uͤberlieferte. Ich rich⸗ tete dieſen Auftrag nur mit Bedauern aus, ich bitte euch, davon uͤberzeugt zu ſein.“ III. 21 draaaqman 16 17 18 19 29