Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und JCeſebedingungen. 8 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: „ 3— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.————y ¹ auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 66. Schadenersatz. Fuür beſchmutzte Bdefecte Bücher(namentlich bei ſolchen e.. tzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt Taugend und Ein Tag. Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Aus dem Persischen, Türkischen und Arabischen nach Petis de la Croix, Galland, Cardonne, 5 Chawis und Cazotte, dem Grafen Caylus und Anderen, Rberſezt von F. H. von der Hagen. Zweiter Band. Prenzlau, Orus und Verlag der Ragoczyſchen Buchhandlung. 1827. Tauſend und Ein Tag. Perſiſche Erzaͤhlungen. Zweiter Band, Inhalt des zweiten Bandes. Seite Geſchichte des Prinzen Kalaf und der Prinzeſſinn Turandokt⸗⸗ ⸗ ⸗, ⸗ 1 46ſter Tag 27 ⸗ e ⸗ 5 42 ſter Tag z r ⸗,-⸗ 1I1 48ſter Tag»⸗⸗, e, ⸗ 17 Geſchichte des Prinzen Fadlallaß und der ſchoͤnen Semrude 2 2⸗ ⸗ ⸗ 2 3- 5 20 49ſter Tag ⸗ ⸗, ,⸗ ⸗ 23 5oſter Tag 2 2= 2 2 27. 2 21 27 5 1ſter Tag. ⸗ ⸗ ⸗ ⸗. 34 52ſter Tag 2 2 2 ⸗ ⸗„ 40 53ſter Tag ⸗-⸗ ⸗ 45 — 54ſter Tag„. ⸗ 52 3 55ſter Tag„ ⸗ ⸗ ⸗=-⸗ 2 56 8 56ſter Tag ⸗, ⸗ ⸗-⸗ 61 57 ſter Tag„-„ 6⸗⸗⸗ ⸗ ⸗ 2⸗ 64 58ſter Tag„s e-⸗-⸗ 70 59ſter Tag 6oſter Tag A u 7 Fortſetzung und Beſchluß öſter Tag ⸗ 62ſter Tag 63ͤſter Tag 64ſter Tag 65ſter Tag 66ſter Tag 67 ſter Tag 68ſter Tag 69ſter Tag 7oſter Tag 7 1ſter Tag 72 ſter Tag 73ſter Tag 7 4ſter Tag 75ſter Tag 76ſter Tag 72 ſter Tag 78ſter Tag 79ſter Tag 80ſter Tag S8Iſter Tag 382ſter Tag Rnnu8u KNu Un u n u ANn A a A. „KENNn A a G R RN uw N u Ku n Na NGN u Au/n R Nn Nnn a Nu N A unun A. N U ã A KRu un Nuu N auna aun n N 7 „ AK a K n R AN AN An K u Nu G AK N u der Geſchi zen Kalaf und der Prinzeſſinn Turandokt KNu wRuagan„nuaugn nn u dA RNu n u RNndNnn A n N u us A n AͤAN n dd uUNdR V u u U u A u d chte des KRNANKNN d aA NNnnnuug aunun nn N Prin ARNRu-nnd n ann Guacnen un a A u N A Nu unnuun—n n u RNn N 100 105 II1 117 123 129 134 138 142 148 15² 156 161 u RKnn nuNn 166 173 177 181 185 189 194 — Inhalr. N Seite Geſchichte des Koͤnigs Bedreddin⸗Lolo und ſeines Veſyrs Atalmuͤlk, benannt der traurige Veſyr 199 83ſter Tag⸗⸗ ⸗ 8 3 3 8 2 ⸗ 5-⸗ 2 201 Geſchichte Atalmuͤlks, benannt der traurige Ve ſyr, und der Prinzeſſinn Sélika Bejumé⸗ ⸗ 203 84ſter Tag. ⸗ ⸗ 207 85ſter Tag ö 212 86ſter Tag r 2 7⸗ ⸗ ⸗⸗ ⸗ 2 218 87ſter Tag ⸗⸗⸗ ⸗ 2 ⸗ 2 2 222 88ſter Tag ⸗⸗ ⸗ 226 S9ſter Tag 7, 232 Hoſter Tag- ⸗ ⸗. 236 9 Iſter Tag 7 7 7 27 2 ⸗ 2 2⸗ 241 92ſter Tag ⸗ ⸗, ⸗-⸗ ⸗ 245 93ſter Tag ⸗ ⸗ ⸗ 7. ⸗ 2 251 94ſter Tag 7 ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 256 95ſter Tag 2⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 261 96ſter Tag- 2⸗„,: ⸗„ 266 97 ſter Tag ⸗ 2⸗ 2 272 98ſter Tag ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 2⸗ ⸗ 222 . doſter Tag ⸗⸗⸗ 2 2 282 Fortſetzung der Geſchichte des Koͤnigs Bedreddin⸗ . Lolo ⸗.- ⸗ 7 ⸗ ⸗ 2 285 Inhlalnt. Geſchichte des Prinzen Sehfa Muͤluk⸗ r0oſter Tag 10Iſter Tag 102ter Tag 103ter Tag An a 2 7 Geſchichte des Prinzen Kalaf und der Prinzeſſinn Turandokt. „Nachdem ihr die Geſchichte Kulufs gehoͤrt habt, ſollt ihr nun die Geſchichte des Prinzen Kalaf hoͤren. Kalaf war der Sohn eines alten Chans der No⸗ gars⸗Tataren. Die Geſchichte ſeiner Zeit gedenkt ſeiner mit hohem Ruhme; ſie ſagt von ihm, daß er alle Fuͤrſten ſeines Zeitalters an Schoͤnheit, Geiſt und Tapferkeit uͤbertraf; daß er eben ſo gelehrt war, als die groͤßten Schriftgelehrten; daß er den myſtiſchen Sinn der Auslegungen des Korans durchdrang, und die Spruͤche Mahomeds auswendig wußte; kurz, ſie nennt ihn den Helden Aſiens, und den Phoͤnix des Mcorgenlandes. II. 1 2 45. Tag. In der That, hatte dieſer Prinz, in einem Alter von achtzehn Jahren, vielleicht nicht ſeinesgleichen auf der Welt; er war die Seele in dem Rathe ſeines Va⸗ ters Timurtaſch:*) wenn er eine Meinung vortrug, ſo billigten ſie die erfahrenſten Miniſter, und konnten nicht genug ſeine Beſonnenheit und Weisheit bewun⸗ dern. Ueberdieß, wenn vom Kriege die Rede war, ſah man ihn an der Spitze des Heeres den Feind auf⸗ ſuchen, ihn angreifen und beſiegen. Er hatte ſo ſchon mehrere Siege davongetragen, und die Nogais hatten ſich durch dieſe gluͤcklichen Erfolge ſo furchtbar gemacht, daß die benachbarten Voͤlker ſich nicht mit ihnen zu entzweien wagten. In ſolchem Zuſtande waren die Angelegenheiten des Chans, ſeines Vaters, als an ſeinem Hofe ein Ge⸗ ſandter des Koͤnigs von Karisme) erſchien, und *) Timur, Timür, bedeutet im Türkiſchen Eiſen. Daher Timur⸗lenk(d. i. der hinkende Timur), gewöhnlich Tamerlan. H. **) Eigentlich Chuareſem oder Chuaresm, ein Land auf beiden Seiten des Gihon oder Oxus, 5 bis 6 Tagereiſen von ſeinem Ausfluß in den Aral⸗See, mit der Hauptſtadt Korkandſch, die von Vielen auch wie das Land genannt wird. Dieß hat ſeinen Namen von dem Siege, in welchem Kai Chosru, der dritte Perſerkönig vom Stamme der Kajaniden, den Scheidah, Afraſtabs Sohn, erſchlug; denn Chuaresm bedeutet im Perſiſchen leichter Sieg. H. —— » & Kalaf und Turandokt. 3 nachdem er vorgelaßen war, erklaͤrte, daß ſein Herr fuͤr die Zukunft eine jaͤhrliche Abgabe von den Nogais⸗ Tataren forderte; wo nicht, ſo wuͤrde er ſelber mit zweimal hunderttauſend Mann kommen, ſie dazu zu zwingen, und ihrem Fuͤrſten Krone und Leben zu neh⸗ men, zur Strafe, daß er nicht gutwillig ſich unter⸗ worfen haͤtte. Der Chan verſammelte deswegen ſeinen Rath. Man uͤberlegte, ob man lieber die Abgabe bezahlen, als mit einem ſo maͤchtigen Feinde deshalb handgemein werden, oder ob man ſeine Drohungen verachten ſollte. Kalaf, und die meiſten, die an der Berathung theilnahmen, waren dieſer letzten Meinung, dergeſtalt, daß der Geſandte mit abſchlaͤgiger Antwort heimgeſchickt wurde. Hierauf ſandte man Abgeordnete zu den benach⸗ barten Voͤlkern, um ihnen vorzuſtellen, wie wichtig es fuͤr ſie waͤre, ſich mit dem Chan gegen den Sultan von Karisme zu vereinigen, deſſen ausſchweifender Ehrgeiz nicht ermangeln wuͤrde auch von ihnen dieſelbe Abgabe zu fordern. Den Abgeordneten gelangen ihre Unterhandlungen, die Nachbarvoͤlker, unter andern die Circaſſier,*) verſprachen, ſich mit dem Chan zu *) Das durch ſeine Schönheit berühmte Volk, nördlich am Kaukaſus zwiſchen dem Don und der Wolga. 4 45. T a g. vereinigen und ihm funfzig tauſend Mann zuzufuhren. Auf dieſe Verheißung, ließ der Fuͤrſt, zu dem Heere, welches er gewoͤhnlich auf den Beinen erhielt, noch neue Truppen ausheben. Waͤhrend die Nogais dieſe Vorkehrungen trafen, verſammelte ſeinerſeits der Sultan von Karisme zweimal hunderttauſend Krieger, und ſetzte zu Kodſchand über den Jaxartes.) Er durchzog die Laͤnder IJlak und Szaganak,) wo er Lebensmittel im Ueberfluß antraf, und drang bis Dſchuͤnd vor, ehe das von Kalaf angefuͤhrte Heer des Chans ins Feld zu ruͤcken vermochte, weil die Circaſſier und die uͤbrigen Huͤlfs⸗ voͤllker ſich nicht eher mit ihm vereinigen konnten. Sobald Kalaf alle erwartete Verſtaͤrkungen erhal⸗ ten hatte, ruͤckte er gerade auf Dſchuͤnd los; aber kaum hatte er uͤber den Dſchengikuͤnt) geſetzt, als ſeine Vorlaͤufer ihm ſchon berichteten, daß die Feinde ſich ſehen ließen, und in Schlachtordnung *) Der ſonſt Sihon genannte Strom, der von den Arabern gemeinlich nach der an ihm gelegenen Stadt Kodſchan benannt wird. H. **) Ilak iſt ein Land in Turkeſtan mit einem Fluſſe gleiches Namens; und Szaganak heißt eine Landſchaft in der Provinz Transoranien. H. *„) Dſchengiekünt heißt auch eine Stadt in Turkeſtan, und bedeutet neue Stadt. H. —— —„— Kalaf und Turandokt. 5 heranzogen. Auf der Stelle ließ der junge Prinz Halt machen, und ſtellte ſeine Truppen auch in Schlacht⸗ ordnung. Sechs und vierzigſter Tag. Die beiden Heere waren ſich beinahe gleich an Zahl, und die Voͤlker, aus welchen ſie beſtanden, waren nicht weniger kriegeriſch auf der einen, als auf der andern Seite: und ſo war die Schlacht, welche nun geliefert wurde, blutig und hartnaͤckig. Sie be⸗ gann am Morgen, und waͤhrte bis in die Nacht. Von beiden Seiten thaten die Befehlshaber, wie die Gemeinen voͤllig ihre Schuldigkeit. Der Sultan bewies in dem Treffen alles, was ein vollendeter Meiſter im Waffenhandwerke leiſten konnte, und der Prinz Kalaf mehr, als man von einem ſo jungen Feldherrn er⸗ warten durfte. Bald waren die Nogais⸗Tataren im Vortheil, und bald waren ſie gezwungen, den An⸗ ſtrengungen der Karismier zu weichen. So geſchah es, daß beide Theile, abwechſelnd Sieger und Beſiegte, bei Anbruche der Nacht zum Ruͤckzuge blaſen ließen, entſchloſſen, am folgenden Morgen den Kampf zu erneuern. Aber der Anfuͤhrer der Circaſſier ging in der Nacht heimlich zu dem Sultan, und verſprach ihm, die 6 46. Tag. Nogais zu verlaßen, ſo fern er ſich durch einen feier⸗ lich beſchworenen Vertrag anheiſchig machte, von den Voͤlkern Circaſſiens nimmer unter irgend einem Vor⸗ wande Zins zu fordern. Der Sultan willigte ein, der Vertrag wurde be⸗ ſchworen, und der Circaſſiſche Heerfuͤhrer begab ſich wieder in ſein Lager. Und als nun am folgenden Mor⸗ gen die Schlacht von neuem beginnen ſollte, ſah man plotzlich die Circaſſier von ihren Verbuͤndeten abfallen, und heimwaͤrts ziehen. Dieſe Verraͤtherei war dem Prinzen Kalaf ſehr aͤr⸗ gerlich, und da er ſich nun viel ſchwaͤcher ſah, als den Sultan, ſo haͤtte er gern den Kampf vermieden; aber es war nicht mehr thunlich. Die Karismier griffen ungeſtum an, und benutzten den Ort, der ihnen ver⸗ ſtattete, ſich auszudehnen, ſo daß ſie die Nogais von allen Seiten umringten. Dieſe, obſchon von ihren beßten Huͤlfstruppen verlaßen, und von Feinden um⸗ ringt, verloren jedoch nicht den Muth. Befeuert durch das Beiſpiel ihres Fuͤrſten, ruͤckten ſie zuſammen, und hielten lange Zeit die heftigſten Anfaͤlle des Sul⸗ tans aus. Sie wurden gleichwohl endlich durchbrochen; und jetzo, am Siege verzweifelnd, gedachte Kalaf nur noch auf ſeine Rettung. Er erwaͤhlte einige Rei⸗ terſchaaren, ſtellte ſich an ihre Spitze, und ſchlug ſich mitten durch die Karismier. Als der Sultan ſeinen Ruͤckzug vernahm, befehligte er ſechstauſend Pferde, Kalaf und Turandokt. 7 ihm nachzuſetzen. Aber Kalaf entging ihrer Verfol⸗ gung, indem er Wege einſchlug, welche ihnen unbe⸗ kannt waren; und kurz, er kam wenige Tage nach der Schlacht an dem Hofe ſeines Vaters an, wo er durch die Verkuͤndigung ſeines Ungluͤcks Trauer und Schrecken verbreitete. Wenn dieſe Nachricht ſchon den Timurtaſch be⸗ truͤbte, ſo ſetzte ihn die bald darauf folgende vollends in Verzweiflung. Ein aus der Schlacht entronnener Befehlshaber kam ihm zu ſagen, daß der Sultan von Karisme faſt alle Nogais uͤber die Klinge ſpringen la⸗ ßen, und in ſtarken Tagemaͤrſchen heranruͤckte, ent⸗ ſchloſſen, das ganze Geſchlecht des Chans zu vertilgen und das Volk ſeiner Botmaͤßigkeit zu unterwerfen. Den Chan gereute jetzo, daß er den Zins verſagt hatte; aber, wie das Arabiſche Sprichwort ſagt: „Was frommt die Reue, nach der Zerſtoͤrung der Stadt Baßrar“*) da die Zeit draͤngte, und man ſich retten mußte, um nicht dem Sultan in die Haͤnde zu fallen, ſo nahm der Chan, ſeine Gemahlinn El⸗ maſe,**) und Kalaf alles Koͤſtlichſte aus ihrem ») Baßra, ſonſt Baſſora oder Balſora, am Tigris unweit ſeines Ausfluſſes in den Perſiſchen Meerbuſen: erſt im J. 656 nach Chr. vom Chalifen Omar erbauet. H. *r*) Elmaſe bedeutet Diamant. 8 46. Sag. Schatze zu ſich, und verließen ihre Hauptſtadt Aſtra⸗ kan, in Begleitung mehrerer Hausbeamten, welche ſie nicht verlaßen wollten, und der Reiterſchaaren welche ſich mit dem jungen Prinzen mitten durch die Feinde Bahn gemacht hatten. Sie ſchlugen den Weg nach der Großen Bul⸗ garei ein, und ihre Abſicht war, bei irgend einem Fuͤrſten um Zuflucht zu bitten. Sie waren ſchon mehrere Tage unterweges, und hatten ſchon den Kaukaſus erreicht, als viertauſend Raͤuber, welche in dieſem Gebirge hauſen, ploͤtzlich uͤber ſie her ſtuͤrz⸗ ten. Obwohl Kalaf kaum vierhundert Mann hatte, ſo unterließ er jedoch nicht, ſich dem Anfalle der Raͤuber zu widerſetzen; er toͤdtete ſelbſt eine große Menge derſelben: aber er verlor alle ſeine Leute, und fiel endlich in die Gewalt dieſer Raͤuber, von denen die einen ſich aller Reichthuͤmer bemaͤchtigten, welche ſie fanden, waͤhrend die anderen das ganze Gefolge des Chans niedermetzelten. Sie verſchonten nur die⸗ ſen Fuͤrſten ſelber, ſeine Gemahlinn und ſeinen Sohn, und auch dieſe ließen ſie faſt nackt am Fuße des Ge⸗ birges zuruͤck. Es iſt unbeſchreiblich, wie groß der Schmerz Ti⸗ murtaſchs war, als er ſich in dieſes aͤußerſte Elend verſetzt ſah. Er beneidete das Loos derjenigen, die er vor ſeinen Augen hatte umkommen ſehen, uͤberließ ſich der Verzweiflung, und wollte ſich den Tod geben. . —— — Kalaf und Turandokt. 9 Die Fuͤrſtinn ihrerſeits zerſchmolz in Thraͤnen, und ließ die Luft von ihren Wehklagen und Seufzern er⸗ ſchallen. Kalaf allein hatte die Kraft, die Laſt eines ſolchen Misgeſchicks zu ertragen; durchdrungen von den Lehren des Korans und den Spruchen Mahomeds uͤber die Vorbeſtimmung, war ſeine Seele von uner⸗ ſchuͤtterlicher Standhaftigkeit. Der uͤbergroße Jammer, in welchen ſein Vater und ſeine Mutter ausbrachen, war ſein groͤßtes Leid. „O mein Vater! o meine Mutter!“ ſagte er zu ihnen,„erlieget nicht eurem Ungluͤcke; bedenket, es iſt Gottes Wille, daß ihr in dieſem Elende ſeid. Wir wollen uns ohne Murren ſeinen unabwendlichen Be⸗ ſchluͤſſen unterwerfen. Sind wir denn die erſten Fuͤr⸗ ſten, welche die Zuchtruthe ſeiner Gerechtigkeit getrof⸗ fen hat? Wie viele Koͤnige vor uns ſind nicht ſchon aus ihren Staaten vertrieben, und nachdem ſie lange umhergeirrt, und in fremden Laͤndern ſelbſt fuͤr die elendeſten Sterblichen gehalten worden, wieder auf ihren Thron geſtiegen? Wenn Gott die Macht hat, die Kronen zu nehmen, ſo vermag er auch, ſie wie⸗ derzugeben. Laßt uns alſo hoffen, daß unſer Elend ihn erbarmen, und er auf unſern gegenwaͤrtigen be⸗ jammernswuͤrdigen Zuſtand wieder Gluͤckſeligkeit werde folgen laßen.“ Er fuͤgte noch mehrere andere Troſtworte hinzu; und je laͤnger er ſprach, je mehr fuͤhlten ſein Vater 46, Tag. und ſeine Mutter, die ihm aufmerkſam zuhoͤrten, eine geheime Beruhigung. Sie ließen ſich endlich uͤber⸗ reden. „Du haſt Recht, mein Sohn,“ ſagte der Chan, „wir wollen uns der Vorſehung uͤberlaßen; und da die Leiden, welche uns umringen, auf der Tafel des Verhaͤngniſſes geſchrieben ſtehen,*) ſo wollen wir ſie, ohne zu klagen, erdulden.“ Mit dieſen Worten, entſchloſſen, ihr Ungluͤck ſtandhaft zu ertragen, ſetzten der Chan und ſeine Gat⸗ tinn und ſein Sohn, ihren Weg zu Fuße fort; denn die Raͤuber hatten ihnen auch ihre Pferde genommen. Sie wanderten lange ſo dahin, und lebten von Fruͤch⸗ ten, welche ſie in den Thaͤlern fanden; aber ſie ge⸗ riethen in eine Wuͤſte, wo die Erde nichts zu ihrem Unterhalte hervorbrachte, und der Muth ſank ihnen. Der ſchon bejahrte Chan fuͤhlte, daß die Kraͤfte ihm verſagten, und die von dem bisherigen Wege ermuͤdete Fuͤrſtinn vermochte ſich kaum aufrecht zu erhalten: ſo daß Kalaf, obgleich ſelber muͤde genug, doch beide, abwechſelnd, auf ſeinen Schultern trug, um ſie zu erquicken. Endlich, alle drei von Hunger, Durſt und Muͤdigkeit uͤberwaͤltigt, gelangten ſie an einen von furchtbaren Abgruͤnden umgebenen Ort. Es war ein *) Vgl. oben zum 39. Tage. 2* 1 Kalaf und STurandokt. 11 ſehr hoher Abhang, von ſchrecklichen Kluͤften durch⸗ ſchnitten, durch welche es ſehr gefaͤhrlich zu gehen ſchien; und doch ſah man keinen anderen Ausweg um in eine weite Ebene jenſeits zu gelangen, weil auf bei⸗ den Seiten des Berges das Land ſo mit Geſtruͤpp und Dornen verwachſen war, daß man nirgends durchdrin⸗ gen konnte. Als die Fuͤrſtinn dieſe Abgruͤnde erblickte, war ſie daruͤber ſo entſetzt, daß ſie ein lautes Geſchrei aus⸗ ſtieß, und der Chan verlor endlich die Geduld. Er gerieth in Wuth, und ſagte zu ſeinem Sohn: „Es iſt um uns geſchehen: ich weiche meinem boͤ⸗ ſen Schickſale, ich erliege ſo vielen Leiden, und will mich ſelber in einen dieſer tiefen Schluͤnde hinabſtuͤr⸗ zen, welche mir der Himmel ohne Zweifel zum Grabe beſtimmt hat; ich will mich von der Grauſamkeit meines Misgeſchicks befreien, und lieber den Tod, als ein ſo leidvolles Leben.“ 3 Sieben und vierzigſter Tag. Der Chan, von der Wuth der Verzweiflung er⸗ griffen, wollte ſich ſchon in eine der Kluͤfte hinabſtuͤr⸗ zen, als der Prinz Kalaf ihn mit ſeinen Armen um⸗ faßte und ihn zuruͤckhielt. 12 47. TDag. „Ach, mein Vater,“ ſagte er zu ihm,„was wollt ihr thun? wozu laßt ihr euch hinreißend? be⸗ waͤhret ihr ſo die Unterwerfung, welche ihr den Gebo⸗ ten des Himmels ſchuldig ſeid? Gehet in euch; anſtatt ungeduldig ſeinem Willen zu widerſtreben, wollen wir lieber durch unſere Standhaftigkeit zu verdienen ſuchen, daß er uns wieder mit einem gnaͤdigeren Auge anſehe. Ich geſtehe es, wir ſind in einer ſehr uͤblen Lage, und koͤnnen nicht ohne Gefahr durch dieſe Kluͤfte gehen, aber es gibt vielleicht noch einen Weg zu jener Ebene: erlaubet, daß ich ihn ſuche. Ihr, lieber Vater, be⸗ ruhiget unterdeſſen die Heftigkeit eurer Gemuͤthsbewe⸗ gung, und bleibet hier mit der Mutter: ich bin bald wieder bei euch.“ „Geh, mein Sohn,“ antwortete der Chan,„wir wollen dich hier erwarten; und fuͤrchte nicht mehr meine Verzweiflung; bis du wieder hier biſt, werde ich derſelben ſchon Meiſter ſein.“ Der junge Prinz durchlief den ganzen Berg, ohne einen Weg zu entdecken. Er war daruͤber ſehr bekuͤm⸗ mert; er warf ſich nieder, wehklagte, und flehte den Himmel um Huͤlfe an. Dann ſtand er wieder auf, und ſuchte von neuem nach irgend einem Fußſteige welcher zu der Ebene fuͤhrte; endlich fand er einen: er verfolgte denſelben, indem er Gott fuͤr dieſe Gnade dankte, bis an den Fuß eines Baumes, der am Ein⸗ gang der Ebene ſtand und eine Quelle von reinem und Kalaf und Turandokt. 15 klarem Waſſer beſchattete. Er bemerkte auch andere mit erſtaunlich großen Fruͤchten beladene Baͤume. Entzuͤckt uͤber dieſe Entdeckung, eilte er zuruͤck, um ſie ſeinem Vater und ſeiner Mutter zu verkuͤndi⸗ gen; welche dieſe Nachricht mit um ſo groͤßerer Freude vernahmen, als ſie daraus ſchloſſen, daß der Himmel anfinge mit ihrem Elend Erbarmen zu haben. Kalaf fuͤhrte ſie nun zu der Quelle, wo ſie alle drei ihr Geſicht und ihre Haͤnde wuſchen, und den heißen Durſt loͤſchten, der ſie verzehrte. Hierauf aßen ſie von den Fruͤchten, welche der Prinz hinging zu pfluͤk⸗ ken, und die, bei ihrem dringenden Beduͤrfniſſe der Nahrung, ihnen vortrefflich ſchmeckten. „Herr,“ ſprach Kalaf zu ſeinem Vater,„ihr ſehet jetzo die Ungerechtigkeit eures Murrens, da ihr euch einbildetet, daß der Himmel euch verlaßen haͤtte. Ich habe ſeine Huͤlfe angefleht, und er hat uns geholfen: er iſt nicht taub fuͤr die Stimme der Ungluͤcklichen, welche volles Vertrauen auf ihn haben.“ Sie verweilten zwei oder drei Tage bei der Quelle, um ſich auszuruhen und ihre erſchoͤpften Kraͤfte zu er⸗ ſetzen. Darnach verſahen ſie ſich mit Fruͤchten, und wanderten fuͤrder auf der Ebene hin, in der Hoffnung, zu irgend einem bewohnten Orte zu gelangen. Ihre Hoffnung wurde nicht getaͤuſcht: ſie erblick⸗ ten bald vor ſich eine Stadt, welche ihnen groß und präͤchtig gebaut erſchien. Sie naͤherten ſich derſelben, 14 47. Tag. und als ſie ans Thor kamen, blieben ſie dort, und erwarteten die Nacht, weil ſie nicht am Tage hinein- gehen wollten, bedeckt mit Schweiß und Staub und faſt nackt, wie ſie waren. Sie ſetzten ſich unter ei⸗ nen weitſchattigen Baum, und ſtreckten ſich auf dem Graſe hin. Als ſie hier ſchon eine Weile ſo geruht hatten, kam ein Greis aus der Stadt unter denſelben Baum ſich zu erfriſchen, und ſetzte ſich zu ihnen, nachdem er ſie ehrerbietig begruͤßt hatte. Sie richteten ſich auf, ſeinen Gruß zu erwiedern, und hierauf fragten ſie ihn, wie die Stadt hieße. „Sie heißt Dſchark,“ antwortete der Greis,„und iſt die Hauptſtadt des Landes, in welchem der Strom Dſcharke) entſpringt. Der Koͤnig Ilengſche⸗ Chan**) wohnt darin. Ihr muͤßt wohl weit her ſein, daß ihr mir dieſe Frage thut?“ „Ja,“ antwortete der Chan,„wir ſind aus einem weit entlegenen Lande: wir ſtammen aus dem Koͤnig⸗ reiche Karisme, wohnen am Geſtade des Kaspi⸗ ſchen Meeres, und treiben Handel. Wir gingen *) Einer der Hauptflüſſe des großen Landes Kapdſchak. **) So hieß der fünfte König der morgenländiſchen Türken in Türkeſtan. H. —,— Kalaf und Turandokt. 15 mit mehreren anderen Kaufleuten nach dem Kap⸗ dſchak,*) da uͤberfiel eine ſtarke Raͤuberbande unſere Karavane und pluͤnderte ſie. Sie haben uns zwar das Leben gelaßen, aber uns in den Zuſtand verſetzt, in welchem ihr uns ſehet. Wir zogen durch das Ge⸗ birge Kaukaſus, und ſind hieher gelangt, ohne zu wiſſen, wohin wir gingen.“ Der Greis, welcher ſehr mitleidig mit ſeinen Naͤchſten war, bezeugte ihnen ſeine Theilnahme an ihrem Ungluͤck, und um ſie noch mehr davon zu uͤber⸗ zeugen, bot er ihnen ſein Haus an. Er that ihnen dieſes Erbieten auf ſo freundliche Weiſe, daß, wenn ſie auch nicht noͤthig gehabt haͤtten, es anzunehmen, ſie es doch nicht haͤtten verſagen koͤnnen. *» So heißt ein weites Land an den Flüſſen Dſchark, Jr⸗ tiſch und Wolga(Etel) mit der Hauptſtadt Sarai an der Nordſeite des Kaspiſchen Meeres. Der Name Kap⸗ dſchak bedeutet im Türkiſchen Baumrinde, und Ogus⸗ Chan, ein alter Mongoliſcher Fürſt, hat ihn dem Sohne einer Frau beigelegt, den ſie während einer Schlacht in ei⸗ nem hohlen Baume geboren hatte, und nach welchem ſich 1 ſeine ſehr zahlreiche Nachkommenſchaft nannte, die ſich in * dieſen Gegenden ausbreitete. Von hier kamen die kriegeri⸗ ſchen Kiptſchak und Usbeken, welche das Mogoliſche Reich verwüſteten. Auch die Hunnen, Gothen und an⸗ dere deutſche Stämme huben von hier die Völkerwande⸗ rung an. H. 16 47. Tag. Er fuͤhrte ſie alſo bei Anbruche der Nacht mit ſich heim: es war ein kleines, ſehr einfach eingerichtetes, aber durchaus reinliches Haus, welches mehr den Anſtrich der Genuͤgſamkeit, als des Mangels trug. Der Greis gab beim Eintritte einem ſeiner Sklaven ganz leiſe einige Befehle, und dieſer kam bald darauf mit zwei Kaufmannsburſchen zuruͤck, von welchen der eine ein großes Pack ganz fertiger Manns⸗ und Frauenkleider, und der andere alle Arten von Schlei⸗ ern, Turbanen und Guͤrteln trug. Der Prinz Kalaf und ſein Vater nahmen jeder einen Kaftan von Tuch, eine Weſte von Brokat, und einen Turban von Indi⸗ ſcher Leinwand; und die Fuͤrſtinn nahm auch einen vollſtaͤndigen Anzug. Darnach bezahlte der Wirth die Kaufleute, entließ ſie, und befahl, das Abendeſſen zu bringen. Zwei Sklaven beſetzten ſogleich eine Tafel und einen Schenk⸗ tiſch mit Porzelan, Schuͤſſeln von Sandelholz, und Korallen⸗Schalen, die von grauem Ambra dufteten. Dann trugen ſie ein treffliches Schurva*) und zwei Schuͤſſeln von Stoͤhrrogen auf. Der Chan, ſeine Gat⸗ tinn und Kalaf ſetzten ſich nun mit dem Greiſe zu Tiſche, und aßen von dieſen Gerichten; auf welche eine Gaſellen⸗Paſtete, und eine große Schuͤſſel Reis *) Fette Fleiſchbrühe, mit Brotſchnitten anſtatt der Kräuter. Kalaf und Turandokt. 17 mit drei zerſtuͤckten Haſelhuͤhnern folgten. Dann brachte man eine Schuͤſſel mit Ziberika,*) einem trefflichen Fiſche der Wolga, und zwei Stoͤhre; und ein Roſtbraten von einer Pferdekeule war die letzte Tracht: worauf ſie drei große Flaſchen Kammes, und Datteln⸗Branndwein tranken.— Acht und vierzigſter Tag. Der Greis verſetzte ſich durch den Genuß dieſer geiſtigen Getraͤnke in die heiterſte Laune, und bot alle ſeine Kraͤfte auf, um auch ſeine Gaͤſte zur Freude zu ſtimmen. Als er aber ſah, daß er es nicht dahin brin⸗ gen konnte, und daß ſie ſtaͤts mit ihrem Ungluͤcke be⸗ ſchaͤftigt waren, ſagte er zu ihnen: „Ich ſehe wohl, daß ich mich vergeblich bemuͤhe, euern Geiſt von dem Unfalle, welchen ihr erlitten habt, abzuwenden: ihr ruft euch unaufhoͤrlich das Andenken deſſelben zuruͤck. Indeſſen erlaubet mir, euch vorzuſtellen, daß ihr, anſtatt euch ſo traurigen .*) Iſt ein fünf Fuß langer Fiſch mit langem breitem Maule, gleich einem Entenſchnabel; ſein Leib iſt ſchwarz und weiß gefleckt: an Geſchmack iſt er dem Salm ähnlich. II. 2 18 48. Tag. Bildern hinzugeben, vielmehr dahin trachten ſolltet, ſie aus euerm Gedaͤchtniſſe zu verbannen. Troͤſtet euch uͤber den Verluſt der Guͤter, welche die Raͤuber euch genommen haben: der Unfall, der euch betruͤbt, iſt nicht neu: die Reiſenden und Kaufleute erfahren dergleichen tuaͤglich. Ich ſelber bin in meiner Jugend auf dem Wege von Mußel“) nach Bagdadiu) ausgepluͤndert worden. Raͤuber nahmen mir betraͤcht⸗ liche Guͤter, und ich ſah meinen Tod vor Augen: ich befand mich in derſelben Lage, wie ihr; doch unterließ ich nicht, mich zu troͤſten: es war gleichwohl fuͤr ei⸗ nen Menſchen meines Standes ſehr unangenehm, mich an den Bettelſtab gebracht zu ſehen. Ich will euch im Vertrauen meine Geſchichte erzaͤhlen: ſie wird *) Muſßal oder Muſßel heißen zwei Städte am Tigris, die eine, benannt die alte,(al Atik), ſoll das alte Ninive ſein; die andre, ohne Beinamen, und gemeinlich Moßul genannte, iſt hier gemeint. Sie iſt ſeit Tamer⸗ lans Zerſtörung nicht mehr bedeutend. Der Mußelin heißt ohne Zweifel nach ihr. H. **) Bagdad ſoll, laut der Perſiſchen Sagengeſchichte, ſchon von Sohak(d. i. Nimrod) angelegt, von Afraſiab, König von Turkeſtan, der das Land eroberte, erweitert, und nach ſeinem Götzen Garten des Dad(Bag⸗Dad) genannt worden ſein. Gewis jſt das jetzige Bagdad vom zweiten Abaſſidiſchen Chalifen Almanſor im J. 770 am Ti⸗ gris erbaut und ſeitdem berühmter Sitz der Chalifen. H. Kalaf und Turandokt. 19 euch vielleicht von einigem Nutzen ſein; die Betrachtung meines Ungluͤcks kann euch ermuthigen, das eure zu ertragen.“ Nach dieſen Worten, befahl der Greis ſeinen Skla⸗ nen, ſich zu entfernen, und ſprach dann folgender⸗ maßen: Geſchichte des Prinzen Fadlallah und der ſchonen Semrude. „Ich bin der Sohn des Koͤnigs von Mußel, des großen Bin⸗Ortok. Sobald ich das achtzehnte Jahr meines Alters erreicht hatte, wollte er mich ver⸗ maͤhlen. Er ließ mir eine große Anzahl junger Skla⸗ vinnen vorfuͤhren, unter welchen es ſehr ſchoͤne gab. Ich betrachtete ſie alle mit Gleichguͤltigkeit; es war nicht eine darunter, welche den geringſten Eindruck auf mich machte. Sie wurden es inne, erroͤtheten daruͤber, und zogen ſich zuruͤck, voll Verdruß, mein Herz verfehlt zu haben. Mein Vater war auch uͤber meine Unempfindlichkeit ſehr verwundert; er hatte ſie nicht erwartet, ſondern vielmehr geglaubt, es wuͤrde mir, von ſo mannigfaltigen Schoͤnheiten auf einmal Fadlallah und Semrude. 21 getroffen, die Wahl ſchwer fallen. Ich erklaͤrte ihm, ich fuͤhlete noch keine Neigung, mich zu vermaͤhlen; das kaͤme vielleicht daher, weil ich die groͤßte Luſt haͤtte zu reiſen, und ich beſchwur ihn, mir die Er⸗ laubnis zu geben, nur nach Bagdad zu reiſen; bei⸗ meiner Heimkehr moͤchte ich mich wohl entſchließen eine Gattinn zu nehmen. Er wollte mir keinen Zwang anthun, und erlaubte mir, die Reiſe nach Bagdad; und damit ich als Koͤ⸗ nigsſohn in dieſer großen Stadt erſchiene, ließ er mir einen praͤchtigen Aufzug bereiten: er oͤffnete ſeine Schaͤtze, und daraus wurden vierzig Kameellaſten Goldes genommen; er gab mir von ſeinen Hausbeam⸗ ten zur Bedienung und hundert Mann ſeiner Leibwache zur Bedeckung mit. Ich verließ alſo mit dieſem zahlreichen Gefolge Mußel, und begab mich auf den Weg nach Bagdad. Es begegnete uns in den erſten Tagereiſen kein Un⸗ fall; aber eines Nachts, als wir uns auf einer Wieſe gelagert hatten und ruhten, wurden wir durch einen großen Schwarm von Beduinen⸗Arabern ſo un⸗ geſtum uͤberfallen, daß die meiſten meiner Leute ſchon niedergemacht waren, bevor ich noch die ganze Gefahr erkannte, in welcher ich mich befand. Ich ſetzte mich mit meinen noch uͤbrigen Wachen und Hausbeamten meines Vaters zur Wehre. Wir griffen die Beduinen mit ſolcher Wuth an; daß ihrer mehr als dreihundert 22 48. Ta g. unter unſeren Streichen fielen. Daruͤber ward es Tag, und die Raͤuber, die uns umringt hielten, beſchaͤmt und ergrimmt uͤber den hartnaͤckigen Widerſtand einer Handvoll Leute, verdoppelten ihre Anſtrengungen; und ſo verzweifelt wir auch fochten, ſie uͤberwaͤltigten uns zuletzt doch, und wir mußten der Uebermacht weichen. Sie beraubten uns unſerer Waffen und Kleider, und anſtatt uns zu Sklaven zu machen, oder uns laufen zu laßen, als Leute, die doch ſchon elend genug wa⸗ ren, in dem Stande, in welchen wir uns verſetzt ſa⸗ hen, wollten ſie den Tod ihrer Genoſſen raͤchen; ſie waren niedertraͤchtig und unmenſchlich genug, Men⸗ ſchen, die ſich nicht mehr vertheidigen konnten, uͤber die Klinge ſpringen zu laßen. Alle meine Leute kamen um, und ich ſollte ſchon daſſelbe Schickſal erfahren, als ich mich den Raͤubern zu erkennen gab, und zu ihnen ſagte: „Haltet ein, ihr Verruchten, ehret das Blut der Koͤnige: ich bin der Prinz Fadlallah, einziger Sohn Bin⸗Ortoks, Koͤnigs von Mußel, und Erbe ſeines Reichs.“ „Es iſt mir lieb,“ ſagte hierauf das Oberhaupt der Beduinen,„zu vernehmen, wer du biſt. Schon ſeit lange haſſen wir deinen Vater toͤdtlich; er hat mehrere unſerer Genoſſen, die in ſeine Haͤnde gefallen ſind, aufhaͤngen laßen: du ſollſt nun auf dieſelbe Weiſe behandelt werden.“ Fadlallah und Semrude. 23 Wirklich ließ er mich binden, und die Raͤuber, nachdem ſie ſich meines Reiſegeraͤthes bemaͤchtigt hat⸗ ten, fuͤhrten mich mit ihnen an den Fuß eines Berges, zwiſchen zwei Waͤldern, wo eine Unzahl kleiner grauer Zelte aufgeſchlagen war. Dieſer Ort war ihr Schlupf⸗ winkel. Man brachte mich in das Zelt des Anfuͤhrers, welches ſich inmitten der anderen erhub und viel groͤ⸗ ßer erſchien. Hier bewachte man mich einen ganzen Tag; und darnach band man mich an einen Baum, wo ich, in Erwartung des langſamen Todes, welcher den Lauf meiner Tage ſchon bei ihrem Anfange be⸗ ſchließen ſollte, den Verdruß hatte, mich von allen dieſen Raͤubern umringt zu ſehen, die mich mit beißen⸗ den Spottreden verhoͤhnten, und ſich ein Vergnuͤgen daraus machten, mich zu beſchimpfen. Neun und vierzigſter Tag. Schon lange war ich ſo an dem Baume gebunden, und der letzte Augenblick meines Lebens war nicht mehr ſehr entfernt, als ein Kundſchafter den Hauptmann der Beduinen benachrichtigte, daß ſieben Stunden von dort ein guter Fang zu machen waͤre, indem eine ſtarke Karavane die naͤchſte Nacht an einem gewiſſen Orte lagern wuͤrde, welchen er nannte. Der Haupt⸗ mann befahl ſogleich ſeinen Leuten, ſich zum Aufbruche 24 49. Tag. zu ruͤſten; was auch in kurzer Zeit geſchah. Sie ſtie⸗ gen alle zu Pferde, und ließen mich in ihrem Schlupf⸗ winkel zuruͤck, indem ſie nicht zweifelten, daß ſie mich bei ihrer Ruͤckkehr leblos finden wuͤrden. Indeſſen, der Himmel, der alle Entſchluͤſſe der Menſchen vereitelt, wenn ſie nicht mit ſeinen ewigen Beſchluͤſſen uͤbereinſtimmen, wollte nicht, daß ich ſchon ſo bald umkaͤme. Die Frau des Raͤuberhauptmanns hatte Mitleid mit mir. Sie kam waͤhrend der Nacht an den Baum, an welchen ich gebunden war, und ſagte zu mir: 4 „Junger Mann, ich bin geruͤhrt von deinem Un⸗ gluͤck, und ich wollte dich wohl aus der Gefabr be⸗ freien, in welcher du ſchwebſt: aber wenn ich dich losbaͤnde und in Freiheit ſetzte, haͤtteſt du wohl noch Kraft genug, zu entfliehen?“ „Ja,“ antwortete ich ihr;„da euch Gott dieſes Erbarmen eingefloͤßt hat, ſo wird er mir auch Kraͤfte verleihen, zu gehen.“ Die Frau band mich alſo los, gab mir einen alten Rock ihres Mannes, nebſt zwei oder drei Broten; und indem ſie mir einen Fußſteig zeigte, ſagte ſie zu mir: „Folge dieſem Wege, und du wirſt an einen be⸗ wohnten Ort gelangen.“ Fadlallah und Semrude. 25 Ich dankte meiner Befreierinn, und wanderte die ganze Nacht hindurch, ohne von dem Wege abzuwei⸗ chen, welchen ſie mir gezeigt hatte. Am Morgen erblickte ich einen Mann zu Fuße, der ein mit zwei großen Ballen beladenes Pferd vor ſich her trieb. Ich geſellte mich zu ihm, und nach⸗ dem ich ihm geſagt hatte, ich waͤre ein ungluͤcklicher Fremdling, der, des Landes unkundig, ſich verirrt haͤtte, fragte ich ihn, wohin er reiſete. „Ich reiſe,“ antwortete er,„nach Bagdad, Waa⸗ ren zu verkaufen, und werde binnen zwei Tagen dort⸗ hin gelangen.“ Ich begleitete dieſen Mann, und verließ ihn nicht eher, als beim Eintritt in dieſe große Stadt. Er ging ſeinen Geſchaͤften nach, und ich begab mich in eine Moſchee, wo ich zwei Tage und zwo Naͤchte wohnte. Ich hatte wenig Luſt, ſie zu verlaßen; ich fuͤrchtete, Leuten von Mußel zu begegnen, welche mich erkennten; ich ſchaͤmte mich ſo ſehr, daß, weit entfernt, daran zu denken meinen Stand zu entdecken, ich ihn lieber vor mir ſelber verborgen haͤtte. Der Hunger uͤberwand gleichwohl zum Theil dieſe Schaam; oder, richtiger zu ſagen, ich mußte der Nothwendigkeit weichen, welche uns alle dahinzieht. Ich entſchloß mich, mein Brot zu betteln, wie ein Elender, bis ich etwas beſſeres ergreifen koͤnnte. 49. Ta g. Ich ſtellte mich alſo vor ein niedriges Fenſter eines großen Hauſes, und bat mit erhobener Stimme um Almoſen. Eine alte Sklavinn erſchien alsbald mit ei⸗ nem Brot in der Hand, welches ſie mir geben wollte. Indem ich mich naͤherte, es zu empfangen, hub zu⸗ faͤllig der Wind den Vorhang des Fenſters auf, und ließ mich in dem Zimmer ein Fraͤulein von uͤberra⸗ ſchender Schoͤnheit erblicken: ihr Glanz traf mein Ge⸗ ſicht, wie ein Blitz; ich war ganz geblendet davon. Ich nahm das Brot, ohne zu wiſſen, was ich that, und blieb unbeweglich vor der alten Sklavinn ſtehen, anſtatt ihr ſchuldigen Dank zu ſagen. Ich war ſo uͤberraſcht, ſo ergriffen, ſo verſunken in Liebe, daß ſie mich ohne Zweifel fuͤr einen Wahnſinnigen hieit. Sie verſchwand, und ließ mich auf der Straße ſtehen, wo ich vergeblich nach dem Fenſter ſchaute; denn der Wind hub den Vorhang nicht wieder auf. Ich blieb gleichwohl den ganzen uͤbrigen Tag dort, in Erwartung eines abermaligen gluͤcklichen Windſtoßes. Als ich die Nacht herannahen ſah, dachte ich endlich daran, mich zuruͤckzuziehen; aber bevor ich mich von dieſem Hauſe entfernte, fragte ich einen voruͤbergehen⸗ den Greis, ob er nicht wuͤßte, wem daſſelbe gehoͤrete. „Es iſt,“ antwortete er,„das Haus des Herrn Muaffak, Adbans Sohns; er iſt ein Mann von Stande und uͤberdieß ein reicher und geehrter Mann. Es iſt noch nicht lange her, daß er Statthalter dieſer Fadlallah und Semrude. 27 Stadt war; aber er entzweite ſich mit dem Kadi, welcher Mittel fand, ihn bei dem Chalifen zu ſtuͤrzen, und ihn um ſein Amt zu bringen.“ In Nachdenken uͤber mein Abenteuer, verließ ich unvermerkt die Stadt, und trat in einen großen Be⸗ graͤbnisplatz, um dort die Nacht zuzubringen. Ich verzehrte mein Brot, ohne ſonderliche Eßluſt, obwohl dieſe groß genug haͤtte ſein ſollen. Hierauf legte ich mich an einem Grabe nieder und ſtuͤtzte mein Haupt auf einen Steinhaufen. Ich hatte nicht wenig Muͤhe einzuſchlafen: die Tochter Muaffaks ſetzte meine Sinne in ſtuͤrmiſche Bewegung; ihr reizendes Bild erhitzte meine Einbildungskraft, und uͤbrigens waren die Spei⸗ ſen, welche ich genoſſen hatte, nicht kraͤftig genug, um mir durch ihre Duͤnſte einen ruhigen Schlummer zu gewaͤhren. Gleichwohl ſchlief ich endlich ein, trotz den Bildern, welche mich beſchaͤftigten. Aber mein Schlaf war nicht von langer Dauer, ein ſtarker Laͤrm der ſich in dem Grabmale hoͤren ließ, weckte mich bald auf. Funfzigſter Tag. Aufgeſchreckt von dieſem Laͤrmen, deſſen Urſach ich nicht wußte, erhub ich mich, die Flucht zu ergreifen und die Grabſtaͤtte zu verlaßen, als zwei Maͤnner, 28 50. Tag. die am Eingange des Grabmals ſtanden, mein ge⸗ wahrten, mich anhielten und mich fragten, wer ich waͤre, und was ich hier auf dem Begraͤbnisplatze machte. „Ich bin,“ antwortete ich ihnen,„ein ungluͤckli⸗ cher Fremdling, welchen das Misgeſchick dahin gebracht hat, von Almoſen zu leben; und ich bin hieher ge⸗ kommen, die Nacht hier zuzubringen, weil ich in der Stadt keine Herberge habe.“ „Da du ein Bettler biſt,“ ſagte hierauf einer der beiden Maͤnner zu mir,„ſo danke dem Himmel, daß du uns angetroffen haſt; du ſollſt dich mit uns guͤtlich thun. Mit dieſen Worten fuͤhrten ſie mich in das Grab⸗ mal, wo viere von ihren Genoſſen große Ruͤben und Datteln aaßen, und große Kruͤge voll Brandweins leerten. Ich mußte mich zu ihnen ſetzen, an einen breiten Stein, der ihnen zum Tiſche diente, und ich war ge⸗ noͤthigt, ihnen zu gefallen, zu eſſen und zu trinken. Ich hielt ſie ſogleich fuͤr das, was ſie waren, das heißt fuͤr Naͤuber, und ſie beſtaͤrkten mich bald durch ihre Geſpraͤche in meinem Verdacht. Sie fingen an, ſich von einem anſehnlichen Diebſtahle zu unterhalten, welchen ſie eben gemacht hatten; und da ſie ſich ein— bildeten, es wuͤrde fuͤr mich ein großes Vergnuͤgen ſein, in ihre Geſellſchaft einzutreten, machten ſie mir Fadlallah und Semrude. 29 den Antrag dazu; was mich in eine große Verlegen⸗ heit ſetzte. Ihr koͤnnt wohl denken, daß es mich kei⸗ nesweges reizte, mich zu dieſen Leuten zu geſellen; aber ich fuͤrchtete, ſie zu erzuͤrnen, wenn ich ihr Er⸗ bieten nicht annaͤhme; und dieß machte mich verlegen. Ich wußte alſo nicht, was ich ihnen antworten ſollte, als ich mich ploͤtzlich aus dieſer Verlegenheit geriſſen ah. Der Stellvertreter des Kadi's trat, in Begleitung von zwanzig bis dreißig wohlbewaffneten Aßa's*) in das Grabmal, bemaͤchtigte ſich der Raͤuber und meiner mit ihnen, und fuͤhrte uns ins Gefaͤngnis, wo wir die uͤbrige Nacht blieben. Am folgenden Morgen kam der Kadi, die Gefan⸗ genen zu verhoͤren. Die Raͤuber bekannten ihr Ver⸗ brechen, weil ſie wohl ſahen, daß es ihnen nichts helfen wuͤrde, zu laͤugnen. Was mich betrifft, ſo erzaͤhlte ich dem Richter, auf welche Weiſe ich mit ihnen zuſammen gekommen waͤre; und da ſie daſſelbe ausſagten, ſo wurde ich an einen andern Ort gebracht. Der Kadi wollte mich noch insbeſondere verhoͤren, be⸗ vor er mich entließe. Wirklich, kam er zu mir, und befragte mich, was ich auf dem Begraͤbnisplatze zu ſuchen gehabt haͤtte, *) Häſcher. 30 50. Tag. wo ich gefangen worden, und was ich in Bagdad be⸗ triebe. Kurz, er that mir tauſend Fragen, und ich beantwortete ſie mit großer Aufrichtigkeit, ausgenom⸗ men, daß ich ihm nicht meine Geburt entdeckte. Ich legte ihm beſonders genaue Rechenſchaft von allen mei⸗ nen Schritten in Bagdad ab, und erzaͤhlte ihm ſogar, daß ich den Tag vorher, als ich an ein Fenſter von Muaffaks Hauſe getreten, um Almoſen zu bitten, ich zufaͤllig ein Fraͤulein geſehen, die mich bezaubert haͤtte. Bei Muaffaks Namen ſah ich die Augen des Ka⸗ di's funkeln. Er blieb einige Augenblicke nachdenklich; hierauf erheiterte ſich ſeine Miene, und er ſprach zu mir: 5 „Junger Mann, es ſteht nur bei dir, das Fraͤu⸗ lein zu beſitzen, welche du geſtern geſehen haſt. Es iſt ohne Zweifel die Tochter Muaffaks; denn man hat mir geſagt, er habe eine Tochter von vollkommener Schoͤnheit. Und wenn du auch der niedrigſte der Menſchen waͤreſt, ſo will ich dich doch auf den Gip⸗ fel deiner Wuͤnſche bringen. Du darfſt mich nur machen laßen, ich will ſogleich an deinem Gluͤcke arbeiten.“ Ich dankte ihm, ohne noch ſeine Abſicht zu durch⸗ dringen, und ich folgte dem Aga) ſeiner ſchwarzen 4ℳ£ *) Oberhaupt. Fadlallah und Semrude. 31 Verſchnittenen, der mich auf ſeinen Befehl aus dem Gefaͤngniſſe brachte und mich in das oͤffentliche Bad*) uͤhrte. f Waͤhrend ich dort war, ſchickte der Kadi zwei Beamte**) zu Muaffak, und ließ ihm ſagen, er wuͤnſchte uͤber eine Anlegenheit von hoͤchſter Wichtig⸗ keit mit ihm zu ſprechen. Muaffak kam mit den Abgeſchickten. So bald der Kadi ihn erblickte, ging er ihm entgegen„ gruͤßte ihn, und umarmte ihn zu wiederholten Malen. Muaffak war ſehr verwundert uͤber dieſen Empfang, und ſagte bei ſich ſelber:„Ho ho, woher koͤmmt es doch, daß der Kadi, mein groͤßter Feind, mir heute ſo viel Hoͤflichkeiten erweiſet? da ſteckt etwas dahinter.“ „Herr Muaffak,“ ſprach der Richter zu ihm,„der Himmel will nicht, daß wir laͤnger Feinde bleiben ſol⸗ len. Er bietet uns eine Gelegenheit dar, dieſen Haß auszuldſchen, welcher ſeit einigen Jahren unſere beiden Haͤuſer entzweiet. Der Prinz von Baßra iſt geſtern Abend hier angekommen, und hat bei mir ſeine Woh⸗ nung genommen. Er iſt von Baßra, ohne Abſchied von dem Koͤnige ſeinem Vater abgereiſet. Er hat von eurer Tochter reden gehoͤrt, und auf das Bildnis, *) In der Urſchrift Hamman. **) In der Urſchrift Schiauü. 3² 5⁰0 Tag. welches man ihm von ihr entworfen hat, iſt er ſo verliebt in ſie geworden, daß er den Entſchluß gefaßt hat, um ſie bei euch anzuhalten. Er wuͤnſcht, daß durch meine Vermittelung dieſe Ehe geſtiftet werde; was mir nun um ſo angenehmer iſt, als es ein Mit⸗ tel darbietet, mich mit euch zu verſoͤhnen.“ „Ich bin erſtaunt,“ antwortete ihm Muaffak, „daß der Prinz von Baßra daran denkt, mir die Ehre anzuthun und meine Tochter Semrude zu heiraten, und daß ihr es ſeid, der mir dieſe Neuigkeit verkuͤn⸗ digt; ihr, der ſich immer ſo eifrig bezeigt hat, mir zu ſchaden.“ „Sprechen wir nicht mehr vom Vergangenen, Herr Muaffak,“ erwiederte der Kadi;„ich bitte, laßt uns alles vergeſſen, was wir uns gegenſeitig gethan haben; und unter Beguͤnſtigung der ſchoͤnen Bande, welche eure Tochter mit dem Prinzen von Baßra ver⸗ knuͤpfen ſollen, laßt uns unſere uͤbrigen Tage in gu⸗ tem Einverſtaͤndniſſe leben.“ Muaffak war von Natur eben ſo gutmuͤthig, wie der Kadi boshaft. Er ließ ſich durch die falſchen Freundſchaftsbezeugungen taͤuſchen, welche ſein Feind ihm gab. Er erſtickte ſeinen Haß augenblicklich, und uͤberließ ſich ohne Mistrauen den treuloſen Liebkoſun⸗ gen des Kadi's. 4 Sie umarmten ſich eben beide, indem ſie einander unverbruͤchliche Freundſchaft ſchwuren, als ich in das Fadlallah und Semrude. 33 Zimmer trat, in Begleitung des Aga's, welcher mich, nach dem Bade, ein ſchoͤnes Kleid hatte anlegen la⸗ ßen, und einen Turban von Indiſchem Mußelin, deſ⸗ ſen goldgeſtickte Zipfel auf mein Ohr herabhingen. „Erhabener Prinz,“ redete der Kadi mich an, ſo bald er mich erblickte,„geſegnet ſeien eure Tritte und eure Ankunft zu Bagdad! da ihr geruhet habt, bei mir eure Wohnung zu nehmen, welche Sprache ver⸗ moͤchte, euch alle die Erkenntlichkeit auszudruͤcken, welche ich fuͤr eine ſo hohe Ehre empfinde?— Hier iſt der Herr Muaffak, welchen ich von dem Gegen⸗ ſtand eurer Reiſe hieher unterrichtet habe. Er willigt ein, euch ſeine Tochter, welche ſchoͤn wie ein Geſtirn iſt, zur rechtmaͤßigen Gemahlinn zu geben.“ Muaffak machte mir hierauf eine tiefe Verbeugung, und ſagte zu mir: „8 Konigsſohn, ich bin beſchaͤmt uͤber die Ehre, welche ihr meiner Tochter anthun wollt: ſie wuͤrde ſich ſchon begluͤckt fuͤhlen, die Sklavinn einer von den Prinzeſſinnen euers Harem zu ſein.“ Ihr koͤnnt euch denken, in welches Erſtaunen mich dieſe Reden verſetzten, auf welche ich nichts zu ant⸗ worten wußte. Ich begruͤßte Muaffak, ohne etwas zu ſagen; aber der Kadi, der mich ſo beſtuͤrzt ſah, und fuͤrchtete, ich moͤchte etwa eine Antwort geben, II. 3 34 5⁰. 51. T a g. welche ſeinen Anſchlag umſtuͤrzte, beeilte ſich, das Wort zu nehmen, und ſagte: „Der Heiratsvertrag kann auf der Stelle in Ge⸗ genwart guter Zeugen, vollzogen werden.“ Mit dieſen Worten befahl er ſeinem Aga, Zeugen herbei zu holen; und waͤhrend dieſer Zeit ſetzte er den Vertrag auf.. Ein und funfzigſter Tag. Als der Aga die Zeugen hergefuͤhrt hatte, wurde ihnen der Vertrag vorgeleſen, und ich unterzeichnete ihn. Muaffak unterſchrieb ihn ebenfalls, und dann der Kadi, welcher noch die letzte Hand daran legte. Hierauf entließ der Kadi die Zeugen, und ſagte zu Muaffak: „Ihr wißt, die Angelegenheiten der Großen wer⸗ den nicht, wie diejenigen der anderen Menſchen betrie⸗ ben, ſie erfordern Geheimnis und Eil: fuͤhret dieſen Prinzen in euer Haus, er iſt gegenwaͤrtig euer Schwie⸗ gerſohn; machet auf der Stelle Anſtalt zur Vollziehung der Ehe, und ſorget dafuͤr, daß alles geſchehe, wie es ſich gehoͤrt.“ Ich verließ mit Muaffak das Haus des Kadi's. Vor der Thuͤre fanden wir zwei ſchoͤne ſehr reich auf⸗ geſchirrte Maulthiere, welche uns erwarteten, und Fadlallah und Semrude. 35 welche der Richter uns mit großer Feierlichkeit beſtei⸗ en ließ. 3 Muaffak fuͤhrte mich nach ſeinem Hauſe; und als wir in ſeinem Hofe waren, ſtieg er zuerſt ab, und trat mit ehrerbietiger Miene heran, mir den Steigbuͤ⸗ gel zu halten; was ich mir denn gefallen laßen mußte. Darnach nahm er mich bei der Hand, und fuͤhrte mich hinauf in das Zimmer ſeiner Tochter, wo er mich mit ihr allein ließ, nachdem er ſie von allem unterrichtet hatte, was bei dem Kadi vorgegangen war. Semrude, im Wahne, daß ihr Vater ſie mit dem Prinzen von Baßra vermaͤhlt haͤtte, empfing mich, wie einen Gemahl, der ſie dereinſt auf den Thron er⸗ heben ſollte; und ich, der gluͤckſeligſte und verliebteſte der Menſchen, lag den ganzen Tag zu den Fuͤßen des ſchoͤnen Fraͤuleins, und bemuͤhte mich, durch zaͤrtli⸗ ches und hoͤfliches Betragen ihr einige Neigung fuͤr mich einzufloͤßen. Ich gewahrte bald, daß meine Muͤhe nicht verloren war, und daß meine Jugend und meine Liebe auf ſie einigen Eindruck machten. Wie reizend war dieſe Entdeckung fuͤr mich! Ich verdop⸗ pelte meine Sorgfalt, und ich hatte das Vergnügen, von Zeit zu Zeit zu bemerken, daß ich einige Fort⸗ ſchritte in ihrem Herzen machte. Waͤhrend dieſer Zeit ließ Muaffak, zur Hochzeit⸗ feier ſeiner Tochter, ein großes Mahl bereiten, zu wel⸗ 36 51., TDag. chem ſich mehrere Mitglieder ſeiner Familie einfanden. Die Braut erſchien dabei glaͤnzender und ſchoͤner, als die Huri's*); die Gefuͤhle, welche ich ihr ſchon eingefloͤßt hatte, ſchienen ihre Schoͤnheit noch mit neuem Glanze zu erhoͤhen. Auf das Mahl folgten Taͤnze und Konzerte; meh⸗ rere recht huͤbſche Sklavinnen fingen an zu tanzen, zu ſingen und auf allerlei Inſtrumenten zu ſpielen. Waͤh⸗ rend die Geſellſchaft damit beſchaͤftigt war, ſie zu ſe⸗ hen und zu hoͤren, ſah ich die Braut mit ihrer Mut⸗ ter verſchwinden. Einige Zeit darnach kam Muaffak, nahm mich bei der Hand, und fuͤhrte mich in ein ſehr ſchoͤnes Gemach. Dann traten wir in eine ſehr reich ausgeſtattete Kammer, wo ein großes Bette von Goldbrokat ſtand, rings um welches wohlriechende Wachslichter auf ſilbernen Leuchtern brannten. Sem⸗ rude, welche ihre Mutter und zwei Sklavinnen eben entkleidet hatten, lag ſchon in dem Bette. Muaffak, ſeine Frau, und die Sklavinnen entfernten ſich, und ließen mich hier in der Kammer, wo ich, nachdem ich dem Himmel fuͤr mein Gluͤck gedankt hatte, meine Kleider abzog, und mich zu derjenigen legte, welche ich mehr als mein Leben liebte. ») Die ewigen Jungfrauen im Paradieſe Mahomeds. Fadlallah und Semrude. 37 Am folgenden Morgen hoͤrte ich an meine Kam⸗ merthuͤre klopfen; ich ſtand auf, und ging hin, zu oͤffnen: es war der ſchwarze Aga, der mir ein dickes Pack Lumpen brachte. Ich bildete mir ein, der Kadi uͤberſchickte mir und meiner Frau zwei Ehrenkleider; aber ich betrog mich. „Herr Abenteurer,“ ſagte der Schwarze, mit ſpoͤttiſchem Tone zu mir,„der Kadi laͤßt euch gruͤßen, und bittet euch, ihm das Kleid wiederzuſchicken, wel⸗ ches er euch geſtern geliehen hat, um den Prinzen von Baßra zu ſpielen; ich bringe euch hier euern alten Rock und uͤbrige Lumpen: ihr koͤnnt nun eure rechte Kleidung wieder anziehen.“ Ich war ſehr uͤberraſcht durch dieſe Anrede; ich er⸗ kannte jetzo die ganze Bosheit des Kadi's. Ich gab dem Aga den Turban und das Kleid ſeines Herrn zuruͤck, und zog meinen alten Rock wieder an, der ganz zer⸗ riſſen war. Semrude hatte einen Theil des Geſpraͤchs mit dem Schwarzen gehoͤrt; und als ſie mich nun mit Lum⸗ pen bedeckt ſah, rief ſie aus: „O Himmel, was bedeutet dieſe Verwandlung? und was hat dieſer Menſch zu euch geſagt? „Meine Prinzeſſinn,“ antwortete ich ihr,„der Kadi iſt ein großer Boͤſewicht: aber er iſt durch ſeine eigene Bosheit angefuͤhrt. Er waͤhnt, euch einen Elenden zum Gatten gegeben zu haben, der im niedrigſten Stande 38* 51. Tag. geboren iſt, und er hat euch wirklich mit einem Prin⸗ zen vermaͤhlt. Ich bin nicht geringer, als der Ge⸗ mahl, deſſen Hand ihr empfangen zu haben waͤhnt; der Rang des Prinzen von Baßra iſt nicht hoͤher, als der meinige. Ich bin der einzige Sohn des Koͤnigs von Mußel, der Erbe des großen Bin⸗Ortok, und Fad⸗ lallah iſt mein Name. Zugleich erzaͤhlte ich ihr meine Geſchichte, ohne den geringſten Umſtand zu verſchweigen. Als ich meine Erzaͤhlung vollendet hatte, ſagte ſie zu mir:— „Mein Prinz, und wenn ihr auch nicht der Sohn eines großen Koͤnigs waͤret, ſo wuͤrde ich euch nicht deſto minder lieben; und ich darf euch verſichern, daß, wenn ich mich freue, eure hohe Geburt zu verneh⸗ men, es nur meines Vaters wegen geſchieht, der em⸗ pfindlicher fuͤr die weltlichen Ehren iſt, als ich. Mein ganzer Ehrgeiz beſteht darin, einen Gemahl zu beſitzen der mich einzig liebt, und der mir nicht das Herzeleid anthut, mir Nebenbuhlerinnen zu geben.“ Ich ermangelte nicht, ihr zu betheuern daß ich ſie mein ganzes Leben lang lieben wuͤrde, und ſie war uͤber dieſe Verſicherung hocherfreut. Sie rief nun eine ihrer Frauen, und befahl ihr, heimlich und ſchleunig zu einem Kaufmanne zu gehen, um ein ganz fertiges und moͤglichſt reiches Mannskleid zu kaufen. 8 Fadlallah und Semrude. 39 Die Sklavinn, der dieſer Auftrag gegeben wurde, entledigte ſich deſſelben nach Wunſche; ſie kam alsbald zuruͤck mit einem praͤchtigen Rock und Unterkleid, und einem Turban von Indiſchem Mußelin, der eben ſo ſchoͤn war, als jener andre: dergeſtalt, daß ich mich in einem Augenblicke noch reicher gekleidet ſah, als zuvor. „Wohlan Herr,“ ſagte jetzo Semrude zu mir, „meint ihr, daß der Kadi groß Urſache habe, uͤber ſein Werk zu frohlocken? Er hat meiner Familie ei⸗ nen Schimpf zufuͤgen wollen, und er hat ihr eine un⸗ ſterbliche Ehre verſchafft; er bildet ſich ohne Zweifel ein, daß wir von Kummer niedergebeugt ſind, und wie groß wird ſein Aerger ſein, wenn er nun vernimmt, daß er ſeinen Feinden ſo gut gedient hat! Aber bevor wir ihm zu erkennen geben, wer ihr ſeid, muͤſſen wir ihn fuͤr ſeine boshafte Abſicht beſtra⸗ fen. Ich uͤbernehme dieſes Geſchaͤft: ich weiß, es wohnt in dieſer Stadt ein Faͤrber, der eine Tochter von abſchreckender Haͤßlichkeit hat Ich will euch nicht mehr davon fagen,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ſich beſann,„ich muß euch das Vergnuͤgen der Ueber⸗ raſchung laßen. Es genuͤge euch, zu wiſſen, daß ich eine Rache im Sinne habe, welche den Kadi zur Ver⸗ zweiflung bringen und ihn zum Maͤhrchen des Hofes und der Stadt machen ſoll.“ 52. Tag. Zwei und funfzigſter Tag. Ich glaubte den Kadi ſchon dadurch genug geſtraft daß er mir den Muaffak zum Schwiegervater gegeben, und haͤtte gewuͤnſcht, daß man ſich damit begnuͤgt, ihm meinen Stand zu entdecken; aber Semrude bezeigte mir das groͤßte Verlangen, ſich zu raͤchen. Ihr ken⸗ net die Frauen: es waͤrde ihr nicht gefallen haben, wenn ich mich ihrem Vorhaben widerſetzt haͤtte. Sie zog ein einfaches, aber ſauberes Kleid an; und nachdem ſie ſich das Geſicht mit einem ſehr dich⸗ ten Schleier verhuͤllt hatte, bat ſie mich um Erlaubnis, ausgehen zu duͤrfen. Ich willigte ein, und ſie ging ganz allein weg. Sie begab ſich nach dem Hauſe des Kadi's, und ſtellte ſich in einen Winkel des Saales, wo dieſer Richter ſo wohl den Muſelmaͤnnern wie den Unglaͤubigen Gehoͤr gab. Er hatte ſie nicht ſo bald bemerkt, als er, ange⸗ zogen durch ihre ſtolze Haltung, einen Beamten hin⸗ ſchickte, ſie zu fragen, wer ſie waͤre, und was ſie begehrte. Sie antwortete, ſie waͤre die Tochter eines Hand⸗ werkers der Stadt, und wuͤnſchte den Kadi uͤber eine geheime Sache zu ſprechen. Als der Beamte dieſe Antwort dem Kadi hinter⸗ bracht hatte, ſo gab dieſer Richter, der von Natur das ſchoͤne Geſchlecht liebte, Semrude'n ein Zeichen, Fadlallah und Semrude. 41 ſich zu naͤhern, und in ein Gemach zu treten, wel⸗ ches neben ſeinem Gerichtsſaale war. Sie gehorchte, indem ſie eine tiefe Verneigung des Kopfes machte; ſie ſetzte ſich hier auf den Sopha, und hub ihren Schleier auf. Der Kadi folgte ihr nach, ſetzte ſich neben ſie, und war uͤberraſcht von ihrer Schoͤnheit. „Wohlan, mein liebes Kind,“ ſagte er zu ihr, „was ſteht zu euren Dienſten?“ „Herr,“ antwortete ſie ihm,„ich bitte euch, die ihr die Gewalt habt, die Geſetze beobachten zu laßen, und den Armen wie den Reichen Gerechtigkeit ange⸗ deihen laßet, hoͤret und achtet auf meine Klagen; ha⸗ bet Mitleid mit der traurigen Lage, worin ich mich befinde.“ „Eroͤffne mir dein Anliegen,“ erwiederte der Kadi, ſchon ganz aufgeregt;„ich ſchwoͤre bei meinem Haupt und bei meinen Augen, daß ich fuͤr dich das Moͤgliche und Unmoͤgliche thun will.“ Hierauf nahm Semrude ihren Schleier gaͤnzlich ab, und indem ſie dem Richter ihre ſchoͤnen moſchusfarbi⸗ gen Haare zeigte, welche in Locken um ihre Schultern wallten, ſprach ſie zu ihm: „Sehet doch, gnaͤdiger Herr, ob dieſer Haar⸗ wuchs misfaͤllig iſt; betrachtet, ich bitte euch, mein Geſicht, und ſaget mir unumwunden, was ihr davon haltet.“ 42 52. Tag. Der Kadi blieb bei dieſen Worten, welche ihm ein ſo ſchoͤnes Spiel boten, nicht ſtumm:— „Bei dem Opfer des Berges Arafat,“*) rief er aus,„ich gewahre an euch keinen Fehl: eure Stirn gleicht einer Silberplatte, eure Augenbraunen zweien Boͤgen, eure Wangen den Roſen, eure Augen zweien *) Arafat heißt ein Verg in der Nähe von Mekka: die Mahomedaner glauben, daß Adam und Eva, nachdem ſie ihres Ungehorſams wegen aus dem Paradieſe vertrieben worden, der eine gen Oſten, die andre gen Weſten, hun⸗ dert zwanzig Jahre büßend umhergeirrt, und ſich geſucht haben, und daß ſie ſich endlich auf dem Berge Arafat be⸗ gegnet und erkannt haben, welcher deshalb ſeinen Arabi⸗ ſchen Namen bekommen, von arafa, das heißt erkennen. Am zehnten Tage des Monats Sülhadſcha(Dhul heggiat. H.), des zwölften und letzten des Arabiſchen Jahres, welcher Tag Aidalaha(Aid al Adha. H.), das heißt Feſt der Opfer, genannt wird, machen die Pil⸗ 1 ger von Mekka eine allgemeine Wallfahrt dahin, genannt Tavaf. Jeder nimmt einen Hammel oder ein Kameel mit, welche ſie dort ſchlachten, und davon ſie die Stücke, als Heiligthümer, mit in ihre Heimat nehmen. Es geſchieht gewöhnlich, daß am dritten Tage nach dem Opfer ein ſtarker Regen fällt, welcher das Blut der Thiere her⸗ abſpühlt; dieß wird als ein Wunder angeſehen, ohne zu bedenken, daß es die Wirkung der ſtarken Dünſte iſt, welche aus dem Blute der Thiere in die Luft emporſteigen; denn man ſchlachtet eine ungeheure Menge von Thieren, weil jedermann ſein Schlachtopfer mitbringt, und ge⸗ wöhnlich viele Tauſend Menſchen dort beiſammen ſind. Fadlallah und Semrude. 43 Edelſteinen, welche einen blendenden Glanz ausſtrah⸗ len, und euer Mund iſt einem Rubinen-Kaͤſtchen zu vergleichen, welches ein Armband von Perlen ein⸗ ſchließt.“ Die Tochter Muaffaks ließ es hiebei noch nicht bewenden: ſie ſtand auf vom Sopha und that in dem Zimmer einige Schritte, indem ſie ſich ein zierliches Anſehen gab, und ſagte dabei: „Betrachtet, gnaͤdiger Herr, meinen Wuchs: fin⸗ det ihr darin etwas unregelmaͤßiges? iſt er nicht ſchlank und frei? habe ich gezwungene Gebaͤrden, ver⸗ legene Haltung? was iſt Widriges in meinem Gange?“ „Ich bin von eurer ganzen Perſon bezaubert,“ er⸗ wiederte der Kadi,„ich habe niemals etwas ſo ſchoͤ⸗ nes geſehen, als euch.“ „Und was duͤnkt euch von meinen Armen,“ fuhr ſie fort, indem ſie dieſelben enthuͤllte,„ſind ſie nicht weiß und voll genug?“ „Ah! Grauſamd,“ unterbrach ſie an dieſer Stelle der von Liebe entzuͤckte Kadi,„du bringſt mich um! Wenn du mir noch etwas anderes zu ſagen haſt, ſo rede bald, denn der Verſtand verlaͤßt mich ſchon, und ich kann deinen Anblick nicht laͤnger aushalten.“ „Ihr ſollt alſo wiſſen, gnaͤdiger Herr,“ fuhr Semrude fort,„daß ich, trotz den Reizen, womit der Himmel mich ausgeſtattet hat, in der Dunkelheit ei⸗ nes nicht nur allen Maͤnnern ſondern ſelbſt den Frauen 44 52. Tag. verbotenen Hauſes, welche doch durch ihre Unterhal⸗ tung mir einigen Troſt gewaͤhren koͤnnten, lebe. Nicht, daß ſich nicht haͤufig Heiratsantraͤge fuͤr mich dargeboten haͤtten, und ſchon laͤngſt wuͤrde ich verhei⸗ ratet ſein, wenn mein Vater nicht die Grauſamkeit gehabt haͤtte, mich allen zu verſagen, die um mich angehalten haben. Zu dem einen ſagt er, ich ſei duͤrre, wie eine Schindel, und zu dem andern, ich ſei bucklig; zu dieſem ſagt er, ich hinke und ſei ein⸗ haͤndig, und zu jenem, ich ſei bloͤdſinnig; bald habe ich einen Krebs am Ruͤcken, bald bin ich waſſerſuͤch⸗ tig, oder kraͤtzig. Kurz, er gibt mich fuͤr ein der menſchlichen Geſellſchaft unwuͤrdiges Geſchoͤpf aus, und hat mich ſo ſehr verrufen, daß ich zum Abſcheu. des Menſchengeſchlechts geworden bin: niemand bewirbt ſich mehr um mich, und ich bin zur ewigen Eheloſig⸗ keit verdammt.“ Indem ſie dieſe Worte ausſprach, ſtellte ſie ſich, als wenn ſie weinte, und ſpielte ihre Rolle mit ſol⸗ cher Kunſt, daß der Richter ſich davon taͤuſchen ließ. „O unmenſchlicher Vater!“ rief er aus,„wie kannſt du eine ſo liebenswuͤrdige Tochter mit ſolcher Haͤrte behandeln! Du willſt alſo, daß ein ſo ſchoͤner Baum unfruchtbar bleiben ſoll: ha, das werde ich nimmer zugeben!— Was iſt dann aber,“ fuhr er fort,„die Abſicht eures Vaters? redet, mein Engel, warum will er euch denn nicht verheiraten?“ Fadlallah und Semrude. 45 „Ich weiß es nicht, Herr,“ antwortete Semrude, indem ſie ihre falſchen Thraͤnen verdoppelte;„es iſt mir verborgen, was er dabei bezweckt, aber ich be⸗ kenne euch, meine Geduld iſt zu Ende: ich kann nicht laͤnger in dieſem Zuſtande leben. Ich habe Mittel und Wege gefunden meines Vaters Haus zu verlaßen; ich bin entſchluͤpft, um mich in eure Arme zu werfen und eure Huͤlfe anzuflehen. Habet alſo die Guͤte, gnaͤdiger Herr, euer Anſehen zu gebrauchen, um mir Gerechtigkeit widerfahren zu laßen; oder ich ſtehe nicht mehr fuͤr mein Leben ein: ich werde mich ſelber mit meinem eigenen Kandſchar:) durchboren und mich toͤdten, um meinen Leiden ein Ende zu machen.“ Drei und funfzigſter Tag. Semrude verruͤckte durch dieſe letzten Worte dem Kadi vollends den Kopf:„Nein, nein,“ ſagte er, „ihr ſollt nicht ſterben, und ſollt nicht eure Jugend unter Weinen und Seufzen vertrauern. Es ſteht nur bei euch, aus der Dunkelheit hervorzutreten, welche eure Vollkommenheiten verſtecken, und ſelbſt heute noch die Gattinn des Kadi's von Bagdad *) Dolch. 46 53. Tag. zu werden. Ja, vollkommenes Urbild der Huri's, ich bin bereit, euch zu heiraten, wenn ihr gern darein williget.“ „Gnaͤdiger Herr,“ antwortete die junge Frau, „und wenn ihr auch nicht einer der angeſehenſten Maͤnner dieſer Stadt waͤret, ſo wuͤrde ich dennoch keine Abneigung haben, euch meine Hand zu reichen; denn ihr ſcheint mir ein ſehr liebenswuͤrdiger Mann: aber ich fuͤrchte, ihr werdet nicht das Jawort meines Va⸗ ters erhalten, wie große Ehre ihm auch die Verbin⸗ dung mit euch braͤchte.“ „Seid daruͤber unbekuͤmmert,“ fuhr der Richter fort,„ich ſtehe fuͤr den Erfolg. Saget mir nur, in welcher Straße euer Vater wohnt, wie er heißt, und was ſein Gewerbe iſt.“ „Er heißet Uſta Omar,“ antwortete Semrude, „er iſt ein Faͤrber, und wohnt auf dem dſtlichen Kai des Dedſchela,“*) und an der Thuͤr ſeines Hauſes ſteht ein Dattelpalmbaum.“ „Das iſt genug,“ ſagte der Kadi,„ihr koͤnnt jetzo wieder nach Hauſe gehen, ihr werdet auf mein Wort, bald mehr von mir hoͤren.“ Hierauf bedeckte die junge Frau, nachdem ſie den Richter noch buhleriſch angeblickt hatte, ihr Geſicht *) Das heißt des Tigris. Fadlallah und Semrude. 47 wieder mit dem Schleier, verließ das Gemach, und kam zu mir heim. Sie erzaͤhlte mir die Unterredung, welche ſie mit dem Kadi gehabt hatte, und kaum konnte ſie ſich maͤßigen, ſo war ſie außer ſich vor Freuden. „Wir werden gerochen werden,“ ſprach ſie zu mir; „unſer Feind, der uns zum Gelaͤchter des Volks ma⸗ chen wollte, wird ſelber zum Geſpoͤtte werden.“ In der That, hatte der Richter Semrude'n kaum aus den Augen verloren, als er einen Beamten zu Uſta Omar ſchickte, der zu Hauſe war. „Kommet zum Kadi,“ ſagte der Beamte zu ihm, „er will mit euch ſprechen, und hat mir Befehl gege⸗ ben, euch vor ihn zu fuͤhren.“ Der Faͤrber erblaßte bei dieſen Worten, er waͤhnte, es haͤtte ihn jemand bei dem Richter verklagt, und er wuͤrde deshalb vorgefordert. Er folgte dem Beamten mit großer Unruhe. So bald er vor den Kadi kam, ließ dieſer ihn in daſſelbe Gemach treten, wo er ſich mit Semrude'n unterhalten hatte, und ſich auf daſſelbe Sopha ſetzen. Der Handwerksmann war ſo verwirrt uͤber die Ehre, welche man ihm anthat, daß er mehrmals die Farbe verwandelte. „Meiſter Omar,“ ſprach der Kadi zu ihm,„es freut mich, euch ſelber zu ſehen, ich habe ſchon lange vortheilhaft von euch ſprechen gehoͤrt. Man ſagt, ihr 48 53. Tag. ſeid ein Mann von guten Sitten; ihr verrichtet regel⸗ maͤßig taͤglich eure fuͤnf Gebete, und verſaͤumt niemals bei dem Freitagsgebete in der Moſchee zu ſein; uͤber⸗ dieß weiß ich, daß ihr kein Schweinefleiſch eſſet, und weder Wein noch Dattelnbrandwein trinket, endlich, daß, waͤhrend ihr arbeitet, einer von euren Burſchen den Koran lieſt.“ „Das iſt wahr, gnaͤdiger Herr,“ antwortete der Faͤrber;„ich weiß ſelbſt mehr als viertauſend Ha⸗ dit's*) auswendig, und ich bereite mich vor, um bald die Wallfahrt nach Mekka anzutreten. „Ich verſichere euch,“ fuhr der Richter fort,„daß mir dieß alles viel Vergnuͤgen macht, denn ich liebe leidenſchaftlich die echten Muſelmaͤnner. Man hat mir auch geſagt, daß ihr hinter dem Vorhange der Keuſch⸗ heit*) eine Tochter habt, welche in mannbarem Al⸗ ter iſt: iſt das wahr?“. „Großer Richter,“ antwortete Uſta Omar,„deſ⸗ ſen Palaſt den Ungluͤcklichen, die von den Stuͤrmen *) Das heißt Erzählung, mündliche Ueberlieferung; nämlich Sprlche Mahomeds, welche ſich mündlich forrgepflanzt ha⸗ ben, und von denen ſo viele als möglich, auswendig ge⸗ lernt werden müſſen. Es gibt mehrere alte Sammlungen derſelben, und ſie ſind größtentheils aus dem Talmud gezogen.— H. **) Das heißt, in dem abgeſonderten Frauen⸗Zimmer. Fadlallah und Semrude. 49 dieſer Welt verſchlagen ſind, einen Zufluchtsort ge⸗ waͤhrt, man hat euch die Wahrheit geſagt. Ich habe eine Tochter, die alt genug iſt, um einen Mann zu nehmen; aber das arme Geſchoͤpf iſt nicht im Stande, einem Manne vorgeſtellt zu werden: ſie iſt haͤßlich, oder vielmehr ſcheußlich, ein Kruͤppel, kraͤtzig, bloͤd⸗ ſinnig; mit Einem Wort, es iſt ein Ungeheuer, welches ich nicht genug verbergen kann.“ „Gut,“ ſagte der Kadi laͤchelnd,„ich verſah mich deſſen wohl, Meiſter Omar; ich war zum voraus uͤberzeugt, daß ihr mir ſolche Lobrede von eurer Toch⸗ ter machen wuͤrdet. Aber vernehmet, mein Freund, dieſe Kraͤtzige, dieſe Bloͤdſinnige, dieſer Kruͤppel, dieſe Scheußliche, dieſes Ungeheuer mit allen ſeinen Gebre⸗ chen, wird bis zur Raſerei von einem Manne geliebt, der ſie zur Gattinn zu haben wuͤnſcht, und dieſer Mann bin ich.“ Bei dieſer Rede ſah der Faͤrber dem Richter ge⸗ rade ins Geſicht, und ſagte zu ihm: „Wenn mein gnaͤdiger Herr Kadi ſcherzen will, ſo ſteht es ihm frei, er mag ſo viel es ihm beliebt, ſich uͤber meine Tochter luſtig machen.“ „Nein, nein,“ verſetzte der Kadi,„ich ſcherze nicht; ich bin in eure Tochter verliebt, und ich halte um ſie an.“ II. 4 50 53. Sag. Der Handwerksmann ſchlug bei dieſen Worten ein lautes Gelaͤchter auf, und rief aus: „Bei dem Propheten, es will euch jemand was aufheften; denn ich ſage euch, meine Tochter iſt ein⸗ haͤndig, lahm, waſſerfuͤchtig...“ „Richtig,“ unterbrach ihn der Richter,„an die⸗ ſem Bildnis erkenne ich ſie; ich liebe dieſe Art Maͤd⸗ chen, das iſt nun mein Geſchmack.“ „Noch einmal,“ hub der Faͤrber wieder an,„ſie paßt nicht fuͤr euch; ſie heißt Kayfakattaddahri,*) und ich betheure euch, daß ſie mit Recht ſo ge⸗ nannt iſt.“ G „Oh! ſchon zu viel davon,“ ſagte der Kadi mit heftigem und gebieteriſchen Tone,„ich bin all dieſer Ausfluͤchte uͤberdruͤßig: Meiſter Omar, ich verlange, daß du mir dieſe Kayfakattaddahri, ſo wie ſie nun iſt, bewilligeſt; und erwiedre mir nichts weiter.“ Als der Faͤrber ihn ſo entſchloſſen ſah, ſeine Toch⸗ ter zu heiraten, war er mehr als jemals uͤberzeugt, daß jemand, um ſich zu beluſtigen, ihn auf ein fal⸗ ſches Bildnis von ihr, in ſie verliebt gemacht hatte, und ſagte bei ſich ſelber:„Ich muß ein hohes Schir⸗ beha) fordern; dieſe Summe wird ihm vielleicht *) Kayfakattaddahri bedeutet Ungeheuer der Zeit. **) Schirbeha iſt die baare Brautgabe, welche der Ehemann Fadlallah und Semrude. 51 meine Tochter verleiden, und er wird nicht weiter da⸗ von mit mir reden.“ „Gnaͤdiger Herr,“ ſprach er zu ihm,„ich bin be⸗ reit, euch zu gehorchen; aber ich werde euch Kayfa⸗ kattaddahri nicht eher uͤberliefern, als bis ihr mir ein Heiratsgut von tauſend Zeckienen gegeben habt.“ „Die Summe iſt ein wenig ſtark,“ ſagte der Kadi; „gleichwohl will ich ſie dir auf der Stelle auszahlen laßen.“ Zu gleicher Zeit ließ er ſich einen ſchweren Sack voll Zeckienen bringen; man zaͤhlte tauſend Stuͤck ab, man wog ſie, und der Faͤrber nahm ſie in Empfang. Hierauf befahl der Richter, daß der Heiratsvertrag aufgeſetzt wuͤrde; aber als es ſo weit war, daß er un⸗ terzeichnet werden ſollte, betheuerte der Handwerks⸗ mann, er wuͤrde nicht anders unterzeichnen, als in Gegenwart von hundert geſetzkundigen Maͤnnern. „Du biſt ſehr mistrauiſch“ ſagte der Kadi zu ihm; „immerhin, ich will dir genugthun, denn ich meine nicht, daß deine Tochter mir entgehen wird.“ Er ſchickte auf der Stelle nach Doktoren, Alfa⸗ kih's und Mulla's, Dienern der Moſchee und der an den Vater der Tochter geben muß, oder an die Tochter, wenn er ſie verſtößt. 5² 53. 54. Ta g. Gerechtigkeit; und es kamen ihrer mehr, als der Faͤr⸗ ber verlangt hatte. Vier und funfzigſter Tag. Als alle Zeugen bei dem Richter verſammelt waren, nahm Uſta Omar das Wort und ſprach:. „Herr Kadi, ich gebe euch meine Tochter zur recht⸗ maͤßigen Ehefrau, weil ihr es durchaus haben wollt, daß ich ſie euch bewillige: aber ich erklaͤre vor allen dieſen Herren, es geſchieht nur unter der Bedingung daß ihr, wenn ſie euch misfaͤllt, nachdem ihr ſie ge⸗ ſehen habt, und ihr Luſt habt, ſie zu verſtoßen, ihr ebenfalls tauſend Zeckienen gebet, wie ich ſchon von euch empfangen habe.“ „Wohlan, ich ſchwoͤre es dir zu,“ ſagte der Kadi,„und ich rufe die ganze Verſammlung hier zu Zeugen an: biſt du nun zufrieden?“ Der Faͤrber antwortete mit Ja, und verließ den Saal, indem er ſagte, er ginge, ihm die Braut zu ſenden. Nachdem Omar weggegangen war, zerſtreute ſich auch die Verſammlung, und der Kadi blieb allein in ſeinem Hauſe. Er war ſeit zwei Jahren mit der Tochter eines Kaufmanns von Bagdad verheiratet, mit welcher er bisher in gutem Einverſtaͤndniſſe gelebt hatte. Fadlallah und Semrude. 5⁵ Als dieſe Frau nun vernahm, daß ihr Mann an ein neues Ehebuͤndnis daͤchte, gerieth ſie in Zorn und ſprach zu ihm: „Alſo, zwei Koͤpfe in Einer Muͤtze! zwei Haͤnde in Einem Handſchuh! zwei Schwerter in Einer Scheide! zwei Frauen in Einem Hauſe! Ha, Flat⸗ terhafter! da die Liebkoſungen einer treuen und noch jungen Gattinn deine Unbeſtaͤndigkeit nicht zu feſſeln vermoͤgen, ſo bin ich bereit, meine Stelle meiner Nebenbuhlerinn einzuraͤumen, und mich wieder zu mei⸗ nen Aeltern zu begeben: du darfſt mich nur verſtoßen und mir mein Heiratsgut bezahlen, und du wirſt mich nie wiederſehen.“ „Es freuet mich, daß du mir zuvorkoͤmmſt,“ antwortete ihr der Richter,„denn es war mir pein⸗ lich, dir meine neue Heirat anzukuͤndigen.“ Sogleich zog er aus einem Kaſten eine Boͤrſe mit fuͤnfhundert Goldſtuͤcken, uͤbergab ihr dieſelbe, und ſagte dabei: „Da, Frau, iſt dein Heiratsgut; geh, und nimm deine Ausſtattung: ich verſtoße dich einmal, zweimal, dreimal, ich verſtoße dich!*) Und damit deine Aeltern nicht daran zweifeln, daß ich dich ¹) Dieß iſt die Formel, deren ſich die Morgenländer bei der Verſtoßung ihrer Weiber bedlenen. 54 54. Tag. verſtoßen habe, ſo will ich dir dieſe Worte von mei⸗ ner Hand geſchrieben und von mir und meinem Nayb unterzeichnet, den Geſetzen gemaͤß, mitgeben.“ Er ſaͤumte nicht damit, und ſeine Frau begab ſich mit dieſem Schreiben und ihrem Gelde wieder zu ih⸗ rem Vater. Er ſah ſie kaum aus ſeinem Hauſe, als er ein Gemach deſſelben mit praͤchtigem Geraͤthe verſehen ließ, um darin ſeine neue Gemahlinn zu empfangen. Man legte hier Fußdecken von Sammt, und Teppiche und Sopha's von Gold⸗ und Silber⸗Brokat; mehrere Rauchfaͤſſer voll Wohlgeruͤche durchdufteten die Braut⸗ kammer. Alles war ſchon bereit, und der Kadi er⸗ wartete mit Ungeduld Kayfakattaddahri, die immer noch nicht kam. Er rief ſeinen getreuen Aga, und ſagte zu ihm: „Der liebenswuͤrdige Gegenſtand meines Verlan⸗ gens ſollte, duͤnkt mich, ſchon hier ſein: was mag ſie ſo lange bei ihrem Vater zuruͤckhalten? Wie lang wer⸗ den mir die Augenblicke, welche mein Gluͤck verzoͤ⸗ gern!“ Ungeduldig, ſeine neue Frau zu ſehen„ wollte der Kadi eben ſeinen Aga zu Uſta Omar ſchicken, als ein Laſttraͤger ankam, mit einem Kaſten von Weidenholz, der mit einem gruͤntafftenen Teppich bedeckt war. „Was bringſt du mir da, mein Freund?“ fragte ihn der Richter. Fadlallah und Semrude. 55 „Gnaͤdiger Herr,“ antwortete ihm der Laſttraͤger, indem er den Kaſten auf den Boden ſetzte,„es iſt eure Gemahlinn; ihr duͤrft nur den Teppich aufheben, und ihr werdet ſehen, wie ſie beſchaffen iſt.“ Der Kadi riß den Teppich weg, und erblickte ein Maͤdchen, drei und einen halben Fuß groß: ſie hatte ein langes mit Kraͤtze bedecktes Geſicht; ihre tief im Kopfe liegende Augen waren roͤther, als Feuer; ſie hatte gar keine Naſe, uͤber dem Munde, der wie ein Krokodilrachen geſtaltet war, erſchienen nur zwei ſehr widerwaͤrtige Naſeldcher. Der Kadi konnte dieſen Gegenſtand nicht ohne Ab⸗ ſcheu anſehen; er warf ſchleunig den Teppich wieder uͤber, und ſagte zu dem Laſttraͤger: „Was ſoll ich denn mit dieſem ſcheußlichen Unge⸗ thuͤm?“ „Herr,“ verſetzte der Laſttraͤger,„es iſt die Toch⸗ ter des Faͤrbermeiſters Omar der mir geſagt hat, ihr habet ſie aus Zuneigung geheiratet.“ „Gerechter Himmel!“ rief der Kadi aus,„kann man denn ein Ungeheuer heiraten, wie dieſes hier?“ In dieſem Augenblicke trat der Faͤrber herein, der die Ueberraſchung des Kadi's wohl vorausgeſehen hatte. „Elender,“ ſprach der Kadi zu ihm,„fuͤr wen haͤltſt du mich? Du biſt hoͤchſt unverſchaͤmt, mir ei⸗ nen ſolchen Streich zu ſpielen: du wagſt es, mich ſo zu behandeln, mich, der ich mich leichtlich an meinen 56 54. 55. Ta g. Feinden raͤchen kann? mich, der wenn es ihm gefaͤllt, deinesgleichen in Feſſeln ſchlagen kann? Fuͤrchte mei⸗ nen Zorn, Elender! anſtatt dieſes Scheuſals, das du mir geſchickt haſt, gib mir deine andere Tochter, de⸗ ren Schoͤnheit nichts gleichkoͤmmt, oder du ſollſt bald erfahren, was ein erzuͤrnter Kadi vermag.“ „Gnaͤdiger Herr,“ ſagte Omar,„hoͤret auf, mir zu drohen, ich bitte euch darum, und zuͤrnet nicht mehr auf mich: ich ſchwoͤre euch bei dem Schoͤpfer des Lichts, ich habe keine andre Tochter, als dieſe hier. Ich habe euch tauſendmal geſagt, daß ſie nicht fuͤr euch paßt: ihr habt mir nicht glauben wollen; wem wollt ihr nun die Schuld beimeſſen?“ Fuͤnf und funfzigſter Tag. Der Kadi ging bei dieſer Rede in ſich, und ſagte zu dem Faͤrber: „Meiſter Omar, es iſt dieſen Morgen ein Fraͤu⸗ lein von vollkommener Schoͤnheit hergekommen, die mir geſagt hat, ihr ſeid ihr Vater. und gebet ſie uͤberall fuͤr ein Ungeheuer aus, damit niemand Luſt bekomme, ſie von euch zur Gattinn zu begehren.“ „Gnaͤdiger Herr,“ erwiederte ihm der Handwerks⸗ mann,„dieſe Schoͤne iſt ohne Zweifel eine Spitzbü⸗ binn, und ihr muͤßt irgend einen Feind haben.“ Fadlallah und Semrude. 57 Jetzo ließ der Kadi ſein Haupt auf die Bruſt ſin⸗ ken, und blieb einige Zeit nachdenklich; ſodann nahm er wieder das Wort, und ſagte: „Das iſt nun ein Ungluͤck, das mir begegnen mußte: reden wir nicht weiter davon. Ich bitte dich, laß deine Tochter nach Hauſe tragen, und behalt die tauſend Zeckienen welche ich dir gegeben habe; aber fordere nicht mehr von mir, wenn du willſt, daß wir gute Freunde bleiben.“. Obwohl der Richter vor geſetzkundigen Zeugen ge⸗ ſchworen hatte, noch tauſend Zeckienen zu geben, wenn die Tochter Omars ihm nicht gefiele, ſo wagte dieſer Handwerksmann doch nicht, ihn beim Worte zu halten, aus Furcht, ſich ihn zum Feinde zu machen; denn er kannte ihn als einen rachſuͤchtigen Mann, der leicht Gelegenheit zu finden wußte, ſeinen Feinden zu ſchaden. Er zog vor, ſich mit dem zu begnuͤgen, was er ſchon empfangen hatte. „Gnaͤdiger Herr,“ ſagte er zu ihm,„ich will euch gehorchen und euch meiner Tochter entledigen; aber ihr muͤßt, wenn's euch beliebt, zuvor ſie verſtoßen.“ „Oh wahrlich,“ ſagte der Kadi,„ich bin nicht geſonnen, dieß zu unterlaßen, und verſichere Dich, es ſoll alsbald geſchehen.“ In der That ließ er auf der Stelle ſeinen Nayb holen, und die Verſtoßung geſchah in aller Form. Hierauf nahm Meiſter Omar Abſchied von dem Rich⸗ 56. Tag. ter und ließ von dem Laſttraͤger die abſchreckende Kay⸗ fakattaddahri wieder nach Hauſe bringen. Dieſes Abenteuer ward bald ruchtbar in der Stadt. Alle Welt lachte daruͤber, und fand großen Gefallen an dem Streiche, welchen man dem Kadi geſpielt hatte. Dieſer kam aber damit noch nicht davon, daß er in ganz Bagdad zum Gelaͤchter ward. Wir trieben unſre Rache noch weiter. Ich begab mich, auf Muaffaks Rath, zu dem Beherrſcher der Glaͤubigen,*) und entdeckte ihm mei⸗ nen Stand und Namen und erzaͤhlte ihm meine Ge⸗ ſchichte. Ihr koͤnnt wohl denken, daß ich diejenigen Umſtaͤnde nicht unterdruͤckte, welche die Bosheit des Kadi's ins Licht ſtellten. Nachdem der Chalyf mich ſehr aufmerkſam ange⸗ hoͤrt hatte, machte er mir freundliche Vorwuͤrfe, und ſagte zu mir: „Prinz, warum habt ihr euch nicht ſogleich an mich gewandt? ihr ſchaͤmtet euch ohne Zweifel eures Misgeſchicks; aber ihr haͤttet euch immer, ohne zu erroͤthen, in eurem elenden Zuſtande meinen Augen darſtellen konnen. Haͤngt es denn von den Menſchen ab, gluͤcklich oder ungluͤcklich zu ſein? iſt es nicht vielmehr Gottes Hand, welche nach ſeinem Gefallen *) Dieß iſt der Titel der Chalyfen. —— Fadlallah und Semrube. 59 das Gewebe unſers Lebens ſchafft? Und durftet ihr fuͤrchten, daß ich euch nicht freundlich aufnehmen wuͤrde? Nein; ihr wißt, ich liebe und ehre den Koͤ⸗ nig Bin⸗Ortok, euern Vater: mein Hof war eine ſichere Zuflucht fuͤr euch.“ Der Chalyf erwies mir tauſend Freundlichkeiten: er gab mir eine Galat,*) nebſt einem ſchoͤnen Dia⸗ mant, welchen er am Finger trug; er bewirthete mich mit koͤſtlichem Sorbet; und als ich wieder nach Hauſe bei meinem Schwaͤher kam, ſo fand ich daſelbſt ſchon ſechs dicke Packete von Perſiſchem Gold⸗ und Silber⸗ Brokat, zwei Stuͤcke Kemcha,) nebſt einem ſehr ſchoͤnen und reich aufgeſchirrten Perſiſchen Roſſe. Ueberdieß gab er Muaffak die Statthalterſchaft von Bagdad wieder; und zur Beſtrafung des Kadi's, weil er Semrude'n und ihren Vater ſo zu betruͤgen gedacht hatte, entſetzte er ihn ſeines Richteramts und verur⸗ theilte ihn zum ewigen Gefaͤngniſſe, wo er, zum Vollmaaße ſeines Elends, mit der Tochter Uſta Omars zuſammen leben mußte. Wenige Tage nach meiner Verheiratung ſandte ich einen Eilboten nach Mußel, um meinen Vater von *) Galat heißt Arabiſch das Ehrenkleid; Türkiſch Kaftan. 3 *) Großgeblümter Damaſt,(welcher von der Stadt Da⸗ mask benannt iſt). 6⁶ 55. TDag. allem zu unterrichten, was mir ſeit meiner Abreiſe von ſeinem Hofe begegnet war, und ihn zugleich zu verſichern, daß ich bald mit meiner Neuvermaͤhlten heimkehren wuͤrde. Ich erwartete mit Ungeduld die Ruͤckkunft meines Boten; aber, ach! er brachte mir ſehr betruͤbende Nachrichten. Ich erfuhr, daß Bin⸗Ortok, nachdem er vernommen, daß viertauſend Beduinen⸗Araber mich angegriffen und meine Bedeckung niedergehauen haͤtten, in der Ueberzeugung, daß ich nicht mehr am Leben waͤre, daruͤber ſolches Herzeleid empfunden, daß er endlich geſtorben waͤre; ferner, daß der Prinz Ama⸗ deddin Sengi, mein Vetter, den Thron beſtiegen haͤtte, daß er mit großer Gerechtigkeit herrſchte, daß indeſſen, obwohl er allgemein beliebt waͤre, die Voͤl⸗ ker nicht ſo bald vernommen, ich waͤre noch am Le⸗ ben, als ſie eine unglaubliche Freude daruͤber bezeugt haͤtten. Der Prinz Amadeddin ſelber verſicherte mich in einem Briefe, welchen mir der Bote von ihm uͤber⸗ brachte, ſeiner Treue, und bezeigte mir große Unge⸗ duld, mich zu ſehen, um mir die Krone zuruͤckzuge⸗ ben und mein erſter Unterthan zu werden. Dieſe Neuigkeiten bewogen mich zu dem Entſchluſſe, meine Ruͤckkehr nach Mußel zu beſchleunigen. Ich nahm Abſchied von dem Fuͤrſten der Glaͤubigen, der mir dreitauſend Pferde von ſeiner Leibwache zur Be⸗ deckung, bis in meine Staaten mitgab. Und nach⸗ Fadlallah und Semrude. 6¹ dem ich Muaffak und ſeine Frau herzlich umarmt hatte, verließ ich Bagdad, mit meiner geliebten Semrude, welche bei der Trennung von ihrem Vater und ihrer Mutter vor Schmerz geſtorben waͤre, wenn ihre Liebe zu mir nicht ihr Leid gemaͤßigt haͤtte. Sechs und funfzigſter Tag. Ich hatte noch nicht die Haͤlfte des Weges zwi⸗ ſchen Bagdad und Mußel zuruͤckgelegt, als der Vor⸗ trab meines Geleites die Spitze einer Heerſchaar entdeckte, welche gerade auf uns zukam. Ich waͤhnte, es waͤren abermals Beduinen⸗Araber. Ich ſtellte meine Leute in Schlachtordnung, und wir waren ſchon geruͤſtet zum Kampf, als meine Vorlaͤufer mir zu be⸗ richten kamen, daß die Leute, welche wir fuͤr Raͤuber oder Feinde hielten, Truppen aus Mußel waͤren, welche mir entgegenkaͤmen, und daß Amadeddin ſie anfuͤhrete. Als dieſer Prinz ſeinerſeits auch vernommen hatte, wer wir waͤren, ſo verließ er ſein kleines Heer, und kam mir mit den vornehmſten Herren von Mußel ent⸗ gegen. Er ſprach zu mir, wie er mir geſchrieben hatte, das heißt, auf eine unterwuͤrfige und ehrfurchts⸗ volle Weiſe; und alle die Herren, die ihn begleiteten verſicherten mich ihres Dienſteifers und ihrer Treue. 6²2 356. C a g. Wie ſehr ich auch Urſache hatte ihnen zu mistrauen, und zu argwoͤhnen, daß mein Vetter, unter dem Vor⸗ wande, mir eine Ehre zu erzeigen, vielleicht die Abſicht hegte, mir das Leben zu rauben, um im Beſitze mei⸗ nes Reichs zu bleiben, ſo wollte ich doch lieber alles Mistrauen verbannen, als zu erkennen geben, daß ich nicht ohne Furcht waͤre. Ich entließ die Soldaten von der Leibwache des Chalyfen und vertraute meine Sicher⸗ heit dem Prinzen Amadeddin an. Ich hatte auch keine Urſache, mein Vertrauen zu bereuen: weit entfernt, im Stande zu ſein, einen ſchwarzen Anſchlag gegen mich zu bruͤten, war er nur darauf bedacht, mir Be⸗ weiſe ſeiner Anhaͤnglichkeit zu geben. Als wir in Mußel ankamen, bezeugte alles Volk durch lauten Zuruf das Vergnuͤgen mich wiederzuſehen, und ſtellte drei Tage hindurch große Freudenfeſte an. Die Laͤden der Aſuaken*) und der Badiſtans,) wurden von innen und außen mit Teppichen behaͤngt, und in der Nacht mit Lampen erleuchtet, welche Buch⸗ ſtaben und durch dieſe einen Spruch des Korans bilde⸗ ten: dergeſtalt, daß, da jeder Laden ſeinen beſondern Spruch hatte, man dieſes heilige Buch durch die *) Aſuaken ſind die Straßen der Kaufleute. **) Badiſtan iſt ein Ort, wie der Markt St. Germain oder das Palais(in Paris), ganz voll Läden der Juweliere. Fadlallah und Semrude. 63 ganze Stadt las, und es ſchien, als wenn der Engel Gabriel es nochmals in leuchtender Schrift unſerm großen Propheten darbraͤchte. Außer dieſer frommen Erleuchtung, waren vorn an den Laͤden große Schuͤſſeln voll Pilau, von allen Farben, in Piramiden aufgeſtellt, nebſt großen Naͤpfen voll Sorbet und Granatenſaft, wovon die Voruͤbergehenden nach Belieben aaßen und tranken. An allen Straßenecken ſah man Taͤnze der Tſchen⸗ gi's,*) zu den Toͤnen der Tambura's) und Deffs;*) und die Kalender liefen, ihrer Gewohn⸗ heit nach, wie raſende Narren durch die Stadt. Die Genoſſen aller Gewerke kamen auf Waͤgen, die mit Rauſchgold und flatternden Baͤndern von mannigfalti⸗ gen Farben geſchmuͤckt waren, ſammt den Geraͤth⸗ ſchaften welche ihre Handwerke andeuteten, nachdem ſie durch die große Straße gezogen waren, unter dem Schall der Pfeifen, Trommeln und Trompeten, an *) Tſchengi's ſind Tänzer von Gewerbe. **) Tambura's ſind eine Art ſehr kleiner Lauten mit füͤnf Drath⸗Saiten und einem zwei Fuß langen Griffbrette. Man rührt dieſe Saiten mit einem kleinen Stücke Schild⸗ krötenſchale, welches man Taſana nennt. Dieß Saiten⸗ ſpiel wird gewöhnlich mit der Stimme begleitet. 2**) Deff's ſind eine Art von Tamburin, welche beim Zuſam⸗ menſpielen den Takt angeben. 64 56. 57. Tag. meinem Balkon voruͤber, wo Semrude neben mir ſaß, und begruͤßten uns, indem ſie aus allen Kraͤften ſchrieen:„Eſßalat u eſßelam Aleck ja reßul, Allah in ßor Aſßultan!“*) Ich begnuͤgte mich nicht, mit der Tochter Muaf⸗ faks alle dieſe Ehrenbezeigungen zu theilen, ich be⸗ muͤhte mich auch, alles aufzuſuchen, was ihr einiges Vergnuͤgen gewaͤhren konnte. Ich ließ in ihre Wohn⸗ zimmer alles bringen, was es Seltenes und dem Auge angenehmes gab. Ich erwaͤhlte ihr ein Gefolge e.. von fuͤnf und zwanzig Georgiſchen jungen Frauen, Sklavinnen aus dem Harem meines Vaters: einige davon ſangen, und ſpielten vollkommen die Laute, an⸗ dere die Harfe, und noch andere tanzten mit eben ſo viel Kunſt und Anmuth, als Leichtigkeit. Ich gab ihr auch einen ſchwarzen Aga mit zwoͤlf Verſchnittenen, welche jeder irgend eine Geſchicklichkeit beſaßen, ſie zu vergnuͤgen. Sieben und funfzigſter Tag. Ich herrſchte uͤber treue und ergebene Unterthanen; ich liebte Semrude'n mehr als jemals, und ich wurde *) Dieß Arabiſche„Hoch lebe der König!“ heißt:„Heil und Segen über dich, du Geſandter des Herrn! Gott verleihe Sieg dem Könige!“ — Fadlallah und Semrude. 65 ebenſo von ihr geliebt. Kurz, ich lebte gluͤcklich, als ein junger Derwiſch an meinem Hof erſchien. Er wußte ſich durch ſein angenehmes und gefaͤlliges We⸗ ſen bei den vornehmſten Herren Eingang zu verſchaf⸗ fen; er gewann durch ſeine guten Einfaͤlle und tref⸗ fenden und witzigen Antworten bald ihre Freudſchaft. Er begleitete ſie auf die Jagd; er war Genoſſe ihrer Gelage; kurz, er nahm an allen ihren Vergnuͤgungen Theil. Einige von ihnen ſprachen zu mir eines Tages oon ihm, und ruͤhmten ihn mir als einen angenehmen Geſellſchafter; kurz, ſie brachten es dahin, daß ich Luſt bekam, ihn zu ſehen und zu ſprechen. Weit entfernt, zu finden, daß man mir ein ge⸗ ſchmeicheltes Bildnis von ihm gemacht hatte, ſchien er mir noch geiſtreicher, als man ihn mir geſchildert. Seine Unterhaltung bezauberte mich, und zog mich aus einem Irrthume, worin noch heute viele vornehme Leute ſind, welche waͤhnen, man faͤnde nur am Hofe feine und geiſtvolle Koͤpfe. Ich fand an den Reden des Derwiſches ſo viel Geſchmack, daß er mir ſelbſt zu Staatsgeſchaͤften tauglich ſchien, und ich ihn unter die Zahl meiner Miniſter aufnehmen wollte: aber er dankte mir, und ſagte, er habe das Geluͤbde gethan, niemals ein Amt zu bekleiden; er liebe es, ein freies und unabhaͤngiges Leben zu fuͤhren; er verachte alle Ehren und Reichthuͤmer, und begnuͤge ſich mit dem II. 5 *△ 66 57. Tag. was Gott, der fuͤr die geringſten Thiere ſorge, ihn uberall zum Unterhalte finden laße: mit Einem Worte, er ſei zufrieden mit ſeinem Stande. Ich bewunderte einen von den weltlichen Dingen ſo unabhaͤngigen Menſchen, und ich ſchaͤtzte ihn nur um ſo hoͤher: ich empfing ihn immer ſehr freundlich, wenn er ſich an meinem Hofe einfand; ſtand er unter der Menge der Hoͤflinge, ſo ſuchten meine Augen ihn auf, und er war einer von denjenigen, welche ich am haͤufigſten anredete. Ich faßte unvermerkt ſolche Freundſchaft fuͤr ihn, daß ich ihn zu meinem Guͤnſt⸗ linge machte. Eines Tages, als ich in einem Walde jagte, ent⸗ fernte ich mich von dem Jagdgetuͤmmel, und der Derwiſch allein befand ſich bei mir. Er fing an, mir von ſeinen Reiſen zu erzaͤhlen; denn obgleich er noch jung war, ſo hatte er doch ſchon viel gereiſt. Er unterhielt mich von mehreren merkwuͤrdigen Dingen, welche er in Indien geſehen, und unter andern von uum alten Brahmanen,*) welchen er dort gekannt atte. 5 „Dieſer große Mann,“ erzaͤhlte er mir,„beſaß eine Unzahl von Geheimniſſen, eins immer merkwuͤr⸗ diger, als das andre: die Natur hatte nichts Un⸗ *) Brahma⸗Prieſter, Bramin⸗ Fadlallah und Semrude. 67 durchdringliches fuͤr ihn. Er ſtarb in meinen Armen; aber weil er mich liebte, ſprach er zu mir vor ſeinem Hinſcheiden:„mein Sohn, ich will dich ein Geheim⸗ nis lehren, damit du dich meiner erinnerſt, unter der Bedingung, daß du es niemand mittheileſt.“ Ich verſprach es ihm,“ fuhr der Derwiſch fort,„und auf mein Verſprechen bauend, lehrte er mich dieſes Ge⸗ heimnis.“ „Ei, von welcher Art iſt denn dieſes Geheimnis?“ fragte ich ihn:„iſt es nicht etwa die Kunſt Gold zu machen?“ „Nein, Herr,“ antwortete er,„es iſt ein ſelte⸗ nes und noch viel koͤſtlicheres Geheimnis: es beſteht darin einen todten Leichnam wieder zu beleben. Nicht, daß ich,“ fuhr er fort,„einem Leichnam dieſelbe Seele wiedergeben koͤnnte, welche er verloren hat,— der Himmel allein hat die Macht, dieſes Wunder zu thun:— aber ich kann meine eigene Seele in einen lebloſen Leib uͤbergehen laßen, und ich will vor den Augen Euer Majeſtaͤt den Beweis davon ablegen, wenn es euch beliebt.“ „Sehr gern,“ ſagte ich zu ihm,„und es mag auf der Stelle geſchehen, wenn du willſt.“ Es lief in dieſem Augenblick bei uns eine Hinde voruͤber; ich druͤckte einen Pfeil auf ſie ab, traf und erlegte ſie. 68 57. Tag. „Laß ſehen,“ ſagte ich darauf,„ob du dieſes Thier wieder beleben kannſt.“ „ Herr,“ erwiederte der Derwiſch,„eure Neugierde ſoll alsbald befriedigt werden; gebet wohl Acht, was ich vornehme.“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als ich ploͤtzlich ſeinen Leib leblos hinſinken ſah; und zu glei⸗ cher Zeit ſah ich die Hinde mit großer Leichtigkeit wie⸗ der aufſtehen. Ihr koͤnnt euch mein Erſtaunen den⸗ ken; und obwohl ich nicht an dem zweifeln durfte, was ich vor mir ſah, ſo traute ich jedoch meinen Augen kaum. Unterdeſſen kam die Hinde zu mir heran 4 und liebkoſte mich; und nachdem ſie mehrere Spruͤnge gemacht hatte, ſank ſie nieder, und alsbald belebte ſich der Leichnam des Derwiſches wieder, der auf der Erde ausgeſtreckt lag. Ich war von einem ſo ſchoͤnen Geheimniſſe ganz bezaubert, und bat den Derwiſch, es mich zu lehren. „Herr,“ erwiederte er mir,„es thut mir Leid, euer Verlangen nicht befriedigen zu koͤnnen; aber ich verſprach dem alten Brahmanen im Sterben, niemand dieſes Geheimnis mitzutheilen, und ich bin der Sklave meines Wortes.“ Je mehr der Derwiſch ſich ſtraͤubte, meine luͤſterne Mecie zu befriedigen, jemehr, fuͤhlte ich, reizte er ſie. Fadlallah und Semrude. 69 „Um Gottes willen,“ ſprach ich zu ihm,„ver⸗ ſage mir nicht die Genugthuung, um welche ich dich bitte; ich verſpreche dir auch, dieſes Geheimnis nie⸗ mand zu entdecken, und ich ſchwoͤre bei demjenigen, der uns beide erſchaffen hat, daß ich niemals einen Misbrauch davon machen werde.“ Der Derwiſch dachte einen Augenblick nach, ſodann nahm er wieder das Wort, und ſagte: „Ich kann mich gegen einen Koͤnig, den ich mehr als mein Leben liebe, nicht erwehren, ich gebe ſo dringenden Bitten nach. Ueberdieß,“ fuͤgte er hinzu, „gab ich dem Brahmanen nur ein bloßes Verſprechen, ich band mich nicht durch einen unverbruͤchlichen Eid. Ich will alſo Euer Majeſtaͤt mein Geheimnis lehren: es koͤmmt nur darauf an, zwei Worte zu behalten, und es genuͤgt, dieſelben in Gedanken auszuſprechen, um einen Leichnam wieder zu beleben.“ Zu gleicher Zeit lehrte er ſie mich. Ich wußte ſie nicht ſo bald, als ich auch ihre Kraft verſuchen wollte; ich ſprach ſie aus, in der Abſicht, daß meine Seele in den Leib der Hinde uͤbergehen ſollte, und ich ſah mich auf der Stelle in dieſes Thier verwandelt. Aber mein Vergnuͤgen daruͤber, daß die Seelen⸗ wanderung ſo gluͤcklich von ſtatten ging, verwandelte ſich bald in Trauer; denn ſo bald mein Geiſt in den Leib der Hinde uͤbergegangen war, nahm die Seele des Treuloſen Beſitz von meinen Leibe, ergriff und 7⁰ 57. 58. Ta g. ſpannte ſogleich meinen Bogen, und haͤtte mich mit ei⸗ nem meiner Pfeile durchbohrt, wenn ich nicht aus ſei⸗ nen Gebaͤrden ſeine Abſicht erkannt, und mich durch eine ſchleunige Flucht ſeinen Schuͤſſen entzogen haͤtte. Er unterließ nicht, einen Pfeil auf mich abzudruͤcken, aber gluͤcklicherweiſe verfehlte er mich. Acht und funfzigſter Tag. Da war ich nun gezwungen, mit den Thieren der Berge und Waͤlder zu leben; gluͤcklich, wenn ich ihnen vollkommen gleich geweſen waͤre, und mit dem Ver⸗ luſte der menſchlichen Geſtalt auch die Vernunft verlo⸗ ren haͤtte! ich waͤre dann nicht der Raub von tauſend truͤbſeligen Betrachtungen geworden. Waͤhrend ich in den Waͤldern mein Ungluͤck betrau⸗ erte, nahm der Derwiſch den Thron von Mußel ein; und was mir noch weit mehr Herzeleid machte, er beſaß auch Semrude'n. Er ließ ſeinen Derwiſch⸗Leich⸗ nam dort im Walde liegen; und ſehr zufrieden, den meinigen angenommen zu haben, ſchmeckte er unge⸗ ſtoͤrt die Suͤßigkeit der Herrſchaft. Weil er jedoch fuͤrchtete, ich moͤchte durch daſſelbe Geheimnis, wel⸗ ches mir ſo verderblich geweſen war, Mittel finden, 4 1 in den Palaſt zu gelangen und mich fuͤr ſeine Treulo⸗ ſiigkeit zu raͤchen, ſo gab er denſelben Tag noch, als Fadlallah und Semrude. 71 er meine Stelle einnahm, den Befehl, alle Hinden zu tödten, welche in den Waͤldern des Reichs zu finden waͤren; indem er, wie er ſagte, ſeine Staaten von dieſer Art Thiere, welche er toͤdtlich haſſete, ſaͤubern wollte; und um ſeine Unterthanen deſto mehr zu er⸗ muntern, dieſe Thiere auszurotten, ließ er offentlich bekannt machen, er wuͤrde dreißig Zeckienen fuͤr jede Hinde bezahlen, deren Kopf man ihm braͤchte. Die Voͤlker von Mußel verbreiteten ſich, von der Hoffnung des Gewinns angetrieben, in den Feldern mit ihren Boͤgen und Pfeilen; ſie drangen in die Waͤl⸗ der, durchſtreiften die Berge, und toͤdteten mit ihren Schuͤſſen alle Hinden, welche ihnen vorkamen. GlOuͤcklicherweiſe hatte ich ihre Pfeile nicht zu fuͤrch⸗ ten; denn als ich am Fuße eines Baums eine todte Nachtigall erblickte, ging ich in ihren Leib uͤber, und belebte ſie wieder. Unter dieſer neuen Geſtalt flog ich nach dem Palaſte meines Feindes, und verbarg mich in dem dichten Laube eines Baumes im Garten. Dieſer Baum ſtand nicht weit von dem Gemache der Koͤniginn, und hier, in Gedanken an mein trauriges Schickſal und an das Gluͤck meines Nebenbuhlers, erweichte ich mich, und fing an, meine Leiden in Ge⸗ ſang auszuſtroͤmen. Eines Morgens, bei Sonnenaufgange, begannen die anderen Voͤgel, erfreut uͤber das Wiederſehen des Lichts, durch ihren Geſang die Freude auszudruͤcken, 72 58. Tag. welche ſie belebte. Ich aber, unempfindlich fuͤr das Licht des neuen Tages, war nur mit meinen Leiden beſchaͤftigt; die Augen trauervoll auf das Zimmer Semrudens geheftet, erfullte ich die Luft mit ſo klaͤg⸗ lichen Toͤnen, daß ich dadurch die Fuͤrſtinn ans Fen⸗ ſter zog. Ich fuhr bei ihrem Anblicke fort in meinem Klagegeſange, ich beſtrebte mich ſelbſt, ihn noch ruͤh⸗ render zu machen, wie wenn ich ihr den Gegenſtand meines Schmerzes haͤtte mittheilen koͤnnen. Aber ach! es machte ihr Vergnuͤgen, mich anzuhoͤren, und ich hatte das Herzeleid, zu bemerken, daß ſie, anſtatt durch meine Klagetoͤne ſich ruͤhren zu laßen, ſie nur daruͤber lachte, nebſt einer ihrer Sklavinnen, die auch an daſſelbe Fenſter gekommen war, mir zuzuhdren. Ich verließ weder dieſen Tag, noch die folgenden, den Garten, und ich verſaͤumte nicht, alle Morgen an derſelben Stelle zu ſingen. Semrude ermangelte eben ſo wenig, ſich ans Fenſter zu ſetzen; und, was mir ein Werk des Himmels ſchien, ſie bekam Luſt, mich zu haben. „Hoͤret,“ ſagte ſie zu ihren Frauen,„ich will, daß man dieſe Nachtigall fange; man gehe, Vogel⸗ ſteller zu holen, ich liebe dieſen Vogel, ja ich bin naͤrriſch nach ihm; man bemuͤhe ſich, ihn zu erha⸗ ſchen, und bringe ihn mir.“ Man gehorchte der Koͤniginn; geſchickte Vogelſteller wurden geholt, welche ihre Netze nach mir aufſtellten; Fadlallah und Semrude. 73 und da ich nicht die Abſicht hatte, ihnen zu ent⸗ ſchluͤpfen, weil ich wohl ſah, daß man meiner Frei⸗ heit nur nachſtellte, um mich zum Sklaven meiner Fuͤrſtinn zu machen, ſo ließ ich mich fangen. So bald ich in ihren Haͤnden war, ließ ſie große Freude daruͤber blicken:„mein Thierchen, ſagte ſie, indem ſie mir liebkoſte,„meine liebe Nachtigall, ich will deine Roſe*) ſein. Ich fuͤhle ſchon fuͤr dich un⸗ endliche Zaͤrtlichkeit.“ Mit dieſen Worten kuͤßte ſie mich, und ich ſtreckte meinen Schnabel lieblich nach ihren Lippen. „Ah, der kleine Spitzbube!“ rief ſie lachend aus, nes ſcheint, er verſteht, was ich zu ihm ſage.“ Endlich, nachdem ſie mir geliebkoſet hatte, that ſie ſelber mich in einen Kaͤfig von Golddrath, welchen einer ihrer Verſchnittenen in der Stadt hatte kaufen muͤßen. Ich ſang nun alle Morgen, ſo balb ſie erwacht war; und wenn ſie an meinen Kaͤfig kam, um mir zu ſchmeicheln oder etwas zu geben, ſo ſpreizte ich, weit entfernt, wild zu ſcheinen, meine Fluͤgel, um *) Die Morgenländer haben die Sage, daß die Nachtigall in . die Roſe verliebt iſt. Alle Türkiſchen Dichter gedenken in ihren Werken dieſer Liebe, und reden niemals von der Nachtigall, ohne zugleich von der Roſe und dem Roſen⸗ buſche zu reden. 74 58. S d g. meine Freude auszudruͤcken, und ſtreckte ihr meinen kleinen Schnabel hin. Sie war erſtaunt, mich in kur⸗ zer Zeit ſo zahm zu ſehen; manchmal nahm ſie mich aus meinem Kaͤfig und ließ mich in ihrem Zimmer um⸗ herfliegen: da kam ich immer zu ihr, um ihr Liebko⸗ ſungen zu machen und von ihr welche zu empfangen; und wenn eine ihrer Sklavinnen mich fangen wollte, ſo biß ich ſie ſehr heftig. Ich machte mich durch dieſe Gebaͤrden Semrude'n allmaͤhlich ſo lieb, daß ſie oft ſagte, ſie wuͤrde untroͤſtlich ſein, wenn ich ungluͤckli⸗ cherweiſe ſterben ſollte, ſo ſehr hinge ihr Herz an mir. Wenn ich in meinem Ungluͤcke einiges Vergnuͤgen daran hatte, in dem Zimmer der Koͤniginn zu ſein, ſo bezahlte ich es doch ſehr theuer, wenn der Der⸗ wiſch ſie zu beſuchen kam. Welche entſetzliche Quaal! Ich kann noch heute nicht ohne Schaudern daran den⸗ ken. Ich hub von Zeit zu Zeit die Augen zum Him⸗ mel empor, ihn um Rache anzuflehen; meine Federn ſtraͤubten ſich, und das Herz von Grimm erfuͤllt, flatterte ich hin und her, und war aͤußerſt unruhig in meinem Kaͤfig. Wenn manchmal die Kͤniginn in Gegenwart des Verraͤthers mir liebkoſte, und er ſelber mir auch ſchmei⸗ cheln wollte, ſo hackte ich aus aller Kraft mit dem Schnabel nach ihm, und gebaͤrdete mich ſehr wuͤthig: aber meine Wuth diente nur dazu, ſie mit einander zu beluſtigen, und konnte mich nicht raͤchen. Fadlallah und Semrende. 75 Semrude hatte in ihrem Zimmer auch eine Huͤn⸗ dinn, welche ſie ſehr liebte; dieſes Thier ſtarb eines Tages, als ich mit ihm allein war, beim Werfen der Jungen. Sein Tod brachte mich auf den Gedanken, eine dritte Probe der geheimen Kunſt zu machen:„ich will,“ ſagte ich bei mir ſelber,„in den Leichnam die⸗ ſer Huͤndinn uͤbergehen, und ſehen, welchen Eindruck der Tod der Nachtigall auf die Koͤniginn machen wird.“ Ich weiß nicht, warum ich auf dieſen Einfall kam, denn ich ſah nicht ab, was dieſe neue Verwandlung bezwecken ſollte; aber dieſer Trieb ſchien mir ein ge⸗ beimer Wink des Himmels, und ich folgte ihm auf gut Gluͤck. Neun und funfzigſter Tag. Als Semrude in das Zimmer zuruͤckkam, war ihr erſtes Geſchaͤft, an den Kaͤfig zu treten. So bald ſie hier ihre Nachtigall todt erblickte, ſtieß ſie einen Schrei aus, welcher alle ihre Sklavinnen herbei rief. „Was iſt euch, Herrinn?“ ſprachen ſie zu ihr, mit erſchrockener Miene,„iſt euch irgend ein Ungluͤck begegnet?“ „Ihr ſeht mich in Verzweiflung,“ antwortete die Farſtinn, indem ſie bitterlich weinte,„meine Nachti⸗ gall iſt todt! mein geliebter Vogel! mein kleines 76 59. TC a g. Maͤnnchen! Warum wurdeſt du mir doch ſo bald entriſſen? Ich werde alſo nicht mehr das ſuͤße Ver⸗ gnuͤgen deines Geſanges haben! ich werde dich nicht mehr um mich ſehen! Was habe ich denn gethan, daß der Himmel mich ſo hart ſtraft?“ Sie war ſo betruͤbt, daß ihre Frauen ſich vergeb⸗ lich bemuͤhten, ſie zu troͤſten; ihre Reden dienten nur dazu, ihren Schmerz noch zu erhoͤhen. Eine von ihnen lief hin, den Derwiſch von der Betruͤbnis der Koͤniginn zu benachrichtigen. Er begab ſich alsbald zu ihr, und ſtellte ihr vor, daß der Tod eines Vogels ihr nicht eine ſo große Betruͤbnis erregen duͤrfte; daß der Verluſt nicht unerſetzlich waͤre; und daß es, wenn ſie die Nachtigallen ſo ſehr liebte, und an- dere haben wollte, ſehr leicht waͤre, ſie zu befriedigen. Aber er mochte reden, was er wollte, alle ſeine Vor⸗ ſtellungen waren fruchtlos, und er richtete nichts aus bei Semrude'n. „Hoͤret auf, Herr,“ ſagte ſie zu ihm,„hoͤret auf, meinen Schmerz zu bekaͤmpfen, ihr werdet ihn nim⸗ mer beſiegen. Ich weiß wohl, daß es eine große Schwachheit iſt, uͤber den Tod eines Vogels untroͤſtlich zu ſein, ich bin davon ſo gut uͤberzeugt, wie ihr, und gleichwohl kann ich dem ſtarken Schmerze nicht widerſtehen, der mich uͤberwaͤltigt: ich liebte dieſes Thierchen ſo ſehr; es ſchien ſo erkenntlich fuͤr die Lieée⸗ koſungen, welche ich ihm machte, und es erwiederte Fadlallah und Semrude. 77 dieſelben auf eine Weiſe, die mich vergnuͤgte. Wenn meine Frauen ſich ihm nahten, ſo ſchien es wild, oder vielmehr unwillig, dagegen es meiner Hand zuvorkam, wenn ich ſie ausſtreckte, es zu nehmen. Es ſchien Liebe fuͤr mich zu empfinden; es blickte mich zaͤrtlich und ſehnſuͤchtig an; und manchmal haͤtte man ſagen moͤgen, es waͤre von Leid durchdrungen, daß ihm die Worte verſagt waͤren, mir ſeine Empfindungen auszu⸗ druͤcken; ich las das in ſeinen Augen. Ach! ich kann nicht ohne Verzweiflung daran denken: mein liebens⸗ wuͤrdiger Vogel, ich habe dich fuͤr immer verloren!“ Indem ſie dieſe Worte ausſprach, verdoppelte ſie ihre Thraͤnen, und ſchien gar keinen Troſt annehmen zu wollen. Ich zog aus der Heftigkeit ihres Schmerzes eine gute Vorbedeutung; ich lag in einem Winkel des Zim⸗ mers, wo ich meine jungen Hunde ſaͤugte, ich hoͤrte alles, was geſprochen wurde, und beobachtete alles, was vorging, ohne daß man auf mich Acht gab. Ich hatte ein Vorgefuͤhl, daß der Derwiſch, um die Koͤni⸗ ginn zu troͤſten, ſein Geheimnis benutzen wuͤrde, und ich taͤuſchte mich nicht. Als der Derwiſch ſah, daß die Fuͤrſtinn nicht im Stande war, Vernunftgruͤnde anzunehmen, und da er ſie leidenſchaftlich liebte, und von ihren Thraͤnen ge⸗ ruͤhrt war, ſo verſchwendete er keine Worte weiter, ſondern befahl den Sklavinnen der Koͤniginn, aus dem 78 59. TDag. Zimmer zu gehen, und ihn mit ihr allein zu laßen. „Theure Frau,“ ſagte er hierauf, im Wahne, daß niemand es hoͤrte,„weil der Tod eurer Nachtigall euch doch ſo großes Leid verurſacht, ſo muß ſie wieder be⸗ lebt werden; betruͤbet euch nicht mehr, ihr ſollt ſie wieder lebendig ſehen; ich verſpreche es, ſie eurer Zaͤrtlichkeit zuruͤckzugeben: morgen bei eurem Erwachen ſollt ihr ſie wieder ſingen hoͤren, und das Vergnuͤgen haben, ihr zu liebkoſen.“ „Ich verſtehe euch, Herr,“ ſagte Semrude zu ihm,„ihr betrachtet mich, wie eine Wahnſinnige, de⸗ ren Schmerz man ſchmeicheln muß; ihr macht mir Hoffnung, daß ich morgen meine Nachtigall wieder le⸗ bendig ſehen werde; morgen werdet ihr dieſes Wunder auf den naͤchſten Tag verſchieben, und ſo denkt ihr, mich von Tage zu Tage hinhaltend, mich allmaͤhlich meines Vogels vergeſſen zu laßen;— oder auch,“ fuhr ſie fort,„ihr habt die Abſicht, heute noch einen andern Vogel aufſuchen zu laßen und ihn an ſeine Stelle zu ſetzen, um meine Betruͤbnis zu taͤuſchen.“ „Nein, meine Koͤniginn,“ erwiederte der Derwiſch, „nein, ſondern dieſer Vogel, welchen ihr hier in ſeinem Kaͤ⸗ fige leblos hingeſtreckt ſehet, dieſe Nachtigall, der gluͤckliche Gegenſtand eines ſo lebhaften Schmerzes, er ſelber ſoll euch wieder ſingen; ich will ihm neues Leben geben, und ihr koͤnnt ihn wieder mit Liebkoſungen uͤberhaͤufen: Fadlallah und Semrude. 79 er wird jetzt noch mehr den Werth derſelben erkennen, und ihr werdet ihn noch eifriger ſehen, euch zu gefal⸗ len; denn ich ſelber werde ihn beſeelen; alle Morgen werde ich ihn wieder aufleben laßen, um euch zu er⸗ getzen.— Ich vermag dieſes Wunder zu thun,“ fuhr er fort;„es iſt ein Geheimnis, welches ich beſitze: und wenn ihr daran zweifelt, oder zu große Ungeduld habt, euern Vogel wieder lebendig zu ſehen, ſo will ich ihn auf der Stelle wieder beleben.“ Da die Fuͤrſtinn ihm nicht antwortete, und er aus ihrem Stillſchweigen ſchloß, daß ſie nicht recht uͤber⸗ zeugt waͤre, daß er wirklich vermoͤchte, was er ſagte, ſo ging er hin und ſetzte ſich auf ein Sopha, wo er, durch die Kraft der beiden kabaliſtiſchen Worte, welche der Seele gleichſam zum Leiter dienten, um in einen Leichnam uͤberzugehen, ſeinen Leib, oder vielmehr den meinen, liegen ließ, und in den der Nachtigall uͤberging. Der Vogel begann ſogleich, zum groͤßten Erſtau⸗ nen Semruden's, in ſeinem Kaͤfig zu ſingen. Aber es waͤhrte nicht lange, ſo verging ihm die Stimme; denn ſo bald er ſein Gezwitſcher angehoben hatte, verließ ich den Leib der Huͤndinn, und nahm meinen eigenen wieder in Beſitz. Zu gleicher Zeit rannte ich nach dem Kaͤfig, ergriff ungeſtum den Vogel, und drehte ihm den Hals um. 80 59. Dag. „Was macht ihr da, Herr?“ ſprach die Fuͤrſtinn zu mir:„warum geht ihr ſo mit meiner Nachtigall ums wenn ihr ſie nicht wolltet leben laßen, ſo haͤt⸗ tet ihr ſie nicht wieder ins Leben rufen ſollen.“ „Dem Himmel ſei Dank,“ rief ich jetzt aus, ohne darauf Acht zu geben, was ſie ſagte, ſo ſehr war ich mit meiner Rache beſchaͤftigt, welche ich fuͤr die Schmach meiner Ehre und Liebe genommen hatte, „es iſt abgethan, ich habe den Treuloſen beſtraft, deſſen abſcheuliche Verraͤtherei noch eine haͤrtere Strafe verdiente!“ War Semrude erſtaunt geweſen, ihre Nachtigall wieder lebendig zu ſehen, ſo war ſie es nicht minder, als ſie mich dieſe Worte in ſolcher Bewegung aus⸗ ſprechen hoͤrte. ¹ „Herr,“ ſagte ſie zu mir,„welche Aufwallung ergreift euch, und was bedeutet das, was ihr eben geſagt habt?“ Ich erzaͤhlte ihr hierauf alles, was mir begegnet war, und ich bemerkte, daß ſie bei dieſem Berichte alle Augenblicke zuſammenſchauderte: bald erroͤthete ſie vor Schaam, mir ungetreu geweſen zu ſein, obwohl unſchuldigerweiſe; und bald ward ſie, aus Schmerz daruͤber, bleicher als der Tod.. Sie konnte nicht daran zweifeln, daß ich wirklich Fadlallah waͤre, weil ſie wußte, daß man den Leich⸗ Fadlallah und Semrude. 8¹ nam des Derwiſches in dem Walde gefunden, und dieſer den Befehl gegeben hatte, alle Rehe zu toͤdten. Sechzigſter Tag. Nachdem ich Semrude'n vollſtaͤndig von einem ſo ſeltſamen Abenteuer unterrichtet hatte, gereute es mich; ich haͤtte ihr bloß ſagen koͤnnen, daß irgend ein gro⸗ ßer Kabaliſt mich das Geheimnis gelehrt, einen Leich⸗ nam zu beleben, ohne des Streichs zu gedenken, welchen der Derwiſch mir geſpielt hatte.— Wollte der Himmel, daß ihr dieſe abſcheuliche Treuloſigkeit fuͤr immer verborgen geblieben waͤre! Ach, vielleicht lebte ſie dann jetzt noch.— Aber, was ſage ich? wohin verirrt ſich mein Geiſt? weiß ich denn nicht, daß alles Gute und Boͤſe, was uns begegnen ſoll, im Himmel vorgeſchrieben ſteht?— Die Tochter Muaffaks empfand ſo großen Schmerz daruͤber, einen Elenden begluͤckt zu haben, daß es mir unmoͤglich war, ſie zu troͤſten. Ich mochte ihr noch ſo viel vorſtellen, daß ihre Taͤuſchung ſie voͤllig entſchuldigte, und daß die Schuld bloß auf den Der⸗ wiſch fiele, welcher ſie mit dem Tode gebuͤßt haͤtte; was ich ihr auch ſagen mochte; ungeachtet der Verſi⸗ cherungen, welche ich ihr gab, ſie immerdar mit II. 6 60. Tag. derſelben Zaͤrtlichkeit zu lieben,— ich kounte ihr dieſe widerwaͤrtige Begebenheit nicht aus den Gedanken bringen. Sie erkrankte, und verſchied in meinen Ar⸗ men, indem ſie mich noch wegen eines Verbrechens um Verzeihung bat, woran ſie unſchuldig war, und welches meine Liebe zu ihr um nichts verminderte. In der That, ſo bald ſie todt war, und ich ihrer Leiche alle die Ehren erwieſen hatte, welche ich ihr ſchuldig war, ließ ich den Prinzen Amadeddin Sengi rufen, und ſprach zu ihm: „Mein lieber Vetter, ich habe keine Kinder, und entſage zu euren Gunſten der Krone von Mußel; ich uͤbergebe ſie euch, und verzichte auf die Herrſcher⸗ wuͤrde, und will meine uͤbrigen Tage in einem dunk⸗ len Stande verleben.“ Amadeddin, der mich wahrhaft liebte, ſparte nichts, mich von meinem Entſchluß abzubringen; aber ich gab ihm zu erkennen, daß er ihn vergeblich be⸗ 8 kaͤmpfte. „Prinz,“ ſagte ich zu ihm,„mein Vorſatz iſt einmal gefaßt, ich uͤbergebe euch meinen Rang; neh⸗ met den Thron Fadlallahs in Beſitz, und moͤget ihr gluͤcklicher ſein, als er; herrſchet uͤber Voͤlker, welche eure Verdienſte kennen, und ſchon das Gluͤck erfahren haben, euch zum Herrn zu haben. Ich aber, der Hoheit uͤberdruͤßig, will mich in entfernte Gegenden zuruͤckziehen, und wie ein Menſch von gemeinem Fadlallah und Semrude. 83 Stande leben; und dort will ich, frei von den mit der Herrſchermacht verknuͤpften Sorgen, meine Semrude beweinen, und indem ich mir die gluͤcklichen Tage, welche wir mitſammen verlebt haben, ins Gedaͤchtniß zuruͤckrufe, ſoll eine ſo ſuͤße Erinnerung meine einzige Beſchaͤftigung ſein.“ Ich ließ alſo Amadeddin auf dem Throne von Mu⸗ ßel, und begab mich, bloß in Begleitung einiger Sklaven, auf den Weg nach Bagdad, wo ich, mit viel Gold und Edelſteinen, gluͤcklich ankam. Ich trat bei Muaffak ab; ſeine Gattinn und er waren nicht wenig uͤberraſcht, mich wiederzuſehen; und ſie wur⸗ den es bald noch mehr, als ich ihnen den Tod ihrer Tochter verkuͤndigte, welche ſie zaͤrtlich liebten. Ich erzaͤhlte es ihnen nicht ohne neue Thraͤnen zu vergie⸗ ßen, noch ohne die ihrigen zu erregen. Ich blieb nicht lange zu Bagdad; ich geſellte mich zu einer großen Menge Pilger, welche nach Mekka wallfahrteten, wo ich, nachdem ich meine Andacht verrichtet hatte, zufaͤllig eine Geſellſchaft Tatariſcher Pilger antraf, mit welcher ich nach der Tatarei) *) Ilengſche⸗Chan, der füänfte König von Türkeſtan, . und Abkömmling Türk's, Japhets Sohns, hatte die Zwillings⸗Söhne, Mogol⸗Chan und Tatar⸗ Chan, welche Stifter der nach ihnen benannten großen Reiche und Völker wurden. H. 84 60. Ta g. zog. Wir kamen durch dieſe Stadt; ich fand den Aufenthalt darin ſehr angenehm, verweilte, und ließ mich hier nieder; und es ſind nun beinahe vierzig Jahre, daß ich hier wohne. Ich gelte hier fuͤr einen Fremden, der ſich vormals mit dem Handel befaßt hat; ich fuͤhre ein zuruͤckgezogenes Leben, und ſehe faſt niemand: Semrude iſt ſtaͤts meinem Gedaͤchtniſſe gegenwaͤrtig, und die Erinnerung an ſie iſt mein Vergnuͤgen.“ Kalaf und Turandokt. 85 Fortſetzung der Geſchichte des Prinzen Kalaf und der Prinzeſſinn Turandokt. Fadlallah beſchloß ſeine Erzaͤhlung mit folgenden Worten: „Ihr ſehet aus meinen und euren Unfaͤllen, daß das menſchliche Leben ein ſchwankendes, unaufhoͤrlich vom rauhen Nordwinde bewegtes Rohr iſt. Ich kann euch indeſſen verſichern, daß ich, ſeitdem ich in Dſchaik bin, ruhig und gluͤcklich lebe; es gereuet mich nicht, die Krone von Mußel niedergelegt zu haben; ich finde ein Vergnuͤgen in der Dunkelheie meines Lebens.“ Timurtaſch, Elmaſe und Kalaf ertheilten dem Sohne Bin⸗Ortoks tauſend Lobſpruͤche; der Chan be⸗ wunderte ſeinen Entſchluß, ſein eigenes Reich aufzu⸗ geben, und in einem fremden Lande zu leben, wo 86 60. Tag. man nicht einmal den Rang kannte, welchen er vor⸗ mals in der Welt eingenommen hatte. Elmaſe lobte ſeine getreue Liebe zu Semrude'n, und ſeinen Schmerz uͤber ihren Tod. Und Kalaf endlich ſagte zu ihm: „Herr, es waͤre zu wuͤnſchen, daß alle Menſchen in Widerwaͤrtigkeiten ſo viel Standhaftigkeit haͤtten, als ihr in eurem Ungluͤcke bewieſen habt.“ Sie fuhren fort, ſich zu unterhalten, bis es Zeit war, ſchlafen zu gehen. Da rief Fadlallah ſeinen Sklaven, welche Wachslichter auf Leuchtern von Aloeholz brachten, und den Chan, ſeine Gemahlinn und ſeinen Sohn in ein Gemach fuͤhrten, in welchem dieſelbe Einfachheit herrſchte, wie in dem ganzen uͤbri⸗ gen Hauſe. Elmaſe und Timurtaſch blieben in einem Zimmer, und Kalaf legte ſich in einem andern ſchlafen. Am folgenden Morgen fruͤhe trat der Greis in das Gemach ſeiner Gaͤſte, nachdem ſie aufgeſtanden wa⸗ ren, und ſagte zu ihnen: „Ihr ſeid nicht allein ungluͤcklich; ſo eben erfahre ich, daß ein Geſandter des Sultans von Karisme ge⸗ ſtern Abend in dieſer Stadt angekommen iſt, welchen ſein Herr an Ilengſche⸗Chan ſchickt, um ihn zu er⸗ ſuchen, daß er dem Chan der Nogais, ſeinem Feinde, nicht nur keine Zuflucht gebe, ſondern ihn ſelbſt feſt⸗ nehmen laße, wenn er durch das Land Dſchaik koͤmmt. In der That,“ fuhr Fadlallah fort,„geht das Ge⸗ Kalaf und Turandokt. 3 ruͤcht, daß dieſer ungluͤckliche Chan, aus Furcht, dem Sultan von Karisme in die Haͤnde zu fallen, ſeine Hauptſtadt verlaßen und ſich mit den Seinigen gefluͤchtet hat.“ 3 Bei dieſer Neuigkeit verwandelten Timurtaſch und Kalaf die Farbe, und die Fuͤrſtinn ſank ohnmaͤch⸗ tig hin. Ein und ſechzigſter Tag. Ddie Ohnmacht Elmaſens, ſo wie die Beſtuͤrzung des Vaters und des Sohnes ließen Fadlallah vermu⸗ then, daß ſeine Gaͤſte keine Kaufleute waͤren. „Ich ſehe wohl,“ ſagte er zu ihnen, nachdem die Fuͤrſtinn wieder ihrer Sinne maͤchtig war,„daß ihr an dem Ungluͤcke des Chans der Nogais ſtarken An⸗ theil nehmet; oder vielmehr, ſoll ich euch ſagen, was ich denke? ich glaube, daß ihr alle drei ſelber die be⸗ dauernswuͤrdigen Gegenſtaͤnde der Verfolgung des Sultans ſeid.“ „Ja, Herr,“ ſagte hierauf Timurtaſch,„wir ſind die Schlachtopfer, welche er verfolgt: ich bin der Chan der Nogais, und hier ſeht ihr meine Frau und meinen Sohn. Wir haͤtten ſehr Unrecht, uns euch nicht zu entdecken, nach der Aufnahme und dem Ver⸗ trauen, welche ihr uns gewaͤhrt habt. Ich hoffe 88 1 61. Tag. ſogar, daß euer Rath uns aus der Verlegenheit hel⸗ fen wird, in welcher wir uns befinden.“ „Die Umſtaͤnde ſind ſehr bedenklich,“ erwiederte der alte Koͤnig von Mußel;„ich kenne Ilengſche⸗Chan, er fuͤrchtet den Sultan von Karisme, und es iſt nicht zu bezweifeln, daß er, ihm zu gefallen, euch uͤberall wird ſuchen laßen. Ihr wuͤrdet weder bei mir, noch in irgend einem anderen Hauſe dieſer Stadt in Sicherheit ſein: es bleibt euch alſo nichts weiter uͤbrig als ſchleunigſt das Land Dſchaik zu verlaßen: gehet uͤber den Irtiſch⸗Fluß, und ſuchet, ſo bald ihr koͤnnt, die Graͤnzen des Stammes erlas*) zu erreichen.“ Timurtaſch, ſeine Gattinn, und Kalaf fanden die⸗ ſen Rath gut. Sogleich ließ Fadlallah drei Pferde mit Vorrath fuͤr ſie bereiten; und indem er ihnen eine volle Goldboͤrſe uͤbergab, ſagte er zu ihnen: „Eilet von hinnen, ihr habt keinen Augenblick zu verlieren: morgen ſchon vielleicht laͤßt Ilengſche⸗Chan euch aufſuchen.“ *) Berlas oder Perlas heißt der vierte und letzte Stamm der Nachkommen Türks, Japhets Sohns, von dem die Tataren und Mogolen abſtammen und deshalb auch Türken(Arabiſch Atrak, die Mehrzahl von Türk) ge⸗ nannt werden, ſo wie die in Türkeſtan, jenſeits(öſt⸗ lich) des Oxus oder Gihon, oder noch beſchränkter jenſeits des Sihon(Jaxartes). Aus dieſem Stamme Berlas war Tamerlan.„ H. Kalaf und Turandokt. 89 Sie ſagten dem alten Koͤnige herzlichen Dank; ſo⸗ dann verließen ſie Oſchaik, ſetzten uͤber den Irtiſch, und erreichten, nach mehreren Tagereiſen, das Gebiet des Stammes Berlas. Sie hielten bei der erſten Horde*) an, welche ſie trafen, verkauften ihre Pferde und lebten hier ziemlich ruhig, ſo lange ſie Geld hat⸗ ten. Als ihnen dieſes aber ausging, erneuerte ſich der Kummer des Chans. „Warum,“ ſagte er,„muß ich noch auf der Welt ſein? War es nun nicht beſſer, in meinem Reiche meinen ſtolzen Feind zu erwarten und bei der Vertheidigung meiner Hauptſtadt zu fallen, als ein Leben zu friſten, welches nur eine Verkettung von Unfaͤllen iſt? Vergebens tragen wir unſer Ungluͤck mit Geduld, der Himmel wird uns nie wieder begluͤk⸗ ken, weil er, ungeachtet unſerer Ergebung in ſeinen Willen, uns ſtaͤts im Elende laͤßt.“ „Vater,“ ſagte hierauf Kalaf,„verzweifelt nicht an dem Ende eurer Leiden; der allwaltende Himmel bereitet uns vielleicht noch Freuden, welche wir nicht vorausſehen koͤnnen. Laßt uns zu der vornehmſten Horde dieſes Stammes gehen: ich habe eine Vorah⸗ *) Eine große Anzahl beiſammen aufgeſchlagener Zelte, welche eine Art von Stadt bilden, und den Tataren zur Wohnung dienen. 90 61. T a g. nung, daß dort unſer Schickſal eine guͤnſtigere Wen⸗ dung nehmen wird.“ 4 Sie gingen demnach alle drei zu der Horde, wo der Chan von Berlas ſeinen Hof hielt. Sie traten in ein großes Zelt, welches den armen Fremdlingen zur Aufnahme diente, und legten ſich in einem Winkel deſſelben nieder, ſehr bekuͤmmert, was ſie zu ihrem Unterhalt ergreifen ſollten. Kalaf ließ ſeinen Vater und ſeine Mutter an die⸗ ſem Orte, ging hinaus, und wanderte in der Horde umher, indem er die Voruͤbergehenden um Almoſen anſprach: er erhielt ſo eine kleine Summe Geldes, wofuͤr er Lebensmittel kaufte, welche er gegen Abend ſeinem Vater und ſeiner Mutter brachte. Beide konn⸗ ten ſich nicht enthalten, zu weinen, als ſie vernah⸗ men, daß ihr Sohn Almoſen gebettelt hatte. Kalaf wurde mit ihnen weichherzig, und ſagte: „Ich geſtehe es, nichts duͤnkt mich kraͤnkender, als zum Betteln gezwungen zu ſein: indeſſen, wenn ich auf keine andere Weiſe euch Huͤlfe ſchaffen kann, will ich es thun, welche Ueberwindung es mich auch koſtet.— Aber,“ fuͤgte er hinzu,„ihr duͤrft mich ja nur als Sklaven verkaufen, und von dem daraus ge⸗ loͤſten Gelde koͤnnt ihr lange Zeit leben.“ „Was ſagſt du mein Sohn?“ rief Timurtaſch bei dieſen Worten aus.„Du mutheſt uns an, auf Ko⸗ ſten deiner Freiheit zu leben! Ah! lieber moͤge das Kalaf und Turandokt. 91 Ungluͤck, welches uns niederdruͤckt, immer fortdauern. Soll jemand von uns dreien verkauft werden, um den uͤbrigen beiden Huͤlfe zu gewaͤhren, ſo bin ich es: ich weigere mich nicht, fuͤr euch beide das Joch der Sklaverei auf mich zu nehmen.“ „Vater,“ verſetzte Kalaf,„ich habe einen Einfall: morgen fruͤh will ich hingehen und mich unter die Laſttraͤger ſtellen; irgend jemand wird ſich meiner be⸗ dienen, und wir koͤnnen ſo von meiner Arbeit leben.“ Bei dieſem Entſchluſſe verblieben ſie. Am folgen⸗ den Morgen miſchte ſich der Prinz unter die Laſttraͤger der Horde, und erwartete, daß jemand ſich ſeiner be⸗ dienen moͤchte: aber ungluͤcklicherweiſe geſchah es, daß niemand ſeinen Dienſt verlangte; ſo daß ſchon die Haͤlfte des Tages voruͤber war, und er noch gar nichts verdient hatte. Das bekuͤmmerte ihn ſehr: „wenn mein Gewerbe nicht beſſer geht,“ ſprach er bei ſich ſelber,„wie kann ich da meinen Vater und meine Mutter ernaͤhren?“ Es langweilte ihn, vergeblich unter den Laſttraͤ⸗ gern zu ſtehen, ohne daß jemand ſich an ihn wendete; er ging alſo aus der Horde ins Feld hinaus, um un⸗ geſtoͤrter auf Mittel des Unterhalts zu denken. Er ſetzte ſich unter einen Baum, wo er, nachdem er den Himmel um Erbarmen mit ſeiner Lage angeflehet hatte, einſchlief. 92 61. 62. Tag. Bei ſeinem Erwachen bemerkte er neben ſich einen Falken von ausnehmender Schoͤnheit: ſein Kopf war mit einem tauſendfarbigen Federbuſche geſchmuͤckt, und am Halſe trug er eine Kette von goldenen mit Diamanten, Topaſen und Rubinen beſetzten Gliedern. Kalaf, der ſich auf die Falknerei verſtand, hielt ihm ſeine Fauſt hin, und der Vogel ſetzte ſich darauf. Der Prinz von Nogais hatte große Freude daran:„Laß ſehen,“ ſprach er bei ſich ſelber,„wohin dieß fuͤhren wird: dieſer Vogel gehoͤrt, allem Anſcheine nach, dem Fuͤrſten dieſer Horde.“ Er taͤuſchte ſich nicht: es war wirklich der Falke Alingers, des Chans von Berlas, welchen dieſer Fuͤrſt den Tag zuvor auf der Jagd verloren hatte. Seine Jaͤgermeiſter ſuchten ihn uͤberall im Gefilde, um ſo eifriger und beſorgter, als ihr Herr ihnen To⸗ desſtrafe angedroht hatte, wenn ſie wieder an den Hof kaͤmen ohne ſeinen Vogel, welchen er leidenſchaft⸗ lich liebte. Zwei und ſechzigſter Tag. Der Prinz Kalaf ging nun, mit dem Falken auf der Hand, in die Horde zuruͤck. Alsbald fing das Volk an zu ſchreien: Kalaf und Turandokt. 93 „Ah! da iſt der Falke des Chans wieder! Geſeg⸗ net ſei der Juͤngling, der unſern Fuͤrſten erfreut und ihm ſeinen Vogel wiederbringt!“ In der That, ſo bald Kalaf an das koͤnigliche Ge⸗ zelt kam und mit dem Falken erſchien, lief der Chan, entzuͤckt vor Freuden, auf ſeinen Vogel zu, und er⸗ wies ihm tauſend Liebkoſungen. Hierauf wandte er ſich zu dem Prinzen von Nogais und fragte ihn, wo er den Vogel gefunden haͤtte. Kalaf erzaͤhlte, wie es zugegangen war; worauf der Chan zu ihm ſagte: „Du ſcheinſt mir ein Fremder: wo biſt du her, und welches Gewerbe treibſt du?“ „Herr,“ antwortete ihm der Sohn des Timurtaſch, indem er ſich ihm zu Fuͤßen warf,„ich bin der Sohn eines Kaufmanns in der Bulgarei, der großes Gut beſaß; ich reiſte mit meinem Vater und meiner Mut⸗ ter im Lande Oſchaik: da begegneten wir Raͤubern, welche uns nichts als das Leben ließen, und durch Betteln ſind wir bis zu dieſer Horde gekommen.“ „Juͤngling,“ fuhr der Chan fort,„es iſt mir lieb, daß du es biſt, der meinen Falken gefunden hat; denn ich habe geſchworen, demjenigen drei Bitten zu gewaͤhren, welcher mir ihn wiederbringen wuͤrde; du darfſt alſo nur reden: ſage mir, was du von mir wuͤnſcheſt, und ſei der Gewaͤhrung verſichert.“ „Weil es mir denn vergoͤnnt iſt, drei Dinge zu bitten,“ antwortete Kalaf,„ſo wuͤnſchte ich zuvoͤrderſt, daß mein Vater und meine Mutter, welche in dem Armenzelte ſind, ein beſonderes Zelt in der Naͤhe Euer Majeſtaͤt haͤtten, und daß ſie fuͤr ihre uͤbrige Lebens⸗ zeit auf eure Koſten verpflegt, und ſelbſt von euren Hausbeamten bedient wuͤrden. Zweitens, begehre ich eins der ſchoͤnſten Roſſe aus euren Staͤllen, geſattelt und gezaͤumt; und endlich, ein vollſtaͤndiges und praͤch⸗ tiges Kleid, mit einem reichen Saͤbel, und eine volle Goldboͤrſe, um bequemlich eine Reiſe zu machen, welche ich vorhabe.“ „Deine Wuͤnſche ſollen erfuͤllt werden,“ ſagte Alinger;„bringe mir deinen Vater und deine Mutter, ich will ſie von heute an ſo verpflegen laßen, wie du es wuͤnſcheſt; und morgen kannſt du, in reicher Klei⸗ dung und auf dem ſchoͤnſten Roſſe meines Marſtalles, reifen, wohin du willſt.“ Kalaf warf ſich abermals vor dem Chan nieder; und nachdem er ihm fuͤr ſeine Guͤte gedankt hatte, begab er ſich nach dem Zelte, wo Elmaſe und Timur⸗ taſch ihn ungeduldig erwarteten. .„Ich bringe euch gute Neuigkeiten,“ ſagte er ih⸗ nen,„unſer Schickſal hat ſich ſchon geaͤndert.“ Zu⸗ gleich erzaͤhlte er ihnen alles, was vorgegangen war. Dieſes Abenteuer machte ihnen viel Vergnuͤgen; ſie betrachteten es als ein untruͤgliches Zeichen, daß die Strenge ihres Schickſals nachzulaßen begaͤnne. Kalaf und Turandokt. 95 Sie folgten willig ihrem Sohne Kalaf, der ſie nach dem koͤniglichen Gezelte fuͤhrte, und ſie dem Chan vorſtellte. Dieſer Fuͤrſt empfing ſie ſehr guͤtig, und verſprach ihnen, gewiſſenhaft das ihrem Sohne gethane Verſprechen zu halten. Er ließ es auch nicht daran fehlen, und gab ihnen von Stund' an ein be⸗ ſonderes Zelt, ließ ſie von den Sklaven und Beamten ſeines Hauſes bedienen, und gebot, ſie zu behandeln, wie ihn ſelber. Am folgenden Tage wurde Kalaf mit einem reichen Anzuge bekleidet; er empfing aus der Hand des Fuͤr⸗ ſten Alinger ſelber einen Saͤbel, deſſen Griff von Diamanten war, nebſt einer Boͤrſe voll Goldſtuͤcke; und ſodann fuͤhrte man ihm ein ſehr ſchoͤnes Tuͤrko⸗ maniſches) Roß vor. Er beſtieg es im Angeſicht des ganzen Hofes: und um zu zeigen, daß er ſich auf die Reitkunſt verſtand, ließ er es hunderterlei Wendungen machen, auf eine Weiſe, welche den Fuͤr⸗ ſten und ſeinen ganzen Hofſtaat bezauberte. *) Türkman, oder Türkmanend, bedeutet im Perſiſchen * Türken⸗ähnlich; und ſo wurden Abkömmlinge der Türken welche ſich jenſeit des Gihon(Orus) an den Grän⸗ zen von Choraſan fremde Weiber nahmen, und nachmals eigene Dynaſtien und Reiche ſtifteten. H. 96 62. Tag. Nachdem er dem Chan fuͤr all ſeine Guͤte gedankt hatte, nahm er Abſchied von ihm. Er begab ſich nun zu Timurtaſch und der Fuͤrſtinn Elmaſe: „Ich habe große Luſt,“ ſagte er zu ihnen,„das große Reich China zu ſehen, erlaubet mir, es zu thun: ich habe eine Vorahnung, daß ich mich durch irgend eine glaͤnzende That auszeichnen, und die Freundſchaft des Monarchen erwerben werde, der uͤber ſo weitlaͤuftige Staaten zu gebieten hat. Verſtattet alſo, daß ich euch hier an einem ſicheren Zufluchts⸗ orte zuruͤcklaße, und dem Antriebe folge, welcher mich fortzieht, oder vielmehr, mich dem Himmel uͤberlaße, welcher mich leitet.“ „Geh, mein Sohn,“ antwortete ihm Timurtaſch, „folge dem edlen Zuge, welcher dich treibt; geh dem Schickſal entgegen, welches dich erwartet; beſchleunige durch deine Tapferkeit das langſame Gedeihen, wel⸗ ches auf unſer Misgeſchick folgen muß, und erwirb dir eine glaͤnzende Stelle in der Geſchichte der ungluͤckli⸗ chen Fuͤrſten. Zieh hin, wir wollen bei dieſem Stamme Kunde von dir erwarten, und unſre Wohlfahrt nach der deinen abmeſſen.“ Der junge Prinz von Nogais umarmte ſeinen Va⸗ ter und ſeine Mutter, und ritt hinweg gen China. Es wird von ſeinen Geſchichtſchreibern nicht gemel⸗ det, daß er unterweges irgend ein Abenteuer hatte, ſie erzaͤhlen nur, daß er bei ſeiner Ankunft in der Kalaf und Turandokt. 97 großen Stadt Kanbalek,*) ſonſt Peking genannt, bei einem Hauſe vor derſelben abſtieg, welches eine alte Witwe bewohnte. Kalaf trat an die Thuͤre, die Alte erſchien ſogleich, und er begruͤßte ſie mit folgen⸗ den Worten: „Meine gute Mutter, wollt ihr wohl einen Frem⸗ den bei euch aufnehmend koͤnnt ihr mir in eurem Hauſe eine Herberge geben, ſo darf ich euch verſichern, daß es euch nicht gereuen ſoll.“ Die Alte beantlitzte den jungen Prinzen, und da ſie aus ſeinem guten Ausſehen, wie aus ſeiner Klei⸗ dung, ſchloß, daß es kein zu verſchmaͤhender Gaſt waͤre, ſo antwortete ſie ihm, mit einer tiefen Ver⸗ neigung des Kopfes: „Junger Fremdling von ſnattlichem Ausſehen, mein Haus ſteht zu euren Dienſten, ſo wie alles, was darinnen iſt.“ „Und habt ihr auch,“ fuhr er fort,„einen Stall fuͤr mein Pferd?“ 3 8 *) Chanbaleb oder Chanbalig heißt bei den Morgenlän⸗ dern die Hauptſtadt des nördlichen China's, welche Dſchengis⸗Chan dem damaligen Chineſiſchen Kaiſer Altun⸗Chan abgewann, aber noch vor ſeinem Tode wieder verlor, als die Chineſen ſein Joch abſchüttelten. Die Abendländer nennen ſie Kambalu, und ſetzen ſie un⸗ genau in die Tatarei. H. II. 7 98 62. Tag. „Ja,“ antwortete ſie,„ich habe einen.“ Zu gleicher Zeit faßte ſie das Pferd beim Zuͤgel, und fuͤhrte es in einen kleinen Stall hinter ihrem Hauſe. Sodann kam ſie wieder zu Kalaf, welcher ſehr hung⸗ rig war und ſie fragte, ob ſie niemand haͤtte, der ihm etwas vom Markte holen koͤnnte. Die Witwe antwortete, ſie haͤtte einen Enkel von zwoͤlf Jahren, der bei ihr wohnete, und dieſen Auf⸗ trag wohl ausrichten wuͤrde. Hierauf zog der Prinz ein Goldſtuͤck aus ſeiner Boͤrſe, und uͤbergab es dem Knaben, welcher damit auf den Markt ging. Waͤhrend dieſer Zeit war die Wirthinn nicht wenig beſchaͤftigt, Kalafs Neugierde zu befriedigen. Er that ihr tauſend Fragen, uͤber die Sitten der Einwohner der Stadt, wie groß die Zahl ihrer Bewohner waͤre, und endlich kam die Unterhaltung auch auf den Koͤ⸗ nig von China. „Ich bitte euch, ſaget mir,“ ſprach Kalaf zu ihr, „von welcher Gemuͤthsart iſt dieſer Fuͤrſt? Iſt er großmuͤthig, und glaubt ihr wohl, daß er den Eifer eines jungen Fremdlings, welcher ſich erbietet, ihm gegen ſeine Feinde zu dienen, einiger Aufmerkſamkeit wuͤrdigt? Mit Einem Worte, verdient er, daß man ſich ſeinem Dienſte widme?“ „Ohne Zweifel,“ antwortete die Alte,„er iſt ein ſehr guter Fuͤrſt, der ſeine Unterthanen eben ſo ſehr liebt, wie er von ihnen geliebt wird, und es wundert Kalaf und Turandokt. 99 mich hoͤchlich, daß ihr von unſerm guten Koͤnige Altun⸗Chan noch nicht reden gehoͤrt habt; denn der Ruf von ſeiner Guͤte hat ſich uͤber die ganze Welt verbreitet.“— 3 „Nach dem Bilde zu urtheilen, welches ihr mir von ihm macht,“ erwiederte der Prinz von Nogais, „muß er der gluͤcklichſte und zufriedenſte Monarch auf dem Erdboden ſein.“ „Gleichwohl iſt er es nicht,“ verſetzte die Witwe: „man kann ſogar ſagen, daß er hoͤchſt ungluͤcklich iſt: er kann keinen maͤnnlichen Erben bekommen, wie viel gute Werke er auch deshalb thut. Und dennoch muß ich euch ſagen, daß der Kummer keinen Sohn zu ha⸗ ben, noch nicht ſein groͤßtes Leid iſt: was die Ruhe ſeines Lebens ſtoͤrt, iſt die Prinzeſſinn Turandokt,*) ſeine einzige Tochter.“ „Ei!“ erwiederte Kalaf,„warum iſt ſie denn ſein Herzeleid?“ *) Dieſen Namen führte eine Perſiſche Königinn, Tochter des Königs Chosru⸗Pervis, die mit dem Chalifen Omar kriegte, im J. 636; dann auch die Gemahlinn des Chalifen . Almamon. Er bedeutet im Perfiſchen Tochter von Tu⸗ 8 ran; und dieß letzte iſt der ältere Name Türkeſtans im weitern Sinne, jenſeit des Gihons(Oxus), das Reich des Tur, des jüngern Sohns Feriduns; ſo wie nach dem ältern Iradſch ſein Reich Iran, das eigentliche Perſten, denannt wird. H. 100 62. 63. Tag. „Ich will es euch ſagen,“ antwortete die Witwe; „ich kann euch gruͤndlich davon unterrichten; denn meine Tochter hat es mir oft erzaͤhlt, welche die Ehre hat, im Harem eine der Sklavinnen der Prinzeſſinn zu ſein. Drei und ſechzigſter Tag. Die Prinzeſſinn Turandokt,“ fuhr die alte Wir⸗ thinn des Prinzen Kalaf fort,„ſteht in ihrem neun⸗ zehnten Jahr, und iſt ſo ſchon, daß die Maler, welche ihr Bildnis gemalt, obwohl die geſchickteſten des Morgenlandes, alle bekannt haben, daß ſie ſich ihres Werkes ſchaͤmen, und daß kein Pinſel auf der Welt, ſei er auch noch ſo geſchickt, die Reize eines ſchoͤnen Ge⸗ ſichts feſtzuhalten,— alle Schoͤnheiten der Prinzeſſinn von China zu ſchildern vermoͤge. Dennoch haben die verſchiedenen von ihr gemachten Bildniſſe, obſchon un⸗ endlich hinter dem Urbilde, ſchreckliche Wirkungen her⸗ vorgebracht. Sie verbindet mit dieſer hinreißenden Schoͤnheit einen ſo gebildeten Geiſt, daß ſie nicht nur alles weiß, worin Frauen ihres Ranges gewoͤhnlich unter⸗ richtet werden, ſondern ſogar auch alle Wiſſenſchaften, welche nur den Maͤnnern zukommen: ſie kann die ver⸗ ſchiedenen Schriftzuͤge mehrerer Sprachen ſchreiben; Kalaf und Turandokt. 101 ſie verſteht die Rechenkunſt, die Erdkunde, die Welt⸗ weisheit, die Groͤßenlehre, die Rechte, und vor allen die Gottesgelahrtheit; ſie hat die Geſetze und die Sit⸗ tenlehre unſers Geſetzgebers Berginguſing) inne; kurz, ſie iſt ſo unterrichtet, als alle Gelehrte zuſam⸗ men. Aber ihre ſchoͤnen Eigenſchaften werden durch eine Seelenhaͤrte ohnegleichen verdunkelt, und durch eine abſcheuliche Grauſamkeit befleckt ſie alle ihre Verdienſte. Es ſind nun zwei Jahre, daß der Koͤnig von Ti⸗ bet fuͤr ſeinen Sohn um ſie werben ließ, welcher durch den Anblick eines ihrer Bildniſſe in ſie verliebt war. Altun⸗Chan, erfreut uͤber dieſe Verbindung, ſchlug ſie der Turandokt vor. Dieſe ſtolze Prinzeſſinn aber, welche ihre Schoͤnheit ſo eitel gemacht hatte, daß ihr alle Maͤnner veraͤchtlich erſchienen, verwarf den Antrag mit Unwillen. Der Koͤnig gerieth in Zorn gegen ſie, und erklaͤrte ihr, daß er Gehorſam forderte. Aber anſtatt ſich gutwillig den Wuͤnſchen ihres Vaters zu unterwerfen, weinte ſie vor Aerger, daß man ſie zwingen wollte. Sie betruͤbte ſich daruͤber ſo unmaͤ⸗ ßig, als wenn man ihr ein großes Uebel zufuͤgen wollte. Kurz, ſie quaͤlte ſich dergeſtalt, daß ſie krank *) Die Chineſen nennen ihn auch den Propheten Dſchak⸗ muny: es iſt offenbar Confucius. 102 63. Tag. ward. Die Aerzte, welche den Grund ihres Uebels kannten, ſagten dem Koͤnige, daß alle ihre Heilmittel unnuͤtz waͤren, und die Prinzeſſinn unfehlbar ſterben wuͤrde, wenn er darauf beharrete, ſie mit dem Prin⸗ zen von Tibet zu vermaͤhlen. Der Koͤnig, der ſeine Tochter graͤnzenlos liebt, gerieth in Schrecken uͤber die Gefahr, worin ſeine Tochter waͤre, ging hierauf zu ihr, und verſicherte ſie, daß er den Abgeſandten von Tibet mit einer abſchlaͤg⸗ lichen Antwort heimſenden wuͤrde. „Das iſt nicht genug, Herr,“ ſagte die Prinzeſ⸗ ſinn zu ihm:„ich habe beſchloſſen mir den Tod zu geben, wofern ihr mir nicht bewilliget, was ich euch zu bitten habe. Wollt ihr, daß ich leben bleibe, ſo muͤßt ihr euch durch einen unverbruͤchlichen Eid ver⸗ pflichten, meinen Gefuͤhlen keinen Zwang anzuthun, ſondern eine oͤffentliche Kundmachung ergehen zu la⸗ ßen, daß von allen Prinzen, welche um mich werben, keiner mein Gemahl werden kann, welcher nicht zuvor die Fragen richtig beantwortet, welche ich ihm in Gegenwart aller geſetzkundigen Maͤnner dieſer Stadt vorlegen werde: antwortet er gut, ſo willige ich ein, daß er mein Gemahl werde; beſteht er aber ſchlecht, ſo ſoll ihm im Hofe eures Palaſtes der Kopf abgehauen werden. Diurch dieſe Bedingung,“ fuͤgte ſie hinzu,„welche man den fremden, nach Peking kommenden Prinzen Kalaf und Turandokt. 103 kund macht, wird man ihnen die Luſt benehmen, mich zur Gemahlinn zu begehren; und das iſt es, was ich wuͤnſche: denn ich haſſe die Maͤnner, und will mich niemals vermaͤhlen.“ „Aber, meine Tochter,“ entgegnete ihr der Koͤnig, „wenn nun einer, trotz dieſer Bedingung, ſich dar⸗ bietet, und deine Fragen richtig beantwortet.. „Ah, das fuͤrchte ich nicht,“ unterbrach ſie ihn mit Heftigkeit;„ich weiß ſo ſchwere Fragen aufzuge⸗ ben, daß ich die groͤßten Gelehrten in Verlegenheit ſetzen wollte; ich will es auf die Gefahr hin ſchon wagen.“ Altun⸗Chan uͤberlegte eine Weile, was die Prin⸗ zeſſinn ihm anmuthete, und ſprach bei ſich ſelber: „Ich ſehe wohl, daß meine Tochter ſich nicht vermaͤh⸗ len will, und daß dieſe Bedingung alle ihre Bewerber abſchrecken wird: alſo wage ich nichts dabei, wenn ich ihr dieſe Beruhigung gebe; es kann kein Ungluͤck daraus entſtehen: welcher Prinz wuͤrde ſo thoͤricht ſein, einer ſo abſchreckenden Gefahr zu trotzen!“ Kurz, in der Ueberzeugung, daß dieſe Bedingung keine uͤbelen Folgen haben wuͤrde, und daß die voͤllige Geneſung der Prinzeſſinnn davon abhinge, ließ der Koͤnig ſie oͤffentlich kund machen„ und ſchwur auf dem Geſefbuche Berginguſings, ſie genau beobachten zu aßen. 104 63. Tag. Turandokt war durch dieſen heiligen Eid, welcher, wie ſie wußte, ihrem Vater unverletzlich war, beru⸗ higt, gewann ihre Kraͤfte wieder, und genoß bald wieder der vollkommenſten Geſundheit. Indeſſen zog der Ruf ihrer Schoͤnheit mehrere fremde junge Prinzen nach Peking; vergeblich hielt man ihnen den Inhalt der Kundmachung vor, weil jedermann, und oorzuͤglich die Jugend, eine hohe Meinung von ſeinen Geiſtesgaben hat, ſo erkuͤhnten ſie ſich, die Beantwortung der Fragen der Prinzeſſinn zu uͤbernehmen: weil ſie aber den dunklen Sinn der⸗ ſelben nicht zu durchdringen vermochten, ſo kamen ſie alle, einer nach dem andern, elendiglich um. Der Koͤnig,— man muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laßen,— ſcheint ſehr geruͤhrt von ihrem Schickſale. Es gereuet ihn; einen Eid abgelegt zu ha⸗ ben, welcher ihn bindet; und wie zaͤrtlich er ſeine Tochter auch liebt, doch moͤchte er ſie lieber haben ſterben laßen, als ſie um dieſen Preis erhalten. Wenn ein Bewerber, welchen die Bedingung nicht hat zuruͤckhalten koͤnnen, um die Hand der Prinzeſſinn bei ihm anzuhalten koͤmmt, bemuͤht er ſich, ihn von ſei⸗ nem Entſchluſſe abzubringen, und immer nur mit Widerſtreben bewilligt er, daß er ſich der Lebensge⸗ fahr ausſetze. Aber es geſchieht gewoͤhnlich, daß er die jungen Waghaͤlſe nicht abzuhalten vermag. Sie ſind einzig mit Turandokt beſchaͤftigt; und die Hoffnung, Kalaf und Turandokt. 103 ſie zu beſitzen, betaͤubt ſie uͤber die Schwierigkeiten, welche mit ihrer Erwerbung verknuͤpft ſind. Aber, wenn der Koͤnig ſich wenigſtens gefuͤhlvoll bei dem Untergange dieſer ungluͤcklichen Prinzen zeigt, ſo iſt dieſes keinesweges bei ſeiner grauſamen Tochter der Fall. Sie frohlockt uͤber dieſe blutigen Schauſpiele, welche ihre Schoͤnheit den Chineſen gibt. Sie iſt von ſolcher Eitelkeit, daß auch der liebenswuͤrdigſte Prinz ihr nicht nur ihrer unwuͤrdig, ſondern ſogar hoͤchſt un⸗ verſchaͤmt erſcheint, daß er es wagt, ſeine Gedanken bis zu ihr zu erheben, und ſie betrachtet ſeine Hin⸗ richtung als eine gerechte Strafe ſeiner Vermeſſenheit. Das beklagenswertheſte dabei iſt, daß der Himmel ſo haͤufig Prinzen hieher kommen laͤßt, welche ſich die⸗ ſer unmenſchlichen Prinzeſſinn zum Schlachtopfer dar⸗ bieten. Es iſt noch nicht lange her, daß ein Prinz, der ſich ſchmeichelte, Verſtand genug zu haben, um ihre Fragen zu beantworten, ſein Leben verloren hat; und dieſe Nacht eben ſoll ein anderer hingerichtet wer⸗ den, der, zu ſeinem Ungluͤck, in derſelben Hoffnung an den Hof von China gekommen iſt.“ Vier und ſechzigſter Tag. Kalaf war ſehr aufmerkſam bei dieſer Erzaͤhlung der Alten:„Ich begreife nicht,“ ſagte er zu ihr, als 106 64. Tag. ſie geendigt hatte,„wie es nur ſo unbeſonnene Prin⸗ zen gibt, daß ſie dennoch um die Prinzeſſinn von China zu werben kommen. Wer ſollte nicht durch die Be⸗ dingung abgeſchreckt werden, unter welcher man ſie nur erwerben kann?— Uebrigens, was auch die Maler, welche ihr Bildnis gemacht haben, ſagen und verſichern moͤgen, daß ihr Werk nur ein unvollkom⸗ menes Abbild ihrer Schoͤnheit ſei,— ich glaube viel⸗ mehr, daß ſie ihr Reize geliehen haben, und daß ihre Gemaͤlde geſchmeichelt ſind, weil ſie ſo maͤchtige Wir⸗ kungen hervorgebracht haben. Kurz, ich kann nicht glauben, daß Turandokt ſo ſchoͤn iſt, wie ihr ſagt.“ „Herr,“ verſetzte die Witwe,„ſie iſt noch viel ſchoͤner, als ich euch geſagt, und ihr koͤnnt es mir glauben, denn ich habe ſie mehrmals geſehen, wenn ich meine Tochter im Harem beſucht. Machet euch, wenn ihr wollt, ein Bild ganz nach eurem Gefallen, vereinigt in eurer Einbildungskraft alles, was dazu beitragen kann, eine vollkommene Schoͤnheit zu bilden, und ſeid verſichert, daß ihr euch mit alle dem keinen Gegenſtand erdenken koͤnnt, welcher der Prinzeſſinn ſich nur annaͤherte.“ Der Prinz von Nogais konnte den Reden ſeiner Wirthinn nicht Glauben beimeſſen, ſo uͤbertrieben fand er ſie: er hatte gleichwohl, ohne zu wiſſen warum, ein geheimes Vergnuͤgen daran. Kalaf und Turandokt. 107 „Aber, gute Mutter,“ fing er wieder an,„ſind denn die Fragen, welche die Koͤnigstochter vorlegt, ſo ſchwer, daß man ſie nicht zur Zufriedenheit der Gelehrten, welche daruͤber entſcheiden, beantworten koͤnnte? Ich fuͤr mein Theil, bilde mir ein, daß alle die Prinzen, welche den Sinn derſelben nicht zu durch⸗ dringen vermochten, nur Schwachkoͤpfe oder Unwiſſense geweſen ſind.“ „Nein, nein,“ erwiederte die Alte,„es gibt kein ſo dunkles Raͤthſel, als die Fragen der Prinzeſſinn, und es iſt faſt unmoͤglich, ſie treffend zu beantworten.“ Waͤhrend ſie ſich alſo von Turandokt und ihren ungluͤcklichen Bewerbern unterhielten, kam der nach dem Markte geſchickte Knabe, mit Lebensmitteln be⸗ laden, zuruͤck. Kalaf ſetzte ſich an einen Tiſch, wel⸗ chen die Witwe ihm zuruͤſtete, und aaß, wie ein heiß⸗ hungriger Menſch. Hieruͤber kam die Nacht heran, und bald hoͤrte man in der Stadt den Schall der Gerichtspauken.*) Der Prinz fragte, was der Laͤrm bedeutete. „Dadurch,“ antwortete die Alte,„wird dem Volke kund gemacht, daß eine Hinrichtung geſchehen ſoll; und das ungluͤckliche Schlachtopfer iſt eben der *) Dieſe werden immer geſchlagen, wenn eine Hinrichtung vor ſich gehen ſoll. 108 64. Sag. Prinz, von welchem ich euch erzaͤhlt habe, daß er dieſe Nacht das Leben verlieren ſoll, weil er die Fra⸗ gen der Prinzeſſinn ſchlecht beantwortet hat. Es iſt ſonſt gewoͤhnlich, die Miſſethaͤter am Tage hinzurich⸗ ten, aber dieſes iſt ein beſonderer Fall. Der Koͤnig verabſcheut in ſeinem Herzen die Strafe, welche er die Bewerber um ſeine Tochter erleiden laͤßt, und er will nicht, daß die Sonne Zeuge einer ſo graunvol⸗ len Handlung ſei.“ Der Sohn des Timurtaſch hatte Luſt, dieſe Hin⸗ richtung mit anzuſehen, deren Urſach ihm ſo ſeltſam vorkam; er verließ alſo das Haus ſeiner Wirthinn, und da er auf der Straße eine große Volksmenge an⸗ traf, welche dieſelbe Neugier trieb, ſo miſchte er ſich unter ſie, und begab ſich mit ihnen in den Hof des Palaſtes, wo ein ſo blutiger Auftritt vor ſich gehen ſollte. Er ſah in der Mitte ein Schebtſcherage, das heißt, einen hoͤlzernen, ſehr hohen Thurm, deſſen Aeußeres von oben bis unten mit Zypreſſenzweigen be⸗ deckt war, zwiſchen welchen eine Unzahl von Lampen ſehr geſchickt vertheilt waren und ein ſo helles Licht ver⸗ breiteten, daß der ganze Hof davon erleuchtet wurde. Funfzehn Ellen von dieſem Thurm erhub ſich ein Schafot, das ganz mit weißer Seide*) bekleidet, und *) Weiß iſt bei den Chineſen Trauer⸗Farbe. Kalaf und Turandokt. 109 von mehreren Zelten von eben ſo gefaͤrbten Taft um⸗ geben war. Hinter dieſen Zelten bildeten zweitauſend Mann von der Leibwache Altun⸗Chan's, mit bloßem Saͤbel und dem Beil in der Hand, eine doppelte Kette, welche als Schranke gegen das Volk diente. Kalaf betrachtete aufmerkſam alles, was ſich ſei⸗ nen Blicken darbot, als ploͤtzlich das traurige Schau⸗ ſpiel, deſſen Zuruͤſtung man ſah, durch ein verwor⸗ renes Getoͤſe von Trommeln und Glocken, welche von der Hoͤhe des Thurmes weithin erklangen, ſeinen Anfang nahm. Zu gleicher Zeit traten zwanzig Mandarine und eben ſo viele Rechtsgelehrten, alle in langen Gewaͤndern von weißer Wolle, aus dem Palaſte, naͤherten ſich dem Schafot, und nachdem ſie dreimal umher gegangen waren, ſetzten ſie ſich unter den Zelten nieder. Sodann erſchien das Schlachtopfer, mit Blumen und untermiſchten Cypreſſen geſchmuͤckt, und mit ei⸗ nem weißen, nicht rothen,*) Faͤhnlein auf dem Kopfe. Es war ein junger Prinz von kaum achtzehn Jahren; ihn begleitete ein Mandarin, der ihn an der Hand fuͤhrte, und der Scharfrichter folgte ihm. Sie be⸗ ſtiegen alle drei das Schafot, und ſogleich verſtummte —ÿÿ— *) In China trägt jeder zur Hinrichtung geführte Verbrecher ein rothes Fähnlein. 110 64. Tag. der Schall der Trommeln und der Glocken. Der Mandarin ſprach hierauf mit ſo lauter Stimme zu dem Prinzen, daß wohl die Haͤlfte des Volks es hoͤren konnte: „Prinz, iſt es nicht wahr, daß man euch den Inhalt des koͤniglichen Befehls bekannt gemacht hat, ſobald ihr erſchienen ſeid, um die Prinzeſſinn anzu⸗ halten? Iſt es ferner nicht wahr, daß der Koͤnig alle Muͤhe angewandt hat, um euch von euerm toll⸗ kuͤhnen Unternehmen abzulenken?“ Nachdem der Prinz dieſes mit Ja beantwortet hatte, fuhr der Mandarin fort: „So erkennet denn, daß es eure Schuld iſt, wenn ihr heute das Leben verlieret, und daß der Kdͤnig und die Prinzeſſinn an euerm Tode nicht ſchuldig ſind.“ „Ich verzeihe ihnen denſelben,“ antwortete der junge Prinz,„ich klage niemand an, als mich ſelber, und ich bitte den Himmel, von ihnen nie Rechen⸗ ſchaft uͤber mein vergoſſenes Blut zu fordern.“ Er hatte nicht ſobald dieſe Worte ausgeſprochen, als der Scharfrichter ihm den Kopf mit einem Schwertſtreiche abſchlug. In demſelben Augenblick erſcholl die Luft abermals von dem Klange der Glok⸗ ken und dem Laͤrmen der Trommeln. Unterdeſſen kamen zwoͤlf Mandarine, nahmen den Leichnam, legten ihn in einen Sarg von Elfenbein und Ebenholz, und ſetzten dieſen auf eine kleine Kalaf und Turandokt. 111 Bahre, die ſechs von ihnen auf ihren Schultern nach dem Garten des Harems in das mit einer weißen Marmorkuppel gewoͤlbte Grabmal trugen, welches der Koͤnig eigens fuͤr alle die ungluͤcklichen Prinzen hatte erbauen laßen, welche daſſelbe Schickſal haben ſollten. Er ging oft dahin, um auf den Graͤbern der hier ſchon Liegenden zu weinen, und indem er ihre Aſche mit ſeinen Thraͤnen ehrte, bemuͤhte er ſich, doch auf einige Weiſe die Unmenſchlichkeit ſeiner Tochter zu ſuͤhnen. Fuͤnf und ſechzigſter Tag. Sobald die Mandarine den entſeelten Leichnam des Prinzen hinweggetragen hatten, gingen das Volk und die Rechtsgelehrten wieder nach Hauſe, und tadelten den Koͤnig, daß er die Unvorſichtigkeit gehabt hatte, die Wuth ſeiner Tochter durch einen unverletzlichen Eid zu heiligen. Kalaf blieb auf dem Hofe des Palaſtes ſtehen, von tauſend verworrenen Gedanken eingenommen. Da bemerkte er neben ſich einen Menſchen, der in Thraͤ⸗ nen zerſchmolz; er dachte wohl, daß es jemand waͤre, der großen Theil an der eben geſchehenen Hinrichtung naͤhme; und mit dem Wunſche, mehr davon zu erfah⸗ ren, redete er ihn alſo an: 63. Tag. „Ich bin von dem lebhaften Schmerze geruͤhrt, welchen ihr bezeigt, und ich theile eure Betruͤbnis; denn ich zweifle nicht, daß ihr den Prinzen naͤher ge⸗ kannt habt, der ſo eben hingerichtet iſt. „Ach! Herr,“ antwortete ihm dieſer betruͤbte Menſch, indem ſich ſeine Thraͤnen verdoppelten:„ich muß ihn gar wohl gekannt haben, denn ich war ſein Hofmeiſter.— O ungluͤcklicher Koͤnig von Samar⸗ kand,“*) fuͤgte er hinzu,„wie groß wird deine Be⸗ truͤbnis ſein, wenn du den ſeltſamen Tod deines Sohnes vernimmſt! und wer wird es wagen, dir die Nachricht davon zu bringen?“ Kalaf fragte, auf welche Weiſe der Prinz von Samarkand in die Prinzeſſinn von China verliebt ge⸗ worden waͤre. „Ich will es euch ſagen,“ antwortete ihm der Hofmeiſter,„und ihr werdet ohne Zweifel uͤber meine Erzaͤhlung erſtaunen. Der Prinz von Samarkand,“ fuhr er fort, „lebte gluͤcklich an dem Hofe ſeines Vaters, und die Hofleute, welche in ihm den Prinzen ſahen, der einſt ihr Herr ſein ſollte, befliſſen ſich nicht minder ihm zu gefallen, wie dem Koͤnige ſelber. Er brachte gewoͤhn⸗ *) Berühmte große Stadt in Trans⸗Oranien, Tamerlans⸗ Hauptſtadt, wie noch jetzo der Usbeken. Kalaf und Turandokt. 1 1 lich den Tag auf der Jagd oder beim Kugelſpiel hin, und des Nachts ließ er heimlich die glaͤnzendſte Jugend des Hofes zu ſich kommen, mit welcher er allerlei geiſtige Getraͤnke genoß. Auch vergnuͤgte er ſich manchmal damit, ſchoͤne Sklavinnen tanzen zu ſehen, und Geſang und Saitenſpiel zu hoͤren. Mit einem Worte, alle Vergnuͤgungen in ſtaͤtiger Verkettung er⸗ fuͤllten die Augenblicke ſeines Lebens. Inzwiſchen kam ein beruͤhmter Maler nach Sa⸗ markand, mit mehreren Gemaͤlden von Prinzeſſinnen, welche er an verſchiedenen von ihm beſuchten Hoͤfen gemacht hatte. Er kam damit und zeigte ſie meinem Prinzen, der beim Anblicke der erſten, welche ihm vorgeſtellt wurden, ſagte: „Das ſind ſehr ſchoͤne Gemaͤlde: ich bin uͤberzeugt, daß die Urbilder dieſer Bildniſſe euch großen Dank ſchuldig ſind.“ „Herr,“ antwortete der Maler,„ich geſtehe, daß dieſe Gemaͤlde ein wenig geſchmeichelt ſind; aber ich muß euch zugleich ſagen, daß ich noch eins habe, welches ſchoͤner iſt, als alle dieſe hier, und gleich⸗ wohl ſeinem Urbilde nicht nahe koͤmmt.“ Indem er ſo ſprach, zog er aus einem Kaͤſtchen, worin er ſeine Gemaͤlde verwahrte, das Bildnis der Prinzeſſinn von China. II. 3 114 65. Tag. Kaum hatte mein Herr daſſelbe in der Hand, ſo konnte er ſich nicht einbilden, daß die Natur im Stande waͤre, eine ſo vollkommene Schoͤnheit hervor⸗ zubringen, er rief aus, daß es kein ſo reizendes Weib auf der Welt gaͤbe, und daß das Bildnis der Prin⸗ zeſſinn von China noch mehr geſchmeichelt ſein muͤßte, als die uͤbrigen. Der Maler betheuerte, daß dem nicht ſo waͤre, und verſicherte, daß kein Pinſel nim⸗ mermehr die Schoͤnheit und Anmuth auf dem Geſichte der Prinzeſſinn Turandokt wiederzugeben vermoͤchte. Auch dieſe Verſicherung kaufte mein Herr das Bild⸗ nis; welches einen ſo lebhaften Eindruck auf ihn machte, daß er eines Tages den Hof ſeines Vaters verließ, und allein von mir begleitet, aus Samar⸗ kand ritt; und ohne mir ſeine Abſicht mitzutheilen, nahm er den Weg nach China und kam hier in der Hauptſtadt an. Er hatte den Vorſatz, dem Altun⸗ Chan eine zeitlang gegen ſeine Feinde zu dienen, und alsdann um die Prinzeſſinn bei ihm anzuhalten: aber wir vernahmen bei der Ankunft die ſtrenge Bedingung, und das ſeltſamſte dabei iſt, daß mein Prinz, anſtatt uͤber dieſe Neuigkeit ſehr betruͤbt zu ſein, Freude dar⸗ uͤber empfand.„Ich will,“ ſprach er zu mir, mich zur Beantwortung der Fragen Turandokts erbieten. Es fehlt mir nicht an Verſtand: ich werde dieſe Prin⸗ zeſſinn gewinnen.“ Kalaf und Turandokt. 115 Es iſt nicht noͤthig, euch mehr zu ſagen, Herr,“ fuhr der Hofmeiſter ſchluchzend fort;„ihr erkennet wohl aus dem traurigen Schauſpiele, welches ihr eben geſehen habt, daß der bejammernswuͤrdige Prinz von Samarkand nicht ſo, wie er hoffte, die Fragen dieſer unmenſchlichen Schoͤnheit beantworten konnte, welche ſich am Blutvergießen ergoͤtzt und ſchon mehreren Koͤ⸗ nigsſoͤhnen das Leben gekoſtet hat. Sobald er ſah, daß er ſich zum Tode bereiten muͤßte, uͤbergab er mir das Bildnis dieſer grauſamen Prinzeſſinn:„Ich ver⸗ traue dir,“ ſagte er dabei,„dieſes ſeltene Gemaͤlde; bewahre dieſes koſtbare Vermaͤchtnis wohl: du darfſt es nur meinem Vater zeigen, wenn du ihm mein Schickſal erzaͤhlſt, und ich zweifle nicht, daß er beim Anblick eines ſo reizenden Bildniſſes mir meine Ver⸗ wegenheit verzeihen werde.“— Aber,“ ſetzte der Hof⸗ meiſter hinzu,„mag ein anderer, wenn er will, hin⸗ gehen und dem Koͤnige ſeinem Vater eine ſo traurige Nachricht bringen: ich fuͤr mein Theil, gehe, von meinem Gram erfuͤllt, weit von hier und von Samar⸗ kand, ein ſo geliebtes Haupt zu beweinen.— Das iſt es, was ihr zu wiſſen wuͤnſchtet, und hier iſt das gefaͤhrliche Bildnis,“ fuhr er fort, indem er es unter ſeinem Rocke hervorzog, und es unwillig auf den Boden warf,„hier iſt die Urſache des Un⸗ gluͤcks meines Prinzen. O verfluchtes Bildnis! warum hatte mein Herr, als du in ſeine Haͤnde ſieleſt, nicht 116 65. Tag. meine Augen? O unmenſchliche Prinzeſſinn! moͤchten doch alle Prinzen der Erde dieſelben Empfindungen gegen dich haben, welche du mir einfloͤßeſt! anſtatt der Gegenſtand ihrer Liebe zu ſein, wuͤrdeſt du ihren Abſcheu erregen!“ Mit dieſen Worten ging der Hofmeiſter des Prin⸗ zen von Samarkand, nachdem er noch einen wuͤthen⸗ den Blick auf den Palaſt geworfen hatte, zornig von ſiunen⸗ ohne dem Sohne des Timurtaſch mehr zu agen. Dieſer raffte ſchleunig das Bildnis der Turandokt auf, und wollte nach dem Hauſe der Witwe zuruͤck⸗ kehren; aber in der Dunkelheit verirrte er ſich, und befand ſich unvermerkt außerhalb der Stadt. Unge⸗ duldig erwartete er den Tag, um die Schoͤnheit der Prinzeſſinn von China zu ſchauen: ſobald er ihn an⸗ brechen ſah, und er ſeine Neugier befriedigen konnte, bffnete er die Kapſel, welche das Bildnis umſchloß. Er zoͤgerte jedoch, bevor er es anblickte.„Was will ich thun?“ rief er aus:„ſoll ich meinen Augen einen ſo gefuaͤhrlichen Gegenſtand darbieten? Gedenke, Kalaf, gedenke an die unſeligen Wirkungen, welche es hervorgebracht hat: haſt du ſchon vergeſſen, was der Hofmeiſter des Prinzen von Samarkand dir eben erſt erzaͤhlt hat? Betrachte dieſes Gemaͤlde nicht; widerſteh dem Antriebe, welcher dich hinzieht, dieweil er nur noch ein neugieriges Verlangen iſt. So lange Kalaf und Turandokt. 117 du deiner Vernunft maͤchtig biſt, kannſt du noch dei⸗ nen Untergang vermeiden... Aber, was ſage ich „vermeiden?“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich tadelte: „welche falſche Vernuͤnftelei floͤßt mir eine zaghafte Bedenklichkeit ein? Wenn ich die Prinzeſſinn lieben ſoll, ſteht dann meine Liebe nicht ſchon mit unaus⸗ loͤſchlichen Zuͤgen im Himmel geſchrieben? Uebrigens glaube ich, daß man ungeſtraft auch das ſchoͤnſte Bildnis ſehen kann: man muß ſehr ſchwach ſein, um durch den Anblick einer nichtigen Miſchung von Farben beunruhigt zu werden. Drum fuͤrchten wir nichts! betrachten wir mit kaltem Blute dieſe ſieghaften und meuchelmoͤrderiſchen Zuͤge: ich will ſelbſt Maͤngel darin aufſuchen, und das neue Vergnuͤgen genießen, die Reize dieſer uͤberſtolzen Prinzeſſinn zu muſtern, und ich wuͤnſchte, um ihre Eitelkeit zu kraͤnken, daß ſie vernaͤhme, wie ich ohne Bewegung ihr Bildnis beant⸗ litzet habe.“ Sechs und ſechzigſter Tag. Der Sohn des Timurtaſch traute ſich wohl zu, das Bildnis der Turandokt mit gleichguͤltigem Auge zu betrachten: er blickt es an, pruͤfet es, bewundert den Umriß des Geſichts, die Regelmaͤßigkeit der Zuͤge, die Lebhaftigkeit der Augen, den Mund, die Naſe; 66. TDag. alles ſcheint ihm vollkommen: er erſtaunt uͤber eine ſo ſeltene Vereinigung aller Schoͤnheiten; und obwohl auf ſeiner Hut gegen das, was er ſieht, laͤßt er ſich doch davon bezaubern. Eine unbegreifliche Unruhe treibt ihn wider Willen; er kennt ſich nicht mehr:„Welche Glut,“ ſpricht er,„uͤberfaͤllt und durchdringt mich ploͤtzlich? in welche Verwirrung ſetzt dieſes Bildnis meine Sinne? Gerechter Himmell! iſt es das Schick⸗ ſal aller, die dieſes Bildnis erblicken, die unmenſch⸗ liche Prinzeſſinn zu lieben, welche es vorſtellt? Wehe! ich fuͤhle nur zu ſehr, daß ſie auf mich den⸗ ſelben Eindruck macht, wie auf den ungluͤcklichen Prinzen von Samarkand: ich ergebe mich den Reizen, die ihn getroffen haben; und weit entfernt, durch ſeine klaͤgliche Geſchichte abgeſchreckt zu ſein, fehlt nicht viel daran, daß ich ſein Ungluͤck ſelbſt beneide! Welche Veraͤnderung, großer Gott! ich begriff vor einem Augenblicke nicht, wie man ſo unſinnig ſein konnte, der ſtrengen Bedingung zu ſpotten: und jetzo ſehe ich nichts mehr, das mich abſchreckt; alle Gefahr iſt verſchwunden.— Nein, unvergleichliche Prinzeſſinn,“ fuhr er fort, indem er das Bildnis zaͤrtlich anblickte,„kein Hinder⸗ nis haͤlt mich auf; ich liebe dich, trotz deiner Un⸗ menſchlichkeit: und weil es mir verſtattet iſt, nach deinem Beſitze zu trachten, ſo will ich von Stund' an mich bemuͤhen, dich zu erwerben: erliege ich in 118 Kalaf und Turandokt. 119 in einem ſo ſchoͤnen Unternehmen, ſo werde ich im Sterben nur den Schmerz empfinden, dich nicht be⸗ ſitzen zu koͤnnen.“ Nachdem Kalaf den Entſchluß gefaßt hatte, um die Prinzeſſinn zu werben, kehrte er zu ſeiner alten Witwe zuruͤck, deren Haus er nur mit vieler Muͤhe wiederfinden konnte; denn er hatte ſich waͤhrend der Nacht ſehr weit davon entfernt. „Ach! mein Sohn,“ ſagte die Wirthinn zu ihm, ſobald ſie ihn erblickte,„ich bin erfreut, euch wieder⸗ zuſehen! ich war ſehr beſorgt um euch, und fuͤrchtete, es moͤchte euch ein Unfall zugeſtoßen ſein. Warum ſeid ihr nicht eher heimgekommen?“ „Meine gute Mutter,“ antwortete er ihr,„es thut mir Leid, daß ich euch Unruhe verurſacht habe; aber ich habe mich in der Dunkelheit verirret.“ Und hierauf erzaͤhlte er ihr, wie er den Hofmei⸗ ſter des hingerichteten Prinzen angetroffen, und unter⸗ ließ nicht, ihr alles zu wiederholen, was derſelbe ihm geſagt haͤtte. Dann zeigte er ihr das Bildnis der Turandokt, und ſagte dabei: „Sehet hier, ob dieſes Gemaͤlde nur ein unvoll⸗ kommenes Abbild der Prinzeſſinn von China iſt: ich fuͤr mein Theil kann mir nicht einbilden, daß es der Schoͤnheit des Urbildes nicht gleich kommen ſollte.“ „Bei der Seele des Propheten Dſchakmuny!“ rief die Alte aus, nachdem ſie das Bildnis pruͤfend 120 66. Tag. betrachtet hatte,„die Prinzeſſinn iſt noch tauſendmal ſchoͤner und reizender, als ſie hier vorgeſtellt iſt. Ich wollte, daß ihr ſie geſehen haͤttet, und ihr wuͤrdet mit mir uͤberzeugt ſein, daß alle Maler auf der Welt, die es unternehmen, ſie nach dem Leben zu malen, es nicht im Stande ſind; ich nehme ſelbſt den be⸗ ruͤhmten Many) nicht aus.“ „Ihr macht mir unendliches Vergnuͤgen,“ verſetzte der Prinz von Nogais,„indem ihr mich verſichert, daß die Schoͤnheit Turandokts uͤber alle Anſtrengun⸗ gen der Malerei erhaben iſt. Wie ſchmeichelhaft iſt: mir dieſe Verſicherung! ſie beſtaͤrkt mich in meinem Vorhaben, und reizt mich, auf der Stelle ein ſo ſchoͤnes Abenteuer zu verſuchen. Warum ſtehe ich nicht ſchon vor der Prinzeſſinn! ich brenne vor Unge⸗ duld, zu erfahren, ob ich gluͤcklicher bin, als der Prinz von Samarkand.“ „Was ſaget ihr da, mein Sohn!“ erwiederte die Witwe: in welche Unternehmung wagt ihr euch einzu⸗ laßen? und gedenkt ihr in der That ſie auszufuͤhren?“ *) Ein im ganzen Morgenlande berühmter Maler, und zu⸗ gleich Stifter der nach ihm benannten Sekte, unter der Regierung des Sapor Dhulaktaf, des neunten Saſſanidi⸗ ſchen Königs in Perſien. H. Kalaf und Turandokt. 121 „Ja, meine gute Mutter,“ antwortete Kalaf, nich will noch heute mich zur Beantwortung der Fra⸗ gen der Prinzeſſinn darſtellen: ich kam nach China, um dem großen Koͤnig Altun-Chan nur meinen Arm anzubieten; aber es iſt beſſer, ſein Schwiegerſohn zu ſein, als bloß ein Offfzier ſeines Heeres.“ Bei dieſen Worten fing die Alte an zu weinen: „Ach! Herr,“ ſagte ſie,„im Namen Gottes, behar⸗ ret nicht auf euerm ſo tollkuͤhnen Entſchluſſe: ihr kommt unfehlbar um, wenn ihr ſo dreiſt ſeid, um die Prinzeſſinn anzuhalten. Anſtatt von ihrer Schoͤnheit bezaubert zu ſein, verabſcheuet ſie vielmehr, weil ſie Urſache ſo vieler trauervoller Begebenheiten iſt; be⸗ denket, wie groß der Schmerz eurer Aeltern ſein wird, wenn ſie die Nachricht eures Todes vernehmen; laßet euch durch das toͤdtliche Herzeleid ruͤhren, in welches ihr ſie ſtuͤrzen wollt.“. „O, ich bitte euch, gute Mutter,“ unterbrach ſie der Sohn des Timurtaſch,„hoͤret auf, mir Bilder vor die Seele zu rufen, welche im Stande ſind, mich zu erweichen; ich weiß wohl, wenn ich heute mein Schickſal vollende, ſo wird es fuͤr die Urheber meines Daſeins eine unerſchoͤpfliche Thraͤnenquelle ſein; ja vielleicht,(denn ich kenne ihre Zaͤrtlichkeit fuͤr mich,) wuͤrden ſie meinen Tod nicht vernehmen koͤnnen, ohne ſelber vor Schmerz zu ſterben. Aber welche Erkennt⸗ lichkeit auch ihre Gefuͤhle von mir fordern und mir 122 66. Tag. wirklich einfloͤßen, ich muß dennoch der Leidenſchaft folgen, welche mich durchdringt. Doch, was ſage ich? will ich denn nicht, auch um ſie gluͤcklich zu machen, mein Leben wagen? Ja, ohne Zweifel, ihre Wohl⸗ fahrt vereinigt ſich mit dem Verlangen, welches mich treibt; und wenn mein Vater hier waͤre, ſo wuͤrde er, weit entfernt, ſich meinem Vorhaben zu widerſetzen, mich zur ſchleunigen Ausfuͤhrung deſſelben aufmuntern. Es iſt alſo beſchloſſen: ſparet euch die Muͤhe, mich uͤberreden zu wollen; denn nichts vermoͤchte, mich darin wankend zu machen.“ Als die Alte ſah, daß ihr junger Gaſt nicht auf ihren Rath hoͤrte, verdoppelte ſich ihre Betruͤbnis: „Es iſt alſo drum geſchehen, Herr,“ hub ſie wieder an,„man kann euch nicht abhalten, eurem Verderben entgegen zu rennen: warum mußtet ihr nur in mein Haus zu herbergen kommend und warum habe ich euch von Turandokt erzaͤhlt? das Bild, welches ich euch von ihr entworfen habe, hat euch in ſie verliebt gemacht: ich Ungluͤckliche! ich bin es, die euch den Untergang bereitet hat: warum muß ich mir euern Tod vorzuwerfen haben?“ „Nein, meine gute Mutter,“ unterbrach ſie aber⸗ mals der Prinz von Nogais,„nicht ihr ſeid Schuld an meinem Ungluͤcke; rechnet euch die Liebe nicht zu, welche ich fuͤr die Prinzeſſinn empfinde: ich ſollte ſie nun einmal lieben, und ich erfuͤlle meine Beſtimmung. Kalaf und Turandokt. 125 Uebrigens, wer hat euch denn geſagt, daß ich ihre Fragen ſchlecht beantworten werde? ich bin weder ohne Kenntniſſe, noch ohne Verſtand, und der Him⸗ mel hat mir vielleicht die Ehre aufbehalten, den Koͤnig von China von dem Kummer zu befreien, welchen ein furchtbarer Eid ihm verurſacht.— Doch,“ ſetzte er hinzu, indem er die Boͤrſe hervorzog, welche der Chan von Berlas ihm gegeben hatte, und worin noch eine ziemliche Menge Goldſtuͤcke war,„weil der Erfolg, ich bekenne es, ungewiß, und es moͤglich iſt, daß ich ſterbe, ſo mache ich euch ein Geſchenk mit dieſer Boͤrſe, um euch uͤber meinen Tod zu troͤſten: ihr koͤnnt ſogar auch mein Pferd verkaufen, und das Geld dafuͤr behalten; denn ich brauche es nicht mehr, ſei es nun, daß die Tochter Altun⸗Chans der Preis meiner Kuͤhn⸗ heit, oder mein Tod der traurige Lohn derſelben iſt.“ Sieben und ſechzigſter Tag. Die Witwe nahm die Boͤrſe von Kalaf an, mit den Worten: „O mein Sohn! ihr taͤuſchet euch ſehr, wenn ihr euch einbildet, daß dieſe Goldſtuͤcke mich uͤber euren Verluſt troͤſten koͤnnen: ich werde ſie zu guten Wer⸗ ken verwenden, ein Theil davon den Ungluͤcklichen ge⸗ ben, welche in den Armenhaͤuſern geduldig ihr Elend 124 67. Tag. ertragen, und deren Gebete folglich Gott ſo angenehm ſind; das uͤbrige will ich den Dienern unſerer Religion geben, damit alle zuſammen den Himmel bitten, euch zu erleuchten, und nicht zuzulaßen, daß ihr euch ins Verderben ſtuͤrzet. Das einzige, warum ich euch bitte, iſt, daß ihr nicht heute ſchon hingehet, um euch zur Beantwortung der Fragen Turandokts zu er⸗ bieten; wartet bis morgen, der Aufſchub iſt ja nicht lang, und laßet mir bis dahin Zeit, die frommen Seelen in Thaͤtigkeit zu ſetzen, und Dſchakmuny fuͤr euch zu gewinnen: darnach moͤgt ihr thun, was euch beliebt; gewaͤhret mir, ich flehe euch, dieſe Genug⸗ thuung; ich wage zu behaupten, daß ihr ſie einer Frau ſchuldig ſeid, die ſchon ſo viel Freundſchaft fuͤr euch empfindet, daß ſie uͤber euern Untergang un⸗ troͤſtlich ſein wuͤrde.“ In der That nahm Kalaf ſogleich jeden fuͤr ſich ein: außerdem, daß er einer der ſchoͤnſten und wohl⸗ gebildeteſten Prinzen auf der Welt war, hatte er ein ſo natuͤrliches und anmuthiges Weſen, daß man ihn nicht anſehen konnte, ohne ihn liebzugewinnen. Er war geruͤhrt von dem Schmerz und der Zuneigung, welche dieſe gute Witwe ihm bezeigte, und ſagte zu ihr: „Nun wohl, gute Mutter, ich will euch die Ge⸗ faͤlligkeit erweiſen, welche ihr von mir fordert; ich werde heute noch nicht hingehen, um die Prinzeſſinn Kalaf und Turandokt. 125 anzuhalten: aber, um euch meine Meinung zu ſagen, ich glaube nicht, daß euer Porophet Dſchakmuny mich in meinem Entſchluſſe wankend machen kann.“ Er verließ alſo den ganzen Tag nicht das Haus der Witwe, welche nicht ermangelte, hinzugehen und in den Armenhaͤuſern Almoſen zu vertheilen, und fuͤr blanke baare Muͤnze die Verwendung der Bonzen*) bei Berginguſing zu erkaufen: ſie ließ ferner den Goͤtzenbildern Huͤhner und Fiſche opfern; auch die Schutzgeiſter wurden nicht vergeſſen, man brachte ihnen Reis und Huͤlſenfruͤchte an den dazu geweihten Oer⸗ tern zum Opfer dar. Aber alle Gebete der Bonzen und der Goͤtzendiener, ſo gut ſie auch bezahlt wurden, brachten nicht die Wirkung hervor, welche die gute Wirthinn Kalafs davon erwartet hatte; denn am folgen⸗ den Morgen, war dieſer Prinz noch entſchloſſener, als jemals, um Turandokt zu werben. „Lebet wohl, meine gute Mutter,“ ſagte er zu der Witwe,„es thut mir Leid, daß ihr euch geſtern ſo viel Muͤhe meinetwegen gegeben habt: ihr haͤttet. ſie euch erſparen koͤnnen; denn ich hatte euch verſichert, daß ich heute nicht anderes Sinnes ſein wuͤrde.“ Mit dieſen Worten verließ er die Alte, welche, vom lebhafteſten Schmerz ergriffen, ihr Geſicht mit *) Chineſiſche Prieſter. 126 67. T a g. dem Schleier bedeckte, und mit dem Kopf auf den Knien in unbeſchreiblicher Niedergeſchlagenheit zuruͤck⸗ blieb. Der junge Prinz von Nogais, von Wohlgeruͤchen duftend, und ſchoͤner als der Mond, begab ſich nach dem Palaſt: er ſah am Thore fuͤnf Elephanten, und zu beiden Seiten zweitauſend Soldaten in zwei Rei⸗ hen aufgeſtellt, mit Helmen auf dem Kopfe, mit Schilden an der Hand, und mit Eiſenpanzern bedeckt. Einer ihrer vornehmſten Befehlshaber, der aus Kalafs Anſehen ihn fuͤr einen Fremden erkannte, hielt ihn an, und fragte ihn, was er im Palaſte zu thun haͤtte. „Ich bin ein fremder Prinz,“ antwortete der Sohn des Timurtaſch,„ich komme, mich dem Kö⸗ nige vorzuſtellen, und ihn um die Erlaubnis zu bitten, die Fragen der Prinzeſſinn, ſeiner Tochter zu beant⸗ worten.“ Der Befehlshaber ſah ihn bei dieſen Worten mit Verwunderung an, und ſagte darauf: „Prinz, wiſſet ihr wohl, daß ihr hier den Tod zu ſuchen kommet? ihr haͤttet beſſer gethan, in euerm Lande zu bleiben, als das zu unternehmen, was euch hieher fuͤhrt. Kehret auf der Stelle wieder um, und ſchmeichelt euch nicht mit der taͤuſchenden Hoffnung, die unmenſchliche Turandokt zu erwerben. Und waͤret ihr geſchickter, als ein Mandarin von der Wiſſen⸗ Kalaf und Turandokt. 127 ſchaft,*) doch wuͤrdet ihr nimmer den Sinn ihrer viel⸗ deutigen Spruͤche durchdringen.“ „Ich danke euch fuͤr euern Rath,“ erwiederte Ka⸗ laf,„aber ich bin nicht bis hieher gekommen, um nun zuruͤckzutreten.“ „So gehet denn zum Tode,“ verſetzte der Befehls⸗ haber mit verdrießlicher Miene,„weil es unmöglich iſt, euch daran zu verhindern.“ Zu gleicher Zeit ließ er ihn in den Palaſt treten; ſodann wandte er ſich zu einigen anderen Offizieren, welche ihr Geſpraͤch mit angehoͤrt hatten, und ſagte zu ihnen: „Wie ſchoͤn und wohlgebildet dieſer junge Prinz iſt! Schade, daß er ſo bald ſterben ſoll!“ Unterdeſſen ſchritt Kalaf durch mehrere Saͤle, und gelangte endlich in denjenigen, wo der Koͤnig gewoͤhn⸗ lich ſeinen Voͤlkern Gehoͤr gab: in demſelben ſtand ein Thron von Katay'ſchem*) Stahl, in Geſtalt *) In jeder Stadt von China ſind zwei Hiokong“s d. h. Mandarine von der Wiſſenſchaft, welche die Befugnis ha⸗ ben, diejenigen zu prüfen, welche ſich zu akademiſchen Würden melden. **) Chatai und Chatha iſt das nördliche China, deſſen ur⸗ alte Könige Chakan hießen, wie jener den der Perſiſche Held Roſtam überwand. In Dſchengis⸗Chans Zeit hie⸗ ßen ſie Altun⸗Chan,(wie der, welcher von Ostai, 128 67. Tag. eines Drachen, drei Ellen hoch; vier ſehr hohe Saͤu⸗ len, ebenfalls von Stahle, ſtuͤtzten uͤber demſelben einen weiten Thronhimmel von gelber Seide, mit Edelſteinen geſchmuͤckt. Altun⸗Chan, mit einem Kaf⸗ tan von Goldbrokat auf rothem Grunde bekleidet, ſaß auf ſeinem Throne, mit großer Wuͤrde, welche durch einen ſehr langen Haarbuͤſchel mitten in ſeinem Barte, der ſich unten in drei Locken theilte, wunderſamlich erhoͤht wurde. Nachdem dieſer Monarch einige ſeiner Unterthanen angehoͤrt hatte, warf er zufaͤllig die Augen auf den Prinzen von Nogais, der unter der Menge ſtand; da er ihm als ein Fremdling erſchien, und er ſo wohl an ſeinem edlen Anſtande, wie an ſeiner praͤchtigen Klei⸗ dung ſah, daß er kein gemeiner Menſch war, ſo rief er einem ſeiner Mandarine, zeigte mit dem Finger auf Kalaf, und befahl ihm ganz leiſe, ſich nach ſeinem Stande und nach der Abſicht ſeiner Ankunft am Hofe zu erkundigen. Der Mandarin naͤherte ſich dem Sohne des Ti⸗ murtaſch, und ſagte ihm, der Koͤnig wuͤnſchete zu Dſchengis⸗Chans Sohn überwunden ſich in die Stadr Namking warf und ſich mit den Seinigen darin ver⸗ brannte); und in Tamerlans Zeit hießen ſie Daimen⸗ Chan. Die Eiſenarbeiter und Waffenſchmiede dieſes Lan⸗ des ſind berühmt. —— 2 2 * 3 Kalaf und Turandokt. 129 wiſſen, wer er waͤre, und ob er bei ihm etwas zu ſuchen haͤtte. „Ihr koͤnnt dem Koͤnige, euerm Herrn, ſagen,“ antwortete der junge Prinz,„daß ich der einzige Sohn eines Fuͤrſten bin, und daß ich komme, mich um die Ehre zu bewerben ſein Schwiegerſohn zu werden.“ Acht und ſechzigſter Tag. Altun⸗Chan vernahm nicht ſo bald die Antwort des Prinzen von Nogais, als er die Farbe veraͤnderte: ſein wuͤrdiges Antlitz bedeckte ſich mit einer Todesblaͤſſe: er hub die Sitzung auf, und entließ alles Volk; ſo⸗ dann ſtieg er von ſeinem Throne, naͤherte ſich dem Kalaf, und redete ihn an: 2— „Junger Waghals, wißt ihr die ſtrenge Bedingung, und das ungluͤckliche Geſchick aller derjenigen, welche bisher darauf beharret haben, die Prinzeſſinn meine Tochter erwerben zu wollend“ „Ja, Herr,“ antwortete der Sohn des Timurtaſch, nich kenne die ganze Gefahr, in welche ich mich he⸗ gebe; meine Augen ſind ſelbſt Zeugen der gerechten Todesſtrafe geweſen, welche Euer Majeſtaͤt den Pein⸗ zen von Samarkand hat erleiden laßen: aber das II. 9 130 68. TC A g. bedauernswuͤrdige Ende all dieſer Verwegenen, welche ſich vergeblich mit der ſuͤßen Hoffnung ſchmeichelten, die Prinzeſſinn Turandokt zu beſitzen, reizt nur noch mehr mein Verlangen, ſie zu erwerben.“ „Welche Wuth!“ verſetzte der Koͤnig:„kaum hat ein Prinz das Leben verloren, ſo bietet ſich ſchon wie⸗ der ein anderer dar, um daſſelbe Schickſal zu haben; es ſcheint, es iſt ihre Luſt, ſich zu opfern: welche Verblendung! gehet in euch, Prinz, und ſeid nicht ſo verſchwenderiſch mit euerm Blute. Ihr floͤßet mir mehr Mitleid ein, als alle andere, die bisher gekommen ſind, um hier ihren Tod zu ſuchen; ich fuͤhle in mir eine Zuneigung fuͤr euch, und ich will gern alles Moͤgliche thun, um euch vom Untergange abzuhalten. Kehret heim in die Staaten eures Vaters, und bereitet ihm nicht das Herzeleid, durch das Geruͤcht zu vernehmen, daß er ſeinen einzigen Sohn nie wiederſehen wird.“ „Herr,“ erwiederte Kalaf,„es iſt mir ſehr ſuͤß, aus dem Munde Euer Majeſtaͤt ſelber zu vernehmen, daß ich das Gluͤck habe, euch zu gefallen; ich ziehe daraus eine gute Vorbedeutung: vielleicht will der Himmel, geruͤhrt von dem vielen Unheile, welches die Schoͤnheit der Prinzeſſinn anſtiftet, ſich meiner bedie⸗ nen, um ihm Schranken zu ſetzen, und zugleich die Ruhe Euer Majeſtaͤt herzuſtellen, welche durch die Nothwendigkeit, ſo grauſame Handlungen beſtaͤtigen zu muͤßen, getruͤbt wird. Wißt ihr denn wirklich, daß Kalaf und Turandokt. 131 ich die Fragen ſchlecht beantworten werde, welche man mir thun wird? welche Gewißheit habt ihr, daß ich er⸗ liegen werde? Wenn Andere den Sinn der dunklen Worte Turandokts nicht enthuͤllen konnten, iſt damit geſagt, daß auch ich nicht ſie durchdringen kann? Nein, Herr, ihr Beiſpiel vermoͤchte mich nimmer auf die glaͤnzende Ehre verzichten laßen, euch zum Schwaͤ⸗ her zu haben.“ „Ach, ungluͤcklicher Prinz,“ erwiederte der Koͤnig, gihr wollt nicht laͤnger leben! die Bewerber, welche ſich vor euch darboten, um auf die unſeligen Fragen meiner Tochter zu antworten, fuͤhrten dieſelbe Sprache; ſie alle hofften, den Sinn derſelben zu durchdringen, ſie konnten aber damit nicht zu Stande kommen. Wehe! auch ihr werdet das Opfer eures Selbſtver⸗ trauens ſein.— Noch einmal, mein Sohn,“ fuhr er fort,„laßt euch uͤberreden; ich liebe euch, und willl euch retten; vereitelt meine gute Abſicht nicht durch eure Hartnaͤckigkeit; wie viel Verſtand ihr auch zu ha⸗ ben glaubt, mistrauet ihm: ihr ſeid im Irrthume, wenn ihr euch einbildet, auf der Stelle die Fragen beantworten zu koͤnnen, welche die Prinzeſſinn euch vorlegen wird; denn ihr habt keine halbe Viertelſtunde Zeit, daruͤber nachzudenken; ſo lautet die Vorſchrift. Wenn ihr alſo binnen dieſer Zeit nicht eine richtige Antwort gebt, welche von allen Gelehrten, die daruͤber zu Richtern beſtellt ſind, gebilligt wird, ſo werdet ihr 132 68. TC a g. alsbald des Todes ſchuldig erklaͤrt, und in der naͤch⸗ ſten Nacht zur Hinrichtung gefuͤhrt. Drum, Prinz, entfernet euch; benutzet noch den uͤbrigen Theil des Tages, uͤber euern Entſchluß nachzudenken; berathet euch mit weiſen Leuten: uͤberleget es euch, und kom⸗ met morgen, mir zu ſagen, wozu ihr euch entſchloſ⸗ ſen habt.“ Mit dieſen Worten verließ er Kalaf, der ſehr ver⸗ drießlich den Palaſt verließ, daß er noch bis morgen warten ſollte; denn er war keinesweges von den Vor⸗ ſtellungen des Koͤnigs erſchuͤttert, und er kehrte zu ſei⸗ ner Wirthinn zuruͤck, ohne im geringſten der drohenden Gefahr zu achten, welcher er ſich ausſetzen wollte. Sobald er vor der Alten erſchien, und ihr erzaͤhlt hatte, was im Palaſte vorgegangen war, bot ſie von neuen ihre Beredtſamkeit gegen ihn auf, und ſetzte al⸗ les in Bewegung, um ihn von ſeiner Unternehmung abzulenken. Aber ſie aͤrntete keine andere Fruͤchte von dieſen neuen Anſtrengungen, als die Wahrnehmung, daß ſie ihren jungen Gaſt nur noch mehr entflamme⸗ ten und in ſeinem Entſchluſſe beſtaͤrkten. In der That, begab er ſich am folgenden Morgen wieder nach dem Palaſt, und ließ ſich dem Koͤnige anmelden, der ihn in ſeinem Gemache empfing und keinen Zeugen ihres Geſpraͤchs haben wolltee. Kalaf und Turandokt. 133 „Nun, Prinz,“ redete ihn Altun⸗Chan an,„ſoll euer Anblick heute mich erfreuen oder betruͤben? wel⸗ ches Sinnes ſeid ihr?“ „Herr,“ antwortete Kalaf,„ich verharre noch im⸗ mer in derſelben Geſinnung; als ich geſtern die Ehre hatte, mich Euer Majeſtaͤt vorzuſtellen, hatte ich ſchon alle meine Ueberlegungen angeſtellt: ich bin ent⸗ ſchloſſen, dieſelbe Strafe zu erleiden, wie meine Ne⸗ benbuhler, wenn der Himmel es nicht anders uͤber mich verhaͤngt hat.“ Bei dieſen Worten ſchlug der Koͤnig ſich an die Bruſt, zerriß ſein Kleid, und raufte ſich einige Haare ſeines Bartes aus. „Ich Ungluͤcklicher,“ rief er aus,„daß ich ſo viel Zuneigung fuͤr dieſen da empfinde! der Tod aller uͤbri⸗ gen hat mir nicht ſo viel Kummer gemacht.— Ach, mein Sohn!“ fuhr er fort, indem er den Prinzen von Nogais mit einer Zaͤrtlichkeit umarmte, welche dieſen etwas erſchuͤtterte,„gib meinem Schmerze Gehor, wenn meine Gruͤnde dich nicht zu bewegen vermoͤgen. Ich fuͤhle, daß der Streich, welcher dir das Leben raubt, auch mein Herz toͤdtlich verwundet; verzichte, ich beſchwoͤre dich darum, auf den Beſitz meiner grau⸗ ſamen Tochter; du findeſt andere Prinzeſſinnen genug in der Welt, welche du beſitzen kannſt: warum willſt du halsſtarrig eine unmenſchliche verfolgen, welche du nie erlangen wirſt? Bleib, wenn du willſt, an mei⸗ 134 68. 69. Tag. nem Hofe, du ſollſt hier den naͤchſten Rang nach mir einnehmen; du ſollſt ſchoͤne Sklavinnen haben; Ver⸗ gnuͤgungen ſollen dir uͤberall hin folgen; mit Einem Worte, ich will dich wie meinen eigenen Sohn anſe⸗ hen. Laß alſo davon ab, Turandokt nachzutrachten, damit ich doch wenigſtens die Genugthung habe, Ein Opfer dieſer blutgierigen Prinzeſſinn zu entreißen.“ Neun und ſechzigſter Tag. Der Sohn des Timurtaſch war ſehr geruͤhrt durch die Freundſchaft, welche der Koͤnig von China ihm bezeugte; aber er antwortete ihm: „Herr, ich bitte euch, laßt mich der Gefahr ent⸗ gegengehen, von welcher ihr mich ablenken wollt. Je groͤßer ſie iſt, je mehr reizet ſie mich. Ich muß euch ſogar bekennen, daß die Grauſamkeit der Prinzeſſinn heimlich meiner Liebe ſchmeichelt. Es gewaͤhrt wir ein inniges Vergnuͤgen zu denken, daß vielleicht ich der gluͤckliche Sterbliche bin, der uͤber dieſe Stolze trium⸗ phieren ſoll. Im Namen Gottes bitte ich Euer Ma⸗ jeſtaͤt, nicht fuͤrder einen Vorſatz zu bekaͤmpfen, deſ⸗ ſen Ausfuͤhrung mein Ruhm, meine Ruhe und mein Leben ſelbſt fordern: denn, kurz, ich kann nicht leben ohne Turandokt. Kalaf und Turandokr. 135 Als Altun⸗Chan den Kalaf in ſeinem Entſchluſſe unerſchuͤtterlich ſah, ward er herzlich betruͤbt daruͤber: „Ach! verwegener Juͤngling,“ ſagte er nun zu ihm, „dein Untergang iſt gewiß, weil du darauf beharreſt, meine Tochter zu erwerben. Der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich mein Moͤgliches gethan habe, um dich zur Beſinnung zu bringen. Du verwirfſt meinen Rath, und willſt lieber umkommen, als ihn befolgen. Nicht mehr davon: du wirſt bald genug den Lohn deiner thoͤrichten Standhaftigkeit empfangen. Ich bewillige es, daß du unternehmeſt, die Fragen der Prinzeſſinn zu beantworten; aber ich muß zuvor auch dir die Ehren erweiſen, welche ich gewoͤhnlich den Prinzen bezeige, die nach einer Verbindung mit mir trachten.“ Nach dieſen Worten rief er dem Oberhaupte ſeiner Verſchnittenen,*) und befahl ihm, Kalaf in den Prinzen⸗Palaſt*n) zu fuͤhren, und ihm zweihundert Verſchnittene zur Bedienung zu geben. *) Der Verſchnittenen des Königs von China ſind gewöhnlich zwölftauſend, mehr oder minder, und in verſchiedenen Schaaren getheilt. **) In dem Umfange des königlichen Palaſtes ſtehen mehrere andere, abgeſonderte Paläſte, einer für den Erb⸗Prinzen, einer für den Enkel, ein andrer für die Königinn, einer für die Prinzeſſinnen, und noch andere für die Kebs⸗ weiber. 136 69. Tag. Kaum war der Prinz von Nogais in dieſen Palaſt gefuͤhrt, als die vornehmſten Mandarine ihn zu be⸗ gruͤßen kamen, das heißt, ſie warfen ſich auf die Knie, buͤckten den Kopf bis auf den Boden, und ſprachen dabei, einer nach dem andern: „Prinz, der ſtaͤte Diener eures erlauchten Hauſes koͤmmt, um, als ſolcher, euch ſeine Ehrfurcht zu be⸗ zeigen.“ Sodann boten ſie ihm Geſchenke dar, und ent⸗ fernten ſich wieder. Unterdeſſen ſchickte der Koͤnig, der ſo große Freund⸗ ſchaft fuͤr den Sohn des Timurtaſch empfand und Mitleid mit ihm hatte, nach dem geſchickteſten, we⸗ nigſtens beruͤhmteſten Profeſſor ſeines koͤniglichen Kol⸗ legiums, und ſagte zu ihm: „Doktor, es iſt an meinem Hofe abermals ein Prinz, der um meine Tochter wirbt. Ich habe nichts geſpart, um ihn davon abzuhalten; aber ich habe es nicht erreichen koͤnnen. Ich wuͤnſchte nun, daß du durch deine Beredtſamkeit ihn zu Vernunft braͤchteſt: deshalb habe ich dich hieher kommen laßen.“ Der Doktor gehorchte; er ging hin zu Kalaf, und hatte mit ihm eine ſehr lange Unterredung. Darnach kam er wieder zu Altun⸗Chan, und ſagte ihm: „Herr, es iſt unmoͤglich, dieſen jungen Prinzen zu bereden: er will durchaus die Prinzeſſinn erwerben, oder ſterben. Als ich einſah, daß es vergeblich waͤre, Kalaf und Turandokt. 157 ſeine Feſtigkeit zu beſiegen, ſo war ich doch neugierig zu wiſſen, ob ſeine Hartnaͤckigkeit keinen andern Grund haͤtte, als ſeine Leidenſchaft: ich befragte ihn uͤber mancherlei Gegenſtaͤnde, und ich fand ihn uͤberall ſo gelehrt, daß ich daruͤber erſtaunt bin. Er iſt Mu⸗ ſelmann, und ſcheint mir vollkommen von allem un⸗ terrichtet, was ſeine Religion betrifft. Kurz, um Euer Majeſtaͤt meine Meinung zu ſagen, ich glaube, wenn irgend ein Prinz im Stande iſt, die Fragen der Prinzeſſinn zu beantworten, ſo iſt es dieſer hier.“ „O Doktor!“ rief der Koͤnig aus,„du entzuͤckſt mich durch dieſe Reden; gebe der Himmel, daß dieſer Prinz mein Eidam werde! Sobald er vor mir erſchien, fuͤhlte ich Zuneigung fuͤr ihn; moͤge er gluͤcklicher ſein, als die uͤbrigen, welche zu ihrem Verderben hieher ge⸗ kommen ſind!“ Der gute Koͤnig Altun⸗Chan begnuͤgte ſich nicht, fuͤr Kalaf bloß fromme Wuͤnſche zu thun, er bemuͤhte ſich auch, ihm die im Himmel, in der Sonne und im Monde waltenden Geiſter guͤnſtig zu machen. Zu dieſem Zwecke befahl er oͤffentliche Gebete, und in den Tempeln wurden feierliche Opfer dargebracht. Man ſchlachtete, auf ſein Gebot, einen Ochſen dem Himmel, eine Ziege der Sonne, und ein Schwein dem Monde. Noch mehr, er ließ in Peking kund⸗ 138 69. 70. Tag. machen, daß die monatlichen Bruͤderſchaften*) ein Feſt anſtellen ſollten, damit der Prinz, der gekom⸗ men, um die Prinzeſſinn zu werben, ſo gluͤcklich waͤre, ſie zu erlangen. Nach allen dieſen Gebeten und Opfern, ſchickte der Monarch ſeinen Kolaonn) zu dem Prinzen von Nogais, um ihm auzukuͤndigen, daß er ſich bereit halten ſollte, am folgenden Morgen die Fragen der Prinzeſſinn zu beantworten, und ihm zu ſagen, daß man nicht ermangeln wuͤrde, ihn nach dem Divan zu fuͤhren, und daß die zur Verſammlung beſtimmten Perſonen ſchon Befehl haͤtten, ſich dahin zu ver⸗ fuͤgen. Siebzigſter Tag. Wie entſchloſſen Kalaf war, das Abenteuer zu be⸗ ſtehen, doch brachte er die Nacht nicht ohne Unruhe hin. Bald vertraute er kuͤhnlich ſeinem Geiſt und verſprach ſich einen gluͤcklichen Erfolg: bald entſank *) So heißen dieſe Brüderſchaften der Handwerker, weil in jeder dreißig Brüder ſind, welche einen Tag um den andern die übrigen Brüder bewirthen. **) Das heißt, ſeinen Kanzler. —Q—OOO;;OCOCV—B˖yOO— — Kalaf und Turandokt. 159 ihm wieder dieſes Vertrauen; er ſtellte ſich den Schimpf vor, wenn ſeine Antworten den Divan nicht befriedigten; er dachte manchmal auch an Elmaſe und Timurtaſch:„Ach!“ ſagte er,„wenn ich ſterbe, was ſoll aus meinem Vater und aus meiner Mutter werden?“ Der Tag uͤberraſchte ihn in dieſen verworrenen Gedanken. Alsbald hoͤrte er Glockenklang und großen Trommellaͤrm. Er hielt es fuͤr das Zeichen, welches Alle zur Verſammlung berief. Da erhub er ſeine Ge⸗ danken zu Mahomed, und betete zu ihm: „O großer Prophet, du ſiehſt, in welchem Zu⸗ ſtand ich mich befinde; erleuchte mich: ſoll ich mich in den Divan begeben, oder dem Koͤnige zu ſagen ge⸗ hen, daß die Gefahr mich abſchreckt?“ Er hatte kaum dieſe Worte ausgeſprochen, als alle Furcht entſchwand, und ſeine Kuͤhnheit wieder⸗ kehrte. Er ſtand auf, bekleidete ſich mit einem Kaf⸗ tan und einem Mantel von rothem goldgebluͤmtem Seidenſtoffe, welche Altun-Chan ihm ſchickte, nebſt blauſeidenen Struͤmpfen und Schuhen. Als er ganz angekleidet war, traten ſechs Manda⸗ rine, geſtiefelt und mit ſehr langen dunkelrothen Roͤcken angethan, ins Zimmer; und nachdem ſie ihn auf dieſelbe Weiſe begruͤßt hatten, wie jene am vori⸗ gen Tage, ſagten ſie ihm, ſie waͤren vom Koͤnige ge⸗ ſandt, ihn nach dem Divan zu geleiten. 140 7o. T a g. Er ließ ſich hin fuͤhren; ſie ſchritten uͤber einen Hof, durch eine doppelte Reihe von Soldaten; und als ſie in dem Vorſaale des Divans angekommen wa⸗ ren, fanden ſie dort mehr als tauſend Saͤnger und Spielleute, welche alle zuſammen ſangen und ſpielten, und einen erſtaunlichen Laͤrm machten. Von dort gin⸗ gen ſie in den Saal der Rathsverſammlung, welcher mit dem innern Palaſt in Verbindung ſtand. Schon ſaßen alle Perſonen, welche an dieſer Ver⸗ ſammlung theilnehmen ſollten, unter Gezelten von verſchiedenen Farben, welche im Saale rings umher liefen. Die vornehmſten Mandarine ſaßen auf der ei⸗ nen Seite, auf der andern der Kolao mit den Profeſ⸗ ſoren des koͤniglichen Kollegiums, und mehrere durch ihre Faͤhigkeiten beruͤhmte Doktoren nahmen die uͤbri⸗ gen Plaͤtze ein. In der Mitte ſtanden zwei goldene Throne, welche auf zwei dreieckigen Geſtellen ruhten. Sobald der Prinz von Nogais erſchien, begruͤßte die edle und gelehrte Verſammlung ihn mit allen Zei⸗ chen der tiefſten Ehrfurcht, aber ohne ein Wort zu ſagen, denn alle beobachteten, in Erwartung der An⸗ kunft des Koͤnigs, ein tiefes Stillſchweigen. Die Sonne war im Begriff aufzugehen: ſobald man die erſten Stralen dieſes hehren Geſtirns er⸗ blickte, oͤffneten zwei Verſchnittene von beiden Seiten die Vorhaͤnge an der Thuͤre des innern Palaſts, und alsbald trat der Koͤnig mit der Prinzeſſinn Turandokt Kalaf und Turandokt. 141 herein, welche ein langes Gewand von golddurchwirk⸗ ter Seide, und einen Schleier von demſelben Stoffe uͤber dem Geſichte trug. Sie beſtiegen beide ihre Throne auf fuͤnf ſilbernen Stufen. Als ſie ihre Plaͤtze eingenommen hatten, ſtellten ſich zwei wunder⸗ ſchoͤne Maͤdchen, die eine neben den Koͤnig, die an⸗ dere neben die Prinzeſſinn. Es waren Sklavinnen aus Altun⸗Chans Harem: ſie trugen das Geſicht und die Bruſt bloß, dicke Perlen in den Ohren, und ſtanden mit einer Feder und Papier bereit aufzuſchrei⸗ ben, was der Koͤnig ihnen befehlen wuͤrde. Waͤhrend dieſer Zeit blieben alle Perſonen der Ver⸗ ſammlung, welche bei Altun⸗Chans Erſcheinung auf⸗ geſtanden waren, mit großem Ernſt und halbgeſchloſ⸗ ſenen Augen ſtehen. Kalaf allein ließ ſeinen Blick uͤberall umherſchweifen, oder vielmehr er blickte nur auf die Prinzeſſinn, deren majeſtaͤtiſche Haltung er bewunderte. Als der maͤchtige Herrſcher von China den Manda⸗ rinen und Doktoren befohlen hatte, ſich zu ſetzen, kniete einer der ſechs Herren, welche Kalaf hergefuͤhrt hatten, ſo daß er funfzehn Ellen von beiden Thronen entfernt ſtand, nieder, und las eine Schrift ab, welche die Bewerbung des fremden Prinzen um die Prinzeſſinn Turandokt enthielt. Sodann ſtand er wie⸗ der auf, und ſagte Kalaf, daß er dem Koͤnige drei Verbeugungen machen ſollte. Der Prinz von Nogais 142 70. 71. Tag. that dieſes mit ſolcher Anmuth, daß Altun⸗Chan ſich nicht enthalten konnte ihm zuzulaͤcheln, um ihm ſein Vergnuͤgen uͤber ſeinen Anblick zu bezeugen. Jetzo ſtand der Kolao von ſeinem Sitz auf, und las mit lauter Stimme das unſelige Edikt ab, wel⸗ ches alle die verwegenen Bewerber zum Tode verur⸗ theilte, die Turandokts Fragen unrichtig beantworte⸗ ten. Hierauf wandte er ſich zu Kalaf, und ſagte: „Prinz, ihr habt nun gehoͤrt, unter welcher Be⸗ dingung die Prinzeſſinn zu erwerben iſt; wenn das Bild der bevorſtehenden Gefahr einigen Eindruck auf eure Seele macht, ſo ſteht es euch noch frei, zuruͤck⸗ zutreten.“ „Nein, nein,“ ſagtr der Prinz von Nogais,„der Preis, welchen es hier gilt, iſt zu ſchoͤn, als daß man die Feigheit haben koͤnnte darauf zu verzichten.“ Ein und ſiebzigſter Tag. Als der Koͤnig den Prinzen entſchieden ſah, auf die Fragen Turandokts zu antworten, wandte er ſich zu dieſer Prinzeſſinn, und ſagte zu ihr: 4 „Meine Tochter, jetzt iſt es an dir, zu reden; lege dieſem jungen Prinzen die Fragen vor, welche du ausgedacht haſt; und moͤgen alle Geiſter, denen Kalaf und Turandokt. 143 geſtern Opfer dargebracht ſind, gewaͤhren, daß er den Sinn deiner Worte durchdringe.“ Hierauf ſagte Turandokt:„Ich nehme den Pro⸗ pheten Dſchakmuny zum Zeugen, daß ich nur mit Bedauern ſo viele Prinzen umkommen ſehe; aber warum beſtehen ſie darauf, mich beſitzen zu wollen? warum laßen ſie mich nicht ruhig in meinem Palaſte leben, ohne meiner Freiheit nachzuſtellen?— Wiſſet denn, verwegener Juͤngling,“ fuͤgte ſie hinzu, ſich zu Kalaf wendend,„daß ihr mir keinen Vorwurf zu machen habt, wenn ihr, nach dem Bei⸗ ſpiel eurer Nebenbuhler, einen grauſamen Tod erleiden muͤßt: ihr ſelber ſeid die einzige Urſache eures Ver⸗ derbens, weil ich euch ja nicht zwinge, her zu kom⸗ men, um meine Hand zu werben.“ „Schoͤne Prinzeſſinn,“ antwortete der Prinz von Nogais,„ich weiß alles, was daruͤber zu ſagen iſt; thut mir, wenn's euch beliebt, eure Fragen, und ich will verſuchen, ihren Sinn zu entraͤthfeln.“ „Wohlan,“ hub Turandokt nun an,„ſo ſaget mir denn: welches Geſchoͤpf iſt in allen Landen zu Hauſe, aller Welt Freund, und koͤnnte nimmer ſeinesgleichen dulden?“ „Herrinn,“ antwortete Kalaf,„es iſt die Sonne.“ „Er hat Recht,“ riefen alle die Doktoren aus, „es iſt die Sonne.“ 144 71. TCag. „Wer iſt die Mutter,“ fuhr die Prinzeſſinn fort,„welche alle ihre Kinder, die ſie zur Welt gebracht hat, wieder oerſchlingt, wenn ſie groß geworden ſind?“ „Es iſt das Meer,“ antwortete der Prinz von Nogais,„denn die Stroͤme, welche ſich ins Meer er⸗ gießen, haben auch ihren Urſprung daraus.“ Als Turandokt ſah, daß der junge Prinz ſo rich⸗ tig ihre Fragen beantwortete, ward ſie dadurch ſo gereizt, daß ſie beſchloß, nichts zu ſchonen, um ihn zu verderben. „Was iſt das fuͤr ein Baum,“ ſagte ſie zu ihm,„deſſen Blaͤtter alle auf der einen Seite weiß, und auf der andern Seite ſchwarz ſind?“ Sie begnügte ſich nicht damit, dieſe Frage zu thun, die boshafte Prinzeſſinn hub auch, zu gleicher Zeit, um Kalaf zu blenden und zu betaͤuben, ihren Schleier auf, und ließ die Verſammlung die ganze Schoͤnheit ihres Antlitzes ſehen, welchem der Aerger und die Beſchaͤmung neue Reize verliehen. Ihr Haupt war mit lebendigen Blumen geſchmuͤckt, welche mit unend⸗ licher Kunſt geordnet waren, und ihre Augen ſtrahlten heller als die Sterne. Sie erſchien ſo ſchoͤn, wie die Sonne, wenn ſie durch die Oeffnung einer Wolke in ihrem vollen Glanze hervor ſtrahlt. Kalaf und Turandokt. 145 Der verliebte Sohn des Timurtaſch blieb, anſtatt auf ihre Frage zu antworten, ſtumm und unbeweglich; und der ganze Divan, der fuͤr ihn Theil nahm, wurde ſogleich von toͤdtlichem Schrecken ergriffen; der Koͤnig ſelber erblaßte, und waͤhnte, daß es um den jungen Prinzen geſchehen waͤre. Kalaf aber, als er ſich von der Ueberraſchung er⸗ holt, welche die ploͤtzliche Erſcheinung der Schoͤnheit Turandokts ihm verurſacht hatte, beruhigte bald die Verſammlung, indem er alſo wieder das Wort nahm: „Reizende Prinzeſſinn, ich bitte euch, mir zu ver⸗ zeihen, wenn ich einige Augenblicke beſtuͤrzt ſtand: ich glaubte eins jener himmliſchen Weſen zu ſchauen, welche der ſchoͤnte Schmuck des den Glaͤubigen nach dem Tode verheißenen Aufenthaltes ſind;*) ich ver⸗ mochte ſo viel Reize nicht ohne Bewegung zu ſchauen. Habet die Guͤte, die mir gethane Frage zu wiederho⸗ len; denn ich erinnere mich ihrer nicht mehr; ihr habt mich alles vergeſſen laßen.“ „Ich habe euch gefragt,“ ſagte Turandokt,„wel⸗ cher Baum das iſt, deſſen Blaͤtter alle auf der einen Seite weiß, und auf der andern Seite ſchwarz ſind?“ *) Der Huri's, in Mahomeds Paradieſe. II. 10 166 712. Tag. „Dieſer Baum,“ antwortete Kalaf,„iſt das Jahr, welches aus Tagen und Naͤchten beſteht.“ Auch dieſe Antwort hatte den Beifall des Divans; die Mandarine und Doktoren erklaͤrten ſie fuͤr richtig, und machten dem Prinzen tauſend Lobeserhebungen. Hierauf ſprach Altun⸗Chan zu Turandokt: „Wohlan, meine Tochter, bekenne dich fuͤr uͤber⸗ wunden, und willige ein, die Gemahlinn deines Sie⸗ gers zu werden. Die uͤbrigen vermochten nicht ein⸗ mal, eine deiner Fragen zu beantworten; und dieſer hier, wie du ſiehſt, entraͤthſelt ſie alle.“ „Er hat noch nicht den Sieg davon getragen,“ antwortete die Prinzeſſinn, indem ſie ihren Schleier wieder uͤberwarf, um ihre Verwirrung und ihre Thraͤ⸗ nen zu verbergen, welche ſie nicht zuruͤckhalten konnte; „ich habe ihm noch andere Fragen vorzulegen; aber ich will es erſt morgen thun.“ „Oh, nicht alſo,“ verſetzte der Koͤnig; ich werde nicht zugeben, daß du ihm Fragen ohne Ende vorle⸗ geſt; alles was ich verſtatten kann, iſt, daß du auf der Stelle ihm noch eine Frage thueſt.“ Die Prinzeſſinn ſtraͤubte ſich dagegen, mit der Ausrede, daß ſie nicht mehr Fragen in Bereitſchaft haͤtte, als die ſchon aufgeloͤſten, und ſie bat den Koͤ⸗ nig ihren Vater, ihr die Erlaubnis nicht zu verwei⸗ gern, den Prinzen am folgenden Tage zu befragen. Kalaf und Turandokt. 147 „Das werde ich dir nimmer bewilligen,“ rief der Monarch von China zornig aus;„du trachteſt nur, den Geiſt des jungen Prinzen zu verwirren, ich aber denke nur daran mich des abſcheulichen Eides zu ent⸗ ledigen, welchen ich ſo unbeſonnen geleiſtet habe. Ha! grauſame, du athmeſt nur Blut, und der Tod deiner Bewerber iſt eine Augenweide fuͤr dich! Die Koͤniginn deine Mutter, ergriffen von den erſten Graͤueln, welche du verurſachteſt, ſtarb vor Leid, daß ſie eine ſo unmenſchliche Tochter auf die Welt geſetzt hatte; und ich, es iſt dir nicht unbekannt, ich bin in eine Schwermuth verſunken, welche nichts zu zerſtreuen vermag, ſeitdem ich die unſeligen Folgen meiner Nachgiebigkeit fuͤr dich erlebe. Aber, Dank den waltenden Geiſtern des Himmels, der Sonne und des Mondes, denen meine Opfer angenehm geweſen ſind, es werden in meinem Palaſte nicht mehr dieſe ſcheußlichen Hinrichtungen vorgehen, die deinen Na⸗ men zum Abſcheu machen. Dieweil dieſer Prinz alle ihm von dir vorgelegte Fragen richtig beantwortet hat, ſo frage ich dieſe ganze Verſammlung, ob es nicht ge⸗ recht iſt, daß er dein Gemahl werde?“ Die Mandarine und Doktoren brachen hierauf in Gemurmel aus, und der Kolao nahm das Wort, und ſprach zum Koͤnige: 4 „Herr, Euer Majeſtaͤt iſt nicht mehr durch den Eid gebunden, welchen ihr auf die Vollziehung des 148 71. 72. Ta g. ſtrengen Edikts geleiſtet habt; es iſt gegenwaͤrtig an der Prinzeſſinn, demſelben ihrerſeits genugzuthun. Sie verhieß ihre Hand demjenigen, der ihre Fragen richtig beantworten wuͤrde: ein Prinz hat dieſes nun auf eine Weiſe geleiſtet, welche den ganzen Divan befriedigt hat; ſie muß alſo ihr Verſprechen halten, oder es iſt nicht zu zweifeln, daß die Geiſter, welche uͤber die Rache des Meineids wachen, ſie alsbald beſtrafen werden.“ Zwei und ſiebzigſter Tag. Turandokt ſaß waͤhrend dieſer Zeit ſchweigend da; ſie hatte den Kopf auf ihre Knie geſtuͤtzt, und ſchien in tiefe Betruͤbnis verſunken. Als Kalaf dieſes be⸗ merkte, warf er ſich vor Altun-Chan nieder, und ſagte zu ihm: „Großer Koͤnig, deſſen Gerechtigkeit und Guͤte das weite Reich von China bluͤhend machen, ich bitte Euer Majeſtaͤt um eine Gnade: ich ſehe wohl, die Prinzeſſinn iſt in Verzweiflung, daß ich das Gluͤck ge⸗ habt habe, ihre Fragen zu beantworten; ſie ſaͤhe es ohne Zweifel lieber, wenn ich den Tod verdient haͤtte. Weil ſie ſo großen Abſcheu vor den Maͤnnern hat, daß ſie, trotz dem gegebenen Worte, ſich mir verwei⸗ gert, ſo will ich gern auf mein Recht uͤber ſie Ver⸗ —,— Kalaf und Turanddokt. 149 zicht leiſten, unter der Bedingung, daß ſie ihrerſeits eine Frage richtig beantwortet, welche ich ihr vorle⸗ gen will.“ Die ganze Verſammlung war ſehr verwundert uͤber dieſe Rede:„Iſt dieſer junge Prinz ein Narr,“ fluͤ⸗ ſterten ſie einander zu,„daß er ſich ſo dem Zufall ausſetzet, das wieder zu verlieren, was er eben erſt mit Gefahr ſeines Leben gewonnen hat? waͤhnt er eine Frage zu thun, welche Turandokt in Verlegenheit ſetzt? er muß den Verſtand verloren haben.“ Altun⸗Chan war ebenfalls hoͤchlich erſtaunt uͤber die kuͤhne Bitte Kalafs: „Prinz,“ erwiederte er ihm,„habt ihr die Worte wohl uͤberlegt, welche euch da entſchluͤpft ſind?“—* „Ja, Herr,“ antwortete der Prinz von Nogais, nund ich beſchwoͤre euch, mir dieſe Gnade zu ge⸗ waͤhren.“ „Ich will es thun,“ verſetzte der Koͤnig,„aber was auch daraus entſtehen mag, ich erklaͤre, daß ich nicht mehr durch den Eid gebunden bin, welchen ich abgelegt habe, und fortan keinen Prinzen mehr werde hinrichten laßen.“ „Goͤttliche Turandokt,“ hub nun der Sohn des Timurtaſch an, indem er ſich zu der Prinzeſſinn wandte,„ihr habt gehoͤrt, was ich geſagt habe: ob⸗ wohl, nach dem Ausſpruche dieſer gelehrten Verſamm⸗ lung, eure Hand mir gebuͤhrt, obwohl ihr mir zugehoͤrt, 150 72. Tag. doch gebe ich euch euch ſelber zuruͤck, ich verzichte auf euern Beſitz, ich beraube mich eines ſo koͤſtlichen Gu⸗ tes, unter der Bedingung, daß ihr die Frage welche ich euch thun will, richtig beantwortet. Aber ſchwoͤ⸗ ret auch eurerſeits, daß, wenn ihr nicht richtig ant⸗ wortet, ihr unweigerlich in mein Gluͤck willigen und meine Liebe kroͤnen wollet.“ „Ja, Prinz,“ antwortete Turandokt,„ich nehme die Bedingung an, ich beſchwoͤre es bei allem was heilig iſt, und nehme dieſe Verſammlung zu Zeugen meines Eides.“ Der ganze Divan war in Erwartung der Frage, welche Kalaf der Prinzeſſinn thun wuͤrde, und es war keiner darunter der nicht dieſen jungen Prinzen ta⸗ delte, daß er ſich ſo ohne Noth der Gefahr ausſetzte, die Tochter Altun⸗Chans zu verlieren; alle waren be⸗ troffen uͤber ſeine Verwegenheit. „Schoͤne Prinzeſſinn,“ hub Kalaf an,„wie heißt der Prinz, welcher, nachdem er tau⸗ ſend Muͤhſeligkeiten erduldet, und ſein Brod gebettelt hat, ſich in dieſem Augen⸗ blick auf dem Gipfel des Ruhmes und der Freude befindet?“ Die Prinzeſſinn dachte einige Zeit nach; ſodann ſagte ſie: Kalaf und Turandokt. 151 „Es iſt mir unmoͤglich, dies auf der Stelle zu beantworten; aber ich verſpreche, euch morgen den Namen dieſes Prinzen zu ſagen.“ „Herrinn,“ rief Kalaf aus,„ich habe keinen Auf⸗ ſchub verlangt, und es iſt unbillig, ihn euch zu be⸗ willigen: indeſſen will ich euch auch dieſe Genug⸗ thuung noch gewaͤhren; ich hoffe ihr werdet darnach mit mir zufrieden ſein, und keine Schwierigkeit mehr machen, meine Gattinn zu werden.“ „Sie ſoll ſich wohl dazu entſchließen,“ ſagte hier— rauf Altun⸗Chan,„wenn ſie nicht die ihr vorgelegte Frage beantwortet: ſie darf nicht waͤhnen, etwa da⸗ durch, daß ſie krank wird, oder ſich nur ſo ſtellt, ſich ihrem Verlobten zu entziehen; wenn auch mein Eid mich nicht baͤnde, ſie ihm zu geben, und ſie ihm nicht ſchon vermoͤge des Edikts angehoͤrete, ſo wuͤrde ich lieber ſie ſterben laßen, als dieſen jungen Prinzen ledig heimſenden. Wie kann ſie jemals einen liebens⸗ wuͤrdigeren Mann finden?“ Mit dieſen Worten erhub er ſich von ſeinem Thron, und entließ die Verſammlung; er begab ſich mit der Prinzeſſinn in den innern Palaſt, die ſich von hier in den ihrigen zuruͤckzog. Sobald der Koͤnig den Divan verlaßen hatte, machten alle Doktoren und Mandarine dem Kalaf Lo⸗ beserhebungen uͤber ſeinen Scharfſinn:„Ich bewun⸗ 152 72. 73. TDag. dere,“ ſagte der eine,„eure ſchnelle und leichte Faſ⸗ ſungskraft.“ 1. „Nein,“ ſagte der andere,„es gibt keinen Bacca⸗ laureus, keinen Licentiaten, ja keinen Doktor, der ſcharfſinniger iſt, als ihr. Keiner der bisher aufge⸗ tretenen Prinzen hatte auch nur von fern euer Verdienſt, und wir ſind aͤußerſt erfreut, daß euch euer Unterneh⸗ men gelungen iſt.“ Der Prinz von Nogais hatte nicht wenig zu thun, allen denen zu danken, welche ſich beeiferten, ihm Gluͤck zu wuͤnſchen. Endlich, geleiteten die ſechs Mandarine, welche ihn in die Verſammlung gefuͤhrt, ihn wieder nach dem Palaſte, wo ſie ihn abgeholt hat⸗ ten, indeſſen die uͤbrigen Mandarine, ſammt den Dok⸗ toren heim gingen, nicht ohne Unruhe uͤber die Ant⸗ wort, welche die Tochter Altun⸗Chans auf Kalafs Frage ertheilen wuͤrde. Drei und ſiebzigſter Tag. Die Prinzeſſinn Turandokt begab ſich mit zwei jungen Sklavinnen, ihren Vertrauten, nach ihrem Palaſte. Sobald ſie in ihrem Zimmer war, riß ſie ihren Schleier ab, warf ſich auf ein Sopha, und ließ ihren heftigen Gemuͤthsbewegungen freien Lauf: Beſchaͤmung und Verdruß malten ſich auf ihrem — Kalaf und Turandokt. 153 Antlitze; ihre ſchon vom Weinen gebadeten Augen ver⸗ goſſen neue Thraͤnen; ſie riß den Blumenſchmuck von ihrem Haupte, und zerſtreute ihre ſchoͤnen Haare. Ihre beiden Sklavinnen verſuchten, ſie zu troͤſten; ſie aber ſagte zu ihnen:„Laßet mich, eine wie die an⸗ dere; gebet euch nicht verlorene Muͤhe: ich hoͤre nur auf meine Verzweiflung; ich will weinen und mich betruͤben. Ach! wie groß wird morgen meine Beſchaͤ⸗ mung ſein, wenn ich in voller Rathsverſammlung, angeſichts der groͤßten Gelehrten von China, bekennen muß, daß ich die mir vorgelegte Frage nicht beant⸗ worten kann!„Iſt das,“ werden ſie ſagen,„dieſe geiſtreiche Prinzeſſinn, welche ſich ruͤhmt, alles zu wiſſen, und der es ein Spiel iſt, das ſchwerſte Raͤth⸗ ſel aufzuloͤſen d“— Leider!“ fuhr ſie fort,„ſie nehmen alle Theil fuͤr den jungen Prinzen: ich habe ſie erbleichen und er⸗ ſchrecken ſehen, als er verlegen ſchien; und wieder voll Freuden, als er den Sinn meiner Fragen durch⸗ drang. Ich werde die toͤdtliche Kraͤnkung haben, ſie nochmals uͤber mein Herzeleid erfreut zu ſehen, wenn ich mich fuͤr uͤberwunden bekenne: welches Vergnuͤgen wird ihnen nicht dieß ſchmaͤhliche Geſtaͤndnis erregen, und welche Qual iſt es nicht fuͤr mich, dazu gezwun⸗ gen zu ſein, es abzulegen!“— „Meine Fuͤrſtinn,“ ſagte hierauf eine der Sklavin⸗ nen,„anſtatt euch zum voraus ſchon ſo zu betruͤben, 154 73. Tag. anſtatt euch die Beſchaͤmung vorzumalen, welche ihr morgen haben ſollt, wuͤrdet ihr nicht beſſer thun, daran zu denken, wie derſelben zuvor zu kommen iſt? Iſt denn die Frage, welche er euch vorgelegt hat, ſo ſchwer, daß ihr ſie nicht beantworten koͤnnet? ver⸗ moͤchtet ihr, mit dem Geiſte und Scharfſinn, welche ihr beſitzt, nicht damit zu Stande zu kommen?“ „Nein,“ antwortete Turandokt,„das iſt unmoͤg⸗ lich; er fraͤgt mich: wie heißt der Prinz, wel⸗ cher, nachdem er tauſend Muͤhſeligkeiten erduldet, und ſein Brod gebettelt hat, in dieſem Angenblick auf dem Gipfel der Freude und des Ruhmes iſt? Ich begreife wohl, daß er ſelber dieſer Prinz iſt; aber weil ich ihn gar nicht kenne, ſo kann ich auch ſeinen Namen nicht ſagen.“ „Indeſſen, Herrinn,“ verſetzte dieſelbe Sklavinn, „habt ihr doch verſprochen, morgen im Divan den Prinzen zu nennen; und da ihr dieſes Verſprechen ge⸗ than habt, ſo hofftet ihr ohne Zweifel, es halten zu koͤnnen?“ „Ich hoffte gar nichts,“ erwiederte die Prinzeſ⸗ ſinn,„und ich habe nur Aufſchub verlangt, um lieber vor Verdruß zu ſterben, als genoͤthigt zu ſein, meine Beſchaͤmung zu geſtehen, und den Prinzen zu hei⸗ raten.“ Kalaf und Turandokt. 155 „Das iſt ein verzweifelter Entſchluß,“ ſagte hier⸗ auf die andere vertraute Sklavinn:„ich weiß wohl, Herrinn, daß kein Mann euer wuͤrdig iſt; aber man muß geſtehen, daß dieſer hier ausgezeichnete Verdienſte hat: ſeine Schoͤnheit, ſein edles Weſen, und ſein Verſtand muͤßen zu ſeinen Gunſten bei euch ſprechen.“ „Ich laße ihm Gerechtigkeit wiederfahren,“ unter⸗ brach ſie die Prinzeſſinn;„gibt es einen Prinzen auf der Welt, welcher verdient, daß ich ihn mit einem guͤnſtigen Auge anſehe, ſo iſt es dieſer hier. Anfangs ſogar, ich bekenne es, bevor ich ihn befragt, habe ich ihn bedauert; ich habe bei ſeinem Anblicke geſeufzet; und was bis auf dieſen Tag mir noch niemals begeg⸗ net iſt, es fehlte wenig daran, daß ich wuͤnſchte, er moͤchte meine Fragen richtig beantworten. Es iſt wahr, daß ich in demſelben Augenblick uͤber meine Schwachheit erroͤthete; aber meine Feſtigkeit hat ſie uͤberwunden, und die richtigen Antworten, welche er mir gab, haben mich vollends gegen ihn empoͤrt; alle die Beifallsbezeigungen, welche die Doktoren ihm er⸗ theilten, haben mich dermaßen gekraͤnkt„ daß ich nichts mehr fuͤr ihn fuͤhlte, und noch fuͤhle, als die Regun⸗ gen des Haſſes.— O ungluͤckliche Turandokt! ſtirb alsbald vor Verdruß und Herzeleid, daß du einen Juͤngling angetroffen haſt, der dich mit Schmach zu bedecken, und dich zu zwingen vermoͤchte, ſeine Gat⸗ tinn zu werden.“ 4 156 73. 74. T a g. Nach dieſen Worten, verdoppelte ſie ihre Thraͤnen, und in der Heftigkeit ihrer Gemuͤthsbewegung ver⸗ ſchonte ſie weder ihre Haare, noch ihre Kleider; ſie erhub ſogar mehrmals ihre Hand gegen ihre ſchoͤnen Wangen, um ſie zu entſtellen und ihre Reize zu be⸗ ſtrafen, als die erſten Urheber ihrer erlittenen Beſchaͤ⸗ mung, wenn ihre Sklavinnen, die ihre Wuth bewach⸗ ten, ihr Geſicht nicht davor gerettet haͤtten; aber ſie bemuͤhten ſich vergeblich ſie zu troͤſten, ſie vermochten nicht, ihre Unruhe zu beſaͤnftigen. Waͤhrend ſie in dieſem qualvollen Zuſtande war, ſchwamm der Prinz von Nogais, entzuͤckt uͤber ſeinen Erfolg in dem Divan, in Freuden, und uͤberließ ſich der Hoffnung, am folgenden Tage ſeine Geliebte zu beſitzen. Vier und ſiebzigſter Tag. Als der Koͤnig aus dem Verſammlungsſaal in ſeine Zimmer zuruͤckgekehrt war, ſandte er nach Ka⸗ laf, um ſich noch beſonders mit ihm uͤber die Vorgaͤnge im Divan zu unterhalten. Der Prinz von Nogais folgte ſogleich dem Befehle des Monarchen, welcher ihn mit großer Zaͤrtlichkeit umarmte, und zu ihm ſagte: — Kalaf und Turandokt. 157 „Ach, mein Sohn, komm und reiß mich aus der Unruhe, in welcher ich bin: ich fuͤrchte, daß meine Tochter die Frage beantwortet, welche du ihr vorge⸗ legt haſt. Warum haſt du dich der Gefahr ausgeſetzt, den Gegenſtand deiner Liebe wieder zu verlieren?“ „Herr,“ antwortete Kalaf,„Euer Majeſtaͤt be⸗ ſorge nichts; es iſt unmoͤglich, daß die Prinzeſſinn mir morgen ſage, wie der Prinz heiße, deſſen Namen ich ſie gefragt habe, weil ich ſelber dieſer Prinz bin, und weil niemand an euerm Hofe mich kennt.“ „Dieſe Worte beruhigen mich,“ rief der Koͤnig mit Entzuͤcken aus;„ich war beſorgt, ich geſtehe es dir. Turandokt iſt ſehr ſcharfſinnig; die Gewandheit ihres Geiſtes ließ mich fuͤr dich zittern: aber, Dank ſei dem Himmel, du beruhigſt mich wieder. Welche Leichtig⸗ keit ſie auch hat, den Sinn von Raͤthſeln zu enthuͤl⸗ len, ſo kann ſie wirklich doch nicht deinen Namen er⸗ rathen; ich klage dich nicht mehr der Tollkuͤhnheit an, und ich erkenne, daß, was mir ein Mangel an Klug⸗ heit ſchien, eine geiſtreiche Wendung iſt, deren du dich bedient haſt, um meiner Tochter jeden Vorwand abzuſchneiden, ſich deinen Wuͤnſchen zu verſagen.“ Nachdem Altun⸗Chan mit Kalaf uͤber die der Prinzeſſinn vorgelegte Frage gelacht hatte, gefiel es ihm, ſich mit der Jagd zu beluſtigen; er bekleidete ſich mit einem engen gelben Kaftan, und ließ ſeinen Bart in einen Beutel von ſchwarzem Taft ſtecken. Die 4 158 74. Tag. Mandarine mußten ſich auf ſeinen Befehl bereit hal⸗ ten, ihn zu begleiten; und er ließ auch dem Prinzen von Nogais ein Jagdkleid bringen. Sie nahmen zuſam⸗ men in der Eile einen Imbiß, und verließen ſodann den Palaſt. Die Mandarine waren, in offenen Trage⸗ ſtählen von Elfenbein mit Gold geſchmuͤckt, an der Spitze; jeder hatte ſechs Mann, welche ihn trugen, zwei gingen mit Strickgeißeln vor ihm her, und zwei an⸗ dere folgten ihm mit ſilbernen Schildern, auf welchen in großen Schriftzuͤgen alle ſeine Aemter und Wuͤrden geſchrieben ſtanden. Auf die Mandarine folgten der Koͤnig und Kalaf, in einer Saͤnfte von rothem San⸗ delholz, welche, von zwanzig Ofſtzieren getragen, eben⸗ falls offen, und auf welche der erſte Namensbuchſtabe des Koͤnigs und mehrere Thierbilder in Silber gemalt waren; zwei Generale von dem Heere Altun⸗Chans hielten, jeder auf einer Seite der Saͤnfte, einen brei⸗ ten Faͤcher, um ſie vor der Hitze zu bewahren; und iranſend Verſchnittene hinterdrein beſchloſſen den ug. 1 Als ſie an den Ort gekommen waren, wo die Jaͤgermeiſter mit Stoßvoͤgeln den Koͤnig erwarteten, begann man die Wachteljagd, welche bis Sonnenun⸗ tergang dauerte. Hierauf kehrte der Fuͤrſt mit ſeinem Gefolge nach dem Palaſt in derſelben Ordnung zuruͤck, wie ſie den⸗ ſelben verlaßen hatten. Sie fanden in einem Hofe, Kalaf und Turandokt. 159 unter mehreren Gezelten von buntfarbigem Taft, eine Unzahl von kleinen wohlgefirnißten) Tiſchen mit allen Arten geſchnittener Fleiſchſpeiſen bedeckt. Kalaf und die Mandarine ſetzten ſich, nach dem Beiſpiele des Koͤnigs, jeder an einen beſonderen Tiſch, neben wel⸗ chem ein Schenktiſch ſtand. Sie begannen damit, mehrere Glaͤſer Reiswein ⸗n) zu leeren, bevor ſie die Speiſen beruͤhrten; ſodann aßen ſie bloß, ohne zu trinken. Nachdem das Mahl beendigt war, fuͤhrte Altun⸗ Chan den Prinzen von Nogais in einen großen hell erleuchteten Saal, in welchem Stuͤhle, wie zum An⸗ ſehen eines Schauſpiels aufgeſtellt waren; und alle Mandarine folgten ihnen dahin. Der Koͤnig beſtimmte die Rangordnung, und ließ Kalaf neben ſich ſitzen, auf einem großen Throne von Ebenholz, mit feiner durchbrochener Arbeit von Gold geſchmuͤckt. *) Man ißt in China von Tiſchen, welche mit einem Firniß namens Scharan überzogen ſind: er dient anſtatt der Tiſchtücher und Handtücher; auch braucht man keine Meſ⸗ ſer, weil alle Speiſen geſchnitten werden, bevor man ſie hexumreicht; und anſtatt der Gabeln bedient man ſich zweier Stäbchen. 5 *⁴) Der aus Reis gemachte Wein, von Ambra⸗Farbe, iſt eben ſo köſtlich, als der Spaniſche Wein. 160 74. Tag. Sobald jedermann ſeinen Platz eingenommen hatte, traten Saͤnger und Spielleute herein, die ſehr ergoͤtz⸗ lich zuſammen ſangen und ſpielten. Altun-Chan war davon entzuͤckt; und eingenommen fuͤr ſeine Chineſiſche Muſik, fragte er von Zeit zu Zeit den Sohn des Ti⸗ murtaſch, was er davon daͤchte; und dieſer junge Prinz erhub ſie, aus Gefaͤlligkeit, uͤber alle Muſiken der Welt. Als das Konzert beendigt war, entfernten ſich die die Saͤnger und Spielleute, um einem kuͤnſtlichen Ele⸗ phanten Platz zu machen, welcher durch Federgetriebe mitten in den Saal ſchritt, und ſechs Taͤnzer ausſpie, welche anfingen gefaͤhrliche Spruͤnge zu machen. Sie waren beinahe nackt, und trugen nur Tanzſchuhe,*) Hoſen von Indiſcher Leinwand und Muͤtzen von Bro⸗ kat. Nachdem ſie ihre Biegſamkeit und Behendigkeit durch tauſend uͤberraſchende Wendungen hatten ſehen laßen, kehrten ſie in den Elephanten zuruͤck, der wie⸗ der hinausging, ſo wie er herein gekommen war. Sodann traten Schauſpieler s) auf, welche auf der Stelle ein Stuͤck vorſtellten, deſſen Inhalt ihnen der Koͤnig vorſchrieb. *) Sie heißen Nalänen. **) Die Chineſiſchen Schauſpieler, ſowohl die des Königs, aals die übrigen, ſpielen auf der Stelle alles, was man ihnen Kalaf und Turandokt. 161 Als alle dieſe Vergnuͤgungen beendigt, und die Nacht ſchon weit vorgeruͤckt war, erhub ſich der Koͤnig mit Kalaf, um ſich nach ihren Zimmern zur Ruhe zu begeben, und alle Mandarine gingen heim. Fuͤnf und ſiebzigſter Tag, Der junge Prinz von Nogais wurde von Verſchnit⸗ tenen, mit Schlangenkerzen*) auf goldenen Leuchtern, in ſein Gemach gefuͤhrt, und ſchickte ſich an, der Suͤßigkeit des Schlafes zu genießen, ſo viel die Un⸗ geduld, nach dem Divan zuruͤckzukehren, es ihm ver⸗ ſtattete, als er beim Eintritt in ſein Zimmer, darin eine junge Dame fand: ſie trug ein ſehr weites Ge⸗ wand von rothem Brokat mit ſilbernen Blumen, und darunter ein engeres Kleid von weißer Seide mit Gold geſtickt, und mit Rubienen und Smaragden beſaͤet; auf dem Kopfe hatte ſie eine einfache Muͤtze von ro⸗ ſenfarben Taft, mit Perlen beſetzt und ganz leicht aufgiebt, wie die Italieniſchen Schauſpieler der comedia ddell' arte... 3 *) Dieſe werden aus dem Oehl einer gewiſſen Schlange und erwas Wachs gemacht. Sie ſind weißer und geben ein glänzenderes Licht als die gewöhnlichen Wachslichter. II. 11 162 75. 2 a g. mit Silber geſtickt. Dieſe bedeckte nur den obern Theil des Kopfes und ließ ſehr ſchoͤne lockige, mit ei⸗ nigen kuͤnſtlichen Blumen geſchmuͤckte Haare ſehen: in Betreff ihres Wuchſes und ihres Antlitzes konnte man nichts ſchoͤneres und vollkommeneres ſehen, naͤchſt der Prinzeſſinn von China. Der Sohn des Timurtaſch war ſehr uͤberraſcht, mitten in der Nacht und ganz allein eine ſo reizende Frau in ſeinem Zimmer anzutreffen. Er wuͤrde ſie nicht ungeſtraft betrachtet haben, wenn er nicht Tu⸗ randokt geſehen haͤtte: aber wie konnte der Liebende dieſer Prinzeſſinn noch Augen fuͤr eine andere haben? Sobald die Frau ihn bemerkte, ſtand ſie auf von dem Sopha, auf welchem ſie ſaß, und ihren Schleier hingelegt hatte, und nach einer tiefen Verneigung des Hauptes, ſprach ſie: „Prinz, ich zweifle nicht, daß ihr ſehr erſtaunt ſeid, hier eine Frau zu finden; denn euch iſt, ohne Zweifel, nicht unbekannt, daß es, bei ſehr harter Strafe den Maͤnnern und Frauen dieſes Harems ver⸗ boten iſt, irgend eine Gemeinſchaft mit einander zu haben: aber die Wichtigkeit der Dinge, welche ich euch zu ſagen habe, bewog mich, alle Gefahren zu verachten; ich bin ſo geſchickt und gluͤcklich geweſen, alle Hinderniſſe zu heben, welche meiner Abſicht ent⸗ gegen ſtanden: ich habe die euch bedienenden Ver⸗ ſchnittenen gewonnen, kurz, ich bin in euer Zimmer Kalaf und Turandokt. 163 gelangt. Es bleibt mir nur noch uͤbrig zu ſagen, was mich her fuͤhret, und das ſollt ihr jetzo hoͤren.“ Dieſer Eingang zog Kalaf an; er zweifelte nicht, daß dieſe Frau, weil ſie einen ſo gefaͤhrlichen Schritt gethan, ihm Dinge zu ſagen haͤtte, welche ſeine Auf⸗ merkſamkeit verdienten. Er bat ſie, ſich wieder auf das Sopha niederzulaßen; ſie ſetzten ſich alle beide darauf, und die Frau begann nun folgendermaßen: „Herr, ich muß damit anfangen, euch zu ſagen, daß ich die Tochter eines dem Altun⸗Chan zinsbaren Chans bin. Mein Vater war vor mehreren Jahren ſo kuͤhn, den gewoͤhnlichen Tribut zu verweigern; er vertraute etwas zu viel auf ſeine Erfahrung in der Kriegskunſt und auf die Tapferkeit ſeiner Soldaten, und ſetzte ſich in den Vertheidigungsſtand, auf den Fall den Angriffs. Dieſer blieb nicht aus: der Koͤnig von China, durch ſeine Vermeſſenheit gereizt, ſchickte gegen ihn ſeinen geſchickteſten Feldherrn mit einem maͤchtigen Heere. Mein Vater, obwohl nicht ſo ſtark, ging ihm entgegen. In einer blutigen Schlacht, welche am Geſtade eines Stromes geliefert wurde, blieb der Chineſiſche Feldherr Sieger. Mein Vater fiel, von tauſend Wunden durchbohrt, in der Schlacht; aber ſterbend befahl er noch, ſeine Frauen und ſeine Kinder in den Strom zu ſtuͤrzen, um ſie vor der Sklaverei zu bewahren. Die mit dieſem edelmuͤthigen, aber un⸗ menſchlichen Befehle beauftragten vollzogen ihn; ſie 164 75. K a g. ſtuͤrzten mich mit meiner Mutter, meinen Schweſtern und zwei Bruͤdern, welche ihrer Kindheit wegen noch bei uns waren, ins Waſſer. Der Chineſiſche Feldherr kam in demſelben Augenblick in die Gegend des Fluſſes, wo man uns hineingeſtuͤrzt hatte, um unſer klaͤgliches Schickſal zu vollenden. Dieſes jammervolle und ent⸗ ſetzliche Schauſpiel erregte ſein Mitleid; er verſprach denjenigen ſeiner Soldaten eine Belohnung, welche die Ueberreſte der Familie des beſiegten Chans retteten. Mehrere Chineſiſche Reiter ſprengten, ungeachtet des reißenden Stroms, ſogleich hinein, und ſpornten ihre Pferde uͤberall hin, wo ſie unſere Leiber ſchwimmen und mit dem Tode ringen ſahen. Sie retteten einen Theil von uns; aber ihre Huͤlfe war fruchtlos, außer allein fuͤr mich: ich athmete noch, als ſie mich ans Land brachten; die uͤbrigen waren ſchon verſchieden. Der Feldherr hatte große Sorgfalt fuͤr meine Erhal⸗ tung, als wenn ſein Ruhm deſſen bedurft, und meine Gefangenſchaft ſeinem Siege noch einen neuen Glanz verliehen haͤtte. Er fuͤhrte mich hieher, und uͤberlie⸗ ferte mich dem Koͤnige, nachdem er ihm von ſeinen Thaten Rechenſchaft abgelegt hatte. Altun⸗Chan machte mich zur Geſpielinn der Prinzeſſinn, ſeiner Tochter, welche zwei oder drei Jahre juͤnger iſt, als ich. Obgleich ich noch nicht aus der Kindheit getreten war, ſo unterließ ich jedoch nicht, zu bedenken, daß ich Kalaf uud Turandok t. 165 eine Sklavinn geworden, und daß meine Geſinnung ſich nach meinem Ungluͤcke bequemen muͤßte: ich er⸗ forſchte alſo die Gemuͤthsart Turandokts; ich bemuͤhte mich, ihr zu gefallen, und es gelang mir durch meine Gefaͤlligkeit und Aufmerkſamkeit ſo gut, daß ich ihre Freundſchaft gewann. Seit dieſer Zeit theile ich ihr Vertrauen mit einem Fraͤulein von hoher Geburt, welche das Misgeſchick ihres Hauſes ebenfalls in die Sklaverei gebracht hat. Verzeihet mir, Herr,“ fuhr ſie fort,„dieſe Er⸗ zaͤhlung, welche nichts mit dem Gegenſtande gemein hat, der mich hieher fuͤhrt. Ich glaubte euch aber unterrichten zu muͤßen, daß ich von edlem Gebluͤte bin, damit ihr deſto mehr Vertrauen zu mir faſſet; denn die wichtige Mittheilung, welche ich euch zu ma⸗ chen habe, iſt von der Art, daß eine bloße Sklavinn wenig Glauben bei euch finden wuͤrde. Ja, ich weiß ſelbſt nicht, ob ich, als Tochter eines Chans, euch werde uͤberreden koͤnnen: wird ein von Turandokt be⸗ zauberter Prinz dem Glauben beimeſſen, was ich ihm von derſelben zu ſagen komme?“ „Kanuͤme,“) unterbrach ſie an dieſer Stelle der Sohn des Timurtaſch,„laßt mich nicht laͤnger in Ungewißheit ſchweben; ich bitte euch, erdͤffnet mir, *) d. h. Prinzeſſinn. 166 75. 76. Cag. mair ihr mir von der Prinzeſſinn von China zu ſagen abt. 1 „Herr,“ fuhr das Fraͤulein fort,„Turandokt, die unmenſchliche Turandokt, hat den Anſchlag gemacht, euch ermorden zu laßen.“ Bei dieſen Worten ſank Kalaf auf dem Sopha zu⸗ ruͤck, und blieb in der Stellung eines von Staunen und Entſetzen ergriffenen Menſchen. Sechs und ſiebzigſter Tag. Die Prinzeſſinn⸗Sklavinn, welche die Beſtuͤrzung. des jungen Prinzen wohl vorausgeſehen hatte, fuhr fort: „Ich verwundere mich nicht, daß ihr dieſe ſchreck⸗ liche Nachricht ſo aufnehmet, und ich ſehe wohl, daß ich Recht hatte, zu zweifeln, ob ihr ſie glauben wuͤrdet.“ „Gerechter Himmel!“ rief Kalaf aus, als er ſich von ſeiner Beſtuͤrzung erholt hatte,„habe ich recht gehoͤrt? die Prinzeſſinn von China, iſt ſie eines ſo ſchwarzen Anſchlags faͤhig? wie hat ſie ihn faſſen koͤnnen?“„ „Prinz,“ antwortete ihm das Fraͤulein,„hoͤret, auf welche Weiſe ſie zu dieſem ſchrecklichen Entſchluſſe gekommen iſt: als ſie heute Morgen den Divan ver⸗ N Kalaf und Turandokt. 167 ließ, wo ich hinter ihrem Throne ſtand, hatte ſie ei⸗ den toͤdtlichen Verdruß uͤber das dort Vorgegangene; ſie kam in den heftigſten Bewegungen des Haſſes und der Wuth wieder in ihr Zimmer; lange dachte ſie uͤber die Frage nach, welche ihr ihr vorgelegt habt, und da ſie keine ihr genuͤgende Beantwortung derſel⸗ ben finden konnte, ſo uͤberließ ſie ſich der Verzweif⸗ lung. Ich, und auch die andere vertraute Sklavinn, wir haben nichts unverſucht gelaßen, die Heftigkeit ih⸗ rer Aufwallungen zu beſaͤnftigen. Wir haben ſelbſt all unſer Moͤgliches gethan, um ihr guͤnſtigere Geſinnun⸗ gen fuͤr euch einzufloͤßen; wir haben ihr euer edles Ausſehen und euern Geiſt geruͤhmt, und ihr vorge⸗ ſtellt, daß ſie, anſtatt ſich ſo unmaͤßig zu betruͤben, ſich lieber entſchließen ſollte, euch die Hand zu rei⸗ chen. Sie aber hat uns durch einen Strom von be⸗ leidigenden Worten, welche ihr gegen die Maͤnner entfuhren, Stillſchweigen auferlegt; der liebenswuͤr⸗ digſte macht nicht mehr Eindruck auf ſie, als der haͤßlichſte und misgeſchaffenſte. „Sie ſind allzumal,“ ſagte ſie,„veraͤchtliche Ge⸗ genſtaͤnde, fuͤr welche ich immer nur Abſcheu em⸗ pfinden werde. Aber gegen den, der zuletzt aufgetre⸗ ten iſt, habe ich noch ſtaͤrkern Haß, als gegen alle die uͤbrigen; und weil ich mich nicht anders als durch ſeinen Tod von ihm befreien kann, ſo will ich ihn er⸗ morden laßen.“ 168 76. Tag. Ich habe dieſen abſcheulichen Vorſatz bekaͤmpft,“ fuhr die Prinzeſſinn Sklavinn fort;„ich habe Turan⸗ dokt alle ſchreckliche Folgen derſelben zu Gemuͤthe ge⸗ fuͤhrt. Ich habe ihr das Unrecht vorgeſtellt, welches ſie ſich ſelber anthun wuͤrde, und den gerechten Ab⸗ ſcheu, welchen die zukuͤnftigen Zeitalter bei ihrem An⸗ denken empfinden wuͤrden. Ihrerſeits hat auch die andre vertraute Sklavinn nicht unterlaßen, meine Gruͤnde durch die ihrigen zu unterſtuͤtzen: aber alle unſere Reden ſind vergeblich geweſen, wir haben ſie nicht von ihrem Vorhaben abwenden koͤnnen. Sie hat alſo vertraute Verſchnittene beauftragt, euch morgen fruͤh das Leben zu nehmen, indem ihr aus eurem Palaſte tretet, um euch in den Divan zu begeben.“ „O unmenſchliche Prinzeſſinn! heimtuͤckiſche Tu⸗ randokt!“ rief der Prinz von Nogais aus,„auf ſol⸗ che Weiſe alſo willſt du die Zaͤrtlichkeit des ungluͤckli⸗ chen Sohns des Timurtaſch kroͤnen? Kalaf erſchien dir alſo abſcheulich, weil du dich lieber durch ein dich entehrendes Verbrechen ſeiner entledigen, als dein Schickſal mit dem ſeinen verknuͤpfen willſt! Großer Gott! aus wie wunderlichen Abenteuern iſt mein Le⸗ ben zuſammengeſetzt! Bald ſchien ich eines beneidens⸗ werthen Gluͤcks zu genießen, und bald wieder bin ich in einen Abgrund des Elends verſunken!“ „Herr,“ ſagte hierauf das Fraͤulein,„wenn auch der Himmel euch Ungluͤck erfahren laͤßt, ſo will er Kalaf und Turandokt. 169 wenigſtens doch nicht, daß ihr demſelben erlieget, weil er euch vor den Gefahren warnt, welche euch bedrohen. Ja, Prinz, er iſt es ohne Zweifel der mir den Gedanken eingegeben hat, euch zu retten; denn ich komme nicht allein um euch eine gegen euer Leben gelegte Schlinge zu entdecken, ſondern euch auch die Mittel anzugeben, derſelben zu entgehen. Durch Ver⸗ mittelung einiger mir zugethaner Verſchnittenen, habe ich die Soldaten der Wache gewonnen, welche euch den Ausgang aus dem Palaſt erleichtern werden. Weil man aber, nach eurer Flucht, nicht unterlaßen wird, Nachſuchungen anzuſtellen, und bald ausforſchen wird, daß ich der Urheber davon bin, ſo habe ich be⸗ ſchloſſen, mit euch zu entfliehen, um mich von die⸗ ſem unſeligen Hofe zu entfernen, wo ich mehr als eine Urſache zum Ueberdruſſe habe: meine Sklaverei macht ihn mir verhaßt, und ihr traget noch mehr dazu bei. Es ſtehen,“ fuhr ſie fort,„an einem Orte dieſer Stadt Pferde bereit, die uns erwarten. Laßt uns alſo fliehen, und wo moͤglich das Gebiet des Stam⸗ mes Berlas erreichen. Bande des Blutes verknuͤpfen mich mit dem Fuͤrſten Alinger, dem Beherrſcher deſ⸗ ſelben; er wird eine große Freude haben, ſeine Ver⸗ wandte aus den Feſſeln des ſtolzen Altun⸗Chans be⸗ freiet zu ſehen, und er wird euch als meinen Befreier empfangen. Dort koͤnnen wir beide unter ſeinen 170 76. Dag. Zelten ruhiger und gluͤcklicher leben, als hier: ich, erldſet aus den Banden meiner Gefangenſchaft; und ihr, Herr, koͤnnt dort wohl eine Prinzeſſinn finden, die ſchoͤn genug iſt, um eure Liebe zu verdienen, und die, weit entfernt, euerm Leben nachzuſtellen, um nicht eure Gattinn zu werden, nur mit der Sorge beſchaͤftigt ſein wird, euch zu gefallen, wenn ſie im Stande iſt, das Gluͤck eines ſolchen Prinzen zu ma⸗ chen, wie ihr ſeid. Laßt uns keine Zeit verlieren, und morgen fruͤh, wenn die Sonne ihren Lauf be⸗ ginnt, muͤße ſie uns ſchon weit weg von Peling finden!“ Kalaf antwortete:„Schoͤne Prinzeſſinn, ich habe euch tauſend Dank zu ſagen, daß ihr mich aus der Gefahr befreien wollet, worin ich mich befinde. Warum kann ich, zur Erkenntlichkeit, euch nicht aus der Sklaverei befreien, und euch zu der Horde des Chans von Berlas, eures Verwandten, fuͤhren! Wel⸗ ches Vergnuͤgen ſollte es mir gewaͤhren, euch ſeinen Haͤnden zu uͤberliefern! ich wuͤrde mich dadurch man⸗ cher Verpflichtungen entledigen, welche ich ihm habe. Aber ſaget ſelber, Kanuͤme, darf ich alſo den Augen Altun⸗Chans entſchwindend was wuͤrde er von mir denkend er wuͤrde glauben, daß ich nur an ſeinen Hof gekommen waͤre, um euch zu entfuͤhren; unb waͤhrend ich nur entfloͤhe, um ſeiner Tochter ein Ver⸗ brechen zu erſparen, wuͤrde er mich anklagen, die Kalaf und Turandokt. 171 Rechte der Gaſtfreundſchaft verletzt zu haben. Uebri⸗ gens muß ich bekennen, daß, wie unmenſchlich auch die Prinzeſſinn von China iſt, mein feiges Herz ſie doch nicht zu haſſen vermoͤchte. Was ſage ich, ſie haſſen! ich bete ſie an; ich bin ganz ihrem Willen geweihet; und weil ſie mich opfern will, ſo iſt das Schlachtopfer bereit.“ Als die Prinzeſſinn Sklavinn den Prinzen von No⸗ gais entſchloſſen ſah, lieber zu ſterben, als mit ihr zu entfliehen, ſo fing ſie an zu weinen, und ſagte zu ihm: „Iſt es moͤglich, Herr, daß ihr den Tod, der Erkenntlichkeit gegen eine Prinzeſſinn vorzieht, deren Feſſeln ihr zu brechen vermoͤgts Wenn Turandokt ſchoͤner iſt, als ich, ſo habe ich dagegen ein anderes Herz, als ſie. Ach! als ihr heute morgen im Divan erſchienet, zitterte ich fuͤr euch; ich fuͤrchtete, ihr moͤchtet die Fragen der Tochter Altun⸗Chans falſch beantworten; und als ihr ſie richtig aufloͤſtet, fuͤhlte ich eine andere Beunruhigung in mir aufſteigen: ich ahnete ohne Zweifel, daß man eurem Leben nachſtel⸗ len wuͤrde.— Ach! mein theurer Prinz,“ fuͤgte ſie hinzu,„ich beſchwoͤre euch, an euch ſelber zu denken, und euch nicht durch dieſe Wuth hinreißen zu laßen, welche euch dem Tode, ohne zu erbleichen, ins An⸗ geſicht ſchauen laͤßt. Laßt euch durch eine blinde Lei⸗ denſchaft nicht verleiten, die Gefahr zu verachten, 172 3 76. Tag. welche mich beunruhigt: gebet der Furcht Raum, welche mich fuͤr euch beſorgt macht, und laßt uns alle beide ungeſaͤumt aus dieſem Palaſt mtfliehen, wo ich unleidliche Qual erdulde.“ „Theure Prinzeſſinn,“ verſetzte der Sohn des Ti⸗ murtaſch auf dieſe Worte,„welches Ungluͤck mir auch begegnen ſoll, ich kann mich zu einer ſo ſchleunigen Flucht nicht entſchließen. Ihr ſeid im Stande, ich bekenne es, euern Befreier zu belohnen, und ihm ein reizendes Loos zu bereiten: aber ich bin nicht geboren, um gluͤcklich zu ſein; meine Beſtimmung iſt, Turan⸗ dokt zu lieben; trotz dem Abſcheu, welchen ſie gegen mich hat, koͤnnte ich, fern von ihren Augen, doch nur ein ſchmachtendes Leben hinſchleppen... „Wohlan, Undankbarer,“ unterbrach ihn ungeſtuͤm die Prinzeſſinn, indem ſie aufſtand,„ſo bleib denn, und entferne dich nicht von dieſem Orte, der deine Wonne ausmacht; und müßteſt du ihn mit deinem Blute bethauen, ich draͤnge dich nicht mehr, ihn zu verlaßen; die Flucht mit einer Sklavinn misfaͤllt dir; und wenn du jetzt auf den Grund meines Herzens ſchaueſt, ſo leſe ich in dem deinen: welche Glut die Prinzeſſinn von China dir auch einhaucht, du hegſt doch weniger Liebe fuͤr ſie, als Abſcheu gegen mich.“ Mit dieſen Worten warf ſie ihren Schleier wieder uͤber, und verließ Kalafs Zimmer. Kalaf und Turandokt. 175 Sieben und ſiebzigſter Tag. Der junge Prinz blieb, nach der Entfernung des Fraͤuleins, in großer Beſtuͤrzung auf dem Sopha. „Soll ich glauben,“ ſagte er bei ſich ſelber,„was ich ſo eben gehoͤrt habe? kann man die Unmenſchlichkeit ſo weit treiben? Aber, ach! ich darf nicht daran zweifeln: dieſe Prinzeſſinn Sklavinn hat ſich vor dem Anſchlage Turandokts entſetzt, ſie iſt gekommen, mich davor zu warnen, und die Empfindungen ſelbſt, welche ſie mir zu erkennen gegeben hat, ſind ſichere Buͤrgen ihrer Aufrichtigkeit. Ha! grauſame Tochter des beßten der Koͤnige, mußt du ſo die Gaben mis⸗ branchen, welche du vom Himmel empfangen haſt? O Gott! wie haſt du dieſe unmenſchliche Prinzeſſinn mit einer ſo vollendeten Schoͤnheit begaben koͤnnen? oder vielmehr, warum haſt du ihr eine ſo grauſame Seele bei ſo viel Schoͤnheit gegeben?“ Anſtatt einiger Stunden Schlafs zu genießen, uͤberließ er ſich den uͤbrigen Theil der Nacht den kum⸗ mervollſten Betrachtungen. Kurz, der Tag brach an, der Klang der Glocken und das Gelaͤrm der Trommeln ließen ſich hoͤren, und alsbald erſchienen ſechs Man⸗ darine, wie den Tag zuvor, ihn zur Rathsverſamm⸗ lung abzuholen. Er durchſchritt mit ihnen den Hof, wo die Soldaten des Koͤnigs in Reihen aufgeſtellt wa⸗ ren: er fuͤrchtete, daß er hier ſein Leben laßen muͤßte, 174 1 77. TE a g. und daß ohne Zweifel die zu ſeiner Ermordung beſtell⸗ ten Leute ihn bei dieſem Durchgang erwarteten; aber weit entfernt, auf ſeiner Hut zu ſein, und an ſeine Vertheidigung zu denken, ſchritt er, wie ein zum Tode entſchloſſener Mann, vorwaͤrts, und ſchien ſo⸗ gar die Meuchelmoͤrder der Saͤumnis zu zeihen. Er ging indeſſen durch den Hof, ohne daß jemand ihn angriff, und gelangte in den Vorſaal des Divans. „Ah! es iſt ohne Zweifel hier,“ ſagte er bei ſich ſel⸗ ber,„wo der Befehl der blutgierigen Prinzeſſinn ſoll ausgefuͤhrt werden.“ Zu gleicher Zeit blickte er ſich nach allen Seiten um, und jeder, den er anſah, er⸗ ſchien ihm als ſein Moͤrder. Er ſchreitet gleichwohl vorwaͤrts, und tritt in den Verſammlungsſaal, ohne den erwarteten Todesſtreich zu empfangen. Alle Doktoren und Mandarine waren ſchon unter ihren Gezelten, und Altun⸗Chan ſollte bald erſchei⸗ nen.„Was iſt doch die Abſicht der Prinzeſſinn?“ ſagte er jetzo bei ſich ſelber:„will ſie etwa Zeuginn mei⸗ nes Todes ſein, und will ſie mich vor den Augen ih⸗ res Vaters ermorden laßen? Sollte der Koͤnig gar Mitwiſſer dieſes Anſchlags ſein? Was ſoll ich davon denkend ſollte ſie etwa ihre Geſinnung geaͤndert, und mein Todesurtheil widerrufen haben?“ Waͤhrend er in dieſer Ungewißheit ſtand, oͤffnete ſich die Thuͤre des innern Palaſtes, und der Koͤnig mit Turandokt trat in den Saal. Beide ſetzten ſich Kalaf und Turandokt. 175 auf ihre Throne, und der Prinz von Nogais ſtand vor ihnen, und in derſelben Entfernung, wie am vorigen Tage. Sobald der Kolao den Koͤnig ſitzen ſah, ſtand er auf, und fragte den jungen Prinzen, ob er ſich ſeines Verſprechens erinnerte, auf die Prinzeſſinn zu verzich⸗ ten, wenn ſie die ihr von ihm vorgelegte Frage rich⸗ tig beantwortete. Kalaf antwortete mit Ja, und betheuerte von neuen, daß er unter dieſer Bedingung, ſeinen Anſpruch, des Koͤnigs Eidam zu werden, aufgaͤbe. de Kolao wandte ſich hierauf zu Turandokt, und ſprach: „Ihr wißt, welcher Eid euch bindet, und wem ihr euch unterwerfen muͤßt, wenn ihr gegenwaͤrtig nicht den Prinzen nennet, deſſen Namen er euch ge⸗ fragt hat. Der Koͤnig, uberzeugt, daß ſie Kalafs Frage nicht beantworten koͤnnte, ſagte zu ihr: „Meine Tochter, du haſt volle Zeit gehabt, uͤber die dir vorgelegte Frage nachzudenken; aber wenn man dir auch ein ganzes Jahr dazu gewaͤhrete, ſo glaube ich doch, du muͤßteſt, ungeachtet deines Scharfſinnes, endlich bekennen, daß es eine undurchdringliche Auf⸗ gabe fuͤr dich iſt. Alſo, weil du ſie nicht zu errathen vermagſt, ergib dich gutwillig der Liebe dieſes jungen Prinzen, und genuͤge meinem Wunſche, ihn als deinen 176 77. Tag. Gemahl zu ſehen: er iſt wuͤrdig, es zu ſein, und mit dir einſt, nach mir, die Voͤlker China's zu be⸗ herrſchen.“ „Herr,“ verſetzte Turandokt,„warum bildet ihr euch ein, daß ich die Frage dieſes Prinzen nicht zu beantworten vermoͤge? das iſt keinesweges ſo ſchwer, als ihr denket. Wenn ich geſtern die Beſchaͤmung hatte, beſiegt zu werden, ſo getroͤſte ich mich heute der Ehre, zu ſiegen. Ich will alsbald dieſen verwe⸗ genen Juͤngling zu Boden ſchlagen, der eine zu ge⸗ ringe Meinung von meinem Verſtande hatte. Er wie⸗ derhole mir ſeine Frage, und ich will ſie beant⸗ worten.“ „Herrinn,“ ſagte hierauf der Prinz von Nogais, „hich frage euch: Wie heißt der Prinz, welcher, nachdem er tauſend Muͤhſeligkeiten erdul⸗ det und ſein Brot gebettelt hat, in dieſem Augenblick auf dem Gipfel der Freude und des Ruhmes iſt?“ 1 „Dieſer Prinz,“ antwortete Turandokt,„heißt Kalaf, und iſt der Sohn des Timurtaſch.“) Sobald Kalaf ſeinen Namen ausſprechen hoͤrte, verwandelte er die Farbe, ſeine Augen umhuͤllte dich⸗ tes Dunkel, und er ſtuͤrzte auf der Stelle beſinnungs⸗ los nieder. 4 Der Koͤnig und die ganze Verſammlung erkannten daraus, daß Turandokt in der That den Prinzen ge⸗ Kalaf und Turandokt. 17 nannt hatte, deſſen Name von ihr gefragt war; ſie erbleichten, und waren in großer Beſtuͤrzung. Acht und ſiebzigſter Tag. Nachdem Kalaf durch die Bemuͤhungen der Man⸗ darine und des Koͤnigs ſelbſt, der von ſeinem Throne herab ihm zu Huͤlfe eilte, von ſeiner Ohnmacht wie⸗ der zu ſich gekommen war, wandte er ſich zu der Prinzeſſinn Turandokt und ſprach: „Schoͤne Prinzeſſinn, ihr ſeid im Irrthume: der Sohn des Timurtaſch iſt in dieſem Augenblicke keines⸗ weges auf dem Gipfel der Freude und des Ruhmes; er iſt vielmehr mit Schmach bedeckt und von Leid nie⸗ dergeworfen.“ „Ich gebe es zu,“ ſagte die Prinzeſſinn,„daß ihr in dieſem Augenblicke nicht auf dem Gipfel der Freude und des Ruhmes ſeid; aber ihr waret es, als ihr mir eure Frage vorlegtet: alſo, Prinz, anſtatt zu nichtigen Spitzfuͤndigkeiten eure Zuflucht zu nehmen, geſtehet lieber gutwillig, daß ihr die Anſpruͤche verlo⸗ ren habt, welche ihr an Turandokt hattet. Ich kann euch demnach meine Hand verſagen, und euch der Reue uͤberlaßen, ſie verfehlt zu haben: indeſſen will ich euch gern bekennen, und erklaͤre es hier oͤffentlich, ich II. 3 12 278 78. Tag. bin in eurer Hinſicht anders geſonnen, und die Freund⸗ ſchaft, welche der Koͤnig mein Vater fuͤr euch gefaßt hat, und eure beſonderen Verdienſte beſtimmen mich, euch zum Gemahl anzunehmen.“ Bei dieſem Ausſpruch erſcholl der Saal des Di⸗ vans von tauſendfaͤltigem Freudengeſchrei. Die Man⸗ darine und Doktoren bezeigten laut ihren Beifall uͤber die Worte der Prinzeſſinn; der Koͤnig naͤherte ſich ihr, umarmte ſie, und ſprach zu ihr: „Meine Tochter, du konnteſt keinen Entſchluß faſ⸗ ſen, der mir angenehmer waͤre: dadurch wirſt du den üblen Eindruck wieder austilgen, welchen du auf die Gemuüͤther meines Volks gemacht haſt, und einem Vater die Genugthuung gewaͤhren, welche er ſeit lan⸗ ger Zeit von dir erwartete, und ſchon verzweifelte je⸗ mals zu erlangen. Ja, dein Abſcheu gegen alle Maͤnner, dieſer der Natur ſo widerſprechende Abſcheu, benahm mir die ſuͤße Hoffnung, von dir einen Prinzen meines Gebluͤtes zu erhalten. Gluͤcklicherweiſe findet dieſer Haß heute ſein Ziel; und, was meinen Wuͤn⸗ ſchen die Krone aufſetzt, du verloͤſcheſt ihn zu Gun⸗ ſten eines jungen Helden, der mir ſo theuer iſt.— à Aber erklaͤre uns,“ fuͤgte er hinzu,„wie du den Namen dieſes Prinzen errathen konnteſt, welcher dir doch ganz unbekannt war? durch welchen Zauber haſt du ihn entdeckt?“ Kalaf und Turandokt. 179 „Herr,“ antwortete Turandokt,„nicht durch Be⸗ zauberung habe ich ihn erfahren, ſondern durch ein ſehr einfaches Abenteuer: eine meiner Sklavinnen hat dieſe Nacht den Prinzen Kalaf beſucht und die Ge⸗ wandheit gehabt, ihm ſein Geheimnis zu entreißen. Er wird mir verzeihen, dieſen Verrath benutzt zu ha⸗ ben, weil ich keinen uͤblern Gebrauch davon mache.“ „Ah! reizende Turandokt,“ rief jetzo der Prinz von Nogais aus,„iſt es denn moͤglich, daß ihr ſo guͤnſtige Geſinnungen fuͤr mich heget? Aus welchem grauenvollen Abgrunde zieht ihr mich empor, um mich auf den hoͤchſten Gipfel der Welt zu erheben! Ach! wie ungerecht war ich! waͤhrend ihr mir ein ſo ſchoͤ⸗ nes Loos bereitetet, waͤhnte ich euch der ſchwaͤrzeſten Verraͤtherei ſchuldig. Getaͤuſcht durch ein ſchreckliches Maͤhrchen, welches meinen Geiſt beunruhigte, vergalt ich eure Huld mit beleidigendem Argwohne: wie un⸗ geduldig bin ich, zu euren Fuͤßen meine Ungerechtig⸗ keit zu ſuͤhnen!“ Der verliebte Sohn des Timurtaſch war im Be⸗ griff, ſich in zaͤrtlichen und leidenſchaftlichen Reden zu ergießen, als er plotzlich genoͤthigt war, zu ſchweigen, um eine Sklavinn zu hoͤren und zu betrachten, welche bisher hinter der Prinzeſſinn von China geſtanden hatte, und nun mitten in die Verſammlung hervor⸗ trat, ſo daß alle Welt ſich daruͤber verwunderte: ſie ſchlug ihren Schleier zuruͤck, und alsbald erkannte ſie 180 78. Tag. Kalaf fuͤr daſſelbe Fraͤulein, welche er die Nacht in ſeinem Zimmer geſehen hatte; ihr Antlitz war aber bleich, wie der Tod, ihre Augen irrten umher, und ſie ſchien etwas Truͤbſeliges im Sinne zu haben. Alle Zuſchauer blickten ſie mit Erſtaunen an, und Altun⸗ Chan war, wie die uͤbrigen, in Erwartung, was ſie ſagen wuͤrde, als ſie ſich zu Turandokt wandte und folgendermaßen ſprach: „Prinzeſſinn, es iſt Zeit euch zu enttaͤuſchen: ich habe den Prinzen Kalaf nicht beſucht, um ihn zu ver⸗ leiten, mir ſeinen Namen zu entdecken; ich habe die⸗ ſen Schritt nicht gethan, um euch zu dienen: nein, meines eigenen Vortheils wegen habe ich ihn gewagt;⸗ ich wollte die Sklaverei verlaßen, und euch euern Ge⸗ liebten entfuͤhren. Ich hatte alles vorbereitet, um mit ihm zu entfliehen; er aber hat meinen Antrag verworfen, oder vielmehr der Undankbare hat meine Zaͤrtlichkeit verſchmaͤhet: ich habe gleichwohl nichts geſpart, um ihn euch abſpenſtig zu machen; ich habe ihm euern Stolz mit den ſchwaͤrzeſten Farben geſchil⸗ dert; ich habe ſogar ihm geſagt, daß ihr ihn heute wuͤrdet ermorden laßen: aber vergebens habe ich euch dieſen Anſchlag aufgebuͤrdet, ich habe ſeine Standhaf⸗ tigkeit nicht erſchuͤttern koͤnnen; er weiß, welche Auf⸗ wallung ich habe blicken laßen, als ich ihn verließ, und ſeine Augen ſind Zeugen meines Verdruſſes und meiner Verwirrung geweſen. Voll Eiferſucht und — Kalaf und Surandokt. 181 Verzweiflung, bin ich in euer Zimmer zuruͤckgekom⸗ men; und durch eine falſche Vertraulichkeit habe ich mir aus einem Schritte, welcher nur zu meiner Schmach ausgeſchlagen iſt, ein Verdienſt bei euch ge⸗ macht. Es geſchah alſo nicht, um euch aus der Ver⸗ legenheit zu ziehen, daß ich euch den Namen entdeckte, welchen ihr wiſſen wolltet, er iſt dem Prinzen bei ei⸗ ner Aufwallung entſchluͤpft, welche er nicht zuruͤckhal⸗ ten konnte; und ich waͤhnte, daß ihr, bisher ſtaͤts feindſelig gegen die Naͤnner, froh ſein wuͤrdet, Kalaf entfernen zu koͤnnen. Kurz, ich waͤhnte, dadurch das verhaßte Band zu vereiteln, welches euch an einander knuͤpfen ſollte: weil aber mein Kunſtgriff mislungen iſt, und ihr euch entſchließet, euern Geliebten zu hei⸗ raten, ſo bleibt mir kein anderer Ausweg uͤbrig, als dieſer hier.“ Mit dieſen Worten zog ſie unter ihrem Gewande einen Dolch hervor, und ſtieß ihn ſich in die Bruſt. Neun und ſiebzigſter Tag. Die ganze Verſammlung ſchauderte bei dieſem An⸗ blick, und Altun⸗Chan wurde von Entſetzen ergriffen. Kalaf fuͤhlte ſeine Freude getruͤbt, und Turandokt ſprang, mit einem lauten Schrei von ihrem Throne herab, der Prinzeſſinn Sklavinn zu Huͤlfe, um ſie, 182 79. Tag. wo moͤglich, vom Tode zurüuckzuhalten; die andere ver⸗ traute Sklavinn lief auch, in derſelben Abſicht, hinzu, ſo wie jene beiden, welche die Feder und das Papier hielten: aber ehe ſie heran kamen, hatte die ungluͤck⸗ liche Liebende, als wenn der erſte Stoß nicht hinge⸗ reicht haͤtte, ihr das Leben zu nehmen, ihren Dolch wieder herausgezogen und ſich noch einen Stich damit gegeben. Alles, was ſie thun konnten, war, in ih⸗ ren Armen den wankenden Leib der Prinzeſſinn aufzu⸗ fangen. „Adelmuͤlk,“*) ſagte die Prinzeſſinn von China unter Thraͤnen zu ihr,„meine theure Adelmuͤlk, was haſt du gethan? Mußteſt du es bis zu dieſem Aeußer⸗ ſten treiben? Warum haſt du mir dieſe Nachtznicht dein Herz eroͤffnet? warum ſagteſt du mir nicht, daß du dein Leben verlieren muͤßteſt, wenn ich den Prin⸗ zen Kalaf heiratete? Welche Anſtrengungen haͤtte ich nicht um eine Nebenbulerinn, wie du, gemacht?“ Bei dieſen Worten oͤffnete die Prinzeſſinn Sklavinn nochmals die Augen, welche der Tod ſchon zu ſchlie⸗ ßen begann, drehte ſie ſchmachtend nach Turandokt, und ſagte zu ihr:„Es iſt um mich geſchehen, theure Prinzeſſinn, ich hdre auf zu leben und zu leiden; be⸗ klaget mein Schickſal nicht, lobet vielmehr meine *) d. h. Gerechtigkeit der Herrſchaft. b Kalaf und Turandokt. 183 hochherzige Entſchließung. Ich befreie mich durch mei⸗ nen Tod von einer doppelten Sklaverei: ich verlaße die Feſſeln Altun⸗Chans und der Liebe, welche letzten noch viel haͤrter ſind. Ich habe mit der Muttermilch die Lehren Raka's*) eingeſogen, man darf ſich alſo nicht verwundern, daß ich dieſer Entſchloſſenheit faͤ⸗ hig bin.“— Nach dieſen Worten, ſtieß ſie einen tiefen Seufzer aus, und verſchied. Die Mandarine und Doktoren waren von dem jammervollen Ende Adelmuͤlks geruͤhrt; Turandokt ver⸗ goß neue Thraͤnen; und Kalaf, der ſich als den Ur⸗ heber dieſes traurigen Ereigniſſes betrachtete, empfand einen tiefen Schmerz daruͤber. Der gute Koͤnig von China ſchien auch ſehr betruͤbt daruͤber, und ſagte: „Ach, Nn oläerliche Prinzeſſinn, einziges und koſt⸗ bares Ueberbleibſel eines beruͤhmten Hauſes, was hilft es euch gegenwaͤrtig, daß man euch der Wuth der Wogen entriſſen hat? Leider! ihr waͤret gluͤcklicher geweſen, wenn ihr an demſelben Tage euer Schickſal erfuͤllt haͤttet, welcher den ungluͤcklichen Keykobad, den Chan der Katalanen, und eure ganze Familie umkommen ſah: moͤchtet ihr wenigſtens, nachdem ihr *) Zufolge der Sekte Paka's, iſt nach dem Tode weder eine Belohnung zu hoffen, noch eine Beſtrafung zu fürchten. 184 79. Tag. die neun Hoͤllen durchwandert habt, bei der naͤchſten Wiedergeburt als Tochter eines andern Fuͤrſten er⸗ ſcheinen 10ʃ9) Altun begnuͤgte ſich nicht, die ungluͤckliche Prin⸗ zeſſinn Adelmuͤlk ſo zu beklagen, er veranſtaltete ihr auch ein praͤchtiges Leichenbegaͤngnis. Man trug den Leichnam in einen abgeſonderten Palaſt, wo er in reiche weiße Gewaͤnder gekleidet wurde; und bevor man ihn in den Sarg legte, ging der Koͤnig mit al⸗ len ſeinen Hausbeamten hin, ihm die letzte Ehre zu bezeigen und ihm Wohlgeruͤche darzubringen; hierauf verſchloß man ihn in einen Sarg von Aloeholz, und ſo ſetzte man ihn auf eine Art Thron, welcher zu die⸗ ſem Zwecke mitten auf einem großen Hofe errichtet war. Dort blieb er eine ganze Woche lang ſtehen; und alle Tage waren die Frauen der Mandarine, von Kopf bis zu Fuͤßen in Trauer gekleidet, verpflichtet ihn zu beſuchen, ihm jede vier Verbeugungen zu ma⸗ chen und ihr Leid zu bezeigen. *) Die meiſten Chineſen bilden ſich ein, daß es neun Höllen gibt, welche die Seelen durchgehen müßen, und dann wieder ins Leben zurückkehren, aber nicht alle auf gleiche Weiſe: die Glücklichſten werden als Menſchen wie⸗ dergeboren, andere werden menſchenähnliche Thiere; und die Unglücklichſten nehmen Vogelgeſtalt an, ohne Hoffnung, bei der nächſten Wanderung wieder Menſchen zu werden. 4 Kalaf und Turandokt. 185 Nach dieſer Feierlichkeit, als der Tag gekommen war, welchen der Hofaſtrolog zum Begraͤbnis bezeich⸗ net hatte, wurde der Sarg auf einen Triumphwagen geſetzt, mit ſilbernen Schildern bedeckt, dazwiſchen al⸗ lerlei Thierbilder, auf Pappe gemalt. Hierauf brachte man dem Schutzgeiſte des Wagens ein Opfer dar, damit das Leichenbegaͤngnis gluͤcklich vollendet wuͤrde; und nachdem man den Sarg mit wohlriechen⸗ dem Waſſer beſprengt hatte, hub der Zug an: er dauerte drei Tage, wegen der mannigfaltigen Feier⸗ lichkeiten und Stillſtaͤnde, welche man machen mußte, bevor man den Berg erreichte, wo die Graͤber der Koͤnige von China ſind; denn Altun⸗Chan wollte, daß die Aſche der Prinzeſſinn Adelmuͤlk mit der Aſche ſeines eigenen Hauſes vermiſcht wuͤrde; ſo wie Turan⸗ dokt, aus Liebe zu ihrer vertrauten Sklavinn, den Koͤnig ihren Vater gebeten hatte, ihr dieſe Ehre zu erweiſen. Achtzigſter Tag. Als der Leichenzug bei dem Berge angelangt war, wurde der Sarg von dem Wagen gehoben, und in ei⸗ nen andern noch reichern Sarg geſetzt. Hierauf opferte man einen Stier, welchen man mit Gewuͤrzwein be⸗ ſprengte, und brachte ihn, ſammt andern Dingen, 286 80. T K g. der Erde dar; mit der Bitte, die Leiche der Prinzeſ⸗ ſinn guͤtig aufzunehmen. Als die Leichenfeierlichkeit Adelmuͤlks voruͤber war, veraͤnderte der Chineſiſche Hof ſein Ausſehen: man legte die Trauerkleider ab, und Vergnuͤgungen folgten auf das Trauergepraͤnge, womit man bisher beſchaͤf⸗ tigt geweſen war. Altun⸗Chan ließ alle Anſtalten zu Kalafs Vermaͤhlung mit Turandokt machen; und waͤh⸗ rend man daran arbeitete, ſchickte er Geſandte zu dem Stamme Berlas, um den Chan der Nogais von al⸗ lem zu unterrichten, was in China vorgegangen war, und um ihn einzuladen, mit ſeiner Gemahlinn hin zu kommen. Als die Vorbereitungen vollendet waren, wurde die Vermaͤhlung mit all dem Gepraͤnge und all der Pracht vollzogen, welche dem Range des Paares ge⸗ buͤhrte; man gab aber Kalaf keine Hofmeiſter,*) und der Koͤnig erklaͤrte ſogar oͤffentlich, daß er, zum Zei⸗ chen der Hochachtung und beſondern Ruͤckſicht fuͤr ſei⸗ nen Schwiegerſohn, ihn davon entbaͤnde, ſeiner Ge⸗ *) Man gibt den Schwiegerſöhnen des Könlgs von China ge⸗ wöhnlich zwei alte Mandarine zu Lehrmeiſtern, um ſie in allem zu unterrichten, was ein Prinz wiſſen muß: unter andern muß der Füm⸗ ma, d. h. der Gemahl der Königs⸗ 2 tochter, vor dieſer, bis ſie zwei Kinder gehabt hat, täglich vier Kniebeugungen machen. —— — 4. Kalaf und TCurandokt. 187 mahlinn die herkoͤmmlichen Verbeugungen zu machen. Man ſah einen ganzen Monat hindurch am Hofe nichts als Schauſpiele und Feſte; und auch in der Stadt waren große Luſtbarkeiten. Der Beſitz Turandokts verminderte Kalafs Liebe nicht; und dieſe Prinzeſſinn, welche bisher alle Maͤn⸗ ner mit ſo viel Verachtung betrachtet hatte, konnte ſich nicht erwehren, einen ſo vollkommenen Prinzen zu jeben. Einige Zeit nach ihrer Vermaͤhlung, kamen die von Altun⸗Chan in das Land der Berlas geſchickten Geſandten in guter Geſellſchaft zuruͤck: ſie brachten nicht allein den Vater und die Mutter des koͤniglichen Schwiegerſohns, ſondern auch den Prinzen Alinger mit, welcher, Elmaſe'n und Timurtaſch zu Ehren, ſie mit den vornehmſten Herren ſeines Hofes bis nach Peking begleiten wollte. Als der junge Prinz der Nogais von ihrer Ankunft benachrichtigt wurde, ſaͤumte er nicht, ihnen entgegen zu gehen: er empfing ſie an der Pforte des Palaſts, und man kann ſich vorſtellen, welche Freude er hatte, ſeinen Vater und ſeine Mutter wiederzuſehen, und welches Entzuͤcken ſie bei ſeinem Anblick empfanden; denn dieſes iſt etwas, das nicht durch Worte ausge— druͤckt werden kann. Sie umarmten ſich alle drei zu wiederholten Malen, und die Thraͤnen, welche ſie 188 80. Tag. dabei vergoſſen, ruͤhrten alle gegenwaͤrtigen Chineſen und Tataren zum Weinen. Nach dieſen ſuͤßen Umarmungen, begruͤßte Kalaf auch den Chan von Berlas; er bezeugte ihm, wie ſehr er durch ſeine Guͤte geruͤhrt waͤre, und beſonders dadurch, daß er die Urheber ſeines Lebens ſelber bis an den Hof von China hatte begleiten wollen. Wor⸗ auf der Fuͤrſt Alinger antwortete: daß er, in Unwiſ⸗ ſenheit uͤber den Stand des Timurtaſch und der El⸗ maſe, ihnen nicht alle gebuͤhrende Ehre erwieſen, und alſo, um die ſchlechte Behandlung, welche ihnen von ihm widerfahren ſein moͤchte, wieder gut zu machen, dieſe Begleitung fuͤr ſeine Schuldigkeit gehalten haͤtte. Der Chan von Nogais und ſeine Gemahlinn dankten dem Fuͤrſten von Berlas hoͤflich dafuͤr; ſodann gingen alle in den Palaſt, Altun⸗Chan zu begkuͤßen. Sie fanden dieſen Monarchen in dem erſten Saale, wo er ſie erwartete; er umarmte ſie alle, einen nach dem andern, und empfing ſie hoͤchſt vergnuͤglich. Von hier fuͤhrte er ſie in ſein Zimmer, wo er, nachdem er dem Timurtaſch ſeine Freude uͤber ſeine Bekannt⸗ ſchaft und ſeine Theilnahme an ſeinem Ungluͤcke be⸗ zeigt hatte, ihn verſicherte, er wuͤrde alle ſeine Kraͤfte aufbieten ihn an dem Sultan von Karisme zu raͤchen. Und dieß war keine leere Zuſicherung; denn noch denſelben Tag wurden Befehle an die Statthalter der Provinzen geſandt, ſchleunig alle Soldaten marſchieren „ Kalaf und Turandokt. 189 zu laßen, welche in den Staͤdten ihres Gebietes ſtaͤn⸗ den,*) und ſie nach dem Baldſchuta⸗See zu be⸗ fehligen, welcher zum Sammelplatz eines furchtbaren Heeres auserſehen war. Seinerſeits hatte auch der Chan von Berlas, der dieſen Krieg wohl vorausgeſehen, und zu Timurtaſchs Herſtellung in ſeinen Staaten mitzuwirken wuͤnſchte, ſchon bei ſeiner Abreiſe dem Oberbefehlshaber ſeiner Truppen anbefohlen, ſich bereit zu halten, auf den erſten Wink ins Feld zu ruͤcken: und jetzt entbot er ihm, ſich ſo ſchleunig als moͤglich bei dem See Bal— dſchuta einzuſtellen. Ein und achtzigſter Tag. Waͤhrend die Offiziere und Soldaten welche Altun⸗ Chans Heer bilden ſollten und in den Staͤdten des Reichs zerſtreut ſtanden, auf dem Marſche nach ihrem Vereinigungsorte waren, ließ dieſer Koͤnig nichts an der guten Aufnahme ſeiner neuen Gaͤſte fehlen: er ließ jedem einen beſondern Palaſt anweiſen, mit einer *) In allen Städten des Chineſiſchen Reichs ſtehen Soldaten, 1 welche kein anderes Gewerbe als den Krieg haben; dane⸗ ben gibt es andere, welche zugleich Handwerker ſind, wie Schuſter, Weber und dergleichen, 190 81. T a g. großen Anzahl von Verſchnittenen und einer Wache von zweitauſend Mann. Jeden Tag bewirthete er ſie mit irgend einem neuen Feſt, und er richtete ſeine ganze Aufmerkſamkeit darauf, zu erforſchen, was ih⸗ nen Vergnuͤgen machen koͤnnte. Kalaf vergaß unter den tauſendfaͤltigen Geſchaͤften doch nicht ſeiner alten Wirthinn; mit Vergnuͤgen erin⸗ nerte er ſich ihrer Theilnahme an ſeinem Schickſal: er ließ ſie in den Palaſt kommen, und bat Turandokt, ſie in ihr Gefolge aufzunehmen. Die Hoffnung, welche Timurtaſch und Elmaſe hat⸗ ten, durch Huͤlfe des Koͤnigs von China, wieder auf den Thron der Nogais⸗Tataren zu ſteigen, ließ ſie allmaͤhlich ihres vergangenen Ungluͤcks vergeſſen; und der ſchoͤne Prinz, welchen Turandokt waͤhrend dieſer Zeit gebar, verſetzte ſie auf den Gipfel der Freude. Die Geburt dieſes Kindes, welches zum Erbprinzen von China ernannt wurde, wurde in allen Staͤdten dieſes weitlaͤuftigen Reiches mit oͤffentlichen Freuden⸗ feſten gefeiert. Dieſe dauerten noch fort, als man durch Eilboten von den mit der Verſammlung des Heeres beauftrag⸗ ten Offizieren vernahm da alle Truppen des Koͤnig⸗ reichs, und auch die des Chans von Berlas bei dem See Baldſchuta eingetroſſen waͤren. Sogleich reiſten Timurtaſch, Kalaf und Alinger nach dem Lager ab, wo ſie wirklich alles in Ordnung und ſiebenmalhun⸗ Kalaf und Turandokt. 191 derttauſend Mann marſchfertig fanden.**) Sie bra⸗ chen alsbald auf gen Kotan, un) von wo ſie nach Kaſcharees) zogen, und endlich betraten ſie die Staaten des Sultans von Karisme. Dieſer Fuͤrſt war durch Eilboten von den Statt⸗ haltern ſeiner Graͤnzoͤrter benachrichtigt von dem An⸗ zuge und der Anzahl des feindlichen Heeres, aber an⸗ ſtatt daruͤber beſtuͤrzt zu ſein, ruͤſtete er ſich, ſie wuͤrdig zu empfangen. Er hatte ſelbſt die Kuͤhnheit, anſtatt ſich zu verſchanzen, ihnen an der Spitze von viermalhunderttauſend Mann, welche er in Eil zuſam⸗ mengerafft hatte, entgegen zu gehen. Beide Heere trafen bei Kodſchand zuſammen, und ſtellten ſich in Schlachtordnung. Chineſiſcherſeits fuͤhrte Timurtaſch den rechten Fluͤgel, Alinger den linken und Kalaf das *) Dieß war keicht möglich, weilt in dem ganzen Reiche über eine Million Soldaten vom Handwerk ſind: vierzigtauſend ſtehen gewöhnlich in der Stadt Peking allein. **) Chotan oder Ehoten, ein Land im äußerſten Türkeſtan mit einer gleichnamigen Hauptſtadt. Auch heißt eine Chi⸗ neſiſche Provinz Kara⸗ Chotan, das ſchwarze Chotan, vielleicht wegen der Wälder oder Wildheit der Inwohner. Aus dieſem Lande kömmt der Moſchus. H. ***) Kaſchgar Stadt und Land in Türkeſtan, nach Anderen auch in Nord⸗China. H. 192 81. Tag. Mitteltreffen. Auf der anderen Seite vertraute der Sultan ſeinen linken Fluͤgel ſeinem geſchickteſten Feld⸗ herrn, ſtellte den Erbprinzen von Karisme dem Prinzen von Nogais entgegen, und behielt ſich den lünre Fluͤgel vor, wo die Auswahl ſeiner Reiterei ſtand. Der Chan von Berlas begann die Schlacht mit den Truppen ſeines Stammes, die wie Leute fochten, welche die Augen ihres Herrn zu Zeugen ihrer Thaten hatten, und bald den rechten Fluͤgel des Feindes zum Weichen brachten; aber der Anfuͤhrer deſſelben ſtellte die Ordnung wieder her. Nicht ſo erging es bei Ti⸗ murtaſch: der Sultan warf ihn beim erſten Anlauf, und die in Unordnung gebrachten Chineſen waren ſchon daran, die Flucht zu ergreifen, ohne daß der Chan der Nogais ſie aufhalten konnte, als Kalaf, von dem Vorgange benachrichtigt, die Anfuͤhrung des Mittel⸗ treffens einem alten Chineſiſchen Feldherrn uͤberließ, und mit erleſenen Truppen ſeinem Vater zu Huͤlfe eilte. Bald gewann hier alles ein anderes Anſehen: der linke Fluͤgel der Karismier wurde nun ebenfalls uͤber den Haufen geworfen, die Reihen oͤffneten ſich, und wurden ſodann leicht durchbrochen: der ganze Fluͤgel wurde in Unordnung gebracht. Der Sultan, der ſie⸗ gen oder ſterben wollte, machte unglaubliche Anſtren⸗ gungen, um ſeine Soldaten wieder zu ſammeln; aber Kalaf und Turandokt. 193 Timurtaſch und Kalaf ließen ihm keine Zeit dazu, ſie fielen von allen Seiten uͤber ihn her, ſo daß, da unterdeſſen Alinger auch den linken Fluͤgel geſchlagen hatte, der Sieg ſich voͤllig fuͤr die Chineſen entſchied. Es blieb dem Sultan von Karisme kein anderer Ausweg uͤbrig, als ſich mitten durch ſeine Feinde Bahn zu machen, und bei einem fremden Fuͤrſten Zuflucht zu ſuchen: er wollte jedoch lieber ſeine Nie⸗ derlage nicht uͤberleben, als den Voͤlkern ein von al⸗ len ſeinen Kronen entbloͤßtes Haupt zeigen, er ſtuͤrzte ſich alſo blindlings in das wuͤthendſte Gemetzel, und er hoͤrte nicht auf zu fechten, als bis er, von tauſend toͤdtlichen Wunden durchbohrt, leblos niederſtuͤrzte, und unter den Leichenhaufen liegen blieb. Der Prinz von Karisme, ſein Sohn, hatte daſſelbe Schickſal; zweimalhunderttauſend Mann von den Ihrigen wur⸗ den erſchlagen oder gefangen; die uͤbrigen ſuchten ihr Heil in der Flucht. Die Chineſen verloren auch viel Leute; aber, wenn die Schlacht gleich blutig war, ſo war ſie dafuͤr auch entſcheidend. Nachdem Timurtaſch dem Himmel fuͤr dieſen gluͤck⸗ lichen Erfolg gedankt hatte, ſandte er einen Offizier nach Peking, um dem Koͤnig von China davon Be⸗ II. 13 richt abzuſtatten: ſodann drang er in Sigantay) vor und bemaͤchtigte ſich der Stadt Karisme. Zwei und achtzigſter Tag. Er ließ in dieſer Stadt kund machen, daß er we⸗ der die Reichthuͤmer noch die Freiheit der Karismier wollte, ſondern weil Gott ihn zum Herrn uͤber den Thron ſeines Feindes gemacht, ſo gedaͤchte er, denſel⸗ ben zu behalten, und fortan ſollte Sagatay und die uͤbrigen, dem Sultan unterworfenen Laͤnder den Prin⸗ zen Kalaf, ſeinen Sohn, als ihren Beherrſcher aner⸗ eennen. Die Karismier, der Herrſchaft ihres letzten Fuͤrſten muͤde, und uͤberzeugt, daß Kalafs Regierung ſanfter ſein wuͤrde, unterwarfen ſich gutwillig, und riefen dieſen jungen Prinzen, deſſen Verdienſte ihnen bekannt waren, zum Sultan aus. *) Sagachai heißt das Land jenſeit des Gihon oder Orus, nach dem zweiten Sohne Dſchengis⸗Chans, Dſchagathai⸗Chan, der zu ſeinem Antheile dieſes Land(ſonſt auch Turan und Türkeſtan genannt) erbte, ſo wie ſein juͤngerer Bruder Iran, das dieſſeit des Orus, bekam. H. — Kalaf und Turandokt. 195 Waͤhrend nun der neue Sultan von Karisme alle Maaßregeln ergriff, ſeine Macht zu befeſtigen, brach Timurtaſch mit einem Theile des Chineſiſchen Heeres auf, und zog in groͤßtmoͤglicher Eile nach ſeinen eige⸗ nen Staaten. Die Nogais⸗Tataren empfingen ihn, wie getreue Unterthanen, welche erfreut waren, ih⸗ ren angeſtammten Fuͤrſten wiederzuſehen. Aber er be⸗ gnuͤgte ſich nicht, wieder den Thron zu beſteigen, er erklaͤrte auch den Circaſſiern den Krieg, um ſich wegen der Verraͤtherei zu raͤchen, welche ſie gegen den Prinzen Kalaf zu Dſchuͤnd begangen hatten. An⸗ ſtatt ihn durch Unterwuͤrfigkeit zu beſaͤnftigen, rafften dieſe Voͤlker in der Eil ein Heer zuſammen, und wi⸗ derſetzten ſich ihm: er ſchlug ſie, hieb die meiſten von ihnen in Stuͤcken, und ließ ſich zum Koͤnige von Cir⸗ caſſien ausrufen. Als er hierauf wieder nach Sagatay kam, fand er hier die Prinzeſſinnen Elmaſe und Turandokt, welche Altun⸗Chan im ſtattlichen Aufzuge nach Ka⸗ risme hatte geleiten laßen. So endeten die Irrſale des Prinzen Kalaf, wel⸗ cher ſich durch ſeine Tugenden die Liebe und Hochach⸗ tung der Karismier erwarb. Er herrſchte lange und in Frieden uͤber ſie; und immerdar von Turandokt entzuͤckt, erhielt er von ihr einen zweiten Sohn, der nach ihm Sultan von Karisme ward; denn den erſt⸗ 196 32. Tag. geborenen Prinzen ließ Altun⸗Chan erziehen, und erwaͤhlte ihn zu ſeinem Nachfolger. Timurtaſch und ſeine Gattinn begaben ſich wieder nach Aſtrakan, wo ſie ihre uͤbrigen Tage verlebten; und der Chan von Berlas, nachdem er von ihnen und ihrem Sohn alle Beweiſe der Erkenntlichkeit em⸗ pfangen hatte, welche ſein Edelmuth verdiente, zog mit ſeinen uͤbrigen Truppen heim zu ſeinem Stamme.“ Tauſend und Ein Tag. 197 Nachdem die Amme der Prinzeſſinn von Kaſchemir die Geſchichte Kalafs vollendet hatte, fragte ſie die Frauen der Prinzeſſinn was ſie davon hielten. Sie fanden ſie alle ſehr anziehend, und Kalaf ſchien ihnen ein tugendhafter Prinz und ein vollkom⸗ mener Liebhaber. „Was mich betrifft,“ ſagte jetzo Farruͤchnas,„ich finde ihn mehr eitel, als verliebt, etwas taͤppiſch; mit Einem Worte, was man einen jungen Menſchen nennt.— Den alten Koͤnig von Mußul, den guten Fadlallah, anlangend,“ fuhr ſie laͤchelnd fort,„ſo muß man geſtehen, das iſt ein zaͤrtlicher und treuer Gatte: anſtatt ſich raſch dem Tode hinzugeben, wie Sem⸗ rude, hat er es vorgezogen, ſie noch funfzig Jahre zu uͤberleben, um ſie zu beweinen.“ „Wohlan, meine Prinzeſſinn,“ ſagte hierauf die Amme,„weil auch Kalaf und Fadlallah euerm Zart⸗ gefuͤhle noch nicht genugthun, ſo will ich euch, wenn ihr es mir erlaubt, die Geſchichte eines Koͤnigs von Damask und ſeines Veſyrs erzaͤhlen: vielleicht wird dieſe euch mehr befriedigen.“ „Sehr gern,“ erwiederte Farruͤchnas;„meine Frauen lieben deine Erzaͤhlungen zu ſehr, als daß ich ihnen nicht das Vergnuͤgen gewaͤhren ſollte, dich an⸗ 198 32. Tag. zuhoͤren. Es iſt wahr, du weißt recht angenehme Bildniſſe zu entwerfen; aber, Suͤtluͤmeme,“ fuͤgte ſie hinzu,„meine liebe Suͤtluͤmeme, du magſt die Maͤn⸗ ner mit noch ſo ſchoͤnen Farben malen, ihre Fehler ſtechen doch immer durch deine Malerei hervor.“ Geſchichte des Koͤnigs Bedreddin⸗Lolo und ſeines Veſyrs Atalmuͤlk, benannt der trau⸗ rige Veſyr. „Bedreddin⸗Lolo, Koͤnig von Damask,“ hub die Amme an,„hatte, wie die Geſchichte ſeiner Zeit berichtet, zum Großveſyr einen ſehr rechtſchaffenen Mann. Dieſer Miniſter, der Atalmuͤlk) hieß, war des ſchoͤnen Namens, welchen er fuͤhrte, ganz wuͤrdig; er hatte einen unermuͤdlichen Eifer im Dienſte *) Atalemülk bedeutet Geſchenk an das Reich. 200 82. Tag. des Koͤnigs, eine nicht zu beruͤckende Wachſamkeit, einen durchdringenden und umfaſſenden Geiſt, und dabei eine Uneigennuͤtzigkeit, welche alle Voͤlker be⸗ wunderten. Aber er hatte den Beinamen:„der trau⸗ rige Veſyr,“ weil er gewoͤhnlich in eine tiefe Schwer⸗ muth verſenkt erſchien; er blieb ſtaͤts ernſthaft, welche laͤcherliche Handlungen er auch am Hofe mochte vor⸗ gehen ſehen; er lachte niemals, welche ſcherzhafte Dinge auch in ſeiner Gegenwart geſagt wurden. Eines Tages unterhielt ſich der Koͤnig allein mit ihm, und erzaͤhlte ihm, unter herzlichem Lachen ein Abenteuer, welches er eben vernommen hatte. Der Veſyr hoͤrte es ſo ernſthaft an, daß Bedreddin davon beleidigt wurde: „Atalmuͤlk,“ ſagte er zu ihm,„du haſt ein ſeltſa⸗ mes Gemuͤth; ſtaͤts biſt du finſter und traurig; ſeit ehn Jahren daß du bei mir biſt, habe ich auf dei⸗ nem Antlitze niemals den leiſeſten Ausdruck der Freude erſcheinen ſehen.“ „Herr,“ antwortete der Veſyr,„Euer Majeſtaͤt darf ſich daruͤber nicht verwundern: jeder hat ſeine Sorgen; es gibt keinen Menſchen auf Erden, der vom Kummer ausgenommen ſei.“ „Deine Antwort iſt nicht gerecht,“ erwiederte der Koͤnig;„weil du ohne Zweifel irgend ein geheimes Herzeleid haſt, darf man deshalb ſagen, daß alle Menſchen auch dergleichen haben muͤßen?“ Bedreddin⸗Lolo. 201 „Ja, Herr,“ verſetzte Atalmuͤlk,„das iſt das Erbtheil der Kinder Adams: unſer Herz vermag ſich keiner vollkommenen Genuͤge zu erfreuen. Urtheilet von den Anderen nach euch ſelber, mein Koͤnig: iſt Euer Majeſtaͤt denn vollkommen gluͤcklich?“ „Ho! was mich betrifft,“ rief Bedreddin aus, „ich kann es nicht ſein; ich habe Feinde auf dem Halſe; ich bin mit der Buͤrde eines Reichs beladen; tauſend Sorgen durchkreuzen meinen Geiſt und ſtdren die Ruhe meines Lebens: aber ich bin uͤberzeugt, es gibt auf der Welt eine Unzahl von Privatleuten, de⸗ ren gluͤckliche Tage in Vergnuͤgungen dahinfließen, welche durch keine Bitterkeit getruͤbt ſind.“ Drei und achtzigſter Tag. Der Veſyr beharrte ſtaͤts bei dem, was er behaup⸗ tet hatte, ſo daß der Koͤnig, da er ihn ſo hartnaͤckig bei ſeiner Meinung ſah, zu ihm ſagte: „Wenn nun auch niemand von dem Kummer ausgenommen iſt, ſo iſt wenigſtens doch nicht jeder⸗ mann ſo ganz erfuͤllt von ſeiner Betruͤbnis, wie du. Du erregſt mir, ich bekenne es, eine lebhafte Neu⸗ gierde, zu wiſſen, was dich ſo nachdenklich und trau⸗ rig macht; erzaͤhle mir, warum du unempfindlich biſt 202 33. TDag. bei den Scherzen, welche die ſuͤßeſten Reize der Ge⸗ ſellſchaft ausmachen.“ „Ich will euch gehorchen, Herr,“ antwortete der Veſyr,„und euch den Grund meiner geheimen Leiden beien⸗ indem ich euch die Geſchichte meines Lebens erzaͤhle: Geſchichte Atalmuͤlks, benannt der traurige Veſyr, und der Prinzeſſinn Sélika Bejumé. Jch bin der einzige Sohn eines reichen Juweliers zu Bagdad. Mein Vater, der ſich Koadſcha Ab⸗ dallah nannte, ſparte nichts an meiner Erziehung: faſt von meiner Kindheit an gab er mir Lehrmeiſter, welche mich in mancherlei Wiſſenſchaften unterrichteten, als Weltweisheit, Rechtskunde, Gottesgelahrtheit; und vor allen ließ er mich alle die verſchiedenen Sprachen lehren, welche in Aſien geſprochen werden, damit wenn ich einſt in dieſem Welttheile Reiſen machte, ſolches mir zu ſtatten kommen moͤchte. Ich liebte von Natur das Vergnuͤgen und den Aufwand; mein Vater bemerkte dieß mit Leidweſen; 204 83. T 4 g. er ſuchte ſelbſt durch vernuͤnftige Vorſtellungen dieſen Hang in mir zu erſticken: aber welchen Eindruck ver⸗ moͤgen die weiſen Reden eines Vaters auf einen aus⸗ gelaßenen Sohn zu machen? Ohne Aufmerkſamkeit hoͤrte ich die Worte Abdallahs an, oder ich ſchob ſie auf das muͤrriſche Alter. Eines Tages als ich mit ihm in dem Garten un⸗ ſers Hauſes luſtwandelte, und er, wie gewoͤhnlich, meine Auffuͤhrung tadelte, ſagte er zu mir: „O mein Sohn! ich habe bisher bemerkt, daß meine Verweiſe dich nur ermuͤden; aber du wirſt bald von einem uͤberlaͤſtigen Aufſeher befreiet werden; der Engel des Todes iſt nicht mehr fern von mir, ich werde bald in den Abgrund der Ewigkeit hinabſteigen, und dir große Reichthuͤmer hinterlaßen; huͤte dich, da⸗ von einen uͤbeln Gebrauch zu machen; oder wenn du ungluͤcklich genug biſt, ſie thoͤricht zu verſchwenden,“ ſo unterlaß wenigſtens nicht, zu dieſem Baume, den du hier mitten im Garten ſiehſt, deine Zuflucht zu nehmen: knuͤpfe an einen ſeiner Aeſte einen unſeligen Strick, und komm dadurch allen den Leiden zuvor, welche die Armut begleiten.“ Er ſtarb wirklich kurze Zeit darnach, wie er es vorausgeſagt hatte. Ich ſtellte ihm eine praͤchtige Leichenfeier an, und nahm ſodann Beſitz von ſeinen Reichthuͤmern. Ich fand deren eine ſo uͤberſchwaͤng⸗ liche Menge, daß ich mich ungeſtraft meinem Hange — Atalmuͤlk und Sélika. 2⁰5 zum Vergnuͤgen uͤberlaßen zu koͤnnen waͤhnte. Ich vermehrte die Zahl meines Hausgeſindes; ich zog alle jungen Leute der Stadt in mein Haus, ich hielt of⸗ fene Tafel, und ſtuͤrzte mich in alle Arten von Aus⸗ ſchweifungen: dergeſtalt, daß ich unvermerkt mein ganzes Erbe verzehrte. Meine Freunde gaben mich alsbald auf, und all mein Hausgeſinde verließ mich, einer nach dem andern. Welch ein Gluͤckswechſel fuͤr mich! Mein Muth wurde dadurch niedergeſchlagen. Ich erinnerte mich jetzt, aber zu ſpaͤt, der letzten Worte meines Vaters. „Wie ſehr verdiene ich die Lage, in welcher ich mich nun befinde! ſagte ich bei mir ſelber:„warum habe ich nicht die Lehren Abdallahs befolgt? Nicht ohne Grund empfahl er mir, mit meinem Vermoͤgen ſparſam umzugehen: gibt es einen abſcheulichern Zu⸗ ſtand, als den eines Menſchen, der Mangel leidet, nachdem er den Ueberfluß gekannt hat?— Ha! we⸗ nigſtens will ich nicht alle ſeine Weiſungen vernachlaͤ⸗ ßigen; ich habe nicht vergeſſen, daß er mir rieth, ſelber mein Leben zu endigen, wenn ich ins Elend ge⸗ riethe: ich bin hinein gerathen, und ich will dieſen Rath befolgen, der nicht minder einſichtig iſt, als der erſte; denn wenn ich endlich mein Haus verkauft habe, das einzige Beſitzthum, ſo mir noch uͤbrig iſt, und welches hoͤchſtens nur zureicht, mich noch etliche Jahre zu friſten,— was ſoll alsdann aus mir 206 83. C a g. werden? Es wird mir nichts uͤbrig bleiben, als Al⸗ moſen zu betteln, oder Hungers zu ſterben: welche Wahl! Es iſt beſſer, ich erhaͤnge mich jetzo gleich; ich kann meinen Geiſt nicht bald genug von dieſen peinlichen Vorſtellungen befreien.“ Indem ich ſo ſprach, ging ich hin und kaufte ei⸗ nen Strick, ich trat in meinen Garten, und nahte mich dem Baume, welchen mein Vater mir bezeich⸗ net hatte, und der mir in der That ſehr bequem fuͤr mein Vorhaben ſchien. Ich legte am Fuße des Bau⸗ mes zwei große Steine hin, ſtieg auf dieſe, und knuͤpfte das eine Ende des Seiles an einen dicken Aſt; am andern Ende machte ich eine Schlinge, welche ich mir um den Hals legte, und mich ſo von den Stei⸗ nen in die Luft ſchwang. Die Schlinge, welche ich ſehr gut gemacht hatte, wollte mich ſchon erdroſſeln, als der Aſt, an welchem das Seil befeſtigt war, durch die Laſt hinabgebeugt, vom Stamme, womit er nur loſe zuſammenhing, abbrach und mit mir zu Boden fiel. Ich war anfangs ſehr aͤrgerlich, daß ich eine ver⸗ gebliche Anſtrengung mich zu erhaͤngen, gemacht hatte; aber indem ich den Aſt, welcher meiner Verzweiflung ſo ſchlecht gedient hatte, naͤher betrachtete, bemerkte ich, daß einige Diamanten daraus zum Vorſchein ka⸗ men, und daß er hohl war, eben ſo wie der ganze Stamm des Baums. Ich lief ſogleich hin und holte Atalmuülk und Sslika. 207 eine Axt aus dem Hauſe, und hieb den Baum ab, welchen ich voll Rubienen, Smaragden und anderen Edelſteinen fand. Ich nahm nun geſchwinde die Schlinge wieder von meinem Halſe, und ging von der Verzweiflung zur lebhafteſten Freude uͤber. Vier und achtzigſter Tag. Anſtatt mich wieder dem Vergnuͤgen hinzugeben und zu leben, wie zuvor, entſchloß ich mich, das Gewerbe meines Vaters zu treiben. Ich verſtand mich ſehr gut auf Edelſteine, und ich hatte Grund zu hoffen, daß ich mein Geſchaͤft nicht uͤbel fuͤhren wuͤrde. Ich verband mich mit zwei Juweelenhaͤndlern zu Bag⸗ dad, welche Abdallahs Freunde geweſen waren, und eine Handelsreiſe nach Ormus zu machen hatten. Wir begaben uns alle drei nach Basra; dort be⸗ frachteten wir ein Fahrzeug, und ſchifften uns auf dem Meerbuſen ein, welcher nach dieſer Stadt be⸗ nannt wird. Wir lebten in gutem Einverſtaͤndnis; und unſer Schiff, von einem guͤnſtigen Winde getrieben, durch⸗ ſchnitt leicht die Wogen. Wir verkuͤrzten uns die Zeit durch allerlei Ergetzlichkeiten, und unſere Schif⸗ fahrt ging bald nach unſern Wuͤnſchen zu Ende, als 208 84. Tag. meine beiden Genoſſen mich erkennen ließen, daß ich eben nicht mit redlichen Leuten in Verbindung ſtand. Wir waren im Begriff, die Spitze des Meerbu⸗ ſens zu erreichen und ans Land zu gehen, und dieß verſetzte uns in gute Laune. In der Freude, welche uns beſeelte, ſparten wir nicht die koͤſtlichen Weine,*) mit welchen wir uns in Basra verſehen hatten. Nach⸗ dem wir tuͤchtig getrunken hatten, ſchlief ich um Mit⸗ ternacht, ganz angekleidet, auf einem Sopha ein: waͤhrend ich nun ſo im tiefen Schlafe lag, huben meine Geſellſchafter mich auf, und ſtuͤrzten mich durch ein Schiffs fenſter ins Meer. Ich ſollte den Tod in ſeinen Abgruͤnden finden, und ich begreife nicht, wie es moͤglich iſt, daß ich, nach dieſem Abenteuer, noch lebe: aber das Meer ging hoch, und die Wogen, als wenn der Himmel ihnen verboten haͤtte, mich zu ver⸗ ſchlingen, trugen mich bis an den Fuß eines Berges, der auf der einen Seite die Einfahrt des terhuſens verengte; ja ich befand mich hier wohl d geſund auf dem Ufer, wo ich die uͤbrige Nacht damit zu⸗ brachte, Gott fuͤr meine Rettung zu danken, welche ich nicht genug bewundern konnte. *) Obwohl bekanntlich den Muhamedanern der Wein verbo⸗ ten iſt, ſo macht ſich, wer irgend von Stande iſt, doch kein Gewiſſen daraus, ihn im Stillen zu trinken. Atalmuͤlk und Sélika. 2⁰9 So bald der Tag anbrach, erklomm ich mit gro⸗ ßer Muͤhe den Gipfel des Berges, welcher ſehr ſchroff war. Hier fand ich mehrere Landleute aus der Um⸗ gegend, die ſich damit beſchaͤftigten Kryſtall zu ſuchen, welchen ſie dann nach Ormus zum Verkaufe trugen. Ich erzaͤhlte ihnen, welcher Gefahr mein Leben aus⸗ geſetzt geweſen, und es ſchien ihnen, wie mir, daß ich nur durch ein Wunder gerettet waͤre. Dieſe guten Leute hatten Mitleid mit meinem Schickſale; ſie ga⸗ ben mir von ihren Lebensmitteln, welche in Honig und Reis beſtanden, und fuͤhrten mich, ſobald ſie ihre La⸗ dungen Kryſtall hatten, nach der großen Stadt Ormus. Ich nahm Herberge in einer Karavanſerei, und das erſte, was ſich hier meinen Augen darbot, war einer meiner Handelsgenoſſen. Er ſchien ſehr uͤberraſcht, einen Mann wiederzuſe⸗ hen, von welchem er glaubte, daß er ſchon irgend ei⸗ nem Meerungeheuer zur Nahrung gedient haͤtte. Er lief hin zu ſeinem Geſellen, um ihn von meiner An⸗ kunft zu benachrichtigen, und mit ihm zu verabreden, wie ſie ſich beide gegen mich benehmen ſollten. Sie hatten bald ihren Entſchluß gefaßt; ich ſah ſie kurz darauf beide kommen; ſie kraten in den Hof, wo ich war, und ſtellten ſich vor mir hin, und thaten als kenneten ſie mich nicht. 3 II, 14 * 210 84. Tag. „Hal! ihr Treuloſen,“ redete ich ſie an,„der Him⸗ mel hat euer Bubenſtuͤck vereitelt; ich lebe noch, trotz eurer Unmenſchlichkeit; gebt mir augenblicklich meine Juwelen wieder heraus; ich will nicht laͤnger mit ſol⸗ chen Schandbuben in Gemeinſchaft ſein.“ Auf dieſe Anrede, welche ſie haͤtte beſtuͤrzt machen „ ſollen, hatten ſie die Unverſchaͤmtheit mir alſo zu antworten: „Du Spitzbube, du Boͤſewicht! wer biſt du? und woher koͤmmſt du? Welche Iuweelen, welche Sachen haben wir, die dir gehoͤren?“ Indem ſie ſo ſprachen, gaben ſie mir mehrere Stockſchlaͤge; und da ich ihnen drohte, ſie beim Kadi zu verklagen, ſo kamen ſie mir zuvor, und eilten zu dieſem Richter; ſie verbeugten ſich tief vor ihm, und nachdem ſie einige Juweelen dargeboten, welche ſie bei ſich hatten, und vielleicht mir gehoͤrten, ſprachen ſie zu ihm: „O Leuchte der Gerechtigkeit, o Licht, welches die Dunkelheit des Truges zerſtreuet! wie nehmen unſre Zuflucht zu euch; wir ſind arme Fremdlinge, wir kommen vom Ende der Welt her, hier Handel zu trei⸗ ben: iſt es erlaubt, daß ein Spitzbube uns beſchimpft? und werdet ihr zugeben, daß man uns durch eine Betruͤgerei entreiße, was wir nur mit tauſend Arbei⸗ ten und Gefahren unſers Lebens erworben haben?“ Atalmuͤlk und Sélika. 211 „Wer iſt der Menſch, uͤber den ihr euch beklaget?“ fragte ſie der Kadi. „Gnaͤdiger Herr,“ antworteten ſie,„wir kennen ihn nicht, wir haben ihn ſonſt niemals geſehen.“ Ich kam gerade in dieſem Augenblick auch vor dem Richter an; da ſchrien ſie, ſobald ſie mich erblickten: „Da iſt er, gnaͤdiger Herr, da iſt er, der Elende, der ſogar frech genug iſt, bis in euern Palaſt zu kom⸗ men und ſich euren Blicken darzuſtellen, welche die Schuldigen erſchrecken ſollten. Großer Richter! geru⸗ het, uns zu beſchirmen!“ Ich naͤherte mich dem Kadi, um auch meine Klage anzubringen; aber da ich keine Geſchenke ihm anzu⸗ bieten hatte, ſo war es mir unmoͤglich, mir Gehoͤr zu verſchaffen. Das feſte und ruhige Anſehen, wel⸗ ches mir das Zeugnis meines Gewiſſens gab, galt ſogar in ſeinem gegen mich eingenommenen Geiſte fuͤr ein Zeichen der Frechheit; und er befahl auf der Stelle den Aßa's,*) mich ins Gefaͤngnis zu fuͤhren: was ſie denn auch unverzuͤglich vollſtreckten: dergeſtalt, daß, waͤhrend man mich mit Ketten belaſtete, meine Handelsgenoſſen frohlockend heimgingen, und feſt uͤber⸗ zeugt waren, daß ich ein neues Wunder noͤthig haͤtte, um mich aus den Haͤnden des Kadi's zu ziehen. *) das heißt Gerichtsdiener. 212 4 83. T a g. Fuͤnf und achtzigſter Tag. Ich wuͤre auch in der That vielleicht nicht ſo gluͤck⸗ lich herausgekommen, als aus dem Meerbuſen, waͤre nicht etwas eingetreten, was abermals eine ſichtbare Wirkung der Guͤte des Himmels war. Die Landleute, welche mich nach Ormus gefuͤhrt hatten, vernahmen zufaͤllig, daß man mich ins Gefaͤngnis geworfen hatte: von Mitleiden bewegt gingen ſie zu dem Kadi; ſie ſagten ihm, wie ſie mich gefunden haͤtten, und berich⸗ teten ihm umſtaͤndlich alles, was ich ihnen auf dem Berge erzaͤhlt hatte. Dem Richter gingen durch dieſen Bericht die Au⸗ gen auf, es gereute ihn, daß er mich nicht hatte an⸗ hoͤren wollen, und beſchloß, den Handel zu ergruͤn⸗ den. Er ſchickte nach der Karavanſerei, um die beiden Kaufleute holen zu laßen: aber ſie waren nicht mehr da, ſie waren ſchon wieder auf ihr Schiff gegangen und hatten das Weite geſucht; denn, ungeachtet des Vorurtheils des Richters, verurſachte ich ihnen immer noch Unruhe. Eine ſo ſchleunige Flucht uͤberzeugte den Richter vollends, daß ich unſchuldig im Gefaͤngniſſe ſaße; er ließ mich in Freiheit ſetzen: und das war das Ende der Handelsgeſellſchaft, welche ich mit die⸗ ſen beiden ehrlichen Juwelieren eingegangen hatte. Dem Meere und der Gerechtigkeit entronnen, haͤtte ich mich als einen Menſchen betrachten ſollen, welcher —— W Atalmuͤlk und Sélikg. 21³ dem Himmel nicht wenig Dank ſchuldig war: aber ich befand mich in einer Lage, wo ich es ihm nicht groß anrechnete, mich erhalten zu haben; ohne Geld, ohne Freunde, ohne Zutrauen, ſah ich mich genothigt, von Almoſen zu leben, oder Hungers zu ſterben. Ich verließ Ormus, ohne zu wiſſen, was aus mir werden ſollte, und wanderte nach der Wieſe Lar, welche ſich zwiſchen den Bergen und dem Meere des Perſiſchen Meerbuſens hinzieht. Als ich dort hinkam, traf ich eine Karavane von Kaufleuten aus Indoſtan, welche hier lagerte, um den Weg nach Schiras zu nehmen. Ich geſellte mich zu dieſen Kaufleuten, und durch die kleinen Dienſte, welche ich ihnen leiſtete, fand ich Mittel, mir durchzuhelfen: ich reiſte mit ih⸗ nen nach Schiras, wo ich blieb. Der Koͤnig, Schah Tahmaspe, hielt damals ſeinen Hof in dieſer Stadt. Eines Tages, als ich aus der großen Moſchee nach der Karavanſerei, wo ich herbergte, zuruͤckkam, bemerkte ich einen Beamten des Koͤnigs von Perſien; er war reich gekleidet, und vollkommen wohlgebildet; derſelbe betrachtete mich aufmerkſam, kam auf mich zu, und ſagte zu mir: „Junger Mann, wo biſt du her? ich ſehe wohl, daß du ein Fremder biſt, und ich glaube nicht, daß es dir wohlgeht.“ 214 85. Tag. Ich antwortete, ich waͤre aus Bagdad, unh ſeine letzte Vermuthung nur allzu wahr; hierauf erzaͤhlte ich ihm in der Kuͤrze meine Geſchichte. Er ſchien ſie aufmerkſam anzuhoͤren, und bezrigte ſich geruͤhrt von meinem Ungluͤcke: „Wie alt biſt du?“ fragte er mich. „Ich ſtehe,“ antwortete ich,„in meinem neun⸗ zehnten Jahre.“ Er hieß mich, ihm zu folgen; er ging vor mir her, und nahm den Weg nach dem Palaſte des Koͤ⸗ nigs, wo ich mit ihm eintrat. Er fuͤhrte mich in ein ſehr ſchoͤnes Zimmer, und fragte mich hier: „Wie heißt du?“ Ich antwortete ihm, ich hieße Haßan. Er that mir noch mehrere andere Fragen, und durch meine Antworten befriedigt, fuhr er fort: „Haßan, ich bin geruͤhrt von deinem Ungluͤck, und will dir an Vaters ſtatt dienen. Vernimm, ich bin der Kapi⸗ Aga:*) des Koͤnigs von Perſien; es iſt in der Kaſoda*) die Stelle eines Pagen offen, und ich waͤhle dich, ſie einzunehmen: du biſt ſchoͤn, jung und wohlgebildet; ich kann keine beſſere Wahl treffen: *) Das iſt der Hauptmann der Kammerthüre des Königs von Perſien: er wählt die Pagen, wenn welche abgehen. **½) Kaſoda heißt die Kammer des Königs. —:—:—— Atalmuͤlk und Solika. 215 es iſt gegenwaͤrtig keiner unter den Kaſodali's,*) der dich an gutem Ausſehen uͤbertreffe.“ Ich dankte dem Kapi-Aga, fuͤr alle die Guͤte, welche er mir erwies. Er nahm mich in ſeinen Schutz, und ließ mir ein Pagenkleid geben. Man unterrichtete mich in allen meinen Obliegenheiten, und ich entle⸗ digte mich derſelben auf eine Weiſe, welche mir bald die Achtung unſerer Suͤluͤfli's*) erwarb, und mei⸗ nem Beſchuͤtzer Ehre machte. Es war bei Lebensſtrafe verboten, ſo wohl allen Pagen der zwoͤlf Kammern, als allen anderen Beam⸗ ten des Palaſts und den Soldaten der Wache, abends in den Gaͤrten des Harems bis uͤber eine gewiſſe Stunde zu bleiben, weil die Frauen manchmal darin luſtwandelten. Ich war eines Abends ganz allein darin, und dachte an meine Ungluͤcksfaͤlle; ich uͤberließ mich meinen Betrachtungen ſo ſehr, daß ich unver⸗ merkt die Stunde voruͤbergehen ließ, welche den Maͤn⸗ nern gebietet, ſich zuruͤckzuziehen. Ich erwachte end⸗ lich aus meiner Traͤumerei, und in dem Wahne, daß der Augenblick der Entfernung nahe ſein muͤßte, lief *) So heißen die Pagen der Kammer des Königs. Die Pa⸗ gen der anderen Kammern heißen anders. *) So heißen ſieben Pagenhofmeiſter der königlichen Kammer, weil ſie zwei Aufſätze von Haarlocken tragen, welche von den Schläfen bis auf den Hals herabhangen. 216 85. T a g. ich hurtig, um wieder in den Palaſt zu kommen, als an der Umbeugung eines Baumganges ploͤtzlich eine Frau vor mir ſtand. Sie hatte eine ſtolze Haltung, und ungeachtet der Dunkelheit der Nacht, bemerkte ich doch, daß ſie jung und ſchoͤn war. „Ihr geht ja ſehr ſchnell,“ redete ſie mich an; „wer noͤthigt euch, ſo zu laufen?“ „Ich habe meine Urſachen,“ antwortete ich ihr; „und wenn ihr zu dem Palaſte gehoͤrt, wie ich nicht zweifle, ſo koͤnnen ſie euch nicht unbekannt ſein. Ihr wißt, daß den Maͤnnern verboten iſt, ſich nach einer gewiſſen Stunde in dieſen Gaͤrten betreffen zu laßen, und daß die Uebertretung dieſes Verbots ans Leben geht.“ „Ihr denkt ein wenig ſpaͤt an euern Ruͤckzug,“ er⸗ wiederte die Dame,„die Stunde iſt ſchon vorbei: aber ihr ſollt euerm Sterne dafuͤr Dank wiſſen; denn ohne dieß waͤret ihr mir nicht begegnet.“ „Ich Ungluͤcklicher!“ rief ich aus, ohne auf et⸗ was anders zu achten, als auf die neue Gefahr, in welcher ich mein Leben ſah:„warum mußte ich mich von der Zeit uͤberraſchen laßen?“ „Betruͤbet euch nicht,“ ſagte die Dame;„eure Betruͤbnis beleidigt mich, ſolltet ihr nicht ſchon uͤber euer Ungluͤck getroͤſtet ſein? Betrachtet mich: ich bin nicht uͤbel gebildet; ich bin erſt achtzehn Jahr alt; —* Atalmuͤlk und Sélika. 217 und was das Geſicht betrifft, ſo ſchmeichle ich mir, kein unangenehmes zu haben.“ „Schoͤnes Fraͤulein,“ ſagte ich zu ihr,„obwohl die Nacht meinen Augen einen Theil eurer Reize ent⸗ zieht, ſo erkenne ich doch mehr davon, als noͤthig iſt, mich zu bezaubern: aber verſetzet euch in meine Lage, und bekennet, daß ſie etwas traurig iſt.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte ſie,„daß die Gefahr in welcher ihr ſchwebt, eurem Geiſte keine lachenden Bilder vorfuͤhrt: euer Untergang iſt gleichwohl noch nicht ſo gewis, als ihr euch einbildet; der Koͤnig iſt ein guter Fuͤrſt, der euch verzeihen kann.“ „Wer ſeid ihr, mein Fraͤulein?“ fragte ich ſie: „ich bin ein Kaſodali.. „Ah! wahrhaftig,“ unterbrach ſie mich,„fuͤr ei⸗ nen Sklaven macht ihr da viel Ueberlegungen; der Atemadolet) koͤnnte nicht mehr machen. Ei, glau⸗ bet mir, ihr habt heute nichts zu befuͤrchten: und was euch morgen widerfahren wird, das wißt ihr nicht; der Himmel hat ſich die Kunde davon vorbe⸗ halten, und euch vielleicht ſchon einen Weg gebahnt, aus der Verlegenheit zu kommen. Laßet alſo die Zu⸗ kunft dahin geſtellt, und beſchaͤftiget euch nur mit der Gegenwart. Wenn ihr wuüͤßtet, wer ich bin, und *) Atemadolet wird der Groß⸗Veſyr von Perſien genannt. 218 35. 86. Tag. welche Ehre euch dieſes Abenteuer bringt, ſo wuͤrdet ihr, anſtatt ſo ſuͤße Augenblicke durch bittere Betrach⸗ tungen zu vergiften, euch fuͤr den gluͤcklichſten der Menſchen achten.“ Kurz, durch ihre ſtarken Anlockungen zerſtreute das Fraͤulein die Furcht, die mich beunruhigte. Das Bild der Strafe, welche mir drohte, verwiſchte ſich unvermerkt in meinem Geiſt; und mich ganz den ſchmeichelnden Hoffnungen hingebend, welche man in mir erregte, dachte ich nur noch daran, die Gelegen⸗ heit zu benutzen. Ich umarmte das Fraͤulein mit Entzuͤcken: ſie aber, weit entfernt, ſich meinen Lieb⸗ koſungen hinzugeben, that einen lauten Schrei, indem ſie mich unſanft zuruͤckſtieß; und alsbald ſah ich zehn oder zwoͤlf Frauen hervortreten, welche ſich verſteckt hatten, um unſere Unterhaltung zu belauſchen. Sechs und achtzigſter Tag. Es ward mir jetzo nicht ſchwer, zu erkennen, daß die Schoͤne, welche mir eben ein ſo leichtes Spiel ge⸗ boten, mich zum beßten gehabt hatte. Ich hielt ſie fuͤr irgend eine Sklavinn der Prinzeſſinn, welche, ſich zu beluſtigen, eine abenteuernde Schoͤne hatte ſpielen wollen. Die anderen Frauen alle ſprangen ihr ſogleich, mit lautem Lachen, zu Huͤlfe; und da ſie die Schoͤne Atalmuͤlk und Slika. 219 von dem Schrecken, welches ich ihr verurſacht hatte, etwas zitternd fanden, ſo ſagte die eine von ihnen zu ihr: „Kalé⸗Kairi, habt ihr noch Luſt, dergleichen Zeitvertreib vorzunehmen?“ „Oh nein,“ antwortete Kalé⸗Kairi;„ich bin fuͤr meine Neugierde hinlaͤnglich bezahlt.“ Die Sklavinnen ſtellten ſich hierauf um mich her, und fingen an ihren Scherz mit mir zu treiben: „Dieſer Page,“ ſagte die eine,„iſt etwas leb⸗ haft, er iſt fuͤr ſchoͤne Abenteuer geſchaffen.“ „Wenn ich jemals,“ ſagte eine andre,„ganz al⸗ lein des nachts luſtwandle, ſo wuͤnſche ich mir, kei⸗ nen duͤmmern zu treffen.“ Obſchon Page, war ich jedoch durch alle ihre Neckereien, welche ſie mit langem lautem Lachen be⸗ gleiteten, ſehr außer Faſſung: und wenn ſie mich verſpottet haͤtten, weil ich zu furchtſam geweſen waͤre, ſo wurde ich nicht beſchaͤmter geweſen ſein. Ihre Spoͤttereien ergoſſen ſich auch uͤber die Stunde des Rüuͤckzuges, welche ich verſaͤumt hatte; ſie ſagten, es waͤre doch ſchade, daß ich umkommen ſollte, und ich verdienete wohl, daß mir das Leben geſchenkt wühtbe⸗ weil ich dem Dienſte der Frauen ſo ergeben waͤre. 220 86. T a g. Jetzo wandte ſich diejenige, welche ich Kalé⸗Kairi nennen gehoͤrt hatte, zu einer der anderen, und ſagte zu ihr: „Es ſteht bei euch, meine Prinzeſſinn, es ſteht bei euch, ſein Schickſal zu entſcheiden: wollt ihr, daß man ihn aufgebe, oder daß man ihm Huͤlfe leiſte?“ „Man muß ihn aus der Gefahr retten, worin er ſchwebt,“ antwortete die Prinzeſſinn; er lebe, ich be⸗ willige es: wir muͤßen ſelbſt, damit er ſich dieſes Abenteuers deſto laͤnger erinnere, ihm daſſelbe noch angenehmer machen: laßt ihn in meine Zimmer, welche noch kein Mann geſehen zu haben ſich ruͤhmen kann.“ Sogleich gingen zwo Sklavinnen hin, ein Frauen⸗ kleid zu holen, und brachten es mir; ich zog es uͤber, und indem ich mich unter das Gefolge der Prinzeſſinn miſchte, begleitete ich ſie bis in ihr Zimmer, welches eine Unzahl von wohlriechenden Wachslichtern erhellte, die lieblich dufteten; es ſchien mir eben ſo reich, als das des Koͤnigs; Gold und Silber blitzten hier von allen Seiten. Beim Eintritt in den Saal der Sélika Beghuͤmé, — ſo nannte ſich die Prinzeſſinn von Perſien,— be⸗ merkte ich in der Mitte auf dem Fußteppich zwanzig große Brokatkiſſen in die Runde gelegt: alle die Frauen warfen ſich darauf nieder, und ich mußte mich auch hinſetzen. Hierauf verlangte Sélika Erfriſchungen. Sechs alte Sklavinnen, weniger reich gekleidet, als — Atalmuͤlk und Sélika. 221 die hier ſitzenden, erſchienen augenblicklich; ſie ver⸗ theilten Mahrama's**) unter uns, und brachten bald darauf in einem großen Becken von Mar⸗ tabani,*) einen Salat aus geronnener Milch, Zi⸗ tronenſaft und Gurkenſchnitten.*) Man reichte der Prinzeſſinn einen Koknos⸗oͤffel,**nn) ſie nahm einen Loͤffel voll Salat, aaß ihn, und gab ſogleich ihren Loͤffel der ihr zunaͤchſt zur Rechten ſitzenden Sklavinn; dieſe machte es eben ſo, wie ihre Herrinn, ſo daß die ganze Geſellſchaft ſich deſſelben Loͤffels in der Runde bediente, bis nichts mehr in der Schuͤſſel war. Hierauf brachten die zuvorerwaͤhnten ſechs alten Slavinnen uns ſehr ſchoͤnes Waſſer in kryſtallenen Schalen. Nach dieſem Mahle, ward die Unterhaltung ſo lebhaft, als wenn wir Wein oder Dattelnbrandwein getrunken haͤtten. Kalé⸗Kairi, die zufaͤllig oder ſonſt, ſich mir gegenuͤber geſetzt hatte, blickte mich manch⸗ mal laͤchelnd an, als wenn ſie mir durch ihre Blicke *) Sind kleine viereckige Stücke Zeug, welche man ſich aufs Knie legt, um die Finger daran zu trocknen. **) Das heißt grünes Porzelan. ***) Die Perſiſchen Gurken ſind vorzüglich, und auch roh ge⸗ geſſen nicht ungeſund. ****) Die Löffel der Perſiſchen Könige ſind von Koknosſchnä⸗ beln gemacht, welcher Voget ſehr geſchätzt wird. 222 86. 87. Tag. zu verſtehen geben wollte, daß ſie mir die Lebhaftig⸗ keit verziehe, welche ich in dem Garten gezeigt hatte. Ich meinerſeits warf auch von Zeit zu Zeit die Augen auf ſie; aber ich ſchlug ſie nieder, ſo bald ich be⸗ merkte, daß ihr Blick auf mich gerichtet war. Ich war in einer aͤngſtlichen Verfaſſung, welche Anſtren⸗ gung ich auch machte, um etwas mehr Sicherheit auf meinem Geſicht und in meinen Gebaͤrden zu zeigen. Die Prinzeſſinn und ihre Frauen, die es wohl bemerkten, bemuͤhten ſich, mir Dreiſtigkeit einzufloͤ⸗ ßen. Sélika fragte mich nach meinem Namen, und wie lange ich ſchon Page der Kaſoda waͤre. Nachdem ich ihre Neugierde befriedigt hatte, ſagte ſie zu mir: „Wohlan, Haßan, ſei dreiſter; vergiß, daß du in einem Zimmer biſt, deſſen Eintritt den Maͤnnern un⸗ terſagt iſt: vergiß, daß ich Sélika bin; ſprich mit uns, als wenn du bei den Buͤrgermaͤdchen von Schi⸗ ras waͤreſt; ſieh alle dieſe jungen Maͤdchen an, be⸗ trachte ſie mit Aufmerkſamkeit, und ſage uns frei⸗ muͤthig, welche unter uns dir am beßten gefaͤllt.“ Sieben und achtzigſter Tag. Die Prinzeſſinn von Perſien, anſtatt mir durch dieſe Rede, Zuverſicht zu geben, wie ſie ſich einbil⸗ Atalmuͤlk und S(lika. 223 dete, vermehrte dadurch nur noch meine Unruhe und Verlegenheit. „Ich ſehe wohl, Haßan,“ fuhr ſie fort,„daß ich von dir etwas fordere, das dir Sorge macht; du fuͤrchteſt ohne Zweifel, indem du dich fuͤr Eine er⸗ klaͤrſt, allen uͤbrigen zu misfallen: aber laß dich dieſe Furcht nicht abhalten, und durch nichts dich zwingen; meine Frauen ſind ſo innig vereint, daß du ihre Ei⸗ nigkeit nicht zu ſtoͤren vermagſt: betrachte uns alſo, und gib uns zu erkennen, welche du dir zur Gelieb⸗ ten erwaͤhlen wuͤrdeſt, wenn dir die Wahl freiſtuͤnde.“ Obwohl die Sklavinnen Sélika's vollkommen ſchoͤn waren, und die Prinzeſſinn ſelbſt Urſach hatte ſich des Vorzuges zu ſchmeicheln, ſo ergab ſich mein Herz dennoch, ohne zu ſchwanken den Reizen Kalé⸗ Kairi's: aber ich verbarg dieſe Empfindungen, welche mir Selika zu beleidigen ſchienen, und ich ſagte der Prinzeſſinn, ſie duͤrfte ſich nicht in die Reihen ihrer Sklavinnen ſtellen, noch mit ihnen um ein Herz ſtrei⸗ ten, weil ihre Schoͤnheit ſo groß waͤre, daß uͤberall, wo ſie erſchiene, man nur Augen fuͤr ſie haben koͤnnte. Indem ich dieſen Ausſpruch that, konnte ich mich nicht enthalten Kalé⸗Kairi auf eine Weiſe anzublicken, welche ihr genugſam zu erkennen gab, daß die Schmeichelei allein mir ihn eingegeben hatte. Sélika bemerkte es auch, und ſagte zu mir:„Ha⸗ ßan; du biſt ein zu großer Schmeichler; ich fordere 224 87. Tag. mehr Aufrichtigkeit; ich bin uͤberzeugt, du ſprichſt nicht, wie du denkeſt; genuͤge meinem Verlangen, und enthuͤlle uns den Grund deiner Seele; alle meine Frauen bitten dich darum; du kannſt uns kein groͤße⸗ res Vergnuͤgen gewaͤhren.“ In der That drangen alle die Sklavinnen in mich, und Kalé⸗Kairi vor allen bezeigte ſich am hitzigſten, mich zum Sprechen zu bringen, als wenn ſie es erra⸗ then haͤtte, daß ſie am meiſten dabei betheiligt wuͤre. Ich gab endlich ihren inſtaͤndigen Bitten nach; ich verbannte meine Furchtſamkeit, und indem ich mich zu Sélika wandte, ſprach ich: „Meine Prinzeſſinn, ſo will ich euch denn genug⸗ thun: es wuͤrde ſehr ſchwer ſein, zu entſcheiden, welche hier die ſchoͤnſte waͤre; ihr ſeid alle von hinrei⸗ ßender Schoͤnheit: aber die liebenswuͤrdige Kalé⸗Kairi iſt diejenige, fuͤr welche ich die meiſte Zuneigung fuͤhle.“ Ich hatte kaum dieſe Worte ausgeſprochen, als die Sklavinnen in ein lautes Gelaͤchter ausbrachen, ohne daß auf ihren Geſichtern der geringſte Verdruß erſchien.„Sind denn das wirklich Frauen?“ ſagte ich bei mir ſelber.— Sélika, anſtatt blicken zu laßen, daß meine Freimuͤthigkeit ſie beleidigt haͤtte, ſagte zu mir: „Es freut mich, Haßan, daß du Kalé⸗Kairi den Vorzug gegeben haſt; ſie iſt mein Liebling, und dieß ·* Atalmuͤlk und Sélika. 225 beweiſt, daß du keinen uͤbeln Geſchmack haſt. Du kennſt noch nicht den ganzen Werth derjenigen, welche du dir erwaͤhlt haſt; wir alle, wie du uns hier ſiehſt, ſind aufrichtig genug, zu bekennen, daß wir ihr nicht gleich kommen.“ 8 Die Prinzeſſinn und die uͤbrigen Sklavinnen neck⸗ ten hierauf Kalé⸗Kairi mit dem Siege, welchen ihre Reize davon getragen hatten; was ſie mit viel Geiſt aushielt. Darnach ließ Sélika eine Laute bringen, gab ſie Kalé⸗Kairi in die Haͤnde, und ſagte zu ihr: „Zeige nun auch deinem Liebenden, was du verſtehſt.“ Die Lieblingsſklavinn ſtimmte die Laute, und ſpielte ſie dann auf eine Weiſe, die mich entzuͤckte. Sie begleitete ſie mit ihrer Stimme, und ſang dazu ein Lied, deſſen Sinn war: wenn man einen ge⸗ liebten Gegenſtand erwaͤhlt hat, muß man ihn ſein lebelang lieben. Beim Singen drehte ſie von Zeit zu Zeit ihre Augen ſo zaͤrtlich nach mir, daß ich, ploͤtzlich vergeſſend, wo ich war, mich ihr zu Fuͤßen warf, hingeriſſen von Liebe und Wonne. Meine Gebaͤrde gab Anlaß zu neuen Ausbruͤchen des Lachens, welche ſo lange anhielten, bis eine alte Sklavinn erſchien und daran mahnte, daß der Tag bald anbrechen, wuͤrde, ſo daß keine Zeit zu verlieren waͤre, um mich aus dem Frauen⸗Zimmer zu bringen. II. 15 226 87. 88. Tag. Hierauf ſagte Sélika, die nun, wie ihre Frauen, an die Ruhe dachte, ich ſollte der alten Sklavinn folgen; und dieſe fuͤhrte mich durch mehrere lange Gaͤnge und auf tauſend Umwegen, bis an eine kleine Thuͤre, deren Schluͤſſel ſie hatte: ſie oͤffnete, ich trat heraus, und bemerkte, ſo bald es Tag ward, daß ich außerhalb der Ringmauern des Palaſtes war. 4 Acht und achtzigſter Tag. Auf ſolche Weiſe kam ich aus dem Zimmer der Prinzeſſinn Sélika⸗Beghuͤmé, und aus der neuen Gefahr, in welche ich mich unvorſichtigerweiſe ſelber geſtuͤrzt hatte. Nach einigen Stunden geſellte ich mich wieder zu meinen Dienſtgenoſſen. Der Oda⸗Ba⸗ ſchi⸗) fragte mich, warum ich außerhalb des Pa⸗ laſts geſchlafen haͤtte. Ich antwortete ihm, einer meiner Freunde, ein Kaufmann aus Schiras, der mit ſeiner ganzen Familie eben nach Basra reiſen wollte, haͤtte mich bei ſich behalten, und wir haͤtten die Nacht beim Trunke zugebracht. Er glaubte mir, und ich kam mit einigen Verweiſen davon. *) So heißt der Pagenhofmeiſter, der die Macht hat, ſie zu beſtrafen, wenn ſie etwas verbrochen haben. * Atalmuͤlk und Sslika. 22²⁷ Ich war zu ſehr bezaubert von meinem Abenteuer um es zu vergeſſen; ich rief es mir unaufhoͤrlich ins Gedaͤchtnis zuruͤck, bis auf die kleinſten Umſtaͤnde, und beſonders ſolche, die meiner Eitelkeit am meiſten ſchmeichelten, das heißt, die mich glauben machten, daß ich die Aufmerkſamkeit der Lieblingsſklavinn der Prinzeſſinn auf mich gezogen haͤtte. Acht Tage darnach kam ein Verſchnittener an die Kammerthuͤre des Koͤnigs, und ſagte, daß er mich ſprechen wollte. Ich ging zu ihm, und fragte ihn, was es gaͤbe. „Heißt ihr nicht Haßan?“ fragte er mich. Ich antwortete:„Ja.“ Zu gleicher Zeit ſteckte er mir ei⸗ nen Zettel in die Hand, und verſchwand ſogleich. Man that mir zu wiſſen, wenn ich Luſt haͤtte, mich nochmals in der naͤchſten Nacht in den Gaͤrten des Harems nach der Stunde des Ruͤckzuges, an demſelben Orte, wo man mich das erſtemal getroffen hatte, einzufinden, ſo wuͤrde ich dort eine Perſon ſe⸗ hen, die ſehr erkenntlich waͤre fuͤr den Vorzug, wel⸗ hen ich ihr vor allen Frauen der Prinzeſſinn gegeben aͤtte. Obſchon ich Kalé⸗Kairi im Verdacht hatte, daß ſie Geſchmack an mir gefunden, ſo verſah ich mich doch keinesweges eines ſolchen Briefes. Berauſcht von meinem guten Gluͤcke, bat ich den Oda⸗Baſchi um Erlaubnis, einen Derviſch aus meiner Heimat, der 228 98. Tag. eben von Mekka gekommen waͤre, zu beſuchen. Es wurde mir bewilligt, und ich lief, ja ich flog nach den Gaͤrten des Harems, ſo bald die Nacht gekom⸗ men war. Wenn ich das erſtemal mich von der Zeit uͤberraſchen ließ, ſo ward ſie mir jetzt dagegen ſehr lang, in Erwartung der Freuden, welche ich mir verſprach; ich glaubte, die Stunde des Ruͤckzuges kaͤme nimmer. Sie kam jedoch, und bald darauf er⸗ blickte ich ein Frauenbild, welche ich an ihrem Wuchs und Anſehen fuͤr Kalé⸗Kairi erkannte. Ich nahte mich ihr, ganz hingeriſſen von Wonne und Freude, warf mich ihr zu Fuͤßen, und lag ſo, mit dem Antlitz auf dem Boden, ohne ein einziges Wort hervorbringen zu koͤnnen, ſo ſehr war ich außer mir. „Stehet auf, Haßan,“ ſprach ſie zu mir;„ich will wiſſen, ob ihr mich liebt: um mich davon zu aͤberzeugen, bedarf es anderer Beweiſe, als dieſes zaͤrtliche und leidenſchaftliche Stillſchweigen. Saget mir ohne Verſtellung: iſt es moͤglich, daß ihr mich ſchoͤner gefunden habt, als alle meine Genoſſinnen, und als die Prinzeſſinn Sélika ſelber? Soll ich in der That glauben, daß eure Augen mir guͤnſtiger ſind, als ihr?“ „Zweifelt daran nicht,“ antwortete ich ihr, „allzu liebenswuͤrdige Kalé⸗Kairi; als die Prinzeſſinn und ihre Frauen mich zwangen, zwiſchen ihnen und „— Atalmuͤlk und Sslika. 22²9 euch zu entſcheiden, da hatte mein Herz ſchon laͤngſt ſich fuͤr euch erklaͤrt. Seit jener gluͤcklichen Nacht, habe ich mich keinen Augenblick von eurem Bilde tren⸗ nen koͤnnen, und ihr waͤret ſtaͤts meinem Geiſte ge⸗ genwaͤrtig geblieben, wenn ihr mir auch niemals Huld bewieſen haͤttet.“ „Ich bin erfreut,“ erwiederte ſie,„euch ſo viel Liebe eingefloͤßt zu haben; denn auch meinerſeits muß ich bekennen, ich habe mich nicht erwehren koͤnnen, Zuneigung fuͤr euch zu empfinden. Eure Jugend, euer guter Ausſehen, euer lebhafter und glaͤnzender Geiſt, und mehr als alles dieß vielleicht, der Vorzug, wel⸗ chen ihr mir vor ſo reizenden Weſen gegeben, hat euch in meinen Augen liebenswuͤrdig gemacht. Der Schritt, welchen ich thue, beweiſt es hinlaͤnglich.— Aber, Ach! mein geliebter Haßan,“ fuͤgte ſie ſeufzend hinzu, „ich weiß nicht, ob ich mir zu meiner Eroberung Gluͤck wuͤnſchen, oder ob ich ſie nicht vielmehr als etwas betrachten ſoll, ſo das Ungluͤck meines Lebens machen wird.“ „Ah, meine Herrinn,“ ſagte ich zu ihr,„warum heget ihr mitten unter den Entzuͤckungen, welche eure Gegenwart mir erregt, eine ſo truͤbe Vorahnung?“ „Dieß iſt nicht,“ verſetzte ſie,„eine thrichte Furcht, welche in dieſem Augenblick meine Freude ſtoͤrt; meine Beſorgniſſe ſind nur zu ſehr gegruͤndet, und ihr wißt nicht, was mein Herzeleid iſt: die Prin⸗ 230 88. TDag. zeſſinn Sélika liebt euch; und bald wird ſie ſich von dem Joche des Stolzes, welches ſie feſſelt, befreien, und euch euer Gluͤck ankuͤndigen. Wenn ſie euch nun bekennt, daß ihr gewußt habt, ihr zu gefallen, wie wollt ihr ein ſo ſchmeichelhaftes Geſtaͤndnis aufneh⸗ men? Wird die Liebe, welche ihr fuͤr mich heget, ge⸗ gen die Ehre, die erſte Prinzeſſinn der Welt zur Ge⸗ liebten zu haben, Stand halten?“ „Ja, meine reizende Kals⸗Kairi,“ unterbrach ich ſie an dieſer Stelle,„ihr werdet uͤber Sélika ſiegen. Wollte der Himmel, daß ihr noch eine furchtbarere Nebenbuhlerinn haben koͤnntet, ihr wuͤrdet ſehen, daß nichts die Beſtaͤndigkeit eines Herzens zu erſchuͤttern vermag, welches euch dienſtbar iſt! Und wenn Schah⸗ Tahmaspe keinen Sohn zum Nachfolger haͤtte, wenn er ſich des Koͤnigreichs von Perſien entaͤußern wollte, um es ſeinem Schwiegerſohne zu geben, und wenn es von mir abhinge, es zu ſein, dennoch wuͤrde ich euch ein ſo hohes Gluͤck aufopfern.“ „Ach, ungluͤcklicher Haßan,“ rief das Fraͤulein aus,„wo reißt euch eure Liebe hin! welche truͤbſelige Verſicherung eurer Treue gebt ihr mir da. Ihr vergeſ⸗ ſet, daß ich eine Sklavinn der Prinzeſſinn von Per⸗ ſien bin. Wenn ihr ihre Huld mit Undank bezahlt, ſo werdet ihr uns ihren Zorn zuziehen, und uns alle beide verderben. Es iſt beſſer, daß ich euch einer ſo maͤch⸗ —— Atalmuͤlk und Slika. 231 tigen Nebenbuhlerinn abtrete; das iſt das einzige Mit⸗ tel, uns zu erhalten.“ „Nein, nein,“ erwiederte ich ungeſtum,„es gibt noch ein anderes, welches meine Verzweiflung lieber waͤhlt; es beſteht darin, mich vom Hofe zu verban⸗ nen. Meine Entfernung wird euch bald gegen die Rache Sélika's ſichern und euch eure Ruhe wiederge⸗ ben; und waͤhrend ihr allmaͤhlich des ungluͤcklichen Haßans vergeſſet, wird er in der Wuͤſte das Ende ſei⸗ ner Leiden ſuchen.“ Ich war ſo durchdrungen von dem, was ich ſagte, daß mein Schmerz die Geliebte uͤberwaͤltigte, und ſie zu mir ſagte:. „Hdret auf, Haßan, euch einer überfluͤſſigen Be⸗ truͤbnis hinzugeben; ihr ſeid im Irrthum, und ſcheint zu verdienen, daß man euch enttaͤuſche: ich bin nicht eine Sklavinn der Prinzeſſinn Sélika, ich bin Sélika ſelber. In jener Nacht, da ihr in meinem Zimmer geweſen, habe ich mich fuͤr Kalé⸗Kairi ausgegeben, und ihr habt Kalé⸗Kairi fuͤr mich genommen.“ Bei dieſen Worten rief ſie eine ihrer Frauen, die aus einem Cypreſſengebuͤſche, worin ſie ſich verſteckt hielt, auf ihren Ruf ſchleunig herbei kam, und ich erkannte in dieſer Sklavinn in der That diejenige, walche ich fuͤr die Prinzeſſinn von Perſien gehalten hatte.. 1 39. Tag. Neun und achtzigſter Tag. „Ihr ſehet, Haßan,“ ſagte Sélika zu mir,„ihr ſehet hier die wahrhafte Kalé⸗Kairi; ich gebe ihr ih⸗ ren Namen zuruͤck, und nehme den meinen wieder; ich will mich nicht laͤnger verſtellen, noch euch die Wichtigkeit der Eroberung, die ihr gemacht habt, ver⸗ bergen; erkennet alſo den ganzen Ruhm eures Sieges. Obwohl ihr mehr Liebe als Ehrgeiz habt, ſo bin ich doch uͤberzeugt, ihr werdet nicht ohne neues Vergnuͤ⸗ gen vernehmen, daß es eine Prinzeſſinn iſt, welche euch liebt.“ Ich unterließ nicht, Sélika zu ſagen, daß ich das Uebermaaß meines Gluͤcks nicht zu faſſen vermoͤchte, noch weniger, wie ich es verdient haͤtte, daß ſie mich wuͤrdigte, von dem Gipfel der Groͤße, auf welchen ſie erhaben waͤre, ſich bis zu mir herabzulaßen, und mich in meinem Nichts aufzuſuchen, um mir ein des Neides der groͤßten Koͤnige der Welt wuͤrdiges Schick⸗ ſal zu bereiten. Kurz, uͤberraſcht, und bezaubert von der Huld der Prinzeſſinn, begann ich, mich in Re⸗ den des Dankes zu ergießen; ſie aber unterbrach mich, und ſagte zu mir: „Haßan, hoͤret auf, uͤber das zu erſtaunen, was ich fuͤr euch thue; der Stolz hat wenig Macht uͤber eingeſperrte Frauen: wir folgen ohne Widerſtand den Regungen unſers Herzens: ihr ſeid liebenswuͤrdig, ihr Atalmuͤlk und Sélika. 233 habt mir gefallen, und das reicht hin, meine Huld zu verdienen.“ Wir brachten faſt die ganze Nacht zu, mit einan⸗ der zu luſtwandeln und uns zu unterhalten; und der Tag wuͤrde uns ohne Zweifel in dem Garten uͤber⸗ raſcht haben, wenn Kalé⸗Kairi, die bei uns war, uns nicht erinnert haͤtte, daß es Zeit waͤre, uns zu entfernen. Wir mußten uns alſo trennen; aber bevor ich Sélika verließ, ſagte ſie zu mir: „Lebet wohl, Haßan; denket ſtaͤts an mich; wir werden uns naͤchſtens wiederſehen, und ich verſpreche, euch bald zu erkennen zu geben, in welchem Maaße ihr mir theuer ſeid.“ Ich warf mich ihr zu Fuͤßen, und dankte ihr fuͤr ein ſo ſchmeichelhaftes Verſprechen; worauf Kalé⸗Kairi mich dieſelben Umwege fuͤhrte, welche ich das erſte⸗ mal gemacht hatte, und mich aus der Ringmauer des Harems ließ. Geliebt von der erhabenen Prinzeſſinn, die ich vergoͤtterte, und erfuͤllt von dem reizenden Bilde, welches ihre Verheißung in mir aufregte, uͤberließ ich mich den naͤchſten Morgen und die folgenden Tage den angenehmſten Vorſtellungen, welche ſich dem Geiſte darbieten koͤnnen. Damals konnte man ſagen, daß es einen gluͤcklichen Menſchen auf Erden gab, wenn bei alle dem die Ungeduld, Sélika wiederzuſehen, mir vergoͤnnte, es zu ſein. Kurz, ich befand mich in dem 234 89. Tag. Zuſtande, welcher den Liebenden das meiſte Vergnuͤgen gewaͤhrt, das heißt, ich war dem Augenblicke nahe, der meine Wuͤnſche kroͤnen ſollte, als ein unvorhergeſe⸗ henes Ereignis ploͤtzlich meine ſtolzen Hoffnungen zer⸗ truͤmmerte. Ich hoͤrte, die Prinzeſſinn Sélika waͤre krank ge⸗ worden, und zwei Tage darnach verbreitete ſich das Geruͤcht ihres Todes in dem Palaſte. Ich wollte dieſe unſelige Neuigkeit nicht glauben, und ich mußte erſt die Leichenfeier zuruͤſten ſehen, bevor ich ihr Glauben beimaaß. Meine Augen waren, leider! die traurigen Zeugen des Leichenzuges, der in folgender Ordnung anhub. — Alle zwoͤlf Kammerpagen gingen voran, nackt vom Haupte bis zum Guͤrtel: einige, um ihren Eifer und ihren Schmerz zu bezeugen, zerkratzten ſich die Aerme; andere ritzten ſich Zeichen ein; und ich benutzte eine ſo ſchoͤne Gelegenheit, mein herzliches Leid, oder viel⸗ mehr die Verzweiflung, die mich ergriffen hatte, aus⸗ zudruͤcken, ich zerfleiſchte mir den Leib, und badete in meinem Blute. Uns folgten unſere Aufſeher, mit langſamem Schritt und ernſtem Anſtand; ihnen ſchlepp⸗ ten lange Rollen von Chineſiſchem Papiere nach, welche, an ihren Turbanen befeſtigt, aufgerollt her⸗ abhingen und worauf verſchiedene Spruͤche des Ko⸗ rans, und auch einige Lobgedichte auf Sélika ſchrie⸗ ben ſtanden, welche ſie mit eben ſo— 6 —— Atalmuͤlk und Selika. 235 ehrfurchtsvoller Miene abſangen. Nach ihnen erſchien die Leiche, in einem Sarge von Sandelholz, auf ei⸗ ner Trage von Elfenbein, welche zwoͤlf Maͤnner von Stande trugen; und zwanzig Prinzen, Verwandte des Schah⸗Tahmaspe, hielten jeder das Ende einer an dem Sarge befeſtigten Seidenſchnur. Alle Frauen des Palaſts kamen hinterdrein mit ſchrecklichem Ge⸗ heule; und als die Leiche an die Grabſtaͤtte gekommen war, ſchrien alle zumal:„Laylah illallah!“*) Das Uebrige der Leichenfeier ſah ich nicht, weil das Uebermaaß meines Schmerzes und der Blutver⸗ luſt mir eine lange Ohnmacht zuzogen. Einer unſe⸗ rer Aufſeher ließ mich ſchleunig in unſer Gemach bringen, wo man große Sorgfalt fuͤr mich hatte; man rieb mir den Leib mit einem heilkraͤftigen Balſam ein, ſo daß ich nach zwei Tagen meine Kraͤfte wieder hergeſtellt fuͤhlte. Aber wenig fehlte, daß das An⸗ denken der Prinzeſſinn mich wahnſinnig machte: „Ach! Selika,“ ſagte ich bei mir ſelber jeden Au⸗ genblick,„ſo alſo erfuͤllſt du das Verſprechen, wel⸗ ches du mir beim Scheiden gabſt? iſt dieß der Beweis der Zaͤrtlichkeit, welchen du mir geben wollteſt?“ *) Dieſer in Perſien bei Beerdigung der Todten übliche Aus⸗ ruf bedeutet: Es gibt keinen andern Gott als Gott!“ 236 89. 9⁰. TC a g. Ich konnte mich nicht troͤſten; und weil der Auf⸗ enthalt zu Schiras mir jetzt unertraͤglich ward, ſo verließ ich heimlich den Perſiſchen Hof, drei Tage nach Sélika's Leichenbegaͤngniſſe. Nue u umz ig ſt er Ta g. Erfuͤllt von meiner Betruͤbnis, wanderte ich die ganze Nacht hindurch, ohne zu wiſſen, wohin ich ging, noch wohin ich gehen ſollte. Als ich am Mor⸗ gen anhielt, mich auszuruhen, kam ein junger Menſch daher, der eine ſehr ungewoͤhnliche Kleidung trug; er nahte ſich mir, gruͤßte mich, und bot mir einen gruͤnen Zweig, welchen er in der Hand hielt; und nachdem er mich durch ſeine Hoͤflichkeiten gend⸗ thigt hatte, ihn anzunehmen, ſo fing er an Perſiſche Verſe herzuſagen, um mich zu bewegen, ihm Almo⸗ ſen zu geben. Da ich nichts hatte, konnte ich ihm auch nichts geben. Er waͤhnte, ich verſtuͤnde nicht die Perſiſche Sarache, und ſagte nun Arabiſche Verſe her. Als er aber ſah, daß es ihm auf dieſe Art nicht beſſer gelang, als auf jene, und ich nicht that, was er wuͤnſchte, ſo ſagte er zu mir: „Bruder, ich kann mich nicht uͤberzeugen, daß es dir an Barmherzigkeit mangele, ich glaube lieber du haſt nichts, ſie auszuuͤben.“ I —,— Atalmuͤlk und Sélika. 237 „Ihr habt's getroffen,“ antwortete ich ihm;„ſo wie ihr mich hier ſehet, habe ich auch nicht einen Asper, und ich weiß nicht, wo ich mein Haupt hinle⸗ gen ſoll.“ „Ach, du ungluͤcklicher!“ rief er aus:„in welchem klaͤglichen Zuſtande biſt du! Du erregſt mein Mitleid, ich will dir helfen.“ Ich war ſehr uͤberraſcht einen Menſchen ſo reden zu hoͤren, der mich eben um Almoſen angeſprochen hatte, und ich glaubte, die Huͤlfe, welche er mir anbot, beſtuͤnde in nichts anderm, als in Gebeten und Wuͤnſchen, als er in ſeiner Rede fortfuhr, und agte: hat dg bin einer von jenen guten Knaben, welche man Fakire) nennt: obwohl wir von Almoſen *) Die Fakire bekennen ſich zu einem ſtrengen Leben; aber die meiſten ſind Heuchler: ſie wandern von Land zu Land auf Abenteuer umher, und ſind wahre Landſtreicher. Hier iſt ihr Bildnis: ſie haben kein ander Kleid, als ein Hemde, das ihnen bis unter die Knie geht, und das unten einen Beſatz hat; es iſt oben offen bis zum Nabel, und hat keine Aermel; zwei Knoten halten es über beiden Schultern zu⸗ ſammen. Dieſes Hemde heißt Kafen, das bedeutet Schweißtuch. Ihre Aerme ſind alſo nackt, ſo wie ihre Beine, an welchen ſie Sandalen tragen, Nalén genannt. Auf dem gewöhnlich geſchorenen Kopfe tragen ſie eine kleine Mütze von gelber geſtickter Leinwand, mit einem Knopf oben. Ihr Gürtel iſt von Löwenklauen, und daran ſind 238 leben, ſo leben wir darum nicht minder im Ueber⸗ fluſſe, weil wir durch einen Anſchein von Reue und Buße, den wir uns geben, das Mitleid der Leute zu erregen wiſſen. Zwar gibt es Fakire, welche einfaͤltig genug ſind, ſo zu ſein wie ſie ſcheinen, die ein ſtren⸗ ges Leben fuͤhren, und manchmal zehn Tage lang nicht die geringſte Nahrung zu ſich nehmen. Wir aber ſind ein wenig nachgiebiger, als jene; wir muͤhen uns nicht, ihre Tugenden ſelbſt zu haben, wir behalten bloß den Anſchein davon. Willſt du einer unſerer Mitbruͤder werden? Ich gehe zu zwei anderen nach Boſt; c) haſt du Luſt, den vierten Mann zu machen, ſo darfſt du mir nur folgen.“ drei Dinge befeſtigt: Sichtſché⸗kard, oder ein langes Meſſer; ein Büffelhorn, wie das der Franzöſiſchen Kuh⸗ hirten; und endlich ein Strick an deſſen Ende eine dicke Schelle hängt, welche ſie klingen laßen, und dabei ausru⸗ fen:„La Jlach Illailah Hindi fagir ullah!“ das heißt:„es iſt kein andrer Gott, als Gott; der Indier iſt der Arme Gottes!“ Dieſe Schelle heißt Senge Hay⸗ deri. Senge bedeutet Klingel, und Hayder iſt der Name ihres Stifters Schék Hayder. Ueberdieß führen ſie in der Hand eine Pike, welche oben mit Bändern ge⸗ ſchmückt iſt, wie jene der Pilger von St. Michael. *) Oder Buſt, Stadt im Segeſtan, 14 Tagereiſen von Gasna. H. * Atalmuͤlk und Sélika. 239 „Da ich eurer Andachtsuͤbungen nicht kundig bin,“ antwortete ich,„ſo fuͤrchte ich mich derſelben ſchlecht zu entledigen.“ „Du ſpotteſt,“ unterbrach er mich,„mit deinen „Uebungen“; ich wiederhole es dir noch einmal, wir ſind keine ſtrenge Fakire; mit Einem Worte, wir ha⸗ ben nichts als das Kleid von ihnen.“ Obgleich dieſer Fakir durch ſeine Reden mir genug⸗ ſam zu erkennen gab, daß er und ſeine beiden Mit⸗ bruͤder drei Landſtreicher waren, ſo ſchlug ich es doch nicht aus, mich zu ihnen zu geſellen. Außerdem daß ich mich in einer elenden Lage befand, hatte ich auch unter den Pagen nicht gelernt, bei meinen Verbin⸗ dungen bedenklich zu ſein. So bald ich dem Fakir geſagt hatte, daß ich ſeinen Antrag annaͤhme, fuͤhrte er mich nach Boſt, indem er mich unterweges mit Datteln, Reis und anderen Vorraͤthen verſorgte, welche man ihm in den Flecken und Doͤrfern gab, durch welche wir kamen. Sobald man ſeine Schelle und ſein Geſchrei vernahm, liefen die guten Muſelmaͤnner mit Lebensmitteln herbei und beluden ihn damit. Wir erreichten auf dieſe Weiſe die Stadt Boſt, und gingen in ein kleines Haus der Vorſtadt, wo die beiden anderen Fakire wohnten. Sie empfingen uns mit offenen Armen und waren erfreut uͤber den Ent⸗ ſchluß, den ich gefaßt hatte, mit ihnen zu leben. 240 9⁰. C K g. Sie hatten mich bald in ihre Myſterien eingeweihet, das heißt ſie unterwieſen mich in allen ihren Grimaſſen. Als ich in der Kunſt, das Volk zu betruͤgen, hinlaͤng⸗ lich unterrichtet war, kleideten ſie mich, wie ſie ge⸗ kleidet waren, und noͤthigten mich, in die Stadt zu gehen, und anſtaͤndigen Leuten Blumen oder Zweige darzubieten und dabei Verſe herzuſagen. So kam ich alle Tage mit einigen Geldſtuͤcken nach Hauſe, welche dazu dienten, uns guͤtlich zu thun. Ich war zu jung, und liebte von Natur zu ſehr das Vergnuͤgen, um dem doͤoſen Beiſpiele welches dieſe Fakire mir gaben, widerſtehen zu koͤnnen. Ich ſtuͤrzte mich in Ausſchweifungen aller Art, und verlor dadurch unvermerkt das Andenken der Prinzeſſinn von Perſien. Nicht, daß ſie ſich nicht manchmal noch meinem Geiſte darſtellte und mir Seufzer entlockte: aber anſtatt dieſe ſchwachen Nachwehen des Schmerzes zu naͤhren, ſparte ich vielmehr nichts, ſie zu vertilgen, und ich ſagte oft zu mir ſelber: —„Warum noch an Sélika denken, da Sélika nicht mehr iſt? Wenn ich ſie auch mein lebelang beweinete, was wuͤrden meine Thraͤnen ihr frommen?“ Atalmuͤlk und Sslika. 241 Ein und neunzigſter Tag. Ich verlebte faſt zwei Jahre mit den Fakiren, und ich waͤre noch laͤnger bei ihnen geblieben, wenn nicht derjenige, der mich ihnen zugefuͤhrt hatte, und den ich mehr als die anderen liebte, mir den Vorſchlag gemacht haͤtte zu reiſen. „Haßan,“ ſprach er eines Tages zu mir,„ich fange an, mich in dieſer Stadt zu langweilen; ich kriege Luſt, wieder die Laͤnder zu durchſtreichen. Ich habe von den Wundern der Stadt Kandahar gehoͤrt: willſt du mich dahin begleiten, ſo wollen wir ſehen, ob man mir die Wahrheit davon berichtet hat.“ Ich willigte ein, getrieben von der Neugierde, neue Laͤnder zu ſehen, oder, beſſer zu ſagen, fortgezo⸗ gen von jener uͤbermaͤchtigen Gewalt, welche uns noͤ⸗ thigt, ſo und nicht anders zu handeln. Wir reiſten alſo beide aus Boſt ab; und nachdem wir mehrere Staͤdte im Ségeſtan durchwandert hat⸗ ten, ohne uns darin aufzuhalten, erreichten wir die ſchoͤne Stadt Kandahar, welche wir mit ſtarken Mau⸗ ern umringt ſahen. Wir nahmen unſere Herberge in einer Karavanſerei, wo man uns ſehr mildthaͤtig auf⸗ nahm, in Ruͤckſicht auf die Kleidung, welche wir trugen, und welche in der That das Empfehlenswer⸗ theſte war, ſo wir an uns hatten. II. 16 242 91. Tag. Wir fanden alle Einwohner der Stadt in großer Bewegung, weil man am naͤchſten Tage das Guilus⸗ Feſt) feiern wollte. Wir vernahmen, das man am Hofe nicht minder beſchaͤftigt waͤre, weil alle Welt ihren Eifer fuͤr den Koͤnig Firus⸗Schah kund ge⸗ ben wollte, der ſich durch ſeine Gerechtigkeit bei allen Guten beliebt, und noch furchtbarer bei allen Boͤſen machte, durch die Strenge, mit welcher er ſie be⸗ handelte. Da die Fakire uͤberall aus⸗ und eingehen, ohne daß jemand ſie hindern mag, ſo gingen wir den folgenden Tag an den Hof, das Feſt zu ſehen, welches eben nichts Reizendes hatte fuͤr jemand, der das Guillus⸗ feſt der Koͤnige von Perſien geſehen. Waͤhrend wir aufmerkſam alles beſchauten, was vorging, fuͤhlte ich mich beim Arme gezupft. Alsbald drehte ich den Kopf hin, und erblickte neben mir den Verſchnittenen, welcher in dem Palaſte des Schahs Tahmaspe mir jenen Brief von Kalé⸗Kairi, oder vielmehr von Séllika gegeben hatte. „Herr Haßan,“ ſagte er zu mir,„ich habe euch gleich erkannt, ungeachtet der ſeltſamen Kleidung, welche euch bedeckt. Aber obwohl mich duͤnkt, daß ich mich nicht taͤuſche, ſo weiß ich doch nicht, ob ich *) So heißt das jährlich an demſelben Tage gefeierte Krö⸗ nungsfeſt. 4 Atalmuͤlkund Sélika. 245 meinen Augen traen darf. Iſt es moͤglich, daß ich euch hier antreffe?²⸗ „Und ihr,“ antwortete ich ihm,„wus macht ihr in Kandahar? Warum habt ihr den Perſiſchen Hof verlaßen? Sollte der Tod der Prinzeſſinn Sélika euch davon entfernt haben, ſo wie mich?“ „Das kann ich euch gegenwaͤrtig nicht ſagen,“ er⸗ wiederte er:„aber ich will vollſtaͤndig eure Neugierde befriedigen, wenn ihr euch morgen zu derſelben Stunde allein hier wieder einfinden wollt. Ich werde euch Dinge erzaͤhlen, die euch in Erſtaunen ſetzen; ſo viel kann ich euch zum voraus ſagen, daß ſie euch be⸗ treffen.“ Ich verſprach ihm, mich am folgenden Tage allein an demſelben Ort einzuſtellen, und ich unterließ nicht, mein Verſprechen zu halten. Der Verſchnittene er⸗ ſchien auch, er kam auf mich zu, und ſagte zu mir: „Laßt uns aus dem Palaſte gehen, und einen Ort ſuchen, wo wir uns bequemer beſprechen koͤnnen.“ Wir gingen nach der Stadt, durchſchritten meh⸗ rere Straßen, und blieben endlich vor einem großen Hauſe ſtehen, deſſen Schluͤſſel er hatte. Wir traten hinein. Ich erblickte mit ſchoͤnem Geraͤthe verſehene Zimmer, ſaubere Fußteppiche, reiche Sopha's, und ſchaute in einen ſorgfaͤltig gepflegten Garten, in deſ⸗ ſen Mitte ein Becken voll des reinſten Waſſers mit Jaspismarmor eingefaßt war. 24½ 91. Tag. „Herr Haßan,“ fragte mich der Verſchnittene, „findet ihr dieſes Haus annehmlich?“ 1„Sehr annehmlich,“ antwortete ich ihm. „Das freut mich,“ fuhr er fort;„denn ich habe es fuͤr euch gemiethet, ſo wie ihr es da ſehet. Ihr beduͤrft noch einiger Sklaven, zur Bedienung: ich gehe hin, euch welche zu kaufen, waͤhrend ihr euch badet.“ Indem er dieß ſagte, fuͤhrte er mich in ein Ge⸗ mach, wo ein Bad bereit ſtand. „Ich beſchwoͤre dich,“ ſagte ich zu ihm,„erklaͤre mir, warum du mich hieher gefuͤhrt, und was das fuͤr Dinge ſind, welche du mir zu ſagen haſt.“ „Ihr werdet ſie erfahren,“ verſetzte er,„zur ge⸗ hoͤrigen Zeit und Statt. Gegenwaͤrtig genuͤge es euch, zu wiſſen, daß ſich, ſeitdem ich euch angetrof⸗ fen habe, euer Schickſal ſehr veraͤndert hat, und daß ich Befehl habe, ſo mit euch zu verfahren, wie ich thue.“ Zu gleicher Zeit half er, mich entkleiden; was bald geſchehen war. Ich ſtieg ins Bad, und der Verſchnittene ging weg, nachdem er mich gebeten hatte, nicht ungeduldig zu werden. Dieſes Geheimnis, das man mir vorenthielt, gab mir viel zu denken; aber ich mochte meinen Geiſt noch ſo viel anſtrengen, es zu durchdringen, ich muͤhte mich vergeblich. Atalmuͤlk und Slika. 245 Schapur ließ mich ſehr lange im Waſſer, und mir begann ſchon die Geduld auszugehen, als er zu⸗ rückkam, in Begleitung von vier Sklaven, deren zwei Waͤſche und Kleider, und die anderen allerlei Mund⸗ vorrath trugen. „Ich bitte um Verzeihung Herr,“ ſagte er zu mir;„es thut mir Leid, daß ich euch ſo lange habe warten laßen.“ Alsbald legten die Sklaven ihre Packete auf die Sopha's, und beeiferten ſich, mich zu bedienen. Sie rieben mich mit feiner neuer Waͤſche; dann legten ſie mir ein reiches Unterkleid an, daruͤber einen praͤchti⸗ gen Rock und einen Turban. „Wo ſoll dieß alles hinaus?“ ſagte ich bei mir ſelber.„Auf weſſen Befehl behandelt mich dieſer Ver⸗ ſchnittene auf ſolche Weiſe?“ Ich konnte meine Ungeduld, hieruͤber aufgeklaͤrt zu werden, nicht mehr maͤßigen. Zwei und neunzigſter Tag. Schapur bemerkte es wohl, und ſagte zu mir: „Es thut mir Leid, daß ich euch ſo ein Raub eu⸗ rer Ungeduld ſehe, aber ich kann euch nicht helfen. Waͤre es mir nicht ausdruͤcklich verboten, zu reden, und wenn ich auch mit Verletzung meiner Pflicht euch 246 92. Ta g. alles mittheilte, was ich euch verberge, ſo wuͤrde ich euch dadurch doch nicht ruhiger machen: andere, noch heftigere Begierden wuͤrden denen folgen, die euch jetzo draͤngen. Ihr werdet nicht eher als dieſe Nacht vernehmen, was ihr zu wiſſen wuͤnſchet.“ G Obwohl ich aus den Reden des Sklaven nur gute Vorbedeutung ziehen konnte, ſo war ich doch nicht minder den ganzen uͤbrigen Tag in einer peinlichen Lage. Ich glaube, die Erwartung eines Uebels gibt nicht ſo viel zu leiden, als die eines großen Ver⸗ gnuͤgens. Indeſſen kam endlich die Nacht, uͤberall wurden die Wachslichter angezuͤndet, und man ſorgte beſonders dafuͤr, das ſchoͤnſte Zimmer des Hauſes recht hell zu erleuchten. In dieſem war ich mit Schapur, der, meie Ungeduld zu ſtillen, alle Augenblicke zu mir agte: „Man koͤmmt ſogleich; nur noch ein klein wenig Geduld.“ Endlich hoͤrten wir an die Thuͤre klopfen; der Verſchnittene ging ſelber hin, zu oͤffnen, und trat mit einer Frau herein, welche nicht ſo bald ihren Schleier aufgehoben hatte, als ich ſie fuͤr Kalé⸗Kairi erkannte. Meine Ueberraſchung bei dieſem Anblicke war ungemein; denn ich glaubte dieſes Fraͤulein zu Schiras. Atalmuͤlk und Sélika. 247 „Herr Haßan,“ ſagte ſie zu mir,„wie erſtaunt ihr auch ſeid, mich hier zu ſehen, ihr werdet es noch bald mehr ſein, wenn ihr hoͤret, was ich euch zu er⸗ zaͤhlen habe.“ Bei dieſen Worten gingen Schapur und die beiden Sklaven hinaus und ließen mich mit Kalé⸗Kairi al⸗ lein. Wir ſetzten uns zuſammen auf einen Sopha, und ſie begann folgendermaßen: „Ihr erinnert euch wohl, Herr Haßan, jener Nacht, welche Sélika erwaͤhlte, ſich euch zu entdecken, und das Verſprechen, welches ſie euch beim Abſchiede gab, wird noch nicht aus eurem Gedaͤchtniſſe gekom⸗ men ſein. Am folgenden Morgen, fragte ich ſie, was fuͤr einen Entſchluß ſie gefaßt haͤtte, und wel⸗ chen Beweis der Zaͤrtlichkeit ſie euch zu geben gedaͤchte. Sie antwortete mir, ſie wollte euch gluͤcklich machen, und haͤufig mit euch geheime Zuſammenkuͤnfte haben, welche Gefahr auch dabei waͤre. Ich laͤugne euch nicht, daß ich mich gegen ihre Geſinnungen auf⸗ lehnte und nichts ſparte, um ſie zu ſchwaͤchen. Ich ſtellte ihr vor, daß es ein ausſchweifender Gedanke fuͤr eine Prinzeſſinn ihres Ranges waͤre, an euch zu den⸗ ken, und ſich fuͤr einen Pagen in Lebensgefahr zu ſetzen; mit Einem Worte, ich bekaͤmpfte ihre Liebe aus allen meinen Kraͤften, und ihr muͤßt es mir ver⸗ zeihen, weil alle meine Vernunftgruͤnde nur dazu Atalmuͤlk und Sélika. 249 „So will ich denn,“ ſagte ich zu ihr,„eurer Neigung nachgeben, weil es vergeblich iſt, ſie zu be⸗ kaͤmpfen. Ich kenne ein Kraut, welches eine wun⸗ derbare Eigenſchaft hat: wenn ihr davon nur ein Blatt ins Ohr ſteckt, ſo fallet ihr eine Stunde dar⸗ nach in eine Schlafſucht; man haͤlt euch fuͤr todt; man feiert euer Leichenbegaͤngnis: und in der Nacht laße ich euch wieder aus dem Grabe ſteigen.“ Bei dieſen Worten unterbrach ich Kalé⸗Kairi und rief aus: „O Himmel!l waͤre es moͤglich, daß die Prinzeſſinn Sélika noch lebte? Was iſt aus ihr geworden?“ „Herr,“ antwortete Kalé⸗Kairi,„ſie lebt noch: aber ich bitte euch, mich anzuhoͤren, ihr ſollt alles vernehmen, was ihr zu wiſſen wuͤnſchet.— Meine Gebieterinn,“ fuhr ſie fort,„umarmte mich vor Freu⸗ den, ſo ſinnreich erſchien ihr dieſer Anſchlag: aber da ſie ſich bald vorſtellte, wie ſchwer er auszufuͤhren waͤre, wegen der gebraͤuchlichen Leichenfeierlichkeiten, ſo aͤußerte ſie mir ihr Bedenken dabei. Ich hub alle dieſe Schwierigkeiten, und hoͤret, auf welche Weiſe, wir dieſe große Unternehmung ausfuͤhrten. Sélika beklagte ſich uͤber Kopfſchmerz, und legte ſich nieder. Am naͤchſten Morgen verbreitete ich das Geruͤcht, daß ſie gefaͤhrlich krank waͤre; der Arzt des Koͤnigs kam, ließ ſich taͤuſchen, und verordnete Mit⸗ tel, welche nicht eingenommen wurden. In den fol⸗ 250 92. Tag. genden Tagen nahm die Krankheit zu, und als ich es fuͤr Zeit hielt, die Prinzeſſinn verſcheiden zu laßen, ſteckte ich ihr ein Blatt des bewußten Krautes ins Ohr. Sogleich lief ich zum Schah Tahmaspe und blicke zu leben haͤtte und ihn zu ſprechen wuͤnſchte. Er begab ſich ſchleunig zu ihr; und als er ſah, daß, durch Wirkung des Krautes, ihr Geſicht ſich von Augenblick zu Augenblick veraͤnderte, ſo ward er weh⸗ muͤthig und fing an zu weinen. „Mein Vater,“ ſagte jetzt ſeine Tochter,„ich be⸗ ſchwoͤre euch bei der Zaͤrtlichkeit, welche ihr ſtaͤts fuͤr mich gehegt habt, befehlet, daß mein letzter Wille genau erfuͤllt werde: ich will daß nach meinem Tode keine andre Frau als Kalé⸗Kairi meine Leiche waſche, noch ihn mit Wohlgeruͤchen einreibe; ich wuͤnſche, daß die uͤbrigen Sklavinnen nicht dieſe Ehre mit ihr thei⸗ len. Ferner, verlange ich, daß ſie allein mich die erſte Nacht bewache, und daß niemand als ſie mein Grab mit ihren Thraͤnen benetze; ich will, daß dieſe treue Sklavinn es ſei, welche den Propheten bitte, mich gegen die Angriffe der boͤſen Engel zu be⸗ ſchirmen.“**) *) Die Muſelmänner glauben, daß gleich nach dem Tode zwei Teufel, genannt Münkir und Nekir, beide ſchwarz und grimmig, der eine mit einer dicken Eiſenkeule, der andre verkuͤndigte ihm, daß Sélika nur noch wenige Augen⸗ Atalmuͤlk und Sélika. 251 Drei und neunzigſter Tag. Schah⸗Tahmaspe verſprach ſeiner Tochter, ich ſollte ihr dieſe traurigen Pflichten erweiſen, ſo wie ſie es verlangte. „Das iſt noch nicht alles, mein Vater,“ fuhr ſie fort:„ich bitte euch auch, daß Kalé⸗Kairi, ſobald ich nicht mehr bin, frei ſei; und mit ihrer Frei⸗ heit gebet ihr Geſchenke, wie ſie euer und der mit einem langen glühenden Erzhaken bewaffnet, mit dro⸗ hender Gebärde dem Geſtorbenen erſcheinen, ihm gebieten, das Haupt aufzurichten und auf die Knie zu fallen, und ſie für ſeine Seele um Gnade zu bitten; das thut der Todte, er belebt ſich wieder, und gibt Rechenſchaft von ſeinen Handlungen: hat er Mahomet ſtäts verehrt, ſo ent⸗ fernen ſich die beiden Peinengel voll Schaam und Verwir⸗ rung, und machen zwei guten Engeln in weißſeidenen Klei⸗ dern Platz, welche ihn tröſten. Hat er aber nicht getreu⸗ lich die Lehren des Korans befolgt, ſo verlaßen Münkir und Nekir ihn nicht, ſondern üben mit Luſt ihre teufliſche Wuth an ihm aus: der eine ſchmettert ihn mit einem Keu⸗ lenſchlag auf den Kopf zehn Klafter tief in die Erde, und der andre zieht ihn ſogleich wieder mit ſeinem Haken her⸗ aus; auf ſolche Weiſe peinigen ſie ihn, bis es Mahomet beliebt, eine allgemeine Verſammlung aller Bekenner ſei⸗ nes Glaubens zu halten. Durch dieſe Verſammlung rettet er ſie alle; denn er hat es ihnen in einer Stelle des Ko⸗ rans verſprochen. 25² 93. Dag. Anhaͤnglichkeit, welche ſie ſtaͤts fuͤr mich gehabt hat, wuͤrdig ſind.“ „Meine Tochter,“ antwortete ihr Schah⸗Tahmaspe, „ſei ganz ruhig uͤber alle dieſe Dinge, welche du mir ans Herz legeſt: ſollte ich das Ungluͤck haben, dich zu verlieren, ſo ſchwoͤre ich, deine Lieblingsſklavinn ſoll, mit Geſchenken ausgeſtattet hingehen, wo es ihr beliebt.“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als das Kraut ſeine volle Wirkung hervorbrachte: Sélika ver⸗ lor die Beſinnung, und ihr Vater, der ſie fuͤr todt hielt, ging ganz in Thraͤnen wieder in ſein Zimmer. Er befahl, ich allein ſollte ihre Leiche waſchen und mit Wohlgeruͤchen einreiben. Das that ich denn auch; ſodann ſchleierte ich ſie in ein weißes Tuch, und legte ſie in den Sarg. Hierauf brachte man ſie nach der Grabſtaͤtte, wo man mich, auf Befehl des Koͤnigs, allein bei ihr ließ. Ich ſchaute uͤberall umher, ob nicht etwa jemand ſich verſteckt haͤtte, mich zu belau⸗ ſchen; und als ich niemand bemerkte, erweckte ich meine Gebieterinn aus dem Todesſchlaf, und zog ſie aus dem Sarge. Ich legte ihr ein Kleid und einen Schleier an, die ich unter dem meinen verborgen hatte, und ſo begaben wir uns beide an einen Ort, wo Schapur uns erwartete. Dieſer treue Verſchnit⸗ tene fuͤhrte die Prinzeſſinn in ein kleines Haus, wel⸗ ches er gemiethet hatte, und ich ging wieder nach Atalmülk und Selika. 253 dem Grabe, dort die uͤbrige Nacht zu bleiben; ich machte aus Zeug ein Buͤndel in Geſtalt einer Leiche, huͤllte es in das Tuch, worin Sélika eingeſchleiert geweſen war, und verſchloß es in dem Sarge. Am Morgen kamen andere Sklavinnen der Prin⸗ zeſſinn, meine Stelle einzunehmen, welche ich nicht verließ, ohne zuvor alle Gebaͤrden zu machen, welche gewoͤhnlich den Schmerz begleiten. Man berichtete dem Koͤnige, welche Ausdruͤcke der Betruͤbnis man von mir geſehen hatte; und dieß wuͤrde ihn ſchon be⸗ wogen haben, mich zu beſchenken, wenn er auch nicht dazu beſtimmt geweſen waͤre: er ließ mir aus ſeinem Schatze zehntauſend Zeckienen auszahlen, und bewil⸗ ligte mir die Erlaubnis, um welche ich ihn bat, mich anderswohin zu begeben und den Verſchnittenen Schapur mit mir zu nehmen. Hierauf ging ich zu meiner Gebieterinn, um mich mit ihr uͤber den gluͤck⸗ lichen Erfolg unſers Anſchlages zu freuen. Am folgenden Tage ſchickten wir den Verſchnitte⸗ nen, mit einem Schreiben, worin ich euch zu mir einlud, nach den Zimmern des Koͤnigs; aber einer von euren Suluͤfli's ſagte ihm, ihr waͤret unpaͤßlich, und nicht zu ſprechen. Drei Tage darnach, ſchickten wir ihn wieder hin, und da vernahm er, ihr waͤret nicht mehr im Palaſt, und man wuͤßte nicht, was aus euch geworden waͤre.“ 254 93. Dag. An dieſer Stelle unterbrach ich Kalé⸗Kairi und ſägte zu ihr: „Ei, warum habt ihr mir von euerm Vorhaben nicht einen Wink gegeben? warum habt ihr mich nicht durch Schapur davon unterrichtet? Ach, wie viel Leiden wuͤrde ein Wort mir erſpart haben!“ „Ach, wollte der Himmel,“ unterbrach mich wie⸗ derum Kalé⸗Kairi,„daß man euch kein Geheimnis davon gemacht haͤtte! Selika wuͤrde dann in irgend einem Winkel der Erde mit euch leben; und es hat nicht an mir gelegen, daß ihr nicht beide mit einan⸗ der gluͤcklich geworden ſeid. Kaum hatten wir unſern Entwurf gemacht, als ich der Meinung war, ihn 8 mitzutheilen; aber meine Gebieterinn wollte es nicht: „Nein, nein,“ ſagte ſie zu mir,„man muß ihn meinen Verluſt empfinden laßen; deſto groͤßer wird ſeine Freude ſein, mich wiederzuſehen; und ſeine Ueber⸗ raſchung wird um ſo angenehmer ſein, nachdem mein vermeinter Tod ihm ſchweres Herzeleid verurſacht hat.“ Ich konnte dieſe Verfeinerung der Zaͤrtlichkeit nicht nach meinem Geſchmack finden, wie wenn ich die trau⸗ rigen Folgen davon geahnt haͤtte; auch hat Sélika ſelber es ſehr bereuet. Ich kann euch nicht ausdruͤk⸗ ken, wie betruͤbt ſie uͤber euer Verſchwinden war. „Ach, ich Ungluͤckliche!“ rief ſie unablaͤßig aus, „was hilft es mir nun, der Liebe alles aufgeopfert Atalmuͤlk und Slika. 255 zu habem, wenn ich fuͤr immer auf Haßan verzichten muß?“ Wir ließen euch in der ganzen Stadt ſuchen; Schapur vernachlaͤßigte nichts, euch zu finden; und als wir endlich die Hoffnung dazu verloren hatten, verließen wir Schiras, und nahmen unſern Weg nach dem Indus zu, weil wir uns einbildeten ihr wuͤrdet nach dieſer Seite hin gewandert ſein. Wir hielten uns in allen Staͤdten am Ufer dieſes Fluſſes auf, und ſtellten nach euch eben ſo genaue, als eitle Nachfor⸗ ſchungen an. Eines Tages uͤberfiel uns auf dem Wege von ei⸗ ner Stadt zur andern, obwohl wir mit einer Kara⸗ vane reiſten, eine ſtarke Raͤuberbande, erſchlug die Kaufleute, und pluͤnderte ihre Waaren; ſie bemaͤchtig⸗ ten ſich unſer, nahmen uns all unſer Gold und Edelgeſtein ab, fuͤhrten uns nach Kandahar, und ver⸗ kauften uns an einen Sklavenhaͤndler, den ſie kannten. Dieſer Kaufmann hatte nicht ſo bald Sélika in ſeinen Haͤnden, als er beſchloß, ſie dem Koͤnige von Kandahar anzubieten. Firus⸗Schah war von ihr be⸗ zaubert, ſo bald ſie ſich ſeinen Augen darſtellte. Er fragte ſie, wo ſie her waͤre; ſie ſagte ihm, Ormus waͤre ihr Gebutsort, und beantwortete nicht mit mehr Aufrichtigkeit die uͤbrigen Fragen, welche der Fuͤrſt an ſie that. Kurz, er kaufte uns, ſperrte uns in 286 93. 94. TC a g. ſeinen Frauenpalaſt, und gab uns darin die ſchoͤnſte Wohnung.“ Vier und neunzigſter Tag. An dieſer Stelle hielt Kalé⸗Kairi inne, oder viel⸗ mehr ich unterbrach ſie, und rief aus: „O Himmel, ſoll ich mich freuen, Sélika wieder⸗ zuſehen? Aber was ſage ich? heißt das, ſie wieder⸗ finden, wenn ich vernehme, daß ein maͤchtiger Koͤnig ſie in ſeinem Harem verſperrt haͤlt? Wenn ſie, wi⸗ derſetzlich gegen die Liebe Firus⸗Schachs nur jammer⸗ volle Tage hinſchleppt, welch ein Schmerz fuͤr mich, ſie ſo leiden zu ſehen! Und wenn ſie mit ihrem Looſe zufrieden iſt, kann ich es mit dem meinigen ſeind“ „Ich bin erfreut,“ ſagte Kalé⸗Kairi,„daß ihr ſolches Zartgefuͤhl habt; die Prinzeſſinn verdient es wohl: obwohl leidenſchaftlich geliebt von dem Koͤnige von Kandahar, hat ſie euer doch nicht vergeſſen koͤn⸗ nen, und niemals hat jemand ſo viel Freude empfun⸗ den, als ſie geſtern hatte, da Schapur ihr ſagte, daß er euch getroffen haͤtte. Sie war den ganzen uͤbrigen Tag außer ſich; ſie trug ſogleich dem Ver⸗ ſchnittenen auf, ein vollſtaͤndig verſehenes Haus zu miethen, euch heute dahin zu fuͤhren, und es euch an nichts mangeln zu laßen. Ich bin nun in ihrem Atalmuͤlk und Sélika. 23⁷ Namen gekommen euch uͤber alles aufzuklaͤren, wie ich gethan habe, und euch darauf vorzubereiten, daß ihr ſie morgen Nacht ſehen ſollt: wir werden den Palaſt verlaßen, und durch eine kleine Gartenthuͤre, zu wel⸗ cher wir uns noͤthigenfalls einen Schluͤſſel haben ma⸗ chen laßen, hieher kommen.“ Mit dieſen Worten ſtand die Lieblingsſklavinn der Prinzeſſinn von Perſien auf, und kehrte, in Beglei⸗ tung Schapurs, zu ihrer Gebieterinn zuruͤck. Ich that dieſe ganze Nacht hindurch nichts anderes, als an Sélika denken, fuͤr welche ich meine ganze Liebe wieder entbrannt fuͤhlte. Der Schlaf konnte kei⸗ nen Augenblick meine Augen ſchließen, und der folgende Tag duͤnkte mir ein Jahrhundert lang. Endlich, nachdem ich ein Raub der lebhafteſten Un⸗ geduld geweſen war, hoͤrte ich an meine Hausthuͤre pochen. Meine Sklaven eilten hin, zu oͤffnen, und bald ſah ich meine Prinzeſſinn ins Zimmer treten! Welche Bewegung, welche Wonne, welch Entzuͤk⸗ ken erregte mir nicht ihre Gegenwart! Und ſie, welche Freude empfand ſie nicht, mich wiederzuſehen! Ich warf mich ihr zu Fuͤßen, ich hielt ſie lange feſt um⸗ klammert, ohne ſprechen zu koͤnnen. Sie noͤthigte mich aufzuſtehen, und nachdem ſie mich neben ihr auf ein Sopha ſitzen laßen, ſprach ſie zu mir: . II. 17 258 94. TC a g. „Haßan, ich ſage dem Himmel Dank, daß er uns wieder vereinigt hat; laßt uns hoffen, daß ſeine Guͤte nicht dabei ſtehen bleiben, ſondern auch das neue Hinderniß wegraͤumen wird, welches uns abhaͤlt, ſtaͤts beiſammen zu ſein. In Erwartung einer ſo gluͤckſeligen Zeit, koͤnnt ihr hier ruhig und im Ueber⸗ fluſſe leben. Haben wir auch nicht das Vergnuͤgen, uns nach Gefallen zu ſprechen, ſo haben wir doch wenigſtens den Troſt, uns taͤglich von einander Nach⸗ richt zu geben, und uns manchmal heimlich zu ſehen. — Kalé⸗Kairi,“ fuhr ſie fort,„hat euch meine Abenteuer erzaͤhlt: nun erzaͤhlet ihr mir auch die eu⸗ rigen.“ Ich ſchilderte ihr den Schmerz, welchen ihr vermein⸗ ter Tod mir erregt hatte, und ſagte ihr, wie ich dar⸗ uͤber ein ſo tiefes Herzeleid empfunden, daß ich ein Fakir geworden waͤre. „Ach! mein lieber Haßan,“ rief Sélika aus, „mußtet ihr, aus Liebe zu mir, ſo lange mit ſo ſtrengen Leuten leben? Wehe mir! meinetwegen habt ihr ſo viel erlitten.“ Wenn ſie gewußt haͤtte, welches Leben ich unter jenem frommen Kleide gefuͤhrt, ſie wuͤrde mich etwas weniger beklagt haben; aber ich huͤtete mich wohl, ſie davon zu unterrichten, und war nur darauf be⸗ dacht, ihr meine Leidenſchaft auszudruͤcken. Atalmulk und Sélika. 259 Mit welcher Schnelligkeit verfloſſen die Augenblicke unſerer Unterhaltung! Obwohl ſie drei Stunden ge⸗ waͤhrt hatte, dennoch aͤrgerten wir uns uͤber Schapur und Kalé⸗Kairi, als ſie uns daran mahnten, daß wir uns trennen muͤßten. „Ach! wie beſchwerlich ſind doch die Leute die nicht lieben!“ ſagten wir zu ihnen.„Wir ſind kaum erſt einen Augenblick beiſammen. Laßt uns in Ruhe.“ Gleichwohl wuͤrde uns, wenn wir unſre Unterhal⸗ tung noch etwas verlaͤngert haͤtten, der Tag uͤberraſcht haben; denn er brach bald darauf an, als die Prinzeſ⸗ ſinn ſich entfernt hatte. Ungeachtet der angenehmen Gedanken, welche mich beſchaͤftigten, unterließ ich doch nicht, mich des Fa⸗ kirs zu erinnern, mit welchem ich nach Kandahar ge⸗ kommen war; und da ich mir die Unruhe vorſtellte, in welcher er ſein muͤßte, weil er nicht wußte, was aus mir geworden waͤre, ſo ging ich aus, ihn auf⸗ zuſuchen.. Ich begegnete ihm zufaͤllig auf der Straße; wir umarmten uns, und ich ſagte ihm: „Lieber Freund, ich wollte nach deiner Karavan⸗ ſerei gehen, um dir zu ſagen, was mir begegnet iſt, um dich meinetwegen zu beruhigen. Ich habe dir ohne Zweifel ſchon Beſorgnis verurſacht.“ „Ja,“ antwortete er,„ich war deinetwegen ſehr beſorgt. Aber welche Veraͤnderung! in welcher Tracht 260 94. Tag. erſcheinſt du vor meinen Augen? Du ſiehſt aus, als wenn du dein Gluͤck gemacht haͤtteſt; und waͤhrend ich um dein Schickſal bekuͤmmert war, haſt du, wie ich ſehe, dir angenehm die Zeit vertrieben.“ „Ich laͤugne es nicht, mein theurer Freund,“ er⸗ wiederte ich;„ja ich geſtehe dir, daß ich noch tau⸗ ſendmal gluͤcklicher bin, als du dir einbilden magſt. Du ſollſt Zeuge meines Gluͤckes ſein, und ſelber daran Theil nehmen. Laß deine Karavanſerei, wo ſie iſt, und komm und wohne bei mir.“ Indem ich dieß ſagte, fuͤhrte ich ihn nach meinem Hauſe, und zeigte ihm alle Gemaͤcher deſſelben. Er fand ſie und das Geraͤth darin ſehr ſchoͤn, und jeden Augenblick rief er aus: „O Himmel! was hat doch Haßan mehr gethan, als andere Leute, daß er verdiente, von dir mit ſo viel Guͤtern uͤberſchuͤttet zu werden?“ „Wie denn, Fakir,“ fragte ich ihn,„ſollteſt du meinen gegenwaͤrtigen Zuſtand mit Verdruß anſehen? mich duͤnkt mein Gluͤck betruͤbt dich.“ „Nein, nein,“ antwortete er,„im Gegentheil, ich habe große Freude daruͤber. Weit entfernt, die Wohlfahrt meiner Freunde zu beneiden, bin ich viel⸗ mehr erfreut, ſie in ſo bluͤhenden Umſtaͤnden zu ſehen.“ Indem er ſo ſprach druͤckte er mich feſt in ſeine Arme, um mich deſto mehr zu uͤberzeugen, daß er es herzlich meinte. Atalmuͤlk und Sélika. 261 Ich hielt ihn fuͤr aufrichtig; und im ruͤckhaltsloſen Vertrauen uͤberlieferte ich mich dem neidiſchſten und treuloſeſten aller Menſchen. „Wir muͤſſen uns heute,“ ſagte ich zu ihm,„mit einander luſtig machen.“ Zu gleicher Zeit nahm ich ihn beim Arm, und fuͤhrte ihn in meinen Saal, wo meine Sklaven eine kleine Tafel von zwei Gedecken bereitet hatten. Fuͤnf und neunzigſter Tag. Wir ſetzten uns beide hin. Man brachte uns meh⸗ rere Schuͤſſeln Reis*) von verſchiedenen Farben, mit Datteln in Syrup eingemacht. Wir aaßen noch an⸗ dere Gerichte; worauf ich einen meiner Sklaven aus⸗ ſchickte, Wein zu kaufen, in einer Gegend der Stadt, wo ich wußte, daß man ihn heimlich feil hatte. ei) *) Die Perſer und ihre Nachbarvölker richten den Reis auf mannigfaltige Weiſe zu, und geben ihm allerlei Farben. **) Der Wein iſt den Einwohnern von Kandahar verboten, die ihn jedoch ſehr lieben, und auch nicht unterlaßen, ihn heimlich zu trinken. Aber ſie hüten ſich wohl, wenn ſie davon getrunken haben, ſich öffentlich zu zeigen; denn be⸗ gegnete es jemand, ſich betrunken ſehen zu laßen, ſo würde man ihn auf einem Eſel das Geſicht nach dem 262 95. TDag. Er brachte uns vom beßten, und wir tranken davon ſo unmaͤßig, daß wir es nicht gewagt haͤtten, uns dͤffentlich ſehen zu laßen: wir wuͤrden es nicht unge⸗ ſtraft gethan haben. 4 Recht mitten in unſerm Gelag ſagte der Fakir zu mir: „Erzuaͤhle mir, Haßan, dein ganzes Abenteuer; entdecke mir das Geheimnis; du wageſt nichts dabei: ich bin verſchwiegen, und noch mehr, dein beßter Freund. Du kannſt nicht an meiner Treue zweifeln ohne mich zu beleidigen. Enthuͤlle mir alſo den Grund deiner Seele, und lehre mich dein ganzes Gluͤck ken⸗ nen, damit wir uns deſſelben mitſammen erfreuen koͤnnen. Uebrigens ruͤhme ich mich, ein Mann zu ſein, der ſich auf guten Rath verſteht, und du weißt, daß ein Vertrauter dieſer Art nicht unnuͤtz iſt.“ Erhitzt von dem Weine, welchen ich getrunken hatte, und durch die Freundſchaftsbezeugungen des Fakirs, gab ich ſeinem Andringen nach, und ſagte zu ihm: „Ich bin uͤberzeugt, daß du nicht faͤhig biſt, das Vertrauen zu misbrauchen, welches ich dir ſchenke, alſo will ich dir nichts verhehlen. Erinnerſt du dich Schwanze gekehrt durch die ganze Stadt führen, unter dem Schall einer kleinen Trommel und dem Geſchrei der ihn verfolgenden Kinder. 8 Atalmuüuͤlk und Sélika. 263 noch, als ich dir zuerſt begegnete, daß ich ſehr trau⸗ rig war? Ich hatte ſo eben in Schiras eine Geliebte, von der ich wiedergeliebt wurde, verloren: in Kandahar habe ich ſie nun wiedergefunden; und dir alles zu ſa⸗ gen, es iſt die Favoritinn des Koͤnigs Firus⸗Schah.“ Der Fakir bezeigte das hoͤchſte Erſtaunen bei dieſer Rede, und ſagte zu mir: „Haßan, du gibſt mir eine reizende Vorſtellung von dieſer Dame; ſie muß von bewundernswuͤrdiger Schoͤnheit ſein, weil der Koͤnig von Kandahar ſelber in ſie verliebt iſt.“ „Es iſt eine unvergleichliche Schoͤnheit,“ verſetzte ich;„wie vortheilhaft auch ein Liebender ſie dir ſchil⸗ dern moͤchte, dennoch koͤnnꝛe er nimmer ein geſchmei⸗ cheltes Bildnis von ihr entwerfen.— Sie wird nicht verfehlen, bald hieher zu kommen, du ſollſt ſie ſehen, und dich durch deine eigenen Augen von ihren Reizen uͤberzeugen.“ Bei dieſen Worten umarmte mich der Fakir mit Entzuͤcken, und betheuerte mir, ich wuͤrde ihm ein großes Vergnuͤgen machen, wenn ich mein Verſpre⸗ chen hielte. Ich gab ihm neue Verſicherungen dar⸗ uͤber; und jetzo ſtanden wir beide vom Tiſche auf, um uns zu Ruhe zu legen. Einer meiner Sklaven fuͤhrte meinen Freund in ein Gemach, wo ein Bette fuͤr ihn bereitet war. 26 ½ 95. C a g. Am folgenden Morgen fruͤh brachte Schapur mir ein Briefchen von Séelika. Sie ſchrieb mir, ſie wuͤrde die naͤchſte Nacht kommen und mit mir in Freu⸗ den zubringen. Ich zeigte dem Fakir den Brief, der daruͤber eine unmaͤßige Freude bezeugte. Er that den ganzen Tag nichts, als von der Dame mit mir re⸗ den, deren Schoͤnheit ich ihm geruͤhmt hatte, und erwartete die Nacht mit eben ſo viel Ungeduld, als wenn er denſelben Grund gehabt haͤtte, wie ich, ihr Kommen zu wuͤnſchen. Unterdeſſen richtete ich alles ein, Sélika zu em⸗ pfangen. Ich ließ die beßten Speiſen holen„ und von dem trefflichen Weine, welchen wir den Tag zuvor ſo gruͤndlich verſucht hatten. Als die Nacht endlich gekommen war, ſagte ich zu dem Fakir: „Wenn die Dame eintritt, darfſt du nicht im Zim⸗ mer ſein. Sie moͤchte es vielleicht uͤbelnehmen. Laß mich ſie um Erlaubnis bitten, ihr dich, als meinen Freund, vorzuſtellen; ich bin ſicher, ſie zu erhalten.“ Wir hoͤrten bald darauf an die Thuͤre klopfen, und es war die Prinzeſſinn. Der Fakir verbarg ſich in ein Seitengemach, und ich ging Sélika entgegen: ich nahm ſie bei der Hand, und nachdem ich ſie ins Zim⸗ mer gefuͤhrt hatte, ſagte ich zu ihr: „Meine Prinzeſſinn, ich bitte euch, mir eine Gnade zu gewaͤhren. Der Fakir, mit welchem ich 8 Atalmuͤlk und Selika. 266 nach Kandahar gekommen bin, wohnt hier bei mir im Hauſe; ich habe ihm ein Zimmer eingeraͤumt, er iſt mein Freund: wollt ihr nun erlauben, daß er an unſerer Freude Theil nehme?“ „Haßan,“ antwortete ſie,„ihr bedenket nicht recht, was ihr von mir fordert; anſtatt mich den Blicken eines andern auszuſetzen, ſolltet ihr mich lie⸗ ber ihnen ſorgfaͤltig entziehen.“ „Meine Herrinn,“ erwiederte ich,„es iſt ein ar⸗ tiger und verſchwiegener Geſell, und deſſen Freund⸗ ſchaft ich kenne. Ich ſage gut dafuͤr, daß ihr keine Urſache haben ſollt, es zu bereuen, mir dieſe Bitte gewaͤhrt zu haben.“ 1 „Ich kann euch nichts abſchlagen,“ verſetzte Sé⸗ lika;„aber ich habe ein Vorgefuͤhl, daß wir Verdruß davon haben werden.“ „O nein, meine Prinzeſſinn,“ ſagte ich zu ihr, „ſeid daruͤber ohne Unruhe, verlaßet euch auf mein Wort, und keine Furcht verhindere euch, das Ver⸗ gnuͤgen zu theilen, welches ich empfinde, euch zu ſehen.“ Nach dieſen Worten rief ich den Fakir herbei, und ſtellte ihn Sélika vor. Sie empfing ihn, mir zu gefal⸗ len, ſehr freundlich, und nach mehreren Hoͤflichkeiten von beiden Seiten, ſetzten wir uns alle drei zu Ti⸗ ſche, nebſt Kalé⸗Kairi. Mein Gefaͤhrte war ein Mann von dreißig Jahren, er hatte viel Verſtand, 266 95. 96. Tag. und gab bald durch ſeine Einfaͤlle und Scherze den Frauen zu erkennen, daß er das Vergnügen nicht haßte, oder vielmehr, daß er ſein Kleid entehrte. Als wir von allen Speiſen gegeſſen hatten, die uns aufgetragen wurden, brachte man den Wein, und die Sklaven ſchenkten ihn uns in Schalen von Agath ein. Der Fakir ließ die ſeine nicht lange leer, alle Augenblicke ließ er ſie wieder fuͤllen, dergeſtalt, daß der Trunk ihn bald in einen lieblichen Zuſtand verſetzte. Er war von Hauſe aus nicht ſehr ehrerbie⸗ tig gegen die Frauen, der Wein erhoͤhte alſo ſeine Dreiſtigkeit und benahm ihm vollends die wenige Zu⸗ ruͤckhaltung, welche er bisher noch beobachtet hatte. Er begnuͤgte ſich nicht damit, durch ſeine frechen Reden die Schamhaftigkeit der Frauen zu beleidigen, er umhalſte ſogar ploͤtzlich die Prinzeſſinn und raubte ihr unverſchaͤmt einen Kuß. Sechs und neunzigſter Tag. Sélika war hoͤchſt entruͤſtet uͤber die Frechheit des Fakirs, und der Zorn gab ihr Kraft, ſich ſeinen ſchaamloſen Haͤnden zu entwinden. „Halt, Elender,“ ſagte ſie zu ihm,„und mis⸗ brauche nicht die Guͤte, daß man dich hier duldet. Du verdienteſt, daß ich dich durch die Sklaven hier Atalmuͤlk und Slika. 267 im Hauſe zuͤchtigen ließe: aber die Ruͤckſicht fuͤr dei⸗ nen Freund haͤlt mich zuruͤck.“ Mit dieſen Worten nahm ſie ihren Schleier, ver⸗ huͤllte ſich das Antlitz, und verließ das Zimmer. Ich lief hinter ihr drein, und bat ſie wegen des Vorge⸗ fallenen um Verzeihung; vergeblich ſuchte ich, ſie zu beſaͤnftigen; ſie war zu ſehr erzuͤrnt. „Ihr ſeht nun,“ ſagte ſie zu mir,„wie uͤbel ihr thatet zu verlangen, daß dieſer Fakir an unſerer Freude theilnaͤhme; es war nicht ohne Grund, daß ich widerſtrebte: ich ſetze nicht wieder den Fuß uͤber eure Schwelle, ſo lange er hier hauſet.“ Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich, was ich auch ſagen mochte, um ſie zuruͤckzuhalten. Ich ging wieder zu meinem Freunde ins Zimmer, und ſagte zu ihm: „Ha! was haſt du gemacht? mußteſt du ſo die Ehrfurcht gegen die Favoritinn Firus⸗Schahs aus den Augen ſetzen? Durch dieſe unverſchaͤmte Dreiſtigkeit haſt du dir ihren Haß zugezogen; und vielleicht ver⸗ gibt ſie es auch mir nicht, daß ich ſie genoͤthigt habe, ſich von dir ſehen zu laßen.“ „Bekuͤmmere dich nicht, Haßan,“ antwortete er mir,„du kennſt die Weiber ſchlecht, wenn du waͤhnſt, daß dieſe da wirklich erzuͤrnt iſt: ſei vielmehr uͤber⸗ zeugt, daß ſie im Grunde ihres Herzens daruͤber er⸗ freuet iſt. Es gibt kein Weib, dem dergleichen Aus⸗ 268 96. Tag. bruͤche misfielen; der Zorn, den dieſe hat blicken laßen, iſt verſtellt. Weißt du wohl, warum ſie gegen meine Dreiſtigkeit empoͤrt war? bloß weil deine Augen Zeu⸗ gen davon waren: waͤre ich mit ihr allein geweſen, ich bin ſicher, ich haͤtte ſie menſchlicher befunden.“ Auf dieſe Reden, welche genugſam zeigten, daß er berauſcht war, ließ ich ab, ihm Vorwuͤrfe zu ma⸗ chen; ich hoffte, er wuͤrde am folgenden Morgen mehr Vernunft annehmen, und ſein Vergehen erken⸗ nen. Ich befahl einem meiner Sklaven, ihn in ſein Zimmer zu fuͤhren, und ich blieb in dem meinigen, wo die Betrachtungen, welche ich uͤber das Vergan⸗ gene anſtellte, mich nicht ruhig ſchlafen ließen. Am folgenden Tage ſtimmte der Fakir allerdings einen andern Ton an; er bezeugte mir, wie ſehr es ihm Leid thaͤte, mir Verdruß verurſacht zu haben, und daß er, um ſich ſelber fuͤr ſeine Unverſchaͤmtheit zu beſtrafen, beſchloſſen haͤtte, Kandahar zu verlaßen. Kurz, er ſprach auf eine Weiſe zu mir, welche mich ruͤhrte. Ich ſchrieb auf der Stelle an die Prinzeſſinn, daß unſer Fakir ſeine Dreiſtigkeit bereuete, und ſie de⸗ muͤthiglich mit mir baͤte, es dem Weine zu verzeihen, welcher ſie ihm eingefloͤßt haͤtte. Als ich eben fertig war mit Schreiben, kam Scha⸗ pur; er meldete mir, ſeine Gebieterinn waͤre noch im⸗ mer ſehr aufgebracht. Ich gab ihm meinen Brief, er kehrte ſogleich damit zuruͤck, und kam einige Stunden Atalmuͤlk und Selika. 269 darnach mit einer Antwort wieder. Säélika ſchrieb mir, ſie wollte wohl die Unverſchaͤmtheit des Fakirs entſchuldigen, weil er verſicherte, daß er ſie bereuete; aber nur unter der Bedingung, daß er nicht laͤnger bei mir bliebe, und daß er Kandahar binnen vier und zwanzig Stunden verließe. Ich zeigte meinem Freunde das Schreiben der Fa⸗ voritinn Firus⸗Schahs; worauf er, in Schapurs Gegenwart, zu mir ſagte, er ſtimmete hierin mit der Dame uͤberein; nach einer ſo verwegenen Handlung, wie er das Ungluͤck zu begehen gehabt haͤtte, wuͤrde er es nicht mehr wagen, vor ihr zu erſcheinen, und er waͤre geſonnen, noch in derſelben Stunde die Stadt Kandahar zu verlaßen. Der Verſchnittene ging ſogleich zuruͤck nach dem Palaſt, um Sélika zu berichten, in welcher Stim⸗ mung er den Fakir verlaßen hatte. Ich war erfreut, ſo die Ruhe wiederkehren zu ſe⸗ hen, auf den Sturm, welcher mich erſchreckt hatte. Ich muß indeſſen bekennen, es that mir Leid, meinen Freund zu verlieren, und ich behielt ihn noch dieſen Tag bei mir. „Warte,“ ſagte ich zu ihm,„du kannſt morgen reiſen; ich will mich heute noch mit dir letzen: viel⸗ leicht ſehen wir uns nie wieder. Ach! da wir uns trennen muͤßen, ſo wollen wir wenigſtens den trauri⸗ gen Augenblick der Trennung noch verſchieben.“ 270 96. Tag. Um unſer Abſchiedsfeſt herrlicher zu feiern, veran⸗ ſtaltete ich ein großes Abendeſſen, und als es bereit war, ſetzten wir uns zu Tiſche. Wir hatten ſchon von mehreren Gerichten gekoſtet, als wir Schapur eintreten ſahen. Er trug eine goldene Schuͤſſel mit ei⸗ ner Fleiſchſpeiſe, und ſagte zu mir: „Herr Haßan ich bringe euch ein Gericht, welches ſo eben dem Koͤnig aufgetragen worden; Seine Maje⸗ ſtaͤt hat es ſo koͤſtlich gefunden, daß er es auf der Stelle ſeiner Favoritinn bringen laßen, und dieſe ſchickt es nun euch.“ Wir aaßen von dieſem Gericht, und es ſchmeckte uns in der That vortrefflich. Der Fakir konnte waͤh⸗ rend der Mahlzeit nicht muͤde werden, mein Gluͤck zu bewundern, und er ſagte wohl zwanzigmal zu mir: „O junger Mann, wie reizend iſt dein Loos!“ Wir tranken die ganze Nacht durch; und ſobald es Tag ward, ſagte mein Freund zu mir: „Es iſt Zeit, wir muͤßen uns trennen.“ Ich ging jetzo hin und holte eine Boͤrſe voll Zeckienen, welche Schapur mir den Tag zuvor im Namen ſeiner Gebiete⸗ rinn gebracht hatte; dieſe gab ich dem Fakir, und ſagte zu ihm: „Da, nimm meine Boͤrſe, ſie kann dir gelegent⸗ lich dienen.“ Er dankte mir; wir umarmten uns; er ging weg; At almuͤlk und Sélika. 271 und ich blieb noch ziemlich lange nach ſeiner Abreiſe in einer traurigen Stimmung. „O allzu unvorſichtiger Freund!“ ſagte ich bei mir ſelber:„du biſt ſelber Schuld, daß wir uns trennen; du ſollteſt dich begnuͤgt haben, Sélika zu ſehen, und dich eines ſo ſchoͤnen Anblicks zu erfreuen.“ Da ich der Ruhe bedurfte, ſo warf ich mich auf ein Sopha, und ſchlief ein. Nach Verlauf einiger Stunden erweckte mich ein ſtarker Laͤrm in meinem Hauſe; ich ſtand auf, und ging hin, zu ſehen, was ihn verurſachte, und er⸗ blickte, mit großem Schrecken, einen Trupp Soldaten von der Leibwache Firus⸗Schahs. „Folget uns,“ ſagte ihr Anfuͤhrer zu mir,„wir haben Befehl, euch nach dem Palaſte zu bringen.“ „Welches Verbrechen habe ich denn begangen?“ fragte ich;„weſſen klagt man mich an?“ „Das wiſſen wir nicht,“ erwiederte der Offizier; „es iſt uns nur befohlen, euch vor den Koͤnig zu fuͤh⸗ ren; warum, wiſſen wir nicht: aber ich kann euch, zu eurer Beruhigung ſagen, wenn ihr unſchuldig ſeid, ſo habt ihr nichts zu fuͤrchten; ihr habt mit einem gerechten Fuͤrſten zu thun, der nicht die eines Ver⸗ brechens Angeklagten gleich verurtheilt; es bedarf uͤberzeugender Beweiſe, um ihn zu bewegen, ein Ver⸗ dammungsurtel auszuſprechen. Freilich beſtraft er ſtrenge die Schuldigen; wenn ihr es ſeid, beklage ich euch.“ 272 96. 97. Tag. Ich mußte dem Offizier folgen. Auf dem Wege nach dem Palaſte ſagte ich bei mir ſelber:„Firus⸗ Schah hat ohne Zweifel mein Einverſtaͤndnis mit Sé⸗ lika entdeckt: aber wie hat er es erfahren?“ Als wir in den Hof des Palaſts kamen, bemerkte ich, daß hier vier Galgen aufgerichtet waren; ich er⸗ kannte wohl, daß dieſes mich anginge, und daß dieſe Todesart die geringſte Strafe waͤre, welche ich von dem Zorne Firus⸗Schahs zu erwarten haͤtte: ich hub die Augen zum Himmel empor, und bat ihn, wenig⸗ ſtens die Prinzeſſinn von Perſien zu retten. Sieben und neunzigſter Tag. Wir traten in den Palaſt; der Offizier fuͤhrte mich in das Zimmer des Koͤnigs. Dieſer Fuͤrſt war hier allein, mit ſeinem Großveſyr, und dem Fakir, wel⸗ chen ich ſchon weit von Kandahar waͤhnte. So bald ich dieſen treuloſen Freund erblickte, erkannte ich ſeine ganze Verraͤtherei. „Du biſt es alſo,“ redete Firus⸗Schah mich an, „der geheime Zuſammenkuͤnfte mit meiner Favoritinn hat? Ha! Bube, du mußt hoͤchſt verwegen ſein, da du es wagſt, mit mir dein Spiel zu treiben. Rede, und beantworte genau alles, was ich dich frage. Als du nach Kandahar gekommen biſt, hat man dir Atalmuͤlk und Sélika. 273 nicht geſagt, daß ich die Schuldigen ſtrenge be⸗ ſtrafe?“ Ich antwortete mit„Ja.“ „Wohlan,“ fuhr er fort,„da man dich doch ge⸗ warnt hat, warum haſt du gleichwohl das groͤßte al⸗ ler Verbrechen begangen?“ „Herr,“ antwortete ich,„moͤgen die Tage Euer Majeſtaͤt bis ans Ende aller Zeiten waͤhren! aber ihr wißt wohl, die Liebe macht auch die Taube dreiſt; ein von einer heftigen Leidenſchaft hingeriſſener Menſch fuͤrchtet nichts: ich bin bereit, euerm gerechten Zorne zum Schlachtopfer zu fallen; und welche Qualen ihr auch uͤber mich verhaͤngt habt, ich werde mich nicht uͤber eure Strenge beklagen, wenn ihr nur eure Fa⸗ voritinn begnadigt. Ach! ſie lebte vor meiner An⸗ kunft ſo gluͤcklich in euerm Harem; und zufrieden, das Gluͤck eines großen Koͤnigs zu machen, fing ſie an, einen ungluͤcklichen Geliebten zu vergeſſen, wel⸗ chen ſie niemals wiederzuſehen waͤhnte: da erfuhr ſie, daß ich hier in der Stadt waͤre, und die erſte Glut entbrannte von neuen; ich bin es, der ſie eurer Zaͤrt⸗ lichkeit entriſſen hat, und mich allein alſo muͤßt ihr beſtrafen.“ Waͤhrend ich ſo ſprach, trat Selika, die auf Be⸗ fehl des Koͤnigs herbei geholt worden, herein, in Be⸗ gleitung Schapurs und Kalé⸗Kairi's; und als ſie II. 18 274 97. Tag. meine letzten Worte gehoͤrt hatte, warf ſie ſich ſchleu⸗ nig dem Firus⸗Schah zu Fuͤßen, und ſprach zu ihm: „Herr, verzeihet dieſem jungen Manne; nur die ſchuldige Sklavinn, die euch verrathen hat, muß eure Rache treffen.“ „Ha! ihr Treuloſen,“ rief der Koͤnig aus,„er⸗ wartet keine Gnade, einer fuͤr den andern, ihr ſollt beide ſterben. Die Undankbare! ſie fleht zu meiner Guͤte nur fuͤr den Verwegenen, der mich beleidigt; und er bezeigt nur Schmerz uͤber den Untergang deſ⸗ ſen, was er liebt: ſie beide wagen es vor meinen Augen ihre verliebte Wuth zu offenbaren; welche Un⸗ verſchaͤmtheit!— Veſyr,“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich zu ſeinem Miniſter wandte,„laß ſie zum Tode fuͤhren und an den Galgen aufknuͤpfen; und nach ih⸗ rem Tode ſollen ſie den Hunden und Voͤgeln zur Beute hingeworfen werden.“ „Haltet ein, Herr,“ rief ich jetzt aus;„huͤtet euch wohl, mit ſolcher Schmach eine Koͤnigstochter zu behandeln; eure eiferſuͤchtige Rache ehre in eurer Favoritinn das edle Blut ihrer Abkunft.“ Bei dieſen Worten gerieth Firus⸗Schah in Erſtau⸗ ren, und er fragte Sélika: Sr Fuͤrſt iſt denn der Urheber eurer Ge⸗ Die Prinzeſſinn blickte mich mit ſtolzer Miene an, und ſprach zu mir: —xV Atalmuͤlk und Solika. 225 „Vorlauter Haßan, warum haſt du entdeckt, was ich gern mir ſelber verbergen wollte? Ich hatte im Tode noch den Troſt, daß der Rang meiner Geburt unbekannt blieb: indem du mich nun zu erkennen gibſt, bedeckſt du mich mit Schande.— Wohlan, Firus⸗Schah,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich an den Koͤnig von Kandahar wandte,„vernimm, wer ich bin: die Sklavinn, welche du zu einem ſchmachvol⸗ len Tode verurtheilſt, iſt die Tochter des Schah⸗ Tahmaspe.“ Und zugleich erzaͤhlte ſie ihm ihre ganze Geſchichte, ohne den geringſten Umſtand auszulaßen. Ihre Erzaͤhlung, welche das Erſtaunen des Koͤnigs noch vermehrte, beſchloß ſie mit dieſen Worten: „Nun wiſſet ihr, Herr, ein Geheimnis, welches ich nicht willens war euch zu enthuͤllen, und welches allein die Unſchweigſamkeit meines Geliebten mir ent⸗ reißt. Nach dieſem Bekenntniſſe, welches ich hier nicht ohne große Beſchaͤmung ablege, bitte ich euch inſtaͤn⸗ dig, mir ſchleunig das Leben nehmen zu laßen; das iſt die einzige Gnade, um welche ich Euer Majeſtaͤt bitte. „Prinzeſſinn,“ ſprach der Koͤnig zu ihr,„ich wi⸗ derrufe euer Todesurtheil; ich bin zu billig, um euch nicht eure Untreue zu verzeihen; was ihr mir eben erzaͤhlt habt, laͤßt mich dieſelbe mit einem an⸗ dern Auge anſehen: ich beklage mich nicht mehr uͤber 97. Tag. euch, ich gebe euch ſogar die Freiheit: lebet fuͤr Ha⸗ ßan, und der gluͤckliche Haßan lebe fuͤr euch. Ich ſchenke auch Schapur, euerm Vertrauten, das Leben und die Freiheit. Gehet, vollkommenes Liebespaar, gehet und verlebet eure uͤbrigen Tage mitſammen, und nichts moͤge jemals den Lauf eurer Freuden ſtoͤ⸗ ren!— Du aber, Verraͤther,“ fuhr er fort, indem er ſich zu dem Fakir wandte,„niedertraͤchtige und neidiſche Seele, du haſt das Gluͤck deines Freundes nicht ertragen koͤnnen, und biſt hergekommen, dich ſelber meiner Rache zu uͤberliefern. Ha! Elender, du ſollſt zum Schlachtopfer meiner Eiferſucht dienen.“ Mit dieſen Worten befahl er dem Großveſyr, den Fakir hinauszufuͤhren, und ihn den Henkersknechten zu uͤberliefern. Waͤhrend dieſer Boͤſewicht hingerichtet wurde, war⸗ fen wir, Sélika und ich, uns dem Koͤnige von Kan⸗ dahar zu Fuͤßen; in der Ueberfuͤlle der Dankbarkeit und der Freude, welche uns beſeelte, benetzten wir ſie mit unſern Thraͤnen; und kurz, wir betheuerten ihm, daß unſere Erkenntlichkeit fuͤr ſeine großmuͤthige Guͤte uns dieſelbe ewig im Gedaͤchtnis erhalten wuͤrde. Darnach verließen wir mit Schapur und Kalé⸗ Kairi den Palaſt, und nahmen unſern Weg nach dem Hauſe, wo ich verhaftet worden war: aber wir fan⸗ den es geſchleift; der Koͤnig hatte befohlen, es dem Boden gleich zu machen, und die Soldaten, denen Atalmuͤlk und Sélika. 277 dieß aufgetragen war, hatten es ſo ſchleunig voll⸗ ſtreckt, daß ſchon alles Bauwerk weggenommen und anderswohin geſchleppt war: es war faſt kein Stein mehr uͤbrig; das Volk war auch dabei geſchaͤftig ge⸗ weſen, und alles Geraͤth war gepluͤndert. Acht und neunzigſter Tag. So erfreut wir waren, die Prinzeſſinn und ich, uns beiſammen zu ſehen, ſo verliebt wir in einander waren, ſo waren wir doch nicht minder beſtuͤrzt bei dieſem Anblicke. Dieſes Haus war zwar nur ein gemiethe⸗ tes, deſſen Geraͤth uns auch nicht gehoͤrte; aber Sélika hatte durch Schapur eine Unzahl koſtbarer Sachen dahin bringen laßen, welche bei der Pluͤnde⸗ rung nicht verſchont waren. Wir hatten wenig Geld, und fingen an, uns mit dem Verſchnittenen und Kalé⸗ Kairi zu berathen, wohin wir uns nun wenden ſoll⸗ ten; und nach einer langen Ueberlegung, wurden wir einig, in einer Karavanſerei Herberge zu nehmen. Wir waren im Begriff, uns dahin zu begeben, als ein Beamter des Koͤnigs ſich uns nahte, und zu uns ſagte: „Ich komme im Namen Firus⸗Schahs, meines Herrn, euch eine Wohnung anzubieten; der Großve⸗ ſyr leihet euch ſein Landhaus vor dem Thore, welches 278 98. Tag. viel ſchoͤner iſt, als das geſchleifte; ihr werdet dort ſehr bequem wohnen, und ich will euch, wenn es euch gefaͤllig iſt, dahin fuͤhren: bemuͤhet euch, mir zu folgen.“ Wir gingen mit ihm dahin, und ſahen ein ſehr anſehnliches und vollkommen wohlgebautes Haus; das Innere entſprach dem Aeußern, alles war hier praͤch⸗ tig und geſchmackvoll. Wir fanden daſelbſt mehr als zwanzig Sklaven, welche uns ſagten, ihr Herr haͤtte ihnen ſo eben den Befehl geſchickt, uns alles, deſſen wir benoͤthigt waͤren, im Ueberfluſſe herbei zu ſchaf⸗ fen, und uns zu bedienen, wie ihn ſelbſt, ſo lange wir bei ihm wohnen wollten. Zwei Tage darauf erhielten wir einen Beſuch von dem Großveſyr, der uns im Namen des Koͤnigs eine uͤberſchwaͤngliche Menge von Geſchenken brachte. Dar⸗ unter waren mehrere Paͤckchen Seidenſtoffe, und In⸗ diſche Leinewand, nebſt zwanzig Beuteln, jeder von tauſend Zeckienen. Da wir uns in einem geliehenen Hauſe beengt fuͤhlten, und die Geſchenke des Koͤnigs uns in den Stand ſetzten, anderswo zu wohnen, ſo geſellten wir uns bald zu einer ſtarken Karavane von Kaufleuten aus Kandahar, und gelangten gluͤcklich mit ihnen nach Bagdad. Wir nahmen hier unſere Wohnung in meinem Hauſe, wo wir in den erſten Tagen unſerer Ankunft Atalmuͤlk und Sélika. 279 ausruhten, und uns von der Anſtrengung einer ſo langen Reiſe erholten. Darnach, ließ ich mich in der Stadt ſehen, und ſuchte meine Freunde auf. Sie waren ſehr verwundert, mich wiederzuſehen: „Iſt es moͤglich,“ ſagten ſie zu mir,„daß ihr noch am Leben ſeid? Eure Handelsgeſellſchafter, die zuruͤckgekommen ſind, haben uns verſichert, ihr waͤ⸗ ret todt.“ So bald ich vernahm, daß meine Juweliere in Bagdad waͤren, eilte ich zu dem Großveſyre, warf mich ihm zu Fuͤßen, und erzaͤhlte ihm ihre ganze Treuloſigkeit. Er ließ ſie ſogleich, einen wie den andern, ver⸗ haften, und befahl mir, ſie in ſeiner Gegenwart zu befragen. „Erwachte ich nicht,“ fragte ich ſie,„als ihr mich aufhubet, und fragte ich euch nicht, was ihr beginnen wolltet, und habt ihr mich nicht, ohne zu antworten, durch eine Schiffsluke ins Meer geſtuͤrzt?“ Sie antworteten, das haͤtte mir vermuthlich ge⸗ traͤumt, und ich muͤßte wohl im Schlafe von ſelber in den Meerbuſen geſtuͤrzt ſein. „Warum habt ihr denn aber,“ fragte ſie jetzo der Veſyr,„in Ormus gethan, als kennetet ihr ihn nicht?“ 5 Sie verſetzten, ſie haͤtten mich zu Ormus gar nicht geſehen. 28⁰ 98. Tag. „Was werdet ihr aber ſagen, ihr Verraͤther,“ fuhr der Veſyr fort, indem er ſie mit drohender Miene anſah,„wenn ich euch eine Beſcheinigung des Kadi's von Ormus vorlege, welche das Gegentheil beweiſt?“ Bei dieſen Worten, welche der Veſyr ſagte, um ſie zu pruͤfen, erbleichten ſie und wurden unruhig. „Ihr veraͤndert eure Farbe,“ ſagte er zu ihnen: „wohlan, bekennet ſelber euer Verbrechen, und er⸗ ſparet euch die Zwangsmittel, welche fuͤr euch bereit ſind, um euch dieß Bekenntniß zu entreißen.“ Jetzt bekannten ſie alles, und auf dieß Geſtaͤndnis ließ er ſie ins Gefaͤngnis werfen, bis der Chalyf, welchen er, wie er ſagte, von dieſer Sache unterrich⸗ ten wollte, entſchieden haͤtte, welcher Todesart ſie ſterben ſollten. Aber die Spitzbuben fanden Mittel und Wege, die Wachſamkeit ihrer Huͤter zu taͤuſchen, oder deren Treue zu beſtechen: ſie entwiſchten aus ih⸗ rem Gefaͤngnis und verbargen ſich in Bagdad ſo gut, daß ſie nicht zu entdecken waren, welche Nachſuchun⸗ gen auch der Großveſyr anſtellen ließ. Indeſſen wur⸗ den alle ihre Guͤter eingezogen, und fielen dem Cha⸗ lyfen anheim, mit Ausnahme eines kleinen Theils, welchen man mir gab, um mich fuͤr das mir Ge⸗ raubte zu entſchaͤdigen. Hierauf dachte ich nur daran, mit meiner Prin⸗ zeſſinn ein ruhiges Leben zu fuͤhren; wir verlebten — Atalmuüuͤlk und Slika. 281 unſere Tage in vollkommener Eintracht, und ich bat nur den Himmel, mich meine uͤbrigen Tage in der gluͤckſeligen Lage zu laßen, worin ich mich befand. Vergebliche Wuͤnſche! Koͤnnen die Menſchen ſich lange eines gluͤcklichen Looſes erfreuen? Stoͤren nicht Leiden und Ungluͤcksfaͤlle unaufhoͤrlich ihre Ruhe? Eines Abends kam ich heim aus einer Geſellſchaft meiner Freunde; ich klopfte an meine Thuͤre, aber ich mochte noch ſo ſtark pochen, niemand kam, mir zu oͤffnen. Ich war verwundert daruͤber, und hatte gleich, ohne zu wiſſen warum, eine traurige Vorah⸗ nung. Ich verdoppele meine Schlaͤge, aber kein Sklave erſcheint, und meine Verwunderung waͤchſt. „Was ſoll ich davon denken?“ ſagte ich bei mir ſel⸗ ber:„iſt es etwa ein neues Ungluͤck, das ich erfahre?“ Auf den Laͤrmen, welchen ich machte, kamen mehrere Nachbarn aus ihren Haͤuſern; und eben ſo verwundert daruͤber als ich, daß mein Hausgeſinde mir nicht antwortete, halfen ſie mir die Thuͤre einſto⸗ ßen: wir treten herein, und finden auf dem Hofe und in dem erſten Saale meine Sklaven erwuͤrgt. Wir eilen in das Zimmer Seélika's, und, o entſetzli⸗ ches Schauſpiel! ich ſehe Schapur und Kalé⸗Kairi beide leblos in ihrem Blute ſchwimmend. Ich rufe nach der Prinzeſſinn, ſie antwortet nicht auf meinen Ruf; ich durchrenne mein ganzes Haus, und da ich nirgends finde, was ich ſuche, ſo fuͤhle ich meine 282 98. 99. Tag. Glieder wanken, und ich ſinke beſinnungslos meinen Nachbaren in die Arme. Glluͤcklich waͤre ich geweſen, wenn der Engel des Todes mich in dieſem Augenblicke hinweggenommen haͤtte: aber nein, der Himmel wollte, daß ich am Leben bliebe, um ganz das Ent⸗ ſetzliche meines Schickſals zu ſehen. Neun und neunzigſter Tag. Als meine Nachbaren durch ihre grauſamen Huͤlf⸗ leiſtungen mich ins Leben zuruͤckgerufen hatten, fragte ich ſie, wie es moͤglich waͤre, daß in meinem Hauſe eine ſolche Metzelei angerichtet worden, ohne daß ſie den geringſten Laͤrmen vernommen haͤtten. Sie ant⸗ worteten mir, ſie haͤtten nichts gehoͤrt, und waͤren nicht minder daruͤber erſtaunt, als ich. Ich lief ſogleich zu dem Kadi, der ſeinen Nayb, mit allen ſeinen Aßa's ausſchickte; aber alle ihre Nachſuchungen waren vergeblich, und jeder dachte von dieſem traurigen Ereigniſſe, was er wollte. Ich aber, ſo wie mehrere andere, argwaͤhnte, daß meine vormaligen Handelsgenoſſen die Urheber deſſelben waͤren; und ich empfand daruͤber ſo großes Herzeleid, daß ich krank ward. Ich ſchleppte lange in Bagdad ein truͤbſeliges Leben hin. Darnach verkaufte ich mein Haus, und begab mich mit all meiner noch Atalmuͤlk und Selika. 283 uͤbrigen Habe nach Mußel, dort zu wohnen. Ich faßte dieſen Entſchluß, weil ich daſelbſt einen Ver⸗ wandten hatte, welchen ich ſehr liebte und der bei dem erſten Miniſter des Koͤnigs von Mußel in Dien⸗ ſten ſtand. Dieſer Verwandte nahm mich ſehr gut auf, und in kurzer Zeit ward ich dem Miniſter be⸗ kannt, der in mir Geſchick zum Staatsdienſte zu ſehen glaubte, und mir Beſchaͤftigung gab. Ich befliß mich, die Sachen gut auszurichten, welche er mir auftrug, und ich hatte das Gluͤck, daß es mir gelang. Er ward von Tage zu Tage zufriedener mit mir; ich ge⸗ wann allmaͤhlich ſein Zutrauen, und unvermerkt wurde ich in die geheimſten Staatsgeſchaͤfte eingewei⸗ het. Ich half ihm bald ſogar die Laſt derſelben tragen. Einige Jahre darnach ſtarb dieſer Miniſter, und der Koͤnig, vielleicht zu eingenommen fuͤr mich, gab mir deſſen Stelle. Ich erfuͤllte ſie zwei Jahre dem Koͤnige zu Dank und zur Zufriedenheit ſeiner Voͤlker; und um mir ſeine Zufriedenheit mit meiner Amtsfuͤh⸗ rung zu bezeugen, nannte ſelbſt der Monarch mich Atalmuͤlk. Ich ſah aber bald den Neid gegen mich geruͤſtet. Einige große Herren wurden meine geheimen Feinde, und beſchloſſen, mich zu verderben. Um leichter zum Ziele zu gelangen, machten ſie mich dem Erbprinzen von Mußel verdaͤchtig, der ſich auch von ihren boͤſen 284 99. Tag. Einfluͤſterungen einnehmen ließ, und von ſeinem Va⸗ ter meine Abſetzung verlangte. Der Koͤnig wollte an⸗ fangs nicht darein willigen; aber er konnte dem fort⸗ waͤhrenden Andringen des Sohnes nicht widerſtehen: ich verließ alſo Mußel, und kam hieher nach Damask, wo ich bald die Ehre hatte, Euer Majeſtaͤt vorgeſtellt zu werden. Dieß, mein Furſt, iſt die Geſchichte meines Le⸗ bens, und die Urſache der tiefen Traurigkeit, in welche ich verſunken erſcheine. Die moͤrderiſche Entfuͤhrung meiner Sélika iſt ſtaͤts meinem Gedaͤchtniſſe gegen⸗ waͤrtig, und macht mich unempfindlich fuͤr jede Freude. Wenn ich vernaͤhme, daß dieſe Prinzeſſinn nicht mehr lebte, ſo wuͤrde ich vielleicht, wie vormals, ihr An⸗ denken verlieren: aber die Ungewisheit ihres Schickſals bringt mir ihr Bild unaufhoͤrlich vor die Seele, und naͤhrt meinen Schmerz.“ Bedreddin⸗Lolo. 285 Fortſetzung der Geſchichte des Koͤnigs Bedreddin⸗Lolo. Als der Veſyr Atalmuͤlk die Erzaͤhlung ſeiner Aben⸗ teuer beendigt hatte, ſagte der Koͤnig zu ihm: „Ich bin nun nicht mehr verwundert, daß du ſo traurig biſt, du haſt gerechten Grund dazu. Aber nicht jedermann hat, ſo wie du, eine Prinzeſſinn verloren; und du haſt Unrecht, zu denken, daß man unter allen Menſchen auch nicht einen finde, der voll⸗ kommen gluͤcklich ſei. Du biſt da in großem Irrthum; und tauſend anderer zu geſchweigen, ſo bin ich aͤber⸗ zeugt, daß der Prinz Séyfel Muͤluk, mein Guͤnſt⸗ ling, ſich einer vollkommenen Gluͤckſeligkeit erfreuet.“ „ ch weiß es nicht, Herr,“ erwiederte Atalmuͤlk; „obwohl er ſehr gluͤcklich ſcheint, ſo wagte ich doch nicht zu verſichern, daß er es in der That waͤre.“ „Das iſt etwas,“ rief der Koͤnig aus,„woruͤber ich zur Stunde aufgeklaͤrt ſein will.“. 99. Tag. Rach dieſen Worten, rief er den Hauptmann der Leibwache, und befahl ihm, den Prinzen Séyfel Muͤluk zu holen. Der Hauptmann der Leibwache entledigte ſich ſei⸗ nes Auftrages auf der Stelle. Der Guͤnſtling kam bald in das Zimmer des Koͤnigs, ſeines Herrn, und dieſer ſprach zu ihm: „Prinz, ich wuͤnſchte wohl zu wiſſen, ob ihr mit euerm Schickſale zufrieden ſeid?“ „Ach, Herr,“ antwortete der Guͤnſtling,„kann Euer Majeſtaͤt mir dieſe Frage thun? Obwohl ein Fremdling, bin ich doch in der Stadt Damask ge⸗ ehrt; die großen Herren ſuchen mir zu gefallen; die anderen machen mir den Hof; ich bin der Leiter, durch welchen alle eure Gnaden fließen: mit Einem Worte, ihr liebt mich, was koͤnnte noch an meinem Gluͤcke mangeln?“ „Mir liegt daran,“ erwiederte der König,„daß ihr mir die Wahrheit ſaget. Atalmuͤlk behauptet, es gebe keinen gluͤcklichen Menſchen: ich meine das Ge⸗ gentheil, ich glaube daß ihr einer ſeid. Belehret mich nun, ob ich mich taͤuſche, ob irgend ein verborgener Kummer die Suͤßigkeit des Schickſals, welches ich euch bereitet habe, verbittert. Redet, und mit aufrichti⸗ gem Munde entdecket mir die Geheimniſſe eures Herzens,“ Bedreddin⸗Lolo. 287 „Herr,“ ſagte hierauf Séyfel Muͤluk,„weil Euer Majeſtaͤt mir befiehlt, euch mein Herz zu eroͤffnen, ſo muß ich euch ſagen, daß ungeachtet aller der Guͤte, welche ihr mir erzeiget, ungeachtet der Freuden, welche hier meine Schritte begleiten und welche an eurem Hofe ihre Freiſtaͤtte gefunden zu haben ſcheinen, ich dennoch einen Kummer empfinde, welcher die Ruhe meines Lebens ſtoͤrt. Ich trage in meinem Herzen ei⸗ nen Wurm, der es unablaͤßig zernagt; und mein Un⸗ gluͤck zu vollenden, ſo iſt es unheilbar.“ Der Koͤnig von Damask war ſehr verwundert, ſei⸗ nen Guͤnſtling ſo reden zu hoͤren, und er vermuthete, daß man ihm etwa auch eine Prinzeſſinn entfuͤhrt haͤtte. „Erzaͤhlet mir,“ ſagte er zu ihm,„eure Ge⸗ ſchichte; ohne Zweifel wird auch irgend eine Frau darin verwickelt ſein, und ich muͤßte mich ſehr taͤuſchen, wenn euer Kummer nicht von derſelben Art waͤre, wie bei Atalmuͤlk.“ Der Guͤnſtling Bedreddins nahm alſo wieder das Wort, und begann die Erzaͤhlung ſeiner Abenteuer auf folgende Weiſe: Geſchichte des Prinzen Séyfel Muͤluk. „Io habe ſchon die Ehre gehabt, Euer Majeſtaͤt zu ſagen, daß ich der Sohn des verſtorbenen Sultans von Aegypten Aßem Ben Sefuan, und Bruder des Prinzen bin, der ihm in der Regierung gefolgt iſt. Als ich in meinem ſechzehnten Jahre war, fand ich eines Tages zufaͤllig die Thuͤre der Schatzkammer meines Vaters offen; ich trat hinein, und fing an, mit großer Aufmerkſamkeit die Sachen, welche mir die ſeltenſten ſchienen, zu betrachten. Beſonders hielt ich mich auf bei der Beſchauung eines Kaͤſtchens von rothem Sandelholz, mit Perlen, Diamanten, Sma⸗ ragden und Topaſen beſetzt. Ein kleiner goldener Schluͤſſel dazu ſtak in dem Schloſſe, ich oͤffnete es, und erblickte darin einen Ring von wundervoller Séyfel Muͤluk. 289 Schoͤnheit, und eine goldene Kapſel, welche ein Frauenbildnis enthielt. Die Zuͤge deſſelben waren ſo regelmaͤßig, die Au⸗ gen ſo ſchoͤn, die Miene ſo reizend, daß ich anfangs glaubte, es waͤre ein Gemaͤlde der Einbildungskraft. „Die Werke der Natur ſind nicht ſo vollkommen,“ ſagte ich.„Wie viel Ehre macht dieſes hier dem Pinſel, der es hervorgebracht hat!“ Ich bewunderte die Einbildungskraft des Malers, welcher im Stande geweſen waͤre, eine ſo ſchoͤne Ge⸗ ſtalt zu erfinden. Hundertſter Ta g. Meine Augen konnten ſich von dieſem Gemaͤlde nicht trennen; und was das wunderbarſte dabei iſt, es hauchte mir Liebe ein. Ich dachte, es waͤre viel⸗ leicht das Bildnis einer lebenden Prinzeſſinn, und ich uͤberredete mir dieß immer mehr, je verliebter ich ward. Ich machte die Kapſel zu, und ſteckte ſie in meine Taſche, ſo wie den Ring, welchen mich au geluͤſtete zu entwenden, und verließ damit die Schatz⸗ kammer. 3 Ich hatte einen Vertrauten namens Saed: er war der Sohn eines großen Herrn zu Kahiro; ich II. 19 290 100. Tag. liebte ihn, und er war einige Jahre aͤlter, als ich. Ich erzaͤhlte ihm mein Abenteuer; er verlangte das Bildnis zu ſehen; ich gab es ihm. Er nahm es aus der Kapſel, um zu ſehen, ob nicht etwa auf der Ruͤckſeite eine Inſchrift ſtaͤnde, die uns davon unter⸗ richtete, was ich ſo leidenſchaftlich zu wiſſen wuͤnſchte, das heißt den Namen derjenigen, deren Bildnis es waͤre. Wir entdeckten innerhalb rings um die Kapſel in Arabiſcher Schrift und Sprache die Worte: „Bedy al DOſchemal, Tochter des Koͤnigs Schabbal.“— Dieſe Entdeckung entzuͤckte mich; ich war erfreut zu vernehmen, daß ich kein eingebildetes Weſen liebte. Ich trug meinem Vertrauten auf, ſich zu erkundigen, wo der Koͤnig Schabbal herrſchete. Saed befragte daruͤber die kundigſten Leute zu Kahiro: aber niemand konnte es ihm ſagen. Ich entſchloß mich alſo, zu reiſen, und wenn es ſein muͤßte, die ganze Welt zu durchwandern, und nicht eher nach Aegypten zuruͤckzukommen, als bis ich Bedy al Oſchemal gefunden haͤtte. Ich bat den Sul⸗ tan meinen Vater, mir zu erlauben nach Bagdad zu reiſen um den Hof des Chalyfen und die Wunder die⸗ ſer beruͤhmten Stadt zu ſehen, von welcher ich ſo viel Ruͤhmens gehoͤrt hatte. Er gab mir dieſe Erlaubnis. Da ich unter fremdem Namen reiſen wollte, ſo ver⸗ ließ ich Kahiro nicht in einem prunkvollen Aufzuge. Sésyfel Muͤluk. 4 291 Mein Gefolge beſtand bloß aus Saed und einigen Sklaven, deren Dienſteifer mir bekannt war. Ich ſteckte mir bald den Ring, welchen ich aus dem Schatze meines Vaters genommen hatte, an den Finger, und ich that den ganzen Weg hindurch nichts anderes, als mich mit meinem Vertrauten von Bedy al Dſchemal unterhalten, deren Bildnis ich unablaͤßig in den Haͤnden hatte. Als ich zu Bagdad angekommen war und alle Merkwuͤrdigkeiten dieſer Stadt beſehen hatte, befragte ich die Gelehrten daſelbſt, ob ſie mir nicht ſagen koͤnn⸗ ten, in welcher Weltgegend die Staaten des Koͤnigs Schabbal gelegen waͤren. Sie antworteten mir mit Nein; wenn mir aber ſehr daran laͤge, es zu wiſſen, ſo duͤrfte ich mich nur nach Basra bemuͤhen und ei⸗ nen hundert und ſiebenzigjaͤhrigen Greis, namens Padmanaba, aufſuchen: dieſem Manne waͤre nichts unbekannt, und er wuͤrde ohne Zweifel meine Neugierde befriedigen. Ich reiſe ſofort von Bagdad ab, ich fliege nach Basra, und erkundige mich nach dem Greiſe. Man zeigt mir ſeine Wohnung, ich gehe zu ihm, und ſehe einen ehrwuͤrdigen Mann, der noch ſehr kraͤftig er⸗ ſchien, obwohl beinahe zwei Jahrhunderte ſeine Stirne gefurcht hatten. „Mein Sohn,“ ſagte er zu mir, mit freundlicher Miene,„was ſteht zu deinen Dienſten?“ 292 100. Tag. „Mein Vater,“ antwortete ich ihm,„ich moͤchte gern wiſſen, wo das Reich des Koͤnigs Schabbal liegt; es iſt mir von der hoͤchſten Wichtigkeit, dieß zu er⸗ fahren. Einige Gelehrte zu Bagdad, welche ich des⸗ halb befragt habe, und die mir keine Auskunft dar⸗ uͤber geben konnten, haben mich verſichert, ihr wuͤrdet mir den Namen des Reichs des Koͤnigs Schabbal und den Weg dahin kund thun.“ „Mein Sohn,“ erwiederte der Alte,„die Gelehr⸗ ten, welche dich an mich gewieſen haben, halten mich fuͤr weniger unwiſſend, als ich bin. Ich weiß nicht beſtimmt, wo die Staaten des Koͤnigs Schabbal lie⸗ gen, ich erinnere mich nur, irgend einen Reiſenden davon reden gehoͤrt zu haben. Dieſer Koͤnig herrſcht, wenn ich mich nicht irre, auf einer Inſel, in der Nachbarſchaft der Inſel Serendib.*) Aber dieß iſt nichts mehr, als eine Vermuthung, und ich bin viel⸗ leicht im Irrthume.“ Ich dankte Padmanaba, daß er mir wenigſtens einen Ort angezeigt hatte, wo ich hoffte, weiter uͤber das aufgeklaͤrt zu werden, was ich wiſſen wollte. Ich faßte den Entſchluß, nach der Inſel Serendib zu 3 reiſen. Ich ſchiffte mich mit Saed und meinen Skl ven am Meerbuſen von Basra ein und fuhr mit einem ——— *) Bekanntlich der morgentändiſche Name von Ceilan. Séyfel Muͤluk. 295 Handelsſchiffe nach Surate. Von Surate begaben wir uns nach Goa, wo wir bei unſrer Ankunft ver⸗ nahmen, daß in wenigen Tagen ein Schiff unter Se⸗ gel gehen wuͤrde, welches die Fahrt nach Serendib machte. Wir benutzten die Gelegenheit, und verlie⸗ ßen Goa mit ſo guͤnſtigem Winde, daß wir am erſten Tag weit vorwaͤrts kamen; aber ſchon am zweiten Tage drehte ſich der Wind, und es erhub ſich ein ſo heftiger Sturm, daß die Matroſen unſern Untergang fuͤr unvermeidlich hielten, und das Schiff dem Winde und den Wellen preis gaben. Bald thaten die Wogen ſich auf, als wenn ſie uns verſchlingen wollten, und zeigten unſeren erſchrockenen Blicken grauenvolle Ab⸗ gruͤnde; bald empoͤrten ſie ſich und ſchleuderten uns bis an die Wolken. Lange waren wir das Spiel der Wellen; aber, was uns allen unerwartet war, und uns ein Wunder ſchien, wir litten nicht Schiffbruch. Wir gelangten an eine Inſel in der Nachbarſchaft der Maldiven, und legten dort an. Dieſe Inſel hatte geringen Umfang und ſchien uns dde. Wir entſchloſſen uns ans Land zu gehen, und uns nach einem Walde zu begeben, welchen wir mit⸗ ten auf der Inſel ſahen, als ein alter Matroſe, wel⸗ cher die Kuͤſten von Indien haͤufig befahren hatte, uns ſagte, daß dieſe Inſel von ſchwarzen Goͤtzendie⸗ nern bewohnt waͤre, welche eine Schlange anbeteten, der ſie alle Fremdlinge zu verſchlingen gaͤben, welche 294 100. 101. Dag. das Ungluͤck haͤtten, in ihre Haͤnde zu fallen; es waͤre daher rathſamer, anſtatt auszuſteigen, wieder in See zu ſtechen und wo moͤglich die Maldiven zu er⸗ reichen. Der Schiffshauptmann, der den Matroſen als einen erfahrenen Menſchen kannte, der unfaͤhig waͤre etwas zu behaupten, das er nicht gewis wuͤßte, glaubte ihm, und es wurde beſchloſſen, am folgenden Morgen mit Anbruche des Tages die Anker zu lichten, um uns aus einer ſo gefaͤhrlichen Gegend zu ent⸗ fernen. 1 Dieſer Entſchluß war ſehr verſtaͤndig, aber man haͤtte noch beſſer gethan, auf der Stelle abzufahren und ſich dem Meere zu uͤberlaßen; denn mitten in der Nacht wurden wir durch eine große Menge von Schwarzen plotzlich uͤberfallen; ſie erſtiegen unſer Schiff, ſchlugen uns in Ketten, und fuͤhrten uns nach ihren Wohnungen. Hundert und erſter Tag. Der Tag brach eben an, als wir, durch das Ge⸗ hoͤlz, welches wir den vorigen Abend bemerkt hatten, bei der Horde der Schwarzen ankamen. Dieſe beſtand aus einer großen Menge kleiner Huͤtten von Holz und Erde, in deren Mitte ſich eine groͤßere Huͤtte derſelben . Séyfel Muͤluk. 295 Bauart erhub, welche ſie den Palaſt ihres Koͤnigs nannten. Man fuͤhrte uns in dieſe Huͤtte, wo der Koͤnig auf einem Throne von Felsſtuͤcken und Muſchelwerk ſaß. Er war ein Schwarzer von rieſenmaͤßigem Wuchſe, aber ſo haͤßlich und ſo ſcheußlich, daß er mehr wie ein Teufel, denn wie ein Menſch ausſah. Die Prinzeſſinn ſeine Tochter ſaß neben ihm. Sie mochte etwa dreißig Jahr alt ſein; an Wuchs war ſie ihrem Vater aͤhnlich, und ſie glich ihm auch ſonſt ein wenig. Einer der vornehmſten Schwarzen, die uns gefan⸗ gen hatten, noͤthigte uns, dem ſchwarzen Monarchen und ſeiner Tochter tiefe Verbeugungen zu machen. Hierauf erſtattete er Bericht von ſeiner gluͤcklichen Un⸗ ternehmung. Der Koͤnig hoͤrte ihn mit Vergnüͤgen an, und bezeigte ihm ſeine Zufriedenheit mit ihm und allen denjenigen, die ihn begleitet hatten. Dann ſagte er zu ſeinem Großveſyr, indem er mit dem Finger auf uns wies: „Geh, und laß dieſe Gefangenen in eine beſondere Huͤtte fuͤhren, und taͤglich gebe man einen davon dem Gotte, den wir anbeten.“ Der Veſyr gehorchte; er ſelber fuͤhrte uns in eine abgeſonderte Huͤtte; hier brachte man uns, auf ſeinen Befehl, Hirſe und andere Speiſen, um uns zu naͤh⸗ ren und die Schlachtopfer fetter zu machen. Am 3 101. Dag. naͤchſten Morgen kamen zwei Schwarze, und holten einen unſerer Gefaͤhrten, um ihn der Schlange zu uͤberliefern. Am folgenden Tage kamen ſie wieder und holten einen andern, und ſo wurde alle Morgen einer von uns von dem Ungeheuer verſchlungen, und kamen alle meine Sklaven um, ſo wie der Schiffs⸗ hauptmann, der Steuermann und die Matroſen. Es blieb nur noch Saed und ich uͤbrig. Wir wa⸗ ren bereit, daſſelbe Schickſal zu erleiden; wir erwar⸗ teten, daß die Schwarzen bald kommen wuͤrden, uns fuͤr immer zu trennen. „Ach! mein theurer Prinz,“ ſagte mein Vertrau⸗ ter,„da wir doch beide geopfert werden ſollen, ſo gebe nur der Himmel, daß ich vor euch ſterbe! er verhuͤte, daß ich euch zum Tode fuͤhren ſehe, das wuͤrde eine zu große Qual fuͤr mich ſein.“ „O Saed!“ antwortete ich ihm,„warum haſt du dich meinem Ungluͤcke zugeſellts Als ich, von einer unſinnigen Liebe beſeſſen, Kahiro verlaßen wollte, um uͤberall ein Weſen aufzuſuchen, welches mir vielleicht nicht zu Theil werden kann, warum ließt du mich nicht ganz allein reiſen? Du haſt meine Leidenſchaft bekaͤmpft, ich habe deinen klugen Rath verworfen, haſt du es nun verdient, daß du mit einem Menſchen umkoͤmmſt, der dir nicht hat glauben wollen?“ Waͤhrend wir uns in eitelen Klagen verzehrten, kamen die Schwarzen, und ſagten, indem ſie ſich an SésSyfel Muͤluk. 297 mich richteten:„Folge uns.“ Ich ſchauderte bei die⸗ ſen Worten, und wandte mich zu Saed, um ihm auf ewig Lebewohl zu ſagen. Wir hatten beide nicht die Kraft, ein Wort zu ſprechen, ſo ergriffen waren wir ploͤtzlich von Furcht und Schmerz. Wir begnuͤgten uns, durch unſere Blicke die Bewegungen unſerer Seele auszudruͤcken. Die Schwarzen fuͤhrten mich in eine große Huͤtte, und ich glaubte, man wuͤrde mich hier opfern; aber beim Eintritt erblickte ich eine ſchwarze Frau, welche mich enttaͤuſchte, indem ſie mich ſo anredete: „Beruhige dich, junger Menſch, du ſollſt nicht das Schickſal deiner Gefaͤhrten haben. Die Prinzeſ⸗ ſinn Huͤsnara, meine Gebieterinn, bewahrt dir ein ſuͤßeres Loos; ich ſage dir nicht mehr, denn ſie ſelber will dir dein Gluͤck ankuͤndigen; ich bin ihre Lieblings⸗ ſklavinn, und habe Befehl, dich in das geheimſte Ge⸗ mach des Palaſts zu fuͤhren, wo ſie dich mit Unge⸗ duld erwartet.“ Bei dieſen Worten entfernten ſich die zwei Schwarzen, die mich hieher gefuͤhrt hatten, und die Lieblingsſklavinn Huͤsnara's nahm mich bei der Hand und fuͤhrte mich in ein kleines Gemach, wo ihre Ge⸗ bieterinn allein war und auf einer Art Sopha ſaß, der mit wilden Thierhaͤuten bedeckt war. Dieſe Prinzeſſinn hatte Olivenfarbe, ſehr kleine blitzende Augen, eine aufgeworfene Naſe, einen großen 298 101. Tag. Mund, ſehr dicke Lippen, und ambrafarbige Zaͤhne. Ihre Haare waren kurz, ſehr kraus und ſchwaͤrzer, als Ebenholz. Auf dem Kopfe trug ſie eine einfache Muͤtze von gelber Leinwand, roth geſtickt, und daran einen Federbuſch von mancherlei Farben. Sie trug ein Halsband von dicken blauen und rothen Tala⸗ gaͤdſcha⸗Beeren;*) und ein langer Rock von Tiger⸗ fellen bedeckte ſie von den Schultern bis zu den Fuͤ⸗ ßen. Dieſes Weibsbild war eben nicht geeignet, mich Bedy al DOſchemals vergeſſen zu machen. „Naͤhere dich, junger Mann,“ redete ſie mich an, ſo bald ſie mich erblickte,„komm, ſetze dich zu mir, ich habe dir Dinge zu eroͤffnen, welche dich daruͤber troͤſten werden, daß du in die Gewalt meines Vaters gefallen biſt.— Nach dieſer Anrede,“ fuhr ſie fort, nachdem ich mich geſetzt hatte,„wirſt du ſehr unge⸗ duldig ſein, zu wiſſen, was ich dir zu ſagen habe, und ich halte es dir zu Gute, weil von der wichtig⸗ ſten und fuͤr dich angenehmſten Sache auf der Welt die Rede iſt. Du haſt mir gleich auf den erſten Blick gefallen, und ich will dir nicht bloß das Leben retten, ſondern ich habe dich auch zu meinem Geliebten er⸗ *) Der Talagädcha⸗Baum hat gezähnte und faſt geſpal⸗ tene Blätter; ſeine Früchte werden geſammelt und gefärbt, und ſo tragen ſie bie Frauen als Arm⸗ und Halsbänder. Séyfel Muͤluk. 299 waͤhlt, ja ich ziehe dich den groͤßten Herren des Hofes vor, die alle von meinen Reſzen hingeriſſen ſind.“ Obwohl dieſe Anrede mich eben nicht uͤberraſchen konnte, weil die Lieblingsſklavinn mich ſchon genug darauf vorbereitet hatte, ſo verurſachte ſie mir doch nicht minder eine unglaubliche Verwirrung: ich konnte mich nicht entſchließen, ſo zu antworten, wie die Prinzeſſinn es wuͤnſchte; und die Furcht, ihren Zorn zu reizen, verhinderte mich wiederum, offen zu ihr zu ſprechen. Als ſie ſah, daß ich nicht antwortete, und ſelbſt verlegen war, ſagte ſie zu mir: „Junger Mann, ich bin nicht verwundert, daß du ſchweigſt und verwirrt erſcheinſt. Du verſahſt dich deſſen nicht, daß eine junge und ſchoͤne Prinzeſſinn ſich ſo weit herablaßen wuͤrde, dir einen ſolchen An⸗ trag zu machen; und die Ueberraſchung, worin dieſes unerwartete Gluͤck dich verſetzt, feſſelt deine Zunge: aber, anſtatt mich durch deine Verlegenheit beleidigt zu fuͤhlen, bekenne ich dir, daß ſie mich erfreut; ich ziehe daraus eine gute Vorbedeutung fuͤr unſre Liebe; und dieſes Schweigen, welches ohne Zweifel das Uebermaaß deiner Freude ausdruͤckt, macht mir mehr Vergnuͤgen, als alle Dankreden, welche du mir hal⸗ ten koͤnnteſt.“ Indem ſie dieſe Worte ausſprach, reichte ſie mir eine ihner Haͤnde zum Kuſſe, als einen Worſchmack der Freuden, welche ſie mir aufbewahrt hatte. 300 101., 102, Tag. Sie war ſo uͤberzeugt, daß man ſie nicht anſehen konnte, ohne ſie zu lieben, daß ſie alle die Zeichen des Abſcheus, welche auf meinem Geſicht und in mei⸗ nen Gebaͤrden erſchienen, fuͤr Liebesbezeugungen hielt. Waͤhrend dieſer Zeit kamen zwo ſchwarze Sklavin⸗ nen, breiteten Haͤute auf dem Boden aus und beſetz⸗ ten ſie bald darauf mit mehreren Schuͤſſeln Hirſe und Reis, nebſt einigen mit Hirſe gekochten Fleiſchgerich⸗ ten. Die Prinzeſſinn befahl mir, mich ſo wie ſie, auf die Haͤute hinzuſtrecken und zu eſſen. Hundert und zweiter Tag. Ich that dieſen Gerichten wenig Ehre an, obwohl die Prinzeſſinn nicht aufhoͤrte, mich zum Eſſen zu noͤthigen: „Wie denn, junger Menſch,“ ſagte ſie zu mir, ndu haſt keine Eßluſt? wie ſehr ſchmeichelt dieß mei⸗ ner Neigung! in der reizenden Erwartung der Huld, auf welche ich dir gern die Hoffnung laßen will, reizt jeder Augenblick, welcher dein Gluͤck verzoͤgert, deine Ungeduld, und benimmt dir die Luſt zum Eſſen. In⸗ deſſen,“ fuhr ſie fort,„wie heftig auch das Verlan⸗ gen ſei, welches ich dir einfloͤße, ich kann nicht eher als dieſe Nacht deine Gluͤckſeligkeit kroͤnen. Ich gehe ſogleich zu dem Koͤnige meinem Vater, ihn zu bitten, Ssyfel Muͤluk. 3⁰1 daß er dir das Leben laße, ſo wie deinem Gefaͤhrten, weil Mihrafja, meine Lieblingsſklavinn, Geſchmack an ihm gefunden hat.“ Indem ſie alſo ſprach, ſtand ſie auf, und ver⸗ langte einen Schleier; und waͤhrend ſie ſich anſchickte, zu ihrem Vater zu gehen, ſagte ſie zu mir: „Junger Menſch, kehre nach deiner Huͤtte zuruͤck, und ſage deinem Gefaͤhrten, daß er das Gluͤck haben ſoll, meine Lieblingsſklavinn zu beſitzen; bringe ihm dieſe angenehme Neuigkeit; erfreuet euch mit einander, und danket es euerm Heile, daß es euch beide von dem Ungluͤcke rettet, welches alle eure Gefaͤhrten be⸗ troffen hat, und euch ein vergnuͤgtes Leben an derſel⸗ ben Stelle bereitet, wo ſie den Tod gefunden haben. So bald die Fackel des Tages dieſe Inſel nicht mehr beleuchtet, werde ich dich zu mir zum Abendeſſen ho⸗ len laßen, und dann wollen wir uns mit einander erluſtigen.“ Ich dankte der Prinzeſſinn Huͤsnara fuͤr ihre Huld, obſchon ich feſt entſchloſſen war, eher zu ſterben, als ſie zu genießen. Ein Schwarzer, der zu meiner Be⸗ gleitung gerufen wurde, fuͤhrte mich wieder nach mei⸗ ner Huͤtte. Es laͤßt ſich nicht ausdruͤcken, wie groß die Freude Saeds war, als er mich wiederſah; ſie wuͤrde nicht groͤßer geweſen ſein, und wenn wir uns durch ein Wunder aus den grauſamen Haͤnden der Schwarzen 302² 102. Ta g. befreit, ploͤtzlich nach Aegypten veerſetzt geſehen haͤtten. „Ah! da ſeid ihr wieder, mein theurer Prinz,“ rief er aus.„Ach! ich verzweifelte ſchon, je meinen Herrn wiederzuſehen; ich glaubte, daß die Unmenſchen euch ſchon geopfert, und die ſcheußliche Schlange, der hier der Irrthum Altaͤre errichtet hat, euch ſchon verſchlungen haͤtte. Iſt es moͤglich, daß ihr mir wie⸗ dergegeben ſeid, und daß ihr kommet, die Thraͤnen zu trocknen, welche ich um euch vergoß.“) „Ja, Saed,“ ſagte ich zu ihm,„und ich verkuͤn⸗ dige dir, daß meine Rettung von mir ſelber abhaͤngt; ich kann, wenn ich will, dem Schickſal entgehen, welches unſere Gefaͤhrten getroffen hat.“ „O! Herr,“ unterbrach mich ungeſtuͤm Saed, „darf ich euren Worten Glauben beimeſſen? ſoll ich wirklich glauben, daß ihr dem Tode entgehen koͤnnet? Welche erfreuliche Neuigkeit habt ihr mir da verkuͤndigt!“ „Ich ſage dir nichts,“ antwortete ich,„als die Wahrheit. Aber du weißt noch nicht, um welchen Preis ich mein Leben retten kann; wenn du dieß ver⸗ nimmſt, ſo wirſt du nicht mehr in ſo lauten Jubel ausbrechen, ſondern mich vielleicht noch beklagenswer⸗ ther finden, als wenn ich ſchon das Leben verloren haͤtte.“ Hiierauf erzaͤhlte ich ihm die Unterhaltung welche d mit der Tochter des Koͤnigs der Schwarzen gehabt atte. Seyfel Muͤluk. 305 „Ich geſtehe,“ ſagte mein Vertrauter, nachdem er mich angehoͤrt hatte,„daß es ſehr unangenehm iſt, ſich in den Armen eines ſolchen Liebchens zu ſe⸗ hen; nicht ohne Grund ſeid ihr empoͤrt gegen ſie; ich verſetze mich in euer Gefuͤhl: aber das Leben iſt ein ſchoͤnes Ding! bedenket, wie traurig es iſt, in euerm Alter ſchon zu ſterben; thut euch einen Zwang an, und weichet der Nothwendigkeit.“ „O Saed,“ rief ich bei dieſen Worten aus,„wel⸗ chen Rath wagſt du mir da zu geben? denkſt du, daß ich ihn befolgen koͤnnte? Wir wollen doch ſehen, ob du ſelber im Stande biſt zu thun was du anderen anraͤthſt; denn ich benachrichtige dich, daß du in demſelben Falle biſt: die Lieblingsſklavinn der Prin⸗ zeſſinn hat dieſelben Abſichten auf dich, und verlangt, daß du ſie liebeſt; ſie iſt nicht weniger liebenswuͤrdig, als ihre Gebieterinn. Fuͤhlſt du dich nun geneigt, der Huld zu entſprechen, welche ſie dieſe Nacht dir bewei⸗ ſen will?“ Saed erbleichte bei dieſer Rede, und rief aus: „Gerechter Himmel, hab' ich recht gehoͤrt? die Lieh⸗ lingsſklavinn der Prinzeſſinn will, daß ich fuͤr ſie lebe? Ha! lieber moͤgen die Schwarzen kommen und mich nach ihrem Goͤtzenhauſe fuͤhren: die Schlange mich eher tauſendmal verſchlingen„als ich die Liebkoſungen der Schwarzen erwiedere“ 3o 102. T a g. „Ho, ho, Saed,“ unterbrach ich ihn,„du laͤßt nicht wenig Abſcheu gegen eine Dame blicken, welche es ſo gut mit dir meint; du vergißt, daß das Leben eine ſchone Sache iſt. Da man dich zwingen will, ein ſcheuſeliges Weſen zu lieben, hat der Tod nichts furchtbares fuͤr dich: und du willſt, ich ſoll ihn fuͤrch⸗ ten? Bekenne alſo, daß es nicht leicht iſt, die Re⸗ gungen ſeines Herzens zu beſiegen, und einem Weſen Liebe zu erzeigen, welches uns nur Ekel einfloͤßt; dieſe Anſtrengung uͤberſteigt die Kraft der ungeſtuͤmſten Jugend: es iſt beſſer, daß wir beide umkommen, als daß wir uns erniedrigen, Zaͤrtlichkeit fuͤr Weſen zu heucheln, welche wir nicht lieben koͤnnen.“ Mein Vertrauter billigte dieſen Entſchluß, welchen die Verzweiflung mir eingab; ſo daß wir nur an un⸗ ſern Tod dachten. Wir erwarteten die Nacht mit Ungeduld, nicht um die Freuden zu genießen, welche man uns verhieß, ſondern um unſere Gebieterinnen mit Schmaͤhungen zu uͤberhaͤufen und ihnen den gan⸗ zen Abſcheu zu zeigen, welchen wir gegen ſie hegten. Das war neu genug fuͤr zwei Liebhaber: wir ſchmei⸗ chelten uns, ſie durch dieſes Mittel in Wuth zu ſetzen und ſie zu noͤthigen, uns toͤdten zu laßen; wir dach⸗ ten wohl, wenn eine ſchoͤne Frau, die verſchmaͤht wird, ſchon im Stande iſt, zu den aͤußerſten Mitteln zu ſchreiten, daß wir nicht ungeſtraft zwei haͤßliche und grauſame Weiber beleidigen wuͤrden. Séyfel Muͤluk. 305 Als die Nacht gekommen war, erſchien ein ſchwar⸗ zer Hausbeamter der Prinzeſſinn Huͤsnara, und ſagte u uns: 3„Gluͤckliche Gefangene, bereitet euch, die ſuͤßeſten Freuden zu ſchmecken; zwei zaͤrtliche Geliebten ſind ge⸗ ſonnen, euch ein reizendes Loos zu bereiten; ſegnet „den Tag, wo die Wuth des Meers und der Winde euch an dieſen Strand geworfen hat.“ Wir folgten dem Schwarzen, ohne ihm zu ant⸗ worten; aber es lag nur an ihm, aus unſerm Still⸗ ſchweigen zu erkennen, daß die Damen, die uns er⸗ warteten, nicht ſehr zufrieden mit uns ſein wuͤrden: die Traurigkeit, oder vielmehr die Verzweiflung malte ſich in unſeren Augen. Er fuͤhrte uns in die Huͤtte der ſchwarzen Koͤnigs⸗ tochter, und in ein Gemach, wo ſie mit ihrer Lieb⸗ lingsſklavinn zu Tiſche war und beide auf Haͤuten am Boden hingeſtreckt lagen. „Komm, ſetze dich zu mir,“ ſagte Huͤsnara zu ui, iund dein Gefaͤhrte mag ſich zu Mihrafia etzen. Es ſtanden mehrere Fleiſchſpeiſen, von welchen man uns zu eſſen noͤthigte, und ſchwarze Sklaven boten uns von Zeit zu Zeit ein mit Honig bereitetes Ge⸗ traͤnk, in irdenen bemalten Schalen dar. II. 20 103. Tag. Hundert und dritter Tag. Die Prinzeſſinn machte ſich niedlich waͤhrend der Malzeit, und Mihrafja ermangelte ihrerſeits auch nicht, mit Saed ſchoͤne zu thun; allmaͤhlich wurden ſie beide ſo lebhaft, daß wir gezwungen waren, ih⸗ nen zu verſtehen zu geben, daß ihre Muͤhe verloren waͤre: ich ſagte Huͤsnara tauſend harte und beißende Dinge, und mein Freund war nicht hoͤflicher, als ich. Unſere Reden thaten ſchleunig ihre Wirkung; wir ſahen unſere Schoͤnen im Augenblick ihr Antlitz ver⸗ wandeln, ſie blickten uns nur noch mit wuthfunkelnden Augen an. 8 „Ha! ihr Elenden,“ rief die ſchwarze Koͤnigs⸗ tochter aus,„auf ſolche Weiſe alſo erwiedert ihr meine Gaͤte! Vergeßt ihr, wie gefaͤhrlich es fuͤr euch iſt, meinen Zorn zu reizen? Du Undankbarer,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich zu mir wandte,„kannſt du mit Gleichguͤltigkeit alle die Zeichen der Huld aufnehmen, welche ich dir gebe? Aber was ſage ich: mit Gleich⸗ guͤltigkeit? es ſcheint, daß du Abſcheu gegen Huͤsnara hegſt: was findeſt du an mir, das dir Widerwillen erregt? hab' ich irgend einen Fehler?“ Indem ſie dieſe letzten Worte ausſprach, wandte ſie ſich zu ihrer Lieblingsſklavinn und ſagte: „Rede, Mihrafja, ſchmeichle mir nicht: bin ich haͤßlich oder uͤbelgebildet? iſt mein Wuchs misgeſtalt, 3⁰⁶ Séyfel Muüuͤluk. 307 oder ſind meine Zuͤge unregelmaͤßig? mit Einem Worte, verdiene ich die Verachtung, welche dieſer junge Fremdling mir bezeigt?“ „Ah! meine Prinzeſſinn,“ antwortete die Lieblings⸗ ſklavinn,„es gibt keine Frau auf der Welt, welche es verdiente, mit euch in Vergleich geſtellt zu werden: nichts iſt ſo vollkommen, als eure Schoͤnheit, nichts freier und ebenmaͤßiger, als euer Wuchs. Dieſer junge Menſch muß den Verſtand verloren haben, weil er euren Reizen nicht Gerechtigkeit widerfahren laͤßt. Aber wenn ſelbſt ihr einen Undankbaren findet, ſo darf ich nicht verwundert ſein, daß dieſer andre Fremd⸗ ling wenig Geſchmack fuͤr mich hat. Ich begreife nicht, wie ein Mann euch betrachten kann, ohne euch anzubeten: wie kann dieſer junge Menſch euch mit gleichguͤltigen Augen anſehen? Er ſollte bei euerm Anblicke vor Liebe ſterben, oder doch verruͤckt werden.“ „Das iſt wahr“ erwiederte die Prinzeſſinn;„und du biſt auch ſehr liebenswuͤrdig und deine Huld iſt nicht zu verſchmaͤhen. Wir wollen uns aber an die⸗ ſen beiden Elenden raͤchen. Ich habe von dem Koͤnige meinem Vater ihre Begnadigung erlangt, aber ſie ſind des Lebens unwuͤrdig, welches ich ihnen laßen wollte; ſie ſollen ſterben. Man rufe etliche meiner Leute, ſie ſollen dieſe Fremdlinge nach der Pagode 3⁰⁸ 103., Tag. fuͤhren, und ſie der Schlange uͤberliefern, welche wir anbeten.“ Mihrafja uͤbernahm es ſelber„die Leute zu holen, ſie ging hinaus, und kam bald darauf in Begleitung von zwei Schwarzen zuruͤck. „Tretet naͤher,“ ſagte die Prinzeſſinn zu ihnen, gnehmet dieſe beiden jungen Gefangenen, und fuͤhret ſie nach der Pagode.“ Die Schwarzen naͤherten ſich mir; aber in dem Augenblicke, da ſie uns aus der Huͤtte fuͤhrten, ſprach ſie zu ihnen:. „Haltet noch; ich weiß nicht, welches Gefuͤhl ſich in meinem Herzen regt, und ſich dem Tode dieſer bei⸗ den Schuldigen widerſetzt. Es iſt ohne Zweifel mein Haß, der durch eine ſo leichte Strafe nicht befriedigt wird. Ein ſchleuniger Tod iſt eine Wohlthat fuͤr die Elenden: ſie ſollen beide noch leben„ um laͤngere Qualen zu leiden. Ich will, daß ſie nach der Hirſe⸗ muͤhle gebracht und Nacht und Tag zum Mahlen an⸗ gehalten werden: ein ſo qualvolles Leben wird mich mehr raͤchen als ihr Tod.“ Mit dieſen Worten befahl ſie zwei Schwarzen uns nach einem Orte der Inſel zu bringen, wo Hand⸗ muͤhlen waren, und uns keinen Augenblick ruhen zu laßen. Dieß wurde auf der Stelle vollzogen. Man brachte uns dorthin, wo wir Hirſe mahlen mußten. Und als wenn uns dieſe Arbeit nicht ſchon elend genug Ssyfel Muͤluk. 3⁰9 machte, ſo mußten wir auch noch große Holzlaſten tragen. Einer ſo harten Arbeit ungewohnt, mußten wir ihr unfehlbar erliegen. Die Schwarzen, welche uns ſo arbeiten ließen, bemerkten es manchmal, daß wir nicht mehr fortkonnten, und fragten uns boshaf⸗ terweiſe, ob wir nicht Luſt haͤtten, verliebt zu werden. Dieſe Frage, welche uns das Bild unſerer Schoͤnen wieder vor Augen ſtellte, belebte uns mit neuer Kraft: wir wollten doch lieber in der Muͤhle bleiben, als ſie wiederſehen. Eines Tages gaben unſere Schwarzen uns eine gewiſſe Menge Hirſe zu mahlen, und ſagten zu uns: „Wir gehen nach der Horde: daß bei unſerer Ruͤck⸗ kehr alle dieſe Hirſe gemahlen iſt!⸗⸗ Als ich mich mit meinen Gefaͤhrten allein ſah, ſagte ich zu ihm: „Saed, waͤhrend unſere Feinde von uns lentfernt ſind, ſo laß uns die Gelegenheit benutzen: wir wollen ans Ufer des Meeres eilen, vielleicht finden wir dort irgend ein Fahrzeug, deſſen wir uns zur Flucht bedie⸗ nen koͤnnen; vielleicht ſind wir ſo gluͤcklich, irgend ein Schiff voruͤberfahren zu ſehen, wir geben ihm Zeichen, heran zu kommen und uns einzunehmen.“ „Ich ſtimme bei, mein Prinz,“ antwortete Saed. „wir wollen uns nichts vorzuwerfen haben, und alles verſuchen, von dieſer grauenvollen Inſel zu entfliehen. Wenn uns der Himmel gar nichts antreffen laͤßt, das 310 103. Tag. reichten das Geſtade des Meeres, welches nicht ſehr dazu dienen kann, uns aus unſrer Qual zu befreien, ſo wollen wir uns ins Meer ſtuͤrzen, und ich meine, es wird uns lieber ſein, in den Fluten umzukommen, als noch laͤnger Hirſe zu mahlen.“ Ich war der Meinung meines Gefuͤhrten; wir er⸗ weit entfernt war; hier fanden wir ein an einen Pfahl befeſtigtes Boot, welches einem in der Nachbarſchaft wohnenden Schwarzen zum Fiſchen diente: wir banden es ſchleunig los, und uns darin den Wogen und den Winden preisgebend, ſuchten wir das Weite. auanxunxum