SHs. 0/ 8 „==—ℳ—y Leihbibliothek . deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 3 Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uyr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen,.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Ihinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4 wird. 2 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgr: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 7„ 3 ⸗— 7„— 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird vpeſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——yyj— 4 3 Taugend und Ein Tag. 1 Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. . Aus dem Persischen, Turkischen und Arabischen nach. Petits de la Croix, Galland, Cärdonne, Chawis und Cazotte, dem Grafen Gayplus und Anderen, ü berſetzt von 5. H. von der Hagen. Erſter Ban d. Prenzlau, Duuc und Verlag der Ragoczyſchen Buchhandlung. — 1827. Tauſend und Ein Tag. Perſiſche Erzaͤhlungen. * Vorrede des Franzoͤſiſchen Ueberſetzers. Wir verdanken dieſe Erzählungen dem berühmten Derviſch Moklés, welchen Perſien zu ſeinen großen Männern zählt. Er war Oberhaupt der Szofi's*) von Ispahan, *) Es verdient bemerkt zu werden, daß die Benennung Szofi von ßuf abgeleitet iſt, was Wolle bedeutet, weil die frommen Szofi's in Wolle gekleidet gehen; und dazu gehört auch ßafa, das heißt Reinheit, und teßauf, * das iſt die myſtiſche Theologie oder der Quietismus, zu 3 welchem ſie ſich bekennen. Nicht aber werden die Könige von Perſten Szoft's genannt, trotz Golius und d'Her⸗ 2* belor, und faſt allen Reiſenden, welche in dieſen Irr⸗ rhum verfallen ſind, und denen es allgemein gläubig nach⸗ geſprochen wird, daß die Perſiſchen Könige dieſen Namen Liü IV Vorrede und hatte zwölf Schüler, die lange Kleider von weißer Wolle trugen. Die Vornehmen, wie das Volk, hegten für ihn eine ausgezeichnete Verehrung, weil er von dem Stamme Mahomeds war; und alle fürchteten ihn, weil er für einen gelehrten Kabaliſten galt. Der König Schah⸗ Soliman ſelber ehrte ihn in ſolchem Grade, daß, wenn er ihm zufälligerweiſe begegnete, der Fürſt ſogleich vom Pferde ſtieg, und hinging, ihm die Steigbügel zu küſſen. Mokles war noch ſehr jung, als er darauf kam, In⸗ diſche Schauſpiele ins Perſiſche zu überſetzen, welche in alle morgenländiſche Sprachen übertragen worden, und von welchen ſich in der Königlichen Bibliothek(in Paris) führen, als wenn ſie auch die, Kutte trügen. Derſelbe kömmt ihnen gar nicht zu; es wäre ebenſo, als wollte man ſagen: der Kaiſer⸗Kapuziner. Der Ueberſetzer dieſer Er⸗ zählungen, der ſich eines Tages zu Ispahan, in Gegen⸗ wart gelehrter Männer, dieſes Ausdrucks bediente und den König Szofi nannte, erregte ihr Gelächter. Sie belehrten ihn, daß Szofi nichts anderes, als eine Art Mönch bezeich⸗ net: aber die Europäer verwechſelten dieſes Szoſfi mit Szefevy, das heißt ein Abkömmling Scheich⸗Szefy's, von welchem die Perſiſchen Könige ſtammen, wie wir ſagen können Szefevinger. 2 3 ber ohne Zeitbeſtimmung ſind, ſo iſt es ſchwer zu ſagen, des Franzöſiſchen Ueberſetzers. V eine Türkiſche Ueberſetzung findet, mit der Ueberſchrift: Alfaraga Badal⸗Schidda, das heißt Freude nach Leid. Aber der Perſiſche Ueberſetzer wollte ſeinem Werke ein eigenthümliches Gepräge geben„ und verarbeitete dieſe Schauſpiele zu Erzählungen, welche er Heſar⸗ jeh⸗Rus, das heißt Tauſend und Ein Tag, nannte. Er vertraute ſeine Handſchrift dem Herrn Pétis de la Croix, welcher mit ihm zu Ispahan im Jahr 1675 in freundſchaftlichen Verhältniſſen ſtand, und erlaubte ihm ſogar, eine Abſchrift davon zu nehmen. Es ſcheint, daß dieſe„Tauſend und Ein Tag“ nach dem Vorbilde der„Tauſend und Eine Nacht“ ver⸗ faßt ſind. In der That haben dieſe beiden Bücher ganz ähnliche Einfaſſung. Beider Inhalt bildet aber einen Ge⸗ genſatz, ſo wie ſchon ihre Ueberſchrift. In Tauſend und Eine Nacht iſt es ein Fürſt, der gegen die Frauen eingenommen, und in Tauſend und Ein Tag iſt es eine Prinzeſſin n, die gegen die Männer eingenommen iſt. Es iſt glaublich, daß eins dieſer beiden Werke dem andern zum Vorbilde gedient hat; da die Arabiſchen Erzählungen VI Vorrede ob ſie vor oder nach den Perſiſchen Erzählungen verfaßt worden.*) Wie dem nun ſei, die Erzählungen in Tauſend und Ein Tag müſſen jedermann ergetzen, der die Tauſend und Eine Nacht mit Vergnügen geleſen hat, weil hier dieſelben Sitten und dieſelbe lebendige Einbildungskraft herrſchen. Aber diejenigen Leſer, welche es bei den Arabiſchen Erzäh⸗ lungen als einen Uebelſtand bemerkt haben, daß man Scheheraſade'n nicht die Abſicht beigelegt hat, durch ihre Mährchen den Schahriar zu überzeugen, daß es aller⸗ dings treue Frauen gäbe;— denn in der That ſcheint ihr Zweck nur, ihr Leben zu friſten, ohne den Sultan von Indien bekehren zu wollen—: diejenigen, ſage ich, welche dieſe Ausſtellung gemacht haben, werden dem Der⸗ viſch Moklés nicht denſelben Vorwurf machen. Sütlümeme hat den beſtimmten Vorſatz, das Vörurtheil der Prinzeſſinn zu bekämpfen, und geht ſtäts gerade auf ihr Ziel los. In allen ihren Erzählungen erſcheinen getreue Ehemänner oder 5 — *) Ich verweiſe hierüber auf die Vorberichte zu Bd. 1, 1, a2 und 15 meiner Verdeutſchung der 1001 Nacht. des Franzöſiſchen Ueberſetzers. VII Liebhaber. Man ſieht, wie ſie ſich bemüht, Farrüchnas von ihrem Irrthume zu heilen, ohne daß gleichwohl das Geſetz, welches ſie ſich auferlegt, nicht von ihrem Zwecke abzuſchweifen, der Mannigfaltigkeit der Begebenheiten Ein⸗ trag thäte, welche Werke dieſer Art verlangen. Nachſchrift des Deutſchen Ueberſetzers. Obige, dem Franzöſiſchen Werke, wie ſolches in Le Cabinet des Fées ou collection choisie des contes des Fées et autres contes merveilleux(Geneve 1786, 8.) Tom. 14. 15, wiederholt iſt, vorgeſetzte Nachricht, wird im 37ſten Bande derſelben Sammlung, welcher eine Ueberſicht der Verfaſſer und der ſonſtigen Litte⸗ ratur dieſer Art liefert, durch Folgendes vervollſtändigt. Petis de la Croir, aus einer urſprünglich Engliſchen Familie, iſt im Jahr 1695 in einem Alter von 75 Jahren 4 geſtorben, und hat mehrere Kinder hinterlaßen, von denen der älteſte Sohn ihm in der Stelle eines Königlichen Ge⸗ heimen Dolmetſchers für die Arabiſche und Türkiſche Sprache Nachſchrift des Deutſchen Ueberſetzers. X folgte. Und dieſem, der mehrere Geſchichtswerke aus mor⸗ genländiſchen Quellen, und ſelbſt eine Arabiſche Geſchichte Ludwigs XIV ſchrieb, werden in dem Dictionnaire historique des hommes célebres auch die Werke ſei⸗ nes Vaters beigelegt. Von dem Vater iſt nämlich außerdem noch die Franzö⸗ ſiſche Ueberſetzung der Geſchichte des Sultans von Perſien und ſeiner vierzig Veſyre, aus dem Tür⸗ kiſchen des Scheich⸗Sadé, welcher, als Lehrer des Sultans Amurat Ir, um 1420, dieſes Buch ſo wohl zur Unterhaltung des Prinzen ſchrieb, als um ihm die Weiber verdächtig zu machen. Die Franzöſiſche Ueberſetzung iſt aber unvollendet geblieben, ſo im Cabinet des Fées Tome 13 wiederholt, und mehrere Erzählungen daraus ſind in der neuen Franzöſiſchen Ausgabe der Tauſend und Eine Nacht von Gauthier, Band I, aufgenommen, und darnach auch in der Deutſchen Ueberſetzung wiedergege⸗ ben. Bekanntlich iſt die Grundlage dieſer Erzählungen das ſchon früh aus dem Morgenlande durch das ganze Abend⸗ land, namentlich auch in Deutſchland, vielverbreitete Volks⸗ buch von den ſieben Weiſen Meiſtern; welche, als ſieben Veſyre, ſich auch wirklich in Handſchriften der Nachſchrift 1001 Nacht finden, und von Jonathan Scott daraus ins Engliſche überſetzt ſind. Petis de la Croix ſcheint aber ſeinem Talent zu ſchrei⸗ ben mistrauet zu haben, indem er ſeine Ueberſetzung der Perſiſchen Erzählungen dem mit Recht berühmten Verfaſſer des Hinkenden Teufels und Gil Blas von San⸗ tillana, Le Sage, übergab, welcher ſie durchſah, oder vielmehr gänzlich umſchmolz. Dieſer gewandte und geiſtreiche Roman⸗ und Schauſpieldichter benutzte auch die ihm anver⸗ traute reiche Quelle der Erfindung zu ganz eigenen Dar⸗ ſtellungen für das Theater de la Foire, welches ſich aus den Volksbeluſtigungen bei den Pariſer Jahrmärkten von Saint⸗Germain(im Februar) und der Vorſtadt Saint⸗Laurent(im Juny) bildete, und die Wiege des Vaudeville's und der komiſchen Oper war. Die königlichen Schauſpieler des Theatre Français und der Oper machten nämlich ihre Privilegien gegen dieſe Jahr⸗ marktstruppe geltend, ſo daß ſie weder ſprechen noch ſingen durften: Le Sage erfand alſo, oder bediente ſich doch zu⸗ erſt mit Glück*) der Darſtellung par ecriteaux, indem *) In den Memoires pour servir a l'histoire des specta- oles de la Foire, wird die Erfindung„zwei unbekannten des Deutſchen Ueberſetzers. XI die Schauſpieler recht eigentlich mit ihren Rollen, groß ge⸗ ſchrieben und aufgerollt, in der Hand auftraten, oder die⸗ ſelben von der Decke herab gehängt, und von den Zuſchau⸗ ern nach bekannten Volksweiſen zum Orcheſter abgeſungen wurden, zu welchen die Schauſpieler nur die Gebärden machten. Und in dieſer Art erwarb ſich Le Sage's Har⸗ lekin als König von Serendib, nach den morgen⸗ ländiſchen Mährchen, den größten Beifall. Nachdem durch Vertrag mit der Oper die Schauſpieler ſelber ſingen durf⸗ ten, und dann auch dazwiſchen geſprochen wurde, ſo war die komiſche Oper da; und obwohl ſie von der eiferſüchti⸗ gen Franzöſiſchen und Italieniſchen Komödie nochmals ge⸗ zwungen wurde, ſich großer Marionetten, anſtatt der le⸗ bendigen Schauſpieler, zu bedienen, ſo drang ſie doch Philoſophen“ Chaillot und Remy in ihrem Harlekin als Mondkaiſer 1712, beigelegt.— Die gerichtlichen Verbote, und ſinnreichen Erfindungen dagegen, wurden ſelber wieder Gegenſtände luſtiger Darſtellungen, in: Les funerailles de la Foire 1718, und Le rappel de la Foire à la vie 1721, im Theatre de la Foire Tome 3. Ueberhaupt hatte dieſes ächte Volkstheater die Lacher auf ſeiner Seite, und großen Zulauf, auch der vornehmen Welt, ſo daß, auf deren Verlangen, mehrere Stücke deſ⸗ ſelben auch bald auf anderen Bühnen gegeben wurden. XII Nachſchrift endlich durch, und behielt nur noch den Tanz, als Nach⸗ wirkung der urſprünglichen Seiltänze und Pantomimen. Le Sage der von 1712 bis 1738 über 88 Stücke, zum Theil mit d'Orneval, Fuſelier, Piron und einigen anderen Freunden gemeinſchaftlich, arbeitete, hat das Hauptverdienſt bei dieſer merkwürdigen Erſcheinung, und verdankt dieſen glänzenden Erfolg beſonders der glücklichen Wahl und Bearbeitung der Morgenländiſchen Mährchen; wie denn namentlich ſein Harlekin als Mahomed auch hier, als wiekliches Singſpiel, wieder Bahn machte. In den neun gedruckten Bänden des Théatre de la Foire ſind daher die vorzüglichſten Stücke aus dieſer unerſchöpfli⸗ chen Quelle, und zunächſt aus den von ihm ſelber überar⸗ beiteten Erzählungen Tauſend und Ein Tag, entnom⸗ men.*) Und wenn dieſe Erzählungen wirklich Auflöſungen *) Ich kenne von dieſem Théatre de la Foire, geſammelt und durchgeſehen von Le Sage und d'Orneval, Amſterdam 1723 ff. 8., mit einer kurzen Geſchichte deſſelben, Koſtümen und Singweiſen, nur ſechs Bände, aus welchen hieher gehören: Bd. 1. Arlequin roy de Serendib und Arle- quin Mahomet; Bd. 2. Arlequin Hulla; Bd. 3. La Princesse de Carizme; Bd. 4. La statue merveilleuse (nach 1001 Nacht); Bd. 5. Le jeune vieillard; und Bd. 6. Les pelerins de la Mecque: ſämmtlich von Le Sage, zum Theil mit d'Orneval. de s Deutſchen Ueberſetzers. XIII Indiſcher Schauſpiele ſind, ſo haben ſie ſich alſo wieder in ihre frühere Geſtalt verwandelt: ſo wie ſie zum Theil in derſelben Verwandlung bei dem ähnlichen Kampfe, welchen Gozzi's volksmäßige Truppe gegen das regelmäßige Theater Goldoni's zu beſtehen hatte, auch zum Siege bei⸗ trugen. Ich erinnere hier nur an Tur andokt, welche zuletzt auch uns Schiller ſo glänzend vorgeführt hat. Auf jeden Fall wird man in den meiſten von Le Sage überarbeiteten Erzählungen 1001 Tag einen gewiſſen dra⸗ matiſchen Geiſt nicht verkennen; und wenn derſelbe ſie noch immer zu wirklichen dramatiſchen Darſtellungen für unſer ſogenanntes Volkstheater empfiehlt, ſo verleihet er nicht minder auch dieſen Erzählungen einen ganz eigenthüin⸗ lichen Reiz. Inhalt des erſten Bandes. Eingang 7 ⸗ 2 2 1 Erſter Tag: Geſchichte des Abulkaſem von Baßra d u 8 G 00 2ter Tag, ⸗ ⸗ 13 Zter Tag ⸗ 19 Ater Tag r, 24 5ter Tag 2 ⸗ 7 2 2⸗ 30 ter Tag ö. 34 7ter Tag ⸗ 2 2 40 8ter Tag ⸗, ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 46 3 1 9ter Tag 53 ¹ 10ter Tag ⸗ 2 61 ITter Tag 2 27 2 2 7 2 7 67 12ter Tag ,⸗ 2 24 13ter Tag„ 7 2 ⸗ 2. ⸗ 79 T4ter Cagg⸗,⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 35 15ter Tag 7 7 7 27-. 2 91 I16ter Tag 92 In hal r. XV Seite Geſchichte des Koͤnigs Ruͤsvanſchad und der Prin⸗ zeſſinn Scheheriſtant⸗⸗⸗ ⸗ ⸗„. ⸗ 104 17ter Tag 5⸗ 105 I18ter Tag ⸗ ⸗. ⸗. ⸗ rIo I9ter Tag 2 7 2 2 7 ⸗ 2. ⸗ 117 Geſchichte des Koͤnigs von Tibet und der Prin⸗ zeſſinn von Naiman-⸗⸗ ⸗⸗ 118 20ſter Tag 2 2. e 123 2 Iſter Tag 5. 2 e ⸗, 7 ⸗ ⸗ 122 Geſchichte des Veſyrs Kaverſcha⸗⸗ 132 Fortſetzung und Beſchluß der Geſchichte des Koͤnigs von Tibet und der Prinzeſſinn von Naiman ⸗ 136 22 ſter Tag 7 2⸗ ⸗, 2 ⸗ ⸗ 137 23ſter Tag 2 2 2 2 7 2 ⸗ 7 142 24ſter Tag- 5 ⸗ 2 7 2 2 2 147 25ter Tag-⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 152 26ſter Tag ö 156 Fortſetzung und Beſchluß der Geſchichte Ruͤsvan⸗ ſchads und der Prinzeſſinn Scheheriſtanit ⸗ ⸗ 161 27ſter Tag ⸗ ⸗ ⸗ 164 28ſter Tag ⸗ 7 168 29ſter Tag⸗⸗ ⸗ 30ſter Tag⸗⸗ ⸗ u N u u A Geſchichte Kulufs und 3 1ſter Tag 32ſter Tag 33ſter Tag 34ſter Tag 35ſter Tag 36ſter Tag 37ſter Tag 38ſter Tag 39ſter Tag 40ſter Tag 4 Iſter Tag 42 ſter Tag 43ſter Tag 44ſter Tag 45ſter Tag UVNU aA Nunu õN K AN A„ A NNuA N A Nu d u u RN Nn n der ſchoͤnen Dilara KR A d nN Un u u N n v‚N achu N 8e Nn A nhalt. N Nu Ru u AuN u a u A u RN A Nn u B uN Nu mgu A N A A „Au R N n R Nn A u Rn nun N N A u A uu d A u N n un Nu n un R Nnn n m u u Vuu u Tauſend und Ein Tag. Perſiſche Erzaͤhlungen. Das Koͤnigreich Kaſchemir⸗) wurde vorzeiten von einem Koͤnige namens Togruͤl⸗Bey beherrſcht. Er hatte einen Sohn und eine Tochter, welche die Be⸗ wunderung ihres Zeitalters waren. Der Prinz, mit Namen Farruͤchrus, s) war ein junger Held, den tauſend Tugenden empfahlen; und Farruͤchnas, ess) ſehns Schweſter, konnte fuͤr ein Wunder der Schoͤnheit gelten. In der That, dieſe Prinzeſſinn war ſo ſchoͤn, und zugleich ſo anziehend, daß ſie allen Maͤnnern Liebe *) Ein kleines Königreich zwiſchen Indien und Tibet. **) Farrüch⸗rus bedeuter glücklicher Tag. 1. Farrüch⸗nas heißt glücklicher Stolz. 2 Tauſend und Ein Tag. einfloͤßte, welche ſie anzublicken wagten; aber dieſe Liebe ward ihnen verderblich, denn die meiſten verlo⸗ ren dadurch ihren Verſtand, oder verſanken in eine Sehnſucht, welche ſie unmerklich aufzehrte. Wenn ſie den Palaſt verließ, um auf die Jagd zu gehen, war ſie ohne Schleier. Das Volk folgte ihr haufenweiſe und bezeugte ihr durch Ausrufungen ſeine Freude uͤber ihren Anblick. Sie beſtieg gewoͤhnlich ein weißes, rothgeflecktes Tartarroß, und ritt in der Mitte von hundert praͤchtig gekleideten Sklavinnen auf ſchwar⸗ zen Pferden. Dieſe Sklavinnen waren auch ohne Schleier; aber, obwohl ſie faſt alle von großer Schoͤn⸗ heit waren, doch zog ihre Herrinn allein aller Blicke auf ſich. Jeder draͤngte ſich in ihre Naͤhe, trotz der zahlreichen Wache, welche ſie umgab. Vergeblich hat⸗ ten die Soldaten den Saͤbel in der Hand, um das Volk zuruͤckzuhalten; ja ſie mochten ſelbſt die allzu Ungeſtuͤmen ſchlagen und toͤdten, dennoch fanden ſich immer wieder Ungluͤckliche, welche, weit entfernt ein ſo klaͤgliches Schickſal zu fuͤrchten, vielmehr ein Ver⸗ gnuͤgen darin zu finden ſchienen, vor den Augen der Prinzeſſinn zu ſterben. Der Koͤnig, geruͤhrt von dem Ungluͤcke, welches die Reize ſeiner Tochter anrichteten, beſchloß, ſie den Blicken der Maͤnner zu entziehen. Er verbot ihr, den Palaſt zu verlaßen, ſo daß das Volk ſie nicht mehr ah. 6 3 3 Perſiſche Erzaͤhlungen. 3 Indeſſen verbreitete ſich der Ruf ihrer Schoͤnheit durch das ganze Morgenland. Mehrere Koͤnige ließen ſich dadurch anreizen; und bald vernahm man zu Ka⸗ ſchemir, daß Geſandte von allen Hoͤfen Aſiens um die Prinzeſſinn anzuhalten kaͤmen. Aber bevor ſie anlangten, hatte Farruͤchnas einen Traum, welcher ihr alle Maͤnner verhaßt machte. Sie traͤumte naͤmlich, daß ein Hirſch, der in eine Schlinge gefallen war, von einer Hinde befreiet wurde; und als darauf die Hinde in dieſelbe Schlinge fiel, der Hirſch, anſtatt ihr zu helfen, ſie verließ.— Farruͤchnas war bei ihrem Erwachen uͤber dieſen Traum tief betroffen. Sie betrachtete ihn nicht als eine Taͤuſchung der aufgeregten Einbildungskraft, ſie glaubte vielmehr, daß der hohe Keſaja:) an ihrem Schickſale Theil naͤhme, und daß er durch dieſe Ge⸗ bilde ihr bemerklich machen wollte, alle Maͤnner waͤ⸗ ren Treuloſe, und koͤnnten die Zaͤrtlichkeit der Frauen nur durch Undankbarkeit vergelten. 3 Eingenommen von dieſem ſeltſamen Wahn, und voll Furcht, einem jener Fuͤrſten, deren Geſandte naͤch⸗ ſtens eintreffen ſollten, aufgeopfert zu werden, ging ſie zu dem Koͤnige, ihrem Vater. Ohne ihm zu ſa⸗ gen, daß ſie gegen alle Maͤnner empoͤrt waͤre, be⸗ *) Ein vormals in Kaſchemir angebeteter Götze. 4 Tauſend und Ein Tag. ſchwur ſie ihn mit Thraͤnen in den Augen, ſie nicht wider ihren Willen zu vermaͤhlen. Ihre Thraͤnen ruͤhrten Togruͤl⸗Bey:„Nein, meine Tochter,“ ſagte er zu ihr,„ich will deine Neigung nicht zwingen. Obſchon man gewoͤhnlich uͤber deines⸗ gleichen verfuͤgt, ohne ſie zu befragen, ſo ſchwoͤre ich jedoch bei Keſaja, kein Prinz, und waͤre er ſelbſt der Erbe des Sultans von Indien, ſoll jemals dein Ge⸗ mahl werden, wenn du nicht einwilligſt.“ Die Prinzeſſinn, durch dieſen Schwur beruhigt, deſſen Kraft ſie kannte, ging ſehr zufrieden weg, und war feſt entſchloſſen, ihre Einwilligung allen Prinzen zu verſagen, die ſich darum bewuͤrben. Wenige Tage darnach kamen Geſandte von der⸗ ſchiedenen Hoͤfen an. Sie wurden nach einander vor⸗ gelaßen, und jeder pries die Verbindung mit ſeinem Herrn und die Verdienſte des Prinzen, fuͤr den er warb. Der Koͤnig erzeigte allen viel Hoͤflichkeit; aber er erklaͤrte ihnen, daß ſeine Tochter ſelber uͤber ihre Hand zu gebieten haͤtte, weil er bei Keſaja geſchworen, daß er ſie nicht wider ihre Neigung vergeben wuͤrde. Da nun die Prinzeſſinn jedem ihre Einwilligung ver⸗ ſagte, ſo kehrten die Geſandten wieder heim, ſehr be⸗ treten, daß ihre Werbung misgluͤckt war. Der weiſe Togruͤl⸗Bey ſah ihre Abreiſe mit Mis⸗ vergnuͤgen. Er fuͤrchtete, ihre Herren moͤchten, er⸗ zuͤrnt uͤber dieſe Abweiſung, ſich dafuͤr zu raͤchen Perſiſche Erzaͤhlungen. 5 gedenken; und verdrießlich, einen Schwur gethan zu haben, welcher ihm einen blutigen Krieg zuziehen konnte, ließ er die Amme der Farruͤchnas kommen. „Suͤtluͤmeme,“*) ſprach er zu ihr,„ich ge⸗ ſtehe dir, daß das Betragen der Prinzeſſinn mich ver⸗ wundert. Wer mag die Abneigung verurſachen, welche ſie gegen die Vermaͤhlung hat? Sprich, biſt du es et⸗ wa, der ſie ihr eingefloͤßt hat?“ „Nein, Herr,“ antwortete die Amme,„ich bin kein Feind der Maͤnner, ſondern dieſe Abneigung iſt die Wirkung eines Traums.“ „Eines Traums?“ rief der Koͤnig ſehr verwundert aus.„Ah, was ſagſt du mir da!— Nein, nein,“ fuͤgte er dann hinzu,„ich kann nicht glauben, was du mir da ſagſt. Welcher Traum koͤnnte auf meine Tochter einen ſo ſtarken Eindruck gemacht haben?“ Suͤtluͤmeme erzaͤhlte ihm denſelben, und nachdem ſie ihm alles umſtaͤndlich geſagt hatte, fuhr ſie fort: ndieſes iſt der Traum, welcher die Einbildung der Prinzeſſinn getroffen hat. Sie beurtheilt die Maͤnner nach dieſem Hirſche: uͤberzeugt, daß ſie alle Undank⸗ bare und Treuloſe ſind, verwirft ſie auf gleiche Weiſe alle Antraͤge, welche ihr gemacht werden.“ *) Bedeutet Milchbuſen. Tauſend und Ein Tag. Dieſe Rede vermehrte das Erſtaunen des Koͤnigs, der nicht begriff, wie dieſer Traum die Prinzeſſinn in eine ſolche Stimmung verſetzen konnte. „Wohlan, meine gute Säͤtluͤmeme,“ ſagte er zu der Amme,„was thun wir, um das Mistrauen zu zerſtreuen, womit die Einbildung meiner Tochter ſich gegen die Maͤnner gewaffnet hat? Glaubſt du, daß wir ſie noch zu Vernunft bringen koͤnnen?“ „Herr,“ antwortete ſie,„wenn Euer Majeſtaͤt mir dieſe Sorge uͤberlaſſen will, ſo verzweifle ich nicht, mich derſelben gluͤcklich zu entledigen.“ „Wohl, und wie willſt du dabei zu Werke gehen?“ fuhr Togruͤl⸗Bey fort. „Ich weiß,“ erwiederte die Amme,„eine Unzahl anziehender Geſchichten, deren Erzaͤhlung, waͤhrend ſie die Prinzeſſinn ergetzt, ihr zugleich ihr boͤſes Vor⸗ urtheil gegen die Maͤnner benehmen kann. Indem ich ihr zeige, daß es treue Liebhaber gegeben hat, werde ich ſie ohne Zweifel unvermerkt uͤberreden, daß es noch dergleichen gibt. Kurz, Herr,“ fuͤgte ſie hinzu, „laßt mich nur ihren Irrthum bekaͤmpfen; ich ſchmeichle mir, ihn zerſtreuen zu koͤnnen.“ Der Koͤnig genehmigte das Vorhaben der Amme, welche nunmehr nur darauf dachte, einen gluͤcklichen Augenblick zur Ausfuͤhrung zu finden. Da die Prinzeſſinn gewoͤhnlich den Nachmittag bei dem Koͤnige, dem Prinzen von Kaſchemir und allen Perſtſche Erzaͤhlungen. 7 Prinzeſſinnen des Hofes zubrachte, und die Sklavin⸗ nen des Palaſtes ſingen und auf allerlei Inſtru⸗ menten ſpielen hoͤrte, ſo ſchien fuͤr Suͤtluͤmeme der Morgen bequemer, und ſie beſchloß, die Zeit zu be⸗ nutzen, wo die Prinzeſſinn ſich badete. Gleich am naͤchſten Tage alſo, ſobald Farruͤchnas im Bade war, ſagte die Amme zu ihr: „Ich weiß eine Geſchichte voll ſeltſamer Begeben⸗ heiten; wenn meine Prinzeſſinn mir erlauben will, ſie ihr zur Kurzweil zu erzaͤhlen, ſo zweifle ich nicht, daß ſie viel Vergnuͤgen daran finden werde.“ Die Prinzeſſinn von Kaſchemir, weniger vielleicht um ihre eigene Neugier, als um die ihrer Frauen zu befriedigen, welche ſie baten, dieſe Geſchichte anzuhoͤ⸗ ren, erlaubte Suͤtluͤmeme, ihre Erzaͤhlung zu begin⸗ nen. Das that dieſelbe folgendermaßen: Erſter Tag. Geſchichte des Abulkaſem Basry. „Alue Geſchichtſchreiber ſtimmen darin uͤberein, daß der Chalyf Harun Alraſchid, wie der maͤchtigſte, ſo auch der vollkommenſte Fuͤrſt ſeines Zeitalters ge⸗ weſen waͤre, wenn er nicht ein wenig zu ſtarken Hang zum Jaͤhzorn und eine unertraͤgliche Eitelkeit gehabt haͤtte. Er ſagte alle Augenblicke, es gaͤbe keinen Fuͤrſten auf der Welt, der ſo großmuͤthig waͤre, wie er. Giafar, ſein Groß-Veſyr, konnte nicht dulden, daß er ſich ſelber alſo ruͤhmte, und nahm ſich eines Tages die Freiheit zu ihm zu ſagen: „ mein unumſchraͤnkter Herr, Beherrſcher der Erde, verzeihet eurem Sklaven, wenn er es wagt, euch vorzuſtellen, daß es euch nicht ziemt, euch ſel⸗ ber zu loben. Ueberlaſſet eure Lobpreiſung euren Un⸗ terthanen und jenem Haufen von Fremden, welche —ꝰjy—y—— Abulkaſem. 9 man an eurem Hofe ſieht. Begnuͤget euch, daß die einen dem Himmel danken, in eurem Reiche geboren zu ſein, waͤhrend die anderen ſich Gluͤck wuͤnſchen, ihr Vaterland verlaſſen zu haben, um hier unter eu⸗ ren Geſetzen zu leben.“ Harun war empfindlich uͤber dieſe Worte; er ſah ſeinen Veſyr mit ſtolzem Blick an, und fragte ihn, ob er jemand kennte, der ihm an Großmuth zu ver⸗ gleichen waͤre. „Ja, Herr,“ antwortete Giafar;„es giebt in der Stadt Basra) einen jungen Mann namens Abul⸗ kaſem; obwohl ein bloßer Buͤrger, lebt er jedoch praͤchtiger, als die Koͤnige; und ohne Euer Majeſtaͤt auszunehmen, kein Fuͤrſt auf der Welt iſt großmuͤthi⸗ ger, als er.“ Der Chalyf ward feuerroth bei dieſer Rede, und ſeine Augen funkelten vor Zorn:„Weißt du wohl,“ ſprach er,„daß ein Unterthan, der die Frechheit hat, ſeinen Herrn zu beluͤgen, den Tod verdient?““ „Ich behaupte nichts, als die Wahrheit,“ erwie⸗ derte der Veſyr.„Auf meiner letzten Reiſe nach Basra habe ich dieſen Abulkaſem geſehen, ich bin in ſeinem Hauſe geweſen, meine Augen, obſchon an eure Schaͤtze gewoͤhnt, ſind erſtaunt uͤber ſeine Reichthuͤ⸗ *) Gemeinlich, nach Ital. Ausſprache Balſora genannt. 10 1. TDag. mer, und ich bin von ſeinem großmuͤthigen Weſen entzuͤckt worden.“ Bei dieſen Worten konnte der heftige Alraſchid ſei⸗ nen Zorn nicht laͤnger zuruͤckhalten:„du biſt ſehr un⸗ verſchaͤmt,“ rief er aus,„einen Unterthanen mit mir zu vergleichen. Deine Unklugheit ſoll nicht ungeſtraft bleiben.“ Indem er dieß ſagte, winkte er den Hauptmann ſeiner Wache herbei, und befahl ihm, den Veſyr Gia⸗ far zu verhaften. Hierauf ging er in das Gemach der Fuͤrſtinn So⸗ beide, ſeiner Gemahlinn, welche vor Schreck er⸗ bleichte, als ſie ſein zorniges Antlitz ſah. „Was iſt euch, Herr?“ ſprach ſie zu ihm:„wer hat euch in dieſe Bewegung verſetzt, in welcher ich euch ſehe?“ Er unterrichtete ſie von dem, was eben vorgegan⸗ gen war, und beklagte ſich uͤber ſeinen Veſyr in Aus⸗ druͤcken, welche Sobeide'n zeigten, wie ſehr er gegen ſeinen Miniſter aufgebracht war. Aber dieſe kluge Fuͤrſtinn ſtellte ihm vor, daß er ſeinen Zorn zuruͤck⸗ halten und jemand nach Basra ſenden muͤßte, um die Sache zu bewaͤhren; und wenn er ſie falſch befaͤnde, muͤßte der Veſyr geſtraft werden; im Gegentheil aber, wenn ſie wahr waͤre, was ſie nicht denken koͤnnte, waͤre es ungerecht, ihn als einen Verbrecher zu be⸗ handeln. Abulkaſem. 11 Dieſe Rede beſaͤnftigte die Wuth des Chalyfen. „Ich billige dieſen Rath,“ ſagte er zu Sobeide'n, und bekenne, daß ich dieſe Gerechtigkeit einem ſolchen Mi⸗ niſter, wie Giafar, ſchuldig bin. Ich will noch mehr thun: da derjenige, welchem ich dieſen Auftrag gaͤbe, mir, aus Haß gegen meinen Veſyr, einen falſchen Bericht erſtatten koͤnnte, ſo will ich ſelber mich von der Wahrheit uͤberzeugen. Ich will die Bekanntſchaft dieſes jungen Mannes machen, deſſen Großmuth man mir ſo ruͤhmt: hat man mir die Wahrheit geſagt, ſo will ich Giafar mit Wohlthaten uͤberhaͤufen, weit ent⸗ fernt ihm ſeine Freimuͤthigkeit uͤbel zu nehmen; aber ich ſchwoͤre, es ſoll ihm das Leben koſten, wenn er mir eine Luͤge vorgebracht hat.“ Sobald Alraſchid dieſen Entſchluß gefaßt hatte, dachte er nur an deſſen Ausfuͤhrung. Er verließ in einer Nacht heimlich ſeinen Palaſt, und begab ſich auf den Weg, ohne ſich von jemand begleiten zu laßen, was Sobeide auch ſagen mochte, um ihn zu bereden, nicht ſo ganz allein zu reiſen. Als er in Basra angekommen war, ſtieg er in der erſten Karavanſerei ab, welche er beim Eintritt in die Stadt antraf, und deren Wirth ein guter Greis war. „Guter Vater,“ ſagte Harun zu ihm,„iſt es wahr, daß es in dieſer Stadt einen jungen Mann namens Abulkaſem gibt, welcher die Koͤnige an Pracht und Großmuth uͤbertrifft?““ 12 1. Tag. „Ja, Herr,“ antwortete der Wirth,„und wenn ich hundert Muͤnde haͤtte, und in jedem hundert Zun⸗ gen, ſo koͤnnte ich euch nicht alle die großmuͤthigen Handlungen erzaͤhlen, welche er ausgeuͤbt hat.“ Da der Chalyf der Ruhe bedurfte, ſo legte er ſich nieder, nachdem er einige Speiſe zu ſich genommen hatte. Er ſtand am andern Morgen ſehr fruͤt auf und ging in der Stadt ſpazieren bis zu Sonnen Aufgang. Hierauf naͤherte er ſich dem Laden eines Schneiders, und fragte nach Abulkaſems Wohnung.— „He, aus welchem Lande ſeid ihr denn?“ fragte ihn der Schneider.„Ihr muͤßt wohl niemals nach Basra gekommen ſein, weil ihr nicht wißt, wo der Herr Abulkaſem wohnt: ſein Haus iſt bekannter, als der Palaſt des Koͤnigs.“ Die Amme der Prinzeſſinn Farruͤchnas wurde bei dieſer Stelle durch die Ankunft einer Sklavinn unter⸗ brochen, der es taͤglich oblag, die Prinzeſſinn zu be⸗ nachrichtigen, wenn es Zeit waͤre, zum Mittagsgebete zu gehen. Sobald dieſe Sklavinn erſchien, ſtieg Far⸗ ruͤchnas aus dem Bade und kleidete ſich an. Die Amme hoͤrte auf zu erzaͤhlen, nahm aber am folgen⸗ den Tage, als ihre Herrinn wieder ins Bad gegan⸗ gen war, den Faden ihrer Erzaͤhlung wieder auf. Abulkaſem. 13 Auf dieſe Weiſe hat der Derwiſch Mokloés ſein Werk in Tauſend und Einen Tag eingetheilt. Dieſelbe Eintheilung iſt hier beibehalten, aber alles weggeſchnitten, was in der Urſchrift der eigentlichen Erzaͤhlung vorangeht oder nachfolgt, weil ſolches nur dazu dient, den Leſer zu ermuͤden und zu langweilen, welcher nun die Erzaͤhlungen leſen wird, ohne zu be⸗ merken, daß ſie unterbrochen werden. Am folgenden Morgen fuhr demnach Suͤtluͤmeme alſo fort: 1 ——— Zweiter Tag. Der Chalyf antwortete dem Schneider:„Ich bin in Fremder; ich kenne niemand in dieſer Stadt, und wuͤrdet mich verpflichten, wenn ihr mich zu die⸗ Herrn hinfuͤhren ließet.“ Sogleich befahl der Schneider einem ſeiner Burſchen, ihn nach Abulkaſems Hauſe zu fuͤhren. Dieſes war ein großes Gebaͤude aus gehauenen Steinen, deſſen Thuͤr von Jaspis⸗Marmor war. Der Fuͤrſt trat in den Hof, wo eine Menge von Bedienten, ſowohl Sklaven als Freigelaßenen, waren, welche ſich mit Spielen ergetzten, waͤhrend ſie die Be⸗ fehle ihres Herrn erwarteten. Er naͤherte ſich einem von ihnen und ſagte zu ihm: 14 2. Ta g. „Bruder, ich wuͤnſchte wohl, daß ihr euch bemuͤh⸗ tet, zum Herrn Abulkaſem zu gehen, um ihm zu mel⸗ den, daß ein Fremder ihn zu ſprechen wuͤnſcht.“ Der Bediente erkannte wohl an Haruns Ausſehen, daß er kein gemeiner Menſch war; er lief hin, ihn ſeinem Herrn anzumelden, welcher bis in den Hof her⸗ auskam, den Fremden zu empfangen, ihn bei der Hand nahm, und ihn in einen ſehr ſchoͤnen Saal fuͤhrte. Hier ſagte der Chalyf dem jungen Manne, er haͤtte von ihm ſo viel Ruͤhmens gehoͤrt, daß er dem Verlangen nicht widerſtehen koͤnnen, ihn zu ſehelt Abulkaſem antwortete auf dieſen Lobſpruch ſehr be⸗ ſcheiden; und nachdem er den Gaſt auf das Sofa ge⸗ noͤthigt hatte, fragte er ihn, aus welchem Lande er waͤre, welches Gewerbe er haͤtte, und wo er in Basra wohnete. „Ich bin ein Kaufmann aus Bagdad,“ antwor⸗ tete der Kaiſer,„und in der erſten Karavanſerei, welche ich bei meiner Ankunft traf, habe ich Herberge genommen.“ Nach einer kurzen Unterhaltung, erſchienen in dem Saale zwoͤlf weiße Knaben mit Gefaͤßen von Agat und Bergkryſtall, welche mit Rubinen geſchmuͤckt und mit den koͤſtlichſten Brandweinen gefuͤllt waren. Ihnen folg⸗ ten zwoͤlf ſehr ſchoͤne Sklavinnen, deren einige trugen Porcelan⸗Becken voll Fruͤchte und Blumen, und an⸗ dere goldene Schalen mit allerlei Kraͤuterzucker von Abulkaſem. 4 15 9 koͤſtlichem Geſchmacke. Die Knaben koſteten von ihren Brandweinen, um ſie dem Chalyfen darzubieten. Die⸗ ſer trank davon, und obwohl er an die koͤſtlichſten des ganzen Morgenlandes gewoͤhnt war, ſo geſtand er doch, daß er noch niemals beſſere getrunken haͤtte. Als hieruͤber die Stunde des Mittageſſens gekommen war, ließ Abulkaſem ſeinen Gaſt in einen andern Saal treten, wo ſie eine Tafel mit den erleſenſten Gerichten, in Schuͤſſeln von gediegenem Golde, beſetzt fanden. Nach beendigter Malzeit, nahm der junge Mann den Chalyfen bei der Hand und fuͤhrte ihn in einen zert, wovon Harun entzuͤckt wurde.„Ich habe,“ ſagte er bei ſich ſelber,„in meinem Palaſt bewun⸗ dernswuͤrdige Stimmen, aber ich muß geſtehen, daß ſie mit dieſen hier nicht in Vergleichung kommen koͤn⸗ nen. Ich begreife nicht, wie ein Privatmann ſo viel Vermoͤgen haben kann, ſo praͤchtig zu leben.“ 1 aͤhrend der Fuͤrſt beſonders aufmerkſam war auf eine Stimme, deren Lieblichkeit ihn hinriß, ging Abul⸗ kaſem aus dem Saal, und kam einen Augenblick dar⸗ 2. Tag. auf wieder, mit einer Ruthe in der einen Hand, und in der andern einen kleinen Baum, deſſen Stamm von Silber, die Blaͤtter von Smaragden und die Fruͤchte von Rubinen waren. Auf dem Gipfel dieſes Baumes ſaß ein goldener ſchoͤn gearbeiteter Pfau, deſſen Leib mit Ambra, Alboegeiſt und anderen Wohlgeruͤchen an⸗ gefuͤllt war. Abulkaſem ſetzte dieſen Baum zu den Fuͤßen des Kaiſers, und ſchlug mit ſeiner Ruthe den Pfau auf den Kopf: da breitete der Pfau die Fluͤgel aus, ſein Schweif begann ſich mit großer Geſchwin⸗ digkeit zu drehen; und indem er ſich ſo drehte, ſtiegen die Wohlgeruͤche, mit welchen er angefuͤllt war, auf allen Seiten empor und durchdufteten den ganzen Saal. Der Chalyf konnte nicht muͤde werden, den Baum und den Pfau zu betrachten, und er aͤußerte noch ſeine Bewunderung derſelben, als Abulkaſem ſie ergriff un ſie ſehr ungeſtuͤm hinwegtrug. Alraſchid war betroffen uͤber dieß Benehmen und ſagte bei ſich ſelber:„Was ſoll das heißen? dieſer junge Menſch, duͤnkt mich, weiß ſich nicht ſo gut zu betragen, wie ich glaubte: er entzieht mir dieſen Baum und den Pfau, indem er mich noch mit ihrer Betrachtung beſchaͤftigt ſieht: hat er etwa Furcht, ich werde ihn bitten, mir ein Geſchenk damit zu ma⸗ chen? Ich fuͤrchte, daß Giafar ihm mit Unrecht den Beinamen eines Großmuͤthigen gegeben hat.“ Abulkaſem. 17 Dieſer Gedanke beſchaͤftigte ihn noch, als Abulka⸗ ſem wieder in den Saal trat, in Begleitung eines klei⸗ nen Knaben, ſchoͤn wie die Sonne. Dieſes liebliche Kind trug einen Rock von Goldſtoff, mit Perlen und Diamanten geſtickt, und hielt in ſeiner Hand eine Schale aus einem einzigen Rubin, gefuͤllt mit einem purpurrothen Weine. Er naͤherte ſich dem Chalyfen, knieete vor ihm nieder, und bot ihm die Schale dar. Der Fuͤrſt ſtreckte die Hand darnach aus, nahm ſie, und ſetzte ſie an den Mund: aber, o er⸗ ſtaunliches Wunder! nachdem er getrunken hatte, be⸗ merkte er, indem er die Schale dem Knaben wieder gab, daß ſie noch ganz voll war. Er nimmt ſie ſo⸗ gleich wieder, und nachdem er ſie abermals an den Mund geſetzt hat, leert er ſie bis auf den letzten Tropfen aus: er gibt ſie dem Knaben zuruͤck, und in demſelben Augenblicke ſieht er, daß ſie ſich wieder fuͤllt, ohne daß jemand etwas hineingießt. Bei dieſer wunderbaren Erſcheinung ſtieg Haruns Erſtaunen aufs hoͤchſte, und ließ ihn den Baum und den Pfau vergeſſen. Er fragte wie dieſes zuginge, und Abulkaſem antwortete ihm: „Dieß iſt das Werk eines alten Weiſen, welcher alle Geheimniſſe der Natur kannte.“ Nach dieſen Worten, nahm er den Knaben bei der Hand, und ging mit ihm abermals ungeſtuͤm aus dem Saale. I. 2 Der Chalyf war unwillig daruͤber und ſagte bei ſich:„Oh, dießmal hat der junge Mann den Verſtand verloren! Er bringt mir alle ſeine Merkwuͤrdigkeiten her, ohne daß ich ihn darum bitte, und wenn er be⸗ merkt, daß mein Vergnuͤgen uͤber ihren Anblick am groͤßten iſt, entreißt er ſie mir: es gibt nichts ſo laͤ⸗ cherliches, noch ſo unanſtaͤndiges. Ha, Giafar, ich will dich die Menſchen beſſer beurtheilen lehren!“ Er wußte nicht, was er von ſeinem Wirthe den⸗ ken ſollte, oder vielmehr er fing an, keine gute Mei⸗ nung von ihm zu faſſen, als er ihn zum drittenmal ein⸗ treten ſah, in Begleitung eines Fraͤuleins, die ganz mit Perlen und Edelſteinen bedeckt, und noch mehr durch ihre Schoͤnheit als durch ihren Putz geſchmuͤckt war. Der Chalyf war durch eine ſo ſchoͤne Erſcheinung hoͤchſt uͤberraſcht: ſie machte ihm eine tiefe Vernei⸗ gung, und bezauberte ihn vollends, indem ſie ſich ihm naͤherte. Er ließ ſie ſich ſetzen, und zugleich verlangte Abulkaſem eine rein geſtimmte Laute. Man brachte ihm eine aus Aloe⸗, Sandel⸗ und Ebenholz und El⸗ fenbein zuſammengeſetzte; er gab dieſes Saitenſpiel der ſchoͤnen Sklavinn, welche darauf ſo vollkommen ſpielte und dazu ſang, daß Harun, der ſich wohl darauf verſtand, im Uebermaaße ſeiner Bewunderung ausrief: „O junger Mann, wie beneidenswerth iſt euer Loos! die groͤßten Koͤnige der Welt, der Beherrrſcher der Glaͤubigen ſelber iſt nicht gluͤcklicher, als ihr.“ Abulkaſem. 19 Sobald Abulkaſem bemerkte, daß ſein Gaſt von ſeiner Sklavinn entzuͤckt war, nahm er ſie ebenfalls bei der Hand und fuͤhrte ſie aus dem Saale. Ditter Tag. Dieß war ein neuer Aerger fuͤr den Chalyfen. Es fehlte wenig, daß ſein Unwille ausbrach, jedoch hielt er an ſich, und als in demſelben Augenblicke ſein Wirth wieder eingetreten war, fuhren ſie fort, ſich zu vergnuͤgen, bis zum Untergange der Sonne. Da ſagte Harun zu dem jungen Manne: „O großmuͤthiger Abulkaſem, ich bin ganz ver⸗ wirrt durch eure Bewirthung; erlaubet mir, daß ich heim gehe und euch ruhen laße.“ Der junge Mann von Basra, der ihm keinen Zwang anthun wollte, verneigte ſich ihm mit anmuthigem Weſen, und ohne ſich ſeinem Vorhaben zu widerſetzen, begleitete er ihn bis an die Thuͤre ſeines Hauſes, in⸗ dem er ihn um Entſchuldigung bat, daß er ihn nicht ſo praͤchtig bewirthet haͤtte, wie ihm gebuͤhrete. „Ich geſtehe,“ ſagte der Chalyf, indem er nach der Karavanſerei zuruͤckkehrte,„Abulkaſem uͤbertrifft an Pracht die Koͤnige; aber in Anſehung der Groß⸗ muth hat mein Veſyr Unrecht, ihn mit mir zu ver⸗ gleichen; denn, bei alle dem, hat er mir das geringſte 20 3. Tag. Geſchenk gemacht? Ich aͤußerte mich doch laut genug uͤber die Schoͤnheit des Baums, der Schale, des Knaben und des Fraͤuleins, und meine Bewunderung haͤtte ihn wenigſtens auffordern ſollen, mir eines die⸗ ſer Dinge anzubieten. Nein, dieſer Menſch prunkt nur mit ſeinen Reichthuͤmern: es macht ihm Vergnüͤgen, ſie vor den Augen der Fremden auszubreiten: warum? bloß um ſeine Eitelkeit und ſeinen Stolz zu befriedi⸗ gen. Im Grunde iſt er nichts als ein Geizhals, und ich kann Giafar nicht verzeihen, mich belogen zu aben. 4 Indem er noch dieſe fuͤr ſeinen erſten Miniſter ſo traurigen Betrachtungen anſtellte, erreichte er die Ka⸗ ravanſerei: aber wie groß war ſein Erſtaunen uͤber das was er hier fand! ſeidene Teppiche, praͤchtige große und kleine Zelte, eine große Anzahl Bedienten, ſowohl Sklaven als Freigelaßene, Pferde, Mauleſel, Kameele, und uͤber dieß alles, den Baum mit dem Pfau, den Knaben mit der Schale und die ſchoͤne Sklavinn mit ihrer Laute. Die Diener warfen ſich vor ihm nieder, und das Fraͤulein uͤberreichte ihm eine Rolle von Seidenpapier, welche er oͤffnete und Folgendes las: „O mein theurer und liebenswerther Gaſt, den ich nicht kenne, ich habe euch vielleicht nicht alle die Ach⸗ tung bewieſen, welche ich euch ſchuldig bin: ich bitte euch, gatigſt die Fehler zu uͤberſehen, welche ich bei Abulkaſem. 21 eurer Bewirthung begangen habe, und mir nicht das Leid anzuthun, die kleinen Geſchenke zu verſchmaͤhen, welche ich euch hier ſende: der Baum, der Pfau, der Knabe, die Schale und die Sklavinn waren ſchon euer, als ſie euch gefielen; denn jedes Ding, das meinen Gaͤſten gefaͤllt, hoͤrt auf mein zu ſein, und wird ihr Eigenthum.“ Als der Chalyf dieſes Schreiben geleſen hatte, war er ganz erſtaunt uͤber Abulkaſems Freigebigkeit, und geſtand nun ein, daß er dieſen jungen Mann falſch be⸗ urtheilt hatte.„Tauſend Millionen Dank,“ rief er aus, habe Giafar! er iſt Urſach, daß ich enttaͤuſcht bin. Ach, Harun, ruͤhme dich nicht mehr, der praͤch⸗ tigſte und großmuͤthigſte aller Menſchen zu ſein; einer deiner Unterthanen uͤbertrifft dich.— Aber,“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich wieder faßte,„wie kann ein blo⸗ ßer Privatmann dergleichen Geſchenke machen? Ich haͤtte ihn fragen ſollen, wo er ſo viele Reichthuͤmer ge⸗ funden hat; ja, ich habe Unrecht, daß ich ihn daruͤber nicht befragt habe: ich will nicht eher nach Bagdad zuruͤckkehren, als bis ich dieſe Sache ergruͤndet habe; auch iſt es mir wichtig, zu wiſſen, woher es koͤmmt, daß in den Staaten unter meiner Herrſgyaft ein Menſch ein herrlicheres Leben fuͤhrt, als ich.“ Ich muß ihn wiederſehen, und ihn auf geſchickte Weiſe dahin brin⸗ gen, mir zu entdecken, auf welche Weiſe er ein ſo uͤberſchwaͤngliches Gluͤck gemacht hat.“ 3. TSag. Ungeduldig ſeine Neugier zu befriedigen, ließ er ſeine neuen Bedienten in der Karavanſerei und kehrte auf der Stelle zu dem jungen Manne zuruͤck. Und als er mit ihm allein war, ſagte er zu ihm: „O allzu liebenswuͤrdiger Abulkaſem, die Geſchenke, welche ihr mir gemacht habt, ſind ſo anſehnlich, daß ich befuͤrchte, ſie nicht annehmen zu koͤnnen, ohne eure Großmuth zu mißbrauchen. Erlaudet mir, daß ich ſie euch zuruͤckſende, und daß ich, von meiner Be⸗ wirthung bei euch bezaubert, nach Bagdad heimkehre, um eure Pracht und eure Freigebigkeit zu verkuͤndigen.“ „Herr,“ antwortete ihm der junge Mann, mit gekraͤnkter Miene,„ihr habt ohne Zweifel Grund euch uͤber den ungluͤcklichen Abulkaſem zu beklagen. Es muß irgend eine ſeiner Handlungen euch misfallen ha⸗ ben, weil ihr ſeine Geſchenke zuruͤckweiſet. Ihr wuͤr⸗ det mir dieſe Beleidigung nicht anthun, wenn ihr mit mir zufrieden waͤret.“ „Nein,“ erwiederte der Fuͤrſt,„der Himmel iſt mein Zeuge, ich bin von eurer Gaſtlichkeit entzuͤckt, aber eure Geſchenke ſind zu koſtbar. Sie uͤbertreffen die Geſchenke der Koͤnige; und wenn ich ſagen darf, was ich denke, ihr ſolltet eure Reichthuͤmer nicht ſo verſchwenden, ſondern bedenken, daß ſie ſich erſchoͤ⸗ pfen koͤnnen.“ Abulkaſem laͤchelte bei dieſen Worten, und erwie⸗ derte dem Chalyfen: 8 Abulkaſem. 25 „Herr, ich freue mich, zu vernehmen, daß ihr nicht, um mich fuͤr irgend einen bei eurer Bewirthung begangenen Verſtoß zu beſtrafen, meine Geſchenke ausſchlagen wollet; und um euch zu ihrer Annahme zu verpflichten, will ich euch ſagen, daß ich alle Tage dergleichen, und ſelbſt noch groͤßere Geſchenke machen koͤnnte, ohne daß es mich beſchwerete.— Ich ſehe wohl,“ fuͤgte er hinzu,„daß dieſe Rede euch in Erſtaunen ſetzt; aber ihr werdet aufhoͤren, euch daruͤber zu ver⸗ wundern, wenn ich euch die Abenteuer erzaͤhlt habe, welche mir begegnet ſind. Ich muß euch dieſelben vertrauen.“ Indem er dieſes ſagte, fuͤhrte er Harun in einen noch tauſendmal geſchmuͤckteren und reicheren Saal, als die vorigen. Mehrere Rauchfaͤſſer erfuͤllten ihn mit ſuͤßem Wohlgeruch, und man ſah hier einen gol⸗ genen Thron mit reichen Fußteppichen. Alraſchid konnte ſich nicht uͤberreden, daß er in dem Hauſe ei⸗ nes Privatmannes waͤre; er waͤhnte, bei einem maͤch⸗ tigern Fuͤrſten zu ſein, als er ſelber. Der junge Mann ließ ihn auf den Thron ſteigen, ſetzte ſich an ſeine Seite, und begann folgendermaßen die Geſchichte ſeines Lebens: 4. Vierter Tag. „Ich bin der Sohn eines Juweliers von Kahiro, namens Abdelaſis. Dieſer beſaß ſo große Reich⸗ thuͤmer, daß er befuͤrchtete, den Neid oder Geiz des Sultans von Aegypten gegen ſich zu erregen, ſein Vaterland verließ, und ſich in Basra niederließ, wo er die einzige Tochtee des reichſten Kaufmanns der Stadt heiratete. Ich bin die einzige Frucht dieſer Ehe, ſo daß ich, im Beſitz aller Guͤter meines Vaters und meiner Mut⸗ ter, nach ihrem Tode, ein ſehr glaͤnzendes Vermoͤgen beſaß. Aber ich war noch ſehr jung, ich liebte den Aufwand, und da ich mich in den Stand geſetzt ſah, meinem Hange zur Freigebigkeit oder vielmehr zur Verſchwendung zu genuͤgen, ſo lebte ich in ſolcher Vergeudung, daß in weniger als zwei bis drei Jahren mein ganzes Erbe durchgebracht war. Hinterher ſtellte ich, ſo wie alle, die ihre uͤble Lebensweiſe bereuen, die ſchoͤnſten Betrachtungen von der Welt an. Nach der Rolle, welche ich in Basra geſpielt hatte, glaubte ich, es verlaſſen zu muͤſſen, um anderswo meine ungluͤcklichen Tage zu verleben: mich duͤnkte, mein Elend wuͤrde mir vor fremden Augen ertraͤglicher ſeyn. Ich verkaufte alſo mein Haus, die einzige Habe, welche mir uͤbrig war, und ſchloß mich einer Karavane von Kaufleuten an, mit welchen ich nach — — — 4 Abulkaſem. 25 Mußul ging, dann nach Damask, und weiter durch die Wuͤſte Arabiens und das Gebirge Pha⸗ ran kam ich nach Groß⸗Kahiro. Die Schoͤnheit der Haͤuſer und die Pracht der Mo⸗ ſcheen ſetzten mich in Erſtaunen; und indem mir ploͤtz⸗ lich einfiel, daß ich in der Stadt waͤre, in welcher mein Vater Abdelaſis geboren worden, konnte ich mich nicht enthalten, zu ſeufzen und einige Thraͤnen zu vergießen. „O mein Vater,“ ſagte ich bei mir ſelber,„wenn du noch lebteſt, und an dem Orte, wo du ein ſo be⸗ neidenswerthes Leben fuͤhrteſt, deinen Sohn in einer ſo klaͤglichen Lage ſaͤheſt, wie groß wuͤrde dein Schmerz ſein!“ Erfuͤllt von dieſem wehmuͤthigen Gedanken, wan⸗ delte ich dahin, und gelangte an das Ufer des Nils. Ich befand mich hinter dem Palaſte des Sultans. Da erſchien an einem Fenſter eine junge Frau, deren Schoͤnheit mich anzog: ich ſtand ſtill, ſie zu betrach⸗ ten. Sie bemerkte es und zog ſich zuruͤck. Da die Nacht herannahte und ich noch keine Herberge genom⸗ men hatte, ſo ſuchte ich eine in der Nachbarſchaft. Ich genoß wenig Ruhe; das Bild der ſchoͤnen Frau ſtellte ſich unaufhoͤrlich meinem Geiſte dar: ich fuhlte wohl, daß ich ſie ſchon liebte.„Wollte Gott,“ ſagte ich,„daß ich ſie nie geſehen, oder daß ſie mich nicht bemerkt haͤtte! ich wuͤrde dann keine ſo thoͤrichte ſagte ſie zu mir: 26 4. Sag. Liebe zu ihr gefaßt, oder das Vergnuͤgen gehabt ha⸗ ben, ſie laͤnger zu betrachten.“ Ich verfehlte nicht, mich am folgenden Morgen wieder unter ihrem Fenſter einzuſtellen, in der Hoff⸗ nung, ſie wiederzuſehen. Aber ich wurde in meiner Erwartung betrogen: ſie zeigte ſich nicht. Das be⸗ truͤbte mich ſehr, ohne mich jedoch abzuſchrecken; denn ich kam den folgenden Tag wieder, und ich war gluͤcklicher. Die Schoͤne erſchien, und als ſie be⸗ merkte, daß ich ſie mit Aufmerkſamkeit betrachtete, „Unverſchaͤmter, weißt du nicht, daß es den Maͤn⸗ nern verboten iſt, ſich unter den Fenſtern dieſes Pala⸗ ſtes aufzuhalten? Entferne dich ſchleunigſt: wenn die Beamten des Sultans dich an dieſem Orte betreffen, ſo biſt du des Todes.“ „Annſtatt durch dieſe Worte erſchreckt zu werden und i Nlua zu ergreifen, warf ich mich mit dem Ant⸗ tz auf die Erde, und als ich mich wieder aufgehoben hatte, antwortete ich ihr: 3 „Schoͤne Frau, ich bin ein Fremdling: die Ge⸗ braͤuche von Kahiro ſind mir unbekannt, aber wenn ich ſie auch kennte, wuͤrde jedoch eure Schoͤnheit mich verhindern, ſie zu beobachten.“ „Ha, Verwegener,“ rief ſie aus,„fuͤrchte daß ich auf der Stelle Sklaven herbeirufe, deine Frechheit zu beſtrafen!“ Abulkaſem. 27 Mit dieſen Worten verſchwand ſie, und ich glaubte, daß ſie, entruͤſtet durch meine Dreiſtigkeit, wirklich hinginge, Leute zu rufen, um mich zu mis⸗ handeln. Ich erwartete, Bewaffnete auf mich losſtuͤr⸗ zen zu ſehen; aber tiefer getroffen von dem Zorne der Schoͤnen, als von ihren Drohungen, war ich unem⸗ pfindlich gegen die Gefahr, worin ich mich befand, und ich ging langſam nach Hauſe. Welche ſchreckliche Nacht war das fuͤr mich! ein hitziges Fieber, welches durch meine heftige Liebe ent⸗ zuͤndet war, durchgluͤhte mein Blut, und erregte mir entſetzliche Traͤume. Indeſſen das Verlangen, die Schoͤne wiederzuſe⸗ hen, und die Hoffnung, von ihr guͤnſtiger angeſehen zu werden, ſo wenig Grund ich auch dazu hatte, be⸗ ruhigten meine Ueberſpannung. Hingeriſſen von einer thoͤrichten Leidenſchaft lief ich den andern Tag wieder an das Ufer des Nils, und ſtellte mich an denſelben Ort, wie die vorigen Tage. Die junge Schoͤne zeigte ſich, ſobald ſie mich er⸗ blickte, aber mit ſo ſtolzer Miene, daß ich dadurch er⸗ ſchreckt wurde. „Wie, Elender,“ rief ſie mir zu,„nach den Drohungen, welche ich dir gethan habe, wagſt du es nochmals hieher zu kommen? Flieh weit von dieſem Palaſte; ich will, aus Mitleiden noch einmal dich warnen: dein Verderben iſt gewis, wenn du nicht den Augenblick verſchwindeſt.— Was kann dich zuruͤckhal⸗ ten? fuͤgte ſie einen Augenblick darnach hinzu, als ſie ſah, daß ich nicht wegging.„Fuͤrchte, verwegener Juͤngling: der Blitz iſt bereit, dich zu zerſchmettern.“ Waͤhrend dieſer Rede, welche ohne Zweifel jeden weniger verliebten Menſchen, als ich, bewegt haben wuͤrde, blickte ich, anſtatt mich zu entfernen, die Schoͤne mit Zaͤrtlichkeit an, und antwortete ihr: „Schoͤne Frau, waͤhnet ihr, daß ein Ungluͤcklicher, der ſich hat bezaubern laßen und euch hoffnungslos anbetet, den Tod fuͤrchten koͤnne? Ach, ich will lie⸗ ber das Leben verlieren, als ohne euch leben.“ „Wohlan,“ erwiederte ſie,„weil du ſo hartnaͤckig biſt, ſo geh und bleib den uͤbrigen Theil des Tages in der Stadt, und komm dieſe Nacht wieder unter dieß Fenſter.“ Mit dieſen Worten verſchwand ſie ploͤtzlich, und ließ mich voll Erſtaunen, Liebe und Freude daſtehen. Wenn ich bisher gegen die ſtrengen Befehle der Schoͤnen, hinweg zu gehen, widerſetzlich geweſen war, ſo koͤnnt ihr wohl denken, daß ich mich nunmehr willig ihnen unterwarf: der neue Umſtand, der beige⸗ fuͤgt war, verſuͤßte ihre Strenge. In Erwartung der Freuden, welche ich mir verſprach, vergaß ich meiner Leiden:„ich darf mich nicht mehr,“ ſagte ich,„uͤber das Gluͤck beklagen; es wird mir jetzo noch guͤnſtiger, als es mir bisher wiedrig geweſen iſt.“— Ich ging Abulkaſem. 29 nach meiner Herberge, wo ich mich damit beſchaͤftigte, mich zu ſchmuͤcken und mit Wohlgeruͤchen zu be⸗ ſprengen. Als die Nacht gekommen war, und ich meinte, daß es Zeit waͤre, zu gehen, wohin die Liebe mich rief, begab ich mich in der Dunkelheit dahin. Ich fand an einem Fenſter des Zimmers der Schoͤnen ein Seil hangen, und bediente mich deſſelben, hinaufzu⸗ ſteigen. Ich ging durch zwei Zimmer in ein drittes, welches mit praͤchtigem Geraͤthe verſehen war, und in deſſen Mitte ein ſilberner Thron ſtand. Ich gab wenig Acht auf das praͤchtige Geraͤth und auf alle die Koſtbarkeiten, welche hier zu ſehen waren: die Schoͤne allein zog alle meine Blicke auf ſich. Ach, Herr, welche Reize! Sei es, daß die Natur ſie ge⸗ bildet hatte, um den Menſchen zu zeigen, daß ſie, wenn es ihr gefaͤllt, ein vollkommenes Werk hervor⸗ zubringen vermag; ſei es, daß, allzu ſehr von ihr eingenommen, meine bezauberte Einbildungskraft ihre Maͤngel meinen Augen entzog, kurz, ich wurde von ihrer Schoͤnheit entzuͤckt. Sie ließ mich auf den Thron ſteigen, ſetzte ſich ne⸗ ben mich, und fragte mich, wer ich waͤre. Ich er⸗ zaͤhlte ihr meine Geſchichte mit aller Aufrichtigkeit. Ich bemerkte, daß ſie dieſelbe ſehr aufmerkſam anhoͤrte, ſie ſchien mir ſelbſt geruͤhrt von der Lage, in welche das 3⁰ 4. 5. Sag. Schickſal mich verſetzt hatte; und dieſes Mitleid, wel⸗ ches ein edelmuͤthiges Herz verrieth, machte mich voll⸗ ends zu dem verliebteſten aller Menſchen:„Herrinn,“ ſagte ich zu ihr,„wie ungluͤcklich ich auch ſei, ich bin nicht mehr zu beklagen, weil ihr Mitleid mit meinem Ungluͤck empfindet.“ Fuͤnfter Tag. Allmaͤhlich verwickelten wir uns in eine zaͤrtliche Unterhaltung, welche ſie mit viel Geiſt durchfuͤhrte; und ſie geſtand mir, daß, wenn ich von ihrem An⸗ blick betroffen worden, ſie ihrerſeits ſich nicht haͤtte erwehren koͤnnen, Aufmerkſamkeit fuͤr mich zu haben. „Da ihr mir nun geſagt habt, wer ihr ſeid,“ fuhr t fhr,„ſo will ich euch auch nicht verhehlen, wer ich bin. Ich heiße Dardané, und bin in der Stadt Damask geboren. Mein Vater war einer der Ve⸗ ſyre des Fuͤrſten, der noch dort herrſcht, und nannte ſich Behrus. Da der Ruhm ſeines Herrn und das Wohl des Staates die Richtſchnur aller ſeiner Hand⸗ lungen ausmachten, ſo hatte er alle diejenigen zu Fein⸗ den, welche andere Grundſatze hegten, und dieſe Feinde ſtuͤrzten ihn bei dem Koͤnige. Der ungluͤckliche Behrus wurde nach mehreren Dienſtjahren vom Hofe entfernt. Abulkaſem. 31 Er zog ſich in ein Haus zuruͤck, welches er vor den Thoren der Stadt hatte, und widmete ſich hier gaͤnz⸗ lich meiner Erziehung. Aber ach! er hatte nicht die Freude, die Frucht ſeiner Bemuͤhungen zu erleben: er ſtarb, als ich noch nicht aus der Kindheit getreten war. Kaum ſah meine Mutter, daß er todt war, ſo machte ſie all ihre Sachen zu Gelde, und nachdem ſie mich an einen Sklavenhaͤndler verkauft hatte, reiſte das elende Weib mit einem jungen Menſchen, den ſie liebte, nach Indien. Unterdeſſen fuͤhrte der Skla⸗ venhaͤndler mich mit mehreren anderen Maͤdchen, welche er gekauft hatte, hieher nach Kahiro. Er klei⸗ dete uns alle praͤchtig; und als er uns in dem Stande glaubte, dem Sultan von Aegypten vorgeſtellt zu werden, fuͤhrte er uns in dieſen Palaſt, und ließ uns in einen Saal treten, wo der Sultan auf ſeinem Throne ſaß. Wir gingen alle, eine nach der andern, an dem Fuͤrſten voruͤber; der bei meinem Anblick entzuͤckt ſchien. Er ſtieg von ſeinem Throne, naͤherte ſich mir, und rief aus: „Welche ſchoͤne Geſtalt, welche Augen, welcher und!— Mein Freund,“ fuhr er fort, indem er ſich an den Kaufmann wandte,„ſo lange du mir Sklavinnen verkaufſt, haſt du mir noch keine von der Schoͤnheit hergebracht, wie dieſe hier. Nein, nichts iſt dieſer jungen Schoͤnen zu vergleichen. 5² 5. Tag. Fordere fuͤr ſie, was du willſt: ein ſo reizendes We⸗ ſen kann ich dir nicht genug bezahlen.“ Kurz, der entzuͤckte und ſchon ganz verliebte Fuͤrſt ließ dem Kaufmann eine ſtarke Summe geben, und ſchickte ihn mit den uͤbrigen Sklavinnen heim. Er rief hierauf den Oberſten ſeiner Verſchnittenen: „Kaykabir,“ ſagte er zu ihm,„fuͤhre dieſe Sonne in ein abgeſondertes Gemach.“ Kaykabir gehorchte, und fuͤhrte mich in dieſes hier, welches das praͤchtigſte des Palaſtes iſt. Kaum war ich hier angelangt, ſo traten mehrere Sklavinnen, junge und alte, herein; die einen brachten mir praͤchtige Klei⸗ der, die anderen Erfriſchungen, und noch andere ka⸗ men mit Lauten, welche ſie ziemlich gut ſpielten. Alle ſagten mir, ſie waͤren von dem Sultan geſendet, welcher ſie zu meinen Dienſten beſtimmt haͤtte, und ſie wuͤr⸗ den nichts ſparen, ſich derſelben beſtens zu entle⸗ digen. 3 Ich empfing bald auch einen Beſuch des Sultans. Er erklaͤrte mir ſeine Liebe in den lebhafteſten Aus⸗ druͤcken; und die unbefangenen Antworten, welche ich auf dieſe fuͤr mich ſo neuen Reden gab, anſtatt ihm zu mißfallen, reizten vielmehr ſeine Leidenſchaft. Kurz, ſo bin ich nun die Favoritſultaninn geworden. Alle Sklavinnen, welche ſich fuͤr ſchoͤn genug hielten, mei⸗ nen Platz zu verdienen, waren ſehr eiferſuͤchtig daruͤber; und ihr koͤnnt euch nicht einbilden, welche Mittel alle Abulkaſem. 33 ſie ſeit drei Jahren in Bewegung ſetzen, mich zu ver⸗ nichten. Aber ich bin zu ſehr auf meiner Hut, daß ihre Bosheit bisher fruchtlos geweſen iſt. Nicht daß ich mit meinem Looſe zufrieden waͤre; denn ich kann den Sultan nicht lieben, und ich bin nicht ehrgeizig genug, um von allen den Ehren welche man mir er⸗ zeigt, geblendet zu werden. Ich bin nur gereizt durch alle die Anſtrengungen, welche meine Nebenbuhlerin⸗ nen machen, um mich zu ſtuͤrzen, und ich trachte ſie zu beſchaͤmen. Ihr muͤßt dieſes einer Frau zu gute halten. Ihr Aerger,“ fuhr ſie fort,„macht mir demnach mehr Vergnuͤgen, als die Liebe des Sultans, Ich muß gleichwohl bekennen, daß dieſer Fuͤrſt liebens⸗ wuͤrdig iſt; aber ſei es nun, daß die Liebe nicht von uns abhaͤngt, ſei es, daß euch die Eroberung meines Herzens aufbehalten war, kurz, ihr ſeid der erſte Mann, welcher meine Blicke auf ſich gezogen hat.“ Um einem ſo ſchmeichelhaften Bekenntniſſe, wel⸗ ches den Werth meines Gluͤckes noch zu erhoͤhen ſchien, zu entſprechen, gelobte ich der jungen Schoͤ⸗ nen ewige Liebe, und ich drang in ſie, mein Gluͤck nicht laͤnger zu verſchieben. Meine leidenſchaftlichen Reden erweichten ſie: aber das Gluͤck gefaͤllt ſich darin, den Ungluͤcklichen truͤgliche Hoffnungen vorzu⸗ I. 3 34 5. 6. Tag. ſpiegeln, und mein feindſeliges Geſtirn hatte noch nicht ſeinen boͤſen Einfluß auf mich erſchoͤpft. In dem Augenblicke, da die ſchoͤne Dardané, den dringenden Bitten meiner Zaͤrtlichkeit nachgebend, meine Wuͤnſche kroͤnen wollte, klopfte es ungeſtuͤm an die Thuͤre. Wir erſchraken beide.„O Himmel,“ ſagte die Favoritinn ganz leiſe zu mir,„ich bin verrathen, wir ſind verloren; es iſt der Sultan ſelber!“ Waͤre das Seil, deſſen ich mich zum Heraufſteigen bedient hatte, an ein Fenſter des Zimmers, worin wir uns befanden, geknuͤpft geweſen, ſo haͤtte ich leichtlich mich retten koͤnnen; aber es hing an einem Fenſter eben des Zimmers, in welchem der Sultan jetzo war. Demnach ergriff ich das einzige Mittel, das mir noch uͤbrig war, und verbarg mich unter dem Throne; und Dardané ging hin, die Thuͤr zu oͤffnen. Sechster Tag. Der Sultan, in Begleitung mehrerer ſchwarzen Verſchnittenen, welche Leuchten trugen, trat mit wuͤ⸗ thender Gebaͤrde herein. „Elende,“ rief er aus,„welcher Mann iſt hier bei dir? man hat einen an einem Fenſter dieſes Zim⸗ mers heraufklimmen ſehen, und das Seil iſt noch daran befeſtigt.“ — Abulkaſem. 3⁵ Die Favoritinn war beſtuͤrzt bei dieſen Wor⸗ ten: ſie konnte nicht eine Sylbe hervorbringen. Und wenn ſie es anch gewagt haͤtte, ſich dreiſt zu verant⸗ worten, ſo verdammte doch ihr Erſchrecken ſie nur zu ſehr. „Man durchſuche alles,“ fuhr der Sultan fort, „und laſſe den Verwegenen meiner Rache nicht ent⸗ ſchluͤpfen.“ Die Verſchnittenen gehorchten; ſie hatten mich bald entdeckt, zogen mich unter dem Throne hervor und ſchleppten mich zu den Fuͤßen ihres Herrn hin, welcher zu mir ſagte: „Ha; du elender! welche Frechheit! Hat die Stadt Kahiro nicht Weiber genug fuͤr dich, und hat⸗ teſt du keine Ehrfurcht fuͤr meinen Palaſt?"“ Ich war nicht minder erſchrocken, als die Favori⸗ tinn; wenig fehlte ſelbſt, daß ich in Ohnmacht fiel. Ich glaube, wenn euch daſſelbe Abenteuer zu Bagdad begegnete und ihr von dem großen Harun Alraſchid in ſeinem Frauenzimmer betroffen wuͤrdet,(verzeihet mir, Herr, dieſe Bemerkung), ihr wuͤrdet euch vielleicht in keinem andern Zuſtande befinden. Ich hatte nicht die Kraft, ein Wort zu ſprechen; ich lag zu den Fuͤßen des Sultans, und erwartete nichts anderes, als den Tod. Der Sultan zog ſeinen Saͤbel, um ihn mir zu geben; aber in dem Augenblick, als er zuhauen wollte„ trat eine alte Mohrinn ein, welche ihn daran verhinderte. 6. Tag. „Was wollt ihr thun, Herr?“ ſagte ſie zu ihm, „ptoͤdtet nicht dieſe Elenden, und beflecket eure Hand 4 nicht mit einem ſo verworfenen Blute. Sie ſind ſogar unwuͤrdig, daß die Erde ihre Leichname aufnehme, weil ſie die Frechheit gehabt haben, der eine, die Ehr⸗ furcht fuͤr euch zu verletzen, und die andere, euch zu betruͤgen. Befehlet, daß man ſie alle beide in den Nil werfe, damit ſie den Fiſchen zur Nahrung dienen.“ Der Sultan befolgte dieſen Rath, und die Ver⸗ ſchnittenen ſtuͤrzten uns aus den Fenſtern eines Thurms hinab in den Nil, welcher ſeine Mauern beſpuͤlte. Obwohl betaͤubt von meinem Falle, erreichte ich jedoch, da ich ſehr gut ſchwimmen konnte, das dem Palaſt gegenuͤberſtehende Ufer. Einer ſo großen Ge⸗ M fahr entronnen, rief ich mir das Andenken der jungen Schoͤnen zuruͤck, welches die Todesfurcht in mir ver⸗ 1 loͤccht hatte. Die Liebe beſiegte dieſe Furcht wieder, und ich ſchwamm in den Nil zuruͤck, noch eifriger, als ich herausgekommen war; ich ſchwamm ſeinem Laufe aaach, und ſo viel die Dunkelheit der Nacht mir die Ge⸗ genſtaͤnde zu unterſcheiden verſtattete, bemuͤhte ich mich, I die unglüuͤckliche Favoritinn, deren Untergang ich ver⸗ ſchuldete, zu entdecken: aber ich erblickte ſie nirgends, 4 und da ich fuͤhlte, daß meine Kraͤfte anfingen zu ſin⸗ ken, ſo war ich gendthigt, das Ufer wiederzugewin⸗ nen, um ein Leben zu erhalten, welches ich fruchtlos in Gefahr ſetzte. Abulkaſem. 37 Ich konnte nicht zweifeln, daß die Favoritinn das ihrige verloren haͤtte, und ich war untroͤſtlich, daß ich mir ihren Tod vorzuwerfen hatte. Ich weinte bitterlich. „Wehe mir!“ rief ich aus,„ohne mich, ohne meine unſelige Liebe, wuͤrde Dardané, die ſchoͤne Dardané noch leben! Ach, warum bin ich nach Ka⸗ hiro gekommen? Warum habe ich, wohl wiſſend, daß das Ungluͤck anſteckend iſt, die Zaͤrtlichkeit einer ſo reizenden Frau geſucht?“ Durchdrungen von Schmerz, in mir den Urheber ihres Ungluͤcks zu ſehen, und weil mir, nach dieſem Abenteuer, der Aufenthalt in Kahiro verhaßt ward, machte ich mich auf den Weg nach Bagdad. Nach einigen Tagereiſen, gelangte ich eines Abends an den Fuß eines Berges, hinter welchem eine ziemlich große Stadt lag. Ich ſetzte mich am Ufer eines Baches nieder, um auszuruhen, und beſchloß, die Nacht an dieſem Orte zuzubringen. Der Schlaf bemeiſterte ſich meiner Sinne, und ſchon wollten die erſten Stralen des Tages erſcheinen, als ich einige Schritte von mir Klagen und Seufzer vernahm, welche mich aufweck⸗ ten. Ich horchte aufmerkſam hin, und es duͤnkte mich, als kaͤmen dieſe Wehklagen von einer Frau, welche mishandelt wuͤrde. Ich ſtand ſogleich auf, und begab mich nach der Gegend, wo ſie herkamen, da bemerkte ich einen Mann, der mit einer Schaufel eine Grube machte. 6. Tag. JIch verbarg mich in einem Gebuͤſche, um ihn zu beobachten. Ich bemerkte, als er die Grube fertig hatte, daß er etwas hinein legte, es mit Erde be⸗ deckte, und ſodann hinweg ging. Der Tag war in dieſem Augenblicke faſt angebro⸗ chen, und ſch naͤherte mich, um zu ſehen, was es waͤre. Ich wuͤhlte die Erde auf, und fand einen gro⸗ ßen ganz blutigen Sack von Leinwand, in welchem ein junges Maͤdchen war, welche eben ihren Geiſt aufzugeben ſchien. Ihre Kleider, obwohl mit Blut bedeckt, ließen mich dennoch erkennen, daß ſie von Stande ſein mußte. „Welche grauſame Hand,“ rief ich aus, von Ent⸗ ſetzen und Mitleid ergriffen,„welcher Unmenſch hat dieſes junge Maͤdchen ſo mishandeln koͤnnen? Der Himmel möge dieſen Meuchelmoͤrder beſtrafen!“ Die Frau, welche ich ohne Beſinnung glaubte, hoͤrte dieſe Worte, und ſagte zu mir: „O Muſelmann, ſei ſo barmherzig, und hilf mir. Wenn du deinen Schoͤpfer liebſt, ſo reiche mir einen Tropfen Waſſer, um meinen brennenden Durſt zu ſtillen, und meinen heftigen Schmerz zu lindern.“ Ich lief ſogleich nach der Quelle, und fuͤllte mei⸗ nen Turban voll Waſſer, welches ich ihr brachte. Sie trank davon, dann oͤffnete ſie die Augen und blickte mich an. — Abulkaſem. 39 „O junger Mann,“ ſagte ſie zu mir,„der du ſo glaͤcklich zu meiner Huͤlfe hierher koͤmmſt, ſuche mein Blut zu ſtillen. Ich glaube, meine Wunden ſind nicht toͤdtlich. Rette mir das Leben, es wird dich nicht ge⸗ reuen.“ Ich zerriß meinen Turban und einen Theil meines Kleides, und als ich ihre Wunden verbunden hatte, ſagte ſie zu mir: „Vollende deine Barmherzigkeit, trag mich nach der Stadt, und laß mich verbinden.“ „Schoͤne Frau,“ antwortete ich ihr,„ich bin ein Fremdling und kenne niemand in dieſer Stadt. Wenn man mich nun befraͤgt, durch welches Abenteuer ich dazu komme, eine ermordete Frau zu tragen, was ſoll ich da antworten?“ „Sage, daß ich deine Schweſter bin,“ erwiederte ſie,„und ſei uͤbrigens unbekuͤmmert.“ Ich nahm die Frau auf meinen Ruͤcken, trug ſie nach der Stadt, und begab mich in eine Karavanſerei, wo ich ihr ein Bette bereiten ließ. Ich ſchickte ſogleich nach einem Wundarzte, der ſie verband und verſi⸗ cherte, daß ihre Wunden nicht gefaͤhrlich waͤren. In der That war ſie, nach Verlauf eines Monats geheilt.. Waͤhrend ſie noch in der Geneſung war, forderte ſie Papier und Dinte. Sie ſchrieb einen Brief, und uͤbergab ihn mir mit den Worten: TSag. „Geh nach dem Orte, wo die Kaufleute ſich ver⸗ ſammeln, frage nach Mahjar, uͤbergib ihm meinen Brief, nimm, was er dir geben wird, und komm zuruͤck.“ Ich trug den Brief zu Mahjar: er las ihn mit großer Aufmerkſamkeit, kuͤßte ihn ehrfurchtsvoll, und legte ihn auf ſeinen Kopf. Er zog hierauf zwei ſchwere Boͤrſen voll Zeckienen hervor und uͤbergab ſie mir. Ich nahm ſie, und kehrte zu meiner Herrinn zu⸗ ruͤck, welche mir nun auftrug, ein Haus zu miethen. Ich miethete eins, und wir begaben uns beide dahin, dort zu wohnen. Sobald wir hier angekommen waren, ſchrieb ſie einen zweiten Brief an Mahjar, der mir darauf vier Boͤrſen voll Goldſtuͤcke gab. Ich kaufte nun, auf Befehl meiner Herrinn, Kleider fuͤr ſie und fuͤr mich, nebſt einigen Sklaven zu unſerer Bedienung. 6. 7. 5 1 Siebenter Tag. Ich galt in der neuen Wohnung fuͤr den Bruder der Frau, und ich lebte mit ihr, als wenn ich es wirklich geweſen waͤre; obgleich ſie eine ſehr ſchoͤne Frau war. Dardansé beſchaͤftigte unaufhoͤrlich meine Gedanken, und weit entfernt, mich einer neuen Liebe Abulkaſem. 4 ½ hinzugeben, wollte ich mehr als einmal von dieſer Frau mich entfernen; ſie aber bat mich, ſie nicht zu verlaßen. „Warte noch, junger Mann,“ ſagte ſie zu mir, „ich bedarf deiner noch fuͤr einige Zeit: du ſollſt bald erfahren, wer ich bin; und ich gedenke, die Dienſte wohl zu belohnen, welche du mir geleiſtet haſt.“ Ich blieb alſo noch laͤnger bei ihr, und that aus bloßer Großmuth alles, was ſie von mir forderte. So begierig ich auch war, zu vernehmen, weshalb ſie ermordet worden, ſo war es mir doch nicht moͤg⸗ lich, ſie zu bewegen, es mir zu ſagen: ich mochte ihr noch ſo viel Gelegenheit geben, mir ihre Ge⸗ ſchichte zu erzaͤhlen, ſie beobachtete daruͤber ſtaͤts ein tiefes Stillſchweigen, anſtatt meine Neugier zu befrie⸗ digen. „Geh,“ ſagte ſie eines Tages zu mir, indem ſie mir eine Boͤrſe mit Goldſtuͤcken uͤbergab,„geh hin und ſuche einen Kaufmann namens Nahmaran auf; ſage ihm, daß du ſchoͤne Stoffe kaufen willſt: er wird dir mehrere Arten zeigen, waͤhle etliche Stuͤcke aus, und bezahle ſie ihm, ohne zu handeln; bezeige dich uͤberdieß ſehr hoͤflich gegen ihn, und bringe mir die Stoffe.“ Ich erkundigte mich nach Nahmarans Wohnung, und man zeigte ſie mir. Er ſaß in ſeinem Laden: ich ſah einen jungen Mann von ſehr ſchoͤnem Wuchſe, 42. 7. Tag. mit kurzen krauſen Haaren, ſchwaͤrzer als Achat; er trug ſcho hrringe und große Diamanten an allen ſeinen Banßen Ich ſetzte mich zu ihm, und fragte ihn nach Stoffen. Er ließ mich mehrere Stuͤcke ſehen; ich waͤhlte drei davon aus, er ſagte den Preis, und ich zaͤhlte ihm das Geld hin. Dann ſtand ich auf, und nachdem ich ſehr hoͤflich von ihm Abſchied genom⸗ men hatte, ließ ich die Stoffe durch eine Sklavinn, welche mich begleitete, heim tragen. Zwei Tage darnach gab meine Herrinn mir aber⸗ mals eine Boͤrſe, und hieß mich wieder zu Nahmaran gehen, um dort noch andere Stoffe zu kaufen:„aber erinnert euch,“ fuͤgte ſie hinzu,„daß ihr nicht dingen muͤßt: wie viel er auch dafuͤr fordert, gebet es ihm unweigerlich.“ b— Sobald der Kaufmann mich wiederkommen ſah und vernommen hatte, was mich zu ihm fuͤhrte, legte er ſeine reichſten Stoffe vor mir aus: ich waͤhlte, die mir gefielen, und als von der Bezahlung die Rede war, ſo warf ich meine Boͤrſe hin und bat Nahmaran, ſo viel daraus zu nehmen, als er verlangte. 3 Er war von dieſem Betragen bezaubert, und ſagte zu mir:„Edler Herr, koͤnntet ihr mir nicht die Ehre erweiſen, eines Tages bei mir zum Mittageſſen zu kommen?“— „Sehr gern,“ antwortete ich ihm,„und es ſoll morgen ſein, wenn es euch genehm iſt.“ — Abulkaſem. 45 Der Kaufmann bezeugte mir, daß ich ihm großes Vergnuͤgen machen wuͤrde. Als die Frau vernahm, daß Nahmaran mich bei ihm zum Mittage geladen hatte, ſchien ſie außer ſich vor Freuden daruͤber. „Verfehlet nicht, hinzugehen,“ ſagte ſie,„und ihn zu bitten, auch den folgenden Tag hieher zu kom⸗ men. Saget ihm, daß ihr ſeine Bewirthung erwie⸗ dern wollt; ich werde dafuͤr ſorgen, ein Gaſtmal zu bereiten.“ Ich wußte nicht, was ich von den Bewegungen der Freude denken ſollte, welche ſie blicken ließ: ich ſah wohl, daß ſie irgend etwas im Sinne hatte; aber ich war weit entfernt, es zu durchdringen. Ich begab mich alſo am naͤchſten Tage zu dem Kaufmann, der mich vollkommen wohl empfing und bewirthete. Bevor wir uns trennten, ſagte ich ihm meine Wohnung, und bat ihn auf morgen bei mir zu Mittag. Er ermangelte nicht, ſich bei mir einzuſinden: wir ſetzten uns beide zu Tiſche, und brachten den uͤbrigen Tag geſellig zu, indem wir die beßten Weine tranken. Meine Herrinn wollte nicht dabei ſein; ſie war ſelbſt ſehr darauf bedacht, ſich waͤhrend der Mahlzeit verborgen zu halten. Da ſie mir ſehr em⸗ pfohlen hatte, den Kaufmann zu vergnuͤgen, und nicht zuzugeben, daß er zur Nacht heimkehrte, ſo 44 7. Tag. hielt ich ihn am Abend zuruͤck, ungeachtet ſeiner drin⸗ genden Bitten, ihm zu erlauben heimzugehen. Wir fuhren fort zu trinken, und ſchwelgten ſo bis um Mitternacht. Sodann fuͤhrte ich ihn in eine Kammer, wo ein Bette bereit ſtand, verließ ihn hier, und ging in meine Kammer, wo ich mich niederlegte und einſchlief. Aber ich genoß nicht lange der Suͤßigkeit des Schla⸗ fes; die Frau kam bald darauf und wechre mich: ſie hielt eine Leuchte in der einen Hand, und in der an⸗ dern einen Dolch. „Junger Mann,“ ſagte ſie zu mir,„ſteh auf, komm, und ſieh deinen Gaſt in ſeinem Blute gebadet.“ Ich ſprang voll Entſetzen bei dieſen Worten auf, kleidete mich haſtig an, folgte der Frau in das Schlaf⸗ zimmer des Kaufmanns, und ſah den Ungluͤcklichen auf ſeinem Bette todt hingeſtreckt. „Ha, Grauſame,“ rief ich aus,„was habt ihr gethan? wie habt ihr eine ſo ſchwarze That veruͤben koönnen? und warum habt ihr mich zum Werkzeuge eurer Wuth misbraucht?“ 1 „Junger Fremdling,“ ſagte ſie zu mir,„laß es dir nicht Leid ſein, zu meiner Rache an Nahmaran mit⸗ gewirkt zu haben: er war ein Boͤſewicht; du wirſt ihn nicht beklagen, wenn du erſt ſein Verbrechen weißt, oder vielmehr, wenn du vernimmſt, daß er der Urheber meines Ungluͤcks iſt, welches ich dir nun erzaͤhlen will. Abulkaſem. Ich bin,“ fuhr ſie fort,„die Tochter des Koͤnigs dieſer Stadt: Eines Tages, als ich nach den oͤffent⸗ lichen Baͤdern ging, erblickte ich den Nahmaran in ſei⸗ nem Laden; ich wurde von ſeiner Schoͤnheit getroffen, und wider meinen Willen ſtellte ſich ſein Bild ſtaͤts vor meine Seele; ich fuͤhlte, daß ich ihn liebte; ich be⸗ kaͤmpfte anfangs dieſe Neigung, ich ſtellte mir die Un⸗ wuͤrdigkeit derſelben vor, und ich waͤhnte, ſie durch meine Betrachtungen zu beſiegen: aber ich betrog mich, die Liebe trug den Sieg uͤber meinen Stolz davon; ich ward unruhig, ſehnſuͤchtig, und mein Uebel vermehrte ſich von Augenblick zu Augenblick. Ich verfiel in ein Siechthum, woran ich unfehlbar geſtorben waͤre, wenn meine Erzieherinn, welche ſich beſſer auf die Kennzei⸗ chen der Krankheit verſtand, als die Aerzte, nicht die Urſache derſelben durchdrungen haͤtte. Sie brachte mich ſehr geſchickt dahin, ihr zu bekennen, daß ihre Vermu⸗ thungen nicht falſch waͤren: ich erzaͤhlte ihr, auf welche Weiſe ſich meine ungluͤckliche Liebe entzuͤndet haͤtte, und ſie erkannte aus meinen Reden, daß ich in Nahmaran naͤrriſch verliebt waͤre. Sie war geruͤhrt von meinem Zuſtande, und ver⸗ ſprach, meine Leiden zu lindern. In der That„ eines Nachts brachte ſie den jungen Kaufman in Frauenklei⸗ dern in den Harem, und fuͤhrte ihn in mein Zimmer. Außer der Freude ihn zu ſehen, hatte ich auch das Vergnuͤgen zu bemerken, daß er von ſeinem Gluͤcke 2 46 7. 8. Ta g. entzuͤckt war. Nachdem er in meinem Gemache meh⸗ rere Tage bei mir verborgen geblieben war, ſchaffte meine Erzieherinn ihn wieder eben ſo gluͤcklich aus dem Harem, wie ſie ihn herein gebracht hatte, und von Zeit zu Zeit kam er unter derſelben Verkleidung wieder. A cht er XTag. Mir kam die Luſt an, auch einmal Nahmaran zu beſuchen: ich wollte mir das Vergnuͤgen machen, ihn zu uͤberraſchen, nicht zweifelnd, daß dieſer Schritt, welcher ihm die Ueberſchwaͤnglichkeit meiner Liebe bewies, ihm ſehr angenehm ſein wuͤrde. Ich ging alſo eines Nachts aus dem Palaſt, auf Umwe⸗ gen, welche mir bekannt waren, und begab mich nach ſeinem Hauſe. Ich klopfte an die Thuͤr, eine Skla⸗ vinn kam zu oͤffnen, und fragte mich, wer ich waͤre und was ich wollte. 4 Ich bin,“ antwortete ich,„eine junge Frau aus der Stadt, und moͤchte gern deinen Herrn ſprechen.“ „Er iſt in Geſellſchaft,“ erwiederte die Sklavinn, „und unterhaͤlt ſich jetzt eben mit einer andern Frau; kommet morgen wieder.“. Bei dem Worte„Frau“ fuͤhlte ich mich von einer Eiferſucht ergriffen, welche mich außer mir verſetzte; ich ward wuͤthend: anſtatt mich zuruͤckzuziehen, dringe Abulkaſem. ich ungeſtuͤm in das Haus, trete in einen Saal, wo Licht und alle Anſtalten zu einem Feſte waren, und erblicke den Kaufmann mit einem jungen recht ſchoͤnen Maͤdchen bei Tiſche: ſie tranken beide und ſangen zaͤrtliche und leidenſchaftliche Lieder. Ich konnte bei dieſem Schauſpiele meinen Zorn nicht zuruͤckhalten, ich ſtuͤrzte auf das Maͤdchen los, und gab ihr tauſend Schlaͤge; ja ich haͤtte ihr das Leben genommen, wenn ſie nicht Mittel gefunden haͤtte, mir zu entſchluͤpfen. Ich begnuͤgte mich nicht an meiner Nebenbuhlerinn, in der Wuth welche mich beſeelte, ſchonte ich auch Nah⸗ marans nicht. Er warf ſich alsbald zu meinen Faͤßen, flehte mich um Verzeihung, und ſchwur mir, mich nie mehr zu hintergehen. Er beſaͤnftigte mich; ich gab nach bei ſeinen Schwuͤren und Demuͤthigungen. Er bewog mich ſelbſt, mit ihm zu trinken, und brachte es dahin, daß er mich berauſchte. Als er mich in dieſem Zuſtande ſah, gab mir der Boͤſewicht mehrere Meſſerſtiche. Ich ſank bewußtlos hin, er hielt mich fuͤr todt, ſteckte mich in einen großen Leinwandſack, und trug mich auf ſeinem Ruͤcken hinaus vor die Stadt, bis zu dem Orte, wo du mich gefunden haſt. Waͤhrend er ein Grab fuͤr mich machte, kam ich wieder zu mir, und ſtieß einige Wehklagen aus: aber weit entfernt, dadurch geruͤhrt zu werden und auch nur ſo mitleidig zu ſein, mir vollends den Tod zu geben, bevor er mich 5 48 3. Dag. verſcharrte, machte der Unmenſch ſich eine Freude dar⸗ aus, mich lebendig zu begraben. Was Mahjar betrifft,“ fuhr ſie fort,„den andern Kaufmann, welchem du die Briefe von mir uͤber⸗ bracht haſt, ſo iſt er der Kaufmann des Harems. Ich ließ ihn wiſſen daß ich Geld noͤthig haͤtte, und habe ihm mein Abenteuer vertrauet, mit der Bitte, es geheim zu halten, bis ich das Vergnuͤgen einer vol⸗ len Rache genoſſen.— Sieh, junger Mann, das iſt meine Geſchichte. Ich habe ſie dir nicht eher mittheilen wollen, aus Furcht, du moͤchteſt dir ein Gewiſſen da⸗ raus machen, mir mein Schlachtopfer herzufuͤhren. Ich glaube nicht, daß du gegenwaͤrtig meine hochher⸗ zige That misbilligen wirſt; und ſo fern du ein Feind treuloſer Herzen biſt, mußt du mich loben, daß ich den Muth gehabt habe, Nahmarans Herz zu durch⸗ bohren. Sobald es Tag iſt,“ beſchloß ſie,„wollen wir mitſammen nach dem Palaſte gehen. Der Koͤnig mein Vater liebt mich leidenſchaftlich: ich will ihm mein Vergehen bekennen und ich hoffe, er wird es mir ver⸗ zeihen; und ich darf dir verſprechen, daß er dich mit Wohlthaten uͤberhaͤufen wird.“ „Nein, Herrinn,“ ſagte ich hierauf zu der Prinzeſ⸗ ſinn;„ich verlange nichts dafuͤr, daß ich euch geret⸗ tet habe. Der Himmel iſt mein Zeuge, daß es mich nicht gereuet: aber ich geſtehe euch, ich bin in Ver⸗ Abulkaſem. zweiflung, daß ich eurer Rache ſo gut gedient habe. Ihr habt meine Gefaͤlligkeit misbraucht, indem ihr mich zum Theilnehmer eines Verraths gemacht. Ihr haͤttet mich lieber auffordern. ſollen, euch auf eine edle Weiſe zu raͤchen: ich haͤtte willig mein Leben fuͤr euch gewagt.“ Kurz, Herr, obwohl ich Nahmarans Strafe ge⸗ recht fand, ſo that es mir doch ſo leid, ſelber ihn zum Tode verlockt zu haben, daß ich auf der Stelle die Prinzeſſinn verließ und ihre Verſprechungen ver⸗ ſchmaͤhte. * Ich verljeß die Stadt noch vor Tage, und ge⸗ wahrte, ſobald es hell ward eine Karavane von Kaufleuten, welche auf einer Wieſe gelagert war. Ich geſellte mich zu ihr, und da ſie nach Bagdad ging, wohin ich auch Luſt hatte zu gehen, ſo reiſte ich mit ihr ab. Ich kam gluͤcklich daſelbſt an; aber ich befand mich bald in einer ſehr traurigen Lage. Ich war ohne Geld, und es blieb mir von all meinem vorigen Ver⸗ moͤgen nur noch ein Goldſtuͤck aͤbrig. Ich wechſelte es in Aspern um, und kaufte dafuͤr Biſamaͤpfel, Zucker⸗ koͤrner, Balſame und Roſen. Ich ging alle Tage zu 1. — 8. a g. einem Fikaa⸗Verkaͤufer,*) wo mehrere Herren und andere Leute gewoͤhnlich zuſammenkamen, ſich zu un⸗ terhalten. Ich bot ihnen meinen Korb mit dem klei⸗ nen Krame dar; jeder nahm ſich daraus, was ihm beliebte, und ermangelte nicht, mir einiges Geld da⸗ fuͤr zu geben. So verſchaffte mir dieſer kleine Han⸗ del bequemlich zu leben. Eines Tages, als ich, wie gewoͤhnlich, bei dem Fikaaverkaͤufer, meine Blumen darbot, ſaß in einem Winkel des Saales ein Greis, auf welchen ich nicht Acht gab, und der, als er ſah, daß ich ihm nicht auch meine Waaren anbot, mir rief, und zu mir ſagte: „Mein Freund, woher koͤmmt es, daß du mir deine Waaren nicht eben ſo gut anbieteſt, wie den an⸗ dern? Zaͤhlſt du mich etwa nicht zu den anſtaͤndigen Leuten? oder bildeſt du dir ein, daß ich nichts in der Boͤrſe habe?“ „Herr,“ antwortete ich ihm,„ich bitte euch, mich zu entſchuldigen; ich ſah euch nicht, ich verſichere es euch. Alles was ich habe, ſteht zu euren Dienſten, und ich verlange nichts dafuͤr.“ *) Fikaa heißt ein Getränk von Gerſte, Waſſer und Ro⸗ ſienen. Zugleich bot ich ihm meinen Korb dar. Er nahm einen Biſam⸗Apfel heraus, und ſagte mir, ich ſollte mich zu ihm ſetzen. Ich ſetzte mich, und er that mir allerlei Fragen; er fragte mich, wer ich waͤre und wie ich hieße. „Erlaſſet mir,“ antwortete ich ihm ſeufzend,„eure Neugier zu befriedigen; ich kann es nicht thun, ohne die Wunden wieder aufzureißen, welche die Zeit zu verharrſchen anfaͤngt.“ Dieſe Worte, oder vielmehr der Ton, womit ich ſie ausſprach, verhinderten den Greis, weiter deshalb in mich zu dringen. Er veraͤnderte den Gegenſtand des Geſpraͤchs, und nach einer ziemlich langen Unter⸗ haltung, ſtand er auf wegzugehen, und zog aus ſei⸗ ner Boͤrſe ſechs Zeckienen, welche er mir in die Hand druͤckte. Ich war ſehr uͤberraſcht durch dieſe Freigebigkeit. Die angeſehenſten Herren, welchen ich meinen Korb darzubieten pflegte, gaben mir nicht einmal eine Zek⸗ kiene, und ich wußte nicht, was ich von dieſem Manne hier denken ſollte. Ich kehrte am folgenden Tage zu dem Fikaaver⸗ kaufer zurück, und fand dort meinen Greis wieder. Er war dießmal keiner der letzten, ſo meine Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zog; ich wandte mich alsbald an ihn. Er nahm ein wenig Balſam, und nachdem er mich wieder bei ſich ſitzen laßen, drang er ſo lebhaft in 5² 8. Tag. mich, ihm meine Geſchichte zu erzaͤhlen, daß ich michs nicht laͤnger weigern konnte. Ich erzaͤhlte ihm alles, was mir begegnet war; und nachdem ich ihm dieß Vertrauen geſchenkt hatte, ſagte er zu mir: „Ich habe deinen Vater gekannt. Ich bin ein Kaufmann aus Basra, habe keine Kinder und auch nicht Hoffnung, welche zu bekommen: ich habe Zu⸗ neigung zu dir und nehme dich an Kindesſtatt an. Alſo, mein Sohn, troͤſte dich uͤber dein bisheriges Ungluͤck; du wirſt in mir einen noch reichern Vater finden, als Abdelaſis war, und einen, der nicht min⸗ der Liebe fuͤr dich hat.“ Ich dankte dem ehrwuͤrdigen Greiſe fuͤr die Ehre, welche er mir anthat, und folgte ihm, als er hinaus⸗ ging. Er ließ mich meinen Korb mit den Blumen wegwerfen, und fuͤhrte mich in ein großes Haus, wel⸗ ches er gemiethet hatte. Hier gab er mir eine Wohnung mit Sklaven zu meiner Bedienung, und ließ mir reiche Kleider bringen. Es war gaͤnzlich, als wenn mein Vater noch lebte, und es ſchien, daß ich nie⸗ mals in einem elenden Zuſtande geweſen waͤre. Als der Kaufmann ſeine Geſchaͤfte, welche ihn in Bagdad zuruͤckhielten, beendigt, das heißt, als er alle ſeine dahin gebrachten Waaren verkauft hatte, reiſten wir zuſammen nach Basra. Meine Freunde, welche nicht mehr hofften, m wiederzuſehen, waren nicht wenig uͤberraſcht, zu vet * * 8 Abulkaſem. nehmen, daß ich von einem Manne, der fuͤr den reich⸗ ſten Kaufmann der Stadt galt, an Sohnesſtatt an⸗ genommen wäre. Ich bemuͤhte mich, dem Alten zu gefallen, und er war innig erfreut uͤber meine Gefaͤlligkeit. „Abulkaſem,“ ſagte er oft zu mir,„ich bin froh, dich zu Bagdad getroffen zu haben; du ſcheinſt mir deſ⸗ ſen gar wuͤrdig, was ich fuͤr dich thue.“ Ich war ſo geruͤhrt uͤber die Zuneigung, welche er mir bezeigte, daß, weit entfernt, dieſelbe zu mis⸗ brauchen, ich ihm vielmehr in allem zuvorkam, was ihm Vergnuͤgen machen konnte. Anſtatt die jungen Leute meines Alters aufzuſuchen leiſtete ich ihm treu⸗ lich Geſellſchaft. Ich verließ ihn faſt gar nicht. Neiunter Tag. Indeſſen ward der gute Greis krank, und die Aerzte vermochten ihn nicht herzuſtellen. Als er ſich dem Tode nahe ſah, ließ er alle anderen Leute hin⸗ ausgehen, und ſagte zu mir: „Es iſt Zeit, mein Sohn, dir ein wichtiges Ge⸗ heimnis zu entdecken. Wenn ich kein anderes Beſitz⸗ thum haͤtte, als dieſes Haus mit allen Reichthuͤmern, welche du darin ſieheſt, ſo wuͤrde ich dir nur ein maͤ⸗ Higes Vermoͤgen zu hinterlaſſen glauben: aber alle 9. TSag. Guͤter, welche ich im Laufe meines Lebens zuſammen⸗ gebracht habe, obwohl anſehnlich genug fuͤr einen Kaufmann, ſind gar nichts in Vergleich mit dem Schatze, welcher verborgen liegt, und den ich dir entdecken will. Ich kann dir nicht ſagen, ſeit welcher Zeit, durch wen, und auf welche Weiſe er ſich hier befindet; denn ich weiß es nicht. Alles was ich weiß, iſt, daß mein Großvater ihn ſterbend meinem Vater entdeckte, welcher ihm daſſelbe Geheimnis Wenige Tage vor ſeinem Tode vertraute. „Aber,“ fuhr er fort,„ich habe dir eine Weiſung zu geben, und huͤte dich wohl, ſie zu verachten. Du biſt von Natur freigebig, und wenn du dich im Stande ſieheſt, deiner Neigung zu folgen, ſo wirſt du nicht unteriaßen, deine Reichthuͤmer zu verſchwenden. Dieſe Lebensweiſe, welche ich ſehr billigen wuͤrde, wenn du ſie ungeſtraft durchfuͤhren koͤnnkeſt, wuͤrde dich ins Verderben ſtuͤrzen. Durch ein ſo praͤchtiges Leben wuͤrdeſt du den Neid des Koͤnigs von Basra oder die Habgier ſeiner Miniſter erregen; ſie wuͤrden argwaͤhnen, daß du einen verborgenen Schatz beſaͤßeſt, und nichts ſparen, ihn zu entdecken und dir zu entrei⸗ ßen. Um dieſem Ungluͤcke zuvorzukommen, darfſt du nur meinem Beiſpiele folgen. Ich ſo wohl wie mein Vater und Großvater, habe ſtaͤts mein Gewerbe da⸗ bei betrieben, und mich dieſes Schatzes ohne Aufſehn Abulkaſem. 55 erfreuet: wir haben niemals einen Aufwand gemacht, welcher die Leute verwundert hat.“ Ich unterließ nicht, dem Kaufmanne zu verſprechen, daß ich ſein kluges Beiſpiel befolgen wuͤrde. Er un⸗ terrichtete mich, an welchem Orte der Schatz ſteckte, ind verſicherte mich, wie große Vorſtellungen ich mir zuch von den Reichthuͤmern machen koͤnnte, welche er enthielte, dennoch wuͤrde ich ſie weit uͤber meiner Vorſtellung finden. In der That, ſobald der großmuͤthige Greis geſtor⸗ ben, und ich, als ſein einziger Erbe, ihm die letzte Pflicht erwieſen hatte, nahm ich Beſitz von allen ſei⸗ nen Guͤtern, zu welchen auch dieſes Haus gehoͤrt, und ging hin, den Schatz zu ſehen. Ich muß euch geſtehen, Herr, ich war erſtaunt Haruͤber. Wenn auch nicht unerſchoͤpflich, iſt er je⸗ doch ſo reich, daß ich ihn nicht zu erſchoͤpfen ver⸗ noͤchte, und wenn der Himmel mich auch viel laͤnger eben ließ, als die anderen Menſchen. Auch, weit intfernt, mein dem Kaufmanne gegebenes Verſprechen zu halten, verbreite ich meine Reichthuͤmer uͤberall: s giebt niemand in Basra, der nicht meine Wohl⸗ haten genoſſen haͤtte, mein Haus ſteht allen offen, velche meiner benoͤthigt ſind, und alle kehren befrie⸗ dgt heim. Heißt es denn einen Schatz beſitzen, wenn nan ihn nicht anzuruͤhren wagt? Und kann ich einen bſſern Gebrauch davon machen, als damit die Un⸗ 56 9. Tag. gluͤcklichen zu unterſtuͤtzen, die Fremden gaſtlich zu be⸗ wirthen, und ein herrliches Leben zu fuͤhren? Alle Welt dachte anfangs, ich wuͤrde mich aber⸗ mals zu Grunde richten.„Und wenn Abulkaſem,“ ſagte man,„alle Schaͤtze des Beherrſchers der Glaͤu⸗ bigen beſaͤße, ſo wuͤrde er ſie verſchwenden.“ Aber man war in der Folge ſehr erſtaunt, als man, an⸗ ſtatt meine Umſtaͤnde im geringſten in Verfall zu ſe⸗ hen, dieſelben vielmehr von Tage zu Tage bluͤhender zu werden ſchienen. Man begriff nicht, wie ich meir Vermoͤgen vermehren koͤnnte, indem ich es ver⸗ ſchwendete. Ich machte jedoch ſo großen Aufwand, daß ich endlich den Neid gegen mich erregte, wie der Greis mir vorausgeſagt hatte. Es verbreitete ſich in der Stadt ein Geruͤcht, ich haͤtte einen Schatz gefunden. Mehr bedurfte es nicht, um mir habgierige Leute auf den Hals zu ziehen. Der Polizeileutnant von Basra kam in mein Haus, und ſagte zu mir: „Ich bin der Daroga,) und komme, euch zu fragen, wo der Schatz iſt, welcher euch in den Stand ſetzt, mit ſolcher Pracht zu leben?“ Ich zitterte bei dieſen Worten und war ganz be⸗ ſtuͤrzt. 1 1 1 4 *) Daroga heißt Polizeileutnant. — — Abulkaſem. 57 Er erkannte bald an meiner Beſtuͤrzung, daß das Geruͤcht, welches von mir in der Stadt umlief, nicht ungegruͤndet waͤre. Aber anſtatt in mich zu dringen, ihm den Schatz zu entdecken, fuhr er fort: „Herr Abulkaſem, ich entledige mich meines Am⸗ tes, als ein Mann von Verſtand: gebet mir irgend ein, meiner Verſchwiegenheit angemeſſenes Geſchenk.“ „Wie viel verlanget ihr von mir?“ fragte ich ihn. „Ich will mich mit zehn Zeckienen taͤglich begnuͤ⸗ gen,“ antwortete er. Ich erwiederte ihm:„das iſt nicht genug, ich will euch hundert geben: ihr duͤrft nur taͤglich, oder mo⸗ natlich hieher kommen, und mein Schatzmeiſter wird ſie euch auszahlen.“ Der Polizeileutnant war außer ſich vor Freuden, als er dieſe Worte hoͤrte:„Herr,“ ſagte er zu mir, nich wollte, daß ihr tauſend Schaͤtze gefunden haͤttet; erfreuet euch ruhig eurer Guͤter, ich werde auch nie⸗ mals im Beſitze derſelben ſtoͤren.“ Er empfing zum voraus eine ſtarke Summe, und ging weg. Kurze Zeit darnach, ließ der Veſyr Abulfatah⸗ Waſchi mich zu ſich rufen, und nachdem er mich in ſein Gemach hatte treten laſſen, ſagte er zu mir: „O junger Mann, ich habe vernommen, daß du einen Schatz gefunden haſt. Du weißt, daß der fuͤnfte Theil davon an Gott gehoͤrt: du mußt ihn dem Koͤ⸗ 58 9. Tag. nige geben; entrichte alſo das Fuͤnftel, und du ſollſt im ruhigen Beſitze der uͤbrigen vier Theile bleiben.“ Ich antwortete ihm:„Herr, ich will euch wohl geſtehen, daß ich einen Schatz gefunden habe, jedoch ſchwoͤre ich euch zugleich bei dem großen Gotte, der uns beide erſchaffen hat, daß ich ihn nimmer ent⸗ decken werde, und wenn man mich auch in Stuͤcke hauen ſollte: aber ich verpflichte mich, euch taͤglich tauſend Zeckienen zu geben, ſofern ihr mich darnach in Ruhe laßet.“ Abulfatah war eben ſo biegſam, als der Polizeileut⸗ nant; er ſchickte zu mir einen vertrauten Menſchen, welchem mein Schatzmeiſter dreißigtauſend Zeckienen fuͤr den erſten Monat auszahlte. Der Veſyr fuͤrchtete ohne Zweifel, daß der Koͤnig von Basra den Vorgang erfuͤhre, und zog vor, es ihm ſelber zu ſagen. Der Fuͤrſt hoͤrte ihn ſehr aufmerkſam an, und die Sache ſchien ihm einer Ergruͤndung wuͤrdig; er wollte mich ſehen. Er empfing mich mit laͤchelnder Miene, und ſagte zu mir: „O junger Mann, warum zeigſt du mir nicht dei⸗ nen Schatz? haͤltſt du mich fuͤr ſo ungerecht, daß ich ihn dir entreißen wuͤrde? „Herr,“ antwortete ich ihm,„moͤge das Leben Euer Majeſtaͤt ſo lange waͤhren, als die Welt! aber ſollte man mir auch das Fleiſch mit gluͤhenden Zangen Abulkaſem. 59 vom Leibe reißen, dennoch wuͤrde ich nie meinen Schatz entdecken. Ich bin erboͤtig, Euer Majeſtaͤt taͤglich zweitauſend Goldſtuͤcke zu bezahlen. Verwei⸗ gert ihr, ſie anzunehmen und ziehet es vor, mich hinrichten zu laßen, ſo habt ihr nur zu befehlen: ich bin bereit, eher alle nur erdenklichen Qualen zu er⸗ dulden, als eure Neugier zu befriedigen.“ Der Koͤnig ſah bei dieſer Rede ſeinen Veſyr an, und fragte ihn um Rath. „Herr,“ ſagte der Miniſter zu ihm,„die Summe, welche er euch anbietet, iſt ſo anſehnlich, daß darin ſchon wirklich ein Schatz gefunden iſt. Entlaſſet dieſen jungen Mann; moͤge er mit ſeiner gewohnten Pracht leben, und nur dafuͤr ſorgen, Euer Majeſtaͤt puͤnkt⸗ lich ſein Wort zu halten.“ Der Koͤnig befolgte dieſen Rath; er bezeigte ſich ſelbſt ſehr freundlich gegen mich. Und von dieſer Zeit an bezahle ich, laut unſerer Verabredungen, ſo wohl an ihn, als an den Veſyr und den Polizeileutnant, die Summe von mehr als einer Million und ſechzig⸗ tauſend Zeckienen. Da habt ihr, Herr, was ihr zu wiſſen wuͤnſchtet; ihr duͤrft nun nicht mehr uͤber die Geſchenke, welche ich euch gemacht habe, noch uͤber alles was ihr bei mir geſehen habt, verwundert ſein.“ 60. 9. C a g. Als Abulkaſem die Erzäͤhlung ſeiner Abenteuer be⸗ endigt hatte, ſagte der Chalyf, beſeelt von heftigem Verlangen, den Schatz zu ſehen, zu ihm: „Iſt es moͤglich, daß es auf der Welt einen Schatz geben koͤnne, welchen eure Freigebigkeit nicht bald zu erſchoͤpfen im Stande ſein ſollte? Nein, ich kann es nicht glauben; und wenn es nicht zu viel von euch gefordert waͤre, Herr, ſo wuͤnſchte ich wohl euer Beſitzthm zu ſehen, indem ich euch bei allem, was ei⸗ nen Eid unverletzlich machen kann ſchwoͤre, daß ich nimmer euer Vertrauen mißbrauchen werde.“ Der Sohn des Abdelaſis ſchien betruͤbt uͤber die Rede des Chalyfen. „Es thut mir Leid, Herr,“ ſagte er zu ihm,„daß ihr dieſe Neugier habt; ich kann ſie nicht befriedigen, als nur unter ſehr unangenehmen Bedingungen.“ „Gleichviel,“ rief der Fuͤrſt aus,„welche Bedin⸗ gungen es auch ſein moͤgen, ich unterwerfe mich ih⸗ nen ohne Widerſtreben.“. „Ich muͤßte euch,“ erwiederte Abulkaſem,„die Au⸗ gen verbinden und euch baarhaupt und unbewaffnet fuͤh⸗ ren, ſelber mit dem Schwert in der Hand, um euch auf der Stelle mit tauſend Wunden zu toͤdten, ſobald ihr die Geſetze der Gaſtfreundſchaft brechet. Ich weiß wohl,“ fuͤgte er hinzu,„daß man mich dennoch der Unklugheit zeihen kann, und daß ich eurem Geluͤſte nicht nachgeben ſollte: aber ich verlaſſe mich auf die — ———— Abulkaſem. 61 Kraft eures Schwures; und uͤberdieß kann ich mich nicht entſchließen, einen Gaſt unbefriedigt zu ent⸗ laſſen.“ „Um Gottes willen,“ ſagte der Chalyf,„ſo be⸗ friedigt doch auf der Stelle mein neugieriges Ver⸗ langen.“ „Das kann nicht ſogleich geſchehen,“ antwor⸗ tete der junge Mann;„aber bleibet dieſe Nacht bei mir, und wenn all mein Hausgeſinde ſchlaͤft, ſo komme ich, euch aus dem Zimmer abzuholen, wohin ich euch fuͤhren werde.“ Nach dieſen Worten, rief er ſeinen Leuten, und bei dem Schein einer großen Menge von Wachslich⸗ tern, welche die Sklaven in goldenen Leuchtern tru⸗ gen, fuͤhrte er den Fuͤrſten in ein praͤchtiges Schlaf⸗ gemach, und begab ſich dann in das ſeinige. Die Sklaven entkleideten den Kaiſer, legten ihn nieder, und gingen hinaus nachdem ſie zu ſeinen Haͤupten und Fuͤßen ihre Kerzen hingeſtellt hatten, deren wohl⸗ riechendes Wachs im Verbrennen lieblich duftete. Zehnter Tag. Harun Alraſchid, anſtatt irgend an Ruhe zu den⸗ ken, erwartete ungeduldig Abulkaſem, der um Mitter⸗ 62² 10. T A g. pacßt auch nicht verfehlte zu kommen, und zu ihm agte: „Herr, all mein Geſinde ſchlaͤft, eine tiefe Stille herrſcht in meinem Hauſe: jetzt kann ich euch meinen Schatz unter den ſchon geſagten Bedingungen zeigen.“ „Laßt uns denn gehen,“ antwortete der Chalyf in⸗ dem er aufſtand,„ich bin bereit, euch zu folgen, und ich ſchwoͤre bei dem Schoͤpfer Himmels und der Erden, daß es euch nicht gereuen ſoll, meine Neu⸗ gier befriedigt zu haben.“ Der Sohn des Abdelaſis half dem Chalyfen ſich ankleiden; dann legte er ihm eine Binde um die Augen, und ſagte zu ihm: „Ungern, Herr, verfahre ich auf dieſe Weiſe mit euch: euer Anſehn und euer ganzes Betragen ſcheint mir eines Vertrauens wuͤrdig.“ „Ich billige dieſe Vorſicht,“ unterbrach ihn der Kaiſer,„und ich nehme ſie euch keinesweges uͤbel.“ Abulkaſem ließ ihn nun eine verborgene Treppe hinabſteigen in einen Garten von ſehr weitem Umfange; und nach mehreren Umwegen, betraten beide den Ort, welcher den Schatz verbarg. Es war ein tiefes und geraͤumiges Gewoͤlbe unter der Erde, deſſen Eingang ein einfacher Stein ver⸗ ſchloß. Anfangs kamen ſie in einen langen abſchuͤſſi⸗ gen und ſehr dunkeln Gang, welcher in einen großen Abulkaſem. 63 Saal fuͤhrte, den mehrere Karfunkel ſehr glaͤnzend er⸗ leuchteten. Ein weißes Marmorbecken von funfzig Fuß Um⸗ fang und dreißig Fuß Tiefe ſtand in der Mitte: es war ganz voll dicker Goldſtuͤcke, und umher ſtanden zwoͤlf Saͤulen von demſelben Metall, welche eben ſo viele Standbilder aus Edelſteinen und von bewun⸗ dernswuͤrdiger Arbeit trugen. Abulkaſem fuͤhrte den Fuͤrſten an den Rand des Beckens, und ſagte zu ihm:„Dieſes Becken iſt drei⸗ ßig Fuß tief; ſehet nun dieſen Haufen von Gold⸗ ſtuͤcken, er iſt erſt um zwei Zoll vermindert: glaubt ihr noch, daß ich dieß ſobald verſchwenden koͤnnte?“ Harun, nachdem er das Becken aufmerkſam be⸗ trachtet hatte„ antwortete: „Das ſind, ich bekenne es, unermeßliche Reich⸗ thuͤmer: aber ihr koͤnnt ſie dennoch erſchoͤpfen.“ „Wohlan,“ fuhr der junge Mann fort,„wenn dieſes Becken ausgeleert iſt, ſo nehme ich meine Zu⸗ flucht zu dem, was ich euch jetzo zeigen will.“ Indem er dieſes ſagte, fuͤhrte er ihn in einen noch glaͤnzenderen Saal, als der erſte, und wo meh⸗ rere Sofas von rothem Brokat mit Perlen und Dia⸗ 64½ 10. Tag. manten geſtickt ſtanden: hier ſah man ebenfalls ein Marmorbecken, zwar nicht ſo groß noch ſo tief, als das mit den Goldſtuͤcken, aber dafuͤr war es voll Rubine, Topaſe, Smaragde und Edelſteine aller Art. Niemals war ein Erſtaunen ſo groß, als hier der Chalyf blicken ließ: kaum konnte er glauben, daß er erwacht waͤre; dieſes neue Becken ſchien ihm ein Blendwerk. Er hatte noch den Blick darauf geheftet, als der Sohn des Abdelaſis ihn auf zwei Geſtalten auf einem goldenen Thron aufmerkſam machte, von welchen er ihm ſagte, ſie waͤren die erſten Beſitzer dieſes Schat⸗ zes: es war ein Fuͤrſt und eine Fuͤrſtinn mit Dia⸗ mantenkronen auf dem Hauptv; ſie ſchienen beide noch lebendig, und lagen lang ausgeſtreckt, Haupt gegen Haupt, und zu ihren Fuͤßen ſah man eine Tafel von Ebenholz, auf welcher folgende Worte in goldenen Buchſtaben zu leſen waren: „In dem Laufe eines langen Lebens habe ich die hier befindlichen Reich⸗ thuͤmer zuſammengebracht: ich habe Staͤdte und Schloͤſſer eingenommen und gepluͤndert; ich habe Koͤnigreiche erobert und alle meine Feinde uͤber⸗ wunden; ich bin der maͤchtigſte Kdnig der Welt geweſen: aber all meine Abulkaſem. 65 Macht iſt der des Todes gewichen. Jeglicher, der mich in dieſem Zu⸗ ſtande ſieht, oͤffne ſeine Augen; er moͤge bedenken, daß ich gelebt habe wie er, und daß er ſterben wirdwie ich. Er fuͤrchte nicht, dieſen Schatz zu er⸗ ſchoͤpfen; er wird nimmer damit zu Ende kommen. Er bediene ſich deſſel⸗ ben, ſich Freunde zu machen und ein froͤhliches Leben zu fuͤhren; denn wenn ſeine Todesſtunde koͤmmt, ſo werden alle ſeine Guͤter ihn nicht vor dem, allen Menſchen gemeinſamen Looſe bewahren.“ „Ich misbillige nun nicht mehr eure Lebensweiſe,“ ſagte Harun zu dem jungen Manne, nachdem er dieſe Worte geleſen hatte;„ihr habt ganz Recht, ſo zu leben, wie ihr lebet, und ich tadle den Rath, welchen der alte Kaufmann euch gegeben hat. Aber,“ ſetzte er hinzu,„ich moͤchte wohl den Namen dieſes Fuͤrſten wiſſen: welcher Koͤnig kann ſo viel Reichthuͤ⸗ mer beſeſſen haben? Es thut mir Leid, daß dieſe In⸗ ſchrift ihn mir nicht nennet.“ Der junge Mann ließ hierauf den Chalyfen noch einen andern Saal ſehen, welcher viele ſehr koſtbare T. 5 66 10. Tag. Kleinode enthielt, unter andern dem aͤhnliche Baͤume, wie er ihm geſchenkt hatte. Der Fuͤrſt haͤtte gern die ganze uͤbrige Nacht damit zugebracht, alles das zu betrachten, was dieſe wun⸗ dervollen Gewoͤlbe einſchloſſen, wenn der Sohn des Abdelaſis, aus Furcht von ſeinem Hausgeſinde be⸗ merkt zu werden, ihn nicht noch vor Tage wieder herausgefuͤhrt haͤtte, und zwar auf dieſelbe Weiſe, wie er hineingekommen, das heißt baarhaupt und mit verbundenen Augen, er ſelber aber mit dem Schwert in der Hand, um ihm auf der Stelle das Haupt ab⸗ zuſchlagen, wenn er die geringſte Bewegung machte, ſich die Binde abzunehmen. Sie durchſchritten den Garten, und ſtiegen auf der verborgenen Treppe wieder in das Schlafgemach des Chalyfen hinauf. Hier fanden ſie noch die Ker⸗ zen brennen, und ſie unterhielten ſich miteinander bis zu Sonnenaufgang. „Nach dem, was ich ſo eben geſehen habe,“ ſagte der Fuͤrſt zu dem jungen Manne,„und nach der Sklavinn zu urtheilen, welche ihr mir zum Geſchenke gemacht habt, zweifle ich nicht, daß ihr auch die ſchoͤnſten Frauen des Morgenlandes beſitzet.“ „Herr,“ antwortete Abulkaſem,„ich habe Skla⸗ vinnen von großer Schoͤnheit genug; aber lieben kann ich keine: Dardané, meine geliebte Dardané, erfuͤllt noch ſtaͤts mein Gedaͤchtnis. Ich mag mir immerhin „. Abulkaſem. 67 jeden Augenblick vorſagen, daß ſie das Leben verloren hat, und ich nicht mehr an ſie denken darf, ich habe das Ungluͤck, mich von ihrem Bilde nicht losreißen zu koͤnnen: ja ich bin davon erfuͤllt bis zu einem Grade, daß ich ungeachtet meiner Reichthuͤmer, mitten unter meinen Herrlichkeiten, mich doch nicht gluͤcklich fuͤhle. Ja, ich wuͤnſchte tauſendmal lieber, nur maͤßige Gluͤcksguͤter zu haben und Dardané zu beſitzen, als ohne ſie zu leben mit allen meinen Schaͤtzen.“ Der Kaiſer bewunderte die Beſtaͤndigkeit Abulka⸗ ſems; jedoch ermahnte er ihn alles aufzubieten, um eine gegenſtandloſe Leidenſchaft zu beſiegen. Hierauf dankte er ihm von neuen fuͤr die ihm erzeigte Auf⸗ nahme, begab ſich wieder nach ſeiner Karavanſerei, und reiſte dann nach Bagdad zuruͤck, mit allen den Bedienten, dem Knaben, der ſchoͤnen Sklavinn, und allen Geſchenken, welche er von Abulkaſem empfangen hatte. Eilfter Tag. Zwei Tage nach der Abreiſe des Fuͤrſten, beſchloß der Veſyr Abulfatah, der von den praͤchtigen Geſchen⸗ ken gehoͤrt hatte, welche Abulkaſem taͤglich den ihn beſuchenden Fremden gab, und uͤberdieß uͤber die Puͤnktlichkeit erſtaunt war, mit welcher er ihm ſo 68 11. Tag. wohl wie dem Koͤnige und dem Polizeileutnant die ver⸗ ſprochenen Summen bezahlte,— nichts zu ſparen, um den Ort dieſes Schatzes zu entdecken, aus wel⸗ chem er ſo viele Reichthuͤmer ſchoͤpfte. Dieſer Miniſter war einer von jenen boshaften Menſchen, welchen die groͤßten Verbrechen nichts ko⸗ ſten, wenn ſie ihre Luſt buͤßen wollen. Er hatte eine achtzehnjaͤhrige Tochter von hinrei⸗ ßender Schoͤnheit: ſie hieß Balkis, und beſaß alle gute Eigenſchaften des Herzens und des Geiſtes. Der Prinz Aly, Neffe des Koͤnigs von Basra, war ſterb⸗ lich in ſie verliebt: er hatte ſchon bei ihrem Vater um ſie angehalten, und ſollte naͤchſtens mit ihr vermaͤhlt werden. Abulfatah ließ ſie in ſein Zimmer kommen und ſprach zu ihr: „Meine Tochter, ich bedarf deiner Huͤlfe. Du ſollſt deinen ſchoͤnſten Putz anlegen, und dieſe Nacht zu Abulkaſem gehen. Es kommt darauf an, ihm zu gefallen: du mußt alles aufbieten, um dieſen jungen Mann zu bezaubern, und ihn zu vermoͤgen, daß er dir den Schatz entdecke, welchen er gefunden hat.“ Balkis ſchauderte bei dieſer Anrede, und ſie ließ zum voraus auf ihrem Antlitze den Abſcheu blicken, welchen ein ſolcher Schritt ihr erregte, den man von ihrem Gehorſam forderte. „Herr,“ antwortete ſie,„was muthet ihr eurer Tochter zu? Denkt ihr an die Gefahr, welcher ihr ſie Abulkaſem. 69 ausſetzen wollt? bedenket die Schmach, mit welcher ihr ſie bedecket, den Schandfleck welchen ihr eurer Ehre aufdruͤcket, und den empfindlichen Schimpf, welchen ihr dem Prinzen Aly anthun wuͤrdet, indem ihr ihn des Preiſes beraubt, welcher ſeiner Zaͤrtlichkeit vielleicht am meiſten ſchmeichelt.“ „Ich habe alles dieſes erwogen,“ erwiederte der Veſyr; aber nichts kann mich von meinem Entſchluſſe abwendig machen, und ich befehle dir, mir zu ge⸗ horchen.“. Die junge Balkis zerſchmolz bei dieſen Worten in Thraͤnen: „Um Gottes willen, mein Vater,“ rief ſie aus, „zwinget mich nicht ſelber euch zu entehren. Unter⸗ druͤcket dieſe Anreizung der Habſucht, welche euch da⸗ hin bringt, einen Mann eines Gutes zu berauben, welches euch nicht gehoͤrt. Laſſet ihn in Frieden ſei⸗ ner Reichthuͤmer genießen, anſtatt daß ihr ſie ihm zu entreißen ſuchet.“ „Schweig, unverſchaͤmte Tochter!“ ſagte der Ve⸗ ſyr aufgebracht:„es ſteht dir auch wohl an, meine Abſichten zu tadeln. Erwiedere mir kein Wort wei⸗ ter: ich will durchaus, daß du zu Abulkaſem geheſt, und ich ſchwoͤre dir zu, wenn du, ohne ſeinen Schatz geſehen zu haben, zuruͤckkoͤmmſt, ſo ſtoße ich dir ei⸗ nen Dolch in die Bruſt.“ 70 11. Tag. Da Balkis ſich nun in der traurigen Nothwendigkeit ſah, einen ſo gefaͤhrlichen Schritt zu thun, ſo begab ſie ſich, niedergedruͤckt von Kummer, in ihr Zimmer. Sie legte reiche Kleider an und ſchmuͤckte ſich mit Edel⸗ ſteinen, ohne gleichwohl ihren Reizen alles zu verlei⸗ hen, was die Kunſt ihnen noch hinzufuͤgen konnte; aber ſie bedurfte deſſen auch nicht: ihre natuͤrliche Schoͤnheit allein war ſchon mehr als hinreichend, Liebe einzufloͤßen. Niemals hatte ein Fraͤulein weniger Luſt, oder vielmehr ſo viel Furcht, zu gefallen, als Balkis. Sie fuͤrchtete ſo ſehr, dem Sohne des Abdelaſis ſchoͤn zu erſcheinen, als ſie beſorgte es nicht genug zu ſein, wenn ſie ſich dem Prinzen Aly zeigte. Kurz, als die Nacht gekommen war und Abulfa⸗ tah es fuͤr Zeit hielt, daß ſeine Tochter ſich zu Abul⸗ kaſem begaͤbe, ließ er ſie ſehr heimlich aus dem Hauſe gehen und fuͤhrte ſie ſelber bis an die Thuͤr dieſes jungen Mannes, wo er ſie verließ, nachdem er ihr nochmals eingeſchaͤrft hatte, daß er ſie toͤdten wuͤrde, wenn ſie ſich nicht der ehrloſen Rolle, welche ſie ſpie⸗ len ſollte, gut entledigte. Sie klopfte an die Thuͤre, und verlangte den Sohn des Abdelaſis zu ſprechen. Alsbald fuͤhrte ein Sklave ſie in einen Saal, wo ſein Herr, auf einen großen Sopha hingeſtreckt, ſeine vergangenen Ungluͤcksfaͤlle in ſein Gedaͤchtniß zuruͤckrief, und was ihm oft begegnete, an ſeine geliebte Dardané dachte. Abulkaſem. 71 Sobald Balkis erſchien, ſtand Abulkaſem auf, ſie zu empfangen. Er machte ihr eine tiefe Verneigung, reichte ihr die Hand mit ehrerbietigem Anſtande; und nachdem er ſie genoͤthigt, ſich auf das Sopha zu ſetzen, fragte er ſie, was ihm die Ehre ihres Beſuchs verſchaffte. Sie antwortete, ſein Ruf als ein junger ſehr fei⸗ ner Mann, haͤtte in ihr das Geluͤſt erregt, ſich mit ihm zu vergnuͤgen. Zu gleicher Zeit nahm ſie ihren Schleier ab, und ließ vor ſeinen Augen eine Schoͤn⸗ heit glaͤnzen, welche ihn uͤberraſchte. Trotz ſeiner Gleichguͤltigkeit gegen die Frauen, konnte er ſo viel Reize doch nicht ungeſtraft ſehen; er wurde davon hingeriſſen. „Schoͤnes Fraͤulein,“ ſagte er zu ihr,„ich weiß es meinem Gluͤcksſterne Dank, mir ein ſolches Aben⸗ teuer verſchafft zu haben: ich kann mein Gluͤck nicht genug bewundern.“ Nach einer kurzen Unterhaltung, kam die Stunde des Abendeſſens; ſie gingen zuſammen in einen andern Saal und ſetzten ſich an eine Tafel, auf welcher man⸗ cherlei Speiſen ſtanden. Hier befand ſich auch eine große Anzahl von Knaben und Bedienten; Abulkaſem aber hieß alle ſich entfernen, damit das Fraͤulein nicht ih⸗ ren Blicken ausgeſetzt waͤre. Er ſelber bediente ſie; er bot ihr das beßte von allem ſo da war, und ſchenkte ihr koͤſtlichen Wein in eine goldene mit Rubi⸗ 72 11. Tag. binen und Smaragden geſchmuͤckte Schale. Er trank auch, um ihr beſcheid zu thun, und je laͤnger er Balkis anſah, je ſchoͤner fand er ſie. Er unterhielt ſie mit ſehr hoͤflichen Reden; und da ſie nicht minder Geiſt als Schoͤnheit hatte, ſo beantwortete ſie dieſel⸗ ben ſo geiſtreich, daß er davon bezaubert war. Am Ende des Mahles warf er ſich ihr zu Fuͤßen, faßte eine von ihren Haͤnden, druͤckte ſie zwiſchen den ſeini⸗ gen, und ſprach zu ihr: „Holdes Fraͤulein, wenn zuerſt eure ſchoͤnen Au⸗ gen mich geblendet haben, ſo bezaubert mich vollends eure Unterhaltung. Ihr entzuͤndet in mir ein Feuer, welches niemals ausloͤſchen wird. Ich will fortan euer Sklave ſein, und alle Augenblicke meines Lebens euch widmen.“ Indem er dieſe Worte ausſprach kuͤßte er die Hand der ſchoͤnen Balkis mit ſo lebhaftem Entzuͤcken, daß ſie, erſchrocken uͤber die drohende Gefahr, ploͤtzlich ihr Antlitz verwandelte: ſie ward bleich wie der Tod, und nicht laͤnger im Stande ſich zu verſtellen, truͤbte ſich ihr Geſicht, und bald waren ihre Augen in Thraͤ⸗ nen gebadet. „Was fehlt euch, ſchoͤnes Fraͤulein?“ fragte ſie der junge Mann ſehr uͤberraſcht.„Woher dieſe plöͤtz⸗ liche Betruͤbnisb Was verkuͤnden mir dieſe Thraͤnen, welche bis auf den Grund meiner Seele dringen? Bin ich die Urſache, daß ſie fließen? Bin ich ſo un⸗ Abulkaſem. 75 gluͤcklich: etwas gethan oder geſagt zu haben, das euch misfaͤllt? Redet. Ich flehe euch, verberget mir nicht laͤnger die Urſache der traurigen Veraͤnderung, welche an euch ſichtbar iſt.“ „Herr,“ antwortete Balkis,„ich kann mich nicht laͤnger verſtellen; die Schaam, die Furcht, der Schmerz und die Treuloſigkeit kaͤmpfen zu heftig in mir, als daß ich es aushalten koͤnnte. Ich will es nicht laͤnger verſchweigen: ich taͤuſche euch, Abulkaſem; ich bin ein Fraͤulein vom Stande. Mein Vater weiß, daß ihr einen verborgenen Schatz habt, und will ſich meiner bedienen, um den Ort zu entdecken, welcher ihn verbirgt. Er hat mir befohlen, zu euch zu gehen und nichts zu ſparen, um euch dahin zu bringen, ihn mir zu zeigen. Ich ſtraͤubte mich dagegen, aber er hat mir geſchworen, mir das Leben zu nehmen, wenn ich zuruͤckkomme, ohne ihn geſehen zu haben. Welch ein grauſamer Befehl fuͤr mich! Wenn ich auch nicht einen Prinzen zum Geliebten haͤtte, welchen ich ein⸗ zig liebe, und der bald mit mir vermaͤhlt werden ſoll, ſo wuͤrde dieſer Schritt, welchen mein Vater mir be⸗ fiehlt, mir dennoch entſetzlich ſein. Wenn ich alſo zu euch komme, Herr, ſo bekenne ich euch, es geſchieht mit einem Widerſtreben„ welches die Todesfurcht allein uͤberwinden kann.“ 12. Tag. Zwolfter Tag. Nachdem die Tochter Abulfatahs ſolchergeſtalt ge⸗ redet hatte, ſagte Abulkaſem zu ihr: „Schoͤnes Fraͤulein, es iſt mir lieb, daß ihr mir eure Empfindungen offenbart habt. Ihr ſollt dieſe edle Freimuͤthigkeit nicht bereuen: ihr ſollt nicht ſter⸗ ben, ſondern meinen Schatz ſehen, und mit aller Ehr⸗ erbietung, die ihr wuͤnſchet, behandelt werden. Mit welcher Schoͤnheit ihr auch begabt ſeid, und welchen Eindruck auch dieſelbe auf mein Gemuͤth gemacht habe, ihr habt nichts zu befuͤrchten, ihr ſeid hier in Sicher⸗ heit. Ich entſage den Hoffnungen, welche ich gefaßt hatte, weil ſie euch nur Leid verurſachen, und ihr koͤnnt ohne Erroͤthen den gluͤcklichen Geliebten wieder⸗ ſehen, deſſen Heil eure Beſorgniſſe verdoppelt.“ „Ach, Herr,“ rief Balkis bei dieſer Rede aus, „nicht ohne Grund geltet ihr fuͤr den großmuͤthigſten aller Menſchen. Ich bin entzuͤckt uͤber ein ſo edles Benehmen, und ich werde nicht eher zufrieden ſein, als bis ich irgend eine Gelegenheit gefunden habe, euch meine Erkenntlichkeit dafuͤr zu bezeigen.“ Nach dieſer Unterredung fuͤhrte der Sohn des Ab⸗ delaſis das Fraͤulein in daſſelbe Gemach, wo der Chalyf geſchlafen hatte, und blieb dort allein mit ihr, bis er von ſeinem Hausgeſinde nichts mehr hoͤrte. Abulkaſem. 75 Hierauf legte er eine Binde uͤber die Augen der ſchoͤ⸗ nen Balkis, indem er zu ihr ſagte: „Mein Fraͤulein, verzeihet, wenn ich auf dieſe Weiſe mit euch verfahre; aber nur unter dieſer Be⸗ dingung kann ich euch meinen Schatz zeigen.“ „Thut alles, was euch beliebt, Herr,“ antwor⸗ tete ſie;„ich habe ſolches Vertrauen auf euern Edel⸗ muth, daß ich euch uͤberall folge, wohin ihr wollt. Ich habe keine andere Furcht, als die, eure Guͤte nicht genug erkennen zu koͤnnen.“ Abulkaſem nahm ſie bei der Hand, und nachdem er mit ihr auf der verborgenen Treppe in den Garten hinabgeſtiegen war, fuͤhrte er ſie in das unterirdiſche Gewoͤlbe, wo er ihr die Binde abnahm. Wenn der Chalyf durch den Anblick ſo vieler Goldſtuͤcke und Edelſteine uͤberraſcht geweſen, ſo war es Balkis noch weit mehr. Alles was ſie hier ſah, erregte ihr hoͤchſtes Erſtaunen. Was aber am meiſten ihre Aufmerkſamkeit anzog, und was ſie nicht muͤde werden konnte zu betrachten, waren die beiden erſten Beſitzer des Schatzes. Sie las die Inſchrift, welche zu ihren Fuͤßen ſtand. Da die Koͤniginn ein Halsband von Perlen, ſo groß wie Taubeneier, trug, ſo konnte Balkis ſich nicht enthalten dieſes Halsband laut zu be⸗ wundern. Sogleich nahm es Abulkaſem von dem Halſe der Koͤniginn, und legte es dem ſchoͤnen Fraͤu⸗ lein um, indem er zu ihr ſagte, ihr Vater ſollte 76 12. Tag. daran erkennen, daß ſie wirklich den Schatz geſehen haͤtte. Und damit er noch mehr davon uͤberzeugt wuͤrde, ſo bat er ſie, von den ſchoͤnſten Edelſteinen nach Gefallen zu nehmen. Sie nahm eine ziemlich große Menge, welche er ihr ſelber auswaͤhlte. Indeſſen fuͤrchtete der junge Mann, der Tag moͤchte ihn uͤberraſchen, waͤhrend ſie ſich vergnuͤgte, alle die Wunder der unterirdiſchen Saͤle zu betrachten, woran ihre Neugier nicht muͤde werden konnte; er legte ihr alſo wieder die Binde um die Augen, ging mit ihr hinaus, und fuͤhrte ſie in einen Saal, wo ſie ſich noch bis Sonnenaufgang unterhielten. Hierauf nahm das Fraͤulein Abſchied von ihm, nachdem ſie ihm von neuen betheuert hatte, daß ſie nimmer ſeine Maͤßigung und Großmuth vergeſſen wuͤrde, und ging nach Hauſe, ihrem Vater von dem, was vorgegangen war, Re⸗ chenſchaft abzulegen. Der Veſyr, einzig mit ſeiner Habgier beſchaͤftigt, erwartete ungeduldig ſeine Tochter. Er fuͤrchtete, ſie moͤchte nicht Reize genug haben, Abulkaſem zu ver⸗ fuͤhren. Er war in einer unglaublichen Unruhe. Aber als er ſie mit dem Halsbande zuruͤckkommen ſah, und ſie ihm die Edelſteine zeigte, welche der junge Mann ihr geſchenkt hatte, war er außer ſich vor Freuden. „Wohlan,“ meine Tochter,„fragte er ſie, ihaſt du den Schatz geſehen?“ Abulkaſem. 77 „Ja, Herr,“ antwortete Balkis;„und um euch eine richtige Vorſtellung davon zu geben, muß ich euch ſagen, daß, wenn auch alle Koͤnige der Erde ihre Reichthuͤmer vereinigten, ſie dennoch dem Schatze Abulkaſems nicht zu vergleichen waͤren. Aber wie groß auch die Guͤter dieſen jungen Mannes ſind, dennoch bin ich weniger davon bezaubert, als von ſeiner Hoͤf⸗ lichkeit und von ſeinem Edelmuthe.“ Zugleich erzaͤhlte ſie ihm das ganze Abenteuer. Er war wenig erkenntlich fuͤr die Enthaltſamkeit Abulka⸗ ſems: er haͤtte lieber geſehen, daß ſeine Tochter ent⸗ ehrt waͤre, als nun doch nicht zu wiſſen, wo der Schatz verborgen laͤge. Waͤhrend dieſer Zeit naͤherte Harun Alraſchid ſich Bagdad. Sobald er wieder in ſeinem Palaſte war, ſetzte er ſeinen Groß⸗Veſyr in Freiheit. Er ſchenkte ihm ſein Vertrauen wieder; und nachdem er ihm alle Umſtaͤnde ſeiner Reiſe erzaͤhlt hatte, ſagte er zu ihm: „Was ſoll ich thun, Giafar? Du weißt, daß die Erkenntlichkeit der Koͤnige das Vergnuͤgen uͤber⸗ treffen muß, welches man ihnen gemacht hat. Wenn ich mich damit begnuͤge, dem praͤchtigen Abulkaſem das Seltenſte und Koͤſtlichſte meines Schatzes zu ſen⸗ den, ſo iſt das etwas Geringfuͤgiges fuͤr ihn; es bleibt ſogar unter den Geſchenken, welche er mir gemacht 78 12. Ta g. hat. Wie kann ich ihn nun uͤberbieten an Groß⸗ muth?“ „Herr,“ antwortete ihm der Veſyr,„wenn Euer Majeſtaͤt mir folgen will, ſo ſchreibet ihr heute noch an den Koͤnig von Basra, und befehlet ihm, die Re⸗ gierung des Staates dem jungen Abulkaſem zu uͤberge⸗ ben. Wir laſſen ſogleich einen Eilboten damit abge⸗ hen, und in wenigen Tagen will ich ſelber hinreiſen, dem neuen Koͤnige die Einſetzungsurkunde zu uͤber⸗ bringen.“ Der Chalyf billigte dieſen Rath.„Du haſt Recht,“ ſagte er zu ſeinem Miniſter,„das iſt ein Mittel mich mit Abulkaſem auszugleichen, und mich zugleich an dem Koͤnige von Basra und ſeinem Veſyr zu raͤchen, welche mir die anſehnlichen Summen verheimlichen, die ſie von dieſem jungen Manne bezogen haben. Es iſt ſelbſt gerecht, ſie fuͤr die Erpreſſung, welche ſie an ihm veruͤbt haben, zu beſtrafen, und ſie ſind der Stellen unwuͤrdig, welche ſie einnehmen.“ „Er begab ſich hierauf in Sobeidens Zimmer, um ihr auch den Erfolg ſeiner Reiſe zu erzaͤhlen, und ihr den Knaben, den Baum und den Pfau darzubrin⸗ gen. Er machte ihr auch ein Geſchenk mit dem Maͤd⸗ chen. Sobeide fand ſie ſo reizend, daß ſie laͤchelnd zu dem Kaiſer ſagte: ſie naͤhme die ſchoͤne Sklavinn mit viel groͤßerem Vergnuͤgen an, als alle die uͤbrigen Geſchenke. Der Furſt behieltf uͤr ſich nur die Schale. Abulkaſem. 79 Der Veſyr Giafar empfing alles uͤbrige; und dieſer Miniſter machte alle Anſtalten, wie er beſchloſſen hatte, in wenigen Tagen abzureiſen. Dreizehnter Tag. Sobald der Eilbote des Chalyfen in der Stadt Basra angelangt war, uͤbergab er den Brief dem Koͤnige, welcher ihn nicht ohne einen empfindlichen Schmerz leſen konnte. Er zeigte ihn ſeinem Veſyr, indem er zu ihm ſagte: „Sieh, Abulfatah, welchen verwuͤnſchten Befehl der Beherrſcher der Glaͤubigen mir hier ſendet. Kann ich umhin, zu gehorchen?“ „Ja, Herr,“ antwortete der Miniſter;„ſeid un⸗ bekuͤmmert daruͤber. Abulkaſem muß zu Grunde ge⸗ richtet werden. Ich eile, ohne ihm das Leben zu neh⸗ men, doch alle Welt glauben zu machen, er ſei todt; ich will ihn ſo gut verborgen halten, daß man ihn nie wieder ſehen ſoll. Durch dieſes Mittel werdet ihr unverruͤckt auf dem Throne bleiben„ und zugleich alle Reichthuͤmer dieſes jungen Menſchen in eure Gewalt bekommen; denn wenn wir ihn in unſerer Gewalt haben, ſo wollen wir ihm ſo viel Martern an⸗ thun, daß wir ihn wohl zwingen, uns ſeinen Schatz zu entdecken.“ 80 „Thu, was du willſt,“ erwiederte der Koͤnig, „aber was ſollen wir dem Chalyfen antworten?“ „Verlaßet euch auch hierin auf mich,“ antwor⸗ tete der Veſyr:„der Beherrſcher der Glaͤubigen ſoll ebenſo getaͤuſcht werden, wie alle anderen. Laßt mich nur meinen Anſchlag ausfuͤhren, und ſeid wegen des Uebrigen unbeſorgt.“ Abulfatah ging, in Begleitung einiger Hoͤflinge, welche nichts von ſeinem Vorhaben wußten, Abulka⸗ ſem zu beſuchen. Dieſer empfing ſie, ais die vor⸗ nehmſten Herren des Hofes, und bewirthete ſie ſehr praͤchtig. Er ließ den Veſyr den Ehrenplatz einneh⸗ men und uͤberhaͤufte ihn mit Hoflichkeiten, ohne im mindeſten ſeine Treuloſigkeit zu argwoͤhnen. Waͤhrend ſie ſo bei Tiſche ſaßen und koͤſtliche Weine tranken wußte der Verraͤther Abulfatah auf geſchickte Weiſe, ohne daß es jemand bemerkte, in Abulkaſems Trinkſchale ein Pulver zu werfen, welches auf der Stelle der Beſinnung beraubte: der Leib fiel in eine Schlafſucht und erſchien wie ein ſchon ſeit langer Zeit lebloſer Leichnam. Abulkaſem hatte nicht ſobald die Schale an die Lippen geſetzt, als er in Ohnmacht fiel. Seine Be⸗ dienten ſprangen herbei ihn zu halten, aber bald ſa⸗ hen ſie an ihm alle Zeichen des Todes, legten ihn auf ein Sopha, und fingen an ein entſetzliches Kla⸗ gegeſchrei auszuſtoßen. Alle Gaͤſte, von einem ſo Abulkaſem. 81 ploͤtzlichen Unfalle erſchreckt, waren aͤußerſt erſtaunt daruͤber. Abulfatah aber trieb die Verſtellung bis zu einem unglaublichen Grade, er begnuͤgte ſich nicht, einen unmuaͤßigen Schmerz zu heucheln, er zer⸗ riß ſogar ſeine Kleider und forderte durch ſein Bei⸗ ſpiel auch die uͤbrigen zur Wehklage auf. Darnach befahl er einen Sarg von Elfenbein und Ebenholz zu machen; und waͤhrend man daran arbei⸗ tete, bemaͤchtigte er ſich aller Habe Abulkaſems und brachte ſie in Gewahrſam im Palaſte des Koͤnigs. Unterdeſſen verbreitete ſich das Geruͤcht von dem Tode des jungen Mannes in der Stadt; alle Leute des einen wie des andern Geſchlechts legten Trauer an und begaben ſich baarhaupt und baarfuß an die Thuͤr ſeines Hauſes; Greiſe und Juͤnglinge, Frauen und Maͤdchen zerfloſſen in Thraͤnen, und ließen die Luft von ihren Wehklagen erſchallen; man haͤtte glau⸗ ben ſollen, die einen haͤtten einen einzigen Sohn, die anderen einen Bruder, und noch andere einen zaͤrtlich geliebten Gatten verloren. Reiche und Arme waren gleich betruͤbt uͤber ſeinen Tod: die Reichen beweinten in ihm einen Freund, welcher ſie gaſtlich bei ſich auf⸗ nahm, und die Armen einen Wohlthaͤter, deſſen Milde ſie niemals hatten ermuͤden koͤnnen. Kurz, es war eine allgemeine Trauer. I. 6 82 13. Tag. Der ungluͤckliche Abulkaſem wurde in den Sarg gelegt, welchen das Volk, auf Abulfatahs Befehl, vor die Stadt hinaustrug auf einen großen Gottesak⸗ ker, wo mehrere Grabmaͤler ſtanden, unter andern auch ein praͤchtiges, wo der Vater des Veſyrs ruhte, ſammt einigen anderen Gliedern ſeiner Familie: in dieſem Grabmale wurde der Sarg beigeſetzt, und der treuloſe Abulfatah zerſchlug ſich die Bruſt, indem er den Kopf auf die Knie ſtuͤtzte, und machte alle Ge⸗ baͤrden eines verzweifelnden Menſchen: alle die es ſa⸗ hen, hatten Mitleid mit ihm, und baten den Him⸗ mel, ihn zu troͤſten. Als die Nacht herannahte, kehrten alle Leute nach der Stadt zuruͤck, und der Veſyr blieb allein mit zwei Sklaven in dem Grabmale, deſſen Thuͤre ſie mit dop⸗ pelten Riegeln verſchloſſen. Hierauf zuͤndeten ſie Feuer an, machten Waſſer in einem ſilbernen Becken warm, nahmen Abulkaſem aus dem Sarge, und wuſchen ihn mit dem heißen Waſſer. Die Lebensgei⸗ ſter des jungen Mannes kehrten allmaͤhlich wieder zu⸗ r⸗ er ſchlug die Augen auf, und erkannte Abul⸗ atah.. „Ach Herr,“ rief er aus,„wo ſind wir? und in welchen Zuſtand ſehe ich mich verſetzt?“ „Elender,“ antwortete ihm der Veſyr,„vernimm, daß ich der Urheber deines Ungluͤcks bin. Ich habe dich hieher bringen laßen, um dich in meiner Gewalt Abulkaſem. 8³ zu haben, und dir tauſend Qualen anzuthun, wenn du mir nicht deinen Schatz entdeckeſt: ich werde dei⸗ nen Leib ſtuͤckweiſe zerreißen, ich werde taͤglich neue Martern erſinnen, um dir das Leben unertraͤglich zu machen; mit Einem Worte, ich werde nicht aufhoͤren, dich zu peinigen, bis du mir jene verborgenen Reich⸗ thuͤmer uͤberlieferſt, durch welche du praͤchtiger lebſt, als die Koͤnige.“ „Ihr moͤgt alles thun, was euch beliebt,“ ant⸗ wortete Abulkaſem,„ich werde nimmer meinen Schatz entdecken.“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, ſo ließ der niedertraͤchtige und grauſame Abulfatah den un⸗ gluͤcklichen Sohn des Abdelaſis durch ſeine Sklaven feſthalten, zog unter ſeinem Rock eine Geißel von ge⸗ flochtener Loͤwenhaut hervor, und ſchlug ihn damit ſo lange und mit ſolcher Heftigkeit, daß der junge Mann in Ohnmacht ſank. Als der Veſyr ihn in dieſem Zuſtande ſah, befahl er ſeinen Sklaven, ihn wieder in den Sarg zu legen, ließ ihn ſo in dem Grabmale, welches er feſt ver⸗ ſchloß, und ging heim. Am folgenden Morgen kam er, dem Koͤnige Bericht abzuſtatten, und ſagte zu ihm: „Herr, ich habe geſtern die Feſtigkeit Abulkaſems erprobt: ſie hat ſich nicht verlaͤugnet; aber ich glaube 84 13. Tag. nicht, daß ſie den Martern widerſtehen wird, welche ich ihm bereite.“ Der Fuͤrſt, der nicht minder unmenſchlich war, als ſein Miniſter, antwortete ihm: „Veſyr, ich bin mit dir zufrieden; ich hoffe, wir werden bald erfahren, an welchem Orte dieſer Schatz liegt. Indeſſen muͤſſen wir den Eilboten zuruͤckſchicken, und duͤrfen es nicht laͤnger aufſchieben: was ſollen wir nun dem Chalyfen ſchreiben?“ „Wir wollen ihm berichten,“ antwortete Abulfatah, „daß Abulkaſem uͤber die Nachricht, daß ihm eure Stelle gegeben worden, ſo große Freude gehabt und ſie ſo ausſchweifend bezeigt habe, daß er bei einem ſolchen Feſte ploͤtzlich geſtorben ſei.“ Der Kdnig billigte dieſen Vorſchlag: ſie ſchrieben auf der Stelle an Harun Alraſchid, und ſandten ihm den Eilboten zuruͤck. Der Veſyr, der ſich ſchmeichelte, daß Abulkaſem ihm nunmehr ſeinen Schatz entdecken wuͤrde, ging wie⸗ der hinaus vor die Stadt, in der Abſicht, ihm neue Martern anzuthun. Als er aber an das Grabmal kam, war er verwundert, die Thuͤr deſſelben offen zu fin⸗ den. Ganz erſchrocken, trat er hinein, und da er Abulkaſem nicht mehr in dem Sarge ſah, dachte er den Verſtand zu verlieren. Abulkaſem. Er kehrte ſchleunig nach dem Palaſte zuruͤck, und erzaͤhlte dieſen Unfall dem Koͤnige, der von toͤdtlichem Schrecken befallen wurde, und zu ihm ſagte: „O Waſchy, was wird aus uns werden? Da dieſer junge Mann uns entſchluͤpft iſt, ſo ſind wir verloren: er wird nicht ſaͤumen, ſich nach Bagdad zu begeben, und dem Chalyfen alles entdecken.“ Vierzehnter Tag. Abulfatah, ſeinerſeits in Verzweiflung, das Schlachtopfer ſeiner Habgier und ſeiner Grauſamkeit nicht mehr in ſeiner Gewalt zu haben, ſagte zu dem Koͤnige ſeinem Herrn: „Wollte der Himmel, daß ich ihm geſtern das Le⸗ ben genommen haͤtte! er wuͤrde uns nun nicht ſo viel Unruhe verurſachen.— Bei alledem,“ ſetzte er hinzu, „muͤſſen wir noch nicht verzweifeln. Wenn er die Flucht ergriffen hat, wie nicht zu bezweifeln iſt, ſo kann er noch nicht weit von hier ſein: laßt uns alſo mit der ganzen Mannſchaft der Wache die Umgebun⸗ gen der Stadt durchſuchen; ich hoffe, wir finden ihn noch wieder.“ Der Koͤnig entſchloß ſich leicht zu einer ſo wichti⸗ gen Nachforſchung; er verſammelte alle ſeine Solda⸗ ten, theilte ſie in zwo Schaaren und uͤbergab eine 86 14. Tag. davon ſeinem Veſyr; er ſelber ſetzte ſich an die Spitze der andern, und ſeine Leute verbreiteten ſich ſo uͤber⸗ all in der Gegend umher. Waͤhrend man Abulkaſem in allen Doͤrfern, Waͤl⸗ dern und Bergen ſuchte, begegnete der Großveſyr Giafar, der ſich nun auch nach Basra auf den Weg gemacht hatte, dem Eilboten, welcher zu ihm ſagte: „Herr es iſt vergeblich, daß ihr nach Basra gehet, wenn Abulkaſem der einzige Beweggrund eurer Reiſe iſt; denn dieſer junge Mann iſt todt: ſeine Leichenfeier war in den letzten Tagen, meine Augen waren die traurigen Zeugen davon.“ Giafar, der ſich ein Vergnuͤgen daraus machte, den neuen Koͤnig zu ſehen, und ihm ſelber die Ein⸗ ſetzungsurkunde zu uͤberbringen, war ſehr betruͤbt uͤber ſeinen Tod; er vergoß Thraͤnen daruͤber; und da er nun die Fortſetzung ſeiner Reiſe fuͤr unndthig hielt, ſo kehrte er auf der Stelle wieder um. Sobald er in Bagdad wieder angelangt war, be⸗ gab er ſich mit dem Staatsboten nach dem Palaſte. die Traurigkeit, welche auf ſeinem Geſichte erſchien, ließ den Chalyfen zum voraus erkennen, daß er ihm irgend ein Ungluͤck zu verkuͤnden haͤtte. „Ah, Giafar,“ rief der Fuͤrſt aus,„du biſt ja ſehr bald wieder hier! was bringſt du mir fuͤr Bot⸗ ſchaft?“ Abulkaſem. 87 „Beherrſcher der Glaͤubigen,“ antwortete ihm der Veſyr,„ihr erwartet gewis nicht die traurige Neuig⸗ keit, welche ich euch bringe: Abulkaſem iſt nicht mehr; ſeit eurer Abreiſe von Basra hat dieſer junge Mann das Leben verloren.“ Harun Alraſchid hatte nicht ſo bald dieſe Worte gehoͤrt, als er ſich vor ſeinem Throne niederwarf; er blieb einige Augenblicke auf dem Boden hingeſtreckt, ohne ein Zeichen des Lebens zu geben. Man eilte ihm zu Huͤlfe, und als man ihn aus ſeiner Ohnmacht wieder zu ſich gebracht hatte, ſuchten ſeine Augen den Staatsboten, der von Basra zuruͤckkam; und als er ihn erblickte, forderte er von ihm das mitgebrachte Antwortſchreiben. Der Bote uͤberreichte ihm daſſelbe, und der Fuͤrſt las es mit großer Aufmerkſamkeit. Hierauf verſchloß er ſich mit Giafar in ſeinem Zimmer, und zeigte ihm den Brief des Koͤnigs von Basra. Nachdem er denſelben mehrmals wiedergeleſen, ſagte der Chalyf: „Das koͤmmt mir nicht natuͤrlich vor: der Koͤnig von Basra und ſein Veſyr ſind mir verdaͤchtig; an⸗ ſtatt meine Befehle zu vollziehen, haben ſie Abulka⸗ ſem umbringen laßen.“ „Herr,“ ſagte Giafar hierauf,„derſelbe Verdacht ſteigt in mir auf, und ich waͤre der Meinung, ſie, einen wie den andern, verhaften zu laßen.“ 88 14. T a g. „Dazu bin ich auf der Stelle entſchloſſen,“ fuhr Harun fort:„nimm zehntauſend Pferde meiner Leib⸗ wache, eile nach Basra, bemaͤchtige dich der beiden Schuldigen, und bringe ſie mir hieher: ich will den Tod des großmuͤthigſten aller Menſchen raͤchen.“ Giafar gehorchte, er waͤhlte zehntauſend Reiter aus, und machte ſich mit ihnen auf den Weg. Wir muͤſſen jetzt auf den Sohn des Abdelaſis zu⸗ ruͤckkommen, und nachholen, warum der Veſyr Abul⸗ fatah ihn nicht mehr in dem Grabmale fand, worin er ihn verſchloſſen hatte. Nachdem dieſer junge Mann lange ohnmaͤchtig ge⸗ legen hatte, kam er erſt wieder zu ſich, als er ſich von zwei ſtarken Armen ergriffen fuͤhlte, welche ihn aus dem Sarge zogen und ihn auf die Erde legten. Er waͤhnte, es waͤre abermals der Veſyr mit ſeinen Sklaven, welche ihn von neuem mishandeln wollten. „Ihr Henkersknechte,“ ſagte er zu ihnen,„gebet mir den Tod, wenn ihr noch des Mitleids faͤhig ſeid: erſparet mir die Schmerzen, welche euch nutzlos ſind, weil ich euch nochmals betheure, daß alle eure Qua⸗ len mir nimmer mein Geheimnis entreißen werden.“ „Fuͤrchtet nichts, junger Mann,“ antwortete ihm einer derjenigen, welche ihn aus dem Sarge gezogen hatten;„anſtatt euch zu mishandeln, wollen wir euch zu Huͤlfe kommen.“ ——— 1 ——— —— Abulkaſem. 89 Bei dieſen Worten oͤffnete Abulkaſem die Augen, warf ſie auf ſeine Befreier, und erkannte unter ihnen das junge Fraͤulein, der er ſeinen Schatz gezeigt hatte. „Ah, mein Fraͤulein,“ ſagte er,„ihr ſeid es, der ich das Leben verdanke?“ „Ja, Herr,“ antwortete Balkis,„ich bin es, und der Prinz Aly, mein Braͤutigam, welchen ihr hier ſehet. Unterrichtet von all eurer Großmuth, hat er mit mir das Vergnuͤgen theilen wollen, euch von dem Tode zu befreien.“ „So iſt es,“ ſagte der Prinz Aly,„und ich wuͤrde lieber tauſendmal mein Leben daran wagen, als einen ſo edelmuͤthigen Mann umkommen laßen.“ Als der Sohn des Abdelaſis durch Huͤlfe einiger geiſtiger Getraͤnke, welche man ihm reichte, voͤllig wieder ſeiner Sinne maͤchtig geworden war, ſagte er dem Fraͤulein und dem Prinzen Aly innigen Dank fuͤr den ihm geleiſteten Dienſt, und fragte ſie, wie ſie er⸗ fahren haͤtte, daß er noch am Leben waͤre. „Herr,“ antwortete ihm Balkis,„ich bin die Tochter des Veſyrs Abulfatah. Ich habe mich nicht durch das falſche Geruͤcht eures Todes taͤuſchen laßen, ſondern alsbald meinen Vater alles deſſen in Verdacht gehabt, was er wirklich gethan, und habe einen ſeiner Sklaven gewonnen, der mir alles bekannt hat. Die⸗ ſer Sklave iſt einer der beiden, welche kurz zuvor mit 14. Tag. ihm hier waren; und da ihm der Schluͤſſel des Grab⸗ mals uͤbergeben worden, ſo hat er mir denſelben an⸗ vertraut. Ich habe ſogleich den Prinzen Aly davon benachrichtigt, und dieſer iſt mir ungeſaͤumt mit eini⸗ gen ſeiner vertrauteſten Leute zu Huͤlfe gekommen. Wir ſind hieher geeilt, und danken dem Himmel, daß wir nicht zu ſpaͤt gekommen.“ „O Gott,“ ſagte hierauf Abulkaſem,„iſt es moͤg⸗ lich, daß ein ſo nichtswuͤrdiger und grauſamer Vater eine ſo edelmuͤthige Tochter habe?“ „Laßt uns gehen, Herr,“ ſagte der Prinz Aly, „und keine Zeit verlieren. Ich zweifle nicht, daß der Veſyr euch morgen, wenn er euch nicht mehr in dem Grabe findet, uͤberall ſorgfaͤltig wird aufſuchen laßen; aber ich will euch in mein Haus fuͤhren, wo ihr in Sicherheit ſeid. Man wird mich nicht in Verdacht haben, euch eine Zuflucht gegeben zu haben.“ Man zog Abulkaſem ein Sklavenkleid an, und dann gingen ſie alle aus dem Grabmale, welches ſie offen ließen, und begaben ſich nach der Stadt. Bal⸗ kis kehrte nach Hauſe zuruͤck und gab dem Sklaven den Schluͤſſel des Grabmals wieder, und der Prinz Aly fuͤhrte den Sohn des Abdelaſis in ſeinen Palaſt, wo er ihn ſo gut verborgen hielt, daß ſeine Feinde durchaus nichts von ihm erforſchen konnten. Abulkaſem. Funfzehnter Tag. Abulkaſem blieb in dem Palaſte des Prinzen Aly, der ihn auf alle Weiſe pflegte, bis der Koͤnig und ſein Veſyr, ihn wiederzufinden verzweifelnd, abließen ihn zu ſuchen. Jetzo gab der Prinz Aly ihm ein ſehr gu⸗ tes Pferd, verſah ihn mit Zeckienen und Edelgeſteinen, und ſagte zu ihm: „Gegenwaͤrtig koͤnnt ihr euch retten, die Wege ſte⸗ hen euch offen. Eure Feinde wiſſen nicht, was aus euch geworden iſt; gehet nun, wohin es euch beliebt.“ Der Sohn des Abdelaſis dankte dem edelmuͤthigen Prinzen fuͤr ſeine Guͤte, und verſicherte ihn, daß er ewig erkenntlich dafuͤr ſein wuͤrde. Der Prinz Aly umarmte ihn, ſah ihn abreiſen, und bat den Himmel ihn zu geleiten. Abulkaſem nahm den Weg nach Bagdad, und langte nach einigen Tagereiſen gluͤcklich daſelbſt an. In dieſer Stadt war das erſte was er that, nach dem Orte zu gehen, wo die Kaufleute zuſammen kommen. Die Hoffnung, hier denjenigen anzutreffen, den er in Basra bewirthet hatte, und ihm ſeine Un⸗ gluͤcksfälle zu erzaͤhlen, machte ſeinen ganzen Troſt aus. Er war betruͤbt, als er ihn nicht fand. Er durchlief die ganze Stadt, und forſchte bei allen Maͤnnern, welche ihm begegneten, nach ſeinen Zuͤgen. Endlich ermuͤdet, verweilte er vor dem Palaſte des 9² 15. Ta g. Chalyfen. Der Knabe, welchen er dem Fuͤrſten ge⸗ ſchenkt hatte, ſtand gerade an einem Fenſter, und als dieſes Kind zufaͤllig die Augen auf ihn warf, erkannte es ihn ſogleich. Es lief eilig nach dem Zimmer des Chalyfen, und ſagte zu ihm: „Herr, ich habe ſo eben meinen alten Herrn von Basra hier geſehen.“ Harun wollte dieſe Nachricht nicht glauben:„du haſt dich getaͤuſcht,“ antwortete er ihm,„Abulkaſem lebt nicht mehr: irgend eine Aehnlichkeit wird dich ver⸗ fuͤhrt haben, einen andern fuͤr ihn zu nehmen.“ „Mein aein, Behereſcher der Glaͤubigen,“ erwie⸗ derte der Knabe,„ich bin feſt verſichert, daß er es iſt, ich habe ihn wohl erkannt.“ Obſchon der Chalyf dieſe Neuigkeit nicht glaubte, ſo unterließ er jedoch nicht, ſie zu ergruͤnden. Er ſchickte auf der Stelle einen ſeiner Beamten mit dem Knaben hin, um zu ſehen, ob der Mann von dem die Rede war, wirklich der Sohn des Abdelaſis waͤre. Sie fanden ihn noch auf derſelben Stelle, weil et ſeinerſeits auch den Knaben erkannt zu haben glaubte und erwartete, daß das Kind wieder am Fenſter er⸗ ſchiene.. Als der Knabe uͤberzeugt war, daß er ſich nicht geirrt hatte, warf er ſich Abulkaſem zu Fuͤßen, der ihn aufhub, und ihn fragte, ob er die Ehre haͤtte, jetzt dem Chalyfen anzugehoren. Abulkaſem. 93 „Ja, Herr,“ antwortete ihm das Kind,„es iſt der Beherrſcher der Glaͤubigen ſelber, den ihr zu Basra bei euch bewirthet habt, und er iſt es, dem ihr mich geſchenkt habt. Kommet mit mir, Herr,“ fuͤgte es hinzu,„der Kaiſer wird ſich freuen, euch wiederzu⸗ ehen.“ 1 Die Ueberraſchung des jungen Mannes von Basra bei dieſer Rede konnte nicht groͤßer ſein. Er ließ ſich von dem Knaben und dem Beamten in den Palaſt fuͤh⸗ ren, und wurde alsbald in das Zimmer Haruns ge⸗ bracht. Dieſer Fuͤrſt ſaß auf einem Sopha, und fuͤhlte ſich außerordentlich bewegt, als er Abulkaſem wiederſah; er ſtand raſch auf, ging dem jungen Mann entgegen, und hielt ihn lange umarmt, ohne ein einziges Wort ausſprechen zu koͤnnen, ſo war er außer ſich vor Freuden. Als er ſich etwas von der ſtarken Bewegung erholt hatte, welche ihm dieſes Abenteuer verurſachte, ſagte er zu dem Sohne des Abdelaſis: 3 „O junger Mann, oͤffne deine Augen, und erkenne deinen gluͤcklichen Gaſtfreund. Ich bin es, den du ſo gaſtlich aufgenommen und den du mehr als koͤniglich beſchenkt haſt.“ Abulkaſem, der nicht minder bewegt war, als der Chalyf, zu welchem er aus Ehrfurcht noch nicht ge⸗ wagt hatte die Augen aufzuheben, blickte bei dieſen Worten ihn an, erkannte ihn, und rief aus: 94 15. Tag. „O mein hoher Herr, o Kdonig der Welt! ihr ſeid es, der ihr euren Sklaven beſucht habt?“ Indem er dieſes ſagte, warf er ſich mit dem Ge⸗ ſicht auf den Boden zu den Fuͤßen des Kaiſers, der ihn aufhub, und ihn neben ſich auf dem Sopha ſitzen ließ. 5 „Wie iſt es moͤglich,“ fragte ihn jetzo der Fuͤrſt, „daß du noch am Leben biſt?“ Hierauf erzaͤhlte ihm Abulkaſem alle die Grauſam⸗ keiten Abulfatahs, und durch welches Abentener er der Wuth dieſes Veſyrs war entriſſen worden. Harun hoͤrte ihm ſehr aufmerkſam zu, dann ſagte er zu ihm: „Ich bin Urſache deiner letzten Unfaͤlle. Als ich zu⸗ ruͤckkam nach Bagdad, wollte ich anfangen, mich mit dir auszugleichen: ich ſandte einen Eilboten an den Koͤ⸗ nig von Basra, und entbot ihm, meine Abſicht waͤre, daß er dir ſeine Krone uͤbergaͤbe. Anſtatt meine Be⸗ fehle zu vollziehen, entſchloß er ſich, dir das Leben zu nehmen; denn du darfſt uͤberzeugt ſein, daß Abulfatah dich bald wuͤrde umgebracht haben. Die Hoffnung al⸗ lein, daß die Martern dich zwingen wuͤrden, ihm dei⸗ nen Schatz zu entdecken, bewog ihn, deinen Tod auf⸗ zuſchieben. Aber du ſollſt geraͤcht werden: Giafar iſt mit einer ſtarken Anzahl Truppen nach Basra gegan⸗ gen; ich habe ihm Befehl gegeben, ſich deiner beiden Verfolger zu bemaͤchtigen und ſie mir herzubringen. 4 Abulkaſem. Unterdeſſen ſollſt du in meinem Palaſte wohnen und von meinen Leuten bedient Nach dieſen Worten, nahm er den jungen Mann bei der Hand, und ſtieg mit ihm hinab in einen Garten voll der ſeltenſten Blumen. Man ſah hier mehrere Becken von Marmor, Porphyr und Jaspis, worin eine Unzahl ſchoͤner Fiſche ſchwammen. Mitten im Garten erhub ſich auf zwoͤlf ſehr hohen ſchwarzen Marmorſaͤulen eine Kuppel, deren Gewoͤlbe von San⸗ del⸗ und Aloë⸗Holz war. Die Zwiſchenraͤume der Saͤulen waren durch ein doppeltes Gitter von Gold⸗ drath geſchloſſen, welches ringsum ein Vogelhaus bildete, worin tauſend und aber tauſend Zeiſige von verſchiedenen Farben, Nachtigallen, Grasmuͤcken und andere Singvoͤgel, durch einander zwitſchernd ein rei⸗ zendes Konzert machten. Unter dieſer Kuppel waren Haruns Baͤder. Der V Fuͤrſt badete ſich hier mit ſeinem Gaſte; worauf meh⸗ rere Bediente ihnen Waͤſche vom feinſten, noch nie⸗ mals gebrauchten Linnen anlegten. Dann wurde Abulkaſem mit reichen Kleidern geſchmuͤckt, und ſo fuͤhrte ihn der Chalyf in einen Saal, wo er mit ihm „ſpeiſte. Man brachte ihnen Kraͤuterſuppe, Hammel⸗ bruͤhe, und Gallertgerichte; ſodann Granaten von V Amlas und Siri, Aepfel von Exhalt, Trauben von Melah und Seriſe und Birnen von Is⸗ pahan, 4 96 15. Tag. Nachdem ſie von dieſen Gerichten und Fruͤchten gegeſſen, und koͤſtlichen Wein getrunken hatten, fuͤhrte der Kaiſer den Abulkaſem in die Wohnung So⸗ beidens. Die Fuͤrſtinn ſaß auf einem goldenen Throne in der Mitte aller ihrer Sklavinnen, welche in zwei Reihen umherſtanden. Einige hatten Tamburine, an⸗ dere Floͤten, und noch andere Harfen in den Haͤnden. Sie ließen aber ihre Inſtrumente noch nicht ertoͤnen, ſondern alle hoͤrten mit Aufmerkſamkeit auf ein Fraͤu⸗ lein, welche ſchoͤner als alle uͤbrigen war, und ein Lied ſang, deſſen Inhalt war: daß man nur ein⸗ mal lieben ſoll, aber ſein ganzes Leben lang. Und wäͤhrend ſie ſang, ſpielte das Fraͤulein, 3 welche Abulkaſem dem Chalyfen geſchenkt hatte, dazu auf ihrer Laute von Elfenbein, Aloe⸗, Sandel⸗, und Ebenholz. Sobald Sobeide den Kaiſer mit dem Sohne des Abdelaſis erblickte, ſtieg ſie von ihrem Throne, ſie zu empfangen. „Fuͤrſtinn,“ ſagte Harun zu ihr,„vergoͤnnet, daß ich euch hier meinen Wirth von Basra. vorſtelle.“ Der junge Mann warf ſich ſogleich vor der Fuͤr⸗ ſtinn nieder, mit dem Antlitz zu Boden. Aber waͤh⸗ rend er noch in dieſer Stellung war, hoͤrte man plotzlich Geraͤuſch unter den Sklavinnen. Diejenige, die ſo eben geſungen hatte, ſtieß ſobald ſie die Augen — Abulkaſem. 97 auf Abulkaſem warf, einen lauten Schrei aus, und ſank in Ohnmacht. Sechzehnter Tag. Der Kaiſer und Sobeide drehten ſich ſogleich nach der Sklavinn hin, und der Sohn des Abdelaſis, der wieder aufgeſtanden war, betrachtete ſie auch; aber er hatte nicht ſo bald ihr Antlitz erblickt, als er eben⸗ falls in Ohnmacht ſank: ſeine Augen verdunkelten ſich, eine Todesblaͤſſe uͤberzog ſein Geſicht, und man dachte, er waͤre des Todes. Der Chalyf eilte ihm zu Huͤlfe, faßte ihn in ſeine Arme, und brachte ihn all⸗ maͤhlich wieder zu ſich. Als Abulkaſem ſich wieder erholt hatte, ſprach er zu dem Fuͤrſten: „„Beherrſcher der Glaͤubigen, ihr kennt das Aben⸗ teuer, welches mir zu Kahiro begegnet iſt: dieſe Sklavinn hier iſt diejenige, welche mit mir in den Nil geſtuͤrzt worden, es iſt Dardané.“ „Iſt es moͤglich?“ rief der Kaiſer aus:„der Himmel ſei ewiglich geprieſen fuͤr eine ſo wunderbare Begebenheit!“ Waͤhrend dieſer Zeit war die Sklavinn durch Huͤlfe ihrer Gefaͤhrtinnen, auch wieder zu ſich gekom⸗ 8 L. 7 16. Tag. men; ſie wollte ſich dem Chalyfen zu Fuͤßen werfen, der ſie aber daran verhinderte, und ſie fragte, durch welches Wunder ſie noch am Leben waͤre, nachdem ſie in den Nil geſtuͤrzt worden. „Beherrſcher der Glaͤubigen,“ antwortete ſie,„ich gerieth in die Netze eines Fiſchers, der ſie gerade in dieſem Augenblicke herauszog: er war nicht wenig uͤberraſcht, einen ſolchen Fang gethan zu haben; und da er bemerkte, daß ich noch athmete, ſo trug er mich in ſein Haus, wo ich durch ſeine Bemuͤhung wieder ins Leben zuruͤckgerufen wurde, und ihm meine klaͤgliche Geſchichte erzaͤhlte. Er ſchien daruͤber er⸗ ſchrocken; er fuͤrchtete, der Sultan von Aegypten moͤchte erfahren, daß er mich gerettet hatte: alſo, aus Furcht ſein Leben zu verlieren„ weil er das meine erhalten, eilte er, mich an einen Sklavenhaͤndler zu verkaufen, welcher nach Bagdad reiſte. Dieſer Kauf⸗ mann fuͤhrte mich hieher, und ſtellte mich kurze Zeit darauf der Fuͤrſtinn Sobeide vor, welche mich kaufte.“ Waͤhrend die Sklavinn ſo ſprach, betrachtete der Chalyf ſie aufmerkſam; und da er ſie von hoher Schoͤn⸗ heit fand, ſagte er, ſobald ſie ausgeredet hatte: „Abulkaſem, ich bin nicht mehr verwundert, daß du das Andenken einer ſo ſchoͤnen Frau ſtaͤts bewahrt haſt. Ich danke dem Himmel, daß er ſie hieher ge⸗ fuͤhrt hat, um mir etwas zu geben, wodurch ich mich mit dir ausgleichen kann: Dardans iſt nicht mehr — —— Abulkaſem. 99 Sklavinn, ſie iſt frei.— Ich glaube, Fuͤrſtinn,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich zu Sobeide'n wandte, „daß ihr euch ihrer Freiheit nicht widerſetzen werdet.“ „Nein, Herr,“ antwortete die Fuͤrſtinn,„ich ſtimme mit Freuden bei, und ich wuͤnſche, daß dieſe beiden Liebenden alle Suͤßigkeiten einer langen und vollkommenen Vereinigung genießen moͤgen, nach ſo oielen Ungluͤcksfaͤllen, welche ſie getrennt haben.“ „Das iſt noch nicht genug,“ fuhr Harun fort,„ich will, daß ihre Vermaͤhlung in meinem Palaſte vollzo⸗ gen werde, und daß man dreitaͤgige oͤffentliche Freu⸗ denfeſte in ganz Bagdad anſtelle: ich kann meinen Wirth von Basra nicht ehrenvoll genug behandeln.“ „Ach, Herr,“ ſagte Abulkaſem, indem er ſich dem Kaiſer zu Fuͤßen warf,„wenn ihr durch euern Rang uͤber alle andere Menſchen erhaben ſeid, ſo ſeid ihr es noch mehr durch eure Großmuth: erlaubet, daß ich euch meinen Schatz entdecke, und euch von nun an den Beſitz deſſelben uͤberlaße.“— „Nein, nein,“ erwiederte der Chalyf,„genieße ruhig deines Schatzes; ich entſage ſelbſt dem Rechte welches ich daran habe, und moͤgeſt du lange genug leben, um ihn zu erſchoͤpfen!“ Sobeide bat den Sohn des Abdelaſis und Darda⸗ néen, ihr ihre Abenteuer zu erzaͤhlen, und ließ ſie nachmals mit goldenen Buchſtaben aufſchreiben. 100 26. TDag. Hierauf befahl der Kaiſer, alle Anſtalten zu ihrer Vermaͤhlung, welche mit großer Pracht vollzogen wurde. Die oͤffentlichen Freudenfeſte, welche ihr folgten, dauerten noch fort, als man den Großveſyr Giafar mit Truppen zuruͤckkommen und den Abulfatah feſt gebunden herfuͤhren ſah: den Koͤnig von Basra an⸗ langend, ſo war dieſer aus Verdruß daruͤber, daß er den Abulkaſem nicht hatte wiederfinden koͤnnen, ge⸗ orben. t Sobald Giafar ſeinem Herrn von ſeinem Auftrag Rechenſchaft abgelegt hatte, wurde vor dem Palaſte ein Schafot errichtet, welches der boshafte Abulfatah beſteigen mußte. Alles Volk, von der Grauſamkeit dieſes Veſyrs unterrichtet, aͤußerte Ungeduld ſeine Hinrichtung zu ſehen, anſtatt von ſeinem Ungluͤcke ge⸗ ruͤhrt zu ſein. Schon hatte der Scharfrichter den Saͤbel in der Hand, im Begriff den Kopf des Schul⸗ digen fliegen zu laßen, als der Sohn des Abdelaſis ſich vor dem Chalyfen niederwarf und zu ihm ſagte: „Beherrſcher der Glaͤubigen, gewaͤhret meinen Bitten das Leben Abulfatahs: laßt ihn leben, er ſei Zeuge meines Gluͤcks, er ſehe alle die Guͤte, welche ihr ſi mich habt,— wird er da nicht genug geſtraft ein?“ 3„O allzu großmuͤthiger Abulkaſem,“ rief der Kai⸗ ſer aus,„wie ſehr verdieneſt du es zu herrſchen! 1 1 Abulkaſem. 101 Wie gluͤcklich werden die Voͤlker Basra's ſein, dich zum Koͤnige zu haben!“ „Herr,“ ſagte hierauf der junge Mann,„noch eine Gnade habe ich von euch zu bitten: gebet dem Prinzen Aly dieſen Thron, welchen ihr mir beſtimmet; moͤge er mit dem Fraͤulein, welche den Edelmuth ge⸗ habt hat, mich der Wuth ihres Vaters zu entziehen, dort herrſchen: dieſe beiden Liebenden ſind ſolcher Ehre wuͤrdig. Ich fuͤr mein Theil, geliebt und beſchuͤtzt von dem Beherrſcher der Glaͤubigen, ich bedarf keiner Krone: ich bin uͤber allen Koͤnigen.“ Der Chalyf machte den Prinzen Aly, zum Lohne fuͤr die dem Sohne des Abdelaſis geleiſteten Dienſte, zum Koͤnige von Basra und ſchickte ihm die Ein⸗ ſetzungsurkunde: doch fand er Abulfatah zu ſchuldig, um ihm mit dem Leben auch die Freiheit zu bewilligen; er befahl alſo, daß dieſer Veſyr in einem dunklen Thurme zeitlebens eingeſperrt bleiben ſollte. Als das Volk von Bagdad vernahm, daß der Be⸗ leidigte ſelber um das Leben ſeines Feindes gebeten hatte, ſo pries es tauſendfaͤltig den jungen Abulkaſem, der kurze Zeit darauf mit ſeiner geliebten Dardané nach Basra abreiſte, beide unter Bedeckung von der Leibwache des Chalyfen und im Gefolge einer ſehr gro⸗ ßen Anzahl von Beamten.“ 102 Tauſend und Ein Tag. Hiemit endigte Suͤtluͤmeme die Geſchichte des Abulkaſem Basry. Alle Frauen der Prinzeſſinn ga⸗ ben ihr große Beifallsbezeigungen: die einen lobten die Pracht und die Großmuth dieſes jungen Mannes von Basra; die anderen behaupteten, der Chalyf Harun Alraſchyd waͤre nicht minder großmuͤthig, als er; noch andere endlich, die bloß auf ſeine Beſtaͤn⸗ digkeit ſahen, bemerkten, daß Abulkaſem ein ſehr ge⸗ treuer Liebhaber geweſen waͤre. Jetzo nahm Farruͤch⸗ nas das Wort und ſagte: „Ich bin nicht eurer Meinung; es fehlte nur we⸗ nig, daß Balkis ihn ſeiner Dardansé vergeſſen machte. Ich verlange, daß ein Liebhaber, wenn der Tod ihm ſeine Geliebte entreißt, ſtaͤts ein ſo zaͤrtliches An⸗ denken fuͤr ſie bewahre, daß er ganz unempfind⸗ lich fuͤr eine neue Leidenſchaft ſei: aber die Maͤn⸗ ner befleißigen ſich nicht einer ſo großen Standhaf⸗ tigkeit.“ „Verzeihet, Prinzeſſinn,“ erwiederte Suͤtluͤmeme, „man hat Maͤnner geſehen, deren Treue nimmer wankend gemacht worden iſt: ihr werdet euch davon uͤberzeugen, wenn ihr die Geſchichte des Koͤnigs Ruͤsvanſchad und der Prinzeſſinn Scheheriſtani hoͤren wollt.“ 16. Tag. 103 „KLaß hoͤren,“ erwiederte Farruͤchnas,„ich erlaube dir, ſie uns zu erzaͤhlen.“ Alsbald begann ſie die Amme mit folgenden Worten: Geſchichte des Koͤnigs Ruͤsvanſchad und der Prinzeſſinn Scheheriſtani. „Ein junger Koͤnig von China, namens Ruͤs⸗ vanſchad, war eines Tages auf der Jagd, und er⸗ blickte eine weiße blau⸗ und ſchwarzgefleckte Hinde mit goldenen Ringen an den Fuͤßen und einer gelben ſil⸗ bergeſtickten Atlasdecke auf dem Ruͤcken. Bei dem Anblick einer ſo ſchoͤnen Beute entbrannte der Fuͤrſt von Begierde, ſich derſelben zu bemaͤchtigen, und jagte ihr mit verhaͤngten Zuͤgeln nach; aber die Hinde taͤuſchte ſeine Verfolgung und entfloh mit ſol⸗ cher Schnelle und Leichtigkeit, daß er bald nicht ein⸗ mal mehr den Staub ſah, welchen ſie beim Laufen aufregte. Nicht ohne Verdruß gab er die Hoffnung auf, ſie einzuholen, und er war hoͤchſt aͤrgerlich dar⸗ 1 h Rüsvanſchad und Scheheriſtani. 105 aͤber, als ſie ſich ſeinen Augen zum zweiten Male darbot: er erblickte ſie bei einer Quelle, wo ſie, hin⸗ geſtreckt auf dem Raſen, ſich von dem Laufe auszu⸗ ruhen ſchien, welchen ſie eben gemacht hatte. Er ſpornte abermals ſein Roß an, aber vergeblich bemuͤhte er ſich, ſie zu fangen: bei ſeiner Annaͤherung ſprang die Hinde leicht auf, machte zwei oder drei Saͤtze, und ſtuͤrzte ſich dann ins Waſſer, ſo daß ſie nicht mehr zum Vorſchein kam. Siebenzehnter Tag. Der Koͤnig von China ſprang ſchleunig von Roſſe: er laͤuft, drehet und wendet ſich unaufhoͤrlich rings um die Quelle, er ſtoͤrt in dem Waſſer, und ſucht ſeine Beute darin: da er aber keine Spur davon ent⸗ deckt, ſo iſt er ſehr verwundert uͤber dieß Abenteuer. Sein Veſyr und ſein uͤbriges Gefolge waren nicht we⸗ niger erſtaunt daruͤber. Nachdem der Koͤnig mancherlei Betrachtungen dar⸗ uͤber angeſtellt hatte, ſagte er, er koͤnnte nicht glau⸗ ben, daß dieſe Hinde wirklich ein wildes Thier waͤre; er hielte ſie vielmehr fuͤr eine Nixe, welche unter die⸗ ſer Geſtalt ſich das Vergnuͤgen machte, die Jaͤger zu ppen. Die Hofleute waren alle derſelben Meinung. 106 17. Tag. Unterdeſſen betrachtete Ruͤsvanſchad unablaͤßig die Auelle, und ſeufzte von Zeit zu Zeit, ohne zu wiſſen, warum. „Ich muß,“ ſagte er zu ſeinem Veſyr,„die Nacht hier bleiben. Aus Neugier, will ich dieſe Nixe beobachten; ich habe eine geheime Ahnung, daß ich ſie aus dem Waſſer hervorkommen ſehe.“ Nachdem er dieſen Entſchluß gefaßt hatte, ſchickte er alle ſeine Leute zuruͤck, mit Ausnahme des Veſyrs. Sie ſetzten ſich beide auf das Gras, und fuhren fort, ſich von der weißen Hinde zu unterhalten, bis die Nacht kam. Da wollte der Koͤnig, ermuͤdet von der Jagd, etwas ausruhen: „Muͤeßin,“ ſagte er zu ſeinem Veſyr,„ich kann mich des Schlafes nicht erwehren; wache du, waͤhrend ich ſchlafe: laß deine Augen feſt auf die Quelle gerichtet ſein; und wenn du etwas erſcheinen ſiehſt, ſo unterlaß nicht, mich zu wecken.“ Muͤeßin, obwohl auch ſehr muͤde, wachte eine Zeitlang, dem Koͤnige zu gefallen; aber endlich uͤber⸗ waͤltigte ihn die Muͤdigkeit, trotz ſeinem Dienſteifer, und er ſchlief ein. Ihr Schlaf dauerte nicht lange: ſie erwachten alle beide und richteten ſich auf bei dem Klange einer lieb⸗ lichen Muſik, welche ſich ganz nahe bei ihnen hoͤren ließ; und zu ihrem hoͤchſten Erſtaunen erblickten Ruͤsvanſchad und Scheheriſtani. 107 einen praͤchtigen, glaͤnzend erleuchteten Palaſt, der nicht von Menſchenhaͤnden gemacht ſein konnte. „Muͤeßin,“ ſagte der Koͤnig ganz leiſe,„was iſt dieß hier? Welche Toͤne ſchlagen an unſer Ohr? welch ein Palaſt ſtellt ſich unſern Augen dar?“ „Herr,“ antwortete der Veſyr,„alles dieß iſt ohne Zweifel uͤbernatuͤrlich: es iſt eine Bezauberung. Wollte der Himmel, daß wir dieſe Quelle verlaßen haͤtten! dieſer Palaſt iſt vielleicht ein Fallſtrick, wel⸗ chen irgend ein Zauberer Euer Majeſtaͤt legt.“ „Was es auch ſein moͤge,“ erwiederte der Fuͤrſt, „denke nicht, daß die Furcht mich zuruͤckhaͤlt.— Laß uns nach dem Palaſte gehen,“ fuͤgte er hinzu, indem er aufſtand; wir wollen ſehen, welche Art Leute ihn bewohnen. Bemuͤhe dich nicht mehr, mir Unfaͤlle vorzuſtellen: je mehr Gefahren du mir zeigeſt, je mehr Luſt erregſt du mir, mich ihnen auszuſetzen.“ Als der Veſyr ſeinen Herrn entſchloſſen ſah, das Abenteuer zu beſtehen, wagte er es nicht ferner, ſich ſeinem Vorhaben zu widerſetzen.— Sie gehen beide auf den Palaſt zu; ſie kommen an die Pforte, finden ſie offen, treten in einen weiten Hof, und von hier in einen mit Chineſiſchem Porzelan gepflaſterten Saal, der mit Sopha's und Teppichen von Goldbro⸗ kat geſchmuͤckt und von dem lieblichſten Wohlgeruch erfuͤllt iſt. Sie ſchreiten durch dieſen Saal, worin 108 17. Tag. ſich niemand befindet, und treten in einen andern, wo ſie auf einem goldenen Throne eine junge Frau er⸗ blicken, die ganz mit Edelſteinen bedeckt iſt, und deren uͤberſchwaͤngliche Schoͤnheit ſie in Erſtaunen ſetzt. Sie ſchien mit großer Aufmerkſamkeit funfzig oder ſechzig Fraͤulein anzuhoͤren, von denen die einen ſangen und die anderen die Laute ſpielten. Alle trugen roſen⸗ farbige mit Perlen beſaͤete Taftkieider und ſtanden vor dem Throne. Ruͤsvanſchad hatte nie ſchoͤnere Stim⸗ men, noch lieblichere Toͤne gehoͤrt; aber er gab we⸗ nig Acht darauf: die Geſtalt auf dem Throne be⸗ ſchaͤftigte ihn ganz. Als die Maͤdchen den Prinzen erblickten, hoͤrten ſie auf zu ſingen. Er machte eine tiefe Verbeugung, und nachdem er bis in die Mitte des Saales vorge⸗ treten war, richtete er folgende Worte an die Herrinn, von welcher er ſich ſchon bezaubert fuͤhlte: „; hinreißende Koͤniginn der Herzen! die ihr ſchon durch euern erſten Blick euch den unbeſchraͤnkten Herrn von China unterworfen habt, nennet mir, ich flehe euch, den Namen dieſer reizenden Nymphe, deren Anblick ſo maͤchtige Wirkungen hervorbringt.“ Die Schoͤne laͤchelte bei dieſen Worten, und er⸗ wiederte: „Ich bin eine Hinde, welche Loͤwen in Feſſeln zu legen weiß. Ich bin dieſe Beute, welche du heute verfolgteſt, und die ſich in dieſe Quelle ſtuͤrzte.“ Rüsvanſchad und Scheheriſtani. 109 „Aber, Herrinn,“ fragte der Fuͤrſt,„was ſoll ich von dieſen Verwandlungen denken5 Meine Liebe iſt dadurch beunruhigt. Was weiß ich, ob ihr nicht in dieſem Augenblick wieder meine Augen durch ein Trug⸗ bild blendet?“ „Nein,“ verſetzte die Dame,„ich erſcheine euch gegenwaͤrtig ſo, wie ich von Natur bin. Es iſt wahr, ich verwandle mich, wenn es mir beliebt; ich mache mich nach Gefallen den Menſchen ſichtbar und un⸗ ſichtbar: aber alles dieſes geht ohne Zauberei zu; und die Macht mich in jede beliebige Geſtalt zu verwan⸗ deln iſt ein Vorrecht„ welches ich bei der Geburt vom Himmel empfangen habe.“ Bei dieſen Worten ſtieg die Dame von ihrem Throne herab, naͤherte ſich dem Koͤnige, nahm ihn bei der Hand, und fuͤhrte ihn in ein Zimmer, wo eine Tafel mit koͤſtlichen Speiſen beſetzt ſtand. Sie ließ ihn ſich daran niederſetzen, und ſetzte ſich ſelber zwi⸗ ſchen ihm und Muͤeßin, der aus allem, was er hier ſah, keine gute Vorbedeutung fuͤr ſeinen Herrn zog, und ſich auf irgend einen traurigen Ausgang gefaßt machte. Der junge Koͤnig aber war bezaubert von der Schoͤnen; keine Ueberlegung truͤbte das Vergnuͤgen, welches ihr Anblick ihm gewaͤhrte. Er wollte fie be⸗ dienen; ſie aber ſagte zu ihm: 110 17. 13. Tag. „Eſſet nur ihr beide: uns genuͤgt ſchon der Duft der Wohlgeruͤche oder der Speiſen zur Nahrung.“ Acht zehnter Tag. Sobald der Fuͤrſt und ſein Veſyr gegeſſen hatten, boten zwei Fraͤulein jedem eine Schale von Agat voll purpurfarbigen Weines dar. Sie tranken, und die beiden Schenkinnen ſorgten dafuͤr, daß die Schalen ſtaͤts voll waren.— Man brachte auch der Dame zu trinken, aber ſie trank keinen Tropfen davon, ſondern begnuͤgte ſich, nur daran zu riechen, und der bloße Duft machte auf ſie eben ſolche Wirkung, wie das Gerraͤnk ſelber auf Ruͤsvanſchad. Sie fingen an ſich zu erhitzen; der Koͤnig ſagte der Schoͤnen tauſend leidenſchaftliche Dinge, und die Dame ließ ſich davon hinreißen, und ſprach endlich folgendermaßen zu ihm: „Mein Fuͤrſt, obwohl ihr von einer geringeren Gattung ſeid, als die meinige, ſo habe ich mich doch nicht erwehren koͤnnen, euch zu lieben; und um euch zu erkennen zu geben, von welchem Werthe die von euch gemachte Eroberung iſt, will ich euch nicht laͤn⸗ ger verſchweigen, wer ich bin. Man ſieht in dem Meere eine Inſel namens Sche⸗ heriſtan; dieſelbe iſt von Geiſtern bewohnt, deren Ruͤsvanſchad und Scheheriſtani. 1IT Koͤnig Menutſcher heißt. Ich bin die einzige Toch⸗ ter dieſes Fuͤrſten, und cheheriſtani iſt mein Name. Es ſind nun drei Jahre, daß ich den Hof meines Vaters verlaßen habe, und neugierig, alle die man⸗ cherlei von den Kindern Adams bewohnten Laͤnder zu ſehen, zum Vergnuͤgen umherreiſe. Ich habe die ganze Welt durchſtreift, und ich war im Begriff, nach Sche⸗ heriſtan heimzukehren, als ich heute, auf der Durch⸗ reiſe durch eure Staaten, euch auf der Jagd erblickte. Ich hielt an, um euch zu betrachten; meine Sinne waren ploͤtzlich verwirrt, und ſobald ich euch aus dem Geſichte verloren hatte, verſank ich in ein tiefes Nach⸗ ſinnen. Es entſchluͤpften mir einige Seufzer, und als ich fuͤhlte, daß ich wider meinen Willen mit euch be⸗ ſchaͤftigt war, ſo erroͤthete ich.„Iſt es moͤglich,“ ſagte ich zu mir ſelber,„daß ein Menſch die Unruhe erregt, welche mich bewegt? Ein Kind Adams ſoll uͤber meinen Stolz triumphieren?“ Ich ſchaͤmte mich meiner Schwachheit, und ich wollte mich ſchleunig von euch entfernen; aber feſtgehalten, wie durch die Ge⸗ walt eines Zaubers, hatte ich dazu nicht die Kraft. Jetzt, den zaͤrtlichen Gefuͤhlen nachgebend, welche meine Schritte feſſelten, dachte ich nur noch auf Mit⸗ tel, euch zu gefallen. Ich nahm die Geſtalt einer wei⸗ zen Hinde an, und ſtellte mich euch dar, um euch nir nachzuziehen. Ihr verfolgtet mich; und nachdem 11² 18. Tag⸗ ich mich in die Quelle geſtuͤrzt hatte, koͤnnt ihr nicht denken, mit welchem Vergnuͤgen ich euch in dem Waſſer ſtoͤren geſehen habe, um mich zu finden. Ich wuͤnſchte mir Gluͤck zu eurer Unruhe; ich zog daraus eine gute Vorbedeutung. Aufmerkſam auf alle eure Reden, war ich entzuͤckt, zu hoͤren, daß ihr die Nacht bei der Quelle bleiben wolltet; und waͤhrend ihr ſchliefet, ließ ich dieſen Palaſt bauen, um euch darin zu empfangen: die Geiſter welche mir dienen, haben ihn in einem Augenblick hergeſtellt.“ Scheheriſtani wollte fortfahren, als ein Fraͤulein hereintrat, die ſehr bekuͤmmert ſchien. Die Prinzeſ⸗ ſinn, die auf ihrem Geſichte das Ungluͤck las, wel⸗ ches ſie ihr anzukuͤndigen kam, that einen lauten Schrei. Hierauf zerſchlug ſie ſich das Geſicht, und fing an, bitterlich zu weinen. Welch ein Schauſpiel fuͤr den Koͤnig von China! Innig geruͤhrt von dem Schmerze, welchen ſie blicken ließ, war er ſehr begierig, die Urſache davon zu wiſ⸗ ſen. Er wollte ſie eben darum befragen, als das Fraͤulein, die hereingekommen war, vortrat, und zu der Prinzeſſinn ſagte:. „O meine Koͤniginn, ihr wißt, daß die Geiſter, obwohl ſie laͤnger leben, als die Menſchen, doch nicht minder, als dieſe, dem Tode unterworfen ſind. Ihr habt den Koͤnig euren Vater verloren; er iſt ſo eben aus dem vergaͤnglichen Leben in das ewige Leben uͤber⸗ Ruͤsvanſchad und Scheheriſtani. 113 gegangen. Alle Voͤlker verlangen nach euch, ſie er⸗ warten euch, um euch zu kroͤnen. Eilet alſo, die Huldigung eurer neuen Unterthanen zu empfangen, und der Ungeduld zu entſprechen, welche ſie haben, euch alle gebuͤhrenden Ehren zu erzeigen. Der Groß⸗ Veſyr mein Vater hat mir aufgetragen, eure Heim⸗ kehr zu beſchleunigen.“ „Maimona,“ antwortete ihr die Prinzeſſinn, „es iſt genug; ich werde den Eifer deines Vaters, ſo wie denjenigen, den du mir bezeigſt, dankbar erken⸗ nen. Ich will auf der Stelle mit dir abreiſen.— Lebet wohl, mein Fuͤrſt,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ſich zu Ruͤsvanſchad wandte und ihm eine ihrer ſchoͤnen Haͤnde reichte, die er mit Entzuͤcken kuͤßte,„ich muß euch verlaßen: aber ſeid verſichert, daß wir uns eines Tages wiederſehen werden. Finde ich euch dann noch voll Liebe und Treue, ſo will ich keinen andern Ge⸗ mahl haben, als euch.“ Indem ſie dieſe Worte ausſprach, verſchwand ſie. Sogleich folgte eine dunkle Nacht auf den Glanz der Wachslichter, womit der Palaſt erleuchtet war, und ließ den Koͤnig von China und ſeinen Veſyr in einer Dunkelheit, daß ſie nichts unterſcheiden konnten. In dieſem Zuſtande verblieben ſie bis zum Anbruche des Tages, welcher ihnen eine neue Ueberraſchung be⸗ reitete; denn anſtatt in dem Palaſte zu ſein, wie ſie T.. 8 114 18. Tag. ſich einbildeten, befanden ſie ſich mitten Felde, ohne irgend ein Gebaͤude zu erblicken. „Muͤeßin,“ ſagte jetzo der Fuͤrſt,„ſoll man das alles, was uns eben begegnet iſt, fuͤr einen Traum halten?“ „Nein, Herr,“ antwortete der Veſyr;„ich glaube vielmehr, es iſt eine Bezauberung. Die Dame, die wir geſehen haben, iſt irgend eine furchtbare Zaube⸗ rinn, welche die Geſtalt einer reizenden Nymphe an⸗ genommen hat, um euch Liebe einzufloͤßen; und alle dieſe ſchoͤnen Maͤdchen, die ſo ſchoͤn ſangen und die Laute ſpielten, ſind eben ſo viele ihrem Zauber dienſt⸗ bare Geiſter.“ So viel Wahrſcheinlichkeit es auch hatte, was Muͤeßin ſagte, doch war der Koͤnig zu verliebt, um es zu glauben; und ohne die vortheilhafte Meinung aufgeben zu wollen, welche er fuͤ batte⸗ kehrte er nach ſeinem Palaſte zuruͤck, entſchloſ⸗ wahren. In der That, weit ent ſen, obwo auf dem Rüsvanſchad und Scheheriſtani. 115 ihm erſchienen war, und wo er ſich manchmal ſchmeichelte, ſie wiederzuſehen. Daruͤber war faſt ein Jahr vergangen, daß er liebte, ohne daß er Grund hatte, ſich zu ſchmeicheln, daß er nicht ein Hirngeſpinſt liebte. Er begann zu fuͤrchten, daß alles was er geſehen hatte, nur eine Bezauberung geweſen waͤre. Er bekam Luſt zu reiſen„in der Hoffnung, daß auf der Reiſe alle dieſe Bilder unvermerkt in ſeinem Geiſte erloͤſchen wuͤrden. Er uͤberließ Muͤeßin die Re⸗ gierung des Reichs; und ungeachtet alles„ was dieſer Miniſter ihm vorſtellte, um ihn von dem gefaßten Vorſatz abzubringen, daß er von niemand begleitet ſein wollte, reiſte er in einer Nacht ganz allein ab. Er ritt ein ſehr ſchoͤnes Pferd, deſſen Sattel und Zaum mit Gold beſchlagen und mit Rubinen und Smarag⸗ den geſchmuͤckt war. Der Fuͤrſt ſelber trug reiche Kleider, und ein breites Schwert„ deſſen Scheide mit Diamanten beſaͤet war. Nachdem er ſeine Staaten durchritten und die Graͤnzen von Tibet erreicht hatte, naͤherte er ſich der Hauptſtadt dieſes Reichs. Er war nur noch zwei kleine Tagereiſen davon entfernt, als er unter einem großen Baum anhielt, deſſen dichtes Laub ſtarken Schatten gab. 4 Kaum war er abgeſtiegen, um einige Augenblicke auszuruhen, als er ziemlich nahe bei ihm unter einem andern Baum eine Frau erblickte, welche kaum acht⸗ 116 18. 19. Tag. zehn Jahr alt zu ſein ſchien. Sie ſaß, das Haupt auf eine ihrer Haͤnde geſtuͤtzt, in tiefem Nachdenken; und nach ihrer traurigen Miene zu urtheilen, mußte ihr ein Ungluͤck begegnet ſein. Die Kleider, welche ſie bedeckten, waren ganz zerriſſen; aber mitten durch dieſe Lumpen konnte man doch wohl erkennen, daß es eine ſehr ſchone Geſtalt war, und daß ſie nichts ge⸗ meines ſein konnte. Rusvanſchad naͤherte ſich ihr, und nachdem er ihr ſeine Huͤlfe angeboten hatte, fragte er, wer ſie waͤre. Die Frau antwortete ihm:„Ich bin Tochter und Gattinn eines Koͤnigs, und gleich⸗ wohl bin ich nicht, was ich ſage. Ich bin Fuͤrſtinn, und bin doch nicht, was ich bin.“ Neunzehnter Tag. Der Koͤnig von China wußte nicht, was er von der jungen Frau denken ſollte, und glaubte, ſie haͤtte den Verſtand verloren. „Liebe Frau,“ erwiederte er,„kommt wieder zu Verſtande, und ſeid verſichert, daß ich bereit bin, euch alle mir zu Gebote ſtehenden Dienſte zu lei⸗ ſten. Ruͤsvanſchad und Scheheriſtani. 117 „Herr,“ ſagte ſie darauf,„ich bin nicht verwun⸗ dert, daß ihr mich fuͤr eine Verruͤckte haltet. Die Antwort, welche ich euch gegeben habe, mußte euch unſinnig erſcheinen; aber ihr werdet ſie mir ohne Zweifel verzeihen, wenn ihr meine Ungluͤcksfaͤlle erfah⸗ ret. Zum Danke fuͤr euern Edelmuth will ich ſie euch erzaͤhlen: Geſchichte des jungen Koͤnigs von Tibet und der Prinzeſſinn von Naiman. 1 Jc bin,“ fuhr ſie fort,„die Tochter eines Koͤnigs der Narmanen. Da mein Vater, bei ſeinem Tode, keine andere Kinder hinterließ, als mich, ſo riefen alle Großen und das Volk mich als Koͤniginn aus; und bis ich in dem Alter waͤre, ſelber zu regieren,— denn ich war erſt vier Jahr alt,— vertraute man die Regierung dem Veſyr Aly⸗Bin⸗Haytam, der meine Amme geheiratet hatte, und deſſen Faͤhigkeit an⸗. erkannt war. Dieſem weiſen Miniſter wurde auch meine Erziehung aufgetragen; er begann mich in der Regierungskunſt zu unterrichten, und ich ſollte bald die Staatsgeſchaͤfte ſelber kennen lernen, als das Schickſal, welches nach ſeinem Gefallen die Kronen Der Koͤnig von Tibet und die Prinzeſſinn von Naiman. 119 gibt und nimmt, mich von der Hoͤhe des Thrones in einen ſchrecklichen Abgrund ſtuͤrzte. Ein Bruder meines Vaters, der Prinz Muaf⸗ fak, welchen man ſeit langer Zeit todt glaubte, und der, wie man ſagte, in einer Schlacht gegen die Mongolen gefallen war, erſchien ploͤtzlich wieder in dem Lande der Naimanen. Einige Großen, die vormals ſeine Freunde geweſen waren, ergriffen ſeine Partei, naͤhrten den Ehrgeiz, welcher ihn be⸗ ſeelte, und ſtifteten eine Empoͤrung zu ſeinen Gun⸗ ſten an. Der Veſyr Aly bemuͤhte ſich vergeblich, ſie zu unterdruͤcken; anſtatt dieſes glimmende Feuer auszu⸗ loͤſchen, fachte er es nur noch mehr an. Mit Einem Worte, alle meine Voͤlker ließen ſich durch Muaf⸗ faks Kunſtgriffe verleiten, und erklaͤrten ſich fuͤr ihn. Der Thronraͤuber ſah ſich nicht ſobald gekroͤnt, als er ſich auch meiner Perſon verſichern, und mich umbringen laßen wollte, um allem dem zuvorzukom⸗ men, was der Eifer einiger Freunde, die mir noch uͤbrig blieben, fuͤr mich unternehmen koͤnnte. Aber der Veſyr Aly und meine Amme fanden Mittel, mich der Wuth des Tyrannen zu entziehen. Sie entfuͤhrten mich eines Nachts, verließen mit mir Albaſia, und auf Umwegen erreichten wir Tibet. Wir ließen uns in der Hauptſtadt dieſes Koͤnig⸗ reichs nieder, wo der Veſyr ſich fuͤr einen Indiſchen Maler und mich fuͤr ſeine Tochter ausgab. Er hatte F 120 19. Dag. malen gelernt, und war in dieſer Kunſt ſo vollkom⸗ men, daß er bald in Ruf kam. Obwohl wir eine Menge Edelgeſteine bei uns hatten, und mit Glanz haͤtten leben koͤnnen, ſo fuͤhrten wir doch ein ſo ſtilles Leben, als wenn wir genoͤthigt geweſen waͤren, uns nur durch Aly's Pinſel zu erhalten. Wir fuͤrchteten die Kundſchafter Muaffaks, und wir wollten nicht den Verdacht erwecken, daß wir etwas anderes waͤren, als wir ſchienen. Zwei Jahre verliefen auf ſolche Weiſe. Ich verlor allmaͤhlich die Vorſtellungen von Hoheit, welche man mir eingefloͤßt hatte, nahm meinem Ungluͤck angemeſ⸗ ſene Geſinnungen an, und begann ſchon, mich an die Dunkelheit eines niedrigen Standes zu gewoͤhnen; es ſchien, als wenn ich niemals etwas anderes gewe⸗ ſen waͤre, als die Tochter eines bloßen Buͤrgers. Ich erinnerte mich kaum noch, auf dem Throne ge⸗ weſen zu ſein; die Ruhe, deren ich genoß, ließ mich das Vergangene vergeſſen; oder wenn ich manchmal noch den hohen Rang in mein Gedaͤchtniß zuruͤckrief, welchen ich einſt eingenommen hatte, ſo betrachtete ich ihn nur als ein Joch, wovon ich erloͤſet waͤre; und frei von allen mit der unumſchraͤnkten Gewalt ver⸗ knuͤpften Sorgen, verzieh ich es dem Schickſale, mir dieſelben abgenommen zu haben.— Ach, wollte der Himmel, daß ich mein ganzes uͤbriges Leben in die⸗ ſem dunklen und gluͤcklichen Stande zugebracht haͤtte! — 8 A Der Koͤnig von Tibet und die Prinzeſſinn von Narman. 121 Doch nein. Man muß ſeine Beſtimmung erfuͤllen, und es iſt nicht weniger unnutz, ſich uͤber Unfaͤlle zu beklagen, als ihnen zuvorkommen zu wollen. Der Veſyr machte einige Gemaͤlde, welche von der ganzen Stadt bewundert wurden. Der Koͤnig hoͤrte davon reden, und hatte Luſt ſie zu ſehen. Er kam ſelber zu Aly, der ſie ihm zeigte. Der Fuͤrſt war ſehr zufrieden damit, ebenſo wie mit der Unterhaltung des Malers. Waͤhrend ſie ſich noch mit einander un⸗ terredeten, trat ich in das Zimmer, worin ſie waren, aus Neugier den Koͤnig zu ſehen. Ich glaubte, daß ich, als die Tochter des Malers erſcheinend, ſeine Aufmerkſamkeit nicht auf mich ziehen wuͤrde. Ich taͤuſchte mich: er ſah mich an; er ward ſelbſt betrof⸗ fen von meinem Anblick; ich gewahrte es, und zog mich zuruͤck. Er that bei alledem nicht, als wenn er mich bemerkt haͤtte, und fuhr fort, mit dem Veſyr zu reden, aber mit ſolcher Zerſtreuung und Bewegung, mit einer ſo unruhigen Miene, daß es nicht ſchwer zu erken⸗ nen war, daß ich einigen Eindruck auf ihn gemacht hatte. In der That kam der Fuͤrſt den naͤchſten Tag wie⸗ der zu Aly; ja er kam auch die folgenden Tage wie⸗ der. Unter dem Vorwande, Gemaͤlde zu ſuchen, trat er in alle Zimmer, und wußte es ſo einzurichten, daß er auch immer in dasjenige kam, worin ich war. Zwar ſprach er nichts zu mir, aber ſeine gluͤhenden Blicke entdeckten nur zu ſehr ſeine Empfindungen. 122 19. Tag. A₰o. Eines Tages erbot er dem Veſyr eine Wohnung in ſeinem Palaſt, mit einem ſtarken Jahrgehalt; indem, wie er ſagte, er einen ſo beruͤhmten Maler in ſeinen Staaten behalten, und an ſich knuͤpfen wollte. Aly errieth leicht den Beweggrund dieſes Antra⸗ ges; und da er die Folgen davon vorausſah, ſagte er zu mir: „Ich bemerke, meine Koͤniginn, daß der Koͤnig von Tibet euch liebt. Die Liebe hat mehr Antheil als die Malerei an dem Erbieten, welches er uns macht. Wir ſollen in ſeinem Palaſte wohnen, und er wird nicht verfehlen, euch alle Tage von ſeiner Leidenſchaft zu unterhalten. Seid eingedenk eurer Ge⸗ burt, und weit entfernt, den Seufzern dieſes Fuͤrſten einen ſchmaͤhlichen Sieg zu verſtatten, widerſtehet mu⸗ thig den dringenden Anmuthungen ſeiner Zaͤrtlichkeit. Iſt er verliebt genug, um euch zu ſeinem Range zu erheben, ſo erhoͤret ihn; hat er aber andere Abſichten, ſo wollen wir ihn ſchon abfuͤhren.“ Ich verſprach dem Veſyr, genau ſeinen Rath zu befolgen; ich ſagte ihm nicht, daß ich eben ſo wohl als er die Liebe des Koͤnigs bemerkt, noch weniger, was dieſe Entdeckung in mir hervorgebracht haͤtte. Der Fuͤrſt war jung, ſchoͤn, vollkommen wohlgebildet: ich konnte mich nicht erwehren, fuͤr ihn dieſelben Em⸗ pfindungen zu hegen, welche ich ihm eingefloͤßt hatte. ——— Der Koͤnig von Tibet und die Prinzeſſinn von Natman. 225 Zwanzigſter Tag. Indeſſen, welche Neigung ich auch fuͤr den Koͤnig von Tibet in mir fuͤhlte, doch nahm ich mir feſt vor, ſie ihm zu verbergen, wenn er keine andere Abſicht haͤtte, als meiner Tugend nachzuſtellen. Aber dieſer Fuͤrſt erſparte mir die Muͤhe, mich lange zu ver⸗ ſtellen. Ich war nicht ſobald in ſeinem Palaſt, als er mir ſeine Liebe auf eine Weiſe erklaͤrte, wie ich es wuͤnſchte. „Ihr habt mich entzuͤckt,“ ſagte er zu mir,„in dem erſten Augenblick, wo ich euch ſah; ich bin ſeitdem unaufhoͤrlich mit euch beſchaͤftigt geweſen, und ich fuͤhle, daß ich nicht mehr leben kann, ohne euch zu be⸗ ſitzen. Aber welche heftige Glut mich auch entflammet, doch waͤhnet nicht, daß ich euch wie eine Sklavinn be⸗ handeln will; ich hege fuͤr euch alle die Ehrfurcht, welche ich fuͤr die Tochter des Koͤnigs von China ha⸗ ben wuͤrde, und ich beabſichtige, indem ich euch meine Han kreiche, euch auf den Thron von Tibet zu er⸗ eben. Ich dankte dem Fuͤrſten fuͤr die Ehre, welche er mir anthun wollte, und indem ich dieſe Gelegenheit ergriff, ihm zu entdecken, wer ich waͤre, erzaͤhlte ich ihm meine Geſchichte, die ihn innig ruͤhrte. 124 20. T arg. „CTheure Prinzeſſinn,“ rief er aus,„ich ſehe wohl, daß der Himmel mir die Ehre aufbehalten hat euch zu raͤchen, da ihr in Tibet einen Zufluchtsort geſucht habt. Ja, der treuloſe Muaffak ſoll alsbald dafuͤr gezuͤchtigt werden, daß er es gewagt hat, euern Platz einzunehmen. Williget ein, daß ich mich heute noch mit euch vermaͤhle, und ſeid verſichert, daß ich gleich morgen Geſandte hinſchicke, ihm den Krieg zu erklaͤ⸗ ren, wenn er ſich weigert, den angemaßten Thron euch wieder einzuraͤumen.“ Ich machte dem Koͤnige neue Dankſagungen, und bekannte ihm, daß wenn ich damals, als wir uns beide zum erſtenmal ſahen, einigen Eindruck auf ihn gemacht, ich ihn auch nicht ungeſtraft angeſehen haͤtte. Dieſes Geſtaͤndnis entzuͤckte ihn. Er nahm eine mei⸗ ner Haͤnde, kuͤßte ſie mit Inbrunſt, und ſchwur, mich immerdar zu lieben. Noch denſelben Tag vermaͤhlte er ſich mit mir, und unſere Hochzeit wurde in der Stadt mit großen Freudenfeſten gefeiert. Am naͤchſten Morgen fertigte der Koͤnig, wie er mir verheißen hatte, Geſandte nach dem Reiche der Narmanen ab. Sie eilten dahin, und ſobald ſie an Muaffaks Hof angekommen waren, verlangten ſie Gehoͤr: dieß wurde ihnen bewilligt, und ſie eröͤffne⸗ ten nun dem Fuͤrſten, daß ihr Herr ſich mit mir ver⸗ maͤhlt, und ſie geſchickt haͤtte, ihn aufzufordern, mir Der Koͤnig von Tibet und die Prinzeſſinn von Naiman. 125 das Koͤnigreich der Naimanen zuruͤckzuſtellen, oder auf ſeine Weigerung, ihm den Krieg zu erklaͤren. Muaffak, obwohl außer Stande dem Koͤnige von Tibet Widerſtand zu leiſten, war jedoch ſtolz genug, ſeine Drohungen zu verachten; ſo daß die Geſandten bei ihrer Heimkehr ihrem Herrn die abſchlaͤgliche Ant⸗ wort des angemaßten Herrſchers uͤberbrachten. Alsbald wurden in dem ganzen Reiche von Tibet Aushebungen vorgenommen, und ein zahlreiches Kriegs⸗ heer auf die Beine gebracht. Aber waͤhrend die zu⸗ ſammengezogenen Truppen bereit ſtanden, gegen die Naimanen auszuziehen, kamen Abgeordnete von Sei⸗ ten dieſes Volks, um mich ihres Gehorſams zu ver⸗ ſichern, und mir zu melden, daß mein Oheim Muaffak, nach einer Krankheit von wenigen Tagen, verſtorben waͤre. Auf dieſe Nachricht, entließ der Koͤnig ſein Heer wieder, und beſchloß, den Veſyr Aly an meiner Statt in das Land der Naimanen zu ſchicken. Dieſer Miniſter war eben im Begriff, abzureiſen, als ein Abenteuer, deſſen ich mich nimmermehr verſehen haͤtte, ihn daran verhinderte. Eines Abends ſaß ich in meinem Zimmer auf dem Sopha und las einige Kapitel im Koran. Nachdem ich ſie geleſen hatte, ſtand ich auf, zu dem Koͤnige zu gehen, der ſich ſchon niedergelegt hatte. Da ſtellte ſich ploͤtzlich ein entſetzliches Geſpenſt mir in den Weg, 136 20. T 8 g. und verſchwand augenblicklich wieder. Ich that einen ſo lauten Schrei, daß ich den Koͤnig aufweckte, der ſchon ſchlief. Er ſprang ſchleunig herbei, und fragte, warum ich geſchrieen haͤtte. Ich ſagte ihm die Ur⸗ ſache, und durch ſeine Gegenwart beruhigt, war ich ſchon geneigt, es bloß fuͤr ein Hirngeſpinſt meiner durch das Leſen erhitzten Einbildungskraft zu halten. Der Koͤnig hoͤrte mich ſehr aufmerkſam an, und weit entfernt, vollends meinen Schreck zu zerſtreuen, ſagte er zu mir: „Ich bin noch mehr beunruhigt, wie ihr, meine theure, und ich begreife nicht, wie ihr zu gleicher Zeit in meinem Bette und in dieſem Zimmer ſein koͤnnet.“ „Herr, ich begreife nichts von dem, was ihr da ſagt; ich bitte euch, redet deutlicher.“ „Wohl an,“ verſetzte er,„ihr duͤrfet nur ans Bette treten, und ihr werdet die erſtaunlichſte Erſchei⸗ nung auf der Welt erblicken.“ In der That, als ich an das Bette trat, erblickte ich mit all dem Erſtaunen, das ihr euch denken koͤnnt, eine junge Frau, welche mir vollkommen aͤhnlich war: ſie hatte alle meine Zuͤge und ganz meine Geſtalt. „O Himmel!“ rief ich bei dieſem Schauſpiel aus, „was ſehe ich? welch unerhoͤrtes Wunder.“ „Ha, ſchaͤndliche,“ unterbrach mich dieſe Frau mit einem dem meinen ganz aͤhnlichen Ton der Der Koͤnig von Tibet und die Prinzeſſinn von Nasman. 127 Stimme,„du biſt wahrlich hoͤchſt unverſchaͤmt, daß du es wagſt, meine Geſtalt anzunehmen! Was iſt deine Abſicht, boshafte Hexe? Waͤhnſt du, daß der Koͤnig mein Gemahl, getaͤuſcht durch dieſen Anſchein, der ihn zweifelhaft macht, wer von uns beiden ſeine Gattinn iſt, mich aus ſeinem Bette verſtoßen und dir meine Stelle einraͤumen werden Gib dieſe Hoffnung auf, deine Liſt iſt vergeblich. Trotz deinen Bezaube⸗ rungen, ſieht mein Gemahl doch recht wohl, daß du eine Elende biſt.— Mein theurer Herr,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ſich an den Fuͤrſten wandte,„laßt dieſe argliſtige Zauberinn verhaften; befehlet auf der Stelle, daß man ſie in ein dunkles Loch werfe, da⸗ mit ſie morgen ihr ſtrafbares Unterfangen in den Flammen buͤße.“ Ein und zwanzigſter Tag. „Wenn die vollkommene Aehnlichkeit dieſer Frau mit mir,“ fuhr die Fuͤrſtinn der Naimanen fort,„mich in Erſtaunen geſetzt hatte, ſo uͤberraſchte mich ihre unverſchaͤmte Rede noch weit mehr. Anſtatt auf die⸗ ſelbe Weiſe zu antworten, konnte ich mich der Thraͤ⸗ nen nicht enthalten, und ſagte zu dem Koͤnige: „Herr, ich waͤhnte, mein widerwaͤrtiges Geſchick erſchopft zu haben; ich hatte Grund zu glauben, daß 128 21. SDag. durch die Verknuͤpfung meines Looſes mit dem euri⸗ gen, alle meine Leiden geendigt waͤren: aber, ach! ein boshafter, auf mein Gluͤck neidiſcher Geiſt, durch⸗ kreuzt es jetzo; er erborgt meine Geſtalt, und will fuͤr mich ſelber gelten; es iſt ihm gelungen: ihr er— kennet mich ſchon nicht mehr; ihr verwechſelt mich mit ihm. Betrachtet mich, ich bitte euch, und wenn eure Gattinn euch noch theuer iſt, ſo muß euer Herz ſie durch den Zauber hin, der eure Augen taͤuſcht, un⸗ terſcheiden. Ich rufe den Himmel zum Zeugen, daß ich die Fuͤrſtinn der Naimanen bin.“ Die im Bette liegende Frau unterbrach mich aber⸗ mals, und ſagte: „Das luͤgſt du, du biſt eine ſchamloſe, und laͤßt genugſam erkennen, was man von dir denken ſoll. Die Falſchen nehmen alsbald ihre Zuflucht zu Eid⸗ ſchwuͤren; und ihren der Argliſt dienſtbaren Augen ſtehen ſtaͤts Thraͤnen zu Gebote.“ „Hoͤret auf,“ ſagte jetzo der Koͤnig zu uns,„und endiget ein Gezaͤnk, das mich nicht belehrt, was ich wiſſen will: ihr ſetzet mich dadurch nur in Verlegen⸗ heit, eine wie die andere. Ich kann meine Gattinn nicht erkennen. Eine von euch beiden iſt eine Zaube⸗ rinn, welche mich taͤuſchen will: aber es iſt mir nicht moͤglich, ſie zu unterſcheiden, und ich fuͤrchte, in⸗ dem ich die Schuldige beſtrafe, die Unſchuldige zu treffen.“ , Der Koͤnig von Tibet und die Prinzeſſinn von Naiman. 129 Da nun der Koͤnig mich nicht von der Zauberinn unterſcheiden konnte, ſo rief er den Oberſten ſeiner Verſchnittenen, und befahl ihm, uns in abgeſonderte Gemaͤcher einzuſchließen, worin wir den uͤbrigen Theil der Nacht zubrachten. 3 Am folgenden Morgen ließ der Fuͤrſt den Veſyr Aly und ſeine Frau kommen, und erzaͤhlte ihnen das ganze Abenteuer. Sie verlangten uns beide zugleich zu ſehen, und zweifelten nicht, daß ſie mich erkennen wuͤrden, was ihnen der Koͤnig auch ſagen mochte. Aber ſie fanden uns einander ſo aͤhnlich, daß es ihnen nicht minder unmoͤglich war, als dem Koͤnig, die Luͤge von der Wahrheit zu unterſcheiden. Ja, meine Amme, die ſich erinnerte, daß ich bei der Geburt ein Mal am Knie mit auf die Welt gebracht haͤtte, un⸗ terſuchte uns, und war ſehr uͤberraſcht, als ſie ſah, daß wir allebeide daſſelbe Mal an derſelben Stelle hatten. Sie ließen ſich dadurch noch nicht abſchrecken; ſie fingen an, uns, jeden beſonders zu befragen. Mein Ebenbild beantwortete aber alle ihre Fragen eben ſo, wie ich ſelber; dergeſtalt, daß ſie nicht wußten, was ſie davon denken ſollten. Indeſſen duͤnkte meine Amme, daß meine Antworten richtiger waͤren, und ſie entſchied fuͤr mich. Aber man beruhigte ſich nicht bei ihrem Urtheil, und alle Veſyre, weiche der Koͤnig verſammelt hatte, 1 9 Ruͤsvanſchad. 131 Hiemit ſchwieg die Koͤniginn von Tibet, und Ruͤs⸗ vanſchad nahm nun das Wort und ſagte zu ihr: „Troͤſtet euch, Koͤniginn, euer Ungluͤck hat ſeinen Gipfel erreicht, und ihr duͤrft nicht zweifeln, daß das Gluͤck fortan euch wieder guͤnſtig ſein werde; denn, wie einer unſerer Dichter ſagt: „Ein Ding, das den Punkt ſeiner Vollendung erreicht hat, ſteht im Beginne ſeines Verfalls; Und ein Ungluͤck das aufs Aeußerſte gekommen; iſt dem Heile nah.“ Derſelbe Dichter ſetzt hinzu: „Verſieh dich des Verderbens, wenn man dir ſagt, du ſeiſt vollkommen; Und bereite dein Herz auf Freude, wenn die. Widerwaͤrtigkeit dich das Herbeſte hat empfin⸗ den laßen.“ Auf ſolche Weiſe hat der Himmel das Leben der Menſchen eingerichtet. Und um euch von dieſer Wahr⸗ heit zu uͤberzeugen, will ich euch, Koͤniginn, die Ge⸗ ſchichte des Veſyrs Kaverſcha erzaͤhlen: 130 21. T a g. erkannten im Gegentheil, daß die im Bette des Koͤ⸗ nigs gefundene Frau die Koͤniginn, und die andre eine Zauberinn waͤre, und daß ich alſo verbrannt werden muͤßte. Der Koͤnig wollte jedoch nicht ein ſo grauſames Urtheil vollziehen laßen, aus Furcht, ſeine Gattinn zu toͤdten, indem er ſie zu raͤchen waͤhnte; er be⸗ gnuͤgte ſich alſo, mich von ſeinem Hofe zu verbannen. Man beraubte mich meiner Kleider, bedeckte mich mit Lumpen, und ſtieß mich aus der Stadt. So bin ich bis hieher gekommen, indem ich von den Gaben lebe, welche mitleidige Seelen mir reichen. Sehet, Herr, das iſt meine Geſchichte,“ fuͤgte die Fuͤrſtinn der Naimanen hinzu.„Ich hoffe, ihr werdet nunmehr zugeſtehen, daß ich Recht hatte, euch zu ſagen: Ich bin Tochter und Gattinn eines Koͤ⸗ nigs, und gleichwohl bin ich doch nicht, was ich ſage; ich bin Fuͤrſtinn, und doch bin ich nicht, was ich bin.“ Geſchichte des Veſyrs Kaverſcha. Ein Koͤnig von Hirkanien, namens Kodavend, hatte einen Veſyr, der Kaverſcha hieß. Dieſer Mini⸗ ſter, ein Mann von uͤberlegenem Geiſt und von voll⸗ kommener Erfahrung, wollte eines Tages ſich baden. Er ſtand neben der Badekufe, zog ſpielend ſeinen Ring vom Finger und ließ ihn zufaͤllig ins Waſſer fallen: aber anſtatt auf den Grund zu ſinken, ſchwamm der Ring auf der Oberflaͤche des Waſſers. Kaverſcha, uͤber dieſes Wunder betroffen, befahl ſogleich ſeinen Leuten, alle ſeine Reichthuͤmer aus ſei⸗ nem Hauſe wegzunehmen, und ſie an einen Ort zu bringen, welchen er ihnen bezeichnete, indem er ihnen verkuͤndigte, daß der Koͤnig ſein Herr ihn alsbald ver⸗ haften laßen wuͤrde. In der That, hatte ſein Geſinde noch nicht all ſein Hausgeraͤth fortgeſchafft, als der Hauptmann Der Veſyr Kaverſcha. 133 der Leibwache des Koͤnigs mit Soldaten ankam, und ihm ſagte, er haͤtte Befehl ihn ins Gefaͤngnis zu fuͤhren. Der Veſyr ließ ſich dahin bringen, waͤhrend ein Theil der Soldaten ſich noch alles deſſen bemaͤch⸗ tigte, was in dem Hauſe zuruͤckgeblieben war. Dieſer ungluͤckliche Miniſter, den Kodavend durch falſche Berichte verleitet, alſo behandelte, blieb meh⸗ rere Jahre in Feſſeln. Er hatte nicht einmal die Freiheit, mit ſeinen Freunden zu reden; man verſagte ihm jede Art von Troͤſtung, und taͤglich gab der Koͤnig irgend einen neuen Befehl, der die Haͤrte ſeiner Ge⸗ fangenſchaft vermehrte. Er hatte ſchon laͤngſt Verlangen einmal Rom⸗ manaſchi*) zu eſſen; er bat unaufhoͤrlich darum: aber man hatte die Grauſamkeit, es ihm abzuſchla⸗ gen, ſo ſehr befliß man ſich, ihn zu quaͤlen. Indeſ⸗ ſen, eines Tages brachte der Gefangenwaͤrter, aus Mitleid, ihm dieſes Gericht, in einem Porzelannapfe. Der Veſyr, hoch erfreut, endlich zu haben, was er ſo bruͤnſtig verlangt hatte, ſchickte ſich an, ſeine Be⸗ gier zu ſtillen, als zwei große Ratten, die ſich biſſen, ploͤtzlich bei dem Rommanaſchigericht, welches er einen Augenblick auf die Erde geſetzt hatte, umherſprangen, hineinfielen und es verunreinigten. Rommanaſchi iſt ein Gericht, wozu Granatkörner gehören. 1544 21. Tag. Kaverſcha wollte nun nicht davon eſſen, aber er ließ ſeinem Geſinde ſagen, ſie ſollten alle ſeine Habe wieder hervorholen und in ſein Haus zuruͤcktragen, weil, wie er ſagte, der Koͤnig ſein Herr im Begriff waͤre, ihn wieder aus dem Gefaͤngniſſe zu ziehen und in ſeine vorige Stelle wieder einzuſetzen. Auch dieſes blieb nicht aus: noch an demſelben Tage gab Kodavend ihm die Freiheit wieder, ließ ihn vor ſich kommen, und ſagte zu ihm: „Ich habe deine Unſchuld erkannt, und deine Feinde erdroſſeln laßen; ich ſchenke dir mein Vertrauen wie⸗ der, mit dem Range, welchen du zuvor einnahmſt.“ Kaverſcha's Freunde, die alles wußten, was vor⸗ gegangen war, fragten ihn hierauf, wie er haͤtte wiſ⸗ ſen koͤnnen, daß er verhaftet, und nachmals, daß er wieder befreiet werden ſollen. „Als ich ſah,“ antwortete ihnen der Veſyr,„daß mein Ring, anſtatt unterzuſinken, oben auf dem Waſſer blieb, ſo erkannte ich daran, daß mein Gluͤck * ſeinen hoͤchſten Gipfel erreicht hatte, und daß es nun, weil es nicht mehr wachſen konnte, nach der Ord⸗ nung des Himmels, ſich in Widerwaͤrtigkeit verkehren wuͤrde. Wos ſich denn auch bewaͤhrt hat. Als ich in meinem Gefaͤngniſſe ſo lange vergeblich um Rom⸗ manaſchi bat, ſah ich wohl, daß mein Ungluͤck noch b Der Veſyr Kaverſcha. 135 fortdauerte; und als endlich man es mir brachte, ließen die Ratten, welche hinein fielen, mich erken⸗ nen, daß ich das beſtimmte Ziel meines Ungluͤcks erreicht haͤtte, und daß auf mein außerſtes Leid bald vollkommene Freude folgen wuͤrde.“ 136 21. T ag. „Gebet euch alſo nicht, Koͤniginn, eurer Verzweif⸗ lung hin,“ fuhr der Koͤnig von China fort:„ihr ſeid vielleicht auf dem Punkte, das gluͤcklichſte Loos zu er⸗ fahren. Ahmet mir nach, und uͤberlaßet euch den ſuͤ⸗ ßeſten Hoffnungen. Ach! ich weiß nicht, ob ich nicht eben ſo, wie ihr, das Spielwerk einer Zauberinn bin, oder ob diejenige, die ich liebe, nicht irgend ein ſcheus⸗ licher Geiſt iſt.“ Zugleich ſagte Ruͤsvanſchad ihr ſeinen Namen, und erzaͤhlte ihr ſein Abenteuer mit der weißen Hinde. Fortſetzung und Beſchluß der Geſchichte des jungen Koͤnigs von Tibet und der Prinzeſſinn von Naiman. Er hatte kaum die Erzaͤhlung davon beendigt, als ſie beide einen jungen Mann zu Pferde erblickten, der ihre ganze Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Er war faſt nackt und ſprengte mit verhaͤngten Zuͤgeln einher. Der Koͤnig von Tibet und die Prinzeſſinn von Naiman. 137 Er kam ihnen ſo nahe, daß die Koͤniginn ihn erkannte und ausrief: „O Himmel, da iſt mein Gemahl!“ Aber er warf keinen Blick auf ſie; er ſah ganz ver⸗ ſtort aus, und indem er im vollen Laufe dahin jagte, blickte er ſich von Zeit zu Zeit um, als wenn er fuͤrchtete, verfolgt zu werden. Zwei und zwanzigſter Tag. Die junge Koͤniginn von Tibet und Ruͤsvanſchad verfolgten den jungen Mann mit den Augen, und ſie hatten ihn noch nicht aus dem Geſichte verloren, als ſie einen andern Reiter ankommen ſahen, welcher auch ſein Pferd ſehr lebhaft anſpornte. Dieſer war praͤch⸗ tig gekleidet, und ſchwang einen bloßen mit Blute ge⸗ faͤrbten Saͤbel in der Hand; man ſah wohl, daß er den erſten verfolgte und vor Ungeduld brannte, ihn einzuholen: aber, was das wunderbarſte dabei war, er glich jenem ſo vollkommen, daß die Fuͤrſtinn, als ſie ſein Antlitz geſehen hatte, ſich nicht enthalten konnte, nochmals auszurufen: „O Himmel, da iſt mein Gemahl!“ Er aber war ſo beſchaͤftigt mit ſeiner Verfolgung, daß er dicht an der Koͤniginn vorbeiſprengte, ohne ſie zu⸗ bemerken. 138 22. Tag. „Koͤniginn,“ ſagte hierauf der Koͤnig von China, „man muß geſtehen, daß nichts uͤberraſchender iſt, als dieſes hier.“ „Herr,“ antwortete ihm die Fuͤrſtinn,„ihr koͤnnt hieraus erkennen, daß ich euch kein Maͤhrchen vorge⸗ ſpiegelt habe, als ich euch meine Geſchichte erzaͤhlte.“ Als ſie noch uͤber dieſes ſeltſame Ereignis ſprachen, erſchien ein dritter Reiter. Dieſer, obwohl er nicht minder eilte, als die beiden anderen, ritt jedoch nicht vorbei, ohne Ruͤsvanſchad und die Koͤniginn anzuſe⸗ hen. Es war der Veſyr Aly⸗Bim⸗Haytam; die Fuͤr⸗ ſtinn und er erkannten ſich alsbald. Der Miniſter ſprang ſogleich vom Pferde, warf ſich der Koͤniginn zu Fuͤßen, und ſagte zu ihr: „Ah, Herrinn, ihr ſeid es alſo, die ich hier ſehe! Der Himmel ſei immerdar geprieſen, daß er euch er⸗ halten hat. Wenn er auch eine Zeitlang das Laſter frohlocken laͤßt, und die Unſchuld zu verlaßen ſcheint, ſo geſchieht es doch nur, um in der Folge ſeine Ge⸗ rechtigkeit deſto glaͤnzender zu bewaͤhren. Es iſt ge⸗ ſchehen, eure toͤdliche Feindinn lebt nicht mehr: der Koͤnig ſelber hat ſie erſchlagen, ſein Saͤbel iſt noch von ihrem boshaften Blute gefaͤrbt; und um ſeine Rache zu vollenden, verfolgt er in dieſem Augenblick einen Elenden, welcher auch durch Zauberei ſeine ei⸗ gene Geſtalt angenommen hat. Ich wuͤnſchte Muße zu haben, um euch von allem zu unterrichten, was Der Koͤnig von Tibet und die Prinzeſſinn von Naiman. 139 an dem Hofe vorgegangen iſt, ſeitdem ihr ſo unwuͤr⸗ dig davon entfernt ſeid: aber verſparen wir dieß fuͤr ein andermal; der Koͤnig eilt immer weiter: auf, Herrinn, laßt uns ſchleunig zu Pferde ſteigen, und ihm nachjagen!“ „Nein, Herr,“ ſagte hierauf Ruͤsvanſchad;„an⸗ ſtatt die Koͤniginn zu ermuͤden, bleibet ihr mit ihr hier. Ich uͤbernehme es, den Koͤnig einzuholen, und ihn hieher euch zuzufuͤhren.“ Indem er dieſes ſagte, naͤherte er ſich ſeinem Roſſe, ſchwang ſich leicht in den Sattel, und ſprengte dem Koͤnige von Tibet nach, ohne auf die Lobpreiſun⸗ gen zu antworten, welche die Fuͤrſtinn ihm uͤber ſei⸗ nen Edelmuth machte. Als er hinweg war, fragte der Veſyr die Koͤni⸗ ginn, wer dieſer junge Unbekannte waͤre, und er war nicht wenig uͤberraſcht, als er vernahm, es waͤre der Koͤnig von China. „Befriediget doch jetzo meine Neugier,“ ſagte die Fuͤrſtinn zu ihm,„und erzaͤhlet mir, auf welche Weiſe die Zauberinn iſt entlarvt worden.“ „Meine Koͤniginn,“ antwortete ihr der Miniſter, „der Koͤnig euer Gemahl, uͤberzeugt, daß ſeine Raͤ⸗ the die wahre Prinzeſſinn von Naiman wohl von der⸗ jenigen unterſchieden haͤtten, welche vermittelſt einer Bezauberung alle Aehnlichkeit derſelben angenommen, lebte mit eurer Nebenbuhlerinn in der vollkommenſten 8 140 22. Ta g. Eintracht. Er war ſeit einigen Tagen mit ihr in ei⸗ nem Schloſſe, welches er, wie ihr wißt, neun oder zehn Stunden von der Hauptſtadt hat. Heute mor⸗ gen ritten wir beide, in Begleitung eines einzigen Sklaven, auf die Jagd. Wir waren ſchon eine Strecke entfernt, als der Koͤnig ſich ploͤtzlich erinnerte, daß er der Koͤniginn etwas ſehr Wichtiges zu ſagen ver⸗ geſſen hatte. Wir kehren auf der Stelle um. Der Fuͤrſt ſtieg an dem Schloßthore ab, wo ich ihn er⸗ warten ſollte, und durch eine verborgene Treppe be⸗ gab er ſich in das Schlafgemach der Koͤniginn. Kurz darnach ſah ich einen Mann, ohne Turban, faſt nackt und in allen Zuͤgen dem Koͤnige aͤhnlich, zuruͤck⸗ kommen. Ich waͤhnte, es waͤre der Koͤnig, und rief aus:„Ach, Herr, warum ſeh' ich euch in dieſem Zuſtande?“ Aber anſtatt mir zu antworten, lief er mit verſtoͤrtem Antlitz zu ſeinem Pferde, ſchwang ſich hinauf, und ergriff die Flucht, ohne mir ein dinziges Wort zu ſagen. Da ich vermuthete, daß ihm irgead ein Unfall zu⸗ geſtoßen waͤre, ſo war ich hoͤchſt ungeduldig zu ver⸗ nehmen, was es wohl ſein moͤchte. Um mich daruͤber aufzuklaͤren, begann ich ihm zu folgen, und ich machte alle Anſtrengungen ihn einzuholen, als ich hinter mir eine Stimme vernahm, welche mir zurief: „Halt, Veſyr, halt!“ Der Koͤnig von Tibet und die Prinzeſſinn von Naiman. 141 Ich halte auf der Stelle, drehe mich um, und er⸗ blicke den Koͤnig, wie er aus dem Schloſſe tritt, mit funkelnden Augen, und das Schwert in der Hand. Er koͤmmt mit ſchleunigen Schritten auf mich zu, und ſagt zu mir: „Veſyr, wir haben die Koͤniginn verſtoßen, und ein elendes Weib behalten, welche durch Zauberei ihre ganze Geſtalt angenommen hat. So eben habe ich dieſer abſcheulichen das Leben genommen, und ich muß daſſelbe mit dem Boͤſewichte thun, der auch meine Geſtalt angenommen hat.— Gib mir dein Pferd,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich zu dem Skla⸗ ven wandte,„ich will den Elenden verfolgen, der vergeblich mir zu entfliehen denkt.“ Mit dieſen Worten ſchwang er ſich auf das Roß, ſprengte ſeinem Feinde auf dem Fuße nach, und ver⸗ folgt ihn noch.“. Waͤhrend der Veſyr Aly⸗Bim⸗Haytam der Koͤni⸗ ginn dieſes berichtete, ſprengte Ruͤsvanſchad dem Kd⸗ nige von Tibet nach, und folgte ihm mit ſolcher Hitze, als wenn er ſeiner weißen Hinde nachgejagt haͤtte. Seinerſeits ſpornte auch der Koͤnig von Tibet, angetrieben von ſeinem Zorne, ſein Pferd unablaͤßig; und da er ein beſſerer Reiter war, als der, den er verfolgte, ſo erreichte er ihn endlich, hieb ihn mit dem Schwert ihn die Schulter, und ſtuͤrzte ihn aus dem Sattel. Er ſprang auch ſogleich ab, um ſeinen 142 22. 25. Ta g. Feind vollends zu toͤdten: aber der Elende bat um ſein Leben. „Ich ſchenke es dir,“ ſagte der Koͤnig, unter der Bedingung, daß du mir ſageſt, wer du biſt, und wie und warum du meine Geſtalt angenommen haſt; mit Einem Worte, daß du mir volle Aufklaͤrung uͤber alle die Dinge gebeſt, welche ich wiſſen will.“ „Herr,“ antwortete ihm der Menſch,„da Euer Majeſtaͤt mich begnadigt, ſo will ich euch nichts ver⸗ hehlen. Ich will mit aller Aufrichtigkeit reden, welche ihr von mir fordert; und um euch zu uͤberzeugen, daß ich den Vorſatz habe, euch zu befriedigen, ſo muß ich damit anfangen, meine natuͤrliche Geſtalt wieder anzunehmen.“ Indem er dieſe Worte ausſprach; zog er nur einen Ring vom Finger, und ſogleich ſah der Koͤnig in ihm nichts mehr, als die Geſtalt eines ſcheußlichen Greiſes. Drei und zwanzigſter Tag. Der Koͤnig von Tibet war ſehr uͤberraſcht durch dieſe Verwandlung, welche ſeine Neugier nur noch mehr reizte, alles das zu vernehmen, was dieſer Greis ihm nun zu erzaͤhlen begann. Der Koͤnig von Tibet und die Prinzeſſinn von Naiman. 143 „Herr,“ ſagte dieſer Elende,„ihr ſehet mich jetzo, wie ich von Natur bin; und um euch volle Befriedi⸗ gung zu geben, will ich euch die Geſchichte meines Lebens erzaͤhlen. Ich bin der Sohn eines Webers zu Damask, und Mokbel iſt mein Name. Da mein Vater ſehr reich, und noch geiziger war, und keinen andern Er⸗ ben hatte, als mich, ſo ſah ich mich nach ſeinem Tode, im Beſitz eines fuͤr einen Menſchen meines Standes ſehr anſehnlichen Vermoͤgens. Anſtatt dem Beiſpiele meines Vaters zu folgen, oder wenigſtens mein Vermoͤgen etwas zu Rathe zu halten, dachte ich nur daran, mich zu vergnuͤgen. Ich liebte die Weiber, und beſtrebte mich beſonders einer jungen Frau zu ge⸗ fallen, welche in meiner Nachbarſchaft wohnte. Sie war ſchoͤn und geiſtvoll; aber ihr Geiſt war hinterliſtig, und ihr Gemuͤth boshaft. Sie wurde von mehreren Maͤnnern geliebt, welche ſich ſaͤmmtlich ſchmeichelten, den Vorzug zu haben, weil ſie alle auf gleiche Weiſe behandelte, zwar jeden beſonders. Verfuͤhrt von den Beweiſen der Liebe, welche ſie mir gab, bildete ich mir ein, daß meine Nebenbuhler fuͤr eine Undankbare ſeuf⸗ zeten, und daß ich gluͤcklicher waͤre, als ſie: dieſe Meinung erhoͤhte meine Liebe, und meine Liebe ſtuͤrzte mich in ungeheuern Aufwand. Taͤglich ſchickte ich Dilnuaſe'n,— ſo nannte ſie ſich,— irgend ein neues Geſchenk; und die Geſchenke, welche ich ihr 144 23. Ta g. machte, waren ſo anſehnlich, daß ich in drei bis vier Jahren mich zu Grunde richtete. Meine Nebenbuhler ihrerſeits bemuͤhten ſich ebenfalls um die Wette, ſich durch Geſchenke die Zaͤrtlichkeit Dilnuaſens zu erhal⸗ ten, dergeſtalt, daß dieſes Weib ſich von unſerer Beute bereicherte. Nachdem ich mein ganzes Vermoͤgen verſchwendet hatte, verſah ich mich eines ſchlechtern Empfanges, und ich fuͤrchtete dieß, weil ich noch immer ſehr ver⸗ liebt war. Aber Dilnuaſe, ſo eroberungsſuͤchtig und eigennuͤtzig ſie war, ſagte eines Tages zu mir: „Mokbel, du glaubſt vielleicht, daß ich dich von mir weiſen werde, weil du nicht mehr im Stande biſt, mir Geſchenke zu machen. Nein, mein Freund; da du der verliebteſte aller meiner Liebhaber biſt, weil du dich zuerſt zu Grunde gerichtet haſt, ſo will ich auch meinerſeits dir zeigen, daß ich großmuͤthig bin. Ich will alles mit dir theilen, was ich von dei⸗ nen Nebenbuhlern empfange, und dir mit Wucher er⸗ ſtatten, was deine Liebe fuͤr mich verſchwendet hat.“ „In der That, anſtatt mich Mangel am Noth⸗ duͤrftigen leiden zu laßen, aͤberſchuͤttete ſie mich viel⸗ mehr mit Gold und Silber. Ich erſchien reicher, als ich jemals geweſen war. Ueberdieß ſetzte ſie ihr volles Vertrauen in mich, ſie that nichts, ohne mich um Rath zu fragen, und wir lebten auf dieſe Weiſe meh⸗ rere Jahre mit einander. Der Koͤnig von Kibet und die Prinzeſſinn von Natman. 145 Allmaͤhlich ward Dilnuaſe alt, die Zahl ihrer Lieb⸗ haber verminderte ſich taͤglich, und endlich entfuͤhrte die Zeit ihr ſie alle. Weiche Kraͤnkung fuͤr eine Frau, welche ſo ſehr, wie ſie, die Geſellſchaft der Maͤnner liebte! Sie konnte ſich gar nicht troͤſten, als ſie ſich von Allen verlaßen ſah. „Ach, Mokbel,“ ſprach ſie jetzt zu mir,„ich be⸗ kenne dir, daß das Alter mir unleidlich iſt. Von Kindheit auf an die Huldigungen junger Maͤnner ge⸗ woͤhnt, kann ich gegenwaͤrtig ihre Verachtung nicht ertragen. Ich muß ſterben, um mich von dem toͤdt⸗ lichen Verdruſſe zu befreien, der mich verzehrt; oder ich muß in die Wuͤſte Pharan gehen, um die weiſe Bedra aufzuſuchen. Dieſe iſt die kundigſte Zaube⸗ rinn Aſiens; die ganze Erde iſt ihren Bezauberungen unterworfen: die Stroͤme fließen, wenn es ihr beliebt, zu ihren Quellen zuruͤck; die Sonne erbleicht, auf ih⸗ ren Ruf, oder geht ruͤckwaͤrts, und der Mond ſteht mitten in ſeinem Laufe ſtill. Ich habe Luſt, ſie zu beſuchen; ich weiß, an welchem Orte der Wuͤſte ſie wohnt: vielleicht gibt ſie mir ein geheimes Mittel, daß mich die Maͤnner noch lieben trotz meinem Alter.“ „Du wirſt ſehr wohl daran thun,“ antwortete ich mafeud ich will dich begleiten, wenn du es wuͤn⸗ e.* I. 4. 10 146 23. Tag. Sie bat mich darum. Wir verſahen uns mit Vor⸗ rath, und einigen Geſchenken fuͤr Bedra, und mach⸗ ten uns auf den Weg nach der Wuͤſte. Als wir dort angelangt waren, und zwei Tage darin gewandert hatten, zeigte mir Dilnuaſe in der Ferne einen Berg, und ſagte mir, dort wohnete die Zauberinn. Wir gingen bis an den Fuß des Berges, und erblickten eine weite und tiefe Hoͤhle, aus wel⸗ cher mit Geraͤuſch tauſend Voͤgel uͤbler Vorbedeutung, oder vielmehr fliegende Ungeheuer von mancherlei Ge⸗ ſtalt, hervorflogen, welche ſich bis in die Wolken er⸗ huben, und die Luft von ihrem ſchauerlichen Gekraͤchz widerhallen ließen. Wir traten an den Eingang, und ſahen beim Schein einer ſtaͤhlernen Lampe, welche die ganze Hoͤhle erleuchtete, eine kleine Alte auf einem großen Steine ſitzen. Es war Bedra. Dieſe Zauberinn hielt auf ihren Knien ein großes aufgeſchlagenes Buch, in welchem ſie vor einem goldenen Ofen las, darin ein ſilberner Topf voll ſchwarzer Erde ſtand, der ohne Feuer kochte. Wir erkannten wohl, daß wir gefunden hatten, was wir ſuchten. Wir traten ein, naͤherten uns der Alten und gruͤßten ſie ſehr ehrfurch zvoll. Wir boten ihr die fuͤr ſie mitgebrachten Geſchenke dar, und hier⸗ auf redete Dilnuaſe ſie mit dieſen Worten an: Der Koͤnig von Tibet und die Prinzeſſinn von Naiman. 147 „Allmaͤchtige Bedra, ich flehe deine Huͤlfe an. Es iſt nicht noͤthig dir den Gegenſtand zu ſagen, wel⸗ cher mich herfuͤhrt, weil du durch die Macht deiner Kunſt alles weißt.“ Vier und zwanzigſter Tag. Nachdem die Zauberinn Dilnuaſe'n angehoͤrt hatte, ſagte ſie zu ihr: „Nein, nein, es iſt nicht noͤthig, daß du mir ſa⸗ geſt, was ich ſchon weiß.“ Mit dieſen Worten ging ſie hin, nahm zwei glaͤ⸗ ſerne Flaͤſchchen, und trug ſie vor die Hoͤhle heraus; hier ſetzte ſie dieſelben auf die Erde, und warf in je⸗ des einen goldenen Ring. Zu gleicher Zeit oͤffnete ſie ihr Buch, und las einige Zauberſpruͤche her. Waͤhrend ſie dieſe Beſchwoͤrungen anſtellte, ſahen wir aus einem der Glaͤſer Feuer, und aus dem andern einen ſchwar⸗ zen und ſehr dicken Rauch aufſteigen, welcher ſich in der Luft verbreitete, und ploͤtzlich ein furchtbares Donnern erregte. Aber dieſes Donnern ließ bald nach, und man ſah nun nichts mehr aus den Glaͤſern auf⸗ ſteigen. Jetzo nahm Bedra die Ringe wieder heraus, ſteckte Dilnuaſe'n einen davon an den Finger, und ſagte zu ihr: 148 24. Tag. „Geh hin, Weib, und uͤberlaß dein Herz der Freude; deine Wuͤnſche ſind erfuͤllt. Der Ring, wel⸗ chen ich dir gebe, hat die Kraft, ſo lange du ihn am Finger traͤgſt, daß du die Geſtalt einer jeden Frau annehmen kannſt, welche dir gefaͤllt. Du darfſt nur wuͤnſchen jenem Maͤdchen oder jener Frau zu glei⸗ chen, und in dem Augenblicke wirſt du ihr ſo aͤhnlich ſein, daß man euch mit einander verwechſeln wird.— Und du, Mokbel,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich zu mir wandte,„dir will ich den andern Ring ſchenken, der ebenfalls die Kraft hat, deine eigenen Zuͤge zu ver⸗ wandeln und dir die Geſtalt eines jeglichen Mannes zu leihen, welche du verlangſt.“ Mit dieſen Worten ſteckte ſie mir den andern Ring an den Finger. Wir dankten Bedra fuͤr ihre koſtbaren Geſchenke, und nahmen Abſchied von ihr. Wir warteten nicht unſere Ruͤckkehr nach Damask ab, um unſere Ringe zu erproben, ſondern machten gleich in der Wuͤſte den Verſuch damit. Wir wuͤnſchten uns, Perſonen von unſerer Bekanntſchaft aͤhnlich zu ſein, und nahmen auf der Stelle ihre Geſtalt an.. Als wir wieder in Damask waren, ſo nahm Dil⸗ nugſe, die nicht geſonnen war, ihren Ring ungenutzt zu laßen, die Geſtalt der ſchoͤnſten Frauen der Stadt an, um ſich ihren Liebhabern hinzugeben und von ih⸗ nen ſtarke Summen zu ziehen. Ich meinerſeits bediente Der Koͤnig von TDibet und die Prinzeſſinn von Naiman. 149 mich auch meines Ringes, mich zu vergnuͤgen, manch⸗ mal auch um zu ſtehlen, indem ich unter der Geſtalt bald dieſes, bald jenes Mannes erſchien. Nachdem wir lange auf dieſe Weiſe zu Damask ge⸗ lebt hatten, kamen wir auf den Einfall zu reiſen. Wir verließen Aegypten, und reiſten von Stadt zu Stadt, bis in das Land der Naimanen. Dort ver⸗ nahmen wir, daß eine junge Fuͤrſtinn, oder vielmehr ein Kind, den Thron einnahm; daß in ihrem Namen der Veſyr Aly⸗Bim⸗Haytam den Staat regierte, und volle Gewalt hatte: daß dieſes aber viele Misver⸗ gnuͤgte machte, und man ſehr wuͤnſchte, der Prinz Muaffak, der jungen Koͤniginn Oheim, und Bruder des verſtorbenen Koͤnigs, moͤchte wieder ins Land kommen, daß man aber glaubte, er waͤre in einer in Mogoliſtan gelieferten Schlacht gefallen, weil man ſeit dieſer Zeit nicht wußte, was aus ihm geworden waͤre. Wir horchten aufmerkſam auf alle dieſe Re⸗ den, und Dilnuaſe ſagte zu mir: Sieh da eine ſchoͤne Gelegenheit, eine Krone zu gewinnen: du darfſt nur die Geſtalt Muaffaks an⸗ nehmen.“ Ich entſchloß mich ohne Muͤhe, dieſe Rolle zu ſpielen. Ich erkundigte mich zuvor nach allen Umſtaͤn⸗ den der in Mogoliſtan gelieferten Schlacht. Ich kund⸗ ſchaftete ſelbſt Leute aus, welche mir diejenigen unter den Großen des Reichs nannten, die Muaffaks beßte 130 24. Sag. Freunde geweſen waren. Kurz, nachdem ich alles er⸗ fahren hatte, was ich wiſſen wollte, wuͤnſchte ich mir, dieſem Prinzen aͤhnlich zu ſein, und hatte ſogleich voͤl⸗ lige Aehnlichkeit mit ihm. Ich zeigte mich nun den⸗ jenigen, die man mir als Muaffaks Anhaͤnger genannt hatte. Sie bezeugten eine große Freude mich wieder⸗ zuſehen, und ich hatte ihnen nicht ſobald zu erkennen gegeben, daß es meine Abſicht waͤre, mich des Thro⸗ nes zu bemaͤchtigen, als ſie mir verſprachen fuͤr mich allen Einfluß zu verwenden, welchen ſie im Lande haͤtten. Ihre Verſprechungen waren nicht eitel. Die Naimanen am Amur⸗Fluſſe durch ihre Aufmunterun⸗ gen gewonnen, fingen an, ſich zu meinen Gunſten zu empoͤren; die Feinde des Veſyrs Aly thaten das Uebrige. Bald war das ganze Reich im Aufſtande; die Inwohner von Albaſin ſelber oͤffneten mir die Thore ihrer Stadt, als ich davor erſchien; und nach⸗ dem ſie mich zum Koͤnige der Narmanen ausgerufen hatten, ſchwuren ſie, mir in allem zu gehorchen, was ich ihnen gebieten moͤchte. Ich wollte ſogleich mich der jungen Koͤniginn bemaͤchtigen und ſie meiner Sicherheit aufopfern; aber der Veſyr Aly. rettete die⸗ ſer Fuͤrſtinn das Leben, indem er ſie eben ſo heimlich als ſchleunig aus dem Reiche hinwegfuͤhrte. Ich ſaß nun ruhig auf dem Throne, und herrſchte mit unumſchraͤnkter Gewalt. Ich belohnte alle dieje⸗ nigen, welche zu meiner Erhebung mitgewirkt hatten, Der Koͤnig von Kibet und die Prinzeſſinn von Narman. 151 und gab ihnen die hoͤchſten Aemter: und wenn ich wirklich der Prinz Muaffak geweſen waͤre, ſo haͤtte ich vielleicht keinen beſſern Gebrauch von meiner Herr⸗ ſchaft gemacht. Ich lebte alſo ſehr zufrieden mit Dil⸗ nuaſe'n, welche unter der Geſtalt einer jungen und ſchoͤnen Frau, als Koͤniginn auftrat. Ich gab ſie fuͤr die Tochter eines Koͤnigs aus, an deſſen Hof, wie ich ſagte, ich mich nach jener Schlacht, worin ich verſchwunden war, gefluͤchtet, und der mich mit ihr vermaͤhlt hatte, um mich uͤber mein Ungluͤck zu troͤ⸗ ſten. Sie hatte eine praͤchtige Wohnung in dem Pa⸗ laſt, und zur Bedienung eine Unzahl von ſchoͤnen Sklavinnen, welche durch ihre mannigfaltigen Ge⸗ ſchicklichkeiten ſie unaufhoͤrlich zu ergetzen ſuchten. Kurz, unſere Tage floſſen unter Vergnuͤgen dahin, als wir durch eure Geſandten, Herr, vernahmen, daß ihr euch mit der Fuͤrſtinn der Naimanen vermaͤhlt haͤttet und entſchloſſen waͤret, mich zu bekriegen, wenn ich ihr nicht die entriſſene Krone wiedergaͤbe. Ich gab eine ſtolze Antwort, als wenn ich eure Drohungen verachtet haͤtte: aber im Grunde war ich daruͤber beſtuͤrzt, und ich hatte nicht ſobald eure Ge⸗ ſandten entlaßen, als ich mit Dilnuaſe'n ſehr ernſtlich bedachte, welchen Ausweg wir ergreifen ſollten. Nachdem wir lange uͤberlegt hatten, entſchloſſen wir uns, in der Ueberzeugung, daß wir zu ſchwach waͤren, euch Wiederſtand zu leiſten, euch einen Thron 152 24. 23. CaMg. zu uͤberlaßen, welchen wir nicht behaupten konnten: aber wir nahmen uns vor, uns an euch und an der Fuͤrſtinn der Narmanen zu raͤchen, wie wenn ihr uns die groͤßte Ungerechtigkeit von der Welt angethan haͤt⸗ tet; und auf folgende Weiſe ſtellten wir unſere Rache an. Fuͤnf und zwanzigſter Tag. Ich nahm meine Zuflucht zu meinem Ringe,“ fuhr Mokbel fort.„Ich ſtellte mich einige Tage hin⸗ durch krank, und nahm darnach, um das Volk glau⸗ ben zu machen, ich waͤre geſtorben, voͤllig die Geſtalt eines Leichnams an. Man beging meine(Heichenfeier; in der Nacht aber kam Dilnuaſe und öffnete den Sarg in welchem man mich verſchloſſen hatte, und in unſerer natuͤrlichen Geſtalt verließen wir Albaſin. Wir richteten unſern Weg nach der Hauptſtadt von Tibet, wo wir kaum angelangt waren, als wir auch Bevollmaͤchtigte ankommen ſahen, welche die Naima⸗ nen an die Koͤniginn, eure Gemahlinn, ſchickten, um ihr den Tod des Prinzen Muaffak zu melden, und ſie zu verſichern, daß ſie ſie als ihre rechtmaͤßige Herrinn anerkenneten. Auf dieſe Neuigkeit entließet ihr eure ſchon verſammelten Truppen, und entſchloſſet euch, Der Koͤnig von Dibet und die Prinzeſſinn von Narman. 153 die Regierung des Reichs der Naimanen dem Veſyr Aly anzuvertrauen. Unterdeſſen ſchlichen wir, Dilnuaſe unter der Ge⸗ ſtalt einer jungen Sklavinn der Koͤniginn und ich unter der Geſtalt eines ihrer Verſchnittenen, uns eines Nachts in den Palaſt ein. Wir ſchluͤpften in euer Schlafgemach, wo es uns nicht ſchwer ward, unſer Vorhaben aus⸗ zufuͤhren; denn ihr hattet euch ſchon ſchlafen gelegt, und die Koͤniginn las noch in dem Nebenzimmer. Dilnuaſe nahm die Geſtalt dieſer Fuͤrſtinn an, und legte ſich neben euch ins Bette; und als eure wahre Gattinn aus dem Nebenzimmer trat, um zu euch zu gehen, ſtellte ich mich ihr unter der Schreckgeſtalt ei⸗ nes Geſpenſtes in den Weg. Sie that einen Schrei. Ich verſchwand. Das Uebrige wißt ihr, Herr, und ich habe euch nur noch zu ſagen, warum ich heute die Geſtalt Euer Majeſtaͤt angenommen habe. Dieſen Morgen, ſobald ihr aus dem Palaſte ge⸗ gangen waret, trat ich, unter der Geſtalt des Ober⸗ ſten eurer Verſchnittenen, in euer Schlafgemach, wo ihr eben Dilnuaſe'n im Bette verlaßen hattet. „Mokbel,“ ſagte ſie zu mir,„entkleide dich, und nimm unter der Geſtalt des Koͤnigs hier ſeine Stelle ein.“ Ich that, was ſie wuͤnſchte; und ich war noch im Bette mit ihr, als ihr ploͤtzlich durch die Thuͤre der verborgenen Treppe in das Zimmer tratet. Ihr holtet ſogleich nach mir aus; ich entſchluͤpfte der 154 25, Tag. Schaͤrfe eures Schwertes. Aber der Himmel, der ohne Zweifel meine Verbrechen nicht unbeſtraft laßen wollte, hat mich wieder eurer Rache uͤberliefert. Ja, Herr, ich geſtehe es, ich verdiene den Tod. Und wenn Euer Majeſtaͤt, nachdem ihr alle die Frevel vernom⸗ men habt, aus welchen die Geſchichte meines Lebens zuſammengeſetzt iſt, es bereuet, mich begnadigt zu haben, ſo moͤget ihr euer Wort zuruͤcknehmen und ei⸗ nen Elenden beſtrafen, der ſich ſelber fuͤr unwuͤrdig erkennt zu leben.“ „Es iſt wahr,“ antwortete ihm der Koͤnig von Tibet,„du verdienteſt, daß ich dich ebenſo behandelte, wie ich ſchon die elende Genoſſinn deiner Schandthaten behandelt habe. Ich ſollte die Erde von einem ſolchen Ungeheuer, wie du biſt, reinigen; aber weil ich dir verſprochen habe, dir das Leben zu laßen, ſo will ich mein Wort halten: nur deinen Ring will ich dir neh⸗ men, das unſelige Werkzeug deiner Frevel; du kannſt ſo dem menſchlichen Geſchlechte nicht mehr ſchaden, und dein Alter mag deine Strafe ſein.“ Als der Koͤnig dieſe Worte geſprochen hatte, er⸗ blickte er Ruͤsvanſchad, der mit verhaͤngtem Zuͤgel auf ihn zu ſprengte; und da er an ſeiner Kleidung erſah, daß es nicht ein gewoͤhnlicher Menſch ſein koͤnnte, ſo betrachtete er ihn mit Aufmerkſamkeit. Als Ruͤsvan⸗ ſchad ihn erreicht hatte, ſtieg er ab, begruͤßte ihn, und ſagte: Der Koͤnig von Tibet und die Prinzeſſinn von Narman. 1553 „Mein Fuͤrſt, ich komme, euch eine angenehme Neuigkeit zu verkuͤndigen. Die Koͤniginn eure Gemah⸗ linn, die Fuͤrſtinn der Naimanen, iſt noch am Leben. Wie unwuͤrdig ſie auch aus der Hauptſtadt von Tibet verſtoßen worden, und ungeachtet alles deſſen, was ſie ſeitdem erlitten hat, vernehmet von mir, daß ſie nicht todt iſt, und daß es nur von euch abhaͤngt, ſie heute noch wiederzuſehen.“ „O Himmel!“ rief der Koͤnig von Tibet bei dieſen Worten aus,„darf ich glauben, was ich hoͤre? Iſt es moͤglich, daß die Koͤniginn, nach allen den Unfaͤl⸗ len, welche ſie erfahren hat, noch am Leben iſt?— Aber ihr,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich zu dem Koͤ⸗ nige von China wandte,„ihr, der ihr von den ſelt⸗ ſamen Begebenheiten, welche in meinem Hauſe vorge⸗ gangen, unterrichtet zu ſein ſcheinet, ſaget mir, ich bitte euch, wer ihr ſeid, und belehret mich uͤber alle die Verpflichtungen, welche ich euch habe.“ „Ich bin ein Fremdling,“ antwortete ihm Ruͤs⸗ vanſchad,„und ich will euch meinen Namen ein ander⸗ mal ſagen. Der Zufall hat mich mit der Koͤniginn zuſammengefuͤhrt; ſie hat mir ihre Geſchichte erzaͤhlt, und ich weiß auch, was euch heute Morgen begegnet iſt; der Veſyr Aly hat es mir eben erzaͤhlt. Er iſt in dieſem Augenblicke bei der Fuͤrſtinn, an einem Orte, wo ich verſprochen habe, euch hin zu fuͤhren.“ 156 26. 26. Ta g. Dieſe Neuigkeit machte dem jungen Koͤnige von Ti⸗ bet große Freude, und voll Ungeduld, ſeine wahre Gattinn wiederzuſehen, eilte er auf der Stelle mit Ruͤs⸗ vanſchad zu ihr, und uͤberließ den elenden Mokbel, nachdem er ihm ſeinen Ring genommen hatte, ſeinem Schickſale. Sechs und zwanzigſter Tag. Sobald die beiden Fuͤrſten dort hinkamen, wo der Veſyr Aly⸗Bim⸗Haytam mit der Koͤniginn ſie erwar⸗ tete, ſprang der Koͤnig von Tibet vom Pferde, ſchloß ſeine Gattinn, die ihm entgegenflog, in ſeine Arme, und ſagte zu ihr: „Theure Herrinn, mit welchem Auge werdet ihr fortan einen Gatten anſehen, der euch ſo uͤbel behan⸗ delt hat? Aber, ach! wie weit ich auch meine Grau⸗ ſamkeit getrieben habe, doch duͤrfet ihr mich nicht haſ⸗ ſen, weil ich, indem ich euch verfolgte, euch an eu⸗ rer Feindinn zu raͤchen waͤhnte.“. „Laßt uns das Vergangene vergeſſen, Herr,“ ant⸗ wortete die Koͤniginn,„euer Irrthum dient euerm Ver⸗ fahren mit mir zur Entſchuldigung, und die Bezau⸗ berung war von der Art, daß man euch euern Irrthum verzeihen muß.“ Der Koͤnig von Tibet und die Prinzeſſinn von Narman. 157 „Nein, theure Gattinn,“ verſetzte der Koͤnig,„ich finde ihn nicht zu entſchuldigen, und verzeihe ihn mir nimmer. Welche Aehnlichkeit auch zwiſchen euch und dem elenden Weibe, die eure Geſtalt angenommen hatte, obwalten mochte, ich haͤtte euch nie verkennen ſollen, an eurem Gemuͤthe, an eurem Geiſte, worin euch euer Scheinbild nicht gleich war.“ Nachdem ſich beide einige Zeit der Freude des Wiederſehens hingegeben hatten, fragte die Koͤniginn ihren Gemahl, wie er es gewahr worden, daß die Frau, welche er fuͤr ſeine Gattinn gehalten, es nicht waͤre. Der Koͤnig antwortete ihr: „Ich ſtieg auf einer verborgenen Treppe in das Schlafgemach der Koͤniginn, und kaum hatte ich die Thuͤr geoͤffnet, als ich einen Mann bei meinem Weibe liegen ſah: von Wuth ergriffen zog ich mein Schwert und trat an das Bette, um dieſes Liebespaar meiner Rache zu opfern; aber der Mann hatte die Gewandt⸗ heit, meinen Streichen auszuweichen und die verbor⸗ gene Treppe zu gewinnen. Bevor ich ihn verfolgte, wollte ich mich meines treuloſen Weibes entledigen. Sie war aufgeſtanden, und bat mich mit ausgeſtreck⸗ ten Armen um Gnade. Ich war zu ſehr ergrimmt, um darauf zu hoͤren, ich ſchlug ſie, und hieb ihr eine Hand ab, an welcher ſie einen Ring trug. Kaum war ihr die Hand abgefallen, als ihr ſchoͤnes Antlitz 158 26. Sag. verſchwand, und ich nichts mehr vor mir ſah, als ein ſcheußliches altes Weib.“ „Ach, Fuͤrſt,“ ſagte ſie zu mir,„indem du mir die Hand abgehauen, haſt du den Zauber vernichtet, der deine Augen taͤuſchte. Durch die Macht eines Zauberringes hatte ich die Geſtalt der Koͤniginn ange⸗ nommen, und der Mann, welcher jetzt eben dir ent⸗ ſchluͤpft iſt, hat auch durch die Kraft eines andern Ringes deine Geſtalt angenommen. Nimm mir nicht das Leben; ich bin ſchon elend genug, weil ich dich enttaͤuſcht ſehe.“ „Ha, Verworfene,“ rief ich jetzt aus,„ſchmeichle dir nicht mit eitler Hoffnung, und waͤhne nicht, von meiner Großmuth zu erlangen, daß ich dir das Leben laße. Nein, nein, dein Verbrechen iſt nicht zu ver⸗ zeihen. Wenn du allein mich beleidigt haͤtteſt, ſo haͤtte ich, aus Mitleid, dich begnadigen koͤnnen: aber du haſt die Vereinigung geſtoͤrt, worin ich mit der Koͤniginn lebte; du biſt Urſache, daß ich dieſe Fuͤrſtinn ſo unwuͤrdig behandelt, daß ich ſie aus meinem Pa⸗ laſte gejagt habe, und daß ich ſie nie wiederſehen werde; denn ich zweifle nicht, daß ſie, uͤberwaͤltigt von Schmerz und Elend, ihr bejammernswuͤrdiges Schickſal vollendet habe.“ Mit dieſen Worten,“ fuhr der Koͤnig fort, „ſchwang ich mein Schwert, und ſchlug der ſchandba⸗ ren Alten den Kopf ab. Der Koͤnig von Tibet und die Prinzeſſinn von Natman. 159 Darnach verfolgte ich ohne Zeitverluſt den Elenden, der meine Geſtalt erborgt hatte, und der Himmel hat nicht zugelaßen, daß er meiner gerechten Rache ent⸗ ſchluͤpft ſei.“. Nachdem der Koͤnig von Tibet auf ſolche Weiſe die Neugier der Koͤniginn befriedigt hatte, erzaͤhlte er noch alles, was zwiſchen ihm und Mokbel vorgegan⸗ gen war. Er wiederholte umſtaͤndlich alle die Kunſt⸗ griffe, welche dieſer Elende und Dilnuaſe angewandt hatten, um ſich des Throns der Naimanen zu bemaͤch⸗ tigen, und auf welche Weiſe ſie ihn nachmals wieder aufgegeben hatten. Die Fuͤrſtinn und der Veſyr Aly hoͤrten dieſe Ge⸗ ſchichte mit eben ſo viel Ueberraſchung, als Aufmerk⸗ ſamkeit an. Als der Koͤnig ſie beendigt hatte, wandte er ſich zu Ruͤsvanſchad, und ſagte zu ihm: „Edler Fremdling, der ihr ſo großmuͤthig zu dem Gluͤcke mitgewirkt habt, deſſen wir uns jetzt erfreuen, welche Beweiſe der Erkenntlichkeit ſoll ich euch geben? Redet, fordert von mir alles was euch gefaͤllt, und ſeid verſichert, daß ich es euch gewaͤhre.“ Ruͤsvanſchad wollte auf dieſes Erbieten antworten, als die junge Koͤniginn von Tibet das Wort nahm, und zu ihrem Gemahle ſagte: „Herr, ihr wiſſet nicht, daß der Fremde, zu dem ihr alſo redet, der Koͤnig von China iſt.“ 160 26. Tag. Sobald der Koͤnig von Tibet dieſes von der Koͤni⸗ ginn vernahm, bat er Ruͤsvanſchad um Verzeihung, wenn er es an der gebuͤhrenden Achtung haͤtte fehlen laßen. Der Koͤnig von China unterbrach ihn aber, und die beiden Fuͤrſten umarmten ſich zu wiederholten Malen. Hierauf begaben ſie ſich alle nach dem Schloſſe des Koͤnigs von Tibet. Ruͤsvanſchad blieb hier einige Tage, und wurde koͤniglich bewirthet. Darnach nahm er Abſchied von ſeinen Wirthen, und kehrte in ſeine Staaten zuruͤck. —— Ruͤsvanſchad und Scheheriſtani. Fortſetzung der Geſchichte Ruͤsvanſchads und der Prinzeſſinn von Scheheriſtan. Als der Koͤnig von China wieder in ſeinem Palaſt angekommen war, verfehlte er nicht, ſeinem Veſyr die wunderbaren Abenteuer der Koͤniginn und des Koͤ⸗ nigs von Tibet zu erzaͤhlen. Muͤeßin war erſtaunt daruͤber und nahm Anlaß davon, ſeinem Herrn nochmals vorzuſtellen, daß Sche⸗ heriſtani wahrſcheinlich auch nur eine Zauberinn waͤre, oder gar ein der Dilnuaſe aͤhnliches Weib; und Ruͤs⸗ vanſchad fing an nicht mehr daran zu zweifeln. Eines Morgens, als alle Hofleute im Palaſte verſammelt waren, und ſie, wie gewoͤhnlich, warte⸗ ten, daß der Fuͤrſt erſchiene, kam man, ihnen zu ſagen, daß man nicht wuͤßte, was aus ihm geworden waͤre: am vergangenen Abend waͤre er, nachdem er I.. 11 162 26. Tag. alle ſeine Leute entlaßen haͤtte, auf einem Sopha ein⸗ geſchlafen, und man faͤnde ihn weder in ſeinem Schlafgemache, noch an irgend einem andern Orte des Palaſts. Man ſtellte neue Nachforſchungen an, aber ſie wa⸗ ren alle fruchtlos; und als einige Tage ſo vergangen waren, ohne daß man etwas von ihm vernahm, und ohne daß man wußte, wo er wohl ſein moͤchte, fin⸗ gen alle Hofleute an, um die Wette ihre Trauer zu bezeigen. Sie faͤrbten ſich das Geſicht gelb, und ver⸗ goſſen Thraͤnen, indem ſie Roſen vor dem Throne ſtreuten. Muͤeßin vor allen ſchien untrdſtlich. Er liebte ſei⸗ nen Herrn leidenſchaftlich; und in ſeinem Schmerze uͤber die Ungewisheit ſeines Schickſals, rief er aus: „Ach, mein Fuͤrſt, an welchem QOrte der Welt ſeid ihr? Was ſoll ich von eurer Abweſenheit denken? Solltet ihr eine neue Reiſe unternommen haben? Iſt es eine Zaubermacht, welche euch euren Voͤlkern ent⸗ fuͤhrt? oder verließet ihr uns aus eigenem Antriebe? Nein, ihr kennet zu gut unſern Eifer und unſere Treue, um uns eine ſo große Betruͤbnis verurſachen zu wollen. Es geſchah ohne Zweifel durch die unſeli⸗ gen Kuͤnſte einer Zauberinn, daß wir euch verloren haben.“ Waͤhrend der Veſyr und die uͤbrigen Unterthanen Nuͤsvanſchads ſich dem Schmerze hingaben, war dieſer Rüsvanſchad und Scheheriſtani. 765 gluͤckliche Fuͤrſt auf dem Gipfel der Freude in der In⸗ ſel Scheheriſtan, wohin er auf Scheheriſtani's Befehl war entruͤckt worden. Nachdem dieſe Prinzeſſinn als Koͤniginn ausgerufen worden, hatte ſie ſich den Staatsgeſchaͤften gewidmet, und war in den erſten Tagen ihrer Regierung nur mit der Sorge fuͤr ihre Herrſchaft beſchaͤftigt: in der Folge aber, da ſie fuͤhlte, daß ſie ſtaͤts den Koͤnig von China liebte und auch mit ſeiner Treue zufrieden war, hatte ſie endlich beſchloſſen, ihr ihm gegebenes Wort zu halten. In dieſer Abſicht ließ ſie ihn durch einen ihrer Geiſter entfuͤhren, welcher ihn ihr in ihr Zimmer brachte. „Ah, goͤttliche Fuͤrſtinn,“ rief Ruͤsvanſchad aus, ſobald er die Koͤniginn von Scheheriſtan erblickte,„es iſt mir alſo vergoͤnnt, euch wiederzuſehen? Ach, ich wagte ſchon nicht mehr, mich mit einer ſo reizenden Hoffnung zu ſchmeicheln: ich fuͤrchtete, ihr haͤttet mein vergeſſen.“ E „Nein, mein Fuͤrſt,“ antwortete Scheheriſtani, „die Abweſenheit bringt auf die Geiſter nicht dieſelbe Wirkung hervor, wie auf die Menſchen, ſie vermag nicht, unſere Beſtaͤndigkeit zu erſchuͤttern.“ „Sie hat auch nicht die meinige geſchwaͤcht,“ er⸗ wiederte der Koͤnig von China;„obwohl nur ein Menſch, bin ich jedoch eben ſo beſtaͤndig, wie die Geiſter. Ah! meine Koͤniginn,“ fuhr er mit einem 167 26. 27. Ta g. Seufzer fort,„wie lang iſt mir die Zeit erſchienen, welche uns getrennt hat! und welche Ungeduld em⸗ pfand ich, euch wieder vor meinen Augen zu ſehen!“ „Herr,“ ſagte die Prinzeſſinn,„ich bin mit euch zufrieden; und weil eure Zaͤrtlichkeit ſich nicht verlaͤug⸗ net hat, ſo will ich heute noch das euch gegebene Verſprechen erfuͤllen: wir wollen nunmehr unſer Schick⸗ ſal vereinen.“ Sieben und zwanzigſter Tag. Der junge Koͤnig von China dankte Scheheriſtani fuͤr ihre Guͤte, und ſchwur ihr ewige Liebe. Darnach verſammelten ſich, auf Befehl der Koͤni⸗ ginn, alle Großen des Reichs und des Volks vor dem Palaſt, und ſie ſprach zu ihnen: „Hoͤret mich, ihr großen und kleinen Geiſter: da ihr euch alle durch einen Eid verpflichtet, mir zu ge⸗ horchen, als ihr, nach dem Tode meines Vaters Menutſcher, mich mit der unumſchraͤnkten Macht be⸗ kleidet habt, ſo erklaͤre ich euch gegenwaͤrtig, daß ich mich dem Koͤnige Ruͤsvanſchad vermaͤhlen will, und ich befehle euch, ihn als euern Herrn zu betrachten.“ Zu gleicher Zeit ließ ſie ihn vortreten, und zeigte ihn allen. —44 Rüsvanſchad und Scheheriſtani. 165 Alle Geiſter wuͤnſchten der Koͤniginn Gluͤck zu ihrer Wahl; und obwohl der Koͤnig von China nur ein Menſch war, ſo unterließen ſie jedoch nicht,— ſo ſehr liebten ſie ihre Fuͤrſtinn,— ihn als Koͤnig von Scheheriſtan zu kroͤnen. Als die Kroͤnungsfeierlichkeit beendigt war, arbei⸗ tete man an den Vorbereitungen zur Vermaͤhlung. Aber ehe ſie vollzogen wurde, ſprach Scheheriſtani zu Ruͤsvanſchad: „Herr, ihr muͤßt mir zuvor noch eins verſprechen. Ich fordere dieſes Verſprechen von euch nur wegen unſers gemeinſamen Gluͤcks; aber es iſt durchaus noͤ⸗ thig, daß ihr es mir ableget, und daß ihr es durch⸗ aus haltet; denn ſollte es euch ungluͤcklicherweiſe be⸗ gegnen, daß ihr es braͤchet, ſo wuͤrden wir allebeide ſehr zu beklagen ſein.“ „Ah, meine Herrinn, ich bitte euch,“ unterbrach ſie der Koͤnig von China,„laßt mich nicht zu lange in Ungewisheit ſchweben: ſaget mir, was ich euch ver⸗ ſprechen muß; ihr duͤrfet nur reden, ich bin bereit, alles zu thun, was euch beliebt.“ „Was ich von euch erwarte,“ fuhr die Koͤniginn fort,„iſt eine muͤhſame Anſtrengung, deren ich euch nicht faͤhig fuͤrchte. Da ich ein Geiſt bin, ihr aber ein Kind Adams, ſo haben wir verſchiedene Eigen⸗ heiten. Wir Geiſter handeln anders, als die Men⸗ ſchen, wir haben unſere beſonderen Geſetze und Ge⸗ 166 27. Tag. wohnheiten: mit Einem Worte, wir koͤnnen nicht lange beiſammen leben, wenn ihr nicht eine blinde Willfaͤhrigkeit fuͤr mich habt.“ „Ei wie! meine Herrinn,“ ſagte Ruͤsvanſchad, „beſteht darin die ſchwierige Anſtrengung, deren ihr mich nicht faͤhig waͤhnet? Heget eine beſſere Meinung von den Menſchen, oder vielmehr von euch ſelber. Glaubet, daß ihr ſtaͤts uͤber mich eine unbeſchraͤnkte Herrſchaft haben werdet, und daß ich nie einen an⸗ dern Willen haben werde, als den eurigen.“ „Wohlan,“ fuhr die Prinzeſſinn fort,„ihr ver⸗ ſprecht mir alſo, daß, wenn ich vor euch irgend eine Handlung begehe, welche euch misfaͤllt, ihr euch wohl huͤten wollet, ſie zu tadeln und mir zum Vorwurfe zu machen?“ „Ja, meine Koͤniginn,“ rief er aus,„weit ent⸗ fernt, eure Handlungen zu tadeln, ſchwoͤre ich viel⸗ mehr, daß ich ſie alle billigen will. Ich werde mein ganzes Leben lang eben ſo viel Willfaͤhrigkeit als Liebe fuͤr euch haben, und ihr koͤnntet nicht daran zweifeln, ohne mich toͤdtlich zu beleidigen.“ „Das iſt genug,“ ſagte Scheheriſtani,„ich ver⸗ laße mich auf dieſen Eidſchwur, und ich hoffe, daß ihr ſtillſchweigen werdet, was ich auch in eurer Ge⸗ genwart vornehmen mag. Uebrigens denket nicht, daß ich von euch eine unſtatthafte Willfaͤhrigkeit for⸗ dere. Die Geiſter thun nichts ohne Grund. Wenn 1 Ruͤsvanſchad und Scheheriſtani. 167 ihr mich alſo manchmal Handlungen vornehmen ſeht, welche euch eben nicht vernuͤnftig vorkommen, ſo ſa⸗ get bei euch ſelber:„ſie handelt ſo nicht ohne Grund.“ Nachdem der Koͤnig von China von neuem gelobt hatte, daß er uͤber alles was die Koͤniginn irgend vornehmen moͤchte, durchaus nichts zu ſagen haben wuͤrde, dachte man nur noch an die Vermaͤhlung. Die Koͤniginn ließ Ruͤsvanſchad einen goldenen Thron beſteigen, und ſetzte ſich dann neben ihn. Alle Großen ſtellten ſich vor ihnen, und alle Frauen der Koͤniginn traten zu beiden Seiten des Throns. Die Großen brachten dem Koͤnig ihre Huldigungen und Ehrfurchtsbezeugungen dar, und begingen eine den Geſchoͤpfen ihrer Art eigenthuͤmliche Feierlichkeit. Hierauf feierte das Volk dieſe Vermaͤhlung mit dreitaͤ⸗ gigen Freudenfeſten. Der Koͤnig von China, entzuͤckt von ſeinem Gluͤcke, war nur darauf bedacht, der Fuͤrſtinn zu gefallen, er widmete alle ſeine Augenblicke den Spielen und Ver⸗ gnuͤgungen, und verlor fuͤr einige Zeit das Andenken an China. Ein Jahr nach der Hochzeit genas Scheheriſtani eines jungen Prinzen, ſchoͤner als der Tag. Alle Geiſter ſtellten neue Freudenfeſte daruͤber an; und der Koͤnig, entzuͤckt einen Sohn von der reizenden Fuͤrſtinn zu haben, hoͤrte nicht auf, dem Himmel Dank dafuͤr zu ſagen. 1268 27. 28. T a g. Er war gerade auf der Jagd, als er dieſe gluͤck⸗ liche Neuigkeit vernahm. Er begab ſich eilig nach dem Palaſt, um das Kind zu ſehen, welches die Mutter bei einem großen Feuer in ihren Armen hielt. Ruͤs⸗ vanſchad nahm den kleinen Prinzen, und nachdem er ihn mit großer Behutſamkeit gekuͤßt hatte, um ihm nicht wehe zu thun, gab er ihn der Koͤniginn wieder. Dieſe aber warf ihn ins Feuer: und ſogleich— o er⸗ ſtaunliches Wunder!— verſchwand das Feuer mit dem neugebornen Kinde. Acht und zwanzigſter Tag. Dieſes wunderbare Schauſpiel war nicht minder empoͤrend fuͤr den Koͤnig; aber welchen Schmerz er auch uͤber den Verluſt ſeines Sohnes empfand, doch erinnerte er ſich des Verſprechens, welches er der Koͤniginn gegeben hatte. Er wuͤrgte ſein Leid hinun⸗ ter, ſchwieg ſtill, und zog ſich in ſein Zimmer zuruͤck, wo er in Thraͤnen ausbrach, und ſagte: „Bin ich nicht recht ungluͤcklich! der Himmel ge⸗ waͤhrt mir einen Sohn, und ich ſehe ihn von ſeiner eigenen Mutter in die Flammen werfen, ja, es iſt mir ſelbſt verboten, eine ſo grauſame Handlung zu tadeln! O unnatuͤrliche Mutter! o unmenſchliche!— Aber ich will ſchweigen,“ fuͤgte er hinzu, indem er V V V Ruͤsvanſchad und Scheheriſtani. 169 ſich wieder faßte,„ich koͤnnte die Koͤniginn beleidigen, wenn ich ihr meine Betruͤbnis bezeugte. Ich will mich zwingen, und anſtatt mich gegen eine ſo ſchreckliche Handlung zu empoͤren, will ich ſagen und wirklich glauben, daß die Fuͤrſtinn nicht ohne Grund alſo handelt.“ Der Kdͤnig ſagte alſo nichts hieruͤber zu Scheheri⸗ ſtani, wie große Luſt er auch hatte, ihr den Tod ſei⸗ nes Sohnes vorzuwerfen. Ein Jahr darnach brachte ſie eine Prinzeſſinn zur Welt, noch ſchoͤner als der Prinz. Sie wurde Bal⸗ kis genannt. Alle Geiſter der Inſel unterließen nicht, auch ihre Geburt durch dreitaͤgige Freudenfeſte zu feiern. Einige Tage nach der Niederkunft der Koͤniginn, ſah man eine große weiße Huͤndinn mit aufgeſperrtem Rachen in den Palaſt kommen. Als Scheheriſtani ſie erblickte, lockte ſie dieſelbe heran, und ſagte zu ihr: „Da, nimm dieß kleine Maͤdchen mit ihrer Wiege.“ Sogleich naͤherte ſich die Huͤndinn der Wiege, nahm ſie ins Maul und entſprang damit. Der Schmerz des Koͤnigs bei dieſem Schauſpiele wuͤrde ſchwerlich auszudruͤcken ſein. Welche Willfaͤh⸗ rigkeit er auch der Koͤniginn geſchworen hatte, doch fehlte nicht viel, daß er ihr tauſend harte und unan⸗ genehme Dinge ſagte; er mußte ſich entfernen, um nicht loszubrechen. Er verſchloß ſich in ſeinem Zim⸗ 170 28. Ta g. mer, wo er ſich das Andenken des klaͤglichen Schick⸗ ſals ſeines Sohnes zuruͤckrief, und erſchuͤttert von dem, was er ſo eben geſehen hatte, ausrief: „Scheheriſtani! O unmenſchliche, kannſt du ſo mit deinen eigenen Kindern umgehen? Wahrlich, wenn die Geiſter es ſich zum Vergnuͤgen machen, ſo widernatuͤrliche Handlungen zu begehen, ſo moͤgen ſie aufhoͤren, die Vorzuͤge ihrer Gattung zu ruͤhmen. Ich verabſcheue ihre Gewohnheiten und ihre Geſetze: die der Menſchen ſind viel vernuͤnftiger.„Aber,“ hat die Koͤniginn zu mir geſagt,„die Geiſter thun nichts ohne Grund, und wenn ich einmal etwas thue, das euch empoͤrt, ſo ſaget bei euch ſelber: ſie handelt alſo nicht ohne Grund.“ Wohlan! wie koͤnnte es zugehen, daß ſie hier nicht Unrecht haͤtte? Ha! ich durchdringe das Geheimnis, ich ſehe den Grund meines Ungluͤcks. Die Geſetze der Geiſter fordern ohne Zweifel, daß, wenn ſie ſich mit den Menſchen verheiraten, ſie die Kinder umbringen, welche aus dieſer Ehe geboren werden. Das iſt die Triebfeder dieſes Betragens, welches mich empoͤrt. O! grauſame Fuͤrſtinn, waͤh⸗ net ihr, daß ich mich eurer ganzen Willkuͤr hingeben koͤnnte? Nein, trotz der Zaͤrtlichkeit, welche ich fuͤr euch hege, iſt es mir doch unmoͤglich, mich an eure unmenſchlichen Geſetze zu gewoͤhnen.“ Obwohl Ruͤsvanſchad uͤber den Verluſt ſeiner Kin⸗ der innigſt betruͤbt war, doch hatte er ſo viel Gewalt V V Ruͤsvanſchad und Scheheriſtani. 171 uͤber ſich, um der Koͤniginn nichts daruͤber zu ſagen; aber der Aufenthalt auf der Inſel Scheheriſtan ward ihm unertraͤglich, und er beſchloß, nach China heim⸗ zukehren. „Koͤniginn,“ ſagte er eines Tages zu Scheheri⸗ ſtani,„ich moͤchte wohl mein Koͤnigreich China einmal wiederſehen; erlaubet, daß ich wieder zu meinen Vdl⸗ kern gehe, welche ſeit langer Zeit Geluͤbde fuͤr meine Heimkehr thun.“ „Nun wohl,“ antwortete die Koͤniginn,„ich wil⸗ lige ein, daß ihr ihnen dieſe Genugthuung gewaͤhret. Ueberdieß iſt eure Gegenwart ſehr nothwendig in eu⸗ ren Staaten; ich weiß, daß die Mongolen ein gro⸗ ßes Kriegsheer gegen euch ruͤſten. Eilet hin, euer Reich zu vertheidigen. Wie beherzt eure Unterthanen auch ſeien, doch werden ſie noch viel beſſer fechten, wenn ſie euch an ihrer Spitze haben. Ich werde dafuͤr ſorgen, wieder zu euch zu kommen.“ Nach dieſen Worten, rief ſie einen Geiſt herbei, und ſagte zu ihm: „Bringe ſogleich den Koͤnig nach ſeinem Palaſt in China.“ Der Geiſt gehorchte auf der Stelle, und Ruͤsvan⸗ ſchad befand ſich alsbald in ſeinem Palaſte. Als Muͤeßin ihn wiederſah, war er außer ſich vor Freuden; er warf ſich vor ihm mit dem Antlitz auf den Boden, und ſagte zu ihm: 172 28. TDag. „Ach, Herr, der Himmel hat alſo meine Wuͤnſche erhoͤrt, er giebt euch euren Voͤlkern wieder. Ich habe in eurer Abweſenheit eure Staaten regiert, und eure Unterthanen, an eurer Ruͤckkunft verzweifelnd, haben mich auf den Thron erhoben: aber ich ſehe nun mei⸗ nen Koͤnig und Herrn wieder. Er beſteige wieder den Thron, welchen ein Sklave nur allzu lange eingenom⸗ men hat.“ b Der Koͤnig erzaͤhlte dem Veſyr alles, was ihm be⸗ V gegnet war; und dieſer Miniſter war daruͤber hoͤchſt erſtaunt. Unterdeſſen zogen die Mongolen mit anſehnlicher Macht gegen China heran. Sie waren ſogar ſchon in dieſes Koͤnigreich eingedrungen, und verſprachen ſich nichts weniger, als die gaͤnzliche Eroberung deſſelben. Auf die Nachricht von ihrem Anmarſche, verſammelte Rusvanſchad ſo viel Truppen, als ihm moͤglich war, und ging ſeinen Feinden entgegen. Er traf ſie auf einer weiten Ebene, wo ihnen nichts mangelte. Er lagerte ſich in ihrer Naͤhe, und alsbald ſah man Lebensmittel aller Art in großem Ueberfluß ankommen, beſonders Zwieback, Fruͤchte, Zuckerwerk, mit einer Unzahl von Schlaͤuchen voll Weins und anderer Getraͤnke. Dieſe Vorraͤthe kamen auf Kameelen und Maulthieren, und ein Veſyr Ruͤs⸗ vanſchads fuͤhrte ſie ins Lager. Dieſer Miniſter hieß Wely. 2s er aber mit dieſen Lebensmitteln auf der Ruͤsvanſchad und Scheheriſtani. 175 Ebene anlangte, erſchien die Fuͤrſtinn Scheheriſtani in Begleitung mehrerer Geiſter, welche die Kameele ent⸗ luden, das Gebaͤck und die Fruͤchte zerſtampften und zerſtreuten, die Schlaͤuche durchbohrten, kurz alles zerſtuckten und verſchuͤtteten, ſo daß nichts uͤbrig blieb, das gegeſſen oder getrunken werden konnte. Neun und zwanzigſter Tag. Wely war ſehr erſtaunt, ſeine Lebensmittel in ſol⸗ chem Zuſtande zu ſehen. Aber die Fuͤrſtinn ſagte zu ihm: „Geh hin und ſage dem Koͤnig, es ſei die Koni⸗ ginn ſeine Gemahlinn, die alle dieſe Unordnung ange⸗ richtet hat.“ Wely ſaͤumte nicht, er begab ſich eilig in das Zelt Ruͤsvanſchads, und ſagte zu ihm: „Herr, jetzt iſt euer Kriegsheer ohne Lebensmittel.“ Zu gleicher Zeit erzaͤhlte er ihm alles, was die Koͤni⸗ ginn ſo eben gethan hatte. Dieß brachte den Koͤnig zur Verzweiflung. Der Mord ſeiner Kinder ſchien ihm eher zu entſchuldigen, als dieſe letzte Handlung. Er war noch ganz außer ſich ſelbſt daruͤber, als er die Fuͤrſtinn ankommen ſah. Da ſagte er zu ihr: 174 29. Tag. „Koͤniginn, nicht laͤnger kann ich ſchweigen; ihr habt meine Geduld aufs aͤußerſte gebracht: ihr habt meinen Sohn ins Feuer geworfen, ihr habt meine Tochter einer Huͤndinn hingegeben. Welches Leid die⸗ ſes mir auch verurſachte, ſo habe ich gegen euch doch nichts daruͤber geaͤußert, ich habe meinen Schmerz hinunter gewuͤrgt. Aber was ihr jetzt eben gethan habt, kann nur ein Angriff auf mein eigenes Leben, auf meinen Ruhm ſein, und es iſt mir unmoͤglich, mich nicht uͤber euch zu beklagen. Ha, undankbare, wie vergeltet ihr meine Zaͤrtlichkeit! Was iſt eure Ab⸗ ſicht? Jetzt iſt mein Heer von allen Mundvorraͤthen entbloͤßt: was ſoll daraus werden? Redet! Und was ſoll aus mir ſelber werden? Ihr wollt ohne Zweifel, daß ich, ohne Kampf, meinen Feinden in die Haͤnde falle. Iſt das zu ertragen?“ „Herr,“ antwortete die Koͤniginn,„ihr haͤttet beſſer gethan, auch dießmal zu ſchweigen, als ſo zur Unzeit das Stillſchweigen zu brechen; da ihr nun aber einmal geſprochen habt, und das Uebel unheilbar iſt, ſo ſei es darum: es waͤre unnuͤtz, noch Mittel aufzu⸗ ſuchen, um das von mir befuͤrchtete Ungluͤck abzuwen⸗ den, nachdem es eingetroffen iſt. Ach! unvorſichtiger und ſchwacher Fuͤrſt, warum habt ihr eure Zunge nicht zuruͤckhalten koͤnnen? Wißt ihr denn wohl, was die⸗ ſes Feuer war, dem ich euern Sohn uͤberlieferte? Es war ein kundiger Salamander, dem ich die Erziehung 4 Ruüsvanſchad und Scheheriſtani. 175 des jungen Prinzen anvertraute. Und die Huͤndinn, welche ihr geſehen habt, iſt eine Fee, welche es freund⸗ lich uͤbernommen hat, eure Tochter in allen einer Prinzeſſinn zukommenden Wiſſenſchaften zu unterrich⸗ ten. Der Salamander und die Fee entſprechen meiner Erwartung, ſie erziehen den Prinzen und ſeine Schwe⸗ ſter auf eine bewundernswuͤrdige Weiſe. Ihr ſollt auf der Stelle ſelber daruͤber urtheilen.— Hola, Wa⸗ chen,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich zu ihrem Geiſter⸗ gefolge wandte,„laßt meinen Sohn und meine Toch⸗ ter im Augenblick hieher kommen.“ Kaum hatte die Prinzeſſinn von China dieſe Worte ausgeſprochen, als der Prinz von Scheheriſtan und ſeine Schweſter Balkis in Ruͤsvanſchads Zelt traten: aber nur der Koͤnig allein ſah ſie, allen uͤbrigen, die gegenwaͤrtig waren, blieben ſie unſichtbar. Der Koͤnig von China war, ungeachtet der Lage, worin er durch die Vernichtung ſeiner Vorraͤthe ver⸗ ſetzt war, außer ſich vor Freuden, als er ſeine Kin⸗ der erblickte. Er umarmte ſie, eins nach dem andern, mit dem Entzuͤcken, welches nur ein Vater zu em⸗ pfinden vermag. Waͤhrend dieſer Zeit fuhr Scheheriſtani in ihre Rede fort, und ſagte: „Herr, ich muß euch nunmehr auch kund thun, warum ich eure Lebensmittel zerſtoͤrt habe. Der Koͤnig der Mongolen will das Licht eures Lebens aus⸗ 176 29. Ta g.— loͤſchen, und das Reich von China unter ſeine Bot⸗ maͤßigkeit bringen. Um deſto ſicherer dazu zu gelan⸗ gen, hat er durch eine anſehnliche Summe die Treue Wely's beſtochen. Dieſer treuloſe Miniſter hat ſich fuͤr hunderttauſend Goldſtuͤcke verpflichtet, euer Kriegs⸗ heer und euch ſelber durch Gift umzubringen. Da ihr ihm die Beſorgung der Lebensmittel uͤbertragen habt, ſo hat er in das Gebaͤck und in den Wein ein Gift miſchen laßen, welches augenblicklich wirkt. Demnach wuͤrden alle eure Offiziere und Hauptleute das Leben verloren haben, wenn ich dieſe Vorraͤthe nicht verderbt haͤtte. Ihr moͤchtet vielleicht nicht glau⸗ ben, was ich euch hier ſage; aber ihr koͤnnt euch leicht davon uͤberzeugen. Laßt den Veſyr kommen und in eurer Gegenwart ein Stuͤck von dieſem Zwieback eſſen, und ihr werdet ſehen, was geſchieht.“ Der Konig war erſchuͤttert bei dieſen Worten. Er ließ den Wely rufen; und als dieſer Miniſter gekom⸗ men war, ſagte der Faͤrſt: „Man gehe hin und hole einige Ueberbleibſel von den zerſtoͤrten Lebensmitteln.“ Man brachte ihm eine Schachtel mit eingemachten Fruͤchten, welche noch ganz war und auf welcher das Siegel des Veſyrs ſtand. Der Koͤnig ließ die Schach⸗ — tel oͤffnen, und befahl dem Verraͤther, davon zu eſſen. Ruͤsvanſchad und Scheheriſtani. 177 „Herr,“ ſagte Wely,„ich habe gegenwaͤrtig keine Eßluſt; aber ſobald ich Hunger habe, werde ich da⸗ von eſſen.“ „Wenn du nicht auf der Stelle davon iſſeſt,“ ver⸗ ſetzte der Fuͤrſt,„ſo laße ich dir den Kopf abhauen.“ Als nun der Veſyr ſah, daß er dem Tode nicht entgehen konnte, ſo zog er vor, zu gehorchen. Er nahm einige Stuͤcke von dem Eingemachten zu ſich, und auf der Stelle fiel er todt nieder, in Gegenwart aller, die im Zelte waren. „Herr,“ ſagte hierauf die Koͤniginn zu Ruͤsvan⸗ ſchad,„ihr zweifelt nun nicht mehr an der Verraͤ⸗ therei eures Veſyrs, und ſeid auch ohne Zweifel uͤber⸗ zeugt, daß die Geiſter nichts ohne Grund thun.“ „Ja, meine Herrinn,“ ſagte der Koͤnig,„ich ge⸗ ſtehe, ich habe Unrecht, das von euch mir auferlegte Geſetz nicht genau beobachtet zu haben; aber ich bin nicht ohne Unruhe. Mein Kriegsheer iſt nun ohne Lebensmittel, und der Hunger wird thun, was das Gift thun ſollte.“ „Nein, nein,“ ſagte die Fuͤrſtinn,„an Lebens⸗ mitteln ſoll es euch nicht fehlen: ihr werdet morgen mehr davon haben, als ihr beduͤrfet; denn dieſe Nacht noch werdet ihr eure Feinde angreifen, ſie alle in Stuͤcken hauen, euch ihrer Vorraͤthe bemeiſtern, und dann ſiegreich nach eurer Hauptſtadt zuruͤckkehren.“ I. 4 12 178 29. Tag. Was die Koͤniginn ſagte, bewaͤhrte ſich. Mitten in der Nacht ſtellte dieſe Fuͤrſtinn mit allen Geiſtern in ihrem Gefolge ſich an die Spitze der Chineſen, und uͤberfiel die Mongolen, welche anfangs einigen Wider⸗ ſtand thun wollten, aber bald alle niedergeſtreckt wur⸗ den. Die Geiſter und die Chineſen machten ein ſo ſchreckliches Gemetzel unter ihnen, daß der Koͤnig der Mongolin, der ſelber anfuͤhrte, kaum ſich retten onnte. Am folgenden Morgen, als der Tag anbrach, ſah man die ganze Ebene mit Leichen beſtreuet, und Ruͤsvanſchad war uͤber dieſen Sieg um ſo vergnuͤgter, als er ihm nur wenige Leute koſtete. Sein Heer machte eine reiche Beute. Alles Gepaͤck der Mongo⸗ len aber ſo wie ihre Lebensmittel, die in Ueberfluß vorhanden waren, fielen den Siegern in die Haͤnde. Hierauf ſagte Scheheriſtani zu dem Koͤnige ihrem Gemahle: „Da liegen nun alle eure Feinde im Staube; der Krieg iſt beendigt. Ihr koͤnnt nun wieder heimkehren, und in euerm Palaſte ruhig leben. Ich aber verlaße euch jetzo, wir muͤſſen fuͤr immer uns trennen. Ihr werdet mich nicht wiederſehen, und auch ich werde eures Anblicks beraubt bleiben. Es iſt eure Schuld, mein theurer Fuͤrſt: warum habt ihr nicht euer mir gegebenes Verſprechen gehalten?“ Rüsvanſchad und Scheheriſtani. 179 „Ach, gerechter Himmel!“ rief der Koͤnig bei die⸗ ſen Worten aus,„was muß ich hoͤren? Um Gottes willen, theure Gattinn, gebet dieſes truͤbſelige Vor⸗ haben auf. Ich bereue es, euch nicht Wort gehalten zu haben: wuͤrdiget mich der Verzeihung. Ich be⸗ theure euch, daß ihr euch fortan nicht mehr uͤber mich beklagen ſollt. Was ihr auch immer thun moͤget, ſeid verſichert, ich werde mich wohl huͤten, es zu mis⸗ billigen.“ „Dieſer Schwur iſt uͤberfluͤſſig,“ ſagte die Fuͤr⸗ ſtinn;„unſere Geſetze gebieten mir, mich von euch zu entfernen. Laßet ab, mich zuruͤckhalten zu wollen: ach! wenn es von mir abhinge, euch zu verzeihen, ich wuͤrde nicht unerbittlich ſein.— Lebet wohl, theu⸗ rer Fuͤrſt,“ fuͤgte ſie weinend hinzu,„ihr verlieret eure Kinder und ihre Mutter. Vergebens werdet ihr wuͤnſchen, ſie wiederzuſehen, ſie werden ſich nicht mehr euren Augen darbieten.“ Indem ſie dieſes ſagte, verſchwand ſie, und mit eſ ber Prinz von Scheheriſtan und die Prinzeſſinn Balkis. Dreißigſter Tag. Welchen innigen Schmerz empfand der Koͤnig, als er ſo theure Gegenſtaͤnde verlor! Es iſt unmoͤglich, 180⁰ 30. TDag. ihn auszudruͤcken. Und wenn er die Schlacht verloren haͤtte und den Mongolen in die Haͤnde gefallen waͤre, er wuͤrde nicht ſo betruͤbt geweſen ſein. Er zerfleiſchte ſich das Geſicht, ſtreute Erde auf ſein Haupt, und machte alle Gebaͤrden eines wahnſinnigen Menſchen. Er zog endlich mit ſeinem Heere wieder nach ſei⸗ ner Hauptſtadt, und ſobald er in ſeinem Palaſt ange⸗ kommen war, ſagte er zu Muͤeßin: „Veſyr, ich uͤberlaße dir die Beſorgung der Staats⸗ geſchaͤfte, regiere mein Reich; thu alles, war dir an⸗ gemeſſen ſcheint: ich aber will hingehen und mein uͤbriges Leben lang meine Kinder beweinen, welche ich durch meine alleinige Unklugheit verloren habe. Ich will niemand ſehen, als dich, und auch dir verſtatte ich die Freiheit mit mir zu reden nur unter der Be⸗ dingung, daß du durchaus nicht etwas erwaͤhneſt, was mein Reich betrifft. Du darfſt nur von Schehe⸗ riſtani und meinen Kindern mit mir reden. Mein Kummer ſoll meine einzige Beſchaͤftigung ſein.“ In der That verſchloß ſich Ruͤsvanſchad in ſeinen Zimmern, wo niemand, außer Muͤeßin, Zutritt hatte. Dieſer Miniſter beſuchte ihn taͤglich. Er ermangelte nicht, dem Fuͤrſten zu gefallen, ſeinem Schmerze zu ſchmeicheln, und er hoffte die Zeit wuͤrde ihn vermin⸗ dern: aber im Gegentheil vermehrte er ſich von Tage zu Tage. Der Koͤnig verſank in eine tiefe Schwer⸗ muth, und verlebte faſt zehn Jahre in dieſem toͤdtli⸗ Ruͤsvanſchad und Scheheriſtani. 181 chen Hinſchmachten. Endlich von ſeinen Leiden uͤber⸗ waͤltigt, ward er krank, und er war dem Tode nahe, als die Koͤniginn ploͤtzlich in ſeinem Zimmer erſchien, und folgende Worte zu ihm ſprach: „Theurer Gatte, ich komme, eure Leiden zu en⸗ digen, und euch das Leben wiederzugeben, welches ihr beinahe ſchon aufgegeben habt. Unſere Geſetze for⸗ derten, daß ich, um euern Meineid zu beſtrafen, zehn Jahre von euch getrennt bliebe, ja ſie erlaubten mir ſelbſt nicht, euch je wiederzuſehen, wenn ihr mir nicht dieſe ganze Zeit hindurch treu geblieben waͤret: und deshalb glaubte ich, als ich Abſchied nahm, daß ich euch, ohne Wiederkehr, verließe.„Die Kinder Adams,“ ſagte ich,„ſind einer ſo langen Beſtaͤndig⸗ keit nicht faͤhig: er wird mich bald aus ſeinem An⸗ denken verwiſcht haben.“ Dank dem Himmel, ich habe mich getaͤuſcht, und ich ſehe, daß die Menſchen auch beſtaͤndig lieben koͤnnen.— Ich komme alſo wie⸗ der zu euch, mein Gemahl,“ fuͤgte ſie hinzu,„und eure Freude zu kroͤnen, werdet ihr auch eure Kinder wiederſehen.“ 1 Kaum hatte ſie dieſe Worte ausgeſprochen, als der Prinz von Scheheriſtan und die Prinzeſſinn Balkis hereintraten, und ſich Ruͤsvanſchad zeigten, der da⸗ von entzuͤckt war. Eben ſo zaͤrtlicher Vater, als treuer Gatte, war er von den ſuͤßeſten Ruͤhrungen bewegt, welche das Blut und die Liebe einfloͤßen koͤnnen. 182 30. Tag. Seine Geſundheit war in kurzer Zeit wiederherge⸗ ſtellt. Aeltern und Kinder verlebten fortan eine lange Reihe gluͤcklicher Jahre; und endlich nach dem Tode des Koͤnigs und der Koͤniginn, nahm der Prinz Sche⸗ heriſtan Beſitz von dem Koͤnigreiche China, und die Prinzeſſinn Balkis begab ſich nach der Inſel Scheheri⸗ ſtan, welche ſie beherrſchte, bis ſie die Gemahlinn des großen Propheten Salomon ward.“ Tauſend und Ein Tag. 183 Als die Amme der Farruͤchnas die Erzaͤhlung die⸗ ſer Geſchichte vollendet hatte, erhuben die Frauen der Prinzeſſinn, welche die Abenteuer von Geiſtern und Bezauberungen liebten, ſie uͤber die Geſchichte Abul⸗ kaſems; alle die uͤbrigen waren entgegengeſetzter Mei⸗ nung und behaupteten die Geſchichte des jungen Man⸗ nes von Basra waͤre anziehender. „Ich fuͤr mein Theil,“ ſprach Farruͤchnas,„ich tadle den Koͤnig von China ſehr, daß er ſein an Scheheriſtani gegebenes Verſprechen nicht gehalten hat, da ſie ihm doch geſagt hatte, daß die Geiſter nichts ohne Grund thaͤten: das bewaͤhret wohl, daß die Maͤnner nicht Sklaven ihres Wortes ſind.“ „Gebieterinn,“ hub Suͤtluͤmeme wieder an,„es giebt wohl welche, die es auch auf Koſten ihres Le⸗ bens halten wuͤrden; wie ich euch durch die Geſchichte Kulufs und der ſchoͤnen Dilara beweiſen wollte, wenn ihr mir erlaubetet, ſie euch zu erzaͤhlen.“ „Ich will es gern,“ erwiederte die Prinzeſſinn; „auch bemerke ich wohl, daß alle meine Frauen viel Vergnuͤgen daran finden, dir zuzuhͤren.“ Hierauf begann die Amme folgendermaßen: Geſchichte Kulufs und der ſchoͤnen Dilara. „Es lebte in Damask ein alter Kaufmann, wel⸗ cher fuͤr einen der reichſten ſeiner Genoſſen galt. Er bedauerte es, in allen Theilen der Welt geweſen zu ſein, und ſich tauſend Gefahren ausgeſetzt zu haben, um Reichthuͤmer zu ſammeln, weil er keine Kinder hatte. Er ſparte gleichwohl nichts, um welche zu er⸗ halten; er oͤffnete ſeine Thuͤre den Armen, und gab unablaͤßig den Derwiſchen reiche Almoſen, und for⸗ derte ſie auf, Gott fuͤr ihn um einen Sohn zu bit⸗ ten. Er ſtiftete ſelbſt Krankenhaͤuſer und Kloͤſter, und ließ Moſcheen erbauen: aber alles war vergeblich. Abdallah konnte nicht Vater werden, und er verlor ſogar die Hoffnung dazu. — Kuluf und Dilara. 185 Eines Tages ließ er einen Indiſchen Arzt zu ſich kommen, deſſen Geſchicklichkeit man ſehr ruͤhmte. Er lud ihn zu Tiſche, und nachdem er ihn gut bewir⸗ thet hatte, ſprach er zu ihm: „O Doktor, ſchon ſeit langer Zeit wuͤnſche ich mir inbruͤnſtig einen Sohn.“ „Herr,“ antwortete ihm der Indier,„das iſt eine Gunſt, welche von Gott abhaͤngt. Indeſſen iſt es den Menſchen erlaubt, Mittel anzuwenden, um ſie zu erlangen.“ „Verordnet mir, was ich dazu thun muß,“ ver⸗ ſetzte Abdallah, nund ich verſichere euch, ich will es thun.“ „Erſtlich,“ ſagte der Arzt,„kaufet eine junge Sklavinn, welche groß und ſchlank wie eine Cypreſſe iſt, ein liebliches Geſicht, und volle Wangen und Huͤften hat. Zweitens, der Ton ihrer Stimme muß ſuͤß ſein, ihre Miene ſtaͤts heiter, und ihre Unterhal⸗ tung aufgeweckt. Ferner wuͤnſchte ich, daß ihr beide einander liebtet. Ueberdieß muͤßt ihr, bevor ihr dieſe Sklavinn erkennet, vierzig Tage lang keuſch ſein, eu⸗ ern Geiſt mit keinen Geſchaͤften beſchweren, und waͤh⸗ rend dieſer Zeit nur ſchwarzes Hammelfleiſch eſſen und alten Wein trinken. Wenn ihr genau alle dieſe Dinge beobachtet, ſo iſt Grund zu hoffen, daß ihr einen Sohn erhalten werdet.“ 186 31. Tag. Ein und dreißigſter Tag. Abdallah ermangelte nicht, eine ſolche ſchoͤne Sklavinn zu kaufen, und indem er alle Vorſchriften des Arztes befolgte, erhielt er in der That einen Sohn von ihr. Um die Geburt dieſes Sohnes zu fei⸗ ern, welchen er Kuluf nannte, lud Abdallah alle ſeine Freunde zu ſich, gab ihnen ein großes Feſt, und vertheilte reichliche Almoſen, um dem Himmel fuͤr die Erfuͤllung ſeiner Wuͤnſche zu danken. Kuluf wurde ſorgfaͤltig erzogen, und in dem Maaße, wie er groͤßer ward, erhielt er neuen Unter⸗ richt. Er hatte mehrere Lehrmeiſter, welche ihn ſehr geneigt fanden, ihren Unterricht aufzunehmen. Man lehrte ihn die Hebraͤiſche, Griechiſche, Tuͤrkiſche und Indiſche Sprache, und die Schriftzuͤge aller dieſer Sprachen richtig ſchreiben. Man begnaͤgte ſich nicht, ihn den Koran zu lehren, man ließ ihn auch die Aus⸗ legungen deſſelben leſen; er verſtand davon ſelbſt den myſtiſchen Sinn. Er war beſonders in Anſehung der Lehre von der Vorbeſtimmung gruͤndlich unterrichtet. Er kannte auch die Saͤtze des Widerſpruchs, ſo wie der Zweideutigkeit und der Gewisheit. Man ließ ihn auch nicht unwiſſend in der Geſchichte der Arabiſchen Staͤmme, der Perſer, und den Jahrbuͤchern der Koͤ⸗ nige. Ferner, lernte er die Sittenlehre, Weltweis⸗ heit, Arzneikunde und Sternkunde. Er war noch nicht Kuluf und Dilara. 187 achtzehn Jahr alt, als er ſchon alle dieſe Dinge wußte, welche ich hier genannt habe, und noch meh⸗ rere andere. Er war ein guter Dichter und gelehrter Tonkuͤnſtler. Außerdem war er in allen Leibesuͤbun⸗ gen vollſtaͤndig unterrichtet: mit mehr Geſchicklichkeit und Kraft hat niemals jemand mit dem Bogen ge⸗ ſchoſſen, noch den Saͤbel und die Lanze geſchwungen. Kurz, er war ein vollkommen ausgebildeter junger Mann. Welche Genugthuung fuͤr einen Vater einen ſolchen Sohn zu haben! Abdallah liebte ihn mehr, als ſein Leben, und konnte keinen Augenblick ohne ihn leben. Indeſſen kam der Tod, der auch die Gluͤcklichen heim⸗ ſucht, und rief bald den alten Kaufmann ab. Als dieſer ſein Ende nahe ſah, ließ er Kuluf zu Haͤupten ſeines Bettes ſitzen, und wandte ſeine letzten Augen⸗ blicke dazu an, ihm noch weiſe Lehren zu geben. Nach ſeinem Tode und Leichenbegaͤngniſſe, nahm ſein Sohn Beſitz von allen ſeinen Guͤtern. Aber dieſer junge Mann war nicht ſobald Herr derſelben, als er anfing, ſie zu verſchwenden. Er ließ einen Palaſt bauen, kaufte ſchone Sklavinnen, und erwaͤhlte ſich mehrere junge Leute zu Genoſſen ſeiner Schwelgereien. Er ver⸗ brachte ſeine Tage in Ergoͤtzlichkeiten mit ihnen; die koͤſtlichſten Speiſen und die beßten Weine wurden bei ihm vergeudet. Da gab es nichts als Feſte, Taͤnze und Konzerte.. 188 31. Dag. Auf dieſe Weiſe lebte er mehrere Jahre, wie wenn die Quelle ſeiner Vergnuͤgungen unerſchoͤpflich geweſen waͤre. Nichtsdeſtoweniger verzehrte er ſein ganzes Erbe. Er mußte ſeinen Palaſt und ſeine Sklaven verkaufen, und unvermerkt ſah er ſich ohne Habe: zur großen Freude ſeiner Feinde. Jetzo bereute er ſeine Verſchwendung. Er ging zu allen den jungen Leuten, welche geholfen hatten, ihn zu Grunde zu richten, und ſprach ſie an: „Meine Freunde, ihr habt mich im Wohlleben geſehen, und gegenwaͤrtig ſehet ihr mich im Elende. Ich nehme meine Zuflucht zu euch, helfet mir mich von meinem Falle erheben; erinnert euch der Erbie⸗ tungen eurer Dienſte, als ihr an meiner Tafel ſaßet. Ich zweifle nicht, daß ihr von dem Zuſtande geruͤhrt ſeid, in welchem ich mich befinde, und daß ihr einige Anſtrengungen machen werdet, um mich herauszu⸗ ziehen.“ Auf ſolche Weiſe ſuchte der ungluͤckliche Kuluf die Erkenntlichkeit ſeiner Freunde zu erwecken und ſie zu vermoͤgen, ihm zu helfen. Aber er redete zu tauben Ohren. Die einen ſagten, es thaͤte ihnen Leid, ihn in einer ſo beklagenswuͤrdigen Lage zu ſehen, und begnuͤg⸗ ten ſich damit, den Himmel zu bitten, ſich ſeiner zu erbarmen. Die anderen fuͤgten Haͤrte zur Undankbar⸗ keit, ſie verſagten ihm ſelbſt den Troſt, ihn zu bekla⸗ gen, und wandten ihm den Ruͤcken. Kuluf und Dilara. 189 „O ihr falſchen Freunde!“ rief er aus,„wie ſehr beſtraft mich euer hartes und undankbares Verfahren fuͤr meine Leichtglaͤubigkeit mir einzubilden, daß ihr mich wahrhaft liebtet!“ Noch mehr durchdrungen von dem Schmerze, der Narr der falſchen Freundſchaft ſeiner Schwelggenoſſen geweſen zu ſein, als ſein ganzes Vermoͤgen verſchwen⸗ det zu haben, entſchloß ſich der Sohn Abdallahs, Damask zu verlaßen, wo er ſo viele Zeugen ſeines Ungluͤcks hatte. Er nahm ſeinen Weg nach dem Lande der Keraiten,) und begab ſich nach Ka⸗ rakorom,*) wo damals Kabal⸗Chan herrſchte. Hier nahm er Herberge in einer Karavanſerei, wo er ſich fuͤr ſein noch uͤbriges Geld einen Rock und Turban von Indiſcher Leinwand machen ließ. Er brachte ganze Tage hin, ſich in der Stadt umzuſehen. *) Kerit oder Karit heißt ein Stamm der Mogolen oder öſtlichſten Tataren, zunächſt an Chatai oder China, der aus Neſtorianiſchen Chriſten beſtand und deren König zu⸗ gleich Prieſter und verheiratet war, und in der Chal⸗ däiſchen Landesſprache König Johann(von den Portu⸗ gieſen Prieſter Johann) genannt, und von Dſchengis⸗ chan 1202 ſeines Reichs beraubt wurde.. **) Karakoram, von Dſchengis⸗Chans Sohn Oktai Kaan, in Chatai erbaur und Sitz des vierten Mogoliſchen Kaiſers, Mangu⸗Kaans, Dſchengis⸗ Chans Enkels. H. 190 31. Tag. Er ging auf die Maͤrkte, in die Gaͤrten, alles Merk⸗ wuͤrdige dort zu beſchauen; und wenn die Nacht her⸗ annahte, kehrte er nach ſeiner Karavanſerei zuruͤck. Eines Tages hoͤrte er, daß der Koͤnig der Keraiten ſich zu einem Feldzuge ruͤſtete; daß zwei benachbarte Koͤnige, welche ihm jaͤhrlich eine anſehnliche Abgabe entrichteten, dieſelbe nicht mehr bezahlen wollten, ſich verbuͤndet und ſchon Truppen auf die Beine gebracht haͤtten, um ſich dem Kabal⸗Chan zu widerſetzen, wenn er es unternaͤhme, in ihre Laͤnder einzudringen. Als Kuluf dieſe Neuigkeit vernommen hatte, ging er hin, und bot dem Kdoͤnige ſeine Dienſte an, der ihm auch eine Stelle in ſeinem Kriegsheere gab. Der junge Mann zeichnete ſich in dieſem Kriege durch Hel⸗ denthaten aus, welche ihm die Bewunderung der Ge⸗ meinen, die Achtung der Anfuͤhrer, und die Gunſt des Prinzen Mirdſchehan, Sohns des Koͤnigs der Ke⸗ raiten, erwarben. Dabei hatte es noch nicht ſein Bewenden. Da, nach dem Beiſpiele dieſer beiden Koͤ⸗ nige, ſich noch andere zinspflichtige Fuͤrſten auflehnten, ſo war Kabal⸗Chan genoͤthigt, ſein Heer gegen dieſe neuen Feinde zu wenden, welche er ebenfalls dahin brachte, um Frieden zu bitten. Der Sohn Abdallahs bewies auch hier, bei allen Gelegenheiten worin er ſich auszeichnen konnte, ſo viel Muth, daß Mirdſche⸗ han ihn um ſich haben wollte. —————V—— ——— Kuluf und Dilara. 191 Kuluf gewann bald die Freundſchaft dieſes Prinzen, welcher taͤglich neue Verdienſte in ihm entdeckte, und ihn mit ſeinem Vertrauen ehrte. Bald darnach ſtarb Kabal⸗Chan. Der Prinz ſein Sohn war ſein Nachfolger, und kaum war dieſer auf dem Throne, als er den Sohn des Abdallah mit Wohlthaten uͤberhaͤufte, und ihn zu ſeinem Guͤnſtlinge machte. Als Kuluf ſeine Umſtaͤnde ſo gaͤnzlich veraͤndert ſah, daß er niemals gluͤcklicher geweſen, ſagte er bei ſich ſelber: „Wohl muͤſſen alle Ereigniſſe unſers Lebens im Himmel vorgezeichnet ſein. Als ich zu Damask in Vergnuͤgungen lebte, hatte es da wohl den Anſchein, daß ich jemals in Elend verſinken koͤnnte? Und als ich nach Karako⸗ rom kam, konnte ich vernuͤnftigerweiſe wohl hoffen, daß ich jemals wuͤrde, was ich jetzo bin? Nein, nein, alle unſere Gluͤcksfaͤlle und Unfaͤlle koͤnnten uns ſonſt nicht begegnen. Laßt uns alſo nach unſerm Gefallen leben, und das Schickſal erwarten, das wir nicht vermeiden koͤnnen.“ So dachte der Sohn Abdallahs, und uͤberließ ſich, im Dienſte des Fuͤrſten, ohne Zwang ſeinem Hange. Eines Tages, als er aus dem Palaſte trat, be⸗ gegnete er einer alten Frau, unter einem Schleier von Indiſcher Leinwand, mit ſeidenen Baͤndern ge⸗ bunden. Sie trug ein dickes Halsband von Perlen, 192 31. T a g. einen Stock in der Hand, und fuͤnf ebenfalls ver⸗ ſchleierte Sklavinnen begleiteten ſie. Er naͤherte ſich der Alten, und fragte ſie, ob dieſe Sklavinnen zu verkaufen waͤren. 4 „Ja,“ ſagte die Alte. Er hub ſogleich ihre Schleier auf, und ſah, daß die Sklavinnen jung und ſchoͤn waren; vor allen fand er eine ſehr reizend.— „Verkaufet mir dieſe hier,“ ſagte er zu der Alten, „ſie gefaͤllt mir.“ „Nein,“ antwortete ſie,„die kann ich euch nicht verkaufen. Ihr ſcheint mir ein feiner Herr, ihr muͤßt eine ſchoͤnere haben. Ich habe noch andere in meinem Hauſe. Da ſind Tuͤrkiſche, Griechiſche, Sla⸗ voniſche, Joniſche, Aethiopiſche, Deutſche, Kaſchemiriſche, Chineſiſche, Armeniſche und Georgiſche Maͤdchen. Ich will ſie euch alle vor⸗ ſtellen, und ihr koͤnnet nehmen, welche euch am beß⸗ ten gefaͤllt; ihr duͤrft mir nur folgen.“ Mit dieſen Worten ging ſie vor Kuluf her, der ihr folgte. 4 Als ſie vor einer Moſchee waren, ſagte die Alte zu ihm: 2 „O junger Mann, erwartet mich hier einen Au⸗ genblick, ich komme ſogleich wieder.“ Er wartete faſt eine Stunde, und er fing ſchon an ungeduldig zu werden, da erſchien ſie mit einem b Kuluf und Dilara. 195 Maͤdchen, welche ein Paͤckchen trug. In demſelben war ein Schleier und ein Frauenoberrock, womit die Alte den Kuluf bekleiden wollte, indem ſie ſagte: „Herr, wir ſind Leute von Ehre und von gutem Hauſe; es waͤre nicht wohlanſtaͤndig, einen Fremdling bei uns zu empfangen.“ „Gute Mutter,“ antwortete er ihr,„ihr duͤrft nur befehlen, ich thue alles„ was ihr wollt.“ Er zog alſo den Oberrock an und warf den Schleier uͤber den Kopf. Hierauf folgte er der Alten, welche ihn in ein ihm unbekanntes Stadtviertel fuͤhrte. Sie traten in ein großes Haus, oder vielmehr in ei⸗ nen Palaſt; denn alles, was ſich hier den Blicken darbot, hatte ein Anſehn von Groͤße und Pracht. Nachdem ſie einen weiten, mit Jaspismarmor epfla⸗ ſterten Hof durchſchritten hatten, gelangten ſie in ei⸗ nen Saak von erſtaunlicher Groͤße, in deſſen Mitte ein Porphyrbecken voll Waſſer ſtand, worin mehrere kleine Enten ſpielten; ringsumher ſah man Kaͤfige von Golddrath, in welchen tauſenderlei Voͤgel waren, welche ihr Gezwitſcher hoͤren ließen. — 19 ½ 32. Tia g. Zwei und dreißigſter Tag. Waͤhrend Kuluf dieſe Voͤgel aufmerkſam betrach⸗ tete, nebſt allen den uͤbrigen Dingen, welche dieſen Saal zum ergetzlichſten der Welt machten, trat ein Fraͤulein herein, welche ſich dem jungen Manne mit laͤchelnder Miene naͤherte. Sie machte ihm eine tiefe Verbeugung; und nachdem er ſeinerſeits ſie auch be⸗ gruͤßt hatte, nahm ſie ihn bei der Hand, und bat ihn, ſich auf die Kiſſen von Goldbrokat zu ſetzen, welche auf den Sopha's von denſelben Stoffen lagen. Sobald er ſich geſetzt hatte, nahm ſie ſelber ſich die Muͤhe, ihm das Geſicht und die Augen mit einem Tuche von dem feinſten Linnen abzutrocknen; und in⸗ dem ſie ihm dieſen zaͤrtlichen Dienſt erwies, laͤchelte ſie, und warf ihm ſolche Blicke zu, welche ihn bald außer ſich verſetzten. Er fand ſie ſehr nach ſeinem Geſchmack, und er war ſchon im Begriff, ſie zu kaufen, als ein anderes Fraͤulein erſchien, deren blonde Haare in Locken uͤber die nackten Schultern wogten, und die noch viel ſchoͤ⸗ ner war, als die erſte. Sie naͤherte ſich mit anmuthi⸗ gem Weſen dem Sohne Abdallahs, faßte ſeine Haͤnde, kuͤßte ſie, und ſchickte ſich an, ihm die Fuͤße in ei⸗ nem goldenen Becken zu waſchen. Er wollte es nicht zugeben; und getroffen von der Schoͤnheit, womit ſie Kuluf und Dilara. 195 ausgeſtattet war, ſtand er auf, ſich ihr zu Fuͤßen zu werfen, mit dem Entſchluſſe, bei dieſer zu bleiben. Aber er ſtand ploͤtzlich unbeweglich und wie ein Mann, der den Gebrauch ſeiner Sinne verloren hatte, denn er erblickte jetzo zwanzig junge Maͤdchen, immer eine reizender, als die andere. Sie begleiteten eine junge Dame, welche noch ſchoͤner und reicher gekleidet war, als ſie alle, und ihre Gebieterinn zu ſein ſchien. Kuluf waͤhnte den Mond umgeben von Sternen zu ſehen; und bei dem Anblick eines ſo hinreißenden Ge⸗ genſtandes ſank er in Ohnmacht. Alle Sklavinnen ſprangen ſogleich ihm zu Huͤlfe, und nachdem ſie ihn wieder zu ſich ſelbſt gebracht hat⸗ ten, redete die Dame, welche dieß verurſacht hatte, ihn alſo an: „Sei willkommen, armer bei den Beinen gefange⸗ ner Vogel.“ Kuluf kuͤßte den Boden, und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Er mußte ſich auf ein Sopha ſetzen. Man brachte Sorbet in einer goldenen mit Edelſteinen geſchmuͤckten Schale: die Dame trank davon, und bot das Uebrige dem jungen Manne dar. Hierauf ſetzte ſie ſich neben ihn, und da ſie bemerkte, daß er ſo bewegt war, daß er nicht ein Wort hervorbringen konnte, fragte ſie ihn: „Woher koͤmmt dieſe Bewegung die dich beunru⸗ higt? Verbanne dieſe duͤſtere Traurigkeit aus deinen 195 32. Ta g. Augen. Du langweilſt dich ohne Zweifel ſchon bei uns; unſre Geſellſchaft misfaͤllt dir.“ 3„Ah! ſchoͤne Herrinn,“ antwortete er, indem er ſie zaͤrtlich anblickte,„hoͤret auf, ich bitte euch, hoͤ⸗ ret auf, mich zu beleidigen. Ihr wiſſet nur zu gut, daß man eure Reize nicht ungeſtraft erblicken kann. Ich bin, ich bekenne es, außer mir ſelber; eine un⸗ begreifliche Unruhe ergreift alle meine Lebensgeiſter.“ „Sei denn gutes Muthes,“ unterbrach ihn die Dame,„und bedenke, daß du hieherkoͤmmſt, dir eine Sklavinn zu kaufen: wir wollen uns jetzt alle zu Ti⸗ ſche ſetzen, und ich hoffe, daß wir dich ergetzen koͤnnen.“ Indem ſie dieß ſagte, nahm ſie Kuluf bei der Hand, und fuͤhrte ihn in einen Saal, wo ſie ſich, mit allen den anderen Frauen an einen langen Tiſch ſetzten, auf welchem Koͤrbchen von Sandelholz voll eingekochter Taͤfelchen und trockener eingemachter Fruͤchte ſtanden: da waren Fruͤchte Manumi, Aep⸗ fel Tannuri, Pilau) Guſina, Lafiſina und Schekerina, und andere Sachen mehr. Nachdem ſie gegeſſen hatten, ſtanden ſie auf. Man brachte ih⸗ nen ein goldenes Waſchbecken nebſt Gießkanne. Die Frauen wuſchen ſich die Haͤnde mit Mandelteig von *) mit Fleiſch gekochter Reis.— Die Beinamen bezeichnen vermuthlich Landſchaften. Kuluf und Dilara. 197 Kuſa, Seife von Rikka, Dokoa von Bagdad, und Pulver von Aloe⸗Komari, und nachdem ſie ſich mit Tuͤchern von roſenrother Seide abgetrocknet hatten, gingen ſie in das Trinkzimmer. Dieſes war ein ange⸗ nehmes Gemach, geziert mit mehreren Gefaͤßen voll Balſam, Roſen und anderen duftenden Blumen, welche ein Marmorbecken voll des reinſten Waſſers umgaben. Dieſes Becken diente dazu, den Wein zu erfriſchen, und indem es ſeine Kuͤhle mit den Wohl⸗ geruͤchen der Blumen vermiſchte, vermehrte es noch die Annehmlichkeit dieſes Zimmers. Alle Frauen bo⸗ ten Kuluf zu trinken, und tranken auch ſelber, derge⸗ ſtalt, daß die Geſellſchaft mit etwas erhitztem Haupte in den Saal zuruͤckkehrte. Hier fingen einige dieſer Frauen an zu tanzen, andere ſpielten die Zither, die Davids⸗Harfe, genannt Kanun, die Orgel Arganun und die Geige Bar⸗ bot. Aber wie kunſtreich ſie auch alle dieſe Inſtru⸗ mente ſpielten, ſie erreichten doch nicht die Dame, von welcher der Sohn Abdallahs bezaubert war. Dieſe unvergleichliche Schoͤne wollte naͤmlich auch zei⸗ gen, was ſie koͤnnte, ſie nahm eine Laute,*) und nachdem ſie dieſelbe geſtimmt hatte, ſpielte ſie auf eine hinreißende Weiſe. Darnach ließ ſie ſich eine *²) In der Urſchrift: Aüd. 198 32. Ta g. Harfe geben, und ſpielte ſie in der Weiſe Raſte;) dann brachte man ihr eine Geige, und dieſe ſpielte ſie in der Weiſe Ispahani; darnach nahm ſie eine Schaͤferfloͤte und ſpielte ſie in der Weiſe Rihaui. Kurz, ſie ſpielte ſo die zwoͤlf Weiſen und die vier und zwanzig Arten der Muſik, eine nach der andern. Sie ſang auch, und ihre Stimme gewaͤhrte dem ver⸗ liebten Kuluf nicht minder Vergnuͤgen, als die Kunſt, mit welcher ſie die Inſtrumente geſpielt hatte. Er war davon ſo entzuͤckt, daß er ſich nicht mehr zu halten wußte, und ausrief: „Meine Koͤniginn, ihr habt mir den Verſtand ge⸗ raubt; ich kann dem Entzuͤcken nicht widerſtehen, welches ihr mir einfloͤßet: vergoͤnnet, daß ich eine eurer ſchoͤnen Haͤnde kuͤſſe und mein Haupt zu euren Fuͤßen lege.“ Indem er ſo ſprach, warf dieſer leidenſchaftliche Liebhaber ſich, wie ein unſinniger Menſch, zu Boden, ergriff eine von den Haͤnden der Dame, und kuͤßte ſie inbruͤnſtig. Aber dieſe liebenswuͤrdige Dame, durch *) Raſte vielleicht von Raſti, der im ꝛ0ten Jahrh. die 1001 Nacht in Verſen dichtete. Die folgenden, ſo wie die wei⸗ ter unten folgenden Namen der Weiſen beziehen ſich auf Oerter: Ispahani die Ispahaniſche, und Rihaui die von Riha, wie bei den Arabern Jericho heißt, oder von Roha, wie ſie Edeſſa nennen. Kuluf und Dilara. 199 ſeine Dreiſtigkeit beleidigt, ſtieß ihn mit ſtolzer Miene zuruͤck, und ſagte zu ihm: „Halt, wer du auch ſeieſt, und uͤberſchreit nicht die Graͤnzen der Beſcheidenheit: ich bin ein Fraͤulein von Stande. Vergeblich begehrſt du meinen Beſitz, du vermoͤchteſt ihn nicht zu erwerben: du wirſt mich nie wiederſehen.“. Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich; und alle die anderen Frauen folgten ihrem Beiſpiele und thaten daſſelbe. 1 4 Drei und dreißigſter Tag. Der Sohn Abdallahs, in Verzweiflung, eine der geliebten Dame ſo misfaͤllige Handlung begangen zu haben, blieb in dem Saale zuruͤck, von tauſenderlei Gedanken bewegt. Da kam die Alte, welche ihn hieher gefuͤhrt hatte, zu ihm, und ſprach: „Was habt ihr gethan, junger Mann? Mußtet ihr euch von eurer Leidenſchaft ſo fortreißen laßen? Obgleich ich euch weis machte, daß ich hier Sklavin⸗ nen aus allen Voͤlkern haͤtte, ſo mußtet ihr doch an der Pracht dieſes Hauſes und an der Art, womit man euch aufgenommen hat, wohl erkennen, daß ihr nicht bei einer Sklavenhaͤndlerin waͤret. Die Dame, welche 200 33. Tag. ihr beleidigt habt, iſt die Tochter eines der vornehm⸗ ſten Herren des Hofes: ihr haͤttet ehrerbietiger ſein ſollen.“ Die Rede der Alten vermehrte nur die Liebe Ku⸗ lufs ſo wie ſeinen Verdruß, daß er durch ſein zu⸗ dringliches Entzuͤcken die Schoͤne genoͤthigt hatte, ſich zu entfernen. Er war noch ganz durchdrungen davon, und ver⸗ zweifelte, ſie wiederzuſehen, als ſie noch ſchoͤner ge⸗ ſchmuͤckt und in anderen Kleidern wieder in den Saal trat, und alle die anderen Frauen mit ihr. Sie laͤ⸗ chelte, als ſie den Sohn Abdallahs traurig und nach⸗ denklich ſah, und ſagte zu ihm: „Ich glaube, du bereueſt dein Vergehen, und ich will es dir wohl verzeihen, unter der Bedingung, daß du fortan artiger ſein, und mir ſagen wirſt, wer du biſt.“ Da er nichts lieber wuͤnſchte, als ſich mit dieſem reizenden Fraͤulein zu verſoͤhnen, ſo ſagte er ihr un— beſchwert, er waͤre Kuluf, der Guͤnſtling des Koͤnigs. „Herr,“ ſagte ſie hierauf zu ihm,„ſchon lange V kenne ich euch dem Rufe nach, und hoͤre von euch ſehr vortheilhaft reden; ich habe ſelbſt ſchon manchmal gewaͤnſcht, euch zu ſehen, und ich bin erfreut, heute dieſe Genugthuung zu haben.— Wir wollen jetzt un⸗ ſere Taͤnze und Konzerte fortſetzen,“ fuhr ſie fort, Kuluf und Dilara. 2⁰1 indem ſie ſich zu den anderen Frauen wandte,„und alles aufbieten, unſern Gaſt zu ergetzen.“ Alle die Frauen fingen nun wieder an zu tanzen und auf Inſtrumenten zu ſpielen, und dieſe Ergetzlich⸗ keit dauerte bis Abend. Sobald es dunkel ward, zuͤn⸗ dete man eine uͤberſchwaͤngliche Menge von Wachslich⸗ tern an; und bis die Zeit des Abendeſſens kam unter⸗ hielt ſich die junge Dame mit dem Sohn Abdallahs. Sie fragte ihn nach Neuigkeiten von dem Koͤnige Mirdſchehan: ob dieſer Fuͤrſt ſchoͤne Frauen in ſeinem Harem haͤtte. „Ja, Herrinn,“ antwortete Kuluf,„er hat Skla⸗ vinnen von ſehr großer Schoͤnheit. Er liebt gegen⸗ waͤrtig beſonders eine unter ihnen namens Ghuͤlen⸗ dam. Sie iſt jung, wohlgebildet, und ich wuͤrde ſagen, ſie iſt das ſchoͤnſte Maͤdchen auf der Welt, wenn ich euch nicht geſehen haͤtte: aber eure Reize uͤbertreffen die ihrigen, und ſie verdient nicht, mit euch verglichen zu werden. Dieſe ſchmeichelhaften Worte misfielen nicht Di⸗ lara,*) ſo nannte ſich die junge Dame. Sie war die Tochter Boyruͤks eines Keraitiſchen großen Herrn, der damals nicht zu Karakorum war. Mir⸗ dſchehan hatte ihn nach Samarkand geſandt, um *) d. h. Ruhe des Herzens. 2⁰2 33. Tag. von ſeiner Seite dem Usbek⸗Chan zum Antritte ſei⸗ ner Regierung in der Tatarei Gluͤck zu wuͤnſchen. So geſchah es, daß Dilara waͤhrend der Abweſenheit ihres Vaters, ſich zuweilen ein Vergnuͤgen daraus machte, junge Leute in ihr Haus zu ziehen, bloß um ſich mit ihnen zu beluſtigen; denn ſobald ſie die Ach⸗ tung aus den Augen ſetzen wollten, wußte ſie wohl ihre Zudringlichkeit zuruͤckzuweiſen. Sie war alſo ſehr erfreut von Kuluf zu verneh⸗ men, ſie waͤre ſchoͤner, als die Geliebte des Koͤnigs. Bei dem Abendeſſen ſagte ſie tauſend anmuthige Sa⸗ chen, und vollendete durch ihren Geiſt ihrem Gaſt all die Liebe einzufloͤßen, deren er irgend fuaͤhig war. Er ſeinerſeits unterließ auch nicht, waͤhrend des Mahles ſeinen Geiſt zu zeigen. Erhitzt von dem Anblick und der Froͤhlichkeit des Fraͤuleins, entſpruͤhten ihm von Zeit zu Zeit ſehr ergetzliche Einfaͤlle. Als es Zeit war, nach Hauſe zu gehen, warf er ſich vor Dilara nieder, und ſprach zu ihr: „Und wenn ich hundert Jahre hier bliebe, ſo wuͤrde ich bei euch immer nur erſt einen Augenblick zu ſein waͤhnen: aber wie groß auch mein Vergnuͤgen bei eurer Unterhaltung ſei, dennoch muß ich euch verla⸗ ßen und euch ausruhen laßen. Morgen, wenn ihr es mir wohl erlauben wollt, komme ich wieder.“ „Ich willige ein,“ antwortete die Dame;„ihr duͤrft euch nur an der Thuͤre der Moſchee einfinden, Kuluf und Dilar a. 203 wo man euch heute abgeholt hat, und man wird euch wieder in dieſes Haus fuͤhren.“ Nachdem ſie dieſes geſagt hatte, ließ ſie eine Boͤrſe von Goldfaͤden und Seide bringen, welche ih⸗ rer Haͤnde Werk war, und in welchem ſich Kleinode von betraͤchtlichem Werthe befanden. „Nehmet, Kuluf,“ ſprach ſie zu ihm,„und ver⸗ ſchmaͤhet nicht dieß kleine Geſchenk, oder ihr werdet mich nie wiederſehen.“ Der Sohn Abdallahs nahm die Boͤrſe, dankte dem Fraͤulein, und verließ den Saal. Auf dem Hofe traf er die gute Alte, welche ihm die Thuͤre nach der Straße oͤffnete und ihm den Weg nach dem Palaſte zeigte. Sobald er hier angekommen war, begab er ſich in ſein Gemach, und legte ſich nieder. Er brachte die uͤbrige Nacht damit hin, ſich alles ins Gedaͤchtnis zuruͤckzurufen, was er dieſen Tag erlebt hatte. Er war ſo mit Dilara beſchaͤftigt, daß der Schlaf ſeine Augenlieder nicht zu ſchließen vermochte. Er ſtand in aller Fruͤhe auf und begab ſich zu dem Koͤnige. Der Fuͤrſt, der ihn am vorigen Tage nicht geſehen, und mehrmals nach ihm gefragt hatte, war ſehr beſorgt um ihn. Sobald er ihn nun ſah, fragte er ihn: „Ei! wo koͤmmſt du her, Kuluf? was haſt du geſtern gemacht? warum biſt du nicht erſchienen?“ 20 33. Tag. „Herr,“ antwortete ihm der Guͤnſtling,„wenn Euer Majeſtaͤt das Abenteuer hoͤrt, welches mir be⸗ gegnet iſt, ſo werdet ihr nicht mehr verwundert ſein, mich nicht geſehen zu haben.“ Zugleich erzaͤhlte er ihm alles, was vorgegangen war. Als er ſeinen Bericht vollendet hatte, ſagte Mirdſchehan zu ihm: „Iſt es moͤglich, daß dieſes Fraͤulein, von wel⸗ cher du mir erzaͤhlſt, ſo ſchoͤn ſei, wie du ſagſt? Du ſprichſt von ihr mit ſolcher Lebhaftigkeit, daß ich dem Bilde mistraue, welches du mir von ihr entwir feſt.“ „Herr,“ erwiederte der Sohn Abdallahs,„weit entfernt, ein ſchmeichelnder Maler zu ſein, kann ich euch verſichern, daß ſie noch weit uͤbertrifft, was ich von ihr geſagt habe. Ja, wenn Mani, jener be⸗ ruͤhmte Maler von China, es unternaͤme ſie zu ma⸗ len, ſo wuͤrde er mit Recht fuͤrchten, das Urbild nicht erreichen zu koͤnnen.“ „Das iſt zu viel,“ ſagte der Koͤnig,„du erregſt mir Luſt, dieſes Fraͤulein zu ſehen, und ich will durch⸗ aus dich begleiten, da du ſie wieder beſuchen ſollſt.“ Die Neugier des jungen Koͤnigs der Keraiten be⸗ unruhigte Kuluf. Er fuͤrchtete davon die Folgen fuͤr ſeine Liebe. „Aber, wie ſoll ich es anſtellen, Herr,“ ſagte er zu ihm,„um euch bei dieſem Fraͤulein einzufuͤhren? wer, ſoll ich ſagen, daß ihr ſeid?“ Kuluf und Dilara. 205 „Ich will mich verkleiden,“ erwiederte Mirdſche⸗ han,„und mich fuͤr deinen Sklaven ausgeben. So gehe ich mit dir hinein, und verberge mich in einem Winkel, wo ich alles beobachten kann.“ Der Sohn Abdallahs wagte nicht, ſeinem Herrn etwas dagegen einzuwenden. Dieſer verkleidete ſich als Sklave, und mit Anbruche der Nacht begaben ſich beide an die Thuͤre der Moſchee. Sie waren hier nicht lange, da erſchien die Alte, und ſagte zu Kuluf: „Ihr hattet nicht noͤthig, dieſen Sklaven mitzu⸗ bringen; ihr koͤnnt ihn nur heimſchicken.“ Vier und dreißigſter Tag. Der Koͤnig war ſehr verdrießlich, die Alte ſo ſpre⸗ chen zu hoͤren; aber Kuluf nahm das Wort, und ſagte: „Meine gute Mutter, ich bitte euch, erlaubet, daß dieſer Sklave uns folge. Es iſt ein Juͤngling von Geiſt und angenehmen Talenten; er macht Gedichte aus dem Stegereif, und ſingt zum Entzuͤcken. Eure Herrinn wird nicht boͤſe ſein, daß ich ihn ihr zeige.“ Die Alte ſagte nichts weiter hierauf, und ſie gin⸗ gen alle drei hin, Kuluf in einen Weiberrock verhuͤllt, wie am vorigen Tage, und Mirdſchehan in Sklaven⸗ tracht. Sie traten in den Hof, und von hier in den 2⁰6 34. Tag. Saal, den ſie von einer Unzahl wohlriechender Wachs⸗ lichter erhellt fanden, welche angenehme Duͤfte ver⸗ breiteten. Dilara fragte den Sobn Abdallahs, warum er ſich von einem Sklaven haͤtte begleiten laßen. „Mein Fraͤulein,“ antwortete er ihr,„ich habe es fuͤr paſſend gehalten ihn mitzubringen, um euch zu er⸗ b getzen: er iſt Luſtigmacher, Dichter und Tonkunſtler; ich hoffe, ihr werdet mit ihm zufrieden ſein.“ „Wenn dem ſo iſt,“ ſagte ſie,„ſo ſei er willkom⸗ men.— Aber, guter Freund,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ſich zu dem Koͤnige wandte,„ſei huͤbſch beſcheiden und gehorſam, und laß dir nicht einfallen, es gegen meine Frauen an der gebuͤhrenden Achtung fehlen zu laßen; denn es koͤnnte dich gereuen.“ Da der Fuͤrſt ſich in der Nothwendigkeit ſah, den Luſtigmacher zu ſpielen, ſo fing er an, Spaͤße zu ma⸗ chen, und entledigte ſich ſeiner Rolle ſo gut, daß die Dame zu dem Guͤnſtling ſagte: „In Wahrheit, Kuluf, ihr habt da einen ſehr er⸗ getzlichen und geiſtvollen Burſchen. Ich bemerke ſelbſt in ſeinem Weſen etwas Edles und Feines. Er muß uns heut Abend als Schenke dienen; ich ſpuͤre Zunei⸗ gung fuͤr ihn.“ „Weil er das Gluͤck hat, euch zu gefallen,“ ant⸗ wortete der Guͤnſtling,„ſo gehoͤrt er nicht mehr mir, er iſt der eurige, meine Herrinn.— Kaltapan,“ Kuluf und Dilara. 207 ſagte er zu dem Koͤnige,„ich bin nicht mehr dein Herr, ſieh hier deine Gebieterinn.“ Bei dieſen Worten naͤherte ſich der Fuͤrſt dem Fraͤulein, kuͤßte ihr die Hand, und ſagte zu ihr: „Herrinn, ich bin gegenwaͤrtig euer Sklave, und ſchon fuͤhle ich mich geneigt, euch mit großem Eifer zu dienen.“ Sie nahm Mirdſchehan zum Sklaven an, und ſagte zu Kuluf: „Herr, ich betrachte zwar den Burſchen hier als mein Eigenthum, aber genehmiget, daß ich ihn euren Haͤnden in Verwahrung gebe. Er ſoll bei euch blei⸗ ben, und ihr ſollt ihn mir jedesmal mitbringen, wenn ihr hieher kommet. Ich kann ihn in meinem Hauſe nicht behalten, weil man weiß, daß er euer Sklave iſt. Alle Welt kennt ihn als ſolchen. Wenn man ihn nun aus euren Dienſten in meine uͤbergehen ſaͤhe, ſo koͤnnte das ein uͤbles Gerede geben; und ich habe ſtarke Ruͤckſichten zu nehmen.“ Nachdem ſie dieſe Unterhaltung noch einige Zeit lang fortgeſetzt hatten, ſetzten ſich Kuluf und Dilara zu Tiſche, zum Abendeſſen, und der Koͤnig ſtand und wartete ihnen auf. Da er nun die Dame durch tau⸗ ſend Scherze ergetzte, ſo ſagte ſie zu dem Guͤnſtlinge: „Herr, erlaubet, daß dieſer Burſche mit uns eſſe und trinke.“ 208 34. TC a g. „Mein Fraͤulein,“ antwortete Kuluf,„er ißt ge⸗ woͤhnlich nicht mit mir.“ b „Seid nicht ſo ſtrenge,“ verſetzte die Dame, llaßt ihn mit uns trinken, damit er uns deſto erge⸗ bener ſei.“ „So ſetze dich denn hin,“ ſagte der Sohn Abdal⸗ lahs,„weil es die Herrinn durchaus ſo haben will.“ Der falſche Sklave ließ ſich dieſes nicht zweimal ſagen; er ſetzte ſich zwiſchen Kuluf und die liebens⸗ wuͤrdige Tochter Boyruͤks, und aaß mit ihnen. Und als man den Wein gebracht hatte, fuͤllte das Fraͤulein eine Schale bis an den Rand, bot ſie ihm dar, und ſagte dabei: „Nimm, Kaltapan, und leere dieſe Schale auf meine Geſundheit.“ 3 Er nahm die Schale, nachdem er die Hand ge⸗ kuͤßt hatte, welche ſie ihm reichte, und trank. Hier⸗ auf ſchenkte man ein, und ließ die Geſundheiten her⸗ umgehen, und die ſchoͤne Dilara ermunterte durch ihr Beiſpiel ihre Gaͤſte zur Froͤhlichkeit. Sie nahm eine ganz volle goldene Schale, wandte ſich zu dem Sohne Abdallahs und ſagte zu ihm: „Kuluf, ich trinke auf eure Liebſchaft, und auf die reizende Ghuͤlendam, die Favoritinn des Koͤnigs.“ „Mein Fraͤulein,“ erwiederte der Guͤnſtling erroͤ⸗ thend,„Gott verhuͤte, daß ich die Kuͤhnheit habe, meine Gedanken bis zu der Geliebten meines Fuͤr⸗ Kauluf und Dilara. 2⁰9 ſten zu erheben; ich habe zu viel Ehrfurcht fuͤr ihn, u 74 „Ho, ho, ihr wollt den verſchwiegenen ſpielen,“ unterbrach ihn das Fraͤulein laͤchelnd;„ich erinnere mich wohl, daß ihr geſtern ſo lebhaft von Ghuͤlendam zu mir ſprachet, daß ihr mir von ihr eigenommen ſchienet. Ich bin ſicher, daß ihr ſie liebt. Bekennet uns freimuͤthig, daß ihr ihr nicht misfallet und ihr euch zuweilen mit einander beluſtigt.“ Kuluf ward unruhig bei dieſen Worten, deren Fol⸗ gen er voraus d und ſagte: „Ich bitte euch, mein Fraͤulein, laßet ab, dar⸗ uͤber zu ſcherzen. Ich habe niemals eine geheime Un⸗ terhaltung mit dieſer Dame gehabt.“ Die Unruhe, welche er blicken ließ, vermehrte Dilara's Lachen. Anſtatt einen ernſthaften Ton anzu⸗ nehmen, fuhr ſie fort: „Ihr ſolltet uns eure Abenteuer erzaͤhlen.— Kaltapan,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie den falſchen Sklaven anſah,„ſage deinem Herrn, daß er etwas mehr Vertrauen zu mir habe.“ „Nun, Herr Kuluf,“ ſagte der Koͤnig,„gewaͤhret der Herrinn die Genugthuung, welche ſie von euch verlangt. Sie bittet euch ſo freundlich darum. Er⸗ zaͤhlet ihr den Urſprung und Fortgang eurer Liebe; unterrichtet ſie, wie ihr mit Ghuͤlendam ſteht, und * 14 210 34. Tag. auf welche Weiſe ihr allebeide den Koͤnig betruͤget.— Herrinn,“ fuhr er fort, indem er ſich zu Dilara wandte,„ich bin nicht weniger neugierig, als ihr, dieſes zu wiſſen; denn obwohl ich mich ruͤhme, ein ſehr verſchwiegener Vertrauter zu ſein, ſo verſichere ich euch doch, daß Herr Kuluf mir aus ſeiner Leidenſchaft fuͤr die Favoritinn ein Geheimnis gemacht hat.“ Mirdſchehan brachte durch dieſe Rede ſeinen Guͤnſt⸗ ling vollends außer Faſſung, der wohl bemerkte, daß die Neckereien Dilara's nicht ermangelten, einen uͤblen Eindruck auf das Gemuͤth des Fuͤrſten zu machen. Indeſſen fuhren ſie fort, alle drei zu trinken, und unvermerkt, vom Weine erhitzt, vergaß der Koͤnig die Rolle, welche er uͤbernommen hatte zu ſpielen. „Meine Prinzeſſinn,“ ſagte er zu dem Fraͤulein, „ich bitte euch, ſinget uns etwas Angenehmes. Man ſagt, ihr ſinget zum Entzuͤcken.“ Dieſe Worte, obwohl mit einem ſehr vertraulichen Ton ausgeſprochen, misfielen der Tochter Boyruͤks keinesweges. Anſtatt ſich dadurch beleidigt zu finden, brach ſie in lautes Lachen aus, und ſagte: „Sehr gern, mein lieber Kaltapan; es gibt nichts, was ich nicht dir zu Gefallen thaͤte.“ I Sogleich forderte ſie eine reingeſtimmte Laute, und ſpielte in der Weiſe Prak) ein ſehr ſchoͤnes Lied, *) Jrak Adſchemi, das alte Parthien, eine der Hauptpro⸗ Kuluf und Dilara. welches ſie mit ihrer Stimme begleitete. Hierauf nahm ſie ein Tamburin, und ſang dazu ein anderes Lied in der Weiſe Buſelik. Der Koͤnig, der niemals ſo ſchoͤn ſingen, noch die Laute und das Tamburin ſo ſchoͤn ſpielen gehoͤrt hatte, gerieth außer ſich vor Vergnuͤgen; er vergaß gaͤnzlich, daß er fuͤr einen Sklaven gelten wollte, und rief aus: „Ihr bezaubert mich, Herrinn; welch ein vor⸗ theilhaftes Bild mir auch Kuluf von euch gemacht, doch hat er mir noch nicht genug geſagt.“ Der Sohn Abdallahs mochte ihm noch ſo viel win⸗ ken, zu ſchweigen, es half nichts mehr. „Nein,“ fuhr der Fuͤrſt fort,„mein Muſiker Iſhak Mußali,⸗) deſſen Stimme man ſo hoch ruͤhmt, ſingt nicht ſo ſchoͤn, als ihr.“ An dieſen Worten erkannte Dilara„ daß derjenige, den ſie fuͤr einen Sklaven hielt, der Koͤnig ſelber 211 vinzen des alten Perſiſchen Reichs, welches bei den Mor⸗ genländern Jran heißt, im Gegenſatz von Turan, dem Türkiſchen Reich, deren Gränzſcheider der Gihon iſt. H. *) Mußali heißt aus Mußal gebürtig, und dieſen Beina⸗ men führte beſonders der berühmteſte Tonkünſtler bei den Arabern Ebn al Nadim, obwohl er nicht daher ſtammte, ſondern nur dort wohnte. Er ſang zur Laute vor dem Cha⸗ lifen Mahadi und deſſen Sohn Harun al Rathid. H. Ueber Iſhak von Mußal, Muſiker des Chalifen Alma⸗ mun, Hatuns Sohnes, vgl. 1001 Nacht, N 6561. 212 34. Tag. waͤre; ſie ſtand ſchleunig auf von ihrem Sitze, und rannte nach einem Schleier, ſich das Geſicht zu be⸗ decken. „Weh! wir ſind verloren,“ ſagte ſie ganz leiſe zu ihren Frauen.„Das iſt kein Sklave, der mit Kuluf hieher gekommen, es iſt der Koͤnig.“ Nachdem ſie ihnen dieß geſagt hatte, kam ſie wie⸗ der zu Mirdſchehan, wagte aber nicht mehr ſich hin⸗ zuſetzen. „Setzet euch doch, meine Herrinn,“ ſagte der Fuͤrſt zu ihr,„mir koͤmmt es zu, in eurer Gegen⸗ genwart zu ſtehen. Bin ich nicht euer Sklave? Ich wuͤrde mich nicht geſetzt haben, wenn ihr, als meine unumſchraͤnkte Gebieterinn, es mir nicht befohlen haͤttet.“ Die Tochter Boyruͤks fing bei dieſen Worten an zu weinen; und indem ſie ſich dem Fuͤrſten zu Fuͤßen warf, ſagte ſie zu ihm: „Ach, großer Koͤnig, ich bitte Euer Majeſtaͤt un⸗ terthaͤnigſt, Mitleid mit mir zu haben; ich bin ein junges Maͤdchen ohne Erfahrung, ihr ſeid Zeuge mei⸗ nes Vergehens: geruhet, ich flehe euch, es mir zu verzeihen.“. Der Koͤnig hub das Fraͤulein auf, trooͤſtete ſie, ſagte ihr, ſie haͤtte nichts zu befuͤrchten, und fragte ſie, wer ſie waͤre. Kuluf und Dilara. 213 Sie befriedigte ſeine Neugierde; worauf er mit Kuluf dieſes Haus verließ, und ſich wieder nach ſei⸗ nem Palaſt begab. Fuͤnf und dreißigſter Tag. Die Neckereien, welche ſich Dilara gegen Kuluf uͤber Ghuͤlendam erlaubt hatte, hatten traurige Fol⸗ gen. Mirdſchehan hatte ſeine Favoritin und den Sohn Abdallahs in Verdacht, daß ſie einander liebten, und waͤhnte, daß ſie, ohne Ruͤckſicht auf alles, was ſie ihm verdankten, in ſeinem Palaſte ſelber die Suͤßig⸗ keiten eines gluͤcklichen Einverſtaͤndniſſes ſchmeckten. Es haͤtte nur bei ihm geſtanden, ſich dadurch, daß er ſie beide genau beobachten ließe, von der Falſchheit ſeines Argwohns zu uͤberzeugen. Aber er war einer von jenen Eiferſuͤchtigen, welche nur auf ihre Eifer⸗ ſucht hoͤren, und die, ſich den erſten Eindruͤcken hin⸗ gebend, keiner weitern Aufklaͤrung zu beduͤrfen waͤh⸗ nen. Demnach ſchickte er gleich am folgenden Mor⸗ gen, ohne ſeinen Verdacht weiter bewaͤhren zu wollen, zu Kuluf und ließ ihm verbieten, fortan noch vor ihm zu erſcheinen, ja befahl ihm, noch dieſen Tag Karakoruͤm zu verlaßen. Der Guͤnſtling errieth wohl die Urſache ſeiner Un⸗ gnade, und obgleich er ſich nichts vorzuwerfen hatte 35. Tag. und nicht verzweifelte, ſeine Unſchuld darzuthun, wenn er nur Gehoͤr erlangen koͤnnte, ſo vernachlaͤßigte er jedoch, Mittel zu ſeiner Rechtfertigung zu ſuchen, und ergab ſich gutwillig in ſein Ungluͤck. Er gehorchte dem Befehle des Koͤnigs, und geſellte ſich zu einer ſtarken Karavane, die nach der Tatarei ging, und begab ſich mit ihr nach Samarkand.*) Da nie⸗ mand ſo gut, als er, dem Misgeſchicke zu widerſtehen vermochte, ſo war er durch dieſen neuen Schlag nicht uͤberwaͤltigt. Außerdem daß er ſich ſchon einmal in einer elenden Lage befunden hatte, erſchienen alle Er⸗ eigniſſe des Lebens ihm als unvermeidliche Dinge, wie ſchon oben geſagt iſt, und nichts konnte die Feſtigkeit ſeines Geiſtes erſchuͤttern. Er blieb alſo in Samarkand, und ergab ſich in alles, was der Himmel uͤber ihn verhaͤngt hatte. Er that ſich guͤtlich, und vergnuͤgte ſich, ſo lange er Geld hatte. Als er nichts mehr hatte, nahm er ſeinen Platz in dem Winkel einer Moſchee. Die Geiſtlichen befragten ») Alte, vermuthlich von Alexander erbaute und benannte Stadt in dem Lande nördlich des Orus, auf einer Ebene (Sogd), wonach dieſe Landſchaft auch(Sogdiana) genannt wurde. Seit Tamerlan, die Hauptſtadt des Lan⸗ des, anſtatt Bocharah, und noch Sitz der Usbeken, welche Tamerlans Nachkommen daraus vertrieben. H. Kuluf und Dilara. 215 ihn uͤber ſeine Religion, und da ſie ihn ſehr gelehrt darin befanden, ſo gaben ſie ihm ein regelmaͤßiges Almoſen von taͤglich zwei Broten und einem Kruge Waſſer, wobei er ſehr zufrieden lebte. Nun geſchah eines Tages, daß ein reicher Kauf⸗ mann, namens Muſaffer, in dieſe Moſchee kam, ſein Gebet zu verrichten. Er warf die Augen auf Kuluf; rief ihn heran, und fragte ihn: „Junger Mann, wo biſt du her, und welcher Zufall fuͤhrt dich in dieſe Stadt?“ „Herr,“ antwortete ihm der Sohn Abdallahs,„ich bin guter Leute Kind aus Damask; ich hatte Luſt zu reiſen, und bin ſo nach der Tatarei gekommen; aber ekliche Meilen von Samarkand ſtieß ich auf Raͤuber, die mein Geſinde getoͤdtet und mich beraubt haben.“ Muſaffer glaubte, was er von Kuluf hoͤrte, und te: „Betruͤbe dich nicht, gute Abenteuer ſind mit boͤ⸗ ſen verkettet; du findeſt hier vielleicht Troſt. Steh auf und folge mir nach meinem Hauſe.“. Der Sohn Abdallahs that, was ihm geheißen wurde, und als er in dem Hauſe des Kaufmanns war, erkannte er wohl, daß Muſaffer ein ſehr reicher Mann ſein muͤßte. Ein Waarenlager von den reichſten Stoffen, koſtbares Hausgeraͤth und eine große Anzahl von Geſinde, welche ſich ſeinen Augen darboten, lie⸗ 216 35. Tag. ßen ihn dieß Urtheil faͤllen; und er taͤuſchte ſich nicht: Muſaffer war ein Mann von anſehnlichem Vermoͤgen. Dieſer Kaufmann ließ Kuluf neben ſich zu Tiſche ſitzen, und bot ihm zuerſt Sorbet dar. Dann brachte man ihm Gallertſpeiſen und ſehr ſaftige Fleiſchgerichte. Nach dem Eſſen unterhielten ſie ſich noch eine Weile, und ſodann entließ ihn Muſaffer mit einem Geſchenke. Am folgenden Tage kam der Kaufmann wieder in dieſelbe Moſchee; er nahm den Sohn Abdallahs aber⸗ mals mit ſich nach Hauſe, und bewirthete ihn, wie den vorigen Tag. Dabei war auch ein Doktor Da⸗ niſchmend, der nach der Malzeit den Kuluf bei Seite zog, und Folgendes zu ihm ſprach: „Junger Fremdling, der Herr Muſaffer, der Be⸗ ſitzer dieſes Hauſes, hat eine große Abſicht mit dir; eine Abſicht, welche eine ſchleunige Ausfuͤhrung erfor⸗ dert, und welche dir in deinen gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden willkommen ſein wird. Du weißt, er hat einen einzi⸗ gen Sohn namens Taher, der ein junger Menſch von ſehr heftiger Gemuͤthsart iſt; dieſer Taher hat ſeit einigen Tagen die Tochter eines fremden großen Herrn geheiratet. Der Ehemann hat nach ſeiner aufe⸗ brauſenden Weiſe ſeine Frau angefahren; ſie hat dar⸗ b auf mit Verachtung und Stolz geantwortet, und da⸗ durch den Taher ſo ſehr gereizt, daß er ſie verſtoßen hat. Es hat ihn im Augenblick darnach gereuet; denn ſie iſt jung und ſchoͤn, und er liebt ſie leidenſchaftlich; Kuluf und Dilara. 217 aber die Geſetze erlauben ihm nicht, ſie wiederzuneh⸗ men, bevor nicht ein anderer Mann ſie geheiratet und auch verſtoßen hat. Deshalb wuͤnſcht Muſaffer, daß du ſie heute noch heirateſt, die Nacht mit ihr zu⸗ bringeſt, und ſie morgen fruͤh verſtoßeſt. Er will dir dafuͤr funfzig Zeckienen geben. Willſt du ihm nicht wohl den Gefallen thun? „Sehr gern,“ antwortete Kuluf;„ich bin ſehr er⸗ boͤtig, ihm dieſen Dienſt zu leiſten. Er hat mich zu gut aufgenommen, als daß ich ihm irgend etwas ab⸗ ſchlagen koͤnnte, was er begehrt; und uͤbrigens auch ſpuͤre ich gar keinen Widerwillen gegen das, was er mir antraͤgt.“ „Ich glaube es wohl,“ erwiederte Daniſchmend. „Es gibt in dieſer Stadt viele Leute, welche ſich nichts lieber wuͤnſchten, als bei dieſer Gelegenheit zu Huͤl⸗ la's*) erwaͤhlt zu werden, und wenn es auch keine funfzig Zeckienen zu gewinnen gaͤbe; denn Tahers Frau iſt eine vollkommene Schoͤnheit: ihr Leib iſt ſchlanker, als eine Cypreſſe; ihr Geſicht iſt voll, ihre Augen⸗ braunen ſind wohlgetheilt, und gebildet, wie zwei Boͤ⸗ gen, und ihre Blicke ſind eben ſo viel vergiftete Pfeile; — *) Hülla heißt derjenige der eine verſtoßene Frau heiratet, beſonders als Mittelsmann. 218 35. 36. Tag. der Schnee iſt nicht weißer, als die Farbe ihrer Haut, und ihr kleiner rother Mund gleicht einer Roſenknospe. Sechs und dreißigſter Tag. Man faͤnde alſo in Samarkand,“ fuhr Daniſchmend fort,„Huͤlla's ſo viel, als man wollte; aber man zieht vor, einen Fremden dazu zu nehmen, weil der⸗ gleichen Dinge ſo heimlich als moͤglich verhandelt wer⸗ den muͤßen. Muſaffer hat demnach ſeine Augen auf dich geworfen. Ich bin ein Nayb) und folglich mit der Macht bekleidet, dich mit dieſer reizenden Frau und Inbegriff aller Vollkommenheiten zu vermaͤhlen; und auf der Stelle, wenn du willſt, ſollſt du in ih⸗ rem Beſitze ſein.“ „Ich bin es zufrieden,“ verſetzte der Sohn Abdal⸗ lahs.„Nach dem Bilde, welches ihr mir von ihr gemacht habt, koͤnnt ihr wohl denken, daß ich ſie ſchon geheiratet zu haben wuͤnſche.“ „Ja, aber,“ ſagte der Nayb,„du mußt verſpre⸗ chen, ſie gleich morgen zu verſtoßen, und unverzuͤg⸗ lich mit dem Gelde, das du bekoͤmmſt, Samarkand zu verlaßen. Der Familie des Herrn Muſaffer wuͤrde es ²) Nayb bedeutet Stellvertreter des Kadi's. — Kuluf und Dilara. 219 nicht lieb ſein, daß du nach dieſem Abenteuer, noch laͤnger hier in der Stadt bliebeſt.“ „Ich will gewis nicht laͤnger hier bleiben,“ ant⸗ wortete Kuluf;„und wenn dieß Verſprechen nicht ge⸗ nug iſt, ſo ſchwoͤre ich es, daß ich gleich morgen fruͤh die Frau verſtoßen will, mit welcher ihr mich vermaͤhlen wollt.“ Er hatte nicht ſobald dieſen Schwur gethan, als der Stellvertreter des Kadi's den Muſaffer unterrichtete, daß der junge Fremdling bereit waͤre, als Huͤlla zu dienen:„er nimmt,“ ſagte er zu ihm,„die Bedin⸗ gungen an, welche ich ihm von eurer Seite vorgelegt habe; es iſt nichts mehr uͤbrig, als ihn mit eurer Schwiegertochter zu vermaͤhlen.“. Sogleich ließ Muſaffer ſeinen Sohn Taher und die uͤbrigen Glieder der Familie kommen, und in ihrer Gegenwart vermaͤhlte der Nayb den Sohn Abdallahs, ohne ihn die Braut ſehen zu laßen, weil es Taher ſo haben wollte. Es wurde ſogar feſtgeſetzt, daß der Huͤlla die Nacht mit ihr ohne Licht zubringen ſollte, damit es ihm am folgenden Morgen, ohne ſie geſehen zu haben, um ſo weniger Leid thaͤte, ſie zu verſtoßen. Unterdeſſen war die Nacht gekommen, und Kuluf wurde in das Hochzeitgemach gefuͤhrt, und darin ohne Licht mit der Braut gelaßen, welche auf einem Bette von Goldbrokat lag. Er verſchloß die Thuͤre mit dop⸗ peltem Riegel, zog ſeine Kleider gb, tappte nach dem 220 36. Tag. Bette, und legte ſich, als er es gefunden hatte, zu ſeiner Frau. Ihr koͤnnt wohl denken, daß ſie nicht ſchlief. Nicht ohne Bewegung ſah ſie ſich den Liebko⸗ ſungen eines Mannes uͤberliefert, deſſen Geſicht man ihr verbarg, und von welchem ſie ſich ſelbſt ein un⸗ angenehmes Bild machte, weil ihr nicht unbekannt war, daß man zu Huͤlla's gewoͤhnlich die erſten beß⸗ ten Ungluͤcklichen nimmt welche der Zufall darbietet. Auf der andern Seite war auch Kuluf, obwohl Da⸗ niſchmend ihm die Schoͤnheit der Frau geruͤhmt hatte, ſehr verdrießlich, daß er nicht das Vergnuͤgen hatte, ſie zu ſehen; oder vielmehr das Bild, welches man ihm von ihr gemacht hatte, reizte lebhaft ſeine Neu⸗ gier, es zu bewaͤhren. Dieſes Verlangen, das ihn verzehrte, und das er nicht befriedigen konnte, ver⸗ minderte die Lebhaftigkeit desjenigen, welches er befrie⸗ digen konnte, und er ſagte zu ihr: „Schoͤne Frau, wie gluͤcklich auch dieſe Nacht fuͤr mich iſt, doch kann ich keine vollkommene Freude ge⸗ nießen. Jeder Augenblick verdoppelt mein Verlangen, eure Reize zu ſehen. Ich habe mir eine ſo hohe Vor⸗ ſtellung davon gemacht, daß ich mit ſolcher Inbrunſt, ſie zu betrachten wuͤnſche, daß ich nicht weiß, ob es nicht ein eben ſo großes Leid iſt, euch zu beſitzen, ohne euch zu ſehen, als euch zu ſehen, ohne euch zu beſitzen. Gleichwohl muß ich morgen euch verlaßen. Ach! da mein Gluͤck ſo kurze Zeit dauern ſollte, ſo Kuluf und Dilara. 221 haͤtte man mir wenigſtens doch den vollen Werth deſ⸗ ſelben erkennen laßen ſollen.“ Nachdem er dieſe Worte geſprochen hatte, ſchwieg er, um zu vernehmen, was ſeine Frau antworten wuͤrde; und er war nicht wenig uͤberraſcht, als ſie, anſtatt auf dieſe Rede zu antworten, zu ihm ſagte: „O ihr, den Taher erwaͤhlt hat, um das Band wieder herzuſtellen, welches ſeine Heftigkeit zerriſſen hat, wer ihr auch ſein moͤget, ſaget mir, wer ihr ſeid: mich duͤnkt, der Ton eurer Stimme iſt mir nicht unbekannt; ich kann euch nicht ohne Bewegung anhoͤren.“ Kuluf zitterte bei dieſen Worten:„Herrinn,“ ant⸗ wortete er,„ſaget mir ihr ſelber, woher ihr ſtammet; der Ton eurer Stimme bewegt auch mein Inneres: mich duͤnkt, ich hoͤre eine Keraitiſche Dame, welche ich kenne. Gerechter Gott, waͤret ihr etwa... doch nein,“ ſetzte er hinzu,„es iſt nicht moͤglich, daß ihr die Tochter Boyruͤks ſeid.“ „Ah! Kuluf,“ rief jetzt die Frau aus,„ſeid ihr es, der mit mir redet?“ „Ja, meine Koͤniginn,“ antwortete er,„es iſt Kuluf ſelber, der immer noch nicht glauben kann, daß es Dilara iſt, welche er reden hoͤrt.“ „Seid davon uͤberzeugt,“ erwiederte ſie,„ich bin dieſe ungluͤckliche Dilara, welche euch mit dem Koͤnige Mirdſchehan bei ſich aufnahm, die durch ihre unbeſon⸗ 222 36, Dag. nenen Reden euch dieſem Fuͤrſten verdaͤchtig machte, und die ihr als eure groͤßte Feindinn anſehen muͤßt, weil ſie die Urſach eures Ungluͤcks iſt.“ „Laßet ab, Herrinn,“ verſetzte der Sohn Abdal⸗ lahs,„laßet ab, es euch zuzurechnen. Der Himmel hat es ſo gewollt, und weit entfernt, mich uͤber ſeine Haͤrte zu beklagen, ſage ich ihm Dank fuͤr ſeine Guͤte, daß er auf mein Misgeſchick ein ſo angenehmes Ereignis hat folgen laßen.— Aber, ſchoͤne Dilara,“ fuhr er fort,„wie hat die Tochter Boyruͤks die Gattinn Ta⸗ hers werden koͤnnen?“ „Ich will,“ antwortete ſie,„es euch erzaͤhlen. Mein Vater wohnte waͤhrend ſeiner Geſandtſchaft nach Samarkand bei Muſaffer, welchen er ſeit langer Zeit kannte. Sie verabredeten unter einander dieſe Heirat, und als Boyruͤk nach Karakoruͤm zuruͤckkam, ließ er mich wohlbegleitet nach Samarkand reiſen. Ich ge⸗ horchte meinem Vater mit einem Widerwillen, an welchem ihr nicht wenig Theil hattet; denn ich bekenne es, mein theurer Kuluf, ich liebte euch, obwohl ich es euch nicht zu erkennen gegeben hatte. Und ich rufe den Himmel zum Zeugen, daß eure Ungnade mir viel Thraͤnen gekoſtet hat. Meine Verheiratung mit Taher hat euch nicht aus meinem Gedaͤchtniſſe verbannt. Dieſer rohe, und dabei von Perſon eben nicht ange⸗ nehme Ehemann hat, anſtatt euch daraus zu verloͤ⸗ ſchen, euch vielmehr nur darin befeſtigt. Und als Kuluf und Dilara. 223 wenn ich es geahnt haͤtte, daß die Liebe und das Gluͤck uns einſt noch vereinigen wuͤrde, habe ich ſtaͤts die Hoffnung genaͤhrt, euch wiederzuſehen. Aber mein Gluͤck uͤbertrifft noch meine Erwartung, indem ich in dem Gatten, den man mir aufdringt, meinen Ge⸗ liebten wiederfinde. O wunderbares Abenteuer! kaum kann ich ihm Glauben beimeſſen.“ Sieben und dreißigſter Tag. Kuluf konnte nach dieſen Worten nicht mehr zwei⸗ feln, das er bei der Tochter Boyruͤks waͤre. „Schoͤne Dilara,“ rief er aus, entzuͤckt von Liebe und Freude,„welcher gluͤckliche Zufall! durch welche ſeltſame Verkettung von Umſtaͤnden bin ich auf den Gipfel meiner Wuͤnſche gelangt! Wiel! ihr ſeid es, die man mich hat heiraten laßen; ihr, deren reizendes Bild mir ins Herz gegraben iſt! ihr, die ich niemals wiederzuſehen glaubte! Ah! meine Fuͤrſtinn, wenn ihr in der That den Sohn Abdallahs beklagt habt, wenn meine Ungnade euch Thraͤnen gekoſtet hat, ſo theilet in dieſem Augenblick auch das ſuͤße Entzuͤcken, welches mein Gluͤck mir einfloͤßt. Wer haͤtte denken ſollen, als der Koͤnig der Keraiten mich von ſeinem Hofe verbannte, daß der Himmel mir dieſes Ungluͤck 224 37. Tag. bloß deshalb zuſchickte, um mich zum gluͤcklichſten der Menſchen zu machen!“ Dilara war bei den zaͤrtlichen Herzensergießungen Kulufs nicht unempfindlich. Sie brachten beide die Nacht damit zu, ſich gegenſeitig das Vergnuͤgen aus⸗ zudruͤcken, welches ſie uͤber ihre Wiedervereinigung em⸗ pfanden; und ſie wiederholten ſich noch die Verſiche⸗ rungen deſſelben, als ein Sklave Muſaffers kam, und ziemlich ungeſtuͤm an die Thuͤre pochte, indem er aus Leibeskraͤften ſchrie: „Holla he! Herr Huͤlla, bequemet euch, wenn's beliebt, aufzuſtehen, es iſt Tag.“ Der Sohn Abdallahs antwortete nicht auf dieſen Zuruf des Sklaven, ſondern fuhr fort mit der Toch⸗ ter Boyruͤks zu koſen; aber er fuͤhlte ſeine Freude ver⸗ ſchwinden, und eine toͤdtliche Traurigkeit folgte ploͤtz⸗ lich ſeinen ſuͤßen Entzuͤckungen. „Meine Koͤniginn,“ ſagte er,„habe ich recht verſtan⸗ den? Man will uns ſchon trennen. Muſaffer, voll Un⸗ geduld, euch wieder als Mitglied ſeiner Familie zu ſe⸗ hen, zuͤhlt jeden Augenblick der Eheſcheidung, welche euch davon getrennt hat; und ſein Sohn, mit Recht eiferſuͤchtig auf mein Gluͤck, kann die Dauer deſſel⸗ ben nicht ertragen; der Tag ſelber ſcheint, im Ein⸗ verſtandniſſe mit meinen Feinden, ſeine Wiederkehr beſchleunigt zu haben. Wehe! kaum habe ich euch wiedergefunden, ſo ſoll ich euch auch ſchon wieder 226 37. T a g. er mir die Ruhe des Lebens koſte. Es ſei drum, ich will euch nicht verſtoßen, weil ich es abwehren kann; das iſt mein feſter Entſchluß: ich fordere Muſaffer und die ganze Welt heraus, mich davon abwendig zu machen.“ Waͤhrend er ſeine Gattinn verſicherte und ſich ſel⸗ ber gelobte, in ſeinem Vorſatze feſt zu beharren, kam auch Taher, dem die Nacht viel laͤnger geworden war, als ihnen beiden, und klopfte an die Kammerthuͤre: „Auf, auf, Huͤlla,“ rief er hinein,„der Tag bricht an; man hat euch ſchon einmal aufſtehen hei⸗ ßen; ihr laßt euch ſehr noͤthigen; denn wir warten ſchon lange auf euch, um euch zu danken und euch die verſprochene Summe zu bezahlen. Kleidet euch hurtig an, damit wir dieſes Geſchaͤft abmachen; der Stellvertreter des Kadi's wird im Augenblick hier ſein. Kuluf ſtand bald auf, legte ſeine Kleider an, und oͤffnete dem Taher die Thuͤre, der ihn ins Bad fuͤh⸗ ren und durch einen Griechiſchen Sklaven bedienen ließ. Als der Sohn Abdallahs gebadet hatte reichte der Sklave ihm feine Waͤſche und ein ſehr ſauberes Kleid, und fuͤhrte ihn ſodann in den Saal, wo Mu⸗ ſaffer mit ſeinem Sohn und Daniſchmend beiſammen waren. Sie gruͤßten den Huͤlla, der ihnen eine tiefe Gegenverbeugung machte, und nͤthigten ihn, ſich bei ihnen an einen Tiſch zu ſetzen, wo man ihnen unter Kuluf und Dilara. 22⁷ andern, Kraͤutergerichte*) und Hammelfleiſchbruͤhe auftrug. Nach dem Fruͤhmahle, nahm Daniſchmend den Ku⸗ luf beiſeite, uͤberreichte ihm funfzig Zeckienen und ei⸗ nen praͤchtigen, zuſammenlegten Turban, und ſagte zu ihm: „Nimm, junger Mann, was der Herr Muſaffer dir gibt; er dankt dir fuͤr den Gefallen, welchen du ihm erwieſen haſt, und bittet dich, nicht laͤnger in Samarkand zu verweilen. Verſtoß alſo deine Frau, und verlaß dieſe Stadt; und wenn jemand dich fraͤgt: „haſt du das Kameel geſehen?“ ſo ſage:„Nein.“ ⸗) Acht und dreißigſter Tag. Der Nayb bildete ſich ein, der Huͤlla wuͤrde, durch⸗ drungen von Muſaffers Guͤte, ſich in Dankſagungen ergießen, wurde aber durch ſeine Antwort ſehr uͤber⸗ raſcht. e „Ich waͤhnte,“ antwortete Kuluf, indem er das Paͤckchen und die Zeckienen weit von ſich ſchleuderte, ——O—— *) Aſche riſerhé y gnipa. **) Eine Morgenländiſche Redensart, für:„Bewahre das Geheimnis.“ 228 38. Tag. „daß Gerechtigkeit, Treue und Glauben zu Samar⸗ kan herrſchten, zumal ſeitdem Usbek⸗Chan den Thron der Tatarei beſtiegen hat; aber ich ſehe, daß ich mich betrogen habe, oder vielmehr daß man den Koͤnig be⸗ truͤgt: er weiß nicht, daß in der Stadt ſelber, wo er ſeinen Sitz hat, man den Fremdlingen Gewalt an⸗ thun will. Wie! ich komme nach Samarkand, ein Kaufmann redet mich an, ladet mich zum Mittag bei ihm ein, liebkoſet mir, und laͤßt mich geſetzmaͤßig eine Frau nehmen; ich vermaͤhle mich im beßten Ver⸗ trauen von der Welt: und ſobald ich vermaͤhlt bin, verlangt man, daß ich meine Frau verſtoßen ſoll! Laßet ab, Herr Nayb, laßet ab, mir ſolche eines an⸗ ſtaͤndigen Mannes unwuͤrdige Handlung anzumuthen, oder ich werde Erde*) auf mein Haupt ſtreuen, und hingehen, mich dem Usbek⸗Chan zu Fuͤßen werfen; und wir werden ſehen, welchen Ausſpruch er thut.“ Auf dieſe Rede zog der Stellvertreter des Kadi's Muſaffer beiſeite, und ſagte zu ihm: „Ihr habt dieſen Fremdling zum Huͤlla gewaͤhlt, aber ihr haͤttet keine uͤblere Wahl thun koͤnnen: er weigert ſich, ſeine Frau zu verſtoßen; aber ich ſehe *) Wenn die Morgenländer öffentliche Zeichen des tiefſten Schmerzes geben wollen, ſo bekleiden ſie ſich mit einem Sack und ſtreuen Erde und Aſche auf ihr Haupt. Kuluf und Dilara. 229 wohl, daß es ein Menſch iſt, der nicht weiß, wo er ſein Haupt hinlegen ſoll, und der euch gerne noͤthigen moͤchte, ihm noch irgend ein anſehnliches Geſchenk zu machen.“ „Ei! wenn es nur darauf ankoͤmmt“ ſagte Mu⸗ ſaffer,„ſo ſoll er bald befriedigt ſein: bietet ihm hun⸗ dert Zeckienen, und er mag ſo eilig und heimlich die Stadt verlaßen, wie ich es von ihm fordere.“ „Nein, nein, Herr Muſaffer,“ rief Kuluf dazwi⸗ ſchen, als er ihn ſo reden hoͤrte,„ihr moͤget immer⸗ hin die Summe verdoppeln, ja ihr moͤget mir zehn⸗ tauſend geben und noch die reichſten Stoffe eurer Waa⸗ renlager hinzufuͤgen, umſonſt, ich werde nimmer ein ſo heiliges Buͤndnis brechen.“ „Junger Mann,“ ſagte hierauf Daniſchmend zu ihm,„ihr benehmt euch nicht klug in dieſer Angelegen⸗ heit: ich rathe euch, die hundert Zeckienen anzunehmen und unverzuͤglich eure Frau zu verſtoßen; denn wenn ihr uns zwinget, dieſen Vorfall offenkundig zu machen, ſo wird es, auf mein Wort, euch gereuen.“ „Eure Drohungen,“ erwiederte der Sohn Abdallahs, verſchrecken mich nicht. Ihr koͤnnt mich nicht zwin⸗ gen, ein Buͤndnis zu zerreißen, welches die Geſetze beſchuͤtzen.“ „Ha! das iſt zu viel,“ unterbrach ihn an dieſer Stelle der jaͤhzornige Taher, der viel Muͤhe hatte, ſo lange an ſich zu halten und zu ſchweigen.„Laßt uns 230 38. Tag. dieſen Elenden zum Kadi fuͤhren und ihn behandeln, wie er es verdient. Wir wollen doch ſehen, ob es erlaubt iſt, ehrliche Maͤnner durch falſche Verſprechun⸗ gen zu hintergehen.“ Daniſchmend und Muſaffer verſuchten nochmals, den Huͤlla zu bereden, daß er gutwillig thaͤte, was ſie verlangten, da ſie aber damit nichts ausrichteten, ſo fuͤhrten ſie ihn vor den Kadi. Sie trugen dem Richter den ganzen Handel vor; und auf ihren Bericht blickte der Kadi den Kuluf an und ſprach folgendermaßen zu ihm: „Junger Fremdling, den niemand hier in der Stadt kennt und der in einer Moſchee von den Almo⸗ ſen lebte, welchen unſere Geiſtlichen dir taͤglich reich⸗ ten,— haſt du ſo ſehr den Verſtand verloren, dir einzubilden, du koͤnnteſt im ruhigen Beſitze der Frau bleiben, welche Tahers Gemahlinn geweſen iſt? Der Sohn des reichſten Kaufmanns von Samarkand ſollte eine Frau, die er liebt und die er wiedernehmen will, in den Armen eines Elenden ſehen, deſſen geringſtes Gebrechen vielleicht eine niedrige Geburt iſt? Geh in dich, und ſei gegen dich ſelbſt gerecht: du biſt nicht von einem deiner Frau gemaͤßen Stande; und wenn du auch ſelbſt von hoͤherm Range ſein ſollteſt, als Taher, ſo biſt du doch nicht im Stande, den Aufwand zu beſtreiten, welchen ein anſtaͤndiges Haus erfordert, und dies reicht ſchon hin, daß ich dir nicht erlaube, ——᷑—᷑—O——— Kuluf und Dilara. 231 mit deiner Frau zu leben. Verzichte alſo auf die thoͤ⸗ richte Hoffnung, welche du gefaßt haſt, und die dich zum Eidbruche verleitet hat; nimm das Erbieten des Herrn Muſaffer an, verſtoß deine Frau, und kehre heim in dein Vaterland: wenn du aber hartnaͤckig bleibſt und nicht darein willigen willſt, ſo mache dich gefaßt, auf der Stelle hundert Stockpruͤgel zu em⸗ pfangen.“ Die Rede des Kadi's, obwohl im Tone des Rich⸗ ters ausgeſprochen, vermochte jedoch nicht, die Fe⸗ ſtigkeit des Sohns Abdallahs zu erſchuͤttern, und er empfing die hundert Stockpruͤgel mit kaltem Muthe und ohne zu widerrufen. „Das iſt genug fuͤr heute,“ ſagte der Kadi, „morgen wollen wir die Doſis verdoppeln; und wenn ſie noch nicht ſtark genug iſt, ihn von ſeiner Hals⸗ ſtarrigkeit zu heilen, ſo wollen wir zu noch ſchaͤrferen Mitteln greifen. Mag er dieſe Nacht noch bei ſeiner Frau zubringen: ich hoffe, wir werden ihn morgen vernuͤnftiger wiederſehen.“ Taher haͤtte ſehr gewuͤnſcht, daß man, ohne den fol⸗ genden Tag abzuwarten, ſogleich fortgefahren haͤtte, den Huͤlla zu pruͤgeln; und es lag nicht an ihm, daß ſol⸗ ches nicht geſchah: aber der Kadi wollte es nicht. Demnach kehrte Muſaffer und ſein Sohn heim, und mit ihnen Kuluf, der, ſo zerſchlagen er von den empfangenen Pruͤgeln war, doch nicht unterließ, 232 58. 39. Ta g. es als eine ſuͤße Linderung ſeiner Leiden zu betrachten, daß man ihm die Freiheit gab, Dilara wiederzuſehen. Neun und dreißigſter Tag. Muſaffer verſuchte nochmals den Sohn Abdallahs guͤtlich zu bereden. Er that ihm neue Verſprechungen; er bot ihm bis auf dreihundert Zeckienen, wenn er auf der Stelle die Tochter Boyruͤks verſtieße; und waͤhrend er ſo nichts ſparte, den Kuluf fuͤr ſich zu gewinnen, ging Taher in das Zimmer der Frau. Dieſe war in einer unbeſchreiblichen Bewegung. Voll Ungeduld, zu erfahren, was bei dem Kadi vor⸗ gegangen war, erwartete ſie Kuluf mit der hoͤchſten Unruhe. Obwohl ſeiner Liebe verſichert, fuͤrchtete ſie jedoch, daß ſeine Feſtigkeit ſich verlaͤugnet haͤtte, und ſie konnte nicht umhin, dieß zu glauben, als ſie ih⸗ ren erſten Mann hereintreten ſah. Sie ſchauderte bei ſeinem Anblick, in dem Gedanken, er kaͤme, ihr dieſe ſchreckliche Neuigkeit zu verkuͤndigen, und wenig fehlte, ſo waͤre ſie in Ohnmacht geſunken. Taher ließ ſich durch dieſen Ausdruck des Schmer⸗ zes taͤuſchen. Er bildete ſich ein, es haͤtte ſchon je⸗ mand der Frau geſagt, daß der Hulla ſich weigerte, ſie zu verſtoßen, und hielt dieſe Weigerung fuͤr die Kuluf und Dilar a. 233 Urſache, der tiefen Betruͤbnis, von welcher ſie ergrif⸗ fen ſchien. „Meine Frau,“ ſagte er zu ihr,„gebet euch nicht eurer Traurigkeit hin. Es iſt noch nicht Zeit, zu ver⸗ zweifeln. Der Elende, welchen ich zum Huͤlla erwaͤhlt habe, will zwar nicht euch meiner Liebe zuruͤckgeben, aber das darf euch nicht bekuͤmmern. Er hat ſchon hundert Stockpruͤgel empfangen, und morgen ſoll er noch viel mehr kriegen, wenn er darauf beharret, das nicht zu thun, worin er mit dem Nayb uͤberein⸗ gekommen iſt. Der Kadi iſt ſelbſt entſchloſſen, ihn die haͤrteſten Zuͤchtigungen erdulden zu laßen. Troͤſtet euch alſo, meine Sultaninn, ihr duͤrft nur noch dieſe Nacht bei dem Huͤlla zubringen: morgen werde ich wieder euer Gatte; ich komme ſelber es euch zu ver⸗ ſichern, und euch zur Geduld zu ermahnen; denn ich zweifle nicht, daß die Nothwendigkeit, dieſen Lump bei euch zu dulden, ein großes Herzeleid fuͤr euch ſei.“ „Ja Herr,“ unterbrach ihn Dilara,„ich bekenne, daß der Huͤlla all mein Leid verurſacht; die Ruhe mei⸗ nes Lebens haͤngt von ihm ab. Wehe! ich fuͤrchte, das dieſer Handel nicht nach meinen Wuͤnſchen aus⸗ ſchlagen wird.“ „Nein, meine Koͤniginn,“ erwiederte Taher mit Heftigkeit,„beſaͤnftiget eine fuͤr Taher ſo ſchmeichel⸗ hafte Unruhe. Ihr duͤrft hoffen, daß morgen unſere Vereinigung wiederhergeſtellt iſt.“ 234 59. TDag. Nachdem er dieß geſagt hatte, ging er aus dem Zimmer der Frau, und einen Augenblick darauf trat Kuluf ein. G So bald Dilara den Sohn Abdallahs erblickte, ging ſie vom Leid zur Freude uͤber:„Ah! mein theu⸗ rer Gatte,“ rief ſie aus, indem ſie die Arme nach ihm ausſtreckte,„kommet und empfanget den Preis eurer Beſtaͤndigkeit. Iſt es moͤglich, daß ihr lieber eine unwuͤrdige Mishandlung erdulden wolltet, als Dilara entſagen? Taher ſelber hat mir alles erzaͤhlt, was euch bei dem Kadi widerfahren iſt; und wenn ich von eurer Feſtigkeit entzuͤckt bin, ſo empfinde ich auch ſehr innig die Unmenſchlichkeit, welche man an euch veruͤbt hat. Ja ich kann nicht ohne Schaudern an die neuen Qualen denken, welche euch drohen.“ „Theure Frau,“ antwortete Kuluf,„wie groß auch die Leiden ſeien, welche man mir bereitet, meine Standhaftigkeit ſoll dadurch nicht erſchuͤttert werden: ſie werden nicht mehr Wirkung hervorbringen, als die Verſprechungen, welche Muſaffer mir jetzt eben ge⸗ than hat; man kann mich weder verleiten, noch ab⸗ ſchrecken. Ich weiß nicht, was der Urheber unſerer Beſtimmung uͤber mein Schickſal verhaͤngt hat; ich weiß nicht, ob es ſein Wille iſt, daß ich ſterbe, oder fuͤr euch lebe: aber das weiß ich wenigſtens wohl, Kuluf und Dilara. 235 daß es nicht in dem Himmel ⁸) geſchrieben ſtehen kann, daß ich euch verſtoße.“ „Nein,“ erwiederte die Tochter Boyruͤks,„der Himmel hat uns nicht auf eine ſo wunderbare Weiſe mit einander vereinigt, um uns faſt eben ſo bald wieder zu trennen. Ich kann nicht glauben, daß er euch umkommen laße, und ich fuͤhle, daß er mir ein Mittel eingibt, unſere Feinde zu taͤuſchen.— Habt ihr dem Kadi geſagt,“ fuͤgte ſie hinzu,„daß ihr der Guͤnſtling des Koͤnigs der Keraiten geweſen ſeid?“ „Nein,“ antwortete Kuluf;„denn der Kadi ver⸗ ſchloß mir ſogleich den Mund, indem er ſagte, er wuͤrde niemals zugeben, daß ich euch beſaͤße, weil ich ohne Vermoͤgen, wenn ich uͤbrigens auch von Geburt waͤre.“ „Da dem ſo iſt,“ fuhr ſie fort,„ſo befolget ge⸗ nau den Rath, welchen ich euch geben will. Wenn ihr morgen wieder vor dem Kadi ſteht, ſo unterlaßet nicht zu ſagen, ihr ſeiet der Sohn Maſßauds: das iſt ein Kaufmann von Chodſchend,**) der uner⸗ *) Die Perſer glauben, daß alles, was geſchehen ſoll, bis zu der Welt Ende auf einer Lichttafel, genannt Luh, geſchrie⸗ ben iſt, mit einer Feuerfeder, genannt Kalam aſer; und die Schrift auf derſelben heißt Kaſa oder Kalda, das bedeutet unvermeidliche Vorbeſtimmung. **½) Chodſchend, Stadt in Türkeſtan, am Sihon oder Ja⸗ rartes, ſieben Tagereiſen nördlich von Samarkand. H. 236 39. 40. Tag. meßliche Reichthuͤmer beſitzt. Ihr duͤrft nur behaup⸗ ten, er ſei euer Vater. Verſichert ſelbſt dreiſt, daß ihr bald Nachricht von ihm empfangen werdet, welche aller Welt zu erkennen geben wird, daß ihr nur die Wahrheit ſaget.“ Bierzigſter T ag. Kuluf verſprach Dilara, ſich dieſes Vorgebens zu bedienen, um wo moͤglich die Mishandlungen zu ver⸗ meiden, welche man ihm zudachte; und die Hoffnung, welche beide hegten, daß ſie durch dieſes Mittel den Kadi vermoͤgen wuͤrden, ſie beiſammen leben zu laßen, machte ſie ruhiger. Sie ergaben ſich allmaͤhlich beide dem Zuge ihrer Herzen; und ihre Gedanken von den Leiden der Zukunft abwendend, uͤberließen ſie ſich den Freuden der Gegenwart. Sie verlebten den uͤbrigen Theil des Tages und die ganze Nacht, wie zwei von ihrem Looſe entzuͤckte Gatten: aber ſo bald es Tag ward, kam man, ihre Freude zu ſtoͤren. Die Leute des Kadi's, unter Tahers Anfuͤhrung, kamen vor die Kammerthuͤre, klopften un⸗ geſtuͤm an, und riefen: „Auf, auf, Herr Huͤlla! es iſt Zeit vor dem Richter zu erſcheinen: ſtehet auf!“ Kuluf und Dilara. 23„ Der Sohn Abdallahs ſtieß bei dieſen Worten einen tiefen Seufzer aus, und ſeine Gattinn fing an zu weinen. „uUngluͤcklicher Kuluf,“ ſagte ſie,„wie theuer be⸗ zahlſt du deine Gattinn!“ „Meine Koͤniginn,“ antwortete er,„ich bitte euch, trocknet eure Thraͤnen, ſie durchbohren mir das Herz; geben wir uns nicht der Verzweiflung hin, beleben wir vielmehr unſere Hoffnung, und erwarten wir al⸗ les vom Himmel: ich getroͤſte mich, daß er mir wohl helfen wird; ich fuͤhle ſelbſt ſchon eine Wirkung ſeiner Guͤte: mein Muth verdoppelt ſich, und es gibt keine Gefahr, welche mich zittern machen koͤnnte.“ Indem er alſo ſprach, kleidete er ſich an, oͤffnete dann die Thuͤre, und folgte den Leuten des Kadi's, welche ihn vor ihren Herrn fuͤhrten. Muſaffer und ſein Sohn begleiteten ſie, und ſchienen voll Unruhe. Sobald der Richter den Kuluf erblickte, ſagte er zu ihm: „Wohlan, Huͤlla, wie biſt du heute geſonnen? Biſt du nicht kluͤger, als geſtern? muß man dir neue Stockſchlage geben, damit du deine Frau verſtoßeſt? Ich glaube es nicht: du wirſt ohne Zweifel heilſame Betrachtungen angeſtellt und bedacht haben, daß ein Menſch ohne Vermoͤgen, wie du, nicht darauf behar⸗ ren ſoll, eine Frau zu behalten, welche ihm nicht ge⸗ hoͤren kann.“ 238 4o. Tag. „Herr,“ ſagte Kuluf hierauf,„moͤge das Leben eines Richters, wie ihr, mehrere Menſchenalter dau⸗ ern! Aber ich bin kein Menſch ohne Vermͤgen. Meine Geburt iſt auch nicht dunkel, wie ihr euch einbildet: und da ich mich endlich doch zu erkennen geben muß, ſo wiſſet, ich nenne mich Ruͤkneddin, und bin der einzige Sohn eines Kaufmanns von Chodſchend, namens Maſßaud. Mein Vater iſt noch reicher, als Muſaffer; und wenn er den Zuſtand wuͤßte, worin ich mich hier befinde, ſo wuͤrde er mir bald ſo viele mit Gold beladene Kameele ſenden, daß alle Frauen von Samarkand das Gluͤck derjenigen be⸗ neiden wuͤrden, welche ich geheiratet habe. Wie denn! weil Raͤuber mich in der Naͤhe dieſer Stadt angefal⸗ len und beraubt haben, und ich, um mich zu friſten, mich in eine Moſchee gefluͤchtet habe,— daraus ſchließet ihr, daß ich ein Menſch ohne Vermoͤgen ſei? Ho, ich will euch wohl beweiſen, daß ihr euch taͤu⸗ ſchet. Ich will auf der Stelle an meinen Vater ſchreiben, und er wird nicht ſo bald Nachricht von mir empfangen, als er mich in dieſer Stadt mit un⸗ endlichen Reichthuͤmern verſehen wird.“ Als Kuluf dieſe Worte geſprochen hatte, ſagte der Kadi zu ihm: „Ihr ſeid alſo der einzige Sohn eines reichen Kauf⸗ manns von Chodſchend, und nur durch den von euch erzaͤhlten Zufall befindet ihr euch im Elende?“ Kuluf und Dilara. 239 „Sicherlich,“ antwortete der Sohn Abdallahs; „ihr ſehet wohl, mein Herr, daß ich nicht als ein elender im Staube aufgewachſen bin.“ „Ei, warum, junger Mann,“ fuhr der Richter fort,„habt ihr das nicht geſtern ſchon erklaͤrt? ich haͤtte euch dann nicht mishandeln laßen.— Herr,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich zu Muſaffer wandte, „was der Huͤlla da ſagt, das aͤndert den Fall; da er der einzige Sohn eines reichen Kaufmanns iſt, ſo er⸗ lauben die Geſetze nicht, ihn zu zwingen, daß er ſeine Frau verſtoße.“ „Schoͤn! Herr Kadi,“ unterbrach ihn Taher, „meßt ihr denn dieſem Betruͤger Glauben bei? er nennt ſich den Sohn Maſßauds, um die Stockſchlaͤge abzuwenden und Zeit zu gewinnen.“ „Ich weiß nicht, was ich glauben ſoll,“ ſagte der Richter;„aber ſei es, daß er luͤge, oder daß er die Wahrheit ſage, es iſt mir verboten, weiter zu gehen: alles was ich zu euren Gunſten verfuͤgen kann, be⸗ ſteht darin, dem Huͤlla aufzulegen, daß er beweiſe, was er behauptet.“ „Wir verlangen nichts weiter,“ ſagte hierauf Mu⸗ ſaffer.„Ich will ſelbſt auf meine Koſten einen beſon⸗ dern Boten nach Chodſchend ſchicken; ich kenne Maſßaud, da ich ihn einigemal hier geſehen habe, und weiß wohl, daß er ein ſehr reicher Kaufmann iſt: 240 40. C a g. wenn der Huͤlla wirklich ſein Sohn iſt, ſo wollen wir ihm Dilara uͤberlaßen.“ „Ja,“ ſagte Taher dazu;„aber unterdeſſen, bis der Bote zuruͤckkoͤmmt, wuͤrde es paſſend ſein, wie mich duͤnkt, die beiden Gatten getrennt leben zu laßen.“ „Das iſt gegen die Vorſchriften,“ verſetzte der Kadi,„die Frau muß bei ihrem Manne bleiben; man koͤnnte ſie ihm nicht wegnehmen, ohne eine von den Geſetzen verurtheilte Gewaltthat zu begehn. Schicket alſo jemand nach Chodſchend, welches nur ſieben Tagereiſen von hier iſt. Binnen vierzehn Tagen werden wir wiſſen, was wir von dem Huͤlla denken ſollen. Iſt er der Sohn Maſßauds, ſo ſoll er ſeine Frau nicht verſtoßen: aber ich ſchwoͤre es bei dem ſchwarzen Steine*) des heiligen Tempels zu *) Hadſchar Allaſſovad, ſchwarzer Stein, heißt vorzugs⸗ weiſe der an einem Pfeiler der Halle des Tempels zu Mekka befeſtigte ſchwarze Stein, welchen die Muſelmänner bei ih⸗ rer Wallfahrt fleißig küſſen, und mancherlei Wunder unund Abenteuer von ihm erzählen, z. B. daß er auf dem Waſſer ſchwimme, und wiederum manchmal ſo ſchwer ſei, daß er nicht fortbewegt werden könne. Seine Schickſale erzählt Herbelot, Oriental. Bibl. unter Hagiar Allaſſovad. Er wurde einſt in den Brunnen Semſem geworfen, und dieſer vermauert, aber von Mohammeds Großvater durch Offenbarung wiedergefunden und an ſeine uralte Stelle ge⸗ Kuluf und Dilara. 241 Mekka, und bei dem heiligen Haine*) zu Medina, wo das Grab des Propheten iſt, wenn er uns be⸗ truͤgt, ſo ſoll eine grauſame und ſchmaͤhliche Strafe den Betruͤger treffen und ſeinen Lebenslauf be⸗ ſchließen.“ —— Ein und vierzigſter Tag. Nachdem der Kadi dieſen Handel alſo entſchieden hatte, entfernten ſich beide Theile. Muſaffer und ſein Sohn ließen einen von ihrem Hausgeſinde nach Chodſchend reiſen, mit dem Auf⸗ trage, ſich nach allem genau zu erkundigen, was ſie wiſſen wollten, und ſo ſehr als moͤglich zu eilen. Kuluf aber ging ſchleunig zu ſeiner Frau, und be⸗ richtete ihr alles, was bei dem Richter vorgegangen war. Sie hatte große Freude daruͤber, und ſagte: ſetzt. Später wurde er, als ein alter Götze, oberung Mekka's, mit weggenommen, aber wie gebracht. Die Chalifen ſetzten ein Stück welche deshalb von — Bei dem obigen Schwur erinnert man ſich an unſer altes„Srtein und Bein ſchwören.“ *) Bei der Moſchee mit dem Grabmale Mohammeds. I.. 3 16 242 41. Tag. „Ah, theurer Gatte, alles geht gut: wir duͤrfen nichts mehr fuͤrchten. Ehe der Eilbote von Chodſchend zuruͤckgekommen, ja bevor er noch dort angelangt iſt, nehmen wir beide die Flucht; wir verlaßen eines Nachts Samarkand, begeben uns ſo ſchleunig als möglich nach Bocharah,*) und leben dort von mei⸗ nem Heiratsgut in einer Ruhe, welche unſere Feinde nicht ſtoͤren koͤnnen.“ Kuluf ſtimmte Dilara's Gedanken bei. Sie be⸗ ſchloſſen zu entfliehen; aber da ſie in dem Hauſe, wo ſie wohnten, zu ſehr beobachtet waren, um ihr Vor⸗ haben ungeſtoͤrt ausfuͤhren zu koͤnnen, ſo hielten ſie es fuͤr noͤthig, eine andere Wohnung zu nehmen, ſolches Muſaffer zu erklaͤren, und wenn er ſich dem wider⸗ ſetzete, den Kadi um die Erlaubnis anzuſprechen. Nachdem dieſes unter ihnen verabredet war, ging der Sohn Abdallahs auf der Stelle zu Muſaffer und ſeinem Sohn, und ſagte zu ihnen, daß er denſelben Tag noch eine andere Wohnung beziehen wollte, und verlangte, weil die Geſetze ihn zum Herrn ſeines *) Hauptſtadt von Transoxanien, nördlich des Oxus, ehe Samarkand es durch die Tataren ward, und noch Hauptort des Karavanenzuges aus Rußland nach China, darnach auch das ganze dazwiſchen liegende Land Bucha⸗ rey genannt witd. H. —— Kuluf und Dilara. 245 Weibes machten, uͤber ſie nach Gefallen zu ſchalten, und ſie dahin zu fuͤhren, wo es ihm beliebte. Muſaffer und ſein Sohn ermangelten nicht, ſich dem zu widerſetzen. Taher beſonders betheuerte, er wuͤrde nimmer zugeben, daß Dilara aus ſeinem Hauſe ginge: Kuluf ſeinerſeits ließ nicht nach, derge⸗ ſtalt, daß man nochmals den Kadi angehen mußte. Als der Richter von dem Gegenſtande, der ſie wieder vor ihn fuͤhrte, unterrichtet war, fragte er ne Huͤlla, warum er das Haus Muſaffers verlaßen wollte. „Herr,“ antwortete ihm der Sohn Abdallahs, nich habe meinen Vater Maſßaud oft ſagen gehoͤrt: „wenn man bei ſeinen Feinden hauſet, muß man ſich ſo bald als moͤglich von ihnen trennen;“ demnach moͤchte ich gern anderswo wohnen, bis Nachricht von Chodſchend koͤmmt. Meine Frau wuͤnſcht es eben ſo ſehr, als ich.“ „Ha, der Luͤgner!“ rief Taher bei dieſen Worten aus;„Dilara ſeufzet, Dilara iſt in Thraͤnen, ſeitdem dieſer Elende ihr Mann iſt, und er hat die Unver⸗ ſchaͤmtheit zu ſagen, daß es ihr uͤberdruͤſſig iſt, bei mir zu wohnen!“ „Ja, ich hab' es geſagt,“ erwiederte Kuluf,„und ich ſage es nochmals: meine Frau liebt mich, und wuͤnſcht nichts ſehnlicher, als ſich von euch zu ent⸗ fernen. Wenn dieß nicht wahr iſt, wenn ſie andere 244 41. Tag. Geſinnungen hat, ſo bin ich bereit, ſie auf der Stelle zu verſtoßen.“ „Herr Kadi,“ ſagte Taher hierauf,„ihr hoͤrt es, ich nehme ihn beim Worte: befehlet, daß Dilara her⸗ komme, und ſich hieruͤber erklaͤre.“ „Ich willige ein,“ ſagte der Richter:„gehet, Nayb,“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich zu Daniſch⸗ mend wandte, der gegenwaͤrtig war,„begebet euch in Muſaffers Haus, und ſaget Dilara, daß ich ſie ſprechen will: fuͤhret ſie im Augenblick hieher; wir werden bald ſehen, wie ſie geſonnen iſt; und ich er⸗ klaͤre, wenn ſie den Huͤlla Luͤgen ſtraft, ſo ſoll er ſie auf der Stelle verſtoßen.“ Der Nayb entledigte ſich ſeines Auftrages mit gro⸗ ßer Eile; er brachte die Frau vor den Richter, der ſie alsbald befragte, ob ſie Muſaffers Haus zu ver⸗ laßen wuͤnſchte, und ob ſie mehr Neigung fuͤr den Huͤlla haͤtte, als fuͤr ihren erſten Mann. Taher zweifelte nicht, daß ſie zu ſeinen Gunſten entſcheiden wuͤrde, und hingeriſſen von einer Bewe⸗ gung der Freude, welche er nicht bemeiſtern konnte, nahm er das Wort, ehe ſie antwortete, und ſagte: „Redet, meine Frau, ihr duͤrft nur eure wahren Geſinnungen erklaͤren, und ſollt von Stund' an von demjenigen befreiet werden, den ihr haſſet.“ „Da man mir dieſe Verſicherung gibt,“ ſagte die Tochter Boyruͤks,„ſo will ich euch nichts verhehlen. —— Kuluf Mein zweiter Mann, der Sohn Maſßauds, hat meine ganze Zaͤrtlichkeit, und ich bitte den Herrn Kadi un⸗ terthaͤnigſt, zu verfuͤgen, daß es uns erlaubt ſei, in einem andern als Muſaffers Hauſe zu wohnen.“ „Ho, ho!“ ſagte hierauf der Kadi, indem er ſich zu dem erſten Manne wandte,„ihr ſehet, daß der Huͤlla nichts Unwahres behauptet hat, er war ſeiner Sache wohl gewiß.“ „Ha, die Treuloſe!“ rief Taher aus, ganz be⸗ taͤubt von dem offenen Bekenntniſſe der Frau:„wie hat ſie ſich ſeit geſtern ſo koͤnnen verfuͤhren laßen?“ „Es thut mir Leid um euretwillen,“ fuhr der Kadi fort;„denn ich kann mich nicht entbinden, ih⸗ nen zu erlauben, zu wohnen, wo es ihnen beliebt.“ „Ihr wollt alſo dieſen Fremdling frohlocken laßen?“ ſagte Taher zu ihm;„und ohne zu wiſſen, ob er wirklich Maſßa”ds Sohn iſt, wollt ihr zugeben, daß er ruhig in Dilara's Beſitze bleibe?“ „Nein,“ antwortete der Richter,„wenn er nicht in der That iſt, was er ſagt: iſt er ein Elender, ſo hahe ich ihn dafuͤr hinrichten, daß er uns betrogen at. 3 „Und ihr bildet euch ein,“ verſetzte der Sohn Mu⸗ ſaffers,„daß, wenn er Urſach hat die ihm von euch angedrohte Beſtrafung zu befuͤrchten, er ſo thoͤricht ſein wird, in dieſer Stadt abzuwarten, bis wir Nach⸗ richt von Chodſchend bekommen haben? Welcher und Dilara. 245 -— 246 41. Sag. Irrthum! Seid vielmehr uͤberzeugt, daß er die Ab⸗ ſicht hat, aus Samarkand zu entfliehen, und daß er vielleicht die Frau verleitet, ihm zu folgen. Aber was ſage ich„vielleicht?“ ihr Anſchlag iſt ſchon gemacht, und ſie wollen ohne Zweifel nur deshalb die Wohnung veraͤndern, um ihren Entſchluß bequemer ausfuͤhren zu koͤnnen.“ „Das iſt nicht unmoͤglich,“ erwiederte der Kadi; „aber ich werde dem vorbeugen: in welchem Stadt⸗ viertel ſie auch ihre Wohnung nehmen, ich werde ſie durch eine zahlreiche und aufmerkſame Wache beobach⸗ ten laßen, welche mir fuͤr ſie einſtehen ſoll.“ Kuluf und Dilara hatten alſo die Freiheit, Mu⸗ ſaffers Haus zu verlaßen. Sie gingen denſelben Tag noch hinaus, und nahmen ihre Wohnung in einer Karavanſerei. Sie kauften einige Sklaven zu ihrer Bedienung. Es fehlte ihnen nicht an Geld und Gel⸗ deswerth; denn die Frau hatte ein anſehnliches Hei⸗ ratsgut, und eine große Menge von Edelgeſteinen. Sie dachten anfangs nur daran, ſich zu ergetzen. Das Vergnuͤgen, ſich jetzt ohne Zwang ihrer Liebe hingeben zu koͤnnen, verhinderte ſie in den erſten Ta⸗ gen, die traurigen Betrachtungen anzuſtellen, welche ihre gegenwaͤrtige Lage ihnen aufdringen mußte. Sie lebten, als wenn der Kadi ihnen keine Wache geſetzt haͤtte, und ſie leichtlich entfliehen koͤnnten; oder als Kuluf und Dilara. 247 wenn Kuluf wirklich der Sohn Maſßauds geweſen waͤre, und ſie angenehme Nachrichten von Chodſchend erwarteten. Zwei und vierzigſter Tag. Das Abenteuer des Huͤlla's, wie ſehr Muſaffer und ſein Sohn ſich bemuͤht hatten, es geheim zu hal⸗ ten, machte jedoch ſo viel Aufſehen in Samarkand, daß mehrere vornehme Leute das Paar ſehen wollten, welches die Liebe ſo innig vereinigt hatte; dergeſtalt, daß Kuluf und Dilara, als Gegenſtand der allgemei⸗ nen Neugierde, taͤglich neue Beſuche erhielten. Eines Tages unter andern trat ein Mann von ſtattlichem Anſehen bei ihnen ein, und ſagte ihnen, er waͤre ein Beamter des Koͤnigs, er haͤtte vernommen was bei dem Kadi vorgegangen, und kaͤme ſie zu ver⸗ ſichern, daß ihr Gluͤck ihm am Herzen laͤge; kurz, er erbot ihnen ſeine Dienſte ſo freundlich, und er wußte ſie ſo gut von ſeiner Theilnahme zu uͤberzeugen, daß ſie ihm ihre Erkenntlichkeit nicht genug auszu⸗ druͤcken glaubten. Sie baten ihn, mit ihnen zu eſſen; und um ihm die große Hochachtung zu bezeigen, welche ſie fuͤr ihn hegten, nahm Dilara ihren Schleier ab; dergeſtalt, daß der Fremde, erſtaunt uͤber die 248 42. Tag. Schoͤnheit der Frau, ſich nicht enthalten konnte auszu⸗ rufen: „Ah! Herr Huͤlla, ich bin nun nicht mehr ver⸗ wundert uͤber eure Feſtigkeit vor dem Richter zu er⸗ ſcheinen.“ Sie ſetzten ſich alle drei zu Tiſche, der mit mehre⸗ ren Speiſen beſetzt war. Da ſtanden alle Arten ilau, und Bogra, ſo mit Ingwer, langem ſchwarzem und weißem Pfeffer und friſcher Butter be⸗ reitet wird; ferner Riſchté y pulad, beſtehend aus Safran, Weineſſig, Honig und Terebinthen; und ein Juſchberré, das heißt ein geſchmortes Lamm, deſ⸗ ſen Dombé, oder Fettſchwanz, mit gewuͤrzigen Kraͤutern gefuͤllt, eine beſondere Schuͤſſel machte. Nach dem Eſſen, brachten die Sklaven rothen Wein von Schiras, weißen Wein von Kismiſche, und ambraduftigen Roſſoli, genannt Raki⸗moa nber; und hierauf wurden Wohlgeruͤche umhergereicht. Jetzt ließ Dilara ſich ein Tamburin bringen, und egann darauf zu ſpielen, indem ſie dazu ein Lied in der Weiſe Ueſſal ſang. Darnach forderte ſie eine Laute, ſtimmte ſie, und ſpielte ſie auf eine Weiſe, daß der Beamte des Koͤnigs davon bezaubert war. Endlich nahm ſie eine Zither, und ſang dazu ein zaͤrt⸗ liches Lied in der Weiſe Nava, deren man ſich zu Klagen uͤber die Abweſenheit des Geliebten bedient. Kuluf und Dilara. 249 Es war dieſes ein Geſang, welchen ſie zu Kara⸗ koruͤm, nach Kulufs Ungnade gemacht hatte. Und ſie konnte ihn nicht ſingen, ohne der Seele dieſes Gelieb⸗ ten die ruͤhrendſten Bilder vorzufuͤhren: der junge Mann verſank in eine tiefe Traͤumerei, und bald fing er bitterlich an zu weinen. Der Beamte des Koͤnigs war daruͤber verwundert, und fragte ihn nach der Urſache dieſer Thraͤnen. „Ach!“ antwortete der Sohn Abdallahs,„was frommt es euch, davon die Urſache zu wiſſen? es iſt⸗ euch nicht weniger unnuͤtz, ſie zu erfahren, als mir, ſie zu ſagen. Ich rief mir eben meine vergangenen Leiden wieder ins Gedaͤchtnis; und ich kann dabei nicht an die mir noch drohenden Leiden denken, ohne von dem lebhafteſten Schmerze durchdrungen zu werden.“. Dieſe Antwort genuͤgte dem Beamten des Koͤnigs nicht, und er ſagte: 3 „Junger Fremdling, im Namen Gottes, erzaͤhlet mir eure Abenteuer. Es iſt nicht aus Neugier, daß ich ſie hoͤren will; ich fuͤhle mich geneigt, euch zu die⸗ nen, und vielleicht wird es euch nicht gereuen, mir dieſes Vertrauen geſchenkt zu haben. Saget mir, wer ihr ſeid, ich ſehe wohl, daß ihr von Geburt ſeid redet, und verhehlet mir nichts.“ „Herr,“ erwiederte Kuluf,„meine Geſchichte iſt etwas lang, und moͤchte euch langweilen.“ 250 42. TDag. „Nein, nein,“ ſagte der Beamte;„ich bitte euch ſelbſt keinen Umſtand davon zu unterdruͤcken.“ Hierauf begann nun der Sohn Abdallahs die Erzaͤhlung ſeiner Abenteuer; er entdeckte ſeine ganze Verſtellung, und bekannte, daß er nicht der Sohn Maſßauds waͤre, ſondern daß er zu dieſem Vorgeben bloß ſeine Zuflucht genommen, um ſich den Beſitz Dilara's zu ſichern:„aber,“ fuhr er fort,„meine Luͤge hat nicht ganz die Wirkung gehabt, welche ich davon erwartete; man hat mir nicht auf mein Wort. glauben wollen, ſondern einen Eilboten nach Chodſchend geſchickt, der binnen drei Tagen wieder hier ſein wird. Demnach wird der Kadi, der uns ſtrenge bewachen laͤßt, bald meine Betruͤgerei entdecken, und mich durch einen ſchmaͤhlichen Tod dafuͤr beſtrafen. Dieſer Tod iſt gleichwohl nicht, was mich betruͤbt, ſondern das Herannahen des unſeligen Augenblicks, der mich fuͤr immer von meinem geliebten Gegenſtande trennen ſoll: dieſer Gedanke allein iſt mein ganzer Kummer.“ Waͤhrend er, mit untermiſchten Seufzern und Thraͤnen, dieſes ſagte, zerſchmolz die Frau ihrerſeits in Thraͤnen, und gab durch den Schmerz, von wel⸗ chem ſie ergriffen ſchien, genugſam zu erkennnen„ daß ſie Kulufs Empfindungen mit ihm theilte. Der Beamte des Koͤnigs ſah dieſes Schauſpiel nicht ohne Mitleid: —— — Kuluf und Dilara. 251 „Zaͤrtliche Gatten,“ ſagte er,„ich bin geruͤhrt von eurer Betruͤbnis. Ich wuͤnſchte euch dienen, und es von euch abwenden zu koͤnnen, beide den Giftbe⸗ cher der unſeligen Trennung zu leeren. Wollte Gott, junger Mann, daß ich euch der Gefahr entreißen koͤnnte, in welcher ihr ſchwebt! Aber das ſcheint mir ſehr ſchwierig. Der Kadi iſt ein wachſamer und un⸗ beugſamer Richter. Seine Wachſamkeit moͤchte kaum zu taͤuſchen ſein, und er wird euch nicht verzeihen, ihn betrogen zu haben. Alles was ich euch rathen kann, beſteht darin, euer Vertrauen auf Gott zu ſetzen, der auch die verſchloſſenſten Pforten eroͤffnen und die unuͤberſteiglichſten Hinderniſſe aus dem Wege raͤumen kann. Flehet durch heiße Gebete ſeine Huͤlfe an: und verzweifelt nicht, gluͤcklich aus dieſer Verle⸗ enhet zu kommen, obwohl ihr keinen Anſchein dazu ehet. Mit dieſen Worten nahm der Beamte Abſchied von Kuluf und ſeiner Frau, und entfernte ſich. „Man muß geſtehen,“ ſagte hierauf die Tochter Boyruͤks,„es gibt eine recht ſonderbare Art Leute auf der Welt. Sie kommen, euch ihre Dienſte anzu⸗ bieten; wenn ihr ihnen betruͤbt ſcheinet, ſo dringen ſie in euch, ihnen euern Kummer zu erzaͤhlen, indem ſie euch Linderung deſſelben verheißen: und wenn ſie nun durch ihre zudringlichen Artigkeiten euch gezwun⸗ gen haben, ihre Neugierde zu befriedigen, ſo beſteht 25² 42. Tag. die ganze Troͤſtung, welche ſie euch gewaͤhren, darin, daß ſie euch ermahnen, Geduld zu faſſen. Wer haͤtte nicht geglaubt, als man dieſen Mann mit ſolchem Eifer ſich unſer annehmen ſah, daß es ſeine Abſicht waͤre, uns nuͤtzlich zu ſein und wenigſtens alle ſeine Kraͤfte aufzubieten uns zu dienen? Gleichwohl, nach⸗ dem er die Erzaͤhlung unſerer Abenteuer gehoͤrt hat, verlaͤßt er uns, und empfiehlt uns der Vorſehung.“ „Theure Frau,“ ſagte der Sohn Abdallahs,„was ſoll er fuͤr uns thunk laßen wir ihm Gerechtigkeit widerfahren: er hat zu ſehr das Anſehn eines redli⸗ chen Mannes, als daß man ihn in Verdacht haben koͤnnte, mich aus bloßer Neugier genoͤthigt zu haben, ihm mein Ungluͤck zu vertrauen. Nein, nein, er war geneigt, uns gefaͤllig zu ſein; ich vertraue darauf, wegen des edlen Mitleids, welches er uns gezeigt hat, und welches ſelbſt in ſeinem Stillſchweigen bemerklich war. Aber als er das Uebel unheilbar ſah, konnte er da uns etwas anderes ſagen, als er uns geſagt hat? Und von wem koͤnnen wir in der That Huͤlfe erhalten? Der Himmel allein kann mich aus der Gefahr be⸗ freien, in welcher ich bin.“ Kuluf umd Dilara. 255 Drei und vierzigſter Tag. Die ungluͤcklichen Gatten erweichten einander, in⸗ dem ſie ſich ſo ganz das Schreckliche ihrer Lage vor die Seele riefen und brachten die beiden folgenden Tage unter Seufzen und Wehklagen hin. Sie dachten in⸗ deſſen auf Mittel zur Rettung; ſie verſuchten die Treue ihrer Wachen, aber ſie fanden ſie unbeſtechlich. So kam der funfzehnte Tag heran, der Tag, an welchem der Eilbote von Chodſchend zuruͤckkommen mußte, und welchen ſie beide eben ſo ſehr fuͤrchteten, als er von dem Sohne Muſaffers heiß herbeigewuͤnſcht wurde. Sobald die erſten Strahlen dieſes ſchrecklichen Ta⸗ ges das Gemach der beiden Gatten erhellten, ſtand Kuluf, der zum letztenmale das Licht zu ſehen glaubte, auf, um zum Tode zu gehen. Er betrachtete ſeine Gattinn mit Augen, worin ſich Schmerz und Ver⸗ zweiflung malten, und ſagte zu ihr mit faſt erſtickter Stimme: „Lebet wohl! ich gehe hin, meine Beſtimmung zu erfuͤllen, und dem Kadi meinen Kopf zu bringen: ihr, ſchoͤne Dilara, ihr, lebet, und erinnert euch manch⸗ mal eines Mannes, der euch ſo zaͤrtlich geliebt hat.“ „Ach! Kuluf,“ antwortete die Frau, in Thraͤnen zerſchmelzend,„ihr gehet zum Tode, und ermahnet mich, zu leben! denkt ihr denn, daß das Leben noch 254 43. Tag. Reiz fuͤr mich haben koͤnnte? Grauſamer, du willſt alſo, daß ich ſehnſuͤchtige und jammervolle Tage hin⸗ ſchleppe? Nein, nein, ich will dich begleiten, und mit dir ins Grab ſteigen. Taher, der verhaßte Taher, ſoll mit dem was er haßt, zugleich das was er liebt, zu Grunde gehen ſehen; er ſoll nicht Urſache haben, ſich deines Todes zu freuen. Ja, warum ſollſt du denn ſterben? mich allein muß die Strafe treffen; deine Frau iſt es, die dich meineidig gemacht, und dir die Luͤge eingegeben hat, welche dein Tod ſuͤhnen ſoll; mir alſo gebuͤhrt es, zum Schlachtopfer zu die⸗ nen: es iſt wenigſtens gerecht, daß ich ebenfalls be⸗ ſtraft werde. Auf, laß uns zu unſerm Richtplatze ge⸗ hen; ich will aller Welt zu erkennen geben, daß ich lieber mit dir umkommen, als dich uͤberleben will.“ Der Sohn Abdallahs bekaͤmpfte das Vorhaben ſei⸗ ner Frau, er beſchwur ſie, ihm nicht einen ſo unſeli⸗ gen Beweis ihrer Zaͤrtlichkeit zu geben; aber Dilara ihrerſeits beharrte darauf, mit ihm ſterben zu wollen, und bat ihn, ſich ihrem Entſchluſſe nicht zu wider⸗ derſetzen. Waͤhrend ſie ſich hieruͤber nicht vereinigen konnten, hoͤrten ſie einen großen Laͤrm an der Straßenthuͤre, und bald ſahen ſie den Kadi, im Gefolge mehrerer Leute, darunter auch Muſaffer und ſein Sohn waren, in den Hof treten. Bei dieſem Anblicke ſank die Toch⸗ ter Boyruͤks in Ohnmacht, und waͤhrend ſie noch unter Kuluf und Dilara. 255 den Haͤnden einiger Sklavinnen war, die ihr zu Huͤlfe eilten, benutzte Kuluf dieſen Augenblick, und ging dem Kadi entgegen. Aber der Richter, weit entfernt, ihn zum Tode abfuͤhren zu wollen, gruͤßte ihn ehrerbietig, und ſagte laͤchelnd zu ihm: „Herr, der Bote, welcher nach Chodſchend ge⸗ ſchickt worden, iſt zuruͤck gekommen, in Begleitung eines Dieners eures Vaters Maſßaud, der euch vier⸗ zig mit Stoffen, feiner Leinwand und anderen Waaren beladene Kameele ſendet. Wir zweifeln nun nicht mehr, daß ihr der Sohn dieſes reichen Kaufmanns ſeid, und wir bitten euch, der uͤblen Behandlung zu vergeſſen, welche wir euch angethan haben.“ Nachdem der Richter dieſe Rede gehalten hatte, welche Kuluf aufs hoͤchſte in Erſtaunen ſetzte, bezeug⸗ ten Muſaffer und ſein Sohn dem Hulla, wie Leid es ihnen thaͤte, daß er die Schlaͤge empfangen haͤtte. „Ich entſage,“ ſprach Taher zu ihm,„den An⸗ ſpruͤchen, welche ich auf Dilara hatte. Ich willige ein, daß ſie die eurige ſei, und ich uͤberlaße ſie euch, unter der Bedingung, daß wenn es euch etwa einfaͤllt, ſie zu verſtoßen, und ſie wiedernehmen wollt, ihr mich zum Huͤlla waͤhlet.“ Kuluf wußte nicht, was er von allem, was er hoͤrte, denken ſollte; er waͤhnte, der Kadi und Taher verſpotteten ihn, und ſie wuͤrden bald in einem 256 43. Ta g. andern Tone mit ihm reden, als ein Sklave herein⸗ trat, ihm die Hand kuͤßte, und ihm einen Brief aberreichte, mit den Worten: „Herr, euer Vater und eure Mutter befinden ſich wohl; ſie wuͤnſchen ſehnlichſt, euch wiederzuſehen: ihre Augen und ihre Ohren ſind unterweges.“ Kuluf erroͤthete bei dieſer Anrede; und ohne zu wiſſen, was er antworten ſollte, nahm er den Brief, oͤffnete ihn, und las folgende Worte: „Gelobt ſei Gott allein, und ſeine Segnungen ſeien verbreitet uͤber ſeinen großen Propheten, über ſeine Familie und uͤber ſeine Freunde! Mein lieber Sohn, ſeitdem du nicht mehr vor meinen Augen biſt, habe ich keine Ruhe, ich ſtehe auf den Dornen der Ungeduld; das Gift deiner Abweſenheit hat ſich meines Herzens be⸗ maͤchtigt, und verzehrt nach und nach mein Leben. Ich habe durch den Boten, welchen Herr Muſaffer an mich geſchickt hat, das Abenteuer vernommen, welches dir begegnet iſt. Alsbald habe ich vierzig ſchwarze, rundaugige Kameele mit mancherlei Waaren beladen laßen, welche ich dir nach Samarkand uͤberſende, unter dem Ge⸗ leite Dſchohers, des Anfuͤhrers meiner I1 Frachten. 1 Kuluf und Dilara. 257 Melde mir doch aufs baldigſte, wie du dich befindeſt, damit unſer Herz ſich troͤſte und wie⸗ der Freude und Heil empfinde. Maſßaud.“ Kaum hatte der Sohn Abdallahs dieſen Brief gele⸗ ſen, als er die vierzig Kameele, welche von Chodſchend kamen, in ſeinen Hof ſchreiten ſah. Hierauf ſagte der Fuͤhrer Dſchoher zu ihm: „Mein Herr und Meiſter, habt die Guͤte, wenn es euch beliebt, und befehlet, daß man die Kameele entlade, und die Ballen in irgend einen großen Saal bringe.“ „Was Teufel bedeutet dieß alles?“ ſagte Kuluf bei ſich ſelher:„Ich habe wohl uͤberraſchende Aben⸗ eeuer erlebt; aber, bei Ali! dieſes hier uͤbertrifft ſie alle. Dieſer Fuͤhrer Dſchoher redet mich an, als ob er mich wohl kenne, der Kadi und Muſaffer ſcheinen durch dieſen Anſchein getaͤuſcht zu ſein.— Wohlan! bbgleich dieß alles meine Faſſung uͤberſteigt, ſo wol⸗ len wir doch nicht unterlaßen, es zu benutzen. Das „Gluͤck will mich ohne Zweifel durch einen ſeiner eigen⸗ ſinnigen Streiche retten, oder der Himmel hat zu meinen Gunſten ein Wunder thun wollen.“ 258 44. Tag. Vier und vierzigſter Tag. Wie erſtaunt auch Kuluf uͤber dieß wunderbare Ereignis war, doch hatte er Kraft genug, ſeine Ueber⸗ raſchung zu verbergen; er ließ die Ballen in einen Saal tragen, und befahl, fuͤr die Kameele zu ſorgen; er hatte ſogar die Dreiſtigkeit, dem Kameelfuͤhrer al⸗ lerlei Fragen zu thun: „Dſchoher,“ ſagte er zu ihm,„gib mir Nachricht von meiner ganzen Familie: iſt auch etwa einer mei⸗ ner Vettern oder eine meiner Baſen in Chodſchend krank?“. „Nein Herr,“ antwortete Dſchoher,„alle eure Verwandten ſind, Gott ſei Dank, bei vollkommener Geſundheit, mit Ausnahme eures Vaters, der jeden Augenblick eurer Abweſenheit zaͤhlt, und der mir auf⸗ getragen hat, euch zu ſagen, wie ſehr er wuͤnſcht, daß ihr mit der Frau, welche ihr geheiratet habt, ſchleunig nach Chodſchend heimkehret.“ Waͤhrend der Kameelfuͤhrer alſo ſprach, nahmen der Kadi, Taher und ſein Vater Abſchied von dem Sohn Abdallahs, und gingen nach Hauſe, in der Ueberzeugung, er waͤre wirklich der Sohn Maſßauds: aber bevor er weg ging, entließ der Kadi die Wache, welche er den jungen Gatten geſetzt hatte. Nachdem alle ſich entfernt hatten, kehrte Kuluf in das Zimmer zuruͤck, wo er Dilara gelaßen hatte. Kulaf und Dilara. 259 Die junge Frau war durch die Bemuͤhungen ihrer Sklavinnen aus ihrer Ohnmacht wieder zu ſich gekom⸗ men. Kuluf erzaͤhlte ihr nun alles, was eben vorge⸗ gangen war, und zeigte ihr den Brief Maſßauds. Sie hatte ihn nicht ſo bald durchgeleſen, als ſie ausrief: „Gerechter Himmel! dir gebuͤhrt der Dank fuͤr dieſes erſtaunliche Wunder; du haſt Mitleid gehabt mit den beiden treuen Geliebten, deren Bande du ge⸗ knuͤpft haſt.“ „Geliebte Frau,“ ſagte der Sohn Abdallahs zu ihr,„noch iſt nicht Zeit, uns der Freude zu uͤberla⸗ ßen; unſere Leiden ſind noch nicht zu Ende: was ſage ich„zu Ende?“ ich ſchwebe mehr, als jemals, in Gefahr: ihr habt mich den Namen eines Mannes annehmen laßen, der ohne Zweifel zu Samarkand iſt; der Sohn Maſßauds muß hier in der Stadt ſein, ſein Vater ſchreibt ihm, und ſendet ihm vierzig mit Waa⸗ ren beladene Kameele, unter Dſchohers Fuͤhrung; die⸗ ſer Dſchoher, der wahrſcheinlich den Sohn ſeines Herrn niemals geſehen hat, wird dem Boten Muſaf⸗ fers gefolgt ſein: und ſo laͤßt ſich das Uebrige leicht begreifen. Dieſer Irrthum, ich geſtehe es, wuͤrde uns ſehr guͤnſtig ſein, wenn er von langer Dauer ſein koͤnnte. Nichts wuͤrde uns verhindern, jetzo die Flucht zu ergreifen, weil wir fortan nicht mehr bewacht wer⸗ den: aber die Neuigkeit von der Ankunft der Kameele 44. Tag. hat ſich vielleicht ſchon in Samarkand verbreitet; der wahre Sohn Maſßauds wird es auch vernehmen, und alsbald zu dem Kadi gehen und ihn enttaͤuſchen: was weiß ich, ob nicht augenblicklich der Richter zuͤruͤck⸗ koͤmmt, um mich zum Richtplatze zu ſchleppen?“ Alſo redete Kuluf, der zwiſchen Furcht und Hoff⸗ nung ſchwebend, mehr zu beklagen war, als wenn er nichts mehr zu hoffen gehabt haͤtte: er waͤhnte unauf⸗ hoͤrlich den Kadi und Taher enttaͤuſcht und wuͤthend wiederkommen zu ſehen; jeder Augenblick ſteigerte ſeine Unruhe. Waͤhrend er in dieſer Bewegung war, kam der Beamte des Koͤnigs, derſelbe Mann, der vor zwei Tagen bei ihm geweſen war, und ſagte, indem er hereintrat: „Herr Huͤlla, ich habe vernommen, daß eure Lei⸗ den geendigt ſind, und daß endlich der Himmel einen guͤnſtigen Blick auf euch geworfen hat; ich komme, euch meine Freude daruͤber zu bezeugen, und zugleich euch einen Vorwurf zu machen: ihr ſeid nicht aufrich⸗ tig; warum habt ihr mir denn geſagt, ihr ſeiet nicht der Sohn Maſßauds? warum habt ihr mich ge⸗ taͤuſcht?“. „Mein lieber Herr,“ antwortete der Sohn Abdal⸗ lahs,„ich habe euch die Wahrheit geſagt; ich bin nicht aus Chodſchend, ſondern aus Damask, wie ich euch ſchon geſagt habe. Es iſt lange her, daß mein Kuluf uand Dilara. 261 Vater todt iſt, und daß ich alles Vermoͤgen verzehrt habe, welches er mir hinterlaßen hat.“ „Gleichwohl,“ erwiederte der Beamte,„ſagt man, daß vierzig mit mancherlei Stoffen beladene Kameele fuͤr euch gekommen ſind, und daß Maſßaud an euch geſchrieben hat, als wenn ihr ſein eigener Sohn waͤret.“ „Es iſt wahr,“ verſetzte Kuluf,„daß ich den Brief und die Waaren empfangen habe, aber ich bin deshalb doch nicht ſein Sohn.“ Der Beamte fragte, wie die ganze Geſchichte zu⸗ gegangen waͤre; und als der Huͤlla ihm alles aus ein⸗ ander geſetzt hatte, ſagte er zu ihm: „Ich glaube mit euch, daß hier eine Verwechſe⸗ lung obwaltet, und daß der Sohn Maſßauds hier in Samarkand iſt. Demnach bin ich der Meinung, daß ihr beide dieſe Nacht euch durch die Flucht rettet.“ „Das iſt auch unſre Abſicht,“ antwortete Kuluf; „vorausgeſetzt, daß der Kadi bis morgen in dem Irr⸗ thum bleibt, worin er iſt, wir verlangen nichts weiter.“ „Ihr duͤrft deshalb nicht in Unruhe ſein,“ erwie⸗ derte der Beamte;„man muß hoffen, daß alles gut geht. Der Himmel will ohne Zweifel nicht, daß ihr umkommet, weil er durch ein Abenteuer, das einem Wunder gleicht, euch der euch zugedachten Todesſtrafe entzogen hat.“ 262 44. D a g. Zu dieſen Worten fuͤgte er noch andere, um die Furcht zu zerſtreuen, von welcher die beiden Gatten erfuͤllt ſchienen; hierauf nahm er Abſchied und wuͤnſchte ihnen alles Wohlergehen. Als Kuluf und Dilara wieder allein waren, be⸗ gannen ſie, von ihrer Flucht zu reden und ſich darauf vorzubereiten. Sie erwarteten die Nacht mit großer Ungeduld; aber noch ehe ſie heran kam, hoͤrten ſie einen großen Laͤrm, und ſahen ploͤtzlich in dem Hofe der Karavanſerei mehrere Wachen zu Pferde erſcheinen. Bei dieſem Anblicke wurden die beiden Gatten von Schrecken ergriffen, denn ſie waͤhnten, es waͤre der Kadi, der den Sohn Abdallahs zur Hinrichtung abzu⸗ holen kaͤme. Bald aber verloren ſie dieſe Furcht: es waren die Wachen des Koͤnigs. Der Hauptmann, der ſie anfuͤhrte, ſtieg vom Pferde, und trat mit einem Paͤckchen in das Zimmer, wo Kuluf mit ſeiner Frau war. Er gruͤßte ſie beide ehr⸗ erbietig, wandte ſich hierauf zu dem Mann, und ſagte zu ihm: „Herr, ich komme hieher im Namen des großen Usbek⸗Chan: er will den Sohn Maſßauds ſehen; er hat euer Abenteuer vernommen, und wuͤnſcht, daß ihr ſelber ihm alles erzaͤhlet, und er ſendet euch dieſes Kuluf und Dilara. 263 Ehrenkleid,*) um euch in den Stand zu ſetzen, vor ihm zu erſcheinen.“ Der Sohn Abdallahs waͤre gern uͤberhoben gewe⸗ ſen, die Neugierde des Koͤnigs zu befriedigen: indeſſen er mußte gehorchen.. Er zog alſo das Ehrenkleid an, und ging mit dem Hauptmann der Wache, der ihm auf dem Hofe ein Maulthier zeigte, deſſen Sattel und Zaum mit Gold beſchlagen und mit Steinen geſchmuͤckt war, und an deſſen Steigbuͤgel ein praͤchtig gekleideter Knappe ſtand: „Beſteiget dieß koͤnigliche Maulthier„“ ſagte er zu ihm,„und ich werde euch nach dem Palaſte fuͤhren.“ Kuluf naͤherte ſich dem Maulthiere, der Knappe kuͤßte den Steigbuͤgel, und bot ihm denſelben dar: der Huͤlla ſetzte den Fuß hinein, ſchwang ſich leicht in den Sattel, und ritt mit der Wache nach dem Palaſte. Fuͤnf und vierzigſter Tag. Sobald er im Palaſt angelangt war, kamen die Beamten des Kdͤnigs, ihn zu empfangen, und fuͤhrten ihn bis an die Thuͤre des Saales, in wel⸗ 1 *) In der Urſchrift: Kaftan. 264 45. Cag. chem dieſer Fuͤrſt gewoͤhnlich die Geſandten vor ſich zu laßen pflegte. Hier nahm der Groß⸗Veſyr ihn bei der Hand, und fuͤhrte ihn in den Saal, wo der Koͤnig, in einem mit Diamanten, Rubinen und Smaragden bedeckten Gewande, auf ſeinem Elfenbein⸗ throne ſaß, um welchen alle die großen Herren der Tatarei umher ſtanden. Kuluf war geblendet von dem Glanze welcher den Usbek⸗Chan umgab; und anſtatt ſeine Blicke bis zu dieſem Fuͤrſten emporzuheben, ſchlug er die Augen nie⸗ der, trat vor, und warf ſich zu den Fuͤßen des Thro⸗ nes nieder. Als der Koͤnig ihn in dieſer Stellung ſah, redete er ihn an, und ſagte: „Sohn Maſßauds, man hat mir geſagt, daß dir ſehr ſeltſame Abenteuer begegnet ſind; ich wuͤnſche, daß du ſie mir erzaͤhleſt, und ohne Hehl redeſt.“ Betroffen uͤber den Ton der Stimme, welche dieſe Worte an ihn richtete, hub Kuluf die Augen auf, und als er nun in dem Koͤnige denſelben Mann er⸗ kannte, welcher ihn beſucht hatte, den er fuͤr einen Beamten Usbek⸗Chans gehalten, und dem er alle ſeine Geheimniſſe anvertrauet hatte, warf er ſich mit dem Antlitz auf den Boden, und fing an zu weinen. Der Veſyr hub ihn auf, und ſagte zu ihm: „Fuͤrchtet nichts, junger Mann, naͤhert euch dem Koͤ⸗ nig, und kuͤſſet den Saum ſeines Kleides.“ . Kalaf and Dilara. 265 Der Sohn Abdallahs trat, zitternd und zagend, bis zu den Fuͤßen des Koͤnigs hin; und nachdem er ihm den Rock gekuͤßt hatte, wankte er einige Schritte weich, und blieb ſtehen, das Haupt auf die Bruſt geſenkt. 2 Aber Usbek⸗Chan ließ ihn nicht lange in dieſer Stellung; der Fuͤrſt ſelber ſtieg von ſeinem Throne, nahm ihn bei der Hand, und fuͤhrte ihn in ſein Zim⸗ mer, wo er zu ihm ſagte: „Kuluf, ſei nunmehr ganz beruhigt, und fuͤrchte nicht mehr das Schickſal; du wirſt ſeine Strenge nicht mehr erfahren: du ſollſt nicht von Dilara getrennt werden, ſondern mit ihr an meinem Hofe leben, und bei mir dieſelbe Stelle einnehmen, welche du zu Karako⸗ ruͤm bei dem Koͤnige Mirdſchehan hatteſt. Als ich, auf die Erzaͤhlung von deiner feſten Treue gegen deine Frau, aus Neugierde dich beſuchte, geſielſt du mir; und das Vertrauen, welches du in mich ſetzteſt, be⸗ ſtimmte mich vollends, dir das Leben zu retten, und dich fuͤr immer mit deiner geliebten Gattinn vereint zu laßen. Und dieſes wollte ich auf die Weiſe thun, wie du geſehen haſt. Die vierzig Kameele, die bei dir ſtehen, ſind aus meinen Staͤllen genommen; die Stoffe, womit ſie beladen waren, habe ich kaufen laßen; und Oſchoher, der ſie fuͤhrte, iſt ein Verſchnit⸗ tener, der ſehr ſelten aus dem Harem koͤmmt; den Brief, den du empfangen, habe ich durch meinen . 8 * 266 45. Tag. Debirchaſſe*) ſchreiben laßen; und damit der Bote Muſaffers ihn nicht Luͤgen zu ſtrafen kaͤme, ſo ſchickte ich geſtern auf dem Wege nach Chodſchend ihm einen meiner Beamten entgegen, der ihm in meinem Namen befahl, ſeinem Herrn einen ſolchen Bericht zu bringen, wie ich wuͤnſchte. Das war ein Vergnuͤgen, welches ich mir machen wollte, und ich habe es voͤllig er⸗ reicht.“ Sobald der Koͤnig ausgeſprochen hatte, warf Ku⸗ luf ſich abermals ihm zu Fuͤßen, dankte ihm fuͤr ſeine Guͤte, und gelobte, zeitlebens dafuͤr innige Erkennt⸗ lichkeit zu beweiſen. Noch denſelben Tag fuͤhrte der junge Mann auch ſeine Dilara in den Palaſt. Usbek⸗Chan gab ihnen eine praͤchtige Wohnung, mit einem anſehnlichen Ein⸗ kommen, und ließ die Geſchichte ihrer Liebe durch den beßten Schriftſteller von Samarkand aufſchreiben.“ *) d. h. Geheimſchreiber. —— Tauſend und Ein Tag. 267 Nachdem ſo die Amme der Farruͤchnas die Ge⸗ ſchichte Kulufs erzaͤhlt hatte, ſchwieg ſie, um zu hoͤ⸗ ren, was ihre Herrinn dazu ſagen wuͤrde. Dieſe, noch immer gegen die Maͤnner eingenommen, war abermals nicht der Meinung ihrer Frauen, welche behaupteten, der Sohn Abdallahs waͤre ein vollkom⸗ mener Liebhaber geweſen: „Nein, nein;“ ſagte die Prinzeſſinn,„als er von dem Hofe des Koͤnigs der Keraiten verbannt wurde, verließ er Karakoruͤm, ohne Dilara Lebewohl zu ſa⸗ gen, ja ohne einmal zu verſuchen, mit ihr zu reden. Ich raͤume ein, daß der Koͤnig ihn ſehr ungeſtuͤm aus der Stadt verwies; aber die Liebe iſt erfindungsreich, und ſie haͤtte ihm ſchon Mittel verſchafft, mit der Tochter Boyruͤks ſich zu beſprechen, wenn er ſehr verliebt in ſie geweſen waͤre. Und das iſt noch nicht der einzige Vorwurf, welchen ich ihm zu machen habe. Wenn er nur irgend von ſeiner Geliebten eingenom⸗ men geweſen waͤre, ſo wuͤrde er nicht gleich einige Tage nach ſeiner Ankunft in Samarkand ſich freiwillig zum Huͤlla hergegeben haben. Ferner, nachdem er ſeine Geliebte wieder erkannt hatte, wollte er ſie gleichwohl nicht verſtoßen? war er nicht bereit, ſeinen Eid zu halten? und wuͤrde er es nicht auch Ferheln haben, wenn ſie nicht, um ihn davon abzubringen, ſelbſt ihre Thraͤnen angewandt haͤtten Ein recht in⸗ bruͤnſtig Liebender iſt nicht ſo bedenklich. 76. Ta g. Es iſt wahr, Herrinn,“ ſagte hierauf Suͤtluͤmeme, „daß die erſte Bewegung Kulufs der Ehre galt, und das kann ich ihm nicht zum Vorwurfe machen: ich bewundere im Gegentheil einen jungen Mann, der ſelbſt mitten in ſeiner Luſt Abſcheu gegen den Meineid blicken laͤßt; ich glaube, daß ein Liebhaber dieſer Art as ſchaͤtzbarer iſt, als ein anderer, und daß man auf ſeine Schwuͤre bauen kann.— Aber, Prinzeſſinn,“ fuͤgte ſie hinzu,„weil ihr es doch ſo genau nehmt, ſo muß ich euch eine andere Geſchichte erzaͤhlen, welche euer Zartgefuͤhl ins Gedraͤnge bringen moͤchte und welche ihr vielleicht merkwuͤrdiger finden werdet, als die Ge⸗ ſchichten Kulufs und Abulkaſems.“ Bei dieſen Worten der Amme brachen alle Frauen der Prinzeſſinn in ein Freudengeſchrei aus, und be⸗ zabten ſich ſehr neugierig, dieſe neue Geſchichte zu dren. Suͤtluͤmeme begann ſie, ſobald die Prinzeſſinn ihr d Lrlaubnie dazu bewilligt hatte, mit folgenden orten: