Lei iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.— Leih- und Seſebedingungen. 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſeär Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 5 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und etre für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mct. 59 Pf. 2 Wer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſe endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu forgen. 6. Schadenersatz. 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Man muß ſich in die Myſterien einer Wachtſtube nicht zur Zeit des Sommers einweihen laſſen, wenn draußen Alles grünt und blüht, und der Geruch der Birke oder der Duft des Graſes neugierig zu den Fenſtern hereinſäuſelt, um von den ſchweren Dämpfen im Innern— des Locals gleich erſtickt und vertilgt zu werden. Man muß ebenfalls nicht lüſtern ſeyn, dieſem Orte einen neugierigen Blick zu ſcheuken ¹ in den Vormittagsſtunden, wo die alte Wache ſich damit beſchäftigt, das Local und die Geräthſchaften für die neue, die Mittags einzieht, in beſtmöglichen Stand zu ſetzen. In dieſem Augenblick würde der 3, Staub„der von demärbeitenden Beſen aufwirbelt, im Einklange einen Verwandten, die aus den Uniformen und Mänteln der Soldaten hervorkommen, ſelbſt Einem, der an dergleichen Sachen gewoͤhn den Athem verſetzen. Auch wenn Alles nach mi reinlich geputzt und geſäubert iſt, wenn von den Bankm die kleinen Häufchen übrig gebliebener Tabackaſche fortgeblaſen ſind, wenn der Ofen als Vulkan in Thätigkeit nicht mehr von Aſchenhaufen umgeben iſt, die gleich ausgebrannten Kratern um ihn herliegen, ſo iſt doch in ſolchen Augenblicken die Wachtſtube noch nicht befähigt, einen anſtändigen Beſuch zu empfangen. Die neue Wache iſt eben eingezogen und macht es ſich bequem. Der Commandant ſchreibt ſeinen Meldezettel oder bereitet ſich ſeinen Kaffee und wird in dieſen Geſchäften jeden Augenblick von meldenden Soldaten oder viſitirenden Offizieren geſtört. Er muß ſeine Poſten beſi eſichtigen, hat die verſchiedenen Localitäten zu übernehmeß, die zu ſeiner Wache gehören, und auf dieſe Art vergeht ihm der Nachmittag eines Wintertags. Wir nehmen an, daß das Local, von dem wir die Chre haben, zu erzählen, zu einem detaſchirten Fort, das ſich eine kleine Viertelſtunde von der Stadt befindet, gehört. Die Wachtſtube iſt ein bombenfeſtes Gewölbe, deſſen einzige fenſterartige Oeffnung eine enge Schießſcharte iſt, die noch obendrein Lurch grünes trübes Glas geblendet wird. Da die Kälte es nicht erlaubt, wie an einem 5 ſchönen Sommerabend die Thür zu öffnen, ſo iſt hier die Nacht ſchon lingſt eingetreten, während draußen noch die Sonne ihre letzten Strahlen über die fernen Berge ſchießt. Rings iſt die Gegend verſchneit und die Schildwache vor dem Fort wickelt ſich ſeſter in ihren Mantel nd läuft auf und ab, um ſich zu erwärmen. Dabei hat ſie an dieſem rt nicht nöthig, mit beſonderer Aufmerkſamkett auf herumwandelnde Patrouillen. oder Runden zu achten; denn erſtere haben in dieſer 1 trat heute Mittag auf dem Pauadepmatz 2um Wachtkom⸗ m ndanten und fagte ihm ſo herablaſſend wie möglich„Sie, Uinteroffizi er, ell cht, den Moſten uneerſſchen⸗ öhne in die Mase 8 tlegenen Gegend nichts zu thun, und der Ofſtzier, der letztere zu Ihre Wache gut in Ordnung, s iſt verflucht kalt, ich ——,— 7 Der Offizier, der ſo zu ſeinem Untergebenen ſpricht, hat wahrſcheinlich erſt vor Kurzem die Epauletten erhalten, und da au der Kriegsſchule Unteroffiziere ſeine Cameraden waren, hat er ſich noch nicht ſo an den koloſſalen Unterſchied der Stände gewöhnt uud gedenkt noch der Zeit, wo ihm der Offtzier der Runde ein Gleiches X⁸ ſagte.—„Sie haben mich alſo verſtanden, Un teroffizier? zwiſchen eins und zwei Uhr!“—„Zu Befehlen, Herr Lieutenant!“ Durch das Bewußtſeyn, 2 u werden, iſt nun auf der Wachtſtube des detaſchirten Forts die vollkommenſte Sicherheit und Soakahe eingetreten. Z d icken Mauern wird ſeit Beginn der Ealte Witterung täglich duf das Fü Fürchterlichſte geheizt, denn Holz und 8 hlen bekommt jede Wache ſ Jemnii und daran etwas zu ſparen, mürde ſich ein gewiſſen 8 kommandant als einer Sünde fürchten. Im Gegentheil, es findet nicht, ſelten eine gewiſſe Verſchleuderung des Bre aumaterfals ſtatt. Da wird ile draußen der kalten Welt etr zu laſſen. Da aber durch ein ſolches Verfahren och je ueilen der Kohlen⸗ und Holzvorrath nimmt man zu allerhand früher erſchöpft wird, .—. 7 unerlaubten Fouragieruͤngen d werden. wovon wir ſpaͤter reden ſind ſo eben auf⸗ gewordenen, tretelt hölzernen Bänke nieder in das Gewölbe und laſſen ſich auf einer der h um die Eiſentheile hren Gewehre und S aulaufen, mit dem Mantel abzuputzen 1, Der Ofen pfeift und ſummt und verbreitet ſich. Vor demſelben ſteht eine Bank, und auf kommandant lang ausgeſtreckt. Er as den 8 unter ſein Haupt gerückt, das Lederzeug gelöſt, und die Patrontaſche und den Säbel auf die Seite geſchoben, damit dieſe Gegenſtände, die, wenn ſie ordonnanzmäßig befeſtigt werden, auf ſeinem Rücken befindlich ſind und ihn ſehr geniren würden, ihn in ſeiner bequemen Lage nicht hindern. 1 Der Wachtkommandant iſt ein junger Menſch von vielleicht fünf und zwanzig Jahren und ſeines Ranges Bombardier bei der Fußartillerie. Er trat, wie viele ſeines Gleichen, vor einigen Jahren ein, mit der feſten Abſicht, ſich die Epauletten zu verdienen; doch ging es ihm wie manchem Andern, anſtatt in ſeinen Nebenſtunden zu ſtudieren und ſich die nöthigen Kenntniſſe anzueignen, zog er es vor, ſich in ſeiner eigenen feinen Uniform auf den Straßen und den Kaffeehäuſern zu zeigen. So verlebte er ſein erſtes und zweites Jahr und als endlich die Zeit kam, wo er das Examen ablegen ſollte, nach deſſen Beſtehung er in die Kriegsſchule aufgenommen werden konnte, hatte er die wenigen Kenntniſſe, die er mit in den Militärſtand gebracht, rein vergeſſen. Andern, die ſich in gleichem Falle befanden, waren in dieſem kritiſchen Zeitpunkt die Augen aufgegangen, und weil ſie nun vernünftig genug waren, einzuſehen, daß ſie, da ſie bei dem täglichen ſchweren Dienſt genug zu thun hatten, das Feblende nicht nachholen würden, ſo ergaben ſie ſich in ihr Schickſal, und 2 verließen, wenn ſie andere Ausſichten hatten, den Militärſtand. Nicht ſo der Bombardier Tipfel, der in dem detaſchirten Fort auf der Ofenbank ſeinen Wachtverpflichtungen obliegt. Die Natur hat ihn bei einer ziemlichen Körperfülle mit einer guten Doſis Gleich üttigkeit ausgeſtattet, ſy daß es ſchwer war, ihn zu einem Entſchluß zu bringen. Ehe es ihm in den Sinn gekommen war, feine Stirne mit militäriſchen Lorbeern zu ſchmücken, war er Schrei⸗ bergehülfe bei einem Advokaten geweſen, und hatte da bei der Kangeweile, die ihm das Copiren der Proceßakten verſchaffte, langſam — — liegen, ſein dickes rothes Geſicht etwas gegen das Feuer gekehrt, und ſehr gutmifthig; iſt und ſelten zu dem Entſchluß kommen ka böſes Wort gegen ſeine Untergebenen zu gebrauchen. Auß Gutmüthigkoit und ſeinem Phlegma, die ihm nicht erlan* die Idee in ſich verarbeitet, die Feder aus der Hand zu tegen und die Lunte zu ergreifen. Obgleich ihm ſein Prinzipal dieſen Schritt ſehr widerrathen hatte und ihm unter Anführung der traurigſten Beiſpiele die Zukunft vor Augen geſtellt, daß er es doch nie zum Offizier bringen würde, und alſo ſein Leben als Unteroffizier oder höchſtens als Feldwebel verbringen müßte, ſo war doch Tipfel gerade durch ſein Phlegma nicht der Mann, ſich von einem einmal vorgenommenen Schritte abbringen zu laſſen. Er wurde alſo Kanonier, avancirte zum Bombardier, und als die Zeit endlich kam, wo ihm der Abtheilungskommandant die Gewiſſensfrage vorlegen ließ, ob er ſich mit Kenntniſſen wohl ſo gerüſtet glaubte, um vor dem Auge des Brigadecommandeurs das nöthige Examen abzulegen, ſo ging er drei Tage mit ſich ſelbſt zu Rath und hatte alsdann, wie ſchon oben bemerkt, die traurige Entdeckung gemacht, daß ihm von ſeinen früheren Kenntniſſen nichts geblieben war. Anſtatt nun aber zu ſeinem vorigen Geſchäft zurückzukehren, nahm Tipfel auf's Neue drei Jahre Dienſt an, und faßte den, füur ſeine unendliche Faulheit wenigſtens merkwürdigen Entſchluß, einen— Verſuch zu machen, ob es nicht gelingen könnte, das Fehlende nach⸗ zuholen. Dieſem Vorſatz getreu, ſehen wir ihn auf der Ofenbank mit beiden Händen ein Buch haltend, aus dem er auswendig ternt.. Es ſind Koblrauſch's Geſchichtstabellen, deſſen erſte Alhhettung er ſeinem Gedächtniſſe einzuprägen verſucht. Die Soldaten, die um ihn her ſitzen und aus ihren kurzen irdenen Pfaifen einen nichts weniger als wohlriechenden Taback rauchen, mögen den Bombardier Tipfel gut leiden, weil er bei ſeinem Gl cmuth 3 und heftig zu werden, iſt auch noch eine andere Urſache vorhanden, welche ihm gebietet, ſeine Untergebenen mit der größten Nachſicht und Güte zu behandeln, um ſie bei guter Laune zu erhalten. Durch ſeine Anſtrengungen beim Auswendiglernen iſt ihm der Tſchako etwas auf die Seite gerückt und faſt im Begriff auf den Boden zu fallen. Anſtatt ſein ſchweres Haupt zu erheben und ſein Kopfkiſſen wieder in die richtige Lage zu bringen, hält er es mit dem Hinterkopfe krampfhaft feſt, und die Anſtrengung, die ſich in ſeinen Geſichtszügen malt, gibt genugſam zu erkennen, daß er damit keine leichte Arbeit hat, Endlich aber rutſcht der Tſchako immer mehr auf die Seite, und da er nicht mehr im Stande iſt, ihn feſtzuhalten, ſo läßt er ihn gleichmüthig auf den Boden rollen, wo dann einer der Kanoniere alsbald in pflichtmäßigem Dienſteifer herbeiſpringt und ihm denſelben unter den Kopf ſchiebt. Ohne dieſen zu verdrehen, murmelt er zwiſchen den Zähner ſeinen Dank und fügt hinzu:„Höre Du, Alter, ſey doch ſo gut und rücke die Bank einen Fuß vom Ofen weg, es wird mir zu warm— ſo— noch ein Bischen weiter— jetzt is recht! Danke, Männeken!“— Ich muß hier beifügen, daß Tipfel eine Zeitlang in Norddeutf ſchland gelebt hatte und es liebte, wenn ihn die Leute für einen Berliner anſahen. Nach dieſer kleinen Dienſtleiſtung rückten die Soldaten näher um den Ofen und legten neues Holz und Kohlen zu, was der Bombandier geduldig mit anſah, ob ihm gleich die Hitze ein Bischen zu groß wurde, ſo daß er ſich in kurzer Zeit wieder einige Zoll vom Ofen wegrücken ließ. Da aber die Wachtſtube ſehr klein war, 4 ſo war er mit dieſen Manövern bald am⸗Ende derſelben, und nachdem 3 A gute Bombardier einen ſchwachen Verſuch gemacht hatte, ſeine Untergebenen dahi n zu bringen, daß ſie die Thüre ein wenig öffneten, w gogen ſich Sber, dns einſtimmig erklärten, zwickerte er freundlich 8 ½ mit ſeinen kleinen Augen und ließ auf ſeinem Geſicht ein Lächeln erſcheinen, wie es wohl der ſelbſtgefällig thut, der einen klugen Einfall hat. Bei dem Bombardier Tipfel war ein ſolcher ebenfalls Veranlaſſung zu dem freundlichen Geſicht, das er machte, denn er wandte ſich gegen den Ofen und rief einen der Kanoniere namentlich an: „Lieber Schulten,“ ſagte er ſo artig wie möglich,„Du könnteſt mir einen großen Gefallen erzeigen; willſt Du das wohl thun?“. „Jo,“ antwortete der Kanonier in ſeiner niederrheiniſchen Mund⸗ art,„wat ſoll ik dohn? Ik heff ehnen nok nix afſchloon, Bom⸗ bardier. ℳ „Ich weiß das, liebs Männeken,“ entgegnete dieſer,„ſey alſo ſo gut und ſetz Dich hier neben mich auf die Erde— ſo— nun nimim dieſes Buch.“ Der Kanonier that, warum er gebeten worden, und nahm Kohlrauſch's Geſchichtstabellen zur Hand.„Es iſt mir nämlich hier viel zu heiß,“ erörterte Tipfel, indem er dann dem Kanonier die Bewegung vormachte, mit der er das Buch handhaben ſollte, um ihm friſche Luft zuzufächeln und die zudringlichen Fliegen zu entfernet, die ſich in dieſen Gewölben immer aufhalten. Schulten that lachend, wie ihm befohlen, und lachend ſiel das Corps 85 andern 9/ Soldaten hinter dem Ofen ein. Auch über das Geſicht des Bombar⸗ —. 2 diers Tipfel ergoßen ſich einige Strahlen des ſeligſten Sinann und er murmelte das, was er eben auswendig gelernt hatte, behaglich vor ſich hin. Doch die angenehme Lage, in der er ſich befand, ließ ihn nicht lange das beſchwerliche Geſchäft des Memorirens fortſetzen. Wie eine ſehr defekte Straßenorgel bei dem eifrigſten Drehen noch hie und da einen Ton des Liedes von ſich gibt, ſo auch der Bombardier Er lallte noch einigemal mit ſchwerer Zunge und ent ſchlief fanſt. Schulten, der dies auch bald merkte, ſenkte Kohlrauſch's Geſchichtst tabe llens und wandte ſich darauf gegen ſeine Camerad en, von de Be gerode im Begriff war, eine ſchaudervolle Geſpenſtergeſchichte 5 12 Bombardier ſchlöpt.“ Ja, er ſchlief wirklich. Vergeſſen war die Aufgabe, die er ſich geſtellt, in ſeinen leeren Kopf alle die Gegenſtände hineinzubringen, die zu einem militäriſchen Examen nöthig ſind. Vergeſſen waren die Geſchichtstabellen und ſelbſt im Traum mußte ihm etwas ganz Anderes vorſchweben, denn er ſchmatzte zuweilen mit dem Mund, als genöße er ein gutes Bier und darauf zog er die Luft an ſich, als rauche er eine Pfeife dabei. Die Kanoniere wollten den Schlaf ihres Vorgeſetzten nicht ſtören, Schulten war hauptſächlich hiefür geſtimmt, denn er hatte an der Wedelei mit dem Buche nicht viel Geſchmack gefunden und gebrauchte es, da er es jetzt einmal in der Hand hatte, ſo profan wie möglich, denn mit den vier Ecken deſſelben kratzte er ſich auf ſeinem Kopfe oder an andern Theilen ſeines Körpers, wo er ein Bedürfniß hiezu verſpürte. Die feierliche Stille, welche ſeit dem Entſchlafen des Bombardiers auf dem Fort ruhte, ſollte indeſſen nicht lange dauern. Der Himmel hatte ſich ſchon beim Untergang der Sonne leicht getrübk, und der Kanonier, der von vier bis ſechs die Wache gehabt hatte, erzählte, daß der Himmel ganz mit Schafheerden bedeckt geweſen, daß die Sonne blutroth untergegangen und nach dieſen untrüglichen Anzeigen in der Nacht noch ein Schneeſturm zu gewärtigen ſey. Und er hatte ſich nicht getäuſcht. Denn bald machte ſich der Wind bemerkbar und heulte und rauſchte um das Fort herum, und da es in einer Ebene lag, ziemlich entfernt von der Stadt, ſo konnte das Wetter an den freiſtehenden eckigen Werken ſeine ganze Tücke ausüben, was es denn auch nicht unterließ. Man hörte den Sturm langſam näher kommen, nie er ſich zuerſt mit den Birken, die auf dem Glacis des Forts ſtanden, beſchäftigte, dann wie eine kluge Armee die kleine Feſtung aangſam zu unzzingeln ſchien, und plötzlich von allen Seiten heulend indem er ihnen mit den Augen zuwinkte und leiſe ſagte:„Bſt! bſt! —— — es, mit einem gewaltigen Satz auf die Beine zu ſpringen. 3 er ſich ſo ſchnell wie möglich daran machte, ſein Ledern ug in O 13 und tobend gegens ſie hereinbrach, ſo daß es auf den Schießſcharten 3 der äußern Mauer ordentlich pfiff, und zwiſchen den tiefen brummenden Tönen, die der Wind in den langen Thorwegen verurſachte, trillerten oben auf den Thürmen die Windfahnen auf's kräftigſte. Die Soldaten ſaßen in der Wachtſtube ruhig bei dem Ofen und lauſchten aufmerkſam dem Toben des Sturmes. Schulten meinte: Der Düvel ſey los, und alle dachten fröſtelnd an die nächſten Stunden, wo auch ſie, draußen auf dem Poſten ſtehend, dem Unwetter preis⸗ gegeben ſeyn würden. Da hörte man plötzlich, wie die äußere Barriere des Forts eilig geöffnet wurde; dann kamen Fußtritte über den Hof und die Soldaten, die emporſchracken und nichts anders glaubten, als es ſey die Runde, die ſie ſo unvermuthet überfalle, rückten eilfertig ihr Lederzeug zurecht, und dann ſprang Schulten auf den Bombardier zu und fing an, ihn auf's Kräftigſte zu rütteln. Jetzt öffnete ſich aber auch ſchon die Thüre und die Soldaten erkannten unter dem beſchneiten Tſchako, da. hereinſah, das Geſicht ihres Cameraden, der ihnen eilig meldete: es komme Jemand auf das Fort zu, der ganz genau wie ein Line ausſehe. 1 Der feſte bleierne Schlaf des Bombardiers war jetzt auch der kräftigen Fauſt Schulten's gewichen, und nachdem er noch einmal heftig mit den Lippen geſchmatzt, als wolle er den Bierkrug, der ihm vielleicht im Traume vorſchwehte, bis auf den Grund leeren, riegelte er ſeine ſchweren Augenlieder auf und fragte ſo freundlich wie möslich „Nu, Männeken, was gibt's denn?“ Doch kaum hatte ihm Schulten zugerufen, daß ſich die Runde dem Fort nähere, ſo fühlte ſich Tipfel gänzlich erwacht, und verſuchte Doch gelang ihm dies nur halb und er kam auf die Bank zu ſitze 14 zu bringen. Er war aber mit dieſem Geſchäſt noch nicht zu Ende, als die äußere Barriere wieder knarrend do aufging und ihn die heran⸗ nahenden Tritte überzeugten, daß ſich die gefürchtete Runde innerhalb des Hofes befinde. Wenn ſich in dieſem Augenblicke ſe ſeine dicken Finger ſo viel als möglich beeilten, um mittelſt des ordonnanzmäßigen Knotens Patrontaſche und Säbel auf dem Rücken zu vereinigen, ſo hielt er doch plotzlich in dieſer Arbeit ein, denn eine Stimme, welche die ſtolpernden Schritte im Gange draußen accompagnirten, überzeugte ihn, daß ſie keiner Runde angehörte. 8 3 „Himmelſakerment!“ fluchte es draußen;„ſoll man ſich denn in dieſem verwünſchten Rattenneſt Arm und Beine brechen? He, Tipfel, laß doch einmal leuchten!“ Doch wenn auch Jemand minder langſam in ſeinen Entſchlüſſen und Befehlen geweſen wäre, als der Bombardier Tipfel, ſo hätte er doch dieſem Befehle nicht Folge leiſten können; denn kaum waren die Worte verhallt, ſo öffnete auch der Sprecher, ohne Hals und Bein gebrochen zu haben, von ſelbſt die Thüre und warf darauf einen beſchneiten Mantel ſo haſtig von ſich, daß die Schneeflocken im ganzen Gewölbe herumſtoben in die Geſichter der Kanoniere, die ſich raſch abwandten und auf den heißen Ofen, der davon zu ziſchen begann. Zweites Capitel. Worin ein junger Freund des Commandirenden erſcheint, und welches daher von kleinen militüriſchen Vergehen handelt; auch wird in dieſem Capitel gezeigt, wie ſchön es iſt, wenn Offiziere und Unteroffiziere in gutem Einverſtändniſſe leben. Der Eingetretene war ein junger Mann, wohl jünger als der Bombardier Tipfel, und wie man auf den erſten Blick ſah, von einem ganz andern Temperament als dieſer. Der Bombardier hatte nicht ſobald erkannt, daß es keine Runde ſey, die ihn bedrohe, als er die Arbeit, ſein Lederzeug zuſammenzubinden, weder zu Ende brachte, noch den halbgeſchürzten Knoten auflöſte, indem er wahrſcheinlich b ſich ſelbſt dachte, daß dieſe beiden Armaturſtücke, die ſich nur Mühe auf ſeinem dicken Rücken vereinigen ließen, ſich ohne ſeine Hülfe bald wieder trennen würden. Er ließ ſich langſam auf die Bank 8 nieder und lächelte vergnügt, als er ſeinen Beſuch jetzt genauer beſichtigte, ohne ſich die Mühe zu nehmen, ein Paar Schneeflocken zu entfernen, die ſich ſeinen auf dicken Wangen niedergelaſſen hatten, und da ſehr 3 langſam ſchmolzen. Der Eingetretene trug ebenfalls die Uniform der Artillerie, d. h. er trug gerade das, was man bei den Offizieren Interimsuniform, bei den Gemeinen aber Jacke zu nennen pflegt, ein Gewand mit kurzem Schoos und vorn auf der Bruſt mit einer Reihe Knöpfe. Da dieſe Jacke ſowohl wie ſeine Beinkleider von feinem Tuche waren und dem wohlgewachſenen Manne recht gut angepaßt, ſo bildete er einen angenehmen Contraſt mit dem Bombardier Tipfel, der der Bequemlichkeit halber ſich die weiteſte Uniform hatte geben laſſen, die nur auf der Kammer zu finden war. Der Andere war von der reitenden Artillerie und hatte freilich gegen alle Vorſchrift den ſchönen zierlichen Säbel an einer feinen glänzenden Kuppel hängen. Auch waren die kleinen weißen Bänder, die er als Zeichen ſeiner Bombardierſchaft auf den Achſeln trug, nicht von Zwirn, ſondern von Silber, ganz wie die der Herren Offtziere, ein Verbrechen, das im Falle der Entdeckung ſchwer beſtraft worden wäre. „Guten Abend, lieber Tipfel, ſagte der junge Mann, und warf ſich neben ihn auf die Bank hin,“ thut mir leid, daß ich Dich geſtört habe, Du haſt wahrſcheinlich geſchlafen, liebes Herz?“ .„Ah, bitte recht ſehr,“ entgegnete Tipfel, und machte einen Verſuch, ſich der Geſchichtstabellen zu bemeiſtern, die Schulten in der Verwirrung neben den Ofen in die Aſche hatte fallen laſſen. Doch da er, ohne ſich gar zu fehr anzuſtrengen, ſie nicht erreichen Fonnte, zeigte er nur darauf hin, und ſagte:„Siehſt Du denn nicht, Freund Robert, daß ich memorirt habe?“ „ Gott,“ ſagte der Andere laut lachend,„Du haſt alſo me⸗ morirt? Na, beruhige Dich nur, ich will Dich nicht examiniren. h habe in der That ganz andere ernſte Dinge mit Dir zu ſprechen. Sch habe neſteme ein Abentener gehabt, ſieh, Kiyfel⸗ ein d detves 55 — 17 Tipfel ſchien dieſen Grund gerade nicht bemerkenswerth genug zu finden, daß man ſeine Ruhe hätte zu ſtören brauchen und entgeg gnete deshalb:„So, ein Abenteuer? und darum kommſt Du daher, mich zu ſtören? Das hat warſähaiyüih noch ſeine Nebenurſachen.“ „Ja, die hat's, Bruder Tipfel,“ ſagte Robert,“ ich komme hieher, um von Dir einen ungeheuren Dienſt zu verlangen.“ *So,“ entgegnete Tipfel, und ſah ihn zweifelhaft an;“ ich will Dir gern Alles zu gefallen thun, was ich kann; aber,“ fügte— er leiſer hinzu,„wenn es Dir an Geld fehlen ſollte, da ſoll mich der Teufel holen, wenn ich Dir helfen kann.“ Lachend ſagte darauf der Andere:„Sey nur ruhig, ich weiß ſehr gut, daß Du beſtändig ſelber auf dem Trockenen ſitzeſt, und kannſt Dir wohl einbilden, daß ich den Schuhmacher nicht beſtiche, wenn an meiner Uhr etwas zerbrochen iſt.“. Einen Augenblick ſah ihn Tipfel an, als ſuche er den Sinn dieſes Vergleichs, dann ſchien ihm a1oh ein Licht aufzugehenr er lächelte aber nur ein ganz klein wenig und ſagte darauf:„War nicht ganz ſchlecht!“ 8 „Jetzt aber höre mein Abenteuer,“ ſagte Robert, und nahm ſeinen Säbel zwiſchen die Beine, um die Arme und den Kopf darauf 1 zu ſtützen. Parte noch einen Augenblick, Männeken, ehe Du anfängſt, g entgegnete Tipfel, und darauf wandte er ſich zu den Kanonieron, denen er ſagte:„Na, ſeyd doch ſo gut und gebt mir die Ban her, worauf Ihr ſitzt, könnt Euch ja ſo lange auf dem Tiſch placiren Und Du, Schulten, da haſt Du meine Pfeife, ſtopf ſie mit„mein Taback liegt in der Schublade. So, ſetze die Bank hier nehen di⸗ andere.“ 3 . Die Kanoniere thaten, wie ihnen befohlen war und darat Reß⸗ſich Tipfel den Mantel ſeines Freundes zuſauum nw 3 Hackländer, Wachtſtnbenahenteuer. er als Kopfkiſſen an das Ende der Bank legte, ſtreckte ſich nicht ohne Mühe lang darauf aus und machte ein recht vergnügtes Geſicht, als ihm Schulten die Pfeife in den Mund geſteckt hatte, und auf den Taback ein brennendes Papier gelegt. Der junge Mann hatte allen dieſen Vorbereitungen unter lautem Lachen zugeſehen, ſetzte ſich dann dicht neben ſeinen bequemen Freund und bat um geneigtes Gehör. Tipfel that einige mächtige Züge aus ſeiner Pfeife und ſagte darauf ſehr herablaſſend:„Ja, Män⸗ neken, jetzt wollen wir Dich anhören.“ „Du weißt,“ begann Robert mit großer Lebhaftigkeit zu erzählen,“ daß ich vorgeſtern auf vierundzwanzig Stunden in Arreſt kam, weil ich mir mit meinem Vetter Eduard den, auf Ehre! ganz unſchuldigen Spaß gemacht hatte, meinem Pferd die Füße roth zu färben. Sieh, es war Sonntag Nachmittag, es kam Niemand, der mit uns Whiſt ſpielen wollte, und Du weißt ſehr gut, daß mein Vetter Eduard der ungeheuer ſchlechteſte Piquetſpieler iſt, den es auf Gottes weiter Erde nur gibt. Ecarté kann er auch nicht, und was ſollen wir mit einander häufeln und uns das Geld abge⸗ winnen, da es der Glückliche doch dem Andern wieder pumpen müßte, und wahrſcheinlich nie etwas davon zurückbekäme. Ich hatte auf der Guitarre ſchon alle meine Arien abgeklimpert, und die beiden Putzmacherinnen, die uns gegenüber wohnen, waren ausgegangen, der Teufel mag wiſſen, wohin, und ſo gab es alſo auch nichts zu kokettiren. Vetter Eduard, Du kennſt ihn ja, er iſt gleich melancholiſch geſtimmt, legte ſchon ſeinen Kopf in die Hand und wir grübelten zuſammen nach, womit wir uns amüſiren könnten; da hatte er plötzlich den ganz deliciöſen Einfalt, einmal den Verſuch zu machen, wie meinem ehrwürdigen Rappen, anſtatt der vier weißen Füße, die er hat, wohl dergleichen von rother Farbe ſtehen würden. Ich fand dieſe Idee ganz famos, mein Burſche 19 mußte Zinnober holen, und wir gingen in den Stall und ſalbten meinem Rappen die Beine brennend roth.“ „Es ſah gar nicht ſchlecht aus, ich verſichere Dich, und wir ſtanden gerade in gehöriger Entfernung, um den Totaleffect, den das Ganze machte, beſſer überſehen zu können, als plötzlich die Stallthüre aufging. Ich dachte an gar nichts Böſes, weshalb Du Dir meinen Schrecken denken kannſt, als der Wachthabende, der uns bis dahin gar nicht bemerkt, in die Stallgaſſe flog und meldete:„Auf Stall⸗ wache, Herr Hauptmann, ein Unteroffizier und drei Mann, hundert ſechs und dreißig Pferde, wovon zwei krank.“ „Denke Dir, Tipfel, dieſen ſchrecklichen Augenblick! Ich ſprang raſch zu meinem Pferde in den Ständer, nahm mein Sacktuch heraus und fing an zu reiben, was das Zeug hielt. Mein Vetter Eduard, der lange unbehülfliche Menſch, der obendrein nur Infanteriſt iſt, konnte mir nicht einmal helfen, und ſchon kam der Hauptmann Dampfſchiff nach und nach näher. Du weißt wohl, die ganze Batterie nennt ihn ſo, weil dr immer von ſich bläst und ſchnaubt, und weil er mit ſo großem Getöſe Athem holt. Alſo Kapitän Dampfſchiff kommt näher, und obendrein muß ich hören, daß er ſich gerade in ſehr ſchlechter Laune befindet, denn er bläst ſtärker als ſonſt, und hat an Allem was auszuſetzen.—„Puh, Unteroffizier!“ ſagte er, ndie Streu da ſcheint mir auch noch ſehr naß zu ſeyn. Puh! puh Habens wahrſcheinlich vergeſſen, ſie gehörig ausbreiten zu laſſen 1u⸗ —„Entſchuldigen, Herr Hauptmann,“ entgegnete der Wachtkomman⸗ dant.—„Puh, puh! ſchweigens nur,“ ſagte der Kapitän darauf, und jetzt iſt er an meinem Ständer.“ 85 „Nun, lieber Tipfel, laß mich keinen Verſuch machen, ſein Geſicht in jenem Augenblicke zu ſchildern. Er blies die Backen auf, und da er zu gleicher Zeit vor Zorn und Wuth roth im Geſicht wurde, ſo verſchwanden ſeine kleinen Augen gänzlich.——„Puhl puh 3 2 8 20 Bombardier!“ ſchrie er,„was ſoll denn das heißen? Sind Sie des Teufels? Puh des Teufels? oder ſind Sie verrückt? Was ſoll das heißen? und was macht die Infanterie in meinem Pferdeſtall?“— Da ich ſolche Fragen doch unmöglich alle auf einmal beantworten konnte, ſo beantwortete ich gar keine, und ſtotterte nur etwas ſo ungefähr wie:„Entſchuldigen, Herr Hauptmann— kleiner Spaß— bitte recht ſehr“— und erwartete ge eduldig mein ferneres Schickſal.“ „Die Unmaſſe von Luft, die der große Zorn in den Augen des 3 Hauptmanns Dampffchiff aufgejagt hatte, ließen ihn nicht, wie es 3 ſonſt wohl ſeine Art iſt, eine große Rede halten, ſondern er diktirte 3 mir kurz meine Strafe, die aber noch ziemlich gelinde ausfiel, und ich mußte meinem Roß die Beine wieder abwaſchen, und dann händigte mir der Wachtmeiſter eine, Verpflegungskarte auf Nro. Sicher ein, wo ich mich, ſo gut es gehen wollte, vier und zwanzig Stunden zu aamüſiren hatte.“ 3 — Hier unterbrach ſich Robert einen Augenblick, und Tipfel, der indeſſen mit dem vergnügteſten Geſichte von der Welt zugelauſcht hatte, wandte, ohne den Kopf zu bewegen, ſeine Augen ein wenig auf die Seite, und fragte mit einer Stimme, die ſo dick und faul aus dem Munde heraus kam, als beſtänden alle Worte aus viereckigen Klötzen:„So, das iſt das ganze Abenteuer?“ Der Gefragte feufzte eetwas Weniges, und entgegnete darauf:„Ach, nein, lieber Tipfel, ich habe Dir dieſen kleinen„Streich nur als Einleitung erzählt. Ich bekam alſo dafür vier und zwanzig Stunden Arreſt.“ 4 und das mit Recht,“ ſchaltete der dicke Bombardier ein,„denn 4 ih muß Dir geſtehen, Du haſt wirklich ſchon beſſere Witze gemacht. u“ b„Du kannſt Dir denken,“ fuhr Robert nach einer kleinen Pauſe fort,„daß es übrigens eine verfluchte Geſchichte war, an einem Sonntag⸗ nachmittage, wo es entſetzlich kalt iſt, und wo im Theater eine meiner Eeulngzopemn⸗ Zampa, gegeben wurde, nach Nro. Sicher wanden n 21 zu müſſen. Ich zog meine dickſten Reitſtiefel an, eine weite Reithoſe darüber und ließ ein Fläſchchen, das einen halben Schoppen Rhum enthielt, zwiſchen Stiefel und Strumpf hinabgleiten, um es vor dem Beherrſcher des Militärarreſthauſes, auch Rattenkönig genannt, zu verbergen. Das gelang denn auch vollkommen. Des Rattenkönigs Majeſtät fuhr mit ſeinen beiden Händen zur Unterſuchung nur ſehr oberflächlich an meinem Leib herunter, und als er in die verdächtige Gegend kam, wo die S iefel anfingen, verurſachte ihm das Bücken einen ſo heſtigen Huſten, daß er ſich alles Viſitirens enthalten mußte. Da wir auch alte Bekannte ſind, ſo brachte er mich in's erſte Stock⸗ werk, wo ſeiner Verſicherung nach den ganzen Tag eingeheizt worden war. Doch es war bodenlos kalt da, und als ich ihm hierüber meine beſcheidenen Vorſtellungen machte, wurde er auf einmal ganz zornig, ſchlug mir die Thüre vor der Naſe zu, und ich hörte ihn noch im Gange huſten und murmeln: He, he! Grünſnabel! Grünſnabel! wollen Alles beſſer wiſſen, wie alte erfahrene Leute! he! he! Dann flogen noch einige Thüren krachend zu, und ich war einſam und allein. Sieh, es fing ſchon an dunkel zu werden, als ich einkachottirt wurde; es war bald ſechs Uhr, und das Theater mußte gleich be⸗ ginnen. Da ſiel mir dann der betrübte Contraſt zwiſchen hier und dort recht ſchwer auf's Herz. Hier bei der Kälte, daß einem die Zähne klapperten, eine Finſterniß, die man mit den Händen greifen konnte, dort der lampenerhellte, glänzende Raum, behaglich erwärmt und angefüllt mit der bunten Maſſe vergnügter Menſchen, die ſcharren und plaudern, klopfen und lachen. Das Parterre, wo hie und da Einer eine lächerliche Aeußerung macht, die ein Anderer auf dem Paradies mit dem Geſchrei irgend eines Thiers beantwortet; ach, das ganze ergötzliche Vorſpiel zu jedem Stück, das mit einem allge⸗ meinen Klopfen auf dem Boden nach dem Takte der großen Regiments⸗ trommel endigt, hatte jetzt wahrſcheinlich angefangen, und ich ſaß hier 22 in Ketten und Banden. Der Kapellmeiſter trat jetzt vor ſeinen Stuhl und ſchraubte ihn, um Zeit zu gewinnen, da er noch nicht gleich anfangen wollte, etwas in die Höhe, und jetzt, ja, jetzt, Tipfel trat auch ſie in ihre Loge.“ Dieſe letzten Worte hatte Robert Mann mit erhöhter Stimme geſpro⸗ chen, beugte ſich etwas tiefer auf ſeinen faulen Freund herab, um zu ſehen, wmas dieſes Räthſelwort für eine Wirkung auf ſeinem Geſicht hervor⸗ bringe. Doch war dieſelbe eben nicht ſehr bedeutend. Tipfel ſpitzte ſeinen Mund wie ein Karpfen, blies mit der größten Ruhe ſemen Tabak kunſtreich, zu runden Ringen geformt, in die Luft, und fragte dann höchſt proſaiſch und gleichgültig:„Sie? Wer iſt das? Sie?“ „Großer Gott!“ fuhr der junge Mann lebhafter fort,„Tipfel, Du biſt gräulich und vernachläſſigt; kannſt Du denn nicht denken, wer ſie war? Sie, die ich mit dieſem allgemeinen Ausdruck benenne? und die ſelbſt unter dieſem unklaren Begriff ewig in meinem Herzen leben würde?“ „Vielleicht eine der beiden Putzmacherinnen, mit welchen Du und der Vetter Eduard kokettirſt?“ „Ah, Tipfel, ich bitte Dich! Sie war ja auf der erſten Gallerie.“ —„Na,“ entgegnete der Andere, v„ich verſichere Dich, daß mich Deine Erzählung ſchon gehörig ennuyrt. Quäle mich daher nicht noch unnöthig mit Fragen.“ Der junge Mann ſtieß einen tiefen Erußzer aus und fuhr fort: „Sie, die ich meine, Sie, die ich liebe und anbete, iſt die Lochter ddes Generals von P.“ Bei dem Namen dieſes hohen Vorgeſetzten nahm Tipfel die Pfeife aus dem Munde und ſah den Erzähler ſo ſonderbar läch chelnd an, als wollte er damit ſagen: es ſcheine mit ihm nicht ganz richtig 1 ſeyn. Doch diefer ließ ſich nicht ſtören, ſondern fuhr fort: 2Ja, i hatte anh ſohnn lunge in das Ma idchen lerüliihd verliebt. 3 23 Was habe ich nicht Alles gethan, um ihre Aufmerkſamkeit zu erregen? Habe ich nicht im vorigen Sommer alle Bälle, alle Kirchweihen rings herum beſucht, ja, jeden Ort, wo es nur die kühnſte Phantaſie für möglich halten konnte, daß der General mit ſeiner Tochter da ſeyn würde! Ich habe die Empfehlungsbriefe aus meinem Kofſer hervorgeſucht, alle die außerordentlichen Empfehlungsbriefe von meiner Mutter, mit denen ich vor zwei Jahren hier ankam. Sie waren vom Liegen ganz gelb geworden. Doch da ſie vor zwei Jahren von dieſem Monat datirt waren, ſo habe ich es gewagt, ſie abzugeben, in der Hoffnung, die Leute würden die Jahreszahl für einen Schreibfehler anſehen.“ „Durch dieſe Briefe nun wurde ich in langweilige Theeviſiten eingeladen und habe ſo einige Duzend ſchrecklicher Abende verlebt, ehe mir einmal gelang, die ſchöne Auguſte zu ſehen und zu ſprechen. Ja, Tipfel, ich habe ſie geſprochen. Es war freilich nur ſehr wenig⸗ Als ich ihr nämlich vorgeſtellt wurde, fragte ſie, ob ich ſchon lange hier ſey? Und dann kam der Papa und führte ſie an den Flügel, wo ſie eine Arie von Bellini ſingen mußte. Sieh, Tipfel, dieſer Geſang hat mich gänzlich verliebt gemacht. Doch wo bin ich eigentlich hingerathen?“ 1 4 „Ich ſaß alſo im Arreſt, und nachdem ich mir zu meiner größten Qual mein trauriges Kerkerloch mit den ſchönſten Bildern bevölkert hatte, und mich darauf recht unglücklich fühlte, zog ich die Flaſche mit dem Rhum aus meinem Stiefel hervor, trank ihn bis auf den letzten Tropfen aus und fiel bald darauf in einen tiefen Schlaf. Als ich wieder erwachte, war es ſchon heller Tag, und dann wurde es bald Mittag, zwei, drei, vier Uhr, und als ſich mein Kerker wieder anfing zu verdunkeln, öffnete ſich meine Thüre, und ich war wieder ein freier Menſch. Nachdem ich mich dem Ratterkönig aufs Beſte empfohlen, ging ich in die Kaſerne und zog mich anders an.“ „Ich habe mich nie mit größerem Behagen recht fein herausge⸗ putzt, als nach ſo einer Gefängnißnacht, des Contraſtes halber. Es iſt ein göttliches Gefühl, Tipfel, wenn man ſich dann ſo recht tüchtig gewaſchen hat, da wird's Einem ſo recht heiß und behaglich, ja man glaubt, man könne die Welt auswärmen. Ich ſchlendere alſo herum, es war ſo ein recht angenehmer Abend, das heißt, für meine damalige Hitze grimmkalt— und es lag ſo auf den Straßen bis hoch in die Mitte der Häuſer ein feiner Duft, ein halb gefrorener Nebel Ich habe das ſehr gern. Dann ſehen die Leute von Weitem ſchon ſo groß aus, die Wagen rollen ſo dumpf und man hört den Gang der Menſchen ſo genau; es iſt, als wenn Alles ein Echo hätte, und dabei brennen die Straßenlaternen dunkelroth und werden in der Entfernung immer röther und kleiner. Ich lief dann herum, Straßen auf und ab, ohne eigentlichen Zweck, ja doch, damit ich nicht lüge, ich ging auch ein paarmal an ihren Fenſtern vorbei, es war Geſellſchaft oben. So mochte es acht Uhr geworden ſeyn, der Himmel hatte ſich etwas umzogen, und es fing ganz leicht an zu ſchneien; auch war es nicht mehr ſo kalt wie früher.“ „Da ich keinen Mantel bei mir hatte, ſo wollte ich mich gerade nach Hauſe begeben, als vor mir aus einer Seitengaſſe ein Menſch auftaucht, den ich, ſo bald er in meine Straße einbiegt, an ſeinem Mantel, ſeinem weißen Federbuſch und Säbel für einen Offtzier er⸗ kenne. Dieſe Entdeckung hätte mich weiter nicht neugierig gemacht, wenn der Gang dieſes edlen Kriegsmannes nicht von außerordentlichen Erſcheinungen begleitet geweſen wäre. Weißt Du, er marſchirte gerade ſo, wie bei einer Belagerung der erſte Ingenieur, wenn er die Lauf⸗ gräͤben traſſirt, was man ſo nennt im Zickzack gehen.“ „Anfänglich bildete ich mir ein, er ſuche irgendwo die Nummer eines Hauſes, und ſey nicht recht mit ſich einig, auf welcher Seite ſie zu finden ſey. Ich wollte ſchon näher eilen, und ihn unterrichten, — —— —— . 25 daß ſich die ungeraden Nummern links, die geraden rechts an der Straße befänden, als er ſich an den Ständer einer Gaslaterne lehnte, und ich durch die ſonderbaren Bewegungen, die er dabei machte, deutlich einſah, daß der Hoffnungsvolle etwas Weniges bekneipt ſey. Weißt Du, lieber Tipfel, er ſtreckte die Beine weit von ſich ab, ließ den Kopf auf die Bruſt herunterhängen und ſtieß einige ſonderbare Töne aus. Schon wollte ich mich ſachte vorbeiſchleichen, als er langſam ſeinen Kopf erhob und meiner anſichtig wurde. Der Aermſte dachte in dieſem Augenblicke wahrſcheinlich, er fey auf dem Exerzierplatz, und mit dieſer Idee mochte ſich wohl der Wunſch vereinigen, mich zur Beihülfe näher zu rufen, denn er raffte ſich ſchwankend auf, wobei ſeine Knie ſich nach vorn beugten, als wollte er mir zu Füßen fallen, während die Spitze ſeines gewaltigen Hutes ſich leicht an den Laternenpfahl anlehnte. Wenn ich auch jetzt an ſeiner Uhiform nicht geſehen hätte, daß er gleichfalls dem edlen Corps der Artillerie ange⸗ höre, ſo hätte ich es doch ſeinen Worten angemerkt.“ „Batterie, Batterie, haalt!“ murmelte er erſt leiſe, und ſchrie dann das Commandowort laut. 4 „Doch da ich keine Luſt hatte, mich mit ihm abzugeben, ſo wollte ich langſam meiner Wege ziehen.“ „Daß Euch das Himmel— Saker— Batterie haalt!“ ſchrie er wieder, und da er hinzufügte:„Es iſt wahnſinniges Volk, ganz wahnſinniges Volk— wahn— ſin— nig!“ ſo erkannte ich an dieſem Ausdruck augenblicklich unſern lieben Lieutenant Schüler und trat näher." „Er betrachtete mich eine Zeit lang ſtillſchweigend mit ſo ſchwer⸗ fälligen Augen, denen man wohl anſah, daß ihr Eigenthümer des Guten viel zu viel gethan hatte. Dann ſchien er mich zu erkennen. Er machte eine Geſichtsverdrehung, die wie Lachen ausſehen follte; 26 doch da ihm dies nicht recht gelingen wollte, ſo verſuchte er ſeine Augenbrauen finſter zuſammen zu bringen und ſagte mir: „Sie, wahnſinniger Menſch, warum— folgen— Sie— nicht — m Befehl'res Vorg'ſetzten und machen—— mit Ihrem Geſchütz Haalt, wenn ich commandire?“ „Ich konnte mich bei dieſem Anblick und dieſer Nede des Lachens nicht enthalten, in das auch er, nach einigen vergeblichen Verſuchen die finſtere Miene beizubehalten, einſtimmte.„Herr Lieutenant, womit kann ich Ihnen dienen?“ „Er lehnte ſeine ganze Figur wieder an den Laternenpfahl und vertraute mir unter oftmaligem ſchweren Schlucken, daß er auf heute Abend um acht Uhr zum Thee eingeladen ſey, zum Thee in einem 5 Hauſe, wo er der Gouvernante ſehr den Hof mache, und wo alſo auf keinen Fall fehlen dürfe. Ich machte ihm meine beſcheidenen Vorſtellungen über den Zuſtand, in dem er ſich gerade befände, eine Thatſache, die er eingeſtand, mir aber dabei verſicherte, es ſey nicht das Erſtemal, daß er ſich unter ähnlichen Verhältniſſen bei einem Thee auf das Feinſte benommen, und gar keinen Verdacht erregt habe. Es ſey nur eine Hauptſchwierigkeit zu überwinden, nämlich die, zur rechten Thüre hereinzukommen, dann nach allen Seiten zu eine Verbeugung zu machen und ohne Auffehen nach einem Seſſel zu gelangen, wo er dann einige Stunden ruhig ſitzen bleiben könne. Einen Freund, der für heute Abend verſprochen, ihm über dieſe Klippen hinwegzuhelfen, habe er verfehlt, und alſo möchte ich ihm den Gefallen thun, und ihn nach dem bezeichneten Hauſe hinbegleiten.“ „Was ſollte ich machen? Meine leiſen Einreden, daß er ſich doch in einem etwas gar zu erheiterten Zuſtande befinde, beantwortete er mit ſeiner gewöhnlichen Phraſe: ich ſey ein wahnſinniger Menſch, und ich zog alſo mit ihm von dannen. Unterwegs wandte ich meine 4 ganze Ueberredungskunſt an, und brachte es endlich ſo weit, n 8 22 ſich von mir an einen Brunnen führen ließ, wo ich ihm von dem eis⸗ kalten Waſſer ins Geſicht ſpritzte und ihn dann ſo lange aufhielt, bis er mir durch die That bewies, daß er im Stande ſey, eine ziemliche Verbeugung zu machen. An dem Brunnen im Schneegeſtöber fing mich die Sache an ſehr zu amüſiren, und Du hätteſt den guten langen Kerl ſehen ſollen; ich hatte ſeinen Mantel auf die Schulter genommen, denn ich hoffte, daß die kalte Nachtluft wohlthätig auf ihn einwirken würde, was dann auch der Fall war. Schon nach einigen Proben, die anfangs ſehr mißglückten, konnte er ſeinen Federhut mit Anſtand unter den Arm nehmen; ich ſetzte mich auf den Brunnenrand; er machte mir ſeinen Bückling und that dann, wie wenn er in anderer Richtung fortgehen wollte.“ *0„So einſtudirt, gelangten wir bald an das bezeichnete Haus, und hielten dort im Thorweg noch eine Generalprobe. Dann brachte ich ſeine Toilette in Ordnung, ging als ſein Diener mit ihm in das Haus, wobei ich den Mantel über den Arm geſchlagen hatte, machte ihm die Thüre des Vorzimmers auf, ſchob ihn in Gottes Namen hinein, und ſah, wie er hier mit Beihülfe eines Bedienten in ziemlich gerader Richtung auf die Salonthüre losſteuerte.“ Den dicken Bombardier hatte dieſe Geſchichte augenſcheinlich ſehr ergötzt. Zuweilen flog ein leiſes Lächeln wie ein Blitz über ſein Antlitz. Er lachte einige Male ſogar laut, und als ſein Freund am Schluß des oben Erzählten von ſeinem Platze aufſtand und die ſteife Haltung und den ſchwankenden Gang des Offtiziers ziemlich gut nachbildete, ließ der Bombardier Arme und Beine von der Bank herunter hängen, warf den Kopf hinten über und brach in ein fürch⸗ terliches Gelächter aus. Wie eine Kugel, die von der Höhe eines Berges hinabrollt, ſich unaufhaltſam in die Tiefe fortbewegt, ſo ging es dem Bombardier Tipfel mit ſeinem Gelächter. Er begann in den bschſe Tönen und lachte durch nige Oetapen t hmnunter⸗ bis ihm der Athem ausging und er mit einem gelinden Baßgemurmel auf⸗ hören mußte, wobei er beſtändig ausrief:„Das iſt ein famoſes Abenteuer! Hahaha! Außerordentlich famos! Auf Ehre, ganz famos! Hahahaha! ¹ Drittes Capitel. Von Verlegenheiten, in die man gerathen kann, wenn man eine Hinterthür be- nützt;— bedenkliche Lage für einen Zombardier der reitenden Artillerie. Anfänglich hatte Robert eben ſo herzlich mitgelacht, doch ſchien ſich bald ſeine Luſt zu vermindern, und er verzog das Geſicht unan⸗ genehm, wie Jemand, der eine ſchmerzliche Erinnerung hat. Dann ließ er ſich wieder auf ſeine Bank nieder, rüttelte ſeinen dicken Collegen, der die außerordentliche Luftverſchwendung bei ſeinem Gelächter durch ungeheure Athemzüge wieder einz zubringen ſuchte, und ſagte in einem Tone, der traurig ſeyn ſollte: „Ach, lieber vu d. nimm mir mein langweiliges Geplauder nicht übel. Du weißt, wenn ich einmal anfange, ſo kann ich kkum ein Ende finden. Das, was ich Dir ſo eben erzählte, iſt auch nicht mein Abenteuer, ſondern die Sache fängt jetzt erſt an, recht pikant zu werden. Waffne Dich alſo mit Geduld und höre, was mir paſſirte, nachdem ich mich aus jenem Vorzimmer zuruckgezogen.“ 4„Die Thüre hatte ſich hinter meinem würdigen Lieutenant ge ſchloſſen, und es war mir ſehr Kröſtreich, von dem Salon her ein 5*— 30 leichtes Lachen zu vernehmen, woraus ich dann abnahm, daß die ſonderbare Verfaſſung ſeiner Perſon, die nothwendig bemerkt werden mußte, nur eine allgemeine Heiterkeit hervorgerufen hatte. Ich ſtieg die erleuchteten Treppen hinunter, und erſt als ich unten in der Hausflur angekommen war, bemerkte ich, daß ich vergeſſen hatte, den Mantel meines Vorgeſetzten oben abzugeben und ihn noch auf dem Arm trug. Da ich keine Luſt hatte, wieder umzukehren, und es auch draußen recht kalt war, ſo nahm ich den Mantel um meine Schultern, wickelte mich feſt hinein, und ich verſichere Dich, daß ich ganz wie ein Offizier ausſah. Die Wache vor dem Haus— es war wahrſcheinlich ein Rekrut— zog trotz dem, daß der Zapfen⸗ ſtreich vorbei war, das Gewehr an, ſo wie ich an die Hausthüre trat. In demſelben Augenblick, als ich mich auf die Straße begeben wollte, ſah ich einen weißen Federbuſch, der auf dem Kopfe einer Figur prangte, die ebenfalls in einen Offiziersmantel gewickelt war, auf mich zukommen. Da ich aus leicht denkbaren Gründen gerade keine Luſt hatte, in der Hausthüre eine neue Bekanntſchaft anzu⸗ knüpfen, ſo zog ich mich wieder zurück, bei den Treppen vorbei, und ließ den Federbuſch, der wahrſcheinlich auch einem verſpäteten Gaſt gehörte, die Treppen hinanſteigen. Jetzt war die Luft vor mir wieder rein und ich wollte mich alles Ernſtes ſortbegeben, als mir, ich weiß nicht wie, die Idee kam, einer andern offenen Thür zuzuwandeln, die wahrſcheinlich in den Garten führte. Es ſtiegen in mir ſo bunkle, ahnungsvolle Bilder von irgend einem Abenteuer auf.“ „Du dachteſt wahrſcheinlich an Sie,“ ſprach Tipfel, und zwang ſein dickes Geſicht zu einem Lächeln, das verſchmitzt ausſehen ſollte. „Ja, ich dachte an Sie,“ ſagte Robert,„und da ich eine ſehr lebhafte Einbildungskraft habe, ſo kann ich mich beim Eſſen einer Holzbiene leicht überreden, es ſey eine ſaftige Orange. Ich ging alſo durch die Hinterthüre hinaus, eine breite Treppe hinab und kam . ——— 31 in einen großen Garten, der nicht übel angelegt zu ſeyn ſchien, aber jetzt in ſeinem Winterkoſtüm recht traurig ausſah. Die kleinen Beete waren fußhoch mit Laub bedeckt, und die kahlen Aeſte der Bäume ſchauten aus ihren Strohmänteln ſo frierend in die Luft, daß es mir ordentlich leid that. Ohne Zweck und Abſicht ging ich, ſo langſam es mir die Kälte erlaubte, durch die Baumgänge, blieb hie und da bei einer verödeten Laube ſtehen und bedauerte recht ſehr die armen weißen Figuren, die ſo nackt da ſtanden ohne Schutz g gegen den rauhen Nordwind.“ „So hatte ich bald das Ende des Gartens erreicht und kam an ein breites Gitterthor, das ich langſam öffnete und hindurchging. Es führte auf eine ſtille Straße, die längs der Wallmauer hinlief⸗ und ich verſichere Dich, es war hier recht öde und feierlich. Es brannten hier keine Gaslampen, und nicht einmal der Schein erhellter Fenſter ſah mich freundlich an. Rings um mich war Alles ſchwarz und finſter, hinter mir der Garten und vor mir die zackige Wall⸗ mauer mit ein paar alten, ſchwarzen Thürmen. Da ich obendrein nicht wußte, wo ich mich befand, ſo hatte ich ſchon das Gitterthor wieder in die Hand genommen, um zurückzukehren, als ich plötzlich das Rollen eines Wagens vernahm, der ſich hierher zu bewegen ſchien. Meine natürliche Neugierde veranlaßte mich, ſtehen zu bleiben, ſo wie auch der Gedanke, mich hinten auf dieſen Wagen zu ſchwingen, der doch wahrſcheinlich einem belebteren Stadttheile zueilte, und mir ſo die Mühe zu erſparen, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Jetzt bog der Wagen links um die Ecke, ich ſah, daß ſich Jemand zum Schlag herauslehnte, darauf hörte ich den leiſen Ton einer Klingel, wie ſie ſich in herrſchaftlichen Wagen befindet, um den Kutſchern ein Zeichen zu geben, und dicht vor meiner Naſe hielt der Wagen.“ 84„Ich hatte den Kragen meines Mantels in die Höhe geſchlagen, um nic unkenntlich z zu machen, und freute mich jetzt ſehr darüber, denn ich glaubte, irgend ein Bewohner des Hauſes und Gartens habe die Idee, hier hinten auszuſteigen und möchte mich vielleicht über meine Erſcheinung zur Rede ſtellen, weßhalb ich mich denn auch ſanft bei dem Gartenthor vorbeidrücken und meiner Wege gehen wollte. In dieſem Augenblicke ſchaute dieſelbe Perſon wieder zum Schlage heraus — denke Dir, Tipfel, es war ein Frauenzimmer— und rief mich bei Namen.“ Bei dieſer unerwarteten Wendung hob der Bombardier ſeinen Kopf in die Höhe und ſagte ſo erſtaunt wie möglich:„Dich bei Namen?¹ „Nun ja,“ fuhr Robert fort,„ſie rief mich bei meinem Vor⸗ namen, oder rief wenigſtens meinen Vornamen. Robert! Robert! rief's; biſt Du's? und ich entgegnete natürlich eben ſo leiſe: Ja! Darauf zog die Dame den Kopf wieder zurück und ich hörte deutlich, wie ſie zu Jemand Anderm ſagte: Er iſt da! Dieſes Andere war ebenfalls ein Frauenzimmer, das hörte ich an dem Tone der me, mit der es lachend zur Antwort gab: Nun ſo öffne den Schlag. 4 „Jetzt ſah ich, wie die Dame, die neeſ geſprochen, einen Arm herausſtreckte und mit ihrer Hand nach dem Griff des Wagenſchlages angelte, ohne ihn erreichen zu können. Dienſtfertig ſprang ich hinzu, öffnete den Wagen, und da man mich, nämlich mich als Robert, bat, einzuſteigen, ſo ſäumte ich auch keinen Augenblick, ſprang hinein, warf die Wagenthüre hinter mir zu und fiel auf eins der weichſten Kiſſen, auf welchem ich in meinem Leben geſeſſen.“ „Alſo es war kein Fiakerwagen?“ ſchaltetete Tipfel frag end ein. „Es waren weiche Kiſſen von Seide, und ebenſo war der Wagen ringsum gepolſtert. Doch unterbrich mich nicht, denn es paſſirte in dem Augenblick ſo viel hintereinander, daß ich nicht Zeit habe, mieh mit Einzelnheiten aufzuhalten. Kaum ſitze ich alſo in dem Wagen, unnd ſchaue ganz verblüfft über dieſen plötzlichen. Wahſet auf das 9 33 Gartenthor, das mir der Eingang zu einem ſo ſüßen Abenteuer geworden, als dort plötzlich eine andere Geſtalt auftaucht, die, den Wagen erblickend, raſch auf ihn zuſtürzt. Im gleichen Augenblicke ziehen die Pferde an, ich ſehe nach jener Perſon, die neben dem Wagenſchlage herſpringt und erkenne, daß es ein Bedienter in eleganter Lioree iſt, der nach einigem vergeblichen Rufen: man möchte halten, mir ein Brieſchen hinaufreicht, und dann hinter dem raſch fortrollenden Wagen zurückbleibt.“ „Ich ſitze alſo da, natürlich ſtumm wie ein Fiſch, und harre mit etwas Schrecken auf die Entwicklung dieſer merkwürdigen Geſchichte. Die Dame, die neben mir ſitzt, ja, Tipfel, und die mir ſo nahe ſitzt, daß ich ihre Athemzüge an meinem Geſicht ſpüre, ſeufzt und ſagt dann leiſe:„Ach, lieber Robert, wie froh bin ich, daß Du gekommen biſt. Pauline hat ſchon geglaubt, es würde Dir unmöglich ſeyn, abzukommen.“—„Ja, das habe ich geglaubt,“ ſagte jetzt die Andere, die mir auf dem Rückſitz gegenüber ſaß,„denn ich kenne den alten Herrn, und weiß, daß, wenn er zufällig die Idee gehabt hätte, heute Abend eine Partie Piket zu ſpielen, Sie gewiß nicht losgekommen wären.“— „Denke Dir nun, daß ich von Allem dem nichts verſtand, daß ich natürlich nicht wußte, wer die beiden Mädchen waren, und wer der andere Robert und der alte Herr. Sprechen durfte ich auch nicht, oder ich mußte gleich ſagen: Meine Damen, Sie befinden ſich auf einem ſtarken Holzwege, und das wäre doch das Nobelſte geweſen. Aber ich hatte augenblicklich nicht den Muth dazu. Die Kleine neben mir überhob mich auch während zehn Minuten der Verlegenheit, ihr eine Antwort geben zu müſſen, denn ſie plauderte in Einem fort, ſtellte mir Fragen und beantwortete ſie ſelbſt. Ach, und unſere Hände hatten ſich gefunden, und jedesmal, ſo oft ſie die meinige ſanft gegen ihr Herz drückte, war's mir, als bekäme ich eine heftige Ohrfeige. Doch⸗ 3 33 Hackländer, Wachtſtubenabenteuer. 34* was ſoll ich Dir all' dieſe Qualen lange erzählen. Genug, nachdem mir der glückliche Gedanken gekommen war, den Brief, den man mir gegeben, der Dame unter der Rubrik zu überreichen, als ſey ich der unmittelbare Abgeſandte, öffnete ich den Wagenſchlag, um, im Fall die Sache verwickelt werden könnte,— denn auf dem Bocke ſaß ein ſehr handfeſter Kutſcher— alſogleich den Weg zur Flucht ergreifen zu können. Hierauf geſtand ich Alles.“ „In den erſten Sekunden nach meiner Erklärung, daß ich nicht der gemeinte Robert ſey, ſondern nur einen Brief zu übergeben habe, ſchloß ich die Augen und begann, um alle Zeichen des entſetzlichen Schreckens, den dieſe Nachricht auf die Beiden ausüben mußte, nicht mitzugenießen, zu zählen von Eins bis Hundert und rückwärts— in ſolchen Fällen ein ſehr probates Mittel. Die Sache wurde indeſſen nicht ſo ſchlimm, wie ich erwartet hatte. Die Dame neben mir ſtieß anfänglich einen gelinden Schrei aus und fuhr ſo haſtig in die andere Ecke, daß ich glaubte, ſie würde den Wagen auseinander brechen. Dann merkte ich an ihrer ſchluchzenden Stimme, daß ſie einige Thränen fallen ließ; doch war ich mit meinem Abwärtszählen noch nicht bis zu den Fünfzigen gelangt, als die Andere mir gegenüber in ruhigerem Tone ſagte:„Nun, liebe Sophie, ſey nur ſtill, der Herr iſt ja einer von Robert's Vetanrt, und wird uns gewiß nicht verrathen.“— „Darauf wandte ſie ſich an mich mit der Frage: ob ic nicht wiſſe, was meinen Freund abgehalten oder was in dem Briefe ſtehe. Zu gutem Glück fiel mir der alte Herr und die Piketpartie ein, und ich log alſo auf das Unverſchämteſte: Jener ſey in der That das Hinderniß geweſen und der Brief, deſſen Inhalt ich nicht kanne würde ein Mehres beſagen.“ „Fräulein Sophie beruhigte ſich auch darauf, und bat mein Vehenübur, n aus der Seitentaſche des Wagens das kleine Feuerzeug 35 zu nehmen, um den Brief leſen zu können. Bei dieſer Aufforderung vermuthete ich, daß den Damen neben Leſung des Billets ebenfalls darum zu thun wäre, den ihnen bis jetzt unbekannten Spiegel meiner Seele zu ſehen. Da ich nun, Gott ſey Dank! keine Urſache habe, mich meines Geſichts zu ſchämen, ſo ſchlug ich meinen Mantelkragen zurück, zog aber den untern Theil dieſes Gewandes feſt um mich zuſammen, denn ich wußte nicht, ob es gerathen ſey, den Damen mein Bombardierkollet zu zeigen.“ 5 4 „Jetzt zündete das Schwefelhölzchen, und mein Blick belehrte mich, daß die Augen meiner beiden Unbekannten beim erſten Schimmer neugierig auf mir ruhten. Doch, Gott im Himmell welchen Streich hatte mir meine Einbildungskraft geſpielt! Du wirſt doch auch gedacht haben, wie ich Dir von dem ſüßen Athem und dem Hände⸗ drücken erzählte, meine Nachbarin ſey ein junges, hübſches Mädchen geweſen. Denke Dir nun alſo meinen Schrecken, als ich in das Geſicht einer alten Jungfer von ungefähr Sechsunddreißig ſehe.“ „Meine Lage wäre jetzt in Wahrheit wohl recht ſchrecklich geworden, wenn mich nicht ein Blick auf mein Gegenüber überzeugt hätte, daß dieſes im Stande ſey, dem verwickelten Abenteuer etwas Intereſſantes beizumiſchen. Denn dieſ’s war nämlich ein junges, hübſches Mädchen, hatte reiches, blondes Haar, blaue Augen und ein allerliebſtes Stumpfnäschen, das dem Geſichte etwas Munteres, ja ſogar etwas Keckes gab. Natürlich waren Beide auf das Eleganteſte gekleidet. Nachdem wir uns ſo gegenſeitig betrachtet, übergab ich meinen Brief, nach einem vergeblichen Verſuch, die Adreſſe zu leſen. Er wurde geöffnet, und während mein Gegenüber das Licht hielt, las die Andere ungefähr Folgendes: „Süße Sophie! Perle Deines Geſchlechts! Und wenn ich Dich zehntauſendmal um Verzeihung anflehte, daß ich mein Verſprechen nicht hielt und ſelbſt gekommen bin, ſo kannſt Du mir la auf. Ehre nicht leicht verzeihen. Papa hat einmal wieder ſeine böſe Laune und läßt mich nicht fort. Gott, ich ſitze hier und muß Piket ſpielen, während Du— o, auf Ehre! der Gedanke macht mich ganz raſend! Holde Sophie! Du kennſt meine unermeßliche Liebe zu Dir, und kannſt Dir meinen Schmerz denken, Dich in dieſem Augenblick nicht ſehen zu können. Wirſt Du es mir übel nehmen, wwenn ich nachſtehende Bitte gegen Dich ausſpreche? Wenn ich Dich bitte, auf den alten Schloßplatz zu fahren und dort in die große Bude der Wachsfiguren zu treten, wo gegen halb zehn Uhr Dein Robert Dich erwarten wird.“ „ Poſtſcriptum. Ich bin nämlich überzeugt, daß um die angegebene Stunde ſonſt Niemand dort ſeyn wird. Der Ueberbringer dieſes Briefes wird Euch hingeleiten. Dein Robert.“ Viertes Capitel. Welches als Fortſetzung des vorigen zur Verwicklung der Geſchichte 2 weſentlich beiträgt, ohne die Neugierde des Leſers zu befriedigen, ein Capitel wie unzählige andere,— enthält auch etwas Wachtdienſt. „So lautete der Brief, und ich verſichere Dich, daß ich mir den Zipfel meines Kragens in den Mund ſtopfen mußte, um nicht während des Leſens laut aufzulachen. Die kleine, blonde Pauline hielt das Wachskerzchen an ihren Mund, um es auszublaſen, und als ſie mein verſtecktes Lächeln bemerkte, glitt auch über ihre Züge ein ſonderbarer luſtiger Ausdruck. Dann blies ſie das Licht aus und wir ſaßen wieder im Dunkeln. Ich alſo war der Ueberbringer des Briefes und nun vom Schickſal und meinem Vorwitz gezwungen, die Damen auf den Schloßplatz nach der Wachsfigurenbude zu begleiten. Mein Gegenüber klopfte dem Kutſcher und gab ihm Befehl, dorthin zu fahren. Als ſie bei dieſem Manöver ſich aus dem Wagenfenſter bog und mich berührte,— o Tipfel! wie wurde mir da zu Muthe! Die Dame neben mir, der jene harte, hölzerne Hand 38 und wahrſcheinlich auch als Fortſetzung von derſelben ein eben ſolcher Arm und Körper gehörte, denn ihr Geſicht ſah mager genug aus — ſagte mir jetzt:„Alſo Sie kennen Robert? Ich habe Sie nie in ſeiner Geſellſchaft geſehen.“ „Als ich ihr darauf erwiederte: Robert ſey einer meiner genaueſten Freunde, log ich wahrhaftig nicht, denn ich meinte mich ſelbſt. Doch hätte mich dieſe Verſicherung faſt auf's Neue in Verlegenheit gebracht, denn die Dame war auf dem beſten Wege, mich über den unbekannten Robert ein Langes und Breites auszufragen, als zu meinem guten 4 Glück der Wagen das Pflaſter erreichte, und das laute Raſſeln auf demſelben unſere Converſation unterbrach.“ „Aber ich war an dem Abende wirklich zu lauter Qualen verdammt. Kaum dieſem Verhör entgangen, zu welchem Zweck ich mich nebenbei auch noch zum Schlage hinauslehnte, um zu ſehen, ob wir nicht bald auf dem alten Schloßplatz wären, fiel mir plötzlich ein: Gerechter Himmel! Du wirſt mit den Damen an der Bude ausſteigen, Du wirſt Billete für ſie kaufen müſſen, und haſt höchſtens einige wenige Groſchen in Deiner Taſche. Sieh, das war für mich der ärgſte Schlag, der mich hätte treffen können. Wenn der lie⸗ benswürdige Robert, den aber vorher beſſer der Teufel geholt hätte, in der Bude erſchien, ſo wurde ich natürlich entlarvt, aber die Sache behielt immer etwas Poetiſches, und ich war dann überzeugt, daß mich die Augen der kleinen Blondine mit noch größerem Intereſſe wuürden angeſehen haben. Aber ſo auf das Allerproſaiſchſte abzutreten und am Eingang der Bude ſagen zu müſſen: Meine Damen, ich bin ein Lump ohne Geld, der Gedanke war ſchrecklich für mich.“ „Doch es kam beſſer, als ich gedacht hatte. Wie ein Verbrecher, der zum Richtplatz geführt wird, ſpähte ich nach der Wachsfigurenbude, ob ſie nicht vielleicht ſchon geſchloſſen ſeh. Jetzt fuhr der Wagen auf den alten Schloßplatz, jetzt waren wir bei der Bude. Denk Dir meine Freude, Tipfel, ſie war verſchloſſen und finſter. Die Perle des weiblichen Geſchlechts neben mir wurde dies verſchloſſene Bretterhaus mit weniger Freude gewahr, als ich. Sie ſtieß einen leichten Seufzer aus, und als der Kutſcher, dem Befehle gemäß, den man ihm gegeben, ſtille hielt, fragte ſie die kleine Pauline: was nun zu machen ſey? Doch dieſe hatte noch nicht antworten können, als aus dem Schatten der Bäume, die um die Bude ſtanden, eine Geſtalt an den Wagenſchlag trat, glücklicher Weiſe nicht an meine Seite, die dann auch die holde Sophie alsbald für ihren Geliebten zu erkennen ſchien. Sie erhob ſich mit einem leiſen Schrei und machte eine Bewegung, als wollte ſie durch das geöffnete Wagenfenſter flattern. Doch wäre dies bei der Maſſe von Mänteln 8 und Shawls, die ſie um ſich gehangen hatte, mit einiger Schwierigkeit verknüpft geweſen, weshalb ſie ſich damit begnügte, ihre beiden „ Arme unter dem Ausruf:„O mein ſüßer Robert!“ hinauszuſtrecken.* „Die Stimme, mit der dieſer Treffliche ihr zur Antwort gab⸗ „Ja, ich bin's, meine holde Angebetete!“ paßte genau zu dem ab⸗ geſchmackten Briefftyl von vorhin. Ich verhielt mich in dieſem Moment natürlich ſo ruhig als möglich, denn ehe ich das Weite ſuchte, wollte ich gern noch einen Verſuch machen, mich bei der kleinen Blondine zu entſchuldigen, und dieſe Hoffnung gründete ich auf die Vorausſetzung, das zärtliche Paar würde noch einige Worte allein 5 zu ſprechen haben und deshalb genöthigt ſeyn, den Wagen zu verlaſſen, denn ſie konnten doch unmöglich der armen Pauline zumuthen, in die finſtere Nacht hinaus zu ſpazieren. Ich hatte mich auch nicht getäuſcht. Der Edle öffnete den Wagen und fragte: ob ſonſt noch Jemand da ſey, worauf ihm Fräulein Sophie beim Ausſteigen die Antwort gab:„Ja, Pauline und der“—— Die Nennung meiner werthen Perſon, als Ueberbringer des Briefes, verſchwamm in einem kungen Kuß und das Pärchen ſpazierte davon.“ „Kaum war ich ſicher, daß ſie nicht mehr in der Nähe des Wagens waren, ſo faßte ich das kleine Händchen Paulinen's und ſagte ihr ſo ſanft und ſchmeichelnd wie möglich: „Mein Fräulein, zürnen Sie mir nicht, ich habe Sie, ohne es zu wollen, betrogen.“ „ Bei dem letzten Worte zuckte ſie mit der Hand, als wollte 3 ſie ſie fortziehen, und unterdrückte einen gelinden Ausruf, wobei ſie eine Bewegung machte, als wollte ſie aus dem Wagen ſpringen. Ich 8 ließ aber das kleine warme Händchen nicht los und erzählte ihr haarklein, 6 wie ich dazu gekommen ſey, die Rolle des Briefträgers zu übernehmen. Das Mädchen ſchien durch meine Berichte ganz verwirrt zu werden, und wenn fie früher dem Unbekannten, weil er mit jenem Briefe kam, ruhig gegenüber ſaß, ſo ſchien ſie jetzt doch die trauliche Nähe nmit dem fremden Menſchen etwas zu incommodiren.“ Aber, mein Gott,“ ſagte ſie,„das iſt doch ſonderbar und unangenehm; was wird Sophie ſagen?“ worauf ich ihr die Verſicherung gab, daß ich nicht große Luſt hätte, das Letztere abzuwarten, und daß mir überhaupt nicht viel daran gelegen ſey, was jene würdige Dame ſagen würde.—„Doch Ihnen, mein Fräulein,“ fuhr ich fort, indem ich den Wagenſchlag leiſe öffnete,„möchte ich nicht gern eine unangenehme Erinnerung an mich hinterlaſſen. So ſchmerzlich es mir iſt, ſie durch meinen Vorwitz betrübt zu haben, ſo preiſe ich doch mein Glück, das mich Ihnen gegenüber eine ſo angenehme Stunde erleben ließ.“— Bei dieſen letzten Worten ſtand ich ſchon auf der Erde, hielt aber noch immer ihr Händchen feſt. Dann drückte ich es feurig an meine Lippen und entfernte mich mit den Worten Lionel's in der Jungfrau von Orleans:„Dieſen Kuß zum Pfande, daß ich Dich wieder ſehe!“ 3 „Es war ſehr gut, daß ich im gleichen Augenblick auch ſchon im Schatten der Bäume war, denn das Lirtiihe Paar näherte ſih keinen Platz gehabt. 41 dem Wagen, und ich glaubte aus manchen Aeußerungen des Erſtaunens von Seiten des jungen Herrn wahrnehmen zu können, daß ſich das geheimnißvolle Dunkel meiner Perſon aufgehellt hatte.„Oh, oh ich bitte Dich, mein Leben,“ ſagte der Zärtliche, nnein, das iſt zu arg, ſo ein—— Menſch.“— Darauf rief er ein paarmal laut: „Georg! Georg!“ ſo heißt wahrſcheinlich einer ſeiner Freunde, und er dachte vielleicht, ich würde meine Rolle noch beibehalten und, dem Rufe gehorſam, auf ihn zuſtürzen.— Aber weit gefehlt, ich hütete mich ſchon, hatte mich dicht an einen Baumſtamm gedrückt, und blos meinen rechten Arm unter dem Mantel etwas gelüftet, um im 4 Nothfalle mit einer kräftigen Ohrfeige dienen zu können. Aber der Treffliche ſtellte keine Nachforſchungen nach mir an, er ſchob die Perle in den Wagen und wünſchte ihr unter den zarteſten Ausdrücken eine ſanfte, gute Nacht, wobei er die Hoffnung ausſprach, ſie morgen wieder zu ſehen. Dann ſchloß er den Schlag und entfernte ſich eilig.“ „Der Wagen ſetzte ſich jetzt in Bewegung und Du kannſt Dir leicht denken, daß ich mich in gleicher Richtung mit ihm unter den Bäumen fortbewegte, denn ich wollte doch wenigſtens wiſſen, wo die kleine Blondine wohne. In wenig Augenblicken hatten wir den alten Schloßplatz hinter uns, die Pferde zogen raſcher an und ich ſah nun wohl, daß ich mit der Kutſche keinen gleichen Schritt halten konnte. Da tauchten plötzlich alte Erinnerungen aus meiner Kindheit in mir auf, wie ich ſo oft ohne Abſicht und Urſache hinten auf den Wagen geklettert und mit fortgefahren ſey. Es iſt gut, wenn man in ſeiner Jugend etwas lernt, oder“— fügte der Erzähler mit einem Seitenblick auf ſeinen Collegen hinzu—„wenn man nicht ſo dice iſt, wie gewiſſe Leute. Denn Du, lieber Tipfel, hätteſt auf dem Trittbrett der Kutſche, wo ich mich im nächſten Augenblicke befand, So rollten wir denn dahin, ich noch vor einer 42 halben Stunde joli coeur, jetzt hinten auf als Bedientenſeele. Die Pferde liefen gut, jetzt bogen wir in eine Hauptſtraße ein, die Gaslampe ſchien ſo hell, daß ich meinen Mantelkragen und die glaͤnzenden Knöpfe, ſo gut es ſich thun ließ, verdecken mußte. Obendrein machten ſich hie und da ein paar Gaſſenbuben einen ſchlechten Witz und riefen dem Kutſcher zu: Hinten auf! hinten auf! worauf dieſer auch einige Male mit der Peitſche herumfuhr, aber glücklicher Weiſe ohne mich u treffen.“ „ Bald kamen wir wieder in dunklere Straßen, jetzt auf den freien Platz bei der Peterskirche und dort vor einem anſehnlichen Hauſe— über der Thüre ſtand Nummer zehn— an welchem ich auf meinen Entdeckungsreiſen durch die Stadt oft vorbeigeſtrichen bin, hielt der Wagen. Ich ſprang herab, und nachdem ich geſehen, daß die beiden Damen in's Haus gingen, und daß der Kutſcher mit ſeinen Pferden in den Thorweg einfuhr, entfernte ich mich, an nichts wie an die kleine Blondine denkend, deren Bild von jenem Abend an unvertilgbar in meinem Herzen ſteht.“ — Hier ſchwieg der Erzähler und faßte den großen ſteinernen Waſ⸗ ſerkrug, um mit einem friſchen Trunk ſeine trocken gewordene Zunge wieder anzufeuchten. Tipfel hatte den letzten Theil der Erzählung nicht mit dem Wohlgefallen und dem ſich chen Behagen angehört, wie den Anfang derſelben. Auch geſtand er ſeinem leichtſinnigen Collegen, daß er ſich einen ganz andern Ausgang erwartet habe, entweder eine ſolide Prügelei mit jenem dummen Kerl, oder ein ebenfalls ſolid es Nachteſſen mit den beiden jungen Damen. Die drei Kanoniere in der Wachtſtube, die, obgleich ſie der Erzählung ebenfalls zugehorcht, doch wenig davon verſtanden hatten, kauerten vor dem Ofen und Schulten ertheilte ihnen Anweiſung, wie ſie die Rinde ihres Commisbrodes durch Röſten genießbarer machen konnten. Darauf 5 verzehrten ſie das gemeinſchaftlih zubereitete Abendbrod, und nun —,— 43 erhob ſich Schulten, ſchob das Lederzeug auf der Bruſt etwas auseinander, öffnete dann die untern vier Knöpfe ſeiner Uniform, und begann mit derſelben Anſtrengung, als zöge er aus einem tiefen Brunnen den Eimer herauf, einen langen Strick aus ſeinen Beinkleidern hervorzuzerren, an dem ein lederner Beutel von ziemlicher Größe hing. Nachdem er dies Futteral geöffnet, zog er eine ſilberne Uhr heraus, die, ihrem Umfange nach zu urtheilen, wenigſtens vier 1 Gehäuſe haben mußte. Er löſte auch wirklich drei Kaſten von Horn, Knupfer und Silber von ſeiner Zwiebel, wie er die Uhr nannte, ab, eh' er einen prüfenden Blick darauf werfen konnte; dann trat er vor ſeinen Wachtkommandanten hin und ſagte:„Bombardeir, ſechs Ohr! wer möten aplöſen!“ Nachdem ſich auf dieſe Aufforderung Bombardier Tipfel durch einen Blick auf ſeine eigene Uhr überzeugt, daß er noch anderthalb ’ Minuten bis ſechs Uhr Zeit habe, benutzte er dieſe Friſt, um ſeine Glieder durch ſtarkes Recken und Dehnen zum Momente des Aufſtehens vorzubereiten. Er drehte aus lauter Faulheit ſeinen Körper auf eine 4 gar merkwürdige Art, wobei er mit dem Kopfe nicht ſelten den Boden der Wachtſtube berührte. Doch zeigte der zufriedene Ausdruck in ſeinem Geſichte deutlich ne daß er mit dieſer Leibesübung ganz *. 1 4 zufrieden ſey. Jetzt war es vollkommen ſechs Uhr geworden und Tipfel befahl die Ablöſung. Schulten, den die Reihe traf, von ſechs bis acht vor dem Fort auf Poſten zu ſtehen, zog aus ſeiner Uniformtaſche eine ziemliche Flaſche voll Branntwein heraus und that acht gewaltige 8 Züge daraus, gerade acht, um, wie er ſagte: vor jedwede Vierdelſtunde geduldet wurde. en te han. Dann band er ſich ein buntes Kattuntuch um Mund 8 und Naſe, was, wenn auch nicht erlaubt, doch von dem Bombardier Auch eine andere Unregelmäßigkeit ließ ſich ſowohl der Abloſende, 44 als der Abgelöſte zu Schulden kommen, denn als es draußen von allen Kirchen ſechs Uhr geſchlagen hatte, verließ der draußen ſeinen Poſten und kam in die Wachtſtube, um ſich drinnen beim warmen Ofen ablöſen zu laſſen. Hier unter den Augen ihres würdigen Chefs übergaben ſich dieſe wachſamen und trefflichen Kriegsmänner den Poſten mit der wichtigen Meldung, daß nichts vorgefallen ſey, und daß die Feſtung und das Schilderhaus noch auf dem alten Fleck ſtehen. Schulten wickelte ſich hierauf in den uralten Wachtmantel, eigentlich waren es zwei, die auf einander genäht waren, da die collende Zeit in den urſprünglichen ſo viel Löcher geriſſen, daß er nur durch einen vollkommen neuen Ueberzug wieder geflickt werden konnte. Jetzt zog Schulten ſein Heldenſchwert heraus, tauchte einen Zipfel des Mantels, dem man anſah, daß er ſchon oft zu dieſem Zwecke gedient hatte, in die Oellampe und ſchmierte ſeine Klinge mit dieſer ſchmutzigen Fettigkeit, damit ihr die Näſſe draußen nicht ſchade. So gerüſtet zog Schulten hinaus und trat ſeinen Poſten an.— Vaterland, Du kannſt ruhig ſchlafen, Deine Heldenſöhne wachen! Fünftes Eapitel. Souper in der Wachtſtube; kleine Charakterzüge des commandirenden Bom 1 bardiers Tipfel; rührender Freundſchaftsbeweis. Nachdem der Bombardier Tipfel auf die ſo eben angedeutete Art für die Bewachung des ihm anvertrauten Forts Sorge getragen, erhob er ſich ganz von ſeiner Bank und lud ſeinen Bekannten zum Abendeſſen ein, was dieſer nicht abſchlug. Zu dieſem Zwecke ließ der Bombardier einen Korb aus der Ecke hergeben und begann die Geräthſchaften und Materialien auszupacken. Zuerſt kam eine xoſtige. Kaffeemaſchine, d. h. es war nur ein blecherner Topf, um welchen eine kleine Rinne angebracht war, die mit Spiritus gefüllt wurde. In Ermanglung deſſelben ſchüttelte der Bombardier aus einer runden, 2 platten Flaſche Kornbranntwein hinein. Darauf packte er einige Cier aus, ein Papier, worin Butter gewickelt war, ein anderes mit 8 AMurd ein Paar Kienüich ſchmutzige Moſſer und eins Gabel mit 46 8 lle dieſe Gegenſtände aufgeſtellt waren, Kaffee und Zucker. Als a begann er das Nachtmahl zuzubereiten. Das Waſſer in dem blechernen Topfe wurde zum Sieden gebracht, und nachdem die Cier darin gekocht waren, nahm er ſie heraus und ſchüttete in daſſelbe Waſſer den Kaffee, den er mit der Gabel tüchtig umrührte. Tipfel befand ſich bei dieſer Arbeit recht glücklich. Da überhaupt ſeine liebſten Beſchäftigungen die waren, wo er ſich nicht vom Platz zu bewegen brauchte, ſo hatte ihm von jeher, neben dem Eſſen ſelbſt die Zubereitung deſſelben am meiſten Freude gemacht. Er erzählte ſeinen Cameraden oft, daß eine jüngere Schweſter von ihm einſt einen kleinen Kochheerd gehabt, mit dem er ſich ſtunden⸗, ja tagelang vergnügt habe, und es ſey im ganzen Hauſe Niemand geweſen, der einen Pfannenkuchen ſo ausgezeichnet habe zubereiten können, wie er auf dem kleinen Kochheerde. Solche Erinnerungen konnten ihn ganz begeiſtern, und er ſprach dann, wider ſeine Gewohnheit, eifrig und viel, beſonders wenn er, wie heute Abend, mit der Zubereitung ſeines Nachtmahls beſchäftigt war. „Ja, ja, Männeken,“ ſagte er zu Robert, der in der Wacht⸗ ſtube ruhig auf- und abging,„ich verſichere Dich, das macht mir eine ungeheure Freude, wenn ich meine kleinen Sächelchen ſelbſt kochen kann, ja, ja. Weißt Du, die Commisweiber ſind ſo entſetzlich ſchmutzig und dat gefällt mir nich.“ 88 Bei dieſen letzten Worten wiſchte der Bombardier das Meſſer, mit dem er die Butter geſchnitten, an einem Zipfel ſeiner Uniform ab, um mit dieſem Inſtrument die Gabel aus dem Kaffee herauszu⸗ fiſchen, die ihm unglücklicher Weiſe hineingefallen war. Während er nun auf eine ſo lururiöſe Art ſein Souper zubereitete, hatten ſeine Untergebenen gleichfalls Anſtalten getroffen, für das ihrige zu ſorgen. Einer der Kanoniere hatte ſich nämlich hinausgeſchli hen and kam jetzt wieder in die Wachtſtube, wobei er den Fſchako, der 3 5 entgegnete: Shſ du, ſeit vorgeſterne 47 ganz mit Kartoffeln angefüllt war, unter dem Arm trug. Er zeigte ſie lächelnd den beiden andern Kanonieren, und aus ſeinen Aeußerungen, mit denen er das that, ließ ſich deutlich abnehmen, daß er gerade kein Geld dafür ausgegeben, ſondern ſie vielmehr von einem der Aecker, die um das Fort herumliegen, eigenmächtig mitgenommen. Dieſe Kartoffeln wurden nun der Reihe nach an dem Wachtmantel des Bombardiers, der in einer Ecke hing, ſorgfältig von ihrem Schmutze befreit, und darauf in die heiße Aſche unter dem Ofen gelegt, worauf die Kanoniere abwechſelnd davor hinknieeten und mit mehr Sorgfalt darauf Acht gaben, als ſie früher auf die Bewachung des Forts verwendet hatten.. Tipfel erſuchte ſeinen Bekannten, jetzt Platz zu nehmen und Beide thaten dem Kaffee, den Eiern, ſo wie dem Butterbrod, alle erdenklich Chre an. Als der Hunger Tipfel's einigermaßen geſtillt war, hatte er die Gefälligkeit, über die erzählten Abenteuer ſeines Freundes noch einmal zu lächeln und verſicherte, daß er ſie höchſt angenehm finde. „Aber, Männeken,“ ſagte er,„Du haſt mir vorhin von einem Dienſt geſprochen, den ich Dir leiſten ſoll, und ich bin ſo ſehr Dein Freund, daß ich Dich ſogar auffordere, mir dieſen Dienſt zu nennen, denn wenn es in meinen Kräften ſteht, will ich Dir gern helfen.“ 4 Der junge Mann, dem man während des Eſſens nicht angemerkt hatte, daß ein tiefer Kummer ſeine Seele beenge, legte jetzt das Meſſer mit einem gelinden Seufzer hin, wiſchte ſich den Mund mit dem roth und weiß karrirten Taſchentuch des Bombardiers Tipfel ab, welches derſelbe als Tiſchtuch vor ſich ausgebreitet hatte. und „Ja, lieber Freund, ich habe das wahrhaftig nicht no mir das merkwürdige paſſirte, bin ich um das Haus des hübſchen blonden Mädchens herumgeſchlichen, ohne ſie zu ſehen. Ich hatte einen Brief bei mir, den ich ihr geſchrieben, verſichere Dich, Tipfel, einen Muſterbrief. Aber es war mir nicht möglich, auch nur eine Seele aus dem Hauſe zu ſehen, der ich mein Vertrauen hätte ſchenken mögen. Der Kutſcher, der uns den Abend gefahren, ging wohl einige Mal aus und ein, aber der Kerl hat ſo ein infam patziges Geſicht, daß ich es nicht wagte, ihn anzureden. Auch ſah er mich ſo einige Mal von der Seite an, als wenn er ſich meiner erinnerte, und deshalb mußte ich jedesmal unverrichteter Dinge abziehen. Meinem Burſchen, Du kennſt das Hornvieh, konnte ich den Brief unmöglich anvertrauen, und da komme ich denn rathlos zu Dir.“ „Hm, Männeken,“ ſagte Tipfel,„aber Du hätteſt ja in's Haus gehen können. Weißt Du, wie wir ſchon oft gethan, und Dich nach einem ſichern Herrn Müller erkundigen.“ „Ganz recht,“ verſetzte Robert,„aber wenn mich die Aeltere geſehen hätte; denn ich fürchte doch, die traut mir nicht recht, und hätte einen Brief an die kleine Blondine gewiß unterſchlagen.“ „Ja, was iſt da zu machen?“ ſagte Tipfel. „Ach, lieber Freund,“ entgegnete Robert,„ſie nicht wieder zu ſehen, wäre ſchrecklich.“ „Sie,“ lächelte Tipfel,„wer iſt denn die Sie? etwa die Tochter des Generals von P. La „Ach,“ ſprach der junge Mann,„wie kannſt Du jetzt nur ſchlechte Witze machen? Wer kann ſie denn anders ſeyn, als das liebe blonde Mädchen, die kleine Pauline?“ „Nun, Männeken,“ ſpöttelte der Bombardier, nes war mir nur wegen der Conſequenz.“ „Ja ſo,“ fuhr der Ande höre mich. Meinen Brief mu t,„na laß nur gut ſeyn und und heute noch⸗ aber 49 in dem Wie? beſteht der Dienſt, den Du mir leiſten ſollſt. Du biſt mein Freund, Tipfel, und wirſt mir den Gefallen ſchon erzeigen. 3 Es iſt jetzt ſieben Uhr, hieher auf das Fort kommt weder Patrouille noch Runde, alſo kannſt Du es ſchon wagen, Deine Wache zu verlaſſen. Ich bleibe für den Nothfall da, und werde Deine wichtigen 3 Geſchäfte hier ſchon verſehen können.“ Bei dieſer Aufforderung legte der Bombardier Meſſer und Gabel hin und ſah ſeinen Freund mit ſeltſam erſtaunten Blicken an. Dieſe Zumuthung hatte der gute Tipfel nicht erwartet. Seine Wache zu verlaſſen und in die Stadt zu gehen, erſchien ihm ſo ſehr dienſtwidrig, daß er erſt langſam, dann immer heftiger mit dem Kopf ſchüttelte, und endlich, ſo beſtimmt es ihm möglich war, ſagte:„Das geht gewiß nicht an.“ Neben dem Gedanken, ſo ganz gegen ſeine Inſtruction als Wachtkommandant zu fehlen, lag der Hauptgrund dieſer entſchiedenen Weigerung in dem unangenehmen Wetter draußen, denn der Wind pfiff und heulte noch immer um das Fort herum. Und dann der weite, lange Weg zur Stadt, das war ja das Einzige, was dem guten, dicken Bombardier das Wachehalten überhaupt ſo unangenehm machte; Dens wenn er einmal auf ſeiner Wachtſtube feſtſaß, wenn er ſich an dem Feuer durchwärmt, und ſeinen Korb unterſucht hatte, daß ihm nichts zum Kaffee Na chmittags, Abends zum Nachteſſen, ſo wie Morgens zum Frühſtück fehlte, wenn er die Pfeife und den Taback nicht vergeſſen und ein Buch bei der Hand hatte, etwa wie Kohlrauſch's Geſchichtstabellen, womit er ſein Gedächtniß kitzelte, oder im Nothfall auch nur einen Roman von Spieß oder Cramer um die Zeit todtzuſchlagen, ſo war es ihm ſehr gleichgültig, ob ſeine Wache vierundzwanzig Stunden, achtundvierzig oder gar noch länger gedauert hätte Ja, es war ſchon einige Mal vorgekommun, daß ein Camerad, der ihn wergen⸗ einen gut verſchenen Korb it 3 Hackländer, Wachſtnbenas euer und mit Hülfe deſſelben den Bombardier überredete, ſtatt ſeiner noch einmal vierundzwanzig Stunden dazu⸗ bleiben, was er denn auch gern gethan. 1 Der Capitän, der von dieſer ſeltenen Leidenſchaft Tipfel's für das Wachehalten in Kenntniß geſetzt wurde, hatte einmal die Erlaubniß gegeben, ihn ſo lange auf der Wache zu laſſen, als er freiwillig durch Uebereinkunft mit ſeinen Cameraden dabliebe, und der dicke Bombardier hatte ohne Widerſtreben fünf Tage lang den Dienſt verſehen, und verſicherte am ſechsten, er befinde ſich recht wohl dabei; wahrſcheinlich hätte er es auch noch Monate lang ausgehalten, wenn nicht an demſelben Tage eine Inſtruction von der Commandantur gekommen wäre, welche den Wachthabenden auf dem Fort auf das Strengſte befahl, viermal in der Nacht ſämmtliche Werke zu unterſuchen. Dieſe Zumuthung fand denn der Bombardier Tipfel etwas zu hart, und verließ deshalb am ſechsten Tage traurig den Ort, wo er 4e glücklich geweſen. Nach Erzählung dieſer Thatſache kann ſich Jeder leicht denken, mit welchem Erſtaunen Tipfel die Forderung ſeines Freundes erfuhr, und wie ſtandhaft er ſie anfänglich zurückwies. auf die Wache nahm, Doch Robert ließ ſich nicht ſo leicht abſchrecken, und wandte alle Künſte der Verführung an, um ſeinen Freund zu überreden. Lange war Alles umſonſt, doch als ihm endlich der junge Mann ſagte, er ſolle eine von den Wachtmannſchaften mitnehmen, dem er einige gültige Zettel, lautend auf Rüdesheimer und weſtphäliſchen Schinken, zwei Sachen, die Tipfel gern zu frühſtücken pflegte, ein⸗ händigen wollte, ließ er ſich erweichen und verſprach die Commiſſion zu übernehmen. Darauf legte er ſein Lederzeug ab, welches ſich der Andere mit Hülfe der Kanoniere umhing, wickelte ſich in ſeinen Wachtmantel, ermahnte jeden der Kanoniere in einer beſondern Rede, ſte nüthten doch um's Himmels uuſg nen lunhg Mälben. und erklärte ſich darauf unter einigem Geſeufze zum Fortgehen bereit Robert hatte ſich unterdeſſen an den Tiſch geſetzt und ſchrieb auf ein Blatt Papier: „Da ich Ihre Rechnung vom 1. v. M. unglücklicher Weiſe verlegt habe, ſo muß ich um eine neue bitten, ehe ich die, klein Summe bezahlen kann. Zugleich Hitte-ich, dem Aleberbringer zwei Flaſchen Rüdesheimér und drei Pfund weſtphäliſchen Schinken mitzugeben. Er wird Ihnen den Betrag dafür einhändigen. Bombardier R.“ „Notabene. Da es mir ſchon einige Male paſſirte, daß die Kanoniere von dem Geld, das man ihnen mitgab, verloren, ſo bitte ich, mir morgen früh die Rechnung zu ſchicken, wo ich alsdann nicht ermangeln werde.“ Er händigte dieſen Zettel, ſo wie ein zierlich zuſammengefaltetes 2 Billet dem Bombardier Tipfel ein, welcher das letztere, um es nicht zu beſchmutzen, in einen alten Patrouillenzettel wickelte und in die Taſche ſteckte. Dann nahm er einen der Kanoniere mit und trat⸗ ſeinen ſchweren Gang an.* 4 Sechstes Capitel. Aus welchem junge Militärs erſehen, wie ſte es nicht machen ſollen, indem darin Wachtdienſt-Vergehen von der gröbſten Art vorkommen.— yſterien einer Dachkammer und Anleitung zum Copiren ſchwieriger Actenſtücke. 4 Draußen flogen die Schneeflocken und heulte der Wind: man konnte keine, drei Schritte vor ſich ſehen. Aus der Stadt blickte 3 8 hie und da der Schimmer eines Lichts durch Schnee und Nebel, wie ein blutrother Punkt hervor; es war ein ſehr ſchlechtes Wetter; ſogar das Geſumme und Gemurmel auf den Straßen, das man ſonſt durch die Stille der Nacht auf weite Entfernungen hört, wurde durch die fallenden Flocken und den liegenden Schnee zu einem kaumm vernehmbaren Geräuſch gedämpft. Tipfel ſagte an der Barriére des Forts ſeinem Freunde noch einmal: er ſolle nur bedenken, wie er ſich jetzt für ihn aufopfere und welchen ungeheuren Dienſt er ihm aus purer Freundſchaft leiſte. Dann zog er ſeinen Mantel feſter um ſich und ging der Stadt zu. Ghlhe- der für dieſen beſonde 75 ——, 4 groben Dienſtuniform wohl nicht dazu geeignet wäre, ihn füt 53 Fall als der umſichtigſte und brauchbarſte Mann der Wache wieder von ſeinem Poſten abgelöſt worden war, begleitete ſeinen Chef. So zogen ſie feierlich und langſam dahin, hatten bald das Fort mit ſeinen Außenwerken und dem Glacis hinter ſich und ſchlugen einen kleinen Feldweg ein, der ſie in wenig Augenblicken auf die Chauſſée führte, wo ſie bald das erſte Thor der Stadt erreichten. Vor demſelben ſtand der Bombardier einen Augenblick ſtill nnd rief den Kanonier beim Namen. „Höre, Schulten,“ ſprach er,„wenn Du nicht ein langgedienter Kerl wärſt, würde ich Dir nicht anvertrauen, daß mir das Verlaſſen meiner Wache doch etwas ſehr gewagt vorkommt, und mir eine Ahnung vorſchwebt, als führe die Sache zu keinem guten Ende.“ „Schulten, der dagegen ſchon im Geiſte einen kleinen warmen Kramladen vor ſich ſah, wo er den Rüdesheimer und Schinken abholen ſollte, und der dabei in dem Gedanken ſchwelgte, daß für ihn unentgeldlich ein ſolider Bitterer abfallen würde, entgegnete: „Bombardeir, heft nir ze ſeyn. Sed doch ſchon de mehrmolen von Wachen ablopen.“ Nach dem Austauſch dieſer Gefühle traten Beide in die Stadt. Das düſtere Feld draußen mit dem Schneegeſtöber und die ganze traurige und ſchmutzige Winterlandſchaft hatte wohl den Bombardier ſo bedenklich geſtimmt, denn als er jetzt die Straßen zwiſchen den erleuchteten Häuſern dahin wandelte, als er die Menſchen ſah, luſtig bei einander vorbeiſtrichen und aus den zahlreichen Bierhäuſern und Weinkneipen munterer Lärm an ſein Ohr ſchlug, begann er aufzuthauen und machte ſich allerhand Gedanken, wie er wohl am Beſten und Zweckmäßigſten jenen Brief an ſeine Adreſſe bringen könne. Dabei fiel ihm plötzlich ein, daß ſein Erſcheinen in Liebrsboten zu halten, urshal er den Caſhu ſoßs, ſi Jeleß zu einem Bekannten zu begeben, um ſich von dieſem einen bürgerlichen Anzug zu leihen, wie er es ſchon oft gethan. Bei der nächſten Straßenecke, unter einer großen Laterne, zog Tipfel ſeine beiden Schreiben heraus, wovon er jedes beſonpers eingewickelt hatte, und übergab dem Kanonier das eine, auf Rüdes⸗ heimer und Schinken lautend, und ſteckte das andere wieder in die Taſche. Der Freund Tipfel's, welchen er nun zu obigem Zwecke auf⸗ ſuchte, war Schreiber bei einem Advokaten, und wohnte in einem abgelegenen, engen Gäßchen, im fünften Stock eines kleinen Hauſes. Der Bombardier überzeugte ſich erſt von der Straße aus, daß ſein Bekannter wirklich zu Hauſe ſey, denn ein ſchwacher Schein erhellte die kleinen Fenſter, ehe er die ſchwierige Arbeit unternahm, fünf ſchlechte Treppen hinaufzuklettern Mit einiger Anſtrengung gelangte er hinauf bis unter das Dach und klopfte an die Thüre. Neben der Ausſicht, ſich ſeinem Freund zu Liebe hier umkleiden zu können, hatte auch Tipfel daran gedachtz, daß ſein anderer Freund, der Schreiber, beſtändig einen guten Taback vorräthig habe, und er hatte ſich ſchon beim Hinaufklettern der fünf Treppen dem ſüßen Gedanken überlaſſen, ſich dort oben einige Augenblicke außs Bett legen zu können und bei einer guten Pfeife Taback von den gehabten und noch zu erwartenden Mühſeligkeiten eine halbe Stunde ausruhen zu können. Um ſo unangenehmer war es daher dem Bombardier, als, nachdem er auf drei verſchiedene Arten an die Thüre geklopft hatte,— nämlich zuerſt leiſe mit dem Zeigefinger, dann mit einer Fauſt und endlich mit beiden Winſten zugleich— von Innen keine Antwort erfolgte. Da ſich Tipfel von früher her erinnerte, daß die Thuͤre ver⸗ ſchiedene Spalten hatte, durch welche man bequem das Innere des . Zimmers überſehen konnte, ſo fuhr er mit ſeinem Kopfe nach allen pfeifen und dazwiſchen ſchien es dem Bombardier Tipfel, als würde 55 Richtungen bei derſelben vorbei, ohne aber nur den kleinſten Lichtſtrahl zu erſpähen. Entweder hatte ſich Tipfel getäuſcht, als er unten Licht zu erſpähen glaubte, oder der Schreiber hatte die Thüre von inwendig mit etwas verhängt, um neugierige Blicke von dem Eindringen in ſein Heiligthum abzuhalten. Letzteres ſchien dem Bombardier am wahrſcheinlichſten, und da er wußte, wie ſich bei ähnlichen Gelegen⸗ heiten ſein Freund ſchon gegen ihn benommen, ſo beugte er ſich mühſam bis zum Schlüſſelloch herunter, und rief mit gedämpfter Stimme hinein: „He, Du! ich bin's, Tipfel! Mach' mir doch in's Teufels Namen auf! Ich habe dringend mit Dir zu ſprechen. Brauchſt Dich doch vor mir nicht zu geniren.“ Anfänglich erfolgte auch hierauf in dem Zimmer keine Bewegung. Dann aber hörte man eine Stimme leiſe murmeln, ein Stuhl wurde gerückt, und das oben erwähnte Tuch an der Thüre eine Handbreit zurückgezogen und dann von Innen herausgefragt:„Aber was haſt Du denn eigentlich vor, daß Du mich im Arbeiten ſtörſt? Laß mich in Ruhe. Ich habe von einem äußerſt verwickelten Aktenſtück eine Copie zu nehmen. Wenn Du alſo nicht ſehr preſſirt biſt, laß mich in Frieden.“* „Ja, aber lieb' Männeken,“ erwiederte der Bombardier, durch die Ausſicht auf eine warme Stube und eine Pfeife Taback, die ihm doch noch werden konnte, ſichtlich erheitert,„es preſſirt ſehr, ich verſichere Dich. Ich bin erpreß von der Wache draußen auf dem Fort hereingelaufen, und muß Dich nothwendig ſprechen. Mach nur auf.“ Der drinnen gab hierauf anfänglich keine Antwort, ſondern zog ſich von der Thüre zurück, und es war, als habe ihn ein gewaltiger Bruſtkrampf überfallen, denn er fing an laut zu huſten, darauf zu ein Stuhl oder irgend ein anderes Möbel bei Seite gerückt, worauf ſich denn endlich die Thüre öffnete und ihm der Eintritt geſtattet wurde. Trotz dem die Dachkammer des Schreibers eben nicht mit Eleganz und Luxus angefüllt war, wozu auch dies Local nicht paßte, denn die Wand der einen Seite neigte ſich ſo ſchief unter das Dach hinab, daß, wenn ſelbſt die Beleuchtung aus mehr als einer Talgkerze beſtanden hätte, ſie doch nicht im Stande geweſen wäre, den hinterſten Raum zu erhellen, war doch etwas in dem Gemach, was der Bom⸗ bardier Tipfel mit vielem Wohlbehagen betrachtete, nämlich auf dem Tiſch in der Mitte des Zimmers ſtanden ein paar Teller mit kaltem Flleiſch und Kartoffelſalat, ſo wie auch ein großer Waſſerkrug, der äber mit Bier angefüllt war. Der Beſitzer all' dieſer Herrlichkeiten, der ſich, wie ohne Abſicht, beim Eintritte Tipfel's in eine Ecke des Zimmers zurückzog, wo er hinter einem großen Vorhang ſeine Kleiderſchätze verwahrte, ſchien auch jetzt noch nicht über das unver⸗ muthete Erſcheinen des Bombardiers ſehr erfreut. Dieſer aber, der ein ſehr argloſes Gemüth hatte, ſah ſich auf dem Tiſch nach jenen Akten um, von welchen eine Copie zu nehmen ſein Freund gerade beſchäftigt geweſen war. Und da er nichts davon bemerkte, ſo erkundigte er ſich theilnehmend: wo ſich denn ſein Schreibpult befände? — eine naſeweiſe Frage, die der Schreiber nur durch einen verlegenen Blick hinter ſich nach dem Vorhang beantwortete. 3 Tipfel warf ſich auf einen Stuhl nieder, und nachdem er den Inhalt des Waſſerkruges mit vieler Tiefe unterſucht, entdeckte er ſeinem Freunde mit ſo wenig Worten als möglich, was ihn hierher führe, und welchen unendlichen Gefallen er ihm erzeigen würde, wenn er ihm auf einig eStunden einen ziemlichen bürgerlichen Anzug leihen würde. Wenn auch, wie geſagt, der Schreiber ſeinem Freunde ſchon einige Male ſolchen Liebensdienſt erwieſen, ſo ſchien ihn doch heute 3 A Bierkrug und verſicherte: es falle ihm gar nicht ein, ſich hinter dem 57 Abend die Bitte nicht wenig in Verlegenheit zu ſetzen. Er machte einige Ausreden, die aber der Bombardier, den Waſſerkrug beſtändig in der Hand haltend, mit einem leichten Lächeln und den Worten zu widerlegen ſuchte:„Na, Männeken, es wird ſchon gehen.“ „Nu, ja,“ entgegnete der Andere mit einiger Ueberlegung, „ich will Dir den Anzug geben. Packe alſo die Sachen in Deinen Mantel und mach', daß Du fortkommſt.“ „Ja, Männeken,“ entgegnete Tipfel,„Du kommſt mir ſehr ridikül vor. Wo ſoll ich mich denn eigentlich anziehen? Du weißt ja doch, daß ich heute Abend nicht in die Kaſerne gehen kann, denn wenn mich der Feldwebel irgendwo ſähe, ſo ſäße ich morgen, weil ich von der Wache gegangen, mindeſtens drei Tage auf's Holz. Denke Dir drei Tage ohne Bett, wo man nichts bekommt, wie Waſſer und Brod.“ „Was?“ entgegnete ihm der Schreiber,„Du willſt Dich doch nicht hier bei mir aus⸗ und anziehen?“ „Es wird wohl nicht anders zu machen ſeyn, Männeken,“ ſagte Tipfel, worauf der Andere haſtig im Zimmer auf⸗ und ablief 5. und in nicht geringer Verlegenheit zu ſein ſchien.„Wenn es Dich aber genirt,“ fuhr der Bombardier fort,„mich in meiner ganzen Schönheit zu ſehen, ſo laß mich nur hinter den Vorhang treten. Ich will mich da ſchon allein behelfen.“ Bei dieſer Zumuthung ſprang der Schreiber wie ein gereizter Löwe mit einem Satze vor den Vorhang, und rief ſo haſtig und ausdruckzvoll:„Nein, nein! das geht nicht!“ daß es ſelbſt den gleichmüthigen Tipfel aufmerkſam machte, und allerlei Ideen bei ihm aufſtiegen. Doch da er viel zu faul war, über irgend etwas nach⸗ 3 zudenken, es auch gerade auf dem benachbarten Kirchenthurm drei Viertel auf Acht ſchlug, ſo that er einen neuen Zug aus dem 58 Vorhang zu amuſiren, und wenn es ihm lieber wäre, wolle er ſich mitten in der Stube, ja ſogar im Nothfalle oben auf dem Tiſche aus⸗ und anziehen. Nachdem der Schreiber eine Zeitlang mit ſich ſelbſt gekämpft, ſiegte doch ſeine Freundſchaft für den Bombardier, und er verſprach ihm die Kleider unter der Bedingung, daß das Licht ausgelöſcht würde, und er ſich im Dunkeln aus⸗ und anziehen müſſe, was dieſer denn auch nach vielen Einreden zu thun verſprach. Bei dieſen Verhandlungen hätte ein ſehr feines Ohr hinter dem Vorhang ein leiſes Kichern hören können, doch jede der beiden handelnden Parteien war ſo mit ſich ſelbſt beſchäftigt, daß ſie auf dergleichen nicht Acht gab. Der Schreiber ging nun zu ſeinem Kleiderſchatz und warf hinter dem Vorhang her eine alte ſchwarze — Hoſe, einen ſonſtigen ſchwarzen Frack, der aber ſehr fadenſcheinig geworden war und eine entſchiedene Vorliebe für die braune Farbe zeigte; dann eine geweſene Sammetweſte, löſchte darauf das Licht und war dem Bombardier bei'm Aus⸗ und Anziehen behülflich. Das unentbehrlichſte Kleidungsſtück war nach zweimaligem Aus⸗ und Anziehen denn man hatte in der Dunkelheit das Vordertheil hinten enommen— glücklich placirt worden, als es ſich fand, daß dem dicken Bombardier die Weſte ſeines Freundes zu klein ſey, worauf dieſer in Gedanken ſeine Kleidervorräthe durch⸗ gieng und ſich erinnerte, noch eine alte weiße Weſte zu beſitzen, die von ſeinem Vater ſelig herſtammend, auf jeden Fall weit genug wäre. Nach einigem Umhertappeu wurde dies Kleidungsſtück wirklich gefunden, und der Bombardier betaſtete ſie ſorgfältig, um ſie nicht verkehrt anzuziehen. Er hatte glücklich ein Aermelloch erwiſcht und ſagte, wie er mit einem Arm hindurchfuhr:„Ich verſichere Dich, Männeken, Dein Ater muß die Weſte in ſeiner früheſten Jugend . 6 Dabei⸗ lachte er wie wüthend. 59 haben machen laſſen, denn ſie hat einen ganz ſonderkaren Schuit, auch vermiſſe ich die Knöpfe und“— „Nun ja, mach' nur fort,“ ſagte der Andere, nſie iſt freilich nicht von dieſem Jahr, aber auf jeden Fall weit genug für Dich.“ „Na, höre,“ entgegnete Tipfel,„was das betrifft, brauchſt Du auch nicht ſo ſehr ſtolz zu ſeyn“— hier machte er eine verzweifelte Anſtrengung, das andere Aermelloch zu erreichen— nzu weit iſt ſie mir gerade auch nicht.“ „Thu' mir den Gefallen, und ſey nur nicht ſo entſetzlich faul, ſie iſt Dir weit genug, fahr' nur mal hinein.“ Der Bombardier that, wie ihm geheißen, ſchlüpfte durch das andere Aermelloch, und that ſich ſolche Gewalt an, das fragliche Kleidungsſtück an ſeinen Körper zu bringen, daß ſich ſeine Anſtren⸗ gungen durch ein lautes Krachen kund thaten, das einem geübten Ohr deutlich verrieth, die Weſte müſſe von unten bis oben zer⸗ riſſen ſeyn. „Du biſt doch ein ſchrecklich ungeſchickter Me enſch,“ brummte der Seiten was iſt nun da wieder zu machen?u Das Beſte wäre wohl,“ entgegnete Tipfel kleinlaut:„wenn Du e bischen Licht machen wollteſt, vehide den Schaden in der Nähe beſehen; denn,“ ſetzte er zögernd hinzu,„Dein Wort in Ehren, daß die Weſte von Deinem Alten iſt, und das ſind ſchon einige Jahrzehenten hr, aber der Schnitt an der Weſto⸗ da greif nur hin, iſt wirtlich gar ſonderbar.“ „Wie wird es denn ſonderbar ſeyn!¹ verſetzte der Andere ärgerlich, indem er das Kleidungsſtück mit der Hand befühlte. 3 „Na, Männeken,“ entgegnete der dicke Bombardier,„ſo ine Weſte iſt mir nie vorgekommen; ja wahrhaftig, die hat ja Schnür⸗ löcher. Du! Du! Du! O Du Copiſt v aaßlet Altanſtüte 60 „Halt Dein Maul,“ rief der Andere mit leiſer Stimme:„Ver⸗ fluchte Geſchichte mit dem Kerl! Gib das Ding her. Könnteſt auch wohl ohne Weſte gehen.“ „O, Männeken,“ ſprach der Bombardier,„bei der Jahreszeit. Suchet ſo werdet Ihr finden. Aber das Beſte wäre auf jeden Fall, wenn Du ein bischen Licht machen wollteſt.“ Der Schreiber war aber hierzu nicht zu bringen, ſondern trieb Tipfel an, ſeine Toilette zu beendigen; indem er ihm ſtatt des zerriſſenen Kleidungsſtückes eine wirkliche Weſte einhändigte. Das Bild, welches Tipfel jetzt zum Beſten gab, war wirklich lächerlich, und nachdem der Schreiber von einem Schranke herunter einen alten Hut mit kaum fingerbreiter Krämpe herabgeholt, und ihn dem Bombardier eingehändigt hatte, war die Umwandlung vollendet. Es ſchlug gerade acht uUhr, als Tipfel den legten Zug aus dem Waſſerkruge that, ſich darauf von ſeinem Freunde beurlaubte, und mit dem Verſprechen, die geliehenen Sachen in höchſtens einer Stunde wieder zu bringen, ſeinen Weg die dunkeln fünf Treppen hinabſuchte. * 4* ſetzten, und als dieſer, um ſich zu dem vorhabenden Abenteuer zu Siebentes Capitel. Welches theils vor, theils in dem Hauſe Nro. 10. auf dem Petriplatze ſpielt. Es erſcheint eine Perſan, die nicht genannt ſeyn will und welche den Bombardier Tipfel zum Bedienten annimmt. Es war recht kalt und unfreundlich auf der Straße, und nach⸗ dem Tipfel viele vergebliche Verſuche gemacht hatte, den alten Frack über ſeinem Bauche zuſammen zu knöpfen, oder wenigſtens die Hände in die Hoſentaſche zu ſtecken, eilte er, ſo ſchnell es ihm ſeine Körperfülle erlaubte, auf dem Schnee die Straße hinab gegen den Petriplatz zu, an deſſen Ecke ihn Schulten laut erhaltenen Befehls erwartete. Der Kanonier ſaß auf einem Eckſtein, hatte ſeine Arme unter den Mantel geſteckt und vor ſich in den Schnee die beiden befohlenen Flaſchen Rüdesheimer geſtellt, ſo wie ein Päckchen mit grauem Papier umwunden, welches wahrſcheinlich den Weſtphälinger enthielt. Schulten erfreute ſich nicht wenig beim Anblick ſeines Vorge⸗ ſtärken, einige gute Züge aus einer der Flaſchen that, und ein großes Stück Schinken dabei verzehrte, wobei er aber, um ſich zu erwärmen, von einem Bein auf das andere ſprang, machte der Kanonier die höchſt treffende Bemerkung: der Herr Bombardier gliche ſehr einer ſchwarzen Krähe, wenn ſie im Winter auf den Schnee⸗ feldern umherhupfe. Dabei erzählte er auch, daß ihm der Kaufmann, dem er ſchon lange bekannt ſey, Alles auf ſin ehrlich Geſicht ge⸗ geben habe, nachdem er geſagt, wer ihn ſende, und daß er des Schreibens nicht einmal nöthig gehabt hätte. 4 Mit dem letzten Biſſen im Munde ſchritt nun Tipfel auf dem nicht allzugroßen Platze umher, um ſich wie ein kluger Feldherr die Feſtung, die er zu allarmiren gedachte, das Haus Nr. 10, in der Nähe zu betrachten, damit er einen guten Operationsplan ent⸗ werfen könne. Endlich hatte er es gefunden, und ſtellte ſich einige Schritte davor, um ſich von deſſen Eingängen, wobei er aber mehr an den Ausgang dachte, zu überzeugen. Das Gebäude hatte eine recht anſehnliche Höhe, eine Hausthüre und daneben einen großen Thorweg, für welch' letztern ſich Tipfel augenblicklich entſchied, da er die größte Breite hatte. Ob der Bombardier wirklich perſönlichen Muth beſaß, darüber waren ſeine Kameraden noch nicht einig geworden, doch ſprachen ihm die meiſten derſelben eine gute Portion dieſer edlen Eigenſchaft zu, wogegen aber Andere behaupteten, Tollkühnheit und Unerſchrocken⸗ heit, die ihr dicker Freund meiſtens an den Tag legte, rührten von ſeiner unerhörten Gleichgültigkeit her, und er ſey viel zu faul, wenn er einmal einen Schritt vorwänss gethan, wieder zurückzugehen, um ſich nochmals zu beſinnen, weil er dann neben der Mühe des Bedenkens ſelbſt, auch den zurückgethanen Schritt wieder vorwärts thun müſſe. Das Haus, wie der ganze Plat, 0 war in nichiches Dunkel —. 9 und Stille gehüllt. Der Petriplatz war ziemlich entlegen, und außerdem befanden ſich nur wenige Privathäuſer hier. Eine Seite des Platzes nahm die Petrikirche ein, eine andere das dazu gehörige Kloſter, an der dritten vereinigten ſich mehrere Straßen, die in die Stadt führten, und nur auf der vierten ſtanden einige zwanzig große Häuſer, meiſtens von reichen Leuten bewohnt, die keine öffent⸗ lichen Geſchäfte trieben und deren Bewohner die Stille und Ruhe des Platzes dem geräuſchvollen Treiben anderer Straßen vorzogen. In dem Hauſe Nr. 19 waren vier Fenſter der erſten Etage erleuchtet, und in dem Thorweg ſchimmerte ein ſchwaches Licht, das ſich in einem Parterrezimmer, vielleicht in der Küche befand, und gegen dieſen Schein wandte ſich Tipfel, mit dem Vorſatz, das Innere dieſes Zimmers vorher zu überſehen, um dort vielleicht Jemand zu finden, der ihm behülfllich ſeyn könnte, ſeinen Brief an die richtige Adreſſe zu bringen.. Es war wirklich die Küche, aus welcher der Lichtſchein kam, und Tipfel blickte durch die Fenſter aufmerkſam in dies Gemach, und labte ſeine Augen an einem mächtigen Feuer, das auf dem Heerde brannte, auf welchem mehrere Töpfe und Pfannen ſtanden, aus denen mit einem füßen, heimlichen Gemurmel allerlei Daͤmpfe in die Höhe ſtiegen. Der Bombardier verſenkte ſich bei dieſem 2 Anblick in Betrachtungen und erſchöpfte ſich in glühenden Phanta⸗ ſieen, was wohl in jedem dieſer Keſſel ſeyn koͤnne. Hinten aus dem großen Topfe glaubte er durch die Fenſterſcheiben den ſüßen Geruch von aufgeplatzten, mehligen Kartoffeln zu genießen; daneben in der kleinen Pfanne konnten graſſelnde Bratwürſte lie gen, oder war es vielleicht irgend, ein Geflügel. Doch nein, Tipfel entſchied ſich für Bratwürſte, es war ſein Lieblingsgericht. Auf dem Anricht⸗ ſch ſtand Salat, Eſſig und Oel daneben, ſo wie geſchnittenes Brod, Erlich geformte Butter und ein appetitliches Stück Schweizerkäſe. K 4 64 Doch fehlte die Herrſcherin dieſes Zaubergartens. Tipfel ſpähte ver⸗ geblich umher nach der Fee mit weißer Schürze und Kochlöffel. Es war keine lebende Seele in der Küche zu ſehen. Was war zu thun? Der Bombardier hielt es für's Beſte, auf die Straße zurückzukehren, und nachdem er noch einen ſchwärmeriſchen Blick auf die Töpfe nnd Keſſel geworfen, trat er unter den Thorweg, um hier noch einige Augenblicke zu warten, bis ſich in der Kü Er hatte noch nicht lange hier geſtanden, a als er bemerkte, daß ein Mann, in einen Mantel gewickelt, auf der Straße dicht vor dem Hauſe Nr. 10 auf⸗ und abging. Jetzt kam er auch bis an den Thorweg, betrachtete den Bombardier von der Seite, ging aber immer bei ihm vorbei, nachdem er jedesmal einige Augenblicke un⸗ ſchluſſig zu ſeyn ſchien, ob er ihn anr den ſolle. Dem Bombardier war dieſe Erſcheinung gerade nicht angenehm, denn er fürchtete einen Aufpaſſer, der ihm Ungelegenheiten machen könne, weshalb er beſchloß, ſich ſo ſorglos als möglich zu ſtellen, um Jenen zu täuſchen, daher lehnte er ſich an den Thorpfoſten und pfiff leife eine Melodie vor ſich hin. Wirklich ſchien er auch den im Mantel hierdurch auf den Glauben zu bringen, als ſey er berechtigt, hier zu ſtehen. Denn dieſer kam anf ihn zu und fragte ihn ganz leiſe: eiebſtee Freund, Sie gehören wahrſchein! ich in dies Haus?“ „Das nicht,“ entgegnete Tipfel mit vieler Ruhe, waber ich habe hier in der Küche gute Bekannte.“ Damit ſpielte er auf Kar⸗ toffeln und Bratwürſte an. „Sagen Sie, mein Beſter,“ ſprach der Andere,“ würde es Ihnen vielleicht darauf ankommen, einen Thaler zu verdienen und mir einen großen Dienſt zu erweiſen?“ „O, warum das nicht? Ich würde wohl, u ſagte Tipfel. „Nun denn, ſehen Sie, lieber Freund,“M entgegnete der im Kuͤche Jemand zeigen würden — Hauſe zu ſprechen. Ich geſtehe es Ihnen, eine Dame; doch darf ich es Umſtände halber nicht wagen, ohne die größte Vorſicht in's Haus zu treten.“ 3 „Sehr ſchön,“ antwortete Tipfel, dem plötzlich ein Gedanke kam,„aber ſagen Sie nur, ſoll ich aus der Küche Jemand herbei⸗ 8 rufen?“ F„Ja, ja, mein Beſter,“ ſagte der im Mantel,„thun Sie ſo. Gehen Sie nur ohne Furcht in die Küche, ſchlagen Sie die Thüre zu oder machen ſonſt ein Geräuſch, und wenn die Köchin herein⸗ kommt, mein Lieber, ſagen Sie ihr nur, der Herr S.. verſtehen Sie wohl, Herr S..„ warte draußen.“ Tipfel rieb ſich die Hände vor Vergnügen, denn er bedachte wohl, er könne es jetzt getroſt wagen, in die Küche zu gehen, und beſchloß, im Nothfall ſich für den Bedienten des Herrn S. auszugeben. Er bat dieſen, nur leiſe unter den Thorweg zu treten, und ging darauf wieder an das Küchenfenſter. Es war Niemand da. Tipfel wagte ſich einige Schritte weiter und fand eine Thür, die auf eine kleine Treppe führte, über welche er in die Küche ſelbſt gelangte. Hier ermangelte er nicht, ein kleines Geräuſch zu machen, indem er die Thüre hinter ſich zuwarf, mit den Füßen ſcharrte und einige Mal bedeutungsvoll huſtete. Auch that dies Manöver alsbald die ge⸗ wünſchte Wirkung, denn er ſtand noch keine Minute da, ſo hörte ’ er von der andern Seite eine Thür öffnen, es näherten ſich Schritte, und ein hübſch gekleidetes Dienſtmädchen trat in die Küche und blieb beim Anblick des Bombardiers überraſcht ſtehen. Tipfel ſchwenkte feinen Hut, machte einen zierlichen Kratzfuß und berichtete, daß Herr S. draußen warte, worauf das Dienſtmädchen ſogleich freundlich wurde, ihn bat, ſich niederzuſetzen, und augenblicklich wieder verſchwand. . Tipfel hatte jetzt Muße, ſich Töpfe und Pfannen anzuſehen, und freute ſich innerlich, als ihm ſein Geruchsſinn ſagte, daß er ſich 5 Hackländer, Wachtſtubenabenteuer. 5 66 früher in Betreff der Kartoffeln und des Gebratenen nur in ſo fern geirrt, als Letzteres keine Bratwürſte, ſondern irgend ein feines Ge⸗ flügel war. Jetzt kam auch das Dienſtmädchen wieder, ſchlüpfte durch die Küche in den Thorweg und kehrte in wenig Augenblicken mit dem Herrn im Mantel zurück, worauf ſie eben ſo ſchnell mit ihm durch die andere Thüre wieder verſchwand. So viel der Bombardier von ſeinem unbekannten Herrn in dieſem Augenblicke ſehen konnte, fand er, daß deſſen Geſicht, ſo wie die ganze Figur ihm nicht ſehr behagte. Sie war in den Augen des feiſten Bombardiers von einer unwür⸗ digen Magerkeit, und eben ſo ärgerte ſich auch Tipfel über die un⸗ ordonnanzmäßige Beſchaffenheit des Kopfes. Ein röthlicher Backenbart zog ſich um das ſpitze magere Kinn, und lange braune Haare be⸗ Seeckten, ſorgfältig geringelt und gekämmt, beinahe die unförmlich großen geiſtloſen Augen. Beim Vorbeiſchreiten hatte der Fremde im Mantel ſeiner Seits den Bombardier etwas näher ins Auge gefaßt, und ein ſpöttiſcher Blick ſchien die ärmliche Toilette des Bombardiers zu bedauern. Tipfel ſtand allein in der Küche, und wußte jetzt faſt eben ſo wenig, ſeinen Brief an die Behörde zu bringen, wie früher. Sollte er das geräuſchvolle Manöver von vorhin noch einmal probiren? Doch er hatte es nicht nöthig, denn nach wenig Augenblicken kam das Dienſtmädchen allein zurück und begann ſich eifrig mit ihren Töpfen und Keſſeln zu beſchäftigen, wobei ſie mit, dem Bombardier ein herablaſſendes Geſpräch anknüpfte. „Iſt Er ſchon lange bei dem Herrn S.?2“ fragte ſie ſchnippiſch, und hob den Deckel von der Bratpfanne, ſo daß Tipfel, der dabei ſtand, in einem Meer von Duft und Wonne ſchwamm und kaum die Worte hervorbringen konnte:„Paſſirt ſo, noch nicht gar lange.“ 1 Darnach beſchäftigte ſie ſich mit ihren Tellern, Meſſern und— 67 Gabeln, ſo daß ein unerhörtes Geklapper entſtand, während ſie oben⸗ drein die letzte Arie aus der Nachtwandlerin ſang, und dabei die Worte: Ei ſo komm doch zc. ꝛc. einige Dutzend mal mehr als nöthig wiederholte. Der Bombardier ſah bei dieſem Lärmen nicht ein, wie es ihm möglich ſey, ſich auf eine feine Art ſeiner Privatbotſchaft zu entledigen. Er hatte ſeinen Brief aus der Taſche gezogen, den Patrouilllenzettel ſorgfältig davon abgewickelt und wollte eben die Adreſſe betrachten, als ſich mit einem Male die Thüre öffnete und ein Mädchen herein⸗ hüpfte, ſo ſchön und freundlich anzuſehen, daß Tipfel mit offenem Munde daſtand und ſich in allerlei ſeltſame Phantaſien vertiefte. Doch jetzt ſah er mit einem Male, daß um das runde friſche Geſichtchen die ſchönſten halbblonden Locken niederfielen. Er hörte, wie das Küchenmädchen, nachdem ſie noch einmal: Ei, ſo komm doch! gefungen, ſich mit der Frage an die Dame wandte:„Was befehlen Fräulein Pauline?“ und er wußte jetzt, wen er vor ſich habe. „Wo iſt denn die Tante?“ fragte die junge Dame, und die diplomatiſche Köchin verz zog ihr Geſicht zu einem ſonderbaren Lachen und präſentirte den Bombardier mit einem vielſagenden Blick als den Bedienten des Herrn S. Jetzt war der entſcheidende Augenblick gekommen. Die Köchin hatte in der Nebenkammer etwas zu thun, und Fräulein Pauline wandte ſich zum Fortgehen. Da trat der Bombar⸗ dier ffeſten Fußes vor ſie hin, machte eine der zierlichſten Verbeugun⸗ gen, die je ausgeführt wurden, und ſagte dem überraſchten Maͤdchen ungefähr Folgendes: „Mein Fräulein, Sie entſchuldigen, ein Mißverſtändniß, ich bin nicht der Bediente des Herrn S., vielmehr bin ich der Diener des Herrn, der vor einigen Abenden das Glück hatte, ſeltſamer Weiſe mit 3 Ihnen zu fahren. Er iſt untröſtlich, Ste nicht wieder zu ſehen, nd . 5* v 68. * hat es deßhalb gewagt, Ihnen einige Zeilen zu ſchreiben, die Sie vielleicht die Güte und Gnnde haben anzunehmen. Gew Herr iſt untröſtlich, Sie bis jetzt nicht wieder geſehen zu haben.“ Tipfel hatte in ſeinem Leben keine ſo lange Rede gehalten, und ſchwieg ganz erſchöft ſtill, um ſeine Lügen durch einen tiefen Athemzug zu reſtauriren; ein Athemzug, der einem ſchmerzlichen tiefen Seufzer glich, wofür ihn auch die junge Dame halten mochte, denn ſie M betrachtete den treuen Diener keineswegs mit einem böſen Blick. Als nun Tipfel noch hinzufügte, daß ſein armer junger Herr in Ver⸗ zweiflung ſey, und er beſtändig in Furcht lebe, ſeine Kühnheit von neulich Abends habe Fräͤulein Pauline erzürnt, verwandelte ſich ihr ernſtes Geſicht in ein halb freundliches, und ſie nahm wirklich den ihr dargebotenen Brief. Doch ſind wir feſt überzeugt, ſie that es nur in der reinen Abſicht, um den armen treuen Diener nicht zu kränken, und wird den Brief wahrſcheinlich, als ſie jetzt die Küche erließ, ungeleſen verbrannt haben. 3 iß, mein armer ————* Achtes Kapitel.. Die handelnden Verſonen mehren ſich und ſpielen theils angenehm, theils — unangenehm mit. Von der verwerflichen Eitelkeit der Dienſtboten. Schreckliche Verwechslungen und wie ſelbſt der Unſchuldigſte in Verdacht 4 kommen kann. Nachdem Tipfel auf ſo glänzende Art ſeinen Auftrag voll⸗ füͤhrt, wandte er ſich gegen das Küchenmädchen, das unterdeſſen wieder eingetreten war, und manöverirte, mit demſelben ſprechend, gegen die Thüre, um einen ſchicklichen Moment zu erwiſchen, 8 wo er das Haus verlaſſen könne, ohne ſeinen Gebieter, den Herrn *S., wieder zu ſehen. Doch das Schickſal beſchloß es diesmal anders. Kaum war nämlich Fräulein Pauline fort, ſo trat von der andern Seite ein Mann ein, der den Bombardier Tipfel mit einem forſchenden Blick betrachtete, ſich darauf gegen das Kuüchenmädchen wandte, und während er ſeinen Mantel abwarf, ifſe in ſehr ernſtem Tone fragte:„Wer iſt der Menſch da, und was will er?⸗ 3“ 70 Tipfel machte bei dieſer Bezeichnung ſeiner Perſon vermittelſt eines ſehr allgemeinen Ausdrucks ein ſonderbares Geſicht, und konnte es nicht unterlaſſen, den Frager etwas näher anzuſehen. Dieſer war ein ältlicher Herr von ſehr ſolidem und geſetztem Aeußern; er trug einen braunen Ueberrock bis unter das Kinn zugeknöpft, hatte an den Füßen Pelzüberſchuhe und um ſeinen Hals ein dickes ſchwarzſeidenes Tuch geſchlungen, in welches er von Zeit zu Zeit ſeinen Kopf bis zur Naſe vergrub. Trotz der barſchen Frage, die er gethan, war doch ſein Geſicht nichts weniger wie unfreundlich zu nennen, und jetzt, als ihm beide Theile die Antwort ſchuldig blieben, ſah er das Küchenmädchen mit einem halb ſpöttiſchen Lächeln an, nnd wiederholte ſeine Frage von vorhin, während er ſich die Pelzſchuhe ausziehen ließ, mit dem Zuſatze:„Wahrſcheinlich Dein Schatz, Marie, he?“ Hätte nur in dieſem Augenblicke Tipfel ein ſtattlicheres Anſehen gehabt, ſo hätte die ungeheure Eitelkeit des Mädchens ihre Gebieterin in keine Ungelegenheiten gebracht. Aber wer des Bombardiers Anzug, incluſive Hut zund beſchmutzte Stiefel ſah, der konnte der Köchin ſo arg nicht darüber zürnen, daß ſie den Kopf erhob, den Bombardier etwas geringſchätzig von der Seite anblickte, und mit ſpöttiſchem Ausdruck ſagte: »Na, hören Sie, Herr Regierungsrath, ſo ein Schatz, das ſollte mir noch abgehen;“— eine Geringſchätzung ſeiner Perſon, ddie ſelbſt den gleichmüthigen Bombardier etwas aus der Faſſung brachte und ihn für den Augenblick vergeſſen ließ, daß der ein⸗ getretene Herr vielleicht gerade eben der ſey, vor deſſen Auge zu erſcheinen der Herr im Mantel nicht für gut befunden hatte. Er zupfte deshalb, im Gefühl des gekränkten Stolzes, an ſeiner ſtrick⸗ artigen ſchwarzen Halsbinde und ſagte: 4 „ . „* 71 „Mein Herr, Sie irren ſich ſehr; ich ſtelle hier nicht den Schatz dieſer Perſon vor, ſondern«— Doch jetzt ſah Marie ein, daß der Bediente des Herrn S. im guten Zuge ſehy, ihre Gebieterin, und ſomit auch ſie zu ver⸗ rathen, weshalb ſie ihm raſch einen Wink gab und zu dem Herrn ſagte:„O, Herr Regierungsrath, es iſt nur ein armer Menſch, der zuweilen etwas zu eſſen hier bekommt!“ Die Unbeſonnene! So etwas konnte doch unmöglich ein königlicher Bombardier auf ſich ſitzen laſſen. Tipfel ſtreckte ſich auch alsbald in die Höhe, fühlte einen gelinden Zorn und fagte mit vieler Mäßigung: „Herr Regierungsrath, dieſe Küchenperſon da hat ſich unter⸗ ſtanden, Sie zu belügen. Nachdem ich die Ehre hatte, Ihnen zu vermelden, daß ich nicht ihr Schatz bin, füge ich hinzu, daß ich noch viel weniger ein armer Menſch bin, der hier zu eſſen bekommt, ſondern ich fungire vielmehr hier als ein Bedienter eines Herrn S., der, der“— Kaum hatte der Bombardier eines Herrn S. erwähnt, als der alte Herr plötzlich in die Höhe fuhr, wobei man deutlich ſehen konnte, das der freundliche Ausdruck ſeines Geſichts gänzlich verſchwunden war. Er zog ſeine Augenbrauen ſo ſichtbar zuſammen, daß es ſchien, als bringe er abſichtlich ſein Geſicht in den Ausdruck des Zorns, um das Dienſtmädchen zu erſchrecken: und fragte mit ſehr ernſtem Tone:„der Herr S., wer iſt der Herr S.? Ich will doch nicht hoffen“— IJetzt verlor die diplomatiſche Köchin plöglich ihre ganze politiſche Haltung; ſie fuhr mit dem Zipfel ihrer Schürze nach den Augen und ſtotterte:„Ach, Herr Regierungsrath— ich weiß doch nicht — ich kann doch nicht— was ſoll ich ſagen?“ worauf der alts Herr ſeinen Hut auf dem Kopfe feſt drückte und mit der andern 72 Hand über das Kinn fuhr, als wolle er über etwas nachdenken. Sodann ging er ſtillſchweigend durch die Thüre und man hörte ihn die Treppe hinaufſteigen. Tipfel hatte dieſer kleinen Scene mit nicht geringem Schrecken zugehört, und er begann ſich ſelbſt Vorwürfe zu machen, daß er nicht lieber das Maul gehalten und ſeinen Zorn niedergekämpft habe, als wie den Verräther zu machen. Doch kamen dieſe guten Vorfätze jetzt zu ſpät, und das Räthlichſte, was er thun konnte, ſchien ihm, ſich langſam nach der Thüre zurückzuziehen, die unter den Thorweg führte. Aber die Köchin hatte nicht ſobald ſeine Abſicht bemerkt, als ſie ihm in den Weg ſprang und ihm freilich mit etwas anders geſtellten Worten ſagte: daß nur über ihre Leiche der Weg in's Freie gehe. Darauf ſchluchzte ſie ſehr vernehmlich und Tipfel hörte deutlich die Worte:„So ein lumpiger Bedienter Herräth ſeinen Herrn! O Gott! o Gott! was ſollen die Fräuleins von mir denken? Was wird der alte Herr ſagen und der Herr S. 2. Ueber dies Letztere verſchaffte ihr die nächſte Minute gehörige Auskunft, denn man hörte Schritte die Treppe herab kommen, der alte Herr öffnete die Thüre, und da er ſeinen Hut tief in den Kopf gedrückt, ſeine Augenbrauen wieder ſo finſter wie möglich zuſammengezogen, auch den untern Theil ſeines Geſichts tief in die Halsbinde vergraben hatte, ſo glich er einem Vermummten der heiligen Vehme, der ein armes Schlachtopfer zum Richtplatz führt. Dies arme Schlachtopfer war der Herr S., der mit einer Armen⸗ fündermiene hinter dem alten Herrn drein kam. Er hielt ſeinen Hut in der Hand und ſeine waſſerblauen großen Augen ſchienen ſich in die Steine des Fußbodens verliebt zu haben. Der Regieruugsrath gab dem Küchenmädchen mit kurzen Worten zu verſtehen, daß ihre Gegenwart hier unnöthig ſey, und als dieee das Gemach verlaſſen, wandte er ſich gegen den Herrn S. und die Haare aus dem Geſicht, und ſagte mit ſüßer Stimme: 73 ſagte ihm in ſehr ernſtem Tone:„Herr Auditeur, es thut mir leid, Ihnen hier in Gegenwart Ihres Bedienten wiederholen zu müſſen, was ich Ihnen ſchon früher unter vier Augen ſagte. Ich kann ein Verhältniß mit meiner Schweſter: die beinahe Ihre Mutter ſehn könnte, weder billigen, noch viel. weniger erlauben, zu Ihrem eigenen Beſten, Herr Auditeur, und muß Sie alſo nochmals dringend bitten, Ihre Beſuche meines Hauſes in dieſer Abſicht nicht weiter fortſetzen zu wollen.“ Hier ſchöpfte der alte Herr tief Athem und es war, als habe er ſein Geſicht unten und oben nur verhullt, um dieſe Worte mit gehörigem Ernſt und halbem Zorn ſprechen zu können; denn er ſchien ſich vor ſeiner eigenen Gutmüthigkeit zu fürchten. Sobald er nun alſo ſeinen Willen kund gethan, nahm er ſeinen Hut ab, reckte Kinn und Mund aus dem umſchlingenden Halstuche, und ſetzte mit freundlichem Geſichte hiuzu:„Wie geſagt Herr Schmidt, es thut mir ſehr leid. Ich bin kein harter Mann, aber— nun ja, Sie wiſſen's ſchon. Wenn ich Ihnen ſonſtwo dienen kann, ſtehe ich gern bereit.“ Herr Schmidt hatte noch nicht aufgehört, mit den Steinen des Fußbodens zu liebäugeln; üur ein einziges Mal, als ſeines Bedienten erwähnt wurde, hob er den Kopf und warf dem Borbardier einen forſchenden Blick zu. Als aber der alte Herr geendigt hatte, machte der Auditeur zum Zeichen des Einverſtändniſſes eine tiefe, ſtumme Verbeugung, wobei er ſeine Hand auf das Herz legte, den Kopf auf die Bruſt herabſinken ließ, eine Verbeugung, welche, im Verein mit ſeiner Jammermiene, ungefähr ausdrücken wollte: Mein Herz iſt geborchen, ich ſenke mein Haupt in Betrübniß. Darauf machte er eine lange Pauſe, ſtrich ſich dann mit der dünnen weißen Hand „Beſter, geehrteſter Herr Regierungsrath, Sie ſprachen vr chin 74 von meinem Bedienten, und ſahen mich erſtaunt darüber. Dort, jene Perſon?“ 5 „Nun ja,“ entgegnete der alte Herr,„iſt das nicht ihr Diener? Höre Du“— wandte er ſich an Tipfel,„biſt du denn nicht der Diener des Herrn Auditeur da?“ wogegen der Diener ſtatt aller Antwort mit dem Kopfe ſchüttelte und die Achſeln zuckte, eine Pan⸗ tomime, die der Regierungsrath auch gegen den Herrn Schmidt ausübte. Doch dieſer, der Herr Auditeur, der nun zu ſeiner großen Zufriedenheit Jemand fand, an dem er ſeinen Zoru auslaſſen konnte, warf den Kopf zurück und fragte genau in demſelben Tone, als ſey er bei ſeinem Militärgericht beſchäftigt, einen armen Soldaten über einen Subordinations⸗Fehler auszuforſchen:„Wer iſt der Dummkopf?“ Tipfel würde ihm wahrſcheinlich eine paſſende Antwort ertheilt haben, wenn nicht ſchon vor dieſer Frage der ferne dumpfe Ton eines Kanonenſchuſſes an ſein geübtes Ohr geſchlagen wäre. Auf⸗ merkſam lauſchte er, die Worte des Auditeurs gänzlich überhörend. Bumm! richtig es ſiel ein zweiter Schuß, jetzt ein dritter. Auch der Regierungsrath hörte die Schüſſe und wandte ſich fragend an den Auditeur, worauf dieſer gleichguͤltig antwortete: „Wahrſcheinlich ein Kettengefangener entſprungen. Das wird wieder auf allen Wachen Allarm geben, und iſt alsdann des Patrouillirens auf den Straßen kein Ende.“ Tipfel war bei jedem der Schüſſe bleicher geworden;; denn ihm fiel deutlich ein, daß ſich jetzt von allen Thoren größere und kleinere Patrouillen draußen nach den Forts begeben, um dieſe genau zu unterſuchen, da es ſchon mehrmals vorgekommen, daß ſich die entſprungenen Gefangenen in den Kaſematten und verdeckten Gräben tagelang aufgehalten. Ihm fiel ferner ein, daß die Thore geſchloſſen 8 8 75 1 würden und Niemand hinaus dürfe. Alles das beſtürmte ſein Herz dermaßen, daß er den Reſpekt gegen einen königlichen Regierungsrath und Auditeur gänzlich bei Seite ſetzte. „O Himmel tauſend Sakerment! Meine Wache!“ fluchte er, riß die Küchenthüre auf, ſtürzte in den Thorweg und von da in's Freie. Haſtig ſprang er gegen die Ecke des Platzes, wo er den Kanonier Schulten gelaſſen. Doch dieſer war verſchwunden, und Alles wüſt und leer. Vom Boden glänzte ihm etwas entgegen, es war eine der Weinflaſchen, aber Schulten hatte ſie ausgetrunken; die andere war gar nicht zu finden. Auch zeigten dem Bombardier hie und da auf dem Schnee zerſtreute Stücke grauen Papiers deut⸗ lich an, daß Schulten ſeinem Landsmann, dem Weſtphälinger, ebenfalls den Garaus gemacht. Auch den Kanonier mußten die drei Schüſſe fortgetrieben haben, denn er hatte in der Eile auf dem Stein einen kleinen Zettel liegen laßen, wahrſcheinlich die Anweiſung auf den Rüdesheimer und den Schinken, den köſtlichen Zettel, deſſen Neſultate hier vergeudet worden waren, ohne daß der unglückliche Bombardier mit gemächlicher Ruhe davon genoſſen hätte. Mecha⸗ niſch riß er das Papier auseinander, hielt es gedankenlos gegen den. Mond und las: „Mein Fräulein! Werden Sie einem Unbeſonnenen zürnen, der, nachdem ihn neulich Zeit und Umſtände getrieben, eine der glücklichſten Stunden ſeines Lebens in Ihrer Nähe zu verbringen—“ Das las Tipfel und griff an ſeine Stirn, um zu erfahren, ob er wache oder träume; er griff an ſeine Stirn, ja, die brannte fieberhaft ob all dem Schrecklichen, was ihm heute Abend paſſtrt und noch paſſtren würde; er griff in ſeine Bruſt, und hier fror 76 es ihn erbärmlich durch den dünnen Frack; er faßte an ſeinen Magen, der war hungrig und leer. Dann warf er noch einen Blick in das Papier, in den Brief ſeines Freundes, den er un⸗ glücklicher Weiſe verwechſelt und an deſſen Stelle er dem hübſchen blonden Madchen die Anweiſung auf Rüdesheimer und weſtphäliſchen Schinken eingehändigt hatte. Dann ſchlug er ſich abermals vor die Stirn und trabte ſchwerfällig nach der Gaſſe, wo ſein Freund, der Schreiber, wohnte, um da auf's Geſchwindeſte ſeine Uniform wieder anzuziehen. Er ſtürzte vor das Haus und ſah nach dem fünften Stock empor, aber es war da oben kein Licht zu ſehen. Was ſollte der Aermſte machen? Seine Uniform mußte er doch wieder haben. So raſch als möglich kletterte er die Treppe hinauf und klopfte erſt leiſe, dann immer lauter an die Thüre der Dachkammer. Doch es öffnete Niemand. Tipfel trommelte in ſeiner Angſt mit Händen und Füßen gegen die Bretter, fluchte dabei ganz entſetzlich und rief ſeinen Freund beim Namen. Kurz, er vollführte einen ſolchen Spektakel, daß ſich bald die Bewohner der untern Stockwerke dar⸗ über empörten. Im vierten Stock öffnete ſich eine Thüre, und ein altes Weib in einem ächten Hexennegligée leuchtete die Treppe hinauf und erkundigte ſich mit einer kreiſchenden Stimme, was für ein Hallunke, Spitzbube oder Mörder da oben ſein Weſen trieb? Aus dem dritten Stock herauf fluchte eine tiefe Baßſtimme: wenn der 3 Lärm dort oben nicht aufhöre, ſogleich auf die Polizei zu gehen. Dazwiſchen ließen ſich mehrere Kinderſtimmen im höchſten Diskant vernehmen, ein paar Hunde bellten, und durch all' den Lärt⸗ hörte Tipfel von unten ein paar ſchleppende Pantoffeln die derdor hertuſ klappern, die ohne Zweifel der Hauswirthin gehörten, einer alten ſtämmigen Dame, die im Erdgeſchoß einen Specereiladen di⸗ rigirte. 77 Der Bombardier hatte beim Erſteigen der Treppen ſeinen Frack ausgezogen, um mit dem Umkleiden ſchneller fertig zu werden, doch hatte ſich ja Alles gegen ihn verſchworen. Da ſtand er vor der Thüre rathlos und thatlos. Sollte er ſich mit dem Rücken gegen die morſchen Bretter fallen laſſen und ſo das Zimmer erſtürmen; er hätte es wahrhaftig gethan, wenn nicht das Haus in allen ſeinen Stockwerken ſchon durch ſein Hämmern an der Thür in den größten Aufruhr gekommen wäre. Die klappernden Pantoffeln hatten ſchon die Belletage erreicht und die Baßſtimme erwähnte immer häufiger der Polizei, woraus dann der arme geängſtigte Bombardier für das Gerathenſte hielt, ſich ſo ſchnell als möglich zum Rückzug anzuſchicken. Er polterte die vierte Treppe hinab, gegen das alte Weib, welches beim Aublick des Menſchen in Hemd⸗ ärmeln laut kreiſchend die Flucht ergriff und in Einem fort ſchrie: „Ein Dieb! haltet den Dieb!“ Die Baßſtimme unten vereinigte ſich mit dem Ruf, und der Eigenthümer derſelben ergriff, als Tipfel bei ihm vorbeirennen wollte, einen Aermel des unglücklichen ſchwarzen Fracks. Doch Tipfel, in ſeiner Todesangſt, ließ nicht los, und da er ſchon auf der dritten Teeppe war, ſo hätte er alſo unfehlbar durch die Schwere ſeines Körpers ſeinen Frack mit der daran hängenden Baßſtimme hinuntergeriſſen, wenn der Mann im dritten Stockwerk nicht klüglicher Weiſe mit dem einen Arm das Treppen⸗ geländer erfaßt hätte. So aber wurde der Lanf des dicken Bombärdiers für den Augenblick durch den ſchwarzen Frack gehemmt und der Aermſte ſchwebte, im wahren Sinne des Wortes, über einem Abgrund, in deſſen Tiefe die dicke Hauswirthin, mit Licht und Feergabel bewaffnet, lauerte. Wer weiß, zu welchem Ende ddies geführt hätte, wenn nicht der Frack auf einmal mit einem lauten Krachen auseinander geriſſen wäre, worauf Tipfel in mög⸗ lichſter Geſchwindigkeit die Treppe hinabrollte. Doch kam dies 78 glücklicher Weiſe ſo unerwartet für die Untenſtehenden, daß Alles, da im Begriffe war, den Dieb feſtzuhalten, die dicke Hauswirthin an der Spitze, auf die Seite ſprang, und dem armen Tipfel geſtattete, ſchleunigſt das Haus zu verlaſſen. 6 ſo hörte er bald nichts mehr und blieb einen Augenblick fehen um Neuntes Capitel. Von den ſchrecklichen Folgen, die das Entſpringen eines Kettengefan- genen haben kann. Der Zombardier Tipfel geräth in Verzweiflung, will zum Selbſtmärder werden und begeht in der Codesangſt den erſten geſcheidten Streich ſeines Lebens, in deſſen Folge er arretirt wird. Auf der Straße angekommen, wandte ſich Tipfel raſch um die nächſte Ecke und lief um ſo ſchneller, als er aus dem Hauſe ſtürzend, auf einen Menſchen geſtoßen war, der ihn auf uhalten ſuchte und der ihm jetzt nachzurennen ſchien... „Halt doch, halt doch!“ rief es hinter ihm.„Zum Teufel, ich bin's ja! Halt doch, Tipfel!“ Vergebens. Der Dämon, der heute Abend alle Schritte des armen Bombardiers begleitet hatte, ließ ihn die Stimme ſeines Freundes, des Schreibers, verkennen, und je mehr dieſer ſchrie, um ſo ſchneller rannte Tipfel, und da er dabei in alle Nebengäßchen hineinſprang, überhaupt ſo oft um eine Ecke ſegelte, wie nur möglich, 80 Athem zu ſchöpfen und ſeinen Frack wieder anzuziehen, den er bis jetzt wie eine Huſarenjacke auf dem Rücken getragen hatte. Ach, es war nur noch der Theil eines Frackes, ein Aermel war ganz ausge⸗ riſſen und die Hälfte des Kragens, ſo wie das linke Vordertheil fehlten ebenfalls. Aber trotzdem mußte ſich Tipfel entſchließen, das Gewand ſo gut wie möglich anzuziehen, denn da es ſeither noch kälter geworden war, fror es ihn ganz erbärmlich. Jetzt ſchlug es auf den Kirchen neun Uhr, und das letzte ſchreckliche Unglück, daß man ihn für einen Dieb gehalten, hatte ihn gar nicht mehr daran denken laſſen, daß er Wachthabender ſey, und noch dazu auf einem Fort, das wenigſtens eine gute halbe Stunde von dem Platz entfernt lag, wo er ſich gerade befand. Aber die Nothwendigkeit ſchärfte ſeinen Verſtand, und er entwarf ſchnell einen Operationsplan, um ungefährdet auf ſein Fort zu entkommen, wo er dann ſeinen Freund in die Stadt ſchicken konnte, um ſeine Uniform zu holen. Da die Thore der Stadt jetzt verſchloſſen waren, ſo ließ er ſeine Gedanken auf den Wällen umherſpazieren, um einen Ort zu finden, wo er über Wälle und Gräben das Freie gewinnen konnte. Glücklicher Weiſe fiel ihm ein, daß nach der Richtung, wo ſein Fort lag, ſich die Baſtion befand, wo das Geniecorps der Garniſon zur Uebung eine Descente in den Hauptgraben gelegt hatte, und wo er alſo die zwanzig Fuß hohe Mauer nicht hinabzuſpringen brauchte. Er wandte ſich eilig dorthin und ſchlüpfte dicht an den Haͤuſern vorbei, um den Patrouillen oder der Polizei, die heute Nacht wegen dem entſprungenen Gefangenen überall umherſtreifte, nicht in die Hände zu fallen. Hierin begünſtigte ihn auch das Glück und er hatte bald die belebtern Straßen hinter ſich und bog in die ärmlicheren Stadtwinkel ein, wo Milchverkäufer Sasiſehändler und dergleichen Leute in kleinen Häuſern wohnten, die ſtens in Gärten ſtanden, — — — die Baſtion auf einem 81 welche an den erſten Wallgang ſtießen. Da Tipfel ſchon ſehr oft in dieſem Theile der Feſtung den Dienſt eines Wallaufſehers verrichtet hatte, ſo kannte er glücklicher Weiſe alle Eingänge, Gräben und Wälle auf's Genaueſte. In kurzer Zeit ſtand er vor einem hohen Gitterthor, über welches er nicht ohne große Anſtrengung hinweg⸗ kletterte. Dann ſtieg er eine ſchmale ſteinerne Treppe hinauf und befand ſich auf dem erſten Walle. Da er ſehr wohl wußte, daß die Wachen an den Pulverthürmen von allen Seiten dieſe Werke genau überſehen konnten, und beſonders heute Nacht, wo der weiße Schnee alle dunkeln Gegenſtände ſcharf hervortreten ließ, ſo drückte er ſich dicht an die Bruſtwehren und ſchlüpfte, wo er konnte, von einer Schießſcharte zur andern. So gelangte er auf die ſogenannte Exercirbaſtion, wo die ſchweren und leichten Feſtungsgeſchütze ſtehen, an denen in ſchönen Vormittags⸗ ſtunden die Artillerie zu ihrem Nutzen und Vergnügen ſich einige Stunden mit der praktiſchen Erlernung des Ladens, Richtens und Abfeuerns beſchäftigen darf. Erſchöpft lehnte ſich Tipfel hier an einen coloſſalen Vierundzwanzigpfünder, der durch ſeine gemauerte Schieß⸗ ſcharte gleich einem eiſernen Zeigefinger ſpottend nach der Gegend wies, wo das Fort des Bombardiers lag, jene heimliche, trauliche Wachtſtube, die er einem Freunde zu Liebe verlaſſen hatte, um ſich in tauſenderlei Gefahren zu ſtürzen, die noch nicht beendigt waren. — So überaus unangenehm auch die Exercirſtunden waren, die Tipfel hier ſchon verbracht, beſonders wenn der Wind recht kalt und ſcharf über die Bruſtwehr der Baſtion blies, ſo daß er oft vor Zähne⸗ geklapper das Commando nicht geben konnte, ſo wünſchte er ſich doch ſehnlichſt einen jener Augenblicke zurück, ja ſogar den, wo er wegen eines Fehlers vier und zanzig Stunden Arreſt erhalten hatte. Ach, 5 damals wußte er doch, Hackländer, Wachtſtuber 6 m bevorſtand, damals konnte er doch geebneten Wege verlaſſen, aber heute, — wenn er auch wirklich glücklich durch die Descente in den Hauptgraben kam, ſo hatte er doch noch eine Lunette zu erklettern, noch ein paar Reihen Palliſaden zu überſpringen, und konnte, was das Allerſchlimmſte war, noch an allen dieſen Orten von irgend einer Patrouille aufge⸗ griffen werden. Obendrein ſchimmerte im Hintergrunde noch die ſchreckliche Ungewißheit, ob nicht vielleicht ſeine Wache unterſucht worden ſey, ſeine Abweſenheit entdeckt, und nicht ſchon an die Commandantur ein Meldezettel abgegangen mit den Worten, daß der Wachtkommandant vom Fort IV. heimlicher Weiſe ſeinen Poſten verlaſſen und ſich der Deſertion ſehr verdächtig gemacht habe. Dabei ſchwebte ihm ſo etwas von Degradation vor, ein graues Gemiſch von ſechs Wochen Arreſt, vom Verluſt der Nationalkokarde, ſo daß der arme geängſtigte Menſch, beſonders da er wohl wußte, daß weder Pulver noch Blei auf der Baſtion war, einen Augenblick bei ſich überlegte, ob er ſich nicht lieber mit dem Vierundzwanzigpfünder erſchießen ſolle, um ſo ſeinen Leiden auf einmal ein Ende zu machen. Doch ſeine beſſere Natur ſiegte, er ſuchte und fand bald den Eingang der Descente und rutſchte durch den finſtern, ſteil abwärts ziehenden Gang raſch in den Hauptgraben. Hier wand er ſich an der Feſtungsmauer links, um dort, wo ſich der vorſpringende Winkel der Lunette am meiſten dem Hauptgraben nähert, in die Höhe zu klettern. In der hohen Mauer des Hauytwalles befinden ſich mehrere Eingänge, welche in Kaſematten und Minenwege führen, und wo zur Friedenszeit allerlei Vorräthe der Artillerie aufbewahrt werden. Dieſe Eingänge ſind mit ſtarken eiſernen Thoren und vermittelſt eines eiſernen Querbalkens verſchloſſen. Als ſich der Bombardier hier von hohen Feſtungswerken um⸗ geben ſah in ſo ſpäter Stunde der Nacht, wo Alles weit umher ruhig und ſtill war, auf dem Grunde des tiefen Grabens, wohin weder der aͤr der Landſtraße, noch das geräuſchvolle Treiben 3 83 er Stadt dringen konnte, trat ihm plötzlich der Gedanke an jenen entſprungenen Kettengefangenen, wie ein Geſpenſt vor die Seele. Wie, wenn auch dieſer, da er vielleicht nicht über die Werke hinauskonnte, hier in den Gräben umherirrte, wenn er ihm zufällig begegnete, und wenn der Verbrecher vielleicht über ihn herfiele und ihn todt ſchlug! denn von einem ſolchen Kerl, der in der Ver⸗ zweiflung war, ergriffen zu werden, ließ ſich Alles erwarten. Daß es ein ſchwerer Verbrecher, wahrſcheinlich ein Mörder war, hatte Tipfel an dem Signal gehört, das durch drei Kanonenſchüſſe gegeben wurde, indem für entſprungene Militärſträflinge nur ein Schuß gethan wird, für geringere Verbrecher zwei. Auch geſellte ſich zu dieſen Phantaſten noch ein anderer ſchreck⸗ licherer Gedanke, daß man ihn, den armen unſchuldigen Bombardier, im Fall er ergriffen würde, am Ende gar für den entlaufenen Mörder halten könne. So ſchlich er an der Feſtungsmauer dahin, ſcharf umherſpähend, und blieb plötzlich wie angefeſſelt ſtehen. Vor ihm, keine hundert Schritte, ſah er in der Hauptmauer einen jener Eingänge, von dem wir eben ſprachen, und wenn ihn das Dunkel der Nacht nicht getäuſcht, erblickte er eine Geſtalt, die von der andern Seite der Mauer herſchlich, in jenen Eingang hineinſchlüpfen. Das war der entſprungene Mörder, ertönte es plötzlich durch ſeinen ganzen Körper, und er fühlte, wie eine Ganſehaut ihn bedeckte. Er war ohne Waffen, ja ſogar ohne Stock; was ſollte er thun? Sollte er umkehren, denn wenn er voswärts ging, mußte er bei jenem Eingange vorbei, der Verbrecher ſah ihn, ſtürzte wie ein wildes Thier aus ſeiner Höhle auf ihn los und— die Blüthe deutſcher Bombardierſchaft war nicht mehr. Es iſt vielleicht jedem von unſern Leſern ſchon vorgekommen, daß ſich in ſolchen Augenblicken, wie der eben beſchriebene, der 8* 84 vorhandene Muth krampfhaft zu einer unbegreiflichen Höhe ſteigert. Wir nehmen an, es fürchte ſich Jemand vor Geſpeuſtern, er geht ſchon in Gedanken einem ſolchen Weſen hundert Stunden aus dem Wege. Da ſieht er in einer ſchönen Nacht etwas Unbegreifliches neben ſich auf der Straße wandeln; es iſt vielleicht eine ſchattenhafte Geſtalt, die über den Boden dahin gleitet, ſtatt ſolide mit den Fußen aufzutreten. Hätte er vorher gewußt, daß ihm auf jenem Wege etwas der Art begegnen würde, ſo würden ihn vielleicht die Schätze Indiens nicht vermocht haben, dahin zu gehen. Aber jetzt übermannt ihn die Furcht, es zuckt durch⸗ſeinen Körper eine unbe⸗ ſchreibliche Wuth, ſich an jenem Weſen zu rächen, das ihn in Furcht verſetzt, und auf einmal ſtürzt er willenlos auf das Geſpenſt zu, mit dem feſten Vorſatz, ihm den Hals umzudrehen. Da es keine Geſpenſter gibt, wird er wahrſcheinlich an eine weiße Thür oder an einen harmloſen Menſchen rennen, und jetzt iſt auch ſein Muth ſchon wieder verraucht und er begibt ſich nach einer kurzen Entſchuldigung eilig nach Hauſe, nicht ohne ſich einige hundert MNal ängſtlich umzuſehen. Genau ſo erging es dem Bombardier Tipfel. Nachdem eine plötzliche Furcht in ſeinem Körper alle Ideen von Muth wie ein raſendes Feuer aufgezehrt, fühlte er plötzlich ein krampfhaftes Zucken in ſeinen Händen und den feſten Vorſatz in ſeiner Seele, ſich von jenem Verbrecher nicht den Schädel einſchlagen zu laſſen, ſondern ihm vielmehr im Fall der Noth ein Aehnliches zu thun. Auf den Zehenſpitzen ſchlich er dem Eingange zu, Schritt vor Schritt ſtehen bleibend und horchend. Jetzt hatte er ihn erreicht, und ſein DOhr an die Mauer legend, hörte er leiſe tappende Schritte, die on der gemauerten Wendung des Ganges wiederhallend, ſich nach Innen zu verlieren ſchienen. Wie ein gereiztes Thier ſprang jetzt 8 Tipfel vor die Oeffnung, warf die Thorflügel zu und ſchob den — 8⁵ Querbalken davor. Doch, wie ſchon geſagt, nach dieſer That war ſein Muth und ſeine Kraft plötzlich dahin, und er mußte ſich einen 8 Augenblick an dem Gitter halten, um nicht umzufallen. Jetzt kamen die Schritte aus dem Innern des Ganges eilig näher, Tipfel konnte die Geſtalt eines Menſchen unterſcheiden und ſprang zu ſeinem guten Glück zurück, denn der entflohene Mörder— er war es wirklich— warf ein Stück Eiſen mit ſolcher Gewalt gegen ihn, daß es ihm unfehlbar würde den Kopf zerſchmettert haben. Doch ſo fuhr es klirrend durch das Gitter bis in die Mitte des Grabens. Obgleich der Bombardier von dem Eingeſperrten nichts mehr zu fürchten hatte, indem das Thor ſo ſtark und gut verſchloſſen war, daß jener es unmöglich aufbrechen konnte, ſo überwältigte ihn doch die Furcht, und er kletterte mit größter Anſtrengung an dem Walle der Lunette empor. Jetzt war er faſt oben, warf ſchaudernd einen Blick zurück in den dunkeln Graben und konnte noch deutlich die Oeffnung jenes Gewölbes entdecken, die von hier wie ein ſchwarzer Flecken in der Mauer ausſah. Es graute ihm, wenn er an den Menſchen dort unten dachte, den er gleich einem wilden Thiere eingeſperrt, der nun wahrſcheinlich in ſtummer Ver⸗ zweiflung an den Eiſenſtäben rüttelte und ihm gewiß tauſende von Flüchen nachſandte. Es war ihm auch, als hörte er von unten die dumpfe Stimme des Mörders und raſch ſchlüpfte er an eine Schießſcharte der Lunette, um von dort an einen der Außengräben zu gelangen, als er plötzlich durch ein lautes:„Halt! wer da?“ das aus dem Munde eines Poſtens kam, der bei den Kugelhaufen auf der Lunette ſtand, aufgehalten wurde.„Halt! wer dal“ wiederholte der Soldat, als Tipfel keine Antwort gab, und ſchlug das Gewehr an. „Gut Freund,“ entgegnete der Bombardier, und trat näher, 7. 2.„. 8 indem er ſich nicht wenig freute, einen Cameraden gefunden zu 8* 86 haben, mit dem er über ſein eben beſtandenes Abenteuer plaudern konnte. Doch der Poſten, ein einfacher Infanteriſt, nahm die Sache anders.„Stehe!« ſchrie er,„oder Gott ver ich ſchieß' Dich über den Haufen.“ Jetzt fiel es aber auch dem armen Tipfel plötzlich wieder ein, daß er nicht in der unſchuldigen Bombardier⸗Uniform daſtand, ſondern in ſeinem zerriſſenen ſchwarzen Frack, der bei dem Durch⸗ ſchlüpfen zwiſchen den Schanzen und über Palliſaden noch mehr zerfetzt worden war. Den Hut mit der ſchmalen Krämpe hatte er bei dem eiligen Lauf ganz verloren. 8 Nachdem ſich der Bombardier ſtillſchweigend von oben bis unten ſelbſt betrachtet, blieb er nicht lange in Zweifel, für was ihn der Poſten auf der Lunette eigentlich halte, und er erkannte mit Schrecken, daß es jetzt heiße: bis hieher und nicht weiter. Der Infanteriſt ließ ihn gewiß nicht wieder laufen, und wenn er ihm auch ſeine unglückliche Geſchichte noch ſo klar auseinanderſetzte. Es war alſo nichts Beſſeres zu thun, als ſich ruhig auf einen Kugelhaufen zu ſetzen und ſich alsdann, dem gewöhnlichen Lauf der Dinge nach, mit der nächſten Ablöſung auf die Hauptwache bringen zu gaſſen. Vor ſich erblickte er die ſchneebedeckte Landſchaft, in welcher ſich wie ein dunkler Fleck das Fort Nro. IV. mit ſeinen Außenwerken und den es umgebenden Bäumen zeigte. So nahe dem rettenden Lande mußte er Schiffbruch leiden. Jetzt begannen die Uhren der Stadt die zehnte Stunde zu ſchlagen und bald darauf wurde auf dem Wallgange der einförmige Schritt der Ablöſung hörbar. Jetzt öffnete der Gefreite das kleine Gitterthor, das auf die Lunette führte und trat in das Werk. „Halt! Wer da?“ »Ablöͤſung!“ Ablöͤſung vor! Auf dem Poſten iſt Alles in Oednung; nur damm mich, 8,— habe ich eben einen Menſchen arretirt, der auf höchſt verdächtige Art aus dem Hauptgraben auf die Lunette geklettert iſt. Mir ſcheint,, ſetzte die Schildwache leiſer hinzu, nes iſt der entſprungene Ketten⸗ gefangene,“ worauf ſich der Gefreite ſehr in die Bruſt warf, und . wahrſcheinlich ſchon in dem Gedanken ſchwelgte, daß ihm nächſtens 2* das allgemeine Ehrenzeichen nicht entgehen könne. Tipfel betrachtete ſich den Gefreiten etwas genauer, und als er ſah, daß es ein alter Soldat ſey, mit gewaltigem Schnurrbart und mit einem ſtrengen, Chrfurcht gebietenden Unteroffiziersgeſichte, machte er gar keinen Verſuch, den wahren Stand der Dinge zu erzählen, indem er doch wohl wußte, daß ihm dies hier gar nichts helfen würde, ſondern ließ ſich vielmehr in ſtiller Ergebung auf die Hauptwache bringen, wo er ſogleich in das Zimmer des wachthabenden Ofſiziers geführt wurde. Zehntes Capitel. Worin der Leſer den Unterſchied einer Offtzier-Wachtſtube von der im erſten Cupitel beſchriebenen kennen lernt. ein heimliches und ſehr angenehmes Gemach; daß ſich nur ein Fen⸗ ſter in demſelben befand, welches noch obendrein ſtark vergittert war, waren bis auf eine kleine Stelle leer, eine Stelle, welche von Weitem wie ein dunkler Oelfleck ausſah. Doch fand ſich bei näherem Betrachten, daß dieſer Fleck kein Fleck, ſondern vielmehr eine Lithographie war, die einen Infanteriſten in Paradeuniform darſtellte, welcher von ſeinem Herrn Lieutenant zum Präſentiren abgerichtet wurde. Dies Bild r von einem Portepée⸗Fähnrich geſtiftet worden, der das Gelübde han hatte, die Wachtſtube mit einem nützlichen Möbel zu ſchmücken, d ihm die Seligkeit der Epauletten zu Theil wuͤrde. Anfänglich kite er an die Stiftung eines Armſeſſels gedacht, doch war er aus Die Offtzierſtube der Hauptwache war Abends bei Ker enſchein 3 hatte alsdann nichts zu ſagen. Die vier weißgetünchten Wände 4 89 verſchiedenen Umſtänden ſo heruntergekommen, daß er am Ende nichts Wenigeres zu ſchenken wußte, als das Bild eines Lieutenants. An den übrigen Wänden des Zimmers befanden ſich verſchiedene Nägel und Haken, an welchen allerlei luxuriöſe und nützliche Gegen⸗ ſtände hingen, als: ein alter Wachtmantel, ein länglicher Eßkorb, eine Guitarre mit einem verſchoſſenen himmelblauen Bande, eine Reitpeitſche, eine beſchmutzte Wachtinſtruction, ein ſtark gebrauchtes Handtuch, an welchem unten ein zerſprungener Spiegel feſtgemacht war. Auf einem Ecktiſchchen befand ſich ein großes blechernes Din⸗ tenfaß, das aber ausſah, wie eine alte verſchüttete Stadt, denn es war ſo mit Tabakaſche bedeckt, daß nur hie und da noch ein kleiner Rand des Bleches hervorſah. Unter ihm lag eine einzige halbe Oblate, die letzte eines zahlreichen Geſchlechts, die ſchon ſeit Jahren wie ein Heiligthum unantaſtbar war. Hier thronte auch auf einem unor⸗ dentlich umherliegenden Spiel Karten eine beſtaubte Bibel— ein Geſchenk der Elberfelder Miſſions⸗ und Bibel⸗Geſellſchaft. Dieſem Ecktiſchchen gegenüber ſtand links vom Eingang ein mit Leder über⸗ zogenes Sopha, deſſen Naturfarbe ſehr in's Dunkle übergegangen war, und welches mit der Zufriedenheit und Glückſeligkeit des Alters glänzte. Vor dieſem Sopha ſtand ein viereckiger Tiſch, um welchen theils auf alten defekten Stühlen, theils auf dem eben beſchriebenen Wachtdivan ſelbſt fünf bis ſechs junge Helden ſaßen, die bei Bier und Tabak die Zeit mit geiſtreichen Geſprächen verbrachten. Der wachthabende Lieutenant, eine kleine runde, ſehr geſund ausſehende Figur, mit dünnen blonden Haaren und einem kaum be⸗ merkbaren, weißblonden Barte, ſaß als der Wirth auf einem der Stühle und machte die Honneurs, d. h. er ſchenkte die Biergläſer voll und brannte die Fidibuſſe an, wo es verlangt wurde. Neb ihm lag in der Ecke des Sophas ein unendlich dürrer Menſch, war ein Fähnrich mit ſo langen Beinen, daß ſie auf der andern 90 Seite des Tiſches noch hervorſahen. Er hatte den Kopf melancholiſch 4 in die Hand gelegt und ſah nachſinnend zur Decke empor. Neben ihm in der andern Ecke ſaß ein Cavallerieoffizier mit ſchwärzlichem Haar und Bart, der ſich vergebens bemühte, eine Arie aus den Hugenotten, von welcher er unaufhörlich verſicherte, daß ſie ganz gottvoll ſey, wieder in's Gedächtniß zu bekommen. 8 Ihm gegenüber waren zwei andere Lieutenants in einen ſehr A intereſſanten Streit verwickelt. Sie hatten einen Bierkrug zwiſchen ſich und waren beſchäftigt, den eingebrannten Stempel„Selters“ zu leſen, von dem der Eine behauptete: dies Wort würde Selter, das t wie t ausgeſprochen und ohne s geleſen, worauf der Andere ver⸗ ſicherte: es heiße Selzers, das t wie z und mit s ausgeſprochen. Da ſie ſich hierüber nicht vereinigen konnten, ſo wandte ſich Einer an den langen jungen Fähnrich und trug ihm den Streit vor, wor⸗ auf dieſer, ohne die Augen zu ſenken, oder ſeine Stelle etwas zu verändern, mit vieler Würde dahin entſchied: Jeder könne leſen, wie es ihm am beſten gefiele, ein Ausſpruch, der von allen Anweſenden mit einem lauten Gelächter verehrt wurde. „ Ausgezeichnet,“ ſagte der Wirth.„Ganz witzig,“ meinte der. mit dem ſchwarzen Bart, und einer der Mineralwaſſerkrugunterſucher 0 ſagte lautslachend:„Ein unvergleichlicher Kerl, der Eduard!“ 3 In dieſem Zuſtande der Heiterkeit befand ſich die Offtzierſtube der Hauptwache, als man draußen Gewehre aufſtoßen hörte, und der Gefreite der Ablöſung mit der WMeldung hereintrat: er habe auf der Lunette Nro. XXIV. ſo eben einen höchſt verdächtigen Menſchen aufgegriffen, und wenn er es wagen dürfe, vor ſeinem Vorgeſetzten eine Meinung auszuſprechen, ſo vermuthe er faſt, es ſey der eh 3 gene Kettengefangene.— Diteſe Meldung wirkte ſehr überraſchend auf die verſammelten Dſühſi Juerſt lhen ſich Alle mit dem Ausdruck des höchſten ——„ ſchwiegener Menſch, keinen Namen von Straßen oder Perſonen nannte 91 Erſtaunens an; dann baten ſie den wachthabenden Offizier, den Delinquenten doch gleich hereinkommen zu laſſen, und der lange Eduard meinte, man ſolle ein förmliches Verhör mit ihm anſtellen, ſie würden das eben ſo gut können, wie der Herr Auditeur, worauf man den Gefreiten beauftragte, den Verhafteten eintreten zu laſſen. Aller Augen waren nach der Thür gerichtet. Man ſtellte ſich unter dem Gefangenen einen hagern, wild ausſehenden Kerl vor, mit eingefallenem, bleichem Geſicht, borſtigen Haaren und zerriſſenen Ketten an Füßen und Armen, und war daher nicht wenig überraſcht, als der dicke Bombardier eintrat, ſich ſo gut wie möglich verneigte und alle mit ſeinem gutmüthigen Geſicht der Reihe nach ziemlich verlegen anſtarrte. Die Erſcheinung des armen Tipfel hatte etwas höchſt Lächerliches. Der zerfetzte Anzug, der ihm überall zu klein war, der zerriſſene Frack, dem der linke Aermel fehlte und ſtatt deſſen ein ziemlich ſchmutziges Hemd hervorſah,— wir wollen übrigens damit nicht andeuten, daß die Wäſche des Bombardiers in keinem guten Zuſtande geweſen ſey, ſondern Alles auf den ſonderbaren Weg ſchieben, den er heute Abend gemacht,— kurz, dem ganzen verdächtigen Aeußeren wurde aber durch das gar zu gutmüthige Geſicht alles Pikante weg⸗ genommen.. 3 Nachdem der Wachthabende ſeinen Tſchako, den er der Bequem⸗ lichkeit halber abgelegt, wieder aufgeſetzt hatte, und ſich ſeine Freunde um ihn gruppirt, begann das Verhör, indem man dem Bombardier die Frage ſtellte: wer er ſey, worauf Tipfel alle ſeine Abenteuer von heute Abend, ſeit er das Fort verlaſſen, mit größter Genauigkeit erzählte, wobei er aber, wie es ſich von ſelbſt verſteht, als ein ver⸗ „ Schon gleich zu Anfang ſeiner Crzählung ſahen ſich die Offziere enttäuſcht und es mochte ihnen gar nicht gefallen, daß des Bombar⸗ diers einziges Verbrechen darin beſtand, ſeine Wache verlaſſen zu haben. Als er aber von dem Hauptgraben erzählte, von dem Kerl, den er dort eingeſperrt, geriethen die Krieger in das ſichtlichſte Er⸗ ſtaunen und konnten ſich nicht enthalten, als der Bombardier geendigt hatte, in einen lauten Ausruf des Beifalls auszubrechen. Der Wacht⸗ habende ging mit großen Schritten auf und ab, zuckte mehre Male die Achſeln und meinte, es thue ihm ſehr leid, daß er über den Dienſtfehler des Bombardiers nicht ganz die Augen zudrücken könne. Doch wolle er in ſeinem Bericht an die Commandantur die Sache in's möglichſt beſte Licht für ihn ſtellen. 4 Der lange Eduard, der bei der Erzählung ſichtlich nachdenkender als zuvor geworden war, öffnete jetzt den Mund und erkundigte ſich nach dem Namen des Freundes, für den Tipfel alle dieſe Leiden ausgeſtanden, worauf der Bombardier auf ihn aufmerkſam wurde und ſich erinnerte, ihn ſchon öfter geſehen zu haben. Plötzlich fiel ihm die Stallgeſchichte ein, die ihm ſein Freund erzählt hatte, und wo ein langer Vetter Eduard behülflich geweſen war, dem Rappen die Beine roth zu färben. Er nannte ihm deshalb den Namen ſeines Freundes, der auf jeden Fall den Wachtdienſt an ſeiner Stelle in der größten Angſt verſah, und bat den Vetter Eduard, auf das Fort Nro. IV. zu gehen, um dort durch Erzählung der Abenteuer der heutigen Nacht einigen Troſt zu bringen. In Betreff des Verbrechers that der vnthihahe bende Offzier alle Schritte, die ihm in einem ſolchen Falle vorgeſchrieben waren. Er behielt den Bombardier in ſeiner eigenen Stube und ließ den Eingang zu der Caſematte des Hauptgrabens, worin der Entſprungene einge⸗ ſperrt war, mit einem doppelten Poſten verſehen. Dann ſchickte er einen Gefreiten hinaus auf das Fort Nro. 1V. und ließ den Bombardier on der reitenden Artillerie, der dort commandirte, ablöſen und freundſchaftlich zu ſich einladen, welch' letztere Maßregel es denn un⸗ . 4 3 93 nöthig machte, daß ſich der lange Eduard durch die kalte Nacht auf das entlegene Fort bemühte. Dafür aber trabte dieſer Treffliche eigenfüßig in die Stadt und holte alle Beſtandtheile zu einem guten Punſch, der denn auch alsbald mit Beihülfe der drei andern Offtziere 3 unter ſeiner unmittelbaren Aufſicht gebraut wurde. Der wachthabende Lieutenant aber ſetzte ſich an den Tiſch, nahm einen großen Bogen vor ſich und machte der Commandantur eine wichtige Meldung über das Vorgefallene. Daß ihn dieſer Bericht viel Kopfzerbrechens koſtete, ſah man an der Anſtrengung, ja, ich möchte ſagen, Wuth, mit der er das obere Ende ſeiner Feder zerkaute. Vielleicht wäre er auch nicht ſo bald damit zu Stande gekommen, oder wäre er nicht ſo trefflich ausgefallen, wenn ihm nicht ſämmtliche Gäſte der Offizierwachtſtube, mit Ausnahme des langen Eduards geholfen hätten. Selbſt der Bombardier Tipfel half an ſeinem eigenen Todesurtheil und endlich lag es gerundet auf dem Tiſch. Deer Leſer wird uns verzeihen, wenn wir ihn mit dieſem merk⸗ würdigen Actenſtück verſchonen.. Bald kam, der lange Eduard zurück in Begleitung eines Lauf⸗ buben, der mehrere Flaſchen Rhum, Zucker und Citronen trug. Auch die Ablöſung vom Fort Nro. Iv. ſtellte ſich ein und brachte den Bombardier von der reitenden Artillerie mit, für den Tipfel zum Opfer geworden war, und in dieſem Betracht ereignete ſich eine wirklich rührende und herzbrechende Scene. Bombardier Robert verlangte ausdrücklich, mit in das Protokoll aufgenommen zu werden, wogegen Tipfel feierlichſt proteſtitte. Da Keiner nachgeben wollte, ſo entſchied ſich der Wachthabende dahin, daß der Bombardier Robert nicht in's Protokoll verzeichnet würde, indem der Stadtkommandant Oberſt von Lunte, ſchon von ſelbſt die Lunte riechen und die Bekannt⸗nn ſchaft dieſes guten Freundes zu machen ſuchen würde. Eilftes Eapitel. Handelt von verſchiedenen angenehmen und geiſtreichen Geſprächen, wie ſolche in einer Offtzier⸗Wachtſtube geführt werden, ſowie von ſinnreichen Militärſtrafen. Nachdem auf dieſe Weiſe die Dienſtgeſchäfte vor der Hand beſorgt waren, gruppirte ſich Alles um den Tiſch, auf welchem der Punſch dampfte; der Wachthabende von der Infanterie war artig genug, auf eine gute Laune des Oberſt von Lunte anzuſtoßen. Die Hauptwache einer großen Stadt ſo zu verſehen, daß der Ablöſende am nächſten Morgen dem Abgelöſ'ten nicht bei Uebergabe der Parole zuflüſtert:„Lieber Bruder, es thut mir verdammt leid, keine Kleinigkeit. Die gewöhnlich vorkommenden Sachen, wie Viſitir⸗ und Haupt⸗Runden, Patrouillen 3e. ſind ſo ziemlich ein gewieſene⸗ Weg. Da ber die Hauptwäthe bei ächtlichen Aufläufen,“ bei aber die alte Lunte hat auf Stubenarreſt für Dich angetragen, iſt Lirthshaus⸗Scandalen und dergleichen, Mannſchaft zum Einſchreiten geben hat, ſo muß der Wachthabende genau wiſſen, wie weit er 4 ehn darf um nicht aus dem Takt zu fallen. Sogar bei den Run⸗ „. 8 5 8 — Wirklich famos!“ 5.—..—. Freunde von mir gehört, und der gar keinen Namen 95 den kommt es viel auf die betreffenden Offiziere an, ob der Wacht⸗ habende ſehr aufpaſſen muß oder nicht. Um dieſes Tbema drehte ſich auch das Geſpräch der Punſchgeſellſchaft, und der lange Eduard meinte, ihm ſey als Rundenführer Niemand widerwärtiger, als die Artillerieoffiziere, indem keine dienſteifriger und genauer ſeyen, ſowie ſtrenger im Anzeigen der allenfalls vorgefallenen Fehler; ein Vorwurf, gegen den ſich Robert feierlich verwahrte, wobei er verſicherte, bei einer Wache, die er mit ſeinen Artilleriſten habe, wo er wiſſe, daß Infanterie viſitire, mache er ſich jedes Mal auf drei Tage Arreſt gefaßt. Deerr Wachthabende dagegen meinte, man könne dies nicht ſo ſehr der Infanterie beimeſſen, als der Leidenſchaft der Artillerieofftziere für das Arreſtgeben; eine Behauptung, der Tipfel mit einem viel⸗ ſagenden Blick gegen den Himmel beipflichtete. 7Sch hab's,“ rief plötzlich der Cavallerieofftzier mit dem ſchwarzen Bart, ndie famoſe, ganz gottvolle Stelle aus den Hugenotten, ſo geht's, ſo geht's! Dum, dum, dum, dum, Dem Edlen von Saint Bris Bring' den Brief alſogleich, Alſo ſprach mein R— i— i—i— i— ter! Ja,“ meinte der lange Eduard,„'s iſt nicht ganz ſchlecht. Doch der Chor im vierten Act, ja, darüber geht gar nichts. Wißt Ihr—— Um Mitternacht!— Das hört grandios auf.— „ Apropos, Eduard, ſagte ein Anderer,„haſt Du Deinen großen Hund noch? Das iſt ein apitalkerl, und auf den Mann dreſſirt, famos!“* 8 „Da will ich Euch eine Geſchichte erzählen von einem Ratten fänger,“ ſagte der Wachthabende,„von einem Rattenfänger, der einente un Vata 3 96 „Wie, der Freund?“ „Nein, der Rattenfänger. Mein Freund iſt bei der Eiſenbahn angeſtellt, und ſo heißt der Rattenfänger bloß der Eiſenbahnhund, oder der Tunnelhund, wie man will. Ich verſichere Euch, der Hund iſt auf die Katzen, auf die Katzen ſage ich, nun wie jeder Hund. Neulich gehen wir ſpazieren, mein Freund, ich und der Ciſenbahn⸗ hund. Wenn der letztere nur eine Idee von einer Katze wittert, ſtöbert er ihr halbe Stunden nach. Endlich kommt ihm eine in Wurf. Anfänglich ſtellt ſie ſich, der Tunnelhund wüthend über ſie her, ſie retirirt in ein Haus, der Hund ihr nach und Beide gerathen in eine Stube, wo eine Familie am Mittagseſſen ſitzt. Ihr könnt Euch denken, daß es da heißt: Thüre zugemacht und auf den Hund losgeſchlagen. Es entſtand ein erbärmliches Geheul; wir ſtehen unten und rufen dem Eiſenbahnhund, endlich prrdautz! kling, kling! und was denkt Ihr? Der Hund ſpringt Euch durch die Scheiben auf die Straße. Mein Seel, das iſt doch viel!“ „ a, außerordentlich,“ meinte ein Anderer, der ſich durch eine auffallende Stumpfnaſe auszeichnete, unter welcher der Schnurrbart zu zwei kleinen Punkten zuſammengeſchoren war, die von Weitem wie engliſch Pflaſter ausſahen.„Aber kennt Ihr die Geſchichte mit dem Hund, dem Thaler und den Hoſen des Handwerksburſchen?“ „ Ich bitte Dich,“ entgegnete der lange Eduard. 4Dns ſteht ſchon im Meidinger.“ Unterdeſſen hatte ſich der Bombardier Robert etwas in die Ecke der Wachtſtube zurückgezogen, wohin ihm Tipfel gefolgt war und ihm die fehlgeſchlagene Expedition ziemlich aufrichtig meldete. Nur verſchwieg er die Verwechslung der Billets, als zu proſaiſch unnd wohl wiſſend, daß durch Eingeſtehen einer ſolchen Blamage der ggroße Dienſt, den er ſeinem Freunde geleiſtet, in deſſen Angen allen. 8 1 Werth verlieren würde. 4 97 „Es iſt eine ganz verfluchte, verfluchte Geſchichte,“ meinte Robert,„daß Du, unglückſeliger Kerl, da von der Wache erwiſcht werden mußteſt. Wenn es nur einen Ausweg gäbe!“— „Ja,“ ſagte Tipfel,„einen Ausweg weiß ich nicht; aber eine Einkehr in Nro. 7 ½ auf circa ſechs Wochen!'s iſt ſchrecklich. . ABBeide ſchwiegen betrübt ſtill und ließen die Köpfe hängen. Doch ſchien dem Bombardier Robert ein großer Gedanke gekommen 4 zu ſehn. 6„Tipfel,“ ſprach er,„alter Junge, Du haſt Dich für mich 4 geopfert; ich will etwas für Dich thun, was Dir freilich nicht groß erſcheinen mag, aber es zerreißt den ganzen Fortgang meines Aben⸗ teuers, von dem ich mir viel Schönes verſprochen.“ „Ich bitte Dich,“ ſagte Tipfel, der zum erſten Mal in ſeinem Leben in einen gelinden Zorn zu gerathen ſchien;„bleib Du mir 4 mmit Deinen ungeſchickten Abenteuern vom Leibe.“ „Morgen,“ fuhr der Andere entſchloſſen fort,„gehe ich in das Haus auf dem Petriplatz Nro. 10 und laſſe mich bei dem alten Herrn melden, von dem Du geſagt haſt, man habe ihn Regierungs⸗ 2 rath genannt. Ich erzühle ihm offenherzig die ganze Geſchichte und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn er nicht gerührt würde und ein ziut Wort einlegte.“ d „Was hilft mir das Gerührtſeyn, und bei wem ſoll er ein 5 Verit gutes Wort einlegen?“ meinte Tipfel. 5„So Herren,“ entgegnete Nobert,„haben allerlei Bekanntſchaften. Abends im Wirthshauſe oder in der Geſellſchaft kommt er vielleicht mit dem Capitain oder mit dem Major oder gar mit Schippenbauer zuſammen.“ „Ja,“ ſeufzte Tipfel,„gerade Schippenbauer macht mir Angſt oh, wenn der Alte shr wäre!, Hackländer, Wachtſtubenabenteuer. 17 2 wenn er ein kleines Vorurtheil gegen ſie te, wie e 98 „Ja freilich,“ antwortete Robert,„der Alte würde ſagen: Ordnung muß ſind, aber dumme Streiche kann ich verzeihen. Doch Schippenbauer wird Dich auch nicht freſſen. Wer weiß, der Re⸗ gierungsrath ſpricht vielleicht mit ihm, und die Sache kann noch gut gehen.“ „He, Ihr Herren da hinten!“ rief der Wachthabende,„warum ſondert Ihr Euch ſo ab. Eduard, ſchenkt Euerm Vetter einmal ein. Die Artillerie ſoll leben!“ Dieſe ausgezeichnete Behandlung Seitens des regierenden In⸗ fanterielieutenants gegen den unglücklichen Artilleriſten verſetzte letzteren in eine ganz gerührte Stimmung und brachte ihn dem luſtigen Kreiſe immer näher. 1. „Meine Herren von der Artillerie,“ fing der Cavallerieoffizier wieder an,„ſagen Sie mir doch, was eigentlich aus dem famoſen Oberſten von T. geworden iſt. Man ſagt, er habe eigentlich jeinen Abſchied bekommen, ſiatt ihn zu nehmen.“ „Hierüber, Herr Lieutenant,“ entgegnete der Bombardier Robert, „kann Ihnen mein Freund Tipfel die beſte Auskunſt ertheilen, der gerade damals als Schreiber auf dem Brigadenbureau Peſheſnat wa 4 5 Tipfel rückte ſich etwas in die Höhe und heimniſſe des Geſchäfts habe er nicht dringen auch überzeugt, daß der Oberſt von T. ſeinen Ab genommen.„Sehen Sie, meine Herren, der A wollen, mit den Herren Offizieren konnte er nicht aus namentlich war das gelindeſte, allergeringſte Widerſprechen ge ihn in Harniſch zu verſetzen and wenn Sie erlauben, w Ihnen einen kleinen Beleg geben, daß er fin — 99 * Lieutenant, Namens Werthen, ſchon der Fall ſchonend, ja, ich möchte ſagen, gerecht behandelte.“ „Lieber Bombardier,“ unterbrach der lange Eduard den Sprecher, nnur keine Geſchichte aus dem Meidinger.“ „Schweig ſtill,“ unterbrach ihn der Wachthabende;„der Bom⸗ bardier verſteht Deinen Meidinger Witz nicht.“ „Eduard theilt nämlich,“ erläuter nalle Anekdoten, die man erzählt, in zwei Clafſen ein, ihm bekannte oder unbekannte, und die erſtere, deren Zahl Legion iſt, nennt er aus Meidingers Grammatik entſproſſe — te der Bombardier Robert, ſie ſey alt und verbraucht; eigentlich ein ſehr ſchlechter Witz.“ „Zugegeben,“ ſprach gähnend der lange Eduard; ich nicht umhin, Dir zu bemerken, daß D Meidinger iſt.“— „Silentium!“ rief der Wach habende.„Laßt den Bombardier erzählen. Alſo der Lieutenant Werthen. 24 „ Ja, 4 fuhr Tipfel fort,„der Lieutenant Werthen hatte die vohnheit, weder vor ſeinem Capitän, noch vor dem Major, „nur kann eine Erklärung ungeheuer 2 weigen zu können. Nun hatten mit Kugeln; es wurde nach te ricochetirt, und da auf ehr weit gingen, ſo waren die aufgeſtellt.“ 88 eiers?“ fragte der Cavallerieofſtzier. fut t Tipfel fort,„ſind die zu beiden Seiten rückwärts aufgeſtellten Leute, welche verhindern ſollen, Schußlinie läuft. An dieſem Morgen aber war ſch zt gelaunt. Er ritt auf der ganzen Heide iher und bei jeder Batterie, die er unter⸗ Naſen die Hulle und Fülle. Dabei war er von einer 7*. war, nicht immer ſproſſen, was ſo viel ſagen will, als ſchrecklichen Geſchwindigkeit und ſein weißer Federhut wackelte jetzt hinter uns, jetzt weit vor uns. Endlich fällt es ihm ein, nachzu⸗ ſehen, ob die Diſtanciers auch recht wachſam auf ihren Poſten ſeyen, und wie wir ihn da hinausreiten ſahen, bedauerten wir ſchon die Unglücklichen, an welchen er etwas auszuſetzen hätte und dexen Zahl nicht gering ſeyn würde. Bald hörten wir ihn auch ſchon auf eirca tauſend Schritt ſchreien und lärmen:„Hoho! Er Millionenhund! Weeß Er nich, deß Er uf Poſten is und den Tſchako nicht ab⸗ zehmen darf!“ und dann dumpfer und undeutlicher:„Wer hat Ihm gelehrt, ſich uf die Erde ſetzen, wenn Er ufpaſſen ſoll!“ und ſo hörten wir ihn weiter und ferner, bis er unſern Blicken entſchwand, einem dahinziehenden Ungewitter vergleichbar. Endlich, am Ende der Diſtancierslinie, ja faſt am Ende der Heide,“.... „Wo die letzten Häuſer ſtehen,“ ſchaltete Eduard ein. „Lag, wie wir ſpäter hörten, ein Kanonier hinter einem Hügel und war, ermüdet von dem weiten Marſch und dem heißen Wetter, eingeſchlafen Der Unglückliche hört den Oberſten nicht heranreiten und wird von einem gelindelt Hieb erweckt, den ihm der Alte mit der flachen Klinge irgend wohin applicirt. Natürlich, al fipringen und in den größten Schrecken gerathen, war das Werk ein igen⸗ blicks.„Ei, ſieh doch, ſieh doch!“ brüllte der Alte, abon welcher Batterie, mein Sohn? Oh, er nixnutziger N und dieſen Worten gab er ihm einen Schlag o uf daß ihm derſelbe über Augen und Ohren h der zwölfpfündigen Batterie Nro. 4, Herr Ober für ein Lieutenant commandirt den Zug, d die Ehre h beſitzen?“—„Der Herr Lieutenant Werthen, zu Beſehl Oberſt.“—„Oho,“ lachte der Alte grimmig,„nit zu meine ſonſt wär es anderſt; ein Sohn eigenhändig zu der Batterie bringen; und 101 der laut lachend hinzu,„und er von wegen ſeinem Tſchako nicht viel zu ſehen ſcheint, ſo will ick mir die Mühe machen und ihn mit⸗ nehmen. Komm er her, mein Sohn!“ Dabei faßt er den Aermſten mit der Hand in die Halsbinde, ſetzte ſein Pferd in Trab und ließ ihn neben her ſpringen, wobei der Kanonier, da das Pferd ziemlich groß und die Figur des Alten bekanntermaßen coloſſal war, kaum mit den Fußſpitzen die Erde berührte. Auf dieſe Art näherten ſie ſich in Kurzem der Batterie, in welcher wir ſtanden und mit Schrecken die Scene erwarteten, die jetzt kommen würde. Der Lieutenant Werthen, der den Mann ſeines Zuges ſchon von Weitem erkannte, ärgerte ſich nicht ſchlecht über den Anblick, faltete die Arme über einander und ſtampfte mit dem Fuße. Jetzt war der Alte ſo nahe, daß er die Batterie überſehen und den Lieutenant Werthen erkennen konnte, der ſtillſchweigend zuſah, wie die Sache ſich entwickeln würde. „Oho! oho!“ ſchrie der Alte, und ſein ohnedies rothes Geſicht wurde vor Zorn noch röther;„da iſt ja die liebenswürdige Batterie, die ſolche Kanoniere ufzieht——— Herr Lieutenant Werthen, halten Sie dat Maul, ick kann dat Widerſprechen nit leiden!“ „Das iſt ſtark,“ meinten die Offiziere,„und der Lieutenant Werthen hatte nichts geſagt?“ 1„Nicht eine Sylbe,“ entgegnete Tipfel,„aber Sie können ſich denken, daß er die Sachen nicht ſo hingehen ließ. Wie der Oberſt in der Batterie abgeſeſſen war, verlangte der Lieutenant Werthen zum Inſpekteur gehen zu dürfen, um ihm den Vorfall zu melden, worauf ihm der Alte entgegnete:„Mein lieber Herr Lieu⸗ tenant Werthen, dat will ik Ihnen von Herzen gern erloben; nur ſo viel ſage ik Ihnen, da oben kennen ſie den alten von T. ſchonſt und fangen keinen Streit wegen ſo einer Lappalie mit ihm an.¹ „Im Ganzen eine famoſe Geſchichte,“ meinte der Capvallerie⸗ 1 offizier;; naber ich wäre doch nicht bei dem Regitmne geblieben“ 8 102 „Und warum nicht?“ fragte der Wachthabende.„Cuionnirt wird man doch ſo viel wie möglich; und bei dem alten von T. hatte man doch den Vortheil, daß er gerade und ehrlich zu Werk ging, und man nicht zu fürchten hatte, er werfe Einem bei den oberſten Behörden Steine in den Weg von wegen dem Avancement.“ „Nein, das thut er nicht,“ entgegnete Tipfel,„und der Lieu⸗ tenant von Werthen, von dem ich eben erz zählte, wurde bald nach⸗ her Abtheilungsadjutant und erhielt eine gute Zulage, die er rnuchen konnte.“ „Du, Eduard,“ lachte der Wachthabende,„möchteſt Du nicht auch Abtheilungsadjutant werden?“ „Von wegen der Zulage,“ ergänzte Robert. „Meidinger,“ entgegnete der lange Eduard verächtlich. Und Tipfel fuhr fort: „Doch haben ſeine ewigen Neckereien mit dem Offtziercorps ſeinen Abſchied zuwege gebracht. Er hatte nämlich die vielleicht, wenn es erlaubt iſt zu ſagen, nicht ganz unrichtige Idee, daß die Haupt⸗ und liebſte Beſchäftigung der Herren Lieutenants ſey, ihre Unterge⸗ benen zu malträtiren, und kleine Aergerniſſe, als langweiliges Avan⸗ cement, oder kurzweilige Naſen von oben herab, an ihnen aus⸗ zulaſſen.“ „Ei, ei, Herr Bombardier,“ meinte der Wachthabende,„das ſind gefährliche Anſichten. Wenn man auch zuweilen bei ſchlechter Laune etwas ſchärfer exercirt, wie ſonſt, ſo iſt doch das Malträ⸗ tiren, Dank den neueſten Beſtimmungen, gänzlich aus der Mode gekommen.“ „Den Beſtimmungen nach wohl,“ meinte der Bombardier Ro⸗ bert.„Doch ſieht der unpartriiſche Beobachter auf dem Crerecierplatz. hie und da Scenen, welche ſehr an's Mittelalter ſtreifen. So iſt das Zurückbiegen der Schulterblätter, indem man dem betrefſenden ——y— 103 Rekruten mit dem Säbelgefäß, freilich ganz ſanft auf den Rücken klopft, nicht zu verachten, und wenn man Mittags zwiſchen zwei und drei im Sommer ein Glied gegen die Sonne ſchwenken läßt und fünf Minuten lang ſtill ſtehen, na, da muß ich danken.“ „Freilich,“ ſagte der Cavallerieoffizier,“ es gibt ſo kleine Kunſt⸗ griffe, auch in der Reitbahn, wo man mit der Peitſche, ſtatt das Pferd zu treffen, aus Verſehen anderswohin ſchlägt, oder beim Aufſitzen die Kerls in der dritten Stellung verharren läßt, bis ſie ſchwarz werden.“ „Ich habe einen Unteroffizier gekannt, ſagte der lange Eduard, „das war ein infamer Kerl, der hatte ſeiner Corporalſchaft das Tabakkauen auf das Strengſte unterſagt, und wenn er beim Erer⸗ eiren einen Kerl traf, der ſich dies unſchuldige Vergnügen machte, wie glaubt Ihr wohl, daß er ihn beſtrafte?“ „Nu,“ meinte der Cavallerieoffizier,„ſie mußten die Geſchichte ausſpucken.“ „Weit gefehlt,“ entgegnete der lange Eduard, ſelbſt gefällig lächelnd,„er zwang ſie, die ganze Geſchichte hinunterzuſchlucken.“ „Brr!“ ſagte der Wachthabende, und ſelbſt der Gleichmüthige Bombardier Tipfel ſchüttelte ſich. 3 .„Die wirklich immenſe mit Reſpekt zu ſagen, Grobheit unſers alten T.,“ ſagte Bombardier Tipfel,„hatte bei Naſen, die von oben herunter kamen, in der Brigade den Vortheil, daß die Be⸗ ſtrafungen gelinder wurden, je mehr ſie in den untern Regionen aanlangten.“ 3 3 „Was anderwärts umgekehrt iſt, ſcalteie der lange Eduard ein. „Ja wohl,“ fuhr Tipfel fort,„der alte von T. konnte für einen fehlenden Knopf ſechs Wochen Arreſt dictiren. Der Major zeigte dies bei der Parole mit den Worten an: daß ſich vielleicht 104 bei der bekannten Gnade des Herrn Oberſten die Strafe auf acht Tage mildern könnte, und der Capitän meinte alsdann: obgleich der Betreffende ein ungeheurer Himmelſakermenter ſey, ſo würde er vielleicht, wenn's gut ginge, diesmal mit drei Tagen davon kom⸗ men, worauf der Zugführer dem Manne vor Auseinandergehen ſagte:„Wenn Dir auch der Herr Oberſt den Arreſt ganz ſchenkt, wie zu erwarten ſtehen, ſo kannſt Du Dich doch von mir auf eine Strafwache gefaßt machen.— Und ſo geſchah es auch in den meiſten Fällen.“ „Ja,“ lachte der Offizier mit der Stumpfnaſe,„da will ich Euch eine ganz außerordentliche Geſchichte erzählen, von der viel⸗ leicht der lange Eduard behaupten wird, daß ſie ganz Meidinger ſey; aber das thut nichts.“ „Es iſt eigentlich keine Geſchichte, die du erzählen willſt,“ meinte der Fähnrich;„ich kenne ſie ganz wohl; man kann es einen allgemeinen Vorgang nennen; doch wenn du es gut erzählſt, ſo iſt es nicht ſchlecht.“ ————— Zwölftes Eapitel. Die mißtung des ſtumpfnaſigen Offtziers handelt von Nafen in aufſtei- gender Potenz. „Denkt Euch alſo,“ erzählte der Lieutenant mit der Stumpf⸗ naſe,„es iſt eine große Parade, die der commandirende General über einige Regimenter Infanterie und Cavallerie, über Artillerie und Ingenieurs abhält. Das Frontreiten lief glücklich ab. Es hat Niemand mit dem Kopf gewackelt und es ſind nur Wenige ohnmächtig geworden. Parademarſch! mit Zügen rechts ſchwenkt, marſch! Drumm drumm, drumm drumm! Es geht ganz famos. Die Züge kommen ganz gut vorbei. Jetzt wird Compag⸗ nienweiſe aufmarſchirt; da iſt auch nichts zu erinnern; aber jetzt kommt die neue heilloſe Paradeerſindung, der Bataillonsvorbeimarſch. Ich ſage Euch, da muß man ungeheuer aufpaſſen. Wenn Ihr da nicht auf dem Flügel einen Kerl habt, den zehn Pferd nicht aus dem Gleis bringen, ſo iſt's unmöglich. Und in die Mitte hin 10⁰6 gehört auch ein Unteroffizier, der nicht von Stroh iſt. So einer wie der Tabaksſchlucker, von dem Eduard erzählte, einer, vor dem die Kerls zittern, wenn er ſie nur ſchief anſieht. Nun geht's los. Ihr habt eine ganz ausgezeichnete Richtung. Aber zu anzig Schritt von dem General liegt vielleicht ein Maulwurfshaufen, einer tritt mit dem Fuß hinein— und das ganze Bataillon kommt in einem ſtumpfen Winkel vorbei. Jetzt iſt die Parade zu Ende. Die Leute gehen auseinander und der Commandirende, der mit der Haltung der Truppen ganz zufrieden iſt, ſagt dem betreffenden Brigade⸗, Di⸗ viſtons⸗ und anderen Generalen einige ſchmeichelhafte Worte.„Meine Herren, ich bin mit den Leiſtungen der Truppen vollkommen zufrie⸗ den!“ Ungefähr ſo.„Ich habe an den Anzügen nichts auszuſetzen gehabt; die Haltung war ſicher, die Griffe wurden mit Schnelligkeit und Präciſion ausgeführt, und das Schwenken ſo wie der Vorbei⸗ marſch ließ nichts zu wünſchen übrig. Nur Herr Oberſt, vom 16.4 ſo wendet er ſich an einen derſelben,„Ihr Füſilierbataillon hat beim großen Vorbeimarſch einen kleinen Winkel gemacht. Aber die Leute haben ſich Mühe gegeben und man muß dem Terrain die Schuld beimeſſen. Ich bitte zum Beweiſe meiner Zufriedenheit den Leuten einige Täge Nuhe zu gönnen und ſie nicht zu beſchäftigen. Nochmals meine Herren, ich bin ganz zufrieden und werde im Rapport an Seine Majeſtät den König den wirklich guten Zuſtand des Armeecorps zu rühmen wiſſen.“ So reitet er davon und der Diviſionsgeneral, unter dem das 16. Regiment ſteht, wiederholt die ſczrneichelhaften Aeuße⸗ rungen des Commandirenden und ſetzt am Schluß hinzu:„Es thut mir nur leid, daß gerade Ihr difiirinue Herr Oberſt, den kleinen Fehler gemacht. Ich verſichere Sie, gerade bei Ihrem Regi⸗ ment, das ſich ſonſt durch muſterhafte Haltung auszeichnet. Aber das Terrain war ſehr ungünſtig. Guten Appetit, meine Herren.“ Der Brigadier, der das 16. und 17. Regiment commandirt, erklä — ’ . —— Brigadegeneral muß ſagen laſſen. In acht Tagen iſt Seine Majeſtät 4 107 ſich ebenfalls mit der Paxade im Allgemeinen zufrieden, nur meint er, der Fehler mit dem Füſſilirbataillon hätte nicht paſſiren ſollen, und es ſey ihm ſehr ärgerlich, daß ſolches gerade bei ſeiner Brigade vorgekommen.„Ohne Ihnen einen Vorwurf machen zu wollen, ſagt er am Schluß,„ſo muß ich Sie recht ſehr bitten, den Vor⸗ beimarſch im Bataillon recht fleißig zu üben. Wenn auch der Com⸗ mandirende gütig genug war, die ganze Schuld auf's Terrain zu ſchieben, ſo bemerkte ich doch ſchon von Anfang an ein Schwanken i der Linie, die mich ahnen ließ, daß wir krumm vorbeikämen. Nochmals geſagt, Herr Oberſt, es iſt mir wirklich ſehr ärgerlich, daß gerade Ihr Füſſilirbataillon das einzige war, was nicht genau Achtung gab. Adieu, meine Herren!“ Der Oberſt vom 16. reitet nachdenkend in die Caſerne zu den drei Bataillonscommmandanten, die ſich eben über die gehabte Parade unterhalten und den Chef umringen, um das Geſammturtheil des Commandirenden zu erfahren. Doch will ihnen das ernſte Ausſehen des Oberſten nicht gefallen. „Meine Herren,“ begann er ziemlich gereizt, ich bin überzeugt, daß Sie nicht erwarten, der Commandirende würde aus Artigkeit gegen uns grobe Mängel und Fehler nicht entdeckt haben; aber daß es gerade eins meiner Bataillons ſeyn muß, das ſich durch ſchlechte Haltung und noch ſchlechteren Vorbeimarſch auszeichnet, thut mir wirklich in der Seele leid. Ja wohl, Herr Oberſtwachtmeiſter N., ich muß es Ihnen leider bekennen, Ihr Füſſilirbataillon hat das ganze Armee⸗ corps um den Ruhm einer vollkommen guten Parade gebracht. Aber haben Sie denn um Gotteswillen nicht bemerkt, wie ich Ihnen beſtändig gewinkt, ich ſah ganz gut, daß Ihr Bataillon ſchon beim Antreten ſeine Wn verlor und in eine complette Schlangen⸗ linie aufgelöſt war. Sie, meine Herren, hören nichts von den Artigkeiten, die ich mir vom Commandirenden, vom Dioiſions⸗ und 108 der König von der ſchlechten Haltung meines Regiments unterrichtet und das kann meinem Avancement gerade nicht zuträglich ſeyn. Morgen früh um acht Uhr tritt das Füſſilirbataillon zum Parade⸗ marſch an, nachdem daſſelbe vorher in Compagnien geübt wurde.“ — Der Commandant des Füſſtlirbataillons nimmt ſeine Capitäns bei Seite. Er ſteckt die rechte Hand unter die Uniform und man ſieht ihm an, daß er einen großen Grimm mühſam verbeißt.„Sie werden mir das Zeugniß geben, meine Herren, fängt er endlich an und klopft dabei mit dem linken Abſatz heftig auf den Boden,„daß ich mir beſtändig Mühe gab, das Bataillon im beſten Stand zu er⸗ halten. Was aber kann der Maͤjor machen, wenn er von ſeinen Offizieren nicht unterſtützt wird! Was ich ſo oft ſagte, wiederhole ich. Sie waren zu bequem, meine Herren, und haben den Parade⸗ marſch viel zu wenig geübt. Aber glauben Sie nicht, daß ich ein ewiger Krittler bin, der ohne Noth ſchilt und immer etwas auszu⸗ ſetzen findet. Haben Sie denn meine Bewegungen mit dem Säbel nicht verſtanden? Haben Sie nicht geſehen, wie heftig ich Ihrem rechten und Ihrem linken Flügel winkte, indem ſchon beim Anmarſch die Compagnien ſich in vollkommener Auflöſung befanden? Aber da hilft nichts mehr. Die Herren geben ſich keine Mühe und das weiß der Soldat und marſchirt vorbei, daß es eine Schande iſt. Was glauben Sie, daß der Commandirende geſagt hat? Er war durch Ihren Fehler mit der ganzen Parade unzufrieden und will es ſich noch überlegen, ob er nicht die ſchlechte Haltung des 16. Regiments Seiner Majeſtät dem König anzeigen ſoll. Sie Herr Hauptmann,“ wendet er ſich an einen, den er nicht leiden kann, ntragen mit Ihrer Compagnie die größte Schuld. Ich habe beſtändig mit Ihſten zu kämpfen, denn Ihre Mannſchaft zeichnet ſich beſtändig durch Mal⸗ proprität und Nachläßigkeit aus. Werken Sie fich das und nehmen Sie Ihre Leute beſſer zuſammen. Morgen früh um 6 Uhr tritt das 3 —„ ——. Zeit lang ſtillſchweigend auf und ab. Alsdann tritt er bei Seite ausſah, die keinen Tritt hatte, die das Gewehr zum Erbarmen trug, 109 Bataillon zum Parademarſch an, nachdem es ſich vorher in Com⸗ pagnien und Zügen fleißig geübt hat.“ Damit dreht er ſich um und geht ab. Die drei Capitäns gehen wüthend auf ihre Compagnien los und namentlich der, der die letzte Naſe empfing. Er legt die Hände auf dem Rücken zuſammen, beißt die Lippen auf einander und ſpaziert zwiſchen der Compagnie und den Unteroffizieren eine und ruft die Herren Offiziere.„Meine Herren, ich habe es mir immer zum Geſetz gemacht, Ihre Unaufmerkſamkeiten und Fehler nicht vor den Leuten zu rügen, damit Ihr Anſehen nicht leidet, Aber, meine Herren, nachdem was heute vorgefallen,“— dabei ringt er verzweiftungsvoll die Hände,—„könnte man es mir nicht übel nehmen, wenn ich Officiere und Mannſchaft über einen Kamm ſcheere: denn Sie allein tragen die Hauptſchuld, meine Herren. Ei freilich, es iſt viel leichter die Caffeehäuſer zu beſuchen und ſich durch Vergnügungen zu wälzen, als den Dienſt in der Compagnie zu ver⸗ ſehen. Wiſſen Sie denn das Endreſultat unſerer heutigen Parade? Ja, meine Herren, und durch Ihre Schuld, denn was kann der Capitän thun, wenn ihn die Offiziere nicht unterſtützen? O Gott im Himmel, es iſt meine Compagnie geweſen, die höchſt malproper kurz, die die ganze Parade verdarb. Daß der Commandirende im höchſten Zorne fortgeritten iſt, können Sie ſich denken. So ein Schandmarſch ſey ihm in ſeinem Leben nicht vorgekommen, obendrein da das Terrain das günſtigſte von der Welt geweſen ſey. Er will Unterſuchung anordnen und ich muß das Ganze büßen, meine Herret. Aber die Compagnie ſoll ein Donnerwetter regieren. Kom⸗ men Sie, meine Herren. Und Sie mein Herr Lieutenant, wen⸗ det er ſich an einen, den er ebenfalls nicht ausſtehen kann,„daß Ihr Zug der ſchmählichſte war, hat mich gar nicht gewundert. 110 * Rechts und links ſchwenkt, formirt den Kreis! Feldwebel, leſen Siie mir die Leute vor, deren Anzug heute Morgen vor dem Aus⸗ rücken Veranlaſſung zur Klage gab. Ich will Euch ſchuhriegeln, daß es eine Freude iſt.“ Nun lieſt der Feldwebel eine Reihe von Namen vor, Unglückliche, die gegen das allerhöchſte Geſetz der Kleinlichkeit gefrevelt haben, ſey es durch einen abgeriſſenen Knopf, oder durch eine ſchlecht umgebundene Halsbinde, oder durch einen loſe aufgeſchraubten Flintenſtein, oder durch einen Roſtflecken am Bajonett und die, wenn die Parade gut ablief, mit einem Verweis davon⸗ gekommen wären. Jetzt aber wirft der Capitän mit Arreſt um ſich, daß es eine Freude iſt. Jener bekommt 24 Stunden, dieſer 3 Tage, ſogar ein unglücklicher Unterofftzier, den der Capitän beſonders auf— dem Strich hat, wird, weil er einen eigenen blendend weißen Koch⸗ geſchirr⸗Ueberzug hat, weil er nur von etwas feinerer Leinwand iſt, als die andern zu acht Tagen verdammt. Morgen früh um vier Uhr ſteht die Compagnie da im Paradeanzug, vollkommen bepackt und die Herren Lieutenants werden die Gnade haben, ihren betref⸗ fenden Zügen heute Nachmittag noch etwas Parademarſch beizubringen.“* Damit dreht der Chef ſeiner Mannſchaft den Rücken und jeder Offizier nimmt ſeinen Zug freundſchaftlich bei Seite, der, welcher vom Capitän ausnahmsweiſe einen Verweis erhielt, ein junger Tyrann, ſtellt ſich mit ausgeſpreizten Beinen vor ſeine vier Unterofftziere und betrachtet ſie kopfſchüttelnd.„Na, das muß ich ſagen,“ eifert er,„ich hab eine ſchöne Bande beiſammen. Unterofftzier Adam, Ihre Luderei iſt Gott ſey Dank ſtadtkundig, aber, Herr, ich will Sie ſchuhriegeln, daß Sie den Verſtand verlieren ſollen. Und Sie, Unterofftzier Schnabel der mit ſeinem Maul immer voran iſt, thun Sie lieber ihre Pflicht, als daß Sie ſich immer mit ſchlechtem Welbsvolk herumtreiben. Mich ſoll der Teufel holen, wenn ich Ihnen nur noch das Geringſte durch die Finger ſehe. Und was Sie betrifft Sergeant Kuhbach, ¹u eine Stra jetzt noch Niemand gewagt ihm zu ſagen.„Muß ich denn“, mur⸗ 6 melte er zwiſchen den Zähnen,„mit einer ſolchen Schweincorporal⸗ ſchaft geſtraft ſeyn, mit Kerls, die 111 ſagt der junge Herr zu einem alten Manne, der die goldene Schnalle für zwanzigjährige Dienſtzeit trägt,„daß ein alter Eſel, wie Sie, ſeine Corporalſchaft nicht beſſer im Zaume hält, das muß mich nur wundern. Aber wiſſen Sie was, Herr Unteroffizier Kuhbach, küm⸗ mern Sie ſich nicht ſo viel um das Markedentergeſchäft Ihrer Frau, die, nebenbei geſagt, der Teufel mit ihrer ganzen Wirthſchaft holen ſoll.“ Hiebei muß ich bemerken, daß der junge Lieutenant der Frau des Unterofftziers Kuhbach viel Geld ſchuldig iſt und daß der Ge⸗ mahl die Rechnungen und allenfallſige Mahnbriefe ſchreibt.„Wißt Ihr,“ fährt der Erboſte fort,„daß Seine Excellenz, der commandi⸗ rende General, ſchon während der Parade in die höchſte Wuth ge⸗ rathen iſt. Alles ging unter dem Affen, unter dem Luder, nament⸗ lich bei unſerer Diviſton, und der Commandirende ſagte beim Weg⸗ reiten, daß ihm ein ſolches Schandregiment wie das unfrige noch nicht vorgekommen und daß er es zu einem Strafregiment machen wolle, wenn es möglich ſey. Es iſt jetzt zwei Uhr. Um viere ſteht der Zug vollkommen bepackt da, Paradeanzug. Euch ſoll die Schwernoth in den Magen fahren. Abmarſchirt.“ Der Commandant der vierten Corporal, Sergent Kuhbach, geht nachdenkend die Treppen hinauf in die Stube ſeiner Mannſchaft. Er erinnert ſich, daß er dreiundzwanzig Jahre dient, und daß er in dieſen dreiund wanzig Jahren nur ein einziges Mal beſtraft wurde, und das an ſeinem Hochzeitstage, als er die Neuvermählte prügelte, nachdem ſie ihm unter Thränen geſtanden, daß von einer früheren Liebe ein zarter Sprößling vorhanden ſey. Damals wüthete und tobte der Sergent Kuhbach ganz entſetzlich, wofür ihm der Oſfſizier qu jour fwache gab.— Aber daß er ein alter Eſel ſey, hatte bis Haupturheber ſind, daß ein 112 ganzes achtbares Armeecorps Seiner Majeſtät dem König als eine regelloſe Bande geſchildert wird!“— Sergent Kuhbach dachte an Selbſtmord, und wer weiß, was geſchehen wäre, wenn er nicht zufälliger Weiſe auf der Treppe einen ſeiner Leute verwiſcht hätte, der ihm als die größte Schmierfinke bekannt war. Der Aermſte kam gerade von ſeinem verſpäteten Mittageſſen aus der Küche und war recht ſinnig damit beſchäftigt, den gebrauchten ſchmutzigen Löffel an dem Unterfutter ſeiner Dienſtmütze zu reinigen. Laßt uns ſchwei⸗ gen über den Ausbruch des ſergentlichen Zorns, der num erfolgt. Aber Kuhbach verſchaffte ſo ſeinem Grimm einigermaßen Luft und konnte ziemlich geſammelt und ruhig in dem Zimmer ſeiner Corpo⸗ ralſchaft erſcheinen. Hinter ihm fliegt die Thür krachend in's Schloß und dies Getöſe, verbunden mit dem Anblick des Vorgeſetzten, ſchnellt die Soldaten aus ihren Betten empor.„So, ſo, Ihr Himmelſaker⸗ menter!“ ruft der Sergent,„liegt Ihr wieder auf Euern faulen Bäuchen, wenn ringsherum der Teufel los iſt. Hat ſich denn der Herr Capitän umſonſt die Lunge ausgeſchrieen, um Euch Viehvolk die ſaubere Geſchichte von heute Morgen klar zu machen. Nein, es iſt unbegreiflich und unglaublich, warum wird nicht geputzt und lakirt, oder glaubt Ihr Himmelhunde, mit einer ſo verhunzten Parade ſey es abgemacht! oh, wartet, oh wartet! Angezogen, aufgepackt! und weſſen Lederzeug einen Flecken hat oder bei wem nicht außs Sauberſte lakirt iſt in Zeit von einer halben Stunde, den melde ich dem Herrn Capitän als einen Vagabunden und er ſoll drei Tage brummen oder ich will Sergent Schweinepelz heißen. So was iſt zu arg!“ 3 Die Soldaten nun, die von Morgens vier bis Mittags zwei im Dienſt der Parade waren, fangen natürlich an zu putzen und zu wichſen und nicht blos die vierte Corporalſchaft des Sergenten Kuh⸗ bach, nicht bloß die Compagnie, in welcher er dient, nicht blos das 113 16. Regiment, ja nicht blos die Brigade, zu welcher das 16. Regiment gehört, nein, das 16. Armeecorps iſt in der emſigſten Bewegung. Sämmtliche Diviſionen, ſowie die Commandeurs der Artillerie und des Geniecorps haben ihren Truppen zu verſtehen gegeben, daß die Parade ſehr ſchlecht gegangen ſey. Leider kann der commandirende General den Oberſten vom 16. nicht leiden, und hat die ganze Schaale des Zorns auf deſſen Haupt ausgegoſſen. Aber alle Divi⸗ ſions⸗ und Brigade⸗Generäle, alle Oberſten, alle Majors, alle Capitäns, alle Lieutenants und alle Sergenten Kuhbachs ſind auf's 3 Feſteſte überzeugt, daß der Soldat durchaus ſeine Pflicht nicht gethan hat und daß der commandirende General aus übergroßer Gnade nur das 16. Regiment als das fehlerhafte dargeſtellt habe.“ „Ja ja, Gott verdamm' mich!“ lachte der Cavallerieof geht's;“ und die Andern pflichteten bek. „Die drei bis vier Tage Ruhe, die der Commandirende dem V Armeekorps gegeben hat, werden dazu benutzt, um den Parademarſch fleißig zu üben, und es iſt eine Bewegung in allen Garniſonen, als wenn der Feind vor dem Thor ſtünde. Am Abend dieſes denkwür⸗ digen Tages erzählen ſich die Soldaten auf der W unglückten Parade.“ „Siehſt Du,“ ſagt einer zum andern,„in unſerer Compagnie 5 ging es ſo ziemlich her; aber die vierte vor uns und die ſechſte nach uns, da ſoll's ſchauderhaft geweſen ſeyn. Das ganze Füſſilierbataillon hatte keinen Tritt.“ „Und erſt bei den Dragonern und Uhlanen,“ ſagt ein Anderer; nes weiß kein Menſch, was es heute Morgen mit der Parade ge⸗ weſen iſt; aber es ſoll Alles ſchrecklich gegangen ſeyn.“ „Ihr könnt Euch denken,“ meint ein Dritter,„daß der Com⸗ mandirende nicht ſchlecht getobt hat. Herr Gott's Donnerwetter! iſt der auf ſeinem Pferd umhergefahren.“— Hackländer, Wachtſtubenabenteuer. ſizier, 1 ſo ache von der ver⸗ 114 „Wißt Ihr auch?“ ſagte ein Vierter,„daß der Brigadegeneral und der Oberſt vom 16. Regiment Stubenarreſt haben?“ 8 „Ja,“ ſetzte der Erſte hinzu,„eben ſo wie vier Hauptleute und ſechs Lieutenants.“ „So,“ fragte ein Anderer,„die hat er alle in Arreſt geſchickt?“ „Ei freilich,“ entgegnete jener,„und Einige ſollen Standrecht haben; es iſt eine verfluchte Geſchichte!“ So erzählte der Lieutenant mit der Stumpfnaſe in der Offiziers⸗ wachtſtube und erregte allgemeine Heiterkeit. Sogar der lange Eduard nickte beifällig und meinte, wenn er auch ſchon beſſere Geſchichten gehört habe, ſo ſey darum doch die eben erzählte nicht ganz ſchlecht. Dabei wurde den Punſchgläſern fleißig zugeſprochen, und die Geſellſchaft befand ſich in einem Zuſtand angehender Erheiterung, als dieſe plötzlich durch einen lauten Ruf von außen unterbrochen wurde. „Herau—— s!“ Dreizehntes Capitel. Wachtſtuben-Abenteuer unangenehmer Art. Draußen vor der Hauptwache hatte ſich während der friedlichen Unterhaltung im Innern unterdeſſen allerlei begeben. Wir wollen nicht von ganz gewöhnlichen Dingen ſprechen, als abgehende und ankommende Patrouillen, mit denen der Poſten unter dem Gewehr ſchon fertig werden kann, ſondern es war kurz nach eilf Uhr, als ein Weib mit aufgelöſtem Haare heulend auf den wacht⸗ habenden Poſten zuſtürzt, und den Offizier der Wache zu ſprechen verlangt. Der Soldat will ſie nicht heran laſſen; aber ſie ſchreit immer ungeſtümer, und läßt ſich nicht abweiſen. Was ſoll er am Ende machen? das Weib läßt ihn nicht los, und ſo ruft er das ſchreckliche Wort: heraus! das, wie die Poſaune des letzten Taegs, an die Ohren der Wache ſchlagend, einen ungemeinen Knäul von Patrontaſchen, Beinen und Tſchakos hervorbringt, aus dem ſich die Wache vor dem Poſten langſam formirt. 8* 1 116 „Stille geſtanden! Gewehr auf! Richt Euch!“ commandirt der wachthabende Offtzier, und fragt darauf leiſe den Unteroffizier neben ſich:„Aber zum Teufel wo iſt denn die Runde? oder weshalb hat der Eſel denn herausgerufen?“ „Herr Lieutenant,“ meldete nun der Poſten unter dem Gewehr, — es iſt ein Rekrut— wobei er krampfhaft links ſchielt, ndieſe Weibsperſon will den Herrn Commandirenden ſprechen, und da habe ich mir nicht anders zu helfen gewußt, als die Wache unter's Ge⸗ wehr zu rufen.“ 3 „Ihn ſoll das Donnerwetter regieren!“ erklärt ihm der wacht⸗ habende Ofſizier,„wenn er wegen einer ſolchen Dummheit einen Skandal aufſchlägt. Wo iſt das M—, die Perſon?“ „O Jeſus, Herr Lieutenant,“ entgegnete die Frau, nhier bin ich ja, und will ja gar nichts als Schutz und Hülfe, was ich als ehrliche Bürgersfrau von jeder königlichen Wache anſprechen kann. u „Und was will ſie denn?“ „Ach, ſehen Sie, Herr Lieutenant, da iſt mein Kerl zu Haus, mein Mann wollte ich ſagen, der beſäuft ſich jeden Abend, den. Gott werden läßt, und ſtatt nun nach Haus zu kommen und ſich ruhig zu Bett zu legen, was thut der Unmenſch? da prügelt er mich und die armen Würmer, die obendrein hungrig zu Bett gegangen ſind.“ „Ja, das iſt freilich ſehr ſchlimm,“ meint der uhthahee „aber was kann ich dazu thun?“ „O, Herr Lieutenant,“ jammert die Frau,„Du, mein Zeſus. was Sie dazu thun können? mir eine Wache mit in's Haus geben. Das deponirt den beſoffenen Kerl und er kriegt einmal Reſpect.“ Der Wachthabende wollte aber von dieſem Vorſchlage nichts wiſſen, und ſuchte dem Weib auseinander zu ſetzen, daß es gerade nicht das Geſchäft der Wache ſey, ſich in dergleichen häusliche Zwiſte zu miſchen; 3 wogegen die Frau jammerte und klagte, und hoch und 117 theuer ſchwor, daß, wenn ſie jetzt nach Haus käme, der Kerl ſie todt ſchlagen würde. Da nun der Offizier bei ſeiner Weigerung blieb, eine Wache mitzugeben, ſo bat ſie um die Vergünſtigung, die Nacht auf der Wacht⸗ ſtube zubringen zu dürfen, wogegen aber der Commandirende, wie ſich von ſelbſt verſtand, wieder eben ſo viele Schwierigkeiten machte, und ihr mit allen moͤglichen Vernunftgründen auseinander zu ſetzen ver⸗ ſuchte, daß er ſie unmöglich auf die Wache nehmen könnte, wenn ſie nicht in Folge eines Vergehens arretirt worden ſey. „So! ſo!“ ſchrie nun ihrerſeits das Weib,„alſo wenn ich ge⸗ ſtohlen hätte, oder mich ſonſt wo herumgetrieben, dann thäte mir der Herr Lieutenant erlauben, auf der Wache zu bleiben, aber wenn der Herr Lieutenant auch weiß, daß ich als ehrliche Bürgersfrau, ja als brave rechtſchaffene Frau von meinem Kerl zu Haus todt ge⸗ ſchlagen werde, darum bekümmert ſich die königliche Wache nir. O Gott, o Gott! Herr Lieutenant, aber ich bitt' Sie, laſſen Sie mich nur eine Stunde in der Wachtſiube bleiben, bis der Kerl zu Haus eingeſchlafen iſt.“ So viel Bitten und Flehen vermochte am Ende die weiche Seele des Infanterieoffiziers nicht zu widerſtehen. „In's Teufels Namen denn!“ ſagte er.„N ehmet ſie auf Eure Wachtſtube, Unterofftzier Kümmerlich; aber paßt auf, es geſchieht mir ein Streich damit, ich kenn' ſolche Geſchichten.— Gewehr ab! aus⸗ einanden treten!“ So war denn die Ruhe wieder hergeſtellt und die Genrfner, ſo wie der Ofſtzier zogen ſich in ihre Wachtſtuben zurück, um die verſchiedenen unterbrochenen Unterhaltungen fortzuſetzen. Der lange Cduard hatte den Moment benutzt, etwas neuen Punſch zu brauen, auch einige Pfeifen geſtopft und der wachthabende Ofſier wollte 118 eben die Geſchichte zum Beſten geben, die draußen paſſirt, als ein neuer Lärm die Unterhaltung ſtörte. Es war eine Mannsſtimme, die vor der Wachtſtube laut wurde und wie es ſchien einen Streit mit dem Poſten unter dem Gewehr hatte. „Werden's mir doch wohl erlauben, Herr Soldat,“ ſchrie er, nden Herrn wachthabenden Commandeur zu ſprechen, und des kann ich als königlicher Unterthan, der ſeine Steuer bezahlt, verlangen.ℳ „Du!“ rief der lange Eduard, indem alle aufſprangen, n„die Geſchichte müſſen wir mit anhören. Kommt hinaus!“ Und Alle eilten vor die Thür. Vor dem Poſten ſtand ein kleiner ſchwächlicher Mann. Trotz des kalten Wetters hatte er Nankinghoſen an und der halbzugeknöpfte langſchößige ſchwarze Frack ließ deutlich ſehen, daß er keine Weſte trug. Einen alten Filzhut trug er auf dem Hinterkopf hängend, und während er mit der rechten Hand in der Luft herum focht, hielt er ſich mit der linken am Schilderhäuschen feſt, um nicht unzufolſen denn er war außerordentlich betrunken. „Herren Lieutenant von der Wacht,“ ſagte er mit lallender Zunge,„mir iſt meine Gemahlin davon gelaufen— und ein un⸗ deutliches Gerücht— hat mir g'ſagt, ſie ſey hier in der königlichen Wachtſtube.— Ich bin ein ehrſamer— und ſolider Schneidermeiſter, und komme zu fragen— ob meine Gemahlin hier auf der Wacht⸗ ſtube iſt. Sollte dieß undeutliche Gerücht wahrſagen, ſo möͤchte ich wiſſen, was ſie begangen hat, um dif die Wachtſtube geſchleppt wor⸗ den zu ſeyhn.“ ennen Mn entgegnete lachend der Wachthabende,„von einem Weibe precht, die te vor einer halben Stunde hieher gelaufen kam, weil ſie ihren beſoffenen Mann fürchtet, der ſeyd Ihr recht, und ich rathe Euch, ruhig 3 4 * ſie beſtändig prügelt, ſo Hauſe zu gehen... —, * 119 „So, Herr Lieutenant von der Wacht,“ ſchluchzte der Schneider⸗ 4 meiſter,„alſo meine Frau Gemahlin— iſt auf die Wachtſtube per⸗ * ſchwadirt worden. O Gott, o Gott! was muß ich erleben. Weib, Du haſt mir betrogen!“ Und bei dieſen Worten faßte er mit beiden Händen das Schil⸗ derhaus, und begann daran wie wüthend zu rütteln. Doch bald faßte er ſich wieder, rückte den Hut etwas auf die Seite, und näherte ſich mit ſchwankendem Schritt dem Wachthabenden. „Herr Lieutenant,“ ſagte er,„ich verlange das Weib zurück, das Sie mit Gewalt in der Wachtſtube feſthalten.— Ich bin eine ehrſame Frau und eine ehrſame Frau ſoll nicht mit Gewalt von den Soldaten auf der Wachtſtube feſtgehalten werden. O Gott, o Gott! Aber es iſt noch Gerechtigkeit im Land.“ „Hör' er,“ ſagte der Wachthabende jetzt ärgerlich,„mach' er, daß er mit ſeinem Ge ſchwätz jetzt fortkommt, und nehm er ſein 3 Weib mit nach Haus; verdammt, wer ſich mit ſolchem Packe ein⸗ läßt. *„So, ſo, Herr Lieutenant,“ lachte der Schneider höhniſch,„jett ſoll ich die F Frau noch mit nach Haus nehmen, nachdem ſie eine halbe Stunde bei dem Soldatenvolke auf der Wucht war. O nein! ich laſſe mir ſcheiden!“ Und dabei fing er an bitterlich zu weinen und ſchluchzte laut auf. „Meinen Sie ja nicht, Herr Lieutenant daß ich die Sache ſo hingehen laſſe. O nein, es gibt noch Gerecheigkeit im Land. O Gott! einer ehrſamen Frau Gewalt anthun. O Loiſe, Loiſe, wa⸗ rum haſt du mir das gethan! Aber es muß geſchieden ſeyn! Der Wachthabende ſtand bei dieſer Scene wie Kohlen, denn bei dem Geſchrei war die halbe Wache aus der ütr Gflige und umſtand neugierig den betrübten Schneider. „Das hat man davon,“ ſagte der Wachthabende biſe, vwenn 120 man gutmüthig iſt. Jagt mir das Weib aus der Wachtſtube, und dann packt Euch Eurer Wege.“ Auf dieſen Befehl wurde Louiſe herausgeführt, und dem Gemahl übergeben, der aber nichts von ihr wiſſen wollte und anfänglich auf ſeinem Vorſatze beharrte, ſich ſcheiden und der Gerechtigkeit ihren Lauf zu laſſen. Doch wäre wahrſcheinlich die Sache noch gütlich beigelegt worden, wenn nicht plötzlich in der Straße vor der Wache eine Ge⸗ ſtalt ſichtbar geworden wäre, die mit feſtem Schritt näher kam. „Halt, wer da?“ rief der Poſten. „Ronde!“ antwortete es. „Was für Ronde?“ „Hauptronde.“ „Heraus!“ Alles ſtürzte an die Gewehrpfoſten, während der Schneider noch wüthender als vorher lärmte. „Richt Euch! Gewehr auf! Präſentirt's Gewehr! Ein Gefreiter und zwei Mann vom linken Flügel vor zum Examiniren der Ronde.— Marſch!“ 4„Halt, wer da?“ ſagte der Gefreite, der mit züvei Mann vor⸗ getreten iſt. „Hauptronde.“ „Wer hat die Hanptronde?“ „Major von Z. „Parole? 2 1 K. „Stockholm.“ „Herr Lieutenant die Ronde iſt richtig,“ ruft der hi und der achthabende erwiedert: „ Avancir, Ronde!“ 4 Der Major von Z. war als Ronde nicht ſehr beliebt. Er war von einer entfetzlichen Pünktlichkeit 0 und hatte leicht was 121 auszuſetzen. Gegen das Heraustreten der Wache war diesmal mihis zu erinnern. Sie war, Dank ſey es dem Schneider⸗Intermezzo! zeitig genug da geweſen und auch der Gefreite, der die Ronde zraminirte, hatte ſeine Schuldigkeit gethan. Und ſomit wäre der Major von Z. befriedigt abgezogen, wenn nicht der unglückſelige Sahneſdenneſfler lauter als je nach Gerechtigkeit geſchrieen hätte. „Ja, was iſt denn da los?“ fragte Major von Z. „Oh, Herr Oberſtwachtmeiſter,“ entgegnete der Lieutenant der Wache, veine unangenehme lächerliche Geſchichte mit einem Schneider, der ſeine Frau prügelt, und welche deshalb Schutz bei der Wache ſuchte.“*— Der Schneider, welcher auf das Geſpräch aufmerkſam geworden war, taumelté näher und ſagte ſchluchzend: er ſuche nur Gerechtigkeit, aber von Prügeln und Schutzſuchen ſey gar keine Rede. Man habe ſeine Frau in die Wachtſtube perſchwadirt und er müßte ſich ſcheiden laſſen. „Ah, Herr Lieutenant,“ ſagte leiſe der Major zu dem Wacht⸗ habenden,„was ſind das für Sachen?“ „Ich verſichere Sie, Herr Oberſtwachtmeiſter,“ entgegnete jener, ves iſt kein wahres Wort daran; das Weib kam unter dem Vor⸗ wande, ihr Mann prügelte ſie zu Haus, mich bittend, ich möge ihr erlauben, ein paar Stunden auf der Wachtſtube zu bleiben.“ „Was Sie doch natürlicher Weiſe unht rſmubten? 24 ſagte der Offizier von der Ronde. „Allerdings,“ antwortete der Bieutenant,„hütt ich mich nicht ſollen erweichen luſſen;;z aber das Weib jammerte ſo arg, daß ich am Ende zugab. „Was eie durchaus nicht hätten thun ſollen, Herr Lieutenant, 14 ſagte der Major. 122 Und der Schneider jammerte dazwiſchen:„Gerechtigkeit! nur Gerechtigkeit! aber es muß geſchieden ſeyn.“ „Wie heißt er?“ fragte der Major,„und wo wohnt er?“ „Dem Herrn Oberſtwachtmeiſter zu dienen, heiße ich Kaspar Müller und bin wohl beſtallter Schneidermeiſter in hieſiger Stadt, Sanct⸗Annenſtraße Nro. 40, vier Treppen hoch, hinten, zu dienen.“ „Seinem Anſehen nach,“ antwortete der Offizier der Ronde, „ſcheint er eher wohlbeſtallt im Wirthshaus als auf ſeiner Schneider⸗ bank zu ſeyn, und ich merke ihm an, daß er einen ungeheuren Rauſch hat.“ „Kummer, Kummer, Herr Major,“ ſeufzte der Schneider.„O Loiſe! Aber es muß geſchieden ſeyn.“ „Scheer er ſich jetzt ruhig nach Hauſe und leg er ſich zu Bett, 4 erwiederte der Ofizier;„nehm er ſein Weib mit und hüt er ſich künf⸗ tig, bei den Wachtpoſten Skandal zu treiben, ſonſt wird er eingeſteckt. Verſtanden?“ Der Schneider wollte noch einige Einwendungen machen und ſprach noch Verſchiedenes von Gerechtigkeit und ſich ſcheiden laſſen doch mochte ihm die ſtrenge Art des Majors verdächtig vorkommen, und er ſchlich ſich am Ende mit ſeiner Frau von dannen. „Mir thut es ſehr leid,“ ſagte der Major, zu dem wachthaben⸗ den Offizier,„daß ich dieſe Sache der Commandantur melden muß; aber folche Unordnungen ſollen auf den Wachen nicht geduldet werden. Ich will dabei erwaͤhnen, daß Ihre Wache ſehr gut in Ordnung war; aber meine Schuldigkeit muß ich thun. Gute Nacht, Herr Lieutenant!“ Dieſer unangenehme Auftritt hatte ſowohl auf die Stimmung des Offiziers der Wache, als auch auf die der Gäſte einen ſchlimmen Einfluß. Keinem wollte der Punſch mehr recht ſchmecken. Der lange Eduard zog ſeine Uhr hervor und meinte, es ſey Ein Uhr und alſo Zeit zum Nachhauſegehen, und der Cavallerie⸗Offizier, der einen Witz machen wollte, fügte hinzu:„Ja es muß geſchieden ſeyn!“ 85 — — Unteroffizier von der Infanterie ſaß in ſtiller Majeſtät am Ofen, in 123 So trennten ſich alle und gingen eilfertig durch die naßkalte Novembernacht ihrer Wohnung zu. Der lange Eduard meinte unter⸗ wegs, es ſey ein ſchlecher Witz geweſen mit dem Schneider, und ei⸗ nen der andern Offiziere hörte man noch durch mehrere Straßen fingen: Dem edlen Commandant Bringt den Rapport alſogleich Der Hauptmann von der Ro—o— o— o— nde. Bum! Bum!. Mag es ſeyn, daß die Laune des commandirenden Lieutenants ſich durch den Vorfall etwas getrübt hatte, oder war es wirklich die Strenge des Dienſtes, die er zum Vorwand nahm, indem er dem Bom⸗ bardier Robert bedeutete: daß er ſich ebenfalls gefälligſt nach Haus ver⸗ fügen möge und dem Bombardier Tipfel verſicherte: es thue ihm wirk⸗ lich ſehr leid, aber er könne nicht anders und müſſe ihn bitten, ſich in der allgemeinen Wachtſtube drüben ein Nachtlager aufzuſuchen; was denn auch Kipfel alsbald, für das genoſſene Gute dankend, that. Gott, aber welchen Unterſchied fand er dort in Vergleich mit ſeiner ſtillen heimlicheen Wachtſtube auf dem Fort Nro. 4. hier auf der Hauptwache, wo ſich circa vierzig Mann von allen möglichen Waffengattungen befanden: Infanterie und Dragoner, Huſaren und Pionniere, Alles durcheinander, das Bouquet verſchiedenartigſten ſchlechten Tabake, die hier geraucht wurden, dazwiſe ten Geſchnarch und Geſtöhn, und der Boden ganz naß von dem feuchten Schnee, der an den Schuhen hereingetragen worden, alle Pritſchen beſetzt, ſogar nicht einmal ein Stuhl frei, auf dem der unglückliche Bombardier die Nacht hätte zubringen können! In der Ecke ſpielten ein Paar Huſaren Karten und ſchlugen mit den Fäuſten auf den Tiſch, daß es dröhnte. Der commandirende 7 * 124 den vier Haimonskindern leſend und bekümmerte ſich nichts um den unglücklichen Collegen. So war der arme Tipfel ganz einſam und hätte ſich nicht einmal niederſetzen können, wenn nicht der Soldat von der Lunette Nro. 24, der ihn arretirt hatte, ihm ein Lager auf einer Pritſche verſchaffte, wo ſich Tipfel hinſtreckte, eingekeilt zwiſchen einem Infanteriſten und einem Dragoner,———— eine Roſe zwiſchen Dornen. Vierzehntes Capitel. Ein ſehr kurzes Capitel, aber mit ſehr langen und ſehr traurigen Folgen. „Parole: Liſſabon. Commandantur Befehl. Geſtern Abend hat ſich der Fall ereignet, daß der Wachthabende des Forts Nro. 4., Bombardier Tipfel von der ſechspfündigen Fuß⸗ batterie Nro. 21., auf wirklich ſehr nnverantwortliche und nicht zu entſchuldigende Weiſe ſein Fort und ſeine Wache verließ, und ſpäter auf der Lunette Nro. 24 arretirt wurde, 48 er eben im Begriffe ſtand, ſich in Cioilkleidern aus der Stadt zu ſchleichen: weshalb ſich der betreffende Bombardier eines Daſertionoverſſihs ſehr verdächtig gemacht hat. 1 Als Mitſchuldiger höchſt verächtig i iſt der Bombardier Robert pon der reitenden Batterie Nro. 2., der allem Anſcheine nach dem genannten Bombardier Tipfel zu der vorgehabten Deſertion behülflich 126 hat ſeyn wollen. Beide ſind deßhalb ihrer Brigade anzuzeigen, reſpective zu übergeben, welche die kriegsrechtlichen Unterſuchungen einzuleiten hat. Auf die Anzeige des Major v. Z. als Hauptronde wird dem wachthabenden Lieutenant bei der Hauptwache ein Stubenarreſt von acht Tagen erkannt, weil er unbefugter Weiſe Leute auf ſeine Wache genommen, die durchaus nicht dahin gehören. Gezeichnet: . Oberſt v. Luete.“ Brigadebefehl. „Laut Anzeig ge der Hochlöblichen Commandantur iſt der Bom⸗ bardier Tipfel ven der ſechspfündigen Fußbatterie Nro. 21. von der Hauptwache zu übernehmen und nebſt dem Bombardier Robert von der reitenden Batterie Nr. 2 in Gewahrſam zu bringen. An die zweite Abtheilung. Gezeichnet: Der Brigadier.“ Abtheilungsbefehl. „Der Bombardier Tipfel von der Fußbatterie Nro. 21 und der Bomkbardier Robert von der reitenden Batterie Nro. 2. ſind laut— Commandantur⸗ und Brigadebefehl ſogleich in Gewahrſam zu bringen. Auch ſind die Nationale's und Führungsliſten dieſer Leute dieſſeitigem Commando ſogleich abzugeben, welches den betreffenden Batterien anheim ſtellt, gemäß der bisherigen Aufführung, dieſe beiden Bom⸗ bardiere entweder in Stuben⸗ oder Caſernenarreſt zu behalten, oder ſie in das allgemeine Arreſtlokal abzuliefern. An die ſeehfindige Fußbatterie Nr. 21. und die reitende Batterie Nro. 2. Gezeichnet: Dampfſchiff, 3 Major und Abtheilungs⸗Commandeur.“ 6 Verhör mit ihnen angeſtellt werden würde. 127 Batteriebefehl. „Der Bombardier Tipfel hat ſeine guten Kleider auf die Kammer zu liefern und iſt im ſchlechteſt en Anzug augenblicklich in's Arreſtlokal abzuführen. Nationale und Führungsliſte ſind ſogleich an's Abtheilungscommando abzugeben. „Gezeichnet:“ Geheimer Befehl. „Den Bombardier Tipfel ſoll der Teufel regieren, und da er ein Mann iſt, den ich nie habe ausſtehen können, der ſich unter⸗ ſteht, in einer feinen Uniform herumzufegen, wie ſie ſein Capitän trägt, und der ſich ſogar in anſtändigen Caffeehänſern blicken läßt⸗ ſo ſoll ihm die Führungsliſte möglichſt gefchärft Kerden. Auf dieſe Art werden wir den Mann vielleicht los. Nicht gezeichnet, aber mündlich, 4 Am Abende dieſes Tages, wo vorſtehende Befehle erlaſſen wurden, ſaßen der Bombardier Tipfel und der Bombardier Robert einträchtiglich bei einander in Nro. 7 ½ im Unterſuchungsarreſt, unter den Befehlen des Rattenkönigs Majeſtät, welcher ihnen bei ihrem Einzug eröffnete, daß morgen früh um acht Uhr ein vorläufiges Fünfzehntes Capitel. Außerhalb der Wachtſtube; ein unmilitäriſches Capitel, das zu den voran⸗ 4 ehenden: gar nicht paßt, in welchem aber dennoch der Leſer alte Bekannt⸗ ſchaften erneuert. Der Tag, der auf die denkwürdige Nacht folgte, war eben ſo verſchieden von derſelben, wie das Local, in welches wir den Leſer der beiden Bombadiere weinen und klagen, ſo hatte ſich das Wetter nach Mitternacht geändert. Auf den Schnee hatte es geregnet, und Häuſern umher und fuhr pfeifend durch die Schornſteine hinab und hinauf, auf den Heerden die ausgebrannten Kohlen durchnäſſend und aufwirbelnd. Es war, wie die Schildwachen, die zwiſchen zwölf und ein Uhr den Dienſt hatten, verſicherten, ein Hundewetſer geweſen. Nach ein Uhr aber legte ſich der Sturm; der graubedeckte Himmel wurde hie und da heller, bald drang ein einzelner Stern jetzt einzuführen gedenken. Als wollte die Natur über das Unglück ein heftiger kalter Wind fegte durch die Straßen, heulte an den „hervor, dann mehrere, die Luft wurde reiner und kälter, und als * K. 5 ackländ er, Wachtſtubenabenteuer. 9 129 bei der frühſten Morgendämmerung die Dienſtmädchen an den Brunnen gingen, waren Straßen und Baume mit weißem Reif bedeckt und die Erde knitterte und knatterte unter ihren Fußtritten. „* Dazwiſchen begannen von allen Thürmen die Glocken zu läuten, denn es war Sonntag und ihm zu Liebe hatte ſich die geſtrige ſchmutzige Erde wahrſcheinlich ſo reinlich und freundlich aufgeputzt; —— wirklich, ſo ein Wintermorgen, kalt und ſtrahlend, hat etwas ſehr Angenehmes und Freundliches, beſonders wenn man ihn aus dem geheizten Zimmer auf Straßen, Feld und Wald ſo ſtreng und gewaltig herrſchen ſieht. Die Leute auf der Straße trippeln eilig vorüber, die Hände in den Taſchen oder unter die Tücher geſteckt, Naſe und Wangen ſanft geröthet und den Hauch des Mundes wie eine dicke Wolke von ſich blaſend. 5 Die großen Kirchenglocken brummen ernſt dazwiſchen und die kleinen accompagniren ſie, luſtig, leichtſinnig und wohlgemuth. Dazu ein freundliches Zimmer; an den großen Spiegelſcheiben rollen langſam die Waſſertropfen herab, im weißen Marmorkamin kniſtert luſtig ein Feuer; auf dem Tiſche ſteht das Caffeeſervice, in den Taſſen dampft der braune Trank, heiß und ſüß, angenehm im Gegenſatz zu der bitteren Kälte draußen. Inn einem ſolchen Zimmer befinden wir uns, der Boden iſt mit weichen Teppichen belegt, an den Wänden hängen Gemälde in ſchweren goldenen Rahmen und das Licht, das von dem weißen Reif draußen gar zu heftig abprallen und den Augen wehthun würde, 8 wird gemildert durch ſchwere Vorhänge, die, von dunkelm Seiden⸗ ſtoff in hellen weiß geſtickten Mouſſelin übergehend, gerade ſo viel Licht hereinlaſſen, als eben nöthig iſt. Der heimlichſte Platz in dem Gemach hier iſt die Kamineck 9, 130 und vor demſelben ſteht ein großer roth ſammtener Fauteuil, der den Rücken in'’s Innere des Zimmers kehrt und von dem wir im Augenblick nicht wüßten, ob Jemand darauf Platz genommen hätte, wenn wir nicht zwei kleine Damenfüße ſähen, die auf der meſſingenen Stange, die das Kamin umgibt, im Takt auf⸗ und nieder treten, begleitet von einem unterdrückten Lachen, das zuweilen hörbar wird.„ An dem Caffeetiſch ſitzt eine Dame, in ein ſehr jugendliches weißes Morgenkleid gehüllt, von welchem das etwas ältliche Geſicht nicht ſehr günſtig abſticht, eben ſo wenig wie von dem Kopfputz, der aus einem bunten oſtindiſchen Tuch beſteht, turbanartig um den Kopf geſchlungen, und das einzige Gute hat, daß er den wahr⸗ ſcheinlich nicht zu üppigen Haarwuchs der jungen alten Dame gründlich verſteckt.. „Aber ich bitte Dich, Pauline, wie kann man nur ſo unauf⸗ hörlich über dergleichen Kindereien lachen! Ich vetſtchere Dich Deine Luſtigkeit thut mir ordentlich weh.“ 3 Ein neues unterdrücktes Lachen aus dem Fauteuil war die Antwort. 3 „Es iſt eigentlich ganz traurig,“ fuhr die andere Dame fort, „daß wir ſo unglücklich waren, ſtatt in lieber Geſellſchaft“— hier ſeufzte ſie tief aus—„durch einen ſonderbaren Zufall mit ſo einem gemeinen Menſchen fahren zu müſſen.“ „Oh, Tante Sophie,“ ſprach jetzt die Stimme aus dem Lehnſtuhl,„man kann doch eigentlich ſo genau nicht wiſſen, ob der Soldat ein gemeiner Menſch war. Wer weiß, er kann von ganz ordentlicher Familie ſeyn! Meine beiden Brüder haben ja auch gedient, und ſogar der Herr Auditeur, liebe Tante, war eine Zeit⸗ lang Soldat.“ „Alles mit Unterſchied“ meinte die Tante.„Aber wie der — — 131 Menſch ſchon in den Wagen hineinſtieg, hat mich ſogleich etwas Unheimliches angeweht.“ 3 „Ach,“ entgegnete Pauline ſpöttiſch,„Sie haben doch eine Zeitlang recht zärtlich mit dem lieben Robert geſprochen, eh' ich Licht machte.“ „Das wohl,“ ſagte die Tante;„aber wie geſagt, es war mir von Anfang an unheimlich, und guter Gott im Himmel! erſt den Schrecken als ich das fremde ordinäre Geſicht ſah.“ Bei dieſen Worten drehte Pauline ihren Fauteuil etwas raſch zur Hälfte herum. „Nun, das muß ich ſagen, liebe Tante, von einem ordinären Geſicht hab' ich doch nun gewiß nichts geſehen. Daß es mich auch ein wenig erſchreckt hat, einen fremden Menſchen vis a-vis zu ſitzen, iſt wohl wahr; aber nachdem ich erfuhr, daß es nur eine Ver⸗ wechslung war, war mir das vis-a⸗vis des ordinären Geſichts eben ſo lieb, wie manches andere.“ „Behüt mich Gott,“ entgegnete die Tante,„was Du für Grundſätze haſt. Einen ganz gewöhnlichen unbekannten Soldaten einem Freunde Deiner Tante, ja unſeres Hauſes gleich zu ſtellen.“ „Was die Freundſchaft unſeres Hauſes anbelangt,“ lachte Pauline,„ſo iſt der Herr Auditeur Schmidt noch weit davon entfernt. Papa, das wiſſen Sie wohl, kann ihn nicht leiden, weil,“ hier ſtockte ſie. „Nun, weil, weil.... u 1 „Nun ja, weil er Ihnen den Hof macht,“ lachte die Nichte. „Sie wiſſen, er hat es hundertmal ſelbſt geſagt. Ich will Ihnen gegenͤber dabei nichts Böſes denken, liebe Tante; aber es iſt ſo, weil er Ihnen den Hof macht.“— „Nun, iſt es ein Verbrechen, mir den Hof zu mach entgegnete die Tante, etwas pikirt. 13² „Das will ich wieder nicht geſagt haben,“ lachte die Kleine im Fauteuil;„aber, nun erlaſſen Sie mir das, Tante.“ „Nein,“ antwortete dieſe heftiger, vich erlaſſe Dir nichts. O Gott, ich will doch ſehen, wie das Kind meines eigenen Bruders gegen mich, Ihre leibliche Tante, denkt.“ Dabei zog ſie ein weißes Taſchentuch aus ihrem Morgenkleid und avancirte damit gegen die Augen. 4 Pauline hatte ihren Fauteuil wieder an's Kamin gedreht und ſtampfte auf der meſſingenen Kaminſtange eifriger als früher. „Bekomme ich keine Antwort, Pauline?“ „Nein, Tante, denn ich will Ihnen nichts nangenehmes fagen.“ den Hof zu machen.“ Dies Letzte ſagte ſie mit ſchluchzender Stimme. keine Scene haben, weil der Herr Auditeur Schmidt ein paar⸗ Jahre älter iſt als ich, und Sie die aͤltere Schweſter meines Vaters ſind. „Alſo endlich hab' ich es heraus,“ ſchluchzte die Tante laut auf.„Auch Du verſchmſt Dich gegen mich und fäuſt von mir ab.“ „Nein, ich verſchwör, mich gar nicht gegen Sie, Tante Sophie; 3 und falle auch gar nicht von Ihnen ab; aber Sie haben mich ja forcirt, Ihnen etwas Unangenehmes zu ſagen.“ „O Gott, o Gott!“ jammerte die Tante; nijetzt Legref i9, warum der Bruder den Herrn Schmidt geſehen hat. Ja, 5 bin hier im Haus verrathen und verkauft.“ Nach dieſer Anklage flog der Fauteuil wieder herum, ager noch iel haſtiger als das erſte Mal und die Kleine fragte ſehr ſcharf: „Aber ich will wiſſen, weshalb es ein Verbrechen iſ, mir „Nun denn,“ entgegnete die Kleine gereizt;„aber ich will 133 „Was wollen Sie damit ſagen, Tante?“ „Schändlich, ſchändlich!“ jammerte dieſe. 3„Was iſt ſchänd ich? Ich bitte recht ſehr, Tante, erkläre Sie ſich darüber. Ich habe Ihnen nichts gethan, was ſchänd⸗ lich iſt.“ Bei dieſen Worten machte die Kleine Miene, aus ihrem Fauteuil aufzuſtehen und die Tante, die wohl einſah, daß ſie zu weit gegangen und welche die Bundesgenoſſin nicht verlieren wollte, lenkte ein, indem ſie ſtatt aller Antwort noch lauter zu ſchluchz'en anfing. Ueber das Geſicht der Kleinen fuhr ein leichtes Lachen; ſie drehte ihren Fauteuil wieder langſam gegen das Kamin und ſtrich mit der Schaufel die glühenden Kohlen zuſammen. Es trat eine lange Paufe ein, welche draußen von den Kirchen⸗ glocken, die in allen Tönen klangen, ausgefüllt wurde. Endlich trocknete die Tante die Augen und rief mit leiſer Stimme: 9 Pauline lu 1. „Was befehlen Sie, Tante?“— „Ja ich ſehe ein,“ fuhr jene fort,„daß ich Dir Unrecht gethan habe; Du biſt nicht im Stande, mich zu verrathen.“ „ Nun,“ ſagte die Andere,„das käme darauf an, liebe Tante, aber bis jetzt habe ich es gewiß nicht gethan.“ „ Und wirſt es auch nicht thun?“ „Ich glaube nicht, Tante.“ »Nun ja, ſiehſt Du, mein Kind, es iſt eigentlich Unrecht, daß wir Beide uns entzweien, und das wegen einem ſo ganz ordi⸗ nären Menſchen.“ 4 Die Kleine wandte eiwas heftig den Kopf herum:„Liebe Tante, ich habe Ihnen das ſchon einmal geſagt, ich mag das nicht leiden. Der junge Menſch hat ſich recht artig benommen, und gar nicht ordinär.“. 134. „Ei, ei, Pauline,“ ſagte die Tante mit einem Geſicht, das ſchelmiſch ausſehen ſollte;„Du nimmſt Dich ja des Soldaten ſo eifrig an, daß ich gar nicht weiß, was ich davon denken ſoll.“ „Liebe Tante,“ entgegnete die Kleine lachend,„denken Sie darüber, was Ihnen beliebt; aber der junge Mann hat mir nun einmal nicht ſchlecht gefallen.“ Bei dieſen letzten Worten ſchaute ſie links iber das Fauteuil, um das Geſicht der Tante zu beobachten, welche in der That ziemlich verwundert ausſah.* „Ich möchte auch einmal ein Abenteuer haben, liebe Tante, und werden Sie mir da auch beiſtehen?“ „Gott ſoll mich bewahren,“ entgegnete dieſe erſchrocken,„Du haſt wirklich leichte Ideen, Pauline. Auch Abenteuer haben! Wer hat denn ſonſt noch Abenteuer?“ „Nun Sie, liebe Tante,“ lachte die Andere.„Ich habe mich nun einmal darauf capricirt, den kleinen Soldaten ſcharmant zu finden. Und da ich Sie ſo oft begleitet habe, ſo werden Sie mir einen ähnlichen Dienſt nicht abſchlagen.“ Bei dieſen letzten Worten preßte die Kleine ihr Sacktuch an den Mund, um nicht laut aufzulachen; denn man ſah von dem beſtürzten Geſicht der Tante, daß ſie die Neckerei für Ernſt nahm. „Aber ſo ſage mir doch um Chriſti willen, was ſoll es denn mit dem Soldaten? haſt Du ihn früher ſchon geſehen? und biſt Du näher mit ihm bekannt?“ „Sie wiſſen ja, liebe Tante, daß geſtern Abend ſein Kammer⸗ diener da war.“ „Ein ſauberer Kammerdiener,“ grollte dieſe.„Und was weiter?“ „Nun er hat mir ein Billet⸗doux von ſeinem Herrn über⸗ 5 bracht 4 I 135 „Ein Billet⸗dour, Pauline, ich kenne Dich ja gar nicht mehr. ¹ „Hier iſt es, liebe Tante.“ Bei dieſen Worten ſtand ſie anf und legte ein kleines Papier auf den Tiſch. „Nun, das muß ich ſagen,“ entgegnete die Tante, indem ſie es in die Hand nahm,„der Liebesbrief ſieht ziemlich ſchmutzig aus.“ „Nun ja, von ſo gemeinen Menſchen,“ lachte Pauline,„aber leſen Sie nur.“ Die Tante hatte das Papier mit den Fingerſpiten angefaßt und verſuchte es behutſam zu entfalten, um ſich nicht ſchmutzig zu machen. Sie hatte aber auch nicht Unrecht daran, denn der Kanonier Schulten war gerade nicht ganz ſäuberlich damit ver⸗ fahren. Mit großem Erſtaunen las ſie: 4 „Da ich Ihre Rechnung vom 1. v. M. unglücklicher Weiſe verlegt habe, ſo muß ich um eine neue bitten, ehe ich die kleine Summe bezahlen kann.“ „Mir ſteht der Verſtand ſtill,“ unterbrach ſich die Tante. „Mir auch,“ entgegnete Pauline,„aber leſen Sie nur weiter.¹ „Zugleich bitte ich, dem Ueberbringer zwei Flaſchen Räresgri mer und drei Pfund weſtphäliſchen Schinken mitzugeben; er wird Ihnen den Betrag dafür einhändigen. „ Bombardier Robert.“ Die Tante ſah ihre Nichte fragend an und ſchüttelte den Kopf. „Und das iſt von ihm an Dich?“ „Ja, liebe Tante, das iſt von ihm an mich. Es kommt, wie Sie ſehen, noch ein Notabene.“ Die Tante las weiter: „Da es mir ſchon einige Mal paſſirt iſt, daß die Kanoniere von dem Geld, das man ihnen mitgab, verloren, ſo bitte ich, mir morgen früh die Rechnung zu ſchicken, wo ich alsdann nicht erman⸗ geln werde....“ „Ach, geh doch;“ lachte die Tante,„das muß ein Miſtverſtand⸗ niß ſeyn. Der Brief iſt auf keinen Fall an Dich gerichtet.“ „Aber der Herr Kammerdiener hat ihn mir übergeben und hat hinzugeſetzt: er ſey von ſeinem Herrn an mich und er wolle mich darin um Verzeihung bitten, ſur die unangenehme Stunde, die er mir verurſacht.“ 4½ „Oh, das iſ wie geſagt, ein Mißverſtändniß,“ entgegnete die Tante;„aber die Verwechslung iſt drollig,“ und dabei lachte ſie laut auf. 4 Pauline ſtimmte luſtig mit ein, und Beide bemerkten im erſten Augenblick in ihrer Fröhlichkeit nicht, daß ein Bedienter eingetreten war, der den Herrn Auditeur Schmidt anmeldete, welcher die Damen in einer geheimen und dringenden Angelegenheit zu ſprechen münſchie . Sechszehntes Capitel. Der Leſer wohnt einem halbmilitäriſchen Verhör bei und erſteht, wie ein verſpäteter Empfehlungsbrief manchmal doch noch zur xechten Zeit wirken kann. * Man kann ſich bei dieſer Meldung das Erſtaunen der Tante und ihrer Nichte leicht denken; denn der Herr Auditeur Schmidt hatte, wie wir aus den vorhergehenden Capiteln erfuhren, es noch nie gewagt, ſich öffentlich im Hauſe des Regierungsrathes zu zeigen. Pauline, die den Liebesbrief des Bombardier Robert eiligſt verſteitt hatte, meinte nach einem augenblicklichen Nachdenken: der Herr Au⸗ diteur werde zum Papa wollen, um ſich über ſein geſtriges unan⸗ genehmes Rencontre mit demſelben zu entſchuldigen. Der Tante 4 aber fuhr es wie ein Blitz durch die Glieder, ſie ſeufzte tief in ſich hinein und dachte:„O Gott, der ſtürmiſche junge Mann! Er wird es wagen, und— o Seligkeit! förmlich bei dem Bruder um mein Hand anhalten!“ 8 Wir werden aber bald ſehen, 3 ſich die beiden Damen ais Pätt 138 Der Herr Auditeur Schmidt war unterdeſſen ſchüchtern einge⸗ treten und hatte ſich befleißigt, den Damen in der feinſten Toilette aufzuwarten. Zur Hauptfarbe ſeines Anzuges hatte er ſchwarz gewählt, wahrſcheinlich um die Trauer ſeines Herzens zu bezeichnen. Sein fahles blondes Haar war platt um den Kopf gelegt und ſeine großen waſſerblauen Augen bedeckte er hie und da mit den Augen⸗ lidern, dadurch wie er glaubte, ein gewiſſes Schmachten ausdrückend. „Meine Damen,“ liſpelte er,„indem ich Sie um Verzeihung bitte, die Ruhe Ihres ſchönen Morgens geſtört zu haben, ſetze ich zu meiner Entſchuldigung hinzu, daß nur ein wichtiges und dringen⸗ des Geſchäft, mich veranlaßte, einem harten Befehl— hier ſeufzte er tief auf,—„der mich fern von dieſem Hauſe bannt, ungehorſam geworden zu ſeyn.“ Die Tante erröthete bei dieſen Worten ſichtlich und blickte ver⸗ wirrt zu Boden, wogegen die Nichte recht laut und unbefangen fragte: „Ein Geſchäft mit uns, Herr Auditeur? Ihre Geſchäfte erßtre⸗ cken ſich ja ſonſt nur auf das Militär.“ „ Es kommt auch Militär darin vor, mein Fräulein.“ „So,“ ſagte die Tante, ſchmerzlich enttäuſcht. Und an ihrer Stelle wurde die Rihi⸗ befangener, und bemerkte ſogar etwas kleinlaut: „Sonderbar, in einem Geſchäfte mit uns Militär! Ei! dürfte ich bitten, Platz zu nehmen?“ Der Auditeur ließ ſich nieder, und nickte mit dem Kopf, wobei 4 er ſich wie entſchuldigend verbeugte und eine Secunde lung ſeinen Hut vor das Geſicht hielt. „ Sie verzeihen, meine Damen,“ ſagte er,„daß ich ſo weit ausholen muß, wie nöthig iſt. Sie haben vielleicht zufällig gehört, daß es geſtern einem Kettengefangenen— das heißt, es war eigent⸗ lich nur ein Militär⸗Sträfling— gelungen, wenn auch nur 139 für wenige Stunden, aus ſeinem Gefängniß zu entfliehen. Als zu gleicher Zeit, durch die Allarmſchuͤſſe aufmerkſam gemacht, die Wachen auf den Außenwerken ſorgfältiger als gewöhnlich ihre Poſten über⸗ ſahen, wurde bei einem derſelben ein Menſch entdeckt und in dem Augenblick angehalten, als er verdächtiger Weiſe durch eine Schieß⸗ ſcharte in's Freie ſchlupfen wollte. Es ergab ſich, daß dieſer Menſch der Wachthabende einer der kleinen Feſtungen war, die um die Stadt herumliegen; er war in Civil und hat ſich der Deſertion ſehr verdächtig gemacht, iſt auch von ſeinem Capitän als ein Mann prädicirt, der eines ſchlechten Streiches wohl fähig iſt.“ „Aber Herr Auditeur,“ unterbrach ihn Pauline,„was können wir mit einem Deſerteur zu ſchaffen haben?“ „Darf ich ganz unterthänigſt bitten,“ entgegnete dieſer mich in meinem Berichte fortfahren zu laſſen. Alſo dieſer Menſch wurde arretirt, auf die Hauptwache gebracht und als man ihn befragt: weshalb er ſeine Wache verlaſſen und ſtatt in Uniform ſich in einem ſehr fatalen Civilanzuge auf den Wällen der Stadt habe betreffen laſſen, gab er leichthin zu Protokoll: er habe in der Stadt ein dringendes Geſchäft gehabt. Mir wurde heute Morgen das unan⸗-⸗ 1 genehme Geſchäft, den Verhafteten, nebſt einem andern Bombardier, der ſehr verdächtig iſt, bei dem Deſertionsverſuch, mitgewirkt zu haben, in's Verhör zu nehmen, und ich inquirirte namentlich auf den angeblichen Beweggrund oder vielmehr das wichtige Geſchäft, das den Mann veranlaßt, ſeine Wache ſchnöder Weiſe zu verlaſſen. Denken Sie ſich aber, meine Damen, daß es mir beim erſten 2 blick des einen Verhafteten vorkam, als habe ich ihn geſtern Abt hier in Ihrem Hauſe geſehen. Auf meine Anfrage darüber, theuerte er hoch und heilig, ich müſſe mich irren, er kenne Ihr Haus gar nicht, was ich denn am Ende“— ſetzte er mit einem viel⸗ ſagenden Blick hinzu—„vielleicht glauben könnte.“ Die Tante 8** 140 und die Nichte ſahen ſich bei dieſen Worten eine Sekunde lang ver⸗ legen an.„Im Verlaufe des Verhörs nun,“ fuhr der Auditeur fort,„wurde es natürlicher Weiſe nicht ſchwer, aus den Angaben zu erſehen, daß dieſelben falſch ſehen. Und wenn wir wirklich zu Gunſten der Verhafteten eingeſtehen müſſen, daß der Sache mehrr ein unüberlegter Streich, als Deſertionsverſuch zu Grund liegt, ſo mußten wir doch, um die Acten zu arrondiren, und— 4 ſetzte er mit einem lauernden Blick hinzu,„den armen Soldaten zu hel⸗ fen, der Sache auf den Grund ſehen. Die Angabe des Einen aber, wo er geweſen, war, wie geſagt, ſo unhaltbar und unglaubwürdig, daß ſie, einem hohen Kriegsgerichte gegenüber, den Verdacht der Deſertion ſchärfen müſſen. Ich rieth ihm mehrmals, offen und ehrlich zu geſtehen und Zeugen herbeizubringen, aber vergebens.“ Die kleine Pauline, die unterdeſſen in der größten Spannung da ſaß, athmete tief auf und ſagte: „Nun ja, und was weiter?“ „Ich ſchloß mein Verhör,“ fuhr der Auditeur fort,„und nahm dagegen die Kanoniere bei Seite und einer derſelben, nachdem ich ihm verſichert, daß ſeine Ausſagen den Bombardier von der Feſtungsſtrafe retten würden, erzählte mir eine ganz ſonderbare Ge⸗ ſchichte. 4 2 „Eine ſonderbare Geſchichte?“ fragte die Tante. „Ja, meine Gnädige, in der That, ſonderbar. Der Kanonier will den Bombardier in die Stadt begleitet haben. Dort habe de ſelbe ſeine Uniform mit Cövilkleidern vertauſcht, indem er von ſein lem Freund, dem andern Bombardier, der unterdeſſen das Fort hütete, ein Billet⸗doux zu beſorgen gehabt, ein zartes Geſchäft, meine Damen, das, wie Sie einſehen werden, ſich in der groben Uniform nicht gut abmachen läßt.“ auf s Heftigſte auseinander ſetzte, von welch' ſchlimmen Folgen die Begegnung mit jenem gemeinen Soldaten für ſie werden könnte, . 1*. 4 141 Dieſe letzten Worte hatte der hellblonde junge Mann außer⸗ ordentlich langſam und betonend geſprochen. „Das iſt in der That merkwürdig,“ meinte die Tante,„einen Liebesbrief.“ Und dabei wollte ſie lachen; aber ein Blick auf ihre Nichte, die in dieſem Augenblick purpurroth geworden war, warf ihr Ge⸗ ſicht wieder in ſehr ernſte und nachdenkende Falten. Auch der Au⸗ diteur hatte das Erglühen des ſchönen jungen Mädchens bemerkt, und ſpielte den Verwirrten und Verlegenen, wobei er ſich aber ge⸗ berdete, wie ein Fiſch, der auf trockenen Sand gelegt iſt; denn er ſchloß ſekundenlang die Augen und ſchmatzte dabei mit den Lippen, als ſchnappe er nach Luft. Die Scene war etwas peinlich und wurde durch die inquiſt⸗ toriſche Feierlichkeit des Auditeurs noch unangenehmer. Ein Ande⸗ rer an ſeiner Stelle würde die Sache lachend vorgetragen haben, und man hätte ihm wahrſcheinlich lachend das ganze Abenteuer eingeſtanden. „Ja, meine Damen, ein Liebesbrief,“ fuhr er leiſe fort,„und dieſer Liebesbrief ſey von dem Verhafteten—— hier in Ihrem Hauſe abgegeben worden.“ „Mein Gott!“ ſchrie die Tante auf, und affectirte einen gro⸗ ßen Schrecken.„Ein gemeiner Soldat mit einem Liebesbrief in unſerem Hauſe. O Gott, Pauline!“ „Nun ja, liebe Tante,“ ſagte dieſe, welche ſich wieder gefaßt hatte,„was denn weiter? Sie wiſſen ja darum. 1 Der Auditeur ſah bei dieſen Worten die Tante mit einem lan⸗ gen ſchmerzlichen Blicke an, ſo daß ſie auffuhr, und die arme Pauline mit einer Fluth von Vorwürfen überhäufte, wobei ſie ihr nochmals 14² und daß ſe im Begriff ſey, ſich vor der Dun⸗ 4 Welt zu compro⸗ mittiren. 1 Der Auditeur, aufmerkſam geworden, duaf pie und da eine Frage ein, und hatte bald die ganze fatale Wagengeſchichte heraus, welche wir dem verehrten Leſer im 4. Capitel ſo ſchön und aus⸗ führlich erzählten. Nachdem ſich der gewaltige Sturm der Gefühle wieder etwas gelegt, fragte die Tante kleinlaut, was nun in dieſer böſen und fatalen Sache zu thun ſey? worauf der Auditeur ſein Haupt nach⸗ denklich ſenken ließ und dann verſicherte, die Sache ſey ſchon ſehr weit gediehen und daher auf's Unangenehmſte verwickelt. „Ja, ſehen Sie, meine Damen, ich muß meine Acten ſchließen und ſte dem Kriegsgericht vorlegen— eine fatale, fatale Geſchichte; — doch wiſſen Sie was,“ fuhr er nach einigem Beſinnen fort, „ſo wird es gehen. Ich beſeitige das Verhör des Kanoniers, der Bombardier wird der Deſertion angeklagt und was ſchadet das ſo einem Kerl, wenn er auch ein paar Jahre unter die Sträflinge kommt. Der Andere erhält vielleicht ſechs Wochen Arreſt, und wird ſich,“ ſetzte er mit einem ſüßen Blick auf die Tante hinzu, „künftig in Acht nehmen, ſich achtbaren Perſonen auf eine ſo loicht⸗ ſinnige Art zu nahen.“ Die Tante ſah verwirrt in ihre Caffeetaſſe. Doch Pauline war heftig aufgeſtanden, und ſah den Mann des Geſetzes mit einem ziemlich verächtlichen Blick an. „Und wenn der Bombardier ſich ausweiſen kann, wo er ge⸗ weſen, und ein hohes Kriegsgericht einſieht, daß die jungen Leute nur einen leichtſinnigen Streich gemnaiht haben? wie iſt dann ihre Strafe 24 Alsdann,“ meinte der Gefragte,„kommen ſie ziemlich keicht davon. Der Wachthabende erhält vielleicht einen drei⸗ bis vier⸗ 5⁸ wöchentlichen leichten Arreſt und der Andere, dem man eigentlih nichts anhaben kann, wird von ſeinem Capitän mit ein paar Tagen„ Einſperrens geſtraft.“ „Ich danke Ihnen recht ſehr, Herr Auditeur,“ entgegnete das junge Mädchen, und wollte mit einer leichten Verbeugung das Bim. mer verlaſſen „Wo willſt Du hin, Pauline?“ rief die Tante. Und der Herr Schmidt, der raſch aufſtand, fragte: „Ei, Fräulein Pauline, was ſoll das bedeuten?“ „Nicht viel,“ entgegnete das Mädchen,„nicht viel, liebe Tante. Ich will nur dem Papa die ganze Geſchichte erzählen, ganz auf⸗ richtig erzählen und ihn recht herzlich und dringend bitten, ſich für die jungen Leute zu verwenden.“ „Oh,“ ſagte der Auditeur. Und die Tante fuhr von ihrem Stuhl in die Höhe. „Um Gotteswillen!“ ſagte ſie,„Du willſt mich dem Papa verrathen?u „Gewiß nicht,“ entgegnete Pauline.„Ich werde Sie ganz aus dem Spiele laſſen und Alles auf mich nehmen. Ich kann dem jungen Bombardier auch wohl ſonſt wo begegnet ſeyn. Daß er es gewagt hat, an mich zu ſchreiben, iſt nicht meine Schuld. Und ſollte auch der Papa ernſtlich böſe auf mich werden, ſo wäre mir das doch weit lieber, als das Unglück zweier Menſchen auf dem Gewiſſen zu haben.“ „Aber Herr Auditeur,“ jammerte die Tante,„das geht durch⸗ aus nicht, das dürfen wir nicht zugeben. Ich kenne meinen Bru⸗ der. Er wird am Ende mit den Leuten ſelbſt ſprechen, und ſo gemeine Menſchen machen ſich zuletzt gar nichts daraus, mich uUn⸗ glückliche zu verrathen.“ 8 i Nue Sie liebe Tant, ſagte Pauline.„Wenn Aw 1 144 lich zu den gemeinen Menſchen hinginge und ſie ihm die Geſchichte erzählten, wie ſte wäre, um ſich von der entſetzlichen Strafe zu befreien, ſo könnte man es doch keinen Verrath nennen; aber meinetwegen ich will ſchweigen, doch der Herr Auditeur ſoll ein anderes Mittel erſinnen, denn ich will nicht, daß ſie für einen ſolchen Spaß hart beſtraft werden.“ „Mein Fräulein,“ entgegnete Herr Schmidt ſehr ernſt,„es thut mir wirklich leid, wenn Sie ein ſolches Vergehen einen Spaß nennen können. Das Verlaſſen der Wache iſt beim Militär eines der furchtbarſten Verbrechen.“ „Nun ja, in Kriegszeiten,“ meinte das junge Mädchen;„aber beſinnen Sie ſich, Herr Schmidt, oder ich gehe zu Papa.“ Dies Beſinnen ſchien dem Auditeur ſchwer zu werden; denn als Gerichtsperſon in dermaligen mageren Zeiten mochte er einen ſo fetten Biſſen, wie Wache verlaſſen, mit einem gelinden Anflug von Deſertion, nicht gern fahren laſſen; ebenſowenig wie er Urſache zu haben glaubte, den Andern zu ſchonen, der ſich, ein ganz ge⸗ wöhnlicher Bombardier, erkühnt hatte, der holden Angebeteten zu nahen. Doch ſollte ihn diesmal eine neue Verlegenheit der ganzen Mühe des Beſinnens überheben; denn auf dem Gange draußen wurde eine Stimme laut, bei deren Klang die drei Anweſenden einſtimmig ausriefen: „Um Gotteswillen, der Bruder! der Papa! der Herr Regie⸗ rungsrath!“ „Was iſt zu thun?“ ſagte der Auditeur. „Ja,“ meinte die Tante verſchämt,„was iſt zu thun? was ſagen wir dem Bruder?“ .„Sagen Sie ihm, Herr Auditeur,“ ſprach das junge Mädchen ernſt und nachdrücklich,„ſagen Sie ihm, Sie hätten ſeine Ermah⸗ nung zu Herzen genommen, indem Sie einſehen, daß er ihr Beſtes 145 damit bezwecke, und Sie ſeyen hieher gekommen, um der Tante dieſe Erklärung zu machen.“ Indem trat der Regierungsrath ein, und ſein Geſicht, das, wie es bei ihm gewöhnlich der Fall war, einen ſehr freundlichen und lachenden Ausdruck hatte, umzog ſich wieder ernſt und finſter, ſo wie es den Auditeur Schmidt anſichtig wurde. Doch ließ ihm Pauline nicht Zeit, dieſe verdrießliche Miene in Worten zu über⸗ ſetzen, ſondern ſie nahm den Papa raſch bei Seite. Hinter dem Regierungsrath war in der geöffneten Thür eine Sekunde lang eine andere Perſon ſichtbar geworden, die aber, wie ſie den Auditeur Schmidt bemerkte, aufs Schleunigſte wieder verſchwand. „Ja, wenn es ſo iſt,“ ſagte der Regierungsrath leiſe,„à la bonheur! das laſſe ich mir gefallen. Herr Auditeur, ich wünſche Ihnen guten Morgen. Aber,“— er ſah ſich nach der Thür um— „wo iſt denn mein junger Verbrecher geblieben?“ „Ein Verbrecher, Papa,“ lachte Pauline. „Und was für ein Verbrecher?“ meinte der Regierungsrath, „der noch obendrein ſeinem Geſängniß entſprungen iſt! Denkt Euch nur, vor einer halben Stunde wird mir ein junger Mann gemel⸗ det, der mich dringend zu ſprechen wünſchte. Es kommt ein Mili⸗ tär herein, ich verſichere Euch, ein recht hübſcher Burſche, und ich weiß nicht, er hat mir ein Geſicht, das mir ganz bekannt vorkam. Er überreicht mir einen alten, ganz gelb gewordenen Brief, und wie ich ihn aufmache, denke ich, mich ſoll der Schlag treffen, iſt er von dem alten Hauptmann Robert, der vor zwei Jahren geſtor⸗ ben iſt, und der mir ſeinen Neffen empfiehlt, welcher zum Militär gehen will. Ich ſehe das Datum an, und parbleu der Brief iſt über zwei Jahre alt. Ich laſſe mir die Sache erklären, und da kommt eine ganz tolle Geſchichte zum Vorſchein. Aber,“ uderüraſß 3 Hackländer, Wachtſtubenabenteuer. 10 3 „ 146 er ſich,„wo iſt denn der junge Mann hingekommen, ich habe ihn Euch vorſtellen wollen.— Ja ſo, ja ſo!“ lachte er, daß ihm die 4 Thränen in die Augen traten.„Er hat den Herrn Auditeur Schmidt durch die Thürritze bemerkt, und iſt davon gelaufen. Nun, Sie werden ein Auge zudrücken und ihn nicht geſehen haben. So kom⸗ men Sie nur herein!“ rief er zur Thür hinaus.„Sie ſind unter meinem Schutz, und der Herr Auditeur Schmidt wird Sie gar nicht bemerken.“ Dieſer Letztere hatte bei der luſtigen Erzählung des Regierungs⸗ raths die beiden Damen überraſcht angeſchaut, und die kleine Pau⸗ line war ſichtlich verlegen geworden. Wir wollen den Leſer nicht länger in Zweifel laſſen, ſondern ehrlich geſtehen, daß es der Bombardier Robert war, der nun ein⸗ trat und ſich ziemlich verlegen nach allen Seiten verbeugte. Auf welche Art er ſeinem Arreſte entkommen, verſprechen wir in den nächſten Capiteln zu erklären. Der Bombardier ſah gar nicht übel aus. Er hatte das ſchon beſchriebene feine Collet an, und ein ungemein blank geputzter Säbel hing an einer weiß lakirten Kuppel, die, recht feſt um den Leib ge⸗ ſchnallt, eine zierliche Taille erkennen ließ. Der Auditeur Schmidt verſuchte gnädigſt zu lächeln, was ihm aber gar nicht gelingen wollte, um ſo weniger, als er zu ſeinem Aerger bemerken mußte, daß ſchon nach einigen Minuten der ge⸗ wandte junge Mann Gnade vor den Augen der Tante gefunden zu haben ſchien. Pauline war eben ſo einſylbig wie der Auditeur, nur aus an⸗ 1 dern Gründen, und der Regierungsrath lachte in Einem ſon über die tolle, tolle Jugend. 3„Aber hören Sie, lieber Herr Auditeur Schmidt,“ wandte er ſich an dieſen, nhelfen wir den Aermſten ein Bischen aus ihrem 147 Arreſte. Sie können viel dazu thun. Aber Sacre Pien, ich h be Euch den jungen Menſchen nur eine Sekunde lang vorſtellen wollen, denn ſein Onkel, der alte Hauptmann, war einer meiner alerkeäen Freunde. Doch jetzt iſt es genug. Ich will einmal den m ſchen Tyrannen ſpielen,“ wandte er ſich an den Bombardier, und befehle Ihnen hiermit, ſich bis auf Weiteres augenbliülig in Arreſ zu verfügen.“— Siebenzehntes Capitel. Cameradſchaftliche Begegnungen und feine Beſtechungsverſuche, die zum gewünſchten Ziele zu ſühren ſcheinen. — Wir ſehen uns in die traurige Nothwendigkeit verſetzt, den ge⸗ neigten Leſer nicht nur aus dem freundlichen Local, das wir ſo eben zu bewohnen das Vergnügen hatten, in ein minder angenehmes zu verſetzen, ſondern müſſen uns ſogar erlauben, einen Tag rückwärts zu ſchreiten, ſo wie vom warmen, mit Teppich belegten Zimmer⸗ boden auf eine rauhe ſchneebedeckte Straße und dort drei Geſtalten folgen, die im Dämmerlichte vor uns herwandeln. Die eine dieſer drei iſt in voller Uniform, den Tſchako auf dem Kopfe, den Säbel an der Seite und an den Stiefeln klir⸗ rende Sporen. Die beiden andern ſtecken in abgetragenen, ver⸗ ſchoſſenen Jacken, eben ſolchen Beinkleidern, und haben ſtatt des 8 Tſchakos eine leichte Dienſtmütze auf dem Kopfe. 3 . 149 Obgleich der eine von ſehr dickem, ſogar etwas feiſtem Aeußern, in Folge dieſer Leibesbeſchaffenheit, ſehr langſam fortwandelt, ſo ſcheint doch der andere abſichtlich zu zögern, und es iſt, als woll⸗ ten ſie ſich dem Ziele, dem ſie unfehlbar entgegen gehen, ſo lang⸗ ſam wie möglich mnahen. 3 Dieſes Ziel war aber auch unangenehm genug; denn es war das ehemalige Nonnenkloſter zur heiligen Agatha, ein Aſyl unglück⸗ licher Schweſtern, jetzt zu einem ſtillen, heimlichen Militärarreſt umgewandelt, ein Aſyl für unglückliche Jünglinge. Von Außen ſah das Gebäude recht düſter und unheimlich aus. Es hatte, Dank ſeiner früheren Beſtimmung! nur ſehr wenige und ſehr enge Fenſter, und dieſe waren obendrein noch mit hölzernen Kaſten verſehen, welche von Weitem faſt wie coloſſale Sühſenlben⸗ neſter ausſahen.. Eine Thür öffnete ſich knarrend vor den drei Ankömmlingen 4 und ſchließt ſich eben ſo hinter denſelben wieder zu. Sie befinden ſich in einem dunklen Gang, in welchem links eine halb geöffnete Thür iſt, aus der. Waffengeklirr und menſchliche Stimmen hervor⸗ tönen. Der Gang, ſo wie die beiden Thüren, hat ſo etwas un⸗ heimlich Solides, Alles iſt aus gehauenem Stein und die Thüren aus ſchwerem Eichenholz, mit Eiſen beſchlagen. Obendrein herrſcht eine dicke Luft in dem Gebäude, und an den Wänden des Ganges trieft die Feuchtigkeit herunter. Die halb geöffnete Thür führt in die Wachtſtube des Arreſt⸗ lokals und der regierende Unteroffizier derſelben— er iſt von der Infanterie— läßt augenblicklich Licht anzünden, um die Arreſtzettel zu unterſuchen, die ihm der Begleiter der Bombardiere einhändigt. Der Infanteriſt iſt einer von den Leuten, die man mit dem gewöhnlichen militäriſchen Ausdruck:„Commißunteroffizieren benennt, die nie einen Faden Leinwand oder Baumwolle auf dem Leibe ge⸗ 150 tragen haben, der nicht von der Kammer geliefert wurde, und deren ganzes Leben nach der Dienſtvorſchrift für Unterofftziere eingerichtet iſt. Er entfaltete den erſten Zettel und las: „Bombardier Schlipfel von der— u „Tipfel, muß ich bitten,“ wandte dieſer ein, wofür ihm der Unteroffizier von der Infanterie einen böſen Blick zuwarf. „Auf Befehl der Commandantur,“ las er weiter,„wegen eines Deſertionsverſuches von ſeiner Batterie in Unterſuchungsarreſt ge⸗ ſchickt.“—„Alſo Deſerteur!“ „Hören Sie,“ entgegnete Tipfel, äußerſt gleichmüthig,„wenn mir nur das Geringſte daran gelegen wäre, was ein Unterofftzier von der Infanterie über mich denkt, ſo würde ich mich wegen des Deſerteurs gelegentlich zu revangiren wiſſen; aber ſo....“ „„Der Arreſtant wird gebeten, das Maul zu halten,“ ſagte der Wachthabende.„Hat hier durchaus nicht zu ſchwadroniren.“ Dann öffnete er den zweiten Zettel. „Bombardier Robert, verdächtig bei dem Deſertionsverſuch mit⸗ gewirkt zu haben; ebenfalls in Unterſuchungsarreſt.“—„Müller,“ wandte er ſich an einen der Infanteriſten,„ruft den Inſpector; er ſoll die Arreſtanten einſchließen.“ Darauf, ohne die Beiden eines ferneren Blicks zu würdigen oder ohne ſte zum Sitzen einzuladen, wie es wohl cameradſchaftlich geweſen wäre, ſetzte er ſich an ſeinen Tiſch und ſchrieb Namen und Charge der Arreſtanten in's Wachtbuch. Tipfel, der ihm nahe ſtand, ſchaute in's Buch und bemerkte nach einer Weile in⸗ ſeiner trockenen Manier: „Ich glaube, man ſchreibt Bombardier, nicht Pompardier,“ worüber der Bombardier Robert in ein unmäßiges Gelächter aus⸗ brach und an den Tiſch lief, um vie Orthographie des Anſenkeriſtan iu bewundern. Aber man hiätte dieſen ſehen ſollen, wie er, von der unerhör⸗ ten Frechheit gereizt, aufſprang und die Bombardiere zur Rede ſtellte, welche ihm indeſſen kein Wort ſchuldig blieben, und wer weiß, wel⸗ chen Ausgang die Sache noch genommen hätte, wenn nicht in dieſem Augenblicke auf den Steinplatten des Ganges ſchlürfende Tritte zu vernehmen geweſen wären, ſo wie ein leichtes, trockenes Hüſteln, welches des Rattenkönigs Majeſtät anzeigte. „He! he!“ lachte er hämiſch, nachdem er eingetreten war, nein Paar Grünſ'näbel von der Artilleriez freue mich ſehr, Dero werthe Bekanntſchaft zu machen. Werden's bei mir gut haben; he! he! be⸗ ſonders wenn ſie gleich den Unterofftzier von der Wache anfangen zu zanken. Sollen unter das Dach, unter das Dach He! he! wo, man die Engel pfeifen höͤrt. KRauß ne. ee,. „Haben Unterſuchungsarreſt,“ murmelte der Infanteriſt, d ſertion!“ „Ei, ſieh da, ſieh da, Deſertion!“ lachte der Alte, und ſein Geſicht verzog ſich unter der weißen Nachtmütze zu einem ſcheußli⸗ chen Lachen.„Unterſuchungsarreſt! freut mich, freut mich! finden da ſehr gute Geſellſchaft! He! he!“ Damit machte er einen großen Bund Schlüſſel los und ſhritt auf eine ſchwere Thür im Hintergrund der Wachtſtube zu, die er langſam und mit Mühe auſſchloß. Ehe er aber die beiden Riegel, welche dieſelben verſchloſſen, unten und oben zurückſchob, andie er ſich grinſend zu den Heiden Arreſtanten. „Hätte ja bald vengeſſn⸗ a lachte er,„die Herren zu uner. ſuchen, ob ſie auch verbotene Sachen bei ſich führen. Eßwaaren,— Trinkwaaren, Bücher. Wollen gleich nachſehen, hehel“ Dabei fuhr er dem dicken Bombardier mit ſeinen dürren Fin⸗ gern am Leibe herum und ſuchte emſig nach den verboten Gegenſtidin 152 ——„Herr Unteroffizier von der Infanterie,“ ſagte er dann,„wollen bei dem andern Arreſtanten ein Bischen nachſehen: Hehe!“ Dieſer trat auf den Bombardier Robert zu, um der Auffor⸗ derung Genüge zu leiſten. Doch dieſer ſagte ihm ſo ruhig wie mög⸗ lich, aber mit ſehr zorniger Stimme: .„Herr, blelben Sie mir drei Schritte vom Leib; wenn ich einmal unterſucht werden muß, ſo ſoll es dort jener würdige Mann thun; aber Ihre Finger ſollen mir nicht an den Leib kommen.“ „Was ſoll's?“ meinte der Rattenkönig, als der Unterofftzier ein gelindes:„Himmelſakerment!« zur Antwort gab. „Nun ja,“ entgegnete der ſchlaue Bombardier,„ich mein' nur, man kann ſich das Unterſuchen, was ſicher eine ſehr unangenehme Sache iſt, allerdings von einem würdigen gedienten Sergenten ge⸗ fallen laſſen, von einem Manne, der das Kreuz hat und diverſe Orden; aber die Finger eines ſolchen—— ſollen mich nicht an⸗ rühren.“ 5 Freilich, hehe!“ lachte der Rattenkönig,„ein alter gedienter Sergent, Sie, Grünſ'nabel, war in Rußland und bei Waterloo.“ „Vor Ihnen haben wir Alle ſehr großen Reſpect,“ entgegnete der Bombardier Robert,„das muß man ſagen; von Ihnen läßt man ſich ſchon was gefallen.“ Jetzt kam die Reihe des Gefallenlaſſens an den Sprecher, und der Inſpector unterſuchte ihn etwas genauer, denn er war nicht ſo . dumm, daß er die Elogen des Bombardiers für baare Münze ge⸗ nommen hätte. Er unterſuchte ſein Collet, ließ die Hände langſam an den Beinen herunter gleiten, und als er unten an die Stiefel kam, huſtete er laut und zornig auf. „Hehe!“ ſchrie er,„hab' mir's gedacht, hab' mir's gedacht! hatte der Grünſ'nabel eine Flaſche mit S'naps. Was ſagt das Re⸗ glement? Het gegnete der Bombardier.———ÿ Bombardicr Robert an den Rattenkönig und ſagte ſo ehrerbietig wie Der Bombardier Robert griff wie verwundert an ſeinen Stiefel und rief: 4 „Hol' mich der Teufel! das hab' ich gar nicht gewußt. Das muß noch vom geſtrigen Exerciren in der KTaſche geſteckt und durchgerutſcht ſeyn!“ „So, ſo,“ meinte der Rattenkönig gifüg, 7 muß durchgerutſcht ſeyn? Wollen's zu uns nehmen.“ „Wenn ich Ihnen ein Vergnügen damit Vnachen kann,“ ent⸗ „Mir ein Vergnügen machen? Hehe!“ lachte der Inſperlor „Wollen's deponiren! Und jetzt marſch in die Klauſe. Haben die Herren Brod bei ſich? oder wie werden's zu Nacht ſpeiſen?“ „Der Herr Inſpector,“ entgegnete der Bombardier Robert, „wird wohl ſo gut ſeyn, uns etwas Eſſen zukommen zu laſſen, wie's das Reglement vorſchreibt.“ „Ganz natürlich,“ meinte dieſer und etwas freundlicher,„wie es das Reglement vorſchreibt, hehe! Eſſen, aber keine geiſtigen Getränke. Jetzt kommen Sie hinein!“ Die Beiden folgten dem Rattenkönig, der ſie aus der Wacht⸗ ſtube durch die eben geöffnete Thür in einen andern Gang führte, der von einem trüben Licht erhellt war, und an deſſen Ende ſich das Unterſuchungsarreſtlocal befand. „Soll ich Ihnen einen Mann aus der Wachtſtube mitgebenn rief der Infanterie⸗Unteroffizier dem Inſpector nach, doch bieſer ent⸗ gegnete: „Hehe! fürchte mich nicht, ein alter, gedienter Sergeant, zehe 8 Kaum waren die Drei in dem Gang allein, ſo wandte ſich der möglich, indem er ihm ein kleines zuſammengewickeltes Papier in die Hand gab: 154 „Sie werden mir erlauben, Herr Inſpector, Ihnen auf das Nachteſſen, Frühſtück ꝛc. einen Vorſchuß zu thun; auch,“ ſetzte er in den Augen eines gedienten Sergenten, als Deſerteurs daſtehen Wir ſind ganz harmloſe Menſchen, haben uns einen kleinen Spaß erlaubt. Nun, das Verhir morgen früh wird's ausweiſen. Sie ſind ein gebildeter Manan, der einen luſtigen Streich ſchon verſteht.“ Der Rattenkönig fühlte ſich durch dieſe Anrede und das Pa⸗ ier in Laines Gaüd ungemein geſchmeichelt. Er huſtete viel gelinder und meinte, indem er die Beiden in das Unterſuchungsarreſtlocal eintreten ließ:„Wollen ſchon ſehen, wollen ſehen, was zu machen iſt.“ Nachdem er die Thür hinter ihnen verſchloſſen, wickelte er das Papierchen auseinander und war freudig überraſcht, als ihm ein Goldſtück entgegen funkelte. der Grünſ'nabel muß von guter Familie ſeyn, von einer guten Familie.“ So geſtimmt, trat er in die Wachtſtube, und dem Unterofftzier von der Infanterie, der ihm, noch immer ſehr gereizt, ſagte:— „Hören Sie, Herr Inſpector, das ſind ein Paar Himmelſakermenter. Die beiden Kerls ſollte man krumm ſchließen dürfen,“ entgegnete er:„Mein lieber Herr Unteroffizier, man muß es, wie ich, verſtehen, die Leute nach ihrer Bildung zu behandeln. Grob ſeyn, hilft nicht immer! Hehe! Merken Sie ſich das, Herr Unteroffizier. Die Com⸗ Hehe! und ich auch nicht, der Inſpector.“ Damit ſchlug er die Thür der Wachtſtube hinter ſich iw's Schloß, daß ſie klirrte, und der Unteroffizier von der Infanterie ſchaute ihm überraſcht und erſtaunt nach. hinzu,„möchten wir um Alles in der Welt nicht in Ihren Augen, „Ei, ei!“ murmelte er,„fünf Thaler, zwanzig Si(bergroſchen! mandantur will nicht, daß man die Arreſtanten grob behandelt. Achtzehntes Capitel. In welchem der Leſer das Innere eines Unterſuchungs. Arreſtlokals kennen! lernt und in Kurzem die Schichſale der dort Eingeſperten erfährt.— Später 3 wird ſoupirt. e Wenn wir in den letzten Capiteln eines Buches, welches Wachtſtubenabenteuer heißt, den geneigten Leſer bitten, in ein Un⸗ terſuchungsarreſtlocal zu treten, ſo können wir dagegen verſichern, daß es mit einer Wachtſtube viel Aehlichkeit hat, oder daß es viel⸗ mehr die richtige Mitte zwiſchen beiden Localen angibt. Von dem Arreſtlocal hat es den Namen und das freilich ſehr Unangenehme, daß die Bewohner ihrer Freiheit beraubt ſind, und mancher durch eine mit Verhören reich beſetzte Zukunft das Gefängniß in ſchlimmer und ſchlimmſter Zeit vor ſich ſieht. Dagegen aber findet man im Unter⸗ ſuchungsarreſtlocal nichts von jenem traurigen Abſperrungsſyſtem, wie im mittlern oder ſtrengen Arreſt. Die Leute haben eine gute 156 Pritſche, wie auf der Wachtſtube, und können vom Inſpector des Locals, verſteht ſich für ihr gutes Geld, alle möglichen militäriſchen Leckerbiſſen haben, als da ſind: Kartoffeln mit Zwiebelſauce, Sauer⸗ braten, Schinken und geräucherte Würſte. Daß weder bei dieſen Speiſen auf ſorgfältige Zubereitung noch uͤbergroße Reinlichkeit, ſo wie in dem Locale ſelbſt der geringſte Comfort zu ſuchen iſt, kann man ſich. leicht denken. Das Ge⸗ fängniß zur heiligen Agatha war ein mittelgroßes Gewölbe, und die Alterthumsforſcher, die hier zuweilen eingeſperrt waren,— denn es gibt auch deren beim Militär— behaupteten, es ſey ehedem eine kleine an die Kirche anſtoßende Capelle g⸗weſen. Ein dicker Pfeiler in der Mitte trug die maſſive, vom Lampenlicht und allen möglichen Ausdünſtungen geſchwärzte Decke. An zwei Wänden waren lange hölzerne Pritſchin, auf welchen die Inſaſſen des Locales, in Gruppen bei einander liegend, der Unterhaltung pflogen. Ungefähr ſechs Fuß vom Boden, ſo daß man nicht daran reichen konnte, hingen zwei Lampen, von denen man befürchten mußte, das ſte jeden Augenblick erlöſchten. Ausgänge hatte dieſes Gemach zwei, den, durch welchen unſere Bombardiere eingetreten waren, und welcher mit der Wachtſtube in Verbindeing ſtand, ſo wie eine kleine eiſerne Thür, die ſich auf der andern Seite befand, und welche, wie wir ſpäter ſehen werden, von dem Inſpector benützt wurde. Als die beiden Bombardiere in das Gewölbe traten, wurde die ziemlich lebhaft geführte Unterhaltung einen Augenblick. unter⸗ brochen und es dauerte eine Zeitlang, bis die Ankömmlinge und die älteren Gäſte ſich gegenſeitig vorgeſtellt waren. Dieſes Geſchäft über⸗ nahm ein alter Unteroffizier von der Artillerie, der ſich hier ſeit 3 vier Wochen mit Verdacht der thätlichen Vergreifung an einem Vor⸗ 3 geſetzten befand. * Man kann ſich leicht denken, daß den Bombardieren Tipfe 1 unb Robert ein guter Platz eingeräumt wurde, denn die Geſchichte des Erſteren, von dem entlaufenen Sträflinge bis zu ſeiner eigenen Ar⸗ reſtation auf der Lunette, war auch in dieſe ſinſteren Gewölbe ge⸗ drungen. „Donnerwetter!“ meinte der alte Unteroffizier von der Artil⸗ lerie,„ich hätte den Kerl ſehen mögen, wie ihm das Gitter vor der Naſe zufuhr! Tipfel, Sie haben verdammt viel Geiſtesgegenwart.“ „Ich rühme mich deſſen,“ meinte der alſo Belobte. Nachdem er ſeinen dicken Körper bei dem Zwielicht, das in dem Gewölbe herrſchte, ſo gut wie möglich auf der harten Pritſche zurecht gelegt hatte, erzählte er auf allgemeines Verlangen ſeine geſtrige Geſchichte von A bis Z; aber als discreter Menſch, wie ſich von ſelbſt verſteht, mit Hinweglaſſung aller Perſonen⸗ und Straßen⸗Namen. Die anweſende Geſellſchaft beſtand, außer dem alten Unterof⸗ fizier, aus einem Feldwebel der Infanterie, dem man nachſagte: er ſey mit den Lazarethgeldern in gar zu vertrauliche Bekanntſchaft ge⸗ rathen, aus einem Tambour, einem ſehr liederlichen Subjekte, der gegen zwei Silbergroſchen täglich einem Cameelführer ſeiner Bekannt⸗ ſchaft die Trommel ausgeliehen, dann noch aus zwei Infanteriſten, einem Dragoner und einem Pionnier, Leuten, die ſich wegen unbe⸗ deutender Kleinigkeiten hier befanden. „Wenn ich mir die Sache recht überdenke,“ meinte der Feld⸗ webel,„ſo kommt Alles darauf an, wie Ihr Wachtmeiſter das Na⸗ tionale eingerichtet hat. Ich kenne das. Will der Ihnen einen Stein in den Weg werfen, und bekommen Sie einen Auditeur, der den Teufel im Leib hat, ſo ſtecken Sie in vier Wochen in der rothen und grauen Jacke.“ „„Oder,“ ſprach der Tambour, mit einer äußerſt verſoffenen und heiſern Stimme,„Sie bekommen ſechs Wochen ſtrengen Arreſt, was am Ende noch ſchlimmer wäre.“ „Hol' Dich der Teufel, Trommler!“ rief der alte Unteroffizier, „will doch lieber ſechs Wochen Latten haben, als das verfluchte graue Camiſol.“ „Erlauben Sie, lieber Herr Unteroffitzier, haben Sie ſchon Lat⸗ ten gehabt?“ fragte der Tambour, und als jener die Frage ver⸗ neinte, fuhr er fort:„Sehen Sie, da kann ich mit ſprechen. Ich habe mal acht Tage Latten gehabt, und obgleich ich nach dem Re⸗ glement alle drei Tage mein Bett bekam, war ich doch ſo hin, ſo hin, daß der Doctor zu einem Cameraden von mir geſagt haben ſoll: Paſſen Sie auf, das arme Luder wird d'rauf gehen!“ „Nun,“ antwortete der Unteroffizier,„dann in's Teufels Namen lieber hin ſeyn; aber nur nicht das verfluchte Camiſol.“ „Wenn man Ihnen die Ohrfeige beweiſen kann,“ meinte der Feldwebel hämiſch,„ſo könnt's Ihnen auch paſſiren, daß Sie Ihre Treſſen los würden.“ „ Ich weiß von keiner Ohrfeige,“ entgegnete der Andere,„die Geſchichte beruht auf einem ungeheuren Mißverſtändniß.“ „Wie iſt denn die Geſchichte, lieber Herr Unterofſizler e fragte Tipfel. „Ganz verflucht einfach,“ entgegnete dieſer;„ſehen Sie, da . kriege ich wegen ſo einer Lumperei acht Tage Arreſt. Und wie das vorbei iſt, gehe ich zum Capitän, um mich zurückzumelden. Er iſt zu Haus; aber die Ordonnanz und der Bediente ſind nicht da. Ich trete in ſein Zimmer, mach' die Thuͤr hinter mir zu, und weiß der Teuftl, bleib' mit einem Knopf des Collets an dem Riegel hängen, ſo daß der ſich von ſelbſt zuſchiebt. Darauf fährt der Capitän wie I das böſe Gewiſſen in die Höhe und ſchreit mir entgegen: Herr, warur ſchließen Sie die Thür ab? Bei dieſem Aufſpringen wirft er ei 5⁵ Buch herunter, ich ſpringe hinzu, um es aufzuheben. In dem Au⸗ genblick ſchreit er wüthend auf und da muß der Teufel ſeinen Be⸗ dienten durch eine andere Thür Hereinſiihren. Und nun ſitz' ich hier, daß ſich Gott erbarme!“. Alle lachten bei dieſer Erzählung laut auf, und der kleine Tambour, der noch immer in Erinnerung an die acht Tage Latten zu ſchwelgen ſchien, begann das ſtufenweiſe Erſtarren des Körpers auszumalen, wenn man einmal zwei Stunden lang auf den ſpitzen Brettern gelegen hat, und am ganzen Körper keine Stelle mehr iſt, die nicht entſetzlich weh thut. „Weiß einer von den Herren,“ ſprach der Vater Feldwebel nach einer kurzen Pauſe,„auf welche Art der Sträfling geſtern ent⸗ kommen iſt? Es ſoll ein ganz gewandter Kerl ſeyn.“ „Das iſt er auch,“ meinte der Dragoner, der heute gekommen war.„Er hat ſich während der Arbeit ſo leiſe und geſchickt von dem Wall hinabgelaſſen, daß kein Menſch etwas gemerkt.“ „Als ich noch Unteroffizier war,“ ſagte der Feldwebel, „lagen wir in der kleinen Feſtung F. und bekamen einen neuen Commandanten, anf den man das Sprichwort mit den neuen Beſen, die ſcharf kehren, famos anwenden konnte. Da war des Wachethuns und Patrouillirens kein Ende, und da es bei dem früheren Commandanten, einem alten Herrn, mehrmal vorgekommen war, daß Kettengefangene und Sträflinge entwichen, ſo ſetzte der neue ſeinen Kopf darauf, daß dergleichen nicht mehr geſchehe. Da wurde die ganze Nacht viſttirt und wo wir ſonſt zwanzig Mann Wache zu einer Feſtungsarbeit gaben, mußten wir von da an vierzig ſtellen. Wir hatten aber auch Kerls unter den Kattenge⸗ fangenen, wir, da konnte einem von dem blaßen Anſehen Angſt werden. Drei Viertel von ihnen hatten große eiſerne Hörner an den Kopf geſchmiedet, worin Glocken hingen. Nun war eine große Parade vor dem Inſpekteur und da der Commandant den Ketten⸗ gefangenen keinen Tag Ruhe gönnen und auch die zu den Arbeiten nöthige Mannſchaft nicht zu Hauſe laſſen wollte, ſo befahl er, daß ſie auf einer kleinen Schanze Ziegelhaufen aufſetzen ſollten, indem dieſelbe ſo mit hohen Mauern und Waffergräben umgeben war, daß man an ein Entweichen daſelbſt gar nicht denken konnte. Morgens in aller Frühe wurden vierzig Gefangene hintransportirt, in die Schanze eingeſchloſſen und von ungefähr zwölf Mann be⸗ wacht, die ſich um das Feſtungswerk herum vertheilten. Oben wurde unter Aufſicht eines Pionnierunteroffiziers ein Ziegelhaufen abgebrochen, die Ziegel abgeputzt und daneben wieder aufgeſetzt. Nachmittags, als die Parade vorbei war, ſchickt der Commandant nooch zwanzig Mann hinaus, um die Gefangenen heimzubringen, und was glaubt Ihr, als ſte einzeln die ſchmale Treppe hinunterkom⸗ men und abgezählt werden, ſind es ſtatt vierzig nur neununddreißig, und es fehlte der ſchlimmſte der ganzen Bande. Ehe man die Sache meldet, wird die ganze Schanze unterſucht, daß keine Maus unentdeckt bleiben konnte, was ganz leicht war, da das Ding nichts wie viereckigte nackte Mauern hatte und oben einen ebenen Platz, nuf welchem der noch dampfende neu aufgeſetzte Ziegelhaufen ſtand. Man findet nichts. Jetzt macht man die Meldung und der Com⸗ mandant kommt wüthend herangeritten. Er läßt ein Bataillon ausrücken und unnöthiger Weiſe die ganze Umgegend unterſuchen, auf der meilenweit kein Baum und Strauch zu ſehen iſt. Man findet nichts. Die Gensd'armerie ſtreift wochenlang im Land herun, der Kerl wird nicht gefunden.“ 8„Das iſt merkwürdig,“ meinte Tipfel,„und hat man nie mehr eine Spur von ihm entdeckt?“ Ei freilich,“ lachte der Feldwebel.„Als man einige Tage ſuäter auf die Schanze hinauf kam, fand man in dem neu aufge⸗ ſetzten Ziegelhaufen ein Loch, zu welcher ein Menſch Vnnnsg. krochen ſeyn konnte, und kam ſo der Sache auf den Grund.“ „Nun,“ ſagte der alte Unterofftzier,„das iſt wirklich nicht ſchlecht.“ „Ei, das glaub' ich,“ entgegnete der Feldwebel.„Denkt Euch, daß ſich der Kerl während der Arbeit einmauern läßt, und es zwiſchen den heißen glühenden Steinen eine Nacht und vielleicht einen ganzen Tag lang aushält. In ſeinem Leben hat man ihn nicht wieder geſehen.“ 3 Ein Geräuſch an der kleinen eiſernen Thür unterbrach die Unterhaltung, und der Inſpektor erſchien mit einer ſehr robuſten Magd, ſich nach den Wünſchen der Gefangenen zu erkundigen. Der Feldwebel beſtellte ſich einen Kartoffelſalat mit Schinken, und wurde dafür am Höflichſten behandelt. Der alte Unteroffizier bat um eine geräucherte Wurſt, welche ihm die robuſte Magd mit einer 3 Hand einhändigte, während ſie die andere zum Empfang des Geldes hinreichte. Der kleine Tambour wünſchte für drei Pfennige Butter, bekam aber den Beſcheid: er ſolle ſein Brod trocken genießen; „denn,“ ſetzte der Rattenkönig, höniſch lachend, hinzu: nes ſchläft 8 ſich auf Butter gar ſchlecht, hehe, mein lieber Herr Tambour. derherhän ſollten Sie ſich das gute Eſſen etwas ahgenohnen. s iſt mir nur leid um die ſchöne heiſere Stimme.“ 3 Mit deſto größerer Artigkeit wurden aber unſere beiden Vem. bardiere behandelt, welche die Beſtandtheile ihres Abendbrods Sän dem Inſpektor anheim ſtellten, und ſich alsdann in den inter⸗ grund des Zimmers zurückzogen und ein eifriges Zwi⸗ Jeſpräch 3 mit einander hielten. 8 „Wo haſt Du denn Deinen Empfehlungsbrief?“ fragte Sibffl ſeinen Collegen.„Wir müſſen wahrhaftig für die Nacht eine an⸗ Hackländer, Wachtſtubenabenteuer. dere Lagerſtätte bekommen, eehe in dem verfluchten Loch bin ich bis morgen ein Kind des Lodes. Bedenk doch, lieb Männeken,“ ſetzte er zärtlich hinzu,„ich habe die ganze vorige Nacht nicht ge⸗ ſchlafen. Na nu, ſorg ein Bisken.“ „Wenn mich der lange Eduard nicht angeführt hat,“ entgeg⸗ nete Robert, indem er aus ſeiner Taſche ein kleines Briefchen herauszog,„ſo kann es nicht fehlen. An Fräulein Nannette M.“ las er.„Aber wenn der verfluchte Rattenkönig die Magd nur einen Augenblick allein hereinkommen ließ.“ „Weißt Du was, Robert,“ entgegnete der dicke Bombardier, „ich ſtelle mich an die Thür und ſchick Dir Dein Eſſen dort hinten in den Winkel hinein, und dann applicirſt du der Magd das Billet auf Deine gewohnte feine Manier.“ Geſagt, gethan. Tipfel trat dem Rattenkönig entgegen, nahm ſeinen Teller raſch in die Hand und befahl der Magd, den andern ſeinem Freunde dort hinten zu bringen. Gleich darauf kam ſie wieder zurück und hatte die linke Hand unter der Schürze verſteckt. Tipfel ſetzte ſich neben ſeinen Freund, der ihm zufluſterte: es iſt Alles in Ordnung, und Beide fielen heißhungrig über einen ganz erſchrecklichen Häringsſalat her, den ihnen der Rattenkönig mit einem großen Stück Schinken aufgetiſcht hatte. Dazu accompagnirte draußen eine raſſelnde Trommel, denn es war neun Uhr, und der Zapfenſtreich wurde an allen Enden der Stadt verkündet. Neunzehntes Capitel. In welchem als eigentliches chlußcapite! alles Mögliche geſchieht, die Geſchichte Zu einem vernünftigen E nde zu bringen. — Nachdem auf die eben beſchriebene Art das Souper in dem Unterſuchungsarr eſtlokal beendigt war, wurden verſchiedene Toilet gemacht, um die lange Nacht auf der harten Pritſche ſo gut moͤglich hinzubringen. Die meiſten zogen ihre J 3 formen aus, und applicirten ſie unter den Theil des bei ſjedem ſeiner Individualitat nach durch das harte m meiſten litt. Der wohlgenäͤhrte Feldwebel machte ein Kopfkiſſen der ſehr dürre Lenden hatte, legte unter und der arme heiſere Tam⸗ eſtändig fror, kauerte wie ein Igel unter dem kurzen j Kleidungsſtück zuſammen, nachdem er vorher ausgezogen hatte und die halb herabgeſtreiften Bein⸗ 11 2 8 ten * 164. kleider unten um die Füße herumgeſchlagen, um ſie auf dieſe Art beſſer zu erwärmen. Unſere beiden ten noch ein kleines Zwiege⸗ fehlungsbriefes an Nanette, r des Rattenkö nigs war, kennen ſchien. Seine Papa zu bewegen, eres Lager zu Bombardiere hiel geſpräch über das Gelingen des Emp welches die wirklich gar nicht üble Tochte und die der lange Eduard etwas näher zu Empfehlung ſollte dahin wirken, durch ſie den den beiden Bombardieren für dieſe Nacht ein beſſ verſchaffen. „Weißt Du was, Tipfel,“ flüſterte Robert,„nimm den Lampe hinauf und thu, als wollteſt Schemel da und ſteig an die Du ſie ein Bischen putzen; löſch ſie aber als wie ungeſchickter Weiſe aus, das wird Dir nicht ſchwer fallen, damit kein Licht mehr auf die kleine Thüre fällt. Dann leg Dich auf die Pritſche und thu, als ob Du einſchliefeſt.“ Der dicke Bombardier thut, einem alten Nagel, den er aus der Lampe und löſchte fie glücklich aus. Die andern Gefangenen merkten es Tambour, der zähneklappernd unter ſeine merte:„O Gott, ſo im Halbdunkel iſt das noch ſchauerlicher als ſonſt.“ Und der alte Unteroffi halb im Schlaf: jetzt könnten w ſchichten erzählen, wodurch der durch das Zwie Feldwebel meinte: er ſey gar kein Freund da ſchlafen. 3 Der dicke gut wie möglich in ſich z wenn er ſchliefe. Doch horſam, daß ihm das ſchwar 3 cherte mit wie ihm geheißen, ſte in der Pritſche herausgeriſſen, kaum, außer dem kleinen er Montirung hervorjam⸗ ſchwarze Gewöͤlbe zier brummte geſpräch erweckte von und wolle Bombardier kletterte auf die P uſammen und that, wie ih leiſtete er dieſer Weiſung ſo ze Gewölde bald nur noch in ir verflucht ſchone Geſpenſterge⸗ ritſche hinauf, kroch o m befohlen, als vünktlich Ge⸗ dunkeln manchmal eine Woche ſeines Leb⸗ Tag heran. 4 die andere Lampe auch erloſchen und es ward 4— 166 E te und meinte:„O Gott, wenn der Menſch ens noch einmal verleben könnte!“ Und der Dragoner winſelte:„Wenn meine Mutter wüßte, wie s Annalieſe!“ dabei ſeufzte er tief auf. Der Feldwebel ſeufz mir hier ergeht! O Gott und die Und der Huſar neben ihm ſeufzte ebenfalls, und es war ein 3 in dem Arreſtlocal, als bräche der jüngſte Geſeufze und Geſtöhne Unterdeſſen war ſtockfinſter in dem Gewölbe. ſen die Gemüther wieder den war, wollte ſeinen Freun rädert und an allen Gliedern zerſchlagen ſey, fahl, gefälligſt das Maul zu halten und ihn langſam mit ſich fortzog. Die kleine eiſerne Thür ſtand offen und wurde, als die Beiden hin⸗ durchgegangen waren, wieder leiſe hinter ihnen zugemacht. Tipfel athmete friſche Luft und folgte tappend ſeinem Freunde, der vor ihm herging und den er bei der Jacke feſthielt. Jetzt ſtiegen ſie eine Treppe hinauf, und oben öffnete ſich ein kleines Zimmer, bei deſſen Anblick dem dicken Bombardier das Herz vor innerſter Wonne ſelig erbebte. Es war freilich nur ein kleines Gemach mit weißen Kalkwänden; aber in der Mitte ſtand ein gedeckter Tiſch mit Flaſchen und Gläſern, und rechts und links von der Thür befanden ſich zwei ſehr gute Militärbetten, Strohſäcke mit Matratzen, weißen Leintuchern und wollenen Decken. Dazu die behaglichſte Waͤrme in dem kleinen Gemach. Ach, das Ganze war ſo rührend und ſelig für den dicken Bombardier, daß man es wohl begreiflich finden konnte, Bauch gefalteten Händen ſtrahlend an das kleine wie er mit über den aufgeriſſen und in Entzücken ſchwim⸗ Kiſchchen trat, die Augen weit mend wie ein Kind bei der erſten Weihnachtsbeſcheerung⸗ N Nach und nach beruhigten ſich indeſ⸗ und Tipfel, der mühſam aufgeſtan⸗ d eben verſichern, daß er wie ge⸗ als ihm dieſer be⸗ 1** 167 Es dauerte auch eine Zeit lang, bis er zu ſich ſelber kam und eine ziemlich gelungene Verbeugung machen konnte, als ihm Robert ein ſehr geſund ausſehendes, rundes Mädchen, als Fräulein Nan nelette M. und als den Schutzengel vorſtellte, der ſte aus der Sns drunten, in den Himmel verſetzt. Bei dieſen letzten Worten lachte die kleine Perſon ſchalkhaft, und der Bombardier Robert räuſperte ſich gelinde. Das Mädchen war gar nicht übel und der Bombardier Tipfel geſtand ſich gerührt, er habe nie geglaubt, daß der lange Eduard ſo honnette, ſolide Be⸗ kanntſchaften habe. Auch dankte er in den beſtgeſetzten, zierlichſten Worten für den Antheil, den das Fräulein an ihren beiderſeitigen Schickſalen nehme, worauf ſie erwiederte: daß es ihr ein großes Vergnügen mache, einem ſo artigen Herrn, wie dem Bombardier Robert, einen Gefallen erzeigen zu können. Nach dieſen Worten empfahl ſich das Mädchen, Robert beglei⸗ tete ſie zur Thür hinaus, und Tipfel meinte bei ſeiner Zurückkunft, er habe eigentlich viel länger draußen verweilt, als gerade nöthig geweſen, worauf der Andere lachend entgegnete: Lieber Tipfel, wenn Du wüßteſt, welche ungeheuren Opfer ich Dir und meinem Herzen bringe, Du würdeſt zerknirſcht zu mei⸗ nen Füßen hinſtürzen. Ach, Eduard und Pauline mögen mir ver⸗ zeihen,“ ſetzte er ſeufzend hinzu. Tipfel genoß einige Gläſer Wein, ſo wie ein paar Schnitten kalten Braten, und meinte dann, es ſey Zeit, zu Bett zu gehen, womit auch Robert einverſtanden war. Wer je in einem Arreſtlocal ſchmachtete, Novembernacht auf der Pritſche krümmte, ſchlagen hört, und ſich bei jedem Schlage a die Seite, auf welcher er eben ruhte, den iſt, wer das Fröſteln kennt, und ſich in einer kalten dabei jede Viertelſtunde nders wendet, weil ihm ganz erſtarrt und ſtaust das langſam den P 168 das den befällt, der em nackten Holz ohne Mantel oder ze lange Winternacht vor ſich ſieht, mit dem ſich der Bombardier dehr te, und ſich in die dicken bis an die Naſe hinein, enigen Haare und ſeine vor Vergnü⸗ ſchleicht, bis in die Füße und Fingerſpitzen, mit hungrigem Magen auf d Hecke liegt, und wer ſo eine gan der kann das ſelige Gefühl ermeſſen, Tipfel auf der weichen Matratze aus Teppiche einwickelte. Er vergrub ſich und man ſah nur noch ſeine w gen funkelnden Aeuglein. Auch der Bombardier viel weniger Behagen und la Robert hatte ſich niedergelegt, doch mit nge nicht mit der ſtillen Seligkeit Ti⸗ pfels. Fürchtete er in der Nacht von dem Rattenkönig oder dem Unteroffizier der Wachtſtube aufgeſtört zu werden? Genug, er legte ſich nicht, was man ſo nennt, recht feſt in's Bett, ſondern viel⸗ mehr wie Jemand, der auf ſeiner Hut iſt, und im Nothfalle au⸗ genblicklich herausſpringen kann. Es dauerte nicht lange, ſo entſchlief Tipfel und träumte wieder, aber viel ſeliger als vorhin auf der Pritſche. Doch als er am an⸗ dern Morgen aufwachte, verſicherte er ſeinem Freunde: er wiſſe nicht, was es geweſen ſey, aber es ſey ihm, als habe ſich die Thür ge⸗ oͤffnet und als habe er neben ſich einige Male lachen und flüſtern gehört.—— Wir wiſſen nun aus einem der letzten Capitel, daß die beiden Arreſtanten vor dem Auditeur Schmidt ein Verhör zu beſtehen hat⸗ Nach Beendigung deſſelben verſchaffte die Tochter des Inſpec⸗ hme an dem Bombardier Robert zu e Uniform durch einen dienſt⸗ ten. tors, welche eine innige Theilna nehmen ſchien, dieſem ſeine eigene gut baren Geiſt aus der Caſerne; denn der leichtſinnise junge Menſch, ine Empfehlungsbriefe, als er vor zwei Jahren zur Brigade abgegeben hatte, erinnerte ſich glücklicher Weiſe deſſen an srath, wodurch er hoffte, einen guten Fürſprecher zu 169 erlangen, was ihm denn au unverdienter Weiſe gelang. Dieſe Fürſprache wurde ſo kräftig angewandt, daß noch an demſelben Sonntage ein Brigadebefehl an den Arreſtinſpector kam, worin er angewieſen wurde, den beiden Bombardieren ein Unter⸗ ſuchungsarreſtlocal anzuweiſen, wie das war, in welchem ſie ſich durch die Milde und Gefälligkeit der Inſpectorstochter ſchon befan⸗ den Locale, welche für allenfallſtge Verbrecher mit Epauletten be⸗ ſtimmt ſind. Der Auditeur Schmidt ließ ſich durch das Zureden der Tante, und wir wollen es geſtehen, auch durch die Fürbitte Paulinens be⸗ wegen, die beiden jungen Leute gnädig zu behandeln. Hatte der Bom⸗ bardier Robert den Inſpektor ſchon durch die fünf Thaler zwanzig Silbergroſchen für ſich eingenommen, ſowie die Tochter durch den Empfehlungsbrief des langen Eduards, und durch eigene Liebens⸗ würdigkeit, ſo ſtieg er doch noch unendlich mehr in der Achtung des Rattenkönigs, als ihm an einem der nächſten Tage der ſehr be⸗ kannte und verehrte Regierungsrath in eigener Perſon einen Beſuch machte, bei welcher Gelegenheit die unſchuldige Urſache als Unheils, Tipfel vorgeſtellt wurde. Der Regierungsrath lachte herzlich über die drollige Figur des dicken Bombardiers und ließ ſich von dem⸗ ſelben mit vieler Weitſchweifigkeit ſeine militäriſche Carriere erzählen. Tipfel war klug genug, dem vielvermögenden Manne gegen⸗ über durchblicken zu laſſen, daß es ihn doch ſehr gereue, die ehrſame Laufbahn eines Advokatenſchreibers verlaſſen zu haben, und der Re⸗ gierungsrath war dagegen gütig genug, dem dicken Bombardier zu verſichern, daß ſich vielleicht dieſer übereilte Sthritt wieder gut machen ließe. „Parbleu!« ſagte er,„Ihr jungen Leute traͤum Heldenthaten, baut Euch ungeheure Luftſſchlöſſer, und ch, wie wir bereits erfahren, eigentlich Ihr das zweierlei Tuch auf dem Leib habt, da braucht Ihr nur in die Welt hineinzurennen, alle Würden bleiben an Euch hängen und alle Herzen öffnen ſich vor Euch. Aber dem iſt nicht ſo, Sacre Dieu, dem iſt nicht ſo. Und auch Sie, mein junger Robert, haben, ſcheint mir, Ihre Carridre bis jetzt verfehlt. Müſſen was anders anfangen. Ich werd' mir's überlegen. Nun aber Adieu.“ Damit eilte er zum Zimmer hinaus und ſagte auf der Treppe auch zu dem Bombardier Robert, der ihn begleitete: Apropos, bald hätt' ich's vergeſſen. Meine Damen laden Sie auf heut über acht Tag zu Tiſch ein. Punkt zwei Uhr wird bei mir geſpeist. Sie werden bis dahin längſt wieder frei ſeyn. Adieu.“ Der Bombardier Tipfel ſiel dem den Hals und ſagte ſehr gerührt: „Ja, Robert, ich werde in me O, wenn mir doch wieder geholfen würde, piren könnte. Ich verfichere Dich, ich habe und möchte wieder arbeiten, recht arbeiten.“ Ob dem Bombardier Tipfe zens in Erfüllung gegangen iſt, verſprechen wir dem geneigten Leſer aufs Schleunigſte mitzutheilen, ſobald wir etwas Gewiſſes darüber erfahren haben. inem Leben kein guter Soldat. daß ich Aktenſtücke co⸗ das faule Leben ſatt, eintretenden Cameraden um I dieſer fromme Wunſch ſeines Her⸗ Zwanzigſtes Capitel. Ein äußerſt kurzes Capitel, aber das angenehmſte für die Helden des nuhee hn in welchem obendrein von dem Leſer Abſchied genommen wird, indem man ihm beweiſt, daß es noch Gerechtigkeit auf Erden gibt. Commandanturbefehl. Nachdem ich aus den Verhören eines wohllöblichen Kriegsge⸗ richtes gegen die Bombardiere Tipfel und Robert erſehen, daß die — Entfernung des Erſteren aus ſeiner Wachtſtube vom Fort Nro. 4. in der Nacht vom 10. auf den 11. ds. nur in leichtſinniger Weiſe geſchah und ein Derſertionsverſuch dabei durchaus nicht ſtatt fand, übergebe ich das Urtheil des wohllöblichen Kriegsgerichts vom 16. 4 mit Gegenwärtigem einer königlichen Artilleriebrigade zur gefälligen Vollſtreckung. 8 4 1“ . 8 GSezeichnet 1 der Conmande Brigadebefehl. Die Bombardiere Tipfel und Robert find ſogleich aus dem Unterſuchungsarreſt abzuholen und hat der Erſtere außer der ſchon beſtandenen Strafzeit noch einen achttägigen Arreſt abzuſitzen, für welchem aber derſelbe während dieſer Zeit zu Caſernendienſten ver⸗ wendet werden kann. Auch iſt Bombardier Tipfel vom heutigen Tage an, von der ſechspfündigen Fußbatterie Nro. 21 zu der zwölfpfün⸗ digen Batterie Nro. 10 verſetzt, und iſt dem Commando der Batterie Nro. 21 durch den reſp. Abtheilungscommandeur einzuſchärfen, bei künftig abzugebenden Nationalen ſich der größten Gewiſſenhaftigkeit zu befleißi gen. Bombardier Robert aber iſt augenblicklich gänzlich auf freiem Fuß zu ſetzen. Gezeichnet: Der Brigadecommandeur. ffffff ffff 9 10 11 12 13 14 15 ffffffſf 16 17 18 1