1 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von.. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 eih- und Seſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden dar„indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— = 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und K b — 4— 2 3 85. 8 . 3 F * ———— 2— 9— · 3 8 8 1 1 4 1 ⁸ x 8 Der Tannhänſer. Der † Tannhäuſer. Eine Künſtlergeſchichte von F. W. Hackländer. Zweiter Band. n0N68 †* Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1860. 2* Schnellpreſſendruck der J. G. Sprand el'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. Inhalt. Erinnerungen Zwölftes Kapitel. Dreizehntes Kapitel. Ein guter Gondolier.... Eliſe Fünßzehntes Kapitel Auf der Ausſtellung....... Das Wunder . Vierzehntes Kapitel. . Sechzehntes Kapitel. Seite 23 54 80 VI Siebenzehntes Kapitel. Pilgerfahrt Achtzehntes Kapitel. Im Norden....... Reunzehntes Kapitel. Auf den Kaiſerpaläſten * — Der Tannhäüuſer. . ———— Zwölftes Kapitel. Erinnerungen. Das Leben, welches der Tannhäuſer von Anfang an geführt, hatte ihn früher gelangweilt, als er es ſich gedacht. Er wußte nicht, woher es eigentlich kam, daß ihm ſeine elegante Wohnung keine Freude mehr machte, daß es ihm für nichts galt, einen Wunſch, den er kaum geäußert, gleich ſchon erfüllt zu ſehen. Lebhafter als je dachte er an ſeine frühere Wohnung zurück,— an die Veranda und das wunderbare Licht unter derſelben mochte er nicht denken; das ſchnitt ihm jedesmal ins Herz, und er bemühte ſich, eines ſolchen Gedankens los zu werden. Und doch über⸗ 4 fielen ſie ihn plötzlich, dergleichen Gedanken, und es dauerte alsdann eine Zeitlang, bis er ſich ihrer vollſtändig erwehren konnte, und wenn er darauf zuſammengeſunken, finſter in einer Sophaecke ſaß und ſie nun leiſe näher tretend ihm Hackländer, Tannhäuſer. II. 1— * . Zwölftes Kapitel. die Hand ſanft von der Stirne entfernte, ihn fragend, was ihm fehle, womit er ſeinen Geiſt beſchäftige? ſo mochte und konnte er nicht die richtige Antwort geben, und wenn ſie gar zu ſehr in ihn drang, zeigte er trübe lächelnd durch das Fenſter nach Süden auf die fernen blauen Berge und ſagte:„Ich möchte wiſſen, was dahinter liegt.“ Es war aber nichts leichter als das zu erforſchen. Hatte doch die Fürſtin ihrem unruhigen Temperamente nach ſchon viel zu lange ohne Abwechslung an einem und demſelben Orte gewohnt, drängte es ſie doch auch wieder in die Welt hinaus. Wenn es alſo kein anderer Grund war, der zu⸗ weilen ſeine Stirn furchte und ihn finſter blicken und träu⸗ men ließ, ſo konnten ſeine Wünſche mit Leichtigkeit erfüllt werden.— Oft hatte ſie in ihrem Innern gezittert, wenn ſie ſein Auge umflort ſah, ſeine zuſammengepreßten Lippen bemerkte, wenn ſie dachte, der Tannhäuſer könne nach völ⸗ liger Freiheit verlangen, ihm werde es zu ſchwül in ihrem Palaſte, er ſehne ſich vielleicht nach friſchem Grün und Waldeinſamkeit, nach Kräuterduft und Wellengerieſel— er ſehne ſich vielleicht anderswohin. Das hätte ſie nicht er⸗ tragen können— jetzt noch nicht. fuhren an einem ſchönen Morgen die Reiſewagen r, das Haus wurde geſchloſſen und blieb zurück unter der Obhut eines einzigen Dieners. Die Leute auf der Straße blickten der vierſpännigen Equipage nach, die mit blaſendem Poſtillon dahinrollte zu einer Eiſenbahnſtation wenige 7 3 lange vergeſſen haben.“ Erinnerungen. 3 Stunden von der Stadt. Tannhäuſer, der in der Ecke ſaß, mochte ſich keinem Blick ausſetzen und drückte ſich tief in die Kiſſen. Auch als ſie die Straßen hinter ſich hatten, hielt er den Kopf noch träumend in die Hand gelegt. Vergebens ſagte ihm die Fürſtin:„Da ſind die kleinen Häuſer, wo dein Atelier war. Wie erinnere ich mich noch des Tages, als ich zum erſtenmal draußen war!“ „Auch mir iſt es unvergeßlich,“ ſagte der Tannhäuſer mit leiſer Stimme, ohne aufzublicken. „Ja, ja, es war ein eigenthümliches Zuſammentreffen,“ fuhr ſie kopfſchüttelnd fort,„ich ließ mich ohne Weiteres von Portinsky hinführen. Ich wollte Bilder ſehen, vielleicht etwas kaufen.“ „Aber der Graf kam nicht ohne Nebengedanken,“ ſagte finſter der junge Mann. „Möglich, obgleich er es immer geläugnet.— Apropos, ich erhielt geſtern Briefe von ihm.“ Der Tannhäuſer fuhr raſch in die Höhe und ſchaute dann erwartungsvoll auf die Fürſtin.„Und wo iſt Por⸗ tinsky?“ fragte er raſch. „In— in Florenz,“ antwortete die Fürſtin zögernd; „es geht ihm gut.“ 5 „Und er ſucht wohl immer noch?“ ſagte der Maler mit einem bittern Lächeln. „Ich glaube, daß du ihm Unrecht huſt er wird ds Zwölftes Kapitel. Tannhäuſer blickte zum Wagenſchlage hinaus, nicht rück⸗ wärts, wo er noch zwiſchen dem Grün hervorſchimmernd die kleinen weißen Häuſer hätte ſehen können, ſondern vor ſich hin auf die Straße, auf der die vier Pferde luſtig trabten.„Man vergißt das nicht,“ murmelte er unhörbar, „nie, nie, nie!“ So rollte der Wagen dahin einige Stunden lang, dann wurde er auf die Eiſenbahn geſetzt und ſchien ſich ſelbſt zu wundern, wie geſchwind er nun auf einmal fort komme, ohne ſeine eigenen Räder gebrauchen zu müſſen. Er nickte ordentlich vor Vergnügen hin und her und ſchien das alles lange nicht begreifen zu können. War er doch auch in früheren Zeiten wahrhaftig nicht langſam vom Platz gekom⸗ men; aber er erinnerte ſich wohl, wenn er vor ſich einen Kirchthurm ſah, daß es immer eine ziemliche Zeit dauerte, eehe er dieſen glücklich hinter ſich gebracht hatte. Und nun — es ging wahrhaftig wie durch Zauberei. Jetzt ſchritten die entfernten Berge raſcher vorüber, als früher die Kirch⸗ thürme an der Straße. Dieſe aber, ſowie die Häuſer und die Bäume und die Brücken und die Nebenwege, das flog und ſauste alles nur ſo vorbei, daß man hätte glauben können, die ganze Welt werde von einem tollen Wirbelwind umhergedreht.— Sonderbar! Den Reiſewagen ſchien es. ordentlich wohl zu ſein, als ſie den andern Tag wieder auf ihren vier Rädern laufen konnten. Zuerſt früh Mor⸗ 4 gens, als noch der Duft in den Thälern lag und ſich erſt Erinnerungen. 5 an den höchſten Spitzen der Berge rechts und links von der Straße eine kleine ſonnige Vergoldung zeigte, ging es eben fort oder doch nur ſanft anſteigend. Nach ein paar Stunden aber ward es ſteiler und immer ſteiler, der Wagen ſchwankte leicht dahin, er hatte rechts eine hohe Felswand, links einen tiefen Abgrund, in dem man hie und da ein grünes, luſtiges Bergwaſſer glitzern ſah und es immerwäh⸗ rend rauſchen hörte. Der Poſtillon ging neben dem Wagen her, er band eine neue Schnur an die Spitze ſeiner Peitſche und dann verſuchte er dieſelbe mit einem ſo lauten Klat⸗ ſchen, daß es in den Bergen wiederhallte. Hierauf brach er ein Blatt am Wege ab, ſteckte den Stiel deſſelben in den Mund und trieb dann ſeine Pferde auf's neue an. Dieſe ſtiegen aufwärts, immer aufwärts; die Sonne ſenkte ſich langſam an der ſteilen Felswand hinab, und wo die Schlucht ſehr breit war, beſtrahlte ſie ſchon da und dort freundlich ein Stück des Weges. Um ſo größer war dann aber auch der Contraſt, wenn der Wagen nun plötzlich in einen der kühlen, finſteren Felstunnels einfuhr, wo die Hufe der Pferde, das Knirſchen der Räder ſo eigenthümlich hohl klang, wo man ſo deutlich die kalte Luft ſpürte, wo an den feuchten Wänden das Waſſer herunter ſickerte. Darauf freute man ſich doppelt am wiedergewonnenen Sonnenſchein. Uas. ſo ging es fort, Stunde um Stunde. Der Tannhäuſer war ausgeſtiegen und ſchritt hinter dem Wagen drein, anfänglich allein; die Fürſtin liebte es — 6 Zwölftes Kapitel. nicht zu Fuß zu gehen, ſie ruhte bequem in ihrer Wagen⸗ ecke, entweder träumend oder in einem der vielen Bücher leſend, die ſie bei ſich hatte. Nicht lange war aber der junge Maler ganz allein; bald begleiteten ihn Gedanken, angenehme und traurige. Die letzteren waren vorherrſchend; das Bild ſeines kleinen Freundes, des Thiermalers, war ſeit lange nicht ſo lebendig vor ſeine Seele getreten, wie am heutigen Morgen. Kam es ihm doch gerade vor, als ſeien Beide heut Morgen aus einem und demſelben Wirths⸗ hauſe gegangen, gemeinſchaftlich eine Reiſe machend, und als ſei Wulf höchſtens eine halbe Stunde voraus und er werde ihn da vorne bei einer Biegung des Weges ſchon wieder finden, oder dort auf einem ſeltſam gezackten Fels⸗ ſtück ſitzend, wo er vor Vergnügen mit den Beinen zappele und einmah über das andere hinausſchreie:„famos! famos! famos!“ Und wenn ihn dieſe Phantaſieen auch anfänglich etwas trübe ſtimmten, ſo gab er ihnen nicht nur gerne — nach, ſondern ſie bemächtigten ſich ſeiner Seele mit ſolcher Lebhaftigkeit, daß ſie ihn faſt der Gegenwart entrückten, ihn wenigſtens ſo umwoben, daß er ſich zuweilen eines zufrie⸗ denen Lächelns nicht erwehren konnte. Ja, es war ein lang genährter Traum ſeiner Jugend, ſo träumte er, der nun in Erfüllung ging. Da ſtieg er mit ſeinem Freunde rüſtig aufwärts und ihre Seelen jubel⸗ ten im Entzücken über die allgewaltige wunderbar ſchöne Natur, Und nicht nur jauchzten ihre Herzen beim Erblicken Erinnerungen. der rieſenhaften Formationen um ſie her, nein, auch bei den tauſenderlei kleinen Genrebildern, die ſich ihrem Auge darboten. Ein Stein, der eigenthümlich mit friſchem Moos bewachſen war, eine Blume, die von oben herabnickte und freundlich zu grüßen ſchien, das dunkle Grün der Tannen⸗ wälder, die mit ihren faſt ſchwarzen Spitzen ſo ſcharf in den tiefblauen Himmel hineinragten,— ein Raubvogel, der eine Zeit lang wie unbeweglich mit ausgebreiteten Flügeln über der Schlucht ſchwebte,— die goldenen Sonnenſtreifen, die dort ſo ruhig die ſteilen Felſen bedeckten, ernſt und ſtill, ſo lange ſie auf der Felswand hafteten, beweglich ſpielend, wenn ſie tiefer das Laubdach vergoldeten, unten wie ge⸗ ſchwätzig murmelnd, wenn ſie mit dem grünen klaren Waſſer vermiſcht dies zu einer Smaragdmaſſe verwandelten.— Aufwärts! aufwärts!— Dem würzigen Tannengeruche ent⸗ gegen, dorthin, wo man ſo hallend den Schlag der Holzaxt vernahm, und dann immer höher hinauf bis zu den Bergen mit den weißen Schneeſtreifen. Auch Geſpräche hielt der Tannhäuſer mit ſeinem ab⸗ weſenden Freunde. Viel ſagten ſie einander über ihre Er⸗ wartungen, das Endziel ihrer Reiſe betreffend— Rom. Sie konnten ordentlich ſchwärmen, wenn ſie am Abend müde angekommen, den andern Morgen ihre Wande⸗ rungen durch die heilige Stadt beginnen wollten, zuerſt nach der Peterskirche, vorher aber noch, und zwar vor allen Dingen, den Meiſter Piſani aufſuchen; dann in Zwölftes Kapitel. den Vatikan, aber mit Franceska. Ja mit ihr, mit ihr!—. Unter dieſen Gedanken war der Tannhäuſer mit raſchen Schritten dem Reiſwagen vorausgekommen und ſah an der nächſten Biegung des Weges den Fourgon der Fürſtin. Auch dieſen hatte er bald überholt und bemerkte dann eine Strecke davon Eliſe auf einem Stein am Wege ſitzend, augenſcheinlich verſunken im Anſchauen der prachtvollen Natur. Sie hatte ihren leichten Strohhut am Arme hän⸗ gen, ihr ſchwarzes Haar einfach um den Kopf gewunden und die weiße Stirne darunter war etwas geröthet, ſowie auch ihre Wangen vom längeren Gehen und von der Er⸗ regung, welche dieſe koloſſale Natur, die ſie zum erſtenmal ſah, auf ihr empfängliches Gemüth hervorbrachte. Dazu blitzten ihre Augen heiter und vergnügt, und der Ausdruck der Ueberraſchung in denſelben war hier ſo vollkommen gerechtfertigt, daß er den Beſchauer noch angenehmer be⸗ rührte als ſonſt wohl. „Nicht wahr, das iſt prachtvoll?“ ſagte der junge Maler, indem er einen Augenblick bei dem Mädchen ſtehen blieb. „O ſo ſchön, ſo ſchön,“ gab ſie mit Wärme zur Ant⸗ wort, wobei ſie unwillkürlich ihre Hände faltete und mit einem vollen Blicke gen Himmel ſah. Hatte er geſagt, ſie ſolle mitgehen, oder hatte er es nur gedacht und ſie vielleicht dieſe Gedanken in einem Erinnerungen. 9 Blicke verſtanden?— Genug, ſie erhob ſich und ſchritt an ſeiner Seite weiter. Zwiſchen dieſen beiden jungen Leuten beſtand ein eige⸗ nes, unausgeſprochenes, niemals berührtes und ſo begreif⸗ liches Verſtändniß. In der erſten Zeit hatte Eliſe den jungen Maler, ſo oft ſie ihm anderswo als in dem Atelier begegnete, mit einer ängſtlichen Scheu vermieden, ihn nie angeblickt, ſeine Fragen kaum ſoviel beantwortet, als es gerade die Höflichkeit verlangte. Als er ſich aber immer ſo völlig gleich gegen ſie benahm, ſo ruhig, ſo taktvoll und verſtändig, da faßte ſie Vertrauen zu ihm, und dies Ver⸗ trauen ſteigerte ſich nach und nach zu einem freundſchaft⸗ lichen Gefühl, ihrerſeits auch noch vielleicht zu etwas mehr. So wenigſtens hätte man wohl die Blicke verſtehen können, die ſie zuweilen aus ihrem dunklen Auge auf ihm ruhen ließ, wenn er auf ſein Bild niederſah. Er hatte freilich nie einen ſolchen ſeltſamen vielſagenden Blick erhaſcht, wäre auch vor Scham vergangen, wenn er ſie ein einzigesmal ertappt hätte; er kannte nur den Ausdruck der Heiterkeit und jener ſo liebenswürdigen Ueberraſchung, mit der ſie die ganze Welt zu betrachten ſchien, mit der ihr alles, ſelbſt das ſchon oft Dageweſene, immer wieder neu und intereſ⸗ ſant vorkam. Dieſer Ausdruck aber kam hervor aus ihrer heitern, fröhlichen Seele; ſie war von einer armen, aber anſtändigen Familie, ihre Eltern beide todt, und ihr Vor⸗ mund hatte ſie um ſo lieber im Hauſe der Fürſtin unter⸗ 10 Zwölftes Kapitel. gebracht, da dieſe verſprochen, auf alle Fälle für ihre Zu⸗ kunft zu ſorgen. 5 Jetzt ſchritten die beiden jungen Leute mit einander dahin; ſie hatte einen Strauß Feldblumen in der Hand, und da ſie ihm unbefangen davon anbot, ſo nahm er einige Blüthen, die er auf ſeinen Hut ſteckte. Das Mädchen ſprach mit leuchtenden Blicken von all dem Schönen, was ſie heute Morgen geſehen, und zeigte dabei ihr warmes Ge⸗ fühl, ſo treffende Vergleiche, ein ſo richtiges Urtheil, daß ihr der Maler mit großem Intereſſe zuhörte. Hatte ſie doch ſo manches beobachtet, was ihm entgangen; erzählte ſie ihm doch von förmlichen Bildern, welche ſie ſich vorge⸗ ſtellt, ja verſchönerte dieſe Anſichten mit ihrer lebhaften Phantaſie. Der Tannhäuſer träumte mehr als je, daß dort um die Ecke jenes Felſens, hinter welchem ſich der Weg ſeinen Blicken verbarg, Wulf ſitzen müſſe, neben ihm Vater Piſani— ſie konnten ja ganz gut die Reiſe gemein⸗ ſchaftlich mit einander machen— und während die Beiden vorausgegangen waren, kam er mit— Franceska lang⸗ ſamer nach.. Aus all' dieſen Träumereien weckte ihn das Klirren und Raſſeln des Reiſewagens der Fürſtin, der jetzt, da der Weg ebener ging, ſchneller fuhr und bald dicht hinter ihm war. Sie blickte heraus und erſuchte ihn lächelnd einzu⸗ ſteigen. Eliſe eilte mit flüchtigen Schritten nach dem Four⸗ gon, von woher ihr der alte Kammerdiener winkte. * Erinnerungen. 11 „Jetzt wirſt du müde ſein, Richard?“ ſagte die Fürſtin, als der junge Maler an ihrer Seite Platz genommen. „Es war ſchön draußen,“ gab er zur Antwort;„das Gehen durch dieſe herrlichen Berge hat etwas Erfriſchendes, und auf mein Alleinſein eine Abwechslung zu haben, plau⸗ derte ich mit Eliſen. Sie hat ſo geſunde und kichtige Anſichten.“ „Es iſt das überhaupt ein liebes und gutes Mädchen,“ oerſetzte die Fürſtin.„Wenn ſie ſich einmal verheirathet, wird ſie ihren Mann glücklich machen.— Findeſt du nicht,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„daß ſie im Wuchs mit mir einige Aehnlichkeit hat?“ „O ja, nur iſt ſie ſchlanker.“ „Mädchenhafter; aber trotzdem ſind die Formen ihres Körpers wie die meinigen. Ich machte mir neulich einmal den Spaß, ſie aus⸗ und anzuziehen, das heißt anzuziehen mit Kleidern von mir; ich verſichere dich, es war eigenthümlich, wie genau ihr alles paßte.— Darnach werde ich dir eitel vorkommen, wenn ich finde, daß ſie ſehr ſchön gewachſen iſt.“ „Untadelhaft,“ erwiderte der junge Maler, während er an ſein Bild dachte. Das Felsthal hatte ſich erweitert, die Sonne ſchien kräftig auf den Weg und ihre Strahlen, heute Morgen warm, wurden jetzt heiß und drückend. „Das geht jetzt noch ein paar Stunden ſo aufwärts bis Splügen,“ ſagte die Fürſtin,„aber den ſchönſten Theil “—— 12 Zoölftes Kapitel. des Weges haben wir hinter uns; wir wollen die Wagen⸗ fenſter herunterlaſſen und die Vorhänge herabziehen, wenn es dir angenehm iſt. Vielleicht willſt du ein wenig ſchlafen.“ Tannhäuſer ſchüttelte lächelnd mit dem Kopfe; er wollte nicht ſchlafen, nur ausruhen, und dabei etwas lebhafter, wärmer fortträumen.— Und das that er auch, aber er preßte dabei ſeine Lippen zuweilen feſt auf einander, denn es gab erregte Augenblicke, wo er fürchten mußte, ihm ent⸗ ſchlüpfe unwillkürlich ſtammelnd der Name Franceska oder der Name Eliſe. Wie man ſo vieles erreicht, wenn man unaufhaltſam, beharrlich fortſtrebt, ſo hielten die Wagen auch endlich vor dem Poſthauſe in Splügen, wo neue Pferde vorgeſpannt wurden und die alten ſich ſchüttelnd und mit geſenkten Köpfen entfernten. Dann ging es eine kurze Strecke ab⸗ wärts und hierauf im Zickzack auf die Höhe, bei Nadelholz vorbei, deſſen Stämme, je höher man ſtieg, immer niedriger wurden, ſich auch immer vereinzelter zeigten und endlich ganz aufhörten. Dafür ſah man wilde, oft maleriſch ge⸗ formte Felsmaſſen, leicht verziert mit Schneeſtreifen, die in ihrer friſchen Weiße um ſo mehr hervortraten, da ſich Ge⸗ ſtein und Erde hier oben ſo dunkelfarbig zeigte. Wie es manchem geht, ſo hatte auch der Tannhäuſer geglaubt, er müſſe von der Höhe der Alpen auf einmal hinabſchauen in die ſchönen Gefilde Italiens, er müſſe da Erinnerungen. 13 vor ſich die weite lombardiſche Ebene ſehen, in ihr den Po als ſilberglänzenden Faden, das Ganze in Duft ver⸗ ſchwimmend, dem man es ſchon von weitem anſah, daß er mit Orangendüften geſchwängert ſei. Es iſt indeſſen andern ehrlichen Leuten hierin auch nicht beſſer gegangen als dem jungen Maler, und wenn ſie oben ankamen, wo die Pferde vor dem Wagen nach manchen Stunden wieder anfingen, luſtig abwärts zu traben, ſo haben ſie ſich auch wohl neu⸗ gierig in ihrem Wagen emporgerichtet, um nichts zu ſehen als ein hübſches Stück Chaos: wilde Felsmaſſen, ſchneebe⸗ deckte Bergzacken, rechts und links emporſtrebend, ſauſender, kalter Wind, und rings umher eine unbeſchreibliche melan⸗ choliſche Einſamkeit. Nach und nach wird es freilich beſſer, aber ſehr nach und nach; da iſt kein ſchroffer Uebergang, da folgt alles ganz natürlich auf einander. Die Nadelhölzer laſſen ſich ablöſen von einzelnen Buchen und Eichen, ihnen folgen Kaſtanien, und da mittlerweile die Häuſer, deren Dächer wir oben mit dicken Felsſteinen beſchwert fanden, freundlicher, heiterer erſcheinen— ſie ſind nicht mehr dunkel⸗ braun, ſondern mit weißer Farbe angeſtrichen— ſo finden wir es auch jetzt begreiflich, daß ſich Rebengewinde einſtel⸗ len, die kunſtlos gearbeitete Veranden überſpinnen und an Mauer und Baum emporranken. Es dämmerte ſchon, als man Chiavenna erreichte, und die Lichter, welche unter den verſchiedenen Veranda's her⸗ vorleuchteten und um welche vergnügt plaudernde und u edbv er i,— 6— 14 Zwölftes Kapitel. lachende Menſchen ſaßen, thaten dem Tannhäuſer weh. Er ſchloß die Augen und lehnte ſich in die Ecke des Wagens zurück. Auch er empfand, durch die engen Straßen fahrend, den eigenthümlichen Geruch des italieniſchen Lebens, von dem wir früher ſchon ſprachen, aber er war ihm unange⸗ nehm; er fand durchaus keine angenehme Erinnerung, mit der er ihn in Verbindung bringen konnte, er widerte ihn an, denn als er ihn zum erſtenmal empfunden, fühlte ſich der Tannhäuſer ſchmerzlich berührt, und zwar durch die Lichter, welche an allen Orten ſo neckend zwiſchen dem Rebenlaub hervorblickten. Dieſer erſte Gedanke, den er in Italien erhalten, ver⸗ wiſchte ſich auch nicht mehr; er fühlte ſich unbehaglich, er ſah alles wie im Traume; er ſtaunte wohl beim Anblick der üppigen Gegend, der ſchönen Anſichten des herrlichen Comerſees, beim Durchfahren der reichen Städte mit ihren zahlreichen Kirchen und prachtvollen Gebäuden. Aber es heimelte ihn alles das nicht an; er betrachtete das Sehen all' des Schönen, was ſich ihm darbot, wie eine läſtige Arbeit, ihm war nur wohl, wenn er allein in ſeinem Zim⸗ mer ſaß, und er fühlte ſich nur recht behaglich, wenn dieſes Zimmer keine Ausſicht hatte, wenn gegenüberliegende hohe Mauern ſeine Gedanken recht zuſammenhielten. Ein an ſich nicht gerade bedeutender Vorfall in Mai⸗ land entleidete ihm die Hauptſtadt der Lombardei und gab ihm zu denken. Er war mit der Fürſtin im Dome gewe⸗ das Kirchenſchiff, ſie mußten dicht an ihm vorüber. Das Erinnerungen. 15 ſen; er führte ſie am Arm und wollte gerade die Kathe⸗ drale verlaſſen, als ſie unter der Ausgangsthür mit zwei Herren zuſammentrafen, die beim Anblick der Fürſtin einen Ausruf freudiger Ueberraſchung hören ließen, ſtehen blieben und ſie auf ruſſiſch anredeten. Der junge Mann ließ den Arm der Dame los und trat diskret einen Schritt zurück. Es mußten genaue Bekannte von ihr ſein, welche ſie hier ſo unvermuthet getroffen; denn nach den erſten Begrüßun⸗ gen entſpann ſich augenblicklich ein ſehr animirtes Geſpräch, welches freilich nicht viele Minuten dauerte, aber damit endete, daß der ältere Herr der Fürſtin die Hand reichte, der jüngere aber ſich tief verneigte. Darauf hatte die Dame den Kopf etwas nach ihrem Begleiter zurückgewandt und eine Frage an die Herren geſtellt, worauf der Jüngere etwas lächelnd erwiderte, der Aeltere aber mit einem eigen⸗ thümlichen Geſichtsausdruck den Kopf ſchüttelte. Das ſah der Tannhäuſer deutlich mit ſeinem ſcharfen Auge, um ſo mehr als er im Dunkeln ſtand und nach dem Lichte hinblickte, in dem ſich die Drei befanden. Offen und ehrlich, wie ſein Gemüth war, hatte er früher keinen Arg⸗ wohn gekannt, jetzt hatte er ihn kennen gelernt; jetzt ſtellte er ſich Mienen und Blicke zuſammen und las daraus. Die Fürſtin hatte ihren Reiſebegleiter den beiden Herren vorſtellen wollen, ſie hatten für die Chre gedankt.— Er knirſchte mit den Zähnen. Jetzt traten die Fremden in ———— 16 Zwölftes Kapitel. thaten ſie auch, aber ſie blickten wie abſichtlich nach den Glasmalereien und nach der Decke empor. Er, der die Dame geführt, mit welcher die Beiden vorhin ſo freundlich geſprochen, er ſchien gar nicht zu exiſtiren. Wie erwünſcht war es ihm, daß die Fürſtin vor dem Dom in ihren Wagen ſtieg, um einen Beſuch zu machen, daß er ſich verabſchieden konnte, um Stunden lang durch die Straßen zu irren, in finſtere Gedanken verſunken, un⸗ glücklich, beladen mit Leid und Reue! In ſeinem Dahin⸗ brüten zeigte ſich am finſter bezogenen Himmel ſeines Lebens nur eine einzige lichte Stelle, und das war der Gedanke, ſeine Freiheit wieder zu erringen.— Morgen, übermorgen, tönte es wieder in ihm lebhafter als je. Und er malte es ſich aus, wie es ſo ſchön ſei, wenn er an einem Morgen allein in die Welt hinaus gehen würde, nichts bei ſich tragend als ein Heft weißes Papier, aber in Kopf und Herz die ſchaffende Kraft, um auf jenem weißen Papier koſtbare, geſuchte Zeichnungen zu machen. Aber dieſer Ge⸗ danke, ſein ſo oft wiederholtes: Wenn ich will! war die Klippe, an der ſeine guten Vorſätze zerſchellten; er fühlte ſich wie ein Gefangener, in deſſen Kraft es liegt, ſpielend die Riegel ſeines Gefängniſſes zu öffnen, und der im Träumen von der goldenen Freiheit die Zeit vorbeigehen läßt, wo er frei werden kann. Heute aber war der Tannhäuſer mehr als je entſchloſſen, — Erinnerungen. 17 ſein Leben zu ändern. Immer und immer wieder klang es ihm: „Wir haben zu viel geſcherzt und gelacht, Ich ſehne mich nach Thränen; Und ſtatt mit Roſen möcht' ich mein Haupt Mit ſpitzigen Dornen krönen!“ Als er in ſeinen Gaſthof zurückkehrte, war die Fürſtin noch nicht da. Es war ein heißer Tag, er fühlte ſich auf⸗ geregt und ermattet. Die Läden der Fenſter waren zuge⸗ zogen, er ging durch die halbdunkeln Zimmer des Appar⸗ tements, welches ſie bewohnten, und ehe er in ſeinen Salon kam, durchſchritt er ein Garderobezimmer, wo er in einem Fauteuil Eliſe ſchlafend fand. Er wollte leiſe vor⸗ übergehen, aber die Lage des jungen Mädchens erſchien ihm ſo reizend, daß er unwillkürlich ſtehen bleiben mußte. Die ſchönen Formen ihres Körpers waren nur ſo viel verhüllt, um doch ſichtbar zu bleiben, und gerade in dieſer halben Verhüllung ſo unendlich graziös zu erſcheinen. Sie hatte ihren Kopf rückwärts gebeugt, den rechten Arm darunter gelegt; ihr Geſicht, von dem jetzt begreiflicher Weiſe der Zug der Ueberraſchung gewichen war, ſah auf⸗ wärts, und zwiſchen ihren leicht geöffneten feinen Lippen ſah man ordentlich jeden ihrer Athemzüge aus⸗ und ein⸗ ziehen. Er ſtand, ſie ſtill betrachtend, vor ihr, er dachte an die guten, lieben und freundlichen Worte, welche ſie Hackländer, Tannhäuſer. II. 2 ——— Zwölftes Kapitel. ſchon mit ihm gewechſelt, er wünſchte, daß ſie erwacht wäre, er hätte ihr ſein Innerſtes geöffnet, es wäre ihm ſo wohl geweſen, in dieſem Augenblicke einem fühlenden Weſen klagen zu können, tröſtliche gute Worte zu hören, die aus einem Herzen kamen, von dem er wußte, daß dieſes es gut mit ihm meine. Er kniete geräuſchlos vor ihr nieder, er drückte ſeine Lippen auf eine ihrer Hände, welche in ihrem Schooße lag; ſie erwachte nicht, aber ihre Finger zuckten leicht und ſie that einen tiefen Athemzug. Er hob ſich an ihr empor, ohne ſie heftig zu berühren; ſein Geſicht näherte ſich dem ihrigen, er küßte leicht ihre geſchloſſenen Augenlider, er ließ ſeine Lippen ein paar Sekunden lang auf den ihrigen ruhen. Welch eigenthümlichen ſüßen, faſt berauſchenden Parfum hatte ſie heute, ein Odeur, den er am deutlichſten ürte, wenn er mit ſeinem Munde nur ganz leicht den igen berührte. Er hatte ihn ſchon wo empfunden, dieſen feinen wollüſtigen Geruch, aber er wußte nicht wo; doch betäubte er ſeine Sinne und regte ſein Blut wild und gewaltig auf. Er hob ſich halb empor, er ſchaute auf die Schlafende nieder, er erblickte ſie anders als gewöhnlich; ihm gaukelten all' die Bilder vor, die er nach ihr gemalt; er ſah ſie ganz ſo, wie er ſie oft geſehen,— unverhüllt; ſein Haupt ſank auf ihr Geſicht nieder, ſeine Lippen ſaugten ſich an den ihrigen feſt. Da zuckte ſie gewaltig zuſammen, ſie 3 Erinnerungen. 49 dehnte ſich leicht, während ſie ihn mit der einen Hand von ſich abwehrte. Ihre Augen aber blieben geſchloſſen, nur einmal öffnete ſie dieſelben leicht, und da ſah er einen faſt unheimlichen Blitz aus ihren Augen leuchten; auch ſprach ſie ein paar Worte, aber unzuſammenhängend, im Schlafe. „Laß mich,“ ſagte ſie,„laß mich— erwachen. Aber ich kann nicht— nein, nein ich kann nicht.— O— o— o— h!“ Der Maler ſchreckte plötzlich empor, er hatte den Ton einer Klingel aus den innern Zimmern der Fürſtin ver⸗ nommen. Dieſer Ton riß ihn gewaltſam aus ſeinem ſüßen Taumel, er ſchreckte ihn zur Unzeit empor, aber er war ihm dankbar dafür. Haſtig erhob ſich der Tannhäuſer und blickte das junge Mädchen einen Augenblick kopfſchüttelnd an, erſtaunt, ſie ſo ruhig und feſt fortſchlafen zu ſehen. Ihr Haupt war noch etwas mehr zurückgeſunken, ſie hatte die Lippen wieder ein wenig geöffnet und ein freundlich Lächeln ſpielte um dieſelben. Ihr Athem ging wohl 4 aber regelmäßig. Abermals vernahm man den Ton der Klingel, und der Maler eilte dahin, nicht ohne an der Thür noch einmal ſtehen zu bleiben und einen innigen Blick auf Eliſe zu werfen, deren ſanftes Lächeln ihn mit Zaubergewalt feſt⸗ zuhalten ſchien. Er eilte gleich darauf durch die Apparte⸗ ments dahin. War die Fürſtin zurückgekommen? Der Ton der Glocke drang aus ihrem Zimmer. Doch nein, ſie war nicht dort; ſie mußte neben ihrem Schlafzimmer in dem ———— Zwölftes Kapitel. kleinen Badekabinet ſein; die Portieren an der Thüre dort⸗ hin waren zuſammengezogen. Tief athmend blieb er in der Mitte des Gemaches ſtehen; auch hier noch wollte er zurücktreten, leiſe zurück⸗ gehen. Doch empfand er hier auf einmal dieſen eigen⸗ thümlichen Parfum wieder, den er vorhin bei Eliſen be⸗ merkte, jenen Duft, der ihn ſo gewaltſam aufgeregt. Er legte die Hand an ſeine Stirne, tauſend Ideen durchkreuz⸗ ten ſein Gehirn, aber er war nicht im Stande, ſich etwas klar und ruhig darzuſtellen; alles, was er dachte, diente nur dazu, ihn noch mehr zu verwirren und aufzuregen. Und es war hier in den Zimmern ſo ruhig, ſo dunkel, ſo ſeltſam ſtill. Faſt fürchtete er ſich vor dieſer Stille, ja er war ordentlich froh, als er im nächſten Augenblicke die klang⸗ volle ſanfte Stimme der Fürſtin vernahm, welche ein paar Töne ſang und damit wie ſchmeichelnd rufend den Namen „Eliſe“ verband. Er trat ein paar Schritte näher, faſt wankend, eigenthümlich befangen. Der Ton der Klingel der wieder erſchallte, ließ ihn abermals weiter gehen; er konnte mit der Hand die Portieren berühren, und er mußte das wohl gethan haben, denn ſie bewegten ſich, ſie ließen ihn einen Augenblick durchſehen, und dieſe Bewegung machte auch wohl die Fürſtin glauben, als ſei das junge Mädchen auf ihren Ruf erſchienen.. „Eliſe!“ hörte er die ſchöne Frau ſagen;„du ſchliefſt 2 ſ ſo feſt, was bei der Hitze draußen kein Wunder iſt, ſo daß ich dich nicht wecken mochte und allein badete. Jetzt aber, wo ich nur ausruhen möchte, will auch mich der Schlaf. überfallen, wenn du mir nicht irgend etwas erzählſt.— Komm herein. Was ſuchſt du noch? Mein perſiſcher Mantel iſt ſchon hier; ich habe ihn über mich gedeckt. Komm nur — o komm nur.“ Sein Nähertreten allein mußte die Portiere bewegt haben, er hatte noch keine Hand daran gelegt und doch wallten ſie ein wenig von einander und ließen ſeinen Blick in das zierliche Kabinet dringen. Da ruhte das jugendliche ſchöne Weib, wie ſie ſo gern zu thun pflegte, auf ihrem Divan, den Kopf ganz rückwärts gebeugt, die Arme hoch erhoben, ſo daß zwiſchen ihren Fingern ein kleines goldenes Kettchen hing, woran ein Medaillon befeſtigt war, das ſie nun gerade vor ihren Augen hatte. Der Tannhäuſer wußte wohl, weſſen das Bild in die⸗ ſem Medaillon war. Sie aber lächelte es an und ließ es„ zuweilen ſo tief hinab ſinken, daß es auf ihren friſchen rothen Lippen ruhte, und wenn ſie es alsdann wieder flüſterte ſie wie vorhin:„komm nur— o komm erhob, nur!“* Erinnerungen. 21 Sie lacht ſo geſund, ſo glücklich, ſo toll, Und mit ſo weißen Zähnen; Wenn ich an dieſes Lachen denk', So weine ich plötzliche Thränen. 22 Zwölftes Kapitel. Ich liebe ſie mit Allgewaͤlt, Nichts kann die Liebe hemmen! Das iſt wie ein wilder Waſſerfall, Du kannſt ſeine Fluten nicht dämmen! Er ſpringt von Klippe zu Klippe herab Mit lautem Toſen und Schäumen, Und bräch' er tauſendmal den Hals, Er wird im Laufe nicht ſäumen. 1 Dreizehntes Kapitel. Ein guter Gondolier. Wenn man Venedig mit Bequemlichkeit und Zeiterſpar⸗ niß ſehen will, ſo leiſtet dazu ein guter und gewandter Gondolier die vortrefflichſten Dienſte. Er iſt unſer Kutſcher und Cicerone zu gleicher Zeit. Während er uns nach irgend einem berühmten Bauwerke hinrudert, erzählt er uns von deſſen Merkwürdigkeiten und gibt uns die ge⸗ naueſten Anleitungen, was wir in jener Kirche und in jenem Palaſte zu ſehen haben und was wir füglich über⸗ ſchlagen können. Betrachten wir irgend etwas, was ab⸗ ſeits von dem Kanale liegt, wo er ſeine Gondel angelegt, ſo wird er nicht von uns verlangen, daß wir den Weg wieder zu ihm zurücklegen ſollen; er wird uns erſuchen, gerade aus zu gehen, bis zu dem kleinen rothen Eckpalaſt dort hinten, den ſollen wir uns genau betrachten, er hat 24 Dreizehntes Kapitel. dieſem oder jenem erlauchten Geſchlecht gehört, in ſeinen Mauern iſt dieſe oder jene ſchreckliche Geſchichte paſſirt. An ſeinem Thürklopfer bemerken wir eine Fauſt: das iſt die/ Hand des Rächers, die damals in ſtiller Mitternacht durch drei dröhnende Schläge das frevelnde Paar aus dem Schlummer riß. Alſo um jenen rothen Palaſt wenden wir uns links, haben dicht vor uns eine hochgewölbte Brücke, die wir überſchreiten und die ſich an ein altes, mächtiges Gebäude lehnt, in welchem ſich die größte Antiquitätenhandlung des heutigen Venedigs befindet. Nicht die des berühmten N.— Der iſt geſtorben, und ſein geſpenſterhaftes Haus, in wel⸗ chem Waffen und Rüſtungen aus vielen Jahrhunderten und mit dem Staube von wenigſtens einem Jahrhundert beladen, in dem beinahe hohlen Raum ſeines dreiſtockigen Palaſtes an den Wänden hängen, der nur verkaufte, wenn ihm der Käufer behagte, der aber für den Fremden unendlich lehr⸗ reich war, denn er erzählte gern Geſchichten und wußte die ſchauervollſten von jedem Stücke ſeines Magazins. Wie oft ſprach er, wenn er dieſen oder jenen Dolch zeigte, von den Opfern, die durch ihn gefallen ſeien, und berichtete davon mit einer grauſigen Umſtändlichkeit. Doch weiter! Nachdem wir dieſes heutige großartige Antiquitäten⸗ Magazin beſchaut, finden wir unſern Gondolier vor der breiten Steintreppe des Hauſes. Er wird, wenn wir ohne Verdeck fahren, ſtets bereit ſein, einen fragenden Blick zu 2 * Ein guter Gondolier. 25 beantworten.— Dort ſchießt uns eine Gondel entgegen;— in ihren Atlaßkiſſen ruht eine Dame, durch das Fenſter ihres Verdeckes entdecken wir ein glänzendes Augenpaar, vielleicht einen Mund, der freundlich lächelt. Wir ſchauen fragend auf unſern Gondolier; er zuckt mit den Achſeln, oder er ſtemmt ſeine Ruder nach einem kräftigen Schlage ins Waſſer, feſt an die Seite des Schiffchens, welches nun plötzlich herumfliegt und dann nach jener Richtung hinſchießt, welche die andere Gondel genommen. Aber alle jene kleinen Fahrzeuge ſehen ſich ähnlich wie ein Ei dem andern; alle ſind gleich ſchwarz, alle ohne jedes Abzeichen. Und doch findet der gewandte Gondolier aus hunderten, die neben und vor ihm fahren, die, welche er einmal ins Auge gefaßt hat, wieder heraus; er erkennt ſie an einem eigenthümlichen Schaufeln oder ſonſt an der Art, wie ſie dahin ſchwimmt, vielleicht an ihrem neueren oder älteren Ueberzug, an irgend einer Quaſte, die fuchſig geworden iſt, natürlich auch häufig am Gondolier ſelbſt, an deſſen Kleidung und Livree. Will ſich die vorausgeruderte Gondel einholen laſſen, ſo iſt die Arbeit unſeres Gondoliers nicht ſo ſchwer, will ſie aber entwiſchen, ſo muß er gehörig aufpaſſen, muß Hand und Auge mit dem größten Geſchick, mit voller Kraft in Thä⸗ tigkeit ſetzen. Der Commiſſionär, der das Haus am Canal grande für die fremde Herrſchaft gemiethet, hatte nicht zu viel geſagt, als er die Geſchicklichkeit der beiden Gondoliere mit den ⁵ 26 Dreizehntes Kapitel. 3 F größten Lobeserhebungen geprieſen. Denn jeder der Beiden war in ſeiner Art vortrefflich, und Herr Potowski, welcher etwas einſilbig war und überhaupt nicht viel ſprach, war mit Paolo über alle Maßen zufrieden. Wenn der Herr zu 2 beſtimmten Tagesſtunden in die Gondel ſtieg, namentlich wenn er ein Zeichenheft unter dem Arme trug, ſo wußte jener ſchon, wohin er zu fahren hatte. Schien die Excel⸗ 4 lenza einmal ausnahmsweiſe gut gelaunt, ſummte ein Lied vor ſich hin und blickte, nachdem er eingeſtiegen, grüßend zu den Fenſtern empor, ſo führte Paolo die Gondel, wenn kein beſonderer Befehl erfolgte, nach einem der prachtvollen und berühmten Gebäude Venedigs und wählte gewöhnlich einen Standort, von wo ſich das Bauwerk beſonders ma⸗ 4 4 leriſch ausnahm, oder wo ein Sonnenblick die ſcharfen, wunderbaren und ſo eigenſinnige Schlagſchatten warf, wie man ſi ie nur hier in dieſer ſeltſamen Stadt ſieht. Warf ſich aber Herr Potowsli verdrießlich in die Kiſſen ſeiner Gondel, blickte mürriſch vor ſich nieder, warf die kaum an⸗ gebrannte Havannacigarre heftig von ſich ins Waſſer und ſetzte ſich alsdann mit übergeſchlagenen Armen zurecht, ſo bog Paolo aus dem Canal grande alsbald in einen der Nebencanäle, verlor ſich langſam rudernd in ein Labyrinth 2 von ſchmalen Waſſerſtraßen, thurmhohen, finſtern Häuſern, umkreiste einen der im Verfall ſeiner Häuſer ſo öde und unheimlich ausſehenden Plätze in der Nähe des Ghetto und ließ bei der Sacca della Miſericordia die Häuſermaſſen —;——— Ein guter Gondolier. 27 hinter ſich, um dann langſam am Fondamente nouve hin⸗ rudernd ſeinem Herrn den Blick zu gönnen auf die weiten ſtillen Flächen der ſonnbeglänzten Lagunen, bis dieſer aus dumpfem Hinbrüten erwachend ein Zeichen zur Rückkehr gab.— Morgen— übermorgen!— Gegenüber der kleinen prachtvollen Marmorkirche der Chiera dei Miracoli, deren Wände von weißem Marmor mit den herrlichſten Skulpturen bedeckt ſind, hatte Paolo eines Tages angelegt, und Herr Potowski betrachtete be⸗ wundernd die zierlich verſchlungenen Gewinde von Blumen und Vögeln, womit Fenſter⸗ und Thüreinfaſſungen bedeckt ſind, als er auf einmal raſch emporfuhr, haſtig dem Gon⸗ dolier etwas zeigte und eine Frage ausſprach. Paolo nickte mit dem Kopfe und ſagte:„Si signore, ich habe ihn wohl bemerkt, und heute nicht zum erſtenmale; er zeichnet bald hier, bald dort.“ „Derſelbe kleine Mann, der dort vor uns um die Kirche verſchwand?“ 3 „Derſelbe ſehr kleine! Si signore, es iſt ein Deutſcher.“ „So laß mich ausſteigen, ich muß ihm nach.“ „Er war ja auf der andern Seite des Canals. Che Sie dieſſeits ausſteigend die zwei Brücken paſſirt haben, iſt er lange verſchwunden. Ich will ſehen, ob ich ihn wieder in Sicht bekomme.“ Damit ſtieß die Gondel raſch von Ufer und flog unter einem gewaltigen Druck des Ruders über das Waſſer hin. Jetzt bog Paolo ſcharf um eine 4 Dreizehntes Kapitel. Ecke rechts, dann ſchoß das ſchlanke Fahrzeug unter einer ſchmalen Brücke dahin, worauf Paolo triumphirend rief: „Ecco, Signore!“ Richtig, dort war der kleine Mann wieder. Statt aber daß Potowski dem auffordernden Blick ſeines Gondoliers folgend, ſogleich ans Ufer geſprungen wäre, ſchien er un⸗ ſchlüſſig zu ſein, erhob ſich langſam von ſeinem Sitze, und als er nun auf die Steinſtufen ſpringen wollte, war der Andere ſchon wieder um die nächſte Ecke verſchwunden. „Das iſt nicht meine Schuld,“ ſagte lachend der Gon⸗ dolier.„Aber laßt Euch nur nieder, Excellenza, wir holen ihn wieder ein. Es würde auch in dieſen engen Gaſſen zuviel Aufſehen machen, wenn Ihr da hinter drein rennen wolltet.“ Damit ſchoß die Gondel abermals dahin, bald rechts, bald links um die Ecken, hier bei andern Gondeln ſo haar⸗ ſcharf vorüber, daß kaum ein Blatt Papier Platz zwiſchen Beiden gehabt hätte, umkreiste dort in einem weiten Bogen ein größeres Fahrzeug, flog unter Brücken und Uebergängen dahin und hatte bald den kleinen Mann wieder vor ſich, der eine Mappe unter dem Arme trug. Doch ſchien kein Glück bei dieſer Jagd zu ſein, wo man ihn hätte erreichen können, waren die Canalmauern zu hoch, oder es lagen dort eine Menge Gondeln, die eine Landung nur langſam vor ſich gehen ließen. Paolo hielt ſein Ruder dicht an Bord der Gondel, ließ Ein guter Gondolier. ſie anhalten und ſagte zu ſeinem Herrn:„wenn es Ihnen gleichgültig iſt, ob wir den da hier oder anderswo abfaſſen, wenn er nur aufgefunden wird, ſo wollen wir ihn in kurzer Zeit haben. Laſſen wir ihn ſeiner Wege ziehen und legen uns vor ſeine Wohnung hin. Wenn es Ihnen nämlich ſo gefällig iſt, Herr.“ „So weißt du, wo er wohnt?“ „Ich kann es mir denken.“ Damit wandte er auf einen zuſtimmenden Blick die Gondel wieder und ruderte einen Theil des Weges dahin zurück, woher er gekommen, bog dann rechts ab und war in kurzer Zeit in einem jener kleinen und ſtillen Canäle, die wie ein Symbol der Me⸗ lancholie erſcheinen, die umſtanden von unendlich hohen Häuſern ihr trübgefärbtes Waſſer beſtändig in tiefem Schat⸗ ten zeigen, wo die Mauern der fünfſtockigen Häuſer ſchwärz⸗ lichgrau, einförmig und düſter ſind und wo man ſich ordent⸗ lich freut am Anblick flatternder buntfarbiger Wäſche oder an irgend einem grünen Geranienbuſch, der aber wegen Mangel an Sonnenlicht nur verkümmerte Blumen zu treiben im Stande iſt. „Sehen Sie dort, Herr,“ ſagte Paolo,„die ſchwarze Thür mit dem ſchweren eiſernen Klopfer? Dort wohnt er.“ „Und wird er ſchon da ſein?“ „O nein,“ erwiderte der Gondolier kopfſchüttelnd.„Wenn er nach Hauſe geht, macht er es wie alle dieſe Künſtler und hält eine Zeit lang am Dogenpalaſt. Excellenza thun Dreizehntes Kapitel. das ja auch, und es iſt wahrlich der Mühe werth. Er⸗ cellenza ſind viel gereist, werden mir aber zugeben müſſen, daß es in der ganzen Welt kein ſo prachtvolles Bauweſen mehr gibt als der Palazzo Ducale.“ „So eigenthümlich und maleriſch gewiß nicht, und es iſt wahr, es zieht uns immer wieder dahin.“ „Den wir aber ſuchen, Herr, kann ſich diesmal nicht gar zu lange dort aufgehalten haben, denn da kommt er ſchon.“ „Wo?— Abh, er iſt's!“— Und es war in der That der kleine Maler Wulf, der eine Mappe unter dem Arm, mit etwas ſuchſig gewordenem Calabreſer auf dem Kopfe, aufrechten Hauptes mit einem Ausdruck von Selbſtgefühl und Stolz einherſchritt, als wenn er gerechte Anwartſchaft auf ein nicht unbedeutendes Stück dieſer ehemaligen Republik in ſich fühle. Jetzt aber hemmte er mit einemmale in die Höhe blickend ſeinen Schritt, lehnte ſich an einen der Steine, die am Ufer des Kanales ſtan⸗ den, und fing raſch an etwas in ſeine Mappe zu zeichnen. Der Herr in der Gondel, welcher ihn aufmerkſam be⸗ trachtete, blickte ebenfalls in die Höhe und mußte lächeln, denn dort hoch oben an dem Dache einer der Paläſte, der über die niedrigen Hinterhäuſer hervorragte, ſah man zwei Katzen auf ſo komiſche Art mit einer Dachrinne beſchäftigt, daß man es wohl der Mühe werth finden konnte, ein leich⸗ tes Croqui von ihnen zu machen. Dies war denn auch in Ein guter Gondolier. wenigen Minuten beendigt, worauf der kleine Maler ſein Buch zuſchlug, leicht an ſeinem Hut rückte, dann ſeinen Weg wieder aufnahm, worauf er nach wenigen Sekunden hinter der dunklen Hausthür mit dem großen eiſernen Klopfer ver⸗ ſchwunden war. Jetzt verließ auch der Andere ſeine Gondel, gab Paolo Befehl dort zu halten, und ließ den Thürklopfer auf die eiſerne Platte darunter niederfallen. Augenblicklich wurde von einer etwas zerzaust und ſchmierig ausſehenden Frau geöffnet, welche auf die Frage, ob der Herr Maler Wulf zu Hauſe ſei, mit einem ſehr geläufigen„Si Signore“ ant⸗ wortete, nach der Treppe hinwies und dann in den dunklen, geheimnißvollen Räumen der anſtoßenden Küche verſchwand. Von dorther ſchallte aber gleich darauf noch einmal ihre Stimme, welche den fragenden orientirte, daß Herr Wulf zwei Treppen hoch wohne. Dem Andern war es etwas ſeltſam zu Muth, als er die feuchten Stufen hinan ſchritt, als er ringsumher an den zerkratzten Wänden, dem wackeligen Geländer, der ſchmutzigen Treppe, den Staub⸗ und Kehrichthaufen überall ebenſo viele Zeichen der Dürftigkeit ſah und aus dieſer Umgebung ent⸗ nehmen zu können glaubte, daß ſein Freund, der kleine Thiermaler, welcher hier lebte, ſich in nicht beſonders glück⸗ lichen Verhältniſſen befäande. Das that dem Tannhäuſer um ſo weher, als er ſich ſelbſt, durch ſein bisheriges Leben verwöhnt, wohl ſagen mußte, er würde ſich ſehr unglücklich 32 Dreizehntes Kapitel. fühlen, wenn ihm jetzt auf einmal der Comfort mangle, der das Leben nicht nur verſchönert, ſondern oft allein genieß⸗ bar macht. Dabei fühlte er ſich tief bewegt, indem er ſo lebhaft wie lange nicht der vergangenen Zeiten dachte. Jetzt ſtand er im zweiten Stockwerk vor einer Thür, die nur angelehnt war und hinter welcher ein deutſches Lied geſungen wurde. Er war nicht fehl gegangen.— Auf ſein Anklopfen erfolgte ein lautes Herein! und als Tannhäuſer darauf haſtig ins Zimmer trat, ſtand er dicht vor ſeinem Freund und ehemaligen Stubengenoſſen, der in höchſter Ueberraſchung und mit einem Ausdrucke, als ſehe er etwas Geſpenſterhaftes, ein paar Schritte zurückwich. Auch flog ein ernſter, faſt feindſeliger Ausdruck über ſeine Züge, wozu er den Arm erhob, als wollte er dem Andern, der raſch auf ihn zutretend ihm beide Hände auf die Schultern legte, von ſich abwehren. „So ſehen wir uns endlich wieder!“ ſagte der Tann⸗ häuſer. Worauf Wulf nach einer längeren Pauſe zur Antwort gab:„Wir ſehen uns allerdings wieder, und darin finde ich gerade nicht viel Sonderbares und Merkwürdiges.“ „Aber daß wir uns wieder ſehen, muß dich boch auch freuen, daß wir uns ſo wieder finden.“ „Finden wir uns vielleicht anders wieder, als wir er⸗ wartet?“ fragte Wulf mit ſeinem bekannten ſcharfen Lächeln. „Was mich anbetrifft, ſo bin ich mir ziemlich gleich ge⸗ Ein guter Gondolier. 333 blieben. Schau her, dieſes Röckchen wirſt du noch kennen; auch hier mein altes Uhrband, und den Calabreſer haben wir, glaube ich, damals zuſammen gekauft.— Was das ſich gleich Bleiben anbelangt, ſo ſpreche ich hier nur vom Aeußern, denn auf's Innere läß'ſt du dich doch begreiflicher Weiſe nicht ein.“ Der Tannhäuſer verſuchte zu lächeln, aber es war ein ſchmerzliches Lächeln, welches er hervorbrachte.„Ich ſehe doch,“ ſprach er,„daß ſich auch dein Inneres nicht geändert hat; immer zu bitteren Worten und Spott bereit, nur um dein gutes, treues Herz nicht regieren zu laſſen. Gib mir die Hand, Wulf.— Ich— ich habe mich in meinem Innern ſehr verändert.“ „Nicht bloß in deinem Innern,“ erwiderte der kleine Maler, nachdem er ſeinen Freund mit einem langen Blicke betrachtet.„Auch dein Aeußeres; wenn gleich ſchon damals dein Geſicht ausſah wie das eines jungen Prinzen, der ſich vergebliche Mühe gibt, ordinär bürgerlich auszuſchauen, ſo iſt doch jetzt auch dein Aeußeres vollkommen fürſtlich ge⸗ worden— ruſſiſch fürſtlich. Denn ich ſpüre etwas vom Geruch der Juchten.“ Der Tannhäuſer hatte ſich auf einen der kleinen gebrech⸗ lichen Stühle geſetzt, der dicht neben dem Bette ſtand, und während er ſich auf dieſes mit dem Oberkörper legte, ſagte er:„Glücklicherweiſe iſt es mir noch erinnerlich, wie man Hacklander, Tannhäuſer. II. 3 34 es bei dir machen muß, um nach einiger Zeit endlich Ruhe zu bekommen. Man läßt dich austoben, und dann wirſt du wieder ein angenehmer brauchbarer Kerl. Alſo lege los.“ „Wenn ich das und alles ſagen wollte, was ich mit Recht gegen dich auf dem Herzen habe, ſo würde es dir doch viel⸗ leicht zu lange dauern. Auch will ich dich ſchonen,“ ſetzte er hinzu, nachdem er einen ſcharfen, prüfenden Blick auf das Geſicht des andern geworfen. „Worin willſt du mich ſchonen?“ fragte dieſer, indem er ſich aus ſeiner liegenden Stellung raſch erhob. Er dachte an Franceska, und es zog ſchmerzlich durch ſeine Seele; auch trat der Name des Mädchens leiſe und ſcheu auf ſeine Lippen. Doch ſchüttelte Wulf die Hand gegen ihn und ſagte mit kaum vernehmlicher Stimme:„Nenne ſie nicht; über ſie will ich nicht ſprechen; in dir ſelbſt will ich dich ſchonen, denn,“ ſetzte er darauf mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln hinzu, „ich ſehe an deinem noch immer ziemlich glatten Geſichte doch ſchon die unverkennbaren Spuren manchen Leides, manches harten Augenblicks.“ „Ja, ja,“ ſprach der Tannhäuſer vor ſich niederblickend. „Du zuckſt ſo ſeltſam mit den Lippen, wie du früher nicht thateſt. Um deine Augen iſt ein Zug, mein Richard, Dreizehntes Kapitel. der mir gar nicht gefallen will.— Apropos, du hältſt doch noch immer Haus bei der Frau Venus?4 Der Andere zuckte mit den Achſeln.„Wie ſchon geſagt,“ 4 3 warf er leicht hin, man muß dich austoben laſſen. Aber mach' es kurz und gnädig.“ 4 Ein guter Gondolier. 3 „Der edle Tannhäuſer, ein Ritter gut, Wollt' Lieb und Luſt gewinnen, Da zog er in den Venusberg, Blieb ſieben Jahre drinnen,“ recitirte der kleine Maler und fuhr alsdann fort:„Es ſind aber noch lange keine ſieben Jahre; alſo wird es noch eine Weile dauern, bis du dir von der ſchönen Frau Urlaub geben läßſt, um darauf nach Rom zu pilgern.— Es wäre aber doch ſeltſam,“ meinte er nach einem momentanen nach⸗ denklichen Stillſchweigen,„wenn du auf dieſe Art den ganzen Tannhäuſer aufführteſt, wenn du wirklich nach der heiligen Stadt kämeſt als ein Pilger, bleich und wüſt.“ „Und warum ſollte ich nicht dorthin kommen? Es liegt ja in meiner Macht! Wenn ich morgen ſage: ich will reiſen, ſo reiſe ich.“ „Aber nicht nach Rom.“ „Warum nicht?“ „Frau Venus wird nicht wollen; ihr graut vor der „ ewigen Stadt, und weil ſie weiß, daß— „Daß— 2* fragts der Tannhäuſer in rößer Spannung. „Daß Franceska dort iſt?⸗ Der Thiermaler fuhr ſich mit der Hand über das Ge⸗ ſicht, dann ſprach er:„Da du mich doch an alte Zeiten 86 Dreizehntes Kapitel. erinnerſt, ſo muß ich dir ſagen, daß der kleine Joco ge⸗ ſtorben iſt, weißt du, mein guter kleiner Aff’, den wir alle ſo lieb hatten. Wir alle. Es war eigenthümlich und ganz närriſch von dem Thier, als ſie— zum letztenmal im Ate⸗ lier war und mit Joco ſpielte, ließ ſie ein kleines Halstuch zurück, welches das Thier von da nicht mehr herausgeben wollte und welches es bei ſich behalten hat bis an ſein ſeliges Ende. Nun behaupte Einer noch, daß ſo ein Affe nicht Menſchenverſtand habe!“ „Und?“ fragte Tannhäuſer. Doch unterbrach ihn der Andere raſch, indem er ſagte: „Nach unſerem Atelier willſt du fragen. Das habe ich damals beſtens an Becker und Krauß vermiethet. Die treiben dort jetzt Landſchafterei.“ 1 „Und— 2“ „Deine Bücher und Skizzen meinſt du? Ja, die habe ich alle in eine Kiſte zuſammen gepackt und für dich dort deponirt. Du kannſt ſie in Empfang nehmen, wenn du wieder einmal dorthin kommſt.“ „Ich danke dir.— Aber—“ „Laſſ' mich, ich weiß, was du meinſt, die kupferne Lampe, die unter der Veranda brannte. Ja, die habe ich als mein Eigenthum behalten und ſie Beck r Krauß auf ihre landſchaftlichen Seelen gebunden. ſt mein Eigenthum und ich glaube ſie noch einmal unverſehrt wieder zu finden.“ „Das glaubſt du?“ 1 Ein guter Gondolier. „Gewiß, und noch mehr,“ gab der kleine Maler mit ſeltſam bewegter Stimme zur Antwort.„Ich hoffe immer, ſie ſoll uns ſpäter noch einmal leuchten.“ „Das hoffſt du?“ „Das hoffe ich. Und es iſt mir gerade, als wenn ich voraus wüßte, daß es ſo kommen wird, daß die Augen, die lieben, lieben Augen, welche damals ſo froh und heiter in die leuchtende Flamme blickten, auch ſpäter noch einmal hineinſchauen werden.“ „Und du?“ „O ich werde dabei ſein.“ „Und ich?“ „Du,“ antwortete Wulf, indem er ſeinen Freund mit einem ſtarren Blicke anſah,„du wirſt auch nicht fehlen.“ Damit wandte er ſich plötzlich um, trat ans Fenſter und ſagte darauf nach einer längeren Pauſe mit gänzlich ver⸗ ändertem Tone:„Aber nun ſage, wie es dir hier bei uns gefällt.“ 3 Der Tannhäuſer, welcher ſeinen Freund kannte, wollte für jetzt keinen Verſuch machen, das ſo plötzlich abgebrochene Geſpräch wieder anzuknüpfen. Er ſagte deßhalb:„In Ve⸗ nedig iſt es überall ſchön; ich wünſchte dir nur ein bischen mehr Ausſicht.“ „Die habe ich draußen auf der Piazetta. Aber hier iſt ein gutes Licht zum Malen.“ „Und du biſt fleißig? Laß mich deine Skizzenbücher ſehen.“ 37 Dreizehntes Kapitel. Bereitwillig rückte Wulf einen Stuhl an den Tiſch und legte ſein Skizzenbuch, ſowie eine große Mappe darauf. Der Tannhäuſer ſah alles ruhig und prüfend durch, er nickte häufig mit dem Kopfe und man bemerkte an ſeiner Miene, ſowie an Blicken, die er zuweilen auf den Freund warf, daß er nicht nur befriedigt, ſondern erſtaunt war. Er durchblätterte aufmerkſam das Skizzenbuch, dann die Mappe, worin ſauber ausgeführte Aquarelle lagen. „Du haſt dich ja ganz geändert,“ ſagte er nach einer Pauſe.„Du biſt ein immenſer Kerl geworden.“ „Das kann man von dir leider nicht ſagen,“ gab Wulf mit einem faſt betrübten Blick zur Antwort. „Auch ſehe ich keinen einzigen Affenſchwanz,“ fuhr Tannhäuſer fort, der die Bemerkung Wulf's überhört zu haben ſchien. „Sowie ich Joco dahin geben mußte, habe ich alle Luſt verloren, Affenſchwänze zu malen. Aber du ſiehſt wenigſtens, daß ich mein Pfund nicht vergraben. Gut,“ fuhr er in ſehr ernſtem Tone fort:„Wir wollen deine Vergangenheit in gewiſſer Beziehung nicht unterſuchen. Aber der Funke Freundſchaft, den ich für dich noch im Herzen habe, läßt mich meine Hände zuſammenſchlagen und ausrufen: Menſch, was haſt du mit deinem großen Talente angefangen? Iſt das alles bei der Frau Venus zu Grunde gegangen?“ Tannhäuſer ſchüttelte lächelnd mit dem Kopfe, dann ſagte er:„Sei unbeſorgt, während ich dir und auch den „ Ein guter Gondolier. 39 meiſten Andern erſchien verſunken in Nichtsthun und Wohl⸗ leben, habe ich gearbeitet und gelernt, und du würdeſt nicht minder erſtaunt ſein, wie ich beim Betrachten deines Skizzen⸗ buches und deiner Aquarelle, wenn du meine Bilder ſäheſt.“ „Aber ich ſehe ſie nicht,“ verſetzte der kleine Maler in beſtimmtem Tone,„ich habe ſie nicht geſehen und niemand hat ſie geſehen.— Du weißt, Richard,“ fuhr er im alten vertraulichen Tone fort,„wie gut ich es ſtets mit dir ge⸗ meint habe, daß ich dein großes Talent erkannt, wie nie⸗ mand; du weißt ferner, daß ich Verſtand und Einſicht ge⸗ nug habe, um mich richtig zu klaſſificrren. Woher kommt es denn aber, daß der Name Wulf, wenn auch einen klei⸗ nen doch guten Klang hat, daß aber niemand den Namen Tannhäuſer kennt?“ „Das iſt vielleicht richtig,“ gab dieſer haſtig zur Ant⸗ wort;„es iſt mir das ſelbſt ſchon ſchmerzlich und unange⸗ nehm aufgefallen. Doch kannſt du nur von Deutſchland ſprechen; dort bin ich leider freilich wenig bekannt; meine Bilder ſind meiſtens nach Amerika, nach England, nach Rußland.“ „Du ſprichſt zu mir die Wahrheit, gewiß Richard?“ fragte dringend der kleine Maler. Und dann ſetzte er im Tone des Zweifels hinzu:„Du haſt alſo wirklich Bilder gemalt?“ „Nicht nur gemalt, ſondern auch zu enormen Preiſen verkauft. Ich will dich überzeugen, ſo gut ich kann. Da 40 Dreizehntes Kapitel. lies.“ Er zog ſeine Schreibtafel heraus, nahm aus derſel⸗ ben einen Brief, den er damals von dem Kunſthändler in B. erhalten, den er oft durchlas, den er wie ein Heiligthum mit ſich herumtrug.* Wulf ſchaute lang und nachdenklich in den Brief, dann ſchüttelte er den Kopf und ſprach:„Und das Bild des ſoge⸗ nannten Anfängers war von dir? Zu welchem Zweck aber ſpielteſt du dieſe Komödie?“ „Einfach deßhalb, weil ich Bilder malte, mit denen ich nicht ganz unzufrieden war, die von Andern für vortreff⸗ lich gehalten wurden, die man mir gut bezahlte, die aber, wie ſchon geſagt, nach Amerika, England, Rußland gingen, um nicht nur ſpurlos zu verſchwinden, ſondern auch meinen Namen, wenigſtens in Deutſchland, ganz ungekannt zu laſſen.“ „Ah ſol⸗ „Ich hatte einen Verdacht,“ fuhr der Tannhäuſer finſter fort,„der mich Tage lang wie wahnſinnig umher trieb. Konnte ſie mit ihrem Gelde nicht meine Bilder aufkaufen, mir vergnügte Augenblicke dadurch machen wollen, daß meine vielleicht ſtümperhaften Arbeiten enorm bezahlt wurden?— Es war ein Gedanke, der mich beinahe der Verzweiflung nahe brachte.“ „Ach, ich verſtehe! Und deßhalb malteſt du ein Bild und ſchriebſt einen beliebigen Namen darunter?“ „Keinen Namen, nur ein P.“ „Richtig. Darauf bezieht ſich auch die Stelle in dieſem „ Ein guter Gondolier. 41 Briefe, wo der Kunſthändler ſagt, du ſolleſt künftig deinen Namen ausſchreiben. Hatteſt du denn früher dein„Tann⸗ häuſer“ nicht deutlich hingemalt?“ „Verſteht ſich.“ Der kleine Maler zuckte mit den Achſeln.„Bei alle, dem iſt es doch ſonderbar,“ ſagte er,„daß dein Name nicht bekannter geworden. Ich will ſogar annehmen, nicht ein einziges deiner Bilder ſei in Deutſchland geblieben, was an ſich ſchon beinahe unmöglich iſt, ſo bleibt es doch immer unbegreiflich, daß von England oder von Rußland wenig⸗ ſtens dein Name nicht häufig genannt wurde.— Sage mir doch,“ fragte er nach einer Pauſe plötzlich,„haſt du nie⸗ etwas von den Arbeiten eines ruſſiſchen Malers Palget geſehen? 2 8 wPoimen— ²“ verſetzte Tannhäuſer und es flog ein Schatten über ſeine Züge.„O ja, dieſer Name wurde ſchon einmal vor mir genannt und gerade damals, als ich jenes Bild ohne meinen Namen weggab. Der Bekannte, welcher es mir vermittelte, ſagte mir nämlich, meine Arbeiten hätten eine große Aehnlichkeit mit denen des ruſſiſchen Ma⸗ lers Potowski. Aber geſehen habe ich nie etwas von die⸗ ſem. Sind dir Bilder von ihm bekannt?“ „Nur ein einziges, eine leichte Skizze, und zwar ſah ich ſolches bei dem Kunſthändler B. in München, vor nicht langer Zeit. Nun fiel mir beim Betrachten derſelben un⸗ willkürlich deine Art zu malen ein. Es war deine Färbung, 42 Dreizehntes Kapitel. dein Pinſelſtrich, wie mir das von damals her noch in Erinnerung war.— Nimm mir nicht übel, daß ich eine harte Bemerkung mache, aber wenn du fleißig geweſen wä⸗ reſt, müßteſt du malen wie dieſer Potowski, deſſen Arbeiten, wie man mir in München ſagte, horrend bezahlt werden.“ „Ich verſichere dich, ich bin fleißig geweſen„“ erwiderte der Andere,„ſehr fleißig.“ Er lehnte ſich mit einem trüben Lächeln neben die Fenſteröffnung und blickte an der dunkeln Mauer des Hofes empor.„Wahrhaftig, ich habe ſeit der Zeit viel gemalt, und daß dies nicht ohne Geſchick geſchehen iſt, beweist dir vielleicht der Ausſpruch jenes Kunſtkenners, daß das Bild des Anfängers, das heißt mein Bild, wie von Potowski gemalt ſei.“ Der kleine Maler zuckte die Achſeln, dann ſuh er ſich mit ſeiner rechten Hand in ſein dichtes Haar, als wolle er ſich ſelbſt ein wenig zauſen, und bemerkte alsdann mit großer Lebhaftigkeit:„Ich bin überzeugt, daß du mir die Wahrheit ſagſt, denn was könnte es dich nützen, mich hin⸗ ter's Licht zu führen! Aber etwas Räthſelhaftes iſt daran, das iſt nicht zu läugnen. Wer beſorgte denn gewöhnlich den Verkauf deiner Bilder?“ „Nun, dieſer oder jener Unterhändler,“ erwiderte Tann⸗ häuſer gleichgültig;„Leute, die ich meiſtens gar nicht kannte; ſie hatten Aufträge von hier und da, und— ſiehſt du, Wulf, daß ſich nie oder höchſt ſelten ein Liebhaber meiner Bilder bei mir perſönlich einfand, das gab mir oft zu den⸗ 2 — — — Ein guter Gondolier. ken und brachte mich auch auf die Idee, jenen Verſuch zu machen.“ „Und was dachteſt du eigentlich?“ „Ich dachte mir, meine Arbeiten ſeien ſchlecht und wür⸗ den von ihr aufgekauft, um mich zu ermuthigen.“ Der Andere lachte mit geringſchätzender Miene; er wiegte ſeinen Kopf hin und her und ſagte:„Falſch gedacht, grund⸗ falſch. Verzeihe mir, wenn ich offen rede, aber in dem Verhältniß muß ihr alles daran gelegen ſein, dich feſt in der Hand zu behalten. Und das wäre ja für ſie viel leich⸗ ter, wenn du ein unbedeutender Künſtler wäreſt, ein Stüm⸗ per, Einer, der alle Urſache hat, die Hand dankbar zu küſ⸗ ſen, die ihm ſein Futter gibt— das weiß ich ganz genau, und deßhalb wird es einer Frau in den Verhältniſſen nie einfallen, um dein Haupt einen künſtleriſchen Nimbus zu ziehen. Im Gegentheil; ich würde ihr eher zutrauen, daß ſie alles aufböte, dich deines Glanzes als Künſtler zu ent⸗ kleiden, um deſto ſicherer den einfachen— ſchönen Menſchen zu behalten.“ „Du wirſt mich doch beſuchen?“ unterbrach Tannhäuſer das Geſpräch, nachdem er einige Augenblicke tief nachſin⸗ nend zum Fenſter hinausgeblickt und dazu an ſeinen Nägeln gekaut hatte.„Canal grande, Palazzo Peſaro.— Ich werde für dich immer zu Hauſe ſein.. „Nein, nein,“ erwiderte lachend der kleine Maler,„du wohnſt mir zu vornehm, und ich wüßte mich gar nicht zu 44 Dreizehntes Kapitel. benehmen, wenn dein Kammerdiener oder ſonſt irgend je⸗ mand mir ſagte: Bitte einen Augenblick zu warten, ich will ſehen, ob Seine Excellenz zu Hauſe iſt. Ich glaube, ich lachte ihm ins Geſicht und eilte davon.“ „Eigentlich haſt du recht,“ ſprach der Andere mit düſte⸗ rer Miene.„Wo haſt du dein Atelier? Wo malſt du?“ „Mein Atelier?“ fragte Wulf verwundert.„Nun,“ fuhr er gleich darauf heiter fort,„ich habe eigentlich das prachtvollſte Atelier, deſſen ſich nur ein Menſch rühmen kann. Iſt doch das ganze Venedig meine Werkſtatt. Ich ſage dir, da habe ich ein wunderbares Licht und Modelle von allen Sorten. Apropos und Scherz bei Seite, weißt du im letzteren Genre hier nichts ausgezeichnetes? Ich bin beauftragt, das Portal der Chieſa dei Miracoli zu malen mit einer Figur— ſiehſt du, ſo groß— er wies das Maß mit den beiden Zeigefingern— und das kann ich nicht ohne Vorbild machen. Weißt du mir niemand Famoſes dazu?“ „Nein,“ ſagte Tannhäuſer kurz. Doch ſetzte er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen hinzu:„Ich will dir die Figur malen, wenn es dir recht iſt. Aber wo? Hier iſt der Reflex von der dunklen Mauer dort gar zu ſtörend. Wäre im Hauſe nicht noch ein anderes Zimmer zu bekommen?“ „Ich glaube ja, nebenan iſt geſtern eines frei gewor⸗ den, wo ein Franzoſe tüchtige Architekturbilder gemalt. Wenn dem das Licht gut genug war, wird es am Ende auch für uns ſein.“ * Ein guter Gondolier. „Gut denn, überzeuge dich davon, ob das Gemach brauch⸗ bar iſt, und ich werde zahlen, was verlangt wird.“ „Es wird hier wohlfeiler ſein als am Canal grande, im Palazzo Pozarro.“ „Peſaro!“ verbeſſerte der Tannhäuſer. Dann fuhr er mit der Hand über die Augen und ſagte:„Ich verſichere dich, Wulf, die Idee mit dir wieder zuſammen zu malen, kann mich ganz glücklich machen. Wenn ich da an vergan⸗ gene Zeiten denke, wo auch—“ „Der kleine Joco da war,“ unterbrach ihn haſtig der Andere.„Ja, das war eine famoſe, luſtige Zeit, und auch ich werde mich freuen, dich wieder malen zu ſehen. Bin ich doch begierig, ob du wirklich etwas profitirt haſt.“ Der Tannhäuſer hatte über etwas nachgedacht, etwas überlegt und ſprach nun:„Thu mir den Gefallen und laß mir eine Leinwand zurecht machen, ſo vier Fuß lang und zwei ein halb Fuß hoch. Farben und ſonſtige Geſchichten ſchicke ich durch eine vertraute Perſon.“ „Aha,“ meinte Wulf mit einem pfiffigen Lächeln,„wir werden alſo nicht wiſſen, daß wir auswärts malen.“ „Ich habe meinen guten Grund dazu und werde ihn dir ſpäter mittheilen.“ Es geſchah denn auch ſo, wie die beiden Freunde abge⸗ redet. Der Tiroleſe gab das größere Zimmer, welches ein gutes Licht hatte, bereitwillig her, doch machte er dabei 3 einen Preis, der unverhältnißmäßig höher war als der, Dreizehntes Kapitel. welchen Wulf zahlte. Eigentlich ſollte man ſagen: verhält⸗ nißmäßig höher, denn er ſtand im Verhältniß zu dem neuen Miether, und wer dieſer neue Miether war, das hatte der pfiffige Tiroler alsbald aus der Gegenwart des Gondoliers Paolo geſehen, den er kannte und von dem er wußte, daß er bei einer reichen ruſſiſchen Herrſchaft diente. Da ſaßen die beiden Freunde denn nun wieder beiſam⸗ men, der Tannhäuſer hatte ſeinen Rock abgeworfen und malte in Hemdärmeln an ſeinem Bilde. Dazu hatte er lächelnd den fuchſigen Calabreſer ſeines Freundes aufgeſetzt und fühlte ſich heiter und froh wie lange nicht mehr. Täg⸗ lich leerte er die gefüllte Cigarrendoſe voll der vortrefflich⸗ ſten Havanna auf den Tiſch des kleinen Malers aus und rauchte dafür deſſen Rattenſchwänze, die dieſer in einem obſcuren Tabakladen für 8 Centeſimi das Stück gekauft. Auch frühſtückten ſie häufig miteinander eine Flaſche gewöhn⸗ lichen Weins, einige Schnitten Salami und etwas Käſe, und dazu brachte der Tannhäuſer einen faſt unglaublichen Hun⸗ ger mit. Daß Wulf auf die Arbeit ſeines Freundes außerordent⸗ lich geſpannt war, brauchen wir wohl nicht zu ſagen. Er hatte ſeine Staffelei ſo aufgeſtellt, daß er neben derſelben vorbei auf das Bild Tannhäuſers blicken konnte, und brachte mehr Zeit damit zu, dorthin zu ſehen, als auf ſeine eigene Leinwand. Tannhäuſer hatte eine ſehr flüchtige Skizze auf Papier entworfen, deren Compoſition aber ſeinem Freunde außerordentlich gefiel. Neben einer Brunnenſchaale, über welche von allen Seiten das klare Waſſer herabquillt, ſtehen zwei junge Mädchen, von welchen die Eine ein glänzendes Gefäß auf dem Kopfe trägt, in welchem ſich die Andere lachend zu betrachten ſcheint. Rechts davon befindet ſich eine Gruppe Kinder: ein Mädchen von vielleicht ſieben Jah⸗ ren läßt ihren kleinen Bruder aus der hohlen Hand trinken. Die Compoſition hatte dem kleinen Maler, wie geſagt, außerordentlich gefallen, und als jetzt der Andere anfing in leichten, aber doch kräftigen Strichen auf die Leinwand zu zeichnen, dann an einzelnen Stellen ebauchirte, gewandt, wie ſpielend, ohne ſich große Mühe zu geben, dabei beſtän⸗ dig plaudernd und doch wieder keinen Pinſelſtrich umſonſt machend, und wie das Ganze in kurzer Zeit ſo wunderbar herrlich, ſo friſch und wahr auf der Leinwand hervortrat, da betrachtete der kleine Maler öfter ſeinen Freund, hinter dieſem ſtehend, kopfſchüttelnd von oben bis unten und ging dann meiſtens ſchweigend und nachdenklich an ſeine eigene Arbeit. „Wenn dir was nicht gefällt, ſo ſag's frei heraus,“ meinte mehrmals der Tannhäuſer.„Du ſiehſt, ich male hier ohne das Modell vor mir zu haben und muß mich mit flüchtigen Studien behelfen.“ 3 Dieſe flüchtigen Studien, wie er es nannte, brachte er immer von Hauſe mit, aber da ſie meiſtens die Stellungen, welche der Tannhäuſer brauchte, auf's genaueſte wiedergaben, Ein guter Gondolier. 47 48 Dreizehntes Kapitel. ſo ſah Wulf wohl, daß ſie ſein Freund gerade zu dieſem Zwecke gemacht. Er war entzückt über dieſe Entwürfe und nebenbei geſagt, auch von der Schönheit der Modelle, welche ſeinem Freunde zur Verfügung ſtanden. Dieſer wollte aber nie zugeben, daß es Modelle ſeien.„Phantaſieen,“ ſagte er, wenn ihn der Andere dringend darum fragte.„Erin⸗ nerungen, die ich mir ſo, wie ich ſie brauche, zuſammen⸗ trage.“ „Ich ſollte faſt glauben, daß du die Wahrheit ſprichſt,“ meinte Wulf,„denn es möchte wohl ſchwer ſein, ſo viel Harmonie in einem weiblichen Körper vereinigt zu finden. — Und doch war eine, der ich alles das miteinander zu⸗ getraut hätte.“ Der Tannhäuſer gab hierauf keine Antwort, aber er machte haſtig einige Striche an einem der weiblichen Köpfe, worauf er zurücktrat und ſeinen Freund vor das Bild treten ließ. „Ah!“ machte dieſer, nachdem er hingeſchaut.„Du haſt das noch gut im Gedächtniß. Aber thu' mir den Gefallen und löſche dieſe Aehnlichkeit wieder. Sie thut mir weh. Du würdeſt ſie doch beim fertigen Bilde nicht ſtehen laſſen.“ „Darin haſt du recht,“ entgegnete haſtig Tannhäuſer. Du weißt, wie oft ich ſie früher gemalt, ja daß ich kein ild vollendete, auf dem ich nicht ihrer reizenden Züge in irgend etwas gedacht. Aber ſpäter war es mir unmöglich, —— ——ͤ—— Ein guter Gondolier. mir ſolche vor Augen zu bringen; ich habe es ein paarmal verſucht, aber bin jedesmal vor meinem eigenen Werk er⸗ ſchrocken.“ „Male fort, male fort!“ ſagte ſtill und traurig Wulf. „Du haſt recht, wecke ihr Auge nicht auf.“ „So glaubſt du auch, daß ſie für uns todt und be⸗ graben iſt?“ fragte der Andere mit einem ängſtlichen Blick. 4 „Für mich nicht,“ erwiderte Wulf, und dabei leuchteten ſeine Augen ſo eigenthümlich.„Mir ſchwebt ſie Tag und Nacht vor in herrlicher Klarheit, und ich bin überzeugt, ich ſehe ſie irgendwo wieder.— O wie ich mich darauf freue!“ Der Tannhäuſer machte ein paar leichte Striche an dem Bilde und jede Spur einer Aehnlichkeit mit ihr war ver⸗ ſchwunden.„Weiter, weiter!“ ſagte er nach einer Pauſe. „Ja, zum Teufel, was weiter?“ lachte der kleine Maler. „Das möchte ich dich fragen. Apropos, gehen wir zu was Praktiſcherem über. Wie lange denkſt du noch im Venus⸗ berg zu bleiben, ſchöner Tannhäuſer?“ „Ich möchte ihn lieber heut als morgen verlaſſen.“ „Und gehſt doch übermorgen noch nicht.“ Der Andere nickte mehrmal mit dem Kopfe.„Du haſt vielleicht recht,“ ſagte er,„es hält mich wie mit Ketten und Banden; es iſt die ſüße Gewohnheit dieſes Daſeins.“ Hackländer, Tannhäuſer. II, 4 Dreizehntes Kapitel. „Frau Venus iſt eine ſchöne Frau, Liebreizend und anmuthreiche; Wie Sonnenſchein und Blumenduft Iſt ihre Stimme, die weiche,“ ſagte Wulf.„Nicht wahr, es friert dich ordentlich, wenn du denkſt, daß du wieder auf eigenen Füßen ſtehen mußt? Du biſt ſchon viel zu lange in Capua geblieben.“ Der Tannhäuſer hatte ruhig fortgemalt, dann trat er einen Schritt zurück, betrachtete, und wie es ſchien mit Wohlgefallen, ſein eigenes Werk und ſagte alsdann, wie erhoben durch ſeine Kunſt:„Du irrſt dich, Wulf; ich ſpiele nur ſo mit meinem gegenwärtigen Leben. Es iſt eine ge⸗ fährliche Spielerei, aber ich werde die Feſſeln, mit welchen ſie mich zu halten trachtet, leicht abwerfen können, ſobald es mir beliebt. Und gerade, daß ich die Kraft in mir fühle, ein anderes Leben anzufangen, wann ich will, mor⸗ gen, übermorgen, das läßt mich die Gegenwart fort und fort ertragen, in ihr fortträumen.“ 4 „Du irrſt dich ſelbſt,“ entgegnete der Andere in ſehr ernſtem Tone.„Du wirſt ſo lange fortträumen bis zu einem erſchreckenden Erwachen.“ „Sieh mein Bild an,“ ſprach Tannhäuſer mit Stolz. „Sage ehrlich, ob es dir gefällt. Nun gut, ich ſehe an deiner Miene, daß mein Werk über deinen Erwartungen ſteht, daß ſelbſt du zufrieden biſt. Nun ſage mir, brauche ich, der ſolche Bilder malt, ich, noch in voller Blüthe der Ein guter Gondolier. 51 Jugend, ein Erwachen aus meinen Träumen zu fürchten? — Gewiß nicht.“ Wulf gab eine Zeit lang keine Antwort, er ſah dem Freunde zu, wie er malte, und ſagte erſt nach einem län⸗ geren Stillſchweigen:„Und doch iſt es ein Unglück, daß es mit dir ſo hat kommen müſſen, daß gerade ein Talent, wie du, ſo— ſeltſam in der Welt daſtehen muß. Glaube mir, Richard, ſo lieb es mir wäre, wenn dein Name mehr ge⸗ nannt würde, ſo bin ich doch wieder froh, daß es nicht geſchieht. Ich habe immer noch eine gewiſſe Schwachheit für dich, und es ſchnitte mir ins Herz, wenn ich zum Bei⸗ ſpiel hören müßte: So, das iſt der Tannhäuſer?— Ah der?— Schade um das große Talent!— Höre mich an. Wie wäre es, wenn du der Frau Venus ein ſtilles Valet ſagteſt? Am Ende wäre ihr auch damit gedient.“ Ich glaube nicht,“ meinte Tannhäuſer, indem er leicht L mit dem Kopf ſchüttelte. „Verſuch' es einmal, bleibe ein paar Tage bei mir. Wer würde dich hier finden?“ 3 „Pah, und wenn auch!“ „Du trittſt ihr offen entgegen; du ſprichſt zu ihr: Ma⸗ dame, alles hat einen Uebergang. So ſagte ja auch ſchon der Fuchs, als man ihm das Fell über die Ohren zog.— Nun, ich will Sie verlaſſen, ehe die öffentliche Meinung mir völlig etwas Aehnliches thut, wie Reinecke. Leben Sie wohl.“ Dreizehntes Kapitel. Der Tannhänuſer lächelte eigenthümlich, aber es war ein trauriges Lächeln.—„O Wulf! Wulf!“ rief er dann nach einer längeren Pauſe,„hätteſt du mich damals in jener Nacht— ich vergeſſe ſie nie, es grollte ein ſchweres Ge⸗ witter am Himmel,— hätteſt du mich damals zurückhalten können, dann wäre alles anders gekommen. Jetzt iſt es ja zu ſpät— o viel zu ſpät. In den beiden kleinen Häuſern,“ fuhr er mit einem träumeriſchen Blick fort, der in weite Fernen zu ſchauen ſchien,„wohnt niemand mehr, der uns was angeht. Der Blumengarten iſt verwüſtet, es wächst jetzt dort nur Unkraut. Und die Lampe unter der Veranda leuchtet nimmer, nimmer, nimmer.— Iſt nicht alles ge⸗ ſtorben, verloren, unauffindbar verloren?— Weißt du, Wulf, ich habe Momente, wo ich anders denke, als ich jetzt ſpreche. Aber es ſind nur kleine Augenblicke. Da ſehe ich hinaus auf einen einſamen ſtaubigen Weg, der vor mir dahinläuft und der mich dringend einladet, ihm zu folgen. Und dann treibt mich eine unendliche Sehnſucht fort und meine Phantaſie fliegt über Berge und Thäler dahin, raſt⸗ los, immer zu, erregt und freudig. Denn in ſolchen Mo⸗ menten weiß ich, daß ich finden werde, was ich ſuche. Aber wie geſagt, nur kurz ſind ſolche Augenblicke; nur zu bald ſtürze ich aus der ſchwindelnden Höhe herab und bin als⸗ dann in meiner dumpfen Betäubung ſo froh, daß mich ein weicher Arm zurückhält.“ Wulf war den Worten ſeines Freundes mit Betrübniß 5 ¹ 8 v Ein guter Gondolier. gefolgt; er ſah wohl, daß er dieſen ſchwachen Charakter von jeher richtig begriffen, und es war ihm, als müſſe er ſich Vorwürfe darüber machen, daß er damals nicht gewaltſamer gegen ihn aufgetreten ſei. „Wozu aber dieſe trüben Geſpräche?“ rief Tannhäuſer mit einer erzwungenen Luſtigkeit.„Wir ſind ja noch jung, laß uns unſere Jugend genießen.— Und dann hat ſie mir doch Feſſeln angelegt, die ſchwer zu zerreißen ſind.— Wie ſagteſt du vorhin?— Frau Venus iſt eine ſchöne Frau!“ „Ja, ja, ſo habe ich geſagt,“ ſprach der kleine Maler mit leiſer Stimme.„Ich kann die Legende vom Tannhäuſer beſſer auswendig, als du ſelber. Da iſt noch ein Vers, der kommt unfehlbar hinter drein, und den wirſt du auch noch kennen und begreifen lernen.“ Und darauf recitirte er: „Wir haben zu viel geſcherzt und gelacht, Ich ſehne mich nach Thränen, Und ſtatt mit Roſen möcht' ich mein Haupt Mit ſpitzigen Dornen krönen.“ Vierzehntes Kapitel. Eliſe. Marco war ein nicht minder vortrefflicher Gondolier als ſein College Paolo. Und er wußte durch ähnliche Dienſtfertigkeiten, nur anderer Art, das Vertrauen ſeiner Herrin im vollſten Maße zu verdienen. Er wußte nach den erſten acht Tagen ſchon genau die Stellen, von wo ſie dieſes oder jenes Bauwerk gern betrachtete, oder die Plätze, wo ſie es liebte, auszuſteigen, um eine halbe Stunde auf und ab zu promeniren. Auch bemerkte er ganz gut aan ihren Mienen, wenn ſie trüber Laune war und nichts ſehen wollte, als die weite Waſſerfläche mit ihren ſtillen Inſeln, die häufig ſo im Dufte daliegen, daß ſie ausſehen wie eine Fata Morgana. Dabei war es zum Erſtaunen, wie Marco den andern Tag ſo genau wußte, wo ſein College Paolo den Tag vorher mit ſeiner Gondel und 4 Eliſe. 55 ſeinem Herrn geweſen war. Ja nicht nur ſchien ihm darin nichts verſchwiegen zu bleiben, ſondern er hatte auch eine außerordentlich ſchlaue Art, um dieſe Kenntnißnahme zu verwerthen. Was mochte wohl der Tannhäuſer in jenem kleinen Hauſe zu ſchaffen haben, das einem Tiroler gehörte, wohin er ſich täglich begab und wo er ſich alsdann mehrere Stunden aufzuhalten pflegte? Und daß er von ſeiner Zeit hier viel verbrachte, das ließ ſich nicht läugnen. Auch kehrte er von da meiſtens heiter geſtimmt nach Hauſe zurück. Wo er geweſen, hatte die Fürſtin nie gefragt; ſie war überhaupt klug genug, nie Aehnliches zu fragen. Auch hatte ihr der Tannhäuſer keine Urſache zum Mißtrauen gegeben; er ſprach offen über alles, was ihm begegnet; er lobte eine ſchöne Frau, die er geſehen, oder ein rei⸗ zendes Mädchen mit nicht minderem Enthuſiasmus als ein vortreffliches Bild; er erzählte häufig von dem maleriſchen Getreibe in den kleinen Kneipen der ärmeren Stadtviertel, die er nicht ſelten zu beſuchen pflegte. Er hatte noch nie von dem Hauſe des Tirolers geſprochen. Da die Fürſtin aber endlich doch gern wiſſen mochte, warum er ſich ſo häufig dorthin begebe und ſo lange da⸗ bleibe, ſo hatte ſie es ſich eines Tages von Monſieur Ferrand erzählen laſſen, der es ganz zufällig von Marco erfahren.„Der Herr malen dort nur ein Bild,“ hatte der alte Diener achſelzuckend geſagt, und zwar offenbar mit 56 Vierzehntes Kapitel. einem bedauernden Geſichtsausdruck. Er hätte wahrſchein⸗ lich lieber etwas Anderes gemeldet. Die Fürſtin aber ſchien dieſe Nachricht für nicht ganz ſo gleichgültig und geringfügig zu halten. Warum malt er auswärts ein Bild? dachte ſie. Warum verheimlicht er mir das? Will er ſich ein Fundament zu einer neuen Zu⸗ kunft legen? Sie ſchritt eine Zeit lang unruhig und nachdenkend in ihrem Zimmer auf und ab, dann ließ ſie Eliſe zu ſich kommen und ſprach lange und lebhaft mit ihr. Darin lag nun eigentlich nichts Beſonderes, denn das kam häufig vor, wobei die Fürſtin auf ihrem Divan lag und das junge Mädchen neben ihr am Boden auf Kiſſen und Teppiche niederkauern mußte. Sie legte ſich dabei mit Schultern und Kopf auf das Ruhebett ihrer Herrin, und dieſer machte es Vergnügen, unter dem Plaudern das volle dunkle Haar Eliſens aufzulöſen, darin herumzuwühlen, es über ihre weißen Schultern und ihre Bruſt zu zerſtreuen, dann ihre warme Hand bald hierhin, bald dorthin zu legen, was das junge Mädchen ſeltſam erſchauern machte.— Als der Tannhäuſer eines Tages zu ſeinem Freunde kam,— ſein Bild war ſo gut wie fertig— ſagte ihm Wulf:„Da war heute Früh ein zudringlicher Kerl da, den ich mit aller Gewalt nicht davon abhalten konnte, deine Arbeit zu ſehen, der ſich für einen Kunſthändler ausgab und der trotz meiner Gegenrede die Thür öffnete und hier Eliſe. 57 herein trat. Ich hätte ihn eigentlich zur Treppe hinab complimentiren ſollen.“ „Und was wollte er?“ „Nun, was will ein Kunſthändler, der ſich ein eben fertig gewordenes Bild betrachtet?— Es kaufen, ſobald es ihm gefällt.“ „Und es gefiel ihm?“ fragte der Tannhäuſer mit Intereſſe. „Die Frage kannſt du dir wohl ſelbſt beantworten, denn ich habe dir wohl ſchon ein dutzendmal geſagt, daß du da ein Werk geliefert haſt. Du wirſt verſtehen, was ich für einen Unterſchied mache zwiſchen einem Bild und einem Werke. Auch habe ich dir nie unnöthige Kompli⸗ mente gemacht.“ 4 „Das weiß der Himmel! Und der Kunſthändler war deiner Anſicht?“ „Leider ja. Dieſer Kerl wollte und will das Bild kaufen.“ „Nun darin ſehe ich gerade kein leider, im Falle nämlich, daß er es auch ordentlich bezahlt. Haſt du ihm eine Forderung geſtellt?“ „Ja.— Ich verlangte viertauſend Gulden.“ „In dem Fall,“ entgegnete luſtig der Tannhäuſer, „haſt du ihn wirklich auf eine ziemlich feine Art zur Treppe hinab complimentirt. Denn,“ ſetzte er mit einem Blick hinzu, dem man anſah, daß er mit Intereſſe die Antwort 58 Vierzehntes Kapitel. ſeines Freundes erwartete,„bei deiner verrückten Forde⸗ rung floh er davon, ſo ſchnell er konnte?“ „Nicht ſo ganz. Allerdings rief er: Corpo di bacco! dann aber fragte er, ob ich ihm den Kauf bis morgen offen halten wollte.“ „Nun?“ „Ich wollte mich auf keine Verbindlichkeiten einlaſſen; denn— du ſiehſt mich freilich mit ſo eigenthümlichem Blicke an,— aber— laß mich ausreden, ich habe, was das Bild anbelangt, eine andere Idee. Und dann— was iſt dir im gegenwärtigen Augenblicke an viertauſend Gulden gelegen! Bagatell für dich. Und was ich mit dem Bilde will, geſchieht rein aus Freundſchaft für deinen Namen.“ „Darauf bin ich begierig.“ 4 „O es iſt ſehr einfach. Wenn du aber in dieſer Rich⸗ tung von mir eine große und brillante Rede erwarteſt, ſo haſt du dich unendlich getäuſcht. Alſo kurz und gut, du überläſſeſt das Bild mir zur freien Verfügung, du fragſt nicht darnach, ob und wann ich es verkaufe; du erlaubſt mir, es zu dem Preiſe wegzugeben, der mir gut dünkt. Daß ich die dafür zu erhaltenden Gelder gewiſſenhaft für dich anlege, verſteht ſich von ſelbſt.— Ja, lächle nur; du ſitzeſt freilich bis über die Ohren im Ueberfluß, und ich muß anerkennen, du biſt trotz deiner goldenen Feſſeln in gewiſſer Beziehung ein freier Mann,— ein Gefangener, dem es 8 4 — Eliſe.. 59 deßhalb hinter ſeinen ruhigen Mauern ſo gut gefällt und welcher nur aus dem Grunde bleibt, weil er ſagen kann: die Thore öffnen ſich vor mir, ſo bald ich es verlange, heute, morgen, übermorgen.— Was können dir im jetzigen Augenblick viertauſend Gulden bedeuten? Leinwand iſt wohlfeil, Farben koſten auch nicht viel, und wir haben geſehen, daß es bei dir keiner langen Zeit gebraucht, um ſo etwas zu Stande zu bringen, wie es hier auf der Staffelei ſteht.“ „Recht, du haſt recht,“ verſetzte der Andere, indem er ſich gegenüber ſeinem Bilde an die Mauer lehnte und vor ſich niederſah.„Deine Worte ſind voll Logik und nebenbei angenehm für mich. Doch bin ich überzeugt, es kommt doch hinter allem dem ein gewichtiges Aber.“ „Das will ich meinen, und ſogleich,“ ſagte faſt luſtig der kleine Maler.„Aber es kann auch die Zeit kommen, wo die viertauſend Gulden ein nicht zu verachtendes Objekt ſind, eine Zeit, wo du vielleicht einmal ſagen wirſt: dieſer Wulf iſt doch ein geſcheuter Kerl geweſen.“ Gewiß, und ein treuer reund,“ unterbrach ihn Tann-⸗: 2. häuſer mit gerührter Stimme, indem er die Rechte des kleinen Malers mit ſeinen beiden Händen faßte und herzlich ſchüttelte.„Alſo die Sache iſt abgemacht: du behältſt das Bild, du machſt damit, was du willſt, du legſt es bei Seite—“ 4 „Oder ich ſtelle es aus.“ 60 Vierzehntes Kapitel. „Auch das; ganz wie du willſt. Du kannſt es behalten, du kannſt es verkaufen, ganz nach deinem Belieben.“ Der kleine Maler hatte, die Worte des Freundes mit Kopfnicken begleitend, auf das Bild geſchaut, und als dieſer ſchwieg, wandte er ſich um, indem er ſagte:„Und das alles gibſt du mir ſchriftlich?“ „Du biſt ja wie Mephiſto; auch was Geſchriebenes for⸗ derſt du, Pedant?“ *s iſt für alle Fälle gut,“ entgegnete Wulf, ſonderbar mit den Augen zwinkernd,„und da ich dich von damals her noch als einen guten Kerl kenne, der mit ſich reden läßt, ſo habe ich das Nöthige über unſern ſchriftlichen Pakt ſchon aufgeſetzt und will es dir vorlegen.“ „In Gottes Namen denn, her damit!“ Wulf hatte aus der Bruſttaſche ſeines Rockes ein Pa⸗ pier hervorgeholt, das er behutſam auseinander faltete und es ſeinem Freunde darreichte. Der Tannhäuſer blickte hinein und las alsdann lachend:„Im Monat Juli des Jahres 1856 malte der deutſche Maler Richard Tannhäuſer im Atelier des Unterzeichneten ein Bild, vier Fuß hoch, zwei ein halb Fuß breit, zwei Mädchen an einer Brunnenſchaale. Ich war bei dieſer Arbeit gegenwärtig und kann mit den theuerſten Eiden bekräftigen, daß ich zuſah, wie be⸗ ſagter Richard Tannhäuſer dieſes Bild entworfen und gemalt.“ Eliſe. 61 Der Leſende ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Ja, was ſoll denn dieſe Geſchichte eigentlich?“ Worauf Wulf zur Antwort gab:„Das ſind nur Notizen für mich. Was dich angeht, folgt darnach.“ Der Tannhäuſer las weiter:„Das oben bezeichnete und von mir gemalte Bild übergab ich am heutigen Tage dem Maler Friedrich Wulf, indem ich ihm geſtatte, mit dem Bilde zu machen, was ihm gut dünkt, ſo daß er es ausſtellen kann, wo und wann er will, und ebenſo ver⸗ kaufen, zu welchem Preis ihm angemeſſen erſcheint.“ „Ich muß geſtehen,“ lachte Tannhäuſer, nachdem er zu Ende geleſen,„der Schluß dieſes Dokumentes iſt beſſer als der Anfang. Gib eine Feder, daß ich mein Handzeichen darunter male.— So,“ fuhr er fort, nachdem er ſeine Unterſchrift breit und kräftig hingeſetzt,„möge es mit dieſer Arbeit nach deinem Gefallen gehen.“ „Möge es das!“ gab der kleine Maler nach einer Pauſe zur Antwort, während welcher er ſein Papier ſorgfältig verwahrte.„Und wenn es alſo geſchieht, ſo wirſt du ſpäter die ſchönſten Früchte davon ernten.“ Er war bei den letzten Worten an ſeinen Freund hin⸗ getreten, hatte dem ſeine Rechte auf die Schulter gelegt und ſprach mit einem eigenthümlich weichen Geſichtsaus⸗ drucke:„Als ich, nachdem ich einige Tage hier war, zufällig erfuhr, du ſeieſt in Venedig, da war mein erſter Gedanke, 62 Vierzehntes Kapitel. die Stadt ſogleich wieder zu verlaſſen, da es ja möglich ſei, dir zufällig zu begegnen.“ „Und das erſchien dir ſehr peinlich?“ „Allerdings— ſehr peinlich. Aber die winkligen Straßen, dies rieſenhafte Labyrinth von Gäßchen und Kanälen be⸗ ruhigte mich, bis— nun du weißt beſſer, wie du mich aufſuchteſt, konnteſt aber damals nicht ſehen, welcher Haß, welche— Verachtung mein Herz innszncie als ich dich eintreten ſah.“ „Wulf!“ rief Tannhäuſer in ernſtem, ſchmerzlichem Tone und machte zu gleicher Zeit den Verſuch, zurück⸗ zutreten. Doch hielt ihn der Andere feſt.„Daß ich dir das jetzt ſage, ſowie mein Benehmen von der Zeit an gegen dich, muß dir ein Beweis ſein, daß ich meine Geſinnungen ge⸗ ändert. Und ſo iſt es auch, und ich änderte zwar meine Geſinnungen gegen dich an dem Tage, wo ich bei den erſten Strichen deines Bleiſtiftes ſah, daß dich der Genius der Kunſt nicht verlaſſen. Und da ſagte ich mir, ſo lange der noch ſchützend die Hand über dich hält, kannſt du nicht ſo tief geſunken ſein, wie es den Anſchein hat.“ „Du ſagſt mir da herbe Sachen,“ gab Tannhäuſer mit einem trüben Lächeln zur Antwort.„Aber ich kenne ja dein Weſen, ich bin überzeugt, daß du es gut und redlich mit mir meinſt, und ich weiß ja,“ ſetzte er düſter hinzu, „daß du annähernd ein Recht haſt, ſo mit mir zu ſprechen.“ 6 — — Eliſe. 63 „Schon dieſe Anſicht iſt etwas werth. Aber ſage mir, Tannhäuſer, haſt du eine Idee davon, wann der Tag kommen wird, wo es dich drängt, aus dem ſchwülen Dunſtkreis des bewußten Berges, der deine Sinne umnebelt und gefangen hält, wieder aufzuſteigen in die friſche fröhliche Natur, aus dem erſchlaffenden, betäubenden Dufte hinaus zu uns, die wir im kühlen, duftigen Graſe, am Ufer eines friſchen, murmelnden Waſſers ruhen und aufwärts durch leicht zitternde Blättermaſſen an den treuen, dunkelblauen Himmel ſchauen?— Aus dem verführeriſchen, gedämpften Scheine des einſam brennenden Lichtes hinaus an den gol⸗ denen Sonnenſchein?“ „Ja, ja, ſie kommt!“ verſetzte Tannhäuſer haſtig.„Und bald, bald. Es iſt ein Ringen in mir, ein Drang, mich loszureißen, der immer gewaltiger wird und dem ich folgen will und muß— morgen, übermorgen.— Aber glaube mir, Wulf, du biſt befangen, du urtheilſt einſeitig. Mein Leben iſt kein ſo wüſter Traum, wie du dir einbildeſt, wild wohl, aber friſch und entzückend. Es iſt ein Zauber, gegen den ich ſchon vergeblich mit aller Kraft angekämpft, den ein Blick aus dunklem Auge, ein Wort aus lieblichem Munde wieder feſter um mich knüpft.“ „Du mußt ihn zerbrechen, indem du flieheſt.“ „Damals wäre das leichter geweſen,“ fuhr Tannhäuſer träumeriſch fort.„O hätte ich damals die ganze Gefahr überblickt, damals, als ſie noch in der Nähe war! Ich 1 17 1 11 1 64 Vierzehntes Kapitel. 2 hätte mich zu ihren Füßen geworfen, ihre Kniee umfaßt und gefleht— ſchütze mich! ſchütze mich!— Aber dieſes ſchöne Weib,“ ſagte er nach einer Pauſe, während welcher er die Augen mit der Hand verdeckt hatte,„hält mich feſt in zweierlei Geſtalt; man kann nicht müde werden ihr anzugehören, denn ſie wechſelt ihren Körper unbefangen, ſorglos, ſie läßt mich ſcheinbar dahin ziehen, da ſie weiß, daß ich um ſo feſter, mit um ſo glühenderer Luſt wieder zu ihr zurück⸗ kehren werde. Sie hat ein Doppelleben in ſich, ein drei⸗, ein vierfaches, wenn es ihr gut dünkt; ſie bindet mich mit immer ſtärkeren Banden, da ſie meine Ketten ſcheinbar muthwillig ſelbſt zerreißt.“— „Frau Venus iſt eine ſchöne Frau, Liebreizend und anmuthreiche, Wie Sonnenſchein und Blumenduft Iſt ihre Stimme, die weiche, „Wie der Schmetterling flattert um eine Blum', Am zarten Kelch zu nippen, So flattert meine Seele ſtets Um ihre Roſenlippen.“ ſagte der kleine Maler mit leiſer Stimme.„Ja, um viele Roſenlippen.— Ja, ich verſtehe, wie ſie deine Ketten zer⸗ reißt, um dich dadurch noch feſter zu binden. „Tannhäuſer, unglückſeliger Mann, Der Zauber iſt nicht zu brechen! Eliſe. 65 Doch genug davon. Wenn ich auch nicht hoffe auf ein 1 langſames Löſen deines Verhältniſſes, ſo hoffe ich doch auf die heilige Kunſt, welche dich ſchirmend umgibt, auf den Genius, der in dir lebt, und hoffe vor allen Dingen auf irgend ein Ereigniß, welches wie ein Blitzſtrahl deine ſchwüle Wetternacht durchreißt, dich aus deiner Betäubung aufrüttelt und dich vor gänzlichem Untergange bewahrt.— Ich hatte immer noch gehofft,“ ſetzte er hinzu, nachdem er eine Zeit⸗ lang dem Freunde in das finſtere Angeſicht geſehen,„du würdeſt vielleicht den Entſchluß faſſen, Venedig und alles zu verlaſſen und mit mir zu ziehen— wohin du wollteſt, meinetwegen ſogar nach Rom. Da du mich aber einen Blick in dein Inneres thun ließeſt, ſo ſehe ich wohl, daß es unnöthig aufgewendete Mühe wäre, dich von hier weg⸗ zubringen. Du vürdeſt nachdenkend, träumend folgen, vielleicht bis Meſtre, vielleicht ſogar bis Padua oder Verona, und dann würdeſt du dich plötzlich losreißen und umkehren. Iſt's nicht ſo?“ Tannhäuſer nickte ſchmerzlich lächelnd mit dem Kopfe. „Was könnte ich dir auch verſprechen?“ fuhr Wulf fort.„Ja, wenn bei den Freunden alles beim Alten ge⸗ blieben wäre, wenn ich wüßte, wie Vater und Tochter über uns denken, wenn die beiden kleinen Häuschen, wo wir ein ſo heiteres, vergnügtes Leben führten, noch unſere Heimat wären, ja dann würde ich dich mit aller Gewalt der Ueber⸗ redung von hier fortzuziehen verſuchen und würde dir im⸗ Hackländer, Tannhäuſer. II. 5 —— 66 Vierzehntes Kapitel. merfort erzählen von der grünen Veranda, die wir nach Tagen oder Wochen wiederſehen würden, von dem Licht⸗ ſchein, der durch die Blätter blitzt, von ihrem erſtaunten und erfreuten Auge.— Das kann ich aber jetzt nicht, und um dich, mein Freund, mir nachzuziehen, wie ich es thun will und muß, ſoll ich erſt nachſehen, was aus den Freun⸗ den geworden. Wenn ich dir ſchreibe, daß ſie dich herzlich willkommen heißen, willſt du alsdann meinem Rufe Folge leiſten?“ „Ja, ja, ich will, ich will gewiß,“ entgegnete haſtig der Tannhäuſer.„Aber,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort,„warum ſprichſt du wie ein Abſchiednehmender?“ „Weil ich es in der That bin, weil es mich von hier forttreibt, weil ich noch mehr von der Welt ſehen will und muß.“ Der Andere machte einen raſchen Gang durch das Zimmer, blieb dann einen Augenblick mit verſchränkten Armen vor ſeinem Bilde ſtehen und ſagte:„Und das packſt du ein und nimmſt es mit?— Eigentlich haſt du recht; du haſt Venedig geſehen, du haſt deine Studien ge⸗ macht, du biſt ein glücklicher freier Menſch, und da dich nichts mehr hier zurückhält, ſo ſchnürſt du dein Bündel und ziehſt davon.“ „Ja, ja, frei wie der Vogel in der Luft, wenn auch nicht ganz ſo zufrieden und glücklich,“ gab der kleine Maler zur Antwort, Und damit nahm er die beiden Hände des Eliſe. 67 Freundes in die ſeinigen.„Du gehſt alſo nicht mit mir? — Gut, ich dringe nicht weiter in dich. Aber ſage mir, wo wir uns beſtimmt wiederfinden, wenn uns das Schickſal nicht früher zuſammenführt.“ „Das iſt nicht ſo ganz leicht zu beſtimmen,“ ſagte der Tannhäuſer;„unſere Intereſſen ſind ja leider nicht mehr die gleichen.“ 3 „Und treffen doch, hoffe ich, in einem Punkte zuſam⸗ men,— in der Kunſt, Richard.“ „Ja, ja, in der Kunſt. Gott erhalte mir den Sinn für dieſe.“ „Nun gut, wenn es dir damit Ernſt iſt, ſo wollen wir uns nächſten Herbſt in München treffen. Dort iſt im Monat September die allgemeine Verſammlung deutſcher Künſtler, wohin es dich natürlicherweiſe auch zieht, und iſt doch die Sache ſelbſt ein genügender Vorwand, um dir Urlaub zu einer Reiſe zu verſchaffen,“ ſetzte Wulf mit leich⸗ tem Spott hinzu. Er ſprach aber dieſes Wort gewiß nicht in der Abſicht aus, ſeinen Freund zu kränken, ſondern es war ſeine Art ſo, ſich ſelbſt und Andere aus einer weichen Stimmung, in welche man zu zerfallen dachte, empor zu ſtacheln. „Gut, ich komme,“ ſagte Tannhäuſer entſchloſſen, indem er dem Freunde die Hand darreichte.„Natürlicher Weiſe vorbehältlich, daß die mächtige Hand über uns nicht ein anderes gebietet.“ 8 68 Vierzehntes Kapitel. „Verſteht ſich von ſelbſt,“ erwiderte launig der kleine Maler.„Doch werde ich mich ſelbſt in dieſem Falle be⸗ mühen, dir als Geiſt zu erſcheinen.“ „Und nun denn, Friedrich, ohne weitern Abſchied.“ „So ſei es, Richard, leb wohl.————— Wulf verließ wirklich einige Tage nachher Venedig, ohne ſeinen Freund nochmals geſehen zu haben, doch ließ er ihm durch den Tiroleſe einen Brief zuſtellen, in welchem er ſchrieb:„Es iſt gut, daß ich mit deinem Bilde das Weite geſucht habe. Jener Kerl, den ich mit meiner von dir ſo genannten närriſchen Forderung von viertauſend Gulden abzuſchrecken gedachte, ſtellte ſich noch ein paarmal ein, ſchien in deine Arbeit völlig vernarrt und bot mir bis zu ſechstauſend Gulden. Wohlfeiler werde ich nun auch ſpäter deine Arbeit nicht hergeben, und du ſiehſt nun, welch' im⸗ menſes Kapital du immer noch zu erwarten haſt, wenn du auch mit all' deinen jetzigen Glücksgütern Schiffbruch leiden ſollteſt. Denke an Raimunds wunderbares Märchen, du ſelbſt ein Verſchwender, und nimm mich für jenen zudring⸗ lichen Bettler, der dir einſtens wieder erſcheinen wird, hoffentlich aber nicht auf den Trümmern deines Lebens. Addio!“ Nur ein einzigesmal hatte die Fürſtin angeſpielt auf die Zuſammenkünfte im Hauſe des Tiroleſe, und zwar mit lächelndem Munde und dabei ſcherzend geſagt:„Bei Eliſe. 69 alle dem, Richard, war es unrecht von dir, daß du mir das Bild nicht zeigteſt, welches du dort gemalt, daß du es mir verheimlicht haſt, deiner treueſten und aufrichtigſten Verehrerin. Es ſoll ſehr ſchön geworden ſein. Wo haſt du es gelaſſen?“ „Ich gab es meinem Freunde, jenem kleinen Maler, deſſen du dich wohl noch erinnerſt aus meinem Atelier.“ „Ah, der damals das komiſche Affenbild malte! O ich vergeſſe nicht das Geringſte aus jener Zeit.“ „Ich mußte einmal ein Bild malen, um es unter meine deutſchen Freunde zu bringen. Habe ich doch genug Ar⸗ beiten ins Ausland verkauft zu hohen Preiſen, bin von meinen Käufern höchlich belobt worden, ohne daß es mir aber gelungen wäre, meinen Namen bekannt zu machen. Das fängt an mich zu drücken.“ „Und weßhalb?“ fragte die Fürſtin leichthin.„Schätzt doch jeder deine Bilder, der ſie ſieht, und biſt du auch um Abnehmer nie verlegen geweſen.“ „Allerdings, wenn das das Endziel aller Wünſche eines Künſtlers iſt, ſo könnte ich mich zufrieden geben. Aber haſt du keine Idee davon, wie Großes, wie Erhabenes, wie Glücklichmachendes darin liegt, ſich einen Namen zu machen, einen gefeierten Namen, bei deſſen Nennung man ſagt: Ach ja, er, ſollten wir ihn nicht kennen?— Ich kenne kein Glück des Lebens,“ ſetzte er verdüſtert hinzu, „keines— keines, keine Freude des Daſeins, die je ein⸗ 70 Vierzehntes Kapitel. ſolches Gefühl des Gekannt⸗ und Geehrtſeins aufwiegen könnten.— Aber ich ſcheine davon noch weit entfernt zu ſein.“. „Und doch werden auch darin deine Wünſche noch be⸗ friedigt werden.“ „Ich hoffe es,“ verſetzte Tannhäuſer kurz und heftig, „denn ſonſt möchte ich nimmer leben.“ Die Fürſtin brach das Geſpräch ab, ſie blickte vor ſich nieder, ſie ſchien über etwas nachzuſinnen, ſie lächelte eigen⸗ thümlich, dann ſagte ſie mit einemmale:„Ich habe geſtern ein Schreiben von Portinsky erhalten.“ „So,“ machte der Maler in gleichgültigem Tone. „Er ſchreibt mir von Rom. Immer noch derſelbe Phantaſt, der alte Mann mit dem viel zu heißen Herzen.“ „Er ſchreibt von Rom?“ ſagte Tannhäuſer, mit einem⸗ male aufmerkſam geworden.„Was macht er da?“ „Was er dort macht?— Eines Theils was alle Be⸗ ſucher thun, die nach Rom kommen: Merkwürdigkeiten alter und neuer Zeit anſchauen, Kirchen und Muſeen beſuchen. Andern Theils aber— es iſt eigentlich zu lächerlich!“ „Nun?* „Hatte er bis Rom die Spur jener jungen Italienerin verfolgt— du erinnerſt dich gewiß ihrer?— Dieſe Spur aber in der großen Stadt verloren.“ Der Tannhäuſer athmete ſichtlich auf. „Jetzt aber ſchreibt er, er habe ſie wieder gefunden— — —+ Eliſe. die Spur und dann das Mädchen ſelbſt, er iſt entzückter über ſie als je, er ſagt mir, der Name, den ihr Vater und ſie in Deuſchland geführt, ſei nur ein angenommener ge⸗ weſen, ſie wäre von einer guten, alten Familie, und zwi⸗ ſchen den Zeilen ſeines Schreibens leſe ich, daß er, der alte Fünfziger, toll genug ſein wird, dem jungen Mädchen ſeine Hand anzubieten. Iſt das nicht förmlich ridicul?— Wenn ich mir denke, daß mir eines Tages der Graf und die Gräfin Portinsky gemeldet werden!“ Wir ſind im Stande, über ein kleines Leid, das uns betrifft, über eine Nachricht, die uns verletzt, außer uns zu gerathen, uns in heftigen Reden über das Für und Wider auszulaſſen, uns in einen völlig fieberhaften Zuſtand zu verſetzen, der den Ausgangspunkt unſeres Kummers voll⸗ kommen verrückt, der uns exaltirt, weil er uns zu Folge⸗ rungen veranlaßt, wie eins ſich immer trauriger, immer ſchmerzender aus dem Andern entwickeln könnte.— Und dagegen ſind wir wieder im Stande, ein tiefes Leid, das plötzlich über uns hereinbricht, das wir auf einmal in gan⸗ zer, entſetzlicher Geſtalt vor uns ſtehen ſehen, mit einer ſtoiſchen Ruhe, mit einer an Gleichgültigkeit grenzenden Kälte aufzunehmen. So ging es dem Tannhäuſer; ſo erſchien er wenigſtens äußerlich; ſeine Lippen hatten freilich ein wenig gezuckt als die Fürſtin faſt ſpottend den Namen der Gräfin Por⸗ tinsky genannt. Er hatte darauf die Zähne feſt aufein⸗ 72 Vierzehntes Kapitel. ander gepreßt, er hatte den furchtbaren Schlag mit einem⸗ male erhalten, unvorbereitet, er hatte ihn ausgehalten, er fühlte ſich nur eine Secunde von ihm niedergedrückt und konnte darauf ruhig lächeln und die Antwort geben:„das wäre allerdings außerordentlich komiſch.“ Als er dann einige Zeit darauf aus dem Zimmer ging, ſah er allerdings ein wenig bleich aus, doch ſagte er im Weggehen ein paar Worte mit ſolcher Ruhe, daß ihm die Fürſtin erſtaunt nachblickte. Wie es aber in ſeinem Innern ausſah, davon hätte die kleine Gondel erzählen können, in welche er ſich hinein warf, deren Vorhänge er zuſammenzog und die nun mit ihm, einem ſtarr vor ſich Hinbrütenden, durch unbeſuchte öde Canäle fuhr. Paolo verſuchte es mehreremale, zu ſeinem Herrn hineinzuſchauen, und wenn ihm das nicht gelingen wollte, ſo ſetzte er kopfſchüttelnd ſeine Fahrt fort. Endlich aber, als es ſchon Abend wurde und der drinnen immer noch kein Zeichen zur Rückkehr nach Hauſe oder zum Anhalten gab, ließ der Gondolier nicht ohne Abſicht ſein leichtes Fahrzeug etwas ſtark an irgend eine Treppe anſtoßen, in deren Nähe ſie ſich gerade befanden, ſchritt auf den Rand nach vornen und bat um Befehle. Der junge Maler lag noch immer ausgeſtreckt in den Kiſſen, den Kopf auf die Hand geſtützt, ſo daß ſich ſeine Finger tief in ſein volles blondes Haar vergruben, und ſelbſt das heftige Anſtoßen der Gondel war nicht im Stande Eliſe. 73 geweſen, ihn aus ſeinen ſchmerzlichen Träumereien zu er⸗ wecken. Wie hatte er ſich in dieſen langen Stunden ſelbſt gequält, wie hatte er die Vergangenheit in ihren kleinſten Einzelnheiten nochmals durchlebt, wie hatte er ſich die Zu⸗ kunft vor Augen geführt, ſeine und ihre, wie hatte er ſein Herz zerfleiſcht mit tauſend Nadelſtichen, mit tauſend fein zugeſpitzten glühenden Gedanken, mit denen er in einem wollüſtigen Schmerze ſein Inneres zerriß!— Jetzt richtete er ſich empor, er ſtrich ſein Haar aus der Stirn, richtete ſich in die Höhe und befahl Paolo, nach Hauſe zu rudern. Dort angekommen ſtieg er langſam die Treppen hinauf und hörte es kaum, als ihm der Portier meldete, die gnä⸗ dige Frau ſei vor einer halben Stunde ausgefahren. Er nickte mechaniſch mit dem Kopfe, und als er oben in das weite Veſtibul trat, that ihm die Stille und Dunkelheit, welche hier herrſchte, ſo wohl, daß er ſich gerne niederge⸗ laſſen hätte, doch hatte ihm Monſieur Ferrand bereits nach ſeiner Gewohnheit mit einer tiefen Verbeugung die Thüre zum Salon geöffnet, weßhalb er dort eintrat. Es war am Abend für ein glückliches Herz hier immer unbeſchreiblich ſchön; die hohen Bogenfenſter ſtanden weit offen und ließen die kühlere Meerluft hereinſtreichen; dort über der Giudecca war der Himmel glänzend goldig ange⸗ ſtrahlt, und die Formen der mächtigen Kirche von Santa Maria della Salute, ſowie weiter links die Kuppel von San Giorgio Maggiore ſtanden dunkel und in noch impo⸗ 74 Bierzehntes Kapitel. ſanteren Formen auf dem leuchtenden Abendhimmel. Auf die Canäle ſenkte ſich ſchon die Nacht herab, und die gegen⸗ überliegenden Paläſte des Canal grande erſchienen ſchon in ihren Einzelnheiten unkenntlich; überall ſah man Fenſter geöffnet; hier und dort hörte man die leiſen melancholiſchen Klänge einer italieniſchen Volksweiſe oder ein Bruchſtück aus irgend einer beliebten Opernarie, und in der dunklen Häuſerreihe blitzten jetzt häufig Lichter auf. Dazwiſchen war es rings umher ſo ſtill, daß man deutlich jeden Schlag des Ruders hörte, wenn eine Gondel unten vorüberfuhr, ebenſo das Lachen und Plaudern der darin Sitzenden, ſowie den noch ſo leiſe angeſchlagenen Ton einer Mando⸗ line, der ſich auch zuweilen vernehmen ließ. Der Tannhäuſer lehnte an der Einfaſſung des Fenſters, er hatte die Stirne an den kalten Stein gedrückt, und die⸗ ſes ſo ſanfte, allmälige ſtillzufriedene Einſchlummern der großen Stadt, das ſonſt wohl im Stande geweſen war, eine ernſte Ruhe über ſein Herz zu verbreiten, preßte ihm heute beinahe Thränen des tiefſten Schmerzes aus. Na⸗ mentlich durchzuckte es ihn wild, wenn irgendwo wieder zwiſchen dem Grün einer Veranda oder eines Balkons ein Licht aufblitzte, und dann zog er den Athem kurz und heftig an ſich, daß es klang wie ein leichter Aufſchrei, wie ein unterdrücktes Schluchzen. O hätte er nur eine Menſchen⸗ ſeele gewußt, der er ſich hätte mittheilen können, ein freund⸗ Eliſe. 75 liches Herz, in das er ſeinen tiefen Kummer hätte nieder⸗ legen können!— „Jo ti voglio ben assai, Ma tu non pens' a me!“ klang es mit einemmale aus dem Nebenzimmer halb ge⸗ ſungen, halb geſprochen.— Er kannte die Stimme wohl und auch die Worte. Es war der Refrain eines Liedes, das er von den Gondolieren unzähligemal gehört, das er nie beachtet, das aber jetzt dicht in ſeiner Nähe ſo innig, ſo leiſe und faſt flüſternd vorgetragen, in ſeiner gegenwär⸗ tigen Stimmung eine unbeſchreibliche Wirkung auf ihn hervorbrachte. Es riß ihn aus ſeinen Träumereien, es trieb ihn an die Thüre des andern Gemachs, und als er dort die ſchwere Portiere aufhob, hätte er im Halbdunkel, welches in dem Zimmer herrſchte, kaum die Geſtalt Eliſens unterſcheiden können, die auf dem Divan der Fürſtin ruhte und ſich bei ſeinem Eintritte raſch erhob, wenn ihm nicht eine vor dem Hauſe plötzlich aufflackernde Gasflamme zu Hülfe gekommen wäre, welche das Gemach mit einem ſanf⸗ ten, unbeſchreiblich wohlthuenden Lichte erfüllte. „Bleibe, bleibe!“ ſagte er haſtig, wobei er ſich dem jungen Mädchen näherte und ſich an ihrer Seite niederließ. „Sing' dein Lied nochmals, oder nur den Refrain deſſelben; er klingt ſo mild, ſo beruhigend; er tönt wie eine Klage, die wir gern beantworten möchten, indem wir ihr, welche 76 Vierzehntes Kapitel. ſie ſingt, zu Füßen ſtürzen und ihr ſagen: Nein, nein, du thuſt mir Unrecht, ich denke an dich nicht täglich, nicht ſtündlich, ſondern bei jedem Athemzuge. Denn an dich zu denken iſt mir ebenſo Bedürfniß als die Luft einzuathmen. — O Giiſe,“ unterbrach er ſich, während er ihre Hand ergriff,„laß mich zu dir reden, laß mich dir etwas von meiner Vergangenheit erzählen, laß mich dir erklären, wie ſehr der Refrain deines Liedes auf mich paßt: „Ich liebte ſie von Herzen, Doch ſie denkt nimmer mein!“ O bleibe ruhig, laß mich mein Geſicht etwas zu dir nieder⸗ beugen, daß ich leiſe flüſternd mit dir ſprechen kann.— So— laß deine Hand an meiner heißen Schläfe liegen, deine Finger ſind ſo kühl, ſie werden mein Blut be⸗ ſänftigen.“ „O nein, nein!“ „Nun laß mich dir erzählen,“ fuhr er mit leiſer Stimme fort,„gewähre mir die Seligkeit, meine wilden Gedanken in deine ruhige kindliche Seele niederzulegen.— Du wirſt mich verſtehen.“ „O nein, nein, ich darf und ſoll das nicht verſtehen.“ „Und möchteſt doch, Eliſe.— O höre mich!“. Und dann erzählte er ihr mit haſtigen Worten und erregter Stimme von ſeinem früheren Leben und von ihr, von dem kleinen Häuschen, wo er gewohnt, von der Ve⸗ 3 1.* ——————. Eliſe. 771 5 randa und von ihr; von den wunderbaren Sommer⸗ Abenden, von dem Lichte zwiſchen dem Grün der Blätter und von ihr, immer wieder von ihr. Und dabei malte er ſo glühend und heiß, wie er ſie geliebt, und wie ihre Blicke auch ihm geſagt, daß er ihr nicht gleichgültig ſei, wie dieſe Blicke zu ihm geſprochen hätten, ihn mächtig an⸗ gezogen, und wie er oftmals, aber nur in ſeinen Träu⸗ mereien, ihr zu Füßen geſtürzt ſei,— ſo, ſo, ſie wild und verlangend in ſeine Arme geriſſen.— Ja, wild und ver⸗ langend,— unwiderſtehlich— glühend.— Eliſe!— Eliſe!— Während er dem jungen Mädchen ſo erzählte, trat der eigenthümliche Ausdruck der Ueberraſchung auf ihrem Ge⸗ ſichte immer ſtärker hervor, wobei ihr Auge flammte und ſich ihre Lippen zuckend öffneten. Doch als dieſer Aus⸗ druck den höchſten Grad erreicht hatte, verſchwand er ebenſo plötzlich wieder und machte dem Zuge eines Leides Platz, der ſich nun wie eine Art Ermattung auf ihrem Geſichte lagerte,— als er nun mit ruhiger, obgleich bewegter Stimme weiter erzählte von jenen Tagen, wie das Schick⸗ ſal ſie von einander geriſſen und wie er nichts mehr von ihr gehört, bis ihn heute jene Nachricht, welche ihm die Fürſtin mitgetheilt, wie ein Donnerſchlag getroffen. Wie hatte er in ſeinen ſelbſtquäleriſchen Träumereien heute Nachmittag dieſe Nachricht von allen Seiten betrachtet, das Für und Wider überlegt, um am Ende immer und 7 78 Vierzehntes Kapitel. immer wieder zu dem furchtbaren Reſultate zu gelangen, das in den wenigen Worten der Fürſtin lag: ſo können wir es denn erleben, daß ſich eines Tags der Graf und die Gräfin Portinsky. bei uns melden laſſen.— Sie, die blü⸗ hende Franceska, die Frau jenes ihm verhaßten alten hin⸗ fälligen Mannes! Dieſer Gedanke brachte ihn immer und immer wieder zur Verzweiflung. Und lag eine Unmöglich⸗ keit darin? Gewiß nicht. Hatte er vielleicht ein Recht, irgend eine Rückſicht von dem jungen Mädchen zu verlan⸗ gen, deſſen Herz er ſo tief gekränkt, die er ſo muthwillig, ſo leichtſinnig verlaſſen? So mußte es denn ſein, und ſo mußte es ſich erfüllen, worüber er ſchon früher in finſteren Augenblicken gegrübelt, das er aber lachend, auf ein unverdientes Glück bauend, weggeſcheucht. Und nicht nur der an ſich ſchon furchtbare Schmerz über die Gewißheit ihres Verluſtes war es, was ſein Herz zerriſſen, nein, die lichte Geſtalt des jungen und reinen Mädchens hatte ihm immer vorgeſchwebt wie ein verkörpertes Bild ſeiner eigenen Zukunft, zu welcher er viel⸗ leicht immer noch im Stande ſei, ſich durch Arbeit, durch Noth und Trübſal hindurch zu ringen. Sie war ihm in ſchönen Träumen erſchienen, wie ein heiliger Altar, vor dem er nicht im Staube niederknien werde, auf ihn das Bekenntniß ſeiner Fehler, ſeiner Sünden, ſeiner Buße nie⸗ derlegen, von dem herab er auf ein verzeihendes Wort hoffte.— Jetzt war alles vor ihm dunkel und mächtig um⸗ 1 Eliſe. 79 zogen; ihm ſchien kein Tag mehr dämmern zu ſollen, er ſah keine rettende Hand mehr, die ſich ihm darbot, um ihn hinauszuführen aus dem ſchwülen Dunſtkreis des Zauber⸗ berges, er ſah in dieſem Augenblicke kein liebes Bild mehr, das ſeine Sinne ſtärkte, die umnebelt und gefangen waren, kein ſüßes Lächeln, das ihn emporzog in die friſche, fröh⸗ liche Natur, um dort anbetend und bereuend undetiie.— Selbſt das heilige Gebilde der Kunſt, das ih ſo oft getröſtet, das ihn ſo oft mit neuen Hoffnungen belebt, ſchien jetzt fernab von ihm zu ſchweben mit verhülltem Angeſichte. Fünfzehntes Kapitel. Auf der Ausſtellung. Es iſt etwas Eigenthümliches um ſo eine große Kunſt⸗ ausſtellung, da in einem Raume beiſammen zu finden, was größere und kleinere Meiſter innerhalb hundert Jahren auf verſchiedenen Punkten der deutſchen Erde gemalt und von dem ſie nicht gedacht, daß es ſich, mit all' den andern ver⸗ einigt, eines Tags im Glaspalaſt zu München zuſammen⸗ finden würde. Dabei kann man ſich wohl vorſtellen, daß es vielleicht den wenigſten der Künſtler angenehm geweſen wäre, wenn man ihnen bei Schaffung ihrer Werke geſagt hätte, daß dieſe nach ſo und ſo viel Jahren von der ſtillen Wand, wo ſie ſo lange Zeit behaglich geruht und geſchlum⸗ mert, nun auf einmal wieder in die Oeffentlichkeit aten ſollten, eine neue Jugendzeit durchmachen, ſich damals Auf der Ausſtellung. anſtaunen zu laſſen, als ſie noch in friſchen Farben auf der Staffelei ihres Erzeugers ſtanden, und der Herr A. die Ma⸗ dame B., Madame B. den Herrn C. und der Herr C. den Herrn Baron mit ſeiner Familie dem ſich tief verneigenden Maler vorſtellten, welche alle gekommen waren, um das reizende Bild, von dem man ſo viel Wunderbares gehört, anzuſtaunen und zu ſagen, was ſie in der letzten Kunſt⸗ kritik darüber geleſen. Ja, daß es ſo einem jungen Bilde Vergnügen macht, von allen Seiten betrachtet und bewundert zu werden, das kann man ſich ſchon denken, aber ebenſo natürlich und be⸗ 8 greiflich iſt es auch, daß ſich ein altes Gemälde, welches viele Jahre in gemüthlicher Ruhe die Zierde irgend eines ſtillen Gemaches geweſen iſt, dort meiſtens nur bekannte Geſichter geſehen, nun auf einmal ausgeſtellt wird den Blicken Tauſender ganz wildfremder Menſchen, nun ſehr unbehag⸗ lich fühlt, verdrießlich, dunkel und finſter dreinſchaut. Für den Beſucher haben dieſe Kunſtabfütterungen en gros auch etwas Beengendes, Unbehagliches, Ueberſättigen⸗ des. Wenn man eintritt, ſo iſt es, als käme man in einen großen Salon, wo man unter einer Anzahl fremder Leute ein paar bekannte Geſichter findet, zu denen wir uns auch mächtig hingezogen fühlen, das andere Gewüͤhl ſcheu von der Seite betrachten und ſo viel koſtbare Zeit verlieren. Erſt nach und nach ſind wir im Stande, die genanne Be⸗ Hackländer, Tannhäuſer, II. 82 Fünfzehntes Kapitel. kanntſchaft all' dieſer renommirten Herrſchaften zu machen, und da wir doch für jeden etwas Geiſtreiches wenigſtens denken müſſen, ſo fühlen wir uns in kurzer Zeit körperlich und geiſtig ermüdet. Am Ende blicken wir ſeufzend auf die enorme Enfilade von Zimmern, die wir noch durchwan⸗ dern müſſen, und fühlen dabei mit tiefer Betrübniß, daß wir künſtleriſch ſchon ſo geſättigt ſind, daß nur eine ganz pikante Speiſe im Stande iſt, uns ein klein wenig aufzuregen. Und ſo iſt es dem gewöhnlichen Strom von Beſuchern großer Gemäldegallerien tagtäglich zu Muth, Leuten, die aus Pflichtgefühl ihr Abonnement ausnützen, die alles geſe⸗ hen haben wollen, um darüber ſprechen zu können, oder der Schaar jener Unglücklichen, die über das, was ſie er⸗ ſchaut oder nicht erſchaut, ein kunſtrichterliches Urtheil ſchrift⸗ lich abzugeben genöthigt ſind. 3 Da wir nun aber einmal da ſind, unſer Eintrittsgeld bezahlt, und unſern Stock in Verwahrung gegeben haben, ſo ſchlagen wir ſeufzend den Katalog auf und fangen gleich rechts an der Thür an: Nr. 440. Die Erſtürmung Erfurts durch die Türken oder ſo etwas.— Wenn es nur ein Mittel gäbe, um unſere Gedanken von all' den wunderbaren und ſchönen Bildern abzubringen! Unſere armen Augen ausruhen zu laſſen von dem wilden Durcheinander all' der Farben, all' der verſchiedenartig gemalten Phyſiognomieen, all' der Waſſerfälle und Waldeinſamkeiten, all' der Kühe und Eſel, all der goldenen Rahmen! Und doch gibt es en— Auf der Ausſtellung. 83 Mittel, dies zu bewerkſtelligen, und dazu in gewiſſer Be⸗ ziehung noch ein nutzbringendes. Dort vor dem großen Gemälde ſteht ein Sopha, das immer beſetzt iſt von Zu⸗ ſchauern. Setzen wir uns dahin, nehmen eine aufmerkſame Haltung an, ſchlagen ein Bein über das andere, die Arme ebenfalls und ſtarren mit etwas geſenktem Kopfe und vor⸗ geſchobener Unterlippe inbrünſtig auf das Gemälde. Man wird uns, den Kunſt⸗Enthuſiaſten, belächeln, aber unſer Zweck iſt erreicht: man hat unſere Ohren vergeſſen, wir ſind eine Art Leimruthe, an der alle möglichen Geſpräche unbemerkt hängen bleiben. Da treten Zwei dicht auf uns zu, er ſtützt ſich auf das Sopha, auf dem wir ſitzen, ſie lehnt ſich an ihn, und Beide ſchauen nicht nach unſerem Bilde, ſondern nach einer dane⸗ ben hängenden beliebigen Waldnymphe, welche vorſichtig die Zweige der Büſche auseinander zieht und die Spitze ihres Fußes in ein klares Waſſer taucht. „Ich kann von dem Bilde nicht wegkommen,“ ſagt er, „und wenn ich ein reicher Mann wäre, würde ich es kaufen.“ „Ach geh doch!“ gibt ſie kaum vernehmlich zur Antwort. „Wahrhaftig, ſei doch nicht ſo kindiſch.— Ich ſage dir, das iſt eine Aehnlichkeit, die ganz wunderbar iſt; man könnte glauben, du habeſt dem Maler zum Modell geſeſſen.“ „Ahl das bitte ich mir aus!“ „Es iſt aber doch ſo; dein Geſicht, die Haltung deines Kopfes— wunderbar ähnlich. Und alles— alles!“ r Fünfzehntes Kapitel. Sie treten hinweg, und es iſt uns nicht zu verdenken, daß wir den Kopf herumwenden, um dem wirklich hübſchen Mädchen nachzuſehen, das in allem der Nymphe da oben ſo ähnlich ſieht. „Weißt du,“ ſpricht eine tiefe Baßſtimme neben uns, „das Urtheil eines Kunſtverſtändigen thut nie weh; aber wenn ein ſolcher Vandal, wie jener Kerl, vor meiner Land⸗ ſchaft ſteht und zwei Schritte von mir von ſpinatgrünen Bergen ſpricht, wozu die Sonne in ihrem Ciergelb voll⸗ kommen paſſe, da könnte man raſend werden und ſollte es verſchwören, je wieder für die deutſche Nation zu arbeiten. Dieſe weichen, duftigen Abendtöne ſpinatfarbig zu nennen. Es iſt zum Aufhängen.“ Das Letztere würde der Sprecher mit Leichtigkeit haben erreichen können, denn die ſtrickartige Binde um den nackten Hals hätte man nur in irgend einen Haken einzuhängen gebraucht. Im Uebrigen ſieht der Träger derſelben in ſei⸗ nem Anzug etwas abgeſchabt aus, hat ein finſteres, einge⸗ fallenes Geſicht, trägt ſehr langes Haar und hält einen kuhbraunen Calabreſer zuſammengedrückt unter dem linken Arm. Er und der Andere, mit dem er ſpricht, thun übri⸗ gens nur ſo, als betrachten ſie das Bild, vor dem wir ſitzen, oder die bewußte Nymphe; in Wirklichleit ſchauen ſie immer dahin, wo die Landſchaft mit den ſpinatfarbenen Bergen hängt, und wenn von all' den vielen Menſchen, die dort vorüber gehen, nur ein Einziger einen Augenblick vor 85 Auf der Ausſtellung. der eiergelben Sonne ſtehen bleibt, ſo zieht der mit dem langen Haar die Brauen hoch empor. Aber es beißt ſelten Einer an auf das ſaftige Grün, und endlich iſt auch der unglückliche Urheber jenes bekannten Bildes verſchwunden. In einer Kunſtausſtellung ſind am unerträglichſten die großen Geſellſchaften beiderlei Geſchlechter, die ſich zuſam⸗ mengethan haben, um gemeinſam zu genießen, und die ſich das Wort gaben, ihren Mitleidenden keine Naſen⸗ oder Ba⸗ jonnetſpitze, keinen Sonnenſtrahl und keinen Waſſerfall zu ſchenken. Sie rauſchen wie eine Heerde um die nächſte Ecke heran, verſtellen gleich eine ganze Wand und ſtören durch ihre lebhaften Bewegungen, durch ihre ewigen Ausrufe das bischen Ruhe, welches eben eingetreten, nachdem uns der unzufriedene Maler verlaſſen. „Siehſt du?— Nein dies.— Aber da.— Hier das iſt ſcön.— Wo?— Hier.— Hat Aehnlichkeit mit 620. — Ah, von Krautmaier!— Siehſt du Krautmaier?— Von dem Krautmaier? Das iſt alſo der Krautmaier?— Der junge Krautmaier?— Nein, der alte Krautmaier. Krautmaier du und der Teufel, das iſt nicht zu ertragen. — Der die Großmutter malte, als ſie ſchon geſtorben war.“ Brrrr! Es nützt nichts, wenn man auf wirklich auffal⸗ lende Art in die Hände klopft, ſie fliegen nicht in die Höhe, ſie drehen höchſtens ihre langen Hälſe herum, ſchauen dich naſerümpfend an, und ein Kecker unter ihnen, der ſich ein Anſehen geben will, ſagt vielleicht in wegwerfendem Tone: — EEEE 86 Fünfzehntes Kapitel. ere „Es iſt in der That ungeheuer genandt, daß dieſe Aus⸗ ſtellung ſo alle Tage für jedermann zugänglich iſt. Man ſollte doch wenigſtens ein⸗ oder zweimal in der Woche unter ſich ſein können!“— Endlich flattern ſie davon, ſie rauſchen um die nächſte Ecke, und wir ſehen deutlich, wo ſie eingefallen ſind, denn dort haben ſie ein paar ernſte Beſchauer verſcheucht, die ſich geſenkten Hauptes entfernen. „Sie werden mir zugeben, Herr Profeſſor,“ ſagte eine feine, etwas heiſere, aber erregte Stimme,„daß Schlachten⸗ bilder zu malen an und für ſich ein Unſinn iſt. Was ſoll die Kunſt? Erheitern und erfreuen. Und iſt ein Bild, wo der Pulverdampf die Luft verdunkelt, wo Leichen und Ster⸗ bende dutzendweiſe in den ſchauerlichſten Verrenkungen umher⸗ liegen, im Stande, uns zu erfreuen, zu erheitern?— Ge⸗ wiß nicht. Sehen Sie dort den Ueberfall bei Hochkirch. Da ſtehen ſie nun ſchaarenweiſe davor und thun, als ob ſie entzückt wären.“ „Es iſt auch ein ſchönes Bild, Herr Profeſſor.“ „Allerdings, Herr Profeſſor. Aber wenn man nun einmal nicht anders kann als Schlachten malen, ſo ſoll man ſie wenigſtens im hellen Sonnenſchein darſtellen. Mich in⸗ dignirt dieſes Bild, ſo oft ich es ſehe.“ „Weßhalb, Herr College?“ „Weil der Maler mir eine der beſten Ideen weg⸗ genommen, Herr College. Kennen Sie meine Bauern⸗ Auf der Ausſtellung. 87 burſchen, die mit einer Fackel etwas erheitert von einer Kirmeß heimkehren?— Müſſen Sie nicht geſtehen, daß ſich dieſer ſogenannte Ueberfall bei Hochkirch in den Hauptmo⸗ menten ganz an meine Arbeit lehnt?“ „Ich könnte doch eigentlich nicht ſagen, Herr College.“ „In der That? Nicht, Herr College? Iſt auf meinem Bilde nicht daſſelbe hügelige Terrain, Dunkelheit, Fackellicht, die querfeldein wild anſtürmenden Bauernburſchen und der Gensdarm, der ihnen auf meinem Bilde ſo unverhofft in den Weg tritt?“ „Ja, ja, von dieſem Geſichtspunkte aus, Herr Profeſſor!“ „O es gibt gar keinen andern Geſichtspunkt, Herr Pro⸗ feſſor.— Aber ſo geht es Unſereinem. Nicht nur, daß die kaum herangewachſenen jungen Leute ein paar Ellen Lein⸗ wand mit Farben bekleckst ein Bild zu nennen belieben, ſo gehen ſie auch her, nehmen uns die beſten Motive, und ſo Einer macht aus den bekannten nächtlich herumſtreifenden Bauernburſchen des Profeſſor Hagelwetter einen Ueberfall bei Hochkirch. Iſt es nicht rein zum Davonlaufen?“ „Ein vortrefflicher Eſel!“ ſagen wir halblaut und ver⸗ ſenken unſere Blicke in das Portrait des gemüthlichen Lang⸗ ohrs, deſſen Rücken Gemüſekörbe trägt und an deſſen dickem Kopfe die Ohren ſo lebendig und ſprechend ſind. Sagt uns nicht das eine etwas geſenkte, daß es ein heißer Sommer⸗ tag iſt, und erzählt nicht das andere ſtramm emporgerichtete von dem Ueberfall bei— nein, nein, wir wollten ſagen 88 Fünfzehntes Kapitel. von dem Ueberfall einer ſtechenden Fliege.— Es iſt in der That ein vortrefflicher alter Eſel. Und es gibt noch viele dergleichen in der Welt. „Erlauben Sie, mein Herr!“ möchten wir mit einer ge⸗ linden Entrüſtung ausrufen und rücken dabei etwas heftig auf die Seite, denn ein eben Angekommener läßt ſich ſo ſtark in die Kiſſen des Sophas hineinfallen, daß es uns förmlich aus unſern Betrachtungen und unſerem Sitze em⸗ porſchnellt. „Ich bitte Sie ſehr um Verzeihung,“ ſagt der Fremde, „in der That recht ſehr um Verzeihung.“ Und dabei er⸗ hebt er ſich artig wieder, macht uns eine Verbeugung und ſetzt ſich dann abermals hin, jetzt auf ſo ſanfte und ruhige Art, daß wir den Ueberfall von vorhin verzeihen. Wir haben unſern Katalog in die Höhe genommen, wir erwidern die uns gemachte Verbeugung und ſchauen dabei über das Buch hinweg unſern Nachbar von der Seite an. Es iſt ein junger und ſehr hübſcher Mann, einfach, aber äußerſt elegant gekleidet. Er trägt einen hellen Sommer⸗ anzug und blättert mit ſeinen ſilbergrauen Glacéhandſchuhen etwas haſtig in dem Katalog hin und her, athmet zuweilen tief auf, zuckt unruhig mit den Schultern und gibt auch ſonſt wohl Zeichen einer ziemlichen Aufgeregtheit. So hat er ſeinen feinen Panamahut neben ſich hingeworfen, fährt ſich ein paarmal haſtig durch das hellblonde Haar und ſucht dann auf's neue und auffallend emſig in dem V — Auf der Ausſtellung. 89 Katalog. Er mag am Ende der Zwanzigen ſein, ſo ſchätzen wir ihn, und muß am Anfange dieſes ſchönen Abſchnittes im menſchlichen Alter auffallend ſchön geweſen ſein. Man ſieht davon noch die deutlichen und angenehmen Spuren; den friſchen, roſigen Teint, die ſchönen Augen, das volle krauſe Haar, den feinen Mund. Doch ſind das, wie ſchon geſagt, nur noch Spuren, die vielleicht durch das Leben oder durch Schickſale, oder wer weiß durch was für ein ſcharfes Auge, wie wir es beſitzen, aus jenem wohlthuenden Zuſammenhange, aus ihrer vollkommenen Symmetrie ge⸗ riſſen erſcheinen. Die ſo angenehmen und ſchönen Verhält⸗ niſſe des Kopfes ſind geſtört durch einen müden Flug um die Augen, durch einzelne tiefe und ſcharfe Linien um Naſe und Mund, durch ein unruhiges Zucken der Lippen, durch ein düſteres Feuer in den ſonſt ſo ſchönen Blicken. Auf der rechten Wange zeigt ſich eine rothe Narbe, welche vom Ohr bis faſt zum Mundwinkel geht. Der Fremde blätterte immer noch haſtig in ſeinem Ka⸗ talog und wandte ſich endlich an uns mit der Bemerkung, die er durch ein ſcheinbar gleichgültiges Lächeln begleitete: „Es iſt eigenthümlich, wie ſchwer es iſt, hier einen einzelnen Namen herauszufinden.“ „Es bedarf allerdings einer Kenntniß des Buchs,“ geben wir ihm zur Antwort. 3 „Ich möchte mir die Bemerkung erlauben,“ verſetzt er, immer noch im Verzeichniſſe blätternd,„daß es ohne die 90 Fünfzehntes Kapitel. allergenaueſte Bekanntſchaft mit dieſem Katalog eine reine Unmöglichkeit iſt. Ich will ihm das durchaus nicht zum Vorwurf machen, denn für die Zwecke des größten Theils der gewöhnlichen Beſucher iſt alles geordnet zuſammen⸗ geſtellt.“ Da ich nun, wie der geneigte Leſer ſchon Eingangs dieſes Kapitels zur Genüge erfahren haben wird, eifriger Beſucher der allgemeinen deutſchen Kunſtausſtellung war und das ganze Arrangement der Bilder vollkommen aus⸗ wendig wußte, ſo verſtand es ſich von ſelbſt und gebot es mir auch die Höflichkeit, dem Unbekannten meine Dienſte anzubieten. Nebenbei flößte er mir auch ein reges Intereſſe ein, und es war mir angenehm, vielleicht mit ihm auf ein lebhaftes Geſpräch eingehen zu können.„Wenn Sie mir,“ ſagte ich deßhalb,„das, was Sie ſuchen, näher bezeichnen wollen, ſo wäre ich vielleicht im Stande, Ihnen Aushanſt zu geben.“ Er ſah mich mit einem forſchenden Blicke an; ich glaube zum erſtenmal, ſeit er ſich neben mich geſetzt, dann verbeugte er ſich ein wenig und gab mit einem ſonderbaren Lächeln zur Antwort:„Ich bin Ihnen für Ihr freundliches Aner⸗ bieten ſehr dankbar. Aber Sie verſtehen mich vielleicht, wenn ich Ihnen ſage, daß man ſich oft ſcheut, durch eine einzige Frage, die uns ein Anderer leicht beantwortet, eine traurige Gewißheit zu erlangen, der wir durch langſames Nachforſchen wenigſtens noch für eine Zeit lang entgehen. Auf der Ausſtellung. 91 Doch,“ ſetzte er raſch hinzu, als er ſah, wie ich mich mit einer leichten Bewegung zurückzog,„ich bin Ihnen herzlich dankbar für Ihr Anerbieten und werde mir erlauben ſogleich davon Gebrauch zu machen, wenn Sie nämlich ſo gut ſein wollen, Ihr Verſprechen nicht zurückzuziehen.“ Das ſagte er in einem verbindlichen, obwohl etwas traurigen Tone, wobei mir ſein ganzes Weſen als ein ängſt⸗ liches, aufgeregtes erſchien. Seine Lippen zuckten häufig, er athmete tief und ſchwer und dabei glitten ſeine Finger mit einer krampfhaften Haſt durch die Blätter des Buches. Endlich ließ er ſeine Hände mit dem Katalog auf die Knie niederſinken und ſagte mit einer ungezwungenen Heiterkeit: „Jetzt, mein Herr, werde ich mich an ihre Gefälligkeit wen⸗ den und bin Ihnen im Voraus dafür dankbar.“ „So erlauben Sie mir vorher eine Frage,“ erwiderte ich,„die Ihnen vielleicht indiskret erſcheint, aber es durch⸗ aus nicht ſein ſoll. Sind Sie vielleicht ſelbſt Künſtler und ſuchten bis jetzt vergeblich eines Ihrer Bilder, das Sie hieher geſandt?— Verzeihen Sie mir,“ ſetzte ich lächelnd hinzu,„ſo kam mir Ihr Benehmen vor. Ich weiß es aus eigener Erfahrung— anch' io sono pittore.“ Ich hatte das auf die freundlichſte Art von der Welt zu ihm geſprochen, luſtig lachend, um ihn heiter zu ſtimmen; denn der tief ſchmerzliche Zug, der auf ſeinem Geſichte lag, that mir ordentlich weh. Sein Geſicht heiterte ſich auch in der That ein wenig auf, als ich ſo mit ihm redete, doch 92 Fünfzehntes Kapitel. ſchüttelte er nach einem kurzen Stillſchweigen leicht mit dem Kopfe und ſagte mit einem etwas ſcheuen Blicke:„Leider bin ich nicht ſo glücklich, Künſtler zu ſein. Nur ein lebhafter Bewunderer und Verehrer alles Schönen, wo ich es finde. Dem Zufall aber bin ich ſehr dankbar,“ ſetzte er verbindlich hinzu,„daß er mich in die Nähe eines Künſtlers geführt, welcher vielleicht die Güte hat, mich auf einige Hauptſchätze in dieſem Ueberfluß von Reichthum aufmerkſam zu machen. Bitte,“ fügte er hinzu, indem er ſeinen Katalog darbot, „mir freundlich an betreffenden Stellen ein paar Bleiſtift⸗ ſtriche machen zu wollen.“ Ich that das mit großem Vergnügen, und als ich ihm nach einiger Zeit ſein Buch zurückgab, dankte er mit herz⸗ lichen Worten und durchſah darauf flüchtig die angezeigten Blätter. „Italieniſche Landſchaften und Genrebilder aus Italien ſind nicht ſo bedeutend vertreten, wie ich gedacht,“ ſagte er nach einer Pauſe, ohne die Augen von dem Hefte in ſeiner Hand zu erheben.„Bei der Maſſe von Künſtlern, die all⸗ jährlich nach dem Süden geht, hätte man denken ſollen, von dort eine größere Auswahl zu finden.“ „Nun, es fehlt doch gerade nicht daran,“ erwiderte ich ihm.„Da ſind Landſchaften in Dunkelblau und Violett ge⸗ nug vorhanden. Und was das Genre anbelangt, ſo iſt an römiſchen Landleuten, an Minenten, ſowie an Fiſchern und Fiſcherinnen durchaus kein Mangel.“ Auf der Ausſtellung. 93 „Ich glaubte das Bild eines Freundes hier zu finden,“ ſprach der Unbekannte nach einer längeren Pauſe. Aha, wir nähern uns! dachte ich, ohne auf ſeine Be⸗ merkung etwas zu erwidern. „Darnach ſuchte ich, bin aber bis jetzt nicht im Stande geweſen, das Bild irgendwo im Buche zu entdecken. Sie waren vorhin ſo freundlich, mir eine Auskunft ertheilen zu wollen.“ Hier traf mich ein ſcharfer Blick ſeiner ausdrucksvollen Augen, dann ſtockte er, und ich ſah, wie er einen tiefen Athemzug that.—„Mit Vergnügen. Darf ich um den Namen ihres Freundes bitten?“ „Auf den Namen werden Sie ſich vielleicht nicht erinnern. Aber da Sie die Ausſtellung gewiß ſchon häufig beſuchten, ſo iſt ihnen vielleicht ein Bild aufgefallen, welches— da—⸗ Man ſah und hörte, daß es ihm Mühe machte, fortzu⸗ fahren. Endlich aber nahm er ſich zuſammen.„Eines jener Bilder, nach dem ich vorhin fragte,“ ſtieß er jetzt raſch her⸗ vor,„ein Genrebild aus Italien. Neben einer Brunnen⸗ ſchaale, über welche von allen Seiten das klare Waſſer herabquillt, ſtehen zwei junge Mädchen.“ Er bezeichnete mir ein bekanntes Bild, und um ihm ein Vergnügen zu machen, unterbrach ich ihn raſch, indem ich ſagte:„Eines dieſer Mädchen hat ein glänzendes Kupfer⸗ gefäß auf dem Kopfe, welches der Andern, die lachend ihr Haar zurückſtreift, als Spiegel zu dienen ſcheint.“ 94 Fünfzehntes Kapitel. „Ja, ja, ſo iſt es, ſo iſt es!“ „Rechts vom Brunnen iſt eine allerliebſte Gruppe von Kindern, ein etwas älteres Mädchen läßt den kleinen Bam⸗ bino, der neben ihr ſteht, aus der hohlen Hand Waſſer ſchlürfen.“ „Es iſt Ihnen alſo bekannt?“ fragte er mit einer Haſt, die mich erkennen ließ, daß es ein ſehr, ſehr genauer Freund von ihm ſein mußte, welcher das Bild gemalt. Nun war ich aber im Stande, ohne ihm im geringſten zu Gefallen zu reden, dies Bild aus vollem Herzen loben zu können. Es wird allen Beſuchern der damaligen allgemeit en Kunſt⸗ ausſtellung in München unvergeßlich ſein, wie es denn auch beſtändig mit einem Kreiſe von Bewunderern umgeben war, die hier im hellen glänzenden italieniſchen Sonnenſchein einen Halt zu machen pflegten, ehe ſie ſich verſenkten in die Wald⸗ und Märchenpracht von Moritz von Schwinds ſieben Raben, die ſich in der anſtoßenden Abtheilung be⸗ fanden. „Wenn der Maler dieſes Bildes Ihr Freund iſt,“ ſagte ich ſo verbindlich, als ich durch den Ton der Stimme und meine Mienen auszudrücken vermochte,„ſo bitte ich, ihm mein Kompliment zu machen, er hat da anerkannt ein wunderbares Werk geſchaffen.“ „Anerkannt?“ fragte der Fremde mit tonloſer Stimme, wobei ſeine Lippen wiederum zuckten, doch nicht auf ſo un⸗ angenehme Art wie früher.„Alſo hat das Bild gefallen?“ Auf der Ausſtellung. 95 „Erlauben Sie mir,“ erwiderte ich eifrig,„gefallen iſt hier nicht der rechte Ausdruck. Dies Bild iſt eine der koſtbarſten Perlen der ganzen Ausſtellung. Und um Ihnen mein Wort von vorhin mit voller Wahrheit zu wiederholen: anerkannter Maßen.“ Bei dieſen meinen Worten hatte mein Nachbar ſeine Hände leicht zuſammengelegt, ja ich bemerkte mit Erſtaunen einen faſt ſchwärmeriſchen Blick, den er in die Höhe warf. Freilich nur eine Sekunde lang, dann lächelte er ſo freudig, wie ich lange nicht habe jemand lächeln ſehen, legte ſeine Rechte auf zeinen Arm und ſagte dann:„Ich habe nicht Worte, Ihnen für die Freundlichkeit, mit der Sie ſich über jenes Bild ausſprachen, zu danken. Aber beantworten Sie mir noch eine Frage. Hat der Künſtler, der es gemalt, einen bekannten, einen geehrten Namen?“ „Es hat damit eine eigene Bewandtniß,“ erwiderte ich, und ich bemerkte wohl, wie der Fremde meinen Worten mit der höchſten Spannung folgte.„Sie wiſſen ebenſo gut wie ich, daß unſere Ausſtellung eine rein deutſche ſein ſollte und auch iſt, und aus dieſem Grunde wohl hat der ſehr bekannte Künſtler, um ſein Bild überhaupt hieher zu bringen, es mit einem angenommenen Namen bezeichnet.“ „Und ſteht dort nicht der Name Tannhäuſer?“ fragte er mit tonloſer Stimme. AAllerdings,“ verſetzte ich. Aber ich erſchrack, wie ich ihn anblickte. Die Freude, welche bis jetzt aus den Zügen 96 Fünfzehntes Kapitel. meines Nachbars geleuchtet, hatte in ſeinem Antlitze auch jene Harmonie theilweiſe wieder hergeſtellt, die ich beim erſten Erblicken deſſelben vermißte. Kaum aber hatte ich das eben Erzählte geſagt, als es wie ein Blitz über ſein Geſicht fuhr und alles auf demſelben den Ausdruck einer Erwartung annahm, die überzeugt iſt, im nächſten Augen⸗ blick etwas Furchtbares hören zu müſſen.„Allerdings,“ ſagte ich nochmals,„aber gerade der Name Tannhäuſer iſt ein angenommener Name, das fragliche Bild iſt bekannter Maßen von Potowski. Leider ein Ruſſe, könnte man hin⸗ zuſetzen, denn wir wären ſtolz darauf, ihn eingn Deutſchen zu nennen.“ „Von— Potowski?“ wiederholte mein Nachbar, und den Ton, mit dem er das ſagte, werde ich nie vergeſſen. „Ah, von Potowski?“ Dann legte er die rechte Hand an ſeine Augen und ließ ſein Haupt tief auf die Bruſt herab⸗ ſinken. So verblieb er lange, ja ſo lange, daß mir ordent⸗ lich ängſtlich zu Muth wurde und ich ſchon im Begriffe war, ſeine Schulter zu berühren, um ihn vielleicht ſo zu veranlaſſen, ſich emporzurichten. Aber er that es dann von ſelbſt; er hob den Kopf in die Höhe, er blickte mich mit ſtarren Augen an, und ich ſah, daß ſein Geſicht mit einer furchtbaren Bläſſe überzogen war. Dabei verſuchte er zu lächeln und ſagte mir mit matter Stimme:„Es wird Ihnen ſeltſam vorkommen, aber es iſt vorübergehend. Ich bin heute Morgen bei der ſtarken Hitze etwas zu raſch H 5 6 1 Auf der Ausſtellung. 97 gegangen.— Alſo man weiß,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„daß das Bild, von dem wir vorhin ſprachen, von dem ruſſiſchen Maler Potowski iſt?“ „Man vermuthet es allgemein und wohl mit genügen⸗ dem Grunde. Es iſt ganz die friſche, kecke Manier des Ruſſen, ſeine korrekte Zeichnung, ſein brillantes, unerreich⸗ bares Kolorit.“ „Und wo hält er ſich auf? Lebt er in Deutſchland?“ „Das weiß ich Ihnen wahrhaftig nicht zu ſagen. Er ſoll gewöhnlich in Moskau ſein, hat aber Deutſchland be⸗ reist, das bezeugen einige ſeiner Bilder, die für uns ein ſo vaterländiſches Gepräge haben, als ſeien ſie in Düſſel⸗ dorf oder hier gemalt. Eigenthümlich dabei iſt, daß Po⸗ towski, ſo viel wir von ihm kennen, nie etwas aus dem ruſſiſchen Leben zum Vorwurf ſeiner Bilder nahm.“ „Das glaube ich wohl,“ murmelte mein Nachbar mit dumpfer Stimme. Dann athmete er tief auf, ſtrich mit der Hand ſein Haar aus der Stirne zurück und fragte mich: „Sind hier in München Bilder von Potowski?“ „So viel ich weiß nur eines im Privatbeſitz, das Sie aber wahrſcheinlich ſehen können, wenn es Sie ſehr inter⸗ eſſirt. Ich würde mir ein Vergnügen daraus machen, Ihnen eine Erlaubniß dazu zu verſchaffen.“ „Und das Bild— das gewiſſe Bild trägt nicht den Namen Potowski?“ „Nein,“ gab ich zur Antwort;„es iſt mit dem Namen Hackländer, Tannhäuſer. I1. 7 Fünfzehntes Kapitel. Tannhäuſer, den Sie vorhin nannten, unterzeichnet. Es iſt das, wenn Sie wollen, eine Schmuggelei. Doch wo kein Kläger iſt, iſt auch kein Richter. Dem Comité wurde das Bild als die Arbeit eines deutſchen Malers eingeſandt, und da es am Ende einen Maler Namens Tannhäuſer* geben kann,— Tannhäuſer mit hartem T, denn der Wie⸗ ner Meiſter Dannhäuſer iſt ja leider ſchon längſt geſtorben, — iſt wohl möglich.“*. „Und von jenem Tannhäuſer, deſſen Name auf den ⸗ Bilde ſteht, hat man ſonſt nie etwas gehört?“ „Nie,“ ſagte ich mit voller Wahrheit; ich wenigſtens nicht, und ich bekümmere mich doch ſo ziemlich um alles, was in Deutſchland auf dem Gebiete der Kunſt geſchieht.“ „Ich danke Ihnen recht ſehr,“ ſprach nun der Fremde 3 zu mir mit einem peinlichen, verbindlich ſein ſollenden Lä⸗ cheln, worauf er ſeinen Katalog aufhob, der ihm enifallen war, ſeinen Panamahut an ſich nahm und etwas mühſam aufſtand. Er ſchien wirklich müde zu ſein, oder unter einer. furchtbaren Gemüthsbewegung gelitten zu haben. Darauf hin deuteten ſeine bleichen Lippen, das Erlöſchen ſeiner vor⸗ hin noch ſo lebhaften Blicke, der langſame, ſchwankende, faſt 4 unſichere Gang, mit dem er ſich nach einer tiefen Verbeu⸗ 8 gung entfernte. 5 Dieſer Mann dauerte mich von Herzen, ohne daß mir den Grund ſeines Benehmens enträthſeln konnt G hätte ich ihm meine Begleitung angeboten, doch he Auf der Ausſtellung. 99 jede Spur von Zudringlichkeit, und als ſolche hätte ihm am Ende mein Anerbieten erſcheinen können. Auch war es für mich Zeit, den Kriſtallpalaſt zu verlaſſen. Vorher aber ging ich noch einmal zu meinen lieben ſieben Raben und verweilte darnach noch vor den Cartons meines un⸗ glücklichen, unvergeßlichen Freundes Alfred Redel, deſſen meiſterhafte Fresken im Rathhausſaale ſeiner Vaterſtadt Aachen nach dieſen Cartons gemalt wahrſcheinlich mit jedem 0⸗ Jahrzehnt zu immer größerer Geltung kommen werden und den Namen deſſen unſterblich machen, der jetzt als ein armer Geiſteskranker in den Alleen des Düſſeldorfer Schloßgartens . umherirrt, in denſelben Alleen, die wir vor Jahren mit 5 friſchem Jugendmuthe, heiter, luſtig, glücklich durchzogen,— in den Alleen, die heute wie damals in gleicher Friſche grünen, während er, der Künſtler, der eine große, glän⸗ zende Zukunft verſprach, vom letzten Hauche eines erlö⸗ ſchenden Daſeins wie ein verwelktes Blatt dahin getriehen wit nj nger, ſehr bleicher Mann mit blondem Haar und Bar Legant gekleidet, ſchritt an dieſem Tage noch kängere Zeit durch die hohen Räume des Kriſtallpalaſtes. Doch ſoien er nur für ein einziges Bild Sinn zu haben: Ita⸗ lienerinnen mit zwei kleinen Kindern an einer Brunnen⸗ ſchaale; vor d·eſes Bild trat er häufig hin, eine Zeit lang — im Anſchauen verſunken, um ſich alsdann auf einmal mit aſchen Schritten zu entfernen. Doch kam er nicht weiter 100 Fünfzehntes Kapitel. als bis in die anſtoßende Abtheilung, wo er unter der Thüre ſtehen blieb, nach jenem Bilde hinſtarrte und ſich dann langſam, wie von demſelben mächtig angezogen, wie⸗ der näherte. Dann beſchaute er es abermals mit dem größten Intereſſe, beugte ſich auch wohl nieder, um den Namen des Künſtlers genau zu leſen, und ein paarmal fragte er aufmerkſame Beſchauer eben dieſes Bildes, indem er auf die höflichſte Art ſeinen Hut abnahm, wo dieſer Maler Tannhäuſer wohl zu erfragen ſei. Zuerſt erhielt er von einem Befragten ein Achſelzucken zur Antwort und dann ſagte ihm ein Anderer:„Es ſteht da allerdings Tannhäuſer, aber es gibt keinen Maler dieſes Namens mehr, Dannhäuſer iſt todt und dieſes iſt ja mit dem harten T geſchrieben. Es iſt das eine Myſtifikation, eine ruſſiſche Schmuggelei.“. „Wie ſo?“ fragte der junge Mann mit dem größten Intereſſe. 3 „Nun,“ gab der Gefragte zur Antwort,„das Bild iſt von dem bekannten ruſſiſchen Maler Potowski, der aus 8 Gott weiß welcher Grille das Bild hier auf dieſer allge⸗ meinen deutſchen Kunſtausſtellung haben wollte und ihm 5 deßhalb eine deutſche Firma gab. Sie ſehen, unſere Namen ſind zu allem zu gebrauchen,“ ſetzte er bitter lachend hinzu. „Ja— ja— das ſehe ich,“ erwiderte der Frager, 3 dankte auf's höflichſte für die freundliche Auskunft und empfahl ſich alsdann mit einer tiefen Verbeugung. 3 Auf der Ausſtellung. 101 Dieſes Spiel hatte er mehrmals wiederholt, es erin⸗ nerten ſich ſpäter Leute zufällig daran, und dann verließ der junge Mann langſamen Schrittes das Ausſtellungs⸗ lokal. Unter der Thüre deſſelben wandte er ſich aber noch⸗ mals an den dort befindlichen Beamten und ſprach zu ihm auf die verbindlichſte und höflichſte Art von der Welt: „Könnten Sie mir nicht vielleicht ſagen, wo ich den Maler des Bildes Nr. 1004 wohl auffinden könnte?“ Der Beamte ſchob ſeine Brille feſter an die Augen, ſah einen Augenblick in ſein Buch und verſetzte darauf: „Nr. 1004— Tannhäuſer?“ „Richtig, Herr Maler Tannhäuſer. Dürfte ich Sie um ſeine Adreſſe bitten?“ 1 „Unmöglich, Tannhäuſer exiſtirt gar nicht.“ „Ah!— So? Maler Tannhäuſer exiſtirt alſo nicht?“ „Nein, es iſt nur ein pſeudonymer Name, das be⸗ treffende Bild iſt von Potowski gemalt.“ „Von Potowski!— Ich danke Ihnen.“ „Keine Urſache, gern geſchehen.“ Der junge Mann mit dem blonden Haar trat nun in das hohe herrliche Veſtibul, wo der gewaltige Spring⸗ brunnen ſeine reichen Waſſermaſſen bis an die Glasdecke ſpritzt und rings umher angenehme Kühle verbreitet. Er ſtarrte lange, lange nachdenklich darauf hin, und wenn man zuweilen ſah, wie ſich ſeine Züge plötzlich zu einem Lächeln verzogen, ſo hätte man glauben können, er finde ——————Q————— 102 Fünfzehntes Kapitel. 3 außerordentliches Wohlgefallen an dem ſpritzenden, quellen⸗ den, murmelnden und rauſchenden Waſſer. In Wahrheit aber ſah er nichts von der Fontaine im Kriſtallpalaſt zu⸗ München. Vor ſeinem inneren Auge ſtand in rieſenhaften 8 Dimenſionen das Bild Tannhäuſer⸗Potowski's. Das war hier dieſelbe Brunnenſchaale wie da, und an dieſer lehnten dieſelben Geſtalten, freilich hier etwas gigantiſch, in faſt erſchreckendem Maßſtabe. Waren doch die Kinder, die auch daneben ſtanden und von denen der Knabe aus der Hand des Mädchens trank, ſchon von erſchreckender Größe. Was aber das Eigenthümlichſte war, ſo ſtill und unbeweglich die Figuren hier auch ſtanden, ſo vernahm man doch durch das Rauſchen und Sprudeln des Springbrunnens hindurch, daß ſie mit einander ſprachen. Und was ſie redeten, er⸗ füllte den Zuhörer mit Entſetzen. „Der Tannhäuſer,“ ſagte die Eine,„exiſtirt gar nicht.“ „So iſt er todt?“ fragte die Andere. „O nein.“ „Alſo lebt er?“ „Er lebt auch nicht; man hat ihm ſeinen Namen ge⸗ 3 nommen und ſo ward er etwas Weſenloſes.“ „Wo willſt du ihn finden?“ „Nirgends, da er nicht exiſtirt.“ „Ah ja, da er nicht exiſtirt!“ Er mußte ſich haſtig abwenden, um das geſpenſterhafte 3 Auf der Ausſtellung. 103 Bild nicht mehr zu ſehen, um nicht weiter zu hören. Und doch vernahm man noch, wie jetzt der murmelnde Springbrunnen das Wort nahm und ſagte:„Dummes Zeug! Dummes Zeug! Das iſt gar nicht der Tannhäuſer, nämlich nicht der Potowski⸗Tannhäuſer, ſondern jener alte Tannhäuſer— — ein Ritter gut, Wollt' Lieb' und Luſt gewinnen, Da zog er in den Venusberg, Blieb ſieben Jahre drinnen.“ „Alle tauſend Jahre,“ ſo murmelte das geſchwätzige Waſſer weiter,„darf er einmal auf eine Zeit lang auf die Oberfläche der Erde und den Verſuch machen, ob ſein Stecken nicht grünen will. Wir wiſſen das ganz genau. Ich habe es von meiner Großmutter, welche eine uralte Quelle war und da hinten herum im Thüring'ſchen ſehr ſolide Verbindungen hatte.— Glaubt mir nur, ein Maler Tannhäuſer exiſtirt gar nicht, gewiß nicht, gewiß nicht.“ Der junge Mann ging davon, ohne ſeinen Stock ein⸗ zulöſen, der heute noch in den Händen jenes hübſchen Mädchens ſein muß, welche am Eingange ſaß und für Regenſchirme und dergleichen langweilige Utenſilien Marken ausgab. Er hätte auch ſeinen Hut dagelaſſen, wenn er ihn nicht zufällig auf dem Kopfe gehabt hätte. Er wandelte ſchwankend wie im Traume, und als er am Ausgange 104 Fünfzehntes Kapitel. ſtand, ſchien er es gar nicht zu ſehen, daß eine elegante Equipage, die rechts im Schatten geſtanden, raſch vorfuhr und daß ein Bedienter in Livree den Schlag öffnete. Er ſtieg die Treppen hinab, ſtarr vor ſich hinblickend, umging den Wagen und den Livreebedienten, der ihm im höchſten Erſtaunen, mit offenem Munde nachblickte und dann zum Kutſcher ſagte, während er mit der Hand ſeine Stirn berührte:„Haſt du das geſehen, Andreas? Nun, da iſt es mit der klaren Vernunft zu Ende oder ich will ſelbſt ein Eſel ſein. Was thu' ich? Lauf, ich ihm nach?“ „Wie dir beliebt,“ entgegnete der Mann auf dem Bocke. „Ich fahre nach Hauſe. Hätte den Teufel davon, noch länger hier in der Mittagshitze auszuhalten.“ „Und ich wahrhaftig auch,“ meinte lachend der Andere. „Sagen wir, er hätte uns nach Hauſe geſchickt.— Ueber⸗ haupt habe ich das ſatt.“ „Ich auch, mich ſoll der Teufel holen!“ Damit rollte der Wagen davon. 3 Der aber, dem dieſe Reden galten, eilte doch trotz der glühenden Mittagshitze, die er abſichklich aufzuſuchen ſchien, denn wo ſich auch in ſeinem Wege Schatten zeigte, da be⸗ nutzte er ihn nicht, oder ſchien ihn gar nicht zu bemerken. Von Zeit zu Zeit murmelte er vor ſich hin:„Es iſt ſchrecklich, daß man mir meinen Namen genommen, daß ich, der ein großer Künſtler zu ſein glaubte, nun gar nicht einmal exiſtire. Und noch ſchlimmer würde es ſein, wenn Auf der Ausſtellung. ich wirklich jener alte Tannhäuſer wäre, dem es erlaubt iſt, nur alle tauſend Jahre für kurze Zeit auf dieſer ſchönen Erde zu wandeln, und wenn ich wieder tief hinab müßte unter die dumpfige Erde, wo man kaum athmen kann, wo es ſo beklemmend heiß und ſchwül iſt! Nein, nein, nein, nein! Dorthin will ich nicht, ich will in den Wald hinaus, unter den friſchen, grünen Bäumen am kühlen Quell ausruhen.— Ah, wie das Waſſer erfriſcht! und ich kann das brauchen, denn mich dürſtet gewaltig.— Ja ausruhen, bis es Abend wird, Abend ſo ſchattig und kühl, dann werde ich hinſchleichen an das Haus mit der Veranda und verſteckt warten, bis ſie die leuchtende Lampe auf den Tiſch ſtellt, bis ſie mit ihrer lieben Stimme ſagt: felicis- sima notte!— Ein Zauberſpruch, dem alle böſen Geiſter weichen müſſen, der mich glücklich machen wird, o ſo ſehr gllücklich! „Aber bis dahin iſt es noch weit,“ ſagte er trotz der dite erſchauernd,„ſehr weit.— Wie dehnt ſich vor mir der Weg aus, voll Sonnenglut und Staub. Aber nein, nein, das iſt kein Staub mehr, das iſt der Dunſt und Qualm aus dem Berg. Wehe, wehe, ſie haben mich wieder, ſie feſſeln mich wieder, ſie halten mich feſt! Leb' wohl, Waldespracht! Leb' wohl, Franceska!— Aber ich will nicht; ſie ſollen mich nicht mit Gewalt hinabziehen, o nicht mit Gewalt!“ bat er flehend.—„Was nützt mich auch die Gewalt? Mit Gewalt kann ich nicht entkommen; 106 Fünfzehntes Kapitel. ich muß freundlich mit ihr ſein, ich muß ſie bitten, daß ſie mich in Güte ziehen läßt.— „Frau Venus, meine ſchöne Frau, Von ſüßem Wein und Küſſen 4 Iſt meine Seele geworden krank; Ich ſchmachte nach Bitterniſſen.— „Frau Venus, meine ſchöne Frau, Leb' wohl, mein holdes Leben; Ich will nicht länger bleiben bei dir, Du ſollſt mir Urlaub geben.“ Sechzehntes Kapitel. Das Wunder. Am Starenberger See, nicht weit von München, liegt am Fuße reizender Waldhöhen das Dörſchen Leoni, unſtreitig einer der maleriſchſten und ſchönſten Aufenthaltsorte für die Sommer⸗ und Herbſtmonate. Früher war es einiger⸗ maßen langweilig, von der Reſidenz zu Wagen nach den Ufern des Sees zu fahren; heute aber, wo uns die dam⸗ pfende Lokomotive über Thäler hinweg, durch Berge hin⸗ durch in einer Stunde dorthin führt, iſt dieſe Tour zu einer kleinen und ſelbſt angenehmen Spazierfahrt geworden. Wie prachtvoll iſt der Anblick der klaren und grünen Waſſer⸗ fläche mit ihren ſchönen Ufern, wenn wir aus den dunklen Wäldern der Mühlthalhöhen an den Rand des Thalbeckens hinabfahren. Wie liegt der herrliche See an einem ſchönen Tage ſo friſch, ſo einladend vor unſern Blicken da, wenn 108 3 Sechzehntes Kapitel. kein Windzug die glatte, grüne Fläche kräuſelt, wenn die reizend geſchwungenen Ufer mit ihren Dörfchen, ihren vielen Schlöſſern und Villen ein reiches Band um das Waſſer ſchlingend, ſo klar und deutlich ausſchauen; nur dort hinten weit ein wenig im bläulichen Dufte verſchwimmend, wo jenſeits des Vorlandes die ewigen Alpen ſo mächtig unſere Blicke anziehen. Fühlen wir uns doch faſt überwältigt von der Schön⸗ heit dieſes Sees, können uns eines gewiſſen eigenthümlichen Gefühles nicht erwehren, das uns überſchleicht, wenn wir im leichten Boote über die weite Waſſerfläche ſchwimmen, — eines Gefühles, welches uns ſagt: ſo ſchön das Rund⸗ gemälde iſt, das ſich hier vor uns aufgethan, ſo wird es doch noch viel angenehmer, noch viel traulicher und behag⸗ licher ſein, wenn wir da oder dort am Fenſter eines der kleinen Häuſer lehnen, hinausſchauend auf das ſpiegelnde Waſſer, oder wenn wir uns hinlagern könnten dort unter jenes Gebüſch, unter jene Bäume, um zwiſchen deren Stäm⸗ men das Waſſer des Sees langſam und Peerlih ans Mier treiben zu ſehen. 3 Geduld! Dort ſehen wir ſchon das zierliche gönigs⸗ ſchlößchen Berg; langſam ſchiebt ſich jetzt hinter ihm die Waldhöhe hervor und an ihren Fuß geſchmiegt, dicht an der Waſſerfläche liegt Leoni, an ſich ein unbedeutendes Dörſchen, aber umgeben von kleinen allerliebſten Villen, die ſich mit der hällen Farbe ihrer Hüuier zwiſchen dem ſel 5 2 Das Wunder. Grün wie eine Guirlande am Ufer hinziehen. O es ſind das hier kleine reizende Häuſer, wie gemacht in der an⸗ genehmſten Geſellſchaft, umgeben von friſchem Grün am kühlenden See, ein paar Sommermonate zu verträumen. Wie hübſch ſind die kleinen Gärten, die ſich vor jeder dieſer einzeln liegenden Wohnungen befinden, nur durch einen ſchmalen Weg vom See ſelber getrennt, in dem ſich Bad⸗ häuschen befinden, wo jede der Villen ihren Ankergrund hat, einen Hafen von Pfahlwerk, in welchem der leichte Nachen auf der klaren, tiefgrünen Flut ſchaukelt. Und hinter den Wohnungen erhebt ſich langſam anſteigend die Höhe. Da ſieht man hübſche Parkanlagen, wo ſich unter rieſenhaften Bäumen Ruheplätze befinden, die wir tagtäglich nacheinander beſuchen, denn ſowie wir höher ſteigen, er⸗ weitert ſich unſer Horizont und immer größer, immer wei⸗ ter, immer gewaltiger und ſchöner wird die Ausſicht, die wir über den See genießen. Hier in Leoni, und zwar in dem Hauſe dort am Lan⸗ dungsplatz— es hat eine hellgelbe Farbe mit grünen Läden und liegt ſo heimlich verſteckt— wohnte jener junge Mann, den man vor kurzem, als er von einer ſchweren Krankheit kaum hergeſtellt war, hieher gebracht hatte, damit er hier in der wunderbaren Einſamkeit des Sees, in dieſer herrlichen Natur ſeine völlige Geneſung finde. Denn daß er noch ſehr leidend war, das konnte jeder ſehen, der ihn auch nur vorübergehend und flüchtig betrachtete. Sein Ge 110 Sechzehntes Kapitel. ſicht war bleich, eingefallen und ſah noch hagerer aus durch den dichten Bart, der ſein Kinn beſchattete. Auch hatten die tiefliegenden Augen einen ſeltſamen ſcheuen und unheim⸗ lichen Ausdruck; es war gerade ſo, als hätte die Glut des Fiebers, die ihn darniedergeworfen, dort einen unheimlichen Glanz zurückgelaſſen.— Man bedauerte ihn herzlich, wenn er jeden Morgen vorüberſchritt, etwas vornüber. gebeugt, nie aufblickend, wobei er jedoch alles bemerkte, was ihm begegnete. Denn man ſah das an der verbindlichen Art, mit der er ſeinen Hut zog und für einen halben Gruß, ja ſogar für einen freundlichen Blick dankte. Der Kranke war einfach, aber ſehr anſtändig gekleidet und erſchien immer in Begleitung eines vielleicht vierzehnjährigen Knaben, der eine Zeichenmappe trug, ſowie einen Malerſtuhl. Regelmäßig an jedem Morgen, wenn es das Wetter nur einigermaßen erlaubte, ſah man Beide die Waldhöhe hinan ſteigen, dort oben lagerte ſich der junge Mann ins 3 Grün, blickte auf den See hinaus, nach den fernen Alpen himn und träumte. So ſchien es denen, welche zufällig vor⸗ 3 über kamen und ihn dort oben bemerkten. Zuweilen legge er auch die Zeichenmappe aufgeſchlagen auf ſeine Knie, zog einen Bleiſtift hervor und fing an, einige Striche zu machen. Dooch ſchüttelte er nach den erſten Verſuchen den Kopf und ſagte:„Es geht noch nicht; ich ſollte es gar nicht probiren. Weiß ich doch genau, daß ich in Geduld abwarten muß, bis das roße Wunder geſ iüjeßt Mht das mit dem 5 ——— Das Wunder. 3 111 Stocke,“ fuhr er mit einer wegwerfenden Handbewegung fort,„das iſt unmöglich; ich habe es dir ſchon oft geſagt. Der Stab, der einmal vertrocknet, kann nicht mehr Knoſpen und Blätter treiben, das merken wir ja an uns ſelber. Aber,“ ſetzte er dann mit leiſer Stimme hinzu,„meine Eriſtenz können ſie mir wiedergeben. Doch nehme ich ſie nur an in feierlichem Aufzuge, vor allem Volke, eine förm⸗ liche und großartige Ehrenerklärung.— Schau auf den Weg hinab, ob du ihn noch nicht kommen ſiehſt, den Reiter auf weißem Roß. Aber die Bügel müſſen golden ſein und Zaumzeug und Decke purpurfarben, reich mit Cdelſteinen geſtickt.— Geh, ſag ich dir, geh!“ Der kluge Knabe, an den dies Verlangen ſchon oft ge⸗ 4 ſtellt worden war, erhob ſich willfährig, ging ein paar Schritte in den Wald hinein, von wo er den geſchlungenen Weg überſehen konnte, der auf die Höhe führte, und blieb dort hinabblickend ſtehen. „Du ſiehſt noch nichts?“ fragte der junge Mann. „Nur ein paar Fußgänger.“ „Bah, es werden keine Fußgänger ſein,“ erwiderte der Andere verächtlich.„Wenn du nicht das Haar des weißen Roſſes leuchten ſiehſt, ſo komm nur zurück und ſchaue lieber auf den See hinaus. Ueberhaupt ſagt mir eine innere Stimme, daß ſie eher noch über die grünen Fluten zu mir kommen werden. Ich halte das, beim Himmel! für wahr⸗ ſeinlicher. Und wenn ich es mir recht überlege, ſo er⸗ 112 Sechzehntes Kapitel. ſcheint auch ein ſolcher Aufzug großartiger, majeſtätiſcher, des vorhabenden Zweckes würdiger. Schau über den See, ich bitte dich darum.“ Darauf ging der geduldige Knabe etwas vorwärts, auf die Lichtung zu, von wo man die Waſſerfläche beſſer über⸗ ſehen konnte, hielt die Hand über die Augen und ſprach nach einigen Minuten in munterem Tone:„Ich kann noch nicht beſtimmt ſagen, ob ich etwas ſehe. Es liegt ein un⸗ endlicher Glanz auf dem Waſſer.“ „Ah, es liegt Glanz auf dem Waſſer, das gibt mir einige Hoffnung. Schau ſchärfer hin, ob du nicht die gol⸗ denen, vielruderigen Galeeren erblicken kannſt. Sie führen bunte Wimpel am Maſt, und rechts und links an den Wänden ſitzen weißgekleidete Knaben harfenſpielend. Auch ſind Anker und Tauwerk von reinem Golde. Siehſt du nichts dergleichen?“ „Leider nein,“ gab ihm der Knabe zur Antwort;„es war das Licht der Sonne, welches jenen Glanz aufs Waſ⸗ ſer warf.“ 3 18— „Und du hörſt auch nichts? Keine rauſchende Muſik, keinen feierlichen Geſang?— Strenge dein Gehör an.“ „Es nützt alles nichts,“ erwiderte nach einer längeren Pauſe der Knabe kopfſchüttelnd.„Es iſt mit dem Sehen nicht viel, aber ich höre noch viel weniger etwas von dem, was ich hören ſollte.— Doch halt! Da erblice ich etwas.“ Das Wunder. 113 „In der That?“ rief der Andere erwartungsvoll.„Du ſiehſt etwas?“ „Aber doch nicht das Rechte. Es iſt nur das Dampf boot, welches über den See fährt.“ „Pfui, das Dampfboot!“ ſagte der junge Mann mit einem Ausdruck tiefer Verachtung auf den Zügen.„Ich wollte ihnen nicht gerathen haben, mir mit dem Dampf⸗ boot eine Deputation zu ſchicken.— Komm nur zurück, der Tag iſt noch nicht gekommen.“ Wenn auch der Begleiter des ſonderbaren Kranken zu verſchwiegen war, um etwas von dieſen Unterredungen zu erzählen, ſo war doch das menſchenſcheue, überhaupt ſelt⸗ ſame Benehmen des jungen Mannes zu auffallend, um nicht die Aufmerkſamkeit der Bewohner Leoni's, ſowie der anweſenden Fremden zu erregen und ſie zu begreiflichen Nachforſchungen zu veranlaſſen. Wer der Kranke war, konnte man übrigens nicht er⸗ fahren, daß er aber aus gutem Stande ſei, ſah man wohl aus ſeinem Benehmen, und daß er reich ſein mußte, zeigte die Art, wie er bei ſich eingerichtet war. Das Haus, wo⸗ er wohnte, war durch einen Agenten in München für ihn und ſeine Dienerſchaft gemiethet worden; letztere beſtand aaus zwei Bedienten, von denen einer mit Hülfe einer alten Magd, die man hier angenommen, das Hausweſen beſorgte, während der Andere die Stelle eines Kammerdieners bei dem Kranken verſah. Doch ſchien dieſer den jungen Mann Hackländer, Tannhänuſer. II. 8 114 Sechzehntes Kapitel. bei deſſen Spaziergängen nur bis an die Gartenthür be⸗ gleiten zu dürfen, hier wenigſtens blieb der Diener mit einer tiefen Verbeugung jedesmal ſtehen, während der An⸗ dere nach einem leichten Gruße mit der Hand weiter ging. Im Stalle der Villa befand ſich ein Pony zum Dienſte des Kranken, den dieſer aber nur ein paarmal benutzt hatte. Ihm machte es viel mehr Vergnügen, mit ſeinem kleinen Begleiter an den Abhängen des Waldgebirges umher zu ſteigen, wo dann häufig die oben beſchriebene Scene aufge⸗ führt wurde und von wo dann Nachmittags beide, die Hüte mit grünen Zweigen und Waldblumen bekränzt, nach Hauſe zurückkehrten. Zuweilen erhielt der Kranke Beſuch von einem ältern Herrn, einem Arzte, wie die Leute ſagten, der in Beglei⸗ tung einer ſchönen und ſehr eleganten Dame mit dem Dampf⸗ boote nach Leoni kam. Die Dame aber ging nie in das Haus, wo der Kranke wohnte, ſondern ſie erſtieg die Höhe und blickte von oben in den Garten der kleinen Villa, wo dieſer alsdann mit dem ältern Herrn hin und her ſchritt. Wenn ſie zurückkehrte, hatte ſie ihren Schleier niedergelaſſen, hielt auch wohl das Taſchentuch an ihren Mund und war⸗ tete am Landungsplatze des Dampfbvotes auf den Arzt, dem ſie, ſobald er erſchien, haſtig einige Schritte entgegen ging.— Das hatten die Leute oft genug geſehen und auch 3 bemerkt, wie alsdann der alte Herr auf die Frage der dame. die Achſeln zuckte, ja Einer, der ihnen zufällig begegnete, „ Das Wunder. 115 wollte gehört haben, wie jener ſagte:„er hat für nichts Gedächtniß und Sinn als für das Wunder, von dem wir ſchon oft gehört, daß er es erwartet und das ihm, wie er ſagt, ſeine Exiſtenz wiedergeben ſoll.“ So verging der Sommer und trübe Tage wechſelten ab mit klaren, Regenwolken mit blauem Himmel, und als der Herbſt kam, färbten ſich die Laubmaſſen am Ufer des Sees mit all der Pracht, die ſie nur einmal zeigen, ehe ihnen des Winters rauhe Hand die bunten Gewänder abſtreift, ſo daß ſie alsdann troſtlos daſtehen, jammernd die nackten Arme gen Himmel ſtreckend. Dazu kamen Tage in einer Klarheit und Friſche, und wieder in der Ferne mit jenem wunder⸗ baren Dufte, wie das alles nur der Herbſt aufzuweiſen hat. Da lugte am frühen Morgen die Sonne ſo freundlich blin⸗ zelnd über die Bergeshöhen, als wollte ſie ſagen: wartet nur, heute ſollt ihr einmal einen ſchönen Tag habenier worauf die nächtlichen Nebel, die ſich ſchon ſtolz und hoch⸗ müthig emporrichten wollten, ſich ſchnell und tief niederduck⸗ ten, es nicht einmal mehr wagten, auch nur ſchüchtern an den Himmel emporzuſchauen, ſondern ſich eilig in langen weißen Streifen verzogen um die Ecken der Berge in die tiefen Schluchten hinein oder langgeſtreckt niederfielen auf die grünen Wieſen, um dort, gute Miene zum böſen Spiele machend, gleich darauf als lächelnde Thautropfen zu erſchei⸗ nen. Dann küßte die Sonne den blanken See, und dieſer lachte und ſchmunzelte ſo gemüthlich und that ſo wohlwol⸗ 116 Sechzehntes Kapitel. 4* lend mit ſeiner Umgebung, daß weiter hinten Himmel und Waſſer ordentlich in einander zu verſchwimmen ſchienen. An einem ſolchen Tage machten die Beiden, von denen wir vorhin geſprochen, abermals ihren Spaziergang auf die 4 Waldhöhe hinauf. Obgleich es weder Sonntag noch Feier⸗ tag war, ſo erſchienen doch die ihnen begegnenden Fremden und die Leute aus den Dörfchen ſonntäglich und feſtlich ge⸗ putzt. Ja noch mehr: an der Landungsbrücke, wo das Dampfboot gewöhnlich anlegte, ſah man Flaggenſtangen mit bunten Wimpeln, und das alte Geländer ſelbſt lächelte freundlich unter friſchen Guirlanden von Eichenlaub. Der Kranke ſchien nichts von dieſen Vorbereitungen zu ſehen; er zog wie gewöhnlich ſeinen Hut ab, häufig und tief, doch ſchien es ihm vollkommen gleichgültig, wem er eine ſolche Artigkeit erzeigte. Er hielt den Blick auf den Boden geſenkt und ging, ſo lange er ſich in der Nähe der Wohnungen befand, mit einer gewiſſen Eile, die ſich erſt ver⸗ minderte, ſowie er Dorf und Häuſer hinter ſich ließ und im Schatten des Waldes aufwärts ſtieg. Dann hob er auch den Kopf empor, dann ſchien er freier zu athmen, dann klärten ſich ſeine finſtern Züge ſichtlich auf.. „Heute wollen wir wieder einmal den Verſuch machen, 3 eine ganz immenſe Zeichnung zu entwerfen. Ich fühle ſo ein Zucken in meiner rechten Hand, es iſt mir grade zu Muth, wie einem Baum im Frühjahr, der ausſchlagen wil. Fühlſt du nicht auch ſo was?“ Das Wunder. „Dergleichen gerade nicht,“ erwiderte ſein Begleiter; doch ſetzte er mit einem pfiffigen Lächeln hinzu:„es iſt mir ungefähr ſo wie jemand, der unverhofft zu einem Feiertag kommt.“ „Dieſe unverhofften Feiertage ſind die beſten,“ meinte der Andere.„Wenn wir uns auf etwas zum Voraus freuen und wiſſen, daß es ſo kommen muß, ſo beſchäftigt ſich unſere Phantaſie damit und baut es herrlich und groß aus, daß es uns dann meiſtens klein und unbedeutend vor⸗ kommt, wenn es nach langem Warten endlich erſcheint.— Etwas Anderes iſt es,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „mit dem großen, übernatürlichen Wunder, das ich erwarte. Das kann man ſich nicht herrlich genug vorſtellen, und wenn du ſo glücklich ſein wirſt, es einmal in der Wirklich⸗ S⸗ keit zu ſehen, da freue ich mich ſchon zum Voraus, wie du vor Entzücken außer dir gerathen wirſt.“ Sie hatten ſich unter einem Baum niedergelaſſen, wäh⸗ rend der Kranke ſo ſprach und ſahen den Leuten zu, die heute beſonders zahlreich auf die Rottmannshöhe zogen. Von dort tönte es auch zuweilen wie einzelne Muſikklänge herüber, und wenn der Kranke das hörte, ſo ſagte er: „horch, wie der Wald ſo ſchön ſingt!“ Da aber immer mehr Leute an ihnen vorüber zogen, plaudernd, lachend und ſingend, und viele ſie neugierig betrachteten, ſo ſtand der junge Mann auf und ging zur linken Seite in den Wald hinein, ſtieg die Anhöhe hinan bis zu jenem Platz 117 118 Sechzehntes Kapitel. über Leoni, wo man das funkelnde Waſſer ſo gut über⸗ ſehen konnte. Hier ſetzte er ſich auf einen Stein nieder, lehnte ſich mit dem Rücken an einen Baumſtamm und ſah mit freu⸗ digen Blicken auf das wunderbare Panorama, welches ſich vor ihm ausbreitete. Da erſchien die glatte Fläche des Sees ohne Uebertreibung wie ein klarer grüner Spiegel. Und das war er auch für ſeine Ufer, denn die beſchauten ſich in ihm und ſahen ſich ſo deutlich wieder, daß jeder Fels am Rande, jeder Baum, jeder Strauch, jedes Häus⸗ chen ſich wieder erkennen mußte. Ueber die Erde ſpannte ſich der Himmel ſo tiefblau, ſo feierlich und ſtill, grade ſo, als erwarte er etwas ganz Abſonderliches, das ſich hier unten auf der Erde begeben müſſe. Und dieſe feierliche Stille des Himmels theilte ſich Land und Waſſer im Allge⸗ meinen mit, und auch wieder jedem Einzelnen: den Ufern, den Bäumen, den Häuſern und den darüber emporragenden Bergen. Alles ſtand da in dem milden klaren Sonnen⸗ 4 ſchein, ſo geſpannt, ſo erwartungsvoll. Und drüben jen⸗ ſeits des Vorlandes ſchienen ſich die ewigen Alpen ordent⸗ lich in die Höhe zu ſtrecken, um beſſer ſehen zu können, und waren ſo im duftigen Glanz des Morgens von der Spitze bis zum Fuße ohne Nebel, ohne Wolke in langer, mächtiger Reihe ſcharf umgrenzt dem Auge ſichtbar. Nur um das Haupt der Königin der baieriſchen Alpen, um die * Das Wunder. 2119 Zugſpitze, ſchwebte es wie ein leichter Duft, ein feiner, val 2 lender Schleier, den ſie wie zum Gruße flattern ließ. „Wenn heute der Mann auf dem Schimmel kommen wollte,“ ſagte der Kranke, nachdem er lange, lange in die wunderbare Gegend geblickt,„ſo würde es ihm unangenehm ſein, da unten auf dem Wege ſo viele neugierige Menſchen zu ſehen, und wenn ich mir die Sache recht überlege, ſo halte ich es auch für viel paſſender, daß ſie an mich kom⸗ men mit großem Gefolge über das Waſſer des Sees. Es würde ſich paſſender machen, auch angemeſſener des wich⸗ tigen Augenblicks. Tritt deßhalb ganz hinaus an den Rand und ſage mir, was du ſiehſt.“ Der Knabe that gehorſam, wie ihm befohlen war, und ſchlenderte, vielleicht zum hundertſtenmale, bis an den Ab⸗ hang der Waldeshöhe, wo er ſich ins Gras niederließ, um behaglicher von Zeit zu Zeit melden zu können, wie er ſchon oft gethan, daß er nichts ſehe. Er blickte auch kaum auf den See hinaus, ſondern ſtreckte ſich lang dahin, ſtützte den Kopf auf den Arm und ſchaute verkehrt auf die Landſchaf hinaus, derſelben ſo neue und fremde Formen abgewinnend. — Auf einmal aber fuhr er empor. Was ſah er dort hinten bei Starenberg? Das war nicht nur das Leuchten der Sonne auf dem Waſſer, da blitzte und ſtrahlte es durcheinander wie ganze Haufen von Gold und Edelſteinen. Da flatterten Fahnen in bunten Farben, da war es, als ſchwimmen Schiffe auf dem Waſſer in ſo eigenthünlicen. Sechzehntes Kapitel. phantaſtiſchen Formen, wie er ſie nie geſehen.— Kaum traute er ſeinem Blicke, er hatte ſich überraſcht aufgerichtet, er legte die Hand über die Augen, um ſchärfer zu ſehen, — ja er irrte nicht, es war keine Täuſchung geweſen; was er vorhin geſehen, verwandelte ſich nicht, floß nicht aus⸗ einander, ja es wurde deutlicher und imme utlicher. Der junge Mann, der unter dem Baume ſaß, rief ihm jetzt zu:„Schau über den See hin und ſage mir, ob du noch nichts ſiehſt. Es muß ein unendlicher Glanz auf dem Waſſer liegen.“ „Bei Gott, Herr,“ ſprach der Knabe eilig zurück, ve unendlicher Glanz und faſt noch mehr. Iſt es mir 3 wirklich, als ſähe ich das, von dem wir ſo oft geſprochen.“ Der Kranke hatte ſeine Hände übereinander gelegt und blickte mild lächelnd gen Himmel.„Endlich alſo?“ ſagte er leiſe. Dann nickte er mit dem Kopfe und ſprach laut: „Siehſt du vielleicht die goldene, vielruderige Galeere? Sie hat bunte Wimpel am Maſt, rechts und links an den Wän⸗ den ſitzen weiß gekleidete Knaben Harfen ſpiel⸗ lend, Anker und Laubwerk ſind von reinem Golde.— Siehſt du das?“ „So wahr mir Gott helfe,“ gab der Knabe in höchſter Ueberraſchung zur Antwort,„ich ſehe die goldenen Schiffe. Und nicht eins, ſondern zwei, drei, vier, noch mehrere, und kleine Nachen ſchwimmen rings umher, ebenfalls verziert mit bunten und goldenen Fahnen.— Was ſoll das bedeu⸗ ten, Herr?“ ſetzte er faſt beſtürzt hinzu. Das Wunder. 121 „Die Bedeutung habe ich dir ſchon oft klar gemacht,“ entgegnete der Andere mit freudeſtrahlendem Antlitz, indem er ſich raſch erhob und dann eilig herankommend mit zit⸗ ternder Stimme ſprach:„Aber ſo ſchnell hätte ich das Wunder doch nicht erwartet.“ „Es iſt wahrhaftig wie ein Wunder,“ meinte hinblickend der Knabe.„So was habe ich noch nie geſehen.“ „Du nicht und viele Menſchen nicht, es auch viele nach dir werden nicht wieder ſehen.“ So murmelte der junge Mann entzückt, da er am Abhange ſtand und hinausblickte auf den See, und die gefalteten Hände hoch emporhob an ſeine Bruſt.„Das iſt auch keine Kleinigkeit, mein Knabe,“ fuhr er nach längerem Stillſchweigen fort;„das ſind keine gewöhnlichen Menſchen, die da unten, die ſind von Gott beſonders begabt,— es ſind Künſtler. Und ſie kommen mir zu ſagen, daß ich wieder einer der Ihrigen ſein ſolle. Hörſt du die Klänge ihrer frohen Lieder? Hörſt du ihre rauſchende Muſik? Siehſt du, wie das alles in Gold und Farben ſtrahlt?— Hole mir mein Buch,“ ſetzte er haſtig hinzu,„dort unter dem Baume liegt's. Ich fühle, wie ſchon bei dem Anblick der Geiſt wieder über mich kommt. Dies gewaltige und doch wieder ſo reizende Bild da unten — er ſtreckte beide Hände darüber aus— muß feſtgehal⸗ ten werden für ewige Zeiten! So, wie ich, wird das kein ſterbliches Auge wiederſchauen.— Hole mein Buch.“ Während der Knabe zurückſprang, um es zu bringen, Sechzehntes Kapitel. ließ ſich der junge Mann auf einen Stein nieder und nahm alsdann das Heft aus den Händen ſeines Begleiters, ohne dabei ein Auge von dem See zu verwenden. Es konnte aober auch in der That nicht leicht etwas Herrlicheres geben als das Bild, welches ſich drunten auf der blaugrünen Seefläche zeigte, und welches um ſo ſchöner und glänzender wurde, je deutlicher es ſich durch Näherkommen entwickelte. Gab es ein Wunder, ſo war dieſes eins, denn Fahrzeuge von ſolcher Geſtalt und ſolcher Pracht konnten ſich wohl die älteſten Leute nicht erinnern, hier auf dem Waſſer ge⸗ ſehen zu haben. Es mochten wohl zwanzig verſchiedene Fahrzeuge ſein, alle von kräftigen Schiffern gerudert, eines von dem andern in gewiſſen Entfernungen daher kommend und ſo eine große Fläche bedeckend. Aber wenn man auch noch ſo ſcharf hinblickte, ſo bemerkte man nichts, was an die Form gewöhnlicher Schiffe erinnert: was da unten ſchwamm, waren bunte Bilder in Gold und Silber einge⸗ hüllt, ſo reich und ſchön geſtaltet, wie ſie Phantaſie und Poeſie nur erſinnen konnten. Alle andern Schiffe an Größe und Pracht der Aus⸗ ſtattung überragend ſchaute mitten aus ihnen der Bucentaur der Flotille hervor, ein ziemlich treues Nachbild des berühm⸗ ten venetianiſchen Muſters, welches der Doge betrat, wenn er ſich dem Meere vermählte. Hier wie dort Gold auf allen Seiten, welches die Sonnenſtrahlen ins Unendliche reflektir⸗ ten; Purpurſchmuck und vergoldete Schnitzereien deckten Das Wunder. 123 ſeine Wände, bunte Decken und langgefranste Teppiche, von den Seiten und im Hintertheile herabhängend, ſchleppe ten ſtolz im Waſſer nach. Fahnen und Wimpel aller Art S. flatterten vom Maſt und wehten vom goldenen Baldachin, 5 der über dem Schiffe ausgeſpannt war. Und in welch' reicher Geſtaltung umgaben die andern Fahrzeuge in ehr⸗ furchtsvoller Entfernung dies Hauptſchiff der königlichen Künſtler! Wie war auch von ihnen von der früheren Form nichts mehr zu entdecken, alles in blühenden und bunten Schmuck verwandelt! Guirlanden ſchlangen ſich als Takelage um die in Blumenſtäbe verwandelten Maſte; von deren Spitze flatterten lange, herabwallende Bänder; am Steuer wehten die Fahnen faſt aller Länder; über den kleinen Flaggen wiegten ſich oben ſtolz die Banner der Künſtler und Sängerzünfte. Dort war ein Blumenſchloß auf das Waſſer gezaubert; zierliches Holzgeflechte bildete ſeine Mauern, hundertfarbige Blüthen ſchlangen ſich durch die Gitter; hier ſtand ein Weihnachtsbaum in einem Schiffe, der Maſt war eine ſchlanke hohe Tanne, Blumenkränze ſchwebten, unten immer zierlicher ſich geſtaltend, von ihm nieder; da ſchwankte auf einem andern Maſte ein rieſiger Blumenkorb, dort hatte wieder ein anderer Kahn ſich ein Dach von lauter Flaggen und Fahnen zuſammengeſetzt. 3 So kam die Flotille in einem weiten Bogen daher, glänzend in ihren Formen, in ihrem Schmuck von Gold und Farben, ſtrahlend im hellſten Sonnenlichte und belebt 124 Sechzehntes Kapitel. durch die maleriſch gruppirten Geſtalten, welche ihren Raum erfüllten und worunter beſonders hervorleuchteten die hellen Gewänder der Frauen und Mädchen. Aber nicht bloß das Auge bonnte ſich ergötzen an dieſen herrlichen Gebilden, ſondern auch das Ohr lauſchte entzückt den Klängen hei⸗ terer Lieder, die von Inſtrumenten und menſchlichen Stim⸗ men ausgeführt ſo klar und deutlich über das Waſſer herüberflogen. Wie ſchienen aber auch die Ufer aufzu⸗ horchen! Wie ſtanden ſie mit Grün und Fahnen feſtlich geſchmückt da, die reizenden Uferlandſchaften; wie hatten ſie ſich in bunte Farben gehüllt, all' die Villen und Dörfer rings umher, wie oft und luſtig ſandten ſie krachende Blllerſchüſſe zu den geſchmückten Schiffen hinüber! Alles, was das Auge erfaſſen konnte, warf der junge Mann mit einer eigenthümlichen Haſt auf das Papier nie⸗ der, und ſein Begleiter, der ihm nach einiger Zeit über die Schultern ſchaute, fuhr faſt zurück, als er ein getreues Bild des Wunders da unten jetzt hier mit kühnen und ſcharfen Strichen auf dem Papier erblickte. Das war erſt das rechte Wunder, denn der Knabe erinnerte ſich wohl, wie oft der Kranke den Bleiſtift auf das Papier geſetzt, wie oft er träumend Stunden lang geſeſſen, um alsdann tiefer aufſeufzend ſeine fieberhaft erglühende Stirn mit ſeiner linken Hand zu bedecken, wenn es ihm nicht gelang, das was ſeinen Geiſt bewegte, in künſtleriſchen Strichen auf dem Papiere feſtzuhalten. Und es war ihm das ja nie Das Wunder. 125 gelungen. Er hatte dann trübe lächelnd zuletzt ſein Haupt geſchüttelt und geſagt:„Es geht noch nicht; ich muß auf das Wunder warten.“— Und wie herrlich hatte ſich das nun auf einmal gezeigt! Da drunten auf dem See in fabelhafter Geſtaltung, hier oben an dem herrlichen Werk des jungen Mannes, das ſich mit jedem Striche ſchöner und deutlicher dem Auge darſtellte. Da hielt der Maler einen Augenblick in ſeiner Arbeit ein, horchte und machte ſeinem Begleiter ein Zeichen mit der Hand, er ſolle ſich hüten, die tiefe, feierliche Stille, welche nun mit einemmale rings umher herrſchte, auch nur durch den geringſten Laut zu unterbrechen. Drunten auf den Fahrzeugen ſchwieg die Muſik, man hörte nicht mehr das Rauſchen der Ruder, denn dieſe waren mit einemmale eingezogen worden und alle Schiffe lagen ſtill, alles in denſelben war ſchweigend und erwartungsvoll,—„Das iſt der Tag des Herrn!“ ſtimmte der Sängerchor an. Und in richtiger Stimmung ſchienen die Wellen zuzulau⸗ ſchen, ſchien der Himmel andächtig herabzublicken, ſtanden rings in der Weite die geſchmückten Häuſer und Villen wie fromme Zuhörer in der ungeheuren Kirche, die rings umher aufgebaut war.— „Das iſt der Tag des Herrn. Der Himmel nah und fern, Er iſt ſo klar und feierlich, So ganz, als wollt' er öffnen ſich. Das iſt der Tag des Herrn.“ 126 Sechzehntes Kapitel. Der Knabe oben am Rande der Waldeshöhe war auf die Knie niedergeſunken, mitfühlend, was die da unten beteten, und der Kranke hatte den Bleiſtift fallen laſſen, hatte ſein Haupt tief herabgeſenkt und in beiden Händen verborgen, lange, lange— lange nachdem der Geſang drunten aufgehört hatte und die Schiffe ſich wieder in Be⸗ wegung geſetzt. Es war ihm ſo wohl, ſo ſelig, auf einmal wieder ſo glücklich zu Muth. Er glaubte, es ſei eine Kette geſprungen, die ſeinen Nacken belaſtet, ſeine Bruſt zuſam⸗ mengeſchnürt; aus ſeinen Augen tropften Thränen herab unaufhaltſam, und er machte auch keinen Verſuch, ſie auf⸗ zuhalten, denn es erregte ihn ein unendlich wohlthuendes Gefühl, nach langer Zeit wieder einmal weinen zu können, Thränen der Freude, Thränen des Glücks. Wie ſchwand mit jedem der rollenden Tropfen ein finſterer Schatten aus ſeinem Herzen, wie war es, als öffnete ſich ordentlich ſein Inneres, als gewännen jetzt erſt ſeine Sinne wieder Kraft und Leben, um in ſich aufzunehmen das reiche, blendende Bild der gewaltigen Natur rings umher. Wie glänzten ſeine Augen nach den rinnenden Thränen, wie freudig zuckte ſein Mund; ja es war, als könne es die Ungeduld, die ihn beſeelte, nicht länger ſitzend aushalten, denn er ſprang raſch in die Höhe, ſchwang ſeinen Hut hoch über dem Kopfe und jubelte laut und fröhlich zum See und zu den geſchmückten Schiffen hinab. 1 „Und was iſt denn das alles, Herr?“ fragte der Das Wunder. 127 Knabe, der beſorgt dem ſo außergewöhnlichen Thun des ſonſt ſo ſtillen Mannes zuſchaute.„Iſt es denn wirklich ein Wunder?“ Worauf ihm dieſer mit Begeiſterung erwiederte:„Ja, es iſt allerdings ein Wunder, was ſich da unten begeben, ein vielverſprechendes Wunder. Die deutſchen Künſtler aus allen Theilen des großen ſchönen Vaterlandes haben einen gewaltigen Schritt vorwärts gethan zur Einigung, indem ſie gefunden und deutlich gezeigt, daß es wohl viele große und kleine Akademien und Malerſchulen gibt, aber nur Eine deutſche Schule, nur eine deutſche Kunſt, hoch und herrlich, wie alles, was im ſchönen Heimatlande durch feſtes Zuſammenhalten glänzend hervortritt.“ Er fuhr mit der Hand über die Augen und auf ſeinem bleichen Geſicht zeigte ſich ein müdes Lächeln.„Es hat mich das angegriffen,“ ſagte er;„ich will mich wieder dahinſtrecken ins grüne Gras, träumend an den Himmel emporblicken und ausruhen.“ „Wollen wir nicht lieber nach Hauſe gehen?“ fragte mit beſorgter Stimme der Knabe, denn die ungewöhnliche Aufregung des Kranken erſchien ihm bedenklich. „Nach Hauſe?“ verſetzte dieſer jedoch mit finſterer Miene, wobei er heftig mit dem Kopf ſchüttelte.„Wo iſt mein Haus? Doch nicht da unten, wo ich lange Zeit in dumpfigen Zimmern gelebt und immerfort denſelben beäng⸗ ſtigenden Traum geträumt?— Nein, nein!“ fuhr er 128 4 Sechzehntes Kapitel. haſtiger fort,„weißt du, wo mein Haus iſt und wohin es mich ſo gewaltig zieht?— Blicke dorthin. Siehſt du die Zugvögel nach Süden eilen? Die zeigen mir den Weg, ihnen will ich nach, um dem kalten, froſtigen Winter zu entgehen, der mich ſo lange, ſo hartnäckig zurückhielt, und um— ſie wiederzufinden,— das ſprach er mit leiſer Stimme— in einem ewigen, unwandelbaren Frühling.— Nicht in ihre Arme will ich eilen,“ murmelte er;„o nein, nein! auf der Schwelle ihrer Wohnung niederknien werde ich und ſie anflehen, daß eine Bitte ihrer reinen Seele mir Vergebung verſchaffe hier und dort. Aber jetzt laß mich ruhen, laß mich ſchlafen und wecke mich nicht eher, als bis ſich die Waldeshöhe drüben belebt durch Muſik und Geſang.“ Unterdeſſen hatten ſich die goldenen Schiffe unter den 3 feierlichen Klängen des Walhallaliedes dem Ufer genähert, legten ſich an die Landungsbrücken, und die luſtige Künſtler⸗ ſchaar, die heiteren Gäſte, ſchöne Frauen und Mädchen, alles durcheinander, hoch überflattert von den bunten Fah⸗ nen und Wimpeln, die vorangetragen wurden, in der prächtigſten Farbenmiſchung, betraten das Land und be⸗ 3 wegten ſich von da in einem langen, feierlichen Zuge zur Waldeshöhe hinauf. Lange noch ſah man ſie vom Ufer aus durch den grünen Wald hinaufziehen, lange noch be⸗ merkte man die leuchtenden und flatternden Fahnen, die Das Wunder. 129 hellen Gewänder, lange noch hörte man die Klänge der Muſik, luſtiges Plaudern und Lachen. Und wie war droben alles zu ihrem Empfange einge⸗ richtet! Wie ſchimmerte dort zwiſchen dem Baumdickicht hervor das weißliche Holz der Buden, der langen Tiſche und Bänke, die auf dem Moosteppiche aufgeſchlagen waren; wie flatter⸗ ten auch hier von den Bäumen, ſowie von aufgerichteten hohen Stangen Fahnen aller Farben; wie ſinnreich war auf einer Lichtung die mit Rieſenſtimmen umgeben war, der Tanzplatz errichtet, wo ſich die Jugend in luſtigem Reigen drehen ſollte. Er war eingefaßt mit aufgeſteckten Tafeln, auf denen ſinnige Sprüche ſtanden, ſowie mit den ver⸗ ſchiedenen Künſtlerwappen, welche bald hier, bald da an den Bäumen angebracht waren und mit ihren brillanten Farben ſo hell und angenehm von dem grünlichen Grau der alten Stämme abſtachen. Und welch luſtiges Leben zog wie ein friſcher Luftzug. über die unvergleichliche Rottmannshöhe. Wie wurde ge⸗ plaudert und gelacht, gejubelt und geſungen, getanzt und geſprungen! Wie freudig erklang das Klappern der zinner⸗ nen Krugdeckel nach einem Toaſt, der hie und da ausge⸗ bracht wurde; wie hörte man ein fröhliches Lied aus dem Dickicht erſchallen, um plötzlich wieder überſtimmt zu werden durch einen vollen Chorus, oder zerriſſen durch die plötzlich einſetzende Tanzmuſik. Da fanden ſich Bekannte zu Be⸗ 9 3 Hackländer, Tannhäuſer. II. 130 Sechzehntes Kapitel. kannten, die wielleicht zuſammen nach München gekommen, ſich dann in dem Strudel des gewaltigen Lebens verloren und heute erſt wieder ſahen; da traf man auf Freunde, die man hundert Meilen entfernt glaubte, und tauſchte einen herzlichen Händedruck, ein luſtiges:„Grüß Gott!“ mit Ge⸗ noſſen früherer Zeiten, die man Jahre lang nicht geſehen und die uns nach dieſem Zuſammenſtoß, auch jetzt wieder auf ihrer eigenthümlichen Bahn auf Jahre verſchwinden werden. Sei es drum, dieſe Verſammlungen deutſcher Künſtler werden ſich wiederholen und uns wieder mit dieſem und 8 jenem, in deſſen Nähe wir ſonſt nicht kommen würden, zu⸗ ſammenführen. Haben wir doch hier unter dem ſchattigen Laubdach ſitzend, aus Einem Kruge zuſammengetrunken, haben uns von vergangenen Tagen erzählt, nach dieſem und jenem gefragt, vielleicht auch nach dieſer und jener, haben uns gefreut, wenn wir erfuhren, daß es denen, an welchen unſer Herz immer noch ein bischen hängt, wohl und glücklich geht, oder haben nachdenklich die Achſeln ge⸗ zuckt, bei einem: geſtorben und verdorben.— Fahre hin!— Und auch du für heute. Dort ſehe ich andere luſtige Ge⸗ ſichter, die mich ſchon von weitem mit hoch erhobenen Händen freundlich grüßten.— Auch du hier?— Verſteht ſich, wie du ſiehſt.— Und dieſer und jener?— Auch; den findeſt du dort vorn an der Rednerbühne.— Ein Arm ſchiebt ſich in den unſrigen und wir ziehen nach dem —;y— —,— 1 Das Wunder. 2 133— und hat heute ſchon für uns alle gearbeitet. Ich ſage euch: eine wunderbare Anſicht vom See mit den Schiffen. Laß ſehen, Tannhäuſer.“ Und darauf gab der Tannhäuſer nicht ungern, wohl aber ängſtlich, ſein Zeichenheft her. Als die Andern die Anſicht vom See ſahen, die er gezeichnet mit der duftigen Fernſicht und dem bunten Gewimmel der Schiffe auf dem Waſſer, da nickte der Erſte, der hineingeblickt, ſchweigend mit dem Kopfe und nahm darauf ſein Maßkrügel, um dem Kunſtgenoſſen zuzutrinken. Dieſer ſaß zuerſt da ſtill in ſich verſunken, wie von einem tiefen Traume befangen. Er ſchaute mit ſo eigen⸗ thümlichen Blicken auf die lachenden und plaudernden Gruppen der ſchönen Frauen rings umher, er fand es ſo ſeltſam und doch wieder ſo hübſch, daß alle, auch die, welche einander völlig fremd waren, ein allgemeines Band der Freude umſchloß, daß man einem Unbekannten, deſſen ſtrahlende Blicke den unſrigen begegneten, freundlich zu⸗ winkte, daß man ſich erlaubte, einem friſchen, reizenden Mädchen, die dort ſaß, das volle Haar mit grünen Blättern bekränzt, grüßend zuzunicken, und daß ein ſolcher Gruß beſtens erwidert wurde. Das ganze Leben und Treiben rings um ihn her kam ihm ſo neu und doch wieder ſo be⸗ kannt vor; es klang in ihm wieder wie eine liebe, be⸗ kannte, längſt vergeſſene Melodie, die wir uns aus ein⸗ zelnen Klängen wieder zuſammenſetzen und die dann endlich Sechzehntes Kapitel. wieder ſo wohlthuend unſer Inneres durchrauſcht. Dabei wagte er es nicht, an die vergangene Zeit zurückzudenken; die lag hinter ihm wie ein wüſter, unerquicklicher Traum. Er ruhte wirklich am Abhange eines Berges mit wunder⸗ barer Ausſicht und blickte träumend auf Thal, Waſſer und Berg, die jetzt ſo unausſprechlich ſchön vom goldenen Strahl der ſinkenden Sonne beglänzt wurden, und wagte dabei nicht rückwärts zu ſchauen in dichte, dunſtige Wolkenmaſſen, die eine Vergangenheit umſchleierten, die hinter ihm trüb zuſammengeballt von zuckenden Blitzen zerriſſen ſich ge⸗ ſpenſtig drohend aufbäumten und ihn mit dumpfem Grollen und Murren vorwärts zu treiben ſchienen, nach Süden hin, wo ſein Himmel noch klar und rein war. Aber die Wolkenmaſſen, die er in ſeiner Phantaſie ſah, zogen auch in Wirklichkeit hinter den Waldeshöhen auf und ſtanden am ſpäten Nachmittage dieſes unvergeßlich ſchönen Tages als Gewitter hinter dem Peißenberg, ſo dem Feſte ein frühzeitigeres Ende machend, als vielleicht ſonſt der Fall geweſen wäre. 3 Die Schweizer, bei denen ſich Tannhäuſer niedergelaſſen, und die den ſtillen, beſcheidenen Kunſtgenoſſen bald lieb ge⸗ wonnen, wollten nicht mit der Künſtlerſchaar nach München 3 zurückkehren; ſie hatten unter ſich eine Fußtour verabredet, von der ſie ſich viel Schönes verſprachen. Der Tannhäuſer gab ſeinen Wunſch zu erkennen, ſich ihnen anſchließen zu dürfen, und als ſie ihm durch einen herzlichen Handſchlag . Das Wunder. 135 kund gaben, daß ſie ſeine Begleitung bis zum Fuße der großen Alpen, welche Italien von der Schweiz ſcheiden, und wo ſie daheim waren, gern annahmen, da zuckte es freudig durch ſein Inneres. Darauf zogen die munteren Schaaren, die droben getagt in Scherz und Ernſt auf der Rottmannshöhe, mit Sang und Klang wieder hinab nach dem Ufer des Sees; bald hatten ſich die Schiffe wieder gefüllt und mit einbrechender Dunkelheit ſchwamm die bunte Flotte wieder auf den jetzt tiefblauen Wellen. Der Himmel hatte ſich dort drüben immer finſterer bezogen und ſo das Tageslicht früher und gewaltſam verdrängt. Aber anderes Licht, anderer Glanz war nun an deſſen Stelle getreten. Zwiſchen den Blumen und Blüthen des Takelwerks erglühten an den Schiffen buntfarbige Lampen, Ballons entzündeten ſich, Fackeln lo⸗ derten auf; auf den Uferhöhen leuchteten Feuer, einzelne Landhäuſer ſtrahlten in bengaliſchem Lichte und am Himmel ſtritten das tiefdunkel verglühende Abendroth, das Wetter⸗ leuchten des immer näher ziehenden Gewitters und der die Wolken durchbrechende volle Schein des Mondes um die Herrſchaft des Lichtes in der einbrechenden Nacht. Wieder zogen die Klänge der Muſik, die Lieder der Sänger über das Waſſer hin; aber nicht mehr ſo ruhig, wie am Morgen trugen die Wellen die Schiffe; in immer lebendigerem Tanze ſchaukelten ſie auf dem Waſſer. Der See fühlte ſchon den Kampf der Nacht.— Sechzehntes Kapitel. Ueber den See ſchwamm ein kleines Boot unter kräf⸗ tigem Ruderſchlage. Es ſaßen vier Künſtler darin, die in Leoni von Freunden und Bekannten Abſchied genommen; drei von ihnen blickten rückwärts auf den immer dunkler werdenden See und auf das prachtvolle Schauſpiel der dorthin ziehenden Künſtlerflotte. Wie vielfarbige Sterne nahmen ſich die bunten feurigen Ballons an dem Maſt⸗ und Takelwerk aus; und dazwiſchen erſchienen die Pechpfannech anderer Schiffe wie dunkelglühende Meteore. Wunderbar ſchön war bei dieſen der grelle Widerſchein auf dem Waſ⸗ ſer, und überraſchend die Wirkung, wenn aus den Pech⸗ kränzen beim Schwanken der Schiffe lodernde Feuerklum⸗ pen in das aufſpritzende Waſſer ſielen. Gedämpft, aber doch noch deutlich trug der Wind die Klänge der rau⸗ ſchenden Muſik herüber, und die drei Künſtler ſangen die Worte dazu. Der vierte der jungen Leute ſaß an der Spitze des Bootes und blickte an den Himmel hinauf, der vor ihnen noch lichte Stellen zeigte, welche aber die heranziehenden Wolkenmaſſen ſchon mit ihren Nebelarmen zu umziehen drohten. Es war dort ein Hin⸗ und Herwogen, ein bald Klarer⸗, bald Dunklerwerden, ein Außblitzen einzel⸗ ner Sterne, die ſich auf dieſe Art bald zeigten, bald wieder verſchwanden. Nur einer dieſer leuchtenden Him⸗ melskörper blieb in hellerem, bläulichem Glanze, in un⸗ Das Wunder. getrübter Klarheit noch eine Zeit lang dort hinten über dem Horizonte ſtehen, und ihn kannte der Tannhäuſer nur zu gut und verhüllte ſchmerzlich berührt ſein Haupt, um dieſen Stern nicht mehr zu ſehen,— die hellleuch⸗ tende Venus. Siebenzehntes Kapitel. Pilgerfahrt. Bis Zürich war der Tannhäuſer mit den drei Schweizer Künſtlern gereist, mit denen, er vereint den Starenberger See am Abende des ſchönen Feſtes verlaſſen, und nachdem er ſich in der freundlichen Stadt noch ein paar Tage bei den Genoſſen aufgehalten, die ihn lieb gewannen und nur ungern ziehen ließen, nahm er ſeine Wanderung wieder auf und wandte ſich über den Züricher und Wallenſtädter See nach Chur, um von da über den Paß des Splügen nach Italien zu gelangen. Er hatte dieſen Weg, denſelben, den er vor ein paar Jahren in ganz anderer Geſellſchaft und unter anderen Verhältniſſen gewiſſermaßen glücklich, geſund, auch heiter und froh zurückgelegt, abſichtlich gewählt, um ſeinem Herzen durch die Erinnerung an jene Zeiten im Gegenſatz zu den heutigen wohl und wehe zu thun. Pilgerfahrt. 139 O dieſe Contraſte zeigten ſich ihm in allem, bei jedem Schritte. Damals war es Frühjahr, Blätter und Blumen beeilten ſich, geweckt vom Glanz einer milden Sonne, her⸗ vorzukommen, um die wieder erwachte Erde bereitwillig zu ſchmücken; eine klare, weiche Luft umſpielte die Wangen des Dahinwandelnden, zeigte den Himmel in tiefem Blau, die Schatten aber in warmen duftigen Tönen und ließ den entzückten Blick weit hinab in die Schluchten dringen und dort die klaren Wellen des herabſtürzenden Bergwaſſers durchſichtig erſcheinen, wie Bänder ſchimmernder Kriſtalle, edle Steine aller Art erzeugend in der luſtigen Beweglich⸗ keit des Waſſers, im Glanze des Sonnenlichtes. Und heute! Es war Herbſt geworden, und ein kaltes Regenwetter, das ſchon von Chur aus den Reiſenden be⸗ gleitete, ließ die Berge rechts und links von der Straße ſich verdrießlich in ihre Nebelkappen hüllen, färbte den Him⸗ mel ſchmutziggrau und drückte die Wolken tief auf die feiernde, naſſe Erde hinab. Windſtöße, die den Wanderer durch⸗ ſchauerten, ſtrichen unſanft über das verdorrende Gras und riſſen die verwelkten Blätter von den Bäumen. Finſter und unheimlich gähnte die Schlucht des Viamalapaſſes. Da waren verſchwunden, abgewiſcht alle die freundlichen Ver⸗ zierungen durch Blumen und Sonnenſchein, da konnte nichts auſkommen von den heiteren Phantaſieen, mit denen man ſonſt die Alpen erſteigt, um drüben das ſonnige Italien zu finden; da wurde die lebhafteſte Einbildungskran nieder⸗ 140 Siebenzehntes Kapitel. gedrückt von der rauhen und grauen Wirklichkeit; da ſauste der kalte Regen ſcharf und ſchneidend in die Schluchten hinein, und wo ſich auch die fallenden Tropfen zitternd ver⸗ bargen unter welkem Laub und herabhängendem Graſe, da 5 waren ſie nicht lange geduldet, denn Laub und Gras ſchüt⸗ telten unmuthig die naſſen Gäſte von ſich, und dann ſah man ſie trübſelig von den Felſen herabſickern durch lehmige Furchen an den Seitenwänden des Weges fließend ver⸗ ſchwinden. Tief drunten zu den Füßen der ſtarrenden Felſenmaſſen tobte und brauste weiß ſchäumend der hochge⸗ ſchwollene Rheinſtrom, und wenn er ſich donnernd über ſein Felſenlager wälzte, ſo ſchienen die qualmenden Nebel⸗ maſſen erſchreckt aufwärts zu fliehen und zogen ſich lang und geſpenſterhaft um die Berghäupter und in die Schluch⸗ ten hinein. Es drängte den Wanderer raſtlos vorwärts, er hoffte noch vor der ſinkenden Nacht das Dorf Splügen zu errei⸗ chen, deſſen freundliches Gaſthaus ihm noch von damals her in Erinnerung war und deſſen er jetzt lebhafter als je gedachte. Wer weiß aber, wann er dort angekommen wäre, wenn nicht ein mitleidiger Poſtillon, der ſeine vier Extra⸗ poſtpferde vor ein leichtes Wägelchen geſpannt, ihn aufge⸗ nommen hätte, ihm auch eine Decke gegeben, um die warme Hülle über ſeinen etwas gar zu leichten Paletot zu legen. — So fahren zu können, that ſeinen erſtarrten und er⸗ müdeten Gliedern wohl; auch erwärmte er ſich behaglich . * Pilgerfahrt. 143 erhalten, den er eigentlich nur um Gotteswillen auf der Straße aufgeleſen. .„Ich kann euch verſichern,“ ſagte er drunten in der Kutſcherſtube, nachdem er den triefenden Mantel abgelegt, „der hat mir ſo viel gegeben, daß er davon ganz gut die Poſt von Chur bis hier hätte bezahlen können. Es gibt doch ſonderbare Leute in der Welt.“ Daſſelbe dachte auch der Wirth in Splügen, nachdem ihm der Poſtillon über den Fremden geſprochen und er darauf denſelben, als er bei dem einfachen Nachteſſen ſaß, etwas genauer betrachtete. Das Aeußere des Gaſtes paßte ſo gar nicht zu einer Herbſtreiſe über die Alpen; der dünne Rock und Paletot, die feinen Stiefel und Handſchuhe und hiebei wieder die krankhafte Bläſſe des eingefallenen Ge⸗ ſichtes, der ſeltſame Glanz der Augen und ein leichter Huſten, der häufig zwiſchen den zuckenden Lippen hervor⸗ drang. Der Wirth des Splügen hatte freilich ſchon häufig genug ähnliche Geſtalten wie die des Fremden eilig und ängſtlich über die Alpen herab kommen ſehen; aber von hier hinaufgezogen waren der Art Reiſende nur wenige. Nun es konnte ja auch jemand Urſache haben, dachte er, ein Aſil in Italien zu ſuchen, wie es umgekehrt ſchon ſo oft der Fall geweſen. Und daß dergleichen bei dem Gaſte zutraf, ſchien dem Wirthe um ſo glaubwürdiger, als ihn derſelbe am andern Morgen ein Legitimationspapier durch⸗ zuſehen bat, ob es auch in der Form für die Grenze droben 144 Siebenzehntes Kapitel. voolle Gültigkeit habe. Dieſer Paß war in Zürich ausge⸗ ſtellt und vollkommen in Ordnung. Doch konnte der freund⸗ liche Wirth von Splügen ſich nicht enthalten, ſeinem Gaſt, der den Entſchluß kundgab, das Gebirge zu Fuß zu über⸗ ſteigen, auf die Berghöhen aufmerkſam zu machen, die in Folge des geſtrigen Regens im Thal in einer leichten Schneedecke prangten. Wenn heute freilich auch die Sonne wieder ſchien, ſo ſah man doch, wie der ſcharfe Wind vom Berg herunter kam, die Zweige der Bäume heftig erſchüt⸗ terte und welke Blätter vor ſich hin jagte. „Um Mittag kommt die Poſt,“ ſagte der Wirth,„und wenn ich Ihnen einen Rath geben dürfte, ſo wäre es der, ſich dort einen Platz zu nehmen, und Sie ſind dann Abends bei guter Zeit in Chiavenna. Verzeihen Sie mir meine Aeußerung, aber Sie ſcheinen kürzlich krank geweſen zu ſein, und da könnte Ihnen eine Fußtour über die Höhen bei ſolch ſchneidendem Winde ſchlecht bekommen. Und trotz des verſchloſſenen Wagens müſſen Sie einen Mantel mit⸗ nehmen, den ich Ihnen geben werde und den Sie beim Poſthalter drüben in meinem Namen ablegen können.“ Der Tannhäuſer dankte auf's herzlichſte für die Freund⸗ lichkeit, welche ihm erwieſen wurde, und da er heute Morgen einen ſtechenden Schmerz in der Bruſt, den er ſchon ſeit mehreren Tagen geſpürt, lebhafter empfand, ſo ſetzte er ſich um Mittag in den Poſtwagen und kam Abends nach Chiavenna. Pilgerfahrt. 145 Hatte der Wirth in Splügen ſchon über Manches im Benehmen ſeines Gaſtes den Kopf geſchüttelt, und daſſelbe eigenthümlich und ſeltſam gefunden, ſo wurde ihm dieſer noch räthſelhafter, oder wenn man will, er fand die Möglichkeit, ſich Manches zu erklären, als an dem Tage, wo ſein Gaſt Mittags gegen Chiavenna gefahren war, bei einbrechender Dämmerung ein leichtes Reiſe⸗Coupé, von vier ſchaumbedeckten Pferden gezogen, vor ſeiner Thüre hielt. Der Poſtillon, welcher vom Sattelpferd herabſtieg und von dem ſcharfen Ritt ziemlich ſteif geworden war, ſtellte ſich mit geſpreizten Beinen neben ſeine Roſſe, welche alle vier die Köpfe hängen ließen, und rief dann dem Hausknecht zu, der zum Ausſpannen herbeieilte, während er ſich etwas verlegen am Kopfe kratzte: „Dein Herr wird hoffentlich kein Gerede davon machen, daß wir ein bischen ſcharf da hinauf gefahren ſind; Courier⸗ pferde hat die da drin ohnehin bezahlt und obendrein von einer halben Stunde zur anderen ein paar Franken Trink⸗ geld mehr geboten. Man will auch was verdienen, bei Gott! und wenn wir die Roß' tüchtig abreiben, ſo ſchadet's ihnen nichts. Heute Nacht bleiben wir da; mach' nur gleich eine Streue, daß ſie bis an den Bauch im Stroh ſtehen. Hü— Bleß!“ Darauf war der Wirth an den Wagen getreten und hatte zwei Damen beim Ausſteigen geholfen, beide in Hacklander, Tannhäuſer. II. 10 8 146 Siebenzehntes Kapitel. Pelz gewickelt, wovon die Eine, die etwas älter ſchien, haſtig nach einem Zimmer ſowie nach einer Unterredung mit ihm, dem Wirthe, verlangte. Dieſe Unterredung war es nun, die ihn einigermaßen aufklärte über jenen Gaſt, der nun in dem Augenblicke, wo er mit der Dame ſprach, ſchon jenſeits der Alpen gegen Campo dolcino hinrollte, weit genug entfernt, um, da ohnedies die Nacht die Thäler und Schluchten des Gebirgs auszufüllen begann, nicht mehr eingeholt zu werden. Das ſagte der Wirth zu Splügen auch der Dame, welche die Stirne an die kalte Fenſterſcheibe drückte und ihre unruhigen Blicke aufwärts zum Splügen ſandte. „Wenn er es eilig hat,“ fuhr er fort,„ſo kann er morgen früh mit aller Bequemlichkeit in Mailand ſein.— Ja, mit aller Bequemlichkeit,“ fuhr er nach einer Pauſe fort und ſügte noch hinzu:„Ja wohl— ja,“ als er bemerkte, daß die Dame am Fenſter keine Antwort gab und er das Geſpräch nicht wollte ins Stocken kommen laſſen. Doch ſchien ſich die fremde Dame in die immer dunkler werdenden Schluchten des Splügen, welcher vor ihr lag, vertieft zu haben, denn ſie antwortete nichts, ja wandte ſich nicht einmal zum Wirthe herum.— „Es iſt eigentlich meine Schuld,“ fuhr dieſer fort, 1 nachdem er ein minutenlanges Stillſchweigen durch verſchie⸗ dene Hms! Hms! auszufüllen verſucht,„daß der Herr— jetzt ſchon jenſeits des Berges iſt. Hätten wir ihn nicht. Pilgerfahrt. 6 147 überredet, es ſei nicht thunlich für ihn, in dieſer Jahres⸗ zeit zu Fuß über den Splügen zu gehen, ſo würde er jetzt wahrſcheinlich noch lange nicht das Zollhaus erreicht haben, und—“ 4 „Wie ſo?“ unterbrach ihn raſch die Fremde;„er wollte zu Fuß gehen?“ „Ja, gerade ſo wie er hier ankam,“ gab der Wirth zur Antwort;„ſo ſagte er.“ „So fehlt es ihm+†+ an Mitteln, an Geld?“ ſagte die ältere Dame mit einem eigenthümlichen Tone, worauf die andere, die jüngere, welche ſich bis jetzt mit einer großen Reiſetaſche zu thun gemacht, haſtig näher trat, um dem Wirth in das Geſicht zu ſehen. Dieſer rieb ſich die Hände und verſetzte alsdann:„O nein, an Geld fehlt es ihm nicht, und ſelbſt wenn dies der Fall geweſen wäre, ſo würde man einen ſo anſtän⸗ digen jungen Herrn gewiß gern aus ſeiner Verlegenheit geriſſen haben. Gewiß,“ ſetzte er betheuernd hinzu,„es iſt das ſchon häufig vorgekommen, und der Poſtmeiſter von Splügen weiß, wen er vor ſich hat.. „Er kam zu Fuß hierher in dieſem ſchauerlichen Herbſt⸗ — wetter?“ fragte die ältere Dame und ihre Stimme bebte leiſe. Ja und nein,“ gab der Wirth zur Antwort.„Eine Strunde von hier traf ihn einer meiner rückkehrenden Po⸗ ſtilldns und ließ ihn aufſitzen, weil er bemerkte, daß der 148 Sie benzehntes Kapitel. fremde Herr ſehr blaß ausſah und vor Froſt und Un⸗ wohlſein zitterte.“ Ein ſchmerzlicher Ausruf entfuhr beiden Damen, und die eine, welche bisher immer geſprochen, wandte ſich wieder dem Fenſter zu, legte ihre Stirne auf die Hand und man hörte ein leiſes Schluchzen. „O mein Gott!“ rief die Andere in ſchmerzlichem Tone, „ſo war er krank?— Körperlich krank?— Und er ſprach mit Ihnen,“ ſetzte ſie haſtig hinzu,„ſo wie man gervühn⸗ lich ſpricht?“ „Gewiß, meine ſchöne Dame, wie man gewöhnlich ſpricht,“ ſagte der Wirth.„Etwas einſylbig war er freilich, was ich wohl begreiflich fand, denn er klagte über Bruſt⸗ ſchmerzen, und das war auch wohl der Grund, weßhalb er ſich überreden ließ, einen Platz im Poſtwagen zu belegen.“. „Sonſt glauben Sie zdohl⸗ er wäre zu Fuß über den Berg gegangen?“ „Davon bin ich überzeugt, wie er mir auch geſprächs⸗ weiſe ſagte, er werde von Chiavenna an ſeinen Neiſeſtab weiter ins Land ſetzen und nach Rom pilgern.“ Die Dame am Fenſter fuhr ſo heftig zuſammen, daß ſich die andere ihr näherte, ihr ſanft eine Hand auf den Arm legte und einige Worte in weichen, ſämeichenden Tönen zu ihr ſprach. euh eine Pilgerfahrt nach Rom!— Und das ſahſe Pilgerfahrt. 149 er in ſehr exaltirter Weiſe? mit eigenthümlichen Aus⸗ drücken? Er hoffte auf ein Wunder oder ſo etwas.—“ Der Wirth ſchüttelte mit dem Kopfe.„Von Exalta⸗ tion,“ ſagte er nach einer Pauſe,„habe ich nicht das Ge⸗ ringſte bemerkt. Der Herr ſprach ſehr ruhig und überlegt, etwas leidend freilich— müde, wie auch ſein Ausſehen war. Er meinte, die Luft in Italien würde ihm wohl thun, ihm zur Ruhe verhelfen——— Jetzt trat, da die Dame am Fenſter keine Antwort gab, wieder eine Pauſe ein, die ſich ſo verlängerte, daß der Wirth, nachdem er ein paar Minuten vergeblich auf Ant⸗ wort gewartet, laut und vernehmlich huſtete und ſich mit dem Bemerken nach der Thüre zurückzog: die Damen würden keine Befehle mehr für ihn haben. Da er auch durch kein Wort weiter aufgehalten wurde, ſo verließ er das Gemach. Unterdeſſen war es ſo dunkel geworden, daß man im Zimmer die Geſtalten der Damen nur noch in undeutlichen Umriſſen ſah. Die ältere der Beiden war auf einen Stuhl. niedergeſunken, hatte die Hände vor das Geſicht gepreßt und weinte leiſe. Die Andere ſtand neben ihr, hielt den Kopf zu ihr hinab gebeugt und flüſterte ihr zuweilen ein Wort zu. Das, dauerte wohl ſo eine Viertelſtunde, dann erhob die, welche ſaß, ihr Haupt, ſtrich mit beiden Händen über ihre Stirn und Schläfe und ſagte nach einem tiefen, tiefen Athemzuge:„Ja, er wird Ruhe finden— und ich 150 Siebenzehntes Kapitel. auch, er vielleicht noch glücklich werden. Noch einen Blick gen Süden, noch einen heißen Wunſch für ſein Glück, für das Wohl ſeiner Seele, dann wollen wir nordwärts ziehen. Dort der ſchwarze Berg, der ſich in der Dunkelheit um ſo rieſenhafter vor uns aufthürmt, tritt wie das unerbittliche Schickſal zwiſchen uns und weist mich gebieteriſch zurück.— —— Ah!“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, wobei es ſie wie ein Schauer überflog;„ſeine Pilgerfahrt zu ſtören, ihn aufhalten zu wolle——— nie, nie würde ich mir es erlauben.— Aber ein Wunder iſt doch geſchehen, The⸗ reſe, biſt du nicht auch davon überzeugt?“ „Ja,“ verſetzte das junge Mädchen, und fügte mit leiſer Stimme hinzu:„Und ich danke Gott dafür——* „Amen!————* Am andern Tage führte derſelbe Poſtillon, der mit Courierpferden nach Splügen gefahren war, den Wagen mit den beiden Damen wieder gen Tuſis hinab. Er machte ein äußerſt vergnügtes Geſicht, denn ſeinen Pferden hatte die Anſtrengung nicht geſchadet, auch verdiente er doppeltes Trinkgeld. Mit einem pfiffigen Lächeln ſchwang er ſich i in den Sattel, und als der Wirth von Splügen die Wagen⸗ thüre geſchloſſen und mit einer tiefen Verbeugung zurück⸗ trat, wickelte der Poſtknecht luſtig pfeifend ſeine Peitſche 1 ab, ſah noch einmal nach dem Radſchuh, ob er befeſtigt ſei, und dann ließ er die Pferde dem brauſenden Rheine 5* entlang hinablaufen, was ſie nur mochten. Pilgerfahrt. 151 Noch mehrere Tage lang drehte ſich indeſſen das G6 ſpräch im Wirthshaus des Dorfes Splügen um den ſonder⸗ 4 baren Paſſagier und jene beiden Damen, worauf der Wirth, der ſeinen Gäſten gegenüber gerne that, als wiſſe er wohl mehr von der Geſchichte, was er ihnen aber nicht anver⸗ trauen dürfe, kopfnickend ſagte:„Ja, hier oben ſo nah an der italieniſchen Grenze paſſirt Manches, wovon man ſich drunten nichts träumen läßt.“ Der Tannhäuſer aber ging am andern Tage zu Fuß weiter durch das Pregagliathal über die ſchäumenden Wellen der Moira und Lira dem Comer See zu. Wenn auch ſein Auge entzückt war von der wunderbaren Schön⸗ heit dieſer Gegend und es ihn auch zuweilen anwandelte, ſich in einem der kleinen, ſo maleriſch gelegenen Dörfer niederzulaſſen und dort zu bleiben, vergeſſen und vergeſſend, ſo beſchlich ihn doch nur für Augenblicke ein ſolcher Ge⸗ danke, und er ſchreckte ſich alsdann ſelbſt wieder empor aus einer gewiſſen Ermattung des Körpers und der Seele, der jener Gedanke entſtammte, und es tönte in ihm vor⸗ wärts, vorwärts bis zum Ziele! So kam er durch Mailand, ſo pilgerte er nach Genua, oift angeſtaunt und belächelt von den ihm Begegnenden, die ihm nicht ſelten kopfſchüttelnd nachſahen. Doch bemerkte nichts von dieſen Blicen und hörte keines der Wore. d ddes Erſtaunens, die ihm häufig folgten. Er träumte viel, ebhaft und tief, und es war ihm oft zu Muthe, als ſei Siebenzehntes Kapitel. zeine ganze Reiſe ein Traum und er müſſe plötzlich er⸗ wachen, unter jener Veranda des kleinen Hauſes ſitzen und von dem Lichtſchein der Ampel erweckt werden, welche Franceska mit dem lieben Lächeln und ihren ſchönen guten Augen auf den Tiſch ſetzte. So ging er in Genua träumend an Bord des Schiffes, ſo blickte er träumend in die Wogen des Meeres, und die ewige Bewegung derſelben wiegte ihn noch tiefer ein, und dabei war es, als ſängen ihm die Wellen, wenn ſie an den Wänden des Schiffes vorüberſchliffen, allerlei ſeltſame ‚Lieder.— Nur einmal erwachte er zu einem hellen und deutlichen Leben, und das war in den Florentiner Galle⸗ rien, in dieſem Heiligthume der Kunſt. Da fühlte er ſich angeweht vom Hauche der Gottheit, bezaubert beim Anblick der unſterblichen Werke jener großen Meiſter. Da riß er ſich mühſam los, und als er die Höhen hinter dem herr⸗ lichen Florenz erſtiegen hatte, blickte er zurück auf die blühende Stadt und ſeufzte:„Wer hier, ſelbſt ein großer Künſtler, leben und wirken könnte!“— 4 Weiter zog er dann Hügel auf, Hügel ab, durch frucht⸗ bare Thäler, über wild zerriſſene Berge, auf deren Spitzen kleine Städte wie Vogelneſter hängen, umgeben mit trotzigen Mauern, an prachtvollen Kirchen und Klöſtern vorbei, und nirgends hielt er längere Raſt, nirgends hatte er Ruhe. Wenn er ſich auch zuweilen am Fuße eine Berges Kräfte ſammelnd niederließ, ſo drängte es ihn doch bald wieder empor von ————· 4 Pilgerfahrt. 153 dem Stein, wo er ausgeruht. Ueber den einſamen Wan⸗ derer hin, hoch am Himmel zogen Schaaren von Zugvögeln, ebenfalls gen Süden. Wie beneidete er die um ihre ſtar⸗ ken Schwingen! Aber nur ſie, nicht die andern Reiſenden, welche in raſchen Equipagen bei ihm vorbei rollten. Auf dieſe Art hätte ja auch er ſchneller vorwärts kommen können, aber er wollte pilgern nach Rom, er wollte dort ankommen wie andere arme Wanderer, die oft zu gleicher Zeit mit ihm die Straße zogen oder denen er begegnete, wenn ſie von der ewigen Stadt kamen, dieſe frohen und heiteren Angeſichtes, jene tief geſenkten Hauptes. Wie oft eilte er vorwärts, wo ihm Ruhe doch ſo wohl gethan hätte, ſchwer athmend, mit kurzen, oft wankenden Schritten, mit bleichem eingefallenem Geſichte. Es drängte ihn nach Rom, um dort vor einem Ereigniß anzukommen, von dem er ſich weiter keine Rechenſchaft geben konnte, als daß es in ſeinen Folgen tief in ſein künftiges Leben eingreifen müſſe. Auch Wulf hoffte er dort wieder zu finden, hatte ihm der Freund doch zuletzt von Rom geſchrie⸗ ben, und gerade in der Zeit, wo er im Begriffe war, von Italien Abſchied zu nehmen und nach Deutſchland zurückzu⸗ kehren. Dort aber hatte er ſich nirgendwo ſehen laſſen. Wenn der Tannhäuſer mit Schaudern der vergangenen Zeit gedachte, des vielen Entſetzlichen, was er in den letzten Jahren erlebt, ſo war es Seligkeit des einzigen Augen⸗ blickes, wo ihm an jenem Nachmittage am Starenberger 154 Siebenzehntes Kapitel. See Kopf und Hand zum erſtenmal wieder dienſtbar, wo nach einer langen, finſteren, nächtigen Zeit die Sonne der göttlichen Kunſt aufs neue hell in ſein zerriſſenes Innere ſchien. Darnach hatte er gelobt, Bleiſtift und Pinſel ſo lange nicht mehr in die Hand zu nehmen, bis er dort, wohin er zu pilgern gedachte, einen würdigen heiligen Ge⸗ genſtand fände, den er malen wolle mit heißer Inbrunſt, mit einer tief empfundenen Reue und Dankgefühl. Um dies Ziel ſo bald wie möglich zu erreichen, drängte es ihn ſo unaufhaltſam vorwärts, und dieſe ihn verzeh⸗ rende Sehnſucht war auch wohl die Hauptſchuld, daß ſein Herz oft ſo wild und ſtürmiſch ſchlug, wenn er ſchwer ath⸗ mend die Berge erſtieg, ſo daß er häufig ſtehen bleiben mußte, die Hände auf ſeine Bruſt preſſend oder ſich wohl niederlaſſend auf einen Baumſtamm am Wege, von dem er ſich aber nach kurzer Raſt wieder erhob, wenn er bedachte, daß er vielleicht von der nächſten Höhe die weite Campagna um Rom und fern am Horizonte den Dom St. Peter ſehen würde.— Endlich kam auch dieſer Augenblick. Baccano, ein ein⸗ ſames Poſthaus, das er in der Dunkelheit der Nacht erreichte und dort ein ärmliches Lager fand, verließ er am frühen Morgen, und als er auf ſeinem Wege klopfenden Herzens eine kleine Anhöhe erſtiegen hatte, ſah er ſie endlich vor ſich liegen die ungeheure Einöde, dieſe rieſenhafte, mit Hü⸗ geln bedeckte Fläche in glänzender Morgenbeleuchtung die 1 Pilgerfahrt. 155 ſeltſamſten Farben, die grellſten Lichttöne, die tieſſten Schat⸗ ten zeigend. Weite, weite Strecken unbebauten Landes, meilenweit kein Dorf, kein Haus, nur hie und da zerbröckel⸗ tes Mauerwerk, ein zerriſſener Thurm, der melancholiſch von einer kahlen Anhöhe herniederſchaut. Leiſe flüſternd zieht der Morgenwind über die mageren Grashalme und durch die Ginſterbüſche, und wenn wir ihm nachblicken, die⸗ ſem unſichtbaren Wanderer, ſo ſehen wir, wie ſich alles vor ihm bückt, dort die Anhöhe hinan bis zum alten Thurme, den er eilig erklettert, um von der morſchen Zinne mit dem luſtig dort wachſenden grünen Buſche weit in die ſtille Ebene hinauszuwinken. Wem er ſo winkt, der Luft⸗ hauch, wir wiſſen es nicht,— gewiß keinem lebenden Weſen. Zur Linken des Wanderers, der erſtaunt, erſchüttert von dieſem über alle Beſchreibung traurigen und doch wie⸗ der ſo maleriſchen Anblick ſtehen bleibt, erhebt ſich in ſeinen gezackten Formen wie ein rieſenhaftes Todtenmahl der Soracte empor. Der fernliegende ernſte Höhenzug der Apeninnen iſt mit Schnee bedeckt, ſo das Gewaltige der ganzen Scenerie noch vermehrend.— Weit, weit vor ſeinen Blicken verſchwimmen die hellen Farben der Campagna, die Lichter und Schatten, die ſich über Berg und Thal ausbreiten, in einander, und dort in nebelduftiger Ferne, am äußerſten Rande der ungeheuren wellenförmigen Ebene hat es ſich zuſammengezogen, da erhebt ſich ein langer dunkler Streifen mit einem erhabenen, immer ſtärker hervor⸗ ——ꝛ—xx——————n— .—— 4 8 1 7 156 Siebenzehntes Kapitel. tretenden Punkt in der Mitte,— das iſt Rom und die Kuppel der Peterskirche. Nachdem der einſame Wanderer ſeine Blicke lange in dieſes gewaltige Rundgemälde verſenkt, ſchritt er wieder vorwärts, die Peterskuppel im Auge behaltend. Doch ver⸗ ging Stunde um Stunde, und unmerklich änderte ſich die Anſicht des majeſtätiſchen Baues, ihm ſo anzeigend, daß er der Stadt näher und näher kam. Erreichen konnte er ſie heute nicht mehr; ſchon ſank der Abend, die Nacht kam wie hier immer ohne Dämmerung, und er mußte froh ſein, in einem der alten Thürme, die am Wege ſtanden, bei einem Ziegenhirten ein Nachtlager zu finden. Doch kümmerte ihn das wenig; ſeine Gedanken waren nicht bei ſeiner Um⸗ gebung; lange noch ſaß er auf einem Stein vor dem alten Mauerwerk und blickte nach Rom hinüber, das dalag, wie in einen Schleier von Duft gehüllt, auf dem Tauſende von Lichtpunkten glänzten oder ihn mit ihrem Scheine erhellten. In der Frühe des andern Morgens machte er ſich wie⸗ der auf den Weg und ſah bald, daß er ſich nun wirklich der gewaltigen Stadt nähere. Die weite Fläche in ihrer vollſtändigen Oede blieb nun hinter ihm, und was er noch immer von der Campagna durchwanderte, erſchien belebter, war beſetzt mit einzelnen Häuſern, mit Vignen⸗Anlagen, mit niedern Mauern, welche ſtreckenweiſe die Straße ein⸗ faßten, mit grünen Gebüſchen, welche hie und da den Grund kleiner Thäler bedeckten, wo ſich Waſſer fand, „ und alles das überragt von der Kirche St. Peters. Und ſchimmernden Schleiern, mit denen ſie ſich kokett verhüllt. Pilgerfahrt. 1887 das ſich auch durch das üppige und friſchgrün emporge⸗ ſproßte Gras kundgab. Vor der heißen Sonne, die ihn lange, lange Tage be⸗ ſchienen, fand er jetzt Schutz in ſchattigen Hohlwegen, und als er wieder eine Zeitlang fortgewandert und eine kleine Anhöhe erſtiegen hatte, ſah er vor ſich die Tiber mit ihrem gelben Waſſer und folgte mit dem Auge ihren Krümmun⸗ gen, durch welche ſie träge fließend das nicht ferne Meer erreicht. An ihren flachen Ufern ſah man Heerden von Büffeln weiden, und die melancholiſchen Thürme, die er ſchon am Eingange der Campagna auf ihren runden Hü⸗ geln ſtehend bemerkte, ſah man auch hier dicht vor den Mauern Roms.— Wunderbar, herzerhebend aber war der Blick über die gewaltige Stadt, die nun dicht vor ihm lag, auf dies Häuſermeer mit ſeinen hoch emporſtrebenden Säulen, ſeinen unzähligen Kirchen, ſeinen vielen Kuppeln, wie unendlich ſchön fand er die Gebirge mit bekannten Namen, die in weitem Umkreis die Stadt umgaben! Immer wieder der alte Soracte, das hohe Gebirge von Tibur über den gelblichen Abhängen im tiefſten Blau emporſteigend, und weiterhin die weichen ſchönen Formen der duftigen Sabinerberge, umwogt von weißen Nebelſtreifen, wie von — Und drüben über dem Fluſſe Pinienwäldchen mit ihren eigenthümlich geformten Baumkronen, dahinter emporſteigend * Siebenzehntes Kapitel. einfache Campagnenhäuſer und prachtvolle Villen, dann die Maſſen des grünen Monte Mario, ſchattirt mit faſt ſchwar⸗ zen Cypreſſenhainen, zwiſchen denen wieder die weißen Ge⸗ bäude wie helle Lichter hervorblitzen. Da iſt ſchon der freundliche Wieſenweg am Ufer der Tiber, da biegen wir in die lange gerade Straße ein, welche zur Porta del Popolo führt— da ſind wir in Rom. Der Tannhäuſer hatte den breiten Mittelweg, der ihm zu ſehr belebt war, verlaſſen und ſchritt gebückt an der Mauer vorbei, die längs der Straße dahin lief. Von der Campagna herein ſtrömten große Volksmaſſen der Stadt zu, ſonntäglich geputzt, denn es war ein Feſttag. Sie kamen auf ihren bunt bemalten Wagen, das Geſchirr ihrer Pferde hatte klingende Meſſingzierrathen, ſchöne Frauen in maleriſchem Coſtüm ſaßen erhöht auf dem Karren, während Männer mit ſpitzen Hüten, die Sammtjacke auf der Schul⸗ ter, die Pferde lenkten, hier auf dem Gabelbaum ſitzend, dort hinter den Weibern ſtehend, mit dieſen lachend und plaudernd. Reiter auf kleinen ſchwarzen Pferden, Andere auch wohl im Sattel munter einher trippelnder Eſel, ſuchten zwiſchen dem dichten Strom der Fußgänger ſo raſch als möglich vorwärts zu kommen. Und dabei ging es nicht ab ohne ein hingeworfenes Scherzwort, das ebenſo luſtig erwidert wurde, ohne eine fröhliche Bemczlung, dis. lautes Lachen hervorrieß —— —— Pilgerfahrt. 159 3 So viel der Wanderer von den Reden der bei ihm vorbei Eilenden, die ihn zuweilen ſcheu von der Seite an⸗ ſahen, verſtehen konnte, fand ein großes Kirchenfeſt in St. Peter ſtatt, dorthin eilte alles, dorthin folgte auch er dem Menſchenſtrome, der ihn mit fortriß, gegen den anzukämpfen er zu ſchwach und ermüdet war. Hatte er doch ſein Ziel erreicht, befand er ſich doch in Rom, hatten ihn doch ſchon die ſchattigen Straßen der alten Stadt mit ihren hohen ernſten dunklen Gebäuden aufgenommen. Dabei blieb er aber zuweilen einen Augenblick ſtehen, und faßte betäubt von der lärmenden Volksmenge, die ihn wie im wilden Strudel mit ſich fortriß, an ſeine Stirne, welche ſich kalt und feucht anfühlte. Und es flog dann zuweilen ein trü⸗ bes Lächeln über ſeine Züge, wenn er wieder tief aufath⸗ mend weiter ſchritt. Jetzt aber erweiterten ſich die engen Gaſſen, der dicht⸗ gedrängte Menſchenſtrom floß ruhiger und erlaubte dem ſchon lange vergeblich Kämpfenden, ſich am Geländer einer Brücke feſtzuhalten, ſo der vorbeiziehenden Flut Trotz zu bieten. Und als er nun nach kurzer Ruhe die Augen von den gelben Fluten der Tiber erhob, da war ihm zu Muth, als ſei er nach langer, mühevoller Reiſe in die Heimat zu⸗ rückgekehrt. Erkannte er nicht plötzlich die Brücke, auf der er ſtand, die Gebäude, welche ihn rings umgaben? Hatten ddie eigenthümlichen, nicht zu vergeſſenden Formen der letz⸗— 85 teren nicht ſchon das Auge des Kindes erfreut und ihn 160 8. Siebenzehntes Kapitel. 5 ſpäter entzückt, wenn er dieſe maſſigen Bauwerke geſehen, ſich ſo prachtvoll abhebend von dem tiefblauen italieniſchen Himmel? War die gigantiſche Kuppel dort jenſeits des Fluſſes nicht die Peterskirche? Sah er nicht ſtaunend vor ſich das mächtige Rundgemälde der Engelsburg, einſt das Mauſoleum Adrians? Waren die gelben Wellen, zu denen er jetzt die Blicke hinabſenkte, nicht dieſelben, die einſt an den großartigſten Werken der Welt, an den Paläſten und Tempeln der alten Römer vorüberfloſſen? Ja, ja, ſo war es, und gern hätte er hier allein ge⸗ ſtanden, und als er alsdann das ſchützende Brückengeländer losließ, als ihn der Menſchenſtrom wieder erfaßt und fort⸗ gedrängt bei der Engelsburg vorüber, da konnte er ſich erſt wieder frei regen und fühlen auf der Piazza di San Pie⸗ tro, jenem ungeheuren, prächtigen, ſäulenumgebenen Platze, deſſen wahre Größe kein menſchliches Auge beim erſten An⸗ blick zu würdigen im Stande iſt, der uns faſt klein erſcheint vor der rieſenhaften Fagade von St. Peter, vor der gewal⸗ tigen Felſenwucht des aufſtrebenden Kuppelrieſen, vor dem himmelanſtrebenden Obelisken, der in ſeiner Mitte ſteht und doch wieder neben der eben erwähnten Umgebung faſt klein erſcheint. Etwas von der Größe des Platzes aber ſorindt uns entgegen, wenn wir erſtaunt an der Ecke der Piazza Nuſti⸗. cucci ſtehen bleibend, an einem Feſte wie heute Menſchen⸗ Wuſſen auf Menſchenmaſſen an uns vorbei ſernnen ſehen,— Pilgerfahrt. 181 3 gefolgt von zahlreichem Militär, untermiſcht mit langen Rei⸗ I hen Karroſſen, und wenn wir nun bemerken, wie all dies V von dem Platze verſchlungen wird, ohne daß er ſich anfüllt. Es ſind hier Tauſende, Zehntauſende verſammelt, und man könnte ſagen: der Platz iſt leer geblieben. Nur hie und da ſieht man die Menſchenmenge in kleinen Gruppen und dünnen Streifen, lange Reihen von Soldaten bilden eine ſchmale, glänzende Linie, hunderte von Equipagen verſchwin⸗ den auf dem Raume neben der großen Treppe, wo ſie ſich aufgeſtellt haben. Selbſt das Plaudern der Menge iſt herabgeſunken zu einem fernen Summen und Rauſchen, und das Geräuſch, welches die Schritte all' der Tauſende hier verurſachten, wird übertönt von dem Brauſen der bei⸗ den rieſenhaften Springbrunnen, die mit gewaltiger Kraft ihre hellen Waſſerſtrahlen in die Luft ſpritzen, zerſtäubend in dem klaren Sonnenlichte, welches ſich in Nagenbogenſär ben behaglich auf den Waſſergarben wiegt. Gleich all' den Tauſenden, vor, neben und hinter ihm ſchritt denn auch der Tannhäuſer über den ungeheuren Platz und hier erſchienen ihm die gewaltigen beweglichen Menſchenmengen wie Fluten des Meeres, die dort an der Kieſentreppe branden, zerſchellen. Was unten am Fuß die⸗ ſer Treppe noch eine kompakte Maſſe war, das zerſtäubte 5 auf den gigantiſchen Stufen wie in einzelne Atome, und 85 wenn es auch Tauſende waren, welche hinanſtiegen, ſo er⸗ Paclünder, Tannhäuſer. II. 11 162 Siebenzehntes Kapitel. ſchienen ſie doch noch als kleine bewegliche Punkte auf der breiten Fläche vor der Rieſenfagade von St. Peter. Der Wanderer, hier noch einſamer, umgeben von dieſen unzäh⸗ ligen fremden Geſichtern, als in der öden Campagna vor Rom, empfand dies Gefühl des Verlaſſenſeins ſchwer auf ſeinem Herzen lagern. War ihm doch, als wandelte er wirklich in der Brandung des Meeres, als müßten dieſe gewaltigen Wogen um ihn her nächſtens über ſeinem Kopfe zuſammenſchlagen. Wie holte er ſo mühſam Athem, wie fühlte er den kalten Schweiß auf ſeiner Stirne ſtehen, wie hätte er ſo gerne eine einſame Stelle gefunden, eine ver⸗ borgene Steinniſche, um ſich dort zu verſtecken, um dort niederzukauern, den Kopf in beide Hände gedrückt.— Aber vergebens— es riß ihn unaufhaltſam dahin. Es wogte, brandete, es lachte und plauderte immer toller um ihn her; vom Himmel ſtrahlte das hellſte Son⸗ nenlicht und lagerte blendend auf Platz und Kirche. Die Waſſergarben der Fontainen trieben Brillanten von ſich, die Schatten, welche Gebäude und Säulen auf den Boden war⸗ fen, thaten dem Auge weh im ſcharfen Contraſte von Hell und Dunkel. Und je näher er der Baſilika kam, je mehr vergrößerte ſich alles das, was die Sonne blendete. Da ſchrieen und lärmten die Limonadenverkäufer und die Händ⸗ ler mit friſchem Waſſer; da glänzten im Sonnenlichte ganze Pyramiden von goldgelben Citronen und Pomeranzen, da ſeuchteten die blankgeputzten Eisgefäße, und wenn ſie hin — Pilgerfahrt. 163 und her bewegt wurden, reflektirten ſie wie Spiegel das Sonnenlicht. Die hunderte von Wagen, welche auf dem Platz fuhren, ſah man eine buntfarbige Maſſe, rechts und links von der Treppe gelagert; viel glänzende Geſchirre und glitzernde Troddeln, viel Pupur und Gold. 1 Endlich hatte er die Vorhallen, die Eingangsthüren hin⸗ ter ſich, endlich warf er einen Blick in die Rieſenhallen. Sie erſchienen ihm beim erſten Anblicke wie eine überwölbte Fortſetzung des ungeheuren Platzes draußen. Selbſt von dieſem hereintretend ſtrebten die Wölbungen dieſer Baſilika, des ungeheuerſten Baues der ganzen Welt, ſichtlich in die Höhe und zeigten nach einem Blick auf die Tauſende von Menſchen, die trotz ihrer Anzahl auch hier nicht als eine gedrängte Maſſe erſchienen, ihre majeſtätiſchen Verhältniſſe. Und doch kommt man erſt nach und nach zum allgemeinen Verſtändniß der Größe dieſes Tempels; nur ſchrittweiſe vie man ihn durchwandelt, da er nur mit dem Verſtande. und nicht mit dem Gefühl zu meſſen iſt. Man muß es ſich erſt ſagen, daß dort die Taube mit dem Oelzweig an den gigantiſchen Pfeilern des Mittelſchiffs, die wir rechts und links ſehen, die wir glauben bequem mit der Hand erreichen zu können, ſich beim Nähertreten ſo hoch erhoben, daß ein Rieſe nöthig wäre, um ſie mit der Spitze des Fin⸗ gers zu berühren; wir müſſen es uns vergegenwärtigen, daß der metallene Baldachin dort auf dem Grabe von St. Peter, über welcher ſich die Kuppelwölbung in ſchwindeln⸗ 164 Siebenzehntes Kapitel. der Höhe erhebt,— daß dieſer Baldachin, der uns unter dieſer Wölbung klein und niedrig, ja völlig unbedeutend er⸗ ſcheint, ſo groß iſt wie der größte Palaſt von Rom. Und erſt nachdem man ſich ſolchergeſtalt über die Verhältniſſe des Baues klar geworden, wandelt man mit Staunen und Ehrfurcht in dieſen Hallen umher. Den Tannhäuſer erfriſchte die Kühle, welche im Gegen⸗ ſatze zu dem ſonnenbeſchienenen Platze hier herrſchte; er wandte ſich am Eingange rechts und ging alsdann von einem Pfeiler des Hauptſchiffes langſam zum andern, wobei er ſich mit der heißen, fieberhaft brennenden Hand häufig an den kalten Steinen hielt. Es überſiel ihn eine tiefe Ermattung; er mußte zuweilen ſtehen bleiben, und wenn er das that, ſo war es ihm zu Muthe, als ſchwelle das Geräuſch, welches die Schritte der Einherwandelnden und ihr, wenn gleich noch ſo leiſes Sprechen, hervorbrachte, zum lauten, betäubenden Getöſe an. Und dabei kam es ihm alsdann vor, als drehe ſich die ungeheure Kirche vor ihm im Kreiſe. Endlich ließ er ſich auf den Vorſprung am Fuße einer dieſer Pfeiler nieder und verſank für Augen⸗ blicke in wirre Träume. 4 Beim Hereintreten hatte er die langen Reihen Militär bemerkt, welche vom Eingang bis zum metallenen Baldachin. ſtanden, untermiſcht mit andern Soldaten in der ritterlichen Tracht vergangener Jahrhunderte, mit Helm und wallender Feder, mit Panzer und Hellebarde; er hatte geſehen, wie — 1 lichkeit anblickend an ihren Buſen drückte, die urſprüngliche Pilgerfahrt.. 165 die Tauſende und Tauſende, welche nach und nach in die Kirche getreten, ſich in dichten Reihen hinter dem Militär aufſtellten oder ſich in den Seitenhallen verloren, von denen jede einzelne ſchon eine Kirche zu nennen war; er hatte geſehen, wie ſich neben den adeligen Römerfamilien, die von Jägern und Kammerdienern gefolgt in dem Tempel erſchienen, zerlumpte Campagnabauern mit markirten, bronze⸗ farbenen Geſichtern drängten und ſtießen, wie Krüppel und Bettler neben ſchönen Weibern von Albano und Frascati dahin ſchlichen; er hatte es empfunden, wie das ganze wilde Gewühl, dieſe verſchiedenartigſten Elemente, zu einer bunt⸗ farbigen, beweglichen, unruhig wimmelnden Maſſe zuſam⸗ mengeſetzt, anfing ſeine Sinne zu betäuben, und deßhalb war er glücklich, hier an dem Pfeiler ein ſtilles Aſil gefun⸗ den zu haben. Und es war in der That ein Aſil des Friedens, das Andere in gleicher Weiſe mit ihm theilten. Zeigte ihm doch ein Blick hinter ſich ein paar Gebirgsbewohner in ihrer maleriſchen Tracht, arme Leute, faſt in Lumpen gehüllt, 4 halb von einem zottigen Schaffell bedeckt, den ſpitzen Hut zwiſchen den Knieen, die, wahrſcheinlich vom langen nächt⸗ lichen Marſche ermüdet, hier auf dem kalten Stein ſanft entſchlummert waren; bemerkte er doch neben ſich eine arme, aber anmuthige Römerin, die unbekümmert um die Hin⸗ und Herwandelnden ihrem Kinde, das ſie mit inniger Zärt⸗ 166 Siebenzehntes Kapitel. Nahrung gab. Ihm, dem ermatteten Pilger, war hier wohler, als draußen auf dem Platze, als vorhin im Lärm der Menge. Er lehnte ſein Haupt an den glatten Stein hinter ſich, und die Kälte deſſelben that ihm wohl. Mit welch' wonnigem Gefühl ſchloß er die Augen, als nun auf einmal ein unendlich ergreifender Geſang erſchallte, der in entzückenden Schwingungen, in weiter Ferne verhallend mit leiſe nachklingendem Echo an den Wölbungen der Kuppel emporſtieg und dort noch in einzelnen Tönen fortzitternd langſam verhallte. Jetzt erfüllte ihn zum erſtenmal der Gedanke, daß er nun wirklich in Rom ſei, mit einer unausſprechlichen Selig⸗ keit, am Ende ſeiner mühſeligen Wanderung, wo er ja auch ſie einſtens zu finden hoffte. Er fühlte ſein Herz ſo weich geſtimmt, ſanft erregt, ſo ſich bewußt ſeiner tiefen Schuld, ſo reuig und bußfertig, dabei aber ſo innig von der ihm endlich zu theil werdenden Gnade überzeugt. Er fühlte, wie ſeine Augen in ſeligem Schmerze überſtrömten, wie ſeine Thränen zwiſchen den geſchloſſenen Wimpern hervorbrachen und langſam über ſeine Wangen hinabrollten. Da mit einemmale war es ihm, als wenn die ſanften, himmelanſtrebenden Klänge, die ihn ſo glücklich gemacht, disharmoniſch zerriſſen würden von dröhnendem Poſaunen⸗ ſchall; es kam ihm vor, als dränge ſich die Menge vor ihm dichter und dichter zuſammen und gerathe dabei in unbe⸗ ſchreibliche Bewegung, als woge die ganze Maſſe vor und— Pilgerfahrt. 167 zurück und bilde jetzt eine Gaſſe, die an ſeinem Pfeiler mündete. Schien es ihm doch dabei, als wenden ſich ein⸗ zelne Geſichter ſcheu nach ihm hin, als betrachteten ihn blitzende Augen mit unverkennbarem Erſtaunen; er fühlte dieſe Blicke ſchwer auf ſeinem Herzen laſten, und da es ihm war, als ob immer mehrere die Augen nach ihm hin wendeten, ſo wollte er langſam zurückweichen, um hinter dem Pfeiler vor der gaffenden Menge Schutz zu ſuchen.— Doch Entſetzen! er war nicht im Stande, ſich von ſeinem Platze zu erheben, ja die rechte Hand, mit der er ſeine feuchte Stirne abwiſchen wollte, verſagte ihm den Dienſt; er konnte nicht von der Stelle, er mußte hinab ſchauen in die Menſchengaſſe, an deren Ende jetzt ehrwürdige Geſtalten erſchienen in vielfarbigen Ordenskleidern, viele Geſtalten, die ſich langſam vorwärts gegen ihn bewegten.— Wie ſie näher und näher kamen, zog er den Athem mühſam und immer mühſamer in ſeine Bruſt. Er bemerkte, daß er der Prozeſſion im Wege war, daß ſie über ihn da⸗ hin ſchreiten mußte, und mit einem unbeſchreiblichen Gefühl der Angſt und Verzweiflung drückte er ſich in die Niſche des Pfeilers hinein, an dem er ruhte, und es gelang ihm, etwas zurückzuweichen. Aber es war auch die höchſte Zeit geweſen; denn ſchon rauſchten die ſchwarzen und weißen Gewänder dicht an ihn heran, jetzt bei ihm vorüber. Doch glaubte er, jeder der langſam Vorüberziehenden werfe einen ſtrafenden Blick auf ihn— alle, alle die Hunderte, die Siebenzehntes Kapitel. 168 nach und nach erſchienen und an ihm vorbei ſchritten. Mönche in ſchönen Ordenstrachten, welche ſchimmernde Kro⸗ nen auf Purpurkiſſen trugen, alle die Häupter der katho⸗ liſchen Kirche, die Ordensgenerale, die Patriarchen, die Kar⸗ dinäle im langen purpurnen Feſtgewand, die armeniſchen hohen Prieſter mit ihren Kronen, die Erzbiſchöfe und Bi⸗ ſchöfe in hellen ſchimmernden Gewändern, mit der Mütze und Inful,— alle, alle blickten nach ihm hin, alle ſchienen auf die Seite zu weichen, wenn ſie in ſeine Nähe kamen, als fürchteten ſie, ihn mit ihren heiligen Gewändern zu be⸗ rühren,— alle, alle. Und darauf hin wandten ſich immer mehr Blicke aus der dichtgedrängten Volksmaſſe auf ihn. Er verſuchte es, ſeine Augen abzuwenden, ſie wie Troſt und Hülfe ſuchend emporzuheben zu einem Muttergottesbild, das aus ſeiner Steinniſche noch eben ſo wohlthuend und freundlich auf ihn herabgelächelt hatte. Aber das Bild der Himmelskönigin ſchien ihm verſchleiert, umhüllt von glän⸗ zenden Sonnenſtrahlen, die jetzt mächtig in die Kirche drangen und nun mit einemmale über die Häupter der dunklen Menge hinweg, welche andächtig auf ihr Knie niedergeſtürzt war, die Geſtalt des heiligen Vaters mit wunderbarem Schimmer umgaben, in ihm Leuchten all' des Goldes und Silbers, im blitzenden Widerſchein der Brillanten wie in einer Flammenglorie erſcheinen ließen. Aber es war für den Pilger kein wohlthuendes Bild der Gnade, wie ihm das Haupt der Chriſtenheit, deſſen Hand binden und löſen Pilgerfahrt. 169 kann, erſchien. Näherte er ſich doch unter dem Schalle der Poſaunen in ernſter Majeſtät ihm, dem Sünder, furchtbar anzuſchauen. Und all' das Licht, all' der Glanz, all die Pracht, das Funkeln von Gold und Silber, das Blitzen der Sonnen⸗ ſtrahlen betäubten ſeine Sinne, ließen düſtere, unheimliche Schatten vor ihm aufſteigen. Schien doch alles Volk rings umher nur auf ihn zu ſchauen, der unter den Tauſenden allein nicht im Stande war, ſeine Knie zu beugen; trafen ihn doch tief ins Herz die Blicke des Papſtes, der langſam heranſchwebte, und wenn auch dieſe Blicke nach und nach von ihrem furchtbaren Ernſte zu verlieren ſchienen, wenn ſie mild und traurig wurden, ſo laſteten ſie doch ſchwer auf ihm, ſo beugten ſie ſein Haupt tief hinab, ſo ließen ſie ihn in ſich zuſammenſinken.— Aber er fühlte dabei, daß ihn das Bewußtſein verließ; er ſah noch, wie die Müden an ſeiner Seite aus dem Schlummer emporfuhren, wie die Römerin neben ihm ihn erſchreckt anſtarrte, darauf das lieb⸗ liche Geſicht ihres Kindes verdeckte und dann mit allen Zeichen des Schreckens entfloh.— Er hörte ein Gemurmel von tauſend Lippen: der Tannhäuſer: Das iſt der Tann⸗ häuſer! All' die unzähligen Geſichter, die ſich gegen ihn wandten, all' die Tauſende und Tauſende von funkelnden Augen, die ihn anſtarrten, all' die bunten Gewänder, all' das glänzende Gold und blitzenden Steine, die bunte Marmorbekleidung 170 Siebenzehntes Kapitel. der rieſenhaften Pfeiler und Wände, die Lichter am Altar, ja die funkelnden Hänglampen mit ihren ſchweren goldenen Ketten, der vielfarbige Schimmer der gemalten Fenſter, auf⸗ leuchtend in blauen, rothen, grünen und gelben Flammen, wo die Sonne hindurchſchien,— alles das wand ſich durch⸗ einander und verſchwamm vor ſeinen Augen in ein einziges wildes Chaos, aus dem allein deutlich der gellende Ruf hervortrat: der Tannhäuſer! ja der Tannhäuſer! Es ſtieg wie graue Schleier um ihn empor, es ſcheuchte ihn auf vom Fuße des mächtigen Pfeilers, an dem er zuſammengeſunken, und obgleich ihm war, als ſei er nichs im Stande, Hand und Fuß zu rühren, ſo näherte er ſich doch langſam wie ſchwebend der großen Thüre des Tempels.“* Wie gern wäre er zurückgekehrt, wie gern hätte er ſich im dunkelſten Winkel von St. Peter an einem der Altäre niedergekauert, um dort einem mitleidigen Ohr ſein Vergehen zu klagen und zu erzählen, wie tief er bafür gebüßt, wie ſehr er ſchon dafür gelitten.— Vergebens! Es war ihm, als fege eine Windsbraut hinter ihm drein, als treibe ihn ein eiskalter Hauch an die Eingangspforten eiofß ob er ſich gleich hier anzuklammern verſuchte und mit erſchrecktem Auge auf die Tauſende und aber Tauſende blickte, welche gegen die Stufen anſtrömten und die fürchlele, er— im nächſten Augenblicke ihn erkennen würden und hen ſo ent ſetzt ſeinen Namen hinausſchreien, wie die drinnen in der Kirche, ſo wollten doch ſeine Hände nicht haften an dem Pilgerfahrt. 171 eiskalten glatten Stein, und er ſank neben der Eingangs⸗ thüre zuſammen, ſich zwiſchen den Piedeſtalen der mächtigen Sänulen verbergend, auf die Knie nieder, ſein Kopf ſank auf die Hände herab und zwiſchen ſeinen Fingern hindurch tropften ſchwere, wohlthuende Thränen. Hier lag er eine Zeit lang ruhig und unbemerkt neben andern elenden Krüp⸗ peln und Sündern. Wenn er auch hier für Augenblicke in ſtillen Betrach⸗ tungen und Rückerinnerungen an längſtvergangene Zeiten Ruhe und Troſt fand, ſo horchte er doch von Zeit zu Zeit auf Geſang und Glockenton in der Kirche, auf das Ge⸗ räuſch der Schritte, auf das Schleppen der langen, ſchweren Mäntel, in tödtlicher Angſt fürchtend, daß die Prozeſſion von dort zurückkehren werde und daß ihn abermals die finſtern Blicke der Vorüberwandelnden aufſchrecken würden aus dem elenden Winkel, in dem er zuſammengekauert und verſteckt lag. Schien es ihm doch, als wartete die unzähl⸗ bare Menge an den Stufen der Treppe nur auf den Augen⸗ blick, wo er, ein armes, gehetztes Wild, zu ihr hinabge⸗ ſcheucht würde. Und dieſer Moment ſchien zu kommen, denn von der innern Kirche her nahten ſich nun murmelnde Stimmen und tauſend Schritte dem Eingange. Die Hellebardiere ſtießen ihre Waffen auf das Steinpflaſter, Weihrauchduft quoll aus dem halbdunkeln Gange der Kirche. Da war es dem Tannhäuſer, als lege ſich eine kleine, 172 Siebenzehntes Kapitel. feine und warme Hand— die Hand eines Kindes— in die ſeine, und als er faſt erſchreckt zur Seite blickte, ſah er neben ſich ein wunderbares Kind ſtehen mit ſo milden und lieben Augen, daß es ihm ſelig durch's Herz ſtrömte. Er hatte die Züge des Knaben ſchon irgendwo geſehen,— irgendwo, wo man ihm wohlwollte, wo er willkommen war, wo man die Arme öffnen würde, um ihn zu empfangen, wo er endlich ein Aſil, eine Zufluchtsſtätte finden würde. — Aber wo? das konnte er ſich nicht klar machen. Dieſer Gedanke, der eine wahre Seligkeit über ihn ausſtrömen ließ, goß eine ſolche Ruhe in ſein Herz, daß er, die Hand des Kindes feſthaltend, das müde Haupt an die Säule legen wollte, um zu ruhen, zu ſchlafen; ſo gewiß war er, daß das Kind an ſeiner Seite ihm Schutz ſein würde gegen alle Gefahren, gegen alle Unbilden. Und darüber jauchzte er tief in ſeinem Herzen auf, wie der Schiffbrüchige, der auf ſchwimmender Planke aus dem wilden, tobenden Meer an das rettende Ufer gezogen worden iſt. Doch war es, als errathe der wunderbare Knabe ſeine Gedanken, denn derſelbe ſchüttelte mit dem Kopfe und ſagte mild lächelnd:„Komm, hier iſt nicht dein Platz.“ Worauf ſich Tannhäuſer folgſam erhob und ſich leicht und kräftig fühlte, befreit von jener lähmenden Müdigkeit, die ihn niedergedrückt.——„Komm!“—— Und leicht ſchritt er die Treppen hinab an der Hand ſeines kleinen Führers, ohne Aufſehen durch die Menſchen⸗ Pilgerfahrt. 173 menge hindurch, die ihn nicht zu beachten, ja nicht einmal zu ſehen ſchien, was wohl daher kam, daß das Kind, wel⸗ ches ihn führte, zuweilen ſeinen Stab erhob, worauf ſich jedesmal die Menſchenmaſſen wie durch einen Zufall theilten und die Beiden hindurchließen. So kamen ſie ans Ende des gewaltigen Platzes, als das Kind ſagte:„Hier muß ich dich verlaſſen und kann dich nicht weiter begleiten. Aber nimm dieſen Stab, er wird dein Führer ſein. Schau mir auch noch einmal feſt ins Geſicht und vergiß es nicht, daß ich dich dem Hohn der Menſchen entriß, weil ich in deinem Herzen tiefe, aufrichtige Reue las.— Ich allein kann binden und löſen.— Zieh hin und blicke nicht rückwärts, jetzt nicht und für die Zu⸗ kanft nicht. Da, nimm den Stab und glaube mir—— er wird grünen.“ Achtzehntes Kapitel. Im Rorden. Es iſt wohl eigenthümlich, hat aber ſeine guten Gründe, daß je mehr wir uns dem Norden nähern, wir um ſo beſſer die Einrichtungen finden, welche uns einen harten Winter erträglich machen, ja um ſo mehr im Stande ſind, die ſtrenge und ſtrengſte Jahreszeit angenehm und comfor⸗ tabel zu verbringen. Wir, die wir in Deutſchland ſo ziem⸗ lich in der Mitte Europa's ſtecken, finden dagegen in rich⸗ tiger Wechſelwirkung, daß je mehr wir uns dem Süden nähern, wir um ſo weniger Schutz haben. Wenn es zum Beiſpiel einmal dem italieniſchen Klima gefällt, mit etwas ungewohnter Kälte dreinzufahren, und wir, freilich nur auf Stunden, die Straßen von Florenz und Rom, ja die Berge um Neapel, ſelbſt den alten feurigen Veſuv, mit einer leichten Schneedede überzogen ſehen, oder wenn wir da, 4 Im Norden. 175 wo geſtern noch blühende Roſen waren, an Fontainen oder kleinen Bächen heute bei Sonnenaufgang glitzernde Eiszäpf⸗ chen bemerken; ſo ziehen wir uns wärmer an, als wir es zu Haus in Deutſchland bei doppelter Kälte thun wür⸗ den; da wickeln wir uns ſchauernd in unſere Mäntel und fühlen mit dem Florentiner oder Römer, der an ſolchen Tagen mit blauen Lippen zähneklappernd ſagt: quali tempo cattivo, quanto freddo! Und im Freien bei em⸗ ſigem Umherlaufen läßt ſich das noch ertragen; kommen wir aber in unſere Wohnung, in die hohen gewölbten Gemächer, ſo außerordentlich ſchattig und angenehm bei der Hitze des Sommers, mit ihren Steinboden, ihren Thüren, die nicht recht ſchließen, ihren klappernden Fenſtern, die jedem Luft⸗ zug Eingang verſtatten, ſo daß wir kaum das wehende Licht auf dem Tiſche vor dem Auslöſchen bewahren können, ſehen wir uns rings um und gedenken dabei eines praſ⸗ ſelnden deutſchen Ofens oder ſelbſt nur eines franzöſiſchen Kamines mit viel Dichtung und wenig Wahrheit, ſo ver⸗ miſſen wir ſchmerzlich alle die behaglichen Einrichtungen, die es uns zu Hauſe möglich machen, dem geſtrengen Winter ſiegreich Trotz zu bieten. Etwas Aehnliches, wenn auch nicht gar ſo ſchroff, fühlt der Nordländer bei uns, der Ruſſe, der aus ſeinem ſtolzen und glänzenden Petersburg kommend den Winter bei uns zubringen muß. Wenn wir auch lächeln bei ſeiner Behaup⸗ tung, daß die ſtrenge Jahreszeit in Rußland viel behaglicher 176 Achtzehntes Kapitel. als bei uns zu durchleben ſei, ja lächeln und ſcheinbar nicht mit Unrecht, wenn wir an den unerbittlichen ruſſiſchen Winter mit ſeiner Dauer von acht Monaten denken, mit ſeinem Schnee und Eis, der ſelten wie bei uns gemildert wird durch wochenlanges milderes Wetter, ſo hat der Nord⸗ länder doch Recht, wenn ihm Deutſchland in dieſer Beziehung faſt ebenſo vorkommt, wie uns Italien. Auch wir beugen uns in unſerem Leben und in unſeren Einrichtungen nicht ſo ſehr vor dem grimmen Herrn Winter, daß wir ſein Reich ohne alle Rückſicht anerkennen, daß wir ihm herme⸗ tiſch Thüren und Fenſter verſchließen, daß wir uns bis zur Naſe in dicke Pelze wickeln bei einer Kälte, die vielleicht nicht größer iſt als im Norden, bei der wir uns noch ſpa⸗ zierengehend erfreuen, während der Ruſſe ſeine Wohnung, ohne dazu gezwungen zu ſein, nicht mehr verläßt. Ja, wir ſehen, daß man dem Winter immer ſiegreicher trotzt, je mehr wir nach Norden rücken; ſchweben wir daher auf, ziehen wir dorthin. Auf Deutſchlands Fluren liegt nur hie und da vereinzelt der Schnee, die Laubhölzer zeigen unbe⸗ deckt ihre kahlen Aeſte, es erſcheint das von oben herab wie leichter Flaum, der weite Länderſtrecken überzieht; Fichten⸗ und Nadelwälder zeigen ſich dazwiſchen als tief ſchwarze Schatten, und die Flüſſe mit ihrem wärmeren Waſſer dampfen noch und ſenden ungehindert, noch frei von den Feſſeln des Eiſes, ihre lebendigen Wellen dem weiten Meere zu.— Jetzt rücken die Schneeſtreifen näher Im Norden. 177 und näher zuſammen, die Wälder verwandeln ſich nach und nach in weißes Pelzwerk, doch ſind die Straßen noch ſicht⸗ bar in ihrer Eingrenzung durch Frucht⸗ und andere Bäume, und die Bahnzüge ziehen, noch Rauch auswerfend und funkenſprühend, nach allen Richtungen. Was die Flüſſe anbelangt, ſo haben ſie nur noch ein ſchmales Rinnſal mit freiem Waſſer; rechts und links hat ſich Eis angeſetzt, wel⸗ ches ſich in wunderlichen Formen immer näher und drohen⸗ der nach der Mitte des Stromes zuſchiebt, jede Nacht ein neues Vorwerk conſtruirt mit glänzenden Zacken, von denen das zu Thal treibende Eis aufgefangen und feſtgehalten wird, um ſo fortwährend die Eisränder zu vermehren. Fliehen wir weiter dahin, ſo haben wir bald tief unter uns eine einzige weiße weit ausgebreitete Fläche, anſchei⸗ nend ohne die mindeſte Abwechslung. Hügel und Berge, Schluchten und Thäler, Flüſſe und Wälder mußten ihre Eigenthümlichkeiten aufgeben und liegen da im ſtarren Winterſchlaf gebannt, lange, lange Zeit wohl träumend un⸗ ter der weißen gewaltigen Decke des Winters. Kein Waſſer fließt mehr, keine Straße zeichnet ſich ab, das Dampfroß braust noch nicht über dieſe Flächen, und was wir ſich fortbewegend dahinziehen ſehen, ſind kleine Schlitten, in denen der Reiſende in Pelzen vergraben Schutz gegen die ſtrenge Jahreszeit ſucht. Man ſollte glauben, ein ſolches Dahinziehen, Tage und Nächte lang über ſchneebedeckte Flächen, ohne Aöwechshung, Hackländer, Tannhäuſer. II. 178 Achtzehntes Kapitel. ohne Ausſicht, müßte für Geiſt und Körper unendlich er⸗ müdend ſein. Und doch iſt dem nicht ſo: man gewöhnt ſich an dies ſanfte träumeriſche Dahingleiten; man findet Abwechslung in dem einförmigen Leben eines Kruges, der mitten in der Oede ſteht, wo wir unſere Pferde wechſeln; wir erfreuen uns an den phantaſtiſchen Formen, mit denen Schnee und Eis die Fichten und Tannen umgaben, zwiſchen denen wir dahingleiten; wir ſchlummern und träumen, und laſſen uns einwiegen durch den melancholiſchen Ton der Glöckchen, welche am Geſchirr der Pferde ſowie an unſerem Schlitten hängen und die raſtlos ihr Bim⸗bim⸗bim durch die tiefe Stille rings umher ertönen laſſen. So gleiten wir dahin, bis wir eines ſchönen Abends durch ein hochgewölbtes Thor fahren, wo wir ſtattliche Schilbwachen auf und ab ſpazieren ſehen, deren glänzende Musketenläufe im hellen Gaslichte funkeln, bis wir nun ſtatt Birken und Tannen zu unſern Seiten oder einzelner Bauernhäuſer Reihen von palaſtähnlichen Gebäuden durch⸗ fahren, oft wirkliche Paläſte mit Hunderten erleuchteter Fenſter, vor denen zwei⸗ und vierſpännige Equipagen und Schlitten halten, welche Diener mit rothglühenden Pech⸗ fackeln umſtehen, bis rechts und links von unſerem Schlitten hundert andere ähnliche Fahrzeuge ſchellenklingelnd mit uns dahinfliegen, bis uns ebenſo viele andere begegnen, auch glänzende Equipagen, Reiter und ein Strom von Fußgän⸗ gern, der ſich rechts und links auf den hölzernen Trottoirs Im Norden. 179 hält, um vom ſichern Platze aus mit hingewandten Geſich⸗ tern in das ſauſende Gewühl zu blicken. Das alles könnte uns nach der langen ſtillen Fahrt be⸗ täuben, und es betäubt uns auch, namentlich durch die rieſenhaſten Dimenſionen, welche Alles angenommen hat, was uns hier umgibt, Alles, an dem wir vorbeifliegen oder das wir an uns vorbeifliegen ſehen: Brücken, Straßen, Plätze. Deßhalb erregt es uns auch ein Gefühl des Be⸗ hagens, da wir auf einmal ſehen, wie unſer Jämſchtſchik ſich etwas höher vom Bocke hebt, als er gewöhnlich thut, den Kantſchu am Handgelenk der rechten Fauſt herabſinken läßt, den Lauf ſeiner Pferde mäßigt und mit lautem Ruf, um die Fußgänger auf dem Trottoir zu warnen, rechts ab⸗ biegt. Vor uns hat ſich ein großes Thor geöffnet, welches ſich hinter dem Schlitten augenblicklich wieder ſchließt. Wir befinden uns in einer Halle, der Schlitten hält, und meh⸗ rere Hände ſind bemüht, die Leder⸗ und Pelzdecken unſerer Kibitke zu beſeitigen und uns ſo das Ausſteigen zu erleich⸗ tern. Eigentlich werden wir von den Armen reich gallo⸗ nirter Bedienter aus dem Schlitten gehoben und ſanft auf die Füße geſtellt. Wir befinden uns wie in einem Traume, und es iſt uns, als haben Zauberkünſte unſere ganze Um⸗ gebung mit Einem Schlage verändert. Und wie verändert! Haben ſich doch ſeit der langen Fahrt die niedrigen ſchmutzi⸗ gen Häuſer, vor denen wir hie und da Halt machten, oder die hölzernen Shnppan, durch welche der vom Wind ge⸗ Achtzehntes Kapitel. peitſchte Schnee ſauste, während wir hielten, um Pferde zu wechſeln, ſo feſt unſerem Gedächtniß eingeprägt, daß wir die ſo ganz andere, in der That feenhafte Umgebung, in welche wir mit einem Schlage verſetzt ſind, beinahe mit Mißtrauen betrachten. Angenehm erwärmte Luft fächelt be⸗ haglich unſere Wangen; über uns, über Schlitten und Pferde wölbt ſich ein hohes Glasdach, die ganze Schneelandſchaft, die ſich unſerm innern und äußern Auge ſo feſt eingeprägt hat, daß wir meinen, es könne nichts anderes mehr auf der Welt geben, als Schnee und wieder Schnee, iſt mit Einem Male verſchwunden; freundliches Grün umgibt uns nach allen Seiten, fremde Sträucher und Bäume mit großen glänzenden Blättern und zwiſchen ihnen ſogar bunte Blu⸗ men, Kinder einer glücklicheren Zone, die ebenſo wie wir in dieſem Augenblicke in einem Traumleben befangen ſind. Die reich gallonirten Diener halten nun ihre ſilbernen Armleuchter hoch empor, und als wir uns der Treppe nähern, die mit einem Teppich bedeckt, bis in das Glashaus, wo wir anfuhren, hinabreicht, geht ein alter Herr in ſchwarzem Frack, der uns dort erwartet zu haben ſcheint, ein paar Stufen abwärts uns entgegen und dann mit einer tiefen Verbeugung auf die Seite, nachdem er vorher wie verſtohlen ſein ſchneeweißes Jabot abgeſtreift, vermuthlich, weil er 4 fürchtet, es könne dort ein Körnchen Schnupftabak hängen geblieben ſein. Der alte Herr mit ſeinem kurz geſchnittenen aufrecht ſtehenden weißen Haar, ſeiner noch weißeren Hals⸗ Im Norden. 181 binde und ſeinem faſt kindlich roſigen Teint lächelt ſo wohl⸗ wollend und freundlich, daß wir uns jetzt ſchon hier wie zu Hauſe finden. Er macht eine unterthänige Handbe⸗ wegung gegen die Treppe hin, zwei Lakaien mit Lichtern hüpfen voran, und durch einen ſanft erwärmten Vorplatz, der ſchon innerhalb des Hauſes iſt, kommen wir an eine leichte Marmortreppe, die ſich frei trägt, und in einer an⸗ muthigen halben Wendung in den erſten Stock hinaufführt. Das Geländer iſt von ſchwer getriebener Bronze⸗Arbeit, offenbar aber nicht fabrikmäßig erzeugt, ſondern nach künſt⸗ leriſchen Modellen von Künſtlerhand getrieben und zuſam⸗ mengefügt. Die Balluſtrade iſt glänzendes ſchwarzes Eben⸗ holz und ſpielt wie eine dunkelfarbige Schlange über den ſchneeweißen Marmorſtufen. Eine Bronzefigur in Lebens⸗ größe, die unten an der Treppe ſteht, über ihrem Kopfe einen Leuchter haltend, auf dem ein Bouquet von Wachs⸗ kerzen flammt, ſcheint Jeden, der hinaufſteigt, ernſt und forſchend zu betrachten. Geräuſchlos erreichen wir den erſten Stock; auf der Treppe wie hier in den Veſtibülen und den Vorzimmern ſinken unſere Füße förmlich ein in dicke perſiſche Teppiche. 4 Daher kommt es auch wohl, daß eine ſo tiefe Stille auf dem nicht großen aber prachtvollen Hauſe liegt. Nirgends das Geräuſch eines menſchlichen Trittes; nirgends die Be⸗ wegung einer Thüre oder der Klang einer Menſchenſtimme — Alles ruhig und ſtille. Da liegt Zimmer an Zimmer, X 182 Achtzehntes Kapitel. eines eleganter und prachtvoller ausgeſtattet als das andere, ſcheinbar unbewohnt und verlaſſen. Doch halt! im anſtoßen⸗ den Salon hören wir etwas; es iſt ein leichtes unterdrück⸗ tes Huſten, und wie wir Kraft unſeres Zauberſtabes auch hier ungeſehen eintreten, bemerken wir jenen alten Herrn wieder, der vorhin unten an der Treppe zum Empfang von allenfallſigen Ankommenden bereit ſtand, mit derſelben freundlichen und wohlwollenden Miene in einem Lehnſeſſel ſitzen und in einem Buche leſen. Zuweilen ſchweift ſein Blick über das Buch hinweg nach der gegenüber liegenden Thüre, die mit einer dicken orientaliſchen Stickerei verhängt iſt, und nachdem der alte Herr einen Moment gelauſcht, ſenkt er ſeine Augen wieder nieder auf die Zeilen ſeines Buchs, nicht ohne daß er vorher wiederholt und leicht gehuſtet. Drüben bleibt Alles ſo ruhig wie in dem ganzen Palaſte. Nähern wir uns jener verhängten Thüre; ſie öffnet ſich geräuſchlos vor uns, und wir befinden uns in einem acht⸗ eckigen Gemache, welches ſein Licht von oben durch eine kleine Glaskuppel erhält. Es iſt eine Gemäldegallerie, die uns aufgenommen; an den Wänden hängen wenige aber ausgeſuchte Bilder; aber ſeltſam, ſie verrathen alle eine und dieſelbe Meiſterhand. Es iſt ſo: das Auge hat uns nicht betrogen; während wir die Blicke hierhin und dorthin ſchwei⸗ fen laſſen, leſen wir auf jedem der Bilder: Potowski, hier Potowski, dort Potowski.„Stille, daß unſere Verwunde⸗ rung nicht laut werde; wir ſind nicht allein. Die eine Im Norden. 183 Wand des Octogons nämlich fehlt, und die dadurch entſtan⸗ dene Oeffnung, welche in einen Salon führt, iſt nur mit ſeidenen Stoffen verhängt. Ah! hier zum erſten Male ver⸗ nehmen wir jetzt den Laut einer menſchlichen Stimme. Wir hören und ſehen. Es iſt dort ein kleines reiches Boudoir mit einem Auf⸗ wand von Kunſt und Gleganz eingerichtet. Wände und Decke ſind mit grünem Damaſt bezogen, die letztere nur ausgezeichnet durch ein Netzwerk von goldenen Schnüren, die von der Decke auf allen vier Seiten herabreichend ſich dort in Spitzendeſſins verſchlingen und ſo den reichſten Fries bilden, den man ſich nur denken kann. Die Thüren be⸗ ſtehen aus ſchwarzem glänzendem Ebenholze, deſſen Füllun⸗ gen matt vergoldet ſind und als Hintergrund laſurfarbiger, von Meiſterhand gemalter ſchwebender Figuren dienen. Eigenthümlich ſind die Möbel in dieſem Zimmer; es ſind ſonderbar geformte kleine niedrige Fauteuils von Bronze mit orientaliſchen Stoffen bedeckt; ein paar türkiſche Divans; und an dem hohen und breiten Fenſter des Gemachs, deſſen Licht man durch ſeidene Vorhänge dämpfen kann, bemerkt man Sitze von aufeinander gethürmten Kiſſen, deren Ge⸗ ſtalt ſich beliebig ändern läßt. Auf einem der Divans ruht eine Dame, deren Namen den geneigten Leſer, wenn wir ihn nennen, nicht überraſchen. wird, denn er wird ſich ſchon gedacht haben, daß wir uns in ihrem Hauſe befinden,— die Fürſtin Lubanoff. Sie 184 Achtzehntes Kapitel. lehnt ihr Haupt auf den rechten Arm und hält ihre weiße Hand ſo, daß die Finger ihre Augen beſchatten. Gekleidet i*ſt ſie in matte graue Seide, und ſeltſamer Weiſe legt ſich über ihr volles dunkles Haar ein weißer Schleier ſo, daß er von Weitem wie ein Scapulir ausſieht. Um ihre Taille ſchlingt ſich eine dicke ſeidene Schnur, deren Quaſten über den Divan herabhängen. In der linken Hand, welche am Rande der Kiſſen liegt, hält ſie ein Papier, d. h. ſie hält es nicht, indem dieſes Papier in dem Augenblick, wo es uns vergönnt iſt, einen Blick in das Gemach zu werfen, ihren Fingern entgleitet und auf den Teppich nieder⸗ rauſcht. Vor dem Divan ſteht Madame Bauvallet, auf deren gutem breitem Geſichte die uns bekannte unverwüſtliche Ge⸗ müthlichkeit und heitere Laune thront. Sie ſchüttelt leicht mit dem Kopfe und bückt ſich alsdann auf den Boden nieder, um das entfallene Papier aufzuheben. „Ich muß nur,“ ſagt ſie hierauf, nachdem ſie ſich mit einem tiefen Athemzug wieder aufgerichtet,„wiederholt gegen dieſe Art der Frau Fürſtin, Geſchäfte abzumachen, prote⸗ ſtiren. Du mein lieber Gott, da liegt dieſe ganze coloſſale Laſt auf meinen ſchwachen Schultern, und Madame, meine gnädigſte Herrin, thut nicht einmal ſo viel, einen verglei⸗ chenden Blick auf die mühſam zuſammengeſtellten Rechnun⸗ gen zu werfen.“ 1 „Wozu das auch, gute Bauvallet?“ fragte die Fürſtin Im Norden. mit leiſem Tone.„Schickt doch Alles an meinen deutſchen Intendanten nach Winopradofka. Ihr lobt ihn ja ſelbſt als überaus treu und gewiſſenhaft; er ſoll mir, wenn wir hin⸗ kommen, ein Reſumsé vorlegen.“. „Wenn wir hinkommen!“ gab Madame Bauvallet mit leichtem Achſelzucken zur Antwort.„Was wollen Euer Durchlaucht auf dem kleinen Gute machen? Ueberhaupt glaube ich nicht,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu, während welcher ihr die Herrin eine Antwort ſchuldig geblieben war, „daß Madame Luſt haben, wieder zu reiſen.“ „O gewiß, o gewiß!“ ſprach nun die Fürſtin erregter, indem ſie ſich ein klein wenig aufrichtete. „Nach dem Süden?“ Dieſe Frage war mit einem kleinen lauernden Blicke begleitet. „O nein, o nein,“ ſagte die Fürſtin mit einem tiefen Seufzer. „So werden Euer Durchlaucht nach Moskau auf die großen Güter gehen,“ meinte lächelnd die Franzöſin. „Wo mein Vetter Iwan den Tag über ſeine Fuchs⸗ hatzen abhält,“ entgegnete die Fürſtin in faſt entrüſtetem Tone,„und die Nächte mit ſeinen gleichgeſinnten Gutsnach⸗ barn im Trinken und Spielen verbringt?— Gott ſoll mich bewahren! Mag Iwan machen, was er will, ich will nach dem Wolthonski⸗Wald, auf das kleine liebe Gut, das meine Eltern beſaßen,“ ſetzte ſie in wehmüthigem Tone X 186 Achtzehntes Kapitel. hinzu,„und wo ich als Kind ſo glücklich war, o ſo ſehr glücklich.“ „Aber die großen Lubanoff'ſchen Güter bei Moskau, die n ſchrecklicher Verfaſſung ſein ſollen?“ „Wenn wir in Winopradofka ſind und dort eingerichtet, ſchicke ich Feodor Buchholz auf die Lubanoff'ſchen Güter. Das iſt ein braver und energiſcher Mann; er wird ſchon Ordnung ſtiften und ich werde ihm Vollmachten geben, daß er mit Vetter Iwan fertig wird.“ „Monſieur Buchholz iſt wohl der Mann dazu,“ ſagte Madame Bauvallet nachdenkend,„aber die Leute möchten wohl ihre Herrin einmal ſelbſt ſehen.“ „Später, ſpäter,“ gab die Fürſtin zerſtreut zur Antwort „Doch laß mich hören, was Du weiter haſt. Ich ſehe da noch eine Menge Papiere in Deiner Hand.“ „Ja, Papiere genug,“ erwiederte die Franzöſin mit einem Geſichtsausdruck, der ernſt erſcheinen ſollte, in Wahr⸗ heit aber komiſch ausſah.„Papiere, wie ſie jeden Tag zu Dutzenden einlaufen, und die alle in verſchiedunen Varia⸗ tionen daſſelbe beſagen.“ „Nun, was denn?“ „Bitten und Forderungen.“ „Und was verlangt man denn ſo vielfältig von mir? Es muß ja was Arges ſein, wenn ich dein ernſtes Geſch betrachte.— Was will man?“ „Nun, Geld wollen die verſchiedenſten Leute, zu den Im Norden. 187 3 verſchiedenſten Zwecken, unter den allerverſchiedenſten Vor⸗ wänden.“ Die Fürſtin machte eine Miene der Langeweile, wenig⸗ ſtens der größten Gleichgültigkeit. „So gib ihnen denn,“ ſagte ſie nach einer Pauſe;„es fehlt dir doch nicht an Geld?“ „Gott ſoll mich bewahren, daß es daran fehlt,“ rief erſchrocken Madame Bauvallet;„das wäre eine grenzen⸗ loſe Wirthſchaft.— Nein, Geld iſt im Ueberfluſſe da, und die Banquiers drängen ordentlich, daß man auf ſie an⸗ weist.“ „Nun denn?“ „Ja, nun denn, Madame— CEuer Durchlaucht haben gut reden ſo— es ſind große Summen, die angewieſen werden. Und wen trifft am Ende einmal die Verant⸗ wortung?“ „Verantwortung—?“ fragte raſch die Fürſtin,„gegen wen?“ 1 „Nun, allerdings gegen Sie, aber—“ gab die Fran⸗ zoͤſin nach einer Sekunde ſtockend zur Antwort,—„wenn nicht ſpäter—“ Die Fürſtin miachte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. „O du Närrin,“ ſagte ſie gutmüthig,„eines Tages, wenn ich dich nach deinem ſchönen Frankreich zurückſchicke, werde ich dir noch einen allgemeinen Revers ausſtellen, daß 188 Achtzehntes Kapitel. Alles, was du hier gethan und ausgegeben, ja was du geſprochen und gedacht, auf meinen ſpeziellen Befehl ge⸗ ſchehen iſt.— Wie? was? noch eine Wolke auf deiner Stirne? Ahl ich verſtehe den Blick in deine Papiere. So lies denn, langweilige Perſon, ſo laß mich denn die Haupt⸗ forderungen hören, aber nur die Hauptforderungen, nichts unter zehntauſend Rubel.“ „Die Oberin Ihrer Diakoniſſen⸗Anſtalt,“ referirte Ma⸗ dame Bauvallet, augenblicklich Gebrauch machend von der erhaltenen Erlaubniß,„trägt die Summe vor, welche die befohlene Vergrößerung des Inſtituts koſten würde.— 240,000 Rubel,“ las ſie in ſehr gedehntem Tone. „Gewiß, ich will die Vergrößerung. Weiter.“ Ddie Franzöſin unterdrückte einen leichten Seufzer, dann r ſie fort:„Die Seminoff'ſche Armenſchule ſchickt die Ab⸗ ſchrift eines Briefes, woraus hervorgeht, daß der Frau Fürſtin hochſeliger Vater in früheren Zeiten dorthin ein jährliches Geſchenk von hundert Rubel machte. Sie wün⸗ ſchen—“ „Mein guter, guter Vater!“ rief die Fürſtin ſchmerzlich bewegt,„er that ſo gern etwas für die Armen, und ich habe ihrer bei meinen vielen Reiſen im Ausland ſo wenig gedacht.“. Sie verſank in tiefes Nachdenken. Dann ſagte ſie nach einem langen Athemzuge:„O mein guter Vater! Hundert Rubel war ein Gegenſtand für ihn.———— Höre, V 6 Im Norden. 189 gute Bauvallet,“ fuhr ſie darauf raſch und energiſch fort, „was die Seminoff'ſche Armenſchule anbelangt, ſollſt du dich genau erkundigen, wie ihre Mittel ſind, ob ſie Kapitalien hat, ob ſie gut dotirt iſt, und das Geringſte, was du mir für ſie vorſchlägſt, ſoll ein Geſchenk ſein von hunderttauſend Rubel für diesmal und zehntauſend jährlich, ſo lange ich lebe. Glaube mir, wenn mein armer Vater ihnen jährlich hundert Rubel gab, ſo mußte er wiſſen, daß ſie ſehr würdig und bedürftig ſind.“ Die Franzöſin neigte ihren Kopf zum Zeichen, daß ſie wohl verſtanden habe, dann las ſie weiter:„Der Anna⸗ koff'ſche Verein für unbemittelte Jungfrauen und das Marien⸗ Aſyl veranſtalten eine Lotterie und bitten um Beiträge. Vielleicht wären zweitauſend Rubel an ſie zu vertheilen.“ „Gib jedem zweitauſend Rubel, gute Bauvallet,“ ſprach die Fürſtin.„Glaube mir,“ ſetzte ſie mit einem reizenden Lächeln hinzu,„ich werde auf andern Seiten wieder ſparen. Was habe ich nicht ſchon dieſen Herbſt und Winter an der Toilette erſpart; du mußt mir das zugeſtehen, und wenn wir erſt im Wolthonski⸗Wald ſind, da brauchen wir eigent⸗ lich gar nichts mehr.“. Madame Bauvallet zuckte leicht mit den Achſeln und machte mit dem Bleiſtift, den ſie in der Hand hatte, ein paar feſte Striche auf ihre Papiere. 3 „Hier iſt noch,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„ein 190 Achtzehntes Kapitel. Schreiben von Monſieur Buchholz. Es iſt an mich gerichtet, und wenn Madame befehlen, leſe ich es Ihnen vor.“ „Lies den Brief von Buchholz,“ gab die Fürſtin zur Antwort.„Ich mag den Deutſchen gut leiden; auch iſt in ſeinen Briefen immer etwas, das mich intereſſirt, und wenn es nur die deutſchen Wendungen ſind, mit der er ſein Ruſ⸗ ſiſch ſpricht und Franzöſiſch ſchreibt, oder die einzelnen Aus⸗ drücke ſeiner Mutterſprache, bei denen dafür die hieſige Be⸗ nennung fehlt.— Lies.“ Sie legte ihre rechte Hand unter das Haupt, nachdem ſie ſich auf ihrem Divan ausgeſtreckt, und ließ die Augen⸗ lider halb zufallen.„Nimm dir einen Stuhl, Henriette,“ ſagte ſie alsdann mit leiſer Stimme. Die Franzöſin aber dankte für die Erlaubniß, ſich zu ſetzen, mit einer verbindlichen Neigung ihres Kopfes; dann las ſie: 3 „Madame! „Glauben Sie meiner Verſicherung, daß ich noch nie dem Ende eines dieſer langen und langweiligen ruſſiſchen Winter mit ſolcher Ungeduld entgegen geſehen, wie eben jetzt, und ſeien Sie überzeugt, daß ich mit dem allergrößten Vergnügen der Welt die geringſten Anzeichen betrachte, von denen man ſagen könnte, ſie verkündigen, daß die Erde an⸗ fange ſich zu dehnen und zu recken nach ihrem feſten Winter⸗ ſchlafe, und daß ſie endlich, endlich ihre tauſend wunderbaren ——— 4 Im Norden. 191 Augen aufſchlagen wolle. Wenn mir Einer meldet, es krache zuweilen im Ladoga⸗See, ſo bekommt er von mir einen Extraſchnaps, und alle paar Tage reite ich hinauf auf den Mons Alaunus, der, in Parentheſe geſagt, den Namen eines Berges durchaus nicht verdient, und ſchaue mich unter den Tannenwäldern um, ob nicht von Süden her ſo ein friſcher auflöſender Hauch an mein Geſicht ſchlagen will. Geſtern war ich noch droben, und da flüſterten die Nadeln an den Zweigen ſo geheimnißvoll, als wollten ſie ſagen: bald wird er kommen, der göttliche, ſehnlich erwartete Frühling.“ Ueber die Züge der Fürſtin flog ein leichtes Lächeln. „Monſieur Feodor iſt ein Poet, du gibſt das zu, gute Bau⸗ vallet,“ ſagte ſie, ohne die Augen aufzuſchlagen. „Er hat in der Art was, wie alle Deutſche,“ gab die Franzöſin zur Antwort,„die begeiſtern ſich für Sachen, die uns gleichgültig ſind, und ſie ſind im Stande, ſogar mit Schwärmerei und Innigkeit einer aufbrechenden Knoſpe zu⸗ zuſchauen.“ „Ja— a, ja— a.— Doch weiter.“ „Das Alles dürften Sie überſchlagen, meine gute Ma⸗ dame Bauvallet; ich habe nur damit ausdrücken wollen, daß ich mich wie ſonſt immer einfach, dießmal doppelt auf den Frühling freue, vorausgeſetzt, es bleibt dabei, daß unſere gnädige Fürſtin den Wolthonski⸗Wald mit ihrem Beſuche beehrt. Dann ſehe ich auch Sie wieder und Fräu-⸗ leein CEliſe.“ Achtzehntes Kapitel. Die Fürſtin ſchlug lächelnd ihre Augen auf, ließ ſie aber gleich darauf wieder zufallen. „Die beiden Gärtner ſind angekommen, ordentliche Burſche, und da das befohlene neue Glashaus vor Ende der ſtrengen Jahreszeit fertig geworden, ſo haben wir da ſchon wirthſchaften können(die Sämereien, welche mir Fräu⸗ lein Eliſe gab, gehen prächtig auf), daß es ein Vergnügen iſt. Die Kiſten mit Möbeln und Tafelſervice, die Sie uns ſchickten, ſind ausgepackt; es iſt wenig zerbrochen und alles ziert das Schlößchen, daß man ſich nicht ſatt daran ſehen kann und nur bedauern muß, daß die Bewohner noch feh⸗ len. Ich freue mich wie ein Kind darauf, bis Alles grünt und blüht und wir die Frau Fürſtin erwarten können. Legen Sie ihr meinen tiefſten Reſpect zu Füßen, nehmen Sie meine herzlichſten Grüße und ſagen Sie Fräulein Eliſe ein paar gute Worte von mir.“ 8 „Er ſpricht viel von Eliſe,“ meinte die Fürſtin lächelnd. Madame Bauvallet zuckte leicht mit den Achſeln, worauf ſie in ſehr gutmüthigem Tone ſagte:„Ich finde das begreif⸗ lich, und es freut mich. Er iſt ein Deutſcher, ſie iſt eine Deutſche, und Beide ſind wackere und liebe Menſchen. Doch hier,“ unterbrach ſie ſich ſelber,„ſteht noch eine Nachſchrift, die nicht ganz unintereſſant iſt.— Madame werden ſich des alten Uprawlajetſchi Potowski erinnern.“ Die Fürſtin preßte ihre Lippen auf einander, und ihre Bruſt hob ſich unter einem tiefen Athemzuge.—„Ob wir Im Norden. 193 uns ſeiner erinnern! Nicht wahr, gute Bauvallet, du evin⸗ nerſt dich auch noch gern jener Zeit und des Namens, o jenes Namens,“ ſetzte ſie ſchmerzlich erregt hinzu,„der uns Allen, Allen ſo viel Kummer gemacht, ſo viele bittere Stunden.— Und ſo viele ſüße!“— Das ſagte ſie ganz leiſe.—„Fort! fort!“ Sie wiſchte mit der umgekehrten Hand über ihre Stirne.—„Was iſt's mit Potowski?“ „Potowski hat einen Sohn,“ referirte die Franzöſin— „doch nein,“ ſagte ſie lächelnd,„ich muß das mit den Worten des Intendanten ſagen.“ Und dann las ſie wieder aus dem Briefe: „Der alte Potowski, deſſen ſich die Frau Fürſtin noch erinnern werden, iſt noch immer wohl auf; nur trinkt er ein bischen viel Anisbranntwein, und die Folge davon iſt, daß ich mich zuweilen genöthigt ſehe, in ſeine Haushaltung ein wenig ſcharf einzugreifen, indem ich ihn manchmal unter Schloß und Riegel ſetze, das heißt in ſeinem eigenen Hauſe, wo ich dazu ein paſſendes Lokal gefunden habe, um ihn nicht zum Geſpötte der Andern über die Straße führen zu müſſen. Er erkennt es auch beſtens an, und wenn er nüch⸗ tern geworden iſt, bedankt er ſich für die gnädige Strafe. Es iſt gut, daß ich nicht den hohen Auftrag habe, mich um Einige Seinesgleichen ſo ſpeziell zu bekümmern, denn ſonſt 7 müßte ich ſelbſt den Vogt machen; und thue ich das auch in dieſem Ausnahmsfalle gern, denn Madame Potowski kührt ihre Kinderſchule auf eine ganz vortreffliche Art.. Hackländer, Tannhäuſer. II. 13 194 Achtzehntes Kapitel. „Weiter, weiter von den Potowski's,“ ſprach die Fürſtin, dann ſetzte ſie wie nachdenkend hinzu:„Ja, ja, ſie iſt eine brave Frau,“ und ſagte dann, als ſie den fragenden Blick der Madame Bauvallet bemerkte:„ſie ſtammt aus den Oſt⸗ ſeeprovinzen, war die Tochter eines deutſchen Lehrers und gab uns Kindern Unterricht im Zeichnen.“ Die Franzöſin nickte mit dem Kopfe.„Darauf ſcheint ſich die Nachſchrift des Intendanten zu beziehen,“ meinte ſie alsdann,„denn er ſagt, von den Kindern Potowski's iſt nur ein einziger Bube übrig geblieben, der jetzt vierzehn Jahre alt iſt, und der, man ſollte es nicht glauben, ein eminentes Talent zum Zeichnen und Malen beſitz. Seine Mutter hat ihn unterrichtet, ich ſchaffe ihm Papier und Farben an, bringe ihm auch bei, was ich ſelbſt noch weiß; aber jetzt ſind wir Beide mit unſerem Latein am Ende.“ Die Fürſtin hatte ſich raſch emporgehoben, ſtützte den Kopf auf ihre Hand und ſagte, indem ſie ihre glänzenden Augen mit dem unverkennbaren Ausdruck des Intereſſe's auf die Vorleſerin richtete: „Das iſt ja außerordentlich, und ich kann dich ver⸗ ſichern, gute Bauvallet, daß mich das ſehr, ſehr freut.“ „Ich wage es auszuſprechen,“ las die Andere weiter, „daß in dem Buben ein ganz außerordentliches Talent ſteckt, für das es Schade wäre, wenn es nicht durch alle mög⸗ lichen Mittel geweckt und ausgebildet würde. Hier bei uns kann er nichts mehr lernen, und entweder ſollte man ihm 8 Im Norden. 195 einen tüchtigen Lehrer verſchaffen, oder auf eine gute aus⸗ wärtige Schule ſchicken.“ „Zuerſt einen Lehrer, Bauvallet,“ rief die Fürſtin raſch und entſchieden,„den beſten Lehrer, den Petersburg hat, und den wir hinausſchicken wollen, um ihn zu prüfen und um uns gewiſſenhaft berichten zu laſſen, ob ein großes Ta⸗ lent in dem Knaben ſteckt. O wie würde es mich freuen, ja wie würde es mich förmlich glücklich machen,“ fuhr ſie mit leuchtenden Augen fort,„wenn wirklich ein großes be⸗ deutendes Talent in ihm ſchlummerte, wenn der Name Po⸗ towski, den ich freventlich erfunden, doch noch emporſtrahlen würde, geehrt und geachtet genannt werden, und“— ſetzte ſie leiſer hinzu—„bis zu ihm dringen, um ihm vielleicht zu ſagen, daß ich gut zu machen mich beſtrebe, ſo viel in meiner Macht liegt.“ Sie hatte ſich raſch von ihrem Divan erhoben, war an einen kleinen Schreibtiſch geeilt und ſchrieb dort haſtig einige Zeilen, die ſie in ein Couvert ſteckte, daſſelbe ſchloß und mit einer Adreſſe verſah. 3 „So, gute Bauvallet,“ ſagte ſie alsdann in heiterem 5 Tone,„das beſorge mir ſogleich, und wenn der Profeſſor kommt, ſo ſoll er augenblicklich zu mir geführt werden. Sei du ſo gut und ſchreibe dem Buchholz, daß mich ſein Brief gefreut, daß ich mit dem erſten Grün in Winopradofka ein⸗ treffen werde und daß ich ſeiner Sorgfalt den jungen Po⸗ towski ſo dringend empfehle, wie es mir nur möglich iſt. 196 Achtzehntes Kapitel. 8 Schreibe ſogleich und ſchicke den Brief mit der ſchnellſten Gelegenheit. 4 Madame Bauvallet wickelte ihre Papiere zuſammen, ver⸗ ſicherte, daß ſie nicht ermangeln werde, alle Befehle von Madame auß's pünktlichſte zu beſorgen, und verließ das Ge⸗ mach, in der Hand den Brief der Fürſtin. Dieſe ſchritt nun erregt auf und ab, drückte zuweilen ihre rechte Hand an die Stirne und dachte lebhaft vergan⸗ gener Zeiten. Freudig und ſchmerzlich ſtrömten die Erinne⸗ rungen auf ſie; bisweilen blieb ſie auf ihrem Spaziergange durch das Zimmer ſtehen; ihren Lippen entſchlüpfte ein Ausruf, jetzt wandte ſie ſich plötzlich um und trat in die kleine Gemäldegallerie, wo ſie verſchiedene der Bilder be⸗ trachtete, dieſes eilig, flüchtig, raſch wieder den Blick davon abwendend, als fürchtete ſie ſich vor den Erinnerungen, welche es in ihr hervorrief, vor einem anderen blieb ſie länger ſtehen, verſenkte ſich in das Betrachten deſſelben, und drückte beide Hände gegen ihre Bruſt, wobei ſich ihre Lippen bewegten, als murmele ſie ein Wort, einen Namen. Ein leichtes Geräuſch im Salon, den ſie eben verlaſſen, riß ſie aus ihren Träumereien, doch ſchien ihr dieſe Unter⸗ brechung nicht unlieb.—„Du biſt es, Eliſe?“ rief ſie, und als von drinnen die Antwort erſchallte:„Ja, gnädige Für⸗ ſtin, ich bin es,“ ſo überflogen noch einmal ihre großen glänzenden Augen die Wände der Gemäldegallerie, worauf ſie in das anſtoßende Gemach zurücktrat.—„Setze dich zu in welchem ſich viel gute Hoffnung für die Zukunft zeigte. 8 Im Norden. 19ʃ mir,“ ſagte ſie mit ſanfter Stimme zu dem jungen Mäd⸗ chen, welches in der Mitte des Gemachs ſtehen blieb und die Befehle ihrer Herrin zu erwarten ſchien.„Komm, ſetze dich zu mir wie damals, wie ſo oft.“ Sie ließ ſich abermals auf den Divan nieder, Eliſe rückte ein kleines Tabouret an ihre Seite, ſtützte den Kopf auf den Arm und kam ſo ihrer Herrin näher, welche, wie ſie gern zu thun pflegte, ihre Hand ſanft in die vollen Haare des jungen Mädchens vergrub. „Jetzt iſt der Winter bald vorüber,“ ſagte die Fürſtin; „nicht wahr, er hat lange gedauert?“ „Bei uns in Deutſchland iſt nun ſchon Alles grün,“ meinte träumeriſch das junge Mädchen;„die Schneeglöckchen ſind ſchon abgeblüht, die Primeln noch da, und duftende Veilchen findet man ſo viel man will.“ „Soll das ein Vorwurf für unſer armes Rußland ſein?“ meinte die Herrin lächelnd.„Da könnten die Bewohner der ſüdlichen Länder etwas Aehnliches von den deutſchen Landen ſagen. In Italien zum Beiſpiel blühen und glühen die Roſen jetzt im prachtvollſten Flor.— Doch ſprechen wir nicht davon,“ ſetzte ſie ernſt, faſt wehmüthig hinzu,„ſeien wir mit dem zufrieden, was uns Pehiehon: nicht wahr, meine gute, gute Eliſe?“— „Gewiß,“ erwiderte das junge Mädchen, indem ſie mit ihren klaren Augen emporſchaute und mit einem Ausdruck, 1 198 Achtzehntes Kapitel. „Ich finde die Winter hier,“ ſprach ſie dann nach einer Pauſe,„ſogar in gewiſſer Beziehung ſehr behaglich, nur die lange Nacht und die Morgen⸗ und Abenddämmerung, die oft gar nicht aufhören will, drückt das Gemüth.“ „Dafür aber haben wir auch die wunderbaren Sommer⸗ nächte, wo ſich erſt Abends um eilf Uhr der Himmel leicht verdunkelt, und ſchon kurz nach Mitternacht der Tag wieder anbricht.“ „Iſt das nicht ermüdend?“ „Wenn man glücllich iſt, nicht, ſonſt kann es uns aller⸗ dings zuweilen in traurige Stimmung verſetzen.— Aber wir wollen glücklich ſein, nicht wahr, Eliſe?— Du wenig⸗ ſtens ſollſt es ſein— ich will es. Was mich anbelangt,“ ſetzte ſie träumeriſch hinzu,„ſo werde ich mir ein Glück ganz eigener Art ſuchen. Aber—“ unterbrach ſie ſich mit einer faſt ungeduldigen Handbewegung,„wohin führt uns das Geſpräch wieder; ich wollte ja vom Frügjahr reden— dann reiſen wir.“ Das junge Mädchen blickte erſtaunt in die Höße „O nicht ſo,“ fuhr die Fürſtin lächelnd fort, welche dieſen Blick wohl verſtand,„wir gehen auf meine Güter.“ „Nach Moskau?“ fragte Eliſe anſcheinend mit großer Unbefangenheit, doch ſenkte ſie ihre Blicke wie zufällig herah 2 und betrachtete ihre Hände, welche ſie auf dem Schooße zu⸗ jammengelegt hatte. Im Norden. 199 8 „O nein, wir gehen nach Winopradofka.— Gingeſt du lieber nach Moskau?“ 8 „Ich? o nein! Winoprodoſta ſoll ſchön ſein.“ „O es iſt ſehr ſchön, klein und reizend, es hat etwas von einer deutſchen Gegend, friſch grüne Hügel und tief blaue Seen. Was ſollte ich auch auf den großen Gütern bei Moskau? Dort haust mein Vetter und verbringt ſeine Zeit auf eine Art, die mir zuwider iſt, zwiſchen Fuchs⸗ und Haſenhatzen, zwiſchen Spielen und Trinken. Mich dauert nur ſeine Frau Anna, und ihr zuliebe miſche ich mich nicht tiefer in Iwans Angelegenheiten, wie ich doch thun ſollte. Doch werde ich von Winopradofka aus Feodor Petrowitſch mit guten Voll⸗ machten hin ſchicken müſſen. Er treibt es oft zu bunt da unten.“ Eliſe ſchloß ihre Lippen feſter und nickte mit dem Kopfe, als gehe ſie vollkommen auf die Anſichten der Fürſtin ein, doch war es unverkennbar, daß ein leichter Schatten über ihre ſonſt ſo offene und freie Stirn flog. „Ich bin es den Gütern ſelbſt, beſonders aber den Bauern ſchuldig, eine feſte Hand hinzuſchicken, die Ordnung hineinbringt und den letzteren das Daſein behaglicher macht. Könnte ich dir den Unterſchied zwiſchen meinen Gütern bei Moskau und denen am Wolthonski⸗Wald recht anſchaulich machen, du würdeſt nie mehr ein Verlangen haben, die erſteren zu beſuchen.— So laß uns alſo auf das Frühjahr hoffen. O ich kann dir nicht ſagen, meine gute Eliſe, wie ſehnſüchtig ich beim Ausfahren die Birken anblicke, ob ſich xX Achtzehntes Kapitel. da in den Knoſpen noch nichts regt, und wie häufig ich es mache wie der gute Feodor Petrowitſch und nach Süden ſchaue, mein Geſicht dorthin wende, ob nicht ein wärmerer Lufthauch von dort zu ſpüren iſt. Bald aber, bald wird unſere Sehnſucht erfüllt.“ Und der Frühling kam, wie er immer zu kommen pflegt, freilich nicht ganz regelmäßig oder in gleich guter und ſchlech⸗ ter Laune: er liebt es, der launenhafte junge Menſch, ſich uns alljährlich in den verſchiedenſten Mummereien zu prä⸗ ſentiren, da er doch weiß, daß er uns armen Menſchenkin⸗ dern willkommen ſein muß, mögen nun Blüthen aus ſeinem Haar ſtäuben und ſeine Finger friſche grüne Blätter aus⸗ ſtreuen, oder mag er kommen bedeckt mit ſchwellenden Knoſpen, die ſich aber noch ſchauernd vor kalten Weſtwinden in ihrer Umhüllung halten, ja ſich momentan noch verſtecken müſſen unter ſprühenden Schneebriſen. Es iſt doch einmal der Frühling, der an unſere Pforte pocht, und der die Hoff⸗ nung, ſelbſt unter Schnee und Eis, aufleben läßt. So kam denn auch alſo der Frühling nach Petersburg, und diesmal ſogar mit einem freundlichen Geſichte. Freilich hatte er ſchon im Süden unzählige Ströme vom Eiſe befreit, hatte ſchon Milliarden von Knoſpen aufgeküßt und eine un⸗ ſinnige Verſchwendung mit Blüthen der verſchiedenſten Art getrieben, ehe er in Rußland die Birkenſchößlinge treiben ließ und das Nadelholz mit kleinen hellgrünen Punkten überſäete.— — Im Norden. 201 Frühling! Frühling! Die weiten großen Thore am Glashaus vor der Wohnung der Fürſtin wurden geöffnet, und zu gleicher Zeit ſchälte ſich der Portier, der den ganzen Winter über in der Geſtalt eines Bären erſchienen war, aus ſeinen Pelzen und zeigte ſich in der glänzenden reich gallonirten Livree— der erſte Frühlings⸗Schmetterling, der der häßlichen haarigen Puppe entkrochen. Auch Feodor Petrowitſch ſchrieb von Winopradofka: er ſchwöre darauf, der Wolthonski⸗Wald ſei in der Vegetation Petersburg vier Wochen voraus; er meſſe jeden Tag ver⸗ ſchiedene Baumblätter und es gebe keine mehr, die unter einem Zoll lang ſeien. Was die Schlingpflanzen um die Cottage anbelange, ſo ſchauten dieſelben jeden Tag neu⸗ gieriger in die Fenſter hinein und ſchienen ſich zu verwun⸗ dern, die Zimmer immer noch leer zu finden. So ſchrieb er an Madame Bauvallet, denn bei Berich⸗ ten an die Fürſtin ſelbſt erlaubte er ſich begreiflicher Weiſe keiner ſolchen an dieſem Platze unpaſſender Aeußerungen. Daß aber die boshafte Franzöſin ſeine Briefe Wort für Wort vorlas und daß ſie jeden Gruß an Eliſe— es kamen häufig darin vor— ſcharf betonte, davon hatte der gute Deutſche keine Idee. So ſtand denn an einem ſchönen Morgen der Reiſe⸗ wagen der Fürſtin vor ihrem kleinen Palaſte, mit ſechs Pferden beſpannt. Einige Kaleſchen und Fourgons für die Dienerſchaft waren ſchon vorausgegangen, und nachdem die Achtzehntes Kapitel. Herrin mit Madame Bauvallet und Eliſe in dem großen bequemen Wagen Platz genommen, blickte die Erſtere mit ſeltſam umflortem Auge zu den Fenſtern empor, wo ſie den Winter verbracht; dann ſetzten die Jämſchtſchiks ihre Hüte auf und fort ging es in die Perſpective hinein, von dort donnernd über die Fontanka⸗Brücke hinweg, lange, lange durch das weite Petersburg, immer zwiſchen Häuſern dahin, durch den Tſarskoje⸗Sſeloſchen⸗Proſpekt über den Sagorodnoi⸗ Canal endlich in's Freie an die Grenzen der unermeßlichen Stadt. Es erſchien der Fürſtin angenehmer, ſtatt die Eiſen⸗ bahn zu benutzen, den Weg nach Winopradofka über Waldai in ihrem bequemen Reiſewagen zu machen. Da rollte ſie hin auf der breiten Moskau'ſchen Straße, und wenn ſie vor⸗ wärts blickend der weißen Straßenlinie folgend, die ſich weit, weit vor ihren Augen auf der unermeßlichen Ebene dahinzog und die Phantaſieen ſo gern entführte nach den fernen ſüd⸗ lichen Ländern, mit denen ſie den Norden in Verbindung ſetzt, nach der Türkei, dem Kaukaſus, Turkeſtan, nach China und Perſien, ſo war anderntheils wieder die Umgebung, durch welche die große Straße führt, ſo recht dazu gemacht, die Gedanken zu verſammeln, ſie einem Buche zuzuwenden oder der Unterhaltung mit den Begleitern. Hier iſt Alles eben, Alles ſumpfig und waldlos; da ſieht man vielleicht ein Birkenwäldchen, zuweilen einen klei⸗ nen Tannenwald, aber immer recht einſam liegend in weit ausgedehnten Flächen kahlen und wenig angebauten Landes. ——————ᷓ;ᷓ— Im Norden. 293 Dörfer erſcheinen als Seltenheiten und das Einzige, was der Reiſende vielleicht mit Intereſſe betrachtet, iſt das Leben auf der Straße ſelbſt. Hier freilich taucht alle Augenblicke etwas Neues auf, unzählige Waarenzüge, die mit uns in derſelben Richtung gehen oder uns begegnen. Namentlich bilden die Wagen der Fuhrleute, die in's Innere ziehen, große lange Karawanen. Sie führen weſteuropäiſche Waa⸗ ren, italieniſche Früchte, franzöſiſche Bücher und Bijouterien, engliſche Tücher und deutſche Linnenwaaren nach Moskau und weiter hinein. Leichte Troiken, oder ſchwere Vier⸗ und Sechsſpänner kreuzen dieſe Züge, oder jagen raſſelnd und glockenklingelnd an ihnen vorüber. Wir erreichen Novgorod, zu beiden Seiten der Wolchon liegend, und finden hier die Umgegend noch öder und wüſter als bei Petersburg, eine völlig ebene Fläche ohne Hügel und Wald. Die Fürſtin ſchien dieſe Gegend nicht mehr ſo recht im Gedächtniß zu haben und war ſelbſt überraſcht von dem Mangel aller landſchaftlichen Schönheit. Madame Bauvallet meinte, der Wolthonski⸗Wald habe ſich das ſo recht als Relief arrangirt und müſſe darauf nothwendig als ein klei⸗ nes Paradies erſcheinen. Eliſe betrachtete und träumte. Unmerklich ſteigt das Land hinter Novgorod empor; ja ſo leiſe und ohne Uebergänge, daß man wie im Traume dahinrollend die Gegend mit jedem Schritte mehr verändert findet, ohne ſich eigentlich Rechenſchaft geben zu können, wo⸗ X 204 Achtzehntes Kapitel. her das komme. Schmale Grasflächen haben ſich kaum merk⸗ lich zu ſaftigen Wieſen erweitert, einzelne Birken an der Straße ſind kleine friſch grüne Wälder geworden, klares tiefblaues Waſſer rauſcht uns von Abhängen entgegen, deren Daſein wir eine Viertelſtunde vorher noch gar nicht geahnt. Die ganze Landſchaft iſt anmuthig, man könnte ſagen im deutſchen Charakter, jetzt frühlingsfriſch und lieblich. Die Bauart der Häuſer hat hier Aehnlichkeit mit der in der Schweiz; man ſieht weit hervorragende Dächer, und die Gallerien und Erker vor den Fenſtern ſind mit buntem Holz⸗ ſchnitzwerk verziert. Wahrhaft zierlich und hübſch erſcheinen uns die Wirthſchaftsgebäude nebenan; jeder Schuppen, jedes Dach ruht auf dicken Baumſtämmen, und da dieſe Baum⸗ ſtämme gewöhnlich hellſchimmernde Birken ſind, ſo ſehen dieſe Gebäude oft aus wie von weißen Säulen umgeben. Als der Wagen der Fürſtin langſamer gegen die Höhe des Waldairückens hinauffuhr und man das kleine Städtchen ſchon ſelbſt ſah, ſagte Madame Bauvallet: „In der nächſten Viertelſtunde überſchreiten wir die Grenze zu Ihren Gütern, Madame. Da ſollte mich wun⸗ dern, wenn Feodor Petrowitſch nicht ſchon vor Waldai zu Ihrem Empfange bereit ſtünde.“ Und kaum hatte ſie dies geſagt, ſo ſah man einen Rei⸗ ter in vollem Galopp die Anhöhe herab gegen den Wagen herſprengen und die Fürſtin lachend zu dem Ausrufe ver⸗ anlaſſen: Im Norden. 3 205 „Das iſt wie in der Comödie Henriette: Feodor Petro⸗ witſch hat ſein Stichwort gehört und tritt ganz Eifer und Feuer auf die Bühne.“ Und ſchon hatte der Reiter den Wagen erreicht, parirte leicht und gewandt ſein Pferd und begrüßte, ehrfurchtsvoll ſeinen breitränderigen Hut abnehmend, die Fürſtin, worauf er ſein dampfendes Roß wandte und näher zum Schlage ritt. „Der Himmel hat uns zur Ankunft Eurer Durchlaucht einen prachtvollen Tag gegeben,“ ſagte der Intendant mit einer tiefen, wohlklingenden Stimme, und ſetzte mit einer abermaligen Verbeugung hinzu:„Es iſt das ganz im Ein⸗ klange mit den frohen Wünſchen unſeres Herzens.“ Feodor Petrowitſch oder Friedrich Buchholz, wir er auch hieß, ehe er nach Rußland kam, der Sohn vom Peter Buch⸗ holz, daher ſein Beinamen Petrowitſch, war eine angenehme Erſcheinung; er hatte ein offenes Geſicht mit einer freien Stirne, klare freundliche Augen, einen großen blonden Schnurrbart und war ein ſchlank aber kräftig gewachſener Mann von vielleicht dreißig Jahren. Zu Pferde nahm er ſich in dem anliegenden grünen Jagdrock, dem Hirſchfänger an der Seite, mit den hohen glänzenden Stiefeln ſtattlich aus, und die Art, wie er die Gangart ſeines wilden Pfer⸗ des dem Fahren des Wagens leicht und gewandt anpaßte, zeigte einen guten Reiter, Madame Bauvallet grüßte er verbindlich und freundlich, und welchen Gruß er für Eliſen hatte, die auf dem Rückſitze ſaß, konnten die im Hinter⸗ X 206 Achtzehntes Kapitel. grunde des Wagens ſich befindlichen Damen nicht gut ſehen, da Feodor Petrowitſch, als er dem jungen Mädchen ſeine Verbeugung machte, ſein Pferd etwas zurückhielt. Warum Eliſe dieſen Gruß ſehr kurz erwiderte, und ſich dann zum Wagen hinaus lehnte, um angelegentlich nach Waldai hin⸗ auf zu ſchauen, wiſſen wir nicht. Vielleicht, daß ſie das Städtchen ſelbſt, als ſo nahe ihrem künftigen Wohnorte lie⸗ gend, beſonders intereſſirte. Um die Fürſtin ſo viel wie möglich vor dem Andrängen der Bevölkerung zu ſchützen, die in ihr dankbarlichſt die gute Herrin liebte, hatte der Intendant herrſchaftliche Pferde vor das Städtchen beſtellt und ließ dort den Wagen umſpannen. Daß aber trotzdem Alt und Jung herbeiſtrömte, dicht an den Wagen zwiſchen die Räder lief, Mützen und Hüte ſchwang, daß die Kinder empor gehoben wurden, um in den Wagen blicken zu können, und daß hunderte von Lippen in allen nur erdenklichen Schmeichelworten ſich über die endliche An⸗ kunft ihres ſchönen Mütterchens freuten, war nicht zu ver⸗ hindern, und dankte die Fürſtin hrichi und wahrhaft gerührt. Hinter Waldai fingen die lubanoff'ſchen Güter an, und Feodor Petrowitſch hörte mit Stolz, was die Fürſtin ſagte, daß man keinen Grenzpfahl brauche, um zu ſehen, wo ſein, des Intendanten, Regiment beginne. In der That bemerkte man auch hier einen auffallenden Unterſchied in der Bear⸗ beitung der Felder. An niedrigen Stellen waren überall Im Norden. 207 Kanäle gegraben, um das überflüſſige Waſſer von den Aeckern abzuleiten. Die Felder waren gehörig vermeſſen und ge⸗ düngt; die Wieſen gereinigt von Erdſchollen und nutzloſen Geſträuchen. Am ſteilen Ufer einer Quelle, neben dem Weide⸗ platze war eine mit Steinen ausgelegte Stelle, wo das Vieh zur Tränke herabſtieg, um nicht im Kothe zu waten und die Quelle nicht mit Erde zu verſchütten. Der Weg war zu beiden Seiten mit Bäumen bepflanzt; die Brücken waren in guter Ordnung und ſumpfige Stellen mit Faſchi⸗ nen belegt. Als man dem Dörfchen ſelbſt näher gekommen war, hinter dem ſich das Schloß der Fürſtin befand, ſah man hölzerne dauerhafte Häuſer in einer Reihe zu beiden Seiten der Straße. Um das Fenſtergeſimſe war Schnitz⸗ werk angebracht, die Höfe alle mit hohen Zäunen umgeben, nebſt hübſchen Pforten und einem Wetterdache. Die Häuſer ſtanden in einiger Entfernung von einander, aus Vorſicht gegen Feuersgefahr. Zwiſchen den Häuſern befanden ſich Gärtchen mit Fruchtbäumen, hinter den Bauerhäuſern die Küchengärten, und hinter dieſen die Tennen. Am Ende des Dorfes ragte eine ſchöne ſteinerne Kirche empor, be⸗ ſchattet von hohen Linden. Das Haus des Geiſtlichen un⸗ terſchied ſich durch Sauberkeit und durch ein hübſches Aeu⸗ ßeres. Neben der Kirche ſtanden noch einige niedliche Häus⸗ chen, zum allgemeinen Nutzen. In einem derſelben befand ſich ein Hoſpital und eine Apotheke; in einem andern ein Verpflegungshaus für Verwaiste, Kränkliche und Hochbe⸗ 208 Achtzehntes Kapitel. jahrte; in dem dritten das Vorrathsmagazin und eine Bude mit den für den Landmann nothwendigen Waaren; in einem vierten die Dorfſchule und das mündliche Gericht. Eine Schmiede war am Ende des Dorfes, und in deſſen Mitte ein großer Brunnen. Die Landleute beiderlei Geſchlechtes hatten ein geſundes Aeußere, und die jungen Frauen zeich⸗ neten ſich durch Schönheit aus, denn äußere Schönheit iſt eine Folge des Wohlſtandes. Man bemerkte auf der Straße weder ſchmutzige Kinder noch abgeriſſene Weiber, noch be⸗ trunkene Bauern. Die Pferde und das Hornvieh der Land⸗ leute waren von ſehr guter Race, das Geſchirr und das Ackergeräth in beſter Ordnung. Dabei hatte die Gegend etwas Friedliches, Patriarchali⸗ ſches in ihrer ganzen Phyſiognomie, die Seele fühlte ſich beruhigt, und man mußte ſich geſtehen, daß dies ein Ort ſei, wo man der Vergangenheit leben könne und ungeſtört von ſeinen Erinnerungen zehren. 8 Jetzt zeigte ſich drüben auf der Höhe Winopradofka, die Beſitzung der Fürſtin. Noch war ein kleiner Fluß zu über⸗ ſchreiten, auf deſſen jenſeitigem etwas ſteilem Ufer wie hin⸗ geworfen der Park war, der bis zur Höhe hinan ſtieg, wo zwiſchen freundlichem Grün das Schlößchen der Fürſtin her⸗ vorſchimmerte. Die untergehende Sonne küßte goldig die Fenſter, ſo daß dieſe wie in rothem Feuer aufloderten. Der Wagen machte eine Biegung, um ans Ufer zu ge⸗ langen, und noch in der Entfernung, rückwärts in der Im Norden.. 209 Höhe, bemerkte man Waldai; Kirchthürme und Häuſer ſchon in der Dunkelheit verſchwimmend, und bald nur noch als unbeſtimmte Schatten erſcheinend. Am Ufer im Fährhauſe glänzte ein Licht; jetzt hielt der Wagen knirſchend im Sande, und dann vernahm man das Rauſchen des Fluſſes ſowie das Rufen des Bootsmanns. Der Himmel hat eine ſtahlgraue Färbung, und hie und da, immer mehr und mehr ſpringen von ſeinen Millio⸗ nen Sternen funkelnd welche hervor. Der Wagen ſteht auf der Fähre, die ſich kaum merklich fortbewegt, ſo daß man nicht genau weiß, bewegen wir uns wirklich oder führen die Tannen und Föhren, die ſich ſo kohlſchwarz von dem helleren Himmel abzeichnen, dort am Bergabhang einen ge⸗ heimnißvollen Reihentanz auf. Es iſt ſo ſtill rings umher; man hört nichts als ein ungeduldiges Stampfen der Pferde auf dem hölzernen Boden der Fähre, oder das leiſe Klin⸗ geln und Klirren der Glocken und Meſſingtheile an den Geſchirren, wenn ſich die Thiere in der kühlen Nachtluft ein wenig ſchütteln, und das Plätſchern der Ruderſtangen, wenn ſie aus dem Waſſer gehoben werden oder aufs neue wieder hinein gleiiten. Feodor Petrowitſch war von ſeinem Pferde abgeſtiegen und ſtand neben dem Wagen; er hatte ſeine Hand auf den 4 Rand des Schlages gelegt.— Es war hier in der Thal⸗ ſchlucht ſchon recht dunkel, ſo daß man kaum mehr die 3 nächſten Gegenſtände unterſcheiden konnte. Hackländer, Tannhäuſer. II. 210 Achtzehntes Kapitel. Endlich erreicht man das jenſeitige Ufer, die Taue der Fähre werden befeſtigt, die Stränge der Beipferde wieder an den Wagen gehängt, die Jämſchtſchiks ſchwingen ſich auf, und fort geht es im Galopp, die ſteile Straße hinauf bis zum Anfang des Parkes, dort in das weit geöffnete Thor hinein, wo der Wagen auf dem Sandyege gleich ſanfter rollt, dann in einer Schlangenwendung um den Berg herum, und eine Viertelſtunde ſpäter hält die Equi⸗ page auf einem terraſſenähnlichen Platze vor dem kleinen reizenden Cottage der Fürſtin. Der Mond iſt unterdeſſen aufgegangen, voll und klar, und beleuchtet Gegend, Park und Schlößchen taghell; das letztere hat mit ſeinen Erkern, Thürmchen und Balkonen eine phantaſtiſche Geſtalt, die Front deſſelben iſt nach der Seite der Terraſſe, wo der Wagen hält, durch nichts ver⸗ deckt, während die Rückſeite ſich ſchützend an die hohen Bäume des Gartens lehnt, der unmittelbar dort an der Ausgangsthüre beginnt. Die Fürſtin, Madame Bauvallet und Eliſe traten an den Rand der Terraſſe, auf welcher das Cottage lag und blickten in die Gegend hinaus. Weich geformte Hügel bis an ihren Fuß mit Wieſen bedeckt ſchoben ſich vor und neben 8 einander und umgaben einen im Mondlicht hell glänzenden See, welcher die Blicke Aller anzog. In der Nitte deſſel⸗ ben lag auf einer Inſel das Waldai'ſche Kloſter der iberi⸗ — ſchen Mutter Gottes, phantaſtiſch und geheimnißvoll ſchim⸗ —- Im Norden. 211 merten ſeine verſilberten und vergoldeten Thürme aus dem— ſtahlglänzenden Waſſerſpiegel und den faſt ſchwarzen Tan⸗ nenwäldern, welche das Kloſter umgaben, im Glanze des Mondlichtes hervor.———— ———— Von drunten erklang jetzt eine Glocke, ſanft und melancholiſch, das Herz beſtrickend, die Seele tief er⸗ greifend.— Es iſt etwas Eigenthümliches um Glockentöne in ſtiller weicher Mondſcheinnacht.— Selbſt Madame Bau⸗ vallet fühlte ſich ergriffen, Eliſe erhob die leuchtenden Augen gen Himmel, und die Fürſtin ließ ihr Haupt tief auf die Bruſt herabſinken und barg das Geſicht in beide Hände.— Neunzehntes Kapitel. Auf den Kaiſerpaläſten. In der ewigen Stadt Rom häufen ſich Trümmer auf Trümmer. Nicht als ob wir dem geneigten Leſer damit ſagen wollten, es beabſichtige jemand, Ruinen anzulegen, wenn er die alten Schutthaufen ebne, um ihrer prachtvollen Lage willen dort mit neuen Marmorquadern ſeinen präch⸗ tigen Palaſt, oder mit alten Steinen, die er zufällig findet, ſein beſcheidenes Haus zu bauen. Nein, das kommt alles von ſelbſt und iſt einmal ſo der Lauf der Welt, daß aus dem Steine allerlei Mooſe und andere genügſame Kräuter entſprießen, daß dieſe zu Erde werden und nun einen beſſeren Grund abgeben, um kräftigeren Pflanzen zum näh⸗ renden Boden zu dienen, oder daß wir auf dem verſchüt⸗ teten Keller unſeres Vorfahren ein neues Fundament legen, um unſer Haus zu bauen, deſſen Trümmer dann ſpäter Auf den Kaiſerpaläſten. 213 für unſere Nachkommen wieder Steine liefern werden für neue Fundamentmauern. Aber dieſes Auf⸗ und Uebereinanderbauen iſt wohl nirgends ſo ſichtbar und tritt wohl nirgends ſo maleriſch ſchön vor unſere Augen, als hier in Rom, wo Generatio⸗ nen den Staub vergangener Generationen geathmet und nun ſelbſt zu Staub geworden an den Fußſohlen anderer Generationen klebten, deren Staub dann wieder zwiſchen den Rädern unſeres Wagens empor wirbelt. Wer hörte nicht von den Cäſaren⸗Paläſten und von den Thermen des kaiſerlichen Roms? Nur einzelne Ge⸗ bäude in der gewaltigen Stadt und doch wieder ſelbſt Städte vom ungeheuerſten Umfange!— Städte mit Spiel⸗ und Uebungsplätzen aller Art, mit Sammlungen von Kunſtwerken und Bibliotheken, den Reichen und dem Volke zu jeder Jahres⸗ und Tageszeit alle Genüſſe, Annehmlich⸗ keiten und Beluſtigungen des raffinirteſten Lebens bietend, mit Bädern, mit unabſehbaren Säulenhallen zum Spazieren⸗ gehen, alles das ſtrahlend in grenzenloſer Pracht, von Marmor, edlen Steinen und Metallen.— Und nun ver⸗ gangen, zerfallen zu Schutt und Trümmern, zuſammenge⸗ ſtürzt und begraben unter Staub und Erde! Und die wei⸗ ten Flächen, welche ſpäter wieder geebnet wurden, ſahen neue Prachtbauten entſtehen, zu denen man das, was die Erde aus alter Zeit bewahrte, als Steinbrüche benutzte, um neuere größere und kleinere Bauten aufzuführen. — — Neunzehntes Kapitel. Und ſo häuften ſich gerade hier Trümmer auf Trüm⸗ mer, und für den, welcher einmal hier oben ſtand, aus leicht begreiflichen Urſachen. Denn eine Fernſicht, wie ſie ſich hier dem Auge bietet, hat man nicht leicht von einem andern der ſieben Hügel Roms. Da liegt die ewige Stadt vor uns, vom Capitol bis zu den Thermen des Caracalla, und über dieſe maleriſchen Ruinen hinweg ſchauen wir auf die prachtvoll gefärbte Campagna gegen das Meer hin und laſſen ſüdöſtlich die entzückten Blicke auf den wunderbaren Formen der tiefblauen Albanergebirge ausruhen. Ja, zum Ausruhen iſt das Terrain hier oben wie ge⸗ ſchaffen, zu einem ſüßen, ſeligen Ausruhen, wobei alles, was uns in den vergangenen Tagen geſchmerzt und ge⸗ quält, zurückweicht, ſich höchſtens zu einem angenehmen Weh geſtaltet. Die tauſendjährigen Trümmer der Werke des mächtigen Volkes, die unter unſern Füßen begraben liegen, zürnen uns nicht; im Gegentheil, ſie ſind unſern neuen, gegen ſie betrachtet kleinlichen, Anlagen günſtig, und der uralte Boden, der früher die ſtolzen Marmorhallen trug, nährt nun freund⸗ lich dichte Lorbeerbüſche, Myrthen und Oleander und ſo zauberiſche Roſengärten, wie man ſie nirgend wo anders ſieht. 8 4 Schreiten wir dort durch Trümmer von Mauern und Pfeilern in ungeheuren Dimenſionen, die umgeben ſind von der friſchen Vegetation neuerer Gärten und Weinpflanzen, Auf den Kaiſerpaläſten. — Trümmer aus röthlichem Gemäuer beſtehend, das von 3 dichtem Epheu umrankt iſt, und umkränzt von zarten Roſen, die von einem weichen Lufthauche bewegt, uns wie träu⸗ meriſch entgegennicken. Ein wohl unterhaltener, zierlich zwiſchen den Ruinen geſchlungener Fußweg zeigt uns Spu⸗ ren fleißiger Menſchenhände. Folgen wir ihm und dem Roſengehege an ſeiner Seite, er wird uns freundlich führen. Dort ſehen wir auch ſchon vor uns eine Gruppe dunkler Cypreſſen und daneben ein kleines Haus, ſo ſüß träumeriſch verſteckt liegend zwiſchen Orangenbäumen, Myrthen und blühendem Oleander. Wir umgehen leiſe das elegante Ca⸗ ſino und kommen an den Hof deſſelben, der mit Benutzung alter Säulen und Trümmer ſo entzückend und mal riſch angelegt iſt, daß wir augenblicklich mit einem Ausruf der Ueberraſchung ſtehen bleiben. Dieſer Hof iſt eine kleine Terraſſe, deren Ende eine uralte ſteile Mauer bildet, mit einer neuen zierlichen Brüſtung als Schutzwehr verſehen. Die alten Säulen und Pfeiler, von denen wir ſo eben ſprachen, ſind zu einer der zierlichſten Veranden verbunden, über welche hellgrünes Weinlaub herabnickt, während ſich vom Fuße der Steintrümmer blühende Roſenbüſche auf⸗ wärts ſchlingen. So bildet das Grün der Weinlaube einen phantaſtiſchen Rahmen über die geöffnete Terraſſe. Dort hinaus ſchauen wir in eine Fülle tiefgrüner Lorbeerhaine, zwiſchen denen ſchwarze Cypreſſen emporragen; da ſehen wir lichte Gärten ———— 216 Neunzehntes Kapitel. mit weißen freundlichen Gebäuden; da ſchauen halbverſteckt aus dem lieblichen Grün blühender Orangenhaine die braun⸗ ſchwarzen, zerklüfteten Trümmer des Coloſſeums von der Tiefe zu uns empor. Da erhebt ſich aus der Terraſſe ſelbſt eine leichte Marmorſchaale in eleganten Formen und ſpritzt zeinen klaren Waſſerſtrahl in die warme, duftige Frühlings⸗ luft. Da—— 1 Am Eingange des Caſino's, im Schatten der Wein⸗ laube, all' das unbeſchreiblich Schöne vor ſich, das wir mit ſchwachen Umriſſen zu ſchildern verſucht, ſteht ein alter Steintiſch— es iſt eine röthliche Marmorplatte auf einem weißmarmornen Capitäl— und an dieſem Tiſche ſitzt ein kleiner Mann, der den Kopf in beide Hände geſtützt hat, aber nicht aus Müdigkeit oder Unluſt, ſondern weil er auf dieſe Art bequemer in einem Zeitungsblatt leſen zu können glaubt, welches vor ihm aufgeſchlagen liegt. Aus dieſem Zeitungsblatte liest er einem Andern laut Wir kennen ihn wohl, den Andern, und wenn auch ſeine Geſichtsfarbe noch ſehr bleich iſt, ſo haben doch ſeine Augen jenes unheimliche Feuer verloren, womit er damals alle erſchreckte, die er anſchaute. Sein blondes Haar iſt ſorg⸗ fältig geſcheitelt, er trägt einen einfach grauen Rock und einen grünen Kragen und hält ſeine feinen weißen Hände gefaltet auf den Knieen, Auch das Zucken um ſeine Mund⸗ winkel hat ſich verloren, und wenn ſich dieſe hin und wieder vor, der ſich an der andern Seite des Tiſches befindet. * — Auf den Kaiſerpaläſten. 217 bewegen, ſo bilden ſie ein ſtillzufriedenes, wir möchten faſt ſagen, ſeliges Lächeln, das aber auch wohl ſeine wohlbe⸗ gründete Urſache hat. Worin dieſe Urſache beſteht, ſollten wir den geneigten Leſer eigentlich errathen laſſen; da es uns aber ſchon ſo oft zum Vorwurf gewacht worden iſt, wir liebten es, uns beim Schluß der wahrhaftigen Schil⸗ derungen einer unmotivirten Kürze hinzugeben, ſo wollen wir denn ſagen, daß die Urſache dieſes ſeligen Lächelns des Tannhäuſer neben ihm an ſeinem Stuhle lehnt, daß ſie ſich ein Vergnügen daraus macht, von einem Orangen⸗ baum duftende Blüthen abzubrechen, die ſie auf ihn her⸗ abfallen läßt, und daß dieſe Urſache eine liebe Bekannte von uns iſt, die wir als verſchloſſene Roſenknoſpe ver⸗ ließen, und die nun in voller Pracht aufgeblüht friſch und duftig in ihrer Liebe und Schönheit alles gehalten, was ſie verſprochen. Der kleine Mann, der die Arme auf den Tiſch ge⸗ ſtemmt hat, wirſt einen freundlichen Blick auf die Beiden hinüber, zuckt dann mit den Achſeln und ſagt:„Es iſt wahrhaftig eine Freude für einen gewiſſenhaften Vorleſer, ſein Geſchäft zu verſehen, wenn er an euren Kindereien wahrnimmt, daß ihr doch nicht bei der Sache ſeid.“ Der Tannhäuſer nickte begütigend mit dem Kopfe, worauf er zur Antwort gab:„Du haſt recht, Wulf; aber ehe du anfingſt vorzuleſen, haſt du uns ein Reſumé des Ganzen gegeben, das wohl im Stande war, mich in an⸗ X Neunzehntes Kapitel. genehme Träumereien zu verſenken, und das mir— ver⸗ zeih, wenn ich die Wahrheit ſpreche— faſt alles Intereſſe für die Einzelnheiten benommen.“ „Und ich bin leider einmal der gute Kerl, der dir immer Recht geben muß,“ ſagte der Andere lachend und damit patſchte er mit der flachen Hand auf ſein Zeitungs⸗ blatt.„Was kümmert uns auch eigentlich die Entrüſtung manches ehrlichen Landsmannes, der all' ſeine Lobſprüche, die er dem Fremden vermiethet hat, auf dich gezwungener Weiſe übertragen muß. Aber etwas kann ich dir nicht erlaſſen,“ ſetzte er mit dem bekannten Blinzeln ſeines linken Auges hinzu.„Paß einmal auf, was ſie jetzt an den Bildern des ſo berühmten ruſſiſchen Malers Potowski nachträglich noch für rieſenhafte Schnitzer entdecken werden. — Sieh, darauf freue ich mich.“ „ Und wenn ſie etwas derartiges finden,“ entgegnete Tannhäuſer,„ſo will ich mir es zur Lehre dienen laſſen.“ * Punktum,“ ſprach Wulf in ſehr beſtimmtem Tone, „der alte Gott lebt noch, und es wird auch noch manchen braven Mann geben, der ſich darüber freuen wird, daß ſich der ruſſiſche Potowski in den deutſchen Tannhäuſer verwandelt.“ „——— Ein Ritter gut, Wollt Ehr' und Lieb' gewinnen, Da zog er in das röm'ſche Land— Blieb all' ſein Lebtag drinnen,“ „ Auf den Kaiſerpaläſten. 219 rief der Tannhäuſer mit dem herzlichſten Tone der Stimme und zog Franceska ſanft an ſich, die ihre blühende Wange mit verſchämtem Blicke an ſein Haupt drückte. Recitir' Einer nur eine Zeile vom alten Tannhäuſer,“ rief laut lachend der kleine Maler, ſo hinkt gewiß was vom Uebel herbei. Ich hab' das ſchon ſo oft erfahren, daß ich mir feſt vornahm, von jetzt an die ganze ſchauerliche Sage zu vergeſſen. Da kommt das Uebel.“ „Il vecchio Signor conte!“ meldete der Gärtner der kleinen Villa, wobei er von der Seite der Roſenbüſche in die Veranda hereinblickte. Ihm folgte in der That auch auf dem Fuße der vecchio conte. Und wirklich, er war recht alt geworden, der alte freundliche Herr; ſo ungern er auch die lang entſchwundene Jugendzeit aufgeben zu wollen ſchien, von manchen Emblemen derſelben konnte er ſich immer noch nicht trennen, obgleich ſie zum Uebrigen ſo gar nicht mehr paßten, ſo das dichte Haar ſeiner Perrücke und ſeine glänzenden Zähne. Er gab ſich recht Mühe, dieſem ſowie auch dem freundlichen Lächeln, das um ſeine eingefallenen Wangen jpiale, Gang und Halung an⸗ zupaſſen. Aber es wollte nicht mehr gehen; ſeine ſchwachen Beine waren müde geworden beim Erſteigen des kleinen Hügels, auf welchem die Villa lag, und als ihm Wuif 220 Neunzehntes Kapitel. Schultern des kleinen Malers und ſagte:„Wenn das alles auch keine wahre und ächte Freundlichkeit von Euch iſt, ſo acceptire ich es doch. Ihr ſeid ein Schalk, aber ich habe ſchon lange gemerkt, daß es das Beſte iſt, auf Eure Späße einzugehen. Danke für den Stuhl— da ſitz' ich.“ Der alte freundliche Herr ließ ſich in der That an der Stelle nieder, wo Wulf den Stuhl hingeſetzt hatte, und ruhte da ein paar Augenblicke aus, ehe er weiter ſchritt. Er war aber auch ſo bepackt, daß ſeine Müdigkeit ver⸗ zeihlich war, wenn man dabei noch die große Anzahl Jahre bedachte, unter deren Laſt er gebückt ging. In der einen Hand trug er ein koloſſales Blumenbouquet und daneben auf dem Arm noch ein ziemlich großes Paket, zu dem er ein Pen⸗ dant in der andern Hand hielt, allerlei kleine Commiſ⸗ ſionen enthaltend, deren Beſorgung er, ſo oft er ging, von Franceska ſich zu erbitten nicht unterließ, was dieſe aber nur widerſtrebend gewährte. Und er kam und ging häufig, ja bei gutem Wetter faſt täglich, der alte freundliche Herr, und keiner von den Peheien nahm den geringſten Anſtoß daran. Er war und nach ſo ganz anders geworden, als er ſich ehedem Iephlen und wenn hie und da ſeine Zunge den Verſuch machte, einmal mit etwas Leichtfertigem umzugehen, ſo brauchte Franceska nur den Finger emporzuheben. Nachdem er Blumen und Päcke abgegeben hatte und ſehr lange Details an Franceska über die Beſorgung der 2 Auf den Kaiſerpaläſten. einzelnen Commiſſionen, die ſie ſo freundlich geweſen, ihm zu ertheilen, ruhte er eine kurze Zeit aus unter dem Schatten der Weinlaube, indem er ſich mit ſeinem Taſchen⸗ tuch Kühlung zufächelte. „Daß ich zu euch Beiden eigentlich nicht komme,“ wandte er ſich darauf an Tannhäuſer und an Wulf,„das brauche ich zum Gott weiß wie vielſten Male nicht zu wiederholen. Aber ich ſehe meinen alten Freund Piſani nicht.“ „Ja, der iſt nach der Stadt gegangen,“ gab Wulf zur Antwort,„in großen Geſchäften.“ Damit zog er wichtig thuend ſeine Augenbrauen in die Höhe.„Vorbereitungen zu gewaltigen Feierlichkeiten, die in den nächſten Tagen hier ſtattfinden werden.“ „Aber meine Einladung!“ wandte ſich Graf Por⸗ tinsky mit einiger Unruhe auf dem Geſichte gegen Fran⸗ ceska. „Die bleibt nicht aus,“ entgegnete die junge ſchöne Römerin lachend, worauf ſie ins Haus zurückſprang. Der alte freundliche Herr blieb eine Zeitlang in tiefe Gedanken verſunken daſitzen, dann ſchlug er ſich vor die Stirn und ſagte:„An meiner Vergeßlichkeit merke ich es recht, daß ich alt werde, merkwürdig alt, ganz unan⸗ genehm alt, und daß ich bald zu nichts mehr gut bin, als weggelegt zu werden. Nun,“ ſetzte er achſelzuckend hinzu, „das iſt ja das Ende aller Dinge.“ 221 222 Neunzehntes Kapitel. „Und die Vergeßlichkeit?“ fragte lachend der Tann⸗ häuſer. Der alte Graf fuhr mit der Hand über die Augen und rſetzte dann, mit einem Male in ſeinem ſo geläufigen Redefluß ſtockend:„Nun— es betrifft nicht mich, geht auch nicht von mir aus, eine Bitte von— von— einer guten Bekannten,— einer liebenswürdigen Bekannten, da aus dem Norden. Eigentlich hat die Bekannte damit nichts zu thun, denn die Bitte zu erfüllen, mag ſie kommen woher ſie will, iſt für einen braven Künſtler Chriſtenpflicht.“ „Ich bin wahrhaftig darauf begierig.“ „Nun denn, es betrifft einen Landsmann von mir, einen armen jungen Landsmann, der ein eminentes Malertalent hat und von— einer Bekannten, ſeiner Gönnerin, hieher geſchickt wird, hieher nach Rom, wo er ziemlich ſchutz⸗ und rathlos ſein wird, wenn— „Sich nicht irgend Jemand ſeiner annimmt,“ unterbrach ihn Tannhäuſer und ſetzte hinzu:„hoffentlich zweifeln Sie nicht daran, daß der von Ihnen empfohlene Landsmann uns herzlich willkommen ſein wird. Sein Name?“ „Potowski,“ erwiderte der alte Herr raſch,„wirklich Potowski, der Sohn ſeines Vaters, des alten Potowski.“ Der Tannhäuſer ſchaute einen Augenblick vor ſich nie⸗ der, dann ſprach er:„Gut, er ſoll kommen, und wenn er Talent hat, werde ich mich ſeiner aufs beſte annehmen.⸗ Wulf pfiff eine bekannte Melodie und der alte freund⸗ Auf den Kaiſerpaläſten. 223 1 liche Herr umfaßte mit ſeinen beiden Händen die Rechte des Tannhäuſers und ſagte:„Dank! Dankl tauſend Dank! es wird Freude machen, wenn ich das nach Norden in die Heimath ſchreibe.“ Einen Augenblick ſaßen hierauf alle drei, in tiefe Ge⸗ danken verſunken, lautlos da; von der Stadt herauf tönte durch die klare, weiche Morgenluft der Klang einer Glocke. Der freundliche Herr bedeckte ſeine Augen mit der Hand und ſprach dann nach einem tiefen Athemzuge: Die Glocke erinnert mich lebhaft an mein altes heiliges Rußland; ſie hat denſelben Ton wie eine Glocke dort, den ich auf dem Gute meiner Bekannten oft gehört, einer Glocke im Waldai'ſchen Kloſter— der iberiſchen Mutter Gottes.— Amen!— Und nun,“ fuhr er plötzlich mit heiterem Tone fort, als wollte er ge⸗ waltſam ſeine ernſten Gedanken verſcheuchen,„ihr habt's gut hier oben: während ich im Schweiße meines Angeſichts den Berg hinaufſteige und mich abplage mit Paketen zum Nutzen eures Hauſes, ſitzen die hier und legen müßig die Hände in den Schooß. Ich hatte gehofft, euch fleißig bei der Arbeit zu finden.“ „Das ſind wieder die ungerechteſten Vorwürfe, die ein MNeunſch ertragen kann,“ ſprach Wulf mit einem ſehr ge⸗ machten Stirnrunzeln.„Wir ſind in einer Kunſtpauſe be⸗ griffen und waren ſchon ungeheuer fleißig.“ „Wovon ich mich überzeugen will,“ erwiderte der alte N Neunzehntes Kapitel. Herr, während er aufſtand und nach dem Atelier ſchritt, welches ſich zur ebenen Erde des Caſino's befand. Nachdem er kurze Zeit verſchwunden war, reichte Wulf die Hand über den Tiſch hinüber ſeinem Freunde und ſagte mit einer Bewegung, die man bei ihm ſelten zu hören ge⸗ wohnt war:„Jetzt, wo ſich drüben in der Heimath alles für dich ſo prächtig aufgeklärt hat, jetzt, wo das Phantom, welches dir deinen redlich erworbenen Namen argliſtig ſtahl, wieder in die Nacht zurückgeſunken iſt, wohin es gehört; jetzt, wo das Bild der Madonna, das du zu malen gelobt, ſo herrlich ſeiner Vollendung entgegengeht,— jetzt erſt ſpreche ich meinen Glückwunſch für deine Zukunft aus. Du biſt ja in einen glückſeligen Hafen eingelaufen, und was dich anbelangt— du haſt recht, dies wunderbare Land hier, dies gotterfüllte Fleckchen Erde, auf dem du glücllich ſein wirſt, nicht mehr zu verlaſſen.— Du—* Der Tannhäuſer hatte mit ſeinen beiden Händen die Rechte des Freundes ergriffen, hatte ſie herzlich gedrückt und ſagte nun:„Warum betonſt du das„Du“ ſo auffallend? Ich hoffe doch, wir bleiben bei einander?“ Der kleine Maler ſchüttelte mit dem Kopfe und man ſah es ihm an, daß er ſich Gewalt anthat, um ein Lächeln auf ſeinen Zügen hervorzubringen. Auch viſchte er ſich affektirt die Augen und ſchlenkerte dann die Finger von ſich weg, als wollte er auf dieſe Art ſeine Thränen entfernen. Auf den Kaiſerpaläſten. „Laß gut ſein,“ ſprach er nach einer Pauſe,„an einem ſchönen Morgen werde ich wieder einmal verſchwunden ſein; — ich muß doch,“ ſetzte er ſehr ernſthaft hinzu,„nach Becker und Krauß ſehen und nach unſerem ehemaligen Ate⸗ lier.— An einem heitern Abend aber,“ ſagte er nach einer Pauſe luſtig,„bin ich wieder da mit einem herzlichen feli- cissima notte!“ Der alte freundliche Herr kam aus dem Atelier zurück, wie mit großer Befriedigung den Kopf auf und ab wiegend. Er ſchritt auf den Tannhäuſer zu, legte die rechte Hand auf deſſen Schulter und ſagte:„Das iſt ſchön, das iſt ſchön. Daß mich die menſchlich wahren und doch ſo göttlichen Züge im Kopfe der Madonna anheimeln, verſteht ſich von ſelbſt und will ich den Grund davon nicht läugnen. Wie Ihr aber, Tannhäuſer, den Kopf des himmliſchen Kindes träumen konntet, das iſt mir rein unerklärlich.“ „Den habe ich auch nicht geträumt,“ verſetzte Tannhäu⸗ ſer, indem er vor ſich niederblickte.„Ich habe ihn geſehen, gewiß und wahrhaftig vor mir geſehen.“ In dieſem Augenblicke erſchien Franceska wieder, ſie lehnte an der Thüreinfaſſung, die Rechte über dem Kopfe erhoben, wie der kleine Maler, der ernſt, faſt traurig, nach ihr hinblickte, ſie ſo oft damals unter der Veranda hatte ſtehen ſehen. Warum ſich plötzlich ſeine Augen umflorten, wollen wir nicht ſagen; aber er zwang ſich, unter dem eigenthümlichen Glanze, der dieſelben erfüllte, zu lächeln, Hacklaͤnder, Tannhäuſer. II. 15 — 226 Teunzehntes Kapitel. „ 4 und rief, die Worte des Tannhäuſer von ſo eben be⸗ kräftigend:„Ja, alter Herr, er hat es geſehen, gewiß und wahrhaftig geſehen. Aber es iſt ein Wunder, und warum ſollte es nicht ebenſogut ein Wunder ſein, wie ſo vieles, was mit dem Tannhäuſer vorgegangen? Blicken wir um uns,“ jubelte er laut hinaus, nachdem er die weh⸗ müthige Stimmung, die ſein Herz bedrückt, glücklich über⸗ wunden,„iſt hier nicht alles wunderbar: Himmel, Erde und Menſchen, ja ſogar die Bäume? Denn Sie können es mir glauben, alter Herr, der kleine Lorbeerſtamm hier — da ſehen Sie— iſt derſelbe, den der Tannhäuſer als Stab in der Hand trug, da ich ihn auffand. Jetzt grünt er, und da kommt Vater Piſani den Berg herauf, der grünt ebenfalls. Ich ſehe wenigſtens in ſeiner Hand einen grünenden und blühenden Orangenzweig, der uns anſagt, daß alle Schwierigkeiten überwunden ſind.— Und ſo grünen wir alle mit einander in Jubel und Freude, ich auch, ſo wahr mir Gott helfe, und werden hoffentlich grü⸗ nen in alle Ewigkeit.“