2„ 2 7„ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von.* Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sum ime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 8 d. uunement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ch 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— t: 1 Mt.— pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1— 1 ur— 9„ 1—„ urtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſer auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. hadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der preis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ze oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt Leſer 9 Erſatz des Ganzen verp flichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ i von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 ———— 8 —— —ÿÿÿÿÿ Tannhänſer. Eine Künſtlergeſchichte von 4 F. w. Hackländer. Erſter Band. 4 Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1860. —- Schnellpreſſendruck der J. G. Sprande l'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. — Inhalt. Erſtes Kapitel. Straßenwanderung. Zweites Kapitel. Im Atelier Drittes Kapitel. Träume Viertes Kapitel. Ein Beſuch Fünftes Kapitel. Bei der Fürſtin......... Sechstes Kapitel. Stimmungen. 19 33 86 114 Siebentes Kapitel. Ein Modell............... 127 Achtes Kapitel. Beim Gewitter...... 158 Neuntes Kapitel. Am großen Kanal.... 185⁵ Zehntes Kapitel. Am kleinen Kanal........... 201 Eilftes Kapitel. Der Maler Potowski...... 218 † ——— Der Tannhänſer. —— — ——— Erſtes Kapitel.. Straßenwanderung. Es iſt eigenthümlich, daß trotz des längſt aufgehobenen Wohnungs⸗ und theilweiſe auch Zunftzwanges doch ſelbſt in unſern größern deutſchen Städten die gleichbeſchäftigten Hand⸗ werker ſo häufig um und neben einander wohnen, mit ihren Straßen Gruppen bildend, wie damals, als noch die Schu⸗ ſter, Schreiner, Schloſſer, Schwertfeger, Sattler und alle dergleichen Gewerbe in der nach ihnen benannten Gaſſe hausten. Man ſollte glauben, heutzutage, wo nicht mehr jeder Handwerker nach alt hergebrachter Form und dem Modell arbeitet, das ihm vom Vater und Großvater über⸗ kommen, ſondern wo es jeder dem Andern zuvor thun will und muß, wo in mancher kleinen Werkſtatt eine Erfindung auftaucht, die des Nachbarn Staunen und Aerger erregt,— jeden ſich heutzutage, wo die Concurrenz, der Feind aller Hackländer, Tannhäuſer. I. 1 —————— —— 2 Erſtes Kapitel. abmühen läßt, die Aufmerkſamkeit des Publikums auf ſich zu ziehen, würde ſich der Schloſſer vom Schloſſer, der Sattler vom Sattler ſo weit als möglich entfernen. Und doch iſt das, wie oben ſchon erwähnt, nicht immer der Fall.. Wir reden hier nicht von den Gewerken, die an gewiſſe Oertlichkeiten gebunden ſind; ſo zum Beiſpiel finden wir es ganz natürlich, daß drunten in den Gaſſen am Kai die Schiffer hauſen, und dort das dritte und vierte Haus ein Seiler⸗ oder Segeltuchladen iſt, oder eine Eiſenhandlung, und daß ſich dort die zahlreichen Magazine befinden, eines neben dem andern, wo der Schiffer ſeine Bedürfniſſe findet. — Daß man um den Marktplatz herum in jedem Hauſe Bänder und bunte Stoffe heraushängen ſieht, verſteht ſich ebenfalls von ſelbſt; dort kaufen die Bauern ein, wenn ſie den Inhalt ihrer Säcke und Körbe zu Geld gemacht haben. Daß auch weiter in die Stadt hinein— ein ſcharfer Ge⸗ ruch dringt uns entgegen, ſowie wir uns dort einem zahl⸗ reich überbrückten Bache nähern— die Gerber bei einander 4 hauſen, und weiter oberhalb, wo das Waſſer des Baches noch klarer iſt, die Schönfärber, finden wir auch ſehr natür⸗ lich; daß wir aber auf unſerem Gange durch die Straßen in einigen derſelben andere Gewerke, die durchaus von kei⸗ ner Oent ichkeit abhängig ſind, beiſammen und ſo zahlreich vertreten inden, kann einigermaßen unſer Staunen erregen. Und doch iſt es ſo, wie jeder ſich überzeugen kann, der ſich Straßenwanderung. die Mühe nimmt, durch eine unſerer niegeate deutſchen. Städte aufmerkſam zu flaniren. Daß daneben die ganze Handwerkerſchaft wieder einen beſonderen Theil der Stadt ausmacht, ſich namentlich, wie ſeit unvordenklichen Zeiten, um Marktplatz und Rathhaus herum ſchaart, iſt ebenfalls noch ganz genau erſichtlich. Da, in den ſchmalen Häuſern mit den ſpitzen, verſchnörkelten Giebeln, die ſich nicht ſelten altersmüde vornüber beugen, drängt ſich ein Laden, eine Werkſtatt an die andere. Hier hört man immer noch das Klopfen des Hammers, das Knir⸗ ſchen der Feile; hier ſind auch größere Magazine, die ſo viel wie möglich in erweiterten Räumen, in großen Spiegel⸗ fenſtern ſich der Zeit angepaßt haben, dadurch aber bei der Beſchränktheit der Lokalitäten den Kaufmann ſelbſt, der früher im dunklen Stübchen hinter dem Laden mit ſeiner Familie gehaust, jetzt zum Auszug zwangen in die benachbarten Straßen, wo es luftiger, heller, wohnlicher iſt. Haben es doch auch größere Handwerker ſo gemacht; die Werkſtätten im alten engen, winkligen Theile der Stadt ſind geblieben und nun ſchuld daran, daß jene Stadttheile des Abends, wo der Hammer ruht, wo der Laden geſchloſſen iſt, ein ſo trü⸗— bes, ödes, faſt unheimliches Anſehen haben. Da ſieht man nicht mehr wie früher die Familie des Meiſters oder des Ladenbeſitzers, während er ſelbſt auf der Rathſtube ſeinen Schoppen trinkt, auf der Bank vor der Hausthür ſitzen, la⸗ 4 chend, ſingend oder mit den befreundeten Nachbarn plaudernd. 4 Erſtes Kapitel. Das iſt vorbei. Ein helles Gaslicht beleuchtet verſchloſ⸗ ſene und verriegelte Thüren und Fenſter, und wir müſſen ſchon ein paar Straßen weiter gehen, um in belebtere Gegenden zu kommen, wo große Handwerker oder Ladenbe⸗ ſitzer ihre comfortableren Wohnungen haben. Aber auch hier iſt die Bank vor der Hausthür verſchwunden, es wäre ſehr gegen den Anſtand, wenn dort die Töchter des Hauſes ſitzen würden und wenn der Danziger oder der Berliner ſich unterſtehen wollte, ihnen etwas von ſeiner Heimat zu erzählen.— Vorbei alles das! Droben iſt ein Fenſterflügel geöffnet, und wir hören die Töne eines Pianoforte. Es iſt das Fräulein Mine oder Fräulein Friederike, und wenn wir uns etwas länger aufhalten, ſo können wir ſie viel⸗ leicht auch ſingen hören: „Du kleines, blitzendes Sternlein!“ Weiter! Wir entſteigen dem Kreis der innern Stadt, wir kommen aus dem Dunſte der winkligen Gaſſen und Häuſer in hellere breitere Straßen und finden hier in den Häuſer⸗ und Stadtvierteln wieder daſſelbe Princip. Sehen wir die breite Straße hinab, die wir vor uns haben; ein ſtolzes, palaſtähnliches Gebäude reiht ſich an das andere, vor einigen dieſer Häuſer bemerken wir breite Anfahrten oder gewaltige Hofthore, die ſich leicht und geräuſchlos öff⸗ nen, um die heranrollende ſchwere Equipage ohne die ge⸗ ringſte Mühe zu verſchlingen, an andern reiche, breite Straßenwanderung. 5 Glasdächer, weit in die Straße hinein, um den aus dem Wagen Steigenden Schutz zu verleihen. Etwas Stilles, Oedes, man möchte ſagen etwas Langweiliges hat dieſe Straße— ſie iſt ziemlich leer, man ſieht da keine Kinder ſpielen, auch keine Hunde balgen ſich herum; was man von dieſer vierbeinigen Staffage allenfalls ſieht, iſt vielleicht ein prächtiger Neufundländer oder ein edler Jagdhund, die ſich dort im Sonnenſchein auf der Rampe dehnen und ſtrecken, oder vielleicht auch ein kleiner Wind⸗ oder Wachtelhund, den ein Diener in Livree an einem Schnürchen neben ſich führt. Aber ſie ſcheinen hier ihre eigentliche Hundenatur verloren zu haben, wenigſtens der Windhund; denn er läßt ſeine Ohren hängen, zieht den Schweif ein und ſchreitet ſo be⸗ dächtig, wie wir es von Seinesgleichen nicht gewohnt ſind. Manche der großen Einfahrten neben den Häuſern haben alte, verwitterte, ſchweigſame Wappenſchilder. Die Löwen, Adler, Bären, Wölfe in ihnen ſchauen ſo griesgrämig drein, daß wir überzeugt ſind, ſie würden plötzlich ihre ſteinernen Mäuler aufreißen und Ruhe gebieten, wenn ſich irgendwo einmal ein ungebührliches Geräuſch breit machte. Aber das hat hier in dieſer Straße keine Noth; was von Klavieren und dergleichen vorhanden, iſt in die Hinterzimmer nach den Gärten zu verwieſen; vorne wird nur geliſpelt, hie und da auch gegähnt, im Ganzen ſehr leiſe geſprochen. Seine Erlaucht begnügt ſich häufig damit, ſeine Gedanken und Meinungen durch Geberden und Blicke auszudrücken, Ihre — ——= — — — — — — — Erſtes Kapitel. Erlaucht verſteht man nicht auf zwei Schritte, und dem ſich anpaſſend ſchlendert die ganze Dienerſchaft wie körperloſe Weſen umher. Allenfallſige Streitigkeiten hebt man ſich auf, um ſie an andern, beſſer paſſenden Orten auszugleichen. Im Stalle pfeift der Reitknecht den Pferden gedämpft etwas vor, damit ſie nicht in unanſtändiges Schnauben und Wiehern ausbrechen, und wenn der Koch ſich genöthigt ſieht, dem Küchenjungen eine Ohrfeige zu verabreichen, ſo um⸗ vickkelt er zuerſt die Hand mit einer Serviette, damit es nicht klatſche. Wer in dieſer vornehmen Straße wohnt, brauchen wir dem geneigten Leſer wohl nicht zu ſagen. Eilen wir lieber hindurch zu kommen; die ruhige und langweilige Größe dieſer Häuſer könnte uns die gute Laune verderben. Unten am Ende angekommen, biegen wir links in eine andere, nicht minder breite Straße, die ebenfalls mit ſtatt⸗ lichen und ſchönen Gebäuden beſetzt iſt. Aber hier hat alles einen neueren, wenn man will, glänzenderen Anſtrich. Hinter dem Haupthauſe ſieht man viel Grün, und durch die eleganten Gitterthore blickend Statuen und Springbrun⸗ nen, auch Glashäuſer, hie und da beſpannte Cquipagen, die des Befehls zum Vorfahren harren. Aber dieſe Cqui⸗ pagen ſind ſehr verſchieden von denen der anderen Straßen. Dort ernſte, einfache Livreen und Karoſſen, nur die Wappen⸗ ſchilder hervortretend, hier die letzteren Nebenſache, ſehr ver⸗ ſchwindend unter dem Golde der Geſchirre und Stickereien Straßenwanderung. 7 der Livreen. Iſt doch auch der Mann, der in derſelben ſteckt, hier ein ganz anderer. Dort unter der neunzackigen Krone ſteht er ruhig da, ſteif, mit einer bezeichnenden Gleich⸗ gültigkeit in ſeinen Mienen gegen alles, was um ihn her vorgeht. Er, der Kutſcher und die alten vornehmen Pferde halten da, faſt ebenſo unbeweglich wie die Schildhalter am Wappen, wöährend hier der bewegliche Lakai mit dem pfif⸗ ſigen Geſicht— er zerkaut den Stiel einer Roſe, die er ſo eben abgepflückt— neben dem Kutſcherbocke ſteht, ſeinem Collegen etwas ungeheuer Komiſches erzählt und dazu hin und her tänzelt, während der Roſſelenker ſeine Peitſche leicht und gewandt auf und ab wickelt. Auch Muſik ſchlägt hier wieder an unſer Ohr; wir vernehmen gutgeſpielte Paſ⸗ ſagen auf einem Inſtrument von prachtvollem Tone, viel⸗ leicht auch eine Phantaſie von Chopin, ja wir hören auch ſingen, aber nicht das kleine, blitzende Sternlein, ſondern „Ah je veux briser ma chaine disait le bel Ivan.“ Wenn wir langſamer gehen, werden wir auch vielleicht das Glück haben, die Sängerin zu erblicken. Dort tritt ſie auf den Balkon, friſche Luft athmend nach den Anſtrengun⸗ gen ihres Geſanges und dabei gelegentlich die Straße auf und ab blickend. Es iſt eine junge Dame in ſehr reicher und ſehr eleganter und ſehr leuchtender Toilette. Ihr Teint iſt etwas bleich, der Geſichtsſchnitt ſüdlich ſcharf, Augen und * 8 Erſtes Kapitel. Haare ſchwarz. Sie bleibt auf dem Balkon ſtehen, bis ſich die Hausthüre öffnet und durch dieſelbe ein kleiner dicker, lebhafter Mann auf die Straße tritt. Dieſer hat im Haus⸗ gange ſein Taſchentuch benutzt, aber vergeſſen, es einzuſchie⸗ ben, und ſchwenkt es nun in der Hand hin und her. Offenbar iſt ſein Geiſt mit etwas beſchäftigt, gerade ſo, wie der andere kleine dicke und bewegliche Mann, der drüben im gleichen Augenblicke aus dem Hauſe tritt, und wie ein Dritter und Vierter, welche die Straße hinab gehen im eifrigſten Geſpräch über Krieg und Frieden— ob ſie ſteigen werden oder fallen— nicht die Heere des Vaterlandes, ſondern die koſtbaren Papierchen. Weiter! Wie ſich in allem die Extreme berühren, ſo auch hier. Wir biegen abermals links um die Ecke und haben hier die Grenze des faſhionablen Quartiers plötzlich überſchritten; wir ſind in einer ganz andern Region ange⸗ langt. Zwei Reihen gleicher, vierſtockiger Häuſer mit un⸗ endlich vielen Fenſtern zeigen ſich unſern Blicken. Aber trotz der Höhe dieſer Gebäude haben ſie ein ärmliches und dürftiges Aeußere, die Dächer haben ſehr viele und unregel⸗ mäßig ſtehende Schornſteine; die Fenſteröffnungen ſind klein, meiſtens ohne Läden, und den vielen ganz verſchiedenartigen Vorhängen nach zu urtheilen, die wir an ihnen ſehen, ſind dieſe Häuſer durch all' ihre Stockwerke von ebenſo ver⸗ ſchiedenartigen Partieen bewohnt. Merkwürdig viele ältere Frauen und ältere Jungfrauen ſieht man an dieſen Fenſtern; „— — „ Straßenwanderung. 9 die Erſteren blicken meiſtens ſehr melancholiſch auf die Straße, und bei den älteren Jungfrauen— eine größere Anzahl derſelben hat wegen Ohren⸗ und Zahnſchmerzen den Kopf verbunden— ſieht ein ſcharfer Beobachter häufig einen gewiſſen Zug freiwilliger Entſagung, der ſich aber bei den geringfügigſten Veranlaſſungen immer noch in einen Schim⸗ mer der Hoffnung verwandelt. Und auch hier vernimmt man Muſik, und viel Muſik durcheinander, unten Violine, in der Mitte Klavier, oben Geſang. „Ach, wenn du wärſt mein eigen, Wie lieb ſolltſt du mir ſein!“ Wenige Männer bemerkt man in dieſer Straße, und alle, die wir ſehen, haben ein gedrücktes, gebeugtes, pen⸗ ſionirtes Ausſehen, die Mehrzahl unter ihnen trägt gelblich gewordene weiße Halsbinden, und kann es immer noch nicht laſſen, zuſammengefaltete Papiere, die wie Akten ausſehen, im Rockſchooße oder unter dem Arme zu tragen. Alle aber, obgleich ſie gar nichts mehr zu thun haben als Morgens aufzuſtehen und Abends ſich zu Bette zu legen, werden doch bei gewiſſen Tagesſtunden von einer quälenden Unruhe be⸗ fallen; ſo Morgens um acht Uhr, beim Beginn der Kanzlei⸗ ſtunde, wo ſie kaum in ihrem dürftigen Zimmer zu bleiben vermögen, namentlich aber Mittags um zwölf, wo ſie jeder noch ſo ſehr nach einer andern Richtung hin unternommene Spaziergang vor jenes große Gebäude führt, welches in Erſtes Kapitel. einer der Hauptſtraßen liegend, für Kanzleien erbaut iſt, und wo ſie ſich unter die Schaar ihrer ehemaligen Collegen miſchend, ſich noch ſo zu betrachten vermögen wie damals, als auch noch auf ihren Schultern mit das Wohl des Staates ruhte. 3 Aber auch noch eine andere Klaſſe von Leuten wohnt in dieſer Straße mit den vierſtockigen Häuſern. Es ſind das Männer über die guten Lebensjahre hinaus, oft von Alter und Strapazen gebeugt, die aber in ihrem Auftreten, in ihrer Art zu gehen, in der Haltung des Körpers, wenn das irgend möglich iſt, noch etwas Strammes zur Schau tragen, ſei es auch nur in der Haltung des Kopfes oder in der abgemeſſenen Bewegung des Ellenbogens. Man könnte viele von dieſen Leuten mit dem Ausdrucke: Geſpen⸗ ſter des Tages bezeichnen; denn wie die wirklichen Phantome ſich nur in der mitternächtigen Stunde zwiſchen Zwölf und Eins öffentlich ſehen laſſen, ſo dieſe nur zu Mittag, wenn die Militärparade aufzieht. Da erſcheinen ſie plötzlich, aus den verſchiedenſten Seitenſtraßen auftauchend, entweder mit der Muſik marſchirend oder die Truppe mit einer Geberde der Zuſtimmung oder einem Zeichen des Mißfallens an ſich vorüber ziehen laſſend. Im Gegenſatz zu den penſionirten Beamten tragen dieſe Herren eine hohe, ſteife, ſchwarze Halsbinde und meiſtens eine Mütze mit der Farbe ihres früheren Regiments und einer kleinen Cocarde verſehen. Ob ſie bei der Infanterie Straßenwanderung. 41 oder Kavallerie gedient, erkennt man leicht am Schnitt des Bartes; der Infanteriſt trägt ihn klein, oft zu ein paar unbedeutenden Punkten zuſammenraſirt, der Kavalleriſt da⸗ gegen lang, herabfallend oder wenn er ſich noch zu Anſprü⸗ chen berechtigt hält, keck hinaufgedreht. Am beſten aber unterſcheiden ſich beide Waffengattungen in ihren Penſio⸗ nären durch die verſchiedene Gangart; während der ehe⸗ malige Infanteriſt etwas darauf hält, daß immer noch ſeine Fußſpitzen zuerſt den Boden berühren und daß ſich das Bein ſo geſtreckt wie möglich präſentirt, befleißigt ſich der Andere einer ausgeſuchten Nonchalance, geht ziemlich breit⸗ ſpurig und ſchlenkert bedeutend mit dem linken Fuße, wenn er Huſar geweſen iſt. Eigenthümlich iſt, daß beide Arten häufig und gern Sporen tragen, wobei denn der ehemalige Hauptmann gewiß nicht ohne Sprungriemen erſcheinen wird, der alte Rittmeiſter zu Fuß aber darauf durchaus nichts hält und es ganz natürlich findet, wenn ſeine weiten Bein⸗ kleider ſich angenehm und bequem in die Höhe ziehen. Aber weiter auf unſerem Spaziergange! Die Straße, die wir eben durchwandert, verbindet in ihrer Dürftigkeit zwei beſſere Quartiere; denn drüben iſt wieder eine breite Straße, ebenfalls mit hohen Häuſern beſetzt; doch haben dieſe Häuſer größere Fenſter und Eingangsthüren, kurz einen wohnlicheren Anſtrich. Das weibliche Dienſtperſonal, welches man hier ſieht, erſcheint beſſer gekleidet, rennt auch nicht ſo in größter Eile an einander vorbei, ja überläßt ſich 12 Erſtes Kapitel. an Haus⸗ und Ladenthüren ſchon einem behaglichen Plau⸗ dern oder wechſelt ein paar Worte mit irgend einem Be⸗ dienten, die hier ſchon wieder, wenn auch in einfacher Livree, ſichtbar werden, hält doch auch ſchon hier und dort vor den Häuſern eine Equipage; freilich iſt eine davon nur ein Fiaker, aber die andere, jene ſchwere, grüne Kaleſche mit dem alten brummigen Kutſcher auf dem Bocke, beſpannt mit ziemlich ſteifen Mecklenburgern, iſt Eigenthum des Herrn Präſidenten des Obertribunals. Und dieſe Kaleſche wird ſchon von weitem ehrfurchtsvoll gegrüßt von all' den Die⸗ nern in grauer Livree, die wir hier mit großen Aktenſtößen beladen von einem Haus ins andere wandern ſehen. Doch ſetzen wir unſern Weg fort. Wir kommen in ein Stadtviertel, wo ſich Eleganz und Armuth die Hand zu rei⸗ chen ſcheint, wo wir aus all' den Straßen, die wir bisher durchwandert, etwas vereinigt finden. Dort halb zurückge⸗ zogen in die Seitengaſſe bemerken wir einige der einfachen und eleganten Equipagen mit hochadeligem Wappen, nicht weit davon vor einem anſehnlichern Hauſe hält einer jener glänzenden Wagen mit den reich geſchirrten Pferden, Kut⸗ ſcher und Bediente in ausgeſuchter Livree, ja wir meinen ſogar jenen alten dicken Herrn wiederzuſehen, der drüben vergaß, ſein Sacktuch in die Taſche zu ſtecken und der nun hier aus der Hausthüre tritt, behaglich ſchmunzelnd. Es kann aber auch ein Anderer ſein; ſie gleichen ſich alle; iſt auch für uns gleichgültig, denn der Wagen rollt mit Oſten⸗ 6 Straßenwanderung. 13 tation davon. Aber hie und da an den Fenſtern erſcheinen Köpfe, meiſtens weibliche, friſirte und unfriſirte, um ihm lächelnd nachzuſchauen. Aber die Art dieſes Lachens iſt ſo verſchieden, wie die Lacherinnen ſelbſt und ihre Toilette, und luſtig oder hämiſch, ſpöttiſch oder boshaft, ganz dar⸗ nach, ob ſich das dichte volle Haar in zierlichen Buckeln und Locken zeigt, oder ſich unter einem grauen Tuche ver⸗ birgt, oder ob der Buſen rund und voll ein ſeidenes Kleid hebt oder gänzlich unſichtbar iſt unter einem wollenen, bunt⸗ karrirten Umſchlagtuch. Außerordentlich belebt iſt dieſe Straße, dieſes Stadt⸗ viertel. Wenn man alle die vielen glänzenden Reiter ſieht, meiſtens junge Offiziere, wie ſie lorgnettirend und höchſt eigenthümliche Bewegungen mit der Reitpeitſche machend, hin und her caracolliren, ſo könnte man zu dem Glauben kommen, das Galoppiren auf dem Pflaſter ſei für Vieh und Menſchen ein außerordentliches Vergnügen.— Aber neben dieſen Berittenen, die von ihren vielen Freiſtunden ein paar hier oft ohne allen Nutzen vertrödeln, ſieht man auch ganz ſonderbare Fußgänger, alte und junge Herren, hier, um Aufſehen zu erregen ſich inmitten der Straße hal⸗ tend, dort wie ſcheu und verſtohlen an den Häuſern hin⸗ ſchleichend. Neben ihnen ſchlendern Lakaien dahin, laut Adreſſen austauſchend, in den Händen kleine Billets, die in gar keinem Verhältniß ſtehen zu den koloſſalen Blu⸗ menbouquets, denen ſie als Begleitſchein dienen. Auch 14 Erſtes Kapitel. Muſik hören wir hier, viele Muſik, Muſik. verſchiedenartige „An jenem Tag, wo du mir Liebe geſchworen, Als ich in Wonn' und Schmerz zu deinen Füßen lag!“ Wir würden ſtehen bleiben, aufmerkſam lauſchend, ja überraſcht, wenn wir uns nicht beſännen, wo wir ſind und daß wir das heute Abend noch viel ſchöner hören werden. Auch ſtört uns einigermaßen das Solfeggiren, das faſt gel⸗ lend aus dem andern Hauſe an unſer Ohr ſchlägt. Weiter, weiter! Laſſen wir hinter uns die Bettler und Könige, die Prinzeſſinnen und all' die unſchuldigen Land⸗ mädchen; ziehen wir dahin durch einige Straßen, von deren Eigenthümlichkeiten, das heißt von den Eigenthümlichkeiten ihrer Bewohner, wir wohl einiges ſagen könnten, wenn wir nicht fürchten müßten, den freundlichen und geneigten Leſer zu ermüden, und nähern wir uns ſo allmälig dem Ende der Stadt, jener Gegend „dort, wo die letzten Häuſer ſtehen.“ Das ſind eigenthümliche Häuſer und ſie haben noch eigenthümlichere Bewohner;— eine ganze Straße hier auf⸗ zufinden, hält eigentlich ſchwer, denn wo einmal drei oder vier Häuſer neben einander ſtehen, da folgt alsdann wieder eine Reihe von Gärten, an deren Ende, aber nach einer A ganz andern Richtung hin ſich dann wieder ähnliche —CQCO—— 7 4 4 4 Straßenwanderung..15 Gebäude erheben, aber auch wieder nur zu zwei oder drei; dann folgen wieder Gärten oder Bauplätze, und ſo geht es fort, eine weite Strecke über die Grenzen der eigentlichen Stadt hinaus, faſt bis zum nächſten Dorfe, das am Fuß der Berge liegt, jenſeits der Wieſenfläche, die ſich noch zwi⸗ ſchen ihnen und den zerſtreuten Häuſern einſchiebt. So willkürlich nun die Lage dieſer Häuſer iſt, ſo hat doch die Bauart faſt eines jeden derſelben etwas Beſonderes, etwas Verſchiedenes von der übrigen Stadt; an jedem der Gebäude hier, mag es noch ſo unbedeutend ſein, ſehen wir, nach Norden gerichtet, irgend ein Fenſter von ſo unverhält⸗ nißmäßiger Höhe und Breite, daß es durchaus nicht zum Uebrigen paßt; oft ſogar haben dieſe Fenſter eine ſolche Ausdehnung, daß man glauben könnte, man habe ein Treib⸗ oder Gewächshaus vor ſich; ja es ſcheint uns von weitem, als ſähen wir wirklich bunte Blumen an denſelben. Kom⸗ men wir aber näher, ſo bemerken wir alsbald, daß das, was wir für Pflanzen oder Blüthen gehalten, bunte Farben⸗ klekſe ſind, womit die Fenſter ſtellenweiſe, aber ohne allen Zuſammenhang, bemalt ſind. Paſſend zu dieſen ſonderbaren Häuſern haust aber auch hier ein ſeltſamer Menſchenſchlag; meiſtens ſind es junge Leute, die wir ab⸗ und zugehen ſehen, mit lang herabwal⸗ lenden Haaren, mit großen Bärten, wo die Natur derglei⸗ chen beſcheert, mit Kopfbedeckungen vergangener Jahrhunderte oder freier Phantaſieen, breitkrämpige, zugeſpitzte Hüte oder Erſtes Kapitel. barettähnliche Mützen von Tuch oder Sammt. Den letz⸗ teren fehlt nur die Agraffe und aufſtehende Feder, um den Kopf eines Edelknaben der ehemaligen maleriſchen Zeit fertig zu machen. Auch in der Kleidung vieler dieſer jungen Leute iſt ein Uebriges gethan, um ſie ſo verſchieden als möglich zu machen von dem ſpießbürgerlichen Anzug unſerer jetzigen proſaiſchen Zeit. Zwiſchen dieſen Leuten, die wir häufig mit Mappen unter dem Arme erſcheinen ſehen, bemerken wir aber auch ganz von ihnen verſchiedene Geſtalten, die ebenfalls dort aus den Häuſern kommen oder hineingehen: alte Männer mit langem, weißem Haar und dichten, graumelirten Bärten, Köpfe von ſo ehrwürdigem Aeußern, daß man ſie augen⸗ blicklich und vollkommen paſſend auf die Statue eines Apo⸗ ſtels ſetzen könnte; ihr Geſichtsausdruck iſt feierlich, ja ehr⸗ würdig, oft tragen ſie lange Hirtenſtäbe in den Händen, in der Art, wie die alten hochſeligen Patriarchen, und wenn ſie ſtatt des ſchäbigen, dürftigen Röckchens, das ſie anhaben, mit einem faltigen Talar bekleidet wären, ſo würden uns nur noch Palmbaum und Brunnen fehlen, um eine altteſta⸗ mentliche Geſchichte beieinander zu haben,— Bilder voll Licht und Schatten; denn während wir hier den Kopf eines ſolchen fürſtlichen Hirten in vollem Glanze zu erblicken wäh⸗ nen, bemerken wir neben ihm ein Geſicht mit ſo falſchem, widerwärtigem Ausdrucke, daß wir den Träger deſſelben„ nur etwas gebückt dahin ſchleichen zu laſſen brauchen, den 5 Straßenwanderung. 17 Dolch im Gewande, um den prachtvollſten Mörder fertig zu haben, den man ſich nur denken kann. Aber neben einem ſolchen ſtechenden Dorne der menſch⸗ lichen Geſellſchaft erſcheinen uns auch hier blühende Roſen, welche das Leben verſchönern, prachtvolle weibliche Köpfe, zarte und üppige Geſtalten, die wir mit Erſtaunen ebenfalls kommen und gehen ſehen. Stolz und aufrecht ſchreiten ſie daher, und man könnte glauben, eine Schaar von Fürſtin⸗ nen und Heldinnen aller Zeiten hätte ſich das Vergnügen gemacht, hier einmal im halben Incognito unter gewöhn⸗ lichen Menſchenkindern umher zu wandeln. Wir ſagen im halben Incognito, denn oft verräth uns eine leuchtende Granatblüthe im blauſchwarzen Haar, trotz dem langen, verhüllenden Shawl, daß wir es eigentlich mit einer gra⸗ nadiſchen Prinzeſſin zu thun haben; oder es erzählt uns jene weiße Roſe dort in den blonden Locken, daß die dame, welche ſich ſo beſcheiden in ihr kurzes dünnes Mäntelchen hüllt, eigentlich ein geborenes Burgfräulein iſt, welches wir ſchon ſahen, ſchmachtend niedergebeugt zum ſpiegelnden See, wo die weiße Waſſerlilie blüht, oder Schwäne fütternd, oder Vergißmeinnicht pflückend, oder Gänſeblümchen zupfend, oder einen Liebesbrief leſend, oder dem entſchwindenden Taucher nachſchauend in dem Augenblick, wo die Waſſer alle zurück⸗ kommen, ihn aber keines wiederbringt, oder— oder— oder — doch genug des grauſamen Spiels! Treten wir lieber in eines dieſer kleinen Häuſer, nicht Hackländer, Tannhäuſer. I. 2 Erſtes Kapitel. in das erſte beſte,— dazu iſt uns die Geſellſchaft des ge⸗ neigten Leſers zu lieb, ſondern in eines, wohin wir ihn ſchon zu Anfang dieſer wahrhaftigen Geſchichte zu führen willens waren und es nur auf dieſem Umwege mit Abſicht gethan, da wir uns ſchmeicheln, viel zu gut erzogen zu ſein, um fremden Leuten ſo geradezu mit der Thüre ins Haus zu fallen. Zweites Kapitel. Im Atelier. Das kleine Gebäude, dem wir uns nähern, beſteht eigentlich aus zwei Häuſern, die in einem Garten durch einen Zwiſchenraum von vielleicht dreißig Schritten entfernt liegen; dieſer Garten iſt eingefaßt mit einer Hecke von Weiß⸗ dorn, und da wir die Thüre nur angelehnt finden, ſo wollen wir ohne viele Ceremonien eintreten. Da wir heute einen ſehr warmen Frühlingstag haben, ſo ſtellt ſich uns der kleine Garten in ſeiner anmuthigſten Geſtalt dar. Nicht als ob er künſtlich angelegt geweſen wäre, mit verſchlungenen Wegen, Raſenflecken, Gebüſchpartieen und dergleichen— von alle dem ſah man hier nichts; ein paar unbedeutende Obſtbäume, die neben dem Thore ſtanden, warfen dort ein klein wenig Schatten; ſonſt war von Bäumen und Sträuchern nichts da, was die liebe Sonne gehindert hätte, das Fleckchen Land Zweites Kapitel. 2 hier mit recht hellem, glänzendem Sonnenſchein zu über⸗ gießen. Für dieſe warme Zuneigung bezeigte ſich aber auch die Erde hier äußerſt dankbar; man roch ordentlich, wie fruchtbar ſie war. Und dabei ſah ſie ſo wohlgearbeitet aus; die Feuchtigkeit des geſtrigen Mairegens war wohl noch hie und da erſichtlich, aber ſchon hatte die Hitze auf dem dunk⸗ leren Boden eine hellere Kruſte angeſetzt. Und angepflanzt war dieſer kleine Garten, daß es ein Vergnügen war; hier erſchien ſchon ein ganzes Beet voll der wolligen Blätter der Kartoffelpflanze; dort ſah man lange Reihen friſchgrüner Erbſenblätter und daneben die runden Rücken keimender Bohnen, wie ſie vorſichtig und leiſe mit denſelben winzige Erdſchollen aufhoben, um zu ſehen, ob es draußen anfange hübſch und ſauber zu werden. Blumen fehlten grade auch nicht, obgleich die frühe Jahreszeit noch wenig Knoſpen wach geküßt hatte. Roſen waren ziemlich vertreten, aber durchaus nicht in feinen Sorten mit allerlei confuſen Namen; hier herrſchte allein nur die Centifolie, dafür aber, wie um ſich dankbar zu beweiſen, in großen üppigen Büſchen. 3 4 Der eine gerade Hauptweg, der vom Eingangsthor nach dem vordern Hauſe führt und von dem wir rechts und links in die gradlinigen rechtwinkligen Beete ſchauen, iſt ſo ſchmal, daß es uns unmöglich iſt, zu Zweien zu gehen. Wir wollen durch dieſe Bemerkung gewiß nicht auf die heutige Mode der Crinoline anſpielen: dieſe iſt ja vergänglich, wie hunderte Im Atelier. 21 ihrer Vorgängerinnen, und wenn wohl ſchon lange kein vernünftiger Menſch an die unförmlichen Reifröcke denkt, wird vielleicht der Weg hier immer in derſelben ſchmalen Einfachheit beſtehen. Das Haus, zu dem wir nun gelangen, hat nur ein, aber ziemlich hohes Parterreſtockwerk, und in demſelben auch wieder eines jener außerordentlich hohen Fenſter; doch iſt dies Fenſter verhängt, und da wir näher treten, ſehen wir, daß es bis auf den Boden herunter geht und eigentlich eine breite Glasthüre iſt. Da wie drüben die Gartenthüre, jetzt auch hier die Hausthüre offen iſt, ſo treten wir in einen kleinen Gang und ſehen an einer Thüre rechts einen weißen Zettel an⸗ geklebt, auf dem in ziemlich ſteifen Schriftzügen zu leſen iſt: Luigi Pisani, Scultore. An der andern Thüre gegenüber iſt eine Viſitenkarte angeklebt, auf welcher, aber in feiner, zierlicher Schrift, daſſelbe ſteht. Da es aber nicht der Signor Piſani iſt, dem unſer Beſuch gilt, ſo verlaſſen wir hinten das Haus wieder und ſehen nun, getrennt durch jenen Zwi⸗ ſchenraum, deſſen wir oben erwähnt, das andere Häuschen vor uns liegen. Dieſem Zwiſchenraume aber ſind wir ſchuldig einen flüchtigen Blick zu ſchenken. Es iſt auch wieder eine Art von Garten, aber ganz anders als der erſtere, den wir ſo eben durchſchritten. Was wir dort vermißten: kleine Raſen⸗ flecke, ein paar verſchlungene Wege, etwas Geſträuch, finden 22 Zweites Kapitel. wir hier. Dazu dehnt ſich über unſerem Kopfe— wir ſtehen immer noch auf der Schwelle der Hinterthür des vorderen Hauſes— eine Veranda aus, von Baumäſten, Stangen, Stützen und dergleichen ziemlich roh gearbeitet, aber gerade in dieſer natürlichen Einfachheit ſo außerordent⸗ lich maleriſch. Wilde Rebe ſchlingt ſich durch das dürre Sparrenwerk und überzieht es mit friſchem, angenehmem Grün. Unter dieſer Veranda ſteht eine kunſtloſe hölzerne Bank, ein ähnlicher Tiſch, und an der Wand des Hauſes unter dieſer grünen Laube ſehen wir allerlei höchſt ſeltſame Verzierungen. Da ſind Arme und Beine von Stein und Gyps, auch kleinere und größere Statuen, aus dem letztge⸗ nannten Material beſtehend, aber faſt alle mehr oder minder beſchädigt; dort iſt ein Torſo der mediceiſchen Venus mit dem bärtigen Kopf Gott weiß welches Patriarchen oder Apoſtels; der Apoll von Belvedere ſtreckt freilich hier noch immer ſeinen Arm aus, aber— entſetzlich!— auf dem⸗ ſelben hängt eine rothkarrirte Schürze, die ſich ſo unendlich behaglich im Hauch der warmen Frühlingsluft hin und her bewegt. Dort der farneſiſche Herkules ſtützt ſich ſtatt auf ſeine Keule auf ein kleines Grabſcheit; und ſo könnten wir noch eine Menge Sachen aufzählen, manche davon zufällig entſtanden, manches aber auch, wie es ſich hier befindet, durch ausgelaſſenen Muthwillen komponirt. So unter An⸗ derem das freilich zerbrochene, aber in ſeinen Trümmern noch ſo edle, wenn gleich furchtbar anzuſchauende Meduſen⸗ —.. —yöyy 3——— S 4 174 Im Atelier. 23. haupt mit der ſchwarzen, freilich nur gemalten Binde über dem rechten Auge und dem kleinen Pfeifenſtummel zwiſchen den Lippen. Der Boden der Veranda und der untere Theil des Hauſes ſind mit weißem Staube und kleinen Brocken ge⸗ wöhnlichen Steines, ſowie unbedeutenden Marmorreſten be⸗ deckt. Neben der Bank ſehen wir noch ein ſchönes korin⸗ thiſches Kapitäl aus grauem Stein gehauen, aber unfertig, auf deſſen oberem Theil ein Brettchen liegt und das als Stuhl zu dienen ſcheint. Auf dem oben erwähnten Tiſche liegt ein Zeitungsblatt, daneben eine ausgerauchte Kölner Pfeife, und nah am Rande ſteht ein Krüglein mit zinnernem Deckel. Wir nähern uns jetzt dem zweiten Hauſe, das ebenfalls nur aus einem Stockwerke beſteht und um das wir herum⸗ gehen müſſen, um an ſeine vordere, belebtere Seite zu ge⸗ langen— belebt durch die unvermeidlichen hohen und breiten Fenſter, die wir hier abermals ſehen und die hier wieder ſtark mit allen möglichen Farben bekleckst ſind. Ja, wir unterſcheiden verſchiedene Gegenſtände, die bunt auf ihnen dargeſtellt ſind, und mitunter Gegenſtände der ſeltſamſten Art; denn während wir uns hier faſt freuen könnten über einen edlen weiblichen Kopf, der, wenn auch in ſchwachen Umriſſen, uns deutlich entgegen tritt, ſo erſchrecken wir doch, wenn wir neben und über ihm eine Menge der lächerlichſten Affengeſichter bemerken. Ja, für dieſes Thier ſcheint der 24 Zweites Kapitel. hier wohnende Künſtler eine beſondere Vorliebe zu haben, und er entwirft dabei die verzierten Köpfe deſſelben in un⸗ verkennbarer Meiſterſchaft. Da braucht es nur ein paar Pinſelſtriche auf der Glasſcheibe, um auß's deutlichſte irgend einen Theil dieſes komiſchſten aller Thiere darzuſtellen. Von den Bewohnern der beiden Häuſer haben wir bis jetzt noch nicht das geringſte geſehen. Während wir uns aber dem zweiten Hauſe nähern, hören wir in dem Atelier deſſelben eine laute Stimme fröhlich ſingen. Singen ſollten wir eigentlich nicht ſagen, es ſind nur luſtige Töne, die dort erſchallen, ohne Worte und Melodie:„Tralerala!— Hoh— Johdo! Judivaleralara!“ oder dergleichen. Auch hören wir das nur mit Pauſen vermiſcht, und dann klingt auf einmal ein luſtiges Pfeifen dazwiſchen, den Schlag einer Amſel nachahmend, das Zirpen eines Sperlings oder das Locken irgend eines anderen beliebigen Vogels. Treten wir aber näher— in das Haus hinein; mit zwei Schritten ſind wir an der Thüre, hinter der Geſang und Pfeifen erſchallt. An dieſer Thür iſt ein Zettel, der uns in großen, kräftigen Schriftzügen ſagt, daß wir vor dem Atelier des Malers Richard Tannhäuſer ſtehen. Doch halt! der wohnt hier nicht allein; von dem Zettel abwärts geht ein Strich mit rother Farbe in Form einer Schönheitslinie, die ſich unten ſcharf aufwärts krümmt, ſo eine Ranke bil⸗ dend, auf der ſich ein vortrefflich gemalter Affe wiegt, an deſſen Kopf eine Viſitenkarte angeklebt iſt, als wenn er ſie * — Im Atelier. 25 zwiſchen den Zähnen hielte, und auf der man liest: Fried⸗ rich Wulf. Dieſe Thüre wie jede andere öffnet ſich vor uns, ohne daß wir anklopfen und ohne daß wir geſehen werden; führen wir auch den geneigten Leſer ebenſo unſichtbar in das ziem⸗ lich große Gemach. Es iſt ein Maleratelier, wie wir ſchon oft geſehen. Dort vor uns nach Norden zu das hohe und weite Fenſter, oben mit einem Vorhang verſehen, den man nach Belieben aufziehen und herablaſſen kann; unten ſind mit Papier be⸗ zogene Rahmen, ebenfalls um das Licht zu ſpannen und Belieben zu dämpfen. Die Wände dieſes Ateliers w in urſprünglich von grauer Farbe, von der man aber nicht piel mehr ſieht, denn theils ſind ſie bedeckt, hier mit fertigen und unfertigen Bildern, mit Studien, Kupferſtichen, raphien, dort mit Stücken alten Damaſtes in den ver⸗ ſchieden en Farben, und wo dieſe Sachen noch einen freien Platz üͤbrig ließen, da ſehen wir mit Kohle und mit Farbe, wie früher auf den Fenſterſcheiben, gemalte menſchliche Köpfe und Affengeſtalten; namentlich ſind die letzteren in faſt er⸗ ſchreckender Anzahl vorhanden, glücklicherweiſe aber nur in Einem Theile des Ateliers. Dorthin fällt auch zuerſt unſer Blick, denn der andere Theil des, wie ſchon früher bemerkt, größern Gemaches iſt durch eine Art ſpaniſcher Wand von dieſem abgetrennt. Welchen von den zwei Malern wir hier an der Staf⸗ Zweites Kapitel. felei vor uns haben, darüber kann kein Zweifel herrſchen. Das dort aufgeſtellte mäßig große Bild zeigt uns wie die Viſitenkarte draußen, im Munde des Affen hier ſogleich den Herrn Friedrich Wulf, der zuſammengebückt daſitzt und an einer Darſtellung ſeiner Lieblingsgeſchöpfe arbeitet. Aber es iſt ein ganz eigenthümlicher Theil derſelben, den er ſich hier zum Vorwurf eines Gemäldes gewählt; es iſt uns nicht möglich, denſelben beim erſten Anblick zu verſtehen; oben auf dem Bilde ſehen wir ein Brett gemalt, das an zwei Schnüren aufgehängt ſcheint; auf dieſem Brette ſitzen viel⸗ leicht ſechs bis acht Affen, von denen wir aber nur die äußerſten Partien ſehen, deren Schwänze jedoch in allen möglichen Windungen über drei Viertel des ganzen Bildes herabhängen.— Ah! beim nähern Betrachten bemerken wir, daß das Ganze eine Fenſteröffnung darſtellt, auf deren Brüſtung ſich ein unterſetzter Mann lehnt, der ein vierecki⸗ ges grobes Geſicht hat und aus einem kurzen Pfeif fenſtummel raucht, während er zu den Affenſchwänzen aufblickt, die wie ein Gitterwerk vor ihm herabhängen. Wenn wir aber ſo vor dem Maler und ſeinem Bilde ſtehen, ſo flößt uns der Erſtere faſt noch mehr Intereſſe ein, als der überaus ſonderbare Vorwurf des Letzteren, Herr Friedrich Wulf iſt eine kleine Perſönlichkeit, die ſehr gebückt vor der Staffelei ſitzt, mit einem kurzen grünen ſ. g. Flaus bekleidet iſt und auf dem dunkeln ſehr grauſen 3 Haar ein winzig kleines Käppchen von rother Farbe trägt. Im Atelier. 27 Dabei ſcheint er uns von einer außerordentlichen Lebhaftig⸗ keit zu ſein, er rückt auf ſeinem Stuhle bald hierhin, bald dorthin, beugt ſich nah an das Bild, entfernt den Oberkörper wieder von demſelben, und während ſich dieſer vor⸗ und rückwärts, nach rechts und nach links dreht und windet, ſind auch die Beine des Künſtlers in einer beſtändigen Be⸗ wegung; bald ſtreckt er ſie aus, bald zieht er ſie zuſammen; jetzt ſetzt er den rechten Fuß auf den Malkaſten, der neben ihm ſteht, gleich darnach zieht er den linken auf die oberſte Sproſſe ſeines Stuhles. Wahrhaftig, wir wollen Herrn Friedrich Wulf nicht wehe thun, aber wir können uns des Gedankens nicht er⸗ wehren, daß er ſelbſt in ſeinen Bewegungen eine frappante Aehnlichkeit hat mit den komiſchen Thieren, die er darzu⸗ ſtellen ſo ſehr liebt.„ Jetzt erhebt er ſich von ſeinem Sitze, das heißt er hüpft in die Höhe, um ſich mit der linken Hand unterhalb ſeines linken Knies zu kratzen und mit einem Finger der Rechten, worin er auch Palette und Malerſtock hält, ſein rothes Mützchen mit einer ſeltenen Gewandtheit von dem rechten Ohr auf das linke hinüber zu dirigiren. Ja, auch jetzt behält er in unſern Augen die nicht weniger als angenehme und ſchmeichelhafte Aehnlichkeit, wie er vor⸗ und zurücktänzelt, rechts und links ſpringt, und wie er ſich jetzt, nachdem er Palette und Malſtock abgelegt, nach einer Ecke des Gemaches begibt, wo an ein kupfernes Kettchen. 28 Zweites Kapitel. gefeſſelt ein wirklicher lebendiger kleiner Affe ſitzt, der aber ziemlich ſchläfrig dreinſchaut und bei der Annäherung ſeines Herrn und Meiſters nur ein Auge langſam und verdroſſen öffnet. Hier tritt uns dieſe Aehnlichkeit wahrhaft erſchreckend entgegen, da ſich der kleine Maler bemüht, durch allerlei Capriolen, wie er ſie bei ſeinem ſchläfrigen Pfleglinge gewiß oft geſehen, dieſen aufzumuntern, was ihm auch zu gelingen ſcheint, wobei aber der Affe keine große Freundlichkeit an den Tag legt, vielmehr mit den Vorderpfoten nach ſeinem Herrn und Meiſter ſchlägt und dazu die Zähne blöckt. Solche Bewegungen und Grimaſſen wiederholt dieſer alsdann ſo täuſchend, daß ſich ſein ſonſt gerade nicht unſchönes Ge⸗ ſicht förmlich zu einer Affenfratze verzieht. Das Thier kreiſcht nun eigenthümlich auf, was der Maler ebenfalls nachahmt, nur lauter, und dann ein luſtiges:„Huſſa ho!“ dran hängt, worauf der kleine Affe erſchreckt zurückfährt und ſich, furcht⸗ ſam umherblickend, erſchreckt zuſammenkauert. „Biſt du wieder einmal ganz des Teufels?“ hört man nun eine laute, wohlklingende Stimme aus dem andern Theil des Ateliers ertönen.„Wenn du auch ſelbſt keine Ruhe halten kannſt, ſo laß doch wenigſtens das arme Thier zufrieden. Ich kann dich verſichern, das Gekreiſch thut Einem nicht nur in den Ohren weh, ſondern dringt durch Mark und Bein.“ Herr Friedrich Wulf ließ zur Antwort ein luſtiges Lachen erſchallen, worauf er ſich dreiſt dem leiſe knürfenden 42 4 6 Im Atelier. 29 Thiere näherte und ihm über Kopf und Rücken ſtrich, indem er ſagte:„Gelt du, Joco, wir zwei nehmen das nicht ſo genau; das ſind uns bekannte, liebgewordene Töne. Ja, wir Beide!“ „Hol' euch der Teufel mit einander!“ hörte man von drüben die Stimme wieder ſagen;„ich möchte den Maler und Freund wiſſen, der ſo zwei Kreaturen, wie ihr Beide ſeid, in ſeinem Atelier duldete!“ „Duldete?“ lachte der Andere.„Das könnte mich allenfalls verdrießen, wenn ich nicht wüßte, wie nothwendig dir meine gute Laune iſt. Ja, wahrhaftig, Richard, ich hätte dich ſchon lange im Stich gelaſſen, aber du thuſt mir leid, und ich bin ein viel zu guter Kerl. Lachen iſt dir wie jedem vernünftigen Menſchen geſund, und wenn ich dich nicht zuweilen mit Gewalt dazu brächte, ſo würdeſt du wahr⸗ haftig keine Zeit zum Lachen finden.“ Statt zu antworten, pfiff der drüben eine heitere Me⸗ lodie und verſetzte erſt nach einer längeren Pauſe, während welcher Herr Wulf ſein Affenbild genau betrachtet:„Du biſt ein unverbeſſerlicher Kerl; mit dir iſt nicht zu ſtreiten. Ich erlebe es gewiß noch, daß du ſagſt, wenn du die Wände mit deinen ſcheußlichen Affengeſichtern bekleckſeſt, ſo geſchehe das mir zu Liebe, um mein äſthetiſches Gefühl zu wecken und um meinen Schönheitsſinn zu ſchärfen.“ „ und wenn ich das ſagen würde, ſo hätte ich gewiſſer⸗ maßen vollkommen recht. Ohne die geſunde, urwüchſige und Zweites Kapitel. kräftige Natürlichkeit in meinen Schöpfungen wären deine Malereien ſchon lange verzuckert und verhimmelt. Erinnerſt du dich noch, wie du damals deinem„Mädchen im Aehren⸗ felde“ jene verfluchte Neigung des Kopfes gabſt, nach der rechten Seite hinüber, und ſie dabei links an den Himmel hinauf blinzeln ließeſt?— Pfui Teufel! Du wirſt nicht leugnen wollen,— oh Richard, oh mon roi!— daß es damals Joco war, der dieſelbe Bewegung machte und dich aus deiner Verhimmelung wieder auf die proſaiſche Erde brachte.“ „Wie geſagt, ein unverbeſſerlicher Kerl!“ tönte es hinter der ſpaniſchen Wand hervor, und dann ſang es: „Du haſt die ſchönſten Augen, Mein Liebchen, was willſt du noch mehr?“ „Ja, ja, auch was die ſchönen Augen anbelangt,“ lachte der kleine Maler,„ſo haſt du dich an meinen Vor⸗ bildern erholt, guter Freund. Früher brachteſt du es nie über ſo mattes, fahles Blau hinaus. Weißt du, Ver⸗ gißmeinnicht in Milch gekocht,— die Farbe der Frömmig⸗ keit und Keuſchheit— ich bedanke mich dafür! Und wenn du einmal über alle Maßen natürlich und friſch ſein woll⸗ teſt, ſo nahmſt du etwas hellbraune Farbe— Mondſchein⸗ augen!“ 8 „Du biſt ein ganz unverſchämtes Subjekt!“ hörte man 1 Im Atelier. 8 31 den hinter der ſpaniſchen Wand lachend ſagen;„aber ich freue mich, das von dir zu hören, denn das ſpricht doch nur der Neid aus dir. Wenn ich jetzt dunkle, glühende, blitzende Augen male, ſo weißt du wohl, was mein Vorbild iſt und biſt nur deßhalb ergrimmt, weil du den grünen katzenartigen Schimmer in den Augen deiner Schöpfungen nun einmal nicht entbehren kannſt.“ „Gut, gut! Aber ſie ſelbſt, deren dunkle, glühende, blitzende Augen dich begeiſtern, hat weit mehr Gefallen an meinen Schöpfungen. Bleibt ſie nicht vor meinen Bildern mit dem Ausdrucke des innigſten Wohlbehagens ſtehen, ſchlägt ſie nicht ihre kleinen Hände zuſammen und nennt mich ihren caro Wulfo?— Das iſt der Beweis, daß ein natürliches, reines, unverdorbenes Gemüth auch nur an natürlichen, reinen, unverdorbenen Naturen, wie meine Schöpfungen ſind, Geſchmack findet.“. „Ja, ja, wie alle Kinder ſich freuen, wenn man ſie in die Affenbude führt.“ Der kleine Thiermaler hatte während dieſes Geſprächs einen ſeiner Pinſel ergriffen und mit dem Holze deſſelben einen der Affenſchwänze ſchraffirt. Dabei ſchien er mit ſeiner Arbeit zufrieden, denn er nickte wohlgefällig mit dem Kopfe und trat mehrmals einen Schritt zurück, um ſein Werk befriedigt aus einer gewiſſen Entfernung anzu⸗ ſchauen. Zweites Kapitel. „Du, Friedrich!“ vernahm man da abermals die Stimme von der ſpaniſchen Wand. „Nun?⸗ „Komm' einen Augenblick herüber.“ „Gleich; ſiehſt du, du kannſt wieder ohne meine Hülfe nicht fortkommen.“ Drittes Kapitel. Träume. Der andere Theil des Ateliers, in welchen wir uns nun, dem kleinen Maler folgend, begeben, hatte, da hier alle die wunderlichen Thiergeſtalten fehlten und ſich dafür ernſte Studienköpfe an den Wänden befanden, ein ganz anderes Ausſehen. Dieſen Raum zierten ferner ein paar alte maleriſche Lehnſeſſel; ein ähnlicher Tiſch, aus Eichen⸗ holz geſchnitzt, ſtand in der Ecke, von ihm herab hing eine buntfarbene Decke, auf der eine Mandoline lag und ein paar mittelalterliche Stoßdegen. Die hierzu gehörende Eiſen⸗ haube, ſowie ein paar Stahlhandſchuhe lagen auf einem neben dem Tiſch ſtehenden Tabouret und dienten dort, um durch ihre Schwere ein Stück rothen Damaſtes feſtzuhalten, bas in breiten ſchönen Falten auf den Boden herabhing. Ueber den Studienköpfen hing ein größeres, unfentiges Bild. Hackländer, Tannhäuſer. I. 34 Drittes Kapitel. ein Fenſter darſtellend, aus welchem ein ſchönes Mädchen dem Beſchauer entgegenſah; ihr Geſicht zeigte unverkennbar einen ſüdlichen, italieniſchen Schnitt, wozu aber die Um⸗ gebung durchaus nicht paßte; denn ſtatt daß man vor dem Fenſter Aloe, Lorbeer, Orangenbüſche oder dergleichen ge⸗ ſehen hätte, bemerkte man hier eine einfache Veranda mit den abgeſtorbenen, herabfallenden, dunkelrothen, theils ver⸗ ſchrumpften Blättern der Jungfernrebe, auf denen, ſowie auf dem dünnen Geflecht der Aeſte der erſte, flockige Schnee lag, rein, weiß, jungfräulich anzuſehen, wie die Augen, die Stirne, die Wangen des reizenden italieniſchen Mädchens. Wenn wir näher hinblicken, ſo kann es uns nicht ent⸗ gehen, daß wir in der Veranda hier auf dem Bilde eine Aehnlichkeit mit jener Veranda entdecken, die wir vorhin draußen im Hofe ſahen und die ſich jetzt dort mit ihren grünen Blättern über die Fenſter des kleinen Hauſes wölbte. Blicken wir nun aber von dieſem Bilde an der Wand auf 5 das ebenfalls noch nicht ganz fertige, welches die Staffelei des Malers im gegenwärtigen Augenblicke trägt, ſo finden wir den ſchönen, blühenden Mädchenkopf wieder, die gleichen Augen, die dort verwundert zum Schnee emporblicken, hier dem Beſchauer mit einer rührenden Offenheit und Herzlich⸗ keit entgegenſehend. Es iſt dies ein Bild, drei Viertel Le⸗ bensgröße, wohl ein Portrait. Das junge ſchöne Geſchöpf auf demſelben ſitzt hier umgeben von ſüdlicher Pflanzen⸗ pracht auf einem Marmorkapitäl in dem maleriſchen Coſtümt — von Albano. Prachtvoll heben ſich auf dem blauſchwarzen Haar, das in dicken Flechten das jugendliche friſche Geſicht umgibt, die bauſchigen rothen Bänder ab und die blitzenden ſilbernen Nadeln. So klar und glänzend die großen, tief⸗ braunen Augen ſind, ſo ſtrahlt doch aus ihnen etwas unbe⸗ ſchreiblich Liebes und Mildes, und wird noch erhöht durch ein, wenn gleich kaum merkliches Lächeln um die friſchen, rothen Lippen des kleinen Mundes. „Was ſoll's?“ ſagte der Thiermaler, nachdem er ſich mit verſchlungenen Armen an die Wand neben dem Fenſter gelehnt und das liebliche Bild eine Zeitlang betrachtet. „Nicht viel,“ entgegnete der Andere lachend;„ich wollte dich nur wieder auf beſſere, menſchliche Gedanken bringen. Man iſt dir wahrhaftig ſchuldig, dich zuweilen deinem Thier⸗ kreiſe zu entreißen und dich etwas Wohlthuendes ſehen zu laſſen. Schau dir dieſe Augen genau an und geſtehe, daß es eigentlich ein Unglück iſt, wenn man ein Thiermaler geworden.“. Der kleine Maler zuckte mit einem gutmüthig lächeln⸗ den Geſichtsausdruck die Achſeln und verſenkte ſich, ſtatt augenblicklich eine Antwort zu geben, mit beifälligem Kopf⸗ nicken in den Anblick des reizenden Mädchengeſichtes, ſo daß wir Zeit finden, auch den Schöpfer dieſes Bildes genau zu betrachten, der eben zurückgetreten war, ſich auf ſeinen langen Stock ſtützte und ebenfalls mit einem Ausdruck der Befriedigung auf ſein Bild ſchaute. Drittes Kapitel. Es iſt ein junger Mann von vielleicht vierundzwanzig Jahren, groß, ſchlank, kräftig, vollkommen untadelhaft ge⸗ wachſen; alle Bewegungen ſeines Körpers haben etwas Sicheres, Elaſtiſches und doch dabei ſo viel Weiches und Clegantes, daß ſeine Figur, wie er ſich ſtellt, wie er ſich dreht und wendet, immer ein angenehmes Bild der Sicher⸗ heit gewährt und dabei genau paßt zu dem, was er ſagt, ja zu dem, was er mit einem Achſelzucken, mit einem leich⸗ ten Lächeln, mit einem unmerklichen Neigen oder Hin⸗ und Herwiegen des Kopfes bezeichnen will. Und dieſer Kopf paßt vortrefflich zu dieſer vollkommenen, jugendkräftigen Ge⸗ vom Glanze der Geſundheit überſtrahlten Zügen liegt, wenn wir uns ſo ausdrücken können, eine zu weiche Harmonie; es paßt hier alles ſo genau zu einander, daß wenn wir auch im erſten Augenblicke ausrufen: welch' ſchönes Geſicht! wir im nächſten nach irgend einem Schatten ſuchen, der uns dieſen Kopf weniger harmoniſch, ja, und eben dadurch weniger flach erſcheinen ließe. Dabei kann man aber nicht ſagen, daß die Züge des Malers geiſtlos zu nennen wären; die hohe und offene Stirn ſcheint vielmehr das Gegentheil andeuten zu wollen, ebenſo die lebhaften, etwas ſchwärmeriſchen, dunkelblauen Augen von einem ſeltenen Glanze. Da das Haar des ſtalt; nur iſt er— zu ſchön. In dieſen gut geformten, — jungen Mannes hellblond iſt, ſo finden wir auch den Teint weiß, klar und durchſichtig; er trägt dieſes Haar aber nicht — — „— Träume. nur in reicher Fülle, ſondern ſo kraus und dabei ſo d fallend reich gelockt, daß man wohl ſieht, er brauche die gewählte Friſur, die man an ſeinem Kopfe bemerkt, d. h. dieſen ſcharf ausgeprägten Scheitel, um es nur einiger⸗ maßen zu bändigen. Ein kleiner Bart ſitzt auf ſeiner feinen Oberlippe, die ſich, wenn er lächelt, eigenthümlich zuſpitzt, und dann erheben ſich ſeine Mundwinkel auf ſo angenehme Art, daß Herr Wulf zu ſagen pflegt, der Tannhäuſer lache nur, damit man ſeinen ſonderbaren Mund ſehe, der in ſeiner komiſchen Form gar nicht zwiſchen andern vernünfti⸗ gen Mäulern zu regiſtriren ſei. Dies ſagte er aber nur, um den Andern auf harmloſe Weiſe zu necken, den Neid gegen ſeinen ſchönen Freund weder in deſſen Eigenſchaft als Menſch, noch als Maler, kannte er nicht, vielmehr geſtand er ihm ſeine körperlichen Vorzüge vollkommen zu, wobei er hinzuſetzte, daß darin ge⸗ rade ſo wenig Beneidenswerthes liege, als wenn jemand, wie der hochſelige Midas, alles in Gold verwandle, was er anfaſſe. „Siehſt du, Richard,“ pflegte er zu ſagen,„das iſt frei⸗ lich nicht deine Schuld, daß du ein Beau biſt, wie die Leute ſagen; aber du haſt nun einmal das Unglück, und ein red⸗ licher Freund kann nichts Ehrlicheres thun, als dich von Zeit zu Zeit warnen, oder dich vielmehr über dein Schickſal zuptröſten. Als wirklicher Beau biſt du ein Mittelding, eine eigenthümliche Gattung zwiſchen Vornehm und Gering, Drittes Kapitel. diſchen Reich und Arm, zwiſchen Verſtand und Dummheit. Deine Schönheit flößt allen Damen Argwohn ein; nähere dich einem reichen Mädchen, ſo wird ſie ſagen:„es iſt nicht rathſam, er iſt zu ſchön;“ eine Arme flieht dich von vorne⸗ herein:„ein gefährlicher Menſch!“ ſagt ſie oder ihre Mut⸗ ter,„er iſt viel zu ſchön.“ Eine Verſtändige denkt: das iſt nichts für mich, trop beau, um Verſtand zu haben; eine Dumme ſpricht zu ſich ſelber:„ich wäre nicht recht ge⸗ ſcheut, einen ſo ſchönen Mann für meine Freundinnen zu heirathen!“— Und daraus ſiehſt du nun, mein armer Richard, daß du in der Welt auf gewöhnliche Weiſe ſchwer⸗ lich fortkommen wirſt, weil du zu ſchön dazu biſt. Du⸗ mußt ſchon einmal eine exceptionelle Stellung einnehmen, und die hat auch ihre Gefahren. Ich an deiner Stelle würde die Götter zu verſöhnen ſuchen, ließe mir einen recht wilden Bart wachſen und würde es ſo einzurichten ſuchen, daß mich irgend ein böſes Thier, ein Affe oder der⸗ gleichen tüchtig in die Naſe biſſe. Ich will dir dazu meine Hülfe recht gern leihen. Wahrhaftig, guter Richard, du mußt meine Worte nicht zu gering anſchlagen, es iſt ein gefährliches Geſchäft, zu ſchön zu ſein. Und da unſere liee ben Mitmenſchen immer, nachdem ſie etwas Gutes oder Angenehmes von uns zugeſtehen mußten, mit einem Aber bei der Hand ſind, ſo würde es bei dir beſtändig heißen: ſchön— aber dumm, unbedeutend, ein ſchlechter Maler oder dergleichen— während es mir gerade iſt, als hörte ich von „ Träume. mir ſagen: ein häßlicher Kerl, das muß wahr ſein, aber verflucht geſcheut, eine geiſtreiche Beſtie und ein ganz im⸗ menſer Viehmaler.“ Wenn die Beiden ſo zuſammen ſprachen, oder vielmehr wenn der Eine ſo ſprach, da wollte ſich der Andere vor Lachen ausſchütten, und es war ihm alsdann kaum möglich, einen vernünftigen Strich auf die Leinwand zu machen. Daß Herr Wulf bei dergleichen Vorleſungen äußerſt komiſch war, iſt nicht zu läugnen; er ſetzte ſich alsdann oder hüpfte vielmehr auf die oberſte Stufe einer Leiter, die ſich im Atelier befand, um auch den obern Theil der Fen⸗ ſter blenden zu können, und wenn er dort oben ſaß, ſo machte er vielleicht unwillkürlich, aber mit einer erſchrecken⸗ den Wahrheit die Bewegungen ſeiner Lieblingsthiere nach, wobei es faſt grauenhaft anzuſehen war, bis zu welcher Fertigkeit er es darin gebracht hatte, ſich mit der Spitze ſeines Fußes am Kopfe zu krazen. Es war einmal vorge⸗ kommen, daß dies eine fremde Dame, welche es zufällig im gegenüber hängenden Spiegel ſah, ſo außer ſich brachte, daß ſie mit einem Ausruf des Schreckens plötzlich das Ate⸗ lier verließ. 8 Auch ſonſt beſaß Herr Wulf allerlei ähnliche Fertigkeiten; er warf zum Beiſpiel einen Pinſel, den er gebraucht, ſo hoch in die Luft, daß er ihn erſt dann wieder auffing, wenn er ſchon einen andern wieder vorgezogen hatte. Bei dieſem Spiel bedauerte er häufig, nicht die Mittel zu beſitzen, Drittes Kapitel. ſich einen Lehrjungen zu halten, dem er, wie der beriime Maler von Siena, nur über den eigenen Kopf hinweg die Pinſel zuwerfen könnte. Hatte er ſich doch ſchon unſägliche Mühe gegeben, den kleinen Affen zu dieſem Dienſte abzu⸗ richten; aber das war ihm nicht gehörig gelungen, denn wenn auch Joco die Pinſel wirklich auffing, ſo war er doch nicht zu vermögen, ſie ruhig bei ſich zu behalten, ſondern er zerbiß oder zerbrach ſie. „Ich glaube, mein neues Bild wird Aufſehen nacſen,s ſprach Herr Wulf nach einer längeren Pauſe, wobei er mit einem Auge in die Höhe ſchielte und ſich mit ganz loſem Handgelenke hinter dem rechten Ohre krazte.„Der alte Aders war geſtern wieder da und lobte es ſo, daß ich faſt ſchamroth geworden wäre.“ „Faſt,— ja,“ gab der Andere ruhig zur Antwort; „aber wirklich ſchamroth zu werden, brauchſt du keine Angſt mehr zu haben. Nun, und was meinte der alte Aders über den Ankauf?“ „Nun, er meinte, er wüßte einen Narren, dem es ge⸗ fallen könnte.“ „Das müßte aber ſchon ein rechter Narr ſein!“ „Was willſt du? Es iſt von mir eine edle That, mit meinen Meiſterwerken auch für dergleichen bedauernswerthe Leute zu ſorgen. Aber Scherz bei Seite! Der alte Aders iſt geiſtreich genug, um die tiefen Ideen, ſowie die wunder⸗ bare Technik an meinem Bilde zu begreifen.“ * — 4 Träume. 41 „So, der alte Aders iſt geiſtreich?“ „Ja, weil er kein Beau iſt.— Dabei gab er ſich auch die Mühe,— wozu ein Beau freilich keine Zeit hat— das Bild deines Freundes mit all' der Aufmerkſamkeit zu be⸗ trachten, die es verdient. Haſt du das je gethan?“ wandte er ſich mit einem ſo plötzlichen Rucke gegen ſeinen Freund, daß jeder andere Menſch dabei unfehlbar von der Leiter herabgeſtürzt wäre, er aber nicht nur ruhig ſitzen blieb, ſondern auch während der Umſchwingung ſein linkes Bein über ſein rechtes ſchlug und darauf, als ſei nichts vorgefallen, mit ſeiner rechten Hand den linken Knöchel des Fußes anfaßte. Der Tannhäuſer, der dergleichen equilibriſtiſche Kunſt⸗ ſtücke ſchon gewohnt ſein mochte, ſchaute gar nicht um, ſon⸗ dern malte ruhig am Gewande ſeiner Italienerin fort. Jetzt aber trat er wieder einen Schritt zurück, wandte ſeinen Kopf ein wenig auf die linke Seite und ſagte alsdann:„Weißt du, Wulf, mir geht vielleicht der Sinn ab für deine Thier⸗ figuren. Du wirſt dich erinnern, daß mir deine Affen, lebendige und gemalte, anfänglich ein wahres Grauen ver⸗ urſachten; ich mußte mich erſt nach und nach daran gewöh⸗ nen, und bei dieſen Umſtänden wirſt du es begreiflich fin⸗ den, daß ich es wahrhaftig nicht verſtehen kann, welch' tiefer Sinn oder auch nur welch' meiſterhafte Technik man in einem halben Dutzend herabhängender Affenſchwänze zu ent⸗ decken vermag.— Ah, geh' weiter!“ ſetzte er lachend hinzu, „du biſt ſonſt ſo ein guter Kerll! Drittes Kapitel. „Nein, nein,“ gab der Andere eifrig zur Antwort,„der it muß einmal ausgefochten werden, und du mußt mir ſttens zugeben, daß der Vorwurf meines Bildes nicht verrückt iſt, wie du ſchon oft geſagt. Sei nur wenigſtens gerecht, mein ſchöner, junger Menſch; ich bin es ja auch gegen dich. Habe ich dir nicht zugeſtanden, daß das Bild, welches du dort malſt, Aufſehen erregen muß, daß der Kopf deiner Italienerin, wenn er auch nicht ſchöner iſt, als das Original, doch einen ſanften Zug um den Mund hat, der dem wilden Urbild vollkommen abgeht? Daß auch an der Zeichnung der Figur nichts auszuſetzen iſt, als die Haltung des linken Fußes, die mir nicht ganz natürlich erſcheint; es. müßte denn ſein, daß ſie mit der Fußſpitze das Blümchen zertreten will, welches vor ihr wächst. Aber dergleichen mörderiſche Tendenzen traue ich deinem weichen Gemüthe nicht zu.— Alſo wenn ich gerecht gegen dich bin, ſo ſei du es auch gegen mich; laß dir mein Bild erklären.“ „Aber ich verderbe meine Augen daran,“ ſprach Tann⸗ häuſer mit einem leichten Achſelzucken; nich ſehe mich ſo in die garſtige Phyſiognomie deiner Affen hinein, daß—* „Dir darauf der ſchöne Kopf Franceska's um ſo wohler thun wird,“ fiel der Thiermaler ſeinem Freunde in die Rede, worauf er von der Leiter herab ſprang, aber nicht in der Art, wie es jeder andere vernünftige Menſch gethan haben würde. Er legte vielmehr ſeine beiden Hände auf die Stufe, auf der er bis jetzt geſeſſen, hob dann ſeinen Träume. 43 Körper langſam in die Höhe, ſtreckte die Füße einen Augen⸗ blick horizontal von ſich ab, und gelangte alsdann vermit⸗ telſt dieſes großen Umweges auf den Boben. „Deinem Griffe entkommt niemand,“ ſagte Richard lachend, warf noch einen langen Blick auf ſein Bild und folgte dann dem Thiermaler, welcher ſchon voraus nach dem Theile des Ateliers gegangen war, das er inne hatte und welches er„die Menagria“ nannte. Gleich darauf ſtanden Beide vor ſeinem Bilde. „Daß nun jemand ſagen ſollte, namentlich jemand, der ſelbſt Künſtler ſein will,“ fing der kleine Thiermaler eifrig an, eer ſei nicht im Stande, dies Bild ohne eine Erklärung zu verſtehen, iſt mir rein unfaßlich. Allerdings läßt es, wie jedes bedeutende Kunſtwerk, dem geiſtreichen Beſchauer — hier kratzte er ſich leicht am Halſe— mehrerlei Deutun⸗ gen zu. Es iſt zum Beiſpiel der Kampf der rohen Gewalt durch den vierſchrötigen Kerl da unten repräſentirt, gegen Liſt und Schlauheit: die Affenſchwänze da oben. Doch wollen wir in dergleichen feine Intentionen nicht weiter eingehen, wogegen du mir aber zugeben wirſt, daß man auf den erſten Blick ſehen muß, das da unten iſt der Me⸗ nageriebeſitzer, der ſeine Morgenpfeife raucht, dabei behag⸗ lich zu einem halben Dutzend Affen aufſchauend, die durch den Blick ihres Herrn gebannt ſich ſo anſtändig wie mög⸗ lich verhalten.— Verſtehſt du das?“. „Ich glaube, daß ich das allenfalls verſtehe. Warum 44„Drittes Kapitel. du aber nichts ſehen läß'ſt als ſechs Affenſchwänze, du, mit deiner enormen Fertigkeit im Malen dieſer Thiere, das iſt mir nicht ganz begreiflich.“ Der Thiermaler warf ſeinem Freunde einen faſt ver⸗ ächtlichen Blick zu, dann antwortete er:„Weil ich mich be⸗ mühe, alle möglichen Schwierigkeiten der Kunſt aufzuſuchen und ſiegreich zu bezwingen. Es iſt wahrhaftig keine Kunſt, in einer ganzen Affenfigur die augenblickliche Gemüthsſtim⸗ mung dieſes Thieres auszuführen, ob es luſtig iſt, traurig, zutraulich oder tückiſch, ob es wirklich langweilt oder nur in affektirter Gemüthsruhe über einen auszuführenden Streich nachdenkt. Wie geſagt, es iſt leicht, dergleichen innere Be⸗ wegungen in einer ganzen Figur auszudrücken.— Aber ich habe verſucht, das durch die Haltung der verſchiedenen Schwänze zu zeigen, und ich glaube, es iſt mir gelungen.“ „Laß mich aus— laß mich aus!“ rief der Andere, komiſch eine Angſt affektirend, wobei er nach ſeinem Haar fuhr und that, als wenn er ſich die Ohren zuhalten wollte.„Ich verſichere dich, Wulf, ich vergeſſe deine Affenſchwanztheorie, die du mir ſchon öfters auseinandergeſetzt, den ganzen Tag nicht mehr.“ „Du haſt ſie noch nie gehört,“ fuhr der Thiermaler ruhig fort,„ſie wenigſtens nie gründlich in dich aufgenom⸗ men. Kannſt du läugnen, daß dieſer ohne Biegung herab⸗ hängende Affenſchwanz mit glattem Haar einen langweiligen Kerl anzeigt, und jener daneben, der ſich unten ſo ſchelmiſch Träume. 3 45 krümmt, davon erzählt, daß ſein Beſitzer an eine vielleicht unangenehme Ueberraſchung für den Nachbar denkt? daß dort der andere, der ſich ſo energiſch aufbäumt, von einer emporgehobenen Pfote und einem leichten Grinſen ſpricht, und daß dort der in der Ecke, der ſich zuſammenſchlingt und deſſen Haare förmlich geſträubt ſind, eine boshafte Beſtie anzeigt, die im nächſten Augenblicke über jenes gemüthlich⸗ ſchweifwedelnde Weſen an ſeiner Seite tückiſch herfallen wird?“ Tannhäuſer, der ſchon ein paarmal Zeichen der Unge⸗ duld gegeben hatte, erhob nun wie flehend ſeine Hände und ſagte:„Ich will dir alles zugeben, was du willſt; ich will ſogar deine Bilder auch zuweilen betrachten und mein Ur⸗ theil darüber ausſprechen, aber dann laß mich auch mit deinen Erklärungen zufrieden. Ich verſichere dich alles Ern⸗ ſtes, Wulf, die machen mir ein ſo unangenehmes Gefühl, als wenn ich auf ein Sandkorn biſſe, oder als wenn— mich ſchaudert ordentlich— jemand mit einem Nagel über eine Glasſcheibe fährt. Ich habe nun einmal für dergleichen Sachen kein Gemüth, es iſt mir unheimlich.“ Der andere zuckte die Achſeln ſo hoch als möglich war. „Es iſt wirklich ſchade,“ gab er zur Antwort,„daß du kein Theelöffel geworden biſt, um deine Tage in einem Sammet⸗ futteral zubringen zu können.— Wirklich ſchade!“ „O ja, das thäte mir wohl,“ meinte Tannhäuſer;„ſo ſeine Tage zu verbringen als glänzendes Silber in Sammet 46 Drittes Kapitel. gehüllt, oder zwiſchen den weichen Fingern einer ſchönen Frau!— Es iſt traurig, daß man ſich ſeine Exiſtenz nicht wählen kann!“ Während die Beiden ſo ſprachen, hatte der kleine Affe anfänglich ſchläfrig zugehercht, abwechſelnd das eine oder das andere Auge ſchließend. Plötzlich aber öffnete er beide und ſchaute aufmerkſam in die Höhe; dann bewegte er ſei⸗ nen Schweif leicht und wie es ſchien, wohlgefällig hin und her, hob auch ſeine Oberlippe auf und grinste freundlich mit den Zähnen. Aber ſowohl der Tannhäuſer, als der kleine Thiermaler waren zu eifrig in dem Austauſche ihrer Ideen begriffen und ſprachen zu laut, um das zu bemerken, oder um ein leiſes Geräuſch hinter ihrem Rücken zu ver⸗ nehmen. Joco gab indeſſen immer größere Zeichen der Theil⸗ nahme, ja einer freudiſen Theilnahme zu erkennen; er grinste häufiger, ja er lachte förmlich, er richtete ſich in die Höhe und neigte dann ſeinen Körper behaglich von einer Seite auf die andere, ſprang auch jetzt in die Höhe, daß ſeine kupferne Kette klirrte, ſo daß der kleine Maler einen Blick auf ſeinen Liebling warf, ſich raſch herum wandte und dann rief:„Habe ich mir doch gedacht, daß du es ſeieſt, wildes Mädchen!— Bravo, mein Kind! Bravo, Fran⸗ ceska! Sind das reizende Bewegungen! Da ſieh hin, Tannhäuſer, und wenn dir das nicht die Idee zu einem ganz wunderbaren Bilde gibt, ſo wird überhaupt nie meh⸗ Träume. 47 etwas im Stande ſein, dich zu begeiſtern.— Warum hörſt du auf, Kleine?“ fuhr er nach einer Pauſe raſch fort, als er ſah, wie das junge Mädchen, zu dem er ſprach, plötzlich ſtille ſtand und mit der Hand über ihr dunkles, ſchwarzes Haar fahrend und dabei tief athmend die friſchen Lippen öffnete. Es war das Original des Bildes, das wir vorhin be⸗ ſchaut,— eine Italienerin von vielleicht ſechszehn Jahren, die leicht in das Zimmer getreten war und ſogleich ange⸗ fangen hatte, hinter dem Rücken der beiden Künſtler den kleinen Joco, deſſen beſonderer Liebling ſie war, durch be⸗ ſondere Bewegungen zu necken und ihn, indem ſie ihm mit ihrem gewandten Körper die ſeltſamſten, ja wildeſten Windungen vormachte, zu ähnlichen Stellungen zu ermun⸗ tern ſuchte, was ſchon oft geſchehen, worüber dann Herr Wulf ſeine außerordentliche Freude bezeugt hatte und bei einem ſolchen Duett oder vielmehr Pas de deux ein dank⸗ bares, begeiſtertes Publikum bildete. Nicht ſo der Tann⸗ häuſer; für ihn lag in dieſen wilden und blitzſchnellen Bie⸗ gungen des zuweilen recht tollen Mädchens etwas Unheim⸗ liches, Dämoniſches, und wenn er nach Hauſe kommend an dem lauten Lachen des kleinen Thiermalers hörte, daß im Atelier eine ähnliche Scene aufgeführt werde, ſo ging er nicht in das Gemach, ſondern blieb ſo lange draußen, bis er denken konnte, das luſtige Spiel ſei vorüber. Franceska wußte das wohl, und auch ihr wäre es nicht 48 Drittes Kapitel. möglich geweſen, vor den Augen des Heyrn Tannhäuſer ihrer heiteren Laune den Zügel ſchießen zu laſſen, weßhalb ſie auch jetzt, wo er ſich herum wandte, mit einem Male ruhig ſtand, die Finger unter ihre dichte Haarflechte ſteckend, aber immer noch mit lächelnd zuckendem Mundwinkel. Es war ein ſchönes Mädchen, dieſe kleine Italienerin, wie ſie der Tannhäuſer nannte, der mit ſeiner hohen Figur aller⸗ dings bedeutend über ſie hinaus ragte. Doch war ſie von einer guten Mittelgröße, und wenn der Thiermaler die Benennung„klein“ ebenfalls gebrauchte, ſo geſchah das nur, weil dies Prädikat ſich freundlich und ſchmeichelnd ausſprach und weil Franceska, ſo oft Herr Wulf ſie ſo anredete, herzlich lachend auf deſſen in der That unbedeu⸗ tende Figur ſchaute. Wir ſagten ſchon, ſie ſei ſechszehn Jahre alt, aber dabei war ſie, wie alle Südländerinnen, für ihr Alter vollkommen entwickelt. Was allein in ihrem Aeußern in dieſer Hinſicht zurückgeblieben, war der Ausdruck ihres Geſichtes, der etwas außerordentlich Kindliches hatte. Das paßte aber auch voll⸗ kommen zu ihrem heiteren, ja luſtigen Gemüthe; ihre großen glänzenden Augen ſchauten ſo unbefangen, ſo natürlich und unſchuldig umher, daß man in dieſelben blickend, es voll⸗ kommen verſtand, wenn ſie durch die geringfügigſten Sachen angeregt, in das herzlichſte Lachen ausbrach, oder wenn man ſie mit andern Mädchen, die gegen ſie vollkommene Kinder waren, die harmloſeſten Spiele treiben ſah. — 49 Träume. Der Vater Franceska's war der Bildhauer Piſani, an deſſen Atelier wir vorhin vorbei gegangen— ein ernſter Mann an die fünfzig Jahre, Wittwer, wie es ſchien ohne viel Vermögen, und leider bei alle dem kein ſo guter Künſt⸗ ler, um mit ſeinem Meißel ein reichliches Auskommen ſich verdienen zu können. Er war vor einigen Jahren aus Italien gekommen und damals— ſo erinnerten ſich ſeine Freunde — waren die Arbeiten, die er machte, wirklich ſchülerhaft geweſen. Durch unabläſſigen Fleiß aber und eifriges Stu⸗ dium hatte er es ſo weit gebracht, daß er jetzt für einen ordentlichen Arbeiter galt, dem man zur Noth ſelbſt ein ſchwieriges Ornament in Marmor auszuführen anvertrauen konnte. Höher verſtieg er ſich auch nicht, und wenn er auch zuweilen an Sonn⸗ und Feiertagen zu ſeiner Beluſtigung ein Stück Thon vornahm, um daraus einen Kopf zu formen, ſo blieb es doch bei dieſen ſchwachen Verſuchen, und er nahm es durchaus nicht übel, wenn geſchicktere, obgleich jüngere Genoſſen ſeine Arbeit mit ein paar Griffen zur ſchauerlichſten Fratze umgeſtalteten. Herr Piſani war, wie bemerkt, Wittwer und nach Deutſchland gekommen mit der kleinen Franceska und einer alten deutſchen Magd, die er in Rom, ſeiner Vaterſtadt, angenommen hatte, und welche nun hier die Wirthſchaft führte und das junge Mädchen aufs gewiſſenhafteſte erzog. Den größeren und wichtigeren Theil der Erziehung freilich Hackländer, Tannhäuſer. 1. 4 111 ——— 50 Drittes Kapitel. leitete der Vater ſelbſt, der, ſo unbedeutend er auch als Künſtler war, doch in andern Fächern die vielſeitigſten und gediegenſten Kenntniſſe beſaß. Er ſprach Franzöſiſch und Engliſch mit einer für einen Italiener außerordentlich guten Ausſprache; er war ein ſo vortrefflicher Rechner und Ma⸗ thematiker, daß von den polytechniſchen Schülern, die eben⸗ falls in dieſem Stadtviertel wohnten, die meiſten zu ihm kamen, um ſich bei ſchwierigen Aufgaben hie und da ſeine Anweiſungen zu erbitten; er zeichnete und malte vortreff⸗ lich, wenn auch gerade nicht mit künſtleriſcher Meiſterſchaft; vor allem aber betrieb er Botanik ganz leidenſchaftlich, und nicht ſobald hatte er Nachmittags Hammer und Meißel weg⸗ geworfen, als er mit Franceska den nicht fernen Bergen zueilte, um von dort Abends mit einer ganzen Ladung Wald⸗ und Feldblumen, Mooſen und allen möglichen Kräutern heim⸗ zukehren. Dabei verſtand er auch ein klein wenig von der Arzneiwiſſenſchaft, und die Arbeiter und jungen Künſtler gingen bei kleinen Verwundungen und dergleichen lieber zu ihm, als zu einem Doctor in der Stadt. An ihm war aber etwas Anderes noch beſonders merkwürdig: ſo ſchwach er als Bildhauer, überhaupt als ausübender Künſtler war, ſo groß, ja ordentlich erſtaunlich war er als Kenner alles deſſen, was in irgend ein Fach der Kunſt einſchlug; mochten es Zeichnungen, Gemälde, Sculpturen ſein, Aelteres oder der neueren Zeit Angehören⸗ des, Herr Piſani erkannte ſeinen Werth oder Unwerth beim — Träume. 3 51 erſten Beſchauen und ſagte auch in dieſer Hinſicht, wenn er gefragt wurde, ſeine Meinung ohne Anſehen der Perſon. Aeltere Sachen claſſificirte er meiſtens vollkommen richtig nach Zeit und Schule, und dabei konnte er ſich für ein ſchönes Bild, für eine meiſterhafte Zeichnung ſo ſehr intereſ⸗ ſiren, daß man ihm das größte Vergnügen machte, wenn man ihm erlaubte, ein ſolches Werk eine Zeit lang bei ſich aufſtellen zu dürfen. Und das that jeder gern, denn der italieniſche Bildhauer war von aller Welt geehrt und geachtet. Wie ſchade, hieß es oft, daß dieſer Mann mit ſeinen enormen Kenntniſſen ſo wenig Talent beſitzt! Ueber ſeine Vermögensverhältniſſe wußte man nichts Genaues; doch mußte er eigene Mittel beſitzen, denn von dem Wenigen, was er mit der Bildhauerei verdiente, hätte er nicht ſo leben können, wie er lebte, obgleich dieſes Leben auf das ſparſamſte eingerichtet war. Seine Wohnung war klein, dabei aber ſehr anſtändig eingerichtet; man ſpeiste in ſeinem Hauſe beſcheiden, aber es war immer ſo viel da, daß Einer oder der Andere ſeiner Bekannten, der gerade um die Mittagszeit kam, an dem einfachen Mahle mit Theil nehmen konnte; und Sonntag Abends hatte er immer einige ſeiner Freunde bei ſich, die ſich Winters um die dampfende Theekanne in dem kleinen Stübchen verſammelten, Sommers aber mit Früchten, Brod und einem Glaſe Landwein unter der Veranda bewirthet wurden. 52² Drittes Kapitel. Was nun die Tochter des Bildhauers anbelangte, die ſchöne Franceska, die ſich mit jedem Tage reizender ent⸗ wickelte, ſo hätte man vielleicht glauben ſollen, der Vater, deſſen Umgang doch faſt ausſchließlich aus jungen Männern beſtand, von denen die meiſten obendrein noch Künſtler waren, hätte das heranwachſende Mädchen davon möglichſt fern gehalten, was aber durchaus nicht der Fall war, im Gegentheil ließ er ſie im Hauſe, unter der Veranda, in ſeinem Gärtchen, ja in dem anſtoßenden Atelier der beiden jungen Leute ſo viel und ungenirt verkehren, wie ſie nur wollte. Und bei dem Charakter ſeines Kindes hatte er vollkommen Recht darin; denn ſo gewiſſermaßen auf ſich ſelbſt angewieſen, entwickelte ſich in Franceska eine Feſtigkeit und Selbſtändigkeit, die ſie, ohne irgendwo anzuſtoßen, im⸗ mer den richtigen Weg erkennen ließ. Und dabei war ſie gegen alles Verletzende hinreichend gedeckt durch die Rein⸗ heit ihres Herzens, die ſichtbar aus ihren Augen ſtrahlte und die jedem imponirte, ſowie auch durch die Energie und Feſtigkeit ihres Weſens, welche allgemein bekannt war und die man in dem Kinde ſchon öfters ſcherzhaft herausgefor⸗ dert hatte. Noch etwas Anderes aber war es, was das junge und ſchöne Mädchen vor jeder, auch noch ſo ſchwachen Belei⸗ digung ſchützte: die Furcht vor dem bekannten heftigen und in gewiſſer Beziehung unverſöhnlichen Charakter ihres guten Freundes, des kleinen Thiermalers Wulf. Es war ein ein⸗ ₰ Träume. 53 ziges Mal etwas vorgekommen, wo ein unbeſonnener junger Menſch, ein Maler, der Franceska zum erſten Male ſah und irgend eine etwas kecke Aeußerung that, nur durch haſtiges Dazwiſchentreten Tannhäuſer's vor dem kleinen Maler gerettet wurde, der im Begriffe war, wie ein wildes Thier über den Schwätzer herzufallen. Daß aber Wulf nach gewöhnlichen Begriffen in das ſchöne Mädchen verliebt geweſen wäre, und der Schutz und die vielen Aufmerkſamkeiten, die er Franceska bewies, in einer eiferſüchtigen Regung ihren Grund gefunden hätten, muß man durchaus nicht glauben. Wohl fühlte er eine zärtliche Zuneigung zu dieſem prachtvollen und reinen Ge⸗ ſchöpfe; wohl ſprach er gern von ihr mit ſeinem Freunde Tannhäuſer und lobte dabei in enthuſiaſtiſchen Aeußerungen ihren Wuchs, ihre Augen, ihr Haar, ihre glänzenden Zähne, was ihn aber nicht abhielt, gerade in dieſen Geſprächen häufig zu ſagen:„Siehſt du, Kerl— damit meinte er ſeinen Freund Tannhäuſer— wenn du dich recht plagſt und dein enormes Talent, das dir von der Natur verliehen iſt, gehörig anwendeſt, wenn du dir einen Namen machſt und Bilder malſt, die dir mit Tauſenden bezahlt werden, ſo daß du eine geſicherte Exiſtenz haſt, ſo wäre einmal die Franceska eine Frau für dich. Und das würde mich wahrhaftig freuen, denn wenn du auch ein lächer⸗ licher Beau biſt, ſo biſt du doch im Grunde ein guter Kerl, dem ich ein ſolches Glück wohl gönnen möchte. 54 Drittes Kapitel⸗— 4 Aber ich fürchte, du biſt zu ſchön, um geſcheut zu ſein um zu wiſſen, was dir gut iſt,“ Dazu hatte denn der Tannhäuſer gelächelt und die Antwort gegeben:„Darin haſt du Recht, zuerſt 3 wollen wir etwas Geſcheutes malen und dann weiter ſehen.“ War dann hierauf Franceska in das Atelier getreten, um dem Tannhäuſer zu einer Kopfſtudie zu ſitzen oder ihre feine, weiche Hand von ihm zeichnen zu laſſen, ſo hatte er ſich wohl häufig nicht enthalten können, ſie ſo lange und innig zu betrachten, bis auf ihrem eigenthümlich tief ge⸗ färbten Teint eine leichte Röthe erſchien und ſie dann lachend ſagte:„Wenn du nicht bald anfängſt zu malen, ſo gehe ich hinaus und ſpiele mit Joco; das iſt überhaupt viel amuſanter.“ Daß ſie die beiden jungen Künſtler mit„Du“ anredete, hatte ihr der Vater nicht abgewöhnen wollen, und ſagte einmal zu dem kleinen Thiermaler:„Das kommt auf einmal von ſelbſt; an irgend einem ſchönen Morgen wird ſie euch it„Sie“ anreden, und dann thut mir den Gefallen und 3 macht es ohne weitere Erörterung gerade ſo. Hoffentlich aber bleibt es noch eine gute Zeit lang bei dem kindlichen und vertraulichen Du.“„ Es war eigenthümlich, daß ſich Franceska im Allgemei⸗ nen dieſſeits der ſpaniſchen Wand bei Herrn Wulf,„auf 1 Erden,“ wie dieſer lachend zu ſagen pflegte, wohler und — ————Pj—ÿyÿyu— — Träume. 55 behaglicher zu fühlen ſchien, als jenſeits„in den himmliſchen Regionen,“ unter Göttern und lauter tadelloſen Menſchen⸗ geſtalten. Waren ihre Sitzungen bei Tannhäuſer beendigt, ſo eilte ſie nach flüchtigem Betrachten deſſen, was er ge⸗ macht, zu ihrem kleinen Freunde hinüber, kauerte ſich nicht ſelten neben ihn auf deſſen Stuhl, lehnte oftmals ihre Schulter an die ſeinige und ſah mit unverkennbarem In⸗ tereſſe zu, wenn er ſeine lächerlichen Affengeſtalten malte. An heißen Sommertagen verbrachte ſie oft alle ihre Frei⸗ ſtunden in dem kühlen Atelier und hielt alsdann nicht ſelten dort ihre Sieſta, zu der ſie, wie alle Italienerinnen, eine große Neigung hatte. Mochte ihr aber bei ſolchen Gelegen⸗ heiten, wenn es in ihren Augen anfing, ſchläfrig zu zwinkern, Tannhäuſer noch ſo oft ſeinen alten großen Lehnſtuhl an⸗ bieten, ſie ſchlüpfte zu ihrem Freunde Wulf, legte ſich dort auf einen Teppich am Boden, und erſt, wenn ſie recht be⸗ haglich lag, mit dem Kopfe auf einem zuſammengewickelten Bärenfell, rief ſie hinüber:„Jetzt darfſt du mir etwas ſingen, Tannhäuſer.“ Und dann nahm dieſer auch in den meiſten Fällen ſeine Mandoline zur Hand, die er mit Fer⸗ tigkeit ſpielte, und ſang ihr, was ſie ſo gern hörte: „O ſenke ſüßer Schlaf dich nieder.“ Dabei gab dann Wulf keinen Laut mehr von ſich; er wagte nicht den leiſeſten Huſten hörbar werden zu laſſen, und wenn drüben der Geſang verſtummte und ihre tiefen Drittes Kapitel. regelmäßigen Athemzüge anzeigten, daß ſie wirklich einge⸗ ſchlafen, ſo herrſchte hierauf längere Zeit eine ſo tiefe Stille in dem Atelier, daß man den ſummenden Flug jeder Mücke vernahm, und durch die offenen Fenſter deutlich das Rau⸗ ſchen und Sauſen der nahen Stadt hörte. Viertes Kapitel. Ein Beſuch. Franceska ſtand alſo hinter den beiden Freunden, und als ſich Tannhäuſer ebenfalls herumdrehte, hielt ſie, wie ſchon bemerkt, plötzlich in ihren Bewegungen inne und blickte mit gerötheten Wangen tiefathmend, aber mit lächelnd zucken⸗ den Mundwinkeln vor ſich nieder. „Sie hat eigentlich Recht,“ ſagte der kleine Thiermaler zu ſeinem Freunde,„daß ſie vor dir nicht forttanzt; du verſtehſt das doch nicht zu würdigen; aber ich ſage dir, es war wunderbar ſchön, und ich ſelbſt könnte auf die Idee kommen, darnach eine Skizze zu verſuchen, wenn— wenn ja zum Henker, wenn ich es überhaupt könnte.“ Der Andere hatte ſich wieder nach dem Affenbilde um⸗ gewandt und meinte lächelnd:„Jetzt wirſt du mich wohl für einige Zeit in Ruhe laſſen; ich kann mich viel zu wenig 58 Biertes Kapitel. in deine Intentionen finden, um dir was Niützliches oder auch nur Angenehmes ſagen zu können.— Haſt du Zeit, Franceska, ſo komm mit mir,“ wandte er ſich an das junge Mädchen. „Ja,“ verſetzte dieſe, ohne aufzublicken, ſo lange nämlich der Tannhäuſer noch dieſſeits des Verſchlages war. Als ſie ihn aber nicht mehr ſah, lachte ſie luſtig gegen Wulf hin, nickte haſtig mit dem Kopfe und ſprang dann auf ein paar Augenblicke zu dem kleinen Affen hin, der durch freundliches Knurren ſein Wohlgefallen an den Tag legte, als ſie ihn mit ihrer kleinen Hand auf den Kopf pätſchelte. Darauf grüßte ſie mit beiden Händen und ſprang dann hinter die ſpaniſche Wand. Wulf war in dieſem Augenblicke komiſch anzuſchauen; er richtete ſich in die Höhe und nahm in Carricatur die Haltung ſeines Freundes Tannhäuſer an— er hielt, wie dieſer, den Kopf etwas hoch, beſchaute ſein eigenes Bild mit einem halben flüchtigen Blick und ſagte dann mit affektirter Stimme:„Ich kann mich viel zu wenig in deine Intentio⸗ nen finden, um dir was Nützliches oder auch nur was An⸗ genehmes zu ſagen.— Natürlich!“ ſetzte er murmelnd hinzu, ndas beſieht ſich in ſeinem Spiegel und hält ſich ſelbſt ſchon für eine Art Halbgott.— Komm, Franceska, wenn du Zeit haſt.— Sie hätte ihm ſagen ſollen: nein, ich mag nicht, aber— doch was geht’s mich an?“ Wahrſcheinlich hatte der kleine Thiermaler, wie er oft Ein Beſuch. 59 zu thun pflegte, ſein Selbſtgeſpräch ſo laut geführt, daß der Andere etwas davon verſtanden; oder hatte ihn dieſer auch nur brummen oder murren gehört— genug, Tannhäuſer rief jetzt herüber:„Du, Wulf, welche Krümmung gibſt du einem deiner Affenſchweife, wenn du ausdrücken willſt, daß derſelbe über die Bemerkung eines Freundes erbost iſt?“ Der kleine Maler gab aber keine Antwort, ſondern ſeinen Stuhl näher zur Staffelei rückend und ein Lied pfei⸗ fend, fing er wieder an zu arbeiten. Franceska hatte ſich auf den Platz geſetzt, wo ſie ſchon ſo oft geſeſſen— hinter ſeiner Staffelei, hell beſtrahlt von dem hereinfallenden Lichte. Es dauerte eine Zeitlang, ehe ſie vollſtändig zur Ruhe kommen konnte; von ihrer heiteren Luſt und dem Tanze aufgeregt, leuchteten ihre Augen unge⸗ wöhnlich, ihre Lippen zuckten und lächelten abwechſelnd, und dabei hob ſich ihre Bruſt, von tiefen Athemzügen geſchwellt. „So geht’s nicht,“ ſagte Tannhäuſer;„plaudern wir zuerſt ein bischen, ehe ich anfange zu malen. Du biſt ein recht tolles Kind. Wie mag man ſich ſo ohne Grund echauffiren und plagen!“ „Ohne Grund?“ fragte verwundert das Mädchen.„O nicht ohne Grund! Joco ſaß ſo ſchläfrig und mißvergnügt da, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihn ein wenig auf⸗ zuheitern.“ „Und wenn du jemand aufheitern willſt, ſo kannſt du es,“ verſetzte freundlich lächelnd der junge Mann. Viertes Kapitel. „Den Joco?“ „O nicht nur den Joco, auch Andere vermagſt du heiter zu ſtimmen, wenn ſie traurig ſind.“ „Aber dich doch nicht?“ fragte das Mädchen. Und dar⸗ nach unterbrach ſie plötzlich einen tiefen Athemzug und ließ einen ihrer leuchtenden Blicke mit der Schnelligkeit des Blitzes auf ihn fallen. „Und warum mich nicht?“ „Nun, weil du nie traurig biſt, nicht einmal verdrieß⸗ lich; wenigſtens ſieht man nichts davon— das iſt ganz eigenthümlich,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„und ich habe meinen Vater einmal darum gefragt. Ich habe ihm geſagt: woher mag das wohl kommen? Wir alle ſind ein⸗ mal verdrießlich oder traurig, ich ſehr oft, und wenn mich alsdann Einer lachend anſieht, ſo fühle ich, daß ich weinen könnte, und wenn er mich ernſt und traurig beſchaut, ſo wird mir das Herz noch ſchwerer. Dem Wulf geht es ge⸗ rade ſo— nicht wahr, Wulf?“ rief ſie mit lauter Stimme. „Ja wohl, mein Kind, alles, was du willſt,“ gab dieſer, der ihre Worte nicht verſtanden hatte, zur Antwort zurück. „Der Joco hat viele betrübte Stunden,“ fuhr Franceska fort,„wo er ein Auge zuſchließt und mit dem andern me⸗ lancholiſch um ſich ſchaut. Auch unſere alte Magd und mein Vater.— Ja richtig, und den letzteren fragte ich, wie es doch wohl komme, daß du immer heiter und glück⸗ lich ſeieſt.“. Ein Beſuch. 61 „Und was ſagte er dir?“ „Nun, er meinte, du hätteſt auch gar keine Urſache, dich über irgend etwas in dieſer Welt zu beklagen; dir ver⸗ liefen deine Tage unter lauter Sonnenſchein; du wäreſt in einer guten Stunde auf die Welt gekommen.“ „Es kann ja nicht immer ſo bleiben Hier unter dem wechſelnden Mond!“ ſang der kleine Thiermaler, der ſich wahrſcheinlich ſeit der Frage des jungen Mädchens bemüht hatte, etwas von dem Geſpräch zu vernehmen. „Hörſt du, wie der Wolf heult?“ ſprach lachend der Tannhäuſer.„Und er hat recht,“ ſetzte er ernſter werdend hinzu,„es kann ja nicht alles ſo bleiben hier unter dem wechſelnden Mond. Wer weiß, Franceska, ob du mich nicht noch einmal traurig, recht traurig ſiehſt!“ Das ſchöne Mädchen blickte auf den Boden nieder, dann ſagte ſie nach einer Pauſe mit leiſer Stimme:„O ich möchte wohl.“g „Was, mein Kind?“ „Dich auch einmal traurig ſehen.“ „Und warum das, Franceska?“ „Um den Verſuch zu machen, ob es mir möglich wäre, dich aufzuheitern.“ Sie ſprach das langſam, mit ſtockender Stimme, und es war, als ob ſie fühle, daß ſeine Blicke auf ihrem lieben 62 Viertes Kapitel. Geſicht ruhten; ſie vermochte nur langſam ihre Augen auf⸗ zuſchlagen und auch nur einen kleinen Moment ſeinem Blicke zu begegnen, worauf er lächelnd ſagte:„Du wirſt mich ſchon noch einmal ſo ſehen, Franceska.“ „Wer weiß, wo ich dann längſt ſchon bin, wenn du einmal anfängſt traurig zu werden.“. „Ich glaube nicht, daß wir ſo bald getrennt werden, mein Kind.“ „O doch, o doch, ich fühle es!“ „Nun gut,“ ſagte Tannhäuſer mit einem leichten Lä⸗ cheln;„vielleicht wäre das ein Mittel, deinen Zweck zu er⸗ reichen.“ 3 Sie ſchaute ihn fragend mit ihren großen, glänzenden Augen an. „Mich nämlich traurig zu ſehen.“ „O nein,“ erwiderte ſie,„das wird dich nicht betrüben.“ „Aber wenn es doch der Fall wäre? Denke dir, Fran⸗ ceska, es geſchähe, wie du eben ſagteſt: wir würden nämlich getrennt, Gott weiß durch welchen Zufall, und zwiſchen uns, die wir uns jetzt ſo hübſch und freundlich die Hand reichen können, legten ſich weite Länderſtrecken.“ „Ja, Berg und Thal, weite, weite Strecken,“ ſprach ſie in tiefe Gedanken verſunken. „Und nun käme über mich, was ihr, wie du ſagſt, an mir vermiſſet— Leid und Traurigkeit. Und ſo träte ich vor dich hin— mühſelig und beladen,“ fuhr er mit einem . 7 Ernſte fort, der eigentlich nicht zu der heiteren Situation paßte.„Würdeſt du dich alsdann deines Wortes von vor⸗ hin erinnern und mich mit einem freundlichen Blick, einem guten Worte aufheitern— oder würdeſt du ſagen, und ich fürchte faſt das Letztere:— den traurigen, verdrießlichen Mann kenne ich nicht; das iſt nicht der Tannhäuſer, der ſo oft meine Augen gemalt.— Ich glaube faſt, ſo würdeſt du ſprechen, denn wie mein heulender Wolf ſagt: Es kann ja nicht alles ſo bleiben Hier unter dem wechſelnden Mond.“ „Und darin hat er recht,“ rief Wulf;„es wird eine Zeit kommen, ſchöner junger Menſch, wo auch deine Sonne ſich abwärts neigt, wo auch um dich her die feuchten, kalten Nebel aufſteigen, wo du dich ſehnen wirſt nach der treuen Bruſt eines Freundes, ſelbſt wenn dieſer Freund auch nur Affenſchwänze malt.“ 1 „Du ſprichſt ja gerade wie ein prophetiſcher Rabe,“ gab Tannhäuſer zur Antwort,„der jeden ſeiner Sprüche mit: wehe, wehe! ſchließt. Sollte man, wenn man euch hört, nicht glauben, bei mir wäre nur Luſt und Freude zu finden, ich kannte bis jetzt keine Schattenſeiten des Lebens.“ „Du kennſt auch keine,“ verſetzte der Thiermaler. „Und du“— wandte ſich Tannhäuſer nach einer kleinen Pauſe an das junge Mädchen,„du haſt mir auf meine Bemerkung noch keine Antwort gegeben. Glaube mir, mein Viertes Kapitel. Kind, ich habe recht; die Stunden folgen einander, aber ſie gleichen ſich nicht; heute würdeſt du dir vielleicht einen Spaß daraus machen, mich, wenn ich traurig wäre, aufzu⸗ heitern; nächſtens aber fragſt du vielleicht: Tannhäuſer?— Wer iſt das?“— „O nie, nie!“ rief Franceska leidenſchaftlich, und wenn auch nicht aus dem Ton ihrer Stimme die Wahrheit ſo überzeugend heraus geklungen hätte, ſo würde ihr Blick dafür gezeugt haben; ihr leuchtender Blick, offen, klar, ihr heißes Gefühl offenbarend, ihr Blick, der während einer langen Pauſe auf ſeinem Geſichte ruhte.— Dann fuhr ſie ſich mit der Hand über die Augen, wie um das Feuer deſſelben, das ſie wohl fühlen mochte, zu dämpfen, und ſagte hierauf mit leicht zitternder Stimme:„Ich hoffe nicht daß es ſo kommen wird, wie Freund Wulf geſagt, daß die Sonne deines Glückes ſich umziehen wird mit kalten trauri⸗ gen Nebeln, oder daß ich dich nach langer Trennung wie⸗ derſehen werde, wie du vorhin ſprachſt: mühſelig und be⸗ laden. Sollte es aber doch ſo kommen, dann ſollſt du er⸗ fahren, ob Franceska den Verſuch machen wird, dich zu erfreuen, deinen traurigen Sinn aufzuheitern.— Da,“ fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe mit leiſerer Stimme fort, „nimm!“ Man ſah in ihren glänzenden Augen, an den heſtigen Bewegungen ihres Körpers, daß ſie gewaltig erregt war. Sie tauchte ihre rechte Hand in das Mieder, welches ihre Ein Beſuch.— 65 Bruſt umſchloß, und zog einen kleinen Ring von Achat her⸗ vor, den ſie dort an einem Schnürchen verwahrt trug, das ſie nun mit einer raſchen Bewegung von ihrem Halſe ſchlang und es mitſammt dem Ring dem Tannhäuſer ein⸗ händigte,„das nimm,“ wiederholte ſie dringend;„und ſo oft du es anziehſt, ſoll es dich an mein Verſprechen erin⸗ nern, das ich dir gewiß halten werde.“ Der junge Mann, etwas überraſcht, faſt verwirrt, nahm das Geſchenk Franceska's entgegen— es war an ihrem Herzen gewärmt— und hielt es einen Augenblick zwiſchen ſeinen beiden Händen.. „Dafür danke ich dir innig!“ ſagte er nach einem kleinen Stillſchweigen mit bewegter Stimme,„für deine guten freundlichen Worte, für dein liebes Geſchenk! Ich will es als Talisman bei mir tragen, und ſchwöre dir zu, es ſoll nie von meiner Bruſt kommen, bis ich es dir ſelbſt bei irgend einer Veranlaſſung zeigen oder wieder geben werde.“ Ihre Augen funkelten von Thränen, und er nahm ſanft ihre rechte Hand, welche ſie auf die Stuhllehne gelegt, und fuhr fort:„Du biſt ein gutes, närriſches Kind; ſiehſt du, Franceska, jetzt muß ich den Verſuch machen, dich aufzu⸗ heitern.“ „Und es ſoll dir gelingen,“ gab ſie mühſam lächelnd zur Antwort;„aber unter einer Bedingung: du darfſt mich heute nicht malen zich kann jetzt nicht ruhig und ſtill ſitzen. 5 3 Hackländer, Tannhäuſer. I. 66 Viertes Kapitel. Laß mich hinaus, ich will zu meinem Freunde Wulf gehen und ihm zuſchauen.“ In dieſem Augenblicke vernahm der kleine Thiermaler draußen im Gang Schritte und gleich darauf wurde an die Thür des Ateliers geklopft.„Herein!“ rief Herr Wulf, ohne aber darauf nachzuſehen, welchen Erfolg ſein Ruf wohl haben mochte. „Meine Gnädige,“ rief eine trockene Stimme in den Gang hinaus,„mir ſcheint, wir ſind hier gänzlich fehlge⸗ gangen; wollen Sie die Gnade haben, einen Augenblick zu warten?— Erlauben Sie, Herr—rr—“ Da dieſes ‚Herr’ ſehr nahe am Ohre des kleinen Thier⸗ malers erklang, ſo mußte er nothwendig aufſchauen und bemerkte neben ſich einen ſchon ältlichen, elegant gekleideten Herrn mit ſehr freundlicher, lächelnder Miene, der ſeinen Hut ein klein wenig aufgelüpft hatte und deſſen Miene und Haltung ſo genau wie ein Fragezeichen ausſah, daß er nur die Worte: Herr Tannhäuſer, auszuſprechen brauchte, um von Wulf die Antwort zu erhalten: Herr Tannhäuſer male im ſelben Atelier, ſei aber augenblicklich beſchäftigt, er, Wulf, wolle jedoch die Gefälligkeit haben, ihm die— Wünſche des fremden lächelnden Herrn vorzutragen, wenn man ihm dieſe Wünſche anvertrauen wolle. Der kleine Thiermaler in ſeiner uns ſchon bekannten Eiferſucht hätte ſelbſt nicht einmal den Landesherrn zu einer Sitzung der kleinen Italienerin zugelaſſen; ſchon der Gedanke, man Ein Beſuch. 67 könne ſie nur ſo für ein Modell nehmen, hätte ihn wüthend gemacht. Auch Tannhäuſer dachte ſo, und da er ſeinen Namen ausſprechen hörte, trat er aus der ſpaniſchen Wand hervor, worauf ſich Wulf wieder unbekümmert ſeinen Affen⸗ ſchwanzphantaſien überließ. Der freundliche ältliche Herr ſtellte ſich dem Maler mit ſehr ausgeſprochener Herablaſſung als Graf Portinsky vor und lenkte mit einem vielſagenden Blick die Aufmerkſamkeit des jungen Mannes auf die offenſtehende Thüre des Ate⸗ liers, wo ſich im Gange etwas rauſchend näherte und gleich darauf eine Dame ſehr elgant, aber dabei mit ausgeſuchter Einfachheit gekleidet, erſchien, die ſich aber, ehe ſie eintrat, umwandte und zu einer zweiten Dame, die ihr folgte, lächelnd ſagte:„man muß ihm folgen, ſonſt läuft man Ge⸗ fahr, in dieſem Labyrinth den Weg vollſtändig zu verlieren. —„Ah, da iſt er!“ fuhr ſie darauf fort, indem ſie überall anſtreifend durch die übrigens nicht allzuſchmale Thüre des Ateliers trat.„Aber horreur!“ ſetzte ſie dann hinzu, in⸗ dem ſie ſich rings umſchaute,„das iſt ja wie das Vorzim⸗ mer zu einer Menagerie! Wohin ſind wir gerathen?“ „Die Fürſtin Lubanoff,“ flüſterte der freundliche Herr dem Maler zu, wobei er ihn lächelnd betrachtete, um den Ausdruck des Glückes und der furchtſamen Ueberraſchung zu genießen, welche unbedingt auf den Zügen des jungen Mannes erſcheinen mußten bei Nennung des Namens jener vornehmen und reichen Frau, die als eine mächtige Be⸗ 68 Viertes Kapitel. ſchützerin der Kunſt bekannt war. Tannhäuſer that übri⸗ gens nicht beſonders dergleichen; er verbeugte ſich beſcheiden, aber nicht allzu ſtark und hielt gleich darauf ruhig den einigermaßen erſtaunten Blick der Fürſtin aus, als er dieſer von dem ältlichen Herrn vorgeſtellt wurde. „Herr Tannhäuſer, jener junge und talentvolle Künſtler, von dem Sie“— dabei verbeugte er ſich lächelnd vor der fremden Dame,„auf den erſten Blick jenes hübſche Bild entdeckt, obgleich es ſich auf der großen Ausſtellung etwas verſteckt hält.“ „Es iſt doch von Ihnen?“ fragte die Fürſtin, nachdem ſie nochmals einen zweifelhaften Blick auf all' die Affen ge⸗ worfen, die ſich hier auf Leinwand, auf Papier, auf den Fenſterſcheiben und auf allen Wänden befanden. Der Graf Portinsky hatte währenddem einen Katalog aus der Taſche gezogen, darin geblättert und ſagte jetzt: „Numero vierhundertſechzehn.“ Tannhäuſer verbeugte ſich leicht und verſetzte:„Eine junge Mutter mit ihrem Kind auf dem Schooß; das iſt allerdings von mir.“ „Sie gaben einen Preis bei der Ausſtellungs⸗Commiſſion an?“ fragte der ältliche, beſtändig lächelnde Herr;„ich habe ihn wahrhaftig vergeſſen. Dürfte ich Sie vielleicht bitten, uns dieſen Preis zu nennen? Die Frau Fürſtin haben außerordentlichen Gefallen an Ihrem Bilde gefunden und wünſchen es, glaube ich, zu beſitzen.“ Ein Beſuch. 69 „Gewiß— es iſt charmant, ich möchte es gern haben.“ „Ich glaube, daß ich bei der Ausſtellungs⸗Commiſſion den Preis auf vierzig Louisd'or ſtellte,“ ſprach Tannhäuſer mit einer leichten Ungeduld, denn es war ihm von jeher peinlich geweſen, über dergleichen, namentlich mit fremden Leuten, zu ſprechen. Die Fürſtin hatte einen mächtigen Fächer entfaltet und gebrauchte ihn mit jener wunderbaren nachläßigen Geſchick⸗ lichkeit, die einer Andaluſierin alle Ehre gemacht haben würde. Wenn man auch durch dieſes Spiel des Fächers, den ſie jetzt auf die rechte, jetzt auf die linke Seite ihres Kopfes brachte, den ſie im nächſten Momente dazu anwandte, das ſtark hereinfallende Licht des ſonnigen Frühlingstages von ihren Augen abzuhalten, um ihn darauf zuklappen zu laſſen und ein paar Sekunden ſpäter wieder rauſchend zu entfalten,— wenn auch die Nebenſtehenden durch dieſe blitzſchnellen Bewegungen gehemmt waren, der Richtung ihrer Blicke zu folgen, ſo konnte es doch dem jungen Ma⸗ ler, der vor ihr ſtand, nicht entgehen, daß ihre Augen, ſo oft ſie ſolche anderswohin gewandt, gleich wieder zu ihm zurückkehrten, um ihn mit Wohlgefallen zu betrachten. Und die Fürſtin Lubanoff hatte ſchöne Augen, gefähr⸗ liche Augen! ſeufzten ihre zahlreichen Verehrer. Es war ein dunkles, ſinnendes Auge, etwas umflort erſcheinend, ſowie es nicht ganz geöffnet war; und ſie liebte es, mit jener ſo reizenden Schläfrigkeit ihre Augenlider ein wenig 70 Viertes Kapitel. herabfallen zu laſſen, um alsdann, wenn ſie es für paſſend hielt, die ganze Glut ihrer Blicke mit unerwarteter Gewalt auf ihr Opfer ſchleudern zu können. Dabei aber hatte dies halbgeſchloſſene Auge etwas dämoniſch Anziehendes; wenn es gleich wie etwas erſchien, das zu fürchten war, ſo konnte man doch nicht unterlaſſen, hinein zu ſchauen, ſich Anfangs fürchtend, nach und nach dreiſter werdend und zuletzt mit einer Art von ſchauerlichem Wohlbehagen den ſo eigenthüm⸗ lichen, erregten und doch wieder ſo ruhig ſcheinenden Blick in ſich aufnehmend. Gerade ſo dachte der Tannhäuſer, als er vor ihr ſtand, ſie anblickte, während ſie dies und das mit ihm ſprach und während er ſich dabei geſtehen mußte, daß der Kopf der ſchönen Fürſtin eine der prachtvollſten Studien wäre, die ſich ein Maler nur wünſchen könne. Ihr Geſicht war oval, eher noch von runder Form, die Naſe grade und fein ge⸗ zeichnet, mit wenig, aber erſichtlicher Bewegung, wenn ſie erregt ſprach oder tiefer athmete. Der Mund hatte friſche, ſchwellende, etwas ſtarke Lippen, die ſich auch, wenn ſie nicht ſprach, ſo viel geöffnet zeigten, um die weißen Zähne durch⸗ ſchimmern zu laſſen; ihre Geſichtsfarbe war von jener eigen: thümlichen, etwas gelblichen Bläſſe, wie man ſie bei Frauen aus dem äußerſten Süden, aber auch bei ſolchen aus dem äußerſten Norden häufig findet. Bei der Fürſtin aber wich dieſe Bläſſe, ſowie ſie animirt ſprach, vor dem ſchnell er⸗ regten Blut, welches dann mit leichter Röthe auf der feine Ein Beſuch. 71 durchſichtigen Haut erſchien. Ueberhaupt, wenn ſie ſchon im gewöhnlichen, ruhigen Dahinleben eine ſchöne Erſchei⸗ nung war, ſo mußte man ſie entzückend, hinreißend finden, wenn ſie ſich über etwas enthuſiasmirte, wenn ſie lebhaft ſprach, wenn ihre Augen blitzten, wenn ihr dunkler Teint dem Pfirſich gleich von einem ſanften Roth angehaucht er⸗ ſchien. Ihr Haar war dunkelbraun, faſt ſchwarz, doch ohne den blauen Glanz, den man zum Beiſpiel an dem Haar Franceska's ſah. Die Fürſtin war über Mittelgröße; ſchlank und doch voll zeigte ſich ihre Geſtalt in tadelloſen Formen, und trotz ihrer ſichern Haltung und ihres feſten, ſich ſelbſt bewußten Auftretens hatten doch ihre Bewegungen zuweilen etwas Mädchenhaftes, etwas Scheues, Schüchternes und da⸗ durch etwas unendlich Anziehendes. Die Fürſtin Lubanoff, jetzt vielleicht 26 Jahre alt, war die Wittwe ihres Vetters, des Generals Lubanoff, eines alten Herrn, der nur geheirathet hatte, um das koloſſale Vermögen der Lubanoff nicht in fremde Hände kommen zu laſſen, ſondern ſeiner wenig bemittelten Couſine zuzuwenden, wofür er wahrſcheinlich im Himmel ſeine Belohnung finden wird; denn hier auf Erden war ihm nicht mehr viel Zeit vergönnt, die Früchte ſeiner edlen Handlung zu genießen, da ihm bald nach ſeiner Hochzeit die unangenehme Ueber⸗ raſchung zu theil wurde, durch ein Avancement zur Armee des Kaukaſus verſetzt zu werden, wo er kurze Zeit darauf bei Erſtürmung eines feindlichen Aul's in einem furchtbaren 72 Viertes Kapitel. Handgemenge fiel, in mancher Beziehung vielleicht ein Glück für ihn, denn er war ein vortrefflicher Soldat, wäre aber, wie ſeine Freunde vermutheten, ein weniger guter Ehemann geworden. Von der Fürſtin aber fand man es damals ſehr gerecht⸗ fertigt, daß ſie ihre Heimat verließ, um längere Zeiten auf Reiſen durch Deutſchland, Frankreich, Italien auswärts zu bleiben. Im Beſitze ihres alten Namens und eines ganz außerordentlichen Vermögens, wie ſchon oben angedeutet, ward ſie in hohen und höchſten Kreiſen mit der größten Zuvorkommenheit empfangen, hatte nebenbei einen eigenen kleinen Hof um ſich und war bei ihrem feinen Geſchmack, ſowie bei ihrer Liebe für alle Künſte bald überall die Ton⸗ angeberin. Dabei glänzte ſie durch eine gediegene Einfach⸗ heit; ihr Haus mit ſeiner Einrichtung, ihre Equipagen, die Livreen ihrer Dienerſchaft, alles war von einer ausgeſuch⸗ ten Beſcheidenheit, alles glänzte, weil die koſtbarſten Stoffe jeder Art ſo angebracht waren, daß ſie nicht glänzen konnten. Am heutigen Morgen hatte die Fürſtin ein einfaches Kleid von perlfarbener Seide, einen weißen Burnuß und einen grauen Hut, und wenn dabei alles mit einer ſolchen Zierlichkeit gearbeitet war, daß die reichen Stoffe vollkommen als Nebenſache erſcheinen konnten, ſo kam doch wieder die ſorgfältige Arbeit derſelben nur dadurch zur Geltung, weil ſie von der reizenden Figur der ſchönen, eleganten Frau . Ein Beſuch. 3 73. getragen wurden. Ihren Fuß hatte ihr Pariſer Schuh⸗ künſtler für das feinſte und tadelloſeſte Modell erklärt, und für ihre Hand ſah ſich Jauvin gezwungen, eine neue Num⸗ mer zu erfinden. „Vierzig Louisd'or,“ hatte Tannhäuſer mit einiger Zu⸗ rückhaltung geſagt, ſei der Preis für ſein Bild Nr. 416, eine Mutter mit ihrem Kinde. Und darauf betrachtete ihn die Fürſtin kopfſchüttelnd und ſo eigenthümlich lächelnd, daß dem guten Maler, der nicht anders glaubte, als man finde ſeinen Preis zu hoch, das Blut in den Kopf zu lengen begann und ſeine Augen ſich zuſehends belebten. 3 „Vierzig Louisd'or?“ wiederholte die ſchöne Frau und drehte ihren Fächer ſo, daß er eine förmliche ſpaniſche Wand bildete zwiſchen ihr und den Uebrigen, die ſich im Zimmer befanden.„Vierzig Louisd'or— ich finde, das iſt ein ſehr mäßiger Preis.“ Dabei öffnete ſie ihre Augen und blickte dem jungen Mann ein paar Sekunden feſt ins Geſicht, wo⸗ bei ihre Bruſt von einem tiefen Athemzuge geſchwellt wurde. Gleich darauf ließ ſie aber ihre Augenlider wieder langſam niederfallen und fuhr fort, nachdem ſie den Fächer zuſam⸗ mengeklappt:„Darf ich das Bild mein nennen?— Darf ich?“ wiederholte ſie haſtig und erhob ihre Blicke abermals zu dem Maler. Dieſer verbeugte ſich mit wahrer Erleichterung; es hätte ihn geſchmerzt, wenn man den Preis für ſein Bild zu hoch 5 gefunden hätte; wahrhaftig, es hätte ihm das gerade dieſer 74 Biertes Kapitel. Frau gegenüber, die er heute zum erſtenmale ſah, einiger⸗ maßen wehe gethan. Deßhalb ſprach er auch mit belebterer Stimme:„Ich ſchätze mich glücklich, Madame, dies Bild, das ich gern und mit Fleiß gemalt, in Ihren Händen zu wiſſen.“ Die Fürſtin wandte ſich raſch herum, und nachdem ſie abermals einen fragenden Blick rings um ſich her gewor⸗ fen, ſagte ſie:„Aber wo iſt denn eigentlich Ihr Atelier?“ „Gleich nebenan,“ gab der Tannhäuſer zur Antwort; doch ſetzte er mit der ihm eigenen ruhigen, ja vornehmen Haltung hinzu:„Ich bedaure unendlich, die Frau Fürſtin in dieſem Augenblicke nicht dorthin führen zu können, da ich gerade eine Sitzung habe, die ich ſelbſt durch den ver⸗ ehrteſten fremden Beſuch nicht unterbrechen darf.“ Bei dieſer Antwort erhob die ſchöne Dame leicht ihren Kopf und ſagte:„Vielleicht ein andermal denn.“ Dabei erſchien ſie ebenſo ruhig und freundlich wie vorher, denn der leichte Schatten, der über ihre Züge flog, war ſo un⸗ merklich, daß er ſelbſt dem ſchärfſten Beobachter entgehen mußte, umſomehr dem Maler, welcher vor ihr ſtand und mit der Luſt des Künſtlers dieſe intereſſanten Züge ſtudirte. „Da fällt mir ein,“ wandte ſie ſich an den ältlichen Herrn,„daß ich Herrn Tannhäuſer bitten könnte, mein Portrait zu malen;— die Zeichnung Ihres Bildes, die Behandlung der Farben hat mir außerordentlich gefallen, und wenn Sie ſich überhaupt mit Portraits abgeben,“ ſagte 4 Ein Beſuch. 75 ſie zu dem Maler,„ſo werden Sie mir vielleicht meine Bitte nicht abſchlagen.— Aber ehe Sie ſich dazu ent⸗ ſchließen,“ fügte ſie raſch hinzu,„ehe Sie vielleicht ſo freund⸗ lich ſind, Ihre Zuſtimmung zu geben, muß ich eine kleine Bedingung ſtellen, die Ihnen vielleicht läſtig iſt, die ich aber deßhalb vorher ausſpreche. Es iſt mir nämlich unmöglich, zu den Sitzungen hieher in Ihr Atelier zu kommen. Ich würde auch das thun,“ ſchloß ſie verbindlich,„wenn ich nicht einem andern, ebenfalls renommirten Künſtler, der mich früher gemalt— Sie werden ſein Bild bei mir ſehen — dieſelbe Bedingung geſtellt hätte und ſie auch feſthielt.“ Da es nun dem guten Tannhäuſer, der ja die erſten, wenn auch gelungenen Schritte auf der dornenvollen Künſt⸗ lerlaufbahn that, niemals in den Sinn gekommen wäre, auch von einer viel minder vornehmen Dame zu verlangen, ſie ſolle ſich hieher ans Ende der Welt begeben, um ihr Portrait malen zu laſſen, ſo verſicherte er auf's bereitwil⸗ ligſte, er fühle ſich durch den erhaltenen Auftrag geehrt und bitte nur, ihm die Zeit beſtimmen zu wollen, er werde ſich dann einfinden. Er ſagte das freilich ſo verbindlich, als es ihm möglich war, und er fühlte ſich auch in der That durch dieſen Auftrag geehrt, doch da er dabei keine allzutiefe Ver⸗ beugung machte, wie die Fürſtin es bei ähnlichen Veranlaſ⸗ ſungen ſonſt wohl gewohnt war, auch die Worte von ſei⸗ nem tiefen, klingenden Organ ausgeſprochen, ziemlich ernſt klangen, ſo war es gerade, als erweiſe er der vornehmen Viertes Kapitel. Dame eine Gunſt— ein Gedanke, den dieſe ebenfalls durch jene ganze Haltung beſtätigt fand, der ſie im erſten Augen⸗ blick überraſchte, der aber gleich darauf ein wohlwollendes und ſehr freundliches Lächeln auf ihren Zügen hervorrief. „Das wäre alſo abgemacht,“ ſagte ſie heiter;„ehe wir aber die Sitzungen beginnen, möchte ich Ihnen wohl das Zimmer mit ſeinem Lichte zeigen, um Ihre Anſicht zu hören, ob es Ihnen tauglich erſcheint. Wann könnten Sie zu mir kommen, um es zu ſehen? Ich möchte Ihre koſtbare Zeit nicht unnütz in Anſpruch nehmen.“ Während ſie ſo ſprach, war es natürlich, daß ſie ihn aufmerkſam anſehen mußte, was ſie denn auch that.„Hät⸗ ten Sie vielleicht heute Zeit?“ fragte ſie. „Gewiß, Madame,“ verſetzte Tannhäuſer;„ich bitte nur eine Stunde zu beſtimmen, die Ihnen angenehm iſt.“ Sie dachte einen Augenblick nach, ſie ſchien etwas zu überlegen, dann ſprach ſie lächelnd:„Sie werden es viel⸗ leicht komiſch finden, wenn ich Ihnen ſage, daß meine Zeit ſehr in Anſpruch genommen iſt. Und doch iſt dies der Fall, nament⸗ lich heute, wo ich nur zwiſchen Vier und Sechs für mich habe.“ Tannhäuſer zeigte durch eine leichte Verbeugung an, daß ihm dieſe Zeit vollkommen genehm ſei. „Es iſt dies aber gerade die Stunde meines Diners,“ fuhr ſie fort,„und ich würde mich nur dann ungenirt mit Ihnen berathen können, wenn Sie ſo freundlich wären, bei mir ſpeiſen zu wollen.“. Ein Beſuch.. 77 Obgleich dieſer Vorſchlag dem jungen Maler einiger⸗ maßen unerwartet kam und ihn überraſchte, ſo fand er doch nicht gleich einen triftigen Vorwand, um ihn abzulehnen, und ſagte deßhalb, was man bei ſolchen Veranlaſſungen zu ſagen pflegt, er mache ſich eine Ehre daraus, um vier Uhr zu erſcheinen. Dabei verwirrte es ihn doch einigermaßen, als er, vor ſich hinausſchauend, mit ſeinen Blicken auf das Geſicht ſeines Freundes Wulf traf, der ſich wieder an die Arbeit geſetzt hatte und an ſeinen Affenſchwänzen fortmalte, als gäbe es um ihn her keine fremden Beſuche oder der⸗ gleichen. Jetzt aber hatte er ſeinen Kopf herum gewandt, den Freund mit einem recht ſarkaſtiſchen Lächeln angeſchaut und dann, wie er es zu thun pflegte, wenn er eine ſeiner Lieblingsbemerkungen von ſich gegeben, die er aber jetzt be⸗ greiflicher Weiſe nur dachte: was geht's mich an?— ſei⸗ nen Mund geſpitzt, als wolle er ſich oder den Anweſenden etwas vorpfeifen. Die Begleiterin der Fürſtin, die wir bis jetzt noch nicht genau betrachtet— ſie hielt ſich auch in beſcheidener Ent⸗ fernung— war eine ſchon ältere Dame und hatte das An⸗ ſehen einer geſetzten Geſellſchafterin, die, vielleicht aus gu⸗ tem Hauſe, es wahrſcheinlich vorzog, im Hotel Lubanoff ſich bei angenehmem Leben in einem dienenden Verhältniß zu befinden, als ſelbſtändig ihrer vollen Freiheit bei geringem Brode froh zu werden. Frau von Bauvallet, die Gattin eines franzöſiſchen Berg⸗ 78 Viertes Kapitel. beamten— er hatte das Unglück gehabt, ſich in den Gold⸗ minen am Ural zu verirren, das heißt, er war eines Tages eingefahren und darauf ſpurlos verſchwunden— war von einem angenehmen, heiteren Charakter; ſelbſt ziemlich ſorg⸗ los, hatte ſie die Gabe, mit anſcheinenden Vernunftgründen auch andere Leute davon zu überzeugen, daß es am beſten ſei, man laſſe ſich vom Strom des Lebens, ohne viel zu ringen und zu kämpfen, dahintragen, ſuche ſich dabei ſo be⸗ haglich wie möglich einzurichten, pflücke die Blumen am Ufer, die man erreichen könne, und hoffe immer darauf, vom lieben Gott an eine Inſel geführt zu werden, die viel Aehnlichkeit mit dem Schlaraffenland der Kinder habe. Für ein ſolches Schlaraffenland ſchwärmte Madame Bauvallet überhaupt, den Goldberg und die Diamantenfelder hätte ſie dabei andern Leuten überlaſſen und wäre ſchon mit dem Thal zufrieden geweſen, wo der Mandelberg thront, wo die fetteſten Faſanen umherfliegen und wo die geſpickten Rehe inſtändigſt bitten, ihren Ziemer gefälligſt abſchneiden zu wol⸗ len. Im Vertrauen geſagt, war die würdige Franzöſin eine Art Haushofmeiſter, und wo es galt, die Ehre des Hauſes zu zeigen, hätte ſich der Chef der Küche, ein berühm⸗ ter Landsmann, nicht einmal unterſtanden, das Menü ohne ihren Rath zu entwerfen. Frau von Bauvallet hatte ſich hinter den Stuhl des Thiermalers gezogen, betrachtete deſſen Bild mit unverkenn⸗ barem Intereſſe und that einige Fragen, welche ſo ſehr Ein Beſuch. 79 davon zeugten, daß ſie von einer oberflächlichen Neugier hervorgerufen waren, daß ſich Wulf veranlaßt ſah, der alten Dame eine leichte Erklärung ſeines Werkes zu geben, welche von derſelben mit den Ausrufen:„außerordentlich! deliciös! charmant!“ belohnt wurde,— Ausrufungen, welche ſie ſo laut betonte, daß dieſe nothwendig die Aufmerkſamkeit der Fürſtin erregen mußten, welche ſich denn auch einige Au⸗ genblicke, nachdem der Tannhäuſer die Einladung zum Diner angenommen, mit der Frage, was es denn dort eigentlich gebe, dem Stuhle des Thiermalers näherte. Frau von Bauvallet gab die Erklärung des Bildes in einer ſo lau⸗ nigen Art, daß auch die Fürſtin darüber lächelte und dann einige Worte in ruſſiſcher Sprache zu ihrer Geſellſchafterin ſagte, worauf dieſe eifrig und ſehr heiter mit dem Kopfe nickte. „Herr Wulf blieb ruhig auf ſeinem Stuhle ſitzen und beugte ſich nur ſo viel auf die Seite, als nöthig war, um den Damen die Ausſicht auf ſein Bild frei zu laſſen. Kein Gefühl der Ehrfurcht vor denſelben hätte ihn gezwungen aufzuſtehen, und es war etwas ganz Anderes, was ihn im nächſten Augenblicke vermochte, ſeinen Sitz zu verlaſſen, mit der Behendigkeit und Eilfertigkeit einer Schlange zwiſchen den Damen hindurchzuſchlüpfen. Er hatte nämlich mit ſeinem ſcharfen, beſtändig umher⸗ irrenden Auge bemerkt, daß ſobald Tannhäuſer und die beiden Damen hinter ſeinen Stuhl getreten waren, der ält⸗ V —j 5 n 1 80 Viertes Kapitel. liche, beſtändig lächelnde Herr ſich der Oeffnung in der ſpa⸗ niſchen Wand näherte, dort einen Augenblick ſtehen blieb, liſtig um ſich ſchaute, und dann mit einemmale in dem Ate⸗ lier des jungen Malers verſchwand. Er war aber nicht zwei Sekunden dort geweſen, ſo befand ſich Wulf, ohne draußen durch ſein Verſchwinden irgend ein Aufſehen erregt zu haben, neben ihm, legte die Hand auf den Arm und ſagte ihm mit ſeiner rauhen, aber feſten Stimme:„Man tritt hier nicht herein, mein Herr, und wenn man das doch thut, ſo bleibt man wenigſtens nicht da.— Darf ich bit⸗ ten?“ Er zeigte mit der andern Hand nach dem Eingange. Und doch wäre der alte freundliche Herr ſo außeror⸗ dentlich gern dageblieben. Er ſchien erſtaunt, überraſcht, entzückt von der Schönheit des jungen Mädchens, welches ſtill und ſchweigend in dem großen Lehnſtuhl ſaß und den Eintretenden einen Moment mit ihren großen, glänzenden Augen anſchaute und dann ihren Kopf in die Hand nieder⸗ ſinken ließ. Wie wohlwollend und freundlich, wie ſüß und angenehm lächelnd war in dieſem Augenblicke das Geſicht des alten Herrn anzuſehen. Der überhaupt nicht allzu große Raum zwiſchen Naſe und Kinn verminderte ſich faſt zuſe⸗ hends, und um den dazwiſchen ſehr in der Tiefe liegenden Mund ſpielten eine Menge feiner, beweglicher Falten und gaben den dünnen, blaſſen Lippen das Anſehen, als beſchäf⸗ tigten ſie ſich mit dem Vorgeſchmacke von irgend etwas be⸗ ſonders Köſtlichem. Ein Beſuch. 81 Welch' angenehme und höchſt unerwartete Ueberraſchung! hatte er ſagen wollen, war aber nicht über das„welch“ hinausgekommen, als er ſchon den zudringlichen Menſchen an ſeiner Seite ſah, der es obendrein noch wagte, ſeine plebejiſchen Malerfinger auf ſeinen vornehmen ruſſiſchen Gra⸗ fenärmel zu legen.„Baschol durak!« wollte er mit be⸗ greiflicher Indignation ſagen; doch begnügte er ſich mit der erſten Silbe und ſchlenkerte dabei mit ſeinem Aermel, wie man es zu machen pflegt, wenn man eine läſtige Fliege entfernen will. Aber der kleine Thiermaler war bei Ver⸗ anlaſſungen, wie die gegenwärtige eine ſehr zudringliche, ja wie Graf Portinsky dachte, eine freche Fliege, denn er pflanzte ſich ruhig zwiſchen den ältlichen, freundlichen Herrn und das ſchöne junge Mädchen, das Geſicht gegen den Er⸗ ſteren gekehrt, ſteckte ſeine Hände in die Hoſentaſchen und erhob ſeine Naſe mit wahrer Inſolenz um drei bis vier Zoll. 48 Daß der Graf Portinsky den freundlichen Wunſch hegte, dieſen angenehmen deutſchen Maler ſtatt hier in ſeinem eigenen Atelier, wenn auch nur für ein paar kleine Tage auf einem ſeiner Güter vierhundert Werſt hinter St. Pe⸗ tersburg zu beſitzen, finden wir ebenſo begreiflich wie natür⸗ lich, kennen auch ähnliche Gelüſte, die aber ebenſowenig in Erfüllung gingen, wie dieſes, und wo der Betreffende eben⸗ falls mit langer Naſe abziehen mußte, was aber der alte⸗ freundliche Herr hier nach dem erſten Moment unangenehmer Hacklände r, Tannhäuſer. I. 3 82 Viertes Kapitel. Ueberraſchung mit einem wahren Aufwand von Bonho⸗ mie that. „Ah, dieſe Maler!“ ſagte er grinſend;„wir müſſen ihnen da für ihre Kopien, allerdings nach der Natur, unſer ſchönes ruſſiſches Geld bezahlen, während ſie die koſtbaren Originale für ſich behalten. O dieſe Egoiſten!— Doch vederemo!“ Es war gut, daß in dieſem Augenblicke die Frau von Bauvallet draußen ziemlich laut den Namen des Grafen rief und ihn ſo zu einem ſchnellen Rückzuge nöthigte, denn der Thiermaler war ſchon im Begriff, ihm eine recht grobe Antwort zu geben, die vielleicht zu unangenehmen Erörte⸗ rungen hätte führen können. Nachdem demnach der alte freundliche Herr bei Wulf vorbei einen langen Blick auf das ſchöne Mädchen geworfen hatte, das aber natürlicher Weiſe darauf nicht achtete, wandte er ſich um und verließ das Atelier, um die Damen aufzuſuchen, die das Haus ſchon verlaſſen hatten und, von Tannhäuſer begleitet, durch den kleinen Krautgarten des guten Bildhauers Piſani nach ihrem Wagen gingen, der auf der Straße draußen hielt. Herr Wulf hatte ſich eine Zeit lang nachdenkend am Kopfe gekratzt, dann zuckte er mit den Achſeln und ſetzte ſich wieder vor ſeine Staffelei, wo er auch ruhig ſitzen blieb, nachdem Tannhäuſer wieder eingetreten war, der ſogleich zu Franceska ging, ſeine Hand auf den Kopf des jungen Mädchens legte, denſelben etwas aufrichtete, um ihr in die Ein Beſuch. 83 Augen ſehen zu können und dann zu ihr ſprach:„Was ſagſt du dazu, mein Kind?“ Sie blickte ein paar Sekunden zu ihm empor mit ruhi⸗ gem, doch nicht ganz ſo heiterem Auge wie vorher. Dann gab ſie zur Antwort:„Es hat mich recht gefreut, daß die ſchöne fremde Dame dein Bild gekauft hat. Sie war doch ſchön?“ ſetzte ſie haſtig fragend hinzu.„O ja, dem Klange ihrer Stimme nach muß ſie ſchön ſein,“ gab ſie ſich ſelbſt zur Antwort.„Und iſt jener alte häßliche Mann, der zu mir hereingeſchaut, ihr Gemahl?“ „Neih, mein Kind,“ antwortete Tannhäuſer lachend,„ſie iſt Wittwe.“ „So, ſie iſt eine Wittwe?— Und du ſpeiſeſt heute bei ihr?— Da mußt du dich ſchwarz anziehen und nimmſt eine weiße Halsbinde, wie damals, als du zu dem Fürſten gehen mußteſt. Nicht wahr, du nimmſt wieder wie damals die weiße Halsbinde von meinem Vater. Ich habe ſie ſelbſt gewaſchen, gebügelt und zurecht gemacht.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ſprang ſie heftig auf und eilte durch die Oeffnung der ſpaniſchen Wand. In vordern Atelier angekommen, blieb ſie aber mit ei ſtehen, preßte heftig die Lippen zuſammen, fuh Hand über ihre Stirn und that einen tiefen Dann ging ſie zu dem Thiermaler, kauerte ſich hin auf eine kleine Ecke von ſeinem Stuhle, le Kopf auf ſeine Schulter und ſagte mit leiſer, aber 84 Viertes Kapitel. Stimme:„Du— Wulf, dein Bild iſt auch ſchön, und gib nur Achtung, es wird es nächſtens auch jemand haben wol⸗ len. Aber thu' mir den Gefallen und verkauf' es nicht an ſo fremde, ſtolze, übermüthige Damen.“ „Gewiß nicht, mein Kind.“ „Lieber behalte es für uns, und wir haben dann un⸗ ſere Freude daran.“ „Ja, meine Koſtbarkeit.“ „Nenne mich nicht ſo, auch nicht im Scherz. Was habe ich Koſtbares?— Aber dein Bild behalten wir, nicht wahr, Wulf?* „Gewiß, gewiß, Franceska.“ Es ſchien, als wolle das junge Mädchen noch mehr ſagen, doch verſchloß ſie alles in einem Seufzer, als ſie aufſtand.„Ich hole die weiße Halsbinde,“ ſagte ſie darauf und Herließ das Atelier. Der kleine Thiermaler legte hierauf einen Augenblick beide Hände auf ſeine Kniee, er blickte vor ſich nieder, dann auf ſeine Affen, hierauf in die Höhe, fuhr plötzlich mit ſei⸗ Kopfe wieder hinab und ſtieß darauf halblaut die ervor:„Ich Narr, ich dummer Kerl, ich ſelbſt ein Zum Teufel mit allem, was ſchön iſt!“ ie um dieſen Worten mehr Nachdruck zu geben, er den Pinſel, den er in der rechten Hand hielt em er eine Roſe auf dem Fenſtergeſims angelegt Ein Beſuch. 85 hatte, hoch empor an die Decke, daß er, dort gegenſtoßend, einen kleinen blutrothen Flecken zurückließ. Herr Wulf ſchien ſehr verſtimmt, der Tannhäuſer aber ganz und gar nicht; denn hinter ſeiner ſpaniſchen Wand hörte man ihn ganz gemüthlich ſingen: „Schöne Minka, ich muß ſcheiden.“ —— Fünftes Kapitel. Bei der Fürſtin. Der Tannhäuſer hatte ſeinen Frack hervorgeſucht, der, wenn er auch gerade nicht mehr vom letzten Jahre war, noch immer ſtattlich genug ausſah, ſobald ihn der auffallend ſchöne junge Mann angezogen. Er hatte auch ſeine Toi⸗ lette mit der weißen Halsbinde von Franceska's Vater, welche ihm dieſelbe freundlich und bereitwillig gebracht, voll⸗ endet, und war zur beſtimmten Stunde nach der Stadt gegangen, wo er ſich zu dem Opfer entſchloß, in einem der zahlreichen Läden ſich ein paar neue Handſ ſchuhe zu kaufen, worauf er ſich nach dem ihm wohlbekannten Hauſe der Für⸗ ſtin Lubanoff verfügte. Der junge Maler hatte etwas Außergewöhnliches, etwas Vornehmes in ſeinem Weſen; er hätte faſt für einen der Ihrigen gelten können, weßhalb dern uch das ſonſt ſo geübte Auge des alten Portiers Bei der Fürſtin. 87 einigermaßen getäuſcht wurde und er, vor ſeiner Loge ſtehend, jene Verbeugung machte, die er auszuführen pflegte vom einfachen Adeligen aufwärts durch die Klaſſe der unbetitelten Barons hindurch bis hinauf zu den Legations⸗Sekretären der fremden Mächte. Im Veſtibul traf Tannhäuſer mit dem ältlichen freund⸗ lichen Herrn zuſammen, der von einer unbeſchreiblichen Liebenswürdigkeit für den Künſtler war; er drückte dem jungen Mann nicht nur die Rechte mit beiden Händen, ſon⸗ dern er zog ihn ſogar an ſich, als wolle er ihn als Aus⸗ druck ſeiner freundſchaftlichen Gefühle umarmen; er näherte ſeine lange ſpitze Naſe und ſeinen faſt zahnloſen Mund mit grinſender Freundlichkeit dem offenen und edlen Geſichte des Malers, wobei der alte Herr aber etwas Lamaartiges an ſich hatte, ſo daß ſich Tannhäuſer genöthigt ſah, ſein Geſicht abzuwenden, um einem förmlichen Sprühregen zu entgehen. Dazu ſprach der Graf Portinsky mit einem wah⸗ ren Entzücken von der angenehmen Fahrt von heute Vor⸗ mittag; mit welchem Behagen er ſo ohne alle Ceremonie ins innerſte Heiligthum der Kunſt gedrungen ſei und wie er es ſich nicht nehmen laſſen werde, ſo häufig, ohne alle Anmeldung, ſeine Beſuche zu machen, ſchwelgend in den harmloſen Freuden des einfachen Künſtlerlebens. „Aber, Freundchen,“ ſetzte er hinzu, wobei er einen Rock⸗ knopf des jungen Malers faßte und ihn mit ſteifem Arm ein wenig von ſich abdrückte, als wolle er ihn„ 88 Fünftes Kapitel. genauer von der Ferne betrachten, ehe er ihn wieder an ſein Herz zöge,„Sie müſſen mich bei meinen Beſuchen ganz wie einen der Ihrigen betrachten; nicht ſo ängſtlich Ihr Atelier verſchließen, wie heute Morgen,— nicht ſo eifer⸗ ſüchtig ſein, junger Menſch,“ fuhr er mit einem Lächeln fort, das ſich zu bemühen ſchien, ſeine Naſe und das ſpitze Kinn zu vereinigen.„Ja, ja,“ ſprach er in luſtigem Tone weiter, als er bemerkte, wie ihn der Maler ernſt und fragend an⸗ blickte, ja, ja, heute Morgen. Daß Sie die Damen fern hielten, begreife ich wohl, aber Unſereinem, einem Kenner — ich verſichere Sie, einem Kenner der feinſten Art, hätten Sie ſchon ſagen müſſen: treten Sie ein, s'il vous plait. Wiſſen Sie, Freundchen, eine Hand wäſcht die andere in dieſer Welt. Ja, ſehen Sie mich nur ſo verwundert an; Sie ſind ein Schalk, ich habe es der Fürſtin gleich geſagt,⸗ aber ein gefährlicher Schalk. Ob ſie es gehört hat, weiß ich nicht. Sie ſchlug ihren Fächer auf und blickte zum Wagen hinaus.— Aber das beiſeite! Um wieder auf Ihr Atelier zu kommen, die Kleine da—“ „Welche Kleine, wenn ich bitten darf, Herr Graf?“ fragte der Maler in ernſtem Tone. „Lieber Freund, Sie machen mich lachen,“ erwiderte der alte Herr, ohne im Geringſten ſeine heitere Miene zu verändern;„wer die Kleine iſt mit dem ſchwarzen Haar und dem feurigen Blick?— Nun die, welche Sie gemalt; da kann von einer Andern nicht die Rede ſein. Das — — Bei der Fürſtin. 89 reizende Geſchöpf, das im hintern Atelier ſaß— Ihr Modell.“ „Ach, ich verſtehe, Herr Graf!“ verſetzte Tannhäuſer und fuhr dann in ſehr trockenem Tone fort: ndas junge Mädchen iſt kein Modell, wie Sie es zu nennen belieben; es iſt die Tochter eines Freundes, die uns erlaubt, die in der That wunderbaren Formen ihres Kopfes zuweilen mit einigen Strichen zu benutzen.“. Währenddem waren ſie langſam die Treppen hinaufge⸗ ſtiegen, wozu ſie einige Zeit gebraucht, da der alte Herr im Eifer ſeines Geſprächs häufig ſtehen blieb und den jun⸗ gen Mann durch eine Wendung des Armes zwang, ſich gegen ihn zu drehen. Er that das, um eindringlicher mit ihm zu reden. „O— o—oh!“ ſagte er jetzt, indem er oben ſtehen blieb;„was ſeid ihr Künſtler für ein merkwürdiges Volk! So was von Eiferſucht und Mißtrauen kann ſich Unſereins, der in Parentheſe geſagt, gegen ſeine Freunde und Bekannte nach allen Richtungen hin gefällig iſt, nicht vorſtellen. Dem ſei aber, wie ihm wolle, in den nächſten Tagen werden Sie mich wieder bei ſich ſehen.— Lieber Freund und Herr, Ihre finſtere Stirne ſchreckt mich nicht; ich komme, ſobald ich kann, zu Ihnen, ich, der alte Portinsky. Wenn ich daran denke, könnte ich jetzt ſchon lachen, hahaha!“— Und während er das ſprach, brach er wirklich in ein lautes Ge⸗ lächter aus, wobei er ſich ordentlich vor Vergnügen ſchüttelte: 90 Fünftes Kapitel. „Ich komme zu Ihnen mit der Mappe unter dem Arm, wie ein junger Kunſtſchüler, und zeichne ebenfalls nach den wunderbaren Formen des Kopfes dieſer kleinen reizenden Perſon.— Dieſe Idee iſt eklatant, ſie wird die Fürſtin außerordentlich amuſiren.“ Der Maler fühlte ſich durch dieſe ausgelaſſene Luſtigkeit des alten Herrn etwas verletzt; es wehte ihn aus dieſem Geſpräche kalt und unheimlich an; er kam ſich faſt ſelbſt nicht mehr wie der vor, der noch vor wenigen Augenblicken ſtolz gegen das Haus der Fürſtin geſchritten war, mit dem Bewußtſein eines Künſtlers, den ſein Talent adle, oder, was freilich nicht ganz daſſelbe iſt, den ſein Talent über die gewöhnliche Menſchheit erhebe. Bei dieſen Worten fühlte er ſich herabgedrückt, weßhalb er ſich nicht enthalten konnte, dem alten, ſo übermäßig heitern Herrn zur Antwort zu geben:„Erlauben Sie mir die Bemerkung, daß ich nicht begreifen kann, wie ſich die Frau Fürſtin über Ihre eben ausgeſprochene Idee ſo außerordentlich werde amuſiren können.“ Sie waren in ein Vorzimmer getreten, an deſſen Thür ein reich gallonirter Bedienter ſtand, welcher ſich vor dem GEGrefen tief verbeugte. „Sie werden das ſehen und hören,“ ſagte der alte Herr, wobei er zu lächeln fortfuhr,„ich mit einer Mappe unter dem Arm. Wenn ich nur gleich eine bei der Hand hätte, um ſo in den Salon treten zu können. Meinen Sie in der That, daß das nicht amuſant wäre?“. Bei der Fürſtin. 3 91 „Komiſch gewiß,“ entgegnete Tannhäuſer;„es iſt wir. lich ſchade, Herr Graf, daß keine Mappe zur Hand iſt, ich würde alsdann mit Ihnen, meinem Schüler, eintreten, einem Schuͤler, von dem aber der Meiſter noch ſehr viel lernen könnte.“ „Das könnten Sie auch, junger Mann, ich verſichere Sie; Sie werden das ſehen, wenn ich erſt ein paarmal mit Ihnen gezeichnet habe.“ So waren ſie durch mehrere Zimmer geſchritten, und als ſie abermals vor eine Thür kamen, zog der Graf ſeine weiße Halsbinde ein wenig in die Höhe, fuhr leicht mit der Hand über die Lichtung ſeines ehemaligen Haares und trat alsdann voran in den Salon der Fürſtin, wobei er laut und luſtig auflachte.. Es war das ein Gemach mit Raffinement und Luxus ausgeſtattet; auf dem Boden lagen die feinſten, indianiſchen Matten, wie das feinſte Gewebe, wie ein Seidenſtoff aus⸗ ſehend, während tatariſche Decken, die wirklich von Seide gemacht waren, aber buntgefärbten, glänzenden Vließen ähn⸗ lich ſahen, ſich überall als Vorlagen vor den verſchiedenſten Möbeln befanden. In den Ecken des Zimmers waren Blumenpartieen aufgeſtellt, mit duftenden, buntfarbenen Blüthen; dem Eingange gegenüber führte eine vielleicht ſechs Fuß breite Oeffnung in ein kleines Gemach, wo man zwi⸗ ſchen grünen Gebüſchen eine marmorne Brunnenſchale ſah, die murmelndes Waſſer von allen Seiten überſtrömen ließ. Der ganze Anblick dieſes Salons hatte etwas eigen⸗ thümlich Unordentliches und doch dabei Reiches und Male⸗ riſches. Kein Fauteuil, kein Tiſch ſtand an dem Platze, wo man allenfalls befugt geweſen wäre, ihn zu ſuchen; dabei waren an allen dieſen Möbeln die koſtbarſten, aber ver⸗ ſchiedenartigſten Stoffe verwendet, in den bunteſten Farben, oft mit Gold. durchwirkt, aber in den eigenthümlichſten und doch wieder geſchmackvollen Zuſammenſtellungen. Dazu kam noch, daß die reichen und ſchönen Tiſchdecken mit einer naiven Willkürlichkeit hier hoch, dort tief herab hingen, daß ſich auf ihnen alle möglichen Geräthe befanden: Krüge, Schüſſeln, Schalen, koſtbare Majoliken, oder Sachen aus ge⸗ triebenem Silber und Gold, mit Emaille und Edelſteinen beſetzt und incruſtirt. Auch Bücher ſah man hie und da aufgeſchlagen, prachtvolle Kupferwerke, und dazu ſeltſamer Weiſe bemerkte man welche am Boden liegen, häufig über einander, auf dem oberſten ein kleines gemaltes Brevier, und vor dieſen koſtbaren Schätzen der Literatur ſah man drei, vier türkiſche Teppichvorlagen auf einander liegen, dar⸗ über vielleicht eine buntſeidene Decke aus Bruſſa, ſo daß das Ganze ausſah wie ein kleiner Divan, den irgend jemand benutzte, um hier ruhend in jenen Kupferwerken zu blättern. Bei der Fürſtin. Dort auf der einen Seite neben dieſem Divan, auf der Matte ſtand eine prachtvoll emaillirte Schaale, auf derſelben ein einfaches Kryſtallglas, halb mit Waſſer gefüllt. Dane⸗ ben lag ein kleines, mit Spitzen beſetztes Battiſttuch. In der Mitte des Salons war ein ähnlicher Divan wie der eben beſchriebene, nur höher und breiter, ebenfalls mit einem ſeidengewirkten Teppich bedeckt, und auf dieſem ſaß oder ruhte vielmehr liegend die Fürſtin. Sie war mit einer ausgeſuchten, man hätte ſagen können raffinirten Ein⸗ fachheit gekleidet. Sie trug ein Kleid von weißer Seide ohne alle bunte Verzierung, aber mit unzähligen ebenfalls weißen Knöpfen und Quaſten bedeckt; ihr dunkles, volles Haar war in einfachen Flechten um den Kopf befeſtigt, und ausgenommen zwei immenſe Perlen, die in Nadeln befeſtigt und ihr Haar zu tragen ſchienen, ſah man weder an ihrem Halſe noch an ihren Armen das Geringſte irgend einer Art von Schmuck. Wie wir vorhin bemerkten, trat der alte Graf mit einem ſehr lauten, etwas affektirten Lachen in das Gemach, über⸗ zeugt, daß die Dame des Hauſes ihn mit einer Frage über ſeine außergewöhnliche Heiterkeit empfangen werde. Doch ſchien er ſich diesmal geirrt zu haben, denn die Fürſtin er⸗ hob ſich ein wenig von ihrem Divan und ſagte in einem mehr ernſten, als ſcherzhaften Tone:„Ich möchte in der That wiſſen, Graf Portinsky, wo Sie immer Ihre ſchein⸗ bar unverwüſtliche Laune herbringen, Jeder Menſch ſollte Fünftes Kapitel. doch Momente haben, wo er im Stande iſt, etwas ernſthaft auszuſehen, ernſthaft zu denken, ernſthaft zu ſprechen. Da könnten Sie von unſerem jungen Freunde lernen.— Guten Tag, lieber Herr Tannhäuſer!“ wandte ſie ſich an dieſen. „Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß der Graf ein guter Freund unſeres Hauſes iſt, aber daß, wenn Sie nur das geringſte Beſtreben haben, mir zu gefallen, Sie ſich durchaus nicht nach ihm richten müſſen.“ „Und doch habe ich die Chre,“ ſprach der alte Herr mit ſeiner unverwüſtlichen Laune,„der Fürſtin in manchen Dingen ſo ähnlich zu ſehen.“ „Ahl!“ machte der junge Maler unwillkürlich, worauf die Dame einen Moment ihre ſchönen Augen empor wandte, als wolle ſie damit andeuten, ſie wünſche von da oben einige Erleuchtung für ihn. „Ich meine nur,“ plauderte der Graf unermüdlich fort, „was die ewig heitere Laune anbelangt und die beſtändige Luſt zu ſcherzen.“ „Ich habe aber gar nicht geſcherzt!“ rief die Fürſtin, wobei ſie wie aus Ungeduld mit dem Fuße zuckte.„Sie können wahrhaftig von einer ruhigen Geſellſchaft noch ſehr viel Gutes lernen.“ Und wiederum lachte der alte Herr, und als hierauf die ſchöne Frau die Achſeln zuckte, konnte er es nicht unter⸗ laſſen, ſeine Idee mit der Mappe zu erzählen, wie er mit derſelben unter dem Arm nächſtens in das Atelier des Bei der Fürſtin. 95 Herrn Tannhäuſer hinaus pilgern werde, um dort das außerordentlich ſchöne Mädchen zu zeichnen, das er hinter der ſpaniſchen Wand entdeckt. Die Fürſtin drückte ihre Lippen ein wenig auf einander, dann ſchlug ſie ihre Augen langſam auf und blickte wie fragend auf den Maler. Doch ehe dieſer noch etwas zur Antwort geben konnte, warf ſie unmuthig ihren Kopf herum und ſagte zu dem alten Herrn:„Wahrhaftig, Portinsky, Sie ſind von einer ausgeſuchten Indiscretion. Hatte uns Herr Tannhäuſer, als wir in ſeinem Atelier waren, nicht geſagt, er habe eine Sitzung, und mußte Ihnen das nicht genug ſein, um Ihre Neugierde unbefriedigt zu laſſen?— Wie nun, wenn man Sie verdienter Maßen auf eine wenig feine Art zurückgewieſen hätte?“ „Das iſt ja auch geſchehen!“ lachte der Graf, der durch nichts aus ſeinem Gleichgewicht zu bringen war.„Haben Sie nicht den kleinen finſteren Collegen unſeres vortrefflichen Freundes hier geſehen, der im Atelier die Affen malte?— Nun ja, der ſchoß mit der Behendigkeit einer wilden K Katze hinter mir drein und ſagte mir einige, wahrſcheinlich nach ſeiner Meinung paſſende Worte; ſein Geniht ünailien: von Eiferrſucht.“ „Wohl nicht von Eiferſucht,“ nahm der Maler ruhig das Wort;„mein Freund Wulf iſt, wie ich glaube, von dieſer Leidenſchaft nicht beſeelt; er hält es nur für ſeine Pflicht, das junge Mädchen— die Tochter meines Freun⸗ des—“ wandte er ſich an die Fürſtin,„zu ſchützen vor allen—“ ,Sagen Sie: lächerlichen Zudringlichkeiten,“ warf dieſe mit gleichgültigem Tone dazwiſchen.„Und nun laſſen Sie ihn ſprechen und ſetzen ſich zu mir.— Wiſſen Sie wohl,“ ſagte ſie im nächſten Augenblicke zu dem alten Herrn, der höchſt zufrieden lächelnd und händereibend auf und ab ging, edaß die Frau v. Bauvallet ſchon ein paarmal nach Ihnen gefragt hat? Sie will einen Rath von Ihnen.“ „Meine verehrungswerthe Freundin,“ rief der Graf, indem er plötzlich ſtehen blieb, umwandte und dann mit den 1 Worten der Thür zueilte:„ich möchte ſie um alles in der Welt nicht auf mich warten laſſen, und bin ſogleich wieder da.“ „Setzen Sie ſich zu mir,“ ſprach die Fürſtin gütig, wobei ſie auf den Divan zu ihren Füßen zeigte. Der Maler näherte ſich und ließ ſich dort nieder, doch hatte die Fürſtin ſo wenig Platz gelaſſen, daß er ſelbſt bei dem beſten Willen, ſich in anſtändiger Entfernung zu halten, doch beinahe ihr Gewand berühren mußte. Sie war dem alten Herrn mit den Augen gefolgt, preßte einen Moment die Lippen auf einander und ſagte dann, während ſie den Mund raſch, faſt zuckend öffnete:„er kann recht unausſteh⸗ lich ſein; nehmen Sie ſich überhaupt vor ihm in Acht, und wenn Sie ihn je um Rath fragen ſollten, was Sie indeſſen beſſer unterlaſſen können, ſo thun Sie wenigſtens beſtändig das Gegentheil von dem, was er Ihnen anräth.“ Bei der Fi n. 97 Dieſe Worte ſtieß ſie ziemlich heftig heraus, worauf ihr der junge Mann, um etwas Verſöhnliches zu ſagen, zur Antwort gab:„Mir ſcheint der Herr Graf ein harmloſer, jovialer alter Herr zu ſein.“* Die Fürſtin machte eine Bewegung mit der Hand, wie um das Gegentheil von dem, was er geſagt, anzudeuten und ſprach dann mit einem kleinen lauernden Blick:„Neh⸗ men Sie ſich vor ihm in Acht; was hat er doch vorhin von einem jungen Mädchen geſprochen, das er bei Ihnen geſehen haben will?— Wer iſt ſie?— Wenn ſie Ihnen irgend werth iſt— und überhaupt, es wäre dies das Beſte—“ unterbrach ſie ſich ſelbſt, indem ſie den Ton ihrer Stimme änderte,„verbitten Sie ſich ein für allemal die Be⸗ ſuche des Grafen.“ „Das Mädchen, von dem die Rede iſt,“ erwiderte Tann⸗ häuſer mit einem leichten Lächeln, niſt ein erwachſenes Kind, die Tochter eines meiner Freunde, vielleicht ſechzehn Jahre alt.“ Die Fürſtin richtete ſich raſch etwas in die Höhe.„Und das, glauben Sie,“ gab ſie haſtig zur Antwort,„würde jenen— alten Herrn abhalten, Ihr Atelier zu beſuchen, oder das Haus dort, wo er das junge Mädchen zu ſehen hofft?— O glauben Sie mir, er kommt bald und ſo oft er kann, und wenn er es nur thut, um ſie vor ihren Nach⸗ barn zu compromittiren.— Doch was miſchen wir ihn in unſer Geſpräch?“ fuhr ſie fanfter fort, indem ſie ſich zu⸗ Hackländer, Tannhäuſer. I. 7 3 * Fünftes Kapitel. rücklehnte und den Kopf auf ihre Hand ſtützte.„Aber ſagen Sie mir, iſt das junge Mädchen wirklich ſchön?— Ahl ſie wird eine Aehnlichkeit haben mit dem ſchönen, friſchen Kopf auf Ihrem Bilde,— auf Ihrem Bilde, das nun mein gehört. Nicht wahr, da haben Sie den Kopf des jungen Mädchens benutzt?“ „Ja, etwas, gnädige Fürſtin; ohne aber den Ausdruck ihres Geſichtes wieder zu geben, habe ich mich nur im Allge⸗ meinen an die wirklich ſchönen Formen ihres Kopfes gehalten.“ „Gut,— entweder iſt die Kleine ſehr ſchön oder Sie haben eine außerordentliche Gewandtheit, etwas, was Ihnen tauglich erſcheint, zu benutzen. Der kleine Kopf, den Sie gemalt, iſt reizend.— Glauben Sie,“ fragte ſie darauf haſtig,„auch von mir ein hübſches Bild machen zu können?“ „Wenn mich meine Kunſt dabei nicht im Stich läßt,“ gab der junge Maler zur Antwort,„ſo hoffe ich, ſoll mir das glänzend gelingen. Ich brauche ja nur mit einigem Geſchick wiederzugeben, was ich— vor mir ſehe.“ „Und doch,“ verſetzte die Fürſtin lachend,„ſagen Sie mir das mit abgewandtem Geſichte. Ich glaube, ſo recht angeſchaut haben Sie mich überhaupt noch nicht.— Che wir anfangen zu malen,“ ſprach ſie nach einem augenblick⸗ lichen Stillſchweigen mit langſamer Stimme,„werde ich Ihnen ein paar Sitzungen geben, in denen Sie nichts zu thun haben ſollen, als mich anzuſehen.— Feſt, unverwandt, — Auge in Auge.“ Bei der Fürſtin. 99 Ihre Lippen zuckten ein wenig, als ſie das ſagte, und dabei ſanken ihre Augenlider ſchläfriger als je herab. Sie hatte ſich ganz zurückgelehnt, und während ſie mit dem Kopfe auf einem kleinen geſtickten Kiſſen ruhte, deren meh⸗ rere hie und da auf dem Divan umherlagen, hatte ſie mit ihren beiden Händen die weißſeidene Gürtelſchnur ihres Kleides emporgehoben und ließ die Quaſten derſelben zwi⸗ ſchen ihren Fingern umher wirbeln. „Dieſe Sitzungen,“ wagte der junge Mann zu ſagen, „würden für mich die glücklichſten ſein, die ich je erlebt.“ Unwillkürlich hatte ſich ſein Blut erregt, er fühlte das wohl; es mußte die Wirkung ſein der eigenthümlichen Um⸗ gebung, in der er ſich befand. War doch der Anblick des Gemaches ſchon ſo ſonderbarer Art, wie man es auf orien⸗ taliſchen Gemälden ſieht, wie es vor uns gaukelt, wenn wir Tauſend und eine Nacht leſen, wie es uns im Traume erſcheint, wenn wir die letzten Stunden des Abends ſchönen, glänzenden Augen gegenüber verbracht. Dabei war die Luft von einem ſo berauſchenden Dufte geſchwängert; es war kein ausgeſprochenes Parfum, kam auch nicht von einem beſtimmten Orte her; es ſchien von überall zu duften: aus dem Holz der Möbel, aus den Kiſſen der Divans, aus dem Waſſer des Springbrunnens, aus den Blüthen der Pflanzen, welche dieſen umgaben. Und wenn der junge Mann dabei vor ſich auf die ſchöne Frau blickte, die ſo ungenirt auf ihrem Divan lag, jetzt heiter lächelnd nach 100 Fünftes Kapitel. ihrem Spielzeug, der Quaſte, emporblickend, wobei ſich ihr glänzendes Auge zwiſchen den halbgeſchloſſenen Lidern nur durch ein zeitweiliges Leuchten verrieth, während durch die lachenden friſchen Lippen hindurch die weißen Zähne glänz⸗ ten, wenn er dabei um ſich blickte auf die wahrhaft aſiatiſche Pracht, die ihn umgab, oder auf das einſchläfernde Plät⸗ ſchern des Brunnens lauſchte, ſo kam es ihm vor, als ſei er unter dem Leſen irgend einer phantaſtiſchen Erzählung unter ſeiner Veranda eingeſchlummert und habe einen ſelte⸗ nen und ſchönen Traum. Die Fürſtin ſchleuderte ihre Quaſte weit von ſich, und ehe dieſe auf das weite, bauſchige Gewand niederfiel, fing ſie ſolche mit der Spitze ihres Fußes wieder auf, um ſie abermals in die Höhe zu werfen,— ein höchſt gefährliches Spiel für einen jungen Mann von zwanzig Jahren, der auf dem Divan zu ihren Füßen ſaß.— Glücklicher Weiſe ließ ſie endlich die Quaſte ruhen und erhob ſich mit dem Oberkörper aus ihrer liegenden Stellung, ſo daß ſie in aufrechter Haltung neben dem Maler ſaß, dem ſie lächelnd mit einem leichten Erröthen ſagte, während ſie ihre zierlichen Fingerſpitzen anſah:„Recht ſehr will ich 2* mich freuen auf dieſe vorbereitenden Sitzungen,— Auge in Auge, und wir können alsdann machen, wie die Kinder zu thun pflegen: uns ſcharf anblicken, um zu ſehen, wer zuerſt lacht.— Nein, nein!“ fuhr ſie haſtiger fort,„es wäre das für mich ein gefährliches Spiel; müßte ich nicht fürchten 44 Bei der Fürſtin. 101 Ihnen gegenüber leicht zu unterliegen? Und doch,“ ſetzte ſie raſch hinzu, indem ſie ihren Kopf empor warf,„ver⸗ ſuchen wir es einmal. Sehen Sie mich an.“ Sie öffnete ihre Augen und heftete ihren dunklen, ſin⸗ nenden, etwas umflorten Blick, in dem zuweilen eine wilde, unheimliche Gluth zuckte, auf den Tannhäuſer, der dieſen Blick ein paar Sekunden ruhig aushielt, deſſen Wangen ſich aber leicht zu röthen begannen und deſſen Augen ſich zuſehens animirten.—— 3 „Ah, nicht ſo!“ rief das leidenſchaftliche Weib nach einer längeren Pauſe;„ſo dürfen Sie mich nicht betrachten; wiſ⸗ ſen Sie wohl, daß das perfid iſt? Ich darf Ihnen nur erlauben, Ihre Blicke auf mich zu richten, wenn Sie mich anſchauen wollen mit den Augen des Künſtlers.“ Sie nahm mit einem Male eine ernſtere Miene an, dämpfte mit den herabfallenden Augenlidern das Feuer ihrer Blicke und bemerkte alsdann mit ſanfter und leiſer Stimme, während ſie ihre Hand auf die Schulter des jungen Mannes legte:„ich bin überzeugt, Sie werden ein gutes Bild von mir machen; Ich freue mich kindiſch darauf.— Sagen Sie mir aufrichtig, war Ihnen der Auftrag, mich zu malen, willkommen? Werden Sie ihn gern ausführen, oder thun Sie es nur, um der Fürſtin Lubanoff keine ab⸗ ſchlägige Antwort zu geben?“ Sie ſagte das außerordentlich ruhig, im Tone des alltäglichen Geſpräches und ſchien faſt überraſcht, als der Fünftes Kapitel. junge Maler, der ſeine Gefühle nicht ſo in der Gewalt hatte, ihr mit unſicherer Stimme etwas verwirrt, aber doch faſt zu ſtürmiſch für einen Ton gewöhnlicher Converſation zur Antwort gab: wenn ihm bei dem ſo ſchönen Auftrage Ruhe genug bleibe, ſich ſeiner ganzen Kunſt bedienen zu können, ſo hoffe er ein Bild zu geben, dem man es anſehen müſſe, daß es mit Begeiſterung gemalt ſei. Bei dieſer Antwort ließ die ſchöne Frau einen lang⸗ ſamen Blick über das Geſicht des jungen Mannes gleiten, einen Blick mit wohlgefälligem und doch ruhigem Ausdruck. Dabei nickte ſie leicht mit dem Kopfe, als wolle ſie ihre Zufriedenheit ausdrücken über die Gelehrigkeit ihres ange⸗ nehmen Schülers. Im nächſten Augenblicke aber ſprang ſie raſch in die Höhe, that ein paar Schritte in den Salon hinein und hob das Battiſttuch vom Boden auf, welches neben den Büchern lag. Nicht, als ob ſie es zu etwas hätte brauchen wollen, vielmehr ſah Tannhäuſer, der mit Wohlgefallen ihren raſchen und elaſtiſchen Wendungen ge⸗ folgt war, und die weichen Formen ihres Körpers in allen Bewegungen bewundern mußte, mit Erſtaunen, daß unter dem Tuche am Boden eine goldene Kette auf dem Teppich glänzte, an der ſich eine kleine mit Brillanten Heſebte Uhr befand. Dieſe hob ſie nun empor, aber noch ehe ſee einen Blick darauf warf, ſagte ſie, ſich gegen den jungen Mann um⸗ wendend, mit lachender Miene:„Sie mäͤſſen mich für ſehr Bei der Fürſtin. 103 unordentlich halten, und wenn Sie das thun, haben Sie vollkommen Recht. Ich kann nun einmal nicht anders; ich finde einen eigenen Reiz darin, die Sachen dort liegen zu laſſen, wo ich ſie gerade gebraucht habe. Was will ich machen?“ ſetzte ſie achſelzuckend hinzu,„man hat mich ſo erzogen. Von Natur bin ich gewiß nicht ſo ſchlimm, wie ich mich zuweilen gebe.“ Das ſprach ſie mit einem eigenen Tone und fuhr gleich darauf, denſelben gänzlich verändernd, fort, nachdem ſie die kleine Uhr betrachtet:„aber ſeh' Einer Frau v. Bauvallet, da wird ſie mit dem Grafen plaudern und mich und mein Diner ganz vergeſſen.“ Raſch ging ſie auf einen der kleinen Tiſche los, die in der Ecke des Gemachs ſtanden, nahm einen zierlichen Ham⸗ mer, der dort lag, und ſchlug damit auf eine Glocke, welche die bronzene Figur eines Negers mit beiden Händen hielt. Es dauerte ein paar Sekunden, dann ſah man den Kammerdiener in ſchwarzem Frack und weißer Halsbinde unter der Oeffnung erſcheinen, die in das Kabinet führte, wo ſich der Springbrunnen befand.„Mein Diner!“ rief ihm die Fürſtin entgegen. „Iſt ſoeben ſervirt,“ erwiderte der Kammerdiener mit einer tiefen Verbeugung gegen ſeine Herrin. „So wollen wir gehen,“ ſagte dieſe, indem ſie ſich ge⸗ gen den jungen Maler wandte.„Geben Sie mir Ihren Arm.“ Raſch erhob ſich Tannhäuſer, trat an die Seite der Für⸗ Fünftes Kapitel. ſtin, indem er ſich ein klein wenig verneigte. Die ſchöne Frau hing ſich feſt an ſeinen Arm und dann gingen die Beiden nach dem Hintergrunde des Gemachs bei dem mur⸗ melnden Springbrunnen vorbei durch eine hinter demſelben befindliche Doppelthür, die ſich bei ihrem Näherkommen wie von ſelbſt öffnete, durch ein paar Zimmer in einen kleinen Speiſeſaal, deſſen Tiſch mit vier Couverts beſetzt war. Hier war auch der alte Graf, der mit Madame Bauvallet plau⸗ dernd auf und ab ging. Die Fürſtin ließ ſich ſogleich an dem Tiſche nieder und lud den jungen Mann ein, ſich an ihre Seite zu ſetzen; ihm gegenüber nahm der alte Herr Platz, und vis ä vis der Dame vom Hauſe die Frau von Bauvallet, Das Speiſezimmer, welches der Maler mit einem for⸗ ſchenden Blick betrachtete, zeigte eben ſolchen Reichthum, eben ſolche Pracht, namentlich in dem koloſſalen Silberge⸗ ſchirr, welches ein Buffet auf einer Seite des Gemaches von dem Fußboden bis zur Decke anfüllte, wie die andern Ap⸗ partements; nur ſchien die Laune der Fürſtin, alles in Un⸗ ordnung zu bringen, hier für diesmal nicht geherrſcht zu haben; vielmehr war die ganze Einrichtung eine ſyſtematiſch geordnete und richtige, alles hier an ſeinem gehörigen Platze, die Möbel auß's paſſendſte zuſammengeſtellt, und was das Diner ſelbſt anbelangt, wurde es unter den Augen des alten Kammerdieners, der nur hie und da einen Wink gab, mit einer Ruhe und Präciſion ſervirt, welche einen hohen Begriff von der Ordnung und der Solidität des Hauſes gab. Bei der Fürſtin. 105 Wie das Diner an ſich war, bedarf eigentlich gar kei⸗ ner Erwähnung, denn der Koch der Fürſtin Lubanoff war von Kennern als ein Künſtler erſten Ranges geſchätzt und verehrt. Nebenbei brauchte man ihn und Madame Bau⸗ vallet nur einmal in einem Geſpräche über ſeine Kunſt im Allgemeinen oder das Arrangement eines kleinen feinen Diners belauſcht zu haben, um überzeugt zu ſein, daß wo ſolche Kräfte zuſammen wirkten, etwas ganz Ausgezeichnetes zu erwarten ſein mußte. Das Einzige, was hierbei viel⸗ leicht außergewöhnlich war, beſtand darin, daß gegen die Mitte des Diners vor die Fürſtin eine ziemlich große flache Kryſtallſchaale geſtellt wurde, die auf einem goldenen Fuße ruhte. Dieſe Schaale war offenbar vorher gewärmt wor⸗ den, denn als der Kammerdiener den außergewöhnlich ſtark frappirten Champagner hinein goß, ſtieg an den Rändern ein leichter Rauch auf, worauf die ſchöne Fürſtin die Schaale haſtig an ihre Lippen brachte, daraus ſchlürfte und ſie als⸗ dann ihrem jungen Gaſte zum Trinken reichte. Der Graf und Madame Bauvallet hatten ihre eigenen Gläſer. Das Diner zeichnete ſich ſowohl durch Feinheit als auch durch Kürze aus; es dauerte nicht über eine halbe Stunde, worauf zwei Bediente eintraten, von denen der Eine nach orientaliſcher Art Kanne und Becken von Silber trug und während er das Letztere unterhielt, aus der Er⸗ ſteren Waſſer über die Hände der Fürſtin goß, worauf der Andere ihr ehrerbietig ein feines Tuch überreichte. 106 Fünftes Kapitel. „Man muß aus den Gewohnheiten aller Länder das Beſte nehmen,“ ſagte die ſchöne Frau, indem ſie ſich lächelnd an ihren Gaſt wandte.„Verſuchen Sie einmal, wie ange⸗ nehm das iſt.“ Sie winkte mit den Augen, worauf die Bedienten vor den jungen Maler hintraten.„Aber Sie müſſen ihre Hände ſo halten, daß der Waſſerſtrahl Ihre Pulsadern trifft; das kühlt und erfriſcht wunderbar.— 3 Habe ich nicht Recht?“* Tannhäuſer verbeugte ſich lächelnd, während er mit dem Tuche ſeine Hände abtrocknete.„Es iſt allerdings ein eige⸗ nes Gefühl,“ ſagte er,„und man muß den Orientalen das Verdienſt zuerkennen, durch dieſes Waſchen der Hände nach Tiſch etwas namentlich für ſie ſehr Nützliches eingeführt zu haben,“ „Ja, für die Orientalen ſelbſt,“ lachte der alte Herr, „das gebe ich zu; denn wenn man ſich mit den höchſteige⸗ nen Fingern aus der Schüſſel zu ſeinem Pillau und ſeinem Hammelkleiſch verholfen hat, da braucht man allerdings ein bischen Händewaſchen.“ „Auch ohne das halte ich es für ſehr engenehn,“ ſagte die Fürſtin;„es erfriſcht ſo eigenthümlich.“ Der alte Herr zuckte mit den Achſeln.„Vor zwanzig Jahren, meine Gnädige,“ meinte er,„hätte Wich Ihnen wohl noch beigepflichtet; aber jetzt iſt mir nach einem ſo guten Diner wie das, welches man das Glück hat, bei Ihnen zu genießen, die hieraus entſtehende ſanfte Wärme zu ange⸗ —— Bei der Fürſtin. 107 nehm, um ſie mit kaltem Waſſer abzuſchrecken. Bei Ihnen iſt das freilich etwas ganz Anderes, und auch unſerem Freunde da wird das kalte Element nicht unangenehm vor⸗ kommen.“ „Von Ihnen, Graf Portinsky,“ verſetzte die Fürſtin, „der ſo alles Raffinement liebt, ſollte man ſo etwas nicht ausſprechen hören. Und dann haben Sie ganz unrecht mit Ihrer Behauptung. Das Waſſer kältet nicht, es erfriſcht nur. Ich habe mir ſchon oft überlegt, wie außerordentlich angenehm es ſein müßte, ſo während der Sieſta hie und da einen ganz feinen Strahl kalten Waſſers auf ſich herab⸗ rieſeln zu laſſen. Es müßte das ein unnennbar wohlthuen⸗ des Gefühl hervorbringen.— Ich muß das einmal ver⸗ ſuchen.“ Sie wandte dem Gaſte ihre vollen glänzenden Blicke zu, dann legte ſie ihre Fingerſpitzen leicht auf ſeinen Arm, und da ſie ſich im gleichen Augenblicke erhob, ſo mußte er einen ſchwachen Druck ihrer Hand fühlen. Dann nahm ſie ſeinen Arm und kehrte mit ihm in den Salon zurück, wo ſie vor dem Diner geweſen. Hier wurde der Kaffee auf türkiſche Art aus kleinen Porzellanſchaalen getrunken, deren Zarva's aus goldener, ächt Damascener Filigran⸗Arbeit beſtand. Dazu ſervirte einer der Bedienten in mehreren Flacons Liqueure von den verſchiedenſten und ſchillerndſten Farben. „Nehmen Sie grünen Chartreuſe,“ ſagte der alte Herr zu dem Maler;„dieſer wunderbare Tropfen hat die Eigen⸗ Fünftes Kapitel. thümlichkeit, daß er für alle Menſchenalter paßt. Mich wird er ſanft erwärmen, während er vielleicht bei Ihnen leicht dämpfend wie das kalte Waſſer vorhin wirkt.“ Die Fürſtin hatte ſich wieder auf ihren Divan nieder⸗ gelaſſen und ſagte zu einem der Bedienten:„Vaſſil, bringe das kleine Käſtchen und Licht. Sie rauchen doch?“ wandte ſie ſich an den Maler.— „Zuweilen wohl, gnädige Fürſtin,“ entgegnete dieſer. „Doch bin ich keiner von den ſtarken Rauchern, die ohne eine Cigarre nach Tiſch nicht ſein können. Wenn Sie mich fragten, um mir hier eine anzubieten, ſo darf ich vielleicht dafür danken.“ „Sie haben recht— es iſt auch ſo gut,“ gab die ſchöne Frau zur Antwort, wobei ſie mit der Hand das dargebo⸗ tene kleine Käſtchen leicht zurückſtieß.„Geben Sie dem Grafen,“ ſetzte ſie hinzu.„»Aber nicht wahr, Sie rauchen diskret?“ „Diskretiſſime! Ich werde mich an den. Springbrunnen zurückziehen,“ verſetzte der alte Herr,„dazu noch oben ein Fenſter öffnen und mit Madame Bauvallet plaudern, auch den Vorhang ſ ſchließen, wenn Sie es wünſchen. 4 „Nein, nein, das können Sie bleiben laſſen,“ ſagte die Fürſtin in gleichgültigem Tone. Darauf winkte ſie mit der Hand und die Diener zogen ſich zurück. Sie nahm unbe⸗ fangen ihre liegende Stellung auf dem Divan wieder ein und bat den jungen Mann, einen kleinen Fauteuil, der nicht Bei der Fürſtin. 109 ſehr entfernt ſtand, herbeizurollen und ſich darauf nieder⸗ zulaſſen.— „So,“ ſprach ſie alsdann nach einer Pauſe, während welcher ſie ihn zwiſchen den ſchläfrig herabgefallenen Augen⸗ lidern hindurch träumeriſch betrachtet;„jetzt erzählen Sie mir etwas von Ihrem gewöhnlichen Leben und Treiben. Alles, was Sie wollen, die für Sie gleichgültigſten Sachen, es intereſſirt mich das Geringſte. Sprechen Sie mir von Ihren Eltern, von Ihren Verhältniſſen, von dem Hauſe, in dem Sie geboren wurden, wie ſich Ihr Talent entwickelte, ſchildern Sie mir Ihre jetzige Situation, alles, alles ſo ge⸗ nau wie möglich. Es intereſſirt mich ſehr, ſehr, recht ſehr. Wenn ich auch einmal die Augen zufallen laſſe, ſo glauben Sie deßhalb ja nicht, daß ich einſchlafe; ich thue das oft, wenn ich— etwas mit voller Seele erfaſſen, in mich auf⸗ nehmen will.— Gewiß, mein Freund. Und nun ſprechen Sie zu mir mit Ihrer ſo angenehm klingenden Stimme, alles, was Sie wollen.“ Daß ſich der junge Mann in einer eigenthümlichen Auf⸗ regung befand, brauchen wir wohl nicht erſt zu ſagen. Wirkte doch hier alles ſo mächtig auf ſeine Sinne, auf ſeine Phantaſie: die verſchwenderiſche Pracht in allen Räumen des Hauſes, der eigenthümliche Duft, den er einathmete, das kleine feine Diner, dem er gehörig zugeſprochen, die berau⸗ ſchenden Weine, die er getrunken, noch mehr aber die be⸗ rauſchenden Worte der ſchönen Frau, vor allem aber der — 4 8— 110 Fünftes Kapitel. Anblick derſelben, wie ſie jetzt ſo zwanglos ruhend auf dem Divan vor ihm lag, er neben ihr ſitzend, und auf ihren Wunſch ſo nah, daß bei jeder Bewegung, die ſie machte, ihr weißes, ſeidenes Kleid an ſeiner Schulter und ſeinem Arme ſtreifte. Dabei rauſchte daſſelbe ſo ſeltſam, ſo gefähr⸗ lich, ſo verlockend. „Und nun erzählen Sie mir,“ ſagte ſie wieder, und mit halb geſchloſſenen Augen. Das that denn auch der arme Tannhäuſer, ſo gut er es vermochte; er ſprach von ſeiner Kindheit, von ſeinem väterlichen Hauſe, wie er ſeine Eltern frühe verloren, wie er gänzlich allein in der Welt geſtanden und wie ſich ein Freund ſeines Vaters, der ein Lithograph war, ſeiner ange⸗ nommen und ihm im Zeichnen Unterricht gegeben, wie er dieſen fleißig benutzt und darauf Talent an ſich bemerkt, wie er—— Die ſchöne Fürſtin ruhte mit dem Kopfe auf einem der kleinen Kiſſen und blinzelte unter den Augenlidern nach dem jungen Maler hin; zuweilen öffnete ſie ihre Augen voll⸗ ſtändig und ſchaute ihn mit einem glänzenden Blicke an, wobei ein leichter Seufzer ihre Bruſt hob. Dann ließ ſie aber ihre Augenlider langſam wieder herabfallen, tiefer und immer tiefer, bis zuletzt das Auge geſchloſſen erſchien, bis ihr Athem ganz gleichförmig hörbar wurde, bis ihre friſchen Lippen leicht aufſprangen und feucht und glänzend die weißen Zähne ſehen ließen. Dann war es, als ſei ſie feſt Bei der Fürſtin. 111 eingeſchlafen, und wie im Traume lächelnd erhob ſie ihre Hand und legte ſie leiſe auf das blonde, lockige Haar des jungen Mannes, den dieſe Berührung tief durchſchauerte.— „Ah!“ rief ſie alsdann aus, indem ſie wieder um ſich blickte,„denken Sie nicht, daß ich eingeſchlafen, gewiß nicht, gewiß nicht; ich habe alles gehört, alles vor mir geſehen. O bitte, erzählen Sie weiter.“ Und das that er denn auch, aber mit ſeltſam bewegtem und gepreßtem Tone der Stimme. Wie er dann ein Maler geworden und glücklich geweſen ſei, ſein erſtes kleines Bild zu verkaufen; wie er hinausgezogen, wo er jetzt wohne, nachdem ſein väterlicher Freund und Beſchützer geſtorben, um von da ſelbſtändig zu arbeiten, wie er—— Sie hatte ihre Hand von ſeinem Kopfe langſam her⸗ untergleiten laſſen auf die Schulter, von da an ſeinem Arme entlang, bis in ſeine Hand, wo ſich ihre kleinen Finger feſt eindrückten und ſich zwiſchen den ſeinigen verſchlingend lie⸗ gen blieben. Er athmete tief und ſchwer auf, und es war ihm un⸗ möglich, auf ſeinem Stuhle ſitzen zu bleiben. Langſam er⸗ hob er ſich, er wollte einen Gang durch das Zimmer machen, er wollte zu dem Springbrunnen hin— er wußte nicht recht, was er wollte. Da aber ihre Finger zwiſchen den ſeinigen verſchlungen waren, ſo konnte er nicht von der Stelle, und es wäre beſſer geweſen, wenn er ruhig ſitzen geblieben wäre; denn da er aufſtand und doch nicht von 112 Fünftes Kapitel. der Stelle konnte, ſo mußte er neben ihrem Lager ſtehen bleiben, auf ſie herabgebeugt, in ihr feuchtes, blitzendes Auge ſchauend, auf ihren leichtgeöffneten friſchen und lächelnden Mund. Hätte er nur nicht den koſtbaren Tropfen von dem grü⸗ nen Chartreuſe getrunken! Denn nur dieſer konnte es ſein, der ſein Blut erhitzt und es ſo wild und toll durch ſeine Adern raſen ließ.— Das ſchöne Weib bemerkte wohl, daß er einen unruhi⸗ gen Blick nach dem weit geöffneten Nebenzimmer warf, wo der Springbrunnen rauſchte, wo ja an dem offenen Fenſter der alte Herr mit Madame Bauvallet ſaß. Sie ſchüttelte mit einem unwiderſtehlichen Lächeln ihren Kopf ein wenig, und im nächſten Augenblicke ruhten ſeine Lippen feſt und durſtig auf den ihren.— Aber nur einen kleinen Augen⸗ blick; dann löste ſie ihre beiden Finger raſch aus den ſei⸗ nigen, vergrub ihre beiden Hände in ſein dichtes Haar und drückte ihn ſanft von ſich; und nun war ſie es, die einen 2 beſorgten, faſt ängſtlichen Blick auf das Nebenzimmer warf. Als er aber raſch emporfuhr, lachte ſie hell auf und ſagte wie abſichtlich mit lauter Stimme:„Jetzt muß ich Sie entlaſſen, ſo leid mir das auch thut; meine Zeit iſt vorüber, aber,“ ſetzte ſie mit einem unendlich weichen Blicke hinzu, eich darf doch hoffen, Sie morgen wieder zu ſehen, damit wir unſere Sitzungen beginnen?“ Während ſie das ſprach, hatte ſie ſich raſch erhoben, Bei der Fürſtin. 113 ſtand nun neben dem jungen Manne, legte einen Augenblick ihre beiden Hände auf ſeine Schultern, ſchmiegte ſich eine 3 Sekunde lang feſt an ſeine Bruſt und ſagte mit zitternder 1 Stimme:„Verſchwender! Die Erwartung glücklicher Stunden iſt etwas zu Koſtbares und Süßes, um ſie ſo mit einem⸗ male zu vergeuden. O laß mich noch ein paar Tage tropfenweiſe davon ſchwelgen!“— Nach dieſen Worten wandte ſie ſich raſch ab und reichte dem jungen Mann ihre Hand, welche dieſer mit heißen Küſſen bedeckte und dann auf ihren Wink verwirrt und be⸗ täubt das Gemach und das Haus verließ. Sechstes Kapitel. Stimmungen. Nachdem der junge Maler das Haus der Fürſtin ver⸗ laſſen, ging er nicht auf geradem Wege hinaus nach der Vorſtadt, wo ſein Atelier war und wo er wohl wußte, daß ihn ſein Freund, der kleine Thiermaler, ſowie auch Fran⸗ ceska erwarten und ihn dies und das über das Diner, ſowie den erhaltenen Auftrag fragen würden. Er ſchlenderte vielmehr noch umher, planlos durch die Straßen der Stadt, und erſt als die Sonne tief herab ſank, ja als ſie ſchon faſt den Horizont berührte, ſchlug er langſam den Weg nach ſeiner Wohnung ein. Dabei hatte er eigenthümliche Ge⸗ danken— Gedanken konnte man es eigentlich nicht nennen; es waren vielmehr Träume, die ihn beſchäftigten, oder Luſt⸗ ſchlöſſer, die er baute. Dabei aber ganz verſchiedener Art: Stimmungen. 115 und vornehmen Frau, die er ſoeben verlaſſen, weiter nichts erreichen, als ein paar Aufträge, die es ihm möglich mach⸗ ten, durch gelungene Arbeiten ſeinen Namen bekannt— berühmt zu machen. Dann werde er ſich— ſo träumte er — eine behagliche Künſtlerwohnung einrichten mit einer Menge von Phantaſieen, die begreiflicherweiſe dazu gehörten, mit prächtigen alten Stoffen, Waffen, kunſtreich geſchnitzten Möbeln und dergleichen, ein Atelier von der Größe einer mäßigen Kirche, wo er bequem komplicirte Pferdegruppen im Modell könne ſtehen laſſen, wo auch Platz ſei für zahl⸗ reiche Schüler, die er dann nach und nach heranbilden werde. Auch eine Veranda hatte die Wohnung ſeines Traumes, ähnlich der am Hauſe des Bildhauers Piſani, aber noch größer und zierlicher. Und da ſaß er Abends, während die Sonne ihre letzten Strahlen herüberſchoß und dieſe durch das Laubwerk ſpielten und in allen möglichen Farben flim⸗ merten und flammten. Er ſah jetzt gerade ſo ein vom letzten Strahl der Sonne beglänztes Gebüſch vor ſich, und das unterſtützte mächtig ſeine Einbildungskraft. Aber das Schönſte, wovon er nun weiter träumte, war die blühende, glühende Franceska, jetzt ebenfalls angeſtrahlt von der Sonnenglut, die lieblichſte, duftigſte Blume, die nur im Lichte erblühen konnte und die felbſe im tiefen Schatten noch jonnleuchjete— Sechstes Kapitel. eigenthümlich gekleidet: ſie trug die rothen, farbigen Bänder der Römerinnen, auch die ſilbernen Nadeln im ſchwarzen Haar und hatte dazu ein dunkles Mieder mit glänzenden Ketten. Sie ſetzte die dreiarmige Florentiner Lampe auf den Tiſch, ſchob einen alten gefüllten Krug neben ihn und blickte ihm alsdann fragend in die Augen in Erwartung deſſen, was er ihr erzählen werde.— Oder ſie erzählte ihm etwas von allem, was ihr gerade einfiel, von all den Klei⸗ nigkeiten des Hausweſens, denn ſie ſah deutlich an ſeiner ernſten Stirn und ſeinen etwas matten Augen, daß er müde war,— müde vom Arbeiten. Ja, das Gefühl hatte er in Wirklichkeit ſchon gehabt, dieſe Abſpannung des Geiſtes und Körpers nach anhalten⸗ der tagelanger, wenn gleich gelungener Arbeit. Und wenn er ſich jetzt dahinſchreitend einen ſolchen Zuſtand vergegen⸗ wärtigte, ſeines alsdann müde gewordenen Blickes dachte, wor dem ſich die Farben unwillkürlich vermiſchten, der Er⸗ ſchöpfung, mit welcher er heute den Pinſel wegwarf, um ihn morgen für dieſelbe Arbeit wieder zu ergreifen,— eine Arbeit, die er oft nur machte, weil er des Lohnes für die⸗ ſelbe benöthigt war,— wenn er ſich das vergegenwärtigte, ſo ging— ein anderes Bild durch ſeinen Traum. Dann ſah er ſich die Kunſt betreiben, wie er es ſich mit ſeinem Freunde Wulf ſchon ausgemalt, daß es auch nicht ſo übel wäre. Er hatte alsdann ein prachtvolles Ate⸗ ler neben Ainet Enfilade von Zimmern, die mit dem raffi⸗ 8 3 1 4 — 1 Stimmungen. 117 nirteſten Luxus geſchmückt waren; er betrat dieſes Atelier zuweilen ein paar Stunden des Vormittags, um dort ein kleines Bildchen oder irgend einen Kopf zu vollenden, der ihm beſonders viel Vergnügen machte, um irgend eine Skizze zu ebauchiren, einen ſchönen Gegenſtand, der gerade ſeine Phantaſie beſchäftigte, bildlich zu formen; vor allen Dingen aber, um hier mit ein paar guten Freunden, die das Schöne erkannten und ſchätzten wie er, ſich mit einer vortrefflichen Cigarre in Geſprächen weiter auszubilden, oder um die koſtbaren Schätze der Kunſt alter und neuer Zeit im Original— denn dazu war er in dieſen glücklichen Träumereien reich genug— oder in den gelungenſten Nach⸗ bildungen zu ſtudiren. Ermüdet von dieſen Beſtrebungen, ſich ſelbſt weiter aus⸗ zubilden, änderte er mit Hülfe ſeines Kammerdieners die Toilette, ſtieg zu Pferde und galoppirte über Berg und Thal, um auch im Studium der Natur nicht zurückzubleiben. Daß er hievon etwas fatiguirt nach Hauſe kam, verſtand ſich von ſelbſt, und er fand es deßhalb ſehr behaglich, ſich in ſeinen Fauteuil zu ſchmiegen und freundlich, faſt gnädig den Beſuch einer reizenden Frau zu empfangen, die es ſich zur Aufgabe ihres Lebens gemacht zu haben ſchien, ihm mit allem Aufwand ihres Geiſtes das Daſein tragen zu helfen. Ja, wenn die beiden Freunde draußen im gemeinſchaftlichen Atelier an ihrer Arbeit waren, ſo wurden ebenfalls häufig dergleichen Luftſchlöſſer gebaut und ausgeſchmückt, wobei 118 Sechstes Kapitel. Wulf ſich mehr für die erſtere Art eines künſtleriſchen Le⸗ bens entſchied, Tannhäuſer aber wohl Neigung zeigte, die Kunſt als großer Herr zu betreiben und das durch ſie ver⸗ ſchönerte Leben in vollen Zügen zu genießen. Bis jetzt hatte er dieſen Phantaſieen nur eine allge⸗ meine Geſtaltung gegeben; es war eben nur ein Traum von Luſt und Glanz, wie ihn eine friſche, jugendliche Ein⸗ bildungskraft ſo gern erſtehen läßt. Heute aber, als er einſam dahinſchritt, erſchienen in dieſem Traume zum erſten⸗ mal beſtimmte erkennbare Umriſſe, die ſein Herz ſchneller ſchlagen machten und die er ſich vergeblich bemühte, wieder in eine allgemeine körperloſe Phantaſie aufzulöſen. Er zog das Bild Franceska's gewaltſam vor ſein inneres Auge— vergebens, es war ihm unmöglich, daſſelbe auch nur auf Augenblicke feſtzuhalten,— es erblaßte und ſank zurück, während ſich eine andere Geſtalt heiß und glühend an ihn drängte, während andere, faſt nicht minder friſche Lippen durſtig die ſeinigen ſuchten. Wo befand er ſich plötzlich, als er ſo denkend für einen Moment aus ſeinen Träumen aufſchreckte?— Nicht in der ſchon gegenüber dem Hauſe der Fürſtin. Er ſchämte ſich ordentlich vor ſich ſelber; er war erfreut über die Dämme⸗ rung, die ſchon ſo ſtark hereingebrochen war, daß er auf † Nähe ſeiner Wohnung, wohl aber in der Straße, ja faſt 4 mehrere Schritte Entfernung unmöglich erkannt werden konnte. — Und ſelbſt wenn ſie am Fenſter geweſen wäre— lächer⸗ — 3 . 8 Stimmungen. licher Gedanke! Hatte man da drinnen wohl einen Gedan⸗ ken an ihn, der ſich mit wildbewegtem Herzen hier unten ruhelos umhertrieb? Der wie von einem Bann gehalten, das Quartier nicht verlaſſen konnte?— Schwerlich ahnte man etwas davon; denn das Haus lag da ſo finſter und ſtill, ſo ohne irgend ein Zeichen des Lebens, daß es ihm ordentlich davor graute, daß er mit der Hand heftig über ſeine Stirn wiſchte und ſich nun ernſtlich auf den Weg nach Hauſe machte. Er athmete ordentlich leichter, als er die Straßen der Stadt hinter ſich hatte, als ſich vor ihm die Gärten zeigten mit den zerſtreut liegenden kleinen Häuſern, von denen auch eins ſeine Heimat war.— Dort lag es; er kam von der Seite her, ſein ſcharfes Auge erkannte das Gebäude, wo der Bildhauer wohnte und auch der Thiermaler mit ſeinem Atelier. Zwiſchen beiden glänzte ein helles Licht, und dieſes Licht erregte ihm ſo liebe und doch wieder ſo wehmüthige Empfindungen. Es war die Lampe Franceska's, die ſie an warmen, duftigen Abenden, wie der heutige, unter die Ve⸗ randa brachte, und um welche dann alle herum ſaßen: der alte Bildhauer Piſani, neben ihm die Tochter, ihm gegen⸗ über der kleine Wulf, er, Tannhäuſer, und auch hie und da wohl noch irgend einer der andern Künſtler aus der Nachbarſchaft. Da wurde denn auf die harmloſeſte Art voon der Welt zu Nacht geſpeist; an Sonntag Abenden be⸗ ſorgte dieſes Souper meiſtens der Bildhauer allein, und Sechstes Kapitel. dann waren die Anderen ſeine Gäſte; gewöhnlich aber legten alle zuſammen, um den großen Krug mit Bier füllen zu laſſen und Brod und Butter anzuſchaffen, worauf denn jeder die Zuthaten: friſche, ſaftige Rettige oder irgend eine beliebte Art von Wurſt, die er hier oder dort gekauft, her⸗ beibrachte. O was waren das immer für glückliche Mahlzeiten! Wie hatte man dabei ſeine Ideen über die Kunſt ausge⸗ tauſcht; wie gern und freudig hatte man ſeine Hoffnungen für die Zukunft dargelegt, und wie angenehm war es an dieſen Abenden, den Bildhauer Piſani von Rom erzählen zu hören, von Italien, dem gelobten Lande der Künſtler, nach welchem doch jeder, der Pinſel und Meißel ergreift, einmal zu kommen hofft. Tannhäuſer ſchritt gegen das ſchimmernde Licht, aber er ging langſam, zögernd; es war ihm, als fühlte er, daß. man in dieſem Augenblicke von ihm ſpreche, oder daß viel⸗ leicht jemand dort ſich in Gedanken innig mit ihm beſchäf⸗ tigte. Obgleich er aber ſo langſam ging, ſo ſehr langſam ſo kam er doch immer näher und näher, und bald war er im Stande, das Blätterdach der Veranda zu unterſcheiden, in dem flimmernden Scheine, welchen das Licht der Lampe 2 von unten dagegen warf. Es hatte ſo etwas unendlich Heimliches und Trauliches, ringsum der ſchöne ſtille Abend, gefeiert vom Lobgeſang der Fröſche und vom Schnarren der Cicaden, hoch oben der leuchtende Himmel mit flimmernden Sternen, und dort vor ſich im Freien in der weiten Natur zuſammenſitzend die drei Menſchen, die an ihn dachten, die von ihm ſpra⸗ chen, die ihn als den Ihrigen betrachteten, während er— das fühlte er faſt ſchaudernd— im Begriffe war, in eine andere Lebensbahn einzulenken. Es ergriff ihn das ſo mächtig, daß er ſich auf einen Stein am Wege niederließ, daß er den Kopf in ſeinen Händen verbarg, daß ihm mit einemmale plötzlich und ohne Vorbereitung gewaltſam die Thränen aus den Augen ſchoſſen. Doch war es ihm eine Erleichterung, und darauf raffte er ſich zuſammen und ſprach zu ſich ſelber, während er ſein Taſchentuch an die Augen drückte: wie kann man ſo kindiſch ſein! Bin ich nicht mein eigener Herr, kann ich nicht einen Entſchluß faſſen, welchen ich will? Wer kann mich zwingen, morgen nach der Stadt zu gehen, um dieſe gefährlichen Sitzungen zu beginnen?— Niemand!— Er athmete leichter auf, als er das zu ſich ſelber geſagt, ſich ſolchergeſtalt getröſtet. Dann dachte er weiter: heute Abend noch will ich mit Wulf über die ganze Sache ſprechen; das iſt ein ruhiges, ver⸗ ſtändiges Gemüth, und den Rath, welchen er mir gibt, werde ich befolgen. Unter dem Einfluſſe dieſes guten Vorſatzes ging er dann haſtig näher und war in Folge deſſelben im Stande, mit einem freundlichen Lächeln unter die Veranda zu treten. Der Tannhäuſer bedachte nicht, daß man von der Hölle Stimmungen. 121 122 Sechstes Kapitel. ſagt, ſie ſei mit unausgeführt gebliebenen guten Vorſätzen gepflaſtert. „Endlich, endlich!“ fagte der Bildhauer Piſani;„wir hatten ſchon geglaubt, Sie werden gar nicht mehr zurück⸗ kehren. Nun erzählen Sie uns aber auch Ihre Abenteuer, alles ganz genau.“ „Das wird er nicht thun, unſer junger Freund,“ be⸗ merkte der kleine Thiermaler, indem er den Kopf ſcharf auf die rechte Seite wandte.„So viel ſchlechte Eigenſchaften Tannhäuſer auch hat, mit Lügen gibt er ſich nicht ab. Hat er alſo keine Abenteuer erlebt, ſo erzählt er uns auch keine; iſt ihm aber wirklich etwas vorgekommen, was ſich wie ein Abenteuer anläßt, ſo erzählt er es wieder nicht; darauf könnt ihr euch verlaſſen.— Hab⸗ ich recht oder nicht?“ Der Tannhäuſer hatte Franceska, die ihm ruhig mit ihren großen Augen entgegenblickte, die Hand gereicht und ſich dann auf den Stuhl niedergelaſſen, der an der Stelle ſtand, wo er immer zu ſitzen pflegte. „Diesmal haſt du recht,“ gab er ſeinem Freunde Wulf zur Antwort;„ich kann dir in der That kein Abenteuer erzählen, da ich, wie du vorhin angedeutet, keines erlebt habe.— Es ging alles ſeinen gewöhnlichen Gang, wie es bei vornehmen Leuten zu gehen pflegt. Vor dem Diner wurde geplaudert; es waren nur wenig Perſonen da, eigent⸗ lich niemand Fremdes außer mir; denn den alten Herrn, Stimmungen. 12³ der mit der Fürſtin hier im Atelier war, kann man auch als Angehörigen des Hauſes betrachten.“ „Als Anhängſel wenigſtens,“ meinte der Thiermaler, indem er mit dem kleinen Finger die Aſche in ſeinem Por⸗ zellanpfeifenkopf zuſammendrückte. »Es wurde vor Tiſch etwas Weniges geplaudert,“ fuhr Tannhäuſer fort,„dann ſehr gut gegeſſen, nachher Kaffee getrunken und wieder geplaudert. Darauf empfahl ich mich und machte noch einen Spaziergang um die Stadt.— Es iſt ein wunderbarer Abend.“.— „Wie war die Fürſtin angezogen?“ fragte das junge Mädchen nach einer Pauſe.„Gewiß ſehr ſchön. Was trug ſie für ein Kleid?“ „Ein weißes, ohne alle farbige Verzierung, nur mit Quaſten und Bändern beſetzt.“ „Das muß ſchön ſein,“ ſagte Franceska;„ſo ein weißes Kleid muß außerordentlich gut ſtehen.“ Lag in dieſem Momente im Klange ihrer Stimme etwas Eigenthümliches oder leuchtete ihr Auge nicht ſo klar und heiter wie gewöhnlich— genug, ihr Vater ſchaute ſie mit einem innigen Blicke an, legte ſanft ſeine Rechte auf ihr Haupt und ließ dieſelbe auf dem glatten, vollen Haare hinabgleiten bis zu ihrer Wange, wo ſie alsdann mit ihren Fingern die Hand des Vaters umfaßte und innig an ihr Geſicht drückte. Dabei zwang ſie ſich zu einem Lächeln, aber es war kein Lächeln, wie es aus einem heiteren oder glücklichen Herzen kommt. Sechstes Kapitel. Nach einer Pauſe ſagte der Bildhauer:„Und was das Geſchäftliche anbelangt, haben Sie etwas mit der Fürſtin ausgemacht?“ „Ueber die Sitzungen?“ „Ja. Und über das Zimmer, wo Sie das Portrait malen ſollen?“ Tannhäuſer mußte geſtehen, über das Zimmer nichts Näheres vernommen zu haben; es ſei waͤhrſcheinlich von der Fürſtin vergeſſen worden, darüber zu ſprechen. Da ſie ihn aber gebeten, morgen früh zu ihr zu kommen, ſo würde das ja in kurzer Zeit abgemacht ſein. Der kleine Thiermaler nickte auffallend mit dem Kopfe; er hatte ſeine kurze Pfeife aus dem Munde genommen und zeichnete mit der Spitze des Porzellanwaſſerſacks Figuren in die Tabaksaſche, welche vor ihm lag. „Ja, ja— hm, hm!“ ſagte er nach einem längeren Stillſchweigen der ſämmtlichen Anweſenden, während wel⸗ chem man das Concert der benachbarten Fröſche auf's deut⸗ lichſte hörte.„Dann wird dein Atelier wohl für längere Zeit leer ſtehen.— Ich an deiner Stelle,“ ſetzte er in etwas ſcharfem Tone hinzu,„würde es lieber jemand An⸗ derem vermiethen. Da iſt Krauß, der ſucht eines, oder Becker.“ Franceska hatte etwas an der Lampe geſtochert und dieſe, gewiß ganz zufällig, ſo gedreht, daß tiefer Schatten auf ihr Geſicht fiel. Stimmungen. 125 „Du thuſt gerade,“ entgegnete Tannhäuſer ſeinem 6 Freunde,„als ob ich im Begriffe wäre, aus der Welt zu gehen. Wie lange werde ich denn brauchen, bis ich jenes Portrait gemalt habe?— Acht bis zehn Sitzungen, meinet⸗ wegen vierzehn Tage. Und es wird ſich wohl der Mühe verlohnen, für dieſe Zeit ein ſo angenehmes Atelier weg⸗ zugeben, ſo in der nächſten Nachbarſchaft meiner beſten Freunde! Aber du ſcheinſt wieder einmal Luſt zu haben, mir meinen Abend zu verderben.“ Wulf that gar nicht, als ob er die letztere Aeußerung vernommen, ſondern ſagte in Beziehung auf den erſten Theil der Antwort ſeines Freundes:„Freilich, darin haſt du recht. Wegen einer Abweſenheit von vierzehn Tagen dein Atelier aufzugeben wäre allerdings thöricht; ſelbſt nicht wegen vier Monaten.„Aber,“ fuhr er in ſehr langſamem Tone fort,„ich hatte nur gemeint, wenn du es vielleicht vorausſichtlich längere Zeit nicht benutzen würdeſt,— in dem Falle—“ „Weißt du was, Wulf,“ unterbrach dieſen hier Tann⸗ häuſer in einem ärgerlichen Tone, nich kenne deine Meinun⸗ gen ſo ziemlich. Du haſt wieder einmal deine unangeneh⸗ men Stunden, wo es dir ein Vergnügen macht, deine Um⸗ gebung, ſeien es nun Menſchen oder Affen, zu reizen. 2 „Die letzteren reize ich nie,“ entgegnete der Thiermaler mit großer waisliügk. ndenn ſie geben mir keine Ver⸗ 126 Seechstes Kapitel. „Nun ja, nun ja,“ ſagte der Andere unmuthig;„du ſollſt ja recht haben. Aber ſprechen wir von was Anderem.“ Und das geſchah denn auch; die Bekannten blieben noch eine Zeitlang hier beiſammen ſitzen und ſprachen über die maleriſche Wirkung des Lichtes auf die Blätter der Veranda, ſowie auf die feinen Stämmchen und Ranken der wilden Rebe, die überall umherkletterte, über den eigenthümlichen Duft der warmen Nacht, und daran knüpfte der Bildhauer Piſani Erinnerungen aus ſeinem ſüdlichen Vaterlande und erzählte noch lange von Rom, namentlich von der wunder⸗ bar gefärbten Campagna. Später ſah man dann aus der Veranda drei Lichter nach drei verſchiedenen Richtungen ſich fortbewegen, der Bildhauer ging mit Franceska ins Haus, Wulf noch zu ſeinem kleinen Affen, um ihm das Lager zu bereiten, der Tannhäuſer aber ſtieg in ſein Schlafzimmer hinauf. Warum ſetzte ſich das junge Mädchen, als ſie in ihre Kammer gekommen, an ihren Tiſch, legte den Kopf auf die Hände und weinte lange und bitterlich? Wußte ſie es. denn ſo ganz genau, daß ſie heute Abend mit dem Tann⸗ häuſer zum letztenmale unter der Veranda geſeſſen? Siebentes Kapitel. Ein Modell. Als ber Tannhäuſer am andern Morgen etwas früher als gewöhnlich aufgeſtanden war, arrangirte er ſogleich ſeinen Malkaſten; er ordnete alles darin ſo ſauber wie möglich, erſetzte die ſtark gebrauchten Farbenblaſen durch neue, ſuchte die nöthigen Pinſel zuſammen, putzte die Pallette auf's ſorgfältigſte und packte dann alles in einen kleinen hölzernen Kaſten. Hierauf machte er ſeine Toilette, nicht gerade be⸗ ſonders ſorgfältig wie geſtern zum Diner, vielmehr heute mit einer etwas koketten Nachläßigkeit. Der kleine Thiermaler war ebenfalls aus ſeinem Bette herausgerollt— er pflegte dieſe Art des Aufſtehens jeder andern vorzuziehen— dann ſtreckte und dehnte er ſich auf dem Teppich, welcher auf dem Boden lag, um ſich ſo, wie er ſagte, auf ſein ſtrapaziöſes und mühſames Tagewerk Siebentes Kapitel. vorzubereiten, und zog alsdann eines ſeiner unentbehrlichſten Kleidungsſtücke an, um hierauf an ſeine erſte Morgenbeſchäf⸗ tigung, die Bereitung des gemeinſchaftlichen Kaffees zu gehen. Er that das abwechſelnd pfeifend und ſingend, wie gewöhn⸗ lich, nachdem er aber zuvor die beiden Fenſter des Schlaf⸗ zimmers weit geöffnet, um die liebe Sonne hereinſpazieren zu laſſen. Dieſe ſchien aber auch heute ſo golden und präch⸗ tig über Berg und Thal, daß Einem das Herz nicht nur im Leibe lachen, ſondern ſich auch unwillkürlich auf den Zügen wiederſpiegeln mußte, wenn man in den klaren, herrlichen Morgen hinausſchaute. Und dabei war es ein bischen kühl, aber es herrſchte jene angenehme Kühle, die uns wohl thut, wenn wir dabei an die Wärme des Mittags denken. Draußen zitterten die Blätter der Bäume ordentlich vor Wohlbehagen, die Blumen neigten verſchämt ihre Köpfe vor dem Kuß der Sonne, wie junge Mädchen beim Pfänderſpielen, Häuſer und vor allem die Fenſterſcheiben glänzten wie gediegenes Gold und der Raſen, ſoweit man ihn erblickte, war bedeckt mit Milliarden von Brillanten,— eine koloſſale Verſchwendung. Der kleine Thiermaler hatte nicht genug daran, daß er mit weit aufgeſperrtem Munde⸗ die friſche Morgenluft einathmete, er ſuchte ſich auch noch mit den ausgeſpreizten Händen ſo viel davon zuzuwedeln wie nur möglich. Das war ſein geiſtiges Vorfrühſtück, wie er es nannte. Sodann ging es an die Zubereitung des wirklichen. „Wenn mein Vater eine weite Reiſe machte,“ ſprach er, 1 Ein Modell. 199 indem er den Kaffee in die Blechmaſchine that,„ſo pflegte meine Mutter, die eine ſparſame Hausfrau war, eine Bohne mehr in die Mühle zu thun, und das geſchah, um meinen Erzeuger daran zu erinnern, daß es nicht bloß in den Wirths⸗ häuſern einen guten Kaffee gebe.— Unter dem Wenigen, was ich von meinen Eltern geerbt, befindet ſich auch dieſe koſtbare Erinnerung, und die werde ich nun hier praktiſch an⸗ wenden.“ „So willſt du verreiſen?“ fragte Tannhäuſer in einem etwas affektirt gleichgültigen Tone. „Ich?“ gab der Andere verwundert zur Antwort.„Ich bin der Zurückbleibende; du gehſt in die Welt hinaus.“ „Schon wieder die alten abgedroſchenen Späße. Ich kann es nicht faſſen, wie man ein Vergnügen daran haben kann, andere Menſchen immer zu necken und zu plagen.“ Der kleine Thiermaler hielt ſeine beiden Hände auf das Blechgefäß und ſchaute mit einem langen Blicke nach ſeinem Freunde herüber. Dieſer Blick hatte anfänglich etwas Ko⸗ miſches; nach und nach aber wurde er ernſter, düſter, weh⸗ müthig. „Und ich kann es nicht faſſen,“ ſagte er dann nach der ſo entſtandenen langen Pauſe,„wie ein ſonſt ſo verſtändiger Menſch über ſich ſelbſt ſo verblendet ſein kann. Oder biſt du es wirklich, Richard? Wandelſt du in der That ſo förm⸗ lich arglos dem Abgrunde zu, den deine Blicke nicht ſehen wollen, weil ihn deine eigene Einbildungskraft mit bunten Hackländer, Tannhäuſer. I. 9 4 130 Siebentes Kapitel. üppigen Blumen zudeckt?— Ich ſpreche da wie ein Buch,“ ſetzte er ſich ſelbſt perſiflirend hinzu, indem er die Achſeln zuckte,„und ſehe ſchon, es macht auf dich nicht die geringſte Wirkung.“ „Was ſollte es auch!“ entgegnete der Andere unwillig. „Glaube mir, ich habe es endlich einmal ſatt, ſo von euch allen wie ein kleines Kind behandelt zu werden, jeden meiner Schritte bekritelt zu ſehen und immer zu hören: Tann⸗ häuſer, du mußt das nicht thun, und das nicht, und das nicht.— Teufel auch! das wird langweilig. Und doppelt lächerlich iſt es von dir, aus dieſer an ſich einfachen Ge⸗ ſchichte ein ſolches Leben zu machen. Ich gehe dahin, male eine vornehme Dame, weil ſie mich bittet, die Sitzungen in ihrem Hauſe zu halten; dabei ſcheint es euch ein großes Unglück, daß die Dame jung, ſchön und reich iſt.— Im Gegentheil, das halte ich für ein Glück; ich werde ein Bild malen, das Aufſehen erregt, ich werde gut bezahlt werden— alſo Ehre und Geld, was will ich mehr?“ „Namentlich des letzteren recht viel,“ gab der kleine Thiermaler gelaſſen zur Antwort;„daran zweifle ich nicht. Aber was die erſtere anbelangt, ſo wollen wir ſpäter viel⸗ leicht wieder darüber ſprechen.— Ich waſche meine Hände.“ Er ſtrich ſeine beiden Handflächen einen Augenblick gegen einander. „Nein, Wulf,“ fuhr Tannhäuſer nach einer längeren Pauſe in weicherem Tone fort;„laß deine Neckereien ſein. Ein Modell. 131 Ich verſichere dich, du haſt vollkommen Unrecht; in vierzehn Tagen iſt, ſo Gott will, das Bild vollendet, und dann wirſt du über deine eigenen Worte lachen.“ „Ich werde nicht darüber lachen,“ ſagte kopfſchüttelnd und auffallend ernſt der Thiermaler.„Aber Andere werden darüber weinen, und das thut mir jetzt ſchon recht weh. Ich bin einmal ein ſo närriſcher Kerl, der ſich gern um Andermannsleiden und Schmerzen bekümmert. Ich könnte was von deinem Leichtſinn gebrauchen, Tannhäuſer.“ Dieſer wollte zornig auffahren, doch ſchien er ſich eines Beſſern zu beſinnen; er zuckte die Achſeln und ſagte dann nach einer Pauſe mit großer Ruhe:„Wulf, du biſt unver⸗ beſſerlich; aber es wäre eine Sünde, wenn man ſich über dich ärgern wollte. Wenn du mich jedoch noch ein wenig lieb haſt, ſo verdirb mir den Morgen nicht mit deinen prophetiſchen Sprüchen. Es kann ja das doch alles nichts nützen.“ Der kleine Maler ging auf ſeinen Freund zu, legte die Hand auf deſſen Arm und ſprach:„Daß es leider nichts nützen kann, weiß ich nur allzugut; aber es gibt etwas, das man Freundespflichten nennt, und die erkenne ich an und deßhalb habe ich ſo zu dir geſprochen. Ja, um noch einmal prophetiſch zu reden, will ich dir jetzt ſagen,— und vergiß es nicht,“ ſetzte er mit erhöhtem Tone hinzu— „daß eine Zeit kommen wird, wo du mich vielleicht am Kragen nimmſt und mich derb ſchüttelſt und dazu ſprichſt: 132 Siebentes Kapitel. Kerl, miſerabler! Damals warſt du zehn Jahre älter als ich, du kannteſt meine Verhältniſſe und—— Franceska genau, du mußteſt mir damals ſagen: ein— GElender, wenn du, der Beau, der du biſt, du, der gute, leichtſinnige Menſch, zu jener Lubanoff gehſt, um ſie zu malen!⸗ „Wulf!“— Der kleine Maler ſtreckte die Rechte von ſich ab und fuhr in gewöhnlichem Tone fort:„Schrei nicht ſo, Tann⸗ häuſer, ich ſage dir nichts; du haſt nur von mir gehört, wie du einſtens zu mir reden wirſt.— Ja, einſtens, ſo wahr die Sonne ſcheint; du wirſt ſo zu mir ſprechen.— Aber jetzt kein Wort mehr davon. Ihr Freunde, ſeht, es ſtrahlt der Morgen. Und unſer Kaffee iſt auch fertig.“ 3 „Man muß dir ſchon recht viel zu Gute halten,“ meinte Tannhäuſer, und zu dieſen Worten wollte er lachen, brachte es aber nur zu einem leichten Lächeln, und auch dieſes ſah melancholiſch genug aus. Wulf hätte, wie er ſich auch eben ausgedrückt, nicht mehr von dem Bilde angefangen, das ſein Freund zu malen hatte, noch von den Folgen, welche es für dieſen haben konnte; doch konnte es der Tannhäuſer ſelbſt nicht laſſen, während ſie, wie ſchon ſo ſehr oft bei ihrem Kaffee ſaßen, heute am geöffneten Fenſter, anſcheinend mit aller Gleich⸗ gültigkeit davon zu ſprechen. 4 Ein Modell. 133 „Ich kann dich verſichern,“ ſagte er,„das muß ein ganz famoſes Bild werden, und es ſoll dem Namen Tannhäuſer einen guten Klang beifügen.“ „Ja, ja,“ brummte der kleine Thiermaler vor ſich hin, dann fuhr er nach einer Pauſe fort, ohne ſeinem Freunde auf die vorhin gethane Aeußerung eine Antwort zu geben: „Weißt du, was ich allein fürchte und was mir ſo lebhaft vorſchwebt, daß es geſchehen werde?— Ich meine immer der alte Herr, der geſtern mit deiner Fürſtin da war, wird Veranlaſſung nehmen, ſich hier herum viel zu ſchaffen zu machen. Es könnte das aber Unannehmlichkeiten für ihn herbeiziehen; deßhalb glaube ich, es wäre gar nicht übel, wenn du ihn ein bischen davor warnteſt, ſich hier außen allzuviel umherzutreiben.“. „Du ſiehſt wie immer alles ſchwarz,“ entgegnete der Andere;„wenn er auch einmal käme, was thut's? Ich bin ja auch da.“ „So, du biſt auch da?“ ſagte Wulf in ganz eigen⸗ thümlichem Tone.„Ja, wenn du da biſt; iſt es freilich etwas ganz anderes. Nun, wir wollen ſehen, bakulum! wie der Türk ſagt. Das Wort gefällt mir, weil es mit ſonſt was eine ſo angenehme Aehnlichkeit hat. Auf alle Fälle aber kann ich dich verſichern, daß ich da ſein werde, — und feſt.— Nimmſt du noch ein wenig Kaffee?“ ſetzte er darauf in gleichgültigem Tone hinzu;„du mußt ihn nicht verſchmähen, ich habe eine Bohne mehr dazu gethan, als 134 Siebentes Kapitel. gewöhnlich. Du weißt ſchon weßhalb.— Und nun wollen wir für heute die Abſchiedspfeife rauchen. Willſt du eine irdiſche oder nimmſt du meine türkiſche?“ „Ich werde heute Morgen gar nicht rauchen,“ verſetzte Tannhäuſer;„man muß doch ein wenig Rückſicht nehmen wenn man eine Dame malt.“ „Da wird es dich am Ende auch geniren, wenn ich rauche?“ „Bei offenen Fenſtern ganz und gar nicht.“ „Nun, das iſt mir recht lieb.“— Darauf fing der kleine Thiermaler an zu rauchen und zwar aus einer langen irdenen Pfeife, wobei er ſich dicht ans Fenſter ſetzte, nicht wegen des Anzuges ſeines Freundes, ſondern weil es ihm Vergnügen machte, den blauen Rauch ſo fein gekräuſelt vor ſich aufſteigen zu ſehen und ihn mit den Augen zu verfolgen, wie ſich ſeine Ringe langſam ver⸗ ſchoben, immer weiter ſich auseinander zogen und dann in Nichts vergingen. Er konnte dabei ſo gut ſeinen wachen Träumereien nachhängen. Der Tannhäuſer ging im Zimmer auf und ab, nachdem er ſeinen Malkaſten zugeſchloſſen, und bald darauf griff er nach ſeinem Hute und reichte ſeinem Freunde die Hand. „Adieu, Wulf,— bis heute Abend!“ „Bis heute Abend, Tannhäuſer.“ 7 Der Letztere ging zur Thür hinaus, der kleine Thier⸗ maler aber blieb am Fenſter ſitzen und war einen Augen⸗ * Ein Modell. 135 blick nachher ſo in tiefe Gedanken verſunken, daß er es nicht zu bemerken ſchien, wie die irdene Thonpfeife ſeinen Fingern entglitt, aus dem Fenſter fiel und drunten in kleine Stücke zerſchmetterte. Im Hofe traf Tannhäuſer Franceska, die im Schatten ihrer Veranda ſaß und einige Veilchen zuſammenwand. Ihr Geſicht war wie gewöhnlich, nicht heiter, nicht betrübt, aber ruhig und freundlich. „Die Blumen ſind für dich,“ ſagte ſie,„aber behalte ſie, gib ſie nicht weg.“ „Wie ſollte ich ſie weggeben, Franceska, da ich ſie von dir erhalten! Sind ſie mir nicht lieb und werth?“ Sie hob ihre rechte Hand leicht gegen ihn empor, wobei ſich jetzt in ihr Lächeln nur für eine Sekunde lang etwas Trübes miſchte; dann wiederholte ſie ihre Worte von vor⸗ hin:„Gib ſie nicht weg, mehr kann ich ja nicht verlangen.“ „Ich verſichere dich, Franceska, daß ich ſie gut aufbe⸗ wahren werde,“ gab Tannhäuſer ihr zur Antwort, während er ihr ſeine Hand entgegenſtreckte, in welche ſie zögernd die ihrige legte. Dabei ſah ſie ihn mit einem tiefen, innigen Blicke an, ſo daß es ihm ſo ſonderbar ſchwer um's Herz wurde. „Gewiß, Franceska,“ ſagte er,„ich werde deine lieben Blumen aufbewahren, ich werde ſie dir ſpäter wieder zeigen.“ „Wie Gott will!“ flüſterte das Mädchen, aber ſo leiſe, daß er es nicht verſtand. Dann nickte ſie dem jungen Manne zu und ging in das Haus. 3 136. Siebentes Kapitel. Tannhäuſer ſchritt durch den kleinen Gemüſegarten da⸗ hin, mußte aber hier noch einmal halten, denn zwiſchen den ſchnurgeraden Reihen der friſchgrünen Erbſen, die eben aus dem Boden hervorgebrochen waren, ſah er den Vater Pi⸗. ſani gebückt ſtehen, wie er emſig die Pflänzchen betrachtete und ſich an dem kräftigen Wachsthum derſelben freute. Er rauchte eine ſeiner langen dünnen italieniſchen Cigarren und als er den jungen Maler in dem nittleren breiten Wege ſtehen ſah, winkte er dieſem freundlich mit der Hand und rief ihm zu:„Macht ein ſchönes Bild, Tannhäuſer, und macht alles ſo, daß wir uns darüber freuen. Ihr habt Euer Glück in der Hand, ſo glaube ich. Addio— caro!“ Der junge Maler winkte dem alten Manne freundlich mit der Hand, dann beeilte er ſich, ſeinen Weg fortzuſetzen, und ließ gleich darauf den Garten hinter ſich. Ihn aus den Augen zu laſſen, ſowie auch die zwei beſcheidenen Häuschen, in denen heute Morgen die Fenſter ſo golden um Strahl der Morgenſonne glänzten, wollte und konnte er nicht ſogleich. Bei einer leichten Biegung des Weges — es befand ſich da eine Linde und eine ſteinerne Bank, auf der die Bauernweiber ausruhten, wenn ſie Gemüſe zur Stadt brachten— blieb Tannhäuſer ſtehen und blickte rückwärts. Er lehnte den Arm an den Stamm der Linde und ſtützte ſeine Stirn auf die Hand. Hatte er früher alle Worte des kleinen Thiermalers verlacht, wirklich verlacht oder nur ſo gethan, ſo mußte er ſich jetzt eingeſtehen, daß 1 — — Ein Modell. 137 ſie ihm doch ſchwer auf das Herz gefallen waren und er ſich nun derſelben aufs lebhafteſte erinnerte; es war ihm gerade zu Muth, als nehme er für längere Zeit Abſchied von dem Orte, wo er ſo gute, ſo glückliche Stunden ver⸗ lebt hatte. Er fühlte ſein Herz bewegt, gedrückt, ja, ein paarmal war es ihm, als thäte er beſſer daran, wieder umzukehren und den Auftrag, der ihm geworden, nicht auszuführen. Dann aber verlachte er, und wie er glaubte, mit vollem Recht, einen ſolchen Gedanken, nannte ihn und ſich ſelbſt kindiſch und raffte ſich gewaltſam auf, um ſeinen Weg fort⸗ zuſetzen. Aber dies ging nicht ſo ganz leicht. Noch einige Mal blickte er ſehnſüchtig zurück, und ſein freundliches Ate⸗ lier trat lebhaft vor ſein inneres Auge: ſein angefangenes Bild, ſeine Geräthſchaften, ſeine Waffen, an denen er lange geſammelt, und dann öffnete ſich die Thür und Franceska trat herein mit ihrem munteren Eccolo! Es war ihm, als ſollte er dies alles nicht wieder ſehen, und wenn dieſes Wiederſehen auch nicht buchſtäblich zu verſtehen war, ſo fühlte er doch ſelbſt auf Augenblicke, ſein Leben werde ſich von heute an ändern. „Und wenn auch! iſt es nicht vielleicht mein Glück?“ ſagte er trotzig, und dann riß er ſich los und ſchritt der Stadt zu. Aber es war noch ein anderer Gedanke, der ihn dorthin zog, der, wenn er ihn ſich ausmalte, ſein Herz ſchneller ſchlagen machte, ſeinen Athem erſchwerte. Siebentes Kapitel. Der Thiermaler konnte und wollte aber am heutigen Tage nicht arbeiten. Er war wie gewöhnlich ins Atelier hinunter gegangen, er hatte ſich vor ſeine Staffelei geſetzt, ſein Bild betrachtet, fand aber an den Schwänzen ſämmt⸗ licher Affen heute ſo viel auszuſetzen, daß er ſich mißmuthig erhob und in den Hof ging, wo Franceska wieder unter der Veranda ſaß mit einer Näharbeit beſchäftigt. „Heute thäteſt du mir einen rechten Gefallen eu rief er ihr zu,„wenn du ein bischen ins Atelier kämeſt und mir bei der Arbeit zuſchauteſt. Ich glaube, dann könnte es allenfalls gehen.“ Sie ſchüttelte mit dem Kopfe und dann gab ſie zur Antwort:„Nein, ich mag nicht gern; ich war ſoeben darin und habe dem Joco etwas gebracht; aber es iſt dort heute ſo kühl, es hat mich ordentlich gefröſtelt.“ „Ja, kühl iſt es dort,“ ſagte Wulf,„das habe ich auch gefühlt, und deßhalb bleibe ich lieber in der Sonne. Ich will ein paar Beſuche in der Nachbarſchaft machen.“ Und ſo that er auch: er zog ſeinen ſchwarzen, ſehr kurzen Sammtrock an, ſetzte eine Mütze auf, die wie ein Barett ausſah, und ging, die Maler Krauß und Becker zu beſuchen. Dieſe hatten ſich in einem der Häuſer nicht weit von dem ſeinigen, und wie dieſes ebenfalls in einem Garten gelegen, ein proviſoriſches Atelier auf einem Heuboden ein⸗ gerichtet, der einen ſehr großen Dachladen hatte, welcher . Ein Modell. 4 139 zufällig gegen Norden ging. Es waren ein paar fleißige Landſchafter, die Beiden, die ſich ſchon etwas verdienten und gern die größere Miethe für ein beſſeres Atelier be⸗ zahlt hätten, wenn nur ein ſolches in der Nachbarſchaft zu bekommen geweſen wäre. „Wer weiß!“ ſagte der Thiermaler, der es ſich auf dem Bette des einen der Freunde wie auf einem Sopha bequem gemacht hatte.„Wer weiß! Ich glaube nicht, daß Tann⸗ häuſer noch gar zu lange da bleibt, und was mich anbe⸗ langt, ſo muß ich auch ſchon geſtehen, daß es mich lange gereizt hat, ein bischen die Welt zu betrachten.— Das wäre eine Gelegenheit für euch.— Nun, kommt Zeit, kommt Rath.“ Er verſprach den Beiden, vorkommenden Falles an ſie zu denken und dann ging er auf einem großen Um⸗ wege nach Hauſe zurück. Dieſer Umweg führte ihn auch an der Linde vorbei wo der Tannhäuſer vorhin geſtanden und nach den beiden kleinen Häuſern hinüber geblickt. Wulf blieb hier ebenfalls ſtehen und ſprach zu ſich ſelber:„Was gräme ich mich da und plage mich mit Sachen ab, die doch nicht zu ändern ſind. Nichts währt überhaupt ewig auf dieſer Welt, und wenn er wegbleibt, wenn ſie vielleicht auch mit ihrem Vater fortzieht— der Alte ſpricht ja häufig davon, nach Italien zurückzukehren— ſo ſoll es mir auch weiter keinen Kummer machen, mein Bündel ſchnüren zu müſſen und mir die Welt ein bischen anzuſehen.“ 140 Siebentes Kapitel. Er ſchlenderte langſam durch den Gemüſegarten nach dem Hauſe zu, und die Sonne, welche recht warm ſchien, that ihm am heutigen Morgen beſonders wohl. Er wollte zum Bildhauer Piſani hinein, als er aber in den Haus⸗ gang trat und ſich eben rechts nach der Thür des Ateliers wenden wollte, hörte er vom Hofe her eine fremde Stimme laut lachen. Das änderte augenblicklich ſeine Abſicht, und er trat raſch unter die Veranda, um nachzuſehen. Der kleine Thiermaler hatte ein ahnungsvolles Gemüth und er wußte faſt im Voraus, daß er hier den alten ſo ſehr freundlichen Herrn finden würde, der auch in der That da war, der auf einem Stuhle vor Franceska ſaß und vorhin ſo laut und vergnügt gelacht hatte. War es Abſicht oder Zufall?— genug, er hatte ſich mit ſeinem Stuhle ſo an den Tiſch und vor das junge Mädchen hin poſtirt, daß dieſes nicht ihren Platz verlaſſen konnte, wenn ſie das auch gewollt hätte. Das ſah Wulf mit einem einzigen Blicke, und darum trat er auch mit einer recht feindſeligen Miene näher, wobei er kaum mit einem Finger an ſein Barett langte, als ihm der alte Herr ſo außerordentlich freundlich lächelnd mit der rechten Hand entgegenwinkte und rief: „Ach! da kommt ja unſer Freund.“ „Ich bin wohl recht lange ausgeblieben, nicht wahr, Franceska?“ wandte ſich der kleine Maler an das Mädchen. „Nicht wahr, viel zu lange? Ja, ja, ich kann mir's wohl denken!“ Damit faßte er den ſchweren Tiſch an einer Ecke Ein Nodell. 141 und drückte ihn ſo ſcharf auf die Seite, daß es den alten freundlichen Herrn faſt genirt hätte. Doch bekam dadurch Franceska einen Ausweg, den ſie auch ſogleich benützte und mit einem leichten Kopfnicken in das Haus eilte. Wulf nahm ſogleich auf dem leeren Stuhle Platz, legte beide Arme auf den Tiſch und ſchaute den alten, ſo überaus freundlichen Herrn mit einem feſten, gerade nicht zu wohl⸗ wollenden Blicke an. „Das iſt hier ein kleines, recht angenehmes Haus,“ ſagte dieſer und dabei blickte er rings umher.„Sehr an⸗ genehm.“ „„O ja, recht angenehm,“ wiederholte der Maler grin⸗ ſend.„Darf ich mir vielleicht erlauben, zu fragen, was uns die außerordentliche Ehre verſchafft hat, Euer Gnaden ſchon wieder hier zu ſehen?“ Der Ton, mit welchem er dies ſagte, ließ den Sinn ſeiner Frage durchaus nicht verkennen. Doch ging der alte freundliche Herr begreiflicher Weiſe nicht darauf ein; er machte vielmehr eine ſo heitere Miene, lächelte ſo vergnügt, daß ſich der Raum zwiſchen der Naſenſpitze und ſeinem Kinn außerordentlich verkleinerte, und antwortete, indem er mit ſichtlichem Vergnügen lachte:„Ich habe geſtern ſchon erkannt, daß Sie ein kleiner Spaßmacher ſind, und Sie ſehen, ich nehme das ſo auf und finde mich ganz in Ihre Art zu reden. Was ich aber hier ſuchte, mein Verehrteſter, das ſind Sie vor allen Dingen nicht.“ Seine grauen, ſcharfen Siebentes Kapitel. Augen leuchteten eine Sekunde lang ſcharf.„Da es mir ſo gefällt,“ ſetzte er ruhig und immer lächelnd hinzu,„ſo will ich Ihnen ſagen, daß ich hieher kam, um zuerſt nach Herrn Tannhäuſer zu ſehen.“ „Der iſt nicht da,“ verſetzte Wulf ſehr kurz.„Und das wiſſen Euer Gnaden wahrſcheinlich auch, und ebenſogut, wo er ſich befindet.“ „Wo er ſich befinden könnte, kann ich mir allerdings denken,“ gab der Graf Portinsky zur Antwort;„aber daß er ſich ſchon ſo früh aufmachen würde, das hätte ich mir nicht gedacht. Schön, ſchön, er zeigt Eifer für die Sache, und das gefällt mir.— Ihr Freund, Herr Tannhäuſer, kann es zu etwas bringen,“ fuhr er fort, und dabei ſtrahlte ſein Geſicht ordentlich vor Wohlwollen.„Er iſt ein guter Künſtler, ein ſehr angenehmer und dabei äußerſt höflicher Mann.— Apropos!“ ſagte der alte Herr darauf mit einem ganz andern Tone,„ich ſah auch geſtern auf Ihrer Staffelei ein wie mir ſchien nahezu fertiges Bild, ein allerliebſter Blick in die Thierwelt. Dürfte ich mich vielleicht nach dem Preiſe dieſes Bildes erkundigen?“ Der kleine Thiermaler hatte den Ellenbogen auf den Tiſch geſtützt und verſetzte, indem er ſich ebenfalls einer außerordentlichen Freundlichkeit befleißigte und dabei ſein Kinn ſtreichelte:„Und warum wünſchen Euer Gnaden den Preis des Bildes zu wiſſen? Ich glaube nicht, daß dazu ein Grund vorhanden iſt, was auch Euer Gnaden einleuch⸗ Ein Modell. 143 ten wird, wenk ich Ihnen ſage, daß das bewußte Bild nicht zu kaufen iſt, da ich nur auf Vorausbeſtellung ar⸗ beite.“ 1 „Ah! nur auf Vorausbeſtellung?“ „Nur auf Vorausbeſtellung!“ wiederholte der kleine Thiermaler in ſehr entſchiedenem Tone.„Und da es noch eine gute Anzahl von Gallerien und Muſeen gibt, die noch mit keinem Wulf geſchmückt ſind, ſo habe ich noch mehrere Jahre angeſtrengt zu arbeiten, um allen Nachfragen ge⸗ nügen zu können.“ „Nachfrage nach Affenſchwänzen?“ „Verſteht ſich! Oder auch nach Affen in ganzer Größe; ich male auch ſolche, ſobald mir ein paſſendes Modell dazu aufſtößt.“ Der Blick, den der kleine Thiermaler bei dieſen Worten an der Figur des alten freundlichen Herrn hinabgleiten ließ, konnte nicht gut mißverſtanden werden, wenn man ihn verſtehen wollte, was aber bei dem Herrn Grafen durchaus nicht der Fall zu ſein ſchien, denn ſein Lächeln, mit welchem er ſagte, es verurſache ihm in der That einigen Kummer, daß er ſich alſo vorderhand keine Hoffnung machen könne auf den Beſitz eines ſo vortrefflichen Affenſchwanzes, war förmlich herzgewinnend, und daß es dieſe Wirkung auf das Gemüth des Herrn Wulf gärzlich verfehlte, zeigte deutlich, welch' verſteinertes oder verknöchertes Herz dieſer kleine Thiermaler in ſeinem Buſen trug. Es flammte in ſeinen 144 Siebentes Kapitel. Augen wahrhaft feindſelig auf, und denterredung hätte ſich vielleicht noch pikanter gefärbt, wenn nicht in dieſem Augenblicke Franceska unter der Thür erſchienen wäre und zum alten freundlichen Herrn geſagt hätte: ihr Vater ſei ſoeben in ſein Atelier gegangen, und es würde ihm recht angenehm ſein, den Herrn Grafen dort zu ſehen. Wulf zuckte faſt ſichtlich zuſammen und biß ſich auf die Lippen.. Der alte freundliche Herr dagegen ſchmunzelte auf's wohlgefälligſte, als das blühende junge Mädchen ſo mit ihm ſprach, und der Ausdruck dieſes Wohlwollens galt unbe⸗ dingt nur ihrer Perſon; denn über die Worte, welche ſie geſprochen, hatte er ſich einigermaßen geärgert.— Das iſt eine eigenthümliche Sorte von Künſtlern hier, dachte er; ich, der Graf Portinsky, laſſe da ſo einem miſerablen Bild⸗ hauer ſagen, ich wolle ſein Atelier ſehen, und ſtatt, wie es bei uns und auch ſonſtwo der Brauch iſt, mich mit der Mütze in der Hand an der Thür des Hauſes zu empfangen, läßt er mir ſagen, er ſei in ſeinem Atelier. „Ich danke, mein liebes, ſchönes Kind,“ ſprach er, trotz dieſes Ideengangs, doch änderte ſich dieſer plötzlich und es ſiel ihm ein, das reizende Mädchen könne ja auch den Vater abgehalten haben, heraus zu kommen, um die Botſchaft ſelbſt zu überbringen.— In dieſer Welt iſt alles möglich, dachte der Graf Portinsky. Deßhalb ſchnellte er hinter dem Tiſche mit einem unglaublichen Elan hervor, tänzelte auf — — Ein Modell. 145 Franceska zu, Wnd ehe dieſe noch eigentlich wußte, was dieſe unnatürlichen Bewegungen des alten Herrn bedeuten ſollten, hatte dieſer ſeinen rechten Arm ſchäckernd einen Augenblick um die ſchlanke Taille des jungen Mädchens ge⸗ ſchlungen,— wie geſagt, nur eine Sekunde, worauf er mit einer eleganten Verbeugung zurücktrat, denn er bemerkte wohl, wie ihr Auge plötzlich aufflammte, und er war doch noch nicht ganz gewiß, was ihm der nächſte Moment viel⸗ leicht bringen könne. Der kleine Thiermaler ſaß da, ſtarr vor Erſtaunen. Eine ſolche Keckheit war ihm noch gar nicht vorgekommen. Ehe er ſich aber von ſeiner Ueberraſchung erholte und mit ſich im Reinen war, es ſei das Paſſendſte, den alten zu⸗ dringlichen Herrn auf einmal niederzuſchlagen, war dieſer bereits in dem Atelier des Bildhauers verſchwunden und hatte durch ein ebenſo geſchicktes wie kühnes Manöver an der Thür das junge Mädchen ebenfalls genöthigt einzutreten. Vir haben bereits erwähnt, daß Herr Piſani ein ſehr wackerer Mann, aber kein überaus begabter Künſtler war; und wir müſſen dieſe Anſicht feſthalten, obgleich ſich der Graf Portinsky beim Erblicken der einfachen Werke hier geberdete, als ſei er in das Atelier eines neuen Canova oder Thorwaldſen getreten. Kleine Steinornamente, die er hier ſah, ſchienen ihm würdig, die ausgewählteſte Skulptur⸗ ſammlung zu zieren; einzelne Thonmodelle, mit denen Vater Piſani in ſeinen Freiſtunden kühne Verſuche angeſtellt, er⸗ Hackläüder, Tannhäuſer. I. 4 10 146 * Siebentes Kapitel. klärte er für die geiſtreichſten Entwürfe, die er in ſeinem Leben geſehen. Dabei lächelte er ſo glücklich, rieb ſeine Hände ſo behaglich an einander und ſchien ſo von Wohl⸗ wollen aufgelöst, daß man es vollkommen begreiflich fand, wie ſeine Naſe und ſein Kinn, mit fortgeriſſen vom wilden Strudel der Gefühle, die heftigſten Anſtrengungen machten, ſich zu nähern und zu küſſen. „Ich kann Ihnen nicht ſagen, mein verehrter und werther Herr,“ ſprach er mit leuchtenden Blicken,„wie glücklich es mich macht, hier einen Künſtler zu finden, der ſein großes Talent mit einer ſo gemüthlichen Beſcheidenheit verbindet.— Ich weiß nicht, ob ich die Ehre habe, von Ihnen gekannt zu ſein— Graf Portinsky, ein Verehrer der Kunſt und alles Schönen.“ Er erlaubte ſich bei dieſen Worten einen leichten Streifblick auf Franceska, welcher aber von dieſer gänzlich unbeachtet blieb. „Ganz unabhängig,“ fuhr er darauf fort,„ohne Familie, und reich genug, um in Bezug auf künſtleriſche Anſchaffun⸗ gen keine Opfer ſcheuen zu dürfen.— Bilder guter Meiſter habe ich ſchon ſo viele angekauft, um einen Gemäldeſaal in meinem Hotel zu Petersburg würdig ſchmücken zu können. Aber in Anſchaffungen von Werken der Bildhauerkunſt bin ich bis jetzt noch nicht glücklich geweſen. Und deßhalb freue ich mich ſehr, mein werther und hochverehrter Monſieur Piſani, zu Ihnen gekommen zu ſein.“. Der gute Bildhauer ſchüttelte leicht mit dem Kopfe, als Ein Modell. 147 der alte freundliche Herr ſo ſprach. Er war zu verſtändig und kannte, was er allenfalls zu leiſten vermochte, zu ge⸗ nau, um die exaltirten Lobſprüche nicht einigermaßen ver⸗ dächtig zu finden. Deßhalb ſagte er:„Sos dankbar ich auch für Ihre freundliche Anerkennung bin, Herr Graf, ſo bin ich doch überzeugt, daß Sie meine geringen Arbeiten gar zu günſtig anſchauen. Ja, wenn Sie Bedürfniſſe in Steinornamenten hätten, ſo glaube ich ſchon, Ihre Zufrie⸗ denheit erringen zu können; aber an Büſten und Statuen habe ich mich eigentlich noch gar nicht gewagt.“ „Daran hätten Sie ſich noch nicht gewagt?“ rief Graf Portinsky mit einem gut geſpielten Erſtaunen.„Und was ſind denn dieſe wunderbaren Modelle, die Sie hier um ſich aufgehäuft haben? Wäre nicht jedes davon werth, in Mar⸗ mor ausgeführt zu werden?— O Monſieur Piſani, Ihre Beſcheidenheit begeht eine Sünde an Ihrer Kunſt. Sehen Sie hier, den Entwurf dieſer Ceres. Da dieſe Venus— daneben die Tänzerin, dort eine Hebe.— Wundervoll! Gra⸗ ziös! Wie wäre ich glücklich, von dieſen Schätzen etwas mein nennen zu dürfen!“ Wird uns der geneigte Leſer glauben, daß ſich der gute Bildhauer Piſani, ein ſo beſcheidener und ſelbſtbewußter Mann er auch war, doch ſchmeichelhaft berührt fühlte von den exaltirten Worten des alten freundlichen Herrn?— Und es war ſo. Er betrachtete die kleinen Modelle ſeiner Hebe, ſeiner Tänzerin, ſeiner Venus, ſeiner Ceres— Ge⸗ 1 1438S Siebentes Kapitel. ſtaltungen, deren Mängel und Fehler ihm eben noch ſo deut⸗ lich erſchienen, etwas befriedigter, denn wenn er von dem ausgeſprochenen Lob auch hundert Prozente abzog, ſo blieb, wenn man die wahrhaft entzückten Blicke des Grafen be⸗ trachtete, doch noch genug übrig, um ſeine Arbeiten als kleine Kunſtwerke anzuſehen. „Nein, nein,“ fuhr der alte freundliche Herr fort,„ſo müſſen Sie mir nicht kommen, beſter und verehrter Freund. Haben Sie vielleicht einen andern Grund, nicht für mich arbeiten zu wollen? Wenn das der Fall wäre und wenn ſich derſelbe triftig genug erweiſen würde, ſo müßte ich allerdings zurücktreten. Aber, mein verehrter Freund, er darf nur triftig und haltbar ſein— der Graf hob feierlich die Hand in die Höhe— ſonſt trete ich nicht zurück— gewiß und wahrhaftig nicht; ſonſt ſage ich Ihnen ganz ein⸗ fach: Sie haben hier ein Atelier, Sie nehmen Beſtellungen an für Dieſen und Jenen, warum nicht auch für den Gra⸗ fen Portinsky? Darin muß mir ſogar Ihre Fräulein Tochter beipflichten, indem ſie vom Rechte meiner Forderung ſo überzeugt ſein wird, daß ſie in dieſem Falle ſelbſt gegen deen eigenen Vater ſprechen müßte. Habe ich nicht Recht, mein hochverehrtes Fräulein?“ Franceska war, wie ſchon bemerkt, von dem alten Herrn genöthigt worden, in das Atelier zu treten. Dort hatte ſie ſich gleich dicht an die Seite ihres Waters begeben, ſich aber ſo gewiſſermaßen einen Auswegz verf ſperrt, denn der Graf Ein Modell. 149 hielt ſich in der Nähe der Thür und beherrſchte dabei den Raum zwiſchen dieſer und Franceska mit ſeinen ruheloſen, ſo ſeltſam leuchtenden Blicken, vor welchen ſich das junge Mädchen ordentlich fürchtete und von ihnen gebannt in dem Gemache blieb. Auf die Appellation des Fremden an ſie wollte und konnte ſie indeſſen keine Antwort geben; auch trat der Vater für ſie ein, indem er mit einem nicht un⸗ angenehmen Lächeln verſetzte:„Wie ſollt' ich Gründe haben, für Sie, Herr Graf, nicht arbeiten zu wollen?— Aber wie ich Ihnen vorhin ſagte: ich kenne meine eigenen Kräfte ſo genau, daß ich es nicht wagen kann, gewiſſe Arten von Beſtellungen anzunehmen.“ „Wagen Sie es, wagen Sie es, mein verehrter Freund!“ ſagte der Graf mit einem ſeiner ſüßeſten Lächeln, und dabei bewegte er ſeine dünnen Lippen, als ſei er im Begriff, dort den feinſten Blüthenhonig abzulecken—„wagen Sie es!— Oder um denn in Ihre Beſcheidenheit einzugehen, ſo laſſen Sie mich's wagen. Ich wünſche alſo eine Statue von Ihnen, drei Viertel Lebensgröße in carariſchem Mar⸗ mor ausgeführt.“ „Das Material kommt ſchon ſehr hoch, erwiderte Herr Piſani mit Beſcheidenheit. 3 „Sehr hoch— was nennen Sie ſehr hoch? Habe ich nach dem Preiſe gefragt? Wird mir eine Arbeit von Ihrer Hand zu theuer ſein?— Gewiß nicht.“ Er ſchaute bei dieſen Worten auf den Bildhauer, nicht aber, ohne 150 Siebentes Kapitel. durch unaufhörliche Streifblicke auf dem Geſichte des jungen Mädchens nachzuſehen, ob ſie vielleicht nur ein einziges Mal ihr glänzendes Auge zu ihm erhebe, oder ob über⸗ haupt auf ihrem ſchönen Geſichte eine Bewegung wahrzu⸗ nehmen ſei. Aber dies war durchaus nicht der Fall; Franceska hatte ſich auf ein Piedeſtal niedergelaſſen und ſaß da, die Hände in den Schooß gelegt, ebenſo unbe⸗ weglich und anſcheinend ruhig, wie das Modell der Pſyche in der gleichen Haltung dort in der Ecke des Ateliers. „Ich bin ein eigener— Kunſtnarr,“ fuhr der alte Graf mit einer erſtaunlichen Lebhaftigkeit fort.„Wenn ich Sie bitte, mir eine Statue herzuſtellen und im Voraus den geforderten Preis genehmige, ſo habe ich allerdings noch kleine Nebenbedingungen.— Ich bin, wie ſchon ge⸗ ſagt, ein wirklicher Kunſt⸗Enthuſiaſt; ich ſchwärme für alles Schöne, und dabei iſt mir die Art des Entſtehens ſehr intereſſant. Sie müſſen mir, wenn Sie für mich arbeiten, deßhalb ſchon erlauben, daß ich häufig komme, um nach⸗ zuſehen, daß ich zuſchaue, wie Sie Ihren Meißel führen, daß ich mich freuen darf, wie das Werk ſich nach und nach unter Ihren Händen formt.“ Der Bildhauer Piſani war ein zu gutmüthiger und argloſer Mann, um in dieſem Wunſche ſeines vornehmen Gönners irgend etwas zu finden, was auch nur im ge⸗ ringſten unpaſſend wäre. Deßhalb nickte er lächelnd mit dem Kopfe und erwiderte:„Das könnte für mich nur eine Ein Modell. 151 * Ehre ſein, und wenn ſich der Herr Graf durch ſolche Lieb⸗ habereien ſchon im Voraus bezahlt machten, ſo wäre mir das um ſo lieber; dann wäre doch Ihr Geld, wie ich faſt fürchten muß, nicht gar zu umſonſt ausgegeben.“ „Laſſen wir jetzt dieſe unnöthige Beſcheidenheit bei Seite, lieber Meiſter,“ entgegnete der alte Herr mit plötz⸗ lichem Ernſte,„und bleiben wir bei dem Geſchäfte. Ich wünſche alſo eine Statue von Ihnen zu haben; und was für eine, das werde ich mir jetzt erlauben, Ihnen klar zu machen.“— Er legte die Hand an die Augen; dann fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort:„Ich weiß nicht, ob die Idee, welche ich habe, aus meiner eigenen Phantaſie ent⸗ ſprungen iſt oder ob ich irgendwo was Aehnliches geſehen. Ich glaube aber das Letztere,“ ſetzte er mit einem affektirt gutmüthigen Lächeln hinzu.—„Wenn ich nur wüßte— „Und welche Art von Statue war es wohl?“ fragte Herr Piſani.„Eine mythologiſche Figur oder eine Alle⸗ gorie?“ „Ich glaube, es war eine mythologiſche Figur.— Eine Venus?“— Er blickte auf den Boden und ſchüttelte mit dem Kopfe, während er den Zeigefinger der linken Hand empor hob.—„Nein, nein, eine Venus war's nicht. Eine Grazie, Tänzerin oder ſo etwas war es auch nicht. — Nur ſchwebt mir ein wunderbar ſchöner weiblicher Körper vor.“— Er wagte einen abermaligen Blick auf das junge Mädchen, doch konnte das Marmorbild hinter 152 Siebentes Kapitel. demſelben nicht theilnahmloſer ausſehen, als ſie.—„War⸗ ten Sie.—— Eine Hebe war's,— eine Hebe!“ „Vielleicht die Canova'ſche? oder die nach dem Modell von Rauch?“ „Ja, wenn ich zeichnen könnte,“ fuhr der alte Herr nachdenklich fort,„ſo wäre das augenblicklich geſchehen. Aber mit der Beſchreibung eines ſolchen Kunſtwerkes will mir es nicht recht gelingen.“ Er blickte wie ſuchend umher auf die Modelle.„Ah!“ rief er nun auf einmal,„ſo könnte ich es Ihnen erklären, wenn Ihre Fräulein Tochter die Freundlichkeit haben wollte, einen Augenblick herzutreten. — Darf ich vielleicht bitten?“ fügte er hinzu, und dabei bewegten ſich ſeine Lippen abermals wie vorhin unter dem ſüßen Einfluſſe des Blüthenhonigs.— Franceska ſchrak unwillkürlich zuſammen; ſie war mit ihren Gedanken ſo ganz anderswo geweſen und fühlte ſich durch die Stimme des alten Herrn nicht angenehm in die Wirklichkeit zurück⸗ geführt. „Komm' einen Augenblick her, mein Kind,“ ſagte der Bildhauer. Und ſie erhob ſich gehorſam, um dicht vor ihren Vater hinzutreten. „Sie müſſen mir ſchon erlauben, mein ſchönes Fräu⸗ lein,“ ſprach der alte freundliche Herr, indem er ſo nah wie möglich an ihre Seite trat,„daß ich Sie bitte, für ein paar Sekunden eine graziöſe Stellung anzunehmen, was Ihnen gewiß außerordentlich leicht wird.“ Gin Nodel.. 153 Während er das ſprach, näherten ſich die Spitzen ſeiner Naſe und ſeines Kinnes in faſt erſchreckender Weiſe, und in dem tiefen Abgrund zwiſchen beiden, wo ſich der Mund wie ein ausgebrannter Krater befand, bewegten ſich un⸗ zählige feine Falten, wie ebenſoviele zuckende Schlangen. Franceska ſah ihn einen Augenblick an, aber nur einen kleinen Augenblick; dann wandte ſie ihr Geſicht raſch ab, und man hätte ſehen können, wie es leicht, aber trotzig um ihre ſchönen friſchen Lippen zuckte. „Darf ich?“ fragte der Graf, indem er eine ihrer her⸗ abhängenden Hände nahm, die ſie ihm widerſtrebend ließ und worauf er ſie leicht gegen ſich drehte, was ſie nach einem langen Blick auf ihren Vater, der freundlich lächelnd zuſchaute, geſchehen ließ.„Die Statue, von der ich rede,“ ſagte er alsdann mit a hen Stimme, als früher— es war, als mache ihm Athemholen was Mühe— „hatte beide Arme erhoben— ſo, aegfe Oberkörper in ſeiner reizenden Form auf das graziöſeſte und vortheil⸗ hafteſte hervortrat.— So wie bei Ihnen, mein ſchönes Fräulein,“ konnte er ſich nicht enthalten, mit glühenden Blicken hinzuzuſetzen.—„Welches Modell zu einer Hebe! In den Händen hielt ſie eine Schaale, mit welcher ſie durch die Räume des Himmels ſchwebt;— über alle Beſchrei⸗ bung ſchön und hinreißend ſchön.— Haben Sie mich ver⸗ ſtanden?“ wandte er ſich an den Bildhauer. „O ja, vollkommen,“ ſprach dieſer lächelnd;„es iſt 154 Siebentes Kapitel. ein Werk von Rauch, womit Ihre Phantaſie Aehnlichkeit hat und das Sie vielleicht auch geſehen haben.“ „Möglich, möglich,“ erwiderte haſtig der alte, freund⸗ liche Herr.„Aber ſollten Sie die ausgezeichnet ſchöne Hal⸗ tung Ihrer Fräulein Tochter nicht mit zwei Strichen ſkiz⸗ ziren? Vielleicht iſt ſie ſo freundlich, noch einen Augenblick ſtehen zu bleiben.“ „Es ſieht wirklich ſchön aus, Franceska,“ ſagte der Bildhauer mit dem Stolze des glücklichen Vaters.„Ich will ſchnell ein Skizzenbuch und ein Bleiſtift nehmen.— Ganz gut, ganz gut!“ „Eine liebreizende Hebe!“ warf der Graf dazwiſchen, „die mit einer Schaale voll Nektar durch die Räume des Himmels ſchwebt.— Glücklich der, wem nur ein Tropfen zu Theil wird!⸗. Der Haltung und der Jorm ihres Körpers nach war Franceska allerdings in dieſem Augenblicke das vollendete Modell einer Hebe, aber der Ausdruck ihres Geſichtes hätte eher auf irgend eine zürnende Göttin ſchließen laſſen, die mit hoch erhobenen Händen ihren Fluch auf einen Ver⸗ brecher hinabſchleudert. Aber ſchön und reizend war ſie in ihrer Stellung, das junge Mädchen. Wie ſchwellend traten die leichten und doch ſchon ſo graziös entwickelten Formen ihres Körpers gerade bei der angenommenen Stellung und dem glatten, einfachen Hauskleide hervor! Wie elegant zeigte ſich ihre ſchlanke Taille! Wie vollendet ſchön die Ein Modell. 155 3 Nundung ihrer nackten Arme, über welche die weiten Aermel herabgefallen waren. Wenn nur das Geſicht nicht gar ſo trotzig und finſter geweſen wäre! Aber obgleich es ſo war, ſchien doch der gute freundliche alte Herr dieſen Ausdruck nicht zu verſtehen oder nicht verſtehen zu wollen; denn als ſich Vater Piſani umgewandt hatte und auf ſei⸗ nen Pantoffeln davon ſchlurfte, um Skizzenbuch und Blei⸗ ſtift zu holen, wagte er es nicht nur, mit ſeinen kalten, dürren Fingern ihre lebenswarmen Arme zu berühren, ſondern er wollte auch den Verſuch machen, dieſelben an ihrer ſchlanken Taille hinab gleiten zu laſſen. Doch zuckte das junge Mädchen mit einem Male ſo plötzlich, ſo heftig, mit ſolcher Energie zuſammen, daß Graf Portinsky unwill⸗ kürlich, aber dabei etwas verlegen lächelnd einen Schritt zurücktrat und mit Staunen den ihn ſcharf treffenden Blick der vollendeten Verachtung, des nicht zu verkennenden Haſſes in Empfang nahm. „Gib dir für jetzt keine Mühe, Vater,“ ſagte Franceska mit bebenden Lippen;„ich will nachher ruhig ſtehen, ſo lange du willſt; aber ich habe jetzt etwas Dringendes draußen zu beſorgen.“ Damit wandte ſie ſich um und ging zur Thür hinaus. Draußen blieb ſie einen Augen⸗ blick tief aufathmend ſtehen und ſchien unſchlüſſig, ob ſie r Zimmer aufſuchen wolle. Im nächſten Moment aber ſah man ſie über den Hof eilen und dann trat ſie in das Atelier ähres Freundes, der jetzt wieder ruhig arbeitend 156 Siebentes Kapitel. vor ſeiner Staffelei ſaß. Ohne aufzublicken, obgleich er wohl ihren flüchtigen Schritt gehört hatte, rückte er auf dem Bänkchen, auf welchem er ſaß, etwas zur Seite, um für das junge Mädchen Platz zu machen. Dahin ſetzte ſie ſich denn auch, legte ihren Arm auf ſeine Schulter und den Kopf darauf. Der kleine Thiermaler fühlte wohl, wie raſch und tief ſie Athem holte.„Hat dich der ſchwarze Rabe verjagt, meine gute Taube?“ ſagte er, ruhig fortarbeitend.„Ja, ja, dieſe Galgenvögel haben ein ſcharfes Auge.— Du wirſt ſehen, Franceska, es wird ſich hier noch Manches ändern. Bisher lebten wir hier, wie die harmloſen Ein⸗ geborenen eines glücklichen, noch unbekannten Eilandes. Aber wir ſind entdeckt worden, überfallen von jenen Mäch⸗ tigen der Erde, die uns Civiliſation und Laſter mit⸗ bringen.“ 3 „So iſt es, ſo iſt es!“ hörte man das junge Mädchen ganz leiſe ſagen.. „Freilich iſt es ſo, und auch vorbei mit dem Glück dieſer Inſel. Gäbe es nur noch die alten Zauberer in der Welt, Aber leider ſind dieſe guten Kerls alle ſchlafen gegangen. 1 Dann könnte man es vielleicht möglich machen, daß es dir erginge, wie dem Dornröschen.— Erinnerſt du dich noch?“ „O ja, aber erzähl' es mir noch einmal.“ „Gern, Franceska. Mach' es dir aber bequem und lege Ein Modell. 157 dich auf deinen Teppich. Da kannſt du auch beſſer aus⸗ ruhen, und daß du müde biſt, ſehe ich an deinen Augen.“ „Ia, ich bin müde,“ erwiderte ſie, und dann erhob ſie ſich, ſchlüpfte neben die Staffelei auf den Teppich hin, der dort am Boden lag, ſchob ſich ein Stück Bärenfell unter den Kopf und ſagte dann:„So, nun erzähle mir.“ Das that denn auch der Thiermaler und berichtete ihr das Märchen vom Dornröschen ſo umſtändlich und ge⸗ nau, wie man es ganz kleinen Kindern erzählt. War doch ſie auch noch in gewiſſer Beziehung wie ein kleines Kind dieſe Italienerin, ſoeben noch in ihrem Innern aufs höchſte erregt, heftig empört, jedes Ausbruchs ihrer Leidenſchaft fähig, beruhigte ſie ſich ſchnell wieder, und als ihr Freund in ſeiner Erzählung an jenes Wunder kam, wo die Büſche und Sträucher rings um Dornröslein zu einem undurch⸗ dringlichen Walde erwachſen waren, da zeigte Franceska's geſchloſſenes Auge, ſowie ihre tezainißide Athemzüge an, daß ſie ſanft eingeſchlafen war. Wulf ſah lächelnd auf ſie nieder, und trotzdem ſie nichts mehr hörte, erzählte er ſein Märchen ruhig zu Ende und ſagte alsdann, wobei er den eben gebrauchten Pinſel hinter ſich warf:„Könnteſt du nur auch ein paar Jahre ſchlafen, armes Mädchen, und alsdann ihn ſchuldlos vor dir ſtehen ſehen, den du faſt unbewußt ſo heiß, ſo innig liebſt!“ Achtes Kapitel. b Beim Gewitter. — Nachdem es wieder längſt Abend geworden war, hatte Franceska wie geſtern die brennende Lampe auf den Tiſch unter der Veranda geſtellt, doch klang ihr: F. notte! welches ſie wie alle Italienerinnen im gl genblicke dazu ſprach, ſtill und traurig. Dochtes wogte in der weichen Nachtluft leiſe hin und her, und dann war es durch die widerſtrahlende, flackernde Be⸗ leuchtung gegen das Grün der Blätter, als bewegten ſich dieſe hin und her. Und das war doch nur Täuſchung, dazu war der Luftzug zu ſchwach, dazu war es zu ſtille rings umher in der weiten, weiten Natur. recht ſtille um das kleine Haus her, und wenn man auch noch ſo angeſtrengt lauſchte, ſo hörte man nicht viel, wenn man unter der Veranda ſaß; von der Stadt her nur ein elicissima eichen Au⸗ Die Flamme des Ja, es war Beim Gewitter. 159 leichtes Summen, ein unbeſtimmtes Klingen, zuweilen die Schritte eines einſamen Wanderers, der noch heraus kam, hieher, wo die kleinen Häuſer zerſtreut waren und dann wie allabendlich bei dem warmen dunſtigen Wetter das Concert der Fröſche, nur heute piano, in einer auffallend weichen Stimmung. Vielleicht ſahen ſie, daß der Himmel mit Wolken überlaufen war und daß es ferne an den Bergen wetter⸗ leuchtete— gleichviel, ſie ließen ſich nur nach langen Zwiſchen⸗ panſen hören und dann, wie eben bemerkt, ſehr diseret. Unter der Veranda ſaßen wie geſtern der Bildhauer Piſani, der kleine Thiermaler und Franceska. Letztere hatte ihren Stuhl zurückgezogen, ſo daß ſie ſich ſelbſt im Schatten befand, ſie ſprach faſt kein Wort; Wulf beſchäftigte ſich auch ausſchließlich mit ſeiner Pfeife, an welcher er bald unten, bald oben etwas zu ſchrauben und zu arrangiren hatte. Es war nur ein Glück, daß Vater Piſani am heu⸗ tigen Abend Luſt hatte, ſo recht in der Erinnerung an ver⸗ gangene Tage zu ſchwelgen, ſo daß er zurückgelehnt auf ſeinem Stuhle ſitzend mit den Fingern auf dem Tiſche trommelte, wie er zu thun pflegte, wenn er in einer zu⸗ friedenen Stimmung war, und weit in die Nacht hinaus⸗ blickend ausführlich von ſeinen Reiſen durch Calabrien und Sicilien erzählte. Man hätte vielleicht glauben können, die heute erhaltene Beſtellung des ruſſiſchen Grafen habe auf ſeine Stimmung einen bedeutenden Einfluß gehabt. Aber dem war durchaus Achtes Kapitel. nicht ſo. Freilich hatte es ihm wohl geſchmeichelt, daß ge⸗ rade er mit einer ſolchen Commiſſion betraut worden. Gab es doch ſehr viele Bildhauer in der Stadt, Hof⸗ und Staats⸗ bildhauer, Profeſſoren der Skulptur und Gott mochte wiſſen, was ſonſt noch, lauter kleine Canova's, und doch war man gerade zu ihm gekommen. Das hatte ihm allerdings ein Lächeln der Zufriedenheit entlockt; und als der alte freund⸗ liche Herr das Atelier verlaſſen, war er eine Zeit lang auf und ab geſtiegen, die Hände auf den Rücken gelegt, die er nur zuweilen von einander trennte, um ſeine Sammetmütze von einem Ohr aufs andere zu ſchieben, wobei er eine italieniſche Weiſe ſummte. Dann hatte er in ſeinem Spaziergange plötzlich inne gehalten, war vor ſeine Modelle getreten, vor ſeine Hebe, ſeine Venus, ſeine Bacchantin, ſeine Tänzerin, hatte ſie ge⸗ nau betrachtet, wobei er verſtändiger Mann genug war, um dabei zuweilen einen prüfenden vergleichenden Blick auf die Werke berühmter Meiſter zu werfen, die er in ſeinem Atelier aufgeſtellt hatte. Dieſe Vergleichung mochte nun gerade nicht zu Gunſten ſeiner eigenen Arbeit ausgefallen ſein,— genug, er hatte nach einiger Zeit eine wegwerfende Bewegung mit der Hand gemacht und dann zu ſich ſelber geſagt:„per bacco! es iſt doch was Schönes um die alten Sprichwörter, und wenn ich auch kein Schuſter bin, ſo will ich doch bei meinem Leiſten bleiben, denn wenn es Einem zu wohl und man geht aufs Eis, ſo bricht man ein Bein.— Beim Gewitter. 161 Abgemacht. Der ruſſiſche Herr ſoll ſeine Aufträge ertheilen, wem und wo er will, oder er ſoll ſein Hotel in Peters⸗ burg mit Marmorornamenten verzieren laſſen— das will ich übernehmen— da ſoll er ſeinen Mann finden,— wenn— wenn— ja nun, wenn wir überhaupt noch lange genöthigt ſind, Hammer und Meißel in der Hand zu be⸗ halten.“ Darauf hatte er ſich in ſeinen alten Lehnſtuhl geſetzt, welcher einem Modell der Venus von Canova gegenüber ſtand, und war in Träumereien verſunken, nicht über dieſe Venus oder ſonſt etwas, was damit zuſammenhing,— nein, es beſchäftigten andere Dinge ſeinen Geiſt. Er zog aus der Taſche ein paar Briefe hervor, lange Briefe— jeder hatte acht eng beſchriebene Seiten— und er las alle acht Seiten dieſes Schreibens noch einmal mit großer Auf⸗ merkſamkeit durch. Das letzte legte er aufgefaltet auf ſein Knie hin und vertiefte ſich in halblaute Betrachtungen darüber, wobei er Für und Wider einander gegenüber ſtellte, als müſſe er das Reſultat einer ſchwierigen Rechenaufgabe heraus⸗ bringen. „Wenn man, ſagte er, während er den Zeigefinger der linken Hand an den Daumen der rechten legte,„mein ganzes früheres Leben in der Heimath betrachtet, zu welcher Partei ich mich beſtändig gehalten, wie ich mich bemühte, ſelbſt mit bedeutenden Opfern, das Anſehen der rechtmäßigen öffentlichen Gewalt aufrecht zu erhalten, ſo ſiegt bei allen Hackländer, Tannhäuſer. I. 11 162 Achtes Kapitel. Heiligen kein Menſchenverſtand in dem, wie man mich be⸗ handelt.— Gut,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, wobei er die Zeigefinger beider Hände vereinigte;„ich habe wirklich jenen armen Teufel bei mir aufgenommen, weil er bettelnd kam und nicht aus noch ein wußte.— Iſt das ein Beweis, daß ich ſeine verbrannten Ideen theilte?“ Er ging mit dem Zeigefinger der linken Hand a den dritten der rechten über und ſagte:„Allerdings habe ich ihm fortgeholfen, ihn auch mit Gold und Briefen unterſtützt, aber nebenbei auch mit feſten Ermahnungen, die er ſich wohl hinter ſeine neapolitaniſchen Ohren geſchrieben haben wird. Corpo di Dio! das iſt freilich alles ſo klar, daß es ein Schulknabe einſehen müßte; und doch hätten ſie mich noch lange für einen der ſcheußlichſten Cospiratori gehalten, wenn es Seiner Eminenz nicht gefallen hätte, das Zeitliche zu geſegnen. Aber jetzt dämmert es auf, hell, klar und goldig, wie der Morgen nach einer wilden Sturmnacht. Aber Pietro hat Recht: mit einer de⸗ und wehmüthigen Bitte um allergnädigſte Reviſion der Akten meiner Anklage iſt jetzt nichts gut gemacht. Da muß man jetzt auf⸗ und hintreten, feſt und ſicher, per bacco! Ja feſt, daß ſie am Auftreten ſchon merken, mit wem ſie es zu thun haben.“ Er hatte während ſeiner Calculationen mit dem Zeige finger der Linken alle Finger der Rechten berührt, und jetzt, wo er mit aller Energie das Wort„feſt“ ausſprach, ſtieß er die zuſammengeballte linke Fauſt in die Handfläche ſeiner † Beim Gewitter. 163 Rechten.„Und darin hat Pietro Recht: und ſo ſoll er vor⸗ gehen, keine Gnade erbetteln, nur ein Recht verlangen.“ Nach dieſem Selbſtgeſpräch hatte Meiſter Piſani ſeine Brieſſchaften zuſammengelegt und war den ganzen Nach⸗ eiterer Laune geblieben. Ja dieſe hatte ihn, wie iher bemerkt, auch Abends nicht verlaſſen, als er beiden Andern unter der Veranda ſaß und fröh⸗ lich tuthes von Rom, Neapel und Sicilien erzählte. Dabei war es gut, daß er ſelbſt ſo redſelig war und am allermeiſten in ſeinen Erinnerungen ſchwelgte; denn ſo be⸗ merkte er es nicht, wie einſylbig Franceska und der kleine Thiermaler waren. Ja mehr als einſylbig, ſtumm, ver⸗ ſtimmt, das junge Mädchen ſaß da im Schatten der Lampe, den Kopf in die Hand gedrückt, blickte in die Nacht hinaus und horchte wohl von Zeit zu Zeit auf das Concert der Fröſche; denn ſonſt ließ ſich auf der Straße nichts ver⸗ nehmen, kein Fußtritt, nicht das geringſte. Es war aber auch ein Gewitter im Anzug, und das hielt wohl alle Spa⸗ ziergänger zu Hauſe und ließ ſelbſt die, welche es noch nicht waren, den Ausbruch abwarten. Ja, ja, ſo mußte es wohl ſein. Der Himmel, noch vor Kurzem klar und ſternenhell, überlief zuerſt mit leichten Wolken, denen aber bald dichtere folgten. Auch der Wind ließ ſich vernehmen, nicht mehr in jenem ſanften gleichförmigen Hauche, der uns an warmen Sommerabenden ſo anmuthig die heiße Wange kühlt, der die Flamme des Lichtes ſich zierlich hin und wider drehen Achtes Kapitel. und winden läßt, der ſo neckiſch die Blätter aufhebt, um lüſtern die Roſen zu ſuchen, die ſich verſteckt halten wollen, — er kam ſchwer und ſtoßweiſe; man hörte ihn, wenn er über die Hecken ſtrich und durch die Zweige der Bäume, und wenn er da war, fuhr er einem ordentlich warm und dunſtig ins Geſicht, hob auch Papier, Stroh 1 ätter vom Boden auf und jagte das toll umher. Ein paarmal ſchon hatte der kleine Thier 1 Mütze vor das flackernde Licht der Lampe gehalten, es nicht auslöſche, und als er das wieder that, ſagte der Bildhauer:„Der Klügſte gibt nach; wir wollen zu Bette gehen und uns freuen, den Gewitterregen zu hören, wenn er auf das dürre Land niederpraſſelt. Es iſt ein ſo gar behagliches Gefühl und man kann ſich dabei einbilden, man ſei ſelbſt eine Erdſcholle und ſauge ſo mit vollen durſtigen Zügen die koſtbar erfriſchenden Tropfen in ſich.— Kommt, Kinder!“ „Gute Nacht, Wulf!“ „Gute Nacht, Franceska!“ Alle verließen die Veranda, und der kleine Thiermaler hörte noch, ehe er in ſein Haus trat, daß Herr Piſani ſeine Thür ſorgfältig verriegelte, wie er Abends immer zu thun pflegte. Dann kletterte auch er die enge Stiege zum Schlaf⸗ zimmer hinauf, welches über dem Atelier gelegen war, und welches er und Tannhäuſer gemeinſchaftlich bewohnten. Da er hier vom Fenſter einen freien Ueberblick hatte, ſo ſah er damit Beim Gewitter. auch ſchon deutlicher das Gewitter, wie es prächtig von den Bergen daher zog in all' ſeiner feurigen Majeſtät, wie jetzt die Blitze zuckten, glühenden, ſpielenden Schlangen ähnlich, und wie gleich darauf das hintere ſchwere Gewölk nur wie mit Glut ſchattirt erſchien. Dazu rollte der Donner, er machte ſich nicht in einzelnen zornigen Schlägen bemerkbar, ſondern es war ein immerwährendes unmuthiges Grollen, das ſich jetzt dämpfte und dann wieder ſich ſtärker erhob, und das wie eine fortgeſetzte Strafpredigt klang, wie die eindringliche Rede eines liebenden Vaters, von dem man überzeugt iſt, daß er wohl ſtrafen kann, von dem man aber auch weiß, daß er dazu eigentlich viel zu milde iſt, und der, wenn er uns ſeine Meinung geſagt, den Segen wieder mit vollen Händen über uns ausgießen wird. Und dieſer Segen ſchlug ſchon in einzelnen ſchweren Tropfen an die Fenſter. Es waren die Vorläufer des Regens, die ein ungeſtümer Wind den Wolken entpreßt, ein häßlicher Wind, der jetzt einige Sekunden lang ſchlimm zwiſchen den armen Bäumen hauste. Wie bog er ſie nie⸗ der, wie riß er ihnen Laub und Blüthen ab— glücklicher Weiſe aber nicht lange, denn der ergrimmte Regen ſtürzte hinter ihm drein, und löſchte mit mächtigem Falle ſeine Wuth. Ah, wie das ſo wohlthuend praſſelte auf den Blättern der Bäume draußen, auf dem Dache des Hauſes! Wie war es dem Thiermaler, der ſich langſam entkleidet hatte, ſo wohl zu Muth! Wie behaglich dehnte er ſich aus, als er 166 Achtes Kapitel. nun zu Bette lag, das Licht auf einem Stuhl neben ſich ſtehen hatte, um noch zu leſen, und nach einem Buche griff, das ſich ebenfalls dort befand. Da polterte es auf der Treppe draußen und eilte raſch aufwärts. Die Thür öffnete ſich und der Tannhäuſer trat mit einem verdrießlichen Aus⸗ rufe ins Zimmer.— „Dieſes garſtige Wetter,“ ſagte er,„muß mich mit tollſten Wuth gerade in dem kleinen Garten draußen ereilen! Hätte wohl noch eine Viertelſtunde warten können. Bin ich doch in den paar hundert Schritten durch und durch naß geworden.“ So ſchien es in der That, und als der Maler ſeinen Hut herunter nahm und von ſich abſchlenkerte, flogen die Tropfen im Zimmer umher wie von einem kleinen Sprüh⸗ regen; auch bildete ſich augenblicklich eine Waſſerlache, wo er ſtand. „Das iſt wahr,“ gab Wulf zur Antwort,„du biſt tüchtig hinein gekommen; aber wenn ein Gewitter ſo drohend am Himmel ſteht, da nimmt man ſich in deinen Verhältniſſen einen Fiaker.“ „Meinſt du etwa, ich ſei zu Fuß gekommen?“ „Nun, in dem Falle begreife ich nicht, warum du dich nicht bis vor das Haus führen ließeſt.“ „Weil es kein Fiaker war, der mich geführt, und ich dem Kutſcher der Fürſtin doch wohl nicht zumuthen konnte, um die Häuſer herum den ſchmalen Weg aufzufinden.“ 7 Beim Gewitter. 167 „A— a— a—h!“ machte der Thiermaler.„So, ſo lu „Das verſteht ſich doch wohl von ſelbſt,“ ſagte der Andere ärgerlich.„Man hat glücklicherweiſe dort, wo ich herkomme, zu viel Lebensart, um jemand, der in finſterer Nacht, nach Hauſe muß, ſich erſt nach einem Fiaker umſehen zu laſſen. 41 „Da triffſt du es wieder einmal beſſer als andere ehr⸗ liche Leute,“ meinte der Thiermaler mit ſeinem gewöhn⸗ lichen ſarkaſtiſchen Lächeln.„Ich malte einmal bei der ver⸗ wittweten Majorin v. 3., natürlicherweiſe nicht ſie ſelbſt, ſondern nur ihren vollendeten Mops, ein Thier, welches an unregelmäßigem Lebenswandel verſtorben war. Es pflegte nämlich häufig ſehr wenig Freſſen zu erhalten, um alsdann, wenn wieder Gelder ankamen, mit einem Male wieder zu gut zu leben. Es war Schade um das Thier; man hätte es noch ein Jahr länger halten können.— Ich malte es alſo und wurde ſpät an einem Nachmittag fertig, wo es eben⸗ falls wie vorhin mit Kübeln vom Himmel herabgoß. Da erlaubte ich mir ſchüchtern, auf einen—— Regenſchirm anzuſpielen.— Nun— meinſt du, ſie hätte Lebensart ge⸗ nug gehabt, mir einen ſolchen anzubieten?“ „Das beweist einfach,“ erwiderte Tannhäuſer,„daß ſie dort keinen Begriff von Lebensart hatten.— Aber die Fürſtin, Wulf,— ah, ſie!“ Der junge Mann hatte ſeinen Rock abgeworfen, die naſſe Halsbinde weggeriſſen und fuhr ſich nun mit der 168 Achtes Kapitel. Hand durch das dichte blonde Haar, das, hie und da vom 4 Regen angefeuchtet, noch krauſer und lockiger als gewöhnlich erſchien. Er ſah erregt aus, freudig, glücklich. Wulf betrachtete ihn mit einem langen Blicke, dann vergrub er ſeinen Kopf tiefer in die Hand, welche er auf⸗ geſtützt hatte, um bequem in ſeinem Buche leſen zu können. Der Andere ſetzte ſich auf das Bett ſeines Freundes und ſprach nach einer Pauſe:„Wenn du nur einmal dies unvergleichlich ſchöne Weib in der Nähe ſehen könnteſt, nur einmal längere Zeit mit ihr ſprechen!“ „Frau Venus iſt eine ſchöne Frau, Liebreizend und anmuthreiche, Wie Sonnenſchein und Blumenduft Iſt ihre Stimme, die weiche,“ las Wulf ruhig aus ſeinem Buche. 3 „Du biſt wieder inneiner eigenthümlichen Laune,“ ver⸗ ſetzte der Tannhäuſer.„Man kann mit dir kein vernünf⸗ tiges Wort reden.“ 2 7 „Im Gegentheil,“ lächelte der Thiermaler;„ich gehe 4 ganz auf deine Phantaſieen ein. Spreche ich dir nicht aus 3 der Seele, wenn ich fortfahre: „Ihr edles Geſicht umringeln wild Die blühend ſchwarzen Locken; Schau'n dich die großen Augen an, Wird dir der Athem ſtocken. —— 2 Beim Gewitter. 49 4 „Wie der Schmetterling flattert um eine Blum', Am zarten Kelch zu nippen, So flattert meine Seele ſtets Um ihre Roſenlippen.“ „Was iſt denn das?“ fragte der Andere, indem er träumeriſch vor ſich niederſah.„Das klingt ganz hübſch und hat viel Wahres. Ich verſichere dich, Wulf, wenn man ihre ſeltſamen Augen anſieht, ſo ſtockt einem auch un⸗ willkürlich der Athem.— Aber was iſt das für ein Ge⸗ dicht? das haſt du mir ja nie vorgeleſen.“ „Ich ſing dir das Tannhäuſerlied,* Um deine Seel' zu warnen,“ 5 1 hub da Wulf wieder an, und als der junge Maler ihm lachend in die Rede fallen wollte, hob er die Hand empor und las weiter: „Der edle Tannhäuſer, ein Rit . Wollt' Lieb und Luſt gewinnen, Da zog er in den Venusberg, Blieb ſieben Jahre drinnen.“ „Ahl die Sage vom Tannhäuſer! Wie kommſt du mit einem Male darauf?“ „Auf die einfachſte Weiſe von der Welt: „Da zog er in den Venusberg, Blieb ſieben Jahre drinnen.“ ——— 10. Achtes Kapitel. „Und iſt es ihm dort nicht vortrefflich gegangen?“ fragte Tannhäuſer in leichtſinnigem Tone.„Ich glaube, er iſt ſogar noch drinnen. Du weißt, ich habe zu wenig Gründ⸗ lichkeit, um mich mit dieſen alten Sagen zu beſchäftigen. Ich denke mir immer, er jubilirt noch da, Frau Venus hält ihn umfangen und er läßt ſich von ihr in den Schlaf wie⸗ gen wie ein kleines unſchuldiges Kind.“ „Nicht ſo ganz,“ entgegnete Wulf in ernſtem Tone; „der Tannhäuſer hatte etwas in ſich, was man im gewöhn⸗ lichen Leben das Gewiſſen nennt, und das eines Tages anfing, ihn tüchtig zu plagen. Alſo eines Tages, wo er mit Schrecken erkannte, daß man es genug kriegen könnte, am glühenden Herzen der Frau Venus zu ruhen, und daß man ſich aus ihrem ſchwülen glänzenden Palaſte mit einer namenloſen Sehnſucht an einen kleinen einſamen Platz in u, grünen Walde ſehnen könne. Und m, gingen ihm die Augen auf, und irgend einem friſ he als dieſe Sehnſucht da verſchwanden ihre ſchönen Züge, ihr üppiger Leib, und ſie wurde häßlich und geſpenſterhaft. Von den Wänden ihres Palaſtes ſtürzten nieder die herrlichen Tapeten und die reichen Decken und es zeigte ſich ödes, ſchwarzes Ge⸗ ſtein.“ 3 „Heißt es ſo in der ächten Sage vom Tannhäuſer?“ fragte der Andere nach einer Pauſe.„Du weißt, ich kam nie dazu, das Schickſal meines Namensvetters zu leſen.“ „Wenn es auch nicht ganz ſo kam, ſo hatte der edle Beim Gewitter. Ritter doch dieſe Empfindungen.— Aber willſt du ſein Ende hören?“ „Nein, nein, ich bitte dich!“ ſagte der junge Maler haſtig.„Jetzt nicht; ich will es ſpäter ſelber einmal leſen. Was würde es mir nützen?“ fuhr er nach einer Pauſe fort.„O Wulf, ich kann dir's nicht verſchweigen, dieſes Weib hat mich an ſich gekettet mit unauflöslichen Banden. — Wollte ich auch vor ihr fliehen,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„ich hätte dazu nicht die Kraft. Binde mich an, ſchließe mich ein; ich würde meine Bande mit den Zähnen zerreißen, die Thür meines Kerkers mit den Nägeln aufgraben, um zu ihr zu gelangen. O der wonnevolle Reichthum! Schätze ihres Geiſtes und Körpers, die nicht zu erſchöpfen ſind— ein Weſen, bei dem man durſtig bleibt bei vollen gierigen Zügen.— Laß mich noch zwei Worte zu dir reden, vielleicht würde ich es morgen nicht können. Ich verlaſſe dich für einige Zeit, ſie will nicht, daß ich ſo weit entfernt von ihr bin.“ „Da zog er in den Venusberg, Blieb ſieben Jahre drinnen,“ ſagte der kleine Thiermaler ganz ruhig. „Auch kann ich Franceska nicht wieder ſehen,“ fuhr der Tannhäuſer fort;„um alles in der Welt nicht; dazu habe ich keine Stärke. Gruͤße ſie von mir, ſage ihr, ich hätte 172 Achtes Kapitel. in den nächſten Tagen zu viel in der Stadt zu thun, bald aber käme ich wieder.“ „Nach ſieben Jahren.“ „Ach! laß deine ſchlechten Späße!“ verſetzte der Andere in fieberhafter Erregung.„Sag ihr das und was du willſt; verſichere ſie auch, ich würde ſie nie, nie vergeſſen.“ „Das wird ihr als Beweis deiner Liebe ſehr zu Herzen gehen,“ erwiderte Wulf mit ſchneidender Ironie, doch fuhr er gleich darauf in ſeinem gewöhnlichen Tone fort:„Reden wir von was Anderem; dieſe Sache iſt abgemacht. Mich wundert überhaupt, daß du heute Abend noch zurückge⸗ kehrt biſt.“ „Ich mußte über einiges Wichtige diſponiren, ein paar Papiere an mich nehmen. Mein Platz im Atelier bleibt vorderhand drunten, wie er jetzt iſt. du mir.“ „Vorderhand ſoll er ſo bleiben“ gab der Andere ruhig zur Antwort. „Wer kann es auch wiſſen!“ ſagte Tannhäuſer, nach⸗ dem er, aufgeregt wie er war, ein paarmal haſtig durch das Zimmer geſchritten. „Ja, wer kann's wiſſen!“ „Vielleicht kehre ich übermorgen, die nächſten Tage wie⸗ der.“ Er fuhr mit der Hand durch ſein Haar und ließ dann, wie in tiefem Nachdenken, die Rechte ein paar Sekun⸗ den auf ſeiner Stirne liegen.„Ich war im Theater,“ ſagte Das verſprichſt Beim Gewitter. er hierauf, indem er ſich plötzlich gegen ſeinen Freund um⸗ wandte. „Mit ihr?“ „Allerdings mit ihr.“ „In ihrer Loge?“ „Ja, ja, ja, in ihrer Loge.“. „Das hat ſie klug gemacht,“ ſprach Wulf mit einem kalten Lächeln.„So hat ſie dich, den ſchönen Tannhäuſer, vor aller Welt gründlich compromittirt, und wenn du auch wirklich nicht wäreſt, was du biſt, ſo würdeſt du es doch ſcheinen.“ „Das verſtehe ich nicht ganz,“ antwortete Tannhäuſer heftig und ſein Blick ruhte in der That zweifelnd auf dem Geſichte des Andern.„Erkläre dich deutlicher.“ „Ich will das, doch mit einem andern Beiſpiel. Was würdeſt du nun Franceska ſagen, wenn ſie plötzlich mit dem alten, lieben freundlichen Grafen, der geſtern hier war, im Theater erſchiene oder wenn ſie mit ihm in ſeiner Equi⸗ page ſpazieren führe?“ Dieſe Worte, ſo ruhig ſie geſprochen wurden, brachten eine furchtbare Wirkung auf den jungen Maler hervor. Er ballte ſeine beiden Hände, ſein Auge flammte, er biß ſich auf vie Lippen und ſtieß dann mühſam hervor, wohei er wild abwehrend ſeine Rechte gegen den kleinen ſhiermaler ſchüttelte:„Ja, ich verſtehe dich, verſtehe dich bltommen.— Zum Teufel, mag man über tnich ſagen, 174 Achtes Kapitel. was man will! Aber wie kommſt du zu dem Gleichniß von Franceska und Jenem?“ „Auf die einfachſte Art von der Welt,“ gab Wulf zur Antwort.„Dieſer alte liebe freundliche Herr war heute bei Meiſter Piſani und ſah dort mit Erſtaunen die wunder⸗ baren Arbeiten dieſes bisher ſo ſehr verkannten, großen Bild⸗ hauers. Er beſtellte auch ſogleich, ohne ſich um den Preis zu bekümmern, eine Statue in Lebensgröße und aus cara⸗ riſchem Marmor erſter Qualität.— Und nach welchem Modell glaubſt du wohl?“ „Was weiß ich!— So ſprich doch!“ „Nach dem ſchönſten Modell, das Piſani beſitzt, nach deſſen Tochter nämlich,— eine Hebe, wozu er die Stellung Franceska ſelber machen ließ.“ „Ich will ihm dieſe Leidenſchaft zur Kunſt ierlegen, ſagte der junge Maler zähneknirſchend. „Von hier oder von dort?“ „Von dort, wo ich mehr Macht über ihn erlange, 8 gab der Tannhäuſer nach einer ziemlich langen Pauſe zur Antwort. Damit brach er das Geſpräch ab, wandte ſich nach einer Art von Schreibtiſch, der in der Ecke ſtand und wo er ſeine Papiere aufbewahrte. Dort ſuchte er herum⸗ nahm hie und da ein Schreiben, legte es mit andern zuſanmmen und bildete dann vernittolſ eines Bindfadens ein Päced daraus. Beim Gewitter. 5 Wulf hatte noch eine Zeitlang geleſen, dann löſchte er ſein Licht aus und legte ſich auf die andere Seite, um zu ſchlafen. Der Tannhäuſer blieb noch länger auf, er packte Kleider und Wäſche in einen kleinen Koffer, warf auch das Päckchen mit den zuſammengefalteten Schreiben hinein, und als er hierauf den Koffer verſchloſſen, löſchte auch er das Licht aus und legte ſich aufs Bett, ohne ſich auszukleiden. Das Gewitter war vorüber gezogen, der Wind rauſchte noch leiſe in den Zweigen der Bäume, aber nicht mehr wildd und zornig, ſondern es ſchien, als wolle er in aller Gemüthlichkeit den noch immer zitternden Blüthenknoſpen von dem vergangenen Kampfe erzählen und ſie auffordern, wieder guten Muthes zu ſein. Auch hörte man zuweilen einen Waſſertropfen fallen, häufiger aber von der Dachrinne herab, als vom freien Himmel nieder; dann und wann vernahm man in weiter, weiter Ferne einen leichten, ver⸗ hallenden Donner. Als am andern Morgen Wulf aus ſeinem feſten Schlafe erwachte, ſpielte bereits ein neugieriger Sonnenſtrahl an ſeinen Fenſterſcheiben. Verſchwunden waren Wolken und Gexitter, aber auch der Tannhäuſer, und als ſich der Thier⸗ maler raſch in die Höhe richtete, erblickte er nur das leere Lager deſſelben und ſah auch, daß das kleine Köfferchen nicht mehr da war. Er dachte: es iſt am Ende beſſer ſo, und trat raſch ans Fenſter, um friſche Luft in das dumpfige Zimmer zu laſſen. Draußen war es ſogar recht kühl, und 176 Achtes Kapitel. der Sonnenſchein that wohl, denn das Wetter von heute Nacht hatte die Luft faſt ein wenig zu viel erfriſcht. Dafür war aber der Himmel ſo rein, ſo klar und blau, wie man ihn nur ſehen konnte, die Sonne blitzte in unbeſchreiblicher Pracht und blickte ſo liebend auf all' die übriggebliebenen Regentropfen, daß dieſe vor Freude wie lauter Brillanten funkelten. 3 Nachdem Wulf ſeine Toilette beſorgt, ging er An das Atelier hinab, wo es noch von geſtern her dunſtig und ſchwül war. Er gab dem kleinen Joco ſein Frühſtück, dann ging er, wie er jeden Morgen zu thun pflegte, auf den Hof, um nach den Hausleuten zu ſehen. Franceska ſtand unter der Thür, die nach der Veranda zu führte; ſie hatte ihren rechten Arm auf den Kopf gelegt und blickte vor ſich nieder, während ſie noch mit Jemand ſprach, der hinter ihr ſtand. Das war die alte Magd des Hauſes und ſie ſagte zu dem jungen Mädchen:„So etwas befiehlt der Herr nicht ohne Abſicht; und ich bin ja vor Freuden die Treppen ordentlich hinauf geſprungen, um zu thun, wie er befohlen. Auf dem Söller ſtanden auch noch die beiden großen Koffer unverſehrt, wie ich ſie vor Jahren hinauf getragen habe. Von dem Gefühl aber, mit dem ich ſie heute abgeſtaubt und wieder herab getragen, kann nur der einen Begriff haben, der ſich noch wie ich ſo genau erinnert, wie lieb und angenehm die Sonne auf dem Monte Pincio ſcheint. Beim Gewitter. 177 Dabei kann man doch ſeines Lebens froh werden. It denn das hier ein Frühjahr⸗ oder Sommermorgen? Puh! man könnte einen Pelz gebrauchen. Friert's dich nicht auch, Kind?“ Das junge Mädchen nickte mit dem Kopfe und dabei zuckte ſie leicht mit den Schultern, wie wir wohl thun, wenn es uns friert. Und ſie fror recht, nicht wie die alte Magd, kühl ungeweht vom friſchen Morgen, es fror ſie aus ihres Herzens Innerſtem heraus; ſie wußte wohl, warum der kleine Thiermaler mit einem ſo eigenthümlichen Blick auf ſie zukam und ihr ſo herzlich die Hand ſchüttelte, wäh⸗ rend er ſich dabei augenſcheinlich Mühe gab, nach dem Laub der Veranda zu ſchauen und nach den Schwalben, die über ihre Köpfe dahinflogen, kurz, überall anderswohin als in ihre Augen. Sie wußte, ohne daß ſie darum fragte und ohne daß ſie eine Antwort erhielt, daß er nicht mehr drüben war, ſondern fort, fort. Wulf ſprach nicht ein Wort darüber; er redete von dem Wetter der vergangenen Nacht, von der Kühle des Margens, hatte aber dabei ſelbſt nicht den Muth, zu fra⸗ gen, warum die alte Magd ſo auffallend mit ihren großen Koffern verkehrte. Und dieſe hätte doch ſo gern noch ein⸗ mal wiederholt, was ſie ſchon vorhin geſagt: von dem kalten deutſchen Wetter und von dem warmen Sonnenſchein auf dem Monte Pincio.— Nun kam auch Herr Piſani zum Vorſchein, der Briefträger war ſcon da geweſen, und an Hackländer, Tannhäuſer. I. 12 178 Achtes Kapitel. den Mienen des Bildhauers ſah man wohl, daß der Inhalt des Schreibens, welches er erhalten, nicht unangenehmer Art war.— Man nahm ſtillſchweigend an, daß der kleine Thiermaler allein ſei, und Franceska lud ihn zum Kaffee ein, und nachdem dieſer getrunken war, begab ſich jedes an ſeine Geſchäfte. Herr Wulf zog abermals ſeinen ſchwarzen, ſehr kurzen Sammtrock an, ſetzte ſein Barett auf und ging wie geſtern zu den Malern Krauß und Becker, die er beide ſchon fleißig an der Arbeit fand. Er ſetzte ſich wieder auf das Bett, ſchlenkerte mit ſeinen Beinen hin und her und ſagte nach einer kurzen Einleitung:„Apropos, was den Tannhäuſer anbelangt, ſo hat er ſich ein Atelier in der Stadt dlom. men, und da ich mich für meine Perſon duch nicht mehr gar zu lange hier aufhalten will, ſo ſteht euch unſer Haus zu Dienſten. Ihr tretet in unſern Miethvertrag ein, der Hauseigenthümer, davon bin ich überzeugt, wird nichts da⸗ gegen haben, und von heute über vier Wochen könnt ihr in Gottes Namen einziehen.“ „Herzlichen Dank!“ verſetzte der Maler Krauß, welcher die Wirthſchafts⸗Angelegenheiten Beider beſorgte.„Wäre es aber nicht möglich, die Miethe ſchon in vierzehn Tagen anzutreten? Ich ſage dir, Wulf, es iſt hier auf unſerem Dachboden zur Sommerszeit ſo heiß, daß einem die Farben von der Leinewand herunter laufen. Wär's in der That X nicht möglich?“. — — Beim Gewitter.„ 1f Der Thiermaler blickte an die Decke empor, wobei er ſein Kinn mit der rechten Hand unterſtützte.„Am Ende wäre es ſchon möglich,“ ſagte er nach einem kurzen Nach⸗ ſinnen;„ich habe mir ſchon lange vorgenommen, eine kleine Tour ins Gebirge zu machen; Tannhäuſer iſt ſchon fort und ich muß nur noch auf etwas warten, wenn das ein⸗ getroffen iſt, ſo kann ich ſogleich gehen und euch das Atelier überlaſſen.“ „Aha, Geld!“ lachte Herr Becker, der ohne aufzublicken mit gekrümmtem Rücken vor ſeiner Staffelei ſaß und an einer knorrigen Baumwurzel malte. „Richtig, richtig, Geld,“ gab Wulf mit einem ſehr er⸗ künſtelten Lächeln zur Antwort.„Aber es muß dieſer Tage eintreffen, und dann komme ich gleich und ſage es euch.“ „Wirklich, Wulf?“ „Gewiß, Krauß.“ „Bon,“ ſagte Becker, wobei er ſeine linke Hand auf dem Rücken wie zum Abſchied ſchüttelte, denn er hatte nicht Zeit umzuſchauen, da die knorrige Baumwurzel ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Der kleine Thiermaler ging hierauf nicht nach ſeiner Wohnung zurück, ſondern begab ſich in die Stadt, in irgend ein Haus. In welches, iſt für unſere wahrhaftige Geſchichte ganz gleichgültig. Dort blieb er einen Augenblick und dann begleitete ihn der Herr dieſes Hauſes bis auf die Straße, wobei er ſprach:„Dafür alſo ſtehen Sie mir ein, Herr * 180 Achtes Kapitel. Wulf, er iſt nicht kränklich wie die kleinen Affen oft zu ſein pflegen, und er beißt auch nicht?“ „Ich kann Sie verſichern,“ gab Wulf zur Antwort,„er iſt das luſtigſte und gutmüthigſte Ding von der Welt. Würde ich mir ſonſt in Jahresfriſt den Rückkauf vorbe⸗ halten haben?“. „Gut, gut!“ ſagte der Herr. „Aber,“ meinte der Andere,„er hat es auch gut bei Ihnen, nicht wahr? Ich verſichere Sie, das Thier iſt klug wie ein Menſch und anhänglich wie ein Kind, wenn man es freundlich und mit Liebe behandelt.“ 3 „Wenn ich Ihnen jage, Herr Wulf, er ſoll es bei mir famos haben, ſo hat er es bei mir famos. Und damit können Sie zufrieden ſein. Alſo Sie bringen mir ihn ſelber?“ „Ja, ja,“ entgegnete der Thiermaler mit etwas leiſerer Stimme. Und dann nahm er Abſchied, weil er ſah, daß der Hauseigenthümer zerſtreut war, indem er wohl wich⸗ tigere Sachen im Kopfe hatte. Wulf hätte gerne noch ein Langes und Breites über den kleinen Affen geſprochen— aber er ging nach Hauſe mit geſenktem Kopfe. Dort verlebte er in der nächſten Zeit harte, traurige Tage. Piſani hatte ihm mit freudeſtrahlendem Geſicht mit⸗ getheilt, daß er ohne alle Gefahr in ſein Vaterland zurück⸗ kehren könne, und er betrieb die Vorbereitungen zur Ab⸗ Beim Gewitter. 181 reiſe in einer wahrhaft kindiſch erregten Weiſe. Franceska war in dieſem Punkte viel ruhiger und geſetzter. So oft ſie nur konnte, ging ſie in das Atelier zu ihrem Freunde, dem kleinen Thiermaler, ſetzte ſich neben ihn auf den ſchmalen Sitz, oder legte ſich ſcheinbar ermüdet auf den Teppich am Boden. Selten ſprach ſie von ihrer Abreiſe, und wenn ſie das that, ſo drückte ſie immer dabei die Vermuthung aus, ſie würde gewiß bald wiederkommen. „Deßhalb mußt du auch nicht von hier fort gehen, Wulf,“ ſagte ſie alsdann;„du weißt, wie lieb es mir ſein wird, wenn ich mir denken kann, daß du wie bisher immer hier aus⸗ und eingehſt, daß du wie jetzt Abends unter der Veranda ſitzeſt und daß du dann die Sterne über dir ſiehſt, die ich ja auch in demſelben Augenblicke betrachten werde, und dabei an uns denkſt, wie wir an dich denken.— Weißt du, Wulf, dann hat meine Phan⸗ taſie eine Heimat; ſonſt müßte ſie ſo gar traurig umher irren.— Verſtehe mich recht,“ ſetzte ſie mit leiſer, ſchmei⸗ chelnder Stimme und niedergeſchlagenen Augen hinzu,„hier müſſen wir uns alle— alle— alle— wieder einmal zuſammenfinden.“ Oder drüben, dachte der kleine Thiermaler und blinzelte mit den Augen, denn er mußte in dieſem Momente gar zu genau auf ſein Bild ſchauen. Abends aber, wenn er nach ähnlichen Geſprächen, die unter der Veranda gehalten wurden, allein in ſeinem Zim⸗ Achtes Kapitel. mer war, ging er ingrimmig und heftig auf und ab, ballte ſeine Hände und ſprach zu ſich ſelber: Ja, ja, ſo was kann man wohl von mir verlangen; als wenn ich gar kein Herz und kein Gefühl hätte! Hierauf trat er an einen alten höl⸗ zernen Kaſten, ſchloß ihn auf und nahm einen kleinen, wohl⸗ gepackten Torniſter heraus, den er ſanft und mit freund⸗ lichem Blicke ſtreichelte. So kam der Abend heran, wo er, Franceska und der alte Bildhauer zum letztenmal beim Schein der meſſingnen Lampe, die auf ihn vererbt worden war, unter der Ve⸗ randa ſaßen.— Es war ein trauriger, trauriger Abend, und je heller die Sterne leuchteten und je glänzender die ſcharfe Mondſichel über die fernen Berge herüberſtrahlte, um ſo ſchmerzlicher fühlten ſich die Drei bewegt.— Doch auch der Abend war vorüber gegangen, wie ja alles in dieſer unbeſtändigen Welt vorüber geht, Gutes und Böſes, und wieder war es dunkel geworden und wieder ſaß Herr Wulf an dem Tiſche unter der Veranda, aber diesmal ganz allein vor der flackernden Lampe; er hatte ſich gezwungen, da hinzuſitzen, und that es wie in ſtummem Trotze; die Hände lagen zuſammengefaltet vor ihm und ſeine Blicke verſenkten ſich in die dunkelrothe Flamme des Lichtes. Das that aber nur ſo lange gut, bis drüben über den Bergen der Mond auftauchte und wie verwundert herüber ſah, verwundert auf ihn, daß er ſo ganz mutterſeelenallein daſaß. Da ſchien mit dieſem V — dem zitternden Scheine, den er noch lange durch die Beim Gewitter. 183 3 Blicke dies Gefühl des troſtloſen Alleinſeins den kleinen Thiermaler erſt recht zu überkommen; er ſprang haſtig wie ſchaudernd auf, blickte ſcheu um ſich, und als er ſah, daß niemand in der Nähe war— es konnte ja auch niemand da ſein— da trat er wieder an den Tiſch, an jene Stelle, wo ſo oft ihre Hand geruht, und drückte ſeine Lippen feſt auf das gefühlloſe Holz, nur eine Sekunde, dann eilte er hinweg nach ſeiner Wohnung, die Treppen hinauf, nahm ſeinen kleinen Torniſter, hing ihn auf den Rücken, ſetzte den Hut auf und faßte einen derben Knotenſtock in die Hand, worauf er ſtill und geräuſchlos Zimmer und Haus verließ. 4 Von dem brennenden Lichte unter der Veranda konnte er ſich ſchwer trennen und doch fürchtete er ſich, es auszu⸗ löſchen. Wie oft blieb er ſtehen und blickte zurück nach Zweige glitzern ſah.— Ja, wie oft blieb er ſtehen, und wie oft war es ihm, als müſſe er zurückkehren und alle die Lieben dort, wie ſo oft verſammelt finden.— Endlich riß er ſich mühſam los, und dann ſah er ſich auch nicht mehr um und ging raſchen Schrittes bis an die Wohnung der Maler Krauß und Becker, wo er Licht durch den großen Dachladen ſchimmern ſah. „He! hollah!“ rief er mit lauter Stimme, und als⸗ Krauß herabſchaute, ſagte er:„Ich habe wichtige Briefe erhalten, die mich zwingen, noch heute Abend abzureiſen. ———— 184 Achtes Kapitel. Thut mir deßhalb die Liebe und geht gleich hinüber; ich 4 ließ alles offen ſtehen.“ „Das kommt ſchnell,“ meinte Krauß, aber ſeine Stimme klang nicht unfreundlich. „Ja, ſehr wichtige Briefe,“ fuhr der kleine Maler fort,. „die mich alles vergeſſen ließen. Und ſo vergaß ich ſogar 3 die Lampe auszulöſchen, die unter der Veranda brennt.“ „Du haſt doch niemand umgebracht, daß du ſo davon eilſt?“ meinte Becker lachend.„Aber wir kommen ſchon. Gehſt du noch einmal mit zurück?“ Nein, nein,“ lautete die Antwort Wulfs im Davon⸗ eilen.„Lebt wohl und hebt mir die Lampe auf, bis ich wiederkomme.“ Damit war er in der Nacht verſchwunden. Neuntes Kapitel. Am großen Kanal.„ Wer die Mittel hat, in dem ſchönen Vensdig recht an⸗ genehm, recht behaglich, ja mit einem Worte recht com⸗ fortabel zu leben, und dies auch thun will, der nehme, nachdem er ein paar Tage in einem der großen Gaſthöfe zugebracht, einen der vielen Commiſſionärs, die ſich ihm anbieten, ſetze ſich mit dieſem in eine Gondel und fahre von Riva degli Schiavoni langſam durch den Canal grande, aber ſehr langſam, nicht mit der gewöhnlichen Eile, mit der die kleinen ſchwarzen Schiffchen dahinſchießen,— piano, piano! Die beiden Gondoliere vorn und hinten ſollen ſich unterhalten und nur zuweilen durch einen leichten Ruder⸗ ſchlag die Barke langſam vorwärts treiben. 3 Der Commiſſionär zeigt uns ſo im Vorübergleiten an den kleineren und größeren Paläſten, welche derſelben ganz 186 Neuntes Kapitel. oder theilweiſe zu vermiethen ſind. Gefällt uns die Lage, die Form des Gebäudes, ſeine Fenſter und dergleichen, ſo geben wir ein Zeichen, die Spitze der Gondel wendet ſich leicht nach dem Ufer zu und bald ſchleift der Rand der⸗. ſelben an der ſteinernen Treppe. Der eine der Gondoliere, der, welcher uns beim Ausſteigen behülflich iſt und welcher ſchon weiß, was unſere langſame Fahrt auf dem Kanal bedeutet, beachtet wohl die Augen des Commiſſionärs un zuckt entweder die Achſeln oder meint, eine angenehmere Wohnung als dieſe ſei in ganz Venedig nicht zu finden. Doch der Angekommene verläßt ſich auf ſich ſelber und 5 tritt über die breiten Steintreppen, an denen das Waſſer des Kanals plätſchert, in das Veſtibul des Palaſtes. Was man vor noch nicht gar langer Zeit von der Zerſtörung, Vernachläßigung eines großen Theils der vene⸗ tianiſchen Paläſte, ſelbſt am Canal grande, erzählt, gilt ſchon ſeit Jahren nicht mehr. Wie ſich die ganze Stadt aus Trümmerhaufen glänzend verjüngt erhoben hat, wie die alten verfallenen Kanäle hergeſtellt und vertieft worden ſind, wie die baufälligen. Brücken neu gewölbt wurden, ſo ging auch damit Hand in Hand die Reſtauration der Privat⸗ gebäude; auch hier ſind ſchon ſeit Jahren die ärgſten Schäden hergeſtellt und zugedeckt, und wo man früher die Hälfte der 1 Privatquartiere, die Einem gezeigt wurden, wegen allzu großer Vernachläßigung nicht nehmen konnte, ſo findet man jetzt, namentlich an den Hauptkanälen und größeren Plätzen, ———— Am großen Kanal. 187 eine Menge behaglicher, größerer und kleinerer Wohnungen. Wer freilich ſehr nach Luft und Licht trachtet, der muß den Weg mit uns fortſetzen und ſich eine Wohnung am Canal grande ſuchen. Wir haben alſo gefunden, was wir gewünſcht: einen, der mittelgroßen Paläſte, unten mit einem geräumigen Veſtibul, groß genug, um an den Seiten die Dächer der Gondeln, die wohl bei ſehr gutem Wetter abgehoben wer⸗ den, aufbewahren zu können. Eine breite ſteinerne Stiege führt uns in den erſten Stock, wir ſehen das Treppenhaus mit alten Fresken geſchmückt, die wohl etwas verblichen ſind, aber uns doch noch einen Begriff geben von altvene⸗ tianiſcher Pracht. Freilich müſſen wir auch unſere Phan⸗ taſie zu Hülfe nehmen; es ſieht hier ziemlich nackt und kahl aus; dort pfeift der Wind durch ein paar zerbrochene Fenſter; vielleicht wackelt auch das Geländer der Treppen, wenn wir uns allzu feſt darauf ſtützen. Der Commiſſionär aber verſichert uns, dergleichen Kleinigkeiten ſeien nicht zu beachten, und einmal die Wohnung eingerichtet, würden wir nichts Behaglicheres finden können. Und er hat Recht, aber es wird einiges Geld koſten. Gehen wir alſo weiter und ſehen die Räumlichkeiten durch. Oben empfängt uns ein großer Vorplatz, weit, geräumig, mit Säulen verſehen, etwas ſpärlich beleuchtet, vielleicht Abends zu einem Tanzſalon zu verwenden, jedenfalls aber vortrefflich zum Speiſezimmer, in der heißen Jahreszeit. 188 Neuntes Kapitel. .* Dann iſt es hier kühl und ſchattig, und man fühlt ſich recht behaglich da, beſonders wenn man durch die Thür⸗ ſpalten— und deren gibt es viel in Italien— die glühende Sonne ſchimmern ſieht, die draußen brütend und lähmend auf Straßen und Plätzen und Kanälen liegt. Um dieſen Vorplatz liegen die Wohnzimmer; vorn heraus, das heißt auf den Kanal, ein größerer Salon; zu ihm gehören die hohen Fenſter mit den zierlichen Säulen, über ihnen die ſteinernen Kleeblätter, welche wir von unten geſehen und die uns ſo außerordentlich gefielen. Freilich ſieht auch hier das Innere etwas öde, kahl und leer aus, doch ver⸗ ſichert uns der Commiſſionär einmal über das anderemal die Herrſchaft wolle nur die Größe der Zimmer in Augen⸗ ſchein nehmen und die Dispoſition derſelben; das Andere fände ſich zu einer wahrhaft freudigen Ueberraſchung. Gut denn, der Palaſt— hier heißt alles palazzo— ſeine Lage und bauliche Einrichtung hat uns gefallen. Der Mieth⸗ preis iſt auch gerade nicht übertrieben, wir ſchließen unſern Accord für die Zeit des Aufenthaltes, und der Lohnbediente bringt uns nach Haus, um uns eine Stunde ſpäter die Bekanntſchaft ſeines genauen Freundes, des Signor Giu⸗ ſeppe, machen zu laſſen, einer der ehrlichſten, billigſten, freundlichſten und gefälligſten Seelen von ganz Venedig, dem alles daran gelegen iſt, daß der Fremde ſeine Stadt lieb gewinne, und der nebenbei die Gefälligkeit hat, gütiger Weiſe für die Möblirung leerſtehender Paläſte zu ſorgen. ——;— 4 1 Am großen Kanal. 189 Aber er thut das nur rein aus Gefälligkeit für ſeinen Freund, den Commiſſionär. Und daß er dieſem zu Liebe ſeine Preiſe ſo anſetzt, daß er begreiflicherweiſe nichts dabei verdient, das verſichert er den Fremden einmal über das anderemal. Dem ſei nun, wie ihm wolle, wir nehmen ſo⸗ gar an, daß Signor Giuſeppe doch etwas Ordentliches bei ſeinem Geſchäfte verdiene, ſo können wir ihn doch allen Fremden mit voller Ueberzeugung empfehlen. Er wohnt auf dem Campo San Stefano, dort, wo es zur Eiſenbahn⸗ brücke geht, in dem Hauſe Nr. 42— ein kleines Gebäude mit grünen Läden neben dem ſchwarzen Palaſte der Caraffa, der nicht weit von der Kirche San Stefano ſteht und jeder⸗ mann wohl bekannt iſt. Welche Wunder Signor Giuſeppe gewirkt, ſieht der Fremde, wenn er nun nach einigen Tagen wieder nach dem Palaſte fährt, der ihm damals trotz ſeiner ſchönen Lage etwas vernachläßigt und öde erſchienen.„Wenn uns aber die Einrichtung nicht gefällt?“ ſo hat der Fremde zum Com⸗ miſſionär geſagt, da er ſieht, daß derſelbe beſchäftigt iſt, die zahlreichen Gepäckſtücke auf eine andere Gondel zu laden und vorauszuſchicken. Worauf der pfiffige Geſchäftsmann antwortet:„das kann nicht möglich ſein, Excellenza, Giu⸗ ſeppe hat die Einrichtung mit Vergnügen beſorgt und ſie iſt gelungen; darauf lege ich meine Hand ins Feuer.“ So fährt man nun auf dem Canal grande dahin, voraus die Barke mit dem vielen Gepäck und der Dienerſchaft, dann 190 Neuntes Kapitel. die Gondel mit der Herrſchaft. Dieſe beſteht aus zwei Perſonen,— einer Dame, welche bequem in den ſchwarzen Atlaskiſſen ruht, und einem Herrn, der vor dem Gondel⸗ häuschen ſteht und immer wieder, ſo oft er auch ſchon hier vorbei kam, die alten merkwürdigen Gebäude mit dem größten Intereſſe betrachtet. Aha, dort liegt der Palazzo, den wir neulich geſehen. Wahrhaftig, ſchon vor der Treppe ſieht es jetzt bereits wohn⸗ licher aus; die Pfähle im Waſſer ſind bunt und freundlich, ihre Farben ſcheinen aufgefriſcht; über die ſteinernen Stufen hängt ein Teppich herab, deſſen Franſen hie und da von dem anſpielenden Waſſer empor gehoben werden; auch liegt eine elegante Gondel da, die beiden Gondoliere derſelben ſind einfach, aber geſchmackvoll gekleidet, wie es ſich für die Leute eines vornehmen Hauſes ſchickt. Am Hauſe emporblickend, ſieht man auch da Einiges nicht unangenehm verändert. Die damals ſo feſt verſchloſſenen Fenſterflügel ſind geöffnet, und man bemerkt einen dunkelrothen ſeidenen Vorhang ſich leicht vor dem Winde bewegen. Vom Nebenzimmer des Salons geht es auf eine kleine Terraſſe, die etwas öde ausſah, ſich aber jetzt wie mit einem Zauberſchlage in einen reizenden Garten verwandelt hat. Der Commiſſionär, der zuſammengekauert neben dem Herrn ſitzt, hört mit ſichtlichem Wohlbehagen, daß dieſer in das Gondelhäuschen hinein ſpricht:„Er hat recht gehabt, es ſchaut jetzt ganz behaglich aus,“ und murmelt, wie in Am großen Kanal. 1941 ſich hinein:„Ja, mein Gevatter Giuſeppe, was der in die Hand nimmt, wird vortrefflich beſorgt!“ Damit erhebt er ſich raſch und dirigirt mit einem einzigen Wort die Barke mit dem Gepäck in den Seitenkanal hinein, der das Haus von der Nebenſeite beſpült und wo an einer kleinen Thür die Kiſten und Koffer ausgeladen werden. Die Gondel mit der Herrſchaft fährt am Haupteingange vor, und da, wie vorhin bemerkt, hier Teppiche liegen, ſo ſchmiegt ſich jetzt das kleine Fahrzeug leicht und unhörbar dort an. Der junge Mann, der vorne ſteht, reicht der Dame die aus dem Häuschen hervorkommt, die Hand und läßt ſie auf die Treppe treten, worauf er ſelbſt folgt. Sie geht ins Haus, er bleibt noch einen Augenblick ſtehen, um die gegenüberliegenden Paläſte zu betrachten, ſowie mit Ver⸗ gnügen zu ſehen, daß er von ſeinem Fenſter aus bei der Dogana di Mare vorbei etwas vom Grün der Giardini Publici ſehen wird, ſowie die Kuppel von San Giorgio Maggiore und noch von den Gebäuden dieſer kleinen Inſel, deren röthliche Farben ſo wohl thun im einförmigen Grau der weiten Lagunen.. Der Commiſſionär hat unterdeſſen, den beiden Gondo⸗ lieren gewinkt, die mit abgezogenen Mützen näher treten und nun von dem pfiffig lächelnden Geſchäftsführer vor⸗ geſtellt werden: Marco und Paolo. Nicht wahr, ein paar 4 vielverſprechende Namen? Sind aber auch Kapitalburſche, we⸗ nigſtens einer davon ſicher bei der Regatta. Dann ſetzt er 3 e 192 Neuntes Kapitel. in franzöſiſcher Sprache hinzu:„Kennen die ganze Stadt, Excellenza, jedes Haus aus⸗ und inwendig, in jeder Hinſicht brauchbar und verſchwiegen, wie ein venetianiſcher Gon⸗ dolier ſein ſoll. Beide vortrefflich, doch Paolo immer noche⸗ um eine Idee zuverläßiger.“ Der Fremde nickt mit dem Kopfe und läßt ſich von einem Bedienten ein kleines Käſtchen reichen, welches zu den Füͤßen der Signora ſtand und das er nun ſelbſt mit ſich ins Haus nimmt. Der Commiſſionär iſt die Treppen voraus hinaufgeeilt und erreicht die Signora noch auf der oberſten Stufe. „Excellenza,“ ſagte er mit tiefer Verbeugung,„ich bin troſtlos, daß es mir nicht vergönnt war, drunten die beiden Gondoliere vorzuſtellen, die ich vorläufig engagirt. Natür⸗ licherweiſe können ſie Excellenza behalten oder fortſchicken, wie es ihnen beliebt; ich muß mir aber erlauben, in aller Devotion zu bemerken, daß es keine beſſern Leute in ganz Venedig gibt, kennen nicht nur jeden Kanal wie ihre Taſchen, ſondern auch jeden Gondelführer, und wiſſen am Abend, wenn es verlangt wird, ganz genau zu ſagen, wo dieſer oder jener ihrer Kameraden geweſen iſt.“ „Gut,“ verſetzt die Dame, wobei ihre dunklen Augen ſich gegen die Treppe wenden, an deren unterſter Stufe die Gondoliere mit abgezogenen Mützen ſtehen und ehrer⸗ bietigſt hinaufblicken. „Der Größere iſt Marco, der Kleinere Paolo,“ ſagt der 4 Am großen Kanal. 193 Commiſſionär und fährt dann in franzöſiſcher Sprache mit leiſerer Stimme fort:„Beide ganz vortrefflich, doch Marco immer noch um eine Idee zuverläßiger.“ Allen Reſpekt vor Signor Giuſeppe, das Haus iſt in der That nicht mehr zu erkennen, jeder Winkel athmet Be⸗ haglichkeit und Eleganz. Wie ſah ſchon unten der Vorplatz ſo wohnlich aus! Wo die Teppiche aufhören, fangen feine oſtindiſche Matten an, und dieſe ſcheinen an der Stiege wieder beſcheiden zurückzuweichen vor dicken franzöſiſchen Treppenläufern, die auf den Fuß den Effekt machen, als trete man auf eine wattirte Unterlage. An der Wand neben der Hausthüre— dieſe Wand war vor einigen Tagen noch ganz kahl— ſieht man jetzt von dunklem Eichenholz geſchnitzte Bänke, wo Gondolier und Dienerſchaft auf ihre Herrſchaften warten können. Und über dieſen Bänken ſtreckt ſich, wie aus der Mauer ſelbſt, eine bronzene Rieſenfauſt hervor, die eine zierliche Laterne trägt, ganz ſo wie im Palazzo Vendramin. Dort hatte ſie der fremde Herr bewundernd angeſchaut, und als er nun ähnliche hier wieder findet, klopft er lächelnd dem Commiſſionär auf die Achſeln, der ſich unter dieſer ſchmeichelhaften Berührung bückt und ſich dabei lächelnd die Hände reibt. Bald aber erhebt er ſein Haupt wieder ſtolz, während er voranſchreitend ein Zimmer um das andere öffnet. Und er hat das Recht dazu, denn er und ſein Gevatter Giuſeppe haben ſich mit Ruhm bedeckt; eines der Gemächer übertrifft Hackländer, Tannhäuſer. I. 13 194 Neuntes Kapitel. das andere an eleganter und wohnlicher Einrichtung. Da iſt der große Salon mit ſeinem neuen Marmorkamin, mit⸗ ſeinen dicken Teppichen, ſchweren Vorhängen und ſeinen zahlreichen Divans, Sophas, Fauteuils, alles bunt, aber p nicht ohne Geſchmack durcheinander geſtellt; dort iſt das Schlafzimmer, es liegt ſo, daß es Morgens um zehn Uhr einen Sonnenblick erhält; ſeine Einrichtung iſt von einem Raffinement, welches nichts zu wünſchen übrig läßt; es hat zur Seite Toilette⸗ und Badezimmer, iſt mit grünen Seide⸗ ſtoffen neu tapezirt worden, von denen die braunen Brocadellvorhänge um Fenſter und Betten ſo warm, ſo behaglich abſtechen und ein ſtillheimliches Enſemble bilden, daß man ſich nirgendwo angenehmer fühlt als gerade in dieſem Gemache. Es iſt ganz geeignet, um ſich nach des Tages Laſt und Hitze bei und in ſich ſelbſt zurückzuziehen; dabei bildet ſein einziges großes Fenſter einen Erker, der ein Sopha darſtellt, von welchem aus man zwiſchen den ſeidenen Vorhängen durch hinauf und hinab den großen Kanal ſchauen kann.* An den Salon der Signora ſtößt das Empfangszimmer des Sua⸗Excellenza, und dann kommt deſſen Arbeitszimmer. Und hier hat der umſichtige Commiſſionär ſein ganzes Ta⸗ lent entfaltet; in den wenigen Tagen, die der fremde Herr im Gaſthofe zubrachte, hat er wohl bemerkt, daß es ihm Vergnügen macht, bei Ausflügen in die Stadt oder auch vom Fenſter aus dies und das zu zeichnen. Hatte Excellenza Am großen Kanal. 195 doch ſogar ein vollkommenes Malergeräth bei ſich, und daß er damit umzugehen wußte, hatte der Commiſſionär wohl geſehen an dem famoſen Entwurf, den der fremde Herr auf ein Stückchen Malerleinwand in Farben von dem Kopfe des alten Griechen gemacht, der Stunden lang ſeine Pfeife rauchend dort neben der Thüre des Hotels vor dem kleinen Kaffeehaus zu ſitzen pflegte. Daß das Arbeitszimmer des Herrn nach Norden gele⸗ gen, war ſchon eine kleine Aufmerkſamkeit; daß aber der Commiſſionär aus dem dem Palaſte gegenüber liegenden be⸗ rühmten Alterthums⸗ Magazin hier die ganze Einrichtung auf's ſinnreichſte zuſammengeſtellt hat, verdient gewiß alles Lob, und als Excellenza ſein Appartement betrat, war er in der That freudig überraſcht, da ein Atelier zu finden, wie er es ſich wohl früher einmal in ſeinen kühnſten Träu⸗ men ausgemalt. Da waren Damaſtvorhänge von jenem alten ſchweren venetianiſchen Stoff in den glühendſten Far⸗ ben und in den ſeltſamſten eigenſinnigſten und maleriſchſten Falten auf den Boden niederhängend; da waren alte Waf⸗ fen, geſchnitzte Möbel, Gefäße der verſchiedenſten Art, kurz, jener ganze Kram, von dem jedes einzelne Stück für ſich allein am Ende nicht viel ſagen will, der aber richtig zu⸗ ſammengeſtellt ein Enſemble gibt, an dem ſich das Auge eines Künſtlers wohl erfriſchen kann. Daß Signor Giu⸗ ſeppe eine Staffelei nicht vergeſſen hatte, verſteht ſich von 196 Neuntes Kapitel. ſelbſt; doch war dieſelbe zierlich, wie es ſich für einen Dilet⸗ tanten geziemt, etwas ſchwach, aber von Mahagoniholz. Als der fremde Herr und die Dame durch ihr Appar⸗ tement ſchritten und, nachdem ſich der Commiſſionär beſchei⸗ den zur Dienerſchaft zurückgezogen, nun noch einmal allein das Ganze durchſahen, da bemerkte man wohl, wie der Blick der ſchönen Dame an dem Auge ihres Begleiters hing und wie ihr alles um ſie her nur alsdann ſchön und ele⸗ gant erſchien, wenn der Ausdruck ſeines Geſichtes oder auch nur der Strahl ſeines Auges Zufriedenheit ausdrückte. Daß er aber ſeinen Beifall gar zu häufig oder in Worten ge⸗ ſpendet hätte, können wir gerade nicht behaupten; er nahm alles das ſo hin, als wenn es ſich von ſelbſt verſtände, und ſogar die in der That maleriſche, ja poetiſche Einrich⸗ tung ſeines Arbeitszimmers nöthigte ihm nur ein leichtes Lächeln ab. Aber ſchon dieſes leichte Lächeln ſchien die ſchöne Frau auf's innigſte zu erfreuen; ſie hatte ihre Rechte auf ſeine Schulter gelegt, ließ ſie jetzt an ſeinem Arme herabgleiten ihren Hals, worauf ſie ſich zärtlich an ihn ſchmiegte. Er war weit größer als ſie, und nun blickte er kopfnickend mit einem Aufblitzen in ſeinen Augen auf ſie nieder, wobei das Lächeln van vorhin noch fortdauerte, und ging dann, alles wobei ſeine Finger läßig von ihrer Schulter herabhingen, und hob dann ſeine Hand empor und legte ſich dieſelbe um flüchtig betrachtend, mit ihr noch einmal durch die Zimmer, — 1 Am großen Kanal. 197 während man bemerkte, daß ſie zuweilen tief und ſchnell athmete. Der Intendant oder Haushofmeiſter der fremden Herr⸗ ſchaft, zugleich der Kammerdiener der Dame, war ein alter Franzoſe mit grauem Haar, welches er ziemlich kurz ge⸗ ſchnitten aufwärts gekämmt zu tragen pflegte. Er hatte ein gutes freundliches Geſicht, welches durch die weiße Hals⸗ binde, die er beſtändig trug, etwas ſtark kolorirt erſchien— wir müſſen hinzuſetzen eigenthümlicher Weiſe, denn Mon⸗ ſieur Ferrand war die Mäßigkeit ſelber, überhaupt ein vor⸗ trefflicher Diener, ein wahrer Schatz von einem Haushofmeiſter. Während ſich die Herrſchaft in ihr Schlafzimmer begab, um Toilette zu machen oder viel leicht auch, um von dem Erker aus auf den großen K Kanal zu ſchauen, ließ ſich Mon⸗ ſieur Ferrand die Rechnung des Signor Giuſeppe, die Ein⸗ richtung des Hauſes betreffend, vorlegen. Es war das eine hübſche anſehnliche Rechnung, und der Intendant ſchüttelte einmal über das anderemal den Kopf; doch hatte der ſchlaue Italiener alles ſo genau ſpezificirt und wußte ſeine Anſätze ſo ſchlagend zu motiviren, daß Monſieur Ferrand am Ende nicht anders konnte, als zur Bezahlung der enormen Summe zu ſchreiten, was er denn auch mit einem tiefen Seufzer that und dabei ſprach:„Ich verſichere, Monſieur Joſefé, daß ich mit der Summe ſelbſt in Petersburg, wo alles recht hübſch theuer iſt, ein kleines Hotel für bleibende Zeiten einrichte.“ * 1 198 Neuntes Kapitel. Der Andere zuckte hierauf die Achſeln lächelnd, mit einem Geſichtsausdruck, auf dem deutlich zu leſen war, daß er den Haushofmeiſter der fremden Herrſchaft für den famo⸗ ſeſten Spaßmacher der ganzen Welt halte. Und als hierauf Signor Giuſeppe mit dem Commiſſionär ſchmunzelnd das Zimmer verließ, ſagte Einer zum Andern in italieniſcher Sprache, von der ſie wohl wußten, daß Monſieur Ferrand ſie vollkommen verſtand:„Das iſt unbedingt der erſte In⸗ tendant, den es gibt, ein außerordentlich vortrefflicher Herr; es iſt eine Ehre, ein Vergnügen, ihm zu dienen.“ Der außerordentliche und vortreffliche Intendant aber ſchien über die Fortgehenden nicht ſo zu denken; er ballte die Fauſt gegen die nun geſchloſſene Thüre und ſagte:„Ihr Spitzbubenzeug! Wenn ich freie Hand hätte, ſo wollte ich Kerls, wie ihr ſeid, eine ſolche Einrichtung allein überlaſſen. Aber was kann man machen, wo nichts, was Unſereins be⸗ ſchafft, für gut genug befunden wird und man obendrein die Commiſſionäre und dergleichen Geſindel noch dadurch verdirbt, daß man durchblicken läßt, Comfort und Eleganz ſei die Hauptſache, das Geld werde nicht beachtet.— Nun, das kann noch einige Jahre ſo fortgehen, dann aber muß irgendwo ein Einhalt geſchehen.“ Er verſchloß die Papiere ſeufzend in eine Kaſette und ging nach der Küche, um dort ſeine Verhaltungsbefehle zu geben. Indeſſen war der Herr in ſein Zimmer gegangen, und Am großen Kanal. 199 während ſein Diener beſchäftigt war, allerlei nöthige und unnöthige Sachen aufzuſtellen, nahm er aus einem Kiſtchen eine kleine feine Havanna⸗Cigarre, die er anzündete, aber gleich darauf wieder wegwarf, da ſie nicht zog, um eine andere zu nehmen, worauf er ſich alsdann in einen Fau⸗ teuil warf, den Kopf in die Hand ſtützte und hinausſchaute nach der Lagune, von der ſich das Sonnenlicht wie vom blanken Stahle abſpiegelte. Die Dame war auf ihrem Sopha in dem Erker geblie⸗ ben; dort lag ſie ausruhend, blickte ſtill lächelnd an die Decke empor und ließ eine Perlenſchnur langſam durch ihre feinen Finger gleiten. Im Nebenzimmer waren Bediente mit dem Auspacken der ſchweren Koffer beſchäftigt und be⸗ ſorgten dies Geſchäft nach Anleitung eines auffallend ſchö⸗ nen Kammermädchens, die etwas ſorglos gekleidet war und irgend etwas gefunden zu haben ſchien, was ihr Stoff zum Lachen bot. Wenigſtens wandte ſie ihre ſchönen braunen Augen mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck der Schelmerei zuweilen nach der Thüre des Nebenzimmers, wo die Herrin ruhte, und wenn ſie dann ſo komiſch lächelnd den Mund verzog, ſo preßte ſie gleich darauf ihre friſchen Lippen hef⸗ tig auf einander und beſchäftigte ſich auffallend emſig mit dem Weißzeug, das ſie aus den Händen der Bedienten nahm, um es in den verſchiedenen Schränken niederzulegen. Als der Intendant, Monſieur Ferrand, in der Küche alle nothwendigen Anordnungen getroffen, trat er hinaus 200 Neuntes Kapitel. auf das Veſtibul und gab dem dort befindlichen Portier genau die Stunden an, zu welchen Dejeuner und Diner ſtattfinde, ſowie die Zeit, in welcher die Herrſchaft für allenfallſige Beſuche nicht zu Hauſe ſei, und bezeichnete ihm auf's be⸗ ſtimmteſte, wann er die Klingel in den obern Stock ziehen dürfe, um irgend jemand zu Herrn und Madame Woldemar führen zu laſſen. Zehntes Kapitel. — Am kleinen Kanal. Wer nicht die Mittel hat, in dem ſchönen Venedig recht angenehm, recht behaglich, mit einem Worte recht comforta⸗ bel leben zu können, ja wer ſich einſchränken muß und genau berechnen, was ihm ſeine Reiſekaſſe erlaubt für ein Quartier auszugeben, damit ihm ſo viel übrig bleibe, um den Be⸗ dürfniſſen ſeines Magens zu genügen, der hier trotz den Schätzen, welche die Kunſt rings um uns aufgehäuft hat, trotz der wunderbaren Stadt mit ihren reichen Paläſten und dem poetiſchen Leben und Treiben auf den ſtillen Kanälen ebenſo unbeſcheiden und gebieteriſch das Seinige verlangt, wie in der langweiligſten und trockenſten Umgebung, der ſucht ſich für die erſten Tage ein ganz beſcheidenes Unter⸗ kommen in einem der kleinen Gaſthöfe, die ſich verſteckt in ſchmalen Seitengaſſen in der Ibe des Markusplatzes oder 4 Zehntes Kapitel. 202 auch des Rialto befinden, und geht dann auf den erſtge⸗ nannten Platz, da ſeinen erſten künſtleriſchen Heißhunger an der wunderlichen Fagade des Doms, an den beiden Säulen auf der Piazetta und am feenhaften Anblick des Dogenpa⸗ laſtes zu befriedigen, um ſich hierauf in das letzte Kaffee⸗ haus unter den Arkaden der Procurazia zu begeben und dort nach einem würdigen Manne zu forſchen, der den rei⸗ ſenden Künſtlern unter dem Namen il Tiroleſé bekannt iſt, der ſich in benanntem Kaffeehaus häufig aufhält und bei ſeiner ausgebreiteten Bekanntſchaft im Stande iſt, den Frem⸗ den ebengenannter Gattung anſtändig und billig, wenn auch ohne beſonderen Comfort, unterzubringen. Dieſer Tiroler hat auch ein eigenes Hotel⸗Garni, das wir erreichen, wenn wir vom Markusplatze aus neben dem MNilitärkaffeehaus durch jenen Thorbogen gehen, hinter wel⸗ chem wir einen Kanal und eine kleine Brücke ſehen. Vor 9 letzterer wenden wir uns rechts und befinden uns nun nur wenige Schritte vom Platz des heil. Markus, jenem Sam⸗ 3 melpunkt der unermeßlichen Schätze Venedigs, entfernt an eiſtem der kleinen und ſtillen Kanäle, die wie ein Symbol der Melancholie erſcheinen, die umſtanden von unendlich hohen Häuſern ihr trüb gefärbtes Waſſer beſtändig in tie⸗ fem Schatten zeigen, da kein Sonnenſtrahl in dieſe Tiefe zu tauchen im Stande iſt, und die um ſo trauriger erſcheinen durch den Contraſt des ſchmalen Streifchens tiefblauen und klaren Him mels, der 8 he tief unten einen wundervollen —— — — ϑ— Am kleinen Kanal. 203 Sommer⸗ und Sonnentag nur ahnen läßt. Die Mauern der Häuſer ſind ſchwärzlichgrau, einförmig und düſter, und deßhalb erfreut uns der Anblick der flatternden buntfarbigen Wäſche, die an Schnüren vor dem Fenſter flattert, oder der grünen Geranienbüſche, die hier und dort in hölzernen Kiſt⸗ chen oder flachen Blumenſcherben ſtehen, aber wegen Man⸗ gels an Sonnenlicht nur verkümmerte Blumen zu treiben im Stande ſind. Und doch betrachtet der kleine deutſche Künſtler, der von der ſonnigen Piazetta über den prachtvollen Markusplatz hieher kam, auch dieſe Schattenſeite der ſtolzen einzigen Lagunenſtadt mit unverkennbarem Intereſſe. Erſcheint ihm doch alles hier eigenthümlich, neu, nie geſehen. Das Leben und Treiben auf dem ſchmalen Kanal, der ihm an den Häuſern nur wenig Raum zum Gehen läßt, — ein Leben und Treiben, das ihn auf die Gefahr hin, jeden Augenblick umgerannt zu werden, doch nöthigt, immer und immer wieder ſtehen zu bleiben,— iſt wohl nur deß⸗ halb ſo eigenthümlich und ſeltſam, weil alles, was in un⸗ ſern Städten auf dem Rücken von Pferden, Eſeln oder auf Rädern vorübergeführt wird, hier ſo ſtill und geräuſchlos auf der Barke und der Gondel vorüberzieht: der Bäcker mit ſeinem Brode, der Metzger mit ſeiner Waare, die Grün⸗ händlerin mit einem förmlichen Gemüſegarten, der Maurer, der mit ſeinem Nachen auf die Arbeit zieht. Er führt ein Ruder, der Lehrjunge das andere, zwiſchen ſich haben ſie 204 Zehntes Kapitel. 1 ein paar Dutzend rother Ziegelſteine und einen Kübel mit weißem Kalk. So zieht es unaufhörlich vorüber, alle Farben ſchwim⸗ men vor unſerm Blick und dabei iſt alles ſo ſtill und laut⸗ los, wie die Bilder in einer Laterna magica; nur zu⸗ weilen hört man den kurz ausgeſtoßenen Ruf des Gondo⸗ liers irgend einer herrſchaftlichen Gondel, der durch dieſes Zeichen die vorderen ſchweren und langſamen Fahrzeuge um etwas Platz erſucht, damit er eilig durchſchlüpfen kann, raſch verſchwinden um die nächſte Ecke, vor welcher er aber⸗ mals denſelben melancholiſchen Ruf ausſtößt.— Wenn man Venedig zum erſtenmal betritt, ſo kann man ſich kaum trennen vom erſten ſo ſehr überraſchenden Anblick dieſes Getreibes. 8 So erging es auch dem kleinen deutſchen Maler, der den Tiroler glücklich in dem Kaffeehauſe aufgefunden hat und nun von dieſem zur Beſichtigung einer allenfalls aus⸗ reichenden Wohnung geführt wird; in ein Zimmer, das im Hauſe des Tirolers heute noch frei werden ſoll, denn der, welcher es bisher bewohnt, hat ſchon ſeinen Koffer gepackt und iſt zur Polizei gegangen, um ſeinen Paß zur Abreiſe viſiren zu laſſen. Trotz des Schattens in den engen Gaſſen iſt doch die Luft hier dick und ſchwül, weßhalb die Kellerluft des kleinen finſtern Hauſes, deſſen Thür ſich nun vor dem Fremden geöffnet hat, gerade nicht unangenehm wirkt. Hierzu paſſen Am kleinen Kanal. 205 auch vollkommen die feuchten, moderigen Flecken an den Mauern des Hausganges, ſowie auch die Abfälle von Kar⸗ toffeln, Gemüſe und Salat, die in einem Winkel an der Treppe aufgeſchichtet liegen und einen eigenthümlichen Duft verbreiten. Es iſt dies aber ein Duft, an den man ſich in Italien leicht gewöhnt— ein unbeſchreiblicher Parfum, der auf jeder Stadt ruht und in welchem allein der Duft von Käſe, von etwas ranzigem Oel oder Fett vorherr⸗ ſchend iſt. Dem kleinen Maler übrigens ging es wie ſo vielen andern ehrlichen Leuten; dieſer Geruch umfing ihn, als er an einem wunderbaren Frühlings⸗Abend von Splügen her⸗ kommend die unausſprechlich ſchöne Färbung der Berge um den Comerſee vor ſich ſah, als er zum erſtenmal an eigen⸗ ſinnig geformten Gewinden von Rebenlaub dahinſchritt, die an den Bäumen emporrankend, ſich um kunſtloſe Stein⸗ pfeiler ziehend und darüber hinaus auf Baumäſten lagernd die natürlichſten, aber ſchönſten Veranden bildeten, und als er darauf nach dem reizend gelegen Chiavenna kam, wo ſich noch einmal das deutſche Vand und das herrliche Italien ſichtbarlich die Hand reichten, in vortrefflichem Sa⸗ lami und bairiſchem Bier. Von da an verließ ihn dieſer Duft nimmer und er ſchien ihm ſo vollkommen zur italieniſchen Reiſe gehörig, daß ihm etwas gefehlt haben würde, wenn er in eine Stadt gekommen wäre ohne den vorherrſchenden Oel⸗ und Käſe⸗ X 206 Zehntes Kapitel. geruch. Es war ihm derſelbe auch in Mailand treu geblie⸗ ben und er war in ſeiner Begleitung auf den prachtvollen weiß marmornen Dom geſtiegen. Er hatte ihn in Verona ſehr ſtark wieder gefunden und hatte ſich ſchon ſo an ihn gewöhnt, daß er ihn beinahe ſchmerzlich vermißt haben würde,— bei jenem ſteinernen Brunnentrog, den man für das Grabmal des Julia ausgibt, und bei den ſchwarzen Grabmälern der Scaliger, die ſich auf dem engen Platze ſo feierlich und maleriſch erheben, umfloſſen vom Mondlicht, umduftet von jenem unvermeidlichen Geruch. Eine Zeitlang hatte ihn der kleine Reiſende auf ſeinem weiteren Wege vermißt und ſchaute faſt verwundert drein, als er auf der ſteinernen Eiſenbahnbrücke durch die Lagunen dampfte und hier bei dem Funken⸗ und Kohlenſtaub aus⸗ werfenden Schornſtein ſo außerordentlich an die Heimat er⸗ innert wurde. Als er nun an dem ſehr proviſoriſchen Bahnhof in Venedig die Gondel beſtieg und den Kanal Grande hinauf fuhr, da ſtaunte er über die unglaublichen Wunder dieſer Meerſtadt, da ſah er leibhaftig vor ſich jenes verkörperte Märchen, von dem die Freunde früher erzählt, — Erzählungen, denen er kopfſchüttelnd zugelauſcht, von dieſer Stadt mitten im Waſſer, wo auf allen Gaſſen die Nachen und Gondeln fahren und wo es deßhalb in den Straßen ſo unheimlich ſtill ſei. Dies Gefühl beſchlich ihn, wie es jeden Fremden beſchleicht, der zum erſtenmal nach Venedig kommt. Man glaubt, die Stadt ſei ausgeſtorben Am kleinen Kanal. 2907 und die gewaltigen Paläſte, die uns ſo öde und leer er⸗ ſcheinen, müßten ſich ordentlich freuen, daß ſich endlich ein⸗ mal wieder ein lebendiges Weſen zwiſchen ſie hinein wage. So dachte auch unſer kleiner Maler; er hatte den Tor⸗ niſter, der ſeine ſämmtlichen Habſeligkeiten barg, vor ſich auf die Kniee gelegt und die Arme darauf gelegt, in den Händen ruhte ſein Kopf, während er wie im Traume einen Palaſt um den andern, ein fabelhaftes Bauwerk nach dem andern an ſich vorüberziehen ſah. Er war überraſcht, ent⸗ zückt, aber er fand im erſten Augenblick Italien nicht wieder, denn jener Duft, an den er ſich ſchon ſo gewöhnt, war hier auf dem großen Kanal nicht zu finden und wurde erſetzt durch den Geruch der Lagunen, bei dem wir uns mit ge⸗ ſchloſſenen Augen nach einer holländiſchen oder ſonſt einer Seeſtadt verſetzt fühlen können. Endlich aber fand er ſich wieder zurecht. Schon ein wenig an der Treppe der Piazetta, etwas mehr auch auf dem Markusplatze, vollkommen aber vor dem Hauſe des Tirolers, wo er jenen italieniſchen Duft mit einer freudigen Herzlichkeit begrüßte.— Und auch als er das Haus betrat, wurde ihm in dieſer Richtung von ſeiner Illuſion nichts benommen. Das war alles ſo ächt und urſprünglich ita⸗ lieniſch, wie es ſich ein deutſches poetiſches Gemüth nur wünſchen kann. Da ſah man die Treppen unentweiht von dem unbarmherzigen Beſen und dem gefühlloſen Waſchlap⸗ pen; da konnte man auf den Fußböden der Zimmer die Zehntes Kapitel. gründlichſten Studien über alle Dreck⸗ und Staubſorten der alten Lagunenſtadt anſtellen; da waren die Wände maleriſch verziert mit Streifen, welche die Feuchtigkeit dort hervorge⸗ rufen, mit Inſchriften und Zeichnungen der verſchiedenſten Art. Da lag das Bett auf ſeinem hölzernen wackeligen Bockgeſtell noch ſo, wie es der Gaſt, der heute abreiſen wollte, verlaſſen; da zeigte der Strohſack des Lagers an einer Seite ſein Eingeweide und hatte von demſelben auf dem Boden umhergeſtreut; da war der einzige Stuhl im Zimmer bedeckt mit dem⸗Mantel desjenigen, der im Begriff war, abzureiſen; da ſah man durch die blinden Scheiben des Fenſters eine rieſenhafte ſchwarze Brandmauer, und erſt, wenn man daſſelbe öffnete und ſich weit hinaus legte, entdeckte man ein kleines Stück des tiefblauen Himmels. Aber dem kleinen Maler gefiel alles das außerordentlich wohl, vor allen Dingen der Preis, der für das Zimmer verlangt wurde: 24 Kreuzer öſtreichiſch, dann die maleriſch ſchmutzige Treppe, ſogar die Haufen von Gemüſeabfällen drunten im Winkel. Das hat ſo etwas Urſprüngliches und Friſches, meinte er; vor allen Dingen aber betrachtete er mit Ehrfurcht den ſeltſam geformten Klopfer an der Haus⸗ thür, und ſeine lebhafte Phantaſie ließ denſelben erfaſſen von einer Fauſt in Stahlhandſchuh, welche einem jener alten tapfern Krieger angehörte, oder einem jener finſtern Wächter, welche mit der breiten und langen Hellebarde in den geheimnißvollen Gemächern des Dogenpalaſtes oder an Am kleinen Kanal. 209 62 der Seufzerbrücke oder tief unten an dem Brunnen Wache ſtanden und die Opfer, die dort täglich fielen, nur nach Dutzenden zu berechnen pflegten. Einen ſchüchternen Blick warf der neue Ankömmling auch in die Küche, die etwas unheimliche Werkſtatt jenes Duftes, der ihm ſo ſympathiſch war. Glücklicher Weiſe war es da ſo finſter, daß man nichts unterſcheiden konnte, als dunkle rußige Wände, ein dunkles rußiges Weib, das in einem Keſſel rührte, ein paar dunkle rußige Kinder, die ſich auf dem Boden herumbalgten, und einen dunklen rußigen Mann, der neben dem Herde ſaß und eine Cigarre rauchte. Der Fremde hatte nach einer Trattoria forſchen wollen, um ein kleines italieniſches Frühſtück zu nehmen, und der Hausherr erklärte ſich mit Vergnügen bereit, ihn in eine billige derartige Anſtalt zu führen. Vorher aber ließ er ſich den Namen ſeines Gaſtes auf ein Stück Papier ſchrei⸗ ben, um ihn droben an die Stubenthür zu kleben, damit jeder, der ſich dafür intereſſire, erfahren könne, dort wohne Herr Friedrich Wulf, ein deutſcher Maler. Darauf gingen die Beiden mit einander fort nach der kleinen unſcheinbaren Trattoria, und während ſich dort der Führer des Malers an das Küchenfeuer ſetzte, um ſeine Cigarre anzuzünden, ließ ſich der deutſche Künſtler einige Salamiſchnitte geben, ſowie eine große Staude grünen Salats, die mit gutem Oel und röth⸗ lichem Eſſig beſprengt alsdann aus freier Fauſt gegeſen wird. Hackländer, Tannhäuſer. I. 210 Zehntes Kapitel. Wer war glücklicher als der kleine Maler in dieſem Augenblick! Sein erſtes Frühſtück in Venedig, eine vor⸗ treffliche billige Wohnung, ein herrliches Wetter, Sonnen⸗ ſchein, ſo viel in die engen Gaſſen Venedigs hineingehen wollte, dazu die Freiheit, in wenigen Schritten auf dem Markusplatz und am Dogenpalaſt ſein zu können, um dort nach Herzensluſt zu ſchauen und zu zeichnen, was ihm ge⸗ rade einfiele. Nein, es hielt ihn nicht lange in der kleinen, etwas finſtern Trattoria, deren Fenſter, beſetzt mit Eßwaaren, Ge⸗ flügel, Fiſchen, Gemüſen aller Art, ſo wenig Licht herein ließen.— Auf denn zu künſtleriſcher Schwelgerei! Der kleine deutſche Maler zahlte, verabſchiedete ſich von ſeinem Führer, denn er wollte allein ſein, und nachdem er ſich in der nächſten Tabak⸗Trafik einen Rattenſchwanz gekauft, drückte er ſeinen Calabreſer etwas verwegen auf das rechte Ohr und alles in ihm jubelte, während er dem Markusplatze zu⸗ ſchritt: Venedig! Venedig! ja Venedig! Ich bin gewiß und wahrhaftig in Venedig! Er hatte aber auch mit Entbehrungen und Miüſhſelig⸗ keiten aller Art zu kämpfen gehabt, ehe es ihm gelungen war, italieniſche Erde zu erreichen. Glücklicher Weiſe hatte ein Engländer, der Seltſamkeiten aller Art liebte, ihm ſein Bild mit den Affenſchwänzen abgekauft, auch ſehr anſtändig bezahlt, und mit dieſem Gelde in der Taſche hatte er es dann ſchon wagen können, eine größere Wanderung anzu⸗ 1 8 K Am kleinen Kanal. 211 treten. Es war die erſte derartige in ſeinem Leben, und als er von dieſer neu gewonnenen Freiheit, dahin ziehen zu können, wo es ihm gut dünkte, wo es ihn gewaltſam hintrieb, die erſten tiefen Züge gekoſtet, da fühlte er ſich wie berauſcht, da ſchien ihm ein neues ſeliges Leben aufzugehen, und nur allein der Gedanke an die letztverlebten Tage in dem kleinen Hauſe war im Stande, ſeine heitere Laune zu trüben. Er konnte das Licht der wehenden Lampe, wie er es durch die Sträucher ſchimmern geſehen, als er geflohen, nicht vergeſſen, und es war ihm immer, als ſeien alsdann ſchattenhafte Geſtalten aus dem Dunkel herbeigeſchwebt, hätten ſich um das Licht gedrängt, um mit weit aufgeriſſe⸗ nen, aber glanzloſen Augen in die Flamme zu blicken,— die verlaſſene Flamme, vor Kurzem ja noch der Sammel⸗ punkt von vier glücklichen Menſchen, welche ſich jetzt aber mit tiefem Leid im Herzen nach verſchiedenen Weltgegenden hin zerſtreut. Um dieſen unheimlichen Gedanken los zu werden, hatte ſich Wulf bemüht, eine kleine Skizze von der Veranda zu machen, unter welcher Franceska geſeſſen und tief nachſin⸗ nend in die Flamme des Lichtes geblickt. Ja, da ſaß ſie, wartend und hoffend— wohl auf dem kleinen Bildchen, aber nicht in der Wirklichkeit.— Wulf war darauf fort⸗ gezogen, den Torniſter auf dem Rüͤcken, einen derben Stock in der Hand. Und auf dieſen Stock ſtützte er ſich nur ſelten, meiſtens ſchwang er ihn luſtig jubilirend im Kreiſe, 212 Zehntes Kapitel. oder er trug ihn auf der Schulter, wie der Soldat ſein Gewehr. So ſchritt er dahin, faſt immer näheren Fuß⸗ wegen folgend und die Landſtraßen vermeidend. Den Eiſen⸗ bahnzügen ſchaute er lächelnd nach und bedauerte die darin Sitzenden. Wie die alles ſo mit Haſt in ſich hinein ſchlin⸗ gen! dachte er, in einem halben Tage ein Stück Gegend, woran ich dreimal vierundzwanzig Stunden behaglich ſpeiſe. Daß er dabei langſam vorwärts kam, kümmerte ihn wenig; trieb es ihn doch nicht eilig einem beſtimmten Ziele zu; wollte er doch nur ſehen, genießen und zeichnen. Und namentlich das Letztere that er mit unermüdlichem Fleiße. Fand er aber auch nicht alles, wie für ihn gemacht, hauptſächlich, als er einmal den Bodenſee hinter ſich hatte und die Schweiz betrat?— Die Schweiz mit ihren Viehheerden, mit ihren wunderbaren Naturſchönheiten, mit ihren prachtvollen Straßen. Wie oft aber ſchweiſte der kleine Maler von dieſen ab und verlor ſich für Tage lang in das Gebirge, dort neue Schönheiten ſuchend und findend. Und als er erſt an den Splügen kam, jenen berühmten alten Paß, wie jauchzte da ſein Herz vor Freude, wie hätte er da auf jeden Stein am Wege niederſitzen mögen, um jede Windung der Straße zu zeich⸗ nen! Dabei das ihm neue, fremdartige Leben auf dieſer Straße, die Zug⸗ und Laſtthiere, die Karren, Treiber und Fuhrleute, ſchon italieniſch ſtaffirt und ganz anders anzu⸗ ſchauen, als bei uns. Die langen Maulthierzüge, die er hier zum erſtenmale ſah, mit ihrem weithin tönenden, ein⸗ Am kleinen Kanal. 213 fachen und gleichförmigen Geläute, mit den bunten Meſſing⸗ platten und rothen Lappen am Geſchirr. Eigenthümlich aber war es dabei, daß unwillkürlich in ſeiner Kunſt ein Uebergang ſtattfand; anfänglich hatte er als ächter und gerechter Thiermaler die Landſchaft neben ſeinen Kühen, Pferden und Eſeln— Affen begegneten ihm leider keine— nur ſo leicht obenhin behandelt. Nach und nach aber in der gewaltigen Natur, die er mit offenem Herzen und aufmerkſamen Sinnen durchwanderte, wuchs die bisher ſo vernachläßigte Landſchaft groß, breit, ja man konnte ſagen unter ſeinem Bleiſtift und ſeinen Waſſerfarben genial hervor, und das Thierreich ſank zur Staffage herab. Als ihm zum erſtenmal eine Skizze der Art gelungen war, ſchaute er ſie an mit einer gewiſſen Befriedigung und meinte in ſeiner derben Manier, es ſei doch gut, wenn uns irgend ein Zufall das dicke Brett von der Stirne wegſtoße. Daß die landſchaftlichen Skizzen und Aquarelle, die er unterwegs anfertigte, durch ſeine feine Behandlung der Thierwelt, wenn auch dieſe jetzt nur noch als Neben⸗ ſache erſchien, außerordentlich gewannen, verſteht ſich von ſelbſt, und als er Malland erreichte, fand er dort Fremde, die ihm begierig ſeine Scenen aus der Alpenwelt abnah⸗ men, ſomit ſein Mappe leerten, ſeine Reiſekaſſe wieder füllten. An ſeinen guten Freund Piſani hatte er noch von Deutſchland aus geſchrieben und denſelben gebeten, ihm 8* 214 Zehntes Kapitel. nach Mailand zu antworten, poste restante. Obgleich er aber dort während ſeiner Anweſenheit jeden Tag regelmäßig einmal hinging und ſeinen Namen„Wulfu geſchrieben zum Schalter hineinreichte, ſo ſchüttelte doch der dienſtthuende Beamte beſtändig mit dem Kopf und ſagte ſein:„niente“ ſo kalt und herzlos, daß der kleine Maler dies niente ordentlich zu haſſen begann. Einmal paſſirte ihm an der Poſt etwas Eigenthümliches: gerade als er dort hinkam, fuhr vom Thor weg eine glän⸗ zende Equipage, in welcher ein Herr und eine Dame ſaßen, beide vornehm und elegant gekleidet, gewiß eine reiche Herrſchaft, dafür ſprach auch der Bediente in Livree, der aus dem Poſtgebäude herausgetreten war, der Dame einen Brief übergab und ſich alsdann wieder hinten in ſeinen Sitz ſchwang. Wulf, der von der Herrſchaft nicht beachtet wurde, rieb ſich haſtig die Stirn, denn der junge, etwas finſter blickende Mann im Waͤgen hatte eine merkwürdige Aehnlichkeit mit dem Tannhäuſer gehabt.— Wahrhaftig mit dem Tannhäuſer! Und doch konnte er es nicht ſein; ſo viel Wulf gehört hatte, war der Tannhäuſer im Gefolge der Fürſtin Lubanoff nach Petersburg gereist, um dort Portraits zu malen, Portraits, von denen jedes mit ſo und ſo viel tauſend Silberrubel bezahlt würde. Das hatte der Tannhäuſer ſelbſt an ein paar Bekannte geſchrieben und hinzugeſetzt: wenn er ſich erſt mit ſaurer Arbeit ein Vermögen gemacht, Am kleinen Kanal.. 215 dann käme er wieder. Die Bekannten hatten darüber ge⸗ lächelt, den Brief in den Papierkorb geworfen und an den Tannhäuſer nicht mehr viel gedacht. Dies war um ſo er⸗ klärlicher, als jetzt und auch ſpäter gar keine Nachrichten in irgend einer Zeitung aus Petersburg kamen von dem deut⸗ ſchen Maler Tannhäuſer, nicht einmal, ob und wie er das Portrait der ſchönen Fürſtin vollendet, das in ſeiner erſten Anlage etwas Tüchtiges zu werden verſprach. Und nun ſollte dieſer Tannhäuſer, der gewiß irgendwo feſt auf einem Landſitze Rußlands ſaß, auf einmal hier in Mailand vor der Poſt erſcheinen.— Lächerlich! dachte ſelbſt der kleine Thiermaler nach einigen Augenblicken, wobei er mit der Hand durch ſein volles Haar ſtrich, aber mitten in dieſer Bewegung anhielt, um ſich ein wenig zu kratzen und dabei nachdenkend vor ſich nieder zu blicken.— Lächerlich! „Der da im Wagen,“ ſprach er dann zu ſich ſelber, „hat allerdings mit dem Tannhäuſer eine gewiſſe Aehnlich⸗ keit, aber der Tannhäuſer war friſcher, jünger; der da ſah ein bischen gedrückt, verlebt aus, hatte einen gelangweilten Zug um den Mund und lange nicht ſo friſche Augen, wie unſer Freund.“ Dabei ſeufzte Wulf tief auf und lief raſch von der Poſt an den Dom, um durch den Anblick dieſes wunderherrlichen Werkes ſeine trüben Gedanken verſcheuchen zu laſſen, finſtere— Gedanken, die ihn nach Deutſchland zurückführten, unter die Veranda mit dem flackernden Lichte und ihm immer und 216 Zehntes Kapitel. immer wieder jene Phantome zeigten mit den großen glanz⸗ loſen Augen. Als am letzten Tag ſeiner Anweſenheit in Mailand der Poſtbeamte abermals ſein„niente“ geſagt, ging Wulf ziemlich verdrießlich ins Hotel Reichmann, wo er gewohnt und eine angenehme Zeit verbracht. Es iſt das ein ſehr empfehlenswerther Gaſthof mit reichen und glänzenden Ap⸗ partements für die hohen und höchſten Herrſchaften, aber auch mit angenehmen und behaglichen Stübchen für beſchei⸗ dene reiſende Künſtler. Letztere finden ſich aber hier ſehr zu Hauſe, da der Chef des Hotels, Herr Alphons Reich⸗ mann, viel gemüthlichen Sinn für Kunſt und Künſtler hat und dieſen die Tage des Aufenthalts angenehm zu machen verſteht. Dankbaren Herzens zog denn auch unſer Maler von dannen und erreichte bald Verona, die Stadt mit dem ächten italieniſchen Charakter, mit ihren ſchwarzen, trotzigen Häuſern, aus denen man überall die vergangene gewaltige Geſchichte ſo deutlich liest, mit ihren Grabmälern mitten in gangbaren Straßen, welche eine ſo ernſte und eigen⸗ thümliche Wirkung hervorbringen. Hier hatte ſich der Künſtler ganz in dem Gegenſatze von dem verſucht, was er früher gemalt: ſtatt lebendiger, beweglicher bunter Thier⸗ gruppen warf er hier ſtarre graue Paläſte und Straßen auf das Papier, und als er durch die Preiſe, die ihm auch hier Fremde für ſeine Arbeiten bezahlten, einſehen Am kleinen Kanal. 217 lernte, daß er etwas in dieſem Genre zu leiſten vermöge, da trieb es ihn mächtig vorwärts nach jener phantaſtiſchen Königin der Meere; er packte abermals ſeinen Torniſter und rief:„Auf, nach Venedig!“ Eilftes Kapitel. Der Maler Potowski. Der Tannhäuſer hatte damals auch nicht ſo leichten und fröhlichen Muthes die Freunde, ja mehr noch als die Freunde verlaſſen, und es war ihm ſehr ſchwer geworden, Abſchied zu nehmen von ſeinem Atelier und von den bei⸗ den kleinen Häuſern mit der dazwiſchen liegenden Veranda. So eigentlich Abſchied hatte er auch nie davon genommen, denn ſelbſt, als er in jener Nacht nach dem ſchweren Ge⸗ witter ſeinen Koffer gepackt hatte, und nachdem er ſich ſchlummerlos auf dem Lager hin und her geworfen, endlich noch vor Tagesanbruch das Haus verließ, hatte er ſein klopfendes Herz mit dem Gedanken beſchwichtigt, er werde heute Abend, morgen, übermorgen wieder nachſehen, über⸗ haupt mit den Freunden in Verbindung bleiben. Er ahnte im erſten Augenblicke nicht, daß er in ganz andere Bahnen — 6 —— Der Maler Potowski. 219 geriſſen worden ſei und daß es ihm ſelbſt ſchon nach kurzer Zeit ein peinliches Gefühl verurſachen würde, die alten Kreiſe zu berühren. Und ſo war es in der That. Nachdem er zum erſten⸗ mal bis zur Berauſchung aus jenem ſchäumenden Becher getrunken, den man ihm unter den ſchönſten und ange⸗ nehmſten Formen kredenzt, überſchlich ihn bei völligem Rüchternwerden ein peinliches Gefühl, das ihn verhinderte, rückwärts zu ſchauen mit den Gefühlen, wie er ſie für die Freunde bewahren zu können geglaubt hatte. Er bemerkte ſchaudernd, daß er hinter ſich ſeine Brücken abgebrochen, und da er ſich nun vorwärts gedrängt ſah, ſo ſtürzte er ſich mit aller Glut, deren ſein Herz fähig war, in das neue Leben, entzückend und entzückt. Und ihn nicht ſo leicht erkalten zu laſſen, war der ſchönen Fürſtin ein Leichtes; konnte ſie doch von ihrem Reichthum an Geiſt, an körper⸗ lichen Reizen, an Geld mit vollen Händen um ihn her ſtreuen, konnte ſie doch alles Mögliche erfinden und erkau⸗ fen, um ihn und ſich in dieſem Taumel zu erhalten. Zuweilen wohl mitten hinein drang ein mahnender Ton, ein höhnender Klang, ſo kalt und nüchtern, daß es ihn bis tief ims Innerſte durchbebte und er ſich eines plötz⸗ lichen Schauers nicht erwehren konnte. Das jedoch währte nur kurze Zeit; der Ton verklang und— der Maler war wieder willenlos im betäubenden Wirbel ſeines Lebens. Seine Kunſt hatte der Tannhäuſer Anfangs ſehr ver⸗ . 220 Eilftes Kapitel. nachläßigt; das lebensgroße Portrait der Fürſtin hatte er wohl angefangen, aber nicht vollendet; bald änderte er, bald ſie an der Stellung. Und dann nahm er neue Lein⸗ wand vor, um das zuerſt zu probiren, ehe er an dem großen Bilde etwas änderte. Dieſes Bild zeigte ſie auf⸗ recht ſtehend, in einem einfachen, eleganten Morgenanzuge — es war ſchon anfänglich beſtimmt, daß es kein preten⸗ tiöſes Bild werden ſolle. Es ſollte die ſchöne Fürſtin zeigen, wie ſie war bei ſich zu Hauſe, und deßhalb hatte ſie auch etwas eigenſinnig darauf beſtanden, die Friſur ihres ſchönen vollen Haares ſo machen zu laſſen, wie ſie ſolche Morgens in der Frühe hatte, in dicken Flechten einfach um den Kopf gewickelt, was ihr aber außerordentlich gut ſtand. Daß übrigens dies Gemälde nicht fertig wurde, daran trug der Tannhäuſer eigentlich nicht die Schuld, denn die Fürſtin ſelbſt war es, welche auf den Gedanken kam, ob er nicht verſuchen wolle, ſie zu malen ſitzend oder ruhend auf ihrem Divan, wie ſie ſo gern that. Dieſem Wunſche war er bereitwillig nachgekommen, und nachdem er einige Zeit gebraucht, bis er ſie in eine paſſende Lage gebracht — ſie lachte dabei ſo außerordentlich heiter und hatte ſcherzend bald dieſe, bald jene Einwendung zu machen— fing er eifrigſt ſein Werk an, ohne aber auch damit zu Ende zu kommen. Bald war es dies, bald das, womit ſie ihn oder er ſich ſelbſt in der Arbeit unterbrach; jetzt 3 —— Der Maler Potowski. 221. fühlte er ſich nicht recht in der Stimmung, etwas Tüchtiges zu leiſten, dann ſagte ſie mit weicher Stimme:„Warum das auch ſo ernſthaft nehmen wie ein Geſchäft? Haben wir nicht morgen Zeit, übermorgen, die nächſten Wochen, Monate, Jahre?— Auch bin ich müde geworden,“ ſetzte ſie mit ganz leiſer, etwas zitternder Stimme hinzu,„und möchte viel lieber jetzt ruhen und dann ſchlafen.“— So blieb auch dieſes Bild nicht nur unvollendet, ſon⸗ dern wurde auch bald zu dem andern in ein entferntes Zimmer gebracht; ihnen folgten Staffelei und Oelfarben, deren Geruch ſo nahe bei ſich die Fürſtin zuweilen nicht ertragen konnte. Ueberhaupt, ſo ſagte ſie, ſeien Zeichnungen und Aquarelle ihre Leidenſchaft; bei dieſer Paſſion blieb ſie eine gute Zeit, und es machte ihr das größte Ver⸗ gnügen, wenn der Tannhäuſer ihr Geſicht, ihre Figur, die ſonderbarſten Stellungen ihres ſchönen Körpers mit einigen Bleiſtiftſtrichen und ein paar bunten Tönen auf's Papier warf, und daß auf dieſe Art ein Album entſtand, das ſie häufig, wenn er dicht bei ihr ſaß, lachend durch⸗ blätterte und zu welchen immer neue Variationen zu er⸗ finden ſie eine ebenſo wilde als unerſchöpfliche Phantaſie zeigte. Dieſes Album verwahrte ſie in einem koſtbaren Etui, deſſen kunſtreich gearbeiteten Schlüſſel ſie beſtändig an einer Seidenſchnur um den Hals trug. Wenn ſie die Blätter wieder einmal betrachtete, ſo konnte ſie mit der größten Heiterkeit ſagen:„das iſt der größte Schatz, den 222 Eilftes Kapitel. es geben kann. Wie würden ſich meine Verehrer um dieſe Zeichnungen reißen!“ Als nun jene Zeit gekommen war, wo den Tannhäuſer zuweilen ein nüchternes, bitteres, unbehagliches Gefühl überſchlich, da ging er manchmal in jenes Zimmer, wo die beiden Bilder an der Wand lehnten, das zweite drehte er raſch herum— er mochte den Ausdruck dieſes Kopfes nicht leiden, und doch war er ſo wahr— faſt erſchreckend wahr. Die eigenthümliche Beleuchtung des zurückgebogenen Kopfes, der auf dem linken Arm ruhte, die ſchwimmenden Augen, halb verdeckt von den ſchläfrig herabfallenden Augenlidern, und was noch ſichtbar blieb, wie verſchleiert von den langen ſeidenartigen Wimpern, die Lippen etwas geöffnet, von einem leichten Lächeln umſpielt,— einem Lächeln, welches mehr der Vergangenheit als der Zukunft angehörte. Das andere Bild aber betrachtete er gern und lange, auch ſchloß er zuweilen die Thüre hinter ſich ab, nahm wie verſtohlen Palette und Pinſel und malte am Kopfe dieſes erſten Bildes emſig fort. Als er aber eine Stunde ſo fortgear⸗ beitet und einen Augenblick zurücktrat, um das Enſemble zu überſchauen, erſchrack er faſt vor ſich ſelber, denn aus den jetzt gänzlich veränderten Augen ſprachen ſeine tiefſten, verſteckteſten Gedanken, ſprach eine glückliche Vergangenheit. Von da an ging er häufiger in dieſes Zimmer, richtete es ſich nach und nach förmlich zum Atelier ein und ebauchirte eine Menge von Bildern, von denen er auch ein paar Der Maler Potowski. 223 meiſterhaft fertig malte. Zuerſt hatte ihn die Fürſtin über ſeinen Fleiß verſpottet, ja ſie hatte ein Wort des Erſtau⸗ nens fallen laſſen, als ſie bemerkte, wie er ihr erſtes Portrait verändert. Doch befand ſich der Tannhäuſer glück⸗ licherweiſe in einem Momente, wo die heilige Kunſt ihm wieder lächelte, wo die Weihe, womit ſie ihre Jünger be⸗ glückt, ſein Herz ſtolzer ſchlagen ließ. Er hatte auf ihre Worte hin einfach die Achſeln gezuckt und dann geſagt: „zuerſt bin ich Maler und dann erſt— Tannhäuſer.“ Es fuhr ein ſeltſamer Blitz aus ihren Augen. Doch lachte ſie gleich darauf ſo hell und fröhlich, legte ihre Hand auf ſein blondes Haar und ſagte:„Vor allen Dingen ſind wir ein verzogenes Kind, und man muß unſern Willen ſchon erfüllen.“. So malte er denn in ſeinem Atelier, und wie er ſah und von Andern hörte, daß ihm alles gelang, an was er ſeine Hand legte, daß die leichten Skizzen, die er machte, ſowie die vollendeten Bilder gleich reizend waren, da klärte ſich ſein verdüſtertes Gemüth wieder auf und er ward wieder empfänglicher für die freundlichen Worte der ſchönen Frau, er ruhte wieder gern bei ihr zu ihren Füßen, ja er zeichnete wieder auf's neue Albumblätter und freute ſich, wenn ſie ſo herzlich darüber lachte, daß man ihre ſchnee⸗ weißen Zähne ſah. Wer außer der Fürſtin am häufigſten in ſeinem Atelier war, wenn er zeichnete und malte, das war der alte — 224 Eilftes Kapitel. freundliche Graf Portinsky, der ſo oft kam, als ihm nicht die Thüre vor der Naſe zugeſchloſſen wurde, und dann ſo lange blieb, bis ihn der Maler zum Weggehen aufforderte. So hatten ſie ſich auf einen ganz eigenthümlichen Fuß zu einander geſetzt, und da der Tannhäuſer einmal erklärt hatte, er könne und wolle ſich in ſeinem Betragen gegen den Grafen nicht ändern, ſo ertrug dieſer mit der freund⸗ lichſten Miene der Welt alle Unarten des Malers, wie er deſſen Benehmen oft zu nennen pflegte. Dazu gehörte unter Anderem, daß der Tannhäuſer den lieben freund⸗ lichen Herrn zu ſeinem lebendigen Feuerzeug ernannt hatte und ihm nur zu häufig Veranlaſſung gab, die brennende Kerze herbeizubringen, woran der Maler ſeine Cigarre an⸗ zündete. Auch die Pinſel warf er oft hinter ſich, wie damals Wulf gethan, und der alte freundliche Herr fing ſie lachend auf,— in der einzigen Abſicht, wie er ſagte, um den Teppich nicht mit den Farben beſchmutzen zu laſſen. Auch durfte er häufig Palette und Malerſtock halten, wenn der Andere ans Fenſter trat, um hinauszuſchauen; ja er hatte ſchon als Modell geſeſſen, da der Maler einmal in einem Bildchen, wie er geſagt, zum Gegenſatze gegen einen Engel eine alte unangenehme Perſönlichkeit brauchte. Man muß indeſſen nicht glauben, daß es Liebe zur Kunſt oder zum Künſtler war, welche den Grafen Portinsky ſo feſt an den Tannhäuſer band— im Gegentheil, er haßte ihn, und wenn der alte Herr mit Madame Beau⸗ ſo oft der Graf wieder von ſeinem Lieblingsthema anfing. Der Maler Potowski. 225 vallet allein war, ſo konnte er ingrimmig die Fauſt gegen das Zimmer ballen, wo ſich der Andere befand, und konnte ſagen:„Dieſer verdammte Kerl! Iſt er nicht zum Unglück in's Haus gekommen?“ Dabei war es aber weniger die Zuneigung der Fürſtin für den Tannhäuſer, die mit jedem Tage zu wachſen ſchien, welche den Grafen vermochte, ihm eine ſolche Freundſchaft zu heucheln— vielmehr war es die Erinnerung an die ſchöne Franceska, die ſo plötzlich und ohne alle Spuren verſchwunden und über deren jetzigen Aufenthalt er ſich alle Mühe gab, etwas zu erfahren. Er ſetzte voraus, der Tannhäuſer wiſſe darum, und je mehr dieſer der Wahrheit gemäß verſicherte, es ſei ihm nicht bekannt, wohin der Bildhauer Piſani mit ſeiner Tochter gegangen, um ſo mehr gab der Andere ſich Mühe, jenen durch die freundlichſte Zuthunlichkeit zum Reden zu bringen. „Wie kann ich von dem etwas ſagen, von dem ich nicht das Geringſte weiß?“ gab der Maler zur Antwort, „Sie ſollten mich doch endlich einmal damit in Ruhe laſſen.“ 5 „Ich kann das nicht,“ antwortete der alte Herr lächelnd; „ich hoffe immer noch, einmal Ihr Herz zu erweichen.“ „Und gewiß und wahrhaftig vergeblich,“ ſprach der Tannhäuſer und ſetzte mit Entrüſtung hinzu:„Und wenn ich wirklich ihren Aufenthalt wüßte, glauben Lie denn, ich Hackländer, Lannhaͤuſer, I. 226 Eilftes Kapitel. würde ſo unverantwortlich handeln und Ihnen das Ge⸗ ringſte davon mittheilen?“ „Sie ſind der größte Spaßvogel, den ich kennen ge⸗ lernt.“: Abwechſelnd mit dieſem hatte der Graf ein anderes Anliegen, das er ebenſo häufig und ebenſo erfolglos vor⸗ brachte. Wie vielmal befanden ſich in den Mappen des Malers kleine Skizzen von Franceska, flüchtig hingeworfen und ausgeführt, und nur eine davon zu erhalten, war ein zweiter ſehnlicher Wunſch des alten freundlichen Herrn. Aber über dieſes Verlangen, ſo oft derſelbe es vorbrachte, zog der Tannhäuſer die Augbrauen finſter herab und ant⸗ wortete kurz und ſchroff:„Ach was, laſſen Sie mich in d Frieden! Glauben Sie, ich würde mich der Sünde theil⸗ haftig machen, das Portrait eines ſolchen Mädchens in ihren Fingern zu wiſſen?“ War er ſehr gut gelaunt, ſo konnte er vielleicht hinzu⸗ ſetzen:„Mag der Teufel wiſſen, welche Art von Zauberei Sie verſuchen würden, wenn Sie im Beſitze dieſes Por⸗ traits wären.“ Oder er ſagte auch wohl:„Würden Sie denn einem Helden, von dem Sie wiſſen, er wird ſich nie⸗ mals zum Guten bekehren, das Bild einer Heiligen ſchenken?“ Darauf hin hatte der Graf einmal achſelzuckend geant⸗ wortet:„Der Vergleich hinkt bedeutend und iſt gänzlich unpaſſend. Jeder noch ſo verſtockte Heide kann ſich be⸗ kehren, und es würde vielleicht ſchneller mit ihm zum Durch⸗ Der Maler Potowski. bruch kommen bei einem Miſſionär wie die ſchöne Franceska. Ich bin eigentlich ein Narr, daß ich da um zwei Bleiſtift⸗ ſtriche bettle, wo ſich ſpäter vielleicht einmal der bedeutendſte Maler glücklich ſchätzt, die Züge der ſchönen Gräfin Por⸗ tinsky malen zu können.“ Dieſes Wort, obgleich es gewiß nur ausgeſprochen war, um den Maler etwas zu ärgern, hatte doch eine tiefe Wir⸗ kung auf ihn nicht verfehlt und regte ihn auf, ſo oft er daran dachte. Wenn er ſich die Beſtrebungen des alten Herrn um das ſchöne Mädchen bis jetzt ſo erfolglos wie nur mäglich gedacht hatte, ſo ſtellten ſich dieſe auf einmal in ganz anderem Lichte dar, wenn es dem Grafen wirklich einfallen könnte, ihr ſeine Hand, ſein großes Vermögen anzubieten. Hatte Franceska vielleicht Urſache, dieſe Hand in Erinnerung an ihn, den Tannhäuſer, auszuſchlagen? Gewiß nicht, im Gegentheil. Die Art, wie er gegen ſie gehandelt, konnte ihre Liebe zu ihm, die er verſchmäht, in Haß verkehrt haben und das entſchloſſene Gemüth des Mädchens zu einer Handlung entſetzlicher Rache treiben. Und es wäre das eine ſolche entſetzliche Rache, ſo tönte es laut in ihm, und ſelbſt die höhnende Stimme ſeines Ge⸗ wiſſens, welche ihm zurief: Narr, der du biſt, was braucht ſie nach dir zu fragen? trug nur dazu bei, ihm jenen Ge⸗ danken völlig unerträglich zu machen. Und dieſer Gedanke verließ ihn nicht mehr; er konnte ihn wohl zuweilen verſcheuchen, aber in jedem ſtillen Au⸗ Eilftes Kapitel. genblicke, in jedem Moment der Abſpannung tauchte er deutlicher wieder auf und erſchien ſo bereitwillig, ſich in die wild aufregendſten Einzelnheiten zerlegen und ausmalen zu laſſen.— Franceska, die ſchöne, blühende, von ihm nicht wirklich geliebte, reine, jungfräuliche Franceska, und dieſer alte, verlebte Mann mit dem gerade dadurch ſo unheim⸗ lichen lüſternen Blick. Und dies lebensfriſche Mädchen viel⸗ leicht in jene zitternden Arme geworfen, einfach dadurch, daß ihm dieſe Beute groß genug ſchien, um ſie durch den Namen Portinsky zu erkaufen. Dergleichen Phantaſieen, wenn er ſich ihnen hingab, fraßen um ſo tiefer und zerſtörender in ſeinem Innern, da er niemand hatte, der ihm ein beruhigendes Wort darüber ſagte, der ihn vielleicht von der Haltloſigkeit derartiger Be⸗ fürchtungen zu überzeugen geſucht. Wohl hatte er einmal bei der Fürſtin das Geſpräch auf dergleichen gebracht, doch ſchauerte es ihn ordentlich, als dieſe ihm ziemlich ruhig be⸗ merkte, die Leidenſchaft des alten Herrn für das junge Mädchen ſei, wie ſie wohl wiſſe, ſo heftig, daß er jeder Thorheit fähig wäre, um in ihren Beſitz zu gelangen. Auch ſei ihr genau bekannt, wie große Mühe er ſich durch Un⸗ terhändler und Korreſpondenten gebe, um ihren Aufent⸗ haltsort zu erfahren. 5 Eines Tags nun war der alte freundliche Herr ver⸗ ſchwunden. Er hatte wohl ſo obenhin von einer Reiſe ge⸗ ſprochen, die er nächſtens einmal machen müſſe, doch hatte — — Der Maler Potowski. 229 er nichts von dem Ziele derſelben erwähnt, ſondern ſchien abſichtlich alle Welt darüber in Ungewißheit laſſen zu wollen. Der Maler hatte dies für eins von den vielen Manövern des Grafen gehalten, die dieſer zu Gott weiß welchem Zweck aufführte, und hatte es nicht weiter beachtet. Als ſich derſelbe aber am nächſten Tage nicht ſehen ließ, auch am zweiten, dritten und vierten nicht, und als Tannhäuſer endlich nach ihm fragte und erfuhr, der Graf ſei, und zwar für längere Zeit, verreist, da erneuerte dieſe Nachricht das unangenehme Gefühl, welches ihn ſchon oft gequält, und friſchte es zuweilen zu heftigem Schmerze auf. Um ſo fleißiger war er darauf in ſeinem Atelier be⸗ ſchäftigt; wenn er malte, zerſtreuten ſich ſeine finſtern Ge⸗ danken, und wenn ihm ein Bild gelang, ſo konnte er ſich wenigſtens auf Augenblicke wieder zufrieden und glücklich fühlen. Und dabei fehlte es ihm an Käufern nicht; ja er hatte Beſtellungen ſo viel er nur wollte. Es gelang ihm 3 aber auch alles, was er auf Papier und Leinwand entweder flüchtig hinwarf oder ſorgfältig ausführte. Sein in der That großes Talent fing an ſich glänzend zu entwickeln, was er ſich bei aller Beſcheidenheit doch ſelbſt geſtehen mußte. Wie eben ſchon bemerkt, fanden ſeine Arbeiten den größten Beifall und augenblicklich Käufer. Ja manche Bilder erhandelte man von ihm auf der Staffelei, ehe ſie noch fertig waren. Nur etwas begriff er nicht— und das 230 Eilftes Kapitel. gab ihm genugſam Stoff zum Nachdenken, ja konnte ihn verdrießlich und traurig machen: er erfuhr nämlich nie, wo ſeine Bilder blieben. Dieſelben wurden angekauft durch Fremde, die ſich ihm auf ſeinem Atelier vorſtellen ließen, oder durch Unterhändler. Was er verlangte, wurde ihm bezahlt, dann aber waren und blieben ſeine Arbeiten ſpur⸗ los verſchwunden. Wohl fragte er nach dieſem oder jenem, wo es geblieben ſei, und alsdann bewies ihm der Käufer, ein Geſchäftsmann in der Stadt, durch Schreiben oder Frachtbriefe, daß ſein Gemälde hierhin und dorthin gekom⸗ men, nach England, nach Frankreich, nach Rußland, ja viele nach Amerika. Zuerſt hatte ihn einmal der finſtere Ge⸗ danke beſchlichen, ſeine Bilder haben eigentlich gar keinen Werth und würden, um ihn in einer angenehmen Illuſion zu erhalten, von der Fürſtin ſelbſt durch dritte Hand auf⸗ gekauft und theuer bezahlt. Als ihn zum erſtenmale dieſe Idee quälte, da fiel dieſelbe geſpenſterhaft über ihn her, entſetzlich, hohnlachend, daß er wild den Pinſel aus der Hand ſchleuderte, ſeine Rechte in dem Haare vergrub und mit einem Gefühl, das an Verzweiflung grenzte, haſtig auf und ab ſchritt. Aber nein, nein, ſprach es nach einer Pauſe in ihm, ſo falſch, ſo entſetzlich treulos zu handeln, iſt das Herz eines Weibes— ihr Herz nicht fähig.— Oder— ſollte ſie mich ſo zu ihrem Geſchöpf erleſen haben, daß ſie dieſes an ſich gefeſſelte Geſchöpf nur deßhalb mit einem falſchen Der Maler Potowski. 231 Nimbus der Kunſt bekleidet, um jeden Augenblick die Macht zu haben, es in ſein völliges Nichts zurückfallen zu laſſen, ihm zu ſagen:„ſiehe, was du biſt, biſt du allein durch meine mächtige Hand; ich laſſe dich fallen und du kehrſt in dein Nichts zurück, aus welchem ich allein dich erhoben.“— Entſetzlich marterte ihn dieſer Gedanke, und er mußte die Probe machen, ob ſeine Kunſt wirkliches Gold ſei, oder ob er ſich mit taubem Geſtein geplagt. Er entwarf heim⸗ lich ein Bild, er malte nur daran, wenn er allein war, und wenn er ſich auch vornahm, daſſelbe flüchtig und leicht zu behandeln, ſo ſtrengte er ſich doch unwillkührlich an und legte ſeine Phantaſie hinein, ſeine Kunſt, ſein Talent. Als er das Gemälde beendigt hatte, konnte er trotz der ſchärſſten Kritik, welcher er es unterwarf, nicht ganz unzufrieden da⸗ mit ſein. Freilich befriedigte ihn ſein eigenes Werk nicht vollkommen, dafür war der Tannhäuſer zu ſehr wahrer Künſtler; auch änderte er noch hie und da, endlich aber gab er es faſt zitternd aus der Hand, ja zitternd, denn ſpielte er nicht um das ganze Glück ſeines Lebens? ſpielte er nicht um zwei Treffer, um Schwarz oder Weiß, um Glück oder Unglück? Hier errang er das Bewußtſein, ein wirklicher Künſtler zu ſein, dort verblieb ihm das Recht, ſich eine Kugel durch den Kopf zu ſchießen. Seinen Namen ſetzte er nicht auf das Bild; vielleicht durch einen Gedanken an den Graſen Portinsky angeregt, der ihm früher ſo oft bei der Arbeit zugeſchaut, der enthu⸗ . 232 Eilftes Kapitel. ſiaſtiſch für ihn eingenommen war, malte er ein P. unter ſeine Arbeit und ſuchte einen der wenigen Bekannten auf, mit denen er in Verkehr geblieben war, auf den er ſich aber verlaſſen konnte, und bat ihn, das Bild an einen Händler in einer entfernten Stadt zu ſchicken, es nicht zu empfehlen, nur zu ſagen, es komme von einem Anfänger, dem es erwünſcht wäre, einen Kauf abzuſchließen, der aber in Noth ſei und deßhalb eine höhere Forderung machen müſſe, als vielleicht der Arbeit gegenüber gerechtfertigt er⸗ ſcheine. Der Bekannte Tannhäuſers fragte durchaus nicht, aus welchem Grunde er die Beſorgung des Bildes übernehmen ſolle, er fragte überhaupt gar nichts; ihm war es glaub⸗ würdig, was ihm der Maler geſagt, am allerwenigſten ſchien er die Anſicht zu haben, als könne das Gemälde von Tannhäuſer ſelbſt ſein. Aber er betrachtete es lange und aufmerkſam von nah und ferne, wobei dem Andern heftig das Herz klopfte. Der Bekannte war ein Kunſtkenner; er nickte mit dem Kopfe und ſagte endlich:„Schön, ſehr ſchön, eine gute Idee und vortrefflich gemalt. Es hat Aehnlichkeit mit den Sachen von Potowski; nur iſt dies noch kecker und flotter behandelt.“ „Wer iſt Potowski?“ fragte Tannhäuſer mit etwas un⸗ ſicherer Stimme, nachdem er einen tiefen Athemzug gethan. Der Kunſtkenner ſchaute den Maler mit einem eigen⸗ thümlich lächelnden Blicke an; es war, als wolle er ſagen: „ Der Maler Potowski. 233 Ja ſo, was wirſt du von Potowski wiſſen! Du bekümmerſt dich wohl nicht mehr viel um Kunſt und Künſtler. Doch war er natürlich zu diskret, um ſeine Gedanken nur mit einer Silbe zu verrathen, vielmehr ſprach er:„O von Po⸗ towski müſſen Sie gehört haben, vielleicht auch von ihm geſehen. Es iſt das ein jüngerer ruſſiſcher Maler, ein im⸗ menſes Talent. Es waren auch ſchon Bilder von ihm hier.“ Auf dieſe Worte hin bedauerte Tannhäuſer recht, daß er ſeit längerer Zeit ſo gar nicht mehr die Kunſtausſtellun⸗ gen beſucht, überhaupt von neueren Bildern nicht viel ge⸗ ſehen, ja daß er ſo ſehr zurückgezogen bei ſich lebte.„Und glauben Sie,“ fragte er nach einem längeren Stillſchweigen, während der Andere mit Intereſſe das Bild betrachtete, „daß man es in B. anbringen kann?“ „Ich glaube es wohl,“ erwiderte der Kunſtkenner,„ja ich möchte es verbürgen. Sagen Sie Ihrem Anfänger,“ ſetzte er hinzu,„er möge noch mehr ſolcher Bilder malen.“ Mit welch' gehobenem Gefühl der Tannhäuſer das Haus verließ, wo er ſeinen Schatz zurückgelaſſen, verſteht wohl jeder, der im Stande iſt, ſich in eine ähnliche Lage zu den⸗ ken. Er ſah den Schimmer eines Glückes, das über ihm aufſteigen könne, froh und geduldig; er erblickte ſich an einem gähnenden Abgrund, an deſſen äußerſtem Rande er auf glattem, ſchlüpfrigem Abhange ſtand, ein Windſtoß, den er ſchon daherſauſen hörte, mußte ihn hinabſtürzen, in Unglück und Verderben; nirgends ſah er für ſeine zuckenden Finger — 234 Eilftes Kapitel. einen Anhaltspunkt— da auf einmal ebnete es ſich an ſeiner Rechten, wo grade noch ſchroffe Felſen waren. Dieſe ſchoben ſich auseinander und ließen ihn einen Weg ſehen, der in angenehmen Windungen zu einem freundlichen rei⸗ zenden Thale führte.— Ihm ſchwindelte ordentlich vor Glück, als er nach we⸗ nigen Tagen einen Brief erhielt, worin der Kunſthändler aus B. ſeinem hieſigen Bekannten ſchrieb:„Du biſt ein netter Kerl, aber mich führt man nicht ſo leicht an.“— Bei dieſer Stelle hatte den Tannhäuſer ein Froſt durch⸗ ſchüttelt— aber wie jubelte er auf, als er weiter las: „Die Forderung für dein kleines Meiſterwerk iſt eine Baga⸗ telle und folgt hier in einem Wechſel. Schicke mir von dem ſogenannten Anfänger etwas Größeres und laß ihn tüchtig fordern, aber bitte ihn, er ſoll ſeinen Namen ausſchreiben.“ In einer Nachſchrift heißt es:„Sage mir genau, wie du eigentlich zu dem Bilde gekommen.“ Nun war er trunken von Glück, nun ſah er wieder friſch und fröhlich ins Leben hinein, nun fühlte er eine Be⸗ friedigung wie damals, als die Freunde, die ſtreng zu richten pflegten, ſeine erſten Arbeiten für vielverſprechend, ja für gelungen erklärt hatten, als Franceska ſich eine kleine Skizze von ſeinem erſten Bilde ausgebeten und ihm geſagt hatte, ihr Vater, der ſich auf Malerei ſchon ziemlich verſtünde, habe es für etwas Außerordentliches erklärt— nun fühlte er wieder Lebensmuth und, Kraft, eine ganze Welt in ſeiner ſchmiegte, aber freilich nicht mehr als Mädchen, vielmehr Der Maler Potowski. Hand, und wenn es ihn, an ſein Leben in der letzten Zeit gedenkend, auch zuweilen unheimlich überflog, ſo war er doch leichtſinnig genug, bei ſich mit leichtem Muthe zu den⸗ ken: Pahl jede Feſſel läßt ſich brechen, wenn man nur ernſt⸗ lich will. Und wer wird mich hindern, das morgen, über⸗ morgen zu wollen? Ein Blatt meines Lebens, das ich nicht mehr anſehen will, raſch umzuſchlagen, eine neue Seite zu beginnen, wohl mit alten, aber lieben und ſüßen Erinne⸗ rungen?— Dabei hatte er an Franceska gedacht, und wenn er von einem neuen Leben träumte, ſo ſah er immer wieder zwiſchen den dunkeln Zweigen der Veranda das Licht der Lampe flackern und hörte den Bildhauer vergnüglich lächelnd aus vergangenen Tagen erzählen; daneben ſaß der kleine Thiermaler, neidlos auf ihn, den glücklichen Tannhäu⸗ ſer, blickend, an deſſen Bruſt ſich das liebliche Mädchen ſein liebes, gutes Weib. Er wußte aber nicht, warum durch ſein Herz jedesmal trübe Ahnungen flogen, wenn er ſo dachte und träumte, ja warum er alle Gewalt anwenden mußte, um ein ſolches liebliches Gemälde der Zukunft feſtzuhalten, und warum die harmoniſchen Linien, die es bildeten, ſo leicht auseinander⸗ floſſen, um andere Geſtalten zu formen, wohl dieſelben Figu⸗ ren, aber mit ſo gänzlich verſchiedenem Ausdrucke. Ja, leichter wurde es ihm, ſolch ein Gebilde feſtzuhalten, wo er den alten Freund Piſani ſah, verdrießlich, traurig, grau, 236 Eilftes Kapitel. ſtumpf und müde geworden, mit erloſchenem Blick, einem jungen Mädchen nachſchauend, das kein junges Mädchen mehr war, deren ſonſt ſo glänzendes Auge ebenfalls trübe, erloſchen war, um deren ſo ſeltſam zuckende Mundwinkel Kummer und Mißmuth ſpielten. Auch der kleine Wulf er⸗ ſchien ganz anders, ärmlich ausſchauend, zuſammengekrümmt und huſtend vor ſeiner Staffelei ſitzend, aber immer warf er nach alter Gewohnheit den Pinſel hinter ſich, dabei mur⸗ melnd:„verflucht, wenn man es nie weiter bringt, als troſtloſe Affenſchwänze zu malen!“ Wenn ſolche Bilder durch ſeine Seele gegangen waren und er ſich, ſelbſt anklagend, ſagen mußte, daß er der Mit⸗ telpunkt hätte ſein und werden können, um die Freunde zuſammenzuhalten, daß er ſich aber freventlich von ihnen zurückgezogen, daß er das glückliche Band zerriſſen, daß er ihrer aller roſige Zukunft vernichtet, dann blickte er mit Be⸗ ſtürzung, ja mit Haß um ſich her, auf die reiche, üppige Einrichtung ſeines Ateliers, dann mochte er nicht aufſchauen, wenn er vor der Staffelei ſaß und hörte, wie ſich die Thüre langſam öffnete und er der Fürſtin leichten Schritt erkannte, mit dem ſie ſich ihm näherte. Da legte ſie ihm zuweilen vergeblich die Hand auf die Schulter, oder fuhr ihm wohl gar über das Haar, um ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen! er hielt hartnäckig die Augen auf das Gemälde gerichtet; er murmelte vielleicht ein paar Worte auf ihre herzliche Begrüßung, ein paar Worte, worin die Verſiche⸗ Der Maler Potowski. 237 rung lag, er könne jetzt unmöglich ſeine Arbeit unterbrechen, — er wolle auch nicht immer geſtört ſein. War ſie alsdann heiter und fröhlich gelaunt, ſo lachte ſie herzlich über ſeine Grillen, wie ſie es nannte, warf ſich ihm gegenüber auf einen Divan und verſuchte es durch allerlei Neckereien, ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen. Mei⸗ ſtens gelang ihr dies auch vortrefflich; man ſah, wie ſich ſeine Züge erheiterten, wie der eben noch ſo kalte Blick ſeiner Augen anfing zu leuchten und zu ſtrahlen, und end⸗ lich zog es ihn förmlich zu ihr hin; er warf Pinſel und Palette bei Seite, er kniete neben dem Divan, auf dem ſie ruhte, nieder; er litt es gerne, wenn ſie ſein Haar durch⸗ einander warf; er tändelte mit ihr wie in den erſten Tagen, als ſie ſich kennen lernten.— War ſie einmal nicht heiter gelaunt und verließ das Atelier wieder, ſchweigend, wie ſie gekommen, nachdem ſie geſehen, daß er in ſeine Arbeit ver⸗ ſunken war oder verſunken ſein wollte, ſo fuhr er bald darauf in die Höhe, es überflog ihn etwas, wie ein unheim⸗ liches Gefühl, und häufig legte er bald darauf ſein Maler⸗ geräth bei Seite, um zu ihr hinüber zu gehen. Kam er alsdann nach einiger Zeit wieder, oft mißmuthig, finſter, die Lippen zuſammengepreßt, ſo konnte er lange, lange, ohne einen Pinſelſtrich zu thun, ſeine Arbeit betrachten, ſich dann heftig abwenden, das Zimmer mit großen, eiligen Schritten durchmeſſen und ſich dann in einen Fauteuil werfen, den Eilftes Kapitel. Kopf tief in die Hände vergraben und Stunden lang dort liegen bleiben im finſteren Nachgrübeln. In ſolchen Augenblicken gingen traurige, ja ſchreckliche Gebilde durch ſeine Seele; er konnte ſchaudernd emporfah⸗ ren, ſein zuckender Mund konnte die Worte hervorſtoßen: Fort! fort! er konnte mit allen Zeichen der Angſt der Thüre zueilen, um— an derſelben ſtehen zu bleiben und wieder umzukehren. Wenn er ſich nur von dem reichen, üppigen Leben hätte losreißen können, mit deſſen Genüſſen ihn die Fürſtin wie abſichtlich umſtrickte. War er doch nicht im Stande, irgend einen Wunſch auszuſprechen, den ſie ihm nicht erfüllt hätte. Und er wünſchte zuweilen recht ausſchweifend, nur um ein⸗ mal das Wort:„unmöglich“ zu hören. Daß er dabei durchaus weder eigennützig, noch habgierig war, mußte man vielleicht zu ſeinem Lobe ſagen, er ſchien den Werth des Geldes nicht zu kennen, noch zu achten, und ſein eigenes reiches Einkommen warf er für Phantaſieen, für Spielereien in Summen hin, gerade ſo wie er früher in ſeinen be⸗ ſchränkteren Verhältniſſen eine Kleinigkeit ebenfalls mit leich⸗ tem Herzen ausgegeben. Oft kam ihm freilich die Idee, mit dieſer unſinnigen Verſchwendung einzuhalten und ſich irgend etwas zu erſparen. Aber es war ihm das unmög⸗ lich; es war als brenne das Gold in ſeinem Schreibpulte, die Papiere in ſeiner Brieftaſche, war es ihm doch faſt, als habe er das vielleicht, richtige Gefühl, ſpäter einmal Der Maler Potowski. 238 4 durch nichts Erworbenes an die jetzige Zeit erinnert zu werden. Sollte er einmal dieſes Haus, ſein Verhältniß zu demſelben verlaſſen, ſo wollte er gerade ſo gehen, wie er gekommen. Ja, er hatte ſich für dieſen Augenblick ſei⸗ nen einfachen Anzug von damals aufgehoben und verwahrte ihn ſorgfältig verſchloſſen in ſeinem kleinen Koffer. Wenn ihn finſtere Gedanken quälten, was häufig genug vorkam, ſo konnte es ihn erheitern, ja faſt glücklich machen, wenn er ſich jenen Moment vorſtellte, wo er ſeine glän⸗ zende Wohnung verlaſſen würde, und allein in die Welt hinaus gehen, allein, mittellos, aber ſich ſeiner Kunſt, ſeines großen Talentes bewußt. Dann will ich mein Leben neu beginnen, konnte er faſt triumphirend ausrufen; dann gebt mir eine Elle Leinwand, ein Stück Holz, Pinſel und Far⸗ ben, und ich will im Augenblicke ein neues, ſolides Funda⸗ ment gelegt haben. Dies Bewußtſein aber, der Gründer ſeiner eigenen ſchönen Exiſtenz ſein zu können, war es, ver⸗ bunden mit der Schwäche ſeines Charakters, welches ihn dieſen Zeitpunkt immer in die Ferne hinausſchieben ließ und ihm erlaubte, ſich daran, als an etwas angenehm Zu⸗ künftigem zu erfreuen.— Ahl heute noch nicht, konnte er ſich ſelber ſagen, aber morgen, übermorgen!— Daß aber dieſes Morgen und Uebermorgen immer wieder zum Heute mit der demſelben eben gegebenen Bedeutung wurde, dafür ſorgte die ſchöne Fürſtin ſchon, ſo daß es ſelbſt einem kräf⸗ tigeren Charakter, als dem des Tannhäuſer ſchwer gewor⸗ 240 Eilftes Kapitel. den wäre, ſich ihren Armen zu entreißen, ihm aber war das geradezu unmöglich, beſonders bei ſeinem Ausſpruch:„Ja, morgen oder übermorgen, wenn ich einmal wollen werde.“ Und doch klirrte er häufig laut und deutlich mit ſeinen goldenen Ketten, theils weil es ihm Vergnügen machte, aus Unmuth, oder auch, weil er vielleicht hoffte, ſeine Feſſeln ſeien morſch geworden, ſie würden abfallen bei einer kräf⸗ tigen Handregung, er hätte ſeine Freiheit wieder errungen ohne jenen Kampf, vor dem er ſich fürchtete, da er gewiß war, ihm zu unterliegen. Aber die Feſſel hielt im Gegentheil, die Leidenſchaft der Fürſtin für den Tannhäuſer flocht täglich ein neues Band um ihn her. Sie liebte ihn grenzenlos, unſäglich, es war eine heiße, glühende Liebe, die ſelbſt nicht einer momentanen Veränderung fähig war,— eine Liebe, welche duldend ſiegte und ſiegend genoß, eine Liebe, die ſie jetzt ſcheu, zitternd und bange zu ihm außblicken ließ, um dann wieder mit einemmale plötzlich und gewaltig auflodernd, alle Schranken niederzuſtürzen und ihn in wildem Fluge unauf⸗ haltſam, glühend, bis zur Erſchöpfung mit ſich fortzureißen. Und eben dieſer raſende Taumel, in welchen ſie ihn zu verſetzen wußte, war es, der ſeine Willenskraft lähmte, der ihn ſein„Morgen“ und„Uebermorgen“ immer wieder und ſo gerne hinausſchieben ließ. Bei alle dem war es gewiſſermaßen verzeihlich, daß er ſich von ihr halten, immer feſter umgarnen ließ. Sie kannte Der Maler Potowski. 241— das Leben und die Menſchen, wie wenige, ſie war leiden⸗ ſchaftlich, wie nicht viele Weiber, hatte aber dabei eine Selbſtüberwindung, eine Kraft, ihre Leidenſchaft zu zügeln, die ſie vielleicht da mit lächelndem Munde zuſchauen ließ, wo ein wilder Kampf in ihrem Innern ſie zu erſticken drohte,— eine Kraft, die es ihr möglich machte, eine an⸗ dere Leidenſchaft, die bei jeder leidenſchaftlichen Liebe auf⸗ tritt, die Eiferſucht nämlich, nicht nur vollſtändig zu zügeln, ſondern ſich dieſelbe ſogar dienſtbar und, wenn gleich mit tiefem Schmerze, zu einer Feſſel zu machen, mit der ſie den ſo grenzenlos Geliebten feſt und feſter hielt. Wenn wir vorhin ſagten, daß der Tannhäuſer zuweilen mit ſeinen goldenen Ketten klirre und einen ſchwachen Ver⸗ ſuch mache, ſie zu zerreißen, ſo that er das, wenn er unter anderm von einer Aenderung ſeines Ateliers ſprach. „Und warum?“ fragte die Fürſtin ſcheinbar in gleich⸗ gültigem Tone.„Kann es irgendwo bequemer ſein als in meinem Hauſe?“ 3 „Bequemer wohl nicht,“ gab der Tannhäuſer hierauf zur Antwort,„auch gewiß nicht ſchöner und eleganter, aber es iſt gewiſſermaßen zu ſchön und zu elegant. Und vor allen Dingen iſt es hier im Hauſe, was mich in gewiſſen Beziehungen ungeheuer genirt.“ „Wie ſo, Richard?“ „Nun— wie ſo? Das iſt außerordentlich eifa zu Hackländer, Tannhäuſer. I. 3 Eilftes Kapitel. ſagen, und doch dir gegenüber nicht ſo leicht. Ihr verſteht das nicht.“ Sie nickte lächelnd mit dem Kopfe. „Gewiß, ihr verſteht das nicht,“ fuhr er beinahe un⸗ muthig fort;„ihr glaubt, ein Künſtler müſſe alles aus ſich ſelbſt ſchöpfen, jede Inſpiration käme ihm ſo ohne Weiteres angeflogen. Um etwas Tüchtiges zu leiſten, muß man Menſchen ſehen und ſtudiren, Menſchen von allen Gattungen, aus allen Kreiſen. Und du wirſt mir zugeben, daß ſich der alte Vater Hubertus, eine der famoſeſten Bettlergeſtalten, die es gibt, ſchlecht genug ausnehmen würde, wenn er in ſeinem grauen geflickten Kittel über die breite Marmortreppe herauf ſtiege.“ r könnte aber über die hintere kleine Treppe kommen. Darin ſehe ich durchaus nichts Anſtößiges.“ Der Tannhäuſer war ans Fenſter getreten, um ſeine ausgegangene Cigarre hinauszuwerfen. Ohne ſich umzuwen⸗ den ſagte er dann:„Aber du weißt wohl, daß man nicht immer alte Männer und Bettler malt.— Und ſo iſt man hier im Hauſe genirt, das iſt nun einmal nicht zu läugnen.“ Sie nickte abermals lächelnd mit dem Kopfe, ohne weiter eine Antwort zu geben. Wenige Tage darauf nach dem Frühſtück, als ſich der Tannhäuſer mißmuthig in ſeinem Fauteuil dehnte und durch⸗ aus keine Luſt zum Arbeiten hatte, wie er ſagte, ja als es ihm ſogar langweilig war, ſich immer und immer wieder vr 2„ Der Maler Potowskit. 243 auszuſtrecken und an die Decke emporzuſchauen— er fühlte in ſich eine körperliche und moraliſche Erſchlaffung— ſprach die Fürſtin:„Ich muß dir doch ein neues Kammermädchen vorſtellen, das ich geſtern engagirt. Sie iſt ſehr ſchön.“— Und als nun die ſo Angemeldete hierauf ſchüchtern und mit niedergeſchlagenem Blicke eintrat, mußte ſich der Maler ge⸗ ſtehen, daß er ſelten etwas Reizenderes geſchaut, als dieſes junge blühende Mädchen. Sie war ziemlich hoch und ſchlank gewachſen, hatte dunkles Haar und ein eigenthümlich in⸗ tereſſantes Auge, dunkel und blitzend mit einem etwas ſcheuen Ausdrucke, und dabei lag auf dem ganzen Geſichte beſtändig ein Ausdruck der Ueberraſchung, gerade ſo, als er⸗ blicke ſie, verſteckt hinter grünen Zweigen, etwas abſonderlich Merkwürdiges. Der Tannhäuſer hatte gerade eine weibliche Figur ent⸗ worfen, die, ſich badend, halb neugierig, halb erſchreckt das Schilf auseinander biegt, wie um auf das Rauſchen eines Kahnes zu lauſchen, der ſich ihrem heimlichen Verſteck zu nähern ſcheint. 3 „Den Kopf könnte ich gerade brauchen,“ ſagte er, als das Mädchen wieder ſchüchtern zurückgetreten war.„Darin, namentlich in den Augen, liegt ein prächtiger Ausdruck. Wenn man darnach malen könnte, bekäme man wahrhaftig wieder Luſt zur Arbeit.“ „So male darnach,“ verſetzte die Fürſtin mit einem Lächeln, welches geſchickt gemacht war, um ein eigenthůů Eilftes Kapitel. liches Zucken ihrer Lippen zu verbergen. Doch dauerte dieſes Zucken nur ein paar Sekunden, dann blickte ſie frei und fröhlich auf und wiederholte:„Gewiß, Richard, male nach ihr; CEliſe wird ſich ſicher nicht ſträuben.“ Er zuckte wohl mit den Achſeln, er ſagte dies oder das, was ihm convenabel ſei, wodurch man mehr oder minder genirt werde, worauf ſie aber erwiderte:„Wozu ſich ſelber Schwierigkeiten machen! Betrachte ſie wie jedes andere Mädchen, wornach du malen würdeſt. Du haſt mir geſagt, es ſei dir für deine Kunſt nothwendig— nun gut! Auf dieſe Art iſt es paſſender zu machen, als wenn irgend Fremde, Unbekannte für gewiſſe Stunden ins Haus kämen.“ Das war einer der Momente, wo das kluge Weib eine neue Feſſel um ſeinen Nacken warf, wo er in dankbarer Anerkennung deſſen, was ſie für ihn ihat, ſeine körperliche und moraliſche Ermüdung vergaß, wo er in herzlicher Er⸗ kenntlichkeit ſich ſcherzhaft zu ihren Füßen lagerte, wo er in Gedanken ſein„Morgen“ und„Uebermorgen“ wieder weit hinaus ſchob, indem er ſagte: es wäre unrecht von mir, ihr ſo alle ihre Güte zu vergelten.— Etwas anderes wäre es, ſetzte er hinzu, wenn ſie Eiferſucht gezeigt hätte. Dann—— Aber die Fürſtin zeigte durchaus keine Eiferſucht; ſie kam in das Atelier und verließ es wieder, wie ſie es immer gethan; ſie ſah lächelnd zu, als er den ſchönen Kopf Cliſens malte und deren weiße Schultern, ja nach und nach ſo viel — Der Maler Potowski. von ihr, wie er zu einem badenden Mädchen brauchte. Ja ſpäter klopfte ſie vorher an, ehe ſie eintrat, damit der Tann⸗ häuſer Zeit gewinne, eine Draperie um den ſchönen nackten Körper des jungen Mädchens zu legen. Dabei war Eliſe gewiſſermaßen ein gefährliches Modell, denn jedesmal, ſo oft ſie ihre Stellung einnahm, dauerte es eine Zeitlang, ehe die tiefe Röthe, die in ihrem Geſichte aufflammte, lang⸗ ſam ſeinem freundlichen und doch wieder ernſten und reſpekt⸗ vollen Zureden wich. Auch war das Mädchen nur durch ein vollkommen gerechtfertigtes Zutrauen zu dem jungen Maler dahin gebracht worden, ihren ſchönen Körper ſtudiren und abbilden zu laſſen. Eigenthümlich war es dabei, daß die Fürſtin ſie nach und nach wirklich liebgewann, ſie aus dem Kreiſe der niederen Dienerinnen, dem ſie anfänglich angehörte, durch ihr Zutrauen erhob und ſie zu ihrem Lieb⸗ ling, ja gewiſſermaßen zu ihrer Vertrauten machte. Einige Zeit, nachdem der Tannhäuſer damals ſein Bild unter einer fremden Chiffre an den Kunſtkenner verkauft, ſagte er eines Tages während des Diners zur Fürſtin: „Ich habe ſchon lange fragen wollen, ob dir nicht ein ruſſi⸗ ſcher Maler Namens Potowski bekannt ſei?“ Wenn er nicht bei dieſer Frage gerade auf ſeinen Teller niedergeblickt hätte, ſo müßte er nothwendig geſehen haben, daß die Fürſtin trotz der Gewalt, die ſie über ſich ſelbſt hatte, ein wenig die Farbe wechſelte. Sie preßte ihre Lippen aufeinander, trank aus ihrem Waſſerglaſe, ehe ſie wieder ₰ Eilftes Kapitel. völlig geſammelt antwortete:„Potowski?— O ja, unſere 1 Zeitungen ſprechen zuweilen von ihm.“„ „Alſo es iſt ein Ruſſe?“ forſchte er arglos weiter. „Cigenthümlich, ich habe nie etwas von ihm geſehen.“ „Das iſt leicht begreiflich, da wenige Bilder von ihm hieher kommen; die meiſten bleiben in Rußland, viele gehen 1 auch nach Nordamerika und England.“ 3 „Du kennſt Potowski?“ „Ich habe Potowski nie geſehen,“ gab ſie zur Antwort. „Aber wie kommſt du ſo auf einmal auf ihn?“ „Ein Bekannter ſprach mir darüber,“ ſagte der Tann⸗ häuſer nach einem kleinen Nachdenken. Dann ſetzte er auf⸗ blickend hinzu:„Dieſer Bekannte ſagte mir auch, die Bilder 1 Potowski's hätten Aehnlichkeit mit den meinigen.— Er malt wohl noch nicht ſehr lange Zeit? „Ich glaube erſt ein paar Jahre.“ 3 Dcer Tannhäuſer blickte vor ſich nieder und ein trübes Scheln flog über ſeine Züge.„Iſt das nicht eigenthümlich,“. ſagte er nach einer Pauſe,„alſo meine Bilder gleichen den ſeinen? Meine Bilder ſollen, wie mir jener Bekannte ſagte, und von ihm reden die Zeitungen, er, butſchland bekannt, während 8 S gedacht wird, während ich von unfern Zoutnalmn bodtgeſchuſegen de. Wie kommt das?“ 3 Die Fürſtin bue leict mit den Achſeln, dann erwiderte Der Maler Potowski. ſie:„Wenn ich dir meine ehrliche Meinung darüber ſagen ſoll, ſo kann ich dabei deinen Landsleuten kein Kompliment machen. Während wir Ruſſen ebenſo wie die Franzoſen, die Engländer, einem wirklichen Talente, das auftritt, unſere Anerkennung nicht verſagen, iſt es nicht zu läugnen, daß bei euch in allen Zweigen der Kunſt und Literatur eine gewiſſe unbegreifliche und kleinliche Eiferſüchtelei herrſcht und daß man bei Euch gar zu gern geneigt iſt, eine neue Kraft, die ſich zeigt, entweder kritiſch ſo zu zerſetzen und zu zer⸗ faſern, daß der wirkliche gute Stoff vor den Augen der Welt zu Grunde gehen muß, da man ihm ſtatt liebevoller Ermunterung nur ſeine Fehler zeigt, oder wenn ein Talent gar gewaltig auftritt, ſo daß es andere armſelige Geiſter, die ſich nur durch die Lobhudeleien ihrer Freunde einen kleinen unbedeutenden Namen gemacht, weit überragt, ſo wird dieſes Talent, um deinen Ausdruck zu gebrauchen, zu Tode geſchwiegen, und darin gehen gerade manche eurer großen Journale mit vortrefflichem Beiſpiel voran, legen handgroße Pechpflaſter auf ihre dicken Ohren, rühmen ſich nebenbei deutſcher Geſinnung, loben den Fremden in gleicher Kategorie über alle Maßen, um ſo über den Landsmann auf gleicher Stufe mit einem vornehmen Schweigen hinweg⸗ gehen und ihn vielleicht unter ihre plumpen Füße trampeln zu können.“. „Das iſt wahr— nur zu wahr,“ verſetzte der Maler. Eilftes Kapitel. Und da es ihn ſchon oft gekränkt, daß die Journale ſeiner nie Erwähnung thaten, ſo verſank er, obendrein noch ge⸗ zeizt durch die Bemerkungen, welche er ſoeben gehört, in ein tiefes Nachſinnen über den Grund dieſes hartnäckigen Nichtnennens ſeines Namens und vergaß darüber den ruſſi⸗ ſchen Maler Potowski. ffffffffffffffffſ 14 15 16 17 4