Krieg und Frieden. II. 4 ——— ——— Krieg und Frieden. Erzählungen und Bilder von F. W. Hackländer. 4 Zweiter Band. 3. —— 9 2222 SFtuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1859. Gedruckt bei K. Fr. Hering& Comp. Ein erſter und ein letzter Ball. Geſchichten einer Wetterfahne Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier.. Wie das Licht ausgelöſcht wird. Ein Tag bei dem Manöver. Ein Tag in der Garniſon Unverheirathete Cheleute. . . Inhalt. . . . . . . . . Luſtſpiel in drei Aufzügen. Krieg und Friellen. ◻ Ein erſter und ein letzter Zall. 58 Es gibt wohl kein Wort in unſerer ſo reichen Spkache, verehrte und ſehr geneigte Leſerinnen, welches bedeutſam ausge⸗ 1 ſprochen, ſolche Wirkungen hervorzubringen vermag, als das kleine Wort: Ball; ja Wirkungen der verſchiedenſten Art. Es iſt das ein Zauberwort, welches elektriſirt, erfreut, niederſchlägt, glücklich und traurig macht, kurz, welches alle möglichen Empfindungen in einem menſchlichen Herzen hervorzurufen im Stande iſt. Ein Ball, ſagt die Mutter, und denkt an Crépe und Gaze der verſchieden⸗ ſten Farben, an bunte Bänder und künſtliche Blumen, auch an den vergangenen Winter, wo Regierungsraths Guſtele, deren Stumpf⸗ näschen und ſchwarzes Haar viele Aehnlichkeit mit der eigenen Tochter hat, im gelpen Barege roth aufgeputzt erſchien, und, wie von ſämmtlichen Meſenden Lieutenants drei Viertheile verſicherten, deliciös war,— Welb mit roth! Dieſe beiden Farben gaukelten vor den Augen der Mutter umher; auch dem Vater, wenn er von einem Balle hort, wird es farbig vor ſeinen inneren Blicken, grün und gelb, wenn er an einen ſo gänzlich verlorenen Abend denkt. Adieu, Club und Spiel, adieu, ſtille Wirthshausfreuden! FHackländer, Kr. u. Fr. II. 1 8 2 Ein erſter und ein letzter Ball. Das Wort Ball ragt in ſein harmloſes Leben, ein ſtrenger Im⸗ perativ, der befiehlt, den ſchwarzen Frack anzuziehen, und die ſteife Halsbinde, die helle Weſte und die weißen Glacéhandſchuhe; der ihm zumuthet, ſich um ſieben Uhr in den theuern Wagen zu ſetzen, mit Frau und Tochter in's Muſeum zu fahren, und dort auszuhalten, bis die Lichter von Staub und Dunſt verdunkelt ſind, bis der Nachtwächter die dritte Morgenſtunde ruft, bis einige vor⸗ laute Hähne anfangen zu krähen, und bis der unternehmendſte Lieu⸗ tenant, und ſelbſt die tanzluſtigſte Schöne nicht mehr recht herum⸗ kommen können. Da wird er ſtehen als Wandtapete, neben fünfzig andern Schlachtopfern menſchlicher Grauſamkeit, mit dem würde⸗ vollen Blick der Befriedigung, wenn das Balltäfelchen der Tochter mit Namen angefüllt iſt, dahingegen jedoch mit einem gewiſſen ſüßen, aber krampfhaften Lächeln, wenn die Engagements nicht recht kommen wollen, und mit einer gewiſſen Cordialität i Mundwinkel, behufs Heranziehung junger, tanzluſtiger Individuen. Das Engagirtwerden auf einem Balle iſt nicht nur für die be⸗ treffende Tochter oder ſonſtige Pflegbefohlene von großer Wichtig⸗ keit, ſondern das mehr oder minder beſetzte Tanztäfelchen iſt auch ein Barometer für den Vater oder ſonſtigen Beſchützer, wornach er bemeſſen kann, wie ſich der Ballabend für ihn noch geſtalten wird. Der Vater oder Ballführer von jungen Mädchen, die raſch vergriffen, d. h. zu allen Tänzen engagirt ſind, kann ſich nach der dritten oder vierten Nummer ſchon etwas Mahehnen Er kann die Nebenzimmer betrachten, darf dort mit einem Leidens⸗ bruder ein intereſſantes Geſpräch anknüpfen, ja darf ſich ſogar bis zum Buffet verirren, um vor der Souperſtunde ein wohlver⸗ dientes Glas Wein zu ſich zu nehmen. Wahrhaft unglücklich und gefeſſelt dagegen iſt der Beſchützer junger oder altlicher Damen, 2 —— Ein erſter und ein letzter Ball. 3 auf deren leeren Täfelchen nur hie und da der Name eines gut⸗ willigen Hausfreundes ſproßt; unglückliche Tänzerinnen, die ſitzen bleiben, wenn die rauſchende Muſik beginnt, die nun verächtlich in das Gewühl der herumſpringenden Gänschen ſchauen, die es durchaus nicht begreifen können, wie man noch ſo jede Tour mit⸗ tanzen mag, und die ein Geſpräch vorziehen mit dem unglücklichen Vater, der nun einſtimmen muß in Klagen über die Eitelkeit dieſer Welt, über den Mangel an Geſchmack bei den jetzigen guten Leuten, über ganz unpaſſende Toiletten und was dergleichen Sachen mehr ſind, von denen der Unglückliche nicht das Geringſte verſteht. 4 „Der Ball am Samſtag wird famos,“ ſagt der junge Re⸗ ferendär oder Lieutenant, indem er an der Halsbinde zupft, ſeinen Schnurrbart ſtreicht, und weiße Glacéhandſchuhe Nro. 8. verlangt, die aber ungebührlich ausgedehnt werden müſſen, und deren Knöpfchen doppelt angenäht werden, damit ſie im Stande ſind, allen harten Zumuthungen zu entſprechen.— „Schon wieder ein Ball!“ ſagt mit tiefem, unmuthigem Seufzer der ältere Commis eines ſehr achtbaren Kaufmannshauſes, das mit nicht zu vielem Gelde, aber mit vielen erwachſenen und tanzfähigen Töchtern geſegnet iſt.„Dieſen Winter hört das gar nicht mehr auf,“ brummte er in ſich hinein!„wenn ich auch mit jeder nur zweimal tanzen muß, ſo macht das von vierzehn Tän⸗ zen, die überhaupt getanzt werden, ſchon zehn;— fürchterlich!“ „Schon wieder ein Ball!“ ſagt der Oberlieutenant, während er mit verſchränkten Armen am Fenſter ſteht und den herabſtäu⸗ benden Schneeflocken zuſchaut. Er hat ſchon viele Bälle mitge⸗ macht, und beinahe jeden um eine Hoffnung ärmer verlaſſen.— „Schon wieder ein Ball.“ Er zuckt mit den Achſeln, und hat Ein erſter und ein letzter Ball.. Seelenſtärke genug zu lächeln, als er ſieht, wie ſein Burſche die Handſchuhe vom letzten Mal auf die Sperrhölzer ſpannt, und eifrig mit Gummi elaſticum und Salmiakgeiſt bearbeitet. „Schon wieder ein Ball,“ ſagt die ältere Tochter des Canz⸗ leirathes Schmerbelich mit einem verſtohlenen Blick in den Spiegel, „Mama, ich weiß wirklich nicht,“ ſetzte ſie hinzu,„ob ich Luſt habe hinzugehen.“—„Ach! ein Ball!“ ſeufzt die jüngere, ein Backfiſchchen von ſechszehn Jahren, und blickt die Mutter mit einem unausſprechlichrührenden Ausdrucke an, während der Vater Canzleirath nach eingenommenem Kaffee mit der Pfeife im Munde dampfend auf und ab ſteigt.„Ach, ein Ball, Mama. Vor einem 2 Jahre ſagteſt du, wenn ich ſechszehn geworden ſei, dürfte ich mit⸗ ggehen.“ Dabei ſtrahlen ihre Augen und ſie athmet ſchwer und mühſam. „Ja, ja, wenn du einmal ſechszehn biſt,“ entgegnet die ältere Tochter;„ich glaube, daß ich faſt achtzehn war, als ich zum erſten Mal tanzen durfte.“ „Ich bin ja ſechszehn,“ erwiedert die jüngere. „Du wirſt es erſt den nächſten Monat,“ ſagt die ältere, und Mama ſetzt hinzu:„Nun die paar Tage wären eigentlich gleichgültig, aber ich weiß nicht, ob Papa dir erlauben wird, ſo früh ſchon die Bälle zu beſuchen.“ Die jüngere Tochter iſt der Lieb⸗ ling der Mutter, und während letztere ſo ſpricht, blickt ſie nach dem Canzleirathe hin, der wie ein Dampfer rauchend im Zimmer umhergeht. 3 „Die meiſten meiner Geſpielinnen,“ fährt das junge Mäd⸗ chen fort,„gehen auch dieſes Jahr ſchon auf den⸗Ball, Müllers Katharine und Steiners Julie und Felders Louiſe, und keine iſt älter, als ich.“ Das ſagt ſie anſcheinend mit dem Tone der Gleich Ein erſter und ein letzter Ball. 5 gültigkeit, aber ihre Augen glänzen bedeutſam und die Kaffeetaſſe zittert faſt zwiſchen ihren kleinen Fingern.— „Ja, ja, die Bälle werden nach und nach unausſtehlich,“ ſagt die ältere Schweſter,„nur Backfiſche und Handlungslehrlinge Es iſt Zeit, daß man wegbleibt.“ „Was meinſt du, Canzleirath?“ fragt die Mutter. Das Haupt der Familie bläst eine lange Rauchwolke von ſich, wendet an der Thüre des Nebenzimmers um, und ſagt, in⸗ dem es einen Augenblick ſtehen bleibt:„Wenn ich bedenke, wie das noch zu meiner Zeit gehalten wurde, ſo muß ich mich ſehr gegen den Wunſch der Emilie erklären. Du lieber Gott! als ich anfing zu tanzen, da waren noch auf dem Muſeum lauter geſetzte Männer, die ihr ſicheres Auskommen hatten, 1 gingen, um ſich unter den Töchtern des Landes nach einer r Lebens⸗ gefährtin umzuſchauen. Mädchen unter zwanzig waren damals gar nicht zu finden.“ „Aber die Zeiten haben ſich geändert,“ meinte die Mutter. „Leider,“ ſeufzt die ältere Tochter. „Wenn ich freilich bedenke,“ fuhr der Canzleirath folt,„ daß das Allles anders geworden iſt, und daß junge Mädchen von ſechszehn Jahren ſchon bei den Bällen zugelaſſen werden, o ſehe ich auch nicht ein, warum wir mit Emilien eine Ausnahme ma⸗ chen ſollen. Auf den Ball muß doch einmal gegangen werden, ßdeſſen bin ich ſicher,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu,„der Wagen koſtet das Gleiche zu drei oder vier Perſonen, und was das Souper anbelangt, ſo wird der Aufwand auch nicht viel größer ſein.“ Emilie hält den Athem an, und wagt vor Freude nicht zu ſhlechen — Ein erſter und ein letzter Ball. „Du haſt recht, Canzleirath,“ ſagt die Mutter,„man muß mit dem Strome ſchwimmen. Wenn Müllers und Steiners und Felders ihre Mädchen mit ſechszehn Jahren zeigen, ſo ſehe ich gar nicht ein, warum wir unſer Kind noch ein ganzes Jahr warten laſſen ſollten. Man kann ja nicht wiſſen, was ſich da oben findet; und dann iſt Emilie für ihr Alter ſo geſetzt, daß man ſie für achtzehn oder neunzehn halten kann.“ „O Papa, wie bin ich ſo dankbar,“ ſagt das junge Mäd⸗ chen,„heut iſt Montag, am Samſtag iſt der Ball, da hab' ich gerade noch Zeit, mit meinem Anzuge fertig zu werden. Nicht wahr, Mama, wir denken gleich daran; und auch du, Eliſe, wirſt mir helfen.“ Bei dieſen Worten Emiliens bleibt der Canzleirath einen Augenblick nachdenkend ſtehen, und erinnert er ſich eines weißen Kleides, welches zur Confirmation vor zwei Jahren für Emilie gemacht wurde. Aber Mama ruft entſchieden:„Wo denkſt du hin, Mann? Das iſt ganz unmöglich. Wenn du deine Töchter abſolut auf Bälle führen willſt, ſo mußt du auch etwas für die armen Mädchen thun.“ „Man könnte ja ein neues Leibchen machen laſſen,“ meinte der Canzleirath ſchüchtern,„oder,“ ſetzte er hinzu, als er das Achſelzucken ſeiner Frau geſehen,„beſſer wäre es vielleicht, der Emilie das blaue Ballkleid Eliſens zu geben, was mich ſehr viel Geld gekoſtet.“ 4 Bei dieſen Aeußerungen hat die Canzleiräthin ihre Hauben⸗ bänder glatt geſtrichen, was ungefähr von derſelben Bedeutug iſt, als wenn an einem ſchwülen Sommertage ſich fern am Hori⸗ zont ein kleines, graues Wölkchen zeigt. Der Canzleirath übrigens, der dieſe Zeichen vollkommen kennt, und ſelten zu beachten ver⸗ ₰ Ein erſter und ein letzter Ball. ſäumt, verſtummt mit einem Mal, und ſagt nur noch:„Nun ja, macht was ihr wollt.“ Dann klopft er ſeine Pfeife aus, und verläßt das Zimmer, um auf ſein Bureau zu gehen. Mutter und Töchter bleiben allein, und als erſtere nach kurzer Berathung ſich für ein neues Roſa⸗Crepekleid entſchieden, iſt Emilie ganz entzückt und nimmt ihren Shawl und Hut, um zu Müllers, Steiners und Felders zu gehen, dort die Katharine, Julie und Louiſe von ihrem Glück in Kenntniß zu ſetzen, auch zu erzählen, daß ſie auf dem Balle in Roſa⸗Crepe erſcheinen werde, wofür ſie ſich die Farben der Kleider und des Kopfputzes ihrer Freundinnen mittheilen läßt. Dann wird der neueſten Mode halber, ſowie wegen einer eleganten Haarfriſur die neueſte Muſterzeitung ange⸗ ſehen, und hierauf ſehr befriedigt nach Hauſe zurückgeeilt. Dieſe Eile iſt aber nicht zu groß, um nicht unterwegs ein paar Mal anzuhalten, und mit einigen begegnenden Freundinnen von dem nächſten Balle zu ſprechen. Es findet ſich da eine artige Gruppe von drei hübſchen Mädchen beiſammen, und es iſt nicht zu verwundern, daß dieſe durch ein paar Lieutenants vermehrt wird, die zufällig vorbei⸗ kommen, und zufällig etwas Zeit übrig haben, um zum Plaudern ſtehen zu bleiben. Der Ball iſt für drei junge Mädchen ein ſo wichtiges Ereigniß, daß es bald heraus iſt, ſie werden den vom nächſten Samſtag beſuchen. Die beiden Lieutenants ſind entzückt darüber, und wenn jetzt ſchon Balltäfelchen zur Hand wären, ſo würde ſchon über mehrere Galoppaden, ſogar über ein paar Cotillons verfügt werden. So aber bleibt es bei dem feierlichen Verſprechen, ein paar Tänze übrig behalten zu wollen; und den Kopf voll davon, ſowie von allem dem, was ſie bei Müllers, Felders und Steiners geſehen und gehört, kommt Emilie wenige — ** Ein erſter und ein letzter Ball. Barége und weißen Tüllkleidern, von Tanzſchuhen ä la Gold⸗ käfer, vom Lieutenant Schmidt und der erſten Galoppade, von einem Kopfputz aus Veilchen und Roſen, von weißen Atlasbän⸗ dern, handbreit mit einer immenſen Schleife vornen, von einem Goldfadennetz hinten, und vom Lieutenant Starker, der ſich den Cotillon in der Mitte ausgebeten. Die Mutter lächelt vergnügt über das Entzücken ihres Lieb⸗ lings, der Kanzleirath findet, daß die Suppe zu wenig Salz, das Gemüſe zu viel Mehl und der Braten zu wenig Fett er⸗ halten hat, und Eliſe, welche die Küche beſorgt, glaubt achſel⸗ zuckend an ſämmtlichen Gerichten gerade das Gegentheil zu ver⸗ ſpüren, findet es aber im Gefühl gekränkter Unſchuld unter ihrer Würde, lange darüber zu ſprechen, und zieht ſich noch vor Be⸗ endigung des Mittageſſens auf ihr Schlafzimmer zurück. Hier wird ſie einen Augenblick Ruhe finden. Der Papa trinkt mit Mama im Wohnzimmer ſeinen Kaffee, der unausſtehliche Back⸗ fiſch will fort und fort über Ballkleider, Kopfputz und Lieute⸗ nants reden, und ſie— ſetzt ſich an's Fenſter, legt die Hände in den Schooß und blickt in die winterliche Landſchaft hinaus „das Auge vom Weinen getrübet,“ Woran Eliſe denkt, iſt nicht ſchwer zu errathen— an ihren erſten Ball; und wenn wir den geneigten Leſerinnen einige Diskretion zutrauen können, ſo wollen wir geſtehen, daß zwiſchen dem Abende jenes erſten Balles und— zwölf lange, lange Jahre dahin geſchwunden ſind, und daß hie⸗ durch die ältere Tochter des Kanzleirathes ein wohlerworbenes Recht hat, ſchmerzlich an jenen erſten Ballabend zu denken. Ja, ſie findet einen Troſt darin, all die heitern und trüben Stunden, die in jenem Zeitraum für ſie beiſammen liegen, wieder einnal Zeit vor dem Mittageſſen nach Hauſe, und erzählt von blauer —— Ein erſter und ein letzter Ball. 9 durchzukoſten— in ihrem Schmerze zu wühlen. Doch bleibt ſie dabei nicht einmal ſtehen, ſondern nachdem ſie ſich überzeugt, daß ihre Schweſter, das naſeweiſe Ding, ſie nicht überraſchen wird, öffnete ſie ein kleines Käſtchen, das auf ihrer Komode ſteht, und fängt an, die eben gedachten zwölf Jahre zu illu⸗ ſtriren. In dem Käſtchen finden ſich merkwürdige Sachen, ohne Sinn und Bedeutung für den Uneingeweihten, aber verſtändlich für ihr armes Herz. Die erſten Illuſtrationen eine bedeutſame Blumenſprache, auch andere noch zierlichere, wohlgefällige Hiero⸗ glyphen, die letzten Jahre aber ſchon mit harter und ſchwerer Keilſchrift redend.— Da ſind Balltäfelchen, vergilbt und zer⸗ knittert, und unter Andern ſteht ein Name darauf, in erſchreckender Anzahl. Hinter dem erſten Walzer und dem erſten Galopp, hinter der erſten Mazurka und der erſten Françaiſe, dann wieder hinter der zweiten Mazurka und dem zweiten Galopp, und ſehr leſerlich hinter ſämmtlichen Cotillons. Das findet ſich einige Mal ſo, und bei dieſen Balltäfelchen liegen kleine, verwelkte Blumen⸗ ſträuße und Knallbonbons⸗Zettel mit allerlei rührenden In⸗ ſchriften: „Darf ich hoffen?“ aus Norma, oder:„Nein, nein, du liebſt mich nicht, wie ich dich liebe!“ aus Montecchi und Capu⸗ letti, oder: „Schön wie der Mond, der einſam wallt, So ſchön biſt du, doch auch ſo kalt, aus den Gedichten von Feodor Löwe.— Weiter, weiter. Die Balltäfelchen bleiben eng beſchrieben, aber der gewiſſe Name wird ſeltener. Zuerſt ſteht er nicht mehr hinter den Cotillons, dann auch nicht mehr hinter den ſtürmiſchen Galoppaden und den ſich ſanft wiegenden Mazurken; nach und nach ſind nur noch ruhige Weiter, weiter! Ein erſter und ein letzter Ball. Walzer mit ihm bezeichnet, und endlich finden wir ein Ball⸗ hinter einer langweiligen Francaiſe, als trauriger Gedankenſtrich—. Hierbei liegt auch eine Bandſchleife, die ſie damals während des Tanzens verloren, und die er— ihr zurückgegeben. Das hatte ihr denn auch mit Einem Male die Augen geöffnet, denn einer Dame eine Bandſchleife zurückgeben, die man gefunden, i iſt der Beweis der größten Gleichgültigkeit, und bedeutet, wie die Herbſt⸗ n der Blumenſprache: e wohl, wir haben u uns ih zeitloſe i verſtanden!⸗ 1. Shbgleich in dem Strudel des Valſaales die Wogen des Tanzes auf⸗ und niederrauſchten, ohne den bewußten Jüngling wiederzubringen, ſo kamen doch andere an ſeine Stelle, und hinter den Tänzen auf den Täfelchen ſtanden Jahrelang manche ſtattliche Namen, manche auch wohl zwei⸗ und dreimal, wenn auch keiner mehr erſchien, der mit Eliſen ſo ausſchließlich mono⸗ poliſtiſch walzte und polkte. Auch Blumenſträußchen fanden ſich hier noch vor, ſelbſt noch Bonbonzettel; aber erſtere und letztere täfelchen, auf dem er nur noch einmal zu finden iſt, und zwar ſprachen ſich nicht mehr ausſchließlich und beſtimmt aus, die Blumenſträuße hatten ihre vielſagende, duftige Zierlichkeit ver⸗ loren, und waren groß und dickleibig geworden, auf den Zetteln dagegen war wenig mehr von Liebe die Rede, häufig dagegen Variationen über des großen Schillers großes Wort: „Und die Freundſchaft, ſie iſt kein leerer Wahn!“— Jahre ſind vergangen, der Balltäfelchen weniger geworden, ja in einem gewiſſen Zeitraum finden ſie ſich nur einzeln ver⸗ ſtreut, in einer zahlreichen Correſpondenz. Aber die äußere Form dieſer Briefe iſt nicht mehr jene der kleinen Billete, die ſich in Ein erſter und ein letzter Ball. 11 den erſten Jahren zwiſchen Blumen und Zetteln verſtreut finden. Die kleinen, verrätheriſchen Couverts, mit zierlicher, etwas leicht⸗ ſinniger Handſchrift, ſind groß und ehrbar geworden, die Schrift⸗ züge auch feſt und ſolid; auch ſehen wir keine phantaſtiſchen Siegel mehr, zwei ſchnäbelnde Tauben, eine Wolke mit Blitzſtrahl und dem Worte:„Durch!“ ein Herz vom Pfeile getroffen, oder ein kleines zierliches Roſenknöspchen, ach! das letztere iſt im Laufe der Zeiten erblüht, und auf den letzten Briefen zur großen rothen Klatſchroſe geworden mit R&C in römiſchen Charakteren. — Ruſpel und Compagnie, ein achtbares Handlungshaus, deſſen Chef, wenn auch über die erſten Jugendthorheiten hinaus, doch noch thöricht genug war, einem Mädchen ſeine Hand bieten zu wollen, die faſt zwanzig Jahre jünger war, als er. Der alte Ruſpel, ein Wittwer, war der Jugendfreund des Kanzleirathes, und bei einem Glaſe Wein, richtiger geſagt, nach mehreren Fla⸗ ſchen, hatte Herr Ruſpel auf ein eheliches Verhältniß zwiſchen Eliſe Schmerbelich und ſich angeſpielt. Es war das nur eine ganz leichte, vielleicht ſcherzhafte Anſpielung, aber der Kanzlei⸗ rath hatte ſie augenblicklich ſehr ernſtlich aufgenommen, ebenſo die Mutter, und nicht minder Eliſe, welche die für ganz junge Mädchen ſo unbegreifliche Wahrheit, daß alles Irdiſche vergäng⸗ lich ſei, deutlich einzuſehen begann. Ruſpel und Compagnie be⸗ ſuchten ebenfalls die Muſeumsbälle; Ruſpel ſelbſt tanzte nicht mehr, höchſtens einmal eine Extratour oder eine Francaiſe, die Compagnie dagegen hatte eine junge Frau, und mußte im Schweiße ſeines Angeſichtes ſein Bischen Souper, und am Schluß des Balles ſein Gläschen ſchlechten Punſches verdienen. Es war eigenthümlich, wie die Briefe mit dem Stempel R& C ſich zeitweiſe häufig vorfanden, und dann wieder faſt Ein erſter und ein letzter Ball. ganz aufhörten, eigenthümlich, aber wohl begreiflich, wenn wir ſagen, daß Herr Ruſpel die Reiſen für ſein Haus ſelbſt beſorgte, und alſo nur in ſeiner Abweſenheit ſchrieb. Zwiſchen dieſer Corre⸗ ſpondenz fanden ſich immer noch Balltäfelchen vor, auch noch mit Namen beſetzt, die geſchrieben ſich grade ſo gut ausnahmen, wie jene, die hinter den Tänzen der erſten drei, vier Jahre prangten. Und doch war ein großer Unterſchied zwiſchen jenen und dieſen. Wer war Herr A., Herr B., Herr C., Herr D.? Vielleicht jener junge Aſſeſſor oder dieſer junge elegante Offtzier. O nein. Herr A. war ein alter Hausfreund des Vaters, Herr B. hinkte 3 ein bischen, und wurde von den meiſten Tänzerinnen gemieden, Herr C. war ſo klein, daß es bei einer mittelgroßen Tänzerin ausſah, als walze ſie mit einem Kinde, und Herr D. war ein bejahrter, ſchwazhafter Handlungsreiſender, der mit Eliſen nur . von längſt vergangenen Zeiten ſprach, und die unangenehmen Worte:„Ja, mein Fräulein, wenn Sie ſich erinnern, damals. oder:„zu unſerer Zeit...“ beſtändig und ſehr unzart im Munde führte. 3 Aber weßhalb muſterte Eliſe traurig und verſtimmt die ver⸗ blichenen Schätze der ehemaligen Zeit? Vielleicht, weil Herr Ruſpel auf Reiſen war? Ja. Hauptſächlich aber, weil ſeit ſeiner vierwöchentlichen Abweſenheit nur zwei Briefe von ihm einge⸗ laufen waren, und das noch dazu Briefe, welche er ebenſogut an einen Handlungsfreund hätte ſchreiben können, denn ſie be⸗ gannen mit„Werthgeſchätzte,“ und hörten auf mit„Hochachtungs⸗ vollſt und ganz ergebenſt.“— O Ruſpel, Ruſpel, wenn du ab⸗ ſichtlich ſo ſchriebeſt! Wenn zu dem leiſen Spott, dem höhniſchen Achſelzucken, überhaupt einen ſo alten Bräutigam zu beſitzen, — Ein erſter und ein letzter Ball. 13 noch das Unglück käme, ihn in der That nicht zu beſitzen!— Weiter, weiter! Blumen und Bonbonszettel finden ſich ⸗keine mehr vor, ja ſelbſt der Namen auf den Balltäfelchen wurden weniger und im⸗ mer weniger. Eines legen wir ſchnell und ſchüchtern bei Seite; denn wir finden es entſetzlich öde und leer, auf ihm prangt nur ein einziger Name hinter einer ſtillen Frangaiſe ein:„mene mene tekel upharsin,“ die letzte Schwalbe eines wegziehenden Sommers, ein melancholiſcher Rabe, auf weitem, erſtorbenem Schneefelde. Das war freilich bis jetzt nur ein einziges Mal vorgekommen, und Eliſe, die an jenem Abend mit Schrecken einſah, daß ihre Aktien eine ſtarke Neigung zum Sinken verſpürten, ſchützte heftiges Kopfweh vor, und ſchloß ihre Börſe, auf günſtigere Augenblicke wartend, die nun auch freilich wieder eintraten; denn auf den letzten Balltäfelchen, die ſie träumeriſch betrachtet, waren Fran⸗ gaiſen ſtark begehrt, ſogar Walzer und eine Polka im Preiſe ge⸗ ſtiegen. Daß die Abſicht der Eltern, Emilie auf den nächſten Ball mitzunehmen, die ältere Schweſter wie ein Donnerſchlag traf, iſt ſelbſtredend. Man gibt ein Monopol nicht gern aus der Hand, und von den Untergebenen des Kanzleirathes ſahen es die höf lichſten als eine Pflicht an, die Tochter ihres Chefs hie und da zu engagiren. Das ging nun auch auf Emilie über, und Ruſpel war ferne und— zweifelhaft.———— 4 3 Langſamer iſt wohl keinem Mädchen die Zeit vorübergegangen, als Emilien Schmerbelich die Tage von Montag bis Samſtag; es war nur ein Glück, daß ſie Beſchäftigung vollauf hatte, und eine angenehme Beſchäftigung, die ihr beſtändig einen Feſtabend, dem ſie entgegenging, lebhaft vor Augen führte. Da wurde mit ein weißes Ballkleid; aber ſie wählte das letztere, nict 14 GFin erſter und ein letzter Vall. Hülfe von ein paar Nähterinnen das Roſa⸗Crépe⸗Kleid geſchnitten und genäht, die Taille war glatt, vorne offen und der Volants ſo viele, daß das Kleid, als es nun endlich fertig war, wie eine von den Roſawolken ausſah, auf denen im Theater die Feen und Genien auf⸗ und niederzuſteigen pflegen. Aufgeputzt war das Kleid mit röthlichen Atlasbändern, die ſich hart und glänzend leicht kräuſelten, und dann bei jedem Luftzuge rauſchten, wie Flitter⸗ gold am Tannenbaum. Papa Schmerbelichs Tabakspfeife war während der ganzen Woche in das hintere Zimmer verwieſen worden; er hatte es einmal gewagt, dampfend zu erſcheinen, und da hatte ſelbſt die in ihrem Glücke zufriedene Emilie in ſo be⸗ denklichem Tone ihren Unwillen an den Tag gelegt, daß der un⸗ glückliche Kanzleirath die vorderen Zimmer mied, und das ſchon im Voraus zu den Ballabendfreuden rechnete. Eliſe hatte lange gewählt, ehe ſie mit ihrem Anzuge im Reinen war. Sie beſaß ein blaues, ein rothes, ein aden und m jugend⸗ licher auszuſehen, ſondern um farblos zu erſcheinen, eine weiße, halbgeknickte Lilie, ſchon entkleidet von den lebhaften Nuangen der Jugend, an der Schwelle des Lebens ſtehend, an jenem Scheide⸗ wege, wo eine Haube mit bunten Bändern, die zu einem weißen Kleide vortrefflich paßt, zur Häuslichkeit der verheiratheten Frauen hinweist, und wo im andern Falle der Ballkranz aus dem glatt⸗ 1 geſcheitelten Haare genommen, eine Entſagende anzeigt, die, mit ſich im Reinen, von jetzt an Abſchied nimmt von den eiteln Ver⸗ gnügungen dieſer Welt. So kam der wichtige Abend heran, und der arme Kanzlei⸗ rath wurde gebeten, Nachmittags nicht nach Hauſe zu kommen, da man noch ſein beſcheidenes Hinterzimmer benöthigte, um gehörig — — auseinander gebreitet hinzulegen die unzähligen Stücke, welche zu einer Damenballgarderobe gehören; und hier waren drei dergleichen aufzulegen, weßhalb die ganze Wohnung ausſah, wie ein weißes Waarenmagazin. Emilie fühlte etwas Fieberhaftes in ſich, und konnte nur mühſam Athem holen; doch ließ ſie ſich trotzdem und—. mit Freuden alle Feſſeln des Herkommens anlegen, ſie war ganz Schlachtopfer und liſpelte:„Nur zu, die Kraft in der menſchlichen Bruſt iſt ſtark, und ſie kann ſchon was aushalten.“ Und ihr die Hände zuſammenſchlug, und an die Wunder der Tauſend und Eine Nacht glaubte, wo junge Mädchen auf einmal in Weſ⸗ pen verwandelt erſcheinen. Vor den Mutteraugen dagegen war der Anzug der Tochter vollkommen gelungen, und ſie betrachtete dieſelbe mit unverkennbarer Freude. Daß Emilie hübſch ausſah, iſt auch nicht zu läugnen, ſie hatte ein feines, zierliches Figür⸗ chen, ein friſches, naſeweißes Geſichtchen, worin große, glänzende Augen das kleine Stumpfnäschen vergeſſen machten und unter einer gutgewölbten Stirne lagen, die ſich heut Abend in vollkom⸗ menem Glanze zeigte, denn Emilie trug das Haar à la Chinoise zurückgeſtrichen, leicht bedeckt mit einem Kranze von grünen Blät⸗ tern und dunkelrothen Blüthen. Auch Eliſe war trotz ihrer—— Jahre noch ein Mädchen, die ſich ſehen laſſen konnte, ſie war größer und voller, als ihre Schweſter, hatte ſchönes, blondes Haar, das in breike Bandeaux friſirt, von einem Kranze bedeckt war, der ſowohl weiße Blätter als weiße Blüthen hatte, und von dem der Kanzleirath, deſſen Witze nie ſehr gewählt und zart waren, behauptete, er habe einen ähnlichen neulich auf dem Theater in„Zampa oder die Marmor⸗ braut“ geſehen. Daß er aber überhaupt noch Witze machen konnte, Ein erſter und ein letzter Ball. 15 U *⁹ν CAA( 42A. Aushalten zeigte ſich ſo ſtark, daß der erſtaunte Kanzleirath ſpäter ₰ Ip Ein erſter und ein letzter Ball. der würdige Staatsbeamte, das zeugte von ſeiner Seelenſtärke und ſeinem unerſchütterlichen Humor. War er doch förmlich aus ſeinem Zimmer ausquartirt worden und man hatte ihm zum Anziehen ein kleines Gelaß neben der Treppe angewieſen, wo er ſich zuerſt nothdürftig raſirte, und dann ſeufzend in den ſchwarzen Anzug ſchlüpfte, der übrigens beſtändig ein unangenehmes Gefühl in ihm rege machte. Es war immer noch ſein Hochzeitsfrack, der ſpäter nur bei feierlichen Gelegenheiten, als Tauffeſten, Ballabenden oder dann angelegt wurde, wenn er zu einem Vorgeſetzten mußte, welche Beſuche auch nicht immer ſehr angenehme Veranlaſſungen hatten. Jetzt war er gerüſtet, und kam in's Vorderzimmer in dem merkwündigen und ſehr ſchönen Augenblick, wo Bekannte unter den Hausbewohnern und jüngere Geſpielinnen Emiliens gekommen waren, das feſtlich geputzte Mädchen anzuſchauen und ex offcio zu bewundern; ein Augenblick, der der glücklichen Mutter einen Vorgeſchmack von jenem andern größeren und ſeligeren gab, wo ſie im Ballſaale erſcheinen würde, empfangen und begrüßt von einem allgemeinen„Ah!“ der Bewunderung. — Nachdem ein kleines, ſehr harmloſes Souper eingenommen war, deſſen derbe Beſtandtheile ſeltſam contraſtirten mit den duf⸗ tigen Blumen und Spitzen, meldete Kanzleiraths Ricke, daß der Wagen vorgefahren ſei, der nun von Mutter und Töchter voll⸗ ſtändig eingenommen wurde. Der Kanzleirath war hier nur ge⸗ duldet, und konnte ſich bei der Hinfahrt zum Balle ganz genau die Gefühle eines Unglücklichen vergegenwärtigen, der zur Tortur des ſpaniſchen Bocks verurtheilt iſt. Bälle haben die verehrten und geneigten Leſerinnen wahr⸗ ſcheinlich ſchon ſo viele mitgemacht, daß wir über die gewöhnlichen Vorkommniſſe des heutigen wenig Worte zu verlieren brauchen, Ein erſter und ein letzter Ball. 17 beſonders, da, wie die Aerzte ſich auszudrücken pflegen,„das Uebel ſeinen gewöhnlichen und richtigen Verlauf nahm.“ Der Kanzleirath durfte aus dem Wagen die Treppe hinauf drei Paar Ueberſchuhe und drei Kapuzen tragen, nachdem er vorher ermahnt worden, nicht auf die Volants zu treten. Oben durfte er die Mäntel und Halstücher in Empfang nehmen, und ſich dafür eine Kummer einhändigen laſſen, während Mama Schmerbeling die Anzüge ihrer Töchter muſterte, und von dem Gefühle hoher Selbſtzufriedenheit beſeelt war. Darauf nahmen Mutter Kanzlei⸗ rath und Eliſe, die das Ding ſchon gewohnt waren, ihre Ball⸗ mienen an. Mama ſchloß ihre Augen zur Hälfte und verzog ihren Mund zu einem ſüßen und angenehmen Lächeln. Die ältere Tochter ſpielte die Unbefangene, wandte den K opf etwas kokett und ſchwanenhaft hin und her, und ging auf den Ballſaal los, wie ein Offizier, der ſchon viel Pulver gerochen, gegen eine feindliche Batterie. Der kleine Backfiſch dagegen, der hintendrein kam, fühlte jetzt zum erſten Mal, daß die Taille ſeines Kleides doch um eine Nummer hätte weiter ſein dürfen. Es war der Kleinen etwas beklommen zu Muth und ſie athmete kürzer und mühſamer. Doch nahm ſie ſich auf einen aufmunternden Blick der Mutter zuſammen, hob das Köpfchen lächelnd in die Höhe und ſchwänzelte zierlich und angenehm in den Ballſaal hinein. Von Vater Kanzleirath iſt in dieſem wichtigen Augenblick nur zu bemerken, daß er vor der Saalthür ſeine Uhr hervorzog, und als ſie auf achte zeigte, in der Geſchwindigkeit als guter Kopf⸗ rechner überſchlug, daß es bis morgen früh um drei Uhr ſieben ſehr lange Stunden ſeien. Doch nur einen Augenblick dachte er daran; ſobald ſich die Thüre hinter ihm ſchloß, war er wieder ganz Vater geworden, SHackländer, Kr. u. Fr. II. 2 8 18 Ein erſter und ein letzter Ball. und ſpendete mit dem verbindlichſten Lächeln freundliche Mienen, herzliches Kopfnicken und feſte Händedrücke an alle Lieutenants, Aſſeſſoren, Referendäre und Handlungs⸗Commis, die er nur eben zu erreichen im Stande war. Man fand einen guten Platz, und die Mutter ſetzte ſich zwiſchen ihre beiden Töchter, dem Schickſale ſeinen Lauf laſſend. Und das Schickſal kam, nicht roh und kalt, ſondern warm und fühlend, und warf unterſchiedliche, glänzende Uniformen und ſimble, ſchwarze Fräcke an die Bank, wo die Mutter mit ihren Töchtern thronte. Das Ankommen der Tänzer iſt dem Ankreiſen der Fiſche an die gefährliche Angel vergleichbar. Emilie war der Köder und ſie wurde zuerſt neugierig und ſcheu von Weitem betrachtet, die Keckeſten drängten ſich vor, um ſie näher zu be⸗ ſehen, ſchwammen aber auch zum erſten Mal vorbei, ohne anzu⸗ beißen. Bald aber kehrte einer allein wieder um, öffnete weit die Augen, ſpitzte das Maul, ſcherwenzelte mit den Frackſchößen, ſchlurſte näher und näher, und ſaß dann ein Paar Sekunden glücklich feſt— der erſte Walzer. Mama lächelte vergnügt, dem Vater rollte ein ganzer Aktenſtoß vom Herzen. Es iſt bei den Fiſchen, wie bei den Schaafen und bei den Tänzern. Wenn erſt Einer angebiſſen, über den Graben geſprungen oder engagirt hat, ſo folgt die ganze Heerde nach, und der Kapellmeiſter, droben auf dem Orcheſter, hatte ſich noch nicht zum erſten Walzer zu⸗ recht geſtellt, als Emilie ſchon ausverkauft war, und die ſtolz erhobene Naſe der Mutter Kanzleirath, ſowie ihr ſelbſtzufriedenes, aber doch würdevolles Lächeln, für den Kenner ſo deutlich ſprachen, wie die Fahne am Omnibus ankündigt:„Beſetzt.“— Und Eliſe— ſie ſaß da und lächelte. Sie lächelte bei der Walzer⸗Introduction, ſie lächelte, als die jungen Mädchen auf Ein erſter und ein letzter Ball. 19 allen Seiten anfingen unruhig zu werden, ſie lächelte, als die jungen Herren von allen Seiten herbeiſchoſſen:„Mein Fräulein, der Walzer beginnt.“—„Sie waren ſo gütig.“—„Erlauben Sie.“—„Darf ich bitten?“— und ſie lächelte, als ſich nun das Chaos entwirrte, und die Paare glückſelig, luſtig, Arm in Arm dahin flogen. Mutter Kanzleirath hatte nur Augen für ihren Liebling, den ſie mit den Blicken verfolgte, ſich freuend, wenn das zierliche Figürchen hie und da zwiſchen den Tanzenden auftauchte.—„Es iſt doch ein wahres Vergnügen, ſo zuſehen zu dürfen,“ ſagte die Mutter zu Eliſe, und auch da lächelte die ältere Tochter, aber es war ein trübes, bitteres Lächeln. So ging es fort, man tanzte Walzer, Polka's, Francaiſes; Eliſe ſah zu und lächelte. Daß ſie ſich dazwiſchen heftig auf die Lippen biß und ihr Taſchentuch zuſammenknitterte, und daß ſie ſehr bleich ausſah, bemerkte ſo eigentlich Niemand. Wer achtet in einem Ballſaale auf dergleichen Gefühle der Nebenſitzenden? Wer hat überhaupt eine Ahnung davon, daß hier unter den weißen Spitzen ein Herz ſchmerzlich zuckt, in tiefem, ſchneidendem Weh!— Heilloſe Verblendung! Und doch habt ihr alle, die ihr euch heute zum erſten Mal in den Wogen des Tanzes bewegt, auch euren letzten Ball! „Hirtenknabe, Hirtenknabe, Dir auch ſingt man dort einmal.“ Wer weiß, vielleicht tretet ihr ab von frohen Wünſchen umgeben, als glückliche Bräute, vielleicht auch mit den Gefühlen Eliſens, müde getanzt, müde gelebt,— müde geliebet. Hätte nun die ältere Tochter des Kanzleirathes heute ſtill und allein da ſitzen können, das wäre nicht ſo ſchmerzlich geweſen, als die mancherlei Fragen zu beantworten, welche auf die harm⸗ Ein erſter und ein letzter Ball. loſeſte Art von der Welt, von den Tänzern ihrer Schweſter, an ſie gethan wurden; die eigenthümlichen Fragen:„Sie tanzen nicht, mein Fräulein?“— Ich bemerkte Sie nicht bei dem letzten Walzer.“— Begreiflicher Weiſe hatte Eliſe allen dieſen Bemer⸗ kungen gegenüber raſendes Kopfweh, und ſelbſt als ihr alter Freund, der Handlungsreiſende, ſpät im Ballſaale erſchien, und als die treue Seele ſie um eine Francaiſe bat, ſchlug ſie ihm dieſe ab, und daß ſie ihm das abſchlagen konnte, war wenigſtens ein ganz kleiner Tropfen Balſam für ihr gekränktes Herz.„So wollen wir denn plaudern von alten Zeiten,“ ſagte der e malige Tänzer, und ſetzte ſich neben Eliſen auf die Bank, und fit g dann unbefangen zu plaudern an von früheren Bällen, wo es ſo ſchön geweſen ſei, wo man nicht einen Augenblick geruht, und von längſt vergangenen Tagen, die doch eigentlich ganz anders ge⸗ weſen. 3 So ging es der armen Eliſe, während ſich der Backfiſch auf's Göttlichſte amüſirte. Dieſer plagte ſich im Schweiße ſeine Angeſichts, und glitt buchſtäblich von einem Arm in den andern Die Engagements auf alle Tänze waren eigentlich das Wenigſte, denn um eine Extratour zu bekommen, wurde hinter dem jungen, hübſchen Mädchen förmlich Queue gemacht. Vergeblich winkte die Mutter zuweilen beſorgt mit dem Finger, vergeblich ſchmiegte ſich der alte Kanzleirath, den Hut auf den Bauch gedrückt, Stöße und Püffe aushaltend, durch die Reihen der Tanzenden zu ſeiner Tochter, um ihr eine ſchreckliche Geſchichte zuzuflüſtern, die er in ſeiner Jugend einmal geleſen, von jungen, unbeſonnenen Tänze⸗ rinnen, die ſich förmlich zu Tode gerast. Vergeblich ſagen wir, Emilie hob das erhitzte Geſichtchen ſo lieblich flehend zu dem Vater empor, ihre zuckenden Lippen bewegten ſich ſo bittend, und Ein erſter und ein letzter Ball. 21 ihre glänzenden, feuchten Augen baten ſo dringend, ihr Vergnügen nicht zu ſtören, daß der Papa davor eilig zurücktrat, mehr aber noch vor der determinirten Miene des nun vortretenden Offiziers, der, ohne den Vater weiter zu beachten, ſie mit den Worten: „Nun, mein Fräulein?“ in den Arm nahm und davon raste. Die große Pauſe auf einem Balle iſt eine vortreffliche Er⸗ findung. Tänzer und Tänzerinnen ruhen eines Theils aus, und finden ſich anderntheils wieder zuſammen, um ein intereſſantes Ballgeſpräch fortſetzen zu können. Die Mütter benützen die Zeit, um durch gelindes Zupfen die verſchobene Toilette ihrer Töchter zu corrigiren, auch wohl eindringliche Ermahnungen über das künftige Verhalten mit einfließen zu laſſen, die Väter dagegen benützen die Pauſe, wozu ſie eigentlich da iſt, um ein tüchtiges Souper zu ſich zu nehmen, und ſich für die nachfolgenden Stra⸗ pazen durch mehrere gute Gläſer Wein zu ſtärken. Dieſe Pauſe, ſowie am Ende des Balles die alsdann erlaubte Cigarre, ſind ja die einzigen Lichtblicke für ſolche, die nicht mehr tanzen, an einem dieſer dem Vergnügen gewidmeten Abenden. Daß ſich der kleine Backfiſch das Souper ebenfalls vortreff⸗ lich ſchmecken ließ, brauchen wir eigentlich nicht zu erwähnen, er hat ſein Brod redlich verdient, und bedarf der Stärkung für die nachfolgenden Tänze, und den ſtundenlangen Cotillon. Eliſe da⸗ gegen aß nicht und trank nicht, ja ſie befand ſich während des Souper in einer fieberhaften Aufregung. Ruſpels Compagnon war etwas ſpäter erſchienen, hatte ihr flüchtig und etwas ver⸗ legen guten Abend geſagt, und ſich darauf mit einer wahren Wuth in den Strudel des Tanzes geſtürzt. Bis jetzt hatten die beiden Familien, Kanzleiraths und Ruſpels Compagnon in der großen Pauſe miteinander ſoupirt, heute aber hatte ſich der Letz⸗ Ein erſter und ein letzter Ball. tere anderswohin gethan, was ſelbſt dem ſonſt ſo argloſen Kanzlei⸗ rathe auffiel. Eliſen fiel das nicht mehr auf. Sie dachte der letzten Briefe mit„Werthgeſchätzte“ und„ganz ergebenſt“, preßte die Lippen heftig aufeinander, und drückte zuweilen ihre Hand auf das Herz. Der Compagnon, der nicht weit von der kanzlei⸗ räthlichen Familie placirt war, blickte öfters herüber, und ſchien auch zuweilen Miene zu machen, als wolle er aufſtehen und ſich nähern, doch hatte die Kanzleiräthin mit ihrem ſcharfen Blick wohl bemerkt, wie ihn alsdann ſeine Frau am Frackſchoß wieder niederzog. Madame Schmerbeling zuckte die Achſeln darüber, ein ſolches Benehmen hatte ſie von jener Frau wohl erwartet, denn ſie hatte ſich immer auf ihre Art hochmüthig und unaus⸗ ſtehlich benommen. Nahm ſie doch im Theater auf der zweiten Gallerie einen Vorderplatz ein, ließ ſich mit einer Laterne der fünften Rangklaſſe nach Hauſe leuchten, und hatte ſich einen Penſée⸗Sammtmantel machen laſſen. Nach ſolchen Vorgängen 4 ließ ſich freilich kein beſſeres Benehmen erwarten. Die Kanzlei⸗ räthin verbot ſämmtlichen Ihrigen nach dem Tiſch hinüberzublicken, und es hätte ſpäter faſt eine kleine pantomimiſche Scene gegeben, als der Kanzleirath ſein Glas hob, und aus der Entfernung dem— Compagnon zutrank, der ihn aber dazu aufgefordert hatte, wobei er, der Compagnon nämlich, ſein rechtes Auge auf eine ganz ſeltſame Art zuſammenkniff. Unterdeſſen war die Pauſe zu Ende gegangen, der Tanz⸗ ſaal füllte ſich wieder, die Muſik begann auf's Neue, und es war wieder die alte Geſchichte. Strampfende und hüpfende Paare, erhitzte junge Herren, wildathmende Damen, Staub, Dunſt und Hitze. Eliſe hatte abermals ihren Platz neben der Mutter ein⸗ genommen, doch wurde es ihr auf einmal ganz ſeltſam zu Muthe. — Ein erſter und ein letzter Ball. 23 Die Muſik hatte für ſie keinen rechten Takt mehr, über die Tan⸗ zenden ſchien ſich ein Trauerſchleier zu legen, der immer dichter und dichter wurde; endlich lehnte ſie ſich ſanft gegen die Schulter der Mutter, und ſagte mit leiſer Stimme:„Mama, mir wird ganz übel.“ Glücklicherweiſe war in dieſem Augenblick der Tanz zu Ende, der Vater Kanzleirath in der Nähe, und Eliſe fühlte noch ſo viel Kraft in ſich, an ſeinem Arm ohne Aufſehen in's Nebenzimmer zu gelangen, und von dort in die Garderobe, wo ſie Mantel und Ueberſchuhe anzog, und ihren Vater bat, ſie nach Hauſe zu begleiten. So leid dem Kanzleirath dieſe Unterbrechung um ſeiner Tochter willen that, die er recht herzlich liebte, ſo war er doch nicht unzufrieden, den Ball eine halbe Stunde verlaſſen zu kön⸗ nen, um im Nachhauſefahren eine Cigarre zu rauchen. Eliſe, der es in der kalten Nachtluft augenblicklich beſſer wurde, hatte ihn freundlich dazu aufgefordert, und ſo erreichten ſie in kurzer Zeit die Wohnung. Dort angekommen, öffnete der Kanzleirath mit ſeinem Hausſchlüſſel die Thür, blickte ſeufzend nach ſeinem Schlafzimmer empor, und kletterte wieder in den Wagen, um auf den Ball zurückzukehren. Eliſe aber ſtieg allein die Treppe hinauf; mit jeder Stufe wurde es ihr leichter und wohler um das Herz. Bei der erſten hatten ihre Lippen wohl noch ſchmerzlich gezuckt, und ein eigenthümliches Gefühl im Herzen und in den Augen deutete auf hervorquellende Thränen. Auch rollten ein Paar davon ihre Wangen herab, aber, wie ein friſcher Mairegen die Dünſte des bedeckten Frühlingshimmels, ſo verjagten dieſe Thrä⸗ nen das finſtere Gewölk, welches ihre Sinne befangen hielt. Die Einſamkeit und Stille des nächtlichen Hauſes that ihr wohl. Sie war froh, daß keines der Dienſtmädchen mehr auf war. Leiſe 8 24 Ein erſter und ein letzter Ball. öffnete ſie die Wohnung, und ging in ihr Schlafzimmer, um das weiße Kleid und den weißen Kranz abzulegen, und auch damit ſchien ſie abermals eine drückende Erinnerung zu verlaſſen. Ja, als ſie jetzt ihr Hauskleid angezogen hatte, als ſie das Feuer im Ofen des Wohnzimmers wieder angefacht, als dieſer eine be⸗ hagliche Wärme ausſtrömte, und ſie Alles hergerichtet hatte, um Mutter und Schweſter, wenn ſie vom Balle heimkehrten, mit einer wohlthuenden Taſſe Thee empfangen zu können, da war ihr Gemüth ſo ruhig und ſtill geworden, daß ſie lächelnd zurück⸗ blicken konnte, nicht nur auf die vergangenen Stunden ihres heu⸗ tigen letzten Balles, ſondern auch auf die vielen ähnlichen Abende, deren wir früher erwähnt. Und als nun das Waſſer im Keſſel anfing zu ſingen, ſchüttelte ſie den Kopf, wenn ſie aller der Kämpfe und Schmerzen gedachte, die ſie ſeit ihrem erſten Balle auf jenen heißen Brettern erlebt, und da wurde es ihr faſt ſelig in ihrer Einſamkeit, und ſie gedachte mitleidig der jungen, blühen⸗ den Schweſter, die, ein gutes„friſches, junges Herz, wohl alles Das, und vielleicht noch Schlimmeres vor ſich hatte. 3 Da hörte ſie einen Wagen durch die ſtillen Straßen rollen, der Ball konnte unmöglich ſchon zu Ende ſein. Und doch hielt der Wagen vor ihrem Hauſe, und dann ertönte die Hausklingel. Eliſe eilte auf den Vorplatz der Wohnung, und zog durch die Vorrichtung oben das Schloß der Thüre an, ſo daß ſie ſich öffnete. Es trat Jemand unten in den Gang, drückte die Hausthür hinter ſich zu, und Eliſe hörte nicht ohne leicht zu erſchrecken, den Tritt eines Mannes auf der Treppe. Wer konnte das ſein? Davon beſchloß ſie, ſich zu über⸗ zeugen, ehe ſie die Glasthür öffnete. Sie ſchob deßhalb die Vor⸗ hänge etwas auseinander, und faſt wäre das Licht ihrer Hand. Ein erſter und ein letzter Ball. 25 entfallen.— Herr Ruſpel ſtand vor ihr in ſchwarzem Frack, und äußerſt freundlich lächelnd. Es iſt nun für ein Mädchen, wenn es allein zu Hauſe iſt, eine eigenthümliche Sache, einem ſolchen Beſuch in der Mitter⸗ nachtsſtunde die Thüre zu öffnen, auch Eliſe zguderte, dieß zu thun, doch bat der da außen ſo rerbietig und doch ſo flehend, und 7 Ruſpel war ein ehrenwerther Mann) dem man nicht das geringſte Böſe oder nur Zweideutige nach⸗ ſagen konnte. Eliſe öffnete endlich die Glasthüre und die Stuben⸗ thüre, und Herr Ruſpel trat ſchüchtern ein, und blickte alsdann erſtaunt um ſich, als er niemand Anders im Zimmer ſah, „So eben von meiner Reiſe zurückgekehrt,“ ſagte er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen,„wollte ich den Ball be⸗ ſuchen, um Sie, meine ſehr werthgeſchätzte Fräulein Eliſe, dort zu überraſchen.— Vielleicht nicht unangenehm zu überraſchen,“ ſetzte er ſtockend hinzu;„aber bei Ihrem Hauſe vorbeifahrend, ſah ich hier oben Licht, und dachte, die ganze Familie ſei ſchon zu Hauſe.“ Jetzt war es begreiflicherweiſe an Eliſen, zu erklären, warum ſie allein den Ball verlaſſen. Das that ſie denn auch, und ob⸗ gleich mit dieſer Erzählung bei der Wahrheit bleibend, hob ſie es doch ziemlich ſcharf hervor, daß ſie ſich auf dem Balle ſehr einſam gefühlt, und daß das Betragen des ſonſt ſo freundlichen Compagnons ſie und die ganze Familie ſehr ſchmerzlich berührt habe. Nach dieſer Erzählung erzählte nun Herr Ruſpel wieder, daß er ſich wie ein Kind darauf gefreut, Eliſen zu überraſchen, und daß er deßhalb ſeinem Compagnon, der ein guter Menſch, aber eine Plaudertaſche ſei, ausdrücklich verboten habe, viel mit der Familie des Kanzleiraths zu verkehren. Was nun Eliſe ——“ Ein erſter und ein letzter Ball. weiter ſprach, wiſſen wir nicht mehr genau, iſt auch unnöthig, wörtlich wiederzugeben; nur ſoviel können wir ſagen, daß nach einer Viertelſtunde Herr Ruſpel ganz ergebenſt die beiden Hände des Mädchens nahm, ſie zierlich küdte, und ſie mit Weglaſſung des„Sehr Wexthgeſchätzte“„meine liebe Eliſe“ nannte. Darauf ließen ſich die Zwei an dem Tiſche nieder, aber an den beiden ſentgegengeſetten Enden, tranken eine Taſſe Thee, und lauſchten auf die Straße, ob ſich noch kein Wagen hören ließ. Endlich rollte es in der Ferne, dann näher, und hielt vor dem Hauſe ſtill. Eliſe öffnete abermals die Thüre, und trat auf den Wunſch des Herrn Ruſpel in's Zimmer zurück, denn überraſcht ſollte am heutigen Abend doch nun einmal werden. Aber der Compagnon, der in der That eine Plaudertaſche war, hatte nach beendigtem Balle beim Punſche doch nicht ſchwei⸗ gen können, und Alles verrathen. Er war auch der Erſte, der an der Treppe ſichtbar wurde, und laut und fröhlich ausrief: „Wenn der ſchlaue Ruſpel nicht droben iſt, laß ich mich auf⸗ hängen!“ Und Ruſpel war, wie wir wiſſen, in der That wirk⸗ lich droben, und wurde auf's Gerührteſte von der ganzen Familie bewillkommt. Mama ſchloß ihn feierlich an ihr Herz, und der alte Kanzleirath, der etwas zu viel Punſch getrunken hatte, ſagte mit weinerlicher Stimme:„Ruſpel, ſo einen Ball laß ich mir noch gefallen.“ Emilie aber warf ſich an die Bruſt ihrer Schwe⸗ ſter, küßte ſie innig und herzlich, und ſagte, während Thränen ihren Augen entſtrömten:„Ich war recht froh heute auf meinem erſten Ball. Möge ich auch auf meinem letzten ebenſo glücklich ſein, wie du, meine gute, gute Schweſter.“ „Das, geneigte Leſerinnen, iſt die wahrhaftige und ſehr glaub⸗ würdige Geſchichte von einem erſten und von einem letzten Balle. Geſchichten einer Wetterfahne. Erſter Windſtoß. Geburt und Eheſtand. Wenn ich ſage, daß ſchon manche Wetterfahne mitgetheilt, was ſie geſehen, gehört, erlebt, mit einem Wort, ihre Memoiren verfaßt hat, ſo iſt das eine Behauptung, die mir Niemand wider⸗ ſtreiten kann. Doch iſt bis jetzt keine Windfahne ſo ehrlich ge⸗ weſen, ſich als Verfaſſer zu nennen; vielmehr ſchreiben die meiſten unter andern Namen, was auch mir im vorliegenden Falle ſehr leicht ſein würde. An ſchönen und paſſenden Namen ſollte es mir durchaus nicht fehlen; ich könnte mich z. B. Baron Dreher nennen, Herr von Eiſenblech, oder meinetwegen auch Doktor Wind⸗ fang; aber es ſei ferne von mir, meinen Stand verleugnen zu wollen. Ich entſtand als Windfahne, ſetzte bis jetzt meinen Stolz darein, eine ſolche zu ſein, und will es auch bleiben bis an mein ſeliges Ende, ſei es nun, daß mich irgend ein wüthender Sturm in unbekannte Regionen fortführt, oder ſei es, daß ich vom Hausherrn penſionirt werde, um, wer kann das wiſſen? mein Leben als Kohlenſchaufel zu beſchließen. Geſchichten einer Wetterfahne. Warum ſoll ich auch meinen Stand leugnen? Wenn man auch geringſchätzend und achſelzuckend ſpricht: O, ſo eine Wetter⸗ fahne, ein erbärmliches Ding, das ſich bei jedem Windſtoß zehn⸗ mal herumdreht! Ja, das Herumdrehen an ſich wäre nicht ſo ſchwer, aber es mit Sicherheit und Anſtand thun und in der ge⸗ hörigen Richtung verbleiben— dazu gehören feſte Grundſätze, die nicht jeder hat. Ueberhaupt ſind viele berufen, aber wenige aus⸗ erwählt; und ich, die ich mich heute noch munter auf meinem Dache drehe, habe ſchon ganze Generationen junger eleganter Windfahnen, ſchlanker Blitzableiter und ſtolzer Kreuze und Sterne kommen und verſchwinden ſehen. Manche davon haben mich höhniſch angelächelt, wenn ſie ſo glänzend und ſtrahlend an einem ſchönen Frühlingsmorgen beim ſanfteſten Südwind zum erſtenmal in der blauen Luft erſchienen. Aber wie lange hat's gedauert! Zwei, drei Jahre höchſtens, da wurde die Vergoldung matt, die dünnen Eiſenſtangen bogen ſich, ein ſchrilles Pfeifen bei jedem Windſtoße zeigte den Anfang eines unheilbaren Stockſchnupfens an, der oft mit einer Auszehrung endigt; und wenn ich dann nach einer wilden Sturmnacht bei anbrechendem Morgen rings um mich her ſchaute und meinem alten treuen Freunde, dem feſten Schornſtein des Hauſes, einen guten Morgen bot, ach, wie viele jener armen jungen Leute waren nicht mehr, oder ließen betrübt ihre ſchönen Kreuze und Sterne hängen! Daß ich im Laufe der Zeit bei meinem mühſeligen Ge⸗ ſchäfte jünger und friſcher geworden wäre, will ich gerade nicht behaupten, auf meinem ehemals ſchönen grünen Kleide hat ſich der Roſt des Alters angeſetzt, und meine Stimme iſt rauh und hart geworden, wie das bei bejahrten Leuten meiſtens der Fall zu ſein pflegt. Aber Lebenskraft fühle ich noch in mir, volle Geſchichten einer Wetterfahne. 29 friſche Lebenskraft; und der ſteife Weſtwind, der im Spätherbſt oft wochenlang bei mir vorüberſaust, hat ſchon oft in ſeinen Bart gebrummt: Der Teufel hole dieſe Wetterfahne! Die bringen wir nicht ſo bald herunter! Ja ich weiß ihm auszuweichen dem Winde, wende mich jetzt rechts, jetzt links, um ihn vorbeizulaſſen, und wenn er mir gar zu toll kommt, ſo zeige ich ihm, wie ge— lenkig ich in meinem Alter noch ſein kann, und wirble mich ein paar Dutzend mal herum, wobei ich ihn höhniſch auslache. Das verdrießt den tollen Wind und dann ſtreicht er gegen die Dach⸗ ziegel, daß ſie klappernd und ſtöhnend auffliegen, rüttelt auch wohl an meinem alten Schornſteine, der auch ſchon hie und da einen Backſtein laſſen mußte. Ja, Wetterfahne ſein, iſt ein ſchwieriges und mühſames Ge⸗ ſchäft, in der That kein angenehmer Lebensberuf, und abgeſehen von einer feſten Geſundheit, die man haben muß, gehört auch eine große geiſtige Biegſamkeit dazu, ſich nach jedem Windſtoß zu bequemen, ohne dabei die Würde aus den Augen zu verlieren, die man ſich und ſeines Gleichen ſchuldig iſt. Da es uns Wetterfahnen, wie ſo vielen andern von der Natur ſtiefmütterlich behandelten Geſchöpfen, nicht geſtattet iſt, uns auf natürliche Weiſe fortzupflanzen, ſo kann ich auch nicht ſagen, daß ich geboren wurde, und eben ſo wenig, daß ich einen Vater gehabt. Ich entſtand vielmehr unter der derben Fauſt eines jun⸗ gen Schmiedes, der mich durch tüchtige Hiebe ſchon in zarteſter Jugend abhärtete und ſo auf meine hohe aber wildbewegte Lebens⸗ ſtellung vorbereitete. Mein Erzeuger war, ſo lang er an mir arbeitete, über alle Maßen luſtig und vergnügt, und er behandelte meine Entſtehung mit einer Sorgfalt und Pünktlichkeit, der ich vor allen Dingen meine gute Geſundheit und mein langes Leben Geſchichten einer Wetterfahne. zu danken habe. Warum er ſo vergnügt war, konnte ich in mei⸗ ner Unſchuld damals nicht begreifen; jetzt aber, nachdem mir ſo mancher Wind um die Naſe gegangen, und ich mit vielen Lebens⸗ erfahrungen an die längſt vergangene Zeit zurückdenken kann, weiß ich wohl, daß das junge hübſche Mädchen, welches oft an den Amboß trat, als an mir gearbeitet wurde, Urſache war an dem vergnügten Herzen des Schmieds.„Mach' deine Sache nur pünktlich,“ ſprach ſie oft,„du wirſt ſehen, Georg, daß der Vater den fleißigen und geſchickten Arbeiter lieb gewinnt.“ Was ſonſt noch an dem Amboß geſchah, will ich discret verſchweigen, muß aber dabei geſtehen, daß ich es nicht allein war, der an einem ſchönen Tage ſah, wie ſich die Beiden küßten; unglücklicher Weiſe trat der Vater im ſelben Augenblicke in die Werkſtatt, und ich erwartete ſchon, daß er einen ſchweren Hammer, den er zornig in die Hand nahm, nach uns herüberwerfen würde; doch bezwang er ſich, biß die Lippen auf einander und ging zur Thüre hinaus, ohne daß ihn das glückliche Paar geſehen. Hätte ich damals nur reden können! Oder hätte mich der junge Schmied verſtanden! Denn als ich nun fertig war und er mich ſanft mit Oel ein⸗ geſchmiert hatte, und durch einen leichten Klaps mit der Hand mehreremal herumlaufen ließ, da flüſterte ich ihm wohl zu, er ſolle ſich in acht nehmen, aber er begriff nicht, was ich ſagen wollte. 4 Eines ſchönen Tages wurde ich an meinen Beſtimmungsort gebracht, und als mich der junge Schmied auf dem nördlichen Giebel des Daches befeſtigte, hörte ich, wie der Hausherr ſagte: „Jetzt fehlt uns noch eine Wetterfahne auf dem andern Giebel. Alles in der Welt will Geſellſchaft, und ſo wollen wir auch Dem da eine Lebensgefährtin geben.“ Da durchſchauerte mich ein un⸗ Geſchichten einer Wetterfahne. bewußtes, aber ſüßes Gefühl und meine Phantaſie malte mir auf der leeren Seite des Daches eine ſehr zierliche Wetterfahne, mit der ich mich vereint durch's Leben drehen würde. Man wird meine Sehnſucht gerechtfertigt finden, hatte ich doch eine feſte An⸗ ſtellung und nebenbei aus den Geſprächen meines Erzeugers mit dem jungen Mädchen häufig entnommen, daß es nicht gut ſei, wenn man ſich allein befände. Die Werkſtätte, aus der ich hervorgegangen, ſah ich von meinem hohen Standpunkte aus deutlich vor mir. Ja, nach einiger Zeit bemerkte ich zu meinem unausſprechlichen Vergnügen, daß eine Lebensgefährtin für mich im Entſtehen begriffen ſei. Was aber meine Freude über dieſes glückliche Ereigniß einigermaßen verkümmerte, war die Entdeckung, die ich zu gleicher Zeit machte, daß der junge Schmied Hammer und Feile nicht mit der gleichen Freudigkeit handhabte, wie früher. Ja, wenn er ein paar Schläge gethan, ſo legte er den Kopf in die Hände und blickte betrübt zu mir hinauf. Oft warf er auch ſein Handwerkszeug vor ſich hin, verſchwand aus der Werkſtatt, und wenn er dann nach kur⸗ zer Zeit wieder kam, ſo ſah er recht blaß aus, hatte die Lippen aufeinander gebiſſen, gerade ſo, wie damals der Vater Schmied, als er die Beiden überraſchte. Das junge Mädchen ſah ich ſehr ſelten in dem Gemache, wo gearbeitet wurde, und wenn der junge Schmied ſie, wie mir ſchien, durch Bitten und Flehen herein⸗ nöthigte, ſo blieb ſie an der Thüre ſtehen und ſtellte ſich nicht mehr an den Amboß, wie ſie früher ſo oft gethan. Da mußte was vorgefallen ſein. Aber was es war, konnte ich nicht ſogleich ergründen. Endlich aber nach vielem Spähen und ſtundenlangem Hinſtarren fing ich an, mir die Sache klar zu machen. Der alte Schmied, der das Verhältniß zwiſchen ſeiner Tochter und dem Geſchichten einer Wetiterfahne. Geſellen wohl gemerkt, hatte bei ſich gedacht: wenn ich mit Ge⸗ walt dazwiſchen fahre, ſo thut das die entgegengeſetzte Wirkung. Nun war aber ein Offizier dem jungen hübſchen und reichen Bürgermädchen ſchon vielfach nachgelaufen, hatte aber um alles in der Welt keinen Zutritt in's Haus erhalten können, und wenn auch die Mutter dem Zweierlei-Tuch durchaus nicht abgeneigt war, ſo war's doch der Vater deſto mehr. Aber ſein Zorn gegen den Geſellen war ein vortrefflicher Bundesgenoſſe für die Meiſterin. Es ſei doch etwas ganz anderes, meinte ſie, die Frau eines hüb⸗ ſchen Lieutenants, als eines rußigen Schmiedes zu ſein. Natür⸗ licher Weiſe ſprach ſie dieſen Vergleich nie mit klaren Worten aus, ſondern ließ ihn nur als Prinzip durchſchimmern. Dazu hieß es dann noch: Was will der Georg da unten heirathen? Das Mädel? ja, aber hauptſächlich unſer Vermögen und deine vortreffliche Kundſchaft. Da nun auch ein ſtarker Schmiedmeiſter ſeine ſchwache Stunden hat, ſo wurde der Vater in ſolchen ſo lange bearbeitet, bis er endlich, obgleich brummend, zugab, daß der Herr Lieutenant nach einem Ball, auf dem er wacker mit der Tochter getanzt, einen Anſtandsbeſuch machen durfte. Aber es blieb leider weder bei einem Beſuche, noch bei Anſtandsbeſuchen überhaupt, wie ich, der das ganze Haus und ſomit auch Eliſens Kämmerlein überſah, am beſten beurtheilen konnte. Georg erfuhr ebenfalls ſein Theil davon. Das ſah ich an ſeinem gänzlich ver⸗ änderten Benehmen und Ausſehen. Da er aber eine heftige Na⸗ tur war, ſo hatte er ein paarmal arge Auftritte mit ihr, und da er ſich durch nichts beſchwichtigen laſſen wollte, ſo fiel ſie ſchicklicher Weiſe zuletzt ohnmächtig nieder, ließ ſich ſo von der Mutter finden, wonach dem Geſellen augenblicklich aufgeſagt wurde. Ehe er aber fortging, ſtieg er zu mir herauf und ſetzte meine Geſchichten einer Wetterfahne. künſtige Lebensgefährtin, auf welche ich mich ſo lange und innig gefreut, auf die ſüdliche Giebelſpitze. Es war anſcheinend ein nettes Weſen, die andere Wetterfahne, ebenfalls zierlich ausge⸗ ſchnitten und grün bemalt; doch bemerkte ich wohl, daß der junge Schmied ſie verdroſſen befeſtigte, lange nicht ſo freudig, wie er mich aufgeſetzt. Als er drüben fertig war, kam er über das Dach zu mir her, drehte mich leicht herum und ſagte ſeufzend:„Das waren andere Zeiten, als ich dich gemacht, verflucht ſei das ganze Mädchenvolk! Obgleich nun ähnliche Geſchichten von Bürgermädchen und Lieutenants, von gebrochener Treue und hoffärtigen Meiſterinnen ſchon zu Dutzenden paſſirt ſind und noch häufig vorkommen werden, ſo habe ich doch dieſer aus dem einfachen Grunde er⸗ wähnt, weil ſie in ihren Folgen gar zu traurig in mein Lebens⸗ glück eingriff. Ich, unter Liebe und Glück entſtanden, ward kräftig und geſund, meine arme Lebensgefährtin dagegen, bei welcher Kummer und Trübſal Hammer und Feile regiert, litt an einem unheilbaren Uebel ſchon am erſten Tage, als ſie mir an⸗ getraut wurde. Wie hatte ich mich auf ein heiteres, luſtiges Wetterfahnenleben gefreut! Mich mit ihr zu gleicher Zeit zu drehen, jetzt zierlich rechts, jetzt zierlich links, dann im raſchen Wirbel herum, ein heiterer Tanz durch's Leben. Da bemerkte ich ſchon am erſten Tage unſerer Che mit Schrecken, daß ſie ſchief aufge⸗ ſetzt war und ſtatt ſich luſtig umherzuſchwingen, betrübt den Kopf hängen ließ, und von einem Windſtoß, der mich ein Dutzendmal im Kreiſe herumwirbelte, truͤbſelig hin und her ſchwankte.— Ja, ſie war von Geburt an kränklich, die arme Frau und hatte Launen, wie alle übrigen. Wenn ich friſch in's Leben hineinſah, mich freuend auf einen tüchtigen Sturm, dem ja immer ſchönes Hackländer, Kr. u. Fr. II. 3 — 34 Geſchichten einer Wetterfahne. Wetter folgt, ſo ächzte und ſtöhnte ſie jämmerlich, daß ſich die Dachziegel darob hätten erbarmen mögen. Wenn ich jauchzend herumflog, ein junger, friſcher Kerl, ſo piepste ſie ängſtlich:„Du Himmel, da kommt ſchon wieder ein Wind! Wann werde ich endlich Ruhe haben!“ Der Teufel auch! zum Ruhen iſt niemand auf der Welt, am allerwenigſten eine Wetterfahne. So fing meine Che an und ſo ging ſie leider fort. Dabei war die Frau über alle Maßen eigenſinnig, und wenn ich mich auch anfangs bemühte, ihr mit gutem Rath an die Hand zu gehen, ſo wurde ich deſſen doch bald müde, da ich einſah, es nütze mir doch gar nichts. Sie hatte ſich angewöhnt, beſtändig nach Oſten zu ſehen. Das iſt freilich eine ſchöne Himmelsgegend und war mir auch lieber als der trübe Weſten; aber eine brave Wetterfahne muß ihre Schuldigkeit thun und da hinausſchauen, wohin ſie ihr Beruf weist. Wie oft rief ich ihr zu:„Liebes Kind, ſchau auf mich! Wende dich doch gefälligſt nach Norden.“— Umſonſt, zuerſt ſeufzte ſie ſtatt einer genügenden Antwort unver⸗ ſtändlich, und als ich meine Bitte dringender wiederholte, ent⸗ gegnete ſie mir gereizt, ich ſolle mich gefälligſt um mich ſelbſt bekümmern, ſie wiſſe ſchon ſelbſt, was ſich für eine Frau ſchicke. Daß ich darüber etwas wild wurde und ihr, während ich mich im Zorn vielleicht zwanzigmal herumdrehte, eine tüchtige Rede hielt, verſteht ſich von ſelbſt. Sollte ich ſchweigen? Ich, der gegenüber dem wildeſten Sturmgeheul nicht einmal das Maul hielt? Gott bewahre! Ich war mir bewußt, daß ich meine 8 Schuldigkeit that, und als Mann das Recht hatte, meiner eigen ſinnigen Frau tüchtig die Meinung zu ſagen. Da ſchwieg ſie nun auch längere Zeit, immer hartnäckig nach Oſten blickend. Do als ich ſie mehrere Nächte gar kläglich ſtöhnen und jammer Geſchichten einer Wetterfahne. 35 hörte, erbarmte es mich doch und ich fragte ſie ſo ſanft als möglich:„Fehlt dir etwas, mein liebes Kind? Haſt du vielleicht Schmerzen?“ Worauf ſie mir entgegnete:„Laß mich, ich fühle mich unglücklich.“ Ich muß geſtehen, das ärgerte mich einigermaßen. So er⸗ haben geſtellt zu ſein, hoch über dem Getreibe der Menſchen, in friſcher Luft und zeitweiſem Sonnenſcheine, und doch nicht zu⸗ frieden— darüber befragte ich ſie und erſchrack heftig als ſie mir zur Antwort gab:„Iſt das ein glückliches Loos, welches mir zu Theil geworden, hier oben in Sturm, Schnee und Hagel Wetterfahne ſein zu müſſen?“—„Aber von allen Menſchen geſehen,“ fiel ich ihr ärgerlich in die Rede;„ja, von allen ängſt⸗ lich und prüfend betrachtet, Verkündiger von guter und ſchlechter Zeit; das iſt doch wahrlich ein ſchönes Loos.“— „Ein ſchönes Loos!“ wiederholte ſie ſo kreiſchend und mit dem Ausdruck des Jammers, daß ich feſt überzeugt bin, hätte ſie Hände gehabt, ſie würde ſolche über dem Kopfe zuſammen⸗ geſchlagen haben.—„Ein ſchönes Loos, o du mein Gott! Ich bin von einer ſtillen ſoliden Eiſenblechfamilie, alle meine Schweſtern und Brüder ſind was Rechts geworden, und auch ich war be⸗ ſtimmt zum angenehmen Leben einer Feuerſchaufel, als mich das Schickſal traf, zu einer Lebensgefährtin für ein ſo wankelmüthiges Geſchöpf, wie du biſt, verarbeitet zu werden.“ „Wankelmüthig bin ich nicht,“ entgegnete ich ſo ſanft als möglich und mit einer zierlichen Schwenkung rechts herum.„Daß ich mich drehe, iſt mein Beruf, und daß ich mich leicht und ſchnell drehe, daran iſt meine ungeſchwächte Manneskraft ſchuldig.“ „Dein Beruf?“ kreiſchte ſie höhniſch,„o ich weiß ganz genau, weshalb deine Blicke ſo unaufhörlich über alle Dächer da⸗ —, Geſchichten einer Wetterfahne. hinjagen. Dort ſind freilich zierlichere Wetterfahnen, als ich bin, hübſche Sterne und Kreuze auf den Dächern, denen gelten deine Bemühungen, mit ihnen wechſelſt du ſüße Augen, ich aber bin ein armes unglückliches verkanntes und verrathenes Weib.“ Dies war der erſte Ehezwiſt, den ich mit meiner Gattin erlebte; und hätte Frau Ottilie Wildermuth ihr Buch damals noch nicht geſchrieben gehabt, ſo würde derſelbe dort eine paſſende Stelle finden. Wie hatte ich mich auf eine Gefährtin meiner Tage gefreut! auf ein gleichfühlendes Weſen, das unſerer Beſtimmung gemäß ſich jetzt mit mir rechts, jetzt links drehen würde. Was mir aber eine Quelle der Freude hätte ſein können, ward mir zu einem ganzen Strom des Leidens. Ich ärgerte mich über ihr ſchwerfälliges Weſen, ich konnte nicht unterlaſſen ihr häufige Er⸗ mahnungen zu machen; da ſie aber meiſtens das Gegentheil von dem that, was ich gewünſcht, ſo verdüſterte ſich mein heiteres Gemüth, und Groll und Bitterkeit ſtiegen in mir auf, ich haßte meine Wetterfahnenbeſtimmung, meine Frau, das Dach, auf welchem ich ſtand, die Werkſtatt, aus der ich hervorgegangen, vor allem aber den Lieutenant, der die Urſache alles meines Kummers war. Daß es ihm in ſeiner Ehe nicht beſſer erging, als mir in der meinigen, war ein ſchwacher Troſt für mich. Ja, ich hatte eines Tages die Genugthuung, daß er ſeufzend zu mir aufblickend ſagte:„Lieber Wetterfahne ſein und ſich vom Hauch jedes Windes herumtreiben laſſen, als den unausſtehlichen Launen einer Frau folgen zu müſſen.“ Die meinige aber rieb ſich auf und wurde zuſehends ſchwächer und hinfälliger. Der alte Schornſtein hatte es mir ſchon oft an⸗ vertraut, ich fühlte es mit Schrecken, und jetzt, da ſie eingeroſtet Geſchichten einer Wetterfahne. 37 war und nicht mehr anders, als nach Oſten blicken konnte, jam⸗ merte es mich in meinem weichen Gemüthe, und ich gab ihr gute Worte und verſuchte ſie zu tröſten. Umſonſt, ſie blieb hart⸗ näckig und verſchloſſen, bewegte ſich faſt gar nicht mehr und nur hie und da wandte ſie ſchwermüthig ihren Kopf nach rechts oder nach links, wenn die Zinkeniſten auf dem benachbarten Thurme blieſen: Im Grab iſt Ruh! Das war ein jammervolles Leben für mich, doch hielt ich es als Mann und Gatte für meine Schuldigkeit, für ihre Ge⸗ ſundheit zu thun, was in meinen Kräften ſtünde. Ich bat den alten Schornſtein um Rath, der mir alsbald behülflich war. Er erzählte von den Leiden meiner Gattin in die Küche hinab, die Köchin ſagte es dem Hausherrn, und an einem ſchönen Morgen kletterte ein junger Schmiedgeſell auf das Dach, um nach ihr zu ſchauen. Der arme Georg war es nicht; der war ſchon längſt über alle Berge. Leider mußte ſich meine unglückliche Gattin einer ſchweren Operation unterwerfen, gewaltſam wurde ſie her⸗ umgedreht und ihr Gekreiſch durchzuckte ſchrecklich meine Nerven. Man befreite ſie vom Roſte, gab ihr friſches Oel und ſtellte ſie ein bischen gerade. Das war nun alles recht ſchön und gut, hätte nur der rohe Schmiedgeſell bei ſeiner Arbeit nicht ausge⸗ rufen:„Da iſt nicht viel zu machen, das iſt ein altes eigen⸗ ſinniges Gerümpel!“ Wie hat mich die Frau mit den Worten gequält! Kaum begann die Nacht, ſo fing ihre Gardinenpredigt an. Ich hätte den plumpen Kerl abſichtlich heraufbeſtellt, ſagte ſie, nur um ſie zu ärgern, nicht um ihr zu helfen. Ich hätte gelacht und mir die Hände gerieben, als er ihr geſagt, ſie ſei ein altes eigenſinniges Gerümpel. Du lieber Gott!— und doch hatte ich gar keine Hände, um ſie mir reiben zu können. Aber Geſchichten einer Wetterfahne. ſo ſind einmal die Weiber in ihrem Zorn, und ein verſtändiger Chemann thut alsdann am beſten, ſich ſchweigend abzuwenden. Uebrigens hatte die Kur nicht viel genützt; ihre Conſtitution war zu ſchwach, um ihrem hohen Lebensberufe gehörig nach⸗ kommen zu können, und ich geſtand mir jetzt ſchmerzlich, daß es doch beſſer geweſen wäre, wenn die arme Frau eine Ofenſchaufel geworden. Zu ihrer Aufheiterung trug es auch durchaus nicht bei, daß ſie der Hausherr oftmals kopfſchüttelnd betrachtete und ſagte:„Die iſt nicht gut gerathen. Weiß der Teufel, was ſie immer ſo hartnäckig nach Oſten zu blicken hat. Eine ſolche Wetter⸗ fahne kann man nicht brauchen. Wenn wieder was an ihr zer⸗ brochen iſt, ſo laß ich ſie wahrhaftig nicht mehr repariren!“ Mich dagegen liebte er außerordentlich, und pflegte zu ſagen:„Das iſt ein prächtiger Kerl, auf den kann man ſich verlaſſen! die Kirch⸗ thurmhahnen mögen ſich ſchämen! bringt die doch ein ſtarker Wind⸗ ſtoß kaum herum, während den da oben der leiſeſte Hauch bewegt!“ Dieſe Zärtlichkeit meines Hausherrn ward denn auch an einem Lichtblicke meiner ſonſt ſo traurigen Ehe ſchuldig, durch ſeine Liebe zu mir wurde ich mit einer hübſchen Nachkommenſchaft beglückt. Doch bitte ich den geneigten Leſer, durchaus nichts Un⸗ rechtes von mir zu denken, es begab ſich alles auf ganz natür⸗ lichem Wege. Im Garten befand ſich ein kleines Haus, und das erhielt zwei kleine Wetterfahnen, die ganz ausdrücklich nach mir geformt wurden, und die ich alſo vollkommen berechtigt war, als meine Kinder anzuſehen. Sie waren mir wie aus dem Ge⸗ ſichte geſchnitten, friſche fröhliche Buben, grün angeſtrichen mit goldenen Knöpfen. Wie drehten ſie ſich ſo luſtig und vergnügt, gerade wie ich! Und oft, wenn ich liebend hinunterblickte, war 5 es mir, als ſchauten ſie freundlich drehend zu mir herauf. Leider Geſchichten einer Wetterfahne. 39 wurden ſie eine Quelle neuer Ehezwiſte, denn meine Gattin trieb die Hartherzigkeit gegen mich ſo weit, ſie nicht anerkennen zu wollen; ja, ſie war auf dem beſten Wege, mich eines ſträflichen wahlverwandtſchaftlichen Verhältniſſes zu einer dicken Wetterfahne der Nachbarſchaft anzuklagen. Glücklicher Weiſe aber nahm der alte Schornſtein meine Partei und wollte ſich für meine Solidität verbürgen. Daß es aber nicht rathſam iſt, ſich in den Streit zweier Ehegatten zu miſchen, bewies ſich hier wieder klar und deutlich; denn über die angebotene Bürgſchaft wurde meine Gattin ſo er⸗ zürnt, daß ſie dem alten Hausfreunde die heftigſten Vorwürfe machte, Vorwürfe, die er unmöglich ſchweigend ertragen konnte. Beſchuldigte ſie ihn doch, er treibe es mit dem ganzen Hauſe, und wenn er es unten mit der Köchin halte, ſo flüſtere er im erſten Stocke mit der gnädigen Frau, und warum oben die Gou⸗ vernante ihre Ofenthüre ſo häufig öffne, wiſſe die ganze Nach⸗ barſchaft. Auch behauptete ſie im Zorne, er habe eine rauchige Seele. Nun war allerdings der Schornſtein ein alter Junggeſelle und als Lebemann bekannt, der gern überall erwärmte und ſich nebenbei mit gutem Eſſen und Trinken viel zu ſchaffen machte. Doch war das für meine Frau kein gerechtfertigter Grund, ihm Grobheiten zu ſagen, weshalb ſie denn auch hart hinter einander kamen und ſich unterſchiedliche pikante Redensarten zuwarfen. Darüber brach die Nacht herein, eine jammervolle ſchauer⸗ liche Nacht, die ich nicht vergeſſen werde. Sie erſchütterte meinen Freund und koſtete mich meine Gattin. Ein wüthender Sturm, der ſich erhob, warf die Backſteinkrönung von dem Schornſteine herab, und als ich am andern Morgen beſorgt um mich her blickte, ſah ich meine unglückliche Lebensgefährtin zuſammengeknickt Geſchichten einer Wetterfahne. auf dem Dache liegen. Mein einziger Troſt war, daß ſie gläubig ſtarb, und daß ſie ſich auch eben dadurch noch mit mir verſöhnte. Sie ſprach in ihren letzten Augenblicken von der Fortdauer nach dem Tode, und wie ſie überzeugt ſei, jetzt doch noch eine Ofen⸗ ſchaufel zu werden. Dieſe tröſtenden Gedanken verklärten ihren Geiſt und die Gnade kam bei ihr ſo weit zum Durchbruch, daß ſie mich um Verzeihung bat für die wenige Liebe, die ſie mir in dieſem Leben erwieſen. Auch ich muß geſtehen, daß ich tief betrübt war, faſt verzweifelte, und daß ich mich, als ſie Abſchied nehmend zu mir ſagte:„So lebe denn wohl, mein Edmund!“ wie wahnſinnig im Kreiſe umherdrehte. (S gibt überall niederträchtige Charaktere, auch unter den Blitzableitern und Wetterfahnen, ja ſogar an den Kirchen iſt nicht alles, wie es ſein ſollte; und es ſchmerzte mich tief, daß ein alter Hahn auf einer der letzteren die ſchreckliche Vermuthung aus⸗ ſprach, als habe der Schornſtein meine Gattin in Folge ihres Zwiſtes abſichtlich getödtet. Glücklicherweiſe aber war der alte Hahn als Pietiſt bekannt, verdiente deßhalb nicht den geringſten Glauben, und ſo blieb unſere Freundſchaft unerſchüttert. Zweiter Windſtoß. Beobachtungen auf dem Dache. Wenn ich einiges über mein Leben ſagen will, ſo kann ich nicht umhin, die Worte eines kleinen hübſchen Kindes anzuführen, das eines Tages zu dem Söllerfenſter herausblickend, als es mich dicht vor ſich bemerkte, in die Hände ſchlug und ausrief:„Ach die arme Windfahne! Immer da draußen zu ſein! Das iſt doch Geſchichten einer Wetterfahne. 41 ganz erſchrecklich! Hat kein Zimmer und kein Bett und ſieht nichts als den Himmel und die langweiligen Dächer!“ Obgleich man gewöhnlich ſagt, Kinder und Narren ſprechen die Wahrheit, ſo mußte ich doch in der That mitleidig lächeln über die Aeuße⸗ rung des jungen Mädchens.„Nichts als den Himmel und die langweiligen Dächer!“ Als ob der Himmel, wie ich ihn ſehe, ſo weit und unendlich über mir ausgeſpannt, nicht an ſich ſchon Abwechslung genug böte, für die Beobachtungen einer ganzen Lebenszeit. Der Himmel mit ſeinen Launen, die ſich ſo wahr⸗ haft großartig äußern, mit ſeinem wunderbaren Glanze, aus⸗ ſtrahlend eine allumfaſſende Liebe, wenn er freundlich lächelnd klar herniederblickt. Der Himmel, ſo traurig und ſchmerzvoll an⸗ zuſehen, wenn ſich ſein glänzendes Angeſicht trübe verſchleiert und langſam ſeine Thränen niederfließen, wenn er weint über die kleinen und großen Leiden der Menſchheit, wenn dann die Wolken⸗ maſſen unruhig hin und her zittern, hoch oben in immer wech⸗ ſelnden Geſtalten dahinziehen, und aus den Schluchten und Thälern lange geſpenſterhafte Nebel aufſteigen, verkörperte Seufzer und Klagen, die ſich dem düſtern Zuge droben anſchließen, ein ge⸗ waltiger Trauerzug!— Und wie erhaben iſt der Himmel erſt, wenn ſich zürnend ſein Antlitz verfinſtert, wenn ſchwarze, maſſen⸗ hafte Wolken, wie um ſich ſelbſt rollend, ihn allmählig über⸗ ziehen, wenn ſich der ängſtliche Wind in gewaltigen Sprüngen aufmacht, damit er noch nach Hauſe komme, ehe ihn Regen und Hagel trifft, und wenn er dabei auf ſeiner eiligen Flucht tief auf der Erde den Staub aufwirbelt, und hoch auf den Dächern die Ziegel gegen den Strich kämmt, daß die Haare des Daches jammernd davonfliegen!— O dieſer Wind mit ſeinem ſchlechten Gewiſſen vor dem Ge⸗ Geſchichten einer Wetterfahne. witter fliehend, iſt ein unverſchämter unhöflicher Geſelle! Sehe ich doch oft genug, wie er auf den Straßen plötzlich ſo tückiſch da⸗ herfährt, Regenſchirme umwendet, Hüte entführt und ſonſt noch Sachen treibt, über die eine anſtändige Wetterfahne nicht gerne ſpricht; dieſe Schlingel aus der Windwelt, o ſie verurſachen uns vielen Kummer! Was machen wir uns daraus, wenn uns ein leichter Hauch aus Süden, oder ſogar ein feſter Zug aus Weſten hin und her treibt, uns auch vielfach herumwirbelt! Das ſind freilich auch geſtrenge Herren, die uns oft Tage und Nächte lang keine Ruhe laſſen, aber ſie überfallen einen nicht ſo frech und pöbelhaft, wie ihre nichtsnutzigen Vettern, von denen ich vorhin ſprach. Sie kündigen ſich gewöhnlich durch einen ſanften Hauch an und ſpringen nicht wie toll und raſend einher, die beſten Träume und Phantaſieen zerreißend und verjagend. Da es aber hienieden kein Licht ohne Schatten gibt, ſo will ich mich auch nicht beklagen, ſondern nehme alles geduldig hin, wie es kommt, und was dieſe Winde vor dem Gewitter anbelangt, ſo treiben ſie ihr Unweſen überhaupt nie lange. Kaum grollt der erſte Donner, fern in den Bergen wiederhallend, ſo ſind ſie ver⸗ ſchwunden, halten den Athem an und ſchauen erſchreckt zu, wie ſich das Wetter droben entwickeln wird. Und wer ſieht das beſſer als ich, hoch oben auf dem Dache, ohne Furcht vor den zuckenden Blitzſtrahlen; denn neben mir ſteht mein guter Freund, der Blitzableiter, und ſeine vergoldete Spitze, die man bei hei⸗ terem Wetter gar nicht ſieht, funkelt jetzt wahrhaft herausfordernd gegen den tiefdunkel überzogenen Himmel.— Und nun kommt es gegen uns heran in gewaltiger Majeſtät, vorausſchickend ſeine leichten Truppen, die flatterhaften Regen, die ſich langſam und allmählig heranwälzen, wie graue, immer dichter werdende Schleier. Geſchichten einer Wetterfahne. 43 Die Sonne, all dem feindſeligen Spektakel abhold, hat ſich zürnend hinter einen ſchwarzen Wolkenmantel zurückgezogen, deſſen Ränder mit Purpur und Gold beſäumt ſind; von ihren luſtigen Strahlen aber befinden ſich noch einige auf dem weiten Thale und plänkeln mit dem heranziehenden Regen. Hel das iſt eine luſtige, köſt⸗ liche Schlacht! Wie fliegen die blitzenden, vielfarbigen Funken davon, wenn ſich Sonnenſtrahlen und Regen treffen! Wie flim⸗ mert es grün, gelb, blau durcheinander, als ſtäube der Himmel die lauteren Edelſteine herab! Aber die Sonne iſt verdrießlich über den langweiligen Regen, der, ein beſtändiger Feind, ihr von jeher die ſchönſten Feſte verdorben hat, und ruft ihre Strahlen unwillig zurück. Doch weichen ſie nur Fuß für Fuß dem andrin⸗ genden Feinde; ja, wenn die Sonne nicht genau Achtung gibt, und ihren Wolkenmantel nicht feſt zuzieht, ſo bemerke ich wohl, weit hinten am Gebirge, zwiſchen den grauen und violetten Tönen einen glänzenden Streifen, wo eine Partie Sonnenſtrahlen hart⸗ näckig kämpft und oft ſiegreich das Feld behauptet.. Die leichten Regentruppen ſind nun über mich dahingeeilt, und ihnen folgt maſſenhaft das ſchwere Geſchütz des feindlichen Gewitters. Schmutziggrau iſt der Himmel bezogen, man könnte glauben mit einer einzigen feſten Maſſe; aber wenn es nun blitzt, da ſehen wir die verſchiedenen Wolkenſchichten, wie ſie ſich deutlich von einander abzeichnen. Weit hinaus in die Ebene ſenden ſie einen feurigen Strahl nach dem andern, und dazu donnert es in den verſchiedenſten Tonarten. So lange es murmelt und grollt, wird mein Freund, der Blitzableiter, keine Arbeit haben, aber wenn es anfängt zu krachen oder dem zackigen Blitze einzelne feſte Schläge folgen, dann blickt ſelbſt der alte Schornſtein einiger⸗ maßen beſorgt in die Höhe, denn er bewahrt in ſeinem Gedächtniſſe Geſchichten einer Wetterfahne. traurige Erinnerungen von einem vernachläſſigten Blitzableiter und einem tüchtigen Schlage, der ihn auf’s Haupt traf und beſinnungs⸗ los auf das Dach niederſtreckte. Wenn ſo die Gewitterſchlacht erbittert losbricht, iſt es gut, wenn man eiſerne Nerven hat. Was uns ſelbſt in ſolchen Augen⸗ blicken kleinmüthig machen könnte, iſt der Jammer unſerer Um⸗ gebung. Wie klagen die Dachziegel, wenn der gewaltige Regen über ſie niederſtrömt; wie ſeufzen die faſt erſtickenden Rinnen, welche die Waſſermenge unmöglich verſchlucken können, wie gluckst, murmelt und klagt es in den Ableitungsröhren, die in ihrer mir verſtändlichen Sprache jammernd verſichern, wenn das noch eine Zeitlang ſo anhalte, ſo ſeien ſie es der eigenen Ehre ſchuldig, unbedingt ihren Dienſt aufzugeben; denn was zuviel ſei, ſei zu viel, und die untere Oeffnung müſſe mit dem, was oben hinein⸗ geſchüttet werde, in richtigem Verhältniſſe ſtehen. Obendrein hätten ſie keinen Magen wie die Menſchen, die ſchon im Stande wären, einiges bis zu anderer gelegener Zeit bei ſich aufzubewahren. Dazu krachen die Dachladen und klirren die Fenſter, und wenn zufälliger Weiſe eines der letztern offen ſtehen geblieben iſt, ſo iſt es für eine gefühlvolle Wetterfahne herzzerreißend, mit zuhören zu müſſen, wie das arme unſchuldige Glas von den gewaltigen Schlägen zerſchellt.. So zieht das Gewitter über mich dahin, oftmals bleibe ich dabei ruhiger Beobachter, häufig aber erfaßt mich ein marodiren⸗ der Wind, der tückiſch hinterdreinſchleicht und wirbelt mich ſo toll herum, daß Wolken, Kirchthürme, Schornſteine, Blitzableiter, wie in nebelhaften Bildern, wie ein raſender Hexentanz vor mir um⸗ herflimmern. Glücklicherweiſe dauert aber eine ſolche ſchlechte Be⸗ handlung nicht lange. Mit den abziehenden Wetterwolken ſchleicht Geſchichten einer Wetterfahne. 45 auch der Wind davon, oder als heimtückiſcher Geſelle erhebt er ſich hoch über mich, und überfällt die ſchon entkräftet Abziehen⸗ den, zerreißt ihre bis jetzt feſtgeſchloſſenen Glieder und wirft die Maſſen hierhin und dorthin. Auf dieſen Augenblick haben nur die Sonnenſtrahlen gewartet, und wenn man ſo eben noch keine Spur von ihnen ſah, ſo erfüllen ſie jetzt mit einem Male den ganzen gewaltigen Raum. Die Sonne ſpricht:„Jetzt habe ich genug des Spektakels,“ und zerreißt den dünnen Schleier, der hin⸗ ter dem abziehenden Gewitter über die Erde wallt, und tritt hervor, glänzend und gerüſtet, mit ſcharfem, funkelndem Schwerte. Um⸗ ſonſt färben ſich die wegeilenden Wolken noch einmal tiefgrau, faſt ſchwarz, ihre Macht iſt gebrochen, und die Blätter und Zweige der Bäume, ja ſelbſt die armen, kleinen Sträucher, die ſich vorher ihrem Grimme gebeugt, richten ſich nun muthig in die Höhe und bewegen ſich luſtig, faſt höhniſch rauſchend. „Was gibſt du mir,“ ſpricht der Wind, der auf beiden Achſeln trägt, zur Sonne,„wenn ich das freche Gewölk gänzlich verjage? Darf ich zugleich mit deinen Strahlen das köſtliche Naß aufſchlürfen, welches an Bäumen, Sträuchern und Gräſern hängt?“ Und da ihm das bewilligt wird, ſammelt er ſeine Gehülfen und überfällt nochmals mit ganzer Kraft die entfliehenden Wolken. Aber es gibt kein rechtes Kampfgewühl mehr, die Nebel⸗ und Dunſtmaſſen ballen ſich ängſtlich übereinander, die meiſten ſuchen zu entfliehen, einige kämpfen wohl noch mit den Winden, aber es iſt ein kraftloſes Geplänkel, die Beſiegten ſtrecken wie um Gnade flehend lange ſchlotterige Wolkenarme aus; das Gewitter verſchießt ſeine letzte Munition, ein dürftiger Regen flattert nieder, und wie das die Sonne ſieht, ſo wölbt ſie den prachtvollen Regenbogen über die Erde, der Friede bedeutet und wonach aller Kampf aufhören muß. Geſchichten einer Wetterfahne. Wer nicht, wie ich, beſtändig auf dem Dache lebt und rings⸗ um eine freie Fernſicht hat, der kann die Wunder des Himmels und der Erde nicht begreifen. Was iſt eine behaglichere Erxiſtenz, im verſchloſſenen Zimmer oder im Anblick der friſchen Natur, namentlich nach einem Gewitter? Man könnte glauben, die nun hervorbrechenden Sonnenſtrahlen hätten doppelte Kraft, doppeltes Feuer. Blitzen ſie nicht feenhaft auf dem feuchten Graſe? Säumen ſie nicht ſelbſt purpurroth ihre Feinde, die verziehenden Wolken, und vergolden Berg und Thal, das ſaftiggrüne Saatfeld und die gelblich glänzende Heide? Sogar der finſtere Tannenwald drüben ſchmunzelt unter ihrem liebenden Kuſſe, und ſeine dunkelgrünen Nadeln ſind wie mit einem leichten goldigen Dufte überzogen. Ja, Kindergeſchwätz über den einförmigen Himmel! Der Himmel iſt unbeſchreiblich ſchön, zu allen Tages⸗, Nachts⸗ und Jahreszeiten! Ich habe jetzt nicht die Laune, mich noch in meh⸗ rere Details darüber einzulaſſen, wird aber ſpäter ſchon noch kommen, denn ich kann jetzt nicht umhin, mich meiner nächſten und genauen Freundſchaft, der„langweiligen“ Dächer mit ein paar Worten anzunehmen. Langweilige Dächer! hat das kleine Mädchen geſagt, die ſo vorwitzig aus dem Dachfenſter herausſchaute. Sie hat ein kleines, ſtumpfes, weißes Näschen, und ich prophezeihe ihr, daß ſie ſpäter einmal ſehr naſeweis werden wird. Doch gleichviel, was iſt ſo ein Menſchlein gegen mich! Ich habe den erſten Schrei ihrer Großmutter gehört, und wenn die Kleine da einen Mann bekommt und Nachkommenſchaft, ſo werde ich es auch wohl noch erleben, daß einer ihrer Urenkel zu demſelben Dachfenſter herausſchaut und ebenfalls über die langweiligen Dächer ſpricht. So ein Dachleben iſt was ganz Abſonderliches. Hier oben Geſchichten einer Wetterfahne. 47 iſt eine Stadt für ſich mit ihren Straßen, Paläſten, kleinen, ge⸗ ringen Häuſern, großen Gebäuden und freien Plätzen. Aber um das genau überſehen zu können, muß man eine Windfahne ſein oder ein Vogel; denn ſelbſt der Schornſteinfeger, der dort aus dem höchſten Kamine ſein berußtes Geſicht herausſtreckt und eine ganze hübſche Umſicht hat, iſt bei ſeinem ſchwarzen Geſchäft nicht in der Laune, die landſchaftlichen Schönheiten einer Dachwelt zu ſtudiren; noch viel weniger aber die Leute dort auf dem Kirch⸗ thurme. Die ſehen den Wald vor lauter Bäumen nicht, und ſtatt ſich an dem prachtvollen Durcheinander der Schornſteine, Wetter⸗ fahnen und Blitzableiter zu erfreuen, blicken ſie leicht über uns hinweg, ſprechen vom impoſanten Häuſermeer und ſchauen über uns hinaus in die weite Gegend. Ach, es iſt ein entzückender Anblick ſo über die Dächer auf die maleriſche Mannigfaltigkeit hin! Hier zeigt ſich eines flach und gedehnt mit hoch emporſtrebendem Schornſtein, ein jüngeres Bau⸗ werk, dort iſt ein hoher und gewaltiger Giebel mit vier Stock⸗ werken ſpitz in die Höhe gekehrt, der das drunter liegende Haus wie eine warme Schlafmütze bedeckt. Und dazu wieder die ver⸗ ſchiedene Farbe jedes Daches, grauer Schiefer, rother Ziegel, glän⸗ zendes Kupfer und matter Zink. Was aber das Ganze beſonders lebendig macht, ſind die ſo verſchieden geformten Dachladen, jeder mit einem andern lieben, wohlbekannten Geſichte. Es iſt das in der Frühe mein erſtes und liebſtes Geſchäft, mich vor einem leichten Morgenwind zu drehen und nach den guten Freunden zu blicken, nach den alten Gefährten, aus deren Fenſteraugen bei aufgehender Sonne ſo viel Wohlwollen für mich ſtrahlt. Ja, na⸗ mentlich ein ſolcher Morgen auf dem Dache iſt entzückend ſchön, wenn ſich die leichten Rauchwolken in die Höhe kräuſeln, um Geſchichten einer Wetterfahne. mit uns in beſter Harmonie die gleiche Himmelsrichtung anzu⸗ zeigen, wenn ſich alle meine Kollegen wie auf Kommando zu gleicher Zeit drehen, wenn die Blitzableiter ſunkeln und ein an⸗ genehmer erfriſchender Thau auf den Dachplatten liegt. Aber auch der Abend hat ſeine Schönheiten. Da ſehe ich ſo manches, was denen da unten auf der Straße oder den Haus⸗ bewohnern verborgen bleibt. Da erſcheinen hie und da Geſtalten in obern Stockwerken oder in den Dachwohnungen, die ſich allerlei zu ſchaffen machen, ſcheinbar für ſich allein handelnd ohne alle Abſicht. Scheinbar, denn ich weiß ganz genau, warum dort die melancholiſche Flöte tönt, und weßhalb ſich gleich darauf drüben ein weißes Tuch zeigt. Auch begreife ich vollkommen, was es zu bedeuten hat, wenn das junge Mädchen öſtlich von mir jetzt den alten halbvertrockneten Geraniumſtock auf die Fenſterbank ſetzt, nach deſſen Anblick der Student auf der andern Seite ſchon lange Zeit geſchmachtet. Auch von dem, was im Innern der Dachwoh⸗ nungen ſelbſt vorgeht, nehme ich häufig Einſicht, doch bin ich discret und wende mich in ſolchen Fällen gern auf die andere Seite. Wenn es nun dunkel wird, die Häuſer ſtill und die Stra⸗ ßen leer, ſo bevölkert ſich unſere Dachwelt, und es erſcheinen mu⸗ ſikaliſche Katzen, was übrigens gerade nicht zur beſonderen Auf⸗ heiterung beiträgt; doch habe ich auch von ihnen ſchon viel Lehr⸗ reiches erfahren; und von dem, was mir die Hauskatze von dem Leben in den Zimmern drunten erzählte, knüpfte ich oftmals die Fäden meiner Beobachtungen zu einem ſehr angenehmen Ganzen. Indem ich mich entſchloß, meine Erlebniſſe und Wahrneh⸗ mungen mitzutheilen, habe ich es mir feſt vorgenommen, mich der ſtrengſten Wahrheit zu befleißigen, und wenn ich den geneigten Leſer bitte, mir Glauben ſchenken zu wollen, ſo bin ich ihm zu 8 Geſchichten einer Wetterfahne. 49 gleicher Zeit die Erklärung ſchuldig, auf welche Art es mir ge⸗ lungen, das Vorliegende zu Papier zu bringen. Daß eine Wind⸗ fahne nicht ſchreiben kann, weiß jedes Kind; daß aber eine Wind⸗ fahne ſehr vernehmlich und deutlich zu ſprechen verſteht, hat jeder erfahren, der in einer Dachwohnung gelebt. Unter dem Dache nun, das ich zu zieren die Ehre habe, haust ſchon ſeit längerer Zeit ein unglücklicher Schriftſteller, ein armes, verkümmertes Weſen, dem es an paſſendem Stoffe für ſeine Erzählungen und Novellen gebricht. Allen fehlt der rechte Faden, und wenn man ſie ihrer überflüſſigen Phraſen entkleidet, ſo kann man ſie mit dem bekann⸗ ten Satze ausdrücken: er ward geboren, nahm ein Weib und ſtarb. Auch Gedichte machte er in ſchwachen Stunden, meiſtens an den Mond gerichtet, kam aber ſelten über die erſten Zeilen: Mond, der du am dunkeln Himmelszelt, Mondſüchtig, mondbleich biſt gewandelt. Das waren jammervolle Produkte, und er konnte nicht da⸗ bei gedeihen, wurde auch menſchenſcheu und abgeſchloſſen, ließ ſich vor Niemand ſehen und bei ſchönem Wetter oder klarem Nacht⸗ himmel ſaß er hinter ſeinen zugemachten, blind angelaufenen Fenſterſcheiben. Nur wenn nächtlicher Weile der Sturm über die Dächer ſauste, daß die Ziegel und Schiefer klapperten und raſſelten, und ich ächzend herumflog, dann öffnete er ſeine Fenſter und horchte dem Toſen des Windes und dem, was ich ihm pfeifend erzählte. Anfänglich begriff er meine Sprache freilich nicht, doch gab ſich das in kurzer Zeit, und jetzt ſind wir zu dem Verſtänd⸗ niß gekommen, das den geneigten Leſer hoffentlich mit Erſtaunen und auch mit einiger Freude erfüllen ſoll. Doch ſehe ich in dieſem Augenblicke drunten auf der Straße Staubwolken aufwirbeln, auch einige Regenſchirme fatale Be⸗ Hackländer, Kr. u. Fr. II. 4 4 Geſchichten einer Wetterfahne. . ſtrebungen nach oben machen. Dort pfeift es auch ſchon um den alten Schornſtein herum, es iſt— einer von jenen— heimtücki⸗ ſchen— Geſellen— die— ſich— ein— Ver— gnü— gen dar— aus— mach— en,— uns— hier— ob— en— plötzlich zu— über— fall— en— und— ſo zu— dreh— en— daß— uns der— Athem— aus— geht.— Für heute — muß— ich— ſchließ— en.— Fort— ſetz— ung— beim — nächſt— en— a— n— f— t— e—n W— i— n— d— ſt— o— ß 5—5— 5—é—5—S— s. Dritter Windſtoß. Eine Lichtſtudie. Dämmerung— es iſt das für uns, die wir auf dem Dache aushalten müſſen, ich möchte faſt ſagen die einzige traurige und gedrückte Zeit. Dämmerung. Wenn ſich ſo allmählig Himmel und Erde verfinſtert, graue Schleier niederfallen über die Stadt, über Feld und Wald, wenn ſich die Luft wie zuſehends verdichtet, und es iſt, als ob ſie uns einengte, ſo daß man ſich mühſam herumdrehend kaum athmen kann— Dämmerung, es iſt wie ein Chaos, man weiß noch nicht, was es werden willl, eine klare, ſternhelle Nacht mit leuchtendem Mondſchein oder ein wildes Sturmwetter, das uns ſauſend umhertreibt. Freilich erzählt mir der alte Schornſtein, der ſeine Augen und Ohren im ganzen Hauſe hat und genau weiß, was hier und dort geſchieht, von angenehmen Dämmerſtunden, denen er 3 beiwohnen darf als uneingeladener und doch ſehr willkommenet Gaſt. Da ſpricht er von der traulichen Stunde der Dämmerung, Geſchichten einer Wetterfahne. 51 ehe drunten im Hauſe die große hellſtrahlende Lampe auf den Tiſch geſetzt wird, und nennt das köſtliche Augenblicke, wenn die Familie im Zwielicht um das lodernde Kaminfeuer ſitzt, wenn die Flammen in tauſend Geſtalten ſpielen, und wenn der Wind oben hereinjagt, daß drunten die glühenden Holzſtücke kniſtern und ſprühen. In der Zeit, ſo ſagt der Schornſtein, ſieht man ſo vergnügte, nachdenkliche und ſinnige Geſichter, die kleinen Kinder blicken mit ihren großen glänzenden Augen in die Glut und horchen auf's aufmerkſamſte der Geſchichte, welche ihnen Vater und Mutter erzählt. Mama lächelt ſtill vor ſich hin, wenn Papa erzählt, denn ſie hat dieſelbe Geſchichte ſchon bei ſo vielen Veranlaſſungen gehört, in traurigen und heitern Tagen, am Krankenbette in langer trüber Nacht, und im ſchaukelnden Reiſe⸗ wagen, wenn die Kinder aufgeregt durch das Hin⸗ und Her⸗ ſchwanken der Equipage und das Knirſchen der Räder auf dem Sande nicht ſchlafen konnten. Und der Vater hat die wunderbarſten Variationen bei ſeiner Erzählung, welche ihm aber die Kinder nie durchgehen laſſen, denn jeden Augenblick hört man die Ein⸗ rede: Aber Papa, neulich hatte der Jäger eine grüne Feder und keine rothe.— In der linken Kaminecke gegenüber von Mama ſitzt die älteſte zwanzigjährige Tochter des Hauſes, und neben ihr ein junger Mann, der vor kurzem erſt die Erlaubniß erhielt, die Familie ohne Einladung zu beſuchen. Die Beiden ſitzen dicht neben einander, und es iſt gut, daß es dunkel im Zimmer iſt und daß die hie und da aufleuchtende Glut alle Geſichter gleich⸗ mäßig dunkelroth färbt, denn ſonſt müßten die wirklich glühenden Wangen des jungen Mädchens an ihr zu Verräthern werden. Und doch iſt es eine unſchuldige Veranlaſſung, welche die tiefe Röthe auf ihren Wangen hervorruft. Der junge Mann hatte Geſchichten einer Wetterfahne. es, begünſtigt durch die Dämmerungsſtunde, gewagt, nach ihrer Hand zu faſſen, hatte aber nur die äußerſte Spitze des kleinen Fingers erwiſcht, die er ſich bemüht, krampfhaft feſtzuhalten. Mehr würde ſie um keinen Preis geben, nicht um eine Million. Das erzählt mir der Schornſtein einigermaßen triumphirend, denn er iſt ſtolz darauf, ſo in die Geheimniſſe der Familien zu⸗ gelaſſen zu werden. Er hat aber auch in der That ein glück⸗ liches Loos, der alte Geſelle, oben friſche Luft und ſchöne Ausſicht, faſt wie wir, unten ſanfte Wärme und angenehme Geſellſchaft. Und letztere macht er ſich recht zu Nutze, das entnehme ich aus ſeinen vertraulichen Mittheilungen, die oft bisweilen ans Pikante ſtreifen, und von denen ich mir ſpäter einmal erlauben will, dem geneigten Leſer einiges zu berichten. Meine Selige hatte nicht ganz unrecht, wenn ſie den alten Schornſtein einen lockern Ge⸗ ſellen nannte. Er ſollte in der That bei ſeinen Jahren ſich das leichtfertige Weſen abgewöhnen, und ich habe ihm das ſchon oft geſagt, wenn er mit ſo innigem Behagen von den verſchiedenen Hausweſen drunten ſpricht, wenn er mir faſt ſchmatzend erzählt, daß im erſten Stock ein gutes Diner gekocht werde, und daß die Gans mit einem Füllſel von Aepfeln und Kaſtanien im zweiten Stock auch nicht zu verachten ſei, ebenſowenig als das Sauer⸗ kraut mit Schweinefleiſch im dritten Stock, welches die Famillie des Kanzlei⸗Aſſiſtenten eben verſpeist. Freilich muß ich hinzu⸗ ſetzen, daß ich dergleichen Genüſſe nicht zu begreifen im Stande bin, denn der Geſchmackſinn in dieſer Richtung iſt mir verſagt. Es iſt mir auch ſehr gleichgültig, denn ich habe andere Freuden genug und lebe Tag und Nacht heiter und vergnügt; nur, wie ſchon bemerkt, die Dämmerungsſtunde, die haſſe ich. Gott ſei Dank, ſie iſt gleich vorüber. Ein ſanfter Abend⸗ Geſchichten einer Wetterfahne. 53 wind treibt mich langſam umher und läßt mich nach allen Rich⸗ tungen ausſchauen. Der Himmel iſt ſchon mächtig verdunkelt, und was ſo eben noch graues, unanſehnliches Gewölk war, er⸗ ſcheint mir jetzt wie tiefblaue Schleier mit blitzenden ſilbernen Sternen geſtickt. Was unſer großes Nachtlicht, den Mond, an⸗ belangt, ſo iſt er für uns wieder im Zunehmen begriffen, im Stadium ſeiner Jugend, etwas faul und unregelmäßig, thut ſei⸗ nen Dienſt noch nicht recht, ſondern blickt leichtſinnig in den Tag hinein, und nun, wo es Zeit für ihn wäre, zu ſcheinen, empfiehlt er ſich. Er hat noch kein geſetztes Weſen angenommen, dort hinten im Weſten liegt er faul auf einer Nebelſchicht und glüht zwiſchen dunkeln Wolken hervor; eine ſchlechte Geſellſchaft, die ihn nächſtens mit hinabziehen wird. Mir iſt es recht, daß er geht, denn nur ſo bin ich im Stande, mich an den Lichtern zu erfreuen, die jetzt unter und neben mir von allen Seiten aufflammen. Die dunklen Straßen der Stadt beleuchten ſich wie durch ein Lauffeuer, jetzt blitzt es hier auf, jetzt dort, jetzt in der Nähe, jetzt in der Ferne, und das Häuſermeer, welches vor wenigen Augenblicken gar nicht zu unterſcheiden war, wogt jetzt ordentlich in weißem Glanze. Auch die Fenſter bleiben nicht zurück und fangen an in die Nacht hinauszuleuchten, tauſende von glänzenden Punkten, die ſeltſamſten Zeichnungen bildend. Hier iſt eins erleuchtet, dort zwei und drei, da eine ganze Reihe, hier rechts bloß ein Stockwerk oder zwei; links bemerke ich eine Menge Häuſer, die ausſehen, als ſeien ſie gänzlich hohl und inwendig von einem großen Feuer erleuchtet, denn aus allen Oeffnungen blitzen die Lichtſtrahlen hervor. Man muß, wie ich, lange auf dem Dache gelebt und Jahre Geſchichten einer Wetterfahne. lang die verſchiedenen Lichter beobachtet haben, um die feinen Unterſcheidungen in denſelben zu erkennen. Das Gaslicht mit ſeinem weißen Schein iſt vorherrſchend und ein liebes, freund⸗ liches Licht, namentlich dort auf dem großen Platze, wo es unter den Bäumen brennt und die grünen Blätter von unten herauf ſo prächtig und maleriſch beleuchtet. Iſt es doch grade, als wolle das ſaftige Grün vor Freuden durchſichtig werden, ein Hochmuth iſt in daſſelbe hineingefahren, und wer die Sprache der Blätter verſteht, der hört ſie zuſammenflüſtern: Nur Geduld, wenn das ſo fortgeht, ſo werden wir morgen zu Smaragden, ſorgfältig herabgepflückt und in Gold gefaßt. O, das wird ein prächtiges Leben geben!— Der nächſte Wind aber zerſtört dieſe Hoffnungen auf's Kläglichſte. Er drückt die eben beſchienenen Blätter aus dem Lichtkreiſe und bringt andere an deren Stelle. Das iſt ſo der Lauf der Welt. Aber auch außerordentlich vornehm iſt das Gaslicht. Es hat was Kaltes und Strenges in ſeinem Geſicht, und wenn man ſo eine Gasflamme anſieht und hört, wie ſie ziſchend und pruſtend herausfährt, das Haar ſteif emporgekämmt, mit dem feinen bleichen Geſicht, ſo begreift man leicht, wie dort jene Reihe in ihren kleinen gläſernen Paläſten verächtlich herabſchaut auf die armen röthlich brennenden Oellampen, die ſo ſchmutzig und unbeholfen dort an den Pfählen hängen und den Boden ſpärlich beleuchten, der heute aufgeriſſen worden iſt. Allein wenn ſie ſich luſtig macht, die vornehme Welt, über die armen Plebejer da unten, ſo begeht ſie großes Unrecht, denn dieſe glimmen ſo traurig durch die Nacht, um die Arbeiten zu beleuchten, welche unternommen wurden, damit jene in ungeſtörter Herrlichkeit erhalten werden. Aehnliches kommt aber häufig vor. 3 Geſchichten einer Wetterfahne. 55 Wenn auch die erhellten Fenſter von weitem geſehen wie leuchtende Punkte durch die Nacht glänzen, ſo ſind doch dieſe Punkte wieder auf ganz verſchiedene Art gefärbt, und zeigen uns ſo ſchon von außen ein Bild vom Leben der Bewohner. Aus dem untern Stocke blitzt das Licht durch die Scheiben weder durch Vorhänge noch durch Laden verdunkelt; was allenfalls die ſpärliche Flamme der Lampe auf Augenblicke dämpft, iſt der dichte Schwaden, der von der Kartoffelſchüſſel aufſteigt, die ſo eben auf den Tiſch geſetzt wird. Auch einige Schatten verdunkeln jetzt das Fenſter, nämlich eine Schaar munterer Kinder, die ſich um Tiſch und Licht drängt. Weiter hinauf im erſten Stock iſt vielleicht die Hälfte der großen Spiegelfenſter erleuchtet, aber matt dringt das Licht durch die ſchweren ſeidenen Vorhänge; nur durch eine kleine Oeffnung gelingt es uns, in das Zimmer zu blicken, und da bemerken wir einen röthlich angeſtrahlten prächtigen Teppich, die ſpielenden Flammen des Kamines und die Ecke eines Fau⸗ teuils. Nur ahnen können wir die Dame, die in demſelben ruht, ſich auf die feinen Lippen beißt, das Buch, in dem ſie geleſen, neben ſich auf den Boden wirft, und ungeduldig nach der Uhr blickt, deren Zeiger ſo unausſtehlich langſam vorwärts ſchreitet. Steigen wir weiter hinauf, ſo haben wir vier Fenſter, ſämmt⸗ lich beleuchtet und mit weißen Gardinen verhängt. Hinter den⸗ ſelben ſehen wir Schatten ſich bewegen, und dicht hinter einem bemerken wir jetzt eine Figur, die ſich durch den Widerſchein ganz grotesk ausnimmt. Doch zieht ſie im nächſten Augenblick die Vorhänge auseinander und läßt uns in ein anſtändig möb⸗ lirtes Zimmer ſehen, in deſſen Mitte ein runder Tiſch ſteht, auf dieſem eine Lampe. Ein paar Knaben von zwölf bis vierzehn Jahren ſind beſchäftigt, einen Eiſenbahnfahrtenplan zu ſtudiren, Geſchichten einer Wetterfahne. während die fünfzehnjährige Schweſter, die vorhin die Gardine zurückzog, hinter ſie getreten iſt und über ihre Achſeln ſchaut. Jetzt haben die Drei gefunden, was ſie ſuchten, und während einer der Knaben die Stelle auf dem Fahrtenplan mit dem Finger bezeichnet, blicken ſechs Augen auf die Stubenuhr, und es iſt uns, als hörten wir die lächelnden Lippen ſagen: noch eine halbe Stunde, dann kommt er. Im Nebenzimmer iſt jetzt ebenfalls haſtig die Gardine emporgezogen worden und die ältere Schweſter von achtzehn Jahren drückt ihre glühende Stirn an die heißen Scheiben und wiederholt die Worte des Bruders, aber mit ganz anderer Betonung:— ſchon in einer halben Stunde kommt der Vater! Und dann ſchauert ſie zuſammen, läßt ſich von zwei Händen, die ihre Arme erfaſſen, ſanft herumdrehen und fällt je⸗ mand, den wir nicht ſehen können, laut weinend an die Bruſt. Höher hinauf, in der Dachſtube ſehen wir einen kleinen niedrigen Tiſch und vor demſelben Meiſter, Geſellen und Lehr⸗ jungen. Auf dem Tiſche ſtehen zwei Lampen und dieſe ſtrahlen ein ganz eigenthümliches Licht von ſich. Das eigenthümliche und ſehr helle Licht aber entſteht durch zwei kleine Glaskugeln mit Waſſer gefüllt, die vor den Lampen hängen und hinter denen der Schuſter die kleinſten Stiche auf's Genaueſte machen kann. Der Meiſter zieht lang und kräftig, wir möchten ſagen mit einem gewiſſen handwerksmäßigen Ingrimm ſeinen Faden, der Geſelle beſetzt mit einem ſüßen Geſichtsausdruck ein paar Damenſtiefelchen, deren Maß er ſelber genommen, und der Lehrjunge läßt die Unterlippe hängen, während er eine Sohle klopft, und blickt zornig, aber verſtohlen nach der Meiſterin hin, die ihm heut 3 Abend eine tüchtige Ohrfeige gegeben, weil er das kleine Kind fallen ließ. 4 Geſchichten einer Wetterfahne. 57 Aehnliches wiederholt ſich hinter faſt allen Fenſtern, die ich von meinem Standpunkt aus ſehe, doch iſt noch zu viel allge⸗ meines Leben in der Stadt, um ſich mit Einzelnem aufhalten zu können. Manch Ernſtes, ja Erſchütterndes kommt erſt in ſpäter Nacht bei übrig gebliebenen Lichtern zu einer Zeit, wo die allge⸗ meine Beleuchtung längſt aufgehört hat. So liegt die Stadt noch glänzend, rauſchend, ſauſend und klingend in der weiten, dunkeln Ebene, die von ſchwarzen Bergen eingefaßt iſt, gleich einem der Nebelflecke am nächtlichen Himmel. Und doch iſt ihre Umgebung ebenfalls nicht ganz ohne Lichtleben. Dort weit aus der Ferne glänzt ein einſamer Punkt hervor aus irgend einem Häuschen; etwas näher bemerken wir ſogar ein wandelndes Licht, das von einer Laterne ausgeht, die einer alten Wäſcherin leuchtet, welche von dem harten Tagwerk in der Stadt nach ihrem Dörfchen zurückkehrt.— Doch was wird nun auf einmal ſichtbar, dort, wo das Gebirge flach in die Ebene tritt: zwei rothglühende Punkte, der Kopf einer feurigen Schlange, die ſich in weiten Bogen gegen die Stadt bewegt. Ja, es iſt eine Rieſenſchlange mit glühendem gegliedertem Leibe, Funken ſprühend, ſchnaubend und dampfend,— der letzte Zug der Eiſenbahn. Mit welchen Gefühlen mögen alle, die an den erleuchteten Wagen⸗ fenſtern ſitzen, nach dem Lichtmeer blicken, das ihnen die Stadt anzeigt. Selbſt die Redſeligſten ſind verſtummt, man hört nur noch wenig Scherz und Lachen, manches Herz klopft ſtärker, manche Wange legt ſich gegen die kühlen Scheiben und manches Hände⸗ paar faltet ſich in freudiger Aufregung, in ahnungsvollem Bangen, in ſtillem Gebet. Und faſt ebenſoviele Herzen in der Stadt, die dort unten bei dem großen Gebäude, umgeben von hellem Lichter⸗ glanz, heftiger ſchlagen, ſind von den gleichen Gefühlen beſeelt 58 Geſchichten einer Wetterfahne. und blicken harrend und hoffend, freudig und bangend den röth⸗ lich glühenden Augen entgegen, mit denen jetzt die Lokomotive in den Bahnhof fährt, ruhig und unaufhaltſam, Freud und Leid bringend, wie das gewaltige, unvermeidliche Schickſal.— — Schon in einer halben Stunde kommt der Vater! hat drüben das Mädchen geſagt, und die halbe Stunde iſt vorbei⸗ gerast, und noch einige Minuten, und dann kommt der Vater wirklich. Wie fliegen ihm die jüngeren Kinder an den Hals, und auch die ältere Tochter nähert ſich, aber ſchüchtern; vorher jedoch hat ſie die Lampe mit einem dichten grünen Schirm be⸗ deckt, damit ihre rothverweinten Augen nicht ſogleich ſichtbar wer⸗ den ſollen. Und das gelingt ihr auch für heute Abend,— aber morgen, übermorgen?— o, wenn man nur alles in der Welt ſo verdecken könnte, wie rothgeweinte Augen!. Von einem leichten Nachtwind drehe ich mich ſo recht leicht und behaglich durch die ganze Windroſe, und ſchaue entzückt auf den Lichterglanz rings um mich her, während ich ſo meinen lehr⸗ reichen Betrachtungen nachhänge. Die Stadt, obgleich im Allge⸗ meinen leuchtend, hat doch hie und da hellere, ſtrahlendere Streifen und Flecken; namentlich einige der letztern ſind deutlich ſichtbar, zwei vor allen, das fürſtliche Schloß, welches von einem Lichter⸗ glanz umgeben iſt, und wo ich nebenbei auf dem Platze, der es umgibt, dunkelroth glühende Fackellichter entdecke, ſowie ganz eigen⸗ thümliche Leuchtpunkte, die ſich bald einzeln, bald zu zwei nach allen Richtungen bewegen. Sie ſehen aus wie Leuchtwürmer, aber es ſind keine, ſondern herrſchaftliche Wagen mit ſtrahlenden Laternen, und jetzt, wo das große Diner zu Ende iſt, fliegen die kreiſenden Feuerpunkte wie toll durcheinander und drängen ſich gleich einem Schwarm glühender Bienen vor das große An⸗ Geſchichten einer Wetterfahne. 59 fahrtsthor. Nachdem die Maſſe hier einen Augenblick gehalten und eine regelmäßige Feuerlinie gebildet, rückt dieſe langſam vor, und dann fliegen die feurigen Punkte nach allen Theilen der Stadt. Ich weiß nicht, warum ich einem dieſer Laternenpaare mit beſonderer Aufmerkſamkeit folge. Doch kommt es näher und näher, und der Wagen hält vor dem Hauſe mir gegenüber, wo die Dame im erſten Stock vor wenig Augenblicken ungeduldig ihren Fauteuil verlaſſen hat und an das Fenſter trat, es aber gleich wieder verließ, als ſie das Raſſeln der Equipage gehört. Gleich darauf fährt der leere Wagen mit ſeinen leuchtenden La⸗ ternen ruhig von dannen. Oben aber bleibt das Licht daſſelbe, gleich gedämpft, gleich geheimnißvoll. Der andere Punkt in der Stadt, ſo hell beleuchtet iſt, und der aus der allgemeinen Lichtmaſſe, wie ein Firſtern aus den Nebelflecken hervorſtrahlt, iſt das königliche Theater. Auch am Theatergebäude ſehe ich die oben erwähnten Feuer⸗ punkte umherſchwirren; doch gibt es hier zweierlei Arten; einige, die ſich paarweiſe und ſchnell bewegen und die wir ſchon kennen, andere, die einzeln und ſehr geſetzt und ruhig ihres Weges ziehen. Das letztere ſind Laternen der verſchiedenen Rangklaſſen von hand⸗ feſten Mägden getragen, die nach beendigter Vorſtellung ihre Herrſchaft abholen, Ehrenwächter, die mehr ein Symbol als ein Bedürfniß ſind; denn ich ſehe ſie nicht nur an dunklen Abenden, ſondern auch im hellſten Mondenſchein. Wie mir mein Freund, der Schornſtein, geſagt, zeigen ſich bei näherem Betrachten in ihnen deutlich die Standes⸗ und Rang⸗Unterſchiede. Ich freilich ſehe nur einen elenden, zitternden Punkt; ob es ein Talglicht in einer Blechlaterne, oder zwei Stearinlichter in einem Meſſing⸗ gehäuſe ſind, fünfte und ſechste Rangklaſſe, kann ich von meiner Geſchichten einer Wetterfahne. Höhe, wo alle Standesunterſchiede verſchwinden, nicht unterſcheiden — wie dieſelben noch unendlich viel höher über mir aufgenommen werden, das möchte ich in der That einmal erfahren. Nachdem ſich Lichter und Laternen vom Theaterplatz ent⸗ fernt haben, wird es dort mit einemmale dunkler. Auch im könig⸗ lichen Schloß hat ſich die Lichtmaſſe vermindert, es iſt zehn Uhr geworden, und wenn ich aufmerkſam hinblicke, fange ich jetzt ſchon an eine allgemeine Abnahme der ſtädtiſchen Beleuchtung zu be⸗ merken, bald hier, bald da wird es dämmeriger, einestheils wo große Verkaufsmagazine geſchloſſen werden, anderntheils wo ein hochweiſer Magiſtrat aus ökonomiſchen Rückſichten die Gasflammen decimirt. Bald folgen auch die Lichter in den ſchlimmen Beiſpiel ihrer Kameraden auf den Straß bald fern ſehe ich ganze Häuſerreihen die müden Fenſteraugen ſchließen. Jetzt liſcht es hier aus, jetzt dort, und auch in den Straßen wird es mit jeder Viertelſtunde immer dunkler und zu⸗ gleich unheimlicher. Es ſcheint mir oft, als habe die Lichtmaſſe geſungen und geklungen, denn wie ſich dieſelbe vermindert, ſo wird auch der ſummende Verkehr immer ſtiller und ſtiller. Endlich klingt der einzelne Schritt eines einſam Vorüberwandelnden deut⸗ lich und widerhallend zu mir empor, und wenn er drunten niest, ſo klingt es mir gerade, als ſprächen die Häuſer: Zur Geſundheit. In dieſem Zeitpunkte bemerke ich etwas Eigenthümliches an den übrig gebliebenen Lichtern in den Häuſern. Alle haben eine Neigung, in die Höhe zu klettern; von allen Stockwerken ſteigen ſie empor, und nun mit einemmale wird es unter dem Dache lebendig und da blitzt und leuchtet es nun zu allen Läden und Oeffnungen heraus. Die bisher ſo dunklen Dächer nehmen da⸗ durch ganz ſonderbare Zeichnungen an. Hier zeigt ſich ein rieſen⸗ 4£ 4 Geſchichten einer Wetterfahne. 61 haftes Geſicht mit zwei runden feurigen Augen und einer langen Naſe; dort ein großer Rachen mit ſpitzigen glühenden Zähnen; die Lichter, welche dieſe Wirkung hervorbringen, leuchten meinen Freunden und Nachbarn, den armen, geplagten Dienſtboten, die ihr mühſames Tagewerk vollbracht haben und nun hier oben ſitzen in ſtiller Beſchaulichkeit, Strümpfe flickend und ſanft räſon⸗ nirend über ihre Herrſchaft, die ihnen ebenfalls drunten noch eine Erinnerung widmet; denn die Hausfrau denkt vor dem Einſchlafen: Jetzt möcht ich nur wiſſen, ob die Ricke droben wieder einmal bis Mitternacht unnöthigerweiſe mein Oel verbrennt, und Ricke meint in ihrer derberen Denkungsweiſe: Gott ſei Dank mein Drache endlich drunten ſchläft und nicht ſieht, wie ich mit Federn und Herrn an meinen— Bruder ſchreibe. 4 icht gar zu lange dauert dieſe Dachbeleuchtung, manche Lichtpunkte verſchwinden ben ſo ſchnell, wie ſie erſchienen. Die rauhen n af kurzer Arbeit i hooße, die Augen ſchließen ſich ſchlaftrunken, um ſich dann wie 4 haſtig zu öffnen, da ſie erſchreckt bemerken, daß das Licht noch brennt. Wenige ſind es, die das Oel ihrer Herrſchaft bis zwölf Uhr verſchwen⸗ den; in der Nähe und Ferne nehmen die Dächer ihre dunkle Ge⸗ ſtalt wieder an, es iſt gerade wie die Funken in verbranntem Papier, hier verlöſcht einer, dort einer, bald herrſcht Dunkelheit rings umher, und was hier oben noch Leuchtendes zu ſehen iſt, ſind allenfalls die glänzenden Augen eines liebetrunkenen Katers, der um die dunklen Mauern ſtreicht. Indeſſen hat die Oekonomie des Magiſtrats zum zweitenmal die Gaslaternen decimirt und wenig mehr übrig gelaſſen, was den Namen einer Straßenbeleuchtung verdient. Aber um ſo leuch⸗ tender blinken deßhalb noch einzelne Lichter aus der dunklen 2t 62 Geſchichten einer Wetterfahne. Häuſermaſſe hervor; die meiſten verdienen volle Aufmerkſamkeit, und faſt jedes dieſer Lichter erzählt uns eine eigene, meiſtens traurige Geſchichte. Faſt immer ſind es verweinte Augen, die jetzt noch in den Lichtſchein blicken, oder vermittelſt deſſelben auf das bleiche eingefallene Geſicht eines lieben Kranken, deſſen heißer Athem kaum vernehmlich die müden Lungen in Bewegung ſetzt. Tiefe Stille herrſcht in dieſen Zimmern, nur die Uhr pickt ihren regelmäßigen melancholiſchen Schlag, und wenn eine Maus in dem Getäfel anfängt zu nagen, ſo ſchreckt die Krankenwärterin zuſammen und blickt beſorgt und ängſtlich umher. In dem Hauſe mir gegenüber bemerke ich ebenfalls noch zwei Lichter; im zweiten Stock hat das junge Mädchen dine von den Fenſtern hinweggezogen und lange Abendhimmel hinaufgeblickt. Jetzt ſchreitet ſie mit gefalteten Händen im Zimmer auf und ab, bleibt aber mit einemmale ſtehen und da ſie Tritte zu vernehmen glaubt— viell leicht der Vater, der ſie um die Urſache ihres ſpäten Aufbleibens fragen wird,— ſo löſcht ſie haſtig das Licht aus und ſucht im Dunkeln ihr Lager. Im erſten Stocke dagegen ſind die Fenſter mit den ſchweren ſei⸗ denen Vorhängen jetzt weit geöffnet, um die angenehme kühle Nachtluft einzulaſſen, und die Dame, welche vor einigen Stunden unruhig in dem Fauteuil ruhte, lehnt jetzt beruhigt, aber tief⸗ athmend an der Fenſterbrüſtung und ſchaut mit feuchtem glän⸗ zendem Auge ihm nach, der raſch zu Wagen kam und langſam zu Fuß davon ſchleicht. Auch dort im erſten Stocke erliſcht das Licht nach einer kleinen Weile, und wenn ich mich nun wieder leicht herumdrehe, ſo bemerke ich außer dem trüben Schein, der die lange, lange Nacht hindurch bis zur Tageshelle aus jenen Krankenzimmern hervordringen wird, keinen Lichterglanz weiter. Geſchichten einer Wetterfahne. 63 ———— Und doch, jetzt wieder! Dort draußen, dicht vor der Stadt in einem dunklen Grunde bewegt ſich ein Lichtchen, ein kleiner röthlicher Punkt, jetzt einen helleren Schein werfend, da es bei einer weißen Mauer vorübergleitet. Das iſt aber die Kirch⸗ hofmauer, und das Lichtchen leuchtet dem Todtengräber, der wegen überhäufter Geſchäfte noch in ſpäter Nacht an einem Grabe arbeiten muß. Dieſes Licht und ich, wir ſind alte Bekannte und haben uns in mancher Nacht geſehen. ———— Aber auch ein anderes Licht, das nun mit einemmale in der Höhe nicht gar weit von mir erſcheint, gehört einem meiner lieben Freunde— dem Thurm⸗ und Feuerwächter, der die Pforte feines kleinen Gemaches öffnet und rings um den Thurmkranz wandelt, auf die ſchlafende Stadt niederblickt und ebenfalls ſeine Lichtſtudien macht. Aber Gott ſei Dank, er ſieht keine verdächtigen Funken, und als er ſeinen Spaziergang be⸗ endigt hat, lehnt er ſich an die Brüſtung und ſchaut zu ſeinem Straßencollegen hinab, der mit Horn und Stange ſingend an der Ecke ſteht; Bewahrt das Feuer und Licht, Daß uns Gott in Gnaden behüt. Wohl um die Zwölfe! „Wohl!“— antwortet der droben, zieht ſich in ſein Ge⸗ mach zurück und als er hierauf die Thür geſchloſſen, herrſcht rings umher finſtere Nacht, und meine Lichtſtudien ſind zu Ende. Geſchichten einer Wetterfahne. Vierter Windſtoß. Muſikaliſche Nachbarſchaft. Auf den Dächern liegt heller Sonnenſchein und rings um⸗ her funkelt, flimmert und ſtrahlt es, daß man vor Freuden außer ſich kommen könnte. Wolkenlos und blau iſt der Himmel über uns ausgeſpannt, und ſein freundliches Licht ſpiegelt ſich mit ſichtlichem Behagen wieder in allen den glänzenden Gegen⸗ ſtänden, die wir hier oben haben. Und auf den Dächern gibt es viele glänzende Gegenſtände. Ich will nicht einmal reden von den goldenen Spitzen der Blitzableiter, die wie Sterne ſtrahlen, oder von den Glasaugen der Dachfenſter; das verſteht ſich alles von ſelbſt. Aber die ſonſt ſo mürriſchen Dächer ſelbſt mit ihren braun, grün, roth und gelb gefleckten und geſtreiften Flächen haben ordentlich einen Goldſchimmer angenommen und ſchmunzeln vor innerem Behagen. Die Schornſteine, welche bei bedecktem Himmel ihre ſchweren Wolken ſo unmuthig zu der grauen, nebel⸗ haften Höhe emporblaſen, ſtoßen heute ſo zierlich ihren gekräu⸗ ſelten Dampf aus, wie ein junger Elegant, der ſeine feine Ha⸗ vannah raucht; und ſelbſt dieſer Rauch bemüht ſich heute, freund⸗ lich und liebenswürdig zu erſcheinen. In phantaſtiſchen Figuren ſchwebt er empor, flimmert behaglich in den Sonnenſtrahlen, ſtreckt und dehnt ſich mit unausſprechlichem Vergnügen, und wenn er endlich droben auseinanderfließt, ſo ſcheint er das mit einem wonnigen Seufzer zu thun, mit dem Ausrufe: Ach, welch' ſeliger Tod, hier oben in Licht und Sonnenſtrahlen zu ſterben! Auch die Gärten auf den Dächern, Mooſe, Grashalme und feines, nickendes Geſträuch ſehen heut ſo wohlgeordnet und appetitlich aus. Namentlich die erſteren ſcheinen andere Farben als ſonſt zu haben, Geſchichten einer Wetterfahne. 65 was alles die liebe Sonne macht; denn ſelbſt der graue Sper⸗ ling, der hoch oben auf dem Firſt umherſtolziert, hie und da pickt, ſich ſo übermüthig umſchaut und jetzt plötzlich aus dem tiefen Schatten hinter dem Schornſteine auf und dem glänzenden Lichte entgegen fliegt, hat nun ganz das Anſehen eines kleinen Goldfaſans. Und wie zeigen ſich an einem ſolch glänzenden Tage unbe⸗ kannte Koſtbarkeiten hier oben. Glänzt nicht das Stück Glasſcherbe dort aus der Rinne wie ein koſtbares Brillantengeſchmeide, und ſollte man nicht glauben, hinter jenem Dachladen ſei ein zweites Kalifornien, wo die Goldbarren nur ſo gediegen zu Tage treten? Eigentlich iſt es nichts Rechtes, was dort leuchtet, ſondern nur ein Haufen Rauſchgold, den muthwillige Knaben an den Schwanz eines Papierdrachens gebunden, der hier oben Schiffbruch litt und hängen blieb. Auch das Wrack des Drachens ſelbſt iſt noch zu ſehen, Holzſtäbe, weißes Papier und ein großes rothes Herz. Dabei iſt die Luft ſo ſtill, daß ich am heutigen Morgen nicht im Stande bin, auch nur eine Achtelswendung zu machen. Es ſind Stunden der Ruhe und ſinniger Betrachtungen. Vor mir ſehe ich freilich in die weite Ebene hinaus und auf die Höhen rings umher, aber auch da gibt es für mich nichts beſonders Merkwürdiges. Der klare Himmel, über die bekannte Gegend ausgeſpannt und alles übergoſſen mit einem ſtrahlenden, blendenden Lichtmeer. Wahrhaftig, es leuchtet und funkelt ſo um mich herum, daß ich gerne meine Augen ſchließe und ſo mein Gehör noch be⸗ ſonders ſchärfe, das an einem ſolch klaren Tage, wo in der Nachbarſchaft alle Fenſter offen ſtehen, beſonders in Anſpruch ge⸗ nommen wird. Schon in erſter Morgenfrühe haben mir die Glocken ihren Gruß dargebracht, liebe, zitternde Töne, die ſich Hackländer, Kr. u. Fr. II. 5 Geſchichten einer Wetterfahne. hier oben ganz beſonders klangvoll ausnehmen, und die ich lieber immer fort und fort hören möchte, als den andern muſikaliſchen Lärm, der nun mit dem geſchäftigen Tagewerk wahrhaft betäu⸗ bend auf mich eindringt. Lieber und geneigter Leſer! Haſt du je in einer muſikali⸗ ſchen Nachbarſchaft gewohnt, ſo haſt du erfahren, was es heißt, mit Klavier erweckt und mit Geſang zur Ruh gebracht zu werden. Wohnt vielleicht über dir eine alte Jungfer, die dir Ruhe gönnt höchſtens von Abends eilf Uhr bis Morgens um ſieben, die du alsdann huſtend über dir umherſchlurfen hörſt, die jetzt endlich ihren Klavierſtuhl rückt,— und darauf horchſt du in der gleichen namenloſen Angſt, wie der Verbrecher auf das Rücken des Richt⸗ ſtuhls, namentlich wenn du Kopſſchmerzen haſt, ſchlecht gelaunt biſt, oder gerne arbeiten möchteſt,— die ſich alsdann niederſetzt und nun beginnt, klingend und klappernd irgend ein verruchtes Volkslied, eine niederträchtige Polka oder gar eine ſehr klaſſiſche und ſehr langweilige Sonate zu ſpielen. Wenn du das alles er⸗ fahren haſt, ſo wirſt du verſtehen, wie ſelbſt eine Windfahne mit ihren eiſernen Nerven von ſolcher muſikaliſchen Nachbarſchaft alterirt werden kann. Mir gegenüber in der Dachſtube wohnt der blondgelockte Lehrling des Spezereihändlers aus dem untern Stocke. Der junge Menſch hat ein ſchweres Tagewerk, denn ſein Prinzipal trichtert zu gleicher Zeit mit den Handlungswiſſenſchaften die Glaubens⸗ ſätze einer Secte, der er angehört, in ſeinen harten Kopf. Der arme junge Menſch, der vor noch nicht langer Zeit eingefangen wurde, denkt wehmüthig an ſeine verlorene Freiheit und ſpielt allmorgendlich auf einer quiekenden Flöte: Ach wär' ich zu Hauſe geblieben! Gewöhnlich endet er mit einer melancholiſchen Variation, Geſchichten einer Wetterfahne. 67 wobei ihm jedesmal der dritte Ton verſagt und ſo das Ganze keinen rechten Zuſammenhang mehr hat, und darauf ſchließt er mit einem wehmüthigen Ton, wie eine defekt gewordene Straßen⸗ orgel, der der Wind ausgegangen iſt. Schon öfter habe ich ge⸗ glaubt, auch dem armen Lehrling ſei der Athem ausgegangen und er müſſe jetzt nothwendiger Weiſe als eine Leiche am Boden liegen.— Doch Gott ſei Dank, nein! gleich darauf ſehe ich ihn nun auf der Straße in ſeinen engen Höschen, dem abgeſchabten blauen Frack mit grünen Schreibärmeln, wie er mit der Behendigkeit eines Affen die Ladenfenſter öffnet. Die Flöte iſt verſtummt. Aber nun beginnt eine Klavier⸗ ſpielerin, in deren negativem Buſen kein fühlendes Herz ſchlägt. Sie hat ſich kaum Zeit genommen, ihr Frühſtück zu beendigen, von einer Toilette iſt ſo gut wie gar keine Rede. Glücklicher⸗ weiſe ſehe ich nur ein ſpitzes, blaſſes Geſicht, mit einem roth⸗ ſeidenen Tuche umbunden. Es thut mir eigentlich leid, daß ich mich veranlaßt ſah, mich hart gegen die Klavierſpielerin auszu⸗ ſprechen: es iſt das ein armes Weſen, die des Morgens Walzer, Polkas und Francaiſen einüben muß, um ſie Abends bei kleinen Privatbällen im Schweiße ihres Angeſichts zu ſpielen. Lange dauern ihre Uebungen des Morgens nicht, dann ſetzt ſie ſich an's Fenſter und näht ſeufzend oder ſeufzt nähend. Mit dieſen beiden Muſikern meiner Nachbarſchaft wäre ich ſchon zufrieden; aber da ragt rechts zwiſchen zwei Dächern wie höhnend der obere Stock eines Hauſes empor, hell und freundlich angeſtrichen, mit ſo netten und heimlichen Fenſtern, daß man nicht begreifen kann, wie ſich hinter ihnen ſo Furchtbares be⸗ findet. Dort iſt eine Geſangſchule für junge Mädchen, die ſich dem Theater widmen. Ach! es ſind ſogar drei Zimmer, in denen Geſchichten einer Wetterfahne. die jungen Talente zu gleicher Zeit abgerichtet werden. Kaum hat die Glocke des benachbarten Kirchthurmes acht Uhr gebrummt, ſo höre ich auch ſchon, wie es ſich räuspert, wie auf dem Klavier das unglückſelige A angeſchlagen wird, und wie es nun losgeht, Skala auf, Skala ab, durch alle bekannten und viele unbekannten Tonarten, aus Piano ins Forte übergehend, aus Dur in Moll, aus Moll in gar nichts. Und das dauert ſtundenlang fort, bis die Paſſagen, anfänglich ſo ungleich und holperig, nach und nach unter Thränen und Seufzen ein bischen glatter und gleichförmiger werden, und alles dieſes Elend wollte ich mir noch gefallen laſſen, ja ſogar die martervollſten Solfeggien mit wahrhaft kehlenzer⸗ ſtörenden Intervallen; wenn es nur keine Triller zu lernen gäbe! O an dem Triller werde ich noch zu Grunde gehen, denn die Studien zu einem ſolchen, das krampfhafte Aufſchnappen dabei, die verfehlten, gänzlich wilden Töne, die bei dieſen Crerzitien hörbar werden, dieſe Muſik iſt mit gar nichts zu vergleichen! Ein Froſchconcert iſt Labſal dagegen, und ſelbſt die nächtlichen Klagen des zärtlichen Katers ſind melodiſcher, laſſen ſich leichter ertragen und greifen weniger die Nerven an. Es gibt in der Schöpfung nur ein einziges Thier, deſſen Klageton ſich gerade ſo anhört, als wolle es einen Triller verſuchen, es iſt ein ge⸗ duldiges, etwas faules Thier, meiſtens von grauer Farbe und mit ſehr langen Ohren, doch will ich niemand wehe thun und liegt es mir ferne, dieſes an ſich ſehr nützliche Thier näher zu bezeichnen.— Was ich ſchon geſagt, bitte ich angegriffenen Nerven zu gute zu halten.. Aber was bekümmert ſich eine muſikaliſche Nachbarſchaft um angegriffene Nerven? Was bekümmern ſich der Chef einer Ge⸗ ſangſchule oder losgelaſſene Sängerinnen erſten, zweiten und drit ³ Geſchichten einer Wetterfahne. 69 Ranges „ob neben ihnen ganze Generationen elend zu Grunde gehen? ———— und Sängerinnen, namentlich Sängerinnen dritten und vierten Ranges in der Nachbarſchaft zu haben, das tödtet phyſiſch und moraliſch, langſam, aber unfehlbar. Das melancholiſche Geflöte des Handlungslehrlings lockt dir am Ende nur noch ein mitleidiges Lächeln ab, die Walzer und Polkas des armen Privatballorcheſ ters ſind ſogar geeignet, dir tiefe Theilnahme zu erwecken. Es iſt bei einem ſoliden Fonds von guten Nerven ſogar nicht unmöglich, ſich an den Jammer einer Geſangſchule zu gewöhnen,— die Trillerübungen natürlicher Weiſe ausgenommen.— Das Skalaſingen und Solfeggiren hat doch etwas Gleichförmiges, kann man ſich doch auch an das Toſen eines Waſſerfalls gewöhnen, oder an das Geklapper einer Mühle,— aber Sängerinnen um ſich wohnen zu haben, namentlich mehrere Sängerinnen, das geht zuweilen über menſchliches Duldungsver⸗ mögen. Da hat weder Anfang noch Ende ſeine beſtimmte Zeit; es iſt einmal ausnahmsweiſe ruhig, und du gibſt dich ſchon der ſüßen Hoffnung hin, heute verſchont zu werden. Da bricht es mit Einemmale los, es überfällt dich wie der blutgierige Räuber einen harmloſen Spaziergänger, dich den Unſchuldigen, der du doch der Nachbarſchaft nichts zu Leide gethan. An deinem Schmerz will ich mich weiden, Lachen deiner Todesqualen! jubelt eine einſtige Norma, und während ſie auf dich einwüthet, als ſeieſt du in der That der unmoraliſche Prokonſul ſelbſt, gellt es ein Stockwerk tiefer: 8 Robert, Robert, mein Geliebter! Rechts tönt es: O tanti palpiti! Geſchichten einer Wetterfahne. links übt ſich Margarete von Valois und ſingt mit Beziehung auf ihr Gegenüber, einen jungen Kavallerie⸗Offizier: Dieſer Wunſch hält künftig Euch in meiner Nähe! Dort in jenem Hauſe findet man vorne ſogar das Bildniß be⸗ zaubernd ſchön, und eine junge Choriſtin in einem Hintergebäude, der man heute Abend die Oper Martha angeſagt, verkündet laut der Welt: Ich kann ſtricken, Ich kann ſticken, Braten ſpicken, Kleider flicken, Röcke klopfen, Gänſe ſtopfen, Und gewinnen Geld für's Haus. — Gerechter Himmel! auch die Geſangſchule droben ſcheint 4 von dem allgemeinen Spektakel angeſteckt zu ſein, das Solfeggiren hat aufgehört, es hat ſich ein Terzett zuſammengethan, welches vielleicht mit Beziehung auf dich Unglücklichen aus der Zauber⸗ flöte gründlich verarbeitet: Stirb durch uns, du Ungeheuer! Was mir zu andern Zeiten eine Qual, iſt mir in ſolchen Augenblicken in dem wilden Chaos menſchlicher Stimmen eine wahre Wohlthat, das Talent eines alten guten Freundes nämlich, eines penſionirten Huſaren⸗Majors, tief unten in meinem eigenen Hauſe, der aus alter Anhänglichkeit an ſeine ehemalige Carrière zuweilen die Trompete bläst, lauter Signale von der Reveille und den Ruf in den Stall an durch Putzen und Abfüttern hin⸗ durch bis zum Zapfenſtreich. Der Major iſt groß, breitſchulterig, hat eine ſehr gewölbte Bruſt und kann etwas leiſten. Schneng⸗ terengtengteng— titteriti titteriti titteriti, klingt es drunten ſo Geſchichten einer Wetterfahne. 71 gewaltig, daß ſogar Norma verſtummt und ſelbſt das Terzett in der Geſangſchule von ſeinen fruchtloſen Bemühungen abläßt, das Ungeheuer zu tödten.— Doch, was iſt das? Rataplan, Rataplan, Rataplan! geht es auf einmal auf den Treppen meines Hauſes. Zwei hoffnungsvolle Buben der Familie des zweiten Stockes, die ſich mit ungebührlich großen Trommeln angenehm die Zeit ver⸗ treiben! Nun, es geht in einem hin; denn der muſikaliſche Pa⸗ roxismus in der Nachbarſchaft muß jetzt nothwendigerweiſe ſeinen Culminationspunkt erreicht haben. Hat ſich doch in der engen Straße eine Orgel poſtirt: Der Sänger hält im Feld die Fahnenwacht, An ſeiner Seite klirrt das Schwert, das ſcharfe, und während er mit blutiger Hand die Harfe ſchlägt, marſchirt ein paar hundert Schritte von der Ecke die Wachparade vorbei. Ridibum Ridibum Ridibum bum bum: Wer will unter die Soldaten, Der muß haben ein Gewehr, Das muß er mit Pulver laden Und mit einer Kugel ſchwer. O— ho— ho— ho— ho— hoh!———— Das iſt ſelbſt mehr, als eine Windfahne zu ertragen vermag. Reiſende, die auf ihrer Wanderung durch das geheimnißvolle Dunkel des amerikaniſchen Urwaldes an einen jener furchtbaren Cypreſſenſümpfe kommen, erzählen, daß, nachdem man kaum fünfzig Schritte eingedrungen, das Licht des Tages nicht mehr leuchtet, daß ſich die ungeheuren Stämme fünfzig Fuß erheben, Stamm an Stamm gereiht, Krone an Krone, ſo daß der Sumpf einem endloſen Schirmdache gleicht, durch das auch kein einziger Sonnenſtrahl zu dringen vermag. Da ſehen ſie das vom Ufer⸗ r Geſchichten einer Wetterfahne. rande ſchief hereinfallende Licht mit der Dämmerung kämpfen, in düſteres Dunkel zucken und endlich in Nacht übergehen. In dem Verhältniß, in dem das Tageslicht abnimmt, wird auch die . Sumpfluft dicker, erſtickender, endlich verpeſtet; die anfangs hell auflodernden Flammen ihrer Kienfackeln werden ſchwächer und ſchwächer und zuletzt ſchwimmen ſie vor ihren Augen bloß noch wie Irrlichter. Plötzlich fällt ein Schuß, und im gleichen Augen⸗ blick hört keiner mehr, was der andere ſagt; denn der Aufruhr, der nun auf allen Seiten losbricht, iſt ſo furchtbar, daß er die ſtärkſte Conſtitution vollkommen betäubt. Tauſende, zehntauſende von Alligatoren, Bullfröſchen, Nachteulen, Ahingas, Reihern, die im Schlamm und in den Laubdächern der Cypreſſen hauſen, er⸗ heben nun ihre Stimmen, ihr Gebrüll und ihr Geſtöhne, werden rebelliſch, kreiſchend brechen ſie aus ihren Schlupfwinkeln hervor und umkreiſen die Reiſenden, fliegen um ihre Köpfe. Umſonſt ziehen dieſelben ihre Meſſer, halten die Arme über ihre Köpfe und Augen, es ſcheint um ſie geſchehen zu ſein in dieſem entſetzlichen Aufruhr der gräßlichen Thierwelt. —— AWuch eine muſtkaliſche Nachbarſchaft! Während mein Freund, der arme Schriftſteller, dieſe Zeilen zu Papier bringt, nickt er wehmuthsvoll mit ſeinem Haupte, meint aber am Schluß, ich hätte die Schlimmſten in der Nachbarſchaft vergeſſen, die ſtillen, ſchleichenden Krankheiten dieſes muſikaliſchen Fiebers, wohlgebildete Töchter anſtändiger Familien, die mit einer Energie, welche einer beſſern Sache werth wäre, ihr unglückliches Pianoforte zerſchlügen, häufig, um die auf das Notenpult auf⸗ geſtellten Muſikalien wirklich zu erlernen, häufiger noch, um einige Aufmerkſamkeit zu erregen. Und letzteres gelinge ihnen leider nur allzu oft! Dies ſagte der Schriftſteller mit einem troſtloſen Blick Geſchichten einer Wetterfahne. 73 gen Himmel, wobei er die Fahne ſeiner Feder zerkaute. Dann ſeufzt er tief auf und erzählt mir: „Einſtmals, als ich noch recht jung war und die Schreiber⸗ Carriere anfing— ich trug dazumal einen wohlgemachten Rock, ſteife Vatermörder und pflegte mein blondes Haar ſorgfältig zu ſcheiteln,— da wohnte ich in einer ſehr ſchmalen Gaſſe. Dieſelbe war ſo eng, daß, wenn im gegenüberliegenden Hauſe Jemand nieste, ich faſt unwillkürlich ausrief: Zur Geſundheit!— ja, daß ich, obgleich ſehr friedfertiger Natur, doch mit einem meiner Vis⸗ ⸗ vis, einem alten Gerichtsaktuar, in Streitigkeit gerieth; denn wenn der ſeine Waſchſchüſſel zum Fenſter hinaus ausgoß, ſo ſpritzte es auf meine Blumen und ich hatte ihn doch nicht zum Gärtner angeſtellt. „Mir grade gegenüber wohnte eine ſchreckliche Wittwe mit drei noch ſchrecklicheren Töchtern. Daß die letztern ſich gerne ver⸗ heirathet hätten, fand ich begreiflich, daß aber die Mutter noch ähnliche Gelüſte hegte, erſchien mir einigermaßen unnatürlich. Und doch war es ſo. Als ich einzog und zum erſtenmal an meinem Fenſter lag, ſtreckte auch die Wittwe ihren Kopf hervor, und unſere Naſen hätten ſich faſt berührt. Sie lud mich ein, gute Nachbar⸗ ſchaft zu halten, und um nicht für ſehr grob zu gelten, mußte ich ihr nothgedrungen einen Beſuch machen. Bei dieſem Beſuch fiel mir immer die Scene aus einer Menagerie ein, die ich ein⸗ ſtens erlebt, wo ich nämlich ein armes unſchuldiges Kaninchen bei einer Fuchsfamilie eingeſperrt ſah, und dabei den Wärter erklären hörte:„Sehen Sie, meine Herrn, dieſe beiden Thiergat⸗ tungen, von der Natur aus geſchworene Feinde, vertragen ſich auf's Beſte, ja, man könnte ſagen, ſie fühlen eine zärtliche Nei⸗ gung zu einander.“ Dieſe zärtliche Neigung aber ſchien mir darin Geſchichten einer Wetterfahne. zu beſtehen, daß das unglückliche Kaninchen zitternd von Winkel zu Winkel huſchte, da es den blutgierigen Blick der alten Füchſin mit Familie wohl zu deuten wußte. „Auch ich befand mich bei jenem Beſuche im gleichen Fall mit dem Kaninchen und ſchauderte bei den Freundſchaftsbezeugungen, mit denen mich die alte Füchſin und ihre Töchter überhäuften. Da ſie mir glücklicherweiſe keinen Gegenbeſuch machen konnte, ſo blieb unſer Verkehr ſehr mäßig; doch hatte auch dieſe unglückſelige Familie ein Klavier, und da ſowohl Mutter als Töchter darauf herumhämmerten, ſo kann man ſich denken, wie angenehm auch hiedurch meine Nachbarſchaft wurde. Ich weiß nur nicht, ob das was ſie Muſikmachen nannten, den ganzen Tag ſo fortging, oder ob ſie ſich genau nur die Stunden erkoren, wenn ſie wußten, daß ich zu Hauſe ſei. Genug, kaum öffnete ich Morgens meine Augen, ſo hörte ich drüben das verfluchte Geklimper, kaum kam ich Mittags oder Abends müde von der Schreiberei in meine Stube, ſo klang es mir entgegen; ja, wenn ich Abends aus dem Wirthshauſe heimkehrte, mich der ſtillen, lauen Sommernacht freuend, und meine Fenſter öffnete,— o, auf dieſen Augenblick mußte eine der Viere gelauert haben, denn alsdann brach drüben die muſikaliſche Hölle los und kam vor Ablauf einer guten Stunde nicht mehr zur Ruhe. „Aber wie Sie vorhin ganz richtig bemerkten,“ ſo ſprach nämlich der Schriftſteller zu mir,„man gewöhnt ſich am Ende an Alles, auch an einen gleichmäßigen, fortdauernden Lärm, deſſen Einzelnheiten irgendwelche Aufmerkſamkeit zu ſchenken man durch⸗ aus keine Neigung fühlt, z. B. das Klappern einer Mühle, den Lärm einer Schule, ſelbſt ein fortgeſetztes Skalaſingen. So erging es mir denn auch nach einiger Zeit bei dem Muſiciren der Fuchs⸗ 1 Geſchichten einer Wetterfahne. 75 familie drüben. Ich kam glücklicherweiſe ſo weit, daß ich gar nicht mehr empfand, was ſie eigentlich ſpielten; für mich war es bald nur noch eine klingelnde, dudelnde Tonmaſſe, bei der ich meiner Phantaſie folgen konnte, die meine Gedanken durchaus nicht mehr ſtörte. Sie ſpielten alles durcheinander, Walzer, Polkas, Potpourris, Mazurken, und mir klang eins wie das andere. „Doch war das eine ſchreckliche, ja wahrhaft teufliſche Fa⸗ milie; denn nachdem ich ſo eine Zeitlang wieder ſtill und ver⸗ gnügt gelebt, ja, als mir das Rauſchen des muſikaliſchen Waſſer⸗ falls gegenüber durch ſeine Farbloſigkeit faſt angenehm zu werden anfing, hörte ich mit Einemmale, daß ſie die Melodie eines ver⸗ fluchten Walzers öfters und öſters ableierten. Ich hoffte, die Kriſis ſei vorübergehend, das Uebel nur akut, aber nein, die Walzermelodie wurde chroniſch und ich dabei langſam zur Ver⸗ zweiflung gebracht. Morgens, Mittags und Abends die gleichen Töne, und dazu kam noch, daß eines Tages, während eine der alten Jungfern ſpielte, die andere einen Text dazu ſang, den ich nun nicht mehr aus meinem Gedächtniß brachte. Schreibend, reimend, ſpazierengehend umgaukelte mich dieſe verfluchte Melodie; ich mußte ſie vor mich hinſummen, Nachts in meinem Bette, oder auf der Straße; ja ſelbſt wenn ich andere Muſik hörte, brachen die ſchauerlichen Töne jenes Walzers geſpenſterhaft ſiegreich und höhnend daraus hervor.— „Und das war noch nicht einmal mein ganzes Leiden. Der Walzer hatte drei Theile, den erſten und zweiten ſpielte die Fa⸗ milie drüben regelmäßig herunter, aber den dritten, das Trio, bekam ich nié zu hören. Welche Qualen ich dabei ausſtand, kann ich keinem Menſchen beſchreiben; ſo oft drüben eine den zweiten Theil abſpielte, lauſchte ich mit einer wahren Höllenangſt, mit Geſchichten einer Wetterfahne. einer Sehnſucht nach dem Trio, die mir unmöglich iſt zu be⸗ ſchreiben, ich ſchmachtete nach dem Trio, wie der ſelige Tantalus nach ſeinem Waſſer und ſeinem friſchen Obſte. Wär' ich ein Banquier geweſen, ſo hätte ich zuweilen ausgerufen: Eine Million für jenes Trio! Als Schauſpieler würde ich mich eines Tages ſicher verſprochen haben: Ein Trio, ein Trio, ein Königreich für ein Trio! „Aber das wußten die drüben ganz genau, und es kam kein Trio. Nach dem zweiten Theil kam der erſte wieder, und ſo ging es fort, Wochen lang, Monate lang. Darüber fiel ich zu⸗ ſehends ab, mir ſchmeckte weder Eſſen noch Trinken; ich ſchlief unruhig oder gar nicht, ich war von Uebelkeiten und Schwindeln geplagt, ja mußte einen Arzt holen laſſen, der mir aber auch nicht helfen konnte, denn ich ſchämte mich, ihm meine Leiden zu geſtehen. Er hätte mich unbedingt auslachen müſſen.— Sehnſucht nach einem Trio, eine Triokrankheit! So etwas war noch gar nicht da geweſen. Mein Zuſtand wurde unerträglich. Ich ſah mich immer kränker werden und da mir das Leben verhaßt war, ſo fürchtete ich den Tod nicht. Ja, an dieſen letzten Tröſter denkend hatte ich eine teufliſche Freude, wenn ich mir ausmalte, es ſei mir vielleicht vergönnt, als Geſpenſt zurückzukehren und dann in der Mitternachtsſtunde unter die Fuchsfamilie zu treten und ihr mit hohler Stimme, denn alle Geſpenſter haben hohle Stimmen, jenes Trio abzuverlangen. Und jenes Trio ſollten ſie mir ſpielen allnächtlich von der Mitternachtsſtunde an bis zum erſten Hahnen⸗ ſchrei. Und für jeden Tag, den ich gelitten, ein ganzes Jahr lang. Das war alsdann eine Heimzahlung von dreihundertfünfundſechzig Prozent, den Schalttag gar nicht gerechnet. „Da ſchlich ich an einem Frühlingsabend, es war ein wunder⸗ Geſchichten einer Wetterfahne. 77 bar laues Wetter, durch das enge Gäßchen meinem Hauſe zu. Ich hatte blühende Bäume geſehen und Flieder gerochen, auch Bienen waren an mir vorübergeſummt und hatten mich an meine Kindheit, an mein freundliches Heimatsdörſchen erinnert. Auch klangen heute die Abendglocken ſo unbeſchreiblich rührend, daß es mir ganz weich um das Herz wurde. So ſchlich ich dahin und wie ich meinem Hauſe näher kam, hörte ich den geſpenſterhaften Walzer wieder, den erſten Theil, den zweiten; ich blickte ſeufzend und duldend an den dunkeln Abendhimmel empor; doch wie ward mir, als nun mit Einemmale leiſe und lind, für mich wie himm⸗ liſche Sphärenmuſik, wie ein lindernder Balſam, wie eine allge⸗ meine, umfaſſende Verſöhnung alles deſſen, was ſich bis jetzt ge⸗ haßt hat zwiſchen Himmel und Erde— jenes Trio begann, jenes ſüße Trio, das Trio meiner Sehnſucht, meiner Wünſche, meiner Träume! Ich griff an meine Stirn, ich athmete tief und freudig auf, wie jemand, dem nach ſchreckenvoller langer Nacht die Morgen⸗ röthe den anbrechenden Tag verkündet. Ich lächelte, blickte gen Himmel, und ehe ich wußte, wie das gekommen, befand ich mich bei der Fuchsfamilie, ſtand dort neben dem Klavier und ſtammelte: „Ach, mein Fräulein, wie danke ich Ihnen! In Ihrer Hand liegt es, mich fortan froh und glücklich zu machen.“ ————„und als ich das geſagt, geſchah etwas ab⸗ ſonderlich Schreckliches und Furchtbares. Die Klavierſpielerin erhob ſich, lehnte ſich an meine Bruſt und ſprach:„Ich habe Sie ſchon lange geliebt und die Mutter wird nichts dagegen haben.“— Ob ich in dieſem Augenblicke ſelbſt laut aufgeſchrieen, oder ob das Geſchrei, welches in meine Ohren drang, von der Fuchsfamilie herkam, weiß ich nicht mehr genau anzugeben; genug, ich hörte Gekreiſch und Gepolter, ſah acht flammende Augen und fühlte, Geſchichten einer Wetterfahne. wie ich die Treppe hinabfiel. Dann aber rannte ich unaufhaltſam fort, durch die enge Gaſſe in eine breite Straße, dem Thore zu, mit jeder Sekunde wurde mir leichter und leichter ums Herz. Jetzt hatte ich die Stadtmauern hinter mir, vor mir glänzte das Waſſer des Stromes, der ſie umfloß, und dort ſank ich nieder; nicht in den Strom, ſondern an ſeinen Ufern unter blühenden Büſchen, durch welche das Mondlicht zitterte und auf denen eine Nachti⸗ gall ſaß, die mit ihren wunderbaren Melodieen ſelige Ruhe in mein Herz träufelte. „Ich war gerettet, befreit von dem Bann, der auf mir gelegen; gelöst war der Zauber, der mich gefangen hielt und der mir ſelbſt nicht einmal erlaubt hatte, jenes unheilvolle Quar⸗ tier zu verlaſſen. In ſpäter Nacht ſchlich ich nach Hauſe, früh Morgens zahlte ich meine Miethe, nahm meine Habſeligkeiten und ſuchte mir am andern Ende der Stadt eine Wohnung, aber in eeinem Hauſe ohne alle muſikaliſche Nachbarſchaft.“ Fünfter Windſtoß. In eine Dachkammer wird eine Schlafgängerin geſucht und iſt ebendaſelbſt eine Kinderbettlade zu verkaufen. Mein Freund, der Schriftſteller unter mir im Dache, hat mich ſchon öfters gebeten, ihn nun auch endlich einmal etwas von ſeinen Erlebniſſen und Erfahrungen erzählen zu laſſen; doch habe ich mich bis jetzt immer dagegen geſträubt; denn was er mir von dergleichen bisher mittheilte, war immer ſo finſterer und blutdürſtiger Art, daß ich mit meinem leichten Naturell, mit meiner Luſt und Liebe an Licht und Sonnenglanz, meinem Be⸗ hagen an fröhlichem, heiterem Leben keinen Geſchmack daran fin⸗ den konnte. Mein Freund hat eine eigenthümliche Vorliebe für alles menſchliche Unglück, was wohl daher kommen mag, daß ihm in Zeit ſeines Lebens das Schichſal ſelten freundlich gelächelt hat. Er kann es nun einmal nicht leiden, wenn ein liebendes Paar glücklich wird, und wenn er durchaus nicht mehr umhin kann, in eine endliche Verbindung zu willigen, ſo hat entweder er vorher einen Arm, ein Bein, ein Stück von der Naſe oder dergleichen verloren, oder iſt ſie ſo alt und kümmerlich geworden, daß es gar nicht mehr der Mühe werth iſt, wenn ſie ſich über⸗ haupt noch verheirathet. Meiſtens aber enden ſeine Helden und Heldinnen alle auf klägliche und traurige Art, durch Kohlendampf oder Gift im Bett, durch einen ſehr unangenehmen Sturz von einem Felſen, durch zufällige Piſtolenſchüſſe und dergleichen mehr. Dabei iſt er obendrein äußerſt unglücklich in der Wahl ſeiner Titel, was der geneigte Leſer aus der ſonderbaren Ueberſchrift dieſes Kapitels wohl erſehen mag. Ich habe mich auch heftig⸗ und mißbilligend herumgedreht, als er mir das von der Dach⸗ kammer, dem Schlafgängeringeſuch und der Kinderbettlade vor⸗ ſprach. Nach dem alten Sprichwort aber, daß eine Hand die andere wäſcht, muß ich gelinde mit ihm verfahren, und wenn ich auch nicht im Stande bin, meine eigenen Hände in Unſchuld zu waſchen, ſo bitte ich doch den freundlichen Leſer, mich nicht ent⸗ gelten laſſen zu wollen, was ein Anderer ſündigt. So— o— o — o— o— o, nun könnten wir anfangen. Daß in eine Dachkammer eine Schlafgängerin geſucht wurde, und daß dort zugleich eine Kinderbettlade zu verkaufen ſei, war eine Zeitungsanzeige in einem kleinen unbedeutenden Tagblättchen. Eng gedruckt, hatte ſie die Einſenderin nicht viel Einrückungsge⸗ bühr gekoſtet, war auch von vielen geleſen worden, denn es gibt Geſchichten einer Wetterfahne.* 80 Geſchichten einer Wetterfahne. Leute genug, die eine Zeitung bis zur Neige auskoſten und die nicht nur alle Verkaufsanzeigen gründlich leſen, ſondern auch den Courszettel, obgleich ſie oftmals nicht wiſſen, was Cours iſt, ebenſo die jeweiligen Schrannenpreiſe ohne allen erſichtlichen Nutzen, als daß ſie ſich ärgern, weil das Brod nach einem Ab⸗ ſchlage erſt mehrere Tage ſpäter wohlfeiler, dagegen ſchon einige Zeit vorher theurer wird im ahnungsvollen Vorgefühl, daß Wei⸗ zen und Roggen ſteigen dürften. Ja, es gibt Leute, die ſich nicht nur den Strich am Ende der Zeitung betrachten, ſondern was noch unter dem Striche iſt, Verfaßt, gedruckt und verlegt von Hahnemanns ſel. Erben. Eine Dachkammer iſt eine Kammer unter dem Dache. In einigen beſtehen Wände und Decken aus Brettern, in andern ſind ſie mit Kalk verputzt und haben ſchon ein wohnlicheres Anſehen. In eine der letzteren gelangen wir mit Hülfe der angeführten Zeitungsanzeige und finden ſie von mäßiger Größe mit einer ſchiefen Wand nach außen, wo ſich auch das einzige Fenſter be⸗ findet, mit drei andern geraden Wänden und einem ſehr ſchlechten unebenen Fußboden. Wände und Fußboden hätten reinlicher ſein können; die erſtern waren von Zimmerrauch und Dunſt ge⸗ ſchwärzt und der letztere hatte ſolche Vertiefungen, daß es der kräftigſten Hand wohl kaum gelungen wäre, ſie mit dem Beſen oder dem Waſchlappen vom angeſetzten Staube zu befreien. Und die Hand, welche hier Beſen und Waſchlappen zuweilen führte, war nichts weniger als ſtark, vielmehr ſchwach und zitternd, denn ſie gehörte einer kränklichen ſechzigjährigen Wittwe, die gebeugt war unter der Laſt der Jahre, ſowie unter der ſtrengen Hand des Schickſals, das rauh und ſchonungslos mit ihr umgegangen war. Obgleich ein kleiner eiſerner Ofen in der Dachkammer Geſchichten einer Wetterfahne. 81 ſtand, ſo befand ſich doch trotz eines froſtigen Spätherbſttages kein Feuer in demſelben, und er ſtand kalt und theilnahmlos da, man könnte denken mürriſch, faſt trotzig, als wollte er ſagen: wenn ihr mir kein Holz zu eſſen geben wollt, ſo kann mir das gleichgültig ſein, dann brauche ich euch nicht zu erwärmen, o, mir iſt das ganz einerlei. Dieſe Aeußerungen des Ofens ſind authentiſch, denn ich habe ſie von meinem alten Schornſteine, der ihn nothgedrungen mit in ſich aufnehmen mußte, aber ſehr geringſchätzig ſprach von dem ſchlechten Geruch der aufgewärmten Erbſenſuppe oder der Kartoffeln mit Zwiebelbrühe, der ihm oft ſchon den Appetit für feinere Genüſſe verdorben habe. Was das übrige Ameublement der Kammer anbelangt, ſo konnte man ſagen, es ſei beſſer, als man hier zu finden er⸗ wartete. Da war ein ehemals polirter Tiſch, freilich ſehr zer⸗ ſchunden und abgeſchabt, deßgleichen drei nußbaumene Stühle, die dazu paßten, ja ſogar ein Lehnſtuhl mit Leder bezogen, auf deſſen Sitz aber ein Stück blaukarrirter Baumwollzeug wahrſcheinlich eine traurige Blöße verdeckte. In der Ecke ſtand die erwähnte Kinderbettlade, auch von hartem Holz und polirt, doch waren weder Strohſäckchen, noch Betten, noch Decke darin, und die nack⸗ ten Bretter ſchienen Luſt zu haben, gar traurige Geſchichten zu erzählen. Die Beſitzerin der Dachkammer, Frau Wittwe Strieber, fühlte die Kälte nicht, denn ſie lag in ihrem Bette, warm zu⸗ gedeckt mit einer dicken wollenen Decke. Ihre Arme hatte ſie freilich über derſelben, doch waren dieſe Arme wohlverwahrt, denn die alte Frau ſtack in einer geſtrickten Jacke, die ſchon im Stande war, eine kühle Luft abzuhalten; auf dem Kopfe hatte ſie eine ordentliche Nachthaube, und wenn auch das Geſicht darunter Hackländer, Kr. u. Fr. II. 6 Geſchichten einer Wetterfahne. runzelig und eingefallen war, ſo lag doch etwas darin, ein Zug um den Mund, ein Blick aus den Augen, die wohl anzeigten, daß eben dieſes Geſicht früher unter einem eleganten Hute voll⸗ kommen an ſeinem Platz geweſen war. Frau Strieber hatte ein Buch in der Hand und da zu gleicher Zeit auf ihrer Naſe eine Brille ſaß, ſo ſind wir berechtigt, anzunehmen, daß ſie in dieſem Buche geleſen habe. Wir ſagen habe; denn im gegenwärtigen Augenblicke hatte ſie den Kopf in die Kiſſen zurückgelegt und blickte wie träumend an die Kammerdecke empor, während ſie die Hände auf dem Buche gefaltet hatte und etwas zwiſchen ihren Fingern hielt. Dieſes Etwas war ein gelbes Stückchen Band, welches die Beſitzerin dazu brauchte, um irgend eine Stelle in ihrem Gebet⸗ buch zu bezeichnen; ſo oft ſie aber an eine ſolche bezeichnete 1 Stelle kam, unterbrach ſie ſich ſelbſt mitten im ſchönſten Gebete 3 und machte es wie jetzt, das heißt, ſie faltete ihre Hände, legte den Kopf zurück und blickte ſo lange an die Decke empor, bis ihre Augen anfingen zu blinzeln und bis unter der Brille her⸗ vor ein paar dicke Thränen über die eingefallenen Wangen hinab⸗ rollten. Durch dieſe Thränen erweiterte ſie alsdann ihr Gedächt⸗ niß und ſie blickte mit einer erſtaunlichen Klarheit in eine längſt vergangene Zeit. Da ſchoben ſich die Wände der Dachkammer auseinander, aus dem einzigen trüben Fenſter wurden zwei große und helle mit freundlichen weißen Gardinen verſehen und einem hübſchen Umhang, ähnlich dem Zeuge, womit die Möbel bezogen waren. Da erſchienen auf den rauchigen Wänden grüne und rothe Streifen mit Blumenguirlanden, auch Bilder in goldenen Rahmen, und in einem derſelben erblickte ſie ſich ſelbſt, wohl⸗ friſirt, mit einer feſtlichen Haube, außerordentlich ähnlich von dem Geſchichten einer Wetterfahne. 83 damaligen erſten Künſtler gemalt, deſſen Bilder nur den Einen Fehler hatten, daß die Köpfe zu den Körpern ſelten paßten und ſo eigenthümlich auf dem Halſe ſaßen, daß man bei den darge⸗ ſtellten Perſonen abnorme, bis jetzt in Natur noch nie dageweſene Gelenke vorausſetzen mußte. Neben ihrem Bilde ſah ſie dann natürlich wie im Traume das ihres Mannes, des ſeligen Revi⸗ ſors, angethan mit einem ſchwarzen Fracke, in deſſen Knopfloche ein gelbes Band mit einer goldenen Medaille prangte. Das war die Kopie deſſelben Bandes, welches ſie jetzt in ihren Hän⸗ den hielt. Und dann dachte ſie ferner an jenen ſeligen Abend, als der dicke Kanzleidiener mit ſo auffallend ſonderbarem Schmunzeln Abends in's Zimmer trat. Der Kanzleidiener hatte ein fettes, rothes Geſicht, weißes Haar, und ſchnupfte leidenſchaftlich. Als er an jenem denkwürdigen Abend kam, blieb er unter der Thür ſtehen und nahm dort eine Priſe der Rührung; denn er war ein guter Menſch und der Familie Strieber beſonders zugethan. Nach der Priſe ſchluckte er heftig, lächelte etwas affektirt, und als er bedächtig in ſeine Rocktaſche langte, ſagte er mit bewegter Stimme:„Ja, Frau Reviſor, ſo geht's. Wie kann man wiſſen, was nicht alles kommt! Habe ich doch ſchon manches gebracht, Angenehmes und Unangenehmes, aber noch nichts, wie heute Abend.“— Und darauf hatte ſie entgegnet:„Bendel, Er erſchreckt mich. Will Er ſich nicht ſetzen und ſich deutlicher erklären?“— „Nicht um eine Million will ich mich vorher ſetzen,“ antwortete hierauf der Kanzleidiener, und dabei zupfte er immerfort an ſei⸗ ner Rocktaſche und brachte endlich ein großes weißes Couvert zum Vorſchein mit dem Amtsſiegel; und das Couvert ſah ſo verdächtig dick aus, daß nothwendig etwas anderes darin ſein 84 Geſchichten einer Wetterfahne. mußte, als nur Papiere; und als das die Frau Reviſorin ſah, überlief es ſie kalt und ſie ſagte:„Wenn Er ſich nicht ſetzen will, Bendel, ſo werde ich mich ſetzen.“— Das that ſie auch und dann reichte ihr Bendel das Couvert, ſie wiſchte ihre Hände an der Schürze ab, ehe ſie es anfaßte,— nein, nein, es war anders; ſie griff es mit der Schürze an und fragte:„Darf ich?“ — Darauf ſagte Bendel:„Nur zu!“ worauf ſie das Papier öffnete, ein Etuis hervorzog, ein ſehr ſchönes Etui von rothem Leder und darin lag die goldene Verdienſtmedaille mit dem gelben Bande, bei deren Anblick die Reviſorin zu weinen anfing und ausrief:„Bendel, mich trifft der Schlag!“ Aber der Schlag traf ſie keineswegs. Auch faßte ſie ſich ſchon im nächſten Augenblicke wieder ſo weit, um dem Kanzlei⸗ diener ein Glas Wein einſchenken zu können, ſowie mit demſelben zu überlegen, auf welche Art der Reviſor am beſten zu über⸗ raſchen wäre. Die Anſichten beider trafen ſich auf eine merk⸗ würdige Art, und als Herr Strieber ſpäter zum Nachteſſen kam, bemerkte er nichts Beſonderes oder Außerordentliches, nur fiel es ihm auf, daß ſein einziger achtjähriger Sohn die Sonntagshöschen anhatte, und daß die Reviſorin zuweilen ſtill in ſich hineinkicherte. Der Hausherr ſetzte ſich zu Tiſche und fing an zu ſchmunzeln, als ſein Leibgericht aufgetragen wurde, gewärmtes Sauerkraut mit Schweineknöchel. Als er aber darauf die Serviette von ſei⸗ nem Teller nahm und dort die funkelnde Medaille mit dem gelben Band erblickte, da ſprang er jählings in die Höhe, als habe er im Sitzkiſſen des Stuhls eine Nadel verſpürt, wobei er ausrief:„Potz Heiden und Schnecken, iſt das Ernſt oder Scherz?“ — Aber es war kein Scherz. Madame Strieber, deren Lachen jetzt wieder in tiefe Rührung umſchlug, heftete die Medaille an Geſchichten einer Wetterfahne. 85 den Rock, der kleine Friedrich präſentirte einen koloſſalen Blumen⸗ ſtrauß und es dauerte eine gute Stunde, ehe Sauerkraut und Schweineknöchel angegriffen wurden, mit welchen köſtlichen Sachen dem Reviſor am heutigen Abende allerlei Unglück paſſirte, denn da er beſtändig auf ſeine Medaille hinſchielte, ſo ließ er die beſten Brocken von der Gabel fallen oder fuhr mit derſelben an unrechte Orte. Später, als der Sohn zu Betteswar, wurden die bezüglichen Dekrete geleſen und wieder geleſen, und bei der Stelle, wo es hieß, daß nach dem Tode des Beſitzers die reſpek⸗ tive Medaille zurückgegeben werden müſſe, konnte ſich Madame Strieber der Thränen nicht erwehren. Natürlicherweiſe war es nicht der Verluſt des Goldwerthes, der ſie tief betrübte, ſondern ſie vergegenwärtigte ſich den Augenblick, wo ſie zum letztenmale die Medaille anſehen durfte und ſie hingeben mußte in fremde Hände, um ſie nie mehr zu erblicken, wie ſie ja auch ihren Mann, der jetzt ſo freudeſtrahlend vor ihr ſaß, alsdann nie mehr wiederſehen würde.— Welch ein Kontraſt in dieſen beiden Stun⸗ den! Der Reviſor hatte ſie freilich getröſtet und ihr geſagt: „Das hat gute Wege, bis dahin iſt Friedrich erwachſen und wer weiß, ob die Medaille nicht in unſerm Hauſe bleibt.“— Darnach war die Zeit vorübergerollt, und an einem andern Abend ſaß die arme Reviſorin ſchwarz gekleidet an ihrem Tiſche, unaufhaltſam tropften ihre Thränen über das bleiche Geſicht, als ſie die goldene Medaille einpackte und dem Kanzleidiener über⸗ gab. Das war nicht mehr der alte getreue Bendel; der hatte dem Reviſor Quartier gemacht und lag ſieben Schuh tief, leider ſo weit von ihm entfernt, daß ſich die Beiden in der Mitter⸗ nachtsſtunde nicht einmal zuſammen unterhalten konnten. Dabei dachte die Frau an das troſtreiche Wort ihres Seligen, Geſchichten einer Wetterfahne. daß die Medaille wohl in der Familie bleiben könnte; doch hatte er damit ſchlecht prophezeit, denn Friedrich war nicht ſo gewor⸗ den, wie er hätte werden können. Wohl war er von der Natur mit Fähigkeiten genugſam ausgerüſtet, ja ſeine Lehrer nannten ihn einen talentvollen jungen Mann, er hatte das Baufach ſtudirt, hatte ſchöne und vielverſprechende Entwürfe gemacht, war aber in ſchlechte Geſellſchaft gerathen und hatte den Eltern ſchon unſäg⸗ liches Herzeleid verurſacht. An dem erwähnten traurigen Abende ſtand er am Fenſter, und während die Mutter mit dem Einpacken beſchäftigt war, hatte er den Arm gegen das Fenſter gelegt, drückte ſeine Stirn gegen die kalten Scheiben und blickte finſter in die Nacht hinaus; zuweilen kaute er auch an ſeinen Nägeln. Die Mutter hatte ihn mit Ermahnungen und Bitten beſtürmt, ſie hatte ihm vorgeſtellt, wohin ein ſolch wildes unordentliches Leben nothwendig führen müſſe, ſie hatte ihn bei dem Andenken des Vaters beſchworen, doch endlich einmal ſeinen tollen Lebenswandel zu laſſen und mit Emſigkeit für ſich und ſeine Zukunft zu arbeiten.„Daß du an mich denken ſollſt,“ hatte die Mutter traurig hinzugefügt,„o lieber Gott, daran habe ich ſchon lange nicht mehr gedacht, will das auch nicht einmal verlangen. Die paar Jahre, die ich noch zu leben habe, werde ich mich mit meiner kleinen Penſion ſchon durchhelfen, und der liebe Gott wird mir beiſtehen, daß ich mit Anſtand ſterben kann, wie ich mit Anſtand gelebt,“ fügte ſie mit einem gewiſſen Stolze bei. Aber das Schickſal in Geſtalt ihres Sohnes Friedrich ſchien nun einmal nicht gelaunt zu ſein, ihr dieſen Willen zu erfüllen. Freunde ſeines verſtorbenen Vaters hatten ihm eine ziemlich ordent⸗ liche Stelle bei einem Eiſenbahnbau verſchafft, wobei aber, um Geſchichten einer Wetterfahne. 87 vor ſeinen Fahrläſſigkeiten geſichert zu ſein, eine kleine Caution geſtellt werden mußte. Die Mutter hatte das übernommen, und zu dem Zweck den größten Theil ihrer Penſion verpfändet, und als nun der traurige Fall eintrat, daß durch Friedrichs Nach⸗ läſſigkeit und Leichtſinn er nicht nur ſeine Stelle verlor, ſondern auch die Caution angegriffen wurde, da ſah ſich die arme Wittwe genöthigt, hinaufzuziehen in das Dachſtübchen und im Bette zu bleiben, wenn es draußen kalt war. Doch ſelbſt zu ſolch beſchei⸗ denem Leben wollten die Einkünfte zuweilen nicht mehr reichen, auch hatte ihr die Hauswirthin, Madame Wurmer, geſagt: „Nehm Sie doch jemand zu ſich, Frau Strieber,“ und hatte in dem Fall gegen billiges Geld ein Bett verſprochen;„erſtens koſtet Sie alsdann das Quartier weniger und zweitens hat Sie bei vorkommenden Fällen eine Hülfe.“ Das„vorkommende Fälle“ hatte ihr Thränen in die Augen gejagt. Wer denkt nicht zuweilen an den letzten„vorkommenden Fall?“ Aber, daß ſie ihn in einer Dachkammer erleben ſollte, fern von ihrem Sohne, der nach der Reſidenz gegangen war, um dort ſein Glück oder gänzliches Un⸗ glück zu finden— ſo weit hatten ſich ihre Befürchtungen doch nicht erſtreckt. Wie hatte ſie ſich ſelbſt jenen letzten Fall ſo ſchön ausgemalt! Dahin zu ziehen aus den Armen der Liebe hinweg nach jenen lichten Räumen, die uns verheißen. Wie hatte ſie ſich darauf gefreut, ehe ſie ihr Auge zum letztenmal ſchließen würde, ihren Sohn neben ſich zu ſehen, vielleicht mit einer ge⸗ liebten Frau und ſchönen geſunden Kindern! Ach! dieſe Träumereien, ſowie auch die von einer früheren glücklichen Zeit, waren mit ihre ſeligſten Stunden, und das kleine gelbe Band, wenn ſie es in ihren Fingern hielt, ſchien eine 88 Geſchichten einer Wetterfahne. Zauberkraft in ſich zu haben und ihre ganze Umgebung mit einemmale zu verwandeln. Da klopfte es beſcheiden an die Kammerthür. Und plötzlich verflog der Traum der alten Frau mit den hellen Fenſtern, mit den glänzenden Tapeten, mit dem ſtattlichen Bilde ihres Mannes, alles, alles verflog, und als ſie traurig lächelnd um ſich blickte, ſah ſie ſo recht deutlich die ärmliche Dachkammer mit dem kalten, mürriſchen Ofen. Es klopfte wieder, und ſo leiſe und keſcheden, wie viel⸗ leicht ein Bettler zu klopfen pflegt.„Herein!“ rief Frau Strieber, indem ſie ſich ein wenig in ihrem Bette aufrichtete. Da wurde die Thür langſam geöffnet, aber mit der gleichen Beſcheidenheit, wie man vorhin angeklopft hatte; und in der Spalte wurde der Kopf einer Frau ſichtbar, die ſchüchtern ins Zimmer hineinblickte und mit einem verlegenen Lächeln Madame Strieber in ihrem Bett grüßte. „Nur herein,“ ſagte dieſe,„nur ganz herein, wenn Ihr zu mir wollt.“—„Ja, ich vermuthe faſt, daß ich zu Ihnen will,“ entgegnete die Frau an der Thür,„Numero 2420 im Tag⸗ blättchen von geſtern, wo eine Schlafgängerin geſucht wird.“— Die alte Frau im Bett nickte mit dem Kopfe und ſagte dann mit einem leichten Seufzer:„Ja, ja, es iſt ſo, kommt nur herein.“ Aber trotz dieſer Aufforderung blieb die Andere in der halb⸗ geöffneten Thür ſtehen, blickte verlegen rückwärts und gab zur Antwort:„Ja, wenn Sie erlauben, ſo werde ich ſchon herein⸗ kommen, aber ich bin— ich habe— Sie müſſen ſchon entſchul⸗ digen—.“—„Und was denn?“ ſagte die Reviſorswittwe faſt ungeduldig.—„Sie müſſen ſchon verzeihen, daß ich— mein kleines Kind mit hereinbringe.“—„Ei der Tauſend, ein kleines Geſchichten einer Wetterfahne. 89 Kind,“ entgegnete kopfſchüttelnd Madame Strieber,„ja darnach habe ich eigentlich nicht verlangt, weiß auch nicht, ob ſich das machen läßt. Ueberhaupt— müſſen wir uns doch zuerſt verſtän⸗ digen. Es ſind ſchon manche da geweſen, aber ich kann nicht jede aufnehmen.“ „Das habe ich mir wohl gedacht,“ ſprach traurig die Frau, die jetzt in die Dachkammer getreten war und an ihrer Hand ein kleines Bübchen von vielleicht vier Jahren führte, das ſcheu und furchtſam um ſich blickte und zuweilen zuſammen zu fahren ſchien, nicht aus Angſt, ſondern vielmehr vor Kälte, denn das Bübchen war ziemlich dünn gekleidet.„Ja, ich habe die Anzeige geleſen,“ meinte die Frau an der Thür nach einer kleinen Pauſe,„und wenn ich leider auch nicht ſehr vortheilhaft auftreten kann, ſo kann ich doch meine Herkunft von einer guten Familie Geweiſen und habe auch einiges Geld, um die Miethe wenigſtens einen Monat im Voraus bezahlen zu können.“ Die alte Frau im Bette ſchien wenig auf dieſe Reden zu hören, doch betrachtete ſie mit großem Intereſſe das Bübchen, welches ein bleiches Geſichtchen hatte, bläuliche Lippen und mit ſeiner rothen Naſenſpitze recht verfroren ausſah. Mochte die Revi⸗ ſorin bei dieſem Betrachten einen ſtrengen, faſt finſteren Blick machen, genug, die junge Frau wollte ſich darauf ſchüchtern wieder zurückziehen und bat um Entſchuldigung geſtört zu haben. Die junge Frau ſah recht kummervoll aus, ſie mußte ſchon ſehr, ſehr viele Leiden durchgemacht haben und war doch ihrem Aeußern nach noch ſo jung. Sie hatte ein feines, weißes Geſicht mit wahren Kinderaugen, von einem recht ehrlichen und gutmüthigen Blick und Glanze. Letzterer aber wurde gedämpft oder vielmehr, er konnte den Beſchauer traurig ſtimmen, wenn man dazu das Geſchichten einer Wetterfahne. gedrückte Lächeln auf den müden Geſichtszügen der jungen Frau, namentlich um die zuſammengepreßten Lippen ſah. Es war eins von jenen Lächeln, die man in der Welt häufig genug findet und die uns, namentlich wenn wir ſelbſt traurig geſtimmt ſind, aufs tiefſte bewegen können, wo es uns hinzieht, die Hände einer ſolchen Unglücklichen zu ergreifen, wo wir faſt aus ihren Augen die Geſchichte ihres Unglücks leſen können, und wo es uns drängt, zu ihr zu ſprechen: Lege dein Haupt an meine Bruſt, was du fühlteſt, habe auch ich gefühlt,— laß uns zuſammen weinen. Aehnliche Gedanken mochte auch Madame Strieber hegen, als ſie nun forſchend in das traurige, kummervolle Geſicht der jungen Frau blickte, und dann deren Anzug betrachtete, der in Farbe und Schnitt an eine beſſere Zeit erinnerte, jedoch ſchon ſo abgetragen war, daß man daraus die große Armuth der Be⸗ ſitzerin wohl ermeſſen konnte. „Nehmen Sie alſo nichts für ungut,“ ſagte dieſe,„daß ich Sie beläſtigt; hätte ich mir doch faſt denken können, daß nie⸗ mand geſonnen ſein wird, eine Schlafgängerin mit ihrem Kinde aufzunehmen. Bitte recht ſehr um Entſchuldigung.“ Damit bückte ſie ſich, um das Bübchen auf den Arm zu nehmen, und faſt hätte Madame Strieber ſie gehen laſſen, denn im erſten Augen⸗ blick dachte auch ſie: eine ſo junge Perſon ins Zimmer zu nehmen und obendrein mit einem kleinen Kinde, wer weiß, ob das gut iſt?— Nun iſt es aber grade, als ob in wichtigen Lebensmomenten die Schutzgeiſter der Menſchen faſt erſchreckt über die Bedeutſam⸗ keit des Augenblickes,— denn ſie ſehen ja in die Zukunft,— haſtig niederſchwebten, um das Losreißen zweier Herzen von einander zu verhüten. Dieſe Schutzgeiſter ſind es, die uns zu —— Geſchichten einer Wetterfahne. 91 einem leichten Seufzer bewegen, zu einem einzigen begütigenden Worte, welches das andere Herz vielleicht begierig aufgreift, daß es ebenſo antwortet, worauf dann meiſtens Thränen und leiſe Klagen erfolgen und endlich der ſelige Moment der Verſöhnung, wo die beiden vor kurzem noch ſo feindlich geſtimmten Herzen faſt berauſcht von Glück gegen einander ſchlagen. Der Schutzgeiſt, der in dieſem Augenblick in der Dachkammer gebot, ließ Madame Strieber ſagen:„Wenn wir uns aber doch einigen könnten, ſo wäre zu gleicher Zeit die Frage wegen des Kinderbettlädchens im Reinen.“ Das waren einfache Worte, aber es klang aus ihnen her⸗ aus, vielleicht der Sprecherin ſelbſt unbewußt, eine ſolche Maſſe von Güte und Herzlichkeit, daß die junge Frau an der Thür aufs tiefſte davon ergriffen wurde. Sie ließ das Bübchen auf den Boden niedergleiten, preßte beide Hände vor das Geſicht und fing bitterlich an zu weinen, worauf ſie ausrief: O, wie bin ich unglücklich! Für mich iſt doch kein Troſt und keine Hülfe mehr auf der Welt.“ Hierauf richtete ſich die Reviſorswittwe haſtig in ihrem Bette auf, legte das gelbe Bändchen ſorgfältig in das Gebetbuch, klappte den Deckel zu und ſagte:„Was ſind das für Reden, junge Frau! Ja, wenn Sie mir ſo kommt, dann kann ich Sie wenigſtens heute Morgen nicht gehen laſſen. Da müſſen wir näher mit einander ſprechen. Lege Sie Ihr Tuch ab, unterdeſſen will ich aufſtehen und Feuer anmachen.— Draußen regnet und ſchneit es ja durch einander,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, während welcher ſie ihre Haare feſter gebunden hatte.„Du lieber Gott, Sie muß ganz naß ſein, junge Frau, und das Bübchen auch. Iſt das Bübchen nicht ganz naß?“ 92 Geſchichten einer Wetterfahne. Die an der Thür nahm den Kopf des Kleinen in ihre beiden Hände, küßte ihn auf den Mund und hauchte ſeine Stirne warm an. Dabei nickte ſie mit dem Kopfe, denn ſprechen konnte ſie vor Thränen und heftigen Schlägen des Herzens nicht.— „Ja, ich ſehe ſchon, das Bübchen iſt ebenfalls naß,“ rief Madame Strieber voll Eifer,„und da iſt denn das Beſte, Ihr gebt mir das Kind hieher, und wir wollen es ausziehen und ein bischen zu mir legen, daß es ſich erwärmt.“—„Ach ja, ach ja,“ antwortete haſtig die junge Frau,„wenn Sie das wollten, ſo wird Sie Gott dafür lohnen. Ich kann unterdeſſen Feuer an⸗ machen.“—„Das iſt wahr, das könnt Ihr auch thun, dort in dem Verſchlag am Fenſter iſt Holz, oder nein, ich beſinne mich, der Ofen iſt eingelegt; Sie braucht nur ein Schwefelhölzchen daran zu halten. Hier ſind welche. Aber jetzt gebt vor allen Dingen das Bübchen her.— Willſt du zu mir ins warme Bett?“ redete ſie zu dem Kleinen, der bald die alte Frau, bald ſeine Mutter zweifelnd anſah. „Willſt du zu der guten Frau?“ fragte die letztere,„ſie hat dich lieb, und gleich wirſt du recht warm haben.“— Das Bübchen hatte recht ſchöne und große Augen und blickte fragend um ſich.„Ja, ja, es iſt die Großmutter,“ ſagte die junge Frau, und dann wandte ſie ſich wie um Entſchuldigung bittend, gegen Madame Strieber. Hierauf ließ ſich der Kleine an das Bett führen, und als ihn die Mutter auszog, ſchüttelte die Reviſors⸗ Wittwe den Kopf, während ſie bemerkte:„Ei, ei, ei, das arnie Kind iſt ſehr naß, naß bis auf's Hemdchen, Schuhe und Strümpfe, alles naß, durch naß.— So, jetzt komm zu mir.“ Der Kleine warf noch einen Blick des Zweifels auf ſeine Mutter; als dieſe ihn aber mit einem herzlichen Kuß in das Geſchichten einer Wetterfahne. 93 warme Bett ſchob, da ließ er ſich die Aenderung ſeiner Lage bald gefallen und folgte willig der alten Frau, die ihn freund⸗ lich in den Arm nahm und mit der Hand über ſein blondes, lockiges Haar ſtrich. Bald ſummte und praſſelte es auch in dem Ofen, das Holz knaxte und in der Ofenröhre. ſauste es faſt vernehmlich: Seht ihr wohl, daß ich warten kann, am Ende kommt man doch im⸗ mer wieder zu mir; dabei bin ich verſöhnlich und ihr ſollt ſehen, wie angenehm warm es hier oben im nächſten Augenblicke werden wird. Und der Ofen hatte recht. Mit der Wärme ſchlich ſich auch ein noch weit angenehmeres und behaglicheres Gefühl in die Herzen der Anweſenden, namentlich aber durchſchauerte es die alte Frau recht wonniglich, als ſie das kleine Bübchen ſo recht feſt an ſich drückte, als ſich ſein bleiches Geſichtchen zu röthen begann und die hellen Kinderaugen mit der Wärme an Glanz zunahmen. Er ſchaute auch dankbar auf ſeine neue Pflegerin, und als dieſe endlich her⸗ ausgebracht hatte, er heiße Alfred, und ihn freundlich bei dieſem Namen benannte, da ſpielte ein zufriedenes Lächeln um ſeinen kleinen Mund. Daß die junge Frau als Schlafgängerin angenommen wurde, brauchen wir eigentlich nicht zu erwähnen, obgleich ſich noch ein kleiner Anſtoß fand, der bei Madame Strieber einige Ueberlegung mit obligatem Kopfſchütteln hervorrief. Wenn auch die Neuan⸗ gekommene ihre Abkunft von einer guten Familie aus einer be⸗ nachbarten kleinen Stadt nachwies, ſo hielt ſie doch manches aus ihrem vergangenen Leben abſichtlich in Dunkel gehüllt, und wenn das Geſpräch auf dieſes Thema kam, ſo pflegte ſie zu ſagen: „Erlaſſen Sie mir vorderhand die nähern Mittheilungen, ich bin recht, recht unglücklich geweſen, aber Sie werden ſehen, ob es Geſchichten einer Wetterfahne. Sie gereuen wird, mich bei ſich aufgenommen zu haben.“— Gleich am zweiten Tage ihrer Anweſenheit, als ſie den Namen der Madame Strieber erfuhr, hätte es ebenfalls und damals von Seiten der jungen Frau faſt eine Trennung gegeben, denn ſie erſchrack auf's heftigſte bei Nennung dieſes Namens und wollte augenblicklich die Wohnung verlaſſen, dennoch aber blieb ſie, und als ſie lange überlegend mit gefalteten Händen an dem kleinen Fenſter ſaß, hörte man ſie tief ſeufzen und leiſe ſprechen:„Es iſt vielleicht der Wille Gottes, es hat wohl ſo kommen ſollen.“ Nun lebten auch die Beiden oder vielmehr die Drei in einer Harmonie zuſammen, die ans Rührende grenzte. Die junge Frau pflegte die Reviſorswittwe nicht nur wie eine Tochter und beſorgte das Hausweſen aufs Fleißigſte und Pünktlichſte, ſondern verdiente, da ſie geſchickt in allen weiblichen Arbeiten war, reich⸗ lich ihren und ihres Kindes Lebensunterhalt, und that noch oben⸗ drein Außerordentliches für das gemeinſchaftliche Hausweſen, ſo daß Madame Strieber den Morgen ſegnete, wo ſie im Bette ge⸗ legen und wo jene erſchienen. Hätte die gute Frau nicht einen andern Grund zum Kummer gehabt, ſo würde ſie ſelbſt den Contraſt zwiſchen jenem beſchriebenen Abend, wo der Kanzlei⸗ diener mit dem Couvert erſchienen, ja zwiſchen ſo manchen ver⸗ gnügten Tagen der frühern Zeit nicht ſo ſchmerzlich empfunden haben. Aber ihr Sohn war es, an den ſie mit großer Betrübniß dachte. Da derſelbe, wie ſchon früher bemerkt, etwas Tüchtiges gelernt hatte, in ſeinem Fache ſehr brauchbar war, auch arbeiten konnte, wenn er wollte, ſo hatte er bald wieder eine Stelle bei einem der vielen Eiſenbahnbauten erhalten, und wenn er von Zeit zu Zeit ſchrieb, ſo zeigten dieſe Briefe wohl eine gedrückte Stimmung, doch las man auch daraus, daß es jetzt vielleicht ——— Geſchichten einer Wetterfahne. 95 mit ihm beſſer werden könne, daß er ſich beſtrebe, fleißig zu ar⸗ beiten und daß er namentlich ſeinen unordentlichen Lebenswandel aufgegeben. Doch dachte Madame Strieber, wenn ſie ein ſolches Schreiben erhielt und durchlas: das Papier iſt geduldig und kann nicht widerſprechen.— Am meiſten bekümmerte es ſie, wenn ihr Sohn über ſeine jetzige Stellung ſchrieb, daß ſie ſo gar klein und unbedeutend ſei, daß er Kraft zu Größerem in ſich fühle, und daß es ihn faſt zur Verzweiflung bringe, wenn er bedenke, was er alles durch den Leichtſinn ſeiner Jugend verſcherzt. Wenn die Mutter das las, ſo nickte ſie betrübt mit dem Kopfe, ſuchte Troſt und Hülfe bei ihrem Gebetbuche und las ſo lange darin, bis ſie auf das gelbe Band ſtieß und bis ſie darauf, wie ſchon früher beſchrieben, von vergangenen Zeiten zu träumen anfing. So ſaß ſie eines Abends in ihrer Dachkammer; es ging ſtark dem Frühling zu, die Tage waren ſchon bedeutend länger geworden und die Dämmerung war eingetreten, jenes allmälige ſanfte Einſchlummern der Natur, wo ſich jedes Herz weicher ge⸗ ſtimmt fühlt, und wo ſich ſelbſt ein ſchneidender Schmerz in eine ſanfte wehmüthige Klage auflöst, Die junge Frau Louiſe war ausgegangen, und das Bübchen hatte ſeinen Kopf ſo auf den Schooß der alten Frau gelegt, daß es durch den Dachladen hin⸗ aus an den Himmel blicken konnte, der in dunkler Bläue glänzte und wo ſich die ſcharfgezeichnete blitzende Sichel des jungen Mon⸗ des zeigte. Madame Strieber hatte ſchon ihren ganzen Vorrath von Märchen erſchöpft und alle überdieß noch mit einem Anhange verſehen, wenn der Kleine wiſſen wollte, wie es denn eigentlich dem Prinzen oder der Prinzeſſin, nachdem ſie aus großen Ge⸗ fahren befreit, weiter ergangen, oder was aus dem Drachen ge⸗ worden, nachdem er ſich von dem Felſen hinabgeſtürzt hatte.— 96 Geſchichten einer Wetterfahne. Da öffnete ſich leiſe die Thür, und da vorher nicht ange⸗ klopft wurde, ſo meinte die alte Frau, es ſei ihre Schlafgängerin, die heimkehre. Doch erſchrack ſie ſo ſehr, daß ſie faſt vom Stuhl herabgefallen wäre, als ihr nun eine männliche Stimme ſagte: „Guten Abend, Mutter.“ Sie war es ſtets ſo gewöhnt, ihren Sohn immer nur dann wieder zu ſehen, wenn ihm neues Leid widerfahren, weßhalb ſie auch jetzt, ſtatt ſeinen Gruß zu erwidern, wie ſie wohl gern gethan hätte, ängſtlich ausrief:„Um Gottes⸗ willen, du biſt's, Friedrich! Was iſt dir widerfahren?“ „Für dießmal nichts Schlimmes, Mutter, antwortete der junge Mann, der nun eingetreten war, und man ſah ihn in un⸗ beſtimmten Umriſſen an der Thüre ſtehen.„Nichts Schlimmes, wenn ich auch gerade nicht der Bringer einer Freudenbotſchaft bin.“—„Du haſt aber deine Stelle verlaſſen?“—„Ja und nein, Mutter, wie Ihr wollt; ich möchte ſie wohl verlaſſen, aber es iſt mein freier Wille, es zwingt mich kein Menſch dazu.— Ehe ich Euch das aber erzähle,“ ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu,„müßt Ihr mir freundlich guten Abend ſagen; denn werin Ihr immer noch an mir verzweifelt, wie ſoll da ich meinen guten Muth behalten?— O, ein freundliches Wort iſt eine große Er⸗ munterung.“ Damit war er an den Stuhl getreten, wo die alte Frau ſaß, und als ſie ihm nun ihre Hände reichte, nahm er ſie beide, legte ſie um ſeinen Hals und beugte ſich tief herab, bis er die Mutter küſſen konnte. Das Bübchen hatte ſich hinter den Stuhl zurückgezogen und verhielt ſich dort mäuschenſtille. Der junge Mann zog einen andern Stuhl in die Nähe der Mutter, ſetzte ſich drauf und ſagte:„Es iſt ſo, es iſt wahrhaftig ſo, wie ich in meinen letzten Briefen geſchrieben; ich habe mich wieder an die Geſchichten einer Wetterfahne. 97 Arbeit gewöhnt, habe von meinem unordentlichen Leben gelaſſen und kann Euch ſagen, ſowie durch Zeugniſſe beweiſen, daß der Oberingenieur mit meinen Arbeiten wohl zufrieden iſt.“ „Gott ſei Dank,“ ſagte die alte Frau, und ſetzte dann mit einem tiefen Athemzuge hinzu:„Und doch willſt du die Stelle verlaſſen, wenn man mit dir zufrieden iſt?“ „Um mich zu verbeſſern, Mutter, um vielleicht das noch werden zu können, wozu ich die Kraft in mir fühle;— und dann, um meine Schulden bezahlen zu können,“ fuhr er fort, indem er die Hand der alten Frau ergriff;—„Schulden, die mich entſetzlich drücken, Schulden gegen Euch, Mutter, die ich mich beeilen muß, zurückzuerſtatten; und auch noch Schulden gegen je⸗ mand anders;— doch davon ſpäter. O Mutter, Mutter, ich habe viel gelitten und viel ertragen, und jetzt, da ich ein ganz anderer Menſch geworden bin, habe ich wieder den Muth, an eine fröh⸗ liche Zukunft zu denken. Ja, es iſt mir oft, als könnten wir Alle noch einmal glücklich werden.“ Bei den guten Worten, die ihr Sohn ſprach, hatte Madame Strieber die Hände gefaltet, und als ſie in den Mond blickte, glänzte der ſo ſtark, daß ihr die Augen vor Thränen überliefen. Wäre es denn vielleicht möglich, dachte ſie, daß ſich meine ſüßen Träume noch verwirklichen könnten, wäre es denn wahr, daß mein Sohn zur Einſicht gekommen und umgekehrt wäre auf dem Wege, der auch mich in's Verderben geführt?—„Nicht wahr, Mutter,“ fuhr der junge Mann fort,„wenn man bereut, ſo iſt ſchon viel gewonnen, und wenn man den Willen hat, ſeine Fehler gut zu machen, ſo hat man auch die Kraft dazu.“— Die alte Frau war ſo gerührt, daß ſie im erſten Augenblicke nur ſtumm mit dem Kopfe nickte; doch hätte ſie auch wahrſcheinlich geſprochen, wenn Hackländer, Kr. u. Fr. II. 7 98 Geſchichten einer Wetterfahne. nicht jetzt das Bübchen hinter dem Stuhle tief aufgeſeufzt hätte, wie es Kinder wohl zu machen pflegen, wenn ſie müde ſind oder ſich langweilen. „Wir ſind nicht allein?“ fragte erſtaunt der junge Mann, und da er dabei hinter den Stuhl blickte, ſo ſah er den Kleinen. „Wem gehört das Kind?“ fragte er.—„Es iſt das Bübchen meiner Schlafgängerin,“ antwortete die Mutter,„einer braven, armen Frau. Komm nur her,“ wandte ſie ſich an den Kleinen, „du brauchſt dich nicht zu fürchten.“— Darauf trat der Kleine hervor und ſtellte ſich neben die alte Frau. Im Zimmer war es aber ſo dunkel, daß man nur ſeine Augen glänzen ſah. „So, du wohnſt nicht mehr allein?“ fragte der Sohn mit leiſer Stimme die Mutter;„das thut mir eigentlich recht leid.“— „Mir gar nicht,“ entgegnete die Mutter,„ich kann dich verſichern, Friedrich, daß ich an der Perſon, die bei mir wohnt, einen wah⸗ ren Schatz gefunden habe.“—„Und das iſt ihr Sohn?“ ſprach er nachdenklich.„Der kann vier Jahre alt ſein,“ meinte er mit einem ganz leichten Seufzer, und ſetzte dann hinzu:„Willſt du nicht auf meinen Schooß kommen, mein Kind?“ Da der Kleine nicht ſcheu und furchtſam war, ſo folgte er der Einladung, die mit gar freundlicher Stimme gemacht wurde; er ließ ſich auf den Schooß nehmen und duldete es ſogar, daß der fremde Mann ſein Köpfchen an die Bruſt drückte.—„Er hat ſchönes, lockiges Haar,“ ſagte jener;—„dunkel oder hell?“— „Hellblond,“ entgegnete die alte Frau.—„So, hellblond? Wie mich das freut!“ bemerkte ihr Sohn und dabei beugte er ſich herab und küßte den Kleinen herzlich und innig auf ſein krauſes Haar.—„Du haſt mir aber noch nicht geſagt,“ begann die Geſchichten einer Wetterfahne. Mutter,„warum du deine Stelle verlaſſen willſt, und welche Pläne du für die Zukunft haſt.“— „Ja ſo,“ entgegnete Friedrich, indem er wie aus tiefen Träumereien auffuhr;„richtig, das habe ich Euch noch nicht ge⸗ ſagt, Mutter. Alſo denn: In der Reſidenz ſoll ein großer, pracht⸗ voller Bau aufgeführt werden, und dazu iſt eine Concurrenz aus⸗ geſchrieben. Ihr wißt doch, was eine Concurrenz iſt?— Bei einer Concurrenz werden viele Pläne eingereicht und der am beſten iſt, wird gewöhnlich behalten; zuweilen jedoch wird wohl der oder jener protegirt und einem beſſern vielleicht vorgezogen, aber das thut nichts, man macht ſich doch bekannt und kann auf die Zu⸗ kunft hoffen.“ „Und einen ſolchen Plan zu dem prachtvollen Gebäude willſt du auch machen?“ fragte erſtaunt die alte Frau—„Er iſt beinahe fertig, und wenn ich auch ſchwerlich damit durchdringe, ſo wird man doch hoffentlich da unten ſehen, daß ich was Rechtes gelernt habe.“—„Das gebe Gott!“ ſagte ſie;„aber hoffſt du nicht zu viel und iſt es nicht unklug von dir, für etwas Unge⸗ wiſſes deine ſichere Stelle aufzugeben?“ „Aufgegeben habe ich ſie auch nicht vollſtändig, ſondern nur Urlaub genommen. Ich muß nach der Reſidenz, um noch einige Maße zu erhalten, ſowie das Terrain genauer kennen zu lernen. Da es nun von meinem jetzigen Wohnorte nur ein kleiner Um⸗ weg über hier iſt, ſo findet Ihr es doch begreiflich, daß ich Euch beſuchte; freilich wäre ich lieber erſt gekommen mit einem guten Reſultat in der Taſche; aber die Hoffnung iſt auch was werth, nicht wahr, Mutter?“—„O ja, das hat mich recht geſtärkt.“— „Dann habe ich aber auch noch was Anderes auf dem Herzen,“ fuhr der junge Mann nach einer Pauſe zögernd fort; 100 Geſchichten einer Wetterfahne. „etwas Schweres und vielleicht recht Trauriges, das mich eben⸗ falls zwang, über hier zu gehen. Ich mag kaum mit der Sprache heraus, Mutter, denn es iſt etwas, was leider, leider zu meinen leichtſinnigen Tagen gehört.“— Hier machte er eine Pauſe und drückte ſein Geſicht abermals in das lockigte Haar des Knaben, der ganz ſtill auf ſeinem Schooße ſaß und aufmerkſam den Mond betrachtete, der ſo eben in einen großen ſchwarzen Schornſtein verſchwinden zu wollen ſchien.—„Und was haſt du denn ſo Schweres auf dem Herzen?“ Das ſollte die alte Frau in dieſem Augenblicke mit klaren deutlichen Worten nicht erfahren, denn als ihr Sohn anfangen wollte, zu ſprechen, hörte man Schritte auf der Treppe und ſah gleich darauf Licht durch die ſchlecht gefügte Thür ſchimmern. „Mama,“ ſagte das Bübchen, wobei es den Kopf herum⸗ wandte. Dann ging die Thür auf und die junge Frau trat herein. Es war aber nicht mehr das kummervolle Weſen, wie am erſten Morgen, als ſie durchnäßt in der Dachkammer erſchien; die Lip⸗ pen zuckten nicht mehr ſo ſchmerzhaft, wie damals, und wenn auch meiſtens ein tiefer Ernſt auf ihren Zügen lag, ſo gab es doch Momente, wo ſie recht freundlich lächeln konnte, wenn ſie ihr kleines Kind wieder erblickte, Momente, wo ſie ausſehen konnte, wie eine ſchöne glückliche Mutter. Das war ein ſolcher Moment, ala ſie jetzt ins Zimmer trat. Was nun aber erfolgte, kann ich unmöglich ausführlich be⸗ ſchreiben. Es war ſo ſchön und ſo glücklich, daß ich mich jetzt noch vor Freuden herumdrehen möchte, wenn ich daran denke. Es war eine Scene des Wiederſehens, die vollen Erſatz bot für viele traurige Jahre. Wenn auch die junge Frau Anfangs faſt ſchaudernd zurücktrat, als ſie den ſo plötzlich wiederſah, der ſie Geſchichten einer Wetterfahne. 101 unglücklich gemacht und dann verlaſſen, ſo zog es ſie doch im nächſten Augenblicke mächtig zu ihm hin, denn er hielt ja ihr Kind und ſein Kind auf dem Schooße und drückte ſeinen Mund feſt auf den des Knaben, während er ihr faſt zitternd die Rechte entgegenſtreckte.—— Bald lag ſie an ſeinem Herzen, und darauf ſagte er zur Mutter, die mit aufgehobenen Händen daneben ſtand: „Das war es ja, was mir ſo ſchwer auf dem Herzen lag.“ Was nun an dem Abend weiter geſchah, damit könnte man ganze Bände anfüllen und manchen vielleicht ſehr langweilen; die Vier in der Dachkammer aber fanden es nicht langweilig und Drei davon blieben ſitzen, das Bübchen wurde freilich zu Bette gebracht, bis das Licht herabgebrannt war und die Uhr jene Zeit anzeigte, wo der Eilwagen nach der Reſidenz abging. Da mußte geſchieden ſein, und es wurde geſchieden, und es iſt nur noch hinzuzufügen, daß die heißen Segenswünſche, welche Madame Strieber und Frau Louiſe dem Scheidenden noch auf den Weg gaben, die beſten Früchte trugen. Wenige Wochen ſpäter hatte die Wittwe des ſeligen Regi⸗ ſtrators einen Abend, wie ſie ihn nun und nimmermehr zu erleben geglaubt. Es lief ein Schreiben ihres Sohnes ein, worin er mit freudigen Worten erzählte, daß ſein Plan, obgleich er nicht zur. Ausführung angenommen worden ſei, ſo gefallen habe, daß mar ihm eine Bauinſpektorsſtelle mit gutem Gehalt übertragen, für⸗ ſeine ſchöne Arbeit aber ſei er noch beſonders durch Beifolgendes belohnt worden. Und das Beifolgende öffnete Madame Strieber mit zitternden Händen. Und als ein kleines Etui in rothem Leder zum Vorſchein kam, da ging ſie mit ahnungsvollem Gemüthe hin und holte ihr Gebetbuch und nahm aus demſelben das gelbe Band. Wie immer traten ihr auch dießmal dabei wieder die alten längſt⸗ 102 Geſchichten einer Wetterfahne. vergangenen Tage vor die Seele. Sie ſah den ehrlichen Kanzlei⸗ diener, ſie ſah den ſeligen Strieber vor Freude vom Stuhl auf⸗ fahren, ſie hörte ſeine prophetiſchen Worte, und dann erſt öffnete ſie das rothe Käſtchen und erblickte die goldene Medaille für Kunſt und Wiſſenſchaft.— Das war ein Glück und ein Glanz, ſchunmerndes Gold und ſchimmernde Thränen. So hat mir der Schriftſteller unter mir erzählt und dazu behauptet, die Dachkammer, wo er jetzt wohne, ſei dieſelbe, wo man eine Schlafgängerin geſucht und wo eine Kinderbettlade zu verkaufen geweſen. Sechster Windſtoß. Wiederfinden. Es gibt Leute, die von Jemand ſagen, der ſich einer guten Geſundheit erfreut: o, der iſt von Eiſen, dem thut weder Froſt noch Hitze etwas. Das ſind aber nur ſo Redensarten, wie vieles in der Welt; als wenn Jemand, der wirklich von Eiſen iſt, nicht auch etwas zuſtoßen könnte!— Seht mich zum Beiſpiel an. Ich bin in der That aus ſehr ſolidem und feſtem Eiſen gemacht, hätte freilich lange nicht geglaubt, daß ich auch einmal in den Fall kommen würde, zu klagen, und doch kann ich nicht umhin, der Wahrheit gemäß zu berichten, daß ich ſchon ein paar Mal während der Zeit meines luftigen Lebenslaufes ein recht fatales Knarren und Reißen in mir verſpürt. Das Erſtemal war es freilich nur ein ſtarker Katarrh, eine tüchtige Heiſerkeit, und wenn ich mich dabei vor dem ſauſenden Winde herumdrehte, ſo erſchrack ich faſt über das Gekrächze, in welches ſich meine ſonſt ſo ſchöne Geſchichten einer Wetterfahne. 103 Stimme verwandelt hatte. Glücklicherweiſe war ich, wie ſchon früher bemerkt, der Liebling des Hausherrn, und als der eines Tages zum Dachladen hinausſchaute, dabei aber nach mir ſah und bei einem tüchtigen Umſchwung, den ich machte, das verdächtige Knarren vernahm, mit dem ich mich bewegte, ſo ſchickte er zum benachbarten Schloſſer, und ließ deſſen Lehrjungen kommen, um nach mir zu ſehen. Es fand ſich denn auch alsbald, daß meinem Katarrh mit ein paar Tropfen Oel abgeholfen war, die man mir ſogleich einflößte. Ach, wie mir das wohl that! Es floß ſo be⸗ „lebend durch mich hin, und es war ein wunderbares Gefülgl, wie das geſchmeidige Oel ſo ſanft meine trockene Kehle hinabglitt. Verſchwunden war mein Katarrh mit Knarren und Seufzen; ich flog vor dem Winde her, leicht, behend und zierlich, wie in jenen glücklichen Tagen der eerſten Jugend, als ſie, meine theure Eliſe, noch neben mir auf dem Dache prangte.— Doch ſprechen wir icht von jener Zeit. Weg mit dieſen traurigen Erinnerungen! Sie paſſen nicht für eine Wetterfahne, deren Beruf Unſtetigkeit iſt und deren Lebenszweck, ſich nach jedem Windſtoße zu drehen. Das war mein erſtes Unwohlſein, ſehr vorübergehend, und längere Zeit nachher hatte ich nicht die geringſte Urſache, über etwas zu klagen. Eines verdrießlichen oder eigentlich lächerlichen Zufalles, der mir zu ſchaffen machte, ſollte ich eigentlich gar nicht erwähnen, und doch will ich es thun, um den Beweis zu führen, daß kleine Urſachen oft große Wirkungen haben können. Es war an einem klaren, aber windigen Herbſtnachmittage, da ließen die Buben auf der Straße wie gewöhnlich ihre Drachen ſteigen, und einer ſchwang ſich ſo hoch hinauf, weit über die Blitzableiter und 36 Schornſteine, ja über den Kirchthurm, daß ich ſelbſt meine große Freude daran hatte. Da kam ein mißgünſtiger Windſtoß— dies 8 104 Geſchichten einer Wetterfahne. Volk ärgert ſich über Alles, was in ſein luftiges Revier hinauf⸗ ſteigt— und warf den armen Drachen hinab. Er fiel zwiſchen die Häuſer hinein, aber ſo unglücklich für mich, daß die lange Schnur, an der er aufgeſtiegen war, ſich um mein Untergeſtell legte; und als ich mich gleich darauf ſcharf herumdrehen mußte, verwickelte ich mich dergeſtalt in den Bindfaden, daß ich nach kurzer Zeit weder mehr vor⸗ noch rückwärts konnte. Es war das ein elender Zuſtand und ich muß geſtehen, daß ich mich vor mir ſelber und den benachbarten Wetterfahnen ſchämte. Unter denen gab es neidiſches, mißgünſtiges Volk genug, das ſich ſchon lange darüber geärgert hatte, daß ich ſo ſicher und ruhig meinen Ge⸗ ſchäften oblag und nie zu einer Klage Veranlaſſung gab. Da ſtand ich nun, von der elenden Drachenſchnur gelähmt, wie ein alter, gichtbrüchiger Kerl und zeigte bei dem ſchönſten Weſtwind hartnäckig nach Norden. Pfui Teufel! Ich hatte eine Wuth in mir, die gar nicht zu beſchreiben iſt. Die Sache hätte nun für ſich eigentlich nichts zu ſagen gehabt, denn wenn ich ein paar Tage ruhig aushielt, ſo mußten einige gute Regen den Bindfaden ſchon ſo mürbe machen, daß ich alsdann mit Hülfe eines guten Windſtoßes, der im Herbſt immer zu erwarten iſt, meine Feſſel. leicht zu brechen im Stande war. Aber wenn ich vorhin ſagte, daß kleine Urſachen oft bedeutende Wirkungen haben, ſo bewies ſich das an Jemand, den ich näher kannte und der mich, der korrekten und genauen Erfüllung meiner Pflichten wegen ſehr hoch⸗ ſchätzte. Wenn ich ſage, ich habe den Mann gekannt, ſo meine ich damit, ich habe ihn viel geſehen und oft ſprechen hören, denn er wohnte dort gegenüber dem vierten Stocke des Hauſes, welches ich zu ſchmücken die Ehre hatte. Dieſer Mann war ein alter, abgeſchabter Geſell, der ſehr gute und ſehr luſtige Tage erlebt, * Geſchichten einer Wetterfahne. 10⁵ der aber ſein ganzes Vermögen verpraßt hatte mit Hülfe lebens⸗ froher Tiſchgenoſſen. Obgleich er in der Erinnerung an die im⸗ menſen Diners, die er gegeben, unglücklich hätte ſein ſollen, ſo war dies doch nicht der Fall, vielmehr gehörte es zu ſeinen Lieblingsunterhaltungen, mit ſeiner Frau, die Gutes und Böſes redlich mit ihm getheilt und ebenſo wie er gern vortrefflich ge⸗ geſſen und getrunken hatte, über dieſe längſtvergangenen Zeiten zu reden. Helene hieß dieſe Frau und war ein armes kummer⸗ volles Weib, die einen einzigen Sohn gehabt hatte, den aber der Vater weder zum Lernen, noch zu einem ordentlichen Lebens⸗ wandel angehalten und der ein Lump geworden und efe war. Es war das hart für die arme Frau, denn ſie hatte auf dieſen Sohn als auf eine Stütze ihres Alters gehofft und ſah ſich nun ſo grauſam getäuſcht. Wovon die Beiden ſo eigentlich lebten, wußte niemand von ihren Mitmenſchen recht genau; ich dagegen von meinem Dache konnte wohl ſehen, wie die Frau immer noch etwas von Werth⸗ ſachen einer früheren Zeit in ihrer Kommode ſuchte und fand, und dabei bemerkte ich auch, daß es unmöglich war, einfacher und ſparſamer zu leben, als die Beiden es thaten, die ehemals ihr Geld mit vollen Händen von ſich geworfen. Morgens wurde Waſſer gefrühſtückt und vielleicht eine vom Abend vorher übrig gebliebene Kartoffel verzehrt. Wenn beim Mittageſſen ein Rettich, etwas ranzige Butter oder ein Stück vertrockneter Käs zum Brod da war, ſo konnte das ein Feſtmahl genannt werden; im Allge⸗ meinen ſchienen ſich die Beiden vorgenommen zu haben, den Ver⸗ ſuch zu machen, mit wie wenig ein Menſch auszukommen im Stande ſei. 6 Doch muß man nicht glauben, daß ein ſolches mehr als 106 Geſchichten einer Wetterfahne. frugales Mittageſſen unter Klagen und Thränen verzehrt worden ſei. Im Gegentheil. Die Beiden ſaßen faſt heiter einander gegenüber, dieſſeits Helene, jenſeits Victor, Brod oder was da war, in der Mitte, und dieſem weder verdrießlich noch gierig, ſondern feierlich und faſt mit Eleganz zuſprechend. Trübte viel⸗ leicht hie und da eine Thräne die Augen der nun alt geworde⸗ nen Helene, ſo ſagte Victor:„Warum traurig, mein Kind? Laß uns heiter ſein! Wir haben genoſſen des irdiſchen Glücks, wir haben gelebt und geliebet.“ Zuweilen machte es ihm auch be⸗ ſonderes Vergnügen, bei ſolchen Veranlaſſungen eines feinen Diners von ehemals zu erwähnen; eine ſolche Schilderung fing er mei⸗ ſtens mit den Worten an:„Heute ſpeist Cicero bei Lucull!“— und während er nun mitzaußerordentlicher Zierlichkeit Meſſer und Gabel handhabte, um ſein Brod und ſeinen Rettig zu verzehren, beſchrieb er die Schüſſeln von damals mit ſolcher Genauigkeit, daß man den ſüßen Geſchmack und den feinen Duft ordentlich wieder empfand und bis Helene wehmüthig lächelte. Es ſei ferne von mir, den geneigten Leſer mit einer Ge⸗ ſchichte von Victor und Helene zu langweilen. Auch weiß ich aus ihrer glänzenden Vergangenheit ebenſowenig, wie aus ihrem jetzigen ſtillen und ärmlichen Leben irgend eine Begebenheit, die des Aufzeichnens werth wäre. Victor war aber einer meiner beharrlichſten Freunde, ich könnte faſt ſagen Bewunderer, denn wenn er in ſeinem Fenſter lag— und es war dies ſeine einzige Beſchäftigung— ſo würdigte er die Straße und Fenſter der um⸗ liegenden Häuſer faſt gar keines Blickes, wogegen er Stunden lang zu mir herauf ſehen konnte und ſich ſichtlich an meinen Bewegungen ergötzte.. Das that er denn auch am Morgen nach jenem Tage, wo Geſchichten einer Wetterfahne. 107 mich die Schnur des Drachens gefeſſelt. Er ſchaute lange nach mir herauf, dann ſprach er zu ſeiner Frau:„Was wir ſchon ſeit geſtern Nachmittag für einen beſtändigen Südwind haben! Wenn der Sommer nicht vorbei wäre, müßte es dabei recht warm ſein. Aber ſo iſt der Südwind ſo kühl, wie zu andern Zeiten, wenn es aus Norden bläst.“ „Es iſt doch Nordwind, mein lieber Mann,“ bemerkte He⸗ lene in ziemlich entſchiedenem Tone.„Den Südwind hören wir nie, und nur der Wind, der gerade entgegengeſetzt herbläst, heult um das ſcharfe Eck unſeres Hauſes.“— Victor blickte noch ein⸗ mal prüfend zu mir herauf, dann zuckte er etwas verächtlich mit den Achſeln und ſagte, indem er ſich halb in das Zimmer hinein wandte:„Es iſt traurig, liebe Helene, daß du einer ſo voll⸗ kommen richtigen Bemerkung im Stande biſt zu widerſprechen. Sieh meine Wetterfahne da oben an; der Burſche zeigt richtig, wie ein guter Kompaß; es iſt der genaueſte Südwind.“ „Wenn es dir Vergnügen macht, lieber Victor, ſo will ich nicht widerſprechen. Aber daß der Nordwind um unſere Haus⸗ ecke heult, davon kannſt du dich ſogleich und vollkommen über⸗ zeugen.“ Er blickte nun ganz ins Zimmer hinein und ſah ſie offenbar mit großer Verwunderung an.* „Es iſt ſchon wahr,“ fuhr ſie fort,„daß da oben die Wetterfahne, die ſonſt immer ſehr richtig geht, Südwind angibt. Aber wer weiß, wie das kommt. Betrachte dir die andern Wetterfahnen, ſelbſt die auf dem Kirchthurm; alle zeigen richtig den Nordwind.“ Victor ſchüttelte mit dem Kopfe und ſah betrübt aus.„Das hätte ich nicht von dir erwartet, Helene,“ ſagte er.„Wir haben lange Jahre eine ungetrübte Ehe zuſammen geführt. Du haſt 108 Geſchichten einer Wetterfahne. mir ſelten widerſprochen, und jetzt auf einmal willſt du mir ab⸗ ſtreiten, was ich doch mit eigenen Augen ſehe. Ich wiederhole dir, der Burſche da oben allein zeigt richtig, die andern ſind alle erbärmliches Gerümpel. Sieh nur, wie ſie hin und her wackeln.“ „Bevor du mit mir ſtreiteſt, lieber Victor,“ ſprach Helene einigermaßen gekränkt,„ſo ſtecke deinen Finger in den Mund, mache ihn naß und halte ihn weit genug zum Fenſter hinaus, da wirſt du ſchon fühlen, woher der Wind bläst.“ „Ich will es thun,“ erwiderte er, ſetzte aber mit beküm⸗ mertem Geſichte hinzu:„aber ich weiß auch ohne das, woher der Wind bläst. Du ſuchſt Streit mit mir, liebe Helene.“ Darauf aber ſteckte Victor ſeinen Finger in der That in den Mund und beugte ſich ſo weit aus dem Fenſter hinaus, daß ich, wenn mir das möglich geweſen wäre, einen Schrei des Schreckens ausge⸗ ſtoßen hätte. Freilich hielt er ſich an dem Fenſtergeſims feſt, als er mit dem Oberkörper zum Vorſchein kam, aber der liebe Himmel weiß, wie es gekommen ſein mochte, Herr Victor bekam das Uebergewicht, ſtürzte zum Fenſter hinaus und hatte eben noch Zeit, mit beiden Händen die Stange des Blitzableiters zu faſſen, an der er mit einer entſetzlichen Geſchwindigkeit hinab⸗ rutſchte. Beim untern Stockwerke angekommen, blieb er auf der Querſtange ſtehen, vermittelſt welcher der Blitzableiter am Hauſe befeſtigt war, und hatte Gleichmuth genug, trotz ſeines unfrei⸗ willigen Hinabrutſchens den Finger weit von ſich abzuſtrecken und alsdann der bekümmerten Gattin, die oben Hülfe ſchreiend im Fenſter lag und ihm faſt nachgefolgt wäre, zuzurufen:„In der That, du haſt recht, liebe Helene, es iſt reiner Nordwind, man kann ſelbſt der beſten Wetterfahne nicht mehr trauen.“ 3 Für mich, die ich mir meiner Unſchuld bewußt war, war Geſchichten einer Wetterfahne. 109 das recht kränkend, für Herrn Victor aber hatte dieſe kleine Ur⸗ che eine große und heilſame Wirkung; die Geſchichte wurde weiter erzählt, war in den nächſten Tagen in vieler Leute Mund und kam auch zu den Ohren eines reichen Bekannten, der es bis jetzt nicht der Mühe werth gefunden hatte, ſich dieſes armen Chepaars zu erinnern. Von da an aber ſtellte er Nachforſchungen an, verſchaffte Herrn Victor eine einträgliche Beſchäftigung, und als er und Helene die Dachkammer verließen, dankte Victor mit aufgehobenen Händen mir, als dem Gründer ſeines Glückes, und ſo ungern ich die Beiden ſcheiden ſah, ſo war es mir doch ein wohlthuendes Gefühl, daß ſie hinfort ſich auch anders, als nur in Gedanken mit einem guten Diner beſchäftigen konnten. Victor hat mich auch ſpäter nicht vergeſſen, denn ſowie meine Geſchich⸗ ten angekündigt wurden, ſubſcripirte er ſogleich auf dieſelben und zeigte damit, daß er ein ſehr braver Mann ſei, dem ein heiteres und glückliches Leben wohl zu wünſchen iſt. Dieſe kleine Begebenheit war auch ſchuld daran, daß ich noch am ſelben Tage von dem feſſelnden Bindfaden befreit wurde. Ich fühlte, wie es einem Gefangenen in dem Augenblick zu Muth ſein muß, wo der dumpfe Kerker geöffnet wird und er ſich wie⸗ der in freier Luft bewegen darf, fröhlich frei und friſch— ſch— ſch— ſch— ſch! Wenn auch die eben beſchriebenen kleinen Unpäßlichkeiten glücklich bei mir vorübergingen, ſo erkrankte ich doch im nächſten Winter recht bedeutend, oder vielmehr ich wurde von einer Seite her lebensgefährlich verletzt, von der ich es am wenigſten ver⸗ muthet hätte. Mein alter Freund, der Schornſtein nämlich, war ſetwas wacklig geworden, ohne ſich jedoch dieſes Leidens anfäng⸗ lich im vollen Umfange bewußt zu ſein. Wohl hatte er einige⸗ Geſchichten einer Wetterfahne. male in wilden Sturmnächten über Kopf⸗ und Geſichtsſchmerzen geklagt, auch von unbehaglichem Zittern und Reißen in ſeinen oberen Theilen geſprochen, doch hatte ich, um ihn zu ermuthigen, gelacht, wenn er zuweilen traurigen Phantaſieen Raum gab, wenn er von Auflöſung, Lebensende und dergleichen melancholiſchen Dingen ſprach. Wohl hatte es mich einigermaßen befremdet, daß er ſeit langer Zeit nicht mehr von der Küche des erſten Stock⸗ werks berichtete, von der Köchin, die dort ſo heitere Lieder ſang, oder von dem lodernden Kaminfeuer im glänzenden Eckſalon, an dem ſo ausnehmend luſtige Geſchichten erzählt wurden— ja es war mir aufgefallen, daß er innige Freundſchaft geſchloſſen hatte mit dem ärmlichen Windofen einer Kammer des dritten Stocks, wo ein alter Pfandverleiher wohnte, der den ganzen Abend geiſt⸗ liche Lieder ſang. Die brummte ihm nun der Schornſtein nach, und es war für mich ſehr unangenehm, ihn Nächte lang heulen zu hören und eine einzige Strophe, wie z. B. O Ewigkeit, du Donnerwort, tauſendmal wiederholen. Er machte auch an mir Bekehrungsver⸗ ſuche, doch war ich mit meinem leichten Naturell nun einmal nicht dazu gemacht, einſehen zu können, daß in der Welt nur Jammer, Noth und Sünde herrſchen, daß es unſere Lebensauf⸗ gabe ſei, das Dieſſeits gründlich zu verachten, um uns nach einem Jenſeits zu ſehnen, wo da ſei Heulen und Zähneklappern. Es war eine wilde Nacht, gleich jener für mich ſo unglück⸗ lichen, wo ich meine Lebensgefährtin, die arme Eliſe, verloren; der Wind ſauste über die Dächer und kämmte mit gewaltiger Hand gegen die Ziegel, daß es klang, als müſſe alles in Stücke gehen. Unordentliche Dachladen flogen klirrend auf und zu, der Regen ſauste über uns her und ſchien froh zu ſein, wenn er Geſchichten einer Wetterfahne. 411„ in den Dachrinnen ein Aſyl gefunden vor der tollen Wuth, mit dem ihn das heulende und kreiſchende Volk der Winde vom Himmel herab gejagt. Wenn es einen Augenblick Ruhe gab, ſo hörte ich den alten Schornſtein ſprechen und wehklagen, auch zu⸗ weilen philoſophiren und mit zitternder Stimme ſagen: Junge Schornſteine können einſtürzen, wenn es alſo beſchloſſen iſt dort oben, wo der Wind herkommt, und ſo unzweifelhaft es iſt, daß Kuhſchwänze wackeln und doch nicht abfallen, ebenſo wahr iſt es auch, daß wenn ein altes Gebäude, wie ich, erſt anfängt ſich hin und her zu bewegen, das Ende der Tage deſſelben nahe liegt.— O Gwigkeit, du———— den Donner hörte ich noch, aber ſonſt kein Wort mehr. Es praſſelte und krachte um mich her, als falle der Himmel über mir ein oder als ſtürze das Haus unter mir zuſammen. Ich war gelähmt, das fühlte ich; ich lag regungslos, bedeckt mit Kalk und Steinen; ich dachte an Eliſe und verlor die Beſinnung. Wie lange ich ſo gelegen, von Steinmaſſen bedeckt, rings um mich Finſterniß, weiß ich nicht genau anzugeben. Endlich aber fühlte ich, daß man mir Luft machte; ich ſah das Tages⸗ licht wieder, zuerſt durch eine kleine Spalte zu mir eindringen, dann mehr und mehr und war endlich von allem dem befreit, was auf mir gelegen. Doch fühlte ich zu meinem großen Schrecken, daß ich nicht mehr wie früher grade und ſtolz auf dem Dache ſtand, ſondern daß ich auf der Seite lag. Auch war ich ge⸗ lähmt. Von ſelbſtändigem Herumdrehen wie früher keine Spur mehr; ja als die Hand, die mich von dem befreit, was auf mir gelegen, verſuchte, mich gewaltſam umzudrehen, fühlte ich wohl, daß dies unmöglich war; ich war bewegungslos, ſteif an allen Gliedern.— Den hat es tüchtig mitgenommen, ſagte der Schloſſer⸗ 112 Geſchichten einer Wetterfahne. geſelle, nachdem er vergeblich verſucht, mich aufzurichten.— Laßt mich ſchweigen von der ſchmerzhaften Operation, als ich nun ge⸗ waltſam vom Dache losgeriſſen wurde; der Lehrjunge nahm mich auf die Schulter, um mich hinunterzutragen, und jetzt erſt war es mir vergönnt, einen Blick um mich her zu werfen. Mein Freund, der Schornſtein war verſchwunden, ſein zertrümmerter Leib lag rings auf dem Dache zerſtreut; die Deckplatte ſeines Kopfes hatte mich am ſchwerſten getroffen, ſie war es, die mich auf die Seite gedrückt hatte. So hatte er doch recht gehabt, der unglückliche Freund, mit ſeinen trübſeligen Phantaſieen. Von dem Augenblick an begann ich an Ahnungen zu glauben. Der Lehr⸗ junge brachte mich in die Werkſtatt und warf mich dort neben dem Schmiedeherd hin unter anderes altes Eiſen. Eine ſolch geringſchätzige Behandlung hatte ich nicht verdient. Aber was wollte ich machen! Ich mußte mich ruhig verhalten; und als ich ſo in dem ſchmutzigen Winkel lag, erging es mir, wie meinem unglücklichen Freunde auf dem Dache droben und ich vertiefte mich in allerlei traurige Betrachtungen. Wie, wenn man viel⸗ leicht finden würde, es ſei nicht mehr der Mühe werth, mich zu repariren! Wenn ich jetzt ſchon in meiner beſten Manneskraſt verurtheilt wäre, unter das alte Eiſen zu kommen! Nein, nein, ſo grauſam konnte das Geſchick unmöglich mit mir ſpielen! Es kam auch in der That anders und weit beſſer. Nachdem ich ein paar Stunden in der Kohlenaſche gelegen, kam der Meiſter in die Werkſtatt und fragte ſogleich nach mir. O ſeine Stimme durchſchauerte mich ſüß und wohlbekannt. Ja, er war es ſelber, der mich vor vielen Jahren angefertigt, mein Erzeuger, ich könnte eigentlich ſagen, mein Vater. Auch er ſchien ſich gern der Tage meiner Geburt zu erinnern, denn als er mich Geſchichten einer Wetterfahne. 113 nun in die Hand nahm, lächelte er freundlich in ſich hinein und murmelte etwas, was ich nicht recht verſtand. Es war mir aber, als ſagte er: es iſt doch gut, daß es ſo gekommen iſt! Dann ſchraubte er mich aufrecht in den Schraubſtock und beſah auf⸗ merkſam meinen Schaden. Kurze Zeit nachher öffnete ſich die Thüre der Werkſtatt, und ein junges, blühendes Weib trat herein mit einem dicken friſchen Kinde auf dem Arm.„Schau her,“ ſagte der Schloſſer, indem er die Frau herzlich an ſich zog,„als ich die Wetterfahne gemacht, da hatte ich ganz ſeltſame Reinen und Wünſche im Kopf, und ſo eben ſagte ich zu mir ſelber: iſt doch gut, daß es anders gekommen iſt.“ Das junge z legte ihren Arm auf ſeine Schulter und das Kind griff mit den Händchen nach ſeiner Arbeitsmütze und zog ſie ihm vom Kopfe. „Damals,“ fuhr der Schloſſer lachend fort,„war ich grauſam verliebt in die Friederike, die Tochter meines Meiſters, und ich glaubte auch ſchon, ſie möchte mich leiden; doch war das nur ſo gethan, ſie hatte andere Ideen in ihrem Kopfe, als nach einem rußigen Schloſſer. Nun, ich will ihr nichts Uebles nachſagen, hat ſie doch Unglück genug gehabt. Der Offizier ließ es ſich bei ihr gefallen, ſo lange es ihm gefiel; als er aber nach einem halben Jahr aus dem Hauſe weg blieb, da— ja da— machte das Rickele eine Reiſe zu einer Verwandten aufs Land. Und von dem Augenblicke an wollte in dem Hauſe nichts mehr ge⸗ deihen. Ich war ſchon längſt davon gezogen; die Meiſterin ſtarb, der Meiſter folgte ihr bald nach, und ſie— nun ſie hat am Ende freilich ihren Lieutenant geheirathet, nachdem er kein Lieute⸗ nant mehr war. Denn er hatte Schulden gemacht und wußte ſich anders nicht zu helfen, als daß er das ziemlich bedeutende Vermögen erheirathete, das mein ehemaliger Meiſter hinterlaſſen. Hackländer, Kr. u. Fr. II. 8 114 Geſchichten einer Wetterfahne. Es ſoll aber eine Ehe zum Erbarmen ſein.— Das iſt nun ein⸗ mal ſo der Lauf der Welt.— Mich aber freut's,“ fuhr der Schloſſer fort,„daß ich den Burſchen da wieder einmal unter meine Finger kriege, und ich will ihn auch in Erinnerung an die alte Zeit wieder ſo zuſammenflicken, daß er ausſehen ſoll wie neu.“— Wie dankte ich ihm innerlich für dieſe freundlichen Geſin⸗ nungen! Und er ließ ſie auch zur That werden; denn ſchon wenige Tage nachher betrachtete er genau die Schäden, die ich erlitten, nahm mich auseinander, hämmerte an mir herum, und das mit derſelben Ausdauer und Liebe, wie damals, wo er mich angefertigt. Als ich nun wieder vollkommen hergeſtellt war, be⸗ kam ich einen neuen ſauberen Anſtrich, und ohne daß man mich der Eitelkeit beſchuldigen darf, muß ich ſchon geſtehen, daß ich wieder eine der ſauberſten Wetterfahnen geworden war, die man weit und breit ſehen konnte. Beim geringſten Klaps, den mir der Meiſter gab, flog ich ſo behende herum, daß ich kaum ſtille ſtehen konnte, und da das ein großes Vergnügen des Bübchens der Meiſterin war, ſo wurde ich zum Spielzeug für daſſelbe er⸗ koren, wurde deßhalb nicht zu dem andern Eiſenwerk geworfen und blieb in der Ecke in einem Schraubſtock feſtgeſchraubt. Es war unterdeſſen Winter geworden, und der freundliche Meiſter ſagte:„ich kann mich gar nicht entſchließen, den armen Kerl bei dem Hundewetter auf das Dach zu ſetzen. Jetzt iſt es ja überhaupt gleichgültig, ob man ſieht, woher der Wind bläst; daß es regnet und ſchneit, merkt man ohnedies.“ Ich glaube, daß ich ſchon von dem Platz neben dem Herde geſprochen, wo das alte Eiſenwerk hingeworfen wurde, das man dem Schloſſer zur Aufbeſſerung brachte. Da war nun eine ganz Geſchichten einer Wetterfahne.. 115 artige Geſellſchaft bei einander, denn der Meiſter hatte eine große. Kundſchaft, und manche Stücke mußten oft lange warten, bis die Reihe an ſie kam, um ſie wiederherzuſtellen. Es war eigent⸗ lich nur das gröbere Volk, welches am Boden lag, als: lahm gewordene Feuerzangen, verdrehte Schlöſſer, Keſſel und Pfannen, an denen die Stiele wacklig geworden waren, Feuerſchaufeln, Bügeleiſen, verwaiste Schrauben, die ihre Mutter verloren hatten, oder unglückliche Schraubenmütter, deren Schrauben abhanden ge⸗ kommen waren, ferner Ketten, Riegel und zerbrochene Stangen. Die ſogenannte gute Geſellſchaft hielt ſich auf einem Brette auf, das neben dem Herd an der Wand befeſtigt war, als: feinere Schlüſſel, zierliche Schlöſſer, zerbrochene Lichtputzſcheeren und der⸗ gleichen Zeug mehr. In der Werkſtatt waren gewöhnlich neben dem Meiſter fünf bis ſechs Geſellen beſchäftigt, daher es uns denn, die wir zu⸗ ſchauen und zuhören durften, nie an Unterhaltung fehlte. Neben den luſtigen Liedern, die zum taktmäßigen Schlag der Hämmer geſungen wurden, und Erzählungen, die wir mit anhören durften, beſonders wenn der Meiſter nicht anweſend war, vernahmen wir auch viel Lehrreiches und Schönes von Unſeresgleichen, wenn das Eiſen unter der Hand des Geſellen von ſeinen vergangenen Tagen erzählte. Für dieſe war freilich der ſchrille Ton, der unter der ſcharfen Feile hervorklang, nur ein unangenehmes Ge⸗ kreiſch; ſie fanden keine Bedeutung in dem dröhnenden Schlag des Hammers auf dem Eiſen; wir aber, von gleicher Abſtam⸗ mung, verſtanden die Sprache Unſeresgleichen und erfuhren manches aus ihrem vergangenen Leben. Wenn ich nicht mit Leib und Seele Wetterfahne geweſen wäre, ſo muß ich ſchon geſtehen, daß ich während meines Aufenthalts in der Werkſtatt gar keine Sehn⸗ 116 Geſchichten einer Wetterfahne. ſucht nach meinem Dache gehabt hätte, namentlich bei der jetzigen Witterung, bei Regen, Schnee und von dem uns der Wind, wenn er heulend die Eſſe herabfuhr, zur Genüge erzählte. Meiſtens war aber der Wind verdrießlich und zankte viel mit den Kohlen und dem Feuer auf dem Herde; beſonders unangenehm aber war es ihm, wenn er in den Blasbalg geſperrt wurde und auf dieſe Art gebändigt das Feuer anfachen mußte. Da fuhr er zornig und pfeifend heraus, und der Lehrjunge erhielt von dem Altgeſellen manch unverdienten Puff, wobei ihm vorgeworfen wurde, er ziehe den Blasbalg ſo heftig, daß, ſtatt das Feuer anzufachen, die glühenden Kohlen überall in der Werkſtatt um⸗ herflogen. Ich aber, der die Sprache des Windes genau ſtudirt hatte, wußte wohl, daß er aus lauter Ingrimm ſo heftig von ſich blies; ich verſtand es wohl, wenn er unter Pfeifen und Toben ſprach:„iſt das auch ein Geſchäft für einen rechtſchaffenen Wind, deſſen natürliche Beſtimmung es iſt, frei über Berg und Thal zu fliegen, hier in das ſchmutzige Leder eingeſpannt zu ſein und auf die nichtsnutzigen kalten Kohlen blaſen zu müſſen, bis ſich das Lumpenzeug endlich einmal dazu bequemt, warm und glühend zu werden? Pfui! Sturm und Blitz! Das hätte ich all mein Lebtag nicht gedacht— ich, der Wind, das himmliſche Kind.“ Wenn er ſo brummte, wandte er ſich meiſtens an mich, denn wir beide waren ja alte Bekannte; wenn er mich auch droben auf dem Dach ſchlecht behandelt hatte, ſo war er doch auch wieder die Urſache mancher meiner ſtillen Freuden, wenn er mich ſanft herumdrehte und ſo viel Schönes ſehen ließ. „Dir iſt es hier auch langweilig in der rußigen Werkſtatt,“ ſauste er mir zu.„Na, ich hoffe, wir werden hier am längſten geweſen ſein, und wenn wir uns droben wiederfinden, ſo wollen Geſchichten einer Wetterfahne. 117 wir uns ſchon mit Muße unterhalten über die armſelige Gefangen⸗ ſchaft hier unten.“ So ſprach der Wind, und dazu ſeufzte und klirrte das alte Eiſen im Winkel gar wehmüthig. Hatten wir doch Hoffnung, wieder zu unſerer Freiheit zu gelangen; dieſes aber harrte bebend auf den Urtheilsſpruch des Meiſters, ob es zu einer nochmaligen Reparatur würdig befunden würde. Im andern Falle kam es in den Sack und mußte von da in die Gießerei— ein ſchreckliches Loos! Wenn es, wie ich ſchon bemerkt, an gewöhnlichen Werk⸗ tagen hier unten nicht ſo unangenehm war und man viel Schönes und Lehrreiches hören konnte, ſo waren doch unſere vergnügteſten Stunden an Feier⸗ und Sonntagen, wenn die Werkſtatt geſchloſſen war und wenn in tiefer Feierſtiulle Hammer und Feile ruhte. Dazu klangen draußen meine Freunde, die Kirchenglocken, und erregten in mir mitunter ein wehmüthiges Gefühl nach meinem ſchönen freien Dache. Zuweilen drang auch ein blendender Sonnen⸗ ſtrahl in die Werkſtatt und gab dem umherfliegenden Staube, einem leichtſinnigen Volk, Veranlaſſung, auf demſelben ſeine luſtigen Tänze aufzuführen. In ſolchen Stunden ſtieß der Wind durch den Blaßbalg einen tiefen Seufzer aus und ſagte:„Gott⸗ lob! jetzt endlich doch einmal ein wenig Ruhe; jetzt endlich einmal ein Augenblick, wo auch wir uns unſeres Lebens freuen können.— Ah, wie das wohl thut, nicht mehr geknechtet zu ſein von einem ſchmierigen Lehrjungen, der noch lange Zeit braucht, bis er trocken hinter den Ohren wird.“ Wenn ſo der Wind geſprochen, dann ſchnarrte, klang, ſchliff und ſchetterte es rings umher in allen Winkeln; ſelbſt unſere Feinde, Ambos, Hammer und Feilen, gaben alsdann, ſich der gemeinſchaftlichen Abſtammung erinnernd, einen klingenden Ton 4 Geſchichten einer Wetterfahne. von ſich. Das alte Eiſen im Winkel und die gute Geſellſchaft auf dem Brette machten aber alsdann einen ſolchen Spektakel und das ſprach und klang durch einander, daß es mich oftmals wunderte, wie der Meiſter den Lärm nicht höre und nachzuſehen käme, was denn eigentlich in der Werkſtatt los ſei. Wenn ſie es aber mit ihrem Geſchrei und Geſchnatter gar zu arg trieben, ſo blies der Wind die Backen des Blasbalges auf und dann wurden ſie abgekanzelt, daß es eine Freude war.„Iſt das auch eine Manier,“ rief er aus,„ſo einen heilloſen Lärmen zu ver⸗ führen und durcheinander zu ſchreien, als wenn wir ein Haufen alter kaffeetrinkender Weiber wären! Schämt euch, ſo über die kleinen Leiden eures erbärmlichen Lebens zu klagen, wenn auch mancher von euch glaubt, ſeine Beſtimmung verfehlt zu haben! Freut euch über das, was ihr geworden ſeid; es kann nicht alles zu einem ſchönen Schloß oder kunſtvollen Schlüſſel verarbeitet werden, es muß auch Haken und Riegel geben. Wohl weiß man, daß ein Bügeleiſen für etwas ganz abſonderlich Vornehmes an⸗ geſehen wird, und daß manche ſeufzen und klagen: ach, wenn ich doch ein Bügeleiſen geworden wäre! Aber ſeht, was können die machen ohne Feuerſchaufel und Schüreiſen. Sturm und Blitz! Jeder ſei mit ſeinem Loos zufrieden, und wenn mancher auch ein paar Schläge des Hammers und ein paar Riſſe mit der Feile mehr erhält als der Andere, das geht auch vorüber. Und wer was Rechtes werden will, der muß auch Plackereien und Leiden durchmachen; das ſtählt die Nerven, und ungeſtählt ſeid ihr doch faſt alle nichts werth.“ Wenn es ſo aus dem alten Blasbalg ſprach, dann ver⸗ ſtummte der Lärm und das Geſumme nach und nach, und höchſtens waren es ein paar Schlüſſel oder irgend ein zierliches Geſchichten einer Wetterfahne. 119 Schloß, das auf⸗ und zuſchnappend ſagte:„jeder denkt und fühlt nach ſeiner Conſtitution; ſo ein Wind nimmt freilich alles leicht.“ „Ja, ſo ein Wind,“ verſetzte es darauf ingrimmig aus dem Blasbalg,„hat mehr Urſache zum Klagen als ihr. Ihr dreht euch in eurem engen Wirkungskreiſe herum. Was hat ſo ein Schlüſſel zu thun? Aus der Taſche in das Schlüſſelloch, das iſt alles. Ich aber, ein Kind der Freiheit, der wilde, ſchrankenloſe Sohn der Wüſte und des Meeres, ich fühle mich doppelt elend, wenn man mich eingefangen hat und dienſtbar macht.“ Den Ausfall des Windes auf die Schlüſſel mochte einer derſelben, ein langes, ſchmales Geſchöpf, mit krauſem Barte, übel genommen haben, denn er entgegnete:„Jeder ſieht die Sachen an, wie er ſie verſteht. Wer wie Unſereins Stunden und Tage lang in einem Schlüſſelloch ſteckt, der ſieht Manches, von dem Curesgleichen, wenn er auch noch ſo toll um's Haus herum tobt und überall eindringen will, keine Ahnung hat.“ Es that den Schlöſſern und Schlüſſeln außerordentlich wohl, daß einer Ihresgleichen ſie ſo warm vertheidigte, und ſie ſchnarr⸗ ten vergnügt durch einander und meinten, ja, wer wie ſie durch alle Schlüſſellöcher ſchauen könne, der mache die intereſſanteſten Erfahrungen. Gegen dieſe Anſicht opponirte übrigens eine ganze Menge anderer Dinge.„Was wollt ihr Schlüſſel, wenn ihr auch hie und da etwas erlauſcht?“ meinten ein paar alte ehrwürdige Bügeleiſen.„Hie und da mag euch freilich etwas nicht ganz Unintereſſantes vorkommen, aber ſeid einmal an unſerer Stelle, fahrt einmal geſchäftig hin und her in der Hand geſchwätziger Büglerinnen, auf der verſchiedenartigſten Wäſche herum, die uns von ihren Schickſalen erzählt, da hättet ihr das Recht mitzuſprechen. Geſchichten einer Wetterfahne. Wir ſagen euch, wir erfahren in einem Morgen mehr als ihr im ganzen Jahre.“ „Ja, ja, die Schlüſſel,“ knurrte eine alte Feuerſchaufel, „wollen immer was Appartes haben; ſie meinen, weil man ſie ſo ſorgfältig aufhebt, ſeien ſie was Rechtes. Und doch gehören ſie zur äußern Dienerſchaft und dürfen kaum die Naſe in's Zimmer hineinſtrecken. Allen Reſpekt vor den Bügeleiſen und den Büg⸗ lerinnen; aber ich kann mir nun einmal nicht helfen, beide gehören nicht zur Familie und arbeiten doch nur im Taglohn. Wir da⸗ gegen ſitzen beſtändig im beſten Winkel des Zimmers, am warmen Ofen; wir, die Feuerſchaufeln, werden freundlich in die Hand genommen, und während wir unſern Dienſt thun, hören wir von manch angenehmer Begebenheit.“ Als die Feuerſchaufel ſo ſprach, ſah ich, wie ein Schlüſſel der guten Geſellſchaft vom Brette herab auffallend nach ihr ſchielte und bei ihren Reden recht verdrießlich, ja zornig dreinſchaute. „Du haſt wohl recht, dich zu überheben,“ ſprach eben dieſer Schlüſſel nach einer kleinen Pauſe;„biſt du nicht aus einer blauen Stube mit rothen Vorhängen? Warſt du nicht bei einem weißen Kamin angeſtellt, auf dem eine Uhr von Bronze ſtand, welche einen Wagen vorſtellte, auf dem die Göttin Venus ſaß und von ihren Tauben gezogen wurde? Ja, ich kenne dich, du biſt es. Du brauchteſt wahrhaftig kein ſo großes Maul zu haben.“ Die Feuerſchaufel ſchien durch dieſe Anrede einigermaßen verwirrt zu ſein, doch faßte ſie ſich; als ſie aber ſprach, geſchah es nicht mehr mit der gleichen Sicherheit, wie früher.„Allerdings,“ ſagte ſie,„bin ich die, welche du meinſt, und weiß auch, worauf du anſpielſtõ. Doch gehört das eigentlich gar nicht daher. Unglück kann ein jedes haben.“—„Das iſt wahr,“ miſchte ſich der Blas⸗ der das Recht hat, ſie zu überraſchen. Geſchichten einer Wetterfahne. 121 balg in's Geſpräch.„Aber wenn dein Unglück intereſſant iſt, ſo würde es uns nicht unlieb ſein, etwas davon zu erfahren.“ „Ja, ein Unglück,“ pfiff es aus dem Schlüſſel recht giftig. „Das iſt aber kaum ein Unglück zu nennen; wenigſtens war die ſchartige Feuerſchaufel mit ſchuldig an der ſchlimmen That. War⸗ um ſtand ſie gerade ſo herausfordernd an der Kaminecke, als er — nun, mich geht die Geſchichte nichts an und ich will deßhalb nicht vorgreifen.“—„Wenn man mich Mitſchuldige nennt,“ ver⸗ ſetzte die Feuerſchaufel in weinerlichem Tone,„ſo kann ich dich ebenſo heißen. Hätteſt du beim Aufſperren des Schloſſes ein rechtes Geräuſch gemacht, wie es ſich für einen Schlüſſel geziemt, der kein heimtückiſcher Schleicher iſt, ſo wäre all das Unglück nicht geſchehen.“ Ich weiß nicht, als die Feuerſchaufel ſo ſprach, durchzuckte es mich ganz ſeltſam. Dieſe ſcharfe, ſchrillende Stimme hatte ich ſchon gehört, hatte ich oftmals gehört, und wenn ich darüber nachdachte, flog eine ganze Reihe meiſtens betrübter Tage und Nächte, mich an die traurigſte Zeit meines Lebens erinnernd, bei mir vorüber. Sollte ſie es ſein?— O dieſes Wiederfinden wäre gar zu ſchrecklich geweſen. „Ich habe meinem Herrn treu gedient,“ ſagte hochmüthig der Schlüſſel.„Und wenn ich auch ſelbſt in Schaden kam, ſo freut es mich doch, daß ich das Schloß ſo behutſam öffnete, daß von den Beiden im Zimmer keines etwas davon vernahm.“ „Aha!“ ſprach der alte Blasbalg,„das iſt eine von den alten Geſchichten, wie ſie häufig genug vorkommen und wie ich ſie erlebt habe unter allen Himmelsſtrichen. Zwei, die rechtmäßig nicht zuſammen gehören, werden von einem Dritten überraſcht, Ich gebe ſchon zu, daß Geſchichten einer Wetterfahne. der Schlüſſel hätte ein Bischen knarren können, aber wenn er darauf pocht, ſeine Schuldigkeit gethan zu haben, ſo kann man der Feuerſchaufel ebenfalls ſagen, daß ſie bei dem Unglück ein unſchuldiges Werkzeug war.“—„O ja, ein ſehr unſchuldiges,“ ſeufzte die alſo in Schutz Genommene.„Werde ich doch alle Tage meines Lebens nicht mehr froh werden, wenn ich daran denke.“ „Blut klebt an ihr, Blut,“ ſprach triumphirend der Schlüſſel, und als er das geſagt, ſchauderten ſämmtliche Bügeleiſen, die feinen Schlöſſer und Lichtputzſcheeren klirrten ordentlich ängſtlich zuſammen, und nur ein paar alte roſtige Ketten im Winkel, ſowie die zerbrochene Klinge eines langen und ſcharfen Meſſers brummten mit leiſer Stimme:„Nun, ſo ein bischen Menſchen⸗ blut, was iſt das weiter! Nicht der Rede werth.“ Die Feuerſchaufel ſchien übrigens tief gebeugt von dem Aus⸗ druck des Abſcheus, der ſich von vielen Seiten kundgab, und ſie ſagte kläglich:„Ja, entſetzt euch nur über das, was mir begegnet; vielen von euch hätte es grade ſo gehen können, und wer wie ich zum Unglück geboren iſt, den trifft nichts als Jammer und Herzeleid auf dieſer ſchlimmen Welt. Jetzt bin ich freilich eine elende, ſchartige, kompromittirte Feuerſchaufel. O du lieber Himmel! Und ich war doch in meiner Jugend zu etwas Beſſerem aus⸗ erſehen.“— Jedes Wort traf mich wie das größte Hagelkorn. „Damals achtete ich,“ fuhr die Feuerſchaufel fort,„meine ausgezeichnete Stellung für gering. Ich war, obgleich hochgeſtellt über euch alle, mit meinem Geſchicke nicht zufrieden; ich murrte gegen die Vorſehung; ich verbitterte unrechtmäßiger Weiſe das Leben dem, der mir von einem gütigen Schickſal zum Gefährten gegeben war.— O mein Edmund! ich begriff nicht, daß ich vor Tauſenden gewürdigt und auserleſen war; ich war undankbar, ich Geſchichten einer Wetterfahne. 123 war eine ſchlechte Gattin. Aber wenn auch hart, ſo traf mich doch gerecht das Verhängniß. Ich ſank herab immer tiefer und tiefer, ich wurde, was ich damals in meiner Verblendung wünſchte zu werden und was ich jetzt zu meinem Unglück geworden bin,— eine jammervolle, blutbefleckte Feuerſchaufel.“ Jetzt konnte ich mich nicht länger halten. Ja, ſie war es. Vergeſſen hatte ich die trüben Stunden, die ſie mir bereitet, und ich dachte nur noch jener ſeligen erſten Augenblicke, wo ſie ſich neben mir drehte im hellen Sonnenlichte, in friſchen Farben, glän⸗ zend vergoldet.— Das alſo iſt das Loos einer Wetterfahne auf Erden? Ich ſchauderte. Konnte es ihr ein Troſt ſein, mich nach Jahren ſo im neu aufgefriſchten Jugendglanze wieder zu ſehen? — Warum nicht. Wenn es auch etwas Herbes für ſie hatte, ſo ſteltte ich mich doch, indem ich mich zu erkennen gab, als ihr natürlicher Beſchützer gegen die hochmüthigen Schlöſſer und Schlüſſel dar, die immer noch Luſt zu haben ſchienen, mit ſcharfen Reden. über das tief gebeugte Weib herzufallen. Dieſer Gedanke ſiegte und ich rief ſo ſanft, wie es mir möglich war:„Sieh mich an, Eliſe, meine unglückliche verlorene Gattin; ich bin es, dein Edmund.“ Dies gab ein allgemeines Aufſehen in der Werkſtatt. Die Schlöſſer und Schlüſſel klangen erſtaunt durch einander, die Bügel⸗ eiſen rappelten ihre Verwunderung aus über dieſes unerhörte Er⸗ eigniß, und der Wind aus dem Blasbalg ſauste:„Es iſt ſo, ich kann es bezeugen. Schmerzlich berührt mich dies traurige Wiederſehen; denn ich war es, der in jener Nacht den Steinkranz vom Kamin herabwarf. Vergebt mir, meine Freunde.“ Dies alles war zuviel für das erſchütterte, ſchartige und halbverbrannte Gemüth der unglücklichen Frau. Sie blickte mich einen Augenblick wie zweifelnd an, ſie rief ſchmerzlich:„Ja, du öͤͤͤöͤöͤͤͤ Geſchichten einer Wetterfahne. biſt es, mein Edmund!“ und darauf ſank ſie ohnmächtig in die geöffneten Arme eines defekten Feuerbockes, der glücklicher Weiſe neben ihr ſtand. Ich glaube faſt, es war Zartgefühl von dem alten Blasbalg, daß er, während er die Ohnmacht der unglücklichen Eliſe, ſowie meine Verwirrung und daß uns dabei das ſchadenfrohe Gezeug der Schlöſſer, Schlüſſel und Bügeleiſen recht hämiſch und erwar⸗ tungsvoll anblickte, kaum zu bemerken ſchien, ſich gewaltig auf⸗ blies und durch das Gemach pruſtete, als wollte er ein unge⸗ heures Schmiedfeuer anfachen, wobei er ſagte:„Unglück kann Jedermann haben, und daß die jetzige Ofenſchaufel, geweſene Frau Wetterfahne, geborene Eiſenblech, nicht nur aus einer ſehr guten Familie ſtammt, ſondern auch früher eine der höchſten Stellungen im Leben einnahm, kann ich mit vollem Recht bezeugen. Alſo zieht mir weiter keine Geſichter über die erbärmliche Geſchichte, auf welche der boshafte Schlüſſel angeſvielt. Hat der andere ſei⸗ nen Schlag weg, ſo hat er ihn wahrſcheinlich verdient und damit Baſta. Was nun meinen Freund Wetterfahne anbelangt, ſo kenn ich den noch genauer, ich weiß, daß er ein Ehrenmann iſt, der ſo viel Charakter und Fonds beſitzt, daß man aus ihm ein Dutzend Schlöſſer, unzählige Schlüſſel und auch noch zur Noth ein paar klappernde Bügeleiſen herſtellen könnte. Alſo haltet Frieden. Es iſt wohl der Mühe werth, den Menſchen nachzuahmen und die koſtbarſten Stunden, die wir haben, mit Gezänk hinzu⸗ bringen. Potz Ambos und Hammer! Wer aber was Geſcheidt's vorbringen kann, der ſoll reden, d. h. nach mir; denn zuerſt gebe ich in meiner Eigenſchaft als Präſident mir ſelbſt, als dem Mäch⸗ tigſten und Geſcheidteſten, das Wort.— Verſtanden?“ Es ſchien mir in der That, als ob alle die Worte des Windes verſtanden Geſchichten einer Wetterfahne. 125 hätten.„So iſt's recht,“ klirrte und klang es durch einander, „Ordnung muß ſein, und wenn der Wind geſprochen hat, ſo komm ich an die Reihe.— Oder ich.— Oder ich.— Oder ich.“ Die einzige Oppoſition wagte eine alte, verdächtig aus⸗ ſehende, roſtige Kette, die im Winkel lag und murrte:„Es wäre doch ſchön geweſen, wenn wir erfahren hätten, wem die Ofen⸗ ſchaufel eigentlich den Kopf eingeſchlagen. Solche Geſchichten ſind meine Paſſion und die höre ich für mein Leben gern.“— „Schweig!“ ziſchte der Blasbalg zur Antwort herunter.„Ich kenne dich, Spiegelberg! Daß du an Blut und Unthat Vergnügen haſt, finde ich begreiflich; und wer da weiß, daß du faſt dein ganzes Leben am Galgen zugebracht, wird dir das auch nicht übel nehmen.“ „O du Himmel!“ kreiſchte eine feine Stimme aus derſelben Ecke, wo die Kette lag,„muß ich das erleben, muß ich aus der feinſten Geſellſchaft, in welcher ich mich bisher bewegte, aus einer Stellung hinweg, in der ich von den ſchönſten Cavalieren benei⸗ det war, in ſolch rohe, blutdürſtige Geſellſchaft kommen!“— „Was pipt denn da unten?“ fragte der Wind faſt ärgerlich. „Was iſt das, was da ſchreit?“—„Wer ich bin?“ entgegnete die Stimme von vorhin.„O, ich bin zum Unglück geboren. Fluch der Stunde, wo mein kleiner Hacken zerbrach.“ „„Die hat wohl Urſache, ſo viel Lärm zu machen,“ ſagte ein ſtämmiges und ſehr ehrbares Bügeleiſen;„es iſt nur eine zerbrochene Strumpfbandſchnalle.“—„Und will da von ſchlechter Geſellſchaft reden!“ murrte die Kette. Die iſt auch wohl in keiner feinen Umgebung geweſen. Seh' Einer an das Ding da. Was ich war, läugne ich freilich nicht, und wenn ich auch am Galgen hing und bei Hinrichtungen diente, ſo habe ich doch die 126 Geſchichten einer Wetterfahne. gleiche Ehre davon, wie der Richter mit ſeinen zwölf Geſchwo⸗ renen. Wenn ich ſpäter das Wort erhalte, werde ich im Stande ſein, ganz moraliſche Dinge zu erzählen.— Aber du—.“— „Ich habe die gleichen Rechte in dieſer reſpektabeln Geſellſchaft,“ meinte die Strumpfbandſchnalle,„und—.“ „Ruhig, ruhig!“ rief es aus dem Blasbalg, als der Wind bemerkte, daß mehrere tugendhafte Lichtputzſcheeren vor Entrüſtung zitterten.„Ich werde mir ſchon erlauben, eine gehörige Cenſur zu üben. Freilich kann ich auch dem Geringſten unter uns das Wort nicht verbieten; doch wie geſagt, Anſtand vor Allem.“ „Daß ich den nie verletzen werde,“ ſprach entrüſtet die Schnalle,„weiß grade unſer würdiger Präſident am beſten. Wenn ich ſein Gedächtniß auffriſche, ſo wird er ſich erinnern, daß wir alte Bekannte ſind.“—„Oh, oh!“ machte der Wind einiger⸗ maßen verwirrt.„Das iſt ganz möglich, aber mir nicht ganz erinnerlich. Ich treibe mich bald hier, bald da herum und—.“ —„Ja, es war in dieſem Frühjahr; wir ruhten auf einer Gartenbank, da kam er grade von Süden—.“ Ich glaube, der Wind wußte es mir Dank, daß ich das Geſchwätz des unnützen Dinges unterbrach, und da eine Hand die andere wäſcht, ſo fand ich mich vollkommen befugt, auszu⸗ rufen:„Auf dieſe Art werden wir wahrhaftig gar nichts erfahren. Ich beantrage, daß unſer verehrungswürdiger Präſident nicht fer⸗ ner unterbrochen werde. Die Zeit verrinnt, und ich muß geſtehen, daß ich auf das, was er uns vortragen wird, außerordentlich geſpannt bin.“ „Wir auch! wir auch!“ tänte es ringsum, worauf der Wind behaglich herüber blies. Mir war dies kleine Intermezzo außerordentlich angenehm Geſchichten einer Wetterfahne. 127 geweſen. Eliſe hatte ſich erholt und ſchaute ſchüchtern zu mir herüber; es mußten ſehr traurige Gedanken ſein, welche die arme Frau bewegten. Das, worauf ſie damals gehofft, hatte ſie frei⸗ lich erreicht; ſie war eine Ofenſchaufel geworden, hatte aber nicht gedacht, daß eine Ofenſchaufel in dieſem miſerablen Leben eben⸗ falls mit Leiden zu kämpfen habe. „Wer ich bin,“ ſagte der Wind,„das weiß ich eigentlich ſelbſt nicht ganz genau. Die Erklärung ganz alter Leute, die ſchon tauſend Jahre todt ſind, in deren Jugend ich aber ſchon luſtig über Wald und Flur ſtrich, daß wir Winde für uns ein reſpektables Departement bildeten, welches, um nach jetzigen Be⸗ griffen zu reden, unter einem Miniſter ſtand, der Aeolos hieße, iſt im Vertrauen geſagt, vollkommen falſch. Doch will ich meinem Freunde Homer, der uns in einer Stadt mit ehernen Mauern eingeſchloſſen ſein ließ, nicht wehe thun und dies nicht öffentlich erklären. Unter uns habe ich ſchon ein Recht, von meinem Alter zu ſprechen, und kann euch die Verſicherung geben, daß ich ſchon über den Erdball dahin ſtrich, als derſelbe noch aus unergründlichen Sümpfen beſtand, noch wüſte und leer war und von einer höchſt unangenehmen Finſterniß umgeben. Ich könnte dem Menſchengeſchlecht über jene Zeit viel Schönes und Wahres erzählen, doch hat mich daſſelbe von jeher zu ſchlecht behandelt, um ihm etwas Gutes zu erzeigen. Nicht genug, daß mich die Menſchen knechten, wo ſie können, daß ich jetzt ein Schiff fortbewegen muß, dann eine langweilige Mühle treiben, ihnen ſogar das Feuer anfachen, ſo haben ſie auch verſchiedene ehrenrührige Benennungen mit mir in Verbindung gebracht, die mich ausnehmend ärgern. Das iſt in den Wind geſprochen, ſagen ſie von einer Ermahnung, die nicht beachtet wird, oder: 128 Geſchichten einer Wetterfahne. man weiß wohl, wo der Wind herbläst, wenn jemand was Zwei⸗ deutiges thut; das iſt Wind, heißt es, wenn jemand unglaubliche Reden führt, und von einem Kerl, der alles Glaubens bar iſt, der aufſchneidet, prahlt und in den Tag hinein lügt, ſagen ſie, es ſei ein Windbeutel. So was läßt man ſich nicht gern ge⸗ fallen, und deßhalb hüte ich mich auch wohl, ihnen manches zu ſagen, was ich genau weiß, und worüber ſie vergeblich ihr ganzes Leben nachgrübeln. Auch kann ich es nicht leiden, daß die ſ. g. Gelehrten ſich herausnehmen, mich erklären zu wollen, und ſo von oben herunter ſprechen: eine fortſchreitende Bewegung der Luft, die durch Aufhebung des Gleichgewichts der Atmoſphäre entſteht, nennt man Wind. Etwas manierlicher ging man aller⸗ dings mit mir vor hundert Jahren um, wo die alten Leute von mir ſagten: der Wind, der Wind, das himmliſche Kind. Da haben ſie in ihrer Einfalt das Richtige getroffen, und ich bin nicht nur des Himmels Kind, ſondern ich bin ſogar des Himmels erſtgeborner Sohn, der Kronprinz des Himmels, und habe auch die gegründetſte Hoffnung, noch einmal an die Regierung zu kommen. Das kann aber ziemlich lange dauern, und ich will es in Geduld abwarten. Den Staatsſtreichen bin ich abgeneigt, und wenn ich mich auch zuweilen toll und wild in der Welt herumtreibe, ſo habe ich es doch nie über mich gewinnen können, dem, was einmal von oben herab beſtimmt war, entgegen zu wirken, obgleich es mir z. B. damals ein Leichtes geweſen wäre, den Vater Noah ſo unſanft auf dem Berge Ararat abzuſetzen, daß weder er, noch ſeine Sippſchaft, noch irgend eines ſeiner paarweiſe eingeſtellten Thiere mit dem Leben davon gekommen wäre. Was würde alsdann aus der Erde geworden ſein?— Wir wollen nicht darüber reden. Daß dann aber weder Schlöſſer, Geſchichten einer Wetterfahne. 129 noch Schlüſſel, Bügeleiſen und Lichtputzſcheeren entſtanden wären, glaube ich mit einigem Grund annehmen zu können, und wenn wir dieſe Betrachtung weiter verfolgen, ſo bin ich eigentlich daran ſchuld, daß ihr alle entſtanden ſeid.“ Wenn auch etwas Wahres an dem war, was der Wind ſagte, ſo muß ich doch geſtehen, daß er ſehr ruhmredig von ſich ſelbſt und mit ſehr wenig Rückſicht auf unſer Daſein ſprach. Aber ich war ihm Dank ſchuldig, weßhalb ich ein leichtes Kopf⸗ ſchütteln unterließ, welches mich anwandelte, als er ſo mit auf⸗ geblähten Backen über uns hinblies. „Ich bin eigentlich ein verfluchter Kerl,“ fuhr der Wind fort,„der alte Ueberall und Nirgends. Was ſind die Menſchen mit ihren Eiſenbahnen und Telegraphen gegen mich? Das kriecht am Boden hin, auf den eiſernen Schienen oder am dünnen Drath, hat keine Freiheit, keinen eigenen Willen; und wenn es einmal ſo einer gequälten Lokomotive einfällt, ein bischen quer⸗ feldein zu rennen, ſo gibt es ein Lamentiren, das nicht zum Ertragen iſt. Mir aber iſt keine Bahn vorgezeichnet; der ganze Erdball iſt wie zu meinem Vergnügen erſchaffen. Wandelt mich die Luſt an, etwas Kühlung zu genießen, ſo wende ich mich nach den Polen, umkreiſe einen treibenden Eisberg und ſehe dem harmloſen Spiel der niedlichen weißen Bären zu. Gelüſtet es mich einmal nach einer außerordentlichen Hitze, ſo bin ich im Nu unter dem Aequator, laſſe mich da braten und ſchaukle mich in den Segeln eines vorüberziehenden Schiffes oder ſpiele mit dem Sand der Wüſte, der ein artiger Geſelle iſt und ſich recht gern das gelbe Fell von mir kräuſeln läßt. Das ſind meine große Affairen. Will ich mich einmal ländlich und harmlos amuſiren, ſo ziehe ich die gemäßigte Zone vor, ſchwebe tändelnd Hackländer, Kr. u. Fr. II. 9„4½ 130 Geſchichten einer Wetterfahne. über Berg und Thal, ſtreiche über das erfriſchende Waſſer und ſchwinge mich hoch durch die Gipfel wohlriechender Tannen. Und was die Menſchen anbelangt, wer kann ſich meinem Spiel ent⸗ ziehen? So ſanftmüthig ich ſein kann, ſo nehme ich es doch ge⸗ waltig übel, wenn ſie mir Fenſter und Thüren vor der Naſe zuſchließen und rüttle daran in meinem Unmuth ſo lange, bis ſie erſchreckt von meinem Muth ausrufen: wie iſt heute der Wind ſo toll! welch ſchrecklicher Wind! Das höre ich draußen mit wahrem Vergnügen und fahre alsdann heulend um die Schorn⸗ ſteine herum und klappere zu meinem Vergnügen mit den Dach⸗ ziegeln. Sind aber die Menſchen manierlich, ſo bin ich es als höflicher Mann ebenfalls. Wer kann auch widerſtehen, wenn ein lieblicher Mund mit friſchen Lippen ſagt: ach, der ſüße Wind, welch herrlicher kühlender Hauch! Das bezwingt mich, und da kann es leicht vorkommen, daß ich mich unter Roſengebüſchen hinwegſchleiche und mit einem Anſtrich von Verliebtheit einen glänzenden weißen Nacken küſſe. Auch ſchaukle ich mich in ſolchen Stunden gern um Gartenbänke herum und lüpfe leicht eine ſchwarze Haarlocke oder——.“ „O du mein Gott!“ ſeufzte die Strumpfbandſchnalle. Und wer weiß, was ſie noch in dieſem Augenblicke hinzugeſetzt hätte, wenn nicht die Thür der Werkſtätte knarrend geöffnet worden wäre. Der Altgeſelle trat herein; er hatte ſeine hornene Schnupf⸗ tabaksdoſe neben dem Schraubſtock liegen laſſen. Nachdem er ſie gefunden und ſich zu einer Priſe verholfen, blickte er um ſich her und ſagte:„Vor der Thüre habe ich es gehört, wie der Wind durch den Blasbalg hereinfuhr. Wir wollen doch ver⸗ hüten, daß Staub und Aſche herumfliegt.“ Damit drehte er ein Stück Papier zuſammen und ſtopfte es in die Röhre des Blasbalgs. Geſchichten einer Wetterfahne. 131 Die Lichtputzſcheeren klangen leiſe, als er zur Thür hinaus⸗ gegangen war, die Strumpfbandſchnalle ließ einen Seufzer der Befriedigung hören, und das ſtämmige, ſehr ehrbare Bügeleiſen ſagte wackelnd:„Das ſind keine Geſchichten für Unſereinen.“ „Gute Nacht, Eliſe.——„Bis Morgen, mein Edmund!“ ——„Selbſt im Traume umſchwebt mich dein Bild.“—— Ber abgeriſſene Knopf und das erſte Auartier. Es ſaßen drei alte Soldaten bei einem Glaſe Wein, ein Huſar, ein Infanteriſt und ein Artilleriſt. Doch iſt dieſer Satz nicht ganz wörtlich zu nehmen, denn der Huſar war ein General der Cavallerie, der zuletzt bei den Huſaren gedient, der Infmr teriſt hatte als Oberſt ein Regiment braver Musketiere comman⸗ dirt, und nur der Artilleriſt war im Wachsthum etwas zurück⸗ geblieben, wie ſeine Kameraden zu ſagen pflegten, und man hätte ihn ſo gut wie jenen Andern den ewigen Lieutenant nennen können, denn nachdem er treu und redlich gedient, nicht bis an ſein kühles Grab, wohl aber beinahe vierzig Jahre, da dad er auf und ließ ſich penſioniren. Er hatte etwas weniges Ver⸗ mögen und lebte nun viel behaglicher als damals, wo er auf der Straße ſpazieren gehend in einer Stunde fünfzigmal an ſem Dienſtmütze hinauflangen mußte. Das Glas Wein aber, bei dem die Drei ſaßen, war eine dickbauchige Bowle Maitrank, duftende Kräuter, wohl verzuckert. Und den Maitrank ſchlürften ſie auf der Terraſſe des Ma Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. 133 bildchens in Deutz, vis-à-vis zu Köln am Rhein, von wo man ſo behaglich niederſieht auf den majeſtätiſch dahinfließenden Strom, auf die alte heilige Stadt ſelber und auf den ehrwürdigen Dom, bei dem jetzt nach und nach die große Wunde zuheilt, die man ſo lange, lange zwiſchen Thurm und Chor ſah. „Ja,“ ſagte der Oberſt, indem, er ſeinen Lieblingsmarſch auf dem Tiſche trommelte und aus ſeiner Meerſchaumpfeife ein paar tüchtige Züge that,„ſo viel auch hier herumgebaut und rumort worden iſt, das alte gute Geſicht unſerer lieben Stadt iſt nicht zu entſtellen. Sie können hier die Phyſiognomie nicht verwiſchen, und ſo oft ich über die lange Rheinbrücke nach Haus ſpaziere, iſt es mir gerade wie dazumal— es ſind ſchon viele Jahre— als ich mit dem blauen Kittel deſſelben Weges zog und zum erſten Mal mit weit aufgeriſſenem Maule den rieſenhaften Dom vor mir liegen ſah.“ „Erlauben Sie, Herr Oberſt,“ bemerkte der ehemalige Lieute⸗ nant,„da kommen Ihrem Gedächtniß auch noch andere Dinge zu Hülfe: das Gehör und vor allen Dingen der Geruch.“ „So iſt's!“ rief der General;„der Kamerad von der Ar⸗ tillerie hat Recht, hol' mich der Teufel! Gehör und Geruch, das iſt die Hauptſache. Das weckt auf eine fabelhafte Art die Erinne⸗ rung alter Tage in uns auf, namentlich der Geruch.“ „Gewiß, lieber Herr Oberſt, das iſt nicht zu läugnen,“ meinte der Artilleriſt.„Betritt man die Rheinbrücke, ſo iſt Ge⸗ hör und Geruch immer auf die gleiche Art beſchäftigt. Das ewig gleichförmige Knarren der Bretter, das Aechzen der Planken, das Klirren der Ketten bei jedem Fußtritt, und dann vor allen Dingen der Theergeruch. So was vergißt ſich nie und führt uns * 134 Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. lebhaft den erſten Augenblick, wo ſich das uns bemerklich machte, wieder vor die Phantaſie.“ „Ja, ja, der Geruch, das will ich zugeben,“ meinte nach⸗ denklich der Oberſt,„darin könnt ihr Beide Recht haben. Geht es mir doch auch ſo. Wenn ich zum Beiſpiel irgendwo friſches Heu rieche, ſo denke ich doch urplötzlich immer wieder an einen gewiſſen Tag in meiner Jugend, wo ich mit einer Menge anderer Buben und Mädchen von einem großen Heuhaufen herabkugelte. Und habe doch während der Zeit ſchon mancherlei anderes Heu zu riechen bekommen.“ Der Lieutenant hatte ſein Glas an den Mund geſetzt und 4 langſam ſchlürfend einen Zug gethan.„Ja, der Geruch,“ ſprach er faſt wehmüthig,„der kann einen ſo lebhaft in eine gewiſſe Situation zurückverſetzen, daß Einem ordentlich das Herz ſchwer wird.“ „Und bei welchem Geruch ergeht es Euch ſo?“ fragte ironiſch lächelnd der General. „O— mit,“ erwiederte ausweichend der Andere,„ich ſprach nur mehr ſo im Allgemeinen. Ich kenne eigentlich keinen ſo pronocirten Odeur, von dem ich das ſagen könnte. Ein Duſt, bei dem mir allenfalls eine angenehme Erinnerung kommt, iſt der von Reſeda.“ „Aber der Kamerad von der Artillerie hat Recht,“ fuhr der Huſar fort.„Was denkt Ihr zum Beiſpiel wohl, was mir einfällt, wenn ich da über den Thurmmarkt gehe bei dem könig⸗ lichen Hof und dem Hof von Holland vorbei, und rieche dort was in Dietzmann's Küche für wunderbare Sachen gekocht werden? Wenn es ſo deliciös in die Straße hinaus duftet, daß man ordent⸗ lich Hunger bekommen ſollte, na' was glaubt Ihr wohl?“„ Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. 13⁵ „Da denkſt du einfach an ein gutes Diner, was du wohl irgendwo gemacht haſt,“ ſprach der Oberſt,„oder an ſonſt eine verſchwenderiſche Ueppigkeit.“ „Fehlgeſchoſſen,“ entgegnete der General.„Dabei erinnere ich mich vielleicht der ärmlichſten und betrübteſten Zeit meines Lebens, eines Tages, wo ich, noch ein junger Menſch, zum erſten Mal nach dem heiligen Cöln kam, aber gar nicht davon erbaut war. Damals kam ich auf den Thurmmarkt ins Quartier zu liegen. Und in was für ein Quartier! Ich habe nachher viel erlebt in den Feldzügen, aber— nun ſeht, es gab zu jener Zeit auch ſchon Gaſthäuſer da in der engen Straße, die man den Thurmmarkt nennt, und aus denen duftete es auch nicht unlieblich hervor; aber wenn ich heute bei Dietzmann vor⸗ bei gehe und rieche die Düfte des feinen Bratens und dergleichen, ſo denke ich weder an ein pures Diner, wie du, Oberſt, vorhin behauptet, noch an ſonſt eine verſchwenderiſche Ueppigkeit, ſondern an jenen Tag, und da ſteht dann mit einem Male das finſtere, unheimliche Quartier ſo lebhaft vor mir, als ſei das geſtern ge⸗ weſen, und es ſind doch ſchon faſt fünfzig Jahre vorüber.“ „So erzähl' uns denn einmal von dem Quartier!“ meinte lächelnd der Oberſt.„Ich bin überzeugt, es iſt nicht halb ſo arg geweſen. Ihr Herren von der Cavallerie wollt immer was Appartes haben.“ „Das paßt nicht,“ erwiederte der General, indem er die rechte Hand gegen ſeinen Freund ſchüttelte.„Auch ich trug da⸗ mals den Kuhfuß und marſchirte in Gamaſchen— auch ich bin in Arkadien geboren.“ „Siehe! ſiehe!“ ſagte kopfnickend der Oberſt.„Habe ich doch — nie begreifen können, woher Ihr die ſolide Grundlage habt, die X 3 136 Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. Euch vor Vielen von denen vom Steigbügel auszeichnet.— Ja, mit dem Kopfe und nahm dann mit großer Befriedigung einen tüchtigen Schluck aus ſeinem Glaſe. „Aber der Herr General ſollte uns das doch erzählen.“ „Meinetwegen,“ gab dieſer zur Antwort;„es iſt aber nicht viel daran, erzählt nur von einem ſchlechten Quartier, und be⸗ weist, wie oft unbedeutende Dinge wirkſam in unſer Leben ein⸗ greifen. Denn bei der Einquartierungsgeſchichte ſpielt ein abge⸗ riſſener Knopf mit, der die Hauptſchuld war, daß ich von der Infanterie zur Cavallerie kam und daß es mir in Folge davon ſpäter möglich wurde, den flüchtigen Franzoſen tüchtig den Pelz zu waſchen, und dafür das eiſerne Kereds erſter Klaſſe zu erhalten. — Reſpekt ſage ich euch!“ „Ja, davor allerdings Reſpekt,“ verſetzte der Oberſt, in⸗ dem er ſeine Mütze ein wenig lüpfte, während ſich der Lieute⸗ nant von der Artillerie mit dem feierlichſten Geſicht von der Welt polzgerade für einen Augenblick erhob. „Danke, danke!“ ſagte der Huſar ge ſchmeichelt.„Jetzt ſollt ihr auch meine Geſchichte vom ſchlechten Quartier und vom ab⸗ geriſſenen Knopfe hören.“ „Alſo!“— „Das war dazumal,“ erzählte nun der General,„Anno ſo und ſo viel, als ich in das Militär trat, auf Befehl meines Papa ſeliger unter die Infanterie. Daß ich mit Leib und Seele gegen die Gamaſchen und den Kuhfuß war, das könnt ihr mir glauben; aber es half Alles nichts, ich wurde einrangirt und mußte mit tiefem Schmerz dem Sattel und dem Säbel adieu ſagen, nach dem ich mich ſo außerordentlich geſehnt. Alle meine wenn man bei der Infanterie gedient hat!“— Er nickte majeſtätiſch 4 Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. 137 Bitten halfen nichts; Papa pflegte zu ſagen: die Infanterie iſt das Fundament des ganzen Militärſtandes, es iſt die ſolideſte Waffe, und viele der größten Feldherren aller Zeiten haben die Muskete getragen.“ „General,“ unterbrach ihn hier lachend der Oberſt,„euer Vater war ein ſehr braver Mann; aber das Sprüchwort vom Apfel und Stamme hat ſich bei euch nicht bewährt.“ „Es war damals Friedenszeit,“ fuhr der General mit einem leichten Achſelzucken fort,„und wir mußten marſchiren und exerciren, daß uns die Seele wehe that. Und das wollte damals noch mehr ſagen wie jetzt; hinten den Zopf, unten die Gamaſche und der Corporals⸗Stock, der allzugern einhalf, wo der richtige Takt fehlte. Dazu hatten wir einen Lieutenant, von dem die Leute behaupteten, er eſſe nichts wie ſpaniſchen Pfeffer und trinke Schuhwichſe dazu; ſo war denn auch ſein Benehmen gegen uns gallig und giftig und gleich ſo ſah er im Geſichte aus: brennend roth auf den Backen und mit kohlſchwarzen Haaren. Wir nannten ihn auch nur den Lieutenant Pfefferkorn; wie ſein eigentlicher Name war, habe ich vergeſſen.“ „Nun kam es, daß wir eine andere Garniſon erhielten, und, dort angekommen, da es an Kaſernen fehlte, bei den Bür⸗ gern einquartiert wurden. Es war uns wind und weh dabei zu Muth, denn damals war das Einquartiertwerden kein Spaß. Heutzutage gibt man dem Soldaten ein anſtändiges Zimmer und verpflegt ihn ordentlich, aber zu jener Zeit— nal ihr werdet ſchon hören.“ „Ich kam alſo mit zwei Anderen zu einem Seifenſieder in eine Kammer im Zwiſchenſtock, deren Decke ſo niedrig war, daß man die Bajonette abnehmen mußte, um die Gewehre in einen X 138 Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. Winkel ſtellen zu können. An Möbelwerk war ein Tiſch vor⸗ handen und zwei Stühle, und das Bett beſtand aus einer ein⸗ zigen großen Matratze, die am Boden lag, was aber den großen Vortheil hatte, daß wir nicht hoch hinabfielen, wenn Einer des Nachts auf den Boden rollte, was häufig genug geſchah.“ „An dem Tage, wo wir einrückten, hatten wir einen ſtarken Marſch gemacht und waren ſehr ermüdet, weßhalb wir uns auch frühzeitig niederlegten und trotz der großen Hitze— es war gerade Sommer— bald einſchliefen.“ „Aber die Freude war von kurzer Dauer. Mir träumte ſogleich, ich ſei beim Baden in einen Brennneſſelbuſch gerathen und je mehr ich mich aus demſelben losarbeiten wollte, um ſo tiefer kam ich hinein.— Das zwickte und brennte und ſtach und peinigte mich, daß ich endlich mit einem tiefen Seufzer erwachte. — Doch verließ mich mein Traum immer noch nicht; obgleich ich wohl fühlte, daß ich auf der Matratze lag, ſo war es mir doch immer, als hätte man die Brennneſſelbüſche unter und über mich gelegt. Meinen Kameraden ging es um kein Haar beſſer, denn als ich meinem Nachbar zurief:„Nun, wie geht's dir? antwortete dieſer: O weh! o weh! wo ſind wir hingerathen!“ Darauf hielten wir eine Beſprechung und beſchloſſen aufzu⸗ ſtehen, um unſer Lager zu unterſuchen. Mit Mühe zündeten wir das Licht an, denn es gab damals nur das Huſarenfeuerzeug, und ſchauten nach. Da ſah unſer Lager aus wie ein dreitägiges Schlachtfeld, wißt ihr, wie ein Schlachtfeld, auf dem die braunen Huſaren Sieger geblieben ſind, denn die genirten ſich hier durch⸗ aus nicht und ſchwärmten herum, daß es eine wahre Freude war. Ganze Schwadronen jagten aufgelöst dahin mit Flankeurs Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. 139 und Nachhut, und wenn man zum Beiſpiel das Kopfkiſſen auf⸗ hob, ſo ſtob es ordentlich nach allen Seiten davon.“ „Hurrah! auf Huſarenart!“ lachte der Oberſt. „Nein, nein!“ entgegnete der General;„es ſah eher aus wie Sandhaſen.— Nun alſo weiter!“ „Auf der Matratze mochte Keiner mehr liegen bleiben; ich verſichere euch, das war ein wahrer Laurentius⸗Roſt, und wir hatten doch zu Märtyrern gar keine Geduld. Wir zogen uns alſo wieder nothdürftig an und beſchloſſen ein wenig zum Fenſter hinaus zu ſehen, was wir denn auch thaten. Das Zimmer hatte nun auf zwei Seiten Fenſter; eines ſtand offen und ging auf die enge, dunſtige und übelriechende Straße; an dem andern war der Laden mit ein paar Nägeln zugemacht, was aber für uns kein Hinderniß war; wir wollten doch wenigſtens wiſſen, was wir da für eine Ausſicht hätten, und eins der Bajonette half uns hiezu, indem wir den Nagel zurückbogen und dann den Laden öffneten.“ „Hier ſah es bei Weitem freundlicher aus, und wir blickten in einen Garten, der dicht belaubte Baumgruppen hatte, aus welchem eine angenehme kühle, wohlriechende Luft in unſer heißes Zimmer hereindrang. Das Haus, zu dem dieſer Garten offenbar gehörte, ſtand übrigens ſo dicht an dem unſrigen, daß ein großes Fenſter des erſten Stockes nicht drei Fuß von unſerer Spelunke entfernt war. Seine Laden waren offen, und durch einen Vor⸗ hang, der drinnen herabhing, bemerkte man deutlich hellen Lichter⸗ glanz; auch hörte man Stimmen von Leuten, welche ſich ver⸗ gnügt und lachend unterhielten.“ „Jetzt wißt ihr was, ſagte ich zu meinen beiden Kameraden, löſche Einer das Licht aus und dann ſetzt euch ruhig auf die beiden Stühle an das Fenſter; da drüben geht's luſtig her, wir X 140 Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. wollen doch einmal ſehen, ob es nicht möglich iſt, irgend eine Unterhaltung anzuknüpfen, die uns von Nutzen ſein kann.“ „Nun müßt ihr wiſſen, daß ich in meiner Jugend eine für die damalige Zeit ſehr anſtändige Erziehung genoſſen, namentlich hatte ich Muſik gelernt und ſang euch, daß es eine Freude war. Unternehmend war ich auch, immer zu allen möglichen Streichen aufgelegt, und ſo beſchloß ich denn in dieſem Augenblicke ein recht ſehnſüchtiges Lied loszulaſſen, indem ich hoffte, die Stille der Nacht würde es vielleicht an irgend ein Ohr gelangen laſſen, wo es gut aufgehoben ſei.“ „Ich ging alſo mit einem Liede los, das gerade damals viel Furore machte; ich weiß nicht war es: Guter Mond, du gehſt ſo ſtille, oder: Komm mein Liebchen, komm an's Fenſter; das habe ich vergeſſen.— Genug, ich ſang wie eine Nachtigall und erlebte auch bald von meinem Geſang eine Wirkung.“ „Drüben am Fenſter wurde der Vorhang zurückgezogen und ich konnte in das Innere des Zimmers blicken. Das war eine ſehr behagliche Stube, in deren Mitte ein Tiſch ſtand mit allerlei appetitlichen Sachen zum Abendbrod und mit Flaſchen und Glä⸗ ſern bedeckt. Eine Geſellſchaft von fünf bis ſechs Perſonen ſaß herum, ein alter, dicker, ſehr gutmüthig ausſehender Herr, der mit dem Kopfe hin und her wackelte und mit ſeinem Meſſer auf dem Tiſch den Takt zu meinem Liede ſchlug. Rechts von ihm ſaß ein junges, ſehr hübſches Mädchen, die ſich kichernd an ſeine Schulter lehnte und mit ihren hellen Augen zu uns herüber blinzelte, vielleicht um zu entdecken, wer und wo ich eigentlich ſei,— denn ich kann euch verſichern, mein Geſang war nicht ohne.— Am Tiſche ſaß ſonſt noch eine ſchon ältere Frau, ein paar Herren und— was mir ſehr unlieb war— der Lieutenant Pfefferkorn.“ Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. 141 „Nach der zweiten Strophe meines Liedes ſtand der alte Herr vom Tiſche auf, kam an das Fenſter, öffnete es und rief heraus: Bravo! bravo! unbekannter Sänger!— Vortrefflich ge⸗ macht! dacapo! dacapo!— Dabei bemühte er ſich mich zu er⸗ kennen, was ja aber unmöglich war; doch entdeckte er die Uniform und ſprach in die Stube hinein gewendet, wahrſcheinlich zu dem Lieutenant: Es ſcheint mir ein Soldat zu ſein, worauf Pfeffer⸗ korn augenblicklich am Fenſter erſchien und mit ſeinem harten Tone herüber rief: Wer hat da geſungen?“. „So ſchön geſungen, ſagte der alte Herr.“ „Ich legte mich nun ebenfalls zum Fenſter hinaus und nannte meinen Namen.— Ahal ſprach der Lieutenant, habe mir doch gleich gedacht, daß der es ſei.— Nun ſchien ihn der alte Herr zu fragen, wer ich denn eigentlich wäre, worauf mein Vor⸗ geſetzter nur eine ſehr befriedigende Antwort geben konnte, indem der Name meiner Familie immer einen guten Klang hatte.— Unſern Dank müſſen Sie ſchon annehmen! rief luſtig der alte Herr. Und alsdann winkte er einem Bedienten, der ein paar Flaſchen Wein brachte, dazu etwas kalte Küche in ein Tuch band und es nebſt Brod an einem Stocke herüber bot.“ „Ob wir zulangten, könnt ihr euch denken, denn der Seifen⸗ ſieder hatte uns, was das Nachteſſen anbelangt, außerordentlich kurz gehalten.— Gleich darauf erſchien der Herr wieder am Fenſter und dießmal mit ihm das junge hübſche Mädchen, das ihm ſchüchtern über die Schulter ſah.— He! Herr Soldat, rief er herüber, bekommen wir noch ein Lied zu hören? Wir ſind große Freunde davon.“ „So gut es ohne Begleitung geht, ſagte ich.“ „Alſo verſtehen Sie auch eine Begleitung? erwiederte er.“ X er einige Worte ſagte. Dieſer zuckte anfänglich d aber nickte er mit dem Kopfe, und nun lief der zu: Herr von X., ich freue mich, Ihre Bekanntſt und lade Sie ein, bei uns ein Glas Wein anneh Auf Wiederſehen alſo!“ „Ihr könnt denken, daß ich hocherfreut mei ſaubere Schuhe und gute Gamaſchen angezogen, der Bediente kam, ging ich mit ihm hinüber.“ freundlichen Manne, einem reichen Kaufherrn, g gingen eine weite Treppe hinauf durch mehrere Frau, dieß meine Tochter Roſine, und das die He Paff.— Ich habe die Namen vergeſſen.“ ſprach lachend der Oberſt. Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. der an's Fenſter, beugte ſich weit zu uns herüber un „Ach ja,“ fuhr der alte Huſar ſeußzend fort,„die Roſine „Worauf ich ihm entgegnete: Ein wenig das Klavier.“ „Das iſt ja ſehr charmant, antwortete nun der alte Herr, und hierauf wandte er ſich an den Lieutenant Pf ie Achſeln, dann alte Herr wie⸗ d rief mir chaft zu machen men zu wollen. Ihr Herr Lieutenant hat's gnädigſt bewilligt.— Warten Sie, es kommt ſogleich ein Bedienter, der Sie herüberführen wird.— nen beiden Ka⸗ meraden gern das uns geſchenkte Nachteſſen überließ. Dann zog ich meine Uniform zurecht, ſtrich mein Haar ſo gut als möglich nach hinten, nachdem ich— nicht zu vergeſſen— ein paar und als nun „Es war das ein großes und ſchönes Haus, jenem kleinen ehörend. Wir Zimmer und kamen endlich in das, wo ſich die Geſellſchaft befand. Der Haus⸗ herr lief mir beweglich entgegen, drückte mir freundlich die Hand, nannte meinen Namen und ſetzte hinzu: Sohn des ſehr verdien⸗ ten Hauptmanns von X. Alsdann ſagte er: Das iſt meine rren Piff und „Aber den der Roſine habt Ihr behalten, alter Sünder?“ efferkorn, dem Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. 143 habe ich nicht vergeſſen.— Aber nun hört weiter. Ich mußte alſo zuerſt gehörig am Abendbrode Theil nehmen und dann wurde das Klavier geöffnet und ich ſpielte und ſang nach Herzensluſt.“ „Vielleicht auch Duetts?“ fragte der Oberſt. „Auch das; auf Chre!“ erwiederte der General.„Ein ſchönes Duett mit Roſine, und unſere Stimmen paßten vortreff⸗ lich zu einander. Das fanden denn auch alle Zuhörer, mit Aus⸗ nahme unſeres Lieutenants Pfefferkorn, der wohl gut eſſen und trinken, aber weder ſingen noch ſpielen konnte.— Ach!“ ſetzte der General nach einer kleinen Pauſe hinzu,„es war dieß ein ſehr vergnügter Abend.— Und er ging leider ſo ſchnell vor⸗ über!“—— „Nachdem ich aber in dem Hauſe einmal eingeführt war, bot ich meine ganze Liebenswürdigkeit auf, mich da angenehm zu machen. Ich war joli coeur durch und durch; ich erzählte von unſerem Marſchtage, von der früheren Garniſon, auch etwas von zu Hauſe und kam dann zurück auf mein gegenüberliegendes Quartier, deſſen ſchrecklichſte Eigenſchaften ich nur leicht vorüber⸗ gehend erwähnte, umſomehr aber hervorhob, wie es ſo klein ſei, ſo ſchwül und dumpfig und wie ich mich dort ganz unglücklich fühle.“ „Darauf ſprach die ſchöne Roſine mit ihrem Vater,“ meinte laut lachend der Oberſt,„und der alte Herr bot Euch ein Quar⸗ tier in ſeinem Hauſe an.— O. General, wir kennen das.“ „Ihr kennt es aber dießmal ſehr ſchlecht,“ ſprach ruhig der Erzähler;„weder die ſchöne Roſine noch der Papa ſagte etwas, aber deſſen Gemahlin, die mich, wie ich glaube, liebgewonnen hatte, meinte, es würde ſich wohl noch ein Plätzchen für mich in ihrem Hauſe finden.“ Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. „Und das fand ſich auch, unehrlicher Huſar?“ fragte der Oberſt;„wahrſcheinlich am Herzen der Tochter?“ „Davon ſchweigt die Geſchichte.— Ich habe nur verſprochen, bis zum abgeriſſenen Knopf zu erzählen. Was darüber hinaus liegt, geht Euch nichts an.— Um ſo beliebter ich mich nun in dem Hauſe zu machen wußte, um ſo mehr bemerkte ich, daß ich dem Lieutenant Pfefferkorn hier ein großer Stein des Anſtoßes war. Er hatte ſich in das hübſche Mädchen ſterblich verliebt und machte ihr ſeine Cour, ſo oft das nur anging.“ „Eines Tages nun war ich bei Roſine im Zimmer, ich weiß nicht wie es kam, genug wir hörten plötzlich ſeine Schritte, und da mir gerade in dem Augenblick Alles daran gelegen war, nicht von ihm überraſcht zu werden, ſo verbarg ich mich hinter einem großen Vorhange. Er trat in das Zimmer, ſchien ſehr aufgeregt, ſeufzte Einiges, während er bald an das Fenſter ging, bald ſich vor Roſine hinſtellte, die ſich auf einen Stuhl nieder⸗ gelaſſen hatte. Endlich nach einigen gleichgültigen Worten brach. er los, ſprach von ſeiner unbezwinglichen Liebe gegen ſie, von der Verzweiflung, die in ihm toben werde, wenn es ihm nicht gelinge, ihr Herz zu erweichen, und was dergleichen Unſinn mehr war. Das Mädchen lachte dazu, ſtellte ſich anfänglich, als ver⸗ ſtände ſie ihn gar nicht, wollte Alles für einen Scherz nehmen, brachte ihn aber hiedurch nur noch immer mehr in Eifer, bis er zuletzt ausrief: Ich ſehe, Sie treiben Ihren Spott mit mir, grauſame Roſine; wohlan denn! wenn Sie mich nicht erhören wollen, ſo habe ich auf dieſer Welt nichts mehr zu thun, als mir hier vor Ihren ſo ſchönen Augen den Tod zu geben.— Bei dieſen Worten zog er den Degen aus der Scheide und riß mit ſolcher Heftigkeit die Uniform auf, daß einer ſeiner Knöpfe Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. 145 davonflog, auf den Boden ſiel und, da derſelbe rund war, bis hinter meinen Vorhang rollte.“ „Oho!“ ſagte der Oberſt.—„Aber der Lieutenant ſtieß ſich den Degen nicht in die Bruſt?“ „Nein, das that er gewiß nicht; er wollte nur ſehen, welche Wirkung ſein Spiel auf das Mädchen hervorbrächte, und hoffte vielleicht, ſie würde ihm weinend in die Arme ſinken. Da aber dieß nicht geſchah, ſie ihm vielmehr feſt und ruhig erklärte, ſie verböte ſich ein⸗ für allemal dergleichen Geſchichten, ſo ſteckte er gelaſſen ſeinen Degen wieder ein und erhob ſich aus ſeiner knieen⸗ den Stellung, in welcher er lange genug verharrt.— Ich war aber gleich überzeugt, daß ihn noch etwas Anderes calmirt, als⸗ die Weigerung Roſinens; er mußte nämlich, während er die Uniform aufriß, geſehen haben, daß ſich der Vorhang, hinter welchem ich ſtand, bewegte, denn in dem Augenblick, wo er den Degen zog, machte ich mich fertig, um im Nothfalle hervorſtürzen zu können, mochte auch daraus erfolgen, was da wolle. Gleich⸗ falls hatte er auch wohl bemerkt, welche Richtung ſein abgeriſſener Rockknopf genommen, er machte deßhalb dem Mädchen eine ſteife Verbeugung und wandte ſich alsdann nach meinem Verſteck, um, wie er ſagte, wenigſtens ſeinen Knopf wieder zu erlangen, wor⸗ auf Roſine wohl etwas zu haſtig empor ſprang, ſich an den Vorhang ſtellte und ihm entgegnete: ſie werde es nie dulden, daß er ſich in ihrem Zimmer dergleichen Freiheiten heraus nehme.“ „Was konnte er thun?— Das Mädchen ſah entſchloſſen genug aus, um im Nothfalle nach Hülfe zu rufen oder ihm ſonſt eine höchſt unangenehme Scene zu bereiten.— Genug, er mußte ſich zurückziehen, doch ballte er ingrimmig die Fäuſte, biß die Zähne übereinander und murmelte mit vor Zorn erſtickter Stimme: Hackländer, Kr. u. Fr. II. 10 146 Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. Wertheſte Demoiſelle, ich werde meinen Knopf ſchon wieder finden.“ „Und er fand ihn?“ rief luſtig der Oberſt. „Ich war damals noch ein ſehr leichtſinniger Burſche,“ fuhr der General achſelzuckend fort;„ich hob den bewußten Rock⸗ knopf lachend auf, ſteckte ihn in meine Taſche und verbrachte darauf mit dem Mädchen noch eine angenehme kleine Stunde, 4 die ſo—— „Genug, genug!“ meinte der Oberſt;„bleibt beim Rock⸗ knopf.“ „Ja,“ ſprach ſeufzend der Erzähler,„damit hatte ich Un⸗ glück. Wenige Tage nach dieſem Vorfalle nämlich mußten wir ausrücken, und wie ich meine Uniform zuknöpfe, ſehe ich, daß mir am Pantalon ein Knopf fehlt. Nun konnte mich nichts retten, als ein ſchleuniges manoeuvre de force, wozu mir der bewußte Knopf in meinem übergroßen Leichtſinn außerordentlich paſſend erſchien.— Ihr wißt doch, was in dieſem Falle manoeuvre de force heißen will?— Man macht an dem betreffenden Ort ein Loch in das Tuch, ſteckt das Oehr des Knopfes hindurch, durch dieſes ein Hölzchen und— es iſt fertig.“ „Koſtet jedoch drei Tage Arreſt,“ verſetzte der Oberſt. „Ich wußte mir aber nicht anders zu helfen und machte alſo mein manoeuvre de force. Nun hatte mich aber der Lieute⸗ nant Pfefferkorn ſeit jenem Tage unglaublich auf dem Strich, wo er mir was in's Zeug flicken konnte, da unterließ er es nicht. Mochten meine Waffen noch ſo ſauber geputzt ſein, er fand doch irgend einen Flecken. Und leider erging es mir an dieſem Tage nicht beſſer. Nachdem er an meinem Anzuge äußerlich dießmal nichts gefunden, plagte ihn der Teufel, und er befahl mir, die * 8 Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. 147 Uniform aufzuknöpfen, um nachſehen zu können, ob auch darunter alles in Ordnung ſei.— Na, das Geſicht vergeſſe ich in meinem Leben nicht! ich meine, der Schlag ſollte ihn treffen, als er hin⸗ ſchaute und mein manoeuvre de force mit ſeinem Rockknopf entdeckte.“ „Von dem, was nun folgte, will ich ſchweigen, und keines der Worte erwähnen, mit welchen er mich bediente. Zuerſt kam ich drei Tage in Arreſt und darauf wurde ich dem Hauptmann, der meinen Vater genau kannte, als unverbeſſerlich gemeldet und von dieſem auf Anrathen des Lieutenants als gänzlich unbrauch⸗ bar nach Hauſe zurückgeſchickt. Begreiflicher Weiſe war dort mein Empfang kein glänzender, und erſt als ich aufrichtig die ganze Geſchichte erzählt, erhielt ich nicht nur Verzeihung, ſondern wurde auch durch Vermittlung eines alten Onkels bei der Ka⸗ vallerie placirt. Der Abſchied von Roſinen war mir ſehr ſchmerz⸗ lich, doch tröſtete ich mich ſo gut es ging, und auch ſie hat es ebenſo gemacht, wie ich ſpäter erfuhr.“ „So war denn mein ſehnlichſter Wunſch erfüllt und das hatte ich doch, wie ich Anfangs ſagte, nur dem abgeriſſenen Knopfe zu verdanken.“ Der General that einen großen Zug aus ſeinem Glaſe, und der Oberſt ſagte: „Das war eine ganz hübſche Geſchichte. Jetzt haben wir Beide, der General und ich, etwas von unſern Erinnerungen aus der Jugendzeit erzählt, die uns Gerüche hervorgerufen.“— „Du?“ fragte verwundert der General. „Nun ja, als ich vom Heuſchober herunterkugelte. Es iſt freilich keine Geſchichte, denn es paſſirte da weiter nichts In⸗ tereſſantes. Jetzt aber möchte ich auch wohl wiſſen, was unſerem „ 4 148 Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier.* Kameraden von der Artillerie beim Dufte des Reſeda's eigentlich einfällt.“ „O, das iſt zu unbedeutend,“ verſetzte der ehemalige Lieu⸗ tenant,„gewiß nicht der Mühe werth.“ „Erzählt!“ ſagte gutmüthig der General.„Ich rieche Reſeda auch für mein Leben gern; es hat ſo was jugendlich Friſches.“ „Ach ja, das hat es,“ gab der Artilleriſt mit einem leich⸗ ten Seufzer zur Antwort. „Nun denn, laßt hören,“ ſprach der Oberſt.„Ich kann euch verſichern, mir ſchmeckt der Maitrank noch einmal ſo gut, wenn ich was Pikantes dabei erzählen höre.— Alſo!“ „Es iſt wahrhaftig nicht der Mühe werth,“ mennte der Lieutenant.„Aber wenn der Herr Oberſt wünſchen— „Ich wurde als wirklicher Vicebombardier bei der Fußartil⸗ lerie zur reitenden verſetzt. Ich hatte von C., wo wir damals lagen, nach J., wo die reitende Batterie war, zwei Marſchtage mit einem Nachtquartier in B. Ich mochte damals ſiebzehn Jahre alt ſein, war ein ſchmales dürres Bürſchlein, und als ich weg⸗ ging, ſagte unſer Capitain d'Armes: nun Gott ſei Dank, daß der fortkommt, da brauchen wir doch keine Uniform mehr zu verhunzen,— die meinigen wurden nämlich alle ein paar Zoll eingenäht— und, fügte er hinzu, ich brauche mich bei einer Kam⸗ merviſitation nicht mehr zu ſchämen, denn haben nicht die Bein⸗ kleider dieſes Kerls— damit meinte er mich— wie ein doppeltes Degenfutteral ausgeſehen! Natürlicher Weiſe ließ ich ihn ſchwätzen und zog an einem ſchönen Frühlingsmorgen meines Weges. Es war im Frühjahr, die gefährlichſte Jahreszeit, denn die Sonne ſtach, das Gras ſchoß und die Bäume ſchlugen aus. Ich kam aber ungefährdet durch alle dieſe Dinge hindurch und freute mich einer Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. 149 Lerche, die eben in der Luft jubilirte und faſt ſo luſtig war wie ich ſelber, obgleich ſie nicht wirklicher Bombardier bei der reiten⸗ den Artillerie geworden war. Den ganzen Tag über zog ich ſo langſam dahin, genoß Mittags eine Schüſſel Milch und ein Stück Brod, ſchlief darauf eine Stunde in irgend einer Scheune und kam Abends nach B.; mein Quartier erhielt ich bei einem reichen Bauern, der mich freundlich empfing. Man ſetzte ſich gerade zum Nachteſſen, und die Knechte und Mägde, die nach und nach her⸗ ein kamen, betrachteten mich wie eine Art Naturmerkwürdigkeit und mochten denken, ich ſei von irgend einer Zwergenbatterie, denn ſie fragten mich, ob wir wirkliche Kanonen hätten mit dicken. Kugeln wie die anderen und wie hoch unſere Pferde ſeien. Na⸗ türlicher Weiſe warf ich mich in die Bruſt und brachte ihnen einen vortrefflichen Begriff bei von der Batterie Nr. 16, der ich zugetheilt war. Einer der Knechte ſchüttelte hartnäckig den Kopf und meinte ſchließlich, die Kinderwirthſchaft möchte er doch mit anſehen. Doch nahm mich die Großmagd in Schutz und bemerkte ihrem Collegen, bei der Artillerie komme es nicht darauf an, daß man ein großer und dicker Eſel ſei, ſondern da müßte man's tüchtig im Kopf haben, und das ſcheine bei mir der Fall zu ſein. Die Großmagd war eine der ſtämmigſten Perſonen, die ich in meinem ganzen Leben geſehen; ſie war zu groß und ſtark, als daß ſie mir damals ſchön vorkommen mochte, ich ſah nur mit einer Art von Bewunderung zu ihr empor; ſie behandelte mich vollkommen als ein Kind, und als ihr mein Stuhl beim Nacht⸗ eſſen zu weit abſtehend erſchien, ſchob ſie mich mit demſelben ganz ſanft näher an die Schüſſel.“ „Mit der Großmagd paſſirte mir das erſte Abenteuer mei⸗ nes Lebens.“ 150 Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. ½ „Oho!“ ſagte der Oberſt,„wir wollen nicht hoffen, daß—“ „Laßt ihn doch erzählen,“ verſetzte der General;„es kann der Sache nichts ſchaden, wenn ein Bischen Intereſſantes hinein kommt; Jugend hat nicht Tugend.“ „Dem muß ich für dießmal widerſprechen,“ fuhr der Erzäh⸗ ler fort.„Ich war wirklich zu der Zeit vollkommen tugendhaft.— Alſo wir hatten gegeſſen und nachher plauderte ich noch eine Weile am Küchenfeuer mit dem Wirth, ſeiner Frau, und dann wurde zu Bette commandirt. Die Großmagd brachte mich in ein Zim⸗ mer; es waren zwei Betten darin, und ſie zeigte mir das mei⸗ enige; das andere wird für irgend einen Knecht ſein, dachte ich, es iſt viel Volk im Hauſe, man muß ſich behelfen. So zog ich mich aus und legte mich hin, entſchlief auch bald, denn ich hatte einen tüchtigen Marſch gemacht. Ich kann nicht ſagen, daß mich gerade ſchwere Träume beunruhigt oder meine Nachtruhe ſonſtwie geſtört worden wäre, nur einmal kam es mir vor, als habe ich die Augen geöffnet und Licht in dem Zimmer geſehen, auch die Geſtalt einer Perſon, die ſich wahrſcheinlich im zweiten Bette zur Ruhe begab. Doch warf ich mich wieder auf die andere Seite und ſchlief weiter.. „Wenn man beim Militär iſt und namentlich Pferde geputzt hat, ſo gewöhnt man ſich an's Frühaufwachen; mir ging es an dieſem Morgen ebenſo. Es mochte vier Uhr ſein, als ich mich ſchon vollkommen munter befand; es war ſchon heller Tag und nachdem ich zum Fenſter hinaus und nach dem Wetter geſehen, fiel mein Blick auf das andere Bett; ich hatte natürlich gedacht, einer der Knechte ſei mein Schlafkamerad, wie erſtaunte ich aber, als ich auf einem Stuhle ſtatt männlichen Kleidungsſtücken Unter⸗ röcke, Jacken, lange Strümpfe und dergleichen erblickte.“ 1 —— F Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. 151 „Aha!“ machte der General,„eins, zwei, drei, aus dem Bette; hurrah! auf Huſarenart.“ „Ich will nicht hoffen,“ ſagte der Oberſt. „Seien Sie unbeſorgt,“ ſprach der Erzähler weiter;„ ich verſichere Sie, daß das einzige Gefühl, was mich damals beſchlich, nur in der Luſt beſtand, laut hinaus zu lachen, dazu aber kam eine kindiſche Neugierde und ich beſchloß, mich vollkommen ruhig wie ſchlafend zu verhalten, um das Aufſtehen gehöriger Maßen mit anſehen zu können.“ 1 „Eine halbe Stunde nachdem ich erwacht war, bewegte es ſich in dem andern Bette ebenfalls. Richtig! es war meine Freun⸗ din, die Großmagd. Sie hob ihren Kopf in die Höhe und blickte nach mir herüber; ich that, als wenn ich feſt ſchliefe, und hie⸗ durch beruhigt, machte ſie ihre Toilette mit einer erſchrecklichen Ungezwungenheit. Uebrigens war dieſelbe bald beendigt, denn der ganze Anzug jener Bauernmädchen beſtand aus Schuh und Strümpfen, aus einem Unter⸗ und Ueberrocke, ſowie einer Jacke von Zeug, die vorne zugehackt wird. Ehe nun meine Zimmer⸗ nachbarin dies Mannöver ausgeführt, fand ich es für gerathen, durch einiges Dehnen und Strecken, ſowie einen tiefen Seufzer mein Erwachen anzukündigen.— Ich kann nicht ſagen, daß das Mädchen dadurch ſehr erſchrocken gerade herumgefahren wäre; ſie begnügte ſich, mich lachend anzuſehen, mit dem Kopfe zu nicken, und ſagte dann: So, ihr ſeid aufgewacht?— Ja, ich bin auf⸗ gewacht, entgegnete ich ſcheinbar im Tone des größten Erſtaunens und riß meine Augen ſo weit als möglich auf. „Nun, und was verwundert ihr euch denn ſo?“ fragte ſie lachend. „Dazu habe ich doch alle Urſache,“ verſetzte ich.„Iſt es N 4 152 Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. denn bei euch Mode, daß man Soldaten, die hier einquartirt werden, mit einer der Mägde zuſammen in's Zimmer legt?“ „Ach! geht doch,“ entgegnete ſie,„Soldaten, das iſt was Anderes, aber ihr!—“. „Nun, was bin ich denn?“ „Ihr ſeid ein Kind; wer wird ſich da viel geniren; und dann hat's euch wohl auch nichts geſchadet, daß wir in einem Zimmer ſchliefen.“ „Mir freilich nicht,“ erwiederte ich,„aber es hätte euch ſchaden können.“ „Worauf ſie aber ein ſo luſtiges und lautes Lachen aufſchlug, daß es mich ordentlich ärgerte; auch rollte ſie in dieſem Augen⸗ blick ihre Hemdärmel auf und zeigte ein paar ſo ſtarke und mus⸗ culöſe Arme, daß ich ihr das Gelächter verzeihen mußte.— Aber ddie Arme waren ziemlich weiß und das ganze Mädchen kam mir überhaupt viel hübſcher vor wie geſtern Abend.“ „Da ich nun aber einmal für ein Kind erklärt war, ſo ſpielte ich auch meine Rolle in aller Unbefangenheit fort. Ich lobte ihr Ausſehen, und das ſchien ihr zu gefallen; ich fragte ſie um ihren Namen, ſie hieß Anne, ich plauderte mit ihr von allen möglichen Dingen und veranlaßte ſie ſo, ihre Toilette langſamer zu beendigen. Endlich war dieſelbe beinahe fertig bis auf die Schließung ihres Jäckchens, und ehe ſie das that, ſteckte ſie einen großen Buſch Reſeda hinein, den ſie vorher ſorgfältig aus einem Blumenſcherben, der vor dem Fenſter ſtand, gepflückt. Dann ſagte ich zu ihr: Wenn ihr mich alſo für ein Kind haltet, Anne, ſo könnt ihr mir auch wohl einen Kuß geben, worauf ſie mich über⸗ raſcht anblickte, und ich glaubte ſchon, ſie würde es mir ver⸗ weigern; doch ſagte ſie nach einer kleinen Pauſe: warum nicht? Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. 153 und trat an mein Bett. Ich war damals ſchon pfiffig genug, kam ihr nicht einen Zoll entgegen, ſo daß ſie ſich auf mich her⸗ niederbeugen mußte.“. „Aha, nun kommt der Reſedaduft!“ ſagte lachend der General. „Sie beugte ſich alſo zu mir herab, drückte mir ihre friſchen Lippen auf den Mund, und damit der Kuß nicht gar zu kurz werden ſollte, ſchlang ich ihr meine beiden Arme um den Hals und hielt ſie einen Augenblick feſt, ja ſogar noch eine Sekunde länger, als der Kuß gedauert hatte, und dieſe Secunde benutzte ich dazu, um ihr recht feſt in die Augen zu ſehen.—— Das allein konnte ſie nicht ertragen, denn ſie machte meine Hände mit einiger Gewalt los und ſagte: Ach, laßt doch die Narrenspoſſen!“ „Uebrigens dauerte die ganze Geſchichte mit dem Kuß nur wenige Secunden, dann beendigte ſie ihre Toilette und verließ lachend das Zimmer. Ich blieb noch eine halbe Stunde auf mei⸗ nem Lager und überlegte bei mir, es würde gerade nicht ſo un⸗ paſſend ſein, wenn ich mich hier in dem hübſch gelegenen Dorfe und bei meinen angeſehenen Wirthsleuten einen Ruhetag heraus⸗ ſchlüge. Ich brauchte nur einige Müdigkeit zu affektiren und die Sache war abgemacht. Das that ich denn auch beim Kaffee, den wir unten gemeinſchaftlich tranken und der Bauer ſagte bereit⸗ willig:„Wißt ihr was, wenn ihr müd ſeid, ſo bleibt heute noch da, ihr braucht deßhalb auch nicht auf's Bürgermeiſteramt zu gehen, um eine Verlängerung eures Quartierbillets nachzuſuchen; es macht mir eine Freude, wenn ihr da bleibt.“ „Ich ſagte nicht Ja und nicht Nein, ſondern ging in den Garten, um mich draußen umzuſehen. Da ſtand die Anne und hing Wäſche auf. Es gefällt mir hier, ſagte ich zu ihr, und der 154 Der abgeriſſene Knopf und das erſte Quartier. Bauer hat mich eingeladen, noch den heutigen Tag und die nächſte Nacht hier zu bleiben; was meint ihr dazu, Anne?“ „Bleibt da,“ entgegnete ſie ruhig, ohne mich anzuſehen, „mir ſoll es gleich ſein,— auch werde ich euch,“ ſetzte ſie nach einer kleinen Weile ſtockend hinzu,„morgen Früh nicht wieder ſtören, wie heute.“ „Wie ſo?“ fragte ich überraſcht. „Weil ich heute Nachmittag auf das benachbarte Dorf zu meiner Schweſter gehe, um dort ein paar Tage zu bleiben.“ „Ah ſo!“ ſagte ich unangenehm überraſcht.„Dann iſt es doch wohl beſſer, wenn ich heute abmarſchiere.“ „Das meine ich auch,“ entgegnete das Mädchen,„es iſt gewiß beſſer— ſo lebt denn wohl!“ Damit reichte ſie mir ihre Hand und nachdem ſie mich einen Augenblick mit einem eigen⸗ thümlichen Geſichtsausdrucke betrachtet und vielleicht meine Blicke bemerkt haben mochte, nahm ſie ihren Reſedabuſch vom Buſen und gab ihn mir. Ich ging in's Haus zurück, packte meine ſieben Sachen, nahm von den Bauern Abſchied und zog gedanten⸗ voll meines Weges.———— „Was man nicht Alles erleben kann, ſagte ich zu mir ſelber. Bin ich nicht heute Nacht um ein paar Jahre älter geworden? Ja, ja, es kann nicht anders ſein, denn die Anne, der ich geſtern ſo ſehr jung vorkam, hielt mich heute für kein Kind mehr.“ So erzählten drei alte Soldaten aus ihrer Vergangenheit bei einem Glaſe Wein, und blickten dann lächelnd und einander freundlich zunickend in den vorbei fließenden Strom hinab:— zu Deutz bei Köln am Rhein. Wie das Licht ausgelöſcht wird. Es kann der Fall eintreten, geneigter und vielgeliebter Leſer, daß du Abends in deinem Stübchen ſitztt und aufmerkſam dein Licht betrachteſt, nicht die ſpielende Flamme deſſelben, die dich ſo freundlich anſieht und dir in deiner Einſamkeit ein trau⸗ licher, wenn auch ein etwas flatterhafter und leichtſinniger Geſell⸗ ſchafter iſt, ſondern vielmehr die verſtändige Stearin⸗ oder Talg⸗ maſſe, woraus deine Kerze beſteht, dabei berechnend, ob ſelbige auch noch für den heutigen ganzen langen Abend aushalten wird. Es iſt die letzte, die ſich in deinem Vorrath befindet, und wenn auch deine Börſe nicht ſo erbärmlich verſehen iſt, daß du dir nicht vielleicht eine förmliche, wenn auch beſcheidene Illumination anſchaffen könnteſt, ſo magſt du doch nicht mehr über die Straße in einen Laden gehen, und das dienende Perſonal deines Hauſes, die alte Magd der verwittweten Regiſtratorin Schwenkebrett, bei welcher du zur Miethe wohnſt, hat nur die Verpflichtung, dein Bett in Ordnung zu bringen, deine Stiefel zu putzen und dir vielleicht einen Ausgang zu beſorgen, wenn die Straße, nach welcher ſie gerade ihr Weg führt, mit deinen Wünſchen nicht zu ſehr auseinander geht. Vielleicht wäre es dir möglich, die alte X 156 Wie das Licht ausgelöſcht wird. Carline auf der Treppe zu erwiſchen, wenn dich ein langes Warten nicht verdrießen würde; Frau Regiſtrator Schwenkebrett hat Abends zuweilen ein Gelüſte nach einer geräucherten Wurſt. Doch wozu ſich Hoffnungen machen, die ſo ſchwer zu erfüllen ſind? Wenn du im Warten kein Glück haſt, ſo kannſt du drei lange Abende vergeblich an der Treppe ſtehen und die Carline umſonſt erwarten. Dieſe durch ein unvorſichtiges Klingeln oder dergleichen herbeizurufen iſt nicht rathſam; die verwittwete Regi⸗ ſtratorin hat ſchwache Nerven; ſie könnte bei deinem Rufe denken, es brenne irgendwo im Hauſe, und dir am andern Morgen eine Kündigung zugehen laſſen.— Ja, eine Kündigung, geneigter Leſer. Du wirſt mich fragen: wegen einer ſolchen Kleinigkeit?— Ja, die Zeiten haben ſich geändert, der Hauseigenthümer iſt nicht mehr wie jeder andere Geſchäftsmann dein ergebener Diener, der ſich freundlich nach deinen Wünſchen erkundigt; er iſt dein Herr und Gebieter ge⸗ worden; er frägt den Teufel darnach, ob du bei ihm wohnen bleiben willſt; ſtatt deiner lumpigen Perſon weiß er ein halb Dutzend andere, die viel anſtändiger ſind und höhere Miethe be⸗ zahlen. Früher war es ein Vergnügen, an die Thüre des Haus⸗ beſitzers zu pochen und ihm ungefähr zu ſagen: Mein lieber Freund, es iſt in Ihrem Hauſe nicht alles, wie es ſein ſollte; mehrere Thüren ſchließen nicht, die Spalten des Fußbodens klaffen entſetzlich; hier raucht es, dort riecht es nicht gut, und wenn Sie da nicht baldigſt Abhülfe treffen, ſo ſehe ich mich veranlaßt, Ihr Haus zu verlaſſen.— So ſprachen wir, geneigter Leſer, mit paſſendem Stirnrunzeln. Es war eine ſchöne Zeit! Und dabei ſtand der Hauseigenthümer vor dir, demüthig und weh⸗ müthig; er hatte das Köpfchen geſenkt, er hielt in der einen Wie das Licht ausgelöſcht wird. 157 Pfote das Mützchen, ſchaute dich bittend an und wedelte— nein, er wedelte nicht; aber es iſt das gleichviel, er war in einer Gemüthsverfaſſung, daß er hätte wedeln können, wenn er— ge⸗ konnt hätte!— Jetzt iſt das entſetzlich anders geworden. Das ſanfte Ge⸗ ſchöpf, welches vor dir voraus die Treppen hinaufſprang, um dienſteifrig nach einem Fenſterriegel zu ſehen, der nicht mehr recht ſchließen wollte, deſſen weiches Fell vor Trauer erzitterte, wenn du unzufrieden ſchienſt, iſt jetzt zu einem aufgeſchwollenen, harthäutigen und borſtigen Ungeheuer geworden, zu einem Drachen, der wiederkäuend in ſeiner Höhle liegt, der dich mit böſen Augen anblickt, in welchen du deutlich leſen kannſt: den werden wir auch nächſtens verſpeiſen,— zu einem Ungeheuer, das nicht Schonung kennt, der Rührung unfähig iſt, ſich nicht erweichen läßt durch das Flehen des zarten Weibes um ein neues Vorfenſter, da ihr altes abgängig geworden, noch durch den Jammer der holden Jungfrau, die den Riegel der Hausthür erſt nach elf Uhr Abends vorgeſchoben wiſſen möchte. Auf dem Haupte dieſes Ungethüms ſitzt die Hausmütze wie feſtgenagelt, etwas ſchief, ſo daß die Troddel ſein rechtes Ohr verdeckt, was es den Bitten ſeiner Hausbewohner noch unzugänglicher macht. Er controllirt die Be⸗ ſuche, die du empfängſt, wenn du nach Haus kommſt, kurz dein Leben. Und das thut er alles deinem Auge unſichtbar; er liegt zuſammengerollt in ſeiner Höhle wie die gefräßige Schlange, und erſcheint, auch wie dieſe, alle Vierteljahr einmal, um die Miethe des Hausbewohners oder dieſen ſelbſt mit zu verſchlingen. Drum wecket nicht den Grimm dieſes ſchlimmſten aller Tyrannen, lernt langſam die Treppen auf und abgehen, pfeift nicht im Haus⸗ gange tränkt euern Hausſchlüſſel fleißig tnit Oel und klingelt 8 X 158 Wie das Licht ausgelöſcht wird. nicht der Carline, ſelbſt wenn eure einzige Kerze kaum noch eine halbe Stunde aushalten wird. Zu dieſer richtigen Entdeckung habe ich den geneigten Leſer auf einem ziemlich großen Umwege geführt, und das Factum iſt nicht zu läugnen. Nach dem Augenmaß hat meine Stearinkerze nur höchſtens noch zwei Zoll, gleich der Brennzeit einer Stunde. Da ich aber Abends nicht einſchlafen kann, ohne vorher noch ein paar Kapitel geleſen zu haben, und mir kein neues Licht zu ver⸗ ſchaffen vermag, ſo kann ich nichts thun, als meine zwei Zoll Kerze zu ſparen und ſo lange im Dunkeln zu ſitzen, bis ich es für gut befinde, mich zur Ruhe zu begeben. Wie das Licht erliſcht, ſo hurtig, ich möchte faſt ſagen ſo vergnügt, als freue es ſich im Bewußtſein, nach kurzer Zeit noch einmal wieder auferſtehen zu dürfen! Meine Augen heften ſich auf die Stelle, wo die Flamme eben noch ſo freundlich geflackert und wo man jetzt nur noch ein kleines glühendes Pünktchen ſieht. Das vermindert ſich zuſehends, flammt noch einmal wieder auf und als es endlich erlöſcht, fällt mir die dunkle Nacht mit einem Mal ins Zimmer. Aber ſie erſcheint viel angenehmer als vor⸗ hin, da ſie ſo ſchwarz und drohend auf meinen Fenſterſcheiben lag und mich faſt gehäſſig anſtierte. Jetzt wo ich ſie zu mir ein⸗ gelaſſen, nimmt ſie ein freundlicheres Geſicht an, hält die Scheiben meines Fenſters nicht mehr geſperrt, ſondern zeigt durch einen ſanften dämmerigen Schimmer, der dort hereindringt, daß ſie nicht ſo übelwollend und verdrießlich iſt, wie es uns vordem erſchienen. 3 Ich kann mich nur ärgern über die unverantwortliche Tyrannei dieſer Hauseigenthümer, und die verwittwete Regiſtra⸗ torin iſt darin ſo ſadimm wie alle ihre Collegen und Colleginnen. — — Wie das Licht ausgelöſcht wird. 159 Höre ich ſie ſprechen, ſo iſt meine armſelige Wohnung ein wahres Prachtgemach und reicht die Miethe, die ich zahle, nicht einmal dazu hin, um alles das repariren zu laſſen, was ich muthwillig verderbe. O ich wüßte wohl ein Mittel gegen die Tyrannei der Hauseigenthümer— ſelbſt einer zu werden. Aber iſt wohl dazu eine gegründete Hoffnung, wenn man Erſparniß halber Abends um neun Uhr ſein Licht auslöſcht? Denken wir jedoch, es ſei ſo unſer gutes Vergnügen und unterhalten uns mit der Nacht, die dankbar dafür ſcheint, daß wir ſie ſo ohne Rückhalt bei uns empfangen. Lange bitten läßt ſie ſich nicht, von unſerer ganzen Behauſung Beſitz zu nehmen; doch herrſcht ſie nicht ausſchließlich darin; ſie ſcheint nicht eifer⸗ ſüchtig auf den Schein, den die Gaslaterne mir gegenüber ins Zimmer ſendet und die mir auf der hintern Wand deſſelben ein zweites glänzendes Fenſter malt.— Wenn ich vor dieſem auf und ab ſpaziere und meinen eigenen Schatten dort ſehe, ſo iſt es mir grade, als ſchaue ich in eine fremde Wohnung hinein und ſehe dort jemand anders auf und abwandeln. Meinem eigenen Schatten zuzuſchauen iſt aber jetzt von keinem Intereſſe; doch hat ſein Anblick eine Idee in mir erweckt, die ich augenblicklich zur Ausführung bringe: ich ſetze mich an mein wirkliches Fenſter ſo behaglich wie möglich in einen alten Lehnſtuhl und blicke auf die nächtliche Straße und das mir gegenüberliegende große Haus. Dort ſind die Leute beſſer mit Beleuchtungsmaterial verſehen als ich, denn es iſt an allen vier Stockwerken faſt kein Fenſter, aus dem nicht ein ſanfter Lichtſtrahl heraus dränge. Unten ſind Läden, rechts ein Modewaarenmagazin mit großem Putzgeſchäft, da aber die vornehmen Kunden deſſelben dort nicht mehr ſo ſpät erſcheinen, ſo iſt die glänzende Beleuchtung ſchon längſt erloſchen und man X 160 Wie das Licht ausgelöſcht wird. ſieht durch die obern Fenſter nur noch einen einzigen Schimmer — das Licht einer Lampe, bei der ein junges Mädchen arbeitet; dort näht dieſes noch allein, während ihre Colleginnen nach hartem Tagewerk jetzt endlich Ruhe haben. Die da iſt die fleißigſte und geſchickteſte und muß eine Spitzenmantille fertg machen, die heute Abend nothwendig gebraucht wird. Das noch junge Mädchen hat eine zuſammengeknickte hinfällige Figur, aber ihre Nadel fliegt emſig über die Spitzen und Bänder, dabei glänzen ihre Augen ſeltſam, faſt unheimlich, und auf ihren bleichen Wangen zeigen ſich kleine runde Flecke, die um ſo greller her⸗ vortreten, je mehr die arme Putzmacherin huſtet. Und ſie huſtet häufig und ſchwer; ich ſehe das deutlich, weil alsdann die Spitzen und Bänder in ihrer Hand luſtig emporflattern.— Jetzt iſt ſie endlich fertig; ein Livreebedienter, der ſchon längſt ungeduldig wartete, erhält eine Schachtel mit der Spitzenmantille, die heute Abend im glänzenden Appartement bei hundertfachem Kerzen⸗ ſchimmer Aufſehen erregen wird und an die ſich Unterhaltungen knüpfen werden, welche zu mancherlei Reſultaten führen; denn die Spitzenmantille, von der armen ſchwindſüchtigen Putzmacherin verfertigt, wird ein paar wunderbar weiße Schultern bedecken.— Doch was geht uns das in dieſem Augenblicke an?— Das Mädchen im Magazin iſt aufgeſtanden, ſie ſtreckt ſich, ſie holt tief Athem, ſie drückt ihre Hand auf das Herz, und dann hält ſie mit beiden Händen ein paar Sekunden lang ihre Augen be⸗ deckt. Es iſt, als ſei es ihr ſchwindlig geworden; dann hüllt ſie ſich in ihr Tuch und— das Licht erliſcht. 3 Neben dem Modewaaren⸗Magazin befindet ſich ein Spezerei⸗ laden, der noch hell erleuchtet und den Blicken vollkommen zu⸗ gänglich iſt. Im Hinterſtübchen, durch eine Glasthür vom Ver⸗ 1 Wie das Licht ausgelöſcht wird. 161 kaufsgewölbe geſchieden, ſieht man den Principal, eine vertrocknete Perſönlichkeit mit einem beweglichen Kopf auf ſehr langem Halſe, der ſich immer zu ſtrecken ſcheint, um über alle vor ihm liegende Gegenſtände, das Treiben der ganzen Welt, namentlich aber ſeiner Leute, beobachten zu können. Dieſe ſeine Leute ſind im Laden beſchäftigt— er und ſie. Er iſt ein dürrer., bleichwangiger blondhaariger junger Menſch mit langen klumpigen Fingern, die beträchtliche Winterbeulen zeigen; er klebt Düten zuſammen, hat aber dabei verbotener Weiſe ein Buch neben ſich liegen, aus welchem er zu leſen ſcheint,— ich ſage ſcheint, denn in Wahr⸗ heit ſchweifen ſeine Blicke jede Sekunde über den Ladentiſch hin⸗ über, wo ſie ſitzt, ein wohlgenährtes junges Mädchen von etlichen zwanzig Jahren, knapp angezogen, mit einem ſo vollen und fri⸗ ſchen Geſichte, daß wir uns der ſchrecklichen Vermuthung nicht erwehren können, als ſei ſie eine Art Vampyr, die alles von Geſundheit und Kraft aus ihrer Umgebung an ſich zöge.— Sie ſtrickt, er klebt Düten, und der Principal huſtet zuweilen im Hinterzimmer. Dann und wann ſieht man auch, wie er aus dem Buche liest, und dann ſchaut ſie vor ſich nieder und nickt lächelnd mit dem Kopfe. Doch ihn blickt ſie dabei nicht an, ihn, der alles Mögliche thut, was ein erfindungsreicher Kopf nur thun kann, um die Aufmerkſamkeit eines geliebten Gegenſtandes zu erregen. Umſonſt ſucht er in ihrer Nähe altes Papier zu neuen Düten und ſtreicht dabei häufiger um ſie her, als grade nothwendig wäre.— Vergebliches Bemühen; ſie weicht nach rechts oder nach links aus, ſie zieht ſich rückwärts oder drückt ſich feſt an den Ladentiſch. Und dann glänzen ſeine Augen auf eine eigen⸗ thümliche Art; er kann das Papier, welches er ſucht, durchaus nicht finden, und wenn er hierauf hinter dem Ladentiſch wieder Hackländer, Kr. u. Fr. II. 11 1 162 Wie das Licht ausgelöſcht wird. empor taucht, ſo ſieht man ſein vorhin ſo bleiches Geſicht ge⸗ röthet und er läßt ſeine Unterlippe ſchlaff herabhängen.— Es iſt neun Uhr und der Laden muß geſchloſſen werden. Dieſer Moment ſcheint den jungen Menſchen unruhig zu machen; er wirft Düten und Buch unter den Ladentiſch, er ſpringt mit der Behendigkeit eines Affen auf die Straße, um die ſchweren Fenſterladen zu ſchließen, während das Mädchen ſich ins Hinterſtübchen begibt. Das iſt für ihn ein ſchrecklicher Augenblick. Er ſtößt mit einer raſenden Eile Stange und Riegel vor, doch bleibt er plötzlich ſtehn und bohrt ſeine Blicke durch den Laden ins Hinterſtübchen, wo jetzt— das Licht erliſcht. Bei der Betrachtung des gegenüber liegenden Hauſes habe ich, um gänzlich unten anzufangen, die Kellerwohnung vergeſſen; und iſt ſie doch meinem Blicke am zugänglichſten. Ich ſehe in eine Schuſterwerkſtätte hinein, wo der Meiſter mit ſeinen Geſellen bis jetzt fleißig gearbeitet. Auf dem niedrigen Werktiſche ſteht die helle Oellampe, um welche drei mit Waſſer gefüllte Glaskugeln hängen, die einen concentrirten Schein auf die Arbeit werfen. Der Meiſter iſt aufgeſtanden, der Geſelle legt die fertige Arbeit neben ſich hin, und nur der Lehrjunge bleibt noch unbeweglich ſitzen, denn er hat das Kind des Meiſters auf dem Schooße, deſſen weit offene helle Augen ſo außerordentlich vergnügt im Widerſchein der Glaskugeln glänzen. So viel man ſehen kann, iſt das Kind ſauber und nett angezogen, und ebenſo ſieht die Werkſtatt aus, wo man die ſtreng ſchaffende Hand einer ordent⸗ lichen Hausfrau bemerkt. Dieſe öffnet jetzt die Thür zur Stube im Hintergrunde, wo wir einen reinlich gedeckten Tiſch ſehen. Die Suppe dampft in einer zinnernen Schüſſel, und die Beiden am Arbeitstiſche, der Geſelle und der Lehrjunge müſſen den Duft Wie das Licht ausgelöſcht wird. 163 derſelben verſpürt haben, denn während der Erſtere ſich erhebt, ſieht man den Andern deutlich ſchnüffeln, und darauf drückt er das kleine Kind, damit es ein wenig ſchreie und ihm von der ſorglichen Mutter abgenommen werde; was denn auch augenblick⸗ lich geſchieht, worauf ſich alle in das Hinterſtübchen begeben, um vergnügt ihre Suppe zu eſſen, nachdem der Meiſter in der Werk⸗ ſtatt ſorgfältig das Licht ausgelöſcht. Beinahe mir gegenüber, nur ein wenig tiefer habe ich den einen Stock des Hauſes, welches, in ſeinen Verhältniſſen beträcht⸗ lich höher als das, in welchem ich wohne, mit ſeiner ſogenannten Belletage an den zweiten Stock, wo ſich mein Zimmer befindet, reicht. Wer dort eigentlich wohnt, das heißt, was für Leute es ſind, habe ich noch nicht ergründen können. Es iſt ein junges Paar von ſehr elegantem Aeußern; ſie müſſen reich ſein, ſehr reich, denn ſie bewohnen den erſten Stock ganz allein, die Ein⸗ richtung dort iſt prächtig, ſie haben zwei weibliche und einen männlichen Bedienten, und wenn Herr und Dame auf der Straße gehen, ſo werden ſie angeſtaunt wegen ihrer geſchmackvollen und reichen Toilette. Dabei ſcheinen Beide noch ſehr jung zu ſein, er im Anfang der Zwanziger, ſie noch ein paar Jahre jünger. Anfänglich habe ich geglaubt, es könnte Bruder und Schweſter ſein, aus verſchiedenen Kleinigkeiten meinte ich aber zu erſehen, daß der junge Herr und die junge Dame ein liebendes Paar ſei, wahrſcheinlich verheirathet; ich kann mir das wenigſtens nicht anders denken. So vornehm, wie ſich ihre Wohnung, ihre ganze Tournure ausnimmt, ſo iſt es auch nicht minder ihre Lebens⸗ ordnung. Vor zehn Uhr Morgens öffnet ſich kein Laden, wird kein Vorhang emporgezogen, und erſt um dieſe Zeit ſieht man vielleicht Eins von Beiden an dem Fenſter erſcheinen; um eilf 164 Wie das Licht ausgelöſcht wird. Uhr wird gefrühſtückt, dann geht er allein aus, um gegen ein Uhr nach Hauſe zurückzukehren. Da gehe ich alsdann zu meinem be⸗ ſcheidenen Mittageſſen und begegne ihm ſo faſt jeden Tag. Es iſt ein eigenthümlicher Menſch von einer ſo auffallend wechſelnden Gemüthsſtimmung, wie ich nie etwas geſehen. Jetzt hüpft er mir heiter, faſt glückſelig entgegen; er ſchaut mit lachendem Geſichte nach den Fenſtern ſeiner Wohnung empor, und wenn er ſie dort ſtehen ſieht, ſo winkt er freudig mit der Hand. Jetzt ſchleicht er trübſelig daher, beißt ſich auf die Lippen und ſcheint an ſeinen Fingern herabzuzählen; er hat kein Auge für die Fenſter im erſten Stock, er tritt mißmuthig ins Haus, ſchleicht die Treppen hinauf und wirft, oben angekommen, ſeinen Hut aufs Sopha. Im erſten Falle gehen Beide mit einander ſpazieren; im andern aber ſehe ich ihn, wenn ich von Tiſche komme, an ſeinem Schreib⸗ tiſche ſitzen und bemerke, wie er rechnet, während ſie auf und ab geht und ihm zuweilen ein Wort ſagt, das er nicht allzu freundlich erwidert. Abends ſind ſämmtliche Zimmer des Stock⸗ werkes häufig erleuchtet; ſie haben große Geſellſchaft. In der letzten Zeit aber kam das nicht mehr ſo häufig vor; auch fand ich, daß der junge Mann meiſtens verdrießlich und niederge⸗ ſchlagen war, wenn er mir begegnete. Während ich jetzt hinüber blicke, ſehe ich das Zimmer er⸗ leuchtet, wo ſein Schreibtiſch ſteht und wo er an ſchlimmen Tagen zu rechnen pflegt. Auch jetzt ſitzt er daran, emſig auf Papiere niedergebeugt, die er aus allen Schubladen hervornimtt und auszuſuchen ſcheint. Sie ſchreitet auf und ab, die Hände gefaltet, nur zuweilen nähert ſie ſich dem Schreibtiſche, er gibt ihr eine Handvoll Papiere, die ſie alsdann zerreißt und in den Ofen wirft; ihr Blick iſt finſter und zwiſchen den trotzig aufge⸗ Wie das Licht ausgelöſcht wird. 165b worfenen Lippen ſcheinen unfreundliche Worte hervorzudringen. Zuweilen ſtützt er den Kopf in beide Hände, man ſieht ſeine Finger ſich durch das Haar durcharbeiten, dann aber fährt er wieder empor, blickt auf ſeine Taſchenuhr, die er vor ſich nieder⸗ gelegt hat und fährt emſig fort, ſeine Papiere durchzuſehen. Sie tritt ans Fenſter und drückt ihre Stirne an die kalten Scheiben; vielleicht ſchaut ſie nach unſerem Hauſe herüber, wo ſehr wenig Lichter brennen, und denkt auf keinen Fall, daß ſie beobachtet wird. Er iſt an ſeinem Schreibtiſche fertig und nimmt nun ein kleines Käſtchen, in welches er einige Papiere thut, ein paar Geldrollen und etwas, das wie Geſchmeide funkelt. Dann ſchließt er das Käſtchen zu und gibt der jungen Dame den Schlüſſel, worauf ſie ſich für kurze Zeit entfernt, während er nun unruhig im Zimmer auf und ab ſchreitet. Als ſie wieder kommt, ſehe ich mit Erſtaunen, daß ſie zum Ausgehen angezogen iſt; ſie hat einen dunkeln Mantel übergeworfen und einen ſchwarzen Hut aufgeſetzt. Sie nimmt das kleine Käſtchen unter den Arm; er ſteht neben ihr und ſcheint ihr etwas deutlich zu machen. Ich bemerke wohl, wie er die Hände erhebt, kann aber begreiflicher⸗ weiſe nicht verſtehen, was er ſagt. Jetzt tritt ſie auf ihn zu, ſie legt eine Hand auf ſeine Schulter und ſtützt einen Augenblick den Kopf darauf. Dann reißt ſie ſich los und Beide verſchwin⸗ den im Hintergrunde des Zimmers, er nur auf ein paar Mi⸗ nuten; gleich nachher tritt er wieder an den Schreibtiſch, ſchaut auf die Uhr und geht dann ſichtbar erregt wieder im Zimmer auf und ab. Das Haus mir gegenüber hat Ausgänge nach zwei Straßen. Ich ſehe die junge Dame nicht aus dem großen Thore kommen; ſie muß ihren Weg rückwärts durch eine dort befindliche enge 166 Wie das Licht ausgelöſcht wird. Gaſſe genommen haben.— Was iſt das? Drei Männer nähern ſich von der Straße langſam dem Hauſe; einer bleibt an dem Thore ſtehen, zwei verſchwinden im Innern; ich weiß nicht, wie ich dazu komme, aber ich bringe die Erſcheinung der drei Män⸗ ner mit dem jungen Paare im erſten Stocke zuſammen und habe mich nicht geirrt. Er dort drüben bleibt plötzlich auf ſeinem Gange durchs Zimmer ſtehen; er horcht, er tritt hart an das Fenſter; die Männer, die ich ins Haus verſchwinden ſah, ſind bei ihm eingetreten. Einer muß dem jungen Manne etwas ſehr Ueberraſchendes geſagt haben; er fährt zurück und will ins Neben⸗ zimmer, wohin ihm aber einer der Männer den Weg vertritt.— Ah! das wird ernſthaft; er wirft ſich gegen den Schreibtiſch, er faßt eine Piſtole, welche dort liegt, die ihm aber im nächſten Augenblick aus der Hand geriſſen wird. Nun ſteht er unbeweg⸗ lich da, ſtützt die rechte Hand auf den Tiſch, beißt die Lippen ſurchtbar zuſammen, ſeine Augen, die entſetzlich hervortreten, ſtar⸗ ren auf einen der Männer hin, der den Schreibtiſch unterſucht und aus einer verborgenen Schublade länglichte Stückchen Papier hervorzieht— ſie haben ganz die Form von Wechſeln— auch verſchiedene Petſchafte und Stempel.— Ich möchte lieber, ich hätte das nicht geſehen; es iſt ein gar zu jammervoller Anblick, wie nun der Bediente des jungen Mannes hereintritt, ſeinem Herrn den ſeidenen Schlafrock aus und einen dicken Paletot da⸗ für anzieht, und wie darauf einer der Männer ihm die Hände über einander legt, und mit einer kleinen Kette feſſelt— ein Drama unſerer Zeit. Es iſt mir ordentlich leichter ums Herz, als nun die Polizeibeamten mit dem Verhafteten das Zimmer verlaſſen haben, wo der Bediente, das Stubenmädchen und die Köchin noch einen Augenblick zurückbleiben, das furchtbare Ereig⸗ Wie das Licht ausgelöſcht wird. 167 niß gründlich beſprechend.— Endlich verſchwindet drüben das Licht, und mir iſt es grade, als ſei ich im Theater geweſen. Im zweiten Stocke wohnt die Hauseigenthümerin, die ver⸗ wittwet geweſene Doktorin Fackelberg, jetzt wieder verehelichte Madame Stängeler. Trotzdem aber die Doktorin wieder einen Herrn und Gebieter hat, müſſen wir doch ſagen, daß ſie Haus⸗ eigenthümerin geblieben iſt, denn Herr Stängeler hat nur in das Anweſen hinein geheirathet und gilt bei allen Angelegenheiten, wo es ſich um etwas Reelles handelt, nur als der Gatte ſeiner Frau. So lange er ledig war, wurde er als ein ſehr angeneh⸗ mer Handlungsreiſender betrachtet; er war kein übler Mann, hatte volles Haar, einen gut gepflegten Backenbart, ſpielte die Guitarre, wozu er circa ſechs Lieder ſang, machte Karten⸗ und andere Kunſtſtücke außerordentlich ſchön und wußte köſtlich zu er⸗ zählen. In einem kleinen Bade hatte er die Doktorin Fackelberg kennen gelernt; ſchon am erſten Abend, nachdem dies geſchehen, hatte er ein paar Freunden im Wirthshauſe vorgeimgen⸗ Mein Blick, ihr zugewendet War Blitz und Schlag zugleich, und vierzehn Tage nachher, empfahlen ſich Beide als Verlobte.— Von dem Alter der beiden neuen Ehegatten läßt ſich nur ſo viel ſagen, der Unterſchied deſſelben war ſo groß, daß Herr Stängeler füglich als einer der jüngeren Söhne ſeiner Gattin betrachtet werden konnte. Aber ſie war Hauseigenthümerin, reich, und wie der ehemalige Handlungsreiſende ſeinen Collegen zu betheuern pflegte, ſonſt ein vernünftiger und umgänglicher alter Kerl. Die Che der Beiden ging denn auch ſo weit ganz gut, als ſie zu⸗ weilen zwei Augen zudrücken mußte, und er ſich bemühte, ſeine extravaganten Neigungen ſo viel wie möglich zu verdecken. Am⸗ 168 Wie das Licht ausgelöſcht wird. Tage blieb er ſchon gern zu Hauſe, beſonders machte er ſich aus einem gemeinſchaftlichen Spaziergange nicht viel, wenn aber der Abend kam, da zog es ihn gewaltſam hinweg und dann ging er mißmuthig ſo lange im Zimmer auf und ab, bis er eine ſchickliche Gelegenheit zum Entwiſchen fand. Was ihm den größ⸗ ten Kummer machte, war, daß er weder durch Ueberredungen noch Bitten, weder mit Liſt noch Gewalt einen Hausſchlüſſel er⸗ langen konnte. Madame Stängeler wollte ſich nun einmal nicht von der ſüßen Pflicht entbinden, ihm die Thüre zu öffnen. Eine Hauseigenthümerin, pflegte ſie zu ſagen, muß überhaupt die Letzte ſein, die im Hauſe wacht; und daß ſie das oft noch zu ſehr ſpäter Nachtſtunde that, kann ich, der auch nicht immer früh heimkam, beſtens bezeugen. Es gab nur ein Mittel, Stängeler zu Hauſe zu halten, das war, wenn kleine angenehme Geſellſchaften eingeladen wurden, wozu ſich denn auch die ge⸗ weſene Doktorin häufig verſtand. Dabei ſah ihr Gatte nicht auf einen großen Kreis und begnügte ſich ſogar gern mit einer jungen ſtillen Wittwe, die im ſelben Hauſe wohnte, und der es ebenfalls Vergnügen machte, ihren Thee bei der Hauseigenthümerin zu nehmen. Schon oft hatte ich es mit angeſehen, wie wenig Herr Stängeler an ſolchen Abenden das Wirthshaus vermißte; er war alsdann munter, erzählte von ſeinen Reiſen, machte Kunſtſtücke, wie— eben jetzt wieder. Ja, da ſaßen die Drei vertraulich um einen kleinen Tiſch,— eigentlich ſaßen nur zwei, die junge Wittwe und Herr Stängeler; die geweſene Doktorin hatte ſich in die Küche begeben, um die Bereitung des beſcheidenen Abend⸗ brodes zu überwachen. Ob er in dieſem Augenblicke Kunſtſtücke machte, kann ich nicht genau angeben; ſo viel aber ſah ich, daß Karten auf dem Tiſche lagen und daß er und die junge Wittwe Wie das Licht ausgelöſcht wird. 169 jetzt eben die Köpfe zuſammenſteckten, um in die bunten Blätter zu ſchauen,— als— durch welchen Zufall iſt mir jetzt noch unerklärlich— plötzlich das Licht erloſch. Steigen wir nun mit unſeren Blicken ein Stockwerk höher. Da iſt eine von jenen ſtillen geordneten Haushaltungen, wo tiefer Friede herrſcht unter dem gewaltigen Druck einer mächtigen Ueber⸗ winderin. Im Hausweſen des Hofraths Knuſperich regiert die Hofräthin, unumſchränkt, deſpotiſch, ohne Conſtitution, ohne Kam⸗ mern. Die Feſſeln, welche ſie ihren Untergebenen anlegt, ſind um ſo drückender, da dieſe, die Untergebenen nämlich, aus einem erwachſenen Sohne und zwei erwachſenen Töchtern beſtehend, ſchon verſchiedene Aufſtandsverſuche machten, die aber mit neuer und tieferer Knechtung enden. Die Hofräthin iſt eine lange dürre Perſon mit großen grauen Augen, in denen man bei den Un⸗ bilden, die andere arme Weiber erdulden müſſen, triumphirend die Worte liest: So was kommt bei mir nicht vor! Von dem Hausweſen iſt viel oder gar nichts zu ſagen. Nach Außen zu geht alles glatt vorüber; was aber unter der ruhigen Oberfläche tobt, das bin ich nicht ſchuldig zu berichten; ich halte mich nur an einen Lichterſchein, den letzten in der Wohnung, der aus dem Schlafgemach der Hofräthin dringt, in welchem der Hofrath nur geduldet iſt. Die grünen Vorhänge ſind herabgelaſſen und gegen einen derſelben fällt unverkennbar ein Schatten; es iſt der einer langen Geſtalt, die im Bette aufrecht ſitzt, ich erkenne ſie an der runden Form ihrer Nachtmütze und der ſpitzigen Naſe, die in undäheeaiden Dimenſionen in einem ſchauerlichen Schattenbilde die Hof fräthin iſt im Begriff, iren Gatten das Ein⸗ lichtern.— ſpricht ſie mit ihrer ſcharfen Stinung,„nicht 170 Wie das Licht ausgelöſcht wird. jede Nacht im Wirthshaus herum vagabundirſt, daran iſt Gott ſei Dank, die muſterhafte Ordnung Schuld, die ich in meinem Hausweſen eingeführt. Und es war nicht leicht, mit dem, was recht iſt, durchzudringen, da das Haus von üblen Beiſpielen wimmelt; Madame Stängeler da unten mag eine ſchwache Frau ſein; ſie kann mit ihrem Gutedel treiben, was ſie will; aber bei mir ſoll Ordnung ſein, und die will ich feſthalten, bis man mich einſt zu Tod geärgert haben wird.“— Obgleich dazu wenig Ausſichten vorhanden waren, ſo fuhr doch Madame Knuſperich fort:„Und das wird nicht lange mehr dauern, denn ich fühle deutlich, wie meine Conſtitution mit jedem Tag lockerer wird. Ja, Knuſperich, das haſt du zu verantworten, denn du thuſt alles, um mir das Leben zu einer Hölle zu machen. Freilich, ins Wirthshaus gehſt du nicht, weil ich es nicht haben will, und wenn ich es auch haben wollte, ſo gingeſt du doch nicht hinein. Und ich weiß wohl, warum du ſo gerne zu Haus bleibſt. Mir zu lieb?— o du wirſt mich nicht für ſo dumm halten, daß ich das glauben ſoll. Aber ich ſage dir, noch einmal einen Auftritt mit der Babett, wie der von heute Abend, und du wirſt ſehen was geſchieht.— Du haſt noch die Kühnheit mich zu fra⸗ gen, was für einen Auftritt ich meine?— du wirſt dich doch wohl ſelbſt erinnern, wie du mit einer Eigenmächtigkeit über den Reſt unſeres Abendeſſens geſchaltet, die ans Unglaubliche grenzt. Haſt du nicht zu Babett geſagt: Sie kann den Wurſtzipfel eſſen, der da übrig geblieben iſt—?— Schweige und ſchäme dich, Knuſperich, du haſt nicht nur gethan, als wenn du der Herr im Hauſe wärſt, ſondern du haſt dir auch vor deiner Mos eine Blöße gegeben, die um ſo lächerlicher iſt, wenn bedenkt. Einer Magd, die ſo gut gehalten iſ Wie das Licht ausgelöſcht wird. 171 die ein ſo vortreffliches Eſſen hat— ja, das hat ſie, Knuſperich! — noch von unſerem Abendbrode anzubieten! O ich möchte wün⸗ ſchen, das nicht erlebt zu haben; denn ich ſage dir, das gibt mir eine Reihe von traurigen Gedanken, die zu meinem frühen Tode beitragen werden.— O meine gute Mutter! wie Recht hatte ſie, als ſie mir bei unſerer Verheirathung ſagte: gib Acht, Henriette, mit dem Mann wirſt du nicht glücklich!?— Damit erloſch das Licht, und wir können annehmen, daß die Hofräthin im Uebermaße ihres Unglücks endlich einſchlief. So liegen denn nun ſämmtliche Stockwerke des Hauſes ſchwarz und finſter vor mir, nur aus den Dachkammern ſcheinen noch ein paar Lichter in die Nacht hinaus. Dort auf der linken Seite wohnt eine arme Perſon; die hatte ein einziges kleines Kind, für das ſie lebte und arbeitete. Es war das ein aller⸗ liebſtes Mädchen von vier Jahren, ſo zierlich und nett, wie man kaum etwas Aehnliches ſah. Wenn die Mutter nähte— und das thut ſie faſt den ganzen Tag und die halbe Nacht— ſo ſaß das Kind ſtundenlang auf einem kleinen Schemel zu ihren Füßen, hatte auch ein Stückchen Zeug in der Hand und ſtach mit einer Nadel darauf los. Dabei war das Mädchen ſo ver⸗ ſtändig, daß wenn die Mutter ausgehen mußte, es weder an das Fenſter, noch an den Ofen ging, ſondern auf dem Fußboden allein für ſich vergnügt ſpielte und weder ſchrie noch lärmte. Wie innig die Beiden ſich liebten, kann man ſich denken. Die arme Mutter hatte auf der Welt nichts als ihr Kind, und da kam der Tod und nahm es ihr weg. Alle, die es erfuhren und die ſie und ihr kleines Mädchen gekannt, weinten mit ihr. Aber das half nichts, das kleine Mädchen war todt und ſeit ein paar Tagen begraben. Da ſitzt ſie nun an ihrem Fenſter und 472 Wie das Licht ausgelöſcht wird. ſchaut in die Nacht hinaus, lange, lange— endlich fährt ſie empor und horcht auf; ſie glaubt ihr Kind zu hören. Konnte es denn wirklich geſtorben ſein? Da ſtand noch ſein ärmliches, kleines Bettchen; da hingen ſeine Kleidchen; auf der Kommode befanden ſich ſeine kleinen Schuhe, ach! die lieben kleinen Schuhe, in denen es umhergetrippelt. Am Boden bemerkte man noch ein Stückchen Zeug, an welchem das Mädchen genäht. Die Mutter geht nun im Zimmer auf und ab von einer dieſer lieben Sachen zur andern, ſie betrachtet alle, ſie küßt alle; dann beugt ſie ſich auf das Bettchen nieder und weint bitterlich in die klei⸗ nen Kiſſen. Die Uhren ſchlagen, die Zeit ſchleicht vorüber, ihr herabgebranntes Licht geht aus— ſie ſieht es nicht. Auf der rechten Seite des Daches iſt eine kleine Kammer, wo Babett ſitzt und einen Brief an ihren Geliebten ſchreibt: „Thuerer Ferdinand! So iſt denn wieder ein Tag herum, und jetzt, da unſer Hausdrache mich ins Bett geſchickt hat, habe ich einen Augenblick Zeit an dich zu ſchreiben. Freilich hat ſie mir aufs ſtrengſte befohlen, ſogleich mein Licht auszulöſchen, damit das theure Oel nicht verbrannt werde. Aber ich thue es nicht, vielmehr habe ich die Lampe ſo hoch geſtochert, als mir nur möglich iſt. Nein, in dem Hauſe halte ich es nicht länger aus, den ganzen Tag keine Ruhe und nichts Ordentliches zu eſſen. Der Herr iſt beſſer; er wollte mir heute Abend etwas Uebrig⸗ gebliebenes vom Abendeſſen zukommen laſſen, aber da machte mein Drache ein paar Augen, die mir ſchon von vornherein alles in Gift verwandelten. Ach, wie wäre ich unglücklich, wenn ich nicht deine Liebe hätte, mein theurer Ferdinand, und das Bischen Leſen, womit ich mich hie und da beſchäftige. Der freundliche Buchhändler, den du kennſt,— weißt du, derſelbe, auf den du Wie das Licht ausgelöſcht wird. 173 einmal eiferſüchtig warſt— hat mir ein neues Buch der Luiſe Murhard geliehen. Wie ich mich daran erbaue, das kann ich dir gar nicht ſagen. Da finde ich mich ſelbſt wieder und darum auch Hoffnung und Troſt. Es ſind das lauter ſo arme ge⸗ drückte aber edle Weſen, alles gute fromme Menſchen, für die bei allem Leid und Kummer am Ende immer ein glückliches Un⸗ gefähr, wenn es auch ganz unglaublich iſt, erſcheint, das ſie zu⸗ frieden macht. Wie ich von demſelben freundlichen Buchhändler hörte, exiſtirt Frau Luiſe Murhard wirklich. Ich habe an ſie geſchrieben, ob ſie mich nicht in ihre Dienſte nehmen wolle; da ich ſelbſt in zwei frommen Häuſern gedient, auch rührende Ge⸗ ſchichten von jungen Mädchen mit ſehr ſchönen und gebrochenen Herzen weiß, ſo könnte ihr das gar nicht ſchaden. Schlägt ſie es mir ab, ſo will ich es ſelbſt einmal verſuchen, und ich glaube, der freundliche Buchhändler würde ſich nicht ſchlecht dabei ſtellen, wenn er die wahrhaftige Geſchichte von meiner Hofräthin, dem Drachen, drucken thun thäte.— Jetzt aber, lieber Ferdinand, habe ich ihr ſo viel Oel verbrannt, daß ſie zum Kaffee ſchon einen rechten Aerger haben wird. Ich ſchließe aber mit den Worten des Dichters: Mein Fühlen iſt ſo öd und leer, Und alles Glück entwichen; Da iſt die Thräne trüb und ſchwer Ins Auge mir geſchlichen.“ Damit erliſcht das Licht und ich ſehe jetzt am Hauſe nur noch einen einzigen Schimmer hoch oben, in der Mitte des Daches. Dort wohnt der Lehrling der Spezereihandlung, den wir drunten mit erſchüttertem Gemüthe den Laden ſchließen ſahen, und deſſen Kummer und Liebesweh jetzt noch fortklingt in den melancholi⸗ Wie das Licht ausgelöſcht wird. ſchen Tönen einer Flöte, die um ſo holperiger hervorquacken, als der junge Mann Kälte und Froſtbeulen halber in dicken Hand⸗ ſchuhen auf den Klappen des Inſtrumentes herumſchlägt. Es iſt ſchwer, eine Melodie zu ergründen. Endlich aber, nachdem ich mein Fenſter einen Augenblick geöffnet, erkenne ich die Weiſe, welche er ſpielt, und finde ſie unter ſeinen Verhältniſſen traurig aber wahr. „Dich verelie—i—i— ren ſoll ich, dich verla—a—a—ſſen, dich— die meine Se—e—e—e—le ganz erfü—üllt. Dies ſchien aber der letzte Ausbruch und ein würdiger Schluß ſeiner Wehmuth geweſen zu ſein, denn gleich darauf er⸗ loſch auch dieſes Licht, und alles rings umher war finſter. Ein Tag bei dem Manüver. Zwei Batterien im Kampf. Das war doch am heutigen Manövertage ein noch nie da⸗ geweſenes und ganz unerhörtes Schießen; ſollte man doch glauben, es ſeien Sr. Majeſtät Manöver⸗Cartouchen keinen Pfennig werth, oder es haben ſich ſämmtliche Batteriechefs das Wort gegeben, einmal zu ſehen, wer es in der Verſchwendung von königlichem Pulver am weiteſten bringen würde. Blitzten doch die kleinen Rattenaugen meines alten Unteroffiziers Helmſcheid vor wahrem 8 Vergnügen, was ſelten genug bei ihm vorkam, und rieb er ſich doch lächelnd den Schnurrbart.— Geſchütz— Feuer! comman⸗ dirte er ſchon lange nicht mehr, ſondern man hörte nur noch von beiden Worten die letzten Buchſtaben———— tz— z— z— z ————r—r—r— r— r— r. Wir hatten aber auch eine prächtige Poſition; von einem niederen Hügel kaum halb gedeckt, feuerten wir gegen eine zwölf⸗ pfündige Batterie, die auf vielleicht zwölfhundert Schritt vor uns aufgefahren und klar vor uns hielt, als ſtände ſie auf einem Präſentirteller; da war keine Bewegung des Rads und der Hand⸗ Ein Tag bei dem Manöver. ſpeiche, die wir nicht ſahen, und mit einer wahren Malice ſchoſſen wir drauf los. Wir hatten uns ſo in die Täuſchung hineingelebt, daß ich nach jedem Schuß hinüberblickte und immer glaubte, jetzt müſſe man die Fetzen davon fliegen ſehen. Es war wahr⸗ haftig gut, daß wir unter ſtrenger Aufſicht ſtanden; denn durch die Hartnäckigkeit gereizt, mit der uns die offen ſtehende Batterie Schuß um Schuß antwortete, hätten unſere Kerls gute Luſt ge⸗ habt, ein paar Kartoffeln oder Steine zu laden. Unſer Zugführer war der Lieutenant v. Manderfeld, eine eigenthümliche Perſönlichkeit. Seine Kameraden behaupteten unter Anderem, was er vor den gewöhnlichen Menſchenkindern voraus habe, ſei, er könne auch Geiſter ſehen. Und in der That, ſein Aeußeres ſah gerade ſo aus, als wenn dies Gerücht wahr ge⸗ weſen wäre. Man hätte den Lieutenant v. Manderfeld einen hübſchen Mann nennen können, wenn er nicht gar ſo blaß aus⸗ geſehen hätte, und wenn ſeine außerordentlich merkwürdigen Augen nicht geweſen wären. Dieſe Augen waren von einer ſo hellen blauen Farbe, wie ich nie mehr was Aehnliches geſehen. Vergiß⸗ meinnicht in Milch gekocht iſt gar nichts dagegen, dabei waren ſie ungewöhnlich groß und er hielt ſie immer ſo weit offen, daß gar kein Schatten hineinfiel. Was ihn aber häuptſächlich in den Ruf gebracht, als ſähe er Perſonen und Dinge, die andern Men⸗ ſchen unſichtbar blieben, war ſeine wirklich coloſſale Zerſtreutheit. Wir hatten immer Angſt, bei größeren Manövern unter ſeinem Commando zu exercieren, und bei ſolchen Fällen nahmen ſich die Geſchützführer öfters die Freiheit, von ſeinen ſpeziellen Befehlen abzuweichen und das zu thun, was die andern Züge thaten; denn ſonſt wäre es vielleicht ſchon öfters vorgekommen, daß wir mit unſeren beiden Geſchützen auf einmal allein ſtehen geblieben Ein Tag bei dem Manöver. 177 oder gar aus der Linie zurückgeraſſelt wären. Auch eine Sonder⸗ barkeit hatte Lieutenant v. Manderfeld; er vollendete nie einen Satz, den er angefangen, und das, meinten die andern Offiziere, ſei beſonders ein Beweis, daß er ſich immer mit Sachen beſchäf⸗ tige, die nur ihm allein ſichtbar wären. Im Uebrigen war er ein guter Offizier, namentlich für das Laboratorium, den wir alle lieb hatten; auch hatte er ein großes Vermögen, war in jeder Hinſicht mittheilſam, und wollte noch ein paar Jahre dienen, um vielleicht mit dem Charakter als Kapitän abgehen zu können. Jetzt berührte mich eine Säbelſpitze an der Schulter, und als ich mich umſah, war es der Lieutenant v. Manderfeld, der mit ſeinem Pferde dicht hinter mir hielt. Ich war Bombardier und beſorgte als ſolcher das Richten. Daß dieſes im Eifer des Gefechts nicht auf's Pünktlichſte beſorgt wurde, will ich nicht läugnen und begriff es deßhalb vollkommen, als mir der Offizier ſagte:„Laſſen Sie hinten am Lafettenſchwanze nach gewöhnlichem Augenmaße eine gute Handbreit mehr links nehmen. Wenn wir mit Kugeln ſchöſſen, träfe keine einzige, alle— Apropos!“ unter⸗ brach er ſich nach ſeiner Gewohnheit,„was meinen Sie, Unter⸗ offizier Helmſcheid, man ſollte den Kapitän veranlaſſen, ein paar Haubitzen heranzuziehen; da rechts von uns iſt eine famoſe Ver⸗ tiefung, um die rappelköpfiſche zwölfpfündige Batterie recht——“. Er wollte ſagen: in die Flanke nehmen, ſtatt deſſen aber rieb er ſich den Schnurrbart mit dem Knopf ſeines Säbels und warf ſein Pferd herum, dem Kapitän entgegen, der ſo eben vom Abtheilungs⸗ Commandeur herübergeſprengt kam. „Sehen Sie doch einmal an, Herr Lieutenant v. Mander⸗ feld!“ rief unſer Chef, indem er mit dem Säbel auf die Zwölf⸗ pfündige wies,„ſtehen die Hallunken nicht da, als ſeien ſie un⸗ Hackländer, Kr. u. Fr. II. 12 1 178 Ein Tag bei dem Manöver. ſterblich! Sie müßten ſich, hol' mich der Teufel! ſchon lange zurückgezogen haben, und das iſt nur der pure Eigenſinn des Ka⸗ pitäns Hoffmann. Wir hätten ihnen ſchon alle Lafetten demontirt, und da drüben die Haubitzbatterie hagelt ſchon ſeit einer Viertel⸗ ſtunde in ihn hinein. Aber die machen keine Miene, abzuziehen.“ „Gewiß nicht, Herr Hauptmann,“ entgegnete der Lieutenant; „ſo lange noch ein Schuß Pulver—“. Damit ſchwieg er und blickte über das Feld hin. „Sie wollten ſagen, Herr Lieutenant von Manderfeld, ſo lange ſie noch einen Schuß Pulver in ihren Protzen haben.“ „Es iſt möglich, Herr Hauptmann, daß ich das ſagen wollte. Aber ich dachte—“ ——„Nun was dachten ſie denn beim heil. Petrus?“ rief der Hauptmann, nachdem er eine gute Weile auf die Ge⸗ danken des Lieutenants gewartet. Dieſer ſchaute mit ſeinen blaſſen Augen wie weit, weit in unabſehbare Fernen, dann verſetzte er:„Wir könnten, ſo meine ich, die beiden Geſchütze von unſerem linken Flügel langſam hinter den Hügel zurückziehen laſſen und rechts hinüber dirigiren, wo—“ „Teufel! da haben Sie Recht!“ rief der Kapitän einfallend, und ſo ſeinem Offizier die Mühe ſparend, den Satz vielleicht et⸗ was ſpäter abzubrechen.—„Sehr gut! ſehr gut! Von da her knallen wir ungeſehen auf die hartnäckigen Zwölfpfünder, daß ſie nicht wiſſen, wo ſie ihre Ohrfeigen herkriegen ſollen. Und wenn das den Hoffmann nicht zum Abzug zwingt, ſo hat er gar keine Idee von einem Feldmanöver.— Na, warte!“ drohte er mit ſeinem Säbel zur feindlichen Batterie hinüber;„komm du mir 4 heute zu Tiſch, ich will dir ſagen, wo du her biſt. Mit Brod⸗ kugeln will ich dir beweiſen, daß du keinen unzerſchoſſenen Mann Ein Tag bei dem Manöbver. 479 davon gebracht hätteſt. Es iſt merkwürdig,“ wandte er ſich an ſeinen Offizier,„daß alle Kapitäns von zwölfpfündigen Batterien ſo donnermäßig hartnäckig ſind.“ „Das macht wohl das grobe Material,“ erwiederte Lieute⸗ nant v. Manderfeld ſehr langſam und bedächtig.„Aber der Herr Hauptmann ſelbſt—“ ———„Nun, ſo reden Sie doch aus in's Teufels Namen!— Was ich ſelbſt? Bin ich etwa auch hartnäckig?“ „Gott ſoll mich bewahren, das vorauszuſetzen; aber ich wollte nur ſagen, Sie waren ja ſelbſt—“ „Bei einer zwölfpfündigen Batterie. Allerdings, aber als Lieutenant, und als ſolcher, Herr v. Manderfeld, thut man nur, was der Kapitän befiehlt. Aber augenblicklich.“ Der Lieutenant, der ſeinen Vorgeſetzten ungeduldig werden ſah, grüßte reſpektvoll mit dem Säbel und wandte ſein Pferd nach uns hin.„Wie viel Schuß haben wir noch in der Protze, Unteroffizier Helmſcheid?“ fragte er. „Für jedes Geſchütz ſechs, Herr Lieutenant.“ „Schön! ſchön! Laſſen ſie unſere beiden Geſchütze langſäm hinter den Hügel zurückziehen, dann aufprotzen und dorthin gehen, wohin ich vorhin gezeigt. Die Mulde da——“. „Zu Befehl, Herr Lieutenant. Habe alles genau verſtanden Da wollen wir die Zwölfpfünder überraſchen. Paßt mir auf, Jungens!“ wandte ſich der Unteroffizier an die Bedienungsmann⸗ ſchaft.„Das Geſchütz zurück, aber langſam und ruckweiſe, daß die drüben nichts merken.— Ich brauche wohl die Bedienungs⸗ mannſchaft nicht aufſitzen zu laſſen?“ erlaubte er ſich den Vor⸗ geſetzten zu fragen. „Nein, nein, die Pferdehalter ſollen nachziehen. Das macht 180 Ein Tag bei dem Manöver. weniger Aufſehen und—. Auch wird der Herr Hauptmann, wäh⸗ rend wir unſere neue Stellung einnehmen, wahrſcheinlich die Güte haben, die übrige Batterie tüchtig feuern zu laſſen, dann——“ „Verſteht ſich von ſelbſt!“ rief der Kapitän.„Machen Sie nur, daß ſie bald hinkommen.“ Während wir nun langſam hinter der Kette von Hügeln abzogen, knallten unſere zurückgebliebenen Geſchütze ſo toll und vergnügt darauf los, daß es eine wahre Freude für ein Artillerie⸗ herz war. Auch waren die ſechs Geſchütze ſo in Rauch eingehüllt, daß es dem Feind kaum möglich war, unſeren Abzug zu bemerken. Unten am Rande des Hügels fanden wir glücklicher Weiſe einen Hohlweg, dem wir, im Trabe neben dem Geſchütz herlau⸗ fend, folgten, und eine große Curve beſchreibend, in weniger als einer Viertelſtunde vollkommen in der Flanke der zwölfpfündigen Batterie ſtanden. Und das Prächtigſte dabei war, daß ſie keine Ahnung von uns hatten, obgleich wir kaum achthundert Schritt von ihnen entfernt, durch leichtes Geſträuch gedeckt, unſere beiden Geſchütze vorſchoben. Unterwegs hatte uns der Lieutenant v. Man⸗ derfeld in ſeiner abgebrochenen Weiſe gehörig inſtruirt und un⸗ ſeren Eifer auf’s Höchſte angeſtachelt.„Wir müßten die dort oben mit Hurrah vertreiben,“ ſagte er.„Sowie die Geſchütze ſtehen, bleiben nur vier Mann, den Unteroffizier inbegriffen, dabei; die übrigen fünf an jedem Geſchütz ſitzen auf, das macht zehn Reiter, und mit denen fege ich nach den erſten ſechs Schüſſen hinter dem Hügel her, als hätten wir Kavallerie bei uns. Ich ſage euch, Leute, die Zwölfpfünder werden laufen, daß es—“. „Ein Vergnügen iſt,“ wollte er ſagen. Und darauf freuten auch wir uns ganz beſonders. In der That waren wir ſo nahe, daß wir einzelne Bekannte ſehen und ganz genau erkennen konnten. 3 Ein Tag bei dem Manöver. 181 Da ſtand der lange Kapitän Hoffmann mit ſeinem übergroßen blonden Schnurrbart und hatte ſein Taſchenperſpektive angelegt, mit dem er nach unſerer Batterie hinüber ſah. Mochte er vielleicht merken, daß zwei Geſchütze fehlten, oder hoffte er, unſer Kapitän werde abziehen, und unterſuchte vielleicht für dieſen Fall das Terrain, um noch etwas vorgehen zu können. Da ſah ich auch meine guten Freunde, die Bombardiere Ellendorf und Wetter, letzterer von uns Graf Wetter vom Strahl genannt, die ſich beide ganz außerordentlich abmühten, ihre Geſchütze zu richten, wahr⸗ ſcheinlich aber an das Ende des Manövers dachten, an den ſtillen Abend in den Cantonnirungen, an ein Glas Wein, an Guitar⸗ renklang und an ein luſtiges Lied. Ich freute mich ſehr darauf, bei der nächſten Zuſammenkunft ihren ungeheuren Eifer in der Bedienung des Geſchützes ſchildern zu können. Da die Zwölf⸗ pfünder vor uns etwas in der Höhe ſtanden, ſo erſchienen ſie uns mit ihren Geſchützen, Protzen und der Mannſchaft ganz dunkel auf dem hellen Himmel abgezeichnet. Es hatte ſich ein ziemlich heftiger, herbſtlicher Wind erhoben, der über die Haide fuhr, und ſo zog ſich der Pulverdampf faſt augenblicklich über die Batterie zurück bis an den Rand des ſchwarzen Tannenwaldes, wo er langſam eindrang und verwehte. 1 Jetzt waren wir fertig, die Geſchütze geladen, dem Commando nach mit ſechslöthigen Kartätſchen— ſo nahe waren wir dem Feind— in Wirklichkeit aber mit einer harmloſen Manöver⸗Cartouche⸗ Ich vermuthe auch, daß, um das Krachen des Schuſſes zu ver⸗ mehren, ein tüchtiger Pfropfen von Haidekraut aufgeſetzt worden war. Die drei Mann, die mit dem Unteroffizier bei der Kanone geblieben waren,— mich hatte der Lieutenant, der mir überhaupt ſehr wohl wollte und mich gerne bei ſich hatte, mit zur Kavallerie 4 182 Ein Tag bei dem Manöver. genommen— ſchoben das Geſchütz ein paar Schritte vor, Unter⸗ offizier Helmſcheid blickte zurück, und als ihm unſer Offizier winkte, krachte der Schuß dahin, gleich darauf der zweite, und da unſere braven Burſchen droben wie toll arbeiteten, ſo kam der dritte Schuß faſt mit der gleichen Intervalle wie der zweite, und ſo fort, bis alle ſechs draußen waren. Freilich war es dabei gegen alles Reglement, daß die da droben ein Hurrah erhoben, das weit über das Feld hinausſchallte, die acht Kerle ſchrieen für achtzig, und der Effekt, den dieſer plötzliche unerhörte Spektakel auf die überraſchten Zwölfpfünder hervorbrachte, war in der That ergötzlich. Auf's Höchſte erſtaunt, wie ſie waren, ſtellten ſie augenblicklich ihr Feuer ein, ja ſämmtliche Bedienungsmannſchaften blickten nach uns hin und hielten wie erſtarrt faſt mitten im Laden. Unſere Geſchütze krachten aber auch teufelmäßig und zwar ſo unvermuthet und nahe, daß ſie ſchon Jemand aus der Faſſung bringen konn⸗ ten. Deutlich hörten wir die weit hinſchallende Stimme des zwölf⸗ pfündigen Kapitäns:„Eine unangenehme Ueberraſchung, meine Herren!“ rief er;„thut aber nichts, wollen ihnen zeigen, wo ſie her ſind. Mit den drei Geſchützen vom linken Flügel noch hun⸗ dert Schritt vorgegangen und mit Kartätſchen auf ſie gefeuert! Wir wollen ihnen zeigen, wo ſie her ſind. Da müſſen die Splitter davon fliegen, wer weiß wie ſehr! An Flickmaterial fehlts nicht.“ Das war denn nun der entſcheidende Moment. Wir ließen die drei Zwölſpfünder ruhig aufprotzen und vorgehen. Wie ſie aber eben wieder auffuhren, feuerten unſere beiden Kanonen ſo tüchtig nun mit zweilöthigen Kartätſchen hinein, daß in Wahrheit von Mann und Roß kaum ein einziger davon gekommen wäre. Auch unſere Batterie drüben war in dieſem Augenblick nicht müßig; die Verwirrung bei den Zwölfpfündern und den augen⸗ Ein Tag bei dem Manöver. 183 blicklichen Stillſtand des Feuerns benützend, war unſer Kapitän in Carriere noch ein paar hundert Schritte vorgegangen, hatte wieder abprotzen laſſen und knallte nun mit verdoppelter Wuth auf den Feind. Der Zug Huſaren, den unſere Batterie zur Be⸗ deckung hatte, blänkelte nun mit einem Male ſcharf um den Hügel herum und ſchoß gegen die Infanterie der Zwölfpfünder. Bis jetzt hatte Lieutenant v. Manderfeld mit uns in dem Hohlweg gehalten, doch hob er nun ſeinen Säbel.„Vorwärts Kinder!“ rief er,„das iſt ungemein luſtig. Mit einem unge⸗ heuren Hurrah drauf. Glaubt mir, die Zwölfpfünder—“. Diesmal brauchte er ſeinen Satz nicht zu vollenden, denn ehe wir nur ſichtbar wurden, ſchrieen wir wie tauſend Waldteufel. Die Bedienungsmannſchaft unſerer Geſchütze ſtimmte beim letzten Abbrennen mit ein, und als der Kapitän unſerer Batterie uns ſo unerwartet als Kavallerie hervorbrechen ſah, ſchwang er entzückt ſeinen Säbel im Kreiſe, was von Feuerwerkern, Unteroffizieren, Bombardieren, Kanonieren, kurz von der ganzen Batterie als eine Erlaubniß angeſehen wurde, ebenfalls ſchreien zu dürfen.— Und wie ſchrieen die Kerle! Es ſchallte ſo laut und nachdrücklich über das Feld hin, daß ſich vom Standpunkte des Abtheilungs⸗ Commandos her augenblicklich ein paar Adjutanten in Bewegung ſetzten und auf uns zuſprengten. Die mochte auch der Comman⸗ deur der zwölfpfündigen Batterie geſehen haben und ſeinen Stand⸗ punkt in jeder Hinſicht für mißlich und unhaltbar halten; wir hörten: Batterie ha—a— a-—lt! unſere Feinde protzten auf, und fuhren in kurzem Trabe der Chauſſee zu, welche in den Tannen⸗ wald hinein führte. Der Kapitän der Zwölfpfünder war der Letzte auf dem Platze; er drohte mit dem Degen nach unſerer Batterie hinüber und rief unſerem anſprengenden Hauptmann entgegen: 184 Ein Tag bei dem Manbver. 5 „Diesmal muß ich zurück, aber komm' du nur heute Abend in den goldenen Hecht, ich will dir ſchon beweiſen, daß ihr total falſch manövrirt habt.— Wer weiß wie ſehr.“ Das war nun gleichviel, ob unſere Manöver richtig oder falſch genannt werden konnten, gelungen waren ſie, das unterlag keinem Zweifel. Dort floh der Feind, hier ſtand unſere Batterie, von der kein Geſchütz fehlte—— prüße mein Lotichen⸗ Freund —— Der Sieg war unſer.— Eine zerſchoſſene Batterie. Stille liegt das Schlachtfeld,— ſtille im Vergleich zu den wüthenden Lärmen, den wir bis jetzt mit Schießen und Hurrah⸗ ſchreien gemacht. Ich glaube, ſo lange es Manöver gibt, war ein ſolcher Spektakel bei ähnlicher Veranlaſſung nicht gehört worden. Es hatten ſich auch durch ihn angelockt von andern Truppentheilen, die große mittägliche Pauſe benützend, verſchiedene Offiziere bei uns eingefunden, die ſich den Gang des Gefechtes erklären ließen. Wir waren zur Batterie eingerückt, und Lieute⸗ nant v. Manderfeld meldete ſich ebenſo ſtark zurück, als er fort⸗ gezogen war; wir hatten gar keinen Verluſt, mit Ausnahme des alten Wiſchkolben, der im allzu haſtiaen Herausziehen abge⸗ brochen war. Der erſte Theil des glorreichen Schlachttages war vorüber; , die wir zum Unterſchied vom Feinde Feldmützen trugen— fjen hatten Tſchako's— wir hatten auf allen Ecken geſiegt; überall ſah man unſere Linien vordringen und ſich auf der Hügelkette Ein Tag bei dem Manöver. 185 ausbreiten, die mit dem ſchon erwähnten Waldrande beinahe parallel lief. Dorthin unter den Schutz der alten Tannenbäume hatte ſich der Feind zurückgezogen. Wir waren begreiflicher Weiſe von den Pferden abgeſtiegen und wurden, wie auf jedem anſtändigen Schlachtfelde, wo Klagen und Seufzer gen Himmel ſteigen,— nicht von Raben oder anderem Raubzeug, ſondern von einigen Marketenderinnen, deren volle Körbe und Fäßchen recht will⸗ kommen waren, angefallen. Wenn man circa ſechs bis acht Stunden zu Pferd war und ſtark manövrirt hat, da ſchmeckt ein Glas Rum und ein tüchtiges Brod mit Wurſt ſo köſtlich, wie ſpäter nie mehr ein Frühſtück. Alles beſchäftigte ſich aber auch mit dieſer Arbeit, ſo wichtig beim Soldatenleben im Frieden,— Alles vom jüngſten Kanonier aufwärts bis zum Kapitän,— neben welchem ſich der Lieutenant v. Manderfeld befand, der die ihm gewordenen Lobſprüche ſchmunzelnd einkaſſirte, und deſſen Dank oder beſcheidene Ablehnung in ſo abgebrochenen Sätzen be⸗ ſtand, wie ich nie was von ihm gehört. Der Hauptmann hatte ſeine eigene Feldflaſche in der Hand, und während ihm ſein Burſche ein gebratenes Huhn ſtückweiſe auf einem alten Zeitungsblatt ſervirte, beleuchtete er mit vieler Weisheit nochmals das eben gehabte Gefecht, und aufmerkſam hörten ihn die umſtehenden Offiziere an, ſowie auch wir, in weiteren Kreiſen ſtehend. Seiner Anſicht nach hätte der Kapitän Hoffmann ſchon vor einer halben Stunde abfahren müſſen, und war es von dieſem Manne unverantwortlich geweſen, Menſchen und Pferde ſo leichtſinnig auf’s Spiel zu ſetzen.— Daß dich das Donnerwetter!“ rief unſer Chef entrüſtet;„auf ſolche Art iſt es kein Spaß zu manövriren. Da hört Alles auf, denn wenn ich ſo hartnäckig ſein will, ſo kann ich mich freilich von ſechs Bat⸗ 186 Ein Tag bei dem Manöver. terien zumal auf den Pelz ſchießen laſſen, ohne eine Handbreit zu weichen, indem ich ganz genau weiß, daß mir und meinen Leuten all' die Manöver⸗Cartouchen kein Haar krümmen werden. Ja, meine Herren! das Manövriren im Scherz ſowie im Ernſt iſt ein Schachſpiel; bei letzterem muß ich der Gewalt weichen, beim erſteren einer überlegenen Combination.“ Bei dieſen Worten biß er heftig in einen Hühnerſchenkel und ſpülte darauf das Genoſſene mit einem tüchtigen Schlucke Rum in den Magen.—„Brrr! ich genieße ſonſt nie Schnaps, aber an einem ſolch harten Tage hält das Leib und Seele zu⸗ ſammen.“ Wenn man in dieſem Augenblicke durch die vor uns lie⸗ genden Tannenbäume hätte ſehen können, ſo würde man den guten Kapitän Hoffmann erblickt haben, wie er ebenfalls dort ſtand, umgeben von ſeinen Offtzieren, ebenfalls frühſtückend und wahrſcheinlich auch ein gebratenes Huhn, zu dem er Rum oder Cognac trank. Es war mir, als hörte ich ihn ſagen:„Sehen Sie, meine Herren, ich liebe die Manövers, wer weiß wie ſehr! Aber man muß das Ding mit Einſicht und Verſtand betreiben; da hört Alles auf, wenn man ſo hartnäckig ſein will, wie drüben mein ſonſt guter Freund von der reitenden Batterie. Wrre weiß wie ſehr! wenn ich mir nichts daraus mache, mir aus unverantwortlicher Nähe von einer reſpektablen zwölfpfündigen Batterie auf den Pelz brennen zu laſſen, da kann ich freilich leichtſinniger Weiſe mitten im Feuer vorgehen. Oh!— Oh! Würde aber ſehen, wie ich ausgeklopft werde. Wer weiß wie bald! Ja, meine Herren, das Manövriren im Scherz ſowie im Ernſt iſt ein Schachſpiel zin letzterem Falle muß ich der Gewalt weichen, im erſteren aber einer richtigen Combination. Iſt aber — Ein Tag bei dem Manöver. 187 das beim Schachſpiel eine richtige Combination zu nennen, wenn ich Läufer oder Thürme wie Pferde benutzen will und querfeldein galoppire wie der Lieutenant v. Manderfeld, wo ich gar nicht hin⸗ gehöre, wer weiß wie ſehr!“ Ich für meine Perſon hätte was darum gegeben, der Unter⸗ redung heute Abend im Gaſthof zum goldenen Hecht des benach⸗ barten Städtchens und den Diſputationen der beiden Kapitäns über das heutige Manöver zulauſchen zu dürfen. Aber ein gol⸗ dener Hecht und die Börſe eines Bombardiers! Das waren zwei unvereinbarliche Dinge. Kamen wir je Abends in das Städtchen, was meiſtens wegen Arreſtgefahr im größten Incognito geſchah, ſo öffnete uns der grüne Apfel ſeine gaſtlichen Hallen und wir gingen höchſtens mit ſehnſüchtigen Blicken am goldenen Hecht vor⸗ bei, wo immer eine Menge leichter Jagdwagen hielt, ſowie Offi⸗ zierspferde, und wo aus den Küchenräumen ein gar ſo ange⸗ nehmer Duft hervorquoll. Einer von unſeren Bekannten, der ſich einmal in Folge eines Urlaubs und eben angekommenen guten Wechſels von Haus hineingewagt hatte, erzählte von der famoſen Einrichtung dieſes Gaſthofes, von wunderbarem weißem Wein und rieſenhaften ſaf⸗ tigen Beefſteaks.— Aber wozu dieſe gaſtronomiſchen Träumereien, und ſehnſüchtigen Hechtgedanken! Aber ſo iſt der Menſch. Als ich eben hungrig und durſtig vom Pferde ſtieg, war Wurſt, Brod und ein Schnaps das höchſte Ziel meiner Wünſche; jetzt wo ich ſatt war, dachte ich an Rheinwein und Beafſteaks. Uebrigens war auch die Zeit der Träumereien und Phanta⸗ ſieen vorüber gegangen. Auf allen Seiten wurde Apell geblaſen, und gleich darauf durch ein anderes Signal die Hauptleute der verſchiedenen Batterien zum Abtheilungs⸗Commandeur gerufen. 188 Ein Tag bei dem Manöver. Lieutenant v. Manderfeld übernahm unſer Commando, allignirte die Batterie, ließ an die Pferde treten und dann rühren. Bald darauf kam der Kapitän zurück, und ſchickte augenblicklich die Protzen nach einer ſeitwärts ſtehenden Pulverkammer, um neue Munition zu faſſen. Darauf ließ er die Feuerwerker, Unteroffi⸗ ziere und Bombardiere vortreten, und hielt uns eine kleine 3 Standrede, worin er unter Anderem ſagte: daß der Herr Oberſt⸗ wachtmeiſter mit unſerem Manöver vorhin außerordentlich zufrieden geweſen ſei und noch befohlen habe, dieſe ſeine Zufriedenheit dem Herrn Lieutenant von Manderfeld beſonders kund zu thun. Bei dieſen Worten fuhren zwei Hände vor lauter Rührung an den Tſchako, und unſer guter Lieutenant ſah in der That ſo ſtolz und zufrieden aus, als habe er die feindliche Batterie wirklich genommen. „Der zweite Theil des heutigen Manövers,“ fuhr der Ka⸗ pitän mit erhöhter Stimme fort,„verſpricht noch glänzender zu werden. Se. Excellenz, der commandirende Herr General, iſt ſo eben auf der Haide erſchienen und hat einige neue Dispoſitionen vorgezeichnet, worin namentlich der Artillerie eine glänzende Rolle zugetheilt worden iſt. Vor allen Dingen freue ich mich,“ ſetzte er lachend hinzu, indem er ſich die Hände rieb,„daß wir noch⸗ mals mit dem guten Kapitän Hoffmann anbinden können; wir werden ſeiner Batterie von ferne folgen, ihn mit Unterſtützung einer Haubitzbatterie angreifen, und ihn gänzlich demontiren.“ Ich bin hier dem geneigten Leſer die Erklärung ſchuldig, daß dieſes„gänzlich Demontiren“ begreiflicher Weiſe nicht ernſt⸗ lich gemeint war, doch kam es zuweilen, namentlich bei ſpeziellen Artillerie⸗Manövern vor, daß eine Batterie dazu beſtimmt wurde, zum Spaß demontirt zu werden, d. h. ſie mußte einen außer⸗ Ein Tag bei dem Manöver. 189 ordentlichen Verluſt markiren, es wurde z. B. angenommen, jetzt werden ihr ſo und ſo viele Bedienungsmannſchaften unfähig gemacht, jetzt ein halb Dutzend Pferde erſchoſſen, dann Räder und Protzen zertrümmert, und der Kapitän mußte zeigen, wie er es mache, um bei all' dieſen Verluſten noch manövrirfähig zu bleiben. Es war das immer eine höchſt angenehme Aufgabe geweſen, nament⸗ lich in der Nähe eines Waldes, wohin ſich die Bleſſirten und Getödteten zurückzogen, um da, während ſich die Uebrigen im Schweiße ihres Angeſichtes plagten, ein zweites Frühſtück zu ſich zu nehmen. Nachdem der Hauptmann dies geſagt, erhob er ſich mit wichtiger Miene in den Bügeln und verkündete mit lauter Stimme: „Uns aber iſt die Ehre des Tags vorbehalten, denn am Schluſſe werden wir, und zwar vor den Augen der Generalität, in einem Hohlwege Kehrt machen.“. Im Hohlwege Kehrt machen iſt allerdings eines der ſchwie⸗ rigſten Manöver und beſteht darin, daß eine Batterie, die durch einen Hohlweg vor oder zurück geht, plötzlich von vorn ange⸗ griffen wird. Steile Wände zu beiden Seiten verhindern das Umwenden der Geſchütze mit Protzen, und ſo werden denn dieſe von einander getrennt, einzeln gewendet, die Pferde an den Ab⸗ hängen herum geführt, und man kann ſich denken, daß dieſer Knäuel von Kanonen, Protzen, Menſchen und Pferden eine höchſt angenehme Confuſion abgeben kann, wobei freilich viel Artillerie⸗ ehren aber auch geſchundene Finger und zerquetſchte Hühusrangen in Menge zu holen waren. 3 „Ich hoffe,“ rief der Kapitän, der ſich ganz in die Stim⸗ mung eines Schlachttages verſetzt fühlte,„daß wir hier auf dem Felde der Ehre zeigen werden, wie wir in den Unterrichtsſtunden 190 Ein Tag bei dem Manöver. und auf dem Exercirplatz etwas gelernt.— Auseinander treten! als die Geſchütze!“ Bald kam unſer Poſten mit friſcher Munition zurück, und nicht lange nachher wurde zum Aufſitzen geblaſen, unſere Geſchütze brachen vom rechten Flügel zugweiſe ab und ſo trabten wir über das Feld dahin, um den linken Flügel einer Kavalleriebrigade zu poſtiren, die den gegenüberliegenden Feind attakiren ſollte, ſobald es uns und einer noch mehr ſeitwärts placirten Haubitz⸗ batterie gelungen ſei, die zwölfpfündige Batterie zu demontiren, welche unſere Kavallerie verhinderte, über die Hügel hervorzu⸗ brechen. Kapitän Hoffmann hatte ſich vortrefflich aufgeſtellt; der Waldrand war von einem Graben umzäunt, deſſen ausgeworfene Erde noch vor ihm einen kleinen Wall bildete und ſo die Zwölf⸗ pfünderbatterie famos deckte. Es war wie eine künſtlich aufge⸗ führte Batterie, und hätten die Zwölſpfünder vorher ſo geſtanden, ſo hätten wir ſchießen können— wer weiß wie ſehr!— ohne ihnen nur ein Leid zuzufügen. Wie geſagt, vor unſeren Sechs⸗ pfündern waren die da drüben ziemlich ſicher, nicht ſo aber vor der Haubitzbatterie, und das erklärte uns Lieutenant v. Mander⸗ feld, der, ehe das Schießen begann, die Feuerwerker, Unteroffi⸗ ziere und Bombardiere um ſich verſammelte und uns einen kleinen Unterricht ertheilte. Dabei hatte er es ſich auf der Lieſe— ſo hieß das Pferd, welches er im Dienſt und namentlich beim Feuern gerne ritt,— ſo bequem als möglich gemacht, den rechten Fuß über den Sattelknopf gelegt, wodurch er faſt wie eine Dame zu Pferde ſaß.„Es iſt kein Zweifel,“ ſagte er, „daß die Zwölfpfünder drüben ziemlich gegen unſere geraden Kugeln gedeckt ſind, d. h. wenn dieſe—— die Haubitzbatterie aber kann ihnen garſtig zu ſchaffen machen, und die Kugeln, die Ein Tag bei dem Manöver. 191 ſelbſt hinter ihnen einſchlagen, können Aeſte und Zweige abreißen, ja ganze Bäume umſtürzen, die dort eine garſtige Confuſion an⸗ richten müſſen. Es iſt gefährlich, ſo ſeine Aufſtellung zu nehmen, denn— Wenn ich recht ſehe,“ fuhr er fort, indem er nach der Haubitzbatterie blickte,„ſo ſcheint Kapitän Schwengel losgehen zu wollen; man ſieht ſchon— Na, da werden wir Gleiches thun. Diesmal kommts aber auf kein ſchnelles Schießen an, das merkt euch. Feſt und ſicher gezielt; wenn nur ihr Bombardiere was nutz ſeid, ſo müſſen unſere Kugeln den Erdaufwurf vor den Zwölfpfündern völlig durchpflügen wie ein Ackerfeld, denn nur auf dieſe Art—— An die Geſchütze!“ Da ſtanden wir; es wurde auch augenblicklich mit Kugeln geladen, zwölfhundert Schritt auf die Batterie, und das Schießen vom rechten Flügel begonnen. Die Haubitzbatterie warf ebenfalls und beeilte ſich ſehr, ihre Granaten los zu werden. Unſer zwölf⸗ pfündiger Feind antwortete wacker, das muß man ihm laſſen, und ich glaube, wenn das Ding ernſt geweſen wäre, würden wir ſchlecht weggekommen ſein, denn der gute Kapitän Hoffmann ſchien ſich um die Haubitzen gar nichts zu bekümmern, ſondern concentrirte ſeine ganze Kraft und Wuth auf uns. Nach einer kurzen Weile ſahen wir einen zahlreichen Reitertrupp mit vielen blitzenden Epauletts und weißen Federbüſchen am Waldrand gegen die zwölfpfündige Batterie galoppiren. Dieſe fing nach der Vor⸗ ſchrift an demontirt zu werden. Unſer Kapitän und die beiden Lieutenants hatten ihre Fernrohre vorgenommen, um genau ſehen zu können, wie die drüben ihre Sache angriffen, und daß ſie es gut machten, das bewieſen manche Ausrufe der Zufriedenheit. Es wurde ihnen aber auch arg genug mitgeſpielt; Geſchütze und Protzräder zerſchoſſen, Mannſchaft und Pferde dahin geſtreck, 192 Ein Tag bei dem Manöver. daß es eine wahre Freude war. Ich bin überzeugt, mein Freund Ellendorf hatte ſich ſchon lange todtſchießen laſſen, lag rückwärts im Schatten des Waldes, wo er ſeinen guten Schnaps trank oder ſein Leiblied ſang: Es blinken ſo luſtig drei Sterne In's Dunkel des Lebens hinein. Trotzdem aber die Zwölfpfünder in kurzer Zeit über drei Viertel der Mannſchaft verloren hatten, ſtellte doch nur ein ein⸗ ziges Geſchütz ſein Feuer ein, von dem man nämlich annahm, daß ſeine Lafette gänzlich zertrümmert worden ſei; die andern krachten ſo redlich auf uns, als ſeien ſie auf dem Exercirplatze. So mochte das Manöver vielleicht eine halbe Stunde ge⸗ dauert haben, als wir Befehl erhielten, unſer Schießen einzu⸗ ſtellen, und ſich darauf der General mit ſeiner zahlreichen Suite am Fuße des Hügels aufſtellte, auf dem wir poſtirt waren. Hauptmann Hoffmann hatte nun die Genugthuung, mit ſeinen zerſchoſſenen Geſchützen, die er aber wunderbar zuſammengeflickt hatte, unter allgemeinen Lobſprüchen vorbei paradiren zu dürfen. Unſer Kapitän ritt ſeitwärts an den Hügel, wo die Zwölfpfünder vorbei mußten und rief dem Chef derſelben zu:„Armer Freund, wir haben dich garſtig zugerichtet. Ja, mit einer reitenden Bat⸗ terie muß man nicht anbinden.“ Das geſpendete Lob der Vor⸗ geſetzten hatte den Hauptmann Hoffmann weich und nachgiebig geſtimmt und er entgegnete lachend: „Ihr ſeid mir die rechten, um mit euren Schlüſſelbüchſen einer zwölfpfündigen Batterie weh zu thun. So zerſchoſſen wie wir ſind, fahre ich doch gleich vor euch auf, und ſchieße euch zu Krautſtücken.“ Ein Tag bei dem Manöver. 193 „Na, Scherz bei Seite!“ rief unſer Kapitän;„ihr habt eure Sache vortrefflich gemacht.“ „Das will ich meinen,“ war die Antwort.„Wer weiß wie ſehr! Aber an Flickmaterial fehlt's nicht, wie ihr ſeht.“ „Adieu!“ „Bis heute Abend!“ Nachdem wir in dem allgemeinen Manöver, was nun folgte, noch einige Stellungen markirt, trabten wir auf der Chauſſee, die durch den Wald führte, eine gute Weile, den Feind verfol⸗ gend, der ſich mehr und mehr gegen die Feſtung W. zurückge⸗ zogen hatte, auf deren Glacis der heutige Schlachttag endigen ſollte. Eine Menge Zuſchauer hatten ſich eingefunden und ſchwärmten zu Fuß, zu Wagen und zu Pferd um uns herum, namentlich an den beiderſeitigen Waldrändern hatte ſie ſich zahl⸗ reich aufgeſtellt, denn hier unter den Bäumen waren ſie ziemlich ſicher vor Kavallerie und Artillerie. Freilich drang zuweilen eine Plänklerkette von Jägern und Infanterie zwiſchen ſie hinein, die alsdann noch mehr ſchoſſen als gerade nothwendig war worauf wir ein ſehr ergötzliches Schreien von weiblichen Stim⸗ men aller Art vernahmen. Ein Jagdwagen unter militäriſcher Führung. Auf der Landſtraße, die wir paſſirten, hielt ein leichter Jagdwagen mit einem Herrn, der ſelbſt kutſchirte, und drei jungen Damen, die uns neugierig antraben ſahen. Der Herr des Wa⸗ gens hatte die Zügel in dieſem Augenblick ſeinem Bedienten über⸗ geben und trat, indem er den Hut freundlich grüßend abnahm, Haclänper, Kr. u. Fr. II.. 13 194 Ein Tag bei dem Manöver. 4 gegen unſern Kapitän, der vorausritt und in dem ſchon älteren Herrn einen Bekannten zu erkennen ſchien, denn wir hörten, wie er laut ausrief:„Ah! das iſt ein höchſt angenehmes Zuſammen⸗ treffen! Wie kommen Sie daher?“ Die Antwort war:„Ich bin bei meinem Bruder auf dem Tannenhofe und heute wie alle Welt hinausgezogen, um die Ma⸗ növer anzuſehen, kam aber, wie das wohl zu geſchehen pflegt, überall zu ſpät.— Iſt die ganze Geſchichte zu Ende?“ fragte er hierauf,„oder kann man noch etwas ſehen?“ „Gewiß,“ entgegnete unſer Kapitän mit ſehr wichtigem Tone,„das Intereſſanteſte, ein Manöver, was ſelten ausgeführt wird, haben wir noch vor uns, ein ſehr ſchönes Artillerie⸗Ma⸗ növer, und ich hoffe“— dabei warf er ſich in die Bruſt— „daß es ganz außerordentlich gelingen wird.“ „Für dieſezzAuskunft bin ich Ihnen beſonders im Namen meiner jungen Damen ſehr dankbar,“ fuhr der fremde Herr fort; „ich verſichere Sie, lieber Hauptmann, was ich Alles ſchon habe hören müſſen über meine Unkenntniß des Terrains und des Ma⸗ növers überhaupt, das kann ich Ihnen gar nicht ſagen.“ Die drei Damen lachten und eine von ihnen ſagte:„Und gewiß nicht mit Unrecht, Papa, denn jetzt fahren wir ſchon meh⸗ rere Stunden auf dem Felde herum, und wo wir erſcheinen, iſt es gerade, als flöhe das Militär vor uns.“ „Was doch unmöglich mit Abſicht geſchehen kann,“ verſetzte galant unſer Hauptmann.„Aber ich werde Sie auf einen Platz dirigiren, wo Sie, wie geſagt, das Beſte vortrefflich ſehen ſollen.“ Lieutenant v. Manderfeld, der, wie das bei ähnlichen Ver⸗ anlaſſungen ſeine Gewohnheit war, ſcharf in den Wagen hinein⸗ 4 von ihren Sitzen und ſahen der davon ſtürmenden Batterie mit Ein Tag bei dem Manöver. 195 geſchielt hatte, machte mir, der ich zufällig neben ihm ritt, eine Miene, als wollte er ſagen: gar nicht übel! Der Kapitän, der bemerkte, daß die Pferde vor dem Jagd⸗ wagen beim Geräuſch der heranraſſelnden Batterie anfingen unruhig zu werden, war ſo freundlich, zum Schritt blaſen zu laſſen, dann hob er ſich in den Steigbügeln und blickte forſchend um ſich her, vielleicht war es zufällig, daß ich ihm gerade in's Auge fiel, vielleicht dachte er auch, ich wäre nicht ungeeignet dazu, dem Jagdwagen mit den hübſchen Damen zum Führer zu dienen, genug, er winkte mich gnädig zu ſich und inſtruirte mich in der Geſchwindigkeit, wohin ich die Geſellſchaft führen ſolle, damit ſie das Manöver, wobei ſeine Batterie die Hauptrolle ſpielte, genau ſehen könnten. Darauf wandte er ſich an den alten Herrn und ſagte ihm:„Ich will Ihnen einen von meinen jungen Freiwilli⸗ gen mitgeben, er wird Sie hoffentlich ſo gut eskortiren, daß ich“— bei dieſen Worten neigte er ſeinen Säbel vor den Da⸗ men—„in kurzer Zeit das Vergnügen haben werde, Sie wie⸗ der zu ſehen.“ Der Lieutenant v. Manderfeld hatte mit ſeiner Pantomime recht gehabt: von den drei jungen Mädchen war eine hübſcher als die andere. Als ich mich bei meinem wohlwollenden Offizier auf kurze Zeit abmeldete, ſagte er lachend:„Sie ſind doch ein wahrer Glückspilz. Aber ich bitte mir aus, daß Sie genaue Nachrichten einſammeln, wer wir ſind und mir beſtens rappor⸗ tiren.“ „Batterie Tra—a— b!“ kommandirte der Kapitän, darauf: „Batterie Galopp!“ und dahin flogen Geſchütze und Reiter, daß es eine wahre Freude war. Die drei Mädchen erhoben ſich auch 196 Ein Tag bei dem Manbver. offenbarem Vergnügen nach. Mein Pferd, das in dieſem Augen⸗ blicke ungehalten darüber war, allein zurück bleiben zu ſollen, that einen ſo gewaltigen Riß vorwärts, daß ich um ein Haar aus dem Sitz gekommen wäre. Und das wäre in dieſem Augen⸗ blicke entſetzlich geweſen. Um es für dieſe Unart zu ſtrafen, im Vertrauen geſagt, hauptſächlich um mich zu zeigen, gab ich ihm ein paar tüchtige Sporen, parirte es auf der Stelle und warf es ſo glücklich herum, daß es ſich wohl hoch bäumte, gleich dar⸗ auf aber ruhig neben dem Wagen ſtand. Darauf erhob ich, als wenn gar nichts vorgefallen wäre, meine Hand an den Tſchako, ſalutirte und ſtellte mich zum Befehl der Damen. Der ältliche Herr bat mich, voraus zu reiten, und ich kam dieſem Wunſche inſoweit nach, als ich mich neben den Wagenpferden hielt, dabei aber das meinige ſo weit halbrechts geſtellt hatte, daß es mir möglich wurde, leicht einen Blick in den Wagen werfen zu können. Wie ſchon geſagt, es ſaßen drei junge Mädchen in demſelben. Eine davon, die vielleicht zwei— dreiundzwanzig Jahre haben mochte, war die Tochter des ältlichen Herrn und ſie ſaß auf dem vorderen Sitz des Charabanc neben dieſem. Eine andere junge Dame von gleichem Alter, die Tochter des Beſitzers des Tannenhofes, ſaß im Fonds des Wagens, und neben dieſer ein ganz junges Mädchen, vielleicht von ſechszehn oder ſiebzehn Jahren, ebenfalls eine Tochter des alten Herrn. Dieſer, der in C. wohnte, war ſeit ein paar Wochen mit den beiden Töchtern bei ſeinem Bruder auf dem Tannenhof auf Be⸗ ſuch und hatte ſich heute Morgen den leichten Wagen einſpannen laſſen, um, wie wir bereits wiſſen, mit ſehr wenig Erfolg dem Manöver beizuwohnen.. Von den drei jungen Damen intereſſirte mich begreifliche Ein Tag bei dem Manöver. 197 Weiſe die jüngſte am meiſten; ich hatte damals neunzehn Jahre, und ſo befanden wir uns, was das Alter anbelangte, in einem. ziemlich paſſenden Verhältniß. Auch war ſie mit ihrem runden, friſchen Geſichtchen, den glänzenden Augen, die ſie aber meiſtens niederſchlug, dem lieblichen Munde mit blendend weißen Zähnen, die hervorblitzten, wenn ſie, was zuweilen geſchah, mit ihrer Couſine über irgend etwas lachte, gar zu allerliebſt. Dieſe Cou⸗ ſine ſchien mir etwas ausgelaſſener, ja ſpöttiſcher Natur zu ſein, und wenn ich mich nicht gewaltig irrte, ſo hatte ich die Chre, die Zielſcheibe ihrer liebenswürdigen Spöttereien zu ſein. Mein häufiges Herumſchauen mochte begreiflicher Weiſe etwas Heraus⸗ forderndes für ſie haben, und wenn ich das ſchnell zweimal nach einander that, ſo bemerkte ich wohl, daß die beiden Mädchen tüchtig gelacht hatten; die Couſine zeigte aber alsdann mit ſchein⸗ bar vollkommen gleichgültiger Miene an die hohen ſchwarzen Tannen hinauf, während die andere Schelmin aus einem unter⸗ drückten Lachen nicht zur Ruhe kommen konnte und auf wahr⸗ haft komiſche Art mit ihren weißen Zähnen blitzte. 5 So zogen wir dahin, die Wagenpferde einen geſtreckten Trab, ich meiſtens kurzen Galopp reitend, und es war dies auf dem ſchattigen Waldwege, auf den die Sonne nur hie und da durch eine Lücke von Gebüſchen ihr goldenes Streiflicht warf, ein recht hübſches Bild. Die Couſine hatte aber durchaus gar keine Ruhe; zuweilen erhob ſie ſich und flüſterte der jungen Dame, die vor ihr ſaß, ein paar Worte in die Ohren, ſo daß dieſe ſich ebenfalls um⸗ wandte, augenſcheinlich um ihre jüngere Schweſter zu necken. Dieſe proteſtirte zwar heftig gegen eine Beſchuldigung, die ich nicht verſtehen konnte, doch miſchte ſich auch der alte Herr lachend 498 Ein Tag bei dem Manbver. in die Unterhaltung, und da er ſchon lauter ſprach, ſo verſtand ich, als er ſagte:„Aber, Emilie, das iſt ja ganz erſchrecklich.“ Nun aber ſchien die Kleine dieſe Neckereien übel nehmen zu wollen; ſie warf das Köpfchen herum und drehte ihrer Nachbarin, allerliebſt ſchmollend, halb und halb den Rücken, hatte aber da⸗ bei das Unglück, ihr Taſchentuch aus dem Wagen fallen zu laſſen, welches ſie kurz zuvor auf den Schooß gelegt. Das war nun ein Moment, den ein junger reitender Ar⸗ tilleriſt, der das Abſpringen vom galoppirenden Pferde aus dem Fundament gelernt hat, ſich nicht angenehmer wünſchen konnte. Ich parirte ſo ſcharf auf der Stelle, daß ſelbſt unſer Kapitän ſeine Freude daran gehabt hätte, und flog vom Sattel, als wenn es gälte, vierhundert Schritt in eine feindliche heranſtürmende Colonne mit zweilöthigen Kartätſchen zu fegen. Daß ich das Tuch im Nu aufhob und ebenſo ſchnell wieder über die Croupe des Pferdes hinweg in den Sattel ſprang, verſteht ſich von ſelbſt. Dann galoppirte ich dicht an den Wagen und überreichte der kleinen Emilie auf die zierlichſte Art von der Welt das Schnupf⸗ tuch. Ihr Geſichtchen war gewiß im Vorgefuͤhl der nun zu erwartenden Neckereien, die offenbar meiner unbedeutenden Perſon galten, wie mit Purpur übergoſſen. Die beiden andern bos⸗ haften jungen Damen unterdrückten mit Mühe ein muthwilliges Lachen, und um das ungeſtört zum Ausbruch kommen zu laſſen, ſowie um das arme junge Mädchen durch meine Gegenwart da⸗ bei nicht wahrhaft in Verlegenheit zu bringen, ritt ich im ſchar⸗ fen Trabe dem Wagen hundert Schritte voraus. Jetzt hatten wir das Ende des Waldes erreicht, links bog unſer Weg in die Haide und fiel hier ſchnell in die Ebene hinab, nicht tauſend Schritt von dem Platze, wo wir uns gerade Ein Tag bei dem Manöver. 199 befanden, einen Hohlweg mit ſteilen, hohen Wänden bildend, der wie für unſer Manöver beſtellt zu ſein ſchien. Begreiflicherweiſe folgten wir dem Fahrwege nicht, ſondern wir verließen ihn, wie er aus dem Walde hinaustrat, und ich führte den Wagen rechts auf die Haide und erſuchte nun den alten Herrn, noch eine gute Strecke vorzufahren, bis auf die Höhe des Hohlweges, wo ſich auch ſchon mehrere Equipagen und Reiter befanden, um den Schluß des Manövers zu erwar⸗ ten, das drunten in der Ebene vor der Stadt W. fortſpielte. Es war hier in der That ein ſchöner Punkt, um das Ganze zu überſehen. Vor uns, um die Hügel herum, waren unſere Bat⸗ terien poſtirt, die ſich aber langſam zurückzogen, hitzig vom Feinde verfolgt, der vor Begierde brannte, uns ſeine Retirade von heute Morgen mit Zinſen zu vergelten. Nachdem ich eine Zeit lang umgeſchaut, ſah ich unſere Batterie und empfahl mich den Damen und dem alten Herrn. Letzterer dankte mir auf's Freundlichſte für meine gute Führung und ſetzte hinzu: wenn ich während der nächſten Manövertage einmal in die Nähe des Tannenhofes käme, möchte ich, im Fall es anginge, eine Viertelſtunde Urlaub nehmen, um einen friſchen Steigbügeltrunk zu thun. Ich dankte auf's Herzlichſte für dies liebenswürdige Anerbieten und hörte noch, wie die Couſine der kleinen Emilie zuflüſterte:„Dein Papa iſt wirklich von einer Güte, die du hoffentlich zu würdigen ver⸗ ſtehen wirſt.“ Dann legte ich meine Hand an den Tſchako, grüßte und ließ meinen Braunen über das Faid hinſtreichen, als brenne die Welt hinter mir. Hinter mir brannte nun freilich nichts, aber in mein Herz war ein Funken gefallen, der möglicher Weiſe zu einer gefähr⸗ lichen Flamme werden konnte. Wie den Andern zum Trotz hatte 200 Ein Tag bei dem Manöver. die Kleine meinen Abſchiedsgruß recht freundlich erwiedert und mir dabei einen Blitz ihres Auges zugewandt, der, unabſichtlich oder abſichtlich, gefährlich in den trockenen Zündſtoff meiner neun⸗ zehn Jahre fiel. Bei der Batterie angekommen, meldete ich mich zuerſt bei meinem Kapitän pflichtſchuldigſt vom Kommando zurück und rap⸗ portirte, ich habe den Wagen mit dem älteren Herrn und den drei jungen Damen wohlbehalten an die bezeichnete Stelle ge⸗ bracht. Daſſelbe ſagte ich auch meinem Lieutenant v. Mander⸗ feld und ſetzte die vertrauliche Mittheilung hinzu, ſoviel ich er⸗ fahren, wohnten die jungen Damen auf dem Tannenhofe, wo aber dieſes Gut läge, ſei ich wahrhaftig nicht im Stande anzu⸗ geben. „Das wollen wir ſchon erfahren,“ antwortete mein Zug⸗ führer.„Wenn die Damen nur der Mühe werth ſind, d. h. hübſch, ſo werde ich ſchon morgen—— Apropos,“ unterbrach 3 er ſich wie gewöhnlich,„ſie ſind doch jung? Denn Sie werden mir zugeben, daß es ein wenig lohnendes Vergnügen wäre, we⸗ gen einer alten Schachtee—— Hm! hm!“ ſagte er nach einer Pauſe,„der Tannenhof,— das muß jenſeits des Waldes ſein, nach dem Fluſſe zu. Ich habe da weiße Thürme bemerkt.— Aber gehen Sie an Ihr Geſchütz, Unteroffizier Helmſcheid hat ſchon verzweifelt oft nach Ihnen umgeſchaut. Bis nachher; da wollen wir ſehen, was—“ Hier verlor ſich, während er da⸗ vonritt, der Reſt des Satzes in ein unverſtändliches Gemurmel. Nun meldete ich mich auch bei meinem Unteroffizier, der verdrießlich mit dem Kopfe nickte und mir zur Antwort gab: „Ja, das hat Ihnen wohl gefallen, bei Frauenzimmern im grünen Wald ſpazieren reiten, ſtatt bei der Batterie zu ſein. Ein Tag bei dem Manöver. 201 — Donnerwetter!“ ſetzte er hinzu, als ich lachend an meine Stelle trat,„wir haben ſcharf gefeuert, und es thut mir in der Seele weh, daß wir immer und immer zurückgehen müſſen. Hol' der Teufel die Manövervorſchrift!“ „Batterie ha—a— alt!“ kommandirte der Kapitän.„Zum Zurückgehen— protzt auf!“ Die Protzen raſſelten heran, das Geſchütz wurde eingehenkt, die Pferdehalter ließen nach ihrer Ge⸗ wohnheit die Zügel fahren, wie wir nur Miene machten, uns nach den Pferden zu wenden. Da konnte Jeder zuſehen, wie er ſeinen Gaul bekam und in den Sattel hinein voltigirte. Aber mit neunzehn oder zwanzig Jahren geht das alles glücklich von ſtatten, und nicht eine Minute nach dem Kommando jagten die acht Geſchütze vor uns her und wir folgten im ſcharfen Trab hintendrein. Nachdem wir etwa tauſend Schritte zurückgegangen waren, wurde Halt kommandirt. Wir ſaßen ab, durften rühren, und der Hauptmann kam auf mich zu, um ſich einen etwas genaue⸗ ren Rapport über meine Begleitung des Wagens auszubitten. Ich ſagte ihm Alles, was er zu wiſſen brauchte, auf's genaueſte und umſtändlichſte, hob auch beſonders hervor, welch unnennbar erhebenden Eindruck die davon jagende Batterie auf die drei jungen Damen gemacht. Während meines Berichtes nickte unſer Chef vergnügt mit dem Kopfe und wandte ſich zuweilen nach der Höhe um, wo man einen ganzen Knäul von Wagen, Fuß⸗ gängern und Reitern ſah. Dort befanden ſich auch die Bewoh⸗ nerinnen des Tannenhofes, und wenn ich ſcharf hinblickte, ſo glaubte ich den Wagen mit den beiden hellen Pferden zwiſchen den übrigen Equipagen heraus zu erkennen. Unterdeſſen waren die Manöver beendigt. Drunten im 4 202 Ein Tag bei dem Manöver. Thal ſah an lange Colonnen Infanterie nach der Stadt zu marſchiren und zwiſchen der aufſteigenden Staubwolke flimmerte und ſtrahlte es hervor, es waren die blanken Bajonette, die den Sonnenſchein zurück warfen. Auch gedämpfte Töne der Regi⸗ mentsmuſik vernahm man zuweilen, aber nur das weniger ſchöne derſelben: die kleine und große Trommel.— Ri— di— di— bum — ri— di— di— bum!— bum!— bum! Auch Kavallerie ſah man links vor der Stadt gegen den hier ſehr ſeichten Fluß ziehen, wo ſich eine Fuhrt befand, vermittelſt welcher ſie an das andere Ufer und in ihre Standquartiere kamen. Die Leute waren luſtig und guter Dinge, und man hörte ihren Geſang, der auf meinen Unteroffizier Helmſcheid einen wehmüthigen Ein⸗ druck zu machen ſchien. Da ſtand er neben mir, auf ſeinen breiten Säbel geſtützt, und verzog mißmuthig den Mund, wäh⸗ rend er ſich das Kinn ſtrich und darauf den Schnurrbart, und finſter in die Sonne blickte, die ſchon ſtark abwärts ſenkte.„Das zieht Alles froh nach Hauſe,“ ſagte er,„und hat Recht, daß es froh iſt; meine ich doch wahrhaftig, heute wäre des Manöpvrirens genug geweſen. Was Teufel fällt unſerem Alten ein, am Schluß noch eine Batterie im Hohlweg Kehrt machen zu laſſen! Bilden ſie ſich etwa ein, das ſei eine große Ehre für uns; und er wolle uns den fremden Offizieren im Glanz zeigen. Fehlge⸗ ſchoſſen! verdammt fehlgeſchoſſen! der Oberſt hat was auf unſern Kapitän; wir haben ihm heute Morgen ſeinen Hoffmann zu ſehr maltraitirt; das hat er übel genommen. O ich kenne das in⸗ wendig und auswendig. Da hat er denn bei ſich gedacht: na, wartet ihr Millionenhunde, wenn ihr nicht genug kriegen könnt, da will ich euch Kehrt machen laſſen, bis die Sonne herunter iſt, und der Mond und alle Sterne am Himmel ſtehen.“ Ein Tag bei dem Manöver.. Der Unteroffizier hatte ſich in den Eifer hinein Ke und ſpuckte heftig von ſich, wie er in ſolchen Augenblicken zu thun pflegte. „Nun, es wird nicht ſo ſchlimm werden,“ ſagte ich be⸗ gütigend;„wir werden ihm hoffentlich einen Kehrt vormachen, daß er ſein Frende daran hat.“ „Ja, ja,“ entgegnete der Unteroffizier,„Uue man da ſeine Schuldigkeit, wie ſie ein Engel nur thun kann, der gerade vom Himmel herunterſteigt, was nutzt das! Ich arbeite nicht ſelbſt⸗ ſtändig für mich, und wenn bei einem andern Geſchütze gebockt wird, ſo iſt die wunderbarſte Confuſion da.— Aber das ſage ich euch,“ wandte er ſich an die Kanoniere,„wenn einer von euch alten Eſeln nicht aufpaßt, ſo kehre ich mich den Teufel d'ran, ob morgen Sonntag iſt, und laſſe euch ſo lange Kehrt machen, bis ihr keine Idee mehr davon habt, wo der Welt Anfang oder Ende iſt.— Da kommen ſie.“ In der That ſah man jetzt eine zahlreiche Suite von Of⸗ fizieren aller Grade und Waffen unten bei dem Hügel vorbei reiten und ſich nach der Höhe wenden, wo ſich die Zuſchauer befanden, zu deren Füßen der Hohlweg lag. „Still geſtanden! aufgeſeſſen!“ hieß es bei uns;„Batterie geſchützweiſe rechts brecht abl marſch!— Trabl“— So raſſelten⸗ wir dahin; und Helmſcheid inſtruirte währenddem die ſchwächſten ſeiner Bedienungsmannſchaſten und Fahrer.„Schulten!“ rief er dem Sußreſter zu,„du biſt ſonſt ein braver Kerl, haſt aber eine verdammte Neigung nach rechtsum Kehrt zu machen. Wenn du mir das nachher thäteſt, ich glaube, ich brächte dich um. Denk an deine Schafe von ehedem; die wenden ſich auch links, wenn ſie die Drehkrankheit haben.— Und du Martens,“ wandte er 203 204 Ein Tag bei dem Manöver. ſich an einen Kanonier des erſten Gliedes,„paß mir auf den Schmitz auf, und wenn er wieder Dummheiten machen will, ſo ſpar mir keine Rippenſtöße. Für jeden ſag' ich dir im Voraus ſchon vergelts Gott! Aufgepaßt!— Richt't euch! Wir haben vorher, wie mir ſcheint, noch einen kleinen Parademarſch. Vor⸗ wärts, Schwegler, dein Gaul iſt eine Handbreit zurück.— Donner⸗ wetter! paß mir auf. Ein paar kalte Eiſen hinter den Bauch⸗ gurt.— So!“ So ermahnte Unteroffizier Helmſcheid, während wir im vollen Trabe vorwärts ritten, und man kann ſich denken, Sſn Worte ziemlich ſtoßweiſe hervorkamen. Der Parademarſch ging gut von Statten, und die erſte Haubitze ſchwenkte links ab in den Hohlweg hinein. „Den haben ſie uns vortrefflich ausgeſucht! 1“ brummte Helm⸗ ſcheid,„faſt ſenkrechte Wände, und unten nicht Platz, wo ein Chriſtenmenſch ſeinen Fuß ſetzen kann. Aber ich erſuche Sie freundlichſt, Bombardier,“ wandte er ſich grimmig an mich, „ſchauen Sie auf Ihr Geſchütz, und laſſen Sie es unterbleiben, da oben den Frauenzimmern unter die Röcke zu gucken. Möchte wiſſen, was das Weibsvolk da an dem Abhange zu ſchaffen hat.“ Dieſe höchſt unzarte Aeußerung des alten Geſchützführers hatte mir faſt das Blut in's Geſicht getrieben. Glücklicherweiſe ging ſeine grobe Rede nicht auf die jungen Damen, die ich aller⸗ dings eifrig mit den Augen geſucht. Hoch über uns ſtanden allerdings ein paar junge Mädchen etwas weit vor, um ſich die Sache da unten recht genau anzuſehen. Noch hatte ich den Wa⸗ gen mit den hellen Pferden nicht entdeckt. Doch jetzt bei einer Biegung des Weges ſah ich ihn vor mir. Alle vier waren aus⸗ geſtiegen. Der alte Herr lehnte am Stamm einer Weide, an Ein Tag bei dem Manöver. 205 ſeiner Seite ſaßen die beiden älteren Damen; die kleine Emilie aber befand ſich neben dem Wagen und hielt ſich mit der Hand an einem der Thürgriffe. Sie blickten aufmerkſam in die Tiefe, und meine Eitelkeit flüſterte mir zu, es wäre mir doch nicht ganz unmöglich, daß die jungen Damen ſich auch ein wenig nach dem umſehen könnten, der ſie auf dieſen wunderbaren Platz geführt. 4 Ein verlorenes Etwas. Jetzt wurde auf der andern Seite die hohe Generalität ſicht⸗ bar; gleich darauf erſcholl:„Batterie halt!“ und dann wurde das Signal zum„Kehrt auf der Stelle“ geblaſen. Wie dies Manöver ausgeführt wird, kann ich dem geneigten Leſer nur ſehr ſchwer klar machen. Wie ich früher ſchon bemerkt zu haben glaube, wird angenommen, vor dem erſten Geſchütze erſcheine plötzlich irgend etwas Feindliches, Tirailleurs, Flankeurs oder die Téte einer Colonne, wo denn begreiflicher Weiſe das einzige Mittel der Rettung iſt, ſo ſchnell als möglich zurückzugehen. Die Ge⸗ ſchütze werden abgeprotzt, letztere mit den Pferden umgedreht, ſo daß die Fahrer mit den Pferden an den Wänden des Hohlwegs fehen müſſen, wie ſie vorbei kommen, darauf die Geſchütze ſelbſt gewandt und nun wieder zum Zurückgehen aufgeprotzt. Mitten in dieſem Manöver bietet die ganze Batterie einen Knäul der Verwirrung, der über alle Beſchreibung iſt. Einer ſteht dem Andern im Wege und die größte Aufgabe beſteht darin, die Pferde, ohne daß ſie unruhig werden und anfangen zu ſchlagen, herum⸗ zubringen. Zuerſt wird das Geſchütz klar gemacht, welches die Spitze bildet und dem Feinde zunächſt ſteht und ſchiebt man dieſes 206 Ein Tag bei dem Manböver. alsdann einige Schritte vorwärts, um durch raſche Kartätſchen⸗ ſchüſſe die Angreifer zurückzudrängen. Daß wir Alle unſere Schuldigkeit auf das Umfaſſendſte thaten, verſteht ſich von ſelbſt. Galt es doch, vor den Augen ſo vieler Offiziere die Batterie in Ehren beſtehen zu laſſen, ſtand doch nahe am Abhange der Oberſt mit der Uhr in der Hand, eum zu ſehen, in wie viel Minuten das Manöver ausgeführt werde, und kannten wir doch unſern Kapitän genugſam, um zu wiſſen, daß er uns jeden Fehler, jede Ungeſchicklichkeit hart Perde büßen laſſen. Aber die Sache ging über Erwartung; im⸗Nu war die erſte Haubitze klar gemacht, wurde vorgeſchoben, geladen und krachte gegen den Ausgang des Hohlwegs. Darauf aber waren die Zuſchauer droben, namentlich aber die Pferde der Wagen und Reiter nicht vorbereitet. Ich vernahm, wie droben ein paar Mal von Mädchenſtimmen aufgeſchrieen wurde, und obgleich ich alle. Hände voll zu thun hatte, um mit den acht Bedienungsmann⸗ ſchaften unſeres Geſchützes der umwendenden Protze aus dem Wege zu gehen, und hinter dieſelbe zu kommen, ſo konnte ich es doch nicht unterlaſſen, im Augenblick als der Schuß gefallen war, in die Höhe zu ſchauen. Obgleich der Bediente des alten Herrn vom Tannenhofe die Pferde hielt, ſo hatten ſie doch, erſchreckt durch⸗ den plötzlichen Schuß, einen Satz vorwärts gethan und die kleine Emilie, die ſich am Wagen feſthielt, etwas auf die Seite geriſſen. Glücklicher Weiſe hielt ſie ihren Handgriff feſt, und das einzige Unglück war, daß das arme Mädchen über eine Baumwurzel ſtolperte und mit dem einen Füßchen ausglitt, und faſt bis zum Knie ihren weißen Strumpf ſehen ließ. Der Anblick hätte mir im gegenwärtigen Augenblick doppelt Ein Tag bei dem Manöver. 207 gefährlich werden können, mein Pferd, geängſtigt durch das Ge⸗ tümmel drunten, drängte links gegen den Stangenreiter unſerer Protze, und dieſem nur hatte ich es zu verdanken, daß ich nicht zwiſchen die Räder kam, denn er verſetzte ihm in dieſem kritiſchen Moment tüchtig eins mit dem Kautſchuk, ſo daß es einen Riß gegen die Wand des Hohlwegs that und glücklich auf die Seite kam. Und wenn aber noch obendrein neben mir ein Abgrund von zehntauſend Schuh geweſen wäre, ich hätte doch aufwärts blicken müſſen, nicht nach dem weißen Strumpfe— der war wie ein Blitz erſchienen und ebenſo ſchnell wieder verſchwunden— aber von ihm hatte ſich etwas Glänzendes abgelöst, das herunter gerollt war und in der Mitte der Wand des Hohlwegs an dem Stamm einer Brombeerſtaude hängen blieb, leider aber ſo hoch über uns, daß es nicht möglich war, dahin zu gelangen, ohne das größte Aufſehen zu erregen. Meine Aufmerkſamkeit war aber dadurch getheilt, und auf's Aeußerſte angeſtrengt. Hier unten dem tollen Gewühl mußte ich mit Augen und Hand folgen und wollte doch auch wiſſen, ob das glänzende Etwas, welches her⸗ abgerollt war, von ſonſt Jemand bemerkt worden, oder ob viel⸗ leicht die Verliererin ſelbſt Anſtalt machen würde, es wieder zu erlangen. Letzteres war mehr als zweifelhaft, und geſchah auch nicht, vielmehr ſah ich, wie die jungen Damen den Wagen be⸗ ſtiegen, der ältliche Herr die Zügel ergriff und die Pferde in die Haide hinein lenkte. Die kleine Emilie ſetzte ſich auf ihrem Sitze zurecht, als der Wagen abfuhr; ja, ſie erhob ſich halb, um ihren Sonnenſchirm zu nehmen, den ſie hinter ſich gelegt. Bei dieſer Bewegung kam es denn auch wohl, daß ſie, gewiß abſichts⸗ los, nochmals in den Hohlweg hinabſah, wo wir mit unſerem Manöver ſo eben glücklich zu Ende kamen. 8 208 Ein Tag bei dem Manöver. Daß unſer Geſchütz keine Confuſionen gemacht, daran war der Schutzherr der Batterie mehr Schuld, als der dienſtthuende Bombardier eben dieſes Geſchützes, meine Wenigkeit nämlich. Glücklicherweiſe hatte im Eifer der Bewegung Unteroffizier Helm⸗ ſcheid nicht die Zeit, genau auf mich Achtung zu geben, denn ſonſt hätte ihm meine Zerſtreutheit unmöglich entgehen können. Aber das Kehrt im Hohlweg war vollbracht, ganz famos voll⸗ bracht, und obendrein in ſo außerordentlich kurzer Zeit, daß es ſich der Oberſt wirklich ein paar Worte an den Kapitän koſten ließ.„Dat muß ich ſagen,“ hörten wir ſeine gewaltige Stimme am Eingang des Hohlwegs;„de Batterie hat dat Kehrt ganz nobel ausgeführt. Ich bitte die andern Herrn Batteriechefs, es nächſtens grad' ſo zu machen, denn ik werde alle Batterien der Reihe nach d'ran kommen laſſen. Dat hier iſt ein ganz präch⸗ tiger Hohlweg für ſo ein Manöver.— Wünſche guten Abend, meine Herrn!“ Nach dieſen Worten ritt er mit der ganzen Suite der Stadt W. zu, und als wir aus dem ſehr geeigneten Hohl⸗ weg wieder glücklich heraus gekommen waren, wurde Batterie halt! kommandirt, Protze und Protzkaſten geſchloſſen, der Kapitän hielt uns noch eine kleine Rede, worauf der dicke Wachtmeiſter vortrat, um die Quartierbillets auszutheilen.— Uttenweiler hieß der Ort, der die Ehre hatte, uns zu beherbergen. Den Namen hatte begreiflicher Weiſe keiner von uns in ſeinem Leben gehört; der Ort ſollte hinter dem Tannenwalde an dem Rand der Haide liegen, wie ein Bauernburſche ſagte, der mit ein paar anderen ſeiner Kameraden neugierig vor der Batterie ſtand. Das Ver⸗ ſprechen eines kleinen Geſchenkes bewog ihn, uns den Weg zu zeigen, weßhalb er auf die Protze der erſten Haubitze geſetzt Ein Tag bei dem Manöver. wurde und uns auf denſelben Waldweg dirigirte, den ich vorhin neben dem Wagen der Damen reitend zurückgelegt. Wie gern wäre ich nach dem Hohlweg umgekehrt, um das glänzende Etwas aufzuheben, das noch immer an dem Brombeer⸗ ſtrauche hing. Da ich aber wußte, wie ſehr es unſern Hauptmann verdroß, wenn man auf dem Marſche aus Reihe und Glied trat, und daß er Einem ſo was tüchtig in's Wachs drückte, ſo konnte ich nichts thun, als mir genau den Ort merken, wo ſich die Brombeerſtaude befand. Ich war feſt entſchloſſen, ihr, wenn Uttenweiler nicht gar zu weit entfernt wäre, noch am heutigen Abend einen Beſuch zu machen. Doch war mir heute das Glück günſtiger, als ich es eigent⸗ lich verdiente. Am Eingange des Waldwegs ritt der dicke Wacht⸗ meiſter an unſer Geſchütz und ſagte dem Unteroffizier Helmſcheid: „Ich muß Ihnen noch für ein paar Stunden Ihren Bombardier nehmen; er muß nach W. zum Abtheilungs⸗Commando und den Befehl für Montag holen. Da es morgen Sonntag iſt, ſo wird er vorziehen, heute Abend noch zu reiten, um morgen Ruhe zu haben.“ Es war aber durchaus nicht die Sorge des guten Wachtmeiſters für meine Sonntagsruhe, was ihn veranlaßte, mich heute noch nach der Stadt zu ſchicken: man liebte es nicht, uns junge Leute an freien Tagen dort unten herumflankiren zu ſehen, da war die Gelegenheit zu allen wilden Streichen zu verlockend, und wenn der alte Oberſt zufällig Jemand erwiſchte, ſo hielt er ſich nicht nur an den Schuldigen ſelbſt, ſondern der betreffende Batteriechef wurde nach Umſtänden auch mit verantwortlich ge⸗ macht. Als ich mein Pferd aus der Reihe lenkte und es umwandte, ritt Lieutenant Manderfeld an meine Seite und reichte mir eine Hackländer, Kr. u. Fr. II. 4 14 210 Ein Tag bei dem Manöver. Cigarre, wobei er mich freundlicher Weiſe fragte:„Haben Sie auch Geld bei ſich, um drunten etwas zu ſoupiren?“ Worauf ich ihm lachend erwiederte, daß ich zufällig bei Kaſſe ſei.„Nun, dann reiten Sie,“ ſagte er,„aber machen keine tollen Geſchichten, wenn Sie zufällig ein paar gleich geſinnte Freunde finden. Kom⸗ mmen Sie auch ſo bald als möglich zurück, ich werde Ouartier für Sie in meinem Hauſe machen laſſen.“ Ich dankte meinem freundlichen Offizier auf's Herzlichſte für ſeine Güte und ritt abermals den Waldweg zurück. Die Batterie zog weiter und bald verklang das Raſſeln und Klirren der Räder und Geſchirre auf dem weichen Sandwege und wurde immer undeutlicher. Nur den Geſang meiner heim⸗ ziehenden Kameraden hörte ich noch lange durch den ſtillen Wald ſchallen: Wie ziehen wir ſo fröhlich Mit Sang und Klang nach Haus, Beſchirmt iſt ja immer Des Artilleriſten Haus. Es ſchreckt uns nicht des Feindes Uebermacht, Wir führen ja den Donner der heißen Schlacht. Der Abend brach ſtark herein, und die Sonne, die hinter mir unterging, färbte die Ebene vor mir auf's Prächtigſte, wobei ſie mei⸗ nen und meines Pferdes Schatten weit geſtreckt vor mich hinwarf. Ich machte es mir für einen Augenblick recht bequem, legte die Zügel auf den Hals meines Pferdes, ſuchte und fand in meiner Satteltaſche noch ein kleines Stückchen Brod, zu welchem ich den Reſt meiner Feldflaſche trank. Dann wurde Feuer geſchlagen, ich ſetzte meine Cigarre in Brand und wandte mich nun in kurzem Trabe von dem Waldwege nach der denkwürdigen Schlucht zurück, wo an der Brombeerſtaude ein kleiner Schatz für mich hing. 8* Ein Tag bei dem Manöver. 211 Es war mir nicht ſchwer, den Ort wieder zu finden; hier hatte unſere erſte Haubitze geſtanden und gefeuert, darauf war die zweite Haubitze gefolgt, dann die erſte Kanone unſeres Zuges und dort gegenüber an der Wand des Hohlwegs mußte ſich die bewußte Brombeerſtaude befinden.— Richtig! dort war auch der Weidenſtamm, wo der ältliche Herr geſtanden. Ich ritt ein paar Schritte weiter, wo mit einem Male die Wand des Hohlwegs ſo ſteil wurde, daß man von oben nicht mehr hinab ſehen konnte. Dort band ich mein Pferd an eine knorrige Baumwurzel, ſtieg ab und ging nach der Stelle zurück, wo ich bequemer nach der Brombeerſtaude empor klettern konnte. Ich hatte ſie auch faſt erreicht, als ich droben mit einem Male Stimmen vernahm, la⸗ chende weibliche Stimmen, die ich unmöglich verkennen konnte. Was war das?— Richtig, es konnte nicht anders ſein: das junge Mädchen hatte ihren Verluſt bemerkt und unſern Abmarſch benutzt, um das glänzende Etwas, welches herabgerollt war, wieder zu holen. Ich muß geſtehen, ich kam in Verlegenheit, hier ertappt zu werden, und fing an, mich ein Bischen zu ſchämen. Sollte ich aber unverrichteter Sache zurückkehren? Nein, gewiß nicht. Mit einem raſchen Satze hatte ich die Brombeerſtaude er⸗ reicht; dort lag auch an der Staude das Band von rother Seide; ein Theil der glänzenden Schnalle war abgeſprungen und hing im Hacken feſt. Ich löste das kleine Metallplättchen ſorg⸗ fältig und ſteckte es in die Taſche meines Collets. Sollte ich ddas Ganze mitnehmen? Nein, es that mir wahrhaftig leid, daß das junge, hübſche Mädchen umſonſt zurückgekommen ſein ſollte. Hatte ich ja doch ein Andenken an ſie, und in meinen jugend⸗ lichen Phantaſien ſchwebte mir der arme Page aus dem Mähr⸗ chen vor, der der Prinzeſſin die Hälfte des zerbrochenen Ringes, 212 Ein Tag bei dem Manöver. an dem ſie ihren Getreuen erkennen wollte, ſpäter knieend über⸗ reichte und dadurch unendlich glücklich wurde. Wer weiß, viel⸗ leicht kam auch für mich einmal ein ähnlicher Augenblick. Die Stimmen kamen näher und ich hatte eben noch Zeit, das rothſeidene Band wieder an die Brombeerſtaude hinzuwerfen, in den Hohlweg hinab zu ſpringen, und mich an der ſteilen Wand zu verbergen, wo mein Pferd ſtand. Jetzt mußten die jungen Damen den Rand des Hohlwegs erreicht haben und ich vernahm deutlich, was ſie ſprachen. „Wie kann man aber ſo eigenſinnig ſein, Emilie!“ hörte ich die Eine ſagen.„Was iſt dir an dem Strumpfband gelegen? Wenn der Onkel erfährt, daß wir ihn deßhalb drunten eine halbe Stunde warten laſſen, ſo wirſt du ſchon ſehen, welche Neckereien es abſetzt.“. „Das verſtehſt du nicht, Roſalie,“ entgegnete die Kleine altklug,„es iſt mir wahrhaftig nicht um das Strumpfband zu thun; aber ich glaube der alten Grete, was die mir geſagt hat.“ „Nun, was hat ſie dir geſagt?“ „Es ſei gefährlich, ein Strumpſband zu verlieren und legen zu laſſen, wenn—“ „Nun? wenn— 1 „Nun, wenn Jemand in der Nähe iſt, der es fallen ge⸗ ſehen und ſpäter aufheben könnte.“ „Ach! Emilie, du biſt köſtlich! Wenn ich das dem Onkel erzählen dürfte.“ „Das wirſt du nicht,“ ſagte eifrig die andere Stimme. .„Aber um's Himmelswillen Mädchen, wer hätte es denn aufheben ſollen?— Kind! Kind! Was muß ich an dir erleben! Du denkſt am Ende gar an den jungen Reiter, der uns begleitet.“ Ein Tag bei dem Manöver. 213 „Du wirſt mich wirklich böſe machen, Roſalie,“ entgegnete die Andere in ganz ernſtem Tone.„Hätte ich gewußt, daß du ſo abſcheulich biſt, ſo würde ich die Ida gebeten haben, mitzu⸗ gehen. Das iſt nicht recht von dir.“ „Nun, nun, ſei nicht böſe, du wirſt doch wohl einen Scherz vertragen können? Das war ein ganz hübſcher junger Mann, der Artilleriſt, und er ſprach recht gebildet und beſcheiden. Viel⸗ leicht ein einjähriger Freiwilliger, der ſich eines Tags vorſtellen läßt im ſchwarzen Frack—“ „Da liegt's!“ rief die kleine Emilie überlaut, und wahr⸗ ſcheinlich that ſie das, um die Neckereien ihres Bäschens zu unterbrechen.„Siehſt du, daß ich Recht hatte: grade an der Brombeerſtaude.— Aber die Schnalle iſt abgeriſſen.“ „Das glaube ich wohl,“ lachte die Andere.„Du biſt aber auch ſo heftig in die Höhe gefahren, daß es kein Wunder iſt, daß das Strumpfband reißen mußte. Und zu eng war es dir obendrein.“ 49 „Ja, es war mir zu eng,“ verſetzte Emilie. Und das ſagte ſie mit der größten Unbefangenheit, da ſie ja keine Ahnung davon hatte, welch profane Ohren dieſen köſtlichen Toilette⸗Geheim⸗ niſſen zulauſchten.— Das rothſeidene Band hatte doch eine an⸗ ſtändige Länge gehabt und war noch zu enge. Ich wollte, ſie hätte das lieber nicht geſagt. Es war anfänglich meine Abſicht geweſen, mich ſehen zu laſſen; aber nachdem ich das eben Ge⸗ ſprochene gehört, wäre es ſchlecht von mir geweſen, das arme Mädchen ſo in grenzenloſe Verlegenheit zu bringen. Ich hatte nur wahrhafte Angſt, daß mein warm gerittenes Pferd die kalte Abendluft ſpüren und ſich ſchütteln möge. Glücklicher Weiſe 214 Ein Tag bei dem Manöver. war aber Cäſar ſehr müde, ließ den Kopf hängen und ſtand wie ein Fels. 3 Unterdeſſen waren die jungen Mädchen wieder den Abhang hinauf geſtiegen und entfernten ſich lachend. Wohl noch eine Viertelſtunde blieb ich an der ſteilen Wand halten, ehe ich es wagte, den Hohlweg zu verlaſſen.— Weit und breit kein Wagen, nicht die Spur eines menſchlichen Weſens. Die Sonne war unter⸗ gegangen, meine Sonne auch; vor mir im Thale lagen tiefe Schatten, aus denen empor der Dampf der Stadt qualmte, und wo man nur einzelne blitzende Lichter ſah. Ich trabte ſcharf über die Haide dahin und befand mich in einer halben Stunde in den Straßen von W. Meinen ſchrift⸗ lichen Befehl hatte ich bald in Empfang genommen, und nachdem wir, ich und mein Pferd, beſcheiden ſoupirt, erkundigte ich mich auch nach dem nächſten Wege, der zu dem Dorfe Uttenweiler führe, und verließ dann die Stadt, um nach einer guten Stunde mein Quartier zu erreichen. — 8 1 Der Tannenhof. Der Ort, wo wir einquartiert waren, Uttenweiler, beſtand aus einer Menge kleinerer und größerer Höfe. Auf dem beſten derſelben war der Kapitän einquartiert, auf dem eines andern wohlhabenden Bauern Lieütenant v. Manderfeld, und hier hatte auch ich ein kleines Zimmer bekommen. Es war das für mich ein großer Vortheil, bei einem Offizier, der mir wohl wollte, 4 8 einquartiert zu werden. Zum Kaffee war ich ein für allemal zu Ein Tag bei dem Manöver. 215 ihm commandirt, und auch zum Mittageſſen wurde ich häufig eingeladen. Es war geſtern Abend ſchon ſpät, als ich aus W. zurück⸗ kam, weßhalb ich mich bei meinem Zugführer nicht mehr melden konne; den andern Morgen aber gab ich genau Achtung, wann ſein Burſche den Kaffee hinein trage und gleich darauf ſtellte ich mich ein, um meinen dienſtlichen und anderen Rapport zu machen. Er empfing mich freundlich, wie immer, hieß mich niederſitzen und wir frühſtückten ganz gemüthlich zuſammen. Ich erzählte ihm Alles, was ich glaubte, ihm ſagen zu können; das Beſte und Schönſte aber, was mir paſſirt war, verſchwieg ich natürlicher Weiſe. Von den Fenſtern des Zimmers, in dem wir uns befanden, hatte man eine weite Ausſicht. Der Hof, wo wir unſer Quartier hatten, lag auf einer kleinen Anhöhe, und man ſah über Obſt⸗ und andere Bäume hinweg in das Thal, wo ſich das kleine Flüßchen L. zwiſchen Wieſen hindurch ſchlängelte. 1„Schauen Sie links,“ ſagte Lieutenant v. Manderfeld, der zu mir an's Fenſter getreten war;„ſehen Sie dort die dichten Gebüſchmaſſen, die ſich vom Fuß des Hügels bis hinauf zur Höhe ziehen. Betrachten Sie ſich das genau, dann werden Sie unten am Fluſſe eine Menge rieſenhafter Tannen ſehen. Dort— und zwiſchen dieſen ein paar Thürme hervorleuchten. Auch—“ Ich ſah ihn lachend an. „Nun, was könnte das wohl ſein?“ fuhr er fort. Obgleich ich wohl ahnete, was es für ein Gut ſein könnte, ſo wollte ich ihm doch die Freude der Ueberraſchung nicht nehmen, und ſtellte mich, als habe ich keine Idee davon, was das ſein könnte 4— 216 Ein Tag bei dem Manöver. „Nun, das muß ich ſagen,“ ſprach er,„Sie ſcheinen mir nicht tief in die ſchwarzen Augen von geſtern geſehen zu habm. Oder haben Sie durchaus kein Ahnungsvermögen. Das iſt der Tannenhof, junger Menſch. Und ich hatte geſtern Abend joch das Vergnügen und die Ehre, als wir nach Hauſe zogen, dem Herrn v. Beſſerer und ſeinen drei liebenswürdigen Damen vor⸗ geſtellt zu werden. Sie holten uns ein, als wir Uttenweiler faſt erreicht hatten. Ich muß Ihnen ſagen—— Nun das haben Sie einmal verſäumt, habe aber keine Idee davon, wo ſcch der alte Herr noch unterwegs aufgehalten. Hätten ſchon lange vor uns da ſein können.“ 8 Ich hatte wohl eine Idee, was den Aufenthalt veranlaßt, hütete mich jedoch, davon zu ſprechen. Auch war ich außerordent⸗ lich überraſcht, dem Tannenhofe ſo nahe zu ſein und freute mich nebenbei, daß der Lieutenant v. Manderfeld die Bekannſſchaft der Damen gemacht, beſonders aber, daß ſie ihm gefallen; denn nun war ich gewiß; daß er einen Operationsplan entwerſen würde, um den Tannenhof ſo bald als möglich zu überfallen, Dazu traf er denn auch alle Anſtalten, denn er verab⸗ ſchiedete mich bald nachher und beſtieg eines ſeiner Pferde, um ſich, wie er ſagte, in der Gegend etwas umzuſehen. Um zwölf Uhr wurde bei einer alten Windmühle vor dem Orte Appell gehalten. Der Kapitän war ſehr guter Laune, denn er hatte die belobenden Worte ſeines Chefs noch nicht vergeſſen, er war mit uns zufrieden geweſen, weßhalb denn auch durchaus nichts Unangenehmes vorfiel.⸗ Es ſetzte keinen Verweis, es fiel keine Strafwache, und nachdem der Befehl für Morgen verleſen, war der Appell zu Ende, der heute ausnahmsweiſe kaum eine Viertelſtunde gedauert hatte. Ein Tag bei dem Manöver. 217 Lieutenant v. Manderfeld nahm mich mit ſich nach Hauſe und ſagte mir unter Wegs, ich ſolle mich bereit halten, ihn nach zwei Uhr zu begleiten. Da ich mir ganz gut denken konnte, wo⸗ hin er wolle, ſo putzte ich mich nach dem Mittageſſen auf's beſte heraus, zog meine eigene feine Uniform an, nahm Stiefel mit neuſilbernen Sporen, was damals der höchſte Luxusartikel war, und eine von den verbotenen kleinen Mützen, deren ſchwarzer Streifen ſtatt aus Tuch aus Sammet beſtand. Als ich mich um zwei Uhr ſo bei meinem Vorgeſetzten ein⸗ fand, lachte er bei meinem Anblicke und ſagte:„Nun, Sie ſcheinen es ſtark auf Eroberungen abgeſehen zu haben. Aber Eins muß ich mir ausbitten: kommen Sie mir nicht in mein Revier.“ 3 „Das will ich gewiß,“ entgegnete ich ihm ſo ernſt wie wirklich;„doch um das zu können, bitte ich ganz gehorſamſt, mich mit Ihrem Revier bekannt zu machen.“ „Das wird ſich finden,“ meinte er.„Wenn ich Sie nicht für geſcheidt genug hielte, einen Wink zu verſtehen, ſo würde ich Sie wahrhaftig zu Hauſe laſſen; ſo aber nehme ich Sie mit auf gegenſeitige Unterſtützung, denn ich muß Ihnen ſagen——“ „Alſo auf gegenſeitige Unterſtützung,“ wagte ich ihm zu antworten, da ich ſah, daß er gut gelaunt war und auch ſeinen Satz wie gewöhnlich nicht beendigte. Er lachte und wir zogen dahin. Es war großer Ruhetag bei der Batterie; die Leute ſaßen mit ihren Hauswirthen, auch wohl mit deren Frauen und Töchtern vor den Häuſern und rauchten aus kurzen Pfeifen, die ſie regle⸗ mentmäßig bei Seite nahmen, wenn der Lieutenant vorbeiſchritt. Hie und da, aber ſelten, ſah man Einen mit ſeinem Lederzeug * 218 Ein Tag bei dem Manöver. oder der Lakierflaſche beſchäftigt. Aus manchem Hauſe hörte man ein luſtiges Lied und von fern her tönten die Klänge einer Po⸗ ſaune aus dem Quartier unſeres Poſauniſten, der, ſeines Zeichens ein Schneider, dieſes ſchwierige Inſtrument noch in ſpäten Jahren zu erlernen begonnen hatte. Da er aber beſtändig zwiſchen zwei Töne hinein gerieth, ſo erklang ſein Spiel wie ein gelindes Ge⸗ heul, und brachte einen vollkommenen Mißton in die Sonntagsfeier. Wir ließen bald das Dorf hinter uns und ſchritten über die Höhe des Hügels, an dem es lag. Lieutenant v. Manderfeld operirte wie ein kluger General. Denn da wir uns von den weißen Thürmen des Tannenhofes offenbar entfernten, ſo ſchien er die Fronte umgehen zu wollen, um die Feſtung an einer minder ſtarken oder wenigſtens offenen Seite anzugreifen. Und dem war auch ſo. Nachdem wir eine kleine halbe Stunde über Wieſen und durch Wege gegangen, die mit Hecken eingegrenzt waren, ſahen wir vor uns wie die Hügelkette, auf der wir gingen, eine Schlucht bildete, die mit dichtem Gebüſch, Tannen, Ulmen, Eichen und Linden beſetzt war und die ſich als eine Fortſetzung des Parks vom Tannenhof erwies. Von den Bergen herab ſchlängelte ſich ein klarer Bach in dieſe Schlucht hinein, deſſen Rauſchen ich unter den Bäumen deutlich hörte. Wo Park und Schlucht auf unſerer Seite anfing, befand ſich ein alter Römerthurm, neben dem ſich ein kleines Gitterthor befand, das offen ſtand und wohin wir uns wandten. „Sie ſehen,“ ſagte der Lieutenant,„daß es möglich iſt, keine Idee davon zu haben, daß ſich der Park des Tannenhofes bis hier herunter ſich erſtreckte, und alſo wird man auch—“ Ich ſah ihn fragend an, da er nach ſeiner Gewohnheit plötzlich ſtill ſchwieg. „Eiin Tag bei dem Manöver. 219 „Wir ſind ein paar harmloſe Spaziergänger,“ fuhr er fort, „der alte Thurm und das Thor reizen unſere Neugierde, und —— das Uebrige wird ſich finden.“ Wir thaten nach ſeinen Worten und hatten kaum den Thurm hinter uns, als ich auch gleich bemerkte, daß wir uns in einem ſchönen und wohlgeordneten Parke befanden. Ein feiner, reinlich gehaltener Kiesweg lief vor uns her am dieſſeitigen Abhange der Schlucht, der uns in kurzer Zeit zu einer Brücke brachte, unter welcher das Waſſer des vorhin erwähnten Baches über Felsſtücke hinab brauste. Es war hier unbeſchreiblich ſchön und ruhig. Obgleich es bereits September war, ſo hatten wir doch einen warmen, faſt heißen Tag; draußen auf den Wieſen brannte die Sonne, wo⸗ gegen es hier im Halbdunkel unter den rieſenhaften Bäumen ſo erquickend kühl war. Hoch über den Gipfeln derſelben ſpannte ſich der tieſblaue Himmel aus, unten ſchäumte das Waſſer, hie und da hoch aufbrodelnd und Farrenkräuter und wilde Roſen be⸗ ſpritzend, die ſich alsdann ſchüttelten unter dem ſtäubenden Waſſer und unzählige Tropfen aus ihren Blättern fallen ließen. Dabei war die Stille um uns her ſo feierlich, daß ich lieber umge⸗ kehrt wäre, als hier in dem fremden Eigenthum ohne Erlaubniß weiter vorzudringen. Mein Lieutenant aber that das mit einer Sicherheit, die mir auch wieder Muth machte. Jetzt waren wir auf der andern Seite der Schlucht, die ſich, ſowie wir abwärts ſtiegen, mit jedem Schritte verengte und ſchauerlich wild wurde. Die Felſen traten hier wie Mauern zu Tage und fielen ſo ſenkrecht nach dem Bache zu ab, daß der Weg keinen natürlichen Platz mehr hatte, ſondern an der Stein⸗ wand hin auf eiſernen Trägern weiter geführt wurde. Dabei 220 Ein Tag bei dem Manöver. wand ſich die Schlucht vor uns ſo ſcharf links, daß wir uns wie in einem eingeſchloſſenen Keſſel von Felſen befanden. Es war dies auch in der That ein Keſſel, denn unter uns, wo ſich herabgerollte, mit Epheu und Moos bewachſene Felsblöcke ſchauer⸗ lich durcheinander thürmten, bildete ſich im Boden ein Schlund, in den das Waſſer des Baches in tollen Sprüngen hinab raste, um hier mit einem Male in der Erde zu verſchwinden. „Nicht wahr, das iſt ſchön?“ ſagte Herr v. Manderfeld, der bemerkte, mit welch freudigem Staunen ich zu dem ſchäu⸗ menden Waſſer hinabblickte. „Wunderbar ſchön,“ entgegnete ich ihm, worauf er fortfuhr: „Es iſt hier in unſerer Gegend ſelten ein Park mit ſolcher Umſicht und Geſchmack angelegt, wie dieſer. Jetzt laſſen Sie uns noch um die Ecke des Felſens gehen und da werden Sie vor Erſtaunen laut aufſchreien.— Wenn Sie aber nicht ſchreien, iſt es mir lieber,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu;„denn wer weiß, ob nicht allerlei Wild in der Nähe iſt, das dunh Ihren Aufſchrei verſcheucht werden könnte.“ 4 Damit gingen wir vorwärts, und als wir um die Ecke des Felſens herum waren, hätte ich auch in der That gern meine Bewunderung durch einen lauten Ruf ausgedrückt. Die Felſen waren mit einem Male hinter uns geblieben, wir hatten vor uns ein ſanft abfallendes Thal mit dem ſchönſten Wieſenboden bedeckt, ſowie mit Gruppen coloſſaler Bäume, die, obgleich bei uns gänz⸗ lich willkürlich daſtehend, tiefer unten geordnete Partieen bildetsn, in deſſen Mitte, unter unzähligen weithin leuchtenden Blumen⸗ gruppen, das Schloß der Tannenhof lag. Dort unten vor der Terraſſe war auch das neben uns verſchwundene Waſſer wieder zu Tage getreten, ein großes Baſſin ausfüllend, in deſſen Mitte Ein Tag bei dem Manöver. 221 zwiſchen einer Gruppe von Steinfiguren ein immenſer Waſſerſtrahl emporſpritzte. Ja, das war in der That wunderbar ſchön und ich hätte wirklich meiner Empfindung gern laute Worte geliehen, wenn mich mein Führer nicht dringend ermahnt, gefälligſt ſtille zu ſchweigen. Der Weg, auf dem wir gingen, bildete an dem Felſen einen förmlichen Balkon und tauchte hinter demſelben plötz⸗ lich in das Buſchwerk des Hügels, womit die hintere Seite der Schlucht bewachſen war und verlor ſich in einem reizenden Wald⸗ pfad, in dem wir, mein Vorgeſetzter, der ſehr eilig ging, und ich, der ihm ebenſo folgte, ſehr ſchnell verſchwanden. „So,“ ſagte Herr v. Manderfeld,„jetzt ſind wir vor allen⸗ fallſigen Blicken, die von der Terraſſe aus hieher ſchauen könn⸗ ten, ſicher und können uns mit Muße einem kleinen Platze nähern, wo wir vielleicht finden, was wir ſuchen.— Finden wir das in der That, ſo werden Sie ſagen, daß ich außerordentlich gut manöpvrirt habe.“. Ich erlaubte mir, ihm zu bemerken, daß ich daran nie im Geringſten gezweifelt, was er freundlich aufnahm und, ein Liedchen ſummend, mir vorausſchritt. Der Waldweg wand ſich bald rechts, bald links, unter dichtem Gebüſch dahin, und wenn auch ſeine Ränder ganz natür⸗ lich mit wild wachſenden Blumen, mit Farren⸗ und Schlingkräu⸗ tern bedeckt war, ſo ſah man doch ſonſt, daß ſchaffende Hände hier Alles in ſchönſter Ordnung erhielten. Der Boden war fein geebnet, und häufig kamen wir an Ruheplätzen vorbei, einfachen Sitzen oder größeren Bänken aus Stein oder künſtlich aus Baum⸗ äſten geflochten. Jetzt mußten wir faſt in der Tiefe des Thales angekommen 222 Ein Tag bei dem Manöver. ſein. Vor uns wurde das Laubwerk dünner und die grüne Wieſe ſchimmerte hindurch. Da— mit einem Male— blieb der Lieutenant plötzlich ſtehen, winkte mir mit der linken Hand, ruhig zu ſein und zeigte mit der rechten vor ſich hin, wo ich denn keine fünfzig Schritte von uns auf einem mit Moos be⸗ wachſenen Steine eine junge Dame ſitzen ſah, die ich mit Herz⸗ klopfen augenblicklich erkannte. Es war die kleine Emilie, die dort ſaß und emſig beſchäftigt war, aus Epheu und Waldblumen einen Kranz zu winden. Es war faſt komiſch, wie mein Vor⸗ geſetzter in der nächſten Sekunde leiſe und behutſam anfing wie ein Krebs rückwärts zu ſchreiten. Ich machte natürlicher Weiſe dieſelbe Bewegung, und für einen Dritten, der uns geſehen hätte, müßte unſere ſonderbare Gangart außerordentlich komiſch erſchie⸗ nen ſein. Ich war nur froh, daß uns das junge Mädchen nicht bemerkte, und ſo kamen wir ihr glücklich bei der Biegung des Weges aus den Augen. „Sie überraſchen dürfen wir nicht,“ ſprach Herr v. Man⸗ derfeld, als wir in Sicherheit waren.„Die Kleine da unten würde am Ende aufſpringen, davonlaufen, und damit wäre uns nicht gedient. Jetzt alſo muß uns das Glück günſtig ſein, deß⸗ halb iſt es beſſer— Das Säbelſchleifen iſt ja in der Garniſon eine Ihrer Hauptbeſchäftigungen,— klirren Sie alſo, daß es ähnlich klingt, ein paarmal gegen die Steinwand und ich werde dazu ſprechen.“— Ich that wie er verlangte und darauf hob er an lauter zu ſchreien, als gerade nothwendig war.„Aber das iſt in der That einzig hier!— Wundervoll!— Wundervoll!— Wahr⸗ haftig ganz prächtig!“ Hiemit hatten wir die Biegung des Waldwegs abermals umgangen, und ſahen die junge Dame wie⸗ Ein Tag bei dem Manöver. 223 der vor uns, die, wahrſcheinlich erſchreckt durch das plötzliche Geräuſch und die Stimme, aufgeſprungen war, aber— als ſie uns bemerkte, glücklicher Weiſe nicht davon lief, ſondern erwar⸗ tungsvoll ſtehen blieb. Wir näherten uns in der ſchnellſten Gangart, mein Vor⸗ geſetzter Trab gefaßt, und ſo kamen wir in kurzer Zeit an Emilie heran die uns, Gott ſei Dank! nicht unfreundlich entgegen ſchaute. Daß wir auf's Zierlichſte grüßten, verſteht ſich von ſelbſt. Ich blieb natürlicher Weiſe ein paar Schritte hinter mei⸗ nem Offizier ſtehen, einestheils aus Ehrfurcht, hauptſächlich aber um zu ſehen, ob das ſchöne Mädchen bei den glänzenden Epau⸗ letten vorbei wohl einen Blick übrig habe für die beſcheidenen Achſelklappen. Ach! und ſie hatte einen Blick übrig. Nicht einen, ſogar zwei! Und dabei ſchaute ſie lächelnd auf ihren Epheukranz, während ſie der blumenreichen Anrede des Lieutenants zuhorchte. 1 8 Abgebrochener als Herr v. Manderfeld bei dieſer Veran⸗ laſſung ſprach, habe ich ihn nie reden hören. Aber es machte ſich gar nicht ſchlecht. Er erwähnte des heißen und langweiligen Sonntag Nachmittags, eines zweckloſen Spazierganges, des römi⸗ ſchen Thurmes und dahinter der einladenden kühlen Schlucht. Auch gedachte er des murmelnden Baches, des ſchäumenden Keſſels zwiſchen den Felſen, der Anſicht auf's Schloß, des Wald⸗ pfades und jetzt der grenzenloſen Ueberraſchung, hier, wo er Niemand vermuthet, eine junge Dame zu finden. Daran knüpfte er— und das war der einzige zuſammenhängende Satz— die Bitte um Verzeihung, wobei er ſeinen unerſchütterlichen Vorſatz ausſprach, ſich augenblicklich zurückzuziehen. Daß aber dieſer Vorſatz nicht ſo unerſchütterlich war, be⸗ 224 Ein Tag bei dem Manöver. ⁴ wies er in der nächſten Sekunde, denn die junge Dame ſagte ihm, nicht ohne einiges Erröthen, er habe ſich durch ſein Ein⸗ dringen in den Park durchaus nichts zu Schulden kommen laſſen. —„Onkel“, ſetzte ſie hinzu,„ſieht es recht gern, wenn Fremde ſeine Anlagen beſuchen und ſchön finden. Wenn Sie mir folgen wollen, werde ich Sie zu ihm führen, er wird ſich gewiß freuen, Sie wieder zu ſehen.“ „Wieder zu ſehen,“ hatte ſie geſagt und dabei bekam auch ich wieder einen Streifblick ihrer wunderſchönen dunkeln Augen. Darauf fuhr das junge Mädchen lächelnd fort, und was ſie ſprach, gab mir einen angenehmen Stich in's Herz. Sie ſagte nämlich:„Es iſt meine Schuldigkeit, Ihnen Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Da man geſtern von Ihrer Batterie ſo freundlich war, uns einen Führer zu geben.“ —„Und dieſer Führer ſteht hier,“ verſetzte freundlich der Lieutenant, indem er mich mit einer zierlichen Handbewegung vorſtellte.—„Bombardier D., ein Freiwilliger aus ſehr gutem Hauſe, mein junger Freund!“ Ich war doppelt glücklich, daß er mich ſo außerordentlich liebenswürdig vorſtellte, denn daraus entnahm ich, daß ihm die ſchönen Augen der kleinen Emilie nicht gefährlich geworden waren. Ich ſtotterte einige verlegene Worte, welche indeſſen gütig auf⸗ genommen wurden, und dann lud uns die junge Dame durch eine freundliche Neigung des Kopfes ein, ihr zu folgen,— ſie mit ihrem Epheukranze voraus, dann folgte der Lieutenant und zuletzt kam ich, froh darüber, daß ich ein kleines Körbchen vorl Blumen, welches das junge Mädchen vergeſſen, ungeſehen mit mir nehmen konnte. 2 Nach wenigen Schritten traten wir aus dem Waldwege Ein Tag bei dem Manöver. hinaus und ſahen vor uns einen kleinen Raſenplatz in der aller⸗ gemüthlichſten Verfaſſung. An einer Seite ſtand ein Tiſch mit einem vollſtändigen Kaffeeſervice, auf dem Boden lagerten mehrere Damen, ein paar Herren ſchlugen mit dem Raquette einen Feder⸗ ball hoch in die Luft, und der ältere Herr, der geſtern mit dem Wagen bei den Manövern war, ſtand am Kaffeetiſche und ſprach mit— unſerem Kapitän, welcher uns den Rücken zudrehte. Begreiflicher Weiſe wurden wir, da wir ſo plötzlich aus Waldesdunkel heraustraten, mit einem Male von der ganzen Geſellſchaft erblict. Die beiden jungen Mädchen, die geſtern ebenfalls mit von der Partie waren, hatten uns nicht ſobald geſehen, als ſie laut lachend auf⸗ und Emilien entgegen ſprangen. Dieſe wurde über und über roth und hielt, wahrſcheinlich um das Geſicht vor den neckenden Geſpielinnen zu verbergen, eben⸗ falls lachend den fertigen Epheukranz vor die Augen. Daß aber unſer Eindringen— dem Himmel ſei es gedankt! — von keiner Seite unfreundlich aufgenommen wurde, ſah ich deutlich und das ſtärkte meinen Muth. Der ältere Herr winkte uns freundlich entgegen, und als ſich der Kapitän umwandte, retitirte er aus dem Barbier: Heute kommen neue Truppen, Heute kommen neue Truppen. 7„uund ihr Oberſt iſt mein Freund,“ fiel Herr v. Mander⸗ feld lächelnd ein, nachdem er die Damen beſtens begrüßt und ſich darauf an ſeinen Vorgeſetzten wandte. „Wahrhaftig, das freut mich,“ ſagte dieſer,„und wenn die Damen über die neue Einquartierung keine Einwendungen zu machen haben, ſo iſt es mir recht angenehm.“ Wir wurden nun der Frau vom Hauſe vorgeſtellt, einer Hackländer, Kr. u. Fr. II. 226 Ein Tag bei dem Manöver. würdigen alten Dame, die uns liebreich willkommen hieß, und darauf auch den beiden Herren, die ihr Ballſpiel unterdeſſen ein⸗ geſtellt hatten. Einer war der Beſitzer vom Tannenhof, der andere Emiliens Bruder und ſeit längerer Zeit hier, um ſeine erlernten landwirthſchaftlichen Kenntniſſe praktiſch anzuwenden. Ich wurde den Damen von Herrn v. Beſſerer ſelbſt vor⸗ geſtellt, die meines geringen Dienſtes von geſtern nicht lobend genug erwähnen konnten. Emilie war zwiſchen den jungen Mädchen verſchwunden, die eine neue unerſchöpfliche Quelle des Reckens gefunden hatten und nun auch nicht ſäumten, dieſelbe bis auf den letzten Tropfen auszuſchöpfen. Kaum waren wir in den ruhigen Beſitz einer Taſſe Kaffee gelangt, ſo ſagte die Tochter des Hauſes mit der ſchalkhafteſten Miene von der Welt und, indem ſie mühſam ihr Lachen verbiß, zu dem älteren Herrn: 1 „War das nicht ein köſtlicher Anblick, lieber Onkel, als Emilie ſo unerwartet aus dem Walde trat? Das war doch genau wie im letzten Akt des Sohnes der Wildniß.“— „Ahl mein Fräulein!“ ſprach Herr v. Manderfeld,„ſo bin ich—“ „Nein, diesmal werden Sie übergangen, Herr Lieutenant ſagte das heitere Mädchen,„Herr D. iſt der Sohn der niß. Er hat noch das Blumenkörbchen neben ſich, das er pfl ich⸗ ſchuldigſt ſeiner Führerin nachgetragen.“ Ich fühlte, daß ich bei dieſen Worten erröthete. Es mußte freilich ein ſeltſamer Anblick geweſen ſein, einen Bombardier der reitenden Artillerie zu ſehen, den Säbel in der einen Hand tra⸗ gend, in der anderen ein Körbchen Blumen. Auch hatte ich in der That vergeſſen, es der Beſitzerin zurück zu geben, und daß ich das jetzt thun mußte, da alle Augen auf mich blickten, brachte Ein Tag bei dem Manöver.. 227 mich in keine geringe Verlegenheit. Doch nahm ich mich zu⸗ ſammen; hatte ich doch nicht umſonſt Unterricht im Tanzen und in wohlgefälligen Complimenten erhalten, weßhalb ich denn auch mein Körbchen ganz hübſch an Ort und Stelle brachte, und bei Uebergabe den Muth hatte, ungefähr zu ſagen:„Um den Preis, von ſo ſchöner Hand gezähmt zu werden, wolle ich gerne ein Sohn der Wildniß geweſen ſein und bäte zum Beweis, daß die Lehrerin mit ihrem Schüler nicht ganz unzufrieden ſei, um eine der kleinen Blumen, die ich, wie man ja geſagt, ſo getreulich nachgetragen.“ Es war mir eigentlich leid, daß Emilie bei meinen Worten 1 die Augen eine Sekunde verwirrt zu Boden ſchlug. Doch fühlte ſie wohl gerade ſo wie ich, daß es nämlich beſſer ſei, in den Scherz der Andern, wenn auch ſcheinbar, einzugehen, weßhalb ſie ihr Köpfchen emporrichtete, eine komiſche Verbeugung machte, und ſagte:„Die Blumen in dem Körbchen ſind zu flattriger Natur und ich muß fürchten, Sie werden meine Lehren ſo bald ver⸗ geſſen, wie die kleinen bunten Blümchen auseinander gefallen ſind; deßhalb will ich Ihnen ein Epheublatt aus meinem Kranze geben, welches unverwelklich iſt, und daher die Erinnerung an eben dieſe guten Lehren länger und dauernder erhält.“ Wer war glücklicher als ich! Ich nahm das Epheublatt mit einer ſcherzhaften Verbeugung, in Wahrheit aber zitterte meine Hand, als ich es unter das Collet ſteckte zu dem andern Etwas, das ich dort wie einen Schatz verwahrte. Von dem Citat der boshaften Schweſter aus dem Sohn der Wildniß erhielt ich feierlich den Namen Ingomar, den ich mir auch recht gern gefallen ließ. Konnte ich mich doch unter dieſer Benennung häufiger dem jungen Mädchen nähern, und ihr Ein Tag bei dem Manöver. von allen möglichen Sachen ſprechen, die manchmal lachend auf meine Tactoſagenſchaft geſchoben wurden. Nachdem der Kaffee auf dem allerliebſten Raſenplatze ein⸗ genommen war, beſahen wir Schloß und Gärten, wobei ich mich beſtens und feſteſtens an meine Lehrerin und Führerin hielt. Glücklicher Weiſe war mein ganzes Treiben dem guten Lieutenant v. Manderfeld vollkommen gleichgültig, er fühlte ſich zur Tochter des Hauſes hingezogen und machte ihr ſeine kleine Cour ſo feſt und anhaltend, wie nur möglich. Der Kapitän hielt ſich meiſtens bei den Herrn auf, und ſo zogen wir ganz vergnügt in Grudpen durch das Schloß und die Gärten. Leider verging der Nachmittag ſo ſchnell, wie mir in mei⸗ nem ganzen Leben noch kein Nachmittag vergangen war, und als die Sonne hinter der Schlucht niedergeſunken war, mußten wir an die Heimkehr denken. Ich weiß nicht, wer die glückſelige Idee hatte, auf dem kleinen Fluſſe, der beim Schloſſe vorbei⸗ ſtrömte, uns nach Uttenweiler zurückzubegleiten; worauf dann die Bewohner des Tannenhofes im Mondſcheine zu Fuß nach Haus zurückkehren wollten. Der Lieutenant gab mir beim letzten Theil dieſes Vorſchlages einen bedeutſamen Wink, den ich auch alſogleich verſtand. Die Nachen wurden an das vordere Gartenthor gebracht, Leute aus dem Schloſſe nahmen die Ruder zur Hand und Einer von uns ſollte ſteuern. Ich erbot mich ſogleich dazu, da ich wohl ein Schiff zu regieren wußte und man mich auch verſicherte, das Fahrwaſſer ſei in der ganzen Breite des Fluſſes ſicher und ohne Untiefen. Wir ſtiegen ein, und war es Zufall oder Arran⸗ gement der jungen Mädchen, genug, Emilie, der Abendluſt. wegen in ihren Shawl gehüllt, kam neben mich auf das enge Ein Tag bei dem Manöver. 229 Steuermannsbänkchen zu ſitzen. Trotzdem daß wir uns recht un⸗ befangen über die eigenthümliche Färbung des Himmels, auch über den ſchönen Widerſchein auf dem Waſſer und über ſonſtige harmloſe Dinge unterhielten, war doch für mich die Fahrt voll Wonne und Seligkeit. Das kleine Mädchen mußte nothgedrungen dicht, ach, ſo dicht neben mir ſitzen, ſo dicht, daß mein Arm bei der geringſten Bewegung ſie berührte, ſo dicht, daß das gewiſſe Etwas in meiner Bruſttaſche anfing, wie Feuer zu brennen. 3 Leider war die Strecke vom Tannenhof nach dem Dorfe ſo ſehr kurz. Kaum eine halbe Stunde und wir hatten es ſchon erreicht. Als Alles aus dem Nachen ſtieg, erhob ſich vor uns der Vollmond in wunderbarer Klarheit, und der Abend war ſo ſchön, daß, als Herr v. Beſſerer der Familie vorſchlug, über den Berg und durch die Schlucht nach Hauſe zurückzukehren, dieſer Vorſchlag mit Freuden angenommen wurde. Dies war der Moment, auf den ſich jener Blick bezogen, den mir Herr v. Manderfeld vor der Waſſerfahrt zugeworfen. Und daß wir uns nicht davon abhalten ließen, unſere freund⸗ lichen Wirthe über den Berg hinüber nach Hauſe zu begleiten, verſteht ſich doch wohl von ſelbſt. Ach, es war das ein ent⸗ zückender Spaziergang, und als wir das Dorf paſſirt hatten, er⸗ laubte ich mir, der kleinen Emilie meinen Arm anzubieten, den ſie auch freundlich nahm. So gingen wir dahin durch die mondbeglänzte Gegend. Es war ein herrlicher warmer Abend, und obgleich ſchon auf den meiſten Feldern die Stoppeln zu ſehen waren, ſangen doch die Grillen, als wollte eben erſt der Frühling beginnen. Ach! bei mir begann auch eben erſt der Frühling, ein ſüßer, wonniger Liebesfrühling! Und dabei war es mir zuweilen, als träte der 230 Ein Tag bei dem Monöver. vergangene Winter wieder auf Augenblicke in ſeine Rechte, und dann durchſchauerte es mich, als wandle ich unter einem Schnee⸗ geſtöber,— Zuweilen blieh das junge Mädchen ſtehen und wandte ſich nach dem Monde um, der hinter uns in ſeiner unendlichen Pracht aufſtieg und immer klarer, faſt ſtrahlend wurde, wie er erſt ein⸗ mal die Wipfel der fernen Bäume verlaſſen hatte, die ihn ſehn⸗ ſüchtig zu halten ſchienen.—„Wie das ſo ſchön und reizend iſt,“ ſagte ſie.„Welche Kraft hat denn eigentlich die weiße, ruhige Scheibe, daß ſie die Seele an ſich zieht und wir ſelbſt, tief auf⸗ athmend, ſo gern folgen möchten!— Ah!“—— Daß ſie dabei wirklich tief aufathmete, fühlte ich, und daß ich es fühlte, durchzuckte mich wie ein Blitzſtrahl. Mehrmals blieb ſie ſo ſtehen und auf ihrem dunklen Auge, geküßt von dem Strahle des Mondes, hatte ſich ein unendlicher Glanz gelagert. Sie blickte ſchwärmeriſch, wie verklärt an den Himmel empor, aber ſo ſehr ich mich auch bemühte, nachher einen dieſer Blicke aufzufangen, wollte mir das doch lange nicht ge⸗ lingen, ſondern ihre Augen ſanken an dem glatten Himmelsge⸗ wölbe hinab nieder auf die Erde oder blickten nach der dunklen Schlucht, die jetzt dicht vor uns lag. Dort an dem alten römiſchen Thurm, ehe wir den kleinen gewundenen Weg betraten, mußten wir wohl für einige Zeit von dem Monde Abſchied nehmen, denn durch die dichten dunklen Zweige der Schlucht konnte er nicht dringen. Da ſah ſie noch einmal empor, und als ich faſt angſtvoll der Richtung ihrer Augen folgte und bemerkte, wie ſich ihre Blicke wieder abwärts ſenkten, da begegneten ſie mit einem Male den meinigen und blieben doort haften voll und ſtrahlend, wohl die Ewigkeit einer langen, Ein Tag bei dem Manöver. 231 langen Sekunde. Da war es mir aber, als müßte ich jetzt vor ihr niederſinken, ihre Hände küſſen und ihr Kleid, und ſie fragen: wie iſt das möglich, daß man einen Menſchen durch einen ein⸗ zigen Blick ſo unausſprechlich glücklich machen kann? Wie ich die Schlucht hinabgekommen, weiß ich ſelbſt nicht recht; ich ging nicht, ich taumelte und hörte nur ihre ſüße Stimme:„Nehmen Sie ſich in Acht, die Wege ſind ſchmal, und es iſt tief hinab zum Bache.“ Was kümmerte es mich eigentlich, ob der Bach tief unter uns floß? Für einen zweiten ſolchen Blick, wie den oben am Wartthurm, wäre ich nicht nur lachend dort hinuntergeſprungen, ſondern wie der Taucher in die Tiefe des Meeres, um den Becher wieder zu finden und mit ihm raſendes Glück.——— Der ältliche Herr war uns voraus, und als wir oberhalb des Keſſels, wo die Waſſer hinabbrausten, auf dem Felſenbalkon angekommen waren, blieb er ſtehen und beſtand alles Ernſtes darauf, daß wir umkehren ſollten,„denn es ſei nun,“ ſetzte er lachend hinzu,„genug des grauſamen Spieles. Denn wie ich höre,“ ſprach er,„reiten Sie morgen um vier Uhr zu den Ma⸗ növern und Sie haben noch eine gute halbe Stunde nach Haus.“ Nach einigem Sträuben pflichtete Lieutenant v. Manderfeld ihm bei und wir wandten uns zum Heimgehen. Glücklicherweiſe hatte ich mir für dieſen Moment den kleinen Sonnenſchirm Emi⸗ liens aufgeſpart, den ich bis jetzt getragen und auch wieder ab⸗ liefern mußte. Das that ich auch ſo geſchickt als möglich und es war von meiner Seite nicht zufällig, daß ich dabei ihre liebe Hand berührte, ſie faßte ihren Sonnenſchirm und zugleich die meinige.— Wem galt nun der leichte, leichte Druck, den ich fühlte? Dem Sonnenſchirm oder mir?—— X Ein Tag bei dem Manöver. Dahin gingen ſie nun abwärts den Berg, und in dem dunkeln Waldwege ſah man noch eine Zeit lang die hellen Kleider der Damen leuchten; auch ihre Stimmen vernahmen wir und hörten, wie die neckende Ida laut lachte und dann mit weithin ſchallender klarer Stimme recitirte: Was iſt denn Liebe?— ſag'!— Zwei Seelen und ein Gedanke, Zwei Herzen und ein Schlag. Darauf hörten wir die drei Mädchen noch einmal laut und fröh⸗ lich lachen, worauf die Stimmen plötzlich abbrachen, und wir nichts mehr vernahmen als das Rauſchen der Waſſer neben uns in der Tiefe, und das durchſchauerte mich in dieſem Augenblicke und kam mir vor, als ſtünden wir an einem Zauberſee und hät⸗ ten eben das höhniſche Lachen der Waſſernixen vernommen, die uns armer Sterblicher ſpotteten. Mein guter Lieutenant v. Manderfeld ſorgte indeſſen bald dafür, meine aufgeregte Stimmung wieder dem Täglichen zuzu⸗ wenden und zu calmiren. Er hatte ſich auf einen Stein nieder⸗ gelaſſen, ſchlug Feuer für die Cigarre, und als er auch mir eine gab, ſagte er:„Da unten ziehen die vergnügt hin, ihrem ſchönen Schloſſe entgegen, hell erleuchteten Zimmern mit ſchwellenden Fauteuils und Divans und einem ganz exquiſiten Souper, wäh⸗ rend wir uns,— o welche Luſt, Soldat zu ſein!— nach Uttenweiler in unſere rauchige Stube zurückziehen müſſen, ein paar Stunden ſchlafen dürfen, um uns dann mit dem Morgen⸗ nebel in den Sattel zu ſchwingen und— Na, ich verſichere Sie, der morgige Manövertag wird ſchon all dieſe ſüßen Erinnerungen —— Dafür laſſen Sie Gott und unſern Oberſten ſorgen.— 8— Ein Tag bei dem Manöver. 233 Ich bin eigentlich ein rechtes Rhinoceros,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während er aufſtand und vor mir dahinſchritt.„Was kann mir eigentlich daran liegen, ob ich meine Entlaſſung als Lieutenant, Hauptmann oder Major nehme, wenn man ſo ſieht —— Ich verſichere Sie, ich habe die Geſchichte dick, und ich glaube faſt, daß Sie ſich bei den nächſten Manövern vergebens nach Lieutenant v. Manderfeld umſehen werden. Es wäre denn,“ — rief er vergnügt lachend, und dabei ſtehen bleibend,„daß Sie mich nächſtes Jahr ſuchten und doch fänden.“ Er hatte gut reden und lachen— ein reicher, gänzlich un⸗ abhängiger Mann; ich aber, der thöricht genug geweſen war, den ſichern Hafen vorderhand zu verlaſſen, den mir mein reicher, kin⸗ derloſer Onkel geboten, um dafür glänzenden Phantomen nachzu⸗ jagen, die man Epaulette und Schärpe nennt—— brr! Auf den warmen glänzenden Nachmittag war der Abend recht kühl geworden und wir beeilten uns, nach Hauſe zu kommen. Der Lieutenant hatte Recht gehabt: unſere Stube war rauchig, das Bett miſerabel, und obendrein fanden wir noch einen Ab⸗ theilungsbefehl vor, welcher der Batterie bereits verkündigt und meinem Vorgeſetzten ſchriftlich mitgetheilt wurde. In den bekann⸗ ten Ausdrücken hieß es: Durch ein Verſehen des Quartiermeiſter⸗ amts iſt die zweite reitende Batterie nach Uttenweiler gelegt worden, ſie ſoll aber, um die Manöver der nächſten Tage zu erleichtern, auf Befehl des Herrn Oberſten nach Dinkelbergen, in der Nähe von W., wo auch die erſte und dritte Batterie ſtatio⸗ niren, dislocirt werden, wozu die nöthigen Anſtalten ſogleich zu treffen ſind. 1 „Hol's der——“ Dinkelbergen lag 9„ n zwei gute Stunden von dem 234 Ein Tag bei dem Manöver. Tannenhofe entfernt.— Zwei gute Stunden; das will bei einem Manöver, wo man den ganzen Tag abgehetzt wird und weder Pferde noch Wagen zu Verfügung hat, etwas heißen. Ich fühlte mich an dem Abend völlig unglücklich, und ſchlief ſo ſchlecht, daß mir ſelbſt die wenigen Stunden, bis um vier Uhr zum Satteln geblaſen wurde, wie eine Ewigkeit vorkamen. Als wir aufſaßen, hüllte ein dichter Nebel die Erde wie in undurchdringliche graue Schleier ein. Die Trompeten klangen alle verſtimmt, und die reitenden Kanoniere mit ihren Geſchützen ſahen in dem Nebel wie Rieſen aus mit ganz für ſie paſſenden Kanonen. Lieutenant v. Manderfeld ritt zu mir heran und ſagte mir gutmüthig:„Nicht wahr, daß wir dislocirt werden, iſt ein unangenehmer Streich. Glücklicher Weiſe habe ich zwei Pferde bei mir, die nicht zum Dienſt gehören, und da wollen wir— Kaum hatte er mich verlaſſen, ſo ſchnarrte mich der Unter⸗ offizier Helmſcheid an:„Na, Sie haben ſich geſtern einmal wie⸗ der lange genug herum getrieben, Donnerwetter auch, wenn ich an meine Zeit denke und hätte bei den Feldmanövern ſelbſt am Sonntag Nachmittag verſäumt, in den Stall zu gehen; wie ich 8 geſchuhriegelt worden wäre; aber heutzutage iſt gar keine Zucht mehr. Wie der Herr, ſo das Geſchirr.— Schulten, paſſe Er mir da vorne auf, oder Ihm ſoll ein Heiligeskreuzſterntauſend⸗ donnerwetter in den Magen fahren. Er wird gleich mit den Vorderpferden auf der Haubitze da vorne ſitzen. Ihm wird das freilich nichts verſchlagen, aber der unſchuldigen Creatur, die Du zu reiten die Ehre haſt.“ a,'tnebelt ſo ſtark, Herr Unteroffizier,“ war die Antwort. A „Was Nebel! Himmelhund.— Aufgepaßt iſt die Hauptſache. Davor hat ſogar der Nebel Reſpekt.“ 235 Ein Tag bei dem Manöver. So zogen wir dahin ohne Sang und Klang. Mich fror, und dazu war ich recht betrübt. Wenn mir auch der gute Lieu⸗ tenant v. Manderfeld in den nächſten Tagen wirklich eines von ſeinen Pferden geben wollte,— ja die nächſten Tage— um nach dem Tannenhof zu reiten, mußte ich förmlich Urlaub neh⸗ men, und daß das ſeine Schwierigkeiten haben würde, ahnete ich zu gut.— Und meine Ahnung war richtig: es dauerte eine volle Woche, ehe mich mein Vorgeſetzter zu einer Excurſion mitnehmen durſte. Daß wir nun nach dem Tannenhofe ritten, was die Pferde laufen konnten, verſtand ſich von ſelbſt. Es war ein ebenſo ſchöner Sonntag, wie vor acht Tagen; die Sonne ſchien glänzend auf Feld und Wald und wir fanden die Familie wie damals auf dem kleinen Raſenplatze vor dem Walde. Aber die ich ſuchte, war nicht da. Herr v. Beſſerer war mit ſeinen beiden Töchtern abgereist,— Ingomar allein zurückgeblieben und Alles um ihn her ſchien vollkommene Wildniß. Während ſich Herr v. Manderfeld auf's Vortrefflichſte mit der Tochter des Hauſes unterhielt, ſtieg ich allein aufwärts durch die Schlucht und blieb an manchen Orten ſinnend ſtehen. Oben am Wartthurm fand ich eine Herbſtzeitloſe, die ich zu mir ſteckte, um ſie mit dem Epheublatt und dem Andern zu verwahren— die letzten Blumen, die die Erde freundlich ſpendet, ehe der harte Winter ſie mit der weißen, kalten Schneedecke überzieht. Die Manöver nahmen ihren Fortgang, aber ſo ſehr Lieu⸗ tenant v. Manderfeld auch über mich lachte, mochte ich doch nicht mehr nach dem Tannenhofe reiten. Es kam auch zuweilen ſchlechtes Wetter und Anſangs Oktober einige Nachtfröſte, die 236 Ein Tag bei dem Manöver. das Laub gelb werden ließen und auf den Boden niederfallen. Warum ſollte ich mir die Erinnerung an jenen unvergeßlichen Sonntag Nachmittag und Abend trüben! Er ſtand vor mir in wunderbarer Klarheit, übergoſſen von Sonnenglanz, duftig und warm, mit ſeinem blendenden Vollmond und dem zitternden Strahl ihres Blickes. Ein Tag in der Garniſon. Auf der Wache. Bwiſchen jenem für mich ſo ſchönen Manövertage und heute waren nur wenige Monate vergangen und wie viel hatte ſich in meiner nächſten Umgebung nicht verändert! Unſer freund⸗ licher Kapitän, der obgleich ſtreng im Dienſte, es ſchon begriff, daß wir jungen Leute in unſeren Freiſtunden nicht immer nach der Schnur lebten, war zum Major befördert worden und hatte einem jüngeren Offizier Platz gemacht, deſſen Benehmen uns Alle außerordentlich an das Sprüchwort von dem Beſen erinnerte. Wir hatten uns was darauf eingebildet, eine tüchtige und ordentliche Batterie zu ſein; in ſeinen Augen aber waren wir eine Schwefel⸗ bande, die geſchuhriegelt werden mußte, bis ſie den Himmel für ein Affengeſicht anſehe. Ich weiß nun nicht, ob der Phantaſie unſerer Kanoniere ein ſolcher Aufſchwung möglich war, aber es geſchah allerdings das Mögliche, um ihnen über Himmel und Erde eine ganz andere Anſicht beizubringen. Uns Avancirten, Bombardieren und Unteroffizieren, wurden die kleinen Privatver⸗ gnügungen, denen wir uns in den Freiſtunden gerne hinzugeben pflegten, außerordentlich verbittert. Du lieber Gott! wer wagte es bei dem neuen Kapitän an neuſilberne Sporen, an eine weiße dige Converſation zu führen.“ 238 Ein Tag in der Garniſon. Weſte, an eine feinere Dienſtmütze auch nur zu denken! Anfäng⸗ lich konnten wir uns gar nicht in die neue Art zu leben fügen und machten bittere Erfahrungen. Wenn dergleichen Verbote, was undienſtliche Montirungs⸗ ſtücke anbelangte, auch dem Unteroffizier Helmſcheid ſchon ganz recht waren, ſo konnte er ſich doch mit dem Gedanken nicht recht befreunden, daß der neue Kapitän eines Tages ſein Geſchütz, die Jaur, ein altes, ſchmieriges Geſchirr genannt. Das war zu viel für den langgedienten Unteroffizier, und als ich darauf in ſeine Stube kam, ſaß er mit zitternden Händen und ſchrieb eine Ein⸗ gabe an das Abtheilungs⸗Commando, in welcher er daran er⸗ innerte, daß er nach achtzehnjähriger Dienſtzeit wohl das Recht habe, um eine Civilverſorgung einzukommen. Was mir aber vor allen Dingen mein Leben bei der Bat⸗ terie, ja das ganze Militärleben überhaupt entleidete, war der Abſchied von meinem guten Lieutenant v. Manderfeld. Ach! das ging mir ebenſo nah, als hätte mich ein geliebter älterer, mich ſchützender Bruder verlaſſen. Auch er hatte ſich mit dem neuen Kapitän nicht ſtellen können, denn dieſer, der ſein Avance⸗ ment weniger den Jahren als einer mächtigen Protektion zuſchrieb, hatte ſeinem erſten Lieutenant eines Tages in einem ſehr unan⸗ genehmen ſcharfen Tone geſagt, er, der Kapitän, erſuche ihn inſtändig, künftig wenn er mit ihm rede, die betreffenden Sätze ganz auszuſprechen und nicht mitten darin abzubrechen. „Und wenn mir das nicht möglich iſt, Herr Hauptmann?“ hatte der Lieutenant gefragt, worauf er die Antwort bekam:„So würde ich Ihnen rathen, Ihre Stellung Jemanden zu überlaſſen, dem es weniger Schwierigkeiten macht, eine gerade und verſtän⸗ Ein Tag in der Garniſon. 239 Nun wußte ich ſeit längerer Zeit, daß der Lieutenant v. Manderfeld den Dienſt herzlich ſatt hatte und daß ihn nur einige andere Rückſichten zurückhielten, vor Allem aber die jetzt vollſtändig zu Waſſer gegangene Ausſicht auf einen demnächſtigen Feldzug. „Gut,“ ſagte er alſo zum Hauptmann,„ich werde alſo um meinen Abſchied einkommen, werde auch in der Eingabe an das Commando ſagen, daß ich es auf Ihren Rath gethan, weil Sie ſtatt eines bewährten Offiziers, der zu ſein ich mir ſchmeichle, lieber einen Schwätzer bei der Batterie hätten.“ Darauf gab noch ein Wort das andere, und wie ich wohl annehmen darf, ſchloß das Ganze mit einem Rencontre hinter Fort Nr. 4, von dem der Hauptmann mit verwundeter Schulter zurück⸗ kehrte, was ihn gerade nicht freundlicher und nachgiebiger machte. Lieutenant v. Manderfeld aber erhielt ſeinen Abſchied mit dem Charakter als Hauptmann, und als er theilnehmend, faſt wehmüthig von mir Abſchied nahm, ſagte er:„Ich habe vor, einer Einladung zu folgen, die ich von unſerem gemeinſchaftlichen Freunde, dem Beſitzer des Tannenhofs erhielt, um dort den Jagden beizuwohnen. Vorher aber werde ich Ihren Oheim aufſuchen und ihm ſagen, daß Sie hier durchaus nicht an Ihrem Platze ſind.“ So verließ er die Batterie, und als auch wenige Zeit nach⸗ her Unteroffizier Helm cheid zum Poſt⸗Conducteur befördert wurde, ſtand ich unter meinen Kameraden ziemlich allein und verlaſſen. Es war ein naßkalter Februartag, in einem fort wirbelten die Schneeflocken herab, ohne auf der feuchten Straße haften bleiben zu können. Dieſe war mit grauem Koth überzogen und zeigte nur hie und da weiße Schneeſtreifen. Die Kaſernenuhr wies auf zehn Morgens, als ich— aus dem Arreſt zurück in mein Zimmer trat. Ich hatte Arreſt erhalten, was weiß ich 240 Ein Tag in der Garniſon. weßwegen! Auf jeden Fall einer großen Kleinigkeit wegen, um einer ein paar Linien aus der Richtung ſitzenden Schnalle, eines Roſtfleckens oder ſo etwas. Ich fühlte mich entſetzlich nüchtern und mißſtimmt. Vor meinen Fenſtern erhob ſich die dunkle Brandmauer eines alten Hauſes; mich fror, denn die Nacht war kalt geweſen und in dem Arreſtlokal wurde nur ſehr nothdürftig eingeheizt. Dabei war der Kaffee wie gewöhnlich eine dünne mißfarbene Brühe, und der Butter, auf Papier geſtrichen, konnte ich auch heute Morgen gar keinen Geſchmack abgewinnen. Was den Dienſt für heute anbelangte, ſo gab es nicht viel zu thun, denn es war Carneval⸗Montag, der wie ein halber Feiertag betrachtet wurde. So ſaß ich mißmuthig am Fenſter und dachte an jenen unvergeßlichen Herbſttag, zwiſchen dem und heute doch ein gar zu gewaltiger Contraſt war. Da wurde ich zum Wachtmeiſter beſchieden— es war ein Brief für mich angekommen, der ſchon ſeit vorgeſtern da lag. Das Poſtzeichen W. erregte in mir eine freudige Ueberraſchung. Haſtig eröffnete ich ihn— ja, er war von Manderfeld, der mir ungefähr ſchrieb:„Lieber Freund! ich bin ſehr glücklich, ich werde Montag nach C. kommen und hoffe Sie alsdann ſogleich zu ſehen. Sollte es mir aber unmöglich ſein, Sie noch an dem bezeichneten Tage aufſuchen zu können, ſo bitte ich, kommen Sie auf den großen Maskenball und halten ſich ſo viel als möglich an der vierten Säule rechts vom Eingange auf.“ Obgleich mich, wie ſchon bemerkt, dieſer Brief außerordent⸗ lich freute, ſo hielt ich ihn doch ziemlich betrübt in der Hand und blickte rathlos an den grauen Winterhimmel empor. Man⸗ derfeld hatte gut davon reden, ich ſolle auf den Maskenball gehen; er ſchien vom Militärleben viel vergeſſen zu haben, ſonſt 1 Ein Tag in der Garniſon. 241 hätte er wiſſen können, daß die Kaſſe eines Bombardiers häufig in einem Zuſtande ſein kann, wo nicht an Maskenbälle und theure Coſtumirung zu denken iſt. Und coſtumirt mußte ſein; in der Uniform zu erſcheinen war verboten, und meine Civilkleider befanden ſich begreiflicher Weiſe auch in keinem übermäßig ele⸗ ganten Zuſtande. Doch gab ich deßhalb noch nicht alle Hoffnung auf. Es war nicht das erſte Mal, daß man eine mildthätige Seele ge⸗ funden, die Einem auf Wort gegen ziemliche Zinſen einige Thaler vorgeſchoſſen. Vor allen Dingen war es nothwendig, Urlaub für die Nacht zu erhalten und darum bittend wandte ich mich an den Wachtmeiſter. Dieſer war uns Freiwilligen von jeher nicht grün geweſen, wobei er etwas außerordentlich Malitiöſes in ſeiner Art zu ſprechen, ſowie in ſeine Worte zu legen wußte. Auch ſeine Geberden paßten dazu, und bei ähnlichen Veranlaſſungen pflegte er ſich ſehr breitſpurig hinzuſtellen, mit dem Oberkörper hin und her zu wackeln und ſeine Mundwinkel ſo weit zurückzuziehen, daß ſich ſein langer Bart ſpitzig nach außen kehrte. Dabei ſprach er als⸗ dann ſo langſam wie möglich und betonte jedes unangenehme Wort auf eine wahrhaft empörende Art. Ich trug ihm meine Bitte vor, und die Art, wie er dabei die Mundwinkel zurückzog, weiſſagte mir nichts Gutes. „Ah, Sie wollen auf den Ball!“ meinte er.„Nun ſehen Sie einmal, das trifft ſich ganz merkwürdig ſchön. Denken Sie ſich, daſſelbe iſt dem Herrn Hauptmann eingefallen, und er wird Ihnen ſogar für freies Entree ſorgen.— Iſt das nicht außerordentlich?“ Dahinter ſteckte etwas. Ich lnh ihn mißtrauiſch an, worauf Hackländer, Kr. n. Fr. II. 16 242 Ein Tag in der Garniſon. er fortfuhr:„Ja, ja, Sie verwundern ſich, und es iſt doch ſo. Nur habt ihr jungen Leute oft ganz andere Anſichten als wir, und da möchte ich doch Zehn gegen Eins wetten, daß Sie wieder einmal mit den Befehlen unſeres verehrten Batteriechefs nicht voll⸗ ſtändig harmoniren.“ „Und welches ſind die Befehle?“ Der Wachtmeiſter wiegte ſich ſtark hin und her, als er ſo⸗ langſam als möglich antwortete:„Sie wiſſen, daß die Pionnier⸗ abtheilung bei ähnlichen großen Veranlaſſungen wie heute zur Hülfe bei allenfalls vorkommenden Unglücksfällen einige Mann⸗ ſchaft ſtellt. Nun iſt aber dieſe Pionnierabtheilung im gegenwär⸗ tigen Augenblicke durch Krankheiten und Beurlaubungen etwas ſchwach an Zahl, weßhalb die Artillerie einen Bombardier und zwölf Mann zur Beihülfe zu geben hat.“ Ich biß die Lippen zuſammen, um mich zu beherrſchen, dann ſagte ich ſo ruhig als möglich:„Und dazu haben der Herr Hauptmann mich auserſehen?“ „Allerdings; es iſt das eine Vertrauensſache, und Sie können ſtolz darauf ſein.“— „Wenn aber einer der Kameraden für mich eintritt?“ „Bei einer Vertrauensſache geht das wohl nicht,“ ſagte er ſcharf und malitiös.„Sie werden um ſechs Uhr antreten laſſen und abmarſchiren. Kleine Uniform und Säbel.“ Ich gab ihm gar keine Antwort mehr, drehte mich auf dem Abſatz herum und verließ das Zimmer. In welch' angenehmer Gemüthsſtimmung ich war, wird ſich Jeder denken können. Ich läs auf unſerer Stube bis nach fünf Uhr, Manderfeld erwartend, der aber nicht kam. Dann zog ich die kleine Uniform an, und che ich ſie zuknöpfte, betrachtete ich⸗ Ein Tag in der Garniſon. 243 ſeufzend mein kleines ledernes Geldtäſchchen, das ich auf der Bruſt zu tragen pflegte. Doch diente es mir ſchon lange nicht mehr zu dem eben genannten Zwecke; ich hatte dort das vierblättrige Kleeblatt verwahrt und das glänzende Etwas, das ich an jenem Abend in der Schlucht, wo wir Kehrt gemacht, aufgeleſen. Darauf ſchnallte ich meinen Säbel um, ließ meine Mannſchaft, die heiter und luſtig war, denn ſie erwartete ein Souper, an⸗ treten, und marſchirte nach dem alten ſtädtiſchen Gebäude, wo die großen Carnevalsbälle abgehalten wurden. In dem ungeheuren Saale war es noch ſtill und leer. Geſchäftige Aufwärter zündeten die unzähligen Kerzen an, die den weiten Raum, welcher bei ſechstauſend Perſonen zu faſſen im Stande war, erhellten. Ich konnte mir die prachtvolle und ſinn⸗ reiche Ausſchmückung auf's Genaueſte betrachten. Die hohen Säulen, welche die Decke trugen, waren zu rieſenhaften Cham⸗ pagnerkelchen umgewandelt, aus denen als Schaum phantaſtiſche Carnevals⸗Figuren an die Decke emporflogen, dieſe mit einem zauberhaften Netze überziehend. Meine Leute wurden eingetheilt; wir hatten die nördliche Seite, wo ſich die Garderoben befanden; die Pionniere die ſüd⸗ liche mit den Buffets. An einer verhängten Thür zwiſchen der Herren⸗ und Damengarderobe hatte ich zwei Poſten aufzuſtellen, die dort jede Communikation verhindern ſollten. Es wurde ſieben Uhr, halb acht, die beiden Muſikchöre er⸗ ſchienen, der Saal begann ſich mit Tauſenden von Masken zu füllen. Aus der Thür der Herrengarderobe, wo ich mich zurück⸗ gezogen placirt hatte, konnte ich die vierte Säule am Eingange rechts betrachten, und ſchaute unabläſſig, ob ſich nicht eine der zahlreichen Masken dort etwas zu ſchaffen mache.— Vergeblich! 244 Ein Tag in der Garniſon. Der buntfarbige glänzende Strom der Masken trieb ſich dort ebenſo ruhelos wie anderswo umher. Verwünſchter Dienſt! Ich langweilte mich auf eine entſetz⸗ liche Art, und dabei quälte mich der Gedanke, daß mir am Ende nicht nur Herr v. Manderfeld ein Rendezvous gegeben, ſondern daß es ja auch möglich ſei, Herr v. Beſſerer mit ſeinen jungen Damen befinde ſich im Saale, ſuche vielleicht— freund⸗ ſchaftlichſt nach mir, ohne mich zu finden. Die beiden Garderoben befanden ſich in einer troſtloſen Oede; hie und da huſchten ein paar Dominos in die nebenan ſtoßenden Zimmer, ſtellten ſich vor die hohen Spiegel, zupften an der Kaputze oder Larve zurecht, und verſchwanden wieder ebenſo ſchnell wie ſie gekommen, um in dem draußen immer toller werdenden Strudel unterzugehen. Dazu raste die Muſik wahrhaft betäubend, Dutzende von Polichenellen krähten wie Hähne, die ſich begegnenden Masken quickten mit verſtellter Fiſtelſtimme und alles das gab für Jemand, der fern ab ſtand und nüchtern zuſchaute, einen ſehr unerquicklichen Lärmen. Da ſah ich abermals ein paar zierliche Dominos, einer in roſa Seide, der andere in ſchwarzer, der Garderobe zueilen. Ich weiß nicht, woher es kam, aber ſie ſchienen mir in ihren Bewegungen etwas Bekanntes zu haben. Ich trat hinter den Vor⸗ hang, der die Thüre der Damengarderobe deckte und lauſchte.—— Wie ward mir, als ich plötzlich eine Stimme erkannte! Es war dieſelbe neckende Stimme, die ich damals im Hohlwege ge⸗ hört. Träum' ich oder wachte ich!— Ja, es war dieſelbe Stimme, und— wunderbar genug— auch der Inhalt des Ge⸗ ſprächs der gleiche. Es war die im ſchwarzen Domino, welche lachend ſagte: Ein Tag in der Garniſon. 245 „Höre, jetzt wird mir die Sache verdächtig. Es muß ja an dem Ding ungeheuer viel gelegen ſein, daß du auf der ganzen Treppe darnach geſucht, bis du es gefunden.“ Die Andere, in roſa Seide, drehte mir den Rücken zu und ſtand vor dem Spiegel. „Du biſt eigen,“ entgegnete ſie, und der Ton ihrer Stimme drang mir tief ins Herz.„Ich mußte doch ſuchen, was ich verloren.“ „So laß' einmal ſehen.“ „Nein, du kannſt nur ſpotten.“ Dabei wandte ſich der roſa Domino um und ich ſah in ſeiner kleinen, weißen, zierlichen Hand daſſelbe Strumpfband, das ich ſchon in jener Schlucht auf⸗ gehoben und wieder niedergelegt hatte. „O Kind, Kind! es iſt daſſelbe,“ lachte nun die Andere ganz ausgelaſſen. „Ja, daſſelbe,“ ſprach ich leiſe vor mich hin,„welches ſchon damals zu eng war und nothwendig wieder brechen mußte.“— Doch, was ſtand ich hinter meinem Vorhang! Sollte ich die Gelegen⸗ heit, ſie wieder zu ſehen, wonach ich mich ſo innig geſehnt, wieder und dann— wer weiß, auf wie lange!— ſchwinden laſſen?— Mirr kam ein Gedanke, und wenn er auch vielleicht nicht ganz geſchickt war, ſo drängte er ſich mir doch ſo plötzlich auf, daß ich beſchloß, ihn auszuführen und mich zu zeigen. In dieſem Augenblicke ſagte der ſchwarze Domino ein paar Worte, die mich in meinem Vorſatze beſtärkten. Er ſagte nämlich: „Nun thu'“, was du willſt, dort iſt Nadel und Faden, hier wird uns Niemand ſehen, ich will deinen Schaden ſo gut repariren, als es möglich iſt. Aber dann thu' mir auch den Gefallen und kauf' dir morgen neue Strumpfbänder, wo nicht, ſo werde ich Onkel ſagen, daß er dir ein paar ſchenken ſolle.— Aber laß 246 Ein Tag in der Garniſon. uns eilig machen, Manderfeld, der mit Eliſe an der vierten Säule rechts vom Eingange auf uns wartet, wird ja gar nicht wiſſen, wo wir geblieben ſind.“ Wollte ich mich alſo zeigen, ſo mußte es geſchehen, ehe die Reparation begann. Vorher aber öffnete ich haſtig meine Uniform, nahm das gewiſſe glänzende Etwas aus dem Ledertäſchchen und trat kühn in die Damengarderobe.—— Ein Schrei des Schreckens tönte mir entgegen. Die beiden Dominos wollten fliehen, doch wandte ſich der ſchwarze plötzlich gegen mich und rief mit lautem Lachen:„Ingomar, es iſt wahr⸗ haftig Ingomar.“ Des Menſchen Schickſal hängt oft an einem Faden, hier aber das meinige an einer Strumpfbandſchnalle. Hätte ich das Etwas, was ich in meiner Hand trug, wieder ruhig eingeſteckt, wer weiß, ob Alles gekommen wäre, wie es ſpäter kam. Aber die Verlegenheit, welche mich befiel, als ich nun plötzlich den beiden Damen gegenüber trat, brachte mich dazu, die kleine Schnalle emporzuhalten und dazu in ziemlicher Befangenheit zu ſagen, indem ich mich an Emilie wandte:„Verzeihen Sie, mein Fräulein, meine Frage. Haben Sie das vielleicht vorhin auf der Treppe verloren?“ Der ſchwarze Domino lachte auf unbeſchreibliche Art, als ich ſo ſprach, und ſagte alsdann, während ſich die Andere von mir wegwandte:„Verloren hat das Emilie freilich, aber nicht auf der Treppe.— Siehſt du, mein Kind, was zuſammenkommen ſoll, das kommt immer wieder zuſammen.“ Sie aber ſprach kein Wört, ja ſtatt ſich nur ein einziges 3 Mal umzuwenden, machte ſie ein paar Schritte gegen die Thüre. 3 Das ſchmerzte mich tief und es befiel mich nun eine un⸗ Ein Tag in der Garniſon 247 endliche Traurigkeit.„Wenn ich vielleicht ungeſchickt war, mein Fräulein,“ ſagte ich bewegt,„ſo verzeihen Sie es der freudigen Ueberraſchung, ſo plötzlich Ihre Stimme wieder zu hören.— O Sie eilen fort, dort in den Saal hinaus, in den Kreis froher, glücklicher Menſchen, wohin ich Ihnen doch nicht folgen darf.“ Sie blieb unbeweglich und abgewandt ſtehen. „Und warum dürfen Sie nicht folgen?“ fragte der ſchwarze Domino. „Weil ich hier im Dienſt bin, mein Fräulein, und mich in meiner Uniform nicht zeigen darf.“ „Emilie!“ ſprach Ida mit einem Tone des Vorwurfs zu ihrer Begleiterin. „Verzeihen Sie mir, mein Fräulein!“ bat ich.—— Da wandte ſie ſich langſam um, und während ſie ſich um⸗ wandte, löste ſie die ſchwarze Larve von ihrem Geſichte. Ja, ſie war es— ihr liebes Geſicht, ihre glänzenden Augen; um ihre feinen Lippen lag etwas wie Trotz. Doch öffnete ſie gleich darauf dieſelben und als ſie lachend dabei ihre weißen Zähne zeigte, reichte ſie mir ihre Hand, die ich lächerlicher Menſch mit mehr als einem Kuſſe bedeckte. In dieſem Augenblicke erſchien ein langer Kapuziner in der Thür der Garderobe, der eine graue Vermummte am Arm hatte und mit komiſchem Ernſte ſeine Hände erhob, als er die eigenthümliche Gruppe vor ſich ſah, und dabei ſalbungsvoll aus⸗ f:„Zeichen und Wunder! Das iſt doch— Roſa Domino's Begriff, königliche Artillerie zu verführen; ich muß ſagen— Menſch, warum habe ich Sie nicht an der vierten Säule gefunden?“ „Weil ich, wie Sie ſehen, im Dienſte bin,“ rief ich lreudig 3 der bekannten Stimme entgegen. 248 Ein Tag in der Garniſon. „Dieſer Dienſt iſt ein Liebesdienſt unſeres gemeinſchaftlichen Wohlthäters,“ ſprach Herr v. Manderfeld, indem er mir herzlich die Hand ſchüttelte. Dann fuhr er luſtig fort:„Aber das hat, Alles ſein Ende, ſobald Sie nur wollen. Wir ſind Alle hier, die junge, graue Dame iſt Fräulein Eliſe, der Sie im Tannen⸗ hofe das Glück hatten, vorgeſtellt zu werden, jetzt meine geliebte Braut, draußen im Saale ſind die beiden Herrn v. Beſſerer mit Ihrem Onkel, junger Menſch. Und nachher iſt gemeinſchaftliches Souper im königlichen Hof.— Ich habe geſprochen, wie die In⸗ dianer ſagen, in einer längeren Rede als in meinem ganzen Leben.“ Ohne Aufſehen zu erregen— ſchon zeigten ſich einige vor⸗ witzige Harlekins an der Thüre— konnten die Masken nicht länger bei dem Wachthabenden bleiben. Wir trennten uns alſo für kurze Zeit; denn nach Mitternacht eilte ich in den königlichen Hof, wo ich die ganze Geſellſchaft heiter und luſtig beiſammen traf. Mein langer, ſehr ernſter Onkel legte mir die Hand auf die Schulter und ſagte feierlich:„Der verlorene Sohn kehrt heim.“ Dann ſetzte er vergnügt hinzu:„Na, ich trink ein Extraglas auf deine Wiederkehr. Deinen Abſchied wollen wir bald haben. Wahr⸗ haftig, du toller Menſch haſt mir an allen Ecken gefehlt.“ Während des Soupers ſaß ich zwiſchen Ida und Emillie, und als ich mit Letzterer anſtieß, ſagte die Erſtere in ihrem ge⸗ wöhnlichen neckenden Tone: 2 Was iſt denn Liebe? ſag', 1 Zwei Seelen und Ein Gedanke, Zwei Herzen und Ein Schlag. Unverheirathete Eheleute. Luſtſpiel in drei Aufzügen. Perſonen. Der General. Der Baron, ſein Bruder. Clara, — Töchter des Generals. Eliſe, Ferdinand, Offi iere. Karl, 3 Jean, Kammerdiener. Flora, Kammerjungfer. Erſter Aufzug. Reicher Salon. Im Fond eine große Doppelthüre, durch welche man in den Garten ſieht. Thüren zu beiden Seiten. 4 Erſter Auftritt. (Der General ſitzt an einem Tiſchchen auf der linken Seite, hinter welchem ein eleganter Sopha. Der Baron ſitzt an einem Tiſch auf der rechten* Seite. Es iſt Morgens; Erſterer liest eine Brochure, Letzterer eine Zeitung.) General(ziemlich heftig ausrufend). Oh!— ohl— Nein, das iſt zu ſtark!— Hat man je ſo etwas erlebt?— es wär' zum Todt⸗ lachen, wenn es nicht zum Todtweinen wäre. (Baron ſchielt lächelnd⸗über ſeine Zeitung nach ihm hin.) (Nach einer Pauſe.) Läßt da ein Cavallerie⸗Regiment, ein braves Cavallerie⸗Regiment, das ſich außerordentlich geſchlagen, durch einen Hohlweg vorgehen.— Durch einen Hohlweg!— und weiß nicht ein⸗ mal, daß dieſer Hohlweg rechts und links mit feindlicher Infanterie umſtellt iſt. Nun, das muß ich mir ausbitten!— Mag das Zeug gar nicht mehr leſen. Wie man ſo dumm ſein kann!— Es iſt wahrhaftig nichts mehr mit der jetzigen Kriegsführung;——— der General ſollte mir vor ein Kriegsgericht.— Baron(dächelnd). Aber wie kannſt Du Dich wieder über Dinge ereifern, die Dich im Grunde gar nichts angehen? General. Mich nichts angehen?— Ein Regiment, bei welchem— Laron(einfallend). Du vor circa vierzig Jahren als Freiwilliger eintratſt. General. Das iſt einerlei.— Herr Gott, wenn ich bedenke, in vierzig Jahren nichts zu lernen!(Er wirft die Brochure auf den Tiſch und geht heftig auf und ab.) * Rechts und links vom Zuſchauer. 252 Unverheirathete Eheleute. Baron. Ich begreife in der That nicht, weßhalb Du da herum⸗ rumorſt. Ich glaube, Du ſprichſt von einem Cavallerie⸗Angriff, der Dir nicht gefällt. Der Commandirende hat wohl ſeine Gründe dazu gehabt. General(heftig lachend). Ha! ha! ha! ha!— Gründe?! Baron. Wahrſcheinlich. General. Gründe!— Wie könnte ein Menſch bei ſo etwas Unvernünftigem einen Grund haben?(Eilt nach dem Tiſche, an welchem der Baron ſitzt.) Siehſt Du, Du verſtehſt von der Kriegs⸗ wiſſenſchaft nicht ſo viel, wie mein kleiner Finger; aber das kann ich einem Kinde begreiflich machen, einem kleinen, ganz unſchuldigen Kinde.(Er nimmt ſeinem Bruder die Zeitung aus der Hand, ballt ſte zuſammen und drückt ſie auf den Tiſch.) Hier iſt das Regiment, von dem ich ſpreche— 3 Baron. Aber meine Zeitung!— . General(ballt eine andere Zeitung ebenfalls auf ähnliche Art).) Und da iſt der Feind— Baron Geigt auf den General). Nein, da iſt mein Feind! General. Das muß ich beſſer wiſſen— hier ſteht der Feind! Baron(lächelnd). Ich verſichere Dich, da ſteht der Feind. 5(Der General macht eine ungeduldige Bewegung.) Der Feind meiner Zeitung nämlich. Spare Deine Mühe, ich verſtehe wirklich nichts von Deinen Geſchichten und kann daher nicht ſagen, wer Recht oder Unrecht hat. 3 General. Recht oder Unrecht?— Ich habe Recht! Baron. Wie gewöhnlich. Du ſollſt auch Recht behalten; aber laß' mich ruhig meine Zeitungen leſen. General. Du biſt unverbeſſerlich. Es iſt mit Dir gar nichts anzufangen.(Geht heftig im Zimmer auf und ab.) (Der Baron nimmt ſeine Zeitung wieder auf und liest weiter. Pauſe.) General. Es iſt heute Morgen wieder fürchterlich ſchwül, ich fühl's in allen Gliedern, ich kann mit meinem linken Fuß kaum auf⸗ treten. Baron. Unerträglich heiß.(Miit einem lächelnden Seitenblick auf den General.) Heute gibt es gewiß noch mehrere Gewitter. 1 Unverheirathete Cheleitte. 253 General. Wohl möglich. Wenn's nur nicht irgendwo einſchlägt. Baron. Das wollen wir nir hoffen. 4. General(der mehreremal hinter dem Stuhle ſeines Bruders auf und ab geht und ein paarmal, als wenn er ſprechen wollte, ſtehen bleibt). Und das muß ſchon wahr ſein, wenn Du einmal hinter Deinen Zeitungen ſitzeſt, ſo iſt man nicht im Stande, ein vernünftiges Wort aus Dir herauszubringen. Dann iſt Dir Alles gleichgültig;—— für Anderes haſt Du gar keinen Sinn, nicht einmal für Deinen Bruder. O fürchterlicher Egoiſt, der Du biſt! 4 Baran. Lieber Freund, wenn Du etwas mir Verſtändliches mit mir ſprechen willſt, ſo ſtehe ich zu Befehl.(Er legt ſeine Zeitungen weg.) Aber Du weißt, Kriegswiſſenſchafte— General. Zum Teufel mit den Kriegswiſſenſchaften!— Ich habe andere Dinge auf dem Herzen. Haſt Du mit Karl und Ferdinand geſprochen? 3 aron(lächelnd.) Erinnere Dich, daß Du mir keine genauen Be⸗ fehle gabſt, und ich bin unter Deinem militäriſchen Regiment hier im Hauſe zu ſehr an Subordination gewöhnt, um auf eigene Fauſt zu agiren, würde mir auch nicht einmal erlauben, ohne ſpeciellen Auf⸗ trag nur eine Schleich⸗Patrouille fortzuſchicken.— Gelt, ich habe was von Dir profitirt? 3 General(ebenfalls lächelnd). Du biſt ein komiſcher Kerl; aber wir haben doch über dieſe Sache Langes und Breites geſprochen. Baron. Ich bin auch vollkommen mit den Verhältniſſen bekannt. General. Nun alſo! 8 Baron. So gib' mir einen genauen Befehl und Alles ſoll wo möglich nach Deinem Wunſche gehen. General. Du weißt, wir haben zwei Töchter— Baron. Wir?— Du haſt zwei Töchter. General. Nun ja, ſo ein alter Junggeſelle wie Du, ein Onkel erwirbt ſich ein gewiſſes Recht mit auf die Vaterſchaft. Baron. Ich werde mir das merken. General. Alſo die beiden Mädchen ſind ſehr brav, recht liebens⸗ würdig. Baron(nickt mit dem Kopfe). Und ſehr ſchön und gut erzogen. 254 Unverheirathete Cheleute. General. Ihre Herzen ſind frei und ich kann daher über ihre Hand verfügen. Baron(huſtet auffallend). General. Haſt Du Dich erkältet? Baron. Nein, die heranziehenden Gewitter liegen mir auf der Bruſt. General. Alſo ich kann frei über ihre Hand verfügen, und das habe ich gethan. Baron. Das haſt Du gethan?— Eil! General. Du kennſt meine beiden Neffen, unſere Verwandten— Baron. Entfernte Verwandte. General. Das iſt mir gerade recht, denn ich halte das Heirathen in naher Verwandtſchaft für unanſtändig. Baron. Es thut mir leid, ich hatte immer die Hoffnung noch nicht aufgegeben, eine meiner Nichten ſelbſt zu heirathen. General. Mach' keine ſchlechten Witze! 8 Baron. Alſo weiter! General. Dieſen beiden braven Offizieren habe ich die Hand meiner Töchter beſtimmt. Baron(lächelnd). Soweit Alles in der ſchönſten Ordnung. General. Ferdinand ſoll meine Eliſe heirathen, Karl meine Clara. Baron(erſtaunt). Iſt das Dein Ernſt? General. Mein vollkommenſter Ernſt, mein feſter Wille. Baron. Aber, lieber Bruder, prüfe doch die Charaktere der bei⸗ den Mädchen und die Charaktere der beiden jungen Männer! Eliſe, lebhaft und heftig wie Du, willſt Du mit einem Manne verheirathen, der ebenſo lebhaft und heftig iſt. General. Allerdings! Gleich und gleich, das paßt am Beſten zuſammen. Baron. Aber die Beiden werden in den erſten vierzehn Tagen die größten Händel haben, ſie werden Dir das Haus über dem Kopf abbrechen. General(ſchüttelt mit der Hand). Baron. Und Clara, die ſanfte Clara, mit dem ruhigen Karl.— Das wird eine höchſt langweilige Ehe werden. Wenn Du einmal dabei zu Werke und vergiß nicht, daß Du ihr Gotteswillen nicht die gleichen Charaktere zu General(heftig.) Laß' mich in Ruhe mit meine Pläne zu durchkreuzen! hat ein Vater allein zu verfügen. Baron(lächelnd). Aber ein alter Junggeſe iſt— hat auch gewiſſe Rechte.— General. Dummes Zeug!— Ich habe feſt bei mir beſchloſſen, und kein Teufel ſoll davon abzubringen!— Man kann aber auch blick ruhig ſprechen! ſo iſt man im Stande, das Für oder Wider General äiſt heftig auf und abgegangen und nimmt und ruhig betrachtet, dann bringt er es ſeinem Baron. Eine brave, liebenswürdige Frau General. Das iſt wahr, Gott hab' ſie ſ für mich und meine Anſichten. während zwanzig Jahren glücklich gelebt, das Kleine Scenen gibts in jeder Familie; ich will Dir auch zu⸗ Unverheirathete Eheleute. 255 die beiden Paare zuſammen verheirathen willſt, ſo gehe mit Vernunft Glück willſt. Nur um iſammen!— Thu' das nicht, ich rathe es Dir ernſtlich. Schon der große Schiller ſagt: wo Hartes ſich mit Weichem bindet, da gibt es einen guten Klang. Deinem großen Schiller; es iſt wahrhaftig, als wenn es Dir die größte Luſt wäre, immer Baron. Du fragſt mich ja um meinen Rath! General. Ich will nur Deinen Beiſtand! Ueber ſeine Kinder lle, der zugleich Onkel dieſe beiden Heirathen im Stande ſein, mich mit Dir keinen Augen⸗ Baron. Aber warum Dich gleich wieder ereifern?— Warum ſo heftig werden?— Laß' uns die Sache ruhig beſprechen, denn nur zu überlegen. bleibt vor einem Tiſchchen ſtehen, worauf ein Miniaturbild ſteht, das er einige Augenblicke in die Hand Bruder. Weich und ruhig). Siehſt Du, da iſt meine Frau, meine verſtorbene Clara. h F 1. elig! Baron(nachdem er das Bild eine Zeit lang betrachtet). Und die ſpricht General. Gewiß nicht, lieber Hektor. Ich habe mit der Frau iſt wahr; ſie war die Liebe, die Sanftmuth ſelber. Aber wie glückſelig wäre unſer Verhält⸗ niß geweſen, wenn die Frau neben ihren übrigen vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften einen einigermaßen heftigen Charakter gehabt hätte. (Der Baron ſieht ihn fragend an.) 256 Unverheirathete Eheleute. geben, daß ich hie und da etwas heftig mit ihr ſein konnte. Kam das nun vor, ſo ſchwieg meine Frau, ſie ließ mich reden und gab mir keine Antwort. Das machte mich immer heftiger— ſiehſt Du, Hektor, und wenn ſie am Ende gar zu weinen anfieng, da gerieth ich in eine wahrhafte Wuth. Leider Gottes, ich habe der guten Frau manche betrübte Stunde damit gemacht.—— Nach ihrem Tode kam unſere Schweſter in das Haus,— die beiden Mädchen waren noch klein, ſie bedurften einer Erzieherin— und unſere Schweſter— Du kennſt ihren lebhaften Charakter— ſie war im Stande, mit mir fertig zu werden. Sie ſprach zu mir in demſelben Tone, in welchem ich mit ihr ſprach, ſie blieb uns keine Antwort ſchuldig. Baron. Das weiß Gott im hohen Himmel! General. Sie wurde heftig, wenn ich heftig wurde. Baron. Und immer heftiger. General. Immer heftiger, und das kühlte meinen Eifer ab. Siehſt Du, Hektor, dadurch bin ich auf den Gedanken gekommen— und der Gedanke ſteht nun feſt bei mir— Ferdinand und Eliſe müſſen ein Paar werden, und Clara und Karl. Denk' Dir nur z. B. die reizende Ehe bei den Letzten. Das wird nie ein böſes Wort geben, ſie werden einander auf den Händen tragen und uns Alle—— Baron(ſchnell einfallend). Ungeheuer langweilen. General. Wie? Baron. Nun freilich, was die Langeweile anbetrifft, dagegen werden die beiden Anderen treffliche Mittel haben.— General(ungeduldig, aber immer noch ruhig). Ich habe wahrhaftig nicht erwartet, bei Dir auf dieſe Widerſprüche zu ſtoßen; habe mir dieſen Gedanken ſo ſchön ausgemalt, habe die beiden Männer unab⸗ läſſig beobachtet: ſie paſſen zu den Mädchen, wie eigens für ſie be⸗ ſtellt. Nun komme ich zu Dir und bitte Dich um Deine Hülfe; Du ſollſt ihnen meinen Wunſch, meinen Willen ankündigen.— Ja, mei⸗ nen Willen, und das wirſt Du thun, denn Du weißt, daß ich ge⸗ faßte Entſchlüſſe nicht ändere! Sollteſt Du aber anderer Anſicht bleiben und am Ende gar, wie das ſchon geſchehen iſt, gegen mich conſpiriren, plötzlich ſehr laut und heftig) ſo kann ich Dich verſichern, daß ich auff meinem Willen feſt beharre und daß kein Engel im Himmel im Stande Unverheirathete Eheleute. 257 ſein ſoll, daran ein Jota zu ändern! Alles iſt vorbereitet, die Papiere ſind bereit, der Pfarrer iſt avertirt. Ferdinand und Eliſe, und Clara und Karl!— Und noch heute wird geheirathet!(Er wirft ſeinen Stroh⸗ hut heftig auf den Kopf und lauft an die Mittelthüre, dreht ſich aber plötzlich herum und ruft ſehr laut:) Haſt Du vielleicht noch etwas dagegen einzu⸗ wenden? Baron. Nicht das Geringſte! General. Nun, das freut mich.(Ab.) Zweiter Auftritt. Baron l(allein). Alſo heute wird geheirathet!— Was iſt dagegen zu machen? Mit Gewalt— gar nichts, und mit Liſt wahrſcheinlich auch nichts. Das iſt eine unangenehme verdrießliche Geſchichte! Wenn man ihm auch ſagte: die beiden Paare lieben ſich ſchon ſeit längerer Zeit, aber in anderer Zuſammenſetzung, wie Papa es ſich gedacht, es würde dieß die Sache noch viel ſchlimmer machen; die beiden jungen Herrn dürften ihm nie mehr vor die Augen kommen; ich thu' am Beſten, ich verkündige ihnen ihr Schickſal und verhalte mich paſſiv; es geht ſie doch am Ende mehr an, wie mich, vielleicht finden ſie ein Mittel, ſich zu helfen.(Er klingelt.) Dritter Auftritt. Voriger. Kammerdiener. Baron. Haben Sie Herrn Ferdinand oder Herrn Karl geſehen? Kammerdiener(lächelnd). Beide, Herr Baron, Beide. Baron. Und die jungen Damen? Kammerdiener. Ebenfalls Beide; ich wollte ſagen: alle Vier, Herr Baron. Baron. Alle Vier?— So! 4 Kammerdiener. Ja wohl, Herr Baron, alle Vier bei einander, am Ende des Parks bei der ſchönen Ausſicht. Die jungen Herrſchaf⸗ ten ſahen die Sonne zuſammen aufgehen.— Ein prächtiges Schau⸗ ſpiel! Der Herr Baron verſäumen das jeden Morgen.* Hackländer, Kr. u. Fr. II. 17 258 Unverheirathete Eheleute. Baron(ſteht auf und nimmt ſeinen Hut). Aber Sie, Monſieur Jean, verſäumen nie, über Sachen zu ſchwätzen, die Sie nichts angehen. Was ſchiert Sie die Sonne?(ab.) Dierter Auftritt. Kammerdiener l(allein, räumt die Zeitungen auf). Es iſt doch in dieſem Hauſe nicht möglich, ein einziges Wort der Empfindung laut werden zu laſſen. Namentlich iſt der Herr Baron noch viel ſchlimmer, wie Seine Excellenz. Seine Excellenz ſagen höchſtens: halt Er Sein Maul! und damit iſt's abgemacht; aber der Herr Baron weiß auf ſeine ſanfte ruhige Manier einem immer etwas Bitteres, etwas Hartes zu ſagen.— Soll mich die Sonne nichts an⸗ gehen! (Die Kammerjungfer kommt aus dem Zimmer links und will zur Mittelthüre hinaus.) Pünfter Auftritt. Voriger. Kammerjungfer. Kammerjungfer. Monſieur Jean! Kammerdiener. Fräulein Flora!— Ich wünſche einen guten Morgen! Freundlich geſtimmt? kann man es wagen, nach dero ſchätz⸗ barem Befinden ſich zu erkundigen?— Immer noch mißvergnügt?— Iſt kein freundliches Wort im Stande, dieß finſtere Geſichtchen auf⸗ zuhellen?— Wie?— Was? Kammerjungfer. Laſſen Sie Ihre langweiligen Reden, gehen Sie auf die Bibliothek und holen den zweiten Theil dieſes Buchs. Kammerdiener. Iſt es für die jungen Herrſchaften, ſo gehe ich, iſt es aber für Sie— Kammerjungfer. Nun? Kammerdiener. So fliege ich. Kammerjungfer. Nun, ſo rathe ich Ihnen, abwechſelnd zu gehen und zu fliegen, denn es iſt dieß hier ein charmantes Buch, ein ge⸗ bildetes Buch; auch ich leſe gern darin. 7 Kammerdiener(faßt ihre Hand und führt ſie einen Schritt vorwärts). So iſt es recht, Mädchen, bilde Deinen Geiſt. Unverheirathete Eheleute. Kammerjungfer. Sie wollten wohl ſagen: Ihren Geiſt. Kammerdiener. Ich ſprach mit den Worten des Dichters. Kammerjungfer. Sprechen Sie lieber mit Ihren eigenen Wor⸗ ten, und endlich einmal ruhiger, vernünftiger. Kammerdiener. In welcher Beziehung, ſchönſte Flora? Kammerjungfer. Beziehung!— in welcher Beziehung?— Herr Gott im Himmel, Sie ſind der leichtſinnigſte Menſch, den es gibt! Meinen Sie denn in der That, ich wollte ewig darauf warten, bis Sie einmal Luſt haben, in Betreff unſerer Beiden ein ernſtes Wort mit dem Herrn zu reden? Es ſind jetzt ſchon vier Wochen, ſeit wir zuſammen aus der Stadt hieher fuhren. Kammerdiener. Hinten auf dem Wagen der Herrſchaft; der Regen ſtrömte herab, es war eine göttliche Nacht!(Er küßt ihre Hand.) Kammerjungfer. Laſſen Sie Ihre Späſſe! Kammerdiener. An einer abſchüſſigen Stelle des Wegs befeſtigte ich den Hemmſchuh, und darauf ſprach ich zu Ihnen: o könnte ich die Kette meiner Liebe auch ſo um Sie herumſchlingen, Flora, daß wir vereint durch's Leben wandelten, unauflöslich verbunden!— Das war ein ſchöner Gedanke! Kammerjungfer. Und Sie machten ſo ehrliche Pläne. Kammerdiener. Luftſchlöſſer!. Kammerjungſer. Was? Kammerdiener. Luftſchlöſſer, die ſich verwirklichen werden. Vor⸗ derhand hole ich Ihr Buch, und noch ehe Sie das glückliche Ende Ihres Romans geleſen, bin ich mit dem Meinigen im Reinen. Ich trete vor Seine Ercellenz hin und ſage: Excellenz, Flora oder keine! Geben Sie mir Ihre Einwilligung oder geben Sie mir nicht Ihre Einwilligung— mir gleichviel! Ich war früher ein harmloſer Schnei⸗ der und werde wieder ein harmloſer Schneider ſein, aber nie ohne Flora!— So werde ich ſprechen, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf.(Der General ruft im Garten: Jean!) Laſſen wir uns nicht ſtören; Privatgeſchäfte gehen vor. Kammerjungfer. Ich bin mit Ihnen zufrieden, lieber Jean; aber was nutzt das Warten?— Die Zeit verrinnt, wir ſind Beide freilich noch ſehr jung— I Unverheirathete Cheleute. Kammerdiener(ſie anſchauend). Sehr jung! Kammerjungfer. Und wer weiß, es könnten ſich andere Partien für mich finden, und es ſollte mir ſehr leid thun, wenn ich mich im Drange der Umſtände genöthigt ſähe, über meine Hand anders zu verfügen. Kammerdiener. Ich wag' es darauf! Ohne ſtolz zu ſein, Fräu⸗ lein Flora, bilde ich mir ein, daß, nachdem Sie dieſes Herz in ſicherem Beſitz wiſſen, Sie durchaus keine anderen Eroberungsverſuche machen werden. (Der General ruft im Garten, ſehr nahe: Jean!— Beide fahren auseinander.) SFechster Auftritt. Baron. Ferdinand und Clara. Karl und Eliſe. Eliſe. Pfui, Onkel! uns ſo lange warten zu laſſen! für uns die wichtigſten Geheimniſſe zu haben und mit uns durch den ganzen Park zu gehen, ohne ein Wort zu ſagen, immer mit dem Finger auf dem Munde— abſcheulich! Ferdinand. Aber jetzt reden Sie, beſter Baron!— Sie kommen vom General? Karl. Wir wurden dießmal ſo plötzlich hieher beſchieden; um ſo unerwarteter, da unſere Regimenter morgen Früh zu den großen Manövern abmarſchiren ſollen. Perdinand. Gerade als gäbe es einen Ball oder die größten Feſtlichkeiten; ich habe zwei Koffer mitgebracht. Baron. Es gibt auch Feſtlichkeiten hier. Ferdinand. Feſtlichkeiten? Karl. Alſo doch? Eliſe. O Clara, liebe Schweſter!— Baron. Ja Kinder, Feſtlichkeiten. Hört mich an. Der General — um mich kurz zu faſſen— wünſcht ſeine beiden Töchter zu ver⸗ mählen. Er ſuchte lange nach paͤſſenden Schwiegerſöhnen und ſcheint dieſe endlich in euch, meine beiden Herren, gefunden zu haben. Ferdinand. O welches Glück! Clara. Der gute Vater! Unverheirathete Eheleute. Eliſe. Aber Onkel, das ſagen Sie Alles mit einem Leichenbitter⸗ geſicht, mit einer wahren Jammermiene. Freuen Sie ſich doch mit uns! Baron. Ich wollte, ich könnte mich mit Euch freuen, aber— Eliſe. Aber? Baron. Der General hat, wie ihr Alle wißt, ſeine Grillen, und was er einmal beſchließt, davon geht er nicht ab. Clara. Ja, ja, das iſt ſchon wahr. Baron. Nun hat er ſich in den Kopf geſetzt, daß nur die gleichen Charaktere zuſammen paſſen, und dieſe Idee will er auch bei eurer Verheirathung zur Geltung bringen. Ferdinand. Vortrefflich! Gibt es zwei gleichgeſtimmtere Seelen, wie Clara und ich? Karl. Nicht wahr, Eliſe, unſere Charaktere paſſen vortrefflich zu einander? Baron. So glaubt ihr, aber der Vater denkt anders. Eliſe. Anders? Ferdinand. Wie ſollen wir das verſtehen, Herr Baron? Baron. Es thut mir wahrhaftig leid, ſo mit Einemmale alle eure Hoffnungen zu zerſtören, aber mein Bruder, der ja von eurer Liebe nichts weiß und wiſſen ſoll, hat feſt beſchloſſen, Ferdinand ſoll Eliſe heirathen und Karl— Clara. Karl. O Baron, Sie ſcherzen mit uns! Baron. Es iſt ſo, wie ich euch geſagt. Ferdinand. Aber um Gotteswillen, Baron, wie kann der Ge⸗ neral auf dieſen Gedanken kommen?— Welche Gründe kann er da⸗ für angeben? 8 Barsn. Gründe genat Der General findet z. B., daß Ihr Charakter, Ferdinand, zu dem von Eliſen vortrefflich paßt. Eliſe. Aber das iſt ja eine unglückſelige Idee! Woher hätte mein Charakter mit dem von Ferdinand eine Aehnlichkeit? Zaron. Ihr wäret Beide gleich heftig, gleich oben hinaus. Ferdinand(lebhaft.) Ich ſei heftig?— Wer kann mir Heftigkeit des Charakters vorwerfen? Wer kann behaupten, ich handle raſch oben hinaus? Eine ſolche Behauptung würde mich auf's Tieſſte kränken, wenn ſie nicht durch ihre ausgeſuchte Lächerlichkeit ſpurlos an mir vorübergehen müßte. 262 Unverheirathete Eheleute. Eliſe(ebenfalls gereizt.) Und was mich betrifft, ſo will ich mich ernſtlich dagegen verwahren, als ſei mein Charakter irgend einer un⸗ überlegten Heftigkeit fähig. Es koſtet Mühe, mich zu reizen. Frei⸗ lich, wenn man es darauf anlegt, Jemand in Zorn zu bringen, wenn man ſieht, wie der eingebildeten(ſpöttiſch lächelnd) Charakter⸗Aehnlichkeit wegen ein ganzes Lebensglück zerſtört werden ſoll, ja! da möchte ich den Menſchen ſehen, der nicht aus ſeinem ruhigen Gleichmuthe zu bringen wäre! Aber ehe ich mir eine ſolche Tyrannei gefallen laſſe, lieber treibe ich es auf's Aeußerſte. Ferdinand. Ja, Baron, wir haben mit kindlicher Liebe zu Sei⸗ ner Excellenz aufgeſchaut, wir haben uns allen ſeinen Launen gefügt; aber das iſt zu viel! Eliſe(beftig). Ich werde mich niemals dieſem Machtgebot fügen, niemals! niemals! niemals! Baron(lächelnd). Aber Kinder, ihr müßt mir doch zugeben, daß der Vater euch vortrefflich kennt, und daß, wenn er zu einer guten Ehe gleichgeſtimmte Charaktere verlangt, ihr Beide herrlich zuſammen paßt. Eliſe. O den Charakter wollt' ich ſehen, der bei einer ſolchen Eröffnung kalt und gleichgültig bliebe! Ferdinand. Solche müßten erſt geſchaffen werden— ſie exiſti⸗ ren nicht. 4 Baron. Und doch ſehe ich hier zwei Perſonen, die, wenn auch nicht kalt und gleichgültig, doch ohne heftig zu werden, ſich dem Willen des Vaters unterwerfen. 6 Ferdinand. O Clara, das könnteſt Du in der That?— Du wärſt im Stande, Dich dieſen Befehlen des Vaters zu unterwerfen, eine Verbindung einzugehen, die mich, Dich, uns Alle unglücklich machte? Clara(ſchüttelt den Kopf). Ferdinand. So rede doch! Laß' mich nicht an unſerem Glücg, an Dir verzweifeln!— Könnteſt Du wirklich Dich dem Willen Dei⸗ nes Vaters unterwerfen, mich zum Unglücklichſten aller Menſchen machen? Clara. Glaube das nicht, Ferdinand; aber was hilft's, ſich in heftige Worte zu ergießen? Werden wir dadurch etwas ändern? Unverheirathete Eheleute.* 263 Eliſe. Werden wir etwas ändern, wenn wir unthätig bleiben, in Demuth uns dieſer Tyrannei beugen, als einzigen Beweis unſeres Unmuths unſer Blumen⸗Bouquet zerreißen?— Fahr' hin, Geduld! — Ich ärgere mich über dieſe entſetzlichen Projekte des Vaters nicht ärger, als über Deine Gleichgültigkeit, Clara!(Zu Karl.) Und was die Ihrige anbelangt, mein Herr— Karl. Die meinige, theure Eliſe? X Eliſe. Ja, Ihre Gleichgültigkeit!— So ſollteſt Du Dich ſchä⸗ men, Karl, dieſe empörenden Vorſchläge ſo ruhig anzuhören! Karl. Ja, aber geliebte Eliſe, mir ſcheint das ruhige Anhören der gewiß vernünftigen Vorſchläge unſeres guten— Eliſe. Vernünftige Vorſchläge?—— mein Gott!— vernünf⸗ tige Vorſchläge meines Vaters!—— Karl. Nein, unſeres guten Freundes hier, das Beſte zu ſein, was wir thun können. Aber Du läßt nie einen Menſchen ausreden Eliſe. Clara. O rathen Sie uns, mein Onkel! Gibt es denn kein Mittel, den Vater von ſeinem Vorſatze abzubringen? Er iſt ja ſonſt ſo gut, ſo freundlich geſinnt! Karl(der ſich von der andern Seite genähert, während Ferdinand und Eliſe heftig auf⸗ und abeilen). Und Sie vermögen ja Alles über ihn. Schildern Sie ihm unſere Liebe, ſagen Sie ihm, wie ich Eliſe anbete! Clara. Verſchweigen Sie ihm nicht, beſter Onkel, wie theuer mir Ferdinand iſt! Karl. Beſtimmen Sie den General, daß er unſer Glück nicht zerſtört! Baron. Es wäre wirklich Schade, liebe Kinder, wenn mein Bruder nicht auf ſeinem Vorſatze beharrte. Ihr Beide paßt ſo vor⸗ trefflich zuſammen. Und ſeht, wie die Beiden dahinten in gleichem Schritt umher rennen, mit ſich ſelbſt redend, heftig geſtikulirend; ein Paar, wie für einander geſchaffen. Clnra. Alſo auch Sie nehmen Parthie gegen uns? Karl. Auch Sie verlaſſen uns? Baron Glächelnd auf die andern zeigend). Der Bruder hat wahrhaf⸗ tig nicht Unrecht. Gleich und gleich geſellt ſich gern. 8 264 Unverheirathete Eheleute. Eliſe(die im Hintergrund mit Ferdinand eifrig geſprochen, trennt ſich plötz⸗ lich von ihm, heftig zu Karl tretend). Niemals! Ferdinand(ebenſo zu Clara). In meinem ganzen Leben nicht! Nicht wahr, Clara, ich darf von Deiner treuen Liebe überzeugt ſein? Clara(reicht ihm beide Hände). Gott im Himmel weiß, wie ſehr ich Dich liebe! Karl(zu Eliſe). Du weißt es, Eliſe, ich bin nicht im Stande, in eine heftige Oppoſition gegen Deinen Vater zu treten, ich achte, ich liebe ihn zu ſehr; aber Deiner Treue zu mir bewußt, bin ich im Stande, Alles zu wagen. Ferdinand(zum Baron). Von jeher gewöhnt, Ihrem Rath zu folgen, Sie zum Mitwiſſer aller unſerer Geheimniſſe zu machen, ſtehen wir hier ganz allein, da Sie uns verlaſſen und die Partei Ihres Bruders nehmen.— Kommt, überlegen wir, was zu thun iſt; unſer ehemaliger Freund wird, da er im Beſitze unſerer Geheimniſſe iſt, wenigſtens edel genug ſein, uns nicht als Feind gegenüber zu treten. Baron. Hitzkopf! Muß denn bei Dir Alles oben hinaus, muß denn Alles im erſten Anlauf biegen oder brechen, iſt denn keine ruhige Ueberlegung möglich? Eliſe. Dießmal hat Ferdinand Recht. Sie behandeln dieſe ge⸗ wichtige Sache ſo leicht hin, Sie ſcheinen dem Vater Recht zu geben, indem Sie ſagen— Baron. Daß ihr ein vortreffliches Paar würdet. Vollkommen gleich geſtimmte Seelen. Das ſage ich noch und das ſieht jedes Kind. Ferdinand. Alſo komm'! Clara. O es iſt traurig! Wir hatten ſo feſt auf Sie gehofft. Baron. Und nicht vergebens, mein liebes Kind. Ihr hättet nur ſehen ſollen, wie ich mich heute Morgen für euch in's Feuer ge⸗ worfen. Aber ihr kennt ja den Papa. Je mehr man ihm wider⸗ ſpricht, deſto feſter beharrt er auf ſeiner Anſicht; ich habe ſchon hin und her geſonnen, aber ich ſehe keinen Ausweg.— Wollt ihr dem Papa offenbare Oppoſition machen? In Gottes Namen! aber dann laf ich ſatteln und reite davon. Mich ſoll der Himmel bewahren, das will ich nicht erleben. Unverheirathete Eheleute. Karl, Der Baron hat Recht; dem General offen entgegen zu treten, iſt unmöglich. Eliſe. Wenn wir die Tante kommen ließen! Sie vermag allein etwas über ihn. Baron. Dazu iſt keine Zeit, heute ſoll die Trauung fein, in der Kirche drunten iſt ſchon Alles in Bereitſchaft; ich glaube, der General macht ſo eben ſeine Toilette,— es iſt Alles verloren! Clara(weinend). Alles! unſer ganzes Lebensglück! Baron. Still! ſtill! weint nicht— ruhig! Ich höre ihn kom⸗ men.— Geht in Eure Zimmer, verhaltet Euch ruhig, ich will das Meine nochmals verſuchen. Eliſe. Wir haben Niemand als Sie! thun Sie, was nur möglich. Ferdinand. O Baron, helfen Sie uns, wenden Sie großes Un⸗ glück ab! Siebenter Auftritt. Vorige. Der General. (Der General, auf Jean geſtützt, mit der andern Hand an einem Krückſtock gehend.) General. Habe es den Morgen gleich gefühlt, wir bekommen heute ſchwere Gewitter, und das liegt mir jedesmal entſetzlich in den Gliedern, aber noch nie ſo, wie heute.— Uff! Laß' mich einen Augen⸗ blick ausruhen; ich bin kaum im Stande, mich aufrecht zu erhalten. Schmerzt mich doch das verfluchte Bein, wie an dem Tage, wo mich die Kartätſche geſtreift. 1. Kammerdiener(geſchmeidig). Ich glaube, das war bei Jena, Ex⸗ cellenz. 3 General. Halt Dein Maul!— Wenn es nur nicht wieder ein Gichtanfall iſt. Bin kaum im Stande, bis zu einem Stuhl zu kom⸗ men.—— Da wechſel' um, komm' auf die andere Seite. (Jean trägt in ſeiner linken Hand, die er auf dem Rücken hält, ein ſehr großes Bouquet, das er jetzt in die Rechte nimmt, und dadurch kommt er langſam auf die andere Seite des Generals.) General. Nun, wird's bald?— Nimm' Dich vor meinem Stock in Acht! Uff! Das wird mir ſauer.— So rück' meinen Stuhl etwas näher.— Ach, Hektor, da biſt Du ja; mir iſt ganz elend zu Muth. Läßt mich da der Schlingel eine ganze Viertelſtunde warten, vergeb⸗ 266 Unverheirathete Eheleute. lich rufen und ſchreien; ſieht man doch gleich, daß der Kerl nie Sol⸗ dat war. Iſt das auch Manier?— Und wie der Burſche daſteht! die Hände auf dem Rücken, hat man je ſo was erlebt?— Hand vor! (Jean wechſelt das Bouquet in der anderen und bringt die Linke vor.) General. Auch die rechte, beide vor!(Jean bringt beide Hände vor, ein rieſenhaftes Bouquet fällt hinter ihm auf den Boden.) General. Seh' einer die Geſchichten! Was fällt da? Baron. Ich glaube, ein Blumen⸗Bouquet. General. Ein Blumen⸗Bouquet?— Heb' Er's auf, Sein Blumen⸗Bouquet.— Weßhalb hat Er meinen Garten geplündert— was ſoll's mit dem Blumen⸗Bouquet? Jean(hebt das Bouquet auf und ſchluckt heftig und mühſam). Ein Irr⸗ thum, Excellenz, ein Irrthum. Ich ſtand heute Morgen mit dem feſten Glauben auf, heute ſei der Namenstag Eurer Excellenz. Ich hatte ſo im Kalender geleſen. General. Was, mein Namenstag im hohen Sommer? Baron. Lügen Sie nicht, lieber Jean. Zean. Keine Lüge, Herr Baron, nur ein Irrthum. Ich las vielleicht aus Verſehen in einem uralten Kalender, wo die Datum's ganz anders ſind. Baron. Geſtehen Sie nur, lieber Jean, Sie dürfen das ſchon geſtehen— man muß mit den heiligſten Gefühlen des Herzens keinen Scherz treiben— Sie haben das Bouquet für Ihre Geliebte abgepflückt? General(ſehr heftig). Für ſeine Geliebte!— Der Menſch hat eine Geliebte?— Unglücklicher, wer iſt dieſe Geliebte? Zean. Ich kann Euer Excellenz auf's Heiligſte verſichern— Baron(einfallend). Daß dieſe Geliebte Mademoiſelle Flora iſt. General. Die Kammerjungfe er?— Wo iſt die Kammerjungfer? Sie ſoll augenblicklich daher kommen, die Kammerjungfer!— O mein Fuß! Und all' der Aerger dazu!— Eine Geliebte in meinem Hauſe, die Kammerjungfer meiner Töchter!— Iſt das nicht unerhört Hektor?— Dieſe Unſchicklichkeit!— Mir aus den Augen, Böſewicht! Ich muß mich wahrhaftig niederlegen. Das iſt einer der completteſten Gichtanfälle, die ich je gehabt. Hektor ſei ſo gut und führ“ mich in mein Zimmer. Baron. Mit Vergnügen, lieber Bruder. Unverheirathete Eheleute. General lerhebt ſich und ſtützt ſich auf den Baron. Zu Jean). Ueber Dich, Du Ungeheuer, werde ich meine Beſtimmungen treffen.— Uff! (zu Hektor) Und die Geſchichte— haſt Du mit meinen Kindern ge⸗ ſprochen? 3 Baron. Verſteht ſich. Sprechen wir drinnen darüber!(ab.) Achter Auftritt. Kammerdiener, Kammerjungfer, ſpäter Baron. (Jean nimmt mit beiden Händen ſein Bouquet, riecht zuweilen daran und ſieht ſich ſcheu um. Die Kammerjungfer ſteckt den Kopf durch die Thüre, ſobald der General verſchwunden iſt.) Kammerjungfer. Sind Sie allein, Jean?— Gott, welcher Spek⸗ takel! Ich ſoll mich erkundigen, was es hier eigentlich gegeben hat.— Was iſt denn vorgefallen? 3 Zean(nach einer Pauſe, ſehr wichtig). Ich habe mit Seiner Excellenz geſprochen. Kammerjungfer. Ueber mich, über unſer Verhältniß? Zean. Allerdings, aber— Seine Excellenz waren ſehr ungnädig. Ich ſprach mit einem Feuer, mit einer Ueberzeugung, wie nie. Aber Seine Excellenz— es thut mir leid, Ihnen das mittheilen zu müſſen. Mamſell Flora— Seine Excellenz fanden es für unpaſſend, daß ſein erſter Kammerdiener ſich mit der übrigen Dienerſchaft ſo— ſo ab⸗ gäbe. Kammerjungfer. Herr Gott im Himmel! Zean. Ich glaube, er ſagte abgäbe, er kann aber auch geſagt haben, ſich gemein mache. Es kommt darauf nicht an, aber ſo viel iſt ſicher, daß er meine warme Bitte zu ſeiner Einwilligung— nun Sie verſtehen mich— rund abgeſchlagen hat. Kammerjungfer. O Jean, was muß ich hören? Jean. Leider werden Sie Ihre Stelle verlieren. Kammerjungfer. Und Sie? Jean(zuckt die Achſel). Kammerjungfer. Und Du Jean?— Du wirſt mit mir ziehen, wir werden, wie Du ſo oft geſagt, einen ſtillen harmloſen Hausſtand gründen, fern von unſerer jetzigen Herrſchaft. 1 268 Unverheirathete Eheleute. Baron(der eingetreten iſt und die letzten Worte gehört hat). Das iſt vorderhand nicht nöthig. Eure Sache hat ſich vortrefflich arrangirt. Zean(ſieht ihn fragend an). Baron. Der General hat eingeſehen, daß es grauſam wäre, ſo zarte Liebe zu trennen; ſeid vergnügt, ich habe die Erlaubniß zu Eurer Heirath ausgewirkt. Kammerjungfer. O Herr Baron, wie ſoll ich Ihnen danken? Baron. Natürlicher Weiſe werden ſich Ihre Verhältniſſe nach einiger Zeit im Hauſe ändern und der General wird ſehen, wo er euch am beſten placiren kann. Jean. Ja— allerdings— freilich— nicht verkennend— die guten Abſichten Seiner Excellenz— weiß ich doch nicht genau— ob auch Mademoiſelle Flora— Kammerjungfer. O Jean, Du kennſt mein Herz!— Zean. Wollte ſagen, ob auch ich—(zum Baron) Und ſollte dieſe Heirath bald vor ſich gehen, Herr Baron? Baron(luſtig). Noch heute, lieber Jean; der General iſt zu zart⸗ fühlend, um Sie lange ſchmachten zu laſſen. Zean. Gerechter Gott!— Nur weiß ich nicht, Herr Baron, ob meine Papiere ſich in ſolcher Ordnung befinden, ob— nicht eine hohe Geiſtlichkeit— man iſt ſehr ſtreng in dieſem Punkt— auch bin ich nicht hieſigen Ortes Bürger— Baron. Unbeſorgt! der General beauftragt mich, dem Pfarrer ſo eben einige Zeilen zu ſchreiben. Zean. Dann auch wegen dem Alter, Herr Baron.— O Gott! ich komme nicht mehr hinaus. Baron. Alter? Kammerjungfer(gereizt). Welches Alter? 3 Baron(lachend). Lieber Jean, wo zwei Inſtrumente gleich geſtimmt ſind, da kommt es nicht darauf an, ob die Saiten des einen zehn Jahre älter ſind. Es gibt doch einen guten Klang.(Er nimmt das Bouquet aus den Händen Jean's und überreicht es der Kammerjungfer.) Schöne Braut, machen Sie Ihre Toilette, ich gratulire von Herzen. (Jean und Kammerjungfer ab.) Unverheirathete Eheleute. Neunter Auftritt. Baron. Später Ferdinand und Karl. Baron lallein.) Der Heuchler wär' beſtraft; er muß heirathen oder aus dem Hauſe, und daß die ihm ſeinen Kopf zurecht ſetzen wird, davor iſt mir gar nicht bange.— Und was die Uebrigen anbelangt— ich athme wieder auf. Der General muß das Zimmer hüten und ich ſoll die Brautpaare in die Kirche begleiten. Damit iſt freilich nicht viel, aber vielleicht etwas gewonnen. Sehen wir weiter! (Ferdinand und Karl kommen zur Mittelthür herein.) Karl. Wir haben uns die Sache ruhig überlegt, beſter Baron, aber wir ſtehen am Rande des Unglücks, der Verzweiflung. Ferdinand. Kein Ausweg!— die Zeit verrinnt, was ſollen wir beginnen? Baron. Vorderhand zum General gehen und ihm herzlich dafür danken, daß er in eine Verbindung mit ſeinen Töchtern willigt. Denke Jeder an die, die er liebt, und ſo werden Ihnen die Worte leicht von den Lippen gehen. 3 Gerdinand. Und dann?— Was iſt damit geholfen? Baron. Der General iſt plötzlich unwohl geworden; er liegt an einem heftigen Gichtanfalle nieder. Ich ſoll die beiden Paare in die Kirche begleiten und die Trauung vornehmen laſſen.. Ferdinand. Ein Hoffnungsſtrahl! Karl. Aber ein ſehr ſchwacher. Ferdinand. O nein, o nein! Baron, wenn Sie wollen, ſind wir heute noch die Glücklichſten der Menſchen. Baron. Nun, wie das? Darauf wär' ich begierig! Ferdinand. Sie geleiten uns in die Kirche, Sie verheirathen uns, aber nicht wie es der General befohlen, ſondern nach unſern Neigun⸗ gen, ſo wie wir allein glücklich werden können. Baron(ſchüttelt mit dem Kopfe.) Nein, das geht nicht, das geht wahr⸗ haftig nicht! Nehmt's mir nicht übel, Kinder, das könnte ich gegen meinen Bruder nicht verantworten. Ich bitte Euch, wenn er dieſen Betrug erfährt— und das muß er ja gleich— ſo trifft ihn der Schlag. Perdinand. Dann weiß ich keinen Rath mehr. 4½ 270 Unverheirathete Eheleute. Karl. Aber ich habe eine Idee, Baron, einen glücklichen Aus⸗ weg, wenn Sie uns unterſtützen; denken Sie, es gilt das Glück Ihrer Nichten, und ich bin feſt überzeugt, wenn wir Zeit hätten, mit dem General ruhig zu ſprechen, er ließe ſich überzeugen. Aber natürlich, das iſt jetzt unmöglich; kaum eine Viertelſtunde und dabei ſeine Schmer⸗ zen, die ihn ungeduldig machen. Ah, Baron, ich beſchwöre Sie! Baron. Nun, reden Sie, ich bin begierig.⸗ Karl. Sie ſollen nichts gegen Ihren Bruder thun, aber auch nichts für ihn. Sie begleiten uns in die Kirche, wir ziehen den Pfarrer in das Geheimniß unſerer Liebe, und während der General glaubt, wir würden getraut, fahren wir ungetraut auf einem großen Umwege hieher zurück. Baron. Ohne verheirathet zu ſein? Ferdinand. Prächtig! eine vortreffliche Idee! Baron. Und der General bleibt in dem Glauben, er ſehe zwei neuvermählte Paare vor ſich?— Das kann gefährlich werden. Karl. Nur für kurze Zeit ſoll er das glauben. Unſere Liebe wird weiter helfen, nach einigen Tagen werfen wir uns ihm zu Füßen, ge⸗ ſtehen, was wir aus Verzweiflung gethan und bitten ihn ernſtlich um ſeinen Segen. 4 Zaron. Aber bedenkt doch, in welche Lage ihr kommen könnt!: — Und wenn auch die beiden Mädchen im erſten Augenblick zu dieſem, gelinde geſagt, tollen Streich ihre Zuſtimmung geben, ſo könnten doch im Laufe des Tags Sachen vorfallen, die ſie zur Verzweiflung bringen könnten. Zwei junge Mädchen, die ſich als Frauen betrachten ſollen, als Frauen betrachtet werden, und es doch nicht ſind— das kann ſonderbare Verwicklungen herbeiführen. Karl(lächelnd.) Ich weiß, was Sie ſagen wollen, Baron, und ich habe daran gedacht. Alle Verlegenheiten, in die wir uns und namentlich die beiden Damen ſtürzen können, werden durch das eine Wort: Dienſt abgeſchnitten. Der Dienſt ruft uns noch heute Nacht zur Stadt zurück, heute gleich nach dem Diner müſſen wir wegfahren, um mit unſeren Regimentern abmarſchiren zu können. Wir ſind die Unglücklichſten aller jungen Ehemänner— aber der General war viel Unverheirathete Cheleute. zu ſtrenger Soldat, um nur den Verſuch zu machen, uns in dem Falle zurück zu halten. Ferdinand. Prächtig! Prächtig! Ja, das iſt das einzige Mittel; willigen Sie ein, Baron, verhüten Sie größeres Unglück! Baron. In Gottes Namen! was kann ich anders machen?— Aber daß ihr mir ſpäter genau ſagt, wenn jene verzweifelte Erklärung ſtattfindet, damit ich vorher mich aus dem Staube machen kann. Ferdinand. Gewiß, Baron.— Dank Dir, Karl, für dieſen vor⸗ trefflichen Gedanken! Karl. Jetzt fort zum General. Zehnter Auftritt. Baron. Später Jean und die Kammerjungfer. Baron(allein.) Ich kann's nicht ändern. Warum iſt auch mein Bruder ſo hartnäckig und heftig!— Was kann er mir thun, wenn ich abgereist bin?— Einen ungeheuer groben Brief ſchreiben? Das wird er auch wahrhaftig nicht unterlaſſen. (Glockengeläute in der Ferne.) Gott! da läuten ſie ſchon.— Meine Toilette! Und da fällt mir eben Monſieur Jean ein. Leider darf auch er heute nicht verheirathet werden! Darüber wird der Kerl eine beſondere Freude haben; aber er ſoll mir ſpäter daran, ich will es ihm vertreiben, allen Mädchen rings herum Schönheiten zu ſagen; und glauben ſoll er an ſein Schickſal bis zum letzten Moment, bis vor dem Altar.— Ah, da kommt er!— Nun, Herr Jean, ſchon im feſtlichen Anzug? Das freut mich.— Sie haben ein unerhörtes Glück! Zean. Sehr verbunden, Herr Baron. Baron. In der That, merkwürdiges Glück; Sie werden gehört haben, daß unſere beiden jungen Damen heute ebenfalls heirathen, mit Ihnen in derſelben Stunde, vor demſelben Altar. Jean. Wird das nicht für den Herrn Pfarrer zu mühſam ſein dieſe drei Copulationen auf einmal? Ich könnte ja warten. Baron. Nein, guter Jean, das iſt ſchnell abgethan. „Zean. Wiſſen Sie, Herr Baron, man liebt nicht immer, um zu heirathen; es gibt Verhältniſſe, Herr Baron— 8 1 272 Unverheirathete Eheleute. Baron(lachend.) Die Vereinigung mit der Geliebten ſoll das höchſte Glück ſein; noch eine Viertelſtunde und Sie haben dieß Glück erreicht. Jean. So iſt nichts daran zu ändern? Baron. An der Trauung?— Nein, mein Freund. Es iſt ja bald vorüber. (Es läutet abermals.) Baron(indem er lachend abgeht.) Horch, die Glocken hallen dumpf zuſammen, und der Zeiger hat vollbracht den Lauf! (Aus der linken Seitenthüre erſcheint Flora, feſtlich herausgeputzt, das rieſenhafte Bouguet in der Hand.) Jean Cfällt in den Fauteuil.)———— Keine Rettung mehr! Der Vorhang fällt. Zweiter Aufzug. Erſter Auftritt. Kammerdiener. Kammerjungfer. Kammerjungfer. Ja, was bin ich denn nun eigentlich? Das möchte ich in der That wiſſen. So was iſt doch gewiß noch keinem Mädchen geſchehen, ſo lange die Welt ſteht. Zean(lächelnd.) Es iſt allerdings ein ſonderbares Verhältniß. Kammerjungfer. Und Sie ſcheint das gar nicht zu alteriren!— —— Wir fahren hier vom Schloſſe in das Dorf hinab, ich im Hoch⸗ zeitſtaat; die Glocken läuten, wie ſich von ſelbſt verſteht, die Kirchthür' ſteht offen, wir treten hinein, hinter der Herrſchaft.—— Das kann ich Sie verſichern, Herr Jean, es hat mir ſchon gleich nicht gefallen, wie man die Kirchthür' allen Leuten vor der Naſe zuſperrte; denn wenn ich mich verheirathe, ſo ſoll es öffentlich ſein, das habe ich mir immer ſo gedacht; je mehr Menſchen, die zuſchauen, je größer die Feier, die Erhebung.—— 6 Zean(reibt ſich die Hände.) Es iſt in der That eine merkwürdige „Geſchichte, eine ganz abſonderliche Geſchichte.. Kammerjungfer. Und als nun die Kirchthür' verſchloſſen iſt, er⸗ Unverheirathete Cheleute. klärten der Herr Baron: gewiſſer Familien⸗Rückſichten wegen könne heute nicht geheirathet werden.— Ah!— Jean. Bedeutende Familien⸗Rückſichten!. Kammerjungfer. Was gehen mich die Familien⸗Rückſichten an? Wenn einmal ein Mädchen vor dem Altar ſteht, will ſie auch gehei⸗ rathet ſein.— Ja, antworten Sie mir, was bin ich denn eigentlich? Bin ich eine Frau?— Nein!— Bin ich ein Mädchen?— Zean. Ich hoffe ſehr! Kammerjungfer. Ich bin alſo ein Mädchen n0 8 Jedermann ſieht mich für eine Frau an. Jean. Tröſten Sie ſich, das kun häufig vor. Kammerjungfer. Häufig vor?— Nicht ein einziges Mal, ſo lange die Welt ſteht;— und das Geheimnißvolle dabei! Nein, ich werde das Alles nicht ertragen! O Gott, ich bin entſetzlich unglücklich!— Jean, Sie ſind ein Ungeheuer! Aber wenn Sie glauben, ich laſſe mir das ſo ruhig gefallen, ſind Sie im Irrthum. Ich war einmal in der Kirche und nun will ich geheirathet ſein! Jean. Mir ſcheint, das war von jeher Ihr ſehnlichſter Wunſch. Kammerzungfer(krampfhaft lachend). Mein Wunſch?— O Cott! wer hat beſtändig geſchworen, er könne nicht ohne mich leben? Jean. Das geſchah nur in leidenſchaftlichen Augenblicken. Kammerjungfer. Mein Wunſch?!— Und hat der Herr nicht befohlen, ich müſſe Sie heirathen, bin ich nicht gezwungen worden? — Hat man mich nicht zur Schlachtbank geſchleppt, ein armes wehr⸗ loſes Opferlamm?* Zean. Aber Sie ließen ſich auf's Bereitwilligſte ſchleppen, ſchönes Opferlamm. Wozu dieſe Thränen, dieſe Vorwürfe? Glaube mir⸗ Mädchen,(wichtig) glauben Sie mir, Madame, wollt' ich ſagen, es iſt doch für einen Chemann keine Kleinigkeit, eine Frau zu beſitzen, die nicht ſeine Frau iſt. Kammerjungfer. Entſetzlich!. Zean. Aber tragen wir das Unvermeidliche. Was heute nicht geſchehen, kann ja morgen, übermorgen vielleicht. Kammerjungfer(gereizt.) Vielleicht?— Nur vielleicht?— O Jean, mir ſcheint, Ihre Geſinnungen haban ſich ſchon jetzt geändert! Hackländer, Kr. u. Fr. II. 1 18 5 274 Unverheirathete Eheleute. Jean. Glauben Sie das nicht, theuerſte Flora; meine Liebe hat an Heftigkeit nur zugenommen. O wenn Sie wüßten wie ſehr— Er will ſie küſſen.) Kammerjungfer. Bleiben Sie mir vom Leibe, wenn Ihnen Ihre Augen lieb ſind! Zean. Ei, Mademoiſelle Flora, dieſe Drohung vor der Hochzeit! Das Vielleicht könnte vielleicht ſehr wahr werden. Doch Reſignation vor Allem.— Da kommt die Herrſchaft. Zweiter Auftritt. Vorige. Der Baron. Die beiden Paare. (Karl führt Eliſe, Ferdinand Klara.) Baron. Aber wenn man euch ſo gehen ſieht, Einer des Andern Frau führend, Einer nur mit des Andern Frau innig ſprechend, ſo weiß man in der That nicht, was man davon denken ſoll. Seyd doch klug!— Trennt euch, trennt euch!— Nur Gleiches zu Gleichem! Komm' her, Eliſe,— Ihren Arm, Ferdinand! (Sie wechſeln ihre Stellung, eilen aber bei den nächſten Reden wieder zu einander.) Ferdinand. O Clara, ſchon jetzt fühle ich, wie unglücklich ich geworden wäre! Schon Dich einen Augenblick an eines Anderen Arm zu ſehen, iſt mir unerträglich! Eliſe. Obgleich es die Schweſter war, die Du führteſt, ſo wollte mein Herz brechen, wenn ich an das grenzenloſe Unglück dachte, dem wir mit Mühe und noch nicht ganz entgangen ſind. Baren. Macht mir keine Geſchichten! Ich ſehe ſchon, ihr werdet euch und mich in die ſchönſten Verlegenheiten bringen. Ich muß wahr⸗ haftig heute noch abreiſen. Kommen Sie, Ferdinand, führen Sie Ihre Frau in jenen Fauteuil und bleiben Sie bei ihr, und auch Sie, Karl, ſonſt ſo ruhig. Eliſe. Nicht wahr, Karl, wir trotzen Allem, was das kom⸗ men wird. Karl. O Cliſe, Du kennſt meine grenzenloſe Liebe zu Dir. Ferdinand(küßt Clara feurig die Hand, ehe Karl ſie auf den Fauteuil rechts führt.) (Jean wiſcht ſich auffallend die Augen; Kammerjungfer eilt auf Eliſe zu, die ihr zunächſt ſitzt, küßt heftig ihre Hand und geht weinend ab.) Unverheirathete CEheleute. Baron. Nun, Alles zuſammengenommen, ſcheint mir, wir ſind in ſaubere Geſchichten hinein gerathen. O daß ich auch nachgegeben habe!(zu Jean) Iſt der General noch auf ſeinem Zimmer? Jean(ſchluchzend). Seine Excellenz haben ſich etwas beſſer befunden und ſich langſam angezogen. Seine Ercellenz werden gleich daher kommen. Baron. Lieber Herr Jean, verſchonen Sie uns mit dieſem Ge⸗ heule; weinen Sie keine Krokodillsthränen, ſuchen Sie Ihre Frau auf und bedanken Sie ſich in ordentlicher Verfaſſung bei Seiner Excellenz, dem Herrn General.(Kammerdiener ab.) Alſo, Kinder, er kommt gleich daher. Wenn das Erſte und Schwerſte glücklich überſtanden iſt, will ich Gott danken. Aber ſeid mir nicht ſo einſilbig! Vorhin wußtet ihr ſo unendlich viel zu ſprechen und jetzt;... ihr werdet Alles, Alles verderben! Ferdinand(zu Clara gehend). Der Baron hat Recht, Clara; fügen wir uns mit Klugheit in das Unvermeidliche. Karl(ebenſo). Gewiß, Eliſe, ſeien wir vorſichtig; Baron. Aber nicht ſo, nicht ſo!— Gott! welche Confuſion! Da kommt ſchon der Bruder. (Der General, auf ſeinen Stock geſtützt, hinter ihm Jean, der Flora ſehr feier⸗ lich führt. Der General geht ſehr mühſam an ſeinem Stock.) A Dritter Auftritt. Vorige. Der General. Jean. Die Kammerjungfer. General(zu Jean und Flora, welcher Erſtere ihm die Hand küßt. Die beiden vorderen Paare ſprechen emſig zuſammen und achten nicht auf den Baron, der in großer Angſt bald den, bald jenen am Rocke zupft). Nun laßt's genug ſein; ſeid wie bisher treu, ehrlich, fleißig und ich werde für euch ſorgen. Madame, wachen Sie über Ihren Mann, er hat hie und da die Neigung, etwas locker zu leben. Auch bitte ich, gewöhnen Sie ihm die vielen unnützen Redensarten ab(hebt lächelnd ſeinen Stock.) Und wenn Sie je meine Unterſtützung brauchen, ſo kommen Sie zu mir. Kammerzungfer(ſchluchzend). Ich werde mein Möglichſtes zuerſt ſelbſt verſuchen..— General. Alſo adieu! Die ganze Dienerſchaft iſt heute bei euch 276 Unverheirathete Cheleute. zu Gaſt geladen.(Der General kommt langfam vor und reicht ſeinem Bruder, der etwas im Hintergrund ſteht, die Hand.) Ich danke Dir, Hektor. Baron(mühſam lächelnd, während der General langſam vorgeht). Ja, lieber Bruder, es war ein ſaures Geſchäft, ſo ohne alle Vorbereitung, — wir haben nicht einmal Brautführer gehabt,— und ſiehſt Du da habe ich mir nicht anders zu helfen gewußt: eins mußte die Frau des Andern führen, und ſo kommen wir im Augenblicke daher. Es iſt ganz komiſch General(gerührt). Meine Kinder! Eliſe und Clara(ſfliegen in ſeine Arme). Mein Vater! guter Vater! (Kleine Pauſe.) General. Hab' ich's in der That recht gemacht, meine Kinder? Nun, es ſollte mich herzlich freuen! Ich habe ja in dieſem Leben nichts Höheres, wie euer Glück.— Karl, Ferdinand, gebt mir eure Hände! (Karl tritt zu Eliſe, Ferdinand zu Clara, obgleich der Baron im Hintergrund und die heftigſten Geberden macht, die Stellen zu wechſeln. Die beiden Töchter küſſen dem General die Hand und Karl und Ferdinand wollen das Gleiche thun; dann zieht der General die Hände langſam empor und legt ſie rechts und links auf die Köpfe der beiden Paare.) 3 General. Leider war es mir unmöglich, euch auf dem wichtigſten Gang eures Lebens zu begleiten, doch euer nächſter Verwandter war bei euch, mein beſter Freund, mein Bruder. Gott ſegne euch, meine Kinder! Möge der Herr euch ſchützen und begleiten auf eurem Lebens⸗ wege! Baron. Amen! General. Aber, Kinder, jetzt laßt mich niederſitzen, ich kann mich kaum auf meinem Fuße aufrecht erhalten. (Sie führen ihn zu einem Fauteuil, wo er ſich niederſetzt.) General(die Paare betrachtend, lachend). Aber was Teufel, Kinder, ich habe euch ja unrecht geſegnet! Baron(mühſam lachend.) Das kommt von der Brautführerſchaft! General. Aber es war eben ſo gut gemeint. Eliſe(ergreift ſeine Hand, weinend). Ja, Vater, wir ſind ja Alle Deine Kinder. Nicht wahr, alle vier Deine lieben, lieben Kinder? (Der General küßt ſie auf die Stirne; der Baron zieht Karl heftig hinter dem Stuhle mit ſich fort, drückt Ferdinand auf die andere Seite.) V — Unverheirathete Cheleute. Baron. Tröſten Sie doch Ihre Frau— in's Teufels Namen! General. So, Kinder, jetzt geht in den Garten. Neuvermählte haben ſich viel zu erzählen. Das weiß ich auch von meinen früheren Jahren her. 3 Baron. Ja, ja, das glaub' ich auch. General(lachend). Was weißt Du davon, alter Junggeſelle? (Auf die Paare zeigend, die durch die Mittelthüre gehen.) Siehſt Du, lockerer Burſche, das Alles haſt Du verſäumt! Wie das gut zuſammen paßt, wie das glücklich iſt! Baron(fächelt ſich mit ſeinem Sacktuch). Unſäglich glücklich! Vierter Auftritt. General. Baron. General. Nun, wie war's in der Kirche? Wäre mein leidiger Gichtanfall nur eine halbe Stunde früher gekommen und ſchneller ver⸗ gangen, ſo hätte ich dabei ſein können. Jetzt fühle ich mich ziemlich wohl. War's recht feierlich?. Baron. Ja— ja— es war— es war— recht— feierlich. General. Viel' Leute in der Kirche? Baron. Wenig, ſehr wenig Leute. General. Das wundert mich! Baron. Es hat mich auch gewundert. General. Es war vielleicht nicht genug bekannt; es ging Alles ſo ſchnell vor ſich. Baron. Ungeheuer ſchnell; in fünf Minuten war Alles vorüber. General. In fünf Minnten die drei Copulationen? Baron. Ach nein! Was ſpreche ich da? General. Und der Pfarrer hielt eine ſchöne Rede? Baron. Sehr ſchön, ſehr paſſend! General. Kurz? Baron(wiſcht ſich die Stirne). Ja! fe war kurz.— Apropos, machen wir nicht einen Spazierritt?'s iſt herrliches Wetter. General. Ich mit meinem Fuß? Wo denkſt Du hin?— Wer trat denn zuerſt vor den Altar? Unverheirathete Eheleute. Baron. Zuerſt? General. Ja, wer zuerſt? Baron. Nun, eine der beiden Mädchen. Ich hab' es wahrhaftig vergeſſen, welche; Du weißt, ich habe kein Gedächtniß für ſo etwas. — Aber ſoll ich nicht in den Garten gehen, nach den jungen Paaren ausſchauen? General. Laß' die nur in Ruhel ſie brauchen Dich nicht und werden auf Deine Geſellſchaft nicht begierig ſein. Doch will ich Dir jetzt einmal zeigen, welche Anordnungen ich hier auf dem Landhaus getroffen habe, Alles proviſoriſch, in der Stadt ſoll es ſchon anders werden. Nicht wahr, Du haſt nie begriffen, weßhalb ich meine Zim⸗ mer hier(zeigt auf die rechte Seite) verlaſſen und in das Hinterhaus ge⸗ zogen bin?— Siehſt Du, dieſe Zimmer da bezieht Ferdinand und Eliſe. Baron. Ahl— Ferdinand und Eliſe—? General. Natürlich! Ich werde das auf jeden Fall zu arrangiren wiſſen.— Das junge Paar wird ſich da ganz behaglich einniſten.— Aber was ſiehſt Du mich ſo verwirrt an? Baron(ängſtlich). Ja ich hab' mir immer eingebildet, Karl und Ferdinand müßten heute Abend nach der Stadt zurück! Und es wird auch ſo ſein. General. Mit ihren Frauen?— Ah, Gott bewahre!— Ich habe ſchon Mittel, ſie da zu halten. Im Herbſt können ſie ihre Hochzeit⸗ reiſe nachholen, aber vorderhand wollen wir uns auch an ihrem Glück erfreuen.— Alſo hier wohnt Ferdinand und Eliſe.— Gefällt Dir's nicht auch ſo? Baron lin großer Verlegenheit). Außerordentlich! General. Und hier gegenüber,(zeigt nach links) wo die Mädchen bis jetzt zuſammen gewohnt, iſt das Appartement für Karl und Clara. — Habe ich das nicht vortrefflich arrangirt? Baron. Ganz vortrefflich! 5 General. Weißt Du, große Anſprüche müſſen ſie auf dem Land. nicht machen. Sie ein Zimmer, er ein Zimmer und ein Schlafzimmer. — Ho, alter Junge! Hal ha! ha! 1 Baron(lcht mühſam).. General. Du machſt mir heute eigentlich ſo ein ſaures Geſicht Unverheirathete Cheleute. und das Lachen geht Dir nicht recht von Herzen. Nicht wahr, Du denkſt an Sachen, die man hätte anders machen können? Baron. Du haſt Recht! General. Lieber Junge, das iſt jetzt vorbei. Du biſt zu alt zum Heirathen, überhaupt geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern. Baron(mit gefaltenen Händen). Das weiß Gott im hohen Himmel! General. Für Jean und für Flora habe ich auch geſorgt. Im Hinterhaus, wo die Kammerjungfer wohnte, ſind noch zwei Zimmer leer, die rückwärts an das Archiv ſtoßen. Das ſoll vorderhand ihre Wohnung ſein. Ich will dann ſpäter ſehen, was weiter mit ihnen zu machen iſt.— Siehſt Du, lieber Hektor, das iſt heute ein recht glücklicher Tag für mich; und wie haſt Du meine Pläne mit Deinen Einwendungen durchkreuzen wollen?— Und iſt nicht Alles vortrefflich gegangen? Die beiden Mädchen ſind glücklich durch die Wahl, die ich für ſie getroffen, und gib nur Achtung, wie ſich mein Grundſatz, daß nur die gleichen Charaktere zuſammen paſſen, bewähren wird. Fünfter Auftritt. Vorige. Eliſe. Ferdinand. EEliſe tritt ſehr heftig durch die Mittelthüre, ihr folgt Ferdinand.) Eliſe. Nein! ſag' ich, und noch einmal Nein! und wieder Nein! erdinand(der auch gereizt ſcheint). Aber, liebes Kind, man braucht deßhalb nicht gleich heftig zu werden! Spreche ich nicht vollkommen ruhig mit Dir? Eliſe. Das nennſt Du ruhig ſprechen, mir mit einer ſolchen Heftigkeit zu opponiren? Ferdinand. Aber der Mann wird doch um Gotteswillen anderer Meinung ſein dürfen, wie die Frau, und wird doch am Ende wohl das Recht haben, dieſe Meinung auszuſprechen? Eliſe. Nein! Ferdinand. Und wenn es ſich überhaupt für Jemand ſchickt, heftig zu werden, ſo paßt ſich das am Ende für den Mann beſſer, wie für die Frau. Eliſe. Wie? Ich ſollte mich Ihren Launen in Unterthänigkeit fügen, ſollte nicht einmal das Recht haben, meine Anſicht auszuſprechen. Unverheirathete Eheleute. Ferdinand. Ja, aber mit Ruhe! Eliſe. Und wenn es bei der Heftigkeit, mit der Sie degen mich auftreten, nicht möglich iſt, ruhig zu bleiben, dann ſoll ich wohl ſtill⸗ ſchweigen? Ferdinand. Allerdings, es wäre weit beſſer, weit klüger. Eliſe. Weit klüger?— Wenn Ihre Aeußerungen nicht ſo unartig wären, ſo würde ich ſie komiſch finden! Ferdinand. Finden Sie ſie komiſch oder unartig, wie Sie wollen! Eliſe. Und ich werde mir Ihre Heftigkeit nie gefallen laſſen! Ferdinand(mit einer gezwungenen Verbeugung). Und ich mir nie Ihre—— Lebhaftigkeit! Eliſe(auffahrend). Ich bin nicht lebhaft! Ferdinand(ebenſo). Nein, das iſt wahr, Sie ſind nicht lebhaft, aber unerträglich heftig! Eliſe. Ich unerträglich?— Sie ſind unausſtehlich! (Die Beiden ſind während dieſer Streitigkeit vorgekommen und ſcheinen den Ge⸗ neral und den Baron nicht bemerkt zu haben.) General. Aber um Gotteswillen, meine Kinder, was gibt's denn? Ferdinand. Verzeihung, General! Eliſe(wirft ſich ihm in den Arm). Ach, mein Vater! General. Was ſoll denn das bedeuten?— Dieſer Zank am Hochzeitstag!— Woher kommt das? Varon lleiſe zum Genera!). Von der Gleichheit der Charaktere. General. Geh' zum Teufel!— Aber, Kinder, laßt mich wiſſen, was habt ihr denn eigentlich, was iſt vorgefallen?— Seht, ich kann das nicht ertragen. Ich haſſe Zank und Streit in meinem Hauſe, ja ich haſſe alle Heftigkeit.(3u Ferdinand.) Wie kann man denn an ſolch' einem wichtigen Tage heftig werden?(Zu Eliſe.) Wie kann man ſich denn über eine Kleinigkeit ereifern? Eliſe. Es war keine Kleinigkeit! Ferdinand. General, ich verſichere Sie, ſehr unbedeutend. Eliſe. Sehr bedeutend! Ferdinand. Nicht der Rede werth. Eliſe. O ja! Lerdinand. O nein! Unverheirathete Eheleute. General(ebenſo heftig). Nein, Eliſe, ſag' ich auch! Es war auf keinen Fall bedeutend genug, um eine ſolche Scene herbeizuführen. Ich muß mir das alles Ernſtes verbitten.— Ich will das nicht, von Beiden nicht! Ich will Ruhe in meinem Hauſe haben, ich will mich nicht den ganzen Tag ereifern; das iſt ja unausſtehlich!— Kannſt Du es begreifen, Hektor, wie es einem Menſchen möglich iſt, ſich an einem ſolchen Tage zu ereifern, an einem ſolchen Tage heftig zu werden, und wegen einer Kleinigkeit? Baron. Es iſt wirklich unglaublich! Eliſe(die ſich in einen Fauteuil geworfen). Aber, Papa, es war keine⸗ Kleinigkeit. General(äußerſt heftig). Ja, es war eine Kleinigkeit, und es ſoll eine Kleinigkeit geweſen ſein, und ich will, daß es eine Kleinigkeit war und will Ruhe haben in meinem Hauſe, und damit Punktum! Baron Gzu Ferdinand). Führen Sie Ihre Frau in den Garten und ſöhnen ſich mit ihr aus. Ein ſolcher Zank am Hochzeitstag! das iſt zu arg. Seien Sie vernünftig, geben Sie nach! (Ferdinand geht zu Eliſe und bietet ihr ſehr ceremoniös ſeinen Arm. Sie ſpringt auf und eilt durch die Mittelthüre ab, Ferdinand folgt ihr achſelzuckend. Der General eilt heftig auf und ab. Der Baron ſteht vornen am Tiſch und ſieht ihm lächelnd zu.) SFechster Auftritt. General. Baron. 4 General(während er bei dem Baron vorbeikommt.) Weiß ſchon, was Dein Lächeln bedeutet!(Wieder ſo.) Kann mir ſchon denken, was Du ſagen willſt!— Baron. Das zu errathen, iſt in der That nicht ſchwer. General. Hilft Alles nichts; habe doch Recht! Habe gehandelt, wie es ſein mußte, würde jetzt wieder ſo handeln.— Oder glaubſt Du etwa immer noch, daß ich Unrecht habe. Baron. Ich glaube gar nichts, Gott ſoll mich bewahren! General. Alſo habe ich Recht, und Du geſtehſt mir ein, daß ich Recht habe. Baron. Nach dem Pröbchen, was wir eben erlebt, ſage ich gar nichts mehr: ich denke nur das Meinige. 4 282 Unverheirathete Eheleute. General. Aber was denkſt Du? Ich will wiſſen, was Du denkſt! Baron. Du ſagteſt ja vorhin, Du wüßteſt ſchon, was ich dächte. — Aber Du haſt Recht, immer Recht! General(äußerſt heftig). Das habe ich auch! Baron(zuckt die Achſeln). Aber thu' mir eins zu Lieb'! bedenke doch, daß Du vorhin ſelbſt ſagteſt, es wäre unpaſſend, an einem ſol⸗ chen Tage heftig zu werden.— Soll das ganze Haus dieſe Scene hören? Den Herrn Jean bemerke ich ſchon da hinten herumſchleichen; wenn Du noch heftiger wirſt, wie die beiden jungen Leute, ſo iſt das * woahrhaftig kein Mittel, ſie zu beſſern. Sei ruhig, ich bitt' Dich darum. Da kommt eben unſer anderes Paar, verdirb' denen doch nicht die ſtillen ſanften Freuden ihres Hochzeitstages. (Der General wirft ſich heftig in ſeinen Fauteuil.) Siebenter Auftritt. Vorige. Karl und Elara. Baron(zu Clara). Ah! ſchöne Frau, iſt euer Spaziergang im Garten beendigt; haſt Du Alles geſagt, was Du auf dem Herzen hatteſt? Clara. O nein, wir haben nicht viel zuſammengeſprochen; nicht wahr, Karl. Karl. Ich habe dem Gärtner geholfen, einen prächtigen Lorbeer⸗ baum verſetzen. Baron. Am Hochzeitstage?(zu Clara) Und Du? Clara. Ich habe ihm zugeſchaut. Baron. Auch nicht übel!— Aber ich habe an der vorigen Scene genug, ich will friſche Luft ſchöpfen.(ab.) Clara. Was iſt denn das, Papa, Cliſe eilt in dem hinteren Laubengange mit heftigen Schritten auf und ab? Karl. Und Ferdinand ebenſo bei der Orangerie. Clara. Haben ſie ſich ein Bischen gezankt? Papa, Du ſiehſt verdrießlich aus. General. Ach, laß mich! Clara. Wie Du willſt, Papa. 4 3(Sie ſetzt ſich auf die linke Seite der Bühne und nimmt ein Buch. Karl ſetzt ſich —3 an die andere Seite des Tiſches wo der General ſitzt und beſieht ſeine Nägel.) (Längere Pauſe.) Unverheirathete Eheleute. (Der General, der zu warten ſcheint, daß man mit ihm ſpricht, ſieht bald ſie, bald ihn an.) General(endlich ungeduldig). Sie haben neue Pferde gekauft? Karl. Zwei Schimmel, Excellenz; ruhige Thiere. General. Eil Ei!— Aber Clara kann die Schimmel nicht leiden. Clara. O ich habe das nur einmal geäußert; aber wenn Karl die Schimmel lieber mag, ſo ſind ſie mir auch recht. General. Aber man hat oft eine Abneigung gegen gewiſſe Farben. Karl. Ja, das iſt richtig; und wenn Clara darauf beſtanden hätte, ein paar Braunen vor dem Wagen zu haben, ſo hätte ich auch ſolche gekauft. Clara. Ich beſtehe auf gar nichts. General. So—o—o— o—(Pauſe.) Karl(der zufällig aufblickt, als ihn der General anſieht). Wollen wir eine Parthie Schach machen, Ercellenz? General. Danke gehorſamſt!(ungeduldig) Ich ziehe es vor, ſo— ——— angenehm mit Euch zu plaudern. Clara. Wie Du willſt, Papa(liest weiter).(Pauſe.) General(der immer ungeduldiger wird). Oh! Ohl! Karl. Wie Excellenz? Clara. Haſt Du mir was geſagt, Papa? General. Nicht das Geringſte! (Pauſe.) General. Jetzt will ich aber lieber einen Spaziergang in meinem Garten machen. Karl. Soll ich Sie begleiten, Excellenz? General. Wie Sie wollen! Karl. Oder ſoll ich bei Dir bleiben, Clara? Clara. Geh' nur mit dem Papa, ich will hier fortleſen; oder wenn Du willſt, kann ich euch auch begleiten. General. Nein, bleib' nur um Gotteswillen bei Deinem Buch! Das fehlte mir! Ich komme ſchon wieder, bleib' nur ruhig ſitzen! Clara. Wie Du willſt, Papa. (Der General mit Karl ab.) Unverheirathete Eheleute. Achter Auftritt. Clara(allein). Karl iſt in der That ein guter Menſch, aber entſetzlich langweilig. Gott, wenn ich den hätte heirathen müſſen, ich glaube, wir hätten im Tag nicht zehn Worte geſprochen, und das wär' ſchrecklich! Ich glaube faſt, daß ich es nicht ertragen könnte, wenn mein Mann gar keinen Willen hätte, wenn er mir in Allem Recht gäbe. Da iſt Ferdinand ſchon anders.— Ach, ſo ein kleiner Zwiſt iſt etwas Himmliſches, das heißt die Verſöhnung nachher. Ich freue mich recht darauf(ſeufzend). Ach, wenn wir doch ſchon am glücklichen Ende angelangt wären, wenn Papa nur ſeine Einwilligung gibt! Neunter Auftritt. Vorige. Eliſe. Eliſe(durch die Mittelthüre). Biſt Du allein, Clara? Clara. Ganz allein. Eliſe. Wie mich die Scene vorhin alterirt hat, kannſt Du Dir gar nicht vorſtellen. Es war freilich nur Scherz, aber trotzdem fühlte ich, wie mein Blut anfing, aufzuwallen, und am Ende war ich gegen Ferdinand in der That ſo gereizt, als habe er mich wirklich beleidigt, und ich wüßte doch in der That nicht, womit. Clara. So iſt es Dir ſchon oft gegangen, liebe Schweſter. Eliſe. Leider! leider! Aber mit Dir habe ich doch nie einen Streit gehabt, mein Herz. Du biſt ſo gut, ſo ſanft, wie— Clara. Wie Karl, willſt Du ſagen. Eliſe. Ja, wie Karl. O Clara, wenn ich Ferdinand, dieſen heftigen, gereizten Mann wirklich geheirathet hätte, ich wär' unaus⸗ ſprechlich unglücklich geworden. Ich fühlte das eben ſchon ſo deutlich; wir würden jeden Tag ähnliche Scenen haben, denn ich kann es nun einmal nicht ertragen, wenn man ſo muthwilliger Weiſe immer mit mir entgegengeſetzter Anſicht iſt.— Wo iſt Papa? Clara. Er iſt mit Karl fortgegangen. 6 Eliſe. Habt ihr ihm auf eure Art eine Scene gemacht; ſeid ihr recht langweilig geweſen? Unverheirathete Eheleute. Clara(unbefangen). Nein, ich war wie gewöhnlich. Papa ließ uns zu gar nichts kommen. Auf einmal ſprang er auf und gieng fort. Eliſe. Hatteſt Du ihm denn etwas geſagt? Clara. Nein, ich las in meinem Buch. Eliſe. Und Karl? Clara. Bot ihm eine Parthie Schach an. Eliſe(lachend). Nun, da kann ich mir denken, daß er weggieng. — Aber Clara! Clara! Wird uns alles dieß etwas helfen? Ich weiß nicht, mir ſchauert eigentlich bei der Komödie, die wir ſpielen. Zwei Mädchen, die von der Welt und ihrem Vater als verheirathet ange⸗ ſehen werden! Es iſt mir gerade, als ſtänden wir in einem Zauber⸗ kreis, und rings herum wandle allerlei Entſetzliches und Unheimliches. Wenn mich Ferdinand bei der Hand faßt, zittere ich, und ſelbſt die Nähe Karl's macht mir keine Freude. Ich weiß nicht, es treibt mich ein Gefühl, ihn zu fliehen, und⸗ nur bei Dir iſt mir wohl, meine innig geliebte Clara. Nicht wahr, wir verlaſſen einander nicht, wir halten feſt zuſammen? Zwei Schweſtern haben ſich ja einander ſo viel zu ſagen. Niemand wird es unpaſſend finden, wenn wir wie früher immer bei einander ſind. Clara. Nein, Eliſe, gewiß nicht. Auch ich wollte Dich gerade aufſuchen, auch mir iſt es unheimlich, wenn mich Karl ſeine Frau nennt. Eliſe. Wie ſich nur dies Alles löſen wird? Wir habet viel, viel gewagt. Papa wird uns nie verzeihen. Clara. Morgen Früh, wenn wir aufſtehen, wollen wir einmal reiflich überlegen, was am beſten zu thun iſt. Eliſe. Ja, in unſerem kleinen Boudoir; wir kommen nicht eher zum Vorſchein, bis wir einen Plan gefaßt haben.(drückt Clara heftig an ihr Herz.) Meine Clara, meine gute Clara! Clara. Theure Eliſe! Eliſe. Gehen wir in den Garten. Es wird bald dinirt werden; wir ſahen heute Morgen zuſammen die Sonne aufgehen, nachher gehen wir auf unſer kleines Belvedere, um auch ihren Abſchiedskuß zu em⸗ pfangen.— Aber allein, wir Beide ganz allein. Unverheirathete Eheleute. Zehnter Auftritt. Kammerjungfer. Nachher Jean. Kammerjungfer. Wenn ich nur in all' dem einen Sinn finden könnte! Leute, die glücklich ſind, die heirathen können, denen gar nichts im Wege ſteht, und die nicht wollen! Gott im Himmel, die nicht wollen! und die durch dieſen Eigenſinn ein armes Mädchen auch noch mit in's Unglück ziehen.— Und mich ziehen ſie in's Unglück, das iſt gar nicht zu läugnen. Ich weiß nicht, wie mir iſt: die ganze Dienerſchaft beglückwünſcht mich; der Kutſcher Friedrich ſagt einmal über das Andere zu mir: Madame Flora, und ich habe das traurige Bewußtſein, daß ich keine Frau bin, daß Niemand das Recht hat, zu mir Madame zu ſagen. O das iſt niederdrückend! Jean(ſehr luſtig, ſingt). Treibt der Champagner Alles im Kreiſe ꝛc. — Schöne Frau, haben Sie einen Augenblick Zeit, mit mir zu koſen? Die Herrſchaft iſt bei der Tafel, ich als Hochzeiter bin vom Dienſt befreit, nichts hindert uns, die zärtlichſten Gefühle auszutauſchen. Kammerjungfer. O Jean, wie können Sie ſo luſtig ſein! Jean(umſchlingt ſie mit einem Arme). Warum nicht, ſchöne Flora? — Der Beſitz dieſes herrlichen Weibes macht mich zum Glücklichſten aller Sterblichen.. Kammerjungfer. Jean, ich fürchte mich vor Ihnen. Hat ſich ein Mädchen je in einer entſetzlicheren Lage befunden? Zean. Schon oft, theuerſte Flora!— Ich machte ſo eben einen Gang in unſere künftige Wohnung. Drei herrliche Zimmer! Wie glücklich werden wir dort ſein! Kammerjungfer. Laſſen Sie meine Hand, Sie ſind entſetzlich! Zean. Soll heißen: Du biſt entſetzlich. Komm' ich Dir wirk⸗ lich wie fürchterlich vor, Flora, Dein Geliebter, Dein Bräutigam, Dein Gemahl, Alles das zugleich,—— es kommt ſelten vor. Kammerjungfer. Laſſen Sie mich los, Sie haben noch keinen Theil an mir!— Aber lange werde ich dieſen Zuſtand nicht ertragen, das kann ich Sie verſichern. Jean. Aendern wir ihn, ſobald als möglich. Kammerjungfer. Aber bis er geändert iſt, Herr Jean, bleiben Sie mir ſo fern als möglich. Unverheirathete Eheleute.* 287 Zean(mit Pathos). Ha, ich verſtehe! Sie finden eine Luſt daran, mich zu quälen, Sie beargwöhnen ein treues Herz.— (Bediente mit Lichtern treten in den Salon.) Doch ruhig! Wie ſich plötzlich dieſes Gemach erhellt, ſo werden Ihnen auch einſt meine Abſichten klar werden, und Ihr Argwohn verſchwin⸗ den, wie jene verſchwindende Dunkelheit.(Indem er ihre Hand nimmt und ſie feierlich abführt.) Aber vor den Augen dieſer Herren darf ich uns keine Blöße geben. Komm, folge mir, geliebte Flora, die Herr⸗ ſchaft hat abgeſpeist, unſer Hochzeitsmahl beginnt. Eilfter Auftritt. General. Die beiden Paare. Der Baron. General. Es iſt eigenthümlich, was ſo ein gutes Diner die Nerven beruhigt, die aufgeregten Lebensgeiſter beſänftigt. Man iſt ſo mit der ganzen Welt zufrieden und mit ſich ſelbſt. Nicht wahr, Hektor? Baron. Ja, man fühlt ſich ſo angenehm ermüdet, namentlich nach einem ſtrapaziöſen Tagwerk wie das heutige. General(der ſich in einen Fauteuil geſetzt hat). Nun, meine Kinder, wie geht's euch?— Gut, will ich hoffen, ich denke, ihr befindet euch vortrefflich. Eliſe, der kleine Streit heute Vormittag, war, hoffe ich, eine gute Vorbedeutung, und alle dergleichen Scenen haben damit ein für allemal ihr Ende gefunden. Eliſe(die ſich an ſeine Seite geſchmiegt hat). Ja, mein Vater, ich hoffe es. General. Nicht wahr, Ferdinand? Ferdinand. Gewiß, General. General. Und Du, Clara, mein ſanftes, ruhiges Mädchen, iſt in Deinem Herzen vielleicht noch irgendwo ein Wunſch verſteckt, der nicht an's Tageslicht hervor will?— Sprich ihn aus! Wenn es in meinen Kräften liegt, will ich thun, was Du verlangſt, ich gebe Dir mein Wort darauf.(Pauſe.) Haſt Du was auf dem Herzen, mein Töchterchen? 5 Clara(wendet den Kopf zum Baron und ſcheint ihn etwas zu fragen, der ihr aber heftig Nein winkt). Zaron. Was ſoll eine junge Frau an ihrem Hochzeitstag für Unverheirathete Eheleute. befriedigende Antwort bekommen. ſchon anders werden! Baron. Ich bin davon überzeugt. Deine Ueberzeugung iſt nicht weit her. Baron. Nun, das muß ich mir ausbitten. General. Du bringſt mich zum Lachen. Stellung gewechſelt.) geküßt. gefährlich zu werden. ſie halten kann?— Ich habe für Alles geſorgt. Sopha niederlaſſen.) Wünſche haben? Und wenn ſie geſtern welche gehabt hätte, das iſt Alles heute verſchwunden und kommt erſt nach Wochen, nach Monaten wieder zum Vorſchein, frage dann wieder und Du wirſt ſicher eine General. Ich glaube, Du haſt Recht, Hektor; auch ich habe eigentlich gar keinen Wunſch mehr, und wenn ich einen ausſprechen ſollte, ſo wäre es der, euch immer glücklich zu ſehen. Gewiß, Ferdi⸗ nand, gewiß Karl.(Er ſtrect die Hände nach ihnen aus.) apropos! ihr habt euch ja vor meinen Augen noch keinen Kuß ge⸗ geben, noch keinen ſo recht herzlichen Hochzeitstagkuß!— Allons, Fer⸗ dinand, küß' Deine junge Frau einmal recht herzlich.— Aber ihr ziert euch ja Beide, Kinder! So hat man es zu meiner Zeit nicht ge⸗ macht.— Nun, Clara!— vorwärts, Karl! Ihr ſeid mir wahrhaftig ein kaltes Paar(zum Baron, der hinter ihm ſteht): Unbeſorgt, das wird — Aber, General. Ueberzeugt?— armer alter Knabe! Vom Hörenſagen, (Die beiden Paare ſind in den Hintergrund getreten und haben wieder ihre Ferdinand(zu Clara). Mir ſchien aber, Karl hat Dich recht innig Karl(zu Eliſe). Wahrhaftig, Eliſe, noch ehe wir verheirathet ſind, noch ehe ich eine Schwägerin habe, fängt dieſelbe ſchon an mir (Während dem ſprach der General mit dem Baron etwas leiſe.) General Gzeigt dem Baron ein Papier). Siehſt Du wohl, daß ich (Der Baron macht ein ſehr verlegenes, unangenehm überraſchtes Geſicht; der Ge⸗ neral wendet ſeinen Fauteuil. Die beiden Paare ſpazieren gegen einander und beide Herren führen ihre Damen an das Tiſchchen links, wo ſie ſich auf dem General. Aber jetzt, Kinder, wollen wir uns trennen. Der Unverheirathete Eheleute. 289 Baron und ich rauchen unſere Cigarre in meinem Zimmer, und ihr könnt den Thee bei euch nehmen. (Ferdinand und Karl haben ihre Hüte genommen und Jeder küßt ſeiner Geliebten verſtohlen die Hand.). Clara. Bis morgen, Ferdinand! Eliſe. O Karl, möge Gott unſer Geſchick gnädig wenden. (General ſpaziert auf und ab und reibt ſich lächelnd die Hände; der Baron hat ſich in einen Fauteuil niedergelaſſen und wiſcht ſich den Schweiß von der Stirne). Ferdinand. Ihrem Wink gehorſam, General, wollen wir Sie allein laſſen. General. Mich?— Ich will euch allein laſſen! Karl. Gute Nacht, General!— Schlafen Sie wohl, Baron! General(lachend zu ſeinem Bruder). Konm, alter Jungel— Adieu Kinder! (Alle vier gehen auf die Mittelthüre los.) Ferdinand. Aber, General, wozu dieſe Umſtände?(ihn zurückhaltend). General. Aber wozu die Complimente?— Bleibt doch bei euren Frauen!(breht ſich um und hält die Beiden zurück). Aber allen Ernſtes, jetzt bleibt mir ruhig da! 3 Karl. Das iſt unmöglich, Excellenz! General. Wie ſo?— Was ſoll das heißen? Ferdinand. Leider ruft uns der Dienſt, General. Wir ſind in der That untröſtlich; aber Sie werden ſich vielleicht erinnern, daß morgen die großen Manöver anfangen; unſere Regimenter marſchiren ſchon um vier Uhr aus der Stadt. Karl. Und da wir noch acht Stunden zu fahren haben, ſo müſſen wir uns ſehr beeilen, um noch zur rechten Zeit nach der Stadt zu kommen. General(zieht das Papier hervor). Ja, das hätt' ich in der That beinahe vergeſſen. Unbeſorgt, Kinder; ich habe an Alles gedacht, Alles vorher geſehen. Hier iſt ein Urlaub von euren Chefs; ich habe euch die Erlaubniß ausgewirkt, erſt heute über vierzehn Tage bei euren Regimentern eintreffen zu dürfen. (Der Baron iſt zu den jungen Damen gegangen, und ſpricht mit ihnen ange⸗ legentlich, um ihre Aufmerkſamkeit abzulenken.) gerdinand lerſchrocken). Aber, General, ich weiß, wie ungern es Hackländer, Kr. u. Fr. II. 3 19 290 Unverheirathete Eheleute. der Oberſt ſieht, wenn junge Offiziere ſich den Manövern entziehen; unſere Carriere könnte darunter leiden. General. O bei einer ſolchen Veranlaſſung verzeiht man Alles, das kommt ja nur einmal vor. Die Oberſten haben durchaus keine Schwierigkeiten gemacht. Karl. Vielleicht auf Ihre dringende Bitte nicht, Excellenz, aber— General. Nun, nun, laßt das gut ſein! Ich weiß, was ich da⸗ von zu halten habe.(auf rechts zeigend) Hier, lieber Ferdinand, ſind Ihre Zimmer;(auf links) hier die Ihrigen, lieber Karl. Baron(für ſich). Da ſind wir in eine ſchöne Lage gekommen!— Wie wird das enden? General kfeierlich und lächelnd, halb zum Baron). Da es alſo heute an Brautführern gefehlt hat, ich auch keinen Ceremonienmeiſter beſitze, ſo muß ich dieß Amt ſelbſt verwalten.. Baron(in großer Angſt, führt ihn auf die rechte Seite des Theaters). Nein, das mußt Du mir überlaſſen! Ich habe heute Morgen ange⸗ fangen, Deinen Bevollmächtigten vorzuſtellen, und dieſe Rolle will ich auch zu Ende ſpielen. Ueberhaupt bring' die jungen Männer nicht ſo in Verlegenheit! General. Ja, was willſt Du denn eigentlich? Baron. Wie geſagt, meine Rolle ausſpielen. Setz' Dich da her in Deinen Fauteuil, Du biſt ein alter barſcher Soldat, und das iſt. eine ſehr delikate Geſchichte. Leute, wie ich, die bei Hof waren, ſind dazu tauglicher.(Immer ängſtlicher). Nun, thu' mir doch den Gefallen! — Setz Dich nieder, da lies die Zeitung. General lſetzt ſich). Du biſt wirklich ein äußerſt komiſcher Kerl! Baron(zu den beiden Damen leiſe). Der General und ich haben Einiges zu ſprechen; vielleicht läßt ſich noch heute die Geſchichte ar⸗ rangiren; jetzt küßt eurem Vater die Hand und geht in euer Zimmer. Eliſe. O lieber Onkel, ſorgen Sie für uns! Clara. Unſer Schickſal iſt in Ihrer Hand. Baron. Ich weiß ſchon, ich weiß ſchon!— Macht, daß ihr fortkommt! Eliſe(geht zu ihrem Vater). Adieu, Papa! Unverheirathete Eheleute. Clara. Bis morgen, Papa! (gehen Arm in Arm auf ihr Zimmer in der linken Seite.) (Der Baron gibt während der Zeit den beiden jungen Leuten einen Wink, die ſich ebenfalls dem General nähern.) 8 Ferdinand(der aufmerkſam den Bewegungen der beiden Damen gefolgt, für ſich). Gott ſei Dank! Der Baron rettet uns aus grenzenloſen Ver⸗ legenheiten.(Laut). General, wir ſind nicht im Stande, Ihnen genü⸗ gend zu danken für die Beweiſe väterlicher Liebe, die Sie uns gegeben. Karl. Exrcellenz, wir werden unſer ganzes Leben erkenntlich ſein! (Beide auf die rechte Seite ab.) Baron(faßt die Lehne des Fauteuils und hält ſie feſt, damit der General ſich nicht umdrehen kann). Siehſt Du nun, wie Recht ich gehabt habe! So hat ſich die Geſchichte ganz famos arrangirt, Alles iſt mit der größten Delikateſſe, mit dem größten Anſtand vor ſich gegangen. General. Sind ſie in ihren Zimmern? Baron. Verſteht ſich. General. Beide Paare? Baron. Natürlich!— Aber Du weißt gar nicht, wie viel Du mir zu danken haſt. Ich habe mich für Dich und Deine Kinder auf⸗ geopfert. 8 General(uſtig.) Nun, das muß ich ſagen, macht der Menſch nicht ein Aufhebens über ſeine, eigentlich komiſchen, Arrangements! Nun ja, nun ja! ich bin Dir auch dankbar.— Aber jetzt laß' mich aufſtehen, Du hältſt mich ja complett in meinem Stuhle feſt! Baron(für ſich). Das wäre glücklich vorüber gegangen! General(ſteht auf und wendet ſich nach hinten). Ich muß doch ein⸗ mal nachſehen— Baron(ſpringt ihm erſchrocken in den Weg). Was willſt Du nach⸗ ſehen?— Wo willſt Du hin?— Haſt denn Du gar keine Ruhe? General. Ich weiß gar nicht, wie Du mir vorkommſt! Ich will nur in den beiden Appartements einmal nachſehen, ob Alles in Ord⸗ nung iſt... Baron. Wie kann auch ein alter Menſch ſo neugierig ſein! General Clächelnd). Dann will ich aber die beiden Zimmer ab⸗ ſchließen. 8 Unverheirathete Eheleute. Baron. Und wozu das? General. Bst! bst!— eine Ueberraſchung! ſie ſollen mir mor⸗ gen nicht zu früh entwiſchen. Ich habe aus der Stadt eine Muſik beſtellt, die ſoll ihnen ein Ständchen bringen. Baron. Laß doch die Poſſen! General. Das ſind keine Poſſen. Das iſt in unſerer Familie bei jeder Verheirathung ſo gehalten worden. Davon weißt Du frei⸗ lich nichts, armer Junggeſelle. Baron. Nein, man darf keinen Menſchen zwingen, man darf keinen Menſchen einſchließen! General. Aber doch bei ſeiner Frau; es iſt ja nur ein Spaß. Aber ich weiß gar nicht, wie Du mir vorkommſt!— Dummes Zeug! — Was weißt Du davon! (Er ſchließt beide Thüren ab und legt die Schlüſſel auf den Tiſch. Der Baron will ihm nacheilen, hält ſich aber zurück und wirft ſich in ſein Fauteuil.) General(lachend). Jetzt habe ich ſie eingeſchloſſen.—— Baron für ſich.) O Gott, wenn er morgen früh die Thüren öffnet!— General. Du, ich hab' ſie eingeſchloſſen! 1 Baron(laut). Du biſt der Vater; Du kannſt thun, was Du willſſt. General. Aber Du biſt ein Narr, das kann ich Dich verſichern. Man kann aber auch in dem Punkt von Dir nichts Anderes ver⸗ langen. Wie willſt Du auch wiſſen, wie es bei einer Hochzeit zugeht? Baron. Ich habe es heute erlebt!— Zwölfter Auftritt. Vorige. Jean(mit einem Armleuchter). General(überraſcht). Ja, Menſch, was machſt denn Du noch . hier?— Habe ich Dich nicht heute von allem Dienſt diſpenſirt?— . Warum biſt Du nicht bei Deiner Frau? 3 Zean. O CExcellenz, das hat gar keine Eile. Baron. Der fehlt auch noch!, General. Iſt denn heute das ganze Haus verrückt, oder haben ſich die Zeiten geändert?— Stelle Deinen Leuchter hin und mach', daß Du zu Deiner Frau kommſt! „Unverheirathete Cheleute. 293 Zean. Aber wenn ich mir erlauben darf, gehorſamſt zu bemer⸗ ken— wenn ich heute Nacht wie gewöhnlich— General. Nun? Jean. In dem Vorzimmer Euer Excellenz ſchlief?— Es wäre wirklich beſſer ſo. General. Laß' die dummen Poſſen! Komm,, ich will Dir zeigen, wo Du hin gehörſt.(Geht nach der Mittelthür.) Iran. Aber ich verſicher' Euer Excellenz in der That, es wäre beſſer— General. Komm' nur, komm! Zean. Euer Excellenz ſollten nicht darauf beſtehen! General. Halt' Dein Maul und leuchte nach Deiner Wohnung! (General und Jean ab.) Baron. Für heute hätten wir uns nun gerettet, aber wie es Morgen gehen wird, das weiß der liebe Gott im Himmel! und dazu die unbeſonnenen jungen Leute, die ſo gar keine Ueberlegung haben, die es wahrhaftig mit Gewalt darauf anlegen, ſich zu verrathen. Nein, nein, das halt ich nicht aus!— Morgen reiſe ich ab. Dreizehnter Auftritt. Baron. General. General(kommt mit einem Armleuchter zurück). So das wäre abge⸗ macht!— Ich weiß gar nicht, was dem Menſchen eingefallen iſt! Wollte mir auf dem Hofe davon laufen. Ich hab' ihn aber noch zur rechten Zeit am Kragen erwiſcht und ebenfalls bei ſeiner Frau einge⸗ ſchloſſen. Hier iſt der Schlüſſel.— Nun, was ſagſt Du dazu: habe ich nicht Recht? Baron. O vollkommen Recht, wie immer. General. Jetzt wollen wir aber auch auf unſere Zimmer gehen. (nimmt die Schlüſſel vom Tiſch.) He! was meinſt Du, alter Knabe!— Petrus mit den Himmelsſchlüſſeln! — Paron(ſehr abgeſpannt). Das iſt ein ſchöner Himmel! (Beide ab.) Der Vorhang fällt. Unverheirathete Cheleute. Dritter Aufzug. Erſter Auftritt. 4 Dieſelbe Dekoration. Die beiden Seitenthüren ſtehen weit offen. Die Zwiſchenakt⸗Muſik ſpielt einige . Takte bei geöffneter Bühne. Baron(kerſcheint hinten im Garten, ſieht ſich rechts und links um, kommt vorſichtig vor). Es iſt doch etwas langweiliges um ſo eine Morgen⸗ muſik; aber die beiden Paare braucht ſie nicht mehr zu erwecken. ſetzt ſich) Ah!— ſo früh bin ich ſeit vierundzwanzig Jahren nicht mehr aufgeſtanden; und das nach einer Nacht, in der ich nicht eine einzige Stunde ruhig geſchlafen. Zuerſt die Alteration geſtern Abend, dann heute Nacht die ewige Furcht, ich könnte mich verſchlafen, der General käme zuerſt aus ſeinem Schlafzimmer, öffne die beiden Thü⸗ ren und fände die ſaubere Beſcheerung.— Nein, ehe ich mich wieder in eine ſolche Geſchichte einlaſſe, lieber will ich, Gott weiß was, thun! Ich bin zu dergleichen gar nicht gemacht.— Wenn mich der General forſchend anſieht, ſo meine ich immer, er weiß Alles, jetzt bricht ſein unmenſchlicher Zorn los.— Und der Mann hat in ſolchem Falle gar keine Rückſichten; ich glaube, er würde ſeinen eigenen Bruder vor den Lauf ſeiner Piſtole nöthigen, und das wegen einer ſolchen Lappalie— na, da dank' ich!— bin ich nicht heute Morgen wie ein Dieb auf den Zehen geſchlichen, um im Vorzimmer die beiden Schlüſſel zu ho⸗ len, die er dort glücklicher Weiſe auf den Tiſch gelegt?— Und wenn er jetzt kommt und hat die Schlüſſel vermißt, und findet die Thüren offen! Nein, da geht es an ein Examiniren, daß es nicht zum Aus⸗ halten iſt.— Ich glaube gar, da kommt er ſchon!— Nun, ich bin auch kein Kind; ich werde ihm tüchtig antworten, wenn er wieder Händel ſucht!(Er nimmt ſeine Zeitung und ſcheint emſig zu leſen.)— Habe ich doch die Geſchichte zum Glück ſeiner Kinder unternommen, nur, weil er ein Tyrann, ein Barbar iſt!— Ich will ihm ſchon dienen.— Zweiter Auftritt. Baron. General. General(durch die Mittelthür. Sehr ernſt und ruhig). Richtig! die Thüren ſtehen ſchon offen. Sie waren Beide im Garten.—— Ich Unverheirathete Eheleute. 295 habe mich gewiß nicht geirrt!— Nein, das hätt' ich in meinem ganzen Leben nicht erwartet! Ah Hektor, Du biſt auch ſchon da?— Guten Morgen, Bruder! Zaron(der immer fort liest, etwas barſch). Guten Morgen! General. Du biſt heute ungemein früh auf, lieber Bruder. Baron. Pah! Das kommt bei mir oft vor. Du ſiehſt es nur nicht immer. General. Das kann ſein, Hektor; aber heute Morgen wünſcht' ich faſt, Du hätteſt länger geſchlafen. (Der Baron ſieht ihn fragend an.) Doch iſt es vielleicht auch ſo gut. Baron. Ja, ich denk' auch, es kann nichts ſchaden, wenn ich früh aufſtehe.— Das Vergnügen wirſt Du mir doch wohl gönnen? General. Gönnen?— Vergnügen gönnen? Ich weiß gar nicht, lieber Hektor, wie Du mir vorkommſt?— Habe ich Dir je etwas mißgönnt? 1* Baron. Nein. Freilich nicht, aber Du— Du— eraminirſt mich immer! General(für ſich). Ich weiß nicht, mein Bruder iſt heute ſo auf⸗ geregt.— Sollte er etwas davon wiſſen? Baron(für ſich). Dieſe Ruhe meines Bruders!— er ſpricht ſo ſanft — Dahinter ſteckt etwast Um Gotteswillen! er wird doch nicht jetzt ſchon etwas erfahren haben! General ſſetzt ſich auf die rechte Seite. Nach einer kleinen Pauſe). Du haſt die beiden Thüren da aufgeſchloſſen,— Du haſt die jungen Leute aus ihren Zimmern gelaſſen?. Zaron. Allerdings habe ich das gethan!— Du wirſt doch nichts dagegen haben? General. Nicht das Geringſte. Zaron. Nun, das iſt mir lieb. Ich dachte ſchon, es wär Dir wieder nicht recht geweſen.. General. O mein lieber Hektor, Du biſt ja mein beſter Freund; was Du thuſt, iſt ja, als wenn ich es ſelbſt thäte. Ich habe die beiden Paare auch nur zum Scherz eingeſchloſſen. Zaron(ür ſich). Der Mann wird gar nicht heftig, ich kann ſagen, 296 Unverheirathete Eheleute. was ich will.— Schlimm! Schlimm!— Was mag da geſchehen ſein? — Vielleicht haben die beiden Mädchen geplaudert, und er iſt nun daher gekommen, um mich ſachte in's Verhör zu nehmen, um mich von unten herauf lebendig zu rädern. General efeufzt tief auf und ſchüttelt den Kopf.) Baron(für ſich). So habe ich ihn nie geſehen.(Laut). Ich ging gerade durch Dein Vorzimmer, da ſah ich die beiden Schlüſſel liegen; ein prächtiger Morgen iſt's, da denk' ich; Du willſt die armen Ge⸗ fangenen erlöſen,— und ſie ſind gleich hinaus in den Park gegangen. General. Alle Vier? Baron. Alle Vier!— Verſteht ſich— Eigentlich wir fünf, denn ich ging auch mit. Es iſt köſtlich draußen;(will aufſtehen) und wenn Du nichts Beſonderes für mich haſt, ſo promenire ich noch ein Bischen herum. General. Es wäre mir in der That lieber, wenn Du noch eine Weile bei mir bliebeſt, ich habe mit Dir zu reden. Baron(für ſich). Gott! Er hat mit mir zu reden!(Laut.) Ja, ja, lieber Bruder, das iſt was Anderes, wenn Du mit mir zu reden haſt, allerdings. Doch ich will nur eben ſagen, daß man mein Pferd ſattelt;— ich könnte mich vielleicht veranlaßt ſehen, ſpäter einen län⸗ geren Spazierritt zu machen. General. Wenn Du wilſt, lieber Hektor— ich begleite Dich ſpäter auf Deinem Spazierritt. Baron(für ſich.) Das wird ernſthaft!(Laut). Aber die Schmerzen in Deinem Fuße?— General. Fühle ich nicht mehr.(Auf ſein Herz deutend.) Hier ſchmerzt mich etwas, worüber ich alle andere Leiden gern vergeſſe. Baron(für ſich, ſehr erſchroceen). Es iſt richtig!— Er hat mich! General. Ich weiß nicht, mein Bruder, ob Dir nichts Abſon⸗ derliches aufgeſtoßen; aber in meinem Hauſe iſt nicht Alles, wie es ein ſollte. Baron(für ſich). Er hat mich!— General. Vielleicht, daß Du nichts davon weißt. In dem Falle will ich ruhig mit Dir ſprechen, ganz ruhig, und Du wirſt Dich ent⸗ etzen,(etwas heftiger) denn wenn Du darum wüßteſt, lieber Hektor,— Unverheirathete Cheleute. 297 doch nein, ich wäre feſt überzeugt, Du würdeſt der Erſte geweſen ſein, der mich davon in Kenntniß geſetzt! Baron(mühſam, aber laut). Kanſt Du zweifeln?—(für ſich.) Er hat mich ganz gewiß! General. Erinnere Dich der geſtrigen Scene zwiſchen Eliſe und Ferdinand,— ein Streit am Hochzeitstage iſt doch eigentlich etwas Unerhörtes. Ich habe aber Alles auf das heftige Temperament der beiden jungen Leute geſchoben; man zankt ſich— man verſöhnt ſich wieder,— wir kennen das ja!— Ich hatte nichts dahinter geſucht; aber heute Morgen ſind mir entſetzlich die Augen geöffnet worden!— dem Streit liegt eine andere fürchterliche Urſache zu Grunde. Baron. Du erſchreckſt mich! General. Die beiden jungen Leute lieben ſich nicht— werden ſich — nie lieben— 1 Baron ſſich vergeſſend). Das habe ich lange gewußt! General. Das haſt Du lange gewußt? Baron. Nein, nein, lieber Bruder!— ich verſprach mich!— ich wollte Dir ſagen— was ich Dir ſchon oft geſagt habe— Du wirſt Dich erinnern, ich habe Dir das ſchon oft geſagt— die beiden Charaktere— paſſen durchaus nicht zuſammen.— Du ſiehſt, ich hatte Recht! 4 General. Das wäre entſetzlich! Aber höre, was ich auf dem Herzen habe! Daß meine Töchter ihre Männer bis jetzt nicht ungemein lieben, das habe ich wohl gewußt, das hätte ſich ſpäter gefunden. Aber daß Ferdinand ſeine Frau haßt, iſt mir fürchterlich.—— Er haßt ſie, und weßhalb glaubſt Du wohl? Baron(für ſich ſehr erleichtert). Er ſcheint doch nichts zu wiſſen, ich athme wieder auf!(Laut): Aber was Du glaubſt, General, o da⸗ von iſt keine Rede!— Ferdinand und Eliſe ſollten ſich haſſen?— Kein Gedanke! O da kannſt Du ganz ruhig ſein!— Daß vieleeicht keine glühende Liebe da iſt, wohl möglich— ja wahrſcheinlich; aber das wird ſich machen, wie Du ſelbſt ſagſt. General. Du ſuchſt mich zu beruhigen, das iſt ſehr ſchön von Dir.— Aber die Sachen ſtehen viel ſchlimmer. Ferdinand, der mit ſeiner jungen Frau am Hochzeitstage einen Streit anfing— o, ich 298 Unverheirathete Eheleute. kann es kaum ausſprechen!— Ferdinand——— liebt ſeine Schwä⸗ gerin Clara. Baron(mühſam lachend, da er ſieht, wie der General heftig wird.) Ha! ha! ha!— Das wär' komiſch! General. Komiſch?— Was die Ehre meines Hauſes verletzt, nennſt Du komiſch?— Baron. Gott ſoll mich bewahren; nur Deine Idee nenne ich komiſch.— Wie kann Dir ſo etwas einfallen?— Eine ſolche Täuſchung! General. Es iſt keine Täuſchung, was ich mit meinen Ohren gehört, mit meinen Augen geſehen habe. Baron. Du haſt Dich gewiß geirrt.— Ich bitte, ſieh' Dir die Sache genauer an! General. Das werde ich auch und jetzt gleich!— O hätte ich mich geirrt!— aber es iſt unmöglich. Baron(für ſich). Das glaube ich auch!— Dieß leichtſinnige junge Volk! Da ſtecken ſie immer bei einander. General. Was ſagſt Du, lieber Bruder? Baron. Nun, ich habe geſagt, ſie ſtecken immer bei einander, alle Vier,— die beiden Paare, und da haſt Du Dich wahrſcheinlich getäuſcht. General. O ich kenne meine Kinder zu genau. Es war Ferdi⸗ nand und ſeine Schwägerin Clara. Sie gingen Arm in Arm durch die Platanen⸗Allee, und plötzlich blieben ſie ſtehen, und Ferdinand küßte ſeine Schwägerin auf's Zärtlichſte. Baron. Nun ja,— das kann ſchon vorkommen. General. Das kann vorkommen?— Am Hochzeitsmorgen?— Du haſt ſchreckliche Grundſätze!— Und dann hört' ich einige Worte, die ich um Alles in der Welt lieber nicht gehört. Baron. Pah!— Ich kann mir unmöglich ſo Schlimmes denken. General. Nach dem, was ich geſehen, ſchien mir, als wenn Ferdinand und Clara ihre Schritte hieher gerichtet hätten.— Es iſt mir ein ſchrecklicher Gedanke, meine Kinder zu belauſchen, aber unter ſolchen Verhältniſſen halte ich es als Vater für meine Schuldigkeit; und darin wirſt Du mir Recht geben. Baron. O vollkommen Recht! Unverheirathete Eheleute. 299 General. Du ſollſt mich begleiten; komm' mit in den Garten, wir behalten die Thüre im Auge und ſehen, was hier vorgeht. Baron. Aber General! General. Die arme Eliſe!— Aber ich weiß, welche Schritte ich zu thun habe!— Wenn ich nicht irre, kommen ſie dort ſchon! Baron(für ſich). In welcher Situation bin ich?(Laut) Aber Du irrſt Dich, das iſt ja Karl und Eliſe(ſehr laut, als wenn er ihnen rufen wollte). Ah! lieber Karl! General(ärgerlich). Was ſoll Dein Schreien?— Sei doch ſtill! Du biſt in der That ein alter lächerlicher Narr.— Komm! (Er faßt ſeinen Bruder am Arm.) Baron(im Abgehen). Wenn Sie mich nur gehört haben!— Die werden ſich auch nicht in Acht nehmen. Dritter Auftritt. Karl und Eliſe. Karl. Aber Eliſe, den ganzen Morgen gönnſt Du mir kein freundliches Wort!— Du gehſt ſinnend umher und ſchlägſt Deine Augen zu Boden; für mich keinen Deiner lieben Blicke. Eliſe. Denk' an die Lage, in der wir uns befinden. Wüßteſt Du, wie Clara und ich während der ganzen Nacht geweint haben, was wir gelitten! Mein Herz iſt voll Angſt und Furcht, ein Wort, ein Blick, ein fallendes Blatt jagt mir Schrecken ein. (Der General, der ſeinen Bruder feſthält, erſcheint an der Thür.) Jeder Laut ſagt mir, wir ſind verrathen!— Und das iſt gewiß, Karl, von unſerem Vater haben wir keine Verzeihung zu erwarten: wir haben ihn zu grenzenlos betrogen. Laß' mich, Karl, es iſt beſſer, wir ſehen uns nicht allein. Karl. So liebſt Du mich nicht mehr, ſo haſt Du mich nie ge⸗ liebt; ſo waren all' die ſüßen Worte, die ich aus Deinem Munde ge⸗ hört, unwahr, ſo hat Dein Herz nie— nie für mich geſprochen? Eliſe. O Karl, dieſe ungerechten Vorwürfe!— Aber bedenke die neuen, ganz anderen Verhältniſſe, in denen wir uns befinden. Gewiß, Karl, wie kann ich Dir offen ins Auge ſchauen und kann Dir ſagen: ich liebe Dich!? 4 300 Unverheirathete Eheleute. Karl. Aber laß mich hoffen, Eliſe. Nicht wahr, Du entziehſt mir Dein Herz nicht? In einiger Zeit wird ja Alles beſſer werden! Eliſe(macht einen Schritt nach der Thüre). Karl. Laß' mich nicht allein, entfliehe mir nicht wieder, gebe mir nur ein kleines Zeichen, daß Du mich liebſt; laß' mich Deine Hand küſſen! (Während Eliſe nach ihrem Zimmer links geht, winkt ſie ihm mit der Hand zurück.) Karl lergreift ihre Hand und küßt ſie innig). O meine Eliſe! (Bei den letzten Reden will der General vortreten. Der Baron hält ihn mühſam zurück, und Beide verſchwinden, als Karl ſich umwendet und zur Mittelthüre 4 hinaus will) Vierter Auftritt. Karl. Baron. Nachher General. Baron.(ganz alterirt). Nein, das iſt zu ſtark!— Plagt denn euch insgeſammt der Teufel?— Machen Sie, daß Sie fort kommen! Karl(luſtig). Zu meiner jungen Frau?— O, es preſſirt mir gar nicht! Baron. O, euch preſſirt gar nichts, nur eure Leidenſchaften!— Müßt ihr denn euch und mich zu Grunde richten? Karl. Ach, Sie ſehen immer Geſpenſter! (Der General erſcheint unter der Thüre ernſt und ruhig.) Und dann Baron wiſſen Sie ja, wie ſehr ich Eliſe liebe! Baron(ergrimmt). Unglücklicher, ich weiß gar nichts!— Ihre Frau ſollen Sie lieben, ſonſt nichts auf der Welt! Karl. Aber Baron, Sie kommen mir ſpaßig vor!— Wie kann ich denn meine Frau lieben? Baron(faſt weinend). Eine ſo ſchöne junge Frau! Karl. Aber Sie wiſſen ja ſchon lange, wie ſehr ich Eliſe liebe, anbete!— General(mit tiefer Stimme, indem er ſich an die Stirne faßt). Das wußte Hektor ſchon lange?———— Karl(erſtaunt). Der General! Baron. Ja, der General, Unglücklicher! General(vortretend zu Karh). Fort aus meinen Augen! (Er geht in den Vordergrund und ſtützt ſich tief erſchüttert auf ſeinen Fauteuil.) Unverheirathete Cheleute. 301 Baron. Sie haben Alles verdorben!— Machen Sie, daß Sie fortkommen!(Karl ab). Und ich?— Bleibe ich?— Es iſt beſſer, ich laſſe ſatteln und reite ein Bischen nach der Stadt.(Ab.) Jünfter Auftritt. General. Nachher Kammerjungfer. General(allein). Unglücklicher Vater, der ich bin!— Das muß ich an dieſen Kindern erleben, an Kindern, die ich erzogen, die bis heute folgſam und gut erſchienen, das muß ich an meinen Kindern erleben!— Großer Gott!— Wie mich das tief erſchüttert!— Und Beide!— Beide!— Und es ſind nicht blos leichte Vergehen, die ich entdeckt, kleine Fehler!— nein, es ſind Verbrechen gegen die Geſetze der Natur!— Fürchterlich! fürchterlich!— Die Schweſter liebt ihren Schwager!— nein— beide Schweſtern ihre Schwäger, und beide Männer meiner Töchter ihre Schwägerinnen!— Ein ſolches Unglück in meiner Familie, in einer Familie, die bis jetzt tadellos dageſtanden, deren Glieder ſich von je beſtrebt, ein anſtändiges Leben zu führen, rein vor der Welt da zu ſtehen!— Und wie hatte ich auf dieſe Verbindung gehofft!— Welche Luftſchlöſſer hatte ich gebaut!— Und das Alles, „Alles zerſtört!(heftiger). Aber ſie ſollen mir dafür büßen, die Verbrecher, ſie ſollen nicht glauben, daß ich am Ende den guten Vater ſpiele, daß ich mich durch Thränen erweichen laſſe, und ihre entſetzlichen Laſter für leichte Verirrungen nehme!— (Die Kammerjungfer kommt aus dem Zimmer links und bleibt erſchrocken ſtehen, da ſie den General ſo heftig ſprechen hört.) Dieſe Mädchen, ſo gut erzogen, ſonſt ſo brav und anſtändig!— Ha, die Verführer, die mir mein Beſtes geraubt, die Tugend meiner Kinder!—(immer heftiger). Sie will ich exemplariſch züchtigen! (Er nimmt ſeinen Stock vom Tiſche.) Und wer im Hauſe um dieſe Ge⸗ ſchichte gewußt hat; wehe! ihm wäre beſſer, er ſeie nicht geboren!— Es ſoll keine Schonung gelten, keine Schonung!— Ich ſehe ſchon klar in der Sache; ſtrafen will ich ſie mit ihren Helfershelfern, und jetzt gleich damit anfangen! (Er wendet ſich in der höchſten Leidenſchaft nach der Mittelthür und ſteht plötzlich der Kammerjungfer gegenüber, die über dieſen Anblick vor Schrecken in die Knie ſinkt. 302 Unverheirathete Eheleute. Kammerjungfer. Gnade, Excellenz!— Gnade! General. Was ſoll's?— Was gibt's?— Was will Sie? Kammerjungſer. Gnade, Excellenz! Ich bin ja vollkommen un⸗ ſchuldig! General Steh' auf!— Woran biſt Du unſchuldig? Kammerjungfer. Ach, Excellenz, hat Jemand mehr unter dieſen traurigen Geſchichten gelitten, wie ich? General. Du?— Ha, ich glaube ſchon, daß mein Strafgericht beginnt! 1 Kammerjungfer. Ach, Exellenz, ich bin gewiß unſchuldig; ich verſichere Euer Excellenz, ich habe ſeit dem Augenblick keine Ruhe mehr gehabt, nicht bei Tag, nicht bei Nacht.. General. Was geht mich Deine Ruhe an?— Seit wenn weißt Du von der Geſchichte? 4 Kammerjungfer. Seit geſtern, Excellenz, als wir zur Trauung fuhren. General. Erſt ſeit geſtern?— Unglückliche, und Du weißt dieſe ſchrecklichen Geſchichten ſo ganz genau, und dieſes Entſetzliche iſt ſo gewiß, iſt ſo ganz gewiß? Kammerjungfer. Ja, Excellenz, da iſt nichts daran zu läugnen. General. Ferdinand liebt meine Clara? Kammerjungfer(weinend). Ach, das wäre an ſich kein Unglück! General. Kein Unglück ſagſt Du?— Und Karl liebt Eliſe— das nennſt Du kein Unglück?. Kammerjungſer. Ach Excellenz, das Andere iſt doch noch viel ſchlimmer; und ich hab' es ja immer geſagt, man ſollte ſo etwas nicht thun, ach ja, das iſt doch gewiß viel ſchlimmer. General(aufmerkſam). Unglückliche, was iſt ſchlimmer?— Was iſt noch ſchlimmer, als jene verbrecheriſche Liebe?— O Gott, was werde ich hören? Kammerjungfer(ſieht den General erſtaunt an). Ja meinten Euer Excellenz nicht vorhin wegen der Trauung— 2 General. Wegen welcher Trauungg Kammerzungfer(ängſtlich). Nun wegen der Scheinheirath! General. Weib, wegen welcher Scheinheirath? Unverheirathete Cheleute. 303 Kammerjungfer(weinend, nachdem ſie den General einen Augenblick ſtarr angeſehen y. O Gott, Excellenz, ich weiß nicht, was ich ſpreche!— O laſſen mich Euer Excellenz um Gotteswillen gehen!— Ich habe ja ohne allen Sinn geſprochen. General(feſt und beſtimmt). Flora, Du kennſt mich!— Was iſt es mit der Scheinheirath?— Sprich Unglückſelige, ich will Alles wiſſen! Kammerjungfer. Ach, Cxcellenz, das iſt aber gar zu fürchterlich; Sie wiſſen es nicht—? Ich ſoll Alle verrathen? General. Sprich! Kammerjungfer. Den Morgen— geſtern Morgen— als wir drei Paare in die Kirche fuhren, getraut zu werden, Herr Ferdinand mit Fräulein Eliſe, Herr Karl mit Fräulein Clara, Jean und ich, da— General. Weiter! Kammerjungfer. Da wurden wir nicht getraut. General. Nicht getraut? Kammerjungfer(weinend). Nein Excellenz nicht getraut! General l(erſchrocken). Das heißt, Du wurdeſt nicht getraut? Aber meine Kinder Eliſe und Clara; ſie wurden doch mit ihren Männern verheirathet? Kammerjungfer. Nein Excellenz. General. Bin ich denn ein Narr, oder ſprichſt Du im Fieber? — Karl und Ferdinand wären nicht ſeit geſtern die Männer meiner Töchter? Aarnneriäher Nein Excellenz. General. O gerechter Gott, welcher Betrug!— Und doch ein Hoffnungsſtrahl!— Alſo lieben ſie nicht ihre Schwägerinnen, aus dem einfachen Grunde, weil ſie keine haben?———(Pauſe.) Aber wenn mir auch das eine Beruhigung wäre, ſo hat ſich doch auf der anderen Seite die Geſchichte um ſo fürchterlicher verwickelt!(ernſt und düſter.) Ich bin ein unglücklicher Mann!———— Die CEhre meines Hauſes iſt dahin.(Er faßt die Lehne des Fauteuils.) Ich habe meine Töchter geſtern Abend bei zwei jungen Männern eingeſchloſſen! Er ſinkt in ſeinen Fauteuil.) Fürchterlich!(Pauſe. Er ſpringt wieder auf). Aber mein Bruder!— Wo iſt mein Bruder?— Hektor ſoll augen⸗ blicklich zur Stelle!(zur Kammerjungfer) Fort!— Jean ſoll meinen 304 Unverheirathete Eheleute. Bruder aufſuchen— Jean ſoll meinen Bruder daher bringen!— Fort! mir aus den Augen!(Kammerjungfer weinend durch die Mittelthüre ab.) General. Mit mir ein ſolches Spiel zu treiben!— Mein Bru⸗ der, meine Kinder, meine eigenen Kinder, und zwei junge Leute, mit denen ich es ſo gut gemeint!— Und das Alles ohne Grund; all' dieß Unglück ohne Grund!— Und es iſt ein Unglück, wenn man ſeine Töchter bei zwei jungen Männern einſchließt!— Und das habe ich— der Vater, gethan!— Aber wo bleibt Hektor? Fechster Auftritt. Der General. Jean(im Hintergrund). Jean.(Indem er ſehr laut ſpricht, blickt er rechts in den Garten). Ex⸗ cellenz wünſchen, der Herr Baron mögen die Gnade haben, nur einen Augenblick herein zu kommen! General. Er ſoll gleich kommen, gleich! Jean. Seine Excellenz wünſchen, daß der Herr Baron ſogleich kommen! General. Nun, warum kommt er nicht? Jean. Der Herr Baron ſteigen ſo eben zu Pferd, um einen längeren Spazierritt zu machen! 1 General. Uff! mein Fuß!(hinkt langſam nach der Mittelthüre). Er ſooll aber keinen Spaziergang machen; er ſoll daher kommen. Zean. Der Herr Baron möchten lieber keinen Spazierritt machen, ſondern gefälligſt daher kommen. General. Halt dein Maul, dummes Echo! Jean(eiligſt). Der Herr Baron ſind bereits aufgeſeſſen! General leilt an die Mittelthüre. Mit ſehr lauter Stimme, während Jean an ihm vorbei in's Zimmer ſchlüpft, und ſich die Hände reibt). Hektor!— Hektor!— Ich bitte dich ganz gehorſamſt, einen Augenbtick da her⸗ zukommen; oder wenn Du es vorziehſt, ſo reite ich mit Dir ſpazieren. (während er abgeht) Hektor, hörſt Du nicht?— Man ſoll mein Pferd ſatteln!— Augenblicklich!— Und dann ſoll ein Donnerwetter hinein ſchlagen! Unverheirathete Eheleute. 5 Kiebenter Auftritt. Jean. Später Kammerjungfer. Jean(allein). Gott ſei Dank, die Bombe iſt geplatzt!— Das wird einen fabelhaften Spektakel geben, und ich habe das ungeheure Ver⸗ gnügen, den Alten lärmen zu hören, ohne daß es mich angeht. Vom beſtändigen Mitſpieler bin ich zum Zuſchauer geworden.— Das Ge⸗ witter, das da herauf zieht, wird ſeine Früchte tragen. Es wär' doch kein Menſchenverſtand, wenn der General nach allem dem noch hei⸗ rathen ließe.— Nein, das wird nicht ſtattfinden.— Gott ſei Dank, auch ich geh' nochmals frei aus! Kammerjungfer leilig aus der Mittelthüre). Ach Jean, das Unglück! — Gott, dieſe Auftritte!— Seine Excellenz wiſſen Alles und führen den Herrn Baron ſo eben hieher. Zean(zieht ſein Sacktuch und affektirt einige Thränen). Flora, Sie wiſſen— Du weißt Flora, wollte ich ſagen— o Gott! nein, nicht mehr dieß vertrauliche Du— Sie wiſſen, wie ſehr ich Dich geliebt, wie es mein heißeſter Wunſch war, mit Ihnen unaufhörlich verbunden zu ſein.— Aber als Haupttugenden meiner künftigen Gattin, dachte ich mir erſtens Treue, zweitens Treue, und drittens Treue. Kammerjungfer. Warum dieſe Worte?— Kannſt Du an mir zweifeln, Jean? Jean(mit feierlicher Stimme). Und drittens Treue!— Treue gegen mich, aber vor allen Dingen Treue gegen die Herrſchaft! Du aber warſt treulos, Du warſt treulos, der Herrſchaft und mir. Du warſt eine Verrätherin an Deiner Herrſchaft— fahre hin! (Kammerjungfer will reden.) Schau' mir nicht in mein Angeſicht, laß' es mich verhüllen ob dieſer unglückſeligſten aller Stunden!(Er geht rechts ab.) Kammerjungfer. Auch das noch!— Ich bin die bejammerns⸗ wertheſte aller Frauen— nein, aller Mädchen!(Links ab.) Achter Auftritt. General. Baron. Baron(die Hände auf dem Rücken, ſpricht, wie um ſich ſelbſt Muth zu machen.) Ja, ja, Du ſollſt Deinen Willen haben!— Ja, ja, Du Hackländer, Kr. u. Fr. II. 20 a 306 Unverheirathete Cheleute. ſollſt Deinen Willen haben! Natürlich, wie immer; ich reite nicht ſpazieren, wenn Du es nicht wünſcheſt.— Ich bin ſchon dal ich bin ſchon da! Man wird das ſo allmälig bei Dir gewohnt, daß man gar keinen eigenen Willen mehr haben kann.— Gar keinen eigenen Willen mehr. General(ernſt und ruhig). Hektor, es wäre beſſer, wenn Du mich nicht obendrein zu reizen ſuchteſt! Zaron. Ich Dich reizen?— Gott ſoll mich bewahren!— Fällt mir nicht ein, ich muß genug hören, ohne daß man Dich reizt.— Nun, hier bin ich; was ſoll's weiter?— Das muß ich Dir ſagen, Eugen, ich bin eigentlich kein Kind und wenn Du glaubſt— General(beeſtimmt). Setz' Dich! Zaron. Ja, das kann ich auch thun— Warum nicht? (Setzt ſich auf die linke Seite, der General auf die rechte.) (Pauſe.)— General(ſpringt heftig auf, ſehr laut). Hektor, was hab' ich hören müſſen?(Sich faſſend). Doch nein, ich will mich mäßigen, die Sache iſt zu wichtig.(Setzt ſich wieder nieder)] Du wirſt die Güte haben, mir zu antworten. 8 Baron. Das kann ich ſchon thun, es kommt mir nicht darauf an. (Ganſe.). General. Ich habe Dich, meinen Bruder, geſtern gebeten, an meinen beiden geliebten Kindern an ihrem wichtigſten Tage Vaterſtelle zu vertreten. Weißt Du, was das heißt, Vaterſtelle zu vertreten. BZaron. Ich habe nur einen ſehr undeutlichen Begriff davon. General. Das weiß Gott!— Ich bat Dich, meine Kinder zum Altar zu führen, und dort bei ihrer Verheirathung gegenwärtig zu ſein, bei ihrer Verheirathung mit zwei Männern, die ich für meine Töchter ausgeſucht.— Haſt Du meinen Wunſch, meinen Auftrag vollzogen? Baron(uckt die Achſeln). 8 General(ſehr laut). Nein, das haſt Du nicht gethan?— Du haſt dieſen wichtigen und ehrenvollen Auftrag, den ich Dir ertheilt, nicht vollzogen! Du haſt gegen mich conſpirirt, Du haſt durch dieſe Unterlaſſung, durch dieſe Falſchheit gegen mich namenloſes Unglück, ja Schande über mein Haus gebracht. Baron. Ohl! oh! Unverheirathete Cheleute. 307 General. Unglück und Schande! Baron. Oh!— Ohl— Du ſiehſt mich erſtaunen; Du häufeſt Vorwurf auf Vorwurf auf mich. (Pauſe.) Doch ich bleibe ganz ruhig. Ich habe mir vorgenommen, ganz ruhig zu bleiben. Ich werde nicht heftig werden. General. Du willſt nicht heftig werden? Das iſt lächerlich!— ——— Nun, meinetwegen! Baron. Allerdings De noege⸗ Höre mich an und— dann — dann———— will ich meinen Spazierritt machen.— Du ſprachſt mir geſtern von der projektirten Heirath. Mit Deinem gewöhnlichen Starrſinn hatteſt Du dieſelbe beſchloſſen, ohne Dich bei den Betreffen⸗ den zu erkundigen, ob ſie ſich auch Deinem Willen fügen würden, ob ihre Herzen auch frei ſeien, ob ſie ſich zu einer Verbindung entſchließen könnten, wie ſie der Papa und———— General kommandirt. General. Hektor!—— Doch weiter! Baron(für ſich). Wenn ich nur von dieſem verfluchten Platz weg wäre!(ſich mühſam faſſend, um wieder in den vorigen Ton zu fallen). Dul wirſt Dich erinnern, wie ich Dir auf dieſem Platz hier von jener Verbin⸗ dung abrieth, wie ich Dir zu verſtehen gab, daß die Paare ſo, wie Du ſie zuſammen beſtimmt, nicht zuſammen paſſen. Ich war meiner Sache gewiß, denn ich wußte— was Du mit Deinem großen Verſtand freilich nie geſehen haſt— daß Ferdinand Deine Clara liebt, und Karl Deine Eliſe. General(der auf ſeinem Seſſel zuſammengeſunken iſt). Das wußteſt Du, Hektor? Das wußte mein Bruder, und Du ſagteſt mir nichts davon? — Du ließeſt mich in dem feſten Glauben, die Herzen meiner Kinder ſeien frei, ich könne nach meinem Willen über ſie verfügen? Baron. Du haſt gut fragen; wie kann man mit Dir ein ruhiges Wort ſprechen?— Haſt Du nicht geſtern Morgen alle Teufel herauf beſchworen, und haſt geflucht und gewettert, Dich ſollte keine Macht von Deinem Entſchluſſe abbringen?— Haſt Du dieß nicht gethan?—— General(düſter). Es iſt wahr, ich bin zuweilen etwas heftig. Baron(ermuthigt). So ſpricht man nicht mit einem Bruder, mit einem Bruder, der es gut meint.(Für ſich). Ich kann mich wahrhaftig Unverheirathete Eheleute. noch herausreden.(Laut). Ah, das thut man nicht!(Für ſich). Aber die Sache ſcheint ihn in der That entſetzlich anzugreifen. Es wäre mir wirklich lieber, wenn er etwas heftig würde.— Dieß Schweigen iſt mir ängſtlich———— und er macht ſo ein wehmüthiges Geſicht. General. Ich bin in der That ein unglücklicher Mann. Ich hatte bis jetzt ſolche Freude an meinen Kindern erlebt! Aber das überlebe ich nicht!(Er zieht ſein Sacktuch hervor.) Baron(für ſich, zieht ebenfalls ſein Sacktuch). Der Mann mißfällt mir. Jetzt hat er ſogar ſein Sacktuch herausgezogen.(Wehmüthig.) Wenn er nur recht ſchimpfen wollte! General(ſteht auf und reicht ſeinem Bruder die Hand). Hektor! Baron. Eugen! 7 General(ehnt ſich an ihn). Mein Bruder! Baron(faſt weinend). Mein Bruder! General(drückt ſein Sacktuch an die Augen). Baron. Aber lieber Bruder, ich ſehe ein, daß ich gefehlt habe, aber ſo tief ſollte Dich die einfache Sache doch nicht alteriren. Verzeihe es den jungen Leuten, vor allen Dingen aber mir, als einen harmloſen Scherz, der gar keine Folgen haben kann. General. O Hektor, er kann Folgen haben! Baron. Welche denn, lieber Bruder?— Der Pfarrer weiß nichts Genaues, die jungen Leute werden nicht darüber ſprechen, Du gibſt nochmals Deinen Segen, ſo läßt ſich die Sache machen. General. Nein, es läßt ſich nicht ſo machen; Ferdinand liebt Clara, Karl Eliſe, und ich—— ich habe ja geſtern Abend die beiden Paare ganz anders eingeſchloſſen. Baron lerſtaunt). Und das macht Dir ſo viel Kummer? O das iſt recht komiſch! 8 General. Das nennſt Du komiſch?— Bruder, ich kenne Dich gar nicht mehr! Baron(vergnügt). Ah, das iſt in der That zu komiſch, wenn Dich nichts weiter quält.—. General(mit einem tiefen Athemzuge, heftiger). Hektor, ich habe mir Gewalt angethan, ich habe mich mit einer Kraft gemäßigt, die ich mir ſelbſt nicht zugetraut. Ich hätte Dir, was Du mir gethan: verziehen, — — — Unverheirathete Cheleute. —— ich habe Dir Deine— Perfidie ruhig vorgehalten(ſeufzend). Ich hätte Alles verziehen, denn ich trage die Hauptſchuld, aber es 8 empört mich, daß Du eine Sache, welche die Ehre unſeres Hauſes ſo nahe angeht, komiſch finden kannſt. Baron(fällt lachend in ſeinen Stuhl). General. Biſt Du toll geworden, Hektor?— Rede, oder ich vergeſſe mich!(Er faßt ſeinen Arm.) Baron. Nun, laß' mich nur los! Daß Du doch gar keinen Scherz verſtehen willſt! General(ergrimmt). So etwas kann nur ein alter, unnützer Hageſtolz ſcherzhaft finden! Und glaube nicht, daß ich mich dazu her⸗ geben werde, das— Unglück meiner Töchter durch eine andere Heirath wieder gut zu machen. Lieber ſoll Alles zu Grunde gehen! Neunter Auftritt. 8 2 Die Vorigen. Karl. Ferdinand. Eliſe und Elara. Später Jean und. Kammerjungfer. 2 8 Clara. Verzeihung, mein Vater! Eliſe. Laſſen Sie das Schreckliche, was wir ſeit geſtern ausge⸗ ſtanden, unſere Strafe ſein!(General hebt die Hand vor die Augen.) O mein Vater, wenden Sie Ihre Blicke nicht von uns; wir haben ſehr gefehlt, unendlich gefehlt. Ach, wir hatten nicht den Muth, gegen Sie aufrichtig zu ſein. Clara. Wir liebten ſchon lange— Eliſe(ucht ſeine Hand zu faſſen). Nur einen Blick, Vater! Nur ein Wort der Verzeihung! General. O, meine armen Kinder, meine unglücklichen Mädchen; euer ganzes Lebensglück iſt zerſtört! Eliſe. Gewiß nicht, lieber Vater, wenn Du uns verzeihſt! Clara. Gewiß nicht! Eliſe. Mach' uns glücklich, und Dich durch uns! General(düſter). Es iſt zu ſpät! gerdinand. O General, Verzeihung für die Uebereilung, die wir begangen! General (wehmüthig, nachdem er ſie betrachtet). Oh!— es iſt zu ſpät! X Unverheirathete Eheleute. Karl. Excellenz, es iſt gewiß nicht zu ſpät! o wenn Sie wüß⸗ ten, wie ſehr ich Eliſe liebe!— Ferdinand. Und daß ich ohne Clara nicht leben kann!— Machen Sie uns glücklich, willigen Sie in unſere Verbindung! F General. Was ſoll mein ganzes Haus, was ſoll die Welt da⸗ von denken?— Nein, es iſt unmöglich!— Ich erkenne euren gegen⸗ ſeitigen Edelmuth an, aber nach dem, was hier vorgefallen, kann von einer weiteren Verbindung keine Rede ſein. erdinand. So bin ich der unglücklichſte aller Menſchen! Karl. Mein ganzes Lebensglück iſt zerſtört! Eliſe. Unmöglich, Vater, Du kannſt mich nicht von Karl's Seite reißen! Clara. O Papa, ich kann Ferdinand nicht vergeſſen! Baron(zu ſeinem Bruder, indem er den beiden Paaren winkt, zurückzu⸗ treten). Lieber Bunder, blamire Dich nicht vor der Welt und dem ganzen Publikum!(General will auffahren.) Stille! ich weiß, was Du ſagen willſt.— Du haſt freilich geſtern Abend die beiden Paare ein⸗ geſchloſſen, doch vergiß nicht, daß ich dabei war, daß ich um Alles gewußt; Karl und Ferdinand waren dort, Eliſe und Clara auf der anderen Seite. General(erfreut). Ah! Baron. Siehſt Du, ich habe doch noch Recht; deßhalb ſagte ich Dir auch geſtern Abend, man müſſe keinen Menſchen zwingen. General. Hektor, ich danke Dir! Baron. Laß' aber die Kinder um Gotteswillen nichts von Dei⸗ nen ſchrecklichen Ideen merken. Spiele noch ein paar Augenblicke den hartherzigen Vater, das iſt Styl beim letzten Akt einer ſolchen Ko⸗ mödie, und dann gieb nach!— Du ſiehſt, wie die armen jungen Leute auf die Entſcheidung harren. k General(zu ſeinem Bruder). In Gottes Namen! Das hat mich ganz glücklich gemacht. Baron(laut). Hm!— Hm! General(ebenſo, wie zornig). Hm!— Hm! Baron(mit Pathos). Verzeihung, General!— Wenn Du Deinen Zorn nicht mäßigen kannſt, ſo laß' ihn auf mein Haupt fallen!— ——— Unverheirathete Eheleute. 311 Ich bin die ſchuldige Urſache, mich treffe Dein gerechter Grimm!— (Für ſich). Das werden mir die da hinten nicht vergeſſen! Ferdinand. Der gute Baron! Karl. Unſer Freund! (Jean kommt von hinten, um dem Baron etwas zu melden.) Baron(aut). Verzeihung!— Gnade!(Leiſe). Soll ich vielleicht niederknieen? General. Laß' Deine Poſſen!(Wendet ſich nach hinten). Ihr ſollt erfahren, meine Kinder, welch' guten Vater ihr an mir habt. Aber für euren unverantwortlichen Leichtſinn muß Strafe ſein.(Zu Ferdinand und Karl.) Seht her, euer Urlaub wird hiemit feierlich zerriſſen und noch heute reist ihr euren Regimentern nach. gerdinand. Ah, General, Sie verſtoßen uns doch? Karl. Wir dürfen nicht hoffen? Eliſe. O mein w 4 General. Ruhig, inder! Es ſoll noch gut werden, hoff' ich; aber ihr müßt mir einige Zeit laſſen, mich in die neue Lage der Dinge zu finden. So ſchnell kann die neue Hochzeit nicht vor ſich gehen! Ihr müßt mir einen Wittwerſtand durchmachen.— Nur ein kleines Trauerjahr. Zean(ür ſich, doch ziemlich laut). Gott ſei Dank! Baron. Was gibt's, NRonſieur Jean? Zean. Ob das Pferd des Herrn Baron abgeſattelt werden ſoll? General(zu ſeinen Kindern, die ihn heftig beſtürmen). Nein, nein; es geht nicht,— gewiß nicht!. (Die Kammerjungfer iſt indeſſen in die Thüre links getreten und nähert ſich, das Sacktuch vor den Augen.) Elife. O Papa, wir ſind recht unglücklich! Ferdinand. Seien Sie nachſichtig gegen uns! Kammerjungfer(zum General). Ach, Excellenz, Verzeihung, Ver⸗ zeihung!— Ich habe meine Herrſchaft unglücklich gemacht, ich habe mich ſelbſt unglücklich gemacht; ich war eine Verrätherin. 3 Jean C(für ſich. Das iſt wahr! 3 Kammerjungfer. Ach, Excellenz, ich aauf der Welt!— O gnädiges Fräulein, bitten, daß er mir verzeiht.— bin das traurigſte Geſchöpf helfen Sie Seine Excellenz 312 Unverheirathete Eheleute. General. Nun ja, ich hab' Dir ja verziehen; was ſoll das Ge⸗ heule? Buron(zu ſeinem Bruder). Die ſind ja auch noch nicht verheirathet. Die haſt Du auch eingeſchloſſen, ohne daß ich ſie erlöſen konnte; ſollen die auch ein Trauerjahr durchmachen? General lerſchrocken). Ah, das iſt wahr! Baron. Nun ſiehſt Du; laß' Gnade vor Recht ergehen. Clara. Ach, Vater! Eliſe. Gewähren Sie vollkommene Verzeihung! Zean(ingſtlich). Der Herr Baron ſollten ſich meiner nicht ſo dringend annehmen. Baron(zum Genera!). Es iſt beſſer, Du gibſt nach. Auch hier Dein treuer Jean vereinigt ſeine Bitten mit den unſrigen. r. Ach, Excellenz, gäpähren Sie Verzeihung! . Gottes Namen denn! geht hin und macht nochmals eure Brauttoilette.„ Zean(zieht das Bouquet von geſtern aus der Taſche und ſteckt es in ſei⸗ nen Roc!). Da iſt alſo nichts mehr zu machen! Zaron. Soll ich wieder für Dich in die Kirche? s General. Davor bewahre mich der Himmel! Se Uleberhuunt rathe ich jedem Vater, ſeine Kinder ſelbſt zu verheirathd Ende. —-————————— 4 4 4 K fffffffffff 14 15 16 17 18