1—— g 55 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otltmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. —— 4 Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 8 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 M.— Pf. „ 3„ 2„—.„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. „ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſunn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Aus eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Krieg und Frieden. Erzählungen und Bilder von F. W. Hackländer. Erſter Band. — ,— Stuttgart. 3 Verlag von Adolph Krabbe. 4 1859. 4 Gedruckt bei K. Fr. Hering& Comp. rieden. 2 3 d 2 ☛ — — — — Ler ☛ — Die Dame von Rittwitz. Feuerwerker Wortmann Ein Sperrſitz⸗Abonnement Bei 30 Grad Hitze Eine Regenſtudie... Eine Schneeſtudie 2. Ein Eiſenbahnbild. zu Inbhalt. Seite Die Dame von Kittmitz. J. Wir erlauben uns, den geneigten Leſer in den Parterre⸗ ſtock eines eleganten Hauſes zu führen. Daß wir die Stadt, 4 wo dieſe kleine in der That ſehr wahre Geſchichte ſpielt, im gegenwärtigen Augenblick nicht zu nennen im Stande ſind, halten wir von unſerem Standpunkte als Schriftſteller für ein Unglück, denn wir wiſſen wohl, daß es der Phantaſie des Leſers außer⸗ ordentlich förderlich iſt, wenn man genau angeben kann, es iſt da oder dort geweſen, wo ſich dies und das begeben. Sollte übrigens dieſe kleine Geſchichte das Glück haben, hie und da Jemand ſo beſonders zu gefallen, daß ihm viel daran gelegen wäre, den Namen der Stadt zu erfahren, ſo ſtehen wir auch hierin vertraulicher Weiſe gern zu Dienſten. Der Parterreſtock, von dem wir oben ſprachen, beſteht aus vielleicht ſechs Zimmern, und man gelangt in dieſelben aus einer bedeckten Anfahrt für Wagen, von welcher eine kleine mit Blu⸗ men garnirte Treppe ein paar Stufen aufwärts in ein Vorzimme führt, das, wie faſt alle Vorzimmer eines guten Hauſes, ein hehaglich aber ohne Luxus möblirt iſt. Es muß bei allen Hackländer, Kr. u. Fr. I. 1 2 Die Dame von Rittwitz dieſer Welt eine Steigerung geben, man muß ein Intereſſe haben immer weiter vorzudringen, und es ergeht uns hierin imme noch wie den Kindern, deren größtes Vergnügen darin beſteht ſich das Beſte bis zuletzt aufzuſparen. An das Vorzimmer ſtößt ein kleines Kabinet, ſchon wohn licher und behaglicher. Die Stühle haben ſich in Seſſel verwan delt, die einfache Carcell⸗Lampe in der Mitte dorten iſt hier zu einem kleinen Kronleuchter geworden, dunkle Vorhänge rahmer das Fenſter ein, und vom hölzernen Fußboden ſind wir au einen einfachen Teppich gekommen. Der Schreibtiſch am Fenſte könnte uns ſagen wollen, wir befinden uns in dem Schreibzim mer des Bewohners dieſes Parterreſtockes; doch belehrt uns das Weſen, ſowie das Aeußere der Perſon, welche davor ſitzt und eine Menge Briefe in bereit liegende Couverts ſchiebt und dieſe zuſiegelt, daß wir es mit dem Kammerdiener des Hausherrn zu thun haben. Dieſer Kammerdiener iſt ein älterer Mann mit grauen Haaren, ſchwarz und ſehr ſorgfältig, ja faſt feſtlich ge⸗ kleidet, mit weißer Weſte und weißer Halsbinde. Er ſitzt gebückt über ſeiner Beſchäftigung, vergleicht genau die Briefe mit den Adreſſen auf den Umſchlägen, bevor er ſiegelt, und macht ein einigermaßen trauriges Geſicht, wozu noch kommt, daß hie und da, wenn er das Petſchaft aufdrückt, ein Seufzer ſeiner Bruſt entfährt. Jetzt ſchichtet er die fertigen Couverts zuſammen, löſcht das Licht und legt darauf den Kopf gedankenvoll in die Hand, ſchaut einen Augenblick zum Fenſter hinaus, ſieht dann auf die vor ihm ſtehende Uhr und ſchüttelt leicht mit dem Kopfe. „Das dauert lange,“ murmelte er vor ſich hin.„Hätte gedacht, ſie würden Alles gethan haben, um eine für Beide inliche Ceremonie abzukürzen. Thut mir leid, daß ich das 1 Die Dame von Rittwitz. noch erleben mußte.“ Nach dieſen Worten ſtand er auf, ſtäubte ſorgfältig verſchiedene Stückchen von der Fahne einer Schreibfeder ſowie Siegellackfäden von den Auſſchlägen ſeines ſchwarzen Frackes und ging in das Nebenzimmer, wohin wir ihm folgen wollen. beiden Thüren zum Ein⸗ und Ausgehen, noch eine Nebenthür, 9 die zu einem kleinen Eßzimmer führt, groß genug zu einem 1 Diner für acht Perſonen. Hier Alles von geſchnitztem Eichenholz; 3 ſchwere Möbel, die Seſſel mit hohen Lehnen, an den Wänden eine Imitation von alten Ledertapeten; ein einziges Fenſter geht auf den Hof und zeigt, daß ſich dort ein einſtöckiges Seitenge⸗ bäude an dieſes Eßzimmer anſchließt, Küche und Büffetzimmer enthaltend. Der Salon vor dem Speiſezimmer, welchen wir durchſchritten, iſt ein reich ausgeſtattetes Gemach mit guten Bil⸗ dern an den Wänden von röthlich brauner Farbe, mit kleinen Statuetten in den Ecken und all' den vielerlei Phantaſien und unnöthigen Sachen, die wir ſo leicht entbehren könnten und die . doch ein Appartement ſo angenehm und wohnlich machen. In dieſem Salon verſammelt man ſich bei dem Hausherrn zu den 1 kleinen Diners, die er gern ſeinen Freunden und den ihm em⸗ pfohlenen Fremden zu geben pflegt. Doch war es den Letzteren ſelten vergönnt, weiter in den Appartements vorzudringen, und nur die ganz genauen Bekannten wurden gern in dem anſt den eigentlichen Wohnzimmer des Herrn geſehen. Dieſes Zimmer haͤtte er nach ſeinem Geſchmacke eingerichtet die wir nirgends ſchöner als in den alten engliſchen Schlöſſern ſehen und von denen uns Nash ſo wundervolle Zeichnungen geben. Hier war ein Erker mit enn einzigen hohen un W 3 4 Dieſes Zimmer, ein ſchon reicherer Salon, hat außer den und war es ganz in dem Style jener prachtvollen Gemächer, e Dame von Rittwitz. ten Fenſter, deſſen oberer Theil aus den koſtbarſten alten Glas⸗ malereien beſtand. Die Vorhänge zu beiden Seiten aus den ſchwerſten Stoffen ſchleiften auf dem Boden. Das Ameublement war ſchwer und doch auf's bequemſte eingerichtet. Die alten Lehnſtühle mit dunklem gepreßtem Sammet bezogen, ſchienen ihre Arme liebend für eine ganze Familie zu öffnen; die kunſtreich gewirkten Tiſchdecken hingen ſo tief herab, daß man von den Geſtellen dieſer Tiſche nicht das Mindeſte ſah. Ein offener Bü⸗ cherſchrank auf einer Seite zeigte eine Unmaſſe ſeltener Kupfer⸗ werke, während auf einem Büffet gegenüber reiche ſilberne Schüſ⸗ ſeln und Gefäße, ſeltene Krüge und Gläſer, ſowie koſtbare Stücke. einer Majolica⸗Sammlung prangten. Der Fußboden war mit Teppichen bedeckt, mit kleinen perſiſchen Vorlagen, die unter und neben den verſchiedenen Möbeln auf einer dicken Smyrnadecke lagen. In dem Erker waren Bärenfelle ausgebreitet, in denen die Füße der Lehnſeſſel und Fauteuils ſo tief einſanken, wie der Fuß eines Spaziergängers auf einer dicht bewachſenen Wieſe. An der Wand neben dem großen Fenſter hing in einem Eichenholzrahmen das lebensgroße Bild eines ſchon ältlichen Herrn in der Tracht des ſechszehnten Jahrhunderts. Das kurz abge⸗ ſchnittene Haar, welches etwas ſtruppig empor ſtand, ſowie der ſpitze Knebelbart, beide von röthlicher Farbe, hoben einen hgichen aber nicht unſchönen Kopf etwas zu ſcharf hervor. Wenn man 9 4 in der Dämmerung wahrhaß geſpenſterhaft hervorleuchtet Die Dame von Rittwitz.. 5 das Andere war von dem glänzenden Harniſch bedeckt, über den am Halſe ein weißer breiter zierlich gezackter Kragen heraushing. Die linke Hand ruhte auf dem Schwertgriff, der Zeigefinger der rechten, die auf einem Tiſchchen aufgeſtützt war, ſchien auf ein Papier zu deuten, das aufgerollt da lag und an einer Seite des Tiſchchens herabhing. In der gleichen Haltung ſieht man häufig Fürſten abge⸗ bildet, die ihrem Lande eine gute Conſtitution gegeben und auf dieſe Art von der dankbaren Nachwelt vergegenwärtigt wurden. Der alte Herr aber war kein regierender Fürſt geweſen, hatte auch keine Conſtitution gegeben, vielmehr war das Papier, auf welches er hinwies, ſeine letztwillige Verfügung, die für ſeine Erben eine Klauſel enthielt, welche gerade nicht dazu gemacht war, ihn in dankbarer Erinnerung fortleben zu laſſen. Wir wollen dem geneigten Leſer nur noch ſagen, daß der alte Herr im Bilde Graf Joachim von Schönfeld, Ahnherr des jetzigen Bewohners des Hauſes war, und dann eines zweiten Bildes erwähnen, welches dem Herrn Joachim gerade gegen⸗ über hing. Hier ſah man eine Dame abgebildet in langem weißem Gewande, deren Geſicht ſeltſamer Weiſe abgewendet war, ſo daß man nur ihr langes fliegendes ſchwarzes Haar ſah, wel⸗ ches über den weißen Nacken und die entblößten Schultern her⸗ abhing und auf wunderliche Art mit Feldblumen durchflochten war. Die Umgebung dieſer Dame war zur Rechten eine dichte Baumgruppe, ſie ſelbſt lehnte. auf einem ſtarken Aſte und ſchien vor ſich in eine Tiefe hinabzublicken. Es war das ein ſeltſames melancholiſches Gemälde; der Maler hatte wohl abſichtlich, Licht auf die weiße Geſtalt concentrirt, ſo daß dieſe ſelbſt Abe 4 8 Die Dame von Rittwitz. Laſſen wir aber für einen Augenblick die todten Figuren auf den Bildern und beſchäftigen uns mit den lebendigen in dieſem Zimmer. Es ſind dies drei Freunde des Hausherrn, die vor dem Kamine plaudernd und Cigarren rauchend in den bequemſten Fauteuils ruhen, und die ſich, wie wir aus den erſten Worten vernehmen, mit dem Abweſenden beſchäftigen. Alle Drei befinden ſich in gewählter Toilette, im ſchwarzen Fracke, tragen weiße Halsbinden und der Aelteſte von ihnen, der viel⸗ leicht ein Vierziger ſein kann, und der ſich von den beiden An⸗ dern durch einen militairiſchen Schnurrbart auszeichnet, trägt um den Hals ſowie an einer kleinen goldenen Kette auf der linken Seite ſeines Frackes die Decorationen verſchiedener Orden. „Ihr habt zuweilen recht leichtſinnige Ideen“, ſagte dieſer, „und dabei noch nie gefühlt, was es heißt, kein Geld zu haben oder daſſelbe mühſam ſelbſt verdienen zu müſſen.“* „Das Erſtere habe ich ſchon oft gefühlt,“ meinte Hugo von B., einer der beiden Andern, ein junger blonder Mann mit freundlichen Augen und einem ſehr heiteren Geſichtsausdrucke. „Teufel auch! Ich weiß wohl, was es heißt kein Geld haben. Und du wohl auch?“ wandte er ſich lachend an den Dritten, der, obgleich ebenfalls noch jung, doch ein ſehr bedächtiges Weſen hatte, und jetzt, indem er ruhig die Aſche von ſeiner Cigarre ſtieß, langſam mit dem Kopfe nickte. „Was ihr kein Geld haben nennt“, fuhr der, welcher zuerſt geſprochen fort,„ſo drehe ich deshalb keine Hand herum. Das ſind augenblickliche ſelbſt verſchuldete Verlegenheiten, die ihr ſelbſt im ſchlimmſten Falle durch unerhörte Prozente und langathmige Wechſel wieder gut machen könnt. Aber Arthur's Verhältniſſe — Die Dame von Rittwitz. 7 „Mich in der That auch, Scherz bei Seite!“ ſagte der mit dem blonden Haar.„Man muß es nur immer verſtehen, ſich in die Lage eines Andern zu verſetzen. Wenn ich bedenke, ich ſollte eine Dame heirathen, ſelbſt aus der beſten Familie, deren Aeußeres ſo iſt, daß eine Antipathie vollkommen gerecht⸗ fertigt erſcheint— bürr! ich wäre einer der unglücklichſten Menſchen.“ „Natürlich— du,“ ſprach langſam der Bedächtige,„mit deiner Leidenſchaft für alles Schöne.“ Und dabei hob er den glänzenden Stiefel in die Höhe und machte eine ſehr komiſch ausſehende kreisförmige Tanzbewegung.„Du weißt doch das Genaueſte, wandte er ſich nach einer kleinen Pauſe an den Aelteſten der Drei,„von dieſer eigentlich wahnſinnigen Teſtaments⸗ Geſchichte! Ich kann dich verſichern, Major, ich habe nie daran geglaubt.“. „Das finde ich begreiflich,“ antwortete Major von A. „Kann doch natürlicher Weiſe keiner von uns über fünfzig Jahre zurückdenken. Aber ich erinnere mich wohl noch, wie mir mein Vater von dem Fideicommiß des alten Herrn Joachim ſprach.“ „Und ein ſolches Fideicommiß bindet auf ewige Zeiten?“ fragte der mit dem blonden Haar.„Das mußt du ja am beſten wiſſen Rechtsbefliſſener,“ ſagte er zu dem Bedächtigen. „Allerdings kann ein einfaches Fideicommiß auf ewige Zeiten errichtet werden,“ gab dieſer zur Antwort,„und im vorliegenden Falle ſoll daſſelbe nur lösbar ſein mit Bewilligung beider In⸗ tereſſenten. Und daß die Familie Rittwitz ihre Zuſtimmung zu einer Annullirung dieſer letzten Willensmeinung nicht geben wird, liegt auf flacher Hand.“ „Und die Beſtimmung ſelbſt?“ forſchte der Andere weiter. „Dieſe Beſtimmung iſt ſehr einfach,“ antwortete der Major, Hrupule der Schönfeld bewogen, 8 Die Dame von Rittwitz. 2* „und hätte ſchon viel Unglück hervorbringen können, wenn ein freundliches Schickſal nicht ſchon ein paar Mal in der Art ver⸗ gleichend aufgetreten wäre, daß ein Nachkomme des alten Herrn Joachim Schönfeld die betreffende Dame aus der Familie Ritt⸗ witz liebenswürdig gefunden und bereitwillig eine Verbindung mit ihr eingegangen wäre.“ „Aber die Klauſel wörtlich!“ ſagte Herr v. B. „Nun gerade wörtlich kann ich ſie dir nicht angeben, aber dem Sinne nach beſagt ſie, daß vom Todestag des alten Herrn Joachim an gerechnet in jedem Jahrhundert einer aus der Fa⸗ milie Schönfeld eine Dame von denen von Rittwitz heirathen muß. Geſchieht dieſes nicht, ſo fällt der größte Theil des Ver⸗ mögens der Schönfeld an die Rittwitz.“ „Und iſt während des Jahrhunderts eine Zeit beſtimmt, wann eine ſolche Heirath vor ſich gehen muß.“ „Das nicht. Eine ſolche Verbindung kann am Anfang oder am Ende dieſer beſtimmten Zeit vollzogen werden. Das iſt vollkommen gleichgültig, nur muß es vor Ablauf eines jeden Jahrhunderts, von dem genannten Todestag gerechnet, geſchehen. Wie ich ſchon vorhin bemerkte, hat dies Fideicommiß bis jetzt noch nie zu unangenehmen Verwicklungen zwiſchen den beiden Familien Veranlaſſung gegeben; es fanden ſich immer Freiwillige, welche ſich vor Ablauf der anberaumten Zeit vermählten. Ja durch dieſe öfteren Heirathen herüber und hinüber lebten die Familien im beſten Einverſtändniß bis gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts, wo irgend Etwas vorfiel, das eine Span⸗ nung hervorrief, die bis auf den heutigen Tag nicht recht aus⸗ geglichen wurde. Natürlicher Weiſe ſah ſich dadurch jeder der die Heirath mit einer Nit Die Dame von Rittwitz. 9 witz ſeinem Nachfolger zu überlaſſen, und ſo kam es denn jetzt auf unſern unglücklichen Arthur, der als Opfer fallen mußte, denn in ungefähr vier Wochen feiert man den Todestag des alten Herrn Joachim, und wie das jetzige Haupt der Rittwitz' ſchen Familie, der Vater unſerer Braut Helene, gegen die Schön⸗ feld geſinnt iſt, wiſſen wir Alle zur Genüge.“ „Ich kenne den alten Rittwitz gar nicht!“ ſagte Baron von C., der Bedächtige, ein junger Legationsrath, der im Kabinet Sr. Majeſtät des Königs angeſtellt war. „Ich glaube wohl, daß du ihn nicht kennſt, er war ſeit langen, laugen Jahren Antſern. Ih gahbe, daß er nur ein einziges Mal hier war.“ „Mir wäre es ungeheuer gleichgültig, den alten Herrn zu kennen,“ meinte Hugo von B. Aber die Braut oder die gegenwärtige Gräfin Schönfeld möchte ich wohl das Vergnügen haben, wenigſtens ein einziges Mal zu ſehen, wozu aber vor der Hand wenig Hoffnung vorhanden ſein wird, denn wie ich höre, wollen die Neuvermählten noch heute Abend nach Italien abreiſen und dort längere Zeit bleiben.“ „Auch Arthur?“ fragte der Legationsrath. „Aah iſt anſtändig genug,“ entgegnete der Major,„ſo viel es ihm möglich iſt, die Dehors zu beobachten. Am Ende iſt Fräulein von Rittwitz auch nicht ſchuld daran, daß der Ahn⸗ herr der Schönfeld, eine ſo wahnſinnige Verfügung hinterlaſſen hat, und daß ihr Papa ein eigenſinniger Kauß iſt, der ſich auf keinen Vergleich einlaſſen will.“ „Aber ſie ſoll unausſtehlich ſein,“ bemerkte Hngo von B. „Sprich doch Major, du haſt ſie ja geſehen.“ „Ein Mal nur,“ antwortete der Major achſelzuckend,„und 10 Die Dame von Rittwitz. da iſt ſie mir allerdings weder ſchön noh liebenswürdig er⸗ ſchienen.“ „Nun das Erſtere iſt ein Unglück; aber was das Andere anbelangt, ſo hätte ſie der alte Rittwitz beſſer erziehen ſollen.“ „Iſt ſie groß oder klein?“ fragte der bedächtige Legationsrath. „Groß,“ gab der Major zur Antwort.„Auch voll, und ihre Figur wäre, eine auffallend ſtarke Hüfte abgerechnet, nicht ſo übel. Was aber ihr Geſicht anbelangt, ſo hat ſie Haare von einer ſonderbaren Farbe, nicht blond und nicht röthlich, dabei hart und ohne Glanz.“ b „Und das iſt ein großes Unglück,“ warf der junge blonde Mann dazwiſchen, indem er durch ſeine dichten, in der That auffallend ſchönen Locken fuhr.„Ach, ſo ein glänzendeß reiches, kühles Haar kann mich mit Vielem verſöhnen. Die Ber run electriſirt. Ach! ich halte viel auf ſchönes Haar.“ Der Legationsrath warf ſeinem Freunde, dem Major, einen lächelnden Seitenblick zu, welcher ihn aufzufordern ſchien, ſich um die Extaſe des Andern nicht zu bekümmern. Dieſer ſagte dann auch:„Der Kopf iſt häßlich und mehr noch als das: unangenehm. Daß Fräulein von Rittwitz in ihrer Jugend ein Auge verloren und eine ſchwarze Binde trägt, iſt ein Unglück und hätte vielleicht ſo viel nicht zu bedeuten. Aber ihre Ge⸗ ſichtsfarbe iſt wie die des Haares: unausſprechlich, glanzlos und unangenehm, die Zähne mangelhaft, und leider muß ich es wie⸗ derholen, ſo fatal ihr Aeußeres ſich darſtellt, ſo paßt es doch vollkommen zu ihrem Weſen, zu ihren Manieren!“ „O wehl o weh!“ ſagte Herr von B. „Sie ſoll unſreundlich ſein, verdrießlich, mißtrauiſch, kurz, Die Dame von Rittwitz. 11 viele von den Eigenſchaften haben, die im Stande ſind, einem armen Ehemann das Leben zur Hölle zu machen.“ „Das iſt ein harter Schritt, den Arthur im Begriffe iſt zu thun, oder den er in dieſem Augenblicke ſchon gethan hat,“ ſagte der Bedächtige.— „Mich ſchaudert, wenn ich an unſern armen Freund denke. — Was iſt überhaupt der Eheſtand?“ philoſophirte Hugo von B.„Ein Gewebe, locker zum Auseinanderfallen und doch feſ⸗ ſelnd wie der beſte Stahl; ein Kranz von zahlreichen Leiden und ſehr wenig Freuden, eine Guirlande, wie man ſie in einem harten Winter beim Gärtner für ſein theures Geld beſtellt; ſehr viel Laub und faſt gar keine Blumen.“ „Wenn man dich ſo reden hört, lachte der Major, ſo ſollte man glauben, du habeſt ſchon traurige Erfahrungen gemacht.“ „Das habe ich auch,“ entgegnete der Andere ebenfalls lachend,„freilich nicht in meinem eigenen Hauſe, dafür aber bin ich bei Andern in harte Schulen gegangen.“ „Er nennt das harte Schulen,“ meinte der Legationsrath, „wenn er durch übermäßig auffallendes Courmachen leichtſinniger Weiſe eine häusliche Scene herbeigeführt hat, wo auch gelegent⸗ lich für ihn ein paar paſſende Worte mit abfielen.—„Aber ſage mir,“ wandte er ſich an den Major, zu welchem Zweck hat uns Arthur eigentlich hieher gebeten? Er ſchrieb mir von einem kleinen vertraulichen Diner.“ „Mir auch,“ ſagte der blonde Hugo. „Werden wir die Gräfin Schönfeld zu ſehen bekommen?“ „Wahrſcheinlich nicht“, erwiederte kopfſchüttelnd der Major, „da es Jedem, ſogar uns, ſeinen beſten Freunden, unterſagt war, in der Kirche während der Trauung zu Genen, ſo — — 12 Die Dame von Rittwitz. könnt ihr euch wohl denken, daß ſich die Neuvermählte noch viel weniger bei einem kleinen Diner vor uns ſehen laſſen wird. Ich meinestheils glaube, Arthur will noch mit uns ein paar ver⸗ gnügte Stunden verleben, ehe er— ſein neues Leben antritt.“ „Alſo eine Art Henker⸗Mahlzeit,“ ſprach Hugo von B. „Schade um dies liebenswürdige Appartement, daß es für län⸗ gere Zeit geſchloſſen werden ſoll. Es iſt doch die reizendſte und bequemſte Gargonwohnung, die man ſich in ſeinen kühnſten Träumen nur auszudenken vermag. „Auch ich wüßt 1i ſts daran auszuſetzen,“ warf der Le⸗ gationsrath hint 3 „Nur Eins iiſt m unbegreifich fuhr der Andere fort, „warum Arthun 3 en melanchöliſchen Bilder dort beſtändig um ſich haben mag... Die Bilder ſind wundervoll gemalt,“ antwortete der Major, indem er einen flüchtigen Blick nach beiden Seiten warf. „Und dann iſt wegen derſelben ebenfalls eine Art Verfügung getroffen worden. Sie kommen jedesmal in den Beſitz deſſen, der zum Beſten ſeiner Familie eine Rittwitz heirathen muß; es iſt freilich eine eigenthümliche Art, ihn zum Gehorſam gegen die Befehle des Ahnherrn zu ermahnen.“ „Die weiße Dame iſt eine Rittwitz?“ fragte d der Legationsrath. Der Major nickte mit dem Kopfe, während Hugo von B. ſeinen Fauteuil gegen das Bild wandte und es längere Zeit aufmerkſam betrachtete.„Das gnädige Fräulein,“ ſagte er als⸗ dann,„verharrt da in einer ganz eigenthümlichen Stellung. Man ſollte glauben, unten vor ihr befände ſich ein tiefes Waſ⸗ ſer, und ſie habe ſich dieſen Platz ausgeſucht, um ungeſtört hinab ſpringen zu können.“ — Die Dame von Rittwitz. „Du haſt nicht ganz Umecht,“¹ ſprach der Major mit ernſter Stimme.„Dies Bild zeigt ein Fräulein Hildegard von Rittwitz wenig Augenblicke vor ihrem Tode.“ „Alle Teufel,“ rief Hugo von B. mit einem ſcheuen Blick auf das Bild.„Was du da eben ſagſt, macht mir die Dame wohl intereſſanter aber nicht lieber.— So, ſo! ei, eil Da war denn wohl Herr Joachim ein ſchlimmer Patron? Was die Da⸗ men ein Ungeheuer nennen, ein treuloſer Verführer, eine Art Don Juan. „Er war, was Du— werden⸗verſprichſt,“ ſagte ruhig der Legationsrath, indem er die Aſche von ſeiner Cigarre abſtieß. „Allerdings verſchuldete er das Unglück dieſer jungen Dame und um das, was er an jener Familie gethan, einigermaßen wieder gut zu machen, entſtand jenes ſonderbare Fideicommiß. „So läßt er für das, was er ſelbſt gethan, ſeine Nach⸗ kommen büßen,“ bemerkte Herr v. B.„Das iſt eine bequeme Art ſeine Schulden zu bezahlen.“ „Doch hat er auch ſelbſt wieder gut gemacht, was er ge⸗ konnt und ſich bei Lebzeiten, ſowie ſelbſt nach ſeinem Tode ſtrenge Bußen auferlegt. So verfügte er ebenfalls, daß man ihn unter der Schwelle der Dorfkirche begraben ſolle, bei welcher das Schönfeld'ſche Namensgut liegt, damit jeder der Gr⸗ und Auswandelnden auf ihn, den argen Sünder, treten müſſe.“ „Schlag du erſt dieſe Welt zu Trümmern, Das Jenſeits kann dich wenig kümmern.“ recitirte Herr von B.. Worauf ihm der Legationsrath antwortete:„Mit ſolchen Ideen, überhaupt mit deinen Anſichten wäre es freilich keine große That, dich unter der Schwelle irgend einer Kicche hegraben 14 Die Dame von Rittwitz. zu laſſen. Aber wenn du den Stolz und den Hochmuth der Herrn von damals annimmſt, wo der kleinſte Baron unum⸗ ſchränkter war und ſich mehr dünkte als heut zu Tage irgend ein Kaiſer oder König, ſo kannſt du dir einen Begriff davon machen, was es den alten Herrn Joachim gekoſtet haben mag, eine Verfügung zu treffen, in Folge welcher die Bauern mit ihren ſchmutzigen Stiefeln auf ſeinem hochadeligen Wappen und ſeiner gräflichen, freilich nur aus Stein gehauenen Naſe umher⸗ ſpazierten.— Doch da rollt ein Wagen unter den Eingang. Es wird Arthur ſein.“ Und es war in der That der Herr des Hauſes. Der alte Kanmmerdiener hob die Portière an der Thüre des Nebenzimmers auf, und machte wahrſcheinlich eine ſo tiefe Verbeugung, um ſein kummervolles Geſicht nicht ſehen zu laſſen. Er nahm Hut und Handſchuhe in Empfang und zog ſich darauf ſtillſchweigend zurück. II. Graf Arthur Schönfeld war ein Mann an die Dreißig, eine angenehme, offene und ehrliche Perſönlichkeit. Er hatte manchen guten Freund, viele Bekannte und keine Feinde. Früher Cavallerie⸗Offizier war er mit ſeinen Kameraden und Untergebenen ſo weit im Rapport geblieben, daß er in jeder Beziehung mit Rath und That half, wo er helfen konnte. Was ſeine ehema⸗ ligen Reiter anbelangte, ſo wurden ihm von jedem derſelben trotz beſtändigen Abwinkens die militairiſchen Honneurs noch ebenſo pünktlich gemacht, als früher, wo er noch die Uniform trug. Ohne ein Beau zu ſein, war Arthur von Schönfeld durch ſein angenehmes Aeußere und durch ſeine eleganten, wahrha — ₰ Die Dame von Rittwitz. 15 —vornehmen Manieren der bemitleidete Liebling der Damenwelt. Man ſah in ihm ein Opfer der Rittwitz'ſchen Habſucht, und mmanch'’ ſchmachtender Blick eines ſchönen Auges, manch leiſer Druck einer feinen Hand ſprachen ihm von innigem Mitgefühl, daß etwas anderes hätte werden können, wenn er gewollt.“ . So ſehr aber Graf Schönfeld geſucht worden war, ſo wenig hatte er, ein paar unbedeutende kleine Verhältniſſe ausgenommen, die Jeder in ſeiner Jugend durchmacht, irgend eine ernſtliche Ver⸗ bindung gehabt oder unterhalten. Wohl neckten ihn ſeine Freunde mit einer Reiſe, die er vor einigen Jahren nach Italien gemacht, und wo er, wie ſie behaupteten, ſein Herz zurückgelaſſen habe. Doch lächelte er nur bei ſolchen Reden, ging auch bereitwillig auf. ein Scherzwort ein, ohne aber durch irgend ein Wort dieſen Ver⸗ muthungen neue Nahrung zu geben. * † Arthur war hoch, ſchlank und doch kräftig gewachſen, er hatte dunkelblondes, krauſes Haar, eine breite Stirne, hellbraune A geſcheidte Augen und einen angenehm geformten Mund. Seine Geſichtsfarbe, geſund und gewöhnlich roſig, war heute mit einer tiefen Bläſſe bedeckt. Er trug einen ſchwarzen Frack, weiße Weſte und Halsbinde, und über letztere das Band des Johanniter⸗Ordens, ſowie das kleine Leinwandkreuz deſſelben auf der linken Bruſt. Nachdem er eingetreten war, reichte er dem Major, ſowie Hugo von B. die Hände und nickte dem Legationsrath freundlich mit dem Kopfe zu. Doch ſprang dieſer eifrig auf, eilte ihm entgegen und faßte unter dem Ausdruck inniger Theilnahme mit ſei⸗ nen beiden Händen die Rechte des Freundes, die er herzlich ſchüttelte. Der Graf warf ſich in einen Fauteuil, legte die Hände über einander und ſagte, indem er mit dem Kopfe nickte:„Es iſt vorüber, ich bin vermählt.— Ihr dürft mir gratuliren.. Ddie Dame von Rittwitz. Begreiflicher Weiſe ſagte keiner der drei Freunde etwas auf dieſe Aeußerung, und Hugo von B., der ſeiner leichten Zunge nicht trauen mochte, ſtopfte ſich mit einer neuen Cigarre den Mund. „Es iſt alſo geſchehen,“ ſprach der Major nach einer längeren Pauſe.„Du biſt ein Mann, lieber Arthur, von dem deine älteren Freunde lernen können. Du überlegſt eine Sache hin und her, und wenn du einmal einen Entſchluß gefaßt haſt, ſo kann man mit gutem Gewiſſen Amen dazu ſagen.“ „Ja, Amen iſt das richtige Wort,“ ſagte düſter der Haus- herr.„Das kommt ja nach allen Predigten, mögen ſie nun am Taufbecken, am hochzeitlichen Altar oder am Sarge gehalten werden.— Laßt mich eine Cigarre anzünden,“ fuhr er fort, nachdem er ſich mehrmals mit der Hand über die Stirne ge⸗ ſtrichen, und darauf griff er über ſich nach einem eleganten Holzkäſtchen, das auf dem Kamingeſimſe ſtand, nahm eine Ha⸗ vannah, brannte ſie langſam an und blies den Rauch bedächtig von ſich, wobei er in tiefe Gedanken verſunken war. Der Major ſchaute in das Kaminfeuer, ſchüttelte ein paar Mal unmuthig mit dem Kopf, dann bemerkte er ohne aufzu⸗ blicken:„Du biſt ein Mann, Arthur, im wahren Sinne des Worts. Was du einmal erfaßt, das führſt du durch.(Es iſt freilich mehr als traurig, auf ſo troſtloſe Art gefeſſelt zu ſein, eine Frau heirathen zu müſſen, die man nicht liebt. Aber“— ſtatt den Satz zu vollenden, ſchwieg er ſtill und drehte ſeinen Schnurrbart achſelzuckend in die Höhe. „Aber— aber,“ wiederholte der Hausherr.„Ende deinen Satz. Du willſt ſagen: aber du wirſt bei deiner Frau doch vielleicht Eigenſchaften finden, die ſie dir werth machen können; du wirſt ſie ſchätzen, vielleicht ſogar lieben lernen. Das ſollt 3 .,.,—— Die Dame von Rittwitz. dein Aber einleiten. Aber ich gebe dir zur Antwort: nie! nie! nie!“ Das letzte Wort hatte er faſt heftig herausgeſtoßen. „Verzeihe Arthur,“ ſagte der Legationsrath.„So iſt die Gräfin Schönfeld in der That, wie ſie der Major geſchildert? Weder ſchön noch angenehm?“ „Abſchreckend im Aeußern, zurückſtoßend in ihren Manieren, gerade ſo wie ich mir gedacht.. „So ſahſt du ſie früher nie?“ fragte erſtaunt Hugo v. B. „Niemals,“ war die Antwort.„Wir waren mit denen von Rittwitz geſpannt, wir ſtanden in keiner Verbindung mit ihnen, und dann müßt ihr nicht vergeſſen, daß es noch nicht gar ſo lange her iſt, wo ich der Glückliche ward, der vom Schickſal beſtimmt wurde, ſich für ſeine Familie zu opfern. Ich bin ja nur Stellvertreter meines Vetters Eugen, der, ſtatt eine Rittwitz zu heirathen, es vorzog vom Pferde zu ſtürzen und den Hals zu brechen. Als nun die Reihe an mich kam,“ fuhr er bitter lächelnd fort,„that ich mir das Gelübde, weder die mir be⸗ ſtimmte Braut zu ſehen, noch Erkundigungen über ſie einzu⸗ ziehen. Ich that das, weil ich feſt entſchloſſen war, meine Frei⸗ heit, ſei es ſelbſt mit den größten Opfern, zu erkaufen. Ich hoffte, der alte Rittwitz werde nachgiebiger ſein.“— Nachdem er dies geſagt, begrub der Graf den Kopf in beide Hände und ſchaute vor ſich hin, ſeinem ſtarren Blick nach zu urtheilen, in weite, weite Ferne.—„Da nun Alles vorüber iſt,“ ſprach er endlich mit tiefer, ſeltſam klingender Stimme,„ſo halte ich es für meine Pflicht euch ein paar Worte zu ſagen, nach deren Anhörung ihr vielleicht milder über mich urtheilen werdet.“ Die drei Freunde blickten nach dieſen Worten mit dem Ausbrud des Erſtaunens auf Arthur, der achſelzuckend wieder⸗ r 1 Zackländer, Kr. u. Fr.! Die Dame von Rittwitz. holte.„In der That, damit ihr milder mich beurtheilen möget. Denn ich nehme es euch wahrhaftig nicht übel, wenn zuweilen die Frage in euch aufgeſtiegen iſt, wie kann man eine ungeliebte und— ich will es geſtehen— in hohem Grade unliebenswür⸗ dige Frau heirathen, nur um einen großen Theil des Vermögens nicht zu verlieren? Wie kann man Güter und Geld nicht lieber opfern wollen, als ſich an ein Weſen feſſeln, das uns nicht liebt und das wir ebenfalls nicht im Stande zu lieben ſind?— Keine Einwendungen, Major. Ich habe dein und der Andern Freundſchaft für mich oft vielfach erprobt, ich weiß, wie ihr mir zugethan ſeid. Und doch behaupte ich, ähnliche Gedanken ſind ſchon in euch aufgeſtiegen. Habe ich doch ſchon häufig dieſelben Fragen an mich geſtellt.“ „Und wenn du das thuſt und uns daſſelbe zutrauſt, ſo begehſt du in der That ein großes Unrecht,“ erwiederte ſehr ernſt der Mojor.„Wir kennen dich genugſam, um überzeugt zu ſein, daß was deine Perſon anbelangt, du dein ganzes Ver⸗ mögen hingegeben hätteſt und in den Dienſt getreten wäreſt, ſtatt dieſe Heirath zu ſchließen. Aber biſt du dein eigener Herr? Iſt es nicht deine Schuldigkeit, für deine Mutter, deine Ge⸗ ſchwiſter zu ſorgen, und haſt du dich nicht, indem du dieſe Verbindung ſchloſſeſt, als edler Bruder, als guter Sohn bezeigt!“ „Ich danke dir für deine Freundſchaft,“ ſagte Arthur von Schönfeld mit leuchtenden Augen, indem er dem Andern gerührt die Hand reichte. Doch ſetzte er gleich darauf wieder mit trübem Blick hinzu:„So urtheilſt du, ſo urtheilen die Andern. Aber 3 die Welt wird von mir ſagen: er iſt ein toller Egoiſt, doch war ſo etwas von ihm zu erwarten. Und wenn Andere, beſſer Geſinnte, vielleicht ſo freundlich ſind, wie du eben thateſt, Die Dame von Rittwitz. meine Familie hinzuweiſen, ſo werden Jene antworten: Ein Opfer iſt es vielleicht, das er gebracht, aber ein ſehr kleines Opfer. Graf Schönfeld hat ein kaltes, unempfängliches Herz— er hat ja nie geliebt.“ „Das ſagt man allerdings von dir,“ ließ ſich Hugo von B. mit leiſer Stimme vernehmen. 3 „Und wenn man das⸗ ſagt,“ rief Arthur von Schönfeld mit einem ſo lebhaften Ton der Stimme, daß die Anderen über⸗ raſcht aufblickten,„ſo ſagt man die Unwahrheit. Ich habe ge⸗ liebt— heiß geliebt, innig geliebt,— o geliebt, wie man nur lieben kann, und,“ ſetzte er kaum vernehmbar hinzu,„bin ebenſo — wieder geliebt worden.“ —„Dann iſt der heutige Tag entſetzlich für dich,“ erwie⸗ derte der Major mit dem Ausdruck des tieſſten Mitgefühls, in⸗ dem er dem Freunde ſanft die Hand auf die Schulter legte und nach einem augenblicklichen Stillſchweigen fortfuhr:„Dann Arthur — verzeihe mir das Wort— haſt du nicht recht gehandelt.“ Der Graf fuhr heftig in die Höhe, doch als er in die klaren, ruhigen Augen ſeines Freundes blickte, öffneten ſich ſeine zuſammengekniffenen Lippen, er that einen tiefen Athemzug und antwortete alsdann: „Ahl ich verſtehe dich, du meinſt, ich habe an Jener un⸗ recht gehandelt, die ich liebte und die mich wieder geliebt. Mög⸗ lich vielleicht, aber nicht ſo ganz, wie du glaubſt. Es iſt das eine entzückende, aber in ihren Folgen ſo ſehr traurige Epiſode meines Lebens, die ihr hören ſollt, im Fall es euch nicht lang⸗ weilig erſcheint, eine vielleicht alltägliche Liebesgeſchichte zu ver⸗ nehmen.— Vorher aber will ich das Feuer im Kamin neu an⸗ ſcchen laſſen, es iſt ein unangenehmes Gefühl ſein eigenes Schick⸗ Die Dame von Rittwitz. 1 ſal ſo vor Augen zu haben, eine auslöſchende, erſterbende Flamme.“ Ein Zug an der Klingel rief einen der Bedienten herbei, der neues Holz auflegte, und bald praſſelte eine wohl⸗ thuend angenehme Flamme aus dem eiſernen Feuerkorbe hervor. Graf Schönfeld blickte auf die Uhr über dem Kamine.„Es iſt Viere,“ ſagte er,„wir haben noch eine Stunde bis zu un⸗ ſerem Diner.“ 8 Der Major hatte den Kopf in die Hand geſtützt und ließ den Arm auf der Lehne des Fauteuils ruhen. Der uanlione rath blickte in die Gluth des Feuers, und Herr von B., dem Bilde der Dame Hildegard von Rittwitz gegenüber ß konnte nicht begreifen, warum, als er ſich zum Hören anſchickte, er es angenehm fand, beſtändig die ſchlanke weiße Geſtalt zu betrachten. „Ihr wißt,“ begann der Hausherr,„daß ich vor einigen Jahren eine länger dauernde Reiſe nach Italien machte. Ich wollte die Schweiz wieder ſehen, wo ich erzogen, wollte Mai⸗ land, Genua, Florenz beſuchen, wo ich vor langen Jahren mit meinen Eltern eine Zeit lang gelebt, und ich wollte dort ſehen, ob die Erinnerungen aus der Knabenzeit ſtark genug geblieben ſeinen, um einzelne Orte, bei denen ich damals mit großem Ver⸗ gnügen geweilt, wieder erkennen zu können. Dies war denn auch bei den meiſten der Fall, doch erſchienen mir all' die präch⸗ tigen Bauwerke, die ich noch im Gedächtniß hatte, als habe ich ſie früher einmal im Traume geſehen. Namentlich in Mailand, wo ich mich am Abend meiner Ankunft— es war eine mond⸗ helle Nacht— vor dem großen Café auf dem Domplatze nieder⸗ ließ und vor mir die gewaltigen Maſſen der marmornen thedrale ſah, wie ſie mit ihren fein gezackten Spitzen Die Dame von Rittwitz. 21 dem ebenfalls weiß glänzenden Himmelsgewölbe verſchwamm. Es war eigenthümlich, aber begreiflich, daß mich hier erſt die ſchmetternden Töne einer der großen Straßenorgeln wieder ſo recht in jene vergangene Zeit zurückverſetzten. Wie dieſe Klänge über den Platz hallten, erkannte ich auch den Dom wieder, die umliegenden Häuſer, das Café, vor dem ich ſaß, ich möchte ſagen den Tiſch, an dem ich mich niedergelaſſen, ja beinahe das Geſicht des Kellners, der mir ein Gefrorenes ſervirte. 8 Ebenſo erging es mir in Genua, wo mir der Theergeruch des Hafens all' die kleinen Orte auffriſchen half, wo ich als Knabe geſpielt und wo ich den unbeſchreiblichen Düften der Früchte und Waa⸗ ren aller Art in den engen Straßen des Hafens nachgehend, endlich den Laden wieder fand, wo meine Mutter uns einſtens prachtvolle ſaftige Orangen kaufte. Ich muß geſtehen, daß dieſes Auſſuchen bekannter Orte aus der Jugendzeit mein erſtes Ge⸗ ſchäft in allen Städten war, und erſt, wenn ich mich wieder zurecht gefunden, begann ich in Kirchen, Muſeen und ſonſtigen Kunſtanſtalten aller Art von meinem Aufenthalte Nutzen zu ziehen. „Eine Pflicht des Reiſenden, die Einem alles Reiſen verbit⸗ tern könnte,“ unterbrach Hugo von B. den Erzähler.„In Ita⸗ lien war ich freilich noch nicht, aber wenn ich an Paris denke mit ſeinen Kunſtſchätzen, namentlich an Verſailles mit ſeinen ſtun⸗ denlangen Sälen, ſo grauſt mir ordentlich.“ „Du haſt von da eigenthümliche Erinnerungen,“ ſagte der Legationsrath.„Jedem wird es nicht ſo gut, im Saale des Hercules auszurutſchen und vor einer ganzen anſehnlichen Ver⸗ ſammlung niederzuſitzen.“ „öſt! bſt!“ ermahnte der Major, worauf der blonde junge Mann die ſchon fertige Antwort mit einem Geſichte verſchluckte, Die Danie von Rittwitz. welches deutlich ahnen ließ, auch hier ſei aufgeſchoben nicht auf gehoben. „Hinter Florenz,“ fuhr der Graf fort,„hörten meine Er⸗ 34 innerungen auf, und als ich durch die Porta San Gallo gegen Arezzo hinausfuhr, war mir grade, als verließe ich zum zweiten 5 Male die Heimath. In der andern Nacht vor Perugia trat wieder einmal meine Knaben⸗ und Schulzeit recht lebendig vor mich, als mir der Poſtillon eine Waſſerfläche zeigte, die rechts von der Straße zwiſchen den Zweigen der Bäume hindurchleuch⸗ tete— der Traſſimener See. Hatten wir doch ſelbſt häufig in jenen glücklichen Tagen Carthager und Römer geſpielt; ja war ich doch ſelbſt meiſtens der große puniſche Feldherr, und wenn es hieß: Hannibal ante portas, ſo mußten meine jüngern Spielge⸗ fährten ein erſchreckliches Geheul erheben, und ich zog triumphirend ein.— Vorbei! vorbei!“ Während nach dieſen Worten der Hausherr die erloſchene Cigarre wieder anzündete, ſagte der Major:„Nach Perugia hinauf legen ſie Einem vor die leichteſte Caleſche einen Ochſen⸗ vorſpann, ein guter Vorwand zum Betteln, denn von mir ver⸗ langte der Poſtillon bei ſolcher Gelegenheit nicht nur ein Trink⸗ geld für ſich, ſondern auch eines für die armen Ochſen und ſogar für einen kleinen Hund der nebenher ſprang.“ „ Als ich nach Rom kam,“ erzählte der Hausherr nach einer Pauſe weiter,„befand ich mich in jeder Hinſicht in einer für mich ganz neuen Welt. O es iſt etwas Wunderbares, dieſe Orte, uns ſo bekannt und doch wieder fremd, zum erſten Mal ſehen zu dürfen! Wenn ich ermüdet war vom Schauen all' des Schönen, ſo war es mir eine angenehme Erholung, Abends den Monte Pincio zu erſteigen, mich dort auf eine Bank Die Dame von Rittwitz. zu ſetzen und ruhig zu erwarten, bis die Sonne hinter St. Peter niederſank. Gibt es wohl etwas Prachtvolleres, als das flammende Geſtirn, wenn es hinter der Kuppel verſchwindend ſeine letzten glühenden Strahlen wie aus der kleinen Laterne unter dem Kreuze hervorbrechen läßt, und wenn ſich die ganze Maſſe des gewaltigen Domes nun tief dunkel auf dem goldenen Abendhim⸗ mel abzeichnet!— Da iſt das Herz geöffnet bis in ſeine inner⸗ ſten Tiefen und empfänglich wie ſonſt nie.“— „So kam es denn, daß ich eines Abends, als ich im Be⸗ trachten dieſes wundervollen Schauſpiels da ſaß, ein paar Worte in deutſcher Sprache hinter mir vernahm, die einen unbeſchreib⸗ lichen Eindruck auf mich machten. Eine wohlklingende Mädchen⸗ ſtimme ſagte, hingeriſſen von dem, was wir ſahen:— Da kann man nur beten. Ich blickte um mich, grüßte, und als die junge Dame, welche die Hände auf der Bank hielt, auf dieſe Art fühlte, daß ich ihre Worte verſtanden, trat ſie tief erröthend zurück. Eine ältere Dame, ihre Mutter, war bei ihr und als ich aufſtand, mich näherte und als Landsmann zu erkennen gab, ſprachen wir vielleicht eine Viertelſtunde zuſammen, ich aufrichtig geſtanden erfreut, eine ſolche Bekanntſchaft machen zu können, die Damen freundlich, im feinſten Ton der gebildeten Welt. — Eine Sonne, leuchtender und flammender als die, welche drüben untergegangen, war in meinem Herzen plötzlich erſtanden.“ „In dieſem ruhigen Herzen!“ ſagte trübe lächelnd der Ma⸗ jor.„Beſſer, du wärſt nicht auf den Monte Pincio gegangen.“ „Da haſt du Recht,“ fuhr Arthur fort. Aber konnte ich erwarten, was ich dort fand? O gewiß nicht.“ „Ihr habt mich von jeher mißverſtanden,“ ſprach der Graf nach einem kleinen Stillſchweigen weiter, nachdem er finſter in b das, möͤchte ich jetzt in wilder Luſt der ganzen Welt erzählen Die Dame von Rittwitz. 3 die lodernde Gluth des Kaminfeuers geſchaut.„Ich war nie kalt und unempfänglich, aber mußte ich mein Schickſal kennend, nicht Alles thun, um mir die Freiheit meines Herzens zu wah⸗ ren? Ich that es auch redlich bis meine Stunde ſchlug, und das war jene Stunde, wo ich vom Monte Pincio den Sonnen⸗ untergang betrachtete. Glaubt mir, all' die Augenblicke, in de⸗ nen ich mein Herz gewaltſam geſtählt hatte gegen die Macht weiblicher Schönheit und Liebenswürdigkeit, rächten ſich furchtbar an mir. Schon am dritten Abend, wo ich das junge Mädchen an derſelben Stelle wiederfand, liebte ich ſie mit einer Gluth, einer Innigkeit, die mir deutlich ſagte, daß es vergeblich geweſen wäre, gegen dieſe Leidenſchaft anzukämpfen.“ „So hatten alſo deine Freunde damals Recht, die behaup⸗ teten, du ſeieſt von deiner italieniſchen Reiſe ganz verändert wie⸗ dergekehrt.“ „Ob ſie recht hatten!“ rief Arthur ſchmerzlich bewegt aus. „Ja, ich kam ſehr verändert zurück; ich liebte, ich wurde wieder geliebt von einem der ſchönſten beſten und edelſten Weſen, von einem Mädchen, wie es der Schöpfer nur in ſeiner beſten Laune hervorzubringen vermag.“— Der Major ſchüttelte traurig mit dem Kopfe, als er be⸗ merkte, wie Arthur nach dieſen Worten die Hände vor das Ge⸗ ſicht preßte und in ſeinem Fauteuil zuſammengeſunken da ſaß. „Wäre es nicht beſſer geweſen,“ ſprach er ſanft,„du hätteſt deine Freunde ſchon früher davon in Kenntniß geſetzt? Und wäre es doch vielleicht gelungen, einen Ausweg zu finden.“ „Was mir damals eine Unmöglichkeit war, Jemanden an⸗ zuvertrauen,— ich hätte es für eine Entweihung gehalten, Die Dame von Rittwitz. 25 Ihr ſeid nicht die Erſten, denen ich anvertraut, wie durch dieſe unglückſelige Heirath mein Herz zerriſſen wurde. Ehe ich zum Altare ging, habe ich der jetzigen Gräfin Schönfeld mein Inner⸗ ſtes offen gelegt, ich habe ihr geſagt, ſie werde meine Hand er⸗ halten, aber nie mein Herz.“ „Und ſie?“ fragte der Major. „Sie—— behauptet, mir ein ähnliches Opfer gebracht zu haben.“ „Ahl! das könnte bomiſch ſein!“ rief Hugo von B.,„wenn es nicht ſo verzweifelt ernſt wäre!“ „Komiſches finde ich nun gerade nicht darin,“ ſagte der bedächtige Legationsrath.„Warum ſoll die Dame von Rittwitz, wenn ihr Aeußeres auch von der Natur ziemlich vernachläßigt wurde, nicht ein fühlendes Herz beſitzen und ſchon einmal geliebt haben?“ „Weil ſie in dem Falle,“ fuhr der Andere eifriger fort, „Arthur freigegeben hätte und nicht auf einer ſo unnatürlichen Verbindung beſtanden wäre.“ „Ihr vergeßt den Vater,“ ſprach ernſt der Major.„Ich möchte ihn doch kennen, den alten Herrn von Rittwitz, möchte doch Gelegenheit haben, ein vernünftiges Wort mit ihm zu reden. — Aber eins kann ich dir nicht verſchweigen, Arthur— doch verzeihe meine offene Bemerkung— wenn du ſo liebteſt, wie du uns geſagt, wenn du ein ſo ſeltenes und wunderbares Mäd⸗ chen kennen lernteſt, deren Herz für dich ſchlug, warum—“ „Warum,“ fiel ihm der Graf in's Wort,„haſt du denn überhaupt die Verbindung mit Fräulein von Rittwitz eingegan⸗ gen? Haſt ſie wenigſtens nicht hinausgeſchoben ſo lange als möglich? ſollte deine Frage eigentlich lauten, und ich begreife 26 Die Dame von Rittwitz. vollkommen, daß du ſo fragſt.— Hört mir noch wenige Augen⸗ blicke zu und dann urtheilt.“ Die beiden Damen, welche ich auf dem Monte Pincio traf, wohnten im Hotel Melonie, einem der erſten Roms. Es war eine Frau von Werthen mit ihrer Tochter; ſie hatten Diener⸗ ſchaft und Cquipage und lebten auf dem Fuß einer reichen Fa⸗ milie. Ihr könnt euch denken, daß ich nachdem ich bei ihnen eingeführt war, außerordentlich viel, faſt täglich mit ihnen ver⸗ kehrte. Wir machten unſere kleinen Ausflüge zuſammen, wir be⸗ ſuchten Gallerien und Villen gemeinſchaftlich, ſahen das reizende Tivoli, das ernſte Albano mit einander— o es war eine glück⸗ liche, entzückende Zeit! Frau von Werthen, kannte, wie ſie ſagte, meine Familie, und ließ es vielleicht ebendeshalb ge⸗ ſchehen, daß ihre Tochter mit der Unbefangenheit eines zwanzig⸗ jährigen Mädchens keine Mühe gab zu verhehlen, wie ſie ſich freue, wenn ich komme, und daß ſie gern in meiner Geſellſchaft verweile.“ „Bei unſeren gemeinſchaftlichen Ausflügen in die Umgegend ſtiegen wir Beide häufig aus, wenn es den Berg hinan ging, wogegen die Mutter im Wagen blieb. Das waren unſere ſelig⸗ ſten Stunden. Magdalene hing ſich an meinen Arm, ich machte ſie auf dieſen oder jenen intereſſanten Punkt, auf dieſe und jene landſchaftliche Schönheit aufmerkſam, ich erzählte ihr von dem claſſiſchen Boden, auf dem wir wandelten; ſie war meine lern⸗ begierige Schülerin, und wenn ſie an meinem Arme hing, ſo liebte ſie es, ihre beiden kleinen Hände zuſammen zu legen und mich ſo innig, ſo liebend und dabei ſo neckiſch anzublicken, daß ich in ſolchen Momenten der glücklichſte und auch der heiterſte Die Dame von Rittwitz. Menſch der ganzen Erde zu ſein glaubte.— Ach! das ſind mir jetzt ſchreckliche Erinnerungen.“— Der Graf ſtrich ſich das Haar aus der Stirne, und nach⸗ dem er einen ſeltſam wilden Blick auf das Bild des alten Herrn Joachim von Schönfeld geworfen, wobei er die Lippen ſchmerz⸗ lich zuſammenpreßte, fuhr er fort. „So vergingen die Tage in Rom mit einer raſenden Ge⸗ ſchwindigkeit; die Zeit, welche ich mir vorgenommen hatte, dort zu bleiben, war längſt vorüber. Hätte ich aber abreiſen ſollen, da Frau von Werthen den gleichen Weg mit mir hatte, nach Neapel, und mir lächelnd erlaubt, ſie ſchützend begleiten zu dürfen? Am Tage vor unſerer Abreiſe waren wir Drei abermals auf dem Monte Pincio, um zum letzten Male von dort die Sonne untergehen zu ſehen. Es war aber nicht ſo klar, wie am erſten Abend. Hinter St. Peter zog drohend ein Gewitter, und als die Sonne hinter die ſchweren dunkeln Wolken ſank, ſchienen dieſe in Flammen aufzugehen und loderten hoch empor, den halben Himmel bedeckend mit glühender Lohe. Mich machte es traurig, ſie am letzten Abend unſeres Hierſeins ſo ſcheiden zu ſehen. Schien ſie mir doch mit dem finſteren Gewölke, welches ihre Strahlen verdeckte, wie ein Bild meines Lebens; kam ſie mir doch vor wie mein eigenes glühendes Herz, das untergehen ſollte, nicht heiter, klar und ruhig, ſondern in wilden unerreichbaren Wünſchen. Frau von Werthen war nach der obern Terraſſe gegangen, und als wir ſo da ſaßen vor dem großartigen, gewaltigen Natur⸗ ſchauſpiel, hatten ſich unbewußt unſere Hände gefunden, und als ich ihre warmen Finger zwiſchen den meinigen ſpürte, ſchaute ich ſie an, und nahm wahr, daß auch ſie nach mir ſah. Wir ſpvrachen Beide nicht, ſondern ſenkten unſere Blicke in einander, Die Dame von Rittwitz. innige, fragende Blicke. Und ebenſo ſtumm, wie die Frage, welche mein Auge an ſie that, war auch ihre Antwort; ſie ſenkte leicht ihr Haupt, und als ich dieſer Bewegung folgend ſie auf die Stirne küßte, duldete ſie meinen leichten Kuß und dabei fühlte ich ganz leiſe, leiſe den Druck ihrer Hand. Als die Mutter zurückkam und uns ſo Hand in Hand da ſitzen ſah, denn wir zogen unſre Hände nicht zurück,— betrach⸗ tete ſie uns mit einem ſeltſamen Blicke, und nahm bald darauf Veranlaſſung nach Hauſe zu gehen. Ich begleitete die Damen wie gewöhnlich, und als ſie ſich in ihre Zimmer zurückzogen, wandte ſich Magdalena nochmals zu mir, reichte mir ihre beiden Hände und ſagte mit einem unausſprechlichen Blicke der Liebe:„Arthur, mein Arthur!“ Das hatte der Graf wie in einem tiefen Traume befangen erzählt, war dann von tiefem Schmerz bewegt, in die Höhe geſprungen, hatte einen raſchen Gang durch's Zimmer gemacht und ſtellte ſich darauf, äußerlich geſammelt und ruhig, an das Kamin, auf welches er den Arm ſtützte. Keiner der Andern ſprach ein Wort, der Major und der Legationsrath ſahen vor ſich nieder, und die Blicke Hugo's von B. kehrten immer wie⸗ der zu der weißen geſpenſterhaften Geſtalt der Dame Hildegard von Rittwitz zurück. III. „Ihr werdet mir hoffentlich glauben,“ ſprach der Hausherr nach einiger Zeit in ruhigem Tone,„daß ich es mir während meiner Anweſenheit in Rom auf's Emſigſte angelegen ſein ließ, durch meinen Geſchäftsfreund zu Haus mit dem alten Herrn von Die Dame von Rittwitz. 29 Rittwitz zu unterhandeln. Ich wußte, daß meine Friſt in ein paar Jahren abgelaufen war und ließ ihm die glänzendſten An⸗ erbietungen machen, um ihn zu bewegen, mich frei zu laſſen. Wie man mir anfänglich nach Rom ſchrieb, ſchien er auch nicht abgeneigt dazu, und ihr werdet mir glauben, daß ich nur in der Hoffnung, jene Verbindlichkeit löſen zu können, mich dem jun⸗ gen Mädchen mehr und mehr genähert hatte.— Bei Gott! nur dieſe Hoffnung hielt mich zuruck, ſonſt hätte ich ſchon in den erſten Tagen unſerer Begegnung Rom verlaſſen.“ „Ob ſich Frau von Werthen um dieſelbe Zeit genau nach meinen Verhältniſſen erkundigen ließ, kann ich ebenſo wenig be⸗ zweifeln, als daß ſie benachrichtigt wurde von der unglückſeligen Verfügung, die mich an das Rittwitz'ſche Haus feſſelte. So kam der Tag unſerer Abreiſe von Rom heran, Frau v. Werthen hatte ihren Wagen auf acht Uhr Morgens beſtellt, ich wollte ihr um zehn Uhr nachfahren. Eben als ich einſteigen wollte, erhielt ich zwei Briefe, einen von meinem Geſchäftsführer in Deutſchland, der mir mit außerordentlichem Bedauern ſchrieb, der alte Rittwitz ſei auf einmal halsſtarriger als je geworden und wolle von kei⸗ nem Vergleich mehr etwas wiſſen.— Ich muß euch geſtehen, der Brief erſchreckte mich außerordentlich. In der Hoffnung, doch noch glücklich werden zu können— und ich hatte mich in dieſe Hoffnung hineingelebt— ſo grauſam geſtört zu werden, ſo auf einmal zurückgeworfen von einer herrlich ſcheinenden Zukunft— ach! ich war ſehr ungeduldig; ich biß die Zähne auf einander, es war mir eine Luſt, den Brief meines Geſchäftsführers in der Hand zerinittern zu können. Was konnte ich thun? Ich kam mir wie ein Verdammter vor, der gefeſſelt daſteht, der herrliche lachende Gegenden um ſich ſieht und der doch gezwungen iſt, 30 Die Dame von Rittwitz. dem drohenden Beile ſtill zu halten.— Aber wie ich euch ſagte, bekam ich zu gleicher Zeit zwei Briefe. Ich mußte auch den an⸗ dern leſen.“ Nach dieſen Worten fuhr Graf Schönfeld langſam mit der Hand über Stirn und Geſicht, that einen tiefen Athemzug und fuhr dann mit einem faſt unheimlichen Lächeln in ruhigem, kal⸗ tem Tone fort:„Der andere Brief war von Frau v. Werthen. Sie ſagte mir mit ſehr wenigen, aber außerordentlich deutlichen Worten, in Wendungen, die durchaus nicht mißzuverſtehen waren, ſie hätte Schreiben aus der Heimath erhalten, die ſie augenblick⸗ lich dorthin zurück riefen.— So augenblicklich“ unterbrach ſich Arthur kopfnickend ſelbſt,„daß ſie nicht einmal Zeit gehabt habe, mich am geſtrigen Abend— ſie war ſchon in der Nacht abge⸗ reiſt— rufen zu laſſen.— Ja, abgereiſt war ſie, fort— ver⸗ ſchwunden, Beide! In dem Briefe ſtand nicht, daß ſie vielleicht aus der Heimath erfahren, ich ſei nichts als ein armer gefeſſelter Selave, von der Laune derer von Rittwitz abhängend. Das ſtand freilich nicht da mit klaren Worten, aber wenn ich, wie ich that, faſt in Verzweiflung auf das Papier niederſchaute, ſo ſprangen einzelne Buchſtaben wie in tollem Tanze aus ihren Reihen her⸗ aus und bildeten ſich zu höchſt erfreulichen Worten: Rittwitz hält dich! Rittwitz hält dich!§. 8 des Teſtamentes.— Ach! war das nicht höchſt ergötzlich! Ich lachte damals laut hinaus und könnte heute wieder ſo lachen.“— „So, das wär' vorüber,“ fuhr der. Erzähler nach einer Pauſe fort,„jetzt werde ich mich eines ganz ruhigen Tones be⸗ fleißigen.— Alſo die Damen waren fort, ſpurlos verſchwunden. Der Portier vom Hötel Melonie, der mir ſehr zugethan war, verſicherte mich, die Pferde der Frau von Werthen ſeien für Die Dame von Rittwitz. 31 Storta— das war die erſte Station auf dem Wege nach Flo⸗ renz oder Venedig— beſtellt geweſen, und dorthin ſeien die Fremden auch abgereiſt. Ich fuhr nach Porta del Popolo. Der Portier hatte Recht géhabt: um eilf Uhr geſtern Abend hatten beide Damen die Stadt verlaſſen. Daß ich meinen Paß, der nach Neapel lautete, augenblicklich für Toskana und Oeſtreich ab⸗ ändern ließ, iſt ſelbſtredend, doch in Rom eine Sache, die immer Stunden in Anſpruch nimmt. Es wurde Mittag, ehe ich über Ponte Molle in die Campagne rollte. Meine Poſtillone waren mit mir zufrieden, ſie fuhren, was ihre armen Pferde vermoch⸗ ten. Wir paſſirten Storta, Baccano, Monte Roſi; dort theil⸗ ten ſich die Straßen. Ich hatte überall Nachricht von den Da⸗ men. Auch hier berichtete mir der Poſtmeiſter, dieſelben ſeien nach Civita Caſtellana gefahren, alſo gegen Venedig.“ Ich folgte — doch was ſoll ich euch weiter ermüden mit der Erzählung dieſer Fahrt? Schon in Civita Caſtellana ſtimmten die Anga⸗ ben des Poſtmeiſters mit denen des Poſtillons nicht mehr über⸗ ein. Der Erſtere ſagte, in dem Wagen, der in der Nacht von Rom gekommen ſei, haben ſich zwei Damen befunden; der an⸗ dere ſprach von einer Dame und einem Herrn. Ich ließ ein⸗ ſpannen, eilte weiter und kam nach Terni. Der Wagen, dem ich nachgeeilt, war zwei Stunden vor mir angekommen; die Herr⸗ ſchaft, ſo ſagte mir der Wirth, werde gleich herabkommen, um die Waſſerfälle zu beſuchen. Ich wartete in einer namenloſen Aufregung die Herrſchaft kam— es war ein alter, dürrer Engländer mit zwei Damen, die ihm zum Erſchrecken ähnlich ſahen.“ „ Ahl das iſt Mißgeſchick!“ rief der Major.„Du hatteſt den richtigen Wagen verloren; die Damen hatten wahrſcheinlich hinter onte Roſi dem Poſtillon Befehl gegeben, nach Viterbo zu fahren.“ 3 4 Die Dame von Rittwitz. „So war es ohne Zweifel,“ ſprach düſter Graf Arthur. „Und ich— ich ließ ſie fahren. Ich ſetzte meine Reiſe über Rimini fort, ich ging über Ferrara nach Venedig und von dort nach Deutſchland zurück. Ich kam nach W., wo Frau von Werthen, wie ſie mir geſagt, ihren Wohnſitz hatte; ich fand auch da eine Familie dieſes Namens, und in dieſer ſogar eine Frau von Werthen mit ihrer Tochter, welcher ich mich vorſtellen ließ. Aber es war eine andere. Die alte Dame ſchüttelte ſeltſam lächelnd den Kopf, als ich ihr im Laufe des Geſprächs von meinem Zuſammentreffen mit den beiden Damen in Rom, viel⸗ leicht ihren Verwandten, erzählte.— Werthen, ſagte ſie, der Name ſo geſchrieben wie unſer Name geſchrieben wird, gibt es meines Wiſſens nur eine Familie, von der kein Mitglied in letzter Zeit in Italien war. Ich empfahl mich und ſetzte meine Nachforſchungen an Orten, wo Familien mit ähnlich klingenden Namen wohnten, ebenſo erfolglos fort. Welche Stunden und Tage, welch' entſetzliche Zeit ich damals verlebte, kann nur der beurtheilen, der ſich in meiner Lage befand. Und meine Lage iſt ſo originell, daß vielleicht ein menſchliches Herz nie mehr in einer ähnlichen zu leiden hat.— Magdalena v. Werthen, die mich innig und herzlich geliebt— deſſen bin ich gewiß,— die wohl ebenſo unglücklich wie ich, irgendwo verborgen lebte, war todt für mich. Wohl forſchte ich ſelbſt und durch Andere über ein Jahr nach ihrem Aufenthalte. Immer vergebens. Da in einer Stunde des Unmuthes, der Verzweiflung zerriß ich die wie⸗ der angeknüpften Unterhandlungen mit dem alten Rittwitz, in⸗ dem ich ihm in einem heftigen Schreiben ſagte, ich wolle denn ſeiner Habſucht zum Opfer fallen, er ſolle einen Mann für ſeine Tochter haben, aber einen Mann ohne Herz, ohne Liebe für ſie. — Die Dame von Rittwitz. „Und die Familie Rittwitz?“ ſprach der bedächtige Lega⸗ tionsrath. „Nahm mein Anerbieten an,“ rief Arthur,„und der alte Herr ſprach mir in einem freundlichen Schreiben von dem Ter⸗ min, den er zur Hochzeit angeſetzt haben möchte.“ „Das muß ein altes Ungeheuer ſein!“ rief entrüſtet Hugo von B.„Hoffentlich treffe ich mit dieſem Menſchen nie zu⸗ ſammen.“ „Und wenn das je der Fall wäre,“ entgegnete ſehr ruhig der Hausherr,„ſo würdeſt du dich enttäuſcht finden. Du er⸗ warteſt in dem alten Rittwitz einen finſteren, unheimlichen Mann zu finden, und es erſcheint dir eine lächelnde, freundliche, ſich herzlich bezeigende Perſönlichkeit.— Aber laß uns dies Ge⸗ ſpräch abbrechen. Ich habe euch geſagt, was ich für meine Schuldigkeit hielt, euch zu ſagen; gleich bin ich fertig, wir wol⸗ len darauf noch ein paar Stunden luſtig ſein, und dann— wie Gott will! Ehe wir aber zum kleinen Diner gehen, muß ich etwas thun, was ich bis jetzt nur an Feier⸗ oder vielmehr an Trauertagen that. Vorher zwei Worte zur Einleitung. Seht dort das Bild der armen Rittwitz, die vielleicht unglücklicher war, als ich es bin. Euch iſt ohne Zweifel bekannt, daß ſie ſich nach einer nicht zu entſchuldigenden That meines Ahnherrn in einem Anfalle von Wahnſinn in's Waſſer ſtürzte. Der Ma⸗ ler, der auf Beſtellung gearbeitet, hat ſehr wohl daran gethan, uns das Geſicht nicht zu zeigen. Wie kann man auch Züge malen, auf denen geſchrieben ſteht, wie der große Dichter ſagte: „Mich dünkt, von Thränen blicke Luna's Glanz; Und wenn ſie weint, weint jede kleine Blume Um einen wild zerriſſ'nen Mädchenkranz.“ Hackländer, Kr. u. Fr. I. abneigen, und wenn man nun plötzlich an den Waldran Die Dame von Rittwitz. Daß ich, namentlich im letzten Jahre, oft lange, lange trübe Stunden damit verbrachte, neben dieſem Kamine zu ſitzen und das Bild droben anzuſchauen, könnt ihr mir glauben. Ich. that das gern in der Dämmerungsſtunde, faſt im Dunkel, wo dies Gemach ſpärlich erleuchtet war von den lodernden Flammen eben dieſes Kamins. Es war alsdann eigenthümlich, wie die aufzuckende Gluth ſeltſame Streiflichter auf das Bild warf. „Seht hin,“ unterbrach er ſich plötzlich,„der Tag neigt ſich ſeinem Ende zu, es iſt beinahe dunkel genug, daß dies Feuer hier neben uns auf das Bild wirken kann. Könnte man nicht glauben, die Geſtalt bewege ſich, ſie ſtrecke ſich, in die Höhe — ſie neige ſich jetzt dem Abgrunde zu, wo tief vor ihr der lockende Waſſerſpiegel glänzt?— ſie ſchaudere auch jetzt davor zurück und vor dem nächſten Augenblicke?— Man könnte darauf ſchwören, wenn man lange hinblickte, das Haar ſich bewegen, die weiße Geſtalt ihre Haltung verändern zu ſehen. Und ſo war es in der That; wenn die Flammen des Ka⸗ mins plötzlich empor fuhren und ein helles Streiflicht auf das Bild warfen, ſo ſchien Leben und Bewegung zu kommen in die todte Geſtalt der Dame Hildegard von Rittwitz. 3 „Dieſe Phantaſieen haben mich nie unangenehm berührt,“ fuhre der Graf nach einer längeren Pauſe fort. Im Gegentheile. Wenn ich vor dem Bilde ſaß und es betrachtete, ſo konnte ich mich in Phantaſien und Träumereien vertiefen, die, anfänglich düſterer und finſterer Natur, allmälig licht und freundlich wur⸗ den. Es war, als wenn man durch einen finſtern Tannenwald reitet, in tiefem, kaltem, unheimlichem Winter, wenn die ſchnee⸗ bedeckten Zweige ſich ächzend vor dem ſcharfen Nordwind auf Die Dame von Rittwitz. 35 kommend wie durch Zauberei eine weite glückliche glänzende Ebene vor ſich ausgebreitet ſieht, lachend im Schmuck des Frühlings. — Oder wenn man nachſinnend dem Heulen des Windes zu⸗ lauſcht, und wenn die wilden Töne nach und nach ſanfter und melodiſcher werden, endlich in ſüße Klänge übergehend, die uns ein liebes bekanntes Lied vor die Sinne bringt, das wir einſt gehört in vergangenen glücklichen Tagen.— So geſchah es mir, und wenn ich mich, in tiefer Nacht allein ſitzend, längere Zeit ins Anſchauen jenes Bildes verſenkte, ſo glaubte ich oft zu bemerken, wie die Dame v. Rittwitz langſam ihr Haupt erhob, es herum wandte nach mir und mich lächelnd anſchaute. Aber nicht mit den Zügen der unglücklichen Hildegard, ſondern alsdann war es das liebe ſüße Geſicht Magdalenen's von Werthen, das beglückt und beglückend auf mich niederſah, und von ihren Lippen glaubte ich die lieben Worte zu vernehmen, die ſie zu mir ge⸗ ſprochen an jenem letzten glücklichen Abend in Rom:„Arthur! mein Arthur!“ „Ich konnte dieſe Phantaſieen nimmer los werden, und da ich mir in Rom durch einen bekannten Maler ein Portrait Mag⸗ dalenens verſchafft hatte, ſo ließ ich mir durch denſelben Künſt⸗ ler, als er nach Deutſchland zurückgekehrt war, eine Copie machen, ganz ſo, wie mir jenes Bild oft in wachen Träumen erſchien. — Ihr ſollt es ſehen.“ Nach dieſen Worten zog der Hausherr an einer Klingelſchnur, die neben dem Kamine hing, und als der Kammerdiener hierauf unter der Thür des Nebenzimmers er⸗ ſchien, befahl der Graf, Lichter zu bringen, und ehe dieſe kamen, trat er dicht vor das Bild der Dame von Rittwitz, drückte an einer Feder, worauf ſich das äußere Portrait langſam öffnete und ein anderes zum Vorſchein kam, das nun die drei Freunde, 8 von Rittwitz— er folgt mir auf dem Fuße.“ Die Dame von Rittwitz. als ein Bedienter zwei hellbrennende Carcelllampen brachte, mit einem lauten Ausruf der Bewunderung anſchauten. Was ſie ſahen war ſo, wie es Graf Schönfeld beſchrieben: es war die Geſtalt Hildegard's v. Rittwitz, doch wandte ſie ihren Kopf mit einer wunderbaren Grazie dem Beſchauer zu. Und dieſer Kopf zeigte das reichſte, lieblichſte Mädchenantlitz, wie man es ſich nur in ſüßen Träumen ausdenken konnte;— ein heiteres, gutes Ge⸗ ſicht im Glanze der Jugendfriſche mit herrlich klugen und lieben Augen, einem prachtvollen, dunkelblonden Haar, einem lächelnd geöffneten Mund voll blitzender Zähne. Es war, als erzähle ſie dem Beſchauer von dem tiefen finſteren Waſſer da unten, und wie ſie es einen Augenblick gegrauſt habe, da hinunter zu ſchauen. Der Major ſtand dicht neben ſeinem unglücklichen Freunde; er hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt und ſagte, nach⸗ dem er das Bild längere Zeit betrachtet:„Das iſt in der That ſehr traurig, Arthur.“ „Mehr noch,“ gab dieſer zur Antwort,„es wäre ent⸗ ſetzlich füj mich,— unerträglich, wenn ich mich nicht daran gewöhnt hätte, an das Original dieſes Bildes wie an eine liebe Verſtorbene zu denken. Und ſo Gott will, bleibt ſie das für mich. Denn ſie plötzlich wiederzuſehen, würde mich wahn⸗ ſinnig machen. 3 Keiner der vier jungen Leute hatte, während ſie das Bild betrachteten, vernommen, daß unter die Einfahrt ein Wagen ge⸗ rollt war. Wenige Augenblicke nachher trat der alte Kammer⸗ diener des Grafen eilig in das Gemach; er ſah überraſcht, faſt verſtört aus und meldete ſchon unter der Thür:„Der Freiherr 37 Die Dame von Rittwitz. *Ein Blitz, der niedergefahren wäre oder ſonſt ein furcht⸗ bares Ereigniß hätte den Hausherrn und die drei Freunde nicht ſo aufs höchſte überraſchen, ja ſie faſt erſtarren machen kännen, wie dieſe Meldung. „Das iſt ſtark,“ ſagte der Major. „Wir ſollen das Ungeheuer ſehen?“ meinte Hugo v. B. Und ſelbſt der bedächtige Legationsrath ſetzte hinzu:„Nach dem, was vorgefallen, finde ich es in der That ziemlich ſonder⸗ bar von dem Herrn von Rittwitz, ſich ſo ohne Weiteres hier ſehen zu laſſen.“ Der Hausherr zuckte mit den Achſeln, indem er bitter läch⸗ elnd ſagte:„Hat er nicht ein Recht, ſo ohne alle Ceremonie bei ſeinem Schwiegerſohne einzutreten.“ Darauf machte er eine Hand⸗ bewegung gegen den Kammerdiener und ſprach mit einem bedeut⸗ ſamen Blick auf ſeine Freunde:„Sage dem Herrn Baron von Rittwitz, ich ſei zu Hauſe— aber nicht allein.“. Wir müſſen geſtehen, daß ſowohl der Major als der Lega⸗ tionsrath und ebenſo Hugo v. B. mit außerordentlicher Span⸗ nung nach der Thür blickten, wo im nächſten Augenblicke Je⸗ mand erſcheinen ſollte, über deſſen Betragen man ſich, und zwar mit vollem Rechte, noch vor kurzer Zeit in ſehr un libſamen Wor⸗ ten ergangen hatte. „Ich ſtelle ihn mir groß und hager vor,“ meinte der Le⸗ gationsrath,„mit einem langen, dürren Geſichte, ſtruppigem Bart, aufwärts gekämmtem Haar, boshaften Augen und höhniſch zuſam⸗ mengekniffenen Lippen. Ein alter moderner Mephiſto.“ Graf Arthur ſchüttelte traurig lächelnd unit dem Kopfe. „Er muß klein und verwachſen ſein,“ ſagte Hugo v. B. „Er hat gewiß eine entſetzlich hohe Schulter, worauf ſein Ohr Die Dame von Rittwitz. bequem ruhen kann. Seine Blicke ſprühen Neid und Habgier, und die Finger zucken wie die eines Geizhalſes. „ Herr Baron von Rittwitz!“ meldete der Kammerdiener, indem er die Portièren auseinanderzog. Die drei Freunde ſtanden da mit aufgeriſſenen Augen und einem faſt verlegenen Lächeln des Erſtaunens. Denn der Mann welcher hereintrat, war weder lang und hager wie ein Mephiſto, noch zuſammengeſchrumpft wie ein Geizhals. Er war vielmehr eine Ehrfurcht gebietende Perſönlichkeit, ein Mann in Mittelgröße, unterſetzt, in gewählter ſchwarzer Kleidung, mit einem Stern auf der linken Seite des Fracks und einem wahrhaft Zutrauen er⸗ weckenden angenehmen und heiteren Geſichte. Er näherte ſich der überraſcht daſtehenden Gruppe mit den vollendet feinen Manieren eines Weltmannes, bat mit einem freundlichen Lächeln, ihn vor⸗ zuſtellen, und nahm darauf die Präſentation der drei Herren 5 eben ſo anmuthig entgegen, wobei er für Jeden ein freundliches Wort hatte. Der Baron erſuchte auf ſo gewinnende Art, ſich nicht ſtören zu laſſen, bat darauf um Erlaubniß, ſich ſelbſt ſetzen zu dürfen, um die Förmlichkeit des Stehens zu beſeitigen, ſo 3 F daß nur wenig Minuten verliefen, bis die Geſellſchaft jetzt um Einen vermehrt, wieder um den Kamin beiſammen ſaß, als ſeien alle fünf langjährige und gute Freunde. Der Major drehte ſeinen Schnurrbart, blickte auf den Lega⸗ tionsrath, der lächelnd in die Gluth ſchaute und es nicht zu wa⸗ gen ſchien, nach Hugo v. B. zu ſehen, welcher noch immer ſprach⸗ los vor Ueberraſchung den Herrn v. Rittwitz betrachtete. Der alte Herr wandte ſich behaglich lächelnd an den Gra⸗ fen Arthur und ſagte:„Sie wohnen ſuperb, ein reizendes, ge⸗ ſchmackvolles Appartement! Und dies Gemach iſt eingerichtet, 2 Die Dame von Rittwitz. wie ich es außerordentlich libe.— Sie haben einen jenen Sinn, beſter Graf, für die richtige Zuſammenſtellung dieſer vie⸗ len unnöthigen und doch für uns ſo nothwendigen Sachen, da⸗ mit wie hier ein harmoniſches Ganze entſtehe. Wenn Sie mir, wie ich hoffe, ſpäter einmal das Vergnügen machen, mich auf Rittwitz zu beſuchen, ſo werden Sie einen Theil des Schloſſes auf dieſelbe Art eingerichtet finden, natürlicher Weiſe nicht mit der Feinheit wie dieſes Gemach. Ich könnte das als ſchönſte Verzierung meiner ſämmtlichen Gemächer benutzen, als die Krone des Ganzen.— Ach! fuhr er gleich darauf mit einem lauten Ausrufe fort, nachdem er nochmals prüfend und billigend rings⸗ um geſchaut,„das iſt ja das bekannte Bild des alten Grafen Schönfeld.“ Er erhob ſich und ſtellte ſich vor das lebensgroße Portrait hin. „Er iſt von einer merkwürdigen Unbefangenheit,“ flüſterte der Legationsrath dem Majore zu. „Ich bin nur darauf begierig, wenn er ſich umwendet, um ſeine Ahnfrau ebenfalls zu betrachten,“ ſagte Hugo v. B. Darauf ſchien der Hausherr, der dem Baron von Rittwitz gefolgt war, ebenfalls begierig zu ſein; doch war ſeine Erwar⸗ tung keine angenehme, denn er blickte finſter vor ſich hin und preßte die Lippen auf einander. Das Bild war geöffnet geblie⸗ ben, und ſtatt der ſich düſter abwendenden Hildegard ſah man das ſonnige Lächeln Magdalenen's von Werthen. Jetzt wandte ſich der alte Herr um.„Der Tauſend!“ rief er mit einem wie freudig überraſchten Geſichtsausdrud.„Und das iſt die Dame von Rittwitz? Ei! ei! eil So angenehm hätte ich ſie mir nicht gedacht. In der That ein wohlwollen⸗ der hübſcher Kopf. Dadurch ſteigt die Schuld des alten Herrn —— Die Dame von Rittwitz. Joachim. Ich weiß nicht, in alten Familien⸗Urkunden wird die Dame von Rittwitz anders geſchildert, als finſter, melancholiſch.“ „Verzeihen Sie, Herr Baron“, unterbrach ihn Graf Arthur, der, wie man es nennt, auf Kohlen zu ſtehen ſchien,„es iſt das nicht das Portrait Hildegard's von Rittwitz, es iſt eine Phantaſie, eine Spielerei von mir, unter das Originalbild die Geſichtszüge einer lieben Bekannten von mir zu verſtecken.“ Bei dieſen Worten hatte er ſich der andern Wand genähert und das ältere Gemälde durch einen Druck mit dem Finger wieder an ſeinen ehemaligen Platz gebracht.„Das“, ſagte er, „iſt die Dame von Rittwitz.“ „ Ahl! das ſieht freilich anders aus“, ſprach der alte Herr kopfnickend.„Ja, ſo habe ich mir's auch gedacht.— Verzeihen Sie meinen Irrthum. Das Bild der Dame v. Rittwitz hat etwas ungemein Melancholiſches; es will Abend werden, eine unheimliche Nacht, wogegen das andere Bild wie ein freundlicher Frühlingsmorgen lächelt. Iſt das nicht auch Ihre Anſicht, meine Herren?“ 5 Das war nun freilich die Anſicht der ſämmtlichen Anweſen⸗ den und ſie pflichteten derſelben auch in einzelnen Ausdrücken bei; Graf Arthur aber, dem dies Geſpräch anfing, peinlich zu werden, wandte ſich an Herrn v. Rittwitz und ſagte ihm mit leiſer Stimme: wenn die Ehre ſeines Beſuches vielleicht eine beſondere Veranlaſſung habe, ſo ſtände er zu ſeinen Befehlen und bäte in dieſem Falle, ihm gütigſt in ein anderes Zimmer folgen zu wollen, Der alte Herr nahm die Frage mit einem wahrhaft herz⸗ lichen Lächeln auf.„Eine beſondere Veranlaſſung, die mich hierher führt, habe ich allerdings; doch iſt ſie nicht der Art, — Die Dame von Rittwitz. 41 daß ſie uns nöthigt, die angenehme Geſellſchaft Ihrer mir ſo werthen Freunde zu verlaſſen. Offenherzig geſagt, bin ich ge⸗ kommen, mich bei Ihnen zum Diner einzuladen. Ich weiß, Sie ſpeiſen um fünf Uhr, und werden mir gewiß ein Couvert nicht verſagen. Ihnen, lieber Graf, ſowie all' dieſen Herren ſteht dagegen vorkommenden Falles ganz Rittwitz zur Verfügung.“ Bei dieſen letzten Worten machte er eine ſehr liebenswürdige Handbewegung gegen die Freunde des Hausherrn, welche von dieſen durch eine angemeſſene Verbeugung erwiedert wurde. „O weh! unſer ſchönes Garcon⸗Diner!“ ſprach Hugo von B. zu ſeinem Nachbar, dem Legationsrathe, der den Herrn von Rittwitz mit Erſtaunen betrachtete und zu dem Major ſagte: „Das iſt ein eigenthümlicher alter Herr. Bei einem Andern würde mir ſolche Selbſteinladung in den gegenwärti gen Verhält⸗ niſſen wie Hohn und Spott erſcheinen, aber er ſpricht ſo natür⸗ lich, daß man ſich denken könnte, er habe wirklich die Abſicht, mit ſeinem lieben Schwiegerſohne eine heitere Stunde zu ver⸗ leben. Verſtehe das, wer's kann.“ 3 „Ich ebenſowenig wie Du,“ antwortete der Angeredete. „Es wird dich nicht überraſchen, wenn ich dir geſtehe, daß ich aus meiner Verwunderung gar nicht recht herauskomme. Uebri⸗ gens weiß er die unangenehme Sache mit einem Takt zu nehmen, der bewunderungswürdig iſt. Und wenn ſeine Tochter ſich halb ſo verſtändig benimmt, ſo kann die Sache noch immer werden wie ſie will.“ „Das Diner iſt ſervirt,“ meldete der Kammerdiener. Und Graf Arthur, der mit Herrn von Rittwitz in der Fenſterniſche geſprochen, erſuchte den alten Herrn mit einer tiefen Verbeugung, voranzugehen. Die Dame von Rittwitz. Man ſpeiſte wohl nirgends ſo behaglich, angenehm und gut, wie bei dem Grafen Schönfeld. Wenn er es auch liebte, daß ſeine Gäſte, und darunter ſeine vertrauteſten Freunde, in ſehr gewählter Toilette erſchienen, wenn ſelbſt bei dieſen kleinen Diners die Arrangements reich und gewählt waren und die Dienerſchaft in großer Livré, ſo wars doch ſonſt ſo zwanglos wie immer möglich. Hugo v. B. hatte gefürchtet, es werde heute ausnahmsweiſe ſehr ſteif und langweilig ſein und der alte Herr jeden freien Erguß der Fröhlichkeit hemmen. Das war aber ganz und gar nicht der Fall. Wenn der Freiherr v. Ritt⸗ witz ſein Entrée freundlich und liebenswürdig gemacht hatte, ſo war er jetzt in der Unterhaltung feſſelnd, ja hinreißend. Dabei fiel es ihm nicht ein, das Geſpräch an ſich reißen oder der Ge⸗ feierte ſein zu wollen. Im Gegentheil. Er nahm das Geſpräch faſt nur dann auf, wenn er aufgefordert wurde; er erlaubte ſich in ſtreitigen Fällen nur eine kleine einfache Bemerkung; dieſe aber war immer ſo gediegen und zeigte von ſolcher Sachkennt⸗ niß, daß man ihn von allen Seiten bat, ſeine Anſicht zu ent⸗ wickeln. Dabei war er ſo voll pikanter Geſchichten und Anek⸗ doten, und wußte ſo prachtvoll zu erzählen, daß er ſchon nach den erſten Gängen das Herz Hugo's v. B. erobert hatte und dieſer es ſich als eine Ehre ausbat, ein Glas Wein mit ihm trinken zu dürfen. Der Legationsrath hatte ſeinen Nachbar, den Major, ſchon mehreremal verſichert, daß er enchantirt von dem alten Herrn ſei. Und als der Major etwas ſpäter leiſe ſein Glas gegen Arthur erhob und ihn mit einem leichten Kopfſchüt⸗ teln, das von einem gelinden Seufzer begleitet war, anſchaute, hatten die beiden langjährigen Freunde einen und denſelben Ge⸗ Die Dame von Rittwitz. 43 danken: ein ſo liebenswürdiger Vater und eine ſo unliebens⸗ würdige Tochter! Selbſt Graf Schönfeld vergaß auf Augenblicke ſeine eigen⸗ thümliche peinliche Lage, und er konnte beinahe freudig lachen, wenn der alte Herr mit einer außerordentlichen Komik ſeine hei⸗ teren Geſchichten erzählte. IV. So mochte es halb ſechs Uhr geworden ſein, und der kleine reich beſetzte Tiſch befand ſich in jener maleriſchen Unordnung, welche in dieſem Falle für das Auge wahrhaft wohlthuend iſt. Die Bedienten ſervirten Champagner, und als die hohen Kelch⸗ gläſer bis an den Rand mit einer kaum merklichen Idee von Schaum gefüllt waren, nahm der Freiherr von Rittwitz mit ziemlicher Feierlichkeit ſein Glas zur Hand, erhob ſich von ſeinem Sitze und ſprach, nachdem er ſich freundlich im Kreiſe umgeſehen⸗ „Meine Herren! Wenn ich mein Glas ergreife, um dem Gebrauche gemäß einen kleinen Toaſt auszubringen, ſo bitte ich, das dem Ihnen faſt gänzlich Fremden nicht als Anmaßung aus⸗ zulegen. Ich bin der Aelteſte von Ihnen, und indem ich auf das Wohlergehen Ihres lieben Freundes, des von mir hochver⸗ ehrten Grafen Schönfeld, trinke, ſo gedenke ich auch zu gleicher Zeit meiner armen Tochter. Und an ſein Kind zu denken und demſelben Heil und Segen zu wünſchen, kann man einem Vater ſchon erlauben.“ Obgleich der alte Herr dieſe Rede in feſtem Tone begonnen, ſo zitterte doch ſeine Stimme ein wenig und ſein Blick war ernſt geworden, als er die letzten Worte ſprach. Gleich darauf aber faßte er ſich wieder und fuhr in ruhigerem, ſehr ſanftem Tone fort, wobei er den Grafen Schönfeld zuweilen 44 Die Dame von Rittwitz. mit einem ſo liebevollen innigen Blick betrachtete, daß ſogar der bedächtige Legationsrath ſpäter verſicherte, dieſer Blick ſei ihm in die Seele gedrungen.— Herr v. Rittwitz fuhr alſo fort: „Es iſt nicht zu läugnen, meine Herren, daß zwei von uns ſich in einer ſeltſamen Lage befinden; ich meine den Herrn Grafen Schönfeld und mich. Die eigenwillige, ja, ich will es geſtehen, harte Verfügung eines längſt verſtorbenen eigenſinnigen Herrn bringt unſere beiderſeitigen Familien, die ſich ſeit langen Jahren etwas ſchroff einander gegenüber ſtanden, auf gewaltſame Art zuſammen. Früher wurden ähnliche Heirathen in unſeren Familien bereitwillig und gern geſchloſſen; jetzt aber— es iſt eigenthümlich— verbindet ſich der letzte Graf Schönfeld mit der letzten Dame v. Rittwitz weil— das Schickſal es ſo gewollt. Ich ſpreche nur von dem Grafen Schönfeld, denn was meine Tochter, dieſe letzte Dame v. Rittwitz, anbelangt, ſo ſchätzt ſie die ihr bekannt gewordenen vortrefflichen Eigenſchaften des Herrn Grafen ſo außerordentlich, daß ich, nur ihren innigen Bitten nachgebend, die Sache bis zum Ende trieb und zu jedem andern Vergleich meine Einwilligung verſagte.“ Bei dieſer Wendung, welche die drei Freunde des Grafen Schönfeld mit großem Erſtaunen vernahmen, konnte ſich dieſer nicht enthalten, faſt unmuthig den Redner anzuſehen. Ja, er öffnete ſchon den Mund zu einer Entgegnung, doch machte ihm der alte Herr eine ſo verbindliche Verbeugung und ſah ihn dabei wiederholt ſo bittend und herzlich an, daß er mit einem Achſel⸗ zucken gegen ſeine Freunde ſtillſchwieg. Der alte Herr fuhr mit erhöhter Stimme in faſt feierlichem Tone fort: „Ja, meine Herren, ich habe den innigen Bitten meiner Tochter nachgegeben und habe dadurch wahrſcheinlich dem Herrn Die Dame von Rittwitz. 45 Grafen Augenblicke des tiefſten Schmerzes, ja des Unglücks ver⸗ urſacht, bin aber vollkommen geneigt, das alles wieder gut zu machen. Obgleich, wie wir Alle wiſſen“— dies ſagte er mit einem ſonderbaren Lächeln—„Graf Schönfeld meine Tochter nicht liebt, ſo war er doch edel genug, um vor der Welt die gehäſſigen Gerede, deren ſchon genugſam curſiren, nicht zu vergrößern, ſeinen Entſchluß dahin auszuſprechen, heute Abend mit ſeiner Frau dieſe Stadt gemeinſchaftlich zu verlaſſen, um ſich, wann und wo es ihm gefällt, mit derſelben zu verſtän⸗ digen. Meine Tochter und ich gaben dazu unſere Zuſtimmung, und ich bin dem Herrn Grafen für dieſe Aufmerkſamkeit dankbar.“ „Mag nun dieſe Verkündigung ausfallen wie ſie will, ſo erkläre ich hier vor Ihnen, meine Herren, daß ſowohl meine Tochter als ich bereit ſind, in eine Scheidung zu willigen, wenn es dem Herrn Grafen ſo gefällt. Und ich füge hinzu, daß es mir nach dieſer Scheidung nie in den Sinn kommen wird, irgend welche Forderung an die Familie Schönfeld zu ſtellen. Mag alſo dieſe, unter ſo ſonderbaren Umſtänden geſchloſſene Heirath was immer für Folgen haben, ſo iſt mit einer Auf⸗ löſung derſelben die Verfügung des alten Herrn Joachim von Schönfeld für ewige Zeiten annullirt, worüber ich mir erlaubt habe, ein rechtskräftiges Inſtrument aufzuſetzen.— Er hatte bei dieſen Worten in ſeine Rocktaſche gegriffen, ein zuſammenge⸗ faltetes Papier herausgezogen, welches er dem Grafen übergab. „Da man aber, meine Herren, von allen Dingen das beſte hoffen muß“— dies ſprach der alte Baron mit einem ſchlauen, lächelnden Blick auf Arthur—„und da es doch unerhört wäre, wenn ein Vater am Hochzeitstage ſeiner Tochter auf eine Ehe⸗ ſcheidung derſelben trinken wollte, ſo leere ich mein Glas mit 46 Die Dame von Rittwitz. einem Wunſche, in den Graf Schönfeld und Sie, meine Herren, jedenfalls einſtimmen können, auf den Wunſch nämlich, daß es den beiden Neuvermählten wohl ergehen möge und ſie glücklich ſeien auf Erden.“ Da es nun in der That für Niemand einen vernünftigen Grund gab, dieſem Toaſte nicht beizuſtimmen— man konnte ja denken, was man wollte— ſo klangen die Gläſer zuſammen und wurden alsdann geleert. Die Glocke wies auf ſechs Uhr, und nach einem fragenden Blick auf den alten Herrn hob Arthur die Tafel auf. Man zog ſich in das ſchon vorhin erwähnte alterthümliche Gemach zurück, wo die Gäſte Kaffee und Cigarren nahmen, während ſich Graf Schönfeld in das anſtoßende Schlafzimmer begab. Hier erwartete ihn der alte Kammerdiener, um ihm be⸗ hülflich zu ſein, ſeine hochzeitliche Toilette mit einem einfachen Reiſeanzug zu vertauſchen. Der Herr war ſchweigſam, nach⸗ denkend, und der Diener nahm jedes der ihm dargereichten Klei⸗ dungsſtücke mit einem kummervollen Blick und einem gelinden Seufzer an ſich. „Du haſt meine Befehle beſorgt?“ ſagte Arthur nach einem längeren Stillſchweigen. „Auſ's pünktlichſte, Herr Graf.“ „Beide Wagen?“ „Beide, Herr Graf.“ „Und mein Schreiben an— an die Gräfin Schönfeld—⸗ „Habe ich ebenfalls übergeben, Herr Graf. Und die Frau Gräfin iſt dankbar, daß Sie mit ihren Anordnungen zufrieden ſind.“ „Du ſprachſt ſie ſelbſt?“ „Nein, Herr Graf, ich ſah nur die Kammerfrau. 47 Die Dame von Rittwitz. „Gut. Du haſt meinen Wagen ſorgfältig gepackt?—“ Denke für mich, ich bin heute zerſtreut. Vergiß auch meine Caſſette nicht und die Bücher, die ich zurückgelegt habe. Noch 2 Eins. Wiederhole den Poſtillonen beider Wagen auf' ſorgfäl⸗ tigſte die Inſtructionen, die ich dir gegeben. Du wirſt nichts 4 vergeſſen.“ „Gewiß nicht, Herr Graf.“ „So werde ich alſo gehen. Haſt du mein Coupé einſpan⸗ 3 nen laſſen?“ 3 „Es hält unter der Einfahrt.“. „Und die beiden Reiſewagen?“ „Der eine im hinteren Hofe; der der Frau Gräfin iſt aus der Motelle bereits weggefahren, der andere hält in dem hinte⸗ ren Hofe und verläßt denſelben gleich hinter dem Coupé des Herrn Grafen.“ Nachdem Arthur dies kleine Geſpräch mit ſeinem Diener gehalten, trat er ans Fenſter und ſchaute mit verſchränkten Armen einen Augenblick in die finſtere Nacht hinaus. Dann wandte er ſich plötzlich um, reichte dem Kammerdiener beide Hände, drückte und ſchüttelte ſie herzlich und ſagte mit weicher Stimme:„So leb denn wohl, mein lieber, getreuer Freund. — —— Nur keinen Abſchied. Sorge für mein Haus, wie du's immer gethan haſt; ich werde dir in den nächſten Tagen ſchreiben— . Adieu!“ „Gott ſchütze Sie, Herr Graf,“ ſprach der alte Diener, und da er die Gewohnheiten ſeines Herrn kannte, ſo blieb er an der Schlafzimmerthür ſtehen, zog ſie leiſe ins Schloß, als der Graf hindurchgegangen war, und dann wandte er ſich um und preßte beide Hände vor ſein von Thränen feuchtes Geſicht. Die Dame von Rittwitz. Einen eben ſo kurzen Abſchied wie von dem Diener nahm Graf Schönfeld auch von den Freunden. Alle wollten aufſprin⸗ gen, um ihm das Geleite bis zum Wagen zu geben, doch bat er ſie dringend und herzlich, dies nicht zu thun, um nicht den unvermeidlichen Schmerz des Scheidens zu vermehren. Freiherr von Rittwitz ſtimmte ihm vollkommen bei und ſagte nach einem herzlichen Händedruck:„Graf Schönfeld hat Recht. Auch ich mag dies Abſchiednehmen durch die Vorzimmer, die Treppen hin⸗ ab, beim Einſteigen bis zu dem Momente, wo der Wagen ver⸗ ſchwindet, nicht leiden. Wozu nützt das auch? Man wiederholt ſich daſſelbe hundertmal, man macht ſich gegegenſeitig weich und verlängert einen Schmerz, dem man durch raſchen Abſchied mehr oder weniger die Spitze abbrechen kann.— Behüte Sie der Himmel, Graf Schönfeld; es iſt mir gerade, als ſähen wir uns bald wieder.“ „Adieu, Arthur! „Lebt wohl! denkt an mich! Graf Arthur ließ ſich unter der Einfahrt ſeinen Mantel umgeben, dann trat er zum Kutſcher, der auf dem Bocke ſaß, und ſagte ihm:„Du fährſt ins Hoôtel Killmar, und wenn wir dies nach kurzem Aufenthalte wieder verlaſſen, zum Steinthore hinaus der Station D. zu. Du wirſt fahren, was die Pferde laufen können, bis du auf der Straße meinen Reiſewagen hal⸗ ten ſiehſt; Joſeph iſt dabei.“ Nachdem Arthur dieſen Befehl gegeben, warf er ſich. in das Coupé, die Thür wurde geſchloſ⸗ ſen und der Kutſcher fuhr in Fraütem Trabe durch die dunkeln Straßen. In wenig Minuten hatte er das Hotel Killmar erreicht, und nachdem Graf Schönfeld aus ſeinem Wagen geſprungen, „ 4 * 8 —“ Die Dame von Rittwitz. wollte er ins Haus treten, als ihm unter der Thüre zwei Damen entgegentraten: ſeine Gemahlin, die Gräfin Schönfeld, und deren Kammerfrau. „Ich danke Ihnen für 1 Pünktlichkeit“ ſagte Erſtere, indem ſie leicht den Arm des Grafen berührte, um in den Wa⸗ gen zu ſteigen, worauf Arthur entgegnete: „Sie werden daran nicht gezweifelt haben, gnädige Frau, daß ich Ihrem Wunſche mit Vergnügen entgegen kam; es iſt leider ſo wenig, was ich für Sie zu thun im Stande bin.“ Die Thür des Wagens wurde abermals geſchloſſen, die Kammerfrau ſetzte ſich neben den Kutſcher auf den Bock und das Coupé rollte davon. Es war ein trüber, windiger Herbſtabend; der mit Wolken bedeckte Himmel ſpendete zuweilen einen kleinen ſcharfen Regen, der das Straßenpflaſter näßte und glänzende Flächen bildete, worin ſich das Licht der Gaslaternen abſpiegelte. Der Kutſcher des Grafen that ſeine Schuldigkeit, und der Wagen flog jetzt durch engere Straßen, dann über weite Plätze, gleich darauf über Brücken raſſelnd und dröhnend dahin, hier zwiſchen dun⸗ keln ſpärlich erleuchteten Häuſern, dort vorüber an hell und glänzend erleuchteten Magazinen, deren Licht zuweilen voll und blendend in den Wagen fiel. In ſolchen Momenten warf Ar⸗ thur wohl einen ſchnellen Blick nach der Seite, wo ſeine Ge⸗ mahlin ſaß, und ſah alsdann, wie ſie ſich, in ihren Mantel ge⸗ wickelt, in die Ecke drückte.— In früheren Zeiten hatte er ſich eine Hochzeitsreiſe anders ausgemalt, er hatte gedacht, das ſei wohl der glücklichſte Augen⸗ blick in ſeinem ganzen Leben, wo er ein Weſen, das er innig und herzlich liebe, endlich ſein nennen dürfe, wo er zurücklaſſend Hackländer, Kr. u. Fr. I.. 4 weſen. Hatte er doch an dieſem ihr erſtes und einziges Liebes⸗ 50. Die Dame von Rittwitz. A allen Zwang, alle ütets num endlich dicht neben ſeinem jungen Weibe ſitzen werde, traulich im engen Wagen, wie er alsdann ihre Hand ergreifen würde, nzählige Mal an ſein Herz und— 1 ſeine Lippen drücken und ihr ebenſo oft wiederholen: jetzt biſt 5 du mein, mein,— ganz mein!— Vergebliches Hoffen und 12 Wünſchen eines armen ſehnenden Menſchenherzens! Das war 3 nun Alles vorbei, und wo er ſelig hätte ſein können, ſaß er bewegt da, faſt verlegen, traurig, unglücklich.— Ob ihr Herz wohl von einem ähnlichen Gefühl bewegt wurde?— Wenn Arthur zurückdachte an ſein vergangenes Leben, an manche heitere und glückliche Stunde, ſo trat ihm immer wieder jener letzte Abend auf dem Monte Pincio bei Rom vor die Seele, und es war ihm, als ſähe er immer und immer den Him⸗ mel auflodern im Glanz der untergehenden Sonne— ein wildes„* tückiſches Feuer, ſein ganzes Lebensglück verzehrend. War doch dieſer letzte Abend ſo ſelig und wieder ſo entſetzlich für ihn ge⸗ wort vernommen:„Arthur, mein Arthur!“ Schon längſt halte der Wagen die Stadt verlaſſen und draußen auf der Landſtraße herrſchte der windige regneriſche Herbſtabend in ſeiner ganzen Unheimlichkeit. Zuweilen fuhren die ſchweren Tropfen klatſchend gegen die Scheiben des Coupé's, und wenn man in dis Nacht hinausblickte, ſo bemerkte man, wie der Wind zuweilen zum Sturm wurde, und ſah beim ungewiſſen Schein der Wagenlaternen, wie er in ſeinem Grimm die Zweige der Bäume heftig ſchüttelte und tief herab beugte. Die Stadt, die ſie eben verlaſſen, lag in der Ebene, doch fing das Terrain nicht weit von den Thoren an zu ſteigen, die Straße lief den Bergen zu, in welchen die Poſtſtation D. lag. — Die Dame von Rittwitz. 51 Schweigend waren die Beiden bisher gefahren, und ſo gern auch Arthur ein freundliches Wort geſprochen, ſo fand er doch, wie er auch hin und her dachte, keine Veranlaſſung dazu. Er hatte eine unbegreifliche zu vor ſeiner Nachbarin, und wenn er ſich ſo recht feſt in ſeine Wagenecke drückte, ſo dachte er gern an ſein Haus in der Stadt, an ſein trauliches Zim⸗ mer, wo die Freunde noch vereint um das lodernde Kamin⸗ feuer ſaßen. Hatte doch Herr von Rittwitz ihn ſcherzhaft er⸗ ſucht, noch eine Stunde da bleiben zu dürfen, und verſprochen, für den Abweſenden die Honneurs zur Zufriedenheit ſeiner Gäſte machen zu wollen. Endlich aber mußte das Schweigen doch gebrochen ſein. Der Wagen näherte ſich der Stelle, die dem Kutſcher zum Halten angegeben worden war. Mit etwas leiſer Stimme fing Graf Arthur deshalb zu ſprechen an.„Wir kommen bald auf die Höhe,“ ſagte er, wo Ihrem Wunſche gemäß beide Reiſewagen halten. Sie haben mir ſchriftlich angezeigt, es ſei Ihre Abſicht, ſich ſchon dort von mir zu trennen.“ „O ja, ſchon dort,“ entgegnete ſie. Und der Ton ihrer Stimme klang unmuthig, ſogar etwas heftig.„Sie werden mir Dank wiſſen, daß ich die Qual unſeres Beiſammenſeins ſo viel als möglich abkürze.“. „Aber Sie denken vielleicht nicht an das Gerede der Leute, z. B. der Poſtillons, die, heute Abend nach der Stadt zurückge⸗ kehrt, gleich erzählen werden, der Graf und die Gräfin Schönfeld haben ihre Reiſe jedes in ſeinem eigenen Wagen fortgeſetzt.“ „Ob dies Gerede etwas früher oder ſpäter entſteht, darum bekümmere ich mich nicht. D. iſt eine Stunde weiter entfernt, 52 Die Dame von Rittwitz. und von dort findet die Neuigkeit faſt eben ſo ſchnell ihren Weg nach der Stadt.“ „Deßhalb habe ich mir ubt, Ihnen geſtern ſchriftlich und heute mündlich Paris vorzuſchlagen. Wir hätten uns da ſo un⸗ bemerkt trennen können, daß nicht darüber geſprochen worden wäre.“ Die Gräfin hatte den Kopf in die Hand geſtützt und ant⸗ wortete nach einer Pauſe mit weicherer Stimme:„Ich war Ihnen dankbar für dieſe Aufmerkſamkeit. Doch iſt es mir zu peinlich, auf ſolche Art eine längere Reiſe zu machen.“ „Ja, es iſt recht peinlich.“ „Entſetzlich!“ Damit hielt der Wagen, die Kammerfrau öffnete den Schlag. der Graf ſprang heraus, doch ehe ihm die Gräfin folgte, ſagte ſie:„Ich habe noch eine kleine Bitte. Sie werden vielleicht ſo freundlich ſein, meinen Wagen voraus fahren zu laſſen; ich werde in D. den Weg über S. nach unſern Gütern einſchlagen. Dort erwarte ich, was Sie mir weiter zu ſagen haben.“ Graf Arthur verbeugte ſich tief vor der Frau, mit der er wenige Stunden verheirathet war und von der er ſich hier in Wind und Regen auf offener Straße für immer trennen ſollte. Er geleitete ſie zu ihrem Reiſewagen, und als er ſie ſo ſanft hineinhob, wie es ihm möglich war, fühlte er einen ſeltſamen Schmerz in ſeiner Bruſt, und er wußte nicht, warum er die Lippen feſt auf einander preſſen mußte. Er warf ſelbſt den Tritt auf, er ſchloß den Schlag und dann blieb er vor dem Wagen ſtehen, als erwarte er noch ein Wort des Abſchiedes. Auch die Gräfin lehnte ſich nicht ſogleich in ihre Ecke zurück, ſie blieb vorn übergebeugt ſitzen und drückte ielleicht eine Sekunde lang beide Hände vor das Geſicht. Nuthnen Moment, dann — — Die Dame von Rittwitz. 53 ließ ſie die Rechte nieder ſinken, gerade ſo auf den Schlag des Wagens, als wollte ſie dieſelbe zum Abſchiede hinausreichen. Arthur fühlte ſich gedrungen, dies auch ſo zu verſtehen, und ohne ein Wort zu ſprechen, nahm er ihre Hand in die ſeinige. — Ihre Finger ruhten wie leblos in ſeiner Rechten, doch als ſie dieſe gleich darauf zurückzog, war es ihm, als habe die Hand der Gräfin heftig gezittert.—„Fort! fort!“ war ihr letztes Wort; die Poſtillone hieben auf ihre Pferde und der Wa⸗ gen rollte davon. Da fühlte der Graf in ſeiner Bruſt daſſelbe Weh wie vor⸗ hin. Dorthin ſchwankte der Wagen im Schein der Laternen, und es war ihm gerade, als blickte ſie aus demſelben und ſehe zurück nach ihm. Rief ſie etwas oder war es das Heulen des Windes, welches ihm wie der Ton einer menſchlichen Stimme vorkam?— Nein, es war ſeine Phantaſie, ſein klopfendes Herz, ſein Unglück, ſeine Erinnerungen. Und doch hätte er darauf ſchwören wollen, er habe eine klagende Stimme vernommen, welche rief:„Arthur, mein Arthur!“ Lange ſtand er ſo in Regen und Wind, lange, bis der ent⸗ eilende Wagen ſchon eine geraume Zeit verſchwunden war. Dann ſchickte er ſeinen Kutſcher mit dem Coupé nach der Stadt zurück und trug ihm einen herzlichen Gruß auf an die Freunde, die er noch in ſeiner Wohnung treffen werde. Che er in ſeinen Reiſe⸗ wagen ſtieg, befahl er, langſam nach D. zu fahren. Es war Arthur ſchmerzlich, die romantiſch gelegene Station ſo wieder ſehen zu müſſen; er hatte in dem kleinen Schlößchen, wo ſich die Poſthalterei befand, manche heitere Stunde verlebt. Ja, wenn er an das unnennbare Glück gedacht, einſtens Magda⸗ lene als ſein Weib hapiübren zu dürfen, ſo war er feſt ent⸗ * r 54 Die Dame von Rittwitz. ſchloſſen geweſen, in D. einen Tag zu bleiben. Dort war ein reizendes Zimmer, hoch über einem Abgrunde gelegen, an dem das Schlößchen ſtand; dort hatte man eine wunderbare Ausſicht auf die Berge, die ſanft in die Ebene ausliefen, auf dieſe Ebene 8 ſelbſt und die große Stadt, in der er künftig mit ihr wohnen 4 wollte. Von dort aus wollte er ſie, die er ſo innig liebte, mit„ der Gegend bekannt machen, dorthin wollte er einen leichten Wa⸗ gen kommen laſſen, um ſie ohne Aufſehen in ihre neue Heimath zu führen.— Das war ein entzückender Gedanke für ihn ge⸗ weſen, aber bei dem Gedanken war es auch geblieben; zur Aus⸗. führung ſollte er ja nie, nie kommen. Jetzt klangen durch das Sauſen des Windes hell und luſtig die Hörner der Poſtillone. Die Station D. war erreicht, und der Poſthalter ſelbſt trat an den Schlag, öffnete dieſen mit der Frage, ob Graf Schönfeld, den er augenblicklich erkannt, nicht 4 ausſteigen wolle. Arthur blickte nach dem anderen Wagen, und als er ihn* nicht mehr ſah, wußte er nicht, ob es ihm lieb oder unlieb war. 3 Er trat in das Haus und ſein erſter Blick fiel auf die Kammer⸗ frau der Gräfin Schönfeld, welche ihm entgegentrat und ihn ſchüch⸗ tern erſuchte, es nicht unfreundlich aufnehmen zu wollen, wenn ſie ſich erlauben müſſe, ihm eine kleine Bitte vorzutragen. Die alte Kammerfrau hatte ein gutes ehrliches Geſicht, ſie liebte ihre Herrin, und als ſie mit dem Grafen ſprach, zitterte ihre Stimme, gewiß vor Rührung und Herzeleid.„Es iſt der Frau Gräfin recht ſchmerzlich geworden,“ ſagte ſie,„hier einen Augenblick an⸗ halten zu müſſen; ſie hat lange mit ſich gekämpft, fand aber, daß ſie dem Herrn Grafen noch etwas mittheilen müſſe, eine Sache,f die ſich ſchriftlich nicht gut abmachen läßt. Seien Sie deshalb Die Dame von Rittwitz. 55 nicht böſe, gnädiger Herr,“ ſetzte ſie mit weicher Stimme hinzu, „es handelt ſich ja nur um wenige Augenblicke, und ich glaube nicht, daß Sie bereuen werden, den Wunſch der Frau Gräfin erfüllt zu haben.“. 55 Der Graf nickte ſchweigend mit dem Kopfe und ſtieg die Treppen hinan. Auf dem erſten Abſatze wandte er ſich nach der Kammerfrau um, die ihm gefolgt war, und fragte ſie, in welchem Zimmer ſich die Gräfin befinde. „Im Erkerzimmer, das Euer Erlaucht bekannt iſt,“ gab der geſchäftige Poſthalter zur Antwort, der händereibend unter der Treppe ſtehen geblieben war. Die alte Kammerfrau nickte mit dem Kopfe; ſie hatte die Hände gefaltet, und als ihr der Graf bei dem hellen Schein der Lichter, mit denen ein Kellner vorausſprang, in das Geſicht ſah, bemerkte er, daß die hellen Thränen über ihre Wangen hinab⸗ rollten. Dort war das Zimmer; die Kammerfrau öffnete es, ließ den Grafen eintreten und zog dann die Thüre leiſe wieder ins Schloß. O er kannte genau dieſes Appartement; er befand ſich im Vorzimmer deſſelben, dort rechts war eine geöffnete Thür, die nach dem traulichen Gemach mit dem Erker führte. Er machte zögernd ein paar Schritte, und als er nun dieſer geöffneten Thüre gegenüber trat, blieb er plötzlich wie angefeſſelt, überraſcht, faſt ſchaudernd ſtehen.— Vor ſich ſah er den Erker, der hinaus in das Freie führte, er ſah die mächtigen Bäume, welche dicht am Abgrund ſtanden, und ihre Aeſte wie ſchützend über die Balluſtrade hereinſtrecten.— Aber er ſah noch mehr. Er ſah ein lebendes Bild, er ſah das Bild, welches in ſeinem Zimmer hing, gegenüber dem alten Herrn Joachim von Schönfeld. Ja, 56 Die Dame von Rittwitz. das war dieſelbe weiße Geſtalt, welche ſich dort hinab beugte, deren Geſicht ſeltſamer Weiſe abgewendet war, ſo daß man nur ihr langes, fliegendes Haar ſah, welches über den weißen Nacken und die entblößten Schultern herab hing. War das Ge⸗ mälde melancholiſch, ſo war der Anblick hier ergreifend, faſt furcht⸗ bar zu nennen. Arthur trat unwillkürlich einen Schritt zurück; er wußte nicht, wie ihm geſchah. Er erwartete etwas Entſetzliches, und das mußte kommen, und es kam. Denn jetzt bemerkte er deut⸗ lich, wie die weiße Geſtalt am Erker— die Dame von Rittwitz — langſam ihren Kopf erhob, um ſich nach ihm umzuſchauen. Alle die Bilder, die er ſich ſeit Jahren, wenn er traurig zu Hauſe jenes Gemälde hetrachtet, von der unglücklichen Hildegard gemacht, traten jetzt ſoaledhaft vor ſeine Seele, daß er, von dem eigenthümlichen Moment überraſcht, ſich einen Augenblick abwen⸗ den mußte. Aber nur eine Secunde. Und als er gleich darauf mit voller Willenskraft wieder nach dem Erker ſchaute, ſchrie er laut auf vor Ueberraſchung, Glück und Seligkeit..... Sie blickte ihm entgegen, ſie, die er ſo innig liebte, die ihm ent⸗ ſchwunden war wie der Klang eines Liedes, wie ein ſüßer Traum — Magdalena! Und war dies nicht am Ende auch ein Traum? Schlief er vielleicht und ſollte, im nächſten Augenblick erwachend, ſich vielleicht im Wagen wiederfinden, allein dahinfahrend in der traurigen, ſtürmiſchen Nacht?— Er ſtürzte in das Zimmer.— Nein, nein, es war kein Traum! Die weiße, geſpenſterhafte Geſtalt hatte warmes, friſches Le⸗ ben. Es war ſeine Magdalena, die ſich ihm nun an die Bruſt warf und die unter lautem Weinen herzlich wie an jenem Abend in Rom ausrief:„Arthur, mein Arthur!“ Die Dame von Rittwitz. 3 57 Lange, lange hielten ſich die Liebenden eng umſchloſſen, dann legte Arthur ſeine Hand unter das Kinn Magdalenens, hob ihr den Kopf ſanft in die Höhe und ſchaute ihr lange in die ſüßen Augen und das ganze liebe Geſicht. Er verglich daſſelbe mit dem Bilde, welches in ſeinem Herzen lebte, und mußte ſich ſelbſt geſtehen, daß er die Erinnerung an ſie treu bewahrt.—„Aber wer biſt du eigentlich, räthſelhaftes Weſen?“ fragte Graf Schön⸗ feld nach einer Pauſe, indem ſich in ſeinen Ton der Heiterkeit ein beinahe ernſter Klang miſchte. „Wer ich bin?“ erwiederte Magdalene.„Ich zittere faſt, es dir zu ſagen, denn ich fühle wohl, meine Mutter und ich, wir ſind in dem Spiele, das wir in Rom begonnen, etwas zu weit gegangen. Ich war bis heute das, was ich eben vorſtellte: die Dame v. Rittwitz, und jetzt bin ich dein treues, gutes, unter⸗ wüfiges Weib. Die Hülle, mit der ich vor dem Altar erſchien, liegt dort,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie neben ſich wies.„Und mit dem Schleier, unter dem du mich für eine früher geſehene Fremde hielteſt und den ich nun von meinem Antlitz entfernte, legte ich auch den Geiſt der Heftigkeit und des Widerſpruchs, der dich erſchreckte und von mir zurückſtieß, bei Seite.“ „Du ſpielteſt ein gewagtes Spiel, Magdalene,“ verſetzte Graf Schönfeld. Und wenn ſie nicht ihre Hände gefaltet hätte und ihn ſo innig bittend aus den klaren Augen angeſchaut, wer weiß, ob ſein Ton nicht ſehr ernſt geworden wäre. Doch ſchüttelte er mit dem Kopfe und ſagte:„Verzeih' mir, Magdalene, aber deine Mutter that Unrecht, dir keinen beſſern Rath zu weg Du hätteſt dein Spiel verlieren können.“ 8„O nein, nein Arthur!“ ſprach ſie erſchrocken.„Das war ja nicht möglich! Mein Spiel verlieren hieße ja dich verlieren! 58 Die Dame von Rittwitz. Und dann—“ Sie warf ſich ihm auf's neue ſtürmiſch an die Bruſt, und als er abermals ſanft ihr Geſicht erhob, ſah er, daß ihre Thränen reichlicher floſſen. Er ſprach ihr freundlich zu, bis ſie ſo weit ruhig geworden war, um wieder lächeln zu können. Dann ſagte ſie:„Als wir dich in Rom trafen, wußte ich ja, daß ich für dich beſtimmt war. Und als ich dich erſt einmal geſehen, war ich glücklich in meiner Beſtimmung. Unſer gefähr⸗ liches Spiel, wie du es mit Recht nannteſt, hätte nach meinem Willen auch ſchon in Rom ſein Ende gefunden, aber die Mutter wollte erproben, ob deine Liebe zu mir wahr und innig ſei. Wir wußten um deine Nachforſchung, aber wir wußten auch, daß du uns unmöglich auffinden konnteſt. Die Mutter iſt in ihrer Sorge um mich faſt zu weit gegangen, aber ſie würde ihr Kind nie einem Schönfeld gegeben haben, von dem ſie hätte voraus⸗ ſetzen können, er erfülle nur die Clauſel jenes Teſtaments, das uns doch am Ende glücklich gemacht.— Iſt es nicht ſo, Ar⸗ thur?“ ſetzte fie ängſtlich fragend hinzu, indem ſie ihm innig in die Augen blickte. „Es iſt zu viel in den letzten Tagen auf mich eingeſtürmt,“ erwiederte er,„als daß ich mich in dieſem Augenblicke ſo freuen könnte, wie ich ſollte. Doch habe ich dich ja wieder, meine Mag⸗ dalene, aber verzeihe mir, es wird einige Zeit dauern, wahr⸗ ſcheinlich nur eine kurze Weile, bis ich meine Liebe zu Mag⸗ dalene von Werthen auf die Dame von Rittwitz übertragen kann.“ „Und deine arme kleine Frau?“ fragte ſie ſchüchtern. „Du haſt Recht,“ antwortete Arthur, indem er ſie ſanft und herzlich an ſich drückte.„Laſſen wir das Vergangene ver⸗ gangen ſein. Denken wir nicht mehr an die etwas falſche Mag⸗ dalene von Werthen in Rom, und ebenſowenig an die geſpenſter⸗ Die Dame von Rittwitz. 59 hafte Dame von Rittwitz; laß mich nur an mein Glück denken, und das biſt du, mein kleines, liebes, ſüßes Weib. Die Liebenden hatten überhört, daß der wißbegierige Poſt⸗ halter verſchiedenemal geklopft, und als er jetzt ſeinen Kopf zur Thüre hereinſteckte, um ganz gehorſamſt zu melden, daß der Reiſe⸗ wagen des Herrn Grafen angeſpannt, erlaubte er ſich die ſchüch⸗ terne Frage, wohin der Poſtillon zu fahren habe. Arthur ſah die Gräfin an, und als ſie mit leiſer Stimme ſagte:„Nicht wahr, wir fahren heute Abend nicht weiter ins Land hinein? wir kehren nach der Stadt zurück zu meinem Vater und zu deiner Wohnung, die ich ja noch nicht kenne?“ da nickte er freudig mit dem Kopfe, und eine Viertelſtunde darauf jagten⸗ die vier Pferde mit dem Reiſewagen des Grafen denſelben Weg zurück, den ſie vorher gekommen waren. Der Freiherr von Rittwitz hatte die Freunde des Grafen durch ſeine lebhafte geiſtreiche Unterhaltung ſo zu feſſeln gewußt, daß keiner daran dachte, nach dem Dinér nach Hauſe zu fah⸗ ren. Als eine Stunde vorübergegangen war, proponirte er eine Taſſe Thee und eine Partie Whiſt mit dem Strohmann, die auch, da man doch nichts Beſſeres mit dem Abend anzufangen wußte, angenommen wurde. Der alte Herr machte dabei die Honneurs ſo unbefangen, daß man glauben konnte, man ſei bei ihm auf Rittwitz. Hatte er es doch ſogar verſtanden, die kum⸗ mervolle Miene des Kammerdieners gänzlich aufzuheitern. Wäh⸗ rend der erſten zwei Rubber, wo er nicht mitſpielte, ging er in das Schlafzimmer des Grafen Schönfeld, hatte dort eine lange Zeit Gott weiß was getrieben, und als er nun mit dem alten Die Dame von Rittwitz. Diener heraustrat, ſtrahlte des Letzteren Geſicht komiſche Weiſe. Die drei Spieler waren ſo vertieft, daß ſie nicht einmal bemerkten, wie hierauf der Kammerdiener das Bild der Dame von Rittwitz öffnete, das Original gänzlich weghob, ſo daß das freundliche Geſicht Magdalenens v. Werthen wohlthuend aus dem alten düſtern Rahmen herausblickte. Endlich mußte der alte Herr von Rittwitz in die Partie eintreten; doch war er ſo zerſtreut, daß er, ſonſt ein vortrefflicher Spieler, Fehler über Fehler machte. Hugo von B., der den letzten Strohmann gehabt, ließ ſich an dem Kaminfeuer nieder, und als er wieder hinauf nach dem Bilde der Dame von Ritt⸗ witz blickte, konnte er einen Ausruf der Ueberraſchung nicht un⸗ eine wahrhaft terdrücken. Schon erkundigten ſich die Andern nach dem Grunde ſeines Erſtaunens, als ſie mit Befremden bemerkten, daß der Freiherr v. Rittwitz mitten in einem ausgezeichneten Spiele ſeine Karten niederlegte, ſich plötzlich erhob und horchte. Das Alles hatte etwas Eigenthümliches, faſt Unheimliches, ſo daß der Le⸗ gationsrath den Major und dieſer den Legationsrath mit einem ſehr befremdeten Blicke anſchaute. Worauf horchte der alte Herr? — Auf das Sauſen des Windes, auf das Klatſchen des Re⸗ gens? Sonſt vernahm man nichts.— Und doch, jetzt hörte man weit in der Ferne den luſtigen Ton eines Poſthorns, dann das Rollen eines ſchweren Wagens, und als dies näher und näher kam, wurde der gleichförmige Trab von vier Pferden hörbar, deren Eiſen auf dem Pflaſter klirrten. Lärmend raſſelte und rollte es unter die Einfahrt— und hielt dann plötzlich. Der Freiherr von Rittwitz that einen tiefen Athemzug; da er aber ruhig ſtehen blieb, ſo machte es der Major, der Lega⸗ Die Dame von Rittwitz. — tionsrath ſo wie auch Hugo von B., der ſich langſam aus ſeinem Fauteuil erhoben hatte, ebenſo.— Alle blickten in geſpannter Erwartung nach der Thür. Die Portiéren wurden vom alten Kammerdiener geöffnet und herein trat Graf Schönfeld, den die drei Freunde ſchon mei⸗ lenweit geglaubt. Am rechten Arme führte er eine junge Dame, ſeine Frau, die ſchüchtern den Kopf geſenkt hielt. Als ſie in die Mitte des Zimmers kam, erhob ſie ihr Geſicht, worauf Hugo von B. vor Ueberraſchung gegen alle Etikette in ſeinen Fauteuil zurückfiel, der bedächtige Legationsrath aber einen Ausruf that, wie man ſonſt nicht gewohnt iſt vor Damen zu vernehmen, und der Major laut hinausſchrie:„M agdalene von Werthen!“ Arthur weidete ſich einen Augenblick an dem Erſtaunen und der Ueberraſchung ſeiner drei Freunde, und hatte während dem die Zeit, dem alten Herrn, der ihm entgegen geeilt war, herz⸗ lich die Hand zu ſchütteln. Dann aber ſtellte er der jungen Dame die Freunde vor und präſentirte darauf ſeine Frau mit den Wor⸗ ten:„Die Gräfin Schönfeld, mein liebes Weib, bis dahin— — die Dame von Rittwitz.“ Feuerwerker Wortmann. Erſtes Kapitel. Unter welchen Amſtänden der Major geboren wurde, und wie der Vater deſſelben in Arreſt kam, weil ſich ſeine Freude über dieſes — Ereigniß zu laut geäußert. Daß ich geboren wurde, wird mir der geneigte Leſer hoffent⸗ lich aufs Wort glauben; ich kann für mein Daſein die beſten Beweiſe beibringen, und laſſe mir kein Haar von meiner Eriſtenz wegdiſputiren. Wenn bei meiner Geburt auch keine Zeichen und Wunder geſchahen, wenn dieſelbe weder durch Glockengeläute, Kanonendonner, Illuminationen noch ſonſtige Feſtlichkeiten und Gratulationen gefeiert wurde, ſo war ſie doch von Ereigniſſen 4† begleitet, welche ziemlich bemerkenswerth waren für das Haupt. der Familie. Dieſe Würde behauptete damals mein Vater, Fried⸗ 86 rich Wilhelm Wortmann, oder wie er in der Brigadeliſte hieß, Wcortmann III. Doch braucht man deßhalb nicht an eine fürſt liche Abkunft zu glauben; mein Vater hieß einfach Wortmann III., weil es einen Unteroffizier Wortmann I. und II. gab. Mein Vater war Unteroffizier in der 6. Fußkompagnie de —— Feuerwerker Wortmann. 8. Artilleriebrigade, hatte bereits ſieben Jahre gedient, und deß⸗ halb die ſilberne Schnalle, die er am blauen Bande auf der Bruſt trug, ferner hatte er eine Frau, und bereits zwei Töchter von fünf und ſechs Jahren, als ich Miene machte, in der Welt zu erſcheinen. Meine Mutter war Marketenderin der 6. Kom⸗ pagnie; man muß aber deßhalb nicht meinen, daß ſie in Friedens⸗ zeiten mit einem Schnapsfläſchchen herumgezogen wäre; bei aus⸗ brechendem Kriege würde ſie ſich vielleicht auch dazu verſtanden haben, vorderhand aber hielt ſie eine„Reſtauration“ in der Ka⸗ ſerne. Dieß Wort hatte mein Vater auf die Thüre unſerer Wohnung geſchrieben, ein einziges großes Gemach, wo in einer Ecke die Familie Wortmann hinter einem rothearrirten Vorhange ſchlief, der größte Theil aber dem oben genannten Geſchäft ge⸗ widmet war. Im Hintergrund befand ſich ein kleiner Schrank, deſſen unterer Theil die feſteren Nahrungsmittel enthielt, als Brod, Wurſt und Schinken, oben hatte er eine Art Etagere, wo angenehme Flüſſigkeiten, als: Magen⸗ und Cheſtandsbitter, Korn⸗ branntwein, Kümmel und Pomeranzen ſtand, womit der Soldat, ſo lange er Geld hat, ſein zweites Frühſtück zu beträufeln pflegt. Gegenüber befand ſich ein großer Kochofen und nicht weit davon ein langer Tiſch für wenigſtens zwanzig Gäſte; denn meine Mutter gab um 12 Uhr Table d'Hôte, das Couvert ohne Wein zu 18 Pfennige, Abends aber wurde nach der Karte geſpeist. Daß an der Wand unſeres Wohnzimmers das Portrait Sr. Majeſtät des Königs nicht fehlte, wenigſtens ein höchſt ſonderbarer Kopf, der als Unterſchrift beſagten hohen Namen trug, brauchte ich digent lich nicht zu erwähnen. An jenem Tage nun, wo ich mich anſchicte, in der Welt “ zu erſcheinen, war Abtheilungsparade vor einem neu avancirten Feuerwerker Wortmann. Major. In der Reſtauration mußte deßhalb der Kaffee ſchon in aller Frühe fertig ſein und daher meine Mutter ſehr zeitig aufſtehen. Doch beſorgte ſie ihre Geſchäfte wie bisher; nur als ſie fertig war, als der letzte Mann ſein Frühſtück eingenommen hatte, als das Horn zum Heraustreten durch die Gänge lärmte, ſetzte ſie ſich auf eine kleine Bank, die neben dem Bette ſtand, faltete die Hände und ſagte zu unſerer Magd, Babett, während ſie an den Himmel ſchaute— Babett ſpülte gerade die Taſſen—:„Ich will Ihr was ſagen, mir wird's ganz krämpfig und wuſelig; ſpring Sie doch hinüber und hol' die Frau Hammer.“ Das alles habe ich natürlicher Weiſe nur aus Traditionen, ſowie auch, daß die mich ſpeziell betreffende Sache einen höchſt ungefährlichen und natürlichen Verlauf nahm. Etwas Eigenthümliches bezeichnet übrigens noch meinen Eintritt in die Welt; als Madame Hammer nämlich droben beſchäftigt war, rief die Wache drunten: heraus! Die Muſik dröhnte rauſchend im engen Kaſernenhofe, und unter unſerem Fenſter ſagte ein Unteroffizier der Compagnie:„Jetzt kommt der Major.“—— Damit trat ich in die Welt. Nun hatte mein Vater auch von jeher den ſehnlichſten Wunſch gehabt, einen Sohn zu beſitzen. Seine beiden Mädchen hatte er ſehr lieb, doch zupfte er ſie oft an den langen Zöpfen und ſagte ſeufzend:„Wenn mir nur eine von euch den Gefallen gethan hätte, und wäre als Bube auf die Welt gekommen. Der Wunſch meines Vaters war nun alſo in Erfüllung gegangen, und auch meine Mutter war nicht wenig entzückt darüber. Ja, ſie ſah recht gläubig der alten Frau Hammer zu, als dieſe ihren Ka⸗ lender hervorzog, Datum, Stunde und Himmelszeichen nachſah 4 und befriedigt mit dem Kopfe nickte.„Der Junge,“ ſagte ſie, iſt ein Schlaukopf, und hat ſich eine gute Zeit erwählt.„Glanb Feuerwerker Wortmann. Sie mir, Frau Wortmann, daß ſie ihn draußen mit Muſik em⸗ pfingen, und daß der Unteroffizier im gleichen Augenblicke ſagte: da kommt der Major! das hat was zu bedeuten; dem Buben können die Epauletten nicht fehlen.“—„Geb' es Gott,“ ſeufzte meine Mutter, worauf ſie die Augen ſchloß und in eine gelinde Ohnmacht verfiel. 8 Babett aber hatte nichts Eiligeres zu thun, als den Ver⸗ ſuch zu machen, meinen Vater ſchon während der Parade auf eine ſchickliche Art von ſeinem Glück und meiner Ankunft in Kenntniß zu ſetzen. Zuerſt trat ſie ans Fenſter und blickte in den Hof hinab, wo das Militär in Reih' und Glied aufgeſtellt war. Wohl ſah ſie meinen Vater, doch hatte er auf Kommando die Augen rechts gewendet, und nichts wäre im Stande geweſen, ihn ohne Befehl geradeaus ſehen zu laſſen. Endlich aber kam dieſer Befehl, worauf mein Vater einen Augenblick flüchtig nach dem Fenſter ſeiner Wohnung blickte. Babett wollte ihm nun telegraphiren, meine Mutter habe ſich niedergelegt, zu welchem Ende ſie den Kopf in die Hand legte und die Augen ſchloß. Ob das nun mein Vater verſtanden, weiß ich nicht, die Magd nahm es aber an, und um hierauf das Geſchlecht des Neugebo⸗ renen näher zu bezeichnen, hob ſie ein Paar alte Hoſen meines Vaters an dem Fenſter in die Höhe. Dieß Zeichen aber verſtand er gar nicht, vielmehr ſchien er zu glauben, er habe ſtatt ſeiner Paradebeinkleider ein Paar andere angezogen, und blickte deßhalb erſchrocken auf ſeinen Anzug nieder, was ihm vom zugführenden Lieutenant einen gelinden Verweis eintrug. Hätte ſich Babett mit ihrem Telegraphiren begnügt, ſo wäre es dabei wohl geblieben; da ſie ſich nun aber einmal in den Kopf geſegt hatte, ihrem n Sutn die Nachricht von meinem Er⸗ Feuerwerker Wortmann. ſcheinen und ſeinem Glück ohne Verzug zu melden, ſo eilte ſie in den Kaſernenhof hinab, ſchlich ſich um die Front herum, und zupfte den kleinen Horniſten, der hinter meinem Vater ſtand, am Rockſchoß, ihm die wichtige Nachricht zuflüſternd. Der kleine Horniſt hatte hierauf nichts Eiligeres zu thun, als ſich ſeinem Unteroffizier zu nähern und ihm leiſe zu ſagen: die Frau Unter⸗ offizier droben habe ſo eben ein Kind gekriegt, und es ſei ein Bube. Nun gibt es aber ſelbſt im Leben eines königlichen Unter⸗ offiziers Augenblicke, wo alle Bande der Subordination nicht im Stande ſind, einen Ausruf des Schreckens oder der Freude zu unterdrücken. Dem Unteroffizier Wortmann ging es gerade ſo, und durch die feierliche Stille, die gewöhnlich bei dem großen Moment herrſcht, wenn der inſpicirende Offizier Montur, Leder⸗ zeug und Waffen unterſucht, vernahm man plötzlich den ziemlich lauten Ruf:„Himmelſakerment! das iſt ein Vergnügen.“ Der kleine Horniſt prallte erſchreckt zurück, und mein Vater, ſich ſeines Verbrechens klar bewußt, ſtand wie eine Bildſäule, ohne ferner eine Muskel des Geſichtes zu rühren. Während der Parade wurde der ungeheure Frevel nicht geahndet, als aber der Major die Kaſerne verlaſſen hatte, als die Compagnie meines Vaters, welche die Wache zu geben hatte, noch allein drunten ſtand, trat der Hauptmann vor die Front, legte beide Hände über die Stelle ſeines Körpers zuſammen, wo er einen Bauch hätte haben können, riß die Naſenlöcher auf, wobei ſich ſein ſtruppiger Bart drohend in die Höhe kehrte, und ſagte mit einem Blick himmelwärts:„So was iſt mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Unteroffizier Wortmann, iſt Er denn rein des Teufels?“ Mein Vater wollte ſich entſchuldigen, doch fuhr 1 der Hauptmann zornig fort:„Halten Sie gefälligſt Ihr Maul Feuerwerker Wortmann. 67 Herr⸗r⸗r Unteroffizier Wortmann! Ich ſehe Ihrem ganzen Habitas an, Sie haben heute Morgen wieder einmal zu ſtark gefrühſtückt. Bei einer Parade vor dem Herrn Oberſtwachtmeiſter mit„Him⸗ melſakerment“ dreinfahren! Iſt ſo was in der ganzen Weltge⸗ ſchichte erhört? Sehen Sie, meine Herren,“ ſprach er leiſer zu den Offizieren, die ihn ſchaudernd umſtanden,„das hätte man zu meiner Zeit thun ſollen. Da hätte mein ehemaliger Haupt⸗ mann ſo einen Mann augenblicklich aus dem Glied nehmen und hätte ihm vor der ganzen Compagnie plein pouvoir geben laſſen. Es iſt nicht meine Schuld, daß ſich die Zeiten geändert.— Herr Lieutenant v. Schwenkenberg,“ fuhr er darauf lauter fort,„der Unteroffizier gehört zu ihrem Zuge, ſtrafen Sie ihn, damit er ſich nicht mehr unterſteht, die feierliche Stille einer Parade zu unterbrechen.— Ich ſage Ihnen, plein pouvoir hätte er gekriegt.“ Damit fuhr er zum Kaſernenhofe hinaus, begleitet vom erſten Lieutenant der Compagnie.— Er war ein heftiger Mann, der Capitän, hätte ſeinem Dienſtalter nach ſchon längſt Major ſein können, und war deßhalb, ſo oft ein neuer Vorgeſetzter erſchien, von der allerſchlechteſten Laune. Einen ſtarken Gegenſatz zu ihm bildete der Zugführer, Lieute⸗ nant von Schwenkenberg. Es war das ein langer, ſchlotteriger Offizier, dem der Schneider keine Uniform eng genug machen konnte; jeder Rock hing in verdrießlichen Falten von ſeinen Schultern herab wie von einem Kleiderſtänder, und dazu war keine Halsbinde ſo hoch, um ſeinen Hals gehörig zu bedecken, was der ganzen Figur wenig Soldatiſches gab. Seinen Degen trug er ſo locker, daß die Spitze der Scheide beſtändig mit ſeinen tiefelabſätzen zuſammenſchlug, wozu auch ſein Gang nicht wenig denn er ſchwankte wie eine lange Signalſtange bei ſtarkem 3 1 68 Feuerwerker Wortmann. Winde. Seine Redeweiſe paßte übrigens vortrefflich zu ſeinem Aeußern, er ſprach ſo langſam und ſchleppend wie möglich, und um ſie ſchriftlich richtig auszudrücken, hätte man zwiſchen jedes Wort einen Gedankenſtrich ſetzen müſſen.„Na,— Sie haben es gehört, Unteroffizier Wortmann,“ ſagte er,„wenn ich— auch freilich— nicht ſo ſehr— von der Heiligkeit— einer Parade überzeugt bin,— wie der Herr Hauptmann,— ſo begreife ich— doch nicht, wie es einem— gedienten Unter⸗ offizier— einfallen kann, während des Stillſtehens— laut zu ſprechen.— Was haben Sie eigentlich geſagt?“ Mein Vater wollte etwas erwiedern, doch unterbrach ihn der Lieutenant, indem er fortfuhr:„Nun ja, Sie haben geſaker⸗ mentert— das kann in der Welt ſchon vorkommen,— ſelbſt im Gliede denkt man zuweilen ſo etwas,— wenn es lange dauert,— wenn Einem der Schuh drückt— oder ein Floh ſicht. ich kenne das, aber laut werden darf man es nicht laſſen. Und wer es doch laut werden läßt,— der ver⸗ dient Strafe.—— Sie haben das gethan,— und ich kann nicht weniger thun,— als Ihnen dafür eine— Strafwache zu geben. Beziehen Sie alſo ſogleich die Kaſernenwache, und damit Punktum.— Auseinandertreten!— in die Kaſerne.“ So feierte denn mein Vater meinen Eintritt in die Welt mit einer Strafwache, woran ich die unſchuldige Urſache war. Dabei hatte der Unteroffizier Wortmann auch noch ſo viel Pflicht⸗ gefühl, daß er vom Kaſernenhofe direkt in die Wachſtube gieng; den kleinen Horniſten ſchickte er hinauf, ließ meiner Mutter ver⸗ ——— melden was ſich zugetragen, und bat zu gleicher Zeit, ihm den Neugeborenen, wenn es thunlich ſei, ſpäter auf ein paar Augen blicke herunter zu bringen. Feuerwerker Wortmann. Unterdeſſen hatte Babett einen Zettel an die Stubenthüre geklebt, auf welchem zu leſen ſtand, es werde heute kein Mittags⸗ tiſch gehalten, zum Abend aber gebe es Kartoffeln mit Speckſauce. Gegen 3 Uhr deſſelbigen Tages wurde ich denn, dem Befehl meines Vaters gemäß, hinunter in die Wachſtube getragen. Glücklicher Weiſe war es ein warmer Maitag, auch hatte mich Madame Hammer tüchtig eingewickelt. In der Wachſtube drunten qualmte ein ziemlich ſchlechter Taback, doch huſtete ich nicht im Geringſten, was mein Vater als eine gute Vorbedeutung nahm, daß ich ſpäter etwas Tüchtiges werde ertragen können. Man legte mich auf den Tiſch, ſchob mir das Ende eines der Wacht⸗ mäntel unter den Kopf, und dann wurde ich von ſämmtlichen Anweſenden nach Gebühr betrachtet und gelobt. Madame Hammer verſäumte nicht, meinen Eintritt in die Welt unter rauſchenden Muſikklängen gehörig zu ſchildern, und als ſie erzählte, Unter⸗ offizier Kübeck habe in dieſem Augenblicke gerufen: dort kommt der Major! ſo rieb ſich mein Vater vergnügt die Hände, und der Compagnieſchneider, ein etwas liederliches Subjekt, welcher ebenfalls eine Strafwache hatte, meinte, es könne nicht ausbleiben, aus mir müſſe einmal was Großes werden. Den Soldaten ge⸗ fiel das ebenfalls abſonderlich gut, und wie oft kleine Urſachen Schuld daran ſind, daß man einen Beinamen erhält, der einem Zeitlebens bleibt, ſo nannten ſie mich Wortmann's Major oder auch ſchlechtweg den Major, unter welchem Namen ich bald in der ganzen Kaſerne bekannt wurde. Unmöglich kann ich hierbei übergehen, daß dieſer Beiname ſpäter zu ſonderbaren Verwechslungen häufig Veranlaſſung gab, und zuweilen einem unſchuldigen Soldaten einen ſtrengen Verweis, weenn nicht eine Strafe eintrug. Der Hauptmann hatte gut ver: H 1 4 6 70 Feuerwerker Wortmann. bieten, mich nicht mit dem Namen des Vorgeſetzten zu benennen; dieß Verbot wirkte gerade entgegengeſetzt, und man konnte häufig hören, der Major ſei ein ganz nichtsnutziger Kerl, und er habe z. B. in Nr. 24 eine Fenſterſcheibe eingeſtoßen. Das Schlimmſte aober paſſirte einem armen Rekruten. Ich war damals drei Jahre alt, und da Noth kein Gebot kennt, ich auch den Unterſchied zwiſchen einem gewiſſen Orte und der Kaſernentreppe noch nicht vollkommen zu würdigen verſtand, ſo paſſirte mir eines Tages auf letzterer etwas Menſchliches, wenige Augenblicke vorher, als der Hauptmann dieſelbe betrat. Natürlich war ſein Zorn über alle Beſchreibung. Der unglückliche Treppenkalfakter du jour— ſo hieß der Mann, welcher reinigen mußte,— wurde augen⸗ blicklich citirt, der Hauptmann ſchrie ihn nach ſeiner gewohnten Weiſe an, worauf Jener in großer Verlegenheit erwiederte: das werde wahrſcheinlich der Major wieder einmal gethan haben.— Ein kleiner Arreſt war ſein Loos.. Der Tag meiner Geburt ſollte übrigens für meinen Vater noch recht unangenehm werden. Als ich in der Wachſtube auf dem Tiſche lag und betrachtet wurde, führte das Unglück abermals den Hauptmann in die Kaſerne; vielleicht hätte er nichts Unrechtes bemerkt, doch fing ich in dem Augenblicke, als er an der Wach⸗ ſtubenthür vorbeiſchritt, mörderlich an zu ſchreien, weßhalb er eintrat, mit zuſammengeſchlagenen Händen die Entweihung des Lokals gewahr wurde, und meinem armen Vater einen vierund⸗ zwanzigſtündigen Arreſt dietirte, zu dem er auch ſogleich abgeführt wurde. Doch beſtand er ſeine Strafe guten Muthes, in der Freude des Herzens, daß ich, ſein Stammhalter und Erbe ge⸗ boren ſei. Feuerwerker Wortmann. 71 Zweites Kapitel. Von der Jugend des Majors, auch von der Miranda und der Montirungskammer. Ferner kleine Arſachen und große Wirkungen. — Frau Anterofſizier Wortmann zankt ſich mit dem Hauptmann, in Folge deſſen Herr Unterofſizier Wortmann aus dem Dienſte kommt und eine gute Inſtellung erhält. Die erſten Jugendjahre aller Kinder gleichen ſich mehr oder minder; es iſt das in vieler Beziehung eine glückliche Zeit, kommen doch hier noch keine Standesunterſchiede zum Vorſchein, und ob der Vater Miniſter iſt oder Tambour, das hat da nicht viel zu bedeuten. Gleiche Leiden und Freuden umſchlingen die ganze junge Generation, und dem Armen ſchmeckt ſein Apfel und ſein Schwarzbrod eben ſo gut wie dem Reichen das Stück Biscuittorte, welches nur den Vorzug hat, daß es dem Betreffenden vielleicht ſeinen kleinen Magen verdirbt. Die Spiele dieſer Zeit ſind faſt überall die gleichen, und wenn man ſich als Räuber und Gens⸗ darmen in einem Sandhaufen herumwälzt, ſo iſt es gleichgiltig, ob die Höschen von feinem Tuch ſind, oder fadenſcheinig und hie und da mit kleinen Offenherzigkeiten geſchmückt. Wer die Neigung aller kleinen Knaben ruhig beobachtet, der ſieht bei faſt allen die große Vorliebe für Trommel und Gewehr, überhaupt für alles Militäriſche, und wird zugeſtehen müſſen, daß, was dieſen Punkt anbelangt, ein Kind, welches in der Kaſerne geboren und dort ſeine Kinderjahre verſpielen darf, ein glückliches genannt werden kann. Daß ich ſtets eine große Schaar kleiner Freunde um mich hatte, welche mit unendlichem Glück an allen den geheiligten Orten ſpielten, die ich als Sohn meines Vaters betreten durfte, wird mir Jeder glauben. Feuerwerker Wortmann. Da war der Geſchützſchuppen im Hofe, deſſen Thor freilich faſt beſtändig verſchloſſen war, doch krochen wir zu einem kleinen Fenſter der Hinterſeite hinein, und waren glücklich und ſelig, wenn wir hier, ohne beunruhigt zu werden, ganz im Geheimen ſpielen konnten. Da ſtanden die 6⸗ und 12 pfündigen Kanonen und Haubitzen ſo ruhig bei einander, die metallenen Rohre glänzten und waren tief herabgeſenkt, ſo daß es ausſah, als dächten ſie an Vergangenheit und Zukunft. Wir halfen ihren Träumereien nach, indem wir wie eine Schaar kleiner Kobolde um eines der Stücke ſchwärmten, es auf allen Seiten erkletterten, uns rittlings auf das Rohr ſetzten, es mit unſern kleinen Ferſen ſpornten, und ihm die Commando⸗Worte zuriefen, die wir tagtäglich vor unſern Fenſtern hörten— Batterie Marſch!— Batterie Galopp! — Batterie Halt!— mit ölöthigen Kartätſchen geladen!— Feuer⸗r⸗r⸗r⸗rl! Am liebſten übrigens erkletterten wir eine der coloſſalen Deichſeln, um ſie durch das Gewicht unſeres Körpers nach und nach in Bewegung zu ſetzen; das gelang uns dann auch nach den angeſtrengteſten Bemühungen, und unſere Freude war nicht gering, wenn die Deichſel ſich langſam auf und ab wiegte, wenn das ganze Geſtell krachte, und die Ketten der Protze anfingen leiſe zu raſſeln und zu klingeln. Doch war es ein Moment der höchſten Aufregung, wenn einer von uns ſelbſt ſchaudernd zu ſagen wagte,„paßt auf— paßt auf— jetzt wird die Kanone lebendig und fährt davon,“ ſo purzelten wir Alle vor Angſt von der Deichſel herab, und ſuchten eilig das Freie zu gewinnen, was uns aber nicht abhielt, ſchon am andern Tag das gleiche Spiel wieder auf's Neue zu beginnen. Dabei hatte jeder ſein Lieblingsgeſchütz, das er ſein eigen nannte. Meine Freundin war eine 7 zöllige Haubitze, die Miranda, zu —— Feuerwerker Wortmann. der ich ſchon als kleines Kind, ich weiß nicht aus welchem Grunde, eine beſondere Zuneigung gefaßt hatte; da ſie ein Ma⸗ növrir⸗Geſchütz war, wurde ſie ſelten zum Exerciren herausge⸗ zogen, und blieb meiſtens im hinterſten Winkel des Schuppens ſtehen. Schon als vierjähriges Kind gelang es mir vollkommen, ſie vermittelſt der Räder zu erklettern, den Mundpfropfen loszu⸗ ſchnallen, worauf ich alsdann die Höhlung des Rohrs zu einer kleinen Vorrathskammer benützte, wo ich meine kleinen Reichthümer, wie Bindfaden, Papierſchnitzel, Aepfel und ſonſtiges Obst, zu verwahren pflegte. Ich erinnere mich noch ſehr genau meines grenzenloſen Jammers, als ich eines Morgens in den Geſchütz⸗ ſchuppen trat und ſah, daß die Mirandat fehlte. Lange tröſtete mich die Mutter und Babett vergeblich, indem ſie ſagten, die Haubitze würde ja in ein paar Stunden zurückkommen, weinend ſetzte ich mich an's Kaſernenthor und wartete mehrere Stunden, bis ich die Batterie ſchon von Weitem auf dem Pflaſter einher⸗ raſſeln hörte. Ich lief ihr entgegen, und wäre in der Freude meines Herzens faſt unter die Pferde gerathen. Doch gewann ich durch den Beweis der Anhänglichkeit die Gunſt des Capitäns, welcher bis dahin dem kleinen Major nicht recht gewogen war; er gab lachend zu, daß mich die Bedienungsmannſchaft der Mi⸗ randa innerhalb des Kaſernenthors auf das Rohr ſetzte, und ich ſomit triumphirend einziehen durfte, zum nicht geringen Schrecken meiner Mutter, die am Fenſter ſaß und ihre Hände über dem Kopf zuſammenſchlug; die Miranda nämlich war ſtark im Feuer geweſen, mit ſchwarzem Pulverſchleim und Staub bedeckt, das ſich nun begreiflicher Weiſe meinen weißgewaſchenen Hoſei mit⸗ theilte. Der Capitän aber lachte, als er vom Wiard ſig und 8 74 Feuerwerker Wortmann. meinte, es ſei gut, wenn ein Soldatenkind ſchon in der früheſten Jugend Pulver zu riechen bekäme. 3 Ein anderer Spielplatz meiner Jugendzeit, der eben ſo große Freuden bot als der Geſchützſchuppen, war die Montirungskammer, ein großer halbdunkler Saal, wo Uniformen, Säbel, Helme, kurz alle Beſtandtheile des militäriſchen Anzuges in unabſehbarer Reihe durcheinander hingen; uns hier herum zu treiben war uns übrigens nicht häufig vergönnt, denn der Verwalter aller dieſer Herrlichkeiten, der Capitän d'Armes, ein alter grämlicher Unter⸗ offizier, hatte neben dem Tiſche, wo er ſeine Bücher eintrug, einen tüchtigen Fahrer⸗Kantſchuh hängen, den er grimmig ſchwang, wenn wir uns zu ungeeigneter Zeit der Kammer näherten. Doch gab es auch Momente, wo wir von ihm geduldet wurden, und wo er uns ſogar erlaubte, mit alten Säbeln und Piſtolen zu ſpielen, die roſtig, ihre Säuberung erwartend, in einem Winkel bei einander lagen. Ungerufen durften wir nie erſcheinen; wenn aber der Capitän d'Armes gut gelaunt war, und uns ſo mit ſehnſüchtigem Blicke an der Thüre lehnen ſah, ſo ſagte er zu⸗ weilen:„na ihr dürft kommen, ihr Grobzeug,“ und dieſer freund⸗ lichen Einladung folgten wir auf's Bereitwilligſte. Der Verwalter der Kammer hieß Leopold; ob das ſein bloßer Vorname oder auch der Name ſeiner Familie war, habe ich nie erfahren können, denn er liebte es nicht, von ſeinen An⸗ gelegenheiten zu ſprechen. Seinen Kameraden aber mochte der Name Leopold zu lang oder zu vornehm klingen, weßhalb ſie ihn in Poltes umgewandelt hatten, eine Abkürzung, die er ſich auch gefallen ließ, und die a ene auf den Zettel an ſeiner Stubenthür, ſowie in ſein Löhnungsbuch übergegangen war. Unteroffizier Poltes mochte ein ſtarker Vierziger ſein, hatt „-— 4 5 1 . 4 3 4 Feuerwerker Wortmann. 75 in ſeinem Leben viel durchgemacht, und in ſeiner Jugend ziem⸗ lich ſtark getrunken, und die Folge hievon war, daß er, wie er ſelbſt zu ſagen pflegte, jetzt, obgleich im beſten Mannesalter, doch ſchon complet fertig ſei. Er war groß und hager, hatte einge⸗ fallene Wangen, die meiſtens ſtark und unheimlich geröthet er⸗ ſchienen; dabei huſtete er beſtändig leicht und trocken, und ſeine Stimme klang meiſtens heiſer und unverſtändlich. Wenn er in der Kammer beſchäftigt war, ſo hatte er meiſtens ein rothſeidenes Taſchentuch um den Kopf gebunden, und ſchritt abwechſelnd, vor ſich hin pfeifend und huſtend an den langen Reihen der Uniformen, bald dieß, bald das nachzählend, auf und nieder. Wenn ich ihn allein in der Kammer ſah, und ihm ſchüchtern guten Tag ſagte, ſo gab er mir meiſtens die Erlaubniß herein⸗ zukommen. Unteroffizier Poltes war nämlich nicht gerne allein, und wenn er keine andere Geſellſchaft haben konnte, ſo nahm er mit mir, dem kleinen Buben, vorlieb, an den er nun das für mich unverſtändlichſte Zeug hinſprach.„Ja, ja, Major,“ fing er gewöhnlich ſeine Reden an,„es ſind ſchlechte Zeiten, und die Hühner gehen barfuß; ſieht Er, Major, mich ſollte es gar nicht wundern, wenn Ihm noch einmal in Seinem künftigen Leben Dinge paſſirten, von denen Er ſich jetzt gar nichts träumen läßt.“ „Was für Dinge, Unteroffizier Poltes?“—„Dinge, Herr Major, die ganz abſonderlich ſind; wenn auch keine Zeichen und Wunder mehr geſchehen, ſo kommt doch Manches anders, als man denkt; als ich ſo alt war wie Er, na da dachte ich mir: vier Pferde für dich ſpäter zum Fahren, das wäre verdammt wenig, und jetzt zähle ich alte Uniformen.“ Darauf pfiff er, und fuhr dann brummend fort:„Ja ja, es iſt eine merkwürdige Zeit, man hat Beiſpiele von Exempeln, daß alte Schornſteine Feuerwerker Wortmann. einſtürzen, Ziegen crepiren, Kuhſchwänze dagegen wackeln und doch nicht abfallen— Pfui Teufel!“— Auf dieſe Offenbarungen horchte ich mit offenem Munde, während ich neben ihm hertrippelte, meine Hände beſtändig a dem Rücken zuſammengelegt. Nebenbei war mir aber der Unteroffizier Poltes von großem Nutzen, denn er gab ſich mehrere Stunden des Tags mit meiner Erziehung ab, und lehrte mich in kurzer Zeit ziemlich fertig leſen und ſchreiben, namentlich aber rechnen, und letzterer Unterricht wurde auf der Montirungskammer praktiſch betrieben. Da mußte ich Säbel zählen, Knöpfe ausſuchen und nach der Nummer, die auf ihnen ſtand, in Haufen von 10 und 100 zuſammentragen. Machte ich meine Sache einmal ſehr gut, ſo ſchenkte mir Poltes einen Pfennig, war ich aber recht unaufmerkſam, ſo pflegte er zu ſagen:„Soldatenkinder und Erlenholz wächst auf keinem guten Grund— du biſt eigentlich nicht Schuld daran, daß bei der Geburt deines Vaters ſchon geſchoſſen wurde— na, es wird ſchon kommen— Haſelholz wächst immer friſch und luſtig nach, und deine künftigen Lehrer werden auch hoffentlich Augenblicke haben, wo ihnen die Finger verdammt jucken.“— Man muß übrigens nicht glauben, daß ich meinen Unter⸗ richt vernachläßigt hätte, im Gegentheil, ſobald ich das fünfte Jahr erreicht hatte, wurde ich in eine Knabenſchule geſchickt, und mein Vater machte ſich ein großes Vergnügen daraus, zu Hauſe meine Aufgaben mit mir durchzugehen. Ueberhaupt war mein Vater, Unteroffizier Wortmann, ein in jeder Hinſicht ſehr reſpektabler und namentlich ein tüchtiger, ja vortrefflicher Soldat. Streng im Dienſt war er bis zum Er⸗ ceß, das Exerciren verſtand er wie Keiner, und ſein Lederzeug — Feuerwerker Wortmann. 77 war immer ſo im Stande, daß es häufig nicht nur der ganzen Batterie, ſondern der ganzen Abtheilung zum Muſter vorgelegt wurde. Obgleich ſeine Korporalſchaft die muſterhafteſte war, und er auch über die Faulen und Nachläßigen ein eiſernes Scepter ſchwang, ſo daß die Burſchen in Angſt geriethen, wenn der Unteroffizier Wortmann nur in's Zimmer trat, ſo war es doch höchſt eigenthümlich, daß er nicht im Stande war, bei uns zu Hauſe auch nur einen Schein von der Herrſchaft auszuüben, die ihm als Familienvater und Chef des Hauſes doch wohl gebührt hätte. Und, wenn ihn meine Mutter an den häuslichen Tugenden, Fleiß, Sparſamkeit, Reinlichkeit, übertroffen, ja, auch nur er⸗ reicht hätte, ſo würde man die unbegrenzte Herrſchaft, welche ſie ausübte, einigermaßen erklärlich gefunden haben. Leider kann ich aber, was meine Mutter anbelangt, nur berichten, daß ſie das Gegentheil von den eben angeführten häuslichen Tugenden beſaß. Mama war, wie die Leute behaupteten, eine recht hübſche Frau, doch that ſie gar nichts, um ihr Aeußeres in ein vortheilhaftes Licht zu ſetzen, und wenn ſie einmal einen Verſuch machte, z. B. ihr Haupt vermittelſt einer Haube mit langen und bunten Bändern zu ſchmücken, ſo ſtach dagegen ihr ſehr unſcheinbares Kleid, ſowie die niedergetretenen Schuhe, auf's Unangenehmſte dagegen ab. Daß ihre Wirthſchaft vortrefflich ging, war die Schuld eines Monopols, welches der Kapitän meiner Großmutter, der Frau des Feuerwerkers, einſtens verliehen, das auf die Tochter übergegangen war, und von meinem Vater erheirathet wurde. Wenn man übrigens die Leute der Batterie in ihren ungenirten Geſprächen belauſchte, ſo konnte man erfahren, daß der Kaffee in unſerer Reſtauration ganz ſcheußlich ſei, daß dem Brod und der Wurſt meiſtens die jugendliche Friſche mangele, 78 Feuerwerker Wortmann. ja man hörte offen den ſchrecklichen Verdacht ausſprechen, als ſeien Suppe und Kartoffeln ſtatt mit Butter mit einem Stücke Talglicht geſchmelzt. Zuweilen war es vorgekommen, daß irgend ein guter Freund des Vaters, Bombardier oder Unteroffizier oder ein ſehr verwegener Geſelle der Korporalſchaft, ſich unterſtanden, beſcheidene Vorſtellungen wegen ſehr mangelhafter Speiſen und Getränke zu machen, doch war dieß den Betreffenden meiſtens ſehr ſchlecht bekommen, meine Mutter hatte denſelben zuerſt eine tüchtige Standrede gehalten, und dann ein⸗ für allemal den Ein⸗ tritt in die Reſtauration verboten. Der einzige Menſch, mit dem ſie übrigens nicht fertig wurde, war der Unteroffizier Poltes, auch glaube ich, daß für dieſen beſonders gekocht wurde, ſoviel war ſicher, daß er ſeinen Schnaps nie aus der allgemeinen Flaſche erhielt. Vor ihm allein ſcheute ſich meine Mutter, und ſein Eintritt in die Stube konnte den gewaltigſten Strom ihrer Rede hemmen, dann brach ſie plötzlich ab, riß heftig an ihren Haubenbändern, und ſagte:„ſchon gut, ein andermal mehr davon.“ Kam Poltes zu einer häuslichen Scene, welche Mama mit Papa hatte, ſo ermannte ſich der Letztere anſcheinlich, dann zog er beide Hände in die Aermel der Uniform hinein, wie er zu thun pflegte, wenn er bei der Korporalſchaft in Zorn gerieth; Poltes ſetzte ſich alsdann neben ihn auf die Bank, und während er ſeinen Schnaps trank, ſtieß er meinen Vater von Zeit zu Zeit mit den Ellbogen in die Seite, und munterte ihn dergeſtalt auf, das Gefecht fortzuſetzen. Daß meine Mutter gegründete Urſache gehabt hätte, mit meinem Vater häufig dergleichen Scenen auf⸗ zuführen, glaube ich nicht, denn der Unteroffizier Wortmann war, wie ich ſchon früher bemerkt, ein Muſter ſowohl als Soldat, wie 3 4 auch als Menſch; Mama aber ſchien ſich in ruhiger Atmoſphäre Feuerwerker Wortmann. 79 nie wohl zu fühlen, und ſtürmiſche Luft war zu ihrer Eriſtenz nothwendig; dabei hatte ſie ein merkwürdiges Gedächtniß für die Schwächen ihrer Nebenmenſchen, und obgleich ſie von Herzen gewiß nicht böſe war, ja eigentlich ein gutes Gemüth hatte, ſo war es ihr unmöglich, irgend Jemand etwas Angenehmes zu ſagen. Die Kanoniere kannten ſie ſchon, und wußten, wenn ſie 3 Morgens zum Kaffee in die Reſtauration kamen, daß ihnen als⸗ dann ihr ganzes Sündenregiſter in ſchauerlicher Wahrheit vor Augen geführt werde. Da ſaßen ſie harmlos bei einander in ihren Stalljacken, und während Babett Kaffeebrod und Butter zutrug, ſtand meine Mutter an ihrem Kochherde, der ſich in der Stube befand, und bereitete die Portionen zu. „Weißbrod und Butter für Linſemann,“ ſagte Babett. Meine Mutter ſchüttelte mit dem Kopfe und entgegnete:„Linſe⸗ mann braucht weder Weißbrod noch Butter, da iſt Kaffee für 1 ihn, er ſoll von ſeinem Commisbrod dazu eſſen.“—„Aber ich bezahle es baar,“ ſagte Linſemann patzig, indem er die Jacke auf⸗ knöpfte und eine kleine lederne Taſche hervorzog, die ſein Geld enthielt. Meine Mutter ſchüttelte abermals mit dem Kopfe,— par' Er ſeine Pfennige, Linſemann,“ ſagte ſie,„Er weiß wohl, woo Er ſie anbringen kann,— Gott im Himmel, würde ich mich doch ſchämen, in Stiefeln herumzugehen, die nicht bezahlt ſind; meint Er, der Schuſter brauche nicht auch ſein Geld? Aber da heißt's nur machen laſſen, Butterbrod eſſen, Schnaps trinken, überhaupt luſtig gelebt und ſelig geſtorben, iſt dem Teufel die Rechnung ver⸗ dorben;— aber ich will dazu nicht helfen, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen.“ Die Kanoniere lachten und ſchwiegen, was übrigens Madame Wortmann durchaus nicht beſänftigte, wenn ſie einmal ihren ſchlimmen Morgen hatte.„Ueberhaupt,“ fuhr ſie nach einer Feuerwerker Wortmann. Pauſe fort,„geht es mit der ganzen Batterie rückwärts— iſt doch bei Euch von Zucht und Ordnung gar keine Rede mehr; 3 ſchade, daß ich nicht Unteroffizier geworden bin, ich wollte Euch ſchuhriegeln. Oder hätte ich etwa nicht das Recht dazu? he!“ ſagte ſie, indem ſie die Arme in die Seite ſtemmte, da Niemand eine Antwort gab. „Meint Ihr, ich höre es nicht mit meinen leiblichen Ohren, wie Ihr es des Abends treibt, und ohne Schuhe die Treppe hin⸗ abſchleicht, nachdem die Zimmerviſitation vorbei iſt. Wo treibt es Euch hin?“— draußen in's Bierhaus.— Was treibt Ihr da? — die paar Groſchen verſaufen, die Ihr ſo nothwendig Pruchtet um Eure Hemden flicken zu laſſen.“ Wenn Mama ſo in Eifer gerieth, ſo hielt ſie immer eine Art Kapuzinerpredigt, und am Ende ſagte ſie meiſtens achſel⸗ zuckend, natürlicherweiſe mit andern Worten: Aber wie kann man die Knechte loben, Kommt doch das Aergerniß von oben. „Euch kann man es eigentlich nicht ſo übel nehmen,“ ſprach ſie dann,„wie ſollte eine Ordnung in die Batterie kommen, wenn der Erſte am liebſten mit der Flaſche exercirt, der Zweite immer in ſtummem Zorne das Maul hält, als wenn er berſten wollte, 3 der Dritte aus lauter Faulheit nie das ſagt, was er ſagen will, und der Vierte endlich gar Nichts iſt, als ein überzogenes Stück Watte, mit wohlriechendem Waſſer begoſſen,“ Dabei muß ich übrigens ſagen, daß Madame Wortmann die Offiziere nur alſo claſſificite, wenn ſie mit ihrem Mann und Poltes allein war. Den Capitän, den wir bereits kennen lernten, haßte ſie unbe⸗ ſchreiblich; daß er meinem Papa am erſten Geburtstag ihres Sohnes eine Strafwache dictirt und in Arreſt geſchickt, konnte ſie ihm nie Feuerwerker Wortmann. 81 verzeihen; und auch ſonſt noch hatte es der Capitän nie daran fehlen laſſen, mit ſeiner erſten Marketenderin häufig Streit anzu⸗ fangen. Hatte ein Soldat graues Lederzeug, oder daſſelbe unſauber lackirt, ſo brüllte der Hauptmann vor unſern Fenſtern ſo laut, daß es Mama nothwendig hören mußte.—„Wo hat Er ſeine Ton⸗ kugeln und ſeinen Lack gekauft?— wahrſcheinlich bei der Wort⸗ mann, und daß die nichts Geſcheidtes hat, iſt weltbekannt.“ Einmal hatte der Lieutenant v. Schwenkenberg, der uns über⸗ haupt gewogen war, die Partie meiner Mutter genommen, und geſagt:„Na— Herr— Hauptmann— nehmen— Sie— es— mir— nicht— übel,— aber— das— Material— von— un⸗ ſerer— Marketenderin— muß— doch— gerade— nicht— ſo— ſchlecht— ſein,— denn— deren— Mann,— der— Unteroffizier — Wortmann,— hat— unſtreitig— immer— das— beſte— Lederzeug— und— die— ſauberſte— Lackirung.“ CEi, Herr Lieutenant v. Schwenkenberg,“ hatte darauf der Capitän giftig erwiedert,„was Sie nicht Alles zu beurtheilen verſtehen; der Unteroffizier Wortmann, haben Sie geſagt? freilich das iſt ein geſcheidter Mann, der kauft Tonkugeln und Lack anderswo, ein braver Mann, ein geſunder Mann— behilft ſich anderswo.“ Unglücklicherweiſe hatte meine Mutter, da ſie am offenen Fenſter ſaß, dieſes Wort vernommen, ſie ſetzte ihre beſte Haube auf mit langen blutrothen Bändern, und da ſie ſich eben nicht die Zeit nahm, dieſelbe zuzuknüpfen, ſo flatterten ſie wie Schlangen um das Haupt der Meduſa hinter ihr drein, als ſie in höchſter Entrüſtung die Treppe hinabrauſchte, um vor den Chef der Bat⸗ terie zu treten. Leider mußte ſie noch warten, bis der Appel vorüber war, 3 und da während deſſelben noch ein Bombardier krank gemeldet Hackländer, K. u. Fr. I. 8 82 Feuerwerker Wortmann. wurde, ſo trug es nicht zu ihrer Beſänftigung bei, daß der Ca⸗ pitän ſagte:„So— N. iſt krank,— was fehlt dem N.?— er wird ſich wahrſcheinlich in der Wortmann ihrem vergifteten Schnaps übernommen haben, die Sache muß geändert werden oder mich ſoll der Teufel lothweiſe holen.“ Damit wurde die Batterie entlaſſen, der Capitän ſchritt gegen das Kaſernenthor, die Hände auf den Rücken gelegt. Neben ihm ging ſein Premierlieutenant, finſter und ſchweigend wie immer, und ihnen folgte Herr v. Schwenkenberg und der junge Seconde⸗ lieutenant. Letzterer hatte zwei Finger der linken Hand zierlich in die ſchlanke Taille gedrückt, hielt im rechten Auge krampfhaft ſein kleines Glas feſt, und ſchwenzelte dazu, wie etie junger Wachtel⸗ hund, der ſich angenehm machen will. Vergeblich verſuchte mein Vater die Mutter zurüczuhalten; wie eine Rakete ſchoß ſie in den Hof hinein und beſchrieb in ihrem Laufe einen weiten Bogen, ſo daß ſie nach wenigen Augenblicken durch eine kleine Schwenkung gerähe vor den Capitän hinſauste, der überraſcht ſtehen blieb. „Herr Hauptmann,“ begann meine Mutter mit vor Entrü⸗ ſtung zitternder Stimme, wobei ſie die Hände krampfhaft auf⸗ und zuſchloß, und dazu einen ſo gewaltigen Knix machte, daß ihre Haubenbänder hoch emporwallten,—„Herr Hauptmann,“ wie⸗ derholte ſie,„nehmen Sie es nicht ungnädig, aber ich wollte mir ganz gehorſamſt die Frage erlauben, in wie fern und zu welchem Zweck ſich mein Mann anderswo behilft, als bei mir— verzeihen der Herr Hauptmann, aber ich möchte das gar zu gerne wiſſen, und deßhalb bin ich hier.“ Und damit knixte ſie abermals und noch viel tiefer. 19, Der Hauptmann dieſer Anrede ſichtlich roth gewor⸗ Feuerwerker Wortmann. 83 den, er biß die Zähne übereinander und ſagte:„Matuſchka! ſehe mir einer dieſe verfluchte Wirthſchaft an! Was fällt Ihr in's Henkersnamen ein?— Herr Lieutenant von Schwenkenberg, der Unteroffizier Wortmann gehört zu Ihrem Zuge,— rufen Sie mir den Mann her, daß er mir das Weib zur Ordnung bringt. Habe ich ſo was erlebt? „Nein, gewiß nicht,“ entgegnete meine Mutter trotzig und keck,„aber mir hat man auch noch nicht ſo etwas geſagt. Und ich hätte vergifteten Schnaps, Herr Hauptmann? Sie haben auf der Haide oft von meinem Schnaps getrunken und der Herr Lieu⸗ tenant v. Schwenkenberg; hat es Ihnen je etwas geſchadet?— nein— nein— und tauſendmal nein! Aber ich weiß ſchon, Herr Hauptmann— was das Alles heißen ſoll— ich bin hier zuviel in der Kaſerne mit meinen drei armen Würmern,— man will eine andere Frau protegiren, das iſt das Ganze!“— Und jetzt bei dem Gedanken an ihre armen Würmer, ſowie an eine andere Frau, welcher man ihre Reſtauration zuwenden wollte, ging der Zorn meiner Mutter in Wehmuth über, und ſie fuhr mit dem Schürzenzipfel an ihre Augen. Glücklicherweiſe kam in dieſem Augenblicke auch mein Vater eilig daher geſchritten, und neben ihm der Unteroffizier Poltes, den er ſich zur Hülfe mitgenommen.„Geh' Sie nach Hauſe,“ ſagte der Letztere mik leiſer aber ernſter Stimme;„wenn es nicht wider den Reſpect wäre, würde ich ſagen, der⸗Klügſte gibt nach, doch ſo—“ „Aber das iſt wider den Reſpect,“ rief erbost der Haupt⸗ mann,„Unteroffizier Leopold, nehmen Sie ſich in Acht, oder ich ſchicke Sie drei Tage in’'s Le⸗ Matuſchka! Iſt je ſo etwas vorgekommen, mein Her ich bin zu gut aufge⸗ Feuerwerker Wortmann. legt, um mich zu ärgern— kehrt— marſch in die Kaſerne! — oder es ſoll ein ſiebenzölliges Donnerwetter dreinſchlagen!— Mich, den Capitän, in meinem eigenen Kaſernenhof zu han⸗ — kariren!“. „Haranguiren,“ ſprach leiſe für ſich der Lieutenant v. Schwen⸗ 1 kenberg. „Haben Sie etwas geſagt?“ fragte erzürnt der Vorgeſetzte. „Na, Herr Hauptmann,“ entgegnete kopfſchüttelnd der Ge⸗ fragte,„geſagt habe ich ſo eigentlich nichts— nur laut gedacht wenn es Ihnen gefällig iſt.“ Doch wartete der Batteriechef dieſe Antwort nicht ab, ſondern ſchritt erbost mit ſeinem Premier⸗ lieutenant von dannen, und mein Vater, Poltes und die Mutter hörten ihn noch mehrmals die ſehr verletzenden Worte wieder⸗ holen:„Ich ſage Ihnen, meine Herren, dieſe Wortmann hat f zehntauſend Teufel im Leibe.“ Ich habe dieſes Vorfalles nur deßhalb ſo ausführlich er⸗ wähnt, weil er vom großen Einfluſſe auf das künftige Schickſal meiner Familie war. Aehnliche andere folgten in kurzer Zeit 1 und brachten meinen Vater zu dem feſten Entſchluſſe, Dienſt und Kaſerne ſobald als möglich zu verlaſſen. Da er nun faſt fünf⸗ zehn Jahre diente, ſo hatte er längſt das Recht, eine Civilver⸗ ſorgung zu beanſpruchen. Er meldete ſich deßhalb zur Steuer⸗ partie, und da män ihm die beſten Zeugniſſe ertheilen mußte, auch der Capitän ſeiner los ſein wollte, ſo gieng die Sache ſchneller als gewöhnlich, und ſchon ein halbes Jahr nach der obenerwähnten Geſchichte erhielt mein Vater, zugleich mit ſeinem Abſchiede, die Ernennung zum Steueraufſeher in einem kleinen Grenzſtädtchen. Zum fernern Betrieb der Reſtauration fand ſich bald eine Unternehmerin, welche die Vorräthe, Flaſchen, Gläſer Feuerwerker Wortmann. und Teller übernahm. Mir wurde es am ſchmerzlichſten, das Zimmer zu verlaſſen, wo ich geboren, ſowie die Kaſerne mit ihren Höfen, wo ich ſo gerne geſpielt. Der Abſchied von Poltes preßte mir bittere Thränen aus. Auch ihm gieng es recht nahe und er fuhr ſich mit der Hand über die Augen und ſeinen langen Schnurrbart, als er mir ſagte:„Na, mein Junge, jetzt halte Dich brav; lerne fleißig zeichnen, vor allen Dingen aber rechnen und was daran hängt, die Mathematik, dann werden dir ſpäter die Epauletten nicht fehlen.— Soldat willſt und mußt du doch ein⸗ mal werden; ich hoffe, du haſt deines Vaters ordentlichen Sinn geerbt, und das gute Maulwerk deiner Mutter kann dir auch noch zu ſtatten kommen. Was mich anbetrifft, ſo bleibe ich auch nicht mehr zu lange im Dienſte, hab' mich ebenfalls zur Steuer⸗ partie gemeldet, und wenn ich einmal fort bin, werde ich ſchon für dich eine Batterie ausfinden, wo du einen angenehmen Chef haſt.— Nun, heule nur nicht wie ein Schloßhund.“ Es iſt mir ſehr angenehm, verſichern zu können, daß der ganzen Batterie unſer Scheiden recht nahe ging. Die Kanoniere meinten, es ſei recht traurig, daß ſie nun den kleinen Major nicht mehr ſehen ſollten, und viele ſchenkten mir, als ich in ſämmt⸗ lichen Stuben den letzten Beſuch machte, allerlei für mich gänzlich unbrauchbare Sachen, als Nadeln und Zwirn, alte Knöpfe, Sporen⸗ räder, abgenutzte Säbelquaſten und dergleichen Koſtbarkeiten mehr. So kam der Morgen, an dem wir abzogen; ehe wir aber die Kaſerne verließen, ſchlich ich mich noch einmal in den Geſchütz⸗ ſchuppen, ſtreichelte meine liebe Freundin und Geſpielin, die blanke Haubitze, und nahm einen wahrhaft zärtlichen Abſchied von ihr, meiner guten Miranda. Feuerwerker Wortmann. Drittes Kapitel. Von den neuen Verhältniſſen meines elterlichen Hauſes, auch von meinen Lehrjahren, in welchen der Bukunft des Majors nicht vergeſſen wird. Das Grenzſtädtchen, in welches mein Vater verſetzt wurde, war klein, lag aber in einer ſchönen Gegend am Fuß eines Ge⸗ birgszuges, auf deſſen Höhen die Grenzen des Nachbarſtaates mit den unſrigen zuſammenſtießen. Der ehemalige Feuerwerker Wort⸗ mann trug nun ſtatt der blauen Uniform mit ſchwarzem Kragen eine von grünem Tuch mit blauen Aufſchlägen, und hatte zur Be⸗ waffnung eine Art Hirſchfänger, ſowie eine gute Kugelbüchſe, mit deren Behandlung ihn der herrſchaftliche Jäger eines benachbarten Gutes, der ebenfalls gedient hatte, vertraut machte. Dieſer Jäger zeigte ſich überhaupt den Steuerauſſehern ſehr geneigt und hatte dazu auch doppelt ſeine guten Gründe; denn wenn die Grenze, an der wir uns befanden, von Schmugglern auch nicht häufig übertreten wurde, da ſich keine bedeutende Stadt in der Nähe befand, ſo luden die prächtigen Wälder und übrigen Jagdgründe, welche den Gebirgszug bedeckten, allerlei unbefugte Jagdliebhaber ein, ſich einen ſtattlichen Hirſch oder fetten Reh⸗ bock auf unrechtmäßige Weiſe zuzueignen. Gegen dieſes Getreibe nun wurden die Forſten nach ſtillſchweigender Uebereinkunft mit der benachbarten Gutsherrſchaft von den Steuerbeamten ebenfalls geſchützt, was denn Manchen derſelben hie und da eine kleine un⸗ ſchuldige Annehmlichkeit gewährte, ſei es durch Verlaufen eines Haſen in unſere Küche oder durch ein paar Feldhühner, die, wie meine Mutter behauptete, durch den Schornſtein hereingeflogen waren. Feuerwerker Wortmann. Mein Vater war bei ſeiner bekannten guten Haltung und der muſterhaften Sorgfalt, die er auf den Anzug verwendete, bald im ganzen Städtchen geſchätzt und geliebt. Als ehemaliger Unter⸗ offizier von der Artillerie beſaß er auch ſo manche Kenntniſſe, die den guten Leuten hier zu Statten kamen! er konnte Raketen an⸗ fertigen, farbige Feuer, ſtrahlende Sonnen und koloſſale Schwär⸗ merbüchſen, Sachen, die namentlich beim Geburtstag des Königs, welcher im Städtchen mit unerhörter Pracht gefeiert wurde, von großer Wirkung waren. Auch war es natürlich, daß der ehema⸗ lige Feuerwerker es vortrefflich verſtand, taugliche Subjekte zu Be⸗ dienung der kleinen Böller⸗Batterie heranzubilden, woher es denn kam, daß er von den zwei Bürgergeſellſchaften, die„Concordia“ und die„Reſſource,“ welche ſich in Feierlichkeiten bei dem Aller⸗ höchſten Geburtstag überboten, zum CEhrenmitglied ernannt wurde. Dieſe angenehme geſellſchaftliche Stellung wirkte auf meine Mutter höchſt erfreulich ein, und die Frau Steueraufſeher Wort⸗ mann, welche nicht umſonſt in einer großen Stadt gelebt, wußte ſich einen ganz beſondern Anſtand zu geben, und wurde ſchon nach einem halben Jahre den Honoratioren des Bürgerſtandes bei⸗ gezählt. Da ſie ſich nicht mehr wie ſonſt in der Kaſerne vom frühen Morgen an brauchte ſehen zu laſſen und ihrem Geſchäfte vorzuſtehen, ſo verwandte ſie mehr Sorgfalt auf ihren Anzug, wenn ſie öffentlich erſchien, und wenn auch wir im ſtillen Fami⸗ lienkreiſe nach wie vor das Glück hatten, ſie, wie Unteroffizier Poltes zu ſagen pflegte, als Vogelſcheuche zu ſehen und ſehr defekte Schlafröcke von zweifelhafter Farbe und noch zweifelhafterer Rein⸗ lichkeit zu bewundern, ſo ſahen ſie die Bewohner des Städtchens nur ſehr geputzt, in guten Kleidern, namentlich aber in ſauber 4⁴ Feuerwerker Wortmann. aufgeſteckten Hauben, mit langen bunten fliegenden Bändern, welcher Kopfputz ihre Hauptleidenſchaft war. Was nun meine kleine Perſon anbelangt, ſo wurde dieſelbe begreiflicherweiſe Tag für Tag größer und ſtärker, und wenn mich auch in der erſten Zeit gewaltige Sehnſucht nach den Freuden des Kaſernenplatzes und Geſchützſchuppens bewegte, ſo fing ich doch auch in kurzer Zeit an, mich in dem kleinen Grenzſtädtchen hei⸗ miſch zu fühlen. Man muß übrigens nicht glauben, daß ich das frühere Soldatenleben vergeſſen, daß ich der blanken Miranda, des guten Poltes, ſowie der Geheimniſſe der düſteren Montirungs⸗ kammer mit weniger Liebe gedacht.— Gewiß nicht! Dieſe ange⸗ nehmen Erinnerungen an meine Kinderjahre bewahrte ich feſt im Herzen, und um ſo mehr, da ich ja dazu beſtimmt war, nach einigen Jahren ſelbſtthätig und mitwirkend wieder in das Militär einzutreten. Ob ich eigentlich große Luſt dazu hatte, wollte mir nicht recht klar werden, und glaube ich faſt das Gegentheil ver⸗ ſichern zu können, denn oftmals, wenn ich an die dumpfen Ka⸗ ſernenſtuben dachte, an die Betten mit den harten Strohſäcken, an Exerciren bei Kälte und Schnee, das ich Alles mit angeſehen, ſo⸗ wie an Wache und Arreſt, ſo fühlte ich ein eigenthümliches, faſt ſchmerzliches Zucken in meinem Herzen und konnte oftmals den Gedanken haben, ein anderer Lebensberuf, ein anderer Stand ſei auch nicht zu verachten. Dagegen waren es immer wieder die Briefe meines alten Freundes, des Unteroffizier Poltes, der häufig an meinen Vater ſchrieb, welche die Luſt zum Soldatenleben wieder in mir rege machten. Poltes hatte ebenfalls die Batterie verlaſſen, da aber ſein Geſundheitszuſtand ſich mehr und mehr verſchlimmerte, er auch mit der Feder außerordentlich gut umzugehen wußte, ſo 4 Feuerwerker Wortmann. hatte man ihn auf ein Steueramt zum Schreiben commandirt, und da ſaß er nun hinter angelaufenen Scheiben, vor ſich einen ſchmalen Hof mit ſchwarzen Brandmauern, am Ende ſeiner Feder kauend und dachte an die Kaſerne, an die raſſelnde und glänzende Batterie und an die dreifache Garnitur⸗Montirungsſtücke, die er einſtens commandirt. In ſolchen Seelenzuſtänden ſchrieb er an meinen Vater und dachte dabei an mich.„Was macht der Ma⸗ jor? Hoffentlich wird der Junge groß und ſtark, lernt etwas Tüchtiges und gibt mir bald ſelbſt,die Meldung, daß ich mich nach einer Batterie für ihn umſehen ſoll. Das thu' ich nun freilich für mich ſchon oft genug, es will ſich aber immer noch nichts Paſſendes finden. Daß unſer Hauptmann als Major in den Ruheſtand ver⸗ ſetzt worden iſt, haſt du hoffentlich gehört. Sie haben einen neuen, ziemlich jungen Kapitän von der Hauptſtadt herüber geſchickt, was unſern Premier⸗Lieutenant und den Herrn Lieutenant v. Schwen⸗ kenberg ſo empörte, daß Beide um ihre Verſetzung einkamen. Dies iſt ihnen denn auch, aber nicht in Gnaden, bewilligt worden, der Erſte wurde zur Feſtungs⸗Compagnie nach J. verſetzt, wo er ſeinen ewigen Groll an den Mauern der Citadelle auslaſſen kann; der Lieutenant v. Schwenkenberg aber nach D. und wird noch 3 langſamer und ſchwerfälliger im Reden ſein, als bisher.“ „Mir geht es nicht beſonders, alter Freund,“ hieß es an einer anderen Stelle;„iſt mir doch gerade, als wenn ich verdammt wäre zu einem ewigen Gefängniß, und wenn ich einmal zum Sterben komme, was nächſtens geſchehen wird, ſo muß ich dahin gehen im Staube von Aktenbündeln, und hätte doch ſo gerne meinen letzten Blick auf ein Geſchützrohr fallen laſſen, auf eines, das gerade zufällig ſo herrlich in der Sonne funkelt. Ach! die Jugendzeit war prächtig und kommt mir jetzt mehr als je in 90 Feuerwerker Wortmann. meinen Träumen vor. So ein Morgen in Duft und Glanz, wenn wir luſtig ſangen und die Pferde ſchnaubten, und die Geſchütze ſo dumpf auf der Landſtraße dröhnten! Oder wenn es dahin ging in tollem Jagen, eine Anhöhe hinauf, hinter welcher der Feind ſtand:—— Batterie— h-a-a-a-alt!—— Ja, Batterie halt! wird mir auch bald vom oberſten Chef ſämmtlicher Kanoniere zu⸗ gerufen werden, und über dieſen wichtigen Moment habe ich meine letzten Beſtimmungen teſtamentariſch niedergelegt. Man ſoll mir ein hölzernes Kreuz machen von zwei Geſchützröhren, und daß du das beſorgſt, dafür bürgt mir deine alte Freundſchaft.— Meinen Lebenslauf vor Augen laß den Major nur was Tüchtiges lernen; er muß die Epauletten bekommen und ſpäter einmal eine Batterie commandiren. An mich denken wird er häufig genug, deß bin ich von ihm überzeugt, denn auf der ganzen weiten Welt wird ſich Niemand ſo über ſein Glück freuen wie ich. Ja, wenn er ein⸗ mal die Epauletten hat, und beſucht mich, der ich dann unter dem bezeichneten Kreuz liege, ſo werde ich es fühlen, trotz ſechs Schuh Erde und trotzdem mir ſchon Gras und Baumwurzeln in die Ohren gewachſen ſind.“ Durch ähnliche Talente, wenn auch in kleinerem Maßſtabe, wie mein Vater ſie beſaß, hatte ich mir in kurzer Zeit die Liebe meiner Schul⸗ und Spielkameraden erworben. Mii den⸗ Rädern eines alten Pfluges, auf dem ein Stück hölzerner Brunnenröhre befeſtigt wurde, hatten wir ein außerordentlich ſchönes Stück Ge⸗ ſchütz hergeſtellt, das ich natürlicher Weiſe Miranda taufte und vermittelſt welchem ich meinen Spielkameraden das Artillerie⸗Exer⸗ citium beibrachte. Auch die Geſchenke der Kanoniere, bei meinem Abgang aus der Kaſerne wurden auf's Zweckmäßigſte verwendet, und die alten Montirungsknöpfe, Sporenräder, namentlich aber —, —-— 91 Feuerwerker Wortmann. die Säbelquaſten verſchafften mir manche feſte und nutzenbringende Freundſchaft. Ueberhaupt wurde ich von meinen Kameraden als Kind eines Soldaten und als beſtimmt, einſtens ſelbſt den Säbel zu tragen und ein Geſchütz zu führen, mit einer gewiſſen Hoch⸗ achtung, ja Chrfurcht betrachtet. Auch ging hier ſchon die Prophe⸗ zeiung der Madame Hammer, welche meinem Eintritt in die Welt Vorſchub geleiſtet, theilweiſe in Erfüllung, denn die Knabencom⸗ pagnie hatte mich zu ihrem Major ernannt, welche Stelle ich mit dem möglichſten Anſtand auszufüllen mich beſtrebte. Meine Mutter war über dieſe Auszeichnung ſehr erfreut, und wenn ich mit kin⸗ diſcher Gravität äußerſt ernſthaft die Meldung meiner Untergebenen, welche mich mit„Herr Major“ anredeten, annahm, ſo dachte ſie ſchmunzelnd der Stunde meiner Geburt, wo Muſik erſchallte und der Unteroffizier rief:„Dort kommt der Major!“ Unter meinen Knabenfreundſchaften war, wie das immer zu geſchehen pflegt, eine dauernder und feſter, und zwar mit dem Sohne des herrſchaftlichen. Gärtners. Eben ſo ſehr wie zu der Perſon meines Geſpielen fühlte ich mich zu dem Geſchäft ſeines Vaters, welches auch ſchon theilweiſe das meines Freundes war, hingezogen, denn auch er mußte ſchon thätige Hülfe leiſten, Un⸗ kraut ausjäten, Blumentöpfe ſortiren, Etiketten ſchreiben und der⸗ gleichen mehr. Durch dies letztere Geſchäft hatte er eine Menge lateiniſcher Benennungen gelernt, die er bei Spaziergängen mit 9 dem Lehrer, wenn wir irgend eine merkwürdige Blume fanden, vor der ganzen Schule anwenden mußte. Hierdurch und weil er überhaupt einer der fleißigſten und geſetzteſten Schüler war, ſehr ruhig und überlegt ſprach, an recht kindiſchen Streichen keinen Antheil nahm, ſo hieß er der weiſe Vogel, da ſein Geſchlechts⸗ name Vogel war. —j, —xx— Feuerwerker Wortmann. Bald waren wir unzertrennlich, und ſo wie ich die Schul⸗ ſtunden hinter mir hatte, eilte ich davon und war ſeelenvergnügt, wenn mich der Gärtner mit einer kleinen leichten Arbeit beauf⸗ tragte. Mir war ſo wohl unter den Pflanzen und Blumen, und ich hatte auch ein Geſchick in der Behandlung derſelben. Hatte . doch der Gärtner ſchon einigemal alles Ernſtes mit meinem Vater geſprochen und ihm zugeredet, er ſolle mich ihm in die Lehre geben. Wer weiß auch, was geſchehen wäre, wenn ſich nicht meine Mutter auf's Feſteſte und Beſtimmteſte dagegen erklärt hätte, unterſtützt von ein paar alten Frauen ihrer Bekanntſchaft, worunter 4 die Schulmeiſterin, deren Mann viel lieber im Garten als in der Schulſtube ſei, wodurch er ſeinen Vorgeſetzten ein Aergerniß gebe und unmöglich weiter kommen könne, erklärte ſie ſich auf's Ent⸗ ſchiedenſte gegen die Erlernung der Gärtnerei und meinte, Jemand wie ich, dem die Epauletten nicht fehlen könnten, ja, den das Schickſal bei der Geburt ſchon zum Major bezeichnet, dürfe nicht daran denken, ein, wenn auch an ſich recht reſpektables Geſchäft, wie die Gärtnerei, zu erlernen. Und wie früher in der Kaſernen⸗Reſtauration bei Unteroffizier Wortmann, ſo führte auch Mama bei Steueraufſeher Wortmann— fort und fort das Regiment des Hauſes mit unumſchränkter Ge⸗ walt. Und nicht nur war ſie bei uns im Hauſe tonangebend, ſie hatte ſich vielmehr auch bei ihren Bekannten eine gewiſſe Herr⸗ ſchaft zu erringen gewußt, ſo daß nur das geſchah, was die Steueraufſeherin Wortmann durch ihr Beiſpiel zur Nachahmung empfahl. War ſie doch lange in einer großen Stadt geweſen, hatte Generale und Prinzen genug geſehen, ja mit einem der letzteren ſogar geſprochen. Das war nämlich an einem heißen Ma⸗ növertage geweſen, wo ſich Se. Hoheit herabließ, ein Gläschen — Feuerwerker Wortmann. Rum anzunehmen, das ihm von der freundlichen Marketenderin angeboten wurde. Natuͤrlich wurde dieſer Vorfall mit einigen Nebenumſtänden erzählt, und wenn meine Mutter ihn den er ſtaunten Zuhörerinnen vorgetragen, ſo blieb man zweifelhaft, ob Se. Hoheit der Prinz damals bei uns nur zum Kaffee geweſen 4 ſei, oder ob er huldreich ein Gabelfrühſtück eingenommen. Das Letztere ſchien am unzweifelhafteſten. Auch was die Haushaltungen verſchiedener vornehmer Da⸗ 3 men, der Majorin A., der Obriſtin B. anbelangte, ſo war meine Mutter auf's Genaueſte unterrichtet, und wußte der Schulmeiſterin, der Frau des Steuer⸗Controleurs, ja ſogar der regierenden Bür⸗ germeiſterin manchen praktiſchen Wink zu geben. Ueber Lein⸗ wand⸗Verhältniſſe, beſönders Waſchangelegenheiten, war ſie aus leicht zu erklärenden Gründen auf's Genaueſte unterrichtet, hatte auch hie und da die Zurüſtung zu einem außerordentlichen Mit⸗ tagseſſen oder einem großen Thee mit anſehen dürfen und ahmte daraus mit einigem Geſchicke nach. Daß bei dieſen Nachahmun⸗ gen zuweilen Kleinigkeiten mangelten, der Thee im Waſſerkeſſel auf den Tiſch kam und der Spülnapf dazu benutzt wurde, um aus demſelben das allzu ſtarke Getränk zu verdünnen, oder daß bei einem Mittagseſſen nach der Suppe ein marinirter Häring kam, oder der Salat ſo verzuckert war, daß er für eine ſüße Schüſſel hätte gelten können,— Gott! wen geniren ſolche Klei⸗ nigkeiten! Trotz alledem ſprach man doch mit großer Achtung von unſerem Hauſe und ſtaunte die oft merkwürdigen Phantaſien an, an denen es Madame Wortmann nie fehlte. So hatte ſie in früheren Jahren gehört, daß die Töchter des Hauſes, wenn ſie einmal ſechszehn Jahre alt geworden ſeien, in die große Welt eingeführt werden. Obgleich meine Mutter 93 * — *— X * Feuerwerker Wortmann. keinen rechten Begriff davon hatte, ſo beſchloß ſie doch, dieſe Feierlichkeit nach eigener Erfindung, als meine Schweſter ſieben⸗ — zehn Jahre alt geworden war, mit möglichſtem Pompe auszu⸗ führen. Sie lud die uns befreundeten Honoratioren des Städtchens zu einem großen Kaffee zuſammen, und nachdem ſich Alle in eine höchſt feierliche Stimmung hinein gegeſſen und getrunken hatten, ſagte Madame Wortmann in einer rührenden Rede: ſie wolle ſich am heutigen Tage erlauben, ihre älteſte Tochter in die Welt einzuführen. Da mußte ich die Thüre des Nebenzimmers ſo weit öffnen, als es möglich war, und hinter einem Vorhange hervor, den Mama zu dieſem Zwecke ſelbſt dort angebracht und nun eigenhändig wegzog, trat meine Schweſter in weißem Kleide, Blumenkranz und Schleier im Haar, vor die erſtaunte Verſamm⸗ lung, wurde von jeder Einzelnen mit großer Rührung begrüßt, küßte der Reihe nach die Hand, wurde wieder auf die Stirne geküßt und bekam auf dieſe Art Sitz und Stimme im Kaffee⸗ rathe. Dieſer ſolenne Akt des Einführens erwachſener Töchter in die Welt fand im Städtchen große Nachahmung und freute man ſich darauf, wie auf andere Feierlichkeiten im Leben. Daß mein Vater all' dieſen Geſchichten ziemlich fern blieb, brauche ich wohl nicht zu ſagen. War er früher im Militär⸗ richt in der Mathematik und in Sprachen nachgeholfen, und mein dienſte pünktlich geweſen, ſo war er es jetzt bei der Steuerpartie wo möglich noch mehr; ja, er erwarb ſich die Liebe ſeiner Vor⸗ geſetzten in hohem Grade, und bei einer Viſitation, die der Ober⸗ inſpektor abhielt, gab ihm dieſer Hoffnung auf ein Avancement zum Steuer⸗Controleur. Meine Erziehung wurde übrigens durchaus nicht vernach⸗ läßigt. Außer den Schulſtunden wurde noch durch Privatunter⸗ ganze Schachtel Sämereien meines Freundes, des weiſen Vogel, die er mir mitgeben wollte, und dabei die Hoffnung ausſprach: „Siehſt du, lieber Freund, die Garniſon, wo du hinkommſt, ſoll eine große Feſtung ſein mit Gräben und Wällen; vielleicht findeſt du einmal auf letzteren irgend ein Plätzchen, wo es dir erlaubt iſt, einen kleinen Blumengarten für dich anzulegen.“ Mein Vater lächelte eigenthümlich, als der gute Vogel ſo ſprach, und meinte, er mache ſich einen ganz ſonderbaren Begriff von einer königlichen Umwallung;„da wird kein Blumengarten gut gethan,“ ſagte er; „das Einzige, was da geduldet wird, iſt ſehr kurz geſchorenes Gras, ſchön geordnete Kugelhaufen und alte, mürriſche Wallge⸗ ſchütze. Die Sämereien mußten alſo, wie ſo vieles Andere, zurückbleiben, Vater Wortmann hatte mir höchſt eigenhändig einen Torniſter angefertigt, in welchen das nothwendige Weißzeug ver⸗ packt wurde. Was ich an Civilanzügen mitnehmen ſollte, trug ich auf dem Leibe. Wozu auch mehr? bei der Compagnie fanden ſich ja genug alte Commißwöllchen vierter und fünfter Garnitur; da⸗ gegen aber erhielt ich eine Artilleriedienſtmütze, ſowie einen Säbel meines Vaters, der quer auf meinen Torniſter geſchnallt wurde, damit man ſchon von Weitem ſehe, weß Geiſtes Kind ich ſei. Die beiden letztgenannten Stücke übergab mir mein Vater mit großer Feierlichkeit, und kam ich mir in ſelbigem Augenblicke vor, wie jener junge Ritter, zu welchem ſein Erzeuger bei einer ähnlichen Veranlaſſung ſagte: Sohn, hier haſt du meinen Speer; Meinem Arm iſt er zu ſchwer. 3 Dabei kann ich nicht vergeſſen, wie dieſes an ſich ſo rüh⸗ rende Lied in der Kaſerne parodirt wurde. Hackländer, Kr. u. Fr. I. 4 7 Feuerwerker Wortmann. I Feuerwerker Wortmann. Sohn, hier haſt du meinen Sabel; Mir wird mit der Zeit ganz miſerabel. Daß der Abſchied von den Meinigen ſehr rührend war, brauchte ich eigentlich nicht zu erwähnen. Meine Mutter weinte heftig, meine Schweſtern ſchluchzten ſo laut, als ſei dies ein Ab⸗ ſchied auf Nimmerwiederſehen, und ſelbſt mein Vater konnte kaum ſeine Thränen zurückhalten und zog ſeine beiden Hände zu wieder⸗ holten Malen tief in die Rockärmel zurück, wie er bei großen Veranlaſſungen zu thun pflegte. Endlich entlief ich den Thränen, den Umarmungen, den Segenswünſchen, ließ das kleine Haus, wo meine Eltern wohnten, hinter mir, dann die ſchmale Gaſſe, wo ein paar Dutzend Bekannte mir aus den Fenſtern alles mög⸗ liche Gute nachriefen, dann das alterthümliche Stadtthor und zu⸗ letzt meine Schulkameraden, die mich eine Stunde Weges weit begleitet hatten. Der weiſe Vogel trennte ſich zuletzt von mir, nachdem er mir noch einen Strauß Feldblumen an der Mütze befeſtigt, und mich dringend erſucht, die ſchönen lateiniſchen Na⸗ men derſelben nicht zu vergeſſen. Nach einer halben Stunde ſchob ſich ein Hügel zwiſchen mich und das kleine Grenzſtädtchen, dann war ich allein in der weiten freien Natur, vor mir die lange Chauſſee, über mir den klarſten blauen Himmel, rings um mich her aber das eeie friſche Grün des Frühjahrs. Da ich ziemlich kräftig Herzug wethſen war— für meine ſechzehn Jahre war ich freilich nicht lang aufgeſchoſſen, vielmehr ziemlich unterſetzt,— ſo wurde mir das Marſchiren leicht, und ich erreichte am Abend bei guter Zeit das kleine Städtchen, wel⸗ ches mir mein Vater zum erſten Nachtquartier vorgeſchrieben. Unterwegs war mir nichts Beſonderes paſſirt; nur einmal begeg⸗ * Feuerwerker Wortmann. nete mir ein ſehr wohlwollender und freundlicher Gensdarm, ſich mit großer Theilnahme nach dem Ziel meiner Reiſe erkundi. Ich zeigte ihm meinen Paß, und als er geleſen:„Vorzeiger dieſes ec. begibt ſich nach M., um bei dem dortigen Artillerie⸗Brigade⸗ Commandeur die Erlaubniß nachzuſuchen, der und der Batterie zugetheilt zu werden,“ entließ er mich freundlich mit einem mi⸗ litäriſchen Gruße. Ich muß geſtehen, der Gruß von dem ſtatt⸗ lichen Gensdarmen that mir ſehr wohl. Sollte doch auch ich bald eine glänzende Uniform tragen. Und wie freute ich mich darauf! Ueberhaupt war meine Luſt zum Soldatenleben in der kurzen Zeit, ſeit ich das Vaterhaus verlaſſen, wieder bedeutend in mir rege geworden. Alte, halb vergeſſene Bilder tauchten wieder auf, das lebendige Treiben im Kaſernenhof, die rauſchende Muſik der Infanterie, die täglich an unſerem Fenſter vorüberzog, die ſtaub⸗ bedeckte Batterie, die ſo geheimnißvoll auf dem Pflaſter dröhnte, und dann die Erzählungen der Unteroffiziere und Gemeinen, wenn ſie bei meiner Mutter ihren Schnaps tranken und von Manöver, Marſch und Einquartirung ſprachen. In dem Grenzſtädtchen, wo ich bis jetzt gelebt, gab es außer meinem Vater und den andern Steuerbeamten nur wenige uni⸗ formirte Perſonen, die der Beachtung werth geweſen wären; die beiden alten Polizeidiener in ihren abgeſchoſſenen Röcken zählten eigentlich gar nicht mit, und eben ſo wenig die geſtickten Fräcke des Poſtinſpektors und Bürgermeiſters, die am Geburtstage Sei⸗ ner Majeſtät des Königs zum Vorſchein kamen.—„Ich dagegen,“ ſo ſprach ich zu mir ſelber in jugendlichem Uebermuthe,„wenn ich in einem Jahre nach Haus komme, da werde ich ihnen zeigen, was eine Uniform und was ein Soldat iſt. Hab dann vielleicht ſchm ein paar goldene Treſſon am Arm und werde angeſtaunt 8 4½ MNorgenſonne umherſchlenderte. Er betrachtete mich ſor Feuerwerker Wortmann. werden von Alt und Jung.— Ach ja! hoffentlich auch von den jungen Mädchen, vielleicht ſogar, daß es Bürgermeiſters Anna der Mühe werth findet, ſich verſtohlen nach mir umzuſchauen!“ Bei dieſen Gedanken blickte ich ſelbſt verſtohlen um mich her, und obgleich weit und breit kein menſchlich Weſen war, das mir hätte in die Augen ſchauen können, fühlte ich doch, wie ich über und über roth wurde.—— Den andern Tag kam ich auch richtig nach M., begab mich in ein beſcheidenes Gaſthaus, putzte am folgenden Morgen meine Kleider, namentlich die Knöpfe, auf's Sorgfältigſte, ebenſo den meſſingnen Griff meines Säbels, ſtäubte meinen Torniſter ab und ebenſo meine Feldmütze, nachdem ich vorher den verwelkten Blumenſtrauß des weiſen Vogel in meine Bruſteaſche geſteckt. Dann begab ich mich mit einigem Herzklopfen nach der Kanzlei des Brigade⸗Commandeurs. Mein Vater hatte mir ein Schreiben mitgegeben an einen alten Freund ſeiner ehemaligen Batterie, der als Schreiber zum Stab abgegangen war. Dieſen ſollte ich vor allen Dingen auſſuchen und ihn bitten, die einleitenden Schritte für mich zu thun, damit ich dem Herrn Brigade⸗Commandeur baldigſt vorgeſtellt würde. Die Wohnung deſſelben hatte ich bald aufgefunden; es war das ein ſtattliches Gebäude, vorn mit einem großen Hofe, der von einem Gitter umſchloſſen war, an deſſen Eingang ein Ka⸗ nonier mit gezogenem Seitengewehre behaglich in 8 r warmen hend von oben bis unten und ſagte lächelnd:„Na, wo willſt denn du hin?“ —„Zu dem Herrn Brigade⸗Commandeur,“ antwortete ich ihm.— „Direkt?“ entgegnete die Schildwache;„da mußt du früh auf⸗ geſtanden ſein. Wirſt beſſer thun, wenn du einen kleinen Umweg * Feuerwerker Wortmann. 101 machſt. So durch die Anmeldungskanzlei hindurch.—— Na, ich verſtehe,“ fuhr er fort, als er ſah, daß ich meinen Brief aus der Taſche zog, wirſt ſchon was Schriftliches haben. Da, links im Hofe Nro. 4, wo die Schreiber im Feuer exereiren, da klopf nur an, und wenn auch Keiner„herein!“ ruft, ſo mach' nur die große Thüre auf; freſſen werden ſie dich gerade nicht. Apropos,“ ſagte er, als ich mich zum Weggehen anſchickte,„wie viel Uhr kann es wohl ſein?“—„Halb Zehn.“—„Alſo noch eine halbe Stunde bis zur Ablöſung, verdammt lange! Na!'s geht auch vorüber.“ Damit warf er ſeinen Säbel in den Arm und ſchlenderte gähnend von mir weg. An der bezeichneten Thüre Nro. 4 klopfte ich leiſe an, ein⸗ mal, zweimal, dreimal, denn trotz dem Rathe der Schildwache war ich doch zu ſchüchtern, ohne Erlaubniß einzutreten. Als ich ſchon den Finger zum viertenmale gekrümmt hatte, vernahm ich drinnen eine laute, faſt zornige Stimme, die„R⸗r-r-rein!“ ſchrie, ſo daß es durch's ganze Haus dröhnte. Ehe ich ihr Folge leiſtete, nahm ich beſcheiden meine Feldmütze ab, dann trat ich in ein ziemlich großes Gemach, in dem ſich vier weiß angeſtrichene Schreibpulte befanden, die wie große Vogelbauer ausſahen, denn bis an die Decke waren ſie mit einem hölzernen Gitterwerk um⸗ geben, hinter welchen vier Köpfe auftauchten, deren Auget, mich⸗ neugierig anſchauten. In der Mitte des Zimmers ſtand ein großer Mann in der Artillerieunterofficier⸗Uniform, den Waffenrock unten aufgeknöpft, mit geſpreizten Beinen, und ſchaute mich den Ein⸗ tretenden mit finſterem Stirnrunzeln an. Von ſeinen Geſichtszügen war wenig zu ſehen! unter buſchigen Augenbrauen hatte er die. Augen zuſammengekniffen, und der Schnurr⸗ und Backenbart nach dem neuen Reglement bedeckte die ganze untere Partie ſeine⸗ Feuerwerker Wortmann. Geſichtes. Zum Ueberfluß hatte er noch eine Schreibfeder mit großer Fahne quer in den Mund genommen. „Na, da bin ich begierig,“ ſagte der finſter ausſehende Mann, nachdem er mich eine Weile gemuſtert,„was aus dem Torniſter herausſpazieren wird. Bombardier Knöller,“ wandte er ſich an einen der Schreibenden,„haben ſie vielleicht wieder eine Ahnung über dieſe Sache?“— Der Gefragte antwortete durch ein blöd⸗ ſinniges Lächeln und ſchrieb dann ruhig weiter. Ich hatte unter⸗ deſſen mein Schreiben hervorgeholt und es dargereicht. Der Unter⸗ officier nahm es, ſchlug mit der flachen Hand auf die Adreſſe, um den überflüſſigen Sand zu entfernen, dann betrachtete er die Schriftzüge genau, und rief auf einmal laut:„Soll mich doch der⸗r-r-r— holen, wenn das nicht die Pfote des alten Wort⸗ mann iſt.— Und du?“ wandte er ſich gegen mich,„ja das kann nicht fehlen, ſtraf' mich Gott! Du biſt Wortmann's Major oder ich will eine Schlagröhre ſein. Bomben und Hagel! iſt mich der Kerl gewachſen! iſt kaum zwei Käſe hoch und trägt ſchon eine Artillerie⸗Dienſtmütze; hat auch ein Brodmeſſer aufgeſchnallt. Na, die Sache wird immer ſchöner. Hat man je ſo etwas erlebt?— Bombardier Knöller, das iſt der Major, von dem ich ihnen ſchon erzählt.— Herr Major, ich freue mich außerordentlich, ihre Be⸗ kanntſchaft zu erneuern.“ Damit ergriff er meine Hand, lachte laut hinaus, und die vier Schreiber, die mich mit langgeſtreckten Hälſen durch das Gitterwerk anſchauten, lächelten ebenfalls. Nachdem in ſeinem Lachen einige Ruhe eingetreten war, öff⸗ nete er den Brief meines Vaters, las ihn durch, nickte zuweilen mit dem Kopfe und ſagte am Ende:„Ganz gut! vortrefflich! Die Sache wollen wir gleich arrangiren. Ich werde den Herrn Hauptmann Schmelzer ſogleich in Kenntniß ſetzen, und du ſollſt Feuerwerker Wortmann. dem Herrn Oberſten, noch ehe er zur Parade geht, vorgeſtellt werden.— Teufel! da habe ich eine vortreffliche Idee. Er macht ſo eben ſeinen Morgenſpaziergang in den kleinen Gärten neben dem Hofe. Wenn er dich ſo mit dem Torniſter ſähe, aber ganz unverhofft, daß er fragen müßte, wer du ſeiſt, und was du wolleſt, das wäre am allerbeſten. Faſſen wir die Sache ſogleich an vier Zipfeln. Man muß das Eiſen ſchmieden, ſo lange es warm iſt. Du Burſch, Kopf in die Höh', Bruſt heraus, blaſ' die Backen auf, gib deinem Geſicht ein Anſehen, und wenn du eine Figur erſcheinen ſiehſt, wie wie Schippenbauer— Gott verdamm' meine ſchlechten Späße!“ unterbrach er ſich ſelber,„ich kann mir das nicht abgewöhnen— wollte ich doch ſagen, wenn du einen Of⸗ fizier eintreten ſiehſt mit ſchwarzem Haar, ſchwarzem Bart, ſchwarzen Augenbrauen, ſchwarzem Rock, kurz eine ſchwärzliche Erſcheinung, ſo hat für dich die große Stunde der Entſcheidung geſchlagen. 3 NRach dieſen Worten ſchritt der Wachtmeiſter an das Fenſter, öffnete es weit und ſagte zu den Schreibern:„Nehmen ſie ein friſches Blatt, meine Herren!“ Dann nahm er einen zuſammen⸗ gefalteten Bogen Papier von dem Tiſche, ſtellte ſich an's offene Fenſter und diktirte mit dröhnender Stimme— eigentlich ſchrie er mehr, als er ſprach—:„Brigadebefehl. Durch mein Schrei⸗ ben vom 16. dieſes iſt es zur Kenntniß der Herren Abtheilungs⸗ commandeure gekommen, daß Ende dieſes Monats unſer Aller⸗ gnädigſter König und Herr die Gnade haben wird, meine Brigade Höchſtſelbſt zu inſpiciren—“ 3 „Herr Wachtmeiſter Sternberg,“ ſagte in dieſem Augenblick eine dünne, ſehr feine Stimme vor dem Fenſter,„Sie können füglich meine Befehle den Schreibern diktiren, ohne dabei ſo un⸗ nöthig zu ſchreien. 4 — Feuerwerker Wortmann. Der Angeredete, der beſtändig mit einem Auge zum Fenſter hinausgeblinzelt hatte, und wohl geſehen, wie ſich der Sprecher über den Hof genähert, that auch, als ſei er auf's Höchſte über⸗ raſcht, ja wie von einem Blitzſtrahl getroffen, als er die Stimme ſeines Vorgeſetzten hörte. Er knickte ordentlich zuſammen, dann ſagte er:„Tauſendmal bitte ich um Verzeihung, Herr Oberſt, daß ich ſo laut diktirte; aber wenn man von der Ankunft Seiner Majeſtät ſpricht, da redet man ſich unwillkürlich in die Begeiſterung hinein.“ „Ich habe nichts gegen Ihre Begeiſterung, Wachtmeiſter Sternberg,“ erwiederte der Oberſt, indem er ſein ohnehin glattes ſchwarzes Haar noch feſter an den Kopf ſtrich,„möchte mir aber alles unnöthige Geſchrei ganz ergebenſt verbeten haben.“ Daß ich bei dieſer Unterredung meine ſchönſte Haltung an⸗ nahm und der erhaltenen Vorſchrift gemäß gelinde meine Backen aufblies, wird man mir auf's Wort glauben. In der nächſten Sekunde erblickte mich der Chef, kniff ſeine Augen zu und ſagte: „Was iſt denn das?“ Der Wachtmeiſter ſtreckte ſich ein paar Zoll höher, ſtand außerordentlich gerade und meldete:„Zu Befehlen des Herrn Oberſten, der Sohn eines alten Kameraden, eines ehemaligen Unteroffiziers der Batterie, kommt mit den nöthigen Zeugniſſen und allen möglichen Papieren und wünſcht in der Brigade auf Avancement zu dienen; iſt von ſeinem Vater ſo inſtruirt worden, daß er das Exercitium wie ein Alter verſteht. War immer ein großer Freund von der Kanone, der Kleine da.— Wortmann's Major.“ 3 „Welcher Major, Herr— Wachtmeiſter Sternberg, wenn'ss beliebt?“ 1 Feuerwerker Wortmann. 405 „Halten zu Gnaden, das it nur ſo ein Kaſernen⸗ Ausdruc, ein Beiname. Der Oberſt, der den Chef ſeiner Schreiber wohl zu kennen ſchien, zuckte die Achſeln, als wollte er ſagen: Wachtmeiſter, Sie ſind unverbeſſerlich. Dann ſprach er, indem er auf mich wies: „Das da ſoll herauskommen in den Hof. Wir wollen es hier außen anſchauen.“ Als er darauf vom Fenſter wegtrat, gab mir der Wachtmeiſter in der Freude über den gelungenen Streich einen Rippenſtoß, daß ich faſt umgefallen wäre, kniff ſein rechtes Auge zu und verzog auf dieſe Art ſein Geſicht zu einer wahrhaft ſcheuß⸗ lichen Fratze. Dann folgten wir beide dem Befehl des Vor⸗ geſetzten. Der Oberſt ſtand in der Mitte des Hofes in ſehr aufrechter Haltung und hatte die Hände auf dem Rücken zuſammengelegt. Er war ein großer, wohlgewachſener Mann, aber, wie der Wacht⸗ meiſter vorhin bemerkt, in der That eine ſchwärzliche Erſcheinung. Schade, daß ſein ſchwaches Organ nicht zu dieſer großen Figur paßte. Hinter ihm bemerkte ich einen andern Offizier, den die laute Unterredung am Fenſter wahrſcheinlich ebenfalls hinausge⸗ lockt. Er trug die Hauptmanns⸗Uniform und ſtand, eine mächtige Brieftaſche in der Hand, in ſehr ſteifer Haltung hinter ſeinem Vorgeſetzten. Die Schildwache am Thor ſchien außerordentlich be⸗ friedigt, daß die Langweiligkeit des Hofes durch ein unerwartetes Schauſpiel belebt würde. „Sehen Sie, Herr Hauptmann Schmelzer,“ ſagte der Oberſt. nachdem er mich ein paar Augenblicke betrachtet,„das iſt ein Soldatenkind, welches ſich anſchickt, den höchſt ehrenvollen Stand ſeines Vaters zu ergreifen,— ein Entſchluß, der zu loben iſt, beſonders weil er ſehr ſelten vorkommt. Will doch Alles in der Feuerwerker Wortmann. Welt einen ſcheinbar beſſern Stand ergreifen, als der des Vaters. Der Sohn des Handwerkers ſchämt ſich der väterlichen Werkſtätte und will Kaufmann werden, der Sohn des Kaufmanns will um allen Preis ſtudiren oder ſich zum Künſtler heranbilden. Ich ver⸗ ſichere Sie, Herr Hauptmann Schmelzer, daß die Alten, mit ihrem ſtrengen Kaſtengeiſte, wohl wußten, was ſie thaten.— Das aber in Parentheſe.— Wie heißt du?“ wandte er ſich an mich. „Friedrich Wilhelm Wortmann,“ gab ich zur Antwort. „Friedrich Wilhelm Wortmann. Und kann alſo exerciren?“ „Zu Befehl, Herr Oberſt.“ „Hat auch vielleicht den Artillerie⸗ Leitfaden ſchon angeſchaut?“ „Zu Befehl, Herr Oberſt.“ „Kennt die Verpackung eines zehnpfündigen Granatwagens?“ „Zu Befehl, Herr Oberſt.“. „Und die Anfertigung einer Leucht⸗ und Stinkkugel?“ „Zu Befehl, Herr Oberſt.“ „Wir wollen das unterſuchen, Herr Hauptmann von Schmelzer. Sorgen Sie dafür, daß die Papiere des jungen Menſchen beſtens unterſucht werden, auch er ſelbſt, ob er körperlich tüchtig iſt, und wenn ſich alles das zu ſeinen Gunſten herausſtellt, ſo ſoll man ihn prüfen, ob er wirklich das Exercitium inne hat, und in dem Falle an dem übermorgenden Bombardier⸗ Examen Theil nehmen laſſen. Nicht, als ob ich daran dächte, ihn ſchon im Voraus zu avanciren,— Gott ſoll mich bewahren!— ſondern nur, um ihm einen Sporn zu geben, der ihn veranlaßt, durch gute Aufführung eifrigſt nach den Treſſen zu ſtreben. Auch als Empfehlung an ſeinen künftigen Batterie⸗ Chef. Hat er einen Wunſch in dieſer Richtung?“ „Mit der gnädigſten Erlaubniß des Herrn Oberſten,“ erwie⸗ Feuerwerker Wortmann. 107 derte der Wachtmeiſter,„wünſcht er der achten Fußcompagnie zu⸗ getheilt zu werden.“ „Hauptmann von Bitter in D.,“ entgegnete nachdenkend der Oberſt, wobei er den Kopf ſchüttelte und die Augenbrauen hoch emporzog.„Warum gerade dahin?.“ 3 „Der Vater des jungen Menſchen hat in D. einen guten Freund, ebenfalls früher Unteroffizier, jetzt bei der Steuer⸗Partie, der ihm mit Rath und CThat an die Hand gehen wird,“ meldete der Wachtmeiſter.„Auch ſind bei der achten Fußcompagnie nur zwei Freiwillige, die auf Avancement dienen.“ „Meinetwegen,“ ſagte der Oberſt;„der Premier⸗Lieutenant dorten iſt der von Schwenkenberg, ein braver Mann.— Alſo Gott befohlen!“ Damit neigte er ſeinen Kopf leicht gegen mich hin und ging mit dem Hauptmann Schmelzer nach dem Garten zurück, wo er hergekommen war. Der Wachtmeiſter faßte mich am Kragen und zog mich in die Stube Nro. 4 zurück.„Siehſt— du, Major,“ ſprach er dort, wobei er ſich die Hände vor Ver⸗ gnügen rieb,„du haſt mehr Glück als Verſtand. Wirſt da ohne Anſtand angenommen und darfſt ohne Weiteres das Bombardier⸗ Eramen machen. So gut iſt's Unſereinem nicht geworden. Ja, Major, es wird doch am Ende noch wahr, was man dir bei deiner Geburt prophezeit. Weßhalb übrigens dein Vater auf die achte Fußbatterie verſeſſen iſt, kann ich mir auch nicht erklären. Freilich lebt der alte Poltes in D., aber der kann dir nicht mehr viel helfen. Habe ich doch vor ein paar Tagen einen Brief von ihm erhalten, worin er mir ſchreibt, er habe ſeine letzte Voll⸗ kugel geladen, und wenn die hinausgepufft ſei, ſo rufe er für ewige Zeiten: Batterie halt! Sonſt haſt du bei der achten Fuß⸗ batterie verdammt wenig zu hoffen. Der Kapitän Bitter, na, der 8 108 Feuerwerker Wortmann. iſt nicht bitter! Eigentlich böſe kann man ihn nicht nennen, aber er hat in ſeinen Ideen ganz confuſe Streifen. Des Premierlieu⸗ tenants von Schwenkenberg wirſt du dich vielleicht noch erinnern; er iſt nicht fetter am Leibe und nicht geſchwinder im Reden ge⸗ worden. Na! im Grunde iſt es Einerlei, einen Hacken gibt's überall und ohne Kampf kommt man nicht durch die Welt.— Jetzt wollen wir aber frühſtücken gehen.“ Das thaten wir denn, und der Waͤchtmeiſter Sternberg, der ſich meiner überhaupt freundlich annahm, zeigte mir die Merk⸗ würdigkeiten von M.; führte mich bei einigen ſeiner Kameraden ein und erhielt am andern Morgen die Erlaubniß, das Erercitium leiten zu dürfen, das ich durchmachen mußte, und worin ich, ich kann es wohl ſagen, mit Ehren beſtand. Ebenſogut ging es mir mit dem Bombardier⸗Examen, und ich hatte das Glück, daß der vorſitzende Offizier zu mir ſagte:„Hätten Sie nur ſechs Wochen gedient, ſo würde ich ſpeziell darauf antragen, daß man Ihnen die Treſſen gebe. Aber Sie ſind ja noch jung und werden ſie frühzeitig genug erhalten.“ Ein paar Tage nachher verließ ich M. mit frohem Muthe und gelangte nach mehrtägigem Marſche glücklich in D. an. — Fünftes Kapitel. Ich wohne dem Appell meiner Kompagnie bei, ohne noch zu ihr zu gehören, ſehe die Beſtrafung eines Küchengehülfen mit an und werde vom Kapitän ſehr unfreundlich aufgenommen. Begreiflicher Weiſe war mein erſter Gang zu Poltes. Ich hoffte ihn auf ſeinem Bureau zu finden, doch erhielt ich hier die traurige Nachricht, daß er ſchon ſeit vierzehn Tagen nicht mehr Feuerwerker Wortmann. 1 109 zur Arbeit komme und auch wahrſcheinlich nie mehr erſcheinen würde. Das Frühjahr, den meiſten Bruſtleidenden gefährlich, hatte auch ihn ſtark mitgenommen. Nach einigem Nachfragen fand ich ſeine Wohnung, an der Thüre auf einem kleinen Täfelchen ſtand der Name Poltes, dem er treu geblieben war. Ich klopfte an, drinnen huſtete es, dann rief eine matte Stimme:„Herein!“ Mit klopfendem Herzen trat ich in die kleine Stube. Da ſaß Poltes aufrecht in ſeinem Bette, und hatte er ſchon früher eingefallene Wangen gehabt, ſo war jetzt ſein Geſicht kaum mehr zu kennen. Nur die Augen blitzten noch wie damals, und um den Kopf hatte er noch daſſelbe rothſeidene Tuch geſchlungen, das er in früheren Jahren in der Montirungskammer zu tragen pflegte. Seine Stirne war wachsbleich, ſeine Lippen fahl, und nur die Haut über ſeinen hervorſtehenden Backenknochen war mit einer tiefen, unheimlichen Röthe bedeckt. Er ſchien mich nicht zu kennen, denn als ich auf ihn zutrat, ſah er mich mit einem befremdeten Blicke an. Erſt als ich eine meiner Hände auf ſeine Rechte legte und ihm ſagte:„Kennen Sie mich denn gar nicht mehr? haben Sie Ihren kleinen Gehülfen auf der Montirungskammer vergeſſen?“ da blitzte es in ſeinen Augen auf und zuckte faſt wehmüthig über ſein bleiches Geſicht. „Das iſt der Major,“ ſprach er mit zitternder Stimme. „Hol mich Dieſer und Jener, es iſt der Major. Was biſt du groß und ſtark geworden! Na, euch iſt es recht gut gegangen. Der Alte ſoll ja nächſtens Controleur werden, und unſere Freun⸗ din, Madame Wortmann, hat ſich zur großen Dame gemacht. Ja, ſiehſt du, mein Junge, das Leben iſt ein tiefer Brunnen mit auf⸗ und abſteigenden Eimern. Wenn der Eine hinaufkommt, muß der Andere hinunter.“ Bei dieſen Worten überfiel ihn ein ſtarker Feuerwerker Wortmann. Huſtenanfall.—„Möchte dir gerne etwas Näheres darüber ſagen,“ fuhr er nach einer langen Pauſe fort. Ich bat ihn, ſich ſeines Huſtens wegen zu ſchonen. Er entgegnete kopfſchüttelnd:„Das hat nicht viel zu ſagen; findeſt du wirklich, daß ich ſtark buſte?—— Ueberhaupt haſt du noch gar nicht geſagt, wie du mich eigentlich findeſt, mein Junge,“ fuhr er eifriger fort;„jetzt haben wir uns doch in faſt zehn Jahren nicht wieder geſehen. Findeſt du mich ſehr verändert? Sag' es gerade heraus.“ Was ſollte ich darauf antworten? Glücklicher Weiſe fiel mir ein, ihm zu ſagen:„Lieber Unteroffizier Poltes, ich finde Sie gerade nicht auffallend verändert, Sie ſehen nur ein Bischen blaß aus, wie Jeder, der ſtarken Schnupfen und Huſten hat.“ ————„Du biſt ein geſcheidter Junge,“ erwiederte er mit matter Stimme.„Ja, die verfluchte Erkältung! Habe ſie jetzt ſchon den ganzen Winter; geht mir aber weit beſſer, fühle mich ſo leicht, daß ich faſt verſuchen möchte aufzuſtehen und dich zu deinem Batteriechef hinzubringen.—— Thut ſich aber doch nicht,“ fuhr er nach einer Weile fort,„will mich lieber wieder gerade hinlegen, meine Bruſt ſcheint doch ein wenig an⸗ gegriffen zu ſein. Komm, ſetz' dich hier oben an mein Bett; iſt mir doch, wenn ich dich ſehe, als kehre die alte Zeit wieder, da wir Säbel und Knöpfe zählten.“ Er hatte den Kopf in die Kiſſen niedergedrückt, wandte mir ſein bleiches Geſicht zu und ſchaute mich mit unausſprech licher Zärtlichkeit an. Dabei fuhren ſeine mageren Hände auf der Bettdecke hin und her, als ſuchten ſie dort etwas.„Vorhin ſprach ich davon,“ ſagte er,„daß es im Leben auf und ab gehe. Dein Vater und ich ſind davon ein paar lebendige Exempel. Dazumal kamen wir zu gleicher Feuerwerker Wortmann.. 141 Zeit zur Batterie: Wortmann in einem alten geflickten Bauern⸗ rock, zu Fuß mit beſtaubten Stiefeln, ich in der Equipage mei⸗ nes Onkels, angezogen wie ein junger Prinz, hab' das noch nie Jemanden erzählt, und dein Vater ſprach mir zu Liebe auch nie darüber. Er wollte Unteroffizier werden, vielleicht einmal Feuer⸗ werker, und ſpäter, wenn's hoch käme, Poſtcondukteur;,—— nun, ich ärgerte mich darüber, daß es in der Armee keine Ge⸗ nerale der Artillerie gäbe, und mochte nicht daran denken, ſpäter einmal einen rothen Kragen tragen zu müſſen. Geld hatte ich damals genug, lernen mochte ich aber nichts; zum Fähndrichs⸗ Examen ging ich mehrere Male, fiel aber jedesmal durch; beim drittenmal, als mir dies paſſirte, war ich nahe daran, mir eine Kugel durch den Kopf zu ſchießen. Hätte ich es nur gethan! doch ich war ſchon zu ſehr herunter, um einen anſtändigen Ent⸗ ſchluß faſſen zu können.„Ha!“ dachte ich,„das Leben iſt ſchön, und man kann ebenſo glücklich ſein, trägt man nun Epauletten oder Achſelklappe; wenn nur das Bier kalt und der Branntwein ſtark iſt. So blieb ich denn, wurde Unteroffizier und ſpäter Kapitän d'Armes. Und da war es, wo ich die Ehre hatte, deine Bekanntſchaft zu machen, Herr Major. Apropos, von wegen dem Spitznamen, laß' dir dadurch keine Mucken in den opf ſetzen, ſei ein braver Soldat, propre und dienſteifrig und habe keinen überflüſſigen Ehrgeiz. Sind dir die Epauletten vom Schickſal beſtimmt, ſo wirſt du ſie kriegen; vergiß mir aber nicht, daß ein tüchtiger Unteroffizier ein viel ehrenhafteres Mitglied der Armee iſt, als ein ſchlechter Lieutenant—— Ah!——“ Nach dieſer langen Rede, die er mir gehalten, wandte er das Geſicht von mir ab, und blieb eine geraume Zeit ſtill und unbeweglich liegen. Ich hätte weinen mögen, konnte aber nicht * 112 Feuerwerker Wortmann. ſprechen, mochte ihn auch nicht zu neuem Reden anfeuern. Ich drückte ihm herzlich die Hand, worauf er mir das Geſicht aber⸗ mals zuwandte, und mit ganz leiſer Stimme ſagte:„Ich bin überzeugt, daß du zuerſt zu mir kamſt; aber jetzt iſt es Zeit, daß du nach der Kaſerne gehſt und deine Papiere abgibſt. Du haſt doch Papiere vom Brigade⸗Commandeur?“ Auf dieſe Frage hin erzählte ich ihm, wie gut es mir in M. gegangen, daß ich den Wachtmeiſter Sternberg getroffen, daß ich auch das Bombardier⸗Examen bereits gemacht, und daß ich von dem vorſitzenden Offizier ſogar an meinen neuen Kapitän empfohlen worden ſei. Poltes nickte nach meinen Worten zufrieden mit dem Kopfe und ſagte:„Das kann gut gehen; aber jetzt geh', du biſt am Thore gemeldet worden und mußt dich vor eilf Uhr bei der Batterie einfinden. Heut' Abend oder morgen früh kommſt du mich zu beſuchen und erzählſt mir von deiner Aufnahme. Apro⸗ pos, grüße mir auch den Lieutenant von Schwenkenberg; da mußt du mich aber nicht Poltes nennen, ſondern ſagſt ihm, Leo⸗ pold von Berger laß' ihn grüßen. So hieß ich früher einmal,“ ſprach er ſeltſam lächelnd;„er weiß das ganz genau.“ Darauf winkte er mit der Hand zum Abſchied und ich ver⸗ ließ das Stübchen mit beklommenem Herzen und traurigem Ge⸗ müthe. Hatte ich doch gehofft, den Poltes von damals wieder zu finden, ihn, der ſo angenehm plaudern konnte und ſo voll Humor war. Waren es doch erſt zehn Jahre, daß ich ihn nicht geſehen, zehn Jahre meiner erſten Jugend, in denen ſich für mich. eigentlich ſo gar wenig geändert, wenigſtens faſt gar nichts un⸗ angenehm; ich hatte nur Freunde erworben, keinen Verluſt er⸗ litten. Jetzt ſtand mir ein ſolcher bevor, denn daß der arme Feuerwerker Wortmann. 113 Poltes nicht mehr lange leben würde, das ſah ich wohl ein und deßhalb verließ ich ihn ſo traurig und niedergedrückt. Als ich den Hof der Kaſerne erreichte, in welcher die achte Fußcompagnie lag, war es eilf Uhr geworden und Alles ſchon zum Appell angetreten. Die Kanoniere ſtanden, wie es gebräuch⸗ lich war, in zwei Reihen, davor die Avancirten mit Front gegen die Compagnie, und im Zwiſchenraum bewegte ſich der Feld⸗ webel, eine kleine dicke Geſtalt, die geöffnete Brieftaſche in der Hand, aus welcher er alles Bezügliche auf den Dienſt vorlas. Die Offiziere hielten ſich am rechten Flügel auf, zwei junge Lieutenants und— ja, er war es!— mein Bekannter und Gönner aus der früheren Zeit, der jetzige Premier⸗Lieutenant von Schwenkenberg. Man mußte ihn wieder erkennen: es war noch dieſelbe Geſtalt. Der unendlich lange Hals, an dem der kurze Uniformskragen faſt kindiſch ausſah, lang und hager wie ehemals die ganze Figur, an der Hüfte trug er das gewaltige Schlacht⸗ ſchwert, was bis an die Sporenräder ſtreifte und mit dieſen in beſtändiger Berührung war. Jetzt ging er ein paar Schritte dem Feldwebel entgegen— o; ich hätte ihn am Gange unter Tauſenden wieder erkannt! etwas vornüber, aber bei jedem Schritte rechts oder links ſchwankend. 1 „Vergeſſen— Sie— nicht— Feldwebel Möller,“ ſagte Lieutenant von Schwenkenberg,„daß— wir— heute— Nach⸗ — mittag— die— Baſtion— mit— den— Exercir⸗— Wall⸗ geſchützen— haben.— Suchen Sie mir— die— ſchwächſten— Leute— aus;— ſo— eine kleine— Bewegung— kann— ihnen— nichts ſchaden.— Herr— Lieutenant— Schwarz— wird— die Güte— haben,— ſich— mit ihnen— zu beſchäf⸗ tigen.“ Der Lieutenant Schwarz war ein junger Secondelieute⸗ Hackländer, Kr. u. Fr. I. 8 114 Feuerwerker Wortmann. nant, den ich natürlich nicht kennen konnte; auch ſchien er eben erſt friſch von der Artillerieſchule gekommen zu ſein; ſein Geſicht hatte noch jenen erhabenen und unbeſchreiblichen Ausdruck der Ueberraſchung, mit der gewöhnlich die neuen Offiziere Alles beim Eintritt in's praktiſche Militärleben zu betrachten pflegen. Alles war neu an ihm: Uniform, Porte⸗épée, Epauletten, Haarfriſur und Bart, wogegen Lieutenant von Schwenkenberg ausſah, als habe er eben einen ſehr gefährlichen Winterfeldzug überſtanden. Schüchtern umſchritt ich die Compagnie in einem großen Bogen und erblickte endlich auch den Kapitän, der vor einem vollſtändig aufgezäumtem und geſattelten Offizierspferde ſtand, das von einem Manne gehalten wurde. Der Hauptmann war eine kleine, aber wie mir ſchien ſehr bewegliche Geſtalt, denn er blieb nicht eine Sekunde lang auf demſelben Platze ſtehen. Jetzt tän⸗ zelte er auf die rechte und jetzt auf die linke Seite des Pferdes; dann ſprang er hinter daſſelbe, um es ſo auf allen Seiten zu betrachten.„Bekommt ihm ſchlecht, die Parade!“ rief er darauf; „ſehr ſchlecht; muß aber ſo ſein. Wo Vergehen, auch Strafe. Feldwebel Möller! wie oftmal war Cäſar nun da zur Parade? Wenn ich mich recht beſinne achtmal. Soll noch viermal kom⸗ men, noch viermal zu Appell, damit das Dutzend voll wird. Alle Wetter! will ihm vertreiben, unartige Männchen zu machen. Konnte ich es doch kaum mit aller Mühe vor einem Sturze be⸗ wahren.— Habe ich Ihnen die Geſchichte ausführlich erzählt, Herr Lieutenant von Schwenkenberg?“ „Ich— hatte— das— Glück, ſie— mit anzuſehen,“ ſagte langſam Lieutenant von Schwenkenberg. „Contenance, Contenance! Ja, man muß Contenance haben. Der Teufel auch! das könnte in einem Feldzuge noch fehlen! ein Feuerwerker Wortmann. 115 Pferd, das ſtrauchelt und hinſchlägt. Machen Sie ruhig fort, Feldwebel Möller,“ wandte er ſich an dieſen, der bei der Rede des Kapitäns mit dem Verleſen inne hielt und den Chef ehr⸗ erbietig anſchaute.— Machen Sie ruhig fort, achten Sie nicht auf mich. Der Appell iſt meine Zeit, wo ich nicht nur die ganze Compagnie in⸗ und auswendig betrachte, ſondern auch die Kaſerne.— Ja, die Kaſerne.“ Bei dieſen Worten war er andert⸗ halb Mal um die Compagnie herumgetänzelt, warf aber dabei ſehr häufig einen Blick in eine nebenan befindliche offen ſtehende Thüre, wo herausdringender Rauch anzeigte, daß ſich dort die Compagnieküche befinde. „Was iſt das für eine Geſchichte mit dem Pferde: 2“ fragte der junge Lieutenant, der erſt ein paar Tage bei der Compagnie war, ſeinen unmittelbaren Vorgeſetzten.— Dieſer zuckte mit den Achſeln, wiegte ſich hin und her und entgegnete:„Der— Gaul— war— ein Bischen— unartig; — der— Herr— Hauptmann— wollte— ihn— ſtrafen,— und— als— das— der Gaul— übel nahm,— da——— — trennten— ſie ſich.— Zur— wohlverdienten— Strafe— muß nun— Cäſar— zwölf— Tage lang,— wie— Sie eben — gehört,— feldkriegsmäßig— bepackt— zur Parade— kommen.“ Das iſt aber eine größere Strafe für den Reitknecht, als für das Pferd.“ „Finden— Sie— das?“ meinte Herr von Schwenkenberg mit unverwüſtlicher Ruhe. Jetzt wurde die Stimme des Kapitäns wieder lauk:„Das Sprichwort, es iſt nichts ſo fein geſponnen, es kommt an die Sonnen, iſt auf den Appell ſehr anwendbar. Aber es gehört . S8 116 Feuerwerker Wortmann. ein geübtes Auge dazu. Herr Lieutenant Schwarz, wollen Sie ſich gefälligſt einnal den Mann Ihres Zuges hier betrachten.“ Der Batteriechef hatte einen Mann auf dem linken Flügel Kehrt machen laſſen und ſich dicht vor ihn hingeſtellt.—„Ich habe geſagt,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„es gehört ein geübtes Auge dazu; ſehen Sie ſich einmal den Mann genau an.— Nun? was?— was entdecken Sie an ihm?“ Der junge Offizier betrachtete ihn ringsum auf's Genaueſte, mußte aber achſelzuckend geſtehen, er finde nichts Beſonderes. Der Kapitän lächelte ſichtbar zufrieden. Dann ſprach er mit großer Genugthuung:„Ja, ein geübtes Auge erwirbt man nicht in einigen Tagen. Schauen Sie auf die Knöpfe der Jacke.“ „Sie könnten etwas blanker geputzt ſein,“ meinte ſchüchtern der junge Offizier. „Nicht das, Herr Lieutenant Schwarz; bei Gott im Him⸗ mel nicht das,“ verſetzte der Kapitän, wobei er ſeine linke Hand hoch empor hielt, wie ein Maurer, der das Richtloth handhabt. „Denken Sie ſich eine Linie vom Kragenhaken bis zur Hoſen⸗ bauchnaht. Entdecken Sie nichts? wahrhaftig gar nichts?—— Nun, mein lieber Herr Lieutenant Schwarz, es wäre das in der That zu viel verlangt. Wird ſchon kommen, wird ſchon kommen. Man dient nicht umſonſt fünfundzwanzig Jahre.— Nun, ich will's Ihnen ſagen: der vierte Knopf von oben ſteht um eine halbe Linie zu viel nach links, Schuld des Schneiders, werden Sie denken.— Gott bewahre! ich richte meine Jackenknöpfe ſelbſt. Er ſoll einmal aufknöpfen da, und wenn wir nicht am vierten Knopf ein manoeuvre de force finden, ſo— ſo will ich Unrecht haben.“. 5 Der Kanonier knöpfte die Jacke auf, und es war richtig, 2 Feuerwerker Wortmann. 117 wie der Kapitän geſehen. Statt angenäht zu ſein, war der vierte Knopf mit einem Hölzchen befeſtigt, was ihn in eine ſchiefe Stellung und den betreffenden Mann auf eine Strafwache brachte. Triumphirend ſetzte der Kapitän noch einen Augenblick ſeine Inſpection fort, dann ſchoß er mit einemmale mit vermehrter Geſchwindigkeit in die geöffnete Küchenthüre, nach welcher er ſchon lange geblickt, und kehrte nach einigen Augenblicken mit einem Kanonier zurück, den er am Kragen gefaßt hatte und förmlich hinter ſich drein zog. Ich muß ſchon geſtehen, daß dieſer Mann nichts weniger als das Bild eines properen Soldaten war; er trug eine höchſt ſchmierige Jacke, an der faſt alle Knöpfe fehlten; graue leinene Beinkleider, die von Fett ſtarrten, und eine Schürze, deren ehemals blaue Farbe kaum noch zu erkennen war. Ge⸗ wöhnlich nahm man in damaliger Zeit zu den Küchengehülfen Leute, denen das Exerciren ſchwer in den Kopf ging, die im Gliede keine gute Figur machten und ſich die Benennung„Schmier⸗ finke“ erworben hatten. Der vom Kapitän Herbeigeführte hatte in der linken Hand ein großes Stück Commisbrod, in der Rechten eine Gabel, und obgleich er mit größter Anſtrengung kaute und ſchluckte, wollte es ihm doch nicht ſchnell genug gelingen, ſeine vollgeſtopften Backen in den Magen zu entleeren.„Feldwebel Möller!“ rief der Kapitän entrüſtet,„ſehen Sie dieſen alten Schmierfinken an. Habe ihn ſchon während des ganzen Appell im Auge gehabt, faullenzt in der Küche und frißt in Einem fort. Und was frißt er? Sein trockenes Brod, wie es einem rechtſchaffenen Kanonier zukommt?— Gott bewahre, nein. Sondern er ſteht neben dem Keſſel, und mit der Gabel, die er da in der Hand hat, fiſcht 118 Feuerwerker Wortmann. er einen Speckbrocken um den andern heraus. Tauſend Element! das iſt eine unerhörte Geſchichte. Und ſehen Sie einmal dieſen verwahrlosten Anzug an, Herr Lieutenant von Schwenkenberg.— Ich will, daß dieſer Mann,“ wandte er ſich nach einer Pauſe, während welcher er ihn wahrhaft erſtaunt betrachtet, an den Feldwebel,„vom Küchendienſt abcommandirt werde. Iſt er doch vollſtändig aus Rand und Band, Schmierfinke Numero Eins. Wenn er abcommandirt iſt, ſoll er acht Tage lang feldkriegs⸗ mäßig verpackt zum Appell kommen. Jetzt magſt du in deine Küche zurückgehen. Hat man je ſo was erlebt?— Und was das Freſſen der Speckbrocken anbelangt,“ rief er ihm noch nach, „ſo iſt das eine Sache, welche deine Kameraden angeht; zu mei⸗ ner Zeit wärſt du dafür über die Bank gelegt worden, und dort, wo der Rücken ſeinen ehrlichen Namen verliert, hätte man dich unter einem naſſen Betttuch gehörig verarbeitet.— Sind wir zu Ende, Feldwebel?“ „Zu Befehl, Herr Hauptmann.“ „Laſſen Sie uns auseinandertreten.“ Dies geſchah, und die lachenden Geſichter einiger Kanoniere und die Eile, mit der ſich mehrere in die Küche begaben, ließen mich vermuthen, daß das Strafverfahren, von welchem der Ka⸗ pitän geſprochen, gegen den Küchengehülfen nächſtens und nach⸗ drücklichſt in Anwendung kommen werde. Die Offiziere und der Feldwebel blieben noch einen Augen⸗ blick bei einander ſtehen, worauf ich meine Feldmütze abnahm und mich ſchüchtern der Gruppe näherte. Anfänglich wurde ich nicht bemerkt; nach kurzer Zeit aber wandte ſich der Feldwebel halb auf die Seite, und da er ſah, wie ich meine Papiere dar⸗ reichte, nahm er ſie und durchlas ſie flüchtig. Dies bemerkte der . Feuerwerker Wortmann. 119 Kapitän, und ich hörte, wie er halblaut zum Lieutenant von Schwenkenberg ſagte:„Wenn uns nur da nicht wieder ein neuer Freiwilliger droht. Gott ſoll uns bewahren! Haben wir doch ſchon bei der Brigade ſo viele junge Leute, die auf Avancement zum Offizier dienen wollen, daß ein allgemeines Sterben von oben herunter nothwendig wäre, um nur ein Zehntheil zu pla⸗ ciren. Siiſt freilich ein hübſches Wort: von der Picke auf die⸗ nen, aber im Frieden taugt's nicht. Zu Unteroffizieren ja; aber die Offiziersſtellen ſoll man jungen Leuten von guter Familie aufhalten, die ſich lange Jahre auf den Schulen abgeplagt und dort was Rechtes gelernt haben.— Ich verſichere Sie, meine 1 Herren, dieſe jungen Leute ſind der Ruin der Batterie. Das bringt meiſtens etwas Geld mit, treibt nun alles Mögliche, ſchafft ſich feine Uniform an, iſt faul, nachläßig, lernt keine Subordi⸗ nation und verderbt den guten Geiſt. Aber ich will ſie ſchuh⸗ riegeln, daß ſie ſchwarz werden.—— Was gibt's, Feldwebel?“ „Ein junger Mann,“ entgegnete dieſer achſelzuckend,„der vom Brigade⸗Commando der achten Compagnie als Freiwilliger zugewieſen wird.“ „Habe ich mir's doch gedacht!“ ſagte ärgerlich der Haupt⸗ mann.„Aber wir ſind ja ſchon überzählig.“ „Iſt gut empfohlen, Herr Hauptmann; weiß auch das Exercitium ſchon und hat bei der Brigade das Bombardier⸗Exa⸗ men gemacht.“ „Das Bombardier⸗Examen!“ rief erzürnt der Hauptmann. „Seh' mir Einer an. Sollten wir doch lieber gleich die fertigen Feuerwerker ſchicen. Wer wird zum Bombardier⸗Examen zuge⸗ laſſen?— wer ſich durch gute Aufführung ein Recht dazu er⸗ wirbt!— Aber was iſt da zu machen? Laſſen Sie ihn einkleiden 3 120 Feuerwerker Wortmann. und geben ihn in die Corporalſchaft zu Unteroffizier Wachenbach, der ſoll ihm im Exercieren einen ſoliden Grund beibringen, aber einen recht ſoliden. Verſtehen Sie mich! Und wenn's auch Mühe 4 und Schweiß koſtet.“ Damit griff er an ſeinen Tſchako und eilte zum Kaſernenhofe hinaus, ohne mich eines Blickes zu wür⸗ digen. Die beiden andern Offiziere folgten ihm und ich blieb mit recht traurigem Herzen zurück. Hatte ich doch einen anderen, freundlicheren Empfang erwartet, hatte doch gehofft, der Herr Hauptmann würde wenigſtens nach meinem Namen fragen und darauf der Herr Lieutenant von Schwenkenberg ſagen:„Ahl das iſt Wortmanns kleiner Major! Freue mich, dich wieder zu ſehen.“ Nichts von allem dem; der Feldwebel ſtopfte meine Papiere in ſeine Brieftaſche, winkte mir mit dem Kopfe, ich ſolle ihm folgen, und übergab mich in der Kaſerne dem Unteroffizier Wachenbach, einem finſter ausſehenden Manne mit rothem Haar und Bart, der mich in die Montirungskammer führte, die mir ſo gut be⸗ kannten lieben Räume, wo aber leider kein freundlicher Poltes war. Hier erhielt ich einen roſtigen Säbel, abgeſchundenes Leder⸗ zeug, eine alte Hoſe und eben ſolche Jacke, und durfte all' dieſe ſchönen Sachen mitnehmen auf das Kaſernenzimmer Nro. 16, in deſſen dunkelſtem Winkel man mir eine Bettlade und einen Stroh⸗ ſack anwies. Die andern eilf Mann, die hier einquartiert waren, empfingen mich höchſt gleichgültig, boten mir kaum einen Stuhl zum Niederſitzen an, und wenn ich ihnen zufällig im Wege ſtand, ſo drückten ſie mich auf die Seite. Gern wäre ich noch hinaus zu Poltes gegangen, aber der Unteroffizier Wachenbach befahl mir da zu bleiben, da er mich im Verlauf des Nachmittags ſprechen wolle. Das mußte er aber vergeſſen haben, denn ich ſah ihn am heutigen Tage nicht mehr, und als ich mich hierauf Abends 4 4 5- 1 Feuerwerker Wortmann. 121 neun Uhr in mein Bette legte, war ich herzlich froh, allein ſein zu dürfen, und ſchäme mich nicht, einzugeſtehen, daß ich mein Strohkiſſen reichlich mit Thränen befeuchtete. Sechstes Kapitel. Ein Kapitel voller Widerſprüche. Wegen meiner Kenntniſſe ſchlecht behandelt, werde ich in Streitigkeiten verwickelt da ich gut exerciere; ich zerklopfe dem Herrn Schnapper die Naſe, weil er mich für ein Kind von hoher Abkunſt hält; komme in Arreſt, werde aber wieder befreit und avancire. 5 Mein Leben in der Kaſerne, auf dem Exrercierplatz, bei Schießübungen und Manövern war das gleiche, wie es Tauſende vor mir erlebt haben und noch viele Tauſende nach mir erleben werden; begreiflicherweiſe mit kleinen Abänderungen und Eigen⸗ thümlichkeiten, die eine Individualität vor der andern bedingt. Daß ich exercieren konnte, und mein Bombardierexamen ſchon ge⸗ macht hatte, war mir eigentlich keine Erleichterung meines Dienſtes, ſondern nur eine Quelle ewiger Drangſal und Neckerei. Meinem Lehrmeiſter, dem Unteroffizier Wachenbach, konnte ich ſchon gar nichts recht machen.—„Das iſt ein ſaures Stück Arbeit, dem das Exercitium beizubringen,“ pflegte er zu ſagen,„lieber ſechs Bauernlümmel, als eine ſchon ſo verdorbene Offizierspflanze;“ dabei meinte er, bei mir könnte man nicht ſogleich anfangen mit dem Lernen des Dienſtes, ſondern müßte eher alle die ſchädlichen Anſichten ausrotten, die man mir früher vom Exercieren beige⸗ bracht, mich wieder vollkoammen umpflügen,— das war ſein Ausdruck— ehe die neue gute Saat über Unkraut aller Art die Oberhand gewinnen könne. Feuerwerker Wortmann. Mein Bombardierexamen hatte mich von vornherein mit allen andern Aſpiranten auf dieſe große militäriſche Würde recht ſehr verfeindet. Man fand es über alle Maßen hochmüthig und lächer⸗ lich, ein Examen gemacht zu haben, ehe man noch die Uniform getragen. Um mich zu ärgern, nannten ſie mich ſpottweiſe vom erſten Tag an„Herr Oberbombardier,“ und als einer, Gott weiß wo und auf welche Art, von den Vorfällen meiner Kindheit Kunde erhalten, tauchte auch zum allgemeinen Ergötzen der Major wieder auf, und ich, der geglaubt, daß er lange der Vergeſſen⸗ heit anheimgefallen, ſah mich auf einmal wieder als Herr Major titulirt. Einem übrigens, der mir zu arg damit kam, legte ich dieſe Neckerei auf etwas heftige Art. Es war das ein naſeweiſer Burſche, der aus der Kaufmannslehre davongelaufen war, ein hochaufgeſchoſſenes blaſſes Geſchöpf, mit ſo langen Armen, daß alle Jacken und Aermel zu kurz waren, dabei ungeheuer großen Händen, unter deren Vorzeigung er ſich ſtets zum Raufen bereit erklärte, und einem dürren nichtsſagenden Geſichte mit blondem Haar, ein Kopf der ſich durch nichts auszeichnete, als ein unge⸗ heures Maulwerk, das er von ſeiner Mutter, einer Gemüſehänd⸗ lerin, geerbt. Um eine halbe Kopflänge größer wie alle Andern, tyranniſirte er übrigens die ganze Stube, incluſive den komman⸗ direnden Unteroffizier, der ſich ihm geneigt zeigte, weil die Mutter ihm einen ungemeſſenen Credit auf ihre Waarenvorräthe eröffnet hatte.. Ueber die andern Freiwilligen, die noch da waren, kann ich mich kurz auslaſſen, alle waren nach damaligen Begriffen weit vornehmer als ich, denn der eine war der Sohn eines Apothe⸗ kers, und die Mutter des andern eine verwittwete Regierungs⸗ räthin. 1 1 Feuerwerker Wortmann. 123 Obgleich ich nichts weniger als furchtſam und ſchüchtern war, ſo hatten mich doch die Ermahnungen meines Freundes Poltes dahin gebracht, mir von meinen Kameraden an Neckereien und ſonſtigen Unarten ſehr viel gefallen zu laſſen. Ich war der Jüngſte, und wenn ich auch ohne Uebertriebenheit von mir ſagen darf, daß ich beſſer exercierte, wie die andern Freiwilligen, und meinen Leitfaden inne hatte wie ein Unteroffizier, ſo war ich doch ein furchtbar grüner Rekrut, der das Maul nicht aufthun durſte, nur zuhören, wenn die Andern ſprachen, und der die ganze Fluth ihres ſogenannten Witzes über ſich mußte ergehen laſſen. So hatte ich eines Tages zum erſtenmal mit in der Bat⸗ terie exerciert, und als ich auf die Stube kam, warf Herr Schnap⸗ per, ſo hieß der lange blonde Freiwillige, Säbel und Patrontaſche ſo gewaltſam von ſich, daß mir der erſtere an das Schienbein flog, worauf ich ihn freundlich erſuchte, ſich künftig in Acht zu nehmen. Doch zuckte er höhniſch lachend die Achſeln und meinte, ich ſolle ihm aus dem Wege gehen. Herr Schnapper war an dieſem Morgen außerordentlich ſchlecht gelaunt, denn der Herr Lieutenant v. Schwenkenberg hatte ihm wegen grober Fehler beim Bedienen des Geſchützes tüchtig den Text geleſen. Nun hatte er Nro. 4 und mußte richten, während ich als Nro. 3 mit der Handſpeiche die Lafette auf ſeinen Wink rechts oder links drehte. Ich hatte wahrhaftig mein Möglichſtes gethan und dem Geſchütze die richtige Stellung gegeben, Herr Schnapper aber richtete nach, aber wohin, das mochte der Himmel wiſſen. Ich folgte natür⸗ licherweiſe dem Winke ſeiner Hand, und als Lieutenant v. Schwen⸗ kenberg nachſchaute, war die Kanone auf einen ganz andern Punkt gerichtet, als der uns angegebene. 3 „Was kann man machen,“ ſagte der Freiwillige erbost zu 124 Feuerwerker Wortmann. dem Geſchützführer,„wenn hinter mir ein Eſel mit der Hand⸗ ſpeiche ſteht.“ Ich hatte das wohl verſtanden, kannte aber den Dienſt und ſchwieg natürlicherweiſe ſtille. Als wir nun droben in der Stube waren, wurde wie gewöhnlich gefrühſtückt, und⸗ der Stubenkal⸗ facter mit den bekannten platten Flaſchen in die Kaſernenreſtau⸗ ration geſchickt, um für den, der Geld hatte, einen Viertel⸗ oder halben Schoppen Schnaps zu holen. Dazu verſpeiste man ſein Kommisbrod, wer es erſchwingen konnte mit Butter, und wer gar zu verſchwenderiſch war, nahm dazu noch ein Stück Käſe oder Wurſt. Schnapper, der immer dergleichen Leckerbiſſen hatte, lud den Unteroffizier zu Gaſt, und als der erſte Hunger und Durſt geſtillt war, wurde natürlicherweiſe das Exercitium von heute Morgen durchgeſprochen. Die Kanoniere ſaßen rings umher, theils auf ihren Schemeln, theils auch wohl, obgleich das verboten war, auf den Betten. Ich befand mich vor meinem Waffengerüſte, aß ein Stück Brod, und ſchnallte dabei meinen Säbel und Patron⸗ taſche los. „Das ſage ich Ihnen aber, Herr Unteroffizier,“ meinte Schnapper nach einer Pauſe,„wenn ich wieder Nro. 4 haben ſoll, ſo muß ein anſtändiger Kanonier Nro. 3 nehmen; ich habe nicht Luſt, wegen ſolchem Kerl aus dem Volk Naſen zu bekommen.“ „Sie ſprechen das ſehr frei gegen ihren Vorgeſetzten,“ ſagte höhniſch lachend der Apothekerſohn. „Wer iſt mein Vorgeſetzter?“ erwiederte der blaſſe Freiwillige. „Nun, der Oberbombardier Wortmann.“. Ich hatte den ſchlechten Witz ſchon ſo oft gehört, daß ich mich gar nicht mehr darüber ärgerte, vielmehr ſagte ich lachend: „Gebt nur Achtung, wenn einmal ein Oberbombardier ernannt Feuerwerker Wortmann. 125 wird, ſo werde ich das lange vorher, ehe ihr nur daran denken dürft, Vicebombardier zu werden.“ „Halten Sie ihr Maul,“ ſchnauzte mich Herr Schnapper an,„Sie ſollten doch ſo viel Beſcheidenheit haben und nur dann ſprechen, wenn Sie gefragt werden.“ „Im Gegentheil,“ erwiederte ich.„Ich bidde mich ja nach Ihnen, und das iſt meine Schuldigkeit, denn Sie ſtellen ſich im⸗ mer als Muſter vor.“ „Fangen Sie mir keinen Streit an, Wortmann,“ rief der Unteroffizier Wachenbach mit vollen Backen, denn er kaute gerade an der Wurſt, die ihm der lange blonde Freiwillige gegeben. „Ich bin nicht ſtreitſüchtig, Herr Unteroffizier,“ entgegnete ich immer noch gut gelaunt;„aber Sie verlangen doch wohl nicht, . daß ich mir von Dem da Alles ſoll gefallen laſſen.“ „Es iſt aber Ihr älterer Kamerad und ſchon zum Bombar⸗ dierexamen eingegeben.“ „Was ich längſt ſchon gemacht habe und ganz gut beſtan⸗ den,“ verſetzte ich achſelzuckend, denn es ärgerte mich, daß der Unteroffizier Partei für den andern nahm. „Ja, was haben Sie nicht Alles ſchon gethan,“ entgegnete dieſer, nachdem er einen tüchtigen Schluck aus der Flaſche des K Herrn Schnapper zu ſich genommen,„Sie haben auch Exercieren . gekonnt.“ 3 „Das hat er mit der Muttermilch eingeſogen,“ meinte Herr Schnapper. „Und ich kann Sie verſichern,“ fuhr der Unteroffizier fort, „daß mir noch nicht der dümmſte Rekrut die Mühe gemacht hat, wie Sie.“ Die Kanoniere lachten und ich fing an, mich ſehr zu ärgern. Feuerwerker Wortmann. „Es iſt eigentlich recht ſchön,“ ſagte der Apothekerſohn nach einer Pauſe,„wenn man mit dergleichen Anwartſchaften ſo zu ſagen ſchon auf die Welt kommt, das geſchieht aber nur ganz ausgezeichneten Menſchen. Als ich noch in der Schule war, habe ich geleſen, daß der Sohn des alten Kaiſer Napoleon ſchon zum König ernannt wurde, als er noch in der Wiege lag. Damit haben Sie Aehnlichkeit, denn am erſten Tage, als Sie die Welt durch ihr Erſcheinen glücklich gemacht, wurden Sie ſchon zum Major avancirt.“ „Schon mehreremale habe ich Sie gebeten, über Sachen zu ſchweigen, die Sie Nichts angehen,“ erwiederte ich ziemlich er⸗ bost, doch hatte der Andere die Lacher auf ſeiner Seite, und Herr Schnapper reichte ihm zum Dank ein großes Stück Wurſt, ſagte auch nach einer Pauſe, wie ſo oft in dieſer Welt Jemand ohne Verdienſt zu etwas kommt, ſo auch der Herr Oberbombar⸗ dier Wortmann. Ich weiß die Geſchichte ganz genau, er iſt nicht daran Schuld, daß er Major wurde, daß er überhaupt wurde, vielmehr ſchreibt er ſich ſelbſt, ſuwie ſeinen Titel von was ganz Abſonderlichem her. „Und wovon?“ fragte ich zitternd vor Zorn, indem ich einen Schritt näher zu dem Freiwilligen trat. „Nun, wovon ſollen Sie ſich herſchreiben?“ enlgegnet er nit nerachlcher Miene.„Vom Major und Abtheilungskomman⸗ deur, und davon haben Sie auch ihren ſchönen Titel.“ Nun verſtand ich damals dieſe Bosheit nicht ganz, daß mir aber Schnapper etwas ganz abſonderlich Schlimmes geſagt, be⸗ merkte ich an den Geſichtern der Kanoniere, auch daran, daß ſo⸗ gar der Unteroffizier, der nicht mein Freund war, unmuthig mit den Achſeln zuckte und an den Worten eines älteren Kanoniers, —— Feuerwerker Wortmann. 127 der neben mir ſaß und mir zuflüſterte:„Dat is mi als Spaß, dat brukt er net to lieden.“ Schnapper war aufgeſtanden und hatte Brod, Butter und Wurſt wieder in ſein Waffengerüſt verſchloſſen. Ich ballte meine beiden Hände krampfhaft zuſammen und blickte auf den Unterof⸗ fizier, der ſich eine Pfeife geſtopft hatte und ſich nun anſchickte, aus der Stube zu gehen, um ſich nebenan Feuer zu holen. Kaum war er im Gange verſchwunden; ſo trat ich auf Herrn Schnapper zu, ſtellte mich dicht vor ihn hin und fragte mit vor Wuth zit⸗ ternder Stimme:„Was haben Sie ſo eben geſagt?“ Er maß mich von oben bis unten, und da er über einen Kopf größer war als ich, ſo wurde ihm das ſehr leicht.„Was ich geſagt habe?“ entgegnete er nach einer Pauſe—„nun ich habe geſagt“— doch vollendete er dieſen Satz nicht, als er in meine wahrſcheinlich heftig funkelnden Augen ſah, und warf leicht hin:„Ich bin zu gut, mich mit Ihnen zu zanken.“ „Aber ſchlecht genug,“ erwiederte ich auf's Höchſte erbost, „um von mir Schläge zu kriegen,“ und damit war ich ihm an die Halsbinde geſprungen, hatte ihn mit der linken Hand gefaßt und ſchlug ihm mit der rechten eine ungeheure Ohrfeige hin, daß es weithin ſchallte. Schnapper ſchien auf's Höchſte überraſcht, ja er lächelte faſt aus Ueberraſchung und ſtieß zurückweichend einige Worte hervor, als wie„unanſtändiger Ueberfall, verächtliche Prügelei“ und machte zu gleicher Zeit Miene, zur Thüre hinaus zu entwiſchen. Die aber hatte der alte Kanonier, von dem ich vorhin ſprach, ſanft in's Schloß gedrückt und ſagte ſchmunzelnd zu mir:„Mann druf, dat Grutmul verdend's.“ Zu gleicher Zeit trieb der Apo⸗ * 128 Feuerwerker Wortmann. thekerſohn den armſeligen Schnapper an, ſolchen Schimpf nicht zu dulden, und mich ohne alle Umſtände niederzuſchlagen. Mein Gegner war wo möglich noch bläſſer geworden, da er ſich aber zu muthigem Auftreten gedrängt ſah, ſo hob er ſeine langen Arme und ließ ſie wie Windmühlenflügel in der Luft her⸗ umfliegen. Auf den Moment hatte ich gewartet, und ſowie ſeine große Hand niederfiel, faßte ich ihn abermals bei der Bruſt, rang nur ein paar Sekunden mit ihm, und warf ihn dann kräftig auf den Boden, und auf ihm liegend, verarbeitete ich ihn dann mit Fauſt⸗ ſchlägen und Fußtritten, daß er alle Gegenwehr aufgab und wie ein geſtochenes Kalb um Hülfe brüllte. Leider wurde ſein Geſchrei nicht blos in den Nebenzimmern gehört, denn nachdem der Unteroffizier von dort herbeigeeilt war, um Ruhe zu ſtiften, hörten wir auf dem Gange draußen verdäch⸗ tiges Säbelgeklirre und gleich darnach erſchienen keine geringeren Perſonen, als der Hauptmann ſelbſt und der Lieutenant v. Schwen⸗ kenberg vor der Thüre des Zimmers. Da war an kein Läugnen zu denken, und ich erzählte den Hergang der Sache der Wahr⸗ heit gemäß. Herr Schnapper konnte nämlich im erſten Augen⸗ blicke nicht ſprechen, ſondern wiſchte ſich einiges Blut aus der Naſe und drückte ſein langes blondes Haar aus, das von Waſſer troff, denn während er am Boden lag und brüllte, hatte ihm einer der Kanoniere eine gefüllte Waſchſchüſſel auf den Kopf ge⸗ goſſen, um ſein Geſchrei zu erſticken, was aber nicht die ge⸗ wünſchte Wirkung that. „Haben Sie das begriffen, Herr Lieutenant v. Sähwenken⸗ berg,“ ſagte der Kapitän höchſt entrüſtet, als ich meinen Rappyort gemacht.„Haben Sie es verſtanden, was dieſe beiden Gaſſen⸗ Feuerwerker Wortmann. buben, anders kann ich ſie nicht nennen, mit einander gehabt, Prügeleien in einer königlichen Kaſerne. Iſt mir ſo etwas ſchon vorgekommen. Wer von Beiden hat angefangen?“ „Das— hat— nach— Bericht— der— Schnapper— — gethan,“ erwiederte der Lieutenant v. Schwenkenberg nach ſeiner langſamen Manier.„Er— hat— mit— Worten— ange⸗ fangen.“ „Und der andere mit Thätlichkeit,“ ſagte der Kapitän,„al⸗ ſo iſt er der eigentliche Anfänger, denn Worte thun nicht weh.“ „Verzeihen— Sie— Herr— Hauptmann,“ erwiederte der Lieutenant.„Worte— können— auch— wehe— thun; und — der lange— Labander— da— er— ſollte— ſich— ſchä⸗ men— von— einem— kleinen— Kerl— Prügel— zu— be⸗ kommen. Hat— allerdings— Worte— geſagt— die— den — andern— verletzen— mußten.— Nicht— wahr— ſo— habt— ihrs— auch— verſtanden,“ wandte er ſich an die Kanonijere. „Ja, Herr Lieutenant,“ ſagte mein alter Freund.„He häft ſchandlich ſprocken.“. „Ja— Herr— Hauptmann,“ fuhr der Lieutenant fort, „da— kann— einem— ſchon— die— Galle— überlaufen.“ „Ich gebe zu, daß einem die Galle überlaufen kann, Herr Lieutenant v. Schwenkenberg, aber Sie werden mir dagegen zu⸗ geben, daß Prügeleien in einer königlichen Kaſerne etwas ganz Unerhörtes ſind, und exemplariſch beſtraft werden müſſen. Ueber⸗ haupt iſt dieſer Wortmann ein unausſtehlicher wilder Kamerad,— Soldatenblut.“ 3„Soldatenblut— allerdings,“ erwiederte der Lieutenant mit ſeiner unverwüſtlichen Ruhe„aber— von— einer— guten— Hackländer, Kr. u. Fr. I. 9 130 Feuerwerker Wortmann. Sorte.— Hat— brave— Eltern— gehabt— der— Wort⸗ mann— ich— habe— ſie— gekannt. Vater— und Mutter — konnte— man— nichts— Schlimmes— nachſagen.— Wollt ihr,“ wandte er ſich direkt an die Kanoniere, die umher⸗ ſtanden,„die— außerordentliche— Gnade— haben— das— in— eure— Köpfe— aufzunehmen— und— gelegentlich— daran— zu— denken.“ Mir traten die Thränen in die Augen, als er ſo von meinen Eltern ſprach, und ich hätte ihm die Hand küſſen mögen, wenn es angegangen wäre. „Aber Herr Lieutenant v. Schwenkenberg,“ ſagte der Kapi⸗ tän ſichtlich erzürnt, indem er unruhig mit dem Fuß auftrat. „Wollen Sie vielleicht die Güte haben, den Kanonier Wortmann exemplariſch zu beſtrafen, er gehört zu Ihrem Zuge und ich will mich nicht in die innern Angelegenheiten deſſelben Zuges miſchen.“ „Und— der— Andere— Herr— Hauptmann?“ „Nun bei Gott im Himmel, Lieutenant von Schwenkenberg, der Andere, dünkt mich, iſt beſtraft genug. Hat ja auch Nichts gethan.“ „Ganz— recht— Herr— Hauptmann.— Hat— ſich— nicht— einmal— gewehrt,“ entgegnete der Lieutenant mit dem Ausdrucke tiefer Verachtung. „Alſo der Kanonier Wortmann„“ rief ungeduldig der Kapitän. „Kommt— 24— Stunden— in— Arreſt,“ ſagte der Lieutenant. „Auf's Holz bei Waſſer und Brod,“ rief der Kapitän.„Sie haben doch drei Tage geſagt, nicht wahr, Herr Lieutenant von Schwenkenberg?“ „Nicht— ganz— Herr Hauptmann.“ Feuerwerker Wortmann. 131 „Doch, Herr Lieutenant v. Schwenkenberg, erinnern Sie ſich, wenn's gefällig iſt;“ und dann ſetzte er mit ſcharfer Stimme hinzu, indem er jedes Wort beſonders betonte:„Der Kanonier Wortmann wird drei Tage in's Loch geſperrt.“ „Sehr wohl— Herr— Hauptmann,“ erwiederte hierauf der Lieutenant mit großer Ruhe, legte die Hand an ſeinen Tſchako und ging, ohne ein Wort weiter zu ſprechen, nach der Kanzlei des Feldwebels, vielleicht, ſo ſchien es mir, um den Arreſtzettel für mich ausfertigen zu laſſen. „Was Sie anbelangt,“ wandte ſich der Hauptmann an Schnapper,„ſo werden Sie künftig Ruhe halten, glauben Sie denn, es ſei an ein Avancement für Sie zu denken, wenn man Ihnen ſchon im erſten Jahre Händel und Arreſt in ihr Nationale ſchreibt.— Hol' euch Alle der Teufel!“ damit ging er ebenfalls zur Thüre hinaus, und ſein Säbel klirrte heftig, als er den lan⸗ gen Corridor hinabſchritt. Gleich darauf lärmte der Horniſt auf dem Gange und blies das Signal zum Appell. Schnapper, deſſen Naſe ſtark aufge⸗ laufen war, ließ ſich von dem Unteroffizier krank melden, und ich, der ich ja verurtheilt war und gleich abgeführt werden ſollte, fing an meine Arreſtlokaltoilette zu machen; das heißt, ich zog zwei Paar ſchlechte Beinkleider über einander an und eine dicke Weſte unter meine Jacke, denn in dem Thurme, wo ſich unſer militäriſches Zellengefängniß befand, wurde es gewöhnlich gegen Morgen empfindlich kalt. Auch ein Stück Brod präparirte ich⸗ mir, d. h. ich ſchnitt eine Höhlung hinein, ſtrich dieſe voll Butter, und verſchloß ſie alsdann ſo pünktlich mit einem künſtlichen Brod⸗ propfen, daß der Gefangenwärter die verbotene Zuthat nicht ahnen konnte. Gleich darauf kam ein Bombardier, um mich zu dem Feuerwerker Wortmann. unangenehmen Gange abzuholen; unangenehm hauptſächlich deß⸗ halb, weil es mein erſter Arreſt war, und mein Vater, ſowie auch Poltes hatten es nicht an Ermahnungen fehlen laſſen, mich vor den erſten 24 Stunden in Acht zu nehmen, und jetzt hatte ich gleich mit drei Tagen angefangen, das war gar traurig. Das Arreſtlokal, Nro. Sicher oder 7 ½, auch die Spinn⸗ ſtube genannt, von dem Zeitwort einſpinnen hergeleitet, nahm mich nach kurzer Zeit in ſeine düſtere Mauer auf. Ich erhielt ein Käfig circa 8 Fuß lang und 3 Fuß breit, mit vier Holzwänden, einer ditto ſehr ſchmalen Pritſche, einem Waſſerkruge, einem Eimer und ſehr vielen Wanzen. Die erſten Stunden im Arreſt ſind die unangenehmſten. Jede Viertelſtunde dünkt uns eine Ewigkeit zu ſein. Man hört die Uhren ſchlagen, man hat ſich nicht getäuſcht. Die Zeit ſchleicht mit bleiernen Flügeln, und jede der unangenehmen Minuten ſcheint uns ſo lieb gewonnen zu haben, daß ſie ſich von uns gar nicht losreißen kann. Man mißt ſchreitend ſeine Kerkerzelle, 4 und 1½ Schritt in der Länge, in der Breite kann man die Wände mit beiden Ellenbogen berühren. Wie von weither ganz undeutlich, dringt das Geräuſch des ſtädtiſchen Lebens an unſer Ohr, Wagen⸗ geraſſel und das Summen der Stimmen. Nach und nach nimmt das ab, und vorher wurde es allmählig dunkler in dem kleinen hölzernen Käfig; immer dunkler und endlich ſo finſter, daß man nur noch tappend darin auf⸗ und abgehen kann. Unſere Leidens⸗ gefährten, die den Tag über Soldaten⸗ und Schelmenlieder ſan⸗ gen oder luſtige Melodien pfiffen, ſind auch nach und nach ſtille geworden. Von einer Seite hören wir die Pritſche unſeres Nach⸗ bars krachen, von der andern erſchallt ein tiefer Seufzer und aus der Ecke ein halb unterdrücktes Fluchen über unwürdige Behand⸗ ,–“ Feuerwerker Wortmann..133 lung und Tyrannei. Wie ſich das von ſelbſt verſteht, ſind alle Militärgefangenen unſchuldig, und aus meiner ziemlich langen Praxis weiß ich nur einen einzigen Fall, wo Jemand ſich ſelbſt ſchuldig bekannte. Das war aber ein armer Teufel, der gegen ſeinen Unteroffizier die Zunge herausgeſtreckt hatte und der im Arreſtlokal behauptete, er ſei ſeines Verbrechens ſchuldig und ein⸗ geſtändig und habe wenigſtens den Tod verdient; des andern Tages aber wurde er abgeholt, denn es ſtellte ſich heraus, daß er ſchon ſeit einiger Zeit an fixen Ideen litt, die ſich alsdann zu einem förmlichen Wahnſinn ausbildeten. Jetzt iſt es Nacht. Es kommt die Gefängnißviſitation, der Schließer mit ſeiner großen Laterne, und zwei Mann von der Wache, die vor der Thüre unſerer Zelle ſtehen bleiben, Gewehr bei Fuß nehmen und uns lachend anſchauen, während ſich das Licht in dem blanken Gewehrlauf abſpiegelt. Ja, ſie lachen über unſer Elend und haben ſo Unrecht nicht; vielleicht waren ſie geſtern ſelber hier, oder hatten ſie eine unbeſtimmte Ahnung, daß ſie dieſen Palaſt, den ſie heute als Schildwache ſchirmen, morgen als Gäſte betreten werden. Endlich gehen ſie wieder hinaus, das Licht ver⸗ ſchwindet, die Schlüſſel raſſeln, die Riegel werden vorgeſchoben, und wir ſind wieder allein; haben keine Unterbrechung mehr zu befürchten und können uns zum Schlafen einrichten. Die Jacke wird ausgezogen, über den Oberkörper ausgebreitet und unter ihr kriecht man wie ein Igel zuſammen.—— Glücklich, wer ſchla⸗ fen kann. Aber für Jeden vergeht die Nacht, etwas langſamer, etwas geſchwinder, wie es gerade kommt. Das liebe Tageslicht kehrt langſam wieder; mit ihm das Geräuſch der Stadt und von jetzt ab ſcheinen die Stunden ſchneller zu fliehen. Endlich hört man 134 Feuerwerker Wortmann. entferntes Trommeln, dann das Herausrufen der Wache vor dem Arreſtlokal. Die Gewehre klirren auf dem Pflaſter; Kommando⸗ wort erſchallt, die neue Wache zieht auf und ich habe erſt 24 Stunden meines dreitägigen Arreſtes hinter mir. Du lieber Gott! erſt ein Drittheil meiner Strafzeit. Was ich Alles geſtern Nacht und geſtern erlebt, muß ich noch zweimal durchmachen. Drei ver⸗ lorene Tage meines Lebens, und weßhalb, weil ich dem Schnap⸗ per die Naſe zu⸗ſtawk verklopft. Jetzt klirren Riegel und Schlüſſel, es iſt dieß nichts Un⸗ gewöhnliches, wenn die neue Wache aufzieht. Der Kommandant derſelben hat das Recht, ſogar die Verpflichtung, die Arreſtlokale zu unterſuchen, aber das geſchieht ſehr ſelten, es ſei denn, er wolle noch einen guten Freund ſehen, um ihm ein paar tröſtliche Worte und einigen Schnaps mitzutheilen. Dießmal iſt es der Ge⸗ fangenwärter, der in den Thurm tritt und— nein, ich täuſche mich nicht— meinen Namen nennt.„Wortmann?“ ſcheint er Jemand zu fragen, und ich lauſche mit klopfendem Herzen.„Wort⸗ mann?“ wiederholte er, und ſetzte hinzu:„da iſt allerdings ein Wortmann, aber ein Kanonier Wortmann und kein Bombardier.“ „Eine Stimme, die mir bekannt iſt, denn ſie gehört einem Unter⸗ offizier der Batterie,“ antwortet etwas, das ich nicht verſtehe. Dann nähern ſich Schritte meinem Käfig, der Riegel wird zurück⸗ geſchoben und ich darf heraustreten.„Sie haben drei Tage?“ fragte der Schließer„Kanonier Wortmann?“„Drei Tage,“ wie⸗ derholte ich kopfnickend.—„Sie ſind frei,“ fuhr er fort, und dieß Wort klang mir wie eine himmliſche Muſik. Wie ward mir aber erſt, als er nun ſagte:„Ihnen kommt das Glück im Arreſt und im Schlaf, ſie kamen als Kanonier hieher, und gehen als Bombardier wieder, ich gratulire.“ Ich blickte erſtaunt auf den = Feuerwerker Wortmann. 135 Unteroffizier unſerer Batterie, der das lachend beſtätigte. Welche Freude, die Gefühle dieſes Augenblickes kann ich Niemand be⸗ ſchreiben. In meinem ſpäteren Leben erhielt ich größere und wichtigere Auszeichnungen, aber nie wieder hat mich irgend etwas ſo erfreut, wie dieſes Avancement. Mit einem wahrhaft ſeligen Gefühl ging ich mit dem Unteroffizier durch die Straßen, und da ich glück⸗ licherweiſe einiges erſpartes Geld bei mir hatte, kaufte ich mir eine Elle goldener Treſſen, um ſie in der Kaſerne ſogleich u meine Aermelauſſchläge nähen zu laſſen. Der Unteroffizier erzählte mir, wie das eigentlich ſo gekommen. Unſer Kapitän war heute Morgen auf einige Tage in Urlaub gegangen, und kaum war er abgereist, ſo lief unter andern Befehlen auch d uuan des Brigadekommandos ein, welches der Lieutenant v. Schwen⸗ kenberg, wie ihm das jetzt zuſtand, eröffnete. Beim Commando hatte natürlicherweiſe der Freund meines Vaters, der Brigade⸗ ſchreiber, Wachtmeiſter Sternberg, für mich gewirkt, und es wurde der Batterie, die Mangel an Bombardiere hatte, mein Avance⸗ ment zu dieſer Charge zugefertigt. Unſer guter Premierlieutenant bemerkte darauf zum Feldwebel,„der Herr Hauptmann hat frei⸗ lich dem Kanonier Wortmann drei Tage Arreſt gegeben, das wirkt aber nicht für den Bombardier Wortmann, der hat durchaus nichts verbrochen und muß entlaſſen werden.“ Ob der Kapitän derſelben Anſicht geweſen wäre, iſt unwahrſcheinlich, min⸗ deſtens ſehr zweifelhaft. Genug, ich war frei, und als ich unſere Stube wieder betrat, hatte der alte Kanonier ſeine Kameraden inſtruirt, die ſich vor dem neuen Vorgeſetzten pflichtſchuldigſt er⸗ hoben und gerade hinſtellten. Der Apothekerſohn mußte es ſehr gegen ſeinen Willen ebenſo machen, aber Herr Schnapper, um Feuerwerker Wortmann. dieſer Demüthigung zu entgehen, war in ſein Bett gekrochen, und hatte ſich Revierkrank gemeldet. Das war meine erſte Strafe und mein erſtes Avancement. Wie ſich der geneigte Leſer erinnern wird, ſo hatte ſich Lieu⸗ tenant Schwenkenberg, als ich mich bei der Batterie meldete, gar nicht um mich bekümmert, und ſchien ſich des kleinen Majors nicht erinnern zu wollen. Auch ſpäter gab er ſich nicht viel mit mir ab, und nachdem er mich einmal gefragt, was mein Vater und meine Mutter mache, und ich ihm von unſerem bisherigen Leben herzählte, war von früheren Verhältniſſen nur ein einziges Mal noch e Rede, als ich nämlich des ehemaligen Unteroffiziers Poltes er⸗ wähnte und zwar mit ſeinem eigentlichen Namen Leopold v. Ber⸗ ger. Da ſchüttelte der Premierlieutenant nachdenkend und faſt be⸗ trübt ſein Haupt und ſagte:„Ich— erinnere— mich— wohl — noch— ſeiner— ein— unglücklicher— Menſch— der ſeine Carriere— verfehlt— und— von— den— Umſtänden— ſehr — tief— hinabgedrückt— wurde. Er— iſt— ſehr— krank— wie— ich— weiß— und— wird— wahrſcheinlich— nicht— wieder— aufkommen— nun— ich— mag— ihm— die— Ruhe— recht— wohl gönnen, es— kommt— ja— an— jeden— von— uns— die Reihe— und— wenn— wir— alsdann— drunten— liegen— und— zugedeckt— ſind— ſo — iſt— es— am— Ende— auch— gleichgültig— ob— ein— Herz— mehr— als— das— andere— gelitten.— Ihr— Vater— kam— auch— damals— zur— Batterie— und— er— hat— das— beſte— Loos— getroffen,— wollte — nicht— höher— hinauf— als— für— ihn— gut— war — blieb— in— ſeiner— Sphäre— und— iſt— jetzt— zu⸗ frieden— und— glücllich. Feuerwerker Wortmann. 137 Nach dieſen Worten hatte der Lieutenant von Schwenken⸗ berg ſeinen Degen mit dem Ellenbogen feſtgehalten, wie er zu machen pflegte und ſchwankte von dannen. Plötzlich aber blieb er ſtehen, winkte mir, näher zu kommen, und ſagte mit ironiſchem Lächeln:„Ja— das— hätte— ich— bald— vergeſſen— nicht— blos— von— den— beiden,— Poltes— und— ihrem— Vater— deren— ich— eben— erwähnte— ſon⸗ dern— auch— noch— von— ein— paar— Dutzend— Anderen— war— i— der— einzig— glückliche— der— Auserwählte die— Epauletten— und— wurde — Lieutenant ungeheures— Glück— werde— 50 — Jahre— alt— ſein— ehe— ich— eine— Batterie— bekomme— und— bin— dann— ſtumpf— für— Leben— und— Dienſt. Wenn— Sie— Glück haben,“ fuhr er fort und drückte dabei mit dem Finger auf den oberſten Knopf mei⸗ ner Jacke,„ſo— kann— es— Ihnen— auch— noch— ſo— gehen— aber— da— ich— Ihnen— wohl— will— hoffe — ich— daß— Sie— kein— Glück— haben. Glauben— Sie mir— beſter— Major—(das war das erſte⸗ und letzte⸗ mal, daß er mich ſo nannte), bleiben— Sie— in— Ihrer — Sphäre— und— werden— ein tüchtiger— Unteroffizier — meinetwegen— Feuerwerker.— Wir— Andern— ſind— ſehr— oft— falſch— vergoldet.— Aber,“— ſetzte er lachend hinzu ⸗—„Sie brauchen— ſich— wahrhaftig— nicht— viel zu— geben— meinen— Wunſch— zu— er⸗ füllen— man— wird— Ihnen— ſchon— den— Weg— zu— den— Gpauletten— verteufelt— ſauer— machen.— Sie— haben— keine— Familie— kein— Geld— denken — Sie— an— mich. Was— ihre— drei— Kameraden— ——————.:— Feuerwerker Wortmann. anbelangt— ſo— kann— es— vielleicht— der— Sohn— der— Regierungsräthin W.— durchſetzen— Herr— Schnap⸗ per— wird— höchſtens— Bombardier— dann— fortgeſchickt — und— wird— ſein— Leben— an— den— Straßen⸗ ecken— verbummeln. Der— Dritte— hat— Anlage— zum — Feldwebel— und— wird— es— auch— werden— aber— wie— ich— ſchon— geſagt— Sie— müſſen— in — die— Civilcarriere— zurück. Guten— Morgen.“ Das war die längſte Rede, die ich je von unſerem Premier⸗ Lieutenannt gehört; er hat auch gewi eine ebenſo lange gehalten, und als er darauf von m. ing, ſchien er ſich ganz ausgeſprochen zu haben, denn er ſchwankte ſo ſtark hin und her, wie ein leeres Schiff. Im Dienſt war er ſtrenge gegen mich, aber nie unfreundlich, obgleich er mir nicht das Geringſte durchgehen ließ. Als nach meinem Arreſt der Appell vorbei war, ließ ich mir vom Compagnie⸗Schneider meine ſelbſtgekauften Treſſen auf die Uniform nähen, was mir einen halben Schoppen bittern Schnaps koſtete; dann ging ich zu Poltes, um ihn von meiner Strafe und meinem Glück in Kenntniß zu ſetzen. Da ich ihn einige Tage nicht geſehen hatte, ſo fand ich ihn wieder ſehr ver⸗ ändert. Er hatte mit Hülfe der alten Frau, die ſeine Sachen beſorgte, ſein Bett verlaſſen, und ſaß in einem alten Lehnſtuhl am Fenſter, ſo daß ihn die Nachmittagsſonne beſchien. Vergnügt darüber, daß ich kam, ſtreckte er mir die magere Hand entgegen, und als ich meine hineinlegte, blickte er auf meinen Aermel und machte große und recht vergnügte Augen.„Schon,“ ſagte er,„das iſt ja ſchnell gegangen, da hab' ich länger warten müſſen, nun ich bin auch dafür nicht weit gekommen.“ Hierauf erzählte ich Feuerwerker Wortmann. 139 ihm meinen Streit mit Herrn Schnapper, unſern Kampf und meinen Arreſt. „Sei du froh,“ gab er mir zur Antwort,„daß der Kapi⸗ tän nicht da war, die drei Tage auf's Holz hätten dich ein Jahr im Avancement zurückgebracht. Nimm dich aber in Acht, denn der Hauptmann hat Recht, Raufereien in der Kaſerne wird nun einmal nicht gut gethan.“ Das ſagte er Alles in großen Zwiſchen⸗ räumen und von häufigem Huſten unterbrochen. Sprach er's auch nicht unite ichen Herzlichkeit, ſondern ſo, als unter⸗ 1 an welchem er ſaß, konnte er durch eine Häuſerlue in das Land ſehen, wo der helle Sonnenſchein au den und faſt reifen Korne lag, und auf dem Fluſſe glänzte, ſowie auf den Segeln der Schiffe, die wie ſchneeweiſe Tauben dahinzufliegen ſchienen. „Das geht Alles heim,“ ſagte er nach einer Pauſe,„und wenn die Schiffe im Hafen ſind, ſo zieht man die Segel ein. Dann gute Nacht.“ Er athmete ſehr ſchwer und mühſam und ſeine Hände zupften an einer wollenen Decke, die er auf den Knieen ausgebreitet hatte.—„Neben dem Fluſſe daher,“ fuhr er nach einer Pauſe mit ſehr leiſer Stimme fort,„kam ich vor dreißig Jahren gefahren, und gerade dort ſtieg ich, aus und warf flache Steine über den Waſſerſpiegel, um zu ſehen, wie oft ſie ricoſchettirten. Viermal ſchlug der Stein auf und in vier Jahren, dachte ich, biſt du Offizier.“ Hiebei lächelte er ganz eigenthümlich, und nach längerer Zeit erſt fuhr er fort:„Das Korn ſchneiden ſie auch bald und thun es in die Scheuer————————— Ja, ja den Weg kenne ich genau,“ ſagte er dann wieder, wenn man Feuerwerker Wortmann. ihn verfolgt, weit, weit hinaus mehrere Tage lang, ſo kommt man an ein ſchönes Landhaus, da— bin ich geboren——— — und werde— hier ſterben.——— Hoörſt du nicht eine Glocke?“ „Sie läuten auf dem Dome,“ antwortete ich einigermaßen beſtürzt, denn Poltes hatte noch nie ſo eigenthümlich und mit ſo ſonderbar betonter Stimme zu mir geſprochen. „So— öffne— das— Fenſter,“ ſagte Ich that ſo, und als die feierlichen tiefen Klänge ſo un zu uns her⸗ eindrangen, ließ er den Kopf tief auf die t abſinken, ſo tief zwar, daß ich nicht in ſeine Augen ſehen konnte. Als er aber lange, lange nicht aufülickte, legte en meine Hand auf die ſeinige und fühlte mit tiefen hrecken, daß dieſelbe ſehr kalt war; dann bückte ich mich Wheeder, ſah in ſein Geſicht, und obgleich ich noch nie einen todten Menſchen geſehen, erkannte ich doch ſogleich, daß mein armer Freund Poltes heimgegangen ſei. Ich rief die alte Frau um Hülfe, und als ſie hereinkam, ſeine Augen betrachtet hatte und ſeine kalten Hände befühlt, ſagte ſie:„Nun endlich iſt er geſtorben, das hat lange gedauert.“ Während ſie ein paar Leute holte, die ihn auf ſein Bett legen ſollten, kniete ich neben ihm nieder und weinte reichlich und heiße Thränen auf die kalte Hand des Freundes.———— Feuerwerker Wortmann. Siebentes Kapitel. Da die Artillerieſchule aufgehoben wird, kann ich nicht zum Examen gelangen, ich pfropfe Zäume und komme in Folge davon auf die Feſtung. Der gute Poltes, einſt Leopold v. Berger, doch wurde ſelbſt dieſer Name in der Trauerrede nicht genannt, ward nun mit allen militäriſchen Ehren zur Ruhe beſtattet. Wie wohl that es mir, als ſie iin hin bſenkten und ich weinend dabeiſtand, daß ich aufblickend 9 der Lieutenant von Schwenkenberg tief betrübt ausſah und mit der umgekehrten Hand eine Thräne weg⸗ wiſchte, die ihm gerade aus den Augen in den langen Schnurr⸗ bart laufen wollte. Von meinem Vater, dem ich den traurigen Vorfall ſchrieb, erhielt ich einen langen Brief, der mir am Ein⸗ gang meldete, daß zu Hauſe Alles wohl ſei und der mich in Hinweiſung auf den verſtorbenen Freund ſchließlich ermahnte, mein Leben recht vorſichtig und mäßig zu genießen, mich namentlich aber vor der Flaſche in Acht zu nehmen, und auch vor andern Dingen, die mein Vater aber ziemlich undeutlich beſeichnete. Zu Ileccher Zeit ſchicke er mir einiges Geld für mich, ſdwie eine zweite kleine Summe, um Poltes Grab, ſeinem ſchriftlich aus⸗ gedrüctten Wunſche gemäß, gehörig damit ſchmücken zu können. Meine Mutter hatte ein Poſtſcriptum angehängt, worin ſie mich um die Ueberſendung verſchiedener Ellen Band zu ihren Hauben erſuchte. Man erwarte in dem Grenzſtädtchen, ſo ſchrieb ſie, einen hohen Zollbeamten zur Viſitation, und bei den Feierlichkeiten, die begreif⸗ licher Weiſe dabei ſtattfinden müßten, wolle ſie auf's allerwürdigſte erſcheinen. Es machte mir eine beſondere Freude, Poltes' Grab⸗ ausſchmückung beſorgen zu können, und wie er es bei ſeinen 142 Feuerwerker Wortmann. Lebzeiten befohlen, ließ ich ihm zwei hölzerne Kanonenröhren machen, die ein Kreuz bildeten, zwiſchen dem einen Schildzapfen ſtand ſein Name, Geburtsjahr und Todestag, zwiſchen dem an⸗ dern ein Ausſpruch des Apoſtel Paulus, den er ſelbſt ausgeſucht und der durch das letzte Wort, wie Poltes zu ſagen pflegte, auf die Artilleriewiſſenſchaft hinzudeuten ſchien, nämlich:„Alles Wiſſen iſt Stückwerk.“ So hatte ich nun einen Freund wenig d einige Feinde mehr; unter letztern muß ich unſern daen Batteriechef Bitter nennen, der gelinde getobt Peedf d wanhunn zurück⸗ kehrend erfahren, daß ich nicht nur 3 ardier geworden ſei, ſondern in Folge deſſen noch zwei 1 un aus dem Arreſt entlaſſen. Er hatte ſogar über dieſen Gegenſtand eine ziemlich heftige Scene mit ſeinem erſten Lieutenant, deren Ende war, daß Herr von Schwenkenberg an ſeinen Tſchako langte, und etwas weniger ruhig als ſonſt ſprach:„ Wenn— der— Herr— Hauptmann— vielleicht— glauben— daß— ich— unrecht— gehandelt— ſo— bitte— ich— den— Herr— Hauptmann — ganz— gehorſamſt— den— Vorfall— an— das Brigade⸗ — kommando— melden— zu— wollen— ich— für— meine— Perſon— habe— nichts— dagegen— es— ſoll — mich— vielmehr— außerordentlich— freuen.“ Damit drehte er ſich um und ging ſeiner Wege. Mich hatte nun der Kapitän ſeit jener Zeit, was man ſo nennt, furchtbar auf dem Striche. Ich konnte machen, was ich wollte, er entdeckte immer etwas Mangelhaftes an meinem An⸗ zuge, oder irgend einen Fehler, wennn ich ſelbſt exercierte oder exercieren ließ. Daher kam es denn auch, daß ich ziemlich häufig Arreſt und Strafwachen bekam, zwei Sachen, die der Kapitän 143 Feuerwerker Wortmann. in's Nationale ſchreiben laſſen darf und die beim Avancement durchaus nicht förderlich ſind. Die übrigen Feinde, die ich mir erworben hatte, waren natürlicher Weiſe Herr Schnapper und meine beiden andern Ka⸗ meraden, da ich ſo früh zum Bombardier befördert worden war. Bald nach dieſem Vorfall ließ der Herr Hauptmann ſie ebenfalls das Examen machen, wobei Herr Schnapper übrigens ſo ſchlecht beſtand, daß er nicht nur nicht avancirte, ſondern daß ihm leiſe angedeutet wurde, er möge ruhig ſeine zwei Jahre fortdienen und dann ſeinen Abſchied nehmen, was auch ſpäter geſchah, und ſich ſo die Prophezeihung des Lieutenant von Schwenkenberg beſtätigte, denn als Herr Schnapper abgegangen war, bummelte er in der Stadt herum, ohne irgend ein Geſchäft zu ergreifen oder über⸗ haupt etwas zu thun, und da er von ſeiner Mutter noch einiges Geld erhielt, verlumpte er zwar langſam aber vollkommen. Auch was die beiden andern Freiwilligen betraf, hatte ſich der Lieutenant nicht getäuſcht. Der Apothekerſohn machte ein ſchö⸗ nes Examen, avancirte bald nach mir zum Bombardier, und da der ein Schreib⸗ und Rechengenie war, ſo wurde er zum Feld⸗ webel kommandirt und erhielt auch, als dieſer freilich nach meh⸗ reren Jahren zur Civilpartie überging, deſſen Poſten. Der Sohn der Regierungsraths⸗Wittwe hatte ſich ſehr gekränkt gefühlt, daß ich, ein ganz gewöhnliches Soldatenkind, vor ihm befördert wor⸗ den war, und die früheren Bekanntſchaften ſeiner Mutter hatten es nicht nur zuwege gebracht, daß er zu einer andern Batterie verſetzt wurde, ſondern auch daß er auf die Kriegsſchule kam, und nun einmal auf dem gehörigen Wege, wurde er auch end⸗ lich, freilich nach längerer Zeit, Lieutenant. Später ſahen wir 8 Feuerwerker Wortmann. uns wieder und da ſprach er über ſeine Zukunft auch nicht viel anders, als damals der Lieutenant v. Schwenkenberg. Der Erzählung meines einfachen Lebens bin ich dieſem Punkte vorausgeeilt, weil ich aus dem ferneren Zuſammenleben mit den andern Freiwilligen nicht viel Intereſſantes zu berichten weiß. Mein Streit mit Herrn Schnapper hatte mich bei allen Uebrigen in ziemlichen Reſpeckt geſetzt, und da ich mich bemühte, meinen Dienſt auf's Pünktlichſte zu verſehen, ſo genoß ich die Liebe und Achtung meiner Kameraden und Vorgeſetzten mit Aus⸗ nahme des Kapitäns. Leider konnte er mir bedeutend ſchaden und unterließ das auch nicht. So viel mir die wenig freie Zeit, die ich hatte, erlaubte, lernte ich Sprachen, Geographie, Geſchichte und was nöthig war, um ein Examen in die vorbereitende Ar⸗ tillerieſchule machen zu können. Auch wurde ich mit mehreren andern Aſpiranten vom Abtheilungskommando zu dieſem Examen eingegeben, doch waren die darauf bezüglichen Papiere noch nicht lange bei der Brigade eingelaufen, ſo erhielt ich vom Wachtmeiſter Sternberg einen freundſchaſtlichen Brief—„Donnerwetter, lieber Major, da ſind deine Papiere zum Examen allerdings mit den übrigen eingelaufen, aber mich ſoll dieſer und jener holen, wenn dein cär- riculum vitae nicht eines der ſchlechteſten iſt, das mir jemals unter die Hände gelaufen. Biſt du denn wirklich ein ſo leichtſinniges Subject geworden, oder kämmen ſie an dir herugtter. Das wechſelt ja ab mit Arreſt und Strafwachen. Ich ſage dir, wenn ich nicht bei Schippenb— beim Commando will ich ſagen— die Hand über dein gottloſes Haupt hielte, ſo/hätte man dich wegen des verfluchten Nationale's zurückgewieſen. Das ſage ich dir aber, ſei mir gehörig geſattelt; zieh die/ Bauchgurten deines Wiſſens feſt zuſammen, denn wenn du beim Examen herabplumpſt, ſo freut 7 —————— Feuerwerker Wortmann. 145 mich mein Leben. Dein Alter iſt nicht nur wohl, ſondern hat auch ein unverſchämtes Glück; ſo eben leſe ich, daß er ſchon zum Steuercontroleur ernannt iſt. Gratulire augenblicklich deiner Mut⸗ ter, und da Steuercontroleurin ſ ſch gcht klingt, ſo kannſt du auf die Adreſſe ſchreiben: Frau Steukrcontroleuſe Wortmann. Auch 3 ich will nächſtens abziehen, 4 zur Poſt; weißt du ich kann das Sitzen nicht ertragen.“ 5 6 Daß ich in der T deam Brigadekommando beſchützt wurde,) das ſah ich mit großen Freuden, unſer Kapitän aber zu ſeinem ggroßen Verdruß daran, daß ich trotz der ſchlechten Zeugniſſe wirk⸗ lich zum Examen kommandirt wurde; leider kam ich aber doch 4 nicht dazu. Wenige Tage vor unſerem Abmarſche lief ein Schrei⸗ 4 ben des Generalkommandos ein mit der für uns troſtloſen Nach⸗ richt, daß die vorbereitende Brigadeartillerieſchule laut höherem Befehl aufgehoben ſei, es blieb alſo nur noch die große Artillerie⸗ ſchule in der Reſidenz übrig, zu deren Eintritt ein Examen er⸗ forderlich war, wie es die Fähndriche beſtehen mußten, und dazu reichten meine Kenntniſſe nicht aus. Wachtmeiſter Sternberg ſchrieb mir ebenfalls darüber, auch mein Vater, und beide gaben mir den Rath, ruhig fortzudienen, mich in den Artilleriewiſſenſchaften zu vervollkommnen, um ſpäter einmal Oberfeuerwerker werden zu können. Das that ich denn aauch und verzichtete auf die Epauletten, ohne daß es mir gerade beſondern Kummer machte. Hatte ich doch ſchon genug von dem Oſffiziersleben kennen gelernt, um einzuſehen, daß daſſelbe für den, der kein Vermögen beſaß, gar zu ſtarke Schattenſeiten habe. Ich widmete mich alſo auf's Fleißigſte dem Dienſt und den Artilleriewiſſenſchaften, und als ich zwei Jahre gedient, machte ich ein ſo glänzendes Unteroffiziers⸗Examen, daß ich zum Abtheilungs⸗ Hackländer, Kr. u. Fr. 1. 10 Feuerwerker Wortmann. kommando augenblicklich avancirt wurde. Nebenbei hatte ich auch meine Liebe zur Gärtnerei nicht vergeſſen und bildete die An⸗ fangsgründe, die mir der weiſe Vogel beigebracht, auf's Um⸗ faſſendſte aus. Ich fand einen geſchickten Gärtner bei der Stadt, der ſich meiner bereitwillig annahm, und war glücklich, alle meine Freiſtunden unter Blumen und Bäumen zubringen zu können. Das Bischen Latein, das ich in der Schule gelernt, machte es mir leicht, die hunderterlei Namen der Pflanzen zu behalten, 3 und als ich ein Jahr bei meinem Freunde, dem Gärtner, gear⸗ beitet, meinte dieſer lachend:„wenn es mir einmal bei der Ar⸗ tillerie durchaus nicht mehr gefiele, ſo könne ich, was meine Kenntniſſe anbelange, getroſt den ausgedehnteſten herrſchaftlichen Garten übernehmen.“ Da es mir durch die immerwährende Beſchäftigung im Garten faſt zum Bedürfniß geworden war, im Freien unter Pflanzen und Bäumen zu ſein, ſo ſuchte ich ſogar im Dienſte dieſes Angenehme mit dem Rützlichen zu verbinden, daß ich gerne die Wache auf den kleinen Forts übernahm, die außerhalb der Stadt lagen, wo das mit Bäumen bepflanzte Glacis einem klei⸗ nen Parke ähnlich war. Da war ich glücklich und half den wildwachſenden Bäumen mit Scheere und Meſſer aufs Zweck⸗ mäßigſte nach, mußte mich aber ſehr in Acht nehmen, daß dieſe Ausübung meiner Kunſt nicht auf unangenehme Art zu Ohren der Feſtungsdirection käme. Einmal war ich ſchon in ſchweren Anklageſtand verſetzt worden, als ich nämlich aus einer ſchönen Ulme mehrere dürre Aeſte weggeſägt hatte, und da unſer Kapi⸗ tän nicht übel geneigt war, dieſes dreifach zu beſtrafen, erſtens nämlich als Unordnung im Dienſte, worin er nicht ganz Unrecht hatte, zu gleicher Zeit aber auch als Waldfrevel, und drittens Feuerwerker Wortmann. 147 gar als Holzdiebſtahl, ſo hätte es mir ſchlecht ergehen können, wenn die Behörde nicht glücklicherweiſe nur den erſten Fall an⸗ genommen hätte, und mich dafür mit ein paar Tagen Arreſt be⸗ glückte. Aber trotzdem konnte ich die Gärtnerei, wenn auch auf königlichem Grund und Boden, nicht laſſen. So war es denn wieder Frühling geworden, ich diente drei Jahre, war wie geſagt Unteroffizier, und hätte mich ſchon lange zum Feuerwerker⸗Examen gemeldet, wenn nicht der Kapitän eine derartige Anfrage meinerſeits mit einem wahren Hohngelächter beantwortet hätte und mich darauf gefragt:„Wiſſen Sie auch, was ein Feuerwerker iſt? Sie ſcheinen keine Idee davon zu haben.“ „Zu befehlen, Herr Hauptmann,“ entgegnete ich einiger⸗ maßen gereizt,„ich erlaube mir vielleicht doch zu wiſſen, was ein Feuerwerker iſt.“ „Nun, darauf wär' ich begierig,“ meinte er und ſah mich finſter an, wobei er die beiden Zeigefinger zwiſchen Schärpe und Uniform ſteckte. „Ein Feuerwerker, Herr Hauptmann, iſt meiner Anſicht nach eine Charge in der Batterie, welche ſich mit der Feuerwerks⸗ kunde ſehr vertraut gemacht hat, der ferner—“ „Und Ihre Anſicht iſt durchaus falſch, mein Lieber,“ fiel er mir nun lächelnd in die Rede.„Wer zum Feuerwerker avan⸗ ciren will, ſoll das Muſter eines Unteroffiziers ſein, ſoll meiner Anſicht nach viermal ſo lange dienen als Sie, ſoll den Dienſt auswendig kennen wie ein Buch und ausüben wie eine Maſchine, ſoll das Progeſta ſeiner ganzen Compagnie ſein, exercieren kön⸗ nen wie ein Engel und ſoll vor allen Dingen— merken Sie ſich das wohl— nie beſtraft worden ſein. Das iſt meine An⸗ ſicht von den Eigenſchaſten eines Feuerwerkers.“ Das hatte er ——— Feuerwerker Wortmann. mit erhabenem Tone geſprochen und ſetzte nun in gewöhnlichem Tone hinzu:„Daß der Feuerwerker nebenbei eine Rakete von einer Stückkugel ſoll unterſcheiden können, verſteht ſich von ſelber.“ „Der Herr Hauptmann werden entſchuldigen,“ erwiederte ich,„aber nach dem habe ich wohl keine Hoffnung, jemals in der Batterie des Herrn Hauptmann zum Feuerwerker zu avan⸗ ciren; denn wenn ich mich auch befleißigen würde, einer der pünktlichſten und properſten Unteroffiziere der Batterie zu werden, ſo wird es mir doch nie gelingen, ein Nationale beizubringen, in dem keine Strafen verzeichnet ſtehen.“ „Ja, mein Lieber,“ ſagte er, beharrlich mit dem Kopfe nickend,„den Riegel haben Sie ſich ſelbſt vorgeſchoben. Wenn ich nicht irre, ſaßen Sie in den drei Jahren ſchon ſechsmal auf dem Holze, und die Zahl Ihrer Strafwachen iſt Legion.“ „Zu befehlen, Herr Hauptmann, Legion.“ „Hm! hm!“ machte er verdrießlich.„Und das ſcheint Sie eigentlich gar nicht zu alteriren. Aber ich weiß ſchon, wor⸗ auf Sie bauen, auf den Schutz irgend eines Schreibers beim⸗ Brigadekommando, der Ihnen beim Unteroffiziers⸗Examen ſo treff⸗ liche Dienſte geleiſtet und den Sie ſich, Gott weiß durch welche Hinterthüre erſchlichen. Aber Herr, das verſichere ich Sie, der⸗ gleichen wird nicht mehr gut gethan, ſo wahr ich Bitter heiße und ſehr bitter ſein kann.“ Es gibt leider Augenblicke im Menſchenleben, wo man der Strafe näher iſt als ſonſt. Mir war die Geduld zerriſſen und ich erlaubte mir, im Tone der höchſten Achtung und tiefſten Un⸗ terwürfigkeit dem Hauptmann zu bemerken, daß ich ihm recht ſehe über die Auskunft über mich ſelbſt danke, zugleich aber um die Feuerwerker Wortmann. 149 Erlaubniß bäte, mich beim Abtheilungskommando zur Verſetzung nach einer andern Batterie zu melden. Ich gebe zu, daß der gegenwärtige Augenblick zu dieſem Geſuche vielleicht nicht paſſend war und es als Tootz erſcheinen konnte; wenigſtens nahm es der Hauptmann ſo auf. Er rieb ſich die Hände, huſtete ein paar Mal leiſe und kniff die Augen zu, wie er zu machen pflegte, wenn er anfing ſehr übler Laune zu werden.„Sehr ſchön,“ ſagte er nach einer Pauſe,„char⸗ mant, ich bit aber recht ſehr, Herr Unteroffizier, ſich den vor⸗ habenden Sc nooch gefälligſt überlegen zu wollen. Und damit es Ihnen hu zu nicht an Zeit und Mufe fehlt, ſo melden Sie ſich gefälligſt beim Feldwebel zur Strafwache auf Fort Nr. 4, wo Sie über Ihren Entſchluß nachdenken können.— Verſtanden?“ „Zu befehlen, Herr Hauptmann.“ „So gehen Sie.“ „Zu befehlen, Herr Hauptmann.“ So hatte ich denn abermals eine Strafwache, die mir heute gerade nicht angenehm war, denn wir hatten Feiertag und ich alſo vollkommen Zeit, den ganzen Tag bei meinem Freunde, dem Gärtner, zuzubringen. Da es übrigens noch früh am Morgen war, ging ich zu ihm hinaus und fand ihn beim Propfen ver⸗ ſchiedener Geſträuche beſchäftigt. Ich erzählte ihm mein Schick⸗ ſal und er meinte, das Beſte wäre, ich ſolle meinen Abſchied nehmen, und mich ganz meiner Lieblingsbeſchäftigung, der Gärt⸗ nerei, widmen. Einen ſolchen Entſchluß ohne Einwilligung mei⸗ ner Eltern zu faſſen, daran war nicht zu denken, auch war ich ſicher, daß weder mein Vater noch meine Mutter es je erlauben würden, daß ich ſchon nach drei Jahren wieder den Militärdienſt verlaſſe. Feuerwerker ſollte ich nun einmal werden, ſo wollte es — —— ⁰-—ͤ Feuerwerker Wortmann. der Vater Wortmann, und die vorgeſchriebene Anzahl Jahre die⸗ nen, um Anſprüche auf eine Civilverſorgung zu haben. In der That, da war nichts zu machen und mein Freund mußte mir 4 beipflichten, als ich ihm das auseinanderſetzte. Ich half ihm noch eine Stunde bei ſeinem Geſchäft, dann mußte ich ihn verlaſſen, da es Zeit war, nach meiner Wach⸗ mannſchaft zu ſehen. Er wickelte mir lachend, ein paar der Rei⸗ ſer, womit er beſchäftigt war, in Moos und ſteckte ſie mir in die Taſchen.„Vielleicht,“ ſagte er,„finden Sie irgendio einen Strauch, an dem Sie mit Propfen ein paar Verſuche machen können. An Zeit wird es Ihnen nicht fehlen.“ Dann verließ ich ihn, um meine Wache zu beziehen, eine der kleinen Feſtungen, welche um die Stadt liegen. Daß ich gerade hierhin geſchickt worden, dafür war ich dem Kapitän noch dankbar, denn er hätte mich ebenſogut nach dem einſamen alten Pulverthurme ſenden können, oder gar die Kaſernenwache über⸗ geben, was mir noch weit unangenehmer geweſen wäre. Auf meinem einſamen Fort war ich doch mitten in der ſchönen Na⸗ tur, hatte wenig von Ueberraſchungen zu fürchten, namentlich heute an einem Feiertage, und dann führte die Wache hier über⸗ haupt ein recht behagliches, patriarchaliſches Leben. Die noth⸗ wendigen Beſtandtheile eines frugalen Abendeſſens, Kartoffeln, Buutter und etwas Wurſt wurden mitgenommen, auch die Kaffee⸗ maſchine, Tabak, Pfeifen, ſogar ein paar Cigarren, und vor allen Dingen ein paar unterhaltende Bücher. Mit dieſem führten wir denn hier draußen in der That ein beſchauliches Leben; man war wie im Kloſter. Der öde gepflaſterte Hof hallte ſo recht unheimlich von unſeren Schritten wieder, das Wachtlokal mit einer engen vergitterten Schießſcharte,. Feuerwerker Wortmann. war wie eine Mönchszelle, und rings um uns her bildeten Grä⸗ ben und Glacis einen allerliebſten Kloſtergarten. In dieſem hielt ich mich auch am liebſten auf, und auch heute, als ich mein Wachtbuch eingeſchrieben hatte, ſowie die Meldezettel nach der Stadt geſchickt, als das Wachtlokal in Ordnung gebracht war und die Poſten aufgezogen und gehörig inſtruirt, ſuchte ich mir eine recht angenehme Stellung an der Böſchung des kleinen Walles, wo das Bankett eine förmliche Raſenbank bildete. Mein Burſche, der mit mir auf der Wache war, richtete mir die Kaffee⸗ maſchine her, ich zündete den Spiritus an, und nachdem der Trank bereitet war, legte ich mich behaglich in's Grüne und las ein paar Stunden. Die Kanoniere, die nicht auf Poſten waren, hatten ſich rings auf dem Glacis vertheilt, um nach der Stadt hinauszu⸗ ſpähen, ob ſich nichts Verdächtiges nahe, bei welchem Geſchäft ſie übrigens ebenſo wie ihr Kommandant auf Gras und Blumen ruhten, und ſo genoſſen wir Alle zuſammen die Freuden der Wache an einem ſchönen Frühlings⸗ und Feiertage. Endlich war mein Kaffee getrunken, ich auch des Leſens müde, weßhalb ich mich erhob, um meine Poſten zu revidiren. Ich fand bei ihnen nichts beſonders Ungehöriges; doch war es vielleicht nicht ganz ſtreng dem Reglement gemäß, daß der Eine pfiff, der Andere ſang, ehe ſie mich kommen hörten. Nur der auf der Plattform des Thurms erhielt einen kleinen Verweis, denn ſtatt umherzugehen, wie es Vorſchrift war, hatte er ſich in eine der Schießſcharten geſetzt und blickte nach der Stadt ſowie auf den Fluß, der nicht weit von unſerem Fort vorbeiſtrömte und wo Dampfer auf⸗ und abzogen, eine lange ſchwarze Rauch⸗ wolke hinter ſich drein ziehend. Von der Stadt her war ein 2 Feuerwerker Wortmann. Geſumme der Menſchen, das Rollen der Equipagen, aber Alles verſchwamm zu einem unverſtändlichen Brauſen, zwiſchen dem nur deutlich die Glocken der vielen Kirchen hervordrangen, in denen zum Nachmittagsgottesdienſte geläutet wurde. Als ich wieder hinabſtieg und auf das Glacis ging, ge⸗ dachte ich der Zweige, die mir mein Freund, der Gärtner, in die Taſche geſteckt. Ich nahm ſie hervor und ſuchte mir ein paſſendes Geſträuch, um meine Kunſt daran zu verſuchen. Es war dies die gewöhnliche Akazie, auf welche ich mich bemühte, einen Zweig der Robinia hispada zu pfropfen. Wenn ich auch als Wachthabender Unrecht hatte, dergleichen zu thun, ſo war es doch anderntheils ein verdienſtliches Werk, die Geſträucher hier zu veredeln, und wie ſchön mußte es ſich nicht im nächſten Früh⸗ jahre ausnehmen, wenn hier neben der gelben Blüthe der ge⸗ wöhnlichen Akazie auf einmal die prachtvolle röthliche der Robinia hispada hervorwuchs. Meſſer, Baſt und Wachs hatte ich nicht vergeſſen, in die Patrontaſche zu ſtecken, und durch die am Rande des Glacis umherliegenden Kanoniere vor jedem Ueberfall gedeckt, machte ich mich mit großer Ruhe und vielem Behagen an mein Geſchäft. Schon hatte ich ein paar Sträucher auf's Kunſtvollſte gepfropft, als ich aufblickend einen meiner Kanoniere vor mir ſah, der mit ſeinen Armen und Händen allerlei ſeltſame Zeichen und Pantomimen machte, die wahrſcheinlich mir gelten ſollten. „Was willſt du?“ rief ich ihm zu.„Kommt Jemand?“ Statt aller Antwort machte er ein ganz erſchrecktes Geſicht und deutete ſchüchtern mit dem Finger vor ſich hin. Zu gleicher Zeit rief der Poſten auf der Plattform mehreremal meinen Na⸗ men. Ich blickte um mich her und endlich auch hinter mich, und ſah zu meinem nicht geringen Schrecken drei Artillerieoffiziere, — — Feuerwerker Wortmann. die aus dem Hofe des Forts kamen und ſich mir näherten. Daß ich in einem derſelben augenblicklich unſern Hauptmann Bitter erkannte, verminderte meinen Schrecken durchaus nicht. Eilig nahm ich den Tſchako vom Boden auf, und als ich mich gegen die Ankommenden wandte, gelang es mir, Meſſer, Wachs und Baſt in die auf meinem Rücken befindliche Patrontaſche zu ſchieben. Zum ſchlimmen Spiel die beſte Miene machend, näherte ich mich meinen Vorgeſetzten ſo unbefangen als möglich und meldete: „Auf Wache ein Unteroffizier und zwölf Kanoniere. Weder auf Poſten noch im Innern der Forts befindet ſich etwas Neues.“ „Nach Ihrer Anſicht allerdings nicht,“ erwiederte der Haupt⸗ mann kopfnickend und ganz zufrieden lächelnd;„für mich aber iſt es etwas außerordentlich Neues, eine Wache zu finden, die ſo ihren Dienſt thut, wie die Ihrige. Das ganze Fort iſt leer, man könnte ſogar die Geſchütze wegtragen und Sie würden es nicht merken. Nein, Herr Unteroffizier Wortmann, dergleichen iſt mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Was Teufels, Herr, iſt in Sie hineingefahren? Wenn Sie vielleicht am periodiſchen Wahnſinn leiden, ſo melden Sie ſich in's Laza⸗ reth. Dann werden wir auch Ihre ganze Aufführung begreifen.“ Ich ſtand wie eine Bildſäule und verzog keine Miene, das Beſte, was ich in meiner Lage thun konnte. „Ich bitte Sie, Herr Hauptmann von Walter, und Sie Herr Premierlieutenant Schwarz, iſt Ihnen in Ihrem ganzen Leben dergleichen vorgekommen?“ Mit einem ſchnellen Blick beſchaute ich mir die peiden an⸗ dern Offiziere, namentlich den Herrn Hauptmann von Walter⸗ der Kommandant der Feſtungskompagnie in J. war, von dem wir viel gehört, den ſeine Leute enthuſiaſtiſch liebten, den ich 154 Feuerwerker Wortmann. aber noch nie geſehen. Er war ein faſt zu ſtarker, ſehr behag⸗ lich ausſehender Mann mit einem runden, außerordentlich freund⸗ lichen Geſichte. Dabei hatte er lebhafte wohlwollende Augen, aus denen es wie Lachen hervorblitzte, ganz im Gegenſatz zu dem furchtbaren Auftritte, der ſich vor ſeinen Augen zu entwickeln be⸗ gann. Soviel ich ſpäter ſah, hinkte er ein wenig mit dem linken Fuße, und deßhalb führte er auch ein ſpaniſches Rohr mit elfen⸗ beinerner Krücke. Der Herr Lieutenant Schwarz war ganz das Gegentheil ſeines Hauptmanns, er war faſt übertrieben mager, hatte einen langen dünnen Hals, auf dem ein Kopf ſaß, der nicht bedeutend ſtärker aber viel länger war. Seine Augenbrauen waren erſtaunt in die Höhe gezogen, der Schnurrbart hing tief zu beiden Sei⸗ ten des Kinns herab, und über dem ganzen Geſichte lag ein ſo furchtbarer Ernſt, daß ich ihm anſah, er ſei auf's Höchſte empört über den Frevel, den ich hier begangen. „Und was treiben Sie hier auf dem Glacis?“ fuhr der Kapitän nach einer kleinen Pauſe fort.„Mir ſcheint, Sie haben Ihre alten Mucken wieder. Sollten Sie wohl glauben,“ wandte er ſich an den andern Hauptmann,„daß dieſer Unteroffizier ſchon einmal beſtraft wurde, weil er Aeſte aus dem Gehölz des Glacis weggeſchnitten?— Ich bitte Sie: Aeſte eines königlichen Baumes!“ „Es waren dürre Aeſte,“ erlaubte ich mir zu ſagen. „Aſt iſt Aſt!“ rief entrüſtet der Kapitän.„Und es iſt nur ſchade, daß man damals nicht meiner Anſicht war, ſonſt wären Sie lange unſchädlich gemacht worden. Nicht wahr, Herr Hauptmann v. Walter, Aſt iſt Aſt?“ „ Nicht ſo ganz, mein lieber Herr Hauptmann Bitter,“ er⸗ wiederte der dicke Kapitän freundlich.„Ich will zugeben, daß es Feuerwerker Wortmann. 155 von einem wachthabenden Unteroffizier nicht ganz paſſend iſt, Aeſte von den Bäumen einer königlichen Pflanzung wegzuſägen.“ „Fürchterlich!“ ſagte Lieutenant Schwarz im Tone der höchſten Entrüſtung. „Anderntheils aber,“ fuhr der Hauptmann v. Walter fort, „könnte es ſogar ein verdienſtliches Werk genannt werden, dürre Aeſte von einem Baum zu entfernen. Das erhöht deſſen Lebens⸗ kraft und verhindert in vielen Fällen, daß nicht auch andere Zweige angegriffen werden und ebenfalls abſterben.“ Unſer Kapitän huſtete ungeduldig.„Wir wollen das Ver⸗ gangene nicht weiter unterſuchen,“ ſprach er.„Aber was trieben Sie dort im Gehölz, als wir kamen?— Es thut mir Leid, aber die Sache muß unterſucht werden. Wenn es den Herren gefällig wäre, ſo ſehen wir etwas genauer auf die Arbeit dieſes ina hle habenden Unteroffiziers.“ „Gehen wir,“ verſetzte der dicke Kapitän und ſchritt auf ſeinen Stock geſtützt voraus. Lieutenant Schwarz drückte die Hände auf ſeinen dünnen Leib und folgte langſamen Schrittes, anzuſehen, wie eine finſtere Wetterwolke. „Aha!“ rief unſer Hauptmann triumphirend, als wir jetzt an Ort und Stelle gekommen waren und zeigte dabei auf die grünen Akazienzweige, die ich Behufs des Pfropfens entfernt und die auf dem Boden umherlagen.„Sind das auch vielleicht dürre Aeſte? Na, Herr! diesmal will ich Sie faſſen.“ 3 Während der dicke Kapitän ruhig an meine Sträucher trat, zuckte der Lieutenant Schwarz ſeine Schultern ſo hoch, daß ſie faſt die Ohren berührten. Hauptmann Bitter blickte mich kopf⸗ 156 Feuerwerker Wortmann. nickend an, und ich ſtand dabei— wehrlos, ein aufgegebener Mann. „Das iſt ja vortrefflich gepfropft!“ rief plötzlich der Haupt⸗ mann von Walter!„ich ſage Ihnen, vortrefflich. Die Bänder ſind zierlich und kunſtgerecht angelegt und das Baumwachs mit einer wahren Feinheit aufgetragen.“ Unſer Kapitän ſchaute erſtaunt auf ſeinen Herrn Kameraden, während der Lieutenant abermals die Achſeln zuckte. „Robinia hispada,“ rief der Hauptmann v. Walter.„Eine herrliche Blüthe! wird ſich im nächſten Frübjahre ganz ausge⸗ zeichnet machen.“ „Aber ich begreife nicht,“ ſagte unſer Kapitän erſtaunt. „Er verdient freilich einen kleinen Verweis, der Unteroffi⸗ zier,“ meinte heiter der dicke Hauptmann,„daß er die Zeit der Wache zu ſo was anwendet, in ſeinen Freiſtunden aber eine Be⸗ lohnung dafür.“ 4 „Aber ich begreife nicht,“ wiederholte Hauptmann Bitter, „das iſt doch ein offenbarer Waldfrevel.“ „Kein Waldfrevel,“ unterbrach ihn der Andere,„gewiß, lieber Herr Kamerad, kein Waldfrevel, im Gegentheil, es zeugt von gutem Geſchmack, hier in dieſer Gruppe Robinia hispada auf Robinia pseudacacia, die gemeine Akazia zu pfropfen. Sehen Sie, dort haben wir Crataegus den Weißdorn, dort eine Lonicera, die dunkelroth blüht, daneben den ſogenannten Goldregen, das wird eine ganz ſchöne Wirkung machen, allerdings auf der Wache,“ ſagte er lächelnd zu mir, wobei er komiſch drohend ſeinen Krück⸗ ſtock erhob,„auf der Wache ſollte ſo was unterbleiben.“ „Und iſt doch Waldfrevel; dergleichen auf einem königlichen Glacis,“ ſagte hartnäckig unſer Hauptmann. Feuerwerker Wortmann. 157. „Nein, nein, gewiß kein Waldfrevel,“ erwiederte der Andere, „nur gepfropft und ſehr ſchön gepfropft.— Sind Sie ein gelern⸗ ter Gärtner?“ wandte er ſich an mich. Der Herr Hauptmann hatte etwas ſo außerordentlich Wohl⸗ wollendes und Gutes in ſeinem Benehmen und ſeiner Sprache, daß ich mich ſehr zu ihm hingezogen fühlte. Auf ſeine Frage an mich erzählte ich ihm mit kurzen Worten, daß ich auf Avance⸗ ment diene, daß ich habe Offizier werden wollen, auch wohl das Erxamen zur vorbereitenden Artillerieſchule habe machen können, aber nicht das zur Kriegsſchule, wie es in neuerer Zeit verlangt werde. Ferner ſagte ich ihm, daß ich die Gärtnerei außerordent⸗ lich liebe, und in meinen Freiſtunden theoretiſch und praktiſch er⸗ lernt habe. Während ich das ſprach, nickte er vergnügt mit dem Kopfe und that verſchiedene Fragen an mich, aus denen ich entnahm, daß er Baum⸗ und Blumenzucht aus dem Fundament verſtehe und wahrſcheinlich ſelbſt betreibe. Nachdem das kleine Examen beendigt— und er ſtellte in der That ein ſolches mit mir an— nahm er den Hauptmann Bitter unter den Arm, führte ihn ein paar Schritte von mir weg und redete freundlich lachend in ihn hinein, wobei aber mein Vorge⸗ ſetzter anfänglich heftig mit dem Kopfe ſchüttelte. Herr Lieutenant Schwarz, der jetzt die Hände auf den Rücken gelegt hatte, be⸗ trachtete meine Pfropfarbeit ungefähr mit dem Geſichtsausdruck, mit welchem man etwas ganz Außerordentliches und noch gar nie Dageweſenes anſchaut.. Nach einer kleinen Weile rief mir mein Hauptmann zu: „Kommen Sie daher, Unteroffizier, und bedanken Sie ſich bein Herrn Hauptmann v. Walter auf's Nachdrücklichſte.— Ich hätte 158 Feuerwerker Wortmann. Ihnen, wegen des Rückfalls in Ihre Luſt, königliche Bäume zu beſchädigen, diesmal eine garſtige Geſchichte aufſpielen müſſen.— Ja müſſen.— Denn Ordnung muß ſein. Der Herr Haupt⸗ mann v. Walter hat für Sie geſprochen, und auf ſeinen ſpeziellen Wunſch will ich die Sache für diesmal auf ſich beruhen laſſen.“ Daß ich mich auf's Herzlichſte bedankte, wird mir Jeder glauben, und ich war froh, mich bei dem guten alten Herrn be⸗ danken zu können. Er hatte durch ſein freundliches Benehmen meine ganze Liebe gewonnen, und das erlaubte ich mir, ihm unverhohlen zu ſagen, wobei ich nicht unterlaſſen konnte, hinzu⸗ zuſetzen, daß ich mich glücklich ſchätzen würde, ſpäter einmal in ſeine Nähe zu kommen. Darauf reichte er mir treuherzig die Hand, die ich gerne geküßt hätte, und ich kann nicht verſchwei⸗ gen, daß mir faſt die Thränen in die Augen traten, als er ſie mir auf's Herzlichſte ſchüttelte und ſo lieb und feeundlich r von mir Abſchied nahm. Ohne weitere Abenteuer ging die Wache vorüber, und als ich mich am andern Mittag bei unſerem Feldwebel vom Fort Nro. 4 zurückmeldete, erzählte ich ihm, was mir geſtern begeg⸗ net. Er mochte mich wohl leiden, der Feldwebel, und ſagte nach⸗ denkend:„Dieſe Begegnung kann Ihr Glück ſein, es iſt ein eigenes Ding um den Herrn Hauptmann v. Walter. Wie es zu⸗ ſammenhängt, weiß Niemand, aber ſo viel iſt bekannt, daß er bis hoch oben in die höchſten Regionen mächtige Verbindungen hat. Und wenn er etwas durchſetzen will, ſo wird's ihm nicht ſchwer.“ Dies geſchah ungefähr im Mai und ſchon im Juni kam der Befehl vom Brigadekommando, mich ſo ſchnell als möglich zum Feuerwerker⸗Examen zuzulaſſen. Ich machte daſſelbe und kann, Feuerwerker Wortmann. ohne unbeſcheiden zu ſein, wohl ſagen, daß ich ſehr gut beſtand. Dem Herrn Hauptmann Bitter waren dieſe Eingriffe in ſeine Machtvollkommenheit ſehr unangenehm. War ich doch durchaus kein Feuerwerker, wie er ihn ſich wünſchte; glücklicherweiſe wurde ich es auch nicht bei ihm, denn vierzehn Tage, nachdem meine Papiere zur Brigade abgegangen waren, kam von dort ein Be⸗ fehl: worin es hieß: „Der Unteroffizier Wortmann iſt unterm heutigen Datum zum Feuerwerker befördert und in dieſer Eigenſchaft zur Feſtungs⸗ kompagnie nach J. verſetzt. Der Feuerwerker Wortmann hat ſo⸗ gleich dorthin abzugehen.“ —— Wer war glücllicher als ich! Achtes Kapitel. Auf dem Wege nach meinem neuen Beſtimmungsorte treffe ich einen freundlichen Gensdarmen, der mir durch eine Erzählung beweist, daß man ſich ein VYergnügen daraus machen kann, nicht zu avanciren. Der Abſchied von meiner Batterie ward mir, wie man ſich wohl denken wird, durchaus nicht ſchwer. Freunde hatte ich unter meinen Kameraden ſo gut wie gar keine, der Hauptmann war froh, daß er mich los wurde und auch mir konnte es nur an⸗ genehm ſein, einen Vorgeſetzten zu verlaſſen, der nicht nur un⸗ nachſichtlich und ſtreng, ſondern auch parteiiſch gegen mich war. Der Lieuten t v. Schwenkenberg hatte ſeit der langen Rede, die alten, nur noch wenige Worte mit mir gewechſelt, 160 Feuuerwerker Wortmann. er liebte das viele Sprechen überhaupt nicht, war von jeher ver⸗ ſchloſſen geweſen und wurde es, je länger er diente, immer mehr. So packte ich denn mit ſehr leichtem Herzen meine Hab⸗ ſeligkeiten in einen kleinen Koffer, den mir meine Mutter geſchickt, nahm von meinem Freunde, dem Gärtner, herzlichen Abſchied, ach! und hier war es mir gerade zu Muth, als damals, wo ich den weiſen Vogel verließ. Auch er ſteckte mir die Taſchen voll Sämereien, die ich aber jetzt nicht wegwarf, denn obgleich Vater Wortmann mir damals geſagt, auf den Wallgängen wüchſen keine Blumen, ſo hatte ich doch eine unbeſtimmte Ahnung, in der kleinen Feſtung J. unter dem Kommando des Herrn Haupt⸗ mann v. Walter könne und müſſe es doch ganz anders ſein, und unter dieſen für mich ſehr ſchönen Hoffnungen wanderte ich denn zum Thore hinaus, in der gleichen Jahreszeit als damals, wo ich das elterliche Haus verlaſſen. Vier Jahre waren ſeitdem vergangen, ich noch um einige Zoll gewachſen, hatte mir auch einen kleinen Schnurrbart zugelegt, und wenn ich bei Manövern und zur Einquartierungszeit manchen Mädchenaugen glauben durfte, die mich gern freundlich und lächelnd betrachteten, ſo war mein Aeußeres vielleicht der Mühe werth, daß ſich das andere und ſchönere Geſchlecht mit mir beſchäftigte. Weßhalb dieß Ge⸗ ſchlecht übrigens das ſchöne genannt wurde, wollte mir damals noch nicht ſo recht einleuchten. Mein Herz war bis jetzt gänzlich unempfindlich geblieben und ich konnte nur lachen über die Thor⸗ heiten, die ich meine Kameraden in dieſer Richtung begehen ſah. In gewiſſer Beziehung war ich, ein ſo junger Feuerwerker, der ſchon in fünf Jahren Anſprüche auf eine Civilverſorgung hatte, für heſcheidene Wünſche eine recht gute Parthie zu nennen, und die Tochter unſeres Feldwebels, ein wohlgewachſenes, dickes genau, Feuerwerker Wortmann. 164 Mädchen,— ſie ſpielte Guitarre und las gerne Romane, hatte mir das auch nicht ganz undeutlich zu verſtehen gegeben. Sie declamirte gern Gedichte und den Tag vor meiner Abreiſe hatte ſie mich noch mit dem bekannten Liede beglückt: „Noch einmal, Robert, eh' wir ſcheiden, Komm an Eliſen's klopfend Herz!“ Doch hatte das gar keine Wirkung auf mich ausgeübt, viel⸗ mehr reichte ich ih hr recht förmlich die Hand, worauf ſie ihr Näschen rümpfte und mich ungnädig entließ. Das war bald vergeſſen, und ich wanderte wohlgemuth und leichten, fröhlichen Herzens über die lange Chauſſee dahin. Reiſe⸗ abenteuer hatte ich auf dieſem Marſche ebenſowenig als auf meinem erſten, den ich von meinem elterlichen Hauſe antrat. Doch be⸗ gegnete mir auch dießmal wieder der unyermeidliche Gensdarm, der aber, als er meine ſtattliche Uniform ſah, nicht wie damals, nach meinem Paſſe verlangte, ſondern vielmehr freundſchaftlich mit mir ſchlenderte. Es war am zweiten Tag meines Ausmarſches und ich konnte noch vor Abend die Feſtung J. erreichen. Der Gensdarm zog ohne beſ ondere Beſtimmung mit mir denſelben Weg; nachdem er ſich mir als einen ehemaligen Unteroffizier der reitenden Batterie unſerer Abtheilung zu erkennen gegeben, plauderten wir recht an⸗ genehm von vergangenen und zukünftigen Zeiten. Mir war es recht, daß ich ihn traf, denn da er in der kleinen Feſtung ſtationirt war, ſo kannte er alle Verhältniſſe dort was ja ſchon ſein Beruf mit ſich brachte, und konnte mir über Manches die beſte Auskunft geben.„Die Feſtung iſt klein,“ ſagte er,„und deßhalb die Stadt außerordentlich lang⸗ weilig. Da ſie auch nicht an einer Hauptſtraße liegt, ſo iſt der Hackländer, Kr. u. Fr. I. 11 4 — ͦ——— —— nichts zu thun haben, denn wie ich mir denken kann, gehören Gensdarm„und da es kein Dienſtgeheimniß betrifft, auch nichts gehört.“ 162 Feuerwerker Wortmann. Verkehr ſehr gering und auf den Straßen und Plätzen wächst ſo viel Gras, daß man die Kühe nicht braucht zum Thore hin⸗ auszutreiben, wie es dort noch jeden Morgen geſchieht. Feſtungs⸗ kommandant,“ erzählte er weiter,„iſt der General R., ein braver und ſehr freundlicher Vorgeſetzter; mit dem Sie übrigens wohl Sie zur Compagnie des Herrn Hauptmann von Walter, der die Citadelle faſt unumſchränkt kommandirt.“ „Aber er ſteht doch unter dem Feſtungskommando?“ fragte ich meinen Begleiter, der mir lächelnd erwiederte:— Eigentlich ja, und doch wieder nicht, das hat ſo ſeine eigene Bewandtniß.“ Glücklicherweiſe hatten wir in dieſem Augenblicke eine kleine Anhöhe erſt iegen, auf deren Spitze ein einladendes Wirthshaus ſtand. Ein großer Schild mit angenehmer Verſprechung von fri⸗ ſchem Bier und ein Platz vor dem Hauſe mit breitem Tiſch und Bänken, die ſo äußerſt behaglich unter ſehr rieſenhaften Linden ſtanden, im Schatten der weitausgeſtreckten Aeſte, während rings⸗ umher eine heiße Juniusnachmittagsſonne auf Straße und Feld brannte. Das ſchäumende Bier kam in ein Paar Krügen und für ſo was iſt ſelbſt das harte Herz eines Gensdarmen empfäng⸗ lich. Wir machten es uns ſo bequem als möglich und nachdem der erſte Durſt gelöſcht war, auch der Hunger mit einigem Brod und Käſe beſchwichtigt, lenkte ich das Geſpräch abermals auf die Citadelle und meinen künftigen Chef. „Das iſt eine ganz eigenthümliche Geſchichte,“ meinte der Schlimmes iſt, ſo kann ich ſchon erzählen, was ich dadvon „Wofür ich Ihnen ſehr dankbar bin,“ erwiederte ich,„ Feuerwerker Wortmann. 163 es iſt ſehr angenehm, die Verhältniſſe kennen zu lernen, in welche man eintritt.“ „Der Herr Hauptmann von Walter,“ ſagte der Gensdarm nach einem tüchtigen Zuge,„iſt wie Sie ja auch geſehen haben, ſchon ein alter Herr, näher den Sechzigen als den Fünfzigen. Da die jungen Leute leider die ſchlimme Gewohnheit haben, den meiſten Vorgeſetzten einen zweiten Namen beizulegen, der ſich auf ihre allenfallſigen Schwächen bezieht, ſo thaten ſie das auch bei Herrn Hauptmann von Walter. Da aber über den nun, weiß Gott, Niemand im Geringſten zu klagen hat, ſo nennen ſie ihn, weil ſich kein Menſch zu erinnern weiß, daß er avancirt iſt, den ewigen Hauptmann. Denn Hauptmann war er ſchon, als der alte Oberfeuerwerker, der auch ſchon eine tüchtige Reihe von Jahren dient, nach J. kam. Daß er Hauptmann war, erinnern ſich die alten Zollauſſeher am Thore und ſchon graue Leute der Stadt können ſich nicht anders denken, als daß der Hauptmann v. Walter in der Citadelle gehaust habe.“ „So iſt er kein guter Offizier, wenn er nicht avancirt iſt?“ fragte ich. „Im Gegentheil,“ verſetzte mein Begleiter,„wie alle ſeine Herren Kameraden ſagen, iſt er ein ausgezeichneter Artillerie⸗ offizier. Aber nun hören Sie den Haken, den die ganze Geſchichte hat. Er war ſchon ſo früh Hauptmann und das obendrein in der Gardebrigade, daß er jetzt ſchon wenigſtens Brigadekomman⸗ deur ſein müßte, wenn er gewollt hätte. Damals begleitete er einen hohen He i auf Reiſen, und machte ſich bis hoch oben hinauf außerordentlich beliebt“* „Aber das ſind ja alles Gründe, ſchnell zu avanci ſagte ich erſtaunt. 164 Feuerwerker Wortmann. Natürlich,“ verſetzte der Gensdarm,„wenn man avanciren will.“ „Und wer will nicht avanciren?“ „Der Herr Hauptmann von Walter. Hören Sie nur. Be⸗ vor es auf die beſprochene Reiſe ging, wurde der junge Lieute⸗ nant Walter ein ſehr junger Hauptmann, und als man höchſt zufrieden zurückkam, da hieß es: Jetzt wird er Major werden. Aber im Gegentheil, bald darauf erſtaunten alle ſeine Kameraden, als es hieß: der Hauptmann von Walter iſt zur Feſtungskompagnie nach J. verſetzt.„„Eine förmliche Ungnade,““ ſagte man. Ja, gehorſamer Diener, daß es keine Ungnade war, ſah man ſchon im nächſten Jahr, als Seine Majeſtät Allerhöchſt ſelbſt da unten in der Ebene die großen Herbſtmanövers kommandirten. Denn während derſelben war der Hauptmann von Walter beſtändig in der Allerhöchſten Suite, ſpeiste jeden Mittag an der Tafel, hatte häufige Unterredungen mit dem Herrn und nach den Manövern ging er mit dem Hoflager nach der Reſidenz, wo er ein halbes Jahr blieb und dann wieder als Hauptmann von Walter zurück⸗ kehrte. Einige Zeit darauf erhielt er von dem Prinzen, den er begleitet, ein hübſches Gut zum Geſchenk, ſchön gelegen am Mittel⸗ rhein, das er zeitweiſe beſuchte, aber immer wieder als Haupt⸗ mann zurückkam. Kameraden, die weit hinter ihm waren, rückten über ihn hinaus, ja der Herr General v. R., unſer Feſtungs⸗ kommandant, war in damaliger Zeit ſein vorgeſetzter Major und hat, wie die Herren ſagen, doch eine ſehr langſame Carriere gemacht.“ 3 „Und aus welchem Grunde will er nicht avanciren,“ fragte ich erſtaunt, oder nicht nach der Reſidenz zurückkehren, was doch der Wunſch jedes Offiziers iſt?“ Feuerwerker Wortmann. „Wie geſagt, genau weiß man das nicht. Nur ſoviel iſt ſicher, daß er die Citadelle, in welcher er wohnt, mit ihren Wällen und Gräben über Alles liebt und daß er jede Beförderung von der Hand gewieſen hat, um nur dort bleiben zu können. Daß er aber nicht verſetzt wird, darum hat er Seine Majeſtät ſelbſt ge⸗ beten, und Allerhöchſtdieſelben haben ihm das lachend zugeſagt. Ich ſelbſt hörte es, als ich, es ſind nun beinahe fünfzehn Jahre, Ordonnanzunteroffizier war und mit in der Suite ritt.“ Dieß ſagte der Gensdarm äußerſt wichtig, worauf er einen tüchtigen Zug aus ſeinem Glaſe that. „Und die Compagnie iſt in gutem Zuſtande?“ fragte ich einigermaßen ſchüchtern. 3„Die Compagnie?“ rief der Gensdarm wie im Ton der Ueberraſchung,„das ſollten ſie doch wiſſen, iſt die beſte ſämmt⸗ licher Brigaden, und ich ſage Ihnen, Sie haben ein Glück, dar⸗ um Sie ein alter Feuerwerker der Garde beneiden wird. Donner⸗ wetter auch! ich ziehe heute meinen Rock aus und trete da wie⸗ der als Unteroffizier ein. Sie müſſen wiſſen, daß der Hauptmann von Walter bis oben hinauf merkmürdige Verbindungen hat.“ „Das habe ich ſchon gehört,“ erwiederte ich geſpannt. „Daß man ihm über alle Maßen wohl will; und dieſe⸗ Protektion benützt er dazu, um ſich aus allen Batterien die tüchtigſten Leute zu ſeiner Compagnie kommandiren zu laſſen. Ich i will Ihnen kein Compliment machen, aber daß er Sie zum Feuer⸗ ⸗ werker annimmt, das hat mir, unter uns geſagt, einen ganz donnermäßigen Reſpekt vor Ihnen beigebracht.“ Ich wehrte dieſes Compliment, denn ein ſolches war es, 8 ſo gut als möglich von mir ab, indem ich verſicherte, was 1 er da geſagt, mache mich wahrhaft ängſtlich und ich wüßte nicht, 166 Feuerwerker Wortmann. ob ich die Erwartungen meines neuen Chefs zu erfüllen im Stande ſei. „Dabei hat er ſeine kleinen Liebhabereien,“ fuhr der Gens⸗ darm fort. „Die Blumenzucht und Gärtnerei,“ fiel ich ihm in die Rede. „Das iſt's,“ ſagte er,„und Sie werden ſich wundern, wenn Sie in die Citadelle kommen, wie es da ausſieht. Da iſt’s außerordentlich ſchön, und ich kann Sie verſichern, daß Leute von nah und fern kommen, um die alten Wälle und Gräben zu ſehen. Nebenbei führen die Leute der Compagnie ein Leben wie Gott in Frankreich, und die Menage, die ſie machen, iſt beſſer als anderswo eine Offizierstafel. Ja, dabei möchte ich auch ſein.— Na, Sie werden ſchon ſehen. Hat doch der Gemeinenda unten in der Citadelle jeden Tag Suppe, Gemüſe und Fleiſch und noch ein Nachteſſen obendrein. Es iſt wie eine große Familie, oder wie ein Landgut, wo Alles aus eigenem Intereſſe zu arbeiten ſcheint. Wenn die Kerle da unten ausgedient haben und ſie dür⸗ fen nach Hauſe gehen, da ſoll mich der Teufel holen, wenn ein Einziger lacht. Nein, flennen thun ſie, daß ſie der Bock ſtößt, wenn ſie über die Zugbrücke hinausgehen; und wenn der Haupt⸗. mann von Walter unter den Gemeinen Kapitulanten haben wollte, da beſtände die ganze Compagnie aus ſolchen.“ So erzählte mir der Gensdarm, und ich muß geſtehen, daß ich ſehr erfreut war, ein ſolches Glück getroffen zu haben. Wir tranken unſere Gläſer aus, worauf mich der Gensdarm verließ, da er, wie er ſagte, in der Nachbarſchaft noch ein nothwendiges Geſchäft habe. Wir trennten uns mit dem Wunſche auf baldiges Wiederſehen und ich ſchritt luſtig und wohlgemuth zur Ebene hinab. Es war mir ſo unbeſchreiblich leicht und angenehm zu —— . Feuerwerker Wortmann. Muth, ich fühlte, daß ich mit jedem Schritte einer glücklichen Zukunft entgegenging und als ich endlich drunten freilich noch in weiter Ferne, zwiſchen Baumreihen und den langen grünen Wall⸗ linien den ſpitzen Thurm der Feſtung auftauchen ſah, war mir gerade zu Muthe, als ſei ich da unten ſchon ſehr gut bekannt, ja, als ſchreite ich meiner Heimath entgegen. Es dunkelte bereits, als ich das Glacis erreichte. Der Po⸗ ſten am Thor wies mich in die Wachſtube zum kommandirenden Infanterie⸗Offizier, der meine Papiere durchſah und mir freundlich ſagte, ich ſcheine ihm ein ſehr junger Feuerwerker zu ſein und daß ich trotzdem in die Citadelle kommandirt wäre, dazu könne er mir nur gratuliren. Die Straßen des Städtchens, welche ich durchſchritt, lagen allerdings ſehr ſtill und öde. Nur hie und da brannte eine ärmliche Oellaterne, und wenn der Ort nicht ſo gar klein geweſen wäre, ſo hätte es mir große Mühe gemacht, die Citadelle zu finden. So aber kam ich nach kurzer Zeit auf einen mit Bäumen beflanzten Exercierplatz, an den das Glacis der Citadelle ſtieß. Der kommandirende Unteroffizier am Thor empfing mich freundlich und betrachtete mich ebenfalls erſtaunt, ſchien aber ſchon von meiner Ankunft zu wiſſen und gab mir einen Kanonier mit, der mich durch den Hof in meine Wohnung führen ſollte. Hier in der Citadelle war ſchon eine beſſere Be⸗ leuchtung, wie draußen in der Stadt; hell ſchimmerten die Lichter hinter den blankgeputzten Laternenſcheiben hervor und beleuchteten den Hof recht freundlich. Bei dieſer Helle ſah ich, daß verſchie⸗ dene Kanoniere auf Bänken im Hofe ſaßen und ſich rauchend und plaudernd der warmen Nachtluft freuten; in einer Ecke ſtanden zwei mit friſchem Heu hochbeladene Leiterwagen, die herrlich duf⸗ teten. Aus einem erleuchteten Zimmer zu ebener Erde ſchallten A₰ ℳ 468 Feuerwerker Wortmann. Guitarrenklänge und Geſang hervor; die maſſiven Steintreppen, welche ich, meinem Führer folgend, hinanſchritt, waren bis zur Uebertreibung ſauber und ebenfalls hell beleuchtet; oben kamen wir an einen Corridor, der nicht die Spur von der gewöhnlichen Kaſernenluft enthielt. Die weiten Fenſter ſtanden offen und ließen eine würzige Luft einſtrömen. Auch hier dieſelbe Ordnung und Reinlichkeit wie überall, die Thüren mit ſauberen Täfelchen ver⸗ ſehen, worauf Inſchriften und Nummern mit wahrer Kunſt gemalt erſchienen; dazu die helle ſtrahlenden Laternen, der Fußboden friſch weiß geputzt, nirgends Lärm und Spektakel; man hätte glauben können, in einem Gaſthofe zu ſein. Die letzte Thür war ddie zu meinem Zimmer. Der Kanonier nahm den Schlüſſel, der an der Seite hing, und ſchloß auf. Es war ein rundes Zimmer, in welches ich eintrat, ein Thurmgemach, freundlich geweißt und mit Möbeln verſehen, die, wenn gleich im Kaſernengeſchmack, doch ſo untadelhaft und reinlich waren, daß man ſich beim erſten Be⸗ ſchauen ſchon außerordentlich heimiſch hier fühlte. Es fehlte gar nichts. Das Bett war friſch und reinlich überzogen, der Waſchtiſch mit dem Nöthigen verſehen und mein kleiner Koffer, den ich vor⸗ ausgeſchickt hatte, ſtand ebenfalls ſchon da. Auch zeigte mir der Kanonier ein verſchloſſenes Gelaß in der dicken Mauer, wo ich meine Kleider aufheben könnte; dann entfernte er ſich und ließ mich allein. 4 Ich trat an das Fenſter und ſchaute in die ſtille Nacht hin⸗ aus. So viel ich draußen in der Dunkelheit ſehen konnte, ging der Thurm, in welchem ich mich befand, in einen Graben und gegenüber mußte ein Wallgang oder eine Baſtion ſein. Auch war es mir, als vernehme ich das Plätſchern eines Springbrunnens. Nach einer kleinen Weile öffnete ſich meine Thür wieder Feuerwerker Wortmann. und ein anderer Kanonier, der eintrat, meldete mir, daß er als mein Burſche kommandirt ſei und brachte mir zu gleicher Zeit ein kleines Nachteſſen, beſtehend in einer Gerſtenſuppe, ſowie Salat und Wurſt. Da ich trotz dem Berichte des Gensdarmen einiger⸗ maßen überraſcht, ihm daſſelbe zahlen wollte, entgegnete er mir, das gehöre zur Menage, an der ich auch wohl Theil nehmen würde. Wenn ich aber Bier oder Wein wünſche, ſo müſſe ich das natürlicher Weiſe ſelbſt bezahlen. Ich dankte ihm und da ich weiter nichts nothwendig hatte, ſo entließ ich meinen neuen Bur⸗ ſchen, verzehrte mein Nachteſſen und legte mich, da ich ſehr müde war, zu Bette; konnte aber nicht augenblicklich einſchlafen, die Erzählung meines Begleiters von heute Nachmittag beſchäftigte mich, denn ſie ſchien ſich, ſo wunderbar ſie mir auch geklungen, nach allem dem, was ich bis jetzt geſehen, beſtätigen zu wollen. Neuntes Kapitel. Eine Muſterbatterie.— Sch ſehe Exercierbaſtionen und Gemüſegärten, Feſtungsgräben und Kuhſtälle und mache ein vortreffliches militäriſches Diner. Am andern Morgen in der Frühe weckte mich die Reveille aus feſtem Schlafe und wenn auch bald darauf ein Bischen mehr Leben in den Gängen herrſchte, als geſtern Abend, ſo war doch immer noch ein großer Unterſchied zwiſchen dem Leben hier und dem einer gewöhnlichen Kaſerne.. Eine lachende Sonne ſchien mir ins Fenſter und als ich aufgeſtanden war, und daſſelbe öffnete, ſah ich mit Entzücken in die weite Ebene vor mir, über welche die Thürme und Wälle der Feuerwerker Wortmann. Feſtung etwas erhöht lagen. Dicht unter meinem Fenſter befand ſich ein breiter Feſtungsgraben mit einem ſchmalen Graben voll klaren Waſſers, den man Diamant nannte. Rechts und links vor demſelben war ein zierlich angelegter Gemüſegarten und unten ſah ich ein Paar Mann mit grauen Zwilchkitteln beſchäftigt, welche friſch gepflanzten Kohl ſowie hervorſprießende Gurken und Salat begoßen. Hinter dieſem Graben erhob ſich eine breite Baſtion, auf welcher die Wallgeſchütze ſtanden, die zum Exercieren benützt wurden. Auch da die größte Ordnung und Sauberkeit. Die eiſer⸗ nen Geſchütze waren glänzend ſchwarz und die von Bronze ſo ſauber geputzt, als ob ſie eben aus der Gießerei kämen. Untadel⸗ haft ſtanden die Laffetten vor ihren Keilen, alles Holz und Eiſen⸗ werk mit verſchiedenen Farben ſauber angeſtrichen, ebenſo die klei⸗ nen bedeckten Ständer, auf welchen die Wiſchkolben und Hebe⸗ bäume lagen. Die Bruſtwehren und Traverſen waren mit nied⸗ rigem, ſaftig grünem Raſen geſchmückt, der ausſah, als ob er häufig geſchoren würde. Von ihm ſtachen die hellen Holzbettungen ſowie der Fußboden des Platzes von gelbem Sand auſ's Freund⸗ lichſte ab, und alle Kugelhaufen, die ſich zwiſchen den Geſchützen erhoben, waren ſo ſymmetriſch aufgeſtellt, daß man überall nur ſcharfe, gerade Linien zu ſehen vermeinte. Dazu waren die Ge⸗ ſchoſſe blank geputzt, und an jedem Haufen war auf einer der glänzend ſchwarzen Kugeln, Kaliber und Anzahl mit weißer Farbe bezeichnet.„ Nachdem ich meinen Koffer ausgepackt, und die Sachen in der Mauervertiefung aufbewahrt, kleidete ich mich ſo pünktlich als immer möglich an, um in der allgemeinen Ordnung, die hier überall herrſchte, nicht unvortheilhaft abzuſtehen; und ließ mich darauf von meinem Burſchen zum Feldwebel führen, um mich Feuerwerker Wortmann. 171 dort als angekommen zu melden. Der Feldwebel war ein ält⸗ licher, ernſter, aber wohlwollend ausſehender Mann, der die letz⸗ ten Feldzüge mitgemacht hatte, was man an den Paar Medaillen ſah, die er auf der ſaubern Uniform trug. Er ſagte mir mit eein Paar Worten, er freue ſich, mich kennen zu lernen, und wie er hoffe, werde dieſe Freude keine vergebliche ſein. Darauf ſteckte er ſeinen Degen in's Bandelier und nahm ſeine Dienſtmütze, ſowie die unentbehrliche Brieſtaſche, ohne welche ſich ein Feld⸗ webel nie öffentlich ſehen läßt. Dann gingen wir auf das Zim⸗ mer, in welchem die Corporalſchaft lag, die mir zugetheilt worden. Das Innere dieſer Kaſernenzimmer war ebenſo freundlich und reinlich wie alles Uebrige, die Wände ſchienen erſt geſtern ge⸗ weißt zu ſein, oben unter der Decke hin befand ſich ſogar etwas Malerei. Da ſah man eine Guirlande von feuerſpeienden Gra⸗ naten, die durch ebenfalls gemalte ſechspfündige Kugeln mit ein⸗ ander verbunden waren. Der Fußboden war blendend weiß geſcheuert, die Waffengerüſte mit einer Eichenholzfarbe angeſtrichen und an jedem hing ein zierliches Täfelchen, woran der Name des betreffenden Kanoniers zu leſen war. Das Lederzeug war von einer wirklich rührenden Reinheit und die Meſſingverzierungen glänzten, als ſeien ſie friſch vergoldet. Der Feldwebel ſtellte mir meine Leute einzeln vor, ſowohl nach dem Namen als auch nach dem Gewerbe, welches ſie früher betrieben, und dieß ſowie die beigefügten Bemerkungen des Feldwebels ließ mich einen weitern Blick thun in die eigenthümliche Organiſation dieſer höchſt merkwürdigen Feſtungskompagnie. Die meiſten der Leute meiner Korporalſchaft, es waren ihrer im Ganzen vierundzwanzig, waren Bauernſöhne und Taglöhner, welche in Feld und Garten gearbeitet; drei waren Gärtnergehül⸗ 172 Feuerwerker Wortmann. fen, zwei Feldmaurer, zwei Anſtreicher, einer Blecharbeiter und ein Anderer ſehr geſchickt in Anfertigung künſtlicher Drahtarbeiten. So war denn in meiner Korporalſchaft eine förmliche Gärtnerei vertreten und dazu ſahen die Burſche ſo freundlich, willig und wohlgemuth aus, daß mir das Herz im Leibe lachte, wenn ich mir dachte, mit dieſen Kräften in einem tüchtigen Garten arbei⸗ ten zu dürfen. So viel ich bemerken konnte, mißfiel ich den Leuten ebenfalls nicht, nur als ſich die Thüre hinter uns ſchloß, hörte ich Einen ſagen:„Verdammt jung ſieht der Feuerwerker aus.“ Der Feldwebel war ſo freundlich, nach dem Beſuche meiner Korporalſchaft mich auch zu den übrigen zu begleiten, und mich dort mit meinen Kameraden bekannt zu machen. Der zweite Feuerwerker war ein kräftiger unterſetzter Mann, vielleicht zehn Jahre älter als ich, der eine ebenſo ſtarke Korpo⸗ ralſchaft kommandirte, und beſtand dieſe aus Leuten, die mit Pferden und Vieh umzugehen wußten, auch die Ackerwirthſchaft verſtanden, namentlich aber aus allen möglichen Handwerkern. Die Korporalſchaften der übrigen Unteroffiziere waren kleiner und nicht auf ſo eigenthümliche Art zuſammengeſetzt; doch waren auch hier die Leute ausgeſucht, man ſah keinen mit nachläſſiger Hal⸗ tung, und ein Schmierfinke war, glaub' ich, in der ganzen Bat⸗ terie nicht zu finden. Ein ſchmutziger Kerl konnte aber hier unmöglich gedeihen, denn wo man hinſah, überall war das Bild der Ordnung und Reinlichkeit. Hatte doch ſogar jedes Zimmer ſeine Spucknäpfe, die mit weißem Sand gefüllt waren, und war ich doch Zeuge, wie mein Kamerad Feuerwerker einen Bombardier anließ, der aus ſeiner Pfeife abſichtlos etwas Aſche auf den Boden niederſtreute. 8 Nachdem wir ſämmtliche Zimmer der Kaſerne durchwandert 5 —. Feuerwerker Wortmann. ſagte mir der Feldwebel lächelnd:„Jetzt haben Sie unſere mi⸗ litäriſchen Einrichtungen geſehen und werden zugeben müſſen, daß Sie Alles bei uns in keinem ſchlechtern Zuſtande angetroffen⸗ haben, als bei irgend einer andern Kompagnie. Wie ich mir denken kann,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher er freundlichſt meine Ausbrüche des Entzückens über alles Geſehene anhörte,„haben Sie aber auch ſchon erfahren, daß unſer hoch⸗ verehrter Chef, der Herr Hauptmann von Walter, mit dem Nütz⸗ lichen das Angenehme zu verbinden pflegt, und werde ich Ihnen nun auf Befehl des Herrn Hauptmanns jene Seite der Com⸗ pagnie und der Citadelle zeigen, welche man vielleicht unmilitä⸗ riſch nennen könnte, auf die wir aber,“ ſetzte er mit erhobenem Kopfe hinzu,„alle Urſache haben, ſtolz zu ſein und auch wirk⸗ lich ſind. Ehe wir aber unſern Gang antreten, werde ich mich meiner Brieftaſche und meines Degens entledigen; denn ſtatt der kriegeriſchen haben wir es nun mit lauter friedlichen Anſtalten⸗ zu thun.“ Dicht bei meinem Zimmer ſtiegen wir eine Wendeltreppe hinab und traten unten aus dem Thurme in den Graben, den ich heute Morgen ſchon geſehen. Das war nun in der That. ein förmlich und gut angelegter Garten; und wie wir weiter. und immer weiter um die innere Ringmauer ſchritten, ſchloß ſich ein Gemüſebeet an das andere; alle Pflanzen auf denſelben mit⸗ militäriſcher Genauigkeit geſetzt, es war eine Freude wie genau Kohl und Erbſen gerichtet waren. An den Mauern, die aus dem. Graben aufwärts führten und den warmen Strahlen der Sonne zugänglich waren, ſtanden die herrlichſten Aprikoſen⸗ und Pfirſich⸗ ſpaliere. Die breiten Gänge, die hinan zu den Baſtionen und Wällen führten, waren auf beiden Seiten mit Zwergbäumen der 174 Feuerwerker Wortmann. edelſten Obſtſorten bepflanzt und dieſe waren mit einer Pünkt⸗ lichkeit zu Pyramiden ausgebrochen, daß man nichts Gleicheres und Schöneres ſehen konnte. Als wir die Citadelle faſt um⸗ ſchritten hatten, ſtiegen wir von der andern Seite auf die Exer⸗ cierbaſtion vor meinem Fenſter, traten an die Brüſtung und dort ließ mich der Feldwebel einen Blick auf das Glacis thun,“ welches ſtatt einfach mit Birken und Eſchen angepflanzt zu ſein, einem kleinen zierlichen Parke ähnlich ſah, durch welchen Wege von hellgelbem Sande liefen, hübſche Laubparthieen umgebend, aus denen die vielfarbigſten Blüthen hervorglänzten. Ueber das Glacis hinaus, auf der Seite, wo wir uns befanden, ſah ich eine Menge unſerer Kanoniere in grauen Zwilchkitteln auf einem anſtoßenden großen Felde beſchäftigt. Dort häufelten ſie Kartof⸗ feln und banden Erbſen an kleine Pfähle.„Das iſt unſere Kornkammer,“ ſagte der Feldwebel,„und zu ihr gehört noch jenes große Getreideſtück bis an die Chauſſée; die Sie dort ſehen.“ „Das iſt ja eine wunderbare Landwirthſchaft!“ rief ich aus, worauf mir der Feldwebel entgegnete:„Ja, mit Kräften, wie wir ſie haben, läßt ſich unter tüchtiger Leitung ſchon was er⸗ reichen.“ Hinter der Exercierbaſtion lag eine Lunette, mit weiten kaſemattirten Räumen, zu welchen wir nun hinabſtiegen. Dort befand ſich eine herrliche Stallung mit zwanzig Stücken Vieh, ſowie ſechs prächtige Ackerpferde und hier regierte mein College, der andere Feuerwerker. Es war eine Luſt, zu ſehen, mit welchem Stolz und welchem Wohlgefallen er zwiſchen den glänzenden blank⸗ geputzten Thieren umherſpazierte. Hier war aber auch jede Kuh geſtriegelt und geputzt, wie ein herrſchaftliches Pferd im beſten ——— Feuerwerker Wortmann. 175 Stalle, und unter Lachen und Scherzen thaten die Leute ihren Dienſt. Auf der andern Seite der Lunette befand ſich ein Back⸗ ofen, wo von dem Getreide, das draußen wuchs, ein vortreffliches und feineres Zulagebrod für die Kompagnie gebacken wurde. „Rathen Sie einmal,“ ſagte mein Führer, der Feldwebel, mit einem eigenthümlichen Lächeln,„zu was dieſer Raum früher benützt wurde?“ Das konnte ich begreiflicher Weiſe nicht wiſſen, und ſtatt in’s Blaue hinein zu rathen, ſah ich ihn fragend an.. „Hier war früher das Arreſtlokal,“ belehrte mich der Feld⸗ webel, wobei er den Kopf ſehr hoch hob und mich ſtolz anblickte. „Ja das Arreſtlokal, jetzt iſt es Backſtube und Backofen.“ „Und wohin iſt jetzt das Arreſtlokal verlegt?“ fragte ich ſchüchtern, obgleich ich die Antwort ahnete, die er mir geben würde. „Wir haben keins mehr,“ entgegnete er mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Lächeln;„ſeit ſechs Jahren hat der Herr Hauptmann nicht nöthig gehabt, einen Arreſt zu dictiren, ja nicht einmal eine Strafwache.“ „Und es kommen alſo gar keine Unordnungen, kein Ver⸗ gehen und dergleichen vor?“ fragte ich mehr und mehr über⸗ raſcht, worauf mir der Feldwebel entgegnete: 3 „Das will ich gerade nicht behaupten; aber wenn derglei⸗ chen vorfällt, ſo machen das die Korporalſchaftführer, beſonders aber die Kameraden unter ſich aus.“ Im Weitergehen erzählte er mir noch Einiges von der Organiſation dieſer höchſt eigenthümlichen Kompagnie, und gab zu, daß im Allgemeinen und Großen ein ſolcher Zuſtand nicht durchzuführen ſei.„Dem Herrn Hauptmann von Walter,“ ſagte 176 Feuerwerker Wortmann. er,„dem man höheren Ortes ſehr wohl will, wurde es geſtattet, dieſe ſeine Idee zur Ausführung zu bringen. Ja man unter⸗ ſtützte ihn, indem man ihn hier auf der alten Citadelle beläßt, ein Poſten, der früher von ſeinen Herren Kameraden nicht geſucht war. Auch wird es ihm leicht, ſich überall her gute Leute kom⸗ mandiren zu laſſen, ſowie ein wirklich unverbeſſerliches Subject auch bei uns nie lange aushält, ſondern meiſtens zu einer ſehr ſcharfen Kompagnie geſchafft wird. Inſpicirt werden wir wohl mehr, als jede andere Kompagnie,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„und daran iſt, unter uns geſagt, ebenſo gut die Neugierde der höhe⸗ ren Herrn Offiziere ſchuld, als auch der Gedanke, bei der Bauern⸗ kompagnie, wie ſie uns häufig zu nennen beliebten, das Militä⸗ riſche ſehr vernachläſſigt zu finden. Aber dem iſt nicht ſo, das kann ich Sie verſichern. Was Propreté und Dienſt anbelangt, da kann unſer letzter Kanonier ein Muſter für jede Batterie ab⸗ geben. Anfänglich hat es dem Herrn Hauptmann wohl Mühe gekoſtet, die Sache in Gang zu bringen, es wird Sie gewiß intereſſiren,“ unterbrach er ſich ſelber, wobei er mich fragend an⸗ ſah,„das in ein paar Worten zu vernehmen.“ „Dafür bin ich Ihnen auf's Höchſte dankbar„“ erwiederte ich, und ſo fuhr denn der Feldwebel fort: „Weßhalb ſich der Herr Hauptmann von Walter hieher zurückzog, das wiſſen wir nicht, thut auch nichts zur Sache. Genug, er war ein großer Garten⸗ und Blumenfreund, und als er das Kommandanturhaus hier übernahm, mit einem verwilder⸗ ten Fleck Erde, den man Garten nannte, da ging er mit einer wahren Luſt an's Geſchäft und hatte in kurzer Zeit ſchon ſehr viel ſauber gemacht. Nun war dazumal die Kompagnie in einem nicht minder verwahrlosten Zuſtande, als der Garten; und da 4 Feuerwerker Wortmann. 177 1 aufzuputzen und zu ſäubern war ſchon ſchwerer. Doch ging auch das gut von Statten und ſchon nach einem Jahre kannte der inſpicirende Oberſt die Feſtungskompagnie gar nicht wieder. An⸗ fänglich aber war Kompagnie und Gärtnerei ſcharf getrennt und was hier oben gearbeitet wurde, geſchah durch Taglöhner aus der Stadt. Nun wiſſen Sie aber ſelbſt aus Erfahrung, daß die Kanoniere, wenn ſie ihre Zeit eintheilen und fleißig ſind, eine Menge Freiſtunden haben. Da ſtanden ſie nun in dieſen auf der Exercierbaſtion und ſchauten nach dem Garten des Herrn Hauptmanns herüber, wie aber Alles ſo ſchön grünte und blühte, und Manche, die ſich zu Hauſe auch mit Feld und Pflanzen abgegeben, baten um Erlaub⸗ niß, ein Bischen helfen zu dürfen. Das wurde aber nur den ordentlichſten Leuten zugeſtanden, und da dieſe ſtolz darauf waren, ſo meldeten ſich nach und nach immer mehr und gaben ſich auch Mühe, durch Pünktlichkeit im Dienſt die Erlaubniß zu erhalten, mit in dem Garten arbeiten zu dürfen. Nach und nach dehnte ſich dieß auch auf die Glacis aus und wurde dort der kleine Park angelegt, den Sie geſehen, dann ging es an die Feſtungs⸗ gräben, und als da erſt einmal Kartoffel, Kraut und Salat wuchſen, Alles zum Beſten der Menage, da hätten Sie einmal ſehen ſollen, mit welchen Rieſenſchritten ſich die Landwirthſchaft vergrößerte. Da ſchaffte der Herr Hauptmann aus eigenen Mit⸗ teln Kühe an und der Ertrag war wieder für die Kompagnie, und vom Ueberſchuß, der ſich bald ergab, nahm er draußen die Felder in Pacht, die Sie geſehen. Freilich ſind das nur zehn Morgen, aber bei dem Eifer und dem guten Willen der Mann⸗ ſchaft könnten wir ein paar hundert Morgen bearbeiten. Ja, wir könnten einen Ertrag erzielen, wie das größte Herrſchaftsgut. Hackländer, Kr. u. Fr. I.. 12 178 Feuerwerker Wortmann. Einer der Leute will dem Andern nicht zurückſtehen und ſo ſpornt Einer den Andern an. Ich verſichere Sie, wir haben Bauern⸗ ſöhne, die ſich zu Hauſe zu gut dünken und zu vornehm, um einen Wagen auf's Feld zu führen, und die hier bei uns im Stalle arbeiten, wie zu Hauſe ihre letzte Viehmagd.“ „Und Freiwillige haben Sie nicht?“ fragte ich. „O ja,“ erwiederte der Feldwebel.„Wir haben ſogar viele Freiwillige; nur keine von denen, die man mit dem Namen Of⸗ fizierspflanzen belegt. Unſere Freiwilligen ſind Handwerker, die wir brauchen können, meiſtens aber Bauernſöhne und Gärtner⸗ burſchen, und wenn wir Alle nehmen wollten, die ſich melden, ſo könnte die Kompagnie viermal ſo ſtark ſein. Der Herr Haupt⸗ mann iſt darauf bedacht, alle neuen praktiſchen Erfindungen, die Landwirthſchaft betreffend, hier bei uns einzuführen. Daraus lernen die Leute nun viel Gutes, was ſie zu Hauſe bei ihrer eigenen Wirthſchaft nun wieder mit großem Nutzen anwenden.“ Unter dieſen Geſprächen waren wir durch die Gräben ver⸗ ſchiedener Lunetten und Baſtionen um die kleine Feſtung herum⸗ gewandelt und faſt wieder an dem Thurme angekommen, wo ich meine Wohnung hatte. Ehe wir ihn aber erreichten, zeigte mir der Feldwebel ein weiß angeſtrichenes Gitterthor auf der Höhe einer Rampe, an der wir hinaufſtiegen, um hier in einen der reizendſten Blumengärten zu ſchauen, den ich in meinem ganzen Leben geſehen. Hier duftete und blühte es wunderbar. Die reinlichen Wege waren mit faſt weißem Sand beſtreut und um⸗ gaben die friſcheſten Raſenplätze oder Rabatten und Blumenkörbe, in denen die ſeltenſten Pflanzen ſtanden. Hie und da erhoben ſich kleine Gruppen von Orangen und Granaten in weißange⸗ ſtrichenen Kübeln, namentlich in der Nähe des kleinen Hauſes, Feuerwerker Wortmann. welches in dieſem weitläuftigen Vorwerke lag und des Herrn Hauptmann von Walter war. „Da dürfen wir jetzt nicht hinein,“ ſagte mein Führer, „das wird Ihnen der Herr Hauptmann ſelbſt zeigen. Und ſo⸗ mit haben wir unſern Spaziergang beendigt.“ Als wir zurückgingen, dankte ich ihm auf's Freundlichſte für alles Schöne, was er mir gezeigt, ja ich war recht gerührt darüber und ließ auch mit einfließen, wie ſehr ich mich beſtreben würde, ein tüchtiges und würdiges Mitglied der Kompagnie zu werden, worauf er mir lachend erwiederte: er hoffe das ſelbſt und ich hätte alle Urſache mich anzuſtrengen, denn es ſei eigent⸗ lich etwas Seltenes, ſo jung ſchon Feuerwerker zu werden, aber ganz unerhört, in meinen Jahren Feuerwerker bei der Feſtungs⸗ kompagnie in J. zu ſein. Das ſah ich denn auch wohl ſelbſt ein und man kann ſich denken, mit welch guten Vorſätzen ich in mein Thurmgemach hinaufſtieg, ebenſo aber, daß ich eine Stunde nachher mit wahrem Herzklopfen zum Appell hinabſtieg. Hier ſah ich nun die ganze Kompagnie verſammelt und im Anzug, in der Haltung, ſowie in den zufriedenen, wohlgenährten Geſichtern jedes einzelnen Kanoniers machte ſie auf mich den⸗ ſelben guten Eindruck, wie die einzelnen Korporalſchaften, die ich⸗ geſehen. Der Premierlieutenant, den ich ja ſchon von meiner Wache her kannte, befand ſich vor der Fronte, ernſt, faſt finſter, wie er gewöhnlich war. Er nahm die Meldung, daß ich da ſei, mit⸗ einem ſteifen Kopfnicken auf und verwies mich an die beiden Secondelieutenants, zwei noch ziemlich junge Leute, die, als ich mich ihnen vorſtellte, auch nicht anders thaten, als die Hand für einen Augenblick an ihre Dienſtmütze zu legen. Obgleich dieſer Feuerwerker Wortmann. Empfang nicht geradezu unfreundlich war, ſo bemerkte ich doch, daß man gegen mich zurückhaltend war, was ich auch Niemanden verdenken konnte. Man mußte ja erſt ſehen, wie ich, ein ſo junger Menſch, mich in der neuen ziemlich wichtigen Stellung benehmen würde. Nach dem Verleſen der Kompagnie erſchien der Hauptmann. Er war mit dem Feldwebel draußen bei der Parade geweſen und brachte den Kommandanturbefehl über Wachen und dergleichen, die wir zu ſtellen hatten. Dann wurde das Exercieren für mor⸗ gen geordnet, überhaupt nur ſtreng militäriſche Befehle gegeben und dann trat die Kompagnie auseinander. Mir winkte der Hauptmann auf die Seite und als ich vor ihm ſtand, betrachtete er mich lächelnd von oben bis unten und ſagte:„Ich hoffe, daß ich mich nicht in Ihnen geirrt habe.“ Meine ehrerbietigen und eifrigen Verſprechungen, ſowie die Hoffnung, die ich ausſprach, daß er gewiß nie bereuen ſolle, mich zu ſeiner Kompagnie ge⸗. zogen und damit zum glücklichſten Menſchen gemacht zu haben, nahm er freundlich auf und beſtellte mich um drei Uhr in ſeine Wohnung, um mir dort Einiges zu zeigen, was mich intereſſiren 4 würde. Ich konnte die Zeit bis dahin kaum erwarten, doch hatte ich auch noch mein erſtes Kompagniediner mitzumachen, auf das ich ebenfalls ſehr geſpannt war. Um zwölf Uhr rief uns das Hornſignal in einen untern Raum neben der Küche, wo ſich drei große Tafeln befanden, die ſogar mit weißen Tiſchtüchern bedeckt waren. Che ich in dieſen Speiſeſaal trat, konnte ich mich nicht enthalten, durch die Küche zu gehen und den Contraſt zu be⸗ wundern, den ich hier im Vergleich mit andern derartigen An⸗ ſtalten fand. Einer der bärbeißigſten Unteroffiziere von der Bat⸗ Feuerwerker Wortmann. 181 terie hatte hier die Aufſicht und machte es nicht, wie es gewöhn⸗ lich mit dergleichen Beaufſichtigungen geht, wo ſich der Betreffende nicht darum bekümmert, ſondern während des Anrichtens befand er ſich an einem Nebentiſche und trug dort in ein Buch ein, was verabreicht wurde oder wer von der Mannſchaft nicht da war, um ſo im Stande zu ſein, den Fehlenden auch draußen auf der Wache, oder wo ſie gerade waren, das Gehörige zukommen zu laſſen Die Geräthſchaften in der Küche waren blank und ſauber geputzt, und ſtatt daß bei meiner früheren Compagnie ein paar der unordentlichſten Kerle zu Küchenkalfaktern kommandirt waren, deren ſchmierige Uniformen Einem von vornherein allen Appetit benahmen, arbeiteten hier ein paar reinliche Leute in den ſauberen bekannten Zwilchtitterln. Dazu war das Eſſen vortrefflich, obgleich es nur im irdenen Geſchirr aufgetragen wurde; wir hatten eine gute Gerſtenſuppe mit einem großen Stücke kräftigen Rindfleiſches, das aber ſpäter zu Gemüſe und Kartoffeln gegeſſen wurde; und welche Portionen waren von Allem vorhanden und wie war Alles zubereitet! Das Brod war das gewöhnliche, wie es geliefert wurde, denn das Zulagebrod wurde Morgens zum Kaffee gegeben, ſowie Nachmittags zum Veſpern. An den beiden langen Tafeln ſaßen die Kanoniere, an jeder unten die Bombardiere, oben an der Seite die Unteroffiziere, und vor den Tiſchen hatte an einem mein Kamerad Feuerwerker ſeinen Platz, ich an dem andern. Den Leuten ſchmeckte es prächtig, doch was ich ſchon auf dem Corridor und in den Zimmern bemerkt, auch hier war kein Lärmen zu hören, Geſchrei oder Lachen, wie ſonſt wohl in den militäriſchen Speiſeſälen. * Feuerwerker Wortmann. Zehntes Kapitel. Ich ſehe den Garten des Herrn Hauptmanns, exerciere vortrefflich und darf Zlumenſträuße binden. Da ich aber etwas lernen will, komme ich in ſchlimmen Verdacht. Vor drei Uhr trat ich meine Wanderung zum auſe und Garten des Herrn Hauptmanns an; an dem weißen Gitterthor hing eine Glocke, die ich in Bewegung ſetzte, worauf ein Dienſt⸗ mädchen über den weißen Sandweg daher kam, um mir zu öffnen. Es erfaßte mich damals ein eigenes Gefühl, als ich zum Erſten⸗ mal durch jene Pforte trat. War es die Stille, der unbeſchreib⸗ liche Frieden, der auf dieſem reizenden Blumengarten lag, oder war es ein Vorgefühl, daß es mir hier ſehr gut gehen würde, ſoviel iſt gewiß, mein Herz ſchlug ängſtlich und bewegt, ich hielt den Athem an und wandelte leiſe auf den Fußſpitzen, als fürch⸗ tete ich, die zierlichen Blumen zu erſchrecken. Das Dienſtmädchen wies mich nach rechts, wo ich den Herrn Hauptmann bei einem Beete von Roſenwildlingen ſtehen ſah, die er ſelbſt an Stämme band und das wilde Laub ausputzte, um die kräftigſten Zweige zum Oculiren herzurichten. Er hatte einen leichten weißen Sommerrock an und rief mir ſchon von Weitem freundlich entgegen:„Hier ſollen Sie morgen Ihr Probe⸗ und Meiſterſtück machen. Ich erwarte heute Abend noch eine Menge koſtbarer Roſenzweige und davon können Sie morgen früh hier Augen nach Herzensluſt einſetzen.“ Er hatte an jeden Stab ein hölzernes Täfelchen gebunden und darauf die Namen der Roſen bemerkt, mit welchen er die Wildlinge veredelt haben wollte. Im Vorübergehen zeigte er mir auch, wo die vorräthigen Etiquetten lagen, ſowie weicher, feiner Baſt zum Ueberbinden. Dann gingen 1 —— dem Waſſergraben ein Haus für Orchideen gebaut war, denen Feuerwerker Wortmann. wir mit einander durch den ganzen Garten. Man konnte nicht leicht einen Platz ſehen, der ſich beſſer dazu geeignet hätte, als dieſes große Vorwerk, wo jede Zufälligkeit ſo mit vollem Ge⸗ ſchmack und reizend benützt war. Es war eine große Baſtion, die durch den äußeren Waſſer⸗ graben vom Glacis getrennt war; doch waren hier weder Ban⸗ quette noch Traverſen zu ſehen. Die drei Fuß hohe Umfaſſungs⸗ mauer lief mit einer feſten Brüſtung rings umher. Hier ſah man kaum, daß man ſich in einer Feſtung befand: das einzige Militäriſche war ein langer metallener Vierundzwanzigpfünder an der Spitze der Baſtion über Bank gerichtet, ein prächtiges altes Stück und ſo glänzend geputzt, daß die Strahlen der Sonne leuchtende, ſpielende Flammen darauf hervorzauberten. Um aber wieder den Eindruck dieſes ernſten Kriegswerkzeuges zu mildern, ſtanden Räder und Lafette in einem Blumenbeete, aus dem die verſchiedenſten Tropäolum hervorwuchſen, welche die Speichen und Felgen umrankten und das ernſte Geſchütz wie mit Blumenketten feſſelten. 3 An der Nordweſtſeite der Baſtion befand ſich eine Allee von alten Kaſtanien, welche die kalten Winde und Schlagregen ab⸗ hielten; gegen Morgen zu ſtand das kleine freundliche Wohnhaus, feſt aus Quadern gebaut, mit einem breiten Balkon, auf dem man über das Glacis hinweg gewiß eine entzückende Ausſicht auf die weite Ebene hatte, welche die Feſtung umgab. Hier befanden ſich auch die Glashäuſer zum Aufbewahren der Pflanzen während der Winterszeit. Sie waren aus Eiſen und Glas gebaut und ſahen zierlich wie alles Uebrige aus. Auf einer Treppe neben dem Hauſe ſtieg man zum Fuß der Baſtionmauer hinab, wo dicht an Feuerwerker Wortmann. die Feuchtigkeit des Waſſers außerordentlich zu behagen ſchien, und ich ſah nicht leicht ſchönere Exemplare dieſer Pflanze als hier. Jedes der Blumenbeete oben im Garten beſtand aus einer ein⸗ zigen Gattung von Blumen und war mit einer andersfarbigen und paſſenden Einfaſſung verſehen; aber alle Pflanzen waren kräftig und geſund, hatten die rechte paſſende Höhe und nirgends entdeckte man eine Spur von Unkraut. Von meiner Korporalſchaft ſah ich mehrere im Garten be⸗ ſchäftigt. Als ich Alles betrachtet, gab mir der Herr Hauptmann einen kleinen Schlüſſel, mit dem ich das Gitterthor öffnen könne, um, wie er ſagte, auch früh Morgens und zu ſonſtiger Tages⸗ zeit nach den Pflanzen ſehen zu können, wenn ich es gerade für nothwendig halte, dann verließ er mich und ging in's Haus zurück. Wenn ich vorher Alles oberflächlich angeſchaut, ſo nahm ich mir jetzt, da ich allein war, die Zeit, um Alles, Blumenbeete, Obſt⸗ bäume, Zierpflanzen, Glashäuſer genau und einzeln zu betrachten. Ich ſprach auch mit den Leuten meiner Korporalſchaft und ließ mir von ihnen manches ſagen, über die Güte der Erde, über die Lieblingsblumen des Herrn Hauptmanns, was ich ſelbſt ja nicht wiſſen konnte, und verbrachte ſo noch mehrere Stunden in dem ſchönen Garten. Abends holte mich mein College Feuerwerker aus meinem Thurmgemache und wir gingen in den öſtlichen Feſtungsgraben, wo ſich eine Kegelbahn befand, ſowie ein Vergnügungsgarten für die Compagnie. Hier ſah ich zum Erſtenmal etwas von einer Marketenderin, die Frau eines alten Unteroffiziers nämlich hielt hier eine kleine Bierwirthſchaft; ſo war denn Alles in der Cita⸗ delle vereinigt, was nur ein militäriſches Herz wünſchen konnte. Doch war es trotz Kegelbahn und Biergarten Niemanden verwehrt, Feuerwerker Wortmann. 185 in die Stadt zu gehen, aber von dieſer Erlaubniß machten nur Wenige und höchſt mäßigen Gebrauch. Die ganze Compagnie war wahrhaftig wie eine große Familie, und die Luſt an der gemein⸗ ſchaftlichen Arbeit ſowie die liebevolle Behandlung, welche ſowohl Kapitän als Offiziere jedem Einzelnen nach ſeinem Verdienſte zu Theil werden ließen, ſchlang ſich wie ein feſtes Band um die ganze glückliche Compagnie. Da ich am nächſten Morgen ſchon um acht Uhr den zweiten Zug bei den Haubitzen exercieren ſollte, mir aber der Kapitän nicht nur von den Roſenablegern geſprochen, die kommen ſollten, ſondern mir auch ſpäter noch ſagen ließ, dieſelben ſeien wirklich angekommen und lägen im Gewächshauſe in feuchtes Moos ver⸗ packt, ſo begab ich mich ſchon um fünf Uhr in den Garten, um mit dem Oculiren fertig zu ſein, ehe der Dienſt begann. Es war ein klarer ſchöner Morgen, die Blumen, erquickt durch die Kühle der Nacht und ſatt getrunken von kriſtallhellem Thau, erhoben ſtolz und zierlich ihre Köpfchen und dufteten, daß es eine Pracht war. Draußen auf der weiten Ebene flimmerte es und ſtrahlte beim Glanz der Morgenſonne, welche flammend über die Höhen der fernen Berge emporſtieg. Von dort her war ich vor ein paar Tagen gekommen und dorthin wandte ich meinen Blick und meine Gedanken flogen, mein vergangenes Leben wieder durchgehend, nach meiner ehemaligen Garniſonsſtadt, dann weiter weg zu mei⸗ nem Freunde Sternberg, dem Brigadeſchreiber, der wohl haupt⸗ ſächlich Schuld daran war, daß ich mich hier befand, und dann 3 gingen ſie noch weiter und weiter den Weg, welchen ich damals, noch ein halbes Kind, durchwandelt, weiterhin zu den Schluchten des Gebirges an der Gränze, wo das kleine Städtchen war, mit meinem Vater, dem Zollkontroleur Wortmann, meiner Mutter, die 186 Feuerwerker Wortmann. jetzt gewiß noch viel längere und buntere Bänder an ihrer Haube trug, ſowie mit dem kleinen weiſen Vogel, der jetzt gewiß irgend⸗ wo Gärtnerburſche war oder hinter dem Pfluge dreinſchritt; wenn mich Vater Wortmann hier ſehen könnte, ſo würde er zufrieden ſein, deſſen war ich gewiß; meine Mutter aber vielleicht verſtimmt den Kopf ſchütteln und in ihrem Stolze gekränkt ſprechen: Um Gärtner zu werden, hätte er nicht vier Jahre zu dienen gebraucht. Und wenn man nur vier Jahre gedient hat, und ſchon Feuer⸗ werker iſt, ſo braucht man wahrhaftig keine Roſen zu oculiren. Aber trotz dieſer Gedanken war mir dieß ein ſehr liebes Geſchäft, und ich ſchnitt mit einem wahren Behagen meine Kreuze in die ſaftige Rinde. Faſt hatte ich dieſes Geſchäft beendigt, ja ich war eben dar⸗ an, das letzte Baſtband anzulegen, als ich den leiſen Geſang einer weiblichen Stimme vernahm. Es war ein einfaches Lied, das geſungen wurde, auch war die Stimme nicht ſtark und weithin ſchallend, hatte aber dafür etwas ſo Weiches, ja Melancholiſches, daß es mir, der ich ohnedieß durch die Stille des ſchönen Mor⸗ gens eigenthümlich geſtimmt war, tief in's Herz drang. Dieſe Stimme ertönte ohne Begleitung eines Inſtrumentes, es mußte ein junges Mädchen ſein, die vielleicht ſo eben ihre Fenſter ge⸗ öffnet und die erregt von all' der Pracht und Herrlichkeit draußen, jubelnd wie die Lerche, ihr Morgenlied ſang. Wer konnte das ſein? Die Stimme kam aus dem Hauſe unſeres Kapitäns, und wenn ich ſcharf hinhorchte, ſo glaubte ich ſogar zu vernehmen, daß ſie aus einem Eckzimmer drang, deſſen Fenſter auf die Ebene gingen und das während des Tages be⸗ ſtändig mit einer gelb und weiß geſtreiften Marquiſe vor den Sonnenſtrahlen geſchützt war. Feuerwerker Wortmann. Hatte ich doch bis jetzt nicht einmal gefragt, ob der Herr Hauptmann von Walter verheirathet ſei. Das war mir ganz gleichgültig geweſen. Wir beim Militär kümmern uns ja nie um die Familien unſerer Vorgeſetzten, das ſind ja für uns un⸗ bekannte Zugaben, mit denen wir nie in eine Berührung kommen und die uns durchaus nichts angehen. Hier aber, wo alle Ver⸗ hältniſſe ſo eigenthümlich waren, war das ſchon ganz anders, und da es wohl kommen konnte, daß ich beim häufigen Aufent⸗ halt im Garten der Familie meines Cheſs begegnen mußte, ſo war es mir ſchon intereſſant, etwas über dieſelbe zu erfahren, und nachdem mein Roſengeſchäft hier oben geendigt, der Geſang hatte ebenfalls aufgehört, machte ich dem Feldwebel einen Beſuch und erkundigte mich ſo beſcheiden als möglich nach den Familien⸗ verhältniſſen des Herrn Hauptmanns. So redſelig der alte Herr ſonſt wohl ſein konnte, ſo ſagte er mir jetzt doch ziemlich einſilbig, der Herr Hauptmann von Walter ſei verheirathet geweſen, ſeine Frau aber ſchon vor langen Jahren geſtorben und er habe nur eine einzige Tochter. Es war alſo wahrſcheinlich die Sängerin, dachte ich mir. Wußte ich nun doch, wenn ich zufällig einer Dame im Garten begegnete, wer dieſelbe ſei, und zufrieden mit dem Beſcheid des Feldwebels ging ich auf mein Zimmer. Bald nachher trat der zweite Zug zum Exercieren zuſammen und ich führte ihn auf die Baſtion, um die Mannſchaft, wie mir befohlen war, an zwei Feldhaubitzen exercieren zu laſſen. Doch hatte ich erſt einigemale Granaten in verſchiedenen Elevationen werfen laſſen, natürlicher Weiſe mit Sägmehl⸗Catouchen und der unſchädlichen leeren Hohlkugel, ſo erſchien der Premierlieutenant mit den beiden Secondelieutenants. 3 Feuerwerker Wortmann. Zuerſt ſahen ſie, alle Drei, meinem Haubitzenexercitium zu, und dann befahl mir der Premierlieutenant die Haubitzen ſtehen zu laſſen und ſämmtliche Leute an die oben befindlichen Wallge⸗ ſchütze zu placiren. Ich hatte Mannſchaften genug, um einen kurzen und einen langen Vierundzwanzigpfünder zu montiren, einen Paixhans zu beſetzen, ſowie Mörſer von verſchiedenen Ka⸗ libern. Meine Bombardiere hatten die Geſchütze unter ihrer ſpe⸗ ciellen Aufſicht und ich ſollte das Ganze leiten, wobei mich die Offiziere der Kompagnie von einem Geſchütz zum andern beglei⸗ teten, und ich nun die verſchiedenſten Schießübungen durchmachen laſſen mußte. Anfänglich merkte ich nicht, daß mich der Premier⸗ lieutenant, der mich vielleicht für einen ganz guten Gärtner, aber ſchlechten Kanonier halten mochte, ein förmliches Examen durch⸗ machen ließ, weshalb ich mit den Geſchützen auf alle Diſtanzen und jede mögliche Batterie manövriren mußte. Jetzt gab er an, ich habe es mit einer Demontirbatterie zu thun, die gerade vor mir liege; dann ſagte er, eine Ricpochettebatterie rechts von uns fange an, uns in die Flanke zu nehmen, weshalb ich zwei Ge⸗ ſchütze dorthin wenden ließ und zu gleicher Zeit die während des Abfeuerns überflüſſigen Kanoniere dicht an die Traverſen treten ließ; dann rückte uns eine Breſchebatterie dicht auf den Leib, auf welche Weiſung ich ruhig die Pulverladung und Elevation änderte, und als nun gar nach ſeiner Angabe die Büchſenkugeln vorge⸗ ſchobener Schützen meine Kanoniere beläſtigten, ließ ich die Schieß⸗ ſcharten blenden. Bei den Mörſern mußte ich alle Kunſtſtücke durchmachen laſſen, die noch bei einer wirklichen Beſchießung vorkommen können. Bald hatte ich eine Schanze vor mir auf dreitauſend Schritte, dann immer näher, jetzt gab er mir einen einzelnſtehenden Baum Feuerwerker Wortmann. 189 auf der Ebene an, den ich hinter der Bruſtwehr nicht ſehen konnte, und wo ich mir durch aufgeſteckte Stäbe helfen mußte. Das Schwierige bei dieſem Wurfmanövre war, daß mich der Premierlieutenant verſchiedene Diſtanzen nach der Ebene hinaus, bald ein einzelnes Haus, bald eine Baumgruppe nach dem Augen⸗ maß abſchätzen ließ, Entfernungen, die er ganz genau kannte, und die ich, dank meines im Freien und beim Gartengeſchäft ge⸗ übten Auges ziemlich richtig traf. Mittlerweile war auch der Herr Hauptmann auf die Baſtion gekommen und ſchaute lächelnd unſerm Treiben zu, wobei er zuweilen gegen den Premierlieute⸗ nant freundlich ein Auge zukniff. Dieſer ſchenkte mir auch ſchon gar nichts, und ließ mich aus meinen Mörſern bald Spiegel⸗ granaten, bald Steine, bald Brand⸗, Leucht⸗ und Stinkkugeln werfen; ja, als das Exercitium vollkommen ergründet war, mußte ich die Leute zuſammennehmen und ihnen nach ſeiner Angabe einen Vortrag in Artilleriewiſſenſchaften halten, wozu er mir die ſchwerſten Themas angab. Ich muß geſtehen, daß ich ordentlich beſtand, und das ſah ich auch an dem Geſichte meines Exami⸗ nators; ſeine ſtrengen Augen wurden freundlicher, ſein finſter die zuſammengekniffenen Mundwinkel bedeckender Schnurrbart erhob ſich zuweilen mit einem freundlichen Lächeln, und als wir endlich fertig waren, wandte er ſich an unſern Kompagniechef, und ſagte im Ton der Ueberzeugung:„in der That, Herr Hauptmann, ganz famos; ich bin vollkommen zufrieden.“ Nun hatte ich's bei der Kompagnie und allen Offizieren gewonnen. Der Herr Hauptmann von Walter rieb ſich die Hände und ſagte lachend:„Da ſehen Sie, meine Herren, daß man ein ganz außerordentlicher Gärtner ſein kann und dabei ein tüchtiger Unteroffizier. Der Feuerwerker hat heute Morgen vor dem Exer⸗ 199 Feuerwerker Wortmann. cieren ſchon ſeine dreißig Roſen oculirt, daß es eine wahre Freude anzuſehen iſt. Und Roſen oculiren iſt nicht leicht, dazu muß man eine feine Hand haben. Gewiß, gewiß, Herr Premierlieute⸗ nant,“ wandte er ſich freundlich an dieſen,„es iſt ein ſchönes Geſchäft das Roſenoculiren, ſowie die ganze Gärtnerei, obgleich Sie keinen Schuß Pulver darauf halten.“ Und ſo war es auch in der That. Der Premierlieutenant war eigentlich ein abgeſagter Feind der ganzen Landwirthſchaft, und obgleich er mit dem Kapitän auf dem allerfreundſchaftlichſten Fuße ſtand, ſo machte er ihm doch eine fortgeſetzte Oppoſition, welche zum Glück darin beſtand, daß er im Dienſt von einer eiſernen Strenge war, den Kanonieren keine Viertelſtunde Exercierens ſchenkte und die Uniformen mit einer erſchrecklichen Genauigkeit nachſah, ob da nicht die ländlichen Arbeiten der Leute irgend einen Flecken zurückgelaſſen habe. Doch liebten Alle den Haupt⸗ mann ſowie ihre landwirthſchaftlichen Arbeiten zu ſehr, um dem Bremierlieutenant die Freude zu laſſen, daß er ſagen könne, wie er früher oft gethan, die Artillerie und Landwirthſchaſt paſſen nun einmal in alle Ewigkeit nicht zuſammen. Oefters, wenn ich früh am Morgen in dem Gatten be⸗ ſchäftigt war, hörte ich die Stimme wieder, die mir, als ich ſie zum erſten Mal vernahm, ſo tief zu Herzen gegangen. Doch war ich faſt ſchon drei Wochen hier auf der Citadelle, als es mir vergönnt war, die liebliche Sängerin zu ſehen. Der Herr Haupt⸗ mann hatte dem Feſtungskommandanten, ſowie ſeinen Offizieren ein Diner gegeben und nach demſelben ſaßen die Herrſchaften auf der Terraſſe vor dem Hauſe und tranken Kaffee, während ich an meinen Blumen beſchäftigt war. Auf einmal rief mich der Herr Hauptmann, ich lief eilig näher, und da war er ſo freundlich, mich dem Herrn General v. R. vorzuſtellen. „Das iſt alſo das Wunder von einem Feuerwerker!“ ſagte dieſer lachend;„ſieht recht ſauber aus, aber jung, noch unver⸗ ſchämt jung.“ Am Tiſche ſaß auch die Tochter des Hauptmanns. Sie trug ein einfaches Kleid von gelber, ungefärbter Seide und hatte einen breiten Strohhut auf dem Kopfe, der, da ſie obendrein das Geſicht herabgebeugt hielt, ihre Züge gänzlich verdeckte. Erſt als ihr Vater ſie recht ſanft bei der Hand nahm und ihr ſagte: „Das iſt Feuerwerker Wortmann, von dem ich Dir ſchon geſagt,“ hob ſie den Kopf in die Höhe und ſah mich mit großen, ſo eigenthümlich glänzenden Augen an, daß es mir faſt den Athem benahm und ich kaum im Stande war, eine Verbeugung zu. machen. Sie mochte damals achtzehn Jahr alt ſein, und etwas Lieblicheres wie dieſes Geſichtchen hatte ich in meinem ganzen Leben nicht geſehen. Das war nun für die damalige Zeit nicht hoch geſchworen, denn was meine Kenntniß des weiblichen Ge⸗ ſchlechts anbelangt, ſo war dieſelbe nicht der Rede werth. Aber auch ſpäter, nachdem ich viele Schönheiten geſehen, dachte ich im⸗ mer noch mit Entzücken an dieſen Augenblick und mußte mir ge⸗ ſtehen, daß ich weit ſchönere Mädchen geſehen, aber nichts Lieb⸗ licheres, als die Tochter des Herrn Hauptmanns.— Nur die Augen, die Augen, ſo wunderbar ſchön, hatten einen ſo ſelt⸗ ſamen Ausdruck, und als ich ihr vorgeſtellt wurde und meine Verbeugung machte, lächelte ſie wohl, aber ihre Blicke flogen wie theilnahmlos bei mir vorüber und ſchienen etwas zu ſuchen, hoch oben im Blau des Himmels. Der Hauptmann befahl mir, eine Taſſe Kaffee anzunehmen Feuerwerker Wortmann. 191 Feuerwerker Wortmann. und das ſchöne Mädchen ſchenkte ſie mir ein. Doch taſtete ſie dabei unſicher auf dem Tiſch umher und der Vater ſchob ihr Taſſe und Kaffeekanne zwiſchen die kleinen weißen Finger. Ja, als ſie mir den Kaffee reichen wollte, hielt ſie die Taſſe mehr gegen den Premierlieutenant als gegen mich, weßhalb denn mein ſtrenger Vorgeſetzter fo freundlich war, ſie ihr abzunehmen und mir höchſt eigenhändig darzureichen. Doch unterließ er nicht dabei zu ſagen: „dem geſchickten Artilleriſten.“ „Sie ſind unverbeſſerlich!“ ſagte der Hauptmann von Walter laut lachend zu ihm,„und obendrein ſehr undankbar. Was hat die Artillerie mit dem Kaffee zu thun? Ein Gärtner hat ihn gepflanzt und ebenſo den Zucker, den Sie ſo ſehr lieben. Ja, der größte Theil des Diner's, das wir heute gemacht, ſind Pro⸗ dukte der Landwirthſchaft.— Wahrhaftig, nächſtens laſſe ich Ihnen einmal einen ſoliden Zünderſatz backen oder eine Kartätſchenſuppe machen.“ Ich trank meine Taſſe, ſchielte aber ein paar Mal über ſie hinaus nach der Tochter meines Hauptmanns, welche ein Bou⸗ quet neben ſich liegen hatte, das ſie zuweilen an ihr Geſicht drückte. „Apropos,“ ſagte ihr Vater zu mir,„obgleich ich das Blumenabſchneiden im Allgemeinen nicht leiden kann, ſo wär's mir doch recht, wenn Sie mir täglich einen Strauß ſchnitten. Meine Tochter liebt ſehr die Blumen, nicht wahr, Eliſe?“ Darauf hob ſie wieder ihren Kopf in die Höhe und ſprach zu mir, ohne mich aber anzuſehen, mit einer angenehm klingen⸗ den, weichen Stimme:„Ja, wenn der Feuerwerker ſo freundlich ſein will, bin ich ſehr dankbar dafür.“ „Dabei ſehen Sie aber mehr auf den Duft der Blumen, Feuerwerker Wortmann. 193 als auf helle glänzende Farben,“ ergänzte der Hauptmann, wo⸗ bei er ſein Kind mit einem eigenthümlichen Blicke anſah. Nach einer Verbeugung ging ich an meine Geſchäfte zurück, konnte aber die ſeltſamen Augen des ſchönen Mädchens nicht ver⸗ geſſen, und dazu hörte ich immer die Worte ihres Vaters: dabei ſehen Sie aber mehr auf den Duft der Blumen, als auf helle glänzende Farben.———— Auf einmal blieb ich wie er⸗ ſtarrt ſtehen, ja, plötzlich verſtand ich den ſeltſam ſtarren Blick ihrer Augen, ihr eigenthümliches Weſen—— die Worte des Hauptmanns.—— Das arme unglückliche Mädchen war blind. Und ſo war es auch in der That. Der Feldwebel, den ich noch am heutigen Tage befragte, gab es mir achſelzuckend zu und meinte:„Das iſt ein großes Unglück, welches den Herrn Haupt⸗ mann betroffen; und es iſt jammerſchade für dieß vortreffliche gute Mädchen.“ Auch erfuhr ich jetzt, daß die Frau des Haupt⸗ manns ſchon vor langen, langen Jahren geſtorben ſei und ebenſo, daß die kleine Eliſe bis in ihr zwölftes Jahr ſehend geweſen, dann aber in Folge einer Erkältung erblindet.„Zuweilen,“ ſagte der Feldwebel,„kommt einer der geſchickteſten Augenärzte der Reſidenz, wenigſtens alle Jahre einmal, und ſieht nach der Kran⸗ ken. Er hat die Hoffnung, ſie zu heilen, nicht aufgegeben, will aber, und darin hat er Recht, langſam und äußerſt behutſam zu Werke gehen.“ Ich muß geſtehen, daß mich das ſchöne Mädchen ſehr be⸗ ſchäftigte, und daß ich außerordentlich auf den Moment begierig war, wo frühe am Morgen ihr weicher, melancholiſcher Geſang erſchallte. Häufig ſah ich ſie nun auch über Tages im Garten, und an ihrem Benehmen merlte ich zu meiner großen Freude, daß ihr Vater etwas auf mich hielt und gut von mir ſprach; Hackländer, Kr. u. Fr. I. 13 Feuerwerker Wortmann. denn oft trat ſie allein auf die Terraſſe hinaus und rief mit ihrer ſilberhellen Stimme meinen Namen, worauf ſie mich dann gewöhnlich bat, ſie an irgend einen Punkt des Gartens zu be⸗ gleiten. Das erſte Mal benahm ich mich dabei entſetzlich dumm und ungeſchickt. Wenn ich Fräulein Eliſe führen ſollte, ſo mußte ich ja ihren Arm oder ihre Hand ergreifen, welch letztere ſie mir auch entgegenſtreckte. Nun war ich aber zu ängſtlich und ſchüch⸗ tern, um ihre feinen Finger anzufaſſen, und ſtand einige Minuten rathlos da, bis ich endlich näher trat und ehrfurchtsvoll meinen Arm darreichte, worauf ſie nun ihre kleine Hand legte, aber ſo leicht, ſo leicht, daß es nicht anders war, als ſei ein Roſenblatt darauf gefallen. Wenn ich ſie nan ſo an irgend einen Punkt des Gartens geleitete, da war es doch ſelbſtredend, daß ich in der Nähe blieb. Sie konnte ja etwas verlangen, nach Jemanden rufen, und es wäre ja ſchrecklich geweſen, wenn ſie Niemand gehört hätte. Ich arbeitete dann in ihrer Nähe bald dies, bald das, und wenn ſie vielleicht einen Zweig rauſchen hörte und meinen Fuß leicht auf dem Sande knirſchen, da frug ſie häufig:„Sind Sie es, Wort⸗ mann?“ und zuweilen knüpfte ſie dann ein längeres Geſpräch an. Ja, im Verlaufe der Zeit mußte ich ihr meine ganze Lebens⸗ geſchichte erzählen und ich that das der Wahrheit gemäß, von meinem Vater und meiner Mutter, von unſerem Kaſernenleben, von der Miranda, von meinem Freunde Poltes, ſowie auch, daß man mich als kleines Kind Major nannte. Das letztere erſchien ihr außerordentlich komiſch und ſie lächelte freundlich darüber, muß es auch ihrem Vater erzählt haben, denn dieſer ſagte eines Tages freundlich zu mir:„Nun, lieber Wortmann, wenn auch kein Major aus Ihnen wird, ſo hoffe ich doch noch was Tüch⸗ Feuerwerker Wortmann. tiges an Ihnen zu erleben. Sie haben einen guten Kopf, ſind auch fleißig und lernen leicht. Aber Sprachen müſſen Sie treiben, das iſt unumgänglich nothwendig.“ Er hatte das ſchon häufig geſagt, und mir auch franzöſiſche und engliſche Bücher zum Selbſtunterricht gegeben. Daß ich aber heimlicher Weiſe ſehr früh am Morgen und Abends ſpät bei einem Sprachlehrer der Stadt in beiden Sprachen Stunden nahm und mit einem eiſernen Fleiß darüber her war, hatte ich ihm nicht geſagt. Weßhalb ich es verſchwieg, wußte ich eigentlich nicht. Meinen Vorgeſetzten damit zu überraſchen, das konnte ich mir nicht gut einbilden; ich glaube, der Hauptgrund war, daß ich zuerſt ſehen wollte, ob ich ein Talent für fremde Sprachen habe. Doch hätten dieſe heimlichen Lectionen mir faſt Unange⸗ nehmes zu Wege gebracht. Obgleich der Herr Hauptmann von Walter gegen mich ſowohl im Dienſt als auch im Garten ſehr gut und freundlich war, ſo hatte das doch eine gewiſſe Gränze, über die er nie hinausging, und ſchien ſich auch im Uebrigen um mein Leben und Treiben nicht im Geringſten zu kümmern. Wie mir aber ſyäter klar wurde, war das durchaus nicht der Fall; er bekümmerte ſich vielmehr ſo genau um mein Leben außerhalb des Dienſtes, daß er bald erfuhr, ich bringe ſowohl des Morgens in aller Frühe als auch Abends ſehr ſpät manche Stunden in einem Hauſe der Stadt zu. Da mein Sprachlehrer ziemlich unbekannt war, das Haus, in dem er wohnte, aber recht ärmlich und ſeine Umgebungen vielleicht nicht im beſten Rufe ſtanden, ſo fiel dadurch ein Schatten auf mich, den ich obendrein nicht aufklären konnte, da ich keine Ahnung davon hatte. Wohl bemerkte ich, daß der Herr Hauptmann, obgleich er wohlwollend und gütig wie immer war, doch nicht mehr ſo freund⸗ 196 Feuerwerker Wortmann. lich wie früher gegen mich zu ſein ſchien. Davon konnte ich mir keinen Grund erklären, und obgleich ich mich mehr als je beſtrebte, meinen Dienſt zu ſeiner Zufriedenheit zu thun, ſo ver⸗ mißte ich doch die Herzlichkeit, mit der er ſich ſonſt über jedes noch ſo Unbedeutende bei mir bedankt. Ja, er hatte mir ſogar einmal ziemlich ernſt geſagt, als ich an einem Tage zwei ſchöne Bouquet für ſeine Tochter gemacht, ich plündere ja ſeinen ganzen Garten. Auch Fräulein Eliſe kam nie mehr allein in den Gar⸗ ten und ich hatte ſie ſchon längere Zeit nicht mehr nach einem ihrer Lieblingsplätze führen dürfen. Wohl dachte ich zuweilen daran, den Feldwebel zu befragen, doch kam mir das wieder ſo anmaßend vor, daß ich mich ſchämte, es zu thun. Elftes Kapitel. Da ich als Soldat und Gärtner pünktlich und ſleißig bin, werde ich von der Kompagnie weggeſchickt, lerne ſpäter den Wechſel alles Ir- diſchen kennen und erfah⸗ ſchließlich, daß Madame Hammer Recht 3 gehabt. So kam der Spätherbſt, ich ließ Pflanzen und Bäume in die Gewächshäuſer einräumen, und wenn ich dabei die ſchon halb verwüſteten Blumenbeete betrachtete, ſo dachte ich mit wahrer Traurigkeit an den Winter, wo hier der weiße Schnee liegen würde, wo dort droben im Hauſe kein Fenſter mehr geöffnet ſei und alſo auch kein Geſang in den Garten dringen könne. Dann hatte ich begreiflicher Weiſe nicht viel da oben zu thun, und wenn mich auch die Gewächshäuſer manche Stunde beſchäftigten, ſo kam ſie doch nicht mehr in den Garten, an der, ich geſtehe 3 — hut auf dem Kopfe, mit einer brennenden Cigarre, deren Duft er Feuerwerker Wortmann. 197 es offenherzig, ſchon damals beinahe unbewußt mein ganzes Herz hing. Sie war die Schönſte der Blumen. Zuweilen hatten wir noch heitere warme Tage, und an einem derſelben ſaß Fräulein Eliſe in der Nähe des kleinen Spring⸗ brunnens, hatte den Kopf in die Hand geſtützt und horchte, recht traurig, ſo ſchien es mir, wie ſie aber öfters zu ſein pflegte, auf das Plätſchern des Waſſers. Hie und da fielen dürre Blätter von den Bäumen, und wenn dieſelben auf dem andern gelben Laub am Boden raſchelten, ſo horchte ſie auf und dann flog ein recht trübes Lächeln über ihr ſchönes Geſichtchen. Auch ſie dachte an den Winter, aber ganz anders als ich. Auch ſie fühlte wohl, daß es Herbſt würde, und daß ſie Abſchied nehmen müſſe von der 4 friſchen und feinen Natur und dem Dufte der zahlreichen Blumen. und daß auch für ſie die Zeit des Winters käme, welche ihr, der armen Blinden, gewiß doppelt hart ſein mußte. Unterdeſſen war der Herr Hauptmann in den Garten ge⸗ treten, ich hatte ihn ſchon vor kurzer Zeit in Uniform aus der Citadelle kommen ſehen, er war aber in's Haus gegangen und kam jetzt von dort her in ſeinem grauen Sommerrocke, den Stroh⸗ mit ſichtlichem Behagen in die friſche Herbſtluft hinausblies; auch ſang er halblaut vor ſich hin, was nicht allzuhäufig bei ihm vorkam. Als er in der Entfernung vor mir vorüberſchritt, gegen ſeine Tochter hin, rief er mir zu:„Sie ſind ja ungeheuer fleißig geweſen, Wortmann!“ Ich ließ nämlich gerade die kleine Orangerie einräumen und war faſt damit fertig.„Wenn Sie vielleicht einen Augenblick abkommen können, ſo laſſen Sie ſich hier bei uns ſehen.“ Hinter dem Hauptmanne kam das Dienſtmädchen aus dem Feuerwerker Wortmann. Hauſe und trug einige Früchte, weißes Brod und eine Flaſche. Wein mit Gläſern in den Garten, welches ſie Alles auf das Tiſchchen vor Fräulein Eliſen niederſetzte. Auch ich ſäumte nicht, mich da einzufinden; der Herr Haupt⸗ mann war ſehr freundlich, wies auf einen Stuhl und bot mir eine Cigarre an, was er noch nie gethan. Als er mir dieſelbe gab und ich mich ehrfurchtsvoll weigerte, ſie anzunehmen, blickte Fräulein Eliſe in die Höhe, und auf ihrem Geſichte drückte ſich ein kleines Erſtaunen aus. Als ich meine Cigarre angezündet hatte, mußte ich mich niederſetzen und bekam ein Glas Wein. Wir ſprachen über dies und das, über den Herbſt, über Gewächs⸗ häuſer und Frühbeete, auf einmal ſagte der Herr Hauptmann, wohl anfänglich lächelnd, dann aber mit einem ſo ernſten Tone, daß ich ordentlich zuſammenſchrack:„Wiſſen Sie auch Wortmann, daß Sie ein Heimlichthuer ſind, ein tückiſcher, abgeſchloſſener Menſch?“ „Ich, Herr Hauptmann?“ ſtotterte ich, in der That auf's Höchſte erſchreckt,„ich weiß wirklich nicht, was ich mir zu Schul den kommen ließ.“ Fräulein Eliſe war bei der ſeltſamen Rede ihres Vaters roth geworden und blickte ſtille vor ſich nieder auf den Teller. „Kannſt du dir wohl denken,“ fuhr er nun fort, gegen ſeine Tochter gewendet,„was dieſer Feuerwerker Wortmann treibt. Ich habe ihm eine engliſche und franzöſiſche Grammatik gegeben und ich denke nun, er wird mich eines Tags um Rath fragen, wie er es anfangen müſſe, um die beiden Sprachen gründlich zu erlernen. Gott bewahre! Da geht er hin, ſucht ſich einen Lehrer und treibt das Alles im Geheimen. Iſt das nicht ein heimtücki⸗ ſcher Menſch 2* 3 Feuerwerker Wortmann. 199 Als mein Chef ſo ſprach, konnte ich mich nicht enthalten, verſtohlen das junge Mädchen anzuſehen. Gott! und wenn ich mich nicht täuſchte, aber man täuſcht ſich ſo leicht in dergleichen, ſo lächelte ſie freundlich. Natürlicher Weiſe ſagte ich zu meiner Entſchuldigung, ich hätte mich nicht unterſtehen wollen, den Herrn Hauptmann mit dergleichen Kleinigkeiten zu behelligen;„ja,“ ſetzte ich verlegen hinzu,„es würde mir auch das höchſte Glück ge⸗ weſen ſein, auf einmal dem Herrn Hauptmann ſagen zu können, das und das habe ich gelernt, aber,“ ſetzte ich hinzu,„ich bin noch ſehr weit zurück.“ „Das wollen wir morgen früh ſehen,“ erwiederte er mir lachend.„Morgen iſt es Sonntag und nach der Kirche ſind Sie zum Sprachexamen kommandirt. Fällt das nach Wunſch aus, ſo dürfen Sie bei mir zu Mittag eſſen.“ Wer war glücklicher, als ich! War der Wein ſo berauſchend oder die Cigarre ſo ſtark, genug, als ich mich dankend entfernte, taumelte ich ordentlich auf dem breiten Wege dahin und war dabei ſo blaß, daß mich mein Bombardier fragte, ob mir etwas Unangenehmes zugeſtoßen ſei? Den andern Tag fand ich mich erwartungsvoll bei meinem Erxamen ein. Daß Fräulein Eliſe dabei ſaß, machte mich anfäng⸗ lich über alle Maßen verlegen, doch mußte der Herr Hauptmann mit mir zufrieden ſein, denn als wir fertig waren, ſagte er zu ſeinem Bedienten:„Man ſolle drei Couverts auflegen, der Feuer⸗ werker Wortmann ißt bei uns.“ Der machte große Augen. Den Unterricht mit meinem alten Sprachlehrer ſetzte ich nun eifriger als je fort, ja ich fing bald darauf bei einem andern das Lateiniſche wieder an und brachte es durch eiſernen Fleiß 200 Feuerwerker Wortmann. ſo weit, daß ich in nicht gar zu langer Zeit meinen Cornelius Nepos gehörig verſtand. Unterdeſſen bedeckte der Schnee die Wälle und Gräben der Citadelle und unſern kleinen reizenden Garten. Der Premier⸗ lieutenant konnte nun die Compagnie keinen ſtrengen Dienſt thun laſſen und ſo hatte ich Zeit genug, mich mit all' den Wiſſen⸗ ſchaften wieder zu beſchäftigen, die ich ſeit meinem verunglückten Examen ziemlich vernachläſſigt. Der Hauptmann von Walter hatte mich liebgewonnen, das 3 ſah ich. Er war mehr mein väterlicher Freund, als mein Vor⸗ geſetzter. Um ſeinen Gewächshäuſern bei Tag und Nacht näher zu ſein, hatte er mir auf der kleinen Orangerie zwei Zimmer eingeräumt, und daneben war noch ein anderes, wo die vier beſten Leute meiner Korporalſchaft wohnten, was des beſtändigen Hei⸗ zens und Lüftens wegen nothwendig war. Auch hatte er mir eine förmliche kleine Bibliothek geliehen, und in den langen Winter⸗ abenden war ich ſo unbeſchreiblich glücklich, häufig in ſein Wohn⸗ zimmer kommen zu dürfen, wo ja auch Fräulein Eliſe war, und wo er uns ſörmliche Vorträge über Geſchichte und Geographie hielt. Oefters mußte ich vorleſen, deutſch, franzöſiſch oder engliſch, und das kam ſpäter dann auch wohl vor, wenn er am Tage ausgegangen war und ſich Eliſe mit ihrem Dienſtmädchen allein in ihrem Zimmer befand. Ach! für die Aermſte gab es ja keinen Tag und keine Nacht, und die ewige Finſterniß, welche ſie um⸗ gab, war wohl hauptſächlich Schuld daran, daß ſie ſo liebevoll, freundlich und dankbar zuhörte, wenn ich ihr vorlas. Dabei las ich mich aber förmlich um meine Ruhe, und wenn ich, wie Eliſe ſo freundlich war, zu ſagen, gut las, ſo kam das wohl haupt⸗— Feuerwerker Wortmann. ſächlich daher, weil ich das Gefühl, welches ich für ſie im derzen trug, in meine Worte aus sſtrömen ließ. Dabei mußte ich mich aber ſehr zuſammennehmen, denn ein Blick, ein Wort konnte mich aus der Faſſung bringen, und ich dann roth werden, wie es ſich eöpertüich nicht für einen Feuer⸗ werker ſchickte. So weiß ich, daß eines Tages der Herr Haupt⸗ mann zurückkam und freundlich fragte:„Nun Kinder, was habt Ihr geleſen?“ Dieß Wort machte mich ſo verlegen, und trieb mir das Blut ſo ſtark in's Geſicht, daß ich mich vor mir ſelber ſchämte, ſo daß ich nachher, als ich allein war, mich heftig ausſchalt. Eines Tages, es fing ſchon an, Frühjahr zu werden, der Schnee war geſchmolzen, von den Baſtionen herab floß das Waſſer in kleinen grauen Bächen in die Gräben und über die Ebene ſtrömte zuweilen ein ahnungsvoller warmer Windhauch, ſo daß Fräulein Eliſe ihre Fenſter häufig öffnen konnte, ließ mich der Herr Hauptmann in ſein Zimmer rufen und gab mir einen Brief meines Vaters, der, wie er ſagte, durch Einſchluß an ihn ge⸗ kommen ſei. Vater Worrmann ſchrieb mir in ſeiner gewohnten Kürze, daß ſich die ganze Familie wohl befinde, und daß es ihn 4 außerordentlich freue, mich in einer ſo vortrefflichen Kompagnie zu wiſſen, daß er ſich aber namentlich auf's Höchſte geehrt fühle durch den Entſchluß meines Herrn Hauptmanns, für meine Zu⸗ kunft ſo glänzend ſorgen zu wollen. Nachdem ich das geleſen, ſowie das nie fehlende Poſtſcrip⸗ tum meiner Mutter, welche mir ſchrieb, daß meine älteſte Schwe⸗ ſter die Braut des weiſen Vogel ſei, der ein hübſches kleines Landgut geerbt, blickte ich fragend meinen Hauptmann an, da ich das, was mein Vater von meiner glänzenden Zukunft ſagte nicht 202 Feuerwerker Wortmann. verſtand. Es durchzuckte mich wohl ein ſüßer Gedanke, aber der war ja ſo thöricht, daß ich ihn gleich wieder verwarf. Der Hauptmann ging ein paar Mal im Zimmer auf und ab, dann blieb er vor mir ſtehen und ſagte:„Sehen Sie, mein lieber Wortmann, ich habe allerdings an Ihre Zukunft gedacht und Ihrem Vater geſchrieben, ob er mir völlig freie Hand über Sie laſſen will. Zu gleicher Zeit geſtehe ich Ihnen offenherzig, daß ich mich durch meinen Freund, den Generalſteuerdirektor, nach Ihrer Familie erkundigte; deſſen Antwort iſt vollkommen befrie⸗ digend ausgefallen, was mich außerordentlich freut. Offizier kön⸗ nen und wollen Sie nicht werden. Sie ſind jung, haben einen guten Kopf, auch ſchon recht viel gelernt, deßhalb will ich Ihnen einen Vorſchlag machen: Ich habe ſchon die nöthigen Schritte gethan, Sie als Zögling erſter Claſſe in die Forſtakademie nach C. zu bringen. Dort können Sie Ihre landwirthſchaftlichen Studien fortſetzen, ſie beendigen und haben dann ſpäter die Wahl, ob Sie irgend ein Gut bewirthſchaften wollen oder in das Forſtfach über⸗ gehen. Wenn Sie fleißig ſind und Ihre Aufführung tadellos bleibt, wie bisher, ſo werde ich, nachsem Sie Ihre Studien be⸗ eedigt, mit wahrer Freude auch ſpäter für Sie ſorgen.“ Ich ſtand ſprachlos da über das ungeheure Glück, welches ſich meinen Augen zeigte. Eine Forſtakademie beſuchen, ein voll⸗ kommener Landwirth werden, darin hatten von jeher meine kühn⸗ ſten Wünſche beſtanden, aber wie konnte ich an ſo etwas denken? Ich war mittellos und die Studien, die ich noch zu machen hatte, ſehr koſtſpielig. 4 Als ich mich einigermaßen gefaßt, ſchämte ich mich durchaus nicht, meinem freundlichen Wohlthäter mit Thränen in den Augen zu danken. Er drückte mir freundlich die Hand und ſprach liebe⸗ —— Feuerwerker Wortmann. 203 voll zu mir, wie ein Vater zu ſeinem Sohne. So ſtattete er mich auch in jeder Hinſicht aus, und als nach wenigen Wochen der Augenblick gekommen war, wo ich von der Kompagnie im All⸗ gemeinen, von meiner Korporalſchaft insbeſondere, vom Feldwebel und der lieben, lieben Citadelle Abſchied nahm und nun zum letzten Male vor den Herrn Hauptmann und Eliſe trat, war der alte Herr ſelbſt außerordentlich gerührt, und als ich ihm weinend wie ein Kind wiederholt auſf's Herzlichſte dankte, ſagte er mit feuchten Augen lächelnd:„Seien Sie ruhig, lieber Wortmann, ich bin ein Egoiſt. Was ich vielleicht an Ihnen thue, iſt ein Capital, von dem ich dereinſt ſchöne Zinſen erwarte.“ Und Eliſe!— Sie reichte mir zum Abſchied ihre beiden lieben Hände, die ich mich nicht enthalten konnte, innig zu küſſen und dabei war ich ſo überaus glücklich, einen leiſen, leiſen Druck derſelben zu empfinden. Hiermit iſt eigentlich die Geſchichte des Feuerwerkers Wort⸗ mann, die ich dem geneigten Leſer verſprochen, zu Ende; denn Uniform und Titel und auch ſonſt noch Manches ließ ich in der Citadelle zurück, um aber gegen die, welche vielleicht Antheil an meinem Schickſal genommen, nicht undankbar zu ſein, will ich noch hinzufügen, daß ich drei Jahre auf der Forſtakademie blieb, daß ich auch recht fleißig war und endlich mit Zeugniſſen entlaſſen wurde, die mich nicht nur zu einer höheren Forſtſtelle berechtigten, ſondern mir ſogar geſtatteten, mich zu einer Lehrerſtelle bei einer der landwirthſchaftlichen Anſtalten des Staates zu melden, und dieſe letztere Ausſicht machte mich ganz unbeſchreiblich glücklich; denn mein Wohlthäter, mit dem ich begreiflicher Weiſe viel cor⸗ reſpondirte, hatte mir vor einem halben Jahre brieflich angezeigt, 204 Feuerwerker Wortmann. er habe ſich endlich entſchloſſen, ſeine liebe Citadelle zu verlaſſen und zwar weil ihm durch die Gnade Seiner Majeſtät das Di⸗ rektorium einer der größten landwirthſchaftlichen Anſtalten des Landes übertragen worden ſei.— Das hatte mich innig gefreut, aber ſchmerzlich hatte es mich berührt, daß er zu gleicher Zeit von einem andern erfreulichen und wichtigen Ereigniſſe ſeiner Familie ſchrieb. Gewiß hatte ſich ein Bewerber um Eliſe ge⸗ funden, das ſagte mir mein Herz tauſendmal und machte mich recht, recht traurig. Der Weg von der Forſtakademie zum nunmehrigen Auf⸗ enthalte meines ehemaligen Chefs, der mir befohlen, ſogleich zu kommen, führte über die kleine Feſtung J., und Herr von Wal⸗ ter hatte mir geſchrieben, ich ſolle mich auf dem ehemaligen Schauplatz unſerer Thaten ein Bischen umſehen. Daß er hinzu⸗ ſetzte:„Man muß ſich an den Wechſel alles Irdiſchen gewöhnen,“ begriff ich damals nicht recht. Ich erreichte die Feſtung an einem ſchönen Frühlingsmor⸗ gen, dießmal zu Wagen und vom Poſtgebäude ging ich gleich nach der Citadelle. Der Unteroffizier am Thor war mir ein völlig fremdes Geſicht; ebenſo der Feldwebel, bei dem ich um Erlaubniß bat, die Werke ſehen zu dürfen.— Und dieſe Werke, wie waren ſie verwandelt! Mir war zu Muthe, als ſei hier früher ein Zaubergrund geweſen, der mit dem Verlaſſen des guten Genius wieder ſeine traurige ehemalige Geſtalt annahm. Verſchwunden waren Felder, Anlagen und Gärten; auf ſämmt⸗ lichen Baſtionen ſtanden die ſtillen verdrießlichen Geſchütze, von unſerem ehemaligen Garten war keine Spur mehr zu ſehen und wo unſere Blumen geblüht, vor dem kleinen Kommandanturge⸗: bäude, war jetzt ein nüchterner glatter Kiesplatz, wo nach Zählen V A8 Feuerwerker Wortmann. 205 Rechts⸗ und Linksum gemacht wurde, eine für Körper und Geiſt gleich angenehme Beſchäftigung, der übrigens der jetzige komman⸗ dirende Artill eriekapitän mit großer Befriedigung zuſchaute. Es war das eine lange dürre Geſtalt mit ſehr gebogener Naſe und tief herabfallendem blonden Schnurrbart. Ich grüßte ihn höflich, und da er mich fragend anſah, ſo erlaubte ich mir, ihm zu ſagen, ich hätte die Citadelle in früheren Jahren gekannt, und dem Wunſche nicht widerſtehen können, ſie nochmals zu ſehen. „Ja, mein Lieber,“ ſagte er mit ſchnarrender Stimme,„da werden Sie viel verändert finden. Es hat mir auf Ehre Mühe genug gekoſtet, die ſchauderöſe Wirthſchaft hier in Ordnung zu bringen. War das ein Anblick, als ich kam! So was habe ich in meinem ganzen Leben nicht geſehen! Nun, wir haben gründlich aufgeräumt, das kann ich Sie verſichern.———— Guten Morgen! Aufgepaßt Feuerwerker Schlatterich, da unten. Der dritte Mann vom Flügel tritt ja mit dem rechten Fuß an; Donnerwetter auch, wozu hat er denn den linken?“ Ja gründlich hatten ſie aufgeräumt, und als ich die Baſtion umſchritt, fand ich nichts mehr von unſerem ehemaligen Garten, als zwiſchen den Rädern des ehemals ſo blanken Vierundzwanzig⸗ pfünders ein kleines Tropäolum, das ſich dort trotz Kies und Schaufel kümmerlich aus einem zurückgebliebenen Samenkorn ent⸗ wickelte. Auch die lebenden Weſen, meine anordden⸗ mit denen ich hier ſo glücklich geweſen, waren in alle Welt zerſtreut, theils mit dem Herrn Hauptmann von Walter, theils nach Hauſe ge⸗ gangen, theils in die Civilcarriere retune Selbſt der Pre⸗ mierlieutenant hatte ſich ſo an die Blumen gewöhnt, daß er die nackten Wälle nicht mehr ſehen konnte, doch hatte er beim Ab⸗ 206 Feuerwerker Wortmann. ſchiede geflucht:„Hol' mich der Teufel! wie bin ich hier ver⸗ dorben worden!“ Von der Rampe, wo ſich kein weißes Gitterthor mehr be⸗ fand, niederſteigend, hörte ich ſie noch droben kommandiren und zählen: Eins— zwei—— Einundzwanzig— zweiundzwan⸗ zig.—— Verflogen war unſer wunderbarer Blumentraum; aber es machte mich nicht traurig, viel ſchmerzlicher hätte es mich berührt, wenn ich Alles droben gefunden hätte wie ehedem, grünend und blühend— ohne Eliſe! Nach einigen Tagen erreichte ich die zwiſchen Feld und Wald an einem kleinen lieblichen See gelegene prachtvolle land⸗ wirthſchaftliche Anſtalt. Mein Wohlthäter empfing mich wie einen Sohn, den man lange Jahre nicht geſehen— und Eliſe? Das freudige Familienereigniß hatte allerdings ſie betroffen, doch war ſie nicht vermählt, vielmehr durch die Hülfe der Aerzte ſehend geworden. Lächelnd führte mich der Vater an ihr Zimmer und ließ mich leiſe eintreten. Sie ſah mich erſtaunt an mit ihren großen, glänzenden Augen, die aber nicht mehr ſtarr und ſeltſam blickten, ſondern in welchen ſich jetzt ihre ganze ſchöne Seele ſpiegelte, aus denen ein tiefſinniges Gefühl ſtrahlte. Wie ängſtlich ſchlug mein Herz!— Ob ſie mich erkannte? Darauf ſchien auch ihr Vater geſpannt; er hielt ſich ſtill hinter der Thür.— Als ſie mich eine Sekunde angeſchaut, überflog eine dunkle Gluth ihre ſchönen Züge. Sie eilte mir entgegen, und ich weiß nicht genau, ergriff ich ihre Hände und küßte die⸗ ſelben oder umging ich dieſe Förmlichkeit und wagte es, ſie feſt an mein Herz zu drücken.— Wer kann das in ſolchen Augen⸗ blicken, die nur einmal im Leben kommen, genau wiſſen. Genug, Feuerwerker Wortmann. der Vater trat einen Augenblick nachher zu uns und ſagte: „Kinder, ich habe nichts dagegen.“ Schreiben der Madame Wortmann an ihren Sohn. „Nein Dießmal muß ich den Hauptbrief ſchreiben und wenn dein Vater noch etwas hinzufügen will, ſo kann er dießmal die Nachſchrift machen as wir glücklich ſind, daß du Profeſſor geworden und eine ſo ſchöne reiche Frau bekommen, das kann ich dir gar nicht ſagen ich habe eine große Kaffeegeſellſchaft gegeben und es dabei den Damen meiner Bekanntſchaft ange⸗ zeigt ebenſo, daß deine Schweſter, die Frau Vogel, einen ganz geſunden Buben hat, alſo bin ich Großmutter und hoffe es noch mehr zu werden lapropos, die Frau Hammer lebt noch, doch iſt ſie ſchon recht alt neulich war ſie bei uns und da haben wir die ganze Geſchichte nochmals abgeſprochen, als du damals auf die Welt kamſt und wie drunten der Unteroffizier ſagte jetzt kommt der Major weißt du auch wohl, mein lieber Sohn daß das noch in Erfüllung gehen kann, mir hat der Zollinſpektor geſagt, wenn du einmal ſpäter was wohl vor⸗ kommen könnte ſelbſt ein Direktor würdeſt ſo hätteſt du den Titel als Major aber das wär' eine Freude für Deine Dich getreu liebende Mutter.“ So ſchrieb die gute Frau, und wenn ſie es auch nicht mehr erlebte, daß ich ein Direktor der Anſtalt wurde, ſo geſchah das doch, freilich nach vielen Jahren, und damit ging auch die Prophezeihung der Madame Hammer in Erfüllung: daß aus mir noch etwas Rechtes werden würde. Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. 209 dies Freude des Hausſchlüſſels gewährt wurde. Das war an einem Samſtage, wo die Frau Kanzleirath und die Frau Sekretär ihr Kränzchen hatten, das von Nachmittags 2 Uhr, mit einer Taſſe Kaffee und viel Eintunkens beginnend, ſich durch die Sta⸗ dien der verſchiedenen Früchte, Kuchen und Eingemachtem ſteigerte und endlich gegen 8 Uhr Abends ſeinen Culminationspunkt in einem ſoliden Nachteſſen fand. An ſolchen Tagen war in den betreffenden Häuſern niemals gekocht worden, und die Männer durften an dieſen Abenden ihr Futter auswärts ſuchen. Dieß hatten ſie denn auch ſeit langen Jahren im goldenen Bären gefunden, und da ſchon zeigte ſich eine Verwandtſchaft der Seelen, denn Beide tranken nichts Anderes als rothen Zwölfer, und was ſich der Kanzleirath auf der Speiſekarte ausſuchte, da⸗ 4 von mußte auch der Sekretär haben. Die Familien wohnten zu gleicher Zeit weit getrennt von einander, Kanzleiraths freilich ſchon Brandſtraße Nro. 15 in der untern Stadt, Sekretärs aber im Hafnergäßchen in der öbern Stadt. So oft aber die beiden Männer zu Hauſe pflichtſchuldigſt erzählen mußten, was ſie im Wirthshauſe Neues erfahren— und mit dieſen Fragen wurden ſie ebenſo pflichtſchuldigſt Samſtag ſpät oder Sonntag früh ge⸗ quält— ſo war immer das Ende vom Liede:„Ich bin nur froh, daß ich den Knapperer oder den Stadelbach im goldenen Bären finde, ich muß ſagen, das iſt ein Mann, wie ich ihn mir ſchon lange gewünſcht.“ So ſprach Einer vom Andern, und auch die beiden Frauen wußten ſich nicht ſehr viel Böſes nach⸗ zuſagen. Die Knapperer ſei eine ganz nette Frau, meinte die Kanzleiräthin, und wenn ſie darüber hinwegginge, daß der Vater derſelben nur Poſtreviſor geweſen ſei, während ſie aus einer ſtädträthlichen Familie ſtamme, ſo glaube ſie faſt 1 Hackländer, Kr. u. Fr. I.— * muthen Ein Bperrſitz-Abonnement zu Acht. In der Stadt, von welcher wir zu reden die Ehre haben, befanden ſich in einer Straße zwei Häuſer, welche gerad einander gegenüber lagen; es war Nro. 15 und 16, und daß ſie trotz dieſer auf einanderfolgenden Nummern nicht Nachbarhäuſer waren, kam daher, weil in der ganzen Stadt die ungeraden Nummern nur auf der einen, die geraden auf der andern Seite der Straße ſich befanden. Wir halten es für unſere Schuldigkeit, dem ge⸗ neigten Leſer in einer wahrhaftigen Geſchichte auch von den ge⸗ ringſten Kleinigkeiten Rechenſchaft zu geben. Beide Häuſer waren zufällig gelblich angeſtrichen, hatten grüne Jalouſieen und jedes mit dem Parterre drei Stockwerke. In Nro. 15 wohnte im obern Stockwerk Herr Kanzleirath Stadel⸗ bach, in Nro. 16 in gleicher Höhe Herr Sekretär Knapperer. Beide waren glückliche Familienväter, d. h. mit einer Frau und erwachſenen Kindern g geſegnet. von früherer Zeit her, und hatten ſich zuerſt der Sek retär und der Kanzleirath im Wirthshaus kennen und ſchätzen gelernt, wo ihnen ſchon damals zufälligerweiſe an ein und demſelben Abend hre Bekanntſchaft datirte ſich ſchon Il 9 Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. können, daß ſie ſich ſpäter einmal zu einer näheren Bekanntſchaft entſchließen werde.„Etwas aber muß die Frau um Gottes⸗ willen laſſen,“ fuhr die Kanzleiräthin fort,„wenn ihr die Ehre meiner Bekanntſchaft zu Theil werden ſoll, ſie ſcheint mir zu vertraut mit der Frau A., der Frau B., der Frau C. und der Frau D. Und das ſind doch Leute, die ich nicht gern in unſere Kreiſe einführen möchte.“ Das hatte ſie mit erhobenem Kopfe geſagt und dabei an die Perle ihres Kreiſes gedacht, die Frau Commerzienräthin Zwieſele, die nie anders als im grünen Atlas in das Kränzchen kam, und wenn ſie die Reihe traf, ihr Souper im Café Marquart zubereiten ließ, ein Hahnenragont und Härings⸗ ſalat mit was Feinem. Da las man auf einmal im täglichen Anzeiger, daß in der Brandſtraße Nro. 16 der dritte Stock zu vermiethen ſei. Der Sekretär kam händereibend in den goldenen Bären und ließ ſich zum Erſtaunen des Kanzleiraths einen Schoppen Achtzehner geben. Als er aber dieſe Verſchwendung mit der Freude ſeines Herzens motivirte, daß er heute Nro. 16 in der Brandſtraße den dritten Stock für nächſtes Quartal gemiethet, da ließ ſich auch ſein Freund für dießmal zur Verſchwendung hinreißen, wobei er energiſch flüſterte:„Man muß denen zu Haus nicht Alles auf die Naſe binden.“ Am nächſten Quartal zogen alſo Knapperers in die neue Wohnung ein und die gute Sekretärin mußte dabei, ohne es zu wiſſen, eine gewaltige Feuerprobe ausſtehen, denn die Kanzlei⸗ räthin ſtand gegenüber, hinter den Vorhängen verſteckt, mit ge waffneten Augen, d. h. mit ihrer unendlichen Sehkraft bewaffnet, 3 denn ſie konnte faſt um die Ecke ſehen, wie Herr Stadelbach in fruheren jüngeren Jahren oft ſeufzend verſichert. — Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. 8 Da ſtand ſie nun und unterzog jedes Geräthe einer 4 manen Muſterung. Glücklicherweiſe hatte Madame Knapperer ihre Sachen ſchönſtens verpackt und in beſter Ordnung; die Matratzen waren fleckenlos oder hatten Ueberzüge, der gemeine Hausrath war unverſehrt und die Ecken der feineren Möbel ſorgfältig mit Tüchern umwickelt, was der Kanzleiräthin ein beifälliges Kopf⸗ nicken abnöthigte. Auch ſah man kin zerbrochenes Geſchirr, und Speiſe⸗ und Kaffeeſervice, welches in Körben getragen wurde, ſchien ſehr zahlreich zu ſein. Selbſt die Utenſilien der Magd⸗ kammer, die Tannenholzbettlade und der Tannenholzſchrank waren . blank geſcheuert, überhaupt nicht viel Kruſt vorhanden. Ddieſe Inſpektion war demnach zur Zufriedenheit ausgefallen, und da auch die Frau Sekretär Knapperer mit ihm gleich am andern Morgen, es war zufällig ein Sonntag, nach vorher er⸗ gangener Anfrage, ihren nachbarlichen Beſuch machte, ſo empfing 8 “ — ſie die Frau Kanzleirath Stadelbach und war wahrhaft herab⸗ laſſend, ja freundlich. Darauf machten Stadelbachs einen Ge⸗ genbeſuch, dann beſuchte ferner Fräulein Emilie Knapperer Fräu⸗ lein Clara Stadelbach und erhielt dieſe Viſite ſchon am andern Morgen wieder, die reſp. beiden Herrn Söhne der Familien, Herr Friedrich Knapperer und Herr Emil Stadelbach, zwei junge Handlungsbefliſſene, trafen ſich auf der Mitte der Straße, ſchüt⸗ telten ſich die Hände und tauſchten ſo Beſuch und Gegenbeſuch⸗ zu gleicher Zeit aus. Als nun noch Sekretärs Bäbele und⸗ Kanzleiraths Rickele ſich eine gegenſeitige Küchenviſite abgeſtatter 4 hatten, war die Sache ſo weit im Reinen, und die e renndſchaſe 4 connte als geſchloſſen betrachtet werden. Madame Knapperer war dabei ſo klug, ihre N wenn auch nicht als ältere, doch als weiſere Freund Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. trachten, und wenige Tage nach dem Einzuge erbat ſie ſich eine Stunde, um ſich über Manches aus der neuen Nachbarſchaft Raths zu erholen. Daß dabei die Feinde der Kanzleiräthin auch die der Sekretärin wurden, verſteht ſich von ſelbſt; auch von der unteren und mittlern Etage Nro. 16, wo nothwendig Beſuche gemacht werden mußten, wurde das Nöthige berichtet und dann pflichtſchuldigſt vor einigen gefährlichen Häuſern der Nachbarſchaft gewarnt. Dort an der Ecke wohnte eine unternehmende Wittwe, die, wie eine ehrliche Waſchfrau erzählt, ſchon gefährliche Blicke nach Herrn Emil Stadelbach geſandt; in ro. 13 aber hielt ſich ein geſinnungsloſer Infanterie⸗Lieutenant auf, dem es auf Beſuche nach dem Balle und kompromittirende Fenſterparaden durchaus nicht ankam. Auch der Läden und Handwerker wurde gedacht, dabei des leichten Brodes des Bäckers Knäuſel, ſowie des Metz⸗ ger Stumpfinger erwähnt, der im Verdachte ſtehe, als habe er vor Jahren einen Ochſen geſchlachtet, der eines natürlichen Todes verſtorben. Zum Waſſerholen wurde der Brunnen an der Kirche empfohlen, als auf dem freien Platze gelegen, der Zugluft und nachbarlicher Beobachtung ausgeſetzt und ſo weniger geeignet zu langen, für die Hausfrau ſo läſtigen Beſprechungen der Dienſt⸗ mägde. So, mit guten Rathfchlägen ausgerüſtet, fing die Sekretärin ihre Wirthſchaft in der Brandſtraße an und betrug ſich ſo voll⸗ kommen zur Zufriedenheit ihrer ſtrengen Nachbarin, daß die bei⸗ derſeitige Freundſchaft bald eine innige genannt werden konnte. Auch die beiden Gatten waren mit ihrem Looſe nicht unzufriedener aals ſonſt; ſie beſuchten nach wie vor den goldenen Bären, und ſogar, wiewohl lange vergeblich, den Verſuch, ihre reſp. —————— Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. 213 Hausſchlüſſel auch noch für einen andern Tag der Woche ver⸗ liehen zu erhalten. Alſo lebten die Bewohner des dritten Stockes von Nro. 15 und 16 in einer wahrhaft wunderbaren Harmonie. Es war eigen⸗ thümlich, daß beide Familien auch die gleichen Lieblingsgerichte hatten; wahrhaft rührend aber mußte es genannt werden, daß wenn Kanzleiraths Sonntags Sauerkraut mit Umſtänden hatten, dieſes köſtliche Gericht Mittwoch auf dem Tiſch des Sekretärs erſchien, und der Grund dieſer verſchiedenen Tagesordnungen war, daß ſich alsdann die Familien gegenſeitig mit Portionen dieſes Leibgerichts beglückten. Auch übertrug ſich dieß glückſelige Ver⸗ hältniß auf den übrigen Speiſezettel; aß man z. B. in Nro. 15 eine Gans, ſo klopfte Rickele unfehlbar an, einen Teller tragend mit einem Hinterviertel und einem ganzen Haufen Füllſel, und umgekehrt erhielt die Kanzleiräthin bei ähnlicher Veranlaſſung einen ganzen Haufen Füllſel, ſowie ein vollſtändiges Hinterviertel. Ja, die gleiche Stimmung der beiden Hausfrauen ging in's Unbegreifliche; ſie hatten ihren beiden Töchtern ſchon mehrmals Kleider von demſelben Stoffe gemacht, obgleich Fräulein Knap⸗ perer ein ſchwarzes Haar beſaß und ein längliches, etwas dünnes Geſicht, Fräulein Stadelbach dagegen dickbackig war, eine Stumpf⸗ naſe hatte und blonde Flechten trug. Der Sekretär mußte ſich zu einem braunen Frack bequemen, wie ihn ſein Nachbar gerne trug; wenn in Nro. 15 Birkenholz gekauft wurde, ſo hätte man in Nro. 16 Buchenholz nicht geſchenkt genommen; wenn um Mar⸗ tini die Gänſeheerden durch die Stadt getrieben wurden, ſo lagen beide Hausfrauen in ihren Fenſtern, und wenn die Kanzleiräthin hinüberrief:„die graue da paßt für Euch, Knapperer,“ ſo ſagte die Sekretärin:„danke recht ſchön, und ich rathe Euch zu der 214 Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. dicken weißen mit dunklem Flügel.“ Beide wurden dann auch gekauft, und wenn zufälligerweiſe eine etwas hart und zäh aus⸗ fiel, ſo war die arme Gans nicht ſchuld daran, ſondern ſie hatte das Welſchkorn nicht ertragen können oder Bäbele hatte ſie ſchlecht geſtoppt. Von den männlichen Sprößlingen bei der Familie iſt nicht viel Gutes oder Schlimmes zu ſagen. Es waren das ein paar hochaufgeſchoſſene, noch ziemlich dünne junge Menſchen zwiſchen 16 und 17 Jahren, die ſich, wie geſagt, dem Handelsſtande ge⸗ widmet hatten, und von denen man noch nicht recht wußte, was es eigentlich geben ſollte. Doch zeigten ſie für ihr Alter recht tüchtige Anlagen, ſaßen länger im Wirthshaus als ihre reſp. Herrn Väter, tranken wohl auch etwas Beſſeres und rauchten keineswegs ſchlechtere Cigarren. Auch im Theater ſah man ſie zu⸗ weilen während des letzten Aktes unter der Firma, eine weitläu⸗ fige Verwandte abholen zu müſſen; ſie würdigten aber alsdann die Bühne weniger Blicke, ſondern ſahen auffallend im Hauſe umher, um zu bemerken oder bemerkt zu werden, ſchraubten an ihren Theaterlorgnetten auf eine wahrhaft klägliche Art herum und ſprachen dazu franzöſich: à tu recartez cette cheune flle dans la première galerie? cellui dans le manteau-blanc.— Oui cellui.— Elle est très beaul— Oui, très beau? Wenn die beiden jungen Herrn ſo warm aus dem Theater kamen und davon zu Haus viel Schönes erzählten, ſo liebte die Kanzleiräthin würdevoll den Kopf. zu ſchütteln, und verſicherte, das ſei ein ganz untergeordnetes Vergnügen. So ſprach ſie an⸗ fangs und ebenſo auch die Sekretärin, und beide Mütter be kämpften auf's Eifrigſte die immer lauter werdenden Wünſche Vhrer Töchter, auch das Theater Kundeilen beſuchen zu dinjen. Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. 215 „Das bildet den Geiſt,“ ſagte Emilie.„Und man ſieht dort viel Neues,“ meinte Clara. „Auch ſagt Schiller ſchon, die Bühne ſei eine moraliſche Anſtalt.“ „Und wenn man auf Bälle geht, Mama, ſo muß man ſich auch im Theater und Konzert ſehen laſſen, ſonſt bleibt man ſitzen. Ich höre das zu oft während des Tanzens, wie faſt immer nur vom Theater geſprochen wird— Man ſieht Sie doch morgen in den Hugenotten?— O wer könnte den vierten Akt verſäumen! — O Gott ja! für den ſchwärme ich auch.— Lalalala!— la — lala!— Raoul, ich liebe Dich.“ „Und dann wirſt Du einſehen, Mutter,“ ſagte Emilie, „daß ein ſchönes Schauſpiel den Geiſt bildet. Ich verſichere Dich, ich muß mich im Geſpräch oft zuſammen nehmen und mit einem vielſagenden Lächeln ſtill ſchweigen, wenn Jemand eine Stelle citirt und ich nicht weiß, ob ſie von Schiller oder von Shakeſpeare iſt.“ Wenn auch beide Mütter die Angriffe ihrer Töchter gegen⸗ über von dieſen energiſch bekämpft, ſo gab es doch Augenblicke, wo die beiden Frauen allein daſſelbe Thema mit den gleichen Variationen behandelten. 8 „Ich muß auch ſagen,“ meinte die Kanzleiräthin,„daß es ſich für eine Frau von unſerem Stande ſchickt, zuweilen in's Theater zu gehen. Natürlich auf einen Sperrſitz; denn das Par⸗ terre iſt gar zu gemiſcht, und mich dort herumſtoßen zu laſſen, dazu habe ich nicht die geringſte Neigung.“ „Ich will es nur geſtehen, liebe Stadelbach,“ eneu darauf die kleine Knapperer mit glänzenden Augen,„daß ich d Theater für mein Leben gern höre. Che ich verheirathet war,“ 3 ſetzte ſie mit nihergeſchlagenem Blicke hinzu⸗„ging ich viel Di Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. figer in's Theater, recht viel häufiger. Aber jetzt ſagt mein Mann, das ſei ein gar zu koſtbarer unnützer Zeitvertreib.“ „Ja, wenn man die Männer hört,“ ſprach die Kanzlei⸗ räthin in wegwerfendem Tone,„da iſt freilich Alles koſtbar und unnütz, was unſer Vergnügen anbelangt. Da iſt nur wichtig das Kaffeehaus—“ „Und das Wirthshaus—“ „Und die Pfeife—“ „Und die Zeitung.“ „Und was in der ſteht, heimniß für ſich.“ „Das iſt wahr. Da gibt ſich Keiner die M was es da Neues gibt.“ „Wir ſollen das ſelbſt leſen.“ „Ja, ſelbſt leſen; als wenn wir dazu die Zeit hätten!“ „Ich verſichere Sie, Knapperer, es iſt nichts mit der Welt, und wenn ich nicht ſo zufällig dazu gebracht worden wäre, mich zu verheirathen—“ „Das weiß Gott!“ ſeufzte die Sekretärin.„Es iſt nichts als Plage und wieder Plage und noch einmal Plage!“ „Dafür müſſen wir uns das Leben ſo an wie möglich,“ ſagte entſchieden die Kanzleiräthin. Theater anbelangt, ſo will ich mich einmal nicht in ein guts, anſtändi mit eintreten kann.“ „Iſt das Ihr Ernſt?“ „Abgemacht!“ So wurde demnach beſchloſſen im Rathe der Haus— götter. Und es gplang auch den emſigen Nachforſchungen der Kanzlei⸗ das behalten ſie auch wie ein Ge⸗ Kühe und erzählt, genehm machen „Und was das ndigen, ob man ges Sperrſitz⸗Abonnement irgendwo . * —— Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. 212 räthin ein Sperrſitz⸗Abonnement aufzufinden, wo man es nicht ungern ſah, wenn die beiden Damen eintreten wollten. Dazu war das Abonnement außerordentlich günſtig; die Stammmutter deſſelben war eine reiche verwittwete Regiſtratorin mit ihrer ſchon ziemlich erwachſenen Tochter. Dieſe Tochter, ſonſt eine feurige Anbeterin deutſcher Claſſiker, war in die Jahre getreten, wo man endlich einſehen lernt, daß Schiller doch nur für eine unreife, ſchwärmeriſche Jugend geſchrieben, wo man die Schönheiten des Göthe'ſchen Clavigo recht tief fühlt und mit genießt; wo man 4 dagegen im Fauſt zu viele anzügliche Stellen entdeckt, und es höchſt unzart findet, wenn er von ſich ſagt: Ich bin zu alt, um nur zu ſpielen, 4 Zu jung, um ohne Wunſch zu ſein. Die zweite Partie Theilhaber an dem Sperrſitz⸗Abonnement war ein ältlicher Buchhändler mit ſeiner Schweſter, welch' letztere leider früh verwittwet war, und die Stücke vorzog, wo es armen ge⸗ 4 ¹ — kränkten Weiberherzen recht ſchlecht geht, wo ſie alsdann die Bühne wie einen Spiegel vor ſich ſah und alles das ſelbſt zu ſein glaubte, warum es ſich da oben handelte. Da ging ſie dann bald als„Lorle“ nach Haus, bald als„Weib aus dem Volke,“ auch konnte ſie ſich genau in die Stimmung der„Muſikanten⸗ tochter Millerin“ verſetzen, namentlich wenn der alte, verdrieß⸗ liche Buchhändler beim Nachteſſen ſagte:„Die Suppe iſt matt wie Deine Seele, Louiſe. Dieſe vier Theilnehmer an einem Sperrſitz⸗Abonnement ſuchten nach vier gleichgeſinnten Seelen, wo dann gerade die rechte Zahl herauskam, um an Koſten und Vergnügen nicht zu viel und nicht zu wenig zu haben. 3 1 Die Regiſtratorin mit ihrer Tochter, ſowie die verwittpet 1 2418 Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. Buchhändlersſchweſter hatten, wie ſchon bemerkt, durchaus nichts gegen den Eintritt der beiden Familien zu bemerken, der alte grießgrämige Buchhändler dagegen konnte den Sekretär nicht leiden, weil dieſer einmal eine tabellariſche Ueberſicht des ſtädtiſchen Con⸗ ſums für den Volkskalender eines andern Verlags angefertigt hatte, welcher Volkskalender— parceque oder quoique, das wiſſen die Götter— recht gut gegangen war. Doch wurde er begreiflicher Weiſe von ſeiner Schweſter überſtimmt und die Theil⸗ nehmer zugelaſſen. Weder der gute Kanzleirath, noch der biedere Sekretär ahne⸗ ten etwas von dieſer Theater⸗Verſchwörung; auf Herrn Knapperer wurde der erſte Angriff gemacht, als er an einem ſchönen Vor⸗ mitkage Beſuch bei Stadelbachs machte. Die Kanzleiräthin ſprach davon, wie es ſo ſchön ſein würde, einen Wechſelſperrſitz zu haben, und man doch auch in dieſer Richtung etwas für Geiſt und Gemüth der heranwachſenden Töchter thun müſſe. Der Sekretär ſchüttelte ſein Haupt und entgegnete mit heuchleriſcher Miene:„er für ſeine Perſon würde am Ende nichts dagegen haben, doch ſei ſeine Frau ein viel zu ruhiges und ſtilles Ge⸗ müth, um an dem Lärm des Theaters Geſchmack finden zu können.“ Ganz genau ſo ſprach am ſelben Nachmittage der Kanzleirath, als er von der Sekretärin und Fräulein Emilie Knapperer attalirt wurde. Wie war aber dieſen beiden überli⸗ ſteten Ehemännern zu Muth, als noch am gleichen Abend ſowohl das ruhige, ſtille Gemüth der Kanzleiräthin als der Sekretärin erklärten, ſie hätten ſich ſchon lange nach den Freuden des Thea⸗ ters geſehnt, hätten auch bereits einleitende Schritte zu Erlan⸗ gung eines Sperrſitz⸗Abonnements zu Acht gethan. Die beiden Männer ſahen ſich bedenklich an, und der Kanzleirath meinte: Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. 219 die Sache ſei aber wohl noch zu überlegen, welches an ſich harm⸗ loſe Wort einen wahren Sturm der Entrüſtung der Fräulein Clara Stadelbach hervorrief. Sie wüßte wohl, ſagte die junge Dame ſehr empfindlich, daß Papa nur dagegen ſei, wenn ſie ſich in der Welt zeigen wolle, und man ſehe wieder recht deutlich, daß man nun einmal nicht im Stande ſei, ihr auch nur das kleinſte Vergnügen zu gönnen. Faſt ebenſo drückte ſich auch Fräulein Emilie aus, die noch hinzuſetzte:„Es wäre aber doch wohl end⸗ lich einmal an der Zeit, daß maͤn draußen erfahre, auch ſie ſei in der Welt.“ Vier weibliche Zungen gegen zwei männliche iſt eine Ueber⸗ macht, bei welcher der Letzteren Niederlage gewiß iſt. Ehe aber die beiden Männer nachgaben, ſprach der Kanzleirath noch einige Worte ernſter Warnung. In früheren Zeiten habe auch er ein⸗ mal mit Damen einen Wechſelſperrſitz gehabt.„Natürlich vor meiner Verheirathung,“ ſetzte er ſchnell hinzu;„und das hat nicht lange gut gethan. Das gab zu allerhand Häkeleien Ver⸗ anlaſſung, da kam Mißtrauen und Eiferſucht in's Spiel, aus Mücken wurden Elephanten gemacht, und kurz, ich erlebte es nach langer Zeit, daß zwei Familien, ebenſo innig befreundet wie wir Beide es ſind, d durch ein Sperrſitz⸗Abonnement ganz ausein⸗ ander gebracht wurden.“. Auf dieſe Aeußerung hin ſah die Kanzleiräthin wahrhaft rührend und groß d die Sekretärin an. Beide reichten ſich die Hand, und Madame Stadelbach ſprach die denkwürdigen Worte: „Ich verſichere Dich, Chriſtian, den Bruch unſerer Freundſchaft wirſt Du nicht erleben.“ 3 Die beiden Männer fügten ſich demnach achſelzuckend in ihr Schickſal, und wenn ſi auch in prophetiſch warnenden Tone 220 Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. ſprachen, ungefähr wie der Chor aus der Braut von Meſſina, „ſo hatte das nicht die geringſte Wir⸗ kung, und der Vertrag des Sperrſitz⸗Abonnements zu Acht mußte ratifizirt werden. Ehe dieß aber geſchah, wurde noch eine Clauſel angefügt, worauf die Beiden mit einer wahrhaft heldenmüthigen * nur mit andern Worten Feſtigkeit beſtanden, und welche ſie auch trotz manchfacher Wider⸗ rede glücklich durchſetzten. Das war die weitere Verleihung des Hausſchlüſſels auf noch einen Tag in der Woche. freuden ihren Anfang. Das ganze Abonnement war außerordent⸗ lich ſchön geregelt; zuerſt kam begreiflicher Weiſe die Regiſtratorin mit Tochter, dann die Buchhändlersfamilie, hierauf Nro 15 und 16. War eins der Theilhaber durch Krankheit. oder ſonſt wie verhindert, am Tage, wo ihm das Billet zufiel, in's Theater zu gehen, ſo konnte es ſeine Rechte auf irgend eine beliebige Perſon übertragen; fand ſich aber Niemand, der außer der Reihe von dem Sperrſitz Gebrauch machen wollte, ſo konnte es zu einem mäßigen Preiſe verkauft werden. Früher, als das Abonnement noch zu Vier beſtand, war dieſer Fall ſchon einigemal vor kommen, jetzt aber, wo Stadelbachs und Knapperers eingetreten waren, war in dieſen beiden Familien Verwandlung genug, um den Sperrſitz nicht in andere Hände gelangen zu laſſen. Hier⸗ bei müſſen wir noch bemerken, daß die beiden männlichen Mit⸗ glieder der letztgenannten Familie vom Mitgenuſſe des Schauſpiels feierlich ausgeſchloſſen waren; was die beiden alten Herrn anbe⸗ langte, ſo begriffen dieſe überhaupt nicht, wie man die nichts⸗ ſagenden Theaterfreuden den ſüßen und geiſtigen Genüſſen im goldenen Bären vorziehen konnte; Herr Friedrich und Herr Emil machten auch keine Anſprüche, da ſie jetzt mehr als je Gelegen⸗ So nahmen denn mit Beginn des Winters die Theater⸗ ge⸗ . Ein Sperrſitz⸗-Abonnement zu Acht. 221 heit hatten, Mutter oder Schweſter abzuholen und das Theater, wenigſtens in den letzten Akten, ohne Weiteres beſuchen konnten, Das Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht gelang demnach in beſter Harmonie. Es waren ſchon ganze vier Wochen vergangen unden die Freundſchaft der Familien ſchien ſogar feſter geworden zu ſeyn; man verſtand ſich mit einer rührenden Herzlichkeit, man tauſchte gegenſeitig die Billete außer der Reihenfolge um, wenn z. B. Fräulein Clara einmal gerne eine Oper ſehen wollte und Fräulein Emilie Gelüſte nach einem Trauerſpiel hatte. Daß die Mütter oftmals z nſten ihrer Töchter verzichteten, verſtand ſich überhaupt votilbſt. Du lieber Gott! junge Mädchen haben oft ein ganz ande Intereſſe am Theater als ihre Mütter, die doch meiſtens nur hineingehen, um irgend ein langweiliges Stück langweilig ſpielen zu ſehen. Dabei war Fräulein Stadelbach und Fräulein Knapperer ſo ſehr ein Leib und eine Seele, daß es ſchon bei einer großen Oper, die ſelten gegeben wurde, oder bei einem berühmten Gaſte, der nur einmal auftrat, vorgekommen war, daß eine die beiden erſten Akte, die andere die beiden letz⸗ ten geſehen. Der grießgrämige Buchhändler dagegen konnte immer noch ſeine Mücken gegen den Sekretär wegen der tabellariſchen Ueber⸗ ſicht der ſtädtiſchen Konſumtion nicht verwinden und beruhigte ſich erſt, als er erfuhr, Herr Knapperer werde ſich in Perſon 4 des Sperrſitzes niemals bedienen. Die Regiſtratorstochter war die Einzige, welche ſich nach einiger Zeit gegen ihre Mutter im . Vertrauen wider das Abonnement ausſprach.„Daß die Knap⸗ perer und die Stadelbach,“ ſagte ſie,„ein wenig jünger ſind als ich, du lieber Gott! daraus mache ich mir nichts und das iſt auch unerheblich; aber daß die beiden Affen, welche auf unſerem 3 .. Ein Sperrſitz⸗-Abounement zu Acht. 222 2 4 3 Platz ſitzen, ihr Möglichſtes thun, um die Blicke aller Männer auf ſich zu ziehen, iſt ein bischen unangenehm. Ich habe es von einer Bekannten. Kommt doch die Eine immer in's Theater mit brennendrothen Schleifen im Haar, die, ihr bis auf die Taille herabhängen, und hat doch die Andere beſtändig den auffallend⸗ ſten himmelblauen Kopfputz, den man nur ſehen kann. Es iſt eigentlich lächerlich. Da hat ſie irgendwo geleſen, daß ſich fahles blondes Haar und eine Stumpfnaſe durch die blaue Farbe ein bischen genießbar machen laſſen, und jetzt übertreibt ſie das ſo, daß ſich alle Nachbarinnen darüber aufhalten.— Es iſt zu fahl. — Weißt Du, Mama,“ fuhr ſie fort,„es iſt mir unangenehm, daß Leute, die mich nicht genau kennen, glauben könnten, ich treibe dergleichen Geſchichten, und mich mit der Stadelbach oder der Knapperer verwechſeln; ich muß ſagen, das müßte ich mir denn doch ausbitten.“ Eine Verwechslung wäre nun nicht leicht möglich geweſen. Denn die Altersunterſchiede zwiſchen beiden Parteien waren doch ein bischen zu ſtark und in die Augen ſpringend. Emilie und Clara, die durch eine Bekannte etwas von dergleichen Aeuße⸗ rungen vernommen, waren herzlos genug, darüber zu lachen und ſich von da ab noch längerer rother und blauer Schleifen zu bedienen.. 4 Der Kanzleirath und der Sekretär freuten ſich dagegen ihres weiteren Wirthshausabends und konnten beim nächſten ge⸗ meinſchaftlichen Familien⸗Nachteſſen nur achſelzuckend ſtillſchweigen, als ihnen Madame Stadelbach die vergangenen vier Wochen in Betreff des Sperrſitz⸗Abonnements vor Augen führte und trium⸗ phirend fragte:„Nun, iſt Eure Vorausſetzung eingetroffen, hat unſere gegenſeitige Freundſchaft ab⸗ oder zugenommen?“ Und es 6 Ein Sperrſitz⸗-Abonnement zu Acht. ſchien auch in der That, als wenn Letzteres der Fall geweſen wäre. Die aus Nro. 15 waren faſt beſtändig in Nro. 16 oder umgekehrt. Die Kanzleiräthin und die Sekretärin machten jetzt die allergeringſten Einkäufe miteinander, und wenn Fräulein Clara im Theater geweſen war, ſo konnte Fräulein Emilie kaum den andern Morgen erwarten, um ſich auf's Genaueſte erzählen zu laſſen, ob das Theater voll geweſen ſei, ob der ihnen eigentlich vollkommen gleichgültige Offizier mit dem röthlichen und der mit dem ſchwarzen Schnurrbart häufig umgeſchaut und ſich unter vielſagendem Blick eben dieſen Schnurrbart mit den weißen Hand⸗ ſchuhen gewiſcht; ob Martha die letzte weiße Roſe ſo wunderſchön geſungen als das letzte Mal oder ob die erſte Liebhaberin, Fräu⸗ lein Käſewetter, wieder einen neuen Kopfputz gehabt und welchen; ob Herr A. mit Frau B. viel geſprochen; ob Fräulein C. und Herr D. ſich wieder ſo auffallend benommen; ob der Lieutenant E. wieder ſo hartnäckig neben der Bank geſtanden habe, wo die ſog. ſchöne F. ihren Platz hat; ob der unausſtehliche blaſſe junge Menſch wieder da geweſen ſei, der immer auf ihre Seite herüber⸗ komme, und ob es wahr ſei, daß Herr P. und Fräulein H. jetzt auf der zweiten Gallerie neben einander ſäßen und demnach wirklich als Brautpaar zu betrachten ſeien. Ueber all dieſe Mit⸗ theilungen lachten die jungen Damen viel und anhaltend, und wenn ſie darauf von einander gingen, war der Himmel ihrer Freundſchaft klarer als ſonſt, und die Sonne eines herzlchen Einverſtändniſſes ſtrahlte über ihr jukiges Leben. Da kam das Schickſal— nicht roh und kalt, ſondern viel⸗ mehr geſchmeidig und ſehr warm in der Geſtalt eines jungen Oekonomen, der auf dem Nebenſperrſitz ſeinen Platz nahm, zu⸗ fällig an dem Abend, wo Fräulein Stadelbach die Reihe des —˖—ͦ—᷑—ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ˖ÿO——ᷓᷓ-— —. 3 229 5 “ Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. Abonnements traf. Es wurde ein Stück gegeben, auf das ſich die junge Dame beſonders gefreut. Aber es war ſonderbar, daß ſie an dieſem Abend weniger darauf Acht gab, was und wie droben geſpielt wurde, als auf die eingeſchobenen Bemerkungen des jungen Oekonomen, die er ſeiner Nachbarin begreiflicher Weiſe auf's Ehrerbietigſte zuflüſterte. Dabei blieb auch dieſe Bekannt⸗ ſchaft natürlich vollkommen in den Grenzen einer vorübergehenden Sperrſitznachbarſchaft, wußte man doch nicht einmal, ob der junge blonde Mann nur ein Fremder war und demnach nur vorüber⸗ gehend das Theater heſuchte. Am andern Morgen, als die beiden jungen Mädchen zu⸗ ſammenkamen und die Fragen erörtert wurden, wie wir uns er⸗ laubt, ſie weiter oben anzudeuten, war es eigenthümlich, daß Fräulein Stadelbach des jungen blonden Oekonomen mit keiner Sylbe erwähnte. Daß Fräulein Emilie nicht darnach fragte, be⸗ greift ſich von ſelbſt, denn noch hatte ſie ja keine Idee von dem neuen und ſehr intereſſanten Nachbar. Clara aber kaufte an dieſem Nachmittag eine ſeidene Herrenhalsbinde, grau mit blau karrirt, wie ſie ihr Bruder ſchon lange gewünſcht, dieſen Wunſch aber bis jetzt vor tauben Ohren ausgeſprochen. Er erhielt dieſe Halsbinde noch am gleichen Tage von der Schweſter zum Ge⸗ ſchenk, und was die Beiden dazu verhandelt, bleibt vorderhand ein Geheimniß;— genug, der junge Herr Stadelbach befand ſich an dieſem Abend durch beſondere Vergünſtigung ſchon vor Beginn des Stückes im Theater, und als er zurückkam, rappor⸗ tirte er insgeheim der Schweſter: auf dem Sperrſitz neben dem des Abonnements habe ſchon vor Anfang des Stückes ein junger blonder Mann geſeſſen, der ſehr häufig nach der Thüre geſehen. Dann aber noch vor der Ouverture aufgeſtanden ſei, ſowie näm⸗ Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. 225 lich der alte grießgrämige Buchhändler, an dem heute die Reihe 8 war, erſchienen. Auch habe er ſich, der junge blonde Mann nämlich, noch ein paar Akte am Eingange herumgetrieben, ſei aber noch vor Ende des Stückes verſchwunden. Da die Tochter der verwittweten Regiſtratorin ſeit einiger Zeit an einem leichten Unwohlſein litt, ſo war das Billet käuf⸗ lich zu haben, und Clara Stadelbach erſtand es für die nächſte Vorſtellung. Da ſchon begriff es Emilie Knapperer nicht, daß ihre Freundin die alte Norma wieder ſehen wolle, die ſie ja erſt noch vor acht Tagen leiden und ſterben gehört. „Ach! die Muſik der Norma iſt zu himmliſch!“ verſicherte dagegen die Freundin, mit einem Blick an die Zimmerdecke.„Ich ſchwärme dafür.— Frie——— den gebiet ich.— O kehre zurück und bringe der Liebe echte Freuden!— Und wenn am Schluß des erſten Aktes Sever auftritt, da bin ich in einer förmlichen Spannung.— Es iſt einem ganz gruſelich, und dann 5 macht Norma ein paar Augen;— aber es iſt begreiflich. Ein ſolch ſchändlicher Verrath!“ „Nein, nein!“ ſagte Emilie,„für die Norma wäre mir doch mein Geld zu lieb. Nun, ich wünſch' dir viel Vergnügen.“ Und dahin ging Clara Stadelbach mit den erſten ſchüchter⸗ nen Anfängen einer Treuloſigkeit gegen die Freundin in ihrem Buſen. Doch es gibt ein eigenes Gefühl im menſchlichen Herzen, das ſtärker iſt als die Freundſchaft. Fräulein Stadelbach war noch nie ſo früh in's Theater gegangen wie heute. Faſt ſämmt⸗ liche Sperrſitze waren noch leer, und es machte ihr ein eigenes Vergnügen, die Leute ſo ſo nach und nach ankommen zu ſehen. Es gehk dir vielleicht auch manchmal ſo, geliebter Leſer oder verehrte Leſerin, daß dir irgend ein Vers im Kopf herum ſummt, den änder, Kr. u. Fr. I. 15⁵ 226 Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. du nicht losbringen kannſt. Unſere Sperrſitz⸗Abonnentin ſprach unzählige Mal vor ſich hin: Es kanad die Waſſer all, Sie rauſchen herauf, ſie rauſchen nieder— Den Jüngling bringt keines wieder. — Und doch! Sie blickte gerade zufällig nach der Eingangsthür, da erſchien er. Sein erſter Blick galt ihr, und ſein Gruß war wahrhaft bezaubernd, als er neben ihr Platz nahm.— O die alte Norma hat in der That wunderbare und bezaubernde Me⸗ lodien, ſo viele Stellen, wo man mit Beziehung ſeufzen kann, die Augen niederſchlagen, nachdem man nämlich vorher anders wohin geſehen, und ſeine Handſchuhe betrachten.— Ach! und aauch der Text iſt ein ſehr ſchöner Text! Wenn die arme be⸗ trogene Seherin das junge naſeweiſe Ding, die Adalgiſe, fragt: Sprich! wie faßte dich die Liebe?“ Da muß ſich jedes Mäd⸗ chen in Acht nehmen, daß ihr Auge nicht zufälliger Weiſe dem Blick eines jungen unternehmenden Mannes begegne, ſonſt iſt ein ſolcher eitel genug, die Frage auf ſich zu beziehen.—„Sprich! wie faßte dich die Liebe?“ Auch iſt die Norma wie gemacht dazu, moraliſchen Betrachtungen Worte zu verleihen. Sie ſagt— eine Zuſchauerin nämlich—„es iſt das doch ein entſetzliches Schickſal!“ und er antwortet:— ein Nachbar nämlich—„in der That entſetzlich, der römiſche Proconſul iſt einer der ſchlech⸗ teſten Menſchen, die ich kenne.“— 4„Aber die Männer finden das verzeihlich.“ „Unmöglich, mein Fräulein.“ „O doch! Es iſt ihnen ein Vergnügen, mit den edelſten „Gefühlen des Herzens zu ſpielen. 4½ „Aber Ausnahmen werden Sie zugeben, mein Fräulein.“ — * (Große Pauſe.) „Vielleicht; aber dieſe Ausnahmen ſind ſelten.“ „Aber es gibt ſolche Ausnahmen.“— Zwei unterbrochene Blicke, ein leichter Seufzer, ein gelin⸗ der Huſten und Oroviſt tritt auf, um mit ſeinen Galliern die äußerſt ſangbaren Worte hören zu laſſen: Zucket krampfhaft, zucket krampfhaft, dieſe Rechte. So geht die Norma langſam ihrem Ende zu; der Holzſtoß brennt, der ſchwarze Schleier erſcheint, Sever erfährt, welch treues Herz er hintergangen, die Pauken haben ihr Solo, dann fällt der Vorhang und man geht nach Hauſe. LKie Treppen hinab, Hum Hauſe hinaus begleitete der Oeko⸗ nom das junge Mädchen; unten aber lauerte Rickele mit der unvermeidlichen Laterne auf ihre Beute. Freilich unterſtand er ſich, eine ſchüchterne Anfrage um die geneigte Erlaubniß zur nach Hauſebegleitung hervorzuliſpeln.—„O nein, ich muß recht ſehr danken, man würde das übel deuten und—— Rickele würde es unfehlbar dem Bäbele erzählen.“ Am nächſten Theaterabend traf die Reihe Emilie Knapperer. Sie ſetzte ſich unbefangen auf ihren Platz, die Thüren öffneten ſich von Minute zu Minute, und herein ſtrömten, die alten be⸗ kannten Geſichter.— Jetzt wurde ein junger, blonder Mann ſichtbar— auf jeden Fall ein Fremder; Emillie hatte ihn noch nicht geſehen, und doch war es eigenthümlich, daß er ſo auf⸗ fallend nach ihrem Platze hinſchaute. Ja, er blickte hin, daran war nicht zu zweifeln, und ſo bekannt blickte er hin; es war gerade, als ſuche er etwas. Jetzt ſchritt er vorwärts, kam an ihre Reihe und drängte ſich unter Entſchuldigungen durch. Cs Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. 227 Ein Sherrſit⸗Albonniennohn, zu Acht. war ein recht angenehmer junger Mann mit hübſchem, blondem Haar, und ſie mochte die blonden Hacke wohl leiden. Um den Leſer nicht zu ermüden, wollen wir in Kurzem ſagen, daß er faſt auf die gleiche Art mit Fräulein Knapperer eine freundſchaftliche Bekanntſchaft anknüpfte, wie er es mit Fräu⸗ lein Stadelbach gethan, wobei wir es übrigens nicht gerechtfertigt finden, daß er gegen die ſchwöarze Nachbarin nicht ein Woͤrk von der blonden erwähnte, ebenſowenig aber auch umgekehrt, und daß. Emilie am andern Morgen ihrer Freundin Clara über Alles, was im Theater geſchehen war, vollſtändige Rechenſchaft ertheilte, mit 5 Ausnahme einer Kleinigkeit, welche die geneigte Leſerin wohl zu errathen im Stande ſein wird. 24 ₰ℳ Am nächſten Theaterabend hatte Herr Friedrich Knapperer ebenfalls eine graue, blaumelirte Halsbinde und berichtete der Schweſter am andern Morgen, der Plätz neben der Regiſtratorin⸗ Tochter ſei leer geweſen, und ein junger, blonder Mann habe häufig dort hinübergeſchielt, ſich abet nach dem zweiten Akte gänzlich zurückgezogen. „Oh!“ ſagte Emilie und fühlte wie ihr Herz ſch. 3 Da es ſich nun zufällig traf, daß die Buchhändlerin⸗Schwe⸗ ſter das Theater in einem der nächſten Tage einer Kaffeegeſellſchaft wegen nicht beſuchen konnte, und daß der alte grießgrämige Buch⸗ händler die Maria Stuart, welche gerade gegeben wurde, nicht ausſtehen konnte— überhaupt war ihm Schiller widerwärtig, da er einmal den ſchwachen Verſuch gemacht hatte, eine Aehrenleſe aus deſſen Gedichten zu veranſtalten, wofür er wegen Nachdrucks beſtraft worden war— ſo war der Sperrſitz vacant, und Emilie Knapperer, die zuerſt Kenntniß davon erhielt, erſtand ihn zu ihrer großen Freude. Kaum aber hatte ſie das koſtbare Billet in Hän⸗ —— Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. 229 3 den, ſo kam Clara zum freundnachbarlichen Beſuch, ſprach nach einigen gleichgültigen Einleitungen vom Theater, und entwickelte alsdann eine noch nie dageweſene Schwärmerei für Schiller, na⸗ mentlich aber für Maria Stuart. „Eilende Wolken, Segler der Lüfte, Wer mit euch wandelte, wer mit euch ſchiffte!“ ſo recitirte ſie und ſah dabei an den grauen Winterhimmel, von dem unterſchiedliche Schneeflocken in trübe graue Waſſerlachen nieder⸗ fielen. Dabei ſagte ſie, da Mama ihre Paſſion für den größten deutſchen Dichter kenne, habe ſie eben zur Regiſtratorin geſchickt, die heute Abend eine große Geſellſchaft habe, um das Billet für heute zu erlangen. Woher es kam, wußte Emilie nicht, aber dieß Empreſſement der Freundin, jetzt auf einmal das Theater ſo häufig zu beſuchen, gab ihr einen gelinden Stich in's Herz, und es geſchah nicht mit der gewöhnlichen Unbefangenheit, als ſie ſagte:„Da kommſt Du zu ſpät, liebe Clara, Mama hat es bereits für mich holen laſſen.“ Dieſe Worte waren von einem lauernden Blick begleitet, 3 und als Emilie bemerkte, daß die Freundin bei dieſer Eröffnung faſt erſchrack, gab es ihr einen neuen Stich in's Herz.— Der⸗ gleichen Herzſtiche aber ſind gefährlich und aus ihnen entwickein ſich leicht ein ſehr unangenehmes Mißtrauen. „Du willſt Maria Stuart ſehen?“ fragte Clara faſt ver⸗ wundert.„Du, die die Stücke von Schiller nicht leiden kann?“ „Es iſt wahr,“ entgegnete die Freundin.„Ich habe dieſelben früher ſehr vernachläßigt, aber ich finde, daß ein Mädchen von Biae i das nicht ſollte zu Schulden kommen laſſen. 5 „ das findeſt Du, liebe Emilie?“ „Ja, ich finde das, liebe Clara.“ — öö—ö—ö—ö——ſſͤſͤſͤͤͤ Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. An dieſem Abend war alſo Emilie Knapperer im Theater, und neben ihr ſaß der junge blonde Oekonom. Maria Stuart iſt in gewiſſer Beziehung für zwei junge, neben einander ſitzende Leute noch ein viel dankbareres Stück als die Norma. Mortimer hat gar zu ſchöne Reden und mit denen hilft er ſo leicht eine Converſation anknüpfen. Als er mit den Worten ſtarb: Maria, Heilige, bitt' für mich! Da wandte ſich der erſchütterte Oekonom und ſagte zu ſeiner Nachbarin:„Sie heißen gewiß Maria, mein Fräulein. Sie haben etwas ungemein Seeliſches, ſo etwas wunderbar Marienhaftes.“ Es war das ein Ausdruck, den er von einem Freunde, einem Literaten, gehört und den er hier glücklich los wurde. Daß ſeine Nachbarin nicht Maria, ſondern Emilie hieß, er⸗ fuhr er gleich darauf, und dann kam es, wie es früher ſchon einmal gekommen war: er begleitete ſie die Treppen hinab und hätte ſie auch gerne nach Hauſe geführt, aber Bäbele machte ein gar zu bedenkliches Geſicht, und die Gas⸗ und andern Laternen brannten außerordentlich hell. Daß ſich an dieſem gleichen Abend der junge Herr Stadel⸗ bach ebenfalls im Theater befand, war mehr als ein Zufall, und als er, kaum nach Haus gekommen, der Schweſter erzählte von dem jungen verrätheriſchen Oekonomen, der mit Knapperers Emilie den ganzen Abend geſprochen, ſie auch die Treppe hinab begleitet habe, da—— da ſtieg in ihrem Herzen ein Gefühl auf, welches, wie wir hoffen, Dir, theure und geneigte Leſerin, erſpart bleiben möge. Daß aber Clara den feſten Vorſatz faßte, gegen ihre treu⸗ loſe Freundin zu ſchweigen, verſteht ſich ganz von ſelbſt. Wie ſich aber Alles in der Welt wiederholt, ſo geſchah es auch, daß, als an einem andern Abende Clara in's Theater ging, Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. 234 * der junge Herr Knapperer ebenfalls als verſteckter Zuſchauer ge⸗ genwärtig war. Clara hatte ihr blondes Haar etwas locker und ſchmachtend friſirt; ſie hatte in ihren Zügen etwas Glegiſches, ihre ganze Haltung erinnerte an eine Trauerweide. Sie zuckte faſt zuſammen, als ſich das Ungeheuer von einem Oekonomen neben ſie ſetzte, und es brauchte vieler Worte ſeinerſeits, ehe ſie ihm eine einigermaßen verſtändliche Antwort gab. Aber ein weibliches Herz iſt unter gewiſſen Verhältniſſen zum Verzeihen geneigt, na⸗ mentlich in der Oper, wo die Muſik das Ihrige dazu beiträgt, um einen leichten Groll in ſüße Wehmuth umzuſchmelzen, und Wehmuth— ſchöne Leſerin, iſt etwas außerordentlich Gefährliches. Wenn wir noch ſagen, daß an dieſem Abende Romeo und Julie war: „Nein, nein, du liebſt mich nicht, wie ich dich liebe!“ ſo werden wir es verzeihlich finden, daß ſich Fräulein Stadelbach von dem jungen Oekonomen, natürlich unter Rickele's Schutz, nach Hauſe begleiten ließ. 1 Das Alles hatte der junge Herr Knapperer mit angeſehen, und da er aus den Reden der Schweſter gemerkt hatte, warum es ſich eigentlich handle, ſo war er verletzt, indignirt, und konnte es in gerechter Entrüſtung nicht unterlaſſen, beim Nachteſſen vor Schweſter und Mutter die beiſpielloſe That Clara's zu erzählen. Wie das Emilie aufnahm, brauchen wir eigentlich nicht zu ſagen. Daß ſie heſtig ihren Teller mit Kartoffelſalat und Wurſt pon ſich ſtieß, verſteht ſich von ſelbſt. Daß ſie faſt in Thränen ausbrach, begreifen wir, und daß ſie die, ſonſt ſo ſanfte, Mutter zu einer gelinden Entrüſtung aufſtachelte, wird man verzeihlich finden. Die Sekretärin ſagte:„Ich muß geſtehen, das gefällt mir durchaus nicht,“ worauf Emilie hinzuſetzte:„O Mutter, ich kann Dich ver⸗ 232 Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. ſichern, es iſt bei der Clara Stadelbach nicht Alles, wie es ſein ſollte.——— Dann kam die Alles auflöſende Wehmuth, und als Herr Knapperer zu Bette gegangen war, ſchüttete Emilie in's mütterliche Herz das Bild des jungen Oekonomen, und ließ zu gleicher Zeit die Freundin Clara in ihren Abwendigmachungsver⸗ ſuchen als ein wahres Ungeheuer erſcheinen. Das Verhängniß aber nahm ſeinen Lauf, und es traf ſich, daß, als an einem der nächſten Abende der alte grießgrämige* Buchhändler im Theater war, und der junge Oekonom ebenfalls, der letztere dachte: es ſei vielleicht nicht ſo übel, von dem Nach⸗ bar etwas über die Verhältniſſe der beiden jungen Damen zu erfahren. Der alte Buchhändler aber war ein abgeſchlagener Geſelle und mit der Regiſtratorin, von der er Geld zu billigen Zinſen hatte, auf's Uneigennützigſte befreundet. Es dauerte eine Zeit lang, ehe er dem jungen Nachbar überhaupt eine Antwort gab, und als ſich dieſer nach den beiden Damen erkundigte, bekam er von dem alten Böſewicht die Antwort; er bekümmere ſich wenig um ſeine weibliche Nachbarſchaft, kenne auch nur eine davon näher, das ſei aber eine reſpektable junge Dame, die Tochter einer wür⸗ digen Freundin, der verwittweten Regiſtratorin Müller. „Iſt ſie blond?“ fragte ſchüchtern der Oekonom. „Ja, ich glaube, daß ſie blond iſt,“ entgegnete der Buch⸗ händler.„Eine ſehr achtbare Familie, die einzige Tochter, und reich, außerordentlich reich.“ „So, ſehr reich?“. „Man ſchätzt die Tochter über hunderttauſend Gulden diſ⸗ ponibles Vermögen.“ „O Welt, o ſchlechte Welt!“ Der junge Oekonom dachte nicht mehr an ſeine ſchwarze Nachbarin, die ſo etwas Marienhaftes — Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. 233 hatte, ſondern nur noch an die Blonde, die er hatte begleiten dürfen, und die ja, wie er glaubte, hunderttauſend Gulden beſaß. Am andern Abend ſaß er neben der Regiſtratorin, welche, von dem Buchhändler benachrichtigt, eine in der That herablaſſende Freundlichkeit entwickelte. Du lieber Gott! man muß gegen Fremde artig ſein. Der junge Mann war fremd, aus guter Familie, das ſah man an ſeinen Manieren, er war gekommen, um in der Nachbarſchaft ein Gut zu beſichtigen und zu kaufen; man mußte ihm behülflich ſein, und aus dieſen menſchenfreundlichen Rückſichten, hatte er ſchon im vierten Akte erfahren, daß ſich die Regiſtratorin außerordentlich freuen würde, wenn er ſie in der nächſten Woche — die gegenwärtige war der Zimmerreinigung und einer großen Wäſche gewidmet— mit ſeinem Beſuche beehren wolle. Bei der nächſten Vorſtellung im königl. Hoftheater hatte dieſes eine außerordentliche Einnahme. Frau Sekretär Knapperer, die ſich den jungen Oekonomen in der Nähe anſehen wollte, ſaß auf dem Abonnements⸗Sperrſitz, hatte aber für ihre Tochter einen zweiten Platz in der hintern Reihe gekauft. Unterdeſſen war aber auch die Canzleiräthin von ihrer Tochter, ſo viel als es dieſer nothwendig erſchien, über das Daſein des jungen Oekonomen unter⸗ richtet worden, hatte gleichfalls beſchloſſen, ihm einen prüfenden Blick zu ſchenken, und hatte es ſich zu dieſem Zwecke zwei Sperr⸗ ſitze koſten laſſen, einen für ſich, einen für die Tochter. Das Schauſpiel begann und die Comödie in der Comödie ebenfalls. Der junge Oekonom blieb nach ſeiner Gewohnheit, als er keine der jungen Damen auf dem Nebenplatze bemerkte, ſchmach⸗ tend an die Thüre gelehnt ſtehen, ſtrich zuweilen mit den weißen Handſchuhen über ſein blondes Haar und lorgnettirte im Theater umher.— Da mit einem Male erblickte er ſeine ſchwarze Nach⸗ Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. barin von neulich. Gewiſſenlos wie in gleichen Verhältniſſen leider ſo viele junge Leute ſind, dachte er:„Was ſchadet’s, wenn du durch ein paar Zeichen verräthſt, daß du ſie erkennſt, daß du 1 dich freueſt, ſie zu erkennen!“— Er that darnach, und blickte ſcharf nach ihr hin, dann lehnte er den Kopf an die Säule zurück und lächelte ſüß, als er bemerkte, daß auch ſie nach ihm ſah. 3 Wenn er zuweilen ſeine Augen nach der Bühne wandte, ſo that er das doch nur, um gleich darauf wieder um ſo auffallender in b den Zuſchauerraum zu blicken; dabei neigte er ſein Haupt bald 1 rechts, bald links, machte die ſüßeſten Augen von der Welt, fuhr hin und wieder mit ſeinen Fingern durch den Schnurrbart, kurz trieb alle die bekannten Geſchichten ſo fad und nichtsſagend, und doch wieder ſo wichtig und viel bedeutend. So kam der Zwiſchenakt, und während dieſem trat er, der bisher von einer Säule vor dem größten Theil der Zuſchauer verſteckt geſtanden hatte, etwas weiter vor, um auch den übrigen Raum zu muſtern. Himmel! wie ward ihm, als er auf der andern Seite der Sperrſitze die reizende Blondine erblickte,— ſie, die, wie der grießgrämige Buchhändler verſichert, hunderttauſend Thaler beſitzen ſollte, ſie, der er morgen einen Beſuch zugedacht.— Was war zu thun? Hoffentlich hatte die ſchützende Säule die kleinen Zeichen verdeckt, die er vorhin nach der rechten Seite der Sperrſitze geſpendet. Ja, es mußte ſo ſein, die blonde, junge Dame lächelte freudig überraſcht, als er jetzt ſein Glas auf ſie richtete, und er— wir müſſen es leider geſtehen— wiederholte hier das gleiche Spiel wie früher.— O, es war entſetzlich! Emilie Knapperer, die bis jetzt in einem höchſt angenehmen Gefühle auf ihrem Platze geſeſſen, bemerkte mit einiger Beklem⸗ mung die plötzlich veränderte Richtung des weißen Theaterlorg. Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. 235 netts, ſowie die wohlwollenden Pantomimen, die jeden Blick be⸗ gleiteten. Wer konnte da ſein? Vielleicht eine ältere Bekannte, die er plötzlich wieder fand.— Sie beugte ſich vorn über— o Gott! wie ward ihr,— es war Clara, die dort ſaß, ihre Freundin Clara, die Blick um Blick, Zeichen um Zeichen er⸗ wiederte.— Entſetzlich! Zu welcher Falſchheit iſt eine menſchliche Bruſt nicht fähig! Das Stück nahm ſeinen Verlauf, glücklicherweiſe war, es ein thränenreiches, eins von jenen Stücken, wo ein armes Mäd⸗ chenherz ſo recht ſyſtematiſch zerbrochen wird und wo die Unglück⸗ liche, die es im fühlenden Buſen trägt, am Schluſſe mit ſchwim⸗ menden Augen die himnliſche Gerechtigkeit herabruft, während der Treuloſe im ſchwarzen Frack und weißer Halsbinde mit der glücklichen Nebenbuhlerin zur Kirche geht. Clara lächelte unter Thränen, Emilie weinte in Wirklichkeit. Man ging nach Hauſe, und der junge Oekonom, der der blonden jung Dame gefolgt war, ſah zu ſeinem Schrecken, daß auf d ppe die beiden jungen Mädchen zuſammentrafen, ſich erkannten und mit einander fortgingen.— Er hielt es nicht für gerathen, ſich zu zeigen. So traten denn beide Familien paarweiſe den Heimweg an; zuerſt die beiden Mütter, dann die beiden Töchter, dann die beiden Söhne, die zum Abholen gekommen waren. Anfänglich ſchritt man in tiefem Schweigen dahin, doch brachte es Emilie Knapperer nicht lange über das Herz, ſtille zu ſchweigen. Sie war erſchüttert, im Innerſten gekränkt, ſie kam ſich ſelbſt wie jenes unglückliche Weſen aus dem Schauſpiele vor, ſie ſah ſchon Clara Stadelbach mit dem jungen Oekonomen im ſchwarzen Frack und weißer Halsbinde zur Kirche gehen. dehmen wir es übel, daß der Ausbruch ihres Schmerzes ein gewaltiger war?— Laut 236 Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. und lauter flogen die Worte hin und her; man ging von Mangel an Freundſchaft zur Treuloſigkeit über; man ſprach von auffal⸗ lendem Benehmen; ja das ſchrecklichſte Wort„Zudringlichkeit“ wurde gehört. Leider fand der Wortwechſel der jungen Damen vorn und hinten einen Widerhall; die Kanzleiräthin ſowie die Sekretärin miſchten ſich hinein, ebenfalls die beiden Herrn Söhne. Da ſprach die Kanzleiräthin die unbedachten Worte:„Wenn ſie auch nicht als Mutter entſcheiden wollte, ſo wäre es doch am Ende nicht auffallend, daß Jemand ihrer Tochter einen kleinen Vorzug geben könne.“ Worauf die Sekretärin gereizt erwiederte: „Einen Vorzug, ſo mit den Haaren herbeigezogen, wolle ſie dem Fräulein Stadelbach gerne gönnen, und es ſei nicht ſchwer, ein Verhältniß anzuknüpfen, wenn man ſich von einem unbekannten, jungen Manne nach einer flüchtigen Bekanntſchaft nach Hauſe ge⸗ leiten laſſe.“. * Das war zu viel für den Stolz der Kanzleiräthin. Sie trennte ſich offener Straße von ihrer Freundin, ihre Tochter und ihren So ſich fortnehmend. Letzterer aber, ehe er ging, kündigte Herrn Knapperer die Freundſchaft auf, ſpendete ihm zu gleicher Zeit einen„albernen Menſchen,“ wofür er einen „dummen Jungen“ in Empfang nahm. Die Urſache dieſes ſchrecklichen Ereigniſſes, der junge Oeko⸗ nom, machte am andern Tage mit einigermaßen zagendem Herzen ſeinen Beſuch bei der verwittweten Regiſtratorin.—„Schrecklich wäre es ja,“ dachte er,„wenn die Blonde und die Schwarze ihre Erlebniſſe ausgetauſcht hätten.“ Noch vor dem Hauſe wollte er umkehren, doch war er ſchon vom Fenſter aus bemerkt worden und mußte eintreten. Die Mutter empfing ihn und ſtellte ihn —— Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. 237 ihrer Tochter vor.— O das war eine harte Enttäuſchung.— Aber— hunderttauſend Gulden!. Gehen wir über dieſen Beſuch leicht hinweg und verfügen uns dafür auf wenige Augenblicke in das Theater, wo am ſelben Abend der grießgrämige Buchhändler neben dem jungen Oekonomen ſaß. Letzterer erzählte von ſeinem Beſuche bei der Regiſtratorin, der ihn ſehr befriedigt, und ſagte dann ſo nebenbei:„Apropos, wer ſind denn eigentlich die beiden andern Damen, die zuweilen abwechſelnd auf Ihrem Platze ſitzen?“ „Ach die!“ ſagte der alte ſchlechte Buchhändler, wobei er innerlich lachte,„o das iſt nicht viel, ein paar junge unbedeu⸗ tende Dinger.“ In Nro. 15 und 16 der Brandgaſſe hatte ſich unterdeſſen viel und traurig verändert. Da ſah man forta traut noch fette Gänſeviertel hin⸗ und hertragen. leiräthin am Fenſter erſchien, ſo geſchah das mit ungemein er⸗ hobener Naſe, und wenn die Sekretärin ſich von dem ihrigen zu⸗ rückzog, ſo that ſie es achſelzuckend. Daß das S derrſitz⸗Abonne⸗ ment gekündigt wurde, verſteht ſich ganz von ſelbſt, ebenſo, daß dem Herrn Stadelbach und dem Herrn Knapperer der arme gol⸗ dene Bär auf's Strengſte verboten wurde. 2 So erging es in dieſer wahrhaften Geſchichte. Um aber nicht mit einem Mißton zu ſchließen, wollen wir den geneigten Leſer in die Zukunft blicken laſſen und ein paar Jahre über⸗ ſpringen, nach welchem Zeitraum ſich erſt die Kanzleiräthin und die Sekretärin ihre Hände zu erneuertem Freundſchaftsbunde reich⸗ ten. Der Oekonom hatte die Regiſtratorstochter geheirathet, war aber auch zu gleicher Zeit von der Nemeſis erreicht worden, denn Mutter und Tochter knufften ihn zum Erbarmen. Clara Stadelbach hatte ſich mit einem Lieutenant verlobt und Emilie Knapperer war die Braut eines ſchon etwas älteren Kaufmann Ein Sper rſitz⸗Abonnement zu Acht. Letzteres wirkte auch auf die Gemüther der beiden jungen Ha⸗ lungsbefliſſenen ein, ſie nahmen den„dummen Jungen“ und 4 „albernen Menſchen“ feierlichſt zurück und gelobten ſich, wehn ſie je Familienväter werden, und mit Frau und Töchtern geſeg⸗ net, unter keinen Bedingungen einzuwilligen in Ein Sperrſitz⸗Abonnement zu Acht. Zei 30 Grad Hitze. Das Dampfboot lief ſeinen ruhigen Weg durch den tief⸗ blauen See. Welcher See das war, iſt uns vorderhand unmög⸗ lich anzugeben, denn wir ſind diskret bis zum Exceß, und wenn auch auf dem Schiff, welches ruhig durch den See dampfte, nichts beſonders Compromittirendes geſchah, ſo könnte doch vielleicht ein junger Mann mit eingeklemmtem Augenglas oder eine ſanfte Schöne mit großem rundem Strohhut und nothwendiger Takel⸗ lage naſerümpfend See, Schiff, Augenglas und S 3 beziehen und kopfſchüttelnd und achſelzuckend ſich rüber beſchweren, daß ſelbſt, die unbedeutendſten und wurm ten Menſchen nicht mehr ſicher davor ſeien, von einem vorwitzigen Schreiber auf irgend einem beliebigen Stück weißen Papiers tintographirt 3u werden. Nichts deſtoweniger aber zog der Dampfer durch den i. blauen See, die Räder, die nicht immer im Einklange herumhas⸗ pelten, ſchienen ſich an Geſchwindigkeit überbieten zu wollen, und ließen einen artigen Schaum hinter ſich zurück. Doch waren ſie wie bemerkt zu eirig in en Dienſte, 8 daß 3 n das n war 240 Bei 30 Grad Hitze. es, als ſtieße der ſchwarze Schornſtein verdrießlich huſtend eine ſchwarze Rauchwolke aus, die wie ein drohender Finger über das Waſſer dahinzeigte und zu ſagen ſchien: wartet ihr da unten! Soll mich der Teufel holen, wenn es nothwendig iſt, ſo zu ga⸗ loppiren. Scheinen doch die Ufer vor uns immer deutlicher und deutlicher, ſieht man doch faſt ſchon den Eingang zum Hafen. Wie geſagt, das Schiff lief außerordentlich ruhig; der See war, um uns eines trivialen, aber diesmal ganz richtigen Aus⸗ drucks zu bedienen, glatt wie ein Spiegel, und das einzige Lebenszeichen, das er von ſich gab, war, daß er unter dem glänzenden Sonnenlichte zuweilen vor innerem Behagen tief auf⸗ zuathmen ſchien; und das gab denn freilich eine eigenthümliche Art von langen und breiten kaum ſichtbaren Wellen, die vom Ufer herüberzukommen ſchien, und wenn ſie den Dampfer be⸗ rührte, leicht die Spitze deſſelben aufhob, ſie ebenſo ſanft wieder niedergleiten ließ, vorbei rauſchend die Flanken des Schiffs leicht pätſchelte undad enn unter dem Kiel hinweg kaum merklich plät⸗ D fer waren eine Menge Paſſagiere, unter ihnen aber wenig Reiſende, die dies Geſchäft ernſtlich betreiben, und die im Schweiß ihres Angeſichts ſtauberfüllt und ausgedörrt ihre Koffer mit ängſtlicher Miene umgackern, wie das Huhn eine Anzahl Enten, die es unglücklicher Weiſe ausgebrütet— eigentlich unglückſelige Leute, die reiſen, weil ihr guter Freund auch reist, und es überhaupt ſo Mode iſt,— Leute, für welche der große Schulmeiſter Bacherl ſeinen Wahlſpruch erfunden zu haben ſchein „Was ſie haben, das wollen's nicht; und was ſie wollen e haben's nicht,“ was an dieſer Stelle ins Genießbare überſetzt, ſo viel heißen kann, als die ein kühles bequemes Zimmer mit Bei 30 Grad Hitze. 2441 gutem freundlichem Bett zu Hauſe verlaſſen, um dafür unter ein theures, gaſthofliches Dach gewieſen zu werden, in ein enges Bett, das noch warm iſt vom geſtrigen Gaſte, und bei einer Hitze, wo ſelbſt die Flöhe im Stande ſind, wahnſinnig zu werden. Doch genug davon! Wie ſchon bemerkt, gab es auf dem Dampfer nur wenige dieſer Handwerksreiſenden(ich bitte den ge⸗ neigten Leſer, mich nicht miß zu verſtehen); die meiſten waren ſtrebſame Ausflügler, von denen die vom dieſſeitigen Ufer des See's Kaffee und Ausſicht drüben viel ſchöner fanden, während die jenſeitigen das Gleiche vom andern Ufer ſagten. Auf dem offenen Schiffe herrſchte einiges Amuſement, aber auch ſehr viel Langeweile. Da gab es neben energiſchen jungen Leuten, die ſchon ein paar Flaſchen hinter ſich hatten und ihr 5 Morgenlied demgemäß mit gewiſſer Begeiſterung ſangen, ſtille verſchlafene Phyſiognomieen, Leute, die mehrere Stunden weit vom See wohnten und deßhalb ſchon um 4 Uhr au ſtehen mußten, um die Abfahrt nicht zu verſäumen, arme S pfer, welche ſich die erſtaunlichſe Mühe gaben, die Fah dem Dampfer nach allen Richtungen wunderbar ſchön zu finden, die aber nach jedem freudigen Ausruf, dem ſie beipflichten mußten, da er von ihm kam, der die Partie arrangirt, wieder zuſammenſanken, leicht gähnten, melancholiſch ihre Köpfe hängen ließen und ein Geſicht machten, als dächten ſie wie jener unglückliche Wilde, den man von ſeiner ſtillen Inſel weg ein Stück civiliſirten Lebens ſehen ließ.— Ach Maſſa! Menſchenfleiſch in der Heimath iſt auch ſchön! Neben mannigfaltiger Langweile herrſchte auch ſonſt noch allerlei auf dem Schiffe, als da war der Steuermann, der das Ganze lenkte, der wie eine Gottheit hoch über⸗ Allem thronte, mit dem man nicht ſprechen durfte und zu dem man in ſeines Hackländer, Kr. u. Fr. I. 4 16 8 3 242 Bei 30 Grad Hitze. Nichts durchbohrendem Gefühle nur ſchüchtern aufzublicken wagte. Da herrſchten der Kapitän und Conducteur, dieſe beiden wichtigen Eigenſchaften in Einer Perſon vereinigt, ein einſeitiges Weſen und doch ſo verſchieden geſtaltig, nachdem es die eine oder andere Funktion durchſchimmern ließ. Als Kapitän, wenn er dem un⸗ glücklichen Schiffsjungen einen gelinden Puff gab oder einen ſtarken Schnaps trank, hatte er etwas grades, biderb ſeemäniſch Wohl⸗ wollendes; das Wohlwollende ſchlug ſo vor, daß wir überzeugt ſind, der Schiffsjunge fühlte ſich ganz glücklich von ihm gepufft worden zu ſein, und der Schnaps machte ſich eine Ehre daraus, ihm mit Aufopferung ſeines Daſeins dienen zu können. Als Con⸗ ducteur aber zog er den Bauch ein und machte einen einiger⸗ maßen krummen Rücken; auch legte ſich alsdann ſein Geſicht in pfiffige Falten, und wenn er einen Paſſagier auf ſeine eigen⸗ thümliche Art anblinzelte, ſo fuhr dieſer unwillkürlich nach der Brieftaſche, um ſich durch Vorzeigung ſeines Billets als ein be⸗ zahlt Hateſh zu legitimrren. eſen bedeutenden Männern herrſchte ferner ein ziem⸗ lich uniedge Kellner auf dem Verdeck, eine an ſich ſehr unbe⸗ deutende Perſönlichkeit, die ſich aber ein Anſehen zu geben wußte, in fuchſigen Schuhen, weiß gebornen Strümpfen, welche ſich jedoch zu einer Art Iſabellfarbe ausgebildet hatten, in kurzer Nankin⸗ hoſe, voller Flecken und Streifen, und einem blauen Fracke, an dem das einzige Bemerkenswerthe war, daß hinten einer der kupfernen Knöpfe fehlte, was übrigens den jungen Kellner intereſ⸗ ſant zu machen ſchien, denn gerade des fehlenden Knopfes halber blickte ihm wohl mancher ſinnend nach, indem er dachte, wo mag wohl der Knopf geblieben ſein? Der große Kant iſt mir ein Be⸗ weis, daß ſich ſelbſt die bedeutendſten Männer mit dergleichen Bei 30 Grad Hitze. 243 Kleinigkeiten abzugeben pflegen. Von dem Geſichte des herrſchen⸗ den Kellners wollen wir nicht reden; es konnte das unmöglich ein Originalgeſicht ſein, wahrſcheinlich die fehlerhafte nachgedunkelte und eingetrocknete ſchlechte Copie irgend eines andern nicht üblen Menſchenkopfes. Der herrſchende Kellner ſummte auf dem Ver⸗ decke umher wie eine Fliege und war bald hier bald da zu ſehen, um mit derſelben Aufdringlichkeit, welche auch jene Thierart aus⸗ zeichnet, nach den gar nicht exiſtirenden Wünſchen ſich zu erkun⸗ digen. Dabei pflegte er einer eigenthümlichen Liebhaberei, welche darin beſtand, ſeinen Zeigefinger ins Naſenloch zu bohren, und es war ein Glück, daß er bei dieſer Beſchäftigung ſeine Serviette über den rechten Arm hängen hatte. Was aber ſonſt noch auf dem Schiffe herrſchte, und was ſtärker und gewaltiger war als alle die eben angeführten Größen, das waren 24 Grad Hitze im Schatten, und da es auf dem Schiffe keine Handbreit Schatten gab, 30 Grad in der Sonne, worunter alles gemeinſchaftlich ſtöhnte und ſeufz ie Paſſagiere Steuermann, Kapitän, Kellner, nicht zu gedenken der Heizer unten an der Maſchine, ja ſelbſt Maſten und Taue, die Planken des Verdecks, welche ſo ſchwitzten, daß ſie klebrig wurden, ſelbſt der Wimpel hoch oben, der ſchlaff herunter hing, als wollte er ſagen: nun hört alles auf. 30 Grad in der Sonne, das iſt keine Kleinigkeit, ſelbt nicht wenn man in einem bequemen Wagen über die Landſtraße fährt, wo doch hie und da ein Baum oder ein Geſträuch momentan ſeinen Schatten über unſer Geſicht wirft; auf dem Waſſer aber, wo das glänzende Sonnenlicht von der glatten Fläche wie von einem Spiegel zurückgeworfen wird, und nicht nur erhitzt, ſon⸗ dern auch blendet, da ſind 30 Grad mehr als zum gewöhnlichen 1 244 Bei 30 Grad Hitze. Vergnügen gehört, und drücken ſo ſchwer auf den armen Paſſa⸗ gier, daß ſelbſt nicht einmal der im Raum warm gewordene Wein oder das ſchaale Bier eine Linderung zu bewirken vermögen. Wie die unerbittliche Hitze auf dem Schiffe herrſcht, ſieht man aber auch an den ſchläfrigen Schritten, vermittelſt welcher ſich der Schiffsjunge an den Cabinen und dem Radkaſten vorbei treibt, ſowie an dem flammenden Geſicht des Kapitäns, als ſolcher, und an ſeinem wedelnden Sacktuch, wenn er den Con⸗ ducteur vorſtellend irgend einem Wißbegierigen zum Gott weiß wie vielſten Mal ſagen muß, wann das Schiff an ſeigem nächſten Beſtimmungsort ankommen werde.“ 8— Da auch eine Küche mit Küchenfeuer auf dem kleinen Dampfer iſt, ſo ſetzen wir ebenfalls einen Koch voraus, der wirk⸗ lich dort ſteht und die Thüre ſeines Departementkaſtens völlig ausfüllt. Es iſt das eine ſtark ſchwitzende Perſönlichkeit, in die Farbe der Unſchuld gekleidet, aber einer Unſchuld, die nicht mehr ganz ſicher iſt, und die durch Rothwerden hie und da, ſowie durch den un eines nicht mehr ganz fleckenloſen Wandels eine entſchiedene Neigung zeigt, ihren ſo ſchönen und ledigen Stand zu verlaſſen. Das Geſicht dieſes Koches hat Aehnlichkeit mit einem Karpfen, namentlich jetzt, wo er die Augenlider halb zufallen läßt und mit geſpitztem Munde die Hitze von ſich bläst. Der ſchmierige Kellner ſteht neben ihm, und indem dieſer tief und gründlich ſeiner Lieblingsbeſchäftigung nachhängt, blicken beide vera btungsvoll auf die Paſſagiere, die gar keinen Drang zu Co⸗ telettes und Beafſteaks haben und den Reſtaurateur kaum durch eine Kleinigkeit rohen Schinken oder Butterbrod mit Sardellen in Nahrung ſetzen. Den armen Paſſagieren iſt es übrigens nicht zu verdenken, 4 & 245 Bei 30 Grad Hitze. daß ſie heute Morgen nicht Verlangen haben nach den Fleiſch⸗ töpfen dieſer Küche, denn auch dort herrſchen 30 Grad Sommer⸗ hitze, zuzüglich 10 Grad Herdfeuerwärme, und in Folge davon haben alle Düfte, die den Caſſerolen und Pfannen entſteigen, etwas ſo Scharfes und Brandiges angenommen, daß man bei geſchloſſenen Augen nicht weiß, geht man bei der Speiſeanſtalt vorbei, oder befindet man ſich in der Nähe der Maſchine, wo das ranzig ge⸗ wordene Oel zwiſchen den Achſen und Lagern im Geruch eine verwandte Aehnlichkeit hat mit den gebratenen Kartoffeln, die eben für die Vorkajüte ſervirt werden. Die Paſſagiere ſitzen und ruhen in vielerle unmaleriſchen Stellungen auf den Bänken und decks. Lieder und Geſpräche ſind faſt verraucht mit des Weins, den 30 Grad Hitze ungeheuer ſchnell conſumiren. Man ändert nur Sitz und Haltung, um es gleich darauf wieder ebenſo zu machen; man wechſelt vom rechten Arm auf den linken, bläst nach dieſer und jener Seite, und indem man unab⸗ läſſig bemüht iſt, ſich mit Schnupftuch und Strohhut Kühlung zuzufächeln, vermehrt ſich nur Hitze und Unbehaglichkeit. Darauf beziehen ſich auch alle Geſprächsthemas: Entſetzlich heiß! Unaus⸗ ſtehlich! ſeufzen ſchwache Gemüther, und während ſtärkere ſich er⸗ innern, daß es ein Ding gibt, was Schatten heißt und daß ſpäter ein friſcher Trunk zwiſchen gränen Bäumen mit bewegten Blättern eine immenſe Erholung ſein wird, ſingt ein junger ver⸗ wegener Ethuſiaſt: In einem kühlen Grunde, Da geht ein Mühlenrad, dabei offenbar mehr an kaltes Bier als an das Liebchen denkend, Das dort gewohnet hat. Bei 30 Grad Hitze. Obgleich ſelbſt der gefühlloſe Dampfer unter der allgemeinen Hitze mitzuleiden ſcheint,— denn die Maſchine ſtöhnt und kracht bedenklich, und wenn zuweilen Dampf ausfährt, ſo pruſtet er wie jemand, dem es übermäßig warm iſt,— obgleich ſich am Himmel kein Wölkchen zeigt, obgleich die Luft von Sekunde zu Sekunde drückender und ſchwerer wird, ſo ſind doch zwei Weſen auf dem Schiffe, die es nicht zu fühlen ſcheinen, daß das Queck⸗ ſilber im Thermometer unaufhaltſam, aber beharrlich aufwärts klettert.— Das iſt Er und Sie. Daß Er und Sie ſich auf inden müſſen, verſteht ſich von ſelbſt; ebenſo wie iſt ohne Liebesglanz, ſo hat auch ſelbſt die un⸗ lle keinen Sinn ohne Er und Sie. Er iſt ein in, ſagen wir näher den Zwanzigen als den Dreißi⸗ gen; das dünn gewordene Haar ſcheint jedoch ſein Alter umge⸗ kehrt angeben zu wollen. Er trägt helle Beinkleider, einen modi⸗ ſchen ſehr weiten und bequemen Rock, eine hyazinthfarbene Hals⸗ binde und einen Strohhut, deſſen Rand ſich unnatürlich aufbäumt. Trotz der Hitze raucht er Eigarren, und wegen der Hitze wurde es ihm außerordentlich mühſam, ſein Augenglas feſt eingeklemmt zu erhalten, denn wenn er auch nicht wie andere Menſchenkinder die 30 Grad Hitze fühlte, ſo zeigten ſie ſich doch auf ſeinen dicken Backen, die ſanft angefeuchtet erſchienen, und deren Mus⸗ keln oft die furchtbarſten Anſtrengungen machten, um das glit⸗ ſchende Glas feſtzuhalten. Und doch hatte er dieſes Glas nie ſo nothwendig gebraucht wie am heutigen Morgen! Galt es doch ſie anzuſchauen, die auf der andern Seite des Schiffs ſaß, um bei ſeiner Kurzſichtigkeit entdecken zu können, ob ſie noch nach ihm herüberſah, oder vielleicht nach jenem verruchten Lieutenant, der zugehackt und zugeknöpft wie ein ſchlechtes Gewiſſen, beſtändig Bei 30 Grad Hitze. 5 247 hinter ſeinem Rücken manövrirte, um alle vorüberſtreifenden Blicke gierig in Empfang zu nehmen. Sie war eine ſchwärzliche Schöne in gräulichen Jaconett gehüllt; ſie hatte recht pikante Augen, ein nicht unangenehmes Näschen, und ſelbſt der Mund hätte nicht unſchön genannt werden können, wenn er nicht etwas gar groß geweſen, und nicht zu ſehr der Zierde eines ſchönen weiblichen Mundes: weißer glänzen⸗ der Zähne, ermangelt hätte. Dafür aber war ſie tadellos gewachſen, tadellos hauptſächlich für Jemand, der wie er, ſtarke umfangreiche Formen liebte; ihre Taille war, obgleich nicht ſehr lang, doch dafür auch verhältnißmäßig breit, ſie erweiterte ſich nach oben, wie es ſich für ein deutſches Mädchen geziemt, und wenn ſie tief aufathmete, was häufig vorkam, ſo that ſie das gefühlvoll, wie ein Weſen, von dem der Dichter ſagt: „Ihr ſchlägt ein ſtarkes Herz im weichen Buſen.“ Dabei trug ſie einen großen runden Strohhut von braͤun⸗ licher Farbe, und mit einer eben olchen Feder geziert. Vorn am Rande dieſes Strohhutes hatte ſie das unentbehrliche Schnürchen befeſtigt, welches dazu dient, dieſen übermäßig breiten Rand in geeigneter Stellung zu erhalten, geeignet, je nachdem die Gegen⸗ ſtände waren, denen ſie kühn entgegen trat. Bot ſie einem Wind⸗ ſtoße Trotz, ſo wurde der Rand des Hutes tief herabgezogen; ging ein Gleichgültiger vorüber, ſo verblieb alles in statu quo; ſah ſie Ihn, den ſie zu haſſen vor Kurzem gelernt hatte, von der rechten Seite ankommen, ſo bildete der zweckmäßige Hutrand dort⸗ hin eine Art von Scheuleder, kam Er dagegen, den ſie ſeit geſtern Abend oder heute Morgen liebte, ſo bildete der gehorſame Rand eine Art von vertraulicher Laube um ihr Köpfchen, unter der ihre Augen bald ſchalkhaft, bald verſchämt hervorblickten, oder er wallte Bei 30 Grad Hitze. in überſtrömendem Gefühl hoch empor, pantomimiſch ausdrückend: „Die Flagge der Liebe ſoll wehen!“ Er war ohne Begleitung auf dem Schiffe, ſie aber nicht. Sie wurde geſchirmt von einem Vater und einer Mutter und hatte ein Schweſterchen an ihrer Seite, ebenfalls in rundem brau⸗ nem Strohute, die auch ſchon mit demſelben kokettirte, obgleich ſie erſt ein unbedeutender Backfiſch war. Der Vater war ein reicher Lederhändler aus Norddeutſchland, die Mutter alſo eine Leder⸗ händlerin, ebenfalls im Geſchäfte thätig, und die ältere Tochter hatte auch ſchon begonnen, ſich mit den Anfangsgründen dieſes ſchwierigen Geſchäfts vertraut zu machen. Wenn man auf ein Mädchen redliche Abſichten hat, ſo iſt die Idee, einen Mann zum Schwiegervater zu bekommen, der Leder⸗ händler iſt und im Sommer mit der ganzen Familie Reiſen macht, nicht ſo gar abſtoßend. Er hatte aber in der That ſolide Abſich⸗ ten, wenn der Gegenſtand ſeiner Neigung in der That ſo ſolid war, um ihm verſchaffen zu können, wornach er ſich ſchon lange vergeblich geſehnt: eine ſorgenloſe Exiſtenz nämlich, die er bis jetzt noch nicht im Stande geweſen war, ſich mit ſeiner Feder— er war Dichter und Schriftſteller— zu erwerben. Vor ein paar Tagen hatte er ſie auf dem Rigi zum erſten Male geſehen; der Vater ſchrieb ſich grade in dem Fremdenbuch als Lederhändler ein und verlangte zwei recht gute Zimmer. Nun ſpricht aber auf dem Rigi zwei recht gute Zimmer zu verlangen für eine wohlgefüllte Reiſekaſſe, und da ſie zu gleicher Zeit unter dem runden Stroh⸗ hute bedeutſam nach ihm blickte, ſo erging es ihm, wie dem Jäger im Nachtlager von Granada: „Ihr Blick ihm zugewendet, War Blitz und Schlag zugleich.“ Bei 30 Grad Hitze. 249 Darauf hatten ſie den Sonnenuntergang und den Sonnen⸗ aufgang gemeinſchaftlich genoſſen, d. h. inſoweit gemeinſchaftlich, als er in ihrer Nähe ſtand; auch hatte ſie ihm einige Theilnahme bewieſen, denn als er ein auf den Sonnenaufgang bezügliches Gedicht eigner Fabrik ſchwärmeriſch deklamirte, hatte ſie ihm mild lächelnd, ſogar kopfnickend zugelauſcht und dann den Rand des Strohhuts tief herabbewegt, als wollte ſie in ſich ſelbſt zurückge⸗ zogen die Verſe nochmals vor ihrem innern Auge vorbeigleiten laſſen. Und darauf hin hatte er es gewagt, ihr einen Strauß Bergblumen anzubieten, was der Lederhändler grade nicht gehindert hatte; doch war ſein Geſicht ziemlich brummig, und wenn den jungen Mann ſeine guten Ohren nicht täuſchten, ſo hatte der Vater, während er mit der Familie davon ging, geſagt:„Juſte, laß dir nicht mit fremden Menſchen in.“ Das hatte ihn aber grade nicht abgeſchreckt, denn alle Väter, die Geld haben, benehmen ſich in gleichen Verhältniſſen nicht anders. Hatte ſie doch um⸗ geblickt, ehe ſie in's Hotel getreten, und das begeiſterte ihn ſo, daß er gleich auf der Stelle ſeine Verſe klein und zierlich ab⸗ ſchrieb und ſie ihr beim Herabſteigen nach den Ufern des Zuger See's durch das Schweſterchen, den kleinen Backfiſch, überreichen ließ, welches ſich dieſer Kommiſſion mit einer für ſein Alter ſel⸗ tenen Geſchicklichkeit entledigte. Obgleich die Beiden über den Zuger See in einem gemein⸗ ſchaftlichen Boote gefahren waren, ſo hatte ſich doch ſo gut wie gar keine Gelegenheit gefunden, gegenſeitig ihre Gedanken oder Gefühle auszutauſchen. Der Lederhändler wußte es im Moment, wo Er ſich nähern wollte, immer ſo einzurichten, daß ſich die väterliche Autorität wie ein ſprengender Keil zwiſchen die beiden — Liebende können wir eigentlich nicht ſagen— trieb. Die Mutter Bei 30 Grad Hitze. — Lederhändlerin wäre ſchon empfänglicher geweſen für das Ge⸗ ſchmachte des jungen Mannes, und als ſie ihr Umſchlagtuch in glücklicher Selbſtvergeſſenheit im Waſſer nachſchleifen ließ, wo er es, freilich ohne Lebensgefahr, herausholte, da ſagte ſie freundlich dankend und faſt lächelnd:„'s iſt doch ein gar zu ſchönes Waſſer, der Zuger Seel“ Was nußt es aber einem Liebenden, wenn auch die Mutter ſeines Gegenſtandes ſanft wie Safian iſt, der Vater dagegen wie zähes Sohlenleder.— Da lag Zug in ſeiner un⸗ beſchreiblichen Schönheit. Was nützte ihm alles das! An der Table d'Hote hatte er gehofft, neben ihr ſitzen zu dürfen, da ſchob ſich der Vater wieder zwiſchen ihn und ſein Glück. In Zürich hatte er ſogar jede Spur verloren und lange ſuchen müſſen, bis er den Gaſthof gefunden, wo die Familie des Lederhändlers logirte. Glücklicher Weiſe hatte er gegenüber ein Stübchen erlangt, und es war ihm vergönnt, mit ihr hier und da einige Blicke zu wechſeln. Ob wir das Wort„wechſeln“ eigentlich gebrauchen dürfen, wiſſen wir nicht ganz genau; wenigſtens war es kein Wechſeln mit gleichen Münzſorten, denn für hundert ſehr bezeichnende Blicke ſeinerſeits ſandte ſie kaum einen einzigen ſchüchternen herüber. Aber dieſer eine war Gold und ſchon der Mühe werth, daß er ihn mit der kleinen Scheidemünze ſeiner Liebesſeufzer nicht nur bezahlte, ſondern auch ein verſchwenderiſches Agio drein gab. Die Verſe hatte ſie erhalten, das wußte er genau. Und ſie hatte ſie geleſen. Ja, wenn ſich ſein Auge nicht täuſchte, ſo las ſie ſie oft von neuem, drüben am Fenſter ſtehend, freudevoll, leid⸗ und gedankenvoll. Endlich verließ die Familie Zürich, und auf dem See, deſſen Namen wir nicht genannt, traf er und ſie ganz zufällig wieder zuſammen. Der Lederhändler aber war brummiger als bisher; er 8 trieb ſeine Abneigung vor dem jungen Manne mit dem einge⸗ „ haft krampfhafte Anſtrengungen, um ſein Augenglas feſtzuhalten, Bei 30 Grad Hitze. 2541 klemmten Augenglaſe ſo weit, daß er hartnäckig die Schiffsſeite wechſelte, wenn dieſer ſich nähern wollte. Er ſchien äußerſt ver⸗ drießlich— der Vater ſeiner Tochter; hatte er doch Händel ge⸗ habt mit dem Kapitän⸗Conducteur, hatte ſogar den ſchmierigen Kellner abgeputzt, ohne ihn reinlicher zu machen, und pruſtete vor Hitze ſtärker als irgend ein anderer. Er war korpulent, weshalb die 30 Grade ſchwer auf ihm lagen. So lief das Dampfboot ſeinen ruhigen Weg durch den tief⸗ blauen See; die Sonne war, ihrem natürlichen Laufe gemäß, höher und höher geſtiegen, die Hitze hatte ſich vermehrt, und wenn auch nur der Abwechslung wegen, war es doch ein Glück, daß die Ufer des Sees deutlicher und immer deutlicher wurden. Die Häuſer da drüben wurden erkennbar, an ihnen jedes einzelne Fenſter mit ſeinen Scheiben; man ſah die Geſträuche ſich in der klaren Flut widerſpiegeln, man bemerkte ſchon eine ganze Schaar Leidensgefährten, die auf das Boot warteten, um die Plätze der dort Landenden ſogleich zu beſetzen. Der ſchmierige Kellner, der neben dem Koche ſtand, machte ein Geſicht, als wollte er ſagen: dort kommt beſſere Kundſchaft! Nachtſäcke und Koffer wurden zuſammengeſucht, und als das Schiff nun an der Brücke anlegte, verſchwanden ſämmtliche Paſſagiere in kurzer Zeit, und alle, die ein paar Stunden auf dem kleinen Dampfer ſo eng bei einander geſeſſen waren, ſtoben ohne Abſchied, ohne ein freundliches Wort naach verſchiedenen Richtungen auseinander. Der Lederhändler mit Familie ließ ſich zum Bahnhof füh⸗ ren; er ſchien noch am heutigen Tage weiter fahren zu wollen. Der junge Mann folgte, und da er in der einen Hand den Nachtſack, in der andern ſeinen Stock trug, ſo machte er wahr⸗ Bei 30 Grad Hitze. was ihm jetzt nothwendiger war als je; denn glitſchte es von ſeiner glänzenden Wange herab, ſo war er nicht im Stande zu ſehen, ob ſie vielleicht rückwärts nach ihm ſchaue, oder ob nicht der Blick unter dem breitrandigen Strohhut hinweg dem unter⸗ nehmenden Lieutenant gelte, der ſo frech geweſen war, dem Vater — Lederhändler Feuer für die Cigarre zu offeriren und der ſo ein Geſpräch angebahnt hatte. Ja, jetzt ſchritt er ſogar neben der Familie, ſäbelklirrend, mit dem kurzen Waffenrocke wedelnd, daß es ein Skandal war; während er, der hinten ging, niedergedrückt von 30 und einigen Graden Hitze, ſowie von der innern Aufregung und ſeinem zu ſchleppenden Nachtſack, keuchend folgte. Er hatte in dieſem Augen⸗ blicke ſtaatswirthſchaftliche Bedenken der finſterſten Art; er fand es unverantwortlich, daß das durch Steuern mühſam zuſammen⸗ gebrachte Geld an einen Stand verſchwendet werde, deſſen Haupt⸗ beſchäftigung darin beſtehe, im ſeligen Nichtsthun auf Dampfbooten und Eiſenbahnen zu fahren, und ſäbelklirrend und waffenrock⸗ wedelnd den hübſchen Töchtern reicher Lederhändler die Cour zu machen. Aus dieſen düſtern Träumereien weckte ihn der Klang der Eiſenbahnglocke, der ihn trotz der niederdrückenden Hitze zu raſchen Schritten antrieb. Daß er faſt aufgelöst an der Kaſſe erſchien, brauchen wir nicht zu ſagen. Galt es doch ein Billet zu löſen, um nicht zurück zu bleiben; denn dort verſchwand die Familie, der er folgte, ſo eben im Wartſaal. Kaum hatte er Zeit, ſein Gepäck abzuwerfen und ſeinen äußern Menſchen, der ſehr deran⸗ girt ausſah, wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen; da läutete es auch ſchon zum dritten Mal und er irrt noch in größter Unruhe an den Eiſenbahnwagen vorbei, um ja den nicht Bei 30 Grad Hitze. 253 zu verfehlen, in dem ſie ſich befand. Doch war ihm das Glück günſtiger, als er gedacht; dort nickte der große braune Strohhut am Fenſter. Mit Einem Satze war er im Wagen. O Weiber⸗ klugheit! Wie hatte ſie ſo trefflich manöverirt! Der Vater mit dem begleitenden Lieutenant war in eine Rauchabtheilung dirigirt worden, ſie mit der Mutter und dem Schweſterchen hatte ſich ſo geſetzt, daß ihr gegenüber ein Platz frei war— ein Platz für ihn. Seine Miene war liebenswürdig, unternehmend, ſiegreich wie nie, als er ſich auf dieſen, jedenfalls für ihn reſervirten Platz niederlaſſen wollte.— Doch kam er nicht ganz dazu. Schon ſtand er mit gebogenem Knie vor ihr, ſchon hatte er einen An⸗ lauf genommen, um ſich recht elegant niederzulaſſen, als die Mutter— Lederhändlerin ſagte:„Nehmen Sie mir nicht übel, aber da drüben ſind noch Plätze genug frei. Jott doch, man ſitzt ſo ſchon ſo enge. Und das iſt doch wahrhaftig nicht ange⸗ nehm bei der Wärme.“ 1 Hatte er recht gehört?— Und ſie! Jetzt muß der Rand des Strohhuts emporwallen, jetzt mußte ſie ſagen:„wenn es noch einmal ſo warm wäre, Mutter, ſo iſt doch der Platz für ihn beſtimmt, für ihn, in deſſen Nähe es beſeligend, lieblich und kühlend iſt.“— So würde er ſie in einem Romane haben ſprechen laſſen. Aber der Rand des Strohhutes ſenkte ſich tief hinab, und unter ihm hervor tönten erſchreckliche Worte, Worte, die ihn förmlich aus der Bank heraus ſchnellten und ihn tief betrübt im hinterſten Winkel des Eiſenbahnwagens niederſitzen ließen. Hatte ſie doch geſagt:„Ich begreife eigentlich nicht, wie man ſich da eindrängen mag; es iſt ohnehin nicht angenehm mit fremden Leuten zu fahren, und noch dazu bei 30 Grad Hizze!“ Ja, jetzt fühlte er ſie, die entſetzlichen 30 Grad Hitze; jetzt Eine Kegenſtudie. Es iſt Spätherbſt.— Die Natur, welche mit der rollenden Zeit ſchon ſo viele Jahrhunderte hindurch ihren äußern Schmuck gewechſelt und ſich verwandelt, weiß ganz genau, daß für ſie jetzt bald die Zeit der Schnee⸗ und Eislandſchaften kommt, weiß, etwas grau und hie und da ein brauner oder gelber Streifen— und deßhalb greift ſie an ſo einem Tage im Spätherbſt mit obrigkeitlicher Bewilligung der Altmeiſterin Sonne in ihre Farben⸗ ſchachtel und leert dort aus zum Entzücken und Vergnügen von uns Menſchenkindern.. Man könnte ſagen, an einem ſolchen Tage übertreibt die Natur, ſetzt Glanz und Licht auf, wo ſie es kaum verantworten kann, hat gar keine Schattenfarben auf ihrer Palette, nur das glühendſte Roth, das brennendſte Gelb, Blau, Weiß, ſaftiges Violett und Gold— übertrieben viel Gold. Letzteres glänzt überall, daß uns faſt die Augen weh thun. Dort weit in der Ebene ſind ganze Strecken damit überzogen; im Walde, den wir vor uns haben, hat wenigſtens der dritte Stamm eine vergoldete Rinde, und die Landhäuſer oben auf den Hügeln glühen ſo aus allen Fenſtern, daß man glauben ſollte, dort ſei ein Schmelzofen Bei 30 Grad Hitze. drückten ſie ihn nieder, phyſiſch und moraliſch; Herz und Lippen waren dürr, wie ausgetrocknet. Von ſeiner Stirne rieſelte es ſanft herab, und er war nicht mehr im Stande, ſein Augenglas feſtzuhalten.— Wozu auch? Um zu ſehen, wie Mutter und Töchter verſtohlen zuſammenlachten, um zu bemerken, wie ſie unter dem braunen Strohhutrand hinweg nach den Fenſtern des Rauchcoupé's blickte, wo ſich der Lieutenant ſo geſetzt hatte, daß er ſie anſehen konnte über den leeren Platz hinweg, von dem man ihn ſo ſchnöde gewieſen. Da beſchloß er, nach reiflicher Ueberlegung, ſich unter Um⸗ ſtänden künftig fern zu halten von dem verrätheriſchen Geſchlecht, deren einer er noch vor wenigen Tagen ſo ſchöne Verſe gewidmet; da dachte er wehmüthig an die kühlen Berge, die er ihr fol⸗ gend verlaſſen, an das ſchöne Geld, das er ihr zu lieb ausge⸗ geben, und als er das gethan, preßte er unmuthig die Lippen auf einander, wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne, blickte in die ſonnenbeglänzte, glühende Landſchaft hinaus und verwünſchte den Augenblick, wo er ſie zum erſten Male geſehen, vor allem aber ſeufzte er, wie ſo mancher neben ihm im Eiſenbahnwagen, wie auch vielleicht der Leſer dieſer Zeilen, und wie nicht minder der Schreiber derſelben über die unerträglichen 30 Grad Hitze. Eine Regenſtudie. des edlen Metalles, und wenn wir die Augen halb ſchließen, um genauer hinſehen zu können, ſo ſpritzen aus allen Oeffnungen die glitzernden Strahlen hervor.— Das iſt hier ein wahres Kalifor⸗ nien und mehr noch. Die Fabel des Königs Midas tritt lebendig vor uns, denn während die Sonne langſam am Berge hinſinkt, betrachte deine Hände, das Geſicht deines Nachbarn, Feld, Wald und Flur, ja den ruhig dahinfließenden Strom und die kräuſelnd aufſteigenden Rauchwolken aus Hunderten von Schornſteinen,— Gold, Gold und nichts als Gold! Haſt du wohl je an einem ſolchen Abend des Reichthums vom Thale aus geſehen, wie die Sonne hinter einer Bergkuppe verſchwindet?— über ihr muß ſich aber, wie am heutigen Abend, eine langgeſtreckte dunkle Wolke lagern, welche ihr Licht ordentlich zuſammenpreßt.— Warte einen Augenblick! So, jetzt ſchau' hin: die ſtrahlende Kugel iſt halb hinter dem Berge verſchwunden, die neidiſche Wolke ſinkt hinter ihr drein, ſie bleibt nicht zurück, ſie läßt ſich nicht abſchrecken, auch wenn ſie, wie jetzt, in glühen⸗ der Lohe aufflammt, der Vernichtung preisgegeben von dem er⸗ zürnten Tagesgeſtirn,— aber jetzt blicke hin! Haſt du etwas Brillanteres und Schöneres geſehen! Stäuben nicht die Strahlen der ſinkenden Sonne wie ein Waſſerfall über den Berg herab, wie ein Waſſerfall, wo jeder Tropfen ein Edelſtein iſt! Es flim⸗ mert faſt betäubend vor unſern Augen, die zuckenden Blitze in Roth, Gelb, Grün und Violett!— Aber wie ſo viel Schönes, dauert auch dies majeſtätiſche Schauſpiel nur ein paar Sekunden, und wie die Natur den glühenden Kuß der Sonne nicht mehr empfindet, ſo wirft ſie von ſich alle Pracht und Herrlichkeit, die goldenen Gewänder, die blitzenden Cdelſteine, und zieht ein unſcheinbares graues Nachtgewand über ihren eben noch ſo ſtrahlenden Anzug.— 1 Eine Regenſtudie. 3 25 Einen ſolchen prachtvollen Spätherbſttag hatten wir geſtern. Der Barometer war ganz toll vor Freude, das Queckſilber machte einen vergnüglich krummen Rücken, kletterte empor, als ſei es Mai⸗Anfang und würde noch einmal der Frühling kommen. Ja, es blickt ſchadenfroh auf den Thermometer, der neben ihm an der Wand hängt und der, kaltes Wetter anzeigend, fröſtelnd zu⸗ ſammenſchnurrt. Doch hat der Wetterkundige mit einiger Be⸗ ſorgniß die Wolken betrachtet, unter welchen die Sonne geſtern zur Ruhe gegangen. Ja, als er zufällig während der Nacht erwachte und den Wind hörte, der in einzelnen Stößen ſauſend um das Haus fuhr, ſo hat er ſich mißmuthig in ſeine Decke gehüllt und bei ſich gedacht: O weh! der bringt Regenwetter! Draußen in der Nacht hatte die dunkle Wolke über der Sonne längere Zeit unbeweglich wie ein Gebirge geſtanden. Ja, die verſchiedenen Wetter hatten eine Zeitlang mit einander ge⸗ kämpft, bald blies ein kalter, faſt erſtarrender Hauch aus Norden, und dann war es, als wollte jene Wolke am Horizont langſam unterſinken; etwas ſpäter aber ſtrömte es aus Weſten herüber, weich, dunſtig, auflöſend; ſauste in den dürren Gräſern und klapperte in den kahlen Aeſten der Bäume; und immer ſtärker blies der Regenwind herüber, und wie er blies, ſchwoll die Wolke im Weſten zuſehends an, wurde größer, dehnte ſich aus, und als endlich die Dämmerung im Oſten erſchien, verkündete ſie der nach⸗ rückenden Sonne trüben Himmel und Regenwetter, und ſtatt nun wie geſtern in großer glänzender Toilette aufzugehen, erſchien heute das verdrießliche Tagesgeſtirn in gelber Nachtmütze, gleicher Flanelljacke und langem, grauem Schleppkleide. Es war ein recht betrübter Anblick für jeden, ſobald er ſeine Fenſter öffnete und auf die Straße hinausſah. Da ſah man an den Vorüber⸗ Hackländer, Kr. u. Fr. I. 47 258 Eine Regenſtudie. wandelnden Mäntel und Ueberröcke wehend flattern, um die Häuſerecken herum fegte der Wind und machte ſich mit dem Kehrichthaufen zu ſchaffen, der dort lag und welchen er ausein⸗ ander zu jagen begann, zum großen Verdruß des Fuhrmanns, der ihn eben auf ſeinen Karren laden wollte, auf den Karren, vor welchem das alte geduldige Pferd ſtand, den Kopf tief ge⸗ ſenkt und nur zuweilen die Ohren bewegend, wenn der tolle Wind gar zu arg ſeine Mähnen zauste oder den Schweif auf die Seite trieb. Welch verdrießliches Geſicht macht der alte Herr mir gegen⸗ über, als er im rothkarrirten Schlafrock und der weißen Nacht⸗ mütze nun erſcheint, ſeine Vorfenſter öffnend und als ihm der dunſtige warme Wind einige ſchwere Tropfen ins Geſicht jagt. Er ſchließt das Fenſter und blickt mißmuthig nach dem Baro⸗ meter. Ja was kann der Aermſte dafür, daß ſich die Laune des Himmels von geſtern auf heute geändert; eine andere Con⸗ ſtellation hat geſiegt, Queckfilber iſt flau, Alkohol geſucht, die Aktien des Barometers ſind gefallen, die des Thermometers ge⸗ ſtiegen. Noch bewahrt uns der Wind vor einem feſten Herbſt⸗ landregen, die Wetterfahnen fliegen kreiſchend herum und wiſſen abſolut nicht, wie ſie ſich heut Morgen benehmen ſollen, und die ſchmutzig grau dahinziehenden Wolken machen verdrießliche Geſich⸗ ter und ſcheinen ihre Fäuſte gegen den Nordweſter zu ballen.. Sie ſind geladen bis zum Rand, die armen Wolken, können aber nichts von ſich geben, ſo lange ſie der Wind ſo unbarmherzig dahin jagt. Jetzt aber ſcheint er langſam ſeine Kraft zu ver⸗ mindern. Er ſtürmt nicht mehr toll über die Dächer dahin, ſondern haucht nur noch wie ermattet in einzelnen ſchweren Stößen. Auch dieſe werden ſchwächer, die Windfahnen halten Eine Regenſtudie. 259 ſich ſteif nach Oſten, die Wolkenmaſſen fangen an, ſtill zu ſtehen und in einander zu fließen; in kurzer Zeit iſt der Himmel eine einzige graue Maſſe und es tröpfelt herab nicht zu ſtark und nicht zu ſchwach, ein ächter Landregen. Wie das meine kleinen Freunde, die Schulbuben, ſchmerzt! Geſtern bei gelindem Froſte hatten ſie ein paar wundervolle Schleifen arrangirt, blank und glänzend in der Straßengoſſe ſpie⸗ gelten ſie ordentlich den goldenen Abendhimmel wieder. Heut Morgen ſind ſie angelaufen und trübe, und als ihre kleinen Ver⸗ fertiger den Ranzen auf dem Rücken des Wegs daher kommen, bleiben ſie mißmuthig bei der geſtrigen Schleife ſtehen und wollen ſchon ſtill davon ſchleichen; doch macht Einer den Anfang und ſchleift auf dem naſſen Schmutz dahin. Natürlich folgen die an⸗ dern und in ein paar Sekunden ſind zwölf paar Stiefel über und über mit Koth beſpritzt, zum großen Kummer ebenſo vieler Mütter und Dienſtmädchen. Aber das Schleifen heut Morgen macht kein Vergnügen, es iſt nur ein Akt der Pietät gegen die geſtrige Spielgefährtin; überhaupt ziehen die Buben heute nicht lärmend durch die Straßen. Auch darin, wie in ſo manchem, gleichen ſie jungen Hunden, ſie können die Näſſe nicht vertragen, und wenn es ihnen möglich wäre, würden ſie grade ſo wie mei⸗ Rachbars Jagdhund bei Regenwetter die Ohren hängen laſſen und den Schweif einziehen. Aber es regnet fort, ſtill, unverdroſſen, ausdauernd. Auf den Dächern rieſelt es ſanft hinab, die Dachrinnenröhren fangen an zu ſprudeln und die Straßengoſſen werden nach und nach zu kleinen Bächen. Und dabei iſt es ein anhaltendes Regenwetter, ein plan⸗ und geſchäftsmäßiges Niederſtrömen von Waſſer; keine Uebereilung, die auf baldiges Erſchöpftwerden ſchließen läßt; die 260 Eine Regenſtudie. Wolken leben in ſchönſter Harmonie, jede einzelne iſt in der All⸗ gemeinheit aufgegangen. Da wir aber an unſern täglichen Spaziergang gewöhnt ſind und ihn für nützlich und der Geſundheit zuträglich halten, ſo wollen wir uns auch heute durch das Regenwetter nicht abhalten laſſen, ein bischen in die friſche Luft zu gehen. Unſere kleinen Equipagen, Stiefel mit Korkſohlen, ſichern uns vor naſſen Füßen, der Regenſchirm hält uns von oben ſo ziemlich trocken und ſo können wir ſchon wagen, dem Wetter zu trotzen. Vor dem Thore ſteigen wir den Berg hinan, die ganze Natur iſt auf eine eigenthümlich wäſſerige Art lebendig geworden; von den Aeſten und Zweigen tropft und rieſelt es herab und ebenſo von der Anhöhe, die wir langſam erſteigen. Geſtern war der Weg hart und trocken, heut gehen wir in einem wahren Rinnſal. Unzählige Waſſeradern ſchlängeln ſich uns entgegen, nehmen rechts und links andere auf, die von den Weinbergen herabkommen, und alle zuſammen murmeln geſchwätzig und er⸗ zählen von ſehr vielem Waſſer, das auf den Bergen niederfällt, von außerordentlich vielem Waſſer, Tropfen um Tropfen ohne Aufhören, und ſie ſind ſehr vergnügt darüber und hoffen glück⸗ lich ins Thal zu kommen, in das ſie hoch vom Himmel 3 fallend geſehen; hoffen, dort in einen kleinen Bach zu a von dem kleinen in den größeren, von dieſem in das Flüßchen, vom Flüßchen in den Strom und mit dieſem in das große Weltmeer, von dem ihre Mutter, die Wolke, erzählt, die vor wenigen Tagen noch darüber hinſtrich. Ebenſo geſchwätzig aber wie die kleinen Regenbäche ſind die naſſen Bauernweiber, die uns begegnen. Hoch aufgeſchürzt tappen ſie durch Regen und Schmutz, und während eine Hand den ———— ———ʒ——— ß.,:— Eine Regenſtudie. 261 ſchweren Korb auf dem Kopfe feſthält, iſt die andere beſtändig beſchäftigt, die Naſe abzuwiſchen; denn dort laufen alle Waſſer⸗ tropfen, die auf Korbränder und Kopftuch fallen, hartnäckig zu⸗ ſammen. Sie ſprechen von der ſchlechten Ernte, von mißrathenen Kartoffeln, theuren Eiern und unerſchwinglicher Butter, und dies Geſprächsthema wird nur geändert, wenn Eine zufällig ihres Mannes erwähnt, der geſtern Nacht um 11 Uhr in einem tüch⸗ tigen Rauſche nach Hauſe gekommen. Dann haben alle mit einemmale das gleiche Schickſal erlebt; und wenn man ihren Worten glauben will, ſo iſt im benachbarten Dorfe ſeit dem letz⸗ ten halben Jahre vom Schultheißen bis zum Nachtwächter hinab kein Menſch mehr nüchtern geweſen. So eilten ſie bei mir vorüber, ihre ſchweren Schuhe klap⸗ pern auf den Steinen und drunten am Berge verſchwinden ſie im Dunſt und Regen. Mein Schirm beklagt ſich über die harte Zumuthung; er hat faſt Unmögliches geleiſtet und kann bei dem beſten Willen nicht mehr thun. Denn nicht nur von den Spitzen der Fiſch⸗ beine rieſelt das Waſſer herab, ſondern es hat auch oben eine Oeffnung gefunden, wo es durchdringt und mir auf die Hand wiu Doch haben wir die Höhe des Berges erreicht und iben hier ſtehen, um uns einen Augenblick umzuſchauen. Wie hat ſich die Natur ſeit geſtern ſo troſtlos verwandelt! Man kann gar keine Freude mehr an ihr haben und findet es nur unbe⸗ greiflich, wo die ganze Farbenpracht, all der Glanz, all das Gold hingekommen. Gewiß hat der Regen die Vergoldung weg⸗ gewaſchen und ließ die bunten Farben durcheinander fließen. Sehen wir doch heute nur ſchmutziges Braun und trübſeliges Grau durch alle Schattirungen. Dabei ſendet der Himmel immer 262 Eine Regenſtudie. und immerfort ſeine Regenſchleier herab und ſo beharrlich und gleichförmig, daß es uns zur Verzweiflung bringen könnte. Rück⸗ wärts auf die Stadt blickend ſehen wir nur eine vielartig ge⸗ färbte Nebelmaſſe, aus welcher hie und da ein helleres Gebäude oder ein dunkler, faſt ſchwarzer Rauch hervorbricht. Und dabei iſt es ſo ſtill rings umher; alles andere Geräuſch wird gedämpft durch das Niederfallen der Tauſende und Tauſende von Regen⸗ tropfen. Dort unten im Thale zieht die Eiſenbahn dahin, ſieht aber viel eher aus wie ein raſch vorüberfliehender Nebelſtreifen, und die Pfeife der Lokomotive, die ſonſt ſo luſtig ertönt, klingt heute hohl und melancholiſch. Dort auf dem Felde ackert ein Bauer, und der Knall ſeiner Peitſche hat gar nicht ſeinen ge⸗ wöhnlichen Klang, ſondern tönt dumpf, als ſchlüge man mit einem Stock auf einen Baumwollenballen. Der Bauer bleibt ſtehen, ſchwenkt ſeinen triefenden Hut ab und kratzt ſich hinter den Ohren, nachdem er ſeine Stirn mit dem Sacktuch abgetrocknet. Pferde und Fahrzeug bleiben ebenfalls ſtehen und dampfen ſo gewaltig, daß man alles, den Pflug, die Beſpannung und den Mann nur wie durch einen dichten Nebel ſieht. Die einzige dem Auge wohlthuende Abwechslung, die ſich jetzt auf der Fläche vor mir zeigt, kommt von dem Proſaiſchſten her, was es auf der Welt gibt, von einem baumwollenen Regen⸗ ſchirm nämlich. Doch iſt derſelbe,— er gehört einer alten Bäuerin— von brennend rother Farbe und thut dadurch dem Auge in dem ſchmutzigen Grau und Grün außerordentlich wohl. Entmuthigt durch den troſtloſen Anblick draußen kürzen wir unſern Spaziergang ab und kehren zur Stadt zurück, wo wir das Straßenleben durch das Regenwetter doch nicht ſo total ver⸗ ändert finden, wie draußen Wald und Flur. Die Häuſer haben * 5 3 . Eine Regenſtudie. 263 ihre Phyſiognomie ſo zi emlich erhalten, und neben dem über⸗ ſtrömten Pflaſter ziehen ſich die trockeneren Trottoirs dahin. Und ſo ein Spaziergang bei Regenwetter auf dem Trottoir hat für den Kenner ſchon ſeine Annehmlichkeiten. Man ſieht da ſo viel⸗ fach komiſchernſte und ernſtkomiſche Scenen, man kann ſeine Freunde zur Verzweiflung bringen, wenn man behaglich plaudernd bei ihnen ſtehen bleibt, nicht achtend des ſtrömenden Regens, der von unſerm Regenſchirm auf ihre Paletots trieft. Man kann unter dem Schutze des Regenſchirms mit ſeinen Feinden caramboliren und kann ſogar, dieſen als Schild vor ſich haltend, gegen irgend eine unangenehme Perſon ein vollkommener Grobian ſein; natür⸗ lich unter dem Riſico der Wiedervergeltung. Man kann unter dem Regenſchirm mit Perſonen ſprechen, bei denen man im hellen Sonnenſchein nicht gerne ſtehen bleibt. Haben doch die Vorüber⸗ wandelnden bei naſſem Wetter zuviel mit ihren eigenen Sachen zu thun, um auf ihre Nebenmenſchen zu merken. Und welcher Schutz iſt ein Regenſchirm in ähnlichem Falle gegen wißbegierige Frauen und alte Jungfern, die beobachtend an ihrem Fenſter ſitzen. Gleicht doch, beſonders von oben geſehen, ein Regenſchirm dem andern und haben doch zu gleicher Zeit mit mir ſehr viele Herren Fiſcher und Müller einen von grüner Farbe. Und zu welch anmuthigen Betrachtungen veranlaßt uns die Begegnung des ſchönen Geſchlechts bei Regenwetter? Man thut aber in die⸗ ſem Falle beſſer, den gegenüber liegenden Fußpfad im Auge zu behalten, denn bei einer Seitenanſicht auf zierlich emporgehobene Kleider und feine Stiefelchen und Fortſetzung nach oben iſt man offenbar im Vortheil. Aber auch abgeſehen von den verborgenen Schönheiten, die uns das Regenwetter enthüllt, iſt ein feiner Beobachter wohl im 4 264 Eine Regenſtudie. Stande, aus dem Schritt und dem Gang ziemlich richtige Schlüſſe auf den Charakter der vorüberwandelnden Damen zu ziehen. Da es aber zu weit führen würde, hier darauf näher einzugehen, ſo halten wir uns dieſes Thema für eine beſondere Studie offen. Wohin aber wenden wir unſere Schritte? Das Kaffeehaus dort unten iſt bei Regenwetter ein gräulicher Aufenthalt, das Geklapper der Dominoſteine und das Klirren der Taſſen wahr⸗ haft betäubend und der Dunſt und eigenthümliche Duft, der aus den regengetränkten Ueberröcken und naſſen Schirmen emporſteigt, könnte Einem übel machen. Glücklicherweiſe neigt ſich der Tag ſeinem Ende zu, und durch den Nebel und Regen ſehen wir ſchon die Laternenanzünder mit ihren langen Stangen dahin tra⸗ ben; bald hier, bald da flammt ein Gaslicht auf, leuchtet aber trübe und röthlich durch Dunſt und Dämmerung. Die uns Be⸗ gegnenden fangen nun an, wie Schattengeſtalten vorüber zu huſchen und werden ſeltener, Equipagen dagegen zahlreicher und rollen dumpf raſſelnd bei uns vorüber, während hoch vom Kirchthurme, der ebenfalls anfängt, ſich verdrießlich in ſein Nebelgewand zu hüllen, die Abendglocke melancholiſch niederſchallt.— Jetzt wird es unangenehm auf den Straßen für menſchliche Weſen, ſelbſt Hunde und Katzen ſuchen ein trockenes Aſyl am warmen Ofen.— Welches aber iſt uns beſchieden, oder vielmehr bei ſolchem Regen⸗ wetter erwünſcht? Ich weiß es, und der geneigte Leſer wird mir beipflichten— eine freundlich erhellte und ſanft erwärmte Stube, ein kleiner Tiſch mit drei guten Freunden und bei herunterge⸗ laſſenen Vorhängen eine Partie Wüin mit dem Strohmann:— Coeur iſt àtout. Eine Schneeſtudie. Draußen fällt der erſte Schnee—— Es ſind große, wollige Flocken, die in weit ausgedehnten Schlangenlinien herabwirbeln vom grauen Himmel und gar nicht recht auf den Boden nieder wollen. So erſcheinen ſie uns wenig⸗ ſtens, denn wenn wir eine dieſer Flocken mit den Augen verfolgen, ſo glauben wir, ſie fliege lange, lange umher, bis ſie hernieder kommt, wo ſchon Millionen der Ihrigen ruhig bei einander liegen.— Ja es ſchneit, und wenn wir am Fenſter ſtehen und hinaus⸗ ſchauen, ſo überkommt uns ein unnennbar angenehmes Gefühl. Es iſt eigenthümlich, wie keines der Kleider, welches die Natur in den verſchiedenen Jahreszeiten anlegt, ſo geeignet iſt, alte, ſüße Erinnerungen wach zu rufen, wie der Pelzmantel des Winters. Die Natur im ſchönſten Blüthenſchmuck des Frühlings, der Som⸗ mer mit ſeinen wallenden Kornfeldern, der Herbſt gelb gelockt, mit reifen Früchten prangend, ſie alle ſind vielleicht zu reizend, um ein anderes Bild, als ſie ſelbſt, in uns aufkommen zu laſſen. Aber der Winter mit ſeinen weißen Feldern, den kahlen Bäumen, den ſchneebedeckten Straßen der Stadt und den Dächern, die ſich vom Himmel gar nicht abzeichnen, ſo daß man glaubt, Schorn⸗ 4 266 Eine Schneeſtudie. ſteine und Dachfenſter ſchwebten in der Luft, der Winter iſt lieb und uneigennützig, daß er uns gern als Hintergrund dient, auf welchem ſich die ganze Jugendzeit mit allen ihren kleinen Freuden und Leiden lebendig zeigt. Obgleich ich ſchon ein ziemlich alter Menſch geworden bin, ſo iſt mir doch, wenn ich am Fenſter ſtehe, als hörte ich wieder das Summen der Schule und die vielen dünnen Stimmchen, welche durch einander ſchreien und das Gedicht Hebel's vortragen, das unſer freundlicher Lehrer ſtets in Erinnerung brachte, wenn draußen der erſte Schnee fiel: Iſt droben etwa Baumwoll' feil? Sie ſchütten wohl ein redlich Theil Auf Haus und Garten.— Schaut nur, ſchaut! Es ſchneit fürwahr, daß Einem graut. So hieß der erſte Vers in freier Uebertragung, und er be⸗ ſchäftigte meine Phantaſie außerordentlich; wir erfanden ein neues Schneeſpiel, eine Baumwollenhandlung, und draußen machten wir kleine Pakete und verkauften ſie den Mädchen aus der Schule. — Glückſelige Zeit! Neben mir auf der Schulbank ſaß der kleine Sohn einer armen Wittfrau, der mich einſtmals fragte:„Weißt du auch, Wil⸗ helm, was der Schnee eigentlich iſt?“ Und als ich ihn verwun⸗ dert anblickte, ſagte er:„Droben klopfen die Engelchen ihre Betten aus, und die Federn, die herunter fallen, das iſt der Schnee.“ Dieſen Gedanken habe ich nie los werden können; nicht als ob ich daran geglaubt, ſondern aus einem andern ſehr traurigen Grunde, denn derjenige, welcher mir die Geſchichte vom Ausklopfen der Betten erzählte, kam ſpäter als Arbeiter in eine Baumwollen⸗ fabrik, und als ich ihn da einmal wiederſah, über und über mit * —ꝑ — —, Eine Schneeſtuͤdie. 267 weißen Flocken bedeckt, ſo fragte ich ihn lachend:„Weißt du noch, was der Schnee iſt!“ worauf er mir die gleiche Antwort wieder gab. Und das waren die letzten Worte, die ich von ihm gehört. Kurze Zeit nachher kam er einem der großen Räder zu nah und — doch wozu dergleichen blutige Erinnerungen, die ſich ſo grell ausnehmen auf dem weißen Schneehintergrunde. Gehen wir lieber noch einen Augenblick zurück zur Schule.— O, wer das zuweilen in Wahrheit könnte! Hören wir zu, mit wie wenig Andacht der Vers geſungen wird, der den Unterricht ſchließt, und ſehen wir, wie all die kleinen Stumpfnaſen und ſchelmiſchen Augen ſich dem Fenſter zuwenden und nicht mehr auf den taktangebenden Lehrer blicken. Endlich ſchießt die wilde Brut auf die Straßen; ſchon auf der Schultreppe erſchallt einiges Geheul, denn ein Paar rutſchen aus in übergroßem Eifer oder auf den glatten Schneeſpuren, und purzeln hinab. Die Schiefertafeln klappern, die Buben lachen und ſchreien, und während einige luſtig auf dem Trottoir ſchleifen, machen die andern Schneeballen und bombardiren einander in wil⸗ der Haſt, bis eine Partie ſiegreich iſt, oder bis ein paar Ballen in die benachbarten Fenſter oder an die hoch erhobene Naſe eines achtbaren Bürgers fliegen, der zufällig vorbei ſpaziert, oder auch „bis im Schulhauſe das Fenſter klingt, ſich der Lehrer zeigt und herniederneigt, nicht ſehr ruhig, aber noch viel weniger engelmild.“ Wie benachbarte Sperlinge und Krähen durch einen Stein⸗ wurf, ſo wurden die Buben durch das eben erſchienene ernſte Geſicht aufgeſcheucht und verjagt. Die Schlimmſten thun, als haben ſie gar nicht mitgeworfen, und gehen ruhig die Straße fort, die Hände auf den Rücken gelegt, harmlos pfeifend. Unnöthige Ver⸗ ſtellung! Er wird heute Nachmittag unter euch treten und fürch⸗ terliche Muſterung halten. Eine Schneeſtudie. Auch andere Bilder bringen uns die herabfallenden Flocken vor unſer Gedächtniß, den Schneemann mit den ſchwarzen Augen und der irdenen Pfeife im Munde, die Bergſchlittenpartie und endlich, als wir ſchon größer wurden, die Schlittſchuhfahrten auf den großen Teichen mit allen ihren Leiden und Freuden, von dem Tage an, wo wir anfingen und uns durch ungeheure Sterne aus⸗ zeichneten, die wir mit dem Hinterkopf in das Eis ſchlugen, bis viele Jahre nachher an dem Tage, wo wir unter den kunſtreichſten Wendungen einen Namen in das Eis ſchnitten, einen Namen, der mit großem Erſtaunen, ja mit Erröthen angeſtaunt wurde, mit letzterem von einer jungen Dame, die ſelbſt am Rande des Teiches ſtand, in Pelzſtiefelchen, ſchwarzem Mantel, grauem Muff, grünem Hut, der rechts ein Roſenbouquet, links eine weiße Schleife hatte und hinten eine ſchwarze Feder,— wenn mich mein Gedächtniß, über welches ich oder man eigentlich lachen ſollte, nicht trügt.— Ja, lachen wir darüber; ich laufe keine Buchſtaben mehr in das Eis, und das junge Mädchen von damals iſt eine dicke Dame geworden, die einen tüchtigen Schlingel auf's Eis ſchickt, der nun ebenfalls oft umpurzelt und Sterne hineinſchlägt.— Während dieſen Betrachtungen hat der Schnee ein redlich Theil auf Haus und Straße ausgeſchüttet. Jetzt hinaus in's Freie, um das feine, jungfräuliche Gewand, welches er der Erde umge⸗ hängt, im vollſten Glanze zu ſehen. Während wir langſam den Berg hinaufſteigen, haben wir zur Rechten und Linken mächtige Bäume mit nackten Aeſten, mit tauſend Zweiglein, die auf's Eigen⸗ ſinnigſte durcheinanderſtreben und ſich von dem hellgrauen Himmel ſo haarſcharf abzeichnen, als ſeien ſie mit der feinſten Nadel auf eine koloſſale Stahlplatte gravirt. Kein Lufthauch iſt zu ſpüren, und ſo ſteht alles: Bäume, Sträucher und Gräſer in tiefer Ruhe 4 Eine Schneeſtudie. 296 und macht das ſchweigende Bild der Natur großartig und ernſt. Wir hören nur das Knirſchen des Schnees unter unſern Füßen, das Schwirren eines Vogels, der dadurch erſchreckt aufflattert und nun von dem Aſte, auf dem er geſeſſen, ein Kluͤmpchen Schnee herabwirft. Droben angekommen, ſchauen wir in das Thal hinab, und die Landſchaft iſt durch den weißen Schnee ſo ganz anders ge⸗ worden, daß wir die wohlbekannte faſt gar nicht wieder erkennen. Dort, wo die breite Straße lief, und hier, wo zwiſchen grünen Wieſen die dunkeln Fußpfade erſchienen, iſt alles weiß zugedeckt und dagegen zeigen ſich rechts von uns an den Felſenwänden des Gebirges eine Menge dunkler Pfade, die wir früher nicht gekannt. Aber es ſind nur Riſſe im Geſtein und Schluchten wohin der Schnee nicht dringen konnte, was wir für Wege an⸗ ſehen. Den ſeltſamſten Anblick gewährt die Stadt zu unſern Füßen. Ja ſie iſt vollkommen verſchwunden; ſehen wir doch nichts als ein weites Feld mit unzähligen weißen Maulwurfs⸗ haufen; gerade ſo zeigen ſich die ſchneebedeckten Dächer. Nur der ſchwarze ſpitze Thurm der Stadtkirche ſteht finſter und trotzig wie immer und jetzt ſo einſam mitten in dem weiten Felde. Den kleinen Fluß allein hat Winter und Schnee noch nicht verändern können, ja er trotzt dem geſtrengen Herrn und fließt dampfend durch die ſchneebedeckten Fluren. Doch wird ihm dieſer Hochmuth nächſtens gelegt werden, und alle Anzeichen müßten trügen, wenn ſich nicht heute Nacht das Wetter aufklären und ſtarker Froſt eintreten wird. Iſt doch der Hauch unſeres Mundes ſchon recht dicht geworden, knirſcht doch der Schnee unter unſern Füßen bereits mehr als vor einer Stunde; und liegt nicht auf Berg und Thal ein feiner Duft, der ſich tiefer und tiefer herab⸗ 270 Eine Schneeſtudie. ſenkt? Auch der bewölkte Himmel, heute Morgen ſo bleifarbig und ſchwer, iſt jetzt lebendig geworden, und die grauen Maſſen ſchieben ſich hierhin und dorthin, ballen ſich und werden dichter und lichter; ja jetzt an einer Stelle ſo licht, daß ein Theil der Sonne ſichtbar wird, wenn auch die Strahlen nicht durchdringen können. Sie erſcheint incognito, feurig gelb in Geſtalt ihres Trabanten als Halbmond, prächtig, aber zürnend und als habe ſie nur mit einem einzigen Blicke ſehen wollen, ob auf der Erde noch Alles in Richtigkeit ſei, zieht aber gleich darauf wieder haſtig den dichten Wolkenſchleier vor das Antlitz und läßt von da an ihren Lauf bis zum Niedergang nur vermuthen, und zwar durch glühende Streifen, die von Zeit zu Zeit das graue Gewölk durchdringen. Zuletzt geht ſie unter in feuriger Lohe, den halben Himmel ent⸗ zündend, als wollte ſie ſagen: wartet nur bis morgen, da komm ich wieder; wehe dem, der ſich ſchlecht aufgeführt. Wir machen es, wie man von der Sonne ſagt, und ſteigen ebenfalls hinunter in’'s Thal, in Nebel und Dämmerung. Eine Menge kleiner Bergſchlitten ſchießen an uns vorüber, luſtige Burſche darauf, mit rothen, ſtrahlenden Geſichtern, und wenn wir ihnen nicht ſorgfältig ausweichen, ſo können wir die Ebene ſchneller und vermittelſt eines andern Körpertheiles erreichen, als den uns die Natur zum Fortkommen angewieſen. Wir kommen an den erſten Häuſern vorüber, und das Dach eines derſelben iſt in Rauch eingehüllt, der auch zu den großen Fenſtern heraus⸗ dringt. Aber es iſt keine Feuersbrunſt: in dem Hauſe wird Bier gebraut, kaltes, friſches Bier; jetzt im Winter erzeugt, ſoll es uns im heißen Sommer, ſo Gott will, gut zu ſtatten kommen. Einſam und ſtiller als gewöhnlich liegen die Straßen; der Schnee hat die Leute in ihre Wohnungen geſcheucht, und die Eine Schneeſtudie. 221 Karren und Equipagen machen kein Geräuſch, man hört nichts von dem Rollen ihrer Räder, nur das Klingeln der Schellen, welche den Pferden angehängt ſind. Wenn man ſo mehrere Stunden, nachdem der erſte Schnee gefallen, durch Straßen und über Plätze der Stadt ſchlendert, ſo ſieht man recht, wie der Verkehr die Menſchen unruhig hin und hertreibt. Dieſer Verkehr hat ſich als Fußſtapfen deutlich ausgeprägt, und letztere würden Stoff zu einem recht intereſſanten Studium geben. Weg mit jenen gleichmäßigen Schritten, die ſich quer über den Platz ziehen und in der nächſten Straße verlieren! Ihrer gibt es viele. Aber dort unter den Bäumen werden ſie von zwei Paar zierlicher Fuß⸗ ſtapfen durchkreuzt, die augenſcheinlich nicht ſehr eilig waren. Jetzt führen ſie rechts, jetzt links, jetzt laufen ſie ſogar eine Strecke wieder zurück.— Halt! hier haben ſich größe und breitere Spuren dazu gefunden, und plötzlich hören alle auf. Aber wo ſie aufhören, ziehen ſich, ſcharf in den Schnee einſchneidend, Ge⸗ leiſe von Rädern dahin, vielleicht arge, arge Verräther; wenn man ihnen folgt, käme man vielleicht zum Anfang oder Ende einer alten Geſchichte, die aber immer neu bleibt. Das Gaslicht, welches überall flammt und ſtrahlt, er⸗ leichtert unſer Studium, denn all die Schneeſpuren, von denen wir eben ſprachen, würden ſich bei Tageslicht flach und unbe⸗ deutend ausnehmen, bei Abend aber, ſcharf ſchattirt, ſieht man 4 ſie deutlich ausgeprägt. Hier trieb eine Bubenſchaar ihr Weſen, dort ging ein Fräulein⸗Stift ſpazieren— eine M age kleiner Fuß⸗ ſpuren und zuweilen an den Seiten der Schnee darüber hin⸗ gefegt, wo die Lehrerin gravitätiſch wandelte, die Naſe ſehr hoch, das lange Kleid ſehr tief hinten drein ſchleifend. Iſt mir doch, „₰½ 1 Eine Schneeſtudie. als habe der Schnee Eindrücke eben dieſer langen, ſpitzen Naſe und ſogar der Brille hinterlaſſen, ſo deutlich ſehe ich ſie vor mir. V Hinter dem Platze erhebt ſich das große Schloß, jetzt noch ernſter und finſterer als gewöhnlich, und daß in der hohen und breiten Wand nur ein einziges Fenſter erhellt iſt, macht den An⸗ blick nicht freundlicher und liebenswürdiger. Die Zacken der um⸗ liegenden Terraſſen und die kleinen Thürmchen mit den ſpitzen V Dächern zeigen Schneezähne und weiße Nachtmützen,—„und unter letzteren würden wir gern einſchlafen, wenn droben das Licht ausgelöſcht würde,“ murmelt ein alter Thurm, bei dem wir gerade dicht vorüber ſchreiten. Es iſt eigenthümlich, wie in einer ſo hellen Schneenacht die großen Bäume auf den Plätzen und in i hlle wahrhaft ſchwarz erſcheinen, und ſo frei und ſchlank, wie man ſie am Tage nie ſieht. Das macht aber der Schnee, der auf der Wetterſeite Stamm und Aeſte zur ene verdeckt. Wir ſind indeſſen lange genug im Freien geweſen und wollen nach Hauſe zurückkehren, und dem Schnee und Gaslicht das Terrain allein überlaſſen, wollen aber auf die kunſtvolle Art 4 aufmerkſam machen, mit welcher das letztere die Form der es umgebenden Laterne in Schattenzeichnungen auf den weißen Boden niederwirft, vier große ſchwarze Linien, die ſich am Ende auf dem Schnee verlieren. Die Vorſtellung im Theater iſt ebenfalls beendigt, und eine Menge Laternen der verſchiedenen Rangklaſſen leuchten den hinterdrein trippelnden Damen nach Hauſe. Auch viele kleine Sch itten kommen von dem Schauſpielhauſe,— Kinder⸗ ſchlitten, aber ſchwer bepackt mit der Dame des Hauſes und einer guten Freundin, und ſeltſam beſpannt mit einer handfeſten Magd, die aber trotzdem keuchend von dannen eilt. Wir laſſen 6 — Eine Schneeſtudie. das Alles hinter uns und ſchreiten einſam und allein nach Hauſe. Dort kommt noch ein Omnibus, langſam von müden Pferden gezogen, und wie er ſtill hält, ſteigt der Dampf von den er⸗ hitzten Thieren ſo dicht auf, daß die Lichter in den Laternen und die rothe Farbe des Wagens kaum mehr zu erkennen ſind.„Gott ſei Dank,“ ſagte eine alte Frau,„da wären wir endlich zu Hauſe.“— Und wir ſind es ebenfalls, legen Ueberſchuhe und Paletot ab, ſetzen uns an das Kamin zum helllodernden Feuer, oder an den runden Tiſch, auf welchem die ſtrahlende Lampe ſteht, und wenn du das gleichfalls thuſt, geliebter Leſer, ſo biſt du vielleicht ſo glücklich, in dem Manne, der Schneeſtudien gemacht, deinem eigenen Porträt zu begegnen. —2 g P zu begeg Hackländer, Kr. u. Fr. I. 273 —ꝛ Ein Eiſenbahnbild. Es gibt wohl nicht leicht ein lieblicheres, anmuthigeres und zugleich wieder großartigeres Stück Erde als das, welches man auf der prachtvollen Eiſenbahn von Stuttgart nach Friedrichs⸗* hafen durchfliegt. Aus der Mitte der Reſidenz, über belebte Straßen hinweg reißt uns der Dampfwagen durch den herrlichen, in aller Pracht des Herbſtes geſchmückten Park, unter dem Schloſſe Roſenſtein in die Erde hinein, aus dem blendenden Licht des Tages in tiefe Finſterniß, und läßt uns fühlen alle Schauer die⸗ ſer unterirdiſchen Fahrt, das Heulen des Dampfes, das Raſſeln der Räder, um uns gleich darauf glänzend zu belohnen durch den Anblick des Cannſtatter Thals mit der kleinen netten Stadt, dem freundlichen Neckar, den grünen Bergwänden mit Kapellen, Kirchen und Schlöſſern auf verſchiedenen Höhen. Und dies reiche Panorama thut ſich ſo plötzlich vor uns auf, wie wir durch das jenſeitige Thor des Tunnels den Schooß der Erde wieder ver⸗ laſſen— man fühlt wie die Kinder am Weihnachtabend, wenn die Thüren des dunklen Zimmers jetzt auf einmal geöffnet wer⸗ den und Licht, Glanz, ſo viel Schönes in ihre Augen fällt. * Ein Eiſenbahnbild. 275 Von der Bergwand gingen wir über die Neckarbrücke durch Cann⸗ ſtatt, an dem Ufer des Fluſſes dahin, bei Weinbergen vorbei; niederhängende Zweige, Obſtbäume aller Arten ſtreifen den Wagen; die alte bedächtige Chauſſee weicht dem tollen ungeſtümen Stief⸗ bruder kopfſchüttelnd aus, und leidet es geduldig, daß er ſie hie und da kreuzt, beiſeite drückk, ihr den alten Platz nimmt oder gar, wo ſie gezwungen iſt, mühſam eine Anhöhe zu erſteigen, raſſelnd und pfeifend geradeaus rennt, mitten durch das Erdreich, durch einen tiefen Einſchnitt, um wieder hervorzuſtürmen, wo ſie es ſo gar nicht vermuthet hat— die gute, wohlbekannte, zer⸗ tretene, lehmichte Schweſter! Geht es doch dem Fluſſe da drunten, der doch noch viel älter iſt, um kein Haar beſſer; auch er wird bedrängt und eingezwängt; wo ſonſt der Uferrand ſo ungezwungen und lieblich hinabging, hat man ſtarre Mauern aufgeführt, wo er ſich im ſeligen Nichtsthun ſo breit und gemächlich zwiſchen Riedgras und Weidengebüſch gehen ließ, hat man ihm ſeine Frei⸗ heit genommen, und er mußte manch ſchönes, ſchattiges Plätzchen abtreten für den da oben, der ihm nicht nur ſo viel Poeſie, ſondern auch ſo viel tägliches Brod genomfſnen— aber mit dem Parvenu fliegen wir luſtig dahin! Untertürkheim, Obertürkheim, Eßlingen, Plochingen haben wir erreicht und dabei ſo viel Schö⸗ nes geſehen, ich weiß nicht, ob es Andern auch ſo ergeht: Stein⸗ haufen, Weidengebüſch, Pappelalleen, Feldwege, Hecken und Bäche, alle erſcheinen in ſo eigener Form und nehmen eine ſo er⸗ ſtaunte, überraſchte Miene an, wenn wir vorbeifliegen und ſie zurückbleiben müſſen. Die Pferde dort auf der Chauſſee ſind ſchon reſignirter, ebenſo die Handwerksburſche auf dem Fußwege, und würdigen uns keines Blickes; die Berge thun auch ſo, als 276 Ein Eiſenbahnbild. wären wir ihnen zu unbedeutend, und doch wenden ſie ſich lang⸗ ſam nach uns um und verfolgen uns lange mit ihren Blicken. Göppingen laſſen wir hinter uns, und Schloß Vilseck, das wir bis jetzt nur weiß aus dem Grün der Bergwand hervorſcheinen ſahen, ſchaut uns nun voll an mit ſeinen vielen Fenſtern. Auch der Hohenſtaufen ſtreckt ſich langſam Und friedlich in die Höhe— ernſt und ſtolz— er weiß es wohh daß jetzt die Blicke Vieler an ihm hängen, und daß einer dem andern ſagt:„Der, der iſt's— der dort über alles andere emporragt.“ Eißlingen— Süßen: wir halten uns dicht an der Bergwand, auf die Vils rechts neben uns ſehen wir ſchon bedeutend hinab, die kleinen Ortſchaften tief im Thal liegen ſo reizend an den Schluchten des Gebirges, ſie haben ſich einen warmen Platz geſucht, wo ſie einigermaßen gedeckt ſind vor dem rauhen Hauche, der dort über die Alp herniederbläst; ach, es iſt ja bald wieder die Zeit der kalten Winde, des Schnees, des Eiſes, die Felder ſind mit Stop⸗ peln bedeckt und der Mann da unten mit dem weißen Tuch iſt im Ausſäen begriffen— eine betrübte Zeit— auch Schafheer⸗ den ziehen dort bereits zum Dorf hinab, voraus der Hirt im grauleinenen Kittel, hintendrein der ſchwarze zottige Hund; und das Alles ſehen wir im Vorbeifliegen, und noch viel mehr, im Einzelnen ſo unbedeutend und im Zuſammenhang wieder ſo reizend. 3 Geißlingen liegt nun ganz auf unſerer rechten Seite, und um dahin zu gelangen und doch nicht wieder hinabzuſteigen, müſſen wir der Bergwand folgen und eine ſehr kurze Curve be⸗ ſchreiben. Jetzt halten wir auf dieſer Station am Fuß der Alp, die leichte Locomotive wird ausgeſpannt, eine ſchwere muß uns . Ein Eiſenbahnbild. 277 das Gebirge hinanſchleppen. Der elektromagnetiſche Telegraph hat ſich noch nicht entſchließen können, die Berge hinanzuklettern, und bleibt hinter uns im Thal; bis jetzt hatten wir ihn von Stuttgart an unſerer Seite, den unheimlichen Drath, in Wahrheit unheimlich, wenn man bedenkt, daß ſich an ihm, der anſcheinend ſo harmlos weite Länderſtrecken durchzieht, eine faſt noch unbe⸗ kannte, wenigſtens ungebändigte geſpenſtige Kraft hinſchlängelt, ein unſichtbares Weſen in unbegreiflicher Geſchwindigkeit, gegen welche die des Dampfes, mit der wir eilen, ganz unbedeutend iſt, wenn man bedenkt, daß an dieſem Drathe neben uns Worte dahinblitzen, für uns unſichtbar und unhörbar. Worte, Befehle, die die Menſchen, Hunderte von Meilen von einander entfernt, ſich zuſchleudern— in der That unheimlich und oft ſeltſam in das gewöhnliche Menſchenleben eingreifend. So habe ich es er⸗ lebt, daß Jemand, der in Köln aus Verſehen einen fremden Koffer zur Eiſenbahn mitnahm, in Düſſeldorf feierlichſt empfangen und an ſein Vergehen gemahnt wurde. Schon einmal vor langen Jahren lief durch dieſe Thäler eine Telegraphenlinie, plötzlich ent⸗ ſtanden, verſchwand ſie auch ebenſo ſchnell wieder, als der, deſſen Befehl ſie gezogen, ihrer nicht mehr bedurfte. Als Napoleon im Jahr 1809 in Schönbrunn war und ihm die Staffetten der Feldpoſt nicht ſchnell genug nach Straßburg gingen, wurde zwi⸗ ſchen beiden Orten eine Telegraphenlinie errichtet, die auch das Vils⸗ und Neckarthal durchlief; leichte Baracken wurden auf den Höhen erbaut und ein polniſches Bataillon aufgelöst, deſſen Leute den Dienſt dabei verſehen mußten— auf jeder Station befanden ſich drei Mann, welche vermittelſt vier farbiger Fahnen die Zei⸗ chen erhielten und weitergaben. Die ganze Geſchichte dauerte ———1nſ)—ꝝſſͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤſſͤſͤͤͤͤͤ1 ——————ü— 2 7/3 278 Ein Eiſenbahnbilͤld. ℳ ₰ * 3 vielleicht zwei Monate, dann verſchwanden Polen, Baracken und Fahnen.. Unterdeſſen keucht die gewaltige Maſchine mit uns die Alp ihnan— 1 auf 45— und obgleich ſie rüſtig vorwärts rollt, ſo zeigt doch die Menge Rauch, welche ſie ausſpeit, ſowie das Knirſchen ihrer Räder, daß ſie ſich mühſam fortbewegt. Geiß⸗ lingen bleibt tief im Thal, und wenn man ſich umſchaut, ſo erblickt man es noch lange mit ſeinen ſpitzen Dächern, dem hohen Kirchthurm, den vielen Bleichen auf grünen Wieſen; endlich fah⸗ ren wir ſcharf um eine Kante des Gebirgs. Die Decoration vertheilt ſich; ſteil ab fallen die Berge in's Thal, wir kleben nun ſo an der gewaltigen Wand, unter uns rieſenhafte Mauern, die den Eiſenbahndamm ſtützen, über uns ähnliche Steinwände, die uns vor dem nachrollenden Geſchiebe ſchützen. Die Chauſſee, jetzt tief unter uns, blickt uns bekümmert nach, denn ſie hat noch gewaltig zu ſteigen, ehe ſie unſere Höhe erreicht; noch weiter im Grunde liegt eine Mühle inmitten einer ſaftig grünen Schlucht, und dieſes Grün mit der hellen Farbe des klaren Baches, mit der gegenüberliegenden Bergwand, das Buſchwerk in tauſend buntfarbige Töne gekleidet zwiſchen den koloſſalen Gebirgsformen, gibt ein liebliches, großartiges Bild. Doch wir ſind auf der Höhe angelangt in Amſtetten— die große Maſchine wird aus⸗ geſpannt; ein Bäuerlein ſagt:„damit ſie ausſchnaufe“, und eine ſchwächere zieht uns weiter über die Hochebene der rauhen Alp — vorbei, vorbei— Lochſtetten— es geht wieder abwärts, die Conducteurs bremſen, die Locomotive läßt ihren Dampf zwi⸗ ſchen den Rädern hinaus— jetzt bemerken wir vor uns auf einer Anhöhe die Wilhelmsburg und rollen eilig hinab in’s