Leihbibliothek deutſche engliſcher und franzöſiſcher Literatur ſͤͤ. von.. Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. KCeeih und Jeſebedingungen.. 1. Ofrensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ kangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens pfls 5 Abends 8 Uhr offen. 3 3 Lens Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ in angenommen. nes Werlye de 6 nterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und trägt:. 4 frägi hentlih 2 Bleher: A Bücher: 6 Bücher: 3 7———˖——————— uf 1 Monat: 4 Mit.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung r Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. . Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und preis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 Ausleihezeit. Dieſelbe a auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird nders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen lben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. .——ſſſſſſſſſ 1— . Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ees Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 1 ſe Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der 3 er Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 1 Von F. W. Hackländer. Zweiter Band. Berlin. Franz Duncker. (W. Beſſer's Verlagshandlung.) 1850. —: — 2 — 9 S 90 Inhalt des zweiten Bandes. Hinaus in die Welt!. . Der Vetter— Profeſſor. . Die Einführung ins neue Geſchaäft. Das Waaren⸗Magazin. Etiquetten. . Prinzipalin und Prinzipal. Bekehrungs⸗»Verſuche des Herrn Specht. . Das Bild meiner Andacht. .. Die Betſtunde.. .. Ein Stern in dunkler Nacht. Ruhe ſanft.. . Auf der Wiegkammer. . Veränderungen. . Emma.. .. Der Flegeljahre zwette und vermeßrte Auflage. .. Das letzte Souper.. .. Ein Verhör.— Ein Rendes wous.. . Ein zweites Verhör und Ende des Buchs. Hinaus in die Welt! Mit dieſer troſtreichen Epiſtel war nun unter meine ſtille und friedliche Mühlen⸗Idylle ein dicker ſchwarzer Strich gezogen und was jenſeits deſſelben lag, der duf⸗ tige Wald, die friſche herrliche Luft, das ſprudelnde Waſſer und die einſame Mühle mit den lieben, freund⸗ lichen Menſchen darin, zu einem Traumbild geworden, das mir gemach und langſam entſchwebte und ich jetzt, obgleich ich noch mitten darin war, kaum noch feſtzuhal⸗ ten vermochte. Vor mir dehnte ſich aber eine weite trau⸗ rige Heide aus, bevöl'zrt mit Reißmehliſchen Geſtalten und fern am Horizont ſchwebte das Bild des Freundes, meines theuren Doktor Burbus, von dem ſeit ſeiner Ab⸗ reiſe Keiner von uns mehr eine Silbe vernommen. Obgleich ich nach E. nur wenige Stunden zu mar⸗ ſchiden bar ſo eeſchien mir doeh dieſe kleine ohne 2 lich und öde. Von Natur nichts weniger wie ſchüchtern, hatte das ſtille friedliche Waldleben mein Gemüth ſo zart und verletzbar eingehüllt, daß jede Berührung mit der äußern, kalten und fremden Welt mir wehe that. So kam mein letzter Tag und meine letzte Nacht auf der Mühle, das Geklapper der Räder, das mich ſonſt in Schlaf gewiegt, ließ mich heute kein Auge zu⸗ thun, das Rauſchen des Mühlbachs, das bisher mit ſei⸗ nen einförmigen Tönen glänzende Traumbilder in meinen Schlummer zeichnete, war mir heute Nacht das Toſen des Weltſtroms, der mich vom friedlichen Ufergeſtade hinweg in die wilden Wogen des Lebens fortreißen wollte, und zu mir ſprach:„Schwimme, oder geh unter!“. 1 Am andern Morgen nahm Alles den herzlichſten Ab⸗ ſchied von mir, der Vetter drückte mir die Hand Und ſagte:„wenn Du einmal Urlaub bekommſt, ſo beſuche uns, es wird uns jederzeit freuen, nur mußt Du vorher in Deinem neuen Geſchäft mindeſtens ein ganzes Jahr ausgehalten haben.“ Die Nichte konnte nicht viel ſprechen und als Sibylle mich zum Abſchied herzlich küßte und als ich fühlte, wie ihre warmen Thränen an meinem Geſicht herabliefen, brach meine Standhaftigkeit, die ich bis jetzt bewahrt und unter den heftigſten Thränen eilte ich, ſo ſchnell ich konnte, das Thal hinauf. Franz und Elsbeth hatten ſich nicht ſehen laſſen, die feſte Natur 3 der letzteren vermochte es nicht über ſich, mich ein feuch⸗ tes Auge ſehen zu laſſen und ſo ſchieden wir ohne Gruß und Händedruck, und Caspar ſchwenkte ſeine weiße Mütze zum Fenſter hinaus. Es war ein ſchöner Herbſtmorgen und je mehr ich die Thalſchlucht hinauf kam, um ſo klarer ſchien mir der Himmel, deſſen blaues Bild drunten in der Schlucht dichte Nebel verdeckten. Das Moos und Gras zu mei⸗ nen Füßen glänzte und ſtrahlte in tauſend Lichtpunkten, Geſträuche und Bäume waren mit Thautropfen, wie mit unzähligen Juwelen bedeckt. Bei dem alten Kreuze auf der Höhe ſtand ich ſtill und ſetzte mich auf den ver⸗ witterten Stein. Da lag der Thalkeſſel vor mir und ich konnte nicht zwei Schritte in ihn hinabſehen, die glänzende klare Sonne, die aufſtieg, drückte den Nebel dort hinab und die Schlucht ſah aus, wie ein Gebirgs⸗ See mit grauem Waſſer, für mich ein Zauber⸗See, denn dort unten auf dem Grund verſenkt lagen die Orte, wo ich ſeit der früheſten Kindheit wieder einmal fröhliche harmloſe Stunden genoſſen. Mit angeſtrengtem Ohr hörte ich die Räder klappern, vernahm das Geläute der Kühe, die an der Waldwieſe hinaufgrasten, und jetzt in der Ferne zwei ſchnell aufeinanderfolgende Schüſſe; das war Caspar, der auf dieſe Art noch einmal Abſchied von 3 mir nahm. So war ich denn hinausgeſtoßen aus dem Zaubergrund und ſtand auf der Höhe ein armes ver⸗ 1* 4 laſſenes Kind. Lange blieb ich bei dem alten Kreuze und ſchwankte heftig in meinen Entſchlüſſen, mehrmals war ich im Begriff wieder zur Mühle hinabzuſteigen und den Vetter zu bitten, er möge mich als Müllerburſche annehmen und für immer dabehalten. Was kümmerte mich die geräuſchvolle, glänzende Welt, die draußen lag, ich kannte ſie ja noch nicht und es ſchauerte mich, von dem Strudel derſelben mit fortgeriſſen zu werden. Wenn ich in ſpäteren Jahren weite Länderſtrecken durchflog, und nach langem Fahren, namentlich zur Nachtzeit ein ein⸗ ſames Gehöfte oder einen Thalgrund mit einer Mühle wie dieſe erreichte, ſo begriff ich nicht mehr, wie man ſo abgeſchledem von der Welt zufrieden und glücklich ſein könne; ich begriff es ſo lange nicht, bis die Erinnerung an die heutige Stunde bei dem alten Kreuz wieder leb⸗ haft in mir auftauchte und dann wieder dachte ich ſpäter oftmals im Geräuſch der großen Welt, wie heute an dem ſtillen Herbſtmorgen: wenn Du einmal recht alt geworden biſt und von vielem Schaffen und Arbeiten recht müde, dann geheſt Du zurück, langſam hinab in das Thal und lebſt da vergeſſen und vergeſſend den Reſt Deines Lebens.——— Dieſem Entſchluß verdankte ich den ſchnellen Abſchied, den ich von der mir lieb gewordenen Gegend nahm und daß ich ruhig darauf losſchritt, um E. noch bei guter Zeit zu erreichen. Abenteuer wie damals, als ich mit — Doktor Burbus aus der Stadt zog, erlebte ich keine, ich ſuchte ſie ja nicht, das einzige, was mir außergewöhnli⸗ ches aufſtieß, war ein freundlicher Condukteur, der in ſeinem Wagen allein ſitzend, einen langen Berg hinauf fuhr; die Pferde gingen im Schritt, wedelten mit ihren Schweifen die Fliegen von ſich ab und ließen die Ohren hängen. Es war recht warm geworden; der Condukteur aber lud mich ein, zu ihm hinaufzuſitzen und eine Stunde mit ihm zu fahren. Auf mein eingewendetes Bedenken, daß ich nicht viel Geld habe, um ihm zu bezahlen, lachte er mich aus und meinte ich ſolle nur zu ihm hinaufſitzen was ich auch alsbald that und mich in den weichen Kiſ⸗ ſen des Wagens recht wohl befand. Der Conducteur war ſchon ein ältlicher Mann von derbem, utmüthigem Weſen, ein alter Soldat, hatte als e bei den Huſaren gedient und war deshalb ſchon für mich eine hohe und wichtige Perſon. Auf meine Frage nach mi⸗ litairiſchen Vexhältniſſen ließ er mich viel Unangenehmes vom Kamaſchendienſt vernehmen und theilte mir aus dem Soldatenleben manches mit, was gerade nicht ſehr rei⸗ zend war und mich in den feſt gefaßten Vorſätzen be⸗ ſtärkte, von jetzt an mit allem Fleiß und Aufmerkſam⸗ keit zu arbeiten, um nicht einmal, wie der Vormund angedroht, genöthigt zu ſein, zum Kalbfell zu ſchwören, d. h. Soldat zu werden. Nachdem wir die vor uns liegende Höhe etreicht hatten, ließ mich der Condukteur abſteigen und zeigte mir nicht weit entfernt die Thürme von E., das Ziel meiner Reiſe. Ich nahm von dem freundlichen Manne Abſchied und ſchritt rüſtig den Berg hinab, meiner neuen Beſtimmung entgegen; luſtig fuhr der Poſtwagen voraus, eine Zeit lang ſah ich noch die trabenden Pferde und dann nichts mehr, wie eine Staub⸗ wolke. E.,, eine reiche Fabrikſtadt, hatte ein ganz anderes Anſehen, als C. die einzige große Stadt, die ich bis jetzt gekannt. Dort ragten mächtige gothiſche Thürme und alte ſchwärzliche Bauwerke aller Art über die Spitzen verſchnörkelter Giebeldächer der hohen Bürgerhäuſer aus früheren Jahrhunderten empor, hier ſah man hohe und ſpitze Kirchthürme mit grauem Schiefer gedeckt, unge⸗ heure ſeltſame Schornſteine, große Gebäude mit unzäh⸗ ligen Fenſtern und Alles ſchien jung und neu, Alles mit weißem und hellem Anſtrich und friſchen grünen Fenſterladen. Ueberall ſtieg Dampf auf, aus den Schorn⸗ ſteinen ſchwärzlich grau, wie ich es bei den Dampfboo⸗ ten geſehen und daneben anderer ſchneeweiß. Und wie das in den Straßen, welche ich ſchüchtern durchwandelte, ſummte und wogte! Hier raſſelte und klapperte es, dort rauſchten große Waſſer und als ich zu einem der Häuſer hinblickte, ſah ich Hunderte von Rädern und Rädchen ſich unaufhaltſam und pfeilgeſchwind drehend, daß mir faſt ſchwindlich wurde. Dazu hatten die Straßen einen ſo eigenthümlichen ſcharfen Geruch, namentlich an dem Fluß, über deſſen Brücke ich dahin ſchritt und wo unter mir viele Menſchen beſchäftigt waren, rothe und farbige Stoffe abzuwaſchen; das Waſſer war ganz gefärbt davon. Große Wagenzüge begegneten mir mit Waarenballen und Kohlen beladen. Ich war in einer ganz neuen Welt und zog als ein⸗ zigen Rettungsanker meinen Brief an den Vetter aus der Taſche und befragte um das Haus, wo er wohl wohnen könnte, mit abgezogenem Hut mehrere Leute, die mir begegneten. Die meiſten kannten den Herrn Profeſſor nicht, endlich fand ich aber einen freundlichen Mann, der mich mit ſich nahm durch unendlich lange Straßen, um mir das Haus meines Vetters zu zeigen. Schon hatte ich gefürchtet, er möchte auch in der Nähe einer ſo klappernden und ziſchenden Fabrik wohnen und war um ſo angenehmer überraſcht, als mir mein Be⸗ gleiter auf einer ſanften Anhöhe vor der Stadt ein klei⸗ nes gelbes Haus zwiſchen grünen Bäumen zeigte, und mich dort hinauf wies. Mit klopfendem Herzen ſtieg ich einen kleinen Weg hinan und befand mich in kurzer Zeit vor einer Gitter⸗ thüre, wo ich beſcheidentlich die Glocke zog. Eine ält⸗ liche Frau mit klugem freundlichem Weſen und ſanften hellen Augen öffnete mir die Thüre und fragte nach meinem Begehr. Mir war, als hätte ich die Frau ſchon 8 8 irgendwo geſehen, aber ſo viel ich mich auch bemühte eine deutliche Erinnerung hervorzurufen, wollte es mir nicht gelingen. Ich zeigte meinen Brief, die Frau lud mich ein in den kleinen Garten zu treten, der das Haus umgab und fragte ein junges Mädchen, die beſchäftigt war allerlei Blumen und Pflanzen zu begießen:„wo iſt der Vater?“ Die kleine Perſon ſchaute einen Augen⸗ blick von ihrer Arbeit auf und ſah mich befremdend an. Sie hatte dieſelben klaren und freundlichen Augen, wie die alte Frau und antwortete:„Papa iſt in ſeinem Zimmer und ſitzt ſpazieren.“ Dieſes Mädchen war mir ebenfalls nicht unbekannt, doch wo ich ihr begegnet war, wollte mir wie ſchon geſagt nicht einfallen. Die Frau nahm mir den Brief ab und ging damit ins Haus, kam aber bald darauf lachend wieder, reichte mir die Hand und ſagte freundlich:„ich freue mich recht,. Dich zu ſehen, Du gleichſt Deiner Mutter und ich habe 6 im erſten Augenblick in Deinem Geſicht eine Aehnlichkeit 3 erkannt, wußte aber nicht, wo ich ſie hin thun ſollte; nun komm herein zum Vetter und laß Dir Deine An⸗ tritts⸗Predigt geben, er meint's nicht ſo ſchlimm.“ „Emma,“ ſagte ſie zu dem Mädchen,„das iſt der Vet⸗ ter, von dem ich Dir geſagt und der hieher kommt, um Kaufmann zu werden.“ Emma ſetzte ihre Gießkanne auf den Boden und ſagte zu mir ernſt und trocken:„ſo, ſo, der Vetter, das freut mich, aber,“ ſetzte ſie nach „— 3 9 einem Blick auf meine beſtäubten Stiefel hinzu,„Du biſt zu Fuß gegangen und wirſt hungrig ſein, ich will Dir ein Butterbrod holen.“ Die Frau erwiderte für mich lachend:„ja, thu' das,“ und ging mir voran in's Haus. 4 Der Vetter— Profeſſor. Hier ſah es nun ganz anders aus, wie auf der Mühle, vor der Thüre ſtanden ſchöne Bäume und Geſträuche und an denſelben hingen gelbe Früchte, die ich von der Reißmehlſchen Praxis her als Orangen und Citronen er⸗ kannte. In den Zimmern, durch die wir gingen, herrſchte durch grüne Fenſtervorhänge, die wegen der Sonne zu⸗ gezogen waren, eine leichte anmuthige Dämmerung. End⸗ lich kamen wir zum Vetter, er ſaß in einem Zimmer, das mit merkwürdigen Gegenſtänden vollgepfropft war. Eine Seite der Wand nahm ein Büchergeſtell ein und auf den anderen Seiten ſah man ungeheure Fernröhre, eine Electriſirmaſchine, die ich aus der Schule her kannte und andere, blank geputzte meſſingne Maſchinen und ſelt⸗ ſam ausſehende Dinge, über deren Verwendung ich mir keine Rechenſchaft geben konnte. Der Vetter ſaß in ei⸗ nem großen, braunen, geſchnitzten Lehnſtuhle, hatte das —— ——— 11 rechte Bein über das linke geſchlagen und bewegte die Spitze dieſes Fußes, ſowie den Zeigefinger der rechten Hand taktmäßig auf und ab. Ich fand Zeit genug, mir das Zimmer und den Profeſſor genau zu betrachten, denn auf einem kleinen Tiſchchen vor ſich hatte dieſer ein auf⸗ geſchlagenes Buch, aus welchem er trotz meines Eintritts — die Frau war vor der Zimmerthüre geblieben— ru⸗ hig weiter las. Er war ein langer dürrer Mann und ſchon ziemlich bei Jahren, hatte ein blaſſes, aber gutmü⸗ thiges Geſicht und trug eine braune Perrücke. In einer Ecke des Zimmers ſtand ein meſſingner Käfig mit einem weißen Papagei, wie ich früher ſchon in Menagerien ge⸗ ſehen und dies Thier war ſchuld, daß der Vetter mich endlich einer Anrede würdigte. Der Vogel ſträubte ſei⸗ nen rothen Federbuſch auf, drehte ſeinen Kopf vertraulich nach mir hin und ſagte, als ich natürlicherweiſe ruhig auf meinem Platz ſtehen blieb, ſehr deutlich und laut: „Filou.“ Hierauf klappte der Vetter ſein Buch zu, nahm eine Priſe aus einer vor ihm ſtehenden Doſe und ſagte mit einer ernſten feierlichen Stimme:„ei, ei! Joco begrüßt Dich und kommt mir zuvor, indem er Dich mit Filou anredet, was ſoviel beſagen will, als: Spitzbub; dieſen Aksdruck, der mir jedoch und trotz vielem über Dich von Deinem Vormund Erfahrenen einigermaßen zu ſtark vor⸗ kommt, würde ich vielleicht zu einer erſten Anſprache nicht benutzt haben, kann aber nicht umhin, Dich mit dem Namen eines jungen ungerathenen Familien⸗Mit⸗ gliedes zu belegen, denn alſo hat Dich Dein Herr Oheim bei mir beſtens oder vielmehr ſchlechtens prädicirt.“ „ Herr Vetter,“ ſtotterte ich verlegen und wurde roth wie der Kamm meines unartigen Begrüßers,„ich habe mir gewiß und ernſtlich vorgenommen, dem Vormund keine Urſache zum Klagen mehr zu geben;“„ſchön,“ entgegnete der Vetter,„daß ſich Dein löblicher Vorſatz erfülle, und da es in jedes Menſchen Gewalt gegeben iſt, ſein Inneres zu verbeſſern, ſo wird auch Dir dieſes an und für ſich ſchwierige Beſtreben gewiß ſo gelingen, aber laß' es nicht mit dem Vorſatz verbleiben, denn merke Dir das Sprichwort: Die Hölle iſt mit guten Vorſätzen ge⸗ pflaſtert, und auch hier im Leben tritt man gerne auf ihnen herum.“ Ich verſprach mein Möglichſtes zu thun, verſuchte mich gelinde zu entſchuldigen, ohne gerade die Anklage meines Oheims zu verdächtigen und verſprach nochmals in meiner neuen Stelle mit Fleiß und Auf⸗ merkſamkeit zu arbeiten, worauf ich vom Vetter huldreicher entlaſſen wurde, als ſein Willkommen war.„So geh! denn hinaus,“ ſprach er,„Du wirſt müde und hungrig ſein, meine Frau ſoll Dir eine Erfriſchung zubereiten, ich muß fortfahren, mich noch eine halbe Stunde zu bewegen, der Blutumlauf des Körpers geht durch regelmäßig andau⸗ ernde Bewegung raſcher von Statten, was der Geſundheit —. — 13 äußerſt zuträglich iſt.“ Ich ſuchte eilig die Thür und ſah an derſelben, wie der Herr Profeſſor mit Fußſpitze und Zeigefinger dieſelbe taktmäßige Bewegung wieder begann, in welcher ich ihn durch meinen Eintritt unterbrochen; mir kam das äußerſt ſonderbar vor, ſowie auch der Schluß. ſeiner Rede, er wolle ſich noch einige Bewegung machen. Später, als ich in der Familie genauer bekannt wurde, erfuhr ich denn zu meinem großen Ergötzen, daß der Vetter, der das Spaziergehen für Zeitverſchwendung hielt, überhaupt ſeine Wohnung äußerſt ſelten verließ, der An⸗ ſicht war, die geringſte Bewegung des Körpers reiche hin, um den Blutumlauf zu beſchleunigen und ſo ſaß er denn ſtundenlang, blos den Zeigefinger und die Fußſpitze be⸗ wegend, und das war es was Emma mit dem Ausdruck: „Papa ſitzt ſpazieren“ bezeichnete. Der Vetter war überhaupt ein ſeltſamer Menſch; in ſeiner Jugend hatte er eifrige und große Studien gemacht, lebte aber beſtän⸗ dig ſehr abgeſchloſſen und in ſich gekehrt, und war des⸗ halb nie zu großen Reiſen gekommen, wozu er die Mit⸗ tel beſaß und die er ſich auch vorgenommen auszuführen, er war aber nicht im Stande, ſich aus ſeinen Zimmern und von ſeinen Gewohnheiten wegzureißen. Später wurde er Profeſſor der Mathematik, docirte eine Zeit lang an einer Univerſität, verließ dieſelbe aber aus einer eigenthümlichen Urſache: Der Hörſaal, wo er ſeine Vor⸗ leſungen hielt, war unregelmäßig gebaut und hatte dem 8 4 Catheder gegenüber zwei vollkommen ungleiche Fenſter, das eine hoch gewölbt, das andere klein und viereckig. Ihm war der Anblick dieſer Fenſter ſo außerordentlich 2 ſtörend, daß er ſeine Gedanken nur beiſammen halten ⸗ konnte, indem er die Augen feſt auf ſein Manuſcript richtete, ſobald er aber aufſah und dieſe beiden unregel⸗ mäßigen Figuren erblickte, die ihm durch nichts in har⸗ moniſchen Einklang zu bringen ſchienen, ſo wurde er verwirrt, mißſtimmt und unmuthig. Statt aber Jemand dieſen Alp, der ihn drückte, zu offenbaren, nahm er plötz⸗ lich ſeinen Abſchied mit der verdienten Penſion und zog ſich hierher zurück, ſo gut wie gar keinen Umgang an⸗ knüpfend. Anfänglich hatte er Abends eine Geſellſchaft beſucht, wo in großen ſtattlichen Zimmern zur Erholung und Unterhaſtung der Mitglieder Alles gethan war. Da gab es Lefe⸗Cabinette, und Billard⸗Zimmer, Reſtau⸗ rationen und Kegelbahnen und dorthin ging der Profeſſor einige Male Abends in der Woche. Da er aber auch dort wenig Bekanntſchaften machte, ſelten mit Jemand ſprach, ſo war der lange dürre und ſchweigſame Mann beſtändig ein fremdes Element, das einſam und unberührt auf den Wogen der Geſellſchaft dahinſchwamm. Stundenlang konnte er vor dem Billard ſtehen und den Lauf der Ku⸗ 4 gel, ſowie die Winkel, welche von den anprallenden be⸗ ſchrieben wurden, aufmerkſam verfolgen und ſich daraus allerlei mathematiſche Figuren zuſammenſtellen. Später ſetzte er ſich in eine Ecke des Zimmers, nahm eine Taſſe Thee, ſchlief darüber ein und erwachte erſt wieder gegen 10 Uhr an dem Geraͤuſche von dem Hin⸗ und Herrücken der Stühle, und Zuſchlagen der Thüren, indem die Mehr⸗ zahl der Mitglieder um dieſe Zeit nach Hauſe ging. Hier nun ſpielten ihm einmal mehrere junge Leute einen gar argen Streich, der ſorgfältig überlegt und gut aus⸗ geführt wurde. Eines Abends hatte der Profeſſor ſeinen Thee getrunken, hatte den Kopf zurückgelegt und war eingeſchlafen, da verſchloß man die Thüren zum anſto⸗ ßenden Zimmer, löſchte ſämmtliche Lichter aus und nach⸗ dem Alles eine Zeit ſchweigſam verharrt war, wurde plötzlich an verſchiedenen Tiſchen mit den Stühlen gerückt, laut mit den Füßen geſcharrt, die Thüren auf und zu⸗ gemacht und an dieſem Geräuſch erwachte Ler Profeſſor wie gewöhnlich, mehrere Spiele Parthien aber in dem⸗ ſelben Zimmer hörte er laut und mit vielem Sprechen fortführen, dort hieß es: Coeur iſt Trumpf und die Kar⸗ ten platſchten auf dem Tiſch; an einer andern Stelle klapperten die Domino⸗Steine und aus dem Neben⸗Zim⸗ mer erſchallte das Klappen der Billard⸗Kugeln und das Sprechen und Gelächter der Spielenden. Der Profeſſor rieb ſich beſtürzt die Augen, als er erwachte und ſich in tiefer Nacht befand und dazu vernimmt, wie um ihn Alles ſeinen gewöhnlichen Gang geht. Er reißt die Au⸗ gen weit auf, ſchaut um ſich her, bringt die Hände vor 16 1 keinen Schimmer und fängt an ängſtlich zu werden;„um Gotteswillen,“ denkt er,„ich bin ja blind,“ er erhebt ſich von ſeinem Stuhl und ſtößt einen danebenſitzenden Mit⸗ ſpieler beinahe über den Haufen;„ei, ei,“ ſagt dieſer,„bei⸗ nahe hätten Sie mich umgerannt, Herr Profeſſor”“—„aber, theuerſter Herr und Freund,“ entgegnete dieſer mit unſicherer Stimme,„iſt ein ſolches. Anrennen wohl ſeltſam zu nennen, da in dieſem Zimmer die tiefſte Dunkelheit herrſcht?“— „Die tiefſte Dunkelheit?“ fragen Mehrere mit erſtaunter Stimme,„es iſt ja heut Abend hier ſo hell, wie immer,“ —„Sie ſpaßen mein Herr, ich ſehe gar nichts“— ruft der Profeſſor mit lauter Stimme, auf dieſes hin erhebt man ſich von allen Tiſchen und ſtellt ſich in dichtem Kreis um den vermeintlichen Blinden.„Laſſen Sie Ihre Augen ſehen,“ hörte er die bekannte Stimme eines jun⸗ gen Arztes ſagen,„ich ſehe nichts Auffallendes in den⸗ ſelben,“ fährt er fort und der arme Profeſſor, der ſchon im Begriff ſteht, ſich das namenloſe Unglück ſehr zu Herzen zu nehmen, hört aus der Ecke des Zimmers ein unterdrücktes Kichern und Lachen, raſch entſchloſſen greift er neben ſich an die Wand nach der Klingelſchnur, die, wie ihm wohl bekannt, dort hing und läutete heftig dem Kellner. Dieſer erſcheint, reißt ihn aber nicht aus ſeiner Ungewißheit, indem er ſich anſtellt, als ſehe er nichts Außergewöhnliches, kurz und gut, der Profeſſor das Geſicht, ſieht aber in dem feſtverſchloſſnen Gemach 17 fängt an zu glauben, er ſei erblindet und bittet mit feſter Stimme ihn nach Hauſe zu führen. Doch ſollte es ſo⸗ weit nicht kommen, denn in demſelben Augenblick öffnet ſich die Thüre des Zimmers und ein neuer Gaſt, der eben ankommt, fragt erſtaunt, warum es ſo dunkel ſei. Der Profeſſor, ruhig und beſonnen, wie immer, nimmt von dem Platze neben ſich ſeinen Hut und ſein ſpaniſches Rohr, ſagt gelaſſen:„meine Herrn, einem Blinden muß man ſchon⸗ zu gut halten, wenn er nicht ſieht, wohin einige wohlange⸗ brachte Schläge, die er auszutheilen für unumgänglich nothwendig findet, eigentlich treffen,“ und nach dieſen Worten erhebt er ſeinen Stock und beginnt tüchtig auf den vor ihm befindlichen Kreis einzuhauen. Anfänglich wollten ſich Einige widerſetzen, doch die Beſonnenſten, die mit dem ganzen Spaß nie einverſtanden waren, ge⸗ bieten flüſternd Ruhe und man läßt den Profeſſor ziehen. Am andern Morgen ſchreibt er ein Billet an die Geſell⸗ ſchaft, worin er ſeinen Austritt anzeigt, und zugleich die⸗ jenigen Herrn, welche er geſtern mit ſeinem Stocke ge⸗ troffen, erſucht, ſich ihm zu nennen, indem er entſchloſſen ſei, ihnen die vollkommenſte Genugthuung zu geben; doch hat ſich keiner derſelben gemeldet und der Profeſſor beſuchte natürlicherweiſe die Geſellſchaft nicht mehr. So viel von dem früheren Leben des Profeſſors. In dem netten Gärtchen des Hauſes hatte man einige Er⸗ friſchungen für mich hergerichtet und ich ließ mich behaglich II. 2 18 1 nieder bei der freundlichen alten Frau und meiner Nichte der kleinen Emma und ich mußte denſelben von Fami⸗ lien⸗Mitgliedern erzählen, die ſie kannten und lange nicht geſehen hatten.„Weißt Du auch,“ ſagte die Profeſſorin zu mir,„daß wir eigentlich alte Bekannte ſind? Nein, Du erinnerſt Dich deſſen nicht mehr.“„Doch,“ ſagte ich erwartungsvoll,„als ich in den Garten trat und Sie plötzlich vor mir ſah, da ſiel mir ein, daß wir uns ſchon irgendwo geſehen.“„Ich weiß, wo es war,“ ſagte die kleine Emma,„in einer großen ſchönen Kirche, es iſt noch gar nicht lange her, Du warſt krank, Vetter, und wir fanden Dich am Boden liegen, ein alter Mann hob Dich auf und als wir Dich nach Haus brachten, war das Haus, wo Du wohnteſt, gerade daſſelbe, wo wir 5 hinwollten.“„Ich beſuchte meine Tante, Deine alte Großmutter,“ ergänzte die Profeſſorin,„Du wurdeſt aber darauf ſo bedeutend krank, daß Du uns nicht wiederer⸗ kannteſt, als wir Abſchied nahmen.“ Mir ging ein freundliches Licht auf. Ganz richtig, ſo war es meine kleine Kirchenbekanntſchaft;„aber dennoch habe ich Euch erkannt,“ ſagte ich raſch und ſetzte lächelnd hinzu,„nur meinte ich in meinem Fieber, es ſei ein Heiligenbild aus der Kirche, das mit dem kleinen Engelein ſich nach mei⸗ nem Befinden zu erkundigen komme.“ Wir lachten herz⸗ lich über dem Andenken an dieſe erſte Begegnung und dieſer Vorfall machte uns ſchneller bekannt.— Die Ausſicht von dem Garten auf die Stadt war recht freundlich, frohe Hoffnung öffnete mir das Herz und nachdem ich den beiden Damen mit aller Offenheit meine früheren Schickſale mitgetheilt, worüber ſie ſehr lachten, namentlich über den Doktor Burbus und deſſen Skelett, das eine ſo große Rolle geſpielt, wurden wir ganz gute Freunde und Emma vertraute mir an dem⸗ ſelben Abend noch, ſie habe mich für einen recht böſen Menſchen gehalten—„aber jetzt denkſt Du anders von mir,“ entgegnete ich lachend,„wir wollen ſehen,“ ant⸗ wortete die kleine Perſon ſehr altklug,„das hängt, wie der Papa ſagt, alles von Deiner künftigen Aufführung ab.“ Die Einführung ins neue Geſchäft. In dem Reißmehlſchen Hauſe hatte ich die unterſte Stufe der edlen Kaufmannſchaft betreten und ſollte jetzt, wie mir der Vetter am andern Morgen beim Frühſtück ſagte, etwas höher hinauf, denn das Geſchäft, für wel⸗ ches ich beſtimmt war, eine Modehandlung, hatte zugleich eine kleine Seidenfabrik und ſo konnte ich zugleich mit der Handhabung der Elle auch die Geheimniſſe der Fa⸗ brikation erlernen. Dies letztere tröſtete und beruhigte mich einigermaßen, denn es verſprach mir eine angenehme Abwechslung und verminderte meine Abneigung, die ich im Allgemeinen vor dem Kaufmannsſtand hatte. Abet ſo etwas erſchaffen und werden zu ſehen, wie der ſchöne glänzende Stoff aus der unſcheinbaren Seide, wie ihn die Raupe giebt, das ſagte meiner Einbildungskre ſchon mehr zu, auch muß ich ferner geſtehen, daß — 21 Gedanke, ein angehender Fabrikant zu ſein, mir ſehr ſchmeichelhaft war. „Dein neues Haus,“ ſagte mein Vetter,„iſt das ſehr ehrenwerthe Handlungs⸗Geſchäft mit der Firma: Stieg⸗ litz und Comp. Was dieſe Compagnie anbetrifft, ſo haſt Du mit derſelben nichts zu thun und für Dich exiſtirt nur Herr und Madame Stieglitz; das„Compagnie“ iſt dem Namen nur angehängt worden, weil in Amſterdam ein Geſchäft exiſtirt, welches mit Indigo handelt und woran die hieſigen Stieglitz einen gewiſſen Antheil ha⸗ ben. Für mich, der eine Sache gern klar vor ſich ſieht und die unnützen nichts ſagenden Bezeichnungen haßt, ſind dieſe komplizirten Kaufmanns⸗Firmen nicht gemacht und Du wirſt in hieſiger Stadt auf gar ſonderbare ſto⸗ ßen, da ſind oftmals die Voreltern mit hinein gezogen und es heißt z. B.: Jacob, Peter Holzens Sohn; oder die Lebenden betrachten ſich nur als Erben und ſchreiben: Kaspar Friedrich Schnitz ſel. Erben; oftmals ſind auch bei Brüdern ſämmtliche Namen derſelben angeführt und man ſagt: Heinrich Joſeph und Leopold Kreuzweg's Söhne und Erben. Was nun Dein Haus anbelangt, ſo iſt der Prinzipal deſſelben, der Herr Stieglitz ſonſt ein würdiger und braver Mann, doch nicht das Haupt des Geſchäftes, es regiert vielmehr Madame Stieglitz das „Ganze und ihre Gunſt zu erringen wirſt Du haupt⸗ ſächlich ürmühr ſein müſſen, was leicht auf dem Wege 22 Rechtens geſchehen kann, denn Madame Stieglitz iſt eine brave und achtbare Dame und“ ſetzte er mit ſarkaſtiſchem Lächeln hinzu,„über die Maaßen fromm und gottes⸗ fürchtig, ferner iſt im Hauſe und Geſchäft beſonders zu achten und zu bemerken der Buchhalter Herr Specht.“ Solchermaßen inſtruirt nahm ich herzlichen Abſchied von meiner Nichte, der kleinen Emma und trat klopfen⸗ den Herzens in Begleitung des Vetters meinen Weg in die neue Condition an. Das Stieglitzſche Haus war ein neues und ſchönes Gebäude und der Laden im un⸗ tern Stock zeigte durch hohe helle Spiegelfenſter, wie ich nie ähnliche geſehen, dem Borüberwandelnden die herr⸗ lichſten Stoffe und Gegenſtände. Auf meinen äußern Menſchen hatte ich heute Morgen beſondere Sorgfalt verwendet, der Anzug war ſchwarz, mein Haar glatt gekämmt und ſorgfältig geſcheitelt. Letzteres hatte meine Nichte beſorgt und mir dabei zuge⸗ flüſtert, ich ſolle der Madame Stieglitz gegenüber recht beſcheiden und ſchüchtern auftreten. Der Vetter führte mich am Laden vorbei zu der Ein⸗ gangsthüre des Hauſes, zog dort die Glocke, bald wurde uns von einem kleinen Mann geöffnet, der eine Brille äauf der Naſe ziemlich verdrießlich nach unſerm Begehren fragte. Dieſer Mann, eine kleine dürre Figur etwas ſtark auf die Seite gebogen, welche Abhängigkeit er durch die in die Seite geſtemmte linke Hand zu vergleichen 3 ſuchte, hatte einen braunen bis auf die Füße gehenden Oberrock an, eine weiße etwas gelbe Halsbinde und war der Herr Stieglitz in eigener Perſon. Er öffnete ein Zimmer zu ebener Erde und ließ uns eintreten, worauf mich ihm der Vetter vorſtellte; ich wollte mich gerade mit einem paar paſſenden Worten dem neuen Prinzipal empfehlen, als er mich mit heiſerer Stimme in derſelben mürriſchen Weiſe, mit der er die Thür öffnete, unterbrach und mit den Worten:„ſchon gut, ich will meine Frau rufen“ auf großen Pantoffeln, die er an den Füßen trug, davonſchlürfte. Dieſes unfreundliche Weſen meines Chefs hatte einen unangenehmen Eindruck auf mich gemacht, zudem wurde jetzt im Hausflur eine Stimme laut, welche in tiefem Ton und ziemlich heftig die Worte ſprach: „hat denn die Geſchichte ſolche Eile, iſt es nicht möglich, daß man mich einen Augenblick ruhig an meinen Ge⸗ ſchäften läßt, kann denn das neue Subjekt nicht warten?“ und die Sprecherin trat gleich darauf ins Zimmer, eine große rüſtige Frau mit einem ſtrengen Geſicht, ziemlich weißem Haar, das unter einer einfachen Haube hervor⸗ ſchaute. An der Schürze trug ſie ein mächtiges Schlüſ⸗ ſelbund und das Scepter des Ladens die Elle hatte ſie in der Hand. Der Vetter ſtellte mich der Prinzipalin, denn dieſe war es, vor, Madame Stieglitz bot dem Pro⸗ feſſor einen Stuhl an, die Beiden ſetzten ſich und der Prinzipal und ich, wir blieben ſtehen. Mit aufmerk⸗ . 24 4 ſamem Blick ſah mich Madame Stieglitz an und ſagte zum Vetter:„Der junge Menſch ſieht nicht übel aus, ich hätte mir ihn aber größer und ſtärker gedacht.“ Sie wandte ſich an mich:„Hat Er Luſt, den Kaufmanns⸗ ſtand zu erlernen?“ fragte ſie barſch und ich antwortete ſchüchtern, daß ich mir alle Mühe geben würde und vor⸗ züglich ſei es die Fabrikation der Seidenſtoffe, welche zu begreifen ich außerordentlich begierig ſei.„Was Fabri⸗ kation?“ antwortete Madame Stieglitz,„daran denkt man vor der Hand noch nicht, wer einen Stoff erzeugen will, muß ihn vorher genau kennen lernen, zuerſt ein paar Jahre die Elle in die Hand genommen, die kleinen Bücher geſchrieben und dann ſieht man, ob Fleiß und Betragen darnach ſind, daß man Ihn auf die Wieg⸗ kammer gebrauchen kann, ich verlange Ehrlichkeit, Pünkt⸗ —— lichkeit, offene Augen und Gehorſam, das andere findet ſich alsdann von ſelbſt“—„ja, das findet ſich von 8 ſelbſt,“ wiederholte der Prinzipal. „Wann wünſchen Sie,“ ſagte der Vetter,„daß der junge Menſch ſeinen Dienſt antrete, vielleicht zu Mitte dieſes Monats und er kann in dieſem Fall die acht Tage bis dahin in meinem Hauſe zubringen.“ Wie dankte ich dem Vetter für die freundliche Aus⸗ ſicht, die er mir eröffnete, noch acht Tage lang frei und in ſeinem ſchönen Garten ſein zu dürfen, doch warf die Frau Prinzipalin die Luftſchlöſſer, welche ich in Gedanken ſchnell 25 — 8 erbaute, mit einem Male über den Haufen, indem ſie ſag te „was Mitte eines Monats, Herr Profeſſor? um etwas Tüch⸗ tiges zu lernen, kann man nie früh genug anfangen, und der Kaufmannsſtand iſt nicht ſo leicht, wie mancher glaubt, wenn es auch ſchwerer iſt, ſich große Wiſſenſchaften an⸗ zueignen und gelehrt zu werden, ſo braucht man doch auch Zeit, um die unzähligen Stoffe, mit denen wir umgehen, kennen zu lernen und ein Hauptbuch gut und ſauber zu führen. Laſſen Sie mir den jungen Menſchen gleich heute da, wir wollen ihn ſchon beſchäftigen“ und der Prinzipal ſetzte hinzu:„ja, wir wollen ihn ſchon beſchäftigen.“ Achſelzuckend nahm der Vetter ſeinen Hut, empfahl ſich dem Hauſe Stieglitz und Comp. und ging eilig davon, nachdem er mir die Hand gereicht. Mir war das Weinen näher als das Lachen und ich blieb wie angemauert auf meinem Platze ſtehen, der Prinzipal wurde mit einem bedeutſamen Wink vor die Thüre geſchickt und als wir allein waren, hielt mir Madame Stieglitz eine Antrittsrede, die ich in meinem ganzen Leben nicht vergeſſen will:„Junger Menſch,“ ſprach ſie,„wir ſind allein und das iſt gut; denn wenn ich meinen Leuten etwas Unangenehmes zu ſagen habe, ſo braucht es keine weiteren Ohren, als die Meinigen und die, welche meine Worte hören ſollen, aber da wir einmal bei den Ohren ſind, ſo bitte ich, das was ich jetzt ſage, nicht zum einen hinein, zum andern hinaus⸗ 4 26 gehen zu laſſen und 81 alsdann wohl zu merken, daß ich allen meinen Leuten nur dreimal ernſte Worte ins Gewiſſen ſprechen, das erſtemal beim Antritt, wo es mir wie bei Ihm nothwendig erſcheint, das zweitemal, wenn die Aufführung nicht ſo iſt, wie ich es vermuthe und will und das Drittemal, wenn ich Jemand fortſchicke. Er alſo iſt mir von ſeinem Oheim und Vormund als ein etwas leichtſinniges und unruhiges Subjekt, das gern dumme Streiche macht, geſchildert worden und man hat mich gebeten, ein aufmerkſames Auge auf Ihn zu haben, und den Verſuch zu machen, ob es möglich ſei, Ihn zu einem brauchbaren Mitglied der menſchlichen Geſellſchaft heranzubilden. Das will ich getreulich thun, aber helf' Er mir; Heiterkeit nach gethaner Arbeit, die anſtändig iſt und Gott dem Herrn nicht beleidigt, iſt auch mir nicht zuwider, aber dummes Spaßmachen haſſe ich in Gottes Hülfe iſt an das Gelingen eines guten Werkes den Tod; arbeite Er fleißig, bete Er fleißig, denn ohne nicht zu gedenken. Ich thue es auch und fange kein Geſchäft an, ohne den Himmel zu bitten, daß er mir Kraft zum Vollbringen deſſelben geben möge, man muß aber aufrichtig fromm ſein und nicht blos ſcheinheilig und den ganzen Tag thun, als wollte man unſern Herr⸗ gott bei den Füßen anfaſſen. Halte Er ſich an meinen Buchhalter Specht, das iſt ein frommer gottgefälliger Menſch und thut ſeinen Dienſt wie ein redlicher Knecht, r 27 der mit ſeinem Pfunde wichen ed es nicht vergräbt. Komme Er jetzt mit, wir fertigen gerade die Bilanz und da kann Er nach Seinen Kräften helfen.“ Bcl von der Rede, die mir gehalten und dir mir ernſt und mahnend, wie die Poſaune des jüngſten Ge⸗ richts in den Ohren geklungen, folgte ich meiner Prin⸗ zipalin in das Waaren⸗Magazin im obern Stock, wo ich angewieſen wurde, mehrere Stück Merino und ähnliche Stoffe herunter in den Hof zu tragen, dort auf einen Tiſch zu legen und mit einem kleinen Stöckchen derb auszuklopfen, Wie das geſchehen war, erſchien der Prinzipal in höchſt eigener Perſon und zeigte mir, wie man die Elle hand⸗ haben müſſe; das Stück wurde abgewickelt, gemeſſen und wieder aufgewickelt; ein höchſt angenehmer Zeitvertreib. Der Hof, in welchem mir ſo die Anfangs⸗Gründe des Modewaarengeſchäfts beigebracht wurden, war von allen Seiten mit hohen Häuſern umgeben, deren hinteren Theil ichmit all' den kleinen Einzelnheiten des Familienlebens vor Augen hatte, an vielen Fenſtern flatterte weiße Wäͤſche, dort zum Trocknen aufgehängt, an andern ſtanden Blumenſtöcke, und daß die Pflanzen in denſelben hier und da begoſſen wurden, zeigten lange ſchmutzige Streifen, die an den Wän⸗ den hinabliefen. Die Köchinnen der verſchiedenen Leute, welche jene Häuſer bewohnten, waren beſchäftigt, alle möglichen Sorten von Gemüſe zu putzen und Kartoffel⸗ ſchalen und grüne Blätter fielen hie und da in den Hof. an meinem Auarapftifhe erſchallte das Ah 1 Kehle einer muntern Stubenjungfer und ich mül te ihr: „meine Nuhe iſt hin, mein Herz iſt ſchwer“ ſehr haͤufig vernehmen. Ueber meinem Haupte ſah ich ein kleines Stück des Himmels und das tiefe Blau deſſelben blickte mich allein Lthoſtriden und fpundliih an.. G einen ſchüchternen Blick in die Schreibſtube; hier war alles viel vornehmer und ſah reicher aus, wie bei meinem 8 früheren Prinzipal Herrn Reißmehl, es ſtanden da ein paar große ſchöne Pulte, eine Copirmaſchine, an der Wand hingen Landkarten und ein Kalender, große Muſter⸗ karten lagen auf den Tiſchen umher, gelbe glänzende Seide in Bündel gebunden war zierlich in einem großen Wandſchrank mit vielen Fächern geordnet, und was mir am merkwürdigſten erſchien, war die Prinzipalin ſelbſt, die vor dem Pult auf einem Drehſtuhle ſaß, eine Brille auf der Naſe und ſo lange ſchrieb, bis die Suppe auf⸗ getragen wurde. Der Prinzipal ſtand in einer Ecke und 4 2 9 8 N 3 1 4— ſchnitt von verſchiedenen Zeugen kleine Muſterchen ab; endlich ſetzten wir uns zu Tiſche und hier lernte ich auch den Buchhalter Herrn Specht kennen und ich könnte nicht ſagen, daß derſelbe einen angenehmen Eindruck auf mich gemacht hätte. Obgleich vielleicht erſt 30 Jahen alt, hat er eine lange trockene Geſtalt und erinnerte mich höchſt unangenehm, ich weiß nicht durch was an meinen frühe⸗ ren ObersCollegen Philipp, doch war der Herr Specht ohne Vergleich viel ſauberer angezogen; er trug wie der Herr Stieglitz eine helle Halsbinde, aus welcher das bleiche hagere Geſicht mit ſchwarzen Haaren recht geſpenſterhaft herausſchaute auch war der Herr Specht mangelhaft ge⸗ wachſen, er hatte beinahe gar keinen Oberkörper und ſah deßhalb einem aufgeſperrten Zirkel nicht unähnlich. Auf ſeinen Zügen thront ein immerwährendes Lächeln, demu⸗ thig gegen die Prinzipalin, vertraulich gegen den Prin⸗ zipal, protegirend gegen mich und vornehm gegen die Ladenjungfer. Letztere war ein harmloſes, beſcheidenes und ſehr häßliches Frauenzimmer, welche in ihrer Schüch⸗ ternheit mit beſtändig niedergeſchlagenen Augen die An⸗ weſenden fortdauernd um Verzeihung zu bitten ſchien, daß ſie überhaupt in der Welt ſei. Das Eſſen war gut und wurde durch ein langes Gebet eingeleitet, welches der Herr Specht mit tief herabgeſenktem Haupte ſprach. Die Prinzipalin ſchwang den Vorlegelöffel, ſowie das Tranſchir⸗Meſſer und gab den Grundton zur Unterhal⸗ .2 tung. Herr Specht varirte dies Thema vollkommen ein⸗ ſtimmend mit den Anſichten von Madame, und der Prin⸗ zipal, deſſen mürriſches Geſicht ſich bei der Suppe auf⸗ klärte, wagte hie und da einen kleinen Witz, welchen die Ladenjungfer allein durch ein trauriges Lächeln belohnte.„Wie bekommt Ihm das Ausklopfen?“ fragte die Prinzipalin und ſetzte hinzu„man muß mit dem A anfangen und in allen Sachen erſt buchſtabiren lernen, ehe man zu leſen anfängt,“ ich verſicherte, daß es mir außerordentlich nützlich erſcheine, die verſchiedenen Stoffe kennen zu lernen.„Er iſt zum erſtenmal hier?“ fuhr die Herrin fort, ich bejahte dieſe Frage,„nun ſagte ſie, „das Haus Seines Vetters wird Ihm gefallen haben, ſchön eingerichtet, ein ſchöner Garten und eine angenehme Ausſicht über die ganze Stadt“„ja, ja,“ ſpöttelte der Prinzipal,„wenn man reich iſt, kann man ſich auf ſein Landgut zurückziehen und ſeine Tage angenehm und in Ruhe beſchließen.“ Ob dieſer Aeußerung lachte der Herr Specht mit einem Seitenblick auf mich und die Laden⸗ jungfer kicherte,„ei was?“ entgegnete Madame Stieglitz, „Der Herr Profeſſor iſt bei allen ſeinen Eigenheiten doch ein braver Mann, er giebt gerne den Armen und mir ſollt' es leid thun, wenn er in ſeinen alten Tagen doch noch genöthigt wäre, ſein Haus und ſeinen Garten zu ver⸗ kaufen.“ Ich verſtand dieſe Aeußerungen damals nicht, und war nur der Prinzipalin dankbal, daß ſie meinen Vetter für einen braven Mann erklärte.. Nach Tiſch ging meine Beſchäftigung wieder an, und ich alin win den Staub in den Waarenballen, bis die Sonne ſank, wo ich von der Ladenjungfer angewieſen wurde, die ſade großen Lampen, mit denen Abends der Laden erleuchtet wurde, zu putzen und anzuzünden, was ich auch, da ich einen guten Sinn für alles Practiſche beſaß, leicht begriff und zu ihrer Zufriedenheit ausführte. Um acht Uhr wurde der Laden geſchloſſen und alsdann beſchäftigten wir uns mit den großen M Kuſterkarten, die ich heute Morgen im Comptoir geſehen, aus welchen die „vergriffenen“ Muſter, d. h. ſolche Stoffe, von denen nichts mehr da war, entfernt und andere eingeklebt wur⸗ den. Da früher Papp⸗Arbeiten aller Art meine Lieb⸗ lingsbeſchäftigungen waren, ſo hatte ich hiedurch in den nächſten Tagen Gelegenheit, mir die Gunſt der Prinzi⸗ palin zu erwerben. Sie wollte ein neues Seidekärtchen anfertigen laſſen und befahl mir das Papier ſowie die bunten Stoffe zu dem Buchbinder zu bringen, damit er ſie kunſtgerecht einklebe und mit einem kleinen Strich von Goldpapier einfaſſe. Ich bat mir die Arbeit zu übe bertragen und führte ſie ſo zur Zufriedenheit aus, daß Madame Stieglitz mir mit einem freundlichen Lächeln ſagte:„ei, ei, mir ſcheint Er iſt zu gebrauchen.“ 4. Die Muſterkarten⸗Beſchäftigung, bei welcher abwech⸗ 32 ſelnd bald von Herrn Specht, bald von der Ladenjungfer ein Capitel aus einem Andachtsbuch geleſen wurde, ſchien dem Principal nicht beſonders zu behagen, gewöhnlich empfand er Kopfweh und begab ſich auf ſein Zimmer, von einem ernſten Blick ſeiner Frau begleitet. Letztere ſchien mir wirklich eine fromme Frau zu ſein, wurde aber hierin von Herrn Specht übertroffen, deſſen Mund von andächtigen lieblichen Redensarten, die Verehrung Gottes betreffend, beſtändig überfloß. Er begleitete ſeine Vorleſungen, die er mit gefaltenen Händen und nieder⸗ geſchlagenen Augen hielt mit den beredſamſten Commen⸗ taren und ſprach ſich alsdann in eine wahre Begeiſterung hinein, bis ſein erhobenes Auge glänzte und ein leichtes Roth auf ſeinen blaſſen Wangen erſchien, und die Prin⸗ cipalin mit ſanftem Ton ſagte:„Specht, Er iſt ein braver und frommer Chriſt, aber les' Er nur weiter.“ Um zehn Uhr wurden die Tagwerke des Hauſes beſchloſſen und wir gingen zu Bette. Mein Zimmer war gelegen 4 zwiſchen dem des Herrn Specht und der Ladenjungfer. Ermüdet von alle dem, was ich heute geſehen, legte ich mich nieder und hörte noch, wie der Buchhalter neben meinem Zimmer ein geiſtliches Lied mit lauter Stimme abſang. 8 Das Waaren⸗Magazin. Etiquetten. Nachdem das Ausklopfen mehrere Tage auf die be⸗ ſchriebene Art gedauert und nachdem man genau ermit⸗ telt, wie viel Ellen Seide, Band und andere Stoffe ſich vorfand, wodurch die Activen des Handlungshauſes feſt⸗ geſtellt werden konnten, ging man daran, das Waaren⸗ Magazin wieder einzuräumen, wobei ich dem Principal hülfreiche Hand leiſten ſollte und ich fand da ein Ge⸗ ſchäft, das mir weit mehr zuſagte, wie die Beſchäftigung der letzten Tage. Da waren tauſenderlei Artikel, die ich gerne betrachtete und die mir Stoff zum Nachdenken und zu den freundlichſten Phantaſten gaben. Der Prinzipal war, ſo wie er ſich mit mir allein befand, redſeliger und freundlicher, wie ſonſt und belehrte mich gern über das Vaterland und die Entſtehung vieler fremdartiger Arti⸗ kel. Ueber ſeine Stellung hier im Hauſe konnte ich nicht recht klug werden, ſeine Anſichten ſchienen nicht viel II. 3 ſchienen dieſelben wenig zu beachten, überhaupt ließ man ihn kaum zu Wort kommen. Dafür mochte er aber auch den Buchhalter nicht leiden, wie ich wohl ſchon bemerkt hatte, er ſprach ſelten mit ihm und wenn derſelbe irgend etwas erzählte, ſo horchte er nicht zu und wenn er gar Bibelſtellen oder geiſtliche Lieder recitirte, ging er gewöhn⸗ lich mürriſch hinweg. Hier auf dem Waarenlager war er recht geſprächig, wir legten türkiſche Teppiche zuſammen und ich lobte die ſchönen Zeichnungen und die hellen Farben.„Wiſſen Sie auch, wo das gemacht wird?“ fragte er mich,„das will ich Ihnen erzählen; weit hinein in der Türkei bei der ſchönen Stadt Smyrna fertigen die Leute in den Dör⸗ fern dieſes bunte Gewebe und da daſſelbe aus einem Stück beſteht, ſo ſind oft 20— 30 Menſchen damit be⸗ ſchäftigt; in der Mitte fangen ſie an und arbeiten im⸗ mer weiter auseinander mit Nadel und Faden, bis der Teppich ſo groß iſt, wie ſie ihn haben wollen.“ Bei den ſchweren Sammt⸗ und Seideſtoffen ſprach er von Genua und Venedig, und namentlich bei dem An⸗ denken an die letzte Stadt ſeufzte er tief auf, als er von der Herrlichkeit dieſer Königin der Gewäſſer ſprach; auf meine ſchüchterne Frage, ob er vielleicht dageweſen ſei, antwortete er lebhaft:„Per Dio, das will ich meinen, das iſt eine Stadt! Statt der Straßen lauter Waſſer Gewicht zu haben und ſeine Frau, wie der Herr Specht und ſtatt in Wagen fährt man in kleinen ſchwarzen Schiffchen, Gondeln genannt und liegt darin in Kiſſen von ſcharzem ſchönen Atlas, gerade ſolcher Stoff, wie dieſer hier, hätte auch beſſer gethan“ ſetzte er mürriſch hinzu,„lieber dort zu bleiben und ſich zum Sitzkiſſen für eine ſchöne Venetianerin gebrauchen zu laſſen, als hier zu einem langweiligen deutſchen Kleid verſchnitten zu werden;„der Stoff nämlich“ fügte er hinzu, ſah ſich aber ſcheu um, ob ſeine Rede Niemand gehört. Bei den ſchönen breiten Atlasbandern erzählte er mir allerlei Schnurren von Paris und bei der holländſchen Leinwand zog er ein Papier aus der Taſche, wickelte eine Cigarre heraus, die er anzündete, mir aber vorher befahl, das Fenſter zu öffnen.. Neben den Stoffen ſelbſt machten mir auch die Eti⸗ quetten, die an denſelben hingen, angenehmen Zeitvertreib. Hier war ein Schiff zu ſehen mit vollen Segeln, welches gerade in der kleinen Bucht eines fernen Welttheils an⸗ legte. Die Matroſen ſchwenkten ihre Hüte und ſchlanke Palmen und Brodbäume nickten über den Ufer⸗Rand. Gott wer das einmal in Wirklichkeit anſehen könnte! Wie beneidete ich den Schiffsjungen, der auf dem Ver⸗ decke ſtand und das Maul vor Erſtaunen weit aufriß. Hatte ich dort das wirkliche Meer geſehen, ſo erblickte ich auf Zeugen, die von Kameelhaaren gemacht waren, lange Caravanen⸗Züge, die durch ein unendliches Sand⸗ 3* meer zogen. Hier war ich ſchon beſſer bekannt, wie oft war ich dem Kameel durch alle Straßen gefolgt, auf welchem der kleine rothe Affe ſaß und hatte ſehnlich ge⸗ wünſcht, es möge mir nur einmal vergönnt ſein, das Land zu ſehen, in welchem dieſe Thiere wild umherſprin⸗ gen. Niederländiſche Leinwand zeigt in ſchönem Gold⸗ druck einen Holländer, der aus ſeiner thönernen Pfeife große Rauchwolken blies, Sammte aller Farben hatten Etiquette von Silberfäden, die einen bunten Streifen deſſelben Stoffs einrahmten und Tücher waren da mit den uns ſo wohl bekannten langhaarigen Kanten und neben denſelben mit großen goldenen Buchſtaben gedruckt die Firma des Hauſes, das ſie angefertigt. Bei all' dieſem Sehen und Nachdenken waren wir recht fleißig und räumten das Magazin mit der größten Geſchwindigkeit auf. Der Prinzipal rauchte, erzählte und brachte jetzt eine große Schachtel herbei, von welcher er den Deckel abhob und mir eine Menge bunter Blumen zeigte, die aus farbiger Leinwand, Federn und Klapper⸗ gold gemacht waren und freundlich und geheimnißvoll rauſchten, wenn man ſie in die Hand nahm, gleich wie die Zweige des Tannenbaumes mit ſeinen goldenen Fah⸗ nen zur Zeit des Weihnachtsfeſtes.„Dieſe Blumen,“ ſagte der Prinzipal,„werden von den Bauern gekauft und gebraucht bei Bittgängen und Prozeſſionen— weiß Er, was Bittgänge und Prozeſſionen ſind?“ 3* war, entgegnete ich ihm, daß ich beides ganz genau kenne und mich namentlich der ſchönen Prozeſſionen, die ich in meiner Jugend geſehen, mit großem Vergnügen erinnere. Eifrig erzählte ich von dem Läuten der Glocken, von den tauſenden geputzten Menſchen, die die Straßen füllten, und von dieſen Straßen ſelbſt, wie ſie ſo reich geſchmückt waren mit ſchönen Guirlanden von Tannenreiſern, die quer über die Gaſſe von einem Haus zum andern hingen, nament⸗ lich aber traten die ſchönen Kronen, die an dieſen Guir⸗ landen frei in der Luft ſchwebten, in der Erinnerung lebhaft vor meine Augen; dieſe Kronen von großen Blumen und weißen Eiern gemacht, waren behängt mit Glasſtücken und bunten Bändern und wenn ein leiſer Wind ging, ſo rauſchten die Zweige und klingelten die Glasſtücke an einander ſo hell und anmuthig, und da⸗ zwiſchen hörte man die ernſten und feierlichen Töne der Muſik, mit der uns die Prozeſſion nahte. Tauſende von Menſchen füllten die Straßen und es kam zuerſt die niedere Geiſtlichkeit in weißen und violetten Gewändern, dann erſchienen dieſe Kleider immer reicher, bald mit Gold⸗ und Silberſtickerei bedeckt und hinter weiß geklei⸗ deten Mädchen, die Blumen ſtreuten, wurde der roth⸗ ſammetne Baldachin getragen, auf ſeinem Dache prangte das ſilberne Lamm mit der weißen Fahne und unter 38 derſelben wankte der alte Biſchoff einher auf dem ſchnee⸗ weißen Haar die ſchwere Mütze und vor ihm getragen wurde das Allerheiligſte in einer goldenen Monſtranz. Eifrig erzählten wir uns dieſe Geſchichten, der Prin⸗ zipal und der Lehrling, und hatten uns dabei auf den Waarenballen niedergelaſſen und die Blumen, die wir in der Hand hielten mit ihrem eigenthümlichen Geruch verſetzten mich zauberhaft in jene Zeit zurück. Ich ſah wieder das Getümmel des Volkes in glänzendem Zug, die fallenden Roſenblätter, athmete den duftigen Weih⸗ rauch und ganz im Hintergrund ſchwebte der große Ku⸗ chen, der Mittags bei ſolchen Gelegenheiten für uns Kin⸗ der nie fehlte. Auch der Prinzipal ſchien in der Erinnerung an ver⸗ gangene Tage zu ſchwelgen, ſah aber dabei finſter vor ſich nieder;„und die ſchönen katholiſchen Kirchen,“ fragte er mich,„wie ſind ſie ſo herrlich und anmuthig, die tiefe Dämmerung in denſelben, das zauberiſche Licht, welches durch die gemalten Scheiben hereindringt, hat Er das ſchon Alles geſehen und bemerkt?“ „Ja,“ entgegnete ich eifrig und mir fielen die Stun⸗ den ein, die ich ſpielend und kindlich betend in jenen ſchönen großen Hallen verbracht, ach, ich erinnerte mich noch des Tages, wo ich aus dem Reißmehlſchen Hauſe gelaufen war, wo mich vor dem Muttergottesbild das Fieber angefaßt und darniedergeworfen hatte und wo 2 39 ich meine Nichte Emma, die ich damals noch nicht ge⸗ kannt, zum erſtenmal ſah.„Mir gefallen unſere Kirchen eigentlich gar wenig,“ ſagte ich nach einer Pauſe vor⸗ witzig und altklug,„man ſieht nichts in denſelben, als weiße Wände, braune Stühle und den Pfarrer in ſeinem ſchwarzen Kleid.“ „Ei, ei,“ entgegnete der Prinzipal ſonderbar lachend, „das ſind ja ſeltſame Anſichten, nehm' Er ſich in Acht, daß dergleichen hier im Hauſe außer mir Niemand hört, namentlich würde Herr Specht in Krämpfe verfallen, wenn er Ihn mit ſolcher Begeiſterung von den Baals⸗ pfaffen ſprechen hörte, ſage Er nie, daß Ihm eine Pro⸗ zeſſton gefalle, Niemanden als mir, was mich nämlich anbelangt,“ ſetzte er ſeufzend hinzu,„der ſo lange in dem ſchönen Italien war, mir iſt es am Ende gleich⸗ gültig, ob man betet:„Vater unſer“ oder„Ave maria.“ In dieſem Augenblick räuſperte und huſtete es neben uns ſehr bemerklich und als ich aufſchaute, ſtand der Herr Specht vor uns mit gefaltenen Händen, er hatte die Augen erhoben und liſpelte:„gehe nicht in's Ge⸗ richt,“ den Nachſatz„mit den Gottloſen“ vonſchwieg er wahrſcheinlich aus Ehrfurcht gegen den Prinzipal. Die⸗ ſer ſaß aber da in zorniger Verlegenheit, eine der Hei⸗ ligenblumen in der Hand, die Cigarre im Mund. „Es riecht hier ſehr nach Taback,“ ſagte der erſte Buchhalter,„die Frau Prinzipalin haben dieſen für ſie 40 ſehr unangenehmen Geruch auch ſchon im Comptoir be⸗ merkt und mich erſucht, nachzuſehen.“ Der Prinzipal, dem jetzt erſt der ungeheure Frevel, den er begangen, klar und deutlich wurde, warf die Ci⸗ garre auf den Boden und trat ſie mit dem Fuße aus, „Um Gotteswillen,“ fuhr der Buchhalter fort, und hob ſie wieder auf,„man könnte auf dieſe Art das Haus anzünden,“ es war aber, wie ich glaube, weniger dieſe Beſorgniß, die ihn veranlaßte, die erloſchene Ci⸗ garre mitzunehmen, als um drunten das corpus delieti vorzeigen zu können. Er ging nicht, ohne mir einen mißbilligenden Blick zugeworfen zu haben, und wir blie⸗ ben allein. Der Prinzipal kratzte ſich verdrießlich am Kopfe und wir beendeten die Aufräumung des Maga⸗ zins, ohne weiter ein Wort zu ſprechen. Während des Mittag⸗Eſſens unterſtand ſich der Prin⸗ zipal nicht, wie er ſonſt wohl zu thun pflegte, einen kleinen Spaß anzugeben. Madame Stieglitz ſah ſehr ernſt aus, Herr Specht hob zuweilen die Augen gegen den Himmel, hatte heute auch ein viel längeres Tiſch⸗ gebet wie gewöhnlich vorgenommen und dieſes äußerſt beziehend und eindringlich mit ſehr bewegter Stimme ge⸗ ſprochen. Ich verwandte kein Auge von meinem Teller und hatte, namentlich nach Tiſch, als mich die Prinzi⸗ palin in das Comptoir citirte, ganz das Anſehen eines armen Sünders.„Hör’ Er,“ ſagte Madame Stieglitz 41 zu mir, ich habe Ihm neulich ſchon geſagt, daß ich mei⸗ nen Leuten nur drei Strafpredigten zu halten pflege, die erſte hatte Er zu Anfang genoſſen und an der zweiten ſtreift Er heute hart vorbei, da ich im Ganzen mit Ihm nicht unzufrieden bin; aber merk' Er ſich meine Worte und halte Er ſich im Haus außer mir nur an den Herrn Specht, an Niemand Sonſten, hat Er mich verſtanden?“ Leider hatte ich ihre Rede ſehr wohl begriffen und es that mir ſehr leid, die Geſellſchaft und Unterhaltung des Prinzipals, der mir ein ſehr vernünftiger und luſti⸗ ger Mann zu ſein ſchien, als eine verbotene Frucht an⸗ ſehen zu müſſen. Prinzipalin und Prinzipal. Trotz dem, was neulich im Waarenlager vorgefallen war und mir einen ernſtlichen Verweis eingetragen hatte, konnte ich doch nicht umhin, dem Leben und Treiben des Herrn Stieglitz ſo viel es mir vergönnt war, die größte Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Da ich nicht hoffen durfte, von Herrn Specht was Näheres zu erfahren, ſo wandte ich mich an die häßliche Ladenjungfer, die aber eben ſo wenig geneigt ſchien, mich über die Familien⸗Verhältniſſe des Hauſes aufzuklären. Was ſie mir ſagte, waren all⸗ gemeine Redensarten in Sachen, die ich ſchon längſt wußte, daß der Prinzipal um die Geſchäfte des Hauſes ſich nicht viel bekümmere, daß er das Regiment gänzlich 1 an ſeine Frau abgetreten habe, daß er früher große Rei⸗/ ſen gemacht und ein entfernter Verwandter ſeiner Frau ſei. Ich beſchloß daher meine Neugierde ſo lange zu bezähmen, bis an dem Tage, dem ich ſelig entgegenſah⸗ — n — 8 3 A8 1 b 43 4 wo es mir vergönnt ſei, das freundliche Haus meines Vetters beſuchen zu dürfen, und die Ladenjungfer hatte mir geſagt, wenn ich einmal vier Wochen im Hauſe ſei, würde mir Mahame Stieglitz an einem Sonntag Nachmit⸗ tag wohl erlaubeſt meine Verwandten zu ſehen, doch, ſetzte ſie gutmüthig hinzu, möchte ich in der erſten Zeit mich nie unterfangen, 8 e Erlaubniß zum Ausgehen ſelbſt zu erbitten. Bald war ich denn über vier Wochen im Geſchäft und kann, ohne ruhmredig zu ſein, von mir ſelbſt ſagen, daß ich mir in den Elementen des Modewaarengeſchäfts ſchon einige Kenntniſſe erworben, überhaupt recht fleißig geweſen war, etwas zu erlernen. Dieſes Beſtreben ver⸗ dankte ich nun neben meinem feſten Vorſatz mich zu einem tüchtigen Kaufmann heranzubilden der Furcht vor dem ſtrengen Geſichte der Madame Stieglitz, das ſie augen⸗ blicklich anzunehmen pflegte, ſowie ſie irgendwo die ge⸗ ringſte Unordnung ſah, und ihrem ſcharfin Auge blieb nichts verborgen; war ein Brief nicht ſorgfältig geſie⸗ gelt, ſtand die Aufſchrift etwas ſchief oder hatte ſich gar ein Schreibfehler eingeſchlichen, ſo war man ſicher ein ernſtes Geſicht zu ſehen, das ſie mit einem ein⸗ fachen„ei, ei“ begleitete. Im Laden ſelbſt, wo ich jetzt auch zum Aufräumen zugelaſſen wurde, entginge ihrem Blick ein ſchiefliegendes Stück Zeug ebenſowenig, wie eine falſch umgelegte Schnur; die Farben der einzelnen Stücke mußten dem Auge wohlthäend geordnet ſein und 4 ſämmtliche Etiquetten regelmäßig in dem Glaskaſten in einer Linie hängen. Der Lampen, die von der Laden⸗ jungfer etwas vernachläſſigt waren, hatte ich mich eifrig angenommen, Gläſer und Glocken waren ſpiegelblank geputzt und die helle glänzende Beleue u g, die dadurch freundlichen Blick 3 entſtand, trug mir hier und da einen der Prinzipalin ein.— Das Geſchäft ſelbſt war eines der beſten in der ganzen Stadt, das Haus Stieglitz und Comp. verkaufte theurer, wie alle andern, ſetzte aber ſeinen Stolz darein, dafür auch die beſte ſolideſte Waare zu liefern. Auch hatte Madame Stieglitz einen feinen Geſchmack und die Damen gaben beim Ausſuchen der Mode⸗Artikel viel auf ihren Rath, obgleich dieſer immer mit kurzen Worten, ja et⸗ Kunden nicht zu ſchonen pflegte.“„Verzeihen Sie, Ma⸗ dame X,“ konnte ſie zu einer ſchon älteren Frau ſagen, „in unſeren Jahren trägt man ſo helle Farben nicht,“ „Mein liebes Fräulein, wenn man ſo blendende Garde⸗ robe ausſucht, ſo muß man ſich auch des Rechts bewußt ſein, die Augen der ganzen Welt auf ſich zu ziehen;“ verlangte, betrat überhaupt nur den Laden in ſolchen Fällen, wo ſie von den Kunden gerufen wurde. Sie was barſch gegeben wurde, wobei ſie das Aeußere ihrer oder zu einer andern, die außerordentlich häßlich war: 3 doch gab ſie ihre Meinungen nur dann, wenn man ſie hatte ſich bei der ganzen Damenwelt hiedurch ein gutes — r.— 8 45 Renomé erworben und wer von der Madame Stieglitz ausſtaffirt war, konnte gewiß ſein, geſchmackvoll in der Welt zu erſcheinen. Aus dieſem Grunde hatte ſie auch viele auswärtige Kunden, theils in den kleinen Städten, theils auf den umliegenden Landgütern, die ſie nach beſtem Ermeſſen mit Toilette⸗Gegenſtänden verſah. Natürlich mußte ſie die Damen perſönlich kennen, weßhalb dieſelben genöthigt waren bei Anfang des Geſchäfts Verkehrs unſere Prinzipalin zu beſuchen. Ein ſolcher Beſuch war äußerſt merkwuͤrdig, denn von einem neuen Kunden wurde ein ſolch genaues Signalement aufgenommen, woran ſich keine Polizeibehörde zu ſchämen gehabt hätte. Das Buch, worin die Signalements verzeichnet wurden, war das ein⸗ zige, welches der Prinzipal zu führen hatte. Wenn Nie⸗ mand als ich zugegen war, nannte er es ſeinen Harem und trug allezeit die Notizen mit großer Wichtigkeit ein; alsdann legte er ſeinen Schlafrock ab, zog ſtatt der ge⸗ wöhnlichen ausgetretenen Pantoffeln ein paar hübſche von grünem Saffian an und war in ſolchen Fällen recht aufgeräumt und galant. Madame Stieglitz brachte in feingeſchliffenem Glas einen guten Wein mit Backwerk und der Prinzipal ſchrieb in ſein Buch: Madame N., Gemahlin des Gutsbeſitzers Herrn N. Größe: 4 4“ Geſicht: oval. Haare: blond. Augen; blau. und ſo fort bis zu den beſonderen Kennzeichen, welches alsdann hieß:„liebt Seide oder wollene Stoffe und hell⸗ blau oder roſa.“* Jetzt war für die Kunden in alle Ewigkeit geſorgt, das Alter wurde natürlich auch, aber in den meiſten Fällen nur annähernd angegeben, und ſo bei allen Bo⸗ ſtellungen nur die bezeichnete Pagina aufzuſchlagen und Madame Stieglitz ſuchte aus, was ſie für Sommer und Wintertoilette Paſſendes erachtete. Der Prinzipal hatte ſein Buch in der Schublade des Tiſches eingeſchloſſen und wachte mit der größten Eiferſucht darüber, daß ſich Niemand außer ihm— lag es einmal zufällig auf dem Tiſch— ſich unterſtand, auch nur den Deckel zu öffnen. Selbſt der Herr Specht, der ſich im Hauſe viel heraus⸗ nehmen konnte, hatte es nur ein einzigesmal gewagt, ein Pagina deſſelben aufzuſchlagen, denn der Prinzipal fiel ihn wie ein gereizter Löwe an und Specht, der auf das Sanfteſte opponiren wollte, konnte nur dusch die Dazwiſchenkunft der Prinzipalin vor einer mächtigen Ohrfeige gerettet werden.. Ueberhaupt hatte der Prinzipal hie und da derglei⸗ chen Zorn⸗Ausbrüche wegen meiſtens unbedeutenden Kleinigkeiten; alsdann entfernte Madame Stieglitz die Leute aus dem Comptoir, ließ ihn austoben und brachte ihn darauf in ſeine Zimmer, die zu ebener Erde in den Hof gingen; ſie aber bewohnte im erſten Stock ein ein⸗ ziges ſehr geräumiges Gemach. In die Zimmer des Herrn Stieglitz kam Niemand von den Hausbewohnern, auch waren die Fenſter nach dem Hof zu beſtändig mit grünen Vorhängen dicht ver⸗ hängt. An ſolchen Tagen des Sturms kam er nicht mehr zum Vorſchein und einmal, als ich nach einem ähnlichen Auftritte zufällig über den Hof ging, hatte er eines ſeiner Fenſter halb geöffnet und ſaß daran in ei⸗ nem großen Lehnſtuhle, das bleiche ganz zuſammenge⸗ fallene Geſicht mit einer rothen Mütze bedeckt, wie ſie die Türken zu tragen pflegen. Auf den Knieen lag ein großes geſchriebenes Buch, in welchem er eifrig las, er bemerkte mich wohl und nickte mir zu, ohne ein Wort zu ſprechen.— Der Sonntag war für uns alle ein höchſt angeneh⸗ mer und ruhiger Tag, alsdann wurde der Laden nicht geöffnet denn der Tag des Herrn, wie die Prinzipalin zu ſagen pflegte, müſſe würdig und ohne das Geräuſch der Woche gefeiert werden. Morgens ging ich in Be⸗ gleitung des Herr Specht in die Kirche, Prinzipal und Prinzipalin ebenſo, und hier galt es aufmerkſam zu ſein. Während des Gottesdienſtes überwachte der Buch⸗ halter meine Andacht und ſagte mir mit ſeiner ſanften Stimme, das Herumſchauen in der Kirche während der Predigt ſei ſehr mißfällig und gebe der Gemeinde ein Aer⸗ gerniß. Zu Hauſe aber eraminirte Madame Stieglitz über den Text der Predigt und über die Lieder, welche die Gemeinde geſungen hatte. Was das erſtere anbe⸗ traf, ſo konnte ich ihr den Inhalt des Vortrags immer genau und zu ihrer Zufriedenheit erzählen, mit den Liedern nahm ich es nicht ſo genau, was ihr auch nicht von großer Wichtigkeit erſchien.— Im Stieglitzſchen Hauſe wurde recht gut gegeſſen, namentlich aber kamen Sonntags einige Gerichte mehr, ſowie auch an dieſem Tage Wein getrunken wurde; der Prinzipal leerte ſeine Flaſche mit außerordentlichem Ap⸗ petit und ward dabei zuſehends munterer und freundli⸗ cher. Er erlaubte ſich einige Späße über den Herrn Specht und die Ladenjungfer, und wenn er es nicht zu arg trieb, was aber auch nicht oft vorkam, ſo belächelte ſelbſt die Prinzipalin ſeine Einfälle. Regelmäßig an dieſem Tage erſchien; zum Nachmittags⸗ Kaffee der Pre⸗ diger unſerer Kirche, ein dicker behäbiger Mann von munterem Aeußeren und was die Frömmigkeit anbelangt, vom reinſten Waſſer. Weder in ſeinen Predigten, noch in ſeinen Reden donnerte er, wie es ſonſt bei dieſen Herren der Fall iſt, von einem eifrigen und ſtrengen Gott, der auf Wetterwolken finſter daherfahre den Men⸗ ſchen zu züchtigen für die kleinſten Schwächen, die er ſich zu Schulden kemmen ließe, nein, der Herr Pfarrer 49 Sproßer ſprach nur von der unendlichen Güte und Barm⸗ herzigkeit des höchſten Weſens, die im Staube tief an⸗ betend mit zerknirſchtem Gemüth umſomehr verehrend anzuerkennen ſei, als die Verderbtheit des ganzen Men⸗ ſchengeſchlechts eine ſo hohe Stufe erreicht habe.„We⸗ nige, wenige,“ ſagte er,„winden ſich aus der finſteren Schaale der Sünde, die Geiſt und Leib befangen hält, hinaus unter Beten und Trachten ans reine Licht, daß ein Strahl der Gnade auf ſie falle.“— Bei dieſen Kaffee's wurden nun vom Pfarrer Sproßer und dem Herrn Specht die lieblichſten Reden geführt, und wie es mir ſchien in beſonderer Beziehung auf mich und die Ladenjungfer, in deren Innerem, ſowie in dem meinen der vorhandene Funke der Gnade unter ſünd⸗ hafter Aſche zu erſticken drohte. Der Prinzipal zog ſich gewöhnlich nach der Ankunft des Pfarrers in ſein Zim⸗ mer zurück und oft ſchaute ihm derſelbe mitleidig nach und ſagte ſeufzend:„ein armer Mann.“ Die Prinzipa⸗ lin horchte wohl auf die Reden des Pfarrers und ihres Buchhalters, ſuchte aber das Geſpräch meiſtens ins Praktiſche hinüber zu ſpielen und ſprach von den Verhältniſſen der Gemeinde und von gewiſſen frommen Armen, die reich⸗ ich von ihr unterſtützt wurden. Nachdem ſich der Pfarrer Sproßer entfernt hatte und die Kaffee⸗Stunde beendigt war, gab mir die Prinzipa⸗ lin zu meinem groͤßten Vergnügen einen Urlaub bis II. 44 50 Abends acht Uhr, um meinen Vetter zu beſuchen, zu⸗ gleich erhielt ich von ihr ein Schreiben an denſelben. Man kann ſich denken, mit welcher Freude ich die Straßen. dahinflog um das freundliche Haus baldigſt zu erreichen, die Nichte und Emma waren im Garten und laſen und der Vetter befand ſich wie um dieſe Zeit gewöhnlich in ſeinem Zimmer und ſaß ſpazieren. Ich überreichte ihm meinen Brief und der Papagei rief:„Bon jour“.„Siehſt Du,“ ſagte der Profeſſor, nach⸗ dem er den Brief geleſen,„wie Dir die Vögel des Wal⸗ des heute und mit gutem Recht einen andern Willkomm zu Theil werden laſſen, als bei Deinem erſten Erſchei⸗ nen, ich ſage mit gutem Recht, denn Madame Stigglitz Deine Prinzipalin ſchreibt mir ſo eben einige freundliche Worte über Dich und daß ſie mit Deiner Aufführung bis jetzt vollkommen zufrieden ſei. Fahre zu Deinem eigenen Beſten ſo fort und ich werde nicht unter⸗ laſſen, dem Vormund das Erfreuliche über Dich zu melden; jetzt gehe in den Garten und zeige auch mei⸗ ner Frau dieſen Brief.“ Ich that gern, wie mir ge⸗ heißen, und die beiden Damen erfreuten ſich ſehr an dem Lob, das mir Madame Stieglitz geſpendet. Emma machte mir ein freundliches Geſicht, reichte mir die Hand und nannte mich zum erſten Mal ihren lieben Vetter. Jetzt mußte ich erzählen von dem Stieglitzſchen Hauſe und führte die Perſonen deſſelben ſo natürlich vor, daß Al 51 lachten, ſelbſt der ernſthafte Vetter, der ſich auch zu uns geſetzt hatte.„Wenn ich nur,“ ſagte ich am Schluß meiner Erzählung,„über meinen oft ſonderbaren Prin⸗ zipal etwas Näheres erfahren könnte; ich weiß wahr⸗ haftig nicht, was ich von ihm zu halten habe.“ „Darüber will ich verſuchen, Dich aufzuklären,“ antwortete der Vetter,„es iſt gut und ſogar unumgäng⸗ lich nothwendig, daß man die Grundzüge der Verhält⸗ niſſe, in denen man lebt, genau kennen lernt. Dein Prinpſpal iſt allerdings ein ſonderbarer Kautz, ſehr Ge⸗ naues weiß eigentlich Niemand von ihm. fernter Verwandter ſeiner Frau, Als ein ent⸗ der Madame Stieglitz, beſchloſſen die Eltern dieſer Beiden ſie zu verheirathen, um das damals ſchon bedeutende Vermögen zuhalten. Der junge Stieglitz wurd Kaufmann herangebildet und welt kennen, was zuſammen⸗ e zu einem tüchtigen lernte die große Handels⸗ ihm von Nutzen hätte ſein können. Darauf machte er bedeutende Reiſen, was ihm dagegen nicht von Nutzen war. Er ging nach Italien, Frank⸗ reich und Spanien, ja mit einem Schiffe ſeines Hauſes nach Conſtantinopel, Smyrna und brachte in Aleran⸗ drien mehrere Jahre zu. Auf dieſen Reiſ ß ſen muß er aber etwas locker gelebt haben, denn er kam außeror⸗ dentlich gealtert zurück, ſchwermüthig und ſein ſonſt ſo zu ſein, wenigſtens zu haben. Bei einem Cara⸗ klarer Verſtaͤnd ſchien umdüſtert ſeine Spannkraft verloren 2 52 vanenzug, den er mitgemacht hat, hat er ein Gefecht mit den Arabern beſtanden und eine tiefe Kopfwunde erhal⸗ ten, die wohl an ſeinen Leiden ſchuld ſein mochte. Bald darauf kam er hierher und damals lebte der Vater der Madame Stieglitz noch und dies ſtille Geſchäft, in wel⸗ ches er eintrat, war für ihn ſo wohlthuend, daß er voll⸗ kommen genas und ſich ſein früherer Zuſtand nur noch hie und da durch eine Gereiztheit des Gemüths kund gab, ſowie durch auflodernde Heftigkeit. Er heirathete dann ſeine jetzige Frau, die ihn ſehr gut zu leiten ver⸗ ſtand; anfänglich beſuchte er die Kaufmanns⸗Geſellſchaft, kam in verſchiedene Wirthshäuſer, doch konnte ihn ein zu viel genoſſenes Glas Wein in einen bedenklichen Zuſtand verſetzen, alsdann tauchte die Erinnerung an ſein vergangenes bewegtes Leben vor ihm auf und er wurde lebhaft, geſprächig, konnte zuweilen die Geſell⸗ ſchaft, die ihn umgab, Nächte lang auf's Beſte unter⸗ halten, konnte aber auch zuweilen in grenzenloſe Hef⸗ tigkeit ausbrechen, die für ſeine Umgebung unangenehm und gefährlich wurde. So hatte er in Spanien eine ungemeine Fertigkeit erlangt, ſein Meſſer nach einem bezeichneten Punkt zu werfen. Dies producirte er eines Abends eine Zeit lang zum Ergötzen der Geſellſchuft, bis ihm einfiel, es ſolle ihm Jemand das Aß einer Karte an die Wand halten, er wolle es richtig treffen. Lachend weigerte man ſich zu dem gefährlichen Kunſtſtück, 53 8 worauf er immer ernſter und dringender wurde, und mit Erſchrecken ſahen endlich die Gäſte ein unheimliches Feuer in ſeinen Augen auflodern und hörten ihn end⸗ lich mit einem fürchterlichen Schwur bekräftigen, wenn der und der, den er bezeichnete, ihn nicht augenblicklich die Karte halte, ſo würde er ihm das große Tiſchmeſſer, das er in der Hand hielt, augenblicklich in's Herz wer⸗ fen. Was war zu thun; nach einigem Beſinnen wurde ihm die Karte gehalten und auf zehn bis zwölf Schritte ſchleuderte er das Meſſer ſo geſchickt, daß die Spitze der Klinge das Aß durchbohrte. Daß ihn auf dieſe Geſchichte hin jeder Menſch ſorg⸗ fältig vermied, kann man ſich leicht denken, die Geſell⸗ ſchaft ſtand auf, wo er ſich ſehen ließ und ſo blieb er nach und nach zu Hauſe. Seine Frau übt mit ihrem ruhigen derben Weſen eine merkwürdige Gewalt über ihn aus und er folgt ihr, wie ein Kind. Es ſoll ihr ſehr viel Mühe gekoſtet haben, ihn ſo beſtändig zu Haus zu halten, denn wenn es Abend wurde, wollte er fort, um ein paar Stunden herumzuſchwarmen und man er⸗ zählt ſich,“ ſagte der Vetter lachend,„was ich aber nicht beſchwören kann, daß man ihm keine Stiefeln zum An⸗ ziehen gegeben habe und auch jetzt noch ſoll er dieſelben nur am Freitag Abend erhalten, wo er alsdann ein paar Stunden ausgeht.“ „So viel iſt gewiß,“ ergänzte ich, daß der Prinzipal v 2 54 immer in Pantoffeln geht, ich habe ihn nie anders ge⸗ ſehen.“ Ich verbrachte recht vergnügt einen angenehmen Abend bei meinen Verwandten und verließ das freundliche Haus genau um die Zeit, daß ich gegen acht Uhr an der Thür des Stieglitzſchen Hauſes anlangen konnte. Emma be⸗ gleitete mich bis an den Fuß des Hügels, reichte mir die Hand und ermahnte mich mein Möglichſtes zu thun, daß ich bald wieder kommen dürfe. 2 5⁵ VII. Bekehrungs⸗Verſuche des Herrn Specht. Ueber unſern vortrefflichen Buchhalter, vortrefflich in den Augen der Prinzipalin, und als Kaufmann, wie mir ſchien ohne Tadel, habe ich eigentlich noch gar nichts ge⸗ ſagt. Er war die Seele des Geſchäfts und ſah ebenſo auf Ordnung, wie Madame Stieglitz, nur gab er ſein Gefallen oder Mißfallen auf ganz andere Art zu erken⸗ nen. Jene machte bei einem vorkommenden Fehler ein ernſtes Geſicht, ſagte:„ei, ei“ und ſah ſich wohl veran⸗ laßt, bei größeren Nachläſſigkeiten der Ladenjungfer und mir einige ernſte derbe Worte zu ſagen, dieſer dagegen brauchte nie einen heftigen Ausdruck, hatte ich ein Eti⸗ quett verzeichnet, zu welchem wichtigen Geſchäft ich nach und nach gebraucht wurde, ſo faltete er die Hände, machte mich mit leiſer Stimme auf meinen Fehler aufmerkſam und konnte hinzuſetzen:„Der Herr möge Sie erleuchten.“ Mit der Ladenjungfer ſchien er nie recht zufrieden, * 36 ſie war eine arme gutmüthige Perſon aus einem Dorf in der Nachbarſchaft und hatte ein unbeholfenes, ja et⸗ was bauriſches Weſen nie recht ablegen können. Auch ſchien die Gnade des Herrn, wovon der Buchhalter ſo 1 viel ſprach, nicht bei ihr zum Durchbruch kommen zu können und ſelbſt die frömmſten Reden deſſelben mach⸗ ten keinen Eindruck auf ſie; wenn ſie auf ein ernſtes Wort der Prinzipalin einen begangenen Fehler augenblicklich 1 und mit dem beſten Willen verbeſſerte, ſo konnte ſie bei 8 ähnlicher Gelegenheit einen frommen Wunſch des Herrn Specht, ſie möge Gott um Kraft bitten, ihre Geſchäfte mit mehr Pünktlichkeit beſorgen zu können, mit einem recht böſen Lächeln beantworten und ich hatte oft ſchon — bemerkt, wie dann aus den ſanften Augen des Buchhal⸗ ters ein giftiger, unheimlicher Blick zuckte. Obgleich ſie nichts weniger wie ſchön war, ſo erſchienen dagegen die Formen ihres Körpers nicht unangenehm, ſie war ſtark 8 1 und kräftig und handhabte die ſchwerſten Stoffe mit der größten Leichtigkeit. Den Buchhalter zu necken, war ihr größtes Vergnü⸗ gen und da auch mir der ſüßliche, ſchleichende Menſch mißfiel, ſo freute ich mich über alle Streiche, die ſie ihm ſpielte. Waren keine Fremden im Laden, ſo konnte ſie einen ſchweren Pack Zeug ihm vor der Naſe kauf den Ladentiſch niederfallen laſſen, daß die Scheiben klirrten und der Buchhalter erſchrocken zuſammenfuhr.„Gott im Himmel,“ ſeufzte er,„werden Sie denn nie lernen eine Sache ſanft anfaſſen, und Ihr wildes Weſen laſſen, es iſt doch gar nichts Sanftes, nichts Wohl⸗ und Gottge⸗ 1 fälliges an Ihnen“—„ich win aber auch nicht wohlge⸗ fällig ſein,“ lachte die Ladenjungfer höhniſch,„das wiſſen Sie ganz wohl Herr Specht,“ und darauf zuckte der ge⸗ wiſſe Strahl aus ſeinen Augen, doch faßte er ſich, fal⸗ tete die Hände und ſeufzte:„vergieb uns unſere Schul⸗ 8 den.“ Das Mädchen aber ſprang lachend davon und ſagte: „ich habe Ihnen ja lange vergeben, Herr Buchhalter,“ Die Hand deſſelben zuckte nach der Elle, er nahm ſie krampfhaft vom Ladentiſch, ſchluckte heftig und—— hing das Inſtrument ruhig an ſeinen Platz. 3 Zwiſchen dieſen beiden herrſchte überhaupt ein merk⸗ würdiges Verhältniß, doch war es kein freundliches und ſolche Scenen, wie die eben erzählten, kamen öfters vor. Eines Abends aber ſah ich noch mehr, denn als ich et⸗ was ſpäter, wie die Beiden in mein Schlafzimmer ging und leiſe ohne Licht die Treppen hinaufſtieg, bemerkte ich den Herrn Buchhalter und die Ladenſungfer, die eben auf dem Gang zuſammen ſprachen, ſie lachend, er mit lei⸗ ſer Stimme in heftiger Bewegung.„ Verſuchen Sie es“ 3 ſprach er„thun Sie ſich Zwang an, den himmliſchen Funken, der auch in Ihrer Bruſt wohnt, zur hellen freund⸗ lichen, gottgefälligen Flamme anzublaſen, laſſen Sie zer⸗ ſchmelzen die rauhe Schaale, ſo ihr pers umgiebt, laſſen 4 wahren Chriſtenthums in Ihnen entzünden, daß das liebliche Licht unſer Beider Leben mit roſigem Schein beleuchte.“ Das Mädchen lächelte, eifriger fuhr der Herr Specht fort und ſchluchzte bedeutend.„Ihr Herz, Ihr Gemüth iſt kalt, weil es finſter iſt, ohne belebendes Sonnenlicht, o könnten Sie einmal die Wonne der ſanf⸗ ten Wärme genießen, die durch mein Inneres bebt, Sie würden alsdann auf dem Roſenpfade der chriſtlichen Liebe fort und fort wandeln, bis ich Sie einführen dürfte in den grünen Schatten der duftigen Hütten, wo das ge⸗ läuterte Herz, nachdem es ſeine Prüfungen beſtanden, ſanft gegen einen gleichgeſinnten Buſen ſchlagen darf.“ Er hatte bei dieſen letzten Worten die Hand des Mäd⸗ chens ergriffen und küßte ſie eifrig, worauf ſie ängſtlich lächelnd erwiederte:„Laſſen Sie Ihre Reden, Herr Specht, ich verſtehe Sie nicht und es wird mir ängſtlich dabei.“ „Dieſe Aengſtlichkeit,“ antwortete der Buchhalter und küßte feuriger„dieſe Aengſtlichkeit entzückt mich, der böſe Feind in Ihnen iſt erſchüttert, es wankt das Fundament Ihres Unglaubens, öffnen Sie die Fenſter Ihres Herzens und laſſen Sie hinein das junge roſige Morgenlicht.“ Er umſchlang ihren Leib und ſagte dringender:„Kommen Sie Thereſe, laſſen Sie uns gemeinſam beten, o wie ſind die Lippen ſo holdſelig, wenn ſie bewegt von milden chriſtlichen Worten freundlich einem gläubigen Freunde, Sie mich mit ſanfter Freundeshand die helle Leuchte A 59 während das Herz dem Herzen geöffnet iſt, ein begeiſter⸗ tes Hallelujah jauchzen“— der Buſen des Mädchens hob ſich heftig, als er fortfuhr zu ſprechen„und wie würde ſich unſer äußeres Leben freundlich und gottgefällig geſtalten, wenn wir im Glauben vereint des Tages Laſt und Mühe gemeinſchaftlich trügen“.—— Jetzt huſtete ich auf der Treppe und trat eilig herauf. „Verzeihen Sie, Mamſell Thereſe,“ ſagte da der Herr Specht in ganz anderem Tone wie vorhin„mir iſt meine Lampe erloſchen, ich wünſchte ſie an Ihrem Licht anzuzün⸗ den,“ die Beiden wurden ndfenann da ich die Treppe ganz hinaufſtieg, ich wünſchte eine geruhſame Nacht und ging in mein Zimmer. Es war nöch früh und obgleich in meiner Stube ziemlich kalt, ſetzte ich mich hin, etwas zu leſen, doch trat gleich darauf der Buchhalter zu mir und war äu⸗ ßerſt freundlich und geſprächich,„ſchön, ſchön,“ ſagte er, „daß Sie ſich in Ihren Feierſtunden beſchäftigen, 8 ſollten Sie, ſtatt die Zeit mit unnützen Schriftſtellern zu verderben, eine fromme geiſtliche Lectüre erwählen und Ihr Herz durch die herrlichen Lehren der heiligen Schrift ſtählen gegen die Verſuchungen der Welt, kommen Sie zu mir herüber, mein Zimmer iſt durch die unverdiente Freundlichkeit der Frau Prinz zipalin erwärmt und da iſt es angenehmer, denn die Kälte iſt nicht geeignet, das 85 empfänglich zu ſtimmen.“ . 60 War mir der Buchhalter auf der Treppe in ſeinen Re⸗ den ſonderbar, ja lächerlich, vorgekommen, ſo mußte ich mir bei ſeinem Anblick geſtehen, daß ich nie früher dieſen ſeltſa⸗ men Geſichtsausdruck an ihm bemerkte, ſein Auge glänzte, ſeine Wangen glühten und über ſein ganzes, ſonſt ſo melancholiſches Geſicht lagerte der Schein einer wilden Luſtigkeit. Ich folgte ihm und es war das erſtemal, daß ich ſein Zimmer betrat; das erſte, was ich bemerkte, war eine ſtarke Punſch⸗Atmoſphäre, welche ſich aus ei⸗ nem großen, halbgefüllt Glaſe, das auf dem Tiſch ſtand, entwickelte. In 5 fanden ſich etwas beſ⸗ ſere Möbel, wie in der meinigen, auch hatte er ein So⸗ pha und einen Ofen, von welchem eine behagliche Wärme ausſtrömte. Dieſe Wärme war um ſo wohlthuender, da wir ſchon Ende November hatten und es in den Zim⸗ mern, namentlich Abends ſchon recht kalt war. Obgleich es die Prinzipalin Niemand von uns verwehrte, bis 10 auch 10 ½ Uhr in dem geheizten Speiſe⸗Zimmer zu blei⸗ ben und dort bei einer Lampe zu leſen, ſo zog ich es doch vor, Abends für mich allein auf meinem Zimmer zu ſein, wo ich denn trotz der Kälte noch etwas ſchrieb oder las. Unſerem Hauſe gegenüber war der größte Gaſthof der Stadt und ich konnte ſtundenlang an meinem Fen⸗ ſter ſitzen und dem Leben und Treiben drüben zuſchauen. Wenn ſo alles drüben hell erleuchtet war und in jedem Zimmer andere Scenen ſpielten, denen ich öfters in der Dunkelheit zulauſchen konnte, das war für mich ein eigenthümlicher Genuß. 1 Auf dem Tiſch des Herrn Specht lag eine aufge⸗ ſchlagene Bibel und ich ſah an der Ueberſchrift, daß es das hohe Lied Salomonis ſei, worin der Buchhalter ge⸗ leſen. Er rückte mir einen Stuhl an den Ofen und wir ſetzten uns, der Herr Specht war ſo freundlich mir von ſeinem Leben zu erzählen und ich bemerkte dabei, daß er gern in der Erinner g verweilte, die ihm aus den Jahren, wo er bei dem Hauſe Stieglitz und Comp. in Amſterdam conditionirt, in ſeinem Innern aufſtiegen. „Ja, mein Freund,“ ſagte er,„ein großes Geſchäft iſt und bleibt immer ein großes Geſchäft und nur dadurch, daß ich hier die Procura beſitze, alſo eigentlich Mitchef bin, kann mir den Verluſt meiner ſchönen Reiſen einiger⸗ maßen erträglich machen. Auch,“ ſetzte er mit frommem Blick gen Himmel hinzu,„kommt man endlich in die Zeit, wo man ein ſtilles beſchauliches Leben dem ge⸗ räuſchvollen Treiben der Welt vorzieht und ich habe geräuſchvoll und vergnügt gelebt, mein Lieber, ich reiste für das Haus Stieglitz und Comp. in? Indigo, in blauem Indigo und reiste mit zwei Pferden und einem Kukſcher, unſer Haus war berühmt, ich brauchte blos zu ſagen: Mein Name iſt Specht vom Hauſe Stieglitz und Comp., ſo füllte ſich meine Schreibtafel augenblicklich mit Beſtel⸗ „ 62 / lungen. Ah, das war ein Leben, junger Freund!“ er . nahm das Glas vom Tiſche, that einen großen Zug daraus und bot auch mir zu trinken an, ich ließ mich nicht lange nöthigen und fand einen recht guten Punſch. „So ſtrenge ich,“ fuhr der Buchhalter fort,„in meinem gewöhnlichen Leben bin, und ſo ſehr ich eigentlich den Genuß geiſtiger Getränke haſſe, ſo giebt es doch Augen⸗ blicke, wo ich meinen Geiſt, der bleiern und ſchwer das Dieſſeits nicht verlaſſen will, aufhelfe, damit er fröhlich emporflattere. Der Menſch iſt ein ſchwaches Geſchöpf und das, was wir Sanihi. es muß hie und da auf⸗ geſtachelt werden, damit es ſich aufraffe und den jubi⸗ lirenden Lerchenſchlag der Seele nicht widerſtrebe, die aus den ſchweren Banden nach der himmliſchen Höhe ſtrebt.“ „Mir ſchien, der Herr Specht habe ſich ſchon bedeu⸗ eend aufgeſtachelt, denn aus ſeinem flammenden Auge ſprach eine außerordentlich jubilirende Seele und er führte Redensarten, die für einen wenig Erleuchteten wie ich unverſtändlich waren, doch ging ich in ſeine Ideen ein und verſprach auf ſeine dringende Bitte alles Mögliche an mir zu thun, damit das Licht in meinem Innern, welches ebenfalls durch ſündige Aſche verdeckt ſei, zu ei⸗ nem hellen Aufflackern gelangen könne. Meine guten Vorſätze rührten den Herrn Specht und da ich ſehr viel Punſch dazu trank auch ihm das Glas . . 4 . 1 haͤufig hinreichte, ſo wurde⸗ er gam mctlig und jubt⸗ lirte ſchluchzend und dankte ſeinem Schöpfer, daß⸗ es ih nt gelungen ſei, abermals eine Seele auf den richtigen Weg zu führen. Dieſes Jubiliren artete aber zuletzt in merk⸗ würdige Redensarten und Ausrufungen aus, daß es mir nicht mehr möglich war⸗ einen.„Sinn darin zus finden. Ich beurlaubte mich deshalb un ging in mein, Zimmer zurück, wo ich meinem Vorge eſetzten ni lange zuhorchte, wie er Bibelſtellen recitirte und mirz unſicherey Stimme Verſe aus dem Geſaßigbuch ablezerte Endlich ſchlief ich ein und verſäumte am andern Morgen zuni zerſtenmal die Stunde des Aufſtehens, was mir einen ſehr ernſten Blick der Madame Stieglitz nitrug.— Im Allgemeinen war es zmir aber wirklichkgelungen, die Gunſt der ernſteu finſteren Frau zu gewinnen. Sie erlaubte mir häufig meine Verwandten zu⸗beſuchen, und nach jedem Brief,) den ic.dem Profeſſor bei ſolcher Ge legenheit übergab,; wurde! ſein Geſicht fütundlicher und der Empfang bei ſeiner Frau und der kleinen Emmat herzlicher. Wenn ich von? der kleinen Eimnma ſpreche, ſo war dieſes Prädikat durch ihr Aeußeres gar nicht ge⸗ rechtfertigt, Emi, obgleich erſt vierzehn Jahre, war ſchon ziemlich ausgewachifn und wenn wir uns zuweilen durch einen Strich an die Thür maßen, ſo behauptete ſie immer, ich habe lie iienirehrilt und ſei wenigſtens ei⸗ nen halben Zoll kleiner. 64 Ich war damals 16 Jahre alt und begann aus allen Kräften zu wachſen; daß ich auf dieſe Art von Woche zu Woche faſt merklich größer wurde, war mir nun recht lieb, dagegen kümmerte es mich ſehr, daß meine Klei⸗ dungsſtücke mich treuloſerweiſe ſtecken ließen und nicht mit mir in die Höhe und Breite wuchſen. Der Vor⸗ mund hatte erklärt, es ſeien keine Mittel vorhanden mir vor Ablauf eines Jahres irgend etwas an neuer Garde⸗ robe zu verſchaffen und wenn mir die Großmutter nebſt eines eindringlichen Briefes nicht das Geld zu einem Mantel geſchickt, ſo hätte ich ſchon im Spätherbſt bedeu⸗ tend friern mäſſen. Um mein einziges Tuchbeinkleid ei⸗ nigermaßen dem Körper paſſend zu erhalten, wurden durch die dickſten Steege unter den Stiefeln und ein furchtbares Anſchnallen der Hoſenträger das Uebermög⸗ liche gethan, wodurch die Knöpfe ſchon mehreremal ab⸗ riſſen waren, die ich aber Abends immer Zeit fand, wie⸗ der zu befeſtigen. Doch hat Alles in der Welt ſeine Gränzen, auch die Dehnbarkeit eines abgetragenen Bein⸗ kleides und ſo geſchah es mir eines Tages, daß, als ich einige Stücke ſchweren Stoffs an ſeine Stelle haben wollte, ſämmtliche Anhalts⸗Punkte meiner Hoſe mit einem Male unerbittlich ihren Dienſt aufkündigten und mir ſoögar der Stoff des linken Beines in der Gegend des Knie's rund herum abriß. Verzweiflungsvoll eilte ich auf mein Zim⸗ mer und überlegte mit tiefem Schmerz, was nun zu thun 65 ſei, denn der Schaden war augenbliclic nicht zu er⸗ ſetzen. 8 So eifrig ich auch meine Garderobe, die in einer Ecke des Zimmers ſich hinter einem baumwollenen Vorhange befand, durchmuſterte, da war kein Erſatzſtück zu finden, als eine nicht mehr neue graufarbige Sommerhoſe. Ich entſchloß mich kurz und gut, ſie anzuziehen, warf einen wehmüthigen Blick auf die Eisblumen am Fenſter und litt während ich hinunterging mehr von dem Gefühle meiner Armuth als von der Kälte. Herr Specht ſchüt⸗ telte den Kopf, die Ladenjungfer lächelte und die Prin⸗ zipalin winkte mir ins Speiſe⸗Zimmer. „Nehme Er mir nicht übel,“ ſagte die Frau ernſt, „aber in ſolchem Anzug geht man nicht in den Laden!“ Ich ſchwieg.„Ei, ei“ fuhr ſie fort,„wie kann man ſich ſo vergeſſen, oder“ ſagte ſie zögernd und ſah mich mit einem gutmüthigen Blick an, der ſich in einen herzlichen und freundlichen verwandelte, als ſie bemerkte, daß ſich mein Auge mit Thränen füllte,„oder iſt Seine Garde⸗ robe vielleicht ſo ſchlecht beſtellt?“ ich nickte ja und ſetzte mit unſicherer Stimme hinzu, da mein Vormund ſich geweigert habe, mir binnen Jahresfriſt anderes machen zu laſſen, ſo ſei ich nicht im Stande, dieſelbe zu verbeſſern.„Es thut mir unendlich leid, ſo zu er⸗ ſcheinen, aber ich habe nichts anderes.“ „Hm, hm,“ ſagte die Prinzipalin,„das geht aber 5 II. 66 nicht und ich werde mich darum bekümmern. Schau Er, mein Freund, ich habe mit Vergnügen bemerkt, daß Er Seine Kleidungsſtücke recht ſauber ausputzt, aber ebenſo iſt es mir nicht entgangen, daß dieſelben nicht waren, wie ſie hätten ſein müſſen, glaub Er mir aber, es iſt für mich ein delikater Punkt, und wenn man auch be⸗ hauptet, die Frau Stieglitz ſei eine derbe verdrießliche Frau die kein Gefühl habe, ſo iſt es doch nicht wahr, ich bin hart und gefühllos gegen ſchlechte Subjekte, aber für Leute, die ſich gut aufführen, wie Er bis jetzt ge⸗ than, ſorge ich mit großem Vergnügen. Er kann,“ fuhr ſie fort,„ein paar Tage aus dem Laden wegbleiben und anfangen das neue Hauptbuch einzurichten und während der Zeit läßt Er ſich machen, was Er braucht.“ „Aber,“ entgegnete ich gerührt durch die freundlichen Worte der ernſten alten Frau,„ich weiß nicht, ob der Vormund—“„Was aber, was Vormund,“ fuhr ſie mich hart an,„thu Er, wie ich ihm geheißen und ſei Er nicht naſeweis, auch ſchenken will ich Ihm nichts, da kann Er ruhig ſein, es wird ſchon die Zeit kommen, wo ich mit Ihm Abrechnung halte, pack Er droben Seine Garderobe und Seine Wäſche aus, ich will die Geſchichte einmal nachſehen; trotz dem Er ein langer großer Menſch iſt, iſt Er noch wie ein kleines Kind, Er hätte früher ſchon offenherziger gegen mich ſein olen 18 nur keine falſche Schaam, jetzt geh’ Er.“ 67 8 Ich ſtieg die Treppe hinauf und wußte nicht, ob mir der eben gehabte Auftritt angenehm oder unangenehm war; inſofern ich in der Sorgfalt der Prinzipalin einen Beweis ihrer Zufriedenheit entdeckte, fühlte ich mich ſchon etwas beruhigt, andererſeits war es mir nicht lieb, wie ein kleines Kind behandelt zu werden, doch war ich am Ende froh, daß meine Verlegenheiten, die täglich größer wurden, auf dieſe Art ihr Ende erreichen ſollten.— Und hatte mir nicht die Prinzipalin zu gleicher Zeit einen Beweis großen Vertrauens gegeben, indem ſie mir das Hauptbuch übergab? Meine Garderobe lag oben auf dem Tiſch und nahm nicht viel Platz ein und nachdem ich das bittere Geſchäft, meine Armuth auszulegen beſorgt, ging ich wieder in das Comptoir hinab, nahm das neue wichtige Hauptbuch vor und malte die Zahlen der Pagina, ſowie Soll und Haben nebſt den Namen der Kunden. kalligraphiſch ſchön auf das dicke weiße Papier, ich fühlte wirklich, daß ich eine neue Stufe erklommen und gab mir die außeror⸗ dentlichſte Mühe, das Eintragen der Conti's genau und richtig zu beſorgen. Der Prinzipal gratulirte mir, der Herr Specht ſagte mir leiſe:„fahren Sie ſo fort, junger Mann, vergeſſen Sie aber ja über Ihre äußere Ausbil⸗ dung die wichtigere Innere nicht.“ Nach Tiſch kam der Schneider und maß mein Aeu⸗ dere⸗ uaih allen Richtungen. 5⸗ 68 Seit jenem Abend auf ſeinem Zimmer hatte mich der Buchhalter lebhaft protegirt, gab mir alle möglichen Anleitungen und Erleichterungen beim Buchführen, nahm mich ſogar eines Tags auf die Wiegkammer und zeigte mir, wie die Seidenſtücke zuſammengelegt wurden. Auch gegen ſeine ewige Zielſcheibe die Ladenjungfer war er auffallend freundlich geworden und wirklich ſchienen die Beiden, wie der Herr Specht an jenem Abend geſagt: „im Glauben vereint des Tages Laſt und Mühen freund⸗ lich und gemeinſchaftlich zu tragen“— ich fand damals nichts Arges hierin. Mich ging das ja auch weiter nichts an und ich be⸗ kümmerte mich nicht darum. Auch in das Zimmer des Buchhalters ging ich nur auf ſeine Einladung und bekam da oftmals einen guten Punſch zu trinken. Doch nahm er ſich auch meines inneren Menſchen eifriger als je an und füllte meinen Kopf ſo mit myſtiſchen Redens⸗ arten, machte mir ſolche Angſt vor dem Böſen, das in uns beſchäftigt ſei Seele und Leib zu verderben, daß ich eifrig ſeine Mittel dagegen benutzte. Dieſe beſtanden in eifrigem Leſen ſonderbarer Bücher, die er mir mittheilte, und beſtändigem Gebet und mit wiederholtem Auswen⸗ diglernen von Liedern aus dem Geſangbuch, die er mir förmlich aufgab. Dieſe Uebungen an und für ſich wären nun nicht ſo übel geweſen, doch lag etwas in denſelben, welches die 69 Phantaſie reizte und im Innerſten des Herzens Bilder wiederſpiegeln ließ, von denen ich früher keine Ahnung hatte. Seine Vorträge, die er mir öfters hielt, waren glatt und wie verhängt mit dunkeln Reden, ſo daß der Sinn in dieſem ungewiſſen Umherſtreifen gerne einen Schimmer erfaßte, den er zuweilen hineinfallen ließ. „Man kann nichts lieben,“ ſagte er,„von dem man ſich keinen Begriff machen kann, ich liebe Gott, ich liebe die Kirche, doch trage ich dieſe Neigung auf ein Bild über, das ich in meines Herzens Innerſtem aufſtelle— was iſt Gott?— Gott iſt Alles um uns her— iſt aber unſer Begriffs⸗Vermögen groß genug, um Alles um uns her mit der glühenden Liebe zu erfaſſen, die wir unſerm Schöpfer ſchuldig ſind? nein, und ebendeshalb iſt es uns erlaubt, unſere Andacht vor einem Bilde zu be⸗ gehen, das wir uns gläubig entwerfen, indem wir doch nur das Höchſte lieben. Der ſchwache Menſch,“ fuhr er fort,„iſt nun einmal bloß im Stande, ſein beſtes Gefühl nur dem zuzuwenden, was er begreifen kann und er begreift nur das, was er ſieht.“ So ungefähr ſprach der Buchhalter mit mir und warf meine Begriffe fürchterlich durcheinander; daß man nur etwas Körperlichem fügethan ſein könne, das begriff ich vollkommen, konnte aber keine Vereinigung finden zwiſchen der Liebe, die man zu Gott haben ſoll und zwiſchen der Liebe zu einem Bilde, das ich in mir auf⸗ 70 ſtellte und ihm doch nicht glich. Ich bemerkte dieſe Zweifel meinem Lehrer und ſagte ihm offenherzig, daß ich gegen ein höchſtes Weſen nach einem Bilde, wie man es gewöhnlich von ihm macht, ein alter ernſter, ja zor⸗ niger Mann, mit langem Bart, der auf den Wetterwol⸗ ken einherfährt, unmöglich eine Neigung faſſen könne, wie er ſie in dieſem Falle verlange. Herr Specht lä⸗ chelte ſanft, erhob den Blick gen Himmel und ich mußte ihm das Hohe Lied Salomonis vorleſen. „Er küſſe mich mit dem Kuß ſeines Mundes, denn Deine Brüſte ſind lieblicher, denn Wein.“ Der Buchhalter lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück und ſchloß die Augen, während ich ihm vorlas, mir machte aber dieſe Lektüre viel zu ſchaffen und wenn ſie auch ſonderbare Blitze in mein Blut warf, ſo leuchteten ſie mir doch nicht auf dem dunkeln Pfade, den ich be⸗ treten. Bei vielen Stellen nickte der Herr Specht mit dem Kopfe und manche mußte ich ihm zweimal leſen: „Siehe meine Freundin, Du biſt ſchön, ſchön biſt Du, Deine Augen ſind wie Taubenaugen.“ „Wie eine Roſe unter den Dornen, ſo iſt meine Freundin unter den Töchtern.“ „Komm meine Braut vom Libanon, komm vom Li⸗ banon.“ „Du haſt mir das Herz genommen meine Schweſter, NA 71 liebe Braut, mit Deiner Augen einem und mit Deiner Halsketten einer.“. Als ich zu Ende geleſen hatte, erlaubte ich mir die ſchüchterne Frage, die mir viele Zweifel klar machen ſollte, hat denn König Salomon mit der Liebe, von der er in ſeinem Hohen Liede von einer Freundin und Braut ſpricht, die Liebe zu Gott und der Kirche gemeint, eine Frage, die mir der Buchhalter nicht geradezu beantwortet „Leſen Sie,“ ſprach er mit ſeltſamem Lächeln,„leſen Sie dieſes vortreffliche Lied häufig durch, ſprechen Sie in dieſen ſchönen glühenden Strophen zu einem Bilde, das Sie verehren wollen und das andere wird ſich finden.“ „Ich that, wie mir Herr Specht anbefohlen und ob⸗ gleich ich in der erſten Zeit nicht viel von dem verſpro⸗ chenen Lichte merkte, ſo gewann ich doch durch die ge⸗ heimnißvollen Worte, die mir freundlich anklangen die Lehren des Buchhalters lieb und folgte mit gläubigem Vertrauen durch die Irrgänge ſeiner uuverſtändlichen Reden.. * Das Bild meiner Andacht. Ich war nun, Dank der Freundlichkeit meiner Prin⸗ zipalin, vollkommen und auf's Beſte ausgeſtattet und konnte mich überall ſehen laſſen, es war ein ganzer Tiſch voll Sachen, die mir der Schneider' und die Näherin gebracht hatten, und als ich gegen Madame Stieglitz meinen Dank ausſprach, konnte ich mich nicht enthalten, zu bemerken, daß ich doch mit einiger Angſt dem Mo⸗ ment entgegenſehe, wo mir die Rechnungen all der Ge⸗ genſtände vorgelegt würden.„Denk' Er nicht daran,“ antwortete die Frau ernſt und beſtimmt,„nehm Er ſich vielmehr mit allem Fleiß, wie bisher, ſeines Hauptbuches an, und vergeſſe Er es nie, daß ich es Ihm an demſel⸗ ben Tag übergeben.“ So verging der Winter, das Frühjahr kam, es wurde Sommer, wieder Herbſt und ich konnte mir mit Stolz geſtehen, in dem verfloſſenen Jahre etwas Tüchtiges ge⸗ lernt zu haben. Der Prinzipal war während dieſer Zeit noch ernſter und mürriſcher geworden, wie früher, und zuletzt kam er nur noch des Morgens eine Stunde auf das Comptoir bis zu dem Mittagseſſen und alsdann verſchwand er für dieſen Tag. Meine Beſuche beim Vet⸗ ter ſetzte ich fleißig fort und brachte alle meine Freiſtun⸗ den in dem lieben Hauſe zu. Der Profeſſor war ſo ar⸗ tig und freundlich mit mir, als es ſeine ernſte Nat erlaubte, ſeine Frau behandelte mich wie einen Sohn und die kleine Emma hatte ſich in dem vergangenen Jahre merkwürdig geändert, wie es in dem Liede heißt: „Sie war ein Kind vor wenig Tagen, Sie iſt es nicht mehr, wahrlich nein.“ So war auch Emma aus dem Kinde zu einer Jung⸗ frau aufgeblüht, ohne daß es Jemand bemerkt hätte, ihr ruhiges verſtändiges Weſen war ſich gleich geblieben, als Kind war ſie nicht ausgelaſſen luſtig und brauchte ſich deßhalb als Jungfrau nicht anders zu benehmen. Aber ſchön war das Madchen, das mußte ihr Jeder ein⸗ geſtehen, namentlich hatte ſich ihr klares faſt übergroßes Auge mit dem ſanften ſinnigen Ausdruck noch herausge⸗ bildet und war mit dem übrigen Geſicht in ein richtiges Verhältniß getreten. Früher dominirten dieſe Augen, jetzt waren ſie nur noch eine angenehme Zugabe zu dem lieben Ausdruck des Geſichts. Ich habe nie etwas Schö⸗ neres geſehen, als wenn wir mit der Mutter Abends im d 74 Garten ſaßen und der helle Strahl des Mondes das dunkle Blau ihrer Augen mit Silberglanz erfüllte. Die Mutter pflegte zu ſagen:„Emma hat Taubenaugen“ und dieſer Ausdruck fuhr einſtens zündend in mein In⸗ neres und ich murmelte halblaut:„Siehe meine Freun⸗ din, Du biſt ſchön, ſchön biſt Du, Deine Augen ſind wie Taubenaugen.“ Ich war darauf den ganzen Abend zer⸗ reut und durch die ſeltſamen Bilder und Gedanken, mit welchen der Buchhalter meinen Kopf vollgepfropft, flammte ein heller Stern und ich glaubte das Bild, in welchem ſich alle unſere heiligen und guten Gedanken ſammeln ſollen, gefunden zu haben. Eine unerklärliche Scheu hielt mich ab, dem Buchhalter dies Geſtändniß zu thun, 1 ich verſchloß dies Bild in das Innerſte meines Herzens 3 und beſchloß meine Andacht vor allen Augen geheim zu halten. 4 Ich hatte um ſo weniger Luſt, dem Herrn Specht in 5 dieſer Beziehung den Namen meiner Nichte Emma zu nennen, als derſelbe ſchon ie-rmals den Wunſch aus⸗ geſprochen, meinen Vetter und ſeine Familie kennen zu 3 lernen und gerade jetzt erſuchte er mich dringender darum, als je. Ich konnte nicht mehr entkommen und verſprach ihm, meinen Vetter hiervon in Kenntniß zu ſetzen. Dieß that ich bei meinem nächſten Beſuch und da meine Verwandten glauben mochten, es könne mir von Nutzen ſein, wenn ſie das Factotum des Hauſes freundlich 1 75 behandelten, ſo wurde mir erlaubt, ihn mitzubringen. Der Vetter war bei dieſem Beſuche ernſt und gemeſſen, ſeine Frau artig, wie es ſich gehörte und Emma beſchäf⸗ tigte ſich wie gewöhnlich mit mir. „Sie ſind ein glücklicher Vetter,“ ſagte der Herr Specht auf dem Heimwege zu mir,„ich muß Ihnen ge⸗ ſtehen, ich habe lange nicht ein ſo ſchönes Mädchen ge⸗ ſehen, wie Ihre Nichte Emma iſt.⸗ 3 Von da an machte der Buchhalter mit und ohne mich häufige Beſuche in dem Hauſe meines Vetters, was mir inſofern angenehm war, als er mich nun zu Hauſe auf's eifrigſte protegirte. Um von mir ſelber zu reden, das heißt von meinem Fühlen und Denken, ſo muß ich geſtehen, ich war nicht mehr der harmloſe fröhliche Menſch, ich blickte nicht mehr frei in die Welt und ſah nicht mehr wie ſonſt, alles, was mir in die Augen fiel, als freundliche Bilder an. Als ich noch harmlos war, lag ein ewiger Sonnenſchein auf allen meinen Stunden und mein Auge ſchweifte nur in angenehmen und freundlichen Fernſichten, die mir das unbekannte Leben gewähren ſollte. Ich hielt die Welt und alle Menſchen für gut und wenn es auch hier und da böſe Seelen gäbe, ſo ſeien das Ausnahmen, dachte ich mir. 4 Die Lehren des Herrn Specht aber hatten mich eines andern belehrt, ich ſah dichte dunkle Nebel aufſteigen, 76 wo ich bis jetzt nichts erblickt, wie ſonnenbeglänzte Thä⸗ ler, und nichts gehört, wie frommes Glockengeläute. Er lehrte mich verzweifeln an der Güte der Menſchen und führte ſeinen Lieblings⸗Spruch: „Das Dichten und Trachten der Menſchen iſt böſe von Ingend auf“ in unzähligen Variationen aus. Bei ihm war die ahl der Böſen vorherrſchend, die der Guten gering d wenn er mir einen Spiegel vor mein eigenes Ich hielt, ſo mußte ich geſtehen, daß ich obgleich mir kei⸗ ner großen Sünden bewußt, noch tief unter den mit⸗ telmäßigen ſtand, von ſich ſelbſt ſprach er eigentlich auch nicht viel beſſer doch verſicherte er, daß ihm im lichteſten Augenblicke klar würde, wie der Gnadenfunke bei ihm allmählig zum Durchbruch komme,„Jeder Menſch,“ lehrte der Buchhalter,„iſt mit dieſem Gnadenfunken verſehen, die meiſten aber tödten ihn durch den Schlamm der Sünde und fühlen den Verluſt nicht, wir aber wiſſen das un⸗ ſchätzbare Gut zu erkennen; das Gefühl eines Menſchen, wenn bei ihm die Gnade zum Durchbruch gekommen iſt, ſoll ein beſeligendes ſein, die Sünde kann ihn ferner nicht verderben und wenn er wirklich ſündigt, ſo thut er es unter dem Schein dieſer Gnade und ſeine Sünden wer⸗ den ihm nicht angerechnet.“ „Aber“ fragte ich ihn,„giebt es denn kein Merk⸗ mal, woran man erkennt, daß die Gnade zum Durch⸗ bruch gekommen ſei?“ 8 — 4 mich ſo in Gedanken an meine Heilige anſchmiegte. „Ein beſtimmtes, nein“ antwortete er,„dieß Gefühl iſt bei Jedem verſchieden, es giebt ſelige Momente, wo man aufgelöſt in das Bild, das auf dem Altar des Her⸗ zens aufgeſtellt, das höchſte Weſen vertritt, genau und deutlich fühlt, wie ſüße heilige Flammen allmählig die Seele durchdringen; in ſolchen Augenblicken,“ ſetzte er mit ſeinem bekannten ſeltſamen Lächeln hinzu,„iſt man Begnadigter und zwei Seelen durch innige Hingebung ſind in heißem Gebet vereinigt eher im Stande, die voll⸗ kommene Gnade zu gewinnen, wie eine einzelne.“ Ich war durch ſolche Lehren und Reden auf dem beſten Wege, ein ausgemachter Kopfhänger zu werden, das Leſen der Bücher, die er mir gab, das Studiren des unverſtändlichen alten Teſtaments brachte mich in eine tiefe Finſterniß, die mir zu gleicher Zeit ſchrecklich und doch lieb war. Ich träumte von einer unbekannten Kirche und befand mich alsdann in einem hohen prächtigen Ge⸗ wölbe, ſüße Muſik erſchallte und im Hintergrund einer dunkeln Kapelle entzündete ſich langſam ein roſiges Licht, in deſſen Mitte zugleich mit der anſchwellenden Muſik ſich nach und nach eine Geſtalt abzeichnete, die, wenn ſie mir klarer wurde, die ſchönen Züge meiner Nichte Emma trug. Mein Herz konnte ſich auflöſen in die klaren Wolken, die das Bild umgaben und ich konnte fühlen, wie mich eine feurige Lohe durchzuckte, Pem ich 78 Aber in der Wirklichkeit ging es mir durch dieſe Träumereien nicht gut und ich hatte bei meinen Ver⸗ wandten manches deshalb auszuſtehen. Der Vetter hatte mir ſchon mehreremale geſagt, es ſei recht ſchön und lobenswerth, gottesfürchtig und fromm zu ſein, aber be⸗ ſtändig davon zu ſprechen, wie ich es thäte, müſſe in meinen Jahren lächerlich erſcheinen.„Du beſuchſt,“ ſprach er,„Vor⸗ und Nachmittags die Kirchen und ich werde es noch erleben, daß Du mit Deinem Herrn Specht in den Betſtunden umherziehſt.“ Mehreremal hatte ich auch verſucht, wenn ich bei Emma allein war, derſelben einige von den Reden des Buchhalters mitzutheilen, doch mußte ich zu meinem Be⸗ dauern bemerken, daß das Mädchen für die Gnade gar nicht empfänglich ſchien;„höre, Vetter,“ ſagte ſie,„Du biſt nicht böſe und ich auch nicht, was thuſt Du denn Sündhaftes? ich wüßte nicht, Du arbeiteſt auf Deinem Comptoir, Du haſt die Gunſt Deiner Prinzipalin, einer braven Frau, und es ſtände Deinen Jahren viel beſſer an, luſtig und munter zu ſein, wie Du früher auch ge⸗ weſen biſt, und Dich Deines Lebens zu freuen. Ich er⸗ kenne Dich in der letzten Zeit nicht mehr und wünſche nur Dein Doktor Burbus, von dem Du früher ſo viel erzählteſt, ließe ſich einmal hier ſehen und ſetzte Dir den Kopf zurecht.— Was brauchſt Du Dich für einen ſchlechten —y Menſchen zu halten, überlaß das dem Herrn Specht, der mag ſeine Gründe dafür haben.“ Dieſe Worte des Mädchens, das ich unbewußt anbe⸗ tete, warfen ſchreckliche Zweifel in meine Seele, ſie riſſen ein Fenſter meines Herzens auf und ließen in das Dun⸗ kel, das dort herrſchte, einen hellen Sonnenſchein fallen, der mir außerordentlich wohl that und den ich doch nicht ertragen konnte. So viel war gewiß, daß ich mich in ruhigen Augenblicken nicht für ſündhaft hielt, wie mir der Buchhalter ſagte und daß ich nach dem Durchbruch der Gnade nur verlangte, weil ich in dem Augenblick durch ein unbekanntes herrliches Gefühl belohnt werden ſollte. Ich erzählte dem Buchhalter von der Unterredung meiner Nichte und er lächelte ſtill vor ſich hin und ſagte mit erhobenem Blick:„Laſſen Sie das gut ſein, und fahren Sie fort, gläubige Geſpräche mit ihr zu führen, auch dies Mädchen wird einſtens anfangen, ſich nach der Gnade zu ſehnen.“ Ein unheimlicher Glanz füllte bei dieſen Worten ſeine Augen. Von meiner Familie vernahm ich während dieſer Zeit nicht viel, die Großmutter hatte mir einigemal geſchrie⸗ ben und jedesmal war alsdann ein Poſtſcriptum von der guten Schmiedin angehängt, aus welchem ich deutlich erſah, daß ſie ihre traurige Gewohnheit des beſtändigen Weinens noch nicht abgelegt hatte, denn die Zeilen, die 80 ſie ſchrieb und in welchen ſie jammerte, daß ich ſo fern ſei und ſie mich ſo lange nicht geſehen, waren meiſtens durch ihre Thränen halb ausgelöſcht; von dem Doktor Burbus erfuhr ich nie etwas— auch auf der Königs⸗ bronner Mühle ſchien man nichts von ihm zu wiſſen— wo war mein Freund geblieben? Von meinem Vormund dagegen erhielt ich eines Tags ein längeres Schreiben, worin er ſeine Zufriedenheit aus⸗ ſprach, daß ich endlich Raiſon angenommen habe und linſehen gelernt, wie man etwas Tüchtiges lernen müſſe, um durch die Welt zu kommen.„Deine Prinzipalin,“ ſchrieb er,„hat mir alles mögliche Gute von Dir ge⸗ ſagt, und mir ſogar die angenehme Hoffnung gemacht, daß ſie durch die Kenntniſſe, die Du Dir erworben, und den Nutzen, den Du ihrem Geſchäft brächteſt, ſich wohl entſchließen könne, Dir ſchon für die letzten Jahre Dei⸗ ner Lehrzeit ein mäßiges Salair auszuſetzen. Ich danke Dir, daß Du meinen Ermahnungen endlich Folge geleiſtet und bin vollkommen zufrieden mit Deiner Aufführung. Dagegen,“ hießnes in dem Schreiben weiter,„hat mir der Vetter Einiges über Dich mitgetheilt, welches ich nur mißbilligen kann und was mich ſehr betrübt. Du ſeiſt, behauptet der Vetter, gänzlich in die Hände Deines pie⸗ tiſtiſchen Buchhalters gefallen und auf dem beſten Wege ſelbſt ein Heuchler zu werden. Ja, ein Heuchler mein Freund, ich kenne jenes Volk und weiß genau, daß viele 4 * 81 von ihnen ihre fromme Redens⸗Arten und ihr Thun vor der Welt nur dazu gebrauchen, ſchlechten Lüſten und wohl⸗ bekannten Sünden den Deckmantel umzuhängen— nimm Dich in Acht, jener Herr Specht, der mir ein unſauberer Zeiſig zu ſein ſcheint, hat etwelche Abſichten auf Dich, überwache Deine Handlungen und thue nur das, was Du mit dem Gewiſſen eines redlichen Mannes und nicht mit dem Gewiſſen eines pietiſtiſchen Heuchlers vereinigen kannſt. Apropos, bald hätt' ich vergeſſen, Dir zu ſagen, daß Dein früherer Prinzipal, der Herr Reißmehl geſtorben iſt. Der Herr Philipp führt das Geſchäft auf ſeine Rechnung fort und iſt Vater eines geſunden Knabens.“ Mit dieſem Brief ſaß ich an demſelben Abend lange auf meinem Zimmer und dicke Thränen fielen auf das Papier; hatte der Vormund Recht, was konnte aber der Buchhalter von mir wollen? daß mir an ſeinem Betra⸗ gen manches räthſelhaft erſchien, geſtand ich mir wohl, ſo ſchrieb er auf ſeinem Zimmer viele Briefe an aus⸗ wärtige Handlungs⸗Häuſer, namentlich an unſer Amſter⸗ damer Haus und dieſe Briefe copirte er ſelbſt und ich mußte ſie ihm in letzterer Zeit auf die Poſt tragen, nach⸗ dem ich ihm das Verſprechen gegeben, Niemanden davon zu ſagen, auch erhielt er viele Briefe mit ſeinem Namen uny dieſe mußte ich auf der Poſt, wo ich die ganze Cor⸗ respondenz täglich abholte, ausſondern und ihm insge⸗ 1I 6 4 82² heim übergeben. Einmal hatte ich auf ſeinem Tiſch ein Schreiben liegen geſehen, worin ihm ein Bekannter an⸗ zeigte, er habe den Wechſel im Betrag von ſo und ſo viel richtig erhalten und ihm gut geſchrieben. Doch war an allem dieſem auch nichts Verdächtiges, der Herr Specht hatte ja die Procura des Hauſes und konnte wohl auf Befehl der Prinzipalin einzelne Geſchäfte, die im Comptoir nicht bekannt werden ſollten, auf ſeinem Zimmer abmachen. Nur etwas war mir eines Abends, als wir beiſam⸗ ſaßen, aufgefallen, daß nämlich der Buchhalter mir einen Brief mit der Unterſchrift der Madame Stieglitz vorlegte und dazu ſagte:„unſere Prinzipalin hat eine eigene, krizliche Handſchrift, halb Männer⸗ halb Frauenhand, die Schriftzüge derſelben haben mit Ihrer Schreibart eine merkwürdige Aehnlichkeit, ſchreiben Sie mir doch des Spaßes halber einmal die Unterſchrift nach;“ ich that, wie mir geheißen und brachte ſie täuſchend ähnlich her⸗ vor. Er warf das Blatt in eine Mappe und wir ſpra⸗ chen nicht mehr davon. Lange Zeit war ich unſchlüſſig, was ich mit dem Briefe meines Vormunds anfangen ſollte, ich ſchwankte, ob es beſſer wäre, ihn der Madame Stieglitz vorzulegen* oder ihn vertrauensvoll dem Buchhalter zu übergeben. Ich entſchied mich für das Letztere, der Herr ehahe pankte mir herzlich für meine Anhänglichkeit an ihn und b. 83 verſprach dieſelbe nach ſeinem beſten Willen zu belohnen. „Sehen Sie,“ ſagte er mit aufgehobenen Augen,„der Unſchuldige muß viel leiden“ und ſetzte mit feierlicher Stimme hinzu:„Herr ſchaffe mir Recht, denn ich bin unſchuldig, ich hoffe auf den Herrn, darum werde ich nicht fallen.“ „Ihre Offenheit,“ fuhr er mit ſanfter Stimme fort, „hat mir bewieſen, daß ſie auf dem wahren Wege des Heils der ſüßen Gnade entgegenwandeln. Es iſt an der Zeit, daß ich einen Schritt weiter thue und ſie einführe in jene gottgefälligen Verſammlungen, wo mit warmem Herzen und mit heißem Munde das Lob des Herrn ver⸗ kündet wird, lieblich und wohlgefällig der Seele. Hal⸗ ten Sie ſich deßhalb bereit, nächſten Freitag Abend mit mir auszugehen, für die Erlaubniß hierzu werde ich ſchon ſorgen. Gute Nacht mein Lieber, Hoffnung und Vertrauen!“ „Mein Fuß geht richtig, ich will Dich loben Herr! in den Verſammlungen.“ VIII. Die Betſtunde. In einem der entlegenſten Theile der Stadt, am Ufer des kleinen Fluſſes, der an der Hauptſtraße jenes Viertels vorbeifließt, lag ein kleines Haus, aus welchem der Vorüberwallende oftmals, beſonders des Freitags Abends geiſtliche Lieder erſchallen hörte, die darin geſungen wur⸗ den. Dieſes Haus gehört einem Färbermeiſter, einem von der Gnade vollkommen durchdrungenen Manne, der ſein Geſchäft nicht mehr fortſetzte, da er den ganzen Tag Viſionen hatte, deren Glanz und Pracht ſein Auge ſo verdunkelte, daß er nicht mehr im Stande war, irdiſche Farben zu erkennen, und alſo zu ſeinem Geſchäft voll⸗ kommen untauglich war. Der Mann hatte ſich einen kleinen Weinſchank zugelegt, und böſe Zungen behaupte⸗ ten, er ſei ſelbſt ſein eifrigſter Kunde, deßhalb den gan⸗ zen Tag betrunken, aus welchem Zuſtand auch ſeine Viſionen ſtammten. Dem ſei nun, wie ihm wolle, die 2 Gemeinde der Auserwählten hielt ihn für ein erkornes Rüſtzeug und da der Mann trotz ſeines Weinſchanks täglich mehr zurückging, ſo miethete man, um ihn eini⸗ germaßen unter die Arme zu greifen, den obern Stock ſeines Hauſes und ließ dort ein paar große Zimmer zu Bet⸗Verſammlungen einrichten. Wer in jenem Stadt⸗Viertel keine Geſchäfte hatte, ließ ſich, namentlich des Abends, dort nicht ſehen; über den ziemlich breiten Fluß drang nicht Klang noch Geſang ans andere Ufer und dort hinaus befand ſich ein zweiter Betſaal, wohin ſich die Gemeinde ſpäter zu⸗ rückzog, damit profane Ohren auf der Straße nichts von dem Jauchzen des Hallelujahs vernähmen. Der Färbermeiſter hatte, um keine Gäſte aus der niedern Klaſſe in ſeinem Lokal zu haben, für ſehr guten und theuren Wein geſorgt und ſo ſaßen in ſeinem Hauſe nur ausgewählte und feine Leute, oben nach dem leben⸗ digen Born himmliſchen Waſſers, unten nach dem gol⸗ denen Born guten Weins trachtend. Letztere beſtanden aus alten Kaufherrn, aus üppigen Commis, Handlungs⸗ Reiſenden und jungen Beamten, doch war die Anzahl der Gäſte immer klein, da man von einem Stammgaſt eingeführt ſein mußte. In die Wirthszimmer gelangte man von Seiten der Straße auf einer dunklen Hausflur, in die Betzimmer aber über eine kleine Altane an der Seite des Fluſſes, welche auf die Treppe zum erſten Stock 2 5 1 86 führte und auf dieſe Art war hinlänglich dafür geſorgt, daß die Kinder Israel von jenen Genoſſen des Weins und der Sünde nicht geſehen wurden. Was den Freitag Abend anbelangt, ſo hatte der Fär⸗ bermeiſter die ſtrengſte Weiſung, alsdann ſeine Gaſtſtube geſchloſſen zu halten und durfte derſelbe keine Kunden empfangen, doch umging er dieſes Gebot, indem er ſei⸗ nen Stammgäſten ein kleines Gemach nach dem Fluſſe hin einräumte wo ſie ſich ruhig verhalten mußten. Nachdem ich dem Herrn Specht das feierliche Ver⸗ ſprechen geleiſtet, keinem aus der Familie meines Vetters etwas davon zu ſagen, daß ich begnadigt worden ſei, die Verſammlungen der Frommen zu beſuchen, nahm er mich den nächſten Freitag Abends gegen 7 Uhr mit ſich. Wir kamen in jenes, für mich bis dahin ganz unbekann⸗ tes Stadt⸗Viertel und es dunkelte bereits, als wir über die Altane ſchritten, unter welcher das ſtille trübe Waſſer des Fluſſes melancholiſch dahinrauſchte. 9 Ich weiß nicht, warum ich mit klopfendem Herzen und ängſtlichen Gefühlen in die Verſammlung trat. Da ſaßen die Begnadigten auf einfachen Stühlen und Bän⸗ ken, Männer von jedem Alter, ſowie alte und junge Frauen. Da ich in der Stadt überhaupt wenig Bekannt⸗ ſchaften hatte, ſo ſah ich nur ein einziges Geſicht, das mir nicht fremd war, dasjenige meines Schuſters, der mich freundlich blinzelnd von der Seite anſah und faſt unmerklich 1 — 87 begrüßte; man überreichte mir ein Geſangbuch, ich ließ mich an der Seite des Herrn Specht nieder und auf ein gegebenes Zeichen fing die Gemeinde an zu ſingen: „Es iſt noch Raum, Mein Haus iſt noch nicht voll, Mein Tiſch iſt noch zu leer, Der Platz iſt da, wo jeder ſitzen ſoll, O bringt doch Gäſte her Und nöthigt ſie auf allen Straßen; Ich habe viel bereiten laſſen, Es iſt noch Raum. Es iſt noch Raum, Seht meinen Schaafſtall an, Wie breit die Wände gehen, Wie weit gegrünt, ſo weit man ſehen kann, Da große Hürden ſtehen; Mein Scepter und mein Buch des Lebens Hat nicht ſo vielen Platz vergebens, Es iſt noch Raum. So ging das Lied fort und wurde mit gefaltenen Händen in tiefer Andacht abgeſungen. Einige lehn⸗ ten ſich über ihr Buch, andere blickten begeiſtert zum Himmel, ich wußte nicht, in mir ſchien ſich die Gnade nicht regen zu wollen. Ich konnte mich nicht hineinden⸗ ken und befreunden mit den ſeltſamen ſchwülſtigen Bil⸗ dern dieſer Lieder, mir erſchienen jene unſeres Kirchenge⸗ ſanges ſchon innig und herzlich genug. Einige Verſe des beſanges wurden von der Gemeinde mit liſpelnder 8 88 Stimme vorgetragen, andere mit lautem Geſang, mit glänzenden Augen und erhobenen Händen. Es iſt noch Raum, Ach wären Augen da, O tiefer Liebesgrund, Kommt, ſeht hinein und ſingt rletaiaß Und macht es Allen kund, Erzählt das mächtige Erwarmen Und die weiten offenen Liebesarmen, Es iſt noch Raum. Nach dem letzten Verſe, ich glaube, es war der ſechs und dreißigſte, wurde ein Augenblick ſtiller Andacht ge⸗ pflogen und darauf trat ein junger Mann ſchwarz ge⸗ kleidet, ein angehender hoffnungsvoller Candidat in die 4 Verſammlung, er hatte ein eingefallenes hageres Geſicht, lange, blonde, flatternde Haare und ſeine Augen glänzten von einem wilden Feuer; er warf mit ſeiner weißen ma⸗ geren Hand die Haare hinter ſeine Ohren, während er ſprach:„Selig ſind, die zum Hochzeitmahle des Lammes berufen ſind— was für ein Jauchzen und Freudenge⸗ ſchrei wird da gehört, die Stimme einer großen Schaar, wie das Rauſchen vieler Waſſer, wie das Rollen ſtarker Donuer ertönt es: Laſſet uns freuen und frohlocken, denn die Hochzeit des Lammes iſt gekommen, ſeine Braut iſt geſchmückt zur Hochzeit— und wie geſchmückt! in glän⸗ der Seide, eine Seide nicht vom Seidenwurm— doch ———;—’—’:˖˖B—O—:—— 2.ͤ;— vom Baum, der ſie am Holze des Kreuzes wirkte und ſprach: ich bin ein Wurm und kein Menſch, in deſſen Seide, in deſſen Gerechtigkeit gekleidet, erſcheint die Braut bei ſeinem Hochzeitmahle. Sie wird ihr gegeben und ſie nimmt ſie und zieht ſie an und erſcheint in ſeinem Schmucke. Wie herrlich wird die Braut des Lammes daſtehen! Wie ſelig, wer dazu berufen iſt, und wer dabei erſcheinen wird in der glänzenden Seide ſeiner Gerechtig⸗ keit, im Hochzeitkleide! denn der Schmarozer, der kein Hochzeitkleid anhatte und deswegen wieder hinausgewor⸗ fen ward, iſt ohne Zweifel der Patron derer, die ſich die Gerechtigkeit Chriſti nur ſo zurechnen, ohne ſie anzuzie⸗ hen und in ihrem glänzenden Schmucke wirklich zu er⸗ ſcheinen. Wenn es heißt: es war der Braut gegeben, daß ſie ſich kleide in glänzender Seide, die Seide aber iſt die Gerechtigkeit des Heiligen, ſo iſt Beides wohl zu merken; erſtens, daß dieſes Kleid gegeben, geſchenkt, um⸗ ſonſt dargereicht werden muß, daß es ſich kein Menſch ſelber aus eigenen Kräften wählen kann und zweitens: daß aber die Heiligen es annehmen, ſich zueignen, an⸗ ziehen und darin wandeln. Darum heißt denn die Ge⸗ rechtigkeit Chriſti auch die Gerechtigkeit der Heiligen, weil ſie Jeſum Chriſtum ſeinen Sinn und Geiſt ange⸗ zogen, ſich eigen gemacht haben, und weil das ihr eifri⸗ ges Beſtreben auf Erden iſt, daß ſie ſich ſtets mit dieſer 4 Seide der Braut des Lammes ſchmücken auf den Tag des Bräutigams, um ihm zu gefallen. Ja, meine Freunde, ſüß und lieblich iſt das Begehen der Hochzeit des Lammes, ſüß mit dem Genoſſen und der Genoſſin, in deren Innerem verwandte Flammen ſchlagen, die im ſanften Bunde emporleuchten gleich himmliſchen Hochzeitkerzen, das Lamm iſt in uns und iſt die Gnade, der wir theilhaftig geworden ſind. O nähere Dich mir, Genoſſin, die Du im Geiſt und in der Wahrheit die Hochzeit meines Lammes mit mir begehen willſt, wirf von Dir alle Eitelkeit dieſer Welt, wirf von Dir alle Zurückhaltung und folge demüthig und bereit⸗ 3 willig der Stimme in Deinem Innern, fühlet ihr Ge⸗ liebte, wie warm und anmuthig die Gnadenflamme euer B Herz durchglüht, ja ihr fühlet es und fühlt auch, wie holdſelig es iſt, wenn ſich der Genoſſe und die Genoſſin 4 des Lammes zum Jauchzen des Hallelujah vereinigen. Seht, wie die Flammen des Opfertiſches ſich einander nähern und lieblich durcheinander flackern, ein gemeinſa⸗ mes erfreuliches Opfer.. O Genoſſin des Lammes, Du, die Du von mir er⸗ 5 wählt biſt, Du biſt das Kleid, das ſich zur Feier um mein Inneres ſchlingt, höre und merke Dir, dieſes Kleid 3 muß gegeben, geſchenkt, umſonſt dargereicht werden.“ So ſprach der junge Menſch und wenn er auch Worte ſagte, die ich verſtand, ſo war mir doch der Sinn ſei⸗ ner Reden gänzlich unverſtändlich, ich konnte mich ei⸗ nes eigenen Schauders nicht erwehren, wenn ich all' die glühenden Blicke um mich her bemerkte, die lechzend an ſeinem Munde hingen, ihnen ſchien der Sinn ſeiner Rede nicht zu entgehen, warum denn mir? Sollte das das Werk der Gnade ſein, die mir noch abging und je⸗ nen ſchon zu Theil geworden war; ich dachte an die Lehre des Buchhalters, in meinem Herzen ein Bild auf⸗ zuſtellen, das mir das Unverſtändliche ſchon klar machen würde. Unter den Reden des Theologen träumte ich wieder von der dunkeln Kapelle, von der großen Kirche, und die glühenden Worte, die er ſprach, tanzten rothe Blumen und zitternde vielfarbige Streifbilder um das Bild meiner Nichte Emma, das nach und nach in mir aufdämmerte. Doch ſchauten mich die großen, klaren Augen ſo ernſt und geiſterhaft an, daß ich erſchrocken zurückfuhr und alles wieder in Nacht und Finſterniß un⸗ terging. Der Redner hatte aufgehört zu ſprechen und ſank er⸗ mattet in ſeinen Stuhl, ein neues Lied wurde geſungen und darauf erhob ſich der Herr Specht von ſeinem Stuhle und ging, von meinem Bekannten dem Schuhmacher ge⸗ folgt, an den Reihen der begnadigten Kinder Israels vorher Der Schuſter trug auf einer ſilbernen Platte einen großen ſilbernen Krug und eben ſolchen Becher, welchen der Herr Specht vollſchenkte und jedem der Anweſenden zum Austrinken gab. Auch ich erhielt mei⸗ nen Theil und trank den ſüßen Wein, auf eine befehlende Miene des Buchhalters heftig hinunter. Wunderbar er⸗ wärmte mich das Getränk und mein Gehirn durchkreuz⸗ ten leuchtende Punkte. „Laſſen wir jetzt,“ ſprach der Candidat mit tiefer zitternder Stimme,„laſſen wir jetzt zur ſtillen Betrach⸗ tung ſchreiten. Die Verſammelten erhoben ſich, mehrere der anweſenden Weiber ſchlugen die Augen nieder, an⸗ dere blickten wild und verlangend um ſich. Der Schu⸗ ſter, welcher mir der Diener der Gemeinde zu ſein ſchien, 4 öffnete die Thür des Nebenzimmers, wo von der Decke eine Art Alabaſterlampe hing, deren Gehäus aber ſo dick war, daß kaum ſo viel Licht durchfiel, um die Ge⸗ ſtalten der Hineinwandelnden zu ſehen, ohne ſie erkennen zu können. Mich erfaßte eine unbeſchreibliche Angſt und das geheimnißvolle Dahinſchreiten erſchien mir grauſen⸗ haft, ja geſpenſterartig. Die Thür ſchloß ſich, die Lampe ſchien zu erlöſchen und durch die dünnen Vorhänge der Fenſter drang vom andern Ufer des Fluſſes her das un⸗ gewiſſe Licht der Gasflammen; unten rauſchte das rn d und man hörte in der Verſammlung nichts wie Flüſtern. Nach einiger Zeit erhob der Theolog ſeine Stimme und ſprach: „Siehe, meine Freundin, Du biſt ſchön, ſiehe ſchön biſt Du, Deine Augen ſind wie Taubenaugen zwiſchen 93 Deinen Zöpfen, Dein Haar iſt wie die Ziegenheerden, die beſchoren ſind auf dem Berge Gilead.“ Er ſchwieg und nach einer Pauſe ſagte eine andere Stimme: „Deine Zähne ſind wie die Heerden mit beſchnittener Wolle, die aus der Schwemme kommen, die allzumal Zwillinge tragen, und iſt keine unter ihnen unfruchtbar.“ Eine dritte Stimme fuhr fort: „Deine Lippen ſind wie eine roſenfarbene Schnur und Deine Rede lieblich, Deine Wangen ſind wie der Ritz am Granatapfel zwiſchen Deinen Zöpfen.“ Ein Vierter ſprach jetzt leiſe und murmelnd: „Deine zwei Brüſte ſind wie zwei junge Rehzwillinge, die unter den Roſen weiden.“ „Bis der Tag kühl werde,“ flüſterte eine Weiber⸗ ſtimme,„und der Schatten weiche, ich will zum Myr⸗ rhenberge gehen und zum Weihrauch⸗Hügel.“ Jetzt erkannte ich die Stimme des Buchhalters, der ſprach: „Du haſt mir das Herz genommen, meine Schweſter, liebe Braut, mit Deiner Augen einem und Deiner Hals⸗ 1 kette einer. 6 82 „Wie ſchön ſind Deine Brüſte, meine Schweſter, liebe Braut; Deine Brüſte ſind lieblicher denn Wein und der Geruch Deiner Salben übertrifft alle Würze.“ So ſummte und murmelte es um mich her in ſon⸗ — 94 derbar zitterndem Tone und mit eindringender haſtiger Stimme. Durch das Zimmer wehte ein eigener Wohl⸗ geruch und mir war zu Muth als hörte ich„den Nord⸗ wind und fühlte den Südwind, der durch den Garten wehte, daß ſeine Würze triefe.“ Ich hatte nicht gewagt niederzuſitzen, ſondern mich an das Ende einer Bank ge⸗ ſtellt und obgleich meine unerklärliche Bangigkeit immer zunahm, ſo hielt es mich doch auf dem Platze, ſo lange die ſummenden Stimmen nicht in meiner nächſten Nähe ertönten, jetzt aber flüſterte dicht neben mir eine Frauen⸗ ſtimme: „Ich ſchlafe, aber mein Herz wacht, da iſt die Stimme meines Freundes, der anklopft: komm herauf, liebe Freun⸗ din, meine Schweſter, meine Taube, meine Fromme, denn mein Haupt iſt voll Thaues und meine Locken voll Nachttropfen.“ Entſetzt wollte ich auf die Seite fahren, doch faßte eine Hand die meinige, und zog mich nieder auf die Bank. Mir ſauste es vor den Ohren, mein Herz pochte gewaltig, ich wollte davon und konnte nicht. Eine Zeit lang herrſchte ringsum tiefe Stille, dann vernahm ich die Stimme des Candidaten, der leiſe ſprach, ſo leſß, ⁸ daß ſeine Worte ein faſt unhörbares Geflüſter waren und doch verſtand ich ſie:„Mein Freund iſt hinabge⸗ gangen in den Garten,“ ſagte er,„zu den Würzgärtlein, 95 daß er ſich weide unter den Gärten und Roſen breche. — Hallelujah!“ „Hallelujah!“ ſummte die ganze Verſammlung und ich, der die Augen feſt geſchloſſen hatte, fühlte auf meinem Munde ein paar warme Lippen, die mich innigſt küßten.——— Erſchreckt ſprang ich empor, riß mich los, ſtolperte über Einige, die mir im Wege ſaßen und ſprang ſo hef⸗ tig gegen die Thür, daß das Schloß aufſprang und ich hochaufathmend die Helle des Vorzimmers wieder ſah. Hinter mir entſtand Geräuſch und allgemeiner Aufbruch, ich eilte auf die äußere Thüre und ſtürzte durch dieſelbe auf die Treppe, da ich eilige Schritte hinter mir hörte. Den mich Verfolgenden zu entgehen, ſprang ich die Stufe in großen Sätzen hinab, als ich mich von hinten gefaßt und feſtgehalten fühlte. Ich wandte mich unt und er⸗ blickte das blaſſe, verſtörte Geſicht des Herrn Specht, der mich am Arme feſthielt.„Wohin?“ rief er mit heiſerer Stimme und jener gewiſſe Strahl aus ſeinen Augen blitzte unheimlicher, als je auf.. „Fort, fort!“ rief ich ihm zu,„laſſen Sie mich gehen!“ „Er wird uns verrathen,“ flüſterte eine andere Stimme und ich erblickte neben mir den Candidaten, deſſen Augen häßlich durch die Nacht leuchteten.„Unbeſonnener Menſch,“ fuhr er zähneknirſchend zu dem Buchhalter gewandt fort, 96 „Jemand in unſere Verſammlungen zu bringen, deſſen man nicht ſicher iſt.“ „Er ſoll einen feierlichen Schwur leiſten,“ entgegnete der Buchhalter,„einen fürchterlichen Schwur, auf daß er uns nicht verrathe.“ „Ich ſchwöre nicht!“ ſchrie ich laut und entſchloſſen. „Du mußt!“ antwortete giftig der Candidat,„oder, bei Gott, wir werfen Dich in's Waſſer.“ Die Beiden packten mich an der Schulter, ich aber faßte krampfhaft die Lehne der Altane und ſchrie um Hülfe. Einen Augenblick waren die Beiden unentſchloſ⸗ ſen, da öffnete ſich der Fenſterladen der Wirthsſtube, es ſchaute Jemand heraus und als dieſer bemerkte, daß die Beiden mich beim Kragen hatten, rief laut eine mir be⸗ kannte Stimme:„laßt den Burſchen los, Ihr Nacht⸗ Eulen oder ich werf' Euch mein Meſſer in die Rippen, daß keiner von Euch das Tageslicht wieder ſehen ſoll. Fort Hallunken, ich komme ſchon!“ Ich erkannte zu meine höchſten Schrecken die Stimme meines Prinzipals, Herrn Stieglitz, riß mich los, ſprang auf die Straße und eilte davon, ſo ſchnell mich meine — 8½ Beine trugen. 5⸗ 5⸗ Ein Stern in dunkler Nacht. F Es mochte ungefähr zehn Minuten dauern, als ich das entlegene Stadtviertel, aus welchem ich herkam, wo die Straßen ſo öde und leer waren, hinter mir hatte; ich ging langſamer, denn ich hörte, daß ich nicht verfolgt wurde, auch ſah ich hier in den volkreicheren Straßen noch viele Menſchen; es mochte neun Uhr ſein. Sollte ich nach Hauſe gehen? es ſchien mir ſchon ſpäter zu ſein, als es wirklich war und ich fürchtete mich vor dem Empfang der Madame Sti enn was ſollte ich ſa⸗ gen, ſollte ich den Buchhat mir wurde wahr⸗ ſcheinlich nicht geglaubt, un hatte derſelbe auch Mittel genug an der Hand, mil be Böſe, das ich von ihm ausſagte vielfach zu vergelten. Im Innerſten mei⸗ nes Herzens wünſchte ich dem Herrn Specht alle möglichen Strafen, denn ich fühlte deutlich, daß er mich einen fal⸗ Farn Weg geführt, auch ſchwebte mir der Brief des 98 Vormunds vor Augen und ich fing an zu begreifen, wie Recht er gehabt, indem er mich vor dem Buchhalter warnte, ebenſo meine Nichte Emma und der Vetter mit ſeinem ſarkaſtiſchen Lächeln; der kannte ſie vielleicht genau, jene Heuchler mit Honig auf den Lippen und Gift im Herzen. Gott, wenn er mich auch zu jenen rechnete, und die kleine Emma? Es wurde mir jetzt klar, daß mich letztere ſchon ſeit längerer Zeit mit andern Blicken be⸗ trachtete, wie früher und nicht mehr ſo offen und freund⸗ lich gegen mich war. Dieſer Gedanke ſchlug mich vol⸗ lends darnieder, denn ich fühlte deutlich, ohne mir das Warum bewußt zu ſein, welchen Antheil der Beifall meiner Nichte auf meinen Fleiß und auf meine Auffüh⸗ rung gehabt. Wie herzlich drückte ſie mir die Hand, als ich bei meinem erſten Beſuch den erſten Brief der Madame Stieglitz überbrachte, und obgleich ich ſpäter viele größere Zeichen meiner guten Aufführung vorlegte, ſo entlockten ihr dieſelben doch nicht mehr das frohe herzliche Lächeln, wie Tage.— Ich war recht unglücklich— Unter dieſen Poſt und ſah dem auf dem Hofe derſelben ei⸗ nige Augenblicke gedankenlos zu. Der Eilwagen einer der größeren Routen fuhr ſo eben ſchwankend in den Sof, der Poſtillon blies, die Pferde ſchlichen daher, dampfend und mit geſenkten Köpfen, neugierige Blicke 4 3 4 in ich in die Nähe der — 99 der Reiſenden an den Fenſtern des Wagens betrachteten die dunklen Häuſer der Stadt und ich ſah deutlich jedes Geſicht, als der Eilwagen bei den Gaslampen des Ein⸗ gangs vorbeifuhr. 3 Jetzt hielt der Poſtillon mitten im Hofe, der Con⸗ ducteur ſprang heraus, öffnete den Schlag, die einge⸗ ſperrten Paſſagiere ſtiegen aus, froh des Reiſeziels und der wiedergewonnenen Freiheit. Es war von jeher eines meiner größten Vergnügen, die Ankunft des Eilwagens abzuwarten, die Reiſenden zu betrachten und mir alsdann allerlei Phantaſien zu machen. Wie viel Wünſche, Hoffnungen, Erwartungen waren nicht ſchon in dieſen Kaſten eingeſperrt und wie verſchiedenartig geberdeten ſich die Ausgeſtiegenen, gemäß dieſer Erwartungen und Hoffnungen. Hier ſtehen mehrere Leute, die einen lieben Bekann⸗ ten erwarten und ſchon, indem der Wagen hereinfährt, wird für und wider geſtritten, oh der, welcher ankommen ſoll, wirklich darin iſt.„ Labriolett iſt er nicht,“ ſagt eine ältliche Frau⸗ ſlaube doch, Mama“ entgegnet ein junges Mädchen abe eine graue Rei⸗ ſemütze geſehen, wie ſie mein Schiwager trug als er zum letztenmale bei uns war.“„Geh doch“ ſagt eine Dritte, „der mit der grauen Mütze war ein alter dicker Herr“ und zwei kleine Buben meinen,„der Schwager würde wahrſcheinlich im Wagen ſelbſt ſitzen.“ Die ganze Ge⸗ 100 ſellſchaft trippelt in den Hof, die Mutter fragt den Con⸗ dukteur nach ihrem Schwiegerſohne, welcher mit ſeinen Briefpaketen beſchäftigt, nicht Zeit hat, nach dem Er⸗ wünſchten zu ſehen und die Achſeln zuckt. Der Mann mit der grauen Reiſemütze iſt wirklich ein dicker alter Herr und nicht der Erwartete. Er iſt mit allen Reiſe⸗Requiſiten verſehen, trägt unter dem lin⸗ ken Arm ein Sitzkiſſen, unter dem rechten einen Fußſack und raucht gleichmüthig ſeine Cigarre, er hat keine Eile, denn er will in einer Stunde weiterfahren. Da er aber ein höflicher Mann iſt, ſo ſagt er zu der alten Frau: „Madame, es kommen noch einige Beichaiſen, vielleicht iſt dort die Perſon, welche Sie ſuchen.“ „Es kommen noch Beichaiſen,“ ſagen die kleinen Buben und die hoffende Familie bleibt auf's Neue. Jetzt ſind auch ein paar Damen dem Wagen entſtie⸗ gen, jede hat unter jedem Arm eine große Schachtel und jede hat in jeder Hand extra eine andere Schachtel, ſie ſtellen dieſe acht Schachteln auf den Boden und ziehen noch erſchrecklich vi ans Licht der Laterne. Aus den Wagenta Sitz haben ſie chtſa Sonn⸗ und Regenſchirme, Shwals, Mäntel, rſcen und noch zwei ganz kleine Schachteln. Wenn man alle dieſe Gegenſtände vor dem engen Wagen liegen ſieht, mit den Paſſagieren daneben, ſo begreift man in der That nicht, wie eine ſolche Menge dem Sitz und unter dem 10l von Menſchen und Effecten in einem ſolchen Raume Platz hatte. Beide Damen ſchauten ſich erwartungsvoll auf dem Poſthof um und ſehen betrübt, daß noch Nie⸗ mand für ſie da iſt. Sie ſind nicht mehr in der erſten Jugendblüthe und deßhalb des Wartens ſchon gewöhnt —„Gott“ ſagt die eine„ich weiß in der großen Stadt keinen Weg und wenn man uns nicht abzuholen kommt, ſo ſind wir wahrlich in Verlegenheit.“ „Ja,“ ſagt die andere,„ſehr in Verlegenheit.“ Ein Dienſtmädchen kommt eilig daher und leuchtet Jedem der Anweſenden mit einer großen Laterne unter die Naſe, auch ſie hat nicht gefunden, wen ſie ſucht und wartet nun ebenfalls geduldig auf die Beiſchaiſen. Die eine der alten Damen mit den vielen Schachteln ſeufzt und ſpricht zur andern:„habe ich doch gewiß geglaubt, das Mädchen ſei zu uns geſchickt, wenn man uns nur nicht vergißt.“ Der höfliche, dicke, alte Herr fühlt ſich auch hier wieder berufen, ein Wort des Troſtes zu ſpenden, indem er ſagt: „unbeſorgt meine Damen, den Eilwagen iſt heute Abend außergewöhnlich früh gelongen, gen wird Sie nicht ſo bald erwarten.“) 8— Jetzt blaſen in der Entfernung die Beiwagen und das Geklatſch der Peitſchen ſchallt durch die nächtlich ſtillen Straßen, auf dem Poſthof geräth Alles in Be⸗ wegung, ja die Frau eilt mit ihrer Geſellſchaft ans Thor, die erſte Beichaiſe kommt herein, ein Wagen ſo 10² groß wie der Hauptwagen und die beiden Buben müſſen von einem Poſtoffizianten bei Seite gezogen werden, dent ſte bezeichnen durch ihr unbändiges Freudengeſchrei, daß der erwartete Schwager im Wagen ſitzt, und ſpringen beinahe unter die Pferde.—„Julius, Wilhelm’“ kreiſchte die Mutter,„wollt Ihr gleich herkommen!“„Der Schwa⸗ ger!“ ruft das eine der Mädchen und dieſer ſchreit aus dem Wagen„Guten Abend!“ Der Poſtillon flucht und klatſcht, der Hund des Condukteurs bellt und die beides alten Damen ſchreien entſetzt auf, da der ankommende Beiwagen ihre Schachtel⸗Pyramide geſtreift hat und die koſtbaren Stücke im Hof umherrollen. Es iſt eine all⸗ gemeine Verwirrung, die Beichaiſen entleeren ſich ihres Inhaltes, der Schwager wird von der überglücklichen Fa⸗ milie, nachdem ſich alle geküßt, im Triumph fortgeſchleppt. Julius und. Wilhelm erliegen faſt unter der Laſt eines koloſſalen Mantelſackes und einer rieſenhaften Hutſchach⸗ tel, die ſie aber eigenhändig nach Haus zu ſchleppen für eine große Ehre halten. Aehnliche Scenen wiederholen ſich auf dem ganzen Poſthof, hier ein herzlicher Empfang, dort ein ziemlich kühler. Die Magd mit der großen Laterne leuchtet noch⸗ mals ſämmtlichen Ankommenden in das Geſicht und will davoneilen. Alles hat ſein Theil gefunden, bis auf die unglücklichen alten Damen, die inmitten ihrer Schachteln. verzweiflungsvoll das Schlachtfeld behaupten.„Du,“ 3 103 ſagt die eine,„fragen wir die Jungfer mit der Laterne, Sob ſie nicht das Haus unſeres Bruders weiß,“ geſagt, 8 5 gethan; die andere hält die Davoneilende feſt und nennt den Namen ihres Bruders. „J Du mein Gott,“ ſagt das Mädchen,„das iſt ja meine Herrſchaft, der Herr Kanzleirath ſind unwohl und haben mich abgeſchickt Sie zu holen, ich habe Sie wahr⸗ 3 haftig nicht gekannt;“— neues Erſtauenn, ſeliges 5 Entzücken. Die Magd wird mit den Effekten der beiden Damen beladen und ſieht aus, wie eine wandernde Schach⸗ 3 telhandlung, die eine der Damen trägt die Laterne und ſo ziehen ſie dahin, die lange Erwarteten und endlich Gefundenen. Was zuruckbleibt, iſt nicht der Rede werth, es ſind entweder Leute, wie der höfliche, dicke alte Herr, die weiter reiſen oder ledige Menſchen, die ihre Effekten dem Hausknecht anvertrauen und im Weggehen überle⸗ gen, was ſie zu Nacht ſpeiſen wollen. 3 3 Auf dem Poſthof wird es leer und ſtill, die Lichter der Wagen und die Stalllaternen der Poſtoffizianten werden ausgelöſcht, die Fenſter der Bureau's verfinſtern ſich bis auf eines, wo der wachthabende Sekretair ſitzt, die Schritte der davoneilenden Paſſagiere verhallen all⸗ 4 mählig in der Straße, der alte Herr mit der grauen Reiſemütze ſteckt ſich eine andere Cigarre an und klettert 1 in den abfahrenden Wagen. Der Poſtillon bläst:„Noch iſt Polen nicht verloren,“ die Uhr ſchlägt zehn, der Con⸗ ⁵ —— — 8* 8 104 dukteur ruft;„Fort!“ und der Wagen fährt in die Nacht hinaus.— 3 3 Da ſtand ich denn wieder allein an meinem Eckſtein und für mich hatten die ankommenden Wagen nichts ge⸗ bracht,„hätte ich nur ein einziges bekanntes Geſicht ge⸗ ſehen, die Großmutter, ſelbſt der Vormund, ja ſogar die Schmiedin wäre mir willkommen geweſen. Mit einem tiefen Seufzer ging ich davon und ſo kleine Schritte ich auch machte, immer näher kam ich dem Stieglitz'ſchen Hauſe. Ich hatte mich an der andern Seite der Straße gehalten und erreichte ſo das offenſte⸗ hende hellerleuchtete Portal des Gaſthofes, der unſerem Hauſe gegenüber lag. In der Flur deſſelben ſtanden Kellner mit den Servietten auf dem Arm und Lichtern in der Hand um einen großen Haufen von Reiſeeffekten und der Oberkellner handhabte die große Glocke und rief die Nummern der Zimmer ab, welche den Gäſten an⸗ gewieſen wurden. 1 4 Ich ſtarrte in das Gewühl, als plötzlich, wie ein Stern in dunkler Nacht, eine Stimme mein Ohr traf, eine tiefe Baßſtimme, welche die Worte ſprach:„Theu⸗ erſter Hausknecht, laden Sie meinen Koffer auf, ich habe jetzt lange genug unter dem Hauſe geſtanden.“ Ich trat 3 auf den Sprecher zu und als ich ſeinen Namen rief, als ich ſagte:„Herr Doktor Burbus!“ traten mir die dicen Thränen in die Augen. „Gott ſteh' mir in allen Gnaden bei!“ rief der Dok⸗ tor, denn er war es,„lieber Freund, ſind Sie es wirk⸗ lich, woher des Weges in ſo ſpäter Nacht? ich freue mich aber in der That und recht ſehr, Sie zu ſehen, ge⸗ hen wir hinauf.“ Er faßte ſeine Hand in der meinigen und bald wa⸗ ren wir in ſeinem Zimmer angekommen. Dort nahm er mich bei den Schultern, küßte mich herzlich und blickte mir kopfſchüttelnd in's Geſicht.„Theuerſter Buchhalter,“ ſprach er nach einer Pauſe,„hoffnungsvoller angehender Seidenfabrikant, wie geht es Ihnen? mir ſcheint nicht zum Beſten, denn Ihr Geſicht iſt blaß und verſtört und wenn ich Ihren Puls ergreife, ſo deutet mir ſein hef⸗ tiges Pochen einigermaßen auf bedeutende Gemüths⸗Be⸗ wegung.“ „Lieber Doktor,“ entgegnete ich ihm beruhigter, denn da ich den alten Freund gefunden, war mir eine Cent⸗ nerlaſt von der Seele gefallen,„mir geht es gut und ſchlecht.“ „Das wollen wir,“ ſagte Burbus,„in einer ausführ⸗ lichen Erzählung erfahren, haben Sie ſchon zu Nacht gegeſſen?“ „Nein,“ entgegnete ich und alsbald beſtellte er ein kleines Soupé und ſchon das erſte Glas eines guten Weines löste mir die Zunge und ich erzählte ihm zuerſt, was ſich ſeit ſeinem räthſelhaften Verſchwinden auf der 106 Mühle begeben, dann meinen Eintritt in das Haus Stieglitz und Comp. und vertraute ihm mit aller Um⸗ ſtändlichkeit Alles, was ſich dort mit mir begeben, meine gute Aufführung im Geſchäft, das Wohlwollen der Prin⸗ zipalin, die Bekehrung durch Herrn Specht bis zu den Scenen von heute Abend. Der Doktor war während meiner Erzählung aufge⸗ ſtanden und ging, die Hände auf dem Rücken, mich auf⸗ merkſam anhörend auf und nieder.„Das ſind ja,“ ſagte er, als ich geendet,„ganz merkwürdige und höchſt verfluchte Geſchichten. Die Sache hat etwas Reißmehli⸗ ſches und der Herr Specht ſcheint mir ein Philipp in der ſchlimmſten Potenz. Wir müſſen genau überlegen, was da zu thun iſt.— Verklagen Sie den Buchhalter bei der Prinzipalin, ohne vollgültige Beweiſe gegen ihn zu haben, ſo läugnet er Ihnen nicht nur Alles rund von der Naſe hinweg, ſondern er ſtellt Zeugen auf und ſagt, er habe Sie heute Abend in einem verdächtigen Stadt⸗ Viertel in einer ſchlechten Kneipe geſehen, habe Sie er⸗ mahnt, nach Hauſe zurückzukehren und Sie ſeien ihm entlaufen, o ich kenne ſolche ſchlechte Kerle— wo woh⸗ nen Sie eigentlich, Befliſſener der edlen Modewaaren⸗ handlung?“ „Dort gegenüber,“ ſagte ich und trat mit dem Doktor ans Fenſter. „Ci, ei,“ lachte Burbus,„mir gegenüber, gerade wie I9, damals im Reißmehl'ſchen Hauſe,“ er lehnte ſeinen Kopf an die Scheiben und ſagte ernſt und nachdenkend:„das war eine trübe Zeit, Gott ſei Dank, ſie iſt vorüber,“ und lachend fügte er hinzu, jener Zeiten gedenkend: „wenn Sie mich heute Abend verlaſſen, ſo müſſen Sie ſchon den Weg durch die Thür nehmen, denn da hin⸗ über reicht keine Planke.“ Auch ich vertiefte mich in das Andenken früherer Taͤge und dachte jenes nächtlichen Luftritts, doch war ich heute wieder, freilich auf ganz andere Art, in ähn⸗ licher Lage, dort drüben lag das Haus meines Prinzi⸗ pals nächtlich finſter, kein Fenſter erleuchtet und ich wußte ebenſo wenig wie damals, auf welche Art ich mich hineinſchleichen ſolle. Auf einmal ſah ich unten an der Thür des Stieg⸗ litzſchen Hauſes Jemand vorbeiſchleichen, die Geſtalt ſah hinauf, ging bei der Thür vorüber und kehrte wieder um. Richtig! es war der Buchhalter Herr Specht, ich zeigte ihn dem Doktor, der in ein unmäßiges Gelächter ausbrach,„ah, ah, nächtlicher Kamerad,“ ſprach er, „Sohn der Finſterniß, ſehen Sie, wie das böſe Gewiſſen dort umzieht, ein Geſpenſt, das ſich ſelber fürchtet und nicht zur Ruhe kommen kann, eine richtige Ahnung ſagt ihm, daß Sie noch nicht daheim ſind und nun lauert er auf Sie, um Ihnen ein paar paſſende Worte zu ſa⸗ gen und ſich ſicher zu ſtellen, daß Sie ihn nicht ver⸗ an die Hausthür und dann wollen wir dem Phantom Bedingungen machen. Vorab ſoll er aber warten, bis es uns gefällig iſt, ſetzen wir uns, trinken wir unſern Wein, ich will Ihnen erzählen, wie es mir ergangen iſt.“ Man kann ſich denken, wie begierig ich darauf war, des Doktors Erzählung zu vernehmen, das Bild der gu⸗ ten Sibylle ſchwebte mir vor und ich hatte ſchon ihren Namen auf den Lippen, als der Doktor aus ſeiner Brief⸗ taſche ein Schreiben nahm und es mir zum Leſen gab. Das Schreiben war vom alten Müller und lautete fol⸗ gendermaßen: „Mein lieber Herr Doktor! Erſt heute hat mir meine Tochter Sibylle die Briefe vorgelegt, welche Sie ihr ſeit einem Jahre geſchrieben und ich erſehe daraus, daß Sie Ihre Studien zu Ende gebracht und ſich nach gut beſtandenem Examen in E. als Arzt niederlaſſen wollen. Zugleich hat ſie mir das Schreiben an mich gegeben, worin Sie um die Hand meiner Tochter anhalten; Sie wiſſen, daß ich nicht viel Worte mache und ſage deßhalb: Ja und Amen! auch die Mutter iſt einverſtanden und wir erwarten Sie, um das Nähere mit Ihnen zu beſprechen.“ Nachdem ich dieſen Brief geleſen, reichte ich dem Doktor gerührt die Hand, wir nahmen die Gläſer und ſtießen herzlich an. „Ich komme nun ſo eben von der Mühle“ ſagte Burbus heiter,„und habe dort erſt erfah⸗ ren, daß Sie hier ſind. Die Mutter und Sibylle, Els⸗ beth, Franz und Caspar haben mir tauſend Grüße an Sie mitgegeben, ſich aber zugleich beklagt, daß R weder geſchrieben, noch ein einzigesmal zum Beſuch gekommen ſeien. Der Vater dagegen meinte, er habe mit Ver⸗ gnügen gehört, daß Sie fleißig ſeien und Ihrem Prinzi⸗ pal zum Danke leben, zugleich habe er aber vernom⸗ men, daß Sie,“ ſetzte der Doktor lachend hinzu,„Spech⸗ tianer geworden, und wenn das wahr ſei, ſo wäre es ihm nach allen Seiten hin recht, wenn Sie die Mühle mit Ihrem Beſuche verſchonten.“ 4 Das that mir wehe, und der Doktor hatte alle Mühe, mich zu tröſten.„Sie werden,“ fuhr er fort,„aus dem Briefe des Vaters erſehen, wie ich meine Zeit nach dem Verſchwinden aus der Mühle angewandt; ich kann Sie verſichern, daß ich fleißig war und furchtbar gearbeitet habe, auch dabei höchſt erbärmlich gelebt, meine Kammer gegenüber dem Reißmehlſchen Hauſe war ein Staatsge⸗ mach gegen die Appartements, welche ich wegen Ueber⸗ fluß an Geldmangel genöthigt war, zu bewohnen. In der Univerſitäts⸗ und Reſidenzſtadt B. habe ich promo⸗ virt und, einem alten Collegen aushelfend, practicirt, und mir dort ſo viel gewonnen, daß ich hier im Stande bin, ſo wie Sie mich vor ſich ſehen, anſtändig aufzu⸗ treten und mich beſcheiden häuslich einzurichten. Die o. gute Sibylle iſt keine vornehme Dame und wird mit dem vorlieb nehmen, was wir haben.“ Herzlich wünſchte ich dem Doktor Glück, daß er end⸗ lich einen ſicheren Hafen erreicht und herzlich freute ich mich über das Glück meiner guten Sibylle; wir tranken auf eine glückliche Zukunft, die Burbus auch mir prophe⸗ zeihte, unſere Gläſer leer und der Doktor meinte, es ſei jetzt Zeit, das fromme Geſpenſt drunten zu erlöſen. Wir gingen hinunter, rings war es finſter und öde und ein veränderliches Herbſtwetter herrſchte in den Stra⸗ ßen, ein heftiger Wind peitſchte einzelne Regenſchauer durch die Stadt, dichte Wolken bedeckten den Himmel und die Gasflammen flackerten ängſtlich auf und nieder. Richtig es war der Buchhalter, der die Straße auf⸗ und abſpähend vor dem Hauſe hin und wieder ging. Wir wollten ihm gerade entgegengehen, und mir war bei der Unterredung, die wir vor uns hatten, gerade nicht angenehm zu Muthe, als wir durch die Stille der Nacht einen unſichern ſchlürfenden Schritt hörten und bald darauf eine zweite Geſtalt ſahen, die unſicher hin und herwankend, ſich ebenſalls dem Stieglitz'ſchen Hauſe näherte. 1 3 Zu meinem größten Schrecken erkannte ich den Prin⸗ zipal und hielt den Doktor am Arme zurück. Der Buch⸗ halter ſtand gerade an der Hausthüre und der Herr Stieglitz, der ihn wohl zu bemerken ſchien, mochte glau⸗ ben, es mache ſich dort ein Dieb etwas zu ſchaffen und ſchlich ſich leiſe näher, um ihn zu überraſchen. Er kam dicht an dem Portal des Gaſthofes vorbei, in welches wir uns augenblicklich zurückzogen und als er ſeinem Hauſe gegenüber angelangt war, ſprang er auf den vermeintlichen Dieb mit einem ſolch ungeheuren Satze los, wie ich ihn dem alten Manne nicht zugetraut. Der Buchhalter, welcher ſich unvermuthet gefaßt und krampfhaft feſtgehalten fühlte, ſtieß den Angreifer von ſich und wollte entfliehen, plötzlich hörten wir ein heiſeres Gelächter, ſahen einen glänzenden Punkt wie einen fal⸗ ben Blitz durch die Luft fahren, ſahen den Buchhalter wanken und mit dem Ausruf:„Jeſus Chriſtus im Him⸗ mel!“ zuſammenſtürzen. Das heiſere Gelächter wiederholte ſich, der Prinzipal öffnete haſtig die Hausthür und als ſie aufflog, ſahen wir den Hausflur hell erleuchtet und Madame Stieglitz ſtand darin, ein Licht in der Hand. Was iſt geſchehen? rief die ernſte Frau mit zittern⸗ der Stimme, als ſie den Prinzipal mit wilden verſtörten Zügen ins Haus ſtürzen ſah, doch ſtarrte ſie derſelbe mit einem entſetzlichen Ausdruck an, ſpreitzte die Hände von ſich und ſagte mit troſtloſer Stimmen„ich hab' mein Meſſer nach einem Diebe geworfen, er liegt draußen.“ Bei dieſen Worten ſah ich, wie das Licht in der Hand der ſtarken Frau zitterte, doch gefaßt, wie ſie war, riß ſie an der Schelle der Dienerſchaft und führte den Prin⸗ 12 zipal nach ſeinem Zimmer. Der Doktor Burbus hatte den Buchhalter nicht ſobald niederſtürzen ſehen, als er auf ihn zuſprang, ihn aufrichtete und ins Haus führte. Ich ſprang hinter ihm drein, warf die Hausthür hinter mir zu, denn ich hatte bemerkt, daß ſich zwei Nachtwäch⸗ ter näherten; in dem allgemeinen Tumult aber, der in dem Hauſe entſtand, bei dem Rennen des Hausknechts und der Ladenjungfer, ſchlüpfte ich eilig auf mein Zim⸗ mer, brachte meine Kleider etwas in Unordnung, als ſei ich eben erſt dem Bett entſprungen und eilte zitternd ob all' dem Schrecklichen, das ich geſehen, wieder die Treppe hinab. 113 NRuhe ſanft! Unten im Hauſe herrſchte die gränzenloſeſte Verwir⸗ rung, die Prinzipalin, ſchon entſetzt durch den Gedanken, der Gemahl habe einen Dieb mit ſeinem Meſſer nieder⸗ geſtreckt, rang die Hände, als ſie entdeckte, daß dieſer vermeintliche Dieb Niemand anders, als der Buchhalter Herr Specht ſei. Die ſonſt ſo ruhige Frau war außer ſich, und dicke Thränen rollten unter ihren grauen Wim⸗ pern hervor. Der Verwundete lag in dem Zimmer an der Thüre, in demſelben, wo ich durch den Profeſſor vor⸗ geſtellt worden war. Den Hausknecht, der gerade zum Doktor ſtürzen wollte, hielt ich noch zu rechter Zeit auf, indem ich ihm bedeutete, eben der Herr lbelcher den Buch⸗ halter hereingeführt, ſei ein Arzt. Madame Stieglitz war durch dieß ſonderbare glückliche Zuſammentreffen beruhigt, denn ſie war überzeugt, daß es noch mehr Aufſehen gegeben hätte, wenn man den Kreis⸗Phyſikus, 1. 53 114 — den alten Hausarzt, mitten in der Nacht hätte wecken müſſen. Auch benahm ſich der Doktor Burbus mit ſol⸗ cher Umſicht und Ruhe, daß er das Vertrauen der Ma⸗ 1 dame Stieglitz gewann; glücklicherweiſe hatte er auch ſein Verbandzeug in der Taſche und nachdem die laut ſchluchzende, untröſtliche Ladenjungfer und der Hausknecht entfernt war, begab er ſich ans Geſchäft; auch mich wollte die Prinzipalin wegſchicken, doch meinte Burbus, der junge Menſch könnte ihm das Waſſerbecken halten, und ſo durfte ich dableiben. Die Verwundung des Herrn Specht war nicht gefähr⸗ lich, das Meſſer, von ſicherer Hand, aber in Dunkelheit geworfen, hatte ſein Ziel um wenige Zoll verfehlt und 5 die linke Seite etwas ſtark zerſchnitten, es war mehr der: Schrecken, verbunden mit der Aufregung, in der ſich der Buchhalter ohnehin befand, welche ihn niederwarf. Bald war der Verband kunſtgerecht angelegt, der Kranke bekam ein niederſchlagendes Pulver und ſomit wäre alles in Ordnung geweſen. fällig an der Thüre des Gaſthofes geweſen, als die Scene in der Straße vorfiel,„Madame,“ ſetzte er hinzu, „ich brauche Ihnen nicht die Verſicherung zu geben, daß ich eine Hauptpflicht des Arztes, Verſchwiegenheit, genau kenne und befolge. Die Sache iſt ein Unglück, ein Ver⸗ ſehen und man braucht darüber vor der Welt keine Ge⸗ 115 ſchichte zu machen, und wenn Sie,“ ſagte er leiſe und deutete auf mich,“ in jenen jungen Menſchen vollkommenes Vertrauen ſetzen, ſo ſchicken Sie ihn auf die Straße und laſſen ihn jenes unglückſelige Meſſer holen.“ „Ganz recht,“ entgegnete Madame Stieglitz, gab mir den Auftrag und ich ſprang auf die finſtere Gaſſe. Emſig mit Augen und Händen ſuchend, hatte ich bald ein Inſtrument entdeckt: es war das gewöhnliche Taſchen⸗ meſſer des Prinzipals, das er Abends, wenn er auszu⸗ gehen pflegte, einſteckte, es hatte eine ungefähr vier Zoll lange Klinge, und ich ſchauderte, als ich es in die Hand nahm, mir ſchien das Eiſen feucht, weßhalb ich es an meinem Taſchentuch abwiſchte und alsdann ſorgfältig zuſammenlegte. Mir kamen die Vorfälle des heutigen Abends wie ein wirrer geſpenſtiger Traum vor, jene Altane, auf welcher mir der Buchhalter und der Candi⸗ dat gedroht, mich ins Waſſer zu werfen, dann die Worte des Prinzipals, der uns nicht kannte und um mich von meinen Verfolgern zu retten, meinem Angreifer das Meſſer in die Rippen zu ſchleudern verſprach, was nun ſpäter, wenn auch durch ganz andere Veranlaſſung wirk⸗ lich geſchah.. Ich eilte ins Haus zurück, händigte der Prinzipalin das Meſſer ein, ohne daß es der Buchhalter bemerkte, der gerade im Begriff war, über ſein ſpätes Nachhauſe⸗ 8*. 116 kommen eine artige, aber recht fromme Lüge vorzubrin⸗ gen, die auch der Doktor mit dem gläubigſten Geſichte der Welt anhörte.„Ich nehme“ ſagte der Herr Specht, „dieſe leichte Verwundung aus der Hand meines verehr⸗ ten Prinzipals als eine Züchtigung Gottes für begangene Sünden, ach, es iſt ja kein Menſch fehlerfrei und mein größſter Schmerz iſt, daß ich Ihnen, geſchätzte Frau Prinzipalin, eine unruhige Stunde bereitet, ſowie jenem fremden guten Arzte und meinem kleinen Freunde da.“ Er ſah mich mit einem forſchenden Blick an und war ſichtlich beruhigt, als ich ihm erwiderte:„was mich an⸗ belangt, verehrter Herr Buchhalter, ſo verſichere ich Sie, daß es mir ein aufrichtiges Vergnügen macht, Ihnen einen kleinen unbedeutenden Dienſt leiſten zu können. Ich bin überzeugt, daß Ihre Wunde in wenig Tagen geheilt iſt und dann,“ ſetzte ich mit Betonung hinzu,„denkt ge⸗ wiß kein Menſch mehr an die Vorfälle dieſer Nacht.“— „Amen,“ ſagte der Buchhalter gerührt, Burbus lächelte ein klein wenig und Madame Stieglitz nickte mir freund⸗ lich zu. Von Burbus und mir unterſtützt, erhob ſich der Herr Specht, um zu Bette zu gehen. Madame Stieglitz voll⸗ kommen zufrieden, daß die Sache nicht ſchlimmer abge⸗ laufen ſei, rückte ihre Haube zurecht und ermahnte mich, mit einem innigen Gebete dem Höchſten zu danken, daß er vom Haus ein ſchlimmes Unglück abgewendet und — —.— —,— 117 bat den Doktor Burbus, doch morgen nach ſeinem Kran⸗ ken zu ſehen— da öffnete ſich langſam die Thür und herein trat der Prinzipal, angethan mit einem braunen, ſonderbar ausſehenden, Schlafrock, die rothe Mütze auf dem Kopf, in einer Hand trug er ein Licht, in der an⸗ dern einen türkiſchen Säbel. Ich, der zunächſt der Thür war, fuhr bei dieſem Anblick zurück und der Doktor, der dieſe ſeltſame Geſtalt erſtaunt betrachtete, ließ den „ Buchhalter auf einen Stuhl niederſitzen, Madame Stieg⸗ litz faßte die Tiſchecke, denn die arme Frau ſchien zu ahnen, was ſich begeben würde. Man mußte den Prinzipal genau kennen, um in die⸗ ſem langgezogenen leichenblaſſen Geſicht ſeine Züge wie⸗ der zu finden, ſtarr blickte er uns an und ſeine Augen glänzten von einem unheimlichen Feuer. „Es iſt mein Mann, der Herr Sticglitz,“ ſagte die erſchütterte Frau mit kaum vernehmbarer Stimme zuggem Doktor, der ſie fragend anſah. „Ja, Madame,“ ſagte der Prinzipal mit einer Stimme, deren Ton mir durch's Herz drang,„es iſt vielmehr Ihr Herr, deſſen ſtarke Hand die Räuber und Mörder von dem Eingange Ihres Gezeltes abwehrte, ſie darnieder⸗ ſtreckend mit mächtiger Hand. Mir aber ſagte die Stimme in meinem Innerk, daß man den Verbrecher hineingezogen in meine geheiligten Wände und wertn ich auch gerne Barmherzigkeit übe an Jedermäin ſo kann 118 ich doch nimmermehr zugeben, daß der Miſſethäter, den mein Schwert niederwarf, mit ſeinem Blut meine reine Schwelle beſudle.— Wo iſt der Todte?“ Nach dieſer Anrede faßte ſich der Doktor zuerſt und entgegnete:„Verehrter Herr, Sie ſind im Irrthum, Sie warfen Ihr Meſſer und glaubten einen Räuber zu tref⸗ fen und verletzten Ihren eigenen Buchhalter, der im Be⸗ griff war, nach Hauſe zurückzukehren.“ „Wo iſt der Todte?“ fragte auf's Neue der Prinzi⸗ pal und ſchaute ſich im Kreiſe ringsum. Der Buchhalter erhob ſich mühſam von ſeinem Stuhle und ſein Geſicht war faſt ſo bleich, wie das ſeines Chefs, „ich bin nicht todt,“ ſagte er weinerlich,„nur eine leichte Verwundung, Herr Prinzipal.“ „Nicht todt?“ entgegnete dieſer ſchrecklich lachend, „ei, ei, Spechtlein, Spechtlein, meine Hand iſt alt ge⸗ worden oder Du haſt ein zähes Leben, ſchade darum, doch fliehe mein Haus, Räuber.“ „Um Gotteswillen!“ ſchrie Madame Stieglitz und faßte die Hand ihres Mannes, in der er langſam und feierlich ſeinen Säbel erhob,„was ſoll das Alles be⸗ deuten?— es iſt ja Herr Specht, unſer getreuer und guter Buchhalter, den Du in underaiwurilichgr Wuth verwundet.“ 3 Der Prinzipal ſchüttelte lächelnd den Kopf,„unſer getreuer Buchhalter,“ ſagte er,„ſchau, ſchau, meine Hand 7 19. zuckte niemals nach einem Getreuen und Gerechten, mein Meſſer iſt ein verſtändiges und fühlendes Meſſer, und wo ich es nach einer menſchlichen Bruſt warf, und das kam ſchon mehrmals vor, meine Liebe, ſo war dieſe menſchliche Bruſt falſch und treulos, wie dieſe.“ Das letztere ſtieß er mit gellendem Ton hervor, der Doktor faßte ihn mit ſtarker Hand und hielt ihn an der Thür zurück.„Gehen Sie ihm aus den Augen,“ flüſterte er eilig dem Buchhalter zu, und dieſer, der bei einer be⸗ greiflichen Angſt vor allen ſcharfen Inſtrumenten in der Hand ſeines Prinzipals nun plötzlich allein gehen konnte, entfloh eiligſt durch eine Seitenthür; wir Alle ſprangen vor den Herrn Stieglitz, um ihn nöthigenfalls mit Ge⸗ walt zu halten, da wir fürchteten, er werde dem Ver⸗ wundeten nacheilen. Doch ruhig, faſt groß blickte er ei⸗ nen Augenblick auf die Thür, durch welche der Herr Specht verſchwunden und ſagte:„er fliehe, ſein Schickſal ereilt ihn doch, mir komme er aber nie mehr vor's An⸗ * geſicht.“ Er reichte mir die Waffe, die er in der Hand trug,„nimm dies Schwerdt, mein Page,“ ſprach er, „folgt mir in mein Gezelt.“ Darauf wandte er ſich um ———-— 8½ 6. und ging nach ſeinem Zimmer, den Doktor hatte er bei der Hand gefaßt und zog ihn mit ſich, ich folgte der Prinzipalin, den Säbel in der Hand, die mit gefalte⸗ nen Händen und wankendem Schritt hinter ihnen drein ging. 4 — 120 In ſeinem Zimmer angekommen, war der unglück⸗ liche Mann ſtill und folgſam. Der Doktor brachte ihn zu Bett, ließ ihm zur Ader, verordnete ihm Umſchläge und erklärte, die Nacht bei dem Kranken bleiben zu wol⸗ len. Madame Stieglitz kannte ich nicht wieder, ſie hatte ſich im Vorzimmer auf einen Lehnſtuhl niedergelaſſen und ſaß da regungslos und nachdenkend, den Kopf tief auf die Bruſt geſenkt. Bald entſchlief der Kranke und auf einen Wink des Doktors ging ich auf mein Zimmer. Den andern Tag durfte Niemand zu dem Prinzipal und ſelbſt der Kreis⸗Phyſikus, der von dem Apotheker etwas von dem Unfalle gehört hatte, wurde nicht vor⸗ gelaſſen und nur von der Prinzipalin empfangen, welche ihm ſagte, geſtern Abend ſei der Herr Stieglitz von ei⸗ nem Schlaganfalle getroffen worden und da ihn zufälli⸗ gerweiſe ein junger Arzt, der ſich ſeit Kurzem hier nie⸗ dergelaſſen, nach Hauſe begleitet, ſo wolle er Niemand anders als dieſen um ſich ſehen.„Sie kennen ja,“ ſetzte die Frau hinzu,„die ſonderbare Gemüthsſtimmung meines Mannes und wiſſen wohl, daß da nichts zu machen iſt.“ Der Kreis⸗Phyſikus, ein alter aber gutmüthiger Mann, kinderlos und ſehr reich, der die beſten Häuſer der Stadt nur noch ſo aus alter Gewohnheit beibehielt, und, weil er als ſtarker Schnupfer, in faſt jedem der⸗ ſelben eine große Schnupftabacksdoſe ſtehen hatte, auch —— bei einer ſchwachen Geſundheit des Nachts kaum zu be⸗ wegen war, ſeine Patienten zu beſuchen, hielt ſich des⸗ * halb mehrere junge Aerzte zur Aushülfe und war aus dieſen Urſachen auch über den neuen Eindringling im Stieglitz'ſchen Hzuſe nicht ungehalten. Der Verwundung des Buchhalters wurde gar nicht erwähnt, und nachdem ſich der Kreis⸗Phyſikus eine halbe Stunde mit der Prin⸗ zipalin unterhalten, die aber ſeinen luſtigen Geſchichten nur ein haͤlbes Ohr lieh, entfernte er ſich wieder. Nicht ſo leicht abzuweiſen war der Pfarrer Sproßer, welcher ſeinen geiſtlichen Beiſtand mit aller Gewalt auf⸗ und mit ſalbungsvollen Worten in das Krankenzimmer eindrang.—„Iſt auch unſer Wort,“ ſagte er mit ſiegrei⸗ chem Lächeln zur Madame Stieglitz,„bitter für manche Herzen und will nicht eindringen in manches Ohr, ſo iſt es doch für die Seele geſund und ſtärkend, und muß dem Kranken wie oftmals eine widerwärtige Arznei mit Gewalt eingeflößt werden, namentlich iſt meilt theu⸗ rer Freund, der verehrte Chef dieſes Hauſes,“ ſetzte er liſtig hinzu,„ſchon längere Zeit kränker an der Seele, wie er es an ſeinem Leibe je werden kann.“ Die Prin⸗ zipalin zuckte die Achſeln und ließ ihn ſein Heil ver⸗ ſuchen. Es dauerte aber nicht lange, ſo kam der Geiſtliche wieder zurück, etwas blaß und verſtörten An⸗ geſichtes. Der Doktor Burbus war gerade bei der Prin⸗ zipalin,„ich muß,“ ſagte Sproßer ſonderhar lächelnd, 2 122 „eine günſtigere Zeit abwarten, dann aber mit aller Kraft dahintergehen, eine Seele, die kräftiglichſt gefaßt iſt von den Krallen des Böſen, vom ewigen Verderben zu erretten. O Frau,“ ſetzte er mit erhobenem Blick hinzu,„ich habe gottesläſterliche Reden gehört und wäre faſt ein Opfer meines Berufs geworden— die Hand des Böſen regierte den Kranken und eine ſilberne Gabel, mit welcher derſelbe eingemachte Früchte verſpeiste, warf er nach meinem Haupte. Doch der Schirm des hohen Gottes, der beiſteht den Gerechten, lenkte ſie von mir ab. Laßt uns beten meine Freunde.“ Ein Lächeln zuckte über das Geſicht des Doktors, um aber gleich darauf dem grimmigſten Ernſt Platz zu ma⸗ chen.„Man hat Ihnen Hochverehrteſter bemerkt,“ ſagte er,„daß der kranke Mann heute nicht zu ſprechen iſt und wenn man zu Jemand eindringt, der geſtern beinahe einem heftigen Schlaganfall unterlag, ſo muß man ſich nicht wundern, wenn die aufgeregten Nerven dem un⸗ willkommenen Beſucher nicht gerade angenehme Dinge ſa⸗ gen, der Herr Stieglitz ſelbſt hat befohlen, Niemand vor ihn zu laſſen.“ Erſtaunt ſah der Prediger auf den Sprecher und wandte ſeinen Blick auf die Prinzipalin, dieſe zuckte aber⸗ mals die Achſeln. „Ich bin der Arzt,“ ſagte Doktor Burbus,„und 123 muß bitten, daß Niemand mehr zu dem Kranken gelaſſen werde, bis ich es erlaube.“ Herr Sproßer faltete die Hände und ſagte mit bitterem Tone:„ei, Madame Stieglitz, in Ihrem Hauſe macht ſich ein ſonderharer Geiſt bemerkſam— in dieſem Hauſe, das bis jetzt der Sitz der holdſeligſten Frömmigkeit war! —— Wie ich höre,“ ſetzte er lauernd hinzu,„liegt auch mein theurer, gottgefälliger Freund, der Herr Specht, an einer ſonderbaren Verwundung darnieder.“ „Allerdings,“ verſetzte der Doktor,„Verwundung ja — ſonderbar nein, doch darf derſelbe Beſuche annehmen und ſich der Gegenwart Euer Hochwürden ſo lange er⸗ freuen, als es ihm beliebt;“ damit öffnete er die Thüre und da die Prinzipalin, deren Geiſt ſehr beſchäftigt war, in ihrer Sophaecke ſitzen blieb und den Geiſtlichen mit keinem Worte aufzuhalten verſuchte, ſchoß derſelbe mit einem Giftblick zur Thür hinaus und ſchritt nach dem Gemach des Buchhalters. 4 Indeſſen ging im Laden und Geſchaft r Wiegkammer alles ſeinen gewohnten Gang fort, vbgleich das Factotum des Hauſes, der Herr Specht, außer Thä⸗ tigkeit war. Ich gab mir alle Mühe und war unge⸗ heuer fleißig, bis ſpät in die Nacht hinein ſaß ich über den Büchern, trug ein, correspondirte, machte im Auf⸗ trag det Prinzipalin Beſtellungen und hatte das ganze Geſchäft in der Hand. Der kranke Prinzipal hatte mir ſogar den Schlüſſel zu der Schublade eingehändigt, lin welcher ſich ſein Buch, ſein Harem, befand, und welches er mir dringend auf die Seele band. Auch mußte ich ihm alle paar Tage Vorträge darüber erſtatten und ſah ihn auf dieſe Weiſe hier und da. Sein Anfall von jenem Abend, jener eigentlich unbe⸗ deutende Rückfall des Wahnſinns, an dem er früher ge⸗ litten, war durch die Kunſt des Doktor Burbus nieder⸗ gehalten worden, doch konnten die Spuren deſſelben nicht mehr ganz verwiſcht werden. Sein Geſicht war und blieb dicht umflort und wenn auch ſelten heftige Auf⸗ tritte vorkamen, ſo waren doch die lichten Stunden, die er oft hatte, beſtändig ſchattirt mit einer tiefen Schwer⸗ muth oder mit einem verwirrten Andenken an ſeinen Aufenthalt im Morgenlande. Alsdann war ich ſein Page und mußte ihm häufig ein Capitel aus dem Ko⸗ ran vorleſen, der Doktor ſein Leibarzt, Ibrahim Efendi, und zum großen Entſetzen der Prinzipalin, die ſich all⸗ mählich wieder gefaßt hatte, verlangte er die Damen ſei⸗ nes Harems zu ſehen. Ibrahim Efendi, welcher einen Theil des Tages um den Kranken ſein mußte, war klug und taktvoll genug, um ſchon den erſten Tag nach jenem traurigen Ereig⸗ niſſe den Kreis⸗Phyſikus aufzuſuchen, ihm über den Zu⸗ ſtand des Kranken genau zu referiren und dem alten Manne zu ſchmeicheln, indem er ſeinen Rath verlangte. 125 Der Alte ein jovialer Mann, gewann den offenherzigen und geſchickten jungen Arzt bald außerordentlich lieb und da ihm ein guter Operateur abging, ſo benutzte er ihn bald zu den ſchwierigſten Geſchäften und verhalf ihm um ſo lieber zu einer guten Kundſchaft, als der Pfarrer Sproßer, den er mit ſeiner ganzen frommen Richtung bis in den Tod haßte, alles anwandte, um dem Doktor Burbus das Zutrauen der Leute zu entziehen. Der Buchhaltem aber genas ſchnell von ſeiner Wunde und es trieb ihn um ſo ſchneller von dem Krankenzimmer ins Geſchäft zurück, als er wohl bemerkte, wie ich von Tag zu Tag mehr in der Gunſt der Prinzipalin ſtieg und wie es mir nicht ſchwer wurde, die Geſchäfte des Hauſes auch ohne ihn zu führen.——— Der Prinzipal dagegen ging langſam dem Grabe zu und ſeine Krankheit, eine ſchnell fortſchreitende Auszeh⸗ rung, erlaubte ihm nicht mehr ſein Zimmer zu verlaſſen; der Name des Buchhalters durfte nie vor ihm genannt werden und auch er ſprach ihn nur noch ein einziges Mal aus, das war nämlich an ſeinem letzten Lebenstage, wo er mit klarem Geiſte eine lange Unterredung mit ſeiner Frau hatte. Dabei bat er, ſie möge ihm nicht nachtragen das Unrecht, das er ihr zugefügt und ihm verzeihen den Kummer, den er ihr während ſeines Le⸗ bens oft gemacht, dagegen warnte er ſie vondem Buch⸗ halter und ſtarb mit der Verſicherung, derſelbe ſei ein ſchlechter und heuchleriſcher Menſch!——— 82 M In dem Geſchäft änderte ſein Tod vor der Hand nichts, wenigſtens nichts, das mir zum Vortheil gereicht wäre, wohl aber zum Nachtheil. Die Prinzipalin zog ſich mehr und mehr zurück und überließ dem Buchhal⸗ ter, von deſſen Redlichkeit und Frömmigkeit ſie über⸗ zeugt war, alle Anordnungen. Ich wurde auf ein paar unbedeutende Bücher und die Wiegkammer beſchränkt. Der Pfarrer Sproßer kam mehr, wie je in's Haus und ich dagegen— den die Prinzipalin ſchon ſeit längerer Zeit mit„Sie“ anredete, auch hatte ſie mir ein klei⸗ nes Salair ausgeſetzt, von dem ich meine nothwendig⸗ ſten Bedürfniſſe beſtreiten konnte— beſuchte jetzt mit ihrer Erlaubniß faſt jeden Abend das Haus meines Vetters uDaß ich den Doktor Burbus dort eingeführt, und an Freund des Hauſes und Hausarzt war, fam man ſich leicht denken, das Stieglitzſche Haus dagegen hatte er verloren, denn nach dem Tode des Prinzipals ſandte ihm der Buchhalter Herr Specht im Namen der Prinzipalin ein bedeutendes Honorar und bemerkte ihm dazu, man würde ſich erlauben, es ihn wiſſen zu laſſen, ſobald man ſeiner Kunſt wieder be⸗ dürfe. Der Kreis⸗Phyſikus ſchnupfte bei dieſer Nach⸗ richt eine halbe Doſe leer und ſchwur zornig, er wolle gehenkt werden, wenn auch er je wieder in dies Pieti⸗ ſtenhaus ginge. — Auf der Wiegkammer. Die Wiegkammer iſt für die Fabrikation, was das Comptoir für das Handlungshaus iſt, die Seele des Geſchäfts, in der alle Lebensfäden zuſammenlaufen. Um vom Urſtoff anzufangen, ſo wird die rohe Seide, welche durch einen Mäkler von den großen Seidehändlern er⸗ kauft iſt, alsbald in das Magazin gebracht, die Bücher hierüber ſind aber auf der Wiegkammer, wo ſich auch Muſter von allen vorräthigen rohen Seiden befinden. Von der Wiegkammer erhält der Färber die Stoffe zu⸗ gleich mit den Farbenmuſtern und dorthin wird die ge⸗ fertigte Seide wieder eingeliefert. Der Name„Wieg⸗ kammer“ zeigt ſchon an, daß hier alles genau abgewo⸗ gen wird, es iſt auch mit der Seide nicht anders mög⸗ lich. Der Kettenſcheerer, das iſt der Mann, welcher zum Stoff die Kette zurichtet, erhält ſein Quantum zugewo⸗ gen und muß die fertige Kette nach Abzug des ange⸗ 128 nommenen Verluſtes in derſelben Schwere abliefern; die Einſchlag⸗Seide wird nach Gewicht von der Wiegkam⸗ mer zum Spulen gegeben und kommt dorthin zurück. Dies Gemach hat nun ein recht freundliches Ausſe⸗ hen, an den Wänden befinden ſich große Realen, in wel⸗ chen die geſpulte Seide auf zierlichen Röllchen gehaſpelt zu Tauſenden aufgeſtellt iſt; da glänzen alle möglichen Farben durcheinander und wieder von dieſen Farben ſte⸗ ehen die feinſten Schattirungen von der hellſten bis zur dunkelſten ſchön geordnet nebeneinander. Ich glaube nicht, daß ein Maler ſo feine Nüancen beobachten muß, wie der Seidenfabrikant. Hier iſt z. B. ſchwarz nur ein ſehr allgemeiner Ausdruck, und es giebt vielleicht einige Dutzend Schwarz, blauſchwarz, rothſchwarz und wie ſie alle heißen mögen. Ebenſo iſt der Unterſchied in Weiß ſehr groß und nach den verſchiedenen Zwecken, wozu die Stoffe beſtimmt ſind, iſt das Weiß ganz weiß, oder mehr gelblich, mehr bläulich, mehr röthlich n. ſ. w. Auch die geſchorenen Ketten liegen, auf Rollen von ſchönem hartem Holz gewickelt, neben einander und mit ſauber geſchriebenen Etiquetten verſehen, worauf zu leſen iſt, von wem die Seide gekauft wurde, wie viel ſie in der Station verloren, wer ſie gefärbt und geſchoren. Ebenſo iſt hier viel rohe Seide zu ſehen, nach ihren verſchiedenen Gattungen geordnet, denn rohe Seide iſt nicht blos rohe Seide, ſondern hier giebt es auch viele Racen, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, von der gro⸗ ben Filetſeide an bis hinauf zum feinſten Turiner Organzin. Nicht nur jedes Land, jede Stadt liefert ver⸗ ſchiedene Seide, ſondern auch ein einzelner Cocon von der äußern grauen Umhüllung an bis zum innerſten Ge⸗ webe, das wie ein battiſtenes Schlafhemd die eingeſpon⸗ nene Raupe umgiebt. Daß ein Comptoirtiſch und mächtige Bücher in der Wiegkammer nicht fehlen, iſt natürlich, ebenſowenig mäch⸗ tige Folianten, in welchen Tauſende von Muſtern ein⸗ geklebt ſind; in der Mitte des Zimmers ſteht ein langer Tiſch mit einer ſchönen 19, nee fein gear⸗ beitet, denn ſie muß das kleinſte Gewicht richtig ange⸗ ben und dieſelbe iſt blank und ſauber gepntzt. Jeder Fabrikant, der nur einigermaßen auf Ordnung und Sauberkeit ſiebt, ſetzt ſeinen Stolz darein, daß dieſes Ge⸗ mach hell und freundlich und ſchön geordnet ausſieht, und meiſtens hat der Herr des Geſchäfts ſelbſt oder bei großen Fabriken ein vertrauter Geſchäftsführer ſeinen Sitz auf der Wiegkammer Hier ſind die ſchärfſten Au⸗ gen verſammelt und die genaueſten, ja unbarmherzigſten Commis prüfen die Waaren, welche der Weber einbringt. Große Strenge iſt nothwendig, denn bei der Seidenwe⸗ berei iſt die kleinſte Nachläſſigkeit im Stande, ein gan⸗ zes Stück zu verderben. Dieſe Strenge nun war na⸗ mentlich in früheren Zeiten und bei manchen Fabrikanten, II. ℳ 9 130 die bei dem armen Arbeiter einen Fehler und ein Un⸗ glück nicht als möglich zugaben und ſich nur ſelbſt für unfehlbar hielten, oft über alle Maßen hinausgetrieben, und dadurch wurde ſelbſt dem geſchickten, ſauberen und fleißigen Weber dieſer Ort oft zur Qual und Verzweif⸗ lung. Da wurde ein kleiner Fehler in der Kette, der einen falſchen Punkt vielleicht von der Größe eines Na⸗ delknopfes hervorbrachte, ein unbedeutender Irrthum im Deſſin oder Verluſt einiger Loth an Seide, der ſich bei dem Abwiegen des Stücks herausſtellte, auf's fürchter⸗ lichſte mit großen Abzügen geahndet; dann herrſchte noch, namentlich in kleineren Landſtädten, der fluchwür⸗ dige und ſchändliche Gebrauch, daß der arme Weber ge⸗ nöthigt war, für einen Theil ſeines ſauer verdienten Lohnes Lebensbedürfniſſe, als: Kaffee, Zucker, Seife, Oel, von dem Fabrikanten ſtatt baares Geld anzunehmen, zu welchem Zweck ſich neben der Wiegkammer eine Art Spezereiladen befand. Die erſte Einführung dieſes Ge⸗ brauchs mag vielleicht in einer guten Abſicht geſchehen ſein, und der Fabrikant, welcher väterlich für ſeine Ar⸗ beiter ſorgte, mag hiedurch feinen Leuten gute und bil⸗ lige Lebensmittel haben verſchaffen wollen, doch artete das ſehr aus, iſt aber jetzt glücklicherweiſe faſt gänzlich wieder verſchwunden; ein rechter Fabrikant gab ſich auh nie mit dieſem Geſchäfte ab. Es iſt Morgens acht Uhr, die Wiegkammer wird 131 geöffnet und vor der Thüre haben ſich ſchon eine Menge Weber verſammelt, die abgefertigt ſein wollen. Einige wohnen in der Stadt, andere auf dem Lande und dieſe machten ſchon in der Frühe einen Marſch von einigen Stunden, um zur rechten Zeit da zu ſein. Der Prin⸗ zipal des Hauſes— ich ſpreche nicht von dem unſrigen — eine kleine, dicke Geſtalt mit rothem Geſicht, eine Brille auf der Naſe, kam eben von ſeinen Zimmern und die Art, mit der er brummend guten Morgen ſagt und die Heftigkeit, mit welcher er ſein Buch aufſchlägt, zeigt den Commis und Lehrlingen an, daß der Chef äußerſt ſchlechter Laune iſt und man ſich ſehr zuſammenzunehmen habe. Er ſchlägt einige Pagina nach, ſchielt aber wäh⸗ rend deſſen nach ſeinen Leuten und das erſte Ungewitter bricht los.„Herr Block,“ ſagt er zu einem der Lehr⸗ linge,„ſind Sie nicht im Stande, Ihre ewige Luſt zu Kindereien zu bändigen, oder glauben Sie, es gehöre zum Geſchäft die Waage ewig auf⸗ und abtanzen zu laſſen? nehmen Sie ſich zuſammen, Herr!“„Und Sie, Herr Braun, laſſen Sie die Leute hereintreten.“ Der Herr Braun iſt ein alter Commis, viel älter wie der 85 Prinzipal, mit einem langen dürren Geſicht, einer röth⸗ lichen Haartour, einer Habichtsnaſe und mit Augen wie ein Falke, ein wahres Vogelgeſicht, denn er hat gar kein Kinn und wenn er ißt, glaubt man, er ſchiebe die Spei⸗ ſen in die Raſbälücherz; bei der Anrede des Prinzipals 9 5 2 5 fährt er erſchrocken zuſammen, denn er hat höchſt verbo⸗ tener Weiſe eine Priſe genommen. 1 Der Herr Block öffnet die Thür und der erſte Weber tritt ein, dieſer hat blos einen Einſchlag zu verlangen, der Herr Braun ſchlägt das Conto auf und ſagt mit er⸗ ſchrecklicher Fiſtelſtimme:„es iſt dem Meiſter zu wenig mitgegeben worden, der Herr Block hat die Seide ein⸗ geſchrieben.“ „Wieder der Herr Block,“ entgegnet der Prinzipal, „iſt denn mit Ihnen gar nichts anzufangen?— doch hätte ein alter Meiſter, wie Er,“ wandte er ſich an den Weber,„auch eigentlich ſchon wiſſen können, was er braucht.“ Dieſer erhielt ſeine Seide und trat in das Nebenzimmer, wo ein ſolcher Laden eingerichtet war, von dem wir vorhin ſprachen. Dieſem Filial⸗Geſchäft ſtand die Schweſter des Prin⸗ zipals vor und Fräulein Pfeffer, ſo hieß dieſelbe, ver⸗ diente ſich hier im Schweiße ihres Angeſichts und dem der Weber ein kleines Nadelgeld. Von dieſem Laden ging eine Blechröhre, eine Art langes Sprachrohr bis zum Pult des Prinzipals und kaum war der Weber drüben eingetreten, ſo ſchallte die Stimme der Fräulein Pfeffer, welche ihren Bruder fragte, wie viel der Mann noch zu. bekommen habe. „Sobald er abliefert,“ war die Antwort,„noch circa fünf Thaler“”—„wovon er mir“ ſchallte es 133 zurück, ſchon drei Thaler ſchuldig iſt, kann ihm nichts mehr geben.“ Gleich darauf kam der Weber traurigen Angeſichtes zurück und es war zu bemerken, wie er das Seiden⸗Paquet, das er in der Hand trug, feſt umklam⸗ merte.„Herr Pfeffer,“ ſagte der Mann,„es iſt aller⸗ dings wahr, daß ich ſchon für drei Thaler Waaren be⸗ kommen habe, aber ich habe weiß Gott nicht mehr ge⸗ holt, wie ich nothdürftig brauchte.“ Der Prinzipal zuckte die Achſel und ſagte kalt:„lie⸗ fere er ab.“ „Aber Herr Pfeffer,“ entgegnet ſchüchtern der Arbei⸗ ter, ich muß doch leben, damals wollt' ich ja nur für einen Thaler kaufen, aber man drang mir Waaren für drei Thaler auf.“ Der Prinzipal fuhr in die Höhe,„was ſagt Er, wer drang auf? ſieh' einer an.“ „Nun ja,“ antwortete der Weber,„ich nahm freilich für drei Thaler, aber heute brauch' ich wieder Oel und Mehl und Sie können ſich denken, daß ich jetzt in ei⸗ nem anderen Spezereiladen auch keinen Credit bekomme.“ „Kann nichts dafür,“ entgegnet der Prinzipal,„lie⸗ fere Er ab und Er kann wieder Waaren bekommen.“ „Auch mein Geld?“ fragte der Weber gereizt. „Zwei Drittel Waaren, ein Drittel Geld, wie es bei mir der Brauch iſt,“ ſagte kalt der Herr feſer Der Weber verließ das Zimmer. Es trat ein anderer ein, ein kleiner, gut ausſehender Mann, aber mit tief bekümmertem Geſicht, er hat ein großes Stück Seide abzuliefern und der Prinzipal, der ihn freundlicher wie den erſten begrüßte, trat an den Tiſch, um es mit Herrn Braun durchzumuſtern.„Schon fertig?“ kreiſchte dieſer,„Ihr ſeid ſehr ſieißig, Meiſter Haaſe.“ „Habe mehrere Nächte durch gearbeitet,“ antwortete ſeufzend der Weber,„mein Weib wird immer kränker, und da muß ich des Nachts wachen und webe unter⸗ deſſen.“ „Das iſt mir nicht lieb,“ ſagte der Prinzipal, der unterſtützt von den ſcharfen Augen des Herrn Braun Elle um Elle mit der größten Genauigkeit durchſah, „das iſt mir gar nicht lieb, Meiſter Haaſe, das ſchadet der Waare, ſieht Er, hier fangen die Nachtwachen an,“ dabei bezeichnete er eine Stelle des Stoffs, wo der Herr Braun ein kleines Knötchen entdeckt hatte.„Ja, ja,“ hier fangen die Nachtwachen an,“ wiederholte er,„das iſt ſchlechte Arbeit und da wieder ein Knoten.“ „Schlechte Arbeit,“ ſagte der Weber,„habe ich noch nie gemacht.“— „Sehen Sie da,“ fiſtelte der Heer Braun,„da iſt ein Oelflecken, um Gotteswillen ein Oelflecken!“ „Wahrhaftig ein Oelflecken!“ bekräftigte der Prinzi⸗ pa 3„da müſſen wir bedeutende Abzüge machen.“ 135 „Abzüge, Herr Pfeffer?“ ſagte ernſt der Weber,„das kann Ihr Ernſt nicht ſein, haben Sie mir je einen Feh⸗ ler nachweiſen können? ich habe den Flecken auch geſe⸗ hen, aber er läßt ſich ja ganz gut herausbringen, o die⸗ ſer Flecken Herr Pfeffer iſt vorgeſtern Nacht in das Stück gekommen, das war für mich eine ſchreckliche Nacht! die Frau im Bett, ich denke ſie ſtirbt jeden Augenblick und ich mußte beſtändig vom Webſtuhl zu ihr hinlau⸗ fen, die Arbeit ſtehen laſſen und der kranken Frau bald zu trinken geben, bald ſie zurecht legen.“ „Dieſe Unterbrechungen ſieht man wohl an der Ar⸗ beit,“ ſagte kalt der Prinzipal. „Auch,“ fuhr der Weber ruhig fort,„auch mein kleines Kind iſt krank, es konnte nicht ſchlafen und warf die Lampe vom Webſtuhl um, daher kommt der Flecken, wofür Sie wohl diesmal Nachſicht haben können, ich brauche mein Geld ſo nothwendig.“ „Thut mir leid,“ ſagte der Prinzipal und ging an ſein Buch zurück,„notiren Sie die nothwendigen Ab⸗ züge, Herr Braun. Der Meiſter Haaſe bekommt acht Thaler ſechs Groſchen, davon was macht der Abzug?— alſo davon zwei Thaler ſechs Groſchen Abzug für ſchlechte Arbeit, bleibt ſechs Thaler. Zwei Drittel hievon werden dem Meiſter auf Waaren⸗Conto gut geſchrieben, bekommt Er baares Geld zwei Thaler.“ Bei dieſer Abrechnung zuckte ein wilder Qhnuer über 136 das Geſicht des Webers und ſein ſonſt gutmüthiges Ge⸗ ſicht wurde ernſt, ja drohend.„Herr Pfeffer,“ ſagte er, „Sie wollen alſo keine Barmherzigkeit mit mir haben und wollen mir, der Ihnen ſchon ſeit langer Zeit unta⸗ delhafte Waare geliefert, einen Abzug wegen eines Feh⸗ lers machen, der, ich ſage es offen, unbedeutend iſt und den zu verhüten, weiß Gott nicht in meiner Macht lag; nun gut, ziehen Sie mir zwei Thaler ſechs Groſchen ab, ich will nicht vor das Fabrikgericht gehen, aber zahlen Sie mir ſechs Thaler baares Geld, weiß Gott, ich kann keine Ihrer Waaren gebrauchen,“ hier ſeufzte der Mann, „denn die Waaren, welche ich um dieſes Geld für meine Kranken kaufen muß, haben Sie ja doch nicht.“— Der Prinzipal hob ſeine Brille auf und ſagte kalt: „was ausgemacht iſt, bleibt ausgemacht, zwei Drittel Waaren, ein Drittel baares Geld; hier ſind zwei Thaler, ein ſo fleißiger Mann wie Sie wird den kleinen Verluſt bald wieder eingebracht haben. Herr Braun, notiren Sie für den Meiſter Haaſe die Roſa⸗Kette dort und Sie, Herr Block, geben Sie weißen Einſchlag dazu Nummer 4.“ 3 Der Weber kämpfte wahrend dieſer Zeit mit ſich ſelbſt, doch trat er nach einer Pauſe ruhig vor den Prinzipal und ſagte:„bemühen Sie ſich nicht mit der Roſa⸗ Kette, Herr Pfeffer, ſchließen Sie mein Conto und zahlen Sie mir meine ſechs Thaler, ich arbeite nicht mehr für Sie. 137 Erſtaunt blickte der Prinzipal auf und Herr Braun wollte einige begütigende Worte ſagen. „Sparen Sie Ihre Rede,“ ſagte der Meiſter Haaſe, „ſo behandelt man keinen Menſchen, es wird ſchon noch die Zeit kommen, daß überhaupt kein ordentlicher Weber mehr in Ihre Wiegkammer kommt.“ Der Prinzipal kämpfte einen Augenblick mit ſich ſelber, ob er ſeinen beſten Arbeiter wegen dieſer Kleinig⸗ keit ſolle ziehen laſſen, doch ziſchelte es in dieſem Au⸗ blick aus dem Sprachrohre an ſein Ohr und Fräulein Pfeffer ſprach die Worte:„laß den Kerl laufen, er be⸗ kommt ſo viel mehr bezahlt, wie jeder andere und hat an meinen Waaren immer etwas auszuſetzen, hat neu⸗ lich ſogar geſagt, ich habe zu leicht gewogen und mein Zucker ſei naß, der Schlingel.“ Dies entſchied. Von ſeinen ſechs Thalern mußte der Weber die Hälfte ſtehen laſſen, bis er die hölzernen Spulen, die dem Fabrikherrn gehörten, und die vielleicht einen Werth von zehn Sil⸗ bergroſchen hatten, abliefern würde, alsdann verließ er mit einem unterdrückten Fluch das Zimmer. Solche Scenen folgten eine der andern. Herr Braun ſpürte an den Seidenzeugen umher und ſeinem Blick ent⸗ ging nicht das Geringſte. Die Zunge der Waage mußte mit einer Schärfe einſpielen, die unglaublich war, Ab⸗ züge wegen fehlender Seide oder wegen Kleinen und gro⸗ ßen Fehlern wurden unzählige gemacht und je größer die Liſte derſelben wurde, je eifriger rieb ſich der Prin⸗ zipal die Hände. In dem Sprachrohr ziſchelte es hin und her und auch Fräulein Pfeffer machte glänzende Geſchäfte. Dieſelbe, über die Blüthenjahre längſt hinaus, war lang und hager, äußerlich ein vollkommener Gegen⸗ ſatz ihres Bruders, im Innern aber harmonirte das Ge⸗ ſchwiſterpaar auf's Vollkommenſte. Hatte man auf der Wiegkammer dem armen Weber abgezogen, was nur möglich war, ſo ſchraubte ihn Fräulein Pfeffer auf's allerentſetzlichſte, indem ſie ihm für das Guthaben auf dem Waaren⸗Conto ſchlechten Zucker und noch ſchlechteren Caffee gab oder den armen Leuten Sachen aufhängte, die ſie oftmals gar nicht brauchen konnten. Dieſe würdige Dame trug ein altes, verſchoſſenes, hochgelbes Seidenkleid und hatte auf zwei mächtigen falſchen Locken eine große Blondenhaube mit verknitter⸗ ten Blumen, dabei war es komiſch anzuſehen, wie ſie in dieſem prachtvollen Anzuge Kaffee und Zucker wog und Butter und Seife auf blaues ſchmutziges Papier ſtrich. In der Wiegkammer klapperten die Spulen, klirrte die Waage, fiſtelte der Herr Braun und dazwiſchen ru⸗ morte der Herr Block mehr, wie nothwendig ſchien und der Prinzipal annoncirte ſeiner Schweſter die unglückli⸗ chen Schlachtopfer, welche aus dem Regen in die Linui kamen. 139 „Die Frau Müller,“ ſchallt es in den Laden her⸗ über,„hat gut drei Thaler,“ und ſo angekündigt, er⸗ ſchien die Weberfrau vor der Fräulein Pfeffer.„Nehme Sie ſich einen Stuhl,“ ſagt dieſelbe herablaſſend und kritzelt in ihr Buch.„Sie hat zwei Thaler gut geſchrie⸗ ben, was wünſcht Sie, liebe Frau?“ Die Frau Müller zieht ein Papier heraus und legt es auf den Tiſch; da ſind verzeichnet: Kaffee und Zucker, Salz und Pfeffer, Baumöl und Brennöl, wollener Stoff zu einem Unterrock, wollenes Garn zu Strümpfen für den Mann und baumwollenes Zeug zu Hemden für die Kinder. Das Ganze macht einen Thaler und vierund⸗ zwanzig Silbergroſchen. „Was legen wir hinzu für die ſechs Silbergroſchen, die noch fehlen?“ ſagt Fräulein Pfeffer,„ißt Sie gerne Stockfiſch, ein ſehr geſundes Eſſen, und weiß Sie was, thue Sie Ihrem Manne etwas zu gut und nehme ein Pfund Taback zu zwei Sibergroſchen.“ „Aber mein Mann raucht nicht,“ ſagt die Frau, „den Stockfiſch würde ich ſchon nehmen.“. „Stockfiſch macht zwei Silbergroſchen,“ entgegnet die Schweſter des Prinzipals,„dazu legen wir zwei Ellen Band, um Ihre Sonntagshaube aufzuputzen, macht fünf Silbergroſchen, und“ ſetzt ſie mit einem Lächeln hinzu, das gutmüthig ausſehen ſoll,„wenn man ſo weit ge⸗ gangen iſt, kann man ſchon ein Schnäpschen trinken 140 und eine Brezel eſſen, macht zuſammen ſechs Silber⸗ groſchen. Ein Thaler vierundzwanzig und ſechs macht zwei Thaler.“ Wie der Blitz ſind die zwei Ellen ver⸗ ſchoſſenes, für die Frau ganz unbrauchbares, Band ab⸗ geſchnitten, der Kümmel, der ſich in einer Flaſche befand, welche ſo voll mit Fliegen iſt, als habe man einen Flie⸗ gen⸗Liqueur zubereiten wollen, iſt eingeſchenkt, eine harte Brezel daneben gelegt und die arme Frau muß es hin⸗ nehmen. Der Schnaps verderbt ihr den Magen und zu Hauſe angekommen, duldet ſie ſehr von einer unglück⸗ lichen Familien⸗Scene, denn der Meiſter Müller kann bei ſeiner ſitzenden Lebensweiſe keinen Stockfiſch vertragen und tobt mit vollem Recht, als er die zwei Ellen Band bemerkt, die höchſt unnöthig ſind und drei Silbergroſchen gekoſtet haben. Wie aber oft ſchon hier in der Welt Vergeltung für Gutes und Böſes den betreffenden Thaten auf dem Fuße folgt, werden wir zu unſerer beſonderen Genugthuung auf der Wiegkammer des Herrn Pfeffer zu ſehen Gele⸗ genheit haben. Herr Block flüſterte dem Herrn Braun einige Worte zu und dieſer meldete dem Prinzipal, der Färber Brand ſei draußen.„Was will der Kerl?“ fragte der Prinzipal,„ich habe nichts mit ihm zu ſchaffen.“ „Aber ich mit Ihnen,“ ſagte eine tiefe Stimme, und ohne die Erlaubniß abzuwarten, tritt der Angemeldete in's Gemach. Der Meiſter Brand iſt eine große kräftige ——,— V 141 Geſtalt, nichts wie Muskeln und Sehnen, welche ein außerordentlich ſtarkes und kräftiges Knochengebäude zu⸗ 3 ſammenhalten, eine Geſtalt, wie 2 ſich für einen Fär⸗ bermeiſter paß t. Das Geſicht hat einen raunen Anſtrich, die Merkmale der friſchen Luft und es Waſſers, in welch' beiden Elementen ſich der Meiſter den Tag über bewegt, doch zeigt die Naſe eine verdächtige Röthe, welche deutlich beweist, daß der Färber das letztere Element nur äußerlich anwendet und daß er zur innern Erwärmun und Auffriſchung andere Mittel anwendet. Seine Hände, die unverhältnißmäßig groß und lang ſind, ſpielen in verſchiedenen Farben, doch iſt violett und ſchwarz vor⸗ herrſchend. Er hat bei ſeinem Eintreten die Mütze mit ſichtlichem Widerſtreben abgenommen und drückt ſie in der Hand zuſammen.. „Was will Er,“ fährt ihn der Prinzipal an,„wir ſind geſchiedene Leute, gehe Er mir aus den Augen, denn mir läuft die Galle über, wenn ich an die ſchöne Parthie Schwarz denke, die Er Meiſter Brand durch Seinen ewigen Brand mir verbrennt.“ Es zuckte bei dieſen Worten eine kaum merkliche Heiterkeit über einen gelungenen Witz über das Geſicht des Prinzipals und der Herr Block und der Herr Braun lachten pflicht⸗ ſchuldigſt.* Der Färber ſchien aber nicht geneigt, dieſen Spaß ſo ig hluzunehuen obgleich er ebenfalls ein klein wenig 142 lachte,„das ſind,“ ſagt er mit ſeiner tiefen rauhen Stimme, „abgemachte Sachen und davon ſpricht man nicht weiter, die Seide war verbrannt, ſo haben Sie nämlich vor dem Fabrikgericht a„obgleich der Meiſter Steffens eine Waare davon geliefert hat, eine Waare, nun die nicht ſchlechter iſt, wie Ihre übrigen. Dabei haben Sie aber vergeſſen, daß ich den Auftrag hatte, die Waare rer zu färben, als es eigentlich möglich war, weß⸗ b die Seide verderben mußte, was ich Ihnen auch im Voraus geſagt.“ „ und was wollt Ihr eigentlich?“ entgegnete Herr Pfeffer,„wir ſind im Reinen, das Gericht hat Euch den Abzug für die verbrannte Seide zuerkannt, Ihr habt ihn bezahlt und damit Punktum.“ 3„Noch lange nicht Punktum,“ entgegnete der Färber ruhig,„es hat ſich in der Abrechnung ein kleiner Fehler ergeben, das haben mein Advokat und ich herausgebracht pier auf den Comptoirtiſch und der Chef des Hauſes, während er es entfaltete, ſagte gereizt:„das iſt unmög⸗ lich, ich irre mich nie.“ „Zu Ihrem Nachtheil, ganz richtig, das kommt wohl ſelten vor, aber zum Nachtheil der armen Leute, die für Sie arbeiten, zuweilen.“ „Was, Ihr wollt mir auf meiner Wiegkammer In⸗ und hier iſt der Nachweis darüber.“ Er legte ein Pa⸗ —:x— „ — — 143 jurien ſagen?“ entgegnete der Prinzipal,„Herr Block, Herr Braun, Sie ſind Zeugen.“ „Ja,“ entgegnete der Färber lachend,„dies Papier zeugt auch und wenn es Ihnen lieber iſt, ſo kann ich es auch beim Fabrikgericht vorzeigen.“ 1 Der Herr Pfeffer hielt das Papier in zitternder Hand und las es heftig durch, der Zorn ſtieg ihm blau und roth ins Geſicht, dann ſprang er ans Hauptbuch und jagte die Pagina herum, daß Staub und die einge⸗ legten Blätter von feinem Papier in die Höhe wirbel⸗ ten, dann rechnete er emſig, zerſtieß ein paar Federn, notirte aus dem Buch und verglich die Zahlen alsdann mit der Abrechnung des Färbers, wurde ganz blaß, als er zum Endreſultat kam und ſchnappte mühſam nach Athem. Der Färber hatte dieſer Scene lächelnd zugeſe⸗ hen, einen Stuhl an den Tiſch gezogen, und ſich Iubis niedergeſetzt. „Wer hat,“ fragte jetzt der Chef des Hauſes, und die Wuth erſtickte faſt ſeine Stimme,„wer hat jene Ab⸗ rechnung für das Fabrikgeſchäft ausgezogen? Herr Braun, ich will nicht hoffen?“ „Herr Prinzipal,“ entgegnete der dünne Mann ſchüch⸗ tern,„ich war, wie Sie wiſſen damals einige Tagenun⸗ wohl und, wie ich glaube, hat der Herr Block—— „Der Herr Block alſo?“ Dieſer junge Menſch hatte dem Auftritt mit großer N 144 Seelenruhe zugeſehen und entgegnete kaltblütig:„allerdings habe ich den Auszug gemacht und ihn dem Herrn Prin⸗ zipal zur Unterſchrift vorgelegt, doch ſtand ja ausdrücklich darunter: Irrthum vorbehalten.“ „Herr Block alſo,“ ſagte der Prinzipal, majeſtätiſch und groß und ſchlug das Hauptbuch zu, daß es krachte, „Herr Block, Sie ſind aus meinen Dienſten entlaſſen, gehen Sie nach Haus, ich werde mit Ihrem Vater über Sie ſprechen.“ Herr Block ſah den Prinzipal einige Augenblicke ru⸗ hig an und es ſchien, als habe der Abſchied keinen gro⸗ ßen Eindruck auf ihn gemacht, lachend ſagte ihm der Färber:„es thut mir leid, Herr Block, aber machen Sie ſich nichts daraus, Sie finden überall eine ſolche Stelle, wie geſagt, machen Sie ſich nichts daraus.“ Der Lehrling ſchien dieſen guten Rath auch vollkommen zu befolgen, er nahm ſeine Mütze von der Wand, klopfte den Staub heraus, und ſagte, indem er gegen den Prin⸗ zipal eine Verbeugung machte:„Adieu, Herr Pfeffer, der Papa hat mir geſagt, als ich hierher kam, daß ſei ein Glück für mich, ich bekäme einen wohlwollenden freundlichen Prinzipal, könne was Rechtes hier lernen, und das habe ich auch ſo geglaubt, aber, Irrthum vor⸗ behalten. Guten Morgen, Herr Pfeffer!“ Damit ging er zur Thür hinaus. „Und meine Abrechnung“ ſagte der Färber,„nicht —— . 145 wahr, wir können auch rechnen, ich bekomme demnach noch ſechs Thaler.“ Deer Chef würdigte ihn keiner Antwort, wollte aber vollkommen ruhig ſcheinen, doch als er die Kaſſe aufſchloß, klirrten die Schlüſſel bedeutend in ſeiner Hand und er zählte die ſechs Thaler zitternd auf den Tiſch. Ein boshaftes Lächeln überflog die Züge des Färbers, indem er ſagte„ei, wo denken Sie hin, Herr Pfeffer, ich bekomme freilich ſechs Thaler, aber wie es immer in Ih⸗ rem wehrten Hauſe der Brauch war, ein Drittel in Baa⸗ rem, zwei Drittel in Waaren. Ich kann es wahrhaftig nicht unterlaſſen, der Fräulein Pfeffer einen Abſchiedsbe⸗ ſuch zu machen.“ Das war zu viel für den Prinzipal, er ſprang von ſeinem Stuhl auf und wollte hitzig werden; aus dem Sprachrohr ziſchelte es:„laß mir dieſen Kerl um Got⸗ teswillen nicht in den Laden“ und der Herr Pfeffer hatte darauf allerhand Entwürfe, doch was war zu thun, als Fabrikherr auftreten in Würde und Hoheit, das machte keinen Eindruck auf den Färber, nach der Polizei ſchicken, das widerrieth die Fiſtelſtimme des Herrn Braun, vor das Fabrikgericht gehen, war nicht thunlich, denn er hätte dort Unrecht bekommen und wäre von ſeinen Collegen ausgelacht worden, er hatte einmal den Contrakt mit ſeinen Arbeitern gemacht und was dem einen recht iſt, n. X 10„ * 4 * 146 iſt dem andern billig.„Ich kann nichts thun““ ſagte er in die Sprachröhre,„gieb' dem Kerl, was er ver⸗ langt.“ Damit ſetzte er ſeine ſchwarze Sammtmütze auf und ſtürzte aus der Wiegkammer, indem er die Thür hinter ſich zuwarf, ohne den Färber anzuſehen. Dieſer ſchritt lachend in den Laden und hielt an der Thür die Fräulein Pfeffer auf, die ebenfalls eben im Begriff war zu entfliehen.„Iſt das auch eine Art,“ ſagte er,„wenn man ſein Geld ſauer verdient hat, daß man Umſtände macht, einem die Waaren dafür zu geben?“ Was wollte die Ladenſitzerin machen, es war die herbſte Stunde ihres Lebens, aber ſie mußte ſich in Ge⸗ duld fügen. Der Färbermeiſter theilte ſeine Einkäufe in ſehr kleine Portionen, das Geſchäft dauerte über eine halbe Stunde, auch bekrittelte er die Waaren und wog die Sachen häufig ſelber nach, da ihm hie und da ein halbes Loth zu fehlen ſchien. Alsdann machte er ſeine Rechnung mit mehreren Gläſern Schnapps voll, zu wel⸗ chem Zweck er aber den Fliegenliqueur verwarf und dann ging er geiſtig erheitert und ſtolz ſeines Sieges von dannen. Dieſer Zuſtand war wohl ſchuld, daß er dem Herrn Braun in Gegenwart von ein paar Webern einige höchſt unpaſſende Worte ſagte und ihn ermahnte, doch ja zu 7 147 bedenken, daß der Färber und der Weber eigentlich auch Menſchen ſeien. Herr Pfeffer kam an dieſem Tage nicht mehr auf die Wiegkammer und Fräulein Pfeffer mußte ſich heftiger Krämpfe halber zu Bett legen. „148 XII. Veränderungen. Auf unſerer Wiegkammer kamen nun dergleichen Scenen nicht vor, denn Madame Stieglitz, die das Ver⸗ derbliche jenes Syſtems, nach welchem der Arbeiter ſei⸗ nen ſauer verdienten Lohn an Waaren empfangen ſollte, wohl einſah, hatte ſich ein⸗ für allemal dagegen ausge⸗ ſprochen und es durfte nie eingeführt werden. Doch war auch hier nicht alles, wie es hätte ſein können. Der Herr Specht, der das ganze Fabrikgeſchäft leitete, nahm nur ſolche Weber an, die von der Gnade durchdrungen waren, oder die wenigſtens durch Gebet und Geſang dahin ſtrebten, derſelben nahe zu kommen, auch hatte ich wohl bemerkt, daß der Buchhalter nebenbei noch ein kleines Geſchäft betrieb, das darin beſtand, daß er den dringenden Geld⸗Verlegenheiten der Weber durch kleine Vorſchüſſe abhalf, wofür die Leute ſchwere Zinſen erle⸗ gen mußten. Natürlich betrieb er dies Geſchäft nicht 4 149 unter eigener Firma, ſondern er gab den Bedürftigen eine Anweiſung auf einen chriſtlichen Freund, mit wel⸗ chem er in Verbindung ſtand, alsdann behielt er die Leute in der Hand und machte ihnen an ihrem Wochen⸗ lohn ſo lange Abzüge, bis die Schuld an den chriſtli⸗ chen Freund nebſt Zinſen gedeckt war. Seit jenem Abend, wo ich in der Betverſammlung geiſtig verunglückt war, und nachdem der Buchhalter ge⸗ ſehen, daß ich mit keiner Silbe der Ereigniſſe jenes Abends gedacht, hat er mich mit ſeinen Bekehrungs⸗ Verſuchen in Frieden gelaſſen. Mit Widerwillen dacht' ich an das, was ich geſehen und erlebt und dies, ver⸗ bunden mit den ſonnenklaren und herzlichen Worten meines trefflichen Freundes, des Doktor Burbus, zerriß den finſteren Schleier, welchen der Buchhalter über mein Herz und mein Gemüth geworfen, und welcher gedroht, mich langſam und verderblich zu umwickeln., Das ein⸗ zige, was mir in der Erinnerung an jene Zeit ſchilerz⸗ lich und doch ſüß erſchien, war das Andenken an meine Nichte Emma; die wilden Träume, die nächtlichen Schat⸗ ten und grellen Bilder, die ihr Bild damals umgaͤben, war wie Herbſtnebel vor de aufſteigendenSonne vor ihrem klaren Blick in die Tiefe hinabgeſunken, aus der ſie aufgeſtiegen, und rein uid verklärt ſtand das Bild des ſchönen Mädchens in meinem Innern. Da ich dem Doktor nichts verſchwieg, ſo machte ich *₰ 150 ihn auch mit meinem Gefühle für meine Nichte bekannt, welches er Leidenſchaft nannte, die ſich vielleicht mit der Zeit zur Liebe abklären könnte,„für jetzt aber, hochver⸗ ehrter Kaufmann,“ ſprach er in ſeiner derben und geſunden Manier,„für jetzt aber laſſen Sie dergleichen Gedanken dahinter und ſchauen Sie vor ſich auf den hohen ſteilen Berg, den Sie noch zu erklimmen haben, um einen Ort zu erreichen, wo Sie ſich im Schatten einer arbeitſamen Vergangenheit Ihre Hütte bauen können.“ Der Doktor hatte gut reden, er hatte jene Höhe erreicht, und hatte ſich ſeine Hütte erbaut, welche äußerſt geſchmackvoll und zierlich eingerichtet war. Dieſe Hütte beſtand aus ſechs Zimmern, in einer der beſten Straßen der Stadt und er bewohnte ſie ſeit wenigen Tagen mit ſeiner Frau Si⸗ bylle, die jetzt Frau Doktorin Burbus hieß. Man kann ſich leicht denken, wie froh und glücklich unſer Wieder⸗ ſehen geweſen war, da wurden alle alte Erinnerungen aufgefriſcht und nach ſtundenlangen Erzählungen und Fragen über die lebendigen Weſen der Mühle, nach vie⸗ len Grüßen von dem Vater und der Mutter, von Els⸗ beth, Franz und Caspar wurde der lebloſen Gegenſtände gedacht, die uns theuer waren, des rauſchenden Mühl⸗ bachs, der kleinen Stube, die beſtändig zitterte, während ich ſchrieb und des großen Bettes, in dem wir zuſammen geſchlafen, auch der freundlichen Anne Lieſe wurde ge⸗ dacht, ſie war ebenfalls verheirathet und der Kukuck — hatte damals im Frühjahr den Beiden richtig prophe⸗ zeit. Meine Beſuche theilte ich nun zwiſchen dem Hauſe des Doktors und dem meines Vetters und Emma fand ich in Beiden, denn ſie war eine vertraute Freundin der Doktorin geworden. Der Profeſſor, der ſich trotz der Ermahnungen des Doktor Burbus keine andere Bewe⸗ gung machte, als die früher angegebene mit dem Zeige⸗ finger und dem Zehen des rechten Fußes, fing ſchon ſeit einiger Zeit an zu kränkeln. Obgleich Burbus alles Mögliche that, ihn wieder herzuſtellen, ſo war dennoch die Zeit gekommen, wo nach dem Ausdruck des Vetters der Tod als ſchwarze Linie das höchſt unregelmäßige Dreieck ſchloß, aus dem jedes Menſchen Leben beſteht, und es der Ewigkeit überließ, den Gehalt, die wahre Größe deſſelben, der hier im Le⸗ ben= galt, näher zu beſtimmen. Der Profeſſor ſtarb ruhig, wie er gelebt, aber nicht ſo ruhig ſollte es nach ſeinem Tode bleiben, in dem freundlichen Hauſe auf der kleinen Anhöhe. Als wir nach der Beerdigung im Hauſe des Doktors waren und über den traurigen Fall ſprachen, ein Fall, der, wie man ſich leicht denken kann, mich ſo erſchüttert hatte, als ſei ich zum zweitenmal eine Waiſe geworden, da ſchüttelte der Doktor mit dem Kopfe und ſagte:„der armen Emma ſtehen harte Tage bevor, ich fürchte, was 152 der alte Herr zurückläßt, wird ſich auf Null reduziren.“ Mir fielen dabei die Worte der Madame Stieglitz ein und was ſie damals ſagte, als die Rede auf den Pro⸗ feſſor kam:„mir ſollte es leid thun, wenn er genöthigt wäre, in ſeinen alten Tagen Haus und Garten zu ver⸗ kaufen.“ Wenn er es auch ſelbſt nicht mehr erlebt hatte, von ſeinem lieblichen Beſitzthum zu ſcheiden, ſo traf dies Schickſal dagegen um ſo härter ſeine Frau und Tochter. Nach ſeinem Tode wurden die Siegel angelegt, es fanden ſich Schulden die Menge vor, aber kein Vermögen, Haus und Gartrn wurden verkauft und meiner armen Nichte blieb nichts übrig, als mit dem Wenigen, das ſie ge⸗ rettet, eine Schweſter aufzuſuchen, die in einem andern Theil des Landes wohnte. Dagegen konnte ſich die Frau des Doktor Burbus nicht entſchließen, von Emma zu ſcheiden und nach einer langen Unterredung, die er mit der Mutter hatte, entſchloß ſie ſich, ihr Kind für kurze Zeit zurückzulaſſen, doch ſagte ſie zu dem Doktor ernſt und feſt:„dieſe Anweſenheit in Ihrem Hauſe kann und ſoll nur als zeitweiliger Beſuch gelten und Emma ſoll ſich ſobald wie möglich nach einer ehrenhaften Beſchäf⸗ tigung umſehen, die ſie in den Stand ſetzt, für ihr Fort⸗ kommen zu ſorgen.“ So ſtanden die Sachen und mein Horizont ſchien ſich wieder finſter umziehen zu wollen, in unſerm Hauſe — 153 herrſchte ein düſteres unerquickliches Leben, die Prinzi⸗ palin war durch den Pfarrer Sproßer und den Buchhal⸗ ter Specht in die Mitte genommen worden und dieſe beiden Herrn bemühten ſich, das Herz der Prinzipalin, das, obgleich gut, menſchlich dachte und fühlte, in ihrem Sinne mehr für die wahre Gnade empfänglich zu ma⸗ chen. Die gute alte Frau, welche früher ihr Morgen⸗ und Abendgebet verrichtete, auch gern, wenn ſie das Be⸗ dürfniß hiezu fühlte, ein Capitel in einem frommen Buche las oder ein Lied aus dem Geſangbuch, dieſe flei⸗ ßige thätige Frau, die in ihrem langen Leben Tauſende von armen Menſchen beglückt und unzählig viel Gutes gethan hatte, und mit ihrem Gewiſſen im Reinen war, wurde nun durch die unabläſſigen Bemühungen der bei⸗ den⸗ Begnadigten in ihrem Selbſtbewußtſein wankend gemacht. Der Pfarrer Sproßer ſagte unabläſſig, welch' große Sünder wir alleſammt vor dem Herrn ſeien und ſtrafte mit harten Worten den Gedanken, als könne man ſelig werden und die Gnade eines zornigen Gottes erhalten, durch ein Leben das, wenn es auch nach den gewöhnlichen Begriffen gut und fromm ſei, ſich nicht zur eifrigſten Aufgabe gemacht habe, durch ein immer⸗ währendes Beten und aufrichtige Zerknirſchung jener Gnade theilhaftig zu werden.„O, was iſt der Menſch,“ ſagte der Prieſter,„für ein hoffärtig und ſorglos Ding, glaubend, wenn er einem Armen giebt und keine ſchreienden 131 Sünden begeht, er ſei geſichert vor dem Zorn des Höch⸗ ſten. Wie erkennt man ſo ſchlecht ſeine eigene Sünd⸗ haftigkeit und Verworfenheit, ſonſt würde man ja Tag und Nacht im Staube darniederliegen und ſlehentlich bitten, damit die Gnade üuihe i die Finſterniß un⸗ ſerer Herzen.“ Auch das traurige Ereigniß mit dem Prinzipal und ſeinen Buchhalter, der Wahnſinn des erſteren und ſeinen Tod hatte man ſich klug zu Nutze gemacht, und indem man es als Strafe des Höchſten bezeichnete, auf dieſe Weiſe das Herz der Madame Stigglitz erſchüttert. Sie hat in früheſter Jugend den ihr beſtimmten Ver⸗ lobten, ihren ſpäteren Gemahl herzlich und aufopfernd geliebt, ſie hatte ſein Unglück tief bedauert und ihn ſorg⸗ ſam gepflegt, wie es einer braven Gattin zukommt. Unter einer rauhen Hülle ſchlug bei ihr ein liebendes Herz; ihr Eheſtand war nicht glücklich geweſen, ſie hatte keine Kinder und hätte doch ſo gerne dieſe kleine innig verwandte Weſen gepflegt und aufgezogen, das alles fühlte ſie jetzt doppelt, ihr Herz war traurig und be⸗ wegt und dieſem traurigen und bewegten Herzen, das täglich und ſtündlich durch tauſend Kleinigkeiten an den unglücklichen Gefährten ihres Lebens bitter und ſchmerz⸗ voll erinnert wurde, riß man die letzte Stütze weg, das Bewußtſein, daß ſie recht und brav gehandelt und gab ihr nichts dafür, als ſüßliches trübes Schlammwaſſer — 2☚ 155 widriger Heuchelei und beſchmutzte damit die Erinnerung an ein vergangenes tadelloſes Leben. Was mich nun anbetraf, ſo mußte die Prinzipalin vielfache Klagen hören, daß ich nicht geneigt ſei, den Weg des wahren Heils zu wandeln, aber obgleich der Buchhalter Alles that, mich in ihrer Gunſt herabzu⸗ drücken, ſo gelang ihm dies nur halb. Wenn auch die gute Frau meinen inneren Menſchen als verloren be⸗ klagte, ſo wollte ſie doch dafür dem äußern nichts abge⸗ hen laſſen und hatte mich, noch ehe meine Lehrzeit vor⸗ über war, in den Genuß eines Salairs geſetzt, wie es ſonſt nur ältere Cömmis zu haben pflegten. Unſere Ladenjungfer dagegen war es ſchlimmer ge⸗ gangen; jener Unterredung auf der Treppe, die ſie mit dem Buchhalter hatte, ſtieg ſie, wie on bemerkt, auffallend in der Gnade deſſelben, wandelte auch ſo feſt und ſicher den Weg des Heils, daß ſie, wie ich aus guter Quelle erfuhr, begnadigt wurde den Betverſammlungen beizuwohnen. Doch war dieſe Freude nicht von langer Dauer, bald kamen wieder neue Händel zwiſchen ihr und Herrn Specht vor, die oftmals des Abends ſo heftig wurden, daß ich in meinem Schlafzimmer das Weinen und Jammern der armen Perſon deutlich hörte, auch wurde ſie kränklich, ihr unſchönes aber blühendes Geſicht verblaßte und eines Morgens hatte ſie das Haus verlaſ⸗ ſen, ohne von mir Abſchied zu nehmen. Das that mir — ů——— 156 eigentlich weh, denn ich hatte ſie immer freundlich und aufmerkſam behandelt, doch ſah ich ſie zufälligerweiſe we⸗ nige Tage nachher, wo ich ſie gar nicht erwartet, ſie kam aus dem Hauſe des Doktors, als ich hineinging und hatte trübe verweinte Augen.„Leben Sie wohl,“ ſagte ſie ſchluchzend zu mir,„und denken Sie zuweilen an mich, der Doktor oben weiß um Alles;“ damit reichte ſie mir die Hand und ich habe ſie nicht mehr geſehen. Als ich dar⸗ auf in das Studir⸗ und Empfang⸗Zimmer meines Freun⸗ des kam, ſiegelte er gerade ein Papier in ein Couvert und warf es in eine Schuhlade; auf meine Frage nach der Ladenjungfer ſagte ermir: ich kann Ihnen, ver⸗ ehrteſter Fabrikant weiter nichts ſagen, als de das Mäd⸗ chen das Stieglitz'ſche Haus verlaſſen mußte 4 Warum,“ ſetzte er b de atungsvoll hinzu,„wird offenbar, nicht wenn die Todten auferſtehen, aber wenn einmal das Gericht, das auf keinen Fall ausbleibt, ſeinen Anfang nimmt. 4 2A XIII. Emma. So war nun eines Morgens der Verkaufs⸗Termin für das Haus meiges Vetters, des verſtorbenen Profeſſors angeſetzt, und ich that mir abſichtlich die Qual an, für einen Augenblick hinzugehen. Rohes Volk füllte den Garten, die Gänge, Treppen und Zimmer Und die koſt⸗ barſten und ſchönſten Geräthſchaften der verarmten Familie wurden ſchonungslos umhergeriſſen und von dem Haufen unter ſchlechten Witzen und gemeinen Bemerkungen tarirt und um ſie wohlfeiler zu erhalten, in den Augen aller heruntergeſetzt. Es half dem armen Joco nichts, daß er unzähligemal:„Filou“ ſchrie oder„Mort de ma vie“ der wurde als ein Individuum, welches der Maſſe durch tägliches Freſſen Koſten verurſache, zuerſt verſteigert. Es war eine Geſchichte, wie ſie Jeder ſchon erlebt oder zugeſehen hat, die Gegenſtände wurden ausgeboten, es hieß„zum erſten, zum zweiten, und zum drittenmale,“ ———— 3 S . us N* 2 dann klappte der Hammer, der Eigenthümer wurde auf⸗ geſchrieben und etwas neues vorgenommen. 3K. Die gute Emma wußte natürlich nicht, was in dieſen Tagen vor ſich ging, man verheimlichte es ihr, um ihrem Schmerz nicht neue Nahrung zu geben; im Uebrigen lebte ſie bei dem Doktor auf's Allerangenehmſte, doch hielt ſie mit demſelben häufige Conferenzen und bat ihn dringend, eingedenk des Wortes ihrer Mutter für ſie bemüht zu ſein und eine Stelle aufzufinden, die ihr erlaube, für ſich ſelbſt ſorgen zu können. Der Doktor ſchob dieſe Entwürfe auf die lange Bank, wie er zu ſagen pflegte und wollte nichts davon wiſſen, daß das liebe Midchem ſein Haus verlaſſe.„Bleiben Sie bei meiner Frau“ pflegte er zu ſagen,„Sie ſind hier gut aufgehoben, wir wollen Sie Beide nicht Werlaſſen, wozu auch? ja, wenn ſich einmal etwas außerordentlich Annehmbares findet, ſo ſpricht man weiter davon, aber vorderhand bitte ich Euch, hochedles Burgfräulein,“ dieſen Beinamen hatte er ihr gegeben, „nicht weiter daran zu denken. Aber Emma dachte wohl daran, obgleich ſie die Frau 4 des Doktors innig liebte, obgleich ſie unter andern Ver⸗ hältniſſen vielleicht Jahrlang zum Beſuch geblieben wäre, ſo ſchien ihr doch jetzt jeder Tag, an welchem ſie ver⸗ ſäumte, ſich nach einer dauernden, einträglichen Beſchäf⸗ tigung umzuſehen, ein Unrecht, das ſie nicht nur an ſich, ſondern auch an ihrer Mutter begehe, welcher eine ſorgen⸗ 159 freie Exiſtenz für das Alter zu verſchaffen, ihr glühend⸗ ſter und ſüßeſter Wunſch war. Eines Tages nahm mich Emma bei Seite, ſprach mir von ihrem Plan und der Nothwendigkeit, denſelben bald ins Werk zu ſetzen und forderte mich auf, ihr Beiſtand zu leiſten; doch hatte mir der Doktor für dieſen Fall ſchon ſeine Winke gegeben, weßhalb ich die Achſeln zuckte und verſicherte, es ſei gewiß äußerſt ſchwierig, ihr eine Stelle zu verſchaffen, ſie möge ſich beruhigen, es habe gar keine Eile, und was dergleichen Redensarten mehr waren. „Warum willſt Du nicht,“ ſagte ich,„bei der Doktorin bleiben? ſie hat Dich ſo gerne.“ „Warum?“ entgegnete das Mädchen,„warum? weil ich nicht von der Gnade anderer Leute leben will, ſelbſt wenn dieſe Leute meine beſten Freunde ſind, warum biſt Du nicht auf der Mühle geblieben?“ fragte ſie mich ernſt,„gewiß hätte man Dich auch dort gerne ein paar Jahre behalten.“ Dagegen war nun freilich nichts einzuwenden und doch konnte ich nicht in ihr Verlangen willigen, erſtens hatte es mir der Doktor ſtreng verboten, und zweitens war ich Egoiſt genug, für dieſen Fall keine Schritte zu thun, denn ich fürchtete, meine innig geliebte Nichte, meine gute Emma aus der Stadt zu verlieren, wenig⸗ ſtens aus dem Hauſe des Doktors. Einnige Zeit nach dieſem Vorfall— Emma ſchien F —— — 160 uns nachgegeben zu haben und ſprach keine Silbe mehr von ihrem Projekte— wurde der Doktor nach langer Zeit wieder und zwar durch ein Handſchreiben des Herrn Specht in unſer Haus berufen. Dieſe Einladung war ihm um ſo überraſchender, als in unſerm Hauſe einer ſeiner Collegen, ein Mann, mit welchem er in keinem guten Einverſtändniß lebte, welcher aber dafür vollkommen tadellos und wohlgefällig vor den Augen des Herrn Sproßer und des Herrn Buchhalter Specht wandelte, ſeit längerer Zeit als Haus⸗Arzt praktizirte. Die Prinzipalin befand ſich auf ihrem Zimmer, als der Doktor eintrat, ſie ſaß an ihrem Schreibtiſch, eine Brille auf der Naſe und war beſchäftigt, verſchiedene Briefe durchzuleſen. Sie reichte dem Arzte die Hand, welcher ſich einen Stuhl nahm und auf die unbefangenſte Art von der Welt und als ſei er erſt geſtern dageweſen, ein Geſpräch einleitete. Wie Burbus mir ſpäter verſi⸗ cherte, fand er die Frau ſehr gealtert, ja wenig mehr von der Energie und dem ſo angenehmen kräftigen Weſen, das ſie früher auszeichnete. Sie nahm die Brille ab, lehnte ſich in ihren Stuhl zurück und ſchien nicht ungern den geſunden und luſtigen Einfällen des Arztes zuzuhö⸗ ren. Zuweilen fuhr ein Lächeln über ihre ernſten Züge und ſie nahm es gar nicht übel, als ihr der Doktor ziemlich ironiſch zu verſtehen gab, daß er die gegründetſte Hoffnung habe, bald wieder ihr Hausarzt zu werden, 161 indem er ſich die außerordentlichſte Mühe gebe, ſein ver⸗ gangenes Leben vergeſſen zu machen und in irgend einen Betklubb als verloren gegangenes, aber reuiges Lamm aufgenommen zu werden. Dem Doktor nahm eigentlich nie Jemand was übel, er hatte eine ſolch' gutmüthige Manier, ſeine beißenden Bemerkungen anzubringen, daß man ihm im Ernſte nicht zürnen konnte. „Laſſen Sie Ihre Poſſen,“ ſagte endlich die Frau, ohne böſe zu ſein,„die Wege der Menſchen treffen ſich, laufen zuſammen und gehen auseinander.“ „Ganz richtig,“ ſagte der Doktor,„wie auf dem Bil⸗ lard die Kugeln nach unſanftem Zuſammenſtoß.“ 4„Ich habe Sie rufen laſſen, lieber Doktor,“ fuhr Madame Stieglitz fort,„nicht wegen einer ärztlichen Conſultion, ich befinde mich, Dank dem Höchſten, kör⸗ perlich wohl, vielmehr wegen eines Geſchäftes, über wel⸗ ches ich mit Ihnen ſprechen möchte; leſen Sie dieſen Brief.“. 3 Der Doktor entfaltete ein Papier, welches ihm Ma⸗ dame Stieglitz gab und rieb ſich, nachdem er einige Zei⸗ len geſeſen und die Unterſchrift geſehen wiederholt die . Augen, wie Jemand, der nicht glauben will und kann, was er ſieht.„O, das iſt zu ſtark,“ ſagte er nach ei⸗ ner Pauſe,„aber Sie wären nicht geneigt darauf ein⸗ zugehen Madame Stieglitz.“ II. 4 11 4 162 „Warum nicht?“ entgegnete die Prinzipalin,„ich kenne die Familie, die Leute haben Unglück gehabt, wa⸗ ren aber von achtbarem Charakter und das Mädchen ſoll ſehr gebildet und wohlerzogen ſein, ſo ſagt wenigſtens mein Buchhalter, der Herr Specht.“ „Ei ſo, der Herr Specht,“ lachte bitter und zornig der Doktor,„der Herr Specht, den Gott—“ verdammen ſoll, wollte der Doktor ſagen, verſchluckte aber das Wort und ſchüttelte mit dem Kopfe;„das geht nicht, Madame Stieglitz, das geht durchaus nicht.“ „Und warum nicht, iſt das Madchen nicht zu em⸗ pfehlen? ich habe Sie zu mir gebeten, lieber Herr Doktor, um einige Auskunft über ihren Charakter zu erhalten, ſie wohnt ſeit dem Tode ihres Vaters bei Ihnen?“ „Empfehlungswerth,“ ſagte der Doktor,„o was das anbelangt, da könnte ſich jedes Dach glücklich preiſen, unter welches dies reine und gute Geſchöpf eingeht, ſo⸗ gar das Ihrige,“ ſetzte er ironiſch hinzu,„ſogar hier, wo des Glaubens hellſtes Licht leuchtet, würde man kei⸗ nen Flecken an ihr finden.“ „So wäre ich alſo nicht abgeneigt,“ ſagte Madame Stieglitz,„das Mädchen unter den beſten Bedingungen anzunehmen.“ „Doch wär ich in der That ſehr abgeneigt, das Mädchen aus meinem Hauſe zu laſſen.“ „Sie hat das vorausgeſehen,“ entgegnete ruhig die r 8‿₰ Prinzipalin,„und hat mir auch noch privatim geſchrie⸗ ben— der erſte Brief gilt dem Hauſe Stieglitz und Comp.— und gerade dieſes zweite Schreiben, in wel⸗ chem ſie der gaſtlichen und liebenswürdigen Aufnahme gedenkt und zugleich den Wunſch, ſich eine Exiſtenz zu verſchaffen, ſo kindlich ſchön, ja rührend motivirt, hat mich ſehr für ſie eingenommen, mir genügen Ihre Aus⸗ ſagen, mein lieber Herr Doktor vollkommen und ich werde der Mamſell Emma dieſe Stelle geben.“ „Als Ladenjungfer,“ lachte der Doktor auf ſeine ei⸗ genthümliche Art, wenn er ſeinen Zorn unterdrücken wollte. „Nicht ſo ganz,“ entgegnete die Frau,„ſehen Sie, Herr Doktor, ich werde nachgerade alt und ſchwach, ich bin nicht mehr dieſelbe, die ich noch vor einem halben Jahr war,“ ſagte ſie mit einem trüben Lächeln,„meine Augen laſſen nach, ich ſitze oft ſtundenlang einſam und allein, bin meinen Gedanken überlaſſen und möchte gern ein gutes Weſen um mich haben, das freundlich und liebevoll mit mir ſpricht, ein weibliches Weſen, das mich die alte Frau vielleicht verſteht. Ich kann ja nicht im⸗ mer die koſtbare Zeit meines Seelenfreundes, des Herrn Sproßer in Anſpruch nehmen.“ Der Doktor ſah bei dieſen Worten die Frau ernſt an und antwortete mit ſchneidendem gedehntem Tone:„meine verehrte Frau, Sie eröffnen dem armen mittelloſen Mädchen 11* 16141 eine Ausſicht, nach welcher viele andere begierig haſchen würden, aber vergeſſen Sie nicht, daß die Emma, ob⸗ gleich gut erzogen, obgleich gebildet, ihr Charakter iſt ohne Fehl und ihr Herz rein wie Gold— wir Aerzte verſtehen uns auf dergleichen,— daß die Emma wollt) ich ſagen nicht mit jenen Tugenden begabt iſt, welche die meiſten Freunde Ihres Hauſes, Madame, auszeichnen, ſie iſt ein Weſen dankbar und fromm mit einem klugen offenen Verſtand, dem aber gänzlich die Fähigkeit man⸗ gelt—— der gewiſſen Gnade theilhaftig zu werden.“ Es trat eine kleine Pauſe ein, Madame Stieglitz ſenkte den Kopf herab und antwortete erſt in einigen Augenblicken,„ich verſtehe den Vorwurf vollkommen,“ ſagte ſie,„der in Ihren Worten liegt, aber ich glaube und hoffe zu Gott, daß Sie mir und meinen Freunden Unrecht thun, ich wenigſtens bin keine Heuchlerin, ſollte ich einen unrechten Weg wandeln, ſo vergebe mir Gott, ich thue alles ohne Nebengedanken nur zum Preis und zur Ehre des Höchſten.“ Sie erhob ſich in ihrer großen majeſtätiſchen Geſtalt und ein paar Thränen rollten ihre bleichen Wangen hinab, ſie reichte dem Doktor die Hand, und dieſer, ſeltſam erſchüttert von der gehabten Unterre⸗ dung nahm ſeinen Hut und empfahl ſich mit einer ſtum⸗ men Verbeugung. Ich ſah ihn die Treppen hinabſtürmen und erſchrak vor dem ernſten, ja zornigen Ausdruck, noch größer abe 165 wurde mein Schreck, als er mich am Arm faßte und ins offenſtehende Speiſe⸗Zimmer zog. Hier betrachtete er⸗ mich vom Kopf bis zu den Füßen und ſagte:„Ei, ei, Sie ſauberer Zeiſig, heißt das einem Freunde Wort hal⸗ ten, habe ich Sie nicht gebeten, habe ich Ihnen nicht ausdrücklich befohlen, ich, ein viel älterer Menſch, wie Sie, der es gut mit Ihnen meint, habe ich Ihnen nicht geſagt, Sie ſollten der Emma bei ihrem tollen Gedanken, ſich eine Stelle zu ſuchen, Ihre Hülfe verſagen und jetzt wollen Sie ſie hier in's Haus ſchmuggeln als Laden⸗ jungfer des Herrn Specht, als Mamſell Thereſe, zweite Auflage, Sie Ungeheuer, bei Ihrem nächſten Unwohlſein verordne ich Ihnen Blauſäure, daß die Welt von einem ſo ſchädlichen Inſekt befreit wird.“ Ich ſtand ſprachlos da mit offenem Munde und als er mich endlich zu Wort kommen ließ, verſicherte ich ihm hoch und theuer, ich wüßte von der ganzen Geſchichte nichts und gab dem erzürnten Doktor mein Ehrenwort, daß ich der Emma meine Hülfe, wie er es mir einge⸗ ſchärft, rund abgeſchlagen habe. Der Doktor glaubte mir, denn ich hatte ihn nie be⸗ logen, er dachte einen Augenblick nach und ſagte als⸗ dann heftig:„ſo hat das verwünſchte Madchen die Auf⸗ forderung in der Zeitung geleſen, da iſt bei ihrem feſten Charakter kaum zu helfen. Er ſprang zur Thür hinaus und rannte wie toll nach Hauſe. 3 166. Wite es der Doktor vorausgeſagt hatte, ſo war auch bei dem feſten Charakter meiner Nichte Emma nicht da⸗ ran zu denken, daß ſie einen einmal gefaßten Beſchluß ohne gewichtige Gründe wieder aufgeben würde und ge⸗ wichtige Gründe, warum ſie eine Stelle in einem acht⸗ baren Hauſe, wie das der Firma Stieglitz und Comp. nicht annehmen ſollte, ſah weder die Doktorin noch ich. Ich konnte doch unmöglich vor dem jungen Mädchen mit einer Schilderung des Charakters unſeres Buchhalters herausrücken, ich konnte doch ebenſowenig von jener Bet⸗ Verſammlung erzählen, der ich die Ehre gehabt hatte, einmal beizuwohnen. Der Doktor dagegen ſchien unentſchloſſen, ob er ſeiner Schutzbefohlenen Einiges mittheilen ſolle, was er von dem Buchhalter zu wiſſen ſchien, er ging lange mit ſich darüber zu Rathe und hatte mit mir über dieſen Gegen⸗ ſtand eine ernſte Unterredung:„Was ſoll ich thun?“ ſagte er,„gegen den achtbaren Charakter der Prinzipalin iſt nichts zu ſagen, wenn es mir auch gelänge, den Buch⸗ halter in die Luft zu ſprengen und es iſt die Frage, ob mir das gelingt, denn dieſe Starken im Glauben halten zuſammen wie die Ketten, ſo haben wir doch nichts da⸗ bei gewonnen. Sie reißt er mit ſich, wie ich Ihnen ſchon an jenem Abend ſagte, indem er Ihnen beweist, daß ſie einen höchſt unmoraliſchen Lebenswandel geführt haben, laſſen wir jetzt der Sache ihren Lauf und behal⸗ ten wir die Augen offen, es iſt manches faul im Staate Dänemark,“ ſetzte er hinzu,„gehen Sie Ihren geraden Weg, laſſen Sie mir alle Liebeleien und verlangen Sie meinen Rath, wenn Ihnen was Verdächtiges begegnet.“ So war es denn in kurzer Zeit entſchieden, daß Emma in unſer Haus kommen ſollte. Der Buchhalter zeigte es mir mit der gleichgültigſten Miene von der Welt an und die einzige Aufmerkſamkeit, die er der neu Angekommenen bewies, war, daß er ihr ſein Schlafzimmer mit dem be⸗ wußten Ofen abtrat und ſich dafür in das meinige ein⸗ quartirte. Ich kam auf die andere Seite von dem Zim⸗ mer meiner Nichte, wo früher Mamſell Thereſe gewohnt, welches Gemach der Herr Specht nicht zu beziehen wünſchte. Mir war es Anfangs ein unverkennbares Vergnügen, ſo geſtand ich mir ſchüchtern in meinen ſtillſten Stunden, mit Emma unter einem Dache zu wohnen, ſie bei Tiſche zu ſehen und im Stande zu ſein, ihr hier und da kleine Dienſte zu leiſten. Wir hatten einen neuen Lehrling angenommen, ich ſage wir, denn auch mir wurde bei ſolch' großen Ver⸗ anlaſſungen jetzt eine berathende Stimme eingeräumt. Dieſer neue Lehrling, mein Nachfolger war jener würdige Herr Block, den wir auf der Wiegkammer des Herrn arfer kennen gelernt haben. Er wurde meiſtens im Laden beſchäftigt und da auch der Herr Specht ſeit län⸗ 4 gerer Zeit ſich dieſem Geſchäft faſt ausſchließlich gewid⸗ met hatte, ſo gab es hier für eine dritte Perſon nicht viel zu thun, weshalb auch Emma nicht viel dort war, 5 gewöhnlich befand ſie ſich in dem Zimmer der Prinzipalin, nähte und ſtrickte bei ihr, oder las ihr vor. Ich weiß nicht wie es kam, aber das Mädchen hatte bald eine Herrſchaft über das ganze Haus und Jeder nahm ſich noch ſorgfältiger, wie ſonſt, in Acht, von der Prinzipa⸗ lin einen ernſten Blick zu erhalten, namentlich wenn Emma in der Nähe war. Auf die Erziehung des einigermaßen nachläͤſſigen Herrn Block hatte ſie einen großen Einfluß und ein miß⸗ billigendes Wort genügte, ihn für Wochenlang beſonnen zu machen. Unſer Beiſammenleben, ich meine das zwiſchen mir und meiner Nichte, war freundlich und herzlich, doch merkte ich an Kleinigkeiten, die aber für mich bedeutend waren, daß ich ſeit ſie im Hauſe war, weniger als Vet⸗ ter wie als Collegen von ihr angeſehen wurde und das machte mir viel betrübte Stunden. Das Mädchen hatte mich früher ſo gern gehabt, wir ſtanden in einem Verhält⸗ niß zuſammen, deſſen Art, das fühlte ich deutlich, uns Beide vollkommen beruhigte, ſie liebte mich, ich liebte ſie, doch hätten wir uns Beide geſchämt, uns das einzuge⸗ ſtehen, aber eben dieſes ſelige Bewußtſein brachte in un⸗ ſer Leben eine ſchöne ſanfte Harmonie, die nie von Er⸗ —— 169 klärungen und Aufwallungen getrübt wurde, jetzt aber fühlte ich ganz anders. War es mir früher einmal ver⸗ gönnt geweſen, ihre Hand zu erfaſſen oder hatten ſich beim Abſchied oder Wiederſehen unſere Lippen gefun⸗ den, ſo nahm ich dieſes Glück als eine ſüße Gabe hin, und wartete geduldig, wohl mit Sehnſucht, aber ohne es eifrig herbeizuführen, bis ſich das wiederholen würde. Seit ſie mir aber hier im Hauſe einmal ihre Hand ent⸗ zog, als ich ſie ihr leicht gedrückt, ohne einen Gegendruck zu fühlen und als ſie mir dabei geſagt, nicht ohne einige Bewegung:„die Zeiten ſind jetzt vorbei,“ da war ich eifriger als je erpicht, ihre Hand zu berühren, wo es nur immer möglich war, und obgleich ich wohl begriff, da ich das arme Mädchen dadurch vor den ſcharfen Blicken des Herrn Specht in manche Verlegenheit brachte, ſo konnte ich es doch nicht laſſen, und das ging ſo weit, daß Emma einen Augenblick wahrnehmend, wo wir al⸗ lein waren, mir freilich nicht ohne Thränen aber ruhig und beſonnen unſere beiderſeitige Lage ſchilderte. Wenn ich auch fühlte, daß ſie vollkommen Recht hatte, ſo konnte und wollte mein ſchwer verletztes Gemüth ihrem Grund⸗ ſatz, fleißig zu arbeiten und alles andere Gott zu über⸗ laſſen, der gewiß unſer Schickſal zum Beſten lenken würde, nicht beiſtimmen. Gut, dachte ich, ſie opfert Dich auf, ſie will ſich bei der Prinzipalin in Gunſt ſetzen, indem ſie das frühere Verhältniß mit Dir abreißt, mir * 170 auch recht. Ich lachte laut auf, ſie wollte mir die Hand eichen, und als ich ſie nicht annahm, faltete ſie ihre Hände auf die Bruſt, und ſagte unter Thränen:„Du verſtehſt mich nicht, und thuſt mir, weiß Gott im Him⸗ mel, bitteres Unrecht;“ ich machte ihr eine Verbeugung, wünſchte der„Fräulein“ Emma einen guten Mor⸗ gen und ging auf mein Zimmer. Noch auf der erſten Treppe ſprach es in mir, Du haſt eine große Heldenthat begangen, aber ſchon auf der zweiten wurde ich weicher, und als ich in meinem Zimmer angekommen war, warf ich mich heftig weinend auf einen Stuhl und hielt mich für den unglückſeligſten aller Menſchen. Tauſend Ge⸗ danken durchkreuzten mein Gehirn und wenn mir auch meine Vernunft auf Augenblicke zuredete, das Mädchen habe vollkommen Recht, was würde die Prinzipalin zu einer ſolchen Liebelei in ihrem Hauſe ſagen, ſo ſprach dagegen mein Stolz und meine jugendliche Heftigkeit ganz anders und ich beſchloß Emma als eine gänzlich Fremde anzuſehen und war in meinem Innern feſt über⸗ zeugt, daß ſie ein kleines herzloſes Ungeheuer ſei. Da ich mit meinen verweinten Augen mich nicht konnte im Comptoir ſehen laſſen, und auch wünſchte mein Urtheil einer Appellation zu unterwerfen, indem ich doch noch hoffte, eine höhere Inſtanz werde es um⸗ werfen und mir das Herz des Mädchens in einem für meine Citelkeit angenehmen Lichte zeigen, ſo nahm ich ——-= — p- ſ — —*——-—— meinen Hut und beſchloß den Doktor Burbus aufzuſu⸗ chen und ihm den Fall vorzutragen. Ich traf den Doktor zu Hauſe, er kam eben von ſei⸗ nen Kranken und ließ mich meine Erzählung beginnen, ich war wirklich die Offenheit ſelber und wunderte mich nachher darüber, ich ſprach ihm von meiner Neigung zu meiner kleinen Nichte und erklärte mich mit dem Reſul⸗ tat derſelben bis zum Eintritt der Emma in's Haus voll⸗ kommen zufrieden. Hier unterbrach mich der Doktor und fragte:„und wie alt ſind Sie jetzt, hochverehrter Buchhalter?“ „Nächſtens werde ich zwanzig,“ entgegnete ich ihm und ſtreckte mich bedeutend in die Höhe. „Alſo weiter.“ Dieſe Frage, ſo einfach ſie an und für ſich war, hatte mich einigermaßen aus dem Gleichgewicht gebracht und ſo klar der erſte Theil meiner Erzählung war und, wie ich glaubte, ſo vollkommen geeignet einen guten Eindruck zu machen, ſo verworren und unklar war der zweite Theil derſelben und ich bemerkte deutlich, wie in den Augen des Doktors zuweilen die Luſtigkeit auf⸗ blitzte, doch als ich geendet, war er ſichtlich ernſt und ſagte nach einer Pauſe:„Für ihre Offenheit danke ich, ſie iſt gegen Ihren alten Freund lobenswerth, aber Ihre ganze Geſchichte iſt faul und überſpannt von Anfang bis zu Ende; das Maͤdchen hat Ihnen zuweilen die 172 Hand gegeben, hat Sie, ihren Vetter, hie und da geküßt, und was ſoll das weiter heißen? daß die Emma dabei nie etwas gedacht hat, iſt ſo klar, wie der Tag und jetzt kommen Sie her und bilden ſich ein, das Mädchen ſei in Sie verliebt, und darauf bauend gehen Sie luſtiger⸗ weiſe immer weiter und machen die hoffnungsvollſten Anſtalten, das arme Kind in dem Hauſe, wo ſie ihr Brod verdienen muß, zu compromittiren— ah, das muß ich mir ausbitten und wenn ich die Emma ſehe, werde ich ihr ſagen, daß ſie vollkommen Recht gehabt hat. Lieber theuerſter Freund, wehe will ich Ihnen wahrhaf⸗ tig nicht thun, aber jede Arznei iſt bitter, auch werden Sie es mir danken, wenn ich jetzt, da es noch möglich iſt, Ihr Herzweh mit einigen bittern Tropfen curire, um nicht in den Fall zu kommen, ein ſpäteres heftiges De⸗ lirium ebenfalls heftig und höchſt unangenehm beſeitigen zu müſſen. Sie ſind noch ſehr jung, Sie haben, ich muß es geſtehen etwas gelernt und können in jedem guten Hauſe eine Anſtellung finden, das Stieglitzſche Haus iſt demnächſt zu klein für Sie, Sie ſollen in die Welt hin⸗ aus, ich habe Ihrem Vormund ſchon darüber geſchrieben, Sie müſſen das Leben kennen lernen. Friſch aufgeſchaut, Kopf in die Höhe, in fünf bis ſechs Jahren ſprechen wir über dieſen Punkt weiter.“ Ich antwortete kein Wort und ging träumend nach Hauſe, der Doktor hatte Recht und Unrecht, ſo dachte e ich mir. Daß Emma nie etwas für mich gefühlt habe, wie verwandtſchaftliche Zuneigung, das wußte ich beſſer, 4 daß ſie ſich aber jetzt gänzlich geändert, fühlte ich deut⸗ lich und fühlte es mit tiefem Schmerz. Ich ſollte zuerſt das Leben kennen lernen, hatte der Doktor geſagt, und ich hatte ihn, aber ſehr falſch, verſtanden; was kannte ich auch vom Leben? mein bisheriges war eingetheilt in den Geſchäften zu Hauſe, in Beſuchen bei meinem Vetter und dem Doktor, ach, die beiden letzten Orte wa⸗ ren ja bis jetzt meine ganze Welt geweſen, das hatte ſich geändert und auch ich beſchloß mich zu ändern und ein anderes Leben anzufangen, wie der Leſer im nächſten Kapitel erfahren wird. XIV. Der Flegeljahre zweite und vermehrte Auflage. „ Wenn man die kleinen lieben Kinder anſieht, die zierlichen Geſchöpfchen, Miniatur⸗Ausgabe des Vaters und der Mutter, im Kleinen ſchon begabt mit deren Tu⸗ genden und Fehler, ſo unterſcheidet man augenblicklich in den Spielen und Unterhaltungen den Knaben vom Mädchen. Sind auch die Röckchen gleich lang, ſind die blonden Haare gleich geringelt und gekämmt, das ſtär⸗ kere Geſchlecht macht ſich ſchon in den erſten Jahren be⸗ merkbar. Der Knabe zerſtört und verdirbt, wo das Mädchen ſammelt und aufbaut. Er regiert den Hammer, zerſchlägt Fenſter und Blumenſtöcke, haſcht nach einem Meſſer, um in die Tiſche zu ſchneiden, ſie dagegen putzt die Fenſter mit ihrem Schürzchen, pflanzt das Ballbou⸗ quet der Mama in den Sand des Spucknapfes und wenn ſie einmal ein Meſſer oder eine Scheere in die Hand nimmt, ſo geſchieht es vielleicht nur in der Abſicht, um 6 die ihn erzogen, und natürlicherweiſe verhätſchelt, ſie iſt 175 aus der beſten Schürze der Mama ein Gewand für die Puppe zu ſchneiden, das geht nun ſo fort und je ſanf⸗ ter das Mädchen beim Heranwachſen wird, deſto unar⸗ tiger und trotziger wird der Knabe, er weiß, wie der Hahn kräht und wie der Ochs brüllt, als Pferd zer⸗ rutſcht er ſeine Hoſen auf dem Knie und ſtößt ſich Split⸗ ter in die Hände, als Wolf ſreckt er die Zunge heraus und als Papa zerdrückt er ſſen Hut, zerſchlägt ſeine Pfeifen und zerſtößt ſeine Cigarren. Dieſe Unarten und kleine Flegeleien in den enſten Lebensjahren mit jener zierlichen Unbeholfenheit gepaart, die man liebenswürdig finden kann, bringen die eigenen Eltern ſelten in Zorn, man tröſtet ſich, indem man denkt, dieſe Zeit geht vorüber und der Kleine wird endlich einmal verſtändig werden. Aber der Kleine wird nicht verſtän⸗ dig, endlich geht er mit ſeiner Schweſter in die Spiel⸗ ſchule, beide in einem reinlichen Röckchen und weißer Schürze, auch kommt das Mädchen ebenſo wieder nach Haus, der Bube aber beſchmutzt und zerzauſt; Nachbars Fritz hat ihm die Mütze in den Koth geworfen und die Schürze beſchmutzt, daß er aber Nachbars Fritzen die Schiefertafel zerbrach, geſteht der kleine Schlingel nicht. Jetzt kommt die Zeit, wo die Freunde und Freun⸗ dinnen des Hauſes von den Unarten des Sprößlings außerordentlich geplagt werden, ebenſo die alte Tante, 176 eigentlich die Quelle aller Unarten, wenigſtens der großar⸗ tigen Entwickelung derſelben; ſie erlaubt ihm hie und da, wenn es Niemand ſieht, mit dem Fliegenwedel ein Treib⸗ jagen auf die Katze anzuſtellen, auch zuweilen ins Hun⸗ dehaus zu kriechen, und wenn ſich der Vater über der⸗ gleichen Geſchichten beklagt, ſo iſt die alte Tante glück⸗ ſelig, den Neffen rein anziehen zu dürfen und verſichert, es ſei eine Freude, ihn im Hundehauſe bellen zu hören, der Caro mache es lange nicht ſo natürlich. Der Burſche iſt jetzt fünf Jahre alt und die Tante macht ſich immer noch das Vergnügen, den verwöhnten Bengel einzuſchläfern, indem ſie ihm eine Stunde lang ſchöne Lieder vorſingt, auch verſteckt ſie beim Abendbrod etwas unter ihre Schürze und das verſpeist er, wenn ſie zu Bette geht, ſchlaftrunken aber mit einem ungeheuren Heißhunger. Auf vernünftige Vorſtellungen hierüber ſagt die alte Tante:„ach, ſo ein kleines Kind und ſo eine lange Nacht“ und zum Dank für dieſe Güte ſteht 3 das kleine Kind in der langen Nacht einigemal auf und 3 plagt die Tante mit Bedürfniſſen, deren Natur ich mir nicht erlaube, hier auszuſprechen. Das Mädchen iſt in dieſer Zeit ſchon ſehr geſetzt, kleidet ihre Puppen an, kocht für dieſelben und giebt ihnen zu eſſen, man erfreut ſich an ihrem ſtillen Weſen und erfreut ſich eben ſo ſehr an der Ausgelaſſenheit des Buben, denn dieſelbe iſt noch harmloſer Natur, etwas 177 Urſprüngliches und gutmüthig, wie die Geſellſchaft, von der er ſeine Streiche erlernt, ſein Körperchen und Ge⸗ ſicht wird lang und blaß, die alte Tante hat ihm ſeine langen blonden Haare abgeſchnitten, dieſelben ſorgfältig in ein Papier gewickelt und zeigt ſie ihm an Sonn⸗ und Feſttagen, wobei ſie ſeufzend ſagt:„ſiehſt Du, das ſind die Haare von dem lieben kleinen Wilhelm, der iſt aber längſt nicht mehr da und dafür haben wir jetzt einen langen Schlingel, der alle möglichen dummen Streiche macht.“ Das Herz der guten alten Tante nämlich hat ſich jetzt zu dem zierlichen ſechsjährigen Mädchen hinge⸗ wendet, welches ſanft und klug der guten Perſon mit ihren kleinen Kräften hilft, wo ſie kann. Sie liest ihr in der Küche die Erbſen aus, ſie kann das Licht putzen, ſie weiß, wo das Geſangbuch und die Brille liegt und vergißt nie, mit ihrem Schürzchen die Gläſer abzuwiſchen, ehe ſie ſie der Tante darreicht. Der Stammhalter dagegen thut der Tante alles mög⸗ liche Herzeleid an, er ſetzt der Katze und dem Jagdhund Schwanzklemmen auf, er trommelt wie ein Raſender im Haus umher, zerbricht alle Augenblick ein Glas und hat ſich des größten Verbrechens dadurch ſchuldig gemacht, daß er eines Tags die Brillengläſer der Tante entwendet, ſie vorne und hinten in eine Holzröhre befeſtigt, wobei natürlicherweiſe eins zerbrach, und ſich auf dieſe ſinnreiche Art ein Fernrohr verfertigte. Dabei hat er erſchrecklich u. 12 1 8 viel muſikaliſche Anlagen und wenn er mit lauter krä⸗ hender Stimme Lieder ſingt, ſo ſchlägt er den Takt hiezu mit der Feuerzange auf dem eiſernen Ofenſchirm wahr⸗ haft markdurchdringend. Sein Ausſehen iſt in dieſem Zeitpunkte ſehr unvor⸗ theilhaft, er hat vom Wachſen eine grüne kränkliche Ge⸗ ſichtsfarbe, iſt faul, ſchläferig und vorlaut und der Vater zuckt die Achſeln und ſagt:„das iſt einmal nicht anders, der Junge kommt in die Flegeljahre.“ Da ein Gemüth vor dem andern früh oder ſpät reift, ſo iſt auch der Eintritt dieſer merkwürdigen Zeit, dieſer moraliſchen Knabenkrankheit, äußerſt unbeſtimmt, ge⸗ wöhnlich aber entfaltet ſich die zarte Blüthe der Flegelei in den Jahren zwiſchen zehn und ſechszehn, äußert ſich zuweilen ſtill und ſchleichend, als Heuchelei und heim- tückiſches Weſen, oder wild und lärmend, eine Sturm⸗ und Drangperiode, man könnte auch ſagen, eine Sturm⸗ und Trankperiode, denn der hoffnungsvolle deutſche Gym⸗ naſiaſt bereitet ſich verſtohlenerweiſe durch die erſten An⸗ fänge der Trinkkunſt auf's Seminar oder die Univerſität vor. In dieſen eigentlichen Flegeljahren nun iſt das männliche Individuum das unausſtehlichſte und zorner⸗ regendſte Weſen in der ganzen Schöpfung, ſeine grenzen⸗ loſe Faulheit, welche jedoch bei dieſem Seelenzuſtand nicht unumgänglich nothwendig iſt, ſeine Sucht dumme Streiche zu erfinden oder auszuführen iſt unbeſchreiblich, deshalb iſt auch der Lehrer das geplagteſte Geſchöpf der Chriſten⸗ heit und deswegen iſt es jammervoll, daß denſelben ihre Bemühungen und ihr grenzenloſer Aerger ſo ſchlecht be⸗ zahlt wird.. Es iſt eigentlich für den Betreffenden eine ſelige ver⸗ gnügte Zeit, das erſte Flegelthum, wir haben ja alle die angenehmſten Erinnerungen bewahrt; wie koſtbar ſchmeckt der geſtohlene Apfel, wil iſt ſelbſt in der Erin⸗ nerung das heftige Erbrechen, das wir uns bei der er⸗ ſten Pfeife Taback geholt, von einem angenehmen Schim⸗ mer umgeben, wie wenig ſchmerzten die verbrannten Finger, als wir das Pulverhorn des Vaters geplündert und Sprühteufel gemacht, immer einer größer, als der andere, bis uns der letzte, der zu trocken war, in der Hand zerknallte. Unzählig ſind die Fenſterſcheiben, die wir aus Muth⸗ willen oder Leichtſinn zerbrachen und dann welcher. Schaden wurde angerichtet, wenn wir die Uebungen des Turnplatzes zu Haus fortſetzten und als wir, um un⸗ ſere Geſchicklichkeit zu zeigen, mit der wir den ganzen Körper ſchwebend auf Einem Arm erhalten konnten, die Lampe auf das Thee⸗Service warfen, daß alles zerbrach. Auch die höheren und gefährlichen Aeußerungen des Flegelthums ſind in der Erinnerung ſchön, wer verwech⸗ ſelte nicht Wirthshaus⸗ und andere Schilde, wer riß nicht 12* 180 Klingelſchnüre ab, wer warf keine Laternen ein und ſpannte in der Dunkelheit nicht Schnüre über die Stra⸗ ßen? Gewiß Niemand, der nicht ſpäter ein tüchtiger Staats⸗Beamter oder ſonſt etwas Rechtes wurde. Auch der Liebe zarte Blüthe treibt zuweilen, aber als ſchüchterne Spezies die erſten Früchte, der junge Menſch erkiest ſich eine geſpielende Schweſter zu ſeiner Auserwählten und um ihr zu gefallen, ſucht er einen Ruhm darin unter den Flegeln ſeiner Bekanntſchaft der Flegelhafteſte zu ſein. Natürlich iſt ſie dem Starken, iſt ſie dem Raufer hold und triumphirend kommt er mit einem blauen Auge, mit einer dick aufgelaufenen Naſe nach Hauſe; auch liebt ſie die Blumen und des Vaters prachtvolle Roſen werden zu einem ungeheuren Blumen⸗ ſtrauß vereinigt. Die Tante wird achtungsvoller behan⸗ delt, denn er muß ihre Hülfe in Anſpruch nehmen, er ſchwatzt ihr eine goldene Troddel ab, um ſie der Gelieb⸗ teen in das Haar zu heften, er führt die Auserkohrene in ihr Zimmer und bittet ſie, die Fetzen ihres Kleides, die beim Umherſpringen im Garten an einem Dornen⸗ buſch hängen blieben, wieder zu einem zierlichen Ganzen zu vereinigen. Liebesbriefe werden ebenfalls geſchrieben, doch hat der Vater dieſe Federübungen entdeckt und handgreiflich und ſtrenge beſtraft; ſie unterbleiben des⸗ halb nach dieſem erſten Verſuch, auch iſt die Geliebte untreu geworden, denn ſie hat mit dem Sohne des N —x Nachbars und deſſen Familie eine Landparthie ge⸗ macht. Demgemäß aber iſt das Herz des jungen Flegels zerriſſen von Lieb' und Eiferſucht, es tobt noch einmal ganz gewaltig, bekommt zur Strafe ſeiner Unarten zu Hauſe häufig nichts zu eſſen, das Taſchengeld, welches ihm der Vater entzieht, wird ihm aber durch der Tante wiedererwachte Zärtlichkeit doppelt erſetzt. Er trinkt ſehr viel Bier, geräth in kleine Schulden und lernt einſehen, daß er ein anderes Leben anfangen muß. Er hat aus⸗ getobt und ausgegohren und der Wein ſeines Lebens, bis jetzt eine trübe unerquickliche Maſſe, beginnt ſich zu ei⸗ nem klaren Getränke abzuſetzen. Wie der geneigte Leſer durch meine offenherzigen Bekenntniſſe erfahren, ſo hatte ich meine erſten Flegel⸗ jahre in dem Reißmehl'ſchen Hauſe nach allen Dimen⸗ ſionen durchgemacht und der Theil lag hinter mir. Doch giebt es im Leben manches Menſchen noch eine zweite Reihe von Flegeljahren, die, obgleich ſie nicht mit ſo heftigen Erſcheinungen, wie die erſten auftreten, doch verderblicher auf Seele und Leib wirken können. Um das Gleichniß vom Wein wieder aufzunehmen, giebt es eine Zeit im Jahr, wenn draußen in der Natur der Frühling erſcheint, neues ſaftiges Grün anſetzt, Tauſende von Blumen emporſproſſen, wenn ein neuer kräftiger Lebenshauch dahin ſtrömt und durch die würzige Luft 8 182 unbekannte mächtige Wonneſchauer erzittern, da regt es ſich in des Kellers Tiefen, der klare Wein wird trübe 3 und gährt auf's Neue, doch iſt eine geſchickte Hand 4 leicht im Stande, dieſe Wallungen zu beſiegen und dem edlen Stoff eine größere Klarheit zu geben, als er frü⸗ her beſaß, eine ungeſchickte aber trübt den Wein mehr und mehr und es bedarf dann größerer Anſtrengung, um ihn wieder herzuſtellen. Ich war in dem Fall, mich hatten die Wonneſchauer 3 eines neuen Frühlings ergriffen, ich verſchmähte die ge⸗ ſchickte Hand eines Freundes, mein Wein trübte ſich ernſt⸗ haft und ich gerieth in die zweite Auflage der Flegel⸗ jahre, von der ich oben ſprach. Ich wollte mein Leben genießen und ſuchte zu dem Zweck luſtige Geſellſchaft auf, die ich bis jetzt ſorgfältig vermieden. Die Prinzi⸗ palin ließ mich zu der Zeit meine Freiſtunden zubringen, auf welche Art ich immer wollte, und dieſe meine Frei⸗ ſtunden waren zahlreich. Um ſechs Uhr wurden Wieg⸗ kammer und Comptoir geſchloſſen, der Herr Block und Emma blieben im Laden und der Herr Specht legte mir kein Hinderniß in den Weg, zu gehen wohin ich wollte, ja es ſchien ihm ſogar lieber zu ſein, wenn ich ausging, als wenn ich ihn mit meiner Geſellſchaft erfreute. Um acht Uhr war gewöhnlich im Laden nichts mehr zu thun, und die Prinzipalin, Emma, der Buchhalter und Herr Block ſetzten ſich an einen großen runden Kiſch, an wel⸗ 1 183 chem ich früher nie gefehlt, und da wurde geleſen und geplaudert; anfänglich blieb mein Platz zwiſchen Emma und dem Buchhalter offen, doch als ich ihn allabendlich nicht benutzte, rückte der Buchhalter an meine Stelle und obgleich ich äußerlich zufrieden und beruhigt nach getha⸗ ner Arbeit meinen Hut nahm und wegging, ſo gab es mir doch jedesmal einen Stich ins Herz, wenn ich be⸗ merkte, daß Niemand auf mich Acht gab, und Emma mich nur zuweilen mit einem ernſten Blick anſchaute. Hätte ſie nur ein einzigesmal geſagt, ich ſolle dableiben, ich hätte es gewiß gethan, aber was lag ihr an meiner Geſellſchaft, außer dem Hauſe fand ich ja Menſchen, die mir mehr zugethan waren, ich dachte hiebei nicht an den Doktornund an Sibylle, denn dorthin ging ich ebenfalls ſehr wenig. Mein Freund Burbus that aber, als ob er das gar nicht bemerkte und ſagte:„Wenn Sie ſich anderswo gut amüſiren, iſt es mir lieb.“ Sibylle war die einzige, die zuweilen freundlich mit mir ſprach und mir auch einmal ſagte:„es iſt Unrecht von Dir, daß Du die arme Emma unter den fremden Menſchen ſo allein läßt und Dich nicht um ſie bekümmerſt.“ Ich lachte dagegen laut auf und entgegnete der Doktorin, indem ich auf's Zierlichſte meine hellen Glace⸗Hand⸗ ſchuhe anzog:„was bekümmert ſich die Emma um meine Geſellſchaft, ſie hat ja Madame Stieglitz, den Herrn Block und den Herrn Specht, lauter charmante Leute.“ 184 Damit ſetzte ich meinen Hut recht unternehmend auf und verließ das Zimmer. Wie in meinem Innern, ſo hatte ich mich auch in meinem Aeußern umgewandelt, ich war ein Elegant ge⸗ worden, wie es die Geſellſchaft von jungen Leuten, mit denen ich mich jetzt umhertrieb, verlangte. Dabei muß ich geſtehen, daß ich geſucht wurde, es fehlte mir nicht an natürlichem Witz und Munterkeit, ich hatte mir leicht⸗ ſinnige burſchikoſe Reden angewöhnt war ein flotter Taͤnzer geworden und wenn ein Miethpferd nicht gar zu unbeugſam und eigenſinnig war, ſo wurde ich voll⸗ kommen mit ihm fertig und konnte mir ſchon erlauben, des Sonntags Nachmittags bei den Fenſtern derjenigen Damen vorbei zu gallopiren, mit welchen ich die Nacht vorher durchtanzt. Daß ich einen Hausſchlüſſel beſaß, brauche ich wohl nicht zu ſagen, daß ich aber bei den vielen Vergnügungen, denen ich nachlief, den Geſchäften mit Eifer und Fleiß vorſtand, glaube ich erwähnen zu dürfen; ich hatte das ganze Fabrikgeſchäft in der Hand und es war mir ein Vergnügen, den Buchhalter Herrn Specht, den ich gründlich haßte, hinauszudrängen. Mit den ſcheinheiligen Kreaturen, welche er auf die Wiegkam⸗ mer eingeſchwärzt, ging ich, wenn ſie nicht auch, in ih⸗ ren Arbeiten und in ihrem Leben brave Leute waren, unbarmherzig um und nahm andere auf, die nicht zur Gemeinde des Herrn Pfarrer Sproſſer gehörten. Die 83 185 Prinzipalin hätte mir dieſe Handlungsweiſe nicht ſo hin⸗ gehen laſſen, wäre ich ihr im Fabrikgeſchäft nicht ſo von großem Nutzen geweſen, doch hatte mein praktiſcher Sinn daſſelbe vollkommen erfaßt und ein eigenes Talent der Farbenzuſammenſtellung und ein guter Geſchmack, der mir angeboren war, ſetzten mich in den Stand neue Stoffe zu erfinden, wenigſtens neue Farbenmuſter anzu⸗ geben, die allgemeinen Beifall erhielten, weshalb unſere Waaren außerordentlich geſucht und gut bezahlt wurden. Man muß nicht glauben, das luſtige Leben, welches ich nun führte, ſei gerade ein außerordentlich ſündhaftes gewe⸗ ſen, ich machte es wie tauſend andere junge Leute, die einigermaßen Zeit und Geld hatten und Beides auf die für ſie angenehmſte Art verbrauchten. Zu unſeren abendli⸗ chen Zuſammenkünften ſuchten wir gerade nicht die erſten Gaſthöfe der Stadt auf, ſondern ein heimliches Plätzchen, wo es guten Wein gab, ward unbedingt vorgezogen; auch geſpielt wurde, ſo hoch es unſere Mittel erlaubten. In einer andern Stadt, namentlich am Rhein, hätten wir höchſtens für luſtige fidele Leute gegolten, hier aber in der fleißigen Fabrikſtadt unter den ernſten Kaufleuten und Fabrikanten, und beaufſichtigt von tauſend frommen Augen, denen viel geringere Ausſchweifungen ſchon als Todſünde erſchien, war unſere Geſellſchaft, zu deren Haupt ich mich allgemach heranbildete, außerordentlich verrufen und von den ſogenannten ordentlichen Leuten 136 wurden wir geflohen und auf's Strengſte gemieden. Nicht als ob wir Spieler oder Trinker geweſen wären, oder als ob wir nur ans dieſen beiden Laſtern leidenſchaftlich ergeben, Gott bewahre! wir liebten nur den Spektakel, den wir nur dabei verführen konnten und verſchmähten es namentlich nicht, auf dem Heimweg all' die tollen Streiche vorzunehmen, die uns in den erſten Flegeljahren ſo außer⸗ 4 ordentlich viel Vergnügen gemacht. Dabei aber hielten wir viel auf unſer Aeußeres und verſäumten keinen Ball, keine Tanzunterhaltung und die guten Töchter ſtiller Familien, denen wir zu Haus als ſchrecklich verderbte Subjekte geſchildert waren, ſahen uns doch nicht ungern erſcheinen, denn ſie mußten ſich heimlich geſtehen, daß wir viel amüſanter ſeien, wie die andere Geſellſchaft und viel beſſer tanzten. 4 3 Herr Specht, dem unſer nächtliches Schwärmen und unſere Streiche natürlich nicht fremd blieben, that alles Mögliche, um mich in den Augen der Prinzipalin her⸗ abzuſetzen, und ich wunderte mich oft, daß ihm ſeine Bemühungen lange Zeit fehlſchlugen. Ich Verblendeter wußte ja nicht, daß am Richterſtuhl der Prinzipalin ein guter Schutzengel eifrig für mich ſprach, ein gutes liebes Weſen, deſſen reines Herz von der Madame Stieglitz wohl erkannt und hoch geſchätzt wurde. Emma wandte alle Ungewitter von mir ab, und obgleich ſie keinem Menſchen, weder dem Doktor noch deſſen Frau, jemals — — ſagte, wie ſehr meine Aufführung ihr Herz verwunde, ſo lächelte ſie bei der Prinzipalin über meine kleinen „ Vergehen, wie ſie es nannte, und hielt den guten Glau⸗ ben derſelben für mich aufrecht. Ach ich wußte das ja nicht und behandelte ihre Liebe, die ſie verſchiegen im tiefſten Herzen für mich ttrug, mit einer freilich erzwungenen Geringſchätzung, ja mit Rohheit. So konnte ich ſpät in der Nacht nach Haus kommen und ſtatt mich ruhig zu Bett zu legen, in meinem Zimmer herumrumohren und luſtige Lieder ſingen. Letzteres that ich eigentlich dem Herrn Specht zu lieb, dachte aber dabei, es kann auch ihr nichts ſcha⸗ den, wenn ſie hört, wie luſtig Du biſt, trotz der Kälte, mit der ſie Dich behandelt. Mir war es dagegen mit meiner Luſtigkeit nicht ſo ernſtlich gemeint und oft, wenn ich Morgens aufſtand, zerriß ein heftiger moraliſcher Katzenjammer mir das Herz, ich fühlte wohl, daß meine Aufführung, wenn ſie auch dem Geſchäfte keinen Schaden brachte, in einem ſo frommen Hauſe, wo der Herr Pfarrer Sproſſer täglicher Gaſt war, nicht zu lange geduldet werden konnte. Dem Familienleben in demſelben war ich ohnedies ſchon fremd geworden, mein Platz an dem runden Tiſch wurde nicht mehr offen gelaſſen und wenn ich zuweilen Miene machte, ihn wieder zu erobern, ſo ſtockte die Unterhaltung plötz⸗ lich; Emma ſah ernſt auf ihr Nähzeug und der Herr 188 Specht ſchwieg in der ſalbungsvollſten Rede. Der Herr Block war der einzige, der treulich an mir hing, ich verſchwieg ihm hie und da ſeine leichtſinnigen Streiche und hatte ihn zuletzt durch kräftige Ermahnungen ſo weit gebracht, daß dieſelben ſeltener wurden und er zur Zu⸗ friedenheit arbeitete. Dieſer vertraute mir eines Abends, daß ich mich vor den Umtrieben des Buchhalters in Acht nehmen ſolle,„ich habe,“ ſagte der ſchlaue Junge, neu⸗=, lich eine Unterredung deſſelben mit der Prinzipalin be⸗ horcht und er hat ſchöne Dinge von Ihnen erzählt, von Ihren Nachtſchwärmereien und, nehmen Sie mir es nicht übel, von Ihrem ſchlechten Umgang.“ „So,“ ſagte ich einigermaßen betroffen,„und was entgegnete Madame Stieglitz?“. „Ei nun, ſie meinte, es ſei ihr nicht lieb, daß Je⸗ mand aus ihrem Hauſe auswärts ſo ſchlecht prädicirt ſei, und wenn ſich das wirklich ſo verhalte, müſſe man ſei⸗ ner Zeit eine Aenderung treffen.“ „So, eine Aenderung,“ entgegnete ich und ich muß geſtehen, daß der Gedanke, das Dach zu verlaſſen, unter welchem Emma lebte, mich in dem geheimſten innerſten Winkel meines Herzens ſchmerzhaft berührte,„aber,“ ſagte ich,„was kann man mir eigentlich zur Laſt le⸗ gen?“. Der Herr Block ſchwieg ſtill und ſah auf den Boden. „Wenn Sie etwas wiſſen,“ fuhr ich fort,„ſo ſagen —— Sie mir's frei heraus, ich werde Ihnen dankbar dafür ſein und bin ſehr verſchwiegen.“ Der junge Menſch fuhr ſchüchtern fort,„ich hörte alſo ferner, wie der Buchhalter ſagte, Sie brächten das Geſchäft in vollkommenen Miß⸗Credit und dabei nannte er den Namen des Meiſter Steffens.“ „So, ſo,“ ſagte ich beſtürzt,„was zum Henker weiß der Buchhalter vom Meiſter Steffen.“. Der Herr Block zuckte die Achſel, und ich verſank in tiefes Nachſinnen; freilich mit dem Meiſter Steffen hatte es eine eigene Bewandtniß und wenn ich auch in der Geſchichte unſchuldig war, ſo war doch der Schein gegen mich. Dieſer Meiſter Steffen nämlich war mir von einem lockern Zeiſig meiner Geſellſchaft als fleißiger und geſchickter Mann empfohlen worden und man hatte mich dringend gebeten, ihn auf unſerer Wiegkammer zu beſchäftigen. Ich nahm ihn auch an, bereute es aber bald wieder, denn. der Meiſter Steffen, obſchon ein geſchickter Weber, wenn er wollte, war eigentlich ein liederliches Subjekt und faſt jeden Tag betrunken, dazu hatte ich obendrein er⸗ fahren, daß er der Vater einer ſehr ſchönen, aber äußerſt leichtſinnigen Tochter ſei, deren Ruf der ſchlechteſte war, den ein Mädchen nur haben kann und wenn der gute Buchhalter die Annahme des Vaters aus der Freund⸗ ſchaft gegen die Tochter herleitete, ſo war das allerdings für die Prinzipalin ein bedeutender Grund, mir ihre „* 190 Gunſt zu entziehen! und Emma—— ich fühlte, daß bei dem Gedanken an ſie eine flammende Röthe mein Geſicht bedeckte.„Schurke infamer!“ ſagte ich; und ballte die Fauſt, die Cigarre, die ich gerade rauchte, fuhr in einen Winkel, ich ſprang auf, dankte dem Herrn Block —4j,— für ſeine Aufrichtigkeit und ſagte:„ich weiß genug.“ Der junge Menſch ſah auf den Boden und entgeg⸗ nete mir mit leiſer Stimme:„ja aber noch nieht Alles.“ „Noch nicht Alles?“ fragte ich erſtaunt,„was zum Teufel kann denn noch Schlimmeres und Scheußlicheres über mich ausgeſagt werden? ſo reden Sie doch.“ Ferner meinte der Herr Specht,“ antwortete der Lehrling ſchüchtern,„Ihre großen Ausgaben ſeien ei⸗ gentlich in keinem Verhältniß zu Ihren Einnahmen und——“ Ich ſtand niedergedonnert und konnte kaum athmen, vor mir öffnete ſich ein Abgrund, ein Abgrund ſchrecklich finſter, an den ich bis jetzt noch nicht gedacht; obgleich mich mein Bewußtſein von aller Schuld frei ſprach, ſo war mir doch, als habe der Geifer, den jener ſchlechte Kerl auf mich geſchleudert, wirklich mein Herz ſchon an⸗ gefreſſen, und mir ſchien, als ſei dieſe ungeheure Anklage im Stande, mich in der That ſchuldig zu machen. Ich hatte einen verwerflichen Stolz darein geſucht, daß man mich für einen leichtſinnigen jungen Menſchen hielt, um⸗ ſomehr, da ich mir bewußt war, meinen Dienſt nie ver⸗ —,— nachläſſigt zu haben. Was ſollte ich thun? den Doktor um Rath fragen? ich ſchämte mich vor der ganzen Welt, auch erinnerte mich der Herr Block dringend an mein Verſprechen, nichts von dem ſagen zu wollen, was er mir mitgetheilt. Ich konnte alſo nichts thun, wie die Dinge, die da kommen würden, abzuwarten und ſorgfäl⸗ tiger, wie bisher mein Thun zu prüfen. Das Gf aber, das der Buchhalter gegen mich ge⸗ braucht, wirkte ſchneller, aber nicht ſo heftig, wie er ge⸗ dacht. Ich wurde den andern Tag zur Prinzipalin beru⸗ fen, und als ich ihr Zimmer betrat, verließ Emma daſſelbe und mir ſchien, als habe ſie verweinte Augen. Zu meiltem Glück war ich durch den Herrn Block vorbereitet und auf das Schlimmſte gefaßt, doch kam es für diesmal beſſer, als ich es erwartet. Madame Stieglitz ſaß auf ihrem Seſſel, legte bei meinem Eintritt die Brille auf das Geſangbuch neben ſich und redete mich ernſt, ja finſter an:„ich habe Ihnen,“ ſagte ſie,„in jeder Hinſicht mein Vertrauen geſchenkt, ich habe Ihnen die Geſchäfte meiner Fabrik übertragen und muß geſtehen, daß Sie dieſelben zu meiner Zufriedenheit geführt, über den Geſchäftsmann kann ich alſo nicht klagen, doch habe ich mit großem Schmerz vernommen— ja mit wahrem Schmerz,“ wie⸗ derholte die würdige Frau,„daß Ihr Lebenswandel in letzter Zeit ſich ſo zu Ihrem Nachtheil geändert habe, daß Ihre beſten Freunde den Kopf darüber ſchütteln. Sie ſind, wie man ſagt, das Mitglied ja Chef einer Geſell⸗ ſchaft junger leichtſinniger Menſchen, die, obgleich ſchon bei vorgerücktem Alter, Thorheiten und Ausſchweifungen begehen, wie ſie nur für ganz unerfahrne Menſchen ver⸗ zeihlich wären. Glauben Sie mir, ich habe oft für Sie gebetet, ebenſo meine gute Emma, denn Sie ſelbſt denken an dergleichen Kleinigkeiten nicht, ich habe immer gehofft, Sie würden Ihr unregelmäßiges Leben einſtellen, und da das nicht geſchah, ſo habe ich gedacht, er iſt ja nicht dein Kind und wenn er die Geſchäfte des Hauſes gut und redlich beſorgt, die Ehre deſſelben bewahrt, ſo kann es dir am Ende gleichgültig ſein, was er außer dem Hauſe treibt.“ Ich hörte regungslos dieſen herzlichen 1 Worten zu und mein Herz war tief bewegt. Nach einer Pauſe fuhr die Prinzipalin fort:„Jetzt aber habe ich von einer Sache vernommen, welche die Ehre meiner Firma angeht und auf mein Haus ein ſchlechtes Licht wirft. Sie haben in meine Wiegkammer einen Menſchen angeſtellt, einen We⸗ ber, der nicht nur ſelbſt den ſchlechteſten Ruf hat, ſon⸗ dern deſſen Familie allgemein verachtet iſt.“ „Den Meiſter Steffen,“ ſagte ich ruhig. „Ganz richtig,“ antwortete die Prinzipalin,„derſelbe, Sie wiſſen darum, ſind meine Vorwürfe ungerecht?“ „Nein Madame,“ entgegnete ich,„aber Sie werden mir erlauben, Einiges zu meiner Entſchuldigung zu ſagen, 193G dieſer Mann wurde mir von einem Bekannten empfohlen, 5 ich hätte allerdings auf dieſe Empfehlung kein Gewicht legen ſollen, doch wurde er mir als fleißig und arbeitſam gerühmt und ich kann den feierlichſten Eid ſchwören, daß ich über ihn und ſeine Familienverhältniſſe nichts Nach⸗ theiliges gewußt, daß ich ferner von dieſer Familie nie Jemand geſehen, auch“ ſetzte ich mit erhobener Stimme hinzu,„habe ich erſt zufällig vor ein paar Tagen erfah⸗ ren, wie ſchlecht dieſer Menſch prädicirt iſt und darauf hin hat er geſtern ſeinen Abſchied erhalten.“ Das war die Wahrheit; ich hatte dem Meiſter Steffen ſchon mehr⸗ mal mit ſeiner Entlaſſung gedroht und ſie ihm nach der Unterredung mit Herrn Block augenblicklich zugefertigt. Die Ruhe, mit welcher ich dieſe Antwort der Madame Stieglitz gab, wirkte ſichtlich zu meinen Gunſten auf die gute Frau.„Ich danke Gott,“ ſagte ſie,„daß die Sache ſich ſo verhält, Sie können mir glauben, daß ich an Ihrem Thun und Laſſen den innigſten Antheil nehme, beherzigen Sie meine Rede und wenn Ihnen das Leben, welches Sie bis jetzt geführt, nicht ſelbſt unerträglich iſt, ſo bitten Sie den Höchſten, daß er Sie in Ihrer Fin⸗ ſterniß erleuchte und Sie erkennen lufſe, daß ein ſolcher Wandel nicht geeignet iſt, die Liebe und Aihtung guter Menſchen zu erwerben.“ Ich war ſichtlich von ihren Worten ergriffen und die Prinzipalin, welche es bemerkte, reichte mir ihre Hand, 11.. 13 die ich ehrerbietig und herzlich küßte. Ich glaube, esi fielen auch ein paar Thränen darauf und meine Stimme zitterte heftig, als ich ihr entgegnete:„Glauben Sie mir, Madame, daß ich Ihnen für Ihre Rede, ſo hart ſie mir . Anfangs erſchien, innigſt danke. Für Jemand, der wie ich vater⸗ und mutterlos, ja faſt ganz verlaſſen in der Welt ſteht, iſt die Strenge mit Herzlichkeit und Liebe gepaart, die Sie mir ſeither immer bewieſen, ein Erſatz für die Worte der Eltern, die ich unendlich lange nicht mehr gehört und Sie ſollen ſehen, ob Sie zum zweitenmal in den Fall kommen werden, mich daran zu erinnern, was ich der wahrhaft mütterlichen Behandlung, wie ich ſie von Ihnen erfahren, ſchuldig bin.“ Mein Herz war zum Zerſpringen voll und ich durfte nicht viele Worte machen, indem ich großer Menſch befürchtete, in lautes Weinen auszubrechen. Und was hätte ich nicht noch alles ſagen können? war ich doch einen Augenblick entſchloſſen, ihr zu ſagen, wie ſehr ich meine Nichte Emma liebe, und ſie kurz und gut zu bitten, bei dem Mädchen für mich zu ſprechen, doch brachte ich kein Wort weiter hervor, machte eine ſtumme Verbeugung und eilte aus dem Zimmer. 8 Unten an der Treppe begegnete mir der Herr Specht und ich wandte den Kopf ab, um ihn nicht zu ſehen und um mein Geſicht nicht ſehen zu laſſen, auf welchem Schmerz und Freude zu leſen war. Auch ſah ich in —— 195 dem Speiſe⸗Zimmer meine Nichte Emma ſtehen, welche beſchäftigt war, den Tiſch zu decken. Ich trat eilig hin⸗ ein und drückte die Thür hinter mir zu. Das Mädchen ließ die Servietten fallen, als ich auf ſie zutrat und haſtig ihre Hand ergriff. „Ich komme ſo eben von der Prinzipalin,“ ſagte ich ſanft aber ernſt,„und habe ihr bewieſen, wie falſch man mich angeklagt; ja man hat mich falſch angeklagt,“ wie⸗ derholte ich,„aber Emma, Du haſt doch nie etwas Böſes von mir geglaubt?“ Sie wandte das Geſicht weg und ſchüttelte mit dem Kopfe. „Emma“ fuhr ich fort,„laß mir einen Augenblick Deine Hand, Deine liebe Hand, es iſt gewiß und wahr⸗ haftig nicht gut, daß Du mich immer ſo kalt und ſtreng behandelſt, warum thuſt Du das?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete das Mädchen mit leiſer Stimme und ſah mich mit ihren großen hellen Augen an, in welchen Thränen ſtanden. „Du weißt nicht, warum Du mich quälſt?“ fuhr ich bewegt fort,„o das iſt doppelt Unrecht.“ „Ich will Dich nicht quälen,“ entgegnete ſie,„aber wie kann ich anders ſein, ich bin Dir fremd geworden, Du biſt mir fremd geworden.“ „Fremd, gänzlich fremd?“ ſagte ich erſcerdkend und ließ ihre Hand los,„alſo doch gänzlich fremd?“ 13* 196 „Wie iſt es anders möglich,“ ſagte ſie mit ſchmerz⸗ lichem Tone in der Stimme,„Du gehſt fort, wenn Du . kannſt und bekümmerſt Dich um mich gar nicht, o Du thuſt ſehr, ſehr übel daran.“ Sie bedeckte ihr Geſicht mit den Händen, doch fuhr ſie einen Augenblick darauf gefaßt fort:„ich bin in dies Haus gekommen, wo es außer Dir nur ein einziges, offenes und gutes Herz giebt, das der Madame Sticglitz, ich bin vertrauensvoll hier eingetreten, indem ich dachte, Du ſeieſt ja auch da und werdeſt mich beſchützen, wie ein Bruder die Schweſter.“ „Ja“ unterbrach ich ſie bitter,„wie ein Bruder die Schweſter.“ „Und Du haſt Dich ſchon in der erſten Iiit von mir losgeſagt, weßhalb? ich weiß es nicht, ich kann es wenig⸗ ſtens nicht begreifen.“ „Weßhalb? Emma,“ entgegnete ich heftig,„weßhalb? ich will es Dir ſagen, weil ich Dich liebte, und weil Du meine Liebe kalt zurückſtießeſt. O Du haſt ſehr ge⸗ gen mich gefehlt, ich habe Zerſtreuung außer dieſem Hauſe geſucht, Zerſtreuung, die mich anekelt, während ich hier vergnügt und glücklich hätte leben können, ja ſelig durch ein einziges Wort, wenn Du mir geſagt hätteſt:„ich liebe Dich“ und wenn Du mir zuweilen erlaubt hätteſt, Deine Hand zu drücken und hoffend in Dein liebes Auge zu ſehen— doch war das zu viel verlangt,“ ſetzte ich bitter hinzu,„ich ſehe das jetzt wohl ein.“ V 9 Es trat eine lange Pauſe ein, peinlich für uns Beide, und mühſam von etwas Anderem ſprechend, fragte ich: „was wollteſt Du aber damit ſagen, daß ich Dich ſchüt⸗ zen ſollte, Du, der Liebling der Prinzipalin, ja die Her⸗ rin des Hauſes?“ Das Mädchen warf einen ängſtlichen Blick um ſich, faßte heftig meine Hand und flüſterte:„ja, ſchütze mich, ſchütze mich vor dem Buchhalter!“ „Vor dem Buchhalter,“ entgegnete ich haſtig,„was will der Herr Specht?“ „Er verfolgt mich,“ ſagte das arme Mädchen,„mit 28 ſeinen Aufmerkſamkeiten und, ſind wir allein, mit ſeinen Anträgen.“ „Mit Anträgen?“ In ihrem Geſicht ſchlug eine glühende Röthe auf, die ſich hinabſenkte bis auf ihre Bruſt, wo es unter dem weißen Hauskleidchen ſo heftig wogte, daß auch ich er⸗ röthete. „Mit Anträgen?“ wiederholte ich,„was trägt er Dir an?“ „Ich glaube, ſeine Hand,“ ſagte das Mädchen mit geſenktem Blick und kaum vernehmlicher Stimme. „Seine Hand“ wiederholte ich laut und zornig lachend, „die Hand des Herrn Specht, o er iſt nicht ſo dumm, der Herr Buchhalter und Du?“ ſetzte ich uugwöhniſch hinzu. chen und ſah mich mit dem klaren treuen Blick feſt an, „aber was ſoll ich thun? rathe mir, der Prinzipalin davon ſprechen, Du weißt, wie günſtig ſie über den Buch⸗ halter denkt und ich bin ja“ ſetzte ſie ernſter hinzu,„ein ſo armes Mädchen. Dem Doktor habe ich davon ge⸗ ſprochen.“. „Nun, und was meinte der Doktor?“ „Er ſtampfte heftig mit dem Fuß⸗“ entgegnete Emma, und ſagte, das habe ich mir gedacht, dann gab er mir einen Brief, und befahl mir denſelben, ſowie ſich der Buchhalter an die Prinzipalin wende und dieſe mir von deſſen Antrag ſpreche, ihr zu übergeben.“ „So,“ antwortete ich haſtig,„gieb mir den Brief.“ „Ich möchte gern,“ ſagte das Mädchen,„denn mir iſt das Papier unangenehm und ich fürchte mich vor demſelben, als ſei etwas Widerwärtiges häßliches darin verſchloſſen, aber der Doktor hat mir ſtrenge verboten, ihn in andere Hände, als die ihrigen zu geben. Geh' aber jetzt, es kommt Jemand, und denke nach, was zu machen iſt.“ 3 „O ich wüßte wohl, wie ſich das Alles zum Be⸗ ſten lenken könnte,“ ſagte ich eifrig und küßte ihre Hand.——— In dieſem Augenblick trat der Buchhalter ins Zim⸗ mer und ſah uns Beide mit einem ſeltſamen Blick an. 199 „Es iſt ein Uhr,“ ſagte er mit leiſer Stimme, als er bemerkte, daß noch kein Tiſch gedeckt war,„wir werden wohl baldigſt eſſen.“ Mein Zorn flackerte auf, als ich den Heuchler ſah, V„die Prinzipalin wird mich entſchuldigen, ich kann heute nicht hier eſſen,“ ſagte ich zu Emma,„und Ihnen,“ ſprach ich mit feſtem Blick zum Buchhalter,„und Ihnen Herr Specht wünſche ich zum guten Appetit eine geſegnete Mahlzeit.“ 1 Das letzte Souper. Die Prinzipalin hatte, nachdem ich mich vor ihr ge⸗ rechtfertigt, anch eine Unterredung mit dem Herrn Specht, von welcher mein guter Freund nicht erbaut ſein konnte, inſofern Madame Stieglitz ihm meine Vertheidigung des erſten Anklagepunkts mittheilte, wogegen er nichts erin⸗ nern konnte, da der Meiſter Steffen ihn ſelbſt mit Bitt⸗ geſuchen um Wiederaufnahme zahlreich überhäufte. Was den zweiten Punkt anbelangt, ſo war derſelbe, wie der Leſer weiß, gar nicht gegen mich berührt worden und hätte ich auch, wenn die Prinzipalin dadurch meiner Ehre zu nahe getreten wäre, alles in Bewegung geſetzt, mich des Buchhalters zu entledigen, es wäre ein erbitterter Kampf um Sein oder Nichtſein daraus entſtanden. Das mochte mein ſchlauer Ankläger auch ganz gut wiſſen und da er natürlicherweiſe keine Beweiſe gegen mich haben konnte, ſo ließ er, obgleich auf's Tiefſte erbittert, die 2²01 Sache für den Augenblick ruhen, ſpürte mir aber auf Schritten und Tritten nach, um etwas Rechtes gegen mich aufbringen zu können. Sein Helfershelfer war jener nichtswürdige Candidat, und Herr Block unterrichtete mich getreulich von den Zuſammenkünften jener Herren und von den gewichtigen Unterhandlungen, die ſie in meinem Intereſſe hielten. Ich wurde vorſichtiger und begann mich langſam von meinen früheren Kameraden zurückzuziehen, ohne aber auffallend mit ihnen zu brechen und das wurde mir um ſo leichter, da auch andere unſerer Geſellſchaft des über⸗ luſtigen Lebens ſatt waren und dieſe zweite Auflage der Flegeljahre auch für ſie nach und nach das Intereſſe verloren hatte. Ueber die Heiraths⸗Anträge des Herrn Specht konnte ich nichts Gewiſſes mehr erfahren, Emma ſagte mir nichts weiter darüber und vermied es aufs Eifrigſte, mit dem Buchhalter allein zu ſein. Auch mochte ein zweiter Plan in ihm aufgeſtiegen ſein, denn ſo lieb es ihm früher ſchien, daß ich mich um meine Nichte gar nicht beküm⸗ merte, ſo ſehr hatte ihn dagegen jener Handkuß und die Thränen des Mädchens bei unſerer Unterredung im Speiſe⸗Zimmer überraſcht und aufmerkſam gemacht, mich aber haßte er deſto mehr. Er wurde ſichtlich verſchloſſener und brütete über geheime Entwürfe. Es war eines Samſtags Abends, als ich zum Aus⸗ gehen gerüſtet auf's Comptoir ging, um Sachen: Briefe, Rechnungen und dergleichen, die ſich gewöhnlich auf meinem Pulte vorfanden, noch vor dem Sonntag zu er⸗ ledigen. Der Buchhalter war ausgegangen und der Herr Block räumte im Comptoir und Laden auf, er richtete die Stoffe in den Glaskäſten, brachte Scheere, Bindfaden und Elle an ihren Platz, legte das große Hängſchloß an die Ladenkaſſe und pfiff dazu ein luſtiges Lied, ſich auf den morgenden freien Tag freuend; ich hatte meinen Hut auf dem Kopfe und war verdrießlich, auf dem Pult noch einen Stoß Papiere zu finden und fing an, ſo ſchnell als möglich daran herunter zu arbei⸗ ten, es waren ausgezogene Rechnungen, Correſpondenzen des Herrn Specht, welche ich, als das Fabrikgeſchäft an⸗ gehend, mit meinem Viſa verſehen mußte, ferner Mahn⸗ briefe an hartnäckige Schuldner, Feder⸗ und Stil⸗Uebun⸗ gen des jungen Herrn Block, er hatte ſich in dieſem Ge⸗ ſchäfts⸗Zweige mit Hülfe der vorhandenen Schema's eine ziemliche Fertigkeit erworben und unterſchied namentlich dadurch die guten von den minder guten und die ſchlech⸗ ten von den ganz ſchlechten, daß er ſich entweder„hoch⸗ achtungsvoll“ oder„mit vollkommenſter Ergebenheit“ oder„höflichſt“ oder gar nicht empfahl; dieſe Briefe hatte ich zu unterſchreiben und zeichnete mein„pr. Stieg⸗ litz und Comp.“ eiligſt darunter. Ein größerer Rech⸗ nungs⸗Auszug, den ich ebenfalls vorfand, mußte nach⸗ gerechnet werden und hielt mich auf, dann kam auch ein eigener Brief der Prinzipalin an unſer Banquierhaus Schilderer und Söhne, worin ſie die Summe von fünf⸗ hundert Thalern in Kaſſen⸗Anweiſungen für ſich ver⸗ langte. Dergleichen Briefe der Madame Stieglitz wur⸗ den zur beſonderen Controle in ein beſonderes Buch ein⸗ getragen. Man ſah recht an den Schriftzügen, daß die gute Frau alt wurde, von jeher waren dieſelben groß und hart geweſen, aber hier waren ſie ſo undeutlich, daß man kaum ihre Forderung und die Zahl entziffern konnte; auch fiel es mir auf, daß das Papier zu dieſem Briefe ſo gar alt und verlegen war. Doch kannte ich ihre Sparſamkeit im Großen wie im Kleinen und erinnerte mich genau, wie oft ich von ihr ausgeſcholten und der Verſchwendung angeklagt wurde, wenn ich einen Viertel⸗ bogen Papier verdorben, worin ich von jeher ſehr ſtark geweſen. Die Unterſchrift der Prinzipalin dagegen war korrekt und fließend und erinnerte mich wehmüthig an die erſte Unterſchrift, welche ich von ihr geſehen. Das war damals, als ich mein erſtes Belobungsſchreiben zu meinem Vetter, dem Profeſſor, hintrug; dazwiſchen lagen ſchon mehrere Jahre und wie viel hatte ſich ſeit der Zeit in dem kleinen Hauſe auf dem Hügel geändert. Ich verſank in Träumereien, während ich meine Briefe zu⸗ ſammenfaltete, überſchrieb und ſiegelte. Endlich war ich 204 fertig und der Herr Block ſtand ſchon neben mir bereit, um meine Aufträge ſchnellſtens zu übernehmen; ihm war es darum zu thun, das Comptoir ſo bald wie möglich zu ſchließen. Ich breitete die Briefſchaften vor ihm aus und gab ihm Anweiſung, was er zu beſorgen habe, was auf die Poſt komme, was für den Boten und was für den Hausknecht ſei,„und hier,“ ſagte ich zum Schluß,„dieſer Brief an Schilderer und Söhne muß noch heute Abend und durch Sie ſelbſt beſorgt werden.“ Der junge Menſch ſah mich bittend an und kratzte ſich am Kopf. „Ah, ah, ich verſtehe Sie,“ ſagte ich lachend,„jun⸗ ger Leichtſinn, Sie haben heute Abend zufällig einen andern Weg.“ Er nickte ſchmunzelnd mit dem Kopfe. Ich dachte, eine Ehre iſt die andere werth, wie koſt⸗ bar ſind in dieſen Jahren die Freiſtunden, und entgeg⸗ nete:„für diesmal will ich es ſelbſt beſorgen,“ ſteckte den Brief in die Taſche und ging fort. Der Herr Block ſchloß eiligſt das Comptoir, nahm ſeine Mütze und rannte nach einer andern Seite der Stadt; der junge Menſch, deſſen Eltern im Ort wohn⸗ ten, genoß deshalb viel mehr Freiheit, wie ich je gehabt. Für mich war der Dienſt, den ich ihm leiſtete, ſehr ge⸗ ring, denn ich ging ohnehin auf das Comptoir des Ban⸗ quierhauſes um dort einen meiner Bekannten abzuholen. Dieſer, zweiter Kaſſirer bei Schilderer und Söhne, war ungehalten über mein langes Ausbleiben und noch mehr, als ich ihm meinen Brief übergab, der noch durchgeleſen und beſorgt ſein mußte. „Laßt's gut ſein,“ ſagte ich ihm,„ſchickt das Geld morgen früh.“ „Den Teufel auch,“ entgegnete der Kaſſirer,„morgen früh ſieht mich das Comptoir nicht, die Kaſſe bleibt ge⸗ ſchloſſen, da nehmt die fünfhundert Thaler, ich gebe Euch zehn Fünfziger, ſie ſind nicht ſchwer zu tragen und hier unterſchreibt mir ſchnell die Empfangs⸗Beſcheini⸗ gung.“ „Meinetwegen,“ entgegnete ich, nahm das kleine Pa⸗ ketchen und ſteckte es in die Bruſttaſche. Der Kaſſirer ſchloß eigenhändig die große Kaſſe, dann den eiſernen Fenſterladen und die dicke beſchlagene Thüre, auch prüfte er jedes Schloß und jeden Riegel;„ich bin heute dop⸗ pelt vorſichtig,“ ſagte er,„da der erſte Kaſſier auf ei⸗ nige Tage verreist iſt und mir die ganze Geſchichte auf dem Halſe liegt; ſo, jetzt wäre alles gut verſchloſſen und kann ruhen bis Montag, jetzt kommt Ihr Brief und Ihre Empfangsbeſcheinigung auf den Comptoirtiſch zum Eintragen und jetzt ſind wir fertig. Die Arbeit iſt ge⸗ than, jetzt hinaus zum Vergnügen.“ Wir gingen davon einem köſtlichen Abend entgegen, ein letztes großes Sou⸗ per ſollte noch einmal unſere Geſellſchaft vereinigen, ein Souper mit vielem Champagner und allen Thorheiten 206 der Jugend. Damit wollten wir den Clubb, der den Leuten der Stadt ſo viel Aergerniß gegeben, feierlichſt beſchließen und auflöſen, der Katzenjammer, den wir morgen mit vollem Recht erwarteten, ſollte vor der Hand unſer letzter und alsdann jeder bedacht ſein, ſeinen Ruf zu verbeſſern. Unſere ganze Geſellſchaft hatte bei ihren Zuſammenkünften Spitznamen, bei denen Jeder gerufen wurde, wir wählten bei unſern großen Feſten einen Prä⸗ ſidenten, der mit dem Champagnerglas gut umzugehen wußte und hatten einen Ritus eingeführt, ähnlich dem großen Comment der Studirenden, wie wir denn über⸗ haupt unſer ganzes jetziges tolles Leben nach einigen Exemplaren burſchikoſer Muſenſöhne eingerichtet hatten, die von der Univerſität kamen und das corpus juris mit dem Hauptbuch vertauſcht hatten.. 1 Unſer Souper war vortrefflich, der Bordeaur ſanft erwärmt, der Champagner eiskalt und unſer Durſt kaum zu löſchen; als die Köpfe etwas erhitzt waren, drängte ein Toaſt den andern, und nachdem unſer heutiger Präſi⸗ dent mit den Thränen eines ſanften Rauſches im Auge unſer Wohl getrunken, folgte das ſeinige ſtürmiſch ausgebracht und ein beredter Rückblick auf die luſtige Zeit, die wir verlebt. Die kriſtallenen Trinkgläſer flogen an die Wand und das Ganze artete zu einer wilden Orgie aus. Hier wurden unter ſtrömenden Thränen Freundſchaften für's ganze Leben geſchloſſen, an die man morgen nicht mehr 3 dachte, dort entzweite ſich ein Paar, um ſich gleich darauf*. wieder glänzend zu verſöhnen. Als nun obendrein der Präſident einen Damenſchuh aus der Taſche zog und die Anweſenden veranlaßte aus dieſem Toiletteſtück ſeiner Holden der ganzen Damenwelt ein Lebehoch zu trinken, überſtieg der Jubel alles Maas. Das Strohfeuer be⸗ trunkener junger Menſchen flackerte hoch und ſtürmiſch auf, um ebenſo ſchnell in ſich zuſammenzuſinken. Die Flamme erloſch, dicker Dampf wirbelte auf, umſchleierte Augen und Ohren, und keine Bemühung vermochte, die gehaltloſe Flamme wieder anzufachen. Das Souper war zu Ende und Jeder ſchleppte ſich nach Haus ſo gut er konnte, ich hatte mir die ſchwere Aufgabe auferlegt, meinen Freund, den Kaſſirer des Hau⸗ ſes Schilderer und Söhne, einen geiſtig gänzlich Leblo⸗ ſen, in's Bett zu befördern, ehe ich mich ſelbſt zur Ruhe niederlegen konnte. Nichts von jenen wüſten, troſtloſen Bildern, die am andern Morgen beim Erwachen meinen Kopf ausfüllten; das Andenken des geſtrigen Abends lag vor mir, wie ein trüber, ſchmutziger, übelriechender Sumpf und auf ihm ſchwammen leere Champagnerflaſchen, halbgeleerte Teller und aus den Tiefen deſſelben ſcholl der Lärmen und das Gejohle der Zechbrüder an mein Ohr. Brennender Kopfſchmerz plagte mich und deshalb that mir die Kälte wohl, die in meinem Zimmer herrſchte; es war ſpät im Herbſt, grau hing der Himmel über der Erde und ein feiner Regen fiel herab. Als ich ſo am Fenſter ſaß und hinausſtarrte, kam mir jener Morgen wieder lebhaft in Erinnerung, wo ich in ähnlicher Ge⸗ müthsſtimmung auf dem Zimmer des Doktor Burbus ſaß, jenen unvergeßlichen Kaffee trank und hinüberſtarrte nach meinem verlorenen Paradies, dem Reißmehl ſchen Hauſe; mich ſchauerte aber, wenn ich an jene Zeit dachte und den geſtrigen Abend; im Grunde hatte ich mich in einer Beziehung ſeit damals nicht viel gebeſſert, das la⸗ ſtete mir ſchwer auf der Seele und das einzige, das einen Lichtſtrahl in dieſelbe warf, war der Gedanke und feſte Vorſatz einen letzten ſolchen Abend gefeiert zu haben. „Ja, ja,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„das liegt jetzt hinter Dir, mache einen dicken Strich unter die Seite und fange ein neues Conto an, ein neues Soll und Haben,“ in's Soll ein anderes Leben, verdoppelter Fleiß wo möglich, ein neuer Wandel; in's Haben ſetzte ich ihr Bild, ihr liebes klares Auge, ein Gedanke, der mein Herz ſanft etwärmte.„Arbeite bei dieſen neuen Conto fleißig fort und wenn Du alsdann in ein paar Jahren eine neue Bilanz ziehſt, ſo hat ſich vielleicht Soll und Haben freund⸗ lich gleichgeſtellt.“ Ich nahm meinen Rock von geſtern von dem Stuhl, auf welchen ich ihn geworfen, und im gleichen Augen⸗ blick fuhr ich erſchrocken nach der Bruſttaſche, denn erſt — ²90 jetzt fiel mir das Geld der Prinzipalin ein, welches ich dort aufbewahrt.— Das Paquet mit den fünfhundert Thalern in Kaſſen⸗ Anweiſungen war verſchwunden.—— Meine Gefühle in dieſem Augenblick ſind ſchwer zu ſchildern und waren auch von ſo entſetzlicher unheimlicher Art, daß es gewiß Niemand angenehm ſein wird, bei der Entdeckung meines unerſetzlichen Verluſtes in mein Inneres zu blicken; unerſetzlich in mehrfacher Hin⸗ ſicht, Gott im Himmel, wenn die Prinzipalin nach ih⸗ rem Gelde fragte, wenn ich geſtehen mußte, ich habe es geholt und verloren,— wo verloren, bei einem Ban⸗ kett, deſſen Ausſchweifungen gewiß ſchon heute zehnfach vergrößert auch zu ihren Ohren kamen, andererſeits war der einfache Erſatz von fünfhundert Thalern für mich keine Kleinigkeit, ſie machten einen bedeutenden Theil meines Jahresgehaltes aus und wo ſollte ich ſie hernehmen, ach was, tröſtete ich mich, wie ſoll das Geld verloren ſein, es iſt nicht möglich, auf der Kaſſe des Banquierhauſes hatte ich das Paquet in die Bruſttaſche geſteckt und den Rock nicht mehr ausgezogen, bis heute früh auf meinem Zim⸗ mer, an eine Entwendung war noch weniger zu denken, denn was dieſen Punkt anbelangt, ſo war ich meiner Geſellſchaft vollkommen gewiß, alſo nachgeſucht, es muß ſich wiederfinden. Aber umſonſt kehrte ich die Taſchen II. 14 meines Rockes um, umſonſt trennte ich das Futter aus 1 der Bruſt heraus, es fand ſich nichts. Ich unterſuchte meinen Palletot, das ganze Zimmer,— nirgend eine Spur des verlornen Paquets, mir ſtanden die dicken Schweißtropfen auf der Stirne, ich zog mich an und eilte nach dem Gaſthof, wo wir geſtern Abend unſer Souper gehalten, ein verſchlafener Kellner öffnete mir den Saal, wo wir heute Nacht gehaust, welcher Anblick, welche Athmosphäre, welcher Geruch! die ſchreckliche Verwirkli⸗ chung der wildeſten Träume, die ich meinem Katzen⸗ jammer gehabt, und ich war gezwungen, in dieſem damp⸗ fenden Lokal, in dieſer ſchauerlichen Unordnung jeden Winkel zu durchſuchen, und je mühſamer ich Stühle auf⸗ richten mußte, Teller und Gläſer wegheben, um auf den Boden zu ſehen, um ſo mehr freute ich mich, daß in dieſem Chaos noch viel zu unterſuchen ſei, denn ich fand ja nicht, was ich ſuchte. Und ach! auch am Ende war meine Mühe alle vergebens, mein Paquet war und blieb verloren. Mein Freund, der zweite Caſſierer, in deſſen Wohnung ich jetzt eilte, lag in ſeinem Bett, gepeinigt von den fürchterlichſten Kopfſchmerzen, er gab mir nur ſpärliche Antworten und ſagte mir wenig Troſtreiches. „Wahrhaftig“ meinte er,„wenn es Dir gegangen iſt, wie mir, ſo iſt das Geld unrettbar verloren, ich weiß 8 nihis mehr von dem, was ich geſtern Abend gethan, ich * hätte in meinem Zuſtand die Kaſſenanweiſungen vielleicht auf die Straße geworfen, oder wohl gar Fidibus daraus 8 gemacht, ſo iſt es Dir vielleicht auch gegangen.“ Ich ſchüttelte ſchmerzlich mit dem Kopfe und er fuhr fort: „aber laß mich um Gotteswillen jetzt ſchlafen, ich bin wie gerädert, es iſt ja heute Sonntag, komm morgen früh auf die Kaſſe, da wollen wir über die Sache weiter ſprechen.“ Ich eilte wie ein Betrunkener durch die Straßen, ich mattete mein Gehirn ab und brachte jeden Augenblick von da, wo ich die Kaſſenanweiſungen empfangen, bis wo ich mich zu Bett gelegt, klar vor mein Gedächtniß, ich hatte meine Beſinnung durchaus nicht verloren und wußte Alles, was ich gethan, ganz genau. Unterwegs traf ich zufällig den Doktor, er nahm mich mit nach Haus und gab mir ein Glas Bitterwein„zur Wieder⸗ herſtellung meines Magens,“ ſagte er,„denn Sie ſehen verteufelt miſerable aus.“ Ich geſtand unſer geſtriges Souper, er drohte mit dem Finger, und ich verſetzte mit einem tiefen Seufzer, es ſei das letzte geweſen. Emma hatte die Doktorin zur Kirche abgeholt, was mir lieb . 7 war, denn ich wäre nicht im Stande geweſen, in das klare ruhige Antlitz von Sibylle zu ſehen und eine Un⸗ terhaltung mit ihr zu führen. Was der Doktor zu mir ſprach, rauſchte wie ein Waldwaſſer in meinen Ohren, und als er mir den Namen Emma s nannte, ſah ich ihn fragend an. „Sie ſcheinen einigermaßen geiſtesabweſend,“ lachte 14 1 mein Freund,„ſonſt müßten Sie deutlicher hören, daß ich von Etwas ſprach, das auch Sie freundlich angeht.“ „Von Emma,“ antwortete ich zerſtreut. „Allerdings,“ entgegnete der Doktor,„ich meinte näm⸗ lich, daß es bald Zeit ſei, daß Sie das Stieglitz'ſche Haus verließen, eine andere Condition annehmen, ſich dort in Sprachen und dergleichen mehrerem ausbilden und dann die Leitung des Fabrik⸗Geſchäfts der Madame Stieglitz übernehmen, oder ein ähnlich anderes, Emma aber könnte die Zeit in unſerem Hauſe zubringen, was paſſender und ſchicklicher wäre.“ „Ja freilich,“ antwortete ich immer zerſtreuter, ohne recht zu wiſſen, wovon er ſprach, ich überlegte nämlich in dem Augenblicke, ob ich den Doktor von meinem Unglück in Kenntniß ſetzen ſolle und da ſiel mir plötz⸗ lich ein, daß mir zu Haus in dem kleinen Verſchlag, wo die Schlüſſel hängen, derjenige zu meiner Stubenthür auf den Boden gefallen war und ich mich nach lün gebückt und ihn lange geſucht.. Da mußten meine Kaſſenanweiſungen liegen, ich nahm meinen Hut, ſagte dem Doktor, der mich wie einen Ver⸗ rückten anſtarrte, eilfertigſt guten Morgen und ſprang davon. Zu Hauſe angekommen, öffnete ich jenen Verſchlag und unterſuchte mit meinem Licht jeden Winkel— ich fand nichts! Darauf eilte ich auf mein Zimmer und 213 überließ mich einer vollkommenen Verzweiflung, wie oft war ich im Begriff, zu der Prinzipalin zu gehen und ihr meinen Verluſt, den ich ja durch Abzüge während einiger Jahre decken konnte, anzugeben, o hätte ich es nur gethan! wie oft hatte ich die Thürklinke in der Hand und immer hielt mich falſche Schaam ab, nur ein Gedanke peinigte mich, das war, die Prinzipalin könnte denken, ich habe heute Nacht in dem Taumel des Ban⸗ ketts von ihrem Gelde Gebrauch gemacht und ſcheue mich natürlicherweiſe, dies einzugeſtehen, ſo kam die Mittags⸗ zeit, ich ging zu Tiſch und glücklicherweiſe war Emma, die bei dem Doktor ſpeiste, nicht da. Der gute Herr Block ſagte mir, ehe wir in's Speiſezimmer traten:„Herr Gott, wie ſehen Sie aus! und ein Blick in den Spiegel überzeugte mich, daß neben den Spuren der vergangenen Nacht auch mein verſtörter Seelenzuſtand deutlich auf meinem Geſicht zu leſen war. Die Prinzipalin ſagte ſehr ernſt:„ei, ei!“ und der Herr Specht hielt ein ſehr langes Tiſchgebet und ſprach ſein:„Führe uns nicht in Verſuchung“ mit erhobener Stimme. Nachmittags begann ich mein Suchen nochmals, ging wieder in den Gaſthof und fragte Kellner und Haus⸗ knecht, ob ſie nichts gefunden. Nirgends eine Spur, jetzt ging ich nach Hauſe mit dem feſten Vorſatz, meinen Verluſt zu geſtehen, die Prin⸗ zipalin war ausgegangen und als ich mich auf mein 214 Zimmer begab, ihre Rückkunft erwartend, war es ſchon ſpät am Abend, bald fing es an zu dunkeln und ich war etwas ruhiger geworden, denn ich ſagte mir, die Geſchichte iſt ein Unglück, das am Ende Jedem vorkom⸗ men kann und die Prinzipalin wird meinen Worten ſchon glauben. Ich ſetzte mich an's Fenſter, ſah dem Leben und Treiben in dem gegenüberliegenden Gaſthofe eine Zeitlang zu, und ſchlief endlich vor Ermattung ein. Als ich wieder erwachte, waren die Lichter in dem großen Hauſe drüben ausgelöſcht, alles ſtill und finſter und meine Uhr zeigte zu meinem großen Schrecken auf zwölf. So hatte ich denn die Ankunft der Madame Stieglitz verſchlafen und konnte ich jetzt nichts Beſſeres thun, als zu Bette gehen. Vorher aber ſchrieb ich noch einen langen Brief an den Doktor, worin ich ihm den unglücklichen Vorfall erzählte und ihn um Rath fragte, wie dieſer Verluſt wohl am Beſten zu decken ſei und ihn bat, der Prinzipalin ein paar paſſende Worte darüber zu ſagen. Etwas getröſtet ſchlief ich auf's Neue ein und er⸗ wachte jetzt erſt, als es heller Tag war. XVI. Ein Verhör.— Ein Rendez-vous. Ich glaube, ich hätte noch länger geſchlafen, doch knarrte meine Thür und der junge Herr Block ſchlich herein, ſich vorſichtig auf dem Gang umſchauend und trat an mein Bett mit einem gärzlich verſtörten An⸗ geſicht. „Was haben ſie?“ fragte ich erſchrocken. Der junge Menſch warf ſich auf einen Stuhl, ſah mich mit einem traurigen thränenvollen Blick an und ſagte:„da unten ſind ſchreckliche Geſchichten los, geſtern Abend hat der Herr Specht eine lange Unterredung mit der Prinzipalin gehabt und ſo geheim, daß ſogar Fräu⸗ lein Emma mich geſtern Abend ſpät noch fragte, ob ich nicht wüßte, was er gewollt. Die Prinzipalin kam dar⸗ auf mit verweinten Augen zum Nachteſſen und Alle machten Geſichter zum Davonlaufen, wenn Sie nur da geweſen wären.“ * 216 5 „Ich war auf meinem Zimmer,“ ſagte ich zum Lehrling. „Dh,“ entgegnete dieſer ungläubig,„der Buchhalter hat aber heute Morgen geſagt, Sie ſeien wieder einmal die ganze Nacht nicht nach Hauſe gekommen.“ „Da hat der Buchhalter wieder einmal gelogen,“ ſagte ich ruhig und erhob mich, mich anzuziehen, doch blieb ich mitten in dieſem Geſchäft ſtarr wie eine Bild⸗ ſäule ſitzen, als der Herr Block eiligſt fortfuhr:„dann war der Herr Specht heute Morgen in aller Früh bei Schilderer und Söhne, er kam mit ſehr vergnügtem Ge⸗ ſicht zurück, legte einige Papiere auf den Tiſch und als er hinausging, um ſeinen cattunen Regenſchirm im Gang aufzuſpannen, ſchaute ich mir die Papiere an.“ „Nun?⸗—— 6 „Es war der Brief der Prinzipalin, den Sie vor⸗ geſtern geſtegelt, worin ſie fünfhundert Thaler verlangt und dabei der Empfangſchein von Ihrer Hand.“ „Nun?“ wiederholte ich, mich mühſam zuſammenneh⸗ mend,„was nun weiter? Die Sache iſt bis ſo weit ganz in der Ordnung; ich habe, wie Sie wiſſen, Ihnen zu lieb, den Brief ſelbſt hingetragen, das Geld empfangen und darüber quittirt, iſt das ſo etwas Entſetzliches?“ „Durchaus nicht,“ ſagte ſtockend der junge Menſch, „doch iſt der Brief nicht in das Buch der Prinzipalin eingetragen worden.“ 4 „Verflucht! das habe ich in der Eile vergeſſen.“ „Das Schlimmſte aber iſt—“ „Und was, und was?——“* „Die Prinzipalin,“ ſagte Herr Block, ſich⸗ ſchu um⸗ ſehend und mit leiſer Stimme,„die Prinzipalin kam alsdann ins Comptoir, ſah den Brief an, ſchüttelte hef⸗ tig mit dem Kopfe und ſagte:„ſo wahr mir Gott helfe, den Brief Bub ich weder geſchrieben noch unterſchrieben.“ „Ah! 4 d „Darauf n wurden die Beiden meiner anſichtig und gingen hinauf in das Zimmer der Prinzipalin.“. Meine Hand zitterte, als ich mich erhob, ich faßte an meine Stirn und etwas ungeheuer Entſetzliches ſtieg vor mir auf.„Die Prinzipalin hat den Brief nicht ge⸗ ſchrieben,“ murmelte ich,„wer hat ihn denn geſchrieben?“ Mein Blick fiel auf den Lehrling, der erſchüttert vor mir ſtand. Vor meinen Augen tanzten die Fenſter im wirren Kreiſe und ich ſchnappte mühſam nach Athem, wie man zu thun pflegt, wenn man in ein eiskaltes Waſſer hinab⸗ ſteigt,„ich danke Ihnen,“ ſagte ich zu dem jungen Men⸗ ſchen,„ich danke Ihnen herzlich, thun Sie mir die Liebe⸗ und tragen dieſen Brief ſobald Sie können, zum Doktor Burbus, ich ließe ihn bitten, herzukommen, dann noch eins: gehen Sie insgeheim zu Schilderer und Söhne und ſagen dem zweiten Caſſierer, ich habe das Bewußte nicht gefunden, ich ließe ihn um Gotteswillen bitten, mir einen Rath zu geben.“ Herr Block eilte fort, ſo oder ſo, dachte ich, vielleicht hilft mir der Caſſierer mit der Summe aus oder der Dok⸗ tor Burbus, doch überlegte ich nicht, daß ein ſchrecklicher Verdacht alsdann auf mir ruhen blieb und die Prinzi⸗ palin glauben konnte, ich hätte das Geld entwendet und behalten wollen, wenn ich nicht durch die Umſicht des Buchhalters entdeckt worden wäre, o nein, an ſo etwas Fürchterliches dachte ich im gegenwärtigen Augenblick nicht.— So langſam ich mich anzog, ſo wurde ich doch am Ende fertig und zauderte immer hinabzugehen. So ver⸗ ſtrich eine Stunde. Der Herr Block kam zurück und brachte mir keine tröſtlichen Nachrichten, es hatte ſich alles gegen mich verſchworen, der Doktor war über Land, und mein Freund, der Caſſierer lag zu Hauſe unwohl im Bett, bei der Abweſenheit deſſelben hatte man in dem Banquierhauſe die große Caſſe nicht geöffnet und ein an⸗ derer Commis beſorgte die Auszahlungen aus der Hand⸗ caſſe,„ſei ruhig,“ ſchrieb mir der Caſſierer mit Bleiſtift auf einen kleinen Zettel,„ich werde Nachmittags auf⸗ ſtehen und aufs Comptoir gehen, vielleicht läßt ſich da was machen.“ Der entſcheidendg Moment war gekommen, ich nahm meinen Hut und ging langſam die Treppe hinunter nach — 219 dem Zimmer der Prinzipalin; unten begegnete mir Emma, dieſe ſah geiſterhaft bleich aus und ihre großen Augen ſahen mich wahrhaft geſpenſtig an, ſie wollte mich auf⸗ halten und mit mir ſprechen, doch winkte ich ihr mit der Hand, denn ich hatte meine ganze Faſſung nothwendig. Sie eilte fort, und ich klopfte an die Zimmerthüre der Prinzipalin. „Herein!“ Ich holte tief Athem, ehe ich eintrat.— Madame Stieglitz hatte die Hand auf den Tiſch ge⸗ ſtützt und ſah mich ernſt, aber eher traurig als zornig an. Der Buchhalter lehnte mit gefaltenen Händen an dem Fenſter und ſchaute hinauf an den grauen Novem⸗ berhimmel. Es trat eine ziemliche Pauſe ein, die ich zuerſt unterbrach, indem ich ſagte:„Madame, es iſt mir geſtern ein großes Unglück paſſirt, allerdings ein ſehr großes Unglück, das ich wieder gut zu machen hoffe.“ Die Prinzipalin zuckte die Achſeln, und der Buchhal⸗ ter ſtand bewegungslos. „Ich habe vorgeſtern,“ fuhr ich ruhig fort,„auf ein Privatſchreiben von Ihnen ein Incaſſo gemacht im Be⸗ trag von fünfhundert Thalern, welche Summe ich emp⸗ fing und welche Summe ich in der Nacht vom Samſtag auf den Sonntag———— verlor.“ Madame Stieglitz fuhr kaum Kerklich zuſammen, als ſie mein Geſtändniß vernahm und wiederholte mit ungläubigem Tone fragend mein letztes Wort:„verlor?“ „Im Spiele vielleicht,“ ergänzte der Buchhalter. Ich warf ihm dafür einen verächtlichen Blick zu und fuhr fort:„ja Medame verlor, aber nicht in dem Sinn, wie der Herr Specht meinte.“ „Und in der Nacht vom Samſtag auf den Sonntag?“ fragte die ernſte Frau. „Ja Madame ich will offenherzig ſein, ich war in einer luſtigen Geſellſchaft, wir hielten ein letztes Souper womit wir alle unſer etwas leichtſinniges Leben zu beſchlie⸗ ßen gedachten. Dort oder beim Nachhauſegehen oder der Himmel mag wiſſen, wo? verlor ich das Paquet mit Kaſſenanweiſungen, das ich hier in meiner Bruſttaſche verwahrt hatte.“ Der Buchhalter wandte ſich mit einem vielſagenden Blick zur Prinzipalin, welche langſam und feierlich den bewußten Brief vom Tiſche nahm, ihn mir entgegen hielt und mit dem tiefen Ton, der ſo eigenthümlich klang, wenn ſie heftig erſchüttert war, fragte:„und wer hat dieſen Brief geſchrieben?“ 3 Ich ſah ihn flüchtig an und entgegnete:„wenn Sie ihn nicht geſchrieben haben, Madame, ſo mag Gott wiſ⸗ ſen, wer es getham hat, ich weiß nichts davon, ich habe ihn nur geſiegelt und fortgetragen.“ Hätte der Herr Block mich nicht unterrichtet, daß die Prinzipalin verſichert habe, ſie hätte dieſen Brief nicht geſchrieben, ſo hätte ich dieſe verfängliche Frage mit viel größerer Beſtürzung und Entrüſtung beantworten können, als ſo und man konnte nach der Ruhe meiner Entgeg⸗ nung vorausſetzen, daß es mich nicht ſehr überraſche, zu erfahren, dies Schreiben ſei verfälſcht, ich mußte mir ſpäter geſtehen, daß eben dies den Verdacht, den man auf mich geworfen hatte, ſehr beſtärkte. „Alſo Sie ſiegelten ihn und trugen ihn fort?“ ſagte. der Buchhalter,„warum that dies nicht der Herr Block, wie es Gebrauch iſt?“ Ich zuckte die Achſeln—„weil der Herr Block nach Hauſe eilte und ich gerne Jemand einen Gefallen er⸗ zeige.“ 3 „Auch iſt dieſer Brief,“ forſchte Madame Stieglitz weiter,„nicht in das Buch eingetragen.“ „Das habe ich leider vergeſſen,“ ſagte ich und mein Zorn regte ſich bei dieſen ſonderbaren Fragen und bei dem höhniſchen Lächeln des Buchhalters.„Madame,“ ſagte ich ernſt und ruhig,„ich ſagte Ihnen ſchon früher, daß mir das Unglück begegnet ſei, das Geld zu verlie⸗ ren, ich will es erſetzen, ſo ſchnell es in meinen Kräften ſteht und ich hätte wirklich geglaubt, daß man das Un⸗ glück eines treuen Dieners nicht ſo ſtreng nehmen ſollte und dann begreife ich nicht, warum der Herr Specht * 222 ſich nicht entfernt, wenn er ſieht, daß ich eine Unterre⸗ dung mit Ihnen habe.“ „Es iſt mein Wille, daß er dableibt,“ ſagte die Frau und ſetzte bitter hinzu,„was das Unglück eines ge⸗ treuen Dieners anbelangt, ſo—“ „Ließe ſich viel darüber denken und ſagen,“ ergänzte der Herr Specht. „Und was? Herr—“ „Nun,“ ſagte er mit kalter Stimme,„daß die ganze Geſchichte ſehr ſonderbar iſt, der Brief iſt verfälſcht, Sie geſtehen ein, daß Sie ihn geſiegelt und fortgebracht ha⸗ ben, das Geld iſt verſchwunden und es fällt Ihnen erſt heute ein, davon zu ſprechen, obgleich der ganze geſtrige Tag dazwiſchen liegt.“. Meine Hand zuckte und ich hielt mühſam an mich. „Allerdings,“ ſagte ich mit tonloſer Stimme,„ich hätte geſtern Morgen gleich der Madame Stieglitz über dieſen Verluſt ſprechen ſollen, doch hoffte ich immer das Pa⸗ quet wieder zu finden und muß geſtehen,“ ſetzte ich offen hinzu,„daß ich glaubte in einem Hauſe zu ſein, wo ein niedriger ſchlechter Verdacht nicht leicht aufkommen könne.“ „Aber eben dieſer Verdacht,“ ſagte giftig der Buch⸗ halter,„ſcheint leider begründet.“ „Wie begründet Herr und wodurch?“ „Durch dieſen Brief, den Sie——“ 223 „Den Sie?“ „Wahrſcheinlich ſelbſt verfertigt haben.“— Das war zu viel, die Prinzipalin verhüllte ihr Ge⸗ ſicht mit dem Schnupftuche, ich ſtand einen Augenblick wie niedergedonnert, dann erfaßte mich einen Augenblick eine namenloſe unbeſchreibliche Wuth, meine Hand zuckte nach einem zuſammengeſchlagenen Meſſer, das auf dem Tiſch der Prinzipalin lag, der Buchhalter wurde weiß wie die Wand, als er einen Blick auf eben dies Meſſer warf und meine Bewegung ſah und auch ich fuhr be⸗ bend zurück, als es meine Hand ſchon faſt erreicht hatte — es war das Meſſer des Prinzipals, das Madame Stieglitz ſich ſelbſt zur Qual dort aufbewahrte. „Nein, nein,“ brachte ich mühſam hervor und fuhr mit der Hand über die Augen, die mir, wie ich fühlte, feucht wurden,„nein, nein, das war gewiß nur ein bit⸗ terer Scherz, Madame von Ihnen wenigſtens, wenn auch nicht von jenem,— von jenem ſchlechten Subjekte—“ Die Prinzipalin ſah mich einen Augenblick ſchmerz⸗ haft bewegt an, dann ſagte ſie mit zitternder Stimme, die nach Faſſung rang:„es iſt leider, leider kein Scherz, ein großer ſchwerer Verdacht ſpricht gegen Sie, Sie ſehen, wie die Sache liegt, iſt in meinem Hauſe Ihres Bleibens nicht. Suchen Sie Ihren Freund, den Herrn Doktor Burbus auf, er ſolle ſich mit mir darüber beſprechen, wir wollen die Sache in Ruhe und Frieden beilegen.“ 221 Sie ſtreckte mir die Hand entgegen, wie um mir zu ſagen, daß ich gehen könne, doch als ich niedergedrückt und tief erſchüttert dieſelbe ergriff, entzog ſie ſie mir nicht, mir war, als habe ich zum zweitenmale eine Mutter ver⸗ loren, ich bedeckte die Hand mit meinen Küſſen und meine Thränen zitterten darauf; ich ſchleuderte dem Buchhalter einen ſchrecklichen Blick zu und ſtürzte wie ein Raſender davon. Die alte Frau warf ſich in ihren Seſſel, ſagte dem Buchhalter in ernſtem Tone:„Gehen Sie, laſſen Sie mich allein.“ Dann ſah ſie ſtill vor ſich hin, und ob⸗ gleich ſie ihr Geſicht nicht verzog, rollten doch die dicken ſchweren Thränen unaufhaltſam über ihre blaſſen Wan⸗ gen herab. Wohin ich wollte, das wußte ich eigentlich ſelbſt nicht, hinaus ins Freie, rief es in mir, ich konnte in dem Hauſe nicht mehr Athem holen, es drückte mir die Bruſt zuſammen, ich glaubte unterliegen zu müſſen. In tiefen Zügen athmete ich draußen die kalte Novemberluft ein und rannte eiligen Laufes, aber ohne mir das klar be⸗ wußt zu ſein, durch die bekannten Straßen nach dem Hauſe des Doktors. Dicht vor demſelben lief ich gerade zwiſchen ein paar Pferde hinein und die Stimme meines Freundes ſelbſt, der eben von ſeiner kleinen Tour zurück⸗ kam, rief mir zu:„aber ins Teufels Namen, was treiben Sie denn? iſt das Delirium noch nicht vorüber?“ Ich — 9 225 ſchaute auf, und als der Doktor auf dieſe Art in mein Geſicht ſah, ſchrack er heftig zuſammen und führte mich, ohne ein Wort zu ſprechen, ins Haus und in ſein Zim⸗ mer, ich ſetzte mich auf einen Seſſel und ſtarrte vor mich hin, Burbus warf ſeinen Hut, Ueberrockg Handſchuhe und Peitſche in einen Winkel, ſtellte ſich vor mich hin und ſagte:„ich merk' ſchon, hier iſt Manches in großer Unordnung, was iſt vorgefallen? raſch geſprochen!“ ſetzte er dringender hinzu, da ich ſchwieg,„geſprochen! und wenn es etwas außerordentlich Schlimmes wäre, her⸗ aus damit!“ „Es iſt mehr, wie ſchlimm, es iſt ſchrecklich! lieber Doktor,“ ſagte ich,„aber Sie ſollen alles erfahren,“ und nun erzählte ich ihm die ganze Geſchichte von A bis Z, das heißt von dem Moment an, wo ich den Brief geſie⸗ gelt, bis vor einer halben Stunde, wo ich das ſchreckliche Verhör beſtanden. Der Doktor war ſichtlich in großer Bewegung und ging erſchüttert, die Hände auf dem Rücken, auf und ab, wobei er einigemale vor mir ſtehen Plieham und mir ſtarr ins Geſicht ſah. „So iſt die ganze Geſchichte,“"¹ſagte ich am Schluß meines Berichtes,„und ich kann mir wahrhaftig nicht denken, was es mit dem verfluchteg Brief für eine Be⸗ wandtniß hat.“ II. 15 3 226 „Gewiß nicht?“ entgegnete der Doktor und ſah mich feierlich an. „Gewiß nicht!“ antwortete ich,„bei Gott, ich bin mir keiner Schuld bewußt, als vielleicht der einzigen, daß ich das Geldpaket nicht vorſichtig genug eingeſchoben.“ Der Doktor ſtand vor mir und ſah mich mit ernſtem feſten Blick an, als wollte er durch meine Augen in mein Inneres blicken. Ich hielt ſeinen Blick ruhig aus und verſicherte noch⸗ mals, daß ſich die Sache ſo verhalte, wie ich es ihm ge⸗ ſagt,„ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf, ja ich ſchwöre Ihnen feierlich bei der innigen Liebe zu Emma, daß ich Ihnen die volle Wahrheit geſagt und nichts ver⸗ heimlicht.“— „Dann iſt Alles gut,“ entgegnete der Doktor und fuhr mit der Hand wie nachdenkend über ſeine Stirne,„daß der Herr Specht die Geſchichte eingefädelt, daß er den Brief ſelbſt geſchrieben oder wenigſtens ſchreiben ließ, iſt mir vollkommen klar, auch iſt das ganze ſo plump angelegt, vaß es dem Verſtand dieſes Menſchen und ſei⸗ nes Freundes, des ſaubern Candidaten alle Ehre macht, ich ſage, es iſt plump angelegt und würde lächerlich ſein, wenn nicht ſehr vieler Leichtſinn von Ihrer Seite und Zuſammentreffen ſonderbarer Umſtände dieſen beiden Spitzbuben in ihrem Vorhaben geholfen hätte. Warum plagt Sie der Teufel, Unſeligſter des ganzen Menſchen⸗ 227 geſchlechts, und läßt Sie den Brief ſelbſt beſorgen, warum ſchreiben Sie ihn nicht in das Buch ein, warum verlie⸗ ren Sie das Geld und warum zeigen Sie dieſen Verluſt nicht wenigſtens geſtern Morgen in aller Früh der Prin⸗ zipalin an? Da war viel geändert und,“ fuhr er ernſter fort,„warum thaten Sie Ihr verehrtes Maul nicht auf und ſprachen mir geſtern Mittag, als Sie hier waren, von der Geſchichte? o das war ein Mangel an Vertrauen, der Strafe verdient.“ Ich beſchrieb ihm meinen geſtrigen Seelenzuſtand, meine Angſt über den Verluſt und zugleich meine Hoff⸗ nung, das Paquet wieder zu finden und verſicherte ihn, ich ſei gerade geſtern Mittag nur in der Abſicht gekom⸗ men, ihm Alles zu ſagen, hätte aber kein Wort heraus⸗ gebracht. 4„Jetzt helfen keine Vorwürfe,“ agte der Doktor, „wollten Sie heute Morgen noch irgendwo hingehen, haben Sie Hoffnung, das Paquet wieder finden zu können.“ „Nein,“ entgegnete ich,„darauf hoffe ich nicht mehr, ich wollte nur meinen Freund, den Kaſſierer von Schilde⸗ rer und Söhne, der heute Morgen krank zu Bette lag, aufſuchen, um—“. „Das Geld von ihm zu pumpen,“ antwortete raſch der Doktor,„dummes Zeug, ein Zechbruder wird Ihnen keine fünfhundert Thaler leihen, doch das iſt das Wenigſte, 15* 228 aber jetzt hören Sie meinen Rath: gehen Sie ruhig nach Haus, ſetzen Sie ſich auf Ihrem Zimmer feſt, und thun Sie im Gefühle Ihrer Unſchuld keinen Schritt; da Madame Stieglitz mich ſprechen will, ſo werde ich ſpäter hinkommen, mich aber vorher zu Schilderer und Söhne begeben, mich mit dem Chef des Hauſes, deſſen Arzt und Freund ich bin, über die Sache beſprechen und mir auch dort auf dem Comptoir einige Briefe des Herrn Specht ausbitten, es kann vielleicht nichts ſchaden, die Handſchriften ein bischen zu vergleichen. Nun adieu, ich werde der Sibylle nichts von der Geſchichte ſagen, bis dieſelbe, wie ich zu Gott hoffe, geordnet iſt.“ Ich verließ den Doktor, ging nach Haus und erreichte mein Zimmer, ohne von irgend Jemand geſehen worden zu ſein, ich ſchloß die Thüre ab und begann aufs Neue zu ſuchen, alles vergebens, ich fand keine Spur von dem Paquet, ich nahm meine Briefe und Papiere vor, ordnete dieſelben, las vieles, was ich vorfand, noch einmal durch und ſo verging mir die Zeit. Mittags wurde an meine Thüre geklopft, doch da ich keine Antwort gab, mich auch Niemand nach Haus kommen ſah, ſo nahm man an, ich ſei ausgegangen. Nachmittags hörte ich Emma auf ihr Zimmer gehen und war im Begriff aufzuſpringen und mit ihr zu ſpre⸗ chen, ich brauchte nur die Thüre zu öffnen, die zwiſchen unſern Zimmern war und konnte ungehindert dem ge⸗ 229 liebten Mädchen Aufklärungen über mein Unglück geben; wenn ſie Dich auch nicht liebt, dachte ich traurig, ſo iſt ſie doch Deine Verwandte und wird ſchon darum An⸗ theil an Dir nehmen; ich hatte früher einmal an der Thüre einen Schlüſſel gefunden, doch ehe ich ihn her⸗ vorſuchen und aufſchließen konnte, hatte Emma ihr Zim⸗ mer ſchon wieder verlaſſen. Stunde um Stunde verging, wenn auch entieplich langſam, aber ich hörte doch die Viertel⸗ und ganzen Stunden ſchlagen, es fing an zu dunkeln, der Himmel, der ſich aufgeklärt hatte, erſchien tief blau und das Funkeln der Sterne, die nach und nach ſichtbar wurden, zeigten mir an, daß es kalt würde, ich fühlte nichts da⸗ von, mir war nicht warm aber ich fror auch nicht. Mein einziger Wunſch war, der Doktor möge kommen und ich ſchaute auf die Straße und blickte ſehnſüchtig jeden Menſchen an, der ſich dem Hauſe näherte. Jetzt verließ ich das Fenſter wieder, ging an die Thür und lauſchte, ob Niemand die Treppen heraufkäme. Der Doktor konnte ja dicht bei den Häuſern vorbei und ins Haus gegangen ſein, ohne daß ich ihn bemerkt hatte. Eitle Hoffnung! im Hauſe war es todtenſtill, kein Tritt auf der Treppe hörbar, doch jetzt, halt! ſtieg Jemand hinauf. Ich weiß nicht, warum ich im Augenblick von der Thür wegging und mich auf meinen Koffer ſetzte, der in einer Ecke zwiſchen meinem Kleiderſchrank und 88 230 meinem Bett ſtand. Ohne daß ich geſehen wurde, hatte ich im Spiegel die Thür des Zimmers vor mir, ein Lichtſtrahl fiel jetzt durch das Schlüſſelloch, ein Haupt⸗ ſchlüſſel wurde eingeſteckt, die Thür öffnete ſich langſam und der Buchhalter ſtreckte ſeinen Kopf in's Zimmer und ſah ſich flüchtig um, ob ich da ſei. Im erſten Au⸗ genblick dachte ich, ob ich auf ihn zuſtürzen ſolle, ihn in's Zimmer hineinziehen und mit Gewalt das Geſtänd⸗ niß abpreſſen, daß er mich verläumdet habe, doch konnte ich nicht von der Stelle, ich hielt den Athem an und die Thür ſchloß ſich wieder. Kurze Zeit darauf hörte ich abermals Schritte auf der Treppe— wieder nicht der Doktor. Es war ein leiſer Tritt, der herauffam— es war Emma, die in ihr Zimmer ging, ſie hatte ein Licht bei ſich, denn ich ſah deutlich, wie auf dem gegenüberliegenden Hauſe der Schein ihrer Fenſter ſichtbar wurde. Jetzt ſah ich auch ihren Schatten— dachte ſie vielleicht wohl an mein Un⸗ glück? ich ſtand langſam auf und ſagte zu mir:„Du mußt mit ihr ſprechen.“ Schon hatte ich die Hand nach dem Schlüſſel ausgeſtreckt, den ich in ihrer Abweſenheit in das Schloß gebracht und wollte ihn umdrehen, als ich hörte, wie vom Gange her ihre Stubenthür geöffnet wurde. 1 „Was wollen Sie?“ hörte ich ſie ſagen und vernahm die Stimme des Buchhalters, welcher antwortete:„nur 231 in einer wichtigen Angelegenheit einige Worte mit Ih⸗ nen ſprechen.“ 4: „Aber mir ſcheint,“ antwortete Emma,„weder dieſe Stunde noch dieſer Ort iſt zu einer Unterredung für uns Beide paſſend.“ „Das kann ſein, mein Fräulein,“ entgegnete der Buchhalter,„doch wo die Noth gebeut, kann man Zeit und Umſtände nicht ſo ſorgfältig abwägen, ich wollte von Ihrem Vetter ſprechen.“ „Von meinem Vetter?“ 4 „Ja, Fräulein Emma, Sie haben erfahren, in welche höchſt unangenehme Geſchichte er ſich, gewiß nur durch Unbeſonnenheit und etwas Leichtſinn verwickelt, eine Ge⸗ ſchichte, die für ſeine künftige Exiſtenz von den traurig⸗ ſten Folgen ſein kann und die auch, wenn ſie bekannt wird, ein unangenehmes Licht, oder wie ſoll ich ſagen, auf ſeine Familie und ſeine Freunde wirft.“ „Was das anbelangt, können Sie ruhig ſein,“ ant⸗ wortete das Mädchen ſtolz,„Sie haben die Ehre weder der einen noch der andern anzugehören.“ „Sie thun mir Unrecht, mein Fräulein, ich habe dem jungen Menſchen gern mit meinem beſten Rath zur Seite geſtanden, er hat leider nie auf mich gehört, doch nehme ich auch jetzt noch den innigſten Antheil an ſei⸗ nem Schickſal und bin deshalb hier, um zu überlegen, — — ——— ————y——y;— „ 232 was wir thun könnten, um ihn aus dieſer verdrießlichen Lage zu ziehen.“ „Wir?“ antwortete ſchmerzlich das Mädchen,„ich kann bei Gott nichts thun, aber wenn Sie Herr Specht im Stande ſind, ſeine Unſchuld zu beweiſen, o ſo thun Sie es ja, mein heißeſter Dank ſoll Ihnen lohnen.“ „Ihr heißeſter Dank, nun ja, das wäre ſchon etwas, aber ſeine Unſchuld zu beweiſen, das wird ſchwer ſein.“ „Sie halten ihn alſo für ſchuldig?“ „Die Umſtände ſprechen ziemlich klar gegen ihn.“ „Oe⸗ein Gott,“ ſagte das Mädchen mit bewegter Stimme,„dann iſt ja Alles verloren.“ „Nicht ſo ganz, Fräulein Emma, meine liebe Fräulein Emma, es gäbe vielleicht noch einen Weg, ihm durch⸗ zuhelfen.“ „Ihn als unſchuldig darzuſtellen?“ „Ja, wenigſtens vor den Augen der Welt und durch einige Aufopferung meinerſeits auch vielleicht vor den Augen der Prinzipalin.“ „O wenn das möglich wäre, Herr Specht!“ hörte ich Emma erfreut ſagen,„o wenn Sie das könnten, Gott würde Ihnen gewiß lohnen.“ „Der Lohn Gottes iſt allerdings eine ſchöne Sache,“ verſetzte der Heuchler,„doch ziehe ich für diesmal einen Lohn vor, den die Erde bietet,“ hier zitterte ſeine Stimme, 233 „einen ſüßen Lohn Fräulein Emma, den Sie mir im Stande ſind zu geben.“ 2 7um Gotteswillen, wie verſtehe ich Sie.“ „Es iſt nicht das erſtemal Fräulein Emma, daß ich über dieſen Punkt mit Ihnen ſſpreche, Sis haben mich freilich kalt abgewieſen, aber Sie ſehen, ich komme wie⸗ der und komme nicht mit leeren Händen. Mit der einen Hand biete ich Ihnen eine ſorgenfreie Exiſtenz, biete ich Ihnen meinen geachteten Namen, mit der andern die Unſchuld Ihres Neffen,— daß er,“ ſetzte er haſtig hinzu,„auf jeden Fall das Haus verlaſſenggüßte, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, aber ehrenvoll, ſehr ehrenvoll.“ Ich ſtand erſchüttert an meiner Thüre, und lauſchte angſtvoll der Antwort des Mädchens. Es trat eine lange Pauſe ein, dann fuhr der Buchhalter fort:„ent⸗ ſcheiden Sie, Fräulein Emma, entſcheiden Sie baldigſt, morgen früh wird es zu ſpät ſein.“ „Morgen früh,“ antwortete Sie mit gepreßter Stimme, „was kann morgen früh geſchehen?“ „Nun, morgen früh wäre es nicht unmöglich, daß die Prinzipalin bei fortgeſetztem Leugnen Ihres Vetters die Sache den Gerichten übergeben könnte.“ „Den Gerichten?“ antwortete das Mädchen und dieſe zwei Worte klangen wie ein lauter entſetzlicher Wehruf. Ich knirſchte mit den Zähnen und war im Begriff in das Gemach zu ſtürzen, doch hielt mich die Stimme Emma's zurück, welche nun kalt und ruhig ſagte:„und wie Herr Buchhalter, auf welche Art könnten Sie ſeine Unſchuld beweiſen?“ Hier entſtand eine neue Pauſe und als hätt ich durch die Thür d können, ſo hatte ich vor meinem innern Auge das eſicht des Buchhalters und ſah, wie er bei dieſen Worten das Mädchen mißtrauiſch anſah. Doch hörte ich ihn jetzt lachen und er ſagte:„Sie könnten die Abſicht haben mein Fräulein, das, was ich Ihnen jetzt ſagen werde, der Prinzipalin zu entdecken, aber ich fürchte das nicht, es wird Ihnen nichts helfen, meinem Wort, dem erprobtem, glaubt Madame Stieglitz unbedingt.“ „Ich weiß es,“ ſeufzte das Mädchen. „Alſo hören Sie mich: Es fällt mir heute Nacht plötzlich ein, daß jener Brief— er trägt, wie Sie nicht vergeſſen müſſen, kein Datum, Ihr Vetter hat das über⸗ ſehen— daß dieſer Brief von der Prinzipalin, wenn auch vor längerer Zeit wirklich geſchrieben wurde, die alte Frau hat das vergeſſen, ich aber verſichere, daß dem ſo ſei; dieß Schreiben nun ſollte damals nicht abgehen, und wurde von mir auf die Seite gelegt, kam zufällig auf den Pult unter die andern Papiere und wurde un⸗ ſchuldigerweiſe expedirt. Ihr Vetter hat das Geld geholt, hat es verloren, aber es findet ſich natürlicherweiſe wieder.“ „Und ſie glauben,“ antwortete Emma raſch,„daß es ſich wirklich wieder finden wird?“ 235 „Sie müſſen mich verſtehen,“ antwortete der Buchhal⸗ ter,„das Geld, das Ihr Vetter wahrſcheinlich zu ſeinen Zwecken verbraucht hat, läßt ſich allerdings nicht wieder⸗ finden, aber fünfhundert Thaler ſind fünfhundert Thaler und obgleich ſchon eine bedeutende Summe an und für ſich, iſt es doch ein geringes Opfer, um in Beſitz dieſer kleinen Hand zu kommen.“ Es trat wieder eine Pauſe ein, dann ſagte das Mädchen, und wie es ſchien, ängſtlich:„Laſſen Sie meine Hand, o laſſen Sie meine Hand.“ 3 „Bedenken Sie Emma,“ ſagte er zudringlicher,„geben Sie mir eine Antwort.“ „D nie, nie“ rief das Mädchen in Weinen ausbre⸗ chend,„mein Vetter iſt unſchuldig und Gott im Himmel wird ſchon dafür ſorgen, daß dieſe Unſchuld an den Tag kommt.“ „Allerdings,“ hohnlachte der Buchhalter,„und Sie ſehen, daß in dieſem Augenblicke der höchſte Herr des Himmels mich, ſeinen Schützling und Begnadigten, zu Ihnen ſchickt, um Ihren Vetter zu retten, aber weiſen Sie dieſe Hülfe nicht zurück, reichen Sie mir Ihre Hand oder Gott wird die ſeinige von Ihnen abziehen.“ „Das iſt ganz unmöglich, ganz unmöglich,“ entgeg⸗ nete das Mädchen,„o wie kann das möglich ſein, ein ganzes langes verlorenes Leben.“ „An meiner Seite,“ ergänzte der Herr Specht,„nun 2236 freilich, es iſt viel angenehmer ſeinen Anverwandten ein langes Leben, mit Schmach und Unehre beladen, dahin ſchleichen zu ſehen.“ 1 „O, wenn Sie ein Menſch ſind,“ ſagte das Mädchen laut weinend,„wenn Sie menſchlich fühlen, ſo retten Sie meinen Vetter um der Barmherzigkeit Gottes willen und nicht um Lohn, ich kann nicht thun, was Sie ver⸗ langen.“ 3 „Weil Sie ſelbſt Ihren Vetter lieben,“ ſagte der ſchreckliche Menſch kalt. Mein Herz ſtand ſtill, es ſollte nicht mehr ſchlagen, bevor ſie antwortete, doch dieſe Ant⸗ wort, ein ängſtliches:„nein, nein!“ hallte ſchmerzlich und höhnend in mir wieder. Genug der Qual! dachte ich, hinein in das Zimmer vor ſein Angeſicht und ſagen, daß ich lieber tauſendmal jene Schuld auf mir behalten wolle, als das arme Mädchen nur einen Augenblick län⸗ ger martern zu laſſen, doch kam jetzt ein ſo ſchauerliches Wort aus dem Munde des Buchhalters, und als ob er das ſelbſt fühle, ſagte er das Folgende mit ſo leiſer Stimme, daß nur die Gewalt, die ich mir anthat, im Stande war ſeine Rede zu vernehmen.„Wenn alſo,“ ſagte er in kleinen Pauſen,„ein langes Leben an mei⸗ ner Seite Ihnen ſchrecklich erſcheint, ſo hören Sie dage⸗ gen das Bekenntniß meiner heißen leidenſchaftlichen Liebe zu Ihnen, Ihre Gegenwart, Ihr Anblick reibt mich auf und die Kälte und Gleichgültigkeit, mit der ich Ihnen 237 gegenüber erſcheinen muß, bringt mich zum Wahnſinn, ich fühle eine verzehrende Gluth wenn Sie in's Zimmer treten, Ihr Fußtritt hinterläßt für mich glühende Spu⸗ ren, die ich küſſen möchte bis ſie aufflammen, wie mein glühents Hirn, das Rauſchen Ihres Kleit s weckt eine wilde Luſt in mir, die ich nicht mehr zu Uudeon ver⸗ mag, hier liege ich zu Ihren Füßen Emma und flehe Sie an, wenn es Ihnen auch unmöglich erſcheint, ein langes Leben mit mir vereint zu ſein, ich bin ja genüg⸗ ſam, o ſo ſchenken Sie mir einen einzigen Augenblick Ihre Liebe, begnadigen Sie mich durch eine kleine Stunde, ſeien Sie mir einen ſeligen Augenblick Alles, was ein Weſen dem andern ſein kann— heute Nacht—“ Ich riß an dem Schloß der Thüre und da von innen der Nachtriegel vorgeſchoben war, ſo ſprengte ich ihn, indem ich mich gegen die Thür warf und ſtürzte in das Gemach. 3 1 Emma flog auf mich zu und klammerte ſich mit einer wilden Angſt, welche die raſenden, für ſie nicht ganz verſtändlichen Worte des Heuchlers in ihr erregt, er ſprang auf, als er mich bemerkte, ſeine Augen rollten wie die eines Wahnſinnigen, ſein Mund ſchaͤumte und ſo trat er mir entgegen. Ich ließ das Mädchen auf einen Stuhl niedergleiten, faßte ihn an der Bruſt und warf ihn mit ſolcher Kraft von mir, daß er in der Mitte des Zimmers zuſammenſtürzte, im gleichen Au⸗ 2* * 23 + genblick öffnete ſich die Stubenthür und die Prinzipalin, Madame Stieglitz, ſtand draußen auf dem Gange. Ich war mit meiner Nichte beſchäftigt, tröſtete ſie, ſo gut ich konnte, und bemerkte die Frau draußen im erſten Au⸗ genblick nicht, als ich aber aufſchaute, ſtand der Buch⸗ halter neben ihr, hatte die Hände gefaltet und ſagte: „ſo geht es den Gerechten in dieſem Hauſe, o Frau Prinzipälin, was hat ſich unter dieſem chriſtlichen gott⸗ gefälligen Dach ereignet.“ Madame Stieglitz trat einen Schritt vorwärts und die großt majeſtätiſche Geſtalt der alten Frau war, wie ſie mit aufgehobener Hand daſtand, wahrhaft erſchreckend. Ihr Auge blickte zornig auf mich und ihre Lippe bebte. „Dank ſei dem Höchſten,“ fuhr der Heuchler fort, „daß ich das Opfer der Wuth jenes Menſchen wurde, Gott, wenn ich mir denke, daß Sie hochgeehrte Frau dieſes ſündhafte Paar überraſcht hätten und daß Ihnen vielleicht das Gleiche geſchehen wäre. Der Herr verzeihe ihnen,“ ſagte er und blickte ſtarr zur Decke,„verzeihen auch Sie!“ Emma hatte ſich am Stuhle aufgerichtet und ich hatte ſie unterſtützt, indem ich meinen Arm um ihren Leib legte, ſo war die Stellung, in der uns Madame Stieglitz überraſchte,— die Thür von meinem Zimmer in das des Mädchens war geöffnet— der Buchhalter klagte uns an———— 239 * Es ſchien, daß die alte Frau etwas ſagen wollte, aber die Stimme verſagte ihr, ſie ſchlug beide Hände vor's Geſicht, wandte ſich um und ging langſam die Treppe hinab. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe Emma das Neue Schreckliche begriff, das hier vorgefallen, dann aber riß ſie ſich von mir los, eilte an ihren Schreibtiſch, warf in wilder Haſt die Papiere heraus, bis ſie gefunden, was ſie ſuchte, es war ein verſiegeltes Gpuvert, ſie hob es hoch empor und ſtürzte mit dem Ausruf:„Gott wird helfen!“ die Treppen hinab. Der Herr Specht und ich ſtanden uns gegenüber und blickten uns ernſt und fürch⸗ terlich an, ich glaube, wir haßten uns Beide gleich heftig, und waren Beide im Begriff, über einander herzufallen, um zu verſuchen, wer im Stande ſei, den andern zu er⸗ uurh Das dauerte aber nur ein paar Sekunden, dann zog er ſich rückwärtsſchreitend langſam zurück, ohne mit ſeinen Augen meinen Blick fahren zu laſſen, ich folgte ihm ebenſo, doch als er ſeine Stube erreicht, ſprang er mit einem großen Satze hinein, und verriegelte die Thür hinter ſich. * 240. XVII. Ein zweites Verhör und Ende des Buchs. o ſtand ich auf dem Gang allein an dem Treppen⸗ geländer und ſchaute lange, lange in das finſtre Haus hinab. Unten aus der Küche drang ein Lichtſtrahl und ich hörte die Mägde zuſammen flüſtern, unterſchied auch die Stimme des Herrn Block, welcher nach dem Buchhal⸗ ter fragte. Wer hätte glauben können, daß in dieſem ſonſt ſo ruhigen Hauſe ſo viel Jammer für mich ent⸗ ſtehen könnte? willenlos ſtieg ich eine Stufe um die an⸗ dere hinab, ging bei der Wiegkammer vorbei und befand mich bald an dem Zimmer der Prinzipalin, welches durch ein Vorgemach von der Treppenflur getrennt war; ſo⸗ wohl dieſes Vorgemach, als die Zimmerthür waren nicht feſt verſchloſſen, ein Lichtſtrahl drang aus den Zimmern der Madame Stieglitz, doch wurde in denſelben nichts geſprochen. Ich ging langſam näher, und konnte jetzt das ganze innere Gemach überſehen, da ſaß die alte 241 Frau in ihrem Lehnſtuhl und zu ihren Füßen auf einem— niederen Schemel ſah ich meine Nichte Emma, welche ihren Kopf auf die Knie der alten Frau gelegt hatte und das Zucken ihres Körpers verrieth, daß ſie heftig geweint, ihre Haarflechten waren aufgegangen und lang und golden fielen ſie über ihre Schultern herab. Ma⸗ dame Stieglitz hielt mit einer Hand einen Brief hinter das Licht, um ihn deutlich leſen zu können, und das, was ſie las, mußte für ſie ſehr ergreifend ſein, denn das Papier zitterte und während dem Leſen legte ſie ihre andere Hand auf das blonde Haar des Mädchens, ſie feſt an ſich drückend. Jetzt ließ ſie eſt Brief fallen, 3 ſchüttelte finſter mit dem Kopf und dann beugte ſie ſich zu Emma herab, hob ihr Geſicht ſanft am Kinn in die G Höhe und ſagte„mein gutes armes Kind.“ „Nicht wahr,“ ſagte das Mädchen ſchluchzend und küßte zhre Hand,„nicht wahr, Sie glauben nicht, daß ich etias Unechtes gethan.“ „Nein, mein Kind,“ tröſtete ſie die alte Frau,„ich hätte ſchon Deiner wahrhaften Erzählung über den Vor⸗ fall geglaubt, und nun erſt der Brief, den Du mir ge⸗ — geben;— wann haſt Du ihn von dem Doktor er⸗ halten?“ „Es war nicht lange nachher, als ich in Ihr Haus kam.“ 41 „Ganz richtig, ungefähr vier Wochen vorher verließ II. 16 242 die unglückliche Thereſe daſſelbe, o das iſt ganz entſetz⸗ lich, ganz ſchrecklich.“ „Verzeihen Sie mir eine Frage, eine Bitte,“ ſagte das Mädchen dringend.„Nicht wahr, Sie übergeben— die— Sache meines— Vetters— nicht den— Ge⸗ richten, wie der Buchhalter gedroht?“ „Gott ſoll mich bewahren,“ ſagte die Frau,„das würde ich ſchon nicht gethan haben, wenn der junge Menſch auch keine ſo warme und eifrige Fürſprecherin hätte, wie Du biſt, mein liebes Kind, dies Papier da— ſie zeigte auf den Brief— läßt mich ſehr Schlimmes ahnen, doch wäre eine ſolche Schlechtigkeit unerhört. Du biſt überzeugt,“ fuhr ſie dringend fort,„daß Dein Vetter unſchuldig iſt?“ Das Mädchen richtete ſich halb in die Höhe und hob die rechte Hand empor:„ſo wahr ich an einen Gott glaube,“ ſagte ſie feierlich,„und eine Vergeltung für alles, was wir Böſes thun und denken, ſo wahr glaube ich, daß er nichts Böſes und nichts Schlechtes gethan.“ „Ci, ei Mädchen,“ ſagte Madame Stieglitz freundli⸗ cher und küßte ſie wiederholt auf die Stirne,„Du biſt eine eifrige Vertheidigerin und nimmſt großen, großen Antheil an Deinen Vetter, iſt das vielleicht mehr, wie verwandtſchaftliche Liebe?“. Es entſtand eine kleine Pauſe, Emma drückte ihr Ge⸗ ſicht auf die Hand der würdigen Frau, dann erhob ſie 243 es wieder und ſagte ſchüchtern und leiſe: warum ſoll ich ein Geheimniß vor Ihnen haben, vor Ihnen, die mir wohl will und die mich liebt, wie meine Mutter; ja, es iſt mehr wie verwandtſchaftliche Liebe, verzeihen Sie mir, ich habe dies noch gegen Niemand, Gott iſt mein Zeuge, gegen Niemand ausgeſprochen, aber ich liebe meinen Vetter mehr wie alles auf der Welt, mehr wie meine Mutter, mehr wie Sie, meine mütterliche Freundin, alles, alles würde ich verlaſſen und ihm folgen und würde ihm ſo bereitwilliger folgen, wenn er mit Verdacht beladen ins Unglück ginge.“ Einen Augenbick ſah die Prinzipalin die Sprecherin gerührt an, dann legte ſie ihr beide Hände auf das Haupt, und ſagte feierlich mit erhobenem Blick:„Gott ſegne Dich mein Kind, ich hoffe auf Licht von oben und will zu Gott* er ihn nicht ins Unglück gehen laſſe.“ Meing fühle, der ich alles hörte und ſah, ſind nicht zu beſch freiben, ich wollte ins Zimmer, wollte zu den Füßen der alten Frau ſtürzen und ihr in feurigſten beredtſten Worten von meiner Unſchuld ſprechen, doch faßte mich in demſelben Augenblick eine Hand und drückte herzlich die meinige, und ich vernahm die Stimme des Doktors, welcher unbemerkt an meine Seite gekommen war;„nicht immer hört der Horcher an der Wand ſeine eigne Schand, fgte er,„wir wollen ſehen was zu thun — 3 16⸗ 244 iſt, noch weiß ich freilich nicht viel mehr, als heute Morgen.“ Bei unſerm Eintritt blickte Madame Stieglitz er⸗ ſtaunt auf und Emma eilte mit einem leiſen Schrei an das andere Ende des Zimmers. Ich hielt mich an der Thür, der Doktor ſetzte ſich auf einen Seſſel, den ihm die Prinzipalin mit einer Handbewegung anbot.“ „Bei uns ſind heute merkwürdige Dinge vorgefallen,“ fagte ſie,„Dinge, die mir ein ſchauerliches Licht in meine Seele geworfen, wo iſt das arme Mädchen, die The⸗ reſe?“ ſetzte ſie mit leiſer Stimme hinzu. 1 Eben ſo leis antwortete der Doktor:„ſie iſt gut aufgehoben und es geht ihr leidlich.“ „Und glauben Sie, daß das Mädchen die reine Wahr⸗ heit geſagt hat, daß mein Buchhalter wirklich—?“ ſie ſah, ohne ihren Satz zu beendigen, den Doktor fra⸗ gend an. „Ohne Zweifel,“ entgegnete dieſer,„in ſolchen Mo⸗ menten pflegt man nicht zu lügen, auch hat ſie mir Briefe des ſaubern Herrn Specht vorgezeigt, welche kei⸗ nen Zweifel übrig ließen.“ „Gott ſchütze die arme Perſon, es war im Grunde ein braves Mädchen, doch jetzt zu der andern Angelegenheit; Sie wiſſen, wie die Sachen ſtehen, was kann man thun, wie kann es uns gelingen, die Wahrheit an den Tag zu bringen?“* 245 Der Doktor zuckte die Achſel, ſtützte den Kopf auf ſeinen Stock— eine Lieblingsattitüde aller Aerzte— und entgegnete:„Madame, verzeihen Sie mir den Aus⸗ druck, aber wir haben es mit einem verſtockten Sünder zu thun; daß der Brief an das Banquierhaus falſch iſt, daß er untergeſchoben wurde, um unſern Freund in's Unglück zu bringen, iſt für mich vollkommen klar, doch, i*ſt es ſehr ſchwer, dies zu beweiſen.“ Auf der Straße ließ ſich jetzt das Rollen eines Wa⸗ gens vernehmen und gleich darauf das Klirren der Hufe von Pferden auf dem Pflaſter, die vor dem Hauſe ſcharf parirt wurden, wenige Secunden nachher ſprang der Herr Block in's Zimmer und meldete die Ankunft des Herrn Commerzienrath Schilderer, welcher die Prinzipalin zu ſprechen wünſchte. Der Herr Commerzienrath Schilderer war ein ſehr gewichtiger und bedeutender Mann in der Handelswelt, als Chef des erſten Bankhauſes des ganzen Landes hatte er das Wohl und Wehe einer großen Menge Kaufleute in der Hand und da er zugleich Präſes der Handels⸗ kammer und des Fabrikgerichts war, ſo entſchied er zu gleicher Zeit über das Schickſal von Tauſenden von Ar⸗ beitern, die ihn aber als einen unpartheiiſchen Richter verehrten, liebten und fürchteten. Im Geſchäft ſtrenge und unnachſichtlich, war er doch im gewöhnlichen Leben wohlwollend und freundlich, half * den Bedrängten und übte Wohlthaten an rechter Stelle, wo er nur konnte. Im Aeußern war der Commerzien⸗ rath groß und ſchlank, hoch in den Fünfzigen, durch eine geſchmackvolle und ſorgfältig auserwählte Toilette, ſowie durch eine glänzend ſchwarze Perücke in den Augen der Welt als gut konſervirt darzuſtellen. Etwas Blen⸗ denderes und Friſcheres, wie die weiße Halsbinde war, die er trug, konnte man nicht leicht ſehen, aus derſelben hervor ſtreckten ſich unendlich ſteife und ſehr lange Va⸗ termörder, welche ihm nicht erlaubten, den Kopf ſchnell auf die Seite zu drehen, er mußte dieſe Bewegung durch eine halbe Wendung des Oberkörpers hervorbringen, was ſeiner ganzen Erſcheinung etwas Steifes, aber zugleich etwas Feierliches verlieh. Sein Kleid war vom feinſten ſchwarzen Tuch und im Knopfloch bemerkie man ein farbiges Bändchen. So kam er die Treppen herauf, im drgena ſtand der Herr Block und nahm ihm ſeinen Paletot in Em⸗ pfang und leiſtete dieſen Dienſt mit der Abſicht, hie⸗ durch etwas von dem Geſpräch vernehmen zu können. Ich unterſtützte dies Vorhaben des jungen Herrn Block, indem ich an der Thüre ſtehen blieb und dieſelbe hinter mir offen ließ. Der Commerzienrath drohte mir leicht, aber nicht un⸗ freundlich mit dem Finger und mir war, als müſſe durch 4 1 6 ſein Erſcheinen meine Sache eine plötzliche und ſehr p 247 günſtige Wendung nehmen.„Guten Abend, Madame Stieglitz, ſieh da! Doktor,“ ſagte der Banquier beim Hereintreten und ließ ſich gravitätiſch auf einen Seſſel nieder, den der letztere hinſchob.„Sie werden erſtaunen, mich ſo ſpät zu ſehen, doch hat mir der Doktor da, na⸗ türlich im Vertrauen, eine Geſchichte erzählt, die ich mir, da ich jenen Leichtſinn wohl kenne, zu Herzen nahm.“ Er verſuchte bei dieſen Worten mich anzuſehen, was ihm aber ſeine Kravatte nicht erlaubte, da ich ganz in ſeinem Rücken ſtand.„Mein Caſſierer,“ fuhr er fort,„im Ge⸗ ſchäft ein ſehr brauchbarer Menſch, aber außerhalb eben⸗ falls etwas luſtiger Natur, kam heute Abend, nachdem Sie eben fort waren, Doktor, in einem fürchterlichen Katzenjammer— Madame Sie verzeihen mir dies Wort — auf die Caſſe geſchlichen, um noch einige nothwendige Zahlungen zu beſorgen, ich habe ihm natürlich einiger⸗ maßen den Text geleſen, doch als der die große Caſſe öffnet,— ſie war ſeit Samſtag verſchloſſen, denn ich laſſe nur in der äußerſten Noth einen meiner andern Leute für den Kaſſierer eintreten— ſiehe da! unter dem Deckel derſelben lag das Paquet mit den fünfhundert Thalern Kaſſen⸗Anweiſungen, um welches es ſich handelt.“ „Gelobt ſei Gott!“ rief ich laut auf, eilte auf den Banquier zu und empfing mit zitternden Händen das verloren geglaubte Geld. „Die jungen leichtſinnigen Menſchen,“ fuhr der 248 Banquier ernſt fort,„dachten am Samſtag Abend, wie mir ſcheint, mehr an ihre Vergnügungen, wie an das Geſchäft und ſtatt das Paquet einzuſchieben, ließen ſie es in der Kaſſe liegen.“ Der Doktor reichte mir gerührt die Hand, die Prinzipalin winkte mir freundlich zu und aus der Ecke des Zimmers glaubte ich einen frohen Ausruf zu vernehmen. „Es ſchiene mir jetzt das Räthlichſte,“ ſagte Herr Schilderer,„wenn man Ihren Buchhalter, den Herrn Specht, hier erſcheinen ließe und ihn veranlaßte, ſeine Klagpunkte, die mir, aufrichtig geſagt, unbegründet er⸗ ſcheinen, nochmals zu wiederholen.“ Die Prinzipalin ſagte eifrig:„ja, ja,“ und zog an der Klingelſchnur, die in's Comptoir führte, doch hatte der junge Herr Block draußen in der Freude ſeines Her⸗ zens den Paletot des Kommerzienraths in einen Winkel geworfen und ſprang eiligſt die Treppen hinauf. Daß er in dieſem Augenblick nicht in ein lautes Hurrah aus⸗ ſtieß, war eine Mäßigung, die ich ihm nicht zugetraut hätte. Wenige Augenblicke darauf trat der Herr Specht in's Zimmer, ſein Geſicht war etwas blaß, und der Ton, mit dem er guten Abend wünſchte, war weniger feſt und ſalbungsvoll wie ſonſt. Ich ſah dieſem zweiten Verhör mit mehr Ruhe entgegen, wie dem geſtrigen und zog mich in's Vorzimmer zurück, um dem Doktor vollkommen Spielraum zu laſſen, ſeine Fragen gegen den Buchhalter. zu ſtellen. Mich überwältigten tauſend frohe Gedanken, den Namen Emma wiederholte ich unzähligemal, und einmal um's anderemal herzlicher und inniger. Stand ich doch jetzt ſchon von dem ſchlimmen Verdacht gerecht⸗ fertigt da, hatte ich doch ihr ſüßes Geſtändniß gehört; nur wie ſich das Dunkel hinſichtlich des untergeſchobenen Briefes aufklären würde, war ich begierig zu erfahren. Daß die Unterſchrift ſehr ähnlich war, konnte man nicht läugnen— die Unterſchrift der Prinzipalin— ich dachte nach, dachte eifrigſt nach und auf einmal dämmerte mir ein Licht auf, wohl erſchreckend für mich, aber wohl hell genug, um vielleicht Manches aufzuklären, ja ſo war es, ſo mußte es ſein. Ich trat wieder ins Zimmer, in dem Augenblick, wo der Doktor ſagte:„Sie werden jetzt deut⸗ lich einſehen, Herr Specht, daß Ihr College das bewußte Geld in keiner böswilligen Abſicht erhob, denn wenn man ſich unrechtes Gut aneignen will, ſo läßt man dies Gut nicht leichtſinniger Weiſe liegen, ſondern nimmt es mit ſich, ſagen Sie mir deswegen offen ihre Meinung, was glauben Sie, wie konnte jener Brief auf den Pult kommen, wer iſt wohl im Stande, dirſe Unterſchrift ſo täuſchend nachzumachen?“ Der Buchhalter zuckte die Achſel und d hob die Augen gen Himmel, doch ich trat feſten Schrittes an den Tiſch und entgegnete, die Frage des Doktors beantwortend: 4 250 „ich glaube zu wiſſen, wer jene Unterſchrift gemacht und glaube ebenfalls ſagen zu können, wer den Brief darüber ſchrieb, den man auf meinen Pult legte. Alles ſah mich erſtaunt an, und der Buchhalter zuckte unmerklich zuſam⸗ men, als ich einen feſten Blick auf ihn warf, doch ver⸗ wandelte ſich dieſes Erſtaunen in Schrecken, als ich ru⸗ hig fortfuhr:„ich ſelbſt habe jene Unterſchrift gemacht, ja ich ſelbſt, aber im Beiſein des Herrn Buchhalters.“ Sein triumphirender Blick verwandelte ſich plötzlich und er ſtotterte:„in meinem Beiſein?“ „Ja, Herr in Ihrem Beiſein, Sie werden ſich jenes Abends erinnern, wo wir von der Schrift der Madame Stieglitz ſprachen, wo Sie behaupteten, die Schrift ſei ſehr ſchwer nachzumachen, und wo Sie mich ſcherzend er⸗ ſuchten, den Namen der Prinzipalin auf ein Blatt Pa⸗ pier zu ſchreiben.“ „Das iſt eine häßliche verabſcheuungswürdige Erfin⸗ dung,“ ſagte der Buchhalter mit gefaltenen Händen,„ſo wahr mir Gott helfe, eine verbrecheriſche Lüge.“ „Wenn ſich das beweiſen ließe,“ ſagte der Commer⸗ zienrath,„ſo wäre freilich viel gewonnen.“ „Beweiſe, um Gotteswillen Beweiſe!“ rief der Doktor. „Dies Papier mit der Unterſchrift,“ fuhr ich fort, dort auf dem Tiſch liegt es und ich erkenne es jetzt wie⸗ der, warf der Buchhalter nachläſſig in eine Mappe, in eine Mappe von grünem Saffian mit einem Stahlſchloß und zugleich ein anderes Papier, worauf ich melperonal vergeblich verſucht, die Unterſchrift nachzubilden, ehe es mir vollkommen gelang, vielleicht, wenn man jene Mappe unterſucht, fände ſich auch das zweite Papier darin.“ „Allerdings, allerdings,“ entgegnete der Doktor und der Buchhalter rief haſtig:„o dieſe Mappe kann ich vorzeigen, ich werde ſie im Augenblick von meinem Zim⸗ mer holen.“ Er wollte davoneilen, doch ſagte der Com⸗ halter verdächtigen zu wollen, es wäre nicht unzweck⸗ mäßig, wenn vielleicht der Doktor den Buchhalter auf deſſen Zimmer begleitete, die Sache handelt ſich um Ehre und guten Namen eines Andern und da muß man ſchon vorſichtig ſein.“ „Ich werde den Herrn begleiten,“ ſagte der Doktor und ſprang auf, doch hielt ihn die Prinzipalin beim Arm zurück und ſprach:„Verzeihen Sie, meine Herren, ich bin hier vollkommen ihrer Anſicht, doch glaube ich, es wird beſſer ſein, wenn ich meinen Buchhalter begleite, mir wird derſelbe aus dem Inhalt ſeiner Mappe gewiß kein Geheimniß machen.“* Der Buchhalter ſtand bei dieſem Vorſchlage da, ein Bild des Jammers und Entſetzens, die ſtieren Augen nach Athem und ſeine zitternde Hand knöpfte den Rock, welchen er trug, auf und zu. 4 merzienrath lächelnd:„ich glaube, ohne den Herrn Buch⸗ eaten ihm faſt aus dem Kopfe, er ſchnappte mühſam 252 Die Prinzipalin hatte einen Leuchter ergriffen, ſagte ernſt und befehlend:„folgen Sie mir,“ und ſtieg dem Buchhalter voraus die Treppen hinan. „Ich gehe auch mit,“ flüſterte mir der Herr Block zu,„dieſer Kerl iſt zu allem fähig, ich will für alle Fälle bei der Hand ſein.“ Wir blieben unten in geſpannter Erwartung und ſahen erſchüttert der Dinge entgegen, die da kommen würden; uns alle beſchlich ein eigenes, unheimliches Ge⸗ fühl und als wir nach einiger Zeit droben den feſten Schritt der Prinzipalin vernahmen, welche langſam die Treppe herabkam, ſo ſchnürte mir jeder Schritt die Bruſt zuſammen, ſo daß ich kaum im Stande war zu athmen. Sie mochte eine ſtarke Viertelſtunde ausgeblieben ſein, und Emma ſagte mir ſpäter, ſie habe während dieſer Zeit auf ihren Knien gelegen und eifrig gebetet. Endlich trat die alte Frau wieder ins Zimmer und man ſah, daß ſie ſich Mühe gab, den Leuchter feſt in der einen Hand zu halten, in der andern Hand trug ſie einige Papiere, die ſie mit allen Zeichen des Abſcheu's auf den Tiſch warf; obgleich ſie heftig ergriffen ſchien, obgleich ihr ernſtes Geſicht von einer erſchreckenden Bläſſe bedeckt war, ging ſie doch ſtolz und feſten Schrittes auf ihren Seſſel zu, doch als ſie ſich niedergelaſſen, rückte ſie ihren Lichtſchirm ſo, daß ihre Züge von tiefem Schatten bedeckt waren. 253 „Die Sache iſt aus und entſchieden,“ ſagte ſte,„mein bisheriger Buchhalter, der Herr Specht, hat mir die Wahrheit deſſen, was Sie,“ ſie wandte ſich zu mir, „was Sie vorhin ausgeſagt, eingeſtanden, er habe Sie fälſchlich angeklagt, er hat Sie abſichtlich in's Unglück ſtürzen wollen. Der Buchhalter verläßt morgen mein Haus für immer, Sie ſind von dem Verdacht, der auf Ihnen geruht, vollkommen gereinigt und ich ſage es offen, daß es mir ſehr leid thut und daß ich bedaure, etwas Uebles von Ihnen geglaubt zu haben, geben Sie mir Ihre Hand und ich bin Ihnen geneigter, wie zuvor.“ „Gott ſei Dank!“ ſagte der Commerzienrath und er⸗ hob ſich von ſeinem Sitz;„die Angſt, die Sie ausge⸗ ſtanden, haben Sie einigermaßen verdient, Ihr habt eine Zeit lang, wie wohl erfahren, ein ziemlich lockeres Leben geführt und Sie haben dieſem Treiben die Krone auf⸗ geſetzt, indem Sie das Geld, das Sie in meiner Kaſſe erhoben, leichtſinniger Weiſe liegen ließen.“ „Ja, ja,“ fuhr der Doktor fort,„allverehrter Fabri⸗ kant und wenn zufällig das Geld auf der Straße ver⸗ loren ging, ſo kam Ihre Unſchuld nicht ſobald an den Tag, laſſen Sie ſich das eine große Lehre ſein.“ Ich dankte dem Commerzienrath herzlich für ſeine Freundlichkeit und ſeine Worte, der junge Herr Block half ihm ganz entzückt den Paletot anziehen und der Banquier empfahl ſich mit einigen freundlichen Worten. 254 Der Wagen rollte fort und der Doktor nahm ſeinen Hut:„ich muß meiner Frau,“ ſagte er,„die glückliche Entwicklung dieſer Geſchichte anzeigen, ſie hat ſich ſehr um dieſen jungen leichtſinnigen Menſchen gegrämt,“ dann ſetzte er leiſe zu mir gewandt zu:„ich laß' Sie hier al⸗ lein in der beſten Geſellſchaft, kommen Sie morgen früh zu mir und erzählen, was Sie heute Abend hier noch Neues und Liebes erfahren. Gute Nacht!“ Er ging da⸗ von und der junge Herr Block, dem von der Prinzipalin ein freier Abend bewilligt wurde, folgte ihm. Wie ich nachher erfuhr, nahm ihn der Doktor mit nach Haus und hängte ihm in der Freude ſeines Herzens einen klei⸗ nen Rauſch an. Wir blieben allein in dem Zimmer, die Prinzipalin, Emma und ich; das Mädchen eilte vor Freude laut ſchluchzend aus ihrem Winkel hervor und ließ ſich, wie früher, zu den Füßen der Prinzipalin nieder, auch ich eilte herbei und dankte mit herzlichen Worten für alle Liebe und Güte, die ſie mir erwieſen. „Meine Kinder,“ ſagte die alte Frau, und während ſie mir ihre rechte Hand gab, legte ſie ihre linke auf das Haupt des Mädchens,„meine Kinder, Gott hat Euch in ſeinen Schutz genommen und Alles wohlgemacht, Ihr liebt einander, ich freue mich darüber, laßt mich für Euer Schickſal ſorgen, ich habe Niemand auf der Welt, Ihr Beide ſteht ebenfalls allein da und ſo, glaube ich, 25⁵ könnte es gelingen, daß wir unſere Tage in Frieden zu⸗ ſammen genießen können, ich will Euch Mutter ſein,— ſeid Ihr meine Kinder— ja meine Kinder mit allen Rechten, die ich Euch einräumen kann.“ Das war ein höchſt ſeliger Moment, der ſich nicht beſchreiben läßt, und wer einen ähnlichen ſchon erlebt hat, denke an ſeine glücklichſte Zeit zurück, wer ihn noch vor ſich hat, hoffe darauf als auf das ſeligſte, was ihm dieſe arme Erde bieten kann. „Jetzt geht Kinder,“ ſagte nach einer langen, langen Pauſe nicht mehr die Prinzipalin, jetzt unſere Mutter, „jetzt geht, es iſt ſpät und ich fühle mich ſehr ergriffen, Du Emma wirſt ſchon heute Nacht die Zimmer neben mir beziehen und Du,“ ſagte die Prinzipalin zu mir und fügte lächelnd hinzu, indem ſie auf Emma zeigte: „ſieht er, Er iſt durch ſie zum Du gekommen— Du gehſt auf Dein Zimmer und morgen ſprechen wir weiter. Ich begab mich voll Glück und Seligkeit hinweg und da es mir als ganz nothwendig erſchien, daß Emma noch von ihrem Zimmer einiges ganz Nothwendiges holen mußte, ſo wartete ich auf der Treppe auf meine kleine Geliebte. Vor zwei Stunden ſtand ich ebenfalls hier, aber mit welch' ganz anderen Gefühlen, in welch! ganz anderer Lage. Endlich kam Emma und ich mußte geſtehen, daß der lange, lange Kuß, den ich jetzt bekam, * f ewige lächelnde Behagen gewichen war. Er verhüllte ſein Haupt, als er mich ſah, und machte vor der Haus⸗ andere Empfindungen erweckte, als die Küſſe, welche frü⸗ her dem Vetter bewilligt wurden. Am andern Morgen verließ der Buchhalter das Haus, nicht ohne daß vorher der Pfarrer Sproßer den Verſuch gemacht hätte, zu Gunſten ſeines Glaubens⸗Genoſſen den Entſchluß der Madame Stieglitz umzuſtimmen, doch dau⸗ erte die Unterredung, die der Geiſtliche deswegen mit ihr hatte, nur ſehr kurze Zeit, er kam mit einem ſehr langen Geſicht, von welchem die gewöhnliche Sicherheit und das thüre eine Bewegung, als ſchüttle er den Staub von ſeinen Füßen. Sein Reich in dieſem Hauſe war zu Ende. — Den Herrn Specht aber ſah ich nie wieder.— Der Doktor freute ſich innigſt und herzlichſt über mein Glück und hatte noch an demſelben Tage eine lange Un⸗ terredung mit der Prinzipalin, deren Reſultat war, daß ich mit Empfehlungs⸗ und Creditbriefen wohl ausgerüſtet ein Jahr lang die Seidenfabriken Süd⸗Frankreichs be⸗ ſuchen ſollte, mittlerweile aber wollte die Prinzipalin das Ladengeſchäft verkaufen und die daraus zu löſenden Fonds ſollten nach meiner Rückkehr zu Vergrößerung des Fa⸗ brikgeſchäfts benutzt werden. Die Nutzung ihres anſehn⸗ lichen Privat⸗Vermögens, welches in Staatsobligationen und ſonſt angelegt war, behielt ſich Madame Stieglitz bis zu ihrem Tode vor, doch traf ſie auch für den Fall — 257 ihre Verfügungen und der Doktor, der als Teſtaments⸗ zeuge zugegen war, ſagte nachher:„ich verſichere Sie, Sie haben ein unverdientes Glück.“ Die gute alte Frau hatte Emma und mich zu ihren Erben eingeſetzt, unter zwei Bedingungen: die eine war, daß die Fonds des Hauſes Stieglitz und Comp. in Am⸗ ſterdam ihrem dortigen Vetter verblieben, und die andere war, daß wir erſt in den Beſitz des übrigen Vermögens kommen ſollten, wenn ich das Fabrik⸗Geſchäft, das ſig mir übergeben, durch Fleiß und Umſicht zu einer gewiſſen Höhe gebracht haben würde. Unverdiente Unglücksfälle wurden mir nicht angerechnet, doch wurde dies Geſchäft durch den Verkauf des beträchtlichen Ladengeſchäfts ſchon ſo dotirt, daß wohl dies als die alleinige Urſache an⸗ zuſehen iſt, weshalb es in einigen Jahren eines der beſten und glänzendſten wurde. Bald darauf reiste ich meiner neuen Beſtimmung entgegen, es war ein klarer kalter Winterabend, und nachdem ich zu Haus einen herzlichen aber ſchweren Ab⸗ ſchied ſowohl von meiner zweiten Mutter, wie von Emma genommen, ging ich in Begleitung des Doktors auf die Poſt, vorher aber nahm ich bei Sibylle die zahlreichen Grüße in Empfang, welche ſie mir für ſämmtliche Fa⸗ milien⸗Mitglieder, die ich der Reihe nach beſuchen ſollte, mitgab. Der junge Herr Block ließ ſich nicht nehmen, meine Geldtaſche zu tragen und bald ſtand ich: wieder II. 17 — auf dem Poſthofe, wie an jenem unvergeßlichen Abend, und reiste mit demſelben Eilwagen ab, welchen damals der dicke, alte, höfliche Herr mit der grauen Reiſemütze beſtiegen. Der Doktor händigte mir eine kleine Summe ein und bat mich, damit einige ſeiner kleinen Schulden in B. zu bezahlen,„vergeſſen Sie nicht,“ ſagte er lachend, „meine Hauswirthin zu beſuchen und ſehen Sie nach, ob die Freskogemälde auf meinem Zimmer noch exiſtiren. Apropos grüßen Sie Jungfer Barbara, jetzige. Madame Philipp, und wenn mein Skelett zufällig noch in ihrem Beſitz iſt, ſo kaufen Sie es ihr um jeden Preis ab. Auf baldiges fröhliches Wiederſehen!“ Der Wagen eilte davon und bei Tagesanbruch war ich noch eine kleine Stunde von der Mühle entfernt. Beinahe um dieſelbe Stunde wie damals ſtand ich wieder beim alten Kreuz und ſo licht und hell, wie meine Zu⸗ kunft, ſo war auch heute meine Ausſicht auf das Thal unter mir, da wogte kein trüber Nebel und Alles war mit des Winters Feſtkleid, dem weißen Schnee, aufgeputzt. Die kahlen Aeſte der Bäume und Sträuche ließen mich tief unten die freundliche Mühle ſehe kerzengerade ſtieg aus dem Schornſtein der blaue Dampf und wurde oben vergoldet durch den f een Strahl der Morgenſonne, der über die Berge brach, das Waſſer rauſchte über das an⸗ geſchwollene Wehr, das Mühlrad lief luſtig und geſchwind herum, als wollte es ſich in der Kälte warm machen und * 259 zerbrach dabei die koſtbaren ſchön geformten Eiszapfen, die ſich über Nacht angehängt hatten und ſträubte ſie in tauſend funkelnde Brillanten in die klare Luft. Jetzt hatte ich das Gehege erreicht, das den Hof um⸗ ſchloß, jetzt erblickte mich der Baas, der eben im Begriff war, den ſchweren Rappen in ſeinen Schlitten zu ſpan⸗ nen. Alles war wohl auf und freute ſich, mich wieder zu ſehen, ich mußte der Müllerin von ihrer Tochter der Doktorin erzählen und that es auch zu ihrer größten Be⸗ friedigung. Elsbeth war noch unverheirathet, Caspar dagegen hatte ſich noch ein paar dicke Kinder zugelegt, und den guten Franz konnte ich leider nicht ſehen, da er über Feld war. Nach einer Stunde verließ ich mit dem Vetter auf deſſen Schlitten die Mühle wieder, und auf der glatten Schneebahn flogen wir pfeilgeſchwind gegen B. An all den Orten kam ich vorbei, wo ich damals mit dem Doktor Burbus geraſtet, in dem Wirthshaus, wo er die Gensdarmerie geneckt, hielten wir eine halbe Stunde an. Wenige Stunden darauf erreichten wir die Stadt und mit einbrechender Nacht trat ich in das Zim⸗ mer meiner Großiutter. Die Freude ich ihr, ſo ſtattlich ugethan, unt ſetzte die Brille des t auf die Naſe und nachdem ſie mich von allent Seitetbenachte, wurde ich 5 17* anbeſchreiblich, als die Augen trat, ſie e —— 8 der großen Ehre theilhaftig, eine Priſe aus der goldenen Doſe der verſtorbenen Gräfin nehmen zu dürfen. Wir plauderten über dies und das, ich erfuhr unter Anderm, daß die Haushälterin des Vormunds vor eini⸗ gen Tagen geſtorben und daß die älteſte Tochter ſich nächſtens verheirathen werde. Die alte Katze der Groß⸗ mutter hatte ebenfalls das Zeitliche geſegnet, ſowie auch der Schuſter im Hinterhauſe ſeine Wittwe ſetzte das Geſchäft fort. Ein lautes Schluchzen vor der Thür verkündigte mir die Ankunft der Schmiedin,„wo iſt das Kind?“ ſagte die gute Perſon, und als ich ihr entgegentrat und die Hand gab, liefen ihr die hellen Thränen über die alten eingefallenen Backen. Ich mußte meine Schickſale um⸗ ſtändlich erzählen, und das dauerte bis tief in die Nacht. Am andern Morgen ſteckte ich mir eine Cigarre an und beſuchte mit ſeltſamen Gefühlen die Orte, wo ich während meines hieſigen Aufenthaltes Leid und Freud genoſſen: dort war die Kirche, wo ich meine geliebte Emma zum erſtenmale geſehen, jetzt betrat ich mit klop⸗ fendem Herzen die Straße, wo das Reißmehlſche Haus ſtand. 3 In der Wohnung des Doktors war man vergnügt über die paar Thaler, die ich in ſeinem Namen bezahlte, ſein Zimmer mocht ich nicht ſehen, es ſei nun geweißt und friſch herausgeputzt, ſagte die Wirthin. Vor dem 2261 Zwiſchenraume der beiden Häuſer blieb ich einen Augen⸗ blick ſtehen, ich ſah die beiden Fenſteröffnungen, welche wir durch die Bretterplanke verbunden hatten, dieſer Winkel hatte ſich in ſeiner grauen Trübſeligkeit in gar nichts geändert, unten lagen große Haufen Kehricht, an den Fenſtern flatterten wie damals, die Schnüre zum Wäſchetrocknen. Mir war, als ſei meine Flucht aus dem Reißmehl'’ſchen Hauſe erſt geſtern vor ſich gegangen, dort hing auch die bewußte Laterne, auf ihrem Deckel lag eine zierliche Schneekappe. Auch an dem Reißmehlſchen Hauſe hatte ſich gar nichts geändert, vor der Thür wankte der getrocknete Stockfiſch hin und her, da ſtanden die Fäſſer mit Mehl und Butter und neben ihnen der alte ſteinerne Kriegsknecht, an ſeiner langen Naſe hing ein ſchwerer Eiszapfen. Ich trat in den Laden, da ſaß Philipp, jetzt der Prinzipal, auf dem Stuhle des ſeligen Herrn Reißmehl, es war noch dieſelbe trübſelige Geſtalt, doch hatte er ſich eine Brille zugelegt; er erkannte mich nicht wieder, und als ich Cigarren verlangte, pries er mir geſchäftig verſchiedene Blätter. Als ich darauf meinen Namen nannte, rückte er die Brille in die Höhe und ſeine Züge überflog ein melancholiſches Lächeln, das Wiederſehen machte aber wenig Eindruck auf ihn, er ſagte, ſeine Frau ſei abweſend und ich empeahl mich bald wieder. So hatte ich denn auch das hinter mir, ich nahm einen herzlichen Abſchied von der Großmutter, ſowie von der Schmiedin und meiner Tante und Mittags ſaß ich im Coupé des Eilwagens, vor mir trabten die vier Pferde luſtig auf dem gefrornen ſteinharten Boden und ich nahm für kurze Zeit Abſchied von der heimathlichen Erde, wie ich auch jetzt von Dir, geliebter Leſer, einen freundlichen Abſchied nehme. Wen übrigens die kleinen Abentheuer meines Lebens ſo ſehr intereſſirten, daß er erfahren möchte, ob ich auch von meiner Reiſe nach Südfrankreich glücklich heimgekehrt ſei, dem will ich anvertrauen, daß in dieſem Augenblick Emma, meine Frau, ins Zimmer tritt,— es iſt Abend, die große Lampe brennt und das Kaminfeuer kniſtert— und mich erſucht, endlich einmal die lange Geſchichte von „Handel und Wandel“ die ich in meinen Freiſtunden, wenn Wiegkammer und Comptoir geſchloſſen iſt, nieder⸗ ſchrieb, zu beendigen, was denn auch hiermit geſchieht. ſer, Druck von Carl Schultze in Berlin. fffffff fffffffffffffffffſ 9 10 11 12 43 14 15 16 17 18 19 4 N* 5 8— 4 1 8 8 * *4 3 4 — 3 85 5* 7 6 * 5 — 4 4 8— 4 5 8 3 4 F 2 * 4 . 3 4 4 2