—2 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leihß- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3— 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sun ne binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſt ttet wird. 8 5 1 4 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden un⸗ eträgt: für Wachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„=„ 3„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 5 beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lasdenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo i der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 1 — A ——— Von F. W. Hackländer. Erſter Band. Berlin. Franz Duncker. (W. Beſſer's Verlagshandlung.) 1850. . Der Beruf.. . Herr Reißmehl. . Philipp.. . Ein Nachbar. . Die Schreibſtube. . Herr Doktor Burbus. Jammer. . Krampfſtillende Tropfen.. . Rache. .. Familienrath... . Das heimliche Gericht. . Fanny in der Laterne. . Biſſe des Gewiſſens. .. Heimkehr. O weh!. . Geheimniſſe. .Krankheit.. . Verlobung und Edelmuth. Geneſung. .Kleine Reiſcabentheuer.... . In einem kühlen Grunde da geht e ein M dühlenrad.. 3 Comptoiriſt und Hülfsarbeiter. . Vergnugungen auf der Mühle. . Doktor Burbus!! Abſchied. — Der Beruf. In den für mich ſo denkwürdigen Tagen, wo ich Schul die ganze Welt zappeit und vergebens nach der verlorenen Freiheit ringt, in jener Zeit war noch viel weniger als jetzt von einer Kunſt die Rede, in der man es freilich bis auf dieſen Tag noch nicht weit gebracht hat. Ich meine die Kunſt, den Kopf eines Menſchen mit einigen gewandten Griffen zu betaſten und ihm genau zu ſagen, welche An⸗ lagen er beſitzt, welche Fähigkeiten er auszubilden hat und welches Geſchäft er ergreifen muß, damit er ſpäter nicht, gleich ſo Vielen, über verfehlten Beruf zu klagen haben möge. Wäre es aber auch damals möglich geweſen, mir nach den Auswüchſen meines Kopfes genau zu ſagen, wozu .3 befähigt ſei, ſo hätten es mir doch die Verhältniſſe nicht 1 ☛ b bank und Spielplatz verlaſſen mußte, um als Glied in die Kette einzutreten, unter dem Namen Geſchäftsleben p 3 erlaubt, ein anderes Geſchäft zu ergreifen, als wozu mich die Vorſehung und einiger Geldmangel beſtimmt hatten. Ich hatte keine Eltern mehr und befand mich im Hauſe und unter der Aufſicht einer Tante, die Wittwe war und einen kleinen Laden führte, wo ich ihr in meinen Freiſtunden huͤlfreiche Hand leiſtete. Ich fertigte ausgezeichnete Papier⸗ düten und hatte es ſchon ſo weit gebracht, daß ich ein Pfund Zucker oder Kaffe abwiegen konnte, als die Zeit herankam, wo ich in's Leben treten ſollte. Meine Groß⸗ mutter hatte damals ihren Wohnort im Hauſe meiner Tante aufgeſchlagen. Es war eine gute alte Frau, mit der ich aber nie im beſten Einverſtändniſſe lebte. Noch ſehe ich ſie auf ihrem großen geſchnitzten Lehnſtuhle ſizen, auf einem Kiſſen von geſtreiftem Kattunzeug, das ſie alle Sonnabend zu einer beſtimmten Stunde mit einem friſchen Ueberzuge verſah. Neben ihr auf dem Tiſche lagen meh⸗ rere Sammlungen alter Predigten, die ſie Gott weiß wie oft ſchon durchgeleſen hatte. Auf dem oberſten dieſer Bücher lag eine ſilberne Brille, die ſie beim Leſen ge⸗ brauchte. Ihr Anzug ſtammte aus der Zeit ihrer Ju⸗ gend und wurde zum Theil aus einer kleinen Eitelkeit beibehalten; ſie behauptete, die jetzigen Trachten ſeien ge⸗ ſchmacklos und häßlich, und wenn ſie auf dieſes Kapitel zu ſprechen kam und gut gelaunt war, vertraute ſie mir oftmals, was für ein ſchönes Mädchen ſie geweſen ſei und welches Aufſehen ſie in ihren dermaligen Kleidern 3 . gemacht. Man konnte das wohl glauben, wenn man ſah, wie in ihrem jetzigen Alter von ſiebzig Jahren ihr Geſicht noch immer einen edlen, ſchönen Ausdruck be⸗ wahrte und ihre hohe Geſtalt fortwährend anſehnlich und ungebeugt war. Nach uralter Mode trug ſie eine Haube, unter welcher um die Schläfe und über der Stirn kleine Löckchen hexvorſahen. Alle Sachen, die ſie täglich gebrauchte, hatten ihre eigenen, oft höchſt intereſſanten Geſchichten, die ich ſo oft angehört hatte, daß ich ſie aus⸗ wendig wußte. Der Stuhl, auf dem ſie ſaß, war in der Familie erblich und ſtammte wer weiß von welchem Urgroßvater her. Die ſilberne Brille hatte einem fran⸗ zöſiſchen General gehört, der in den Kriegen der Revo⸗ lution eines Abends zum Tode verwundet in die Pfarr⸗ wohnung gebracht wurde, wo er nach einigen Wochen ſtarb. Der Franzoſe muß ein arger Heide geweſen ſein; meine gute Großmutter erzählte, wie entſetzlich er An⸗ fangs über Alles geflucht habe; ſie ſetzte aber nicht ohne Stolz hinzu, daß in ihrer ſtillen, chriſtlichen Wohnung ſein Herz ſich bald beruhigt habe und er ſanft und ſelig verſchieden ſei. Beſonders große Stücke hielt ſie auf eine kleine goldene Tabacksdoſe, die ſie ebenfalls in Kriegs⸗ zeiten von einer Gräfin erhalten hatte, welcher ihr Ehe⸗ herr einen weſentlichen Dienſt geleiſtet. Wie geſagt, ſtand ich mit der Großmutter nicht im⸗— mer auf dem beſten Fuß. Ihr war der Lärm und der * Spektakel, den ich oft im Hauſe anſtiftete, unerträglich; hauptſächlich konnte ſie nicht leiden, wenn ich mich mit Knaben meines Alters auf Straßen und Feldern umher⸗ trieb, und dies trug mir oft gewaltige Strafpredigten 8 ein, die ſie mir in einer Reihe von Sprüchwörtern hielt. „Da kommt er,“ ſagte ſie,„einer der eifrigſten in der Rotte Korah! Willſt du dir denn nie merken, daß böſes Beiſpiel gute Sitten verderbt? Ja, ich habe es dir im⸗ mer geſagt, wer ſich grün macht, den freſſen die Ziegen; der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht; mit gefangen, mit gehangen.“— Ich war damals ein jun⸗ ger Menſch vom ſchmächtigſten Körperbau, kleiner 8180 alle Knaben meines Alters, und hatte ein blaſſes, ein⸗ gefallenes Geſicht, kurz ein ganz erbärmliches Ausſehen, was meiner Großmutter ein Dorn im Auge war. Sie behauptete, das komme von meinem immerwährenden Springen und Klettern und weil ich ohne Mütze im Regen herumlaufe und es mir eine wahre Freude ſei, 5* naſſe Füſſe zu haben. Sie hatte mir den Namen„Schat⸗ tenkopf“ geſchaffen und jammerte viel darüber, daß ſie einen ſo ſchlecht ausſehenden Enkel habe.„Ach,“ ſagtg, ſie,„es ſteht wohl geſchrieben, an ihren Früchten ſollt ihr ſie erkennen, aber meine Tochter, die Louiſe, deine Mutter, Gott habe ſie ſelig! das war, wie ich, eine ſchöne, ſtarke Frau, und du kommſt mir nicht anders vor als wie Spreu unter dem Weizen.“ So lebte ich nach der Confirmation noch ein halbes Jahr bei der Tante, und es war mitten im Winter an einem Sonntag Nachmittag, als im Zimmer meiner Großmutter ein Familienrath gehalten wurde, um zu beſchließen, was eigentlich aus mir werden ſollte. Meine Großmutter, der ich am ſelben Morgen eine ihrer ſchön⸗ ſten Taſſen zerbrochen hatte, meinte zwar, es ſei voraus zu ſehen, daß aus mir ein Taugenichts werde; doch müſſe man das Seinige thun, damit man ſeine Hände in Unſchuld waſchen könne. Ich war an dieſem Tage in der trübſten Stimmung von der Welt. Draußen wa⸗ Nen Bäche und Teiche zugefroren und meine Kameraden trieben ſich dort herum. Auch ich war mit einem Paar ſehr defecter Eisſchuhe hinausgegangen, mußte aber un⸗ verrichteter Sache wieder umkehren; in der vergangenen Nacht war tiefer Schnee gefallen, alle Teiche bis auf einen waren damit bedeckt, und bei dieſem einzigen ſtan⸗ den einige Männer, die ihn vom Schnee gereinigt hat⸗ ten und für dieſe Dienſtleiſtung von jedem zwei Pfen⸗ nige forderten, eine Summe, die ich in meinen damali⸗ 2 gen Verhältniſſen nicht erſchwingen konnte. Mißmuthig kehrte ich nach Hauſe zurück und nahm mir feſt vor, jetzt bald etwas Tüchtiges zu lernen, damit ich mir mein eigen Geld verdienen könne. 3 So trat ich in das Zimmer meiner Großmutter, wo ich denn bald zu meiner großen Verwunderung hörte, daß man ſich eifrig mit meinem Schickſal beſchaftigte. Außer der Tante, bel der ich wohnte, war eine ihrer Schweſtern zum Beſuch gekommen, und auf dem Tiſche lag ein Brief meines Vormunds, in dem dieſer ſeinen Willln in Betreff meiner ſchriftlich kund that, ſo daß ein vollſtändiger Familienrath beiſammen war. Ein anderes ſtimmführendes Mitglied bei dieſer Verhandlung war eine gute alte Perſon, die in meinem väterlichen Hauſe Wirthſchafterin geweſen war und mich ſehr ver⸗ hätſchelt hatte. Sie trug noch beſtändig eine große Liebe zu mir, und wenn ſie mich irgendwo auf der Straße oder ſonſtwo erblickte, brach ſie in Thränen aus und jammerte über meinen ſeligen Vater, daß er ſo früh geſtorben und ich dadurch ihrer trefflichen Leitung entzo⸗ gen worden ſei. Auch jetzt hatte ich mich kaum in dem Zimmer blicken laſſen und Platz hinter dem Ofen ge⸗ nommen, als ſie mich wehmüthig anſah, Naſe und Mund heftig verzog und ihr Schnupftuch hervorſuchte, um ei⸗ nige herabrollende Thränen abzutrocknen. Meine Großmutter, die viel feſterer Natur war, ſagte ihr dagegen verweiſend:„Weine Sie doch nicht, Jungfer Schmiedin; dem Jungen wird nichts Leides geſchehen: Unkraut verdirbt nicht.“—„Ach,“ ſchluchzte die Schmie⸗ din dagegen,„wenn doch der ſelige Herr noch lebte! da müßte der Junge ſtudiren und ein Pfarrer werden, wie der ſelige Großvater. So hat der ſelige Herr immer —— ¾—— 3 4 24 geſagt. Aber jetzt ſall er in dem Laden ſtehen und Kaufmann werden! Gott, er ſoll Kaufmann werden!“ Obgleich meine beiden Tanten, ſo lieb ſie mich hatten, über mein künftiges Schickſal nicht ſo ſehr beunruhigt waren, mochte dieſer Augenblick doch auch ihnen wichtig genug vorkommen, um ihm eine ſtille Zähre zu weihen; ſie holten zu gleicher Zeit ihre Schnupftücher hervor und brachten ſelbſt meine Großmutter in Bewegung, die das ihrige ebenfalls unter ihrem geſtreiften Ruhekiſſen her⸗ vorholte. Man wird mir verzeihen, daß ich im ſelben Augenblick desgleichen that. Erſt die verdorbene Schlitt⸗ ſchuhpartie und dann die Ungewißheit des Looſes, das über mich geworfen wurde, lösten mein Herz in Weh⸗ muth auf; dazu kam das Heulen der Schmiedin und die Thränen meiner Verwandten, und ehe ich's mir ver⸗ ſah, rollten mir ein paar große Thränen über die Wan⸗ gen auf den heißen Ofen, der ſie ziſchend verzehrte. Meine Großmutter war die erſte, die aus dieſem Meer von Thränen und Seufzern wieder als feſtes Land auftauchte; ſie nahm eine Priſe aus ihrer gräflichen Doſe, ſetzte die Brille des verſtorbenen Generals auf und ermahnte mich, ihr mit größter Aufmerkſamkeit zuzuhö⸗ ren. Darauf hielt ſie mir eine Rede, die mit Sprüch⸗ wörtern aller Art geſpickt war und in welcher ſie nach einer Maſſe von guten Lehren und Ermahnungen darauf zu ſprechen kam, daß der Menſch neben dem allgemeinen * Beruf, ſich zum Himmel heran zu bilden, auch noch die Pflicht habe, ſich einem ppeziellen Beruf zu ergeben, auf daß er ſein tägliches Brod verdiene.—„Die Wahl eines Berufs hat dir Gott der Herr nicht ſchwer gemacht,“ fuhr ſie fort;„denn aus Mangel an einer gewiſſen Ma⸗ terie, die man Geld nennt, iſt dir nur der Handelsſtand geblieben, unter deſſen verſchiedenen Zweigen du aber wählen kannſt, welcher am meiſten nach deinem Geſchmack iſt.“—„Ja,“ nahm meine älteſte Tante das Wort, i„du kannſt dich in dem Punkt entſcheiden, wofür du den meiſten Beruf haſt.“ Ich ſollte mich entſcheiden, wozu ich den meiſten Be⸗ ruf habe, und ich fühlte doch gar nichts von dergleichen in mir. Wenn ich einen Maler ſah, ſo ſpürte ich in mir den Künſtler und glaubte, es müßte mir gar nicht ſchwer werden, in dieſem Fache Glänzendes zu leiſten. Sah ich dagegen einen Studenten mit kurzem Sammt⸗ rock, weißer Mütze und langen, buntfarbigen Troddeln an der Pfeife, ſo war ich überzeugt, daß ich alles das mit eben dem Anſtand führen würde, alſo einſtens einen trefflichen Studenten abgeben könnte. Eben ſo erging es mir, wenn ich in den öffentlichen Gerichtsſälen die Advokaten plaidiren hörte, oder wenn ich Sonntags auf der Wachparade die Offtziere geſchniegelt und gebügelt einherſpazieren ſah. Und glücklicherweiſe hatte auch der Handelsſtand einen Platz in dieſem Ideenkreiſe. Das — 9 n — 9 Comtoirſitzen kam mir freilich nicht eben angenehm vor,* und das Stehen hinter dem Ladentiſch ſchien mir ſogar unerträglich; aber in meinen kindi hen Träumen war der Handelsſtand in unſern Städten nur eine der nie⸗ drigſten Stufen des Gewerbs, über die man ſich auf ei⸗ nen höhern Standpunkt zu ſchwingen habe, wo man den Handel in ganz anderem Lichte erblicke. Dabei ſchwebte mir immer der Commerz in den Seeplätzen vor, von dem ich aus meiner Grammatik etwas hatte kennen lernen. Da ſah ich mich denn mit meinem Pult dicht am Ufer des Meers, um Schiff und Ladung aus der erſten Hand zu empfangen, und ließ mir gleich von den Matroſen ſchöne Geſchichten erzählen, wie es drüben ausſehe unter den Wilden und Hottentotten. Meine Großmutter ging nun die verſchiedenen Arten des Handelsſtandes mit mir durch, und meine älteſte Tante beleuchtete mir dieſelben von allen Seiten. Zuerſt kam der Fabrikant; dieſen verwarf ich von vorn herein, weil er nicht in die Welt hinauskommt, ſondern immer hinter ſeinen Maſchinen kleben bleibt. Dann wurde mir der Engroshändler vorgeführt, gegen den ich mich eben⸗ falls entſchied, da er beſtändig über den Büchern liegt und mit den Waaren ſelbſt, die mit ihrem eigenthümli⸗ chen Duft und ihrer ſeltſamen Verpackung ſo ſchön an die fernen Länder erinnern, wo ſie herkommen, faſt gar nicht in Berührung kommt. Wechſelgeſchäfte waren mir 7 von jeher in den Tod zuwider und zwar wegen eines eigenen Vorfalls. Ich hatte einſt mit dem Sohn eines Bankiers innige Freundſchaft geſchloſſen, war aber von ihm einem andern Jungen meines Alters, der einen beſ⸗ ſern Rock trug, überhaupt reicher und vornehmer war als ich, aufgeopfert worden.— Meine Großmutter, der ich dies traurige Ereigniß damals erzählte, entgegnete mir darauf in ihrer Weiſe:„wer viel Geld im Beutel hat, deſſen Herz iſt kalt und matt.“ Ich merkte mir das Sprüchwort und nahm mir vor, nie ein Bankier zu werden und viel Geld zu bekommen, daͤmit mein Herz nicht matt und kalt werde. So war denn nach Beleuchtung dieſer verſchiedenen Handelsarten noch eine einzige übrig, für welche ſich meine Verwandten einſtimmig erklärten, hauptſächlich weil die Erlernung derſelben am wenigſtens koſtete. Es war dies das Handelsgeſchäft in ſeinen kleinſten Anfän⸗ gen, der Spezereiladen. Ich ließ mir den Vorſchlag ge⸗ fallen, und der ganze Familienrath freute ſich darüber, mit Ausnahme der Schmiedin, deren Thränen während der ganzen Verhandlung ſachte herabgeträufelt waren und jetzt wieder mit erneuerter Gewalt floſſen. „Ach,“ jammerte die Schmiedin,„jetzt ſoll das Kind ein Krämer werden und nicht ein Pfarrer, wie der ſelige Herr gewollt hat! Ach, Frau Paſtorin,“ wandte ſie ſich an meine Gyyßmutter,„ich habe während ſeiner ganzen Kindheit ſeine Neigungen beobachtet und laſſ' es mir nicht ausreden, daß er ganz zu einem Pfarrer geboren iſt. Sie hätten ihn ſehen ſollen am Sonntag Nachmit⸗ — tags, wenn es draußen regnete und er mit andern Kin⸗ dern in der Stube ſpielen mußte. Denken Sie ſich, Frau Paſtorin, da nahm er ſich eine ſchwarze ſeidene Schürze von mir, und ich mußte ihm von weißem Papier einen Kragen machen, wie ihn die geiſtlichen Herrn tragen— ſo lang— und dann ſtellte er ſich auf ein Paar Stühle und hielt den andern Kindern eine Predigt, ganz wie in der Kirche. Sie beſtand juſt wie dort aus zwei Theilen. Ach, das war gar zu ſchön!“ Faſt hätte mich die Schmiedin verführt, auf's Neue ein Duett mit ihr zu weinen; aber meine Großmutter ſagte ziemlich ernſt:„Sei Sie doch klug, Jungfer Schmie⸗ din; man muß einem Kind nie dergleichen vorſagen, 6 . was es doch nie erreichen kann. Sag' Sie ihm lieber etwas Gutes über den Kaufmannsſtand. Freilich,“ ſetzte die alte Frau mit einem Seufzer hinzu,„ſäh' ich meinen Enkel auch lieber auf der Kanzel, als hinter dem Laden⸗ 1 tiſch. Aber der Wille des Herrn geſchehe!“ Die Schmiedin, die eigentlich eine ſehr kluge Perſon war, fügte ſich mit großem Takt und es dauerte nicht lange, ſo verſicherte ſie den anweſenden Damen, ich ſei 8 3 ein äußerſt kluges Kind und habe eigentlich zu Allem Talent.„Ach,“ ſagte ſie unter Thränen Peerngehn, * wie die Sonne cn einem Apriltage,„wenn er einmal Kaufmann iſt, ſo wird er gewiß ein guter Korreſpondent werden. Denken Sie ſich, Frau Paſtorin, da war der alte Fritz, der Briefträger— Gott hab' ihn ſelig! er iſt lange todt und begraben— der brachte dem ſeligen Herrn die Briefe, und da wollte der Junge auch ſeine Briefe haben und nahm immer Papierſtreifen und machte Briefe daraus, ja, und gab ſie dem alten Fritz, der ſollte ſte wegtragen, und da hätten Sie die Freude ſehen ſollen, wenn der am andern Tag dem Kind dieſelben Briefe als Antwort zurückbrachte. Dann nahm er meine Brille, ſetzte ſie auf und las in den Papieren umher, ganz wie der ſelige Herr, kopfſchüttelnd und lachend. O Gott, o Gott!“ So war es denn im Familienrath beſchloſſen und von mir genehmigt, daß ich meine kaufmänniſche Lauf⸗ bahn in einer Spezereihandlung beginnen ſollte. Ich hatte die Anfangsgründe dieſes Geſchäfts einigermaßen ſchon bei meiner Tante ſtudirt und bildete mir ein, daß es nicht ſchwer ſein würde, mich zu einem tüchtigen Kaufmann der Art heranzubilden. Was meine Familie becwog, mich dieſem Geſchäftszweige zu widmen, war neben dem Geldpunkte die Rückſicht, daß ich, um eine Stelle der Art zu finden, wahrſcheinlich die Stadt nicht zu verlaſſen brauchte.— Meine Großmutter nahm daher die neueſten Lokalblätter vor, um unter den Anzeigen Subjekt.“— Ich horchte hoch auf, und ſelbſt meine 13 nach einem Anerbieten der Art zu ſuchen. Es fanden ſich auch mehrere, doch führten ſie alle eine Bedingung mit ſich, die ſich mit meinen Verhältniſſen nicht vertrug. So hieß es:„der Lehrling erhält Koſt und Wohnung bei ſeinem Prinzipal, wofür eine angemeſſene Vergütung bezahlt wird.“ Ein andermal war mit andern Worten daſſelbe geſagt: man forderte vom eintretenden jungen Menſchen jährlich ein gewiſſes Lehrgeld, wofür er Koſt und Logis erhalten ſollte. Der Familienrath ſuchte lange vergeblich, um etwas zu finden, das ohne dergleichen unangenehme Bedin⸗ gungen wäre; aber vergeblich, und ſo wurde einſtimmig der Beſchluß gefaßt, eine Anzeige in die Zeitung zu ent⸗ werfen, in der ich dem chriſtlichen Mitleiden empfohlen und als Lehrling angetragen würde. Meine Großmutter nahm zu dieſem Zweck einen Bogen Papier vor ſich, ſpitzte die Feder und fing an zu ſchreiben, während ihr die Schmiedin über die Achſel ſah, wobei ſie ihr Schnupf⸗ tuch bereit hielt; ihr ahnendes Herz ſagte ihr, daß ſie bald wieder in den Fall kommen würde, einige bittere Thränen über mein Wohl zu vergießen.— Wirklich hatte auch die Großmutter kaum ein paar Worte ge ſchrieben, ſo begann die Schmiedin ihr Geſicht zu ver⸗ ziehen, ſchüttelte den Kopf und ſagte, die Augen voll Waſſer:„aber Frau Paſtorin, das Kind iſt ja kein 14 Tanten ſahen bei dieſer Aeußerung meine Großmutter fragend an; dieſe aber ſchrieb weiter, ohne ſich irre machen zu laſſen, und als ſie geendet hatte, hob ſie das Papier empor und las:„Ein junges Subjekt von guter Familie, ohne Vermögen, aber mit den nöthigen Vorkenntniſſen verſehen, ſucht eine Stelle in einem Spezereiladen, um dieſes Geſchäft zu erlernen, kann aber für Koſt und Logis, die es im Hauſe haben müßte, nur eine ſehr mäßige Vergütung bezahlen.“ Ich hörte dies ruhig zu Ende leſen, dann aber miſchte ich mich auch einmal in's Geſpräch und ſagte zu meiner Großmutter ziemlich ernſt: wie es mir vorkomme, ſei ich doch eigentlich kein Subjekt, und ich habe eine ſolche Bezeichnung nie anders brauchen hören, als von Schul⸗ lehrergehülfen, die eine Stelle ſuchen, wo es immer heiße, zu der und der Stelle mögen ſich taugliche Subjekte mel⸗ den.— Die Schmiedin, ohne ein Wort hervorbringen zu können, ſtimmte mir kopfnickend bei und ſelbſt meine Tanten nahmen an dem Worte Subjekt Anſtoß und brachten meine Großmutter endlich dahin, daß ſie es ab⸗ änderte und ſetzte:„Ein junger Menſch von guter Fa⸗ milie ꝛc.“— Dieſen Aufſatz mußte ich eigenhändig ab⸗ ſchreiben, worauf ich beordert wurde, ihn auf die Zeitungs⸗ expedition zu bringen, weshalb ich mein Mützchen von der Wand nahm und mich zum Fortgehen anſchickte. Die Schmiedin, deren tieffühlendes Herz wohl einſah, 15 daß jetzt der entſcheidende Augenblick gekommen ſei, wo ſich mein Leben zum Guten oder Böſen wenden müſſe, eilte mir nach, um mich noch einmal weinend an ihr Herz zu drücken, wobei ſie mir zugleich einen Silbergro⸗ ſchen in die Hand ſchob, den ich dankbar einſteckte und dazu eine Grimaſſe ſchnitt, als ſei mir ebenfalls das Weinen näher als das Lachen. Sie wurde dadurch tief gerührt und noch auf der Treppe hörte ich, wie ſie ſchluch⸗ zend verſicherte, ich ſei das beſte Kind von der Welt und bei dem Talent, das ich zu allem beſitze, würde ich ſelbſt im Kramladen etwas Außerordentliches werden. 16 II. Herr Reißmehl. 3 Am Morgen nach dieſem höchſt merkwürdigen Tage war es mein erſtes Geſchäft, die Zeitung zu holen, um darin nachzuſehen, ob die von meiner Großmutter ver⸗ faßte Urkunde über mich ſchon abgedruckt ſei. Wirklich, da ſtand ſie, ſchön und leſerlich, und war im Viereck mit einem ſaubern ſchwarzen Striche eingefaßt. Ich fühlte mich nicht wenig davon erbaut, daß etwas über mich gedruckt worden. Es dauerte auch nur wenige Tage, ſo begann die Anzeige zu wirken, und die Expedition der Zeitung ſchickte mehrere Briefe, die unter der uaindi Chiffre eingelaufen waren. Meine Großmutter, die ſichtlich darüber erfreut war, sffnete einen Brief nach dem andern, ſah ſich aber nach Durchleſung derſelben ſehr in ihren Erwartungen ge⸗ auſcht; in allen dieſen Briefen waren Bedingungen ge⸗ ſtellt, die man nicht erfüllen konnte oder wollte. So 17 Hhieß es in einam:„Auf die unterm 10. eurrentis in hieſiger Zeitung Nr. 220 unter Chiffre H. H. eingerückte Anzeige ftägt Unterzeichneter an, ob der ausgebotene junge Menſch auch von kräftigem Körperbau iſt, da ihm bei uns unter Anderm die Verpflichtung obliegen würda die Gewölbe reinigen zu helfen.“ Eine andere Cpiſtel be⸗ ſagte nach ähnlichem Eingang:„Da ich mit meinem Spezerei⸗ und Gewürzwaarengeſchäft den Verlag unſeres vielgeleſenen Lokalblattes,„der Verbreiter“ verbunden habe, ſo gehörte es zu den Obliegenheiten des fraglichen jungen Mannes, wöchentlich zweimal die Blätter dieſes Journals den betreffenden Abonnenten zuzutragen.“ Ein Dritter, der zu meiner Perſon Luſt trug, ſtellte die An⸗ frage, ob ich auch mit Kindern umzugehen wiſſe, da bei ſeiner zahlreichen Familie Lehrling in ſeinen Mußeſtun⸗ den Abends nach acht Uhr Luſt und Liebe dazu haben müſſe, ſeine ältern Kinder zu hüten und allerlei vernünftige und gefahrloſe Spiele mit ihnen zu treiben. Ein Vierter, der ſich mit ſalbungsvollen Worten darnach erkundigte, ob der offerirte junge Menſch ſich auch vor Gott eines wahr⸗ haft chriſtlichen Gemüths zu rühmen habe, würde mei⸗ ner Großmutter ſchon angeſtanden haben, wenn dieſer Fromme nicht eine unmäßig hohe Vergütigung für Koſt und Wohnung gefordert hätte. 2 So fand ſich denn nichts Paſſendes für mich, und alzich ſich meine Großmutter damit zu tröſten ſuchte, 18 daß aller Anfang ſchwer ſei und kein Baum auf den erſten Hieb falle, ſo war ſie doch ſichtlich über die ſchlech⸗ ten Ausſichten verdrießlich und behauptete feſter als je, ich ſei ein junger Taugenichts auf dem der Segen des Herrn nicht ruhe.— Dieſer ſchlechte Erfolg war mir um ſo verdrießlicher, da ich mich von meinen bisherigen Schul⸗ kameraden bereits mit einem gewiſſen Stolz abgeſondert hatte und anfing, ſie etwas von oben herab zu behan⸗ deln, wie es einem angehenden Geſchäftsmanne zukommt, der die Kinderſchuhe abgetreten hat. Da lief noch ſpät ein Brief ein, den meine Großmutter haſtig öffnete und mit vieler Zufriedenheit durchlas. Er war von Herrn Reißmehl, dem Inhaber einer mittelgroßen Spezereihand⸗ lung, der meine Familie perſönlich kannte und ausneh⸗ mend annehmbare Bedingungen für mich ſtellte. Frei⸗ lich ſollte mndine Lehrzeit fünf Jahre dauern, aber ich dafür Alles unentgeldlich im Hauſe haben. Auch ver⸗ ſicherte er in ſeinem Briefe, daß die Lehrlinge bei ihm nur zu den Geſchäften des Ladens gebraucht werden, und 1 nicht, wie in ſo manchen andern Häuſern, Dienſte zu verrichten haben, die nicht für ſie paſſen. Ich kannte den Herrn Reißmehl ſehr gut und hatte eigentlich dieſe annehmbaren Bedingungen nicht um ihn 3 verdient. Das Haus, das er bewohnte, lag neben un⸗ ſerem Schulgebäude, und ſein Garten ſtieß an unſer Spielplatz. Sie waren durch eine ziemlich hohe Mau 19 geſchieden, was uns jedoch ſo wenig als die Ermahnun⸗ gen des Lehrers davon abhalten konnte, dem alten Nachbar allen möglichen Schabernak zu ſpielen. Sah man aber ſeine Figur an, ſo konnte man es uns jungen Leuten nicht verübeln, wenn das Ergötzen, das uns dieſelbe ver⸗ urſachte, manchmal ausartete und uns zu allerlei abge⸗ ſchmackten Späßen antrieb. Unſere Schule fing im Sommer um ſieben Uhr an; wir fanden uns aber gewöhnlich ſchon eine haälbe Stunde früher ein und erwarteten die Erſcheinung unſeres Nach⸗ bars, der regelmäßig eine Viertelſtunde vor ſieben Uhr in ſeinen Garten trat, um nachzuſehen, wie viel ſeine Pflanzen und Gemüſe über Nacht gewachſen war. Er war dann bereits im vollen Staat und ſeine kleine, ma⸗ gere Figur auf's Seltſamſte geſ ſchmückt, Sein ſpitziges Geſicht war von einer braunen fuchſigent Perrücke ge⸗ krönt, auf welche er den kleinen runden Hut ſo ſtark vorneüber geſetzt trug, daß die obere Kante deſſelben genau mit den Spitzen ſeiner Schuhe korreſpondirte. Sein übriger Körper ſtack in einem braunen Rock, einer dito Weſte und ſchwarzen kurzen Beinkleidern mit weißen Strümpfen. Kaum war er in den Garten getreten, ſo ging er mit ruhigen, gleichmäßigen Schritten auf eine alte Son⸗ nenuhr los, die in einem Winkel deſſelben ſte zerrte mit einigen gewaltigen Zügen an der ſte 2* Kette eine kleine unförmlich dicke Taſchenuhr heraus, um dieſe, wenn gerade Sonnenſchein war, nach dem alten Gnomon zu richten. Nach dieſem Geſchäft zog er ſeine Schnupftabacksdoſe hervor, klopfte bedächtig auf den Deckel 3 und nahm eine Priſe, während er ſich wohlgefällig um⸗ ſah. So weit war für uns, die aufmerkſam zuſchauende Schuljugend, die Sache nicht beſonders auffallend und bemerkenswerth. Nachdem nun aber der Herr Reißmehl ſeine Priſe genommen hatte, begann er ſeine Runde im Garten, der wir mit der geſpannteſten Aufntterkſamkeit folgten, obgleich, oder vielmehr weil wir Alles, was kommen ſollte, bis auf die kleinſten Einzelnheiten voraus A wußten; der Zeiger einer Uhr kann Tag für Tag nicht regelmäßiger über das Zifferblatt laufen, als unſer Nach⸗ bar durch ſeinen Garten. Neben der Sonnenuhr ſtand ein großer Birnbaum; der alte Herr blieb davor ſtehen, blinzelte erſt hinauf und verſetzte dann dem Stamm mit der flachen Hand drei leichte Hiebe. Dann ging er geradeaus zu einer Rieiihe junger Obſtbäume, von denen jeder nur ein ein⸗ 4 ziges Mal von ſeiner Hand berührt wurde. Hatte er aber zufällig einmal einen überſprungen, ſo kehrte er ſicher um und der arme Vergeſſene bekam dafür einen deſto herzlichern Handſchlag. Dies Letztere war es be⸗ ſonders auf was wir in unſerm Verſteck an der Sch mauer lauerten, und ſo oft der alte Herr einen d — 4 4. 21 Bäume oder ein Stück des Geländers, das er jeden Morgen gleichfalls zu berühren pflegte, vergeſſen hatte, riefen wir ihm laut lachend und ſpottend zu, er möchte doch gefälligſt umfehren. Dieſe Promenade durch den Garten dauernte ohngefähr eine Viextelſtunde, während welcher Zeit er, wie ſchon geſagt, jeden Tag regelmäßig dieſelben Schritte machte, bei denſelben Beeten und Bäumen ſtehen blieb, und im⸗ mer die gleichen Stellen des Treppengeländers, ſo wie des Gartenz zauns mit der Hand berührte. Der alte Herr war weit entfernt, ſich durch unſern Spott und unſer Geſchrei gekränkt zu fühlen, vielmehr wandte er ſich bei ſolchen Ausbrüchen unſerer Freude nicht ſelten lachend gegen uns um und nickte uns mit ſeinem hagern, blaſſen Geſicht freundlich zu, ein Lächeln, das aber etwas ſo Sonderbares hatte, daß die kleineren Knaben darob in Angſt geriethen und jedesmal unter die Mauer des Spiel⸗ platzes ſprangen, wenn der alte Reißmehl uns ſo ſtarr und mit ſo ſeltſamer Freundlichkeit anſah. Gegen ſieben Uhr hatte er ſeinen Spaziergang ge⸗ endigt und wandte ſich gegen das Haus zurück, wo ſich unterdeſſen neben der Thür ein Fenſterladen geöffnet hatte, aus welchem die Schweſter unſers alten Nachbars, die Jungfer Reißmehl, herausſchaute. Sie ſich damit, eine flanellene Nachtjacke an die 22 Garten, zog ſich dann in das Haus zurück, um die Gar⸗ tenthür von innen zu öffnen, und ließ einen kleinen dicken Mops heraus, der alsbald mit großer Mühe in den Garten hinkte, um dort durch ein ſchwaches Knurren und Bellen ſeinem Herrn den Morgengruß zu bringen— Um dieſe Zeit läutete droben unſere Schulglocke; wir hatten nun aber auch Alles geſehen, was im nachbarli⸗ chen Garten vorfiel, denn nachdem der alte Mops einige Züge friſcher Morgenluft geſchöpft, ſo wie ein anderes Geſchäft verrichtet, watſchelte er in's Haus zurück, gefolgt von Herrn Reißmehl, der nun zu ſeinem Kaffee ging. Im Vorbeigehen berührte er noch ſeine Flanelljacke an vier Stellen mit der Hand, drückte die Thürklinke jedesmal mit zwei Händen auf und verſchwand im Hauſe, nach⸗ dem er vorher regelmäßig ein paarmal gehuſtet hatte. Dieſer Herr Reißmehl war es alſo, der auf die An⸗ zeige in der Zeitung ſich unter ſo annehmbaren Bedin⸗ gungen bereit erklärt hatte, mich praktiſch un theoretiſch zum Kaufmann ausbilden zu helfen. zxerereroßmutter die zur Erörterung dieſer wichtigen Frage einen zweiten Familienrath zuſammenberufen, war ſehr für unſern Schulnachbar, ebenſo meine Tante, und ich ſelbſt hatte⸗ für meine Perſon auch nichts gegen Herrn Reißmehl. So große Urſache er hatte, über mich und meine Ka⸗ meraden ungehalten zu ſein, ſo war er doch weit ent⸗ fernt davon; er gab uns vielmehr, wenn wir die Schu F er g 1 23* verließen und er unter der Thür ſeines Ladens ſtand, zahlreiche Beweiſe ſeiner Freundlichkeit und ſeines Wohl⸗ wollens, beſtehend in ganzen Händen voll Roſinen, Mandeln und getrockneten Pflaumen. Wem aber das Ding gar nicht einleuchtete, das war die Jungfer Schmie⸗ din. Obgleich ſie auf's Kräftigſte nach Faſſung rang, ſo konnte ſie dennoch einigen Thränen nicht verbieten, über die Wangen hinabzurollen. Sie ſchüttelte lange wehmüthig den Kopf, als meine Großmutter das vor⸗ theilhafte Anerbieten des Herrn Reißmehl auseinander⸗ ſetzte, doch wagte ſie's nicht, die alte Frau zu unter⸗ brechen, und erſt als dieſe geendigt und der ganze Fa⸗ milienrath halb und halb ſeine Zuſtimmung gegeben, verſuchte ſie es mit einigen ſchwachen Worten, dem Pro⸗ jekt entgegen zu arbeiten. „Ach, Frau Paſtorin,“ ſagte ſie,„Gott ſoll mich be⸗ wahren, daß ich mir je einfallen ließe, über einen Mit⸗ menſchen etwas Böſes zu ſagen; aber vom alten Reiß⸗ mehl munkelt maſt doch ſo allerlei, ſo ſeltſame Sachen, ja—“—„Nun, was denn?“ fiel ihr meine Großmut⸗ ter etwas barſch in die Rede.—„Ach, Frau Paſtorin⸗ Sie glauben freilich ſo etwas nicht, und ich für mein Theil, nun ja, ich will es auch eigentlich nicht beſchwö⸗ ren, aber man behauptet, der alte Reißmehl muſſe etwas auf dem Herzen haben, denn er ſteige beſtändig ohne i ſeinem Hauſe umher, faſſe überall mit der 24 Hand hin, als ſuche er etwas; kurz, Frau Paſtorin, es iſt nicht richtig.“—„Ja, Großmutter,“ fiel ich der Schmiedin altklug in die Rede,„daß er überall her⸗ umtappt und Alles angreift, das habe ich auch ſchon oft geſehen.“ Aber meine Großmutter erklärte Alles das für dum⸗ mes Zeug und ſchrieb ohne Verzug einen eigenhändigen chriſtlichen Brief, wie ſie es nannte, an Herrn Reiß⸗ mehl, in dem ſie mit ihm noch Einiges über meine Lehrzeit beſprach, und als der alte Herr noch an demſel⸗ ben Tag befriedigend geantwortet hatte, war ich Reiß⸗ mehlſcher Lehrling und mußte Tags darauf meine Funk⸗ 1 tionen antreten. Meine Tante packte mein Bischen Wäſche und meine Kleider in einen kleinen Koffer, die Großmutter ſchenkte mir ein Eremplar der Bibel, ein paar Geſangbücher und eine mehrbändige Predigtſamm⸗ 8 lung, und im Augenblick, wo ich das Haus verlaſſen. wollte, um meinen erſten Schritt in's Geſchäftsleben 5 thun, erſchien die Schmiedin in der Hausthür und über⸗ gab mir mit abgewandtem Geſicht ein paar Ueberärmel von dunkelm Kattun, die ſie für mich genäht, wobei ſie 4 mich bat, ihrer nicht zu vergeſſen. 5 3 Ich ſchritt allein und nachdenkend durch die Straßen und ſtand bald vor dem Reißmehlſchen Hauſe, wo ich. mit einem tiefen Seufzer ſtehen blieb, um am Schulge⸗ Päude nebenan hinauf zu blinzeln, wo ich ſo manche füße und ſchmerzliche Stunde verlebt. Dieſe beiden Häuſer ſahen mir, obgleich ich mit großen Hoffnungen in den Kaufmannsſtand trat, wie die Bilder der Ver⸗ gangenheit und Zukunft aus. Die niedrige, aber freund⸗ liche, neugebaute Schule mit ihren hellen großen Fen⸗ ſtern war mir nie ſo heimiſch erſchienen, wie gerade am heutigen Morgen, wo ich an der offenen Thür vorbei mußte, um in das Nebenhaus zu treten, das ein ſo ganz anderes, ernſtes und gebietendes Ausſehen hatte. Es war eines jener Gebäude, wie es deren in alten Städten noch viele giebt, hoch, ſchmal, mit Men, un⸗ regelmäßigen Fenſtern, die ſo wirr durch einander ſtan⸗ dep⸗ daß es von außen ſchwer zu beſtimmen war, wie viel Stockwerke das Haus eigentlich habe. Der Giebel war der Straße zugekehrt und ſeine Pyramide mit einer alten hölzernen Figur gekrönt, der aber der Kopf fehlte. 4 8* . Im untern Stock war das Ladengewölbe und vor dem⸗ 4:. 8. 4. felben am Eingang ſtand eine alte ſteinerne Figur, roh ausgehauen, die einen mittelalterlichen reiſigen Knecht vorſtellte, der ſeltſamer Weiſe mit einer ungeheuer langen Naſe verſehen war. Die Naſe dieſes ſteinernen Kerls. hatte uns von jeher nicht wenig ergötzt. Wie oft wart ſie von einigen der Muthigſten unter uns mit rother, 8 grüner oder gelber Farbe angeſtrichen worden; wie oft hatten wir eine Thonkugel an ſie geklebt und dergleichen † mehr getrieben. Sie war vom ewigen Anfaſſen und . 1 26 Betaſten ſo glatt wie ein Spiegel geworden und glänzte weithin. Es war mir ganz bange um’s Herz, als ich ſo vor den beiden Häuſern ſtand, und ſo oft ich einen Schritt machen wollte gegen das Reißmehlſche Haus, hielt mich das Summen und Lärmen in den Schulzimmern faſt gewaltſam zurück, und ich hörte mit Luſt meinen Kame⸗ raden zu, die jetzt ihre Singſtunde anfingen. Ich ſah ſie von den Bänken aufſtehen, ſah, wie ſie die kleinen Bücher zur Hand nahmen, aus denen auch ich hundert⸗ mal geſungen, und als ſie ein altes bekanntes Lied an⸗ ſtimmten: Der Winter iſt gekommen, Der Winter mit ſeinem Schnee ꝛc. da überfiel mich die Wehmuth und es ging mir wie der Schmiedin. Da ſtand ich zwiſchen den beiden Häuſern, ein armes, verlaſſenes Kind: dort die Schule, aber ſie mit ihrem lieben Spielplatz— für mich war ſie nicht mehr da, und hier das Leben, es winkte mir ſo ernſt und düſter. Der ſteinerne Soldat ſchien mir zum erſten⸗ mal ein recht ſpöttiſches Geſicht zu machen; auf ſeiner glänzenden Naſe funkelte und lachte die Winterſonne. Und doch war ich froh, daß es nur die Winterſonne war, die zwiſchen Schneewolken hindurch meinem Le⸗ benswechſel zuſah. Ja, ich war herzlich froh darüber; denn hätten meine Kameraden dort obe n etwa geſungen: 8 Der Mai, er iſt gekommen Mit Blüthen und Sonnenſchein ꝛc. wie viel ſchwerer wäre mir das Herz geworden, und wer weiß, ich wäre wohl gar zu meiner Großmutter zurück⸗ gelaufen und hätte ihr weinend erklärt, ich wolle nun und nimmermehr in das finſtere Haus zum Herrn Reiß⸗ mehl. In der Angſt hätte ich vielleicht gelogen und verſichert:„Ja, Großmutter, der ſteinerne Kerl an der Hausthür mit der langen Naſe hat mir erzählt, die Jungfer Schmiedin habe Recht, es ſei in dem Hauſe ceecht finſter und unheimlich.“ 3 Dooch jetzt verhallte der Geſang in der Schule, ich hörte die Stimme des Lehrers, der laut ermahnte, hübſch ſtill und ordentlich nach Hauſe zu gehen, die Bücher ſchlugen zu, die Rechentafeln klapperten, und ich, um 6 von meinen ehemaligen Kameraden nicht beim Eintritt 5 in’s bürgerliche Leben überraſcht zu werden, trat ſchnell . in den Laden des Herrn Reißmehl. 28 III. Philipp. Ich trat in den Laden des Herrn Reißmehl. Wem ſchweben nicht aus ſeiner Kindheit die Gewölbe vor, in welchen Zucker, Roſinen, Mandeln und derglei⸗ chen Herrlichkeiten verkauft werden? Wer gedenkt nicht der Zeiten, wo er mit einigen eroberten Pfennigen vor den Ladentiſch trat, ſeinen Gelüſten den Zügel ſchießen 6 ließ und Kandiszucker und getrocknete Pflaumen verlangte? Mit welch gierigen, neidiſchen Augen ſah man damals in die Kaſten, in welchen dieſe Artikel aufbewahrt wur⸗ den, und wünſchte nichts ſehnlicher, als im vertrauten Umgang mit dieſen Schubladen leben zu können, um ihres Inhalts zu genießen, ſo oft es einem einfiele! Thörichte Wünſche! ſie ändern ſich wohl mit den Jah⸗ ren, aber ſie verlaſſen uns nie! wie ich aber an jenem Morgen in den Laden meines künftigen Herrn trat, dachte ich nicht an den ſüßen Inhalt der Fächer, nein, ich wünſchte mit Sehnſucht den Augenblick herbei, wo ich, ein gelernter Kaufmann, dieſes Gewölbe verließ, um in das Leben hinauszutreten, wo ich der Seeſtadt zu⸗ eilte mit ihrem unendlichen Waſſerſpiegel und ihrem Maſtenwald. Ich konnte dieſen Träumen nicht lange nachhängen; Herr Reißmehl, der meiner bereits anſichtig geworden war, trat aus einer kleinen Glasthüre, über welcher mit goldenen Buchſtaben das Wort Schreibſtube zu leſen war. Sein hageres Geſicht hatte ganz denſelben freund⸗ lich lächelnden Ausdruck, mit dem er im Garten unſere Spöttereien hinnahm; nur trug er auf dem Kopfe ſtatt des Hutes eine weiße Nachtmütze, und ſtatt des braunen Rocks hatte er eine rund abgeſchnittene Jacke an. Vom Handgelenke bis zum Ellbogen reichten ein Paar dunkel⸗ farbige Ueberärmel, die auf der untern Seite ganz glän⸗ zend waren. Auch hatte der gute Mann eine Brille auf der Naſe, die er beim Eintritt in den Laden feſter gegen die Augen drückte. Wie es einem ſo gehen kann, ich hatte den Herrn Reißmehl in meinem Leben viele hun⸗ dertmal geſehen, aber ihn noch nie ein Wort ſprechen hören, ſo daß mir nicht anders war, als er beſitze dieſe edle Gabe gar nicht, und ich ihn mir nur ſtumm dachte. Auch an dieſem Morgen wurde ich nicht ſogleich aus meiner Täuſchung geriſſen, denn er ſah mich durch ſeine Brille an, nickte ein paarmal freundlich mit dem 4* 30 Kopfe und blickte alsdann auf dem Ladentiſch umher, wo ſeine Augen auf einer kleinen feuchten Stelle haften blieben. Er trat hinzu, wiſchte etwas mit dem Finger davon auf und brachte es an ſeine Naſe, um ſich durch den Geruch zu überzeugen, was es eigentlich ſei; zugleich fixirte er es ſo ſcharf mit ſeinen Blicken, daß ihm die Augen ganz ſchief ſtanden; dennoch aber mußte er den Sinn des Geſchmacks zu Hülfe nehmen. „E;, ei, ſo, ſo!“ murmelte er vor ſich hin, und ich war ordentlich überraſcht, ihn ſprechen zu hören;„hm, hm,'s iſt Kornbranntwein, doppelter, vom ſechs⸗und⸗ zwanziggrädigen; ſollte nicht ſo leichtſinnig verſchüttet werden! He, Philipp!“— Darauf wandte er ſich an mich und begrüßte mich mit den Worten:„Aha, mein lieber junger Mann! charmant, charmant, daß Sie heute kommen; aber Ihre Frau Großmutter, die gute Frau, hat Ihnen wahrſcheinlich nicht die Stunde angegeben. Ich hatte Sie gebeten, die Frau Paſtorin, Sie um zwölf Uhr zu ſchicken. Es ſind aber auf meiner—“ mit die⸗ ſen Worten haſpelte er die lange Stahlkette und an der⸗ ſelben den dicken Uhrkaſten hervor—„es ſind aber auf meiner ſchon fünf Minuten drüber, fünf Minuten! ei, ei!— He, Philipp!“ rief er jetzt abermals in's Haus hinein.„Wo ſteckt Ihr?“ Der Gerufene erſchien langſamen Schritts und zeigte eine ſolche Figur und ſtellte ſich mit ſo ernſtem feier⸗ ſtark auf die linke Seite, wahrſcheinlich aus Demuth, und 31 lichem Blick unter die Thür, daß, wenn es nicht heller Mittag geweſen wäͤre, ich auf alle Fälle geglaubt hätte, Herr Reißmehl habe einen Geiſt citirt. Philipp, ſo hieß die Erſcheinung, war ein ziemlich langer Burſche, der wegen übergroßer Magerkeit noch länger ausſah, als er wirklich war. Er hatte hellblondes, faſt gelbes Haar, das von beiden Seiten des Scheitels, den er mitten auf ſeinem Schädel angebracht, borſtig und ſtroff herabhing und ſo von Weitem einem kleinen Strohdache nicht un⸗ ähnlich ſah. Mochte es dieſe Friſur ſein, die zum Ge⸗ ſicht gar nicht paßte, oder war es der feierliche, gravitä⸗ tiſche Ausdruck in Philipps Geſicht, das ſeines Theils mit den langen ſchlottrigen Gliedmaßen gar nicht über⸗ einſtimmte, genug, die ganze Figur hatte etwas überaus Komiſches. Philipp alſo, mein collegialiſcher Vorgeſetzter, erſchien unter der Thür und hatte, beiläufig geſagt, ſo lange Arme, daß er, ohne ſich zu bücken, bequem ſeine Knieſchnallen hätte löſen können, wenn er welche ge⸗ habt hätte. „Philipp,“ fragte der alte Herr,„warum wird denn immer der Ladentiſch voll Branntwein geſchüttet? Ich kann das nicht leiden! Habe ich doch alle möglichen Lappen und Schwämme angeſchafft. Ei, ei! das Holz wird ſchmutzig und der gute ſechs⸗ und⸗zwanziggrädige Branntwein vergeudet.“— Philipp wandte den Kopf 32. um, da er größer als der Prinzipal war, dieſem nicht von oben herab in das Geſicht ſehen zu müſſen. Dann öffnete er ſeinen breiten Mund und ſagte mit leiſer Stimme und einer Langſamkeit, wie ich in meinem Le⸗ ben nichts Aehnliches gehört:„Herr Prinzipal,'s iſt nur ein Verſehen. Als ich den Branntwein hier gemeſſen hatte, fing drinnen das Möpschen ſo an zu heulen, daß ich eilig hineinging, um nachzuſehen.“—„Ei, ei, ſo, ſo!“ fiel ihm der Alte in die Rede.„Was iſt der armen Fanny geſchehen?“—„O nichts, Herr Prinzipal,“ ant⸗ wortete Philipp;„ſie lag nur am Fenſter in der Sonne, ja, und da kam eine Wolke und machte Schatten, und das mißfiel dem armen Hund.“—„Nun, nun,“ ent⸗ gegnete Herr Reißmehl,„laß nur gut ſein, die Sonne wird ſchon wieder kommen. Hier iſt unſer neuer Lehr⸗ ling,“ fuhr er fort, indem er auf mich zeigte.—„Ich hoffe, Philipp, Ihr werdet Euch ſeiner auf's Beſte annehmen und ihn nach und nach mit Allem bekannt n machen.“ Philipp hob jetzt ſeinen Kopf einen Augenblick in die Höhe, um mich etwas von oben herab anzuſehen; dann 3 3 aber ließ er ihn auf die rechte Seite ſinken und ver⸗ ſicherte dem Prinzipal, er werde ſein Möglichſtes thun, mich a auf s Beſte heranzubilden. Darauf zog ſich Herr Meißmahl lin ſeine Schrrilſtube zurüht und ich dau 33 ſeinen Unterricht begann. Ich mußte die Ueberärmel anziehen, die mir die Jungfer Schmiedin genäht hatte, und als mir darauf Philipp eine grüne Schürze gab, welche ich um meine Lenden gürtete, gedachte ich lebhaft der guten Perſon und was ſie wohl ſagen würde, wenn ſie mich in dieſem Aufzug ſähe. Das Erſte, wozu mir Philipp Anleitung gab, war das edle und nothwendige Geſchäft des Dütenmachens, und da ich die Anfangsgründe deſſelben bereits bei meiner Tante erlernt hatte, ging mir die Arbeit raſch von der Hand. Ich merkte mir ſchnell die verſchiedenen Größen und Formen, die im Reißmehlſchen Geſchäft gäng und gäbe waren, und als der Prinzipal um ein Uhr in das Ladenſtübchen trat, um uns zum Mittageſſen abzurufen, war er ſichtlich erfreut über meine reißenden Fortſchritte und verſicherte, ich würde mich bald in das Praktiſche eingeſchoſſen haben. Bei der Mittagstafel wurde ich der dritten Perſon des Hauſes, der Schweſter unſeres Prinzipals, der Jungfer Barbara Reißmehl, vorgeſtellt, die ich ſchon von ihrem täglichen Erſcheinen am Gartenfenſter her kannte. Dieſe gute Perſon war über die Blüthe ihres Lebens hinaus, und von der Friſche und Regſamkeit der Jugend war ihr nichts geblieben, als eine Lebendigkeit der Sprach⸗ organe, die in Erſtaunen ſetzen konnte. Sie war äu⸗ ßerſt liebenswüxdig gegen mich, und während ſie ihre 34 Suppe verzehrte, erzählte ſie mir von meiner Großmutter, von allen meinen Tanten und von einer Menge anderer Perſonen, die als Staffage dieſer Geſchichten dienten. Der Prinzipal dagegen war bei Tiſche äußerſt ſchweig⸗ ſam, was mir keinen übeln Begriff von ſeinem Verſtand gab, oder von ſeiner Güte gegen uns. Hätte er auch erzählt, wie Jungfer Barbara, ſo würden wir ſchwerlich einen Biſſen hinunter bekommen haben; denn der Anſtand erforderte es doch, wenn ſie in ihrer Erzählung an ei⸗ nen wichtigen Moment kam, was leider gar zu oft ge⸗ ſchah, daß wir Meſſer und Gabel ruhen ließen, um auf⸗ zuhorchen. Philipp machte es wenigſtens ſo und ſaß faſt das halbe Mittageſſen über aufmerkſam lauſchend, mit offenem Maule da; ein Benehmen, wodurch er ſich offen⸗ bar in der Gunſt Barbaras feſtgeſetzt hatte. Ich bin aber noch heutigen Tages des Glaubens, daß eben hie⸗ durch ſeine Magerkeit täglich zunahm. Nach dem Eſſen wünſchte Philipp dem Prinzipal und Jungfer Barbara eine geſegnete Mahlzeit, ich that des⸗ gleichen, und wir zogen uns zurück. Der Nachmittag wurde dazu angewendet, mich noch ferner in's Praktiſche einzuſchießen, und ich lernte allerhand ſchöne und nütz⸗ liche Dinge, als: Oel und Eſſig ausmeſſen, wobei mir aber ein kühner und geſchickter Handgriff Philipps, um die vom Maaß abträufelnde Flüſſigkeit wieder in den Trog zu ſtreifen, nicht gleich gelingen wollte. Auch lehrte er mich, wie man Kaffee, Zucker ꝛc. abzuwiegen habe, ohne die Kunden zu beeinträchtigen und dem Prin⸗ zipal zu ſchaden. Während dieſer Lektion verſchwand einmal mein junger Vorgeſetzter in das Nebenzimmer, wo wir geſpeist hatten. Dann hörte ich zuweilen die Stimme der Jungfer Barbara leiſe ſprechen, und mein feines, geübtes Ohr vernahm deutlich das Geklapper von Taſſen, ein Geräuſch, das zu ſüßen Hoffnungen berech⸗ tigte, die aber wenigſtens für mich nicht in Erfüllung gingen. Philipp dagegen ſchien der Jungfer Barbara eine Kaffeeviſite gemacht zu haben, denn obgleich er ſich bei der Zurückkunft mit dem obern reinlichen Theil ſeines Ueber⸗ ärmels das Geſicht tüchtig wiſchte, konnte er doch einige braune Flecke nicht vertilgen, die ſich in ſeinem langen faltigen Mundwinkel feſtgeſetzt hatten. Natürlich ver⸗ droß mich dieſe Vernachläſſigung meiner Perſon, da ich obendrein heute noch als Gaſt betrachtet werden konnte. Da bemerkte ich aber zu meiner großen Verwunderung, daß der gute Prinzipal eben ſo wenig zum Kaffee gela⸗ den wurde, oder überhaupt welchen erhielt, wie ich; viel⸗ mehr erklärte ihm ſpäter Jungfer Barbara auf ſeine Frage ins Nebenzimmer hinein, ob heute Kaffee bereitet würde, ſie habe keine Zeit. O weh! in mir ſtiegen ganz ſonderbare Ideen auf, und wenn ich in Jungfer Barbara alsbald eine mächtige Perſon erkannt hatten ſo konnte ich nach dieſem Vorfalle nicht umhin, erſtaunt an 34 36 6 Philipp hinauf zu ſehen. Welche enorme Talente und Kenntniſſe mußte er beſitzen, um ſogar vor dem Prinzi⸗ pal einen Vorzug zu erhalten! Als es Abend wurde, gegen acht Uhr, zog der Herr Reißmehl ſeine Schreibärmel und ſeine Jacke aus, die er hinter ſeinem Pult an einen großen Nagel hing; ſeine Nachtmütze ſetzte er einem kleinen ſteinernen Unge⸗ heuer auf, das auf dem Ofen ſtand, und das er dabei freundlich auf die Backen klopfte, dann ſchloß er die Schreibſtube ab, warf ſich in das Coſtüm, in dem er ſeine Gartenviſiten machte, ſetzte den Hut eben ſo vorne über und vervollſtändigte dieſen Anzug durch ein langes ſpaniſches Rohr mit ſilbernem Knopfe, worauf er ſich bei Jungfer Barbara beurlaubte, einen prüfenden Blick im Laden umher warf, hie und da eine Schublade zu⸗ drückte, die etwas geöffnet war, oder ein Gefäß vorzog, das zu weit nach hinten ſtand. Als er bei mix vorbei⸗ kam, ſah er mich einen Augenblick durch ſeine Brille an, nickte mit dem Kopfe und fragte, wie mir das Ge⸗ ſchäft gefalle. Darauf blieb er unter der Ladenthür ſtehen und rief den Mops, die kleine Fanny, heraus, die auch herbeigewatſchelt kam und den Prinzipal bis vor das Haus begleitete, dann aber eilends zurückkehrte. Philipp gab mir einige blecherne Oelmaaße zu putzen, und während ich dies Geſchäft beſorgte, verſchwand er in’s Nebenzimmer, von wo er erſt gegen neun Uhr 8 wiederkehrte, um mir Anleitung zu geben, wie die Laden des Gewölbes zu ſchließen ſeien. Darauf holte er eine große kupferne Lampe, zündete ſie an, und wir ſtiegen 5 1 die Treppen hinauf, nachdem mir vorher im Laden ein / frugales Abendbrod, aus einem Butterbrod und einem d/ Glaſe Bier beſtehend, vorgeſetzt worden war. Ein Nachbar. Das Reißmehlſche Haus war im Innern eben ſo unheimlich und finſter, wie es auf der Straße erſchien. Faſt kein Zimmer lag mit dem andern in gleicher Höhe; die Gemächer waren durch eine Menge kleiner Treppen, die bald auf, bald ab führten, mit einander verbunden. Dieſe Treppen waren alt, von braunem Holz mit ge⸗ ſchnitzten Lehnen und krachten bei jedem Tritt. An jeder Wendung derſelben waren überdies ſeltſam geformte höl⸗ zerne Figuren zu ſehen, die einen ſo unerwartet bald an⸗ lachten, bald angrinsten, daß es mir, als ich zum erſten⸗ mal hinaufſtieg, nicht übel zu nehmen war, wenn ich vor dieſen Geſtalten zurückfuhr, die beim flackernden Lampen⸗ lichte zu leben und ſich zu bewegen ſchienen. Was das Unheimliche noch vermehrte, waren kleine runde oder eckige Fenſter, die faſt aus allen Zimmern auf die Treppe gingen und beim Schein des Lichts wie dunkelglänzende 39 Augen ausſahen. Ich muß geſtehen, ich fürchtete mich 9 g ein wenig; ich mußte immer an den ſteinernen Kerl mit der langen Naſe draußen vor dem Hauſe denken, und ich weiß nicht, wie mir die tolle Idee kam, die mich die ganze Nacht im Traume verfolgte, als haben die hölzer⸗ nen Figuren mit jenem ſteinernen Soldaten, der früher im Hauſe ſelbſt placirt geweſen, in der Mitternacht Streit bekommen und ihn vor die Thüre geſetzt.. Ueber die Treppen des erſten Stocks eilte Philipp raſch hinweg und ſagte mir auf meine Frage leichthin, ſie ſeien unbewohnt. Im zweiten Stock ging er lang⸗ ſamer und zeigte mir die Schlafzimmer des Prinzipals und der Jungfer Barbara. Dann ging es eine alte Wendeltreppe hinauf in den dritten Stock, wo unſere Kammer lag. Dieſes Gemach war durch eine dünne Bretterwand in zwei Theile geſchieden, in deren jedem ein Bett ſtand, meines an der äußern Mauer, ſo daß ſich das Dach liebend darüber hinbeugte. Der Baumeiſter mußte große Vorliebe für das Schnitzwerk gehabt haben. denn ſelbſt die Balken des Dachs waren verziert und be⸗ malt; wo ſie auf der Mauer auflagen, ſah man groteske Köpfe von Menſchen und allerhand Unthieren, die mein Bett lachend und grinſend umſtanden. Am Fußende deſſelben war ein Fenſter, welches auf den Zwiſchenraum ging, der uns vom Nachbarhauſe trennte, ein Zwiſchen⸗ raum, keine drei Fuß breit, aber deſto tiefer, denn beide 4 Gebäude hatten eine anſehnliche Höhe. Dieſem Fenſter gegenüber befand ſich im Nachbarhauſe ein anderes, das 3 etwas tiefer, aber uns ſo nahe lag, daß man leicht mit der Hand hinüber reichen konnte. Im erſten Gemach, wo Philipp ſchlief, ſtand ein kleiner Ofen, und mein Kollege bemühte ſich, ein kleines Feuer anzuzünden, das aber bei der Größe des Raums ungefähr dieſelbe Wir⸗ kung hervorbrachte, wie reſpective das Butterbrod vorhin in meinem Magen, weshalb wir ein paar Stühle ſo nahe wie möglich an den Ofen rückten und eine Unter⸗ haltung begannen, in welcher Philipp mir die allgemei⸗ nen Begriffe vom Handel beizubringen ſuchte. Er ſprach vom Verkaufe überhaupt, kam dann auf's Kreditgeben 4 im Speziellen, und verſicherte mir, es ſei äußerſt ſchwie⸗ rig, eines ohne das andere zu treiben, und doppelt ſchwie⸗ rig, die rechte Mitte zwiſchen beiden zu beobachten. Mitten in dieſem intereſſanten Geſpräch wurden wir plötzlich durch ſonderbare Töne unterbrochen, die draußen vor unſerem Fenſter erklangen. Man konnte es für eine Art Geſang halten, es glich aber auch dem Geheul eines großen Hundes. Ich horchte und ſah meinen Kollegen fragend an, der aber ein unruhiges, verdrießliches Geſicht machte und mit ſeiner traurigen Stimme ſagte:„Ach, es iſt unſer Nachbar, der Herr Burbus, der eben nach Hauſe kommt.—„Der Herr Burbus?“ fragte ich. „Wer iſt das?“—„O,“ entgegnete Philipp angſtlie „Sis werden ihn ſchon noch kennen lernen, werden ihn gewiß noch kennen lernen— hören Sie?“ Es wurde an unſer Fenſter gepocht und gleich darauf vernahm man eine tiefe Baßſtimme, die mit großer Jo⸗ vialität rief:„He, Herr Philipp!— junges, langbeiniges Individuum! kaufmänniſches Genie!“ Es pochte ſtärker, und nicht lange, ſo ſchrie es deutlicher:„Oeffnen Sie doch Ihre langen Ohren, Sie Ritter von der traurigen Ge⸗ ſtalt!“— Philipp war indeſſen bereits aufgeſtanden, zog auf meine leiſe Frage, was denn das bedeute, ſeine ſpitzen Schultern ſo hoch empor, daß ſie faſt ſeine langherab⸗ hängenden Ohrlappen berührten, und ging in's Neben⸗ zimmer, wo er ſtillſchweigend das Fenſter an meinem — Bette öffnete.—„Guten Abend, Herr Burbus!“—„Herr Doktor Burbus! Ich habe Ihnen das ſchon tauſendmal geſagt.“—„Was wünſchen Sie, Herr Doktor Burbus?“ „Liebſter Jüngling,“ entgegnete die Baßſtimme freund⸗ licher,„Sie würden mich durch ein kleines Anlehen von etzlichem Holz und Kohlen ſehr glücklich machen. Es iſt verdammt kalt und ich vergaß heute Morgen der⸗ Magd zu befehlen— ich gab ihr vielmehr Geld zum 4 Einkauf dieſer Gegenſtände, und die Perſon hat's ver⸗ geſſen.— Da, hier iſt mein Nachtſack; füllen Sie ge⸗ 84 fälligſt etwas hinein.“ 4 3 Bei dieſen Worten fiel etwas in methiem Zinmer auf den Boden und Philipp kehrte gleich darauf zu mir zu⸗ * 42 rück, in der Hand einen Nachtſack, der ſo ſchmutzig war, daß man ihm anſah, er habe ſchon verſchiedenemale denſel⸗ ben Dienſt wie heute verſehen. Mein College bückte ſich ſeufzend zum Ofen nieder, ſchaufelte eine Partie Kohlen hinein, nahm ein Scheit Holz unter dem Arm und trug beides in's Nebenzimmer. Darauf ſprach die Baß⸗ ſtimme:„Merci, Jüngling!“ das Fenſter wurde ge⸗ ſchloſſen und der heulende Geſang tönte, nur gedämpfter, noch eine gute Weile fort. Ich ſah Philipp fragend an; ſo neugierig ich war, warum mein Vorgeſetzter jenes unbeſcheidene Verlangen alsbald erfüllt hatte, ſo mochte ich doch das tiefe, melan⸗ choliſche Nachdenken, in welches er verſunken war, nicht unterbrechen, ſo wie das Selbſtgeſpräch, das er dazu hielt.„Ja,“ murmelte er vor ſich hin,„es iſt noch mein Tod! er ſoll, er muß mich in Ruhe laſſen! ich will Alles, Alles ſagen— Alles?“ ſetzte er fragend hinzu und ſeufzte tief auf:„Nein, nein ich kann nicht— O Barbar’“— Hier unterbrach er ſich, und ich blieb im Zweifel, ob er Barbar ſagen wollte, oder eine verhäng⸗ nißvolle Endſylbe verſchluckte. Mit trübem Blick ſchaute er darauf in’'s Feuer und war ſichtlich tief ergriffen. Es mochte ihm wohl thun, ſeine Bruſt in etwas zu erleich⸗ tern; nach einem tiefen Seufzer und ohne auf eine aus⸗ drückliche Frage von meiner Seite zu warten, hob er an zu erzählen: 4 „Als ich vor drei Jahren hier in's Haus kam, wohnte ich gleich in dieſem Zimmer hier und es gefiel mir ganz wohl. Ich lebte den Tag über meinem Geſchäft, denn damals ſchwärmte ich für den Spezereihandel noch mehr als jetzt. Ich liebte meine Düten und konnte Stunden lang den Kaffee und Reis durch die Finger gleiten laſſen, mich ſreuen über ihre Güte. Das Zimmer im Nachbar⸗ hauſe drüben war noch leer; es diente als Rumpel⸗ kammer. Da ſah ich, wie man eines Tages die Fenſter öffnete, wie die alten Möbeln hinausgeſchafft wurden und man den Boden fegte. Ich erfuhr, die Stube ſei an 4 einen mediziniſchen Studenten vermiethet, der friſch von der Univerſität komme und hier eine Zeit lang ſtill vor ſich leben wolle, um ſich auf das Examen vorzubereiten. Ich freute mich ordentlich auf dieſen Herrn; da unſere Fenſter ſo nahe beiſammen liegen, hoffte ich auf manche geiſtreiche Unterhaltung mit dem jungen Doktor drüben und dachte dabei namentlich meine Kräuterkenntniß zu vermeh⸗ ren, denn wir machen auch in Kräutern.— Aber, gu⸗ ter Gott! Er zog ein, denken Sie ſich, er zog ein, mit drei Büchern— ein Student mit drei Büchern!— aber mit einem Dutzend Pfeifen, mit einem ungeheuren Bier⸗ glaſe und etlichen Mordwaffen und— was glauben Sie? — mit— dem Gerippe eines Menſchen! Die Magd drüben hat mir erzählt, ihre Madame ſei beim Anblick dieſes ſcheußlichen Dinges in Ohnmacht gefallen und habe * 44 verlangt, der Student ſolle oogleich wieder ausziehen, wo⸗ rauf dieſer ſie ausgelacht habe und dageblieben ſei. Er ließ ſich nicht vertreiben, und die Polizei, an die man ſich wendete, ſagte, man könne nichts thun. Als man drauf dem Herrn Burbus gleich wieder aufkündigte, verſicherte er lachend, er wolle gern das Mäuſeloch räu⸗ men, aber ſein Skelett habe eine ſolche Neigung zum düſtern Zimmerchen gefaßt, daß es jedenfalls in Perſon der Frau vom Hauſe ſeine Aufwartung machen und um Verlängerung des Miethkontraktes anhalten würde. Ich bitte Sie! faſſen Sie den gräßlichen Gedanken? Auch be⸗ kam unſere Nachbarin die allerbedenklichſten Zufälle, und ich hatte einen ganzen Tag faſt nichts zu thun als Kampfer und Hirſchhorngeiſt für ſie abz zuwiegen. Herr Burbus aber blieb, und denken Sie ſich, er erwarb ſich die Freund⸗ ſchaft der Madame drüben, aber durch einen für uns ſehr betrübten Vorfall.“ Schon lange lebte Jungfer Barbara mit dieſer Nach⸗ barin nicht im beſten Einvernehmen, und da Beider Schlafzimmer zwei Treppen unter dem unſrigen einan⸗ der gegenüber lagen, ſo hatte man ſchon oft davon ge⸗ ſprochen, die Fenſter vermauern zu laſſen; denn Madame drüben behauptete, Jungfer Barbara laure beſtändig in ihr Schlafzimmer hinüber. Wie dem ſei, kurze Zeit, nachdem Herr Burbus eingezogen war, ziehe ich eines Morgens ruhig meine Jacke an, als ich plötzlich vom 45 untern Stock her ein gräßliches Geſchrei vernehme. Es war die Stimme der Jungfer Barbara, die einen ſo gellenden Schrei ausgeſtoßen, daß man es durch die halbe Stadt hören konnte. Drauf rief der Prinzipal nach Salmiakgeiſt, nach kaltem Waſſer, und Sie können ſich denken, wie ich die Treppen hinabſtürzte. Ja, ich ver⸗ gaß mich in der Alteration ſo weit und rannte in das offen ſtehende Schlafgemach der Jungfer Barbara, wo ich einen entſetzlichen Auftritt ſah. Jungfer Barbara lag mit halb geſchloſſenen Augen auf einem Lehnſtuhl am Fenſter— denken Sie, nur halb angekleidet— und hatte mit der Hand krampfhaft die Schnur des Vorhangs gefaßt, der dadurch in halber Höhe aufgezogen war. Ich blicke durch das Fenſter nach dem Nachbarhauſe, und was ſehe ich am offenen Fenſter des Schlafgemachs gegenüber! Das Gerippe des Herrn Burbus, angethan mit einer großen ſchwarzen Halsbinde, ein Leintuch um den Leib geſchlungen, und aus dem grin⸗ ſenden Maule hing ein Zettel, wie man es auf alten Bildern ſieht, worauf geſchrieben ſtand:„Guten Mor⸗ gen, liebe Schweſter!“ 1 „Ich ſtürzte gleich auf die Polizei, doch als ich mit einem Sergeanten zurückkam, war das Skelett drüben weg und die Sicherheitsbehörde konnte nichts für uns thun, als daß ſie der Madame drüben nach dieſem Vorfall die Erlaubniß gab, den Herrn Burbus ſofort por die Thür ₰ 46 zu ſetzen. Das that ſie aber nicht, nein, ſie that es nicht, und er blieb zu meinem Schrecken und Entſetzen.— Sie können ſich vorſtellen, daß ich mich Anfangs um meinen fürchterlichen Nachbar gar nicht bekümmerte. Ich hielt meine Fenſter verſchloſſen, und wenn er beim Laden vorbei kam, wandte ich den Kopf weg. Doch was half es? Gott mag wiſſen, weshalb er es auf mich abgeſehen hatte, aber er wandte Alles an, um meine Bekanntſchaft zu machen und mich zum Sprechen zu bringen. Wie 8 oft kam er in den Laden, um Tabak zu kaufen, und wie oft reichte ich ihm das Verlangte hin, ohne ein Wort zu ſprechen! Da war er aber boshaft genug, mir die gräßlichſten Dinge vorzuſagen, von Leichnamen, die er zerſchnitten und denen er die Haut abgezogen. Und das wußte er Alles ſo ſchauderhaft auszumalen, daß ich vor Ekel den ganzen Tag kein Fleiſch anſehen konnte, und obendrein kam er mit dergleichen Geſchichten meiſt Vormittags; kurz, ich wußte mich nicht vor ihm zu retten.“ 1 „Da eines Tages hatten wir eine Geſchichte mitein⸗ ander—— Nun, das Nähere wird ſie eben nicht inter⸗ 4 eſſiren.“— Hier ſtockte Philipp und ſchien eine unan⸗ genehme Erinnerung niederzukämpfen.—„Alſo von dem Tage an mußte ich mein Fenſter öffnen, Gott! mußte gute Nachbarſchaft mit dem Ungeheuer halten! Haben Sie nie die Geſchichte jener reinen Jungfrau geleſen, 8 — 4 1 1 47 8 die in der Höhle des Drachen angekettet war und die dem Scheuſal die Pfeife ſtopfen und Kaffee kochen mußte? Juſt ſo erging es auch mir. Von jenem Tage an mußte auch ich ihm für Tabak und Kaffee ſorgen, denn er hatte mich belauſcht und einen Beweis gegen mich in Händen. — O Barbar’—“ „Aber,“ entgegnete ich meinem unglücklichen Kollegen, „thaten Sie denn nie etwas, um ſich der Herrſchaft des Doktor Burbus zu entreißen?“— Philipp faltete bei dieſer Frage die Hände über den ſpitzen, magern Knieen und ſagte mit betrübter Stimme:„O Gott, ja! Nach langem Kampfe mit mir ſelber ließ ich ihm eines Tags ſagen, als er auf's Neue Tabak und Kaffee verlangte, er möchte die Gnade haben und vorher die alte Rechnung berichtigen. Was that er? Als ich Abends harmlos am offenen Fenſter lehne und ihm ein recht freundliches Ge⸗ ſicht mache, und eben ein verſöhnendes Geſpräch einleiten will, zeigt er auf einmal eine große Flaſche, auf der mit deutlichen Buchſtaben zu leſen ſteht: Scheidewaſſer. Und dieſe Flaſche ſetzt er auf das Fenſtergeſims, indem er mir einen fürchterlichen Blick zuwirft. Noch hatte ich keine Ahnung, was er beginnen wollte. Ich ſehe ihm harmlos zu, wie er eine große gläſerne Spritze mit Scheidewaſſer anfüllt. Er legt ſie vor ſich hin, ſteckt ſich erſt eine lange Pfeife an, und jetzt nimmt er die Spritzens denken Sie, und richtet ſie auf mich. Daß ich 4 48 laut ſchreiend zurückfuhr und die Fenſter zuwarf, können Sie ſich leicht denken. Gott, ich kannte ihn! Er hätte mich ſicherlich unglücklich gemacht auf Zeitlebens.— Von der Zeit an,“ ſchloß Philipp ſeine Erzählung,„habe ich nie mehr gewagt, ihm etwas abzuſchlagen, und ich will nur ſehen, wie lange ihn der Himmel noch da drüben dul⸗ det.— Doch jetzt iſt es zehn Uhr, und da Jungfer Bar⸗ bara befohlen hat, daß um dieſe Stunde kein Licht mehr im Hauſe brennen darf, ſo wollen wir uns zu Bett legen.“ Ich war das gleichfalls zufrieden; doch ehe ich mich unter mein Dach ſchob, beleuchtete ich vorher nochmals die geſchnitzte Geſellſchaft, die mein Lager umgab, und ergötzte mich an den abentenerlichen Geſtalten der kleinen Figurkn. Die Schreibſtube. Wie dieſer erſte Tag, den ich im Spezereiladen zu⸗ gebracht, vergingen nach und nach mehrere, die ſich alle glichen, wie ein Ei dem andern, ſelbſt in den gunbe⸗ deutendſten Kleinigkeiten, ſogar in Sachen, die Pen⸗ lich gar nicht zum Geſchäft gehörten, ſo unter Anderm im Vorzug, den die Jungfer Barbara meinem Collegen vor mir und ſelbſt vor dem Prinzipal gab. Anfänglich hatte mich das, wie geſagt, ein wenig geärgert; als ich aber an einem Feiertage und bald darauf auch an einem Sonntage bemerkte, daß Philipp, während ich meine Großmutter beſuchte, zu Hauſe bleiben mußte, um der Jungfer Barbara aus einem Erbauungsbuche vorzuleſen, als ich ſah, daß er mir einen ſehnſüchtigen Blick nach⸗ warf, und er mir am Abend anvertraute, Fwäre gern mit mir ein wenig ſpazieren gegangen, und ſecfzend hin⸗ zuſetzte, er habe ſo wenig freie Stunden, da beneidete ich 4 50 ihn nicht mehr und konnte ein gelindes Lachen nicht unterdrücken, wenn er von der Jungfer Barbara zum Kaffee gerufen wurde, oder wenn er Abends in's Neben⸗ zimmer ging, um daſelbſt ohne Zweifel eine beſſere Abendmahlzeit einzunehmen, als die meinige, welche ge⸗ wöhnlich aus Butterbrod und Bier beſtand. Aber dieſes Lachen mochte Jungfer Barbara ein und das anderemal bemerkt haben; ſie nahm es ſehr ungnädig auf, und ich merkte bald, daß ich in ihrer Gunſt keine Fortſchritte machte. Vielmehr entdeckte mir die Jungfer Schmiedin eines Tags, und wie gewöhnlich unter einem Strom von Thränen, Barbara habe mich für leichtſinnig und unzu⸗ verläſſig erkläͤrt. Ganz unrecht hatte ſie nicht, denn es war unter Anderem vorgekommen, daß ich ſtatt eines Pfundes ein Gewicht von anderthalb in die Wagſchale gelegt hatte. Was ſie beſonders empört hatte, war ein Kredit, in fünf Silbergroſchen für Oel beſtehend, den ich einer armen Schuſtersfrau eigenmächtig bewilligt; und als dieſe den andern Tag das Geld richtig brachte und ich es meinerſeits der Jungfer Barbara triumphirend zeigte; ſo erbitterte ſie meine Rechthaberei, wie ſie es nannte, nur noch mehr. Gleich am zweiten Tag hatte ich mir einen großen 3 Fehler gegen ſie zu Schulden kommen laſſen. Sie wahrte den Ladenſchlüſſel bei Nacht; Morgens mußte ich ihn aus ihrem Schlafgemach abholen, und da f 51 ich ſie im Zimmer in einer nichts weniger als gewählten Toilette. Indeſſen verfehlte ich nicht, ihr einen guten Morgen zu wünſchen, worauf ich aber keine Antwort erhielt. Als ſie nun ſpäter wohlfriſirt und angezo⸗ gen, mit ſchwarzen Haaren ſtatt der grauen, herunter kam, ſagte ich ihr natürlich nichts mehr und wunderte mich nicht wenig, als ſie mich fragte, warum ich ihr keinen guten Morgen biete? Ohne entfernt an Spott zu denken, verſicherte ich ihr auf's Freundlichſte: ich habe ſie nicht nur heute Morgen ſchon geſehen, ſondern ihr auch einen guten Morgen gewünſcht. Mochte ſie nun den luſtigen Ausdruck in meinem Geſicht für eine Erinnerung an ihre Toilette halten, genug, ſie verzieh mir das nie, und ich durfte ihr Heiligthum nicht mehr betreten; Philipp mußte den Schlüſ⸗ ſel bei ihr abholen und ihn mir draußen einhändigen. Es dauerte nicht lange, ſo ſah ich ein, daß ich mir die Reize des Spezereihandels allzugroß vorgeſtellt hatte, und begann zu fühlen, daß dies nicht der Weg ſei, um eine kaufmänniſche Carriere zu machen. Doch was war zu thun? Meine Großmutter, der ich eines Sonntag Nach⸗ mittags etwas der Art vertraute, legte erſtaunt die Brille des alten Generals auf ihr Gebetbuch und meinte, es ſei ein Unglück, daß die Eier immer klüger ſein wollen als die Henne; aller Anfang ſei ſchwer und alle Wege führen zuletzt nach Nom. Die Jungfer Schmiedin ve konnte mir auf meine Klagen über die Barbara aus allzugroßer 4* Rührung gar nichts antworten. Sie ſchüttelte betrübt ihr Haupt, weinte etwas Weniges und brachte ſpäter, als ſie ſich geſammelt, mühſam die Worte hervor:„O Gott, o Gott, wenn nur der ſelige Herr noch lebte!“ Bis jetzt hatte ich die Schreibſtube des Prinzipals nur Ausnahmsweiſe betreten dürfen, wenn er eine Rechnung quittirte, oder wenn ich ein altes Briefpaket, das er nö⸗ thig hatte, vorher abſtäuben mußte. Als ich aber etwa vierzehn Tage im Hauſe war, berief er mich eines Tages vor ſeinen Pult und erklärte mir mit vieler Feierlichkeit, daß ich jetzt anfangen müſſe, mich in das Theoretiſche des Geſchäfts einzuſchießen. Zu dem Zweck bekam ich Briefe zu copiren. Ach, der erſte dieſer Briefe iſt mir noch immer ſehr gut im Gedächtniß! Er lief nicht nach einem berühmten See⸗ und Handelsplatz, es war nicht von Schiffsladungen die Rede; er ging an einen benach⸗ barten Müller, dem ſich mein Prinzipal auf deſſen Geehrtes vom ſo und ſo vielten mit Unwillen zu erwidern gezwun⸗ gen ſah, daß ſich in dem mit factura vom gleichen Tage überſandten Sack Graumehl, gezeichnet H. H. Nr. 6, eine Unzahl Mäuſedreck vorgefunden habe. Schließlich bemerkte er, das Mehl habe weit unter dem Preiſe an das Mili⸗ tairſpital verkauft werden müſſen, und darauf empfahl er ſich achtungsvoll und zeichnete ergebenſt Johann Peter— Reißmehl.— Das ſchrieb ich ab, und um es ſehr gu zu machen, wie ich meinte, malte ich am Schluß die u 53 terſchrift des Prinzipals merkwürdig genau nach, was mir aber eine gelinde Naſe eintrug, indem Herr Reißmehl ver⸗ ſicherte:„Es ſchickt ſich ganz und gar nicht für einen Lehrling, die Handſchrift des Prinzipals nachzumachen.“ Dieſe Schreibſtube des Prinzipals hatte, wie das ganze Haus, des Sonderbaren und Merkwürdigen genug. Der Pult war ebenfalls mit Schnitzwerk und Figuren verſehen, wie oben die Dachbalken, unter denen ich ſchlief. Davor ſtanden für den Prinzipal und für Philipp ein Paar hohe Schreibböcke ohne Schrauben, und für mich befand ſich am obern Theile des Pultes ein Klapptiſchchen mit einem kleinen Rohrſchemel. Hier ſaß ich nun und ſchaute auf⸗ wärts in das ernſte ehrfurchtgebietende Geſicht des Herrn Reißmehl und in die melancholiſchen, langweiligen Züge Philipps, der gewöhnlich hier im Bunde der Dritte war und ſchon zu großartigen Geſchäften gebraucht wurde, z. B⸗ zu Eintragung der Poſten in das Journal von einer großen Rechentafel, auf welche ſie im Gewölbe geſchrieben wurden. Das Fenſter der Schreibſtube war ſtark vergit⸗ tert und ging auf meinen ehemaligen Spielplatz. Da ſchaute ich manche Stunde ſehnſüchtig hinaus und freute mich nur, daß meine früheren Spielgefährten mich nicht ſehen konnten, mich, den wildeſten der ganzen Schule, wie ich auf dem kleinen Schemel ſaß und Briefe kopirte oder ſolche überſchrieb. Da ich in der Schreibſtube zu⸗ weilen ſehr viel müßige Zeit hatte, ſo kann man ſich denken, daß ich mitunter auf mancherlei Thorheiten ver⸗ fiel. Schon in der Schule hatte ich eine merkwürdige Fertigkeit darin gehabt, aus einem Federkiel wie aus ei⸗ nem Blaſerohr kleine Brodtkugeln zu ſchießen, ein Stu⸗ dium, das ich auch hier wieder vornahm. Ich begann damit, meinen Kollegen Philipp zu necken, indem ich ihm eins auf die Naſe ſchoß. Aber dieſer Edle war viel zu phlegmatiſcher Natur, als daß mich das Spiel mit ihm * lange unterhalten hätte. Mochte er kein Gefühl haben, oder wollte er aus Reſpekt vor dem Prinzipal ſich nichts merken laſſen, genug, wenn ich ihn auch noch ſo empfind⸗ lich traf, ſo fuhr er wohl ſchreckhaft zuſammen, ſah aber dann den Herrn Reißmehl mit einem ängſtlichen Blicke an, als wollte er ſehen, ob dieſer auch bemerkt habe, dags er es gewagt, ſich zu bewegen. Nun befand ſich aber in der Schreibſtube außer uns Dreien, und zwar in der Ecke des Gemachs, gerade vor meinen Augen, ein Wollſack, auf dem Fanny, der Mops, ſeine Schlummerſtunden, ſo ziemlich vier⸗und⸗zwanzig des Tages hielt. Mit welcher Zärtlichkeit, ja mit welcher Ehrfurcht behandelte Philipp dieſen Hund! Ich habe oft bemerkt, daß, wenn im gleichen Augenblick der Prinzipal rief und Fanny bellte, Philipp zu ihr hinſtürzte, um zu ſehen, was ihr fehle. Das war nur ein Sporn mehr für mich, um dem faulen Vieh zuweilen meine Kugeln zuzuſenden. Ich traf den Hund vortrefflich, bald auf den dicken Leib, bald auf die Naſe, und da er zu faul war, um ſich vom Wollſack zu erheben, ſo brach er in ein klägliches heiſeres Gebell aus, ein Ton, ſo ſchrecklich für Philipp, daß er faſt von ſeinem Bocke herunter ſtürzte. Auch der Prinzipal ging hin, um nachzuſehen, was dem Thiere fehle, und Jungfer Barbara ſtürzte aus der Küche herein. Letztere aber fand einmal, als ſie ihren Liebling genau unterſuchte, einige der verſchoſſenen Kugeln. Na⸗ türlich warf ſie im Augenblick ihren Verdacht auf mich; da ich mich aber ſehr unſchuldig benahm, wagte ſie es nicht, mich anzuklagen, und paßte hierzu einen günſtige⸗ ren Augenblick ab, der auch bald erſchien. Sie konnte unſere Schreibſtube vom viel beſprochenen Nebenzimmer aus durch ein rundes Fenſterchen überſehen und mich von da belauern, was ſie auch redlich that. Seit jener Stunde nun, wo mich Fanny durch ihr Ge⸗ heuk faſt verrathen hätte, hatte ich eine andere Zielſcheibe entdeckt, und dieſe war nichts Geringeres, als der Hut des Prinzipals, der an einem großen Nagel neben dem kleinen Fenſter hing. Da Jungfer Barbara bei ihrem Lauſchen nur auf den Mops ſchaute, ſo hätte ſie mein neues Ziel nicht ſo bald entdeckt, wenn nicht eine meiner Kugeln, ſtatt den Hut zu treffen, an das Fenſter gefahren wäre. Es erfolgte ein gellender Schrei, Philipp ließ erſtarrt die Feder fallen und ſah beſtürzt den Prinzipal an, der aber ganz ruhig ſitzen blieb und ſich nur mit 56 lauter Stimme erkundigte, was es gäbe. Mir ahnte es wohl, als Jungfer Barbara zornglühend hereinſtürzte und, Anfangs keines Wortes mächtig, nur einige Geſtikulationen gegen mich machte. Es dauerte aber nicht lange, ſo war ihr Mundwerk wieder in voller Arbeit und die Wände der Schreibſtube hallten wieder von der gräßlichen Klage, die gegen mich erhoben wurde. Ich ſuchte mich zu ver⸗ theidigen, aber Barbara hatte mit einem kühnen Griff ſich des Federrohrs bemächtigt und ich mußte auf ihren Befehl die Hand öffnen, in welcher ſich leider als un⸗ umſtößlicher Beweis meiner Unthat noch einige Freiku⸗ geln vorfanden. Auch nützte es mir nichts, daß ich am Ende verſicherte, ich habe nur nach dem Hute geſchoſſen; ſie blieb feſt dabei, ich habe nach ihrem Geſichte gezielt, um ſie in den Tod zu erſchrecken. Der Prinzipal ſchüttelte den Kopf und warf mir ei⸗ nen ſehr unfreundlichen Blick zu. Philipp, der durch dieſen Frevel ganz betäubt war, faltete die Hände über dem Pult und ſah mich verächtlich an, und Jungfer Barbara führte den Zipfel ihrer Schürze vor die Augen, indem ſie ſchluchzend ſagte:„Schon ſo jung und doch ſo boshaft!“— Nachdem mir der Prinzipal eine, wenn auch ernſte, doch nicht ſcheltende Strafpredigt gehalten hatte, mußte er dem Verlangen ſeiner Schweſter nachgeben und die ganze Unthat meiner Großmutter brieflich mittheilen, 57 was denn auch alsbald geſchah, und ich mußte dieſe Depeſche, ein zweiter Urias, eigenhändig hintragen. — Wenn auch meine Verwandten ſo vernünftig wa⸗ ren, in Vorgefallenen mehr einen Akt des Muthwil⸗ lens als der Bosheit zu ſehen, ſo hielt mir die Groß⸗ mutter dennoch eine ſtattliche Standrede, und aus den ſinnreichen Sprüchen, die ſie dabei anbrachte, wie:„der Gerechte erbarmt ſich auch ſeines Viehs,“ und„quäle nie. ein Thier zum Scherz,“ konnte ich erſehen, daß Herr Reißmehl in ſeinem Briefe mehr das Attentat gegen Fanny als das gegen ſeine Schweſter hervorgehoben hatte. Als ich wieder in den Laden kam, affectirte Jungfer Barbara noch eine große Abſpannung und würdigte mich erſt wieder beim Abendeſſen eines Worts, indem ſie mich fragte, was denn die Großmutter zu der Unart geſagt, die ich gegen die Schweſter meines Prin⸗ zipals begangen? O, hätte ich in dieſem Augenblick meinen Kopf geſenkt und wie zerknirſcht von Scham, nur undeutliche Worte gemurmelt! Aber nein, ohne etwas Arges dabei zu denken, verſicherte ich der Jungfer Barbara, meine Großmutter habe geſagt, man ſolle nie ein Thier zum Scherz puälen, und der Gerechte erbarme ſich auch ſeines Viehs. 1. Das hatte ich in der That gut gemacht, und wenn ich nicht ſchon am unendlichen Zornblick, den mir die Jungfer zuwarf, meinen Schnitzer erkannt hättz, ſo 5 4 d 58 hätte ich's am veränderten Betragen Philipps erſehen müſſen, der heute Abend kein Wort mit mir ſprach, ſondern ſich ſtillſchweigend in ſeinem Schlafzimmer an den Tiſch ſetzte und in tiefes Nachdenken verſank, wahrſcheinlich über all die Schändlichkeiten, die ich be⸗ gangen. — ⁵ 59 VI. Herr Doktor Burbus. Da mich Philipp nach den erzählten Vorfällen mit ſo ausgezeichneter Verachtung behandelte und ich einen genügenden Grund hiezu gar nicht einſah, ſo machte ich keinen Verſuch, mich ihm zu nähern, wie er vielleicht erwartet hatte, ſondern warf vielmehr die Thür des Bretterverſchlags, der meine Zimmerabtheilung von der ſeinigen trennte, mit ſolcher Gewalt ins Schloß, daß das Gebälk zitterte. Da ſaß ich nun im Lu und hatte recht langweilige Stunden vor mir, denn es war Sonn⸗ tag Abend, wo das Gewölbe ſchon bei einbrechender Nacht geſchloſſen wurde, und da dieſe gegen ſechs Uhr eintrat, ſo hatte ich bis gegen zehn vollauf Zeit, an meine Sünden zu denken. Ich machte das Fenſter auf, das gegen das Nach⸗ barhaus ſah; da war aber Alles eben ſo dunkel, wie in meinem Stübchen. Unſer Nachbar war noch nicht zu 60— Hauſe, und das einzige Zeichen von Leben war der trübe Schein einer Straßenlaterne, der ſich in das tiefe Dunkel des Abgrunds zwiſchen den beiden Häuſern ſtahl und hier einen vergeblichen Verſuch machte, die dicke Finſterniß aufzuhellen. Ich ſchloß mein Fenſter wieder, warf mich gelangweilt auf mein Bett und ließ das Erlebte an mir vorübergehen. Ich hatte aber noch nicht lange ſo gele⸗ gen, als ich von drüben die Stimme des Herrn Burbus vernahm, der meinem Collegen rief und bald an mein Fenſter klopfte. Ich ſprang auf und ſah, daß das Zimmer unſeres Nachbars erleuchtet war und er ſelbſt im Fenſter lag. „He, hollah!“ rief er.„Freundlicher Zögling Mer⸗ kurs, wo weilen Sie? Philipp! Philipp der Macedonier! Oeffnen Sie doch gefälligſt Ihr Fenſter!“ An ſeiner Stelle that ich, um was Herr Burbus bat, und fragte ihn, was er wünſche. Meine Stimme klang ihm unbekannt, da er mich aber ſchon einigemal im Laden geſehen hatte, erinnerte er ſich meiner.„Ah ſo, Sie ſind es, junge Pflanze? Wo befindet ſich denn Ihr würdiger Mentor und College? Richten Sie ihm gefälligſt meinen freund⸗ lichen Gruß aus und fragen ihn, ob er mich nicht ein wenig beſuchen wolle.“ Ich trat vom Fenſter weg, öffnete 7 61 Ich trat aus dem Zimmer, um auf dem Gange nachzu⸗ ſehen, aber das Haus war von oben bis unten ſtill wie ein Kirchhof. Ja, wie ſchon geſagt, es hatte etwas Un⸗ heimliches, das Reißmehlſche Haus, und da ich mich ſo ganz allein fühlte, war es mir ganz behaglich, mit dem Herrn Burbus drüben plaudern zu können, der noch immer am Fenſter ſtand und auf mich wartete.„Es thut mir leid,“ rief ich ihm zu,„aber ich kann den Herrn Philipp nicht finden.“—„Ho, ho!“ lachte er.„Monſieur Philipp, der Schäker! O daß ſie ewig grünen bliebe, Die ſchöne Zeit der dürren Liebe!“ „Aber wiſſen Sie was?“ fuhr er luſtig fort;„ohne Ihnen mein Compliment machen zu wollen, Sie ſcheinen mir weniger Kameel zu ſein, als Ihr würdiger College. Wollten Sie mir wohl die Ehre erzeigen und auf eine Stunde oder länger zu mir herüber kommen? Ich be⸗ ſchäftige mich gerade mit der Anfertigung eines feinen Punſches, der Ihrem jungen kaufmänniſchen Gaumen be⸗ hagen wird.“ Ich dankte ihm für dieſes ſchmeichelhafte Anerbieten, bemerkte aber, es ſei mir bis jetzt unklar, wie ich über den Zwiſchenraum der beiden Häuſer in ſein Fenſter hinein gelangen ſollte habe gar keine S worauf er mir verſicherte, dies Fkeiten. Flugs holte er aus 8—. 4 dem Hintergrunde Zimmers ein großes Brett, 62 ſchob es zu ſeinem Fenſter heraus bis an meines und verſicherte mich, da er es recht feſt halte, bilde es die bequemſte Brücke, die man ſich denken könne. Beim Anblick dieſes Steges meinte ich, es möchte doch eine halsbrechende Arbeit ſein, ihn zu paſſiren; aber Herr Burbus, der meine Zweifel aus dem rechten Geſichts⸗ punkte anſah, bemerkte in ſehr ruhigem Ton:„Lieber Jüngling, Sie ſcheinen mir einen großen Mangel an daß ſelbſt Philipp, der Edle, dieſen Weg zuweilen ge⸗ macht hat, Philipp, einer der ängſtlichſten Menſchen der ger beſinnen.“ Doktor Burbus als Feiger zu erſcheinen, trieb mich an, den Ueberſiedlungsverſuch anzuſtellen. Ich kletterte durch das Fenſter, legte mich mit dem Bauch auf das Brett, Ich muß geſtehen, nur die Furcht, vor dem Herrn Muthüberfluß zu beſitzen. Aber wenn ich Ihnen ſage, ganzen Chriſtenheit, ſo werden Sie ſich wohl nicht län⸗ und alsbald fühlte ich mich an den Füßen von einer kräftigen Hand erfaßt, ſo daß ich blitzſchnell nach dem andern Fenſter hinüber fuhr und dort zum großen Er⸗ götzen des Herrn Burbus auf den Fußboden hinkollerte. Nachdem ich wieder feſten Fuß gefaßt, machte ich dem Doktor mein Compliment und warf einen flüchtigen Blick in ſeinem Gemache umher. Mein Zimmer war gewiß nicht glänzend möblirt und eingerichtet; aber, guter Gott! wie ſah es hier aus! Die Wände waren urſprünglich —— 8 1 — 63 7 angeſtrichen geweſen, aber der Zahn der Zeit und der Muthwille des Miethsmanns hatte ſie nach und nach der Farbe beraubt und jetzt prangten ſie in einem ſchmut⸗ zigen Weiß. Herr Burbus hatte indeſſen für die Ver⸗ zierung derſelben alle mögliche Sorge getragen, und als er ſah, daß meine Blicke umherirrten, nahm er das Licht, das, beiläufig geſagt, ſtatt in einem Leuchter in einer zerbrochen Flaſche ſteckte, und zeigte mir, daß die Wände mit allerhand grotesken Figuren bemalt waren, die nach ſeiner Erklärung zuſammengenommen einen Hexentanz darſtellten. Ich äußerte meine Freude über die Schönheit dieſer Fresken und meine Verwunderung, daß mit Kohle und Siegellack ein ſolcher Effekt hervorzubringen ſei. Ich er⸗ fuhr, die Schildereien rühren von einem ſeiner Freunde her, einem Maler, der ihn zuweilen beſuche. Da waren Menſchen, Ungeheuer und Thiere durch einander, und es kam mir vor, als erkenne ich unter den Erſteren hie und da Jemand. Richtig, da war der Doktor Burbus ſelbſt; die lange Pfeife in der Hand, mit hohen Stiefeln nnd allmächtigen Sporen ritt er auf einer großen Flaſche, und dort, ich mußte laut auflachen, dort kam mein würdiger College Philipp; er ritt auf einem Beſenſtiel und mit ſeinem traurigen Geſicht, das in den Nacken gedreht war, ſchaute er die Jungfer Barbara an, die majeſtätiſch auf Fanny ſaß. Dahinter kam der Herr Reißmehl im Gar⸗ 64 tencoſtüm; zwiſchen ſeinen Beinen hatte er das Hauptbuch, in der Hand einen Trichter und auf dem Kopf ſtatt des Hutes eine große Düte. 3. So ſehr mich dieſe Malereien vrgeßten, ſo ſuchten meine Blicke doch etwas Anderes, nämlich das Gerippe, von dem mir Philipp erzählt. Ah, dort ſtand es, neben dem Lager des Doktors, der ihm einen alten Sammtrock über die Schultern gehängt und ſeine Mütze aufgeſetzt hatte. In der rechten Hand, die ausgeſtreckt war, hatte der Knochenmann ein Talglicht ſtecken, das dem Herrn Burbus Nachts beim Leſen im Bette diente. An der herabhängenden Linken war vermittelſt eines eiſernen Häck⸗ chens ein großer Krug befeſtigt, wahrſcheinlich um, vor⸗ kommenden Falles, den Durſt des Doktors zu löſchen. Nachdem ich mir das Zimmer genugſam betrachtet, fand ich Zeit, um den Herrn deſſelben, der ſich unterdeſſen in einen Stuhl geworfen hatte und mir einen andern anbot, etwas näher zu betrachten. Herr Burbus mochte 3 4 ein Mann von wenigſtens dreißig Jahren ſein; er war von ſehr kräftiger, unterſetzter Figur, und ſein Geſicht, das beſtändig lächelte und überhaupt etwas ſehr Gutmü⸗ thiges hatte, war von einem ſtarken Schnurr⸗ und Kne⸗ belbart beſchattet, der dichter und reichlicher wuchs als ſein Haupthaar, deſſen dünne Büſche hie und da helle verdächtige Stellen zeigten. Auf den Ofen hatte er ein irdenes Gefäß geſtellt, welches große Aehnlichkeit mit einer 9 65 Waſchſchüſſel hatte und worin er zum beabſichtigten Punſche das Waſſer erwärmte, was bald geſchehen war. Dann brachte er eine Flaſche mit Branntwein hervor, einige Citronen, ſo wie eine Düte von grauem Löſchpapier mit Zucker und miſchte das Getränk. Er bot mir eine Pfeife an, und da ich mich ſchämte, ſie auszuſchlagen, fing ich das mir ganz ungewohnte Geſchäft des Rauchens an. Nachdem er zwei große Biergläſer mit dem warmen Ge⸗ tränk angefüllt, legte er ſich mit ſeinem Stuhl an die Wand und forderte mich auf, zu trinken und luſtig zu ſein. „Aber ſagen Sie mir, Theuerſter,“ fuhr er fort, nach⸗ dem er einen tüchtigen Schluck gethan,„wie kommen Sie eigentlich auf die verrückte Idee, ein Käſekrämer zu wer⸗ den? Warum ſtudiren Sie nicht?“—„Lieber Herr Dok⸗ tor,“ entgegnete ich,„es fehlt mir an den nöthigen Mit⸗ teln; ich habe keine Eltern mehr, die mich ſo lange un⸗ terhalten könnten.“—„O CEhrwidigſter,“ lachte der Doktor,„ſehen Sie mich an! Ich habe auch ſchon ſeit langen Jahren Niemand, der für mich ſorgt, und helfe mir doch durch die Welt und bringe es zu etwas. Ken⸗ nen Sie nicht das große Wort„Pump?“ Das iſt der Zauberſpruch, der dem, der ihn richtig anzuwenden verſteht, Kiſten und Kaſten öffnet.“ Ich verſicherte ihm, ich habe noch nie etwas davon ge⸗ hört, worauf er in ein brüllendes Gelächter ausbrach, einen gewaltigen Schluck von ſeinem Gebräue nahm und mich 5 ₰. 2 66 4 verſicherte, wenn ich einmal beſſer mit ihm bekannt ſei, werde ich es ſchon lernen.—„Aber ſagen Sie mir,“ fuhr er fort,„wie es gekommen iſt, daß Sie, um das edle Gewerbe eines Kaufmanns zu erlernen, gerade bei der unangenehmſten, proſaiſchſten Branche dieſes C Geſchäfts, beim Spezereiladen, angefangen haben?“ Ich weiß nicht, ob es die Kraft des Punſches war, von dem ich, dem Beiſpiel des Herrn Burbus folgend, ſchon ein gutes Quantum verſchluckt, was mich ſo redſe⸗ lig und offenherzig machte, genug, ich erzahlte dem Dok⸗ tor zu ſeinem großen Ergötzen, daß ich immer beim An⸗ blick von Kaffee und Zucker an die fernen Meere gedacht, und von wunderbaren Ländern geträumt, mit denen ich durch den Spezereihandel in, wenn auch indirekte Verbin⸗ dung trete. Dieſe poetiſche Idee, mit der Proſa des Reißmehlſchen Hauſes zuſammengehalten, ſchien ihm gar komiſch, und er brach auf's Neue in ein homeriſches Lachen aus. 4 „Ja, ja, Theuerſter,“ ſagte er endlich,„es iſt wirk⸗ lich Schade, daß ſich vor eurem Laden nicht die See ausbreitet, denn ein alter Seehund iſt ſchon drüben, an einem jungen Stockfiſch fehlt’'s auch nicht, und die alte 8 Barbara würde ſich als Meerjungfer gar nicht ſchlecht ausnehmen.— Durch dieſen Ausfall gegen meine un⸗ mittelbaren und mittelbaren Vorgeſetzten kam er auf die Verhältniſſe derſelben zu ſprechen, und ſeine Reden tru⸗ 6 „ 67 ½—. gen gerade nicht dazu bei, meine Ehrfurcht vor dem Prin⸗ zipal und deſſen Schweſter zu ſteigern. Er meinte, der alte Philiſter ſeigein guter Kerl, der aber nicht muckſen dürfe, indem die„Phileuſe“ das Regiment drüben ſehr gut führe. Daß der Doktor mit dieſen ſeltſamen Ausdrücken Herrn Reißmehl und ſeine Schweſter meinte, wurde mir erſt im Verlauf des Geſprächs klar, als er von meinem Col⸗ legen, den er für das größte Schiff der Wüſte erklärte, verſicherte, dieſer commandire das Haus allein, indem ihm die Phileuſe allen Willen thun müſſe und, wie ſchon ge⸗ ſagt, der Philiſter von dieſer ganz abhängig ſei. Dieſe Geſpräche mit Herrn Burbus waren eben nicht geeignet, meine Liebe zum Handelsſtand überhaupt und zum Reißmehlſchen Hauſe insbeſondere zu befeſtigen. Unterdeſſen hatten Pfeife und Punſch nicht verfehlt, ihre unangenehmen und ſehr entgegengeſetzten Wirkungen auf mich auszuüben. Letzterer brachte mein Blut in Wallung, regte meine Gedanken auf und beflügelte meine Zunge, wogegen der Taback lähmend auf mich wirkte. Ich fühlte mich plötzlich von einer unnennbaren Angſt befallge, welche mir die Schweißtropfen auf die Stirn trieb; ich empfand eine entſetzliche Uebelkeit, und als ich aufſtat und den Herrn Doktor Burbus ſtammelnd verſicherte, ich müſſe jetzt nach Haus, ſchien ſich das ganze Zimmer im Kreiſe mit mir herum zu drehen. f 68— die Figuren an den Wänden lebendig geworden und zö⸗ gen mit unaufhörlichem, ſeltſamen Sauſen an mir vor⸗ über. Das Gerippe in der Ecke ſchien zu wanken und ſah viel unheimlicher aus, als früher. Selbſt mein gut⸗ müthiger Wirth, der vor mir ſtand und aus vollem Halſe lachte, erſchien mir wie ein böſer Geiſt, und mit geheimem Entſetzen ſuchte ich wankend das Fenſter, um meine luftige Wanderung anzutreten. Doktor Burbus redete mir vergeblich zu, ich ſolle die Nacht bei ihm blei⸗ ben, indem ich mich in einem Zuſtande befinde, der eine ſolche Rutſchpartie etwas gefährlich mache. Ich hörte nicht auf ihn; da ſchob er das Brett vor's Fenſter und ich kletterte wieder hinauf; als mich aber die friſche Nachtluft anwehte und ich über dem Abgrund ſchwebte, fing ich an laut zu weinen und bekam einen ſolchen Schwindel, daß ich mich am Brett feſtklammerte und weder vor⸗ noch rückwärts wollte. Aus dieſem denkwürdigen Augenblick, wo es plötzlich in meinem Innern ſehr dunkel und häßlich wurde, er⸗ innere ich mich, aber ziemlich undeutlich, daß der Doktor hinter mir laut fluchte und ſchimpfte; bald aber fühlte ich, wie er mit einem Stock auf den Theil meines Kör⸗ „pers ſchlug, den ich ihm entgegenſtreckte, und ſo oft ich einen Schlag erhalten, rutſchte dnnh. Strecke weiter. Endlich ſpürte ich eine wärmere Luft, die mich umgab, ich purzelte auf den Boden meines Zimmers und ſchlief 3 69* flugs ein. Meine Plage war aber noch nicht zu Ende; ich fühlte mich gerüttelt und geſtoßen, und als ich müh⸗ ſam meine Augen aufriegelte, ſah ich eine Geſtalt vor mir, die ich Anfangs für das Gerippe des Doktor Burbus hielt. Bald aber erkannte ich meinen Collegen Philipp, der mich ſeufzend und wehklagend zu Bette brachte und darauf ſank ich in einen feſten Schlaf. Als ich am Morgen nach dem denkwürdigen Beſuch bei Doktor Burbus erwachte, graute eben der Tag; ach, 1 und es graute auch mir, denn ich befand mich in einem Zuſtande, der um ſo ſchrecklicher war, da ich noch gar nicht wußte, ob es die Folgen des geſtrigen Abends waren, oder der Anfang einer ſchweren Krankheit. Ich hatte den ausgebildetſten, entſetzlichſten Katzenjammer, der ſich je auf einen Menſchen niedergelaſſen hat. In mei⸗ nem Kopf war es wüſte und leer, und als ich verſuchte, ihn aufzurichten und um mich her zu ſchauen, drehten ſich, gerade wie geſtern Abend, Zimmer, Tiſch und Stühle um mich herum, und als ich darauf meine Augen wieder ſchloß, um dem Schwindel zu entgehen, war es mir, als hätte mich einer bei den Paen aufgehängt und gäbe mir dazu in Einem fort warmes Waſſer zu trinken. Ich wendete mich in meinem Bette hin und . 71 4—— her und kapitulirte mit mir ſelbſt von Viertelſtunde zu Viertelſtunde; endlich war es aber die höchſte Zeit. Philipp im Nebengmmer huſtete, ſcharrte und plätſcherte in ſeinem Waſchbecken umher, kurz, machte all den Lärm, womit er jeden Morgen ſeine Toilette begleitete. Als ich aufſtand, ging es mir beſſer als ich erwartet; ich hatte gemeint, ich müßte augenblicklich auf den Boden ſtürzen, ich konnte aber noch ſo ziemlich auf den Beinen ſtehen. Nur machte mich eine unbeſchreibliche Schwächer beſorgt, und ich konnte mir nicht erklären, warum meine Hände zitterten, wenn ich etwas anfaßte. Ich legte mich in's Fenſter, theils um die friſche Morgenluft zu ge⸗ nießen, theils um in das Zimmer des Doktor Burbus zu ſchauen, wo ich geſtern einen Abend erlebt, an den ich nur mit Schauder zurückdenken konnte. Alles, was ich dort drüben geſehen, war mir im tollen Reihentanze der Träume wieder er ſchienen, und ſelbſt jetzt noch, am hellen Morgen, wenn ich die Augen ſchloß, huſchten die Zimmergemälde des D Doktors, ſo wie das Skelett und er ſelbſt an mir vorüber, und gerade, daß ich dieſe Er⸗ innerungen und dieſe Bilder nicht los werden konnte, war mir peinigender als mein körperliches Unwohlſein. Wußte ich doch„amals noch gar nichts vom Elend, das uian uhyiicen da moraliſchen Katzenjammer nennt, von denen der letztere der ſchrecklichere iſt. Aber der Doktor drüben ſchien ſich keiner Schuld und keines 72² * Unwohlſeins bewußt. Er hatte trotz der kalten Nacht das Fenſter offen gelaſſen, und das Brett, auf welchem ich herübergerutſcht, war nur halb hereingezogen. Dabei ſchnarchte der Treffliche mit ſolcher Kraft, daß ſich ſeine Fenſtervorhänge bewegt haben müßten, wenn ſein Zimmer auf ſolche Art garnirt geweſen wäre. Philipp öffnete jetzt die Thür ſeines Schlafzimmers, und als er mich daſtehen ſah, noch unangezogen, mit blaſſem Geſicht, und wie ich, das Haus drüben anſtarrend, bedenklich hinter den Ohren kratzte, machte er ein recht trauriges Geſicht, faltete ſeine Hände und ſah mich mit einem unbeſchreiblich wehmüthigen Blicke an. Ich meines Theils betrachtete ihn auch; da ich aber aus ſeiner Stel⸗ lung erſah, daß er ob meinem Leichtſinn und meiner Verdorbenheit ein brünſtiges Stoßgebet gen Himmel ſchickte, ärgerte ich mich und fragte ihn verdrießlich, was er eigentlich wolle.—„O nichts,“ erwiderte Philipp langſam und feierlich;„ich wollte nur ſehen, ob Sie bei Ihrem geſtrigen Fall in's Zimmer herein keinen Schaden genommen haben, weiter gar nichts.“—„Ich bin ja gar nicht gefallen,“ entgegnete ich ihm mürriſch;„das müßte ich doch auch wiſſen.“— Da flog ein wehmü⸗ thiges Lächeln über die Züge meines Vorgeſetzten und er ſprach:„O Gott, Sie befanden ſich in einem Zuſtande, wo man nicht mehr weiß, ob man fällt oder ſteht. Ach, ,— 73 24— und wenn man denn auch körperlich nicht fällt, ſo iſt man geiſtig doch ſchon ſehr tief gefallen.“ Ich merkte, daß der Gute im Begriff war, mir eine Predigt zu halten, und da ich in meiner Verſtimmung durchaus nicht gelaunt war, dergleichen hinzunehmen, ſagte ich heftig, er ſolle mich in Frieden laſſen. Ueber⸗ haupt, ſetzte ich im Zorn hinzu, ſei mir ſein Kriechen und Scherwenzen höchſt widerlich, und er thäte mir einen großen Gefallen, wenn er ſich künftig gar nicht um mich bekümmerte.— Dieſe Antwort hatte Philipp von ſeinem Untergebenen nicht erwartet, und ich glaube, zu einer andern Stunde hätte ich ſie ihm auch nicht gegeben. Er hob die gefalteten Hände gegen die Bruſt, ſenkte ſeinen Kopf etwas und ſagte nach einer langen Pauſe mit tonloſer Stimme, als preſſe ihm ein harter Kampf die Worte aus:„So muß ich dem Herrn Prinzipal an⸗ zeigen, daß es mir nach dem, was Sie unſerer verehrten Jungfer Barbara angethan, ſo wie nach Ihrer Herzlo⸗ ſigkeit, womit Sie die kleine Fanny gequält, ungerechnet den wenigen Reſpekt, den Sie dem Hute des Prinzipals und ſomit dieſem ſelbſt bewieſen, und nach Ihrer Auf⸗ führung von geſtern Abend als ordentlichem Handlungs⸗ gehülfen unmöglich iſt, ferner mit Ihnen zuſammen zu leben. Einer von uns muß alſo das Haus verlaſſen, Sie— oder—“ ſetzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu ,— ich!“ 74 2 Wenn es mir auch im Ganzen gar nicht unangenehm geweſen wäre, das Reißmehlſche Haus verlaſſen zu können, da mir nach dem, was ich hier erlebt, dieſe Branche des Handelsſtandes gründlich verhaßt geworden war, ſo wußte ich doch zu gut, daß ich durch einen ſolchen Austritt die Meinigen auf's Tiefſte betrübt und ſie mich in einen andern Laden geſteckt hätten, wo es mir vielleicht noch ſchlimmer ergangen wäre. Deshalb erſchreckte mich Phi⸗ lipps Aeußerung nicht wenig und ich wußte nicht, was ich ihm entgegnen ſollte; da fiel mir auf einmal eine Aeußerung des Doktor Burbus ein, eine Anſpielung auf eine Geſchichte, die im erſten Stock des Reißmehlſchen Hauſes vorgefallen ſei, und dies wandte ich durch plötz⸗ liche Eingebung auf Philipp an. So ruhig wie möglich ſagte ich ihm:„Gut, Herr Philipp, erzählen Sie dem Prinzipal von mir, was Sie wollen; ich werde ihm da⸗ gegen etwas mittheilen, was mir der Herr Doktor Burbus geſagt. Verſtehen Sie mich, Herr Philipp? etwas, das da unten im erſten Stock paſſirt iſt.“ Kaum hatte ich dieſe Worte geſprochen, ſo that es mir auch ſchon leid, denn aus Philipps Augen ſprach die vollkommenſte Verzweiflung. Er that einen Schritt zurück, ſchlug die Hände vor's Geſicht und konnte nur die Worte hervorbringen:„O Gott! das Ungeheuer!— O Barbar'—!“—„ZJa, ſehen Sie,“ entgegnete ich ihm ruhig,„ſo wie Sie muß man nicht ſein! Es iſt viel — — zu befinden, wie ich. Er warf uns einen mürriſchen mir nicht merken laſſen, daß ich eigentlich nichts davon 75 beſſer, wir bleiben gute Freunde. Wir wollen zuſammen halten und keiner verräth den andern.“. Er antwortete mir nichts, ſondern nickte nur mit dem Kopf; als ich mich aber umwandte und ihn dann wieder raſch anſah, bemerkte ich, daß er eine Hand in die Taſche ſeines Kamiſols geſteckt hatte und ſie zu einer Fauſt ballte, die wahrſcheinlich halb mir, halb dem 4* Doktor Burbus galt, der ſo eben drüben mit einem ſehr nüchternen Geſicht an ſeinem Fenſter erſchien, um es zu ſchließen. Haar und Bart hingen ihm ſehr verwildert um den Kopf und er ſchien ſich in ähnlichem Zuſtande Blick zu, brummte etwas, das wie ein guter Morgen klang, und kroch wieder in ſein Bett zurück. Der Glück⸗ liche! Ich dagegen mußte mit Philipp hinab in den Laden, das Gewölbe öffnen und die täglichen Geſchäfte damit beginnen, daß wir gemeinſchaftlich den Ladentiſch abwiſchten und die Lampen putzten, die Abends zuvor gebraucht worden waren. 3 Meine Anſpielung auf den erſten Stock hatte den unglücklichen Philipp ſichtlich auf's Tiefſte erſchüttert, und ich hätte gar zu gern gewußt, was es mit der Ge⸗ ſchichte für eine Bewandniß habe. Natürlich durfte ich wiſſe, ich nahm mir aber feſt vor, bei der nächſten Ge⸗ legenheit meinen Collegen auszuforſchen. So ſanftmüthig 76 2 dieſer überhaupt war, ſo grenzte doch heute ſeine Nach⸗ giebigkeit und Freundlichkeit an's Unglaubliche. Ich wurde wirklich gerührt, als er kurz nach Oeffnung des Ladens eigenhändig aus dem Keller eine Handvoll Sauerkraut holte, das er mir als Univerſalmittel gegen meinen derzeitigen Zuſtand anpries, und ob ich es gleich mehr 3 in der Abſicht verſpeiste, ihm einen Beweis meines Zu⸗ trauens zu geben, ſo muß ich doch geſtehen, daß es auf meinen Magen die beſte Wirkung ausübte. Meine Furcht, er möchte mich wegen des geſtrigen Exceſſes beim Prinzipal und der Jungfer Barbara verklagen, verſchwand völlig, vielmehr trieb er ſeinen Edelmuth ſo weit, daß er letztere auf die Bläſſe meiner Wangen auf⸗ merkſam machte, und ihr dabei zu verſtehen gab, er ver⸗ muthe, ich habe aus Gewiſſensbiſſen über die Unart, die ich geſtern gegen ſie begangen, die ganze Nacht kein Auge zugethan und ich gräme mich ſichtlich deswegen ab. Dieſe Vorausſetzung zertheilte in etwas die finſtern Wolken, womit, wenn ſie mich anſah, Barbaras Augen umflort waren, und ließ mich heute zuweilen das Streif⸗ aber, als habe ſich das Schickſal einmal vorgeſetzt, mich dieſer Jungfer gegenüber auf keinen grünen Zweig kom⸗ men zu laſſen. licht eines freundlichen Blickes genießen.— Es war 5 V — VIII. Krampfſtillende Tropfen. In der Ecke des Ladens befand ſich ein kleiner Schrank, zu welchem Jungfer Barbara allein den Schlüſſel hatte. Es wurden daſelbſt allerlei Sachen zum innern Betrieb der Haushaltung verwahrt, als da ſind Gläſer mit ein⸗ gemachten Kirſchen, Gurken, und dergleichen mehr. Auch hatte Jungfer Barbara in dieſem Kaſten eine große Flaſche mit Arznei ſtehen, aus der ſie verſchiedene Male des Tags einen großen Eßlöffel voll nahm, indem ſie behauptete, ohne dieſes krampfſtillende und blutberuhigende Mittel könnte ſie bei der immerwährenden Alteration, der ſie in Küche und Laden ausgeſetzt ſei, unmöglich beſtehen. Zu⸗ weilen, doch ſelten, ließ Jungfer Barbara den Schlüſſel zu dieſem Kaſten ſtecken, und ſelbiges geſchah auch eines Nachmittags, nachdem ſie wegen ungeheurer Blutaufregung bereits mehrere Löffel voll genommen hatte. Wenn ſie ſo am Tage öfters zu ihrem Schrank hinging, hatte ich 78 immer bei mir gedacht, es ſei doch unverantwortlich, eine Perſon mit ſo krankhaften Zuſtänden ſo allein in Küche und Keller umherwirthſchaften zu laſſen; ich hatte ſchon oft gefürchtet, es könnte ihr einmal etwas zuſtoßen, eine Schwäche u. dgl., wo ſie nicht gleich ihre krampfſtillende Mediein bei der Hand hätte. Und ſo geſchah es richtig am heutigen Rachmittage. Jungfer Barbara war ſeit einiger Zeit nicht ſichtbar geweſen, als wir plötzlich über unſeren Häuptern im er⸗ ſten Stock ein ſolch Gepolter hörten, daß ſelbſt der ruhige gleichmüthige Prinzipal in die Höhe ſchaute und befahl nachzuſehen, was es oben gebe. Mir war nichts er⸗ wünſchter; ich konnte doch einmal einen Blick in den berühmten erſten Stock werfen, weßhalb ich eilig die Treppe hinaufſprang. Oben war eine Thür geöffnet, obgleich es aber heller Tag war, konnte ich Anfangs im Zimmer, zu dem ſie führte, nichts unterſcheiden. Alle Fenſterladen waren von außen geſchloſſen und von innen obendrein dichte Vorhänge heruntergelaſſen, ſo daß völlige Finſterniß in dieſem Zimmer des erſten Stocks herſchte. Endlich, nachdem ſich meine Augen an die Dunkelheit etwas gewöhnt hatten, unterſchied ich in einer Ecke des Zimmers ein Sopha, auf welchem Jungfer Barbara mit geſchloſſenen Augen ruhte und nur zuweilen einige ſchwache Seufzer ausſtieß. Rechts und links waren Thüren halb geöffnet, die in andere eben ſo dunkle Nebenzimmer führten. lipps bereits Wunder gewirkt; ſie war aus ihrer Ohnmacht Ich weiß nicht, mir kam der Gedanke, Jungfer Bar⸗ bara ſei geſtorben und liege hier auf dem Paradebett, und das war mir ſo unheimlich, daß ich wieder hinab⸗ ſtürzte, um den Prinzipal zu holen. Auf der Treppe rannte ich gegen Philipp, der auch den Lärm gehört hatte und der Jungfer Barbara zu Hülfe eilen wollte. Unten am Schreibpult ſaß der Prinzipal und addirte eine große Rechnung, wobei er die Zahlen wie gewöhnlich halblaut vor ſich hinſprach:„Sechs und acht macht vierzehn, und neun macht drei⸗und⸗zwanzig—“ „Herr Reißmehl,“ ſagte ich ihm,„Jungfer Barbara liegt auf dem Sopha und iſt ohnmächtig geworden.“— Er winkte mit der Hand, ſtille zu ſein.„Und ſieben macht dreißig, und neun neun⸗und⸗dreißig— Bringen Sie ihr Waſſer hinauf, ich werde gleich ſelbſt nachſehen.“ Als ich mich umwandte, um mit einem Gefäß nach dem Brunnen zu eilen, ſah ich, daß der Schlüſſel am geſchniz⸗ ten Schrank nicht abgezogen war, und um mich durch meine Umſicht bei Jungfer Barbara recht in Gunſt zu ſetzen, öffnete ich, ergriff die Flaſche mit der krampfſtillen⸗ den Medicin und dem großen Löffel, und eilte damit die Treppe hinauf. Hinter mir hörte ich, wie der Prinzi⸗ pal ſeinen alten knarrenden Comtoirſtuhl herumdrehte und mir langſam folgte. Aber bei Jungfer Barbara hatte die Gegenwart Phi⸗ 80 erwacht und ſaß in der Ecke des Sophas. Bei meinem Eintritt hörte ich, wie ſie meinem Collegen erzählte, ſie habe im Zimmer etwas zu thun gehabt, und als ſie ſo dageſtanden, ſei ihr plötzlich vorgekommen, als gehe Je⸗ mand bei ihr phrüber, drauf ſei ſie vor Schrecken vor dem Sopha zu Boden geſunken. Philipp hatte ein Fenſter halb geöffnet, und als ich eintrat gefolgt vom Prinzipal, hatte mich Jungfer Barbara mit der Flaſche in der Hand nicht ſobald erblickt, als ſie mir zornig entgegenſprang und fragte, was ich wolle? 4 So ſanft und gefühlvoll als möglich entgegnete ich, da unten zufällig der Schrank unverſchloſſen geweſen ſei, habe ich ihre Arznei, von der ſie einige Mal des Tages nehme, zu ihrer Stärkung mit heraufgenommen. Hätte. ich in dieſem Augenblicke hinter mich ſehen können, ſo würde ich bemerkt haben, daß bei meinen Worten ein leiſes Lachen über die Züge des Prinzipals flog; aber was ich vor mir ſah, war gar nicht zum Lachen. Jungfer Barbara hielt ſich an der Sophaecke feſt und ſchien im Zweifel zu ſein, ob ſie wieder in Ohnmacht fallen ſolle, oder nicht; dabei ſah ich zu meinem Schrecken, daß ihre Züge einen Ausdruck von Zorn annahmen, wie ich früher 3 nie an ihr bemerkt. Jetzt trat der Prinzipal vor und griff nach der Flaſche in meiner Hand, wobei er lächelnd zu ſeiner Schweſter ſagte:„Ja, ſiehſt Du, liebe Barbara, wenn es dir gut 81 thut, nimm nur in Gottes Namen von deiner ſchmerz⸗ ſtillenden Arznei.“ Doch kaum hatte er die Hand nach . mir ausgeſtreckt, ſo ſtürzte auch Barbara ſelbſt hinzu, um mir die Flaſche zu entreißen, und da ich im erſten Augenblick nicht wußte, was das zu bedecten habe, ließ ich die Flaſche los, noch ehe ſie der Prinzipal oder Jungfer Barbara gefaßt hatten, worauf ſt natürlich zu Boden fiel und allda in tauſend Scherben zerbrach. Sogleich verbreitete ſich ein anmuthiger Liqueurduft um uns, und ich, auf's Höchſte betroffen und überraſcht, konnte mich nicht enthalten, auszurufen:„Ei, das iſt ja eine Schnapsflaſche!“—„Ja!“ kreiſchte Barbära 2 mir entgegen,„ja, Sie junger nichtswürdiger Menſch! 4 's iſt freilich eine Schnapsflaſche, und Gott mag wiſſen, wo Sie ſie her haben.“. 1 Das war mir denn doch etſbas zu ſtark, und ich entgegnete nachdrücklich:„Wo ich ſie her habe, Jungfer Barbara? Nun, wo anders, als aus Ihrem Küchen⸗ 8 ſchrank?“—„So, ſo?“ ſchrie die Dame noch heftiger „Aus meinem Küchenſchrank will Er ſie haben! der— der— Sie—“ und bei dieſen letzten Worten ſah ich ihre zehn Finger, mit ziemlichen Nägeln bewachſen, dicht 1 vor meinem Geſichte ſchweben. „Ja,“ rief ich, jetzt auch heftiger werdend,„aus dem Küchenſchranke iſt ſie, und es iſt dieſelbe Sch napsflaſche aus der Sie jeden Tag mit dem großen Löffel Ihre . 6 3 8 22u ſchmerzſtillende Arznei nehmen.“— Indem ich dieſe Worte ausrief, trat ich unwillkührlich einen Schritt rück⸗ wärts und hatte ſehr wohl daran gethan, denn die zehn Finger der Jungfer zuckten nach mir und beſchrieben in der Luft eine Curve, wie die Pfoten einer erbosten Katze. Als ſie aber ihr Ziel, das wahrſcheinlich in meiner Naſe beſtand, nicht grreichten, wankte ſie auf den Sopha zu⸗ rück und ſank mit geſchloſſenen Augen nieder, indem ſie ausrief:„Ich ſterbe! ich ſterbe!“ In Gottes Namen! dachte ich, wandte mich um und eilte die Treppe hinab in die Schreibſtube, wo ich mich auf meinen Stuhl ſetzte und aus Aerger und Verdruß laut zu weinen anfing. Bald darauf folgte mir der Prinzipal, und als er mich ſo daſitzen ſah, legte er ſeine Hände auf den Rücken und ging in der Schreibſtube auf und nieder. Er war offenbar in großer Bewegung und gab das durch häufiges Anfaſſen der Gegenſtände, die um ihn waren, zu erkennen. So zwickte er jedesmal, wenn er vorüber kam, das kleine Ungeheuer auf dem Ofen in die Naſe und ſtieß mit dem Fuße an den Korb des Mopſes, der bei dem Geſchrei oben einen ſchwachen Verſuch gemacht hatte, aufzuſtehen, deſſen Faulheit aber größer war, als die Anhänglichkeit an die Herrſchaft. Endlich ſtellte ſich der Prinzipal an ſeinen Pult, und wäh⸗ rend er mit einem Federſtumpen eilig im Dintenfaß 8 herumrührte, ſprach er, ohne mich anzuſehen:„Sehe 83 Sie, die vorgefallenen Geſchichten, lieber junger Freund, 4* ſind mir äußerſt, ja ſehr äußerſt unangenehm. In Ent⸗ gegnung auf Ihre Zeitungsannonce damals ſchrieb ich mein Ergebenſtes vom 6. Dec. an Ihre Großmutter, worauf wir uns einigten, Sie bei mir in die Lehre zu nehmen, um Ihnen den Handel in ſeinen Anfangsgründen beizubringen. Daß Sie unaufmerkſam poder nachläſſig ſeien, kann ich nicht ſagen, aber jung ſind Sie, ſehen Sie, ſehr jung, lieber Freund, und daher mag's wohl kommen, daß alle die kleinen unbedeutenden Sachen vor⸗ gefallen ſind, die machen, daß meine Schweſter, die* Jungfer Barbara, höchlich über Sie erzürnt iſt; ein Verhältniß, das für Sie unangenehm ſein muß und das ſich, ich kenne das, nicht ſo bald umgeſtalten dürfte. Daher wär' es meine Meinung, Sie ſuchten Ihre Groß⸗ mutter zu bewegen— richtig, Sie haben ja auch einen Vormund— daß man ein anderes Geſchäft für Sie ſuchte, eine andere Handlung, wo Geſchäft und Familien⸗ leben nicht ſo unzertrennlich verbunden ſind wie bei mir. Nun ja, Sie werden mich ſchon verſtehen; tragen Sie das Ihrer Großmutter einmal vor.“ Wirklich verſtand ich den Herrn Reißmehl ſehr gut. Aus der Lehre entlaſſen zu werden, wäre mir unter andern Umſtänden als etwas Schreckliches erſchienen; ich hatte aher das Spezereigeſchäft gar zu ſatt, und ſo machte des Herrn Reißmehl Rede gar keinen ungünſtigen 6* 84 6—— Eindruck auf mich. Aber meine Großmutter, meine Tanten— o wehl! ich ſah da harten Kämpfen entgegen. Herr Reißmehl verſicherte mich nochmals, was er geſagt, ſei nur ein Vorſchlag, den ich mir mit meinen Ver⸗ wandten genau überlegen und darauf einen ruhigen Beſchluß faſſen möchte.— Ich nahm meine Mütze vom Nagel in der Schreibſtube, empfahl mich auf kurze Zeit dem Herrn Reißmehl und konnte nicht unterlaſſen, als ich an der Treppe vorbeiging, einen recht ingrimmigen Blick nach dem erſten Stock hinaufzuſchicken. —— Als ich auf die Straße hinauskam, athmete ich tief auf; es war mir wie einem Vogel, der dem Käfig ent⸗ ſchlüpft iſt. Wenn die Meinigen den Austritt aus dem Reißmehlſchen Haus billigten, ſo hatte ich doch wieder etwas Ungewiſſes vor mir, eine friſche Zukunft, in welche ich die bunteſten üppigſten Luftſchlöſſer hineinbauen konnte. Ich fühlte es, während meines kurzen Lehrlings⸗ ſtandes hatten ſich meine Wünſche bedeutend erweitert; erſchien mir doch jetzt jedes Handlungshaus in der Stadt, ſelbſt das größte, wie ein Reißmehlſcher Spezereiladen, und nur auf der andern Seite der Welt, d. h. jenſeits der Mauern unſerer Stadt, konnte es ſchön und herr⸗ lich ſein. Unter dieſen Betrachtungen ging ich beim ſteinernen Kerl vorbei, der an der Hausthuür ſtand, und ſtrich ihm über ſeine lange Naſe, wobei ich ihm ſpottend zuriif 1 86 „Alter Kamerad, du kannſt nicht mit mir hinaus in die Welt, du biſt an das Reißmehlſche Haus gebun⸗ den und an Jungfer Barbara.“ Doch wie ich die Kälte des Steins an meiner Hand fühlte, durchlief es plötzlich meinen Körper eiskalt und mir fiel ein, daß meine Groß⸗ mutter nur ihre Einwilligung verweigern durfte, ſo war auch ich wieder an das Reißmehlſche Haus gebannt, und unter noch viel drückenderen Verhältniſſen als der ſteinerne Kriegsknecht, der, wie es mir ſchien, heute einen ſonderbar lachenden Ausdruck hatte. Ich eilte um die Ecke, doch kaum war ich einige Schritte weit ge⸗ gangen, als mich aus einer Seitengaſſe eine Baßſtimme anrief, bei deren Ton ich ſogleich wußte, wer der Herr ean ſei. mube ſohrie Doktor Burbus hinter mir drein.„Wohin ſtolpern Sie ſo eilig? Iſt vielleicht der edlen Jungfer Barbara ein Unglück paſſirt? oder hat ſich Philipp, der Klapperſtorch, aus Gram gekränkter Liebe in ein Oelfaß geſtürzt?“ Bei dieſen letzten Worten hatte mich der Doktor erreicht. Ich wunderte mich nicht wenig, den Edeln ſtatt mit der langen Pfeife mit Büchern unter dem Arm zu erblicken. Ueberhaupt war ſein heutiger Aufzug von ſeinem gewöhnlichen ſehr verſchieden. Statt des verſchoſſenen grünen Sämmtlings, wie er ſeinen 3 Sammtrock nannte, hatte er einen ſchwarzen Frack an „theuerſter Kaufmannsjüngling, edelſter Laden⸗ A 87 mit langen ſehr ſpitzen Schößen, eine Weſte von glei⸗ cher Farbe zierte den beträchtlichen Umfang ſeines Leibes, und ſtatt des breiten Hemdkragens, den er ſonſt heraus⸗ legte, war heute ſein Hals in eine Cravatte gepreßt, die ſo hoch und ſteif war, daß er den Kopf nicht zu mir herabbiegen konnte, ſondern nur unter merklicher Ver⸗ zerrung ſeines Geſichts die Augen ſenkte und hob, wenn er mit mir ſprach. Zur Vervollſtändigung dieſes feier⸗ lichen Coſtüms trug er auf dem Kopf einen ſehr defek⸗ ten Hut mit kaum fingerbreiter Krämpe, und an den Händen weiße baumwollene Handſchuhe, die ſchon längere Zeit gedient haben mochten; denn der Doktor hatte ſie am Daumen und Zeigefinger zuſammengedreht, um ſeine neugierigen Fingerſpitzen zu verbergen, die gar zu gern durch einige Löcher in's Freie geſchaut hätten. Der Doktor erkundigte ſich theilnehmend, wie ich geſchlafen, beſonders aber, wie ich aufgewacht. Ich ſchilderte zu ſeinem großen Ergötzen den Jammer, der zum erſtenmal wie ein Geſpenſt in mein junges Leben getreten. Aber kaum hatte ich angedeutet, daß der heu⸗ tige Tag noch ganz andere Abenteuer mit ſich gebracht, ſo drang er neugierig in mich ihm auf ſein Zimmer zu folgen und Alles zu erzählen.— Da es im Grunde mit der Cröffnung des Reißmehlſchen Antrags an meine Großmutter keine Eile hatte, ſo ging ich mit ihm in unſer Nachbarhaus, in dem ſich dicht neben unſerem Laden & 88 eine Ellenwarenhandlung befand. Mit den jungen Leuten dort war ich ſehr ſelten in Berührung gekommen; ein⸗ mal waren ſie älter als ich, und dann glaubten ſie auch als Ritter von der Elle auf einer höhern Stufe der Ge⸗ ſellſchaft zu ſtehen, und behandelten uns ſo ziemlich von oben herab. Auch heute, als ich mit dem Doktor eintrat, ſteckten ſie die Köpfe zuſammen und verzogen ihre lang⸗ weiligen Geſichter, und einer fragte mich ziemlich ſpitz, was ich eigentlich zu kaufen gedächte, worauf aber der Doktor zu meiner nicht geringen Verwunderung mit lauter Stimme entgegnete:„Hören Sie, Junker vom Ladentiſch, ich muß es mir für die Zukunft verbitten, daß Sie meine Patienten ausfragen. Unſerem jungen Nachbar hier iſt heute Mittag— was war es denn eigentlich? ja, ein Oelfaß auf den Arm gefallen und hat ihm eine nicht unbedeutende OQuetſchung verurſacht, wogegen er meiner ärztlichen Hülfe bedarf. Sie ſehen alſo, junger Menſch, daß er nach den Leiſtungen Ihrer Elle nicht begierig iſt.“ Die Ladendiener ſahen mich verblüfft an und einige Käufer, die im Laden waren ſchauten ebenſo verwun⸗ dert auf den Doktor, der würdevoll durch das Gewölbe ſchritt und ſich hinten im Hausgang mit lauter Stimme bei der Magd erkundigte, wie viel Kranke während ſei⸗ ner Abweſenheit nach ihm gefragt hätten. Das Frauen⸗ zimmer lachte ihm in's Geſicht, ohne daß ſich der Doktor V V dadurch gekränkt fühlte, vielmehr ſchrie er noch lauter, daß man es deutlich vorne im Laden hören konnte:„So? alſo ſechs Stück Kranke, von denen zwei bettlägerig?“ Darauf ſtieg er ruhig die Treppe hinauf und ich folgte ihm. An ſeiner Stubenthür hing eine große Tafel, über der deutlich zu leſen ſtand:„Doktor Burbus, praktiſcher Arzt, iſt wegen ſeiner gielen Geſchäfte in der Stadt nur Morgens von acht bis zehn und Nachmittags von fünf bis ſieben anzutreffen. Bedürftige Perſonen werden un⸗ entgeltlich behandelt.“ Nach dem, was ich mir bisher vom Wiſſen und Können des Doktors vorgeſtellt und was mir mein College davon mitgetheilt, erwartete ich auf der Tafel keinen einzigen Namen zu finden, und verwunderte mich daher nicht wenig, als ich las:„Wann wird mich der Herr Doktor nach ſo vielen ſchriftlichen Ermahnungen endlich beſuchen? Kranz, Schneidermeiſter,“ und dar⸗ unter:„Der Herr Doktor ſeindt gebetten, doch nächſten Samſtag in ECichener Perſon bei mir herüber zu kommen. Die Waſcherin.“ Ferner hieß es noch:„Herrn Doktor“ wünſcht perſönlich und mündlich zu ſprechen Joachim Klotz, Schuhmachermeiſter. P. S. Von wegen der neuen Stiepeln, die fertig ſein.“—„Ei,“ ſagte ich, nachdem ich dieſe Epiſteln überflogen,„Sie haben ja ſchon eine ziemliche Praris und ordentliche Leute. Sind dieſe Pa⸗ tienten gefährlich krank? Den Schneider Kranz kenn' ich 90 er hat mir ſchon einen neuen Rock gemacht.“—„So?“ entgegnete der Doktor gleichgültig,„ja, ſie befinden ſich meiſt im letzten Stadium ihrer Krankheit; ja wohl— es hilft bei ihnen nichts mehr, ich habe ſie ſo ziemlich Alle aufgegeben.“ Wir traten in das Zimmer, das mir von geſtern Nacht her noch ſehr gut im Gedächtniß war; aber heute, beim ſpärlichen Licht, das durch das einzige Fenſter her⸗ ein fiel, ſah es noch viel düſterer und unheimlicher aus. Während ich nach des Dokters Aufforderung meinen Bericht über die heutigen Ereigniſſe fortſetzte, ſah ich mich neugierig um. Das Skelett hatte die Mütze des Doktors auf dem Kopf und der grüne Sämmtling hing um ſeine Schultern; zwiſchen den Zähnen hielt es eine lange Pfeife, und das Talglicht, das der Knochenmann in der Hand trug, war ſo herabgebrannt, daß die Finger vom Feuer geſchwärzt waren. Auf Tiſch und Stühlen herrſchte maleriſche Unordnung; hier lag ein zerbrochenes Rapier, dort ein paar beſchmutzte Bücher und andere Papiere. Am Fenſter lehnte noch das Brett, auf dem ich geſtern Nacht herüber gerutſcht, und es ſchien mir intereſſant, beim Tageslicht den Abgrund zu betrachten, über dem ich geſchwebt, ſo wie das Fenſter meines Schlafzimmers gegenüber. Kaum aber hatte ich einen Blick hinübergeworfen, ſo fuhr ich zurück, denn ich er⸗ blickte drüben meinen Collegen Philipp und neben ihm 4 * 3 die ohnmächtige Jungfer Barbara, die aber jetzt nicht mehr ohnmächtig war; Beide lehnten vertraulich an meinem Fenſter. Der gute Philipp, ohne Zweifel durch die letzte unerhörte Schandthat, die ich an unſerer Haus⸗ jungfer verübt, auf's Aeußerſte gegen mich erboſt, machte Geberden, die mir deutlich ſagten, daß er der ehrwürdigen Schweſter unſeres Prinzipals meinen Beſuch beim Doktor mit allen ſeinen Folgen, als da waren die Rutſchpartie und meinen Krankheitszuſtand von heute Morgen, erzählte. Der Doktor, der hinter mir ſtand und ſich eine Pfeife ſtopfte, merkte ſo gut wie ich, daß ich in Anklageſtand verſetzt wurde, und trat raſch vor, wobei er mit ſeiner ſtarken Figur das ſchmale Fenſter ſo aus⸗ füllte, daß ich ungeſehen von außen zwiſchen ſeinen Ar⸗ men durch deutlich und zu meiner großen Freude den Schrecken der Jungfer Barbara und Philipps ſehen konnte, als ihnen Herr Burbus einen guten Abend hin⸗ über ſchrie. Die Dame wollte ſich alsbald zurückziehen, aber der Doktor fuhr raſch fort:„O weilen Sie doch in meiner Nähe, Holdeſte Ihres Geſchlechts! Blümlein von Sheriods Heide, weßhalb willſt Du verſchwinden, da kaum der perlende Nachtthau Deine Blätter benetzt hat? Und Sie, freundlicher Nachbar,“ wandte er ſich an Philipp, „theuerſter Junker vom Oelmaaß, edler Cavalier vom erſten. Stock, es drängt mich, ein angenehmes Zwiege⸗ ſpräch mit Ihnen zu halten. Deßhalb erſuche ich Sie 92 höflich, zu bleiben, ſonſt werde ich eine Geſchichte hin⸗ ausſchreien in die Welt, eine Geſchichte— nun, Sie verſtehen mich ſchon.“ Barbara wurde vor Zorn bald blaß, bald roth, aber ſie mochte ſich vor dem Gebrülle des Doktors fürchten, und verließ das Fenſter nicht.—„Aber was wünſchen . Sie denn von mir?“ ſagte Philipp kleinlaut.—„Tapfe⸗ rer Don,“ entgegnete der Doktor,„als Arzt bin ich Phyſiognom, und aus Ihren Mienen, die beiläufig ge⸗ ſagt, erbärmlich genug ſind, erſah ich deutlich, welche Geſchichten Sie den keuſchen Ohren der Jungfer Barbara erzählten. Aber warum wollen Sie Andere anſchwärzen, da Sie mich ja ſelbſt zum öftern auf dieſem unſichern, ja ſchwankenden Pfade des Laſters mit Ihrem Beſuche beehrt haben? Auch Sie halfen mir ja manches gute Glas Punſch austrinken und verließen mich darauf in einem Zuſtande, der füglich ein ſehr erheiterter genannt werden konnte.“ Hatte Jungfer Barbara bisher ſchon grimmig drein. geſchaut, ſo zog ſie bei dieſer Ausſage wider Philipp ihre Augen und Mundwinkel noch enger zuſammen. Der Unglückliche wagte nicht einmal zu läugnen, er fürchtete,. der ſchreckliche Nachbar möchte noch mit Anderem heraus⸗ rücken, mit Anderem, viel Schlimmerem, was einſtens bei einem ſolchen Beſuch im Zimmer des Doktors vor⸗ gefallen war. O hätte Barbara in dieſem Augenblick 93 ihren Zorn verſchluckt, und wäre vom Fenſter zurückge⸗ treten, ſtatt daß ſie dem Doktor ziemlich unverblümt ſagte: wenn ſich auch Philipp wirklich eine Uebereilung habe zu Schulden kommen laſſen, ſo ſei er wahrſcheinlich von ihm verführt worden; was aber meine Perſon be⸗ treffe, ſetzte ſie mit erhobener Stimme hinzu, ſo ſei ich einer der vielverſprechendſten jungen Taugenichtſe, die es gebe. Das war zu viel für meinen Freund, den Doktor; er griff mit der Hand hinter ſich, erwiſchte eine alte, roſtige Piſtole, die an einem Nagel neben dem Fenſter hing, und richtete ſie plötzlich auf Philipp, mit dem fürchterlichen Schwur, er wolle ihm, ſo wahr die Piſtole mit zwei Kugeln und einigem gehackten Blei geladen ſei, den Hirnkaſten damit zerſchmettern, wenn er nicht augenblicklich der Wahrheit die Ehre gebe und bekenne, ob er ihn verführt, oder ob ihn nicht vielmehr zwei ſchwarze glänzende Augen magnetiſch angezogen. Die Weiber haben in ſolchen Dingen einen merk⸗ würdigen Scharfſinn; kaum hatte der Doktor der beiden ſchwarzen Augen erwähnt, ſo errieth Jungfer Barbara den Zuſammenhang. Einen Augenblick wartete ſie, ſchwan⸗ kend zwiſchen Furcht und Hoffnung, ob nicht der un⸗ glückliche Philipp dieſe Anklage mit den fürchterlichſten Eiden von ſich weiſen werde. Mochte ihn nun aber das Bewußtſein ungeheurer Schuld, oder die fürchterliche 94 Waffe drüben mit Entſetzen lähmen, genug, er ſenkte ſein Haupt und ſchwieg. „Philipp!“ ſagte jetzt Jungfer Barbara; aber ſie ſprach dieſes einzige Wort in einem Tone, daß es klang, als ſpräche Vater Thibaut:„Antworte bei dem Gott, der droben donnert: gehörſt du zu den Heiligen und Reinen?“ Und Philipp ſenkte ſein Haupt noch tiefer und ſchwieg. Da raffte ſich Barbara zuſammen und verließ verzweiflungsvoll das Fenſter, und plötzlich verſchwand auch Philipp. Eilte er ihr nach oder drückte ihn die Größe der Schuld auf den Boden nieder? Doktor Bur⸗ bus aber erhob ſich im Fenſter in ſeiner ganzen Majeſtät und Größe und donnerte der Enteilenden nach:„Car⸗ dinal, ich habe das Meinige gethan, thun Sie das Ihre!“ Drauf zog auch er ſich vom Fenſter zurück, warf ſich auf einen Stuhl und konnte vor dem ausgelaſſenſten Gelächter lange nicht zu ſich ſelber kommen. Wenn ich auch nicht ſo ganz mit mir im Reinen war, was es mit den ſchwarzen glänzenden Augen des Doktor Burbus für eine Bewandtniß habe, ſo ſetzte ich mir doch etwas in meinen Gedanken zuſammen, was der Wahrheit ſo ziemlich nahe kam.— Während der Doktor in die Ecke ging, um ſich ſeines feſtlichen Anzugs zu entledigen, ſah ich mich auf dem Tiſch um und erblickte, halb von Tabacksaſche und angebrannten Fidibus bedeckt, ein Heſft 95 mit der Ueberſchrift: Tagebuch des Doktor Burbus⸗. Auch ich hatte einſt Tagebücher führen müſſen, ein Geſchäft, das für mich zu den allerſchwierigſten gehörte. Da ſollte man lange Seiten voll ſchreiben über die Spaziergänge, die man gemacht, über das, was man in den verfloſſenen Tagen Alles gelernt u. ſ. f. Da aber, offenherzig geſtanden, des Gelernten bei mir eben nicht viel war, ſo füllte ich die meiſten Seiten meines Tage⸗ buchs aus wie folgt: den 16. fiel nichts beſonders Merk⸗ würdiges vor. Ich war nun aber wirklich begierig, womit ein Mann von der Erfahrung und Gelehrſamkeit des Doktor Burbus ſeine Denkblätter gefüllt haben mochte. Nachdem ich ihn höflich um Erlaubniß gebeten, öffnete ich das Buch und war ſehr erſtaunt, als ich ſah, daß es zum größten Theil aus unbeſchriebenem Papier beſtand⸗ Ich meinte, es ſei ein erſt vor kurzer Zeit neu angefan⸗ genes Tagebuch, aber die Jahreszahl auf der erſten Seite zeigte mir, daß es wenigſtens zehn Jahre alt war, und für die lange Zeit hatte der Doktor ſehr wenig hinein⸗ geſchrieben. Auf der erſten Seite ſtand die Erzählung eines ſehr fidelen Abends, der mit einer ſoliden„Holzerei“ geendigt. Ein halbes Jahr ſpäter kam die Bemerkung: „Von heute gewöhnte ich mir an, auf jede Aeußerung eines Andern zu erwidern:„das iſt ſehr mittelmäßig.“ Einige Zeit darauf geſteht er, daß er dieſe Phraſe ab⸗ geändert und Alles„impossible“ gefunden; weiterhin fand er Alles ganz claſſiſch, und endlich wurde der Kernſpruch Mode:„Auf Ehre, ganz famos!“ Zwiſchen dieſen Notizen waren hie und da Blätter herausgeriſſen und zuweilen Bier⸗ und Weinrechnungen oder auch 6 Waſchzettel hinein geſchrieben. Als ich die beſchriebenen Blätter hinter mir hatte und ſchon glaubte, es ſei Alles zu Ende, kam ich an eine Seite, wo der Vers zu leſen war: Nimm meinen Rath in kluges Ohr Und ſchmücke die alte Schenke, Steck' einen grünen Buſch vor's Thor Und rüſte friſches Getränke.. Dann hieß es;„zweiter Weihnachtstag, heute begann das Bier außerordentlich gut zu werden, Abends Rauſch — am ſiebenundzwanzigſten: Morgens Katzenjammer, Abends Rauſch, am achtundzwanzigſten: Morgens Katzen⸗ jammer, Abends Rauſch, am neunundzwanzigſten und dreißigſten desgleichen, am einunddreißigſten: Morgens Katzenjammer, Mittags eine kleine geiſtige Erheiterung, nachher gelinder dito, Abends einen äußerſt großartigen Sylveſter⸗-Rauſch.— Am erſten Januar, nachdem ich mir zum Neuen Jahre gratulirt, eine berühmte Schrift des unſterblichen Sieben geleſen, die mir N. geliehen: „der Katzenjammer heilbar!“ Ich ſchöpfte daraus viel Nützliches.“ Damit waren die Bekenntniſſe einer ſchönen Seele — zu Ende; wenn auch hie und da einige Federſtriche und Dintenklekſe einen Verſuch anzeigten, den Faden des merkwürdigen Erlebten wieder aufzunehmen, ſo war es doch beim Gedanken geblieben, denn es fand ſich nichts mehr vor. Allermittelſt hatte der Doktor ſeinen grünen Sammt⸗ rock wieder angezogen, und nachdem ich noch einen Blick hinübergeworfen hatte auf das Reißmehlſche Haus, ver⸗ ließen wir das Zimmer. Der Doktor wiſchte auf ſeiner Tafel die drei unheilbaren Patienten aus, und wir eilten, ich zu meiner Großmutter, er in ſeinen Klub, wo ſich, wie er verſicherte, die geiſtreichſte Geſellſchaft der ganzen Chriſtenheit zuſammenfand. Familienrath. Ich erreichte das Haus meiner Großmutter, als es gerade anfing dunkel zu werden. Auf der Straße wur⸗ den mit vielem Geräuſch die Laternen herabgelaſſen, an⸗ gezündet und wieder hinaufgezogen, ein Manöver, dem ich in meiner Kindheit immer mit großem Vergnügen zugeſehen. Als ich in den Laden meiner Tante trat, kam ſie gerade mit einem Licht aus der Stube und mußte, vom Schein geblendet, die Hand vor das Auge halten, um mich zu erkennen. Nicht ohne Herzklopfen, aber äußerlich ganz ruhig, bot ich ihr einen guten Abend und begab mich in das Zimmer der Großmutter, die eben damit beſchäftigt war, einen großen grünen Schirm auf einer Lampe zu befeſtigen. Zu meiner großen Freude erblickte ich auch die Jungfer Schmiedin, die an der an⸗ dern Seite des Tiſches ſaß und ein Stück Zeug vor ſich 5 ausgebreitet hatte, von dem ſie mittelſt eines Papier⸗ 99 modells eifrigſt ein Stück herunter ſchnitt. Es war im Stübchen recht angenehm; auf unſere Dachkammer wurde uns kein Holz mehr zum Einheizen geliefert, da es ſtark auf's Frühjahr losging; aber die Großmutter hatte am kühlen Abend ein Feuerchen anmachen laſſen, welches das Zimmer behaglich erwärmte, und auf dem Ofen lagen einige Aepfel, die anfingen zu praten und unter ſinnigem Kniſtern und Pfeifen einen angenehmen Duft verbreiteten. Die beiden. Damen bemerkten mich Anfangs gar nicht. Großmutter war in ihr Geſchäft ſo vertieft, daß ſie nicht einmal auf Jungfer Schmiedin zu hören ſchien, die in leiſen, ſanften Worten etwas ſprach, was ich nicht verſtand. Aber es mochten fromme Betrachtungen ſein, um welche ſich die Unterhaltung drehte, denn als der Lichtſchirm befeſtigt war und die Großmutter die Brille des Generals auf ihre Naſe geſetzt hatte, lehnte ſie ſich in ihren Stuhl zurück, ſchlug die Hände über einander und ſagte:„Ja, ja, Schmiedin, ſelig ſind, die reines Herzens ſind, denn ſie werden Gott ſchauen.“— Jetzt, dachte ich, iſt es Zeit, und riß mit einem lauten:„Guten Abend, Großmutter!“ den Faden der frommen Unter⸗ haltung auf einmal entzwei. „So, du biſt auch wieder einmal da?“ ſagte die Frau und hob ihren Lichtſchirm in die Höhe, um mich anzuſehen; die Schmiedin aber blickte freudig von ihre 7* 4 190 Arbeit auf und lächelte mir herzlich zu, während ſie mir einen Stuhl an den Tiſch ſchob, auf welchem ich mich zögernd niederließ. Es war mir gar nicht behaglich zu Muth; denn wenn ich mit dem herausrückte, was mich heute Abend hieher führte, ſo unterbrach ich die feierliche Stimmung, in der ſich beide Frauenzimmer be⸗ fanden, doch auf eine gar zu unangenehme Art. In⸗ deſſen ſchien die Großmutter ſehr gut gelaunt, denn ſie citirte Anfangs keine Sprüchwörter, ſondern fragte la⸗ chend, ob ich dem klugen Gott Mercurius ſchon Einiges von ſeinen Kniffen und Pfiffen abgelernt? Auch erkundigte ſie ſich nach dem Befinden des Herrn Reißmehl und nach dem Wohlſein der Jungfer Barbara, wobei ich mit Freuden bemerkte, daß, wie ſie dieſe Namen ausſprach, die Schmiedin ein wegwerfendes, verdrießliches Geſicht machte. Aha, dachte ich bei mir, hier iſt es an der Zeit, einen Nothanker auszuwerfen. Nachdem ich die Groß⸗ mutter verſichert, daß ſich Herr Reißmehl ſehr wohl be⸗ finde, ſetzte ich hinzu:„Was aber die Jungfer Barbara betrifft, ſo iſt es mir ſehr gleichgültig, wie es ihr geht, denn, Großmutter, eine boshaftere Perſon als ſie können ſie ſich nicht denken.“ Bei dieſen letzten Worten ſah ich die Schmiedin an; ihr Geſicht ſtrahlte vor Freude. „Ja,“ fuhr ich fort und nahm einen Ton an, als ſei mir das Weinen näher als das Lachen, ja, Jungfer Barbara quält mich den ganzen Tag und ich ſag es 101 Ihnen gerade heraus, Großmutter, daß ich's bei Herrn Reißmehl ſchwerlich länger aushalte.“ Die alte Frau war über meine plötzliche energiſche Aeußerung ſo erſtaunt, daß ſie mich eine Zeit lang anſah, ehe ſie ein Wort ſprechen konnte. Die Schmiedin aber ſing leiſe an zu ſchluchzen und konnte kaum die Worte hervorbringen: „O Gott, o Gott, Frau Paſtorin, ich habe es Ihnen ja geſagt, ich habe es ja geſagt! Nur nicht in das Reiß⸗ mehlſche Haus, das ſchon von außen ſo finſter und un⸗ heimlich ausſieht! Ach, der arme Schelm!“—„Ei was,“ entgegnete meine Großmutter, nachdem ſie ſich von ihrem Erſtaunen erholt,„was, armer Schelm! Ich bitt' Sie recht ſehr, Jungfer Schmiedin, beſtärk' Sie den Jungen nicht in ſeinen bösartigen Aeußerungen über eine ſo achtbare Perſon, wie die Jungfer Barbara Reißmehl!“ —„Achtbare Perſon!“ jammerte die Schmiedin.„Ach, Frau Paſtorin, ich könnte Ihnen eine Geſchichte erzählen — doch, ich ſchweige,“ ſetzte ſie hinzu,„ja ich will ſchweigen und er ſoll erzählen, wie ihn die Jungfer Barbara behandelt.“ Das ließ ich mir denn auch nicht zweimal ſagen und erzählte all die kleinen freundſchaftlichen Rencontres mit Barbara, in die ich durch Fanny, durch Philipp, durch die krampfſtillende Medicin und durch Doktor Burbus verwickelt worden. Daß ich die Farben etwas ſtark auftrug, kann man ſich leicht denken, und damit ent⸗ * 102 ſtand ein ſo grelles Bild vom Charakter der böſen Jungfer, daß die Großmutter ernſthaft den Kopf ſchüt⸗ telte und meine Tante, die unterdeſſen auch eingetreten war, mehreremale ſagte:„Ah, das iſt ſtark! das iſt ſehr ſtark!“ Aber die Schmiedin erſt— die lachte und weinte durcheinander; jetzt erpreßte ihr mein trauriges Schickſal die herbſten Thränen, und gleich darauf triumphirte ſie, daß ſie ſich in Jungfer Barbara nicht geirrt. Ich er⸗ mangelte auch nicht mit einzuflechten, daß ich im Ge⸗ ſchäft des Herrn Reißmehl ſo gut wie gar nichts lerne, daß nichts anders vorkomme als Kaffee und Zucker wiegen u. ſ. f.„Und deshalb,“ ſchloß ich meine Klage, „will ich eben ſo gern Schneider werden, als noch länger im Hauſe dort bleiben, wo es ohnehin ſo unheimlich iſt, daß man nicht anders glauben kann, als es müſſe ein Geiſt umgehen.“ Für dieſe letzte Aeußerung warf mir die Schmiedin einen ſehr dankbaren Blick zu; ſie nahm meine Ver⸗ theidigung mit einer Zungenfertigkeit auf und unterſtützte meinen Wunſch, das Reißmehlſche Haus zu verlaſſen, mit ſo triftigen Gründen, daß ſich am Ende Großmutter und Tante beſtimmen ließen, vorläufig ihre Einwilligung zu geben, wenn nämlich der Vormund nichts dawider habe.— Wer war glücklicher als ich, daß dieſer Sturm ſo gut vorübergegangen war! Während des Nachteſſens wurde ich ſo keck, daß ich, allerdings vorſichtig, anfing . 5 3 von der Skelettgeſchichte zu erzählen, was die ganze weib⸗ liche Geſellſchaft, die mir aufmerkſam zuhörte, ſo ergötzte, daß ſie, einſchließlich meiner Großmutter, laut auflachten. Im Eifer des Geſprächs war es ſpät geworden, und nachdem mir meine Großmutter feſt verſprochen, gleich morgen früh dem Vormund zu ſchreiben und ſo meine Löſung aus den Reißmehlſchen Banden zu erlangen, ſtand ich auf, um mich zu empfehlen. XI. Das heinliche Gericht. Es war hohe Zeit, daß ich mich nach Hauſe verfügte; die Uhren ſchlugen alle die eilfte Stunde, und wenn ich auch noch ſo genau nachzählte, es hatte ſich keine geirrt. Der Himmel, der Abends bewölkt geweſen, hatte ſich aufgeklärt, aber es war um ſo kälter geworden, und es fror ſtill vor ſich hin. Die Waſſerlachen auf der Straße waren mit einer dünnen Eisdecke überzogen und knarrten unter meinen Fußtritten. Aus den Wirthshäuſern ka⸗- men zahlreiche Gäſte, da mit der Polizeiſtunde die Lichter gelöſcht werden mußten, und nur in großen Gaſthöfen und geſchloſſenen Geſellſchaften war Alles noch munter und lebhaft. Ich kam aus den größern Straßen in die kleineren winklichten des Stadtviertels, wo wir wohnten; da gewahrte ich plötzlich an einer Seite der Häuſer fünf bis ſechs Leute, die leiſe zuſammen lachten und mit etwas beſchäftigt ſchienen. Was mochte es ſein? —y ——* Als ich genauer hinſah, bemerkte ich, daß ſie vor einer großen Putzwaarenhandlung ſtanden⸗ Einer trug auf der Schulter ein langes Brett und ein Anderer ſchwang ſich auf die Fenſterbrüſtung, nahm dem Erſten das Brett ab und befeſtigte es oberhalb der Thür, was Alles in weniger als einer Minute geſchehen war. Dann traten ſie vor das Haus hin und betrachteten mit unterdrücktem Gelächter ihr Werk. Gar zu gern hätte ich gewußt, was die Leute eigentlich machten, und ich blieb nicht nur ſtehen, ſondern trat einen Schritt näher. Auf einmal wurde mich einer gewahr und alsbald kamen ihrer zwei auf mich zu, die in Manieren und Ausſehen überraſchende Aehnlichkeit mit meinem Freunde, dem Doktor Burbus hatten. Sie fragten mich eben nicht höflich, was ich hier zu ſchaffen habe; ich gerieth in einen Wortwechſel mit ihnen. Eben hatte mir einer die Mütze vom Kopfe geriſſen, als auch die Andern, die bisher im Schatten des Hauſes geblieben waren, in die Mitte der Straße eilten, und es wäre mir vielleicht ſchlecht ergangen, wenn nicht plötzlich eine mir wohl bekannte Baßſtimme die Worte ausgerufen hätte:„Ci, ei, das iſt ja mein Freund Patient! Ladenjüngling, woher des Weges?“ Ich war hoch erfreut, den Doktor hier zu ſehen, und beklagte mich über das Benehmen ſeiner Herrn Kame⸗ raden. Der Doktor gab mir halb und halb Recht; er ſtellte mich der ganzen ehrenwehrten Geſellſchaft vor und verbürgte ſich für meine gute Aufführung, worauf mir erlaubt wurde, mitzuziehen und fernerhin am großarti⸗ gen„Ulken“ Theil zu nehmen. Dieſes Wort war mir ganz fremd. Um mir einen Begriff davon zu geben, führte mich der Doktor an das Haus, vor welchem ich die Geſellſchaft gefunden, und ich ſah nun, daß die Herrn neben dem Schild mit⸗ der Aufſchrift: Putzwaaren⸗ handlung, ein anderes hingepflanzt hatten, auf dem zu leſen ſtand:„Suſanne Kehricht, privilegirte Hebeamme.“ — Was aber das fernere Ulken betraf, ſo hatte der Him⸗ mel ein Einſehen; dichte Wolken, die der Wind auf einmal über unſern Häuptern zuſammengeweht hattte, legten ſich in's Mittel und ſandten ein mit Regen vermiſchtes Schnee⸗ geſtöber herab, das den Aufenthalt auf den Straßen ſehr unangenehm machte, weßhalb beſchloſſen wurde, ru⸗ hig nach Hauſe zu ziehen und allenfalls mitzunehmen, was ſich von ſelbſt darböte. 3 So kam ich mit dieſer Geſellſchaft luſtiger Brüder in die Gegend des Reißmehlſchen Hauſes, und meine Beſorgniß, wie ich zu ſo ſpäter Stunde in's Haus kom⸗ men ſollte, war nicht gering. Als wir beim Soldaten mit der langen Naſe vorbei kamen, hörten wir plötzlich zu den Füßen des ſteinernen Kerls ein heiſeres Bellen, worauf der Doktor eilig mit der Hand hingriff, ſie aber haſtig zurückzog, indem er verſicherte, es habe ihn etwas in die Finger gebiſſen. Jetzt wurde die Sache genauer ——— Doktor wollte den Hund mit nach Hauſe nehmen, um unterſucht, und da fand es ſich denn, daß es Fanny wat, unſer alter, feiſter Mops, der Gott weiß durch welche Tücke des Schickſals, ausgeſchloſſen war, um die Nacht hier in Schnee und Regen zu verbringen. Hätte Jung⸗ fer Barbara auf ihrem weichen Lager das ſchreckliche Ge⸗ ſchick ihres Lieblings gewußt, ſie hätte kein Auge geſchloſ⸗ ſen; und erſt Philipp! ich wan überzeugt, ſein Schlaf wurde von ſchaurigen Ahnungen durchzogen. Was den Prinzipal betraf, ſo ſetzte ich beſtimmt voraus, er ſei noch nicht zu Hauſe; er müßte das Jammergeſchrei des Hun⸗ des ſo gut wie wir gehört und den Liebling mit herein⸗ genommen haben. Unterdeſſen hatte der Doktor aus ſeinem Schnupf⸗ tuch eine Schlinge gemacht, hatte ſie dem Hunde um den Hals geworfen und zerrte ihn hervor. Vergebens bat ich, ſeiner zu ſchonen; der Doktor erzählte den An⸗ dern, wie ich eigentlich um dieſes Hundes willen die Gunſt des Prinzipals verſcherzt habe; ferner trug er vor, dieſer feiſte Mops ſei der Liebling ſeiner beiden Todfeinde, der Jungfer Barbara und Philipps, und er müſſe exem⸗ plariſch gezüchtigt werden für die Frechheit, Abends ſo ſpät aus dem Hauſe zu gehen. Darauf hielt die Geſell⸗ ſchaft einen kurzen Kriegsrath und der armen Fanny wurde förmlich das Todesurtheil geſprochen. Nur konnte man ſich nicht gleich über die Todesart einigen. Der 108 zum Beſten der Menſchheit, wie er ſich ausdrückte inter⸗ eſſante Verſuche mit Blauſäure an ihm zu machen, wo⸗ gegen ſich aber ein Juriſt heftig ausſprach, indem er be⸗ hauptete, Hinrichtungen mittelſt Gift ſeien gänzlich aus der Mode gekommen und er ſtimme vielmehr dafür, daß Delinquentin gehenkt werde. Da dieſe Anſicht des Juriſten den Andern einleuchtete und Doktor Burbus ſich überſtimmt ſah, ſo bat er ſich wenigſtens aus, daß Fanny am ſteinernen Soldaten ge⸗ henkt werde; auch hiegegen proteſtirten die Andern als eine Verletzung des Reſpekts gegen den alten gedienten Kriegsmann. Als aber einer im Uebermuth rief:„A la lanterne!“ brüllten die Andern dieſes ſchreckliche Wort nach, und zwei machten ſich gleich daran, den Laternen⸗ kaſten aufzubrechen und den Strick zu löſen, worauf die brennende Straßenlaterne langſam und feierlich her⸗ abſchwebte. Soweit hatte ich die Verhandlungen kommen laſſen, aber in dieſem entſetzlichen Augenblick ſprang ich dazwi⸗ ſchen, ergriff den Hund bei einem Bein und erklärte Angeſichts des ſchauerlich leuchtenden Galgens, daß ich den Tod des Hundes nimmermehr zugeben würde. Ich ſprach eifrig und lange verwirrtes Zeug durcheinander und weiß mich nur noch zu erinnern, daß ich unter Anderem ſagte, ich werde nöthigenfalls laut ſchreien und die Polizei zu Hülfe rufen. Dieſe letzte Drohung ſchien 4 —- zu wirken. Zuerſt trat Doktor Burbus lachend auf meine Seite, indem er erklärte, er wolle ſich eine an⸗ dere Strafe gefallen laſſen, aber Züchtigung müſſe ſtatt⸗ finden. Nach und nach traten ihm die Andern bei, bis auf den Juriſten, der hartnäckig behauptete, es ſtehe ſelbſt dem Gerichtshofe nicht zu, die einmal ausgeſpro⸗ chene Todesſtrafe willkührlich in eine andere zu verwan⸗ deln. Er wurde aber überſtimmt, und als jetzt der Doktor vorſchlug, man ſolle das Licht in der Straßenlaterne auslöſchen, den Hund lebendig einſperren und dann die ganze Maſchine wieder hinaufziehen, wurde dieß mit Jubel aufgenommen und ſogleich ausgeführt. Fanny wurde, nachdem die Lampe ausgeblaſen worden, in die ſehr geräumige Laterne eingeſchloſſen, in die Höhe gezo⸗ gen und ihrem Schickſal überlaſſen. Während dieſes heimlichen Gerichts gab der Himmel in Einem fort ſein Mißfallen zu erkennen über die Un⸗ that, die wir begingen. Es ſtürmte, unaufhörlich und wir waren von dem Schnee und Regen, der herabſtrömte ganz durchnäßt. Ueber unſern Häuptern ſchaukelte ſich ächzend die Straßenlaterne, und der Hund in derſelben, von der ungewohnten Bewegung geängſtigt, nahm ſeine letzten Kräfte zuſammen und brach in ein Geheul aus, das ſchauerlich durch die öden Straßen hallte. Jetzt trennte ſich die Geſellſchaft und ich ließ mich vom Doktor über⸗ reden, mit ihm in ſein Zimmer zu gehen, um von dort 110 über das Brett in mein Fenſter zu gelangen.— Kaum waren wir in den Schatten ſeines Hauſes getreten, ſo hörten wir durch die Straße herauf Tritte, und im Manne, der auf das Behutſamſte auf uns zukam und mit der größten Sorgfalt die Kothlachen vermied, er⸗ kannte ich alsbald meinen Prinzipal, den Herrn Reiß⸗ mehl, der aus ſeinem Club nach Hauſe kam. Auf ein⸗ mal blieb er mitten in der Straße ſtehen, drehte ſei⸗ nen Regenſchirm etwas auf die Seite und horchte in die Höhe; er hatte die Klagelaute Fannys vernommen. Nachdem er ſich nach allen Richtungen umgeſehen, ohne etwas zu entdecken, glaubte er, er habe ſich geirrt und trat ruhig an die Thür des Ladens. Aber kaum hatte er das Schloß geöffnet, als Fanny auf's Neue in den kläglichſten Tönen ihre Anweſenheit kund gab. Der Prinzipal that jetzt einen Schritt in die Straße hinein und ſchaute aufmerkſam an ſeinem Hauſe empor. Aber da war Alles finſter und ſtill. Ich bemerkte deutlich, wie er endlich kopfſchüttelnd in's Haus trat. Wir ſchlichen hinzu und ſahen durch den Fenſterladen, wie der Herr Reiß⸗ mehl in ſeiner Schreibſtube das Licht anzündete. Jetzt, dachten wir, wird er nach dem Lager Fannys ſehen und den Hund mit Schrecken vermiſſen. Richtig, ſo war es auch, und nun ſahen wir ihn eilig wieder in die Thüre treten und mit dem Lichte hinausleuchten. Aber ein Windſtoß, der durch die Straßen heulte, bließ ihm die —,.,— —— —,— Kerze aus und bewegte die Laterne in heftigeren Schwin⸗ gungen, worauf der Hund jämmerlicher als je zu heulen begann. Da aber jetzt der Prinzipal auf's Neue ſein Licht anzündete und die Treppe hinauf ging, wahrſcheinlich um Fanny oben zu ſuchen, wobei er vielleicht auch auf unſer Zimmer kommen konnte, ſo bat ich den Doktor, mit mir hinauf zu eilen, damit ich vorher mein Fenſter und mein Bett gewinnen könnte. Er ſchloß die Thür auf, wir tappten eilig die Treppe hinan und traten in ſein Zimmer. Ich ging an's Fen⸗ ſter, um das Brett hinauszuſchieben, und bemerkte, daß ſich der Prinzipal mit dem Lichte im erſten Stock befand und jetzt in das Schlafzimmer der Jungfer Barbara trat. Ich ſchob das Brett hinaus bis in mein Fenſter, das glücklicherweiſe geöffnet war. Der Doktor hielt das eine Ende feſt und ich ſetzte mich rittlings darauf, um lang⸗ ſam vorwärts rutſchend den Hafen zu gewinnen. Doch mit des Geſchickes Mächten Iſt kein ew'ger Bund zu flechten, Und das Unglück ſchreitet ſchnell. Wahrſcheinlich hatte der Prinzipal ſeine Schweſter mit der Trauerbotſchaft, Fanny ſei verſchwunden und er höre ſie in der Luft irgendwo kläglich ſchreien, aus ihrem ſüßen jungfräulichen Schlummer gerüttelt. Sie war im erſten Schrecken dem Bett entſprungen, um ſelbſt nach dem Liebling auszuſpähen; denn plötzlich hörte ich unter mir ein Fenſter öffnen und Schön wie der Mond, der nächtig einſam wallt, erſchien ſie mit brennendem Licht am Fenſter, wohl in der Meinung, der Mops liege am Boden zwiſchen den beiden Häuſern. Was ſollte ich thun? In der erſten Angſt verſuchte ich ungeſchickterweiſe zum Doktor zurück zu rutſchen. Waͤr' ich nur ruhig auf dem Fleck geblieben, ſo hätte ſie mich vielleicht nicht bemerkt. Aber auf ein⸗ mal vernahm ſie das Krachen des Brettes, blickte in die Höhe, und als ſie da zwiſchen Himmel und Erde eine Figur ſchweben ſah, kreiſchte ſie:„Mörder! Diebe!“ ließ vor Schrecken das Licht zwiſchen die Häuſer hinabſtürzen und verſchwand vom Fenſter. 8 Ob dieſem plötzlichen Zuſammentreffen mißlicher Um⸗ ſtände wäre ich faſt dem Licht gefolgt. Indeſſen hielt ich mich am Brette feſt und begann eifrig meinem Fenſter zuzurutſchen. Schon hatte ich es erreicht und ſaß vor demſelben, als die Thür des Nebenzimmers haſtig auf⸗ geriſſen wurde. Der Prinzipal, mit einem roſtigen Schwerte bewaffnet, ſtürzte in mein Zimmer, hinter ihm Philipp im bloßen Hemde, einen Beſenſtiel in der Hand, und draußen auf dem Gange erblickte ich eine ganz fabelhafte Geſtalt, die wie Jungfer Barbara ausſah und krampfhaft das Treppengeländer umklammert hielt.— Dieſer Au⸗ genblick war der ſchrecklichſte meines Lebens. Hinter mi 113 ſtand der Doktor Burbus am Fenſter und lachte aus vollem Halſe, denn auch er konnte ungefähr bemerken, was vorfiel. Schon hatte der Prinzipal mich am Kragen gefaßt, als er erſt bemerkte, daß es ſein eigener Lehrling ſei, der das Haus in Allarm brachte. Konnte man es ihm übel nehmen, wenn er, anſtatt meinen Kragen los⸗ zu laſſen, mich nach dieſer Entdeckung unſanft in's Zim⸗ mer zog, mir mit dem roſtigen Schwerdte einige ziemlich fühlbare Ritterſchläge verſetzte und mich auf dieſe Art, wie es früher bei den Zünften Sitte war, feierlich von der Lehre losſprach? Philipp kreiſchte vor Entſetzen laut auf, und Jungfer Barbara an der Treppe drohte in eine lebensgefährliche Ohnmacht zu fallen, wenn ſie mit einem ſolchen Ungeheuer noch eine Nacht unter demſelben Dache verbringen müſſe, und verlangte, ich ſolle unverzüglich das Haus verlaſſen. Nach ſolchen Vorgängen war ich dies denn auch zu⸗ frieden, und obgleich mir der Prinzipal befahl, erſt mor⸗ gen mit dem Früheſten abzuziehen, hatte er mir nicht ſobald den Rücken gekehrt, als ich mich wieder vor's Fenſter hinausſchwang und auf meinem luftigen Wege zum Doktor Burbus zurückkehrte. Philipp, verſteinert ob all dem Ungeheuren, was geſchehen, ſah mir ſprachlos nach; ich rief ihm mit dem Abſchiedswort die Kunde zu, wo Fanny, der edle Mops, ſich befinde, und ſomit ſagte ich dem Reißmehlſchen Haus Valet auf immer. 114 12 XII. Fanny in der Laterne. Wie es in einem Vulkan nach einem gewaltigen Aus⸗ bruch erſt allmählich ruhiger wird, wie es im Innern fort⸗ während dumpf donnert und zuckende Blitze den Krater erleuchten, gerade ſo war es nach meinem Abgang durch das Fenſter im Reißmehlſchen Hauſe zum Herrn Doktor Burbus in den Gemächern des erſteren. Wie ein falber Blitz beugte ſich Philipp in ſeinem unentbehrlichen Klei⸗ dungsſtück weit hinleuchtend zum Fenſter heraus, um aus einem Ueberreſte kameradſchaftlicher Theilnahme in die Tiefe zwiſchen beiden Häuſern hinabzuſpähen, ob ich nicht da unten mit einigen zerbrochenen Gliedmaßen liege. Unten in den Zimmern der Jungfer Barbara wurde es bald hell, bald dunkel, und man konnte am Schatten, der zuweilen gegen die weiße Gardine fiel, ſehen, daß dieſe Würdige im Begriff war, ſich vollſtändig anzuklei⸗ den, wahrſcheinlich um ihren Liebling, die theure Fanny, des Hauſes und zogen ſich in das untere Stockwerk, und 115 8 eigenhändig aus der Laterne zu erretten. Der Prinzipal aber polterte die Stiegen hinauf und herab, und ganz gegen ſeine Gewohnheit ſprach er viel und ſo laut, daß ich im Zimmer des Doktors deutlich vernehmen konnte, wie er meiner Perſon nicht auf die ſchmeichelhafteſte Art erwähnte. Oben am Bodenfenſter wurde jetzt ebenfalls ein Licht ſichtbar, woraus ich ſchloß, daß die Magd ge⸗ weckt worden ſei. Alles deutete auf einen allgemeinen Ausfall, der aus dem Reißmehlſchen Hauſe unternommen werden ſolle, um das Thier zu befreien. Und ſo war es auch. Bald verſchwanden alle Lichter im obern Theil ich legte mich mit dem Doktor Burbus ſo weit wie möglich zu deſſen Fenſter hinaus, wo wir die Laterne nur eben in dunkeln Umriſſen erblickten, aber deſto deut⸗ licher das Aechzen der roſtigen Kette hören konnten, an welcher ſie hing, ſo wie ein ſchwaches Geſchrei, das Fanny. zuweilen ausſtieß. Jetzt öffnete ſich die Hausthür, ein Lichtſchimmer fiel auf die Straße und wir bemerkten zwei Geſtalten, wahr⸗ ſcheinlich der Prinzipal und Philipp, deren Eine unter die Laterne trat, während die Andre an das Käſtchen ging, in dem dieſelbe vermittelſt eines eiſernen Zacken⸗ rades hinaufgezogen und herabgelaſſen wurde. Mein edler College, der als ruhiger Staatsbürger wahrſcheinlich noch nie in den Fall gekommen war, 8* Laternenkaſten aufzubrechen, mochte mit dieſem ſchwierigen Geſchäfte nicht umzugehen wiſſen, und ſtatt vier Finger hinter den kleinen Laden zu legen, um mit einem kräf⸗ tigen Druck das ſchlechte Schloß aufzuſprengen, hörten wir durch die Stille, die ringsum herrſchte, wie er ver⸗ ſchiedene Schlüſſel probirte, von denen lange keiner paſſen wollte. Endlich aber mußte der Kaſten geöffnet ſein, denn wir hörten, wie ſich das Rad langſam drehte und die Laterne ſich herab bewegte. Sobald dieſelbe dicht über der Erde ſchwebte, ſtürzte eine weibliche Perſon aus dem Hauſe und öffnete nach einigen vergeblichen Ver⸗ ſuchen das ſchwere Gehäuſe, um den armen Hund ſeines gläſernen Gefängniſſes zu entlaſſen. Es war eine rüh⸗ vende Erkennungsſcene; Fanny heulte und Jungfer Bar⸗ bara ſchluchzte vor Wehmuth und Freude. In dieſem Augenblick hätte ich Philipp ſehen mögen, wie er in der kalten Nacht fröſtelnd am Laternenkaſten ſtand, indem er ſah, wie das Herz, das er liebte, mit der zarteſten Sorgfalt beſchäftigt war, den durchkälteten Mops im Buſentuche zu erwärmen. Eilig ſchlüpfte Barbara jetzt in's Haus zurück, der Prinzipal folgte und ließ dem armen Philipp allein das Geſchäft übrig, die ſchwere Laterne in die Höhe zu ziehen. Noch immer fegte der rauhe Wind durch die Straßen und pfiff zwiſchen den beiden Häuſern hindurch, ſo daß unſere Haare ſich lüfteten und wirr unſere Geſichter bedeckten. Im Reiß⸗ 1 117 mehlſchen Hauſe mußte eine Hinterthür offen geblieben ſein, wodurch im Gang ein ſtarker Zug verurſacht wurde; denn plötzlich hörten wir die Hausthür mit voller Ge⸗ walt zuſchlagen. Es konnte nicht anders als ein Zufall ſein; welche Urſache hätte Jungfer Barbara gehabt, den armen Philipp auszuſperren, der ſich längere Zeit ver⸗ geblich abmühte, die ſchwere Laterne in die Höhe zu winden. Ja, es iſt dies ein ſchweres Geſchäft, und ich warne jeden, der nicht gut damit umzugehen verſteht, beſonders in der Nacht, den Lampenputzern nicht in das Handwerk zu pfuſchen und keine Laterne herabzulaſſen, wenn er nicht genau weiß, wie die alte roſtige Winde zu handhaben iſt, um ſie ſpäter wieder in die Höhe zu ziehen. Während wir ſo im Fenſter lagen und manchen Seufzer Philipps belauſchten, manchen Ausruf der Un⸗ geduld, den ihm die vergeblichen Anſtrengungen erpreßten, fuhr der Doktor Burbus plötzlich in die Höhe und horchte aufmerkſam in die Nacht hinaus; ſein in dergleichen Dingen geübtes Ohr wußte ſehr gut, was ein leiſes Klirren und Schlürfen auf dem Straßenpflaſter zu be⸗ deuten hatte, das ich aus einer ganz unſchuldigen Urſache herleitete. Deſto größer war aber mein Schreck, als er ſich jetzt wieder zu mir herabbeugte und mir haſtig und mit einer gewiſſen teufliſchen Freude in's Ohr flüſterte:„Da kommt Polizei!“— Unglücklicher Philipp! harmloſeſter und unſchuldigſter aller Menſchen, die je im nächtlichen Dunkel eine Straßenlaterne herabgelaſſen, du biſt verloren! „Aha! glücklich erwiſcht!“ hörten wir jetzt eine Stimme rufen, in einem Tone, der ſo unverſchämt die Stille der heiligen Nacht unterbrach, daß man deutlich daraus abnehmen konnte, ſie müſſe nothwendig Einem angehören, der von Gottes Gnaden die Befugniß hat, auf der Straße laut zu ſchreien; und eine andere Stimme antwortete:„Na! endlich haben wir einmal dieſe Schlin⸗ gel! Vogel, man wird Ihn warm ſetzen!“ Durch die Dunkelhelt erblickten wir nur hie und da das Leuchten eines Epaulettes oder eines Säbels. Philipp, der wahrſcheinlich in dieſem Augenblicke vor Schrecken wie verſteinert war, mußte bei dieſer fürchterlichen Ueber⸗ raſchung die Handhabe des eiſernen Drehrades losgelaſſen haben; denn wir hörten, wie ſich dieſes von der Schwere der Laterne in Bewegung geſetzt, ächzend einige Male ſehr ſchnell umdrehte; dann erfolgte ein klirrender Fall auf das Straßenpflaſter: die Laterne war herabgeſtürzt und in tauſend Stücke zerbrochen. Doktor Burbus rief mir zu:„Hoho, ſie haben ihn erwiſcht! Unglückſeligſter Ladenjüngling, warum biſt Du nicht in Jeruſalem ge⸗ blieben!“ In dieſem Augenblick ſahen wir Philipp wie ein geſcheuchtes Reh dem Reißmehlſchen Hauſe zufliehen; doch ehe er die rettende Schwelle erreicht, hatte ihn die * 119— heilige Hermandad wieder erfaßt und begann ihn mit Gewalt fortzuſchleppen. Umſonſt heulte Philipp in den kläglichſten Tönen, er habe nichts verbrochen, er ſei Ge⸗ hülfe in der Reißmehlſchen Spezereiwaarenhandlung, um⸗ ſonſt öffnete die alte Magd, deren Licht der ſtarke Luft⸗ zug ausgelöſcht hatte und die ſich erſt ein neues anzün⸗ den mußte, die Hausthür und ſtieß beim Anblick, der ſich ihren Augen darbot, ein gellendes Zetergeſchrei aus, umſonſt ſchrie ſie nach Jungfer Barbara und dem Prin⸗ zipal. Ehe das würdige Paar in dieſer unheilvollen Nacht zum zweitenmal die nothwendigſten Kleidungsſtücke um ſich geworfen hatte und auf die Straße ſtürzte, war Philipp bereits hinweggeführt und ſein Hülfsgeſchrei zerriß der ſauſende Wind und brachte nichts zum Ohr der unglückſeligen alten Jungfer, die in ſtummer Ver⸗ zweiflung ihre Hände rang. 8 Bei meinem unfreiwilligen Ausſcheiden aus dem Reiß⸗ mehlſchen Hauſe hatte mir nicht ſo ſehr das Herz ge⸗ klopft, hatte ich nicht ſo ſehr moraliſches Unbehagen empfunden, wie jetzt, da ſich der unſchuldige Philipp in den Krallen der Juſtiz befand. Polizei! dieſes Wort ſchlug entſetzlich an mein Ohr und es durchrieſelte mich kalt. Ich war noch nie mit dieſem wohlthätigen Inſtitut in Berührung gekommen; aber die Eindrücke meiner frü⸗ heſten Kindheit lebten in mir auf. Wenn die Andro⸗ hung aller möglichen Strafen für Lärm und Unfug 120 vergeblich waren, ſo brauchte nur erwähnt zu werden, daß uns heute Abend die Polizei abholen werde, und wir waren mäuschenſtille. Ich konnte mir dieſe Leute im blauen Rock mit dem rothen Kragen, im großen Hut und ein ſpaniſches Rohr in der Hand, nur in Verbin⸗ dung denken mit einem ſchmuzigen, kellerähnlichen Loche, das ſich bei uns unter einem alten Thurm befand, wohin man allerhand zerlumpte Leutésſperrte, die, wie unſere Magd verſicherte, erſchrecklich viel Ungeziefer hätten. Daß dahin der arme Philipp kommen ſollte, erſchien mir gar zu ſchrecklich, und ich konnte heute Abend in die Späße des Doktor Burbus unmöglich einſtimmen, vielmehr er⸗ klärte ich ihm nach einem langen Kampf mit mir ſelber, daß ich morgen früh auf die Polizei gehen wolle, um die Unſchuld meines Collegen darzuthun. Ueber dieſen Vorſatz brach der Doktor in ein lautes Gelächter aus, und um mich für heute Abend zu beru⸗ higen, verſicherte er mir am Ende aufs Feierlichſte, daß Philipp ſchon morgen früh ohne Hülfe ſeines Arreſtes entlaſſen werden würde, indem in unſern Tagen die hei⸗ lige Hermandad viel zu aufgeklärt ſei, um einen Un⸗ ſchuldigen zu beſtrafen. Auch tröſtete er mich in Betreff des ſchmutzigen Loches, indem er mich verſicherte, daß es für alle Rangklaſſen der bürgerlichen Geſellſchaft paſſende LCokale gebe, in welchen ſie die Thorheiten ihrer Iigend abſitzen könnten. — —— XIII. 8 Biſſe des Gewiſſens. So ſehr mich geſtern Abend der Gedanke begeiſtert hatte, den unglücklichen Philipp mit Aufopferung mei⸗ ner Perſon aus ſeinem Arreſte zu befreien, ſo brach doch kaum das dämmernde Licht des trüben Märztages in das Zimmer des Doktor Burbus, wo ich auf einer alten Matratze die Nacht zugebracht, als mir auch die ganze geſtrige Unglücksgeſchichte in ganz andern Umriſſen vor’s Auge trat. Ich empfand einen kleinen Schauder wenn ich daran dachte, vielleicht gleich meinem Erkollegen die nächſte Nacht im Loche zubringen zu müſſen; denn der Doktor hatte vor dem Einſchlafen einigemale in den Bart gebrummt:„Na, geben Sie Acht, der Ellenprinz wird uns noch anzeigen.“ Das Wetter war trüb, und ſchmuzig grau blickte mich das kleine Stückchen Himmel an, das ich von mei⸗ nem Lager aus zwiſchen den beiden Dächern ſehen konnte. 122 Eben ſo grau und verdrießlich erſchien mir auch meine vergangene Lehrzeit im Reißmehlſchen Hauſe. Es wollte mir bedünken, als habe ich dort in manchen Dingen vielſeitiges Unrecht verübt, und als hätte ich mich ſogar mit Jungfer Barbara weit beſſer ſtellen können, wenn ich es nur klüger angefangen hätte. Doch was konnte es mir helfen, daß ich die Vergangenheit beklagte! Mit der weiblichen Regierung, an deren Spitze meine Groß⸗ mutter ſtand, ſchmeichelte ich mir ſchon über eine neue Condition in's Reine zu kommen; doch war ſie, was die Beſtimmung über mein zukünftiges Leben betraf, nur eine untergeordnete Behörde und mußte an die oberſte Stelle, an meinen Vormund, appelliren. Letzterer Ge⸗ danke war mir beſonders unangenehm und trübte meine frohen Ausſichten gänzlich. Ich kannte ihn gar zu gut, meinen Vormund! Bei vielen guten Seiten, die er hatte, und obgleich er redlich für meine Erziehung geſorgt, fürchtete ich ihn doch auf's Entſchiedenſte und vermied ihn, wo ich nur konnte. Er war ein kleiner, unterſetzter Mann; man hätte ihn wohlbeleibt nennen können, dabei war er aber von einer eidechſenartigen und wahrhaft erſchreckenden Lebendigkeit, beſonders für uns Kinder. In den letzten Kriegen hatte er bei der Armee große Magazine verwaltet, und da ihm Ordnungsliebe ſchon angeboren war, hatte ſich dieſe durch den langen Dienſt ſo geſchärft, daß ſie in Kleinigkeits⸗ —— 123 krämerei ausartete. Der Blick dieſes Mannes war wirk⸗ lich bewundernswürdig. Wenn er am Morgen aufſtand, — und das geſchah gewöhnlich ſehh ſpät, da er ſich ſchon im vorgerückten Alter befand— ſo waren ſeine eigenen Kinder, ſo wie ich, die wir in der großen Stube des Hauſes beim Frühſtück verſammelt waren, auf's Ange⸗ legentlichſte bemüht, Wh ain unſern Anzug zu muſtern, ob nichts Unordenkliches daran zu bemerken ſei. Bald öffnete ſich droben ſeine Thür und wir hörten ihn, in ge⸗ wiſſen Zwiſchenpauſen huſtend, die Treppe herab kommen. Nun fuhr Alles zuſammen, und wir ſaßen gerade wie Ker⸗ zen um den Tiſch. Selbſt die Mägde in der Küche ſahen ſich unwillkührlich um, ob Alles ſo in der Ordnung ſei, wie es der Herr befohlen. Dabei kam es ſehr darauf an, ob er guter oder übler Laune war. So konnte er in die Stube treten und ſogleich mit derjenigen ſeiner Töchter, an der die Woche war, ſeine Zimmer in Ord⸗ nung zu bringen, ein für uns Alle ſehr unangenehmes Haushaltungsgeſpräch anfangen. „Hm, hm! du haſt die Woche, Caroline, hm! So, ei, hm! Zum wie viel tauſendſten Male, Gott mag es wiſſen! hab ich ſchon geſagt, ja hab ich befohlen, daß mein Waſchwaſſer vom Pumpbrunnen in der Küche und nicht vom großen Ziehbrunnen im Hof genommen werden ſoll? Hm, hm! Aber nicht wahr Mamſell Caroline, es iſt Ihrer Faulheit viel anſtändiger und bequemer, das 124 Waſſer aus einem der großen Eimer im Hof nehmen zu laſſen, wenn es auch ſchon den vorigen Tag und die Nacht durch geſtanden und alſo ſchon halb faul iſt? Für den Vater iſt es doch gut genug.“—„Aber, verzeihen Sie, Papa— 1—„So, du widerſprichſt ſchon wieder? muß ich mich denn beſtändig über dich ärgern und deine Widerſprüche anhöpen? Ich ſage dir, du wirſt es noch ſo weit treiben, daß ich dir die Woche ganz abnehme, und dann wehe dir!“ Bei ſolchen Morgengrüßen ſaßen wir andern zitternd und bleich vor Angſt da, denn wenn der alte Herr ein⸗ mal im Zuge war, ging es leicht der Reihe nach über uns Alle her, und es mochte leicht der Fall ſein, daß er am vergangnen Tage von einem irgend eine ähnliche Unthat erfahren hatte, bei welcher Gelegenheit er, um ſeinem Gedächtniſſe nachzuhelfen, jedesmal in ſein bunt⸗ ſeidenes Taſchentuch einen Knoten machte, um die Sache nicht zu vergeſſen. Aber gerade dieſe Knoten im Schnupf⸗ tuch waren unſer doppeltes Unglück; denn erſtens, wie geſagt, brachten ſie ihn auf unſere Unarten zu ſprechen, und dann vergaß er auch meiſtens, die erledigten Knoten wieder aufzulöſen, wodurch ſich unſere Verbrechen beſtän⸗ dig häuften. Bei einer Unterredung wie die obige, oder wenn er ſonſt ſchlecht gelaunt war, begann er langſam ſein Tuch aus der Taſche zu zupfen, und da er nicht immer wußte, wem der betreffende Knoten in demſelben hälterin, ſo wie ſämmtliche Mägde kräftigſt einſtimmiten. 125 galt, ſo ſah er uns alsdann ſcharf nach der Reihe an, und wer am ängſtlichſten nach dem Tuche ſpähte, der mußte der Schuldige ſeinzmund war es auch gewöhnlich. Die Urtheilsſprüche, welche die Knoten im Schnupftuch hervor⸗ gerufen, wurden auch häufig durch eben dieſes Inſtru⸗ ment recht fühlbar vollzogen, worauf ſich dann der alte Herr in ſeine Kanzlei begab, recht zufrieden, in ſeinem Hausweſen wieder Alles in's Reine gebracht zu haben; denn es war ihm gerade nicht lieb, wie er ſelhſt oft be⸗ hauptete, den ganzen Tag verweiſen und ſtrafen zu müſſen, und hatte er ausgetobt, ſo war er der beſte Mann von der Welt. Alsdann erzählte er uns Geſchich⸗ ten oder ſpielte mit uns; doch koniten wir uns auch in ſolchen Augenblicken ſeiner guten Laune nicht genug in Acht nehmen; die geringſte Ungeſchicklichkeit oder Unauf⸗ merkſamkeit konnte ſeinen Eifer auf’s Neue rege machen. Dadurch aber hatte ſeine Anweſenheit für ſeine eigenen Kinder, ſo wie für mich, etwas ſehr Peinliches und Be⸗ engendes, und wir konnten uns erſt dann recht freuen, wenn er das Haus verlaſſen hatte. Dann mußte eines von uns durch ein kleines Fenſter an der Seite des Hauſes auf die Straße ſehen, ob er wirklich um die Ecke gegangen ſei, worauf wir uns durch den größtmöglichſten Unfug aller Art entſchädigten und ein Spektakel im Hauſe anfingen, in welchem gewöhnlich die alte Haus⸗ 126 Ich war ein Jahr in ſeinem Hauſe geweſen, und obgleich es mir da im Ganzen beſſer ging, als ſpäter bei meiner Tante, ſo war ich doch herzlich froh, als ich es wieder verlaſſen konnte. Der alte Herr belegte mich auch gar zu häufig mit Strafen, die für mich die empfind⸗ lichſten waren. So mußte ich mit ihm auf ſeine Kanzlei gehen, namentlich an Sonn⸗ und Feiertagen, und dort bekam ich ein großes Buch und ein Stück Papier, das ich voll ſchreiben mußte, und ſo oft er einen Fehler darin entdeckte, mußte ich es von Neuem abſchreiben, und im⸗ mer wieder abſchreiben. Obendrein ſaß ich an ſeiner Seite, und wenn ich nicht fleißig war, oder die Feder nicht recht hielt, ſo nahm er langſam ein langes flaches Lineal und gab mir damit einen ſtarken Klaps auf die Finger. Auch mußte ich nicht ſelten da bleiben, wenn er fortging, und dann ſchloß er mich ein, und dies wa⸗ ren für mich die ſchrecklichſten Augenblicke. Die Kanzlei⸗ ſtube war ein altes, düſteres Gemach und hatte kleine vergitterte Fenſter, zu welchen kaum das nöthige Licht 4 hereindrang, und da ſaß ich Aermſter, meine Finger durch das Schreiben mit Dinte beſchmutzt bis an die Knöchel, worauf meine Thränen fielen. Und wenn ich dann einen Verſuch machte, meine naſſen Augen mit den Fingern zu trocknen, ſo nahm das Geſicht bereitwillig die Dintenflecken an. Auch mein weißer Hemdkragen 2 —:——-— 127 färbte ſich ſchwarz, was ſpäter zu neuen unangenehmen Erörterungen Veranlaſſungen gab. Draußen vor der Kanzleiſtube ſummte und wogte an ſolchen Feiertagen das fröhliche Volk vorbei. Ich er⸗ kannte die Stimmen meiner Spielkameraden und mußte hören, wie ſie luſtig davon zogen, wahrſcheinlich vor das Thor, auf eine grüne duftige Wieſe, unſern gewöhnlichen Spielplatz. Wie roch ich in Gedanken den Duft des Graſes, wie hörte ich über meinem Haupte die Bäume rauſchen, während ich im Staub vergilbter Akten ſaß und ſich über meinem Haupte nur je zuweilen im Luft⸗ zuge ein alter zerriſſener kattunene Vorhang bewegte, eine Unzahl Motten aus ihrer beſchaulichen Ruhe auf⸗ ſtörend. 1 Dergleichen Gedanken und Erinnerungen quälten mich, wie geſagt, auf der alten Matratze beim Doktor Burbus, und wenn ich mich auch mit Schaudern jener Zeit beim Vormund erinnerte, ſo kam ſie mir doch wie ein holder Maitag gegen das Sturmwetter vor, das ſich nach den ſchweren Ereigniſſen von geſtern Abend gegen mich zuſammenzog. Weh mir! meine Großmutter, meine Tante, der Vormund, Philipp auf der Polizei— das Alles machte mich ſo entſetzlich unruhig, daß ich in meiner Angſt an⸗ fing, den Doktor aufzuwecken, ein Geſchäft, das mir erſt nach vielen fruchtloſen Bemühungen gelang. Endlich us hob er ſein ſchweres Haupt aus den zerriſſenen Kiſſen in die Höhe, um mich anzuſchauen. Dazu blinzelte er mit den Augen und bot mir laut gähnend einen guten Morgen. „Ach, lieber Herr Doktor,“ ſagte ich,„mich haben die Vorfälle von geſtern Abend gar nicht ſchlafen laſſen. Sie erinnern ſich doch der Sache? Wiſſen Sie, wo Philipp iſt?“—„O ja,“ entgegnete der Doktor Burbus mit einer ſehr heiſeren und trockenen Stimme,„freilich er⸗ innere ich mich. Hahaha! Philipp, der Edle, hat das Aſyl treuer Liebe mit einem Quartier in Numero Sicher vertauſcht.“—„Ja, aber, lieber Herr Doktor,“ entgeg⸗ nete ich, Sie ſagten geſtern vor dem Einſchlafen, Philipp könnte uns angeben, und dann—“— Ganz recht, Ver⸗ ehrteſter,“ antwortete der Doktor, indem er ſich aufrecht in’'s Bett ſetzte, ſo daß ſeine beiden Füße den Boden berührten, wo er nach ein paar alten gelben Pantoffeln angelte,„wenn uns Philipp verdächtigt— und das trau ich ihm gar ſehr zu— ſo werden wir vor das Friedenss⸗ gericht citirt. Kennen Sie dieſes Inſtitut?“—„O Gott, nein!“ jammerte ich, und es war mir gerade, als 1 habe mich ſchon einer mit rothem Kragen und blauem Rock gefaßt und ſchleppe mich, ein armes, wehrloſes 6 Opfer, durch die Straße. „Sehen Sie,“ fuhr der Doktor gähnend fort, indem er in ſeinen alten grünen Sämmtling ſchlüpfte und einen entſetzlich nüchternen, troſtloſen Blick an den grau über⸗ 129 zogenen Himmel warf,„Friedensgericht iſt für dieſe wohlthätige Anſtalt eine ſehr ſonderbare Benennung. Da werden zwei Partheien, die uneins ſind, mit Gewalt hin⸗ citirt, vor einen alten Herrn, der ſitzt in einem großen Lehnſtuhl und hat grauſame Langeweile. Er hört die Leute ruhig an, und nachdem ſie ſich tüchtig ausgeſchrien haben, verſucht er einen Vergleich zwiſchen ihnen zu Stande zu bringen. Aber das gelingt ihm höchſt ſelten, iſt ihm aber im Grund auch gleichgültig, und wenn die Leute auch vor dem Friedensgericht thun, als haben ſie ſich wirklich verſtändigt, ſo rennen ſie, wenn ſie kaum aus der Thür ſind, zu zwei verſchiedenen Advokaten und machen die Sache beim Landgericht anhängig. Aber da fällt mir eben ein, daß die Sache mit Philipp wohl vor das Polizeigericht kommen wird, eine andere, nicht min⸗ der wohlthätige Anſtalt.“—„Und was geſchieht da, lieber Herr Doktor?“ fragte ich kleinlaut.—„Ja da,“ entgegnete der Doktor,„wird mit dem ehrwürdigen Philipp ziemlich kurzer Prozeß gemacht. Der betreffende Poliziſt betheuert bei ſeinem Dienſteid, er habe den In⸗ kulpaten im Augenblicke erwiſcht, wo er höchlichſt an einer königlichen Straßenlaterne gefrevelt, und dann iſt’s wie eins, zwei, drei. Der Polizeidirektor ſagt: So! ſchlägt das Polizeiſtrafgeſetzbuch auf und decretirt: ergo conelusum— drei Tage in Arreſt nebſt Schadenerſatz.“ —„Aber um Gotteswillen!“ rief ich,„Philipp iſt ja 9 4 8 130 unſchuldig!—„Das thut nichts, Verehrteſter, Alles, Ort und Umſtände, wie er attrapirt worden, zeugt gegen ihn, und er mag nur Gott danken, daß auf das Ver⸗ brechen, eine Straßenlaterne zertrümmert zu haben, nicht Todesſtrafe ſteht, indem er alsdann unfehlbar ge⸗ hängt würde.“—„Nein, lieber Herr Doktor,“ erwiederte ich,„das dürfen wir eigentlich nicht zugeben; ich, oder vielmehr Sie, der die Sache beſſer kennt, ſollte auf die Polizei gehen und dort erklären, daß Philipp unſchuldig iſt. Sie brauchen ja nicht zu ſagen,“ ſetzte ich hinzu, „daß wir betheiligt ſind; wir haben es nur zufällig mit⸗ angeſehen und können für ſeine Unſchuld zeugen.“ „Junger Menſch,“ ſprach der Doktor ſehr ernſt, in⸗ dem er ein blechernes Gefäß hervor ſuchte, worin er ſeinen Kaffee zu bereiten pflegte,„Du ſprichſt ein großes Wort gelaſſen aus. Aber nehmen Sie mir's nicht übel davon verſtehen Sie gar nichts, und ich deſto mehr. Sehen Sie, wenn ich mich in einer ſo zweideutigen An⸗ gelegenheit auf der Polizei ſehen laſſe, ſo begnügen ſich die charmanten Leute dort nicht mit meinem Zeugniß; ſie gehen in ihrer unendlichen Wißbegierde ſo weit, mich um Paß, Heimathſchein, Aufenthaltskarte ꝛc. zu fragen, und würden ſich am Ende noch angelegentlichſt erkundigen, wovon ich denn eigentlich in hieſiger Stadt meinen Un⸗ terhalt beſtreite? Fragen, auf welche ich wohrhaftig keinen Bjichen zu geben mügtr 7 „Ja, aber, lieber Herr Doktor, wenn Sie mir er⸗ lauben, unbeſcheiden zu fragen, Sie müſſen doch ein ge⸗ wiſſes Vermögen haben, von dem Sie die Leute bezahlen, denen Sie etwas ſchuldig ſind.“—„Ja freilich,“ erwie⸗ derte Burbus—„Schulden bezahlen— ja wohl, ja wohl!— Es gab eine Zeit,“ fuhr er fort, indem er eine Spirituslampe anzündete,„eine Zeit, wo ich nicht ſchla⸗ fen konnte, wenn ich Gott mein Nachtgebet ſchuldig ge⸗ blieben war; aber das iſt ſchon lange her, und ſeit jenen Tagen unſchuldiger Kindheit habe ich es gänzlich ver⸗ lernt, meine Schulden zu bezahlen.“ Unterdeſſen war ich an's Fenſter getreten und ſchaute zum Himmel empor, wo ſchmutzig graue Wolken von einem kalten Winde eilfertig, und ihre Geſtalt beſtändig ändernd, hinweggeführt wurden. Auf der Straße war es naß und kothig und wenige Schritte vor dem Reißmehlſchen Hauſe lag auf der Erde ein ganzer Trüm⸗ merhaufen von Stricken, Glas, kurz allen Beſtandtheilen, woraus eine ordentliche Straßenlaterne gefertigt iſt. Drüben im Hauſe meines ehemaligen Prinzipals war noch Alles ſtill und ruhig, nur das Fenſter meines Zim⸗ mers war geöffnet und der Wind fuhr hinein und ſpielte mit dem bunten Kattunvorhang, der mein früheres Bett umgab. Es war ein häßlicher, unfreundlicher Morgen, und ich befand mich in derſelben Stimmung wie damals, als ich nach dem zu viel genoſſenen Punſch . 9* 132 bei Doktor Burbus in meinem Bett drüben erwachte. Doch war mein Katzenjammer am heutigen Morgen ein weit ſchlimmerer, ein durchaus moraliſcher, und Philipp hätte ihn nicht wie damals durch eine Handvoll Sauer⸗ kraut vertreiben können.— Während ich im Fenſter lag, braute der Doktor ſeinen Kaffee, deſſen ganzer Geruch und Anſehen mir keinen großen Appetit machte, zumal als ich ſah, daß ſeine Filtrirmaſchine aus dem untern Theile eines Strumpfes beſtand, den er über einen eiſernen Ring befeſtigt hatte. Ich konnte es aber nicht verhindern, daß er mir eine Taſſe eingoß, und dann nöthigte mich die Kälte des Morgens, einen Schluck vom warmen Gebräu zu nehmen. Der Doktor rauchte aus einer langen Pfeife und ließ ſich auf ſein Bett nieder, indem er die unend⸗ liche Unſauberkeit und Unordnung in ſeinem Zimmer mit einem wohlgefälligen Blick zu betrachten ſchien. Ich da⸗ gegen konnte mich eines geheimen Ekels nicht erwehren, und wenn es mir Spaß gemacht hatte, ein paar Stun⸗- den lang dieſe zerfetzten Möbel, den grotesken Hexentanz an der Wand und den Schlafkameraden Todtenbein an⸗ zuſehen, ſo fing ich jetzt faſt an, ein geheimes Grauen vor dem Doktor zu fühlen, der ſich beſtändig in die⸗ ſer ſchauderhaften Umgebung befand und ſich darin ge⸗ fiel. Indeſſen wurde der Blick des Doktors, je länger er um ſich ſchaute und mit den Fingern durch das ver⸗ 133 wirrte Kopf⸗ und Barthaar fuhr, immer weniger luſtig, und nahm zuletzt einen ernſten, ich möchte ſagen trau⸗ rigen Ausdruck an, den ich früher nie an ihm bemerkt hatte. Mit ſeinen Beinen klopfte er taktmäßig gegen das ⸗Bett, und nachdem er einen Augenblick zum Fenſter hinausgeſchaut, von dem jetzt ein feiner kalter Regen herab rieſelte, fuhr er ſich mit der Hand über die Stirn und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Dann be⸗ trachtete er mich und ſagte:„Wenn man Sie auch drüben aus dem Hauſe weggeſchickt hat und Sie von Ihrer Familie bedeutende Unannehmlichkeiten zu erwarten haben, ſo ſind Sie doch, bei Gott! gegen mich ein ganz glücklicher Menſch. Auf mein Wort verſichere ich Sie, ich fühle mich oft einer der miſerabelſten Sterblichen, die es giebt. Wer, wie ich, ſo allein ſteht, ach, ſo ent⸗ ſetzlich allein ſteht, und weder Mittel hat, wovon er anſtändig leben kann, noch etwas gelernt hat, um dieſe Mittel zu erwerben, iſt wahrlich ſchlimmer daran, als der Tagelöhner und Laſtträger, der mit ſaurer Arbeit ſein mageres Stück Brod verdient. Glauben Sie mir, Theuerſter, unter allen dummen Streichen, die ich in meinem Leben gemacht— und deren Zahl iſt Legion— iſt der der unverantwortlichſte und größte, daß ich wäh⸗ rend meines achtjährigen Studentenlebens von allen Wiſſenſchaften und Künſten, die ſich auf Gottes Erd⸗ boden ureit machen, auch nicht die Idee profitirt habe.“ 134 „Aber,“ entgegnete ich haſtig,„Sie haben ja lange Zeit die Univerſität beſucht und ſtudirt?“—„Freilich,“ antwortete der Doktor,„habe ich die Univerſität beſucht, aber das Bischen Vermögen, das mir von meinen El⸗ tern hinterlaſſen wurde, mit leichter Mühe verthan; es war gar zu unbedeutend, ſo unbedeutend, daß ich Hunger und Kummer dabei ausſtehen mußte; denn wenn Sie etwas Unbedeutendes auf ſechzehn Semeſter vertheilen, ſo können die Rationen nicht groß werden. Dann habe ich mich, wie ſchon geſagt, wohl des Studirens halber auf der Univerſität aufgehalten, jedoch ohne mich dem ſauren Geſchäft des Lernens zu unterwerfen. Und ſo, junger Menſch,“ fuhr der Doktor ernſter fort,„ſehen Sie einen jungen Kerl von zwei⸗und⸗dreißig Jahren vor ſich, der nichts verſteht, als einem Biercommers glanz⸗ voll vorſitzen, das Rapier gut führen und auf der Gui⸗ tarre drei und einen halben Accord anſchlagen.“ Haſtig war der Doktor bei dieſen letzten Worten aufgeſtanden und lief im Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken gelegt.„Wenn Sie,“ fuhr er fort,„den Zorn Ihrer Familie wegen Ihrer Entfernung aus Reißmehl und Comp. hinabgeſchluckt haben, ſo laſ⸗ ſen Sie ſich in Gottes Namen in einen andern Specerei⸗ laden ſtecken und— nehmen Sie mir's nicht übel— führen ſich dort ſolider auf, als bis jetzt. Hoffentlich wird dort kein Doktor Burbus in der Nähe ſein, denn 135 dergleichen Leute, wie ich, ſind euch jungen Burſchen un⸗ gemein gefährlich. Apropos, ich erinnre mich, Ihnen an einem ſchönen Abend geſagt zu haben, daß es für Sie weit beſſer wäre, wenn Sie Ihre kaufmänniſche Carriere verließen und ſich ebenfalls auf's Studiren verlegten; aber im gegenwärtigen Augenblicke, wo ich nicht in Phantaſien umhertaumle, beſchwöre ich Sie, bleiben Sie bei dem, was Sie ergriffen. Ihre Familie ſcheint mir auch nicht im Stande, Sie durch große Geldzuſchüſſe oder ſpäter durch Einfluß zu unterſtützen; ſite iſt aber vielleicht wohlhabend genug, um Ihnen ein⸗ mal einen kleinen Kramladen einzurichten, in welchem Sie, ein zweiter Reißmehl, thronen und regieren können. — Hüätte ich in meiner Jugend,“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort, während er abermals ſeine Stirn mit der SKand wiſchte und ſie dann umgekehrt vor den Augen vor⸗ 3 beifahren ließ,„hätte ich Jemand gehabt, der mir die Sache vernünftig auseinandergeſetzt hätte, ſtatt daß meine Mutter durchaus einen gelehrten Herrn aus mir machen wollte, ſo wäre ich bei meinem Vater geblieben, der, Gott weiß 4 oon wie viel Generationen her eine alte Mühle in Pacht hatte. Ich hätte dieſes edle Geſchäft ebenfalls erlernt und könnte jetzt vielleicht im weißen bemehlten Camiſol ein ruhiges glückliches Leben führen. Aber das iſt Alles, Alles unwiderbringlich dahin. Mein Vater iſt todt, meine Mutter iſt todt, ehe ſie in ihrem Herrn Sohn einen Gelehrten erblickt, die Mühle iſt in andere Hände übergegangen, und ich bin auf Gottes weitem Erdboden gar nichts, als ein miſerabler Kerl, ein elender Lump.“ Bei dieſen letzten Worten warf ſich der Doktor ſo ſtürmiſch auf ſein Bett, daß es in allen Fugen krachte. Darauf ſchien es, als wolle er mit Gewalt dieſe finſtern Gedanken von ſeiner Seele wälzen, und er begann aus voller Bruſt ein bekanntes Lied: „Das Jahr iſt gut, braun Bier iſt gerathen.“ Er ſang mehrere Strophen deſſelben in einem Athem fort, während ich da ſaß, ob dem ſonderbaren Menſchen auf's Tiefſte erſchüttert. Endlich ſprang er wieder auf, faßte mich bei den Schultern und ſagte ſo luſtig wie möglich:„Jetzt, theuerſter Exladenjüngling, fliehen Sie heim gen Zion und halten Sie ſich in den erſten Tagen ſtill in Ihrem Kämmerlein verborgen. Ich habe ſtets einen guten Löffel geführt und werde wahrſcheinlich auch Ihren Theil an der garſtigen Polizeiſuppe verſpeiſen. Jetzt gehen Sie, es iſt acht Uhr, und überlaſſen Sie mich meinem Schickſal. Doch eh ich dieſer ſündhaften Stadt den Rücken kehre, was vielleicht bald geſchehen wird, 8 verde ich Sie in aller Stille aufſuchen, um mich zu urlauben. Leben Sie wohl, junger halbverlorener Sohn.“ Er öffnete die Thür, ſchüttelte mir die Hand und ich ſtieg nachdenkend die Treppen hinab. Von oben ſchallte mir des Doktors Stimme nach, der das begonnene Lied 137 zu Ende brachte, und unten hörte ich noch B beuülic, wie er den Vers ſang: „Und wenn ich einſt ſterbe, ſo laßt mich(d lou, Nicht unter den Kirchhof, nicht über den Schragen, Nein, tief in den Keller, wohl unter das Faß; Lieg' gar nicht gern trocken, lieg' allweil gern naß.“ Mir war zu Muth, als ſollte mir das Herz in der Bruſt zerſpringen. Raſch eilte ich auf die Straße und der her⸗ abfallende eiſige Regen that mir gar nicht wohl; auch fühlte ich in meinen Stiefeln einige verdächtige Oeff⸗ nungen. Obgleich ich aber unter dieſen Umſtänden zu eilen hatte, wieder unter Obdach zu kommen, hielt es mich doch einen Augenblick vor dem Reißmehlſchen Hauſe⸗ feſt, wo der alte ſteinerne Soldat mit der langen Naſe ſtand. Ihn verließ ich ungern und nickte ihm freundlich zu. Ach, vielleicht war er der Einzige vom ganzen Hauſe, der mich ungern ſcheiden ſah, wenigſtens bildete ich es mir ein, und wer wird es mir übel nehmen, wenn ich in meinem gedrückten Gemüthszuſtande das Waſſer, wel⸗ ches an der großen Naſe des ſteinernen Kriegsmannes herablief, für mitleidige Abſchiedsthränen hielt? 138 XIV. Heimkehr. O weh! Obgleich es vom Reißmehlſchen Hauſe zu meiner Großmutter nicht weit war und ich meine Tour dahin mit ſchnellen Schritten begonnen hatte, ſo kam ich doch nicht ſo bald hin. Je mehr ich mich dem Ziele näherte, deſto höher wuchs meine Angſt und deſto langſamer wurde mein Schritt. Die gute Großmutter hatte gewiß noch keine Ahnung, von den neuen Ereigniſſen, und wenn ſie auch aus meinem Geſpräch geſtern Abend wohl erſehen, daß ich mit meiner Condition ſehr unzufrieden war, wenn ſie auch zu meiner Entfernung aus dem Geſchäft ihre Zuſtimmung gegeben, ſo ſtand ja im Hintergrunde der Willen des Vormunds, an dem, wie an einem mächtigen Felſen, unſere Beſchlüſſe zerſplittern konnten. Doch ſo klein ich auch meine Schritte machte, ſo zögernd ich vorwärts ging, ich kam doch endlich in die Straße, wo das Haus meiner Tante lag, und ſchon ſah ich es 139 vor mir, ſah das Fenſter des Ladens und daneben das des Zimmers meiner Großmutter, wo die gute Frau wahrſcheinlich ihren Kaffe trank, nachdem ſie vorher in einem geiſtlichen Morgen⸗ und Abendopfer ein Kapitel geleſen.— Ich wußte, wie ruhig und friedlich es namentlich in den Morgenſtunden in dieſem Zimmer ausſah. Zu dieſer Zeit war die Großmutter des beſten Humors, und wenn ſie ihren Kaffee getrunken, nahm ſie meiſtens ein altes Paket Briefe zur Hand, das, mit einer grün⸗ ſeidenen Schnur umwickelt, beſtändig im Tiſchſchoße vor ihr lag. Dieſes Briefpaket war ihr Heiligthum, ihr Archiv. Wie oft hatte ſie der Tante und mir Auszüge davon mitgetheilt, und ich erinnere mich ganz genau, daß der erſte Brief, der obenauf lag, ein Schreiben meines ſeligen Großvaters war, worin er der guten Großmutter die erſten ſchüchternen Geſtändniſſe ſeiner Liebe ablegte. Dieſer Brief begann mit der Ueberſchrift: „Achtungswerthe, höchſt zu verehrende Jungfer!“ Da⸗ hinter kamen noch mehrere Schreiben in ähnlichem Genre, dann folgte der Kopulationsſchein, und dann, ein Jahr ſpäter datirt, der Taufſchein meiner Mutter, als ihrer älteſten Tochter. Bald aber wurde das Archiv trau⸗ rigeren Inhalts; es kam ein Schreiben von ſehr weit her, daß ein Bruder der Großmutter in der Fremde und im Elend geſtorben. So folgten die Schreiben in bunter 140 Reihe auf einander, mit Haarlocken, vertrockneten Blu⸗ men und vergilbten Stammbuchblättern untermiſcht. Da hatte mein Vater freudig geſchrieben, daß ihm der erſte Sohn geboren ſei, und gleich daneben lag ein Brief mit ſchwarzem Siegel, in dem zu leſen ſtand, daß meine Mutter wenige Tage darauf geſtorben. Den Brief hatte mir meine Großmutter oft gezeigt und immer dazu ge⸗ ſagt:„Siehſt du, Junge, mit dem Brief iſt der Segen von eurem Haus gewichen; Du biſt nach und nach ver⸗ wildert und ein Taugenichts geworden.“ So ſtand ich an der Straßenecke, mitten im Regen, und träumte mit wachen Augen; als ich aber an die Stelle kam, wo meine Großmutter mich einen Taugenichts nannte, kam ich wieder zu mir und wollte nach Hauſe eilen als eine Figur auf der Straße, die daſſelbe Ziel wie ich zu haben ſchien, meinen Schritt auf's Neue hemmte. Ob⸗ gleich ich von der Geſtalt nichts ſah, als oben einen brennendrothen Regenſchirm, unten den Zipfel eines braunen Rocks, weiße Strümpfe und Schuhe mit Stahl⸗ ſchnallen, ſo erkannte ich doch augenblicklich den Herrn Reißmehl. Jetzt war er in die Hausthür getreten, machte den Regenſchirm zu, öffnete und ſchloß ihn einigemal nach einander, um den daran hängenden Regen abzu⸗ ſchütteln. Dann blickte er an den grauen Himmel hin⸗ auf, ob ſich nicht irgendwo ein blaues Fleckchen zeige, ſah dann an ſeine weißen Strümpfe hinunter, ob ſich da ——— —— 141 nicht ein graues dito angeſetzt habe, und verſchwand mit einem großen Schritte im Hausgang. Mir war die Kehle wie zugeſchnürt, und wenn es mir auch auf der einen Seite nicht unlieb war, daß ich am Prinzipal einen Vorläufer hatte, der meine Miſſethaten kund machte, ſo wäre ich doch andererſeits um keinen Preis jetzt nach Hauſe zurückgekehrt. Was ſollte ich thun? Hier im Regen ſtehen bleiben, der mir ſchon durch das dünne Röckchen auf den Körper drang und mich ſo durchkältete, daß mir die Zähne klapperten, das konnte ich nicht aushalten. Bekannte hatte ich auch nicht, und ſo fiel mir denn glücklicherweiſe die Domkirche ein, die nicht weit weg lag und deren weite hohe Hallen uns ſchon oft zum Spielplatze gedient. Dorthin ging ich, und die leichte Wärme, die im großen Gebäude, im Gegenſatze zu der naßkalten Straße herrſchte, that mir unendlich wohl. Ich ſchlich in eine Seitenkapelle und ſetzte mich dort in einen alten braunen geſchnitzten Chor⸗ ſtuhl, der einem Muttergottesbild, das den kleinen Chri⸗ ſtus auf dem Arm trug, gegenüberſtand: Ich hatte hier noch nicht lange geſeſſen, als ſtatt der Kälte, die mich eben durchſchüttelt, eine ſtarke Hitze durch meinen Körper fuhr und ich zugleich einen Druck auf meinen Kopf fühlte, der mich nöthigte, die Augen zu ſchließen, worauf ich bald einſchlief. Während dieſes Schlummers hatte ich ganz ſonderbare Träume; Alles, was 142 mir in den letzten Tagen im Reißmehlſ ſchen Hauſe be⸗ gegnet war, tummelte ſich in den wildeſten, ſchreckhafte⸗ ſten Geſtalten vor meinem Innern vorbei. Jetzt kam es mir vor, als ſtoße mich Jungfer Barbara in ein tiefes Eismeer, wo ich vor Kälte umkommen ſollte; wenn aber meine Glieder kaum vor Froſt zu zittern anfingen, ſo wurde das Eis glühend und mich durchſtrömte die raſendſte Hitze. Zuweilen erwachte ich halb aus dem Schlaf, und da lag die weite Kirche leer vor mir und mein matter Blick konnte nichts unterſcheiden, als die freundliche Mutter Gottes mit dem Kind auf dem Arm. Wie lange ich eigentlich ſo halb ſchlafend im Fiebertraum gelegen, weiß ich nicht. Endlich aber fühlte ich, daß ein ſtarker, köſtlicher Geruch in meine Naſe ſtieg, und als ich die Augen aufſchlug und um mich ſchaute, meinte ich Anfangs nicht anders, als die Mutter Gottes ſei herabgeſtiegen und ſtehe mit dem Kinde an der Hand vor meinem Stuhl. Sie, da ſie ſich halb über mich beugte und mir ein kleines Fläſchchen an die Naſe hielt, hatte ein ſo anmuthiges liebes Geſicht, ſo ſchön und freundlich, wie ich nie etwas geſehen, und da ich ſie für ein überirdiſches Weſen hielt, ſo wollte ich ſchon meine Augen wieder ſchließen, um mich blindlings ihrem Schutz anzuvertrauen. Aber das Kind an ihrer Hand, ein jun⸗ ges Mädchen, das eben ſo lieb und freundlich ausſah, wie ſie, ſagte:„Ach, Mama, das arme Kind wird doch 3 243 nicht ſterben?“ eine Aeußerung, die mich zu mir ſelbſt brachte, ſo daß ich die Augen wieder öffnete und mich langſam im Stuhle erhob. Da ſah ich denn wohl, daß es nicht die Mutter Gottes war, die vor mir ſtand, ſondern eine ſehr ſchöne mir gänzlich fremde Dame, ſo fein und prächtig gekleidet, wie ich nie etwas geſehen. Das kleine Mädchen, an ihrer Hand ſchien ihre Tochter zu ſein, denn ſie ſah ihr ſehr ähnlich, nur daß die Mutter ſchwarzes Haar und das Kind dichte blonde Locken hatte. Hinter den Beiden ſtand ein Mann in einem langen blauen Ueberrock mit goldenen Knöpfen, der hatte ein paar Regenſchirme un⸗ ter dem Arm. „Aber wer biſt Du, mein Kind?“ fragte mich die Dame,„und wie kommſt du mit ſo naſſen Kleidern hie⸗ her in die Kirche? Warum gehſt Du nicht nach Hauſe, wenn Du krank biſt?“ Die Dame hatte eigentlich gut fragen und ich ſchlecht antworten. Ich hätte ihr viel zu erzählen gehabt, um ihr begreiflich zu machen, warum ich in den naſſen Kleidern hieher gekommen; dazu konnte ich mich aber nicht entſchließen. Auch fühlte ich, daß die Dame Recht hatte, daß ich krank war, denn als ich aufſtand, wobei ich verſicherte, daß ich jetzt nach Hauſe gehen wolle, konnte ich nicht auf meinen Beinen ſtehen. Die Säulen der Kirche, die bunten Fenſter, Alles lief im Kreiſe mit mir herum. Ich hörte nur, wie die Dame weiter fragte:„Aber um Gotteswillen, wo wohnſt du denn, mein Kind?“ und ich erinnerte mich nachher dun⸗ kel, daß ich ihr den Namen unſerer Straße, ſowie das Haus meiner Tante angegeben. Was nun weiter ge⸗ ſchah, iſt mir wie ein Traum. Ich glaube, der Mann mit dem Regenſchirm nahm mich auf den Arm und ſetzte mich in eine Kutſche. Auch die Dame mit dem kleinen hübſchen Mädchen ſtieg hinein und letzteres hielt mir zuweilen das Glas mit dem Wohlgeruch unter die Naſe. Dann rollten wir durch ein paar Straßen und plötzlich ſah ich meine Tante, ſo wie die alte Großmutter, die ge⸗ waltige Knixe machten, worauf ich in tiefen Schlaf verfiel. — Geheimniſſe. Wicht überſetzt.) . Während ſich das Alles mit mir begab, war es dem unglücklichen Philipp am Abend nach der Entkerkerung der Fanny noch weit ſchlimmer ergangen. Daß er beim Anblick der heiligen Hermandad der Reißmehlſchen Pforte zufloh, iſt bereits gemeldet, wie auch, daß der Jammer⸗ volle, trotz allen Betheurens ſeiner Unſchuld, beim Kragen genommen und hinweggeſchleppt wurde. Glücklicherweiſe war Philipp von allen ſchrecklichen Ereigniſſen des Abends ſo zuſammengedonnert, daß er, als nun jene Kataſtrophe eintrat, nach den erſten unmächtigen Verſuchen, ſich zu vertheidigen, in völlige Apathie verſank und ſich wie das Lamm zur Schlachtbank ruhig fortſchleppen ließ. Es waren zwei handfeſte Polizeiſoldaten, die ihn im wahren Sinne des Worts durch die Straßen ſchleiften. Philipps Knie waren eingeſunken und ſeine unendlich langen Arme und ſein Kopf hingen ſchlaff herntedek. 10 146 Obendrein hatte er ſeine Pantoffeln verloren— es waren ein paar abgeſchnittene Stiefeln, die er in den Feierſtunden an den Füßen trug— und während das Waſſer von unten ſeine Beine benetzte, drang der Regen von oben in ſein herabhängendes Haar und näßte ſeine bunte Kattunjacke. Hierzu kam noch, daß durch das kräftige Anfaſſen der Häſcher Philipps Hemdkragen auf der einen Seite gewaltig in die Höhe gezogen wurde. Alle dieſe Umſtände trugen nicht wenig dazu bei, daß der Schließer des Polizeigefängniſſes, wo man nun an⸗ langte den unſchuldigen Philipp mißtrauiſch auſchante und ſein Ausſehen für ſehr verdächtig erklärte. Philipp kannte das Polizeigefängniß nur dem Namen nach, und oft, wenn er in Aufträgen ſeines Prinzipals an dieſen hohen, grauen Mauern vorbeigegangen war, hatte er mit Entſetzen die feſten verſchloſſenen Thüren, die ſtark vergitterten Fenſter angeſchaut, und wenn ſich an letzteren hier und da ein mageres Geſicht mit langem ſtruppigtem Bart zeigte, hatte der menſchenfreundliche junge Menſch geſeufzt und bei ſich geſprochen:„Man ſollte ſelbſt einen Mörder nicht unmenſchlich halten!“ Und jetzt, jetzt ſtand er ſelbſt in der Vorhalle dieſes ſchrecklichen Gebäudes und vor ihm ſaß der dienſthabende Polizeiwachtmeiſte, einige Fragen nach ſeinen Namen, Stand c. an ihn richtend. Wenn gleich Philipp dieſe auf’s 2 Wahrhaffigſte be⸗ 4 * antwortete, ſchüttelte doch der Polizeimann ungläubig den Kopf und entgegnete:„Iſt Alles erlogen, Alles erlogen; kenne wohl den Herrn Reißmehl; ein ſehr ordentlicher Geſchäftsmann und ruhiger Bürger, hat in ſeinem Laden zwei Subjekte, eines, das ſchon ein paar Jahre dort iſt und ſich beſtändig gut aufgeführt hat, von dem auch die Polizei nichts Schlimmes weiß—“— „Bitte recht ſehr, verehrteſter Herr Commiſſair, aber der bin ich ja ſelber.“—„Er?“ entgegnete der Commiſſair mit einem ſehr verächtlichen Blick,„halt Er das Maul mit ſeinem Lügen, oder ich will Ihm—“— Der arme Philipp, den das gräßliche Lokal, wo er ſich befand, kaum wieder etwas zu ſich ſelber gebracht hatte, war im Be⸗ griff, den Verſtand zu verlieren, als er hörte) daß man ihm beweiſen wollte, er ſei nicht er ſelber. „Märtens!“ rief der Wachtmeiſter in eine kleine räucherige Nebenſtube hinein, wo man beim Schein einer trüben Oellampe mehrere bewaffnete Leute erblickte, die auf einer Pritſche zu ſchlafen ſchienen;„Märtens, komm Er heraus und ſeh' Er dieſen Burſchen genau an. Er treibt ſich ja in dem Stadtviertel, wo der Herr Reißmehl wohnt, beſtändig umher und ſollte deſſen Leute wohl kennen.“—„Kenn' ſie auch,“ autwortete drinnen eine ſehr heiſere Stimme, und ein alter Polizaſfoldat erſchien in der Thür, der gähnend und ſich reckend naher ſchlich 3 Seun ſie alle, Herr Wachtmeiſter. 74 8 B 40 ½ 148 Dann iſt'’s gut, dachte Philipp bei ſich, man wird gleich ſehen, woran man iſt, und freudig durchzuckte ihn ein kleiner Hoffnungsſtrahl. Er wandte ſeinen Kopf gegen den Polizeiſoldaten, der ihn einen Augenblick gleich⸗ gültig anſah und darauf ſeinem Vorgeſetzten eben ſo gleichgültig meldete: den Menſchen kenne er nicht.— Auf dieſen ſchrecklichen Ausſpruch hin fing es an in Philipps Kopf ernſtlich umzugehen; es ſauſte ihm vor den Ohren und er begann an ſich ſelbſt zu zweifeln. Sein erſter Gedanke war, wenn er nur einen Spiegel hätte, in dem er ſich betrachten könnte, um in's Reine zu kommen, ob er es denn wirklich ſei. Doch dauerten dieſe leichten, aber ſchrecklichen Anfälle nicht lange; denn Phi⸗ lipp war moraliſch und phyſiſch zu ſehr von ſich ſelber überzeugt. Gerechter Gott! dieß waren ja ſeine langen dürren Beine, dieß waren ſeine magern Finger, und wenn ſein Haar, in welchem er jetzt verzweiflungsvoll umher fuhr, nicht ſo ſtrohdachähnlich geordnet wie ſonſt herunter hing, ſo war es doch immer das alte, lang, fahl, blond und ſtruppig. „Sieht Er, junger Landſtreicher,“ fuhr der Wacht⸗ meiſter fort, ſieht Er, daß man vor hoher Polizei mit dem Lügen nicht weit kommt? Doch wird ſich ſeine Sache morgen früh beim Verhör ſchon aufklären. Wir wollen unterdeſſen ſein Nationale aufnehmen und ihn in Nr. 4 “„ 6.. unterbringen, da wird er gut aufgehoben ſein.“— 149 Philipp ſtellte ſich ein ehrſames Polizeigefängniß unge⸗ fähr ſo vor, wie er in alten Ritterbüchern von den Verließen geleſen hatte: tiefe, feuchte, haarſträubende Löcher, bevölkert von Ratten, Eidechſen und Fledermäu⸗ ſen— ach! und letztere fürchtete Philipp entſetzlich; tief im Grund modern einige Skelette, an den Wänden herab fließt trübe Feuchtigkeit, dumpfes Kettengeraſſel, und nur oben durch wankendes Geſträuch fällt ein ein⸗ ziger Mondſtrahl in den ſchauerlichen Raum. Das Alles ſchwebte vor Philipps Phantaſie, und er machte noch einen letzten, aber eben ſo fruchtloſen Verſuch, den Poli⸗ zeimann von der Identität ſeiner Perſon zu überzeugen. Vergebens; es war eilf Uhr, der Schließer ſehnte ſich nach Ruhe, die That der Laternenzertrümmerung war ſo gut wie bewieſen, und Märtens, der ſchon wieder auf ſeine Pritſche hinaufgekrochen war, betheuerte nochmals ſchon halb in Schlaf mit ſchwerer Zunge: den Herrn Philipp beim Herrn Reißmehl, den kenne er ganz genau, das ſei ein charmanter junger Menſch, und er wolle ſich morgen früh einen Gang nicht gereuen laſſen, um ihm zu erzählen, daß ſich dieſes polizeiwidrige Subjekt für ihn ausgegeben. Wie dem Unglücklichen, der dem Schließer durch einen Hof eine ſteinerne Wendeltreppe hinauf folgte, zu Muthe war, kann man ſich leicht denken, und obglei ch lhm der Polizeimann verſicherte, daß er ihn aus Ghede 4 * und Barmherzigkeit in Nr. 4, eines der beſſern Lokale, bringe, wo er anſtändige Geſellſchaft finden werde, ſo konnte ſich doch Philipp eines neuen Schauders nicht erwehren, als die Thür zu Nr. 4 vor ihm geöffnet war und er in ein Gemach ſchaute, aus dem ihm ein war⸗ mer, unangenehmer Duft entgegen drang, und das, von einem einzigen faſt erlöſchenden Oellicht erhellt, ein ſehr troſtloſes Ausſehen hatte. Philipp wurde hineingeſcho⸗ ben, die Thür hinter ihm verſchloſſen, und ſo ſtand er, von der ganzen civiliſirten Welt getrennt, in Mitten ei⸗ ner Rotte Gefangener, von denen, wie der Unglückliche glaubte, wohl jeder ein Mörder ſein konnte. Das Gemach mochte einige vierzig Schuh in der Länge und Breite haben, die Decke wurde von zwei hölzernen Pfeilern getragen und drei vergitterte Löcher, die ſich oben an der Wand befanden, ſtellten die Fenſter vor. Rings herum liefen hölzerne Pritſchen, auf denen die Bewohner von Nr. 4 zum Schlafen ausgeſtreckt lagen. Es waren ihrer ſechs, von denen aber nur zwei der Schlummer wirklich in die Arme genommen, was ſich durch ein unheimliches Schnauben und Schnarchen ver⸗ rieth. Von den Uebrigen hatten ſich drei um einen vier⸗ ten gelagert, der oben auf der Pritſche zuſammengekauert ſaß. Letzterer hatte die Beine kreuzweis über einander geſchlagen, wie es die Schneider zu machen pflegen, und ſchien vor dem Eintritt Philipps geſprochen zu haben, 1l hörte aber jetzt auf, und die vier ſchauten den Unglück⸗ lichen an, der entſetzt und verwirrt an der Thür ſtehen blieb und keinen Schritt vorwärts wagte. Wenn Philipp ſchon durch ſein Bewußtſein ſich im Kerker zu befinden, moraliſch niedergedrückt war, ſo wirkte der ſonderbare Duft, der im Gemach herrſchte und in welchem der Zwiebelgeruch die Oberhand hatte, phyſiſch ſo vernichtend auf ihn, daß ihm der helle Schweiß von der Stirne trof und er ſich an der mit Eiſen be⸗ ſchlagenen Thür feſthielt, um nicht umzufallen. Aengſt⸗ lich ſah er hinter ſich, ob er nicht einen Sitz gewahr würde, auf dem er ſich niederlaſſen könnte, und wirklich bemerkte er neben der Thür eine kleine hölzerne Bank, auf die er ſich, nachdem er ſie vorher mit den Händen betaſtet, langſam und geräuſchlos niederſetzte. Doch wie ward ihm, als er hierbei mit dem Fuße an etwas ſtieß, das er alsbald als eine ſchwere eiſerne Kette erkannte, die an einem Balken befeſtigt war und deren leerer offener Schlußring ihn freundlich einzuladen ſchien, ſich ſeiner zu bedienen.— Von den Vieren auf der Pritſche, die den Bewe⸗ gungen Philipps aufmerkſam zugeſchaut, wandte ſich einer an den, der etwas erhöht ſaß, und ſagte ihm leiſe:„Der ſcheint mir auch noch nicht oft hier ge⸗ weſen zu ſein.“—„Jott!“ antwortete Jener, der durch den Dialekt alsbald ſeine Landsmannſchaft ver⸗ E rieth,„Jott, wie er ſich retiré hält! Ich globe, daß er Angſt hat, oder es ſieht in ſeinem Kopfe hochmüthig aus. Man kann das nicht immer wiſſen, Männeken.“ —„Ach was, hochmüthig!“ meinte der Andere,„daß der Angſt hat, kann Jeder ſehen. Habt Ihr nicht be⸗ merkt, wie er zuſammenfuhr, als er an die Kette unter der Bank ſtieß?“—„Wir wollen ſchon dahinter kom⸗ men,“ ſagte der Sitzende.„Ich will ihn anreden und bald erfahren, wie es eigentlich mit ihm ausſieht.“ Bei dieſen Worten reckte er ſich ſo hoch wie möglich empor und rief laut:„He, Sie dort hinten an der Thür! Wiſſen Sie denn gar nicht, was ſich ſchickt, wenn man in eine anſtändige Geſellſchaft hineinkommt, und daß man den Leuten, die ſchon beiſammen ſind, einen juten Abend wünſcht? Das iſt Ton in der ganzen Welt.“ Philipp, der die Bewegungen der Vier nicht außer Acht gelaſſen, bemerkte kaum, daß er mit dieſer Anrede ge⸗ meint ſei, als er ſich raſch erhob eine Verbeugung machte und in der Angſt die Worte ſtotterte: er wünſche guten Abend, und es ſei ihm nicht in den Sinn gekommen, gegen irgend Jemand unhöflich zu ſein; vielmehr habe er geglaubt, den Schlaf der Herrn zu ſtören, und ſei deßhalb—„Seht Ihr wohl?“ ſagte einer der Drei. „Was Hochmuth! Angſt war es. Mach' ihn koura⸗ girt, Schneider! Wir wollen doch erfahren, wer es ei⸗ gentlich iſt.“ 4 153 Der Schneider veränderte die Lage ſeiner Beine etwas, nickte mit dem Kopfe und wandte ſich, jetzt in Ton und Worten viel höflicher, an Philipp, indem er ihn bat, näher zu kommen und an der Unterhaltung Theil zu nehmen, was derſelbe denn auch that, indem er ſeine Kettenbank verließ und ſich auf den äußerſten Rand der Pritſche niederſetzte. „So,“ ſagte der Schneider in ſehr herablaſſendem Tone, hier befinden Sie ſich weit beſſer, wie ich nach Ihrem Ausſehen ſchließe, ohne Ihnen Complimente ma⸗ chen zu wollen, ſcheinen Sie mir zur juten Geſellſchaft zu gehören und nicht auf die Bank dorten zu paſſen, allwo ein ſehr verdächtiger Platz iſt.“—„Ja, das mein ich auch,“ nahm ein Anderer das Wort,„hab's vorhin gleich geſagt, daß Sie noch nicht oft hier waren, und gewiß auch nicht mit der Polizei in ſchwere Geſchichten verwickelt ſind.“—„Hat vielleicht gefochten, wie ich,“ meinte ein dritter.—„Hat man Sie auf dem Fechten attrapirt, junger Menſch?“ lachte der Schneider.„Ja, ſehen Sie, es giebt im Menſchenleben Augenblicke, ſagte der unſterbliche Schiller, ehe ſie ihm zu Stuttgart eine Bildſäule geſetzt.“—„Alſo gefochten? Das koſtet höch⸗ ſtens drei Tage, dann werden Sie auf den Schub ge⸗ ſetzt und kommen unentgeldlich nach Hauſe.“—„Aber, meine Herrn,“ entgegnete Philipp kleinlaut,„ich ver⸗ ſtehe Sie in der That nicht. Ich bin ſehr friedfertiger „ 154 Natur, habe nie in meinem Leben gefochten, mag über⸗ haupt die ſpitzen und ſcharfen Waffen nicht leiden.“ Ob dieſer Aeußerung lachte der Schneider übermäßig, und nachdem er ſich vergeblich bei Philipp erkundigt, welches Zeichens er ſei, da der Ladendiener auch dieſen Ausdruck nicht kannte, ſetzte er ihm auseinander, daß Fechten in der Handwerksſprache ſo viel bedeute, als an irgend einer geöffneten Hausthür oder auf der Landſtraße an einem vorbeirollenden Wagen um eine kleine Anleihe zu bitten.— Durch dieſe freundſchaftlichen Lehren auf⸗ gemuntert, ließ der unſchuldige Arreſtant ſich nicht lange nöthigen und erzählte, durch welche Tücke des Schick⸗ ſals er hieher gebracht worden ſei, eine Geſchichte, welche die vier nicht wenig ergötzte; namentlich ſchienen ſie, jedoch zum großen Mißvergnügen Philipps, am Doktor Burbus viel Geſchmack zu finden, und einer der Burſche meinte, das ſei ein Kapitalkerl. Der Schneider aber ließ nach einer Weile wehmüthig ſein Haupt ſinken und ſagte in traurigem Tone:„Ach Jott, mit ſolchen Ver⸗ wechslungen— das kann ſehr unangenehme Ausläufe nach ſich ziehen, ja, ich verſichere euch, ſehr unangenehme Ausläufe.“—„Haſt du hierin ebenfalls unangenehme Erfahrungen gemacht, Schneider?“ fragte einer lachend, worauf der Schneider ſein Haupt noch tiefer auf die Bruſt ſenkte und zur Antwort gab:„O Jott, Bruder 7.— Danziger, dieſes war der ſchrecklichſte Augenblick meines — V — 155 Lebens!“—„Das ſoll er uns erzählen,“ riefen die Andern, und der Bruder Danziger ſetzte hinzu:„Ja, Bruder Schneider, erzähle, es wird dein armes Herz er⸗ leichtern.“ 4 8 Der Kleiderkünſtler richtete ſich auf bei dieſer An⸗ rede, geſchmeichelt durch das allgemeine Verlangen, ſeine Geſchichte zu hören, und zog ſeine Beine feſter an ſich, wie er es jedesmal machte, wenn er ein Hauptſtück Ar⸗ beit begann, fädelte ſein Gedächtniß in die ſpitze Zunge und begann, nachdem er vorher drei tiefe Seufzer ge⸗ than:„Wenn es auch in meiner zarten Jugend gerade nicht mein Wille war, das Schneiderhandwerk zu erler⸗ nen, ſo mußte ich doch hierin meinem Papa ſeliger fol⸗ gen, der ſeines Zeichens ein Küſter war und beſtändig behauptete, bei meinem ſchwächlichen Körperbau ſei das Schneiderhandwerk das einzige, wozu mich Gott mit den natürlichen Anlagen verſehen. Das muß wahr ſein, ich war beſtändig ſehr friedfertiger und ſtiller Natur. Wenn ſich die andern Knaben herumbalgten, ſaß ich entfernt und ſchaute zu. Wißt ihr, es war damals ſchon ſo et⸗ was Sinniges, Sentimentales in mir.“—„Verſtehe, verſtehe,“ ſagte der Bruder Danziger, der Schloſſer, und brachte ſein breites, rothes Haupt in eine bequeme Lage, indem er ein paar kräftige Fäuſte darunter ſtützte. „Von allen Spielen, fuhr der Schneider fort,„wo⸗ pei es galt, Gefahren zu beſtehen, oder körperliche Kraft 4 156 zu entfalten, hielt ich mich, wie geſagt, fern, und mußte deshalb viel von meinen Kameraden erleiden. Wie oft ſchlichen ſie in die Kirche, wenn mein Herr Papa ſeliger zur Vesper die Glocken anzog, und faßten alsdann, wenn er fort war, die Seile, um ſich durch die noch hin und her ſchwingenden Glocken hoch gegen die Decke ſchleu⸗ dern zu laſſen; ein ſchreckliches Vergnügen, das mir je⸗ desmal Haarſträuben machte. Da ich auf dieſe Art ſo gar nicht mit meinen Kameraden harmonirte, wurde es mir nicht ſchwer, die Heimath zu verlaſſen, um in der benachbarten Stadt die Schneiderei zu erlernen. Auch war mein ſchwärmeriſcher und ſinniger Charakter Schuld, daß ich mir die zarteſte Branche des Geſchäfts erkor. Ich bildete mich zum Damenkleidermacher aus. Ich weiß nicht, für mich lag in dem Worte Damenkleidermacher ſo etwas Zartes, Gefühlvolles, und wenn ich in meinen Freiſtunden ſchöne, lehrreiche 5 las, worin die Ge⸗ liebte zu ihrem Geliebten ſagt:„O Ritter vom halben Mond, wie liebe ich dich!“ da dachte ich— es war vielleicht Schwachheit— wie viel ſchöner es klingen würde, wenn ſie ſpräche:„Ach, Dannenkleidermnncher, wie liebe ich dich!“ „Aha,“ lachte der Schloſſer,„bei den Gedanken wird's lange Stiche in den Kleidern und lange Striche auf deinen Rücken gegeben haben.“—„O du irrſt, Danzi ger. Ich kann es mir zum Ruhme nachſagen, daß ie —— einer der fleißigſten und geſchickteſten Arbeiter war. Da⸗ für ſchenkte mir auch der Meiſter ſein Zutrauen, und es dauerte nicht lange, ſo wurde mir das Maaß anvertraut und ich durfte hie und da zu den Kunden gehen, um ſie zu bedienen. Ach, das waren ſüße Stunden für mich, Stunden, von denen du, Bruder Schloſſer, bei deinem ſchwarzen, ſauren Geſchäft und ihr Andern bei eurer Hobelbank keine Ahnung habt. Seht ihr, das Maaß anlegen zu dürfen um die Taille irgend eines hübſchen Mädchens, darauf den Querſchnitt von der rechten Hüfte über die linke Bruſt bis auf die Achſel hinauf meſſen zu dürfen— ach, und die Fragen, die mir erlaubt waren!“—„Hm, hm!“ ſchmunzelte der Schloſſer und die beiden Schreiner leckten ſich augen⸗ ſcheinlich an den Lippen; ſelbſt über Philipps Geſicht fuhr eine gelinde Röthe. „Der Schneider und der Doktor,“ fuhr der Erzähler fort,„der Doktor und der Schneider, vor dieſen beiden Geſchäften geniren ſich die Weiber am allerwenigſten. Ich ſage euch, Leute, ich muß meine Erinnerungen ge⸗ waltſam unterdrücken; dieſes Arreſtlokal und jene ſüßen Andenken— ſchauderhaft!— So war ich bei meinem Meiſter in der Stadt von meinem ſechszehnten bis zu meinem zwanzigſten Jahre, und was mich bei den Ge⸗ fahren, die meine Moral rings umgaben, allein erhielt, das war, ach Jott! eine ehrerbietige reine Liebe, die ich 158 2 zur Tochter meines Meiſters— ſie hieß Roſine— in meinem Herzen nährte.— Roſine— Damenkleiderma⸗ cherin— das waren Worte, die mir, mit ſüßen Bildern umgeben, im Traum und Wachen vorſchwebten. Ihr hättet ſie aber auch ſehen ſollen, Leute. Zum Maaß ihrer Taille höchſtens Nr. 23 oder 24, dagegen der Quer⸗ ſchnitt, o Jott! zwiſchen 50 und 60! Dabei hatte ſie ſchwarze feurige Augen, ſchönes Haar, rothe Backen und ſchneeweiße Zähne.“— Bei dieſer Beſchreibung machte Bruder Danziger, der Schloſſer, eine kleine Bewegung und legte ſich auf die Seite. „Wie ihr es mir jetzt noch anſeht,“ fuhr der Schnei⸗ der fort,„kann man von mir nicht ſagen, daß ich ſehr robuſt und von ſtarkem Körperbau ſei. Damals, das ſind nun ſchon vier Jahre, war ich noch etwas ſchmäch⸗ tiger, wonach ihr euch leicht vorſtellen könnt, daß ich wie ein Kind neben der Jungfer Roſine ſtand. Doch ſchreckte mich das nicht ab, vielmehr dachte ich an den unſterblichen Schiller, wenn er ſagt, daß nur das Un⸗ gleiche einen guten Klang giebt und daß ſich das Harte ſtets mit dem Weichen verbinden müſſe.“ „Ob Jungfer Roſine,“ fuhr der Schneider fort,„von meiner Liebe damals eine Ahnung hatte oder nicht, wer weiß es? Daß ſie mich nicht zärtlich wieder liebte, das konnte ich allenfalls wohl ſehen, doch glaubte ich des⸗ wegen nichts von den Sticheleien meiner Kameraden, 3 ——— 159 wenn ſie einander ziemlich laut in's Ohr raunten, daß Jungfer Roſine eine ernſtliche Liebſchaft mit einem ge⸗ wiſſen Uhlanenwachtmeiſter habe, den 1 ich ſehr wohl kannte. Daß ſie zufälligerweiſe gewöhnlich am Fenſter war, wenn die Schwadron vorbei ritt, und daß ſie dem Wachtmeiſter zulächelte, wenn er eine kleine Bewegung mit dem Säbel gegen ſie machte, hatte ſchon ſeine Rich⸗ tigkeit. Aber, mein Jott! was konnte ich daraus Arges abnehmen? Er kannte den Meiſter von früher her, kam auch hie und da in's Haus, kurz, ich ſah nichts Böſes dahinter. Da eines Tags ſchickte mich der Meiſter zu Jungfer Roſine hinauf, um ihr einen neuen Ueberrock anzumeſſen, den ich die Ehre haben ſollte, zuzuſchneiden. Ich maß, o Jott! ich maß, und wenn ich auch zehnmal zuſchaute, ob ich nicht ein falſches Maß erwiſcht habe, und wenn ich das Leder auch noch ſo ſtark anzog, es blieb nicht mehr bei den vier⸗und⸗zwanzigen.“. „Oho!“ lachte Bruder Danziger,„das hab ich mir gedacht!“—„Ich dachte aber nichts dabei,“ ſagte der. Schneider ſchwermüthig;„ich maß in meiner Unſchuld ruhig fort, und nicht einmal das Lachen meiner Collegen unten, als ich die Zahlen in das Maßbuch eintrug, vermochte argwöhniſche Gedanken in mir zu erregen. Jungfer Roſine war zur damaligen Zeit freundlicher gegen mich als gewöhnlich, und ich nährte die Hoffnung, endlich ihr jungfräuliches Herz erweichen zu können. *—õ—— 160 Mit keinem ſprach ſie ſo freundlich, und ſtets war eines ihrer theuren Kleidungsſtücke bei mir in der Werkſtätte, um es auszubeſſern. Daß ich für dieſe kleinen Auf⸗ merkſamkeiten nicht unempfindlich war, könnt ihr euch denken. Bruder Danziger, haſt du eine Idee davon, was Schmachten heißt?“. „Ja wohl, ja wohl,“ rief der Schloſſer,„wenn ich auf der Reiſe kein Geld mehr hatte und das Fechten nicht gelingen wollte, da hab' ich geſchmachtet.“—„O Bruder,“ erwiederte der Schneider ſanft,„du biſt ent⸗ ſetzlich proſaiſch! Nein, ſchmachten mit der Geliebten iſt was ganz anderes. Du kommſt Abends aus dem Bier⸗ hauſe heim, wo du nur an ſie gedacht, es iſt ſpät in der Nacht, du biſt weich geſtimmt, dein Herz ſingt: „Es regnet und es ſchneit, Es geht ein kuhler Wind, Es ſchlafen alle Leut Und alle Burgerskind.“ Deer Schneider ſchwieg und ließ das Haupt auf die Bruſt ſinken. Nach einer Weile fragte einer der An⸗ dern:„Nun, wie ging's weiter?“—„Eines Abends ſpät,“ fuhr jener fort,„kam ich aus dem Bierhauſe—“ Er ſchüttelte wehmüthig den Kopf.„Nein, erlaßt mir die Geſchichte der ſchrecklichſten Nacht meines Lebens— 161 ſchwer und ich bin entſetzlich müde. Morgen ſollt ihr hören, wie meine Liebe zu Grabe ging.“ Es war allermittelſt ſehr ſpät geworden; die Oel⸗ lampe auf dem Geſims zuckte ſterbend zuſammen. Der Schneider ſprang von der Pritſche auf und präparirte ſich zum Schlafen, wie er es nannte, indem er ein kat⸗ tunenes Schnupftuch um den Kopf wickelte, den Rock auszog und ihn, ſo gut es ging, über ſeinen Körper deckte. 90 Philipp hatte ſich über der Erzählung des Schneiders eine Weile ſelbſt vergeſſen; jetzt aber ſaß er wieder troſt⸗ los auf der Ecke der Pritſche und konnte ſich nicht ent⸗ ſchließen, ſeine Glieder auf das harte Holz auszuſtrecken. Er hätte auch wahrſcheinlich die ganze Nacht ſo ſitzend zugebracht, wenn ihm der Schneider nicht Muth einge⸗ ſprochen: eine einzige Nacht könne man es auf der Pritſche wohl aushalten, man müſſe Alles im Leben lernen, und mit einem ruhigen Gewiſſen ſchlafe man. überall gut. Was das Letztere betraf, ſo konnte ſich Philipp deſſen rühmen, und als er, den Ermahnungen des Schneiders folgend, ſeinen armen Körper auf der harten Pritſche in die beſte Lage gebracht, fiel er nach all den Mühſeligkeiten des Tages in einen feſten Schlaf, der bis an den hellen Morgen dauerte. Um dieſe Zeit wiegte er ſich gerade in angenehmen Träumen. Er war mit Jungfer Barbara im erſten 5 11 162 3 Stock, lehnte vertraulich mit ihr an einem Fenſter, das in Hof und Garten hinaus ging, und freute ſich an dem herrlichen Gottesſegen, der dort gedieh.„Das iſt Alles dein,“ ſprach eine weiche ſchmelzende Stimme, die er wohl kannte;„das iſt Alles dein, und drunten die Hühner im Hofe ſind dein, und das Spezereigeſchäft Reißmehl und Comp. iſt dein und heißt jetzt Reißmehl und Philipp.“ Es war dem guten Philipp im Traum nicht Anders, als wäre Alles ſchon ſeing die Blüthen nickten ihm ordentlich zu; die Hühner drunten ſchienen die tiefſten Reverenzen zu machen, und aus der Küche ſtrömte ein Duft empor, wie von friſch gebackenen Hoch⸗ zeitkuchen. Da krähte der Hahn und Philipp fuhr er⸗ ſchrocken von der Pritſche in die Höhe. Verſchwunden war ſein füßer Traum, aber der Hahn hatte wirklich gekräht und krähte zum zweiten⸗ und zum drittenmale, und als ſich Philipp erſtaunt nach dem Thier umſchaute, ſah er, daß es der Damenkleidermacher war, der wieder wie geſtern hoch auf der Pritſche ſaß und luſtig krähte, wobei er ſeine Morgentoilette machte. Bruder Danziger wälzte ſich ihm zu Füßen, unmuthige Worte zwiſchen den Zähnen murmelnd, und die beiden Schreinergeſellen hatten ſich zärtlich umarmt und ſchnarchten auf's Eifrigſte Bruſt an Bruſt und Naſe an Naſe. Gott! er war nicht im erſten Stock bei Jungfer Barbara, er roch nicht den Duft der ihm zu Ehren gebackenen Hochzeitkuchen; 163 er war im Arreſt, im Gefängniß, im Kerker. Jetzt ſtand der geſtrige Abend wieder klar vor ihm, er hörte die unglückliche Fanny heulen, er ſah die Laterne zertrüm⸗ mert am Boden liegen, und ſeine Glieder zitterten auf's Neue vor Schreck, als er daran dachte, wie er geſtern Abend von den Schergen fortgeſchleppt worden war Dieſe Betrachtungen waren ſo ſchmerzlich, daß ſie den Unglücklichen auf's Neue niederdrückten, und er ſaß da auf der Pritſche troſt⸗ und hoffnungslos, die Hände ge⸗ faltet und den Kopf tief auf die Bruſt hinabgeſenkt. XVI. Krankheit. Nach jenem Vor⸗ und Unfalle in der Domkirche fiel ich, wie geſagt, in einen tiefen Schlaf, wobei die ge⸗ ſpenſtiſchen Träume, die mich vor dem Muttergottesbilde im Chorſtuhle umweht, ſich fortſpannen. Allmälig aber wurden ſie lichter, ruhiger, und wenn ich hie und da die Augen öffnete, erſchienen vor mir dickbäuchige und lang⸗ halſige Medizinflaſchen, die alsdann in meinen Phantaſien Ruhe predigend und das wilde Volk beſänftigend wieder vorkamen. Dieſe Flaſchen mit ihrem dunkelbraunen, faſt ſchwarzen Saft und mit der weißen Etikette am Halſe erſchienen mir wie würdige Pfarrherren, vor dem böſen wilden Volke predigend. Ich lag in der Stube bei mei⸗ ner Tante, die ich auch vor meinem Eintritt in das Reiß⸗ mehlſche Haus bewohnt hatte, und nach und nach übten die wohlbekannten alten Geräthſchaften eine woh jäti Macht auf mich und führten mein Bewußtſein 165 zurück. Von meinem Bette aus konnte ich die heiden Fenſter der Stube ſehen, vor denen Vorhänge hingen, die mit wunderlichen Landſchaften bemalt waren. Auf dem einen Bilde erhob ſich hinten ein großer Fels, welcher ein ſtattliches Schloß mit hohen Mauern und Thürmen trug. Unten war ein breiter Fluß, auf welchem Leute in einem Nachen fuhren, und daneben zog ſich zum Schloſſe ein Hohlweg hinauf, auf dem eine Schaar Ritter und Reiſige vollkommen geharniſcht einherzog. Der an⸗ dere Vorhang ſtellte einen anmuthigen Thalgrund vor, in welchem ſich eine Mühle befand. Das Waſſer ſprühte über das Wehr hinab und das Rad der Mühle war ſo natürlich dargeſtellt, daß man glauben konnte, es drehe ſich wirklich um. Im Fenſter lag der Müller mit einer ſpitzen Mütze auf dem Kopf und rauchte aus einer kur⸗ zen Pfeife. Vor der Mühle war ein Garten, in wel⸗ chem ein paar Kinder ſpielten, und dieſe ſtille Scene umzog dichter finſterer Hochwald, vor welchem hie und da ein Hirſch oder ein Reh ſtand. Auf dieſen Gemälden kannte ich jeden Stein und jeden Baum; ich wußte ſogar mehr, als wirklich darauf zu ſehen war. Dort wo ſich nach dem Schloſſe hinauf der Hohlweg hinter dem Berge verlor, ſah ich im Geiſte ganz deutlich die Fortſetzung deſſelben. Dort zogen ſchon andere Heerhaufen dem zurückkehrenden Ritter voran. Und wie ich mir die Ausſicht von den Zinnen der Burg 6 droben und das dahinter liegende Thal malte— etwas Schöneres konnte es auf der ganzen Erde nicht geben. Viel lieber aber war mir die Mühle; für ſie hatte ich aus den Erzählungen meiner Tante einen reellen An⸗ haltspunkt, den ich nach Belieben ausmalen konnte. Schon oft hatte ſie nämlich von einem Vetter er⸗ zählt, der einige Meilen von der Stadt entfernt, tief im Walde eine Mühle beſaß. Meine Tanto, die ſich in ih⸗ rer Jugend dort zuweilen wochenlang aufgehalten hatte, wußte vom ſtillen Leben im Thale ſo viel Trauliches zu erzählen, daß meine Sehnſucht, die dunkeln Eichenwälder zu durchwandern und den Hirſchen und Rehen zuzu⸗ ſchauen, nicht gering war. Wenn ich den Vorhang mit der Mühle anſchaute, ſo war es mir, als ſei ich ſchon dort, ich durchwanderte das ganze Haus, ſetzte mich an das ſprühende Mühlrad und konnte mit dem alten Mül⸗ ler dort im Fenſter die vernünftigſten Geſpräche führen. Schon bei einer frühern Krankheit waren dieſe beiden Vorhänge eine bedeutende Reſſource für mich geweſen. Ich konnte mich bei der Ritterburg in romantiſche Träu⸗ mereien einwiegen, mich in höhere Sphären verſteigen, und ſtieg dann bei der Mühle wieder zur Wirklichkeit herab. Auch jetzt, ſobald ich mein Bewußtſein wieder erlangt hatte, waren die beiden Landſchaften das Einzige, womit ich mich unterhalten mochte. Den mich umgebenden Perſonen, obgleich ich ſie wohl erkannte, ſchenkte ich wenig 167 Aufmerkſamkeit; ich war zu ſchwach und angegriffen da⸗ zu, und wenn ich einige Minuten lang in meinen Land⸗ ſchaften ſpazieren gegangen war, ſchloß ich die Augen und ſchlief ſachte wieder ein. Daß alle Mitglieder des Hauſes meiner Tante, ſo wie alle Gevatterinnen und nächſten Bekannten an mei⸗ nem Schickſal innigen Antheil nahmen, kann man ſich vorſtellen. Die Großmutter hatte, was wohl ſeit zehn Jahren nicht vorgekommen war, ihren Tiſch und Stuhl mit dem kattunenen Kiſſen von ihrer Stelle rücken und zu mir herauf bringen laſſen. Ja, ſie war förmlich mit der ſilbernen Brille des franzöſiſchen Generals und der kleinen Tabacksdoſe der ſeligen Gräfin ausgewandert, und nicht zu vergeſſen ihr Staatsarchiv, das ſie unter dem Arme trug, hatte ſie ſich förmlich bei mir oben einquar⸗ tiert. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſie als Haupt des Hauſes die ganze weibliche Einwohnerſchaft nach ſich zog und um ſich verſammelte. Durch dieſe ihre Auf⸗ opferung hatte meine Krankheit erſt eine rechte Wich⸗ tigkeit bekommen. Die Schneiderswittwe, die zur Miethe im dritten Stock wohnte, ſo wie die Frau des Schuſters der im Hintergebäude ſein Leder verklopfte, waren täglich da, um ſich nach meinem Befinden zu erkundigen, zarte Aufmerkſamkeiten, die neben meinen Leiden wohl dem guten Kaffee und den feinen Liqueurs galten, welche meine Tante bei ſolchen Veranlaſſungen freigebig ſpendete. 168 Wenn ich bis jetzt bei dieſen Krankenbeſuchen der Jungfer Schmiedin nicht gedachte, ſo möge man es mir nicht als Undank gegen dieſe würdige Perſon auslegen, vielmehr muß ich ihrer aufopfernden Thätigkeit mit einigen Worten extra gedenken. Als ich ſie nach meinem Delirium zum erſtenmal wieder erkannte— ich hatte der Burg ſo wie der Mühle eben einen kleinen Beſuch abge⸗ ſtattet— da ſtand die Schmiedin am Fußende des Bettes mit einer umfangreichen Medizinflaſche in der einen und einem ſilbernen Löffel in der andern Hand, wobei ſie mich ſtumm betrachtete. Mir Gien, als habe ſich die Jungfer Schmiedin ſehr verändert, ſie ſah auffallend blaß aus und ihre Toilette, die namentlich, was Hauben an⸗ betraf, immer äußerſt ſauber war, kam mir heute gar nicht ſo geordnet vor, wie ſonſt. Ach ich wußte nicht, daß es Spuren der vergangenen Nacht waren, in welcher die Jungfer Schmiedin bei mir am Bette gewacht. Groß⸗ mutter thronte am Tiſch in ſtiller Majeſtät und wandte jetzt den Kopf nach meinem Bette, wobei ſie die Brille etwas zurecht ſchob. „Aber Schmiedin,“ ſagte ſie,„jedes Ding hat ſeine Zeit; jetzt fehlt ja noch eine ganze Viertelſtunde an drei Uhr.“„Ach, Frau Paſtorin,“ antwortete jene, und ich konnte trotz meiner halb geſchloſſenen Augen ſehen, wie ihr Blick von Thränen feucht wurde,„ laſſen Sie mich doch! Die paar Minuten ſteh' ich gerne ſo, damit die 169 Medizin genau zur rechten Zeit genommen wird, denn das hat der Herr Doktor ausdrücklich befohlen.“—„Wem nicht zu rathen, dem iſt nicht zu helfen,“ brummte die Großmutter, und ich ſchlief nach dieſer Scene wieder ein. So oft ich am Tage wieder erwachte, und auch mei⸗ ſtens in der Nacht, war die Schmiedin da und ſchaute mich wehmüthig an. Zu meiner großen Schande muß ich geſtehen, daß ich nicht viel gute Worte für die arme Perſon hatte, ſie vielmehr eines Tags ſehr beleidigte. In geſunden Tagen hatte mich ihr weinerliches Weſen ſehr gerührt, und da es meiſtens mit meinen Intereſſen Hand in Hand ging, ſo mochte ich es wohl leiden; aber ich weiß nicht, woher es kam, daß ihr ewig kummervolles Geſicht, ſowie ihre Thränenfluthen jetzt, da ich im Bett lag, einen unangenehmen Eindruck auf mich machten. Genug, ich ſagte es eines Tages der Großmutter, die mir ruhig erwiderte:„Gewohnheiten, böſe Gewohnheiten!“ und es der Schmiedin wieder erzählte. Später erſt hat mir die gute Perſon vertraut, wie furchtbar ich ſte damit gekränkt; der Großmutter aber antwortete ſie, während ihre Thrä⸗ nen an Kaſr, Kinn und Halstuch kleine Waſſerfälle bil⸗ deten:„O, Frau Paſtorin, von Natur bin ich vom feſte⸗ ſten Charakter, den nichts zu erſchüttern vermag; aber wenn dem Kinde, das ich von Geburt an gepflegt, etwas Leides geſchieht, da muß ich weinen, und wenn es un⸗ ſer Herrgott verböte.— Daß ihr die Greßinutr über 8 170 die letztere unchriſtliche Aeußerung den Text las, kann man ſich denken; aber den Vorwurf über ihre Weinerlichkeit hatte ſie ſich gemerkt und gab mir ſpäter in meinem Bett viel Stoff zur Heiterkeit. Die merkwürdigen Ge⸗ ſichter, welche die Schmiedin von jetzt an ſchnitt, um das Weinen zu verbeißen und lächelnd auszuſehen, hätten ei⸗ nen Todtkranken luſtig ſtimmen müſſen. In der Reißmehlſchen Angelegenheit hatte ich der Schmiedin wieder ſehr viel zu verdanken, ſie brachte im weiblichen Collegium, das ſich täglich in meinem Zimmer verſammelte, mit unerſchütterlicher Kaltblütigkeit die fürch⸗ terlichſten Anklagen gegen den Prinzipal, gegen Philipp und namentlich gegen Jungfer Barbara vor, und moti⸗ virte dieſelben auf's Glänzendſte, ſo daß ſelbſt die Groß⸗ mutter geſtehen mußte: ja, es ſei nicht das rechte Haus geweſen.—„Ach, Frau Paſtorin,“ ſchluchzte die Schmiedin mit trockenen Augen,„ich hab es ja immer geſagt, die Jungfer Barbara iſt eine bösartige Perſon, und das arme Kind in dem finſtern unheimli⸗ chen Hauſe— nein, das war nicht zum Aushalten!“ —„ZJa, ja,“ wiederholten meine Tante, die Schneiders⸗ und die Schuſtersfrau uniſono,„das war nicht zum Aushalten!“— Mein Vormund aber, der mich von den Geſchäften in ſeiner finſtern Kanzleiſtube gar ziemlich genau zu kennen die Ehre hatte, mochte nicht ganz dieſer Minung 171 ſein. Er hatte der Großmutter einen langen Brief ge⸗ ſchrieben, aus dem man mir in Betreff meiner nur die ſchonendſten, zarteſten Stellen mittheilte, aus denen ich aber entnahm, daß noch ein ziemliches Gewitter für mich im Anzuge ſei, das, wie es am Schluß des Briefes hieß, wahrſcheinlich in der Perſon des Onkels und Vormunds nächſter Tage anrücken werde. Bei der ſorgfältigen Behandlung, die man mir an⸗ gedeihen ließ, machte ich in meiner Geneſung raſche Fortſchritte, und ich hatte noch nicht ganzer vier Tage im Bette zugebracht, ſo erklärte mich der Doktor außer Gefahr und verordnete mir ſtärkende Suppen, ein Thema, das bei dem weiblichen Perſonal zu nicht wenig Strei⸗ tigkeiten Anlaß gab. Der Arzt, ein dicker, gemüthlicher Herr— er trug immer einen blauen Frack und eine weiße hohe Halsbinde— ſaß alsdann vor meinem Bette und leitete die ſtürmiſche Sitzung. „Ach, Herr Doktor,“ jammerte die Schmiedin,„ ich bin nun einmal für die Weinſuppe; ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube, daß auf einen geſchwächten Ma⸗ gen die Weinſuppe—“—„Ja,“ unterbrach ſie die Schuſtersfrau;„Weinſuppe mit Roſinen—“—„Was Weinſuppe!“ fiel meine Großmutter ein,„eine gute Fleiſchbrühe iſt viel kräftiger;“—„oder ein zartes, jun⸗ ges Huhn,“ ſetzte die verwittwete Schneiderin hinzu. Und nun begannen die Partheien zu ſtreiten; man en 8 172 hörte die Vorzüge der Weinſuppe und Fleiſchbrühe auf's Heftigſte vertheidigen. Der Doktor hatte alsdann ſeinen Stock zwiſchen die Beine geſtellt, den Kopf darauf ge⸗ ſtützt, und ſah lächelnd die Partheien an. Er war ein gar kluger Mann, der Doktor, und bei ſolchen Gelegen⸗ heiten handelte er höchſt ſelten ſtreng durchgreifend, er wartete mit Ruhe den Schluß der Verhandlungen ab und ſagte alsdann ſeine Meinung, die natürlich die Oberhand behielt. Wenn ſo etwa die äußerſte Rechte in der Perſon der Großmutter die Motion für Fleiſch⸗ brühe glücklich durchgebracht hatte, und die Schmiedin als äußerſte Linke noch ihre einzige Hoffnung auf den Doktor ſetzte, erhob ſich dieſer ſtillſchweigend, fühlte mir nochmals an den Puls und ſagte ruhig:„Liebe Frau Paſtorin, mir ſcheint, wenn Sie dem Jungen einen tüchtigen Gerſtenſchleim machen ließen, das wäre das Beſte.“—„Ja, ja,“ jauchzte die Schmiedin, um doch nicht Unrecht zu behalten,„Weinſuppe oder Gerſtenſchleim! doch iſt das Letztere beſſer!“ Und der Doktor entfernte ſich lachend. Mein würdiger Prinzipal, Herr Reißmehl, hatte ſich trotz all der Unbilden, die ich ihm zugefügt, doch zuweilen nach meinem Befinden erkundigen laſſen, ſogar, wie die Sage aus dem Munde unſerer Hausmagd lautete, war eines Nachmittags eine ſchauerliche Geſtalt erſchienen, deren Aeußeres, wie ſie beſchrieben wurde, viel Aehn⸗ 173 lichkeit mit Philipp hatte. Ich hätte alle dieſe Beſuche darum gegeben, wenn ich nur über das Schickſal meines Freundes Burbus etwas hätte erfahren können. Daß er noch in der Stadt war, mußte ich glauben; er hatte mir ja feierlich verſprochen, mich vor ſeiner Abreiſe heim⸗ zuſuchen. Mir war der Doktor wirklich lieb; im Ge⸗ genſatz zu den dürren, troſtloſen Steppen des Reißmehl⸗ ſchen Hauſes erſchien mir mein Freund wie ein ſaftiger Raſenplatz, auf dem freilich viel Unkraut wucherte. Neben meiner Freundſchaft für ihn quälte es mich auch, etwas über die Laternengeſchichte zu erfahren. Wenn ich an das Polizeigericht dachte, überlief es mich kalt, und ich ſah den armen Doktor ſchon im Geiſte in den Krallen der heiligen Hermandad. Unter dieſen Umſtänden war es mir ein Bedürfniß, ſeine Freundſchaft für mich den Meinigen gegenüber ins hellſte Licht zu ſetzen. Zuerſt eroberte ich das Herz der Schmiedin zu Gunſten des Doktors; die Schmiedin influirte ſofort auf die Tante, und es gelang, ſogar die Großmutter etwas Weniges für ihn einzunehmen. Bei der alten Frau aber that der Name mehr, als was ich von ſeiner Perſönlichkeit zu erzählen wußte. „Burbus!“ ſagte ſie und nahm eine Priſe aus der gräflichen Doſe;„Burbus!“ wiederholte ſie und ſchob die Brille des alten Generals in die Höhe, wie ſie immer zu thun pflegte, wenn ſie nachdachte.—„Mama,“ ſagte die Tante,„erinnern ſie ſich? Burbus, ſo hieß der alte Müller, von dem Vetter Lamprecht die Mühle kaufte.“ —„Ganz recht,“ ſagte die Großmutter nachdenkend; „ich habe ihn mit meinem Mann ſeliger oft beſucht. Ja wohl, ja wohl, die Mühle gehörte auch zu unſerem Pfarrdorf; wird wohl der Burbus ſein.“—„Gewiß!“ rief ich,„er hat mir einmal erzählt, ſein Vater ſei Müller geweſen.“—„Auch erinnere ich mich,“ fuhr die Großmutter fort,„damals einen kleinen pausbackigen Jungen geſehen zu haben, der vor der Thüre ſpielte.“ —„Ja, Großmutter,“ ſagte ich,„das wird er wohl ge⸗ weſen ſein.“—„Und jetzt geht es ihm ſo ſchlecht!“ ſeufzte die Schmiedin dazwiſchen.„Das arme, arme Kind!“—„Bitt Sie, Schmiedin!“ rief die Großmutter etwas ärgerlich,„fang' ſie nicht wieder an zu lamentiren! Was Kind! das ſind jetzt dreißig Jahre her.“— Die Schmiedin legte die Hand auf's Herz und ſchwieg mit einem Blicke ſtill, der deutlich ſagte: Warum hat mich der liebe Herrgott ſo zartfül ind geſchaffen! XVII. Verlobung und Edelmuth. Im Reißmehlſchen Hauſe war auf die geſtrige furcht⸗ bare Cataſtrophe tiefe Ruhe gefolgt. Fanny lag in ih⸗ rem Korb und ruhte von der Laternenſtrapatze aus; aber manchmal zuckte ſie zuſammen und öffnete das Maul zu einem leiſen Geheul, eine trübe Erinnerung an ſchreck⸗ liche Stunden. Philipp„den nach der ſchlimmen Nacht im Arreſt Barbar außeror atlich herzliche Begruͤßun⸗ gen, eines ſtarken nd gute ffees nicht zu gedenken, vollkommen reſtautirt he land wie gewöhnlich wie⸗ der hinter dem Lah tiſchein ſeiner ganzen Glorie. Das Strohdachähnliche ſeiner Friſur war ſorgfältig hergeſtellt, eine neue Kattunjacke ſchmückte ihn und Barbara hatte an der Stelle der in der Nacht verloren gegangenen Pantoffeln ihre eigenen Hausſchuhe hergegeben, die warm und dicht, Füße und Herz des unſchuldig Mißhandelten auf's Sanfteſte erwärmten. Gegen Mittag aber kam ihm eine Nachricht zu, die ihn wieder bedeutend aufregte, da ſie mit den Ereigniſſen der verfloſſenen Nacht offenbar im engſten Zuſammenhang ſtand. Eine Magd aus dem Nachbarhauſe, die in den Laden kam, erzählte ihm, am Morgen ſei Doktor Burbus auf die Polizei gerufen worden, habe ſich aber mit Krankheit entſchuldigt; als nun nach Verfluß einer Stunde der Polizeikommiſſär ſelbſt ſich eingefunden, um ſich von der Wahrheit des Vorgebens zu überzeugen, ſei der Doktor verſchwunden geweſen, und eben jetzt befinden ſich Gerichtsſchreiber und Urkundsperſonen drüben in ſeinem Zimmer, um die Pfändung ſeiner Habe vorzunehmen, welches Geſchäft ſchnell beendigt ſein werde. Philipp faltete die Hände, als er dies vernahm, und ſein erſter Gedanke war, daß doch auch bei der Juſtiz Gerechtigkeit zu finden ſei, und ſeine zweite Regung war Mitleid mit dem, der ſich oft ſoſchwer an ihm verſünd Der Prinzipal, den dem gewöhnlichen Geleiſe heute Morgen, ſtatt um ſ eben, 1E i einer langen Unterredung mit Jungfer Barbara in den Garten gegangen, und erſchien offenbar ſehr zerſtreut. Seit zwanzig Jahren vergaß er zum erſtenmal ſeine Taſchenuhr nach dem alten Gnomon zu richten, nahm auf der gewöhnlichen Stelle keine Priſe, betrachtete den großen Birnbaum neben der Sonnenuhr kaum mit einem 177 flüchtigen Blick und beklatſchte keinen der jungen Obſt⸗ bäume mit der flachen Hand. Und an dieſer ganzen Aenderung ſeines Weſens war nicht mein Austritt aus dem Hauſe Schuld, auch nicht die Einkerkerung des un⸗ ſchuldigen Philipp, ſondern die Unterredung mit ſeiner Schweſter, der Jungfer Barbara, welche ihrem überſtrö⸗ menden Herzen gegen den Bruder Luft gemacht und ihm erklärt hatte, Philipp liebe ſte, und da auch ihre Ge⸗ 3 fühle mit dieſer zarten Neigung harmonirten, ſo ſei ſie entſchloſſen, ſeinen Bewerbungen Gehör zu geben und als ſeine Ehehälfte mit ihm fortzuziehen, wenn der Bruder auf dieſe Eröffnung hin nicht geneigt ſei, ſei⸗ nen früheren Gehülfen als Compagnon in's Geſhüſt zu nehmen. Ddies überlegte Herr Reißmehl, während er im Gar⸗ ten auf und ab lief. Die Sache beſchäftigte ſeinen Geiſt nadd, Der ſonſt nliche Mann achtete der in ſondern trabte unver⸗ ß ſeine weißen Strümpfe und ſhwarzen u eiider bald ſo beſpritzt aus⸗ ſahen, als wäre er Gonrier geritten. Wenn ihm auch Philipp als Schwager nicht ſonderlich behagen mochte, ſo bedachte er dagegen, daß ſeine Schweſter die Hälfte des Vermögens anſprechen könne, und daß er bei einer Trennung vielleicht nicht ſo bald wieder einen Gehülfen fände, wie Philipp. Dieſe Gründe ſtimmten am Cnde 42* 178 Herrn Reißmehl zu Gunſten ſeines Ladendieners; jedoch fragte er zuvor noch das Schickſal um Rath, indem er eine Reihe junger Obſtbäume, deren Anzahl er nicht auswendig wußte, mit: ſoll ich oder nicht? durchzählte, und als ihm der letzte dieſer Bäume, leider ein mißra⸗ thener, halb vertrockneter junger Apfelbaum, ein bei⸗ ſtimmendes Ja zugeflüſtert, war Herr Reißmehl ent⸗ ſchloſſen und ging in das Haus zurück, um ſeine Schwe⸗ ſter aufzuſuchen. Dieſe war im erſten Stock beſchäftigt, hatte die Fen⸗ ſter öffnen laſſen und putzte mit einem ſeidenen Tuch die alten wurmſtichigen Möbeln ab. Ein Dutzend Stühle und einige Tiſche waren ſchon geſäubert, und jetzt kam die Reihe an ein rieſiges Bett mit gedrehten Säulen, welche zierliche Amoretten trugen, die auf ihren Händen den aus Holz geſchnitzten Betthimmel hielten. Nach Allem, was an dieſem Y gen das Herz der keuſchen Jungfrau bewegt, konnte f den Anblick dieſes Möbels nicht ertragen und ſchlüpfte mit jem Seufzer in's Ne⸗ benzimmer, wo ſie alsbald eifrigſt in ihrem Geſchäfte fortfuhr und einen Kupferſtich reinigte, auf welchem Adam und Cva zu ſehen waren. Sehr vertieft in dieſe Arbeit, hörte ſie nicht, daß die Thür ſich hinter ihr öff⸗ nete, durch welche der Herr Reißmehl, Philipp an der Hand führend, eintrat. Erſt als der Prinzipal ſo ſanft wie möglich:„Liebe Schweſter!“ ſagte, fuhr Barbara — —— —— — 179 erſchrocken herum und ihr Geſicht überzog ſich mit einer lieblichen Röthe. Auch Philipp, der wohl wußßde, was jetzt kommen würde, befand ſich in großer Verlegenheit; mit der rechten Hand ſtrich er durch ſein fahles blondes Haar und kratzte mit dem linken Fuße hinten aus. „Liebe Schweſter,“ ſagte Herr Reißmehl,„wozu viele Worte, da eure beiden Herzen einig ſind? Herr Philipp“— dieſes„Herr“ ſprach er heute zum erſtenmal aus—„Herr Philipp iſt mir in meinem Geſchäft be⸗ ſtändig brauchbar geweſen, er wird es auch künftig ſein, und wir wollen ſpaͤter die Bedingungen aufſetzen, unter welchen die alte Firma Reißmehl und Compagnie von uns gemeinſchaftlich fortgeſetzt wird. Ich gebe zu Allem meine Einwilligung. Seid glücklich!“ Der alte Herr war bei dieſer Rede augenſcheinlich gerührt geworden, weshalb er ſich nach den letzten Worten umwandte und eilig das Zimmer verließ. „Seid glücklich!“ wieder Ite Philipp ſchwärmeriſch und lüftete ſeine langez Arme ein klein wenig. Aber Barbara kam ihm zuvor, eeine Ohnmacht ſchien ihre Sinne zu umfangen, weshalb ſie den theuren Bräutigam umhalste, und ſo ruhten Beide ſprachlos eine Weile Herz an Herz. Bald aber lösten ſich ihre Arme, Ahre Zungen folgten dieſem Beiſpiele und ergoßen ſich in Geſprächen, die viel zu zart und duftig ſind, um ſie hier niederzuſchreiben. S f— ¹80 Dies Alles begab ſich am Fenſter, von welchem aus man das Zimmer des Doktor Burbus ſehen konnte. Die beiden Glücklichen lebten die vergangenen Tage, trotz ihrer ſchrecklichen Vorfälle wieder durch, und daß dabei des Doktor Burbus und meiner nicht auf die glimpf⸗ lichſte Art erwähnt wurde, iſt nur zu wahrſcheinlich.— „Ja, ja, ſo geht es,“ ſprach Philipp und zeigte mit dem Finger auf das Fenſter ſeines frühern Nachbars, an welchem in dieſem Augenblick eine der Urkundsperſonen, ein Drechslermeiſter, ſichtbar war, um die zurückgelaſſe⸗ nen Pfeifen des Doktors zu taxiren. In aller Kürzt hatte Philipp ſeine Verlobte von der Flucht des Doktors in Kenntniß geſetzt und ihr erzählt, daß man ſo eben deſſen Effekten gerichtlich aufnehme. Mochte es nun die frohe Vorſtellung ſein, daß der entflohene Doktor ihm nicht mehr ſchaden könne, war es edles Mitleid mit dem Unglücklichen, der jetzt hülflos in der Welt herumſtrich, oder hatte der feierliche Moment das Herz Philipps überhaupt weich geſtimmt, genug, er ſprach einige Worte zu Gunſten des Doktors, und ließ deſſen Schickſal be⸗ jammernd einen Augenblick das Haupt auf ſeine Bruſt ſinken. Plötzlich aber erhob er es wieder; ihm war ein edler, ſehr ſchöner Gedanke gekommen. „D Barbara,“ ſprach er,„wenn auch Ihr— Dein Herz wollte ich ſagen, ſo zum Verzeihen geneigt iſt, wie meines, woran ich nicht zweifle, denn ich weiß ja, Du 3 — Ie biſt edelmüthiger, als ich, ſo laß uns für all' die Un⸗ bilden, die Dir der Doktor zugefügt, feurige Kohlen auf ſein Haupt ſammeln, auch wenn er als Flüchtiger nichts mehr davon ahnt! Laß uns durch eine ſchöne That etwas vom Unrecht ſühnen, deſſen er ſich ſchuldig gemacht! Bar⸗ bara, erlaube mir, daß ich drüben jenes Gerippe erſtehe, um ihm die Ruhe in geweihter Erde zu geben.“ Erſchreckt wand ſich die Jungfrau aus den umſtricken⸗ den Armen ihres Geliebten, als ſie den Knochenmann drüben erwähnen hörte, und in Gedanken ſah ſie ihn wie damals am Fenſter ſtehen, den langen Zettel im grinſenden Maul. Doch mochte ihr der Entſchluß Phi⸗ lipps von mehr als einer Seite nobel erſcheinen, und ſo willigte ſie ein und gab dem Ueberglücklichen ſogar ihre Haushaltungsbörſe, worauf ſich die Beiden nach einem langen Kuſſe und nach tauſend ſüßen Worten trennten. Noch im Weggehen bat Jungfer Barbara den Verlobten, den Bruder vom Ankauf des Skeletts nicht in Kennt⸗ niß zu ſetzen, da er von der Poeſie des Lebens zu wenig begreife, um den Werth dieſer ſchönen Handlung zu würdigen, auch ſtellte ſie die Bedingung, daß ihr das Skelett nie vor Augen kommen dürfe. Philipp begab ſich ſogleich in das Nachbarhaus und in das Zimmer des Doktors. Man war gerade mit dem Aufnehmen ſämmtlicher Effekten fertig geworden, und obgleich man in allen Dingen nicht zu wenig taxirt, war S doch nur die Summe von circa acht Thalern herausge⸗ kommen, auf welche die Hauswirthin, die mit ihren un⸗ bezahlten Miethsrechnungen in der Hand, lauernd an der Thüre ſtand, bereits Beſchlag gelegt zu haben ſchien. Aus dem merkwürdigen Inventar mag nur die Rubrik Bücher hier ſtehen: zwei Bände des Converſationslexi⸗ cons, ein Buch, genannt der Zionswächter, ein Traum⸗ buch, ein Commersbuch, und ſieben Bändchen des Walter Scottſchen Romans Jvanhoe, Stuttgart, bei Franckh. Philipp brachte ſein Anliegen vor: er habe Auftrag, das Skelett zu erſtehen, und wolle es nach ſeinem vollen Werthe bezahlen. Der Gerichtsſchreiber hatte das un⸗ heimliche Objekt zu einem Thaler angeſetzt; er meinte aber, für den Liebhaber ſei es allerdings mehr werth, und der aſſiſtirende Drechslermeiſter erklärte, für ſo ſchöne Knochen ſeien vier Thaler nicht zu viel. Philipp zog ohne Widerrede ſein Beutelchen, erlegte die Summe und nachdem er verſprochen, das Skelett gelegentlich abholen zu laſſen, begab er ſich eilends hinweg, denn ihm graute in dem Zimmer des Doktor Burbus und namentlich in der Nähe des Knochenmanns. Dieſem Kauf hatte die Hauswirthin aufmerkſam lä⸗ chelnd zugeſchaut, und kaum war Philipp die Treppe hinab, ſo ſagte ſie:„Ei, Herr Gerichtsſchreiber, nun das Ding verkauft iſt, brauche ich es auch keine Minute länger im Haus zu behalten, nicht wahr?“— Der 183 Beamte meinte, wenn dey Käufer es nicht alsbald holen laſſe, könne ſie es in Gottes Namen hinſtellen, wohin ſie wolle, nur nicht auf die Straße, dagegen müſſe er im Namen der Polizei Einſprache thun.—„Aber auf meiner Treppe,“ ſagte die Hauswirthin,„werde ich es doch nicht ſtehen laſſen? und das Zimmer, an dem ich ſchon Schaden genug habe, brauche ich nothwendig.“— „Ei,“ erwiderte der Polizeimann,„ſo laſſen Sie es ihm hintragen.“— Auf dieſen Beſcheid hatte die Frau nur gewartet, denn alsbald ſchoß ſie die Treppen hinab und kam gleich darauf mit zwei ihrer Ladengehülfen und einem großen Leintuch wieder. Letzteres wurde um das Gerippe ſo drappirt, daß nur der blanke Schädel etwas hervorſchaute, und nun wurden die beiden jungen Leute beordert, die Geſtalt in das Nebenhaus zu Herrn Neiß⸗ mehl zu tragen. Es war heute kein Markttag und im Reißmehlſchen Geſchäft ſo ſtill wie nie. Philipp und Barbara befanden ſich im Hinterſtübchen, der Prinzipal ſaß vor ſeinem Pult in der Schreibſtube und Fanny, der Mops, lag noch immer träumend auf dem Rücken. Da unterbrach plötzlich die allgemeine Ruhe vom Laden her ein ſo gräßliches Ge⸗ ſchrei, daß ſämmtliche Bewohner, Fanny eingeſchloſſen, em⸗ por fuhren und angſtvoll lauſchten. Es war die Stimme der Küchenmagd, die unartikulirt brüllend, jedesmal wenn ihr der Athem ausging, mit einem gellenden Ojel oje! ſchloß⸗ 184 Zwiſchen das Geſchrei der Hausmagd hinein tönte das Gelächter muthwilliger Buben und das Geheul des Mopſes, der, etwas Erſchreckliches witternd, nach Kräften in den Spektakel einſtimmte. Philipp ſtürzte aus dem Hinterſtübchen in den Laden, gefolgt von Jungfer Barbara, die aber beim Anblick, der ſich ihr darbot, die Hände vor das Geſicht ſchlug und laut kreiſchend wieder entfloh. Da ſtand vorne im Laden das grinſende Skelett des Doktor Burbus, in ein weißes Leintuch gehüllt. Philipp traute ſeinen Augen kaum, und im erſten Moment, da ſich beim ſchrecklichen Anblick ſeine Begriffe verwirrten, glaubte er, das Skelett ſei ihm gefolgt, um ſich für die gute That, die er an ihm begangen, zu bedanken. Doch das Gelächter einiger zwanzig Buben, die vor dem Laden verſammelt ſtanden, brachte ihn zu ſich und er ſah wohl, daß ihm die Nachbarin den Streich geſpielt habe. „Was ſollte er beginnen? Im Hinterſtübchen mußte Jungfer Barbara eben aus ihrer Ohnmacht erwacht ſein, denn ſie kreiſchte von Neuem mit verdoppelter Kraft; die Magd hörte nicht auf O je, o je! zu ſchreien, und dabei focht ſie mit einem langen Beſen gegen den Knochenmann. Die Buben auf der Gaſſe beluſtigten ſich mit allerhand ſchlechten Späßen.„Faſtnacht iſt da!“—„Nein, es war der Tod ſelbſt; er will den Herrn Reißmehl holen.“—„Ich weiß, ich weiß!“ ſchrie jetzt eine quickende Stimme aus dem dickſten Haufen;„Jungfer Barbara hat ſich maskirt, die 4185 war es!“ Und ein ungeheures Gelächter folgte dieſer letzten Bemerkung. Jetzt ſtürzte auch der Plnzipal, den ſelbſt der furcht⸗ bare Lärm bis jetzt in einer wichtigen Addition nicht 8 geſtört hatte, aus der Schreibſtube und ſchlug die Hände über dem Kopf zuſammen, als er in ſeinem ehrſamen Laden ſolchen Auftritt ſah.—„Philipp!“ ſchrie er,„was ſoll das heißen?“ Und als dieſer keine Antwort gab, wandte er ſich an die Magd und ſagte:„Margreth, lauf Sie auf die Polizei! das iſt mir zu arg!“— Nach der Polizei brauchte die Magd nicht zu gehen; denn bereits arbeitete ſich Märtens durch den dichten Haufen der Bu⸗ ben durch und trat in den Laden. „Herrrr!“ ſchrie der Prinzipal, der nach vielen Jahren zum erſtenmal in Zorn gerieth,„was ſind das für Geſchichten? Wie können Sie es leiden, daß ein ehrſames Handlungshaus zum Geſpötte frecher Buben wird? Warum ſchützen Sie mein Haus nicht?“—„Hat ſich viel zu ſchützen, Herr Reißmehl,“ entgegnete der Po⸗ lizeiſoldat.„Der beſte Schutz iſt, wenn Sie das Ding, das Sie doch einmal gekauft haben, ſo ſchnell wie mög⸗ lich in's Haus hinein ſchaffen.“ „Ich? ich? ich hätte das⸗Ding gekauft?“—„Ja Sie, oder Ihr Ladengehülfe. Da ſteht er ja. Er ſoll es Ihnen ſelbſt ſagen.“ 5 Philipp ſtand da, ein Bild des Jammers. Es giebt für ein edles Gemüth nichts Empfindlicheres, als eine gute That, die man im Stillen hat begehen wollen, ſo öffentlich dem rohen Urtheil der Welt preisgegeben zu ſehen. Und Philipp mußte ſeinen Edelmuth preisgeben und dem Prinzipal geſtehen, daß Jungfer Barbara und er das Skelett gekauft, und weßhalb. Dieſe Auskunft war aber nicht geeignet, die Aufregung des Prinzipals zu beſänftigen; vielmehr war es ſchauerlich anzuſehen, wie der ſonſt ſo ruhige und gemeſſene Mann ob dieſer Ent⸗ heiligung ſeines Ladengewölbes in den ſchrecklichſten Zorn gerieth. Wie toll ſprang Herr Reißmehl mit beiden Beinen zugleich in die Höhe; bald rief er gegen das Hinterſtübchen nach ſeiner Schweſter, bald drohte er mit der Fauſt dem unglücklichen Philipp, jetzt ſprang er ge⸗ gen das Skelett ſelbſt an und drehte ſich dabei ſo blitz⸗ ſchnell im Kreiſe, daß ſich ſeine fuchſige Perrücke hinten und vorne lüftete. Trotz aller Mühe wollte es unterdeſſen dem Polizei⸗ ſoldaten nicht gelingen, die Bubenſchaar zu verjagen; es kamen ihrer von Minute zu Minute mehrere hinzu, und die Hinterſten drängten die Erſten, ſo daß dieſe dem Knochenmann immer mehr auf den Leib rückten. Herr Reißmehl befahl in ſeinem Zorn mit kreiſchender Stimme, das Haus zu ſchließen; Niemand gehorchte ihm, und die Buben, die ein wenig zurückwichen, wenn er einen Satz gegen ſie machte, drangen gleich darauf um ſo weiter— 187 wieder vor, und ſo kam es denn, daß bei einem ſolchen Stoße die Vorderm, obgleich kreiſchend und widerſtrebend, gegen das Skelett ückt wurden. Dieſes begann zu „wanken, bekam das Uebergewicht und ſtürzte mit ſolcher 7 Gewalt auf den Steinboden, daß die meiſten Dräthe des Knochengebäudes brachen, Rippen, Arme und Beine zerſprangen, und der Kopf dem unglücklichen Herrn Reißmehl zwiſchen die Füße rollte, der über den Schädel hinweg einen furchtbaren Satz machte und dann in die Schreibſtube ſtürzte, wo er kraftlos auf einem Stuhl zu⸗ ſammenfiel. Beim Sturz des Skeletts ſtoben die Buben vor 9. Schrecken nach allen Richtungen aus einander, und der Polizeiſoldat, der allein kaltes Blut behalten, war end⸗ lich im Stande, die Hausthür zu ſchließen. Philipp, mit dem Kopf auf dem Ladentiſch geſunken, weinte vor Jammer und Aufregung ſo heftig, daß ſeine Thränen, einem Bächlein vergleichbar, auf dem eichenen Tiſche da⸗ hin liefen. Und Barbara? Wenn ich ſage, daß Marga⸗ rethe, die Dienſtmagd, nach drei verſchiedenen Aerzten geſchickt wurde, ſo kann man ſich leicht denken, wie es im Hinterſtübchen ausſah. * XVIII. Geneſung. Von all dieſen Stürmen in dem Hauſe, in dem ich bis jetzt als Lehrling gedient, erfuhr ich natürlich gar nichts, ſondern lag in meinem Bette, ſchlief faſt den ganzen Tag oder ſchaute die Mühle und die Ritterburg an. Leider aber war in meiner Krankheit ein Rückfall eingetreten; ich hatte die Nacht ſehr unruhig zugebracht und lag am Morgen zum Entſetzen der Schmiedin in heftigem Fieber. Sie ſtand an meinem Bette und fühlte mir den Puls, wobei ſie den Kopf wegwandte, daß ich ihre Thränen nicht ſehen ſollte, und als die Großmutter ſagte, ich habe mich wahrſcheinlich in der Nacht erkältet, ſchüttelte ſie traurig das Haupt und hatte etwas auf der Zunge; man ſah, daß ſie kräftig mit ſich ſelbſt rang, es hinunter zu ſchlucken. Endlich aber konnte ſie ſich nicht mehr halten und ſchluch e ſo nut, daß ich er⸗ ſchrocken auffuhr.„Ach, Frau Paſtorin,“ 4 18o wenn Sie's mir noch ſo übel nehmen, ich kann es doch nicht verhalten! Erkältung? O Gott, nein! Sie wiſſen ja wohl, daß ich die Bettdecke jeden Abend feſt binde! Nein, Frau Paſtorin, aber der Gerſtenſchleim— ja, ich muß es behaupten, der Gerſtenſchleim, der hat das Fieber auf's Neue herbeigeführt. Hätte man dem Kind Wein⸗ ſuppe gegeben, wie ich es vorgeſchlagen habe, ſo liefe es heute wieder friſch und geſund herum. Aber Ber⸗ ſtenſchleim iſt ein wahres Gift.“„* „Hör' Sie,“ ſagte die Großmutter ſehr ernſt,„1 kann Ihr wegen Ihrer Rechthaberei nicht ewig den 33 leſen; aber Schmiedin, Schmiedin, die Rechthaber und Wortklauber ſind unangenehm vor de Herrn, hat mein Mann ſelig, der Paſtor, hundertmal geſagt. Was Wein⸗ ſuppe oder Gerſtenſchleim! das hat's kein's von beiden gethan. Sie iſt doch ſonſt eine geſcheidte Perſon, geh, Sie mir mit den Kindereien!“ Damit entfernte ſich die Großmutter ziemlich ärger⸗ lich, aber die Schmiedin blieb am Bette ſtehen und hielt ein Selbſtgeſpräch, von dem ich nur die Worte Wein⸗ ſuppe und Gerſtenſchleim vernahm. Aber meine durch'’s Fieber erhitzte Phantaſie hatte genug datan, und ich träumte davon. Mir war, als ſtände ich vor einem un⸗ 1 geheuren Keſſel voll Weinſuppe, und wenn ich mich, von 4 brennendem Durſt gequält, hinaͤbſtürzen wollte, um da⸗ von zu trinken, ſo zog mich die Schmiedin mit Gewalt 190 zurück und zeigte mir ganz nahe dabei einen wahren Gerſtenſchleimſee. Doch kaum wandte ich mich dieſem zu, ſo vertrocknete er. Mochte nun mein Rückfall kom⸗ men, woher er wollte, ſo. war es ſchlimmer mit mir, als am Tage, wo man mich aus der Kirche gebracht hatte, und ich phantaſirte die ganze Nacht und ein gu⸗ tes Stück des folgenden Morgens. Das ging ein paar Tage ſo fort, während deren es ganz dunkel in meinem Zimmer war und ich Niemand unterſcheiden konnte, als die Schmiedin am unterdrückten Weinen, wenn ſie mir die Arznei einflößte. Wohl hörte ich hie und da, daß noch andere Perſonen im Zimmer ſein mußten, ja ich glaubte zuweilen eine tiefe Stimme zu vernehmen, die mir nicht enhekannt war. Doch war ich zu ſchwach, um meinen Gedanken nachhängen zu können, und alle und jede Erinnerung entſchlüpfte mir im gleichen Augenblicke wieder, wo ich mich ihrer be⸗ mächtigt zu haben glaubte. Eines Abends ließ mein Fieber etwas nach und gegen Morgen ſchlief ich ganz ruhig, wurde aber durch den Klang jener tiefen Stimme geweckt, die ziemlich laut und deutlich ſagte:„Aber, Jungfer Schmiedin, Sie werden erlauben, daß ich Ihnen gehorſamſt bemerke, daß es meines Erachtens viel ver⸗ nünftiger wäre, ihn noch eine Stunde ſchlafen zu laſſen, als ihn wieder aufzuwecken, um ihn einen Löffel voll des garſtigen Zeugs in den Magen zu ſchütten.“— „Ach, Herr Doktor,“ entgegnete die Schmiedin,„Sie mögen ſelbſt ein ganz guter Arzt ſein, aber was das 2 Abwarten eines Kranken betrifft, da ſtehe ich meinen* Mann.“—„Wollen ſagen, Ihre Frau,“ erwiderte die— tiefe Stimme und ſetzte dann, geſchmeichelt durch das Compliment hinzu:„Allerdings, wir praktiſchen Aerzte — freilich wohl, das Einhalten der Stunden— ja, wir wollen ihn alſo ſanft erwecken.“ Das war nun eigentlich gar nicht nöthig, denn ich hatte ſchon längſt meine Augen ein wenig geöffnet und würde mich ſchon lange gemeldet haben, wenn ich die Erſcheinung vor mir nicht für einen Traum gehalten hätte; denn es war mein Freund, der dort im Zimmer ſtand, der Doktor Burbus, angethan mit einem roth⸗ karrirten Schlafrock, der meinem Onkel ſelig gehört, ſo wie die gelben Pantoffeln, die er an den Füßen, und 8 eine weiße ſpitze Nachtmütze, die er auf dem Kopfe trug. Seinen Bart hatte er ziemlich ordentlich behandelt und ſah überhaupt ganz anſtändig aus. Neben ihm ſtand die Schmiedin, wieder einmal ſehr im Negligé, und ſchüt⸗ telte das Arzneiglas in ihrer Hand. Nachdem ich mir einigemal die Augen gewiſcht und 4 mich überzeugt, daß ich nicht träume, freute ich mich unendlich den Doktor wieder zu ſehen, und rief ihn laut beim Namen. Die Schmiedin ſchrack zuſammen, daß ſie faſt das Glas fallen ließ, ſo kräftig hatte ich geſchrieen, 0 5 * 192* der Doktor aber kam lachend auf mich zu, ſetzte ſich auf mein Bett, und mußte nun vor allen Dingen erzählen, wie er in's Haus und zu mir gekommen.— Die Ge⸗ ſchichte war kurz und einfach. Der Laternenhandel hatte beim Doktor das Maaß voll gemacht, oder, wenn man will, dem Faß den Boden ausgeſchlagen. Bekam er deshalb Händel mit der Polizei, ſo war ſeines Bleibens. in der Stadt nicht mehr. Er hatte daher, als er wirk⸗ lich citirt wurde, in ſeinem Hausweſen Alles, was des Mitnehmens werth war— und deſſen war gar nicht viel— zuſammengerafft und ſich in's Spital geflüchtet, das heißt zum Adjunkten des Spitalarztes, einem Stu⸗ diengenoſſen. Nachdem er ſich dort ein paar Tage ver⸗ borgen, beſchloß er, ſeinen Stab weiter zu ſetzen, wohin wußte er ſelbſt nicht, zuvor aber wollte er ſein Wort löſen und von mir Abſchied nehmen. So hatte er ſich denn vorgeſtern in der Abenddämmerung hergeſchlichen. Als er unten im Hauſe nach mir gefragt, war die Groß⸗ mutter beim Namen Burbus aufmerkſam geworden und hatte ſich mit ihm unterhalten. Da nun der theure Doktor Burbus gerade nicht auf den Mund gefallen war, wie wir wiſſen, ſo unterhielt er die gute alte Frau von ſeinen traurigen Erlebniſſen, wie es ihm theils mit, theils ohne ſein Verſchulden ſchlecht gegangen; denn er war ehrlich und auch klug genug, um ihr gegenüber zuzugeben, daß er ſeine Jugend 193 nicht ganz ſo angewendet, wie er geſollt. Natürlich miſchte er in die Erzählung ſeiner letzten Unglücksfälle ſehr viel Reißmehl, Barbara und Philipp, und ſeine Angaben ſtimmten mit den meinigen in ſo vielen Punkten überein, daß die Großmutter wohl einſah, man habe mir auf's Himmelſchreienſte Unrecht gethan. Auch gefiel ihr die Anhänglichkeit des Doktors an mich, kurz, ſie lud ihn ein, einige Tage bis zu meiner Geneſung da zu bleiben; er habe ja dann noch immer Zeit, eine neue Laufbahn anzutreten. Meine Freude, den Doktor um mich zu haben, war nicht gering, und wir machten den ganzen Tag ſchöne Plane für die Zukunft. Mit meiner Beſſerung ging es indeſſen raſch vorwärts. Ich konnte bald das Bett ver⸗ laſſen und mich an's geöffnete Fenſter ſetzen. Wie wohl that mir die junge friſche Frühlingsluft, die ſelbſt über die Dächer der Häuſer und in die engen Straßen ihren Weg zu finden wußte, und mir im ſüßen Duft erzählte von tauſend aufbrechenden Knospen im Walde, von bunten Blumen und Blüthen und von den eisbefreiten rauſchenden Bächlein! Ich hatte eine gewaltige Sehnſucht ch dem Walde, und die Stadt lag mir beängſtigend. auf der Bruſt. Das ſagte ich eines Tages dem Arzte, als er im blauen Frack mit der weißen Halsbinde vor mir ſaß, worauf er lächelnd mit dem Kopfe nickte und meinte, das würde ſich wohl arrangiren laſſen. Ja, und 3 13 5 194 es kam auch wirklich auf die ſchönſte Weiſe zu Stande. Der Arzt ſchrieb auf der Großmutter Veranlaſſung einige Zeilen an den Vormund, und nach einigen Tagen antwor⸗ tete dieſer ſo gut und freundlich als wir es nur wünſchen konnten. Im Brief ſtand unter Anderm:„Was mir der Doktor über den Jungen geſchrieben, freut mich, da ich ſehe, daß er ſich wieder in der Beſſerung befindet. Auch glaube ich, er hat ganz recht, wenn er vorſchreibt, man ſolle ihn das Frühjahr und den Sommer zu ſeiner Erholung auf dem Lande zubringen laſſen, und ich bin ganz damit einverſtanden. Ich denke, man ſchreibt an den Vetter, der die Waldmühle hat. Er wird ſich gern gegen ein mäßiges Koſtgeld dazu⸗ derſtehjen, den Jungen ein halbes Jahr aufzunehmen.“ Dieſer Vorſchlag leuchtete 8 roßt ttter, ſo wie der Tante ein, nur die Schmiedim ſchluchzte Einiges von Mühlenwaſſern, Rädern und dergleichen gefährlichen— Geſchichten. Es wurde ſögleich an den Vetter geſchrieben und ſchon nach einigen Tagen kam die befriedigenſte Antwort. Von einem Koſtgelde wollte der vermögliche Mann nichts wiſſen. Die hlusſicht, den Sommer auf dem Lande zubringen zu ſtatt wieder in einen finſtern Laden zu kriechen, machte mich überglücklich. An meinen guten Freund Burbus hatte ich dabei nicht gedacht, der am Morgen, nachdem man ſich den Abend vorher im großen Familienrath entſchloſſen, mich in * 195 einigen Tagen fortzuſchicken, ſtatt im rothkarrirten Schlaf⸗ rock in ſeinem eigenen Anzug erſchien und erklärte er ſei jetzt reiſefertig, um in die Welt hinaus zu zeehen. Das fiel mir ſchwer auf's Herz, und als die Jungfer Schmiedin allein bei mir ſaß und mich traurig betrach⸗ tete, was ſie jetzt bei meiner bevorſtehenden Abreiſe nur zu häufig that, eröffnete ich ihr mein Herz, wie traurig es mich mache, daß uns jetzt der arme Doktor Burbus verlaſſe, der keinen Menſchen auf der weiten Welt habe. Daß es leicht war, ſie bis zu Thränen zu rühren, ver⸗ ſteht ſich, und ſie verſprach mir, mit der Großmutter darüber zu reden, was ſie denn auch alsbald that. Und der Erfolg blieb nicht aus: der Doktor erſchien vor mir und erzählte mir, die gute Frau habe ihm in's Gewiſſen geredet und ihn ermahnt, jetzt endlich einen ordentlichen Lebenswandel anzufangen, ihm aber ſofort geſagt, wenn er mich auf ein paar Monate begleiten wolle, ſo würde dieß dem Vetter gewiß ganz angenehm ſein, und er habe inzwiſchen Zeit, ſich nach etwas Anderem umzuſehen. Jetzt war Freude an allen Ecken. In kurzer Zeit waren die nöthigen Vorſhrungen getroffen, meine Reiſeequipage beſorgt, 5Ten den das ganze weibliche Perſonal recht wohl leiden konnte, ging auch nicht leer aus.— An einem ſchönen Morgen, als die Sonne zum zerſtenmal recht warm ſchieng entließ uns * 13* die Großmutter mit einem ſtillen Händedruck und ihrem * lauten Segen. Die Tante gab uns Grüße an den Vetter mit und die Schmiedin weinte auf herzzerreißende Weiſe. Durch all dieſe Ceremonien war es zehn Uhr gewor⸗ den, als wir endlich durch die Straßen dem Thore zu⸗ ſchritten. Plötzlich blieb der Doktor ſtehen und rief, indem er auf einen vorbeirollenden Wagen deutete, laut aus:„Bei Gott, das iſt der edle Philipp!“ Auch ich ſah hin und erblickte ihn neben der bräutlich geputz⸗ ten Barbara; auf dem Rückſitz ſaß Herr Reißmehl, der einen ungeheuren Blumenſtraus trug. Die holde Braut mußte auch uns erblickt haben: ſie machte plötzlich ein ſehr erſchrockenes Geſicht, da der Anblick des Doktor Burbus auf dieſem Wege ihr als ein böſes Omen erſcheinen mochte. Der Wagen lenkte gegen die Spi⸗ talkirche. Im erſten Augenblick hatte der Doktor Luſt, nach⸗ zulaufen, um einige Allotria zu treiben; aber ich muß ſagen, daß er ſich ſogleich eines Beſſern beſann. Bald hatten wir die Stadtthore hinter uns, vor uns die weite Erde, die in ihrem bräutlichen Blüthenſchmuck noch herrlicher prangte alß Jungfer Barbara, und wäh⸗ rend ich auf dieſe Art vor der Hand vom Handel Ab⸗ ſchied nahm, beſchloß Doktor Burbus ernſtlich, einen neuen Wandel anzufangen. — — XIX. Kleine Reiſeabenteuer. So zogen wir zum Thore hinaus, Frühling um uns her, Frühling im Herzen. Die Lerchen auf dem Felde ſliegen auf, die Sonne ſah uns freundlich in's Geſicht und jagte die Nebel in Schluchten und Thäler zurück, wo dieſelben, zu tauſend glänzenden Tropfen aufgelöſt, noch eine Zeitlang an den Grasſpitzen zitterten, um als⸗ dann von dem durſtigen Erdreich gierig aufgeſogen zu werden.* Den Doktor Burbus hatte ich noch nie ſo froh und 1 heiter geſehen, und ſeine Fröhlichkeit ſtach ſehr von der⸗ jenigen ab, mit welcher er auf ſeinem Zimmer, Kneipe genannt, das Traurige ſeing Lage zu übertäuben ver⸗ ſuchte. Allen Bauernweibern, denen er auf der Straße begegnete, bot er guten Tag und gab ihnen weiſe Lehren für den bevorſtehenden Markt. Wo er mehrere beiſam⸗ men fand, die mit Butter oder Obſt an dem Chauſſee⸗ 198 graben ſaßen, um zur ferneren Tour auszuruhen, da ſtellte er ſich zu ihnen, und während er die Güte der Waaren unterſuchte, begann er laut zu gähnen, worauf es ihm eine außerordentliche Genugthuung gewährte, wenn zuerſt die angeredete Perſon ihm unwillkührlich nachahmte und alsdann in kurzer Zeit die ganze Reihe mit aufgeſperrten Mäulern da ſaß. Den vorbeirollenden 3 Wagen rannte er nicht ſelten eine Strecke weit mit ab⸗ genommener Mütze nach, um lachend zurückzubleiben, wenn man ihm ein kleines Geldſtück herauswerfen wollte. Kurz, er konnte es nicht laſſen, eine Menge unſchuldiger Allotria zu treiben. Bisweilen auch machte er Pländ für die Zukunft und verſicherte mich, wie er in der Waldmühle meines Vetters Botanik zu treiben beabſich⸗ tige und wie er ſich dort im Bodrnuliſthen⸗ zu vervoll⸗ kommnen ſuchen werde. 1 6 Ich für meine Perſon erinnerte mich⸗ mit Vergnügen eines früheren mehrwöchentlichen Aufenthalts in der Waldeinſamkeit, wo ich mir kleine Hütten baute oder Sandwälle aufrichtete, und von dort die Barübngchen⸗ den mit Tannzapfen beſchoß. 4 4, So zogen wir dahin und erreichten am Abend ein kleines Landſtädtchen, wo wir übernachteten und am nächſten Morgen mit aiſg honder. Sonne unſere Tour fortſetzten. S.... i Den ganzen geſtrigen Tag waren wir in einer. Nrohen 199 Ebene fortgewandelt, meiſt an den Ufern eines kleinen Fluſſes hin und näherten uns nun dem Waldgebirge, aus welchem er hervorbrauſte, und in einem deſſen Thä⸗ ler unſer Reiſeziel lag. Ach, wie freuten wir uns, den friſchen Tannenduft wieder einzuathmen und die ſtäubige Stadt, ihre kalten Straßen und Häuſer mit dem dufti⸗ gen Waldpalaſt vertauſcht zu haben, unter deſſen Säu⸗ len wir nun langſam aufwärts ſtiegen. Der Doktor war merklich ernſter als geſtern, und als wir auf der erſten Höhe des Waldgebirges ankamen, von der wir rückwärts ſchauend in weiter, weiter Ferne die Thürme der geſtern verlaſſenen Stadt erblickten, fuhr er mit der Hand über die Augen, grüßte bitter lachend hinüber und ſchüttelte ſich dann wie ein Hund nach ſtarkem Regen. Doch dauerte die Traurigkeit bei dieſem ſonderbaren Menſchen nicht lange, und obgleich er mir mehrmals heilig und gewiß verſicherte, er werde beim Eintritt in die Waldmühle den alten Adam gänzlich ausziehen, ſo traute ich ihm vor der Hand doch nicht recht, indem er mir im Laufe des heutigen Tages noch einen merkwür⸗ digen Streich ſpielte. Nach einer kleinen Stunde nämlich erreichten wir das Städtchen T., welches zwiſchen der Stadt, wo wir her⸗ kamen, und der Stadt C. gerade in der Mitte liegt und beide Regierungsbezirke ſcheidet. Hier treffen ſich die Gensdarmen von beiden Städten, übergeben einander die 200 mitgebrachten Vagabunden und Verbrecher, wechſeln ſie gegen einander aus und jeder nimmt die für ſein Kreis⸗ gefängniß beſtimmten wieder mit ſich zurück. Als wir vor das Wirthshaus kamen, in welchem dieſe Auswechslungen geſchehen, es war, wenn ich nicht irre, der goldene Schweinskopf, ſo fanden wir dort eine anſehnliche derartige geſchloſſene Geſellſchaft, theils zu Wagen, theils zu Fuß, welche behufs dieſer Auswechs⸗ lung ihren Einzug in das Wirthshaus hielt, wo die Gensdarmen bei einem Glaſe Bier oder Wein einander die Papiere der Verbrecher übergaben. Am obern Ende eines langen Tiſches ſaßen die Hand⸗ haber der Gewalt, lang gediente Unteroffiziere der Armee, die das Uebertreten in die Gensdarmerie als Avancement anſahen, kräftige Geſtalten im beſten Mannesalter mit großen Schnurrbärten. Ich muß nun hier beifügen, daß der Doktor Burbus nichts ſo ſehr haßte, wie alle polizeiliche Gewalt, und von dieſer galt ihm die Gens⸗ darmerie als Quinteſſenz. Daß wir in die Wirthsſtube zum wilden Schweins⸗ kopf eintraten, wunderte mich gar nicht, daß der Doktor mit mir an den Wänden bei den Vagabunden und Ver⸗ brechern ſtehen blieb, glaubte ich ſeiner Neugier, die Auswechslung beſſer anſehen zu können, zuſchreiben zu dürfen. Es mochten ungefähr zehn bis zwölf Gefan⸗ gene da ſein, worunter einige mit Ketten geſchloſſen, 291 zerlumpt und zerriſſen, mit höchſt verdächtigen wilden Phyſiognomien, andere, denen bloß die Daumen zuſam⸗ mengeſchnürt waren, und ſogar einige, die ganz ohne Banden waren. Von den letzteren näherte ſich hie und da einer den Gensdarmen, leiſe mit bittender Miene fragend, ob er ein Glas Waſſer genießen dürfe, der ein Glas Bier, jener ein Glas Branntwein. Meiſtens wurden die Bitten mit Kopfnicken bewilligt, oder es wurden einige Bemerkungen hinzugefügt, als z. B. „Hör', Schwarzenberger, Du könnteſt von Gott und Rechtswegen einen unüberwindlichen Abſcheu vor allem Fuſel haben; denn ohne dieſen guten Freund wäreſt Du ein freier Mann,“ oder:„Waldauer, ei, ei, das Bier ſollte Dir eigentlich Gewiſſensbiſſe machen und Du des⸗ halb keins trinken; bei Dir iſt das Sprichwort: Je toller gebraut, je beſſer Bier, nicht eingetroffen; denn toll genug gebraut, haſt Du Dein ganzes Leben.“ Dieſe halb gnädigen Aeuß gerungen wurden dann von dem ganzen Haufen mit großem Gelächter aufgenommen. Jetzt trat auch der Doktor aus dem Haufen heraus zu den Gensdarmen hin und fragte mit leiſer Stimme: ob ihm der Herr Wachtmeiſter nicht den Genuß eines Schoppen Weins gnädigſt geſtatten würde? 8 „So, Wein?“ fragte dieſer, ohne von ſeinen Papie⸗ ren aufzuſehen,„Er muß viel übriges Geld haben. Na 8 2 meinetwegen!“ 8. 202 Darauf rückte ſich der Doktor mit größter Gemüths⸗ ruhe einen Stuhl zum Tiſche neben den Gensdarmen, warf ſich darauf hin und ſchrie mit ſeiner kräftigen Stimme:„Eine Flaſche Moſelwein!“ wobei er mit der Hand auf den Tiſch ſchlug, daß die Dintenfäſſer der Gensdarmen in die Höhe fuhren. Erſtaunt ſahen dieſe empor, und der, welcher dem Doktor ſeine Bitte gewährt hatte, rief ihm zu:„Höre, Burſche, noch einmal ſolchen Exceß, und ich werde Dich ſchließen laſſen. Scheer Er ſich vom Tiſch weg und trink Er ſeinen Schoppen dort in der Ecke.“ „Ei was,“ entgegnete Burbus noch lauter,„ich darf hier eben ſo gut ſitzen wie ein Gensdarm.“ „Was!“ ſchrie der Andere,„Er will ſich hier unnütz machen? Wenn Er nicht augenblicklich ſein Maul hält, wird man Ihn ſchließen laſſen.— Was iſt denn das für ein Kerl?“ fragte er leiſe ſeine Collegen. Der Doktor aber trommelte mit ſeinen beiden Fäuſten auf den Tiſch und brüllte zum lauten Ergötzen ſämmt⸗ licher Herren Vagabunden: „Wein her, Wein her, Oder ich fall um!“ 3 Man kann ſich denken, daß ich bei dieſer ſonderbaren Scene mich beſtürzt an die Wand zurückzog und des Doktors verrückte Einfälle tauſendmal verwünſchte, die mir hier obendrein ein ſehr ſchlimmes Ende zu nehmen 203 ſchienen; denn der eine Gensdarm riß das Fenſter auf und befahl, man ſolle vom Wagen draußen ein Paar Handſchellen hereinbringen. Und dieſer Befehl, ſtatt den Doktor einzuſchüchtern, ſtachelte ihn vielmehr auf, mit lauter Stimme ſich über den Mißbrauch der polizeilichen und gensdarmerielichen Gewalt auszulaſſen. „Hör Er,“ ſchrie ihm der eine Gensdarm zu,„ich werde nicht eher ruhen, bis Er zum Anfang Seiner Gefängnißſtrafe auf vierzehn Tage das Hundeloch be⸗ kommt.“ „Und,“ ſetzte der Andere Uimzm.„ich werde Ihn der⸗ geſtalt empfehlen, daß Er während der zehn Jahre oder wie viel Er hat, keine ruhige Minute verlebt.“ „Hören Sie, meine Herren,“ entgegnete Burbus, „ich verbitte mir das Er, und erlaube mir, Ihnen zu erkennen zu geben, daß mir ſogar das vertrauliche Du viel lieber wäre!“* Jetzt riß den beiden Gensdarmen der Geduldsfaden gänzlich, und wer weiß, was dem Doktor geſchehen wäre, hätte man nicht in dieſem Augenblicke die Handſchellen gebracht, und ſie vor den beiden Machthabern auf dem Tiſche hingelegt. „Laß den Kerl ſchließen,“ ſprach einer der„Gensdar⸗ men zum andern. 4 4 „Ja, das mein' ich auch,“ entgegnete dieſer,„ laß ihn ſchließen.“ 3 204 „Ich?“ verſetzte der erſte,„das kann ich nicht thun, nachdem ich ihn von Dir abgenommen.“ „Wie iſt mir denn,“ ſagte der Andere leiſe, indem er ſeine Papiere durchſah,„er gehört ja zu Deinem Bezirk. Uebergieb mir ſeine Papiere und ich will den Kerl ſchon zahm machen.“ So leiſe dieſes Geſpräch von den Gensdarmen ge⸗ führt wurde, während ſie ihre Acten durchſahen, ſo drang es doch zu den Ohren des Doktors, der ſelbſtzufrieden in ſich hineinlachte. „Wie heißt Er?“ „Doktor Burbus, einſtens Candidat der Jurispru⸗ denz, jetzt werdender hydrauliſcher Waſſerkünſtler.“ „Burbus,“ entgegneten beide Gensdarmen und war⸗ fen ſich ſonderbare Blicke zu.„Was hat Er gethan? weshalb wird Er eingeliefert?“ Und leiſer ſagte einer zum andern:„Auf Ehre, Du mußt den Kerl mitgebracht haben. Ich habe ihn nicht in meinen Papieren.“ 3 3„Wenn ich Ihnen, meine beiden hochverehrten Herren, Alles erzählen ſollte, was ich in meinem Leben ſchon gethan habe, ſo könnte das etwas lang werden. Wenn ich eingeliefert worden bin, ſo weiß ich nicht warum.“ Der eine Gensdarm ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Mir ſcheint, man hat ſeinen Spaß mit uns treiben 20⁵ wollen,“ und der Andre ſetzte hinzu:„das wird nicht ſo hingehen!“ 4 Der Doktor zog ganz ruhig ſeine Börſe und während er dem Wirth den getrunkenen Wein bezahlte, verſicherte er den Gensdarmen: ſo etwas abſonderlich Kurioſes ſei ihm in ſeinem Leben nicht paſſirt. Wie er als ruhiger friedſamer Staatsbürger, deſſen erſter Grundſatz es ſei, ſich der öffentlichen Gewalt, wo er ſie fände, unterzuord⸗ nen, ſo auch hier nicht verfehlt habe, die hohe polizei⸗ liche Erlaubniß zur Genießung eines Schoppens Weins einzuholen, und daß er deshalb als Verbrecher angeſehen und behandelt werden ſollte, käme ihm ſonderbar vor, und er würde deshalb bei dem Bezirksautt Anklage er⸗ heben. Die beiden Gensdarmen ſahen ſich etwas verblüfft an, und nachdem einer derſelben ſich noch den Paß des Doktors zeigen ließ, der aber in beſter Ordnung war, ver⸗ tieften ſie ſich, ohne ein Wort ferner zu ſprechen, in ihre Papiere, und ich war äußerſt froh, als wir uns wieder auf offener Landſtraße befanden, daß der Handel ſo gut abgelaufen ſei. Der Doktor aber lachte noch während einer Viertelſtunde unbändig und verſicherte mich, jetzt erſt könne er ein anderer Menſch werden. „Sehen Sie, lieber Jüngling, das war noch ein Reſt von Uebermuth, der in mir ſtack, und der hinaus 8 * tor ſtützte den Kopf auf die Hand und wurde nachd 206 mußte, damit er nicht bei mir fortwucherte und mich von einer gänzlichen Beſſerung abhielte.“ Bald umfing uns wieder das Waldgebirge mit ſei⸗ nem traulichen Schatten, und da wir die Hauptſtraße verlaſſen hatten, ſo war der Weg, wenn auch nicht mehr ſo bequem und breit wie früher, doch dafür viel trau⸗ licher und heimlicher. Die niedern Waldeulturen, welche die Landſtraße begränzten, verwandelten ſich zuerſt in hohes Strauchwerk und wechſelten dann mit ſtattlichen kräftigen Bäumen ab. Die Buchen mit ihrem breiten Laubdach wurden zahlreicher, dann kamen ernſte hohe Eichen, die kräftige ſchlanke Tanne, welche erſt einzeln, dann in immer größeren Gruppen erſchien, und ließen uns erkennen, daß wir uns der Höhe des Gebirges nä⸗ herten. Auch die Bäche und Waldwaſſer, die uns ent⸗ gegen kamen, anderten von Schritt zu Schritt ihren Charakter. Das Blut dieſer Waſſeradern pulſirte hefti⸗ ger und heftiger, je höher wir ſtiegen, und wie uns hier oben im Waldesgrün das Herz fröhlicher ſchlug, ſo ſprangen auch die unten ſo trägen Bäche hier oben heftiger einher, bald ſich einen Weg durch dicke Wur⸗ zeln und bemoöoͤste Steine ſuchend, bald einen Abhang hinunterſtürzend, die Blätter und Gräſer umher mit friſchem Waſſerſtaub netzend.. An ſolch einem Punkte ſetzten wir uns nieder, der —.* 2 207 „Heut Abend alſo,“ ſprach er,„kommen wir bei Ihrem Vetter auf der Waldmühle an. Das iſt an ſich ſchon ſehr ſchön und gut. Sie bleiben ein paar Mo⸗ nate da, dann ſucht man Ihnen eine neue Stelle. Sie werden wieder hinter den Ladentiſch geſteckt und können, wenn auch keine glänzende Carriere, ſich doch eine gute Zukunft bereiten. Ich aber, ſchon ein alter Kerl, müßte, um auf meinem angefangenen Wege vorwärts zu kom⸗ men, noch einige Sameſter irgendwo ſtudiren und dort ſehr fleißig ſein, un ein Eramen zuwege zu bringen. Dazu brauche ich erſtens Geld und zweitens Geld und drittens Geld, und das fehlt mir erſtens, zweitens und drittens. Ich verſichere Sie, es iſt eine verfluchte Ge⸗ ſchichte. Ich habe ſchon daran gedacht, Soldat zu wer⸗ den, und mich dort auf mediziniſchem Weg der leidenden Thierwelt zu widmen. Aber das geht auch nicht, ich ſehe wahrhaftig nirgends einen Ausweg.“ „Ich kann Ihnen freilich,“ entgegnete ich darauf, „nicht viel Tröſtliches ſagen; doch⸗verlieren Sie den Muth nicht. Wer weiß, ob ſich in der Zeit, die Sie in der Waldmühle zubringen, nicht irgend eine Ausſicht eröffnet oder ein Glück zufällt, mag es nun kommen, woher es will.“— 9 Roſenglanz der Jugend glaubt man noch an Wunder. „Ja, ja, ſo dachte ich auch einſtrns; in dem erſten Doch am Ende haben Sie Recht, was hilft das Grübeln. 208 Laſſen Sie uns Hoffnung faſſen. Und nun erzählen Sie mir vor allen Dingen, wer Ihr Vetter eigentlich da drunten iſt, und aus welchen Beſtandtheilen überhaupt der ganze Kreis beſteht, in welchen wir ſo mir nichts Dir nichts hineinplumpſen.“ „Es iſt ſchon lange her,“ entgegnete ich,„daß ich einmal dort war; ich war noch ein ganz kleiner Bube und der Liebling von Allen, ſogar von meinem Vetter, dem Müller.“ „Warum ſagen Sie ſogar von Ihrem Vetter, dem Müller?“ „Nun, er iſt ein etwas mürriſcher ernſter Mann, früher war er Förſter, doch weiß ich nicht, weshalb er dies Amt niederlegte. Genug, ich erinnere mich wohl, noch in damaliger Zeit in meiner Familie von einem großen Unglück gehört zu haben, das den Vetter Chri⸗ ſtoph betroffen. Darauf kaufte er die Mühle, und als ich zu ihm kam konnte er vielleicht in den vierzigen ſein. Das ſind jetzt zehn Jahre her. Alles im Hauſe muß thätig ſein, und ſelbſt ich, nachdem ich ein Paar Tage dort war, bekam meine kleinen Beſchäftigungen, z. B. ich mußte in den Gärten Unkraut jäten, kleine Pflanzen anbinden u. dgl., und wurde nur dann von ihm freund⸗ lich angeſehen, wenn ich recht fleißig geweſen war.“ „Ei, ei,“ meinte der Doktor,“ was werden wir Beide dort anfangen; denn ſowohl Sie und noch vielmehr ich 2⁰9 ſind über die Jahre hinaus, wo man Unkraut vertilgt, und Pflanzen anbindet.“ 4 „Ja, daran habe ich auch ſchon gedacht. Nun, ein Paar Wochen wird's ſchon ſo gehen.“ „Ich werde dem alten Herrn gelehrte Vorleſungen halten, oder werfe mich, wie ſchon geſagt, auf's Hy⸗ drauliſche. 6 „Die Frau meines Vetters dagegen,“ fuhr ich fort, „ach, die iſt ganz, ganz anders, eine ſehr kluge und ge⸗ ſcheidte Frau. Sie hat in ihrer Jugend in der Stadt gelebt; ihr Vater war Pfarrer und ſie iſt in Allem das Gegentheil von ihrem Manne. Der Vetter Chriſtoph treibt ſich Tag und Nacht in ſeinem Mühlenwerke herum und ißt Mittags und Abends mit ſeinen Knechten. Iſt er müde, ſo legt er ſich vor dem Heerd auf eine Bank und hört den Erzählungen und Geſprächen der Leute zu, ohne ein Wort zu ſprechen, oder wenn er etwas ſagt, trifft er gewiß den Nagel auf den Kopf. Obgleich er ſo im Aeußern rauh, ja heftig iſt, ſo lieben und ver⸗ ehren ihn ſeine Kinder doch ungemein, und er iſt in der Umgegend angeſehen wie ein Friedensrichter, ſchlichtet auch mehr Prozeſſe und Streitigkeiten, als wie die um⸗ liegenden Bezirksgerichte alle zuſammen. Die Frau, die ihrem Hausweſen auf's Beſte vorſteht, muß, auch an dieſen Mittags⸗ und Abendmahlzeiten der Dienſtleute. Theil nehmen, ſtehi aber dabei auf einer ganz andern 4 14— 210 Bildungsſtufe. Sie hat in dem weitläuftigen Gebäude ihre eigenen Zimmer, die der Vetter nur ſelten betritt. Ach, und in denen iſt es ſehr ſchön, da ſind Bücher und ſchöne Blumen und Kupferſtiche und hübſche Stühle und Tiſche, ja ſogar ein Klavier, das ſie ſelbſt ſpielt. Ferner ſind im Hauſe zwei Söhne und zwei Töchter. Ueber deren Erziehung ſoll es anfänglich viel Streit gegeben haben. Vetter Chriſtoph meinte, bei ſeiner Frau ſei es zufällig einmal gut ausgeſchlagen, aber ſonſt ſei im Allgemeinen ein Mädchen, das ſtädtiſche Manieren an⸗ genommen und das die Naſe in die Bücher geſteckt habe, auf dem Lande nicht mehr zu brauchen. Das hat viel Streit und der armen Frau viel Kummer gemacht. Der älteſte Sohn heißt Caspar und nebenbei daß er ein tüch⸗ tiger Müller iſt, hat er vom Vater die Leidenſchaft für die Jagd geerbt, der aber ſelbſt kein Gewehr mehr an⸗ rührt. Der zweite, Franz, würde der Mutter nachge⸗ artet ſein, wenn der Vater nicht dieſe verkehrte Richtung, wie er es nannte, mit Gewalt unterdrückt hätte. Die älteſte Tochter, Eliſabeth, iſt der Liebling des Vaters, eine ſehr gute Perſon; mich mochte ſie beſonders leiden, ſie ließ mich auf den Ackerpferden immer nach Hauſe reiten und lud mir heimlich das Gewehr des Bruders, um Sperlinge zu ſchießen. Die jüngſte endlich, die Sibylle, war damals wenige Jahre älter als ich, und iſt die einzige, die ich ſpäter noch wieder geſehen habe. 211 Sie war in ihrer frühen Jugend kränklich, weshalb es ihre Mutter durchſetzte, daß ſie einige Jahre in der Stadt zubringen mußte, wo ſie nachaden Begriffen des Vetters eine ganz verkehrte Erziehung erhielt, und des⸗ halb nicht ſein beſonderer Liebling iſt. Sie iſt ſtill und ſanft, und wie icch gehört habe, ſollen ihre Neigungen und ihr Körperbau nicht zur Feldarbeit gepaßt haben. Dieſe Mittheilungen ſchienen meinen Reiſegefährten ſehr zu beſchäftigen, denn er ließ einige Hm! Hm! und So! So! hören und ſchlenderte wortlos an meiner Seite dahin. 5 Unſer Weg führte jetzt über eine breite Waldebene hin. Nach Verlauf einer Viertelſtunde kamen wir auf einen freien Platz, von dem mehrere Wege nach ver⸗ ſchiedenen Richtungen ausliefen. Mir tauchten alte Er⸗ innerungen auf, namentlich beim Anblick eines alten Kreu⸗ zes, das hier oben faſt in Gras und Moos verſunken ſtand, und ich erinnerte mich wohl, mit meinem Vetter Caspar hier oftmals ausgeruht zu haben, beſonders wenn wir an Sonn⸗ und Feſttagen durch den Wald ſtreiften, er mit dem Gewehr voran, ich ihm die Jagdtaſche nach⸗ ſchleppend. Zur Nachtzeit wurde die Gegend um das Kreuz von den Leuten vermieden. Hier war vor langen, langen Jahren ein Mord geſchehen, über den weder die Bewohner der Gegend noch die Getichte je einen Auf⸗ ſchluß erhalten hatten. Man fand damals hier breite 4 4 14⸗ N 212 Blutlachen, zerſtampfte Gräſer und Geſträuche, und das war Alles. Zwei der Wege, die hier zuſammen trafen, führten in's Thal hinab; ſauf dem Wegzeiger des einen ſtand zu leſen: Königsbronner Mühle; das war unſer Ziel. Dort alſo hinab. Doch vorher ſetzte ſich der Doktor auf das bemooste Kreuz und verſicherte mich, er müſſe ſich ſammeln und vorher einige Augenblicke ausruhen. XX. In einem kühlen Grunde da geht ein Mühlenrad. Die Waldebene lag um uns her, beſtrahlt vom roth⸗ goldenen Licht der ſinkenden Abendſonne. Die Bäume, die um das Kreuz ſtanden, warfen lange Schatten hinter ſich und die eine Seite des Stammes glänzte hell, wäh⸗ rend die andere Seite tief beſchattet war. Der Pfad vor uns zur Königsbronner Mühle verlor ſich bald in einem tiefen Hohlweg, deſſen Ende, ſo weit wir es ſehen konnten, ſchon in Nacht gehüllt da lag. Aus dem Thale zu unſeren Füßen ſtiegen blaue Abendnebel auf und die Spitzen der Tannen und hohen Bäume, die noch von der Sonne beſtrahlt waren, ſchwammen wie grün goldene Flocken auf blauem wogendem Meer. „Hören Sie dort drunten nicht Waſſer rauſchen?“ fragte ich den Doktor. Doch er antwortete mir nicht und bald traten wir in die⸗nächtlichen Schatten des Hohlweges. Nicht lange * 214 dauerte es, ſo ſtrahlten uns vom Grunde des Thales Lichter entgegen. Wir vernahmen das einförmige Ge⸗ räuſch eines Mühlenwerks und deutlich das Rauſchen des Waſſers. Bald erblickten wir Gebäude in dunkeln Untriſſen, endlich das mir wohlbekannte Wohnhaus, die Mühle, die Wirthſchaftshäuſer. Links lagen die Stal⸗ lungen und es befremdete mich, bei der Schmiede, die dort war, eine Menge Leute zu ſehen und viele Lichter. Auch glaubte ich ein Paar Geſtalten zu erkennen. Wir traten näher und erblickten bald deutlich ein landwirthſchaftliches Nachtſtück. Das war die hohe kräf⸗ tige Geſtalt des Vetters, und er hielt den Zaum eines Gaules, der den Kopf hängen ließ und wie es mir ſchien auf ſeinen Beinen ſchwankte. Neben dem Pferd lag ein großer Haufen Stroh, der ihm wahrſcheinlich das Niederfallen leicht machen ſollte. Da ſtand auch der Vetter Caspar und die Elsbeth, die den Gaul ſtrei⸗ chelte und oben aus dem Fenſter ſchaute Franz mit einer weißen Miütze. Als wir ganz nahe traten, hörten wir ſprechen und verſtanden einzelne Worte. „Der Gaul hat ſich erhitzt,“ ſagte die Elsbeth,„und zu viel Klee gefreſſen.“ Der Vetter Caspar meinte, es käme vom Geblüt, was im Frühjahr immer unruhig und rebelliſch würde. „Das Beſte iſt,“ rief Franz zum Fenſter heraus, 215 „laßt ihm eine warme Decke auflegen und tüchtig herum traben, bis er in Schweiß kommt.“ „Ach was,“ antwortete Caspar,„wenn der Gaul vom vielen Freſſen Kolik hätte, ſo würde er unruhig ſein.“ Der alte Müller ſtreichelte den Hals ſeines Pferdes und fragte:„Wann iſt der Bub zum Kurſchmied ge⸗ ritten? Könnt' ſchon da ſein!“ „Was meint Ihr, Vater,“ ſagte die Elsbeth,„wenn wir den Gaul tüchtig herumlaufen ließen?“ „Wenn der Menſch krank iſt,“ entgegnete der Müller, „muß er Ruhe haben, und das Vieh wahrſcheinlich auch. Und da ich von der Medizin leider nichts verſtehe, will ich ſo meiner Idee folgen. Man bringe ihn in den Stall, bis der Kurſchmied kommt.“ 3 Jetzt traten wir Beide plötzlich in den Kreis und es dauerte ein Paar Secunden, ehe mich die Familie er⸗ kannte. „Donnerwetter,“ ſagte Caspar,„Du biſt's! Nun, das freut mich!“ Und die Elsbeth reichte mir die Hand und ſagte: „Was der Bub' groß geworden iſt!“ Der alte Müller warf den Zügel ſeines Pferdes dem Knecht zu, legte mir eine Hand auf den Kopf und ſagte: „Na, Dir iſt es auch in der Stadt ſchlecht ergangen. 8 Sähſt auch nicht ſo ſchwächlich aus, wenn Du damals hier geblieben wärſt!“ Franz oben im Fenſter ſchrie mir freundlich entgegen und verſchwand vom Fenſter, indem er nach der Mutter und Sibylle rief. Unter dieſen verwandſchaftlichen Begrüßungen hatte man nicht auf den Doktor geachtet, der unterdeſſen den Kopf des Gaules ergriffen und denſelben etwas auf die Seite drehte. Es war aber Zeit ihn vorzuſtellen. „„Iſt das der Doktor, von dem die Großtante ge⸗ ſchrieben?“ ſagte Caspar; und Elsbeth ſetzte hinzu: „Weißt Du, Vater, ein Sohn vom Müller Burbus!“ Des Alten Geſicht ſah aber nicht ſo freundlich aus, wie der Doktor genannt wurde, als wie er meiner an⸗ ¹ ſichtig wurde. Burbus ließ ſich jedoch nicht ſtören, ſagte kurzweg: Guten Abend! und ließ das Pferd eine plötz⸗ liche Wendung links machen, wobei wir Alle ſahen, daß es den rechten Vorder⸗ und Hinterfuß ſchmerzhaft in die Höhe zog. Dieſe Bewegung wiederholte er ein Paar Mal und ſagte dann ganz ruhig:„Mit Verlaub, Müller, der Gaul hat ſich weder überfreſſen, noch plagt ihn das Blut, ſondern er iſt im Stall zu kurz herumgedreht worden, und hat ſich etwas im Bug verrenkt.“ „Wahrhaftig,“ ſchrie die Elsbeth,„das glaub' ich auch. Ich hab's dem Anton, dem unnützen Buben, tau⸗ ſendmal geſagt, er ſoll das Vieh nicht ſo kurz drehen.“ 21ʃ* „Ja, ja,“ meinte Caspar,„davon kann's herkommen.“ Der Müller machte darauf mit dem Pferde dieſelben Bewegungen, ſah das ſchmerzhafte Benehmen des Thie⸗ res, wenn er ihm die Seite fühlte und ſagte:„Kann wirklich ſo ſein!“ „Es iſt aber auch ſo,“ entgegnete feſt und beſtimmt der Doktor.„Laßt das Pferd augenblicklich in den Stall bringen, etwas Baumöl, um ihn einzugeben, wird wohl im Hauſe ſein, und eine Salbe zum Einreiben werde ich aufſchreiben.“ 3 „Und das verſteht der Herr?“ ſagte der Müller, in⸗ dem er ſeine Mütze in die Höhe rückte. „Natürlich,“ ſagte der Doktor,„ich habe mich haupt⸗ ſächlich auf die Behandlung des kranken Viehs gelegt.“ Ich war über dieſen Zufall ſehr erfreut, denn wenn ich auch viel auf den Brief meiner Großmutter baute, ſo mußte ich doch fürchten, dem Vetter Chriſtoph ſei die Anweſenheit eines halb ausgelernten Studenten, in ſei⸗ nen Augen natürlich ein fauler unpraktiſcher Menſch, nicht ſehr angenehm. Jetzt kam auch die Müllerin und Sibylle aus dem Hauſe, von denen ich einen herzlichen Kuß bekam, und darauf wurde ich im Triumph in die Mühle geführt; denn der Doktor Burbus ging ſelbſt mit in den Stall, um beſtmöglich für die Lagerſtätte des kranken Viehes zu ſorgen. Für heute trat auch der Vetter Chriſtoph ausnahms⸗ „ 218 weiſe in die ſchönen Zimmer ſeiner Frau, in welche ich geführt wurde, um mir eine Ehre zu erzeigen und ich wurde ausgefragt, wie es der Großmutter ging, und meinen ſämmtlichen Tanten und Onkels, ſogar der Jungfer Schmiedin, die einmal ein Paar Wochen hier zugebracht hatte, wurde gedacht. Ich fand die Familie meines Vetters faſt in dem⸗ ſelben Zuſtand wieder, wie ich ſie vor mehreren Jahren verlaſſen. Freilich war der Müller älter und grauer geworden und der Stammhalter Caspar, der ſich unter⸗ deſſen verheirathet hatte, und mit Weib und Kind eben⸗ falls auf dem Hofe wohnte, konnte, wie er ſelbſt ſcherz⸗ haft ſagte, ſein früher glänzend ſchwarzes Haar nicht recht vom Mehlſtaub reinigen. Das feine kluge Geſicht der Müllerin hatten auch einige tiefe Furchen durchzogen und Eliſabeth war beträchtlich älter und dicker geworden. In Mannskleidern würde ſie den beſten Cüraſſier abge⸗ geben haben. Gegen das Heirathen bewährte ſie eine auffallende Abneigung und ein kleiner ſchwarzer Bart auf der Oberlippe, mit dem man ſie früher immer ge⸗ neckt, wurde größer und bemerkbarer. Sibylle war ein ſehr hübſches Mädchen geworden, viel zarter und feiner als die Eliſabeth, die mir jetzt weit beſſer gefiel, als damals, wo ich die ältere Schwe⸗ ſter ſo gut leiden konnte, weil ſie mich mit ihrer Kör⸗ perſtärke vor den Neckereien der Brüder ſchützte. Auch 219 erſchien ſie mir viel artiger, viel verſtändiger, denn wäh⸗ rend ich, den Kopf auf meine Arme ſtützend, am Tiſche ruhte, ſaß Sibylle neben der Mutter, heftete ihre blauen Augen auf mich und fragte mich dies und das, wobei ſie emſig fortſtrickte. Bald trat auch der Doktor ein und verſicherte, der Gaul befände ſich etwus beſſer. Der Vetter machte ihm Platz und ſprach auch einige Worte mit ihm, wodurch ich ſah, daß er keine eigentlihe 20 neigung gegen ihn fühlte. Als nun nach dem Abendeſſen, das diesmal im. Kreiſe der Familie und nicht bei den Leuten eingenom⸗ men wurde, der Kurſchmied erſchien und die Behandlung des kranken Pferdes, wie ſie Burbus angeordnet hatte, vollkommen billigte, ſtieg der Doktor augenſcheinlich in der Gunſt ſämmtlicher Bewohner der Königsbronner Mühle. 7 Comptoiriſt und Hülfsarbeiter. * Der Doktor und ich wurden nicht zuſammen einlogirt. Er bekam eine Kammer neben dem unverheiratheten Sohne Franz, und mir wue d allerliebſtes Zimmerchen bei denen der alten Müllerin angewieſen. Es war ſehr heimlich und traulich dort. Die Mühle lag nicht auf dem tiefſten Grunde des Thales und vor meinen Fenſtern ging es noch ungefähr hundert Schuh weiter hinab, links von mir war das Mühlwehr und wenn ich die Hand zum Fenſter hinaus ſtreckte, wurde ſie vom ſprühenden Waſſer benetzt. Unter meinem Fenſter floß das gebrauchte Waſſer ſchon viel ruhiger in einem Holzcanale weiter und ſtürzte erſt rechts vom Hauſe durch eine ſteinige Schlucht in die Tiefe des Thales hinab. Als Alles ſchon zur Ruhe war, lag ich noch lange im Fenſter und erfreute mich an der ſchweigenden Nacht, die um mich herrſchte. Das Werk wurde geſperrt, das 221 Waſſer floß ruhiger und die Schlingpflanzen, die an den Wänden des Hauſes wuchſen und die ſonſt das ſprühende Waſſer auf und niederpeitſchte, ſchwammen jetzt auf dem kleinen ruhigen Strome, und zitterten freudig, daß das Waſſer f nicht mitnehmen konnte dir Steinſchlucht hinab. Am andern Tage ging in der Mühle Alles ſeinen gewohnten Gang; man bekümmerte ſich um uns ſo we⸗ nig, als ſeien wir ſchon Jahre lang da geweſen. Der Doktor ſetzte ſein Heilverfahren mit dem kranken Gaule fort, gab dem alten Müller auf kurze Fragen kurze Ant⸗ worten, ſprach mit der Elsbeth über Erſatzmittel für den gewöhnlichen Dünger und erzählte den beiden Söhnen nach dem Abendeſſen, wenn ſie eine Pfeife zuſammen rauchten, eine Menge kurzweiliger Anekdoten aus ſeinem Studen⸗ tenleben. Um die Müllerin und Sibylle bekümmerte er ſich gar nicht, und ließ mir vollkommene Freiheit, das zu machen, was ich wollte. Bekannt mit den Geſinnun⸗ gen meines Vetters, verſuchte ich auch, mir Beſchäftigung zu machen; doch war ich kein Kind mehr, wie vor Jah⸗ ren, das Unkrautausjäten fiel mir ſehr ſchwer, und wenn ich Sibyllen beim Anbinden der Pflanzen half, ſo trieben wir ſo viel Kindereien zuſammen, daß mehr verdorben als gut gemacht wurde. Jeden Andern hätte der Vetter Chriſtoph am Ende unge⸗ hindert gehen laſſen, d. h. mit vollkommener Entziehung 222 höchſten Wohlwollens, doch nicht ſo mich, ſeinen leibli⸗ chen Vetter, dem er geneigt war und für den er als jun⸗ gen Menſchen alles Mögliche glaubte thun zu müſſen, um ihn zur Arbeit zu gewöhnen. So hatte er denn auch eines Morgens ein Geſchäft⸗ chen für mich gefunden, was mich genugſam beſchäftigte, dafür aber auch an den Tiſch feſſelte, obgleich ich viel lieber in Feld und Wald herumgelaufen wäre. Er führte mich in ſeine Schreibſtube, und ſtellte mich als erſten Buchhalter und Correspondenten an. „Das Geſchäft iſt klein,“ ſagte er,„aber mach's or⸗ dentlich, mach's pünktlich, Du kannſt was dabei lernen.“ Anfänglich war ich auch in dem Punkte des Fleißig⸗ ſeiens für den Doktor beſorgt geweſen und hielt ihn, wie man es natürlich finden wird, für einen faulen und zur Arbeit untauglichen Menſchen. Doch war der Doktor klug genug, meine Vermuthungen Lügen zu ſtrafen. Nachdem die Pferdekur vollendet war, ſuchte er ſich andere Beſchäfti⸗ gungen, und hielt ſich beſonders an den alten Müller, mit dem er unter Anderm Morgens in aller Früh in den Wäldern umherzog und ſich bald in deſſen Vertrauen ſo feſtſetzte, daß er dort die Knechte beim Holzfällen be⸗ aufſichtigen durfte. Hie und da führte er auch einen gro⸗ ßen vierſpännigen Holzwagen, hochbeladen aus dem Walde in den Hof, wobei er ſo furchtbar mit der Peitſche knallte, daß Alles lachend uſmumenlief und ſich ſelbſt der Vetter Chriſtoph eines Schmunzelns nicht erwehren konnte. Freund Burbus war aber auch in ſolchen Augen⸗ blicken eine höchſt komiſche Erſcheinung. Sein großer Bart beſchattete das halbe Geſicht, und eine kleine Cere⸗ vismütze balancirte er mit vieler Geſchicklichkeit gegen Wind und Wetter auf dem Kopfe. Oftmals hatte ich ihm geſtanden, wie ſehr mich ſeine totale Umwandlung freue, aber wie unerklärlich ſie mir andrerſeits auch ſei worauf er mir antwortete: „Lieber Jüngling, es mußte anders werden; das Ar⸗ beiten mußte ich erſt wieder erlernen, denn es iſt an ſich eine ſchwere Kunſt, und Sie können mir glauben, wenn ich hier mal eine Zeit lang von Morgens bis in die Nacht an ſchwere Arbeit thätig war, wird es mir ſpäter leicht werden, etwas Anderes zu ergreifen, und beharrlich durchzuführen.“ Wenn ich ihn in ſolchen Augenblicken an das Reiß⸗ mehlſche Haus, an ſeine Wohnung, an die Wandgemälde in derſelben und an das Skelett erinnerte, ſo machte er ein Geſicht, als ſchüttle er ſich moraliſch und entgegnete mir: „Geliebter Erladenjüngling, das war eine nebelgraue regentagartige Exiſtenz; ſie liegt hinter uns.“ 3 Ich ſchrieb alſo Briefe an benachbarte Gutsbeſitzer, an die Forſtämter und machte Rechnungen über Getreide und * 4 Mehl. Mein Comtoir lag gerade über der Mühle. Der Boden deſſelben zitterte beſtändig, wie bei einem leichten Erdbeben. Bald beſuchte mich der alte Müller, etwas nachſehend oder angebend, bald kam Caspar mit weiß⸗ beſtaubtem Geſicht und rauchte ein Paar Züge aus einer Pfeife, am öfterſten aber, und das war mir am liebſten, kam Sibylle mit ihrem Nähzeug, ſetzte ſich zu mir hin, und wenn wir auch Stunden lang nichts ſprachen, ſo gab es doch wieder Augenblicke, wo wir uns eifrig über frühere Zeiten unterhielten, und ich ihr von den Bekann⸗ ten, die ſie in der Stadt hatte, erzählte, was ich wußte. Auch der Doktor erſchien zuweilen, bald mit der Peitſche, bald mit der Axt in der Hand, blieb aber nie lange, wenn Sibylle bei mir war. So vertraut er überhaupt mit den beiden Söhnen und mit Elsbeth war, und ſo viel er mit ihnen lachte und Späße trieb, ſo ſchien er ſich un⸗ behaglich zu fühlen, wenn die alte Müllerin oder Si⸗ bylle ſich in der Nähe befand. Der Letzteren war das auch aufgefallen, und ſie erzählte mir, ſie habe es ihrer Mutter mitgetheilt, welche ihr entgegnet: ſie müſſe ihn dafür deſto freundlicher und artiger behandeln; denn er ſei ein verlorener Sohn, der, auf dem Wege der Beſſe⸗ rung begriffen, ſich doch noch nicht bei ſtillen freundlichen Menſchen ganz heimiſch fühle.. „Es iſt eigentlich Schade,“ ſetzte Sibylle hinzu,„daß er mit der Mutter nicht viel ſpricht, denn neulich, wo * 225 ſie ihn in das Geſpräch zog, und über einige neuere Bü⸗ cher fragte, war ſie ſehr zufrieden mit ſeinen Antworten. Aber er hat einen furchtbar häßlichen Bart. Du mußt Dir niemals einen ſolchen wachſen laſſen.“ Ich fuhr mit der Hand an mein äußerſt glattes Kinn und verſprach es ihr. Vergnügungen auf der Mühle. Auf einer ſolchen Mühle mitten im Walde, an keiner großen Straße gelegen, herrſcht im Allgemeinen ein faſt einförmiges Leben, und die einzigen Unterbrechungen ſind Sonntagsbeſuche bei den Nachbarn oder auch eine Kirchweihe, und dabei Tanz oder Jagdparthien, öffentliche und heim⸗ liche. Und Letztere ließ ſich Caspar zuweilen eifrigſt an⸗ gelegen ſein, und bei dieſen hatte ich namentlich in früheren Zeiten oft die Ehre, ihn begleiten zu dürfen. Das Jagd⸗ revier, zur Mühle gehörig, und vom Vetter gepachtet, war nicht groß und befriedigte lange nicht die Jagdge⸗ lüſte Caspars. Zu dem heimlichen Jagdvergnügen be⸗ ſaß er ein Gewehr, deſſen Schaft mit Batterie man ab⸗ nehmen und in die Taſche ſtecken konnte. Der Lauf bil⸗ dete einen Stock den er wohlgemuth in die Hand nahm, und ſo zogen wir an ſchönen Herbſttagen, harmlos aus⸗ ſchauend in der Frühe, ſobald der Tag graute, aus. Da 3 — 227 war in der Nähe ein herrſchaftliches Revier, eine tiefe und lange Schlucht, an welche oben Krautäcker ſtießen und in welcher die Haſen nach eingenommener Abend⸗ mahlzeit droben ihr Nachtquartier aufſchlugen. An den Wänden dieſer Schlucht ſtanden große Buchen und am Fuße eines ſolchen Stammes im dichten Moos nahm das Wild ſein Lager, ſo daß es von den Wänden der Schlucht und von den Bäumen vor Regen und Wind geſchützt war. Wie alle unrechtmäßig gebrochene Frucht am meiſten reizt, ſo war es auch unſer größtes Vergnügen, bei grau⸗ endem Morgen aus dem dampfenden Thal hinauf in die Krautäcker zu ſteigen und dort, den Rand der Schlucht umgehend, auf die Haſen zu ſpähen, die uns eigentlich gar nichts angingen. Hatten wir oben herumſchleichend, ſo zwei, drei gefunden, die unter uns in ſüßen Morgen⸗ 4 träumen befangen lagen, ſo mußte ich mich oben hinſtellen und ein Zeichen geben, wo ſie waren, Caspar ſchraubte den Schaft an ſein Rohr, ſchlich ſich näher und ſchoß die Unglücklichen in ihrem Lager, worauf ich als Apor⸗ teur hinz uſtürzte, ſie aufnahm, und wir kehrten nicht ohne eine Beute von zwei, drei bis vieren bei aufgehen⸗ der Sonne nach Haus. 5 Von den Herrſchaftlichen Jägern waren wir eigentlich niemals ertappt worden, hatten aber mehrmals in großer Gefahr geſchwebt, es zu werden. Ich eeſa egi genau, wie einſtmals, als ich einen getödteten Haſen aus 15*— 228 ſeinem Moosbett herausgezogen, Caspar aufmerkſam in den Wald hineinhorchte, dann auf mich zuſprang und mich am Kragen ergreifend, mit mir durch Dick und Dünn, ſogar durch einen Theil des Mühlbachs durchſtür⸗ zend, nach Hauſe flog, und wie bald darauf ein Paar Herr⸗ ſchaftliche Jäger auf die Mühle kamen, um ſich die Pfeife anzuzünden, und Caspar, der ſich umgezogen hatte, reichte ihnen das Feuer mit der Miene eines Menſchen, der eben erſt aus dem Bette ſteigt. Intereſſanter als dieſe Haſenjagden waren die Hetzen mit großen Hunden auf den Dachs, die Abends angeſtellt wurden. Da zogen wir unſer fünf und ſechs mit den Hof⸗ und Jagdhunden bei einbrechender Nacht aus. Ei⸗ nige von uns hatten große eiſerne Gabeln, andere waren mit ſchweren Knütteln bewaffnet. Spürten die Hunde den Dachs auf, ſo wurden ſie losgelaſſen; der Dachs ent⸗ floh, was er laufen konnte, die Hunde eilten ihm nach, und wir folgten den Hunden ſo ſchnell uns unſere Beine zu tragen vermochten, durch Wald und Buſch und Feld, eine ſchreckliche Jagd. Da ging es unbeſehen durch Waſſerbäche und Dornengeſtrüpp, ſo daß wir oft jäm⸗ merlich zugerichtet nach Hauſe kamen. Hatten die Hunde den Dachs erreicht, ſo umſtellten ſie ihn und hielten ihn feſt, bis wir dazu kamen. Die mit den eiſernen Gabeln ſuchten ihn mit denſelben zu erreichen und niederzudrücken, worauf er von den andern feierlichſt todtgeſchlagen wurde. 229 Ein weit harmloſeres, aber für mich unintereſſanteres Vergnügen waren die Kirchweihen; deſto mehr aber freu⸗ ten ſich alle übrigen Bewohner der Mühle auf ein der⸗ artiges Tanzvergnügen und ſelbſt Sibylle beſuchte mit ihrer Schweſter Elsbeth die der größeren Dörfer und wo die Geſellſchaft deshalb etwas ausgewählt war. Man kann ſich denken, daß der Doktor auf dem Tanzboden keinem nachſtand. Er fegte umher, wie er es noch von den Studentenjahren gewöhnt war und ſpielte in jeder Hinſicht die Hauptperſon. Beim Hinfahren ließ er ſich nicht nehmen, die Roſſe zu lenken und er that dies mit beſonderer Geſchicklichkeit. Dieſe ſonntäglichen Kirchweihtage ſind immer die allergrößten Feſte und beginnen ſchon Vormittags, wenn Herrſchaften und Dienſtboten aus der Kirche kommen. Da wird aus dem Schuppen der größte Leiterwagen ge⸗ zogen, der vorhanden iſt. Es werden Querbretter darauf gelegt, auf welche man mit Stroh ausgeſtopfte Säcke bindet, und alsdann wird der Wagen rings mit grünen Reiſern beſteckt, ſowohl zum Schutz gegen die Sonne, als auch zur angenehmen Verzierung. Wer ſich von den Knechten und Mägden untadelhaft aufgeführt hat, wird von dem Baas— ſo nennen ſie den Herrn— zur Par⸗ thie eingeladen und gegen eilf Uhr geht es fort, was die Pfferde laufen können. Gewöhnlich liegen die Dörfer ein bis zwei Stunden auseinander, und jeder von den 230 größeren Bauern hat nach den Begriffen der alten home⸗ riſchen Zeit dort einen Gaſtfreund, dem er mit Sack und Pack, mit Pferden, Knechten und Mägden in's Haus fällt. Dort iſt der Mittagstiſch bereitet, es wird ſehr viel gegeſſen, ſehr viel getrunken und Abends geht es auf den Tanzplatz, und in der Nacht fährt die ganze Geſellſchaft wieder nach Hauſe mit Ausnahme vielleicht eines räudigen Schaafs in Geſtalt eines Müllerknechts Sder einer Magd, die bei der Stunde der Abfahrt nicht aufzufinden ſind. Es war ein blendend ſchöner Sonntagsmorgen im Frühjahr, als wir in dieſem Jahr die erſte derartige Par⸗ thie mitmachten. Der Vetter Chriſtoph und der Doktor waren die einzigen, welche die Kirche nicht viel frequen⸗ tirten, und letzterer trieb ſich ſchon vor neun Uhr in den Ställen umher, um Pferde und Geſchirre in den beſten Stand zu ſetzen. Um eilf Uhr war alles bereit. Der Doktor hatte die vier trefflichſten Pferde vor den größten Leiterwagen geſpannt und kutſchirte mit der Kreuzleine vom erſten Sitz. Er ſah wirklich majeſtätiſch aus. Von vormaligen Schlittenparthieen her hatte er ſich eine im⸗ menſe Fertigkeit erworben, die längſte Schlittenpeitſche zu handhaben. Und um dieſe Kunſt vollkommen zeigen zu können, hatte er ſich heute eine Peitſche angefertigt, mit einer unendlich langen Schnur. Neben dem Wagen ſtan⸗ den in ehrerbietiger Erwartung der Großknecht, die Alte⸗ 231 magd, der erſte Müllerburſche und die Viehmagd, auf's Sauberſte geputzt im beſten Sonntagsſtaat. Jetzt erſchien der Baas mit Vetter Franz, Vetter Caspar mit ſeiner Frau und nahmen ihre Plätze ein. Dann erſchien Elsbeth und ſogar die Müllerin mit Si⸗ bylle, und des Doktors Geſicht, das vor Behagen ſtrahlte, wurde ſichtlich ernſter, als die beiden letzteren ſich eben⸗ falls anſchickten, auf den Wagen zu ſteigen. Ich begriff gar nicht, was ihm einfiel, denn als Sibylle und ich auf den erſten Sitz neben ihn kletterten, wollte er die Zügel der Pferde an Caspar abgeben, der ſie aber lachend zurückwies. Jetzt war Alles bereit, der Baas rief: „Vorwärts!“ Der Doktor that einen fürchterlichen Hieb mit der Peitſche in die Luft und die vier Roſſe gallop⸗ pirten davon mit den Schellen klingend, und das blank geputzte Meſſingzeug funkelte und glitzerte in der Mor⸗ genſonne. Gleich bei der Mühle ging's von der Straße ab, auf die bethauten Wieſen, die mit großen Spinneweben gleich leuchtenden Schleiern bedeckt waren. Die Räder ſchnitten in das Gras ein und ihre Spuren bildeten zwei lange glänzende Schlangen, die den Wagen unab⸗ läſſig zu verfolgen ſchienen. Schmetterlinge flogen um uns her und hoch in der Luft gaben die unſichtbaren Lerchen ein großes Morgenconcert. Mittags um ein Uhr erreichte man den Ort, wo die 232 Kirchweih gefeiert wurde. Es war dies ein großes Ge⸗ höft, und wir fanden dort ſchon alle Anſtalten zu einem großen Mittageſſen. Unter der Hausthür ſtand der Freund des Vetter Chriſtoph und bewillkommnete uns. Er war in kurzen Hoſen, weißen Strümpfen und Schnal⸗ lenſchuhen, angethan mit einer langen Weſte von brau⸗ nem Mancheſter und befand ſich in Hemdärmeln mit der weißen Mütze auf dem Kopfe. Die Frau hielt hinter ihm, hatte zum Willkommen einen Zipfel der langen weißen Schürze emporgeſchlagen und Beide grüßten die Geſellſchaft äußerſt freundlich. Auf dem Heerde praſſelte ein ungeheures Feuer, über welchem ein ſchwarzer eiſerner Keſſel hing, in dem ein immenſer Schinken herrlich duftete. In einem an⸗ dern Gefäß kochten Erbſen und Bohnen und neben ei⸗ nem rieſenhaften Napf mit Suppe erblickten wir die un⸗ entbehrlichen Kartoffeln ſchneeweiß und mehlig. Alles wurde nach der Reihe bewillkommt, und daß mir, als einem Bekannten aus früheren Jahren, ein ſehr herzlicher Empfang zu Theil wurde, kann man ſich leicht denken. Die Frau des Vetters wurde von der Wirthin in die Staatsſtube geführt, Vetter Chriſtoph und Els⸗ beth gingen mit dem Gaſtfreund in den Ställen umher, Sibylle ſpazierte mit Anne Marie, der jüngſten Tochter des Hauſes, in den Garten, die Altemagd und die Vieh⸗ magd halfen ihre Colleginnen bei den ſiedenden Keſſeln und der Großknecht ſo wie der Müllerburſche ſetzten ſich dazu, ſteckten Holz in den Heerd und machten Bekannt⸗ ſchaft zu dem Tanzvergnügen heut Abend. Ich half dem Doktor die Pferde ausſpannen, worauf zu Tiſche gerufen wurde. Die Tafel war im Freien im Garten aufgeſchlagen, und beſtand aus vier in die Erde geſchlagenen Pfählen, auf welche lange Bretter gelegt waren und über dieſe ein blendend weißes Tiſchtuch. Der Hausherr ſprach das Gebet und Alles ſetzte ſich in bunter Reihe um den Tiſch, ſowohl wir, die Fremden, als die ganze Haus⸗ wirthſchaft unſeres Gaſtfreundes mit Knechten und Mägden. Wenn ich an dergleichen Mahlzeiten zurückdenke, ſo empfinde ich beſtändig ein innerliches Behagen. Die friſche Luft hatte den Appetit außerordentlich geſchärft und zu der einfachen kräftigen Koſt unter Gottes freiem ſchönem Himmel, unter dem Geſang der Vögel wurden eben ſo einfache als kräftige Tiſchreden geführt. Von großer Etikette war keine Rede, wir Männer ſaßen in Hemdsärmeln da, und Alles ließ ſich's wohl ſein. Nach Beendigung der Mahlzeit war jedem bis zum Kaffeetrinken Freiheit vergönnt, zu treiben was er wollte. Die Aeltern hielten Geſpräche über Landwirthſchaft und Viehzucht, das junge Volk neckte ſich im Garten umher. Der Doktor und ich nahmen unſere Mützen und ſchlen⸗ 234 derten zum Hofe hinaus über die kleine Brücke eines ſchäumenden Bergwaſſers, den Wald hinauf. Langſam gingen wir dem herabſtürzenden Waſſer entgegen und ergötzten uns, ohne ein Wort zu ſprechen, an den kleinen Waſſerfällen, die der Bach in den glatten Kieſeln bildete. Es war recht warm und als oben an einem kleinen Felſen, deſſen Fuß mit weichem Moos bewachſen war, der Doktor den Vorſchlag machte, ein Mittagſchläfchen zu halten, pflichtete ich ihm bei. Wir ſtreckten uns auf dem grünen natürlichen Bette nieder und waren bald im Schlummer. Nach einer kleinen halben Stunde erwachte ich wie⸗ der, da mir die Sonne, durch die Zweige brechend, in die Augen ſchien. Der Doktor aber, der im Schatten lag, ſchlief ruhig weiter. Vielleicht ein hundert Schritte oder auch weniger neben mir in dem dichten Geſträuch hörte ich lachen und leiſe ſingen. Es war die Stimme Sibyllens und ſie begann das Volkslied: In einem tiefen Grunde Da geht ein Mühlenrad, und ſang es erſt mit leiſer ſummender Stimme, wie es ſchien, zuerſt ſchüchtern und verſchämt, der lauſchenden Anne Marie vor; nachher aber wurde der Geſang lauter und klang bei dem letzten Vers recht hell durch den Wald. Man hörte aber dem Herzen, aus dem der Ge⸗ ſang kam, an, daß um ſeinetwillen noch kein Ringlein 235 zerſprang. Der Doktor lag neben mir im Schlaf, und er ſchien einen guten Traum zu haben. Hie und da bewegte er die Lippen und lachte und ſpitzte auch zu⸗ weilen den Mund, als thue er einen tiefen Zug. Die Mädchen drüben nach Beendigung des Liedes lachten und ſchäkerten. „Höre, Sibylle,“ ſagte Anne Marie;„die Leute be⸗ haupten, der Doktor, wie heißt er doch, habe Dich früher in der Stadt geſehen und ſei Dir zu Liebe herausge⸗ kommen.“ „Warum nicht gar!“ lachte die Andere.„Was ſoll er von mir wollen?“ „Nun,“ entgegnete Anne Marie,„er will Dich, wie es in den Büchern oft ſo ſchön vorkommt, zuerſt kennen lernen und dann heirathen.“ Ich ſah unruhig auf den Doktor neben mir, und es war mir recht, daß er ſchlief und nichts von dem Ge⸗ ſpräche hörte. Obgleich aber bis jetzt ſein Geſicht noch größtentheils von tiefem Schatten bedeckt war, ſo war die Sonne doch nicht zurückzuhalten, und fing ſchon an, um ſeine Naſenſpitze zu ſpielen. Anne Marie drüben fuhr fort und ſagte: „Er hat einen ſo ganz ſpaßigen Namen; wie heißt er denn eigentlich?“ „Nun, wie wird er heißen?“ entgegnete Sibylle, „Doktor Burbus heißt er.“ 4 n 8 * 236 „Burbus, Burbus!“ ſchrie die Andere, ſo laut ſie konnte,„das klingt beinahe wie der Kukuk drüben ruft.“ Und nun fing ſie an, aus Leibeskräften in den Wald hinauszurufen:„Burbus! Kukuk! Burbus! Kukuk!— Burbus! Burbus!“ ³ Und dabei lachten die beiden Mädchen ſo allerliebſt und muthwillig. Der Doktor aber erwachte und fuhr überraſcht in die Höhe, als er ſeinen Namen ſo rufen hörte. Ich hatte eben Zeit, bevor er mit ſeiner ungeheu⸗ ren Stimme dem Ruf antworten konnte, ihm zu ſagen, was die Veranlaſſung ſei. „Laß das dumme Zeug,“ bat jetzt Sibylle;„Du weißt, man ſoll mit dem Kukuk keinen Scherz treiben.“ „Warum nicht,“ lachte die Andere.„Wir wollen jetzt gleich hören, in wie viel Zeit Du einen Mann be⸗ kommſt.“ Und laut rief ſie wieder in den Wald hinaus: „Kukuk, Kukuk, ſag mir an: Wann kommt der Sibylle ihr Freiersmann?“ Dann ward Alles ſtill und die Mädchen lauſchten offenbar, was der Kukuk im Dickichte des Waldes für eine Antwort gebe. Da aber keiner zufällig bei der Hand war, und ringsum Alles ſtill blieb, ſo nahm der Doktor ſeine beiden Hände vor den Mund und brachte ein ſo natürliches Kukuk hervor, wie ich es in meinem Leben aus keinem Menſchenmunde gehört habe. „Einmal!— zweimal!— dreimal!— viermal!“— 237 rief Anne Marie,„nahe über drei Jahre kommt dein Freiersmann. Aber eins bitt ich mir aus,“ ſetzte ſie hinzu,„wenn ich Deine Brautjungfer werden ſoll, ſo muß Dein Bräutigam erſt den garſtigen Bart abſchnei⸗ den. Pfui, der iſt mir unausſtehlich! befiehl ihm, er ſoll ihn herunter ſchneiden.“— „Ach, Anne Marie,“ entgegnete Sibylle,„ſchwätz doch nicht ſo dummes Zeug. Was geht mich der Dok⸗ tor Burbus und ſein Bart an? Dann glaube ich auch,“ ſetzte ſie leiſer hinzu,„er läßt ihn meiner Schweſter Elsbeth zu Liebe ſtehen;“ eine Bemerkung, die von der Andern mit einem äußerſt ungläubigen und lauten La⸗ chen beantwortet wurde. Der Doktor hatte dieſer Unterredung mit großer Auf⸗ merkſamkeit zugehört. Er war ſichtlich ernſter geworden, und bei der Aeußerung, er laſſe der Elsbeth zu Liebe ſeinen Bart ſtehen, fuhr ein ungläubiges Lächeln über ſein Geſicht. Ich wollte durchaus die beiden Mädchen überraſchen und ſie tüchtig auslachen, doch ließ es der Doktor nicht zu und bat mich, mit ihm in's Dorf zu⸗ rückzukehren.. Am Abend nun war großes Tanzvergnügen. Der Tanzplatz war das mächtig große Wirthszimmer der Dorfſchenke, wo es natürlicherweiſe ſo enge herging, daß namentlich beim Walzen die ganze Geſellſchaft nicht von der Stelle kam, ſondern ſich jedes Paar wie ein Kreiſel 238 auf dem Platz umher drehte. Da natürlich bei Erbau⸗ ung dieſes Lokals an einen Platz für die Muſiker nicht gedacht war, ſo hatte man ſpäter für ſie geſorgt, und das auf äußerſt ſinnreiche Art. In die Balken der Wand waren nämlich ſehr ſtarke Nägel eingeſchlagen, an wel⸗ chen Stühle wie Kupferſtiche aufgehängt waren, und auf dieſen ſaßen die Muſikanten. Ihre Beine hingen in der Luft und der Chef des Orcheſters, der durch zu ſtarke Bewegungen mit denſelben den Takt angab, kam dadurch nicht ſelten in verdrießliche Berührung mit den Köpfen der Tanzenden. Es war auffallend, wie wenig Antheil der Doktor heut Abend an dem Tanzvergnügen nahm. Er mußte mit der Elsbeth tanzen, die ihn frü⸗ her dazu aufgefordert, und ich ſah, daß er ſie mit eini⸗ gem Widerſtreben holte. Er mußte ſie auch faſt mit Gewalt einem Geſpräche über die Schaf⸗ und Rinder⸗ zucht entreißen, das ſie an der Seite eines benachbarten Bauernſohnes mit lauterer Stimme als nöthig war hielt. Auch bemerkte ich, daß eben dieſer Bauernſohn dem Doktor einen nichts weniger als freundlichen Blick ſchenkte. Warum Burbus mit Sibyllle nicht tanzte, begriff ich nicht. Wohl ſah ich zuweilen, wie er hinſchielte, aber ſich alsdann mit der Hand über die Augen fuhr, als habe er ſich ſelbſt über etwas Unerlaubtem ertappt. Ich konnte nicht umhin, ihn darauf aufmerkſam zu machen, indem ich ſagte, daß es nicht mehr als billig ſei, auch 239 mit der jüngſten Tochter des Vetter Chriſtoph zu tanzen, worauf er ſich nach längerem Ueberlegen hiezu entſchloßtt 3 Mehrmals aber ſah ich, daß er mit der Hand mißmu⸗ thig durch ſeinen dicken Bart fuhr. 1 Jetzt trat er mit Sibylle zu einem Walzer an, und ich hatte wohl bemerkt, daß ſie bei der Aufforderung hiezu die Augen niederſchlug. Die Beiden tanzten ſo hübſch, daß faſt alle übrigen Paare aufhörten und ihnen faſt den ganzen Tanzboden zur Verfügung ließen. An⸗ fänglich hatte Sibylle die Augen feſt auf den Boden ge⸗ heftet, aber wie ſie nach und nach von der Sicherheit ihres Taänzers angenehm berührt, eben ſo ſicher in ihren Bewe⸗ gungen ward, hob ſie den Kopf höher und höher, und ſchwebte endlich ſtolz dahin wie eine Prinzeſſin. Ein allge⸗ meines Händeklatſchen der ganzen Tanzgeſellſchaft gab end⸗ lich das Zeichen zum Aufhören und Sibylle, die mit laut klopfendem Herzen neben dem Doktor ſtand, bemerkte jetzt erſt, daß ſie die ganze Zeit allein getanzt hatten, und ſchlug erröthend und verwirrt die Augen nieder. Ich ſtand gerade hinter ihr, und wollte der hübſchen Tänze⸗ rin etwas Schönes ſagen; doch weiß ich nicht, es kam mir ein dummer Gedanke: ich neigte mich an ihr Ohr hin und flüſterte leiſe: Kuckuck! Erſchreckt fuhr Sibylle zuſammen, wandte ſich einen Augenblick nach mir, um im nächſten darauf ihren Tän⸗ 240 zer ſtehen zu laſſen, und eilte zu Anne Marie, mit der ſiie von dem Tanzboden verſchwand. Bei dem Heimfahren am heutigen Abend fehlte zur beſtimmten Zeit Niemand von den Leuten, weshalb keine Verzögerung eintrat und es mit Vetter Chriſtoph keinen Verdruß gab; denn mit dem Vetter Chriſtoph war an ſolchen Abenden nach einem Tag, wo er es für ſeine Schuldigkeit hielt, den Keller ſeines Gaſtfreundes gehörig zu unterſuchen, nicht zu ſpaßen. Wir ſaßen alle auf, der Doktor hatte die Zügel erfaßt, und neben ihm auf der Bank ſaßen Sibylle und ich. Es war ein außerordentlich ſchöner Abend. Nachdem wir eine Zeitlang, ohne zu ſprechen gefahren waren, for⸗ derte mich Sibylle zum Singen auf und wir ſangen allerhand luſtige und ernſte Weiſen in die Nacht hinaus. Ich hatte, wie ich meiſtens zu thun pflegte, wenn ich G neben Sibylle ſaß, meinen Arm um ihren Leib geſchlun⸗ gen unß ſie lehnte an mir, bald mir etwas flüſternd er⸗ zählend, bald wieder die Augen ſchließend, als wollte ſie ſchlafen. Mit dem Doktor ſprach ſie kein Wort. Dieſer hatte auch heute Abend ein ganz ſonderbares Ausſehen. Er ſah ſo grimmig auf ſeine Pferde, hatte die Zügel ſtraff angezogen und knallte mit ſeinte Peitſche viel mehr als nöthig. Oftmals lehnte er ſich weit rück⸗ wärts, als wolle er die Pferde mit Gewalt anhalten, aber ich bemerkte ganz wohl, daß er auf uns herüber⸗ 241 ſchielte, namentlich auf meine Hand, mit der ich die Han 4 Elsbeths erfaßt hatte. Er machte allerhand Kunſtſtü im Fahren, und als wir an eine ſchwierige Stelle men, wo es den Berg hinab in einem Bogen über eine ſehr kleine Brücke ging, ließ er die Pferde im vollen Galopp laufen, ſo daß alle Frauenzimmer auf dem Wa⸗ gen Jeſus! Marie! und Joſeph! riefen. Sibylle und ich hatten uns gerade Mährchen erzählt und als der Doktor nach dieſem Ausruf des Schreckens laut auf⸗ lachte, flüſterte das Mädchen:„So hat gewiß der Blau⸗ bart gelacht!“ Unterdeſſen funkelten die Sterne und ſchien der Mond, und als wir die großen Wieſen wieder erreichten neben der Mühle, verſchwand nach und nach das Rauſchen des Waſſers aus den Bergen, wo wir herkamen, in den Ge⸗ büſchen rechts und links zirpten die Heimchen und klag⸗ ten die Nachtigallen wunderbar ſchön und bezaubernd. Bald erreichten wir die Mühle, und Alles ſuße ermü⸗ det von des Tages Laſt und Hitze, von dem ſtarken Mit⸗ tagseſſen, ſowie dem Tanze, ſein Lager; nur den Doktor hörte ich noch nach einer Stunde ein altes bekanntes Lied ſiägen, worin es heißt: „Und ſchauſt hir ſo ſchau ich her!“ XXIII. Doktor Burbus!! Abſchied. Den andern Tag ging es in der Mühle ſeinen alten ge⸗ wohnten Gang: die Räder klapperten wie zuvor, der Vetter Franz lief mit beſtaubtem Geſicht und Camiſol umher, Els⸗ beth ging in die Viehſtälle, die Müllerin und Sibylle ar⸗ beiteten auf ihrem Zimmer, und ich trug die Rechnungs⸗ bücher auf meinem kleinen Comptoir ein unter obligater Bodenerſchütterung, nur der Doktor war nicht mehr der⸗ ſelbe. Statt daß er ſonſt heiter und luſtig in den Wald hinauszog und wenn er zurückkam ſich oft zu mir hin⸗ ſetzte und lachte und ſcherzte, ſo ging er jetzt in aller Frühe mit auffallend böſem Humor fort und kam erſt Abends ſpät zum Nachteſſen wieder, und legte ſich oft zu Bette, ohne mir ein Wort zu ſagen. Auch bemerkte ich ſeit einigen Tagen, daß er jedesmal einen Strauß Waldblumen oder Erdbeeren mit nach Haus brachte, die er aber Niemand gab, ſondern mit in ſein alaten nahm und ſie von dort aus in den Mühlbach warf. Eines Abends war der Vetter Chriſtoph über b geritten, es war an einem Sonntage, und er wurde zum Nachteſſen zurückerwartet. Der Doktor hatte auch heute den ganzen Tag im Walde umhergeſchwärmt, ohne mich wie ſonſt mitzunehmen, was mir äußerſt ſchmerzlich war. Abends kam er zurück, mit ſeinen Waldblumen in der Hand, und da das Geſinde ſchon abgegeſſen hatte, ſo wies man ihn in das Zimmer der Müllerin, wo das Nachteſſen für uns und den Vetter Chriſtoph wartete. Wir ſtanden an den offenen Fenſtern, und da Burbus, verſtimmt wie ſeit einiger Zeit immer, zu uns trat, ſo nahm die Mül⸗ lerin, die das auch längſt bemerkt hatte, Veranlaſſung, von ſeinen Blumen zu ſprechen, um ihn in die Unterre⸗ dung zu ziehen. Er hob ſie haſtig empor, ſah ſie an und reichte ſie Sibyllen dar, welche ſie auch annahm. „Wie kommt es, Herr Burbus,“ ſagte die Müllerin, „daß man Euch gar nicht mehr ſieht? Ihr ſtreift den ganzen Tag im Walde herum und kommt erſt Abends heim.“ „Haben Sie das bemerkt, Frau Müllerin?“ entgeg⸗ nete der Doktor ernſt.„Ich muß geſtehen, daß mir das wohl thut, denn ich bin ja eigentlich ſo heimathlos und allein in der Welt, daß an meinem Daſein oder Nicht⸗ daſein kein Menſch Antheil nimmt.“— 16* 244 „Das könnt Ihr,“ verſetzte die Müllerin,„doch im Ernſt von uns nicht ſagen!“ Mein, nein,“ entgegnete haſtig der Doktor mit bit⸗ terem Lächeln;„man iſt hier ſehr freundlich und gütig 5 gegen mich; ich muß gewiß dafür dankbar ſein.“ Sibylle zog mich in ein anderes Fenſter und der Doktor trat näher zur Müllerin, die ihm mit ihrer wohl⸗ thuenden angenehmen Stimme ſagte:„Hört, Doktor Burbus, Ihr habt eigentlich ein krankes Gemüth. An⸗ fänglich glaubte ich, die Entfernung von der Welt und die Stille auf unſerer Mühle in dem ſchönen Wald wer⸗ den Euch wohl thun. Ihr ſchient auch in der erſten Zeit heiter und vergnügt zu ſein. Doch jetzt weiß ich 3 nicht, was Euch plötzlich widerfährt, denn ſeit einiger Zeit habt Ihr das Anſehen eines Menſchen, der von der Vergangenheit geplagt wird.“ „Nein, nein, das gewiß nicht,“ entgegnete der Doktor und lehnte ſich zum Fenſter hinaus. „Nun, ich glaube wohl,“ ſagte die Müllerin,„daß Ihr eigentlich nichts auf dem Herzen habt, was Euch Vorwürfe macht und Ihr ſeid noch zu jung, um ein bloß luſtiges und etwas leichtſinniges Leben in allen Theilen wieder gut zu machen.“* „Das wohl, gute Frau,“ entgegnete der Doktor, „nur muß man Gelegenheit dazu haben. Ich bin ſchon Wochen, ja Monden lang hier, ich laufe in's Holz, ich 245 ſeh' nach den Knechten, ich fahre mit den Pferden; aber Alles das, was ich thue, kann der geringſte Knecht auch für Euch thun.“ 4— „Ja, aber wer ſagt denn, daß Ihr etwas für uns thun ſollt? Ihr ſeid unſer Gaſt.“ „Ja, und dann?“ „Nun ſo bleibt, ſo lang als es Euch hier gefällt.“ „Ja, und dann,“ entgegnete der Doktor nach einer Pauſe,„dann ſchüttele ich Euch Allen an einem ſchönen Morgen die Hand und ſage zu Euch: Lebt wohl, Vetter Chriſtoph, lebt wohl, Frau Müllerin, lebt wohl, Si⸗ bylle.“— Wir hatten bis zu dieſem Augenblick unwillkührlich das Geſpräch des Doktors belauſcht. Sibylle ſprach kein Wort, ſondern lehnte zum Fenſter hinaus, und hielt den Strauß von Waldblumen in ihren Händen über dem langſam dahin ſtrömenden Mühlbach. Bei den Worten des Dok⸗ tors aber: Lebt wohl, Sibyllee, ſeufzte ſie leiſe auf, ihrer Hand entglitten die Waldblumen und fielen in das Waſſer hinab, das ſie langſam fortführte. Ein lautes Ach! folgte nun den Blumen, durch das der Doktor und die Müllerin in ihrem Geſpräch plötzlich unterbrochen wurden und ebenfalls hinabſchauten. „Da ſchwimmen ſie!“ rief der Doktor mit einem lauten Lachen, das aber keineswegs freundlich klang; 2 246 „bald werden ſie unter das Wehr kommen und zerriſſen und zerſtreut werden.“ „Könnte man ſie nur wieder holen!“ ſagte Sibylle mit einem eigenen Ton in der Stimme. „Wünſcht Ihr das, Jungfer Sibylle!“ rief der Dok⸗ tor freudig auf.„Eine ſtarke Hand und ein guter Wille kann viel. So wollen wir denn ernſtlich den Verſuch machen die Blumen zu ſchützen und ſie, wenn der gute Gott will, in Eure Hand zu legen.“ Ehe ich ihn zurückhalten konnte, ſchwang er ſich zum Fenſter hinaus, glitt an einem Rebengeländer hinab und eilte feſten Schrittes und ſchwindelfrei auf dem ſchmalen Mühlbachrand dahin. Er erreichte die Blumen wirklich, ehe ſie unter das Wehr kamen, zog ſie triumphirend heraus und kam eilends zurück, um ſie Sibyllen zu rei⸗ chen, die ihre Hände darnach ausſtreckte. Das ſchöne Mädchen war bleich geworden, wie eine Lilie und nachdem ſie die Blumen erfaßt, eilte ſie zu ihrer Mutter hin und verbarg ihr Geſicht in deren Hände. Ich glaube gewiß, ſie hat ſogar geweint. Der Doktor kam den Abend nicht mehr zum Vor⸗ ſchein und die Müllerin hatte den andern Morgen mit dem Vetter Chriſtoph eine lange Unterredung, welcher darauf äußerſt üblen Humors zu Tiſche kam. Gegen mich war der Doktor übrigens nicht freundlicher gewor⸗ des, und je mehr er ſich von mir zurückzog, um ſo mehr — * — ausdehnt und ſchwärmen läßt in die Zukunft und wo 2217 war ich bei Sibyllen, da ich doch in meinen Freiſtunden Jemand zur Geſellſchaft haben mußte, und ſo oft mich der Doktor mit dem Mädchen Hand in Hand im Garten fah, oder wir in den engen Fenſtern der Mühle lagen, wo es bei dem ſchmalen Raum nicht anders möglich war, als daß ich meinen Arm um ihren Leib ſchlang, ſo machte er mir ein finſteres Geſicht. Ich hatte wahrhaftig da⸗ mals keine Idee, was ich ihm konnte zu Leid gethan haben; jetzt wüßte ich es freilich ſchon beſſer. So war es einmal an einem heißen Sommertage; da hatte ein Gewitter die Luft etwas abgekühlt; gegen Abend aber wurden die grauen Wolken heller und heller, ſie riſſen hie und da aus einander, und wo ſie riſſen, ſchaute der blaue Himmel hindurch, die Wolken ſelbſt färbten ſich an den Rändern immer durchſichtiger, zuerſt hellgrau, dann violett, ſpäter ſogar goldig und dann brach der freundliche Strahl der Sonne hinter ihnen hervor und wärmte die befeuchtete Erde und machte alles Leben der Natur raſcher pulſiren und vor dem Nachtſchlaf noch einmal freudiger ſich bewegen. Die Bäume und Blu⸗ men dufteten, die Käfer ſummten und die Nachtigallen, die in ihren Büſchen ſchlugen, ſangen wie auf brillante⸗ nem Thron, denn an jedem Blättchen hingen Thau⸗ tropfen. Auch war es wieder warm geworden, jene an⸗ genehme erfriſchende Wärme, die ein jugendliches Herz aus dem zitternden Strahl der Abendſonne, dem man mit halbgeſchloſſenen Augen zuſieht, tauſend ſchöne glän⸗ zende Bilder entſtehen, Träume von zukünftigem Glück und zukünftiger Herrlihkeit. Ach, und ich war in mei⸗ ner Jugend ſehr empfänglich für ſolche Träume! Die Sonne ging unter und der glänzende Abend⸗ himmel war erfüllt mit warmer lauer Luft. Sibylle und ich lagen im Fenſter der großen Wohnſtube und ahen auf das Mühlenwehr hinab. Es war um die Abendzeit, wo dem Doktor in die Familienzimmer kein Zutritt mehr gewährt wurde, und nur ich als Familien⸗ glied und kleiner Burſche das Recht hatte, bei meiner Nichte zu ſein, die in ſolchem Augenblicke im ländlichſten Negligee ſich befand. Ich hatte ein dünnes Sommer⸗ röckchen an und während die Mutter in ihren Büchern , ſchwatzten wir von alten vergangenen Tagen und lachten über die Jugendſtreiche, die wir ausgeführt. Ich ſchlief damals in dem großen Gaſtbett neben dem Zim⸗ mer der Müllerin und Sonntags Morgens, ehe wir ge⸗ waſchen und angezogen wurden, ſchlüpfte Sibylle zu mir in's Bett und wir machten Pläne, wie der Sonntag hinzubringen ſei.! Auch erinnerten wir uns, wie wir zuweilen ein großes Leintuch entwendeten und damit im Garten ein Zelt aufſchlugen, woſelbſt der große Ketten⸗ hund, wenn er zum Beſuche kam mit großen Ehren empfangen wurde. So lagen wir im Fenſter und träumten, und als es zehn Uhr wurde, ging die Müllerin zu Bette, und wir erhielten die Erlaubniß, noch ein Paar Minuten aufbleiben zu dürfen. Nachtſchmetterlinge flogen umher, Leuchtkäfer blitzten auf dem Graſe und als ich ſo dicht an dem war⸗ men Körper des Mädchens lag, durchſchauerte mich ein kleiner Froſt. Es mochten wohl die Waſſernebel ſein, die aus dem Mühlenteich und den Bergwaſſern aufſtie⸗ gen. Sibylle bemerkte es, hob ihr warmes Tuch etwas von der Bruſt und warf es über mich hin. Gott, es war wie damals, als wir am Sonntagmorgen unter ei⸗ ner Decke ſpielten. Das Herz des Mädchens fühlte ich deutlich an meiner Bruſt ſchlagen, aber der Froſt wollte darum doch nicht aufhören. Plötzlich hörten wir durch die Stille der Nacht ein Klopfen wie Holz auf Holz und erblickten bald darauf den Doktor, der ſich an dem Mühlenwehr zu ſchaffen machte. Er ſah von Zeit zu Zeit zu uns herauf, und ich bot ihm einen guten Abend. Anfänglich glaubte ich, er habe mich nicht gehört; doch war dem nicht ſo, denn als Sibylle viel leiſer ſagte:„Guten Abend, Herr Burbus!“ ſprang er auf den Rand des Mühlbachs und trat unter das Fenſter. „Was machen Sie da?“ ragte Sibylle. „Ich mochte nicht ſchlafen,“ entgegnete der Doktor, „ging um das Wehr ſpazieren, und bemerkte dort einen 8 250 Pfahl, der los geworden und den das Waſſer morgen wahrſcheinlich abgeſpühlt hätte.“ Ich weiß nicht, der Doktor ſah heut Abend ſ in⸗ grimmig aus, und dabei tief betrübt, gerade wie an dem regneriſchen November Morgens, als ich in ſeiner Stube neben dem Reißmehlſchen Hauſe erwachte und er jenen unvergeßlichen Kaffee kochte. „Es iſt eine ſchöne Nacht heute, lieber Doktor,“ ſagte ich ihm, und er entgegnete;„Ja wohl— vielleicht— wie man's nimmt! Mich packt der Mißmuth, und ich werde verdrießlich, ja traurig, wenn ich an ſchönen Som⸗ merabenden allein bin. Sie ſind wohl nie melancholiſch,“ ſetzte er ſpöttiſch lachend hinzu., „Gott ſei Dank, nein!“ ſagle Sibylle für mich. den Kinderjahren hat man keine Urſache traurig zu wi „In den Kinderfahren,“ lachte der Doktor,„ Nun, das iſt ein tüchtiges Kind.“ „Ja, aber doch noch mein Kind,“ verſetzte Sibylle und küßte mich auf die Stirn.„Nicht wahr Du? Und ſehen Sie, Doktor,“ fuhr ſie in ihrer unſchuldigen Natürlich⸗ keit fort, und zeigte auf ihr Tuch,„ich habe ihn ſorg⸗ fältig zugedeckt, damit er ſich nicht erkältet.“ „Aber ein glückliches Kind,“ ſagte der Doktor,„wenn ich mich zum Beiſpiel erkälte, darnach fragt kein Menſch.“ „Ja, das iſt das alte Capitel,“ entgegnete Sibylle, „und da hat die Mutter ganz recht, wenn ſie Ihnen 6 —— 251 antwortet, es ſei nicht ſchön, daß Sie glauben, man nehme keinen Antheil an Ihnen. Man nimmt gewiß Antheil, und fehr viel Antheil an Ihnen.“ „Iſt das wahr,“ ſagte der Doktor freudig,„iſt das gewiß wahr? Geben Sie mir die Hand darauf.“ „Wie kann ich Ihnen denn vom Fenſter aus die Hand darauf geben?“ lachte das Mädchen. Doch er bat wiederholt und flehendlich:„O geben Sie mir die Hand darauf.“ „So gieb ihm doch die Hand, Sibylle,“ ſagte ich. Und langſam wickelte ſte den Arm aus dem warmen Tuch und ſtreckte ſie dem Doktor hinab. Später erinnerte ich mich dieſes Augenblicks noch ſehr lebhaft, wie der Doktor dieſe Hand erfaßte und ſie herzlich küßte, und ſo viel ich es mir jetzt vergegenwärtigen kann, war es eine ſchöne kleine Hand, und neben der Hand wurde noch der Arm ſichtbar, der war ſehr rund und weich. Der Doktor gab ſich ſehr viel Mühe, nachdem er die Hand geküßt, auch noch ein Grübchen im Arme mit ſeinen Lippen zu berüh⸗ ren, was ihm aber erſt nach vielen Anſtrengungen gelang. Dann aber jubelte er mit leiſer Stimme und doch hoch auf, hoch aus recht freudigem und glücklichem Gemüth. Auch ich bekam wieder freundliche Worte von ihm. „Lieber Exladenjüngling,“ lachte er;„kommen Sie, wir müſſen noch einen Spaziergang in den Wald machen. Lieber Gott im Himmel, die Welt iſt doch ſchön.“ zu mir ſagte:„Gute Nacht, mein Lieber, ſchlaf recht wohl,“ Er warf mir eine Kußhand herauf und ſprang über das Wehr hinab. Sibylle ſah ihm nach und während ſie hatte ſie ein ſeltſames, himmliſch freundliches Lächeln auf den Lippen. Darauf ging ſie in ihre Kammer und es war mir recht lieb, daß ſie ging; denn wenn ich auch gern bei meiner Nichte war, ſo zog ich doch eine nächt⸗ liche Waldpromenade mit meinem Doktor vor.. Der Doktor machte heut Nacht mit mir einen Spazier⸗ gang, der ſehr an die Jagden auf den Dachs erinnerte. Er raſte Berg auf; Bergab und wo die Waldwaſſer am breite⸗ ſten waren, da ſprang er darüber hinweg und ſang und ju⸗ belte und mich hatte er wieder recht lieb, denn er küßte 4 mich zu wiederholten Malen auf die Stirn. Es mochte Mitternacht ſein, als wir zur Mühle zu⸗. rückkehrten, die ſtill und dunkel in der Thalſchlucht vor uns lag. Hinter uns ſtand der Mond über dem Ber⸗ gesrand und verſilberte das kleine Fenſter, wo Sibylle ſchlief. Von dem geſperrten Wehr fielen einzelne Trop⸗ fen herab, leuchteten im Fallen wie Silber und wo ſie das Waſſer berührten, gab es einen zitternden hellen Kreis, der ſich langſam weiter und weiter ausdehnte. „Kennen Sie das Mährchen vom Dornröslein?“ fragte mich der Doktor.“ Es war einmal eine wunderſchöne Prinzeſſin, und die wohnte im dichten Wald. Sie ſtach ſich an einer Spindel und fiel in tiefen Schlaf. All⸗ — 253 mählich wuchſen die Bäume und Geſträuche um das Haus herum höher und höher und wurden immer die ter und dichter. Niemand konnte am Ende mehr hinein und Niemand wußte am Ende mehr, wo die Prinzeſſiin 1 ſchlief. Da kam der Ritter, für den die Prinzeſſin vom 8 Schickſal beſtimmt war; ihm ganz allein öffneten ſich die verſchlungenen Zweige; er erweckte ſie mit einem Kuß und dann wurde ſie ſein Weib;“ und nachdem er mir dies Mährchen erzählt hatte, ſtützte er den Kopf auf die Hände und ſeine Züge nahmen einen ernſten, faſt erbitterten Ausdruck an, und er ſang mit halblauter Stimme: In einem kühlen Grunde Da geht ein Mühlenrad, Mein Liebchen iſt verſchwunden, Das dort gewohnet hat. Sie hat mir Treu verſprochen, * Gab mir ein Ringelein, Sie hat die Treu' gebrochen, . Das Ringlein ſprang entzwei. 3„Weg, weg, mit allen finſtern Gedanken,“ unterbrach er ſich ſelber und rief laut:„Gott iſt groß! Gute Nacht, Exladenjüngling! Gedenken Sie meiner beſtändig; wir werden uns, hoff ich, freudigſt wiederſehen.“ 7„Bis morgen,“ entgegnete ich lachend. „Wer weiß,“ verſetzte er, und ſchwang ſich durch das Fenſter in ſein Schlafzimmer.— 254 1 Am andern Tage, als ich aus meinem Zimmer her⸗ unnter kam, befand ſich Alles in der Mühle in großer 3 Aufregung. Der Doktor Burbus nämlich war in der Frühe nicht zu finden geweſen und nach einer Stunde brachte ein kleiner Bauernburſche einen Brief von ihm, den er ihm im Walde gegeben an die Müllerin. Dieſer Brief mußte ganz ſonderbares Zeug enthalten haben; denn der Vetter war verdrießlicher als je, und Sibylle kang mit rothgeweinten Augen zu Tiſche. Bis zum Geſinde herab erſchöpfte man ſich in Vermuthungen, wo er hin ſei;„ nachdem einige Tage lang die Knechte und die Mägde, die ihn recht lieb gehabt, ſich in phan⸗ taſiereichen Vermuthungen erſchöpft, ſprach man nicht mehr von ihm und gedachte ſeiner nimmer. Nur wenn ich bei Sibylle war, wurde ſein Name genannt, und daß der Doktor ſo plötzlich fortgegangen war, ſchien dem Mädchen ſehr ſehr wehe zu thun. Doch das Rad meines Schickſals, das während die⸗ ſes Frühjahrs und Sommers ſanft und angenehm zwi⸗ ſchen Blumen und Wald dahin gerollt war, ſollte plötz⸗ lich einen neuen Aufſchwung nehmen, und die Kraft zu dieſem Aufſchwung kam in Geſtalt eines Briefes meines Onkels und Vormunds, der in C. bei meiner Großmutter geſchrieben und wahrſcheinlich das Reſultat eines neuen großen Familienrathes war. Er lautete folgendermaßen: .„Mir ſcheint, daß das Schlaraffenleben auf der Muͤhle ſetzen, fehl, ſo ziehe ich meine Hand gänzlich von Dir 25⁵ Dir ſehr wohl bekommt, wenigſtens daß Du größer und ſtärker geworden biſt, habe ich von dem Vetter erfahre 3 daß Du aber in Deinem unverantwortlichen Leichtſinn nicht daran denkſt, auf welche Art ſich Deine Zukunft geſtalten könnte, und daß Du nicht ein einziges Mal an mich ſchreibſt, ich möchte Dir doch ja für den Winter eine neue Condition beſorgen, wie geſagt, daß Du Alles das vergißt, um dafür Deine koſtbare Jugendzeit durch⸗ zubringen, indem Du dem Vieh nachſchlenderſt und Fio⸗ gelneſter ausnimmſt, das wundert mich gar nicht, denn ich kenne Dich. Danke es alſo Deinem u in mir einen unermüdlichen Vormund gefunden zu haben, und danke es meinen vielverbreiteten Bekanntſchaften, die Dir eine Lehrlingsſtelle in der Fabrikſtadt E. verſchafften, und obendrein keine Stelle in einem Sp zereigeſchäft, ſondern in einer Modewaarenhandlung bei dem höchſt ehrenwerthen Hauſe Johann Caspar Stieglitz und Comp. Nach E. wirſt Du zu Fuße gehen. Dort angekommen wirſt Du die einliegenden Zeilen unſerem Vetter, Herrn Profeſſor W. überreichen und dieſer verehrte Freund wird Deine Einführung in dem Handlungs⸗Hauſe, wo man Dich aufzunehmen gedenkt, beſtens und freundlichſt ver⸗ mitteln. Viele Ermahnungen habe ich nicht mehr Luſt Dir zu geben; ſchlägt auch diesmal das Bißchen Hoff⸗ nung, das wir auf Deine zukünftige gute Aufführtng 256 aͤb und Du kannſt alsdann den letzten Nothanker er⸗ greifen, welcher jungen liederlichen Subjekten übrig bleibt, d. h. zum Kalbfell ſchwören. Im Uebrigen grüßen Dich meine Kinder auf's Freundlichſte, ſowie ich und verbleibe dabei bis auf Weiteres 1 Dein wohlgeneigter Oheim. Druck von Carl Schultze in Berlin. 2 4