deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnemeni. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 3 Mt.— Pf. 1 Mrr. 50 Pf. 2 Per.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch eiin Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — ——— Geſchichten im Zickzack. Roman von F. W. Hackländer. Zweite Auflage. Vierter Band. Stuttgart und Leipzig. Druck und Verlag von Eduard Hallberger. Jedes Recht, vorzüglich das der Ueberſetzung dieſes Werkes in fremde Sprachen, wird vorbehalten, Nachdruck ſtrengſtens verfolgt. Inhalt des vierten Bandes. Achtzehntes Kapitel. In der ſiebenzehnten Wendung, ein Pfad durch finſtere Schluchten... Neunzehntes Kapitel. In der achtzehnten Wendung, ſteil abwärts im Zickzack Zwanzigſtes Kapitel. In der neunzehnten Wendung, eine lange, troſtloſe Pappelallee Einundzwanzigſtes Kapitel. In der zwanzigſten Wendung, Ruhepunkt für ein krankes Gemüth. Zweiundzwanzigſtes Rapitel. In der einundzwanzigſten Wendung, ein ſtattliches Schloß mit guten Menſchen 3 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. In der zweiundzwanzigſten Wendung, freundliches Thal und Ende des Weges. Seite 145 180 Geſchichken im Kickzack. U Achtzehntes Kapitel. In der ſiebenzehnten Wendung, ein Pfad durch finſtere Schluchten. Nachdem Doktor Flinder, wie wir zu Anfang des vorigen Kapitels erfahren haben, ſeinen kranken Gaſt, Herrn von Roſenthal, verlaſſen hatte, um auf dem Wege nach dem Schloſſe des Grafen Ferrner Ellen zu begeg⸗ nen, war der Verwundete allein geblieben und hatte ſich lang auf ſeinem weichen Lager ausgeſtreckt, die rechte Hand unter den Kopf gelegt, damit beſchäftigt, über die Lage, in der er ſich befand, nachzudenken; anfänglich ſchienen dieſe Gedanken ziemlich ernſter Art zu ſein, wozu auch viel Urſache vorhanden war, und man ſah, wie er den Kopf unmuthig bald auf die linke, und dann wieder auf die rechte Seite wandte, weil ihm jede andere Be⸗ wegung von dem Arzte ſtreng unterſagt worden war, dazu blickte ſein Auge düſter, er preßte die bleichen Lippen Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 1 —— — 2— aufeinander und ſchwere Athemzüge, die ſich ſeiner Bruſt entrangen, klangen wie tiefe Seufzer. Er mußte ſich geſtehen, daß er in der letzten Zeit drunten in der Reſidenz mit Perſonen und Verhältniſſen unglücklich geſpielt, und daß er, wenn auch gerade nicht dieß Spiel vollſtändig verloren, er es doch ſeinen Geg⸗ nern verrathen hatte, ſo daß es ſicher und mit großem Eclat verloren gegangen wäre, wenn er es nicht für gut befunden hätte, die Karten durch eine ziemlich geſchickte Machination aus den Händen fallen zu laſſen. Schade um die Stellung, die er drunten eingenommen, und die, wenn auch nicht gänzlich verloren, doch ſo ſehr in ihren Fundamenten erſchüttert, daß es kaum mög⸗ lich war, einen neuen ſoliden Bau wieder aufzuführen. Ja er geſtand ſich endlich, daß es kaum möglich ſein werde, alle die Rieſen niederzukämpfen, die ſowohl in der Geſtalt der Wahrheit, als auch im Gewande der Lüge und Verleumdung unter der Aegide jener eben ge⸗ nannten Tugend ſiegreich gegen ihn vordringen würden. Aber gerade ein ſolcher Kampf mit der ganzen Welt reizte ihn ſo ſehr, daß ſich jetzt ſchon in dem Gedanken daran ſeine Lippen zu einem leichten Lächeln kräuſelten, und er in einem verächtlichen Tone ſagte:„Warum ſollte ich nicht wenigſtens den Verſuch machen, das verlorene Terrain wieder zu gewinnen, bin ich doch überzeugt, daß b —— O⏑—ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ———— — 3— ich mir die Meiſten von denen, die jetzt meinen guten Namen zerreißen, durch geſchickte Benützung ihrer Fehler und Schwächen, durch geſchickte Vorſpiegelung der eige⸗ nen Tugenden, ſowie der Fehler Anderer, die ſie ſelbſt in höherem Maße beſitzen, auf's Neue zu treuen Bundes⸗ genoſſen machen kann; dieß Volk lebt ſo im Schwindel und vom Schwindel, daß ihr ganzer Geſichtskreis ſchwindel⸗ und nebelhaft geworden iſt, und daß ſie Jeden, der in dieſem Dunſtkreis keck nicht nur vor ſie hin, ſondern auch zuweilen auf ihre Hühneraugen tritt, in großen Umriſſen ſchauen und für Etwas Ausgezeichnetes halten— die Schlacht ſcheint allerdings verloren zu ſein; aber wir haben vielleicht immer noch Zeit, eine neue zu beginnen ———— und in ſchlimmſten Falle,“ murmelte er nach einer längeren Pauſe,„wenn wir wirklich Schiff⸗ bruch gelitten, ſo haben wir doch einen Schatz gerettet, der uns über dem Waſſer halten kann—— aber gerade dieſer Schatz iſt vielleicht die ſchlimmſte Klippe, und es wäre vielleicht vorſichtiger geweſen, nicht ſo vorſichtig zu ſein—— pah, wer ſich ſelbſt verloren gibt, iſt ver⸗ loren, und es müßte ganz drollig zugehen, wenn ſich Roſenthal trotz alledem nicht als ein reiner und voll⸗ kommen edler Charakter zu entpuppen vermöchte.“ Jetzt langte er nach ſeiner Uhr, die neben dem Bett auf einem Tiſchchen lag, und indem er das Zifferblatt 141— betrachtete, verfinſterte ſich ſein Auge wieder, als er be⸗ 3 merkte, daß ſchon mehr als eine Stunde vergangen ſei, ſeit ihn der Arzt verlaſſen. „Und Ambroſio immer noch nicht zurück.— Wahr⸗ ſcheinlich hat er in Perlenbach⸗warten müſſen,— das iſt ein kleiner Ort mit beſchränktem Telegraphendienſt, — wer weiß, wo ſich dieſe leichtſinnigen Beamten um⸗ hertreiben, ſtatt an Ort und Stelle zu ſein, wie es ihre verfluchte Schuldigkeit geweſen wäre, und während dieſe jungen Leute ihrem Vergnügen nachlaufen, blieb eine für mich ſo koſtbare Nachricht vielleicht unausgefertigt liegen — lüderliches Volk“— Wenn aber ſein Telegramm Ellen nicht mehr er⸗ reicht hätte, wenn ſie einen andern Weg genommen, um ſich vielleicht vor ihm und ſeinen künftigen Nachforſchungen zu verbergen, oder wenn ſie gar ſeine Botſchaft erhalten, und dieſelbe zerriſſen oder dem Feuer geopfert? Doch lächelte er gleich darauf über dieſen Gedanken, da ihm das, was er ſoeben gedacht, als gänzlich un⸗ möglich erſchien; o, er kannte Ellen zu genau, er kannte ihr edles Herz und er wußte, daß es genügen würde, ihr zu ſagen: ich bin elend und verlaſſen, um ſie gewalt⸗ ſam zu ihm zurückzuziehen, um ſie zu vermögen, ſelbſt ihrem Glücke, ſelbſt ihrer Liebe den Rücken zu kehren. Aber wenn ſie ſeine Botſchaft nicht erhalten, dann befand er ſich allerdings in einer verzweifelten Lage: mit dem Leichtſinn, der ihn ſtets dazu antrieb, ein großes, gewagtes, glänzendes Spiel zu treiben, hatte er Ambroſio noch an dem Abend, wo er hier angekommen war, nach der Reſidenz zurückgeſchickt mit dem Auftrag, an Ellen zu telegraphiren und dann ſein Hausweſen in der Reſi⸗ denz augenblicklich, aber mit Eclat aufzulöſen; er hatte ihm dazu beinahe alle Geldmittel gegeben, die er beſaß, und wollte die Entlaſſung ſeiner Diener, die Erledigung ſeiner Miethverträge und alles dergleichen ſo eingerichtet haben, daß das plötzliche Verſchwinden des Mannes, den man Roſenthal genannt, ungefähr in der Art vor ſich ginge, wie das Schlußſtück eines brillanten Feuerwerks, wo noch einmal leuchtende Feuergarben, bunte, glänzende Sterne die Finſterniß zerreißen, ehe die lange, dunkle Nacht eintritt. Um ſo furchtbarer darum für ihn, wenn ſeine Botſchaft Ellen nicht traf, wenn er vielleicht ge⸗ nöthigt war, ſich ſeinem Arzte und freundlichen Wirthe als einen Menſchen ohne weitere Hülfsquellen vorzu⸗ ſtellen, der ſich auf Gnade und Ungnade dem Mitleid übergeben muß. Da—— hörte ſein ſcharfes Ohr etwas wie das dumpfe Rollen von Wagenrädern auf dem Schnee, und dann vernahm er das Knallen einer Peitſche, was wie Muſik in ſeine Ohren tönte— Ambroſio war zurück— Ambroſio mußte ihm gute Nachricht bringen! Trotz des Verbots des Arztes richtete er ſich in ſei⸗ nem Bette auf, nicht achtend die Schmerzen ſeiner kranken Bruſt, und blickte geſpannt nach der Thür. Ja es war Ambroſio, der jetzt dort erſchien, und wenn ihm die Hand des alten Dieners auch nicht das gewünſchte Papier ent⸗ gegenhielt, ſo las er doch in deſſen Mienen, daß er nicht der Ueberbringer einer unangenehmen Botſchaft ſei. „Haſt Du Nachrichten für mich?“ „O ja, Herr Baron, und wie ich hoffe, keine ſchlimmen!“ „Gut, ſo gib ſie her!“ Statt aber irgend etwas aus der Taſche zu ziehen, um es zu überreichen, trat der alte Diener an das Bett, indem er ſagte:„Ich glaube allerdings, daß ich gute Nachrichten bringe, aber keine Depeſche, da auf dem Telegraphenamt nichts dergleichen für Sie angekommen war.“ „Nun denn,“ fragte Herr von Roſenthal ungeduldig, „woher willſt Du denn Deine guten Nachrichten haben? — ſprich raſch und deutlich, an der langſamen Art, mit der Du mich durch Dein Reden bedienſt, und durch Dein vergnügtes Lächeln, ſcheinſt Du mich auf etwas vorbe⸗ reiten zu wollen— laß dergleichen Kindereien unterwegs — Du haſt keine Depeſche, aber gute Nachrichten, gut, — ſo muß Dir irgend Jemand begegnet ſein, der Dir dieſe guten Nachrichten gegeben— wer iſt es?“—— „Die gnädige Frau ſelber!“ „Ah— Ellen— Ellen,“ murmelte Herr von Roſen⸗ thal, worauf er den Kopf in die Kiſſen zurückſinken ließ, denn er hatte zu raſch, zu haſtig, zu aufgeregt geſprochen — auch ſchloß er für ein paar Sekunden ſeine Augen, und als er ſie nun wieder öffnete, ſah er die Erwartete, Erſehnte allein an ſeinem Bette ſtehen, da ſich der alte Kammerdiener auf den Zehen hinausgeſchlichen hatte. „Ah, Du biſt es, Ellen, Du biſt wirklich zu mir gekommen!“ „Ja, ich bin es, ich erhielt Ihre dringende Depeſche in Oſtende, im Anblick des weiten freien Meeres, im Anblick des Schiffes, das mich nach England überführen ſollte, und bin zurückgekehrt, ohne mir irgend welche Ruhe zu gönnen.“ „Vorwürfe— Vorwürfe!“ „Ich glaubte mit dieſem Land— mit Ihnen— ja mit der ganzen Welt abgeſchloſſen zu haben, ich glaubte Alles zerriſſen zu haben, Gutes und Schlimmes, Glück und Leid, Alles, Alles, was mich noch an das Leben feſſelte, um unglücklich, aber frei zu ſein— da las ich Ihre Zeilen, und da mußte ich zurückkehren, obgleich mein Herz darüber brechen wollte.“ . b „Arme Ellen, wie blaß und verſtört Du ausſiehſt— ich danke Dir herzlich, daß Du zurückgekommen biſt,— aber Du ſprichſt in Räthſeln zu mir, warum ſagſt Du, daß du Alles hinter Dir gelaſſen habeſt, Glück und Leid; ich hoffte, Du hätteſt nur das letztere, und zwar in meiner Perſon, geflohen, um ſpäter, vielleicht jenſeits des Kanals, noch recht glücklich zu werden?“ Ellen anwortete nicht auf dieſe Frage, doch ſah man an ihren zuckenden Lippen, wie heftig ſie mit ſich ſelbſt kämpfte, und welche Mühe ſie ſich gab, ruhig und un⸗ bewegt zu erſcheinen; ſie war furchtbar bleich und ihre matten, rothunterlaufenen Augen zeigten deutlich die Er⸗ müdung ihrer Seele, ſowie die ihres Körpers. „Reich' mir Deine Hand, Ellen, wenn auch nicht zur Verſöhnung, ſo doch zu einem ſehr nothwendigen Frieden!“ Dieß ſchien ſie abermals überhört zu haben, indem ſie ſagte:„Ich ſprach draußen auf der Landſtraße Ihren Arzt, der mir freundlich entgegen kam, er beruhigte mich über Ihr Befinden.“ „So, er beruhigte Dich, Ellen, nun, dieß Wort könnte mir angenehm ſein, wenn Du nicht alles Das mit einer ſo furchtbaren Eiſeskälte ſprächeſt.“ Den Blick zu mindern, welcher ihn hierauf aus ihren großen, ſchönen Augen traf, waren ſelbſt ihre in etwas ———. — 9— weicherem Tone geſprochenen Worte nicht im Stande, als ſie ſagte:„Es war mir eine Beruhigung, Ihren Zuſtand minder gefährlich zu wiſſen, als ich ihn mir ge⸗ dacht.“ „Nun, er iſt immer noch ſchlimm genug,“ ſtöhnte er,„und ich bedarf dringend Deiner Hülfe.“ „Deßhalb kam ich— weiß aber nicht, ob ich blei⸗ ben kann— hier bleiben kann?“ „Allerdings kannſt Du hier bleiben, Ellen, mein Arzt und freundlicher Wirth i*ſt ein vortrefflicher Jung⸗ geſelle, der die Welt kennt.“ Roſenthal ſagte das in einem ſo gleichgültigen Tone, daß das arme Mädchen unwillkürkich einen Schritt zurück⸗ trat, ehe ſie ſagte: „Ich hoffe nicht, daß Ihr Arzt und freundlicher Wirth ſo auf meine Ankunft vorbereitet worden iſt.“ „Das war ja unmöglich, Ellen, ich wußte ja nicht, daß Du kommen würdeſt.“ „So werden Sie es alſo auch für gut finden, daß ich mich dem Arzte als Ihre Schweſter vorſtellen ließ.“ „Eine ganz gute Idee, ich werde mir dieſe Ko⸗ mödie recht gern gefallen laſſen.“ Er ſprach das in ſeiner leichtſinnigen Art und Weiſe, ohne zu bedenken, wie tief ſeine Worte das unglückliche Mädchen ver⸗ letzen mußten, und als er dieß an einem ſchmerzlichen — 10— Zucken ihres Mundes, ſowie an ihrem feucht geworde⸗ nen Auge bemerkte, ſagte er in einem ſcharfen Tone: „Laß dieſe kindiſchen Empfindlichkeiten, dieſe verletzen⸗ den Mienen, denen ich jetzt, elend wie ich bin, nichts entgegenzuſetzen vermag, laß uns überhaupt Ver⸗ nünftigeres reden— etwas Geſchäftliches, was mir von großer Wichtigkeit iſt— haſt Du Gelder er⸗ hoben?“ Ellen nickte ſtumm mit dem Kopfe, nahm aus ihrer Taſche die kleine Goldrolle, welche ſie von dem Juwelier erhalten, und legte ſie in ſeine Hand. „Iſt das Alles, was Du Dir geben ließeſt?“ „Alles— ich habe nichts mehr!“ „Nun, es iſt auch ſo gut, ich kann es die nächſten Tage, wenn ich mehr gebrauche, ſelbſt beſorgen— aber es wäre doch beſſer geweſen, wenn Du Dir die ganze Summe hätteſt ausbezahlen laſſen— machte man viel⸗ leicht Schwierigkeiten?“ „O nein, man bot mir mehr als ich verlangte,“ und darin ſprach ſie die Wahrheit, denn ſie dachte an die Summe, welche ihr der Juwelier für ihre geringen Koſtbarkeiten gegeben. „Wer beſorgte Dir dieſe Geſchichten, gingſt Du ſelber?“ „Nein,“ erwiederte ſie nach einigem Zögern,„ich — 11— vertraute mich ganz dem Manne an, der mir Ihren Brief überbrachte.“ „Ganz— dem Teufel auch,“ ſagte er mit einem häßlichen Lachen,„ich hoffe nicht, Ellen, daß Du ſo un⸗ klug geweſen biſt, Dich und mich zu kompromittiren.“ „Was könnte Sie kompromittiren?“ fragte ſie mit einer eiſigen Ruhe——„was mich anbetrifft, ſo iſt das allerdings etwas Anderes, was man an Ihrer Handlungsweiſe im ſchlimmſten Falle als ein etwas leichtfertiges Spiel betrachtet, wie es die Art großer Herren iſt, kann nur auf mich einen ſchmutzigen Flecken werfen— und ich habe dieſen Flecken auf mich ge⸗ nommen; wenn Sie ein Auge dafür hätten, müßten Sie ihn auf meiner Stirne brennen ſehen.“ „Du ſprichſt harte Worte, Ellen, Du verletzeſt mich!“ „Was liegt mir daran— nachdem er meine Schande erkannt!“ „A— a— a— ah, und deßhalb alle Bande, die ſo feſt geknüpft ſchienen, zerriß— arme Ellen!“ „Ja, arme, arme Ellen— o mein Gott!“ rief ſie ſchmerzlich aus, indem ſie ſich raſch abwandte und dann beide Hände in wildem Schmerz vor ihr Geſicht preßte. 3 Glücklicher Weiſe machte der Eintritt des alten —— 12— Kammerdieners dieſer peinlichen Szene um ſo mehr ein Ende, als er in Begleitung der Haushälterin des Arztes erſchien, welche ihm half, auf einem Tiſche neben dem flackernden Kamminfeuer den Thee zu ſerviren, zu welchem er alsdann, leiſe nach dem Alkoven ſchleichend, die gnädige Frau einlud, die gewiß nach der langen Fahrt und bei der feuchten Kälte draußen einer Erquickung ſehr bedürftig ſei. Ellen ließ ſich ſchweigend neben dem Feuer nieder, und da ihr Ambroſio in freundlicher Geſchäftigkeit eine Taſſe des duftenden Getränkes einſchenkte und darreichte, ſo nahm ſie es an und benetzte leicht die Lippen damit. „Wenn Sie, wie ich wohl glaube, ſehr müde ſind, gnädige Frau,“ flüſterte er alsdann,„ſo kann ich Sie auf Ihr Zimmer führen, welches hergerichtet und gut erwärmt iſt.“ „Ich dank' Ihnen für Ihre Sorgfalt,“ antwortete ſie mit weicher Stimme, denn die Güte des alten Mannes that ihr wohl,„doch glaube ich, es iſt beſſer, wenn ich hier unten den Herrn Doktor erwarte, der wohl nicht lange mehr ausbleiben wird— fragen Sie Ihren Herrn, was er davon denkt.“ „Ich glaube, daß Du Recht haſt,“ hörte man Roſen⸗ thal's Stimme aus dem Alkoven her,„und ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, meine Schweſter ſelbſt dem Herrn Doktor in beſter Form vorzuſtellen.“ 13 Deßhalb blieb Ellen neben dem Kaminfeuer ſitzen, und es war ihr angenehm, die behagliche Wärme deſſelben zu empfinden, ſowie träumeriſch in die ſpielenden Flammen zu blicken— ach, ihr ganzes trauriges Leben zog an ihrer Seele vorüber— viel Leid, wenig Freude, und ließ ſchwere Thränen aus ihren weit geöffneten, ſtarren Augen tropfen. Dann hörte man den Doktor gegen das Haus her⸗ reiten, und Ellen hätte nicht ſagen können, ob es ſehr lange geweſen, daß ſie ſo am Feuer geſeſſen; auch Herr von Roſenthal wäre nicht im Stande geweſen, etwas Be⸗ ſtimmtes darüber mitzutheilen, denn nach der aufregenden Erwartung des heutigen Tages hatte ſich bei dieſer zähen Natur ſtatt heftigeren Fiebers eine wohlthätige Ruhe ein⸗ gefunden, und nachdem er durch Ellen's Erſcheinen und ihre Mittheilungen ſeine Lage ziemlich angenehm fand, entſchlummerte er und ſchlief nicht minder feſt, als im Eiſenbahnwagen vor jenem Duell. Ja, der nun eintretende Doktor Flinder hätte nicht nöthig gehabt, auf den Zehen herbeizuſchleichen, nachdem er einen Blick nach dem Alkoven geworfen, um der jungen Dame eine ſtumme Verbeugung zu machen, die aber viel⸗ leicht gerade dadurch um ſo ehrfurchtsvoller ausfiel. Hierauf zog er den ſchweren Vorhang vor das Bett Ro⸗ ſenthal's und ſetzte ſich neben Ellen, behaglich ſeine 14 Hände gegen die Glut ſtreckend, und dann auf die höf⸗ lichſte Art fragend, ob es ihr auch nicht im Ge⸗ ringſten unangenehm ſei, wenn er ſich zu einer Taſſe Thee zu Gaſte lüde. „Ich habe mir das in Ihrem eigenen Hauſe nicht gut erlauben können,“ erwiederte Ellen raſch und auf's Angenehmſte berührt von den freundlichen und wohl⸗ wollenden Manieren des Arztes; er hatte überhaupt etwas Vertrauenerregendes in ſeinem Geſichte, beſonders im Blick der Augen und in einem häufig ſchalkhaften Lächeln um den breiten Mund. Schön war er keineswegs, nicht einmal hübſch, der gute Doktor, auch ſchon ſtark über die erſte Blüte der Jugend hinaus, beſaß aber in ſeinem ganzen Weſen dagegen das, was wir ſo hoch an einem Arzte ſchätzen, nicht nur eine weiche, wohlklingende Sprache, ſondern auch eine angenehme, faſt bezaubernde Art, be⸗ ſonders in ſeiner ruhigen Redeweiſe, das Vertrauen zu gewinnen und feſtzuhalten. Auch Ellen fühlte ſich nach dieſer kurzen Bekannt⸗ ſchaft durchaus nicht mehr einem Fremden gegenüber, ſondern es war ihr gerade, als hätte ſie den guten Doktor ſchon jahrelang gekannt, weßhalb ſie ihm auch mit einem ganz beſonderen Vergnügen eine Taſſe Thee einſchenkte, und alles Nöthige mit ſolcher Liebenswürdig⸗ keit reichte, daß er ſchmunzelnd verſicherte, er habe noch — 15— ſoeben, als er draußen in Kälte und Schnee geritten ſei, nicht im Entfernteſten darauf gehofft, ſeine Hausgenoſſen auf ſo reizende Art vermehrt zu finden——„ah,“ ſetzte er nach einer Pauſe lächelnd hinzu,„es iſt doch etwas ganz Anderes, ſeine kleinen häuslichen Bequemlich⸗ keiten auf ſolche Art geboten zu erhalten.“ „Wogegen ich nicht anders als bedauern kann, Herr Doktor, daß gerade Ihre häuslichen Bequemlichkeiten durch meine Ankunft ſehr geſtört worden, gewiß, Sie hätten mich ſollen in irgend einem Gaſthofe abſteigen laſſen; be⸗ ſonders da das Befinden des— Kranken, meines Bruders, ja durchaus nicht meiner Pflege bedarf, die ja ohnedieß bei Ihrer Sorgfalt,“ ſetzte ſie verbindlich hinzu,„über⸗ „Erlauben Sie mir, Ihnen, meine Gnädige, mein Haus als Gaſthof vorzuſtellen, und in mir einen Wirth, der ſich glücklich ſchätzt, daß die öden und oft allzu ruhigen Räume ſeines Hauſes auf ſo angenehme Art belebt wer⸗ den; gewiß, Fräulein von Roſenthal, Sie verleihen dieſem Hauſe Freude und Glanz, Sie ſind als Siegerin einge⸗ zogen, denn ich habe draußen ſchon zwei Weſen bemerkt, die vollſtändig von Ihnen beſiegt worden ſind, daß ſie ſich darum ſtreiten, wer nachher die Ehre haben ſoll, Ihnen nach Ihren Zimmern zu leuchten. Die Streitigen ſind nämlich der alte Ambroſio und meine nicht viel 16— jüngere Haushälterin, doch habe ich dieſen Streit groß⸗ müthig dadurch geſchlichtet, daß ich mir ſelbſt die Ehre geben werde, Sie zu begleiten, mein gnädiges Fräulein — aber ſpäter, hoffentlich viel ſpäter,“ ſetzte er mit einem bittenden Blick hinzu, da er zu bemerken glaubte, daß ſeine letzten Worte von Ellen für eine ihr vielleicht willkommene Aufforderung gehalten wurden. Hätte jeder Andere das, was der Doktor eben ge⸗ ſagt, einer jungen Dame hören laſſen, die er beinahe zum erſten Mal in ſeinem Leben ſah, ſo würde das lächerlich geklungen haben, fade oder zudringlich; wogegen es hier vollkommen ungezwungen und ſo natürlich gut⸗ müthig erſchien, daß Ellen, ſtatt ſich davon verletzt zu fühlen, dem Arzte herzlich dankend ihre Hand reichte. Die Hand nahm er bereitwillig an, den Dank aber lehnte er entſchieden ab, indem er ſagte:„Sie werden morgen ſehen, mein gnädiges Fräulein, daß der ganze obere Stock meines Hauſes leer ſteht, alſo hab' ich zu danken für freundliche Geſellſchaft und für Unterſtützung bei den oft ſeltſam launigen Einfällen Ihres Herrn Bruders — ja der ganze obere Stock ſteht leer,“ wiederholte er, wobei er langſam mit der Hand über ſeine Stirne fuhr, „ſteht mit wenig Ausnahme ſchon ſo lange leer, als ich dieſes Haus beſitze— für mich, einen alten Junggeſellen, genügen die Parterrezimmer jenſeits des Ganges.“ * —— — 17— „So waren Sie nie verheirathet?“ fragte Ellen, und da Doktor Flinder einiges Erſtaunen in den Blicken der jungen Dame zu leſen glaubte, ſo gab er lachend zur Antwort: „Ah, auch Sie ſind der Anſicht, ein Arzt müſſe verheirathet ſein, das heißt ein junger Arzt, und Sie nehmen an, daß ich auch einmal jung geweſen bin; ja, damals glaubte ich das ebenfalls, und wenn ich in einer Stadt geblieben wäre, ſo würd' ich mich vielleicht auch nach einer Frau Doktorin umgeſehen haben, um bei meinen Patientinnen, noch mehr aber bei den Männern derſelben, ein gutes Akkreditiv zu haben, was aber für zwei Arten meiner Kollegen unnöthig iſt: für einen Dorf⸗ arzt und für einen Badearzt; beim Erſten fördert es die Praxis nicht im Geringſten, beim Zweiten iſt es häufig ſogar hinderlich— doch da plaudere ich von meiner Eigenſchaft als Arzt, ohne als ſolcher zu ſehen, daß Ihre müden Augen der Ruhe bedürfen, verzeihen Sie mir, meine Gnädige, ſchreiben Sie es dem Vergnügen zu, das es mir gewährt, hier bei Ihnen am Kaminfeuer ſitzen zu können, und geſtatten Sie mir nun, Sie nach Ihren Zimmern hinauf zu begleiten.“ Ellen erhob ſich dankend, und als ſie hierauf einen Schritt hinter den Alkoven machen, wollte, legte der Arzt leicht ſeine Hand auf ihren Arm, wobei er ſagte:„Laſſen Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 2 — 18— Sie mich nachſehen, ob er ſchläft, in welchem Falle es mir lieber wäre, wenn wir ihn ganz in Ruh' laſſen— — ja, er ſchläft, und wenn es Ihnen gefällig iſt, ſo führe ich Sie nun hinauf, wo Sie, wie ich hoffe, ſich ganz zu Hauſe fühlen werden.“ So war es denn auch in der That, und die arme Ellen, welche mit einer begreiflichen Angſt daran gedacht hatte, nun wieder gezwungen zu ſein, wenn auch nur für kurze Zeit, in der Nähe Roſenthal's verweilen zu müſſen, hatte durch die Freundlichkeit des guten Arztes, ſowie auch durch die überaus behaglichen Räume, in welche dieſer ſie führte, wieder ein ſolches Selbſtvertrauen, eine ſolche Sicherheit errungen, daß ſie es für den Augen⸗ blick gänzlich vergeſſen konnte, wo, bei wem, und in welchen Verhältniſſen ſie ſich hier befand. Ah, es war auch ein ſtattliches Gefolge, das ſie in ihre Gemächer begleitete, voran Ambroſio mit Lichtern, dann Doktor Flinder an ihrer Seite, und zuletzt die alte Haushälterin, die es ſich darauf nicht nehmen ließ, allein bei der jungen, ſchönen Dame zu bleiben, nachdem ſie auf eine ſehr unzweideutige Manier die beiden Männer zur Thüre hinauskomplimentirt hatte, und dann Ellen mit einer rührenden Sorgfalt bei ihrer Toilette half; ehe ſie nun das Zimmer verließ, zeigte ſie auf eine Klingel neben dem Bette und ſagte:„Dieſe führt in meine — 19— Stube, und wenn Sie irgend etwas bedürfen ſollten, ſo bitte ich, mich ſogleich zu rufen—“ auf der Schwelle, nachdem ſie auf den Gang hinausgeſchaut, wandte ſie ſich noch einmal um und ſetzte hinzu:—„ſicher ſind Sie hier im Hauſe, wie im Schooße Abraham's, haben auch noch, wie ich eben geſehen, eine gar ſtattliche Leibwache.“ „Welche Leibwache, meine liebe Frau?“ „Nun, den großen Hund des Herrn Doktors, ſon⸗ derbares Thier das, ſolange ich ihn kenne, und ich kenne ihn ſchon manches Jahr, hat er während der Nacht noch nie die Thürſchwelle von ſeines Herrn Schlafzimmer verlaſſen, o, das iſt ein vernünftiger und ſehr treuer Hund— ich wünſche wohl und ſanft zu ſchlafen.“ Ehe ſich Ellen zur Ruhe begab, trat ſie an das Fenſter, zog den ſchweren Vorhang zurück und ſchaute in die ſchneebedeckte, hellleuchtende Landſchaft hinaus— welch' ein Unterſchied zwiſchen ihren Gefühlen während der geſtrigen nächtlichen Fahrt, die ſie, gefoltert von Sorgen und Schmerzen, verbracht, und der heutigen, wie ſie dieſelbe zu verbringen größtentheils wachend mit ſtarren, erhitzten Augen verhoffte, ſchon jetzt in dem ſüßen Gefühl einer an⸗ genehmen Ermattung des Körpers, und mit ſoweit be⸗ ruhigter Seele, daß ſie wohl überzeugt ſein durfte, dieſe werde willig folgen den entzückenden Schwingungen des Schlummers— und ſo war es auch. — 20 Roſenthal hatte ebenfalls eine vortreffliche Nacht ge⸗ habt, ſein Schlaf war ſchon am Abend etwas tiefer und feſter geweſen, daß er weder von den Unterhaltungen ſeines Wirthes mit Ellen am Kaminfeuer etwas ver⸗ nommen, noch gehört hatte, wie die Beiden ſich darauf entfernten, und in Folge davon war der Zuſtand ſeiner Wunde ſo ausgezeichnet, daß Doktor Flinder ihm nicht nur aufrichtig Glück wünſchte, ſondern ihm auch glaubte erzählen zu dürfen von ſeinem geſtrigen Beſuche im Schloſſe des Grafen Ferrner. Daß man ſich ſeiner dort und beſtens erinnert, wie der vorſichtige Arzt begreiflicher Weiſe hinzufügte, machte Herrn von Roſenthal ganz beſonderes Vergnügen, und bei Erwähnung von der Abſicht des Grafen, ihm einen Beſuch zu machen, glaubte er ſich ſo wohl zu fühlen, daß ihm die Annahme dieſes Beſuches, wie er meinte, ſchon heute geſtattet werden könnte. Doktor Flinder widerſprach ihm kluger Weiſe auch darin nicht; bemerkte aber, als er im Lauf des Tages ſeinen Beſuch auf dem Schloſſe machte, dem Grafen Ferrner, daß vielleicht morgen oder übermorgen Herr von Roſenthal im Stande ſein werde, ihn gebührend bei ſich zu empfangen. So vergingen denn für den Kranken bis zu jenem Beſuch noch zwei lange Tage, während welchen es häufig — 21— vorkam, daß er der armen Ellen ſeine Ungeduld und auch wohl ſeine Langeweile auf alle mögliche Weiſe entgelten ließ; hatte er doch das unglückliche Mädchen wieder feſt in ſeiner Hand, ſo glaubte er wenigſtens, und war er doch zu leichtſinnig und nicht edel genug, um einſehen zu können, welch' ungeheures Opfer ſie gebracht. Sie ſchien wieder vollkommen für ihn geſichert zu ſein, was ihm in dieſem Augenblicke weniger für ihre Perſon von Wichtigkeit erſchien, als weil ſie im Beſitze jener koſtbaren Papiere war, an welche Herr von Roſen⸗ thal nie anders als mit einem behaglichen Lächeln dachte. Daß Ellen ihm ein Dokument über dieſen Beſitz bis jetzt noch nicht vorgezeigt, machte ihm durchaus keine Sorge, hatte ſie ihn doch mit großer Ruhe darüber ge⸗ ſprochen, hatte ſie ihm doch mehr Geld überbracht, als er für den Augenblick brauchte, und war er doch in Allem, was Geſchäftsangelegenheiten betraf, ſo gleichgültig, be⸗ quem und nachläſſig, daß er die Abwicklung eines Ge⸗ ſchäftes ſtets ſo lange als möglich von ſich ablehnte. Es gibt dergleichen Naturen, die, ſonſt in hohem Grade vor⸗ ſichtig und mißtrauiſch, ſich mit einem Worte zufrieden⸗ ſtellen laſſen, und lieber im Ungewiſſen über ihre Lage bleiben, als durch eine genaue Unterſuchung eine Täuſchung zu erfahren, oder ſich vielleicht eine unangenehme Stunde zu machen. — 22— Und Herr von Roſenthal kannte Ellen zu genau, um nicht zu wiſſen, daß er wahrſcheinlich eine recht unange⸗ nehme Stunde haben würde, wenn er mit ihr die Ab⸗ wicklung jenes Geſchäftes vornehme. Wer konnte wiſſen, welch' grelles Licht ihr Arthur Weßner in dieſer Ge⸗ ſchichte aufgeſteckt hatte, und Arthur Weßner konnte durch den Grafen Leo Wieneck, mit dem er befreundet war, Manches erfahren haben— alſo ruhig abwarten, dachte Herr von Roſenthal, bis wir wieder vollkommen geſund ſind, und dann wollen wir äalles Das mit einem Male in's Reine bringen.. Auch Ellen verlebte ſelten eine Stunde, wo ſie nicht an jenes unglückſelige Papier dachte, welches ſie den Flammen übergeben, worin ſie allerdings damals groß⸗ artig gehandelt hatte, was aber jetzt, da Herr von Roſen⸗ thal lebte, wie ein ſchweres Unrecht gegen dieſen auf ihrer Seele laſtete, und trotz ihres Muthes bebte ſie bei dem Gedanken an eine Erklärung. Ausbleiben konnte dieſe nicht, und je länger ſie dieſe verzögerte, um ſo größeres Unrecht glaubte ſie an Roſenthal zu begehen, denn um ſo mehr entwickelten ſich ſeine glänzenden Pläne für die Zukunft, über die er zuweilen in Andeutungen ſprach; anderntheils mußte ſie auf ſeinen Zuſtand Rück⸗ ſicht nehmen, aber dabei beſtändig fürchten, daß er durch eine direkte Frage oder gar durch das Verlangen, jenes —. 23— Dokument, das ſie nicht beſaß, ausgeliefert zu erhalten, eine Entſcheidung herbeiführte, vor der ſie zitterte. Dieſes Schweben in beſtändiger Furcht und Beſorg⸗ niß, das ängſtliche Aufhorchen auf Roſenthal's Worte, ſo oft jene Angelegenheit auch nur im Entfernteſten ſeinen Ideenkreis berührte, verſetzte die arme Ellen in einen ſolch' unerträglichen Zuſtand, daß ſie ſtundenlang mit ſich zu Rathe ging, ob es nicht beſſer ſei, denſelben mit einem Male zu endigen. Wie zufrieden hätte ſie ſein können in dieſem ſtillen, friedlichen Hauſe, bei dieſen guten, wohlwollenden Men⸗ ſchen, wie blieben ſich Alle ſo gleich in ihrer uneigen⸗ nützigen Güte gegen ſie, und wie wohlthuend war dieſe Güte für die Unglückliche! Wenn nur nicht irgend etwas wie eine gähnende Kluft zwiſchen Ellen und dem Arzte gelegen hätte, ihm, der ſie mit einer väterlichen Zärtlichkeit behandelte, aller⸗ dings unbekannt, ihr aber dagegen in um ſo häßlicherer Geſtalt erſcheinend, das ſchreckliche Bewußtſein, auch hier täuſchen, auch hier betrügen zu müſſen, wie ſie in ihrem unglückſeligen Leben ſchon ſo oft zu thun gezwungen wor⸗ den war! Dazu kam noch der quälende Gedanke, daß all' die Liebe und Freundlichkeit, die ihr hier zu Theil wurden, die ſie ſo glücklich machten, weniger ihrer Perſon, als der Schweſter des Herrn von Roſenthal galten, eines — 24— vornehmen Herrn, reich, bei Hofe beliebt, von den ele⸗ ganteſten Manieren, voll ſprudelnden Geiſtes, glänzend in der Unterhaltung, der obendrein beſtändig, wie auch jetzt hier auf ſeinem Krankenlager, ſtets bereit war, für die kleinſten Dienſte, die man ihm erwies, Gold mit vollen Händen zu ſpenden. Stundenlang ſaß Ellen, niedergedrückt durch ſolch' finſtere Gedanken, allein in einem Winkel ihres Zimmers, oft mit gerungenen Händen auffahrend an, das Fenſter eilend und mit wirren Blicken dem dunklen Streifen der Landſtraße über die ſchneebedeckten Hügel folgend, ent⸗ ſchloſſen, das Haus des freundlichen Arztes, dieß fried⸗ liche Aſyl zu verlaſſen— ſpurlos zu verſchwinden, um irgendwo das Ende ihres qualvollen Daſeins, das Ende aller Noth und aller Liebe zu ſuchen und zu finden. Hatte ſie doch keinen Freund mehr, den ſie um Rath hätte fragen können, und wenn ſie auch an Arthur immer noch in heißer, inniger Liebe dachte, ſo warf ſie doch den Gedanken, ſich ihm auf irgend eine Art zu nähern, eben ſo raſch, als ſie ihn gefaßt hatte, auch wieder weit von ſich.„Nein, nein,“ ſprach ſie als⸗ dann,„ich war ein Mal ſo unglücklich, ſtörend in die ruhigen Bahnen ſeines Lebens zu treten— nie wieder — nie wieder, ich vermag ihm doch nichts zu bieten, was im Stande wäre, ihn vollkommen und dauernd — 25 glücklich zu machen— ich nicht— ich nicht— o wenn es anders wäre!“ Aber es war nicht anders, es ſchien auch nicht anders werden zu wollen, und Ellen hatte den lichten Punkt, der vor Kurzem an ihrem Lebenshimmel erſchienen war, vergebens als Vorboten zu einer Aenderung zum Beſſern angeſehen, dunkler als je thürmten ſich die Wolken um ſie her— es ſchien Nacht werden zu wollen. Und da⸗ bei Niemand, den ſie hätte mit Vertrauen befragen können, der ihr vielleicht gerathen hätte, ihre Stellung zu Roſenthal auf dieſe oder jene Art zu ordnen und zu löſen. Da trat das Bild des Arztes, der ſie ſo freundlich und liebevoll aufgenommen, mit einem Male lebhaft vor ihre Seele, und ſie begriff es ſelbſt nicht, warum ſie bisher nicht daran gedacht, gerade ihn zum Vertrauten zu machen; ja ſie war ihm das eigentlich ſchuldig für all' ſein Wohlwollen, für all' die Freundſchaft, die er für ſie hatte, ſie durfte nicht zaudern, in ihrer wahren, zweideutigen Stellung vor ihm zu erſcheinen, und hier⸗ auf ſeinen Rath in Betreff Roſenthal's zu verlangen, und dazu war ſie nach langem und ſchmerzlichem Kampfe entſchloſſen. Ein paar Tage ſpäter— es ging mit dem Befinden Roſenthal's ganz außerordentlich gut— befahl der Graf — 26— Willibald Ferrner, man ſolle ihm nach dem Frühſtück ſein Pferd ſatteln, und ſagte dann zu ſeinem Kammerdiener: „Benachrichtigen Sie meinen Sohn, daß ich zu Doktor Flinder reite, um deſſen Gaſt, Herrn von Roſenthal, zu beſuchen, und wenn er nichts Beſſeres zu thun hat, ſo ſoll es mir lieb ſein, wenn er mich begleitet.“ Der junge Graf Hugo Ferrner empfing dieſe Bot⸗ ſchaft vor dem Spiegel in ſeinem Ankleidezimmer ſtehend, während er hinter ſich ſeinen Reitknecht hatte, der die ſchwarze Halsbinde, welche ſeine Erlaucht im Begriff war umzulegen, bis zu dieſem wichtigen Augenblicke in horizontaler Richtung zwiſchen ſeinen beiden Händen be⸗ reit hielt. „Wollen ſehen,“ entgegnete der junge Graf in etwas ſchnarrendem Tone,„werden gleich eine Antwort hinüber ſagen laſſen.“ Der junge Herr Graf war auf der Jagd geweſen, das heißt, mit ſeinem Gewehr und ein paar Hunden aus⸗ geritten—„wahrſcheinlich auf irgend ein fremdartiges Stück Wild“— wie der alte Jäger des Grafen Willi⸗ bald dem Kutſcher zuflüſterte, wobei er bedeutſam ſein rechtes Auge zukniff; viel Erfolg hatte indeſſen ſeine Jagd nicht gehabt, denn er brachte nichts mit nach Hauſe, als einen ſehr üblen Humor, der ihn, während er ſich um⸗ kleidete, veranlaßte, ſeinem Reitknecht über die Schulter — 25 zu ſagen:„Ich habe immer Unglück mit dieſem ver⸗ wetterten Pfarrhauſe, wie ich hinkomme, Alles ausge⸗ flogen zu einem Beſuche in die Nachbarſchaft; Alles, das heißt die beiden Mädchen, denn er ſelbſt war vorhanden und machte Miene, mich auf der Schwelle ſeines Hauſes gaſtlich zu empfangen; doch trieben die Hunde glücklicher Weiſe einen Haſen auf, dem ich, Abſchied winkend, im Galopp folgen konnte.'s iſt nichts im Winter mit ſolchen Geſchichten, man verliert— nur ſeine Zeit.“ Das Uebrige, was er noch in den Spiegel hineinſprach, verlor ſich zu einem undeutlichen Gemurmel, welches um ſo unverſtändlicher für den Reitknecht war, als es ſchon für gewöhnlich einige Schwierigkeit hatte, die ſchnarrende Stimme des jungen Grafen zu verſtehen, beſonders bei ſeiner affektirten Manier, alle Worte zuſammenzuhängen und in ſeinen Reden niemals ein Komma, und höchſt ſelten einen Schlußpunkt anzudeuten. „Sonſt können wir abſolut nichts anfangen,“ ſprach er zu ſich ſelber,„nach dem Frühſtück, Geplauder mit Großmama, danke ſchön, alſo reiten wir mit dem Alten —— gib mir meine gefütterte Sammetjoppe und laß mir den Rappen ſatteln;“ woher es ſich denn fügte, daß die beiden Grafen Ferrner, Vater und Sohn, nach ein⸗ genommenem Frühſtück gen Moorfeld ritten. Beide waren gute Reiter und hatten ausgezeichnete Pferde, von denen — 28— der Rappe des Grafen Hugo ganz vortrefflich ſprang, wozu ihm ſein Herr, ſo oft ſich eine Hecke oder ein Gra⸗ ben zeigte, die beſte Gelegenheit bot; während Graf Willi⸗ bald in einem geſtreckten Jagdgalopp ſeinen Weg ver⸗ folgte, ohne indeſſen den Sohn hinter ſich zurück zu laſſen. So verſchieden ſolchergeſtalt die Gangart war, mit der ſie ſich fortbewegten, eben ſo wenig Aehnlichkeit hatten auch Vater und Sohn ſowohl im Aeußeren, als auch in ihrem Charakter miteinander. Graf Hugo war hoch und ſchlank gewachſen und konnte für einen hübſchen jungen Mann gelten, er hatte blondes, krauſes Haar und einen großen Schnurrbart von gleicher Farbe; doch machte ſein Geſicht keinen ange⸗ nehmen Eindruck, er hatte von ſeinem Vater die buſchigen Augenbrauen und den düſteren Blick, der bei ihm oben⸗ drein noch unſicher und unſtät war, wozu noch kam, daß der eigenthümlich harte Zug um den Mund, der ſich von der Großmutter auf ihn vererbt hatte, ſeinem Ge⸗ ſichte einen unangenehmen Ausdruck von Stolz und Hoch⸗ muth verlieh, und ſein Lächeln häufig als ein verächt⸗ liches erſcheinen ließ, wenn auch zu dieſem Ausdrucke durchaus keine Veranlaſſung vorlag. Im Charalter glichen ſich Vater und Sohn ungefähr ſo, wie die ſtarke, un⸗ beugſame Eiche dem ſchlanken Rohre gleicht, das nur bei ruhiger Luft hochmüthig den Kopf erhebt, von jedem 29— Windhauche aber nach irgend einer Seite getrieben wird. Herr von Roſenthal hatte unterdeſſen, den Beſuch des Grafen Ferrner erwartend, eine lange und ſorgfäl⸗ tige Toilette hinter den zuſammengezogenen Vorhängen ſeines Alkovens, mit Beihülfe ſeines Kammerdieners, ge⸗ macht, zu welchem Zwecke derſelbe neben ihn an die Wand einen ziemlich großen Spiegel lehnte, und vor ihm auf die Bettdecke eine Menge Dinge der verſchieden⸗ ſten Art ausbreitete, Bürſten und Kämme, Pomaden und Salben, kleine und große Scheeren, Nagelfeilen und feine Zangen, wovon jedes ſeine Verwendung fand, weßhalb denn auch die ganze mühevolle Arbeit etwas lange dauerte, dafür aber auch ein glänzendes Reſultat zu Tage ſchaffte. Dann ließ ſich der Kranke vermittelſt hinter ſeinem Rücken angehäufter Kiſſen ſo gerade als es ihm möglich war, und als es ihm der Doktor erlaubte, aufrecht ſetzen, und ſah nun in ſeinem Morgenrocke von ſchwarzem Sammet allerdings ſehr bleich aus, aber immerhin ſtattlich und vornehm. Hierauf hatte er ſich mit Ellen unterredet, wobei es ihm nicht angenehm war, daß der Doktor, der ſich ſonſt ſtets von einer muſterhaften Diskretion bezeugte, unter dem Vorwande, noch einmal ſeinen Verband befühlen zu müſſen, neben dem Bette blieb, ja ſich eigentlich unauf⸗ gefordert in das Geſpräch miſchte; es handelte ſich näm⸗ lich darum, ob die Schweſter des Herrn von Roſenthal in dem Gemache bleiben und ſich hier dem alten Grafen Ferrner vorſtellen laſſen ſolle, was Ellen zuerſt entſchieden abgelehnt hatte, und wobei ſie nicht begreifen konnte, daß Doktor Flinder durch Stillſchweigen und Achſelzucken die Forderung des Herrn von Roſenthal zu unterſtützen ſchien, welche dieſer in einer krankhaften Heftigkeit geſtellt und feſthielt. „Es hat eine ſolche Weigerung ja gar keinen ver⸗ nünftigen Sinn,“ murrte er;„das Haupt einer der erſten Familien der Nachbarſchaft kommt, um mir einen freund⸗ ſchaftlichen Beſuch zu machen, was mir um ſo mehr von großer Wichtigkeit iſt, als Graf Ferrner ebenfalls in Differenzen mit dem Hofe lebt, alſo jedenfalls für mich Partei nehmen wird, und mir ſpäter dadurch ein ehren⸗ volles Auftreten unter dem Adel der Landſchaft möglich macht— das wirſt Du hoffentlich einſehen— nun gut denn, er weiß wahrſcheinlich bereits oder erfährt es jeden⸗ falls, daß Du die Güte gehabt, zu meiner Pflege herbei⸗ zueilen, und hier im Hauſe biſt. Sagen Sie ſelbſt, Dok⸗ tor, ob Graf Ferrner die Anweſenheit meiner Schweſter nicht erfahren wird?“ „Ich zweifle nicht daran, daß er ſie erfährt.“ „Alſo— Dich verleugnen hieße einen zweideutigen Schein auf Dich und mich werfen, und ich haſſe alles Zweideutige, wie Du aus Erfahrung weißt, ich bin der Mann der Aüufrichtigkeit, des geraden Weges.“ Auf dem Geſichte des Doktors ſpielte ein kurzes, eigenthümliches Lächeln, ehe er, einem auffordernden Blick des Kranken Folge leiſtend, ſagte:„Geben Sie nach, gnädiges Fräulein, ich halte es ebenfalls für beſſer, daß Sie die Bekanntſchaft des alten Grafen Ferrner machen.“ „Meine Schweſter!“— rief Herr von Roſenthal in barſchem Tone,—„ob ſich das wohl ſchicken wird?“ „Ja allerdings, als Schweſter des Herrn von Roſen⸗ thal,“ pflichtete Doktor Flinder bei. Ellen konnte ſich nicht enthalten, den Arzt mit einem traurigen, kummervollen Blicke anzuſchauen, doch ſtrahlte deſſen Auge vor Vergnügen, und ſein Nicken mit dem Kopfe, welches für Herrn von Roſenthal nur eine weitere Beiſtimmung war, ſchien für das arme Mädchen etwas Anderes zu bedeuten, und ließ ein kurzes, nicht unfreund⸗ liches Lächeln auf ihrem Geſichte erſcheinen. In dieſem Augenblicke hörte man auch das Geräuſch galoppirender Pferde auf der Straße, und Herr von Roſenthal ſagte:„Wenn mich mein Ohr nicht trügt, ſind es mehrere Pferde.“ „Graf Ferrner wird wie gewöhnlich von ſeinem Reit⸗ — 32 knechte begleitet ſein,“ erwiederte der Doktor, indem er an's Fenſter trat, hinausſchaute und ſich dann gegen den Alkoven wendend ſagte:„es ſind die beiden Grafen Ferr⸗ ner, Vater und Sohn!“ „Alſo eine doppelte Aufmerkſamkeit für mich,“ mur⸗ melte Roſenthal, indem er ſeinen langen ſchwarzen Backen⸗ bart tief auf die Bruſt herabzog. Ellen, die neben den Kamin getreten war, blickte fragend auf den Doktor, wobei ſie eine Miene machte, das Zimmer verlaſſen zu wollen; doch flüſterte ihr dieſer zu:„Bleiben Sie ruhig, es würde auch zu ſpät ſein, denn Ambroſio öffnet ſchon die Thür.“ Sie mußte denn wohl bleiben, und wenn ihr Gefühl begreiflicher Weiſe ein peinliches war, ſo verſtand ſie es doch nicht, warum ſich daſſelbe beim Eintritt der beiden Grafen zu einem wahr⸗ haft unangenehmen ſteigerte. Doktor Flinder ſtellte der Schweſter ſeines Kranken, des Herrn von Roſenthal, den Grafen Willibald Vater und den Grafen Hugo Sohn mit den ungezwungenen Manieren eines Mannes vor, der mit Beiden genau be⸗ kannt, vielleicht auch etwas befreundet war, was es Ellen erleichterte, den verbindlichen Gruß des alten Grafen, ſowie den offenbar überraſchten und erſtaunten des Soh⸗ nes leicht und ſicher zu erwiedern. Dann begaben ſich Beide an das Bett des Herrn von Roſenthal, und Ellen glaubte ſchon dem Arzte, welcher das Zimmer verließ, folgen zu dürfen, als Graf Hugo, nachdem er lachend einige Worte mit Herrn von Roſenthal gewechſelt, wieder raſch hinter dem Vorhange hervorkam und die junge Dame in verbindlichem Tone bat, ein paar Augenblicke mit ihr plaudern zu dürfen, während ſich die beiden Herren nebenan, wie er ſich ausdrückte, wahrſcheinlich von ſehr ernſten und höchſt vernünftigen Dingen unterhalten würden. Darin hatte Graf Hugo auch durchaus nicht fehl ge⸗ rathen, und nachdem ſich der alte Graf Ferrner theil⸗ nehmend nach Roſenthal's Befinden erkundigt und mit großem Intereſſe die Einzelnheiten des Duells erfahren, auch ſein Bedauern ausgedrückt, daß er nicht ſchon im vorigen Sommer ſo glücklich geweſen ſei, Herrn von Ro⸗ ſenthal's Bekanntſchaft zu machen, brauchte es nur noch eines kleinen Ueberganges von den Reizen des Landlebens auf die Annehmlichkeiten der großen Reſidenz, um die beiden Herren in ein Fahrwaſſer zu bringen, worin ſie mit großer Sicherheit einem beinahe gemeinſamen Ziele zuſteuerten; Graf Ferrner, indem er nach intimen Hof⸗ verhältniſſen forſchte, Roſenthal, indem er Dichtung und Wahrheit davon berichtete, und zu gleicher Zeit deutlich fühlte, daß ſein verehrter Gaſt ſtarke Farben liebte. Sehr unterhalten hatte den Grafen Ferrner die Ge⸗ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 3 — 34— ſchichte jener Wette mit dem Oberſthofmeiſter von Tön⸗ ning, von der er nur im Allgemeinen hatte reden gehört, wie dieſer bei dem unglücklichen Verſuche, wiſſentlich eine Lüge zu ſagen, nicht nur ſein Amt verloren hatte, ſon⸗ dern was noch ſchlimmer war, wahrſcheinlich in Betreff ſeiner Heirath einen recht dummen Streich gemacht.„Daß Seine Excellenz ſo rapid hinabgleiten würde,“ ſagte Herr von Roſenthal,„daran hatte ich allerdings nicht gedacht, indem ich jene Wette vorſchlug, und es that mir auf⸗ richtig leid, denn Baron Tönning war bei alledem ein gediegener Charakter und vortrefflicher Freund, ein wenig halsſtarrig und ſchließlich auf eine unbegreifliche Weiſe verliebt in jene Dame, die er zu ſeiner Frau machte; hätte er ſich nur ein wenig pliant gegen Seine Majeſtät gezeigt, ſo würde ſich noch die Sache für ihn leidlich arrangirt haben; aber,“ ſetzte Herr von Roſenthal mit einem für den geraden Charakter des Grafen unbemerk⸗ baren, lauernden Blick hinzu,„es iſt da unten, beſonders ſeit der Verlobung des Thronerben, Mode geworden, nach der jungen Morgenröthe zu ſchielen und ſich zu⸗ weilen der alten Majeſtät gegenüber etwas halsſtarrig zu bezeigen.“ Graf Willibald machte ein bedenkliches Geſicht. „Ja, der König ſprach mir darüber bei der letzten vertraulichen Unterredung, die ich mit ihm hatte, gerade in Betreff des Oberſthofmeiſters, und bedauerte es, ſo gar kein entſchuldigendes Entgegenkommen bei Tönning gefunden zu haben; es thut Einem leid, ſagte Seine Majeſtät, wenn man ſieht, wie es alten Bekannten ſo leicht wird, uns zu verlaſſen, und wie Andere ſich wohl dabei zu fühlen ſcheinen, uns der nichtigſten Urſachen wegen fern zu bleiben.“ „Der nichtigſten Urſachen wegen fern zu bleiben,“ wiederholte Graf Ferrner,„was meinten Seine Majeſtät wohl damit?“ „Ich weiß das nicht genau, doch fiel es in die Zeit, wo dem Könige Vorſchläge gemacht worden waren zur Beſetzung der Stelle Tönning's, ſowie anderer vakanten oberſten Hofſtellen.“ Hier verſank Graf Ferrner in tiefes Nachſinnen und ſagte nach einer Pauſe, während welcher er einen Blick rückwärts in das Zimmer gethan und befriedigt ſchien, als er ſeinen Sohn beſchäftigt bemerkte, die junge Dame lebhaft zu unterhalten, und indem er ſeine Hand auf den Arm des Kranken legte:„Ein Wort im Vertrauen, Baron Roſenthal; es iſt da drunten in letzterer Zeit noch eine andere Geſchichte vorgefallen, die Ihnen gewiß in ihren Einzelnheiten bekannt iſt, weßhalb ich Ihnen kaum zu ſagen brauche, daß mich dieſelbe auf eine ſehr unange⸗ nehme Art beſchäftigt.“ — 36— „Ich kann mir das denken, Herr Graf, doch wenn Sie gerade von mir darüber Näheres zu erfahren wün⸗ ſchen, ſo muß ich Ihnen ſchon geſtehen, daß mich das einigermaßen in Verlegenheit bringt.“ „Warum gerade Sie?“ „Ei, man kompromittirt nicht gern ſeine Freunde, ſelbſt wenn man Urſache hat, dieſelben ferner nicht mehr mit dieſem angenehmen Namen zu benennen; überhaupt iſt es in gewiſſen Dingen ſehr ſchwierig und ſehr un⸗ dankbar, Namen auszuſprechen.“ „Ich kann das nicht ganz gut einſehen,“ erwiederte Graf Ferrner mit einer ernſten Stimme,„namenloſe Weſen pflegen ſich gewöhnlich keine Beſchäftigung daraus zu machen, den Ruf junger und ſehr unbeſcholtener Da⸗ men auf's Spiel zu ſetzen; wenn alſo Leute das thun, die einen Namen tragen, ſo glaube ich, braucht man nicht die Rückſicht zu beobachten, dieſen Namen zu verſchweigen; ich geb' Ihnen mein Ehrenwort, Baron Roſenthal, daß ich Ihr Vertrauen nie mißbrauchen werde und Niemand einen Namen mittheilen, den Sie vielleicht ſo freundlich ſein werden mir zu nennen.“ „Es iſt das für mich ſehr ſchwer, unendlich ſchwer, kaum möglich!“ „Warum gerade für Sie? muß ich nochmals wieder⸗ holen.“ ———y—ͤ — 35— „Weil ich gewiſſermaßen bei dieſer Geſchichte betheiligt war,“ erwiederte Herr von Roſenthal in ſehr langſamer Weiſe, während er mit ſeinen Fingern leicht auf die Bett⸗ decke trommelte—„weil— weil gerade ich in dem Un⸗ willen, welcher alle rechtlich und ehrenhaft Denkenden über jenes unverantwortliche Betragen erfüllte, vielleicht zu weit gegangen bin.“ „Sie reden für mich gänzlich in Räthſeln!“ „Deren Auflöſung ich auch wahrhaftig nicht im Stande bin, Ihnen zu geben.“ „Sie ſagten mir, Sie ſeien in Ihrem Unwillen über jene Erbärmlichkeit vielleicht zu weit gegangen, alſo nehmen Sie mehr als jeder Andere ein edles Intereſſe an Dem, was meiner Tochter, einer jungen, und wenn man will ſchutzloſen Dame widerfahren.“ „O Herr Graf, Jedermann, der es erfuhr, nahm daran den regſten Antheil, und es war nur ein Schrei der Entrüſtung.“ „Aber Niemand fand ſich, der es der Mühe werth hielt, für die Gräfin Ferrner in die Schranken zu treten, Niemand, der ſich berufen fühlte, eine ſolche Handlung zu züchtigen?“ Hier lächelte Herr von Roſenthal auf eine eigenthüm⸗ liche Art, befühlte auch leicht die wunde Stelle ſeiner Bruſt und ſagte alsdann:„Glauben Sie mir, Herr Graf, — 38— der Kreis der Mitwiſſer um jene Geſchichte iſt ein außer⸗ ordentlich kleiner, und eben ſo ſehr, als man das leicht⸗ ſinnige, unverantwortliche Betragen jenes jungen Mannes verdammte, um ſo mehr gab man ſich bei der unbe⸗ ſchränkten Achtung und Verehrung, mit welcher die Tu⸗ gend und die edle Haltung der Gräfin Ferrner von Jedermann anerkannt wird, die größte Mühe, die Sache in ſo kleinem Kreis als möglich zu behandeln.“ „Das ſcheint mir ſo, da es mir bis jetzt unmöglich war, den Namen jenes jungen Mannes, den ich zur ſtrengſten Verantwortung ziehen werde, zu erfahren, ſelbſt meine Tochter ſchrieb keine Sylbe darüber.“ „Sie wird aber darüber ſprechen, Herr Graf, deſſen bin ich ſicher.“ „O, im Gegentheil,“ rief Graf Ferrner lebhaft,„ich bin überzeugt, daß ſie nicht darüber redet, ah, Sie kennen nicht ihren ernſten, feſten, eben ſo entſchloſſenen als ver⸗ ſchloſſenen Charakter, und im Grunde genommen kann ich nicht einmal in ſie dringen, jenen Namen zu nennen; denn mir den Schuldigen nennen und ſogleich zur Be⸗ ſtrafung deſſelben nach der Reſidenz zu eilen, würde Eines aus dem Anderen folgen, allerdings nur ein Akt der Gerechtigkeit ſein, aber dem Gerede über jene unglückſelige Geſchichte neue Nahrung verleihen; o, ich befinde mich da in einer peinlichen, in einer faſt ſchrecklichen Lage.“ — 39— „Ich begreife das wohl, aber gerade deßhalb halte ich es für beſſer, wenn Sie jenen Namen nie erfahren— — vielleicht darf ich zu Ihrer Beruhigung hinzuſetzen,“ ſprach Herr von Roſenthal mit einem Anflug von Ver⸗ legenheit,„daß der Schuldige trotz alledem nicht leer ausgegangen iſt, und daß ſich doch Jemand gefunden hat, der es über ſich nahm, für Ihre edle und hochverehrte Tochter in die Schranken zu treten.“ „Das würde mir kaum verſchwiegen geblieben ſein,“ erwiederte Graf Ferrner mit einem Blick des Zweifels. „Vielleicht wurde die Sache ſo delikat angefaßt, wie ſie es des einen Theils wegen verdiente, vielleicht fand eine Beſtrafung ſtatt, ohne dieſe Beſtrafung unter dem richtigen Namen vor ſich gehen zu laſſen.“ „Ich würde von einem Duell gehört haben!“ „Gewiß,“ erwiederte Herr von Roſenthal, indem er auf eine höchſt eigenthümliche Art lächelte und abermals leicht mit der Hand ſeine Verwundung berührte,—„ge⸗ wiß—— Sie werden davon gehört haben!“ „Ah, mein Gott!“ rief Graf Ferrner plötzlich und ſo laut aus, daß Ellen mit einem Blick der Beſorgniß her⸗ überblickte—„wäre es möglich, Herr von Roſenthal— Sie laſſen mich da im Nebel umherwandern und ſind ſo grauſam, mich das, was mich im höchſten Grade intereſſirt, mühſam errathen zu laſſen, hab' ich Sie aber jetzt richtig * — 40— verſtanden, ſo erlauben Sie mir, Ihnen im heißeſten Gefühle des Dankes die Hand zu drücken!“ Und er that dieß, eh' es der Kranke hindern konnte, wozu dieſer allerdings einen lebhaften Verſuch machte, indem er ausrief:„Ich bitte Sie um des Himmels willen, Herr Graf, Sie haben mich ſicherlich nicht verſtanden, Sie dürfen mich nicht verſtanden haben— ich muß Sie auch darin um Ihr Ehrenwort bitten, um Alles in der Welt Niemand auf die Vermuthung zu bringen, als hät⸗ ten Sie mich wirklich verſtanden.“ „ GGlauben Sie mir, Baron Roſenthal, ich werde Ihren Edelmuth erkennen, darüber zu ſchweigen wiſſen, und das verſpreche ich Ihnen als Mann von Ehre, ob⸗ gleich ich zu dieſem Verſprechen durchaus keine Verpflich⸗ tung habe, denn Sie nannten mir keinen Namen.“ „Und würde das niemals thun— bei meinem Worte niemals.“ „Was ich weiß, habe ich errathen; doch es bleibt bei meinem Verſprechen.“ „Worauf ich ſicher rechne, Herr Graf!“ „Ah, Ihr Gegner alſo?“ „Ich bitte dringend, laſſen wir die Sache wenig⸗ ſtens für jetzt auf ſich beruhen!“ „Dieſer kleine Herr von Mittow— ich werde dieſen Namen übrigens feſt in meinem Gedächtniß behalten.“ — 41— „Den ich Ihnen übrigens nicht genannt habe.“ „Zugeſtanden, mein edler und verehrter Freund; aber geſtatten Sie dem Vater, nochmals Ihnen die Verſiche⸗ rung des heißeſten Dankes auszudrücken, und glauben Sie mir, daß ich nicht daran denken darf, wie leicht es möglich geweſen wäre, daß Sie ein Opfer Ihres Edel⸗ muthes geworden— verfügen Sie über mich und mein Haus— über das Haus des Grafen Ferrner,“ ſetzte er, ſich ſtolz aufrichtend, hinzu—„unbeſchränkt, und wenn ich nicht wüßte, verehrter Freund, daß Sie noch für die nächſten Tage am beſten hier aufgehoben ſind, bei der Pflege unſeres vortrefflichen Arztes, ſo würde ich darauf dringen, Sie heute noch nach meinem Schloſſe bringen zu laſſen, und wenn ich Ihnen dazu eine eigene, geheizte Sänfte ſchicken müßte, was indeſſen ein vortrefflicher Ge⸗ danke iſt, den ich für Ihre Ueberſiedelung im Laufe der nächſten Tage ausführen laſſen werde, vorausgeſetzt, daß wir die Erlaubniß des Doktor Flinder erhalten, der einen etwas harten Kopf hat.“ Der Graf hatte mit einer Lebhaftigkeit geſprochen, welche höchſt ſelten bei ihm vorkam, und ſetzte nun mit einer leiſeren Stimme hinzu, als er ſah, wie Herr von Roſenthal, ſcheinbar in dem Gefühl der Ermattung, ſeine Augenlider langſam zufallen ließ:„Aber verzeihen Sie mein Geplauder, das Sie ſichtlich ermüdet hat, und ge⸗ 12— ſtatten Sie mir, Sie ohne alle Förmlichkeit zu verlaſſen — behüte Sie der Himmel, Baron Roſenthal, und machen Sie mir das Vergnügen, recht bald ſo erſtarkt zu ſein, daß ich Ihnen die Gaſtfreundſchaft meines Schloſſes an⸗ bieten darf— mit dem Doktor werde ich ein gewichtiges Wort darüber reden.“ Er grüßte freundlich mit der Hand und begab ſich mit ſo leiſen Schritten als möglich an das Kaminfeuer, wo die beiden jungen Leute, wie es ſchien, in einer leb⸗ haften Unterhaltung begriffen waren; um aber die Wahr⸗ heit zu ſagen, ſo wurde dieſe Unterhaltung ziemlich ein⸗ ſeitig geführt, und trug Graf Hugo die Koſten derſelben faſt ganz allein, während Ellen nur hie und da ein Wort, einen Ausdruck der Verneinung oder Bejahung, auch wohl nur ein Achſelzucken oder ein Lächeln beiſteuerte, welches, ſo große Mühe es ſich auch gab, heiter zu ſcheinen, doch meiſtens recht traurig ausſah. Das aber genirte den jungen Grafen durchaus nicht, denn er war eine von jenen glücklich begabten Naturen, welche, ohne ſich im Geringſten wehe zu thun, die Koſten ſtundenlanger Unterhaltung faſt ausſchließlich allein tragen konnte; auch war es ihm gleichgültig, worüber er zu ſprechen hatte, nur mußte es ihn nicht zu weit von dem Kreis ſeiner Ideen entfernen. Wer ſich aber mit dem Referat über Bälle, Theater oder mit intereſſanten Ge⸗ — 43— ſchichten über Hunde, Pferde und Liebſchaften begnügte, auch etwas Chronique scandaleuse vertragen konnte, für Den war der junge Graf Ferrner ein ausgezeichneter Ge⸗ ſellſchafter, ja er hatte ſogar ein paar poetiſche und muſi⸗ kaliſche Regiſter, die er bei Gelegenheit anzuziehen pflegte, um Brocken aus den Citaten beliebter Dichter preiszu⸗ geben, ſowie Anklänge an Opern, deren Text jener An⸗ klänge nämlich ihm für die Situation paſſend erſchienen. So hatte er zum Beiſpiel ſchon einen ſtarken Gebrauch gemacht von Romeo's Klage:„Nein, nein, Du liebſt mich nicht, wie ich Dich liebe,“ und unzählige Male aus dem Nachtlager von Granada citirt:„Ihr Blick mir zuge⸗ wendet, war Blitz und Schlag zugleich,“ und alles Das ging ihm mit einer Geläufigkeit vom Munde, welches neiderregend hätte ſein können für manchen tiefen Charak⸗ ter, der aus dem reichen Schatze des Wiſſens ſo häufig auf's Aengſtlichſte alle Schubladen aufzieht, ehe er etwas Genügendes zu finden glaubt, um es zur Unterhaltung. beizuſteuern. Daß für Ellen das Geplauder des Grafen Hugo intereſſant geweſen wäre, glauben wir nicht annehmen zu können, denn einestheils hatte es ſich um Dinge gehan⸗ delt, welche ihr völlig fremd und unverſtändlich waren, und anderntheils hatten ſie ihre eigenen, ſchweren Ge⸗ danken daran verhindert, oft nur die Worte jenes Ge⸗ — 414— plauders zu verſtehen, ſo daß ſie ſich alsdann auf ſeine häufigen Fragen:„Nicht wahr, mein Fräulein, Sie ſind meiner Anſicht?“ durch eines jener oben erwähnten ſtillen Lächeln helfen mußte; ſie fühlte ſich deßhalb erleichtert, als nun Graf Willibald zu ihnen trat, und um ſo mehr, da derſelbe durch eine Handbewegung gegen den Alkoven, ſowie durch den flüſternden Ton ſeiner Stimme zu er⸗ mahnen ſchien, die Ruhe des Kranken nicht ferner zu ſtören, was auf eine raſche Beendigung des Beſuches deutete. So war es auch in der That, obgleich ſich Graf Willibald bemühte, dieſem ſchnellen Aufbruch der jungen Dame gegenüber dadurch die Spitze abzubrechen, daß er auf der Thürſchwelle mit gedämpfter Stimme, aber in den freundſchaftlichſten Ausdrücken, die Verſicherung gab, er werde ſo bald als möglich wiederkommen, um als⸗ dann, wie es heute ſein Sohn gethan, den Löwenantheil an der Unterhaltung mit einer ſo liebenswürdigen jungen Dame zu nehmen, und bitte jetzt ſchon recht dringend um die Vergünſtigung, den guten Freunden der Fräulein von Roſenthal beigezählt zu werden. Graf Hugo mur⸗ melte hiezu einige beinahe unverſtändliche Worte, wie er häufig zu thun pflegte, wenn ein Anderer etwas Ver⸗ bindliches und dabei recht Vernünftiges geſprochen, was er ſelbſt geſagt hätte, wenn es ihm zufällig eingefallen wäre; verſäumte aber dabei nicht, der ſchönen jungen Dame einen langen, innigen, und wie er glaubte viel⸗ ſagenden Blick zu lanciren, welcher aber bei Ellen durch⸗ aus keine angenehme Wirkung hervorbrachte. Dann rit⸗ ten die beiden Grafen wieder nach Hauſe, dießmal dicht neben einander, und nachdem der Vater mit großer An⸗ erkennung über Herrn von Roſenthal geſprochen, ver⸗ ſchwieg der Sohn nicht, daß er ſelten, ja faſt noch nie die Bekanntſchaft einer eben ſo ſchönen, als angenehmen jungen Dame gemacht. Was Herrn von Roſenthal anbelangte, ſo waren die Zeichen der Ermüdung, die er in Gegenwart des Grafen Ferrner gezeigt, nur eine Komödie geweſen, um die Unterhaltung im richtigen Augenblicke auf eine gute und bequeme Art zu beendigen, und ſobald man draußen das Geräuſch der davongaloppirenden Pferde vernahm, öffnete er ſeine Augen wieder und ſchaute mit klarem Blick nach Ellen, welche, in ein tiefes Sinnen verſunken, in das Kaminfeuer ſtarrte, dann rief er ſie zu ſich und erſuchte ſie in einem ausnahmsweiſe freundlichen Ton, ſich an ſein Bett zu ſetzen. Augenſcheinlich beſchäftigte ihn etwas Wichtiges; doch ſo leicht es ihm ſonſt wurde, ein Geſpräch zu beginnen, ſo verharrte er doch ſichtlich überlegend, während er an die Zimmerdecke hinaufſchaute und ſanft ſeinen langen ſchwarzen Bart ſtrich. — 46— Für Ellen war dieſe Pauſe wünſchenswerth, denn auch ſie war mit ernſten, ſchweren Gedanken beſchäftigt, deren Gegenſtand wir auf die einfachſte Art dadurch er⸗ klären, indem wir ſagen, daß ſie heute Morgen den Muth gehabt, mit dem Arzte offen und ohne Rückhalt über ihr Verhältniß zu Roſenthal zu reden. Doktor Flinder hatte ſich dabei nicht einmal ſehr überraſcht ge⸗ zeigt durch die Geſtändniſſe, welche ſie ihm gemacht, ja noch viel weniger war dieſe Ueberraſchung eine unange⸗ nehme geweſen. Hatte er eine Ahnung von ihrer Stellung zu Roſenthal?— möglich war dieß immerhin, denn dieſer hatte bei ſeiner längeren Anweſenheit hier im ver⸗ gangenen Sommer gewiß der jetzt ſo plötzlich erſchienenen Schweſter niemals Erwähnung gethan, ja vielmehr, wie er es gern zu thun pflegte, ſich als den Letzten und Ein⸗ zigen ſeines alten Hauſes bezeichnet, als völlig unab⸗ hängig von der ganzen Welt, durch kein Band irgend⸗ welcher Art gefeſſelt, dabei wohl noch durchblicken laſſend, daß er ein Weſen ganz eigener Art ſei, von einem ihm allein bekannten Alter, ein Weſen, welches aber ſchon ſo lange in der Welt gelebt, daß ſeine Verwandten oder Jugendfreunde, wenn von dieſen noch welche da geweſen wären, hochbejahrte Greiſe hätten ſein müſſen; natür⸗ licher Weiſe hatte der kluge Arzt daran ebenſowenig ge⸗ glaubt, als an die wunderbaren Geheimniſſe, in welche — 47— bei ſeinem langjährigen Aufenthalt in Indien Roſenthal vorgab eingeweiht worden zu ſein, ſowie an ſeine ſonſtigen ganz abſonderlichen Phantaſieen, wobei ihn allerdings die amüſante Art beluſtigte, mit welcher Herr von Roſenthal dergleichen zu erzählen pflegte. Ellen hatte um den Rath des Arztes gebeten und hatte dabei nicht verſchwiegen, wie ſehr es ihr wider⸗ ſtrebte, ja wie tief es ihr Gefühl verletzte, daß ſie durch die Verhältniſſe gezwungen worden war, zu Roſenthal zurückzukehren, und hatte ſich dabei glücklich gefühlt, daß Doktor Flinder ihre Rückkehr nicht nur als nothwendig, ſondern als aufopfernd und edel anerkannte; er hatte ihr lächelnd ſeine beiden Hände gereicht und ihr in einem wahren und herzlichen Tone die Verſicherung gegeben, daß ſie ihm jetzt, nachdem ſie offen und ohne Rückhalt mit ihm geſprochen, nicht minder lieb und werth ſei als früher. Und daß dieſe Verſicherung keine Redensart war, darüber konnte ſie bei der freundlichen Art, mit der er zu tröſten verſuchte, bei der Herzlichkeit, durch welche er ihre hervorſtürzenden Thränen verſiegen gemacht, nicht im Zweifel ſein. Sie hatte dabei einen Rath von dem Arzte verlangt in Betreff jenes Briefes, den ihr Arthur Weßner von Roſenthal überbracht, oder vielmehr in Betreff des koſt⸗ — 48— baren Papieres, welches in dieſem Briefe eingeſchloſſen geweſen war, und dieſer Rath hatte einfach gelautet: „darin gegen Roſenthal eben ſo offen und ehrlich zu ſein, als ſie es gegen ihn in Betreff ihres früheren Lebens geweſen war.“ Und daran dachte ſie jetzt, als ſie neben Roſenthal's Bette ſaß, wobei ſehr angenehm war zu bemerken, daß er ſich in einer außerordentlich heiteren Laune zu befin⸗ den ſchien. „Ich habe da eben eine ſehr gute Bekanntſchaft ge⸗ macht,“ ſagte er endlich,„eine Bekanntſchaft, die nach mehreren Seiten hin zu kultiviren iſt— es iſt das ein reiches und vornehmes Haus, und daß der alte Graf ſich in einem tiefen Zerwürfniß mit Denen da drunten befindet, bedarf einer vernünftigen Ueberlegung und bietet mir Chancen, die nicht zu verachten ſind; entweder ich ſchließe mich dieſen Zerwürfniſſen an, wozu meine letz⸗ ten Schritte von ſelbſt hinleiten, oder ich ſuche zu ver⸗ mitteln, was vielleicht eine noch dankbarere Aufgabe wäre.“ Herr von Roſenthal ſprach das gegen ſeine Gewohn⸗ heit ſehr langſam, als überlege er während des Spre⸗ chens, oder als wolle er beobachten, welchen Eindruck ſeine Worte auf das junge Mädchen hervorbrächten; doch blickte dieſe anſcheinend theilnahmslos vor ſich nieder, — 49 weßhalb er, um ihre Aufmerkſamkeit zu erregen, fortfuhr: „Auch Du haſt da ſoeben an dem jungen Grafen eine Bekanntſchaft gemacht, welche Dir, wie ich hoffe, nicht unangenehm iſt.“ „Wie ſo— mir?“. „Nun, als Fräulein von Roſenthal, ich hoffe nicht, daß Du jetzt ſchon Deiner Rolle überdrüſſig biſt.“ „Ah, richtig, ich dachte im Augenblicke nicht daran, daß Sie mich wieder eine Nolle ſpielen laſſen— alſo weiter!“ „Mein Gott, wer ſpielt denn in dieſem Leben keine gelernte Rolle?“ ſagte er in nachläſſigem Tone,„ich mei⸗ nestheils habe das ſtets ſehr amüſant gefunden, doch ſtreiten wir nicht um Worte, Du haſt einmal dieſe Rolle übernommen— und eine ganz hübſche Rolle, ſollt' ich meinen, und wünſche nun ſehr, daß Du nicht den ent⸗ fernteſten Gedanken hätteſt, mich und Dich dadurch zu kompromittiren, indem Du dieſe Rolle aufgäbeſt, bevor das Stück zu Ende iſt.“ „Und was hätte ich in dieſem Falle zu thun?“ „Zum Teuſel, etwas, was Dir ſehr leicht wird, eine vornehme Dame mit überzeugender Wahrheit zu ſpielen!“ „Zu keinem andern Zwecke, als um Ihnen dienlich zu ſein?“ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. — 50— „Ich wüßte vorderhand keinen andern Zweck, laß mich offen mit Dir reden, wie ich es immer gethan; Graf Ferrner verlangt, daß ich, ſobald ich mich wohl dazu fühle, eine Wohnung in ſeinem Schloſſe annehme, wozu ich aus den oben angeführten Gründen feſt ent⸗ ſchloſſen bin; es kann durchaus keine Undankbarkeit gegen meinen vortrefflichen Arzt darin liegen, wenn ich ſo bald wie möglich ſein Haus verlaſſe, wo wir im Grunde ge⸗ nommen doch nur läſtig ſind, und dabei will ich es ehr⸗ lich geſtehen, ich fühle mich unheimlich in dieſen kleinen, bürgerlichen Verhältniſſen. Das war im vergangenen Sommer gut, wo ich Urſache hatte, für eine Zeitlang ſpurlos zu verſchwinden; jetzt aber, bei meiner Geneſung, und gerade zu meiner vollſtändigen und raſchen Geneſung, brauche ich Unterhaltungen, wie ſie für mich paſſend und anregend ſind; ich habe drunten meine Verbindungen ab⸗ gebrochen, ich muß hier neue anknüpfen, ich muß eine Treppe finden, die mich wieder hinaufführt in die Räume, wo ich hingehöre. Leider bin ich nicht der Mann dazu, mich mit einem allerdings hübſchen Vermögen in einen Winkel zurückzuziehen und meinen Kohl zu bauen, deß⸗ halb bin ich entſchloſſen, die Einladung des Grafen ſo bald als möglich anzunehmen, und Du— wirſt mich nach ſeinem Schloſſe begleiten.“ „Wie die Sklavin ihren Herrn,“ brachte Ellen müh⸗ ſam zwiſchen den feſtverſchloſſenen Zähnen hervor;„Sie halten die Kette wieder in der Hand, die ich auf immer zerriſſen glaubte, Sie legen mir eine neue Feſſel an, um mich vollends in den Staub zu treten.“ „Keine dergleichen Redensarten, Ellen!“ rief er un⸗ muthig,„ich dächte, wir hätten das Alles hinter uns, und Du wäreſt endlich ſo klug geworden, um einzuſehen, wie ſchlecht ſich Deine hohen Begriffe von Rechtlichkeit, Edelmuth und Tugend in's Praktiſche überſetzen laſſen; es gibt nur einen richtigen Grundſatz: ‚Leben und Ge⸗ nießent, und wenn Du mir in der Befolgung deſſelben nachgekommen wäreſt, ſo hätteſt Du nicht nöthig gehabt zu entfliehen, weil Dich jener unbedeutende Menſch und große Künſtler nicht würdig genug für ſeine Liebe fand.“ „Ah, das iſt zu viel,“ rief Ellen aufſpringend,„wer gibt Ihnen das Recht, Ihren Spott zu treiben mit den heiligſten Gefühlen meines Herzens— mit Gefühlen, welche Sie allerdings nicht begreifen können?“ „Ich bin weit entfernt, über irgend dergleichen zu ſpotten,“ antwortete Herr von Roſenthal mit großer Ruhe,„würde auch darüber nicht ein einziges Wort ver⸗ lieren, wenn Du mich vollends zum Vertrauten gemacht hätteſt; da ich aber Alles, was ich weiß, nur durch meine hohe Kombinationsgabe erfuhr, ſo habe ich ein Recht, darüber zu reden.“ — 52— Ellen ſaß zuſammengekauert auf dem Stuhle, das Geſicht in ihre Hände gedrückt. „Es, iſt beſſer, wenn Alles klar zwiſchen uns wird, Ellen, wir wollen ein neues und ſtattliches Haus auf⸗ führen, müſſen aber vorher die ruinhaften Ueberreſte unſeres vergangenen Lebens wegräumen, traurige, wüſte Trümmer, die einen Neubau hindern.“ „Was ſoll klar zwiſchen uns werden?“ hauchte ſie mit tonloſer Stimme. „Ei, unſere gegenſeitige Stellung, was wir von einander zu hoffen und zu fürchten haben, und daß ich mich darin auf dem richtigen Standpunkte befinde, ſollte Dir mein vielleicht etwas zu rauhes Wort von vorhin beweiſen— Du hatteſt ſchon bei andern Ver⸗ anlaſſungen Gelegenheit, zu bemerken, daß ich etwas von Dem beſitze, was der Schottländer das zweite Ge⸗ ſicht nennt, und was mir geſtattet, Manches zu er⸗ fahren—— ſo erfuhr ich denn—— nur durch mein zweites Geſicht,“ ſetzte er lächelnd hinzu, als er bemerkte, wie Ellen einen feſten, faſt drohenden Blick auf ihn richtete—„ſo erfuhr ich denn, oder wenn Du willſt, ſah es im Geiſte, ahnte, kombinirte, definirte es, daß, als Herr Arthur Weßner Dir an jenem Abend meinen Brief überbrachte, ihr Beide von meinem Tode ſo vollkommen überzeugt wart, daß ihr euch, aller Feſſeln — 53— ledig, beeiltet, gegenſeitig die zärtlichſten Liebeserklärungen auszutauſchen— bitte, unterbrich mich nicht!“ fügte er in ſcharfem Tone bei, indem er ſeine linke Hand wie abwehrend ein wenig erhob,„wenn ich Dir etwas Wahres ſchildere, ſo gib es ſtillſchweigend zu, und wir wollen ſpäter darüber raiſonniren und philoſophiren— jetzt nur Thatſachen, Thatſachen— ich möchte in der That, Ellen,“ rief er ungeduldig,„daß auch Du endlich einmal ſo praktiſch würdeſt, um Dich an Thatſachen zu halten.“ Das arme Mädchen war noch tiefer in ſich zu⸗ ſammengeſunken und hatte ihre rechte Hand oben auf dem Kopfe in ihr dichtes Haar gepreßt, als empfinde ſie dort einen Schmerz, während er nun wieder in ruhigem Tone fortfuhr:„Nachdem ihr euch gegenſeitig erklärt hattet, konnteſt Du, von Deiner Hochherzigkeit übermannt, von Deinem edlen Charakter angetrieben, es nicht unterlaſſen, dem Geliebten Deiner Seele ein Bild Deines früheren Lebens zu entwerfen, in welchem ich jedenfalls als ein ſehr zweifelhafter Charakter vorram— was will Deine haſtige Bewegung ſagen, willſt und kannſt Du meine Worte Lügen nfene—— nicht—— gut denn, ſo höre mich zu Ende; Du warſt alſo unklug genug, jenen jungen Mann einen Blick in Deine Vergangenheit thun zu laſſen.“ „Ich that, was ich thun mußte, und würde heute wieder ſo handeln.“ „Das ſind Geſchmacksſachen, über die ſich nicht ſtreiten läßt; daß Du aber nach unſern gewöhnlichen, vielleicht kleinlichen und engherzigen Anſichten Unrecht hatteſt, mußte Dich der Erfolg lehren.“ „Welcher Erfolg?— ich rechnete nie auf einen glücklichen,“ ſetzte ſie, für den Andern unhörbar, hinzu. „Jener junge Mann,“ fuhr Herr von Roſenthal mit einer faſt verletzenden Ruhe fort,„liebte Dich allerdings, oder vielmehr in Dir die vornehme Dame, welche ihn nach Art hoher Gönnerinnen beſuchte, ihm Bilder be⸗ ſtellte, geiſtreich mit ihm plauderte und durch ihre Schön⸗ heit, durch ihren Verſtand— Du ſiehſt, wie gerecht ich bin— ſeinen armen Kopf verwirrte; aber dieſe Künſtler haben oft eigenthümliche Schrullen, er hoffte unter Sammet und Seide auch das Köſtlichſte zu finden, was ein Weib zu bieten vermag, und als er ſich darin getäuſcht fühlte, zog er es vor, ſich ſachte zurückzuziehen, worauf Du ent⸗ floheſt, da Dir der Ort verhaßt war, an dem Du zum erſten Mal in Deinem Leben geliebt.“ „Ja, an dem ich zum erſten Male in meinem Leben geliebt,“ ſagte ſie, die Hände faltend und mit einem un⸗ beſchreiblich glücklichen Blicke aufwärts ſchauend—— „und wenn Alles ſo wahr wäre, wie Sie es im Geiſte * * — 5 geſehen und mir geſchildert, ſo müßte ich ihn um ſo mehr lieben und achten, weil er mich verſchmäht.“ „Trotz des koſtbaren Papieres, welches er Dir über⸗ bracht, und deſſen Werth er vollkommen erkannt?“ „Ja,“ antwortete ſie in ausdrucksvollem Tone, in⸗ dem ſie ihre Blicke langſam ſenkte, ſie feſt auf die Augen Roſenthal's heftete und ruhig das düſtere, verzehrende Feuer in denſelben aushielt—„trotz des koſtbaren Pa⸗ pieres, deſſen Inhalt er genau kannte— und dieß ſein Betragen,“ fuhr ſie mit einer Ruhe fort, die an Kälte noch die ſeinige von vorhin weit überbot,„erſchütterte mich ſo tief, daß jenes koſtbare Blatt faſt unmerklich meinen Fingern entglitt, in das lodernde Kaminfeuer fiel und dort von den Flammen ſogleich verzehrt wurde.“ „—— Unglückliche, wenn Du wahr ſprächeſt!“ Herr von Roſenthal ſtieß dieſe Worte in einer furcht⸗ baren Erregung aus, während er ſich mit aufgeſtemmter Hand raſch und drohend aus ſeinen Kiſſen erhob— „Unſelige, wenn Du mich auf dieſe Art zu morden ver⸗ ſuchteſt!“ Doch wich Ellen nicht zurück vor ſeinen furchtbaren Blicken, vor ſeinen bebenden Lippen, ſie hielt ihre flam⸗ menden Augen feſt auf ihn gerichtet, ja ſie näherte ihr Geſicht dem ſeinigen, wobei man das Knirſchen ihrer Zähne hörte; dann ſagte ſie:„Und Ihr zweites Geſicht, welches Sie ſo viel von mir ſehen ließ, nicht nur jetzt, nicht nur bei dieſer Veranlaſſung, nein, auch ſchon früher — früher, wo das arme Geſchöpf trotz ſeiner unſchuldigen Seele vor Ihnen bebte und zitterte, wenn Sie von Ihrer Allwiſſenheit ſprachen— und dieß zweite Geſicht, welches Ihnen ſo genau erzählte, wie Er, den ich liebe, mich ver⸗ ſchmäht, es hat Ihnen in der That nichts davon geſagt, daß mich ein Schauder ergriffen, als ein Mann, den ich noch im Tode haßte, mir das Unrecht anthat, ſeine Erbin ſein zu ſollen, und daß es dieſer Schauder allein war, der mich veranlaßte, jene große Summe, die Frucht Gott weiß welcher Unthat, den Flammen zu opfern, um mich rein davon zu halten, um auch Sie vielleicht zu entſündigen?“ „Alſo wahr— wahr,“ ſtöhnte Roſenthal, in die Kiſſen zurückſinkend—„dorthin flattert jener goldene Traum, der mir einen neuen, ſchönen und glücklichen Tag verſprach——“ während er dieſe Worte ſprach, irrten ſeine Blicke unſtät umher, und ſeine Finger ſuchten mit krampfhaftem Zucken irgend etwas Unſichtbares auf der Bettdecke zu erfaſſen——„wehe über Dich—— um mich zu entſündigen— um mich zu entſündigen!“— Das ſprach er mehrere Male hintereinander, aber mit raſch wechſelndem Ausdruck, wobei ſich der Ton ſei⸗ ner Stimme vom furchtbarſten Grimme zur faſt ruhigen Ergebung abſchwächte, und dann wiederholte er dieſ —— Worte nochmals nach einer langen Pauſe, während welcher Ellen von dem Bette hinweg an das Fenſter getreten war, hinausſtarrend in die winterliche Landſchaft. Wohl ſelten gab es einen Geiſt von der Elaſtizität, wie der dieſes Mannes, welcher, allerdings durch Sorg⸗ loſigkeit, Leichtſinn und plötzliche Gleichgültigkeit gegen irgend etwas, was ihm ſoeben noch als vom höchſten Werthe erſchienen, regiert, im Stande war, den wildeſten Sprüngen ſeiner Phantaſie zu folgen, ja von ihm förm⸗ lich darauf eingeübt, gleich der geſchickten Hand des Fechters, die gefährlichſten Stöße, Alles und meiſtens ſieg⸗ reich zu pariren. Dabei hatte Roſenthal ſeinen Geiſt, ja ſeine Empfindungen ebenſo in der Gewalt, wie ſeinen biegſamen, gewandten Körper, auch eine bewunderungs⸗ werthe Schnelligkeit der Ueberlegung und Auffaſſung, welche ihm einen ſolchen Scharfblick verlieh, eine ſolche Vorausſicht, daß, eben ſo gut wie er im Stande war, das mit ihm dahinſtürmende Pferd noch am Rand eines unvorhergeſehenen Abgrundes zu wenden, oder einen Pfad zu finden, der ihn glücklich durch Schluchten und über Klippen hinwegführte— eben ſo gut, eben ſo raſch ver⸗ mochte er es, nicht nur ſeinen Gedanken, ſondern auch ſeinen Empfindungen und Wünſchen eine andere, oft ganz entgegengeſetzte Richtung zu geben. „Ellen,“ rief er nach einem langen Stillſchweigen mit dem gewöhnlichen, ruhigen Klange ſeiner Stimme, „Du wirſt wohl die Güte haben, mir nach alledem noch ein paar Fragen ruhig zu beantworten.“ Sie verließ das Fenſter, an welchem ſie geſtanden, und ſetzte ſich wieder neben das Bett Roſenthal's. „Es iſt demnach ſo, wie Du geſagt, das Papier, welches ich Dir in jenem Briefe ſandte, haſt Du ver⸗ brannt?“ „Bei Gott— es iſt ſo!“ „Du glaubteſt mich todt und wollteſt mir nichts mehr zu verdanken haben.“ Sie nickte mit dem Kopfe. „Du würdeſt dieſes Papier vielleicht nicht verbrannt haben,“ fuhr er in einem beinahe weichen Tone fort, „wenn Du gedacht hätteſt, daß ich nicht ſo leicht zum Sterben komme— ich habe Dir das ſchon mehrere Male geſagt— ja ich bin davon überzeugt, ja ich weiß es ge⸗ nau, denn Du fühlſt auch jetzt, daß Du ein Unrecht gegen mich, den Lebenden, begangen, denn ſonſt wäreſt Du nicht zu mir zurückgekehrt.“ „Konnte ich Ihnen fern bleiben und ſo den Ver⸗ dacht auf mich laden, als wolle ich im Beſitz jenes Pa⸗ pieres bleiben— 2⸗ „Und es ſo nutzlos für Dich und mich machen, nein, daran dachteſt Du nicht, ich bin davon überzeugt; Du — 59— kehrteſt ſo raſch als möglich zurück und brachteſt mir Gold mit— woher nahmſt Du dieſes Gold?“ „Ich verkaufte Alles, was ich noch beſaß— Ihr Eigenthum.“ „Was Du mir brachteſt, iſt allerdings Etwas,“ er⸗ wiederte er nicht nur mit einer unbegreiflichen Ruhe, ſondern mit einem Lächeln auf den Lippen,„aber es iſt ſehr wenig, in kurzer Zeit wird es verſchwunden ſein, und dann befinden wir uns gegenüber dem Nichts— aber mit Nichts etwas Neues aufzubauen iſt ſehr ſchwierig, beſonders für mich, der ich in dem gegenwärtigen Augen⸗ blicke ein armer Kranker bin— gewiß, Ellen, wenn ich das Alles überlege, ſo wäre es klüger von mir geweſen, ich hätte meinen guten alten Freund, den Mond, nicht gerade noch zu rechter Zeit um Hülfe gebeten, oder ich zerrte mir den Verband von meiner Bruſt, oder ich tränke das Fläſchchen Morphium hier neben mir mit einem Zuge leer.“ Ellen ſchwieg und ſtarrte vor ſich hin. „Doch hat auch das Leben ſeine Reize, und es will mir wieder ganz beſonders gefallen, nachdem ich einen ſcheuen Blick hinüber gethan; deßhalb wiederhole ich Dir noch einmal und füge bei, daß ich trotz alledem ent⸗ ſchloſſen bin, ein neues Gebäude zu errichten— aber ich kann das nur mit Deiner Hülfe, Ellen.“ — 60— Sie fuhr empor, wie aus tiefem Traume, und ſtarrte ihn an. „Laß Vergangenes vergangen ſein, denke nicht weiter daran, haſt Du doch zur Genüge eingeſehen, daß es nicht ſo leicht iſt, eine andere Lebensrichtung einzu⸗ ſchlagen, und glauben kannſt Du mir, daß die von Dir ſo ſüß erträumte doch nur ein rauher Pfad voll Dornen und Steinen geweſen wäre— verſtehſt Du mich, Ellen?“— „Ich glaube es,“ antwortete ſie nach einem tiefen, ſchmerzlichem Athemzuge. „Hätteſt Du mich neulich verlaſſen, ſo würde ich mit tiefer Wehmuth von Dir Abſchied genommen haben; aber ich hätte Dir nicht geflucht—— jetzt aber— darfſt Du mich nicht verlaſſen, Du haſt meine Funda⸗ mente zerſtört, Du haſt mich zum Bettler gemacht, Du biſt es mir ſchuldig, mir Deine Hülfe zu leihen, feſt und getreu, um mich wieder aufzurichten.“ Ellen hatte ſich, während er ſo ſprach, langſam vornüber geneigt, wie zuſammenbrechend unter der Wucht ſeiner für ſie ſo ſchrecklich bedeutungsvollen Worte, und ſank jetzt mit ihrer Stirn auf das Bett nieder, dann zu⸗ ſammenſchauernd, als ſie fühlte, wie er ſeine Hand ſanft auf ihr Haar legte, und wie dann ſeine heißen Finger auf ihren entblößten Nacken hinabglitten. — 61— „Nicht ſo— nicht ſo—“ rief ſie verzweiflungsvoll, „opfern Sie mich auf jede andere Art; aber nicht ſo— nicht ſo— lieber den Tod!“ „Närriſches Weſen,“ erwiederte er, ſeine Hand raſch zurückziehend,„ich denke wahrlich nicht daran, von Dir ein weiteres Opfer zu verlangen, ja, was ich von Dir will, ſoll Dir vollkommen Freiheit laſſen, allen Deinen tugendhaften, romantiſchen Gedanken nach⸗ zuhängen.“ „—— Und was ſoll ich für Sie thun?“ „Nichts weiter, als was Du in den letzten Tagen ohne Widerſtreben für mich gethan, und was aàm Ende nicht ſo ſchwer zu thun iſt— meine Schweſter ſein, und als ſolche vor der Welt erſcheinen.“ „Wer iſt dieſe Welt?“ „Gleichviel, meine Freunde, meine Bekannten, zuerſt jene Grafen Ferrner, die es doch ſehr ſonderbar finden würden, wenn ich eingeſtehen müßte, die Dame, welche ich ihnen als meine Schweſter vorgeſtellt, ſei eigentlich meine Geliebte— oder ziehſt Du dieſe Bezeichnung vor?“ „Nein— nein— und weiter verlangen Sie kein Opfer von mir?“ „Nicht das geringſte, mein Kind— ich hoffe bald wieder vollkommen geſund zu ſein, und dann können wir, wenn es Dir beliebt, auch dieſe Komödie dadurch be— — 62— endigen, daß ich Dir erlaube, Deine Verwandten in England zu beſuchen.“ Ellen erhob ſich langſam, ihm dabei feſt in die Augen blickend, dann ſagte ſie in traurigem Tone:„Ich war faſt glücklich, als ich, wie eine Ahnung der Freiheit, das blaue Meer erblickte— aber es ſollte nicht ſein— es. ſollte nicht ſein— wäre es doch auch eine gar zu leichte Buße für mein vergangenes Leben geweſen—“ damit zerrte ſie ihr losgegangenes Haar hinter die Schläfe zurück, was aber beinahe erſchien wie ein Ausbruch der Verzweiflung, den ſie vor ihm zu verdecken ſuchte, und verließ mit zuſammengebiſſenen Lippen das Gemach. Neunzehntes Kapitel. In der achtzehnten Wendung, ſteil abwärts im Zickzack. Der größte Theil des geſammten Hofperſonals, der niederen, mittleren und höheren Kreiſe deſſelben, befand ſich in einer fieberhaften Aufregung, ſeit die Verlobung des Prinzen vollzogen und öffentlich bekannt gemacht worden war, beſonders aber ſeit die Vermählung des⸗ ſelben auf jene angenehme Zeit zwiſchen Oſtern und Pfingſten beſtimmt worden, wo die Erde in bräutlichem Blütenſchmuck unter den Jubelliedern der ebenfalls bräut⸗ lichen, oder vielmehr neuvermählten gefiederten Sänger, jene berauſchenden Düfte aushaucht, welche die Roſen⸗ knoſpen anſchwellen und aufbrechen machen, und welche in jedem fühlenden Menſchenherzen eine ſo unendliche Sehnſucht erregt nach irgend einem unbekannten oder noch unerkannten Glücke. Ob die beiderſeitigen Miniſter der auswärtigen — 64— Angelegenheiten und der betreffenden allerhöchſten Häuſer bei der Feſtſtellung jenes wichtigen Tages ebenfalls auf dieſen Frühlings⸗ und Blütenkalender Bedacht genommen, oder ob die alten Excellenzen andere und wichtigere Gründe hatten, um die Vermählung des hohen Paares gegen Ende April feſtzuſtellen, ſind wir nicht in der Lage genau anzugeben, dürfen aber verſichern, daß dieſe Feſt⸗ ſtellung erſt nach heftigen Debatten und Kämpfen zu Stande kam, nicht als ob gerade dieſer oder jener Tag dem Einem oder dem Andern nicht genehm geweſen wäre, ſondern weil vorher eine Menge der wichtigſten Fragen zu beantworten waren, ehe man überhaupt nur an die Feſtſtellung eines Tages denken konnte. Da gab es Apanagen, Mitgift und Nadelgeld zu erörtern und zu beſtimmen, da wurde über den künftigen Hofſtaat gründlich unterhandelt und nicht ſelten heftig geſtritten, und waren gerade in dieſem Reſſort ſehr wich⸗ tige Fragen zu beſprechen. Ob die erſte Dame der künftigen Kronprinzeſſin Pa⸗ laſtdame, Staatsdame oder nur erſte Hofdame zu heißen habe, und ob die übrigen Nachfolgenden ſich mit dem Titel„Ehrenfräuleins“ zu begnügen hätten; ob dem ganzen hohen Haushalte ein wirklicher Hofmarſchall mit dem Titel„Excellenz“ vorzuſtehen habe, oder ob dieſe wichtige Stelle als Unterabtheilung des allerhöchſten Oberſthofmeiſteramtes zu behandeln wäre. Da mußten dringende Anordnungen getroffen werden für die Mö⸗ blirung des Winterpalais, ſowie, welches, der ländlichen Schlöſſer zum Sommeraufenthalt herzurichten ſei, und dann kamen noch eine Menge ſcheinbar untergeordneter Fragen, die aber von der größten Wichtigkeit waren und das untere Dienſtperſonal der Prinzeſſin betrafen, beſonders über die wichtigſten Stellen, die der Kammer⸗ frauen, wozu jeder der beiden Unterhändler⸗Excellenzen nur die je eigenen Landeskinder als paſſend erachteten, bis man ſich endlich nach ziemlich langen Debatten für halb und halb entſchied, doch mit der großen Bevor⸗ zugung der künftigen Kronprinzeſſin, daß dieſe ihre bis⸗ herige erſte Kammerfrau auch künftig als ſolche beizube⸗ halten habe. Hätte nicht der König dem Staatsminiſter Grafen Wieneck noch ganz beſonders anbefohlen, in allen nur möglichen Differenzen ſo viel als thunlich nachzugeben, ſo würden gerade bei der Beſetzung eines ſo wichtigen Poſtens, wie der der erſten Kammerfrau, hartnäckige Erörterungen nicht zu vermeiden geweſen ſein. Doch auch hierin gab. Graf Wieneck, allerdings achſelzuckend, nach, konnte ſich aber dabei der Bemerkung nicht ent⸗ halten, daß Seine Excellenz der Herr Bevollmächtigte des andern Hofes jedenfalls mit der dieſſeitigen Nach⸗ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 5 — 66— giebigkeit in allen Punkten zufrieden ſein könne, worauf Jener erwiederte:„Euer Excellenz werden mir darüber keinen Vorwurf machen wollen, denn wir wiſſen, was wir ſind, aber nicht ganz genau, was wir werden; wir wiſſen, was wir haben, aber nicht, was wir bekommen; überdieß ſind die Prinzeſſinnen hoher Häuſer im gegenwärtigen Augenblick ein ſehr geſuchter Artikel, und wir haben Manches abgelehnt, um die Ehre zu haben, in verwandt⸗ ſchaftliche Beziehungen zu Ihrem allerhöchſten Hofe treten zu können.“ Da es bei allen dergleichen Verhandlungen geheime Artikel gibt, ſo blieben auch dieſe hier nicht aus, wurden aber von den beiden Excellenzen auf's Vertraulichſte ganz unter vier Augen abgemacht und dabei beſtimmt, welche gegenſeitige Verdienſte um das hohe Brautpaar, und mit welchen Auszeichnungen und Geſchenken dieſelben in Geſtalt von Groß⸗ und Kleinkreuzen, Brillantdoſen und Ringen zu belohnen ſeien. Dieſer Theil der Verhandlung wurde am kordialſten und nachgiebigſten geführt, und keine Forderung irgend welcher Art zurückgewieſen; ja Einer ſtellte dem Anderen noch ein paar Groß⸗ und Kleinkreuze zur Verfügung, um Verdienſte damit zu belohnen, die man noch nicht im Stande geweſen war zu entdecken. Der Staatsminiſter Graf Wieneck kam nicht ganz — 67 heiter geſtimmt von dieſen Verhandlungen nach Hauſe, und nachdem er erfahren, daß ſein Sohn zu Hauſe ſei, trat er bei dieſem ein. „Uff,“ rief er, ſich in einen Fauteuil werfend,„das wäre vorüber, die Verhandlungen mit meinem Gegenbe⸗ vollmächtigten nämlich, doch wage ich nicht hinzuzuſetzen, ob glücklich oder unglücklich, jedenfalls nicht im Geringſten angenehm—— dieſe kleinen Herrſchaften,“ fuhr er mit einem geringſchätzenden Lächeln fort,„geben ſich ſo koſt⸗ bar wie möglich und machen Prätenſionen, als wenn ſie Abgeſandte des Kaiſers von China oder des Großmoguls wären; hätte doch nicht viel gefehlt, ſo hätten ſie eine Oberſthofmeiſterin verlangt, und gaben ſich pikirt dabei den Anſchein, als könnten ſie es nicht geringer thun— mir ſcheint, dahinter ſteckt die alte Pommerhauſen, die aus einer alten Staatsdame eine junge Oberſthofmeiſterin werden möchte.“ „Kaum,“ meinte Graf Leo,„ſie würden wahrſchein⸗ lich neben andern Damen auch eine erſte Dame mitge⸗ bracht haben; meinte doch Seine Excellenz, welchen ich das Glück habe ſeit ein paar Tagen herumzuſchleppen, aller⸗ dings lächelnd und ſcheinbar ſcherzhaft, es würde nicht ſo übel ſein, wenn man durch junge, anmuthige Zuzüge, worin ſie drüben Ueberfluß hätten, bei uns etwas auf⸗ friſchte.“ 68— „Worin ich ihm nicht ganz Unrecht geben konnte, als er mir neulich etwas Aehnliches bemerkte, an dem Tage, wo die Gräfin Ferrner auf ausdrücklichen Befehl Seiner Majeſtät zum letzten Mal bei der kleinen Tafel erſchien.“ „Daß ſie geht, trägt allerdings nicht zu unſerer Auf⸗ friſchung bei,“ entgegnete Graf Leo nachdenkend. „So meinte auch der König, der ſich ſchon wegen ihres Vaters die Sache beſonders zu Herzen nimmt; er befragte mich ſchon ein paar Mal um den inneren Zu⸗ ſammenhang jener unangenehmen Geſchichte, doch konnte ich ihm nicht dienen, da ich ſelber nichts weiß; wäre ich nicht ein ſo vortrefflicher Vater, mein lieber Leo, ſo würde ich Seine Majeſtät an Dich gewieſen haben.“ „Warum gerade an mich?“ „Oder an Brenner oder an ſonſt Einen eurer in⸗ timen Geſellſchaft, denn daß ihr nicht die ganze Ange⸗ legenheit, bei der jedenfalls Einer von euch betheiligt iſt, genau kennt, ſoll mich Niemand überreden.“ Graf Leo zuckte die Achſeln, und nachdem er geſagt: „Wenn der Betreffende Jemand in's Vertrauen zog, woran ich indeſſen zweifle, ſo wird dieſer Jemand ſich auch des Vertrauens würdig zu machen wiſſen,“ ließ er ein paar Sekunden vorübergehen, ehe er die Frage wagte: „Warum ließ der König nicht irgend eine Perſon von dem Haushalte der Gräfin Ferrner in's Verhör nehmen?“ — 69— „Ob er das gethan hat!“ entgegnete der Staats⸗ miniſter mit einem bezeichnenden Aufwerfen ſeines Kopfes, „allerdings zu ſpät, denn die Gräfin Ferrner, ſei es aus Edelmuth, ſei es aus dem Stolze, der ihr ſo eigen iſt, hat vortrefflich ihre Maßregeln getroffen. Das Faktum, das Eindringen eines jungen Mannes in ihr Schlaf⸗ zimmer, war allerdings nicht mehr zu leugnen, hatte ſie doch ſelbſt in ihrer Entrüſtung darüber geſprochen; dann aber ſcheint ſie den Befehl an ihre ſämmtlichen Leute ge⸗ geben zu haben, den Namen jenes Unbeſonnenen unter keiner Bedingung zu nennen, und ihre Leute lieben ſie ſo, daß ſie allen Verlockungen, ja ſogar Drohungen, widerſtanden.“ „Das iſt brav von den Leuten, und ſehr edel von der Gräfin.“ „O ja, aber die Quelle dieſes Edelmuthes wird ver⸗ ſchieden gedeutet, die Einen ſagen: die ſtolze Gräfin intereſſire ſich trotz alledem für Jenen, der ſo frech bei ihr eingedrungen; Andere aber, und— im Vertrauen geſagt— ich halte die Letzteren für beſſer unterrichtet, meinen, die Gräfin Ferrner wiſſe ganz genau, daß jener kecke Ueberfall ihr gar nicht gegolten, ſondern der Einge⸗ drungene ſei als Flüchtling dort erſchienen, allerdings aus nächſter Nachbarſchaft herkommend, um gefährlichen Nach⸗ forſchungen zu entgehen.“ 70— Graf Leo preßte die Lippen feſt aufeinander und machte eine unmuthige Bewegung, die er aber vor ſeinem Vater geſchickt dadurch zu verbergen wußte, daß er ſich zum Kaminfeuer hinabbeugte und die glühenden Kohlen zuſammenſtieß. „So hat man auch dem König berichtet, und ob⸗ gleich er ſich aufgebracht ſtellen mußte, ſo hat er doch herzlich gelacht über die geſtrenge Oberſthofmeiſterin Ihrer Majeſtät.“— „Wie ſo über dieſe?“ fragte Graf Leo, wobei er ſich Mühe gab, einen ſo unverfänglichen Ton als nur möglich in dieſe Frage zu legen. „Nun, das iſt doch ſehr einfach, weil die Oberſt⸗ hofmeiſterin die einzige und nächſte Nachbarſchaft der Gräfin Ferrner iſt.“ „Richtig— ich dachte nicht gleich daran.“ „Von Perſonen, die man allenfalls mit dieſer Ge⸗ ſchichte in Verbindung bringen könnte, waren an jenem Morgen im Schloſſe anweſend: Du ſelbſt—“ „Allerdings, ich hatte Dienſt bei Seiner Majeſtät.“ „Glücklicherweiſe— dann Lieutenant von Mittow, ſowie Herr von Roſenthal, und der Letztere gibt mir zu denken.“ „Warum gerade er?“ „Nur ihn hielt ich eines derartigen Ueberfalls für — 71— fähig, wenn es denn doch ein ſolcher geweſen, ſei es auch nur aus Eitelkeit oder um den Verſuch zu machen, ob einer ſo kalten Schönheit, wie der Gräfin Ferrner, nicht beizukommen wäre, wenn man ſie ein wenig kompro⸗ mittire.“ „Roſenthal ſollte ſo etwas bezweckt haben?“ „Erinnere Dich Deines kleinen Soupers hier in dieſem Zimmer, wo, als ich mich ſchon entfernt hatte, die Wette zwiſchen Roſenthal und Tönning entſtand, welche für Letzteren ſo unangenehme Folgen hatte; Roſenthal kam damals ſpäter, und unter anderen Neckereien ſagte man ihm, er ſei im ſtrömenden Regen und im langſamſten Schritt ſeines Pferdes an dem Pavillon vorübergeritten, den die Oberſthofmeiſterin bewohnt, ſowie an den Fenſtern der Gräfin Ferrner.“ „Neckereien, wie Du eben ſelbſt ſagteſt.“ „Welche Roſenthal aber mit einem außerordentlich ſelbſtgefälligen Lächeln aufnahm.“ „Das war ſo ſeine Art, um ſich wichtig zu machen.“ „Doch ſchien der König das nicht ganz unglaublich zu finden und ſprach mir unverholen darüber, wobei er den abenteuerlichen Herrn von Roſenthal mit der vor⸗ nehmen Gräfin Wildenow auf ſeine Art recht komiſch zuſammenſtellte; ja, er konnte ſich ſpäter nicht enthalten, der Oberſthofmeiſterin im Vertrauen einige Worte über — 72— den Verſchwundenen zu ſagen und dabei ſeine große Be⸗ friedigung auszuſprechen, daß das Unglück, welches den⸗ ſelben auf der Jagd getroffen, keine ſchlimmen Folgen gehabt habe.“ „Ja, ja, auf der Jagd; mir ſprach der König auch ſchon ein paar Mal und in ſehr oſtenſibler Weiſe von der Jagd, auf welcher Herr von Roſenthal verwundet worden ſei, wobei ich ſeine Frage verſtand, auch ich ſei wohl bei jener Jagd anweſend geweſen.“ „Er intereſſirt ſich immer noch für Roſenthal; ſagte er mir doch neulich einmal: ‚Das war ein Mann von ganz außerordentlichen Fähigkeiten; ſchade, daß ich in ſeinem Charakter einen ſehr dunklen Flecken fand.“ „Was meinte er wohl damit?“ „Im Vertrauen geſagt, Roſenthal ſoll in jener Ge⸗ ſchichte, die Leidenſchaft des Kronprinzen betreffend, etwas zweideutig gehandelt haben; man flüſtert von einer be⸗ deutenden Summe, die er erhalten, um jene Perſon zu veranlaſſen, alle Bewerbungen Seiner Königlichen Hoheit auszuſchlagen.“ „Das iſt wie manches Andere ein müßiges Gerede, Niemand weiß das beſſer als ich; jene junge Dame, man kann und muß ſie in der That ſo nennen, brauchte von Herrn von Roſenthal nicht überredet zu werden, den Prinzen auszuſchlagen, ſie hat das aus freien Stücken — 73— gethan, und auf die nachdrücklichſte und unzweideutigſte Art von der Welt.“ „Wer mag ſie geweſen ſein?— man möchte das gar zu gern erfahren, ja man möchte die Dame geſehen haben, und gäbe heute viel darum, wenn man ſie noch zu ſehen bekommen könnte.“ „Ah, gewiß um den Geſchmack ſeines Herrn Sohnes beurtheilen zu können; darüber kann man ſich in dieſem Falle vollkommen beruhigen, ich ſah ſelten ein reizenderes, liebens⸗ würdigeres, unbedingt anziehendes Weſen, als dieſes junge, elegante Mädchen war, fein in ihren Manieren und Reden, kurz eine ganz vollendete junge Dame.“ 4 Der alte Staatsminiſter machte eine horizontale Be⸗ wegung mit ſeiner rechten Hand, ſo pantomimiſch aus⸗ drückend:„Es iſt gut, daß dieß vorübergezogen iſt,“ und verſchärfte die Pantomime noch durch den Zuſatz:„Beide waren hier ſehr überflüſſig, jene Dame und Roſenthal —— auch Letzterer,“ ſetzte er alsdann gedankenvoll hinzu,„hätte hier bei uns etwas erreichen können, wenn Seine Majeſtät nicht glücklicher Weiſe jenen dunklen Flecken in ſeinem Charakter entdeckt hätte—— wart' einmal, Leo, ich wollte Dir noch etwas mittheilen, irgend eine Aeußerung, glaube ich, die mir wichtig genug er⸗ ſchien, um ſie in meine Schreibtafel zu notiren—— ah ja, die Gräfin Wildenow betreffend.“ — 7— „Was doch wohl nicht ſo ganz wichtig ſein muß, Papa,“ antwortete Leo mit einem etwas erzwungenen Lächeln,„denn ſonſt würden Sie es wohl nicht für nöthig gehalten haben, ſich eine Notiz darüber zu machen—— was will Ihre Excellenz von mir?“ „Daß ſie überhaupt etwas von Dir wolle, davon hat ſie nichts geſagt, aber ſeit einigen Tagen benützt ſie jede Gelegenheit, um ſich mit mir freundlichſt zu unter⸗ halten, und um alsdann mit einem oft geſuchten Ueber⸗ gange das Geſpräch auf Dich zu bringen; noch geſtern fragte ſie mich auf der kleinen Soirée bei der Gräfin Pommerhauſen, wie es komme, daß Du gerade dahin den hohen Bevollmächtigten nicht begleitet.“ „Das war doch ſehr einfach, Sie wiſſen ja, Papa, daß der König die Gnade hatte, mich ſpät Abends zu einem vertraulichen Berichte zu befehlen.“ „Gewiß, und ich ſagte ihr auch, daß Du eine drin⸗ gende Abhaltung hätteſt— nun weiß ich in der That nicht, was ſie mit ihren Fragen will, doch wäre es mir nicht lieb, wenn Du die Gräfin in irgendwelcher Art vernachläſſigteſt, beſonders jetzt, wo es ziemlich offenkundig iſt, daß ſie von der Königin nicht mehr mit der früheren außerordentlichen Huld und Gnade behandelt wird, was Gutunterrichtete mit dem Weggehen der Gräfin Ferrner in Zuſammenhang bringen wollen.“ „Seien Sie überzeugt, Papa, daß ich es nie fehlen laſſe an ſchuldiger Hochachtung und Ergebenheit für Gräfin Wildenow, die ich in der That ſchätze und verehre.“ „Mich ärgern all' dieſe Geſchichten,“ bemerkte der Miniſter nach einer Pauſe in verdrießlichem Tone,„gerade jetzt bei der Vermählung des Kronprinzen, wo man zu dieſem feſtlichen Tage alle Kräfte ſo nothwendig gebraucht, und die Oberſthofmeiſterin iſt eine Repräſentationskraft erſten Ranges, dabei eine vornehme Dame par excellence — wenn ich mir denken könnte, daß die alte Pommer⸗ hauſen an ihre Stelle träte—— dann fehlt'uns auch Tönning, der bei all' ſeinen Schwächen ein vortrefflicher Hofmarſchall war, und eine würdige Perſönlichkeit jener alten, guten Schule.“ „Dafür aber haben wir die Brenner, die Schalken, die Stoltenhoff, lauter verborgene Größen, die den Trieb und die Befähigung zu den höchſten Stellen in ſich tragen.“ „Und ſie auch wahrſcheinlich ſpäter einmal erlangen werden,“ ſagte Graf Wieneck ſeufzend,„doch kann es mich alsdann wenig kümmern, wenn ſich ein künftiger Regent mit Leuten umgibt, die, ſelbſt Schmarotzerpflanzen, Alles, ſo weit ſie reichen können, in ein großes Miſtbeet verwandeln, von dem ſie natürlicher Weiſe die reichſte — 76— Ernte für ſich behalten— wahrhaftig, wenn ich daran denke, ſo möchte ich eben ſo gut wie der König jenen dunklen Flecken im Charakter Roſenthal's bedauern, denn im anderen Falle wäre das immerhin ein Mann geweſen, der mit ſeinem großen Verſtande, ſeiner Energie und ſei⸗ nem Muthe eine Stelle in der Nähe eines jungen Herrn wohl auszufüllen vermocht, und der ſchon aus natürlichem Widerſpruchsgeiſt nicht alles Das ausgezeichnet, erhaben und wundervoll gefunden hätte, was in Wahrheit oft ſo klein und unbedeutend iſt— doch laſſen wir das, wir können's nicht ändern.“ Der alte Herr war bei dieſen Worten aufgeſtanden und ein paar Mal in dem Zimmer hin und her geſchritten ——„auch fehlt uns noch zu unſerem vollen Glanze, den wir ja bei der Feſtlichkeit zu entwickeln beabſichtigen, unſer Oberſtjägermeiſter, dem Range nach die zweit⸗ oberſte Hofcharge, und mit dem Namen Graf Willibald Ferrner eine ſehr anſehnliche Perſönlichkeit— es be⸗ ſchäftigt das auch die allerhöchſten Herrſchaften, und die Königin hat den Kronprinzen veranlaßt, ſeinen neuen Kammerherrn, den Baron Brenner, zu Ferrner hinauszu⸗ ſchicen, um dort ein wenig das Terrain zu ſondiren, wie weit der Oberſtjägermeiſter für ein freundliches Wort des Königs empfänglich wäre.“ „Ob Brenner dazu der Mann iſt?“ — 77— „Graf Willibald mochte den Vierzehnten wohl leiden; jedenfalls verdeckt gerade die Sendung Brenner's das Abſichtliche, weßhalb Graf Ferrner keine Urſache hat, verſtimmt zu werden— oder vielmehr noch verſtimmter, als er wahrſcheinlich durch die Ankunft ſeiner einzigen Tochter geworden ſein wird.“ „Und mir ſcheint, nicht ganz ohne Urſache.“ „Bei Gott, es ſollte mich gar nicht wundern, den Grafen Willibald eines Morgens hier einreiten zu ſehen, bis an die Zähne bewaffnet und umgeben von ſeinen zahlreichen Jägern und Dienern— das iſt auch der Ge⸗ danke des Königs, den er mir, allerdings lachend, heute früh mittheilte und mich dabei befragte, ob ich ſelbſt, als die geeignetſte Perſönlichkeit, nicht Luſt habe, den Bären in ſeiner Höhle zu beſuchen, um ihn freundlich zu ſtimmen.“ „Was verſtand wohl Seine Majeſtät unter dem Aus⸗ druck freundlich ſtimmen?“ fragte Leo Wieneck, wobei er ſich einige Mühe geben mußte, ſein großes Intereſſe an dieſer Frage zu verbergen. „Ich habe ihm eigentlich dazu gerathen,“ ſagte der Miniſter am Fenſter ſtehend, während er gedankenvoll auf die Straße hinausblickte;„die Differenz zwiſchen Herr und Diener iſt ja an ſich ſo unbedeutend, daß nur der harte Kopf des Grafen Willibald Ferrner, anfangs — 78— unterſtützt von dem unbeugſamen Willen ſeiner Mutter, dazu gehörte, um ihn zu vermögen, fort und fort den Tiefbeleidigten zu ſpielen, und mehrmals nach einander um ſeine Entlaſſung zu bitten, die ihm aber jedesmal verweigert wurde, und zwar mit dem gnädigen und lie⸗ benswürdigen Zuſatze Seiner Majeſtät: er ſehe in jener Differenz keinen Grund, einen ſo treuen und vortrefflichen Diener zu verlieren.“ „Und Sie nahmen jenes Vermittlungsamt an, Papa?“ „Nachdem ich dem König dazu gerathen, kann ich wohl nicht anders; doch dachte ich nicht im Entfernteſten daran, daß er gerade mich beauftragen würde— glück⸗ licher Weiſe kann ich den Grafen Willibald anſcheinend abſichtslos beſuchen, einmal weil er, wie jedes Jahr, auch heuer nicht verſäumt, mir Einladungen zu ſeinen großen Jagden zu ſenden, und dann, weil in der Nähe ſeines Schloſſes das königliche Landhaus Lilienfeld liegt, welches ich als Miniſter des Hauſes, da es zum Sommeraufent⸗ halte der Kronprinzeſſin beſtimmt iſt, wohl beſichtigen darf—— wenn es Dir Vergnügen macht, kannſt Du mich begleiten, der König wird gewiß nichts dagegen ein⸗ wenden.“ Dieſe einfachen Worte:„wenn es Dir Vergnügen macht, ſo kannſt Du mich begleiten,“ machten auf Leo, an den ſie gerichtet waren, einen tiefen Eindruck, und ließen ſein Blut ſo raſch zum Herzen ſtrömen, daß er plötzlich das laute Schlagen deſſelben fühlte und einen raſchen Blick in den Spiegel über dem Kamin warf, fürch⸗ tend, eine verrätheriſche Röthe zeige ſich auf ſeinem Ge⸗ ſicht; doch hätte ſein Vater ſie jedenfalls nicht bemerkt, denn er hatte ſich nach den letzten Worten, die er ſprach, der Thüre zugewandt, von wo er, den Sohn freundlich mit der Hand grüßend, demſelben zurief:„Ich brauche Dir wohl nicht zu ſagen, Leo, daß mein Beſuch bei dem Grafen Ferrner von Jedermann als ganz abſichtslos be⸗ trachtet werden muß, wogegen es mir lieb iſt, wenn Du vielleicht Deinen Bekannten ſagen willſt, ich ginge nach Lilienfeld, und Du beabſichtigeſt mich zu begleiten, um im Vorbeigehen bei Ferrners ein wenig zu jagen.“ „So wünſchen Sie in der That, daß ich Sie be⸗ gleite?“ fragte Graf Leo in einem faſt erſchrockenen Tone. „Ich wünſche es allerdings, will Dir aber auch darin, wie ſonſt, in keiner Weiſe irgend einen wang aufer⸗ legen— überlege es Dir.“ Leo Wieneck ſtarrte noch ein paar Augenblicke nach der Thüre hin, als dieſe ſchon geſchloſſen war, und ſetzte ſich dann vor ſeinen Schreibtiſch, auf welchen er beide Arme ſtützte und den Kopf in ſeine Hände ſinken ließ. — 80— „——— Ich ſoll mir das überlegen,“ ſprach er nach langem Nachdenken——„ich ſoll mir über⸗ legen, ob ich will zu Ferrner's jagen gehen; dazu be⸗ dürft' es allerdings wenig Ueberlegung, wenn ich eine Möglichkeit ſähe, das mit Anſtand thun zu können— ja, könnte ich nur erwarten, daß mich die Gräfin ihrem Vater rückſichtslos als Denjenigen bezeichnet, der jene ſchwere Schuld trägt— doch bin ich überzeugt, ſie wird meinen Namen dort ſo gut wie hier verſchweigen, und wenn es möglich wäre, daß ihre Abneigung gegen mich noch vermehrt werden könnte, ſo müßte es dadurch ge⸗ ſchehen, indem ich mich ſelbſt nennen würde, um demüthig um Verzeihung zu bitten— und das vor meinem Vater, oder um als lächerlicher Raufbold gegenüber dem Vater und Bruder des Mädchens, das ich über Alles liebe, an meinen Säbel zu ſchlagen———— o, hätte ich nur nicht in die Vermittlung der Königin gewilligt, und jene furchtbare Abweiſung erhalten— eine ſo rückſichtsloſe, eiſige Abweiſung— wie mir die Gräfin Wildenow ge⸗ ſchrieben—— und der Gedanke an dieſen Brief, den ich unter vierfachem Verſchluß hielt, und den zu beant⸗ worten ich bisher noch nicht im Stande war— der ſich aber der ſtolzen und argwöhniſchen Frau gegenüber ſelbſt beantwortet hat durch die tagelange Verzögerung einer Antwort— ja es iſt wahr, ich bin ihr aus dem Wege — 31— gegangen, wie der ungeordnete Zögling ſeinem ſtrengen Lehrer, ich habe mich geſcheut, ſelbſt auf die Länge eines Salons in ihr ſtolzes Auge zu blicken, und wenn ich ihr dadurch allerdings viel, ja Alles verrathen ließ, ſo finde ich es doch wohl kaum möglich, die Beſtätigung in paſſende Worte zu kleiden— und doch muß es einmal geſchehen, ja es muß geſchehen, ehe ich auch nur den Gedanken faſſen darf an einen Verſuch, mich nochmals unter irgend einer Form jener Stolzen zu nähern, die mich verſchmäht, und die meine ſtillglühende Liebe gerade dadurch zur wilden, verzehrenden Flamme angefacht— verſuchen wir, ob es uns heute beſſer gelingt, als geſtern und vorgeſtern.“ Er nahm einen Bund kleiner Schlüſſel aus der Taſche und öffnete in der That vier Schlöſſer an Schubladen und ineinanderpaſſenden Kaſſetten, eh' er an ſeine Brief⸗ taſche von grünem Sammet kam, worauf man das Wappen der Wieneck in erhabener Arbeit zierlich geſtickt ſoh— in dieſer Brieftaſche befand ſich das verhängnißvolle Schrei⸗ ben, welches er jetzt, vielleicht zum zwanzigſten Male, durchlas—— aber was da geſchrieben ſtand, das ſtand geſchrieben, und ebenſowenig wie Worte und Buchſtaben ihm zuliebe wechſelten und verſchwanden, ebenſowenig ließ der Inhalt eine andere Deutung zu— da ſtand ſo klar als möglich:„die Komödie, die wir Beide durch Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 6 — 82— jenen Heirathsantrag geſpielt, iſt zu Ende, die alte Liebe tritt in ihre alten Rechte, und wenn Du nicht vorziehſt, der Gemahl der Oberſthofmeiſterin zu werden, ſo folge ich Dir, wohin Du willſt—“ alſo war dieſes leiden⸗ ſchaftliche Weib entſchloſſen, alle Schranken niederzu⸗ werfen, die ſie bis jetzt ſo ſorgfältig aufgerichtet, um ihr Verhältniß zu verbergen, ja ihre Stelle der Königin zu Füßen zu legen, um mit ihm glücklich zu ſein. Welch' ſchöner Skandal für den ganzen Hof ſtand da in jedem Falle bevor!— aber ſo oder ſo, die Sache mußte auf eine oder die andere Art zu Ende geführt werden, ja zu Ende jedenfalls, denn er bebte bei dem Gedanken, das einmal gelöste Verhältniß wieder anknüpfen zu müſſen. Graf Leo pflegte ſonſt nicht ſeine Briefe zu konzipiren, aber jetzt ſchrieb er nach langem Nachdenken vier Seiten, um von dieſen vier Seiten kaum zwanzig Zeilen ſtehen zu laſſen, und um in denſelben das noch nicht geradezu zu ſagen, was er zu ſagen beabſichtigte. Dieſe Zeilen laute⸗ ten:„Meine theure und verehrte Gräfin! Schreiben Sie es dem heftigſten Kampfe meines Innern zu, daß ich mit der Beantwortung Ihrer herzlichen Zeilen bis jetzt ge⸗ zögert, und daß ich dieſelben nicht ſo beantworte, wie ich es ſo gerne gethan hätte“— dem Drange meines Her⸗ zens nach:— war durchſtrichen worden,— nach den 83 Gefühlen, die mich beſeelene— wurde ebenfalls vernichtet, —„nach dem was vorgefallen,“— hatte er endlich nach längerer Ueberlegung geſchrieben,„nach dem wie Sie für mich geſprochen, und nach dem Sie ſich gewiß eben ſo ver⸗ letzt gefühlt durch die rückſichtsloſe, eiſige Abweiſung, die ich erfahren. Könnten Sie es mir aber verdenken, theure Gräfin, daß ich gerade wegen dieſer Abweiſung nicht im Stande bin, ſogleich einen Entſchluß zu faſſen; hieße das nicht zugeſtehen: man habe ebenſowohl ein Spiel ge⸗ trieben mit der angeſtrebten Verſöhnung jener jungen Dame, als mit der Vermittlung Ihrer Majeſtät. Laſſen Sie, meine theure Gräfin, die Wogen der Zeit darüber hingehen, laſſen wir Manches vergeſſen machen, ehe wir“ — ſo weit war er in dem letzten Konzept gekommen, um dann unmuthig mehrere Male hintereinander die Feder wegzuwerfen, da er nicht im Stande war, einen beſtimmten und doch nicht zu unverſöhnlichen Schluß zu finden.— „Ehe wir der Welt beweiſen,“— hatte er viermal in einer wahren Wuth durchſtrichen— eehe wir an eine dauernde Freundſchaft'— dieſe Phraſe war gar nicht vollendet worden, weil ſie hätte mißverſtanden werden können— endlich war ſtehen geblieben—„ehe ich Ihnen für alle Ihre Aufopferung und Güte irgend einen Erſatz zu bieten vermag.“— Bei dem Niederſchreiben der Worte „irgend einen“ hatte er übrigens ein unbehagliches Gefühl — 84 nicht unterdrücken können, denn dieſe zwei harmloſen. Worte mußten der eben ſo ſtolzen als klugen Frau wie ein Keulenſchlag erſcheinen, ihr Verhältniß zu Leo zer⸗ trümmern; ebenſogut aber mußten ſie auch ſeine Feſſel, die ihm unerträglich geworden war, zerbrechen. So wurde der Brief haſtig geſchrieben, couvertirt, geſiegelt und zur Beſorgung dem eintretenden Bedienten übergeben, welcher ungerufen erſchienen war, um den Herrn Lieutenant von Mittow anzumelden. „Ich laß ihn erſuchen, hereinzukommen.“ Ohne dieſen an ſich ſo unbedeutenden Zwiſchenfall hätte Graf Wieneck vielleicht doch noch gezögert, das Schreiben abgehen zu laſſen, hätte es vielleicht auf ſeinem Schreibtiſche liegen laſſen, und am Ende doch noch anders abgefaßt.—— Doch war jetzt nichts mehr daran zu ändern, denn im gleichen Augenblicke, als Mittow zur Thüre hereintrat, ſah Graf Leo ſeinen Diener mit dem Briefe davoneilen. Herr von Mittow befand ſich in Civil, und zwar in einem ſehr feinen Civilanzuge: ſchwarzer Frack, eben ſolche Beinkleider mit weißer Halsbinde und weißer Weſte, wobei er einen dunkelfarbigen Paletot an den Schultern ſo zurückgeworfen hatte, daß man deutlich bemerkte, wie derſelbe auf's Reichſte mit ſchwerem Seidenſtoff gefüttert war— ſeinen verwundeten Arm trug er in der Schlinge, was ſich zugleich mit ſeinen etwas blaſſen Wangen außer⸗ ordentlich intereſſant machte. „Was ſagt Ihnen dieſe Erſcheinung?“ fragte er mit einem ſelbſtgefälligen Blick, indem er ſich breit vor Leo aufpflanzte und behaglich an ſich herabſchaute.„Habe ich nicht die Erlaubniß als Kranker Civil tragen zu dürfen, auf's Beſte und Vortheilhafteſte benützt?“ „Sie ſehen ſtattlich aus„lieber Mittow, wie ein Bräutigam, oder wie ein junger Ehemann.“ „Wenigſtens wie ein Junggeſelle, der als ſolcher hoff⸗ nungslos in den letzten Zügen liegt; wie könnt' ich auch ſchon ein junger Ehemann ſein, ohne Ihre mir freund⸗ lich zugeſagte Hülfe?“ 1 „Ah, Sie kommen, um mich daran zu erinnern.“ „In beſter Form,“ erwiederte Herr von Mittow lachend, und ſagte hierauf mit einer tiefen Verbeugung: „Herr Oberſtwachtmeiſter, Sie waren ſo freundlich, mir einſtens das Verſprechen zu geben, mir als Zeuge be⸗ hülflich ſein zu wollen, um in den heiligen Eheſtand zu hüpfen; die darauf bezügliche Ceremonie ſoll von heute über vierzehn Tagen ſtattfinden, und bin ich gekommen, Dero Verſprechen Ihnen in freundliche Erinnerung zu bringen.“ „Mit dem größten Vergnügen ſehen Sie mich bereit, und freue ich mich, aus der Feſtſetzung Ihrer Hochzeit — 86— zu entnehmen, daß alle hierauf bezüglichen Schwierig⸗ keiten geordnet ſind, und daß die Heilung Ihrer Wunde erfreulichen Fortgang macht; aber laſſen Sie ſich nieder und nehmen eine Cigarre, wenn Sie nicht gar zu eilig ſind.“ „Mit einem wahren Rauchhunger freu' ich mich darauf,“ antwortete der glückliche Bräutigam, ſich in einem Fauteuil am Kamine niederlaſſend, worauf er eine Ci⸗ garre nahm und unter Leo's Beihülfe anzündete—„heute war ich ſeit drei Stunden das Schlachtopfer der lang⸗ weiligſten Brautviſiten, bei Vettern und Baſen, Freund en und Bekannten, der ganzen zahlreichen Sippſchaft, und wenn das noch überall per Bedienten durch Viſitenkarten abzumachen geweſen wäre— ja danke beſtens— ich ſage Ihnen, bei wenigſtens einem halben Dutzend wurden wir höchſt angenehm überraſcht durch die Botſchaft, es würde dem Herrn Oberſteuerrath oder der Frau Kreis⸗ direktorin das größte Vergnügen machen, uns zu empfan⸗ gen— dann ſeufzend aus dem Wagen verſchiedene Trep⸗ pen hinauf ſpießruthenlaufend, bei Dienſtboten und uner⸗ wachſenen Kindern vorbei, die alle das neue Brautpaar ſehen wollen, und hierauf mit dem freundlichſt lächelnden Geſichte die langweiligſten Dinge hören und ſagen zu müſſen.“ „Ihre ſchöne Braut war doch auch dabei, und ge⸗ theiltes Leid iſt halbes Leid.“ —— — 87— „Allerdings iſt ſie mit dabei.“ „Wie— ich hoffe doch nicht, daß ich Sie recht ver⸗ ſtehe— ſie iſt mit dabei, Sie gebrauchten nicht ohne Ab⸗ ſicht die gegenwärtige Zeit, Sie wären grauſam genug, Ihre Frau draußen im Wagen ſitzen zu laſſen, während Sie hier an einem Kaminfeuer ſchwelgen und an einer vortrefflichen Cigarre—— gehen Sie, Egoiſt!“ Graf Leo hatte die letzten Worte ſcheinbar mit gro⸗ ßer Entrüſtung ausgerufen, nachdem der Andere ſeine Grauſamkeit nicht nur zugeſtanden hatte, ſondern jetzt auch noch hinzuſetzte:„Das verſtehen Sie nicht, lieber Leo, ich habe mit weiſen Männern darüber Raths gepflogen, und alle ſind einſtimmig der Anſicht, man kann die Erziehung einer jungen Frau und eines jungen Jagdhundes nicht früh und ſtreng genug beginnen, deßhalb laſſen Sie ſie immerhin im Wagen, um ſie ſo an ein wohlthätiges Warten auf ihren Mann zu gewöhnen.“ „Nein, das werde ich nicht thun, unverantwortlicher Menſch; ſieh' doch Einer an, wie dieſem Lieutenant der Kamm geſchwollen iſt, und wie er ſich jetzt in die Bruſt wirft, nachdem er ſo glücklich geweſen, von einem reichen Manne für deſſen Tochter gekauft zu werden. Pfui, Mit⸗ tow, ſchämen Sie ſich, ich weiß noch ganz genau, wie Sie vor Kurzem gejammert haben, daß Sie nicht an das heiß⸗ erſehnte Ziel gelangen könnten; doch werd' ich jetzt ver⸗ 88. ſuchen,“ ſetzte Graf Leo unter der Thüre des Zimmers hinzu,„Ihren Fehler wieder gut zu machen.“ „Sie wollen doch meine Braut nicht hieher füh⸗ ren?“ „Allerdings will ich das, wir Flügeladjutanten haben ſo wie die Hofdamen ganz beſondere Vorrechte und kön⸗ nen jeden Beſuch mit Anſtand— für den Beſuch näm⸗ lich— bei uns empfangen.“ „Sehen Sie, das habe ich nicht gewußt, ſonſt wäre ich vielleicht minder grauſam geweſen.“ Dieſe Entſchuldigung hörte indeſſen Graf Leo nicht, denn er war ſchon an die Hausthüre geeilt, wobei ihm ein Lakai vorausgeſtürzt war, um den Schlag des ſehr eleganten Wagens zu öffnen, worauf er ſich ſelbſt alsdann das Vergnügen verſchaffte, der jungen, reizenden Braut des Herrn von Mittow, welche allerdings einige ſchwache Verſuche der Weigerung machte, das Ausſteigen zu er⸗ leichtern, und ihr galant den Arm bot, um ſie in ſeine Wohnung zu führen. Es verurſachte ihm ein eigen⸗ thümliches Gefühl, als das ſchöne Mädchen ihren Arm in den ſeinigen legte, und er dicht an ſeiner Bruſt ihren weichen, ſeidenartigen Paletot von ſilbergrauem Aſtragan fühlte, der ein ſo liebliches Weſen umſchloß, und er konnte ſich eines leichten Seufzers bei dem Gedanken nicht ent⸗ halten, wie unausſprechlich ſelig er ſich fühlen würde, — 89— wenn er einmal in gleicher Lage ſei, wie dieſer beneidens⸗ werthe Mittow. Und dieſer, welcher doch noch nicht einmal ſein ſchönes Ziel erreicht hatte, gab ſich mit einer faſt lächer⸗ lichen Sicherheit jetzt ſchon das Anſehen eines gleich⸗ gültigen Haustyrannen, er erhob ſich nicht einmal von ſeinem Fauteuil, bat noch viel weniger um Erlaubniß, fortrauchen zu dürfen, und mußte durch Leo ziemlich unſanft auf die Seite gerückt werden, um an dem freund⸗ lich lodernden Feuer Platz für die junge Dame zu ge⸗ winnen. Deſto liebenswürdiger aber war der Flügeladjutant Seiner Majeſtät, und Graf Leo konnte außerordentlich liebenswürdig ſein, wenn er wollte, weßhalb es ihm auch in kurzer Zeit gelang, der ſchönen Helene alle Verlegen⸗ heiten zu benehmen, ſie zu lebhaftem Plaudern zu ver⸗ anlaſſen, wobei es ſie auf's Heiterſte anzuregen ſchien, daß er, allerdings in ſcherzhafter Weiſe, die Lehren von gegenſeitiger Erziehung nicht gerade zum Vortheile Mit⸗ tow's anwandte. Einmal indeſſen zeigte ſich ein kleiner Schatten auf ihren ſchönen Zügen, als nämlich Mittow, der in einem Album blätterte, als er auf eine Photographie Roſen⸗ thal's kam, gewiß ohne alle Abſicht ſagte:„Es ſoll ihm ganz gut gehen, und er wahrſcheinlich in unglaublich — 90 kurzer Zeit hergeſtellt ſein; dieſer Roſenthal hat eine wahre Katzennatur, und ich bin überzeugt, wenn wir je noch einmal das Vergnügen haben würden, ihn wieder zu ſehen, ſo wird er uns glauben machen wollen, er ſei gar nicht getroffen worden, oder bei ſeinem wundervollen indiſchen Balſam mache er ſich nichts aus einer ſolchen Kleinigkeit.“ Bei dieſen Worten hatte Helene ihre ſchönen Augen feſt auf das lodernde Feuer gerichtet und dann einen raſchen Athemzug gethan, der wie ein leichter Seufzer klang. Graf Leo hatte das allein bemerkt, und es gab ihm zu denken, wenn er ſich des intereſſanten, geiſtreichen Roſenthal's erinnerte, und dabei auf Mittow blickte, der allerdings, wie man unter Kameraden zu ſagen pflegt, „ein guter Kerl“ war, aber ſonſt ſehr wenig beſaß, um mit einem ſo gefährlichen Manne, wie Roſenthal war, ſiegreich konkurriren zu können; glücklicher Weiſe für ihn aber hatte ſich Jener hier gänzlich unmöglich gemacht, weßhalb auch Graf Leo aus voller Ueberzeugung die Worte hinwarf:„Nun, wir werden wohl nie mehr das Ver⸗ gnügen haben, ihn bei uns zu ſehen.“ Unterdeſſen hatte Mittow ſeine Cigarre ausgeraucht, auch Helene hielt es an der Zeit, ihren improviſirten Beſuch zu beendigen, und gleich darauf ſaßen die beiden —— — Glücklichen wieder in ihrem Wagen, um nach dem elter⸗ lichen Hauſe der jungen Dame zurückzukehren. Natürlicher Weiſe war Mittow dort ſchon ſeit einiger Zeit der tägliche Gaſt, ſowohl beim Mittag⸗ als Abend⸗ eſſen, und ſagte er jetzt, an ſeinem ſchwarzen Fracke zupfend:„Wir könnten wohl bei mir vorbeifahren, um dieſes Gewand, ſowie die langweilige weiße Halsbinde zu wechſeln.“ „Recht gern, wenn Du es ſo willſt.“ „Du kannſt mich auch hinaufbegleiten, denn wenn ich auch weder Hofdame noch Flügeladjutant bin, ſo hat doch auch ein Bräutigam ſeine kleinen Rechte.“ „Möglich,“ gab ſie etwas kurz zur Antwort,„aber ich ziehe es doch vor, hier im Wagen zu bleiben.“ „Wie Du willſt, Helene, aber es hätte mir Ver⸗ gnügen gemacht, wenn Du einmal meine Junggeſellen⸗ wirthſchaft angeſehen hätteſt.“ „Das kann immer noch geſchehen, und ich will Papa erſuchen, daß er mich einmal in Deine Wohnung be⸗ gleitet.“ „Als ob es ein ſo großer Unterſchied wäre zwiſchen meiner Garcçonwohnung, das heißt der Idee nach, und der des Grafen Wieneck,“ antwortete er achſelzuckend,„doch ſollſt Du Deinen Willen haben und ich bin gleich wie⸗ der da.“ und blickte mit einem ſehr ernſten Ausdruck ihres Ge⸗ ſichtes auf die naſſe, ſchmutzige Straße, ſowie auf das Gemiſch von Schnee und Regen, das in der trüben, nebligen Luft umherwirbelte und offenbar in einem Kampfe begriffen war um die Herrſchaft über Wetter und Witterung. Doch ſchien ein tüchtiger Regen mehr Chancen zu haben, wogegen es Helene viel lieber geweſen wäre, den Boden weiß bedeckt und hart gefroren zu ſehen— wie— wie— ſchon ſo oft, und auch an jenem Abend, deſſen ſie ſich jetzt wieder lebhaft erinnerte; auch hätte ſie einen klaren Himmel vorgezogen, ſogar mit Mondſchein, wie— ebenfalls an jenem Abend, der, ſie wußte ſelbſt nicht warum, jetzt mit einem Male wieder ſo deutlich vor ihre Seele trat, trotzdem oder obgleich ſie ihre Augen geſchloſſen hatte— wieder ſtieß ſie einen kurzen Seufzer aus und fuhr zuſammen, als nun der Schlag des Wagens haſtig geöffnet wurde und Mittow, ſich ſchüttelnd, erſchien, um ſich dann neben ihr ziemlich rückſichtslos in die Kiſſen fallen zu laſſen; er trug jetzt ſtatt des Frackes ein kurzes, geſtepptes, ſeidenes Wamms, wie es die Offiziere unter der Uniform zu tragen pflegen, und darüber den grauen Militärmantel, ſah aber darin lange nicht ſo vortheilhaft aus, wie in der glänzenden Dragoneruniform. Helene hatte ſich in die Ecke des Wagens gedrückt — — 93— „Papa und Deine Großmutter wird mir das ſchon erlauben, da ich ja immer noch auf der Krankenliſte ſtehe.“ Helene nickte ſchweigend mit dem Kopfe, und als der Wagen jetzt wieder davonfuhr und ſie über Müdigkeit klagte, war es ſo begreiflich, daß ſie ſich in ihre Ecke lehnte, ihre Augen ſchloß und ſelbſt dann kein Zeichen der Theilnahme gab, als er ihre Hand ergriff, um eine freie Stelle zwiſchen dem Pelzärmel und dem Handſchuh mehrere Male und recht derb zu küſſen. Als ſie zu Hauſe anlangten und begreiflicher Weiſe ohne Weiteres in den Salon traten, fanden ſie dort wie gewöhnlich die Großmama in ihrem bequemen Stuhle ſitzend, während Herr Mirbel mit aufgeſtützten Händen am Tiſche ſtand, und Tante Aurelie, ſchwarz angezogen wie immer, mit großen Schritten im Gemache hin und wieder ging. Schon vor der Thüre hatte man laut ſprechen hören, und bemerkte jetzt deutlich, wie man mitten in einem Satze abbrach, ſowie das Brautpaar eintrat; dergleichen verurſacht für Eintretende ſtets ein etwas pein⸗ liches Gefühl, weßhalb denn auch Helene verwundert drein⸗ ſchaute, und Herr von Mittow nicht ſogleich Gruß und paſſende Anrede fand. Doch fühlte die Großmama ſogleich, wie unpaſſend es ſei, dem jungen Paare nicht den Glauben zu beneh⸗ men, als habe man ſich vielleicht über ſie, und in einer nicht gerade angenehmen Weiſe unterhalten, weßhalb ſie mit Entſchiedenheit ſagte:„Wir brauchen darüber kein Geheimniß zu machen, weder vor Helene, noch vor Herrn von Mittow, der ja doch ſchon ſo gut wie zur Familie gehört.“ „Was gibt's denn, Großmama?“ fragte das junge Mädchen, während ſie auf die alte Dame zutrat und ſie herzlich küßte, worauf ſie aber mit einer Miene, als ſei es ihr höchſt gleichgültig, was eigentlich geſprochen wor⸗ den ſei, an das Sopha trat, um dort ihren Hut und Pelzpaletot abzulegen.. Tante Aurelie hatte ihren raſchen Spaziergang durch das Zimmer unterbrochen, um ſich ihrem Bruder gegen⸗ über an den Tiſch zu ſtellen, dann alle Anweſenden der Reihe nach mit ihren übergroßen runden Augen anzuſtar⸗ ren, und dann in einem ſehr langſamen Tone zu ſagen: „Um was es ſich handelt, fragſt du— nun es handelt ſich um meine liebe Schweſter, Deine theure Tante Sera⸗ phine. Sie gab an, zu Schweſter Sophie zu reiſen, und wenn ſie auch ſchlau genug war, uns durch falſche Bot⸗ ſchaften, als ſei ſie dort angekommen, täuſchen zu wollen, ſo habe ich doch genaue Nachrichten, daß ſie nicht dort angekommen iſt, und bin eben ſo feſt überzeugt, daß ſie niemals bei Schweſter Sophie ankommen wird.“ „Wie gewöhnlich urtheilſt Du zu hart,“ ſagte Herr Mirbel,„welche Gründe ſollte Seraphine haben, eine Reiſe zu Sophie vorzugeben, wenn ſie die Abſicht hätte, ſich anderswohin zu wenden, und wo ſollte ſie ſich hin⸗ wenden— bei dieſer Jahreszeit?“ „Ja gewiß, bei dieſer Jahreszeit, wo jeder vernünf⸗ tige Menſch zu Hauſe bleibt.“ „Was ſagſt Du, Helene,“ fragte die Großmutter, „biſt Du nicht auch der Anſicht, daß Seraphine zu Sophie gereist iſt?“ „Ich wüßte keinen vernünftigen Grund dagegen an⸗ zugeben.“ „Was gehen mich Gründe an!“ ſagte Tante Aurelie in ihrem gewöhnlichen harten Tone—„Thatſachen reden und Thatſache iſt es, daß ſie nicht bei Schweſter Sophie ankam, wogegen es wiederum Thatſache iſt, daß ſie ſich ein Eiſenbahnbillet auf den Kurierzug in der Richtung nach Perlenbach genommen hat.“ „Hm,“ machte Herr von Mittow,„was ſollte Fräu⸗ lein Seraphine in Perlenbach ſuchen?“ „Man kann überall etwas ſuchen, wenn es Einem gleichgültig iſt, was man findet,“ ſprach Tante Aurelie im Tone der Verachtung,„beſonders wenn man das Haus verläßt in einer Gemüthsſtimmung, wie es die theure Seraphine gethan.“ — 96— „Was weißt Du von ihrer Gemüthsſtimmung!“ rief Herr Mirbel unmuthig. „Nicht nur das Sprüchwort iſt richtig,“ antwortete die unerſchütterliche Aurelie:„Sage mir, mit wem Du umgehſt, ſo will ich Dir ſagen, wer Du biſte, ſondern auch: ‚Sage mir, was Du mit Vorliebe lieſeſt, ſo will ich daraus Deine Gemüthsſtimmung erkennent, und mit welcher Art von Lektüre ſich unſere gute Schweſter in den letzten Tagen beſchäftigt, iſt wohl anzunehmen aus einem auf ihrem Schreibtiſche aufgeſchlagen gebliebenen Buche, allerdings nur Schiller's Gedichte; aber das, was ſie in denſelben zuletzt geleſen, ja ſogar mit einer Viſitenkarte Herrn von Roſenthal's bezeichnet, ſpricht, ſollt' ich denken, deutlich genug— hier iſt das Buch,“ damit holte es Tante Aurelie aus der Taſche ihres ſchwarzen Kleides hervor; doch da dieſe faſt unergründlich ſchien, ſo mußte ſie ſich tief hinabbeugen, um in die Tiefe zu gelangen, was gerade ſo ausſah, als mache ſie eine plötzliche Ver⸗ beugung, welche indeſſen ſo gar nicht paßte, weder zur Situation noch zu ihrem düſterblickenden Geſichte. „Hier iſt das Buch— und hier iſt die bezeichnete Stelle,“ ſie patſchte mit dem Rücken ihrer linken Hand darauf hin und reichte es dann Helene dar, da dieſe, wie ſie mit einem ironiſchen Lächeln ſagte, dergleichen Zeug unbedingt beſſer zu leſen verſtände als ſie. — 95 Helene konnte ſich eines Ausdrucks der Heiterkeit nicht enthalten, als ihre Augen auf die bezeichnete Stelle fielen, und mußte ſich Mühe geben, um nach einer Auf⸗ forderung der Großmutter in ernſtem Tone zu leſen: „Wo ich ſei und wo ich hingeſchwunden, Als mein flücht'ger Schatten euch entſchwebt.“ „So, da habt ihr's,“ ſagte Tante Aurelie kopfnickend und mit einem um ſo düſtereren Geſichtsausdruck, als ſie zu bemerken glaubte, daß nicht nur Helene und deren Bräutigam Mühe hatten, das Lachen zu unterdrücken, ſondern daß ſich auch der Ausdruck einer ähnlichen Luſtig⸗ keit auf dem Geſicht der alten Dame zeigte, ja ſogar auf dem des ſonſt ſo ernſten Herrn Mirbel—„die Unglück⸗ liche,“ ſetzte ſie mit einem Tone des Schauders hinzu, „ſie hat gelebt und geliebet, und iſt nun wehrſcheinlich durchgegangen mit, oder zu dem Gegenſtand ihrer Nei⸗ gung.“ „Aber Aurelie,“ ſagte Herr Mirbel im Tone der Entrüſtung. „Laßt mich Alle mit einander in Ruhe,“ antwortete dieſe mit einer ſo heftigen Schwenkung ihres rechten Arms, daß Alles ſie erſtaunt anblickte;„laßt mich in Ruhe, oder ſtimmt mit mir ein in das Klagelied über eine verloren gegangene Schweſter—“ „Wäre es nicht beſſer, Aurelie,“ meinte Herr Mirbel Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 7 — 98— mit einem Blick auf ſeinen zukünftigen Schwiegerſohn, „wenn wir vielleicht ein ander Mal—“ „Was ein ander Mal—— Mama hat A geſagt und ich fahre fort mit B und mit Weh bis zum Ende des Alphabetes, ich muß endlich einmal Erleichterung haben, ich muß es ausſprechen, was mir ſchon lange mein Herz zuſammengedrückt, woran ich hätte erſticken mögen, wenn ich nicht glücklicher Weiſe in höheren Sphären Troſt zu ſuchen und zu finden verſtände; ihr habt mich immer belächelt über meine ſchwarze Kleidung, die aller⸗ dings einem Traueranzuge glich; aber ich hätte noch mehr thun ſollen— mein Gewand von oben bis unten zer⸗ reißen, Aſche auf mein Haupt ſtreuen wegen einer ſolchen Schweſter, in deren Nähe ich zu bleiben gezwungen war, und deren verliebte Seufzer zu übertönen nicht einmal den Klängen meiner Harfe gelingen konnte.“ „Aber Aurelie, Du biſt ja ganz des Teufels,“ rief Herr Mirbel, der, wenn er aufgeregt wurde, ſehr grob ſein konnte. „O nein—o nein, ich bin nicht des Teufels, aber Andere ſind es; und wenn mich je etwas ſtark gemacht hat im Gefühle jungfräulicher Unſchuld und eines ſchö⸗ nen Glaubens, ſo war es nur die Nachbarſchaft Jener — Jener, die ich nicht einmal mehr nennen will,— und die Töne meiner heiligen Harfe.“ — — 99— Während ſie das Letzte ſagte, bewegte ſie ihre Finger krampfhaft, als riſſe ſie heftig in die Saiten:„Aber ihr wart blind mit euren ſehenden Augen, ihr ſaht es als ein Opfer an, wenn Jene— mit dem jungen Mädchen dort Bälle und Konzerte beſuchte, während die arme, düſtere Aurelie ſtill auf ihrem Zimmer und bei ihrer Harfe blieb— ihr fandet es ſo unſchuldig,“ fuhr ſie fort, dabei ihre Augen aufreißend, daß ſie erſchienen wie die eines tollgewordenen Schaukelpferdes,„als Jene ihre Zimmer und ihre Möbel mit zartem Roſa verzieren ließ, während für die in Ehren alt gewordene Aurelie graue Tapeten und ein altes Sopha ſo paſſend waren— aber dieſe grauen Tapeten vernahmen Gott ſei Dank niemals das Geflüſter verliebter Seufzer, und jenes alte Sopha hatte ſich nie ſeiner Beſitzerin zu ſchämen.“ „Nein, Aurelie, was zu arg iſt, iſt zu arg,“ ſagte jetzt die alte Dame, auf deren freundlichem Geſicht zu Anfang dieſer, für Herrn von Mittow peinlichen Szene, ein leichtes Lächeln erſchienen war,„ſollte man nicht glau⸗ ben, Du habeſt in ſehr böſem Sinne die Aufpaſſerin Deiner Schweſter gemacht, und es mache Dir nun ein Vergnügen, deren gewiß ſtilles und harmloſes Leben, Gott mag wiſſen aus welchem Grunde, bei uns zu ver⸗ dächtigen.“ „Ihr ſtilles und harmloſes Leben,“ klang es im — 100— gellenden Tone zurück——„o dieſes Leben wäre im Stande geweſen, eine Heilige zu verderben, und ich,“ ſchluchzte ſie nach einem lauten hyſteriſchen Lachen,„bin doch auch noch nicht für Alles in dieſem Leben abge⸗ ſtumpft,— ich— ich habe hören und ſehen müſſen— was mein Blut in Wallung brachte.“ Herr Mirbel war, die Hände auf den Rücken gelegt, bei dieſen letzten Reden heftig im Zimmer hin und her geſchritten, wobei er an ſeiner Unterlippe nagte, ein Be⸗ weis ſeiner großen Erregung, die auch nun dadurch zum Ausbruch kam, daß er mit einem Mal vor ſeiner Schwe⸗ ſter ſtehen blieb, ihre rechte Hand ergriff, dieſe durch ſeinen linken Arm zog und dann mit ſo feſten Schritten gegen die Thüre ging, daß ihm Tante Aurelie, trotz ihres Widerſtrebens, folgen mußte; leider konnte er ihr aber dabei nicht den Mund verſchließen, und mußte es ge⸗ ſchehen laſſen, daß ſie mit rückwärts gewandtem Kopfe die Worte ausrief:„Sie war eine alte, verliebte Närrin und iſt es noch, ſie hat mit dieſem Herrn von Roſenthal charmuzirt, und hat ſich nicht geſcheut, einen armen Ta⸗ pezierergeſellen durch ihre Koketterie verrückt zu machen— das hat ſie—— und davon gelaufen iſt ſie—— — mit dem Einen oder mit dem Andern.“ Herr Mirbel hatte jetzt hinter ſich und der Aufgereg⸗ ten die Thüre heftig in's Schloß geworfen, und als er —— — 101— nach Verlauf von einigen Minuten allein wieder in's Zimmer trat, athmete er tief und ſchwer und blieb eine Zeitlang am Fenſter ſtehen, ehe er ſich gegen die Andern wandte, welche ſprachlos daſtanden, ſich anſchauend, und dann erſt vermochte er in einem ziemlich ruhigen Tone zu ſagen, wobei er ſeine Worte an Herrn von Mittow richtete:„Das iſt das Reſultat überſpannter Nerven, mein lieber Freund, es gibt tüchtige und muthvolle Leute, welche Geſpenſter ſehen, und es gibt ſehr brave und ehren⸗ hafte alte Jungfrauen, die ſich in ihrer Einbildung mit noch Schlimmerem beſchäftigen— das kommt vom Blut, und dagegen kann man nichts machen— aber es hat mich in der That angegriffen.“ Auch Helene ſchien dieſe Szene nicht minder aufgeregt zu haben, ſie hatte ſich an ihren gewöhnlichen Platz ge⸗ flüchtet, einen Schemel neben dem Seſſel der Großmutter, und ihren Kopf auf deren Schooß gelegt, damit Nie⸗ mand bemerken ſolle, daß ſie weine. Es war ihr un⸗ möglich geweſen, die Thränen zurückzuhalten, hatte doch Tante Aurelie in dem einen Punkte Recht, daß ſie näm⸗ lich Herrn von Roſenthal mit Seraphinens Verſchwinden in Zuſammenhang brachte— Helene wußte es ja— ja ſie wußte es, und hatte vielleicht leichtſinniger Weiſe dazu geſchwiegen und gelacht— wäre ja auch nicht im Stande geweſen, Tante Seraphinen einen Entſchluß auszureden, 102— ach, denn die Idee, Herr von Roſenthal liebe ſie in der That, war dem jungen Mädchen ſo gar komiſch erſchienen— und jetzt hatte Aurelie Aehnliches geſagt, ja ſie hatte ein gar⸗ ſtiges, obgleich ihr nicht ganz verſtändliches Wort gebraucht, als ſie in ihrer zornigen Aufregung von einem Verhältniß zwiſchen Beiden geſprochen— wie das Helene ſchmerzte, ſie wußte in der That nicht warum, war ihr doch Roſen⸗ thal jetzt völlig gleichgülſtig— ja ſie haßte ihn— und doch— und doch— nein, das war zu ſchändlich. Herr Mirbel hatte unterdeſſen ſeinen künftigen Schwie⸗ gerſohn am Arme genommen und ſprach nun, am Fenſter ſtehend, halbleiſe mit ihm, erhob auch erſt ſeine Stimme, als er nach einer ziemlich langen Unterredung ſagte: „Sie erzeigen mir dadurch einen großen Gefallen, mein lieber Herr Sohn, und werden mich zu allen Gegen⸗ dienſten bereit finden, Mama wird mit mir vollkommen einverſtanden ſein— ich habe nämlich Herrn von Mittow gebeten,“ fuhr er fort, indem er ſich gegen die alte Dame wendete, welche ihr Geſicht mit einem fragenden Ausdruck erhob,„er möge die Freundlichkeit haben und ein wenig nach Seraphine ſehen; wenn irgend etwas Wahres an dem iſt, was Aurelie geſagt, ſo iſt es vielleicht, daß ſie wirklich mit dem Schnellzug in der Richtung gen Perlen⸗ bach gefahren ſein könnte— auch Herr von Mittow hält das für nicht ganz unmöglich.“ — ——— ——,— — 103— „Aber mein Gott, was will ſie denn in Perlenbach?“ fragte die alte Dame. „Wer kann das wiſſen?“ gab der Chef des Hauſes achſelzuckend zur Antwort;„es iſt eben eine Vermuthung, die doch vielleicht eines Verſuches werth iſt.“ „Ihr ſprecht Alle in Räthſeln, von denen ich nichts verſtehe,“ ſagte Madame Mirbel,—„und auch Du, mein Kind, biſt mir räthſelhaft,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihre Hand erhob, mit der ſie Helenens Wange ſanft geſtreichelt, „Du weinſt ja, iſt das wieder einmal ein vergnügter Tag in dieſem Hauſe, wahrhaftig, man ſollte es wie Seraphine machen, und davon gehen!“ „Wenigſtens wollen wir das Geſcheidteſte thun, was wir thun können, und dieſe unangenehme Geſchichte für heute auf ſich beruhen laſſen, ich habe drunten dringend zu thun, und kann mich nicht länger mit ſolchen Lap⸗ palien aufhalten— alſo, mein lieber Herr von Mittow, ich rechne auf Sie und bitte Sie, ſpäter zu mir herab⸗ zukommen, damit wir alles Uebrige in Ordnung brin⸗ gen.“ „Und ich,“ ſprach die alte Dame, indem ſie ſich er⸗ hob und ſo auch Helene nöthigte aufzuſtehen,„ich werde auf mein Zimmer gehen und an meine Tochter Sophie ſchreiben; wäre ſie im Hauſe geblieben, ſo würden alle dieſe Dummheiten nicht vorgekommen ſein; wie wahr iſt — 104— es: ‚Das Beſte muß man verlieren, und das Andere bleibt einem!““ Helene hatte ihrem Bräutigam die Hand zum Abſchied gereicht, doch da er leiſe bat, ſie an ihr Zimmer begleiten zu dürfen, ſo ſagte ſie nicht Nein, ja es ſchien ihr ſogar nicht unangenehm zu ſein, daß er mit ihr in den kleinen Salon trat. Hier wandte ſie ſich indeſſen raſch gegen das Fenſter, um ihre rothgeweinten Augen nicht ſehen zu laſſen, während er, an den Sopha gelehnt, ſtehen blieb. Nach wenigen Augenblicken aber trat ſie zu ihm und ſagte, während ſie ihm ihre Hand reichte:„Thu', wie Du Papa verſprochen, ſuche Tante Seraphine und bringe ſie um jeden Preis wieder hieher.“ „Wie glücklich bin ich, liebe Helene, auch Dir da⸗ durch einen kleinen Dienſt leiſten zu können!— ob ich ſie aber finde, das iſt eine andere Frage.“ „Wohin gehſt Du?“ „Zuerſt nach Perlenbach, und muß ich mich dort auf Erkundigungen legen.“ „Weißt Du— wo jener— Herr von Roſenthal iſt?“ fragte ſie zögernd. Mittow blickte ſie erſtaunt an, worauf er ſagte: „Das iſt für uns Alle kein Geheimniß mehr, Herr von Roſenthal befindet ſich in Moorfeld, im Hauſe des Dok⸗ tor Flinder.“ ——ꝑ 105— „So geh' dorthin und— mehr kann ich Dirnicht ſagen.“ „O— o, das iſt ja ganz erſtaunlich, ſo hätte Deine Tante Aurelie nicht ſo ganz Unrecht gehabt—“ „Das weiß ich nicht— ich weiß überhaupt gar nichts Genaues— Alles iſt nur Vermuthung; aber wenn Du Tante Seraphine findeſt, ſo bringe ſie zurück, ſelbſt mit Gewalt, wenn es nöthig iſt, ſie darf nicht bei jenem Menſchen bleiben.“ Dann litt es das ſchöne junge Mädchen, daß ihr Bräutigam ſie auf die Stirn küßte, aber erſt dicht an der Thür des Zimmers, bis wohin ſie ihn begleitet hatte, und wo ſie ihn verabſchiedete. „Dieſer verfluchte Roſenthal,“ brummte er unwillig, während ihm das hübſche Stubenmädchen half, ſeinen grauen Mantel umzunehmen, dann aber zögernd vor ihm ſtehen blieb, ſo daß er ſie fragend anſchaute und trotz ſeines üblen Humors faſt lächeln mußte, als er bemerkte, wie das hübſche Ding die Augen niederſchlug und in Verlegenheit an ihren Schürzenbändern ſpielte. „Was haſt Du denn, mein Kind?“ „Ach, Herr von Mittow, wollen Sie mir eine kleine Frage nicht übel nehmen?“ „Gewiß nicht, was iſt's denn?“ „Bitte, ſagen Sie mir, wie es Herrn von Roſenthal geht, der neulich ſo unglücklich geworden iſt!“ 106— „Nun, das fehlte mir auch noch,“ rief Herr von Mittow barſch, indem er das Ende ſeines Mantels über die Schulter warf,„es wäre Dir vielleicht lieber, wenn ich unglücklich geworden wäre— nun beruhige Dich, ganz todt iſt er noch nicht; aber was nicht iſt, kann noch werden.“ Damit eilte er die Treppen hinab und konnte ſich nicht enthalten, halblaut an den Betreffenden zu den⸗ ken, doch waren das ſehr wenig ſchmeichelhafte Gedanken, welche alle darauf hinausliefen, daß dieſer Roſenthal in der That ein ganz verfluchter Kerl ſei, ein unheimlicher Menſch, ein Rattenfänger— ein Vampyr. Zwanzigſtes Kapitel. In der neunzehnten Wendung, eine lange, troſtloſe Pappelallee. „Wo ich ſei, und wo mich hingewendet, Als mein flücht'ger Schatten euch entſchwebt ꝛc.“ Dieſes Gedicht hatte Tante Seraphine nicht ohne Ab⸗ ſicht in dem betreffenden Buche bezeichnet, ja ſie hatte auch nicht abſichtslos dieſe Bezeichnung durch eine Karte des Herrn von Roſenthal vermittelt, nicht als ob es ihre Abſicht geweſen wäre, mit dieſem ebenfalls verſchwunde⸗ nen Herrn in Verbindung gebracht zu werden, oder doch viel weniger um die Zurückgebliebenen auf den Gedanken zu bringen, als habe ſie wie eine Thekla oder Ophelia geendigt; vielmehr hatte ſie ihr Buch, allerdings in der nicht ſehr ſchweſterlichen Vorausſetzung, dergeſtalt be⸗ zeichnet und an einen ſehr bemerkbaren Platz gelegt, um die ſchweigſame, aber viel und tief denkende Aurelie gründ⸗ — 108— lich damit zu ärgern, was ihr auch, wie wir bereits wiſſen, vollſtändig gelungen war. Beſonders durch den Refrain des bekannten Gedichts: „Ich habe genoſſen das irdiſche Glück, Ich habe gelebt und geliebet“ hatte ſich Tante Aurelie empört, verletzt und ſehr erregt gefühlt.—„Ja, dieſe Schlange,“ rief die düſtere, ſchwarz gekleidete Jungfrau, nachdem ſie das Buch verächtlich auf die Seite geworfen,„dieſe vollendete Heuchlerin, mich hätte ſie durch dieſe unzarten Verſe nicht erſt darauf auf⸗ merkſam zu machen gebraucht, welchen Lebenswandel ſie in ihrem roſafarbenen Kabinet geführt— mich nicht, wenn auch alle Welt hier im Hauſe mit vollkommener Blindheit geſchlagen war, und ſie für ein Tugendmuſter hielt, für Eine, die im erhabenen Gefühl ihrer Sitten⸗ reinheit das Recht zu haben glaubte, andere Leute zu umſpähen und ſich zum Richter, ſelbſt für Blicke und Gedanken, aufzuwerfen. „Dieſe lächerliche, alte Jungfer, kaum ein Jahr jünger als ich, die ſich in ihrem Thun, ihrem Reden, ihrem Anzuge ſo geberdete, als ſei ſie ein Kind neben mir, und als fände man es bei dieſer alten Schachtel noch ver⸗ zeihlich, ſich mit jugendlichen Thorheiten und Wünſchen zu beſchäftigen. „Und die Männer—— ich habe dieſes Geſchlecht e 9 6 — 109— ſtets gehaßt und hatte alle Urſache dazu— aber daß es Geſcheidte und Gebildete unter ihnen geben könne, wie dieſer Roſenthal, der ſich nicht geſchämt, in ein Verhält⸗ niß zu dieſer bejahrten Kokette zu treten, das iſt mir un⸗ begreiflich, und kennzeichnet genügend die Schwäche dieſes ſtarken Geſchlechtes. Dieſer Roſenthal, ein gediegener Mann, und ein Mann von ernſter Richtung, wie mir ſchien, ein Mann von ſo anſtändigem, ja würdigem Aeußern, ſowohl in ſeiner Miene, wie auch in ſeinem Anzuge, ſo paſſend zu einem ernſten und inhaltvollen Ge⸗ ſpräche, und dazu jenes unausſtehliche, alte liſpelnde und tänzelnde Schäfermädchen mit ihren flatternden Roſabän⸗ dern— erinnere ich mich doch noch des erſten Abends, wo ſie ſogleich ihre großen blöden Augen aufriß, um ihn mit ſüßen Blicken anzuſchmachten, wo ſie immer ihre faden Worte an ihn richtete, während ich doch deutlich bemerkte, wie ſehr ihm meine ernſte Erſcheinung imponirte, und wie viel lieber er ſich mit mir in eine vernünftige Unter⸗ haltung eingelaſſen hätte. Hat ſie doch ſeit den Tagen der Kindheit immer dieß gleiche Spiel getrieben, ſich vor⸗ gedrängt, ſich unberufener Weiſe eingemiſcht und damals ſchon verſucht, durch ihr läppiſches Weſen, durch ihre auf⸗ fallenden Toiletten Herzen zu fangen und an ſich zu ziehen, ſobald ſie bemerkte, daß dieſe Herzen anfingen für mich mit ſanfter Glut zu ſchlagen.“ — 110— Tante Aurelie dachte Aehnliches und ſprach es auch wohl halblaut vor ſich hin, als ſie nach jener Szene im Wohnzimmer wieder allein in ihrem Kabinete war, und nachdem ſie ſich von der Impertinenz ihres Bruders wie⸗ der ſoweit erholt hatte, um ihre heftigen Gedanken durch Harfenklänge melodramatiſch begleiten zu können. „Oft genug— davon bin ich überzeugt— hat er mich hier oben ſpielen hören, und würde ſich gewiß ein Vergnügen daraus gemacht haben, eben ſo gern bei mir einzutreten, als dort in das roſenfarbige Boudoir, wenn jene Schlange nicht geweſen wäre, die ihn davon zurück⸗ zuhalten wußte, indem ſie mich als eine überſpannte, als eine lächerliche, phantaſtiſche Schwärmerin darſtellte— wäre ich damals nur nicht ſo unverantwortlich edel ge⸗ weſen, als ich zufällig durch die Thürſpalte jenen jungen Tapezierergeſellen zu ihren Füßen ſah— aber warte nur, Schändliche, auch Dich wird Dein Schickſal ereilen, auch Du ſollſt noch entlarvt vor mir und den Andern ſtehen!“ Es waren ein paar mächtige dröhnende Alkorde, welche dieſe Ergüſſe ſchweſterlicher Zärtlichkeit ſchloſſen, dann lehnte Tante Aurelie das Inſtrument in einen Winkel, ſich ſelbſt aber an's Fenſter, und brach in ein krampfhaftes, hyſteriſches Lachen aus. Uebrigens hatte Seraphine nicht klug daran gehandelt, — 111— ſich bei ihrer Schweſter durch die oben beſchriebene Art noch in eine ſehr unangenehme Erinnerung zu bringen, denn im andern Falle hätte es Aurelie vielleicht weniger gekümmert, wo jene ſei und ſich hingewendet, während ſie jetzt auf's Emſigſte nachforſchte, welchen Weg die Schlange genommen, um es auch recht bald zu erfahren, daß das heuchleriſche Schäfermädchen mit dem Schnell⸗ zuge nach Perlenbach abgereist ſei. Und dieſe Spur war richtig, obgleich Seraphine Alles gethan hatte, um dieſelbe dadurch zu verwiſchen, daß ſie von dem Bedienten ihres Bruders, der ſie an die Eiſen⸗ bahn begleitet hatte, ein Billet nach der entgegengeſetzten Richtung nehmen ließ, und erſt als ſie dieſen im Warte⸗ ſaal mit den herzlichſten Grüßen für ⸗Alle zu Hauſe ent⸗ laſſen, nochmals an den Schalter ging und ſich einen Platz erſter Klaſſe nach Perlenbach kaufte. Es war nicht Eitelkeit, was ſie in die erſte Klaſſe trieb, auch that ſie es nicht in ſüßträumeriſcher Ahnung bei dem Gedanken, was ſie vielleicht einer ſpäteren Frau von Roſenthal ſchuldig ſei; hatte ſie je zuweilen ähnliche Phantaſieen, ſo pflegte ſie dieſelben in jung⸗ fräulicher Scham, mit aufgehobener Hand von ſich ab⸗ zuweiſen und dazu zu flüſtern:—„Bitte, bitte— nicht ſo— nicht ſo.“ Nein, es war gewiß keine Eitelkeit, eine erſte Klaſſe —e zu nehmen, ſondern das Bedürfniß, mit ihren Gedanken allein zu ſein, und auch die Furcht, in der zweiten Klaſſe vielleicht mit Jemand zuſammenzukommen, der ſie freund⸗ ſchaftlich nach Zweck und Ziel ihrer Reiſe befragte; und als ſie nun ſo in den weichen Sammetkiſſen ſaß, unter ihren Füßen einen warmen, mit feinem Teppich überzogenen Rechaud, als ſie ſich behaglich in ihren mit Pelz gefütterten Mantel wickelte, und als nun der Kon⸗ dukteur erſchien, zwei Finger der rechten Hand an die Mütze legend, und um das Billet der gnädigen Frau bat, da lächelte ſie, nachdem der höfliche Beamte ſich ent⸗ fernt, freundlich in ſich hinein, und hatte gleich darauf volle Urſache, ſich ſelbſt wieder einmal zuzuflüſtern: „Bitte, bitte— nicht ſo— nicht ſo.“ Doch konnte ſie ſich heute weniger als je ähn⸗ licher Phantaſieen entſchlagen, was Jeder, der ein fühlendes Herz im Buſen trägt, begreiflich finden wird; hatte ſie doch ihre Heimat, ihr elterliches Haus ver⸗ laſſen, um ihm zu folgen— ihm, der ſich im Unglücke befand, der vielleicht mit halb geſchloſſenen und halb ge⸗ brochenen Augen auf einem ärmlichen Lager ruhte— um an dieſes Lager zu treten, ja, um nach Befund der Um⸗ ſtände vor dieſes Lager hinzuknieen, ſeine feine, kalte Hand zu erfaſſen, ſie mit Thränen zu benetzen und ihm zu ſagen:„Sieh, da bin ich— die Macht der Liebe riß — 113— mich zu Dir hin, ich habe Alles verlaſſen, um Dir zu folgen, um in Deiner Pflege glücklich zu ſein, um die bitterſte Arznei mit Dir zu theilen, um Dein Kopfkiſſen ſanft aufzuſchütteln mit der einen Hand, während ich mit der andern Dein liebes, müdes Haupt unterſtütze, und ſelig ſein werde durch einen dankbaren Blick aus Deinen ſchönen, dunklen Augen.“ Ja, Tante Seraphine war ganz Königin von Golkonda, was man auf der Eiſenbahn ſo leicht werden kann, wenn unſere Gedanken bei dem takt⸗ mäßigen Raſſeln der Räder anfangen mit unſerem Ver⸗ ſtande durchzugehen— ſein Herz mußte gerührt werden von dieſen Beweiſen aufopfernder Liebe, und wenn ſie nicht ganz falſch geleſen hatte zwiſchen den letzten Zeilen, welche er ihr geſchrieben, ſo mußte er ſie an ſein Herz ziehen und mußte ihr zuflüſtern:„Laß uns Alles thun, meine Geliebte, um ein Glück, das vor uns herumgaukelt, feſtzuhalten, ſei mein Weib und willige ein, jetzt gleich durch unauflösliche Bande mit mir auf ewig vereinigt zu werden!“ Ja, ſie willigte ein, und der gefällige Arzt beſorgte das Uebrige, beſchwichtigte auch die vielleicht gerechten Bedenken des herbeigerufenen Geiſtlichen, und nachdem ſie die nothwendige Toilette gemacht— wir dürfen hier nicht verſchweigen, daß ſich Tante Seraphine für dieſen Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 8 möglichen Fall mit allem Nöthigen verſehen hatte— da trat ſie im bräutlichen Myrtenkranz an ſein Lager, da faltete der Arzt gerührt die Hände, da räuſperte ſich der Geiſtliche ſanft, wie es ſich Eingangs eines ſolch' feier— lichen Aktes geziemt, da—— pfiff die Lokomotive ſo gellend und durchdringend, daß Tante Seraphine aus ihren ſüßen Träumen erſchreckt emporfuhr. Es war allerdings nur das Zeichen geweſen, daß der Zug bei einer Zwiſchenſtation anhielt, aber es ſchmerzte ſie doch, daß ſie nicht im Stande geweſen war, das ganze ſelige Bild vollends auszudenken; dahin flatterten die goldenen Träume, Myrtenkranz, Arzt und Geiſtlicher, und das Lager, auf dem er ruhte, löste ſich in Nebel auf, und ſeine edlen Züge verſchwanden, um Platz zu machen all' den langweiligen Geſichtern, die wie eingeſperrte wilde Thiere jetzt hinter den Glasthüren des Bahnhofgebäudes erſchienen, dann wurden dieſe geöffnet und die Reiſenden ſtrömten eilfertig herbei, um ſich in den verſchiedenen Wagen zu vertheilen; auch von den Paſſagieren, die ſich im Zuge befanden, liefen welche auf und ab, um friſche Luft zu ſchöpfen und ſich die ſteifgewordenen Glieder gelenkig zu machen— lauter Fremde für Seraphine— lauter Unbekannte. Da mit einem Male warf ſie ſich haſtig in die Ecke ihres Wagens zurück— hatte ſie recht geſehen?— war 115— er es wirklich, der dort auf dem Perron langſam vorbei⸗ ſchlich und mit ſcheuem Blick in ihren Wagen geſpäht hatte?— Herr des Himmels, wenn er es wirklich war, und wenn er ſich nicht nur zufällig hier befand!— Jetzt, in der Nähe der Lokomotive, wandte er ſich wieder um und kam den Weg zurück; eine dünne Geſtalt mit langen blonden Haaren, einem blaſſen, eingefallenen Geſichte und ſehr lebhaften, unruhigen Augen, bekleidet mit einem dunkelblauen Rock und mit hellgelben Handſchuhen an den Händen. Ja, er war es, und was ihr wahrhaftes Grauen erregte, er ſchien nicht zufällig hier zu ſein, denn als er abermals in die Nähe des Wagens kam, tänzelte er mit auffallenden Bewegungen vorüber und ſtarrte in den Wagen hinein mit einem Lächeln, welches zu ſagen ſchien: „O, verſtecke Dich nur, wie Du willſt, wer Dich ſucht, wird Dich ſchon finden!“ und noch nicht genug damit, obgleich ſchon das zweite Zeichen gegeben war, blieb er an der Thüre der Reſtauration ſtehen, zog ein Band von rother Farbe aus der Taſche und drückte es an ſei⸗ nen Mund—— ſie ſah im Geiſte das Furchtbarſte kommen, was für ſie wohl kommen konnte, ihn nämlich bei dem dritten Zeichen an ihre Wagenthür ſtürzen und hereinſpringen. Doch nein, jetzt lärmte abermals die Bahnhofglocke, worauf er vergnügt lächelnd in langſamen Schritten zur Seite verſchwand. 1 Das Alles hatte ſie geſehen durch eine feine Spalte zwiſchen Fenſter und Vorhang, hatte ihn ſo deutlich ge⸗ ſehen und erkannt, daß kein Zweifel in ihrer geängſtigten Seele aufkommen konnte, und als ſich nun der Zug wie⸗ der in Bewegung ſetzte, ließ ſie ihr Haupt in die Kiſſen zurückſinken, den Buſen erfüllt von einem unausſprechlich widerwärtigen Gefühle. Nur die Hoffnung oder der Gedanke an die Mög⸗ lichkeit, daß Jener ſich zufällig in dem Zuge befand und ſie eben ſo zufällig entdeckt hatte, war im Stande, ſie einigermaßen zu tröſten; denn in dem Falle konnte ſie annehmen, er werde ſeine Reiſe ruhig fortſetzen, ſelbſt wenn ſie in Perlenbach den Zug verließ, ja er fühlte ſich vielleicht dadurch beruhigt, daß er im Stande geweſen ſei, ihr vermittelſt der rothen Schleife noch einmal ſeine Gefühle pantomimiſch auszudrücken. „—— Seine Gefühle,“ rief Tante Seraphine in⸗ dignirt, indem ſie die dünnen Lippen aufeinander biß und unmuthig mit dem Fuße ſtampfte,„die Gefühle oder Empfindungen eines ſolch' verrückten Ungethüms— ach, ich Unglückſelige,“ ſetzte ſie mit gerungenen Händen hinzu,„ſoll ich denn ein Spielball ſein der Leiden⸗ 8 ſchaften zugleich eines der edelſten Menſchen und eines — 117— Subjektes, welches in's Irrenhaus gehört, aber nicht unter freie Menſchen auf einer Eiſenbahn, und ſo im Stande, alles mögliche Unheil anzurichten?“ „Bſt—“ machte es auf einmal irgendwo in ihrem Wagen, unverkennbar deutlich, das Zeichen, wie man es zu geben pflegt, wenn man aus einem Verſteck heraus die Aufmerkſamkeit irgend Jemandes zu erregen wünſcht.— „—— Bſt, bſt——“ Seraphine ſchaute entſetzt um ſich her, in dem Coupé, wo ſie ſich befand, war Niemand zu ſehen, die gnädige Frau war, Dank einem geſpendeten reichlichen Trink⸗ gelde, von dem freundlichen Schaffner allein gelaſſen worden, ja ſie wußte genau, daß ſie ſich in dem ganzen Wagen allein befand, da auch die zweite Klaſſe neben ihr unbeſetzt war, weil dieſer Wagen des Schnellzuges in Perlenbach zurückbleiben ſollte. „Bſt, bſt—“ Sie blickte mit einem unausſprechlich bangen Gefühle um ſich her, ſie ſchaute unter die Bänke, ſie blickte durch die zugezogenen Scheiben auf das Trittbrett zu beiden Seiten des Wagens, ſie bemerkte nichts Verdächtiges; ſie hob Reiſetaſche und Plaid, welche vor ihr auf der andern Bank lagen, empor, um darunter zu ſehen, obgleich der Gedanke lächerlich war, als könnte ſich dort Jemand ver⸗ borgen haben. — 118— „Bſt, bſt—⸗ Sie richtete ihre Blicke gegen die Decke des Wagens, ſowie an die Wand, gegen welche ſie mit dem Rücken ſaß, und bemerkte zu ihrem Entſetzen jetzt dort, wo die Laterne eingefügt war, ein langes, ſchmal zuſammen⸗ gefaltetes Papier, das ſich auf auffallende Weiſe hin und her bewegte. „Bſt, bſt—⸗ Jetzt fiel das Papier herunter und blieb an ihrer Seite auf dem Sitze liegen. Daſſelbe mit Indignation ergreifend, um es ſogleich zum Wagen hinauszuwerfen, war ihr erſter Gedanke, dem aber ein Augenblick der Ueberlegung auf dem Fuße folgte und ihr zuflüſterte: So gewiß als jener ſchreck⸗ liche Menſch dieß Papier für ſie beſtimmt habe, eben ſo ſicher werde er ein zweites nachſenden, oder ſonſt einen Schritt thun, ſich ihr zu nähern, vielleicht einen ganz kompromittirenden, wenn er das Blatt aus dem Wagen⸗ fenſter flattern ſehe. Wer konnte überhaupt wiſſen, was daſſelbe enthielte, vielleicht irgend eine lächerliche Schwärmerei, eine kindiſche Dummheit, am Ende gar einen poetiſchen Abſchied von ihr, den er verfaßt und ihr zugeſtellt, vielleicht im Begriff, in die weite Welt zu gehen— ach, wenn es ſo wäre, ſie würde ſich glücklich gefühlt haben, ſie hätte ihm jene ab⸗ — 119 ſcheuliche Szene beim Tapezieren ihres roſafarbenen Bou⸗ doirs verziehen, ja ſie hätte es vielleicht über ſich ver⸗ mocht, ſeinen ehrfurchtsvollen Abſchied mit einem nicht unfreundlichen Gruße zu erwiedern! Im Grunde ge⸗ nommen, was konnte jenes unglückliche Geſchöpf dafür, jenes traurige Weſen, in deſſen Kopf es nicht ganz richtig war, daß ihr Anblick ſeine armen Sinne noch mehr ver⸗ wirrt hatte— immerhin war es ein Menſch, mit dem man Mitleid fühlen konnte; und da des Weibes zartes Herz ſtets ſo geneigt iſt, Mitleid zu fühlen, ſo entfaltete Seraphine denn auch das Blatt und las die mit Blei⸗ ſtift gekritzelten Worte:„Scharf ſieht die Liebe— ja die Liebe ſieht ſcharf— ſie verſteht es, Winke und Hand⸗ lungen zuſammenzureihen und ſich daraus entzückende Gewißheit zu verſchaffen.“ Unterſchrieben waren dieſe verrückten Zeilen:„ER, der Dir bis an's Ende der Welt folgt, und den günſtigen Augenblick nicht verſäumen wird, zu Deinen Füßen niederzufallen.“ Das las ſie mit ſteigendem und ſehr begreiflichem Entſetzen; das Schlimmſte, was ſie befürchten konnte, war dadurch zur Gewißheit geworden, ja ſie konnte nicht länger im Zweifel bleiben, daß er ihr abſichtlich hier und dort begegnet war, daß er ihre Schritte umſpäht hatte, ihre verächtlichen Blicke, ihr Abwenden aber niemals ver⸗ ſtanden, ja, daß ſein wirrer Geiſt ihre heute Nachmittag plötzlich und heimlich veränderte Reiſeroute auf's Furcht⸗ barſte zu ſeinen Gunſten gedeutet, und daß er nun hinter ihr in demſelben Wagen ſich befand, und wie es ſchien entſchloſſen, in Perlenbach ebenfalls die Eiſenbahn zu verlaſſen. Was ihr früher ſo angenehm erſchienen war, daß nämlich der Wagen, in dem ſie ſich befand, in Perlen⸗ bach zurückbleiben ſollte, war jetzt für ſie ſo unglücklich als möglich, denn ſonſt hätte ſie ſitzen bleiben können, ſich den freundlichen Kondukteur zum Vertrauten machen, um erſt im letzten Augenblick das Coupé zu verlaſſen, und dadurch vielleicht jenen fürchterlichen Menſchen zu vermögen, ſeine Fahrt fortzuſetzen. Seraphine war rathlos— troſtlos; ſo ſehr ſie auch bis jetzt das Ende der Fahrt herbeigewünſcht, ſo ſchau⸗ derte ſie jetzt bei dem Dahinraſen der Lokomotive, ſo häufte ſich bei jeder zurückgelegten Station eine immer größere Laſt auf ihre geängſtigte Seele und preßte ihr ſchmerzliche Thränen aus; ſo war ſie nicht im Stande, einen ruhigen Gedanken darüber zu faſſen, was hier zu thun ſei, und ſo erſchien es ihr endlich als das einzig Richtige, ſich dem artigen Kondukteur anzuvertrauen, welcher in dieſem Augenblicke, als der Zug gerade an der letzten Zwiſchenſtation vor Perlenbach vorbeiſauste, vor dem Fenſter erſchien und um das Billet bat. Zwei — 121— Worte genügten, um ihn in das Coupé ſteigen zu machen, deſſen Schlag er hinter ſich zuzog und nicht wenig erſtaunt war, die Dame hier mit thränenden Augen zu erblicken und zu gleicher Zeit in ſeiner Hand die angenehme Empfindung eines harten Geldſtücks zu fühlen. Mit wenigen Worten, in denen Dichtung und Wahr⸗ heit vermiſcht war, hatte ihm Seraphine ihre peinliche Lage mitgetheilt, worauf der freundliche Beamte, der ge⸗ wiß ſchon Aehnliches erlebt hatte, ein ſehr einfaches Aus⸗ kunftsmittel vorſchlug, um den Ueberläſtigen von ihrer Spur abzubringen, und ſich alsdann nach gehöriger Ver⸗ abredung raſch wieder entfernte. Da kam die gefürchtete Station Perlenbach, und wenn auch Tante Seraphine alles Vertrauen ſetzte in ihren Erretter, den Kondukteur, ſo klopfte doch ihr Herz ge⸗ waltig, als der Zug hielt, und als ſie ſah, wie jener ent⸗ ſetzliche Menſch an ihrem Wagen vorübereilte, und ſich gerade demſelben gegenüber auf dem Perron aufpflanzte. Kaum wagte ſie ihr Coupé zu verlaſſen, und nur die Gegenwart des Kondukteurs, der ihr beim Ausſteigen zuflüſterte:„Alles ſei in Ordnung,“ und der auch neben ihr ſtehen blieb, Plaid und Nachtſack haltend, vermochte ſie der nächſten Viertelſtunde mit einiger Faſſung ent⸗ gegenzuſehen. Peinlich für ſie war es, daß ſich hier der Aufenthalt durch Abhängen des Wagens und Zuſammen⸗ ſchieben des Zuges noch verlängerte, und die Minuten däuchten ihr Stunden zu ſein. Dort— keine zehn Schritte von ihr— ſtand jener Menſch mit dem eingefallenen, bleichen Geſicht, die großen, eigenthümlich leuchtenden Augen feſt auf ſie gerichtet, zuweilen ſonderbar lächelnd, zuweilen die Lippen bewegend. Trotz ihrer Angſt hatte ſie ſich nicht enthalten können, einen ſcheuen Blick auf ihn zu werfen, dazu angetrieben von der Furcht, er möchte plötzlich wahr machen, was er ihr in jenen Zeilen an⸗ gedroht, und hier vor aller Welt zu ihren Füßen nieder⸗ ſtürzen. Endlich war der Zug gerichtet, und nun riß der freundliche Kondukteur mit auffallend großer Bewegung den Wagenſchlag einer erſten Klaſſe auf und erſuchte die Dame, zur weitern Fahrt nach Straßburg und Paris einzuſteigen. Die Glocke lärmte zum letzten Zeichen, die ausgeſtiegenen Paſſagiere drängten nach ihren Plätzen zurück, und mit ihnen ſprang der bleiche, junge Menſch, welcher bis jetzt regungslos auf dem Perron geſtanden, gegen das Coupé, in dem Seraphine ſaß. „Wohin, wenn's beliebt?“ fragte der Kondukteur im barſcheſten ſeiner Töne. „Nach Straßburg, Paris, mir gleichviel.“ „Zweite Klaſſe?— im nächſten Wagen.“ — 123— „Ich könnte auch erſter Klaſſe fahren, meine Mittel geſtatten mir das!“ „Auch dann weiter zurück, die Dame hier hat dieß Coupé ganz allein für ſich genommen!“ „Ahl“ „Aber wenn Sie mit wollen, iſt es die höchſte Zeit, haben Sie ſchon ein Billet?“ „Nein, ich kann es ja wohl während der Fahrt nehmen.“ „Gut, und ich will Ihnen das beſorgen, aber machen Sie, daß Sie in einen Wagen kommen, oder Sie bleiben zurück!“ „O, nie, nie!“ hörte man den jungen, blaſſen Men⸗ ſchen raſch rufen, und ſah ihn hierauf zurückeilen, um ſich noch in einen Wagen hineinzuſchwingen, als ſchon die Lokomotive mit einem gellenden Pfiff ihre Bereit⸗ willigkeit erklärt hatte, den wilden Lauf auf den eiſernen Schienen wieder zu beginnen. Und Seraphine?— Der freundliche Kondukteur hatte ſeinem Verſprechen gemäß einen unbeſchäftigten Weichenwärter gehörig in⸗ ſtruirt, und eine Sekunde vorher, ehe ſich der Zug wie⸗ der in Bewegung ſetzte, öffnete dieſer die Thüre auf der andern Seite des Coupés und hob Seraphine ſammt Reiſetaſche und Plaid ſanft aus dem Wagen. — 124— Faſt hätte es aber noch ein großes Unglück ge⸗ geben, denn als der Zug nun bei ihr vorüberfuhr, ſah man plötzlich ein bleiches Geſicht mit weit aufge⸗ riſſenen, ſtarren Augen an einer der Fenſteröffnungen er⸗ ſcheinen, bemerkte einen jungen Mann, welcher von den Mitreiſenden und dem herbeigeeilten Kondukteur gewalt⸗ ſam zurückgehalten werden mußte, ſich nicht aus dem Wagen zu ſtürzen. 3 Furchtbarer Augenblick für Seraphine— da ſtand ſie bebend vor Angſt in dem Gedanken, es möge vielleicht nicht gelingen, jenen entſetzlichen Menſchen zurückzuhalten, er flöge in der nächſten Sekunde aus der Wagenreihe heraus, um ſich ſeinen Kopf auf dem Boden zu zer⸗ 3 ſchmettern, oder der Zug würde halten, den Verrückten auszuſetzen, was noch ſchlimmer geweſen wäre. Gliück⸗ licherweiſe geſchah nichts von alledem; die Lokomotive ſtieß geräuſchvoll ihren Dampf in immer kürzeren Pauſen aus, die Räder drehten ſich mit immer größerer Schnellig⸗ keit um ihre Achſe, und es dauerte wenige Minuten, ſo verſchwand der Zug, eine weite Kurve beſchreibend, in einem tiefen Terraineinſchnitt. Jetzt erſt that Seraphine einen langen, erleichternden Athemzug und ließ ſich von dem gefälligen Weichenwärter über die Schienenſtränge nach dem Bahnhofe führen, wo ſie ihren Reiſekoffer fand, und wo auch kurze Zeit — 125— darauf ein guter Wagen bereit war, um ſie nach Moor⸗ feld zu führen. Es verurſachte ihr eine angenehme Empfindung, daß dieſer Wagen eine halbgedeckte Kaleſche war, was ihr er⸗ laubte, die Gegend zu überſchauen und den Ort zu ſehen, an welchen denkend ſie ſich jetzt noch eines leichten Schauers nicht erwehren konnte,— jene Stelle, wo Roſenthal ge⸗ kämpft hatte und gefallen war, wo man— entſetzliches Bild— vielleicht jetzt noch Spuren ſeines theuren Blutes entdecken konnte. Da die Straße aufwärts führte, ſo gingen die Pferde „langſam, und der Poſtillon— Seraphine hatte Extra⸗ poſt genommen— ſetzte ſich quer auf ſeinen Sitz und ſchien nicht abgeneigt zu ſein, ſich von der Dame ein freundliches Wort gefallen zu laſſen, ja, welches er da⸗ durch einzuleiten verſuchte, daß er ſagte:„Heute iſt der Weg nach Moorfeld durch den vielen Regen der letzten Tage etwas durchweicht und ſchlecht, ſonſt würden wir früher hinkommen, ſo aber wird es ſchon dunkel werden, und Sie haben nur zu befehlen, wenn ich die Laternen anzünden ſoll.“ „Ganz nach Ihrem Belieben,“ entgegnete Seraphine in gütigem Tone,„ſobald Sie es für nöthig halten.“ „Na, nöthig iſt es gerade nicht, denn ich kenne den Weg wie meine Taſche!“ — 126— „Geht es viel aufwärts?“ „So ſtark wie jetzt nur bis zu dem kleinen See auf der Höhe dort rechts, wo Sie die Bäume ſehen!“ „Ach ja, der kleine See!“ „Kennen ihn Euer Gnaden?“ „Ich habe von ihm gehört— neulich— ſoll ja da oben etwas paſſirt ſein?“ „Ah, ja, zwiſchen jenen Herren aus der Stadt; es iſt das beſſer abgelaufen, als wir gedacht.“ „Wart Ihr dabei, mein Freund?“ „Freilich war ich dabei, ich fuhr den Reiſewagen des einen Herrn, der es am meiſten abgekriegt, für deſſen Leben, als er auf ſeinem Pelz am Boden lag, ich keinen Pfifferling gegeben hätte, der ja auch, wie der Doktor ſagte, ‚maustodt ſeie, und der doch wieder in's Leben kam.“ „Auf welche Art kam er denn wieder in's Leben?“ „Ja, Euer Gnaden, wer das wüßte; wir hatten ihn für todt in ſeine Equipage getragen, und ich ließ meine Pferde in ſo langſamem Schritt gehen, als führte ich einen Leichenwagen; da kam plötzlich eine andere Extrapoſt hinter uns, die ich vorbeiließ, es war ein alter Herr mit einer jungen Dame darin, und als ich mich nach ihnen umwandte, ſehe ich meinen eigenen todten Paſſagier zum Schlage herausſchauen und den andern Herrn, der vor⸗ — 127— beifuhr, begrüßen— ich kann Euer Gnaden ſchon ver⸗ ſichern, daß mir dabei ein eigenthümliches Gruſeln den Rücken hinabgefahren iſt, und daß ich froh war, als ich ihn endlich in Moorfeld bei dem Doktor Flinder abge⸗ liefert hatte— jetzt ſoll es ihm ſchon wieder ganz vor— trefflich gehen.“ „Wer iſt der Doktor Flinder?“ „Ah, das iſt ein Arzt, den die Kranken von weither um ſeinen Rath fragen, und der auch faſt immer welche bei ſich behält, die er verpflegt— ſehen Euer Gnaden,“ fuhr der Kutſcher nach einer Pauſe fort, indem er ſich etwas erhob und mit der Spitze der Peitſche auf eine Bodenvertiefung wies,„dort lag der Herr auf ſeinem Pelz, und bei der Biegung der Straße kommen wir an die Stelle, wo ſein Reiſewagen hielt.“ Wie gern wäre Seraphine, dem Drange ihres Herzens folgend, hier einen Augenblick ausgeſtiegen, um ein paar der kümmerlichen Gräſer zu pflücken, die unter jener theu⸗ ren Laſt zuſammengedrückt worden waren— o, wie gern! Aber ſie mußte ſich bezwingen, ſie durfte und wollte ja nichts verrathen von den Gefühlen, die ihre Seele bewegten. — Deßhalb mit verhülltem Antlitz vorbei, vorbei, hinter ſich laſſend jene Stätte, wo der Tod ſo nahe an ihn herangetreten war, entgegen einem neuen und gewiß ſchönen und liebereichen Leben! 9 „Wohin fahr' ich Euer Gnaden?“ unterbrach des Roſſelenkers rauhe Stimme nach einiger Zeit dieſe und ähnliche ſüße Träume der ältlichen Jungfrau—„wir haben in Moorfeld an reſpektablen Gaſthäuſern die goldene Katze’ und den ‚blauen Bocke!“ „Beides recht proſaiſche Namen“— Seraphine ent⸗ ſchied ſich nach einigem Zögern für den ‚blauen Bocke, und befand ſich eine halbe Stunde ſpäter dort in der beſten Stube des Hauſes, wie es ſich für eine Reiſende gebührte, die in einer Extrapoſt gekommen war und dem Poſtillon ein ſo reichliches Trinkgeld gegeben hatte. Der ‚blaue Bock wurde durch eine verwittwete Wirthin regiert, was für Seraphine inſofern angenehm war, als es weniger Schwierigkeit bot, von einer Frau, welche am andern Morgen ſelbſt den Kaffee ſervirte, etwas Näheres zu erfahren über das Haus des Doktor Flinder und deſſen Bewohner. Ja, er befand ſich dort und es ging ihm entſchieden beſſer, wie Seraphine von der Wirthin erfuhr, welche in dieſem ſpeziellen Falle großen Antheil nahm an dem intereſſanten blaſſen Verwundeten mit dem kohlſchwarzen Bart und den leuchtenden Augen. Sie ſelbſt hatte ihn begreiflicher Weiſe nicht geſehen, aber von einer Nach⸗ barin ſchildern hören, die ihn ebenfalls nicht geſehen hatte, aber durch die dritte und vierte Hand allerlei Merk⸗ würdiges über ihn gehört, was aus einer ganz ſichern Quelle ſtammte, von des Arztes Köchin nämlich. „Ach, er iſt mir ſo nah!“ jauchzte es in Tante Seraphinens Buſen, und unter dieſem Gefühle hätte ſie gern dem Doktor Flinder in der nächſten nur eben ſchick⸗ lichen Zeit ihren Beſuch gemacht, doch hatte ihr die Wir⸗ thin geſagt, daß er vor einer Stunde am Hauſe vorüber⸗ geritten ſei, und kaum ſchwerlich vor Mittag zurückkehren würde; auch mußte ja der Arzt vorher von ihrer An⸗ kunft unterrichtet ſein, ſie in's Geheime empfangen, und ihr einen Weg in's Haus offenbaren, auf welchem es gar keine Möglichkeit war— ihm— zu begegnen; wenn auch ein freudiger Schreck nicht zu tödten pflegt, ſo konnte doch die Ueberraſchung, ſie in ſeiner Nähe zu wiſſen, möglicher Weiſe zu aufregend auf— ihn— einwirken. Zu dieſer Unterredung mit Doktor Flinder wurde alſo der angedeutete Weg zur Köchin des Hauſes eingeſchlagen; dieſe berichtete an die alte Haushälterin, und als der Doktor kurz vor ſeinem Mittageſſen vom Pferde ſtieg, wurde ihm dieſer durchaus nicht ungewöhnliche Fall vor⸗ getragen, worauf er die fremde Dame um eine Unter⸗ redung auf drei Uhr Nachmittags bitten ließ; ihn bei ſich im„blauen Bock“ zu empfangen, hatte Seraphine entſchieden abgelehnt, der Gedanke war ihr zu ſüß, ſo Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 9 — 130— bald als möglich in ſeine Nähe eilen zu können, und dann vielleicht an der Hand des von ſo aufopfernder Liebe gewiß gerührten Arztes vor ihn hintreten zu können — welch' ergreifende Szene des Wiederſehens! Wird es eine unſerer gefühlvollen Leſerinnen unbe⸗ greiflich finden, daß es Tante Seraphine nicht vermochte, ruhig in den engen Räumen des„blauen Bockes“ zu bleiben, ſondern daß ſie ſich vielmehr auf den Weg machte, um wenigſtens von Weitem das Haus zu ſehen, in welchem er weilte, das gewiß verhüllte Fenſter, hinter welchem er ſich befand? Bald hatte ſie auch nach der Beſchreibung der Wirthin das hübſche Landhaus gefunden, und umſchlich es allerdings in einem ſehr weiten Kreiſe, wobei ſie ſich in Vermuthungen erging, in welchem Theile des Hauſes er ſich befände; dann war ſie zurückgekehrt, und hatte es nicht begreifen können, wie heute die Stun⸗ den mit einer ſo unerträglichen Langſamkeit davonſchlichen, dann war es aber trotzdem endlich halb drei Uhr gewor⸗ den, und ſie trat zum zweiten Male, und jetzt in einer ziemlichen Aufregung, ihren Weg nach dem Hauſe des Arztes an. Dieſer hatte ihr die hintere Seite deſſelben bezeich⸗ nen laſſen, wo ſie ihrem Wunſche gemäß, ohne geſehen zu werden, eintreten könne, und wurde Seraphine hier von der alten Haushälterin empfangen und in das Sprech⸗ — 131— zimmer des Arztes zu ebener Erde geführt. Ach, hätte ſie ahnen können, daß auf dem Wege dahin ihr Gewand die Thüre ſtreifte, hinter welcher ſich Herr von Roſenthal befand, ſo würden ihre Kniee, in denen ſie ſchon jetzt eine unerklärliche Schwäche fühlte, ſie kaum zu tragen ver⸗ mocht haben— ruhig, Herz, klopfe nicht ſo wild und ſtürmiſch, wenn auch der große Augenblick einer gewiß glücklichen Entſcheidung naht! Wie angenehm war es für Seraphine, daß ſie jetzt in dem Doktor Flinder eine ſo wohlwollende, freundliche Perſönlichkeit traf, der ſie mit einem herzlichen Hände⸗ druck empfing und ſie erſuchte, ſich in einen bequemen Lehnſtuhl zu ſetzen, während er es nach ſeiner Gewohn⸗ heit vorzog, ſtehend mit ihr zu plaudern! Ja, er hatte deutlich geſagt: zu plaudern, und dann mit einem feinen Lächeln hinzugeſetzt:„Es handelt ſich ja wohl um keine ernſthafte Konſultation, mein verehrtes Fräulein, denn Ihr Ausſehen iſt ſo geſund und vortreff⸗ lich, daß wir es höchſtens mit einer kleinen und leichten Verſtimmung der Nerven zu thun haben.“ „Gewiß, Herr Doktor,“ hauchte Tante Seraphine, „und wenn Sie die eigenthümliche Lage in Betracht ziehen wollen, in der ich mich befinde, ſo werden Sie meine vielleicht etwas aufgeregte Stimmung begreiflich finden.“ „Ja, die Nerven, die Nerven, oder was man ſo zu nennen pflegt, ſind ein ganz eigenthümliches Ding,— aber reden Sie immer darüber, mein Fräulein, es wird Ihnen das eine Erleichterung verſchaffen, und ich da⸗ durch in den Stand geſetzt werden, Ihre Lage klarer zu überſehen.“ Tante Seraphine hatte es ſich nicht ſo ſchwer vor⸗ geſtellt, den Eingang ihrer Eröffnungen zu finden, jetzt aber fühlte ſie ſich trotz des freundlichen Empfanges kaum im Stande, das entſcheidende Wort auszuſprechen, ihre Stimme bebte, ſie blickte vor ſich hin auf den Bo⸗ den, als ſie nun mit leiſer Stimme ſagte:„In Ihrem Hauſe befindet ſich Jemand, Herr Doktor— Jemand, an dem den innigſten Antheil zu nehmen ich berech⸗ tigt bin.“ „Allerdings— ich weiß das,“ entgegnete der Arzt mit einer ſo wenig erſtaunten Miene, daß Seraphine davon hätte überraſcht ſein müſſen, wenn ſie dieſe Miene hätte ſehen können, was ihr aber ihre noch immer nie⸗ dergeſchlagenen Augen nicht geſtatteten; wogegen ſie jetzt eine Erleichterung fühlte bei dem unbefangenen Tone ſeiner Stimme, ja, wobei jetzt plötzlich der entzückende Gedanke in ihr aufſtieg: Roſenthal ſelbſt habe ihrer ſchon erwähnt, und ſein liebendes Herz ihre Ankunft ge⸗ ahnt. — 133— „Ach, Herr Doktor, ſo fühlen Sie, was mich hier⸗ her führt, und begreifen wohl, wie ſchwer es mir wird, darüber zu reden!“ „Gewiß, mein Fräulein, ich fühle das, beſonders bei ſo ganz eigenthümlichen Verhältniſſen— dieſer Jemand iſt in der That hier, und—“ „Erwartet mich— hat meine Ankunft geahnt? O wie glücklich mich das macht!“ „Daß er Ihre Ankunft geahnt, mein verehrtes Fräulein, iſt wohl nicht der richtige Ausdruck,“ antwor⸗ tete Doktor Flinder mit ſanfter Stimme,„er wußte Ihre Ankunft ziemlich genau, und ſprach mir darüber in ſehr lebhaften Ausdrücken.“ Seraphine konnte nicht anders, als eine Hand auf ihr bewegtes Herz drücken, während ſie mit einem dankbaren Blicke zu dem Arzt aufſchaute, der ſie, leicht den Kopf ſchüttelnd, betrachtete, hierauf ſagend:„Es gibt Dinge, mein Fräulein, die einem unbegreiflich erſcheinen, Sie geſtatten mir wohl, daß ich nach meiner Gewohnheit gerade heraus rede: nun denn, daß er Sie erwartete, finde ich begreiflich, wogegen ich es mir nicht zu erklären weiß, wie Sie mit einer ſolchen Sehnſucht dieſer Zuſam⸗ menkunft entgegen ſehen.“ „Sollte er kränker und ſchwächer ſein, als man mir geſagt?“ fragte Seraphine erſchrocken. — 134— „Das gerade nicht, doch finde ich in den ſonſtigen Verhältniſſen etwas, das mir widernatürlich erſcheinen muß.“ „O, er iſt ein edler Mann, Standesunterſchiede weiß er eben ſo gut, wie ich, zu verachten.“ „Ich habe es nicht recht für möglich gehalten,“ ſagte Doktor Flinder mit einem etwas argwöhniſchen Blick; „doch geſchehen in dieſem Leben ſo merkwürdige Dinge, daß man ſich am Ende über das Tollſte nicht mehr wundern darf.“ Seraphine fühlte ſich verletzt durch dieß Wort, doch hatte der Arzt ſo lieb und freundlich mit ihr geſprochen, daß ſie um Alles in der Welt keine Veranlaſſung geben 4 mochte, ihn anders zu ſehen, weßhalb ſie ſich an ſein Herz wandte, indem ſie ſeine Rechte ergriff, innig drückte und ihm dann mit weicher Stimme ſagte:„O gewiß, Sie haben ſelbſt geliebt, und dann wiſſen Sie auch, daß dieß ſelige Gefühl, wo es zwei Herzen verbindet, alle Hinderniſſe zu beſeitigen vermag.“ „Ja, wenn es ſo ausſieht,“ erwiederte der Arzt in einem recht trockenen Tone,„ſo kann ich nicht anders, als Ihren Wünſchen nachgeben.“ „Und wollen mich endlich zu ihm führen— unvor⸗ bereitet?“ „Ohne alle Gefahr, mein Fräulein, doch iſt es gar 1353— nicht einmal nothwendig, Sie zu ihm zu führen, da er ſich dort im Nebenzimmer befindet.“ „Unerhört— ſo hat er vielleicht unſere Unter⸗ redung vernommen, o warum haben Sie mir das nicht geſagt!“ „Geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern,“ verſetzte Doktor Flinder mit einer Stimme, deren Kälte ſehr gut paßte zu ſeinem ausdrucksvollen Achſelzucken—„Sie ſollen ihn ſehen, mein Fräulein, er wird durch jene Thür zu Ihnen eintreten, mir aber geſtatten Sie wohl, daß ich mich zu gleicher Zeit entferne.“ Seraphine ſank in ihren Seſſel zurück, in höchſter 8 Spannung, mit hochklopfendem Herzen, beide Hände vor das Geſicht gepreßt, es erſchien ihr ſo wonnig, den Geliebten erſt zu ſehen, wenn er ſein bleiches Ge⸗ ſicht über ſie neigte, wenn er ſanft ihre Hände in die ſeinigen nahm, wenn er, vielleicht überwältigt von derſank. Sie vernahm, wie die Thür ſich öffnete und wie⸗ der ſchloß, ſie hörte, wie er ſich mit raſchen Schritten näherte, ſie fühlte ſeine umſchlingenden Arme, ſie blickte auf—— ja ſie blickte auf, aber nicht, um mit einem glückſeligen Ausdruck in ſein Geſicht zu ſchauen; ihre Blicke wurden ſtarr, ihre Augen gläſern, die bleichen dieſem großen, ſeligen Augenblicke, zu ihren Füßen nie⸗ I — 136— Lippen ſchloſſen ſich krampfhaft, ſie ſank in eine wirkliche Ohnmacht. „Hat Dich denn das Glück ſo überwältigt?“ hörte man eine dünne, ſüßliche Stimme ſagen, welche nicht die des Herrn von Roſenthal war;„daß ein tiefes Vergeſſen Deine fünf Sinne umfängt— ja ich bin es, in deſſen Herzen Dein Bild, ſeit jenem Augenblicke, wo ich als Vampyr nach Deinem Herzblute lüſtern war, nie mehr aus meiner Erinnerung ſchwand— ich, der Glückliche, der damals Gegenliebe in Deinen ſchönen Augen las— der Deine Blicke und Winke verſtand bei ſtummen Be⸗ gegnungen, der Dir gefolgt iſt, ahnend, daß Du einen Ort ſtiller, ſüßer Vereinigung aufſuchen würdeſt— ich, die arme Seele, welche Deine Klugheit nicht ſogleich ver⸗ ſtehen konnte, als Du geſtern, meine Zeilen auf treuem Herzen, die Eiſenbahn verließeſt, um unſern Verfolger irre zu führen— ich bin es, der Dir durch Nacht und Nebel folgte, der heute Morgen, hinter der Mauer ver⸗ ſteckt, es wohl bemerkte, wie Du, meine Nähe ahnend, dieß ſtille Haus erwählteſt, um mit mir glücklich zu ſein; daß ich Dir vorausgeeilt bin, und mich hier vor Dir ein⸗ fand, um meine ſüße Braut zu erwarten— dieſes gab mir der holde Geiſt der Liebe ein— und ſo liege ich nun hier zu Deinen Füßen— kein blutdürſtiger Vampyr, ſondern ein Liebe ſuchender und glückſeliger Sterblicher.“ —-y — 137— Da löste ſich der Starrkrampf, welcher die unglück⸗ liche Seraphine gefeſſelt hielt, und erlaubte ihr endlich, mit einem gellenden, markdurchbohrenden Schrei um Hülfe zu rufen; auch kam dieſe Hülfe ſo raſch als mög⸗ lich, aber in der für ſie fürchterlichſten Geſtalt, denn durch die Thüre des Nebenzimmers, die Doktor Flinder haſtig aufriß, ſah man Herrn von Roſenthal herbeieilen und nun mit einem ſonderbaren Lächeln auf der Schwelle ſtehen bleiben. Den peinlichen Zuſtand der furchtbaren Spannung Seraphinens, ſowie der Jammergeſtalt zu ihren Füßen, vermochte die Frage des Arztes:„Um des Himmels willen, was iſt hier vorgefallen?“ nicht zu löſen, wohl aber die kalte Bemerkung Roſenthal's:„Ah, ich habe das Glück gehabt, dieſe Dame ſchon einmal in einer ähnlichen Situation zu ſehen,“ worauf er ſich kurz umwandte und verſchwand. Seraphine ſchnellte in die Höhe und ſtand dann da, aufrecht, mit ſteifen Gliedern, die Hände mit den weit auseinander geſpreizten Fingern von ſich abſtreckend, während ſich von ihren bebenden Lippen in kreiſchenden Tönen die Worte lösten:„Weg— weg— Alle weg von mir, ich bin unerhört betrogen und verrathen!“— ſie ſchleuderte einen Blick des tiefſten Haſſes auf den ſich jetzt ſcheu zurückziehenden erſchreckten Tapezierergeſellen, — 138— und glitt dann, ſtarr wie eine Gliederpuppe, in den Seſſel zurück, auf's Neue in halber Bewußtloſigkeit die Augen ſchließend. Wenn auch ihr Erwachen nach wenigen Minuten kein ſo furchtbares war, wie ſoeben— denn Doktor Flin⸗ der hatte dafür geſorgt, daß der Gegenſtand ihres nicht zu mißdeutenden Abſcheues aus der Stube und dem Hauſe entfernt wurde,— ſo blickte ſie doch auch jetzt wieder einigermaßen befremdet um ſich, als ſie außer dem Arzte zwei Perſonen um ſich beſchäftigt ſah, eine ſchöne, ihr unbekannte junge Dame und einen ihr nur zu ſehr bekannten jungen Mann, Herrn von Mittow nänlich, der gerade zur rechten Zeit angekommen war, um bei der Abfertigung des verrückten Tapezierergeſellen aus⸗ giebig zu helfen, und der nun die Erſcheinung der jun⸗ gen ſchönen Dame, welche ſo freundliche Sorge für Seraphine trug, mit nicht geringerem Erſtaunen betrach⸗ tete, als dieſe ſelbſt. Sie hatte ſich um die Ohnmächtige mit ſtark duftendem Waſſer bemüht, ſie daran riechen laſſen, ihr die Schläfe damit gewaſchen, und hielt nun eine der kalten Hände Seraphinens zwiſchen ihren feinen Fingern. „Sie fühlen ſich beſſer,“ ſagte ſie mit einer ſo weich und angenehm klingenden Stimme, daß ſie ſelbſt das verletzte und ſehr zum Mißtrauen geneigte Ge⸗ — 139— müth der ältlichen Dame nicht geradezu unangenehm berührte— wer aber war denn dieſe Hülfebringerin? ſchienen ihre weit geöffneten Augen zu fragen, dieſe plötzliche Erſcheinung mit der Sanftmuth und dem Ge⸗ ſichte eines Engels, wer und was war ſie, hier im Hauſe des Arztes, ſowie in dem Hauſe, in welchem ſich jener verabſcheuungswürdige Verräther, Herr von Roſen⸗ thal, befand? Dieß Mißtrauen, verbunden mit einer plötzlich er⸗ regten heftigen Eiferſucht, von welcher Gemüthsbewegung Tante Seraphine häufig und leicht in Anſpruch genom⸗ men wurde, richteten ihre Nerven raſcher und gründlicher wieder auf, als es alle ſtärkenden Waſſer der ganzen Welt zu thun vermocht hätten, und ihre Frage an den Arzt:„Ich habe wohl die Ehre, Ihre Frau Gemahlin zu ſehen?“ klang nach Alledem, was vorgefallen, mit einer erſtaunenswerthen Feſtigkeit. Doch ſchüttelte Doktor Flinder mit einem eigenthüm⸗ lich ernſten, faſt traurigen Lächeln den Kopf, und da er durch Herrn von Mittow von den ſeltſamen Einbil⸗ dungen und thörichten Wünſchen Tante Seraphinens vor⸗ hin raſch in Kenntniß geſetzt worden, und er auch ein Mann war, welcher, wo das anging, die radikalen Kuren liebte, ſo ſagte er nach einem von Ellen wohl verſtan⸗ denen Blick:„Ich bin nicht ſo glücklich, und kann mir — 140— nur erlauben, Ihnen in jener Dame Frau von Roſenthal vorzuſtellen.“ Das war der dritte und härteſte Schlag, welcher die arme Seraphine traf, ſie aber anſcheinend weniger beugte, als die beiden vorhergegangenen, ja ſie hatte für den Augenblick Kraft genug, der ſchönen jungen Dame ein ſcheinbar freundliches, wenngleich ſehr ſteifes Kompliment zu machen, ſich dann von ihrem Seſſel zu erheben und zu Herrn von Mittow zu ſagen:„Wenn Ihre Anweſenheit hier, wie ich faſt vermuthe, eine an⸗ dere iſt, als eine ganz zufällige, ſo bin ich bereit, Ihnen zu folgen.“ Der junge Dragoner⸗Offizier fühlte wohl, daß ſie ſich nach dieſen Worten feſt auf ſeinen Arm ſtützen mußte, um mit aufrechtem Haupte das Zimmer verlaſſen zu können; auch hatte ſie Kraft genug, dieſe feſte Haltung zu bewahren, bis ſie ſich in dem Wagen des Herrn von Mittow befand, der vor dem„blauen Bock“ hielt, ja bis ſie ſich von der freundlichen Wirthin deſſelben verabſchiedet, dann aber knickte ſie zuſammen, ſchwer und unaufhaltſam, wie eine ſchon entblätterte, über⸗ reife Sonnenblume, deren Stengel ein muthwilliger Knabe gebrochen. ———— Cllen war in dem Zimmer des Arztes geblieben, und ſtand da, ihre beiden Hände auf die Leh⸗ nen des Seſſels geſtützt, während Doktor Flinder in — 141— tiefen und wie es ſchien ernſten Gedanken am Fenſter ſtand und hinausblickte. ——„Ein paar flüchtige Worte, die er mir ſoeben ſagte,“ ſprach Ellen nach einer Pauſe,„laſſen mich ver⸗ muthen, daß er nicht ohne Schuld iſt an der traurigen Szene, die wir ſoeben hier erlebt.“ „Ich zweifle nicht im Geringſten daran!“ „Und nach Allem und Alledem können Sie, der ſich meinen Freund nennt, mir dennoch rathen, dieß— freundliche Haus— dieß trauliche Aſyl zu verlaſſen und ihm zu folgen?“ „Ich ſehe vorderhand keinen andern Ausweg,“ ent⸗ gegnete Doktor Flinder in einem eigenthümlich rauhen Tone;„glauben Sie mir, ich fühle wohl die ſcharfen Dornen Ihres Pfades, und ich würde ſie mir lieber in die eigenen Füße treten, wenn ich für Sie gehen könnte.“ „Alſo keinen andern Ausweg!“ wiederholte Ellen ihre Frage in einem ſanften, traurigen Tone—„ſo will ich denn Ihrem Rath und ihm folgen, hoffentlich nur kurze Zeit, bis ich im Stande bin, ſeinen Weg von dem meinigen für ewig zu trennen— ſo leben Sie denn wohl, mein Freund, mein einziger— lieber Freund!“ „Ei, das klingt ja wie eine ewige Trennung,“ rief — 142— Doktor Flinder in einem ſehr gezwungen heiteren Tone, „und dazu habe ich aber keinesfalls gerathen, wir Beide hielten es bei den obwaltenden Verhältniſſen— Er kommt natürlicher Weiſe nicht in Betracht— für beſſer, A zu ſagen, und wer A ſagt, iſt auch gewöhnlich gezwungen, B, C, D und ſo weiter hinzuzuſetzen—— ehe Sie aber zum W kommen, liebe, theure Ellen,“ fuhr er mit einem unendlich weichen Ton der Stimme fort, indem er raſch auf ſie zutrat und ihre beiden Hände ergriff— „kehren Sie zu mir zurück, und betrachten dieß Haus, Alles, was ich beſitze— mich ſelbſt mit eingeſchloſſen, als Ihr Eigenthum!“ Sie konnte nicht anders, als ihr Haupt auf ſeine Schulter ſinlen zu laſſen, während ſich ihre großen Augen mit Thränen füllten——„und das ſagen Sie mir, nachdem Sie mein ganzes vergangenes Leben kennen?“ „Nachdem ich Ihr Inneres erkannt, Ellen, iſt Ihr ganzes vergangenes Leben eine Lüge, eine wilde Phan⸗ taſie düſterer Träume, die Sie jetzt beim Erwachen nicht mehr ängſtigen dürfen, legen Sie getroſt Ihre Hand in die meinige, in die eines braven, unbeſcholtenen Mannes, und ſeien Sie verſichert, daß Sie dieſen Mann glücklich machen werden,— aber,“ ſetzte er mit einem launigen Lächeln hinzu,„nehmen Sie dieſen meinen Rath nur —— — 143— wie ein letztes, vielleicht ein eiwas herbes Mittel, und ſeien Sie verſichert, daß wenn Sie mich über kurz oder lang wiſſen laſſen, daß Sie ein anderes Glück gefunden, ſo will ich doch den Himmel ſegnen, daß er mir die Seligkeit verſchafft, Sie kennen zu lernen— doch reden wir jetzt nicht mehr darüber— kein Wort weiter, es iſt von dem Sie aber zu jeder Zeit Gebrauch machen können!“ In dieſem Augenblick erſchien Herr von Roſenthal ¹ 4 auf der Schwelle der Thür, den Hut in der Hand, einen dicken, warmen Mantel um ſich geſchlungen. „Ah, Du nimmſt Abſchied,“ ſagte er,„von unſerem theuren Arzt und Freunde?— recht ſo, es iſt auch die höchſte Zeit, denn der Wagen des Grafen Ferrner iſt * ſoeben vorgefahren!“ „Ja, ich nehme Abſchied von einem theuren Freunde — für einige Zeit,“ erwiederte Ellen, und dabei legte ſie ihre beiden Hände auf die Schultern des Arztes und neigte ihre Stirn gegen ihn, ſo daß er ſie mit ſeinen Lippen berühren konnte—„auf Wiederſehen!“ Sie ſchritt, ohne Herrn von Roſenthal anzuſehen, zur Thüre hinaus, und als der Doktor hierauf mit be⸗ * wegter Stimme ſprach:„Ich kann es nicht leugnen, ſie hat es mir in ſeltſamer Weiſe angethan,“ ſagte Jener ein vielleicht bitteres Rezept, das ich Ihnen verſchrieben, — 144— mit einem plötzlich ernſt, faſt düſter gewordenen Blick: „Wie noch Jedem, mit dem ſie in Berührung gekommen iſt— wahrhaftig, ich möchte Den ſchon glücklich ſchätzen, welchem ſie einmal ihre volle Liebe zuwendet— und nun ſage auch ich— auf Wiederſehen!“ Einundzwanzigſtes Kapitel. In der zwanzigſten Wendung, Ruhepunkt für ein krankes Gemüth. Ihre Majeſtät die Königin hatte Migräne, weßhalb Allerhöchſt Dieſelbe bei zuſammengezogenen Fenſtervor⸗ hängen auf einer Chaiſelongue ruhte und für jeden Licht⸗ ſtrahl, für jedes Geräuſch, für jedes nur halblaute Wort ſehr empfindlich war, woher es denn auch kam, daß Frau von Watters in einer Ecke des kleinen Boudoirs ſaß, welches an das Schlafzimmer ſtieß, in dem ſich Ihre Majeſtät befand. Die dienſtthuende Hofdame im zweiten Salon auf der andern Seite hatte ſoeben den Käfig eines pracht⸗ vollen Kakadu mit einer wollenen Decke verhängen laſſen, weil dieß eben ſo unvorſichtige als unehrerbietige Thier Miene machte, ſeinen gelben Federbuſch zu ſträuben, um vielleicht irgend eine Bemerkung von ſich zu geben, oder Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 10 — 146— was noch unpaſſender geweſen wäre, gellend hinauszu⸗ lachen. Die Dienerſchaft vom erſten Kammerlakaien an bis zum Schloßknecht herab, welch' Letzterer vielleicht wartend in einem Korridor ſtand, um nach irgend Ewas in die Schloßapothele geſchickt zu werden, ſchlich mit verhallenem Athem umher, und dabei ſo unhörbar, daß man hätte glauben ſollen, ſie wandelten Alle umher mit dicken Filz⸗ pantoffeln an den Füßen. 4 Der Leibarzt hatte ſchon ein paarmal ſeinen Kopf an der Thüre des Gemaches ſehen laſſen, wo ſich Frau von Watters befand, war aber jedesmal geräuſchlos, wie ein Schatten, wieder verſchwunden, wohl verſtehend die horizontale Bewegung, welche die alte Kammerfrau mit der rechten Hand machte. Ueberhaupt waren Bewegungen und Pantomimen heute Morgen in dieſem Theile des Schloſſes, ſowohl in den Gemächern, als auf den Korridoren und Treppen, ſehr ſtark im Gebrauch, und wenn man die Leute ſo ſtumm hantiren ſah, aber mit ausdrucksvollen Mienen und Geberden, ſo hätte man an die Probe eines großen Ballets erinnert werden können. „Watters,“— flüſterte die Königin, und trotzdem dieß nur wie ein leichter Hauch klang, ſo ſchwebte die Kammerfrau doch gleich darauf an das Lager der Aller⸗ höchſt Leidenden, und beugte ſich tief heroh, um die Worte zu verſtehen—„ich habe abſcheuliche Kopf⸗ ſchmerzen— hat ſich der„Leibmedikus noch nicht ſehen laſſen?“ „Schon ein paarmal, Majeſtät; aber ich habe ihn begreiflicher Weiſe ohne Befehl nicht vorgelaſſen!“ „Wenn er wieder kommt, will ich ihn ſehen!“ „Gut, Majeſtät, aber wollten Sie nicht die Gnade haben und mir erlauben, daß ich nochmals einen friſchen und recht kühlen Eau de Cologne-Umſchlag machen darf?“ „War ſonſt Jemand da?“ fragte die Königin, die Frage der treuen Watters unbeantwortet laſſend, was aus der Hofſprache in's Gewöhnliche überſetzt ungefähr heißen mochte:„Laß mich endlich einmal zufrieden mit Deinem Eau de Cologne, das mir doch nicht hilft!“ „Die Gräfin Pommerhauſen war da, um ſich nach dem Befinden Eurer Majeſtät zu erkundigen, auch ließ Ihre Excellenz die Frau Oberſthofmeiſterin anfragen, ob Sie wohl die Gnade haben könnten, dieſelbe ſpäter zu empfangen.“ „Wie rückſichtslos!— nun?“ „Meine Antwort war: Ich, Eurer Majeſtät Kam⸗ merfrau, ſitze in einem dunklen Winkel des Schlafzimmers und wage kaum zu athmen.““ „Gut, das war deutlich genug, ich danke Dir— alſo Doktor Merker, wenn er kommt!“ Es dauerte hierauf nicht lange, ſo zeigte ſich der Kopf deſſelben abermals zwiſchen der Portière, hinter der Frau von Watters ſaß, worauf dieſe würdige Dame, nachdem ſie zur Vorſicht einen Finger auf den Mund gelegt, ihm ein Zeichen machte, ihr zu folgen. „Setzen Sie ſich, Doktor!“ ſagte die Königin, ſo⸗ bald der Arzt neben ihrem Lager ſtand; worauf dieſer geräuſchlos in einen kleinen Fauteuil niederglitt, dabei flüſternd:„Euer Majeſtät leiden wieder einmal an dieſer furchtbaren Migräne?“ „Sehr, Dottor, obgleich dieſelbe erſt im Werden iſt, und daß das wieder einmal ein paar Tage dauern könnte, macht mich ganz unglücklich; Sie wiſſen wohl, wie nöthig„ mir in dieſer Zeit der unumſchränkte Gebrauch meiner Kräfte, beſonders meiner Gedanken iſt.“ Daß der Hofarzt bei dieſen Worten ſeinen Kopf tief auf die Bruſt herabſinken ließ, ja förmlich zuſammenzu⸗ knicken ſchien, war Antwort genug, auch um zu gleicher Zeit anzuzeigen, wie ſchwer er die Nothwendigkeit fühle, daß Ihre Majeſtät ſo bald als möglich wieder geſund werde. „Gibt es gar kein Mittel, dieſes garſtige Leiden zu coupiren?— ich wollte es mir ja recht gern für einige Stun⸗ — 149— den, ja für einen Tag gefallen laſſen; aber ich kenne das, anſteigend während zwei Tagen bis zur Unerträg⸗ lichkeit, und dann eben ſo langſam wieder abnehmend— ſind Sie wirklich nicht im Stande, mir zu helfen?“ „Die unbedingteſte Ruhe, Majeſtät, Stille und Dunkelheit um Sie her, iſt das einzige Mittel, was ich Eurer Majeſtät anzurathen wage.“ „Was Sie mir anzurathen wagen; alſo gibt es doch vielleicht noch ein anderes, das Sie mir vorſchlagen wür⸗ den, wenn ich nicht die Königin wäre?“ „Ein Mittel— gewiß nicht; Majeſtät, es wäre ja unverantwortlich, daſſelbe nicht ſogleich vorgeſchlagen zu haben—— allerdings ſind mir einzelne Fälle bekannt — wo bei gewöhnlichen Naturen—“ „Um des Himmels willen, lieber Doktor, ich bitte Sie inſtändig, betrachten Sie mich nur heute einmal wie eine ganz gewöhnliche Natur, und erzählen Sie mir in dieſer Richtung etwas von den Fällen, welche Sie ſoeben erwähnten!“ „Euer Majeſtät mögen mir verzeihen; aber dieſe Fälle, als Heilmittel gegen Migräne angewandt, beruhen auf Zufälligkeiten, die man Niemanden, am allerwenig⸗ ſten Eurer Majeſtät verordnen könnte.“ „Laſſen wir dieſe Umſchreibungen,“ ſagte die Königin ungeduldig,„erzählen Sie mir kurz einen Fall oder eine 150— Zufälligkeit, welche im Stande wäre, dieſe verwünſchte Migräne abzuſchneiden!“ „Oder ſtärker auftreten zu machen,“ entgegnete Dok⸗ tor Merker in ſehr ernſtem Tone,„auch davon habe ich Beiſpiele!“ „Vielleicht wie bei allen andern Heilmitteln, wir wollen in meinem Falle nicht das Schlimmſte annehmen — alſo wodurch wäre es vielleicht möglich, eine begin⸗— nende Migräne aufhören zu machen—— 2“ „Durch eine heftige Gemüthsbewegung, Majeſtät! — aber der Himmel möge mich bewahren, dergleichen zu verordnen.“ 4 „Allerdings ein eigenthümliches Heilmittel— doch beruhigen Sie ſich,“ ſagte die Königin mit einem ſehr leichten Anflug von Lächeln,„es iſt das ein Rezept wie ein anderes, und es ſteht ja bei mir, ob ich Ihr Heil⸗ mittel anwenden will, oder ob ich im Stande bin, es zu thun, denn man iſt nicht immer Herr ſeiner Gemüths⸗ bewegung—— aber wollen Sie mir glauben, lieber Doktor,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe in lebhafterem Tone hinzu,„daß ſchon der Gedanke an eine Gemüthsbewegung mein Blut raſcher kreiſen nacht, und meine Schmerzen eher verringert als vermehrt, ja wahrhaftig, ich fühle mich etwas leichter, und wenn ſich eine Gelegenheit höte, wäre ich vielleicht im Stande, Ihr Mittel zu erproben.“ 151— „Um Gotteswillen, Majeſtät,“ flüſterte der Leibarzt in einem beinahe vorwurfsvollen Tone—„mein Mittel! — als wenn ich mich je unterſtehen würde, Euer Maje⸗ ſtät dergleichen vorzuſchlagen.“ „Nein, daß Sie das nicht gethan haben,“ antwortete die Königin jetzt mit einem wirklichen Lächeln,„will ich Ihnen feierlich bezeugen, wann und wo Sie wollen— danke Ihnen aber zu gleicher Zeit herzlich für den guten Rath eines treuen Freundes.“ Bei dieſen Worten reichte die hohe Dame dem Arzte ihre Fingerſpitzen, und geſtattete ihm einen ehrfurchts⸗ vollen Kuß darauf zu hauchen, wobei er ſich langſam erhob und ſich dann, vorſichtig rückwärts ſchreitend, zurückzog. Die Königin hatte ſich ein wenig von ihrem Lager erhoben, fuhr mit der Hand über ihre Stirn und wagte es, die Augen gegen die ſchwache Helle zu richten, welche zwiſchen den dichten Fenſtervorhängen ſichtboar war— „auch das ſchmerzt mich weniger, als vor einer Stunde,“ ſagte ſie alsdann—„was willſt Du?“ Dieſe Frage galt der vorſichtig hereinſchleichenden Kammerfrau, wobei ſie der hellere Ton der Stimme er⸗ muthigen ſollte, raſcher heranzukommen. „Euer Majeſtät!“ flüſterte Frau von Watters,„ich bin in großer Verlegenheit: draußen im Boudoir iſt Seine — 152— Königliche Hoheit der Kronprinz, doch bin ich ihm mit flehend erhobenen Händen entgegen gegangen und habe ihm geſagt, daß Euer Majeſtät recht leidend ſind.“ „Und mein Sohn iſt wieder fortgegangen?“ fragte die Königin raſch, indem ſie ſich auf ihrem Sitze erhob. „Seine Königliche Hoheit wollen zuerſt wiſſen, wie es Eurer Majeſtät geht.“ „Begreiflich, und das wird er am beſten erfahren, wenn er zu mir hereinkommt.“ „Aber bei dem Zuſtand Eurer Majeſtät?“ Dießmal wurde die Frage der treuen Kammerfrau dadurch beantwortet, daß ſich Ihre Majeſtät erhob und ein paar Schritte gegen die Thüre des Nebenzimmers machte, worauf dann Frau von Watters raſch an ihr vorübereilend das Gemach verließ, um gleich darauf die Portièren aufzuheben und den Kronprinzen eintreten zu laſſen. „Ich freue mich wie immer, Dich zu ſehen,“ ſagte die hohe Dame, indem ſie ihrem Sohne beide Hände reichte. „Wenn ich nur nicht fürchten müßte, Mama, Deine Migräne zu vermehren, an welcher Du leideſt, wie mir die Watters ſagte!“ „Im Gegentheil, ich glaube, daß es mir gut thut, ein wenig zu plaudern, komm', ſetze Dich zu mir; iſt es 1⁴⁹ — 153— Dir nicht zu dunkel hier, ſoll ich die Vorhänge etwas aufziehen laſſen?“ „Nein, nein, Mama, für mich gewiß nicht,“ erwie⸗ derte der junge Prinz haſtig und in einem ſo entſchiedenen Tone, daß man überzeugt ſein mußte, er ziehe es vor, mit ſeiner Mutter im Halbdunkel zu plaudern. „Wie geht es Dir, was machſt Du— Du biſt ge⸗ wiß ſehr beſchäftigt?“ „Gewiß, Mama, es gibt da ſo Vieles anzuordnen, wenigſtens Fragen zu beantworten, daß man oft nicht weiß, wo einem der Kopf ſteht!“ „Armes Kind— ach ja, auch das Glück will ſauer erkauft ſein— hat man Dir Proben Deiner neuen Ein⸗ richtung vorgeſtellt?“ „Baron Brenner hat ſich damit beſchäftigt, wie ich glaube,“ entgegnete der Prinz in gleichgültigem Tone. „Ich glaube, Brenner qualifizirt ſich gut in ſeiner neuen Stellung, er iſt ein brauchbarer Menſch, und was die Stelle Deines Hofmarſchalls anbelangt, ſo glaube ich doch noch, daß wir am Ende bei dem Könige für ihn durchdringen— meinſt Du nicht auch?“ „Es iſt möglich, Mama; aber gofefenherzig geſagt, ich wünſchte es eigentlich doch nicht.“ „Seit wann haſt Du Deine Anſicht geändert?“ fragte die Königin erſtaunt. „O, was die Anſicht anbelangt, ſo erinnere ich mich nicht, ſie ſehr deutlich ausgeſprochen zu haben.“ „Aber— „Ich ließ mir Baron Brenner als Kammerherrn ge⸗ fallen, obgleich ich mich nie beſonders für dieſen faden Schwätzer intereſſirt habe— das iſt er doch, nicht wahr, Mama?“ „Wer hat nicht ſeine ſchwachen Seiten?“ derſeäie. die Königin in begütigendem Tone;„aber er iſt von einer alten, ſehr guten Familie, er iſt treu und unbedingt er⸗ geben, bei Hofe erwachſen, und kennt wie Keiner die in⸗ timſten Verhältniſſe.“ „Ja, ja, wie ein altes Verordnungsblatt, wie ein Regiſter, man braucht ihn nur aufzuſchlagen, um auf's Gründlichſte in jeder Abtheilung der Chronique scap- daleuse unterrichtet zu werden— aber er lügt— er verleumdet.“ Es war in der That ſo dunkel in dem Gemach, daß jede dieſer beiden hohen Perſonen Mühe hatte, die Züge der andern unterſcheiden zu können, und war es vielleicht dieſer Grund, daß die Königin, nachdem ſie in einem ſanften Tone geſogt:„Du urtheilſt zu hart übee dieſen armen Baron Brenner,“ ſich langſam erhob, an's Fenſter trat und den Vorhang ein wenig auseinanderzog, worauf ſogleich eine mächtige Lichtwelle in das Gemach drang. — 1 1 5 — 155— Dabei war die hohe Dame einigermaßen erſtaunt, zu fühlen, daß Doktor Merker mit ſeinem Heilmittel nicht Unrecht habe, denn ſie empfand ſchon eine ſchwache Lin⸗ derung ihrer Schmerzen, trotzdem ihre Gemüthsbewegung noch nicht heftiger Natur war, wenn auch lange nicht ſo unbedeutend, als die lächelnde Miene zeigte, mit der ſie nun ihren Sohn betrachtete, wobei ſie eine ziemliche Er⸗ regtheit in deſſen Zügen las; ſeine Augen blickten unſtät bald hierhin, bald dorthin, und er nagte häufig an ſeiner Unterlippe. „Ich fühle mit Vergnügen, daß mir das Licht nicht weh thut, habe alſo Hoffnung, dießmal mit einem kleinen Anfall von Migräne davon zu kommen.“ „—— Leider bin ich viel zu gutmüthig,“ ſagte der junge Prinz, finſter vor ſich niederblickend,„um dieſen Baron Brenner ſeine bösartigen Schwätzereien entgelten zu laſſen, das heißt ich fühle mich erhaben, ebenſo wie über dieſe Menſchen ſelbſt, über Alles, was ſie, beſonders meine Perſon anbelangend, in ihrer dummbrutalen Weiſe in die Welt hinausreden— ich ſtehe zu hoch, als daß mich nur ein Hauch ihres Mundes zu erreichen im Stande wäre; aber es gibt Dinge, Mama, es gibt Perſonen, die in meinen Augen, ſelbſt nachdem man gegen ſie faſt das Unmögliche gethan hat, doch ſo hoch in meiner Achtung und Freundſchaft ſtehen— ich benenne abſichtlich das 156— Gefühl, welches ich für dieſe Perſonen empfinde, nicht mit dem Namen, wie ich ſollte, wiederhole aber nochmals, daß es Perſonen ſind, die meinem Herzen nahe ſtanden, vielleicht noch ſtehen, und daß damit wohl genug geſagt iſt, um dieſen Perſonen den Rang der Diſtinktion, den ſie verdienen, gebührendermaßen anzuweiſen.“ Die Königin blickte ihren Sohn einigermaßen erſtaunt an, und wenn ſie auch ſein edles, vortreffliches Herz kannte und ſich ſchon häufig davon überzeugt hatte, wie warm und aufopfernd er in ſeiner Freundſchaft zu ſein vermochte, ſo ſah ſie doch an ſeinen erregten Blicken unter den finſter zuſammengezogenen Augenbrauen, daß es ſich hier um etwas Tieferes handle; und wenn ſie auch eine Ahnung davon hatte, was das ſein könne, ſo vermied ſie es doch ſorgfältig, durch ein Eingehen in die Worte des Prinzen eine für ſie höchſt unbehagliche Schatten⸗ geſtalt wieder deutlicher, fühlbarer erſcheinen zu machen. Sie zuckte deßhalb mit einem leichten Lächeln die Achſeln und ſagte:„Was willſt Du? Trotz unſerer geſellſchaftlichen Stellung oder gerade wegen derſelben ſind wir nicht we⸗ niger Mißverſtändniſſen aller Art, ja ich will ſogar ſagen Anfeindungen, ausgeſetzt, und wenn man gerade einmal nicht im Stande, uns ſelbſt zu treffen, ſo trifft man uns in unſern Freunden; habe ich nicht ſelbſt kürzlich noch darin ein redendes Beiſpiel in der unangenehmen Ge⸗ —y-———— — 157— ſchichte mit meiner armen kleinen Ferrner? O, man wußte es ganz genau, wie ich dieſes vortreffliche Herz liebte, wie wohlthuend, wie erquickend für mich die Geſellſchaft dieſes einfachen, reinen, vortrefflichen Gemüthes war; wie lange hat man ſchon gegen ſie intriguirt, wie oft hat man ihr ihre Ruhe als Kälte, ihr ernſtes, geſetztes Weſen als Stolz und Hochmuth dargeſtellt!“ „Das glaube ich wohl,“ entgegnete der junge Prinz in bitterem Tone,„und obgleich ich die Gräfin Ferrner wenig gekannt, ſo habe ich doch Menſchenkenntniß genug, um es genau zu fühlen, welch' vortrefflicher und paſſen⸗ der Umgang ſie für die zukünftige Kronprinzeſſin geweſen wäre— ich fürchte, Papa hat auch darin wieder einmal rückſichtslos zu ſehr nach ſeinen eigenen Anſichten ge⸗ handelt.“ „O nein,“ gab die Königin eifrig zur Antwort,„ich bin vom Gegentheil überzeugt, er bedauert dieſen Ver⸗ luſt aufrichtig, und ich weiß, daß er in dieſen Tagen den Miniſter Wieneck zu dem alten Grafen Ferrner ſen⸗ den wird, um eine Ausgleichung auch in anderen, nicht minder verdrießlichen Geſchichten zu finden.“ „Jedenfalls aber weiß ich, daß Papa alles Mögliche gethan hat, um eine Perſon, die mir theuer war, nicht nur zu entfernen, ſondern auch durch ſchimpfliche Ver⸗ dächtigungen aus meiner Achtung zu verdrängen.“ — 158— „Möglich, aber laß mich Dir in Betreff der Gräfin Ferrner ſagen,“ nahm Ihre Majeſtät nicht ohne Abſicht raſch ihr Geſpräch von vorhin wieder auf,„daß ich jetzt ganz genau weiß, wie ein förmliches Komplott geſchmiedet worden iſt von meiner ſtolzen Frau Oberſthofmeiſterin, bei dem ſogar die alte Pommerhauſen betheiligt war, und daß man mit jenem armen Mädchen eine ſchändliche Komüdie geſpielt hat; ich weiß jetzt ganz genau, daß jener Mann, der in ihr Schlafzimmer drang— Namen wollen wir keine nennen— dieß auch nicht im Entfernteſten in einer leichtſinnigen oder gar ſträflichen Abſicht that. Die Sache iſt ſehr geſchickt eingefädelt worden, dann gehörig breit getreten, und ich wurde dadurch meiner treueſten Dienerin beraubt.“ „So haben wir Beide einen unerſetzlichen Verluſt er⸗ litten,“ ſagte der junge Prinz in einem düſteren Tone und ſo in ſich gekehrt, daß man wohl annehmen konnte, er habe ſich viel mehr mit ſeinem eigenen Leid, als mit dem ſeiner Mutter beſchäftigt—„doch wird ihr Ver⸗ luſt am Ende zu erſetzen ſein, Mama— während der meinige—“ „Doch in den gegenwärtigen Verhältniſſen kaum mehr ein Verluſt genannt werden darf,“ antwortete die Königin mit ſanfter Stimme, indem ſie die rechte Hand ihres Sohnes ergriff. * — — 159— „Aber ich habe ſie geliebt, Mama— ſehr, innig geliebt— es hat mir das Herz zerriſſen, als ich ſie für namenlos unglücklich gemacht, als ich erfuhr, wie ſchänd⸗ lich man ein edles, reines Weſen bei mir verleumdet— o, ſehr, ſehr unglücklich— und mit ſolchen Gefühlen ſoll ich einen Schritt thun, den man ſonſt doch nur froh und heiter zu thun pflegt!“ Die Königin hatte ſich mit einem tiefen Seufzer er⸗ hoben und war an das Fenſter getreten. „—— Rathen Sie mir darin, Mama— tröſten Sie mich, wenn Sie im Stande ſind, meine Gefühle zu verſtehen!“ „Wer von uns wäre dazu nicht im Stande,“ er⸗ wiederte die hohe Frau, als ſie nach einem langen und finſteren Vorſichhinbrüten nun wieder an die Seite ihres Sohnes trat und ſanft mit den Fingern über ſein glattes Haar ſtrich—„laß mich Dir geſtehen, daß ich voll⸗ kommen mit Dir fühle, tief und ſchmerzlich fühle; aber laß mich Dir auch ſagen, daß Du in Zukunft große, ſchöne Rechie haben wirſt, die ſchon in der Gegenwart durch die Erfüllung oft bitterer Pflichten verdient werden müſſen.“ „Aber ich liebe die Prinzeſſin Henriette nicht, wie kann ich ſie lieben mit einem tiefen Weh im Herzen!“ — 160— „Du wirſt ſie achten und ſchätzen lernen!“ „Genügt das, Mama, und darf ich daneben an etwas denken, das mich vielleicht vollkommen glücklich gemacht hätte?“ Dieſe Frage war ſo eigenthümlicher Art, daß es Ihrer Majeſtät wohl unmöglich war, ſie anders zu be⸗ antworten, als daß ſie ſolche unbeantwortet ließ und mit einem leiſen Ton des Schmerzes auf einen kleinen Fauteuil niederglitt, während ſie beide Hände vor die Augen drückte und mit ſchwacher Stimme ſagte:„Ich habe doch mein Leiden zu gering erachtet, lieber Sohn— und meine Kräfte überſchätzt— verzeihe mir; aber ich bin wirklich nicht mehr im Stande, einen ruhigen Ge⸗ danken zu faſſen; wenn Du nachher hinausgehſt, ſo ſei ſo gut und ſchicke mir die Watters mit ihrem Eau de Cologne herein— behüt' Dich Gott, ich glaube kaum, daß wir uns bei der Tafel wiederſehen!“ Der junge Prinz war zu ſehr Prinz, zu ſehr ge⸗ horſamer Sohn und vollendeter Hofmann, als daß er ſich nicht augenblicklich erhoben hätte, ſeiner Mutter ehrfurchts⸗ voll die Hand zu küſſen, um darauf mit leiſen Schritten das Gemach zu verlaſſen. Gleich darauf trat die erſte Kammerfrau ein und ſagte in leiſem, etwas vorwurfsvollem Tone:„Jetzt — endlich wollen Eure Majeſtät etwas von meinem 8½ — 161— Mittel, welches Ihnen ſchon ſo oft gute Dienſte geleiſtet hat!“ „Im Gegentheil, gute Watters,“ antwortete die Kö⸗ nigin in einem ſo energiſchen Tone, daß Jene erſchrocken zurückfuhr,„Doktor Merker hat mir ein beſſeres Mittel verordnet, das mir ſchon große Erleichterung verſchafft hat, und von welchem ich eine zweite und ſtärkere Doſis nehmen will. Laß der Frau Oberſthofmeiſterin ſagen, ich würde ſie mit Vergnügen bei mir ſehen.“ „Majeſtät— in Ihrem wirklich angegriffenen Zu⸗ ſtande?—“ „Ich würde ſie mit Vergnügen bei mir ſehen, und zwar ſo bald als möglich“— dieß ſagte ſie mit einer Stärke der Stimme und einer Energie des Ausdrucks, daß Frau von Watters haſtig davoneilte, worauf die Königin in leiſerem Tone hinzuſetzte:„So oder ſo, ich muß einmal damit zu Ende kommen und habe es gründlich ſatt, Jemand neben mir zu haben, der ſich ſo gern das Anſehen gibt, als ſtünde er doch eigentlich über mir.“ Obgleich Königinnen und andere fürſtliche Perſonen das ſehr angenehme Vorrecht haben, nicht warten zu dürfen, ſo war es doch im gegenwärtigen Falle in der That erſtaunend, wie raſch Ihrer Majeſtät Wunſch, die Frau Oberſthofmeiſterin bei ſich zu ſehen, erfüllt wurde, Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 11 und man konnte ſich dabei des Gedankens nicht erwehren, als habe Ihre Excellenz, obgleich vor Kurzem abgewieſen, ſich abermals wieder auf dem Wege nach den königlichen Gemächern befunden, oder als paßte das Ganze zuſammen, wie eine Szene in einem gut angelegten Luſtſpiele; jeden⸗ falls aber hatte man es mit ein paar vortrefflichen Ko⸗ mödiantinnen zu thun. „Ah, meine liebe Gräfin Wildenow! wie ſehr habe ich bedauert, Sie vor einer halben Stunde nicht ſehen zu können, aber ich kann Sie verſichern, meine Migräne hatte einen Punkt erreicht— nun einen Punkt, ihren Kul⸗ minationspunkt, bei dem es ſich offenbar zum Beſſern wenden mußte, und da dieß der Fall war, ſo wollt' ich nicht verſäumen, Sie zu ſehen.“. „Euer Majeſtät ſind zu gnädig, allerdings trieb mich die Beſorgniß hieher, und war ich recht erſchrocken über die Antwort, welche mir die gute Watters gab.“ „Meine liebe Gräfin,“ ſagte die Königin in einem recht warmen, gewiß von Herzen kommenden Tone, der auch bei der lieben Gräfin ſo ſehr anſchlug, daß ſie die Hand der hohen Frau ergriff, um wenigſtens ungefähr ſo zu thun, als wolle ſie dieſelbe an ihre Lippen führen, was aber verhindert wurde durch eine raſche Bewegung der Königin, ſowie durch ihre im verbindlichſten Tone geſprochenen Worte:„Bitte, ſetzen Sie ſich zu mir in —— — 163— meinen Schmollwinkel, und laſſen Sie uns eine Viertel⸗ ſtunde plaudern.“ Der Schmollwinkel Ihrer Majeſtät befand ſich neben dem großen Fenſter des Gemaches und war ſo einge⸗ richtet, daß wenn ſich die hohe Frau dort auf einen klei⸗ nen Fauteuil niederließ, ſie ſich vollkommen im Schatten befand, während das Licht durch die großen Spiegelſcheiben voll auf das Geſicht derjenigen Perſon fiel, mit welcher die Königin harmlos plaudern wollte— jetzt die Oberſt⸗ hofmeiſterin, und gedachte dieſelbe eine leichte Schwenkung mit ihrem Seſſel zu machen; aber nur einen Augenblick dachte ſie ſo, um dann im vollen Lichte ſitzen zu bleiben, während ſie zu ſich ſelber ſprach:„Nein, lieber mit offe⸗ nem Viſir; aber den Angriff erwartend.“ Dieſer blieb denn auch nicht lange aus, nachdem Ihre Majeſtät ein wenig geplänkelt und Vorpoſten detachirt, in Geſtalt von Klagen über all' die vielen Arbeiten und Unannehmlichkeiten, die eine ſo große Veränderung, wie die Vermählung des Kronprinzen, im Haushalte des Hofes hervorbringen, und dazu noch die oft maßloſen An⸗ forderungen des jenſeitigen Hofes, die Entfernung des braven Tönning, ja der Verluſt der kleinen Ferrner, den Ihre Majeſtät, wie ſie immer mehr einſehe, doch nicht hoch genug anſchlagen könne. „Wie wir Alle,“ bemerkte die Oberſthofmeiſterin in — 164— vollkommen beiſtimmendem Tone,„mich erfreute immer ihre liebenswürdige Ruhe.“ „Ihre Herzensgüte.“ „Und ihre Beſcheidenheit.“ „Gewiß— ihre Beſcheidenheit,“ ſprach Ihre Maje⸗ ſtät mit einem leichten Seufzer;„und ich muß ſchon ſagen, daß ich viel darum gäbe, wenn die ganze verdrießliche Geſchichte nicht vorgefallen wäre.“ „Und ich erſt, Majeſtät,“ pflichtete die Gräfin Wil⸗ denow bei, indem ihre Augen, vom hellſten Licht beſtrahlt, voll auf dem Geſichte der Königin ruhten und auch nicht die Spur eines Schattens oder etwas Aehnliches zeigten. „Ich habe es nie verſtehen können,“ fuhr die hohe Frau nach einer kleinen Pauſe fort,„wie es dem ſonſt ſo taktvollen Grafen Leo Wieneck hatte einfallen können, zu ſeinen Beſuchen einen ſo eigenthümlichen Weg zu wählen, und wie er auf dieſen Weg gelangt war; im Vertrauen geſagt, meine liebe Gräfin, Watters hat mich neulich einmal in die Labyrinthe eingeweiht, welche zwiſchen Ihrem Apartement und dem, welches die Gräfin Ferrner bewohnte, ſich befinden, und darauf habe ich mir eine ganz richtige Anſicht gebildet; Leo Wieneck betrat jenes Zimmer nämlich nicht durch den ge⸗ heimen Gang, wie man bis jetzt angenommen, ſondern er befand ſich ſchon in den Gemächern meiner kleinen 165— Ferrner, und verſteckte ſich, der Himmel mag wiſſen, aus welcher Urſache.“ „ Das iſt doch wohl kaum glaublich, Majeſtät.“ „O, wir wiſſen nicht Alles, was ſich neben uns, ja unter unſern Augen begibt— leider, muß ich hinzuſetzen, — denn hätte ich früher eine Ahnung gehabt von einem gewiſſen Verhältniß, würde ich vielleicht anders gehandelt haben.“ „Welches Verhältniß meinen Euer Majeſtät?“ fragte die Oberſthofmeiſterin, wobei ihre Augen immer noch in leuchtender Klarheit ſtrahlten. „Nun— das Verhältniß zwiſchen jenen beiden jungen Leuten— ein intimes Verhältniß, wie ich jetzt ganz ge⸗ nau weiß, und ſchon ſeit einiger Zeit beſtehend.“ „Mit ſolchem Endreſultat, Majeſtät!“ entgegnete die Oberſthofmeiſterin. „Wo iſt das Endreſultat, meine liebe Gräfin? Wir ſtehen vor dem letzten Akt, wo ſich allerdings die Fäden wie in jedem guten Luſtſpiele total verwirrt haben, um den glücklichen Schluß des Ganzen überraſchend ſchön er⸗ ſcheinen zu laſſen.“ „Und was meinen Euer Majeſtät mit dem glücklichen Schluß des Ganzen?“ „Nun, die Verbindung jenes glücklichen Paares, das uns, im Vertrauen geſagt, ein Bischen ſtark an der Naſe herumgeführt hat; kannten Sie ſo wenig den ſtarren Sinn und den Stolz meiner kleinen Ferrner, ihren Hochmuth, der es ihr unmöglich machte, zu geſtatten, daß wir uns mit der Krönung ihres Glückes beſchäf⸗ tigten?— ah, die Beiden haben vortrefflich mit uns Ko⸗ mödie geſpielt, und ich bedaure aufrichtig, daß wir uns hineingemiſcht und ich auf dieſe Art einen ſo großen Verluſt erlitten.“. Die Oberſthofmeiſterin that einen tiefen Athemzug, wobei ſie ihre Augen ein paar Sekunden lang wie tief überlegend ſchloß, in Wahrheit aber, um die tiefen Schatten zu verdrängen, die ſie um Alles in der Welt hier nicht wollte ſichtbar werden laſſen; ſie gedachte des Briefes, den ſie von dem Grafen Wieneck erhalten, es durchſchauerte ſie furchtbar bei dem Gedanken an die Möglichkeit, daß ein Verhältniß zwiſchen Beiden wirklich beſtanden haben könne— während— und noch tiefer fühlte ſie ſich durch die Idee erſchüttert, daß Leo vielleicht mehr als einmal den geheimen Gang dazu benützt, die junge Gräfin zu ſehen—„daß er ſchon oft zu ſeiner wahren Liebe geſchlichen iſt, ſelbſt auf die Gefahr hin, mich zu kompromittiren.“ Man denkt viel in ein paar Sekunden, beſonders wenn die Gedanken wie Blitze durch die Seele einer ge⸗ kränkten, eiferſüchtigen Frau dahinſchießen. — 167— „Wiſſen Sie aber auch wohl,“ fuhr die Königin in einem freundlichen, wohlwollenden Tone fort,„daß mir die Gewißheit eines Verhältniſſes zwiſchen jenen beiden jungen Leuten ſchon um Ihretwillen, meine liebe Gräfin, ſehr angenehm iſt, und daß ich ſehr hoffe, durch eine baldige Verbindung derſelben Recht zu behalten?“ „Um meinetwillen, Majeſtät?— ich kann es in der That nicht verſtehen,“ erwiederte die Oberſthofmeiſterin, dieß noch in einem offenen, unbefangenen Tone ſagend, der ihr gewiß nicht wenig Ueberwindung koſtete, da ſie vollkommen einſah, was die Königin mit jenen Worten gemeint.— „Ja, um Ihretwillen, Gräfin Wildenow.“ Die leichten Vorpoſten waren durch dieſe Worte zu⸗ rückgezogen worden, dagegen ſchweres Geſchütz aufgefahren, weßhalb man es auch von der ſtolzen Gräfin begreiflich finden mußte, daß ſie ihren Kopf erhob, und daß ihre Blicke eine herausfordernde Sicherheit annahmen— ja gerade im gegenwärtigen Augenblicke mußte man das doppelt begreiflich finden, unter dem Eindruck jenes Briefes, zwiſchen deſſen Zeilen ſie ſo klar als möglich geleſen—„dürfte ich Euer Majeſtät um eine nähere Erklärung dieſer Worte bitten?“ Damit hatte auch ſie eine Batterie demaskirt und den Kampf angenommen, welchen ſie leicht durch eine ſcherz⸗ hafte Wendung hätte vermeiden können— aber ſie wollte ihn nicht vermeiden— zum Kampfe entſchloſſen war ſie gekommen, zu dieſem Zwecke hatte ſie ein kleines Etui zu ſich geſteckt, welches ſie in der Taſche ihres Kleides jetzt leicht mit der Hand berührte, und das auf ſie un⸗ gefähr dieſelbe Wirkung ausübte, wie das Einlegen der Lanze, wie das Schließen des Viſirs.— Ja, um jenen Ausdruck von vorhin zu wiederholen, hatte die Oberſthof⸗ meiſterin Gräfin Wildenow jetzt mit einem Male ihr Viſir geſchloſſen, ſie war ſichtlich erbleicht und ihre Augen blickten ernſthaft, faſt drohend. „Eine Erklärung verlangen, ſind wohl nicht die richtig geſtellten Worte, Frau Oberſthofmeiſterin,“ entgegnete die Königin mit großer Ruhe,„und würde ich es über⸗ haupt von Ihnen recht freundlich finden, wenn Sie mich, ſelbſt in anderer und geziemenderer Weiſe, mit einer Aus⸗ einanderſetzung verſchonen wollten.“ „Glücklich wäre ich, den Wünſchen Eurer Majeſtät auch in dieſer Richtung ſtrengſtens nachkommen zu können, und bin wirklich untröſtlich, in der beſcheidenſten und ge⸗ ziemendſten Art meine Bitte um eine gnädige Ausein⸗ anderſetzung wiederholen zu müſſen.“ Die Oberſthofmeiſterin ſagte das, während ſie ſich lebhafter als je des nicht mißzuverſtehenden Blickes er⸗ — 169— innerte, den bei neulicher Unterredung die Königin mit der Gräfin Pommerhauſen gewechſelt. „Wollen Sie mich denn wirklich zwingen, Ihnen zu ſagen,“ erwiederte Ihre Majeſtät in hörbar gereiztem Tone, „weßhalb es mich um Ihretwillen freuen würde, wenn eine Verbindung zwiſchen jenen beiden jungen Leuten, die ſich innig lieben, wie ich ganz genau weiß, ſo raſch als möglich zu Stande käme, und dadurch vielleicht Plaude⸗ reien ſehr gehäſſiger Art niedergeſchlagen würden?“ „Plauderei ſehr gehäſſiger Art über mich?“ erwiederte die Gräfin Wildenow mit einem etwas verächtlichen Achſel⸗ zucken.„Wer, in irgend einer höheren Stellung, entgeht denen überhaupt, beſonders in der Geſellſchaft— bei Hofe?— Nein, zwingen will ich Euer Majeſtät nicht, mir etwas zu ſagen, was— mir ſchon lange kein Geheimniß mehr geblieben iſt, müßte es doch bei dem ſo bekannten Wohlwollen Eurer Majeſtät Ihnen überaus ſchmerzlich fallen, einer treuen Dienerin verletzende Worte zu ſagen —— deßhalb erlaube ich mir,“ fuhr die ſtolze Gräfin in einem ruhigen, aber ſehr kalten Tone fort, indem ſie langſam aufſtand,„zuerſt Euer Majeſtät dieſes kleine Etui,“ — ſie hob daſſelbe in ihrer Hand empor,—„in welchem ſich ein ſymboliſcher Schlüſſel befindet, zu Füßen zu legen, und dann erſt bitte ich Sie, mir ohne Scheu ſagen zu wollen, daß Euer Majeſtät jenen gehäſſigen Plaudereien — 170— genügenden Werth beigelegt haben, um ſie zum Angriff gegen mich zu verwenden.“ „Frau Gräfin!“ „Gewiß, Majeſtät, ich kann den Ausdruck gehäſſige Plaudereient, welchen Sie ſelbſt zuerſt gebrauchten, nicht zurücknehmen, denn ſelbſt angenommen, ich hätte Grund zu jenen Plaudereien gegeben, ſo wiſſen Euer Majeſtät am beſten, daß ich in allen meinen Verhältniſſen ſo ſelbſt⸗ ſtändig bin, um jede Plauderei über meine Perſon, käme ſie ſelbſt von einer ſo ſtrengen Tugend wie die— der Gräfin Pommerhauſen, gehäſſig zu nennen das volle Recht habe.“ Auch die Königin hatte ſich erhoben, und als bei dieſer Bewegung der volle Schein des Tageslichtes auf ihr Geſicht fiel, konnte man an ihrer einigermaßen be⸗ ſtürzten Miene wohl bemerken, daß ſie einen ſolchen Aus⸗ gang dieſes Geſpräches weder gewünſcht noch erwartet hatte; auch ſagte ſie deßhalb in einem milderen Tone: „Ich muß Ihnen doch zu bedenken geben, Frau Oberſt⸗ hofmeiſterin, ob Sie nicht ſelbſt glauben, in Ihren Aeuße⸗ rungen etwas weit gegangen zu ſein.“ „Vielleicht für Eurer Majeſtät Oberſthofmeiſterin wäre das nicht ohne Grund zu unterſuchen, indem ich mir aber erlaubte, jenen mir anvertrauten Schlüſſel zurückzu⸗ geben, könnte auch der geringſte Vorwand zu einem ſolchen Grunde wegfallen, wogegen die Gräfin Wildenow in ſchuldiger Achtung und Ehrerbietung um die Gnade bittet, auch aus dieſer Audienz entlaſſen zu werden.“ Dieſes„Audienz“ ſehr ſtark betonend, machte die ſtolze Gräfin ein eben ſo tiefes als ceremoniöſes Kompliment, worauf ſie, ohne Ferneres auch nur eine Sekunde lang abzuwarten, zum Gemache hinausrauſchte. Draußen befand ſich Frau von Watters, welche, keine Sylbe der Unterredung verloren habend, ihr mit einem eigenthümlichen, nicht unzufriedenen Lächeln nachſchaute, dann aber mit einem Male ihr Geſicht in ſehr ernſte und ehrerbietige Falten zwängte und ſtark rückwärts knixend ſich vergebliche Mühe gab, einen plötzlich einge⸗ tretenen und ſehr kräftigen Huſtenanfall zu unterdrücken. Es war nämlich Jemand raſch durch das Vorzimmer hereingetreten, der jetzt ſehr aufrechten Hauptes auf der Schwelle ſtand und beim Anblick der erſten Kammerfrau den Kopf etwas in die Höhe warf, und durch dieß Zei⸗ chen geſtattend, ſein Erſcheinen anzuzeigen, oder vor ihm die ſchweren Sammetportieèren zu öffnen. Beides that denn auch Frau von Watters in mög⸗ lichſter Schnelligkeit, wobei es aber nur wie ein paar ziſchende Laute klang, als ſie zwiſchen den Vorhängen hindurch in das Nebenzimmer hinein die Worte hauchte: „Seine Majeſtät!“ Einen Augenblick ſchien die Königin unſchlüſſig, ob ſie das kleine Etui, das ihr die Gräfin Wildenow da gelaſſen, mit ihrem Taſchentuche bedecken oder frei neben ſich auf dem Tiſche ſollte ſtehen laſſen; ſie zog das Letztere vor und ging dem Könige ein paar Schritte entgegen. „Ei, was geht denn bei euch vor?“ ſagte dieſer, „ſoeben rennt die Oberſthofmeiſterin an mir vorüber, als ob es irgendwo in Deinen Zimmern brenne, beinahe ohne Gruß, jedenfalls aber ohne meine freundliche An⸗ rede zu erwarten.— Was ſoll denn das bedeuten?“ „Die Gräfin Wildenow war ſoeben bei mir, unter recht nichtigem Vorwande um Enthebung von ihrer Stelle bittend.“ „Ei, zum Henker, die Du ihr aber doch hoffentlich nicht ſo mir nichts dir nichts ertheilt haſt— oder doch? Aber ſage mir wenigſtens, wie ſoll ich all' dieſe Geſchichten verſtehen?“ „Es gibt eine Art, um Enthebung ſeiner Stelle zu bitten,“ entgegnete die hohe Frau, indem ſie einen be⸗ ſonderen Nachdruck auf das letzte Wort legte,„die man nicht anders als mit einer Gewährung erwiedern kann.“ „So wäre die Gräfin Wildenow unartig geweſen?“ „Ich will das gerade nicht behaupten, aber— meinen freundlichen, vermittelnden Worten, ja meiner — 173— Aufforderung, dieſen für mich ſo überraſchenden Schritt überlegen zu wollen, beantwortete ſie einfach durch Zurück⸗ laſſung dieſes Etuis.“ „Da muß doch immerhin Einiges vorhergegangen ſein?“ „Aber recht Unbedeutendes, wir ſprachen über die Gräfin Ferrner, wobei ich nicht unterlaſſen konnte, ihr zu ſagen, wie ſehr mich der Verluſt dieſes vortrefflichen jungen Mädchens geſchmerzt und immer noch ſchmerze.“ „Ei, ei,“ ſagte der König, während er an das Fenſter trat und ſeine Arme übereinander ſchlug,„das iſt ja eine förmliche Wuth zur Deſertion in Deinem Haushalte, und kommt mir in der That gerade jetzt ſehr ungelegen; die Ferrner verläßt Dich, nun auch noch die Gräfin Wildenow, Tönning iſt gegangen, der bei allen ſeinen Schwächen doch ein vortrefflicher Oberſthofmeiſter war, und ſo ſind wir denn in einem ſo wichtigen Augen⸗ blicke auf Deine würdige Pommerhauſen beſchränkt, und ſtatt daß ich Damen fände, wie ſie mir für den Haus⸗ halt der künftigen Kronprinzeſſin paſſend erſcheinen, ver⸗ liere ich gerade jetzt zwei Damen, die eine Zierde des Hofes waren.“ „—— Die Gräfin Ferrner— gewiß.“ „Ah, Du ſcheinſt den Verluſt Deiner Oberſthof⸗ meiſterin nicht beſonders ſtark zu bedauern,“ rief der — 174— König in einem ungeduldigen Tone, indem er ſich raſch umwandte;„wogegen ich Dich verſichern muß, daß das ein recht ſchwerer Verluſt für uns iſt, eine Frau von dieſem Geiſte, von dieſer würdevollen und delikaten Art zu repräſentiren, eine ſo wohlthuende, vornehme Er⸗ ſcheinung— nenne mir doch irgend Jemand, der im Stande wäre, ihre Stelle zu erſetzen—— ah, ich bin überzeugt, Du wirſt mit einer Geſchwindigkeit eine Menge von Namen nennen und die Sache ſehr leicht nehmen, die für mich doch ſo ſchwer und ernſt iſt.— Der ſtarrköpfige Ferrner ſitzt auf ſeinem alten Schloſſe und grollt— Tönning wird lächeln über tauſend Verlegenheiten, in die wir gerathen können, und nun geht auch noch die Wildenow, nachdem die Ferrner ſchon gegangen iſt, das iſt mir durchaus nicht gleichgültig; iſt es doch gerade ſo, als fange man an, ein morſchwerdendes Schiff zu ver⸗ laſſen und nach einem neuen Fahrzeug zu ſchielen; ich habe in dieſer Richtung auch noch andere bedenkliche Er⸗ fahrungen gemacht, will aber beweiſen, daß ich das Steuer noch mit feſter Hand führe, und daß die Zeit der Pommer⸗ hauſen, der Stoltenhoffs, Brenners, Schalkens und wie ſie Alle heißen mögen, noch nicht gekommen iſt!“ Seine Majeſtät hatte dieß mit einiger Erregung ge⸗ ſagt, während er mit dröhnenden Schritten auf und ab ging, zuweilen nach der Königin umſchauend, um irgend ——. eine Erwiederung zu erwarten, die aber nicht erfolgte, da es die hohe Frau kluger Weiſe vorzog, nur zuweilen ihr Taſchentuch leicht an die Lippen zu drücken, oder leicht damit über ihre Stirn zu fahren, nachdem ſie ſich lang⸗ ſam wieder in ihren Seſſel niedergelaſſen. „Daß durch all' dieſe Geſchichten Fäden laufen, die ich noch nicht vollkommen kenne, davon bin ich überzeugt,“ fuhr der König nach einer Pauſe fort,„aber ich hoffe ſie kennen zu lernen, wenngleich auf Umwegen, da mir jede direkte Frage durch ein Achſelzucken beantwortet wird, von dem ich nicht einmal weiß, ob es aus Un⸗ wiſſenheit oder Klugheit entſpringt— dazu hat man noch den einzigen Menſchen, der mir vielleicht auf derbe oder auf luſtige Art die Wahrheit geſagt hätte, ebenfalls weg⸗ escamotirt.—— Hier konnte ſich die Königin nicht enthalten, mit einem fragenden Blicke aufzuſchauen. „Ich meine Roſenthal, unter deſſen lächerlichen Ge⸗ ſchichten und komiſchen Ideen immer ein gutes Korn Wahrheit zu finden war, oder eine goldene Lehre, die gerade für uns eben ſo gut paßte, als für irgend einen Brahminen oder arabiſchen Weiſen, dem er ſie ertheilt haben wollte; war Roſenthal doch der erſte und einzige Menſch, der es gewagt, mir wahr zu berichten über jene Geſchichte meines Herrn Sohnes, welche Dir und der würdigen Pommerhauſen ſo entſetzlichen Kummer verur⸗ ſacht, und war er es doch auch wieder, der mir Mittel und Wege an die Hand gab, um dieſe Geſchichte noch zur rechten Zeit zu coupiren.“ „Allerdings that er das,“ ſagte die hohe Frau und ſetzte in einem verächtlichen Tone hinzu:„doch glücklicher Weiſe, indem er ſich demaskirte durch die Art und Weiſe, wie er ſich für ſeine Mittheilung belohnen ließ, und da⸗ mit zeigte, weß Geiſtes Kind er ſei. Ich erſchrecke in der That, wenn ich daran denke, daß man ihn in die beſten Geſellſchaften, in die intimſten Zirkel zog!“ Ueber die Züge ſeiner Majeſtät flog ein eigenthüm⸗ liches Lächeln, ehe er zur Antwort gab:„Was das an⸗ belangt, ſo würden wir in ähnlicher Weiſe ſchon häufig Gelegenheit zum Erſchrecken gehabt haben; erinnere Dich des franzöſiſchen Marquis, auch des polniſchen Grafen, die ſo lange eine Zierde Deiner kleinen Tanzunterhal⸗ tungen waren, und von denen ſich der Erſte bald darauf als ein weggejagter Kammerdiener entpuppte, und der Andere ſpäter als Croupier einer Spielbank wieder auf⸗ tauchte.“ „Ich muß wirklich für dieſe Auffriſchungen danken,“ erwiederte die Königin in einem bitteren Tone,„ſie kamen ſcheinbar mit den beſten Empfehlungen, und wurden in aller Form vorgeſtellt.“ —— ——-— — 177— „Gewiß, es kann Dich darin kein Vorwurf treffen, ebenſowenig wie bei der amerikaniſchen Familie vor zwei Jahren, ces femmes distinguées, mit ihren demoiselles gracieuses et charmantes, Gattin und Töchter eines londoner Schneiders, die ſich nicht nur Deiner, ſondern ſogar der würdigen Pommerhauſen ganz beſonderer Pro⸗ tektion erfreuten.“ „Ich bitte in der That—“ „Es iſt durchaus keine Schande, Frau und Töchter eines londoner Schneiders zu ſein,“ fuhr Seine Majeſtät unerbittlich fort;„aber man muß nicht auf dieſer Seite eine chineſiſche Mauer errichten wollen, um nach der andern ebenfalls in's Ungewiſſe die volle Hand auszu⸗ ſtrecken. Was jene Damen anbelangt, ſo habe ich noch ganz vor Kurzem durch Sir Frederic Knobbers, der da⸗ mals ſchon ein wenig kopfſcheu that, erfahren, daß ein zierliches Bracelet mit Deiner Namens⸗Chiffre ſehr rück⸗ ſichtslos verkauft worden iſt, um etwas gemeine Schul⸗ den zu bezahlen— doch gehen wir darüber hinweg, um“ — fuhr Seine Majeſtät mit einem Anfluge von Humor fort,„nochmals auf beſagten Herrn von Roſenthal zu kommen.“ 3 „Eine Mittheilung, die ich Dir wirklich erlaſſe.“ „Nein, nein! Gerechtigkeit vor Allem, ich habe näm⸗ lich ſo gut als ſicher die Gewißheit in der Hand, daß Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 12 — 178— Roſenthal auf einer letzten Verhandlung, die ich mit ihm hatte, allerdings räthſelhaft wie immer geblieben iſt, aber ſich keiner zweideutigen Handlung ſchuldig gemacht; die gewiſſe Verſchreibung nämlich iſt, wenigſtens bis heute, nicht bei der königlichen Bank präſentirt worden.“ „Was ich ſehr begreiflich finde, ein ſchwer Ver⸗ wundeter, wie Roſenthal, hat dazu noch keine Gelegenheit gehabt.“ „Möglich und doch wieder unwahrſcheinlich; es hat ihm nicht an Leuten gefehlt, um ſeine hieſigen Verhält⸗ niſſe aufzulöſen und ſeine Verbindlichkeiten ſtrengſtens er⸗ füllen zu laſſen— und wenn wir nun in der That weiter nichts mehr erführen von jenem Papier, ſo müßteſt Du mir doch ſelbſt zugeſtehen, daß man Roſenthal, dieſen angenehmen, geiſtreichen, liebenswürdigen Menſchen, mit großem Unrecht in dieſelbe Kategorie mit den vorhin pflichtſchuldigſt Erwähnten werfen würde.“ Bei den letzten Worten machte der König eine ſehr beſtimmte Handbewegung, welche Jedermann aus ſeiner Umgebung kannte, ſowie vollkommen verſtand, und mit der er gern ein Geſprächsthema, ja eine Unterhaltung abzubrechen pflegte. Hier ſetzte er noch hinzu:„Ich werde mich dieſer Geſchichten einmal ſelbſt und kräftig annehmen müſſen, hätte auch am Ende beſſer ge⸗ than, in eigener Perſon den Verſuch zu machen, um — 179— dem alten Ferrner ſeinen ſtarren Kopf zurecht zu ſetzen, ſtatt Wieneck zu ſchicen— und kann ich mir das noch immer überlegen.“ Alsdann erkundigte ſich Seine Majeſtät noch recht liebreich nach der Migräne der Königin, von welcher er durch den Leibarzt in Kenntniß geſetzt worden war, und ſchien ſehr erfreut, als ihn die hohe Frau verſicherte, daß V ihr Leiden einem neuen und ganz eigenthümlichen Heil⸗ mittel gänzlich gewichen ſei. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. In der einundzwanzigſten Wendung, ein ſtattliches Schloß mit guten Menſchen. Graf Willibald Ferrner hatte, um Herrn von Roſenthal mit ſeiner Schweſter in Moorfeld abzuholen, einen vierſpännigen, beinahe ganz neuen Landauer ge⸗ ſandt, der ſo weich und elaſtiſch in ſeinen Federn hing, daß man vermittelſt einer Tragbahre gewiß keine ange⸗ nehmere Bewegung verſpürt hätte, und finden wir es daher von dem Verwundeten ſehr begreiflich, daß er ſich mit großem Behagen in den weichen Kiſſen ausſtreckte, wobei es ihm Vergnügen zu machen ſchien, mit halbge⸗ ſchloſſenen Augen den köſtlichen Geruch des neuen Leders in die Naſe zu ziehen, wie man es in der Jugend wohl zu thun pflegt. „Ah, welche Erinnerungen werden dadurch wach ge⸗ rufen!“ ſagte er mit einem leichten Seufzer. — — 181— Ellen ſtreifte mit ihrem Blick ſein bleiches, mehr als je eingefallenes Geſicht, welches ihr, ſie wußte ſelbſt nicht warum, noch nie einen ſo unangenehmen, ja unheim⸗ lichen Eindruck gemacht hatte, als ſeit ihrem Wiederſehen, wogegen ihre gewiß gerechtfertigte Furcht vor ihm faſt in der gleichen Stärke abgenommen hatte; woher es denn auch wohl kam, daß ſie mit einem verächtlichen Kräuſeln ihrer Lippen und einem ironiſchen Tone zu er⸗ wiedern vermochte:„Wohl Erinnerungen aus Ihrer Kind⸗ heit?“ „Allerdings Erinnerungen aus meiner Kindheit, oder um beſſer zu ſagen, aus unſerer Kindheit, theure Schwe⸗ ſter, wobei ich Dir wieder einmal recht ſcharf in's Ge⸗ dächtniß zurückrufen muß, daß Du Dich bei unſerer An⸗ kunft im Schloſſe des freundlichen Ausdrucks eines recht ſchweſterlichen Gefühls zu befleißigen haben wirſt, und deßhalb wohl thäteſt, Dich mit den Erinnerungen aus unſerer beiderſeitigen Kindheit recht ſehr zu befreunden, wobei ich beſonders auf das trauliche, unumgänglich noth⸗ wendige ‚Du großen Werth lege— haſt Du mich viel⸗ leicht verſtanden?“ „Um Sie nicht zu kompromittiren, will ich mir für meinen gewiß nur kurzen Aufenthalt dort alle mögliche Mühe geben.“ „Die Kürze oder Länge dieſes Aufenthaltes wird ſich finden, wie alles Uebrige, laß Dir aber in Kurzem ſagen, daß wir eine höchſt angenehme Jugend auf dem Schloſſe Roſenthal, in der Nähe von Verviers, verlebten, daß Du nach dem frühen Tode unſerer Eltern zu einer Tante nach London kamſt, während ich ſtudirte und ſpäter weite Reiſen machte, daß dieſe Tante— wenn Du es für nöthig hältſt, dieſer Tante einen Namen zu geben“ — unterbrach Herr von Roſenthal den ruhigen Ernſt, mit dem er ſprach, durch ein freundliches Lächeln und einen gefällgen Ton,—„ſo nenne ſie Miſtreß Plow⸗ den, die Frau, oder noch beſſer die Wittwe eines ſehr reichen Kaufmannes der londoner City— die Schweſter unſeres Vaters,—Schloß Roſenthal übernahm, heute dort noch lebt, aber nur durch Krankheit abgehalten war, Dich an das Krankenlager des innig geliebten Bruders zu be⸗ gleiten.“ Ellen konnte ſich eines leichten Achſelzuckens, be⸗ gleitet von einem tiefen Athemzuge, nicht enthalten, wor⸗ auf Herr von Roſenthal unter einem kurzen Aufblitzen ſeiner Augen, aber immer noch in ſehr ruhigem Tone, fortfuhr:„Was ich Dir aber dabei dringend anem⸗ pfehlen muß, iſt, eine eben ſo kindiſche als gefährliche Sucht zu bekämpfen, fremde Leute in Deine Vertraulich⸗ keit zu ziehen, wie Du nicht unterlaſſen haſt, unſern vor⸗ trefflichen Doktor Flinder zu Deinem Vertrauten zu machen.“ — 183— „Wer ſagt das?“ fuhr Ellen auf. „Geſagt hat es mir Niemand; aber ich weiß es ganz genau, ich errieth es aus ein paar unbedachten Aeußerun⸗ gen unſeres Freundes, und finde die Beſtätigung in der aufflammenden Röthe Deines Geſichts.“ „Gott ſei Dank, daß ich das Erröthen noch nicht verlernt habe!“ „Setze hinzu: in meiner Geſellſchaft, es geht das in Einem hin; aber erlaube mir, Dir zu bemerken, daß das Erröthen eine ſchöne, aber auch eine ſehr gefährliche Eigenſchaft iſt,— was nun den Doktor Flinder anbe⸗ langt, ſo bin ich von ſeiner Ehrenhaftigkeit, ſowie von ſeiner mir ſehr begreiflichen Zuneigung für Dich ſo über⸗ zeugt, daß ich nicht fürchten muß, er würde je etwas thun oder etwas ſagen, was Dir ſchaden könnte, im Gegentheil; und wenn auch Dein gefährliches Vertrauen aus einer faſt lächerlichen Offenherzigkeit entſpringt, ſo würde ich es im vorliegenden Falle nicht tadeln, da es den guten Doktor feſter an uns und unſer Intereſſe bin⸗ det, doch würde es mir lieber geweſen ſein, wenn Du ihn abſichtlich und mit Ueberlegung in Dein Vertrauen gezogen hätteſt, woraus ich auch nebenbei ſähe, daß Du bei mir etwas gelernt haſt— bitte, keine Deklamationen, wir haben jetzt keine Zeit dazu— vergiß aber nicht, Ellen,“ fuhr er in bewegterem Tone fort, wobei er ſich — 184— etwas aufrichtete und ſie mit ſeinen großen, dunklen Augen voll anſchaute,„daß ich im Begriffe bin, meine letzte Karte auszuſpielen, und daß es mich tief hinab⸗ ſtürzen würde, wenn Du nur durch ein Wort, ja nur durch eine Miene, mein Spiel verrietheſt. Du erſcheinſt in Kurzem bei Leuten aus den höchſten Ständen, welche auf's Günſtigſte eingenommen ſind für die Schweſter dieſes guten und vortrefflichen Roſenthal, der keinen Augenblick gezaudert hat, ſein Blut für die Ehre jener Familie zu vergießen.“ 8 „Räthſel über Räthſel,“ hauchte Ellen zwiſchen ihren ſchmerzlich aufeinander gepreßten Lippen hindurch. „Allerdings Räthſel, die es auch für Dich, ein junges, reines, unſchuldiges Gemüth, bleiben müſſen— doch wollte ich vorhin ſagen, daß Du drüben auf dem Schloſſe ſchwerlich Jemand finden würdeſt, der ſich, wie der gute Doktor, für die ehemalige Geliebte Roſenthal's ſo zu intereſſiren vermöchte, um ſie in jener feinen, vor⸗ nehmen Geſellſchaft auch nur einen kurzen Augenblick zu dulden.“ „Und Sie zwingen mich—“ „Du zwingſt mich! heißt es,“ rief Herr von Roſen⸗ thal, unmuthig mit dem Fuße ſtampfend,„in unſerem elterlichen Hauſe war es niemals Mode, daß die Ge⸗ ſchwiſter Sie zu einander ſagten.“ — — 185— „Man zwingt mich alſo, mit ſolchen entſetzlichen Ge⸗ fühlen unter Leute zu treten, ja mit ihnen, wenn auch nur kurze Zeit, leben zu müſſen, in dem furchtbaren Ge⸗ danken, daß ſich irgend Etwas ereignen könnte, welches ſie veranlaſſen müßte, ſich mit Abſcheu von mir zu wenden — o, ich bin unſäglich elend!“ „Deine Klugheit wird alles Das zu verhindern wiſ⸗ ſen, und ein glänzender Erfolg wird auch Dich hoffentlich für Deine Mühe entſchädigen.“ „Was habe ich zu hoffen, welche Erfolge Deiner Bemühungen könnten im Stande ſein, mich zu einem freudig dankbaren Blick nach Oben zu veranlaſſen?“ Ellen ſagte das ſehr leiſe mit einem traurigen Lächeln und fügte dann mit ſich ſelbſt redend hinzu:„Erfolge dort würden ja nur im Stande ſein, jeden andern Er⸗ folg, wie ich ihn mir in meinen kühnſten und ſüßeſten Träumen vielleicht zuweilen doch noch ausmale, für immer zu zerſtören.“ Herr von Roſenthal ſah ſeine Begleiterin finſter vor ſich hinbrüten, und da ihm Alles daran gelegen war, ſie in milderer Laune auf dem Schloſſe ankommen zu ſehen, ſo ſprach er dieß und das Gleichgültige, von dem er wußte, daß es ihr gerade nicht unangenehm ſei, und ſagte zuletzt:„In Allem genommen war der Aufenthalt bei dem guten Doktor Flinder für mich von den vor⸗ — 186— trefflichſten Folgen, und auch für Dich nicht unangenehm, wie Du mir zugeben mußt, Ellen, wenn Du gerecht ſein willſt.“ „Ich fühlte mich dort wenigſtens nicht unglücklich,“ ſagte ſie mit einem dankbaren Blicke gegen den Himmel, „denn ſeine freundliche, liebevolle Art, mich zu behan⸗ deln, hat mir wieder einiges Selbſtvertrauen gegeben, und ſeine offenbaren Beweiſe von Achtung— ja trotz alledem,“ ſetzte ſie mit einem finſteren Blick auf Roſen⸗ thal hinzu,„haben mich vielleicht von einem tiefen Ab⸗ grunde zurückgezogen— haben mir vielleicht wieder zu hoffen erlaubt,“ ſetzte ſie ſo leiſe hinzu, daß dieſe Worte ihrem Begleiter nicht anders klangen, als ein langer Seufzer. Da ſahen ſie das Schloß dicht vor ſich liegen, und die vier edlen Pferde zogen den leichtſchaukelnden Wagen im ſchärfſten Trabe die letzte Anhöhe hinan, mit donnern⸗ dem Hufſchlage über die Zugbrücke hinweg, unter dem Thore mit dem drohenden Wappenlöwen hindurch in den Schloßhof, wo es ſich der alte Graf Ferrner nicht nehmen ließ, an der Freitreppe ſtehend, ſeinen Sohn Hugo zur Seite, umgeben von zahlreicher Dienerſchaft und Haus⸗ beamten, ſeine Gäſte zu empfangen und ſomit Jedem abſichtlich zu wiſſen thuend, welch' großen Werth er auf ihre Ankunft legte; ja er würde ſie auch ſelbſt nach ihren 187 verſchiedenen Apartements begleitet haben, wenn dieß nicht gar zu ſehr gegen die Etikette geweſen, und wenn der graue Haushofmeiſter nicht ohne Weiteres den Beiden vorangeſchritten wäre, ein Geſchäft, welches dieſer würdige Beamte ſich auch nicht ſo leicht hätte nehmen laſſen, trotz⸗ dem er ſeinen Kopf und ſämmtliche Hände ſo voll als möglich hatte, wie man bei ähnlichen Veranlaſſungen zu ſagen pflegt. Erwartete man doch in den nächſten Tagen den Miniſter Graf Wieneck Excellenz, ferner den eng⸗ liſchen Geſandten Sir Frederie Knobbers, wurden doch Vorbereitungen zu großen Jagden getroffen, die eine Menge der umherwohnenden Edelleute herbeiziehen muß⸗ ten, und war doch geſtern Abend der Baron Brenner aus der Stadt gekommen, was an ſich freilich kein ſo großes Ereigniß geweſen wäre; doch war dieſer neue Kammerherr des Kronprinzen mit ſo hoch erhobener Naſe, mit einer ſolchen Atmoſphäre von Wichtigkeit dem Wa⸗ gen entſtiegen, daß der Haushofmeiſter deutlich einſah, es handle ſich hier nicht um eine einfache Jagdeinladung, ſondern Baron Brenner träte als Abgeſandter und Ueber⸗ bringer höchſt wichtiger Mittheilungen auf. Daneben hatte man auch auf dem einſamen Schloſſe ſchon viel geſprochen von der bevorſtehenden Vermählung des Kron⸗ prinzen, von unerhörten Feſtlichkeiten, die dabei ſtatt⸗ finden ſollten, und zu gleicher Zeit lag etwas in der Luft, auch in den Blicken des alten Herrn Grafen, ja in manchen Worten, was nicht nur dem Haushofmeiſter, ſondern auch andern Würdenträgern aus dem Vorzim⸗ mer und dem Stalle zu denken und zu ſprechen gab. Daher mochte es denn auch wohl kommen, daß der Haushofmeiſter ſchon ein paarmal geträumt hatte, er durchwandle wieder einmal die ſchon lange verſchloſſenen Säle des gräflichen Palais in der Stadt, und daß er ſich gar nicht gewundert, als er den erſten Kaminer⸗ diener beſchäftigt fand, die große Staatsuniform Seiner Excellenz auf's Genaueſte durchzuſehen, ſowie den Leib⸗ kutſcher in der Sattelkammer antraf, wie er die reich ge⸗ ſtickte Bockdecke des Staatswagens mit großer Sorgfalt beſichtigte. Dazu kam nun, wie geſagt, der wohlbekannte Ba⸗ ron Brenner, der in ſeiner Leidenſchaft, den größtmög⸗ lichſten Nimbus um ſich zu verbreiten, gerade ſo that, als halte er es für ſeine Pflicht, vor dem Haushof⸗ meiſter, dieſem alten, treuen Diener, nicht gar zu ge⸗ heimnißvoll zugeknöpft zu erſcheinen, und als dürfe er ſich ſchon erlauben, von bedeutenden angenehmen Aende⸗ rungen, von ſchmeichelhaften Botſchaften und dergleichen zu reden. Was nun Seine Excellenz den Herrn Oberſtjäger⸗ meiſter ſelbſt anbelangte, ſo war er von dieſem aller⸗ — 189— dings in ſeiner Eigenſchaft als Bekannter des Hauſes auf's Freundſchaftlichſte aufgenommen worden, als Kam⸗ merherr Seiner Königlichen Hoheit aber etwas förmlich, und als Mittelsperſon, welche abgeſandt worden war, über gewiſſe unangenehme Geſchichten genügende Erklä⸗ rungen abzugeben, ſehr kühl empfangen worden; ja Seine Excellenz war recht auffallend von dieſem Geſprächsthema abgeſprungen, um eines Bekannten, auch von Brenner, aus der Reſidenz zu erwähnen, den er morgen und mit großem Vergnügen in ſeinem Schloſſe erwarte— Ro⸗ ſenthal. „A— a— a—ah, Roſenthal!“ „Gewiß, der arme gute Roſenthal, der glücklicher Weiſe dießmal noch ziemlich günſtig davon gekommen iſt.⸗ Der arme gute Roſenthal, hatte Graf Ferrner ge⸗ ſagt, und dieſe günſtigen Prädikate genügten dem Baron Brenner vollkommen, um der ernſten Miene, welche er bei Nennung jenes Namens angenommen, raſch eine kleine freundliche Beimiſchung zu geben. „Ah, der arme Roſenthal,“ wiederholte der Kam⸗ merherr des Kronprinzen,„ich hätte in der That nicht geglaubt, daß ſich derſelbe ſo raſch wieder erholen würde!“ „Es iſt das auch ein halbes Wunder, und ohne die ſorgfältigſte Pflege eines vortrefflichen Arztes und ge⸗ — 190— wiſſe wunderbare Mittel, die er in Indien kennen ge⸗ lernt, würden ſeine Freunde, wozu ich mich rechne, wohl noch viel länger ſeine angenehme und geiſtreiche Geſell⸗ ſchaft entbehrt haben.“ Dieſe kleine Unterredung hatte dem Baron Brenner zu denken gegeben, während er ſpäter in ſeinem Zimmer überlegend hin und her ging, doch müßte er nicht der gewandte Hofmann geweſen ſein, wenn er länger als eine halbe Stunde gebraucht hätte, um bei Roſenthal an⸗ fragen zu laſſen, wann er das Vergnügen haben könne, mit ihm ein paar Minuten zu verplaudern. „So bald als möglich,“ war ihm erwiedert worden, und als er hierauf die Treppe hinabging in den erſten Stock, wo Herr von Roſenthal ſeine Gemächer hatte, ſprach er kopfſchüttelnd zu ſich ſelber:„Unbegreiflich, wenn ein ſolcher Kerl einmal fällt, ſo fällt er gewiß die Treppe hinauf oder wie eine Katze auf ſeine Füße, ohne ſich Schaden zu thun—— „Ah, beſter Roſenthal, wie freu' ich mich, Sie ſo wohl wiederzuſehen— bleiben Sie ſitzen, ich bitte Sie dringend darum, und werde mir einen Stuhl neben ihren Fauteuil ſtellen!“ Es hätte dieſer Bitte eigentlich gar nicht bedurft, denn Roſenthal machte beim Eintreten des Andern nur eine leichte Bewegung mit der Hand, die man allenfalls — 191— für eine freundliche Begrüßung nehmen konnte; dann zog er mit ſeinen weißen Fingern ſeinen langen Bart zu beiden Seiten des Kinnes ſo tief als möglich auf den ſchwarzen Sammetrock hinab und ſagte mit einer heitern Miene:„Es war in der That nicht viel mehr als eine Kleinigkeit, und wenn ich mich ein Bischen beſſer vorge⸗ ſehen hätte, ſo würde mir die Kugel des guten Mit⸗ tow gänzlich unſchädlich geweſen ſein; ich habe dieſen wackeren jungen Menſchen unterſchätzt— nun, es geht ihm ja ebenfalls recht gut, wie ich geſtern mit Vergnügen geſehen.“. „So ſahen Sie geſtern Mittow?“ fragte Baron Brenner mit einiger Verwunderung. „Allerdings, er beſuchte mich, wie ſo viele Andere in den letzten Tagen; ich verſichere Sie, lieber Baron, die vielſeitigen Beweiſe allgemeiner Theilnahme, die ich er⸗ hielt, haben mir recht wohl gethan— in trüben Stunden lernt man ſeine Freunde kennen.“ „So denke ich auch, beſter Roſenthal, und ich hatte nicht ſo bald von Ihrer Ankunft im Schloſſe vernommen, als ich ſogleich hierher eilte, um Ihnen die Hand zu drücken; ich hoffe, wir werden uns häufig ſehen, Graf Ferrner hatte die Freundlichkeit, mich zu ein paar Jag⸗ den einzuladen.“ Bei dieſen Worten bemerkte man, wie ſich ein recht — — 192— auffallendes Lächeln auf den bleichen Zügen Roſenthal's zeigte, während er erwiederte:„Immer geheimnißvoll, lieber Baron Brenner, wie ein guter Hofmann und Diplomat es ſein ſoll.“ „Nun, Sie werden das ja ſelbſt ſehen!“ „Ich ſehe und höre, was man will, denke mir aber das Meinige dabei; und daß meine Gedanken ſelten weit vom Ziele treffen, wiſſen Sie ganz genau, bitte dagegen überzeugt zu ſein, daß ich Ihnen zum Gelingen aller Ihrer Jagden, mag das Wild ſein, welches es will, gern die Hand biete— gebieten Sie alſo ſpäter über mich— oder auch nicht, ganz nach Ihrem Belieben— und nun, was machen unſere ſogenannten guten Freunde in der Stadt, ſagen Sie mir aufrichtig, Baron, welche Ver⸗ brechen ſind es, welche man nicht mit Roſenthal in Verbindung gebracht hat, nachdem er ſo plötzlich ver⸗ ſchwunden?“ „Wer kann in unſerer Stellung bitteren Bemerkun⸗ gen, ja gehäſſigen Nachreden entgehen!— Sie ſehen, ich bin ehrlich, beſter Roſenthal.“ „Bittere und gehäſſige Nachreden ließe ich mir ſchon gefallen; aber ich weiß genau, daß man mir abſcheuliche Dinge nachſagt— kann ich mich auf Sie verlaſſen, Brenner?“ „Wie auf ſich ſelbſt!“ 193 „Werden Sie nicht Alles, was ich Ihnen ſage, Ihren Freunden mittheilen, vielleicht in der Abſicht, mir einen Dienſt zu leiſten, als eine Art von Rechtfertigung, die mir in den Tod verhaßt iſt— doch gleichviel, ich brauchte nicht jene ſcharfe Beobachtungsgabe zu haben, die es mir möglich macht, aus hingeworfenen Worten, aus Um⸗ ſchreibungen, ja aus Blicken die volle Wahrheit heraus⸗ zufühlen, ich brauchte nicht im Beſitz jenes unſchätzbaren, magiſchen Kryſtalls zu ſein, von dem ich Ihnen früher einmal erzählte, um zu wiſſen, daß man ganz häßliche Dinge von mir geſagt hat; iſt man doch ſoweit gegan⸗ gen, nicht nur die mich hoch ehrende Freundſchaft Seiner Königlichen Hoheit des Kronprinzen zu verdächtigen, in⸗ dem man mich beſchuldigt, ſeine Leidenſchaften auf unver⸗ antwortliche Art benutzt zu haben.“ „Davon— weiß ich— oder erfuhr ich— in der That äußerſt wenig,“ antwortete Baron Brenner nicht ohne einige Verlegenheit. „Aeußerſt wenig' iſt in dieſem Falle wie ein Gift⸗ tropfen, der uns nicht umbringt, aber unſere Geſundheit erſchüttert— doch kann ich Niemand einen Vorwurf daraus machen, daß er ebenfalls erfahren, was alle Welt erfuhr.“ „Sie ſehen dieſe Dinge in zu düſterem Lichte, beſter Herr von Roſenthal.“ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 13 — 194 „Gott gebe meinen Feinden die Klarheit, die mein Herz erfüllt, und ich hoffe, ſie ihnen beibringen zu kön⸗ nen, mit der Wirkung, daß ihnen die Augen beißen, ah, es iſt keine Kleinigkeit, die Ehre eines Mannes zu zer⸗ reißen, dem eine Kugel zollbreit vom Herzen einge⸗ ſchlagen iſt, ich hoffe, daß ich mich ganz auf Sie verlaſſen kann.“ „Ich wiederhole Ihnen: wie auf ſich ſelbſt,“ erwie⸗ derte Baron Brenner, indem er zur Bekräftigung feine Hand auf die Bruſt legte. „Wiederholen Sie es meinetwegen Jedem, der ſich um mich bekümmert: es iſt wahr, ich wußte um die Lei⸗ denſchaft des Prinzen zu jener Dame, die aber zu hoch ſteht, die zu rein und edel denkt, um für eine ſolche Lei⸗ denſchaft empfänglich zu ſein— ich wußte darum, und es mußte mir eine heilige Pflicht ſein, ſowohl eine Pflicht gegenüber jener Dame, als auch gegenüber dem edlen Herzen des Prinzen, und deßhalb bot ich mich Seiner Majeſtät als Unterhändler an.“ Für den Baron Brenner war dieſe Auseinander⸗ ſetzung durchaus nicht angenehmer Art, und er rückte etwas unbehaglich auf ſeinem Sitze hin und her; Roſen⸗ thal hatte von vielen Beſuchen geſprochen, die er in den letzten Tagen gehabt, und wer konnte wiſſen, ob nicht auch unter dieſen der Maler Arthur Weßner geweſen — 195— ſei, und der Unterredung erwähnt habe, welche er, Brenner, vor Kurzem über daſſelbe Thema mit ihm gepflogen; ein Gedanke, der ihm um ſo unangenehmer war, als die durchdringenden Augen Roſenthal's ſtarr auf ihm ruhten, und als um deſſen Lippen jetzt ein ſo eigenthümliches, vielſagendes Lächeln ſpielte, ehe er fortfuhr:„Ja, ich bot mich Seiner Majeſtät als Unterhändler an, und wohl wiſſend, daß hohe Herren einer Waare nicht trauen, wenn nicht dafür ein großer Preis verlangt wird, ſo verlangte ich einen großen Preis, der mir auch bereitwilligſt zuge⸗ ſtanden wurde— davon haben Sie, Baron Brenner, der wie Niemand in die geheimen Hofgeſchichten einge⸗ weiht iſt, gewiß Ausführliches gehört.“ „Ich— will das nicht leugnen, obgleich ich Sie verſichern kann, daß man kaum in der allernächſten Um⸗ gebung wagte, davon zu reden.“ „Jeder in ſeiner allernächſten Umgebung— ich kenne das,“ ſagte Herr von Roſenthal in einem verächtlichen Tone—„Jeder unter dem Siegel der Verſchwiegenheit, und das iſt alsdann die richtige Art, der ganzen Welt eine Geſchichte bekannt zu machen—— hören Sie noch den Schluß dieſer Geſchichte.“ „Mit Begierde, lieber Roſenthal.“ „Die Belohnung Seiner Majeſtät beſtand aus einem Papiere mit der Allerhöchſten Unterſchrift, welche den — 196— Beſitzer zum reichen Manne machen mußte— dieſer Be⸗ ſitzer aber, und das war ich, legte das Papier in die Hand jener Dame, und jene Dame that das einzig Richtige, was ſie thun konnte, jenes koſtbare Papier nämlich mit allen Zeichen des Abſcheus in das lodernde Kaminfeuer fallen zu laſſen— worauf die Flammen ſogleich ein großes Vermögen verzehrten, ohne die ge⸗ ringſte Spur davon übrig zu laſſen———— ich ſehe, dieſer Schluß hat Sie erſchüttert, Baron, und Sie möchten vielleicht nur noch wiſſen, wer jene Dame ge⸗ weſen iſt?“ „Das würde mich allerdings im höchſten Grade in⸗ tereſſiren.“ „Dieſe Dame,“ ſprach Herr von Roſenthal in ſehr langſamem Tone, während er ſich in ſeinem Seſſel auf⸗ richtete und den Andern feſt anblickte,„dieſe Dame ſoll Ihnen nicht unbekannt bleiben; nachdem ich ſie Ihnen aber genannt, wird es Ihnen vollkommen begreiflich ſein, daß ſie ſo und nicht anders handelte, denn dieſe Dame —— iſt meine Schweſter.“ 3 Der Baron knickte nach dieſen Worten ordentlich zu⸗ ſammen, um dann, nach Allem was er gehört, und auch in der Furcht, vielleicht noch Anderes und recht Unbe⸗ hagliches hören zu müſſen, das Klügſte zu thun, was er zu thun vermochte, nämlich die für ihn peinliche Unter⸗ — 197— redung auf eine raſche, brüske Art abzubrechen, indem er ein überwallendes Gefühl, ja etwas wie Rührung mehr heuchelte, als es wirklich fühlte, obgleich er durchaus nicht unbewegt geblieben war— ſchnell von ſeinem Stuhle aufſprang, beide Hände Roſenthal's ergriff, ſie kräftig drückte, und dann mit den Worten:„Rechnen Sie mich mehr als je zu ihren treueſten Freunden!“ dem Zimmer enteilte. Ein paar Augenblicke ſtarrte Roſenthal, wie in ein ernſtes, ſchmerzliches Nachdenken verſunken, nach der Thür, und erſt als er überzeugt zu ſein glaubte, daß ſich der Baron Brenner vollkommen außer Gehörweite befand, brach er in ein kurzes, rauhes Lachen aus, um aber gleich darauf mit einem wirklichen Ausdruck des Schmerzes ſeine rechte Hand auf die Bruſt zu drücken.„Verdammt,“ murmelte er,„immer und immer wieder dieſe Mahnun⸗ gen, Doktor Flinder hat Recht, ich muß mir mehr Ruhe gönnen, werde das auch thun, nachdem ich Alles in's richtige Geleiſe gebracht;“ er erhob ſich langſam, um durch einen Zug an der Glocke ſeinen Diener herbeizurufen, welchen er mit der Frage an Fräulein von Roſenthal ſandte: ob ſie für ihn zu ſprechen ſei. Doch kam der⸗ ſelbe gleich darauf mit der Meldung zurück: das gnädige Fräulein ſei ſoeben zu Ihrer Erlaucht der alten Frau Gräfin gebeten worden. — 198— Ja, die arme Ellen that in dieſem Augenblicke einen für ſie recht ſchmerzlichen Gang, war ſie doch gezwungen, vor eine hochachtbare, würdige Dame nicht nur unter einem Namen und Titel hinzutreten, der ihr nicht ge⸗ bührte, ſondern ſie war auch im Begriff, in Berührung zu treten mit einem jungen, reinen und edlen Weſen, von deſſen Ernſt und ſtrengen Lebensanſichten ſie ſchon ge⸗ hört, und die wohl ſchaudernd zurücktreten würde, wenn ſie eine Ahnung davon hätte, wer ſich in ihre Nähe wage — arme Ellen, und doch war die vornehme Gräfin Hilde⸗ gard Ferrner bei all' ihrer Sittenreinheit und Tugend, was edlen Sinn ſowie Unſchuld des Herzens, vor Allem aber Feſtigkeit des Charakters anbelangte, kaum der An⸗ dern ebenbürtig zu nennen, denn Jene hatte ſich ſchon im wilden Kampfe des Lebens bewährt, während Dieſe noch nicht in den Fall gekommen war, um die Probe zu be⸗ ſtehen, ob ſie in einem verheerenden Sturme nicht gänz⸗ lich untergehen würde. Die beiden Damen des Schloſſes, die alte Frau Gräfin, ſowie Gräfin Hildegard, ſahen, wenn auch mit keinem Gefühle ängſtlicher Erwartung, ſo doch mit einer gewiſſen Spannung dem Erſcheinen der Schweſter jen Herrn von Roſenthal entgegen, über den man ſchon mancherlei Widerſprechendes erfahren. es ſo „Und wenn er auch ein Bischen Abenteurer wäre,“ — 199— hatte die alte Dame geſagt,„ſo glaubt doch Dein Vater Urſache zu haben, ihn mit großer Freundlichkeit zu be⸗ handeln, und ihn darin zu unterſtützen iſt unſere Pflicht; was kann es auch dem Hauſe Ferrner ſchaden, ob ein Gaſt mehr aus und ein geht, der vielleicht ſpäter nicht als echtes Gold ſich bewähren wird?“ „Daß die Roſenthals aus einer alten und guten Familie ſind, hat mich Baron Brenner auf's Bündigſte verſichert, alſo wollen wir die junge Dame höflich und artig empfangen, ohne ſie gerade in unſere Intimität hineinzuziehen.“ „Fräulein von Roſenthal,“ meldete der Kammer⸗ diener Ihrer Erlaucht. Hildegard hatte ſich neben den Stuhl ihrer Groß⸗ mutter geſtellt und ſtützte ihren Arm auf die Lehne des⸗ ſelben, während ſie ſich beim Eintritt der Fremden herab⸗ beugte und irgend etwas Gleichgültiges mit ihr ſprach; ſie that das in der freundlichen Abſicht, um nicht ge⸗ nöthigt zu ſein, Fräulein von Roſenthal, während dieſe das weite Gemach durchſchreiten mußte, durch längeres Anſchauen vielleicht ein unbehagliches Gefühl zu verur⸗ ſachen; und erſt als die junge Dame in die Nähe ge⸗ kommen war und mit einer ſanften, angenehmen Stimme ihren Dank ausſprach, von der Frau Gräfin ſo gütig empfangen worden zu ſein, blickte ſie auf und war er⸗ — 200— ſtaunt, ja angenehm überraſcht, ein ſo ganz anderes We⸗ ſen vor ſich zu ſehen, als ſie ſich die Schweſter des Herrn von Roſenthal gedacht. Neben den feinſten Formen in der Art, ſich zu be⸗ wegen, fand Hildegard bei der Fremden eine ſo unge⸗ zwungene, liebenswürdige und beſcheidene Weiſe, auf Fra⸗ gen und Bemerkungen zu antworten, ohne ſelbſt je eine Frage zu ſtellen, daß ſie ſich auf unbegreifliche Art von ihrem lieblichen Weſen angezogen fühlte. Auch ſchien Ellen einen gleichen Eindruck auf die alte Dame gemacht zu haben, denn dieſe, welche trotz der vorhin ausgedrück⸗ ten freundlichen Empfindungen für die Fremde, dieſen erſten Beſuch wie eine Art von Audienz, die ſie derſelben bewilligt, behandeln zu wollen— denn ſie entſchuldigte ſich bei Fräulein von Roſenthal, daß ſie wegen ihrer Krankheit leider gezwungen ſei, ſie ſitzend zu empfangen — deutete nach einer kurzen Unterredung auf einen kleinen Fauteuil und bat ſie, deſſelben ſich zu bedienen und ſich bei ihr niederzulaſſen. Auch Gräfin Hildegard miſchte ſich jetzt in das Ge⸗ ſpräch, welches ſich für die beiden Damen des Schloſſes allerdings um ſcheinbar gleichgültige Gegenſtände drehte, und doch für die arme Ellen recht peinlich war, da ſie nicht anders konnte, als gemäß den Inſtruktionen Roſen⸗ thal's von ihrer Vergangenheit zu reden— wie viel lieber hätte ſie auch hier in ihrer wahren Geſtalt er⸗ ſcheinen mögen, die traurige Geſchichte ihrer Leiden und ihres elenden Lebens ohne Rückhalt erzählen, um viel⸗ leicht durch ein verächtliches Achſelzucken verurtheilt zu werden, vielleicht aber auch um zum erſten Male durch ein Wort des Troſtes und der Theilnahme aus dem Munde edler Frauen ſich geſtärkt und gehoben zu füh⸗ len— und alles Das nur in dem Gedanken an ihn, den ſie ſo innig liebte, dem ſie ihr Leben geweiht unter der furchtbaren Qual, ihm fern bleiben zu müſſen, ſo lange ſie ihm nicht zu ſagen vermochte, daß ſie von der Sünde ihres vergangenen Lebens dadurch losgeſprochen worden ſei, daß reine Herzen ſich ihr trotz alledem liebend geöffnet, und unbefleckte Hände die ihrigen tröſtend ge⸗ drückt. All' dieſe ſchmerzlichen Gedanken gaben dem ohnehin ſanften Tone ihrer Stimme etwas Weiches, ja Trauriges, und das war es ja ganz beſonders, warum ſich Gräfin Hildegard auf eine ſo unerklärliche Art zu der Fremden hingezogen fühlte; ja es war ihr, als habe ſie Ellen ſchon jahrelang gekannt und als ſei ihr der Gedanke tröſtlich, in dieſem lieblichen und beſcheidenen Weſen eine Freundin wiedergefunden zu haben. Daher war es ihr auch ſehr erwünſcht, als Ihre Erlaucht, die Frau Gräfin, nach einiger Zeit zu ihrer — 202 Enkelin ſagte:„Du wirſt Dich gewiß nicht ungern des Fräuleins von Roſenthal beſtens annehmen, und ſie in die kleinen Tagesgeſchichten unſeres ſtillen Haushaltes ein⸗ weihen. Derſelbe verſpricht allerdings,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu,„für die nächſte Zeit etwas lebhafter werden zu wollen, wir haben Beſuch und bekommen noch weiteren. Neben Baron Brenner erwarte ich meinen alten Freund Sir Frederic Knohbers, und heute Mor⸗ gen erfuhr ich von da drunten, daß wir auch das Ver⸗ gnügen haben werden, den Miniſter Grafen Wieneck bei uns zu ſehen, freilich nur en passant, da, wie ich höre, der Miniſter des königlichen Hauſes das Schloß Lilien⸗ feld, den künftigen Sommeraufenthalt der Frau Kron⸗ prinzeſſin, beſichtigen will— und nun danke ich Ihnen für Ihren freundlichen Beſuch, mein liebes Fräulein, und hoffe, Sie bald wieder bei mir zu ſehen.“ „Erlaubſt Du, Großmama, daß ich unſern Gaſt begleiten darf?“ „Gewiß, mein Kind, ſiehe nach, ob man das Fräu⸗ lein gut untergebracht hat!“ 4 Damit verließen die beiden jungen Damen das Ge⸗ mach, und wie man ſie ſo neben einander dahin gehen ſah in gleicher Größe, in gleich ſchöner Geſtalt, mit faſt gleichfarbigem blondem Haar, Beide mit ſchönen, edlen Geſichtszügen, hätte man ſie für ein Paar Schweſtern 203— halten können, die es liebten, in gleich einfacher Kleidung zu gehen; denn auch Gräfin Hildegard war in ſchwarze Seide gekleidet, wie Ellen, und ſomit wären ſie auch darin ähnlich geweſen, nur mit dem kleinen Unterſchiede, daß während Gräfin Hildegard ihre einfachſte Toilette trug, die arme Ellen in das Beſte gekleidet war, was ſie beſaß. Auch konnte ſie ſich nicht enthalten, während ſie den langen Korridor hinabgingen, darauf anſpielend zu ſagen:„Die Freude über den liebenswürdigen Empfang Ihrer Erlaucht hat mich gänzlich vergeſſen laſſen, eine 3 ſehr nothwendige Bitte um Entſchuldigung über meine mangelhafte Toilette zu ſagen; doch wiſſen Sie ſelbſt, daß wenn man ſo plötzlich und raſch, und durch ein ſo ernſtes Ereigniß zu einer längeren Reiſe genöthigt iſt, man oft das Beſte vergißt.“ „Und das iſt doch gewiß nicht das Beſte, hier nicht einmal nothwendig, beruhigen Sie ſich ganz darüber, mein liebes Fräulein; ſollte aber je der Fall eintreten, daß Ihnen eine reichere Toilette, als Sie ſie gerade bei ſich haben, wünſchenswerth erſchiene, ſo würde ich mir ein Vergnügen daraus machen, Ihnen auszuhelfen— bitte, kein Wort des Dankes oder der Ablehnung!“ ſetzte Gräfin Hildegard in einem ſehr beſtimmten Tone hin⸗ zu:„Das wird ſich Alles finden— wie heißen Sie eigentlich mit Ihrem Vornamen?“ fragte ſie alsdann ſtehen bleibend, die dunklen Augen feſt auf Ellen rich⸗ tend. „Ellen— gnädige Gräfin.“ „Gut, ſo werde ich Sie künftig Ellen nennen, im Fall Sie mir nämlich verſprechen, nicht mehr gnädige Gräfin zu ſagen, ſondern Hildegard— wollen Sie das?“ „Wenn Sie es mir geſtatten, mit großem Ver⸗ gnügen!“ „Reiten Sie mit Vorliebe?“ Wie gern hätte Ellen dieſe Frage entſchieden mit „Nein“ beantwortet, ja es ſchauderte ſie förmlich bei dem Gedanken, eingeſtehen zu müſſen, daß ihr die Kunſt des Reitens nicht unbekannt ſei, war ſie doch auch darin wie⸗ der gezwungen, dem unſichtbaren Drucke zu folgen, wel⸗ chen Roſenthal auf ſie ausübte, denn ſie konnte überzeugt ſein, daß er bei der erſten paſſenden Gelegenheit zu ver⸗ ſichern nicht unterlaſſen würde, wie gern er an jene Zeit zurückdenke, wo er mit ſeiner Schweſter, die eine vortreff⸗ liche Reiterin ſei, in den Champs elysées und im Bois Aufſehen erregt— o, jene entſetzliche Zeit— die unbe⸗ fangene Frage der Gräfin Hildegard hatte der armen Ellen plötzlich wieder den ganzen tiefen, häßlichen Abgrund gezeigt, an deſſen äußerſtem Rande ſie dahinſchritt— und doch mußte ſie jene Frage mit„Ja“ beantworten. „So werden wir häufig zu Pferde ſein, wenn es Ihnen recht iſt— aber wo hat man Sie denn unter⸗ gebracht?“ fragte plötzlich die junge Gräfin, indem ſie in dem langen Korridor, welcher gegen die Haupttreppe führte, ſtehen blieb. „Auf der andern Seite des Treppenhauſes im zwei⸗ ten Stocke, o, ich hab' ein reizendes Zimmer, mit einer hübſchen Ausſicht über eine offene Reitbahn hinweg auf einen Theil des Parkes mit dem ſchönen Waſſerfall.“ „Ah, ja, ich kenne das; für den Sommer recht an⸗ genehm, aber jetzt friert's Einen, wenn man das ſchäu⸗ mende Waſſer anſieht; wenn Sie nichts dagegen haben, Fräulein Ellen, ſo werde ich Sie ſogleich mehr in meine Nähe unterbringen laſſen.“ „Es kann mir das nur ſehr— ſehr angenehm ſein.“ Die junge Gräfin war raſch bis zum Treppenhauſe vorgegangen, und berührte dort den Drücker eines alter⸗ thümlichen, kunſtvollen Glockengehäuſes, worauf ein heller Ton erklang, der ein paar Bediente von verſchiedenen Seiten raſch herbeieilen machte. „Den Haushofmeiſter, aber ſogleich!“ „Zu Befehl, Erlaucht.“ Sie eilten nach beiden Seiten von dannen, und gleich darauf tauchte unten an der Treppe das weiße Haupt des alten Haushofmeiſters auf, welcher eilig die Stufen heranſtieg und ſich ſchon 206— im Näherkommen nach den Befehlen der jungen Gräfin erkundigte. „Ich habe einen kleinen Wunſch, beſter Herr Fack⸗ ler; neben meinem Zimmer iſt ja wohl das kleine Aparte⸗ ment frei mit dem gelben Salon, in welchem die hüb⸗ ſchen Bilder nach Watteau ſind; iſt vielleicht darüber ſchon verfügt?“ „Gewiß nicht, Erlaucht, wie würde ich mich unter⸗ ſtehen, ungefragt über etwas zu verfügen, was ſich in ſo unmittelbarer Nachbarſchaft der gnädigen Gräfin be⸗ findet!“ „Das iſt ſchön von Ihnen, Herr Fackler; ſo wollen wir gemeinſchaftlich darüber beſtimmen, und zwar für jene junge Dame, die ich gern in meiner Nähe haben möchte.“ Der alte Haushofmeiſter erlaubte ſich, die bezeich⸗ nete junge Dame mit einem ſehr ſchalkhaften Lächeln zu betrachten, welches wohl ſo viel heißen ſollte, als finde er es ſehr begreiflich, daß man ſie gern in ſei⸗ ner Nähe haben möge; Herr Fackler konnte ſich der⸗ gleichen ſchon erlauben, und Gräfin Hildegard lachte herzlich über den wohlwollenden Blick des alten Man⸗ nes, dann ſagte ſie: „Kommen Sie jetzt nur gleich mit mir auf mein Zimmer, Ellen, er wird Alles pünktlich für Sie beſorgen, und wenn Sie etwas 2075— einzupacken haben, ſo ſchicke ich eines meiner Kammer⸗ mädchen.“ „Dürfte ich nicht ſelbſt mitgehen, Gräfin Hilde⸗ gard?“ „Nein, nein, ich will Ihnen ſogleich Ihr Apartement zeigen;“ damit zog ſie Ellen von dannen, und der alte Haushofmeiſter begab ſich nach der Wohnung der frem⸗ den jungen Dame, um ſelbſt dabei zu ſein, wenn ihre allerdings wenigen Effekten hinübergeſchafft würden; da ſich ihm begreiflicher Weiſe zwei Lakaien anſchloſſen, ſowie aus Neugierde ein Tafeldeckergehülfe, der müßig umherſchlenderte, ſowie ein kleiner Jockey, der dem Tafeldecker in dieſem Geſchäfte half, ſo war es nicht zu verwundern, daß die Schritte dieſer Leute in dem hallenden Korridor, denen Herr Fackler mit ſehr würde⸗ voller Miene voranſchritt, die Aufmerkſamkeit des Grafen Hugo erregte, der von der offenen Reitbahn heraufkam, wo er ein paar Pferde in recht auffallenden Gangarten und ſehr forcirten Sprüngen geritten, nur in der Ab⸗ ſicht, um die Aufmerkſamkeit einer jungen Dame zu er⸗ regen, von der er ganz genau wußte, daß die Fenſter ihrer Zimmer auf eben jene Reitbahn gingen; doch hatte er ſich ohne Nutzen bemüht, weßhalb er auch be⸗ reits ſeine üble Laune an dem Stallmeiſter des Grafen ausgelaſſen, und jetzt den Haushofmeiſter in verdrieß⸗ 208— lichem Tone fragte, was denn dieſe Prozeſſion zu be⸗ deuten habe. „Es ſind andere Zimmer beſtimmt worden für das gnädige Fräulein von Roſenthal,“ gab Herr Fackler mit einiger Befangenheit zur Antwort, denn er wußte ganz genau, daß ſich der junge Herr Graf über das anfängliche Unterbringen der Fremden beifällig geäußert hatte. „Und von wem wurde dieſe Veränderung angeord⸗ net?“ fragte er barſch. „Von Ihrer Erlaucht der Gräfin Hildegard; ſie haben für die Dame den kleinen gelben Salon neben ihren eigenen Zimmern beſtimmt.“ Dagegen war nun nichts einzuwenden, doch mur⸗ melte Graf Hugo irgend eine Bemerkung, welche für die Schweſter durchaus nicht freundſchaftlich klang, ehe er ſeine eigene, ganz in der Nähe gelegene Wohnung betrat. Wir wollen hierbei nicht verſchweigen, daß Ellen einen tiefen und mächtigen Eindruck auf das Herz dieſes leichtſinnigen jungen Menſchen gemacht, ja einen größeren und beſſeren, als bisher irgend ein anderes weibliches Weſen, woher es denn auch kam, daß er ihren Bruder, den Herrn von Roſenthal, mit ganz beſonderer Aufmerk⸗ ſamkeit, ja wirklich achtungsvoll behandelte, obgleich er ſich anfänglich vorgenommen hatte, das Gegentheil zu thun, da ihm bei ſeinem längeren Aufenthalt in der Re⸗ ſidenz, beſonders aber bei ſpäteren Beſuchen dort, über denſelben Manches zu Ohren gekommen war, was ihm nicht unverdächtig erſcheinen mußte. Auch war das Benehmen Roſenthal's auf dem Schloſſe des Grafen Ferrner von einer muſterhaft beſcheidenen Zurückhaltung, und ganz ſo, wie es von einem Ka⸗ valier aus beſtem Hauſe, dem die feinſten Manieren gleichſam angeboren ſein ſollen, auch nicht anders zu er⸗ warten war. Doch lag die Zurückhaltung Roſenthal's in dieſen Tagen auch wohl darin, daß er ſich in letzter Zeit, ſeine Geſundheit betreffend, etwas zu viel zugemuthet hatte, und eben ſo gut ſelbſt fühlte, daß ihm vollkommene Ruhe zu ſeiner gänzlichen Herſtellung ſehr nothwendig ſei, als ihm dieß auch Doktor Flinder bei ſeinen häufigen Be⸗ ſuchen ernſtlichſt ſagte und ihn dringend ermahnte, ſich ſtill in ſeinem Zimmer zu halten und alle Aufregungen, ſtarke Diners, feine Soupers und großes Spiel zu ver⸗ meiden. Eine Folge hievon war, daß Graf Ferrner aus Rückſicht für ſeinen Gaſt die Hausordnung inſoweit än⸗ derte, daß Roſenthal's großes und hübſches Apartement der Vereinigungspunkt für die Herren war, wodurch die Damen in dieſen Tagen ſo ziemlich für ſich allein blieben. Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 14 210— Es war eigenthümlich, welche Anhänglichkeit der gute Arzt überhaupt immer noch für ſeinen Patienten an den Tag legte, denn er, der ſich ſonſt ſelten im Schloſſe ſehen ließ, erſchien jetzt faſt täglich, um nach Roſenthal zu ſehen, und war es dabei auch ſehr natürlich, daß er ſich zu gleicher Zeit nach dem Befinden Ellen's erkundigte, um dann ſchließlich der alten Frau Gräfin über ihre Gäſte Bericht zu erſtatten. Welcher Art dieſe Berichte waren, wie groß die Theilnahme für Herrn von Roſenthal, und wie tief die Verehrung für deſſen Schweſter, die Doktor Flinder ohne Rückhalt an den Tag legte, konnte man am beſten aus den Bemerkungen der alten Dame entnehmen, welche dieſe zuweilen gegen Gräfin Hildegard, beſonders über Ellen, hören ließ. „Unſer vortrefflicher Doktor,“ ſagte ſie eines Mor⸗ gens,„iſt ein ſo guter Kenner auch der menſchlichen Seele, und dabei ein ſo vorſichtiger Beurtheiler, daß ich mich wirklich herzlich freue, wie liebevoll er ſich über Ellen ausſpricht.“ 5 „Ich wollte ihm auch nicht rathen, anders über ſie zu reden,“ warf Gräfin Hildegard lächelnd ein. „Wieder ein Beweis, daß er Recht hat, denn bei Deiner ſonſt ſo verſchloſſenen, ja häufig unnahbaren Art könnte ich mir auch ſonſt unmöglich erklären, wie es — 211— dieſem jungen Mädchen gelungen iſt, in ſo kurzer Zeit Deine innige Freundſchaft, ja Deine herzliche Liebe zu erlangen.“ „Ach, Großmama, Ihnen geht es mit Ellen ja auch nicht anders; geſtern Abend, als wir hier beiſammenſaßen, habe ich innerlich lachen müſſen, als ich ſah, wie Sie in tiefen, aber herzlich lieben Gedanken Ihre Hand auf Ellen's Haupt legten, und Ihre Finger in deren präch⸗ tiges, aſchblondes Haar vergruben— ſagen Sie mir doch, Großmama, wie lange iſt es ſchon her, daß Sie mir das nicht gethan?“ „Böſes Kind, Du biſt am Ende eiferſüchtig auf die Fremde?“ „O, gewiß nicht, ich gönne ihr aufrichtig all' die Herzlichkeit und Liebe, die ihr Alle ihr ſo offenkundig entgegenbringt; wie freu' ich mich, daß Papas erſte Frage ſtets nach Ellen iſt, daß der komiſche Baron Brenner immer ſeine ehrerbietigſten Worte für ſie hat, ja— aber Du wirſt lachen, Großmama, es ergötzt mich höchlich, wenn ich ſehe, wie der alte Fackler höchſtſelbſt die Thüren aufreißt, wenn ſie ſich zum Weggehen wendet— iſt das nicht recht komiſch?“ „Du haſt noch eine Perſon des Hauſes vergeſſen,“ ſagte die alte Dame nach einer kleinen Pauſe mit ernſter Stimme,„Jemand, der ebenfalls nicht unterläßt, Ellen — 212— mit großer und erſtaunenswerther Aufmerkſamkeit zu be⸗ handeln, Deinen Bruder Hugo.“ „Ach ja, Hugo!“ gab das junge Mädchen mit einem verdüſterten Blick zur Antwort.——„Groß⸗ mama, es wäre mir unangenehm, ja es wäre mir ent⸗ ſetzlich, wenn ſeine Aufmerkſamkeiten einen tieferen Grund hätten.“ „Und warum das?“ frug die alte Dame mit ernſter Stimme, während der harte Zug um ihren Mund deut⸗ licher erſchien—„Dein Bruder iſt allerdings auf ſo ſchlimme Wege gerathen, daß ihn nur ein Engel retten kann-——— „Und glauben Sie, dieſer Schutzengel könnte ſich für ihn gefunden haben?“ „Ich hätte nichts dagegen einzuwenden!“ „O, Großmama, das kann Ihr Ernſt nicht ſein,“ rief das junge Mädchen in ängſtlichem Tone,—„jd⸗ das könnte mich furchtbar eiferſüchtig machen.“ „Auf Deinen Bruder?— närriſches Kind!“ „Auf alle Welt— auf Jeden; Ellen und ich, wir wollen zuſammen bleiben, ſie wird nie daran denken, einem Manne anzugehören, und ich auch nicht, wir wollen zuſammen in's Kloſter gehen.“ Ueber dieſe ihr begreiflicher Weiſe recht komiſch er⸗ ſcheinende Wendung lachte die alte Dame herzlich; dann ſagte ſie, immer noch mit heiterer Miene:„O, ich finde dieſen Entſchluß begreiflich, bei den furchtbaren Erfah⸗ rungen, die Du gemacht.“ „Ja, Großmama— furchtbare Erfahrungen!“ Seltſamer Weiſe lächelte Gräfin Hildegard nicht, als ſie, die Worte ihrer Großmutter aufnehmend, die⸗ ſelben langſam nachſprach; ſie that das vielmehr in einem ſchmerzlichen Tone, während ſie ihre Hände zuſammen⸗ faltete. „Aber, Hildegard, wie kann man ſo kleinlich ſein, vergiß doch endlich einmal jene lächerliche Geſchichte, die der Wind längſt verweht hat, an die kein Menſch mehr denkt!“ „Die aber ſchmerzlich in meinem Herzen eingegraben bleibt,“ entgegnete das junge Mädchen, indem ſie ſich hoch aufrichtete und einen Augenblick das Geſicht mit ihren Händen bedeckte.— Nur einen kurzen Augenblick, dann ſanken dieſelben wieder herab, und ſie verſuchte zu lächeln, indem ſie ſich auf die alte Dame niederbeugte und deren Stirne küßte, dazu in bittendem Tone ſagend:„Nicht wahr, Großmama, wir ſprechen nicht mehr darüber.“ Dann verließ ſie raſch das Zimmer, um draußen einen Augen⸗ blick ſtehen zu bleiben, tief aufathmend ihre feinen Finger zuſammenpreſſend und zu ſich ſelber ſprechend:„Ja, ich 214— will mit Ellen darüber reden— Ellen wird mich ver⸗ ſtehen.“ Dieſe befand ſich in dem kleinen gelben Salon und ſtand an dem Fenſter deſſelben, das eine Ausſicht ge⸗ währte über die weite Ebene, an deren Ende man aus einem dichten, dunſtigen Nebel in ſchwachen Umriſſen einige der höheren Gebäude der Stadt bemerkte— dort weilten ihre Gedanken, dort weilte ihre ganze Seele, dort weilten ihre Blicke, wie ſo oft, ſeit ſie ſich auf dem Schloſſe befand. Lebte er nicht dort, Arthur— ihr Arthur, ihn, den ſie einzig geliebt, und unſäglich liebte — ihn ſah ſie vor ſich, o, ſo deutlich, das Haus, in dem er wohnte, ſein Atelier, die Staffelei, an der er gelehnt ſtand, um ſie mit herzlichem und doch wieder ſo ehrer⸗ bietigem Gruße zu empfangen—„Arthur— mein Ar⸗ thur“— dann gedachte ſie jenes Morgens, wo ſie Ab⸗ ſchied nahm von dem traulichen Gemach, in welchem ſie ihm ſo oft ſtundenlang gegenüber geſeſſen, und fühlte lebhaft und tiefſchmerzlich wie damals, wie ſie geglaubt, alles Glück ſei für ſie vorüber, als ſich nun die Thüre zwiſchen Beiden geſchloſſen, dieſe armſelige dünne Thür, die im Stande geweſen war, für beide Liebenden, wenig⸗ ſtens auf kurze Zeit, eine undurchdringliche Scheidewand zu bilden, an welcher Beide flehend die Hände gegen ein⸗ ander ausgeſtreckt hatten. Dann dachte Ellen an jenen ſeligen Augenblick des Glücks, dem ſo bittere Enttäuſchung gefolgt war, wie ſie damals wenigſtens geglaubt, und wie ſie auch jetzt noch ſekundenlang glaubte, um gleich darauf haſtig ihre Haare aus der erhitzten Stirne zu ſtreichen und mit ſtarrem Blicke angſtvoll zu flüſtern:„O gewiß, gewiß, er hat mich geliebt, wie ich ihn; ich hätte mich in ſeine Arme werfen ſollen und ihn nimmer laſſen- wer weiß, ob ich jetzt nicht wirkungslos zu ihm zurückkehre, ſelbſt wenn ich ihm ſage: ich war es Dir und mir ſchul⸗ dig, zuerſt zu erforſchen, ob andere gute Menſchen mir die Hand reichen würden, um mich emporzuziehen, und erſt da dieß geſchehen iſt, da ich edle Herzen gefunden, die mich lieben, kehre ich zurück und frage Dich demüthig, ob Du mich noch immer in Deine Arme aufnehmen willſt?“ Wie zuckte Ellen in dieſem Augenblicke erſchreckt zuſammen, als ſich ein paar weiche Arme um ihren Nacken legten, als ihr Kopf ſanft auf die Seite gezogen wurde und ſich ein paar warme Lippen auf ihren Mund drückten! „Gräfin Hildegard!“ „Nicht Gräfin Hildegard— Hildegard, Deine Schweſter— Hildegard, die Dich liebt, und die es durchaus haben will, daß Du ſie ebenfalls lieben, ſie 216— gleichfalls als Schweſter betrachten und ſie‚Due nennen ſollſt.“ Ellen's dunkle Augen füllten ſich mit Thränen. „Warum weinſt Du?⸗ „Weil es mich ſo glücklich, ſo ſelig macht, von guten, edlen Menſchen geliebt zu werden!“ „Das kann Dir doch nichts Neues ſein, Ellen, nur gute Menſchen können im Stande ſein, Dich wirklich auf⸗ richtig und ohne Falſch zu lieben.“ „Glaub—ſt Du das wirklich, Hildegard?“ „O, ich bin davon überzeugt, und wir Alle lieben Dich.“ Die junge Gräfin ſprach ganz gegen ihre Gewohn⸗ heit ſo haſtig, ſo aufgeregt, und drückte Ellen ſo feſt an ihre Bruſt, daß dieſe ſie eben ſo erſtaunt als erfreut anſchaute und überraſcht war, zu ſehen, wie eine lebhafte Röthe ihre ſchönen Züge überflog, und wie ihre Augen plötzlich feucht wurden— „Thränen, Hildegard, was können bei Dir, Du Glückliche, Thränen bedeuten; Du, von aller Welt geliebt, verehrt, angebetet?“ „Das will ich Dir ſagen, Ellen, wenn Du mich mit Ruhe und Herzlichkeit anhören willſt!“ „O gewiß, und doppelt gern, wenn das, was in Deinem Auge glänzt, wie es ja auch nicht anders möglich iſt, Thränen des Glückes ſind!“ 217 „—— Komm,ſ ſetze Dich zu mir, dicht zu mir her, und ſchaue dort in die Gegend hinaus, während ich mit Dir rede— haſt Du ſchon— Jemanden ge⸗ liebt?“ „——O ja!“ „Und glücklich. geliebt?“ „Darauf bin ich kaum im Stande eine zuſtimmende Antwort zu geben!“ „Hat er Dich betrogen, oder was noch ſchrecklicher wäre, hat er etwas gethan, was ihn Deiner Achtung unwürdig gemacht?“ „So etwas allerdings könnte auch in meiner Liebe vorgekommen ſein,“ ſagte Ellen, düſter vor ſich hin⸗ blickend. „Arme Ellen— und Du liebſt ihn doch noch?“ „Warum ſollte ich ihn nicht heißer als vorher lieben, war er es doch, der von mir in dem Glauben ſchied, als habe ich ſeine Achtung verſcherzt?“ „O, das iſt ja ganz unmöglich!“ „Wer weiß, Hildegard, wer weiß!“ „Du biſt nie im Stande geweſen, etwas Unrechtes zu thun.“ „Vielleicht abſichtslos— vielleicht durch traurige Umſtände dazu gedrängt.“. „Selbſt dann müßte er Dir verziehen haben, wenn 218— er Dich wirklich geliebt hat, und dadurch Dein gutes, edles, liebes Herz erkannt.“ Ellen preßte im ſchmerzlichſten Gefühl die Hand ihrer ſchönen Freundin, welche in der ihrigen lag, ſie athmete langſam und ſchwer, und ein tiefes Weh zuckte durch ihre Seele, als ein Blick auf Hildegard's reine Züge, in deren klares, unſchuldsvolles Auge ſie erkennen ließ, wie un⸗ möglich es ſei, ſie auch nur in den leiſeſten Andeutungen einzuweihen in ihr eigenes, ſchuldbeladenes Leben— und trotzdem, als fürchte ſie ſchwächer zu ſein als ſie gewollt, fragte ſie raſcher, als ſie ſonſt wohl gethan hätte:„Wäre es denn möglich, Hildegard, daß Du geliebt und nicht ganz glücklich geliebt hätteſt?“ „Ja, ich habe geliebt, Ellen, mir lange ſelber unbe⸗ wußt, und als ich endlich zur Erkenntniß meines Gefühles kam, beherrſchte ich mich auf die unbeſchreiblichſte Art, um Niemanden, am allerwenigſten ihn, mein Gefühl ahnen zu laſſen— dabei erging es mir aber, wie es in dem Volksliede heißt: „Kein Feuer, keine Kohle kann brennen ſo heiß Als heimlich ſtille Liebe, von der Niemand nichts weiß.⸗ Verſtehſt Du mich, Ellen?“ „Ob ich Dich verſtehe!“ „Und dabei mußte ich ihn täglich ſehen, häufig mehr als einmal des Tages, mußte mit ihm plaudern über 219 gleichgültige Dinge, mußte es ſehen und hören, welches Intereſſe die liebenswürdigſten Mädchen, die ſchönſten und gefeiertſten Frauen an ihm nahmen— ja, ich mußte mit den Andern lächeln über kleine Pikanterieen, die man von ihm und irgend einer andern Dame erzählte, ja, und mußte mit blutendem Herzen ſehen, wie er einer dieſer Damen, einer ſchönen, bezaubernden, gefährlichen Frau größere Aufmerkſamkeiten erzeigte, als irgend einer andern— obgleich das vielleicht Niemand bemerkt, wie ich— und obgleich Niemand anders wie ich je geſehen hat, daß zuweilen eigenthümliche Blicke zwiſchen Beiden gewechſelt wurden— aber die Liebe und die Eiferſucht ſehen ſcharf!“. „Meine arme Hildegard!“ „Da— eines Tages— aber ich muß Dir das aus⸗ führlicher erzählen— befand ich mich mit einem der Mädchen allein in meinem Schlafzimmer— im Begriffe mich anzukleiden, als jenes Mädchen plötzlich mit einem lauten Schrei einer Garderobe entflieht, die ſich im gleichen Zimmer befand, und nun— Jemand dort heraustritt — er— er, den ich geliebt, und der mir die Schmach eines ſolchen Ueberfalles anthat—— o Ellen—— als ich ihn erblickte, verwandelte ſich meine Liebe in wil⸗ den Haß, ich ergriff eine kleine Piſtole, die ſtets auf mei⸗ nem Toilettetiſch lag— eine armſelige Spielerei, wie — 220— ich aber alsbald einſah— denn ich vermochte es doch nicht, eine Kugel in ſeine Bruſt zu ſenden, wozu ich in der erſten Sekunde feſt entſchloſſen war.“ „—— Und was hatte ihn zu dieſem un⸗ überlegten Schritte veranlaßt?“ fragte Ellen nach einer Pauſe, da die junge Gräfin tieferſchüttert ſchwieg. „Ich habe es mit Sicherheit nie erfahren, denn Du kannſt Dir denken, daß ich jede Auseinanderſetzung mit ihm auf's Beſtimmteſte vermied, daß ich ſeine Briefe zurückwies, ja daß ich die Vermittlung der höchſten Per⸗ ſonen zur Verſöhnung mit ihm in Haß und Verachtung eben ſo gut ausſchlug, als das lächerliche Opfer, das er mir bringen wollte, indem er mir ſeine Hand anbieten ließ—— ſage mir nun, Ellen, ob ich hierin nicht voll⸗ kommen recht gehandelt habe,“ rief hier die junge Gräfin haſtig— aufgeregt,„und ob Du nicht gerade ſo handeln würdeſt?“ Ellen erhob ſanft das Geſicht ihrer Freundin und blickte dann forſchend in die ſchönen, erhitzten Züge der⸗ ſelben, ehe ſie zur Antwort gab:„Sage mir doch, Hilde⸗ gard, hatte er es ſonſt je in der leiſeſten Weiſe an irgend welcher Achtung für Dich fehlen laſſen?“ „Nie!“ 8 „War er als leichtſinnig oder als rückſichtslos be⸗ kannt?“ „Auch das nicht!“ „Wäre ein anderer Grund denkbar, welcher ihn in Dein Zimmer geführt hätte?“ „Man ſprach davon,“ flüſterte Hildegard ganz leiſe, „und dieſer Grund vermehrte meinen Haß gegen ihn— aber warum fragſt Du das Alles?“ „Um noch eine letzte und gewichtigſte Frage thun zu können, willſt Du mir noch eine Frage erlauben!?“ „Frage, frage!“ „Liebſt Du ihn noch?“ Die Heftigkeit, mit der ſtatt aller Antwort Hildegard ihre Freundin mit den Armen umſchlang, die ſcheue Art, mit welcher ſie ihr heißes Geſicht an der Bruſt Ellen's verbarg, das eigenthümliche Zucken ihres Körpers ver⸗ riethen und ſagten mehr, als tauſend Worte das zu thun im Stande geweſen wären. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. In der zweiundzwanzigſten Wendung, freundliches Thal und Ende des Weges. Der Haushofmeiſter, Herr Fackler, war ein paar Tage nach dem eben Erzählten zum Morgenrapporte in das Zimmer Seiner Erlaucht getreten, ruhig, würdevoll, wie er dieß zu thun pflegte, mit einem zufriedenen Lächeln um die Lippen, ſehr aufrechten Hauptes, und verließ dann in einer halben Stunde das Gemach wieder als ein Mann von ganz anderem Ausſehen. Sein Gang war ſchwan⸗ kend, auf ſeinen Zügen lag ein tiefer Ernſt, und als er an die große Treppe kam, um dort hinabzugehen, legte er, wie um ſich zu ſtützen, die Hand auf das Bronze⸗ geländer. Alsdann aber, um nicht einigen unten ſtehen⸗ den Lakaien das Bild einer verwerflichen Schwäche zu geben, ermannte er ſich gewaltſam, richtete ſich auf und ſtieg die Treppe hinab, ſtramm, wie er ſonſt zu thun pflegte. Als Herr Fackler jedoch in ſeinem Arbeitszimmer angekommen und ſich in ſeinen bequemen Lehnſtuhl geſetzt, ſank ſein Haupt ſorgenvoll auf die Bruſt, und er erſuchte den erſten Tafeldecker, welcher gekommen war, die Be⸗ fehle für den Tag in Empfang zu nehmen, um ein Glas Madeira oder dergleichen, ſowie um augenblickliche Her⸗ beiſchaffung des Koches. Dieſe beiden Wünſche wurden auch faſt zu gleicher Zeit erfüllt, und dann betrachtete der Haushofmeiſter kopfnickend die beiden wichtigen Haus⸗ beamten und ſagte, aber erſt nach einer ziemlich langen Kunſtpauſe und in einem Tone, der den erſten Tafel⸗ decker, ſowie den Koch ſchon im Voraus erſchütterte: „Morgen Nachmittag um vier Uhr haben wir Seine Majeſtät den König zu erwarten, und werden Allerhöchſt⸗ derſelbe die außerordentliche Gnade haben, die Nacht hier bei uns auf dem Schloſſe zu bleiben— weiß Gott, dieſe an ſich ſo höchſt erfreuliche Nachricht iſt mir in die Glie⸗ der gefahren— nicht als ſei es mir unbekannt, wie man eine Majeſtät zu bewirthen habe, o nein—“ fuhr Herr Fackler mit einer gerührt klingenden Stimme fort,„aber der allerhöchſte Beſuch gerade jetzt, gerade hier— unter bewandten und mir wohlbekannten Umſtänden, iſt wohl geeignet, einem alten Manne, der mit ſeiner Herrſchaft leidet und ſich mit derſelben freut, in die Glieder zu fahren.“ „Aber dazu iſt jetzt nicht die Zeit,“ ſetzte er mit wieder erwachter Energie, indem er raſch aufſprang, hinzu—„gütiger Himmel, wir haben kaum noch vier⸗ undzwanzig Stunden Zeit— wie ſieht's mit der Küche aus?“ 3 „Ich dente gut, Herr Fackler,“ erwiederte der Koch, ſich die Hände reibend,„wir haben alſo wohl Diner um fünf Uhr?“ „Um fünf Uhr— laſſen Sie ſehen“— er zählte an den Fingern.„Sieben Herrſchaften im Hauſe, heute Abend kommt noch der engliſche Geſandte, und Baron Tönning macht neun, Seine Majeſtät— die ich eigent⸗ lich hätte zuerſt nennen ſollen— kommen mit dem Staats⸗ miniſter von Wieneck und einem Flügeladjutanten, macht zwölf, alſo zwölf Couverts!“ „Dann um acht Uhr den Thee?“ „Zwiſchen acht und neun Uhr, denk' ich, oder ſagen wir lieber: um neun Uhr, denn Seine Majeſtät werden nach dem Diner mit dem Herrn Grafen allerlei zu ver⸗ handeln haben!“ „Gut denn, um neun Uhr Thee und Kaltes, ſtraß⸗ burger Paſteten und Feldhühner mit gut frappirtem Cham⸗ pagner—⸗ — 225— „Baron Brenner iſt ja da und Herr von Roſen⸗ thal,“ meinte der Koch ſchmunzelnd. „Auch Spieltiſche?“ fragte der erſte Tafeldecker. „Man hält ſie in Bereiſſchaft, ſchreibt euch alles Dergleichen auf, damit wir's morgen früh noch einmal durchgehen können.“ „Großes Service,“ ſagte der erſte Tafeldecker in einem Tone, der nur ein ganz klein wenig wie fragend klang; worauf Herr Fackler mit einer großartigen Ent⸗ ſchiedenheit zur Antwort gab: „Das Silber des gräflichen Hauſes!“ „Und nun zur Weißzeugverwalterin.“ Auch hier kurze Weiſungen, beſtimmte Befehle, ſowie ſpäter deßgleichen an den Stallmeiſter Seiner Erlaucht, an deſſen Kammerdiener, ſowie einen kurzen, aber inhalt⸗ ſchweren Vortrag an ſämmtliche Leute des Hauſes, und dann konnte Herr Fackler ziemlich ruhig ſein, daß ſicher alles Das geſchehen würde, was, um die Ehre des Hauſes gegenüber einem ſo großen und wichtigen Ereigniſſe zu wahren, nur geſchehen konnte. Auf ſämmtliche übrigen Bewohner des Schloſſes machte die erhaltene Nachricht verſchiedenartigen Eindruck. Trotz eines ſehr gnädigen Handſchreibens ſchien der alte Graf Willibald Ferrner den ihm zugedachten allerhöchſten Be⸗ ſuch wie eine allerdings ehrenvolle Laſt zu empfinden, Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 15 — 226— unter der man ſich beugen müſſe. Minder ſchroff, viel⸗ leicht aufrichtiger, dachte und ſprach die alte Frau Gräfin darüber, und was Hildegard anbetraf, ſo hatte ſie ſich nie über Unfreundlichkeit von Seite Seiner Majeſtät zu beklagen gehabt, ja an ihm ſtets einen liebevollen Be⸗ ſchützer gefunden, wenn die alte Pommerhauſen mit zu⸗ ſammengelegten Händen und verdrehten Augen über den Mangel an Ernſt bei der jetzigen Jugend geſeufzt. Roſen⸗ thal ſchien bei der Nachricht von der Ankunft Seiner Majeſtät mit einem Male wieder gärzlich hergeſtellt zu ſein, er ſah in dieſem Beſuche eine Fügung des Schick⸗ ſals, den Wiederbeginn neuer, glänzender Thaten. Hatte doch Ellen's edelmüthige Entſchloſſenheit den ſchwarzen Schatten verſcheucht, den er leichtſinniger Weiſe ſelbſt auf ſein Leben hatte fallen laſſen, auch war er überzeugt, Baron Brenner werde auf eine vielleicht theilnehmende Frage Seiner Majeſtät nach ihm, Roſenthal, nicht er⸗ mangeln, dem Könige das, was er über ihn gehört, mitzutheilen— und dann„Glück zu!“ Gelangte er erſt wieder dazu, auf eine gnädige, freundliche Art in's Geſpräch gezogen zu werden, ſo wollte er ſelbſt ſchon dafür ſorgen, wieder feſten Fuß in der Gunſt Seiner Majeſtät zu faſſen. Ellen war eine von den Wenigen, welche der An⸗ kunft des hohen Gaſtes mit einigem Bangen, wenigſtens mit einer begreiflichen Scheu entgegenſahen; wenn ſie auch überzeugt ſein konnte, daß es ja wohl unmöglich ſei, von ihm als Die erkannt zu werden, für welche ſein Sohn Liebe empfunden, ſo fühlte ſie ſich doch mehr als je gedrückt durch ihre eigenthümliche falſche Stellung, von welcher durchaus keinen Begriff zu haben ſich Roſenthal in naiv unſchuldiger Weiſe den Anſchein zu geben ſchien, auch wollte er es nicht dulden, daß ſie ihre ſchnelle, un— verhoffte Reiſe zum Vorwand nehme, und auf die immer noch nicht erfolgte Ankunft ihrer Koffer ſich ſtützend, die Bitte gegen Hildegard ausſpreche, ſie während jenes ja ſo raſch vorübergehenden Tages gänzlich unbeachtet zu laſſen. 3 „O nein, mein Herz,“ hatte die junge Gräfin lächelnd geſagt,„Du haſt mir verſprochen, ſowohl meine Freuden als auch meine Leiden zu theilen, oder für hier in's Ver⸗ ſtändliche überſetzt: meine angenehmen Stunden eben ſo gut als andere, welche der Reſpekt mir mit einem Prä⸗ dikate zu belegen verbietet.“ „Aber Hildegard, Du weißt ſelbſt, wie glücklich ich war, in meiner etwas reduzirten Toilette ſelbſt vor den bisherigen Gäſten Deines Vaters nicht erſcheinen zu müſſen.“ „O mein Schatz,“ rief die junge Gräfin mit leuch⸗ tenden Augen,„das iſt es ja gerade, worauf ich mich 228 kindiſch freue, Dich wie eine Prinzeſſin herauszu⸗ putzen.“ „Nie— nie, ich werde mich niemals dazu her⸗ geben.“ „Aber ich will es,“ antwortete Hildegard, den Kopf trotzig aufwerfend,„und Großmama will es, und mein Vater wird es ebenfalls recht ſehr wünſchen, wenn er wüßte, daß Du Dich unter einem ſo nichtigen Vorwande unſerer Geſellſchaft entziehen wollteſt— verſtehſt Du es denn nicht, Kind, daß wir Staat mit Dir machen wollen, daß wir die Abſicht haben, Seiner Majeſtät mit einem glänzenden Zirkel aufzuwarten!“ „Das kann Dein Ernſt nicht ſein, Hildegard,“ ſagte Ellen unter dem Eindruck eines bitteren Gefühles, das ſich auch ſogleich auf ihren offenen Zügen zeigte. „Es iſt ja auch nur ein Scherz, närriſches Kind, und nur allein mir zu Liebe ſollteſt Du dabei ſein— ruhig— keine Widerrede mehr— nimm Dich aber vor dem König in Acht, es iſt da unten ein ſolcher Mangel 2 an ſchönen Hofdamen, 1 daß es mich gar nicht Wunder nehmen ſollte, wenn er den Verſuch machte, Dich für den 1 neuen Dienſt bei Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Kronprinzeſſin zu gewinnen.“ Auch unſer alter Freund Baron Tönning war geſtern Abend von ſeinem nicht fernliegenden Gute angekommen, — 229— begreiflicher Weiſe allein, da er ja zu einer Jagdpartie eingeladen worden, fand ſich aber doch auf's Angenehmſte überraſcht durch eine freundliche Frage der alten Gräfin nach ſeiner Frau, und fühlte ſich glücklich, dieſelbe durch ein leichtes Unwohlſein entſchuldigen zu dürfen. Großes Erſtaunen aber ergriff ihn, ja ein unbehagliches Gefühl, als er die bevorſtehende Ankunft Seiner Majeſtät erfuhr, und nur die ſehr beſtimmte Verſicherung des Grafen Ferrner: daß der König in ihm nur einen höchſt ehren⸗ werthen Gaſt des Schloſſes ſehen werde, vermochte ihn zum Dableiben zu beſtimmen. So kam der wichtige Tag heran, die ganze zahlreiche Dienerſchaft befand ſich in großer und ſehr reicher Livree .im Veſtibul und auf den Treppen, die Stallleute aber unterwegs, da Seine Majeſtät die Gnade gehabt hatte, von der Eiſenbahnſtation Perlenbach an Relais aus den Ställen des Grafen Ferrner anzunehmen, und die Förſter, Jäger und Jägerburſchen waren mit ihren langen, ge⸗ wundenen Waldhörnern in dem großen Hofraume auf⸗ geſtellt, in deſſen einer Ecke des kalten Tages, ſowie auch der raſch einbrechenden Dämmerung wegen, ein gewaltiges Feuer loderte. Was die Perſon des Grafen ſelber anbelangte, ſo hatte er die Frage der Etikette, den allerhöchſten Em⸗ pfang betreffend, ſorgfältig bei ſich überlegt, und von drei A — 230— Arten deſſelben, entweder als Oberſtjägermeiſter Seiner Majeſtät in großer Uniform unten an der Freitreppe, oder im ſchwarzen Frack am Eingang der Brücke, oder zu Pferd im Reitanzug an der Grenze ſeiner Beſitzung, ſich endlich für letztere entſchieden, und ſtieg eben zu Pferde in Begleitung ſeines Sohnes, gefolgt von ſeinem Stallmeiſter und einigen Reitknechten, während Herr Fackler im ſchwarzen Anzuge mit ſeidenen Strümpfen, den weißen Stab in der Hand, inmitten des großen Portales prangte. Wir wollen hier nicht verſchweigen, daß es den König angenehm überraſcht hatte, ſeinen alten Diener und Freund, der ſich ſeit längerer Zeit faſt trotzig von ihm fern gehalten, draußen auf dem freien Felde heran⸗ ſprengen zu ſehen, ja den Sattel ſeines Pferdes verlaſſend, um ſich zu Fuß unter ehrerbietigſter Verbeugung dem Wagen zu nähern, und hatte ſich Seine Majeſtät darauf beeilt, dem Grafen auf's Herzlichſte ſeine Hand entgegen⸗ zuſtrecken, auch befohlen, im Schritte zu fahren, damit er jetzt ſo das Vergnügen habe, mit ſeinem alten Ge⸗ treuen freundlich plaudern zu können, was auch dem Grafen ſchon deßhalb ſehr erwünſcht kam, da es ihm dadurch um ſo leichter möglich wurde, auf ungezwungene Art die Gäſte des Schloſſes zu nennen, welche er, nicht ahnend des Glücks des allerhöchſten Beſuches, zu einer — 231— Jagdpartie bei ſich eingeladen hätte. Bei dem Namen Tönning's lachte der König, indem er ſagte, er freue ſich darauf, den jungen Ehemann wieder zu ſehen, und meinte bei der Erwähnung Roſenthal's, hier draußen ſei ihm dieſe Begegnung angenehmer als anderswo, ja es ſei ihm nicht unintereſſant, von dem Betreffenden vielleicht die Löſung eines ganz eigenthümlichen Räthſels zu er⸗ halten.—„Dieſer Mann,“ wandte ſich Seine Majeſtät hierauf an den Staatsminiſter von Wieneck, der neben ihm ſaß,„hat jedenfalls die zähe Natur einer Katze, und es iſt ſchade um ſo viel körperliche Kraft und ſo große geiſtige Fähigkeiten.“ Dann langte man im Schloſſe an, und der König, nachdem er ſich in ſeine Apartements begeben, ließ den Baron Brenner rufen, um von ihm vielleicht Einiges zu erfahren, was ihm nützlich wäre bei ſeiner vorhaben⸗ den Unterredung mit dem Grafen Ferrner. Viel Neues oder Wichtiges konnte der erſte Kammerherr des Kron⸗ prinzen darüber allerdings nicht mittheilen, da Seine Er⸗ laucht einem intimeren Geſpräche bis jetzt ſtets ausge⸗ wichen war, doch wußte der gewandte Hofmann dagegen ſonſt allerlei Intereſſantes und Pilantes zu erzählen, ver⸗ ſtand es auch, Seine Majeſtät zu einer Frage nach Roſenthal zu veranlaſſen, und unterließ darauf nicht, das mitzutheilen, was er über die freiwillige und rückhaltsloſe 232 Vernichtung jenes koſtbaren Papieres erfahren; eine Neuigkeit, die den König auf's Höchſte zu intereſſiren ſchien und ihn zu der Verſicherung veranlaßte: daß es ihm nicht unangenehm ſei, Herrn von Roſenthal bei der Tafel zu ſehen. Dieſe Tafel war in der großen Halle des Schloſ⸗ ſes gedeckt, und wenn man auf die Maſſe ſchwerer, prachtvoll funkelnder Silbergeſchirre blickte, wahre Kunſt⸗ werke, ſo verſtand man den gerechten Stolz des Herrn Fackler, als er geſagt:„Das Silber des gräflichen Hauſes.“ In dem rieſenhaften Kamine brannten mächtige Eichenklötze, und dort ſaß die alte Gräfin auf ihrem Stuhle, ihrem Sohne, der neben ihr ſtand, heiter er⸗ zählend von der liebenswürdigen Art, mit welcher der König ſie, nachdem er nur ſehr kurze Zeit in ſeinen Zimmern verweilt, überraſcht habe, und ſetzte hinzu, in⸗ dem ſie ihre Hand auf den Arm des Grafen Willibald legte:„Es iſt dieß ein Beſuch, mein Sohn, den ich in ſeinen Folgen als glücklich und ſegensvoll auch für Dich anſehe.“ Dann erſchienen einige von den Gäſten und zwangen den Grafen, die ernſten Wolken, welche ſich nach der letzten Aeußerung der alten Dame auf ſeiner Stirne ge⸗ zeigt hatten, zu verſcheuchen. Es war der Staatsminiſter Graf Wieneck und Sir Frederic Knobbers, welch' Letzterer im Wagen des Flügeladjutanten Seiner Majeſtät mit⸗ gekommen war und im Hereintreten ſagte: „Ich kann geuiß verſichern an Eure Excellenz, daß es ein ſehr uonniges Gefühl iſt, uenn man ſich gar nicht zu geniren braucht, um Briefe und Pakete, die an einen zu kommen ſich das Vergnügen machen, acht Tage lang liegen laſſen kann.“ „Woraus aber eine heilloſe Konfuſion in Ihren Ge⸗ ſchäftsangelegenheiten entſtehen kann.“ „Aber ich uill ja gerade alle Geſchäftsangelegen⸗ heiten vermeiden, ich uill ein gänzlich freier Mann ſein und nur das thun., uas mir Vergnügen macht; ganz beſonderes Vergnügen aber macht mir die Kunſt, und deßhalb protegire ich die Künſtler— mein neues Bild—“ Dieſen Satz führte Sir Frederic vorderhand nicht zu Ende, weil ihm die alte Dame mit freundlichem Lächeln ihre rechte Hand reichte, ſowie zu gleicher Zeit ihre linke dem Grafen Wieneck, der ſie herzlich drückte und nach einigen Worten den Oberſtjägermeiſter unter dem Arm nahm, um mit ihm einen Gang durch den Saal zu machen. 3 Sir Frederic ſtand an dem Kamin, und während er in die lodernden Flammen blickte, nahm er ſeinen Ideen⸗ 234 gang von vorhin wieder auf und ſagte:„Mein neues Bild— 4 1 „Von welchem Bilde reden Sie?“ fragte ihn die alte Dame. „Ah, ich bitte Euer Erlaucht um Verzeihung, ich uollte dem Grafen Uieneck davon etuas mittheilen, und ſehe nun, daß er uns gelaſſen hat allein.“ „So müſſen Sie mit mir vorlieb nehmen, Sir Fre⸗ deric,“ meinte lächelnd die Gräfin. „O, Euer Erlaucht ſind zu freundlich mit mir, da Sie aber auch die Kunſt und ſchöne Bilder lieben, uill ich Ihnen ſagen, daß ich kürzlich ein Gemälde beſtellt habe, das eine Perle zu uerden verſpricht meiner ganzen Sammlung— ſieh da, Baron Brenner— ah, bei Gott, und unſer vortrefflicher Tönning, uie mich das freut— uie mich das freut!“ Beide näherten ſich dem Stuhle der alten Frau Gräfin und wurden von ihr auf's Liebenswürdigſte und Herzlichſte begrüßt; beſonders Tönning, den ſie durch eine Bewegung ihrer Hand veranlaßte, ſich zu ihr herabzu⸗ beugen, und dem ſie alsdann zuflüſterte: „Sie erfuhren ſchon, daß es den König in der That gefreut hat, als er vernahm, daß Sie hier ſeien?“ „Sollte Seine Majeſtät wirklich die Abſicht haben, mir wieder ſo gnädig geſinnt zu ſein, um Alles vergeſſen zu wollen, ſo weiß ich in der That nicht, ob ich das als ein Glück anſehen ſollte.“ „So ſehr haben Sie ſich ſchon in die Süßigkeiten des Eheſtandes hineingelebt?— o lieber Tönning, mein alter Freund, was muß man nicht Alles in dieſer Welt erleben— doch da kommt Jemand,“ ſetzte ſie mit leiſer Stimme hinzu,„den Sie hier bei uns, glaube ich, noch nicht begrüßt haben— Roſenthal— er ſchreitet gerade auf uns zu, ſeien Sie recht artig mit ihm, lieber Tön⸗ ning, ich wünſche das recht ſehr!“ „Gewiß, und ſchon aus Mitleid, denn er ſieht geiſter⸗ haft bleich aus.“ So war es anch in der That, und Jemand, der Roſenthal geſtern in ſeinem Zimmer mit den anderen Herren Whiſt ſpielen geſehen, mußte denken, es habe ihn heute etwas Furchtbares betroffen, oder er habe ſich ge⸗ wiſſer Toilettengeheimniſſe bedient, um ja recht leidend zu erſcheinen. Wir wollen indeſſen das Letztere annehmen, denn dazu paßte auch ſein langſamer Gang, ſeine würde⸗ volle, ja feierliche Art zu grüßen, ſein ſchwarzer Anzug, zu dem er noch lilafarbene Handſchuhe genommen hatte, und an dem nichts Weißes zu ſehen war, als der Kra⸗ gen ſeines Hemdes, den aber die kohlſchwarzen Favorits beinahe wieder verdeckten, und nichts Helles als eine Uhrkette von mattem Platina. Seine Begrüßung der Gräfin hatte etwas ſehr Ehrerbietiges, und die, mit welcher er ſich alsdann dem Baron Tönning näherte, etwas Mattes, Elegiſches, Hinſterbendes, er brachte es kaum dazu, ihm zwei Finger ſeiner rechten Hand ent⸗ gegenzuſtrecken, ſo daß ſich der Andere eines Lächelns nicht enthalten konnte, während er es mit einiger Oſten⸗ tation ebenſo machte. „Seine Excellenz hat gut lachen,“ wandte ſich Herr von Roſenthal hierauf an die Gräfin—„geht es ihm doch wie Romeo ſeligen Andenkens, und er kann uns lehren: Ein Spiel, wo Jedes reiner Jugend Blüte Zum Pfande ſetzt, gewinnend zu verlieren.“ „Gewiß, Herr von Roſenthal, und ich bin dankbar genug, um einzugeſtehen, daß ich Ihnen das Alles ver⸗ danke!“ ſagte Baron Tönning, gedankenvoll in die Ka⸗ minglut blickend, und ſetzte dann raſch aufſchauend hinzu: „Wie iſt mir doch, Herr von Roſenthal, ſo viel ich mich erinnere, ſchwebt noch eine Wette zwiſchen uns Beiden, Sir Frederic werden ſich auch daran erinnern?“ „Sie ſchwebt eigentlich nicht mehr,“ gab Herr von Roſenthal zur Antwort,„ſondern ich glaube, das Glück hatte ſich damals für mich entſchieden, denn Seine Majeſtät bekamen in dem gewiſſen Rubber viermal à tout Aß.“ 237— „So iſt es, Sir Frederic!“ „Ah, ſo uerde ich ſein ſo frei und Ihnen nachher meine Uette mit zehn Friedrichs'doren bezahlen.“ Herr von Roſenthal verbeugte ſich und trat dann raſch einen Schritt zur Seite, als Baron Tönning nach einem Blicke gegen die Thür mit etwas erregter Stimme ſagte: „Seine Majeſtät!“ „Und die beiden jungen Damen fehlen noch,“ flüſterte die Gräfin, indem ſie unruhig um ſich blickte und hierauf den Verſuch machte, ſich bei der Annäherung des Königs ein klein wenig von ihrem Stuhle zu erheben; doch trat dieſer raſch auf die alte Dame zu, ergriff ſanft ihre bei⸗ den Hände und ſagte in herzlichem Tone:„Unter guten Freunden ſoll man niemals Umſtände machen, meine liebe Gräfin, erlauben Sie mir, Ihnen meinen Dank zu ſagen für den in jeder Hinſicht angenehmen und liebens⸗ würdigen Empfang— und wie freundlich waren Sie,“ ſetzte er hinzu, nachdem er ſich wieder emporgerichtet und mit einem wohlwollenden Lächeln um ſich ſchaute,„mich hier gute Bekannte treffen zu laſſen, die man eine Zeit⸗ lang nicht geſehen, aber zuweilen recht ſehr vermißt hat — ſieh' da, Tönning, das gilt beſonders von Ihnen, und ich habe mir eine Menge Fragen notirt, Ihr ver⸗ waistes Departement betreffend, welche Sie mir ausführ⸗ — 238— lich beantworten müſſen, ich erwarte Sie deßhalb morgen früh um acht Uhr bei mir— was die Herren anbelangt, die ich mitgebracht,“ fuhr der König, ſich wieder gegen die Gräfin wendend, fort,„ſo habe ich mich ebenfalls bemüht, Ihnen nur liebe Freunde zu bringen, unſern gemeinſamen Freund Wieneck und ſeinen Sohn, an den Sie ſich gewiß noch erinnern werden.“ Graf Leo trat nach dieſen Worten raſch näher, und als ihm die alte Dame freundlich ihre Hand entgegen⸗ ſtreckte, mußte er ſich Mühe geben, um eine tiefe Be⸗ wegung zu verbergen, welche ihn, und wohl begreiflicher Weiſe beim Eintritt in's Schloß, erfaßt, und jetzt be⸗ ſonders ſtark hervorzubrechen drohte, wobei es indeſſen zu ſeiner Beruhigung nicht beitrug, die Gräfin Hildegard nicht zu ſehen. „Während nun der König ein paar gleichgültige Worte mit Baron Brenner ſprach, ſagte die alte Dame leiſe zu ihrem Sohne:„Ich verſtehe Hildegard nicht, ſonſt die Pünktlichkeit ſelbſt, bringt ſie uns wahrlich durch ihr Zögern in Verlegenheit!“ Doch war Graf Ferrner nicht im Stande, Etwas darauf zu ſagen, da ihn Seine Majeſtät in dieſem Augenblicke durch einen Blick auf den Grafen Hugo, welcher in der Uniform ſeines Regiments erſchienen war, und ziemlich zurückgezogen hinter den Anderen — 230— ſtand, aufzufordern ſchien, den jungen Offizier heranzu⸗ ziehen. „Mein Sohn Hugo, Majeſtät, welcher ſich zur Her⸗ ſtellung ſeiner Geſundheit bei uns in Urlaub befindet.“ „Wobei wir nur hoffen wollen,“ ſagte der König raſch und ernſt, wenn auch gerade nicht unfreundlich, „daß dieſe Geneſung in allen Theilen und recht gründ⸗ lich vor ſich gehe, woran ich indeſſen bei Ihrer Jugend und dem edlen Stamme, dem Sie entſproſſen ſind, durchaus nicht zweiffe—— doch haben wir ja hier noch einen andern Geneſenden,“ fuhr er heiter lächelnd fort, und fragte alsdann, auf den Betreffenden zutretend: „wie geht es Ihnen, mein lieber Roſenthal, Sie haben durch Ihr Unglück bei der Jagd eine ſchwere Zeit durch⸗ gemacht, und freue ich mich, Sie wieder ſo wohl zu ſehen, beſonders da ich erfahren, wie klug und umſichts⸗ voll Sie es verſtanden haben, die Verleumdungen Ihrer Feinde zu Schanden zu machen— alſo es geht Ihnen gut?“. „Jetzt auf's Vortrefflichſte, Dank der gnädigen Aeuße⸗ rung Eurer Majeſtät!“ „Etwas blaß finde ich Sie allerdings und begreife in der That nicht, wie Sie, ein ſo feiner Kenner aller Toilettengeheimniſſe, nicht lieber irgend etwas Farbiges zu Ihrem Anzuge gewählt, wie ich mir zum Beiſpiel erlaubt, da wir hier auf dem Lande ſind und alle Etikette ver⸗ bannen wollen— oder trauern Sie vielleicht?“ „So iſt es, Majeſtät,“ erwiederte Herr von Roſen⸗ thal mit großem Ernſte, indem er ſich tief verbeugte— „ich traure um einen guten Freund, möge ihm die Erde leicht ſein.“ „Wie iſt das zu verſtehen?“ fragte der König, indem er erſtaunt um ſich blickte.„Kannte ich Ihren guten Freund?“ „O ja, er hatte die Ehre, von Eurer Majeſtät ge⸗ kannt zu ſein, es war das ein gewiſſer Herr von Roſen⸗ thal, der mit allen ſeinen Schwächen und Thorheiten auf der Jagd verunglückte.“. „Ah, ich verſtehe,“ lachte der König,„und deſſen ſonſtige vortreffliche Eigenſchaften als Erbe auf Sie über⸗ gegangen ſind, dazu kann ich nur gratuliren und ſo auf⸗ richtig, daß Sie ſich wohl entſchließen könnten, Ihre Leichenbittermiene abzulegen und mit dem Geſichte eines lachenden Erben zu erſcheinen.“ „Was ich aus vollſtem Herzen thun könnte, wenn ich durch die Gewißheit glücklich gemacht würde, daß der Erbe des ſeligen Roſenthal von Eurer Majeſtät mit einigem Wohlwollen betrachtet würde.“ „Ich gelobe Ihnen das, wenn Sie mir dagegen ver⸗ ſprechen wollen, das Andenken an den heitern, geiſtreichen Roſenthal zuweilen durch ähnliche ſchöne Eigenſchaften aufzufriſchen.“ „Nichts leichter als das, Majeſtät, denn es iſt viel von ſeiner glücklichen Art zu ſein, auch von ſeinen koſt⸗ baren Geheimniſſen auf mich übergegangen.“ „Unter andern auch wohl jener wunderthätige Berg⸗ kryſtall, und wenn das iſt, mein lieber Roſenthal, ſo laſſen Sie ihn für die Stunden, die wir hier beiſammen ſind, fröhliche und gute Geiſter herbeizaubern, Glück und Fröhlichkeit ſpendende Feen.“ Da hob Herr von Roſenthal in ſo auffallender Art ſeine rechte Hand in die Höhe, während er ſagte:„Der wunderthätige Bergkryſtall hat bereits gewirkt,“ und blickte dazu neben dem Könige vorbei ſo ſtarr nach der Thüre der großen Halle, daß Seine Majeſtät ſich raſch um⸗ wandte, um dann in freudigem Tone zu ſagen:„Wahr⸗ haftig, Roſenthal, Ihr Zauber hat gewirkt, da erſcheinen uns die liebenswürdigſten Feen.“ 3 In der That konnte man nichts Lieblicheres ſehen, als die beiden jungen und ſchönen Mädchen, die Hand in Hand in den Saal getreten waren, und ſich nun langſam näherten; Beide gleich einfach in weiße Seide gekleidet, Beide ohne allen Schmuck, als den der Jugend und Schönheit, Beide mit einer weißen Camelie in dem hellblonden Haar. Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 16 Raſch trat ihnen der König entgegen und ließ die Gräfin Hildegard nicht zum Worte kommen, als ſie mit einer tiefen Verbeugung um Verzeihung für ihr verſpätetes Erſcheinen bitten wollte, ja er küßte ſie freundlich auf die Stirn, indem er in herzlichem Tone ſagte:„Man muß ſich in der That glücklich ſchätzen, wenn ein ſo lieber Flüchtling überhaupt nur wieder erſcheint,“ worauf die Gräfin Hildegard erwiederte: „Bei ſo gnädigen Geſinnungen Eurer Majeſtät darf ich mir auch wohl erlauben, die Schuld des Zuſpät⸗ kommens auch für meine Gefährtin auf mich zu neh⸗ men, und Eurer Majeſtät Fräulein von Roſenthal prä⸗ ſentiren.“ G „Ah— Fräulein von Roſenthal— unſeres vor⸗ trefflichen Zauberers Schweſter?“ „So iſt es, Majeſtät,“ antwortete Gräfin Hildegard für Ellen, welche unter einer tiefen Verneigung hocher⸗ röthend ſchwieg. „Nun, das muß ich ſagen,“ rief der König rückwärts gegen die Andern gewandt,„wenn Roſenthal's Berg⸗ kryſtall einmal zu haben iſt, ſo bitte ich ſehr darum, wir könnten dergleichen wunderbaren Zauber bei uns recht nöthig gebrauchen.“ Und hier ſchien wirklich eine Verzauberung vor ſich gegangen zu ſein, wenigſtens bei Zweien von Denen, — 243— welche ſich in der Nähe des Kamines befanden und mit dem Ausdruck des höchſten Erſtaunens, ja mit ſtarrem, faſt entſetztem Blicke die liebliche Ellen betrachteten— Sir Frederic Knobbers und Graf Leo Wieneck. „O, das entzückende Original meines Bildes— jene reizende Erſcheinung, die mir ſo raſch und ſpurlos entſchwand!“ dachte Sir Frederic, und mußte ſich die größte Mühe geben, dieſen Gedanken nicht laut werden zu laſſen. Und Graf Leo Wieneck?— Seine trunkenen Blicke waren von einem doppelten Zauber geblendet— da er⸗ ſchien Hildegard vor ihm ſo wunderbar lieblich und ſchön, ſie, die er gekränkt und beleidigt, und deren deutlich aus⸗ geſprochener Haß ſeine Liebe bis zur verzehrenden Glut geſteigert, und an ihrer Seite eine nicht minder ſchöne, aber gänzlich räthſelhafte Erſcheinung. Letztere ihn erinnernd an eine ſeltſam dunkle Ge⸗ ſchichte, von der er Zeuge geweſen war, und die ſich für ihn noch mehr verwirren mußte, da er Jene jetzt Hand in Hand mit der Heißgeliebten, für deren Reinheit er jeden Schwur geleiſtet hätte, vor ſich ſtehen ſah. Es war ein Glück für Alle, daß in dieſem Augen⸗ blicke der Haushofmeiſter Seiner Erlaucht in der ent⸗ gegengeſetzten, weitgeöffneten Thüre erſchien, ſeinen weißen Stab in der Hand, mit einem unendlich würdevollen und — 244— vor Glück ſtrahlenden Geſichte, und nun einen Schritt vortrat, um den ſechs Jägerburſchen im Nebenzimmer das Signal zu geben zum Beginn ihrer ſchmetternden Fanfare aus den aufwärts gekehrten Waldhörnern; dann traten dieſe zurück, um zwei der Lakaien ſehen zu laſſen, von denen der eine mit Mühe die ſchwere ſilberne Suppen⸗ terrine trug, während der andere den Vorleglöffel in Händen hielt. Der König hatte ausdrücklich um ein einfaches Jagd⸗ diner gebeten, wie er es in früheren ſchönen Zeiten ſchon oft hier im Schloſſe eingenommen hatte, ganz en famille, mit Ausſchluß aller Etikette, weßhalb ſich Herr Fackler auch ſchon erlauben zu dürfen glaubte, die Suppe auf eben beſchriebene Art ſerviren zu laſſen. Seine Majeſtät trat in dieſem Augenblicke raſch auf die alte Gräfin zu, hinter deren Stuhl ſich zwei Lakaien poſtirt hatten, um ihn an den Tiſch zu rollen, und ſagte: „Da es mir leider nicht vergönnt iſt, Sie, meine liebe Gräfin, wie in früheren Zeiten zu Tiſche zu führen, ſo werden Sie wohl nichts dagegen haben, daß ich einer an⸗ dern Dame Ihres Hauſes meinen Arm anbiete,“ worauf er ſich mit einer freundlichen Kopfneigung an die tief⸗ erröthende Hildegard wandte. Sir Frederic Knobbers hatte haſtig den Arm des Major Leo gefaßt und flüſterte ihm zu:„Bitte mich vor⸗ 245— zuſtellen, jener anderen jungen Dame, aber ſogleich, ich bitte ſehr darum.“ „Ja, wenn ich das nur anzufangen wüßte, ich bin ſelbſt noch nicht vorgeſtellt!“ „Baron Brenner, präſentiren Sie uns doch jener jungen Dame!“ „Ich lauere auch ſchon längſt mit Begierde auf Je⸗ mand, der mir dieſen Dienſt erzeigt— Tönning, der alle Welt kennt, wird es thun!“ Seine Excellenz zuckte aber mit einem ſo ausdrucks⸗ vollen und verſtändlichen Heraufziehen ſeiner Augenbrauen die Achſel, daß ſich Graf Leo raſch an den Grafen Ferrner wandte, worauf dieſer augenblicklich ſämmtliche Herren mit einiger Oſtentation zu der ſchönen jungen Dame führte, und ſie derſelben mit ſo lauter Stimme vorſtellte, daß der König herüberblickte und dann auf's Heiterſte lächelte, als er ſah, mit welcher Haſt Sir Fre⸗ deric Knobbers dem Fräulein von Roſenthal ſeinen Arm bot, um ſie zu Tiſche zu führen. „Alſo die Schweſter Roſenthal's?“ ſagte Graf Leo mit ernſter Miene zu dem Baron Brenner,„ich gratu⸗ lire ihm zu einer ſo ſchönen und vornehm ausſehenden Verwandtſchaft.“ „Ich erfuhr es geſtern ſchon, daß ſie hier ſei, ſah 246— ſie aber heute Abend zum erſten Mal, eine liebe, reizende Erſcheinung.“ „In der That,“ erwiederte der Andere, indem er das ſchöne Räthſel anſchaute und dann ſeine düſteren Blicke über Hildegard's edle Züge gleiten ließ, um durch eine tiefe Verbeugung für den artigen Gruß mit wohl⸗ wollendem Lächeln, deſſen auch er über den Tiſch her⸗ über mit den Andern theilhaftig wurde, verbindlichſt zu danken. Während des Diners, deſſen Menu einfach, aber aus⸗ gezeichnet war—„Familientafel“ hatte Herr Fackler mit Stolz zu dem Koche geſagt— waren die meiſten der Anweſenden heiter und vergnügt, und die es nicht waren, ſchienen es wenigſtens zu ſein, ſo daß Seine Majeſtät verſicherte, ſich in langen Jahren nicht mehr ſo ausge⸗ zeichnet amüſirt zu haben; fehlte es doch nicht an kleinen Neckereien, wenn unter Andern Baron Brenner mit Tön⸗ ning unter vielſagendem Blicke anſtieß, und dann Roſen⸗ thal lächelnd auf ſich ſelber wies, oder wenn Sir Fre⸗ deric Knobbers mit Begeiſterung verſicherte:„er habe von einer Engländerin ſelten, von einer Andern aber niemals ein ſo wundervolles Engliſch gehört, als von Fräulein von Roſenthal.“ Kam es doch auch vor, daß der König zuweilen bei kleinen Erzählungen Roſenthal's lachend den Zeigefinger mit der Frage aufhob:„War — 247— das ein Erbſtück Ihres verewigten Vetters?“ worauf Jener ſich erlaubt hatte zu ſagen:„Nein, Majeſtät, nur Vermächtniß für gute Freunde.“ Nur zwei Perſonen am Tiſch vermochten es nicht oder nur ſehr mühſam, ſich in die allgemeine Heiterkeit zu finden, und fuhren bei jedem herzlichen Lachen aus tiefem Nachdenken auf, wobei man es ihrer alsdann plötz⸗ lich erſcheinenden Fröhlichkeit wohl anſah, daß ſie künſt⸗ lich hervorgebracht ſei und jedes natürlichen Grundes ent⸗ behre. Den Einen brauchen wir nicht zu nennen, der Andere aber war Graf Hugo, der, ſo oft als es ſich ohne Auf⸗ ſehen zu erregen thun ließ, glühende, verzehrende Blicke nach Ellen ſandte, und der häufig kaum ein Zeichen des Unmuths zu unterdrücken vermochte, wenn er ſah, wie Sir Frederic Knobbers in ſeiner ungenirten Art dem Fräulein von Roſenthal ſo ſtark den Hof machte, daß der König zuweilen herzlich darüber lachte, und es auch der ganzen Tafelrunde auffiel. Herr von Roſenthal war darüber auf Augenblicke ſehr nachdenklich geworden; aber nach der darauffolgenden heiteren Miene zu urtheilen, mußte der Gegenſtand dieſes Nachdenkens ein recht angenehmer ſein. Graf Hugo konnte ſich dagegen einmal nicht enthal⸗ ten, dem Baron Brenner zuzuflüſtern:„Der alte Geck — 248— mit ſeinen fünfzig Jahren!“ worauf Jener mit einem pfiffigen Lächeln erwiederte:„Aber rüſtig wie ein Zwan⸗ ziger, und dabei ein gänzlich unabhängiger Millionär.“ „Hol' ihn der Teufel!“ Ganz im Gegenſatz zu dieſer Aeußerung aber war es, daß der König, nachdem er ſchon früher ſeinem freund⸗ lichen Wirthe in ein paar herzlichen Worten gedankt, nun gegen Sir Frederic Knobbers ſein Glas erhob, ihm ein langes und vergnügtes Leben wünſchte, ſowie irgend Etwas dieſſeits des Kanals, was im Stande ſei, ihn für immer auf deutſchem Boden feſtzuhalten. Durch dieſe Ungezwungenheit des Tafelns hatte ſich das Diner ſo weit in den Abend hineingezogen, daß Seine Majeſtät für ſpäter alles Uebrige ablehnte und ſich in ſeine Gemächer zurückzog, welchem Beiſpiele die Damen alsbald folgten, worauf Sir Frederic die übri⸗ gen Herren erſuchte, nach Abräumung des Tiſchtuches nach engliſcher Weiſe beiſammen zu bleiben, wozu dann Herr Fackler ſo mächtige Batterieen edlen Weines auf⸗ fahren ließ, daß ſich die Geſellſchaft erſt ſehr ſpät trennte, und auch dann erſt, nachdem Sir Frederie noch in einer Tiſchrede, in welcher er ſich hauptſächlich an Herrn von Roſenthal wandte, ſagte:„daß er, Sir Frederic Knobbers nämlich, an einem glücklichen Uendepunkte ſeines Lebens angekommen zu ſein hoffe, und daß es ihm gerade zu 249— Muthe uäre, als hätte er nirklich etuas gefunden, das im günſtigen Falle uohl im Stande ſei, ihn feſtzuhalten auf dieſem ſchönen deutſchen Boden, dem, ſowie ſeinen Beuohnern und Beuohnerinnen er hiemit das letzte volle Glas für heute brächte.“ Am andern Morgen fanden in dem Schloſſe ver⸗ ſchiedene ſehr wichtige Unterredungen ſtatt, von denen die meiſten wohl intereſſant genug geweſen wären, um ſie den geneigten Leſern in ihren Einzelnheiten mitzutheilen, was wir auch thun würden, wenn wir nicht fürchten müßten, die uns bewieſene freundliche Geduld allzuſehr zu mißbrauchen, und wenn wir nicht im Stande wären, deren Reſultat, welches doch am Ende die Hauptſache iſt, in kurzen Worten zu erzählen. Seine Majeſtät hatte den Grafen Ferrner und den Baron Tönning gleich nacheinander zu einer Audienz befohlen, von welcher die des Erſteren ziemlich lange dauerte, die des Letzteren dagegen um ſo kürzer war, aber denſelben veranlaßte, nachdem er das Zimmer des Königs verlaſſen, den Grafen Ferrner aufzuſuchen, ihm mit freudeſtrahlendem Geſichte beide Hände entgegen⸗ ſtreckend, und dabei auszurufen:„Seine Majeſtät haben die Gnade gehabt, mich zu erſuchen, das Oberſthof⸗ meiſteramt für die nächſte Zeit wenigſtens wieder zu über⸗ nehmen, um zu ſehen, ob ſich meine veränderten Ver⸗ 250— hältniſſe ohne allzu große Schwierigkeiten da Unten wie⸗ der anpaſſen ließen. Was meine Frau anbelangt, ſo liebt ſie vorerſt das Landleben ſo leidenſchaftlich, daß ſie es wohl nicht anders thun wird, als nach ſtattgefun⸗ dener Vorſtellung bei Hofe wieder zu demſelben zurückzu⸗ kehren.“ „Ich gratulire Ihnen aufrichtig, lieber Freund, denn man iſt doch noch nicht alt genug, um ſich ohne Ge⸗ ſellſchaft in ſeine vier Pfähle einzuſchließen, ja ich gra⸗ tulire Ihnen— und mir— denn was mich anbe⸗ trifft, ſo könnte ich mir keinen angenehmeren Kollegen wünſchen.“ „A— a— a— ahl“ rief der Oberſthofmeiſter freudig,„ſo iſt es freundlichem Zureden gelungen, auch Sie wieder zu uns zurückzuführen; wahrhaftig, Ferrner, das iſt der glücklichſte Tag meines Lebens.“ Auch Graf Hugo hatte darauf eine Unterredung mit ſeinem Vater gehabt, dieſe mußte aber etwas beſonderer Art geweſen ſein, denn Graf Willibald war nach Been⸗ digung derſelben mit ernſter Miene und den Kopf zu⸗ weilen ſchüttelnd nach den Zimmern ſeiner Mutter ge⸗ gangen, gewiß in der Abſicht, ihr Mittheilung über jene Unterredung zu machen, wozu er indeſſen nicht ſogleich kam, da er Sir Frederic Knobbers bei der alten Dame traf, welche mit dem Ausdruck des größten Erſtaunens in — 251— ihrem Lehnſtuhle ſaß, ſeinen lebhaft geſprochenen Worten lauſchend. „Ah, ich freue mich ſehr, daß Sie kommen,“ rief Sir Frederic dem Eintretenden entgegen,„uir können da nun zu Drei über meine Angelegenheit das Endgültige zu reden verſuchen. Ich hatte die Ehre, der Frau Gräfin zu ſagen, daß ich ſo glücklich geueſen bin, in Ihrem Hauſe zu finden einen Schatz, den ich geſonnen ſein mir an⸗ zueignen.“ Die alte Dame blickte ihren Sohn bei dieſen Worten mit einer langſamen Bewegung des Kopfes an, ſowie mit einem Blick nach Oben, als wollte ſie ausdrücken, daß ſie noch nicht im Stande ſei, ſich von ihrem Er⸗ ſtaunen zu erholen. „Sie uiſſen, mein lieber Graf,“ fuhr Sir Frederic 4 fort,„daß ich völlig unabhängig bin von meiner Familie, auch ziemlich bei Vermögen, und daß ich ſchon lange vorhatte, mich gänzlich bei mir häuslich hier im deutſchen Lande niederzulaſſen.“ „Gewiß weiß ich das, und wir Alle hoffen und wünſchen das Letztere.“ „Gut, dazu uill ich alſo das Beſte thun, uas ich thun kann, und mich verheirathen!“ „Ah— ſo raſch!“ „Uas uollen Sie, uenn man mit ſechsundvierzig — 252— Jahren heirathet, iſt das nicht zu raſch, und da ich hier bei Ihnen gefunden habe, uas ich heirathen möchte, ſo habe ich vor, dieß zu thun.“ „Und wen denn?“ fragte Graf Ferrner, indem ihm ſehr unangenehm der Gedanke an Hildegard durch den Kopf flog. „Ich uill heirathen— Fräulein von Roſenthal, und komme eben von ihr, uo ich ihr das geſagt habe.“ „Und Fräulein von Roſenthal?“ fragte Graf Ferrner mit dem Ausdruck nicht geringeren Erſtaunens, als er vorhin an ſeiner Mutter bemerkt. „O, Fräulein von Roſenthal hat nicht geradezu Ja geſagt, ſie uar zu viel überraſcht davon, doch ſehe ich keinen Grund ein, uarum ſie ſollte meine Hand aus⸗ ſchlagen.“ „Den Grund ſehe ich allerdings eben ſo wenig ein, als ich begreife— verzeihen Sie mir meine Offenherzig⸗ keit— wie Sie ſich ſo raſch entſchließen können, eine Dame zu heirathen, von der Sie eigentlich ſo gut wie gar nichts wiſſen.“ „O,“ ſagte Sir Frederic mit einem feinen Lächeln, „uir kennen uns ſchon lange, und als ich zum erſten Mal ihr ſchönes Geſicht geſehen und ihre liebensuerthe Geſtalt, da ſagte ich zu mir ſelber, uenn es möglich iſt, uerde ich dieſe heirathen und keine Andere.“ 253— „So wiſſen Sie auch vielleicht etwas von den früheren Verhältniſſen dieſer jungen Dame?“ „O, nicht das Geringſte, iſt mir auch ſehr gleich⸗ gültig!“ „Wenn aber—“ „Uir nollen beſprechen gar keine Aber, unie Fräu⸗ lein von Roſenthal jetzt für mich daſteht, iſt ſie ein Schatz, iſt reines lauteres Gold, und uenn ich ein voll⸗ uichtiges Goldſtück habe erkannt als ſolches, uarum ſollte es mir nicht gleichgültig ſein, ob es friſch aus der Münze kommt oder nicht, ja uenn ich einen Sovereigne be⸗ trachte, der durch der Leute Hände gelaufen iſt, ſo habe ich bei mir ſchon oft⸗geſagt: Ah, uenn Du mir erzäh⸗ len könnteſt!“ 4 Der Graf hatte lächelnd mit dem Kopfe geſchüttelt und ſagte nun:„Entſchuldigen Sie mein ‚Aber’ von ſo⸗ eben, doch war es in der That nicht ſo gemeint, wie Sie verſtanden, Sir Frederic, der Himmel ſoll mich bewahren, auch nur die Idee eines Schattens auf die Vergangen⸗ heit dieſer eben ſo ſchönen als liebenswürdigen jungen Dame werfen zu wollen!“ „Uie geſagt, mein lieber Graf, ich bin ein Mann der gegenuärtigen Zeit, uas vergangen iſt, laß ich ver⸗ gangen ſein, und uenn Fräulein von Roſenthal uill, ſo uerde ich ſie heirathen, uerde meine Lady bei Hofe vor⸗ — 254— ſtellen, uerde ein großes Haus machen und den Abend. meines Lebens genießen, uie unſer gemeinſchaftlicher Freund, der alte Tönning.“ ———— Ellen ſaß in ihrem Zimmer und ſelt⸗ ſame Gedanken bewegten ihr Herz; Sir Frederic hatte ſie ſoeben verlaſſen, nachdem er ihr, ohne viele Worte zu machen, ſeine Hand angeboten; er hatte dabei ſehr vernünftig von dem bedeutenden Unterſchied der Jahre geſprochen und geſagt: was man ſo eine innige Liebe nenne, könne er allerdings nicht erwarten, wolle ſich auch vorderhand mit ihrer Freundſchaft begnügen, hoffe aber, daß es ihm gelingen werde, dieſelbe recht bald aus voller Achtung in eine vielleicht liebevolle Verehrung übergehen zu laſſen. Ellen war zu überraſcht geweſen, um dieſen ehren⸗ vollen Antrag gänzlich und ohne Rückhalt abzulehnen, und machte ſich jetzt bittere Vorwürfe, dieß nicht ſogleich ge⸗ than zu haben, doch hatte ihr Sir Frederic nicht einmal Zeit dazu gelaſſen, ſondern ſich ruhig bei ihr verabſchiedet, indem er geſagt:„Ueberlegen Sie ſich das, und laſſen Sie mich Ihre Antuort uniſſen.“ „Und raſch ſoll er dieſe Antwort haben,“ rief ſie haſtig aufſpringend, preßte die Hände vor das Geſicht und ſtreckte dann ihre Arme weit aus, dort hinab, wo die Stadt unter einem Dunſtſchleier lag, während ein 255 glückſeliges Lächeln über ihre edlen Züge flog, und ſie im Tone innigſter Liebe ausrief:„Arthur— mein Arthur — zwei gute Menſchen haben mich für würdig gefunden, mir ihre Hand entgegen zu reichen, o, es kann jetzt von mir keine Anmaßung mehr ſein, mich Deiner Liebe werth zu halten— ich muß zu Hildegard, ſie ſoll hier für mich antworten— ihm Alles ſagen.“ Damit eilte ſie in das Zimmer ihrer Freundin und fand dieſe neben ihrem Kamin ſtehend, den Arm aufge⸗ ſtützt, mit düſterem Blick in die Flamme ſtarrend; ja ſie war ſo mit ihren Gedanken beſchäftigt, daß ſie erſt und dann überraſcht um ſich ſchaute, als Ellen dicht vor ihr ſtand.„Verzeih' mir, Hildegard, wenn ich nicht zu ganz gelegener Zeit zu Dir komme!“ „Du kommſt mir immer zur gelegenen Zeit, Ellen, und gerade jetzt, wo ich Dich hätte rufen laſſen, wenn Du nicht von ſelbſt gekommen wäreſt— aber was iſt Dir denn widerfahren, Deine Wange glüht, Dein Auge ſtrahlt, Du biſt vor Freude erregt?“ „O— Hildegard— etwas ganz Seltſames; aber es iſt nicht das, was mich freudig erregt hat, ich wüßte überhaupt keine Urſache, freudig erregt zu ſein, und wenn mein Auge leuchtender wäre als ſonſt, ſo ſchreibe das auf meine eigenthümliche Unterredung mit Sir Frederic.“ — 256 „Er bot Dir ſeine Hand an?“ „Du weißt davon?“ „Nichts Sicheres, nur Vermuthungen, die aber nach ſeinen Aeußerungen und nach ſeiner Art zu handeln ſehr nahe liegen!“ „Ja, er bot mir ſeine Hand an!“ „Und Du— nahmſt Du ſeine Bewerbungen an?“ „Thuſt Du dieſe Frage in vollem Ernſte, liebe Hilde⸗ gard?— o nein, Du biſt überzeugt, daß ich nicht ohne Deinen Rath handeln würde, wenn ich je zweifelhaft ſein ſollte; aber hier bin ich es durchaus nicht, und habe Dich herzlich bitten wollen, Sir Frederic auf freundliche Art ſagen zu wollen, daß ich nie die Seine werden kann— willſt Du, Hildegard?“ „Warum nicht, darf ich Gründe angeben?“ „Ja, einen, den ich Dir früher mitgetheilt, Du weißt, daß ich liebe!“ „Aber ohne Hoffnung!“ „Gleichviel, ihn oder keinen Andern!“ „Das ſage ich auch, Ellen,“ ſprach Hildegard mit leiſer Stimme, indem ſie ſich einen Augenblick auf das Kaminfeuer herabbeugte, um dann raſch ſich emporrichtend mit einem gezwungenen Lächeln zu ſagen:„Weißt Du auch wohl, böſe Ellen, daß Du eine arge Verheererin in Männerherzen biſt— Doktor Flinder ſpricht von Dir 255 wie von einem höhern Weſen, Sir Frederic bietet Dir ſeine Hand an— und mein Bruder Hugo—“ „Was iſt's mit ihm, Hildegard?“ „Hat meinem Vater erklärt, was ich übrigens ſchon ſeit einigen Tagen kommen ſah, daß er ohne Dich nicht leben könne— aber ich wußte es vorher, mein Herz,“ fuhr ſie ſchmeichelnd fort, während ſie die Arme um den Hals ihrer Freundin ſchlang,„daß Du Keinem Gehör geben würdeſt, ſondern bei mir bleiben— lange— lange — wie wir verabredet, ja auf immer!“ Hildegard befand ſich offenbar in einer Aufregung, die ſonſt ihrem ernſten Gemüthe fremd war; ſie ſprach haſtig, ja leidenſchaftlich, ſie horchte zuweilen wie auf das Geräuſch von Schritten, welches aber nur in ihrer Einbildung beſtand, athmete auch wohl tief auf und wandte alsdann ihre Blicke von der Thüre forſchend zu Ellen, als wolle ſie auf deren Geſichte leſen, ob dieſe von ihrer Unruhe etwas entdeckt. Doch war Ellen zu ſehr mit ihren eigenen Gedanken und Empfindungen beſchäftigt, und fragte jetzt:„Darf ich auf Dich rechnen, Hildegard, willſt Du mit Sir Frederic reden?“ „Gewiß, mein Herz,“ erwiederte Jene etwas zer⸗ ſtreut. „Willſt ihm ſagen, daß es mich ſchmerze, und ihm Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 17 dabei geſtehen, daß ich liebe— aus vollem, vollem Herzen liebe?“ „Gewiß will ich das,“ ſagte Hildegard, und ſetzte dann aufhorchend raſch hinzu:„Aber dafür ſollſt auch Du mir einen Dienſt leiſten!“ „Aehnlicher Art?“ „O nein,“ rief Hildegard in ſchmerzlichem Tone, und ſetzte dann ruhiger hinzu:„Ich erwarte Beſuch, viel⸗ leicht in der nächſten Minute!“ „So will ich mich entfernen!“ „Im Gegentheil, ich will, daß Du bleibſt, nicht nur bis der Beſuch eintritt, ſondern bis er ſich wieder ent⸗ fernt, verſprich mir das!“ „Selbſt auf die Gefahr hin, indiskret zu erſcheinen?“ „Selbſt darauf hin— nicht wahr, Du bleibſt, und bemühſt Dich, Theil an unſerer Unterredung zu nehmen?“ In dieſem Augenblicke erſchien einer der Lakaien nach vorausgegangenem leiſen Anklopfen, und meldete den Herrn Grafen Leo Wieneck, welcher der gnädigen Gräfin ſeine Aufwartung machen wolle. „Er wird mir willkommen ſein,“ erwiederte dieſe nach einem tiefen Athemzuge und mit einer ſo ſeltſam klingenden Stimme, daß Ellen überraſcht auf ihre Freun⸗ din blickte und nun mit Erſtaunen ſah, wie bleich dieſelbe * ¹ 250 auf einmal geworden war; ſie mochte das wohl ſelbſt fühlen, denn ſie beugte ſich raſch auf das Kaminfeuer und ſtieß mit der Zange in die brennenden Holzſtücke, während ſich die Thüre abermals öffnete und der Flügel⸗ adjutant Seiner Majeſtät eintrat. Auch Ellen fühlte ſich nicht frei von einer tiefen Be⸗ wegung, als ſie den Mann wieder vor ſich ſah, welcher Zeuge geweſen war jener für ſie ſo ſchmerzlichen, ja furcht⸗ bar verletzenden Unterredung. Doch hatte ſich Graf Wieneck geſtern in den wenigen Worten, die er mit ihr geſprochen, ſo taktvoll benommen, daß ſie ſich raſch wie⸗ der faßte und um ſo mehr im Stande war, über das Seltſame im Benehmen Hildegard's nachzudenken— es beſtand etwas Räthſelhaftes zwiſchen dieſen beiden jungen Leuten, und wenn ſie daran dachte, was ihr Hildegard vor einigen Tagen mitgetheilt, ſo fürchtete ſie beinahe, eine Löſung dieſes Räthſels mit anhören zu ſollen. Graf Leo ſchien unangenehm überraſcht, die junge Gräfin nicht allein zu finden, doch war er viel zu ſehr ein Mann von Welt, als dieß durch mehr als einen raſch wieder verſchwindenden Schatten zu zeigen, der über ſeine Züge flog. Er ſetzte ſich nach einer Handbewegung Hilde⸗ gard's neben den Kamin, der jungen Gräfin gegenüber, welche ſich ebenfalls auf einen kleinen Fauteuil nieder⸗ gelaſſen hatte, während Ellen ſtehen blieb, feſt entſchloſſen, — 260— trotz ihres gegebenen Verſprechens das Zimmer zu ver⸗ laſſen, ſobald eine Wendung des Geſpräches hiezu Veran⸗ laſſung geben würde. Dieſe ließ denn auch nach einigen gleichgültigen Ge⸗ ſprächen nicht lange auf ſich warten, indem Leo Wieneck, nachdem er einen Blick auf die Uhr über dem Kamin ge⸗ worfen, ſagte:„Dürfte ich vielleicht um eine andere Zeit bitten, Gräfin Ferrner, in welcher Sie mir geſtatten wür⸗ den, vor unſerer leider ſo baldigen Abreiſe Ihnen eine kleine Mittheilung zu machen?“ „Warum nicht jetzt gleich, Herr Major?— ich zweifle, ob ich ſpäter noch Zeit finden werde!“ „Es iſt eine Mittheilung, die—“ erwiederte er mit einem Blick auf Ellen, welche bei dieſen Worten einen Schritt von dem Kamine, auf den ſie ſich gelehnt, weg⸗ trat und zu gleicher Zeit ihre Freundin fragend und bit⸗ tend anblickte. „Welcher Art dieſe Mittheilung auch ſein könnte, Herr Graf, ſo würde ich Ihnen recht dankbar ſein, wenn Sie dieſelbe hier vor uns Dreien machen wollten, ich habe gegenüber meiner Freundin durchaus keine Ge⸗ heimniſſe.“ „Weßhalb ich dieſe Freundin allerdings beneiden muß,“ entgegnete Graf Leo und ſetzte dann nach einem kurzen Nachdenken hinzu:„da es ſich aber bei dieſer Mittheilung 2614 nicht ganz um eigenes Intereſſe handelt, ſo würde ich in der That unendlich dankbar ſein, wenn Fräulein von Roſenthal—“ „Du erlaubſt mir, Dich zu verlaſſen?“ fragte dieſe in einem faſt flehenden Tone. „Nein— Ellen, Du bleibſt, wie Du mir ver⸗ ſprochen!“ „Ah, eine getroffene Uebereinkunft!“ ſagte Graf Leo mit einem bittern Lächeln,„das ändert freilich die Sach⸗ lage, und bin ich jetzt davon überzeugt, daß die jungen Damen in der That keine Geheimniſſe vor einander haben —— nun wolhlan denn, ſo geſtatten Sie mir, in dieſem Bunde des Vertrauens der Dritte zu ſein— ja es muß ſo ſein, Gräfin Ferrner,“ fuhr er in raſchem, entſchloſſe⸗ nem Tone fort,„ich habe mich nach dieſer Unterredung geſehnt, wie der Verſchmachtende nach einem Trunke friſchen Waſſers, ich habe nur in der Hoffnung, Ihnen endlich einige Worte ſagen zu dürfen, in die für mich ſo peinliche Reiſe hieher gewilligt.“ „Und haben dadurch eine treffliche Gelegenheit ge⸗ funden, mir Unangenehmes zu ſagen, denn die Höflich⸗ keit zwingt mich, artig zu ſein gegen den Gaſt meines Vaters.“ Sie hatte dieſe Worte in einem kalten, faſt verächt⸗ lichen Tone geſprochen, doch zeugten das Beben ihrer — 262— Stimme, ſowie ihre bleichen Züge auch noch von einer anderen, tieferen— beſſeren Bewegung. „Warum dieſe harten Worte, Gräfin Ferrner, warum einen Traurigen, einen Schmerzlichbewegten— ja einen Unglücklichen mit Keulenſchlägen treffen, ſtatt ihn durch ein freundliches Wort aufzurichten!“ Er warf abermals einen raſchen Blick auf die Uhr und fuhr dann in ent⸗ ſchloſſenem Tone fort:„Ja, auf die Gefahr hin, zu⸗ dringlich zu erſcheinen, muß ich Ihnen doch Aug in Aug wiederholen, was in den Briefen ſtand, die Sie mir un⸗ geleſen zurückſandten, was freundliche Vermittler zu mei⸗ nen Gunſten ſprachen, was aber Alles an Ihrem kalten Herzen abglitt— gut denn, ich habe die Hoffnung auf⸗ gegeben, in dieſem Herzen ein freundlicheres Gefühl für mich zu erwecken, ich weiß, daß Sie mich haſſen, vielleicht verachten; aber trotz alledem will ich hier noch einmal den Verſuch machen— den Verſuch vor Zeugen, Gräfin Ferrner,“ rief er leidenſchaftlich,—„Ihre Verzeihung zu erlangen— ich will Ihnen nochmals vor Zeugen geſtehen, wie ſehr ich mein Unrecht erkenne, obgleich ich leider, leider überzeugt ſein muß, auch dadurch nicht im Stande zu ſein, bei Ihnen ein freundliches Gefühl für mich zu erwecken— ſei's darum, ich wiederhole Ihnen, daß ich jenes traurige Zuſammentreffen auf's Tiefſte be⸗ daure, und daß ich es ſchmerzlich bereue, nicht anders — 263 gehandelt zu haben— Ihre Verzeihung iſt mir noth⸗ wendig, denn ich bin nicht ſtark genug, Ihnen ohne die⸗ ſelbe vielleicht in häufigerem Verkehr wieder gegenüber zu treten— ja ich habe nicht die Kraft dazu,“ rief er leidenſchaftlich ausbrechend,„und ſollten Sie unerbittlich bleiben, ſo würde ich mich genöthigt ſehen, meine Stel⸗ lung zu verlaſſen, und damit die Umgebung, in der Sie künftig wieder leben werden.“ Während er ſo mit tiefer Erregung ſprach, hatte er ſich langſam erhoben, und Hildegard war dieſer Bewe⸗ gung gefolgt, ſeine Blicke nicht vermeidend, ſondern ihn mit ihren großen, glänzenden Augen feſt anſchauend; doch trübten ſich jetzt dieſe Augen auf eine verrätheriſche Weiſe, und eine dunkle Röthe überflog ihr Geſicht, wäh⸗ 4 rend ſie tiefaufathmend ſagte:„Was kann Ihnen über⸗ haupt an meiner Verzeihung gelegen ſein, warum können B wir nicht auch ſo aneinander vorüberwandeln, wie früher, bis Sie auf ſo grauſame Art Notiz von meinem Daſein nahmen?“. „Ah, Ihnen kann das allerdings gleichgültig ſein, Gräfin Hildegard, Ihr Herz hat die beneidenswerthe Temperatur des Eiſes, Sie werden vor wie nach vor⸗ nehm, kalt und unbewegt an mir vorübergehen, während 3 ich das nicht kann, Gräfin Hildegard, weil ich Sie liebe — ja bis zum Wahnſinn anbete!“ 2— 264— „Ellen— Ellen,“ rief das junge Mädchen, indem ſie ſich ſchluchzend in die Arme ihrer Freundin warf— „rette mich vor ihm!“ Graf Leo trat tieferſchüttert näher und ſagte mit be⸗ wegter Stimme:„Und warum dieſer grenzenloſe Haß, warum mir etwas mit ſo unbeugſamer Strenge nach⸗ tragen, was man ſonſt verzeihen, vergeſſen würde; warum nicht wenigſtens der Verſicherung meiner unbegrenzten Hochachtung glauben, ja einer Hochachtung und Ver⸗ ehrung, die ich niemals tiefer empfand als damals, wo mich ein unglücklicher Zufall zwang, ſo vor Sie hinzutreten — warum denn keine Verzeihung, Gräfin Hildegard?“ „———— Weil ſchon damals,“ ſprach Ellen in einem leiſen, vor tiefer Bewegung zitternden Tone,„als Sie Hildegard vielleicht unabſichtlich ſo tief verletzten, ein Gefühl für Sie in ihrem Herzen lebte!“ „Kein Wort weiter, Ellen!“ rief das junge Mädchen, ſich haſtig aufrichtend. „Ja, Herr Graf, ein Gefühl, welches ihr jede Krän⸗ kung, jede Beleidigung doppelt, zehnfach, hundertfach ſchmerzlich erſcheinen ließ.“ „A— a— a— ch, wenn dem ſo wäre!“ rief Leo mit leuchtenden Augen. „Schweige, Verrätherin— Du brichſt unſere Freund⸗ ſchaft!“ 5 „Verrätherin! wie mich das Wort entzückt, Gräfin Hildegard, verrathen kann man nur Beſtehendes!“ „Laß mich reden,“ bat Ellen mit leiſer, weicher Stimme,„laß mich ihn und auch Dich glücklich machen, laß mich ihm ſagen, daß Du ihn geliebt haſt— und noch liebſt!“ Nach dieſen Worten richtete ſie ſanft ihre Freundin auf, und als ſie Thränen in ihren Augen ſah, lindernde, verſöhnliche Thränen, vielleicht Thränen des Glücks, ver⸗ ließ ſie das Zimmer in dem Bewußtſein, zwei ſelige Menſchen dort zurückzulaſſen. ———— Un den Kreis unſerer Unterredungen zu ſchließen, ſo müſſen wir auch noch einer derſelben er⸗ wähnen, welche Seine Majeſtät kurz vor ſeiner Abreiſe mit Herrn von Roſenthal hatte, und worin der König, nachdem er anerkennend über die Dienſte geſprochen, welche Jener ihm bei gewiſſer Gelegenheit geleiſtet, hinzu⸗ ſetzte:„Ich ſpreche zu gleicher Zeit im Namen meines Sohnes, wenn ich Ihnen dafür eine ehrenvolle Beloh⸗ nung vorſchlage. Der Kronprinz, deſſen plötzlicher Haß gegen Sie eben ſo raſch wieder einer großen Zuneigung gewichen, wie ich ſchon oft bei minder erfreulichen Ge⸗ legenheiten erfahren,“ ſetzte er mit einer gefälligen Hand⸗ bewegung hinzu,„wünſcht Sie um ſeine Perſon zu haben, was mir um ſo angenehmer iſt, lieber Roſenthal, da ich — 266— wohl die Hoffnung haben darf, daß die vielen ſchätzens⸗ werthen Eigenſchaften Ihres verſtorbenen Vetters erblich auf Sie übergegangen ſind. Vor Allem Ihre oft be⸗ wieſene Freimüthigkeit, die Sache bei dem rechten Namen zu nennen, ſowie eine andere, noch ſchönere Eigenſchaft, den Leuten ohne Anſehen der Perſon Wahrheiten zu ſagen.“. Roſenthal verbeugte ſich lächelnd, indem er ſagte: „Zu dieſem Amt, Majeſtät, ſollte man eine längſt unter⸗ gegangene Charge wieder in's Leben rufen, die des Hof⸗ narren nämlich!“ „Ei, das waren wichtige Perſonen, mein Lieber, die, wenn ſie das Herz auf dem rechten Flecke hatten und Geiſt genug, den Fürſten nicht allein zur Kurzweil dienten, ſondern ihnen den Spiegel der Wahrheit vorhielten und ſie mit der Pritſche des Spottes geißelten, ah, ſolche Leute wären noch heutzutage unbezahlbar!“ „Ein Amt, das mir unter anderer Benennung zu⸗ ſagen könnte.“ „Und meinen, ſowie des Landes Dank verdienen, wenn Sie es ſtreng verwalten wollten. Nehmen Sie einen jungen Fürſten an,“ fuhr der König fort, indem er an das Fenſter trat und auf die weite Ebene hinaus⸗ blickte—„einen Fürſten voll Herzensgüte, verſtändig, wohlwollend, geiſtreich, und glauben Sie mir, daß aus — 267— dieſen vortrefflichen Eigenſchaften nur dann etwas Glän⸗ zendes hervorgehen wird, wenn nicht die Umgebung dieſes Fürſten wie wucheriſches Unkraut den edlen Halm er⸗ ſtict— ja, ſchlechte Umgebungen ſind der Fluch des Fürſten, und der größte Theil von Dem, was in dieſer Richtung Lächerliches und Ungereimtes geſchieht, wird von dieſer Umgebung entweder abſichtlich gepflegt oder aus Eigennutz und Bosheit vorbereitet; wer von uns hat nicht ſeine Fehler und wird ſie bereitwillig erkennen, wenn man ihm die Wahrheit ſagt? Schmeicheln Sie aber dem Klügſten, indem Sie ſich bemühen, ſeine Schwächen für Vorzüge, einen glücklichen Zufall für reif⸗ liche Ueberlegung, jede unbedeutende That als etwas Großes darzuſtellen, ſo ſteigern Sie dadurch nicht die edlen Anſprüche an ſich ſelbſt, ſondern ein lächerliches Selbſtbewußtſein, wie es die Lüge, die Heuchelei, die Schmeichelei, ja die ganze Niederträchtigkeit unſerer Um⸗ gebung braucht, um ihre eigenen egoiſtiſchen Plane durch⸗ zuführen, und uns zu einer Puppe zu machen, die freundlich grinst, mit dem Kopfe nickt und Arme und Beine bewegt, ſowie eine geſchickte Hand an der betreffen⸗ den Schnur zieht———— Wenn Sio, mein lieber Roſenthal, gegen dieſes unvermeidliche Gift, welches um ſo gefährlicher iſt, da es angenehm ſchmeckt und ſanft berauſcht, kräftig und ſegensreich wirken wollen, ſo reiche ich Ihnen hiermit meine Hand zu einem feſten und gewiß glückbringenden Bunde.“ „Welche ich mit Dank ergreife, Majeſtät, da ſich der heutige Roſenthal einem ſolchen Amte gewachſen fühlt; ich werde mit Spiegel und Pritſche wirken, und man ſoll, hoff' ich, mit mir zufrieden ſein.“ „Ich danke Ihnen, kommen Sie recht bald nach der 3 Stadt und ſtellen Sie ſich dort meinem Sohne zur Ver⸗ fügung— und noch Eins, lieber Roſenthal, damit Sie im Stande ſind, ſogleich mit Glück zu debütiren,“ ſagte der König, indem er vor ſich hinblickend wieder im Zimmer auf und ab ſchritt,„ſo will ich Ihnen einen guten Wink geben— die da drüben,“ er machte mit der Hand eine Bewegung, wie weit über die fernen Berge hinüber, „haben ſich vorgenommen, etwas wie eine feierliche Ver⸗ lobung in Szene zu ſetzen, weßhalb die Großherzogin mit ihrer Tochter, der Prinzeſſin Henriette, bei ihrer Rück⸗ kehr aus dem Süden ganz zufällig unſere Reſidenz be⸗ rühren und dadurch zu großen Feſtlichkeiten Veranlaſſung geben wird— man will ſich ein wenig fetiren laſſen — nun, ich freue mich darüber und werde mich bemühen, ſie ſo glänzend als möglich in Szene zu ſetzen, und das kann ich am beſten, wenn ich ſo viel als möglich unſicht⸗ bar hinter den Couliſſen bleibe— Sie werden mich ſo⸗ gleich verſtehen,“ ſetzte er hinzu, als er Roſenthal's fra⸗ genden Blick bemerkte—„es wird da unter Anderem eine große Illumination vorbereitet— ganz freiwillig, mein Lieber,“ ſagte er mit einem eigenthümlichen Lächeln, „ganz aus dem Herzen unſeres guten Volkes, ſo hat mich wenigſtens mein Oberbürgermeiſter, ſowie die deputirenden Stadträthe verſichert— und Brutus iſt ein ehrenwerther Mann— und bei dieſer Illumination und feſtlichen Fahrt durch die Straßen der Stadt will ich durch meine Ab⸗ weſenheit glänzen— doch Scherz bei Seite, ich will durch mein Nichterſcheinen dem hohen Brautpaare, und das mit großem Vergnügen, den erſten Platz gönnen— noch Niemand weiß bis jetzt um dieſe meine Abſicht, und ich hoffe, Sie werden meinen Wink, Ihr Debüt betreffend, jetzt vollkommen begreifen.“ „Gewiß, Majeſtät, und muß leider hinzuſetzen, daß ich fürchte, damit glänzend zu debütiren.“ „So iſt es, mein Lieber, man wagt nicht zu hoffen, daß ich zurückbleibe, und wird entzückt ſein über den Bringer dieſer vortrefflichen Nachricht———— ja, ja, mein Lieber, eine vortreffliche Nachricht für Manchen, der mich überhaupt nicht ſchwer vermiſſen würde; es iſt Herbſt, die Blätter fallen ab von den Bäumen, es iſt gegen Sonnenuntergang und will Abend werden— viel⸗ leicht Nacht. Soll man es der Jugend übel nehmen, daß ſie auf den Frühling hofft, oder auf den jungen, friſchen Morgen?— ich bin gewiß der Letzte, das un⸗ verzeihlich zu finden.“ „Aber Blütentage und junge Morgen haben nicht immer gehalten, was ſie verſprochen.“ „Sehr wahr, doch wenn es auch wenig Blumen und Früchte gibt, ſo wird doch ein Thau von Brillanten fallen und verkümmerte Blüte eben ſo gut ihre Bewunderer und Anbeter finden, und Sie können mir glauben, daß von jeher die Leute am tollſten und unverſchämteſten geſchrieen haben, welche ſtatt einer Gottheit das goldene Kalb um⸗ tanzen.—— Doch ſind wir da unwillkürlich in ganz andere Dinge hineingerathen, und die Zeit rennt ſo furcht⸗ bar raſch— behüte Sie der Himmel, Roſenthal, ich hoffe Sie bald wieder zu ſehen!“ Damit winkte ihm der König zum Abſchiede; und als Allerhöchſt Derſelbe bald darauf aus ſeinem Zimmer trat, um ſich in den Schloßhof zu begeben, wo die be⸗ ſpannten Wagen warteten, ging die Abreiſe heute beim Tageslichte und in umgekehrter Ordnung mit nicht weniger Feierlichkeit vor ſich, als die Ankunft geſtern Abend, nur daß man heute durchſchnittlich nur heiter lächelnde, ja glückſelige Geſichter ſah. Blickte doch auch Gräfin Hilde⸗ gard, als ſie mit Ellen wieder auf ihrem Zimmer ange⸗ kommen war, die Freundin mit ſtrahlenden Blicken an, die dann erſt feucht verſchleiert erſchienen, als ſie in lie⸗ — 271— bendem Tone fragte:„Und bei all' dem Glück willſt Du mich plötzlich verlaſſen, mein Herz, meine einzige Freundin?“ „Es muß ſein, Hildegard, und ich nehme es ja deß⸗ halb nicht ſo ſchwer, da ich ja doch wohl hoffen darf, Dich recht bald wieder zu ſehen; ich hatte ſoeben eine lange Unterredung mit— meinem Bruder, und der Himmel ſei gelobt, er fühlt ſich ſelbſt ſo glücklich, daß er es ſchon ertragen kann, mich unglücklich zu wiſſen— unglücklich durch meine unbegreifliche Thorheit, drei ſo glänzende Partieen ausgeſchlagen zu haben!“ „Aber Du gehſt nach der Stadt zurück und bleibſt dort, bis wir kommen?“ „Das hoffe ich eben ſo ſehr, als auf ein heiteres, frohes Wiederſehen.“ „Ich kann und darf nicht den Verſuch machen, Dich zu halten,“ ſagte Hildegard,„denn nach dem, was Du mir anvertraut, bin ich überzeugt, daß auch Du Deinem Glücke entgegengehſt.———— So verließ denn Ellen, nachdem ſie auf's Herzlichſte Abſchied genommen hatte von der Frau Gräfin und dem Grafen Willibald Ferrner, bald darauf ebenfalls das Schloß, und zwar in einer Equipage des Letzteren, dem ein zweiter Wagen folgte, in welchem ſich der Haushof⸗ meiſter, Herr Fackler, befand, der ſich nach der Stadt — 272— verfügte, um das Haus Seiner Excellenz des Herrn Oberſtjägermeiſters zur Aufnahme der Herrſchaften mög⸗ lichſt ſchnell in gehörigen Stand zu ſetzen. Dabei hatte er aber den geheimen Auftrag und gemeſſenſten Befehl Sei⸗ ner Erlaucht, die junge Dame, der er folgte, ſogleich in das Palais zu geleiten, ſie dort unterzubringen und für ſie zu ſorgen, als wäre ſie eine Tochter des Hauſes; und Herr Fackler beſorgte dieſe Miſſion mit der Würde und der Umſicht, die ihm eigen war. Da fuhr denn Ellen abermals über die ſanft auf und ab ſteigende Straße dahin, von welcher, wie von den Feldern ringsumher, aller Schnee verſchwunden war vor dem warmen Hauch der jetzt ſchon milde wehenden Frühlingsluft, und als ſie die Höhe erreicht hatte, von wo ſie Moorfeld ſehen konnte, ſowie das gaſtliche Dach des guten Arztes, warf ſie einen dankerfüllten Blick hin⸗ über und grüßte es mit den Worten:„Auf hoffentlich baldiges Wiederſehen, mein lieber, edler Freund!“ An dem klaren, dunkelblauen Himmel zogen leichte weiße Wolken, und als ſie hoffend, fragend aufwärts blickte, erhob ſich neben ihr aus friſch grünem Saatfelde die erſte Lerche, wie um durch ihren jubilirenden Schlag eine glückverheißende Antwort zu geben. Da war auch ſchon Perlenbach, und als Ellen nun wieder in der Ecke des Eiſenbahnwagens ſaß, und von der brauſenden Lokomotive dahingeführt wurde, war ihre Seele erfüllt von ganz anderen und lieblicheren Bildern, als auf der Herreiſe— einige Stunden ſpäter aber ſchritt ſie mit einem bangen, ängſtlichen Gefühle durch die Straßen der großen Stadt, und mußte unter heftigem Klopfen ihres Herzens, ſowie tiefaufathmend ein paar Mal auf ihrem Wege ſtehen bleiben, dann bebend das Geländer einer Treppe erfaſſen, um ſich daran hinauf⸗ zuhelfen, und als ſie jetzt endlich droben vor einer Thüre ſtand, konnte ſie nicht anders, als ihre Hände vor die Augen preſſen und ſich einen Augenblick gegen die kalte Wand lehnen—— dann verſuchte ſie die Thüre zu öffnen, und dieſe gab nach unter dem Drucke ihrer Hand.———— Da ſtand ſie wieder in dem ihr ſo wohl bekannten Raume, und obgleich ihr hier Niemand entgegentrat, um ſie herzlich, oder vielleicht auch nicht herzlich, zu em⸗ pfangen, ſo fühlte ſie ſich doch ſchon unendlich glücklich, als ſie hier Alles unverändert fand. Da ſtand Arthur's Staffelei mit einem großen, ver⸗ hängten Bilde, da waren alle übrigen Geräthſchaften, die ſie während der langen Sitzungen ſo oft betrachtet, da war der Divan, auf dem ſie ſtundenlang geruht, wo er ſo oft vor ihr geſtanden, ſich über ſie gebeugt hatte, um ihr Gewand zu ordnen, ſowie ihr aufgelöstes langes Haar Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 18 — ach, jene ſeligen und doch wieder ſo peinlichen Stun⸗ den, wie traten ſie jetzt wieder ſo lebhaft vor ihre Seele, wie ſüß durchſchauerte es ſie jetzt bei dem Gedanken, daß ſie ſchon damals alle ihre Kraft hatte aufwenden müſſen, um nicht ihre Arme um ſeinen Hals zu ſchlingen, um ihn nicht an ſich zu ziehen und ihm zu ſagen:„Arthur, mein Arthur, ich liebe Dich!“ Nach dieſem Divan ging Ellen mit wankenden Schritten und ließ ſich darauf nieder, in der Abſicht, ihn zu er⸗ warten; möge er nun ſogleich erſcheinen oder erſt in einiger Zeit, oder vielleicht erſt nach langen, langen Stunden— gleichviel— denn daß er kommen werde, deſſen war ſie jetzt ganz gewiß— nur Etwas belaſtete ihr Herz, machte es heftiger ſchlagen und ließ ſie zuweilen krampf⸗ haft aufſchluchzen—— der Gedanke an das, was ſein erſter Blick ihr ſagen würde. ———— Da vernahn ſie Schritte auf dem Gange —— da hörte ſie dicht an der Thür ſeine ernſt klingende Stimme zu Jemand ſagen:„So will ich auch das noch ändern, aber nur um Dir einen Gefallen zu thun, und dann ſämmtliche Pinſel zerbrechen, welche mir an dieſem Schmerzensbilde geholfen————“" dann trat er ein, ohne ſie zu ſehen, da er gerade auf die Staffelei losging und die Verhüllung herunterriß. Ah, welch' prächtiges Bild, welch' wunderbar ſchönes 275 Werk, und wie beſeligend für die arme Ellen, die mit gefalteten Händen daſaß, es betrachtend mit weit geöff⸗ neten Augen, aus welchen ſchwere Thränen herabtropften — ſie ſelbſt— Ellen⸗Ophelia; ſie drückte die Hände heftig gegen ihre Bruſt, vermochte es aber doch nicht, ihren tiefen Athemzug gänzlich unhörbar zu machen— es klang wie ein leiſer, zitternder Seufzer durch das Ge⸗ mach, ſo daß er erſchreckt auf das Bild ſchaute, ehe er ſich langſam umwandte— dann blieb er bei ihrem An⸗ blicke, bei dem Anblicke Ellen's, bei dem plötzlichen Er⸗ ſcheinen der Heißgeliebten, welches ihm wie ein Wunder vorkommen mußte, einen Augenblick wie betäubt ſtehen, um im nächſten Palette und Stock, ſowie Alles, was er in den Händen trug, weit von ſich zu ſchleudern, um dann, laut ihren Namen rufend, zu ihren Füßen nieder⸗ zuſtürzen—„Ellen— meine Ellen, Du biſt es, es iſt kein Trugbild meiner Phantaſie!“ Statt zu antworten, denn Thränen der Seligkeit erſtickten ihre Stimme, legte ſie ihm ihre Hände auf das lockige Haar, und eine unſägliche Wonne durchzuckte ihr Herz, als ſie fühlte und ſah, wie ſein Haupt ſchauernd unter dieſer Berührung auf ihre Kniee niederſank, und wie er ſie feſt mit ſeinen Armen umſchlang. „Wenn Du auch kein Trugbild biſt,“ rief er alsdann mit zitternder, tiefbewegter Stimme,„ſo ſchwöre mir, nicht noch einmal wieder wie ein ſolches vor mir zu ver⸗ ſchwinden— ſchwöre es mir, Ellen— ſchwöre es mir bei Allem, was Dir heilig iſt!“— „Nimm mich ſelbſt, ſtatt eines Schwurs, ſieh' in mein Auge und verſtehe die Sprache höchſter Glück⸗ ſeligkeit!“ ———— Es iſt kurze Zeit nachher, ſpät Abends, und trotz der Dunkelheit ſind die Straßen der Stadt von einem lebhaften Getreibe erfüllt, dazu läuten die Glocken, dazu hört man von den freien Plätzen her rau⸗ ſchende Muſik erſchallen, und damit auch das Auge nicht leer ausgehe, ſo erblickt man die Architektur der langen Häuſerreihen durch Tauſende und Tauſende von Lichtern in flammenden Strichen hergeſtellt. Auch iſt es ein herrliches mildes Wetter, und der wolkenloſe Himmel zeigt ſeine blitzenden Sterne, jubelnd und ſchreiend drängt das getreue Volk durch die Straßen, bewundert die Illumination und Transparentinſchriften, und wenn auch überall ein ſtarkes Gewoge iſt, ſo doch am ſtärkſten in der Nähe des königlichen Schloſſes, wo neben zahlreichen ſechs⸗, vier⸗ und zweiſpännigen Equi⸗ pagen Reitknechte halten mit dunkelroth lodernden Pech⸗ fackeln in der Hand, welche ſich ſo prachtvoll wider⸗ ſpiegeln in den zahlreichen Fenſtern des majeſtätiſchen Gebäudes, ſowie auf den blanken Harniſchen der Kü⸗ —— — 8 — ⁰ raſſiere, die genug zu thun haben, um das herandrängende Volk mit anbefohlener Milde und Sanftmuth in Ord⸗ nung zu halten. Jetzt entſteht vermehrte Bewegung, hervorgebracht durch den Lichterglanz, mit dem ſich nun das weite Schloßportal erfüllt, ſowie durch das Leuchten weißer und farbiger Gewänder— die Herrſchaften ſteigen ein, die Rundfahrt durch die Stadt beginnt unter dem Jubelruf der Menge, unter dem verſtärkten Geläute aller Glocken, unter rauſchender Muſik; voraus Küraſſiere, dann könig⸗ liche Stallmeiſter und Bereiter, gefolgt von einer Equi⸗ page mit dem Oberſthofmeiſter Baron Tönning, auf deſſen Zügen das liebenswürdigſte Lächeln liegt, deſſen Augenbrauen auch nicht das mindeſte Erſtaunen zeigen, denn der Jubel der Menge iſt ja ſo natürlich bei dieſer erfreulichen feſtlichen Gelegenheit, das erſte ſo gut in Szene geſetzte Erſcheinen der künftigen Kronprinzeſſin. Dann folgt ein prachtvoller Sechſer⸗Schimmelzug mit goldbelegten Geſchirren und reich vergoldetem offenen Wagen. Entfernter Stehende flüſtern einander zu:„Der König und die Königin,“ doch hört man gleich darauf den brauſen⸗ den Ruf:„Der Kronprinz und die hohe Braut— hoch— hoch— abermals hoch!“ So ziehen die Glücklichen dahin, umdrängt und um⸗ jubelt von der Menge, die Alles mit ſich fortreißt, was gerne ſtehen bleiben möchte, um länger dieſen prachtvollen Anblick zu genießen. Nur dort, an einem öffentlichen Gebäude, hat ſich eine Gruppe Neugieriger ſehr geſchickt neben einem Schil⸗ derhauſe aufgeſtellt, und wenn man ſieht, wie der Poſten vor demſelben bemüht iſt, ſie nicht nur dort ſtehen zu laſſen, ſondern auch die Paſſage vor ihnen ſo frei als möglich zu halten, ſo muß man ſchon auf die Ver⸗ muthung kommen, daß dieß nicht Zuſchauer gewöhnlicher Art ſind. Es ſind zwei Herren und zwei Damen, Letztere in langen dunklen Mänteln, deren Kapuzen ſie über den Kopf gezogen haben; was man aber unter dieſen von den Zügen der Beiden erkennen kann, iſt ſchon des Be⸗ trachtens werth, Beide ſind jung, ſchön, und auf den Geſichtern Beider, beſonders in den leuchtenden Augen, zeigt ſich eine glückſelige Heiterkeit. Die Eine hängt feſt am Arm ihres Begleiters, die Zweite hat ſich auf die Schulter des andern Herrn geſtützt und hebt ſich jetzt mit dem leiſen Ausruf:„Sie kommen!“ ſo viel, als es ihr möglich iſt, in die Höhe. Dicht gedrängt wogt das Volk in der nicht allzu breiten Straße vorüber, ſo daß der Poſten für die beiden Paare nur dadurch etwas Raum erhalten kann, daß er ſich mit angezogenem Gewehre vor ſie hinſtellt, durchaus —ͤͤͤſ —ÿjjj4—————— 279— Niemand geſtattend, ſich hinter ſeinem Rücken durchzu⸗ drängen. Da tanzen die ſechs prachtvollen Schimmel, von ihren Reitern feſt im Zügel gehalten und in die Stangen knirſchend, langſam vorüber und ſchütteln unmuthig mit den Köpfen, da in dieſem Augenblicke die Straße durch ein bengaliſches Feuer ſonnenhell erleuchtet wird. Die eine der jungen Damen, die, welche ſich ein wenig erhoben hatte, bückt ſich raſch hinter ihren Begleiter, doch ſagt dieſer lächelnd:„Zu ſpät, Ellen, ich glaube wahrhaftig, man hat Dich erkannt!“ In der That war auch ein eigenthümliches Zucken in dem Geſichte des jungen Prinzen, welcher zufällig herübergeblickt hatte, nicht zu verkennen, während das ernſte Geſicht ſeiner hohen Braut mit kaum bemerkbarem Lächeln auf das Menſchengewühl ſchaute. „Schön wie der Mond, der einſam wallt, So ſchön biſt Du, doch auch ſo kalt!“ ſagte der andere der beiden jungen Männer. „Seht dort Roſenthal—!“ „Und Brenner—!“ „Und Stoltenhoff mit Schalken!“ „Unſere Zukunft!“ „Nein, die unſere wahrhaftig nicht, wie ich hoffe,“ flüſterte Leo Wieneck, indem er den Arm ſeiner Begleiterin ſanft drückte.—„Was meinſt Du, Hildegard, oder be⸗ dauerſt Du es, nicht vielleicht dort mit Roſenthal oder Brenner paradiren zu dürfen?— ich möchte jetzt ſchon ſagen dürfen: ‚gute Nacht, Herrendienſte, und mich auf meine Güter zurückziehen.“ „ Das wird ſich Alles finden, Leo, zuerſt wollen wir reiſen und die Welt ſehen!“ „Nein, zuerſt wollen wir ſoupiren— und da wir Alles zur Genüge geſehen haben, ſo ſchlage ich vor, unſern Weg durch das Regierungsgebäude zu nehmen, um rückwärts von demſelben eine ſtillere Straße zu ge⸗ winnen.“ „Gehen wir— Sir Frederic wird uns ſchon längſt mit Ungeduld erwarten!“ Und ſo war es auch in der That. Sir Frederic Knobbers, welcher den feierlichen Aufzug des hohen Braut⸗ paares nahe beim Schloß mit angeſehen, hatte ſich darauf ſogleich in ſeine Wohnung begeben, und ging nun in ſeinem Salon mit großen Schritten auf und ab, zuweilen vor einem Bilde ſtehen bleibend, welches unter herrlicher Beleuchtung in einer Ecke aufgeſtellt war. Da rollte ein Wagen heran, und dann meldete der Kammerdiener:„Die Herrſchaften, welche Seine Ex⸗ cellenz erwartet!“ „Endlich!“ er ging ihnen raſch bis zur Thüre ent⸗ ——— —— gegen und begrüßte mit heiterem Blick die Gräfin Hilde⸗ gard, ſowie Ellen mit einem leichten Seufzer. „Sie denken wohl,“ rief Graf Leo aus dem Neben⸗ zimmer,„wir kommen zu Sechs in einem Wagen, un⸗ gefähr wie die Haimonskinder auf ihrem Pferde; dem iſt aber nicht ſo, wir ſind beſcheiden zu Fuß gegangen und trafen vor der Thüre Ihres Hauſes mit dieſem jungen Ehepaar zuſammen, das uns in jeder Beziehung unter ſeinen Schutz zu nehmen gedenkt.“ „Freue mich ſehr, Herr von Mittow, Sie mit Ihrer liebensuürdigen Frau bei mir zu ſehen!“ „Ah, Excellenz,“ rief Arthur eintretend und ſein Bild erblickend,„Sie thun meiner Arbeit zu viel Ehre an!“ „Im Gegentheil, Ihr ſchönes Uerk iſt aller Ehren uerth, uer ueiß, uenn es Miß Ellen nicht bei Ihnen geſehen hätte, und dadurch auf die Vermuthung gekommen uäre, daß ſie doch nicht ganz von Ihnen vergeſſen uor⸗ den ſei, ſo uürde ſie vielleicht gegen die ehrfurchtsvollen Uünſche älterer, und vielleicht auch vernünftigerer Freunde nicht ſo unerbittlich geueſen ſein; doch das iſt nun vor⸗ über, und ich muß mich ſtatt des lebensuarmen Originals mit dieſer allerdings ſehr ſchönen Kopie begnügen, doch uird mir der Meiſter des Uerks noch eine flüchtige Ver⸗ gleichung und eine ſtille Ueihe geſtatten.“ Er faßte den Arm der hocherröthenden Ellen, führte Hackländer, Geſchichten im Zickzack. IV. 19 — 282— ſie vor das Bild, ſchloß hier ihre beiden Hände in die ſeinigen und küßte ſie leicht auf die Stirn.— „Nicht als meine Braut,“ ſprach er dann in tiefer Be⸗ wegung,„aber als meine Tochter, für die ich beſorgt ſein uerde!“ „Und nun zu Tiſche!“ ————, * n—— MunuxuwnwwmwwEEEEEEREYGEEE