— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei ückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 4 ¹ 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 3 für woͤchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 M. Ff. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt. Ff. und Zurückſendung 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſett und irn Veiterverleihen indem Diejenigen, welche die⸗ — “ 2 —— Geſchichten im Zickzuk. Roman von F. W. Hackländer. Zweite Aufkage. — „Dritter Band. iutigar und Leipzig. Druck und Verlag von Eduard Hallberger. Jedes Recht, vorzüglich das der Ueberſetzung dieſes Werkes in fremde Sprachen, wird vorbehalten, Nachdruck ſtrengſtens verfolgt. * Inhalt des dritten Bandes. Seite Bwölftes Kapitel. In der elften Wendung, ſtiller Bergſee mit düſteren Föhren. 1 Dreizehntes Kapitel. In der zwölften Wendung, eine kleine, ſeitwärts gelegene Kapelle. 47 Vierzehntes Kapitel. In der dreizehnten Wendung, ſcheue Rehe auf der Flucht.. 84 Tünfzehntes Kapitel. In der vierzehnten Wendung, ein Heiligenbild am Wege.. 113 Sechzehntes Kapitel. In der fünfzehnten Wendung, düſtere Wolken am Himmel und Nebelſtreifen im Thal.......... 155 Siebenzehntes Kapitel. In der ſechzehnten Wendung, Bergeshöhe und ein gaſtliches Dach..... 185 Zwöälftes Kapitel. Ign der elften Wendung, ſtiller Bergſee mit düſteren Föhren. Es mochte kaum eine Viertelſtunde verfloſſen ſein, ſeitdem ſich Graf Wieneck entfernt hatte, als Arthur Weßner in den Salon Roſenthal's trat, und dieſen be⸗ haglich vor dem Kamine ſitzend, bei ſeinem erſten Früh⸗ ſtück antraf. Der Maler war augenſcheinlich aufgeregt und ſeine beiden Hände faßten die Rechte Roſenthal's, welche dieſer ihm entgegenſtreckte, und drückten ſie innig und herzlich, während Letzterer ſagte:„Ich danke Ihnen, daß Sie raſch gekommen ſind, Freund Arthur, ſetzen Sie ſich dorthin,— nehmen Sie eine Taſſe Kaffee, oder wol⸗ len Sie Chokolade? Jedenfalls aber eine Cigarre,— wie geht es Ihnen?“ „Ich danke, gut,— gut.“ „Was macht die Kunſt, was malen Sie?“ „Ein paar langweilige Porträts— Ihr Billet habe Hackländer, Geſchichten im Zickzack. III. 1 2 ich erhalten, lieber Roſenthal und mit Erſtaunen ge⸗ leſen.“ „Begreiflich, und wir wollen ſogleich darüber reden; ich will nur eben mein Frühſtück beenden— dort iſt Feuer—“ „Ich danke.“ Der junge Maler erhob ſich raſch, zündete ſeine Cigarre an und trat dann an's Fenſter, in den klaren Wintertag hinausſchauend. „So, jetzt bin ich fertig,“ ſagte der Andere nach einer Pauſe,—„will ebenfalls meine Cigarre anzünden, und dann wollen wir ein wenig von Geſchäften plaudern — wie finden Sie dieſe Rio?“ „Vortrefflich!“ „Es iſt eine Probe, die ich erhielt, doch habe ich mir ein paar Tauſend davon beſtellt, ich kann Ihnen davon abgeben.“ „Sie ſind wahrſcheinlich zu theuer für mich.“ „Pah, ſeien Sie nicht geizig, lieber Arthur, Sie malen mir eine kleine Skizze von jenem ſchönen Kopfe, den ich neulich bei Ihnen geſehen, und dann rechnen wir ab— iſt es kalt draußen?“ „Froſtwetter und deßhalb trocken.“ „Wir können das heute brauchen; ich haſſe nichts mehr, als auf einem naſſen Boden ſtehen zu müſſen.“ „So iſt es alſo Ernſt, was Sie mir geſchrieben?“ ſagte der Maler, indem er zum Kamin trat, wo Herr von Roſenthal beſchäftigt war, ein paar Holzblöcke über⸗ einander zu legen,—„und zwar heute ſchon?“ „Allerdings heute; es ſollte mir leid thun, wenn ich dadurch im Geringſten andere Dispoſitionen, die Sie für heute haben, durchkreuze, das heißt, wenn Sie über⸗ haupt geſonnen ſind, mich zu begleiten?“ Er blickte ihn fragend an. „Von mir iſt ja nicht die Rede,“ gab Arthur raſch zur Antwort,„auch fragen Sie wohl nicht im Ernſte, ob ich Sie begleiten werde.“ „Nun ja, ich zweifelte auch nicht im Geringſten daran!“ „Sie ſchrieben mir, es betrifft Mitiow— einen Ihrer genauen Bekannten, glaube ich, wie kommt Der dazu?“ „Setzen Sie ſich zu mir an's Feuer, ich ſage Ihnen das,“— und nun erzählte Herr von Roſenthül⸗ den geſtrigen Vorgang in allen ſeinen Einzelnheiten, ohne ſich ſelbſt dabei im Geringſten zu ſchonen, und ſetzte dann hinzu:„Bei alledem iſt dieſer junge Menſch ſo rappel⸗ köpfig und kam mir heute Morgen zuvor, indem er ſchon um acht Uhr ſeinen Sekundanten, den Grafen Leo Wieneck, zu mir ſchickte. Ich habe mich natürlicher Weiſe über ſolche Voreiligkeit gegen dieſen nicht ausge⸗ 1= laſſen, werde mir aber doch erlauben, ihn ſpäter einmal zu fragen, ob er vielleicht daran gezweifelt hätte, daß ich zur ſchicklichen Stunde meinen Zeugen dem Herrn von Mittow geſandt hätte. Eine ſolche ſchickliche Stunde iſt für mich gegen zehn Uhr Morgens, da man doch nicht erwarten kann, daß ein anſtändiger Menſch ſchon um acht Uhr aus dem Bette iſt. Doch gehen wir jetzt darüber hinweg, wir haben Wichtigeres; Graf Leo Wieneck er⸗ wartet Sie vor elf Uhr, und ſehen Sie, wie Sie ſich mit ihm verſtändigen, mir iſt Alles gleich, nur werden Sie begreiflich finden, lieber Arthur, daß mir das ſchärfſte Duell das wünſchenswertheſte iſt, und wenn der Graf Wieneck auch ſolche Anſichten vorbringen ſollte, ſo erklären Sie ruhig, mir wäre ein Schießen über's Schnupftuch am liebſten.“ „Ich hoffe nicht, daß es ſo weit kommen wird.“ „Na, es wird weit genug kommen, ich habe ſo meine Ahnung; über den Ort der Zuſammenkunft haben wir uns bereits verſtändigt, jenſeits der Grenze bei Perlen⸗ bach, wo wir ſchon zuſammen auf der Entenjagd waren, Sie erinnern ſich?“ „Ganz genau.“ „Um vier Uhr heute Nachmittag; der Kurierzug fährt dorthin um zwei Uhr, wenn Sie nun wollen, lieber Arthur, ſo treffen wir uns gegen halb ein Uhr im fran⸗ — 5= zöſiſchen Kaffeehaus zum Frühſtück, Zimmer Nr. 4, welches ich gewöhnlich habe.“ „Kann ich ſonſt noch etwas für Sie beſorgen?“ Herr von Roſenthal war langſam von ſeinem Sitze aufgeſtanden und an den Schreibtiſch getreten, wo er einen der Briefe, die er geſtern Nachts geſchrieben, einen Augenblick in die Hand nahm, um ihn gleich darauf wie⸗ der hinzulegen, und dann zu Arthur zurücktrat—„ja, mein Freund, Sie können mir da noch einen großen Dienſt leiſten: wenn ich ſagen wollte, ich ſehe der heutigen Zuſammenkunft mit größerer Beſorgniß entgegen, als mancher frühern ähnlichen, ſo müßte ich lügen; ebenſo⸗ wenig kann ich mit Sicherheit voraus wiſſen, ob ich lebend oder unverletzt zurückkomme. Für dieſen ſchlimmen Fall nun werde ich Ihnen ſpäter ein Schreiben mit genauer Adreſſe verſehen übergeben, und bitte, es nicht nur ſelbſt an dieſe Adreſſe zu beſorgen, ſondern auch ſelbſt in die Hände der Dame zu legen, an die es gerichtet iſt— verſprechen Sie mir das?“ „Auf's Feierlichſte!“ „Ich danke Ihnen im Voraus. Den Brief werde ich Ihnen bei unſerem kleinen Frühſtück übergeben, und bin überzeugt, daß Sie durch die pünktliche Beſorgung des Schreibens nebenbei noch eine recht angenehme Be⸗ kanntſchaft machen.“ — 6— „Was ich indeſſen nicht wünſche, lieber Roſenthal, da die Veranlaſſung eine gar traurige für mich wäre.“ „Pah, man muß auf Alles gefaßt ſein, und daß ich das bin, werden Sie gewiß Gelegenheit haben, heute Abend zu bemerken.“ „Gut, ich gehe jetzt zu Graf Wieneck. Alſo Sie acceptiren jede Waffe, auch den Degen?“ „Auch den,“ erwiederte der Andere, ſetzte aber mit einem eigenthümlichen Lächeln hinzu:„Wenn Sie es leicht hindern können, ſo kontrahiren Sie nicht auf Degen, ich glaube, daß darin Mittow gar keine Chance haben würde.“ Nachdem Weßner fortgegangen war, machte Herr von Roſenthal eine ſorgfältige Morgentoilette, ſteckte den eben erwähnten Brief in die Bruſttaſche ſeines Rockes und ſagte dann zu ſeinem Kammerdiener:„Ich bin ge⸗ nöthigt, eine kleine Reiſe zu machen, auf der Du mich begleiten wirſt. Wie lange ſie dauern kann, bin ich nicht im Stande genau anzugeben; packe Sachen für drei bis vier Wochen ein, aber Du mußt Dich eilen, denn ich wünſche, daß Du mit meinem Reiſewagen ſo zeitig auf die Eiſenbahn kommſt, daß Du mit dem Perſonenzuge, der um elf Uhr nach Perlenbach geht, abfahren kannſt. Ich werde dort mit einigen Freunden jagen und dann wahrſcheinlich weiter gehen. Erinnerſt Du Dich an Per⸗ lenbach?“ — „Gewiß, Herr Baron.“ „Du kommſt gegen drei Uhr an, läßt ſogleich meinen Reiſewagen mit Poſtpferden beſpannen, und findeſt Dich hinter dem kleinen See in der Niederung ein, wo ſich Eiſenbahn und Chauſſee kreuzen; dort erwarteſt Du meine weiteren Befehle.— Haſt Du mich genau ver⸗ ſtanden?“ „Vollkommen, Herr Baron.“ „So wirf meine ſchwere mexikaniſche Decke in den Wagen, und laß meinen Pelz durch den Reitknecht in das franzöſiſche Kaffee bringen, Zimmer Nr. 4. Wie ſteht Deine Kaſſe?“ „Ich bin genügend verſehen.“ „Kannſt Du dem Reitknecht Gelder da laſſen für den Bedarf einiger Wochen?“ „Ja wohl, Herr Baron!“ „So thue das, und ſei pünktlich wie immer!“ Dann ließ Herr von Roſenthal ſeinen Wagen kommen und fuhr nach dem Schloſſe. Dort wandte er ſich direkt nach dem Vorzimmer Seiner Majeſtät, und ließ durch den Lakaien den Kammerdiener des Königs für einen Augenblick herausbitten. „Wenn Sie irgend einen Wunſch haben, mein lieber Herr von Roſenthal,“ ſagte der würdige Herr Dippel, der eilig aus ſeinem Kabinet gekommen und zu Roſen⸗ thal in die tiefe Fenſterniſche getreten war,„ſo haben Sie den allergünſtigſten Moment gewählt; der König iſt in der roſigſten Laune, wie ich zu bemerken das Glüch hatte, und ſpricht ſoeben mit wahrhaft ſtrahlendem Ge⸗ ſichte mit Seiner Excellenz dem Herrn Staatsminiſter von Wieneck.“ „So bitte ich, übergeben Sie Seiner Majeſtät ſo⸗ gleich dieſen Brief; ich werde warten, ob der König eine Antwort für mich hat.“ 3 „Gut, gut, Seine Excellenz werden ſogleich heraus⸗ kommen,“ dann legte der alte Kammerdiener ſeine Hand an den Mund, neigte ſich gegen das Ohr Roſenthal's und flüſterte ihm mit einer wahrhaft komiſchen Anſtren⸗ gung zu:„Gratuliren Sie Seiner Excellenz, Dieſelben haben das Portefeuille der lauswärtigen Angelegenheiten wieder übernommen.“ Seine Excellenz trat dann auch gleich darauf, nach⸗ dem der alte Kammerdiener wieder davongetrippelt war, aus dem Zimmer des Königs, und zwar mit ſtrahlender Miene, welche die Wahrheit des eben Geſagten voll⸗ kommen beſtätigte. Als er indeſſen Roſenthal bemerkte, flog ein leichter Schatten über ſeine Züge, doch winkte er ihm nicht ohne Wohlwollen zu, ging aber dann raſch vorüber, und zwar mit einer ſo oſtenſiblen Eile, daß ſich der Andere eines Lächelns nicht enthalten konnte, und — 9— zu ſich ſelber ſprach, nachdem er die Thüre hinter dem Grafen geſchloſſen:„Ja, ja, es iſt Zeit, daß ich gehe, mein Stern iſt bedeutend im Sinken.“ „Hier iſt die Antwort, mein lieber Herr von Roſen⸗ thal,“ ſagte der wieder eingetretene Kammerdiener. „Befehlen Seine Majeſtät ſonſt etwas?“ „Nicht das Geringſte; der König durchlas Ihr Billet, ſchrieb ein paar Zeilen darunter und ſiegelte das Couvert eigenhändig zu.“ „Ich danke Ihnen beſtens.“ In ſeinen Wagen zurückgekehrt, eröffnete Roſenthal das Schreiben nicht ohne einige Bewegung und ſprach alsdann mit einem Athemzug der Erleichterung:„Das wäre alſo in Ordnung gebracht, und wenn uns das Glück heute Abend nicht gar zu ungünſtig iſt, ſo können wir ziemlich heiter in die Zukunft ſchauen.“ Pünktlich traf er um halb ein Uhr in dem franzö⸗ ſiſchen Kaffeehaus ein, wo ihn der erſte Kellner ehrerbietig nach Nr. 4 begleitete, und wo er Arthur bereits antraf, welcher in dem angenehm durchwärmten, kleinen, behag⸗ lichen Gemache nachdenkend hin und her ſchritt. „Nun raſch unſere Geſchäfte abgemacht, und dann wollen wir ſehen, ob Monſieur Robert ein gutes Früh⸗ ſtück für uns beſorgt hat. Was haben Sie mit Wieneck verhandelt?“ — 10— „Er wünſcht Piſtolen, fünfzehn Schritt Barrière und im Avanciren nach Belieben ſchießen.“ „Gut.— Jetzt noch die kleine Angelegenheit, welche Sie freundlichſt für mich beſorgen wollen. Bitte, läuten Sie dem Kellner, er ſoll Licht und Siegellack bringen.“ Bis das Verlangte kam, hatte Herr von Roſenthal den bewußten Zettel aus dem Couvert genommen und ihn in ein anderes geſteckt, in dem ſich der Brief an Ellen be⸗ fand, und welches er ſchon zu Hauſe pünktlich über⸗ ſchrieben hatte; dann ſiegelte er es zu, ſteckte es in ein zweites Couvert, das er ebenfalls ſiegelte und überſchrieb, gab dieſes darauf dem jungen Maler, indem er ſagte: „Weit entfernt, irgend einen Zweifel in Ihre Pünktlich⸗ keit zu ſetzen, lieber Arthur, erlaube ich mir doch, Ihnen zu bemerken, daß neben dem idealen Werth auch noch ein ſehr bedeutender reeller in dieſem Briefe ſteckt; meine Vorſicht, den Brief in ein Couvert zu ſtecken, welches, wie Sie ſehen, Ihren Namen trägt, iſt auch nicht ganz unnöthig, da es, ſelbſt im Falle es bei unſerer Expedition verloren ginge, doch wieder in Ihre Hände käme—— und nun zu Tiſche.“ Das Dejeuner war vortrefflich und Herr von Roſen⸗ thal ließ nicht nur den Speiſen, ſondern auch den Ge⸗ tränken volle Gerechtigkeit widerfahren, wobei er beſonders den eiskalten Champagner mit unverkennbarem Hochgenuß 1— ſchlürfte, und Arthur, welcher zurückhaltender war, unter Lachen und Scherzen nöthigte, Glas um Glas zu leeren. „Sie ſind recht kindiſch,“ ſagte er auf deſſen Einwen⸗ dungen, man muß eine ſolche Angelegenheit wie jedes andere Geſchäft betrachten. Ich unternehme nicht gerne die kleinſte Reiſe, ohne mich gehörig dazu geſtärkt zu haben. Ha, und Ihre andern Skrupel ſind geradezu lächerlich; glauben Sie mir, auch wenn ich noch ein paar Stunden in ähnlicher Weiſe fortmachte, würde ich nicht nur das ſchwierigſte Geſchäft vollkommen ruhig ab⸗ wickeln, ſondern auch dieſes ſchwere Kühlgefäß mindeſtens vier Minuten lang mit geſtrecktem Arm von mir halten, ohne die Hand auch nur eine Linie ſinken zu laſſen. Soll ich Ihnen dieſe Probe machen?“ „Nein, nein, bewahre mich der Himmel, ſo etwas heute von Ihnen zu verlangen; morgen, wenn Sie wol⸗ len, ſoll es vielleicht der Gegenſtand einer fröhlichen Wette zwiſchen uns ſein.“ „Topp, das gilt, und zehn gegen eins———— es iſt doch eigenthümlich,“ fuhr Herr von Roſenthal gleich darauf, ernſt werdend, fort,„was man in manchen Lagen des Lebens um einen kleinen Blick in die Zukunft gäbe — und doch wieder nicht—“ fuhr er zuſammenſchau⸗ dernd fort—„es iſt wahrlich beſſer ſo.“ „Und am allerbeſten für uns würde es ſein,“ meinte — 12— der Maler lächelnd,„wenn wir uns auf den Weg mach⸗ ten.“ Seine Uhr hervorziehend ſetzte er hinzu:„Wenn ſchon im ganz alltäglichen Leben eine halbe Stunde zu früh beſſer iſt, als eine Minute zu ſpät, ſo heute ganz beſonders.“ „Gewiß, und ich wüßte mir keine garſtigere Ver⸗ ſpätung, als wenn uns heute ſo etwas paſſirte, aber deß⸗ halb doch kein Eiſenbahnfieber, wenn ich bitten darf, lieber Arthur, wir haben noch eine volle halbe Stunde Zeit— erſuchen Sie Monſieur Robert,“ ſagte er dem Kellner, welcher den Kaffee ſerviren wollte,„mir ſelbſt die Note zu bringen,“ und als der Gerufene gleich darauf eintrat, verſicherte ihm Herr von Roſenthal, er habe lange nicht ſo ausgezeichnet gefrühſtückt und ſei, wie immer, vollkommen zufrieden. „Ein Lob aus Ihrem Munde, das mich ſtolz macht, Herr von Roſenthal, und bitte auch ferner um Ihre freundliche Protektion.“ „Gewiß, Monſieur Robert, wie immer, und vielleicht bin ich im Stande,“ fügte er mit einem Humor in Stimme und Miene hinzu, der den jungen Maler unan⸗ genehm berührte,„Sie in der nächſten Zeit einigen aus⸗ gezeichneten, allerhöchſten Herrſchaften zu empfehlen.“ Dann fuhren ſie zur Eiſenbahn, wo es Herrn von Roſenthal leicht war, bei ſeinen ausgebreiteten Bekannt⸗ ſchaften und bei den reichen Geſchenken, womit er dieſe ſtets warm zu halten pflegte, ein Coupé erſter Klaſſe für ſich und Arthur allein zu erhalten, wo ſich Beide behag⸗ lich einrichten, ihre Cigarre anzünden und dann in den klaren Wintertag hinausfahren konnten. Während ſich indeſſen nach einiger Zeit Herr von Roſenthal in ſeine Ecke lehnte und augenblicklich feſt ein⸗ ſchlief, eilten die Gedanken Arthur's dem dahinbrauſen⸗ den Eiſenbahnzuge weit voraus, und befanden ſich ſo⸗ gleich an dem kleinen See in der Nähe des Dorfes Per⸗ lenbach, der ihm von einer Jagdpartie ſehr genau in der Erinnerung war; und merkwürdiger Weiſe waren es faſt dieſelben Leute geweſen, die damals einen heitern Herbſtnachmittag unter Lachen und Scherzen verbracht, ſpäter luſtig zuſammen ſoupirt, wobei Roſenthal die fabel⸗ hafteſten Dinge von ſeinen Reiſen in Indien und China erzählte— ja dieſelben Leute, und doch heute war es wieder eine Jagdpartie, aber ſchrecklicher Art, die ſie dort vereinigen ſollte, der Himmel mochte wiſſen mit welchem Ende. Und indem die Lokomotive mit dem Bahnzug ſchnau⸗ bend, brauſend und raſſelnd dahinflog, während Arthur, obgleich er gewiſſermaßen unbetheiligt war, jede Station, die ſie erreichten, mit einem ängſtlichen Gefühle hervor⸗ kommen und hinter ſich verſchwinden ſah, ſchlief neben ihm ſein Nachbar mit einer Ruhe und einem ſo fried⸗ lichen Geſichtsausdruck, als gehe ihn die ganze Geſchichte nichts an. „Wahrhaftig, man ſollte an ihm irre werden,“ dachte der Maler, ihn betrachtend,„ſchläft er doch mit einer Ruhe, mit einer ſo ſichtbaren Behaglichkeit, daß man überzeugt ſein muß, ihn ſtöre nicht einmal ein düſteres Traumbild. Iſt das Gleichgültigkeit, iſt das Nerven⸗ ſtärke, oder hält er an ſeinem oft ausgeſprochenen Glau⸗ ben feſt, daß der Tod nicht an ihn herantreten werde, ohne ihm vorerſt ein ſichtbares Zeichen gegeben zu haben, und daß ſelbſt dann dieſer Tod für ihn nicht mehr als ein Aktſchluß ſei, um in einer neuen Szene wieder auf⸗ zutreten?“ Die Lippen des Schlafenden bewegten ſich und er murmelte:„So iſt es, ſo iſt es, erſt wenn der Reiher kommt mit der Schlange im Schnabel, wird die Deko⸗ ration gewechſelt— wie es bei allen— Geſetz iſt, die ſo glücklich ſind— wieder vom Mondſchein erweckt zu werden.“ Dann ſchlief er wieder ruhig weiter, ohne zu er⸗ wachen, als der Kondukteur zur betreffenden Station Per⸗ lenbach die Billete forderte, und alsbald darauf der Zug ſtille hielt. „Es iſt grauſam, ihn zu wecken, dachte Arthur, und wartete noch ein paar Sekunden, während welcher er den Grafen Wieneck und Herrn von Mittow grüßte, die an dem Wagen vorübergingen, nicht ohne den ſchlafenden Roſenthal zu bemerken; dann legte er dieſem ſanft die Hand auf die Achſel und machte ſo ſeinem tiefen Schlaf ein Ende. „Ah, da ſind wir ſchon! Wie ich gut geſchlafen habe, wie mich das geſtärkt hat! Haben Sie die Herren geſehen?“ „Sie gingen ſoeben am Wagen vorüber, und wenn ich nicht ſehr irre, ſo ſprachen ſie mit dem Herrn Oberſt⸗ hofmeiſter von Tönning.“ „Ah der,“ hier lachte Roſenthal laut und herzlich, „er befindet ſich auf ſeiner Hochzeitsreiſe und geht einer heiteren Zeit entgegen— während wir— doch gleich⸗ viel, folgen wir raſch den andern Herren und ſehen nach irgend einem Buben, der meinen Pelz und Ihren Plaid trägt.“ „Es iſt wohl beſſer, wenn wir Niemand mit uns nehmen. Meinen Plaid werfe ich in das Gepäckbureau, und Ihren Pelz nehme ich auf mich, wenn Sie mir das erlauben wollen, es könnte mich da oben frieren.“ „Ich danke Ihnen und bin zu allen Gegendienſten bereit.“ Sie ließen die Eiſenbahnſtation und das Dorf bald — 16— hinter ſich und ſtiegen auf einem Feldweg langſam die Höhe hinan. Es war ein prächtiger Wintertag, der Bo⸗ den feſt gefroren, die Felder leicht mit Schnee bedeckt, der unter dem Glanz des hellen, ſchon ſehr ſchräg ein⸗ fallenden Sonnenſcheins Millionen funkelnder Strahlen von ſich warf, und in den leichten, wellenförmigen Nie⸗ derungen wie mit einem roſigen Schimmer überzogen ſchien. Und wie maleriſch gefärbt erſchien der Himmel über der weiten licht⸗ und glanzvollen Erde! Das tief⸗ blaue Gewölbe war von leichten, ſchleierartigen, langge⸗ zogenen Wolkenſtreifen durchwebt, die, glühend gelblich angeſtrahlt, ſo auf die Farbe des Himmels wirkten, daß derſelbe zwiſchen dieſen goldenen Streifen in einer leicht ſeegrünen Farbe erſchien, was eine wundervolle Wirkung machte, eine Fülle von Glanz und Reichthum gab. „Prachtvoll, in der That,“ ſagte Herr von Roſen⸗ thal in die Höhe blickend,„man könnte ſich wahrhaftig zu dem Gedanken verſucht fühlen, ſich das ſein Bischen in der Nähe anzuſehen— ſpäter— ſpäter— früher aber noch mit jenen verſpäteten Zugvögeln nach Süden zu ziehen— was ſind das für Vögel— Reiher?“ „Ich weiß es nicht; ich glaube aber in der That, daß es Reiher ſind.“ „Da ſind wir zur Stelle; gut, dort ſteht auch mein Wagen, ſehen Sie, Arthur, hinter den Erlenbüſchen. — 172— Wenn ich Sie nun bitten darf, ſo treffen Sie Ihre An⸗ ſtalten; ich habe meinem Kammerdiener noch ein nöthiges Wort zu ſagen, aber ſogleich.“ Damit ging er raſch an ſeinen Wagen, nahm den Kammerdiener ein paar Schritte bei Seite und ſagte ihm alsdann:„Du biſt lange genug bei mir, um einzuſehen, daß es ſich hier nicht um eine gewöhnliche Jagdpartie handelt.“ „Leider, Herr Baron!“ „Dummes Zeug, es wird nicht die letzte ſein. Ge⸗ ſchehe aber, was geſchehen mag, ſo wird der Poſtillon Dir helfen, mich in meinen Wagen zu bringen, und fährſt Du dann, was die Pferde laufen können, nach Morfeld in das Haus, wo wir uns im vorigen Sommer vierzehn Tage aufhielten; unſer Wirth von damals iſt ein ge⸗ ſchickter Arzt und alles Uebrige wird ſich finden. Hier iſt auch für alle Fälle meine Brieftaſche, ſie iſt gut ge⸗ füllt, ſiehſt Du, und enthält dieſen Brief, den Du, mag auch geſchehen was will, übermorgen in irgend einem be⸗ liebigen größern Orte, nur nicht in Morfeld, auf die Poſt geben wirſt. Haſt Du mich verſtanden?“ „Gewiß, gewiß— aber— d Herr Baron!“ „Mein lieber Friedrich, ſeien wir nicht kindiſch, auf Wiederſehen in einer Viertelſtunde!“ Er ging nun mit langſamen Schritten dem Platze zu, wo Arthur und Graf Wieneck beſchäftigt waren, die Hackländer, Geſchichten im Zickzack. III. 2 — 18— Diſtanzen abzuſchreiten. Hier grüßte er Herrn von Mittow, ſowie auch den Grafen auf's Verbindlichſte, und warf dann einen Blick auf die weiße Landſchaft rings umher. Vor ihm lag der kleine See, der am Uferrand dicht mit Schilf bewachſen war, in welchem man die Waſſervögel ſchreien hörte. Die Luft war ſo klar, daß man jede über den Uferrand hervorragende Binſe auf's Schärfſte an dem leuchtenden Abendhimmel abgebildet ſah, und dabei herrſchte im Weſten, wo die Sonne im Begriff war, am Horizonte hinabzutauchen, eine ſolch' intenſive Glut, und warf einen ſolchen Strom von Lichtglanz her⸗ über, daß ſelbſt das ſcharfe Auge Roſenthal's geblendet wurde, und er ſich gen Oſten wandte, wo in dieſem Augenblicke in einem trüben, grauen Dunſtſtreifen der volle Mond emporſtieg, wie eine rieſenhafte und matt glühende Kugel anzuſchauen. „Ah, mein Freund, Du kommſt zur rechten Zeit,“ ſagte Roſenthal, mit einem innigen Blicke dorthin ſchauend, wandte ſich aber gleich darauf gegen den Grafen Wieneck, der an ihn herantretend mit großer Höflichkeit ſagte: „Herr Weßner und ich ſind übereingekommen, noch zwei Minuten zu warten, bis die Sonne untergegangen iſt; es iſt uns beim beſten Willen unmöglich, bei dieſem Glanze das Licht unparteiiſch zu vertheilen.“ „Ganz meine Anſicht, Herr Graf!“ — 19— Dann waren auch dieſe zwei Minuten vorüberge⸗ gangen. Die beiden Gegner ſtellten ſich auf; Beide ſchein⸗ bar gleich ruhig— Beide ſcheinbar, ſagen wir, aber während es Herr von Roſenthal wirklich war, gab ſich der Dragoneroffizier alle Mühe, es zu ſcheinen— doch ſeltſam, wie dieſer die Piſtole in die Hand nahm, wurden ſeine Geſichtszüge vollkommen ruhig, während Herr von Roſenthal in dem gleichen Augenblick leicht zuſammenfuhr, nachdem er ſeinen Kopf auf ein Geräuſch hin gegen den kleinen See gewandt, wo ſich in dieſem Augenblicke mit ſchwerem Fluge ein Reiher erhoben hatte, der eine Schlange im Schnabel trug. Arthur bebte, und es wäre ihm unmöglich geweſen, das verabredete Signal zu geben, wenn auch das Loos den Grafen Wieneck nicht dazu beauftragt hätte. Beide Gegner avancirten zu gleicher Zeit mit lang⸗ ſamen Schritten gegen einander, dann zielte Roſenthal nur eine Sekunde und ſchoß. Herr von Mittow zuckte zuſammen. Die Kugel hatte ihm den linken Oberarm durchſchlagen; er wankte einen Augenblick nur, ſchon wollte Graf Wieneck zu ihm eilen, um ihn zu unterſtützen, als er ſich wieder feſt empor⸗ raffte, die Zähne zuſammenbiß und bis dicht an die leicht markirte Barrière ging, wo ihm Roſenthal ruhig gegen⸗ über trat, gedankenvoll aufwärts blickend, dem Vogel nach, — 20— der mit ſchwerem Flug über die Hochebene hinſtrich. In dieſem Augenblick krachte Mittow's Schuß, und ohne den leiſen, ſchmerzlichen Ruf des Andern abzuwarten, eilte Arthur auf ihn zu, um ihn in ſeinen Armen aufzufangen und ſo langſam und ſanft auf den Boden niedergleiten zu laſſen. Raſch ſprangen auch Graf Wieneck und der Regimentsarzt herbei, während Mittow die Piſtole fallen ließ und ſich zögernd näherte. „Die Kugel hier iſt dicht am Herzen eingedrungen,“ flüſterte der Regimentsarzt—„das iſt eine ſehr traurige Geſchichte.“ „Nicht wahr, Doktor,“ ſagte Herr von Roſenthal die Augen öffnend mit matter Stimnie,„an mir wird mit Ihrer Kunſt nicht mehr viel zu helfen ſein— das Uebrige wird ſich finden. A— a— a— ah, Herr von Mittow, Sie haben mich gut zugerichtet— doch vergebe ich Ihnen— bei Gott, ich vergebe Ihnen.“ Der Dragoneroffizier war ſehr ergriffen; trotz der kalten Abendluft perlte ihm der Schweiß auf der Stirne, und trotz der furchtbaren Schmerzen, die er ſelber an ſeinem zerſchoſſenen Arm litt, beugte er ſich zu Roſenthal hinab, die leichte Bewegung richtig verſtehend, mit welcher dieſer ihm ſeine rechte Hand entgegenſtreckte. „Und nun, Doktor, helfen Sie da, wo zu hel⸗ fen iſt!“ Der Kammerdiener war ebenfalls herbeigeeilt, und während Arthur das Haupt Roſenthal's ſanft emporhob, um es auf deſſen Pelz zu betten, legte der Andere eine dicke rothe Decke über ſeine Füße, und lief dann zum Wagen zurück, um den Poſtillon herbeizurufen. „Noch eine— Bitte— Arthur,“ flüſterte der Ster⸗ bende—„wenn jene Herren ſich entfernt haben, ſo wen⸗ den Sie— mich ſo— daß der Strahl des Mondes— mir in die Augen fällt——— ich— flehe— dar=r= r— r—⸗ Statt dieſes Wort zu vollenden, ſtieß er einen tiefen, eigenthümlich klingenden Seufzer aus, der zuletzt nur noch wie ein leiſes Ziſchen klang, dann ſtreckte er ſich aus. „Doktor!“ ſchrie Arthur entſetzt. Der Regimentsarzt ſprang herbei, kniete neben Roſen⸗ thal nieder, fühlte nach ſeinem Puls, horchte an ſeinem Herzen und ſagte dann achſelzuckend:„Er iſt todt.“ „Nicht wahr, Arthur,“ flüſterte Graf Wieneck, der ebenfalls wieder herangetreten war,„Sie werden das Weitere beſorgen, ich muß eilen, daß ich dieſen ganz ver⸗ zweifelnden Mittow zur Ruhe bringe.“ „Gewiß— kehren Sie nach der Stadt zurück?“ „Jedenfalls; ich will mich dort lieber zur Verant⸗ wortung ziehen laſſen, als hier auf fremdem Boden.“ — 22— Damit eilten die Drei davon und waren bald in der eingebrochenen Dunkelheit verſchwunden. Drüben hatte ſich die leuchtende Scheibe des Mondes hell und ſtrahlend aus dem Dunſtkreis am Horizont er⸗ hoben, und da Roſenthal im letzten Augenblicke ſeinen Kopf auf die Seite gewandt hatte, ſo fielen die weißen Strahlen ohne weiteres Zuthun in die weit offen ſtehen⸗ den ſtarren Augen des Todten, und als ihn Arthur, auf's Tiefſte erſchüttert, betrachtete, kam es ihm gerade ſo vor, als verziehe ſich der Mund des Todten zu einem heiteren Lächeln———— Täuſchung— Täuſchung; ſein Herz hatte aufgehört zu ſchlagen, ſeine Hände waren kalt und ſteif. „Lieber Herr,“ ſagte der Kammerdiener leiſe zu Ar⸗ thur,„wenn Sie nichts dagegen haben, will ich ihn mit Hülfe des Poſtillons in den Wagen tragen.“ „Und wohin fahren Sie?“ „Er hat darüber wie über alles Sonſtige die genaueſten Befehle hinterlaſſen, Sie können mir Alles ganz unbe⸗ dingt anvertrauen.“ „Aber geben Sie mir Nachricht über das Weitere, hier iſt meine Karte!“ „Die Herren werden jedenfalls Nachricht erhalten.“ Arthur begleitete ihn bis zum Wagen, den der Kammerdiener ſorgfältig verſchloß, nachdem er vorher die Jalouſieen aufgezogen, und dann ſetzte er ſich neben den Poſtillon, und ſie fuhren in langſamem Schritte davon. Arthur blieb, ihnen nachſchauend, allein auf der Höhe ſtehen, wo das Duell ſtattgefunden, und das Ganze kam ihm faſt wie ein Traum vor. Soeben noch rings umher Glanz und Licht, Leben und Geſundheit in kräftig ſchlagenden Herzen,— jetzt die Landſchaft wie in ein weißes Leichentuch gehüllt, unheimlich vom Monde be⸗ ſchienen— dort langſam hinfahrend der Wagen mit dem jetzt ſo ſtillen Manne, an deſſen Seite er noch vor we⸗ nigen Minuten gelacht und geplaudert hatte. Entſetzlicher Wechſel des Lebens! Es ſchien ihm, als habe er ein Unrecht begangen, daß er den Wagen nicht begleitet, und ſchon war er im Begriff, demſelben nachzueilen, als er ſich des Auftrags erinnerte, den ihm Roſenthal ertheilt und als ſo dringlich bezeichnet. Dazu kam noch, daß ihm das gellende Pfeifen der Lokomotive, die er von Weitem heranbrauſen hörte, wie ein Mahnruf klang, den letzten Willen des Unglücklichen ſo raſch als möglich zu erfüllen, und er beeilte ſich, die Station wieder zu erreichen, ehe der Zug weiter ging. Von dem Grafen Wieneck und dem Herrn von Mittow ſah er keine Spur, entweder war der Erſtere noch in dem Dorfe Perlenbach mit dem Verwundeten be⸗ ſchäftigt, oder waren ſie vielleicht mit einem früheren — 24— Zuge nach Hauſe zurückgekehrt. Dem jungen Maler war es übrigens lieb, daß er auf ſolche Art im Stande war, ſich allein in ſeine Ecke zu drücken, um ungeſtört ſeinen Gedanken nachhängen zu können. Als er aus dem Ge⸗ päckbureau ſeinen Plaid abholte, gab ihm der betreffende Beamte ein Cigarrenetui, das man in dem Coupé gefun⸗ den, in welchem er hier angekommen— Roſenthal's Ci⸗ garrenetui, welches dieſer, plötzlich aus dem Schlafe auf⸗ geſtört, vergeſſen hatte. Es durchflog den Maler ſchauernd, als er das kleine, erbärmliche Ding, welches dem Todten gehört, in die Hand. nahm; dieſe einfache Arbeit menſchlicher Hände! Als er es unverletzt fand, funkelnd mit ſeinen glänzenden Beſchlägen, angenehm nach Juchten riechend, während Der, welcher es beſeſſen, der es noch vor einer Stunde ſpielend zwiſchen den Fingern gehalten, nun ausgelöſcht war aus der Zahl der lebendigen Weſen, dieſer ſprudelnde Geiſt auf ewig verſtummt, dieſer ge⸗ ſunde, kräftige Körper im Begriff, in Nichts zurückzu⸗ kehren! Es graute ihm faſt vor dem an ſich ſo harm⸗ loſen Gegenſtande; er legte ihn in die andere Ecke des glücklicher Weiſe leeren Coupés, nachdem er beſchloſſen, das Cigarrenetui zugleich mit dem ihm anvertrauten Briefe zu übergeben. Es war acht Uhr geworden, ehe er die Stadt wieder — 25— erreichte, und da ihm dieſe Stunde nicht zu ſpät erſchien, um ſich ſogleich ſeines Auftrags zu entledigen, ſo trat er, um ſich über die Richtung zu vergewiſſern, welche er einzuſchlagen hatte, an eine der Gaslaternen der Eiſen⸗ bahnhalle, um die Adreſſe zu leſen, nachdem er das erſte Couvert von dem Briefe abgeriſſen— Miß Ellen— Gartenſtraße 4, erſter Stock.„Seltſam,“ dachte er bei ſich, das iſt ja dieſelbe Straße, nach welcher ich ihr da⸗ mals von Weitem folgte, als ſie mir zufällig auf der Straße begegnete. Seltſam— ſollte mich der Zufall wieder in ihre ſo heiß erſehnte und ſo gefährliche Nähe bringen?— lächerlicher Gedanke, man hat deßhalb noch nicht an einem großen Gewinn Antheil, weil ſich unſere Loosnummer vielleicht in der Nähe der gewinnenden be⸗ findet—„Gartenſtraße,“ las er nochmals—„aller⸗ dings die Serie wäre richtig, aber ich habe kein Glück im Spiel, leider auch nicht in der Liebe— doch fort, fort mit ſolchen Gedanken in einem Augenblicke, wo mir dieſer Brief und dieſes Etui in der Hand brennen!“ Raſch ging er ſeines Weges, und er hatte eine ziem⸗ lich lange Strecke zurückzulegen, bis er die belebteren Stadtviertel hinter ſich gelaſſen und in die einſamere Gegend kam, wo ſich die Gartenſtraße befand. „Bis hieher wäre es derſelbe Weg von jenem Abend,“ dachte er bei ſich,„dann aber bog ſie links ab und be⸗ — 26— trat jenen Garten, wohin ich ihr von Weitem folgte und faſt durch jene alte Dienerin eingeſchloſſen wurde, ſo daß ich mich, um kein Aufſehen zu erregen, durch einen Sprung über die Hecke retten mußte— es war eigent⸗ lich kindiſch von mir, mein gegebenes Verſprechen, nie darüber forſchen zu wollen, auch dann ſelbſt zu halten, wo es nur weniger Schritte gebraucht hätte, um ihre Wohnung kennen zu lernen,—— doch hätte ich ja weit Schwierigeres, weit mehr für ſie gethan, für ſie, die ich heute noch mit aller Leidenſchaft liebe, die wie ein leuch⸗ tender Sonnenſtrahl in mein Leben trat, um mir gleich darauf nach ihrem Verſchwinden Alles farblos, Alles finſter erſcheinen zu laſſen——. Wie mag ſie über den armen Maler gelächelt haben, jene vornehme, ſchöne Dame, die mit ihrem Verſtande, ihrem Scharfblick gewiß meine Leidenſchaft erkannt— doch fort— fort mit dieſen nutzlos quälenden Gedanken, fort mit dem beſtän⸗ digen Hervorrufen jener unglückſeligen Liebe, die mich ſo elend gemacht!“ 4 „Das iſt die Gartenſtraße— hier iſt Nr. 4.“ Er trat in die offen ſtehende Hausthüre, ging hinauf in den erſten Stock und läutete dort an der Glocke. Eine alte Dienerin öffnete ihm die Thüre, und nachdem er ihr ſeine Karte überreicht, ſagte ſie lächelnd: „Ich glaube, ich kann Sie ohne Anmeldung ein⸗ treten laſſen— da Sie erwartet werden.“ Das klang ihm etwas räthſelhaft, beſonders da ihm die alte Dienerin mit einem unverkennbaren Ausdruck von Vergnügen ſagte:„Bitte, treten Sie ein!“ Er trat ein, blieb aber wie feſtgewurzelt auf der Schwelle ſtehen, mit einem unausſprechlichen Gefühle zu⸗ erſt der Freude, dann des Schreckens, nachdem er ſich erinnert, von wem und durch welche ſchreckliche Veran⸗ laſſung er an dieſe Dame geſandt wurde, die ihm haſtig entgegentrat, ſowie ſie ihn erkannt, aber mit keinem Schmerz in den Zügen, nicht mit dem Ausdruck unan⸗ genehmer Ueberraſchung, ſondern leuchtend vor Glück und Freude, die ihm ihre beiden Hände entgegenſtreckte, die ihn haſtig an das Kaminfeuer zog, die ihn dort im Glanze der Lichter beſchaute mit glückſeligen Blicken, und die dann ihre rechte Hand vor die Augen preßte, indem ſie ausrief:„O, nicht weinen, nicht weinen— nein, glück⸗ lich und ſelig ſein,“ die dann herzlich und innig plauderte, ohne ihn zu Wort kommen zu laſſen— ihn, der ſie mit ſchmerzlicher Verwunderung betrachtete. „O, ich wußte ja, daß Sie kommen würden,“ rief ſie in glücklichem Tone,„es blieb mir ja ſchon damals nicht verborgen, daß das Intereſſe, welches Sie an mir und meinem Bilde nahmen, nicht nur das des Künſtlers — 28— war, und wenn Sie ehrlich ſein wollen, ſo müſſen Sie eingeſtehen, daß auch ich mich durch manches Wort, durch manchen Blick verrathen—— ach, ich konnte ja nicht anders, Arthur, und wenn ich dann von Ihnen gegangen war, kalt und ſtolz, wie ich ſein kann, dann blieb ich wohl vor Ihrer Thüre ſtehen und ſchalt mich, daß ich nicht Muth hatte, wieder zurückzukehren, um Dir zu ſagen, was ich Dir jetzt aus vollem Herzen wiederhole: Ich liebe Dich, Arthur, ich liebe Dich unſäglich.“ Darauf warf ſie ſich an ſeine Bruſt, umfaßte ihn mit ihren Armen, und er müßte nicht das Gefühl für ſie im Herzen getragen haben, das ihn in wilder Leidenſchaft faſt verzehrte, wenn er nur einen Augenblick gezaudert hätte, ſeine Lippen heftig und innig auf die ihrigen zu drücken. „Und nun, Arthur, erzähle mir ruhig und ver⸗ nünftig, wie Alles gekommen; wann warſt Du bei dem Prinzen, wann ſagte er Dir Alles?—— ach,“ fuhr ſie mit einem glückſeligen Aufleuchten ihrer Augen fort,„ich habe wenigſtens ſchon zwanzigmal dieſen Brief geleſen, den mir der Prinz heute Morgen geſandt, nachdem ich ihm Dein Bild überſchickt— willſt Du hören, was er ſchreibt?“ „Ich möchte das allerdings gerne hören,“ ſagte er in einem etwas befremdeten Tone. „— — ——— — 29— „Er ſchreibt hier: Nachdem ich Sie geſtern Abend verlaſſen—“ „Wer ſchreibt das?“ „Der Kronprinz— an mich.“ „Ah ſo,“ erwiederte er in begreiflicher Spannung. „Nachdem ich Sie geſtern Abend verlaſſen,“ wieder⸗ holte ſie—„erſchien mir mein ganzes künftiges Leben troſtlos finſter, wie die dunkle, unheimliche Nacht, die mich— warum ſollte ich es Ihnen gegenüber leugnen?— in ſchmerzlichen Thränen ſah— die einſam ſtille Nacht, in welcher ich aber die Kraft fand, Ihnen zu entſagen, um mich den Pflichten zuzuwenden, die allerdings zentner⸗ ſchwer auf meiner Seele laſten—— dann kam Ihr liebes, liebes Bild, welches ich ſogleich neben meinem Schreibtiſche aufſtellte, wo es auch bleiben ſoll, trotz aller Prinzeſſinnen der ganzen Welt, Ihr Bild, Ellen, das Bild einer ſüßen, holden Märtyrerin— eines Engels mit der Glorie um das Haupt, wie Sie in meinem Her⸗ zen ewig leben— ewig leben ſollen— ewig leben dürfen, und nachdem ich Ihnen dieß geſagt, werde ich ſogleich an Arthur Weßner ſchreiben, den ich perſönlich kenne, werde ihm Alles ſagen, Alles, Alles, daß Sie mich um ſeinetwillen verſchmäht, daß Sie ihn lieben, und wenn er dann bei Ihnen erſcheint, ſo wiederholen Sie ihm das aus vollem Herzen, und wenn der Augenblick, wo das — 30— geſchieht, auch noch ſo ſchmerzlich für mich iſt, ſo will ich mich doch darüber freuen!“ Mit welch' grenzenloſem Erſtaunen hörte Arthur dieß Alles! wie mühte er ſich ab, darin einen verſtänd⸗ lichen Zuſammenhang zu finden— umſonſt, er brachte es nur zu einer gänzlichen Verwirrung ſeiner Gedanken, welche ſich auf ſeinen Zügen abſpiegelte und von ihr mit einem unverkennbaren Erſtaunen bemerkt wurde. Was war hier vorgefallen, welcher Dämon hatte ſich hier luſtig gemacht? „Als— Sie nun eintraten,“ ſagte ſie mit einem ängſtlich forſchenden Blick,„da wußte ich ja ganz genau, daß der Prinz Sie geſehen, daß er Ihnen Alles geſagt, daß ich mich in Ihren Worten und in Ihren Blicken nicht getäuſcht, und daß Sie hieher geeilt waren, um mir zu ſagen: Ellen, auch ich liebe Dich,———— aber warum ſo ſpät?“ ſetzte ſie mit wachſender Beſorg⸗ niß in Ton und Blick hinzu—„warum ſo ſpät?“ „Ja— warum ſo ſpät?!“ „Hat Sie der Prinz ſo ſpät rufen laſſen?“ „Nein, nein, das nicht.“ „Alſo drängte es Sie nicht, zu mir zu kommen?“ „O doch, o doch, ich— eilte hieher, ſobald es mir möglich war, ich— ich—“ Seine Bruſt, von einem tiefen, ſchmerzlichen Athem⸗ = 31 zuge geſchwellt, vermochte nicht ſogleich weiter zu reden, auch fand er im Augenblicke nicht die rechten Worte und rief erſt nach Verlauf einer peinlichen Minute, während welcher ſie mit dem Ausdrucke der Angſt jede ſeiner Mie⸗ nen bewachte:—„O, das iſt ein entſetzliches Mißver⸗ ſtändniß!“ Ellen preßte mit einem leiſen Schrei ihre beiden Hände vor das Geſicht, und als ſie dieſelben wieder langſam herabgleiten ließ, ſah ſie, wenn gleich furchtbar bleich, doch ziemlich ruhig und gefaßt aus; ja, ein wenn auch ſchmerzliches Lächeln erſchien auf ihren ſchönen Zü⸗ gen, als ſie nun mit ganz leiſer Stimme ſagte:„Es wäre auch zu ſchön und ich— zu glücklich geweſen— — alſo ein Mißverſtändniß!“ „Hören Sie mich,“ rief er,—„o, wie ich un⸗ glücklich bin, doppelt, dreifach unglücklich; laſſen Sie mich Ihnen aber vorher ſagen, daß das ſüße Wort, welches ich aus Ihrem Munde hörte, und in deſſen Wahrheit ich nicht den mindeſten Zweifel ſetzte, mich zum ſeligſten der Menſchen gemacht hat— ein Wort, welches ich auch er⸗ wiedere, tauſendmal erwiedere, und das, einmal ausge⸗ ſprochen, trotz alledem ſeine bindende Kraft haben muß, ſo lange ein Athemzug dieſe Bruſt bewegt— trotz alle⸗ dem— trotz einem Mißverſtändniß—“ „O, ich fühle wohl, ich ſtehe vor etwas Schreck⸗ — 32 * lichem, aber was es auch ſei— aus Barmherzigkeit, reden Sie!“ Arthur hatte langſam den Brief Roſenthal's hervor⸗ gezogen, und als er nun denſelben in ihre Hände legte, konnte er ſich nicht enthalten, ſie darauf mit einem for⸗ ſchenden Blick zu betrachten, und wahrlich, was er in ihren Zügen las, verſprach ihm nicht eine glückliche Löſung der Räthſel, welche ihn umgaben. Ihre Augen hatten ſich erſchreckend weit geöffnet, der Athem ſchien in ihrer Bruſt zu ſtocken, und mit Mühe ſtieß ſie die Worte hervor: „Von ihm, ah, von ihm, das iſt freilich entſetzlich, nur als Ueberbringer dieſes Schreibens kommen Sie zu mir! Das iſt allerdings ein furchtbares Mißver⸗ ſtändniß!“ Sie riß haſtig das Couvert von dem Briefe, durch⸗ flog die Zeilen, und als ſie das gethan und darauf Hand und Brief in ihren Schooß niedergleiten ließ, fragte ſie mit bebender Stimme:„Und Sie wiſſen mir wohl zu ſagen, in welcher Art ſich das erfüllt oder nicht erfüllt hat, was ich in dieſem Schreiben angedeutet finde?“ „Ich war als Zeuge des Herrn von Roſenthal bei dem Duell, welches er mit Herrn von Mittow hatte, gegenwärtig, und dieſes Duell hatte einen recht unglück⸗ lichen Ausgang.“ „Für Herrn von Mittow?“ fragte ſie raſch. „Nein, für Roſenthal.“ „Iſt er verwundet? ſchwer verwundet?“ Der Maler zuckte leicht mit den Achſeln, ehe er zur Antwort gab:„Ich darf Ihren Schmerz nicht ſchonen, Sie würden morgen doch die Wahrheit erfahren, Herr von Roſenthal iſt todt.“ „Todt?“ rief ſie aufſpringend in einem ſo eigen⸗ thümlichen Tone, daß Arthur verwundert zu ihr empor⸗ blickte. Es war kein Schrei des Schmerzes, auch kein Schrei, wie er ſich im tiefſten Jammer der menſchlichen Bruſt entwindet, noch viel weniger lag Theilnahmsloſig⸗ keit darin; es war ein Ausdruck, ein Schrei, wie ihn vielleicht der Gefangene ausſtößt, wenn vor ihm mit einem Male die Kerkerthüren aufgeriſſen werden, wenn er plötz⸗ lich ſeine Ketten abfallen ſieht— die Freiheit vor ſich, aber zweifelnd, ob er in dieſer Freiheit glücklicher ſein wird, als in ſeiner engen Zelle. „Todt— o mein Gott— das iſt entſetzlich.“ „Soeben zurückgekehrt von dem Ort jenes unglück⸗ lichen Zuſammentreffens, wollte ich nicht verfehlen, den mir ertheilten Auftrag ſo raſch als möglich auszuführen, und trat zu Ihnen ein, ohne zu wiſſen, wer die Dame ſei, der ich den Brief überbringen ſollte.“ „Und Sie waren den ganzen Tag nicht zu Hauſe?“ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. III. 3 34 „Seit heute Morgen zehn Uhr nicht mehr.“ „O, ich Unglückſelige, Alles, Alles iſt verloren!“ Sie drückte in wildem Schmerze ihre beiden Hände vor das Geſicht, und an dem Zuſammenzucken ihres Körpers ſah man deutlich, von welch' leidenſchaftlich wil⸗ den Bewegungen ihr Herz gefoltert wurde, und wie ſie ſich Mühe gab, dieſe Bewegungen zu unterdrücken, aber vergeblich; denn nachdem ſie ſo auf's Heftigſte gerungen, glitten ſchwere, allerdings erleichternde Thränentropfen über ihre Hände herab. Dann faßte er langſam dieſe Hände mit den ſeinigen, entfernte ſie ſanft von dem Geſichte und ſagte alsdann in mildem, traurigem Tone:„Daß ich Sie liebe, Ellen, möchte ich Ihnen tauſendmal wiederholen, und wenn ich über etwas den tiefſten Jammer empfinde, ſo iſt es, daß ich nicht, Alles bei Seite ſetzend, in meinem Atelier zu Ihren Füßen niederſtürzte, Ihnen von meiner wilden, grenzenloſen Liebe ſprechend, und daß ich Sie damals nicht angefleht habe, mich durch irgend ein Wort, durch eine offene, wahre Erklärung glücklich oder unglücklich zu machen; o, wir hätten glücklich ſein können!“ „—— Sein können— ja allerdings; aber zwei⸗ feln Sie daran, Arthur, daß ich mich dem Augenblicke begierig entgegen ſehne, wo es mir vergönnt ſein würde, Ihnen Alles zu ſagen— Alles, ſo wahr, ſo offenherzig, „ wie ich nur mit mir ſelbſt zu reden vermag— haben Sie eine Stunde für mich übrig?“ „O viele, viele, Ellen!“ „So hören Sie mich an, ruhig, ohne Leidenſchaft, ohne Vorurtheil, und der Himmel wird Sie dafür ſegnen.“ Dann ſaß er ihr wieder gegenüber an dem noch ſchwach glimmenden Kaminfeuer, war aber, während ſie ſprach, nicht ſtark genug, ihre leuchtenden Blicke auszu⸗ halten, und ſich ſo immer wieder daran zu erinnern, daß er ja, obgleich willenlos, einer der Mithandelnden gewor⸗ den war in ihrem wild bewegten Leben, welches ſie ihm offen und wahr ſchilderte von dem Tage an, wo ſie, ein armes, zerlumptes, hungerndes Kind, jenen kleinen gol⸗ denen Reif gefunden, bis zur gegenwärtigen Stunde, bei welcher Erzählung ſie noch ganz beſonders die Einleitung zum geſtrigen Abend hervorhob, und dieſen ſelbſt auf's Genaueſte ſchilderte. Er hatte ſeinen Arm gegen die Kaminbrüſtung ge⸗ ſtützt, ſeinen Kopf an die Hand gelegt und ließ nun die bunten Bilder ihrer Geſchichte an ſich vorüber ziehen, wobei er ſich Mühe gab, aus dem Zauberkreis ihrer le⸗ bendigen Darſtellung herauszutreten und ſich zu zwingen, als ein Unparteiiſcher zuzuhören, zu fühlen und dann zu richten. „———— Das iſt Alles, was ich Ihnen zu ſagen habe, und was ich verpflichtet war, Ihnen zu ſagen. Glauben Sie aber nicht, Arthur, daß ich Ihnen manches Gute aus meinem Leben und alle die Zufällig⸗ keiten, die mich zu Dem gemacht, was ich bin, deßhalb mittheilte, um Sie günſtig für mich zu ſtimmen, um Ihnen zu ſagen, daß ich vielleicht Ihrer Liebe nicht un⸗ werth bin— o, Arthur, Sie, den ich liebe und lieben werde, ſo lange ich athme, haben mir bewieſen, als Sie mir zuriefen: ‚O, das iſt ein entſetzliches Mißverſtänd⸗ niß, daß alle meine glänzenden Träume von Glück ja auf einem unlösharen Mißverſtändniß ruhen und nicht zu verwirklichen ſind. Ja, ich habe das wieder lebhaft ge⸗ fühlt, als ich Ihnen offen und ehrlich mein Leben dar⸗ gelegt, und möchte nun ſelbſt lächeln über dieſe thörich⸗ ten Gedanten von Glück, die ich in mir hervorrief, die mich trügeriſch umgaukelt und die alle in Nichts zerronnen ſind.“ „Warum auf einmal ſolche Worte, Ellen?“ „Um das Mißverſtändniß nicht in Ihr Leben hin⸗ über zu tragen, um Ihnen zu beweiſen, daß ich meine Lage klar überſehe, und um Sie zu bitten, mich darin zu unterſtützen; Ihr Herz iſt ſtärker als das meinige, Ihr Herz muß ſtärker ſein.“ „Wenigſtens ſtark genug, Ellen, um allen Vorur⸗ 4 1 1 * theilen zu trotzen, da ich weiß, daß ich Ihrer Liebe ſicher bin.“ „Die Liebe und die Vorurtheile der Welt ſtehen in einem eigenthümlichen Verhältniſſe zuſammen: je ſtärker dieſe hervortreten, um ſo mehr ſchwindet jene,“ ſagte ſie mit einem träumeriſchen Blick in das erſterbende Feuer, fuhr aber dann nach einem tiefen Athemzuge in einem heitern Tone fort, zu dem ſie ſich gewaltſam zwang: „Doch es iſt zu ſpät, mein lieber Freund, um heute Abend darüber zu philoſophiren; auch habe ich Sie noch um eine Belehrung zu bitten über etwas, das ich in dieſem Schreiben hier gefunden— leſen Sie dieſen Zettel!“ Arthur nahm das Papier, welches ſich zuſammenge— faltet in dem Schreiben Roſenthal's gefunden, und trat damit näher zum Lichte, um die feinen Schriftzüge zu leſen. Er that dieß mit wachſendem Erſtaunen und mit einem ſehr unangenehmen Gefühle.„Dieſes Papier,“ ſagte er alsdann,„gibt Ihnen das Recht, auf der Bank des Staates eine Summe von zweimalhunderttauſend Gulden zu erheben.“ „Ah, mir ahnte es, daß er mich noch über das Grab hinaus kompromittiren werde,“ rief ſie mit einer zucken⸗ den Bewegung ihrer Hand, während ſie das Papier zurück⸗ nahm,„ich verſtehe darin keinen Zuſammenhang.“ — 38— „Ich noch weniger,“ ſagte der junge Maler mit einem faſt unwillkürlichen Achſelzucken, welches ſie aber deutlich bemerkte, und dann leiſe vor ſich hin ſprach: „Aber ich— verſtehe jetzt und fühle.“ „Das iſt ein großes Vermögen.“ „Gewiß— ein bedeutendes Vermögen,“ wiederholte ſie mit tonloſer Stimme, indem ſie leicht ihre Finger öffnete und das Blatt Papier in die düſter glimmenden Kohlen fallen ließ. „Was machen Sie, Ellen?“ Doch kam dieſer warnende Ausruf, ſowie ſeine Be⸗ wegung, das Blatt wieder zu ergreifen, zu ſpät. Schon hatte es die Glut erfaßt, es krümmte ſich und wand ſich wie ein fühlendes Weſen, welches Schmerzen empfindet, dann wurden bewegliche, glühende Punkte auf ihm ſicht⸗ bar, dann flackerte es in einer leichten Flamme auf, und dann war es nur noch ein Häufchen grauer Aſche. Hatte Ellen in dieſem Augenblicke einen leiſen, aber klagenden Seufzer nicht unterdrücken können, oder war derſelbe unbewußt der Bruſt des jungen Malers ent⸗ ſtiegen, oder befand ſich noch ein drittes Weſen im Zimmer, vielleicht in jener dunklen Ecke, wo geſtern Roſenthal neben dem Bilde Arthur's geſtanden, als er dem Prinzen die Liebe Ellen's zu dem jungen Maler verrieth? — 39— Die Beiden, welche in dieſem Augenblicke am Kamin ſtanden, blickten faſt zu gleicher Zeit nach jener halb⸗ dunkeln Ecke hin, um überzeugt zu ſein, daß ſich dort nichts befand, als die leere Staffelei. „Und nun behüte Sie Gott, Arthur!“ ſagte Ellen mit einer mühſam unterdrückten tiefen Bewegung, die ſich aber trotzdem kundgab in dem bebenden Tone ihrer Stimme, in dem traurigen Blicke ihrer Augen, in dem Zucken ihrer Lippen, trotzdem daß ſich dieſes ſchmerzliche Zucken in der nächſten Sekunde in ein leichtes Lächeln verwandelte—„Leben Sie wohl!“ „Warum ein Lebewohl, Ellen?“ „Für heute, Arthur—— für heute.“ „Aber morgen?“ „Was heißt morgen? Ein neuer Zeitabſchnitt mit alten Schmerzen und neuen Leiden.“ „Aber mit guten Hoffnungen, Ellen?“ „Gewiß, wer ſollte nicht hoffen, mein lieber, lieber Freund?“ Arthur hatte wie im Traume Zimmer und⸗Haus verlaſſen und die dunkle, nächtige Straße erreicht, er wußte ſelbſt nicht wie. Ein paarmal blieb er zögernd ſtehen, ja, mit dem feſten Vorſatze, umzukehren, wieder hinauf zu eilen, um mit Ellen in's Reine zu bringen, was morgen Alles geſchehen müſſe, und wie es geſchehen — 40— müſſe.— Hatte er in der That am heutigen Abend mehrere Stunden bei ihr zugebracht, hatte ſie ihm wirk⸗ lich geſagt, daß ſie ihn liebe, und war es in der That ihre eigene, fürchterliche Geſchichte, die ſie ihm erzählt, oder war er vielleicht im Eiſenbahnwagen eingeſchlafen und hatte einen böſen Traum geträumt,— ja, einen recht böſen Traum—— ach, wenn es nur ein Traum geweſen wäre! Aber er ſchritt wachend durch die nächt⸗ lich ſtillen Straßen und erreichte ſo wach als möglich das Haus, in welchem er wohnte, die Thüre ſeines Ate⸗ liers, welche er langſam öffnete— ach, wenn es nur ein Traum geweſen wäre, ein Traum, wie er ihn hier in dieſen Räumen wachend bei vollem Bewußtſein ſo oft geträumt, in ſolchen Stunden, nachdem ſie mit aller An⸗ muth, mit all' ihrer Lieblichkeit das Gemach verlaſſen! Dann hatte er wohl geträumt, er habe ſich endlich ein Herz gefaßt und ſei zu ihren Füßen niedergeſunken, wo⸗ bei er ihr ſeine Liebe erklärt; dann habe ſie ihm ihre Hand gelaſſen, die er mit heißen Küſſen bedeckt, und habe ſie dann erſt ſanft aus ſeinen Händen gelöst, um ihm das Haar aus der Stirne zurückzuſtreichen, und habe dabei geſagt: ja, ich liebe Dich, wie Du mich liebſt, aber die Verhältniſſe bedingen gebieteriſch, daß wir uns nie⸗ mals wieder ſehen dürfen— er wäre glücklicher geweſen, als er jetzt war— oder hätte ſie ihm geſagt: ich könnte — 411 Dich vielleicht lieben, wenn ich nicht bereits einen Andern liebte— es wäre ihm minder ſchmerzlich geweſen, als das, was er heute erfahren— ja, wenn ſie ſeine leiden⸗ ſchaftliche Erklärung lachend angehört hätte und ihm darauf erwiedert: Thörichter Menſch, der Sie ſind, wie ſollte ich nicht ſchon lange gewußt haben, daß Sie mich lieben, ein ſolches Geſtändniß iſt mir ja nichts Neues, auch verzeihe ich es Ihrem Künſtlerherzen, doch unter der Bedingung, daß wir nicht weiter darüber reden, ſei es durch ein Wort, ja, ſei es nur durch einen Blick —— ach, wenn ſie ſo zu ihm geſprochen hätte, er hätte ſich minder unglücklich gefühlt, als er ſich jetzt fühlte, trotz der Erinnerung, daß ſie an ſeiner Bruſt geruht, daß ſie ihm mit einem leuchtenden, ſeligen Blick geſagt: ich liebe Dich. Und doch zog es ihn mächtig zu ihr, und doch ver⸗ weilten ſeine glühenden Gedanken in ihrer entzückend lieblichen Nähe, als er nun am Fenſter ſtehend ſeine glühende Stirn gegen die kalten Scheiben drückte, in die finſtere Nacht hinausſtarrend, und doch machte er Pläne für den andern Morgen, für ſein zukünftiges Leben, für ein Leben an ihrer Seite, für ein Leben mit ihr— trotz alledem und alledem. Aber es trieb ihn dabei ruhelos in ſeinem Zimmer umher, und Alles, was er that, geſchah mit einer fieberhaften Haſt, und Manches that er wie — 12— unwillkürlich, und wenn es geſchehen, ſchien es ihm recht zu ſein. Er nahm ſeine Bilder und Skizzen von den verſchiedenen Staffeleien herunter, überſchrieb Manches mit Adreſſen und Namen; er warf ſeine wenigen Papiere und Briefe in eine Kaſſette, die er verſchloß, dann ſetzte er ſich an ſeinen Schreibtiſch und durchlas lange und aufmerkſam einen Reiſepaß, den er ſich vor kurzer Zeit hatte beſorgen laſſen, da er wohl gefühlt, daß er ſich von hier entfernen müſſe, um ſeine Ruhe wieder zu gewinnen — und nun— Er ließ den Kopf auf das Papier niederſinken, und als er ihn wieder emporhob, bemerkte er deutlich die Spuren von Thränen auf einigen halbverwiſchten Buch⸗ ſtaben. Dann warf er ſich auf ſein Bett, aber der Schlaf nahm ihn erſt bei der ſpäten Morgendämmerung ſanft in ſeine Arme, hielt ihn aber dafür um ſo feſter und länger gefangen. Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, als er aus ſeinen wirren Träumen emporfuhr. Er ſprang auf, und während er ſich raſch ankleidete, geſtalteten ſich die Erlebniſſe des geſtrigen Tages und beſonders des Abends in klareren, ruhigeren und freund⸗ licheren Bildern. An den Brief des Prinzen hatte er kaum mehr gedacht, und war heute Nacht durchaus nicht nach Aufſchlüſſen begierig geweſen, welche das Schreiben ihm allenfalls hätte bieten können. Jetzt aber, wo er — 43— Alles ruhiger, vernünftiger, leidenſchaftsloſer betrachtete, war es ihm ſchon von Wichtigkeit, vielleicht in jenen Zeilen etwas zu finden, wie er es ſo gerne gefunden hätte zu Ellen's Rechtfertigung. Da lag das Billet unter Papierblättern vergraben, die er wahrſcheinlich heute Nacht in der Haſt, mit der er die verſchiedenſten Dinge in die Hand genommen und wieder fallen gelaſſen, ſelbſt darauf gehäuft hatte. Er durchlas es und fand ſich getäuſcht; es waren nur wenige, allerdings ſehr freundliche Worte, mit welchen der junge Prinz ihn einlud, ſo bald zu ihm zu kommen, als es ihm möglich ſei.—„Das war geſtern,“ ſagte Arthur in einem beinahe unwilligen Tone—„kann heute ruhen — morgen vielleicht.“ Er wollte das Schreiben auf den Tiſch werfen, betrachtete es aber nochmals und indie dann mit einem bittern Lächeln: „Ah, welches Glück für mich und für ſie, wenn Der dieſer Geſchichte gänzlich ferne geblieben wäre, nicht als ob ich auf ſeine Verſuchungen auch nur den mindeſten Werth legte!— Gott iſt mein Zeuge, daß die Erinne⸗ rung an jenen Todten mir heute noch gefährlicher er⸗ ſcheinen könnte, als alle lebenden Prinzen und Wieneck miteinander! Aber ſie leben hier in unſerer Nähe, ſie leben unter unſeren Augen, wie wir unter den ihrigen, und ein Blick von ihnen, ein Wort wäre hinreichend, ein — 44— ganzes Lebensglück zu zertrümmern— fürchterlicher, ent⸗ ſetzlicher Gedanke— ein Gedanke, der mich wahnſinnig machen könnte— doch zieht es mich mächtig zu ihren Füßen— ja ich will zu ihr hin, ihr wiederholen, wie unſäglich ich ſie liebe, und will ſie entſcheiden laſſen über ihre und meine Zukunft.“ Er kleidete ſich ſorgfältig an und ging raſchen Schrittes nach der entlegenen Straße, wo Ellen wohnte; faſt wäre er verſucht geweſen, den kleinen Weg durch den Garten zu nehmen in Erinnerung an jenen Abend, wo er ihr in grenzenloſer Liebe und Verehrung bis hieher gefolgt war. Warum aber zu eigener Qual jene Gefühle wieder auffriſchen, da doch Manches anders gekommen war, da ſich ein ſchwarzer Schatten gezeigt in dem glän⸗ zenden Bild ſeiner Liebe und ſeiner Träume, ein Schat⸗ ten, der allerdings wieder vielleicht ganz verſchwinden mußte, ſowie er ihr in das helle, offene, ſchöne Auge ſchaute, ſowie er den ſüßen Ton ihrer Stimme vernahm? Unter dieſen Gedanken ſtieg er die Treppe hinauf und wollte gerade oben anläuten, als er bemerkte, daß die Thüre, die in das Veſtibule führte, offen ſtand. Er trat ein, und als ſich hier Niemand zeigte, öffnete er zögernd die Thüre des kleinen Salons, in dem er geſtern Abend geweſen;— auch hier ſah er Niemand, und dabei befremdete es ihn, daß ihm ſtatt der behaglichen Wärme, — welche geſtern dieſe Räume erfüllt, eine eiskalte Luft ent⸗ gegenſchlug— und Niemand ließ ſich ſehen, ſelbſt dann nicht, als er in das Veſtibule gegangen war und dort die Glocke zog— auch dann nicht. Es überſchlich ihn ein unheimliches Gefühl, als er abermals den Salon betrat, dann ein Gemach, welches an denſelben ſtieß,— ein Schlafzimmer— ihr Schlaf⸗ zimmer, eben ſo kalt und unfreundlich, wie ein dritter und vierter Raum, in welchen er durch daſſelbe gelangte. Was ſoll das bedeuten, was iſt hier vorgegangen? Das Bett war unberührt, aber halb geöffnete und gänzlich geleerte Schubladen, umhergeſtreute Papiere, zuſammen⸗ geworfene Blumen, tief herabgebrannte Kerzen erzählten ihm etwas, das ihn auf's Tiefſte bewegte. Endlich vernahm er Tritte draußen im Veſtibule, die ſich raſch näherten— endlich, und er ſah einen alten, ärmlich gekleideten Mann, dem er raſch entgegentrat und der ihm ſagte:„Wenn Sie vielleicht eine ſchöne und behagliche Wohnung ſuchen, ſo hat Sie der Zufall ſehr gut geführt; dieſe hier iſt ſogleich zu beziehen, und wird ſie der Hausherr bis zum nächſten Quartal recht billig geben.“ „Und die Dame, welche hier gewohnt?“ „Iſt heute Morgen um fünf Uhr mit dem Kurier⸗ zug abgereist.“ — 46— „Und wohin, mein Freund, wißt Ihr nichts dar⸗ über?“ „Nichts Genaues; nur ſo viel ſah ich, als ich ihr Gepäck auf die Eiſenbahn brachte, daß ſie an der Kaſſe ſehr viel Geld bezahlte und dafür zwei lange gelbe Zettel erhielt.“ „Ah, ſo— ich danke.“ Dreizehntes Kapitel. In der zwölften Wendung, eine kleine, ſeitwärts gelegene Kapelle. Die Apartements Ihrer Majeſtät der Königin waren ſowohl gegenüber den meiſten der andern Gemächer des Schloſſes, ſowohl was die Geſellſchaftsräume als die Wohnungen der Damen vom Dienſte anbelangt, von einer faſt koketten Einfachheit, beſonders was das Ameublement anbetraf; hier waren weder Vergoldung noch feine Holz⸗ arten, noch Stoffe von Sammet und Seide, ſondern man bemerkte hier überall eine Vorliebe der hohen Frau für geſchnitzte Eichenholzſtühle in einer etwas ſtrengen, klöſter⸗ lichen Form, überzogen mit gepreßtem Leder oder Stoffen der einfachſten Art. Auch fehlt es hier an jenen oft ſehr nichtsſagenden, koſtbaren Kleinigkeiten in Geſtalt von Vaſen, Uhren, Coupen, ſowie allen jenen unnennbaren und unbeſchreiblichen Dingen, die, wenn ſie irgend einen Zweck haben, ſich die größte Mühe geben, dieſen Zweck ſo wenig 418 als möglich zu verrathen, und ſo dem Inneren wie Aeu⸗. ßeren nach gleich räthſelhaft zu ſein. Dabei fehlte es aber durchaus nicht an Schmuck und Verzierung, doch waren dieſe ſehr ernſter und wür⸗ diger Art, beſtehend in ausgeſuchten Bildern älterer be⸗ rühmter Meiſter, Originalen der größten Künſtler ihrer Zeit, und aus prachtvollen Aquarellen und Handzeich⸗ nungen, von denen gewöhnlich einige Lieblingsblätter auf einer kleinen Staffelei neben dem Schreibtiſch der Köni⸗ 3 gin ſtanden. Hier im innerſten Heiligthum ihrer Wohnung pflegte ſie die vertrauteſten Damen ihrer Bekanntſchaft zu em⸗ pfangen, und war man hier im guten Sinne eben ſo zwanglos in der Unterhaltung, als auch in der Tollette. Was die letztere anbelangte, ſo hieß eine Einladung in das kleine Apartement Ihrer Majeſtät ſoviel als im Hauskleide kommen, und war man an ſolchen Abenden zur größten Intimität der Königin zugelaſſen, und bildete gleichſam einen Kreis von vertrauten Freunden, bei dem keiner der Kammerdiener oder Hoflakaien erſchien, ſondern wo die ganze Bedienung durch die erſte und vertrauteſte Kammerfrau der Königin, die Frau von Watters, beſorgt wurde, welche ſehr bevorzugte Dienerin den Theetiſch arrangirte, und welche alsdann allerdings ſtets nur auf eine ganz beſondere Einladung ihrer hohen Herrin ihre — — 49— Taſſe in einem kleinen Fauteuil in der Ecke zu nehmen berechtigt war. Doch waren dieſe Geſellſchaften ganz en petit comité nicht immer zwanglos heiterer Unterhaltung gewidmet, ſondern, wenn es je vorkommen ſollte, daß Ihre Majeſtät ein wichtiges Ereigniß ernſt beſprechen wollte, oder gar einer ihrer Damen irgend einen Vorhalt in faſt mütter⸗ licher Weiſe zu machen hatte, ſo geſchah dieß auch häufig in dem Schreibzimmer, und ſahen die Betreffenden ſtets eine ſolche Szene dadurch eingeleitet, daß ſich die Königin im Nebenzimmer befand, dort auf ihrer kleinen Orgel ſpielte und die Damen oft ziemlich lange warten ließ, ehe ſie in ihrer Mitte erſchien. Die ſanften Klänge des Inſtrumentes wirkten alsdann beruhigend auf das Ge⸗ müth der hohen Dame, und je länger ſie präludirte, um ſo mehr waren die Betreffenden überzeugt, daß das, was allenfalls zur Sprache kommen mußte, ſo ſchonend und milde als nur möglich geſagt werden würde. An einem ſolchen Abend, wo einer der eben be⸗ ſchriebenen kleinen Zirkel bei der Königin ſtattfinden ſollte, ging dieſelbe etwas erregt in ihrem Schreibzimmer auf und ab, während Frau von Watters beſchäftigt war, den Theetiſch herzurichten; dann ſagte Ihre Maje⸗ ſtät, indem ſie vor ihrer vertrauten Kammerfrau ſtehen blieb:„Noch einmal, Watters, erzähle mir die Geſchichte Hackländer, Geſchichten im Zickzack. III. 4 — 50— noch einmal; aber ſo genau, ſo wahr, und ſo ohne alle Zuthat, als ſollteſt Du ſie Deinem Beichtvater be⸗ richten!“ „Majeſtät werden mir zugeben, daß ich mich über⸗ haupt mit Zuthaten nicht beſchäftige.“ „Nun ja, ich wollte eigentlich auch nicht ſagen: Zu⸗ thaten, ſondern Du ſollſt zu mir reden ohne ein be⸗ ſchönigendes Wort; aber auch ohne jede Anſpielung, ich will Thatſachen, nichts als Thatſachen, auch keine Dekla⸗ mation noch Vorreden!“ „Ich darf doch bei mir ſelber anfangen?“ „Das darfſt Du, das iſt nothwendig!“ „Nun denn,“ ſagte Frau von Watters mit einem kaum merklichen Kopfaufwerfen,„Euer Majeſtät wiſſen ſelbſt, wie ſehr wir beſchränkt ſind in Garderoben und Allem, was zum inneren Dienſte gehört; läßt man einen der Hofbaumeiſter kommen, ſo kann man ſicher ſein, vor einer Unmöglichkeit zu ſtehen, die uns händereibend mit gekrümmtem Rücken eingegeben wird.“ „Weiter, weiter!“ „Deßhalb nahm ich mir die Freiheit und ließ mir die genauen Pläne unſeres Schloßflügels vorlegen.“ „War das nicht am Tage darauf, als wir Beide der Oberſthofmeiſterin unerwartet unſern Beſuch machten?“ „So war es,“ antwortete die erſte Kammerfrau, * 3 G und ſetzte mit großer Entſchiedenheit hinzu:„weil ich doch wieder einmal die große Raumverſchwendung gegenüber unſerer Armuth ſah.“ „Laß mich nicht vergeſſen, Katharine, daß Du keine Verehrerin der Gräfin Wildenow biſt,“ ſagte Ihre Maje⸗ ſtät mit aufgehobenem Zeigefinger. „Will auch meine Antipathie nicht leugnen, und Eure Majeſtät wiſſen am beſten, ob ich darin Unrecht habe— ich kann nicht dafür, daß ich fromm und in Ehren auf⸗ gewachſen bin.“ „Bſt— das iſt gegen die Abrede; was fandeſt Du in den Plänen?“ „Was ich Ihnen neulich zeigte, einen geheimen Gang, der aus einem der Garderobeſchränke bis an das Boudoir der Frau Oberſthofmeiſterin führt, der aber in der Mitte durch eine einfache Holzthür mit dem Schlafzimmer der Gräfin Ferrner in Verbindung ſteht—— wer ſich alſo in jenem geheimen Gange befindet, kann ungeſehen ganz nach Belieben ſeine Beſuche machen, ſowohl bei der Frau Oberſthofmeiſterin Excellenz, als bei jener eiskalten und wortkargen Hofdame Eurer Majeſtät.“ „Auch eine Antipathie, Katharine?“ „Auch, Majeſtät—— weil ich alle Heuchelei haſſe!“ „Watters, Watters, ich werde nächſtens gar nicht mehr mit Dir reden!“ ¹ „Das thäte mir leid um Euer Majeſtät, weil dann Niemand mehr da wäre, der Ihnen die Wahrheit ſagte!“ „Gut, ſo will ich denn die Wahrheit hören— aber nichts als die Wahrheit!“ „An jenem Morgen hatten Euer Majeſtät ſelbſt Verdacht, es habe ſich Jemand bei der Oberſthofmeiſterin befunden, der nicht geſehen ſein wolle, der auch das Glück hatte, ſpurlos verſchwinden zu können— aber nicht unhörbar für meine ſcharfen Ohren, denn als ich mir die Thür zu jenem Garderobekaſten öffnen ließ, hörte ich deutlich eine andere ſchließen, und das war eben dieſelbe Thür, die im Plane genau verzeichnet iſt, und durch welche der Herr Graf Leo Wieneck bei der tugendhaften Gräfin Ferrner eintrat, nachdem er zuvor bei der Frau Oberſthofmeiſterin Excellenz geweſen.“ „Genug, genug, Madame Watters,“ rief die Königin ärgerlich, indem ſie ſich haſtig erhob,„wozu durch ge⸗ häſſige Vermuthungen eine Sache noch ſchlimmer machen, die an ſich ſchon arg genug iſt— weiß Gott im Himmel, was Wahres daran ſein mag— und dann ſo geradezu Namen zu nennen, wie jenen, einen der achtbarſten jungen Männer bei Hofe— Graf Leo Wieneck! Man hat keine Beweiſe dafür, daß er es wirklich geweſen iſt, wenigſtens will ich nicht, daß in meiner Umgebung dieſer 8 Name derartig genannt wird, und die verdrießliche Ge⸗ — 53— ſchichte ſelbſt anbelangend— übernehme ich ſelbſt für die Ferrner jede, jede Bürgſchaft.“ „So glauben auch Euer Majeſtät das hübſche Mär⸗ chen von jener Garderobejungfer, die jenen unbekannten Herrn nach dem Befehl Eurer Majeſtät als zu ſich ſelbſt gekommen darſtellte?“ „Ich weiß nicht, was ich glauben ſoll!“ „Während dieſes Garderobemädchen ein paar Mi⸗ nuten vorher entſetzt den Kleiderſchrank zugeſchlagen, weil ſie einen Fremden dort entdeckt?“ „Deßhalb will ich Wahrheit haben, ſo ſchwer es mir auch ankommt, die Betreffende ſelbſt darum zu fragen!“ In dieſem Augenblicke erſchien der dienſtthuende Kammerlakai unter der Thüre des Vorzimmers und mel⸗ dete:„Ihre Excellenz die Frau Oberſthofmeiſterin, ſowie auch Ihre Excellenz die Gräfin Pommerhauſen,“ hinzu⸗ ſetzend, daß ſich auch die Gräfin Ferrner im grünen Sa⸗ lon befände. „Die Damen ſollen eintreten!“ ſagte Ihre Majeſtät, und begab ſich alsdann in das Nebenzimmer, von wo gleich darauf die langgezogenen Akkorde der kleinen Haus⸗ orgel gehört wurden, und wollen wir nicht verſchweigen, daß dieſe Töne auf zwei der Damen keinen ganz ange⸗ nehmen Eindruck hervorbrachten, während die Gräfin Pommerhauſen mit ſehr erhobenem Kopfe und Blicken der ſolideſten Unſchuld hinter der Oberſthofmeiſterin in das Schreibzimmer Ihrer Majeſtät rauſchte. Die Gräfin Wildenow, ſowie die Pommerhauſen ließen ſich nach der Sitte dieſer kleinen Abende ohne Weiteres nieder, während Gräfin Ferrner zu der Kammer⸗ frau trat, um ihre Dienſte bei Bereitung des Thees an⸗ zubieten. Wie ſchön war dieſes junge Mädchen in dem ein⸗ fachen, knappanliegenden grauen Kleide, wie kunſtlos hatte ſie ihr reiches Haar geordnet, und welch' reizende Wir⸗ kung machten die dicken kaſtanienbraunen Flechten gerade dadurch, daß ſie ſd einfach um ihr ſchönes Haupt ge⸗ wunden waren, eine naive, faſt kindliche Friſur, welche kokett hätte erſcheinen müſſen in jeder andern Geſellſchaft und zu jedem anderen Geſichte! Hier aber nicht, bei dieſen eben ſo regelmäßig ſchönen als kindlichen Zügen, voller Lieblichkeit und Adel, und bei dieſem großen, glän⸗ zenden Auge, das der reinſten, fleckenloſeſten Seele zum unangehauchteſten Spiegel diente. So ſchien auch die Königin, die nach einer kleinen Pauſe eintrat, das Geſicht ihres Lieblings zu betrachten, ſie reichte ihr die Hand, und als die Gräfin Ferrner ſich herabbeugte, um ſie zu küſſen, hob ſie ſanft das Kinn in die Höhe und nickte ihr freundlich zu. „Ah, meine Damen, ich freue mich, Sie zu ſehen— EäN — 55— nicht aufſtehen, ich bitte darum— Watters wird uns ſogleich den Thee bringen!— ich danke Ihnen, meine Liebe,“— dieß galt der Gräfin Ferrner, welche es ſich nicht nehmen ließ, die Taſſe ſelbſt der Königin zu über⸗ reichen, während die erſte Kammerfrau die beiden an⸗ dern Damen mit einer etwas Fezierien Unterwürfigkeit bediente. Ihre Majeſtät hatte ein Batiſttuch in der Hand und hielt darin ein Schreiben, das ſie aber jetzt mit jenem neben ſich auf den Tiſch legte. Wie auch bei anderen weit niedriger geſtellten Sterb⸗ lichen wurde die Unterhaltungs⸗Lokomotive auch hier zuerſt mit dem Abfall gleichgültiger Dinge geheizt, ehe zur Erzeugung ſtärkeren Dampfes ſolides Brennmaterial be⸗ nutzt wurde, und erzählte die Gräfin Pommerhauſen zu dieſem Zwecke allerliebſte kleine Bosheiten von einem Diner bei dem engliſchen Geſandten. Ein Geſprächs⸗ thema, das Ihre Majeſtät indeſſen raſch änderte, indem ſie mit einem heitern Blicke ſagte:„Heute Nachmittag kamen die erſten ausführlichen und recht erfreulichen Nach⸗ richten über die gewiſſe Angelegenheit in Betreff meiner zukünftigen Schwiegertochter, der Prinzeſſin Henriette; Miniſter Graf Wieneck theilte ſie dem Könige und mir mit, und wie die Sache zu gehen ſcheint, wird ſie nicht nur recht bald an die Oeffentlichkeit treten dürfen, ſon⸗ dern ich hoffe recht bald das Glück zu erleben, meinen innig geliebten Sohn mit jener vortrefflichen j jungen Dame vermählt zu ſehen.“ „Ach, Majeſtät, wie unendlich glücklich mich dieſe Nachricht macht,“ ſagte die Gräfin Pommerhauſen en⸗ thuſiaſtiſch, wobei ſie durch ein Zwinkern ihrer Augen, ſowie durch ein verdächtiges Schlucken das gewaltſame Zurückdrängen wonnevoller Thränen affektirte;„wie war die raſche und glückliche Beendigung dieſer ſegensreichen Angelegenheit auch anders zu erwarten, bei dem vor⸗ trefflichen Herzen Seiner Königlichen Hoheit des Kron⸗ prinzen!“ „Und doch ging a unch ganz ohne Schwierigkeit,“ ſagte Ihre Majeſtät, indem ſie ernſt vor ſich nieder⸗ blickte. „Schwierigkeiten, die aber gewiß eigentlich gar nicht exiſtirten,“ fuhr die Pommerhauſen fort und ſetzte dann mit einem ſchwärmeriſchen Blicke nach Oben hinzu:„Wie ſollten wir nicht Alle das reine, unſchuldsvolle Gemüth unſeres herrlichen jungen Prinzen zu gut kennen, um nicht überzeugt zu ſein, daß gewiſſenloſe Menſchen an all' jenen Differenzen ſchuld waren; o gewiß, Majeſtät, was in der letzten Zeit geſchehen, war nur die Folge böswilliger Machinationen— mich ſchaudert es förmlich, wenn ich bedenke, daß dieſer abſcheuliche Roſenthal— o 37— Gott hab' ihn ſelig— das Vertrauen Seiner König⸗ lichen Hoheit beſaß.“ Hier lächelte die Königin auf eine eigenthümliche Art, worauf ſie ſagte:„Wir wollen immerhin das Beſte und Angenehmſte glauben, die Schwierigkeiten, die uns vielen Kummer gemacht, ſcheinen glücklich überwunden, und Alles, was wir von der Liebenswürdigkeit der Prin⸗ zeſſin Henriette erfahren, ſowie von ihrer Herzensgüte bei großem Verſtande, erlaubt uns einen heitern Blick in die Zukunft meines Sohnes.“ Dann legte Ihre Majeſtät die Hand auf ihr Schnupf⸗ tuch, nachdem ſie das oben erwähnte Schreiben ein wenig hatte ſehen laſſen, und fragte raſch und abſichtlich das Geſprächsthema ändernd:„Von wem, glauben Sie wohl, daß dieſer Brief iſt?“ Begreiflicher Weiſe konnte es Niemand rathen, und ſelbſt wenn eine von den Damen eine Ahnung gehabt hätte, was hier aber nicht der Fall war, ſo würde ſie ſich wohl gehütet haben, die hohe Frau um die Freude der Ueberraſchung zu bringen. „Keine Idee, Majeſtät,“ ſagte die Pommerhauſen nach einer ziemlichen Pauſe, worauf die Okberſthof⸗ meiſterin mit den Achſeln zuckend hinzuſetzte:„Unmöglich zu rathen bei der großen, umfaſſenden Korreſpondenz Eurer Majeſtät.“ — 58— „Dieſer Brief,“ ſagte dieſe alsdann, indem ſie das Schreiben in die Höhe hob,„iſt von— Tönning— von dem armen Tönning— von dem rverblendeten Tönning!“ „Auf dieſen zu rathen war allerdings wohl unmög⸗ lich,“ ſagte die Pommerhauſen, und um das Licht ihres Scharfſinnes doch nicht ganz unter den Scheffel zu ſtellen, ſetzte ſie dann mit hoch aufgezogenen Augenbrauen hinzu: „Euer Majeſtät werden es mir nicht übel deuten, daß ich es ein bischen ſtark von dieſem Tönning finde, an Sie zu ſchreiben.“ „Ich habe ihm das erlaubt,“ ſagte die Königin in einem gütigen und zugleich trockenen Tone,„mich dauert dieſer arme Tönning wirklich, trotzdem ich noch nie Je⸗ mand ſo wohlgemuth, ja ſo glückſelig in einen tiefen Abgrund ſpringen ſah.“ „Apropos, ſah Jemand von Ihnen dieſe Perſon ſchon anders als auf dem Theater, oder ſprach mit ihr— das heißt, ich meine,“ fuhr die Königin fort, als ſie bemerkte, wie ſich die Lippen der Gräfin Pommerhauſen unter einem ſeltſamen Lächeln kräuſelten,„bei irgend einer geſchäft⸗ lichen Veranlaſſung, wie ſie wohl vorkommen mag bei Konzerten für eigene Rechnung, oder für ſogenannte mild⸗ thätige Zwecke?“ 3„Bei mir war ſie ſchon in einer ähnlichen An⸗ 59 gelegenheit,“ ſagte die Gräfin Ferrner ruhig und be⸗ ſtimmt. „Nun?“ „Ich fand ſie, was ihre Art zu ſprechen und ſich zu benehmen anbelangte, eben ſo beſcheiden als gebildet, dabei erzählte ſie mir ohne jeden theatraliſchen Air, und dabei eben ſo klar als gefühlvoll von dem Unglück eines armen Theaterzimmermannes, eines Kollegen, wie ſie lächelnd ſagte, der unverſchuldet in große Armuth ge⸗ rathen ſei.“ „Vielleicht ein Kollege aus der Fabel,“ meinte die Pommerhauſen. „O nein, Excellenz! ich erkundigte mich bei Baron Schalken darnach, der die Angaben der Mademoiſelle Melina vollkommen beſtätigte, worauf Euer Majeſtät die Gnade hatten, ein bedeutendes Geſchenk für die arme Familie zu bewilligen.“ „Ach ja, ich erinnere mich, und dabei fällt mir ja ein, daß die Sängerin auch bei Dir war, Katharine— wollte ſagen bei Madame Watters, welche mir, obgleich keine große Freundin vom Theater und Theaterperſonal, doch in den freundlichſten Worten über ſie ſprach.“ „Euer Majeſtät halten zu Gnaden, das that ich auch,“ vernahm man die Stimme der Kammerfrau aus ihrem Winkel neben der Thür,„ſie erſchien mir ſo — 60— anſtändig, ſo ohne alle Prätenſion, wie ohne alle über⸗ flüſſige Demuth, und hatte dabei ſo etwas Vornehmes, daß ich ſie mir ganz gut als Baronin Tönning vorſtel⸗ len kann.“ Hätte es die Dunkelheit in jenem Winkel erlaubt, oder wäre ein aufmerkſamer Beſchauer dageweſen, ſo würde dieſer unfehlbar geſehen haben, wie wohlthuend es für Madame Watters war, ſo etwas vor dieſen drei vor⸗ nehmen Damen, beſonders vor der hochmüthigen Pommer⸗ hauſen, ſagen zu dürfen. Letztere ſchluckte denn auch bei dieſer Aeußerung ſo herb, als habe ſie. Wermuth in ihrem Thee gefunden, während ſich ein leichtes Lächeln auf den ſchönen Zügen der Gräfin Ferrner zeigte. «Passons là-dessus—— und hören Sie, was Tönning ſchreibt, es iſt das ſo etwas ganz Außerordent⸗ liches, daß es auch Sie, meine Damen, im höchſten Grade intereſſiren wirdd———— hier im Eingange,“ ſagte die Majeſtät, indem ſie den Brief durchflog,„dankt Tönning für alle Güte, die ich ihm erzeigt, und bittet um Entſchuldigung, daß er von der Erlaubniß, mir zu ſchreiben, ſo bald ſchon Gebrauch mache. ‚Ich verließ die Reſidenz, ſchreibt er dann, ‚mit demſelben Nachmittags⸗ Eilzuge, auf dem ſich unter Anderen jene myſtiſche Perſon befand, die unter dem Namen des Herrn von Roſen⸗ — 61— thal ſchuld an ſo manchen eigenthümlichen Verwicklungen war. Erſt auf der Station Perlenbach errieth ich durch eine zufällige Aeußerung des ſehr aufgeregten Mittow den ernſten Zweck der Fahrt Roſenthal's, der ſich, ohne etwas von mir zu erfahren, mit einem jungen Maler ſeiner Bekanntſchaft auf dem gleichen Eiſenbahnzuge be⸗ fand. Daß es dabei für mich von größtem Intereſſe war, den Ausgang jener Zuſammenkunft zu erfahren, werden Euer Majeſtät vollkommen verſtehen, und es ge⸗ wiß begreiflich finden, daß ich das kleine Opfer brachte, ſtatt auf der nächſtfolgenden Station mit meinem Wagen weiter zu reiſen, dieß ſchon von Perlenbach aus zu thun beſchloß, von wo ich allerdings die Hauptſtraße nach meinem Gute erſt vermittelſt ſchlechter Feldwege erreichen konnte. Es dauerte ziemlich lange, ehe mir der höchſt ernſthafte Ausgang dieſer Zuſammenkunft bekannt wurde, und ſo ſehr ich auch Urſache hatte, mit der Handlungs⸗ weiſe des unglücklichen Roſenthal, was mich anbetrifft, unzufrieden zu ſein, ſo erſchütterte mich doch das Ende deſſelben furchtbar, ein Ende, worüber nach Ausſage des begleitenden Arztes, den ich befragte, durchaus kein Zweifel möglich ſei, Roſenthal war im Duell gefallen, Roſenthal war todt.“ „Ein ſchrecklicher Gedanke,“ ſagte die Oberſthof⸗ meiſterin, da Ihre Majeſtät bei dieſer Stelle eine Kunſt⸗ pauſe machte,—„gewiß— entſetzlich, das raſche und tragiſche Ende eines Mannes, der mit uns Allen mehr oder minder in ziemlicher Intimität gelebt!“ Ehe die Königin zu leſen fortfuhr, ſagte ſie:„Wie es hier im Schreiben Tönning's ſteht, ſo lautete auch der dienſtliche Bericht des betreffenden Regimentsarztes Zander— nun hören Sie weiter, meine Damen—“ „Es war ſchon ziemlich ſpät geworden, als ich meine Reiſe fortſetzen konnte, die Sonne längſt unterge⸗ gangen, doch ſtand der volle Mond ſo klar am Himmel, daß man mit derſelben Sicherheit wie am Tage fahren konnte, höchſt angenehm für mich, bei dem ſchlechten und ſehr engen Feldweg, beziehungsweiſe ging es dennoch ſehr raſch vorwärts, faſt eine Stunde lang, bis mit einem Male die Pferde im Schritte gingen und der Po⸗ ſtillon auf meine Frage ſagte, vor ihm fahre eine herr⸗ ſchaftliche Equipage ſo langſam als möglich, die auch trotz ſeiner Zeichen mit Horn und Peitſche nicht raſcher vorwärts wolle, und der es gerade hier bei der Enge des Weges unmöglich ſei, vorzufahren, doch ſolle ich mich eine kleine Viertelſtunde gedulden, da weiterhin eine Stelle in der Straße ſei, wo man ohne Gefahr vorbeikommen könne. „Dieſe Stelle kam nun auch, und Euer Majeſtät können ſich denken, daß ich begierig darauf war, vielleicht — 63— den Beſitzer jener herrſchaftlichen Equipage zu ſehen, dem es Vergnügen mache, in einer ziemlich kalten Winternacht im Schritt über's Feld zu fahren. „Da auch an der gerühmten Stelle der Weg kaum genügend breit war, ſo kamen wir ſo dicht an einander vorbei, daß ich den andern Wagen mit der Hand hätte erreichen können, beſonders da ich mich auf den Rückſitz des meinigen begeben hatte, um beſſer ſehen zu können — was aber glauben Euer Majeſtät, was meine Augen ſahen?— Roſenthal ſah ich— Roſenthal's allerdings furchtbar bleiches Geſicht; aber mit weit offenen Augen, die aufwärts in die volle Mondesſcheibe ſtarrten, und das waren nicht die Augen eines Todten— und wenn ich auch an dem Leben dieſes unheimlichen Mannes nach allem dem, was ich gehört, noch hätte zweifeln wollen, ſo ſchwand dieſer Zweifel doch, als ich jetzt ſah, wie ſich ein leichtes Lächeln auf ſeinem Geſichte zeigte, wie er mit dem Kopfe nickte— ja, Majeſtät, bei meinem Ehren⸗ wort— wie er mir zurief: Glückliche Reiſe!, Baron Tönning— auf Wiederſehen irgendwo!“ Hier ſchwieg Ihre Majeſtät, erſchüttert von dem, was ſie ſoeben geleſen, die Gräfin Pommerhauſen war unter der Schminke etwas blaß geworden, und die Oberſt⸗ hofmeiſterin preßte tief athmend ihre Lippen aufeinander, ehe ſie ausrief:„Das iſt ja furchtbar, Majeſtät, das iſt — 64— ja ganz übernatürlich— das iſt ja ganz nach der Art. eines Vampyr, wie ſich Herr von Roſenthal ſelbſt zu nennen beliebte.“ „Nun, ſo arg iſt es doch wohl nicht, Gräfin Wil⸗ denow,“ meinte Ihre Majeſtät,„hier haben wir ebenſo⸗ wohl den Beweis einer ganz erſtaunlichen Lebenskraft, als auch den, daß es ſelbſt einem geſchickten Arzte mög⸗ lich iſt, ſich gründlich zu irren; ſo ſieht es auch der König an, welcher übrigens mit dieſem Ausgange nicht unzu⸗ frieden iſt.“ „So allerdings der beſte, den man ſich nur wünſchen konnte,“ ſagte die Gräfin Pommerhauſen,„es hätte mir leid gethan um dieſen armen Lieutenant von Mittow— und auch für den Grafen Wieneck, nicht wahr, Frau Oberſthofmeiſterin?“ „Gewiß, Excellenz, aber je weniger Namen man bei ähnlichen Angelegenheiten nennt, um ſo beſſer und kluger iſt es,“ ſagte die ſchöne und impoſante Gräfin mit einem ſo ruhigen, kalten und ſtolzen Blick, daß die kleine, un⸗ anſehnliche Pommerhauſen gelb vor Zorn wurde;„was indeſſen Mittow anbelangt,“ fuhr die Oberſthofmeiſterin unbefangen fort,„ſo erhielt er ja zwei Tage nach dem Duell ein Schreiben Roſenthal's, worin ihn dieſer in faſt humoriſtiſcher Weiſe ſeines beſten Wohlſeins, ſowie ſeiner fortdauernden Freundſchaft verſicherte. Jedermann glaubte — 65— aber, dieſer Brief ſei vor dem Duell geſchrieben, und eine der gewöhnlichen Geſchichten Roſenthal's.“ „Im Vertrauen geſagt,“ ſprach die Königin,„mir erſchien es auch nicht anders, doch erlaubte es dem Könige, die ganze Sache zu ignoriren.“ „Doch nun zu etwas Anderem, und hoffentlich Freund⸗ licherem,“ fuhr Ihre Majeſtät mit einem wohlwollenden Blick auf ihre junge, ſchöne Hofdame fort—„durch Nacht zum Licht— es betrifft Sie, meine liebe Ferrner, iſt eine recht zarte Angelegenheit, die aber eben ſo raſch als vertraulich angefaßt ſein will.“ „Majeſtät,“ flüſterte das junge Mädchen hoch er⸗ röthend. „Ob es raſch gehen wird,“ fuhr die Königin heiter lächelnd fort,„ſteht ganz bei Ihnen, mein liebes Kind, und was die Vertraulichkeit anbelangt, ſo werden Sie mit den Zeugen, die hier ſind, zufrieden ſein— Watters,“ wandte ſie ſich an ihre Kammerfrau,„ſieh' zu, was die Abendpoſt für mich gebracht hat, ſortire es wie gewöhn⸗ lich und halte es in meinem Kabinette für mich bereit!“ Die Gräfin Ferrner war durch die Worte der Kö⸗ nigin in eine ziemliche Aufregung gerathen, was man deutlich an dem gewaltſamen Schwellen ihres Buſens ſah, doch bezwang ſie ſich eben ſo raſch wieder, und nachdem Frau von Watters das Schreibzimmer verlaſſen Hackländer, Geſchichten im Zickzack. III. 5 — 66— und die Thüre hinter ſich ſachte zugedrückt hatte, ſaß ſie vollkommen ruhig da und blickte die Königin feſt mit ihren großen, glänzenden Augen an. „Es iſt dieſelbe allerdings unangenehme Geſchichte, mein liebes Kind, worüber wir ſchon einmal vertraulich geſprochen, über die ich alſo bei Ihrer bekannten Offen⸗ heit und Wahrheitsliebe nichts weiter zu erfahren habe, die aber doch auf die eine oder andere Art geordnet wer⸗ den ſollte— nicht wahr, Frau Oberſthofmeiſterin?“ „Gewiß, Majeſtät, man begnügt ſich ja in ähnlichen Fällen nie damit, die Wahrheit zu ſagen, ſondern iſt ſo geneigt, noch Zuſätze zu machen.“ „Als ob es an mancher Wahrheit nicht ſchon voll⸗ kommen genug wäre, und man nicht aller Zuſätze ent⸗ behren könnte,“ ſagte die Pommerhauſen giftig. „Welche Zuſätze?“ fragte die junge Hofdame, lancirte aber, ehe ſie das that, der alten Pommerhauſen einen ſo ernſten und feſten Blick, daß ſich dieſe raſch bückte, um ihr Schnupftuch aufzuheben, nachdem ſie es abſicht⸗ lich auf den Boden hatte Ulahen laſſen—„welche Zu⸗ ſätze, Excellenz?“ „Nun, Zuſätze, denen ſelbſt ich im ähnlichen Falle nicht entgehen würde,“ nahm die Königin das Wort, „ſeien wir gerecht, man findet einen jungen Offizier in der Garderobe neben Ihrem Schlafzimmer, und man — 67 fragt ſich allerdings unter Zuſätzen, wie es möglich iſt, daß er da hinein gekommen, ohne von Ihrer Diener⸗ ſchaft, ja von Ihnen ſelbſt, mein liebes Kind, bemerkt zu werden?“ „Ach, Majeſtät,“ rief das junge Mädchen in einem erregten Tone, während ſich ihre Züge raſch rötheten, „dieſe Frage habe ich ſchon durch unſägliches Nachdenken vergebens zu ergründen geſucht!“ „So glauben auch Sie in keiner Weiſe an das Märchen Ihrer Kammerjungfer?“ fragte die Pommerhauſen. „Da Euer Excellenz es ſo raſch entſchloſſen ein Märchen zu nennen belieben, ſo muß der Betreffende allerdings auf einem anderen Wege in mein Zimmer ge⸗ kommen ſein.“ „Laſſen wir Märchen oder Nichtmärchen,“ entſchied Ihre Majeſtät,„und wiederholen Sie mir noch einmal offen und rückhaltslos ihre eigene Meinung!“ Das junge Mädchen kämpfte ſichtlich einen ſchweren Kampf, ehe ſie, und dann mit einem leichten Zucken ihrer ſchönen Lippen, ſagte:„Warum ſollte Jemand, der ſo rückſichtslos in die Zimmer einer Dame ſchleicht, dieß nicht aus dem niedrigſten Motiv zu thun im Stande ſein? Ich nehme an und will annehmen, er, der Das zu thun vermochte, ſei mit einer meiner Dienerinnen im Einvernehmen geweſen.“ — 68— „Sie urtheilen zu raſch, Gräfin Ferrner,“ ſagte die Königin unmuthig,„Graf Leo Wieneck, der ſich ſtets wie ein Edelmann in der ſchönſten Bedeutung des Wortes bewieſen hat, gab ſein Ehrenwort, und wies mit Ent⸗ rüſtung die eben gemachte Beſchuldigung zurück.“ „Euer Majeſtät werden mir allergnädigſt zugeben, daß ich dieſen Namen nicht genannt.“ „So müßte er denn doch auf einem anderen Wege in jenes Zimmer gekommen ſein,“ bemerkte die Pommer⸗ hauſen, und ſetzte mit einem lauernden Blicke hinzu: „wie denken Sie darüber, Frau Oberſthofmeiſterin? Ihre Meinung muß maßgebend ſein, da Sie ja wohl am beſten alle Wege in der Nähe Ihrer Apartements kennen.“ 3 Das war nun allerdings ein ziemlich ſtarker Aus⸗ fall, den aber die Gräfin Wildenow mit größter Ruhe parirte, indem ſie lächelnd erwiederte:„Euer Excellenz trauen mir viel Scharfſinn zu, ich muß Sie aber verſichern, daß ich mich in keiner Weiſe um allenfalls vorhandene Schleichwege und dergleichen bekümmere, ſondern ſtets die offene und gerade Straße zu gehen pflege.“ Die Königin biß ſich leicht auf die Lippen, und gar deutlich klangen die Worte der alten Watters von dem geheimen Gange und der geheimen Thür in ihrem Innern wieder; doch hatte ſſie nicht den Muth, der ſtolzen und 69— imponirenden Gräfin Wildenow gegenüber, auch nur durch eine Miene, noch viel weniger durch ein Wort, etwas davon merken zu laſſen, vielmehr wandte ſie ſich mit einer gefälligen Handbewegung gegen ihre Oberſthof⸗ meiſterin und ſagte:„Wir ſtehen da vor einem Räthſel, das wir am beſten thun, ungelöst zu laſſen, um ſo mehr, da Sie, Gräfin Wildenow, mir ja von einem anderen und vollkommenen Ausgleich ſprachen.“ „Würden mir Euer Majeſtät vorher noch ein Wort geſtatten?“ bat die eben ſo hartnäckige als boshafte Pommerhauſen.„Auch ich beſchäftigte mich mit dem Wege des Herrn Grafen Leo Wieneck, über den ein ſo geheimnißvolles Dunkel liegt, und kam auf eine Kombi⸗ nation, die allerdings etwas Gewagtes hat, aber beſprochen werden ſollte, und gerade jetzt im Beiſein der Frau Oberſthofmeiſterin.“ Hier überflog die Züge der Letzteren eine leichte Röthe, die aber eben ſo raſch von einem äußerſt gemüth⸗ lichen Lächeln wieder verdrängt wurde, als ſie erwiederte: „Excellenz wollen da zurückkommen auf die alte Geſchichte von einem geheimen Gange zwiſchen meinen Zimmern und denen der Gräfin Ferrner, von dem es mir leid thun ſollte nichts gewußt zu haben, da ich denſelben gewiß oft benützt hätte, um der guten Ferrner einen freundnachbar⸗ lichen Beſuch zu machen.“ 270 „Schade, daß Euer Excellenz die Wände Ihres Bou⸗ doirs nicht genau unterſuchen ließen,“ lächelte die Pommer⸗ hauſen mit einem boshaften Ausdruck, und wer weiß, was ſie ſonſt noch hinzugeſetzt hätte, wenn ihr nicht, während die Gräfin Wildenow die ſtolzen, erſtaunten Blicke nach ihr wandte, die Königin ein Zeichen mit den Augen gemacht. Doch hatte auch die Oberſthofmeiſterin dieſes Zeichen der Königin bemerkt, und zwar als Widerſchein im Auge der alten Staatsdame, ſowie in deren triumphirendem Lächeln, und nichts, was ihr bis jetzt in ihrem ganzen Leben vorgekommen, hatte ſie ſo plötzlich, ſo furchtbar und ſo tief erſchüttert, wie das kleine Zeichen Ihrer Majeſtät, welches der boshaften Pommerhauſen Still⸗ ſchweigen auferlegte. Es bedurfte für ſie einer übermenſchlichen Anſtren⸗ gung, um gefaßt zu bleiben, um nicht zuſammenzubrechen unter dieſem unvorhergeſehenen, ungeahnten Schlage, es bedurfte der ganzen Kraft dieſer ſtarken Frau, um mit einem ironiſchen, doch nicht unfreundlichen Lächeln zu ſagen:„Ich bin Ihnen wirklich verbunden, Gräfin Pom⸗ merhauſen, daß Sie ſich ſo genau um meine Aparte⸗ ments bekümmern und mir auf die Spur helfen, wo man vielleicht an meinen Wänden und Thüren das Ohr hin⸗ legen muß, um etwas zu erlauſchen.“ — 71— „Ei, ei, meine Damen,“ ſprach die Königin,„wir entfernen uns vollkommen von unſerem vorgeſteckten Ziele, und unſere gute Gräfin Ferrner kann, und nicht mit Un⸗ recht, die Ueberzeugung gewinnen, daß man ſich ſehr wenig um ihr Wohl und Weh kümmere, indem man ſich ſtatt mit demſelben mit Dingen beſchäftigt, die doch für uns ein ſehr untergeordnetes Intereſſe haben, geheime Gänge und geheime Thüren, woran ja, wie wir wiſſen, überhaupt im Schloſſe kein Mangel iſt. Qu'est-ce-que cela nous regarde?) Ihre Majeſtät hatten abſichtlich viel mehr Worte ge⸗ braucht, als nöthig waren, um zu dem eben erwähn⸗ ten Nachſatze zu kommen; aber in der wohlwollenden Ab⸗ ſicht, den beiden Damen Gelegenheit zu geben, ihre gegenſeitige Entrüſtung zu bekämpfen, ſowie auch um die Oberſthofmeiſterin glauben zu machen, als ſei ihr in der That die Exiſtenz auch jenes geheimen Ganges und der⸗ gleichen vollkommen gleichgültig. Doch wußte die Gräfin Wildenow ſeit zwei Minuten ebenſowohl das Gegentheil, als ſie auch feſt überzeugt war, daß der geheime Gang hinter ihrem Boudoir zwiſchen der Königin und der Pommerhauſen gewiß mit Zuziehung dieſer alten Heuchlerin, der Watters, gehörig breit ge⸗ treten worden war.—„Gut denn,“ dachte ſie,„ſchließen wir unſer Viſir und gehen feſt zum Angriff über.“ Sie lehnte ſich, ſoweit es die Gegenwart der Kö⸗ nigin erlaubte, in ihren Fauteuil zurück, und wandte ſich dann mit der wohlwollendſten, herzlichſt⸗freundlichſten Miene gegen das junge Mädchen, nachdem ſie vorher durch einen Blick die Königin um Erlaubniß gefragt und deren Zuſtimmung erhalten.„Mein liebes Kind,“ ſagte ſie alsdann,„Ihre Majeſtät wünſcht, daß Sie uns hier betrachten ſollen wie wohlmeinende Freundinnen, wie wohlmeinende, mütterliche Freundinnen, weßhalb Ihre Majeſtät mir geſtatteten, mit Ihnen zu reden.“ Man ſah's an dem aufmerkſamen Geſicht der Gräfin Ferrner, wie begierig ſie auf die Eröffnung der Oberſt⸗ hofmeiſterin war; aber man bemerkte auch zu gleicher Zeit an einem kalten, ſtrengen Zuge in ihrem ſchönen Geſichte, ſowie an ihrer aufrechten und ſehr entſchloſſenen Haltung, daß ſie nicht geſonnen ſchien, alles Das in kindlicher Demuth hinzunehmen, was ihre mütterliche Freundin, die ſonſt ſo geſtrenge Oberſthofmeiſterin, zu ihr ſagen würde. „Man will die fragliche Angelegenheit,“ ſprach die Gräfin Wildenow nach einer kleinen Pauſe,„nicht noch einmal berühren, weil das gänzlich unnöthig iſt, da man die feſte Ueberzeugung hat, daß Sie, mein liebes Kind, daran eben ſo unſchuldig ſind, wie— Jede von uns.“ „Gewiß,“ ſagte die Königin. ——— — 73— „Aber die Sache iſt nun einmal geſchehen, iſt leider nicht ganz unbekannt geblieben, ja mit Zuſätzen bekannt geworden, weßhalb es dringend nothwendig erſcheint, daß in Ihrem Intereſſe, Gräfin Ferrner, etwas geſchieht.“ „Dieſer Anſicht erlaube ich mir auch zu ſein,“ ſagte die Gräfin Pommerhauſen mit einer feſten Stimme,„ob⸗ gleich das, was bekannt geworden, ſo unbeſtimmter Art iſt, daß ſehr viel übler Wille und die Sucht zu ver⸗ leumden dazu gehört, um eine vollſtändige Geſchichte dar⸗ aus zu machen; ich glaube hier im ſtrengſten Vertrauen vor Eurer Majeſtät und dieſen hohen Damen zu reden, bin auch vollkommen überzeugt, verſtanden zu werden, wenn ich hinzufüge, daß ich über dieſen traurigen Vorfall nur mit meiner allergnädigſten Königin ſprach, ſowie auf deren Befehl mit der Frau Okerſthofmeiſterin Gräfin Wildenow, daß ich aber ſonſt den leiſeſten Anſpielungen die vollkommenſte Unwiſſenheit entgegengeſetzt, und daß ich gewiß bin, von keinem meiner Leute überhaupt und be⸗ ſonders nicht durch Nennung eines Namens kompromittirt worden zu ſein; doch trotz alledem iſt der Vorfall an ſich genügend, um darin beizuſtimmen, daß irgend etwas ge⸗ ſchehen muß.“ „Sie werden ebenſowohl überzeugt ſein, meine liebe Gräfin,“ nahm die Oberſthofmeiſterin wieder das Wort, „daß Alles, was wir hier auf Befehl Ihrer Majeſtät — 74— über dieſe Angelegenheit reden, ſtrengſtens in dieſem Kreiſe bleibt, als ich davon überzeugt bin, daß jener Vorfall doch allmälig in die Oeffentlichkeit dringt, daß das Gift der Verleumdung im Geheimen fortfrißt, und worunter am Ende doch Ihr unbeſcholtener Ruf, Ihre Ehre in den Augen der böſen Welt Noth leiden könnte.“ „Meinen unbeſcholtenen Ruf— meine Ehre, Frau Oberſthofmeiſterin,“ erwiederte das junge Mädchen mit einem flammenden Blick,„werde ich ſelbſt zu wahren wiſſen, und könnte es mir am Ende gleichgültig ſein, was die Welt darüber denkt, ſo lange meine gnädigſte Königin von mir überzeugt iſt— könnte, ſage ich, aber da ich fürchte, die Vermuthungen Eurer Excellenz könnten ſich in der That als richtig erweiſen, ſo könnte und würde ich, auch trotz der Gnade Ihrer Majeſtät, nicht dagegen gleichgültig ſein, weil ich nur zu gut weiß, daß es unmöglich iſt, unter dem Eindruck ſelbſt des leiſe⸗ ſten Schattens meiner theuren Gebieterin ferner zu dienen — deßhalb—“ „Nicht weiter, Gräfin Ferrner,“ warf die Königin raſch ein,„nicht weiter, weil ich Sie liebe, und weil ich will, daß Sie den Worten der Okberſthofmeiſterin ein ruhiges und leidenſchaftsloſes Gehör leihen.“ „Niemand iſt von dem Unrecht, das begangen wurde, — ſo tief und ſchmerzlich berührt, wie Graf Leo Wieneck ſelber,“ fuhr die Gräfin Wildenow nach einem leichten Athemzuge fort,„Niemand bereut ſo wie er das Zu⸗ ſammentreffen von Umſtänden, die an dem ganzen Un⸗ heil ſchuld ſind, und Niemand iſt ſo bereitwillig, in der weiteſten Ausdehnung des Wortes Alles zu thun, was zu Ihrer Beruhigung, Ihrer Genugthuung dienen kann.“ „Was iſt der Herr Graf Leo Wieneck zu thun im Stande?“ fragte das junge Mädchen mit verächtlich auf⸗ geworfenen Lippen,„er müßte denn Willens ſein, meine Dienerin zu heirathen, um auf dieſe Art deren Ausſage zur Wahrheit zu machen.“ „A— ah, Sie gehen weit, mein Kind,“ rief die Königin kopfſchüttelnd, ſetzte aber gleich darauf, als ſie bemerkte, wie ſich die großen dunkeln Augen ihrer Hof⸗ dame mit Thränen füllten, gütig hinzu:„ich kann wohl begreifen, wie viel Sie durch dieſe unglückſelige! Geſchichte in den letzten Tagen gelitten haben, doch gerade bei dem Ernſt dieſer Angelegenheit und bei der Wichtigkeit der⸗ ſelben für Ihr ganzes Leben muß ich Sie nochmals drin⸗ gend bitten, Ihre gewiß verzeihliche Leidenſchaftlichkeit zu unterdrücken und unſerem guten Rathe Gehör zu geben.“ „Ich— will— das— Majeſtät.“ „Graf Leo Wieneck,“ begann die Oberſthofmeiſterin zum dritten Male, ohne daß man im Stande war, es — 76— ihr anzuſehen, welch' furchtbare Ueberwindung es ſie koſtete, um dieſe Sache ruhig, ja geſchäftlich zu behan⸗ deln,—„Graf Wieneck verſuchte verſchiedene Male, um Ihnen, Gräfin Ferrner, ſeine tiefbereuenden Entſchuldigun⸗ gen zu machen, ja, Sie auf's Innigſte um Verzeihung zu bitten; es gelang ihm nicht, bei Ihnen vorgelaſſen zu werden, er ſchrieb Ihnen darauf, indem er ohne Rückhalt ſein Betragen als unverantwortlich, als leichtſinnig be⸗ zeichnete und Sie erſuchte, von dieſen Zeilen jeden belie⸗ bigen Gebrauch zu machen—— ſein Schreiben kam uneröffnet zurück, worauf der Graf, ehrenhaft wie er iſt, zu dem letzten ihm übrig bleibenden Mittel griff, und um die Vermittlung Ihrer Majeſtät der Königin bat.“ Nach dieſen Worten bebte das junge Mädchen ſicht⸗ bar zuſammen, um ſich gleich darauf mit gefalteten Hän⸗ den an die Königin zu wenden, und ihr erbleichend zu ſagen:„Euer Majeſtät werden bei alledem gewiß nicht von mir verlangen, die Entſchuldigungen des Herrn Gra⸗ fen Leo Wieneck entgegenzunehmen, ich will ja vollkommen zufrieden ſein mit Dem, was mir die Frau Oberſthof⸗ meiſterin ſoeben geſagt— und will jene Entſchuldigungen als vollgültig gelten laſſen.“ „Womit aber nach der Ausdehnung, welche dieſe Angelegenheit erreicht, Graf Leo Wieneck ſich nicht mehr zufrieden gibt, er verlangt mehr von Ihnen, Gräfin ———— —— — 7— Ferrner, um vor der Welt das Zeugniß abzulegen, daß er Ihnen die höchſte Verehrung und Achtung zollt, die ein junger Mann einer Dame zu zollen im Stande iſt.“ Hier verbarg das junge Mädchen mit einem ſchmerz⸗ lichen Ausrufe ihr Geſicht in beide Hände, während die Gräfin Pommerhauſen mit dem Ausdrucke des höchſten Erſtaunens jetzt die Königin, dann die Oberſthofmeiſterin betrachtete; doch hatte dieſer Ausdruck des Erſtaunens eine unverkennbare Beimiſchung von Aerger, denn ſie fühlte wohl, daß Ihre Majeſtät mit der gehaßten Wil⸗ denow eine Vertraulichkeit hatte, die ſie jetzt erſt er⸗ fahren ſollte. „Ja, mein liebes Kind,“ ſagte nun die Königin mit einer Stimme, die vor Wohlwollen und Rührung ein wenig bebte,„Graf Leo Wieneck, den wir Alle hoch⸗ ſchätzen, den wir ſehr gerne bei uns ſehen, er, einer der geachtetſten Kavaliere und in jeder Richtung unabhängig, da er neben ſeiner geſellſchaftlichen Stellung ein ſehr großes Vermögen beſitzt, bittet um Ihre Hand, und ich kann nicht anders, als ſeinen Wunſch zu dem meinigen zu machen.“ Hätte Graf Leo Wieneck, in der That einer der an⸗ geſehenſten und gefeiertſten Herren ddes Hofes, in einer ſehr ſchwachen Stunde um die Hand der Gräfin Pommer⸗ hauſen angehalten, es würde das auf dieſe Dame kaum einen überwältigenderen Eindruck gemacht haben, als daß ſie jetzt hören mußte, er habe ſich der Vermittlung der Gräfin Wildenow bedient, um ſeine Hand dieſem jungen Mädchen anzubieten, die allerdings eine der beſten Par⸗ tieen des Landes war, von der man aber wußte, daß ſie die Freundlichkeiten des Flügeladjutanten Seiner Majeſtät, ſowie die Huldigungen anderer auch nicht zu verachtender junger Männer ſtets mit einer an Verletzung grenzenden Kälte aufgenommen. Die alte Staatsdame hatte das gefühlt, als wenn ſie ſelbſt und Alles, was ſich um ſie herum befand, auf den Kopf geſtellt würde; allerdings kein erfreulicher Anblick für die Andern— Gräfin Wil⸗ denow als Brautwerberin für den Grafen Leo Wieneck! nein, das war zu ſtark, das war unerhört, das war voll⸗ kommen anſtößig—— und wie niederſchlagend war es dabei für ſie, daß ihre Feindin, die Oberſthofmeiſterin, nachdem man ſie endlich glücklich bei der ſtrengen Königin in einen ſchlimmen Verdacht gebracht, nun mit ſtrahlen⸗ dem Antlitz die Bitte des Grafen Wieneck wiederholte, dieſelbe mit den wärmſten Worten empfahl, und ſo jenen Verdacht auf's Gründlichſte entkräftigte! Und das junge Mädchen, dem plötzlich eine ſo glän⸗ zende und annehmbare Partie vorgeſchlagen wurde,— wie wollte man es verſtehen, daß ſie die Königin mit einem erſchreckenden Ausdruck von Schmerz anſtarrte, daß ——,— — 79— aus ihren großen Augen langſam die Thränen tropften, daß ſie ſich erhob, um dann zu den Füßen der Königin niederſinkend, leidenſchaftlich ſchluchzend in die Worte aus⸗ zubrechen:„Nie— nie, o meine gütige Königin, nie, Majeſtät, werden Sie mit Ihrem edlen Herzen mich zu meinem Unglücke zwingen wollen!“ „Das iſt doch erſtaunlich, Gräfin Ferrner—“ So ſchien auch die Oberſthofmeiſterin zu denken, doch blitzte es in ihren Augen von den Andern ungeſehen triumphirend, glückſelig, und ſie hatte Mühe, ihre lächeln⸗ den Lippen zu dem hier ſo nothwendigen Ernſte zu bän⸗ digen, ehe ſie im ſtrengen Tone ſagte:„Ihre Worte, Gräfin Ferrner, ſind in der That für uns Alle nicht zu verſtehen!“ „Und doch ſo leicht begreiflich, Excellenz,“ erwiederte das junge Mädchen, indem es ſich auf einen Wink der Königin, welche ihre Hand unmuthig wegzog, raſch er⸗ hob und dann mit ſtolz aufrechtem Kopf zwiſchen den drei Damen ſtand,„ich erkenne den Edelmuth des Herrn Grafen Leo Wieneck eben ſo gut an, wie Ihre Majeſtät und Sie, Frau Oberſthofmeiſterin, es verſtehen werden, daß ich dieß allerdings große Opfer nicht anzunehmen im Stande bin, indem ich keinen— gar keinen Erſatz dafür zu bieten im Stande bin.“ „———— Sie geben uns da eine Lektion, meine — 80— Theure,“ ſagte hierauf die Königin nach einer längeren ſehr unangenehmen Pauſe in einem kalten Tone,„ſchade, daß es ſchon ſo ſpät geworden iſt, um für heute die ruhige Entwicklung allenfallſiger anderer vernünftigerer Gründe von Ihnen entgegenzunehmen—— gute Nacht, meine Damen!“ „O Majeſtät,“ flehte das junge, ſchöne, auf's Schmerzlichſte bewegte Mädchen mit erhobenen, zuſam⸗ mengefalteten Händen und unter herabſtürzenden Thrä⸗ nen—„entlaſſen Sie mich ſo nicht— heute nicht, haben Sie Mitleid, Erbarmen mit mir!“ „Gewiß, meine Liebe, ich werde alles Das für Sie haben und noch mehr, wenn Sie vielleicht geneigt ſind, ein andermal vernünftiger mit ſich reden zu laſſen,“ dann ihren Ton völlig wechſelnd, ſetzte ſie mit einem Blick voll Hoheit und Würde, den Ihre Majeſtät ſo leicht anzu⸗ nehmen verſtand, hinzu:„Im Uebrigen, meine Damen, will ich, daß über dieſe Angelegenheit auch nicht ein halbes Wort, auch nicht die leiſeſte Andeutung in die Oeffent⸗ lichkeit dringe, ja ich befehle Ihnen, dafür zu ſorgen, daß allenfalls auftauchende Gerüchte über jenen Vorfall im Zimmer meiner Hofdame auf's Strengſte widerlegt wer⸗ den, und daß vor allen Dingen der Name eines ſonſt ſo geachteten Mannes, wie der Graf Leo Wieneck, der eine Uebereilung ſo glänzend gut zu machen verſucht, — 81— nie damit in Zuſammenhang gebracht wird—— gute Nacht!“ Damit verließ Ihre Majeſtät das Gemach, worauf denn auch die Gräfin Pommerhauſen nach dem tiefſten ihr möglichen Komplimente, ſowie nach einem ſteifen Kopf⸗ nicken gegen die Oberſthofmeiſterin, in's Vorzimmer hin⸗ ausrauſchte. Dann nahm Letztere beide Hände des jungen Mädchens, welches wie betäubt, regungslos auf demſelben Platze ſtehen geblieben war, küßte es auf die Stirne und ſagte mit milder Stimme:„Wie ich die gütige Kö⸗ nigin kenne, ſo wird ſie morgen anders über Ihre Wei⸗ gerung denken.“ „Und Sie, Excellenz?“ „Der Himmel iſt mein Zeuge, ich kann Ihnen nicht Unrecht geben.“ Auf ihren verſchiedenen Zimmern angekommen, thaten beide Damen faſt das Gleiche, nämlich in erregter Stim⸗ mung eine Zeitlang haſtig und unruhig hin und her gehen, dann ſetzten ſich auch Beide an ihren Schreibtiſch und ſchrieben; die Gräfin Ferrner an Ihre Majeſtät die Königin heiße Worte des Dankes für alle Güte und Gnade, die ihr bis jetzt zu Theil geworden, worauf ſie dann ſchließlich mit kurzen, aber beſtimmten Worten ehr⸗ erbietigſt um ihre Entlaſſung bat. Ganz anders lautete der Brief der Gräfin Wildenow Hackländer, Geſchichten im Zickzack. III. 6 — 82— an den Grafen Leo Wieneck; galt es doch hier, nicht wie dort, ein beſtehendes Verhältniß zu löſen, vielmehr ein gelöstes wieder anzuknüpfen.„Du kannſt Dir denken, ſchrieb ſie,„welch' furchtbare Ueberwindung es mich ge⸗ koſtet, Deinem gegen die Königin ausgeſprochenen Wunſche Worte leihen zu müſſen, doch gab ich der bit⸗ tern Nothwendigkeit nach, obgleich faſt mein Herz dar⸗ über brach. „Soll ich nun in der Selbſtverleugnung ſo weit gehen und es verſchweigen, wie namenlos glücklich es mich gemacht, daß meine wenigſtens herzlich klingenden Worte und die der Königin eine rückſichtsloſe, eiſige Abweiſung erfuhren? Was nun, mein theurer Leo? Ich bin zu Allem bereit, was Du beſchließeſt, und wäre am glück⸗ lichſten, hier alle meine Beziehungen löſen zu dürfen, um Dir zu folgen zu zwanglos glücklichen Stunden.“ Dieſen Brief ohne Unterſchrift ſiegelte ſie in zwei verſchiedene Couverts, in ein kleineres, und ein größeres dienſtliches, und überſchrieb letzteres:„An Seine Hoch⸗ geboren Herrn Grafen Leo Wieneck, Flügeladjutant Sei⸗ ner Majeſtät des Königs, Major im Garde⸗Dragoner⸗ Regiment.“ 3 Dann rief die Oberſthofmeiſterin ihre alte vertraute Kammerfrau herein und ſagte, indem ſie freundlich ihre Hand auf deren Schulter legte:„Nimm das, was ich — 283— Dir früher einmal gegeben, um dort jene Spiegelthür von Außen ſorgfältig feſtzuſchrauben, mach' es genau ſo, wie ich Dir geſagt, auch mit dem Schloſſe draußen in der Garderobe!“ Die Kammerfrau ſah ihre Herrin mit einem fragen⸗ den, erſchrockenen Blicke an. „Unbeſorgt, es iſt nichts vorgefallen; aber man muß auf Alles gefaßt ſein, ſeit Frau von Watters ſo gütig war, unſere ausgezeichnet ſchönen Räumlichkeiten mit ihrer Gegenwart zu beehren und neidlos zu bewundern.“ Vierzehntes Kapitel. In der dreizehnten Wendung, ſcheue Rehe auf der Flucht. Nicht nur der Hof und die erkluſive Geſellſchaft, ſowie die höhere und niedere Beamtenwelt, hatten durch all' das Außerordentliche, was in den letzten Tagen vor⸗ gefallen war, überflüſſig Stoff zur Unterhaltung, ſondern auch die andern Kreiſe der Einwohnerſchaft, bis hinab zu den dunſtigen Räumen der kleinen Wirthshäuſer, be⸗ ſchäftigten ſich damit, Jeder nach der Art und Weiſe ſeiner Anſchauung. Da war erſtens die Angelegenheit zwiſchen Roſenthal und Mittow, und da man völlig im Dunkeln blieb über die Urſachen jenes Duells, nahm man in den bürger⸗ lichen Kreiſen entſchieden Partei für Roſenthal, hatte es dieſer doch verſtanden, ſich hier, und beſonders unter dem Handwerkerſtande, zahlreiche Freunde zu machen; wer war aber auch von allen Herren des Hofes angenehmer “ 4 „ — 85— bei ſeinen Einkäufen und Beſtellungen, wer zahlte raſcher und freigebiger? und wie freundlich und umgänglich er mit dem lgewöhnlichen Manne that, darüber war nur Eine Stimme, wogegen der Andere, der Lieutenant von Mittow, eben nichts weiter war, als der Lieutenant von Mittow. Da kam denn faſt zu gleicher Zeit mit der Nach⸗ richt, Herr von Roſenthal ſei erſchoſſen worden, jene an⸗ dere ganz erſtaunlich aufregende, daß der Gefallene, den der Regimentsarzt Zander, ein eben ſo geſchickter als vorſichtiger Mann, für ſo todt als möglich erklärt hatte, plötzlich wieder lebendig geworden ſei, und zwar unter den unheimlichſten, ſeltſamſten Umſtänden, ja, die ſich um ſo ſeltſamer und unheimlicher geſtalteten, als ſie von einem Munde dem andern überliefert wurden. Zuerſt hatte ſich der Schwerverwundete nach einer Stunde lang⸗ ſam wieder ſoweit erholt, um fortgeſchafft werden zu können, dann erzählte man: er ſei augenblicklich wieder in die Höhe geſprungen, nachdem ihn der Regiments⸗ arzt verlaſſen, der dann rückwärts ſchauend vor Entſetzen die Hände über dem Kopf zuſammengeſchlagen habe, und endlich hatte Herr von Roſenthal ſogar die tödtliche Kugel mit der Hand auf die Seite geſchlagen, um un⸗ ter einem gellenden Hohnlachen im Mondſchein davonzu⸗ flattern. — 36— Daß der Lieutenant von Mittow in befreundeten Kreiſen, ſowie bei ſeinen Kameraden der Held des Tages war, verſtand ſich von ſelbſt, wußten doch beſonders von den Letzteren ſehr Viele, welch' ruhiger, ſicherer und da⸗ durch gefährlicher Schütze Herr von Roſenthal geweſen war; ein Aß auf fünfundzwanzig Schritte mit der ge⸗ wöhnlichſten Piſtole zu markiren, galt ihm als eine Kleinigkeit, und das hatte er ſchon gethan nach ſehr ſtarken Diners, wo Andere nicht im Stande waren, die Schießwaffe ohne Wanken in ausgeſtreckter Hand zu halten. Der Nimbus, der hierdurch den glücklichen Kavallerie⸗ offizier umgab, wurde abſichtlich noch vermehrt von der Schaar jener geringen Seelen, die an hohen und höchſten Orten Aeußerungen über den unglücklichen Roſenthal er⸗ lauſcht hatten, welche es dieſen gemeinen Naturen zur Pflicht machten, dem gefallenen Löwen noch einen Eſels⸗ tritt zu verſetzen, um dadurch ihre hündiſchen Sympathieen zu bethätigen. Was die Wunde Mittow's anbelangte, ſo fand ſich, daß der Knochen des linken Oberarms von der Kugel unberührt geblieben war, und geſtand er ſelbſt, daß er nie gehofft hätte, ſo gelinde davon zu kommen, ja er liebte es, hinzuzufügen, daß er genau geſehen habe, daß die Aufmerkſamkeit ſeines Gegners im Augenblicke, wo dieſer geſchoſſen, plötzlich von einem aufſtreichenden Vogel in Anſpruch genommen worden ſei, und die Kugel glück⸗ lich ein paar Zoll abgelenkt habe. Da erhielt er zwei Tage ſpäter zu ſeinem grenzen⸗ loſen Erſtaunen jenen Brief von Roſenthal's Hand und mit deſſen Wappen verſiegelt, wobei er ſich eines ſehr unheimlichen Gefühles nicht erwehren konnte, als er nun die Zeilen des Todten las, der ihn in ſcherzhafter Weiſe ſeines beſten Wohlſeins verſicherte, und doch hatte er das Zeugniß des ihn täglich ein paarmal beſuchenden Regi⸗ mentsarztes Zander, der zuerſt mit einem lächelnden Achſelzucken jene Zeilen las, der aber, als ſo nach und nach etwas von dem Briefe des Oberſthofmeiſters Baron Tönning aus den vertrauteſten allerhöchſten Kreiſen weiter in's Publikum drang, die Verſicherung gab:„Wenn Herr von Roſenthal, den er genau unterſucht, nicht wirklich todt geweſen ſei, ſo gebe es überhaupt gar keinen Todten mehr!“ Für Mittow wäre es indeſſen unangenehm geweſen, daß ihn andere, wichtigere Ereigniſſe, wie die bald darauf veröffentlichte Verlobung des Kronprinzen, auch die Ent⸗ fernung und lächerliche Verheirathung des Oberſthof⸗ meiſters, ſowie die Wiederübernahme des Departements der auswärtigen Angelegenheiten durch den Staatsminiſter von Wieneck, in den Schatten zu ſetzen drohten, und auch — 38— gewiſſermaßen ſetzten, wenn er nicht erfahren hätte, daß man im Hauſe des Herrn Mirbel& Cie., und gewiß hauptſächlich durch freundliche Vermittlung Seraphinens, eine, wenn gleich dunkle, Ahnung davon erhalten hätte, daß er ſein Leben eigentlich nur gewagt, um Roſenthal's unverzeihliches Benehmen zu beſtrafen; worin dieſes Be⸗ nehmen aber beſtanden, wußte Niemand außer ihm und Helenen, und was er Fräulein Seraphinen davon für gut befunden hatte anzuvertrauen, war ziemlich weit von der Wahrheit entfernt geweſen, ja der ſpekulirende Offizier hatte durchblicken laſſen, als habe ihn Roſenthal Sera⸗ phinens wegen zu Rede geſtellt, ihn ſo in eine zweideutige Lage bringen wollen, und durch eiferſüchtige Aeußerungen zu jenem Duell veranlaßt, das dann leider jenen ernſten Ausgang genommen. Was aber Mittow's Verhältniß zum Mirbel'ſchen Hauſe ſo ganz anders gemacht und ſo vortheilhaft gegen früher verändert, war gerade das ſoeben erwähnte Ge⸗ heimniß, welches er Roſenthal betreffend ſo ganz allein mit der ſchönen Helene theilte, und welches ſie veran⸗ laßte, dem jungen Offizier bei der erſten günſtigen Ge⸗ legenheit mit einem noch nie dageweſenen Vertrauen ent⸗ gegenzukommen. Allerdings war dieſe günſtige Gelegenheit nicht beim erſten oder zweiten Beſuche des Herrn Lieutenant von 3 ——— 809— Mittow im großelterlichen Hauſe gefunden worden, doch ging trotzdem ſehr wenig Zeit verloren, da der nun ſehr intereſſante Kavallerieoffizier, den linken Arm in der Schlinge und etwas blaß und leidend ausſehend, ſelbſt von der würdigen Mutter des Herrn Mirbel ſo freund⸗ lich, ja ermuthigend aufgenommen wurde, daß er es für angemeſſen hielt, ſeinen Beſuch ſchon am dritten Tage zu wiederholen. Daß ihm hier ganz beſonders das ſtatt⸗ gehabte Duell ſehr als Relief diente, würden wir nicht anführen ohne Zuſatz, wie er hier achſelzuckend das Wiederaufleben Roſenthal's als ein vages Gerücht be⸗ zeichnete— ja, als eine Unmöglichkeit nach einem ſo ſicheren Schuſſe, und dann ſpäter, als die Begegnung Tönning's mit dem Erſchoſſenen und Wiederaufgelebten auch in dieſen Kreiſen bekannt wurde, die ganze Sache als ſo räthſelhaft und unheimlich wie nur irgend möglich darzuſtellen, was ſeinem Renommé der unerſchrockenen Tapferkeit in den Herzen der Frauen indeſſen durchaus keinen Abbruch that. Aber Tante Seraphine—— hüätte ſie, wie wir wiſſen, nicht ſchon vor jenem unglücklichen Duell dem Lieutenant Mittow Hoffnungen gemacht auf das Ge⸗ lingen ſeines kühnen Unternehmens, der Erbe eines Millio⸗ närs zu werden, hätte ſie ihn dadurch nicht, allerdings nicht das traurige Ende vorausſehend, auf die Schritte — 90— Roſenthal's gelenkt und ſich ſo zu einer Mitverſchworenen gemacht, ſo würde ſie wahrſcheinlich bei dem erſten Wie⸗ dererblicken Mittow's nach jenem traurigen Ereigniſſe unnachſichtlich in Ohnmacht gefallen ſein, verwünſchend den eigennützigen Mörder; ſo aber hatte ſie ſich damit begnügt, deutlich zuſammenſchauernd ihre Hand zurückzu⸗ ziehen, als ihr Mittow die ſeinige zur Begrüßung bot, um ſie dann mit ausgeſpreizten Fingern auf die Stelle zu legen, wo ſie ihr Herz vermuthete, und wo ſie als Zeichen der Trauer eine große ſchwarze Maſche trug. Als nun hierauf die Nachricht kam, Roſenthal lebe, und als Mittow dieſe Nachricht achſelzuckend beſtätigen zu müſſen glaubte, da that ſie, in Ohnmacht fallend, was ſie zuerſt verſäumt, und fiel nun wirklich zu gleicher Zeit in das Familienſopha hinein, neben die erſchreckte alte Dame, und zwar mit dem für Alle nicht ganz verſtänd⸗ lichen Ausrufe:„Er lebt, er lebt, die Flagge der Liebe ſoll wehen!“ Auf weitere Erklärungen ließ ſich indeſſen die gereifte Jungfrau trotz alles Fragens vorderhand nicht ein, doch verſchwand alsbald ihre ſchwarze Buſenſchleife, um durch eine von ſanfter blauer Farbe vertreten zu werden, auch wurde ſie von dieſem Augenblicke an eine noch feſtere Bundesgenoſſin des Herrn von Mittow, und hatte zu dieſem Zwecke einige Tage ſpäter eine ernſte, ja ziemlich —— — 91 heftige Unterredung mit dem Herrn Mirbel, worauf ein Familienrath ſtattfand, der nach langen und heftigen Debatten endlich zu dem Entſchluſſe kam, die ernſtlichen Bewerbungen des jungen Kavallerieoffiziers um Helene zu geſtatten. Dieſes junge Mädchen hatte ſich bisher gegenüber dem Vorgefallenen recht klug und verſtändig benommen, ſie hatte weder tiefe Trauer noch große Freude nachein⸗ ander zur Schau getragen, wie Tante Seraphine, hatte ſich aber nicht geſcheut, ihr aufrichtiges Bedauern über Roſenthal's Unglück auszudrücken, ſowie ein freundliches Wort zu ſagen für Den, der nach ihrer Anſicht auf ſo natürliche Weiſe wieder in's Leben getreten war. Als ſie ſich aber hierauf allein in ihrem Zimmer befand, da ließ ſie ſich ſtill und nachdenkend auf dem bewußten klei⸗ nen Platze in der Fenſterniſche nieder, um ihn gleich darauf, als ſie ſich des hier Vorgefallenen erinnert, ſchaudernd wieder zu verlaſſen und ſich, ihr Haupt in beide Hände gepreßt, feſt in die Ecke des Sophas zu ſchmiegen. Ja, dieſer Mann hatte ſie auf eine unnatürliche, un⸗ heimliche Art angezogen, erinnerte ſie ſich doch deutlich, an jenem Ballabende Furcht, ja mehr als Furcht— Ab⸗ ſcheu vor ihm empfunden zu haben; wobei es ihr aber auf eine beängſtigende Art geſchienen, als erkenne er — 92— deutlich dieſes Gefühl der Furcht und des Abſcheus in ihr, als lächle er ſiegesbewußt darüber, und als brauche es nicht mehr, als ſeinen unheimlichen, magnetiſch an⸗ ziehenden Blick, um dieß Gefühl in ein anderes zu ver⸗ wandeln; und daß ihm das gelungen war, beſtätigte heute noch ihr ängſtlich klopfendes Herz, ja er hatte ſie mächtig angezogen, ſo daß ſie ſchaudernd fühlte, wie ſie willen-⸗ und widerſtandslos einen Augenblick an ſeiner Bruſt geruht, um dann, ſobald er verſchwunden war, über ſich ſelbſt zu erſchrecken. Darauf war jener verhängniß⸗ volle Abend gekommen, und wenn ſie jetzt mit ruhiger Beſinnung daran dachte, ſo zweifelte ſie nicht mehr, daß Roſenthal eine geheimnißvolle, übernatürliche Gewalt gegen ſie angewandt, der ſie trotz allem Widerſtreben, trotz allem Sträuben Folge leiſten mußte. Hatte ſie doch noch am Nachmittage achſelzuckend ſeine kecke Idee verlacht, mit ihr auf dem Weg in's Theater zuſammentreffen zu wollen, ja war ſie doch gerade deßhalb in übermüthigem, herausforderndem Trotze ohne Begleitung gegangen, um, falls er in der That erſchiene, mit einem ſtrengen Blick an ihm vorüberzuſchreiten. Da war er allerdings ge⸗ kommen, und ſie fühlte heute ſo deutlich wie damals, wie ſie ein abweiſendes Wort nicht vermocht hatte über ihre Lippen zu bringen— ſie empfand es jetzt wieder mit ſteigender Angſt, wie die ſeltſame Glut ſeiner Augen, — 93— der weiche, flüſternde, mild beſtrickende Ton ſeiner Stimme ſie förmlich gebannt, wie er nur die Hand aufzuheben ge⸗ braucht, um ſie, ähnlich einer Nachtwandlerin, zu leiten, und dabei dachte ſie ſchaudernd, daß dieſer Mann, vor dem ſie heute wieder Furcht und Abſcheu in verſtärktem Maße empfand, vielleicht auf's Neue in ihr Leben treten könne, und ſie bannen mit ſeinen furchtbaren, unheim⸗ lich ſchönen Blicken. Da klopfte es leiſe an ihre Thür und ließ das junge Mädchen mit einem ſcheuen Aufſchrei in die Höhe fahren. Nein, nein, das war ja unmöglich, er konnte es ja nicht ſein, er konnte es nicht wagen, ſich jetzt wieder hier zu zeigen—— und doch hatte er ſtets auf dieſelbe be— ſcheidene Art an ihre Thüre geklopft, wie jetzt eben wie⸗ der—— und wie nun zum dritten Male. „Kindiſches Geſchöpf, das ich bin,“ ſagte ſie nach einem tiefen, haſtigen Athemzuge—„er iſt ja fern von hier und ſchwer verwundet,“ dann zwang ſie ſich nach der Thür zu gehen, dieſe langſam zu öffnen und dann mit einem Ausdruck der Beruhigung, ja unverkennbar in einem freudigen Tone auszurufen:„Ah, Sie ſind es, Herr von Mittow! Es iſt mir in der That angenehm, Sie zu ſehen!“ „Ein beſſerer Empfang, Fräulein Helene, als wie — 94— ihn der vielleicht Läſtige nach dreimaligem Anklopfen er⸗ wartete, oder ſollte mir wirklich nur meine Ausdauer Ein⸗ tritt verſchafft haben?“ Statt aller Antwort reichte ſie ihm ihre Hand und führte ihn nach der Fenſterniſche, wo ſie früher gern zu plaudern pflegte, doch beſann ſie ſich gleich darauf anders und bat ihn, auf einem kleinen Seſſel vor dem Sopha Platz zu nehmen. „Wie geht es mit Ihrer Wunde, Herr von Mittow?“ „Leidlich gut, ich darf Morgens und Abends ſchon einige Bewegungen machen, ſchlimme Folgen ſind deßhalb nicht zu erwarten, und wenn ich daran denke,“ fuhr der junge Kavallerieoffizier mit einem innigen Blicke auf Helene fort,„daß dieſe leichte Verwundung mit Ihrem liebenswürdigen Mitleid belohnt wird, ſo kann ich mir noch Glück wünſchen, ſie empfangen zu haben.“ „Nicht nur Mitleid, Herr von Mittow, ſondern auch das herzlichſte Mitgefühl, denn Niemand weiß ja beſſer als ich, daß Sie Ihr Blut für mich vergoſſen haben!“ „Reden wir nicht darüber, ſchöne, theure Helene, was ſind dieſe paar Tropfen gegenüber dem glühenden Wunſche, mein Leben zu Ihren Füßen opfern zu dürfen!“ Der junge Offizier ging nach einer leichten Plänkelei ſogleich zum geſchloſſenen Frontangriff vor, den er da⸗ durch unterſtützte, daß er die feine Hand Helenens ergriff und einen langen, heißen Kuß darauf drückte. Dann trat, wie es bei ſolchen Gelegenheiten zwiſchen jungen Leuten, die gerade nicht die verderbliche Gewandt⸗ heit Roſenthal's beſitzen, zu gehen pflegt, eine kleine, faſt verlegene Pauſe ein, worauf das Ballſpiel der Gedanken wieder in einer größeren Entfernung begonnen wird, um indeſſen immer wieder dahin zu gelangen, wohin man ſo gern gelangen möchte, zu einem Fehlſchlag der anderen Partei, um vielleicht den weitabrollenden Ball auf ſeinen Knieen überreichen zu können. Auch hier kam es, nachdem noch manche gleichgültige, ſowie ernſte Worte herüber und hinüber geflogen waren, zu dieſem glücklichen Reſultate, wobei Helene ihr glühen⸗ des Geſicht in das Sophakiſſen drückte, und die entzückten Küſſe des jungen Offiziers auf ihre Hand mit einem leichten Druck ihrer zarten Finger erwiederte. Da man dieſes Ereigniß, wie wir bereits wiſſen, in dem Hauſe des Herrn Mirbel& Cie. vorhergeſehen, ja theilweiſe herbeigewünſcht, ſo wurde daſſelbe denn nun auch ziemlich mit allgemeiner Befriedigung aufgenommen, und ſowohl die Großmutter Helenens, als auch der Chef des Hauſes ſagten„Ja“ und„Amen“ dazu. Was Tante Aurelie anbelangte, ſo war die Ver⸗ — 96— lobung ihrer Nichte nicht im Stande, auf ihre ſtets feier⸗ liche und gehobene Stimmung auch nur im Geringſten einzuwirken, ſie ſaß ſchwarz in Schwarz aufrecht an ihrem Platze, während die Großmama herzliche Worte zu He⸗ lenen ſprach, aus deren Augen langſam die Thränen tropften, und als endlich nun auch ſie das junge Mäd⸗ chen ſchicklicher Weiſe umarmen mußte, geſchah dieß in der Art, wie man in der Komödie Küſſe nimmt und gibt, woobei ſie ſich nicht enthalten konnte, in dumpfem Ton⸗ die Hoffnung auszuſprechen, ſowohl Helene als auch die ganze Familie möchten nie Urſache haben, dieſen thörich⸗ ten Schritt zu bereuen. Ganz anders benahm ſich Seraphine, und wenn ſie auch, wie bei anderen wichtigen Veranlaſſungen, ihre Augen über die Gebühr aufriß, ſo that ſie das doch mit einem angenehmen, wohlwollenden, ja heiteren Ausdruck, während von ihren Lippen nur die freundlichſten Worte floſſen. Für ſie war Helene nicht mehr das junge, un⸗ reife, naſeweiſe Ding, das mit der lächerlichſten Ko⸗ ketterie nach Männerherzen angelte, und gegen das man nicht ſtrenge genug ſein konnte, um es zu veranlaſſen, die Würde der Familie zu wahren. Ja durch die Ver⸗ lobung derſelben hatte ſich der allerdings ſehr merkliche Unterſchied in den Jahren zwiſchen der alten Tante und der jungen Nichte recht hübſch ausgeglichen, und das — 9 junge Ding, der lächerliche Backfiſch von geſtern, konnte jetzt, ohne ſich etwas zu vergeben, wie eine allerdings jüngere Schweſter behandelt und mit Vertrauen beehrt werden. Und Tante Seraphine brauchte ein Herz, das ihr in zarten Angelegenheiten Vertrauen gewährte, dem ſie mit⸗ theilen konnte, was ihren jungfräulichen Buſen beben machte. Auch hatte ſie einen triftigen Grund, gerade Helene zu dieſer Vertrauten zu machen, denn dieſe war es ja 3 welche ſelbſt ein Intereſſe an jenem Manne ge⸗ nommen, für den Seraphinens Herz heißer als je ſchwärmte, und wenn Helene auch jetzt den Namen dieſes Mannes, den Namen Roſenthal, unverkennbar mit Widerwillen ausſprach, ſo konnte doch Niemand ſicher ſein, ob dieſer Abſcheu bei Wiedererſcheinen des gefährlichen Mannes auch fortdauern werde, und um darin die Brücken hinter der trotz aller Brautſchaft immer noch gefährlichen Nichte abzubrechen, geſtand ſie ihr eines Tages mit Erröthen, das heißt, Seraphine hatte ſich ſo gegenüber dem roſa⸗ farbenen Vorhange ihres Boudoirs zu ſetzen gewußt, daß deſſen Widerſchein für echtes Erröthen genommen wer⸗ den konnte, daß ſie Roſenthal mit der jugendlichſten Lei⸗ denſchaft liebe und Beweiſe habe, von ihm wieder geliebt zu werden. Ueber Letzteres konnte ſich Helene kaum enthalten, Hackländer, Geſchichten im Zickzack. III. 7 98 die Tante mit erſtaunten Augen anzuſehen, hielt es aber für beſſer, mit niedergeſchlagenem Blick zu ſagen:„Wie falſch dieſer Roſenthal doch geweſen iſt, Tante Seraphine, ich mußte ihm als Vorwand dienen und zum Deckmantel ſeiner glühenden Liebe für Sie; aber glauben Sie mir, ich habe ſein Spiel durchſchaut, und deßhalb haſſe ich ihn, haſſe ihn, wie ich etwas zu haſſen vermag.“ „So iſt Dir das in der That nicht entgangen,“ fragte Tante Seraphine mit einem lauernden Blick, der ſich aber in einen freundlichen verwandelte, als ihr He⸗ „lene mit ſo gar offenem und ehrlichem Ausdruck ſagte: „O Tante, für ſo ſehr Kind ſollten Sie mich doch nicht halten, daß ich das nicht ſchon lange gemerkt hätte, ſchon an jenem Ballabende war es unverkennbar, welches In⸗ tereſſe Herr von Roſenthal an Ihnen nahm, ſaß er doch den ganzen Abend an Ihrer Seite, ſprach nur mit Ihnen und bekümmerte ſich um keine der anweſenden Damen, mich nicht ausgenommen, und es wäre doch eigentlich ſchicklich geweſen, mich, wenn auch nur zum Schein, um einen Tanz oder eine Extratour zu bitten.“ „Ja— das iſt wohl wahr— aber—“ „Und wenn er in unſer Haus kam, Tante Seraphine,“ fuhr das junge, ſchlaue Mädchen mit einem auffallend bitteren Tone in der Stimme fort,„ſo mußte ich es mir gefallen laſſen, als Lückenbüßer behandelt zu werden.“ — 99— „Glaubſt Du das wirklich, Helene?“ „Nur glauben?— Tante,“ erwiederte die in der Erinnerung noch ſo ſehr gekränkte Nichte, daß ſie ein verächtliches Achſelzucken nicht unterdrücken konnte,„o, ich war ſchon damals ſo feſt davon überzeugt, wie heute vom Licht des Tages. Fragte Herr von Roſenthal mich doch ſtets zuerſt nach Ihnen, und nur wenn Sie nicht zu Hauſe waren, wurde ich der Ehre eines kurzen Beſuches werth gehalten— o Tante Seraphine, dieſe Sache an ſich ſchmerzte mich nicht im Geringſten, aber daß Sie ſelbſt mich ſo verkennen konnten, daß Sie mich in Ver⸗ dacht hatten, als nehme ich nur das geringſte Intereſſe an jenem Manne, das that mir weh— Sie hätten ja wiſſen müſſen, daß ich damals ſchon Herrn von Mittow nicht ungern ſah.“ „Ja, ich war recht— recht verblendet,“ ſagte die alte Jungfer mit einem ſeligen Blicke gegen den Himmel. „Laſſen Sie mich nur noch Etwas erwähnen, Tante Seraphine, Etwas, das Ihnen in der Erinnerung viel⸗ leicht nicht ſehr angenehm iſt, jenes Vorfalls nämlich, der hier in ihrem hübſchen Boudoir vorfiel, gerade als daſſelbe eingerichtet wurde.“ „O nichts davon— ich bitte Dich, Helene, nichts davon!“ rief Tante Seraphine mit einem ſichtbaren — 100— Widerwillen,„nichts von jenem ſchrecklichſten Augenblicke meines Lebens!“ „Doch, liebe Tante,“ antwortete Helene mit einem ſanften, innigen Tone, wobei ſie ein ſchelmiſches Auf⸗ leuchten ihrer Blicke kaum zu unterdrücken vermochte,„es muß ſein, daß ich davon rede, denn gerade damals war es, wo ſich ſeine ganze Leidenſchaft für Sie verrieth, wo er in mein Zimmer ſtürzte und ich auf's Heftigſte er⸗ ſchrak, als er, die Hand an ſeine Stirn gedrückt, aus⸗ rief: ‚O, wie unglücklich bin ich!““ Nach einer längeren Pauſe, in welcher Tante Sera⸗ phine anfänglich heiter lächelnd vor ſich niedergeblickt, ver⸗ wandelte ſich der freundliche Ausdruck ihres Geſichtes in einen ernſten, trüben; dann ſagte ſie mit erregter Stimme: „Wenn ich Dir vertrauen dürfte, Helene, ſo würde ich Dir etwas mittheilen, was um ſo ſchwerer auf meinem Herzen laſtet, da ich mit Niemand hier im Hauſe darüber reden kann.“ „Mir nicht trauen? Tante Seraphine, mir, die ich Ihnen mit ſo unbegrenzter Offenheit entgegenkam, die ich Ihnen Alles ſagte,— die ich Ihnen nichts verſchwieg, o, Sie behandeln mich immer noch wie ein kleines, dum⸗ mes Kind, und wenn ich auch in der That ein Bischen jünger bin als Sie, ſo ſtehe ich doch als Braut im Be⸗ griffe, mündig und ſelbſtſtändig zu werden.“ — 101— „Du ſollſt ſehen, daß ich Dich für kein Kind mehr halte— aber die Erinnerung, ſie macht mich ſchaudern!“ „Welche Erinnerung?“ „Nun, an jenen halbverrückten Sattlergeſellen, denn man kann das doch nicht anders als mit Wahnſinn be⸗ zeichnen.“ „Wer weiß, Tante,“ ſagte das ſchlaue Mädchen mit einem ſehr ernſten Geſichte und in einem nachdenklichen Tone,„man liest in Büchern, wie die Leidenſchaft plötz⸗ lich und ſturmähnlich ein armes Menſchenherz erfaßt, man hört es in der Oper, denken Sie nur an das Nachtlager von Granada, wo jener Jäger, der nebenbei ein vor⸗ nehmer Herr iſt, ſingt: „Dein Blick, mir zugewendet, War Blitz und Schlag zugleich' und wenn es einem Prinzen ſo erging, gegenüber einer armen Hirtin, was wollen Sie von einem armen Tape⸗ zierergehülfen erwarten——— Ihnen gegenüber——— o nein,“ fuhr die Boshafte fort, als Tante Seraphine nur mit einem tiefen Seufzer antwortete,„klagen Sie jenen armen Menſchen für das, was er gethan, nicht des Wahnſinns an, wer weiß, ob dieß überhaupt ein Tape⸗ zierergehülfe war, und ob ſich nicht ein ſtiller Verehrer dieſer Maske bediente, um Ihnen ſeine Liebe zu geſtehen.“ — 102— Darauf ſchüttelte Tante Seraphine mit einem trau⸗ rigen Blick ihr Haupt und entgegnete mit niedergeſchlage⸗ nen Blicken:„Zugegeben, was Du da über ſolch' raſch ausbrechende Leidenſchaften geſagt haſt, ſo weiß ich doch zu genau, daß jener Unglückliche, Verblendete wirklich ein Sattlergehülfe iſt.“ „So ſahen Sie ihn wieder, Tante?“ „Ich ſah ihn wieder— neulich ganz zufällig, in dem großen Teppichlager am Karlsplatze, er ſuchte emſig unter Stoffen, als er plötzlich ſeinen Kopf erhob und mich bemerkte, worauf ein zufriedenes Lächeln über ſeine Züge flog, und er mehrmals raſch nacheinander mit dem Kopfe nickend ſehr deutlich vor ſich hin ſprach: ich wußte wohl, daß es ſo kommen mußte, und daß ſie mir folgen werde— das paßt mir— und paßt mir ſehr, während mir dieß und das— damit warf er einige der Muſter durcheinander— durchaus nicht paſſen will— roth brauche ich, entweder das Roth der ſanften Roſe, oder das der glühenden Liebe!““ „Eigenthümlich,“ meinte Helene. „Erſchrecklich für mich, denn da er mich bei dieſen Worten ſtarr anſchaute, ſo denke ich, ſchon alle Welt ſieht auf mich, und ahnt irgend einen Zuſammenhang, doch lachten die Ladenjungfern und ein ſchnippiſches Ding ſagte: ‚Nun, wie iſt's, Herr Färber, haben Sie die ſanfte — 103— Roſe oder die glühende Liebe immer noch nicht gefunden? Du kannſt Dir denken, wie ich mich bei dieſer Frage raſch abwandte, konnte aber meine Ohren nicht ver⸗ ſtopfen und mußte ſeine Antwort hören, welche ſchauer⸗ lich genug klang, ſie lautete: ‚O ja, ich habe die ſanfte Roſe gefunden und einen großen Eindruck auf ihr Herz gemacht, ſie wird mich lieben, ſobald jener andere, vor⸗ nehmere Vampyr todt iſt.“ Denke Dir mein Grauſen, Helene, dann ging er davon, wobei er freundlich grinſend nickte, ja vor der Glasthür wandte er ſich noch einmal um und machte eine tiefe Verbeugung, die natürlich mir galt, doch behielt ich volllkommen meine Selbſtbeherrſchung, ſo daß ich mit Ruhe fragen konnte: zwer war denn dieſer närriſche Menſch?— O, ein überſpannter Tapezierer⸗ geſelle, ſonſt aber ein ordentlicher Menſch und fleißiger Arbeiter; er hat zu viel geleſen, beſonders Schauder⸗ und Geſpenſtergeſchichten, und hat Augenblicke, wo er ſich einbildet, ſelbſt ein geſpenſterhaftes Weſen zu ſein. — Iſt er ſchon lange ſo? fragte ich.— O ja, aber ſeit Kurzem wurde es wieder ärger mit ihm, und er bildet ſich ein, von einer ſchönen, reichen Dame geliebt zu werden.“ „Von Ihnen, Tante Seraphine? jedenfalls hat dieſer arme Menſch einen guten Geſchmack!“ „Pfui, Helene! über ſo etwas muß man nicht ſcherzen, 104— glaube, dieſe Geſchichte iſt recht unheimlich, denn ſeit ich ihn im Laden geſehen, iſt er mir noch einige Male in recht auffallender Art begegnet, neulich in der Straße, wo er mich allerdings nicht zu grüßen wagte, mir aber dagegen ein Zeichen des Einverſtändniſſes machte, das mich entſetzte, und letzten Sonntag in der Kirche ſtand er ſogar dicht an meinem Stuhle, und ich konnte nichts machen, als ich ihn deutlich flüſtern hörte: ‚Ihr Gebet wird erhört und Sie werden nach der großen Verwand⸗ lung glücklich ſein!““ „Ach, Tante Seraphine, Sie müſſen einen unbe⸗ ſchreiblichen Eindruck auf das Herz dieſes unglücklichen Menſchen gemacht haben, jetzt begreife ich auch voll⸗ kommen Ihre Gewalt über den ſchwärmeriſchen Roſen⸗ thal.“ „Und doch habe ich lange daran gezweifelt,“ ant⸗ wortete Seraphine, wobei ſie träumeriſch in ihren Schooß blickte,„und hätte auch ferner gezweifelt, wenn ſein Billet an jenem Abend nicht ſo abgefaßt geweſen wäre, daß es mich Alles errathen laſſen mußte.“ „Welches Billet, Tante?“ „Thu' mir einen Gefallen, Helene!“ „Mit Vergnügen, Tante!“ „Nenne mich nicht immer ſo, denke, ich ſei eine Dei⸗ ner genauen und vertrauten Freundinnen, nenne mich ———— einfach Seraphine, wie Du eine ſolche nennen würdeſt, es beſteht allerdings zwiſchen uns ein kleiner Unterſchied in den Jahren; aber ſchon der Dichter ſagt: ‚Gleiche Leiden, gleiche Freuden, Gleichen unſere Herzen aus:— willſt Du?“ „Mit Vergnügen, meine theure Seraphine!“ „Es wird mir alsdann auch viel leichter, Dir Roſen⸗ thal's Billet mitzutheilen!“ „O Seraphine, wie glücklich macht mich Ihr Ver⸗ trauen!“ Die Andere hatte aus einem verſchloſſenen Käſtchen, in welchem ſich allerlei Jugend⸗ und andere Erinnerungen befanden, ein Billet hervorgeholt, und las nun, wobei ſie ſich ſo ſetzte, daß es Helenen unmöglich wurde, ihr Geſicht zu ſehen:„Mein theures, theures Fräulein! Es gibt Augenblicke, wo wir uns von ſüßer, unwiderſteh⸗ licher Gewalt gezwungen fühlen, mit einem theuren Weſen, das wir verehren—— das wir—— ach, warum gibt es Worte, welche wir tief empfinden, und doch nicht auszuſprechen wagen— ja, es gibt Augenblicke, wo wir ein heißes Verlangen tragen, uns gegenüber einem theil⸗ nehmenden Herzen auszuſprechen. Wäre es zu kühn, zu vermeſſen von mir, ſchöne Seraphine, wenn ich Sie bäte, heute Abend zwiſchen ſieben und neun Uhr für mich zu — 106— Haus zu ſein? Eine Antwort Ihrerſeits, mein theures Fräulein, braucht es nicht— ohne Klage, wenn gleich mit einigem Schmerze, würde vor verſchloſſener Thür zurückweichen Ihr Roſenthal.“ „Das war an jenem Abend vor ſeinem Duelle mit Mittow?“ fragte das junge Mädchen unter dem Ein⸗ drucke einer ſeltſamen Empfindung——„und da ſahen Sie ihn, Seraphine?“ „Ich ſah ihn nicht!“ antwortete dieſe mit einem tiefen Seufzer,„ich erwartete ihn vergeblich, fand es aber begreiflich, daß er nicht kommen konnte.“ „Und wa— rum?“ „Gewiß hat er am ſelben Tage, vielleicht nachdem das Billet an mich geſchrieben war, mit Mittow irgend eine unangenehme Erörterung gehabt, und hatte nun begreiflicher Weiſe wegen der ernſten Vorbereitungen zum andern Tage keine Zeit übrig, um an meiner Thür, um — bei mir ſein Schickſal zu erfahren.“ „Ach, Seraphine, Sie würden ihn hoffentlich nicht zu grauſam behandelt haben!“ „Es gab an jenem Abend Augenblicke, wo ich recht ungehalten auf ihn war, ja mehr als das,“ ſetzte Tante Seraphine mit einem koketten Lächeln hinzu,„wo ich ihm recht böſe war, wo ich ihm recht zürnte, hatte ich doch keine Ahnung davon, welch' ſchreckliche Veran⸗ — 107— laſſung es war, die ihm nicht geſtattete, an meiner Thür zu klopfen.“ „Gewiß eine ſchreckliche Veranlaſſung,“ ſtimmte He⸗ lene mit einem leichten Seufzer bei. „Da erfuhren wir ſchon am andern Tage das Ent⸗ ſetzliche, was geſchehen, natürlich durch das Gerücht über⸗ trieben, wie Alles dergleichen, Roſenthal todt, Mittow ſchwer verwundet, und es gebrauchte ein paar Tage, für mich ein paar unausſprechlich ſchmerzvolle Tage, ehe ich mit Entzücken hörte, daß Roſenthal nicht todt ſei.⸗ „Und Mittow nur leicht verwundet.“ „Ach, Helene!“ ſagte die alte Jungfer mit einem ſchwärmeriſchen Blick,„trotz jener erſten, ſchrecklichen Nachricht war ich doch überzeugt, daß Roſenthal nicht todt ſei—— denn ſonſt, glaube mir,“ ſetzte ſie in dumpfem Tone ungefähr ſo hinzu, wie man den Kindern den Schluß einer furchtbaren Geſchichte erzählt,„würde er mir ein Zeichen gegeben haben, dieſem außerordent⸗ lichen Manne iſt nichts unmöglich.“ „Sie meinen, wie es in jenem Liede heißt: „Zwölf Uhr ſchlug's, Da drang durch die Gardine.“ „Ungefähr ſo, nur ganz anders; aber Du kannſt mir glauben, Helene, daß ich in jenen erſten Nächten angſt⸗ voll auf das Krachen irgend eines Möbels lauſchte, ja — 108— daß ich einmal einen lauten Aufſchrei nicht unterdrücken konnte, als ich, aus leichtem Schlummer auffahrend, eine lange weiße Geſtalt vor meinem Bette ſtehen ſah— glücklicher Weiſe aber war es nur ein vom Monde hell⸗ beſchienenes Handtuch— ruhig dagegen, ja ich konnte bedingungsweiſe ſagen zufrieden; glücklich wurde ich erſt wieder, als ich vernahm, daß er nur verwundet ſei, aber daß er lebe— lebe, und gewiß wieder erblühen wird, in voller Kraft der Geſundheit— dann aber, meine geliebte Helene, reifte ein ernſter, ein ſchöner, ein heiliger Vorſatz in meiner Seele.“ Das junge Mädchen blickte mit einigem Erſtaunen ihre Tante an, welche das indeſſen nicht zu bemerken ſchien, da ſie den Himmel draußen betrachtete, an welchem ein paar graue Schneewolken langſam und ſchwerfällig vorüberzogen. „Eilende Wolken, Segler der Lüfte, Wer mit euch wandelte, wer mit euch ſchiffte, grüßet mir freundlich Roſenthal.“ „Noch bin ich allerdings gefangen und in Banden; aber um Dir, theure Helene, mein ganzes Vertrauen zu ſchenken, will ich Dir geſtehen, daß ich ſchon Schritte gethan habe, um meine Feſſeln zu brechen und dann zu thun, was ich für meine heilige Pflicht halte.“ — 109— „Ich kann Sie wirklich noch nicht verſtehen, liebe Tante,“ ſagte das junge Mädchen in einer ſolchen Ueber⸗ raſchung, daß ſie ſogar die Titularübereinkunft vergaß, worauf Seraphine nicht achtete, ſondern mit erhobenen Fingern der linken Hand fortfuhr: „Schwöre mir, Helene, mich nicht zu verrathen, mein Vertrauen nicht zu mißbrauchen, ja mir zu helfen, wo es Dir möglich iſt— willſt Du?“ „Gewiß, Tante, ich ſchwöre Ihnen das!“ „Man liest in alten, ſchönen Büchern ſo gerne von jenen hochherzigen Jungfrauen, die Eltern⸗ und Vater⸗ haus verließen, um den geliebten Heldenjüngling zu pfle⸗ gen, welcher im ritterlichen Kampfe verwundet auf dem Felde der Ehre niederſank, man erkennt es Andern zum hohen Ruhme an, daß ſie ſich der Pflege jener gänzlich fremden Krieger weihten, ja man mißverſteht es nicht, wenn Töchter aus den beſten Häuſern die Spitäler be⸗ ſuchen, um dort den Dienſt als Krankenwärterinnen zu verſehen— warum ſollte ich nicht ein Gleiches thun— — ich frage die ganze Welt, ich frage Dich, Helene, warum?“ Darauf konnte das junge Mädchen, obgleich ſie ſich von ihrer grenzenloſen Ueberraſchung noch nicht zu erholen vermochte, nur mit einem leichten Achſelzucken antworten, waren doch die angegebenen Fälle, welche indeſſen durch⸗ — 110— aus nicht auf das Verhältniß zwiſchen ihrer Tante und Roſenthal paßten, an ſich vernünftiger Weiſe nicht zu verwerfen, auch ſchloß Helene aus dem entſchiedenen Ton, mit dem die Andere ſprach, daß ſie es hier mit einem feſt gefaßten Entſchluſſe zu thun hatte, und da ſie oben⸗ drein den Eigenſinn ihrer Tante in ähnlichen Dingen ſchon kennen gelernt, ſo begnügte ſie ſich, nach einem längeren Stillſchweigen zu ſagen:„Sie müſſen das am Beſten verſtehen, Seraphine, und ich glaube vielleicht, daß Sie Recht haben.“ „Davon bin ich vollkommen überzeugt, auch wäre es mir für meine Perſon ſehr gleichgültig, was die Welt, wenn ſie es erführe, ſagen würde, doch habe ich Rück⸗ ſichten auf unſer Haus zu nehmen, und darf deßhalb nicht mit jener Offenheit handeln, wie ich es vielleicht meiner Liebe zu Roſenthal ſchuldig bin, und darum auch bedarf ich Deiner Verſchwiegenheit und Deiner Hülfe. „Ich habe an Schweſter Sophie geſchrieben und ſie erſucht, mich wie ganz von ſich ſelbſt, aber dringend, zu ſich einzuladen, ihre Antwort erhielt ich heute Früh, und werde ſie bei Tiſche vorlegen; Dein Vater und auch Mama werden einen Beſuch bei Sophie trotz der Jahres⸗ zeit nicht unbegreiflich finden, aber Du wirſt ſchon ſehen, wie Aurelie die Naſe rümpft und in ihrer unausſteh⸗ lichen Bosheit, ſowie in ihrer Sucht, andern Menſchen, — 111— beſonders mir, etwas anzuhängen, es achſelzuckend nicht nur unbegreiflich, ſondern auch unglaublich finden wird, daß ich jetzt gerade vorhabe, Sophien zu beſuchen, ſie wird mir ein anderes Motiv unterſchieben, ſie wird mir Gott weiß welche Abſicht unterlegen, die mich gerade jetzt zu einer Reiſe veranlaſſe, und wird ſchließlich ihre teller⸗ großen, hohlen Augen gegen die Decke richten, und die Weisheit von ſich geben, ſie ſei überzeugt, daß ich nicht daran dächte, Sophien zu beſuchen; ſo pflegt ſie ge⸗ wöhnlich zu handeln, um mir ſtets das bitterſte Unrecht anzuthun.“ In dem angeführten Falle hätte nun Helene ein ſo bitteres Unrecht nicht zu ſehen vermocht, und konnte ſich deßhalb eines leichten Lächelns nicht enthalten, was aber Seraphine ermunterte, fortzufahren:„Ich ſehe, daß Du mich verſtehſt, aber ich verſichere Dich, Du kennſt auch entfernt noch nicht den harten, grauſamen Charakter dieſer heuchleriſchen Aurelie, eine Trauerweide mit angelehnter Harfe; aber das geſchieht Alles nur, um der Welt, be⸗ ſonders unſerer ſchwachen Mama, Sand in die Augen zu ſtreuen, aber ich kenne dieſen Charakter—— doch laſſen wir ſo Unerquickliches bei Seite und thu' mir den einzigen Gefallen, liebe Helene, wenn ſie auf ſolche Art über mich losgeht, meine Partie zu ergreifen und zu ſagen: daß Du ganz genau wüßteſt, wie ſehr ich mich — 112— ſehne, nach all' dem Unangenehmen, was hier vorgefallen ſei, meine Schweſter Sophie zu beſuchen— nimm mei⸗ nen Dank im Voraus, und was das Uebrige anbelangt, ſo muß ich meinem Herzen folgen, welches mir laut und deutlich ſagt, daß ich für ihn, den ich liebe, nun ganz allein leben ſoll, ja ſelbſt für ihn erdulden Leid und Schmerz. Tünfzehntes Kapitel. In der vierzehnten Wendung, ein Heiligenbild am Wege. Das Atelier des Arthur Weßner war in letzter Zeit ſehr vereinſamt, nicht als ob der junge Maler daſſelbe gänzlich verlaſſen hätte, vielleicht ein anderes bezogen oder auf Reiſen gegangen, nein, er befand ſich nach wie vor in den gleichen Räumen, aus dem eben erwähnten Atelier, einem Wohn⸗ und Schlafzimmer beſtehend; doch war erſteres nicht nur tagelang verſchloſſen, ſondern auch noch zum Ueberfluß für ſolche Beſucher, die das geheime Zeichen einer gewiſſen Art zu klopfen kannten, mit der Aufſchrift verſehen:„Arthur Weßner iſt abweſend“, was dann auch die beabſichtigte Wirkung vollſtändig erfüllte, da die Bekannten des jungen Malers, hauptſächlich ſolche, die gerne Ateliers beſuchen, um bei einer guten Cigarre allerlei Unverdauliches über Kunſt zu plaudern, nachdem Hackländer, Geſchichten im Zickzack. III. 8 — 114— ſie vielleicht zum zweiten Male die betreffende Aufſchrift geleſen, achſelzuckend beſchloſſen, vorläufig nicht wieder zu kommen, ebenſo wie die Modelle des jungen Malers, die ſich, nachdem ſie einen vergeblichen Lärm an der Thüre gemacht, bis auf Weiteres verliefen. Arthur Weßner aber war weder verreist, noch be⸗ ſtändig in ſeinem Wohn⸗ oder Schlafzimmer eingeſchloſſen, ſondern befand ſich häufig in ſeinem Atelier, um das Rufen und Klopfen an ſeiner Thür entweder gar nicht zu hören, oder wenigſtens nicht darauf zu achten. Was er an jenem Morgen in der Wohnung Ellen's erfahren, hatte ihn allerdings zu den emſigſten Nach⸗ forſchungen angetrieben, doch waren dieſe faſt ohne allen Erfolg geblieben; der betreffende Eiſenbahnkaſſier, der den jungen Künſtler kannte und ſchätzte, hat an jenem Morgen eine ſolche Menge von Reiſenden abzufertigen gehabt, darunter auch ſehr ſchöne Damen, daß er, welcher, wie alle dieſe Beamten, nur auf das vor ihn hingelegte Geld zu blicken pflegte, dem Maler aufrichtig geſtand: „Er erinnere ſich wohl, verſchiedene elegant gekleidete Damen abgefertigt zu haben; aber er erinnere ſich nur, daß die eine nach Wien gegangen ſei, die andere nach Oſtende, und eine dritte nach Berlin.“ Nach Oſtende— von da nach England, das war allerdings eine Spur, doch wer vermochte ihr zu folgen, — 115— oder wer konnte wenigſtens hoffen, in dieſer Verfolgung glücklich zu ſein! Jenſeits des Kanals war allerdings Ellen's Heimat, wie er aus ihrer Erzählung wußte; aber wie war es möglich, ſie dort aufzufinden, beſonders wenn es in ihrer Abſicht lag, ſich vor ihm zu verbergen, und daß ſie in dieſer Abſicht vor ihm geflohen war, wer mochte daran zweifeln? Deßhalb ging Arthur äußerlich ruhig, aber im Innern um ſo heftiger bewegt, nach ſeiner Wohnung zurück, um den erſten langen Tag, nachdem er auf's Sorgfältigſte alle Skizzen, ja einzelne Bleiſtiftſtriche, die ihn an das geliebte Mädchen erinnerten, verborgen hatte, damit zu⸗ zubringen, daß er ſein Atelier von einem Ende bis zum andern durchmaß, die Hände krampfhaft zuſammenge⸗ ſchloſſen, den Kopf tief geſenkt, und ſich dabei abquälte, jedes Wort, das ſie zu ihm geſprochen, auf's Sorg⸗ fältigſte in ſein Gedächtniß zurückzurufen, um vielleicht doch noch Hoffnung zu ſchöpfen aus irgend einer Aeuße⸗ rung, die ſie gegen ihn gethan; aber immer wieder ſah er ſie vor ſich, wie ſie anfänglich ſo glücklich, ſo ſelig geweſen war, wie ſich aus jedem ihrer Worte, aus jedem ihrer Blicke die innigſte Liebe für ihn verrathen hatte, bis er ſo unglücklich, ſo unbeſonnen geweſen, ſein Er⸗ ſcheinen in Folge eines Briefes des Kronprinzen als ein Mißverſtändniß zu bezeichnen—— und wenn er ſich — 116— alles Das wiederholt und wiederholt klar gemacht, ſo mußte er ſich in wildem Schmerze zähneknirſchend ge⸗ ſtehen, daß ſie Recht hatte, das eben erſt geknüpfte Band zu zerreißen und vor ihm zu fliehen— doch liebte er ſie gerade deßhalb um ſo inniger, um ſo leidenſchaftlicher, und um ſo mehr, da er früher nie ein weibliches Weſen wirklich geliebt. Wie himmelweit verſchieden war das Intereſſe, welches er früher, wohl oft hervorgerufen durch die offenen und verſteckten Koketterieen der Damen, mit denen er in Berührung gekommen, empfand, gegenüber dem Gefühl, das ihn überwältigt, ſobald er Ellen zum erſten Mal erblickt! Denn ſo namenlos unglücklich, wie er ſich fühlte, verſuchte er ſich einzureden, Ellen's Verhältniß zu Roſen⸗ thal, das ſie ihm offen und ehrlich geſtanden, ſei in der That anders in ihr geweſen, als wie ſie es ihm geſchil⸗ dert, oder er gab ſich Mühe, zu dem für ihn ſo furcht⸗ baren Glauben zu kommen, ſie habe mit dem jungen Prinzen in einer andern Verbindung geſtanden, als Ellen ihm eingeſtanden—— aber warum ihn dann fliehen, nachdem ſie wohl bemerkt, wie innig er ihre Liebe er⸗ wiedere, warum ſich ſo jedes Vortheils begeben, den ſie im Auge gehabt, als ſie ihm ihre ſchreckliche Vergangen⸗ heit dargelegt—„nein, nein,“ rief er verzweiflungsvoll, „ſie war nur eine Unglückliche, rückſichtslos in die Wellen — 117 eines wildbewegten Lebens Hinausgeſtoßene, ein gefallener Engel— eine unſchuldig Schuldige, die mir flehend ihre Hände entgegenſtreckte, die ich hätte retten können, weniger zu ihrem Heil, als zu meinem Glück, zu meiner Selig⸗ keit, und die wahrſcheinlich unterging, da ſie an meiner wahren Liebe, an meinem Muthe, an meiner Kraft ver⸗ zweifelte—— ich bin ſchlimmer als jener Roſenthal, ich— ich— der ſie hätte retten können, und der zu feige war, ſie an ſein Herz zu reißen und feſtzuhalten, der ganzen Welt zum Trotze—— ich Unglückſeliger, der prophetiſch ihr Ende malte, den ſie ihr furcht⸗ bares Ende erkennen ließ—— ſie die Heilige, die Märtyrerin.“ Dann warf er ſich auf den Divan nieder, wo ihr ſüßer Körper ſo oft geruht, und während er die zuckenden Finger in ſeinem Haar vergrub, ſuchten ſeine bebenden Lippen jene Stelle, wo ſo oft— ſo oft— ſo oft— ihr ſchönes Haupt gelehnt. ———— An andern Tage eilte er nach dem Hauſe, wo ſie gewohnt, in der Hoffnung, beim emſigen Durchſuchen ihrer Zimmer, was er geſtern verſäumt, vielleicht irgend etwas zu finden, was ſie für ihn zurück⸗ gelaſſen; dieſer Gedanke war mitten in der Nacht über ihn hergefallen, mit allen Schrecken des Zuſpät— zu ſpät, und das wenigſtens war eine wahre, aber traurige — 118— Ahnung geweſen, denn als er ihre Wohnung betreten wollte, fand er dieſelbe ſchon von Peuem von ihm gänz⸗ lich fremden Bewohnern beſetzt. Auf dem Rückwege nach ſeiner Wohnung ſah er einen Bekannten, den Baron Brenner, und wollte demſelben durch raſches Abbiegen in eine Seitenſtraße entgehen, war aber ſchon von ihm bemerkt worden, und mußte ſich von ihm anhalten laſſen. „Gut, daß ich Sie ſehe, lieber Weßner,“ ſagte der Redſelige;„Graf Leo Wieneck ſuchte Sie geſtern ein paar⸗ mal in Ihrer Wohnung, aber vergeblich, da Sie ausge⸗ gangen waren!“. „Ja, ich war nicht zu Hauſe.“ „Sie ſagen das mit einem verdammt trübſeligen Geſichte, und ich will auch annehmen, daß Sie nicht zu Hauſe waren, denn ſonſt hätten Sie ja geöffnet auf das vertrauliche Klopfen Wieneck's, der nur kam, um Ihnen zu ſagen, daß Sie Ihre Jammermiene ablegen und ſich wieder mit heiterem Geſichte Ihren Freunden zeigen können.“ „So iſt ſie vielleicht zurückgekehrt?“ rief Arthur, deſſen Seele nur mit dem einzigen Gegenſtande beſchäf⸗ tigt war. „Wer iſt ſie? Sie wollten wahrſcheinlich fragen, ob er zurückgekehrt ſei, und wiſſen alſo ſchon etwas?“ —— — 119— „Ach, ich weiß nicht das Geringſte!“ „Nun denn, ſo freut es mich, daß ich der Bringer einer guten Nachricht ſein kann— Roſenthal iſt nicht todt!“ „Ah, Poſſen, Herr Baron, wenn ich je einen Mann mit dem hippokratiſchen Zug ſah, ſo war das der arme Roſenthal; wie ſollte es auch anders ſein, mit einer Kugel im Herzen?“ „Das iſt gerade das Seltſame, Unheimliche— be⸗ gleiten Sie mich ein paar Straßen, ich muß in's Schloß, kommen Sie, opfern Sie mir eine Viertelſtunde Ihrer koſtbaren Zeit— alſo was Roſenthal anbelangt, ſo iſt er nicht todt, dafür haben wir die vollgültigſten Beweiſe und Zeugniſſe. Ein Brief, den Mittow erhielt, von der Hand Roſenthal's geſchrieben, worin dieſer verſichert, er befände ſich nach dem Duell trotz ſeiner leichten Verwun⸗ dung ſo vortrefflich als möglich, könnte allerdings einer von den bekannten Späſſen Noſenthal's geweſen ſein, den er vor dem Duell niedergeſchrieben, um den guten Mittow d'outre tombe zu erſchrecken; aber Baron Tönning, welcher an jenem Abend ſeine Hochzeitsreiſe antrat, ſah ihn aufrecht, lächelnd in ſeinem Reiſewagen ſitzen, er ſchrieb das an Ihre Majeſtät die Königin mit dem Zuſatz, Roſenthal habe ihm freundſchaftlich mit der Hand gewinkt und eine glückliche Reiſe gewünſcht.“ „Nach dem Duell?“ „Nach dem Duell, mein Lieber.“ „Dann iſt dieſer Roſenthal ein Geſpenſt!“ „Oder in der That ein Vampyr, wie er ſich auch damals bei dem kleinen Souper Wieneck' ſelbſt ge⸗ nannt.“ „Allerdings ſo nannte er ſich, und als ich ihn nach dem Duell auf der Erde liegen ſah, die ſtarren Blicke gegen den Mond gerichtet, konnte ich nicht anders als an jene Aeußerung denken.“ „Nun ja, im Scherz, mein lieber Weßner, während wir wohl überzeugt ſein können, daß wenn Roſenthal wirklich todt geweſen iſt, er auch todt blieb, wogegen es Beiſpiele gibt von eben ſo außerordentlicher Lebenskraft, als auch vom Irren der Herren Aerzte, und was den Regimentsarzt Zander anbelangt, ſo gibt er zu, nicht mit Beſtimmtheit behaupten zu können, daß die Kugel das Herz getroffen habe; jedenfalls aber hoffen wir Alle, daß dieſer Monſieur Roſenthal für uns ſo gut wie todt iſt, und ſich kluger Weiſe, wenn er wirklich lebt, jenſeits der Grenze hält; es ſind da Dinge zu Tag gekommen, die uns Alle auf's Tiefſte bedauern laſſen, dieſen Herrn gekannt zu haben. Daß er ein Abenteurer war, habe ich lange gefühlt, und es auch häufig genug durchblicken laſſen—— natürlich mit Vorſicht,“ fuhr Baron Brenner — 121— fort, als er Arthur's eigenthümliches Lächeln bemerkte— „mit großer Vorſicht, denn gegen eine Perſon, welche es verſtanden hat, ſich zur Intimität der allerhöchſten Herrſchaften aufzuſchwindeln, kann man nicht vorſichtig genug ſein.“ „Herr von Roſenthal war allerdings ein eigenthüm⸗ licher Charakter, nahm es auch zuweilen, aber ſtets auf eine amüſante Art, mit der Wahrheit nicht genau; aber es ſollte mir in der That leid ſein, wenn ich der Zeuge eines Mannes geweſen wäre, der ſich Unehrenhaftes zu Schulden kommen ließ— Herr Baron, ich bitte mich darüber freundlichſt aufklären zu wollen, denn ich möchte wirklich wiſſen, ob man ſpäter vielleicht ein Recht hat, wenn man von jenem Duelle ſpricht, achſelzuckend zu ſagen: Roſenthal bediente ſich dieſes Weßner, da er aus der Geſellſchaft Niemand zum Sekundanten finden konnte!“ „Sie ſind verdammt ſtrupulös, lieber Freund, und um Ihnen zu beweiſen, daß ich Sie wie ganz zu uns gehörend betrachte, ſo will ich Ihnen unter dem Siegel der Verſchwiegenheit anvertrauen, daß dieſer Roſenthal Seine Majeſtät den König um die Summe von zwei⸗ malhunderttauſend Gulden beſchwindelte, ein hübſches Sümmchen, von dem er, wenn er am Leben geblieben iſt, Fr recht behaglich mit ſeiner ſchönen Maitreſſe leben kann.“ ſſſſſſſ — 122— „Das Letztere, Herr Baron,“ ſagte Arthur mit leuch⸗ tenden Augen,„iſt jedenfalls eine lügenhafte Erfindung.“ „Daß Roſenthal eine ſchöne Maitreſſe hatte?— Sie ſind wirklich von einer unglaublichen Naivetät. Dieſe hübſche Summe war der Kaufpreis, den Roſen⸗ thal für ſeine Sklavin erhalten, und daß dieſe ſeiner voll⸗ kommen würdig war, iſt durch den Umſtand bewieſen, daß ſie ſich den Tag nach dem Duell mit jenen zwei⸗ malhunderttauſend Gulden aus dem Staube machte— glückliche Reiſe!„Mögen ſie ſich wieder getroffen haben wo ſie wollen, jedenfalls wird der von den Todten Er⸗ ſtandene es niemals mehr wagen, ſich bei uns ſehen zu laſſen.“ 3. Arthur fühlte den Schweiß auf ſeiner Stirne perlen, er war in einer furchtbaren Bewegung, er ſetzte ver⸗ ſchiedene Male zum Reden an, doch verſchlang ſtets ein tiefer Athemzug das Wort, welches er nur gedacht, das Wort, mit dem er wenigſtens Ellen glänzend vertheidigen konnte, wenn er erzählte, was er geſehen, wenn er dem geſchwätzigen Mann an ſeiner Seite ernſt und beſtimmt mittheilte, daß er Zeuge geweſen, wie Ellen jene Summe in einer Anweiſung auf die königliche Bank vor ſeinen Augen verbrannt— ſollte er reden oder ſollte er ſchwei⸗ gen? o, es war ja ſo ſüß für ihn, die Geliebte zu ver⸗ theidigen. — 123— Da fuhr der Andere fort:„Aber es iſt ein Glück, daß es ſo kam, eine Fügung des Himmels, könnte man ſagen; denn nur dadurch, daß man unſerem jungen Herrn — die letzten Worte flüſterte Baron Brenner kaum ver⸗ nehmlich— die Augen öffnete, welch' ſchändliches Spiel Roſenthal im Verein mit jener Perſon getrieben, war es möglich, daß ſich deſſen Leidenſchaft in ein Gefühl des Abſcheus verwandelte, und er ſo empfänglich, zugänglich wurde für das, was ihm und dem Lande noththut.“ Bei dieſen Worten vollbrachte„Brenner der Vierzehnte“ eine ſo würdevolle Wendung des Kopfes, ſpitzte ſeinen Mund und zog die Augenbrauen ſo auffallend in die Höhe, daß Arthur wohl ſah, wie er ſich abſichtlich das Anſehen eines Mannes gab, der dafür angeſehen ſein wollte, daß er nicht ohne gutes Reſultat mitgewirkt habe, um Seine Königliche Hoheit zugänglich und empfänglich zu machen.„Doch hier ſind wir am Schloſſe, wo ich drin⸗ gend zu thun habe; auf recht baldiges Wiederſehen, lieber Weßner, dieſe Geſchichten werden uns noch häufig Stoff zur Unterhaltung bieten.“ Alrs er verſchwunden war, blickte ihm Arthur finſter nach und murmelte dann zwiſchen den zuſammengepreßten Zähnen:„Vielleicht that ich Unrecht, Dem da nicht mit wenigen Worten zu ſagen, wie ſehr ſie ſich Alle im Cha⸗ rakter jenes reinen, edlen Weſens getäuſcht—— und — 124— ich hätte es thun ſollen, was kümmern mich, wo es ihren Ruf gilt, alle Kronprinzen der ganzen Welt— doch Dem da, einem Bejammernswürdigen erſter Klaſſe, habe ich eine ſolche Berichtigung, die ſich zum Range einer Staats⸗ neuigkeit erheben könnte, nicht gegönnt— vielleicht dem Grafen Leo, das wäre ſchon etwas Anderes, oder dem Kronprinzen ſelbſt.“ Auf ſeinem ſtillen Atelier wieder angekommen, fand Arthur, als er nun an den Nägeln kauend, zuſammen⸗ gebeugt in einem ſeiner alterthümlichen Lehnſtühle ſaß, daß das, was er ſoeben gehört, durchaus nicht dazu diente, ſein Gemüth aufzuheitern und ſeine Sehnſucht nach der Verſchwundenen gelinder zu machen; ja er ſprang nach einiger Zeit unter einem Ruf des Schmerzes in die Höhe, um ſich dann raſch mit einem wilden Ausdruck des Zor⸗ nes nach der Thür zu wenden, die ſich langſam öffnete, da er in der Aufregung vergeſſen hatte, den Riegel vor⸗ zuſchieben; doch mäßigte ſich dieſer Ausdruck des Unmuths, als er in der eintretenden Geſtalt ſeine Zimmernachbarin erkannte— „Ah, Du biſt es, Angelika?“ „Ja ich bin es, wie Du ſiehſt!“ erwiederte die Ma⸗ lerin, welche aus ihrer kurzen Pfeife rauchte und langſam einherſchritt, indem ſie ihren Malerſtab wie einen Spazier⸗ ſtock gebrauchte;„Du weißt, ich bin ſonſt gerade nicht — 12 5— zudringlich, aber ich war ſchon ein paarmal an Deiner Thür, um Dir eine gute Idee mitzutheilen, konnte aber nicht zu Dir, da Du trotz meines Zeichens nicht für gut fandeſt, mir zu öffnen, und wenn Du auch jetzt für mich noch nicht zu Hauſe biſt, ſo brauchſt Du es nur zu ſagen!“ „Bleibe immerhin!“ rief er, ohne ſich gegen ſie zu wenden,„ich glaube, es iſt gut für mich, gerade mit Dir zu plaudern.“ „Willſt Du meine Idee hören?“ „Welche Idee?“ „Nun, die Idee zu einem recht guten Bilde.“ Arthur lachte laut auf, eh' er antwortete:„Schau' Dich um, wie aufgeräumt es bei mir ausſieht, wie ſauber meine Pinſel, wie eingetrocknet alle Farben, und laß Dir ſagen, daß ich einen Abſcheu habe gegen Alles, was Bil⸗ der heißt!“ Die alte Malerin hatte ſich zuſammengekauert nieder⸗ geſetzt auf der kleinen Treppe, die Arthur zu benützen pflegte, um zur Höhe größerer Bilder hinaufreichen zu können, und fuhr dann gleichmüthig fort, nachdem ſie die Aſche in ihrer kleinen Pfeife mit dem Ende ihres Malerſtabes zuſammengedrückt, und ohne die Einrede ihres jungen Freundes zu beachten:„Dieſe Idee iſt mir gekommen, da Du mich mit Deiner wundervollen Phantaſie ange⸗ ſteckt haſt.“ — 126— „Mit welcher Phantaſie?⸗ „Mit der Phantaſie jenes lieblichen Weibes, das Du als Märtyrerin gemalt.“ „Ah— ſo—“ er machte eine abwehrende Hand⸗ bewegung. „Man muß nicht verſchwenderiſch ſein mit ſolch' ſchö⸗ nen Köpfen, ſei es, daß man ſo glücklich war, ſie zu er⸗ finden, oder daß man ſonſt dazu gekommen.“ „Ich bin nicht in der Stimmung zu malen, am allerwenigſten jenen Kopfl?⸗ „Haſt Du ſeine Züge vergeſſen?“ „Ich?— O nein— o nein!“ er ſagte das mit einem ſo leidenſchaftlichen Ausdrucke, mit einem ſolchen Blick des Schmerzes, und mit einer ſo heftigen Hand⸗ bewegung, daß Angelika nicht anders konnte, als ihn auf⸗ merkſam zu betrachten und dann nach einem längeren Stillſchweigen zu ſagen:„Mir ſcheint, Du biſt in einer ähnlichen Stimmung, wie ich damals, wo ich mein be⸗ rühmtes Trauerbouquet malte.“ „—— Vieleicht in einer noch ſchlimmeren, Ange⸗ lika,“ rief er ſchmerzlich ausbrechend, nachdem er ſeine Hände einen Augenblick vor das Geſicht gepreßt. „So, ſo!“ „Du hatteſt damals nichts verloren, als Dich ſelbſt, Du warſt im Begriffe, ein Leben wegzuwerfen, das für — 127— Dich keinen Werth mehr hatte; für mich aber hat das Leben noch einen ſo unendlichen Werth, daß ich um jede Minute deſſelben ſtreiten möchte, obgleich ich überzeugt bin, das unſägliche Glück niemals zu erreichen, weßhalb mir das Leben koſtbar iſt.“ „Ah, Du liebſt, und liebſt unglücklich!“ „Ja und Nein!! „Deine ſchöne Märtyrerin iſt kein Phantaſiegebilde?“ „O, ſie war eine wundervolle Wirklichkeit!“ „Sie hat Dich geliebt, und Du haſt ſie trotzdem verloren?“ „Ja, Angelika, ja!“ „Das iſt allerdings recht ſchmerzlich und traurig; aber laß uns gerade deßhalb auf die Idee zurückkommen, welche ich Dir mittheilen wollte.“ „Spotte nicht über mein Unglück!“ „Im Gegentheil,“ antwortete die alte Malerin mit einem traurigen Lächeln,„ich fühle recht tief mit Dir, und was die Leute auch ſagen mögen, unter meiner Joppe hier ſchlägt ein recht empfängliches, warmes, weibliches Herz, ich kenne Dich zu genau, Arthur, um nicht zu wiſ⸗ ſen, daß Dich das Original jenes Bildes ſchon längere Zeit recht tief beſchäftigt.“ „Was weißt Du von dem Original?“ fragte er barſch. — 128— „Ich ſah es zufällig eines Tages, als es gerade von Dir kam, während ich unbemerkt von ihm unter der Thür meines Ateliers ſtand; es hatte den Schleier zurückge⸗ ſchlagen, beide Hände feſt auf den Drücker Deines Thür⸗ ſchloſſes gelegt, und ſchien tief aufathmend unſchlüſſig zu ſein, ob es Deine Thür verlaſſen oder wieder zu Dir zurückkehren ſoll— das gab mir zu denken.“ „O, hätteſt Du mir Deine Gedanken mitgetheilt!“ „Pah, wie kann man ſo indiskret ſein und in die Geheimniſſe ſeiner Freunde eindringen wollen!“ „O, wär' ich offen gegen Dich geweſen!“ „Das hätte vielleicht von Nutzen ſein können, und wie Du mich kennſt, hätte es jedenfalls nicht geſchadet, höre jetzt wenigſtens meine Idee, welche nach dem, was ich errathen, gewiß von Nutzen für Dein krankes Ge⸗ müth iſt.“ „So laß Dir zuerſt etwas über die Urſache meines kranken Gemüthes erzählen.“ „Meinetwegen, obgleich mir das ſehr ſpät zu ſein ſcheint— aber weißt Du was, Arthur, vereinige das Angenehme mit dem Nützlichen, und zeichne irgend etwas, während Du mir erzählſt— glaube mir, die Arbeit iſt ein wunderbares Mittel gegen allen Seelenſchmerz, wie oft habe ich angefangen zu malen und zu zeichnen unter ſtrömenden Thränen, und nach und nach floſſen ſie lang⸗ —nnnnſbſbſbdbdd — 129— ſamer und linder, und wenn mir die Arbeit gut von Statten ging, ſo hat es nie ſehr lange gedauert, bis ſich aus meinem leiſen Aufſchluchzen ein zufriedenes Lächeln entwickelte—— Du haſt da hinten eine prächtige Lein⸗ wand, gerade groß genug für meine Idee, ſei kein Kind und ſtelle ſie auf die Staffelei!“ „Ich kann nicht arbeiten!“ „Ei was, Du ſollſt nicht arbeiten, Du ſollſt Dich nur ſelbſt aus Deinem tiefen Schmerze aufrütteln, wäh⸗ rend Du mir erzählſt— laß mich machen, ich will die Leinwand aufſtellen, will Dir ſogar Deine Kohlen zu⸗ richten— ah, dort ſteht das Käſtchen!“ Und hiermit that die alte Malerin, wie ſie angedeutet, ſtellte die hohe und breite, ſcharf aufgeſpannte Leinwand auf die Staffelei und ſchaute die weiße, glatte Fläche förmlich mit einem lüſternen Blicke an, ehe ſie das Käſtchen mit der Kohle herbeibrachte—„wo haſt Du irgend ein Leder zum Wegklopfen mißlungener Striche?“ „Ich hatte dazu einen grauen Handſchuh,“ murmelte er, finſter vor ſich hinſtarrend, nach einer ziemlich lan⸗ gen Pauſe—„aber der iſt fort— fort wie alles An⸗ dere.“ „Es thut's auch Dein Taſchentuch, auch kommen ja bei Deiner feſten Hand die mißlungenen Striche nicht allzu häufig vor— und nun zu meiner Idee.“ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. III. 9 — 130— „Die müßte Dir Gott ſelbſt eingegeben haben, wenn ſie mich packen ſollte, mich widert die glatte Fläche dieſer Leinwand an.“ „Möglich, und wenn Dir meine Idee in der That nicht gefällt, ſo will ich nicht weiter in Dich dringen, und Du kannſt mir meinethalben Deine Geſchichte er⸗ zählen, dort in jenem Winkel ſitzend, das feuchte Schnupf⸗ tuch in der Hand, es iſt das auch recht hübſch, nur nicht gerade ſehr männlich.“ Mochte ſich Arthur von dieſer Bezeichnung, deren Wahrheit nicht zu leugnen war, unangenehm berührt fühlen, oder mochte wirklich die weiße Leinwand, wie ſchon ſo oft, einen magiſchen Einfluß ausüben auf den vortrefflichen Künſtler, genug, er wandte ſich gegen die Staffelei, doch legte er ſeinen Arm dagegen und ſtützte den Kopf darauf. „So—— nun ſtizziren wir jenen Kopf, der ſich noch vor Kurzem wie unbewußt aus allen Deinen Blei⸗ ſtift⸗ und Kohlenſtrichen zu entwickeln pflegte.“ „Das iſt grauſam, Angelika!“ „Nein, man könnte es homöopathiſch nennen, und ſoll eine Heilung ſein wie jede andere, Du ent⸗ wirfſt jenen Kopf zur Geſtalt der Ophelia, wie ſie in den Weiden über dem Waſſer ſchwebend ihr eige⸗ nes, gramvolles Antlitz ſich im Waſſer wiederſpiegeln — 131— ſieht—— auch eine Märtyrerin, das Opfer jenes tollen däniſchen Prinzen, der ſtets vortrefflich ſpricht und ſchlecht handelt— gefällt Dir meine Idee?“ „Ja—— bei Gott, Angelika, ſo wäre das Bild, das ich allein zu malen im Stande bin.“ „Gut denn, ſo beginne, und ſobald Du Herr Dei⸗ nes Stoffes biſt, erzähle mir Deine Leidensgeſchichte!“ Arthur brauchte wenige Minuten zur Ueberlegung, und kaum hatte er die Idee ſeiner Freundin in ſeinem Geiſte aufgenommen, ſo ſtand auch das ganze Bild, wenigſtens in der Konzeption, fertig vor ſeinem inneren Auge, und die ſichere, geübte Hand folgte alsdann eben ſo raſch. Als kaum eine Viertelſtunde vergangen war, trat der ſchöne Kopf Ellen's lin einer unverkennbaren Aehnlichkeit auf der Leinwand hervor, worauf es nur noch einiger kräftiger Striche mit der Kohle bedurfte, um die Idee der ganzen Figur erkennen zu laſſen. „Nimm Dich in Acht,“ ſagte die Malerin,„daß Du nicht allzuſehr Ophelia en face ſehen läßt, es iſt mir wegen ihres Spiegelbildes im Waſſer, es würde als⸗ dann dem Beſchauer verkehrt erſcheinen, und ich weiß nicht, ob das von guter Wirkung iſt!“ „Ich glaube doch,“ gab Arthur zur Antwort, wo⸗ bei man an ſeinen ruhig gehenden Athemzügen, ſowie an der ſichern Führung ſeiner Hand deutlich bemerkte, — 132— um wie viel ruhiger er geworden war.„Das da unten ſoll ja kein angenehmes Spiegelbild à la Narziß werden, und ich will abſichtlich noch obendrein das Waſſer ſtark⸗ fließend und bewegt halten, um es verzerrt, verzogen er⸗ ſcheinen laſſen zu können, ein treues Abbild des zer⸗ ſtörten Geiſtes jenes unglücklichen Mädchens—“ „Ah ſo— da will ich Dir nicht weiter wider⸗ ſprechen. Deine Idee ſcheint mir die richtige, und da Du nun an den Gewändern der Figur beſchäftigt biſt, was Dir ja ſpielend, faſt mit geſchloſſenen Augen von der Hand geht, ſo erzähle mir etwas aus Deinen letzt⸗ vergangenen Tagen.“ „Das will ich, das will ich,“ ſagte er mit einer größeren Bereitwilligkeit, als man das noch vor einer halben Stunde für möglich gehalten hätte, und dann er⸗ zählte er der alten Malerin von dem erſten Anfange an die Geſchichte jener geheimnißvollen Dame, die Beſtellung des Bildes, welches Angelika ja häufig geſehen, und wie beim Malen deſſelben ſeine Liebe zu der ſchönen Unbe⸗ kannten entſtanden, dann jene Unterredung mit ihr, als er ihr nach jenem Duell das Schreiben Roſenthal's über⸗ bracht, wie ſie ihm hierauf die Geſchichte ihres Lebens erzählt, wie ſie ihm geſtanden, daß auch ſie ihn liebe, und wie dann mit einem Male das Wort„Mißverſtänd⸗ niß ſo furchtbar zwiſchen ſie getreten wäre—„und nun ſage mir, Angelika, iſt es Dir begreiflich, daß ſie an meiner Liebe zweifeln konnte, daß ſie nicht aus meinen Worten, aus meinen Blicken erkennen mußte, wie glück⸗ lich ich ſei, ihr mein ganzes künftiges Leben weihen zu dürfen— begreifſt Du die Grauſamkeit, o, vielleicht ſollte ich ſagen die Herzloſigkeit, um ſich darauf meiner Liebe durch die Flucht zu entziehen— verſtehſt Du das — Du, ſelbſt ein Weib?“ „Wenigſtens etwas davon iſt mir trotz meiner Pfeife und meiner Joppe übrig geblieben, tief verſteckt in meinem Herzen habe ich noch ſo etwas vom richtigen Gefühle bewahrt, und weil es dort lange Jahre wie in einem Keller verſteckt lag, iſt es rein und unverfälſcht geblieben.“ „Nun denn, ſo ſage mir ein Wort des Troſtes, er⸗ kläre mir Ellen's Verſchwinden, wenn ſie mich geliebt!“ „Das erklärt ſich gerade dadurch, weil ſie Dich wahrhaft liebte— ſie mußte glauben, Du ſeieſt ſchon am Morgen jenes Tages von ihren allerdings eigenthüm⸗ lichen Verhältniſſen unterrichtet worden, und habeſt Dir, wie es einem rechtſchaffenen Manne geziemt, Zeit ge⸗ nommen, um Dir das, was Du thun wollteſt, klar zu machen, dann gehſt Du ſpät Abends zu ihr, und als ſie Dich herzlich innig empfängt, ziehſt Du ſie in über⸗ ſtrömendem Gefühl, beſiegt von der Gewalt ihrer Schön⸗ — 134— heit, an Dein Herz, um ihr alsdann zu geſtehen, daß Du nicht aus eigenem Antriebe gekommen ſeieſt, ſondern als Abgeſandter eines Mannes, den ſie haſſen mußte. Du hatteſt Deinen Schritt nicht reiflich überlegt, wie ſie erwartet und gehofft, Du ließeſt Dich nur von der Ge⸗ walt des Augenblickes hinreißen, und das erſchien ihr begreiflicher Weiſe nicht genügend für das Glück eines ganzen Lebens.“ Arthur hatte ſchon längſt aufgehört zu zeichnen und ſtand an ſeine Staffelei gelehnt, düſter vor ſich nieder⸗ blickend.——„Zugeſtanden meinetwegen; aber warum ließ ſie mir nicht den andern Tag oder den nächſtfolgen⸗ den Gelegenheit zur reiflichen Ueberlegung, und geſtattete mir zu wiederholen, was ich ihr an jenem Abend geſagt, und was ich ihr heute, morgen, ja in jeder Stunde mei⸗ nes Lebens wiederholen würde, daß ich ſie trotz alledem liebe, daß ich ſie trotz alledem für ſo rein und unbefleckt halte, als ſei ſie eben erſt aus der Hand ihres Schöpfers hervorgegangen.“ „——— Das iſt ſie auch, mein Freund, wie ich tief und richtig fühle, und gerade weil ſie ſich trotz alledem ihres Werthes bewußt iſt, mußte ſie Dir ent⸗ fliehen, mußte ſie dem für ſie verletzenden Gefühle ent⸗ fliehen, Dich, nicht nach reiflicher Ueberlegung, ſondern durch Aufwallung eines Augenblickes gewonnen zu haben.“ „Sie mußte mich fliehen,“ erwiederte er mit einem traurigen Lächeln,„ſie mußte mich alſo unglücklich machen, um ihrem Stolze, ihrem Hochmuthe zu genügen.“ „Du biſt komiſch, Arthur; wer euch Männer kennen gelernt hat, für Den mußte im ähnlichen Falle die Ueber⸗ legung eines einzigen Tages noch als ſehr kurz erſcheinen, und daß ſie ſich damit begnügte, beweist mir ihre innige Liebe zu Dir—— ich vielleicht an ihrer Stelle, nach⸗ dem ich Dir meine Vergangenheit klar gemacht, hätte mir wahrſcheinlich eine Bedenkzeit von Wochen, von Monaten ausbedungen, und vielleicht klüger gehandelt. Es iſt ein eigenes Ding, Arthur, ſich mit einem Weſen von einer gewiſſen Vergangenheit ehelich zu verbinden, ohne ſich vorher genau geprüft zu haben, ob nicht Zeiten kommen werden, wo uns dieſe Vergangenheit wie ein finſteres Geſpenſt angrinst.“ „O, ich habe mich geprüft, Tage und Nächte lang!“ „O ja, während dreier Tage und einiger ſchlafloſen Nachtſtunden— höre, Arthur, ich glaube, daß dieſes ſchöne Weib Dich in der That aufrichtig geliebt hat, und lieber ſelbſt unglücklich ſein will, als Dich nicht voll⸗ kommen glücklich zu machen.“ „Du ſtreichelſt meine Wangen,“ erwiederte er mit klangloſer Stimme,„um mir alsdann langſam einen Dolch in's Herz zu ſtoßen; alſo wenn ſie mich wirklich — 136— geliebt, mußte ich ſie verlieren?— ſo darf ich nie hoffen, ſie wiederzuſehen, denn wie von meiner eigenen Liebe bin ich von der ihrigen überzeugt.“ „Gut denn, ſo hoffe und arbeite, Eines wird Dich im Andern unterſtützen! Du ſiehſt mich fragend an? und das iſt doch ſo einfach, blicke dort auf die Leinwand und male ein Bild, das Deiner würdig iſt, male es mit allem Aufwande Deines Geiſtes und Deiner Kunſt, damit es ein Kunſtwerk wird, von dem man in den weiteſten Krreiſen ſpricht, das alle Welt zu ſehen verlangt, das auch vielleicht vor ihr Auge kommt, und ihr am beſten ſagte, wie reiflich und ruhig Du überlegt!“ „Laß Dich umarmen, Angelika!“ rief der junge Maler mit einem glücklichen Blicke, und dann warf er die Kohle weg, ſchloß ſeine alte, treue Freundin herzlich in die Arme, küßte ihre hohe Stirne, dann die ſeltſam zwinkernden Augen.„Du biſt ein edler Kerl, Angelika,“ rief er in überſtrömendem Gefühle,„und wenn wir Beide in dieſer Welt einſam bleiben ſollten, ſo wollen wir doch nicht allein bleiben, ſondern zuſammen arbeiten und leben, zwei treue, unzertrennliche Freunde.“ „Abgemacht!“ ſagte die alte Malerin mit einem hei⸗ teren Lächeln,„und jetzt habe ich dem Himmel meinen Dank abgetragen, da ich Dich veranlaßt, doch ebenfalls Dein Trauerbouquet zu malen, denn gerade wie ich damals, — — 137, ſo warſt Du heute auf dem Wege ſtark nach Abwärts, und nun will ich meiner Wege gehen, ich habe da eine Heerde wilder Ochſen auf der Leinwand, die in Ordnung gehalten ſein wollen.“ Damit erhob ſie ihren Malerſtock und ſchwenkte ihn in der Hand, ungefähr ſo, wie es die reitenden Hirten in der Campagna von Rom zu machen pflegen. Arthur aber wandte ſich wieder gegen die Staffelei, und es ſchien ein neuer und friſcher Geiſt über ihn ge⸗ kommen zu ſein, denn er arbeitete mit einer unbe⸗ greiflichen Leichtigkeit, und was er arbeitete, ſchien ge⸗ lungen zu ſein. Da ſtörte ein abermaliges Klopfen an der Thür, und wenn er auch weniger unwirſch um ſich ſchaute, als vor einer Stunde, ſo war es doch kein freundlicher Blick, den er nach der langſam ſich öffnenden Thüre warf, und der auch nicht viel von ſeinem verdrießlichen Ausdruck verlor, als er in dem Eintretenden einen Diener in der königlichen Livree erkannte; derſelbe überbrachte ein Billet des Kronprinzen, worin dieſer mit ein paar freund⸗ lichen Worten den Künſtler erſuchte, ihn, ſobald als es ihm möglich ſei, zu beſuchen. Der junge Maler konnte ſich eines unangenehmen Gefühls nicht erwehren, als er das angefangene Bild betrachtete, an dem er noch gern ein paar Stunden — 138— gearbeitet, dann zog er einen einfachen Morgenrock an und ging nach dem Schloſſe. Hier waren auf dem Flügel, wo der Kronprinz wohnte, alle Diener in großer Gala, ebenſo die Lakaien in den äußerſten Vorzimmern, ſowie der Adjutant und Kammerherr vor dem inneren Apartement. „Sie kommen zu einem feſtlichen Tage,“ ſagte der erſtere dieſer beiden Herren zu dem ihm wohlbekannten Maler,„es iſt drinnen ein Abgeſandter unſeres zukünfti⸗ gen allerhöchſten Schwiegervaters mit einem zierlichen, eigenhändigen Schreiben der Prinzeſſin Henriette.“ „Da ſollte ich eigentlich im Frack ſein,“ erwiederte lächelnd der Maler, doch ſagte ihm der hinzutretende Kammerherr etwas von oben herab mit würdevoller Miene und halbgeſchloſſenen Augen:„Es wird auch ſo gehen, mein lieber Herr Weßner, nur der Dienſt Seiner Königlichen Hoheit und was ſonſt zu Hofe gehört, iſt in Gala befohlen.“ „Richtig, Herr Graf, wogegen die Handwerksleute und ſonſtigen Arbeiter in ihren gewöhnlichen Anzügen erſcheinen dürfen— geſtatten Sie mir, hier zu warten, bis ich vorgelaſſen werde?“ „Treten Sie in das Schreibzimmer des Prinzen, Herr Weßner, Sie werden da ein paar Bekannte finden,“ worauf der Kammerherr, als ſich die Thür hinter Arthur geſchloſſen, mit hochaufgezogenen Augenbrauen und einem — 139— eigenthümlichen Wackeln des Kopfes ſagte:„Es iſt doch ein inſolentes Volk, dieſe Künſtler, ich verſtehe es nicht, wie man ſie ſo nahe kommen laſſen kann?“ Im Schreibzimmer des Kronprinzen befand ſich Graf Leo Wieneck in vollem Paradeanzug, den Helm in der Hand, an einem Fenſter lehnend, während vor ihm Baron Brenner in einer ganz neuen und ſtrahlenden Kammer⸗ herrnuniform ſtand. Arthur grüßte ehrerbietig von der Thür aus, doch eilte ihm der Flügeladjutant des Königs raſch entgegen, reichte ihm die Hand und zog ihn in die Fenſterniſche, die er ſoeben verlaſſen, wo er ſagte:„Sehen Sie hier unſern alten Freund und neuen Kammerherrn,— Baron Brenner iſt in den Dienſt unſerer zukünftigen Kron⸗ prinzeſſin gerufen worden.“ „Meine beſte Gratulation, Herr Baron!“ Doch that Baron Brenner, ſtatt dieſelbe dankend an⸗ zunehmen, in Miene und Haltung etwas ſpröde, unge⸗ fähr wie Jemand, der nicht genau weiß, ob es mit ſeiner Würde verträglich iſt, viel Lärmen um eine ſo gering⸗ fügige Sache zu machen, wogegen die beiden Andern genau wußten, daß die neue Anſtellung durchaus keine geringfügige Sache für den guten Baron Brenner war, vielmehr ein ungeheures Glück, deſſen er bei ſeinen ſehr beſchränkten Mitteln wohl bedürftig war. Baron Brenner war einer jener zweifelhaften An⸗ hängſel, wie ſie an jedem Hofe aus und ein gehen, und nicht nur geduldet, ſondern ſogar gerne geſehen ſind, ſchätzbar in ihrer Eigenſchaft der Lückenbüßerei aller Art. Daß die Familie Brenner eine ſehr alte ſei, aber eine erſchreckend arme, wußte man ganz genau, ebenſo daß der heutige Träger dieſes Namens ein ausgezeichnetes Franzöſiſch ſprach, ſehr anerkennenswerthe gute Manieren hatte, einen ſchwarzen Frack trug, wo es nöthig war, auch weiße Halsbinden im Ueberfluß und helle Handſchuhe à discretion; daß er ferner auf's Bereitwilligſte als Strohmann in irgend einer Whiſtpartie einſprang, und ſich gerne als der Vierzehnte zum Eſſen einladen ließ,— das Letztere wiſſen wir bereits,— vermehrte noch ſeine angenehmen Eigenſchaften, wogegen es der Geſellſchaft ſehr gleichgültig war, wovon er im Uebrigen lebte, wo er wohnte und dergleichen Kleinigkeiten mehr. Da hatte ihm der alte Staatsminiſter von Wieneck die Stelle eines allerdings ſehr klein beſoldeten Kammer⸗ herrn bei der zukünftigen Kronprinzeſſin verſchafft, und wenn er auch in ſeinen vier Wänden, dieß im ſtrengſten Sinne des Wortes verſtanden, vor Freude bebend und das neue Dekret zugleich mit dem goldenen Schlüſſel in der Hand haltend, ſein glatt raſirtes Kammerherrnkinn betrachtete, ſo verſicherte er doch eine Stunde ſpäter — 141— Seiner Excellenz dem Herrn Staatsminiſter, als er ihm die ſchuldige Dankesviſite machte, und zwar mit Achſel⸗ zucken, daſſelbe, was er jetzt dem jungen Maler wieder⸗ holte:„daß er es ſich allerdings zu einer großen Ehre ſchätze, von Seiner Majeſtät dem König bemerkt worden zu ſein, daß ſich aber das uralte Geſchlecht der Freiherren von Brenner ſtets am wohlſten in unbeſchränkter Freiheit gefühlt habe.“ „Was mir allein eine Satisfaktion verſchaffen wird,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich mit einer wichtigen Miene auf den Hüften hin und her wiegte,„iſt: gewiſſen Kammerjunkern und Kammerherren zu zeigen, wie man eigentlich ſeinen Dienſt thun ſoll.“ „Ich freue mich überhaupt, lieber Brenner,“ ſagte der Graf Leo,„daß Sie dadurch bei uns feſten Fuß gefaßt haben, und bin überzeugt, daß Sie ſich ſchon weiter lanciren werden; es ſind einige der beſten Stellen gar nicht, oder nur ſehr proviſoriſch beſetzt. Das Oberſt⸗ jägermeiſteramt iſt ſo gut wie vakant, und auch unſer braver Baron Tönning noch nicht erſetzt.“ „Das gerade wäre eine Stelle für Sie, Leo, Oberſt⸗ hofmeiſter Excellenz mit einer Oberſthofmeiſterin, die zu repräſentiren verſteht,“ ſcherzte der neue Kammerherr, doch ſchien dieſer Scherz den Oberſthofmeiſter in spe Seiner Majeſtät nicht angenehm zu berühren, er biß ſich — 142— auf ſeinen Schnurrbart, und das Lächeln, welches ſich auf ſeinem Geſichte zeigte, hatte etwas ſehr Erzwungenes, auch wandte er ſich gegen das Fenſter, um im nächſten Augenblicke zu ſagen:„Soeben fährt der engliſche Ge⸗ ſandte vor, Sir Frederic Knobbers kommt, um ſich bei dem Kronprinzen zu verabſchieden.“ „Wie kommt es, daß er ſo plötzlich abberufen worden?“ „Er fürchtete bei dem Miniſterwechſel wer weiß wo⸗ hin verſchlagen zu werden, weßhalb er es vorzog, ſich abberufen zu laſſen; Sir Frederic iſt ungeheuer reich und gefällt ſich hier bei uns; man ſagt, er ſei im Be⸗ griff eine Herrſchaft zu kaufen, um dauernd hier zu bleiben.“ „Was uns Allen nur recht angenehm ſein kann,“ bemerkte Baron Brenner,„ſein Haus iſt für einen Gargon wunderbar montirt, ſeine Diners ſind auf der Spitze der Vollkommenheit, und Jagdpartieen verſteht Niemand zu arrangiren wie er.“ „Er hat ſehr ſchöne Kunſtſachen, beſonders ſehr ſchöne Bilder, und iſt einer jener angenehmen Beſteller, denen der Preis vollkommen Nebenſache iſt.“ Damit trat der Mann von ſo vielen vortrefflichen Eigenſchaften, den wir bereits kennen, in das Gemach, eine lange, ſteife Perſönlichkeit von viereckigen Formen, — 143— aber einem wohlwollenden und ſehr freundlichen Geſicht; die Uniform hing ziemlich locker und zwanglos um ſeine Schultern, und das Band des Hausordens, mit welchem ihn der König, der ihn ganz beſonders ſchätzte, erſt kürz⸗ lich dekorirt hatte, war ſo gegen alles Herkommen über ſein geſicktes Kleid gehängt, daß ſich Baron Brenner richt enthalten konnte, ihm dieſe Dekoration ein wenig zurecht zu zupfen, worauf der alte Engländer lächelnd ſagte:„Ah, ſieh da, unſer neuer Kammerherr hält ſtreng auf Haus⸗ und Kleiderordnung, ich danke Ihnen, mein lieber Brenner, obgleich es uohl gleichgültig iſt, uie das Ding da hängt;“ doch warf er zu gleicher Zeit einen wohlgefälligen Blick in den hohen Spiegel, und zog ſeine hohe weiße Halsbinde etwas in die Höhe.„Uie geht's, Miſter Arthur?“ wandte er ſich an den Maler, indem er ihm ſeine Hand reichte,„ich uerde jetzt mehr Zeit haben, Sie in Ihrem Atelier zu beſuchen, und uill, uenn Sie uollen, häufig zu Ihnen kommen.“ „Es wird mir ſehr viel Vergnügen machen, Sir Frederic, bitte aber noch eine kurze Zeit zu warten, da ich Ihnen erſt in drei bis vier Wochen etwas Angefangenes zeigen könnte, was Sie vielleicht intereſſirt.“ Sir Frederie nickte dankend mit dem Kopfe und ſagte dann, auf die Nebenthür zeigend:„Uie ich draußen von dem Adjutanten des Kronprinzen gehört, iſt da drinnen — 144— eben der Postillon d'amour beſchäftigt—— ich habe die Ehre gehabt, die Prinzeſſin Henriette zu kennen.“ „Man ſagt Außerordentliches über ſie, was ihren Geiſt, ihre Liebenswürdigkeit und ihre Schönheit anbe⸗ langt,“ forſchte der neue Kammerherr. „Hm— ja, dieſe drei ſchönen Eigenſchaften,“ er⸗ wiederte der engliſche Geſandte,„ſtehen bei der Prinzeſſin Henriette in einem außerordentlich richtigen Einklange; uie ich von Ihrem Herrn Vater gehört,“ wandte er ſich an den Grafen Wieneck,„ſo hat man von drüben den Hofmarſchall geſchickt, um auch uegen der großen Feier⸗ lichkeiten leichter das Nöthige zu beſprechen.“ „Gewiß, wir werden große Feierlichkeiten haben— ah, da iſt der Herr Abgeſandte!“ 4 Es war ein älterer, würdig, aber etwas trocken aus⸗ ſehender Herr, der unter der Thür erſchien, von dem Kronprinzen ſelbſt bis zur Schwelle begleitet, wo ihn derſelbe nach einem freundlichen Händedruck entließ, um dann ſehr raſch wieder zu verſchwinden, nachdem der Hof⸗ marſchall und Abgeſandte mit einer förmlichen Verbeugung bei den Herren, die in der Fenſterniſche ſtanden, vorüber⸗ gegangen war. „Viel Grandezza für einen ſo kleinen Hof!“ flüſterte Graf Wieneck dem jungen Maler zu, während er raſch an ihm vorüberging, um dem Hofmarſchall zu folgen, — 145— welchem der Flügeladjutant Seiner Majeſtät als Beweiſe ganz beſonderer Aufmerkſamkeit zur Begleitung beige⸗ geben war. Gleich darauf erſuchte der Kammerdiener des Kron⸗ prinzen den Herrn Geſandten, eintreten zu wollen, und bat Herrn Weßner, ſich noch einen Augenblick zu ge⸗ dulden, Seine Königliche Hoheit haben ſchon ein paar Mal nach ihm gefragt. „Ich glaube, ich kann errathen, was der Kronprinz von Ihnen wünſcht, lieber Freund!“ „Ich wahrlich nicht, Baron Brenner!“ „Sie ſollen ſein Porträt malen, das iſt doch unter den gegenwärtigen Verhältniſſen ſehr leicht zu kombiniren.“ Arthur's Züge zeigten den Ausdruck keiner ſehr an⸗ genehmen Ueberraſchung, er dachte an das Bild auf ſeiner Staffelei, zu dem er ſich zurückzukehren ſehnte, das er mit leidenſchaftlicher Liebe, mit jeder Minute geizend, zu malen gedachte, und nun ſollte ihm ein allerdings ehrenvoller, aber in anderer Beziehung gerade nicht angenehmer Auf⸗ trag dazwiſchen kommen. Wie oft hatte er ſchon den Prinzen gezeichnet und gemalt, und recht Befriedigendes zu Stande gebracht, ohne der Aehnlichkeit zu ſehr zu nahe zu treten! Sir Frederic kehrte nach einer kleinen Viertelſtunde zurück, ging mit erhobenem Zeigefinger auf Arthur zu Hackländer, Geſchichten im Zickzack. III. 10 und ſagte ihm:„Ich habe da drinnen geſehen eine Kopie von Ihnen, nach einem Bilde von Paul de Laroche, uelches ich gekannt habe und hoch geſchätzt, und muß Ihnen ſagen, daß mir Ihre Kopie noch lieber uäre; uelche Innigkeit, uelche Lieblichkeit, uelche Seele und uelche Schönheit Sie in den Kopf dieſer jungen Dame gelegt haben, das kann ich Ihnen nicht mit Uorten ſagen. Uas meinen Sie dazu, Baron Brenner?“ Der Geſichtsausdruck in den Zügen des neuen Kammerherrn, ſowie deſſen Achſelzucken ſagten Arthur deutlich, daß dieſem das Bild unbekannt ſei, was ihn beruhigte, denn ex hatte ſchon gefürchtet, der Prinz ſei unvorſichtig genug geweſen, die ſchöne Märtyrerin in demſelben Salon aufzuſtellen, wo er den Abgeſandten ſeines künftigen Schwiegervaters empfangen, wo es aber Baron Brenner ebenfalls geſehen haben müßte, und um hierüber ganz in's Klare zu kommen, fragte er, wo Seine Excellenz das Bild geſehen. „Seine Königliche Hoheit gaben mir die Vertrau⸗„ lichkeit, mich in ſein Schlafzimmer zu führen, um mir dort Ihr uunderſchönes Bild zu zeigen. Ah, mein lieber Herr Ueßner, ich bin ſo entzückt davon, daß ich Sie bitten möchte, das angefangene Bild, von dem Sie mir vorhin ſagten, uie ſchon ein mir gehörendes Eigenthum betrachten zu dürfen— keine Uiderrede und keine falſche — 147— Scham! Gewähren Sie mir uenigſtens das Vorrecht und⸗ laſſen mich für Ihr neues Bild zehn Prozent mehr be⸗ zahlen, als Ihnen jeder Andere dafür geben uürde— o, abgemacht, ich uerde in den nächſten Tagen kommen, Sie zu beſuchen, nicht um das Bild zu ſehen, ſondern mit Ihnen Einiges zu plaudern über das andere Bild da drinnen.“ Bei den letzten Worten zeigte Sir Frederic Knobbers mit dem Daumen über ſeine Schulter, wobei er die Augenbrauen hoch emporzog und ein äußerſt pfiffiges Geſicht machte, das er nur änderte, um mit einem Blick auf Baron Brenner, da dieſer zufällig auf die Straße ſchaute, ſeinen Zeigefinger auf die Lippen zu legen und dann, nachdem er Arthur vertraulich die Hand geſchüttelt und dem neuen Kammerherrn freundlich zugenickt, davon zu gehen. „Herr Arthur Weßner!“ liſpelte der Kammerdiener, indem er die Hand auf den Thürdrücker legte, um dieſen raſch zu öffnen und hinter dem Eingetretenen wieder zu ſchließen. Der Kronprinz befand ſich nicht in ſeinem Schreib⸗ zimmer, und da der junge Maler hier eine Staffelei mit einem Bilde bemerkte, welche neben dem Fenſter ſo auf⸗ geſtellt war, daß das volle Tageslicht darauf fiel, ſo trat er neugierig näher, um es zu betrachten. Zuerſt und — 148— ganz gegen ſeine Abſicht wurden ſeine Augen angezogen von dem breiten, reich geſchnitzten und vergoldeten Oval⸗ rahmen, der ein Kunſtwerk zu nennen war, er ſtellte auf mattem Grunde einen Blumenkranz vor, deſſen Schleifen oben eine ſehr dominirende Herzogskrone trugen,— dann betrachtete er mit Kennerblicken das Porträt einer nicht mehr ganz jungen Dame, aber von einer Meiſterhand ge⸗ malt. Es war dieß ein eigenthümlicher Kopf mit regel⸗ mäßigen Zügen, von ſchönen Theilen, ohne aber auf ihn als Ganzes einen angenehmen Eindruck zu machen; eine breite, nicht ſehr hohe Stirn drückte, beſonders durch ſehr ſtarke, dunkle Augenbrauen, auf die etwas kleinen Augen, eine etwas gebogene Naſe trat ſcharf aus dem ſehr langen und ſchmalen Oval hervor, und die allerdings feinen Lippen waren zu ſtark geſchloſſen, und verſtärkten auf dieſe Art einen harten Zug von den Mundwinkeln ab⸗ wärts; es war einer jener Köpfe, die feſten Willen und Entſchloſſenheit verrathen, und die nur in lebhafter Unter⸗ haltung angenehm, vielleicht auch anziehend ſein können. „Nun, mein lieber Weßner,“ hörte er die Stimme des Kronprinzen hinter ſich ſagen,„ich finde Sie da wohl in Bewunderung verſunken?“ „Allerdings, Königliche Hoheit, bitt' aber recht fehr um Verzeihung, zur Betrachtung dieſes Bildes nicht Ihre Erlaubniß abgewartet zu haben.“ — 149— „Nun, wie finden Sie es?“ „Es iſt außerordentlich ſchön gemalt.“ „Und welch' prächtiger Rahmen!“ rief der junge Prinz mit einem eigenthümlichen Lachen.„Es iſt das Bild meiner Braut, der Prinzeſſin Henriette— doch laſſen wir es jetzt, ich habe demſelben heute Morgen ſchon die gebührende Anbetung im vollſten Maße zu Theil werden laſſen“— der Prinz ſagte das mit einer erregt klingenden Stimme und einem nervöſen Zucken ſeiner Schultern,—„ſehen Sie mich an, mit Stern und Band, ſo ſchön wie möglich, war ich ſchon ein paar Stunden lang der Hoheprieſter dieſes Altars, und leite die tiefe Verehrung der vor mir erſchienenen Gläubigen, und mußte ihre ſich gleich langweilig bleibenden Gratulationen für baare, klingende Münze halten. Doch jetzt genug des grauſamen Spiels, folgen Sie mir in mein kleines Ka⸗ binet! Doch da fällt mir ein, ich habe noch einen Auftrag für den Baron Brenner, bitten Sie ihn hereinzukommen, und dann können Sie ſich, bis ich mit ihm fertig bin, noch in den Anblick jenes Bildes verſenken, um mir ſpäter über daſſelbe etwas Wahres, Angenehmes, Tröſt⸗ liches zu ſagen.“ Der neue Kammerherr erſchien ſogleich und folgte einem Wink des Prinzen, der mit ihm in die zweite Fenſterniſche trat. In der erſten befand ſich Arthur, vor dem Bilde ſtehend, und ſo viel Mühe er ſich auch gab, die nebenan geführte Unterredung nicht zu hören, ſo ſprach der Prinz gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit in einer ſo lauten, ja aufgeregten Weiſe, daß der Maler jedes Wort verſtehen mußte. „Die Königin,“ ſagte er,„hat mir einen Auftrag an Sie gegeben, mein lieber Baron, der eben ſo zart angefaßt ſein will, als fein behandelt: es betrifft die Gräfin Ferrner, welche, wie Sie ja wiſſen, in Folge eines eigenthümlichen Zuſammentreffens mit dem Grafen Leo Wieneck, ſo dringend um ihre Entlaſſung gebeten hat, daß meine Mutter es ihr nicht verweigern konnte. Obgleich ich dieſe ruhige und ſtets verſchloſſene Ferrner wenig gekannt habe, ſo lag doch gerade in ihrem ge⸗ ſetzten Weſen und in ihrer großen Schönheit etwas, das mich für ſie einnahm, ich hatte ſchon daran gedacht, ſie mir vom Könige zur erſten Hofdame der Kronprinzeſſin zu erbitten; daran iſt nun vorderhand nicht zu denken, denn ſie beharrt ſo feſt auf ihrem Eigenſinn, daß ſie ſelbſt meinem Vater in wenig verblümter Weiſe einen Refus gab— doch wiſſen Sie das Alles bereits.“ „Gewiß, Königliche Hoheit, ich weiß darum.“ „Gut, gut, Sie ſind ſo, wie die Königin ſagt, ein ziemlich genauer Bekannter des alten Grafen Ferrner, — 151— und mit Leo Wieneck ſehr vertraut, weßhalb meine Mutter Sie erſuchen läßt, den Grafen Ferrner, wie Sie ja häufig zur Jagdzeit thun, auf ſeinem Schloſſe zu be⸗ ſuchen, um zu ſehen, wie dieſer alte, eigenſinnige Herr die Entlaſſung, oder vielmehr die freiwillige Entfernung ſeiner Tochter von unſerem Hofe, aufnimmt, ihn auch durchblicken zu laſſen, daß wir Alle dieſe Entfernung ſehr ungern ſehen, wobei Sie nicht zu verſchweigen brauchen, welche Abſichten ich ſelbſt zu meinem künftigen Haus⸗ halt auf die Gräfin hatte. Ich gebe Ihnen Urlaub, ſo lange Sie wollen, und bitte Sie, ſich auf meinem Sekre⸗ tariat die nöthigen Gelder auszahlen zu laſſen; reiſen Sie aber bald, denn die Königin iſt beſorgt, es könnte der alte Graf Ferrner, jener uns wohlbekannte, heftige Cha⸗ rakter, dem gewiß ganz unſchuldigen Grafen Wieneck un⸗ angenehme Geſchichten machen— auf Wiederſehen denn, ſo bald als möglich!“ „Und nun, lieber Weßner,“ ſagte der Prinz, zu dieſem tretend, nachdem ſich Baron Brenner entfernt hatte, „kommen Sie mit mir in mein Kabinet, das heißt, wenn Sie eine halbe Stunde für mich übrig haben!“ „Erinnern Sie ſich wohl,“ fuhr er fort, als ſie ſich in dem kleinen Zimmer befanden,„wann Sie das letzte Mal hier bei mir waren— an jenem Morgen, als Sie einen paſſenden Platz dort in meinem Schlafzimmer — 152— ſuchten für Ihr reizendes Bild;— drängt es Sie nicht, daſſelbe wieder einmal zu betrachten? Kommen Sie, machen Sie ſich das ſchmerzliche Vergnügen, wenn es Ihnen nicht zu hart iſt, dieſe ſchönen, reinen Züge zu ſehen, die ja auch Ihnen gelogen, und noch mehr als mir! Hat ſie es mir doch unumwunden erklärt, daß ſie nicht im Stande ſei, auch nur ein bischen Liebe für mich zu fühlen, wäh⸗ rend ſie Ihnen Liebe geheuchelt,— verzeihen Sie mir den harten Ausdruck,— um dann als eine echte Abenteurerin, würdig dieſes infamen Roſenthal, bei Nacht und Nebel zu verſchwinden!“ Dieſer harte Ausfall auf jenes noch gleich innig ge⸗ liebte unglückliche Weſen war dem jungen Maler, beſon⸗ ders in dieſem Augenblicke, wo er nun wieder vor dem Bilde ſtand und in ihre reinen, himmliſch ſchönen Züge ſah, ſo unerträglich, daß er leidenſchaftlicher als klug die Worte hinwarf:„Und trotz alledem habe ich keinen Grund, ſie für eine Unwürdige, eine Heuchlerin zu halten.“ „Schlimmer noch, wenn ſie ein Gefühl der Liebe für Sie hatte, und ſich auch dieſes Gefühl abkaufen ließ, — ich will ihr verzeihen, daß ſchlechtes Gold ſie bewog, mich zu fliehen, ſelbſt wenn ſie für mich gefühlt hätte, da ich ihr allerdings keine Poſition zu bieten vermochte; aber bei Ihnen war das ganz anders, Ihnen gegenüber war das ſchmachvoller Verrath.“ — 153— „Wenn aber Eure Königliche Hoheit in dieſer Sache nicht ganz genau unterrichtet wären?“ „Ich bin es, lieber Weßner, ich brauche vor Ihnen nicht zurückhaltend zu ſein, ich erfuhr die ganze ſchmach— volle Angelegenheit durch meine Mutter, ich kann Ihnen die Summe nennen, um welche ſie ſich bewegen ließ, mich zu fliehen und Ihre Liebe zu verrathen.“ „Wenn ich aber ganz zufälliger Weiſe der Ueber⸗ bringer einer ſehr gültigen Anweiſung auf jene Summe geweſen wäre, wenn ich—“ „Das iſt ja wohl nicht möglich,“ unterbrach ihn der Prinz mit einem mißtrauiſchen Blicke,„das war ja eine Geſchichte, die mit Roſenthal abgemacht wurde.“ „Allerdings, in welcher aber Roſenthal meine Hülfe in⸗ ſofern in Anſpruch nahm, als er mich kurz vor jenem Duell erſuchte, im Falle eines Unglücks, das ihn treffen könne, ein verſiegeltes Schreiben jener Dame zu überbringen.“ „Und Sie thaten das, Sie waren an jenem Abende bei ihr?“ fragte haſtig der Prinz. „Ich war bei ihr, und an den Tod Roſenthal's, wie alle Andern, glaubend, ſetzte ich ſie davon in Kenntniß und übergab ihr jenes verſiegelte Schreiben.“ „Welches enthielt——“ „Einen Brief Roſenthal's und eine ſehr gültige An⸗ weiſung auf eine ſehr große Summe.“ — ————— —— 154— „Sehen Sie wohl, Weßner, daß ich Recht habe?“ „Ja, Hoheit, ſie nahm dieſe Anweiſung, ſie las ſie durch, ſie ließ ſich von mir den großen Werth derſelben erklären, um alsdann dieſe Anweiſung—— in die Flamme ihres Kaminfeuers fallen zu laſſen, wo ich dieſe Anweiſung ſogleich zu Aſche verbrennen ſah.“ „Helf' uns Gott!“ rief der junge Prinz tief erſchüttert und ergriffen,„wenn dem ſo iſt, und ich zweifle nicht daran, ſo haben wir Beide ein Herz verloren, das wohl verdient hätte, unter dem koſtbarſten Hermelin zu ſchlagen — jetzt erſt iſt mir ihr Bild unſchätzbar, und ich werde daſſelbe morgen mit einer Krone verſehen laſſen, reicher als jene an dem Gemälde in meinem Vorzimmer.“ War der Schmerz des Kronprinzen in der That ſo groß, als er ſcheinen wollte, oder heuchelte er noch etwas hinzu, wer vermochte das zu entſcheiden? Wenigſtens ſpielte er alsdann außerordentlich natürlich, denn ſeine Augen waren feucht geworden, als er ſeinen Kopf von der Schulter des jungen Malers erhob, und er blickte mit ſchmerzlich bewegtem Ausdruck gen Himmel, als er, ihm beide Hände reichend, nach einem tiefen Seufzer ſagte: „Laſſen Sie mich jetzt allein, mein lieber Freund, ich muß ohne Zeugen nachdenken, träumen über Vergangenheit und Zukunft— o, wie Sie glücklich ſind, gegenüber mir!“ Sechzehntes Kapitel. In der fünfzehnten Wendung, düſtere Wolken am Himmel und Nebelſtreifen im Thal. Wenige Tage vor den eben erzählten Ereigniſſen, die vielleicht für den geneigten Leſer nur dadurch einiges Intereſſe haben, als die Mittheilung derſelben für unſere wahren Geſchichten durchaus nothwendig iſt, hatte eine junge Dame die Reſidenz mit dem Frühſchnellzuge ver⸗ laſſen, und zwar in der Richtung nach Belgien. Dieſe junge Dame war ſehr einfach gekleidet und würde gern in der dritten Klaſſe gefahren ſein, im Falle der Kurier⸗ zug eine ſolche mit ſich geführt hätte; doch hätte ſie ſich trotz ihrer ſehr einfachen Kleidung, ſo ohne alle Be⸗ gleitung, in einem Wagen dritter Klaſſe zwiſchen Land⸗ leuten, Arbeitern und ſonſtigen Reiſenden aus dem Mittel⸗ ſtande und darunter, mit ihrer eleganten Geſtalt und ihrem feinen, vornehmen Geſichte ſeltſam ausgenommen, 6 — 156— ſich wahrſcheinlich unbehaglich gefühlt und wäre den Anderen vielleicht verdächtig erſchienen. Hatte doch der Kondukteur, als ſie an den Zug trat, ein Coupé erſter Klaſſe geöffnet und ſie alsdann, nachdem ſie dieſen Irr⸗ thum aufgeklärt, zu einem Wagen zweiter Klaſſe geführt, in dem ſie ſich ſtundenlang ganz allein befand. Ach, und Erwünſchteres konnte der armen Ellen nichts be⸗ gegnen, wie wohl that ihr die Einſamkeit in dem kleinen, behaglichen Raum, den ſie ſich jetzt ſo leicht mit Bildern angenehmer, aber auch wieder ſehr trauriger Geſtalt bevölkern konnte! wie angenehm erfriſchte ſie der ſcharfe Luftzug, der ihr entgegenwehte und ihr blondes Haar fliegen machte! wie wohlthuend war für ſie das Sauſen, Brauſen und Klirren des Zuges, denn dieß ſtets ſich wiederholende Geräuſch übertönte einzelne Worte, die ſie zuweilen laut vor ſich hin ſprach, Ausrufungen eines tiefen Schmerzes, und wie glücklich war ſie alsdann, ihre Hände minutenlang vor das Geſicht preſſen zu können, ohne von Jemand geſehen zu werden! Nach und nach wurde ſie ruhiger, blickte ſtundenlang mit weit geöffneten Augen in die Landſchaft hinaus und ſchien ſogar Intereſſe zu nehmen an den vielerlei Ge⸗ . genſtänden, die ſcheinbar an ihr vorüberflogen, wobei es indeſſen wohl nicht das Intereſſe an all' dieſen Dingen war, auch wohl nicht von dem ſcharfen Luftzuge — 157— herrührte, daß ſich zuweilen ihre großen, dunklen Augen mit Thränen füllten. Doch kam auch dieß immer ſeltener vor, und ſpäter nahm ſie aus ihrer Reiſetaſche ein Buch und verſuchte zu leſen, legte es aber nach Kurzem mit einem tiefen Athemzuge wieder bei Seite, um aus den vielerlei Sachen, die ſich ſonſt noch in dem kleinen Täſchchen befanden, einen einfachen grauen Handſchuh hervorzuſuchen, den ſie einen Augenblick an ihre Lippen drückte und ſorgfältig wieder verbarg, um gleich darauf eine Brieftaſche zu öffnen, welcher ſie ein Schreiben entnahm, das ſie auf⸗ merkſam durchlas, und das ſie ſehr zu intereſſiren ſchien, obgleich dieſes Schreiben ein zwei Jahre altes Datum trug. Dieſes Schreiben war von Roſenthal in engliſcher Sprache geſchrieben, aber nicht an Ellen gerichtet, doch war von ihr in dieſem Schreiben die Rede, und las ſich wie ein geſchäftsmäßiger, aber dringend gehaltener Em⸗ pfehlungsbrief, worin der Schreiber deſſelben einer ſehr achtbaren alten Dame in London ein junges Mädchen empfahl, das eine Stelle als Geſellſchafterin oder Gouvernante ſuchte. Als Ellen dieſe Zeilen überflog, erinnerte ſie ſich unter einem traurigen Lächeln des Tages, wo ſie daſſelbe nach einer heftigen Szene, ähnlich der, wie wir ſie zu Anfang dieſer Geſchichten geſchildert, nach langem Kampfe — 158— von Roſenthal erlangt, und dann preßte ſie in tiefer Be⸗ wegung ihre Lippen aufeinander, ſich erinnernd, daß er am folgenden Tage jenes Schreiben durch die Bemerkung werthlos gemacht, daß jene Dame ihrem Sohne nach Indien gefolgt ſei, und Ellen ſich vergebliche Mühe machen würde, dieſelbe in London aufzuſuchen. Trotzdem aber hatte ſie das Schreiben ſorgfältig aufbewahrt, und jetzt erſchien es ihr als ein Nothanker, um das Schiff ihres Lebens nicht in's Ungewiſſe hinaus treiben zu laſſen. Sie wußte, daß Roſenthal in der ſogenannten beſten Geſell⸗ ſchaft verkehrt und dort ein gutes Andenken hinterlaſſen habe, hatte er doch noch bis zuletzt in einem genauen Ver⸗ kehr geſtanden mit Sir Frederic Knobbers, dem engliſchen Geſandten an dem Hofe der Reſidenz, welche ſie ſoeben verlaſſen. „Und wenn auch,“ dachte Ellen, nach und nach viel ruhiger geworden,„jene Dame nicht mehr in London exiſtirt, ſo wird doch dieſes Schreiben im Stande ſein, mir ein anderes anſtändiges Haus zu öffnen. Ach, und mit welcher Seligkeit will ich arbeiten und mich abmühen, um mir eine ehrenvolle, unabhängige und vielleicht auch glückliche Exiſtenz zu verſchaffen!“ Dabei dachte ſie auch an ihn, an Roſenthal, an die jetzt erkaltete Hand, welche dieſe Zeilen geſchrieben, und wenn er nun vor ihrer lebhaften Phantaſie erſchien, wenn — 150— ſie ihn ſchaudernd ſah, mit geſchloſſenen Augen, bleich und blutbefleckt, ſo konnte ſie ſich eines wehmüthigen Ge⸗ dankens an ihn nicht erwehren, ſo empfand ſie in einem milden, traurigen Gefühle, welches ihr Herz bewegte, daß ein raſcher Tod viel von dem Unrecht geſühnt, das er auch an ihr begangen. Wie von einer ſchweren Laſt befreit, faſt mit einem glücklichen Gefühle aber mußte ſie ſeines Todes gedenken, da nur auf dieſe Art und voll⸗ ſtändig die Feſſel geſprengt werden konnte, welche ſie in unerträglichen Verhältniſſen hielt, und welche ſie ver⸗ hindert, und auch ferner wohl verhindert hätte, ein ein⸗ faches, vielleicht ärmliches Leben zu führen; aber ein Leben ohne Schmach und Schande. Daß ihr auch dabei das Bild Arthur's vorſchwebte, wer möchte daran zweifeln und nicht eben ſo gut über⸗ zeugt ſein, daß ſie bei dieſen Gedanken ſchmerzlich be⸗ wegt ihr Geſicht in beide Hände verbarg, und es dort ruhen ließ, bis ihr gequältes Herz in einem kurzen Auf⸗ ſchluchzen Erleichterung fühlte? Das waren alsdann traurige Bilder, die während ſolch' langen Dahinbrütens vor ihrer Seele erſchienen, und deren ſie ſich nur dadurch zu entledigen vermochte, daß ſie halblaut ausrief:„Und doch hatt' ich Recht— gewiß, ich hatte Recht, und wenn er auch nur durch ein Zucken der Augenwimper ſeine Ueberraſchung verrathen hätte, daß ich ihn erwartet— — 160— ſo erwartet, ſo mußte mir das genug ſein, ſeine Ueber⸗ raſchung zu verſtehen; und wenn er ruhig überlegt, muß er mir heißen Dank wiſſen, ihn ſo vielleicht vor ſpäteren ſchmerzlicheren Ueberraſchungen bewahrt zu haben— und ich mußte ihn bewahren, ich mußte eben ſo gut ſein Leben in jeder Beziehung rein erhalten, wie mich ſelbſt frei von ſpäteren bitteren Vorwürfen— denn ich liebe ihn— ach, ich liebe ihn—— ich liebe Dich, Arthur, mein Arthur!“ Daß er nicht gering von ihr dachte, davon war ſie überzeugt, hatte ſie doch das freudige, glückſelige Auf⸗ leuchten ſeiner Blicke bemerkt, als ſie jenes koſtbare Pa⸗ pier in die Glut des Kaminfeuers fallen ließ, als zwei Sekunden genügten, um ein ganzes, großes Vermögen zu verzehren, wie er geſagt. Und was dieß Vermögen anbelangt, ſo hatte ſie ein heimliches Grauen davor em⸗ pfunden, und hätte es nimmermehr genommen von der Hand, die es ihr geboten; da aber jene erkaltete Hand es in die ihrige gelegt hatte, ſo war ihr hiemit das Recht verliehen worden, darüber nach ihrem Gutdünken zu ver⸗ fügen. Ja, wenn Roſenthal in jenem Duell nicht gefallen wäre, wenn es ihr der Lebende hätte übergeben laſſen, ſo wäre es eine neue, fürchterliche Feſſel für ſie gewor⸗ den, und verlaſſen, wie Ellen war, faſt arm und mit geringen, trügeriſchen Hoffnungen für die Zukunft, fühlte — 161— ſie es doch ſo recht, das unausſprechliche Glück, frei und unabhängig zu ſein. Unterdeſſen jagte die Lokomotive mit den angehängten Wagen auf dem eiſernen Wege dahin, in ihrem tollen Laufe Alles überbietend, an Schnelligkeit das edelſte Pferd, auch die vom Sturm gejagten Wolken, an Ausdauer ſelbſt den Vogel in der Luft, wobei ſich das feuerſprühende Ungeheuer ſo recht ſeiner Kraft bewußt war, und hohnlachend ziſchte und übermüthig pfiff, wenn es durch tiefe Tunnels dahinraste, oder hoch über ſchwindelnde Brückenſtege, um gleich darauf, ohne merklich raſcher zu athmen, über eine unabſehbare Hochebene dahinzuſtreichen, in ſchnurgerader Linie, weit hinter ſich drein ſchwingend die dunkelgraue Rauchfahne, mit dem ſtolzen Bewußtſein, Tauſende von Zentnern ſpielend, im raſenden Laufe mit ſich davon zu reißen. Wie dröhnte die Maſchine und ſchnaubte und brauste im Gefühle ihrer Kraft, ein Gefühl, welches ſich jedem einzelnen Wagen, jedem einzelnen der Eiſenräder mitgetheilt zu haben ſchien, denn dieſe jubelten über die Schnelligkeit, mit welcher ſie herumgetrieben wurden, klingend und klirrend, rollend und raſſelnd hatten ſie eine Weiſe angenommen, die ſie fort⸗ während ertönen ließen, ſehr verſtändlich für ein Ohr, das für dergleichen Dinge empfänglich iſt: „Weit dahinten, weit dahinten laſſen Alles wir zurück, Weit dahinten, weit dahinten laſſen Alles wir zurück.“ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. III. 11 — 162— Aber es befand ſich etwas neben dem eiſernen Wege, das dieſe Weiſe ebenfalls hörte und gewiß ver⸗ ächtlich lächelte, wenn es ſie verſtand; dieß waren ein⸗ fache Stangen mit zierlichen Porzellanhüten, welche durch Kupferdrähte verbunden waren, jene Stangen, die wir auf einer Eiſenbahnfahrt ſcheinbar ſo eilfertig vorüber⸗ huſchen ſehen, beſcheiden zurücktretend und groß in ihrer Beſcheidenheit, da ſie einen metallenen Reif faſt um die ganze Erde ziehen, und das kaum gedachte Wort mit der Schnelligkeit des Blitzes Tauſende von Meilen im Zeitraum von einer Sekunde durchfliegen laſſen— arme, gedemüthigte. Lokomotive, das Verhältniß zwiſchen den Leiſtungen jener Drähte und der deinigen iſt wohl gerade ſo, wie die Bemühungen jener Schnecke, die dort von Schwelle zu Schwelle kriecht! Dabei hat das Wirken dieſer Metalldrähte etwas Unheimliches für uns, wir empfinden wohl die Wirkung, ohne eine Ur⸗ ſache zu ſehen, geheimnißvoll ſchießt das unſichtbare Fluidum vielleicht gerade jetzt an uns vorüber, um, tauſend Meilen durchmeſſend, uns geſpenſterhaft mit einer ſchlimmen Botſchaft entgegenzutreten. Wie manche Blicke hüpfen hoffend und fürchtend von Stange zu Stange, und ſehen im Geiſte, wie irgend eine freundliche oder feindliche Macht die kleine Maſchine regiert, die, ſo unſcheinbar wie ſie iſt, ihren Blitzſtrahl kräftiger, — — 163— wenigſtens wirkſamer zu entſenden verſteht, als der alte Donnerer Zeus. Ellen blickte ebenfalls auf die Telegraphenſtangen, wenn ſie hie und da zum Fenſter hinausſchaute, doch that ſie das gleichgültig, ohne Intereſſe; für ſie war das nicht ein gewaltiger Zauberring, der die Gedanken der fernſt auseinander wohnenden Menſchen verbindet, für ſie waren es eben nur Stangen und Draht, und wenn ſie irgend ein Intereſſe an den erſteren nahm, ſo geſchah das nur, um ihre ſchweren Gedanken zu zerſtreuen, in⸗ dem ſie dem Vorüberhuſchen der weißen Linien zuſchaute. Für ſie gab es ja Niemand auf der weiten Welt, der im Stande geweſen wäre, ihr einen Brief in Blitzſtrahlen nachzuſenden; Arthur würde das wohl gethan haben, wenn er nur eine Idee gehabt hätte von der Richtung, welche Ellen eingeſchlagen haben könnte, und was Roſen⸗ thal anbelangte, ſo war ſeine kalte Hand nicht mehr im Stande, die Zauberformel aufzuſchreiben, die ſie nicht nur erreicht, ſondern auch feſtgehalten haben würde, Roſenthal würde ſich nicht in der Richtung getäuſcht haben, nach welcher Ellen geflohen, Roſenthal würde, ſobald er dieſe Flucht erfahren, mit großer Sicherheit jenen Blitzſtrahl benützt haben, von dem wir vorhin ſprachen, ſein erſter Gedanke würde Ellen geweſen ſein; dießmal weniger aus Zuneigung, als aus Eigennutz, er 1 — 164— würde noch in der Nacht nach jenem Duell— wir ſetzen nämlich den Fall, daß er in demſelben nicht zum Tode getroffen worden wäre— einen Kammerdiener nach der Stadt geſchickt haben, um Ellen aufzuſuchen und ſie von dem Ausgange jenes Zweikampfes in Kenntniß zu ſetzen, er würde umſichtig, wie er in allen Dingen war, den möglichen Fall ihrer plötzlichen Abreiſe vorausgeſehen haben, und hätte ihr zwei Telegramme nachgeſandt, das eine für den Bahnhof in Oſtende, das andere für den von Boulogne, vielleicht ein drittes noch für den be⸗ treffenden Bahnhof in London, er würde in den Tele⸗ grammen geſagt haben:„ich lebe noch, bin aber ſchwer verwundet und bedarf Deiner Hülfe,“ und wäre alsdann ſicher geweſen, Ellen vielleicht ſchon am folgenden Tage an ſeinem Lager zu ſehen, zu ſeiner Pflege und Unter⸗ ſtützung bereit, und durch die Anweiſung, welche er in ihre Hände hatte legen laſſen, reich genug, um ihn mit allem dem Comfort zu umgeben, für den er ſo ſehr em⸗ pfänglich war. So ging der Tag vorüber, wie es alle Tage mit gehöriger Abwechslung zu machen pflegen, bald unter⸗ haltend und ſcheinbar kürzer, bald ſcheinbar endlos und ſehr ermüdend, wie zum Beiſpiel bei einer langen Eiſen⸗ bahnfahrt. Auch Ellen fühlte ſich ermattet und ange⸗ griffen, als der Zug ſpät am Nachmittage durch die belgiſche Ebene, allerdings in unverminderter Schnellig⸗ keit, dem Meere zujagte, das man endlich hie und da in einer tiefblauen Linie aufleuchten ſah, und deſſen Anblick auch ihr Stärkung und neue Kräfte gab; da drüben, ja ſchon auf den blauen Wogen ſelbſt, lag für ſie die Frei⸗ heit, der Beginn eines neuen und gewiß glücklicheren Lebens. Endlich war auch die letzte Station überwunden, der Bahnzug hielt und die Paſſagiere verließen die Wagen, doch nicht ohne vorher einem Telegraphenbeamten Gehör gegeben zu haben, der ſich eilfertig von einem Coupé des nicht ſehr großen Zuges zum andern drängte, wäh⸗ rend er laut die Adreſſe eines Telegramms ausrief, das er in der Hand hielt, und wofür ihm bis jetzt ein mehr oder minder verdrießliches Kopfſchütteln als Erwiederung zu Theil geworden war. „Miß Ellen Warren!“ Hatte ſie ſich getäuſcht, oder hatte man wirklich draußen ihren Namen gerufen? Unmöglich; wem ſollte ſie hier bekannt ſein, wer ſollte gekommen ſein, ſie hier aufzuſuchen?— und doch, es war ihr Name, den ſie jetzt deutlich hörte, es war für ſie, das Telegramm, welches der Beamte fragend in den Wagen hineinhielt. Wenn man wenig Telegramme erhält, ſo kann man ſich beim Empfang ſtets eines gewiſſen unbehaglichen — 166— Gefühles nicht erwehren; die Nachricht, die es enthält, muß eine wichtige für uns ſein, und eine wichtige Nach⸗ richt iſt häufig eine unangenehme Nachricht. In dem Telegramm, das Ellen nicht ohne große Bewegung in Empfang nahm, ſtanden die Worte:„Ich bin in einem Duell ſchwer getroffen worden und bedarf dringend Deiner Hülfe und Unterſtützung, Du findeſt mich in Moorfeld, unweit der Eiſenbahnſtation Perlen⸗ bach, in dem Hauſe, wo ich vorigen Sommer war. Roſenthal.“ Es gibt Schläge, die uns ſo gewaltig treffen, daß ſie unſere Sinne, unſern Körper, unſer Denken und Fühlen in eine Art von Erſtarrung verſetzen, die uns vollkommen gleichgültig erſcheinen läßt, unſer Auge trocken, unſere Miene ruhig, ja unſere Lippen vielleicht gekräuſelt unter einem leichten Lächeln. So erging es der unglück⸗ lichen Ellen, und ſie beugte ſich nicht unter der furcht⸗ baren Wucht der erhaltenen Nachricht, ſie dankte dem Be⸗ amten, ſie ging feſten Schrittes, um ihren kleinen Koffer einzulöſen, und nahm alsdann einen Wagen, um einen Gaſthof aufzuſuchen, der ihr von früher bekannt war. Erſt als ſie dort in ihrem Zimmer allein war, die De⸗ peſche geleſen und wieder geleſen, und ſich nun bewußt wurde, daß das unerbittliche Schickſal ſie auf's Neue mit eiſerner, zermalmender Fauſt gepackt und feſthielt, — 167— da durchſchauerte es ſie wie Fieberfroſt, da ſank ſie auf einen Stuhl, und da verbrachte ſie eine entſetzlich qual⸗ volle Stunde, ehe ſie unter erleichternden Thränen den Entſchluß faßte, der hier für ſie der einzig richtige und mögliche war, den Entſchluß, augenblicklich zurückzukehren. Stark wie Ellen war, wenn es galt, einen einmal gefaßten Beſchluß, den ſie für nützlich und nothwendig hielt, auszuführen, fühlte oder ſchien ſie nicht mehr zu fühlen die Folgen der ermüdenden Fahrt, und ein paar Stunden ſpäter konnte man ſie wieder auf dem Perron des Bahnhofes in Oſtende ſehen, wo ſie geduldig, ergeben, ja faſt theilnahmlos zu warten ſchien auf den Abgang des Nachtzuges, mit welchem ſie die heute erſt durchflogene Strecke wieder zurücklegen wollte. Hätte es eine ſchnellere Gelegenheit gegeben, Ellen würde ſie benutzt haben, nicht durch das Gefühl der Liebe, der Dankbarkeit, ja nur einer regeren Theilnahme zu Roſenthal getrieben, ſondern in dem Bewußtſein, daß er elend, verzweiflungsvoll zu Grunde gehen werde, wenn ſie nicht in kürzeſter Zeit an ſein Lager trete, um ihn zu beruhigen, nicht durch ihr eigenes Erſcheinen— o nein, ſondern um ihm, ſolange er vielleicht noch an der erhaltenen Wunde zwiſchen Tod und Leben ſchwebte, durch eine noch zu erſinnende Fabel die Beruhigung zu gewähren, daß die ihr anvertraute große Summe irgendwo ſicher für ihn niedergelegt ſei. — 168— Allerdings wenn ſie daran dachte, ſo ſchien ſie ihre Faſſung völlig zu verlieren, dann drückte ſie die Hände krampfhaft zuſammen, dann ſtöhnte ſie leiſe, aber ſchmerz⸗ lich, und dann war ſie wohl halb und halb im Begriff geweſen, den Bahnhof zu verlaſſen, um das rettende Schiff nach England zu gewinnen. Was ſie an baarem Gelde beſaß, wurde ſo ziemlich durch die Rückreiſe verſchlungen; doch hatte ſie noch einige Dinge, wenn auch nicht von allzu großem Werthe, die ſie verrkaufen konnte, um wenigſtens nicht mit leeren Händen an ſeinem Lager zu erſcheinen. Ob er auch dringend auf Hülfei in dieſer Richtung hoffte, ſie wußte es nicht genau; aber ſie erinnerte ſich an Aeußerungen, welche Roſenthal in letzterer Zeit gethan, die ſie vermuthen ließen, daß er vergeblich auf bedeutende Geldſendungen irgendwoher ge⸗ wartet;— ob er auch darin, wie in ſo manchen andern Dingen, ihr und wohl auch ſich ſelbſt etwas Trügeriſches vorgeſpiegelt, Gott allein konnte es wiſſen,— war es ihr doch nie möglich geweſen, den Irrgängen dieſes ſeltſamen Charakters zu folgen, und hatte er es doch ſtets ver⸗ ſtanden, ſie durch Unwiſſenheit in gewiſſer Beziehung von ſich abhängig zu erhalten. Doch war es jetzt nicht dieß Gefühl der Abhängigkeit, welches Ellen zu Roſen⸗ thal zurückführte, ſondern es war einzig und allein die wohl gerechtfertigte Scheu eines durch und durch edlen — 169— Weſens: in ſeiner Erinnerung fortzuleben als mit einer niedrigen Handlung belaſtet— er ſelber wäre vielleicht, ſelbſt unter andern Verhältniſſen, im Beſitz jenes Geldes nicht zu ihr zurückgekehrt, ſondern hätte ſie rückſichtslos ihrem Schickſale überlaſſen. Dann ſaß ſie wieder in der Ecke des Eiſenbahn⸗ wagens, und nicht einmal die ſtille Nacht nahm ſich mit⸗ leidig ihrer an, kein ſüßer Schlaf milderte ihre Seelen⸗ qual, und wenn auch zuweilen die Ermüdung ihres Kör⸗ pers ſie in einen leichten Schlummer verſenkte, ſo fuhr ſie doch gleich darauf wieder erſchreckt in die Höhe, und ſchaute um ſich her mit den Gefühlen, die man wohl hat, wenn man mit wankenden Schritten auf gefährlichem Pfade neben einem tiefen Abgrund wandelt;— endlich, endlich kam der Tag mit ſeinen wechſelnden Bildern und verſchiedenartigen Eindrücken, welche ihr die Stunden bis zum vorläufigen Ziel ihrer Reiſe etwas raſcher ver⸗ ſchwinden ließen. Ellen war während ihres Aufenthaltes in der Reſidenz mit zu wenig Bewohnern derſelben in Berührung gekommen, als daß ſie, dicht verſchleiert, wie ſie nach Ankunft des Zuges durch die Straßen wandelte, hätte fürchten müſſen, von Jemand erkannt zu werden; nur allein bei dem Gedanken zitterte ſie, ihm zu begeg⸗ nen, ihm, deſſen ſcharfes Auge wohl nicht getäuſcht wor⸗ den wäre durch die etwas gebeugte Haltung, die ſie an⸗ — 170— genommen, ſowie durch ihre geringe, unſcheinbare Klei⸗ dung. Sie begab ſich in das Gewölbe eines Juweliers, von dem ſie wußte, daß er ſich mit dem Einkauf von Steinen und Koſtbarkeiten befaßte, und wurde dort von dem Eigenthümer des Ladens, einem älteren Herrn, aller⸗ dings etwas flüchtig angehört und gebeten, ſich auf einem Stuhle niederzulaſſen, um einen Augenblick zu warten, bis er in ſeinem Bureau ein begonnenes Geſchäft, für welches er in beiden Händen große Etuis trug, beendigt habe. Es dauerte auch nicht lange, ſo kehrte er in Be⸗ gleitung eines ziemlich großen und mageren Mannes zu⸗ rück, um dieſen unter tiefen Verbeugungen und behag⸗ lichem Händereiben bis an die Thüre des Ladens zu be⸗ gleiten; doch ſchien dieſer ſeine Abſicht, das Gewölbe zu verlaſſen, geändert zu haben, man hätte glauben können, beim Anblicke der jungen Dame, welche ihren Schleier zurückgeſchlagen hatte, ein Gedanke, der übrigens Ellen durchaus nicht in den Sinn kam, denn ſie erinnerte ſich nicht, dieſen großen und mageren Herrn je geſehen zu haben, auch war es nur ein ſehr flüchtiger Blick, den er der jungen Dame gegönnt, um ſich alsdann an den Ladentiſch zu lehnen und den Juwelier zu erſuchen, ſein Geſchäft mit jener Dame zu betreiben, da er noch warten wolle, um ſpäter noch etwas, das er vergeſſen, mit ihm — 171— zu beſprechen. Er ſagte das mit einer fremdklingenden Ausſprache und mit einer etwas eigenthümlichen Satz⸗ bildung. Ellen zögerte in ſichtbarer Verlegenheit, und erſt als der Juwelier, der mit dieſer Art von Kunden und Ge⸗ ſchäften wohl vertraut ſchien, ſich zu ihr in die fernſte Ecke des Ladens begeben, wohin ſie gegangen war, an⸗ ſcheinend, um die dort ausgelegten Schmuckſachen zu be⸗ trachten, theilte ſie ihm flüſternd ihren Wunſch mit und zeigte ihm die Gegenſtände, welche ſie verkaufen wollte; dieſe waren nun, wie ſchon früher bemerkt, von keinem großen Werthe, was ihr der Geſchäftsmann mit einem leichten Achſelzucken ſagte, worauf der lange, magere Herr, der dieſer Verhandlung aufmerkſam gefolgt zu ſein ſchien, ihn im reinſten und vortrefflichſten Engliſch zu ſich rief, um ihm alsdann leiſe zu ſagen:„Zahlen Sie der Dame den zehnfachen Werth der Gegenſtände, welche ſie Ihnen ſoeben angeboten, ich nehme die Sachen für mich!“ „Wenn Excellenz befehlen, mit großem Vergnügen.“ Dann nickte der Andere kurz mit dem Kopf und verließ das Gewölbe. Obgleich Ellen jene Worte, welche in ihrem Intereſſe gewechſelt worden waren, nicht verſtanden hatte, ſo ahnte ſie doch etwas davon, und es berührte ſie unangenehm öää⁰3“ — 172— ſchmerzlich, als nun der Juwelier die ihm angebotenen Gegenſtände nach ſcheinbar genauerer Prüfung als von weit bedeutenderem Werth erklärte und eine Summe da⸗ für bot, welche der Beſitzerin als unverhältnißmäßig groß erſcheinen mußte, von welcher der Geſchäftsmann aber, als mit ſeinem Gewiſſen unverträglich, nicht herunter⸗ gehen zu können erklärte. Ellen ſchwankte einen Augenblick und fühlte ſich faſt verſucht, die Gegenſtände wieder an ſich zu nehmen; doch ſchien das der Juwelier gar nicht für möglich zu halten, und zählte ohne Weiteres den gebotenen Preis in Gold⸗ ſtücken vor ſie hin. Hätte Ellen gewußt, daß der lange, magere Herr, nachdem er fortgegangen, ſie von der Straße aufmerkſam betrachtete und dann in den Winkel einer benachbarten Thüre trat, um ſie den Laden verlaſſen zu ſehen, viel⸗ leicht um ihr zu folgen, ſo würde ſie wahrſcheinlich die ihr gebotene Summe nicht angenommen haben, und nur das Bewußtſein, daß ſie ja nicht in ihrem eigenen In⸗ tereſſe handelte, vermochte einigermaßen das unange⸗ nehme Gefühl zu lindern, mit welchem ſie die kleine Goldrolle annahm, um hierauf mit flüchtigem Danke davon⸗ zueilen. Der lange Herr hatte ſie indeſſen feſt im Auge be⸗ halten und folgte ihr mit ſichtlichem Intereſſe durch die — 173— Straßen der Stadt, ohne indeſſen ſeinen Zweck, noch einmal ihr ihm vielleicht bekannt erſchienenes Geſicht zu ſehen, erreichen zu können; denn als ſie vor ihm um eine Straßenecke verſchwunden war, und er nun dieſe mit eiligen Schritten erreicht hatte, ſah er die Dame nicht mehr, wohl aber einen Fiaker, der im vollen Laufe der Pferde davonfuhr. „O— o— o— o— o!“ ſagte der lange Herr plötzlich ſtehen bleibend,„ſollte ſie doch bemerkt haben, daß ich ihr gefolgt bin? und wenn dem ſo iſt, was ver⸗ mochte ſie wohl, ſo vor mir zu fliehen, da ich mir doch gewiß nicht das Anſehen gegeben habe, als wollte ich ſie in irgendwelcher Weiſe beläſtigen?— aber ſie war es, darauf möchte ich ſchwören, ja ſie war es gewiß, denn ſolch' ein ſchönes, edles und liebliches Geſicht gibt es wohl kein zweites auf der Welt— wundervolle Züge, von einer Reinheit, die unmöglich lügen können, was auch Seine Königliche Hoheit der Kronprinz aus irgend⸗ welchem Grunde mir Anderes darüber zu ſagen beliebten, und dieſer Grund iſt am Ende nicht ſo ſchwer zu ver⸗ ſtehen, wenn wirklich etwas vorhanden wäre, das ihm vielleicht das Recht einer ſo eiferſüchtigen Beſchuldigung verlieh. Doch wollen wir uns noch erlauben, an dieſem Rechte zu zweifeln, und ob ein ſolches Recht beſteht, darüber könnte uns Freund Weßner am beſten aufklären; — 174— verſuchen wir unſer Glück, ob wir Eintritt bei ihm er⸗ halten.“ Damit wandte ſich der große, magere Herr um, nachdem er dem davoneilenden Wagen ſo lange nachge⸗ ſehen, bis dieſer an einer Biegung der Straße verſchwun⸗ den war, worauf er dann in der entgegengeſetzten Rich⸗ tung davonging. Dieſer Herr hatte ganz das Anſehen eines vornehmen Mannes, war in vorgerückten Jahren, ſah aber ſehr gut erhalten aus; ſeine Kleidung war ele⸗ gant, von außerordentlich guten und feinen Stoffen, da⸗ bei ſehr modiſch gemacht; doch bemerkte man, daß vom Zuſchnitt des letzten Jahres ſo viel abgewichen worden war, um der größtmöglichen Bequemlichkeit volle Rechnung zu tragen. Er ging durch verſchiedene Straßen und trat dann in ein etwas alt ausſehendes Haus, wo er drei Treppen hinaufſtieg, um an einer Thür, trotzdem man auf einem Zettel an derſelben las, daß der Bewohner nicht zu Hauſe ſei, dreimal, und jedesmal mit einem Doppelſchlage, zu klopfen. Eine eigenthümliche Art, ſich anzumelden, die wahrſcheinlich auf einer getroffenen Uebereinkunft beruhte und denn auch nicht ohne Erfolg war, da ſich nach ein paar Minuten die Thür ein wenig öffnete, und Arthur Weßner, die Palette und den Malerſtock in der Hand, vorſichtig zwiſchen der Spalte hervorſchaute. — 175— „Ah, Sie ſind es, Excellenz?“ fragte er, ohne die Thür weiter zu öffnen. „O ja, da bin ich es ſelber, und möchte Sie nur fragen, mein uerther Freund, ob Sie ſich vielleicht gerade mit einem Modell beſchäftigen, denn in dieſem Falle ueiß ich uohl, daß ich uieder zurückkehren müßte, uas mir aber jetzt uirklich ſehr unangenehm uürde ſein.“ „Ein Modell iſt gerade nicht bei mir, Sir Frederic, aber—“ „O— o, ein ſehr böſes Uort das Aber, und uürde ich es gerade heut als eine große Freundlichkeit betrachten, uenn Sie dieſes Aber nicht ausgeſprochen hätten, oder uenn Sie es nicht mehr ausſprechen uürden, ich möchte nur eine kleine Viertelſtunde mit Ihnen plaudern, niſſen Sie, über das Bild bei dem Kronprinzen, uorüber ich Ihnen neulich ſchon geſprochen hatte, und uerde gewiß nicht ſo indiskret ſein, Ihre neue Arbeit betrachten zu uollen, uenn Sie das nicht ganz beſonders von mir ver⸗ langen uürden.“ „Sei es denn um eine Viertelſtunde, Sir Frederic,“ erwiederte der junge Maler lächelnd,„auch noch etwas mehr, wenn Sie mir erlauben, ruhig fortzuarbeiten.“ „Uas mir von ſehr großem Genuß ſein uird, uenn ich darf dann ſehen, uas Sie arbeiten, uoran ich großes Intereſſe und ſehr viel Hoffnung habe.“ — 176— „Leider kann ich Ihnen noch nicht viel zeigen,“ gab Arthur zur Antwort, nachdem er die Thür ſorgfältig wieder verſchloſſen und nun dem ehemaligen Geſandten von England an die Staffelei folgte, wo dieſer mit einem lauten Ausruf freudiger Ueberraſchung das angefangene und in der Geſtalt der Ophelia ſchon ziemlich weit vor⸗ gerückte Bild betrachtete. „Ah,“ rief Sir Frederic Knobbers,„das iſt ſie— in der That, das iſt ſie, uie ähnlich, uie uunderbar ähn⸗ lich, uie ſchön, uie uunderbar ſchön!“ „Wen meinen Excellenz?“ fragte der Maler mit einem etwas unbehaglichen Gefühl, worauf der Andere ſchon im Begriffe war, ſeines zufälligen Zuſammentreffens mit jener jungen Dame im Laden des Juweliers zu er⸗ wähnen; doch hielt er es für beſſer, von demſelben erſt ſpäter zu ſprechen, und erwiederte deßhalb:„Uen könnte ich meinen, mein lieber Herr Ueßner, als jene Dame auf dem Bilde des Kronprinzen, die auf mich einen ſo großen, ja uirklich unauslöſchlichen Eindruck ge⸗ macht?“ „A— ah ſo, ich erinnere mich,— allerdings beſteht zwiſchen Beiden eine Aehnlichkeit; aber ſo flüchtig und unausgeſprochen, wie das bei einem Gebilde der Phan⸗ taſie auch nur ſein kann.“ „Bei einem Gebilde Ihrer Phantaſie?“ fragte Sir — 177— Frederic, wobei ein kaum bemerkliches Lächeln ſeine eigene Zufriedenheit darüber anzudeuten ſchien, daß er ſoeben des Zuſammentreffens mit jener jungen Dame nicht er⸗ wähnt,—„alſo uirklich nur ein Bild Ihrer Phantaſie?“ ſetzte er nach einer kleinen Pauſe hinzu, während welcher das Lächeln auf ſeinen Zügen nicht nur deutlicher ge⸗ worden war, ſondern auch einen recht pfiffigen Ausdruck angenommen hatte, mit welchem er nun ſein Geſicht voll dem jungen Maler zuwandte, und mit aufgehobenem Zeigefinger hinzuſetzte: „Uollen uir ſein uahr gegen einander, uenn Sie nichts darüber einzuuenden haben, oder uollen Sie mir uenigſtens erklären, uarum Seine Königliche Hoheit der Kronprinz ganz anders über Ihr Bild geſprochen hat, und beſtimmt eines Originals eruähnt, nach uelchem es gemalt ſei.“ „Wenn der Prinz das gethan hat,“ antwortete Ar⸗ thur mit einer unmuthigen Bewegung,„woran ich übri⸗ gens durchaus nicht zweifle, ſo darf ich mir natürlicher Weiſe nur erlauben, zu ſagen, der Prinz muß das beſſer wiſſen als ich.“ „O, laſſen uir nicht ſo miteinander reden, mein lieber Herr Ueßner, Sie kennen mich nicht von geſtern, auch uas Diskretion und Verſchuiegenheit anbelangt, und ich dagegen kenne den Prinzen genau genug, um zu Hackländer, Geſchichten im Zickzack. III. 12 — 178— uiſſen, daß er mit voller Ueberzeugung, ja mit Geuiß⸗ heit und Uiſſenſchaft von dem Original jenes Bildes ſprach; ja, hätte er ſich über etuas dabei vantirt, ſo uürde mir vielleicht ein Zueifel gekommen ſein.“ „Ah, das hätte in der That auch noch gefehlt!“ rief Arthur, ſich vergeſſend, mit Heftigkeit aus. „Im Gegentheil, er ſprach mit einer Bitterkeit von dem Original jenes Bildes, die mich ſtaunen machte, ja die mich— uarunm ſollt' ich es nicht geſtehen, tief ver⸗ letzte, denn uas er ſprach, ſagte er mir, uährend ich die wundervollen, reinen, ja heiligen Züge Ihrer Märtyrerin betrachtete, und uährend ich bei mir dachte, da muß Einer bittere Erfahrungen gemacht haben, um ſo etuas zu ſagen, uas ſich uie eine ſehr böſe Verleumdung an⸗ hörte.“ Der Maler warf den Kopf heftig in die Höh', als wolle er dadurch ausdrücken, wie einverſtanden er mit den Worten Sir Frederic's ſei; er hatte dabei den Pinſel ergriffen und brachte einige feſte, breite Striche mit ſehr großer Lebhaftigkeit auf die Leinwand, dann ſich auf ſeine Arbeit niederbeugend, fragte er in ſcheinbar gleich⸗ gültigem Tone:„Was ſprachen denn Seine Hoheit von dem angeblichen Original des Bildes?“ „Uahrlich nichts Gutes, er war nervös aufgeregt, und ich fand ihn in einer gereizten Stimmung!“ — 179— „Unter Anderem, was ſagte er?“ „Nun, er ſei da noch zur rechten Zeit einer gefähr⸗ lichen Klippe entgangen— es handle ſich um eine etuas mehr als zueideutige Perſon—“ „O, o,“ rief Arthur,„das iſt ſtark, dieſe Großen der Erde nehmen es recht leicht mit ihren Beſchuldi⸗ gungen.“ „Von denen ich übrigens nicht viel glaub', mein lieber Herr Ueßner, nachdem ich die Dame geſehen,“ antwortete Sir Frederic, verbeſſerte aber das, was ihm entſchlüpft war, ſogleich wieder durch den Zuſatz:„nach⸗ dem ich das Bild Ihrer Märtyrerin geſehen, und nach⸗ dem ich bei der Aehnlichkeit deſſelben mit dem edlen Kopfe hier auf der Leinuand auf das Original zu ſchließen ver⸗ mag.“ „Sie halten alſo feſt an einem Original?“ fragte der Maler mit einem trüben Lächeln. „Ob ich daran feſthielt, uenn ich das Glück hätte, es zu kennen!— ah, glauben Sie mir, junger Mann, uenn man in zmeinen Jahren einen ähnlichen Eindruck em⸗ pfängt, ſo iſt er dauernder, unveruiſchbarer als in den Ihren.“. „Wer weiß, Excellenz!“ „O ja, uer ueiß, und da ich einmal dieſen Eindruck ſehr empfangen habe, ſo thun Sie mir uohl die Liebe, — 180— Herr Ueßner, und ſagen mir nicht, ob das Original dieſes Bildes exiſtirt, denn davon bin ich vollkommen überzeugt, ſondern uelches Recht der Prinz uohl hatte, als er den Charakter jener Dame vor mir in ein zuei⸗ deutiges, ſehr gehäſſiges Licht ſtellte.“ „In dem Falle wird er wohl Thatſachen angegeben haben?“ „” nein, obgleich er ſeinen Uorten nach hätte ſehr ſchuere Thatſachen hervorbringen müſſen, um dieſe Uorte zu bekräftigen—— und doch von Thatſachen nannte er eine, daß dieſe Dame nämlich mit Roſenthal in einem ſehr intimen Verhältniß geſtanden, ja daß ſ bei ihm, oder er bei ihr geuohnt hätte.“ Arthur biß die Zähne zuſammen, um ein ſchlimmes Wort, das ſeinen Lippen entſchlüpfen wollte, zu unterdrücken. „Das iſt doch eine Thatſache,“ fuhr Sir Frederic mit einem ſo großen und ſichtbaren Intereſſe in ſeinen Zügen fort, daß man ſich wundern mußte, dieſelben in ſolche Bewegung gerathen zu ſehen,—„das iſt doch eine Thatſache,“ fuhr er dringender fort,„auf die man nur mit einem beſtimmten Ja und Nein antuorten kann, und Sie würden mich zum größten Dank verpflichten, uenn Sie vermöchten, mir auf dieſe Thatſache zu antuorten— ——— ich kannte zu genau Roſenthal,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, als er ſah, wie ſich der Maler, den — 181— Kopf in die Hand gelehnt, unbeweglich und ohne zu ſprechen gegen ſeine Staffelei ſtützte—„es uar das, ganz gelinde geſagt, mindeſtens ein räthſelhafter Charakter, der es auch nicht genau nahm mit dem Ordnen verlorener Uetten, uie ich Gelegenheit hatte zu erfahren— uenn alſo jene Dame, von der ich niederholen muß, daß ich von ihrer Exiſtenz überzeugt bin, mit Roſenthal in einem intimen Verhältniſſe ſtand, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß das ſchon im Stande uäre, mich recht traurig zu machen.“ Arthur hörte wohl die in recht dringenden, ja in warmem, theilnahmvollem Tone ausgeſprochenen Worte, aber ſtatt darauf zu antworten, beſchäftigte ſich ſeine Seele fragend mit dieſen Worten, und er bemühte ſich umſonſt, zu ergründen, woher wohl die Theilnahme rühre, welche Sir Frederic ſo offenbar und ſo herzlich zeigte— ah, ſie war ja eine Engländerin, wußte er das vielleicht in ſeiner Eigenſchaft als Geſandter Englands?— kannte er etwas von ihrem früheren Leben, oder von ihrem wirk⸗ lichen Verhältniß zu Roſenthal?—— nein, alsdann hätte er ja nicht nothwendig gehabt, ſo dringend ſeine Fragen zu ſtellen, und dieſe Fragen zu wiederholen, wie er jetzt in einem kälteren, faſt verletzten Tone that, worauf Sir Frederic hinzuſetzte, indem er nach ſeinem Hute langte, der ſeitwärts auf dem Tiſche ſtand:„Uenn ich mit mei⸗ nen Forſchungen indiskret geueſen bin, oder uenn Sie — 182— mir von jener Dame durchaus nichts Gutes zu ſagen vermögen, ſo bitte ich Sie um Verzeihung und uill Sie nicht länger ſtören!“ Das war es ja nicht, was Arthur's Zunge gefeſſelt hielt, o, er hätte ja ſo gern vor aller Welt den Hand⸗ ſchuh hingeworfen, um die edle, ja um die reine Ge⸗ ſinnung der Inniggeliebten zu vertheidigen; aber wie der glückliche Schatzgräber fürchtete er ſich, von dem koſtbaren Gute zu reden, das er in einer glücklichen Stunde leuchten und glänzen geſehen; wenn auch der Schatz, wie durch Zauberſpruch, ſeinem Auge wieder entſchwunden war, ſo zitterte er doch, einem Anderen, vielleicht Glücklicheren, das Vorhandenſein deſſelben zu verrathen— wogegen es ihm anderntheils wieder unerträglich ſchien, hier ſchweigen zu müſſen, wo man ſie, die er anbetete, auf ſo gehäſſige Weiſe angriff und verleumdete. „Eine Thatſache feſtzuſtellen,“ meinte Sir Frederic in ruhigem Tone, während er mit der Hand über die ſchwarze, glänzende Fläche ſeines Hutes ſtrich,„uäre in dieſem Falle uohl am alleruenigſten eine Indiskretion zu nennen, beſonders uenn ich Ihnen, uie ich hiermit thue, feierlichſt mein Ehrenuort gebe, daß das Intereſſe, uelches ich an jener Dame nehme, nur das höchſt ehrenwertheſte und anſtändigſte iſt. Uir haben da eine hohe Perſon, die mit etwas verächtlicher Miene von einem Verhältniß jener — 183— Dame mit Roſenthal ſprach— Sie, mein lieber Freund, kennen dieſe Dame, denn Sie haben ihr Porträt gemalt, und ich müßte ſehr blind ſein, um nicht zu ſehen, daß Sie einiges Intereſſe an ihr nehmen, glaube auch überzeugt zu ſein, daß Sie etuas von ihren Verhältniſſen kennen, uarum uird es Ihnen alsdann ſo ſchuer, mir zu ſagen die Uahrheit, oder nur zu beantuorten meine Frage?“ „Welche Frage denn, Sir Frederic?“ „Ob Sie uiſſen, daß jene Dame mit Roſenthal in einem intimen Verhältniß geſtanden?“ „———— Ja, das weiß ich!“ „Ob er bei ihr aus und ein ging, uie man nur zu den Vertrauteſten geht, in ihrer Uohnung verkehrte, uie man nur im eigenen Hauſe zu verkehren pflegt, uenn ich mich wohl nicht ganz richtig ausdrücke, ſo uerden Sie mich doch verſtehen?“ „Gewiß,— und ich vermag auch nicht zu leugnen, daß man die Wahrheit geſagt.“ „———— Und eine ſehr traurige Uahrheit— — ah, bei Gott, eine recht traurige Uahrheit!“ ſagte der Andere in einem ſehr leiſen, ſehr milden und ſehr ſchmerzlichen Tone. „Und warum das, Sir Frederic?“ rief der junge Maler mit aufleuchtenden Blicken und in einem heraus⸗ fordernden, beinahe trotzigen Tone, wobei ſich ſeine — 184— Stimme zu einem faſt freudigen Ausdruck erhob, denn er glaubte das Wort gefunden zu haben, um das An⸗ denken der Geliebten vor vielleicht unberufenen Fragen rein und glänzend darzuſtellen;„warum ſollte jene Dame nicht zu Roſenthal in einem intimen Verhältniß geſtanden, warum ſollte ſie nicht mit ihm verkehrt haben, wie man nur im eigenen Hauſe miteinander verkehrt,— die Schwe⸗ ſter mit dem Bruder?“ „A— a— a— ah,“ rief Sir Frederie mit freu⸗ digem Tone,„uas Sie mir da ſagen, mein lieber Herr Ueßner, macht mich in der That recht glücklich, und nun darf ich Ihnen uohl uiederholen, uas ich ſchon neulich die Ehre hatte Ihnen zu ſagen, daß ich Sie nämlich dringend bitten muß, dieß Bild auf Ihrer Staffelei unter jeder Bedingung für mich zu vollenden.“ Siebenzehntes Kapitel. In der ſechzehnten Wendung, Bergeshöhe und ein gaſtliches Dach. Am Ende eines kleinen Dorfes, und zwar wo auf einer ſanftanſteigenden Straße die letzten Häuſer ſtanden, lag ein ziemlich großer Garten, welcher in der guten Jahreszeit voll hübſcher, ſchattiger Partieen war, deſſen geſchlungene Wege häufig auf Plätze führten, wo man einen Ausblick in die weite Landſchaft hatte, oder einen Einblick in ſich ſelbſt, in Lauben und unter ſchattigen Gängen, oder Wege, welche die Umherwandelnden auch in einen an⸗ dern Theil des großen Gartens brachten, wo das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden war, und wo man gut ge⸗ pflegte Gartenbeete eingefaßt ſah, mit niedrig gezogenen Guirlanden, an welchen feines Tafelobſt wuchs, und die umſtanden waren mit den ſchönſten Zwergbäumen, an denen zur Herbſtzeit Aepfel und Birnen der feinſten Sor⸗ ten prangten. ſ ſſſſ — 186— Jetzt, unter der weißen Schneedecke, welche ſich über die ganze weite Landſchaft einförmig ausbreitete, ſah man von dieſen Annehmlichkeiten begreiflicher Weiſe ſo gut wie gar nichts, und ſelbſt die Laub⸗ und Obſtbäume zeigten ſtatt ihrer ſommerlich angenehmen Geſtalt nur die ſchwärzlich⸗grauen Aeſte, ließen aber dafür von jedem Punkte des Gartens aus den Blick in die Ferne ſchweifen, und gewährten ſo den Anblick eines weiten, hügeligen Terrains, aus welchem man hie und da einen Kirch⸗ thurm mit ringsumher liegenden niedrigen Häuſern her⸗ vorragen ſah, was dem Beſchauer die Ueberzeugung gab, daß dieſe Gegend, ſelbſt im Gewande einer an⸗ deren Jahreszeit, wohl freundlich und lieblich, aber durch⸗ aus nicht von großer maleriſcher Schönheit ſein konnte. Nur gegen Norden erhob ſich das Terrain zu einem anſehnlichen Höhenzuge, der mit einem unabſehbaren dichten Walde gekrönt war, und der, wo er ziemlich ſchroff in's Thal abfiel, auf einer natürlichen Bergter⸗ raſſe die weitläufigen Gebäude eines alten Schloſſes zeigte, mit gezackten Giebeln unregelmäßig durcheinander gebaut, und einem hohen, über Alles hinwegragenden Thurme. Das Schloß hätte eine jener maleriſchen Ruinen ſein können, eine verblichene Erinnerung aus alter Zeit, ſo trotzig und doch wieder ſo einſam und verlaſſen lag — 187— es an dem Bergabhange; daß es aber bewohnt war, und wahrſcheinlich behaglich bewohnt, ſah man an dem Rauche, der aus verſchiedenen Schornſteinen emporſtieg, ſowie an einer Fahne auf dem Thurme, die indeſſen von Wind und Wetter gebleicht und zerzaust keine Farben mehr zeigte, ſondern grau erſchien, wie die ſchweren Wolken, die ein heftiger Weſtwind über das Schloß dahinjagte. Die freundlichſte Partie des Gartens, von dem wir vorhin ſprachen wohl verſtanden: für die jetzige Jahreszeit, war eine Gruppe von Nadelhölzern, ungefähr in der Mitte des ganzen Terrains gelegen, und deren Nadeln, nicht nur weil ſie unter dem Schnee ein freund⸗ liches Grün zeigten, ſondern weil ſie ein kleines Haus umgaben, und im Verein mit dieſem dem ganzen Gar⸗ ten das Gefühl des Bewohntſeins verliehen. Dieß Haus, von röthlichem Backſtein erbaut, war zierlich in ſeinen Formen und hatte die Geſtalt jener engliſchen Cottages, die mit ihren ſpitzen Giebeln, ihren hohen, breiten Fen⸗ ſtern, ſowie ihren ſtellenweis mit dichtem grünen Epheu bewachſenen Wänden einen ſo angenehmen, behaglichen Eindruck machen; dazu kam hier noch, daß der breite Weg vom Eingang des Gartens bis an jenes Haus ſauber vom Schnee gereinigt ſchien, und daß vor der Thüre des letzteren, welches mit einem weitvorſpringenden Schutzdach verſehen war, ein geſatteltes Pferd ſtand, von einem ——— —⸗⸗—ℳ—— — 188— Diener gehalten und leicht umkreist von einem großen und ſchönen Neufundländerhunde, der auf ſeinen und des Pferdes Herrn ungeduldig zu warten ſchien, um ihn bei einem Ausritt zu begleiten. Hinter der Eingangsthür befand ſich ein Gang, der das Haus in zwei Hälften theilte, und hinten bei einer bequemen Treppe endigte, die in den erſten und einzigen Stock des Hauſes führte. Es war ſehr ſtill in dieſem Hauſe, und die angenehme Wärme, welche den Eintre⸗ tenden gleich unter der Thüre empfing, machte zugleich mit dieſer Stille einen ſehr guten Eindruck, der ſich bis zur Behaglichkeit ſteigerte, wenn man in ein großes Parterrezimmer zur rechten Hand trat, das mit dunklen Holztäfelungen und Tapeten von paſſender Farbe ein ſanft gedämpftes Licht zeigte, da die grünen Vorhänge des einzigen, aber ſehr breiten Fenſters herabgelaſſen waren. Ja, dieſe Behaglichkeit wurde durchaus nicht geſtört durch das leiſe Sauſen, wenn der Weſtwind um die ſtarken Mauern des Hauſes fegte, weil man ſich gerade durch dieſe ſo ſicher geſchützt vor jedem Wetter wußte, und weil das Haus ſo vortrefflich gebaut war, daß der ſcharfe Wind es nicht einmal vermochte, das ruhig lodernde Kaminfeuer auch nur im Geringſten zu erregen, oder ſtärker aufflackern zu machen. Im Hintergrunde dieſes Zimmers war der behag⸗ — 189— lichſte Platz, eine Art von ſehr geräumigem Alkoven, in dem ſich ein breites Bett befand, welchem, oder viel⸗ mehr Dem, der darauf ruhte, unſer Beſuch im Dorfe, im Garten, im Hauſe gilt. Wir brauchen uns in keine Schilderung dieſes offen⸗ bar leidenden Mannes einzulaſſen, denn er iſt einer unſerer genauen Bekannten aus dieſen Geſchichten im Zickzack, Herr von Roſenthal nämlich, den wir dort auf dem breiten Bette ruhen ſehen, noch bleicher, als er früher wohl zu ſein pflegte, und in Folge davon mit noch ſchwärzer erſcheinendem Haupt⸗ und Barthaare, doch war beides ſorgfältig wie immer geordnet, und der Kranke bemühte ſich von Zeit zu Zeit, mit der feinen weißen Hand ſeine Favorits tief herabzuziehen auf ein wollenes Gewand, eine Art Blouſe, von ſcharlachrother Farbe, die er gewiß nur gewählt hatte, um durch den Wider⸗ ſchein dieſes Roths ſeine Geſichtszüge ein wenig belebend zu machen, wahrſcheinlich um weniger leidend zu erſchei⸗ nen. Ueberhaupt machte er zuweilen eine lebhafte Be⸗ wegung, als ſtände es durchaus in ſeinem Belieben, auf dem Bette zu bleiben oder daſſelbe zu verlaſſen; ſo eben jetzt, als er zu einem Herrn ſagte, der, mit dem Rücken gegen das Kaminfeuer, vor dieſem ſtand und ſein Ge⸗ ſicht gegen den Alkoven gewandt hatte:„Ich begreife in der That nicht, warum ich nicht geſtern ſchon Antwort — 190— erhalten auf ein Telegramm, von dem ich überzeugt bin, daß es augenblicklich beantwortet wurde. Ambroſi iſt ſchon vor zwei Stunden nach Perlenbach gefahren, und könnte längſt wieder hier ſein.“ „O,“ ſagte Der am Kaminfeuer in einem ruhigen, faſt gleichgültigen Tone, indem er mit einer Reitpeitſche, die er in der Hand trug, ſanft an ſeine hohen Stiefel klopfte,„es gibt auch Beiſpiele, daß man Telegramme nicht augenblicklich beantworten kann, und ich wiederhole Ihnen nochmals, daß ich in meiner Eigenſchaft als Arzt Ihnen dringend anrathen muß, ſich durch zu erwartende Telegramme oder dergleichen, von denen es ja im Grunde gleichgültig iſt, ob ſie heute oder in einigen Tagen an⸗ kommen, nicht unnöthig aufregen zu laſſen.“ „Das iſt aber durchaus nicht gleichgültig,“ erwiederte der Andere ungeduldig,„da von dieſem Telegramm meine ganze Zukunft abhängt!“ „Möglich, aber was nützt der Gedanke an eine Zu⸗ kunft, wenn wir kaum die Gegenwart ſicher haben!“ „Ah, Sie ſcherzen, Doktor!“ rief der Kranke, indem er ſich zu einem Lächeln zwang;„eine leichte Schramme, wie ich das Vergnügen gehabt ſchon mehrere zu em⸗ pfangen.“ „Eine leichte Schramme?— bei Gott, Herr von Roſenthal, ich weiß nicht, was Sie unter Schramme ver⸗ — 191— ſtehen; aber wenn eine Kugel ſo nah' bei unſerem Her⸗ zen einſchlägt, daß ſie durch den Anprall allein einen Starrkrampf herbeiführt, der uns während einer vollen halben Stunde als die ſchönſte Leiche erſcheinen läßt, und wenn dann dieſe Kugel glücklicher Weiſe auf einer ſehr ſtarken Rippe abgleitet, nicht ohne vier Zoll Haut, Fleiſch und Muskelbänder zu zerreißen, ſo klingt es doch ſehr komiſch, das eine Schramme zu nennen.“ „Und befinde ich mich dabei nicht gerade ſo wohl, als wenn mir nur die Haut geritzt worden wäre, aller⸗ dings zum großen Theil Dank Ihrem vortrefflichen Ver⸗ bande, etwas aber auch Dank meiner guten Konſtitution, nicht zu vergeſſen der Hülfe meines alten, treuen Freundes, des Mondes, der ſo freundlich war, in dem kritiſchſten Augenblicke ſein mildes Licht über mich aus⸗ zugießen?“ „Ja, ja,“ ſagte der Arzt brummend,„wäre aber die Kugel um einen halben Zoll mehr nach Rechts einge⸗ geſchlagen, ſo hätten wir ſehen wollen, von welchem Nutzen Ihnen Ihr guter, alter Freund geweſen wäre.“ „Zugeſtanden, warum aber ſollte ich nicht glauben, daß auch darin das Licht des Mondes günſtig für mich gewirkt— ah, mein lieber Doktor, als ich die große, gelbe Mondſcheibe aufſteigen und mich ſo freundlich an⸗ blinzeln ſah, da wußte ich ganz genau, daß die Sache — 192— nicht ſchlimm ablaufen würde; ich erzählte Ihnen im vorigen Sommer ſchon einmal, wie ich auf der Gems⸗ jagd achtzig Fuß hoch rückwärts über einen Felsgrat ſtürzte, und darauf ſo vollſtändig todt war, wie ein Menſch nur ſein kann.“ „Gewiß, Sie haben mir das ſchon einmal erzählt,“ ſagte der Arzt faſt ungeduldig. „Wie ſie mich auf ein paar Holzſtämmen wegtrugen, das Geſicht mit meinem Schnupftuche bedeckt, welches der Wind glücklich herabwehte, in dem Augenblicke, als der Mond über ſchwarze Tannen emporſtieg, und ich alsdann mit einem tiefen Athemzuge die Augen anfſluß und wieder zum Leben erwachte.“ „Nachdem Sie bereits todt waren,“ meinte der Arzt lächelnd, wobei er an das Bett getreten war und den Puls des Kranken befühlte. „Habe ich Fieber, Doktor?“ „Zu meinem Erſtaunen nur ſehr mäßig; aber das kann Alles noch ſchlimmer kommen, wenn Sie ſich nicht die größte Mühe geben, ſich ſelbſt zu beruhigen.“ „O, wäre ich der Gedanken los! heißt es, glaube ich, in irgend einem Trauerſpiele,“ ſagte der Kranke ſeufzend,„und wenn Sie dafür eine Medizin hätten, lieber Doktor, ſo könnten Sie bald ein reicher Mann ſein!“ 3 — 193— „Dafür gibt es allerdings keinen Trank, aber Ver⸗ nunftgründe, die beſſer ſind; denken Sie nicht mehr an Telegramme oder dergleichen Dinge, horchen Sie auf das angenehme Sauſen des Windes und laſſen ſich Märchen von demſelben erzählen, oder bilden ſich ſelbſt welche, indem Sie in die ſpielenden Flammen des Kaminfeuers blicken.“ „Gewiß, das that ich auch vorhin, und die Flamme hat mir geſagt, daß ich heute noch Beſuch erhalte— darf ich Beſuche annehmen?—— wiſſen Sie, lieber Doktor,“ fuhr Roſenthal fort, als Jener lächelnd mit den Achſeln zuckte,„ich erwarte Beſuche, und Beſuche, die ich nicht abweiſen kann; ſeien Sie überzeugt, daß Seine Maje⸗ ſtät der König ſpäteſtens morgen Jemand herausſchickt, um ſich nach meinem Befinden zu erkundigen.“ „Ja in dem Falle,“ meinte der Doktor herzlich lachend, „kann ich Ihnen allerdings nicht verbieten, ſolch' wichtigen Beſuch zu empfangen,— jetzt muß ich aber meiner Wege ziehen, und empfehle Ihnen nochmals an, Ihre unge⸗ ſtümen Gedanken zu verabſchieden.“ „Wohin reiten Sie, Doktor?“ „Zu allerlei Kranken, von denen mich Manche drin⸗ gend erwarten,“ gab der Arzt zur Antwort, indem er ſich zum Gehen wandte. „Welch' unterhaltendes Leben, Doktor! wenn ich nicht Hackländer, Geſchichten im Zickzack. III. 13 194 Roſenthal wäre, möchte ich an Ihrer Stelle ſein, und ſobald ich wieder geſund bin, werde ich Sie auf Ihren Ausflügen begleiten; Sie ſtellen mich alsdann Ihren Kranken als einen fremden Arzt vor, der in Indien und daherum der höchſten Wiſſenſchaft manch' Schönes ab⸗ gelauſcht, und das iſt in der That die Wahrheit, wie ich Ihnen noch zu beweiſen hoffe.“ „Ja, ja, wir wollen ſchon ſehen,“ gab der Arzt, ſchon unter der Thür, lachend zur Antwort, und dann ging er zum Hauſe hinaus, ſchwang ſich draußen auf ſein Pferd und ritt davon. Zuerſt hatte er in verſchiedenen Häuſern des Dorfes zu thun, und wenn er vor den betreffenden Thüren ab⸗ ſtieg, ſo war es hübſch anzuſehen, wie er alsdann die Zügel dem großen Neufundländerhund anvertraute, der ſie mit den Zähnen faßte und ſich alsdann vor das Pferd auf den Boden niederſtreckte, worauf beide geduldig warteten, bis ihr Herr zurückkehrte, um ſeinen Weg wie⸗ der fortzuſetzen, wobei er jetzt die Gaſſen des Dorfes verließ und in einem ſtarken Trabe auf einem ziemlich gutgebahnten Wege in die ſchneebedeckte Landſchaft hinaus⸗ ritt. Doch hatte er hier noch keine weite Strecke zurück⸗ gelegt, als er einen Wagen bemerkte, der beſpannt mit zwei geringen Pferden wohl deßhalb recht langſam die Anhöhe hinanfuhr, welche er eben im Begriff war hinab⸗ zureiten. War es nun eine leicht begreifliche Neugierde, da hier eine zweiſpännige Equipage nicht gerade zu den alltäglichen Erſcheinungen gehörte, oder dachte der Doktor an die Worte Roſenthal's, daß dieſer einen Beſuch er⸗ warte, oder, was das Wahrſcheinlichſte war, erkannte er die Perſon, welche auf dem Bocke neben dem Kutſcher ſaß; genug, er hielt ſein Pferd an und wartete auf der Höhe des Weges, um gleich darauf mit der Hand ein Zeichen des Erkennens zu machen, worauf der Mann neben dem Kutſcher ſeinen Hut abnahm und nicht nur ehrerbietig grüßte, ſondern auch Miene machte, von ſeinem Sitz herabzuſteigen. „Sitzen bleiben, Ambroſius!“ rief ihm der Doktor, raſch einige Schritte näher reitend, zu,„Sie werden ſehn⸗ lichſt erwartet, Sie und das Telegramm, welches Sie vielleicht mitbringen.“ „Ich bringe wohl Beſſeres, Herr Doktor,“ entgegnete der Kammerdiener des Herrn von Roſenthal, wobei er jetzt von dem Bocke raſch herabſprang und halb zu dem Arzte gewendet, der nun dicht bei dem Wagen hielt, theils in dieſen hinein die Worte ſprach:„Mein gnädiges Fräu⸗ lein, dieß iſt Herr Doktor Flinder, bei welchem ſich Herr von Roſenthal befindet.“ Der Arzt beugte ſich etwas auf den Sattel des Pferdes hinab, um hierauf ſeinen Hut zu einem ſehr ehr⸗ — 196— furchtsvollen Gruße abzunehmen, denn er bemerkte eine Dame, die, ihn mit ſtummer Verbeugung grüßend, wohl den Anſchein hatte, als ſei ſie es gewohnt, daß man ſie achtungsvoll begrüße; ja, Doktor Flinder war offenbar erſtaunt über das eben ſo edle, als ſchöne Geſicht der Fremden, und wandte ſich mit einem fragenden Blick an den Kammerdiener, ihn ſo auffordernd, die bis jetzt ein⸗ ſeitige Vorſtellung zu vollenden. Fand es der Kammerdiener hierzu für nöthig, im Einverſtändniß mit der Dame zu handeln, oder wartete er darauf, ſie ſelbſt würde ihren Namen nennen, genug, er zögerte ein paar Sekunden und ſagte dann erſt mit leiſer Stimme:„Es iſt die Schweſter meines kranken Herrn, welche gekommen iſt, um Herrn von Roſenthal zu pflegen, wenn Sie, Herr Doktor, nichts dagegen einzu⸗ wenden haben.“ Die Dame beſtätigte dieſe Worte durch eine leichte Neigung ihres ſchönen Hauptes, wobei ſie mit einer weichen, angenehm klingenden Stimme ſagte:„Erlauben Sie mir zu gleicher Zeit, Herr Doktor, Ihnen ſowohl für die freundliche Aufnahme zu danken, die Sie— dem Kranken zu Theil werden ließen, ſowie auch für Ihre vortreffliche Behandlung, von der mir Ambroſius nicht genug erzäh⸗ len konnte.“ „Beides meine Schuldigkeit, Fräulein von Roſenthal, — 197— die Sache ſah ſich im erſten Augenblicke ſchlimmer an, als ſie ſich glücklicher Weiſe hierauf herausſtellte, und wenn zu meiner Viſſenſchaft eine ſo vortreffliche Pflege kommt, wie ich ſie von Ihnen wohl erwarten kann, ſo können wir, denke ich, auf ein raſches und glückliches Re⸗ ſultat hoffen.“ „Das— beruhigt mich ungemein, und bitte ich nur noch um die Freundlichkeit, Herr Doktor, mir ein Gaſt⸗ haus bezeichnen zu wollen, wo ich abſteigen kann, um mich dann ſogleich zu Ihrem Kranken zu begeben.“ „Mit Gaſthäuſern und dergleichen ſind wir leider ſehr ſchlecht verſehen,“ antwortete lächelnd der Arzt,„und ich würde Ihnen rathen, ein Zimmer in meinem Hauſe anzunehmen, das ich Ihnen um ſo mehr anzubieten ver⸗ mag, da, wie Ambroſius weiß, Platz genug vorhanden iſt; fahren Sie deßhalb getroſt in's Dorf, nur wäre es mir allerdings lieb, wenn Sie nicht eher bei Herrn von Roſenthal eintreten wollten, bis ihn Ambroſius auf Ihre Ankunft vorbereitet hat, denn bei der Aufregung, in welcher er ſich leider befindet, könnte ihm auch eine freudige Ueberraſchung ſchaden. Leider kann ich Sie nicht ſelbſt begleiten, da ich zu einem Beſuche genöthigt bin, der immerhin ein paar Stunden Zeit in Anſpruch nehmen wird; doch kehr' ich zurück, ſobald ich kann.“ Dann, die junge Dame nochmals ehrfurchtsvoll — 198— grüßend und dem Kammerdiener die Worte zurufend: „Recht vorſichtig ſein, Ambroſius!“ lenkte er ſein Pferd etwas auf die Seite, um den Wagen vorüber zu laſſen, blieb aber hierauf noch ein paar Minuten am Wege haltend, um dem langſam davonrollenden Gefährte nach⸗ zublicken. „Eine Familienähnlichkeit zwiſchen den Beiden habe ich allerdings nicht entdecken können,“ murmelte er als⸗ dann kopfſchüttelnd,„es ſei denn, daß die junge, ſehr ſchöne und ſehr vornehm ausſehende Dame faſt eben ſo bleich ausſieht, als mein Kranker;— nun, der Fall kommt nicht ſelten vor, daß Bruder und Schweſter einander ſehr unähnlich ſind, und jedenfalls bin ich Menſchenkenner genug, um zu behaupten, daß wir in Letzterer eine höchſt angenehme Steigerung der Roſenthal'ſchen Familie kennen lernen werden.“ Dann wandte er ſein Pferd wieder in die Land⸗ ſchaft hinaus und trabte raſch von dannen; anfänglich noch eine ziemliche Strecke auf der gebahnten Straße, von der wir vorhin ſprachen, und hierauf rechts abbie⸗ gend dem alten Schloſſe zu, welches wir am Abhange des Berges liegen ſahen, und das in der Richtung, welche der Arzt ritt, ſtets wieder auftauchte, ſo oft es auch hinter einem der vielen Hügel verſchwand, über welche der Weg auf und ab führte. — 199— Es war dieß ein recht ſtattliches Gebäude, wohl altersgrau und ehrwürdig, aber durchaus nicht alters⸗ ſchwach erſcheinend; von dem hohen Alter beſonders des hoch emporragenden Thurmes zeugte die viereckige Bauart deſſelben, ſowie die mächtigen Quadern, aus welchen er aufgeführt war. Aus derſelben Zeit ſchienen auch die feſten Mauern des großen Hauptgebäudes herzurühren, doch hatten ſpätere Generationen die gezackten Giebel auf⸗ geſetzt, hie und da zierliche Erker angebaut, und auch die gewiß früher ſehr kleinen Fenſter ſtattlich und wohnlich in die Länge und Breite ausgedehnt. Je näher man kam, um ſo deutlicher bemerkte man, daß hier eine Hand waltete, die es verſtand, Alles nicht nur im vortrefflichſten Zuſtande zu erhalten, ſondern die auch nicht verſchmähte, das alte Schloß durch die Erfin⸗ dungen und Hülfsmittel der neueren Zeit zu verſchönern und das Leben in demſelben ſo angenehm und behaglich als nur möglich zu machen. So bemerkte man, wenn man ſich auf der letzten Anhöhe vor dem Schloſſe be⸗ fand, daß daſſelbe von einem prachtvollen Parke rings umgeben war, und erſtaunte hier über die Waſſermenge, welche, künſtlich hergeleitet, nicht nur dort in einer male⸗ riſchen Schlucht als ſchäumender Fall herniederſtürzte, ſondern auch vor dem Hauptportal des Schloſſes auf einer weiten Terraſſe einen mächtigen Waſſ erſtrahl in die Höhe trieb. — 200— Auf der Morgenſeite, von welcher her ſich unſer Reiter näherte, erblickte man nun eine Menge von Ge⸗ wächs⸗ und Treibhäuſern etagenförmig übereinander, die oben mit einem großen Wintergarten endigten, der mit irgend welchen Räumlichkeiten des Schloſſes in Verbin⸗ dung ſtand. Doktor Flinder ritt langſam an der Seite der letzten Hügelreihe, welche durch eine tiefe Schlucht von dem Schloßparke getrennt war, hinab, und erreichte dann eine mächtige Zugbrücke, die zu einem hohen, gewölbten Thor⸗ wege führte, über welchem weit und trotzig vorſpringend ein aufrecht ſtehender, in Stein gehauener Löwe zu ſehen war, der auf dem Kopfe die neunzackige Grafenkrone trug, und zwiſchen den vordern Pranken ein Wappen⸗ ſchild hielt, auf welchem man nichts weiter erblickte, als drei weitvortretende Kugeln in's Dreieck geſtellt, und darunter das Wort: Mordo. Links von dieſer Zugbrücke befand ſich die mächtige Terraſſe mit dem hohen Springbrunnen, weit und drohend in die Ebene, die von dem Schloſſe beherrſcht wurde, vortretend,— drohend, weil ſie wie ein Feſtungswerk mit mächtigen Thürmen flankirt war, auf denen ſich ſchwere, alterthümliche Geſchütze befanden; doch war dieſer kriegeriſche Anblick hier zur Sommerzeit vollkommen ab⸗ geſchwächt durch eine herrliche Orangerie, welche Geſchütz — 201— und Thürme verbarg, und die im Viereck ein reizendes Blumenparterre umgab, deſſen Mittelpunkt ein weiter Raſenkreis mit dem Baſſin des erwähnten Springbrun⸗ nens bildete. Heute aber hatte der Schnee all' die zier⸗ lichen Beete bedeckt, doch ſah man jetzt um ſo deutlicher die regelmäßig gezogenen, breiteren und ſchmäleren Wege, die, ſorgfältig vom Schnee geſäubert, ein regelmäßiges Netzwerk auf der weiten Terraſſe bildeten, von welcher man mit bewaffnetem oder auch mit ſcharfem Auge fern am Horizonte die zahlreichen Kirchthürme der Reſidenz erblickte.. Doktor Flinder ritt unter den Thorbogen, und in der Art, wie hier ein Lakai ihn empfing, ihm beim Ab⸗ ſteigen half, auf ſeine Fragen Antwort gab und dann das Pferd nach dem Stalle führte, konnte man deutlich bemerken, daß der Arzt hier eben ſo bekannt war, als von der Herrſchaft gern geſehen und mit Auszeichnung behandelt.. Eine Art von Haushofmeiſter, ein ſchon ziemlich bejahrter Mann, in einem langen, dunkeln und ſehr dicken Winterrock, der übrigens nur als augenblickliche Um⸗ hüllung zu dienen ſchien über einen ſehr ſorgfältigen An⸗ zug,— denn unten ſah man ſchwarzſeidene Strümpfe mit Schuhen, während oben eine weiße Halsbinde das friſch⸗ rothe und lächelnde Geſicht des alten Dieners einrahmte,— — 202— trat nun dem Arzte einige Schritte, vom Fuß der Frei⸗ treppe ab gerechnet, entgegen, und empfing ihn hände⸗ reibend mit einer tiefen Verbeugung. „Bei wem gibt es denn heute etwas zu flicken?“ fragte lächelnd der Arzt, und ſetzte dann mit einem zufriedenen Blick auf den Haushofmeiſter hinzu:„nun, dem Aus⸗ ſehen nach bei Ihnen nicht, mein lieber Herr Fackler, und beruhige ich mich, da ich Sie in ſo guter Geſund⸗ heit vor mir ſehe, denn wo käme es mit dem Dienſt des Hauſes hin, wenn ich Sie einmal ſtark in die Arbeit nehmen müßte!“ Der alte Diener verbeugte ſich ſchweigend und ſagte dann mit leiſer Stimme und einem Streifblick gegen die hohen Bogenfenſter des erſten Stockes:„Die Frau Gräfin Mutter wünſcht Sie zu ſehen.“ „Scheint es Ihnen ſehr wichtig, Herr Fackler? iſt in ihrem gewöhnlichen Zuſtande eine Beſorgniß erregende Aenderung eingetreten? Ich kann Sie das wohl fragen, mein lieber Kollege, wie ich Sie bei Ihren guten chirur⸗ giſchen Kenntniſſen mit ganz außerordentlichem Vertrauen nenne.“ „O nein, Herr Doktor,“ antwortete der Haushof⸗ meiſter, während er ſich noch tiefer als das erſte Mal verbeugte,„was den gewöhnlichen Zuſtand anbelangt, ſo iſt er unverändert der gleiche; doch ſcheinen mir Ihre — 203— Erlaucht beunruhigende, oder wenigſtens aufregende Nachrichten aus der Reſidenz erhalten zu haben, und Folge davon war eine ſchlafloſe Nacht, worauf ich mir den Vorſchlag erlaubte, Sie rufen zu laſſen, Herr Doktor!“ „Was könnten das wohl für Nachrichten geweſen ſein?— da drunten,“— Doktor Flinder machte hier, unter der Eingangsthüre des Schloſſes ſtehend, eine Be⸗ wegung mit dem Kopfe gegen die fernliegende Stadt, —„ſcheint man gar großen Feſten entgegenzugehen, die doch wohl nicht im Stande ſind, hieher einen unange⸗ nehmen Schatten zu werfen?“ „Wer weiß? Ihre Erlaucht erhielt die betreffende Nachricht für ſich allein, und ſcheint dem Herrn Gra⸗ fen bis jetzt noch keine Mittheilung davon gemacht zu haben.“ 3 „Was Sie jedenfalls bemerkt hätten, mein lieber Herr Fackler, beſonders wenn die Nachrichten unange⸗ nehmer Art geweſen ſind.“ „O gewiß, Herr Doktor, doch ſind der Herr Graf nach dem Frühſtück ſehr heiter in den Wald geritten.“ „Sehen wir alſo ſelbſt.“ Der Haushofmeiſter zog an einer Glockenſchnur, welche in einer Ecke des großartigen Treppenhauſes hing, nach⸗ dem er die doppelten Glasthüren des Einganges hinter — 204— dem Arzte ſorgfältig verſchloſſen. Oben an der Treppe erſchien gleich darauf der Kammerdiener des Grafen und eilte raſch den erſten Abſatz herab, während er den Arzt erſuchte, zu Ihrer Erlaucht der Frau Gräfin Mutter ſo⸗ gleich eintreten zu wollen. Wenn wir auch vorhin davon ſprachen, daß ſich das alte Schloß in ſeinem Aeußeren ſo vollkommen und ſorg⸗ fältig erhalten gezeigt, ſo hätte man doch hinter dieſen alten, grauen Mauern unmöglich ein ſo prachtvolles, be⸗ hagliches, ja majeſtätiſches Treppenhaus erwarten können; abgeſehen von den faſt übermäßig breiten Stufen, be⸗ ſtanden dieſe aus grauem Marmor, und es bildete das theilweiſe vergoldete Bronzegeländer in kunſtvollſt ge⸗ triebener Arbeit die Szenen einer Hirſchjagd, von der Beſtätigung des edlen Thieres durch Forſtmeiſter und Jagdpagen an bis zum Hallali an der Treppenbrüſtung des erſten Stockes; überhaupt ſah man in dem Veſtibul vor der Treppe, ſowie an Skulpturen und Bildern in dem hochgewölbten Raume über derſelben, daß die Aus⸗ ſchmückungen hier von Jemandem herrühren, der dem edlen Waidwerk mit Leidenſchaft ergeben war, und der es ver⸗ ſtanden hatte, überall die Embleme deſſelben mit eben ſolchem Reichthum als Geſchmack zu verwenden. Da waren unten in der Vorhalle nicht nur die erleſenſten Sammlungen von Hirſchgeweihen in wahrhaft rieſenhaften 3 Exemplaren, ſowie in den ſeltenſten Abnormitäten, ſon⸗ dern zwiſchen dieſen bewunderte man an den Wänden der Vorhalle alte, prachtvolle Gobelins, Jagden der äl⸗ teſten Zeiten darſtellend, auf bekannte ſowie auch auf fabel⸗ hafte Thiere. Der Doktor ſchritt langſam die Treppe hinan, ſo dem Kammerdiener Zeit laſſend, ihn anzumelden, und dann folgte er dieſem, welcher augenblicklich wieder zurück⸗ gekehrt war, durch ein paar hohe Zimmer mit breiten, von oben bis unten reichenden Fenſtern, nach einem klei⸗ neren und ſehr behaglich eingerichteten Gemach, und war⸗ tete hier, bis eine alte Kammerfrau den ſchweren Thür⸗ vorhang auf der entgegengeſetzten Seite zur Seite ſchob und ihn erſuchte, einzutreten. Es war dieß das Wohnzimmer der alten Dame, die ihn hatte rufen laſſen, und man konnte nicht leicht ein Gemach ſehen, was beſſer dazu geeignet geweſen wäre, die winterliche Jahreszeit zu vergeſſen. Vor dem einzigen, aber ſehr hohen Fenſter, welches nach Süden gelegen war und deßhalb von den Sonnenſtrahlen umſpielt wurde, befand ſich auf einem alten Thurme, der nur bis zu dieſem Fenſter reichte, eine Art von kleinem Wintergarten, aber mit ſo großen Scheiben, daß es gerade war, als wüchſen die zierlichen, immergrünen Pflanzen, ſowie die mannigfaltigen bunten Blumen draußen im Freien, in der warmen Sommerluft, eine Täuſchung, die noch voll⸗ ſtändiger wurde, da man in dem hohen und weiten, ein⸗ fach, aber ſehr geſchmackvoll eingerichteten Gemache weder Ofen noch Kamin ſah, und ſich doch durch die Wirkung einer nicht ſichtbaren Luftheizung von der ſanfteſten, wohl⸗ thuendſten Wärme umgeben fühlte. Die Frau Gräfin Mutter ſaß nicht weit von dem oben erwähnten Fenſter in einem Stuhle, der eine ſo hohe und breite Rückenlehne hatte, daß man von ihrer Geſtalt nicht das Geringſte bemerkte als jetzt, auf die Mel⸗ dung der Kammerfrau, eine an der Seite erſcheinende feine weiße Hand, welche durch eine leichte Bewegung den Arzt willkommen hieß und ihn dann ebenſo erſuchte, näher zu treten, worauf Doktor Flinder in der Art eines Mannes, der ſich hier vollkommen heimiſch fühlt, neben den Stuhl der alten Dame trat, und ſie mit einer freund⸗ lichen Verbeugung begrüßte; auch kaum darauf wartete, bis ihn eine zweite Handbewegung einlud, ſich eines klei⸗ nen Seſſels in der Nähe zu bedienen. „Zuerſt entſchuldigen Sie mich, mein lieber Herr Doktor,“ ſagte die Gräfin,„daß ich Sie bei dieſem rauhen Wetter einer Bagatelle wegen rufen ließ.“. „Was durchaus keiner Entſchuldigung bedarf, Er⸗ laucht, denn das Wetter iſt nicht rauher, als es in dieſer Jahreszeit zu ſein pflegt, auch bin ich gewohnt, unter⸗ — 207— wegs zu ſein, und ſchließlich bemühen Sie mich ſo wenig, daß ich es in der That als eine Vergünſtigung anſehe, wenn ich einmal außer meiner gewöhnlichen Zeit kommen darf.“ „Sie ſind freundlich wie immer— betrachten Sie mich einmal genau, ſeh' ich nicht recht abgeſpannt und müde aus?“ Da nun der Doktor auf dieſe Frage hin aufmerkſam in das Geſicht der alten Dame ſchaute, auch ſanft ihre Hand nahm, um nach dem Pulsſchlag zu fühlen, ſo können wir uns wohl erlauben, das Erſtere anbelangend, ein Gleiches zu thun, um dem geneigten Leſer im Intereſſe unſerer Geſchichten zu ſagen, daß die Gräfin eine Dame hoch in den Sechzigen war, daß man auf ihrem feinen, bleichen Geſichte immer noch Spuren einer ehemaligen Schönheit entdeckte, von welcher Schönheit die großen, klaren Augen noch ziemlich unverändert übrig geblieben waren; auch ihren Kopf trug ſie wie ehedem aufrecht und ſtolz, und dieß, ſowie die ſehr gerade Haltung ihres Oberkörpers, ſtimmten zu einem etwas ſcharfen und harten Zug um die dünnen Lippen ihres gewöhnlich feſt ver⸗ ſchloſſenen Mundes. Erſtaunen mußte übrigens Jeder, welcher mit dem langjährigen und ſchmerzlichen Leiden der Gräfin bekannt war, und trotzdem dieſe ſtolze und aufrechte Haltung ſah, mit einem Leiden, welches ihr — 208— weder erlaubte zu ſtehen, noch zu gehen, ſondern ſie, zur Hälfte gelähmt, an ihren Seſſel feſſelte. „Nun, Herr Doktor,“ ſagte ſie nach einer Pauſe, „finden Sie mich nicht ein wenig angegriffen?“ „Da Sie mir dieſe Frage ſtellen, Erlaucht, ſo muß ich allerdings eine ſchlechte Nacht vermuthen.“ „Eine ſehr ſchlechte Nacht!“ „Doch nicht in Folge körperlicher Schmerzen, ſonſt erſchienen Ihre Züge angegriffener, und Ihre Augen nicht ſo klar!“ „O, was meine Augen anbelangt,“ antwortete die Gräfin mit einem etwas harten Lächeln,„ſo korreſpon⸗ diren ſie mit meinem Herzen, und auch das läßt ſich nicht ſo leicht beugen und ergreifen— und doch—“ „Kommt die Schlafloſigkeit der vergangenen Nacht vielleicht von irgend etwas her, was Ihr Inneres be⸗ ſchäftigt?“ „Dießmal iſt es ſo—— ich habe zu viel Zeit, an Angenehmes und Unangenehmes zu denken, lieber Doktor, wenn ich hier auf meinem Stuhle ſitze und ſtun⸗ denlang in die Landſchaft hinausſtarre.“ „Unangenehmes muß man zu vergeſſen ſuchen, Er⸗ laucht, oder darüber reden.“ „Ja— aber erſt nachdem man bei ſich überlegt, ob es nicht beſſer iſt, zu ſchweigen, oder geſchehene Dinge — 209— ſelbſt reden zu laſſen—— doch wollte ich Sie eigent⸗ lich fragen, Doktor,“ fuhr ſie nach einer Pauſe, während ſich ihre Augen etwas verdüſtert hatten, in einem gefäl⸗ ligeren Tone fort,„ob Sie der Anſicht ſind, daß ich, wenn meine nächſte Nacht, wie ich fürchte, wieder ſchlaflos ſein ſollte, zu Ihren vortrefflichen Pulvern meine Zu⸗ flucht nehmen darf?“ „Ich rathe nicht gern dazu, Erlaucht, verſuchen Sie es lieber und laſſen ſich ein paar Stunden vorleſen, wenn Sie zu fühlen glauben, daß der Schlaf nicht recht kommen will, jedenfalls erlaube ich mir, mich morgen wieder nach Ihrem Befinden zu erkundigen, und dann wollen wir ſehen, was zu machen iſt!“ „Sie leiden wohl nie an Schlafloſigkeit, Doktor?“ „Gott ſei gedankt, nein; wer ſo wie ich den ganzen Tag beſchäftigt iſt, umherreitet, umherrennt von Einem zum Anderen, die Treppen auf und ab—“ „Ah, darin ſind Sie ſehr glücklich— darin beneide ich Sie, darin beneide ich den ärmſten Bettler— alſo keine Pulver?“ „Es wäre mir lieber, wenn Sie unterließen welche zu nehmen, beſonders da wir glücklicher Weiſe keine Schmerzen zu bewältigen haben; darf ich mir aber einen andern Rath erlauben, keinen ärztlichen Rath, ſondern einen, wie man ihn im gewöhnlichen Leben Jemanden Hackländer, Geſchichten im Zickzack. III. 14 — 210— zu geben pflegt, mit dem man es ganz außerordentlich gut meint?“ „Ich weiß, daß Sie es gut mit mir meinen, lieber Doktor, und will recht gerne Ihren Rath hören, auch befolgen, wenn es mir möglich iſt!“ „Möglich gewiß, Erlaucht— ich komme darauf zurück, was Sie vorhin ſagten, daß es Ihre Nerven aufrege, wenn Sie ſtundenlang da hinausſchauen, mit Ihren oft ſehr ernſten Gedanken beſchäftigt, thun Sie das nicht, Frau Gräfin, laſſen Sie andere und jüngere Leute helfen Ihnen Ihre Gedanken tragen, reden Sie darüber, leiten alsdann die Berathung und beſchließen am Ende doch, wie es Ihnen gefällt, was auch wohl in den meiſten Fällen der beſte Beſchluß geweſen iſt!“ Die alte Dame lächelte, und es war kein ſo hartes Lächeln wie vorhin, doch zuckte ſie gleich darauf mit den Achſeln und ſagte:„Ich glaube faſt, daß Sie Recht haben, Doktor, und daß es Fälle gibt, wo das Sprüchwort um⸗ gekehrt gilt, und wo Schweigen Silber, Reden aber Gold iſt— ja gerade jetzt empfinde ich das recht bei Ihnen, wo ich mit Ihnen plaudere, ich war ſo verdrießlich, ſo niedergedrückt, ſo traurig, daß ich mich wieder völlig ein⸗ mal darnach ſehnte, wenn es zu Ende ſein wird mit dieſem traurigen Leben!“ „Wie freue ich mich über einige Ihrer Worte, Erlaucht, —— — 211— und beſonders da Sie mir zu glauben ſcheinen, daß es beſſer iſt, mittheilſam zu ſein, als verſchloſſen über Dieß und Das zu brüten!“ Hier hob die alte Kammerfrau den Thürvorhang auf und meldete den Herrn Grafen, der von ſeinen Zim⸗ mern herüberkomme. „Mein Sohn?“ „Ja, Erlaucht!“ „Bleiben Sie ruhig noch einen Augenblick, Doktor,“ ſagte die alte Dame zu dem Arzte, der ſich diskreter Weiſe erhoben, um das Zimmer zu verlaſſen;„es wird meinen Sohn Willibald recht freuen, Sie zu ſehen, Sie ſollten häufiger zu ihm kommen, er liebt es mit Ihnen zu plaudern, und unter uns geſagt, Doktor, es wäre gut für ihn, zwenn er, und gerade jetzt, häufiger mit Ihnen, überhaupt mit anderen und geſcheidten Leuten, verkehrte.“ „Warum gerade jetzt, Erlaucht?“ entgegnete Doktor Flinder, und ſetzte alsdann mit einem launigen Zug um den Mund hinzu:„ich habe ihm die Medizin, häufiger mit andern Leuten zu verkehren, oft genug verordnet; ſollte ſich irgend etwas ereignet haben, um ſeine Einſam⸗ keit fühlbarer zu machen?“ „Sein Sohn iſt hier, wie Sie wohl wiſſen,“ er⸗ wiederte die alte Dame in einem ſehr harten Tone, wo⸗ — 212 bei ihre Augen einen düſteren Blick auf die Landſchaft warfen. „Ah, ich verſtehe, und die Anweſenheit des jungen gnädigen Herrn läßt ihm einen andern Verkehr wün⸗ ſchenswerth erſcheinen.“ „Auch bereiten ſich dort in der Reſidenz allerlei Dinge vor, bei denen es ihm hart erſcheint, vielleicht von hier oben zuſchauen zu müſſen, wenn wir eines Nachts den Himmel geröthet ſehen von feſtlichen Illuminationen.“ „Das wäre doch ſo leicht zu ändern!“ „Da kennen Sie meinen Sohn Willibald nicht—— und jetzt, wo er anfängt zu fühlen, daß ſeine freiwillige Verbannung ſchwer auf ihn drückt, und wo ich Hoffnung auf einen Ausgleich hatte, kommt noch etwas hinzu, was dieſe meine Hoffnung gänzlich zerſtört.“ Die alte Dame hatte bei den letzten Worten, welche ſie gegen ihre Gewohnheit haſtig erregt ausſtieß, die rechte Hand feſt auf einige Briefe gedrückt, welche neben ihr auf einem Tiſche lagen; dann aber erhob ſie den Kopf, wie auf ein ſich näherndes Geräuſch horchend, und fuhr dann in einem ganz veränderten Tone fort: Wie ich höre, lieber Doktor, haben Sie ja ſeit einigen Tagen einen ganz eigenthümlichen Beſuch.“ „Ah, Sie meinen den ziemlich ſchwer verwundeten Herrn von Roſenthal!“ — ——— — — 213— Die Gräfin nickte mit dem Kopfe, ehe ſie ſagte:„Es trifft ſich das recht ſonderbar, daß ein Mann, von dem man oft reden gehört, auf ſo eigenthümliche Art durch den Zufall in unſere Nähe gebracht wird.“ Raſche und feſte Schritte, die trotz des dicken Teppichs hörbar waren, näherten ſich jetzt und veranlaßten den Arzt, nachdem er in die Höhe geſchaut, ſich von ſeinem Stuhle zu erheben. Doch fühlte er ſich gleich darauf von einer Hand, die ſich ſchwer auf ſeine Schulter legte, ver⸗ anlaßt, ſeinen Sitz wieder einzunehmen, und vernahm die tiefe, etwas barſch klingende Stimme des Hausherrn, der ihm ſagte:„Sitzen bleiben, Herr Doktor, denn wenn Sie einmal aufſtehen und den Hut in die Hand nehmen, ſo flattern Sie auch in der nächſten Minute davon.“ „Sehen Sie wohl,“ meinte die Gräfin, indem ſie ihrem Sohne die Hand reichte,„daß man mit Ihnen unzufrieden iſt, weil Sie ſo ſeltene und kurze Beſuche machen—— der Doktor erzählte mir ſoeben von ſeinem neuen Gaſte.“ „Ah, von Roſenthal!“ „Nicht wahr, Du kennſt ihn, Willibald?“ „Er wurde bei Hof vorgeſtellt, kurz vorher, ehe ich die Stadt verließ— ein intereſſanter Kopf, jedenfalls ein geſcheidter Menſch, nach dem was man von ihm ge⸗ hört.“ — 214— „Wohl ein bischen Abenteurer,“ wandte ſich die alte Dame fragend an den Arzt, der hierauf zur Ant⸗ wort gab: „Ich lernte Herrn von Roſenthal ſchon im vergange⸗ nen Sommer kennen, wo er ein paar Wochen bei mir zubrachte; Sie waren damals abweſend.“ „Und fanden bei unſerer Zurückkunft ſeine Karten,“ ſagte die Gräfin;„es würde mich damals intereſſirt ha⸗ ben, ihn zu ſehen.“ „Auch habe ich ſchon daran gedacht,“ warf ihr Sohn leicht hin, ihm jetzt einen Gegenbeſuch zu machen, er ſoll, wie ich höre, da drunten ziemlich ſtark und ſehr plötzlich in Ungnade gefallen ſein.“ „Das ſcheint aus ſeinen Reden nicht hervorzugehen, denn er ſagte mir heute Morgen noch, er erwarte irgend Jemand, der ſich im Auftrage Seiner Majeſtät des Kö⸗ nigs nach ſeinem Befinden erkundigen würde.“ „Das iſt leicht möglich,“ gab der Graf mit einem kurzen Lächeln zur Antwort,„man kann in Ungnade ge⸗ fallen ſein und ſich doch, wenn auch ſehr im Geheimen, der Gnade Seiner Majeſtät erfreuen— würden Sie mir erlauben, Ihren Gaſt zu beſuchen?“ „In ein paar Tagen gewiß, Herr Graf, ich habe nie eine merkwürdigere und zähere Natur beobachtet, als die des Herrn von Roſenthal; ein Anderer mit ſeiner Wunde y — —— 1—— 8 —,— —, 4 75 würde im heftigſten Wundfieber liegen, während er kaum einen lebhafteren Pulsſchlag hat, und während ſeine Wunde— eine Schußwunde, wie ich zu bemerken bitte, — ſo ausſieht, daß alle Hoffnung vorhanden iſt, ſie in den nächſten Tagen ſich ſchließen zu ſehen.“ „Wieneck ſchrieb mir über ihn, allerdings vorſichtig, wie man es von ihm gewohnt iſt, doch las ich zwiſchen den Zeilen, daß er ihn der Beachtung werth hält, was für Herrn von Roſenthal ſpräche, wenn dieſe Beachtung des alten Wieneck nicht einen etwas verächtlichen Beige⸗ ſchmack gehabt hätte. Er muß irgend einen Dienſt ge⸗ leiſtet haben, wofür man ihn ſtark belohnte; aber mit dem Zuſatz: ‚der Mohr hat ſeine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehent, und ich habe ſchon daran gedacht, ob ſein Duell nicht damit im Zuſammenhange ſteht.“ „Kaum,“ meinte die Gräfin;„ſein Gegner, dieſer Herr von Mittow, war doch eine gar zu unbedeutende Perſönlichkeit.“ „Dem aber ein Zeuge, wie Graf Leo Wieneck, Flügeladjutant Seiner Majeſtät, ſchon einige Wichtigkeit verleiht.“ „Pah— junge Leute, die ſich kennen— es ſoll ein Recontre wegen irgend einer jungen Dame geweſen ſein,“ warf die alte Dame leicht hin. „Eben darum,“ meinte lächelnd der Graf,„können — 216— die Füden höher hinaufreichen, Herr von Roſenthal be⸗ fand ſich ſehr im Vertrauen des Kronprinzen, der eine ſtarke Liaiſon gehabt haben ſoll, wer weiß, ob jener nicht für dieſen eintrat— hätten Sie es über ſich vermocht, Mama, unſern alten Freund Tönning zu empfangen, ſo würden wir jedenfalls die Wahrheit genau erfahren haben.“ „Tönning iſt ein genauer Freund unſeres Hauſes,“ antwortete die alte Dame in einem ſehr ernſten Tone, „ und es wäre unpaſſend geweſen, alsdann nicht ſeine Frau mitzuempfangen, und das will doch ſehr überlegt ſein.“ „Nun, jedenfalls lieber Doktor,“ wandte ſich der Graf an dieſen,„ſehe ich in den nächſten Tagen nach Ihrem Hausgenoſſen, und mittheilſam, wie er mir ge⸗ ſchildert wurde, werde ich von ihm etwas Näheres er⸗ fahren.“ Die letzten Worte mochte Doktor Flinder als eine Erlaubniß anſehen, ſich zurückziehen zu dürfen, denn er erhob ſich raſch, verſprach der alten Dame bald wieder zu kommen und wurde hierauf nach einem freundlichen Händeſchütteln von dem Grafen bis an die Thüre des Gemaches begleitet; dann kehrte der Letztere wieder zurück, trat an das große Fenſter und blieb dort, in die Land⸗ ſchaft hinausſchauend, ein paar Minuten ſchweigend mit übereinandergeſchlagenen Armen ſtehen. — 217— Der Graf Willibald Ferrner, Oberſtjägermeiſter Ex⸗ cellens, war ein ziemlich großer und kräftig gebauter Mann mit kurzem dunklem, aber grau melirtem Haar, und einem Geſichte, welches den harten, ſtrengen Zug um den Mund ſeiner Mutter in verſtärktem Grade zeigte, aber nicht deren große, ruhige, leuchtende und geiſtvolle Augen, während die ſeinigen, wenngleich lebhaft und feurig, etwas Unſtätes hatten und kleiner ausſahen als ſie waren, da ſie durch die ſtarken, borſtigen und tief herabgezogenen Augenbrauen gedrückt erſchienen. Während er ſo am Fenſter ſtand, hatte die alte Dame die Lippen leicht mit ihrem Batiſttuche berührt und als⸗ dann nach einem tiefen Athemzuge einen der Briefe, die neben ihr lagen, in die Hand genommen, und denſelben langſam geöffnet, wahrſcheinlich in der Abſicht, darüber befragt zu werden, was denn auch Graf Willibald that, als er ſich jetzt wieder umwandte.. „Sie haben Briefe, Mama— etwas Wichtiges oder Unangenehmes?“ „Unter andern von Deiner Tochter, Willibald!“ „Ah, ich dachte ſoeben an ſie, und dabei ging mir Allerlei durch den Kopf!“ „Freundliches?“ „O ja, wie immer, ſo oft ich mich mit ihr beſchäftige — bin ich doch jetzt, wenn ich an ihre Stellung da unten — 218— denke, nicht mehr ſo ſehr gegen dieſe Stellung einge⸗ nommen, ja es geſchieht mir zuweilen, daß ich Ihnen ſchließlich dennoch Recht geben muß, Mama, und daß ich, indem ich mir von Ihnen die Erlaubniß abnöthigen ließ, meine einzige und innig geliebte Tochter in den Hofdienſt treten zu laſſen, eine genügende Konzeſſion machte für mein vielleicht allzu ſchroffes Benehmen.“ „O, wenn Du dieſen Gedanken früher gehabt hätteſt!“ „Warum früher?— glauben Sie nicht, Mama, daß ich, ſelbſt wenn ich jene Konzeſſion aus freien Stücken gemacht hätte, deßhalb geſonnen wäre, meine heutige Stellung dem Hofe gegenüber zu ändern, ich kann ein Unrecht, was mir geſchehen, nicht ſo leicht vergeſſen, und wenn man mich angreift, ſo muß ich entweder meiner Deviſe folgen und beißen, oder mich großmüthig zurück⸗ ziehen, nachdem ich hinlänglich meine Zähne gezeigt— doch laſſen wir das jetzt, was ſchreibt Ihnen Hildegard? Gewiß viel Neues über die bevorſtehenden Feſtlichkeiten. Hat ſie vielleicht endlich einmal einen Wunſch in Betreff von Toilette⸗ und Schmuckgegenſtänden?— Mama, Sie müſſen ſich nicht wundern, daß ich daran denke, denn ſie kommt nie, um etwas zu verlangen, und es ſollte mich überraſchen, wenn ſie es dießmal thäte— wie, Mama, ſchreibt ſie nichts darüber?“ — 219— „Nein, darüber ſchreibt ſie nichts, auch nicht einmal über die Feſtlichkeiten!“ „Ein eigenthümlicher Charakter, das Mädchen, ſie hat viel von der übergroßen Beſcheidenheit ihrer ſeligen Mutter, und dabei Ihren feſten Willen geerbt, liebe Mama!“ „Das wäre keine ſchlechte Miſchung!“ „O nein, o nein,“ ſagte Graf Ferrner kopfſchüttelnd und ſetzte hinzu, indem er langſam mit der Hand über ſeine Stirn und dann durch ſeine Haare fuhr,„ich wollte, Georg hätte auch eine Portion von dieſer Miſchung, überhaupt, ich wollte, er hätte nur eine Spur von dem feſten und ernſten Charakter ſeiner Schweſter— der Bub' iſt ganz aus der Art geſchlagen. Was hat es mich genützt, daß ich ihn von dem Garderegiment hinweg in eine kleine Garniſon verſetzen ließ? Dort ſchwang er ſich zum Erſten empor im Schuldenmachen und allen mög⸗ lichen Ausſchweifungen; mein Geſchäftsmann, den ich hinſandte, ſchreibt mir von zwanzigtauſend Thalern, die nothwendig wären, ſich mit ſeinen Gläubigern zu arrangiren, und von vierzigtauſend, die er gebrauchte, um dieſe Gläubiger vollkommen zu befriedigen, natürlicher Weiſe gab ich ihm freie Hand für vierzigtauſend.“ „Und thateſt ganz recht daran, Willibald; über Deinen Sohn, Deinen einzigen Sohn, über den Grafen — 220— Ferrner, muß man ſolchen Leuten nicht die Berechtigung geben, ein zweideutiges Wort zu reden.“ „Allerdings mein einziger Sohn, ich fühl' wahrhaftig mich jetzt ganz glücklich, nur den einen zu beſitzen, ein halbes Dutzend ähnlicher könnte mir zu ſchaffen machen, ich weiß nur nicht, wo der Junge die Gabe her hat, ſich ſo leicht in der Gunſt aller Menſchen feſtzuſetzen.“ „Auch ein Erbtheil Deiner ſeligen Frau,“ ſagte die alte Dame, wobei ſich ihre Lippen faſt unmerklich kräu⸗ ſelten,„iſt er nicht leidlich hübſch, liebenswürdig, wenn er es ſein will, von weichem Gemüth und beſcheiden?“ Graf Willibald ſtieß ein kurzes, rauh klingendes Lachen aus, ehe er erwiederte:„Ja, ſo iſt er allerdings, ſobald es etwas zu erreichen gibt, auch hat er ebenfalls etwas von Ihrem feſten Charakter, Mama; aber er hat dieſe Feſtigkeit noch nie zum Guten benützt, ich habe Schlimmes von ihm gehört, Böſes, Garſtiges, in Folge deſſen ich mich veranlaßt ſah, ihn auf ſechs Monate beurlauben zu laſſen und feſt in meiner Hand zu behalten; gebe der Himmel, daß es etwas nützt— doch nun zu Angenehmerem, was ſchreibt Ihnen Hilde⸗ gard?“ Die alte Dame hatte den Brief, den ſie in ihrer Hand hielt, langſam zuſammengefaltet und erwiederte nun, indem ſie wiederholt die dünnen Lippen mit dem — 221— Schnupftuche berührt, und wobei man in iihren Zügen ſah, daß ſie mit einiger Anſtrengung ſprach:„Hildegard wird in den nächſten Tagen hieher kommen.“ „Das iſt mir lieb, und aus welcher Veranlaſſung kommt ſie?“ „Es iſt keine erfreuliche Veranlaſſung, Willibald,“ ſprach die Gräfin haſtig und in einem rauhen Tone, wie man ihn wohl anzunehmen pflegt, wenn man ſich Mühe geben muß, etwas Unangenehmes zu ſagen. Graf Willibald fuhr gegen ſeine Mutter herum und ſchaute ſie fragend an, wobei ſich ſeine buſchigen Brauen noch tiefer auf die lebhaft blickenden Augen herabſenkten. „Ich hätte es Dir gern verſchwiegen oder Geſchehenes ungeſchehen gemacht, was möglich geweſen, wenn ich nicht hier auf ſo traurige Art an meinen Seſſel gefeſſelt w wäre.“ „Was iſt's denn mit Hildegard?“ „Jedenfalls ein Mißverſtändniß, das ſich gewiß als⸗ bald aufgeklärt, wenn Hildegard einen weniger harten, ja ſchroffen Charakter hätte!“ „Ein Mißverſtändniß? und zwiſchen wem, Mama?“ „Nun, zwiſchen Ihrer Majeſtät der Königin und Deiner Tochter.“ „Bei Gott, ich will nicht hoffen, daß man es an Rückſichten fehlen ließ gegen die Gräfin Hildegard Ferrner, von welcher ich überzeugt bin, daß ſie ſtets voll Rückſicht gehandelt gegen die Königin.— Was iſt vorgefallen, Mama?— ich muß das wiſſen!“ „Die Königin hat geglaubt,“ fuhr die alte Dame fort, indem ſie ſich noch aufrechter in ihrem Seſſel ſetzte, als ſie zu thun pflegte, und wobei der harte Zug um ihren Mund noch ſchärfer hervortrat,„allerdings meiner Enkelin in ſchonender Weiſe einen Vorwurf machen zu müſſen, worauf Hildegard ohne Weiteres um ihre Entlaſſung gebeten.“ „Wenn dieſer Vorwurf eine Ungerechtigkeit war, ſo hat Hildegard vollkommen richtig gehandelt; dürft' ich vielleicht erfahren, Mama, worin dieſer Vorwurf beſtand, und was meine Tochter darauf geantwortet?“ „Es iſt am beſten, Du liest das ſelber, Willibald,“ antwortete die Gräfin nach einer Pauſe, während welcher ſie den betreffenden Brief ihrem Sohne darreichte;„aber ich bitte Dich, das ruhig und ohne Leidenſchaft zu leſen, und dabei ſo freundlich zu ſein und auf mich ein wenig Rückſicht zu nehmen.“ „Von wem iſt dieſes Schreiben?“ „Von der Gräfin Pommerhauſen!“ „Ah ſo,“ entgegnete Graf Willibald, indem er mit einer etwas verächtlichen Miene die Achſeln zuckte. „Ich erhielt dieſen Brief geſtern Abend, ich las ihn ſogleich, und ſein Inhalt hat mich die ganze lange Nacht hindurch beſchäftigt— deßhalb Willibald—“ — 223— „Unbeſorgt, Mama, was auch dieſes Schreiben ent⸗ hält, ich bin weit entfernt, Ihnen und mir eine Szene zu machen.“ Darauf ließ er ſich in einem Fauteuil an dem Fenſter nieder und las das ziemlich lange Schreiben aufmerkſam durch. Wie tief ihn der Inhalt deſſelben er⸗ griff und erregte, bemerkte man wohl an dem plötzlichen Erröthen ſeiner Stirn, an dem zornigen Blitz ſeiner Augen, ſowie daran, daß er an ſeiner Unterlippe nagte, nachdem er geendigt, und dann ſtumm in die Landſchaft hinausſchaute. Erſt nach einer längeren Pauſe, während welcher er ein paarmal tief und ſchwer geathmet, ſagte er mit einer Stimme, der man deutlich anhörte, welche Mühe er ſich gab, ſie ruhig erſcheinen zu laſſen:„Dieß Schrei⸗ ben unſerer guten lieben Freundin, der Pommerhauſen, iſt gerade ſo, als hörte ich dieſe würdige Dame ſelber reden— o, ich kenne das,“ lachte er grimmig auf— „es hat den Anſchein, aber es iſt doch nicht ſo— die Welt könnte es glauben, wenn die Welt nicht ſo ſehr vom Gegentheil überzeugt wäre, boshafte Zungen werden allerdings einen gehäſſigen Schein auf den guten Namen meiner Tochter werfen; aber boshafte Zungen pflegen zu lügen, weßhalb man ſich aus ſolchen Gereden nichts machen muß— hol' ſie der Teufel— und dabei iſt die alte Schwätzerin ſo vorſichtig, weder die Perſon näher — 224— zu bezeichnen, noch einen Namen zu nennen—— aber bei Gott im Himmel,“ rief er aufſpringend,„ich will und werde es erfahren, wer es gewagt hat, auf ſo freche Art meine Tochter zu kompromittiren; entweder iſt das ein Leichtſinn, der blutig geſtraft werden muß, oder eine Infamie, gegen welche man die Reitpeitſche zu Hülfe nimmt.“ „Willibald, Du verſprachſt mir, ruhig zu bleiben— nun denn, ſo ſage mir vor allen Dingen, hältſt Du Deine Tochter auch nur einer unüberlegten Handlung für fähig?— ich nicht.“ „Ich auch nicht, bei Gott; aber um ſo mehr muß mich die Handlung jenes Elenden empören—— ſagen Sie mir aufrichtig, Mama, Sie wiſſen ſeinen Namen nicht?“ „Ich ſchwöre Dir zu, daß ich ihn nicht weiß— hier ſind noch zwei Zeilen von Hildegard, worin ſie mir ihren Entſchluß mittheilt, zu uns zurückzukehren, ohne weiter etwas hinzuzuſetzen, als daß ſie von der Königin höchſt gnädig entlaſſen worden ſei.“ „Entlaſſen— meine Tochter entlaſſen— ah, wie mich dieß Wort empört, ſo will man denn da Oben noch keinen Frieden mit uns— gut, wenn ſie Krieg wollen, ſo ſollen ſie ihn haben!“ „Wie magſt Du um ein Wort ſtreiten, Willibald, haſt Du nicht deutlich in dem Briefe der Gräfin — 225— Pommerhauſen geleſen, daß Hildegard um ihre Entlaſſung gebeten, daß man ſie ihr in Gnaden gewährt!“ „Ja, gewährt, unter Belaſſung eines häßlichen Schattens, auf ihrem ſchönen Namen, aber ich werde es licht werden laſſen in dieſer Sache— fürchterlich licht, und darin werden und müſſen Sie mir Recht geben, Mama, alſo morgen kommt Hildegard— gut; wenn ſie es auch liebt, ſchweigſam zu ſein und ihrem eigenen Willen zu folgen, ſo bin ich doch überzeugt, daß ſie in dieſem Falle reden wird— ja reden, und mir dadurch Veranlaſſung geben, mich recht genau und gründlich mit dieſer Angelegenheit zu beſchäftigen.“ „Das wirſt Du nach Deinem Ermeſſen thun, Willi⸗ bald; aber folge meinem Rathe und empfange Hildegard in einer freundlichen, herzlichen Art wie ſie es verdient!“ Graf Ferrner, der, nachdem er das Gemach mit großen Schritten durchmeſſen, jetzt wieder an dem Fenſter ſtand und ſeine Blicke auf die graue Dunſtmaſſe am Horizont heftete, hinter welcher ſich die Thürme der Stadt verbargen, machte jetzt eine unmuthige Bewegung, die er aber gleich darauf durch die Worte erläuterte:„Aber, Mama, wie können Sie nur denken, daß ich meine Hildegard unfreundlich empfangen würde?— im Gegen⸗ theil, ich werde mich bezwingen, ich will ſie nicht einmal nöthigen, über dieſe Angelegenheit zu reden, wenn ſie das Hackländer, Geſchichten im Zickzack. III. 15 — 226— nicht freiwillig thut; o, ich weiß vielleicht einen ſichereren Weg, um zu erfahren, was ich erfahren muß.“ „Ich verſtehe Dich nicht, Willibald!“ „Und Sie werden mir Recht geben, Mama,— haben wir nicht hier dieſen Herrn von Roſenthal, der, wie ich ganz genau weiß, mit den intimſten Geſchichten des Hofes bekannt iſt?— ich bin ſicher, daß er auch um dieſen ge⸗ häſſigen Skandal weiß, und ich hoffe, daß er Ehrenmann genug iſt, mir eine richtige Antwort nicht zu verweigern, wenn ich ihn als Kavalier und als Vater frage— was iſt Ihre Anſicht, Mama?“ „Immerhin,“ erwiederte die alte Dame mit einem leichten Achſelzucken,„er wird Dir ſagen, was er weiß —— oder,“ ſetzte ſie, aber ſo unverſtändlich hinzu, daß es klang, als huſte ſie in ihr an die Lippen gehaltenes Schnupftuch,„was er Dir zu ſagen für gut findet.“ uu ffffffffffffnſnſſn 13 14 15 16 17 18