—— 0 0 0 E Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5.„ von 4. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Nekädb der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe den angenommen. hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 1 wird.. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Dei.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 3 7,„=. 3„=„ 4„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und eriitſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 2c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ß der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 1 7 kujehezort. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird N — beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— ———— ———— — — — — — 8 — Geſchichten im Zickzack. Roman von F. W. Hackländer. Zweite Auflage. Zweiter Band. —— Stuttgart und Leipzig. Druck und Verlag von Eduard Hallberger. —— Jedes Recht, vorzüglich das der Ueberſetzung dieſes Werkes in fremde Sprachen, wird vorbehalten, Nachdruck ſtrengſtens verfolgt. Inhalt des zweiten Bandes. Seite Siebentes Kapitel. In der ſechsten Wendung, Tannen und Fichten..... 1 Achtes Kapitel. In der ſiebenten Wendung, ſtiller Wald und ſanftanſteigender E......36 Neuntes Rapitel. In der achten Wendung, Nadelholz und Alpenroſen an gefähr⸗ lichein Abhang........... 96 Behntes Kapilel. In der neunten Wendung, Schneeregion und abwärts... 142 Elftes Kapitel. In der zehnten Wendung, hohe Matte mit duftenden Alpen⸗ TTäMIeTYII 149 Siebentes Kapitel. In der ſechsten Wendung, Tannen und Fichten. Auf das Sudelwetter der letzten Wochen war nach einem tüchtigen Nachtfroſte einer jener klaren, kalten Wintertage erfolgt, die mit ihrer friſchen Luft und ihrem hellen, goldenen Sonnenſcheine unſer Gemüth ſo ange⸗ nehm berühren. Keine Jahreszeit, als der Winter, hat dieſe ſchroffen Uebergänge, wo ſich die Erde, geſtern noch mit dichten Nebeln bedeckt, trüb und ſchmutzig anzuſehen durch Schnee⸗ und Regenſchauern, mit Kinem Male ohne Uebergang aus dem tiefſten Negligé in ihr glänzendſtes Feierkleid wirft. Daß der Boden nicht wie im Frühjahr oder Sommer noch eine Zeitlang feucht oder ſchmutzig bleibt, dafür hat der ſcharfe Nordwind geſorgt, und nicht nur Wege und Stege hübſch getrocknet, ſondern die geſtern Abend noch naſſen Halme der Gräſer, ſowie die nackten Aeſte der Hackländer, Geſchichten im Zickzack. II. 1 kleineren Geſträucher und größeren Bäume mit Millionen weißer Eiskryſtalle verziert. Die ganze Natur iſt in großer Parade unter einem tiefblauen, leuchtenden Bal⸗ dalchin, und hat ſich mit Sonnengold verziert, wo ſich nur irgend ein Licht oder ein Glanz anbringen läßt. Auf den Straßen ſieht man Alles heiter und beweg⸗ lich umhereilen, und wenn dieſe ſcheinbar gehobene Stim⸗ mung, das eilfertige Hin⸗ und Herrennen der Menſchen, Pferde und Hunde auch aus dem Drange abgeleitet werden muß, den Kreislauf des Blutes behufs größerer Erwärmung zu beſchleunigen, ſo gibt es Staffage ein luſtigeres Anſehen, zugleich mit dem ſicht⸗ baren Hauche aus unſerem Munde und unſern ſanft gerötheten Wangen und Naſenſpitzen. 80 1 doch der ganzen Selbſt die alten, maſſigen Gebäude, die geſtern noch unter Schnee und Regen mit ihren matten Fenſtern und triefenden Mauern ſo gar grämlich und mißmuthig darein ſchauten, ſcheinen ſich über Nacht um zehn Jahre verjüngt zu haben, und heute Morgens in einem köſtlichen Humor zu ſein— ſo das alte königliche Schloß mit ſeinen mäch⸗ tigen grauen Thürmen, welches geſtern, trotz ſeiner Größe und Ausdehnung, ebenfalls einen trübſeligen Anblick bot, mit öden, leeren Höfen, mit ſeinen Schild⸗ wachen, welche kaum die Naſenſpitze aus dem Schilder⸗ haus herausſtrecken, mit der durchnäßten, lang herab⸗ ————— hängenden gelb und weißen Fahne an der hohen Stange auf dem Thurme über dem Mittelportal, und mit ſeinen triefenden Equipagen im großen Schloßhofe, welche dicht zuſammengedrängt, gegenſeitig Schutz ſuchend, in einer kompakten Maſſe daſtanden, und auf denen ſelbſt die Roſſelenker keine Luſt zu einem Austauſch freundſchaftlicher Gefühle verſpürten. Auch das ſah heute Morgen ganz anders aus; da glänzten die Mauern auf der Sonnenſeite ſo freundlich und behaglich, da ſtrahlten die hohen Fenſter in faſt ausgelaſſener Luſtigkeit, und es war gerade, als ſeien die auf ihnen reflektirenden Sonnenlichter eben ſo viele gute und ſchlechte Witze, welche ſie ſich gegen die Vorüber⸗ ziehenden erlaubten. Da erſchienen die weiten Thore nicht mehr wie geſtern verdrießlich gähnend, ſondern heiter geöffnet unter einem wohlwollenden Lächeln. Drunten marſchirten die buntfarbigen Schildwachen wohlgemuth hin und her mit weithin leuchtenden Gewehrläufen und Bajonetſpitzen, und droben auf dem Hauptthurme buhlte ein angenehm liebenswürdiger, junger Morgenwind mit der koketten Flagge, die in zierlichen Wendungen ſo that, als ſei es ihr ſehr darum zu thun, ſich ſeinen kühnen Umarmungen zu entziehen. Und faſt alle Welt war guten Humors, ſelbſt Seine Majeſtät der König, welcher heute gaͤnz beſonders vor⸗ trefflich geſchlafen hatte— ſo lautete die erſte Meldung des dienſtthuenden Kammerdieners an den dienſtthuenden Flügeladjutanten Major Wieneck. „Wird Manchem zu Gute kommen, mein lieber Herr Dippel,“ ſagte der freundliche Offizier, indem er ſich im Dienſtzimmer der Adjutanten an den Schreibtiſch ſetzte, die dort befindlichen Papiere ordnete und die Liſte Derer durchlas, welche heute zur Audienz vorgemerkt waren. Dabei trafen ſeine Blicke auf einen Namen, bei dem er, ſobald er ihn erblickte, in die Höhe ſchaute, und zwar in das freundlich lächelnde Geſicht des alten, verſtändigen Kammerdieners. „Wen haben wir denn da?“ „Ich weiß wohl nicht ſogleich, wen der Herr Major meinen?“ erwiederte Herr Dippel, obgleich er ſich ſtark bewußt war, darin eine Unwahrheit zu ſagen. „Herr von Roſenthal.“ „Ah, richtig, Herr von Roſenthal war ſchon vor einigen Tagen von Seiner Majeſtät zur Audienz beſtimmt, wurde aber wieder geſtrichen und auf heute beſtellt.“ „Sonſt nichts Neues, mein lieber Herr Dippel?“ „Nichts Beſonderes hier im Schloſſe— an Stadt⸗ neuigkeiten dagegen wie gewöhnlich kein Mangel.“ „Die ſich zuweilen auch hierher verirren.“ „O ja, Herr Major, was wollen Sie? Jeder bemüht 2 — 5— ſich auf ſeine Art die Majeſtät zu unterhalten. Nun heute wird Herr von Roſenthal darin ſchon ein Uebriges thun. „Der König lacht gerne über ſeine drolligen Einfälle.“ „Gewiß, Herr Major, doch ſchreibt der König auch zuweilen Bemerkungen nieder, ſobald ihn Herr von Roſen⸗ thal verlaſſen— Sie geſtatten mir jetzt wohl, daß ich mich zurückziehe?“ „Lieber Herr Dippel, Sie ſind ein Muſter von Höflichkeit, wie könnte ich es mir einfallen laſſen, von Ihrer koſtbaren Zeit auch nur eine weitere Minute zu vergeuden? Halten Sie mich in freundlichem Andenken.“ Der alte Kammerdiener verbeugte ſich mit einem mehr als wohlwollenden Lächeln und hatte ſich ſchon halb zum Weggehen gewendet, als er ſtehen blieb, wieder neben den Flügeladjutanten trat und ihm flüſternd ſagte: „Auf der Liſte da iſt noch ein Name vergeſſen, vielleicht auch abſichtlich nicht hergeſetzt worden; der Ihres hoch⸗ verehrten Herrn Papas. Seine Excellenz ſind nach den gewöhnlichen Rapporten, ſowie nach Herrn von Roſenthal zur Audienz gewünſcht worden.“ „Ich danke Ihnen herzlich, mein lieber Herr Dippel.“ Jetzt zog ſich der alte Kammerdiener in der That zurück, wobei er vollſtändig geräuſchlos gleich einem Weſen ohne Körper über den Parketboden dahinglitt. Nachdem Graf Leo ſeine Papiere geordnet, auch eine — 6 Morgenzeitung flüchtig durchgeſehen, ging er in dem weiten Gemache auf und ab und traf, nachdem dieß einige Male geſchehen, an der Thür, welche auf den Korridor führte, mit einem Hoflakaien zuſammen, welcher ehrerbietig vor ihm ſtehen blieb und ihm auf ſilbernem Teller ein ziemlich großes, verſiegeltes Briefcouvert prä⸗ ſentirte. Das Siegel zeigte das kleine Alliancewappen der Königin, und der Brief war überſchrieben: An den dienſt⸗ thuenden Adjutanten Seiner Majeſtät. Der Lakai hatte ſich entfernt und Major von Wieneck riß das Couvert mit größerer Haſt auseinander, als man ſonſt wohl in dienſtlichen Angelegenheiten zu thun pflegt. Es befand ſich in demſelben ein zuſammengefaltetes weißes Blatt Papier, und zwiſchen dieſem ein Bogen Briefpapier kleinſter, ſtärkſter und glätteſter Sorte, auf dem die Worte ſtanden:„Da heute viele und langdauernde Rapporte ſind, ſo findeſt Du gewiß einige Augenblicke Zeit, mich zu beſuchen, weßhalb ich bis zwölf Uhr nur für Dich zu Hauſe bin— Suſanna.“ Nachdem Graf Leo dieſe Zeilen geleſen, klemmte er einen Augenblick ſeine Unterlippe zwiſchen die Zähne, und wenn es auch gerade kein Schatten war, welcher über ſeine Züge flog, ſo zeigten dieſelben doch etwas von Erregung nicht gerade der angenehmſten Art. Er zerriß das kleine, zähe Briefpapier in möglichſt winzige ——,——— —— ₰ — —— 7 Stücke und dann nahm er die, auf welchen der Name Suſanna ſtand, in den Mund, kaute ſie zuſammen und rollte alsdann eine kleine Kugel daraus, die er mit den andern Ueberreſten in den Papierkorb fallen ließ. Ein Ofen zum Verbrennen derſelben wäre allerdings da geweſen, doch wurde dieſer von außen in einem ſehr rußigen Kaminwinkel geheizt. „Es iſt um das, was der Dichter Roſenketten nennt, ein ganz eigenthümliches Ding,“ murmelte der Flügel⸗ adjutant Seiner Majeſtät, indem er, die Hände auf den Rücken gelegt, ſeinen Spaziergang durch das Zimmer wieder aufnahm,„die Roſen verflattern, die Kette bleibt. Das Geſcheidteſte wäre, wenn ich mich möglichſt raſch nach einer guten Partie umſchaute. Der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er zerbricht, und ich fürchte wohl mit vollem Recht, daß es unſere allergnädigſte Königin nicht allergnädigſt aufnehmen wird, wenn ſie gelegentlich einmal erfährt, daß man ſich gar zu intim in ihrem innern Haushalte beſchäftigt— wunderbar genug, daß man ihr bis jetzt noch nicht zu dieſer Erleuchtung ge⸗ holfen———— da iſt wieder dieſer Roſenthal, der mir neulich Abends bei mir einen ſeiner vielſagenden Blicke lancirte, als man ihn damit hänſelte, daß er im ſtrömenden Regen an dem Pavillon der Oberſthofmeiſterin, und zwar im Schritt, vorübergeritten ſei——— 8 Roſenthal iſt nun gerade der Mann nicht, einem Neben⸗ menſchen muthwillig den Spaß zu verderben, oder dieſer Nebenmenſch müßte ihm irgendwo im Wege ſein, wo er ſich alsdann kein Gewiſſen daraus machen würde, über ihn hinweg zu trampeln.“ Major Leo war unter dieſem Selbſtgeſpräch an einem der hohen Fenſter ſtehen geblieben und ſchaute nun mit etwas verdüſtertem Blick auf das glänzende Sonnenlicht, welches an eine dem Vorzimmer gegenüberliegende Mauer die Dachſilhouette eines zur Seite ſtehenden Pavillons in ſcharfen Schattenumriſſen hinwarf; dann fuhr er kopf⸗ nickend fort:„Ja, ja, das dort iſt das richtige Bild, ein ſchwarzer Flecken in hellem Lichte. Iſt es doch ſo, als wenn dieſer düſtere Schatten mir gerade heute warnend entgegen träte— Kindereien— bei ihrer Vorſicht!— und doch iſt es wieder ein unvorſichtiges Verlangen, mich gerade aus dem Dienſtzimmer abzuberufen— wie ſich Alles andert,“ ſprach er nach einer längeren Pauſe zu ſich ſelber,„bei dem erſten dieſer kleinen Billette würde ich dieſe Skrupel nicht gehabt haben— ich bin recht un⸗ dankbar gegen dieſes ſchöne, liebenswürdige Weib!“ Der Leiblakai, welcher draußen im Veſtibul an der Thüre ſtand, hatte dieſe geöffnet und der Oberſthofmeiſter trat in das Gemach, blieb aber an der Schwelle ſtehen, um einem der Schloßbeamten, welcher ihm bis hierher * „ gefolgt war, noch ein paar Befehle zu ertheilen, worauf er ſagte:„Bringen Sie mir dann die Papiere auf meine Privatkanzlei, wohin ich mich ſogleich nach dem Rapport Seiner Majeſtät begebe. Ich habe dort einige Leute zu empfangen.“ Dann trat Seine Excellenz näher und erwiederte den Gruß des Flügeladjutanten, der ihm entgegengetreten war, in verbindlicher Weiſe, indem er ihm ſeine rechte Hand entgegenſtreckte. Seine Excellenz ſah etwas verdrießlich aus, doch that dieß ſeiner gewöhnlichen Miene des Erſtaunens durchaus keinen Abbruch; änderte ſich aber auch nicht, als er, lang⸗ ſam ſich dem Fenſter nähernd, mit einem Seufzer ſagte: „Welch' ſchönes Wetter, welch' herrlicher Tag!“ „Ausgezeichnet in der That, und hoffentlich ebenſo auch das Beſinden Euer Excellenz.“ 1 „Das könnte ich nun gerade nicht ſagen, mein lieber Major, der ſchöne Sonnenſchein richtet allerdings meine Nerven ein Bischen auf, aber was nützt mich aller Sonnenſchein der Welt, wenn man ſeinen Horizont mit dunklen Wetterwolken umzogen ſieht.“ „Excellenz ſcherzen.“ „Du tout, mein Lieber, ich bin durchaus nicht zum Scherzen aufgelegt, ich bin in einer ſehr ernſthaften Stim⸗ mung. Nun, Ihnen brauche ich daraus kein Geheimniß zu machen; Sie kennen ja die ganze unangenehme Si⸗ tuation, in welche ich mich durch die Schuld jenes ver⸗ fluchten Roſenthal verwickelt, allerdings auch durch meinen Leichtſinn, auf dieſe unſinnige Wette einzugehen— wor⸗ über lachen Sie? Doch ich kann es mir denken; ein leichtſinniger Oberſthofmeiſter in meinen Jahren kommt Ihnen lächerlich vor— nicht wahr?“ „Im Gegentheil, Excellenz, gerade daß Sie ſich Ihrer Jahre halber darin einer Lächerlichkeit anklagten, erregte bei mir einige Heiterkeit. Euer Excellenz, ſo konſervirt, ſo voll Kraft und Feuer, haben wirklich keine Urſache, von Ihren Jahren zu reden. Sie geben uns jüngeren Leuten in gewiſſen Beziehungen noch ein Doublé vor.“ „In welchen Beziehungen, mein lieber Freund?“ fragte der Oberſthofmeiſter, indem ſeine erſtaunten Züge eine kleine Beimiſchung von Mißtrauen zeigten. „O nichts, Excellenz, es war nur ein Scherz.“ „Nein, nein, mein lieber Major, damit kommen Sie mir nicht durch, Sie ſind viel zu beſonnen und ernſthaft, um dergleichen Scherze zu machen, o ich bin ſicher, auch Sie haben ſchon von den leichtſinnigen Reden dieſes un⸗ beſonnenen Stoltenhoff gehört,— ſeien Sie ehrlich, Major Wieneck!“ Der Flügeladjutant zuckte mit den Achſeln und wenn er auch ſagte:„Ich wüßte in der That nicht, worauf 2 ο N — 11— die Worte Eurer Excellenz zielen,“ ſo ſtanden doch ſeine Mienen damit in offenbarſtem Gegenſatz, weßhalb ihn denn auch der Oberſthofmeiſter raſch unter dem Arm nahm und ihn in die tiefe Fenſterniſche führte, ehe er ſagte:„Nun, was denken Sie davon? Hüätte dieſer Stoltenhoff nicht viel klüger daran gethan, mich um eine vertrauliche Unterredung zu erſuchen und mich zu veran⸗ laſſen, für dieſe widrige Sache etwas zu thun, ich hätte etwas gethan, mein Wort darauf; ja ich hätte im ſchlimm⸗ ſten Falle Seiner Majeſtät die ganze unſinnige Wette entdeckt— vogue la galère!—“ „Darin hätte Stoltenhoff allerdings klüger gehandelt, aber Euer Excellenz kennen ihn ſo gut wie ich; leicht entzündbar wie ein Bündel Stroh, und in der Leiden⸗ ſchaft gerne geneigt, mit dem Kopf durch ein Brett zu rennen, wo es am diektten iſt.“ „O— ſehr richtig,“ gab der Oberſthofmeiſter ſeuf⸗ zend zur Antwort, wobei er ſeine Unterlippe kummervoll herabhängen ließ, und ſich das Erſtaunen ſeiner Blicke durch ein Niederſinken der Augenlider abſchwächte,„und ſeine Handlungsweiſe iſt taktlos und rückſichtslos nach allen Seiten hin; will mich da mit ſeiner eigenen, dum⸗ men Liebſchaft in's Gerede bringen.“ „Das iſt geradezu unverantwortlich.“ „Es habe in meiner Abſicht gelegen, ihn mit ſeiner — 192 Dulcinea zu entzweien, ich hätte aus Eiferſucht gehandelt, als wenn ich mich je um ſeine Sängerin bekümmert hätte; ich glaube nicht, daß ich im Ganzen ein Dutzend Worte mit ihr geredet habe.“ „Nun, Excellenz, ein Dutzend Worte könnten es ſchon geweſen ſein, allein bei dem letzten Hofkonzerte,“ meinte lächelnd der Flügeladjutant. „Nun ja, ich war es in meiner Stellung der Künſt⸗ lerin ſchuldig, ihr für ihren reizenden Geſang einige paſ⸗ ſende Worte zu ſagen, und wem hätte ich Rechenſchaft abzulegen, wenn ich einem artigen Mädchen mit Freund⸗ lichkeit entgegentrete?“ „Gewiß Niemanden auf der weiten Welt; Euer Ex⸗ cellenz haben ſich in Ihrem langjährigen Wittwerſtande von allen Feſſeln frei zu erhalten gewußt, und ſind dar⸗ um zu beneiden.“ „Aber gerade, weil man mir poſitiv in dieſer Rich⸗ tung nichts aufzuhängen vermag, iſt man bei Hofe ſo gerne geneigt, ſelbſt das Unglaubliche zu glauben, und die Schlimmſte darin iſt die alte Pommerhauſen. Sagte ſie mir doch geſtern Abend in der Loge, als ich aus reiner Neugierde die Kleine auf der Bühne mit meinem Glaſe etwas genauer betrachtete: ‚Mein lieber Baron Tönning, Sie ſollten das nicht ſo auffallend betreiben. Daraus konnte ich ſchon abnehmen, wie das Gift gewirkt hat; aber zum Henker, was braucht ſich die Pommer⸗ hauſen um meine Angelegenheiten zu bekümmern, und geſetzt den Fall, ich nehme ein wirkliches Intereſſe an Jemand dergleichen?“ „Das müßte Jedermann natürlich finden bei—“ „Was bei?“ fragte der Oberſthofmeiſter, da Graf Wieneck lächelnd ſchwieg. „Nun, bei Ihrer unabhängigen Stellung und bei der Art, wie Euer Excellenz ſich vielleicht gerade dadurch konſervirt haben.“ „Sie ſind ein Spottvogel, lieber Major, aber ich will Ihnen aufrichtig ſagen, daß ich mich am Ende um dieſes Gerede nicht zu kümmern habe, wenigſtens mir den Anſchein gebe, und wenn Seine Majeſtät nochmals mit zarten Anſpielungen kommt, ſo werde ich mit einem viel⸗ ſagenden Blicke die Achſeln zucken, und ich verſtehe es, verſtändliche Nüancen in meine Blicke zu legen.“ „Dieſe kleine Melina iſt in der That eine reizende Perſon großem Ernſte,„ich bin überzeugt, daß Stoltenhoff ſie mit ſeiner raſch aufgeflackerten tollen Leidenſchaft brüskirt hat, förmlich überrumpelt, ich kenne ſeine Manier.“ “ ſagte der Flügeladjutant nachdenklich und mit „Sie hätte geſcheidter ſein ſollen— ein verheiratheter Mann!“ „Darüber ließe ſich doch Einiges zu ihrer Entſchul⸗ — 14 digung ſagen. Wie hat Stoltenhoff in dieſer Geſchichte intriguirt, ja das Mädchen förmlich kompromittirt, ehe er noch das geringſte Verhältniß mit ihr hatte, und ihr auf dieſe Art verrätheriſch eine Schlinge um den Kopf geworfen!“ „Glauben Sie?“ „O ich weiß das ganz genau; ja noch mehr. Man hat der Melina früher nie etwas Uebles nachſagen können. Sie ſoll förmlich erſchreckt geweſen ſein über Stoltenhoff's wilde Leidenſchaft, und jetzt ihr Verhältniß zu demſelben nicht wie ein ſüßes Band, ſondern wie eine drückende Feſſel betrachten—“ „Arme Kleine— ſie iſt ſo hübſch und elegant.“ „Ja,“ ſtimmte der Flügeladjutant mit einem etwas affektirten Seufzer bei,„wer dabei nicht ſchon anderwei⸗ tig beſchäftigt wäre!“ „Sie? Ein Anachoret— Sie machen mich lachen, lieber Wieneck, denn es iſt wirklich komiſch für einen Mann in Ihren Jahren, für einen Dragoneroffizier von ſolchen Qualitäten wie die Ihrigen, einen ſo jungfräu⸗ lichen Ruf zu haben— Gott ſchütze Sie darin.“ „So flehe ich in allen meinen Gebeten.“ „Sie Schalk, in allen Ihren Gebeten— werden aber nicht zu häufig dazu kommen, doch gehen wir dar⸗ über hinweg, um wieder auf—“ 15 „Beſagte Kleine zu kommen,“ fiel Graf Wieneck dem Oberſthofmeiſter raſch in's Wort, worauf dieſer ſchmunzelnd erwiederte:„Meinetwegen, kommen wir auf ſie—“ „Zurück.“ „Allerdings zurück.“ „Glauben Euer Excellenz wohl, daß es ein dankbares Geſchäft wäre, ſich der armen Melina anzunehmen, ſie zu ſchützen, zu protegiren, zu erheben?“ „So ein wenig Gott und Bajadere zu ſpielen,“ ant⸗ wortete der Oberſthofmeiſter mit einem ſehr gemäßigten Ausdruck des Erſtaunens in ſeinem Geſichte. „So was dergleichen; denn ich fürchte, ſie könnte jetzt eine mächtige Protektion brauchen. Baron Schalken, der jetzt aus allerbeſter Quelle weiß, daß man von oben herab die Entfernung der Kleinen auf's Dringendſte wünſcht, wird ſeinen Liebling von geſtern deßhalb heuter mit großer Härte behandeln.“ „Das wäre ſo eine Protektion für Sie, lieber Wieneck.“ Hier zuckte der Flügeladjutant unter einem ſehr be⸗ deutſamen Lächeln die Achſeln, indem er mit glücklich ge⸗ ſpielter Verlegenheit ſagte:„Allerdings, Excellenz— wenn— wenn nicht gerade jetzt, wenn ich nicht im Au⸗ genblicke—“ 16— „Ah, Verräther,“ ſagte der Oberſthofmeiſter mit dem Ausdruck eines grenzenloſen Erſtaunens und einer ſo ſtramm aufgezogenen Unterlippe, daß ſich ſein Mund förmlich zuſpitzte wie der eines Karpfen,„junger Ver⸗ räther!“ „Ich weiß in der That nicht, was Euer Excellenz damit ſagen wollen.“ „Ja, man verſteht und begreift dergleichen vortreff⸗ lich geſpielte Unwiſſenheiten, aber man hat ſeine Augen, man begreift die feinſten Nüancen.“— „Dieſe Nüancen müßten allerdings außerordentlich fein ſein.“ „Ia⸗ ja, aber nicht zu fein für Unſereinen; man verſteht das Zucken eines Auges.“ Der ſchuldbewußte Flügeladjutant Seiner Majeſtät ſpürte jetzt etwas echte Verlegenheit, doch wußte er dieſe unter einem ganz harmloſen Lächeln zu verbergen, worauf der Andere fortfuhr, nachdem er den Dragonerofftzier mit ſeinem Zeigefinger leicht auf die Bruſt getippt:„Wie heißt es doch in jenem Gedichte von Bürger, welches uns in unſerer Jugend ſo ſehr geläufig war,„Lenardo ſah hin, Blandine ſah her?“. „Nun, wen Euer Excellenz unter Lenardo verſtehen, kann ich mir allenfalls denken, aber Blandine?“ antwor⸗ tete der Major in einer leicht begreiflichen Spannung, denn er fürchtete Anſpielungen zu hören, die ihm na⸗ mentlich im Munde des alten, geſchwätzigen Oberſthof⸗ meiſters äußerſt unangenehm geweſen wären. „Es iſt die ſchönſte der Damen, die dienen Euch,“ wie der leichtſinnige Page in den Hugenotten ſingt, eben ſo jung als ſchön. Dem Flügeladjutanten rollte eine ſchwere Laſt von der Bruſt, und dieſe Erleichterung war wohl Schuld daran, daß er mit einem beifälligen Lächeln vor ſich niederſchaute, einem Lächeln, welches der Oberſthofmeiſter als ein ſtummes Geſtändniß nahm und deßhalb vertrau⸗ licher fortfuhr:„Aufrichtig geſagt, mein lieber Graf Wieneck, wenn Sie mein Sohn wären, was den Jahren nach—“ „Unmöglich iſt, Excellenz.“ „Nun, laſſen wir das gut ſein, ſelbſt wenn Sie alſo mein Sohn wären, würde ich zu dieſer Neigung Ja und Amen ſagen.“ „Aber ich weiß in der That noch nicht, wen Euer Excellenz unter Blandine verſtehen?“ „Die ſchönſte der Damen, die dienen Euch,“ wie⸗ derholte der Oberſthofmeiſter mit aufgehobenem Zeige⸗ finger. „Die alſo Ihrer Majeſtät der Königin dienen, viel⸗ leicht die Gräfin Pommerhauſen?“ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. II. 2 8 „Nicht ſchlecht,“ lachte Seine Excellenz laut und herzlich,„doch iſt es gerade das andere Ende, welches ich meine.“ „Alſo die jüngſte der Damen— die Gräfin Ferr⸗ ner,“ ſprach der Major nach einigem Beſinnen. „Das Geſtändniß iſt Ihnen ſauer geworden, lieber Wieneck.“ „Ich muß Euer Excellenz dringend bitten, die Nen⸗ nung dieſes Namens durchaus für kein Geſtändniß zu . nehmen.“ „Lenardo ſah hin, Blandine ſah her, das Letztere haben Sie vielleicht nicht immer bemerkt, aber Unſer⸗ einer, welcher ſchon des Dienſtes halber ſeine Augen überall hat, bemerkte ſchon ſehr häufig, mit welchem un⸗ verkennbaren Intereſſe die ſchöne Ferrner, eine Perle b unter den Hofdamen, ein Ehrenfräulein in der richtigſten Bezeichnung des Wortes, ihre Blicke auf dem intereſſanten Dragoneroffizier ruhen ließ— haben Sie etwas Ver⸗ nünftiges dagegen einzuwenden?“ „Gegen die vortrefflichen Eigenſchaften der Gräfin Ferrner nicht das Geringſte, und glücklich müßte ſich Der ſchätzen, den ſie eines vertraulichen, theilnehmenden Blickes würdigt.“ „Nun denn— Sie Glücklicher!“ Graf Wieneck mochte wohl ſeine Urſache haben, den Al — 19 Vermuthungen des Oberſthofmeiſters gerade jetzt nicht zu entſchieden zu widerſprechen, beging er doch darin keine Indiskretion gegen die junge Dame, die er wohl kannte und die er, wie Alle am Hofe, aufrichtig ſchätzte und ver⸗ ehrte, ja er konnte ſich eines leiſen Lächelns nicht ent⸗ halten, wenn er an die Bemerkung des Oberſthofmeiſters dachte: Gräfin Ferrner habe ihn zuweilen theilnehmend angeſchaut, doch lächelte er dabei nicht aus geſchmeichelter Eitelkeit, vielmehr über die unfehlbaren Augen der alten Excellenz; denn die Gräfin Ferrner war eben ſo ſehr wegen ihrer Schönheit und wegen der vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften ihres Geiſtes und ihres Herzens verehrt, als auch bekannt wegen ihrer ſchroffen Haltung in gewiſſer Be⸗ ziehung und wegen ihrer Kälte gegenüber allen Bewerbungen. „Ich achte Ihr Stillſchweigen, lieber Wieneck,“ ſagte der Oberſthofmeiſter nach einer ziemlichen Pauſe, und ſetzte alsdann mit einem leiſen Seufzer hinzu, indem er auf die Uhr blickte, welche ſich über der Thür befand, die in das innere Appartement Seiner Majeſtät führte, „danke Ihnen auch für Ihre angenehme Unterhaltung, die es mir möglich macht, mit leichteren Gefühlen zum Rapport zu gehen— vergeſſen Sie aber nicht, daß ich vielleicht der Erſte war, der Ihnen ein wahres Wort der Anerkennung über Ihre würdige Neigung ſagte— hof⸗ fentlich ſpäter meine Graͤtulation.“ — 20— Der dienſtthuende Kammerdiener Seiner Mafjeſtät öffnete in dieſem Augenblicke die Thüre unter der Uhr, und ein freundliches Lächeln des Herrn Dippel, ſowie V eine Neigung ſeines Kopfes, welche in ihrem Ausdruck genau die Mitte hielt zwiſchen Ehrerbietung und Vertrau⸗ lichkeit, erſuchte den Oberſthofmeiſter einzutreten. Graf Wieneck war wieder an ſeinen Tiſch getreten und überflog dort mit ſeinen Augen die angemeldeten ’ Audienzen—„nach den Hofdepartements,“ ſprach er zu ſich ſelber,„kommen heute der Kriegs⸗ und Finanz⸗ miniſter; ſo haben wir alſo einige Zeit für uns.“ Er b rief den Leiblakai herein, der draußen im Veſtibul ſtand, und fragte ihn, welcher Ordonnanzoffizier heute den Dienſt habe. 1„Herr Lieutenant von Mittow, augenblicklich in dem Militärkabinet Seiner Majeſtät beſchäftigt.“ „Rufen Sie ihn herüber!“ 8 Lieutenant Mittow erſchien nach wenigen Augenblicken N NGf— d2. 8 miit Säbel, Schärpe und Helm, wie es ſich von ſelbſt N/ 9. 4. 1760: verſteht, wenn man in das Vorzimmer des Königs ge⸗ rufen wird. „Sie können mir einen Gefallen thun, lieber Mittow,“ ſagte der Flügeladjutant,„ich habe einen kleinen nothwendigen Ausgang zu machen, was ich 320 mir jetzt allenfalls erlauben kann, da ich überzeugt A — 21— bin, daß Sie mich vorkommenden Falles vollſtändig ver⸗ treten.“ 1 „Was ich thun kann, Herr Major, geſchieht mit dem größten Vergnügen.“ „Wofür ich Ihnen ſehr dankbar bin, und wenn ſich der Dienſt, wie vorausſichtlich, glatt abwickelt, ſo haben Sie nichts zu thun, wie Sie ſelbſt wohl wiſſen, als dort in der Fenſterniſche zu ſtehen und ein paar Bemer⸗ kungen über den herrlichen Sonnenſchein mit anzuhören. Drinnen iſt der Oberſthofmeiſter, dann kommt der Oberſt⸗ ſtallmeiſter, der Chef des geheimen Kabinets, dann der Kriegs⸗ und Finanzminiſter, Alle in ſchönſter Reihenfolge, die durch den Kammerdiener Seiner Majeſtät, Herrn Dippel, in Ordnung gehalten wird; er iſt mein ſpezieller Gönner und werde ich ihn für alle Fälle von meiner kurzen Entfernung in Kenntniß ſetzen. Hier haben Sie die Liſte der Rapporte und Audienzen, doch bin ich zur Zeit der letzteren wieder zurück.“ „Was mir wegen eines dieſer Herren lieb wäre,“ gab Lieutenant von Mittow in einem etwas trockenen Tone zur Antwort,„wegen Herrn von Roſenthal,“ fuhr er achſelzuckend fort, nachdem ihn Graf Wieneck fragend angeſchaut,—„wir leiden ſeit Kurzem unter einer gegen⸗ ſeitigen Antipathie, und wenn ich dieſe auch durch⸗ aus nicht in den Dienſt hineinziehe, ſo iſt es mir doch lieber, Roſenthal ſo wenig als möglich zu be⸗ gegnen.“ „Unbeſorgt, lieber Mittow, bis dahin bin ich längſt zurück; was habt ihr denn eigentlich miteinander, wenn ich fragen darf, ohne eine Indiskretion zu begehen?“ „Nun, Sie kennen ihn ja; rückſichtslos, aufdringlich, wie er ſein kann, tritt er mir irgendwo in den Weg, wo er in der Unerfahrenheit, ja in der harmloſen Un⸗ ſchuld eines jungen Mädchens ein Terrain findet, das er durch die freche Sicherheit ſeines Auftretens, durch ſein rückſichtsloſes Zugreifen wohl zu kultiviren verſteht. Er iſt ein gefährlicher Menſch einem unerfahrenen Mädchen⸗ herzen gegenüber.“ „Zugeſtanden, lieber Mittow, und würde ich es Ihnen nicht übel nehmen, wenn Sie die Dame, für welche Sie. ſich intereſſiren, über jene gefährliche Perſönlichkeit auf⸗ zuklären verſuchten.“ „Und erreiche dadurch das Gegentheil,“ rief der Dragoneroffizier in verdrießlichem Tone,„da predige Einer dieſen Mädchen, da ziehe Einer noch ſo vernünf⸗ tige Parallelen zwiſchen ſich, der es ehrlich und redlich meint, und zwiſchen einem abenteuerlichen Charakter, der ſie gerade dadurch anzieht, daß er ſie mit ſeinen hohlen Augen anlächelt, der ihnen intereſſant erſcheint wegen ſeiner fahlen Wangen und ſeiner weißen Lippen, die er — 23 nur öffnet, um die unglaublichſten Lügen von ſich zu geben; geſtehen Sie mir ſelbſt, Herr Major, daß auch Ihnen dieſer Roſenthal zuweilen eine unheimliche Er⸗ ſcheinung iſt.“ „Allerdings macht er auf uns zuweilen einen un⸗ heimlichen Eindruck, aber nicht auf die Weiber.“ „Leider— leider— ja man hat mir geſagt, daß man ſich vor ihm fürchte, und daß er trotz alledem in⸗ tereſſire.“ „Das iſt kein gutes Zeichen, lieber Mittow.“ „Weiß Gott, daß das kein gutes Zeichen iſt,“ er⸗ wiederte der Dragoneroffizier unter einem leichten Seuf⸗ zer,“ und gerade deßhalb glaube ich, daß ich noch einmal hart mit ihm zuſammenkomme.“ „Nehmen Sie ſich vor Roſenthal in Acht,“ meinte Graf Wieneck lächelnd,„er ſagt von ſich ſelber, er ſei ſchußfeſt.“ „Kindereien, er ſagt Vieles, dieſer Herr von Roſen⸗ thal— er ſagt auch, daß er ein Vampyr ſei.“ „Uebrigens aber werde ich dafür ſorgen, lieber Mit⸗ tow, daß Sie ihm heute hier nicht begegnen, verlaſſen Sie ſich auf mich, ich denke in einer kleinen halben Stunde wieder hier zu ſein.“ Während dieſer letzten Worte hatte der Flügelad⸗ jutant Seiner Majeſtät Säbel, Schärpe und Helm in —— 24 einem Eckſchrank aufbewahrt, dort ſeine Dienſtmütze ge⸗ nommen und verſchwand alsdann durch eine Tapeten⸗ thür, welche in's Zimmer des Herrn Dippel führte. Dort ſagte er dem Allgewaltigen des innerſten Dienſtes ein paar freundliche Worte, ſein Weggehen betreffend, und betrat hierauf einen ſchmalen, langen Korridor, welcher Tag und Nacht durch Lampen erhellt wurde, und welcher ſich, wie der geheimnißvolle Gang eines Labyrinthes, zwiſchen den verſchiedenen Appartements dieſes Schloß⸗ flügels durchſchlängelte. Dieſer Gang wurde nur von Wenigen und ſehr Eingeweihten benützt. Es gab in demſelben tiefe und mit Vorhängen bedeckte Thürniſchen, in denen man ſich vollſtändig verbergen konnte, wenn man herannahende Schritte vernahm, und wenn man gerade nicht gerne geſehen ſein wollte; doch gehörte ſchon ein feines Ohr dazu, um dieſe Schritte zu vernehmen, da der Boden des Ganges mit dicken Teppichen be⸗ legt war. Graf Wieneck hatte übrigens nicht weit zu gehen; er wandte ſich einmal rechts um eine Ecke, dann links und ſchlüpfte hierauf hinter einen der eben erwähnten Vorhänge, nicht um ſich zu verbergen, ſondern um ver⸗ mittelſt eines Schlüſſels, den er aus der Taſche nahm, die betreffende Thür recht geräuſchlos zu öffnen und dann wieder eben ſo hinter ſich zu verſchließen. Das Gemach, — 25 in dem er ſich hier befand, war das letzte in der langen Reihe von Zimmern, eines der großen Appartements, mit hohen, vom Boden bis zur Decke reichenden Schränken verſehen, und hier gebrauchte der Eingetretene abermals denſelben Schlüſſel, um eine dieſer großen Schrankthüren zu öffnen und um durch dieſelbe einen zweiten, noch ſchmaleren Gang zu erreichen, dem er folgte, dann ein paar Stufen hinab und wieder eben ſo viele aufwärts ſtieg, um ſich hierauf ungeſehen von Jedermann im Innerſten des vorhin erwähnten Appartements zu be⸗ finden. Für die kleine verſchloſſene Thür, vor welcher er ſich nun befand, ſchien aber Graf Wieneck keinen Schlüſſel mehr zu beſitzen; denn nachdem er einen Augenblick ge⸗ zaudert und gegen die Thüre gehorcht, drückte er dreimal auf einen kleinen Knopf unterhalb des Schloſſes, worauf ſich dieſelbe nach einer kurzen Weile ganz unhörbar drehte, und zwar in der Mitte um ſich ſelber, ihm ſo den Ein⸗ tritt gewährend, und ſich dann hinter ihm eben ſo geräuſchlos wieder ſchloß, hier als Thür gärzlich ver⸗ ſchwindend, da man nun nichts mehr bemerkte, als einen koloſſalen Spiegel, welcher feſt in die Wand gefügt erſchien. Das Gemach war ſcheinbar einfach, aber mit großem Geſchmacke eingerichtet und möblirt, die Wände mit blauem — 26— Seidenſtoffe faltig beſpannt, die Möbel von grauem, amerikaniſchem Ahorn, eben ſo bequem als ohne jede Schnitzerei, und mit dem gleichen blauen Seidenſtoffe wie die Wände überzogen; ein einfacher grauer Teppich, aber vom dickſten Velours, mit kleinen blauen Punkten vollendete das Ganze und zeigte eine ſolch' angenehme Weichheit in der Zuſammenſtellung dieſer beiden Farben, daß eine prächtige, buntfarbige perſiſche Teppichvorlage vor dem breiten Divan faſt ſtörend in dieſer Einfachheit erſchienen wäre, hätte ſie nicht ein glückliches Gegenge⸗ wicht gefunden in der andern Ecke dieſes reizenden Bou⸗ doirs, durch einen Blumentiſch voll der prächtigſten und für dieſe Jahreszeit ſeltenſten Blumen. Es war dieß ſchon ein über alle Beſchreibung behagliches, ja wunder⸗ volles Gemach, und Graf Wieneck ſchien all' die geheimen Wunder deſſelben genau zu kennen, und ſich hier auch ſehr ſicher und wie zu Hauſe zu fühlen; denn kaum hatte ſich der geheimnißvolle Spiegel hinter ihm geſchloſſen, ſo zog er an einer ſchweren Quaſte, welche neben dem⸗ ſelben herabhing, worauf dieſer Spiegel alsbald ver⸗ ſchwand hinter einem blauſeidenen Vorhange, der ſich ſachte vor ihn hinſchob, und dann machte der Eingetre⸗ tene ein paar Schritte gegen einen kleinen Fauteuil neben dem Divan, worauf er ſich niederließ, um das Weitere zu erwarten. — 27—— Lange brauchte er indeſſen nicht zu warten; denn nach wenigen Minuten wurde die Beſpannung der Wand ihm gegenüber etwas auf die Seite geſchoben, und eine ſtattliche, große und auffallend ſchöne Dame trat mit einem gewinnenden Lächeln in das Boudoir; jung war ſie gerade nicht mehr zu nennen, denn ſie ſtand auf der Mittagshöhe ihrer Reize; wenn man aber von dieſem hellen, blendenden Tag darauf ſchließen wollte, was der⸗ ſelbe in der Morgenfriſche der Jugend geweſen ſein konnte, ſo mußte man bedauern, den Anbruch dieſes Tages nicht mit erlebt zu haben; eine ſehr einfache, aber doch dabei ſehr gewählte Morgentoilette umgab dieſe prächtige Er⸗ ſcheinung, und da das weiße Gewand ihre herrliche Ge⸗ ſtalt nicht gar zu ſehr verhüllte, ſo hätte man, abgeſehen von ihren etwas ſcharf leuchtenden Augen, ſowie von ein paar kleinen Falten neben den ſtarken Lippen, ſchon glau⸗ ben können, die Morgenröthe der Jugend wolle hie und da durch leichte, weiße Wolken etwas gewaltſam hervor⸗ brechen. Dabei waren alle ihre Bewegungen ebenſowohl von einer wohlthuenden Ruhe, als von einer hinreißenden Anmuth. Sie ſetzte ſich auf den Divan zur Seite des Grafen Wieneck, legte ihre feine, weiße, etwas volle Hand auf ſeinen Arm und ſagte: „Ich danke, lieber Freund, daß Sie ſo raſch gekom⸗ men ſind, was ich kaum erwarten durfte, da ich wohl weiß, wie ſchwer es für Sie iſt, ſich um dieſe Zeit von Ihrem Dienſte los zu machen.“ „Daß ich aber trotz alledem dieſe glückliche Gelegen⸗ heit, Sie zu ſehen, theure Gräfin, bereitwillig ergriff, bedarf kaum der Erwähnung.“ Er hatte bei dieſen Worten ihre Hand ergriffen und führte ſie bedächtig an ſeine Lippen, behielt ſie auch dann in der ſeinigen, ohne daß ſie Miene gemacht hätte, die ihrige zurückzuziehen; dieß geſchah aber nicht ſtürmiſch oder leidenſchaftlich, ſon⸗ dern mit der angenehmen Ruhe, welche das Gefühl eines vollkommenen Einverſtändniſſes, einer innigen Freund⸗ ſchaft einzuflößen pflegt, und als die ſchöne Gräfin Wil⸗ denow ein paar Augenblicke darauf ihre Hand langſam zurückzog, während ſie wieder zu ſprechen anfing, machte er durchaus keine Miene, dieſelbe feſtzuhalten, lehnte ſich vielmehr in ſeinen Fauteuil zurück, um ihr aufmerkſam zu⸗ zuhören. „So angenehm es mir überhaupt iſt, Sie bei mir zu ſehen, lieber Wieneck,“ ſagte ſie,„ſo können Sie ſich doch wohl denken, daß mich heute eine ganz beſondere Urſache antrieb, Sie zu mir zu bitten. Ich war geſtern Abend noch ſpät bei der Königin, wir befanden uns dort ganz en petit comité, und nachdem man ſich entfernt, behielt mich Ihre Majeſtät noch bei ſich, um wieder von derſelben Geſchichte anzufangen, die — 29— ich in der letzten Woche faſt bis zum Ueberdruß hören mußte.“ „Ah— ah— ich weiß.“ „Wer wüßte das nicht?— und doch wiſſen wir gar nichts. Allerdings hat Herr von Roſenthal neulich auf dem Balle jene Aeußerung in Betreff des Kronprinzen gethan; aber was gibt man auf die Reden Roſenthal's? ich nicht das Gewicht einer Feder, und auch die Köni⸗ gin, welche jene Aeußerung ſogleich erfuhr, würde ſie, wie alle Geſchichten Roſenthal's, bei Seite gelegt haben, wenn nicht Ihr Vater, mein lieber Leo, in einer ver⸗ traulichen Unterredung der Königin geſagt, er glaube be⸗ ſtimmt verſichern zu können, Roſenthal habe dieſes Mal die Wahrheit geſprochen— woher kann Ihr Vater das wiſſen— was weiß er von dieſer Geſchichte— und wenn er überhaupt etwas weiß, warum hüllt er ſich ſo⸗ gar der Königin gegenüber in ein ſo myſteriöſes Still⸗ ſchweigen?“ Graf Wieneck konnte ſich nicht enthalten, bei dieſen Worten vor ſich hin zu lächeln. Er verſtand es ganz genau, weßhalb ſein Vater Roſenthal's Aeußerung für wahr halten mußte, ohne etwas Näheres darüber zu wiſ⸗ ſen, und weßhalb es für den Staatsminiſter unmöglich war, weitere Mittheilungen zu machen. Befand er ſich doch genau in derſelben Lage. Auch er war überzeugt, Roſenthal habe die Wahrheit geſprochen, als er dem Könige geſagt, daß das Herz des Kronprinzen von einer leidenſchaftlichen Liebe bewegt würde— gegen wen? das wußte auch er nicht, und da er deßhalb eben ſo wenig eine genügende Mittheilung machen konnte, ſo ſpielte er den Unwiſſenden und hütete ſich wohl, der Oberſthofmei⸗ ſterin Ihrer Majeſtät zu ſagen, daß er bei jener Wette zwiſchen Baron Tönning und Herrn von Roſenthal gleich⸗ falls zugegen geweſen wäre. „Daß die Königin von dieſer ganzen Geſchichte recht unangenehm berührt iſt,“ fuhr die ſchöne Gräfin fort, brauche ich. Ihnen wohl nicht zu ſagen; ſie hängt immer noch mit ganzer Seele an dem Projekte jener Heirath ihres Sohnes mit der Prinzeſſin Henriette, und hatte die Hoffnung, den Prinzen doch noch umzuſtimmen; nun aber ſteht die Sache ganz anders und ſchlimmer, da der Prinz irgend Jemanden liebt, wodurch ſich die Königin doppelt ſchmerzlich berührt fühlt.“ „Irgend Jemand?“ „Ja irgend Jemand,“ fuhr die Oberſthofmeiſterin achſelzuckend mit etwas verächtlicher Miene fort, wobei ſie den Grafen Wieneck fragend anſchaute, welcher indeß nichts Beſſeres zu thun wußte, als durch die gleiche Schulterbewegung ſowohl ſeine vollkommene Unwiſſenheit, als auch ſeine Meinung auszudrücken, daß dieſe„irgend Jemand“ in anſtändiger Beziehung durchaus nicht in Be⸗ tracht kommen könne. „Der König nimmt die Sache allerdings ziemlich leicht und meint, man kann in ſeiner Jugend Alleeriel geliebt haben, und doch ein vortrefflicher Familienvater werden, was bei Seiner Majeſtät allerdings eingetroffen iſt; aber das war von jeher eine praktiſche, energiſche Natur, die, wenn ſie es auch nicht verſchmähte, nach rechts und nach links tändelnd, Blumen zu pflücken, doch dabei ihr Ziel feſt vor Augen behielt, wogegen der Prinz ein Phantaſt iſt, ein Schwärmer, ein haltloſer junger Menſch, von dem es mich gar nicht wundern würde, wenn er eines Tages ſeinem königlichen Vater ſagte: er habe ein Herz gefunden, das ihn verſtehe, und dieſes Herz mit dazu gehörender Umhüllung wolle er heirathen — nebenbei traue ich auch dieſem Roſenthal nicht über den Weg; der verfolgt unter ſeiner Narrenjacke einen wohlüberlegten Plan, welchen? weiß ich allerdings nicht, aber ich halte ihn für fähig, ſich eine Million für Kup⸗ pelei bezahlen zu laſſen— dieſer Roſenthal, Leo, gehört auch zu Ihren genauen Bekannten,“ ſchloß ſie in einem Tone des Vorwurfs. „Was nennen Sie genaue Bekannte? Ich bin mit Roſenthal nicht intimer als viele andere, weit höher ge⸗ ſtellte Perſonen. Lacht doch auch die Königin über ſeine — 32— Späſſe, und ſelbſt der König amüſirt ſich häufig bei ſei⸗ nen drolligen Einfällen.“ „Leider, daß wir auf ſolche Art und in unſerer Zeit wieder einen Hofnarren erhalten haben, und einen Narren der gefährlichſten Gattung— glauben Sie mir, Leo— ein unheimlicher Menſch!“ „Ein Vampyr, wie er von ſich ſelber ſagt.“ „Wahrhaftig!“ rief die Gräfin faſt erſchreckt,„wenn man an Vampyre glauben könnte, ſo ſollte man ihn für eines dieſer gräßlichen Weſen halten— doch laſſen Sie mich zu Ende kommen, da ich jeden Augenblick fürchte, daß mich die Königin rufen läßt.“ Bei dieſen Worten warf die Gräfin einen beſorgten Blick nach der Gegend des kleinen Boudoirs, wo ſie hinter der Seidentapete hervorgekommen war, ja ſie lauſchte einen Augenblick, ehe ſie fortfuhr:„Sie kommen häufig mit Roſenthal zuſammen; ſuchen Sie etwas Näheres über jene Geſchichte zu erfahren. Sie erzeigen mir den größten Dienſt, und auch die Königin wird Ihnen dank⸗ bar dafür ſein.“ „Ich brauche Ihnen wohl nicht zu ſagen, Eliſe, daß der Gedanke, Ihnen dienen zu können, mich zu jeder An⸗ ſtrengung anſpornen wird. Möglicherweiſe iſt es leicht, etwas von Roſenthal zu erfahren, und ich glaube faſt, denn wenn es nicht in ſeiner Abſicht läge, dieſer Ge⸗ 1 ſchichte die größtmöglichſte Verbreitung zu geben, ſo hätte er ſich wahrlich nicht vor andern Perſonen gegen den König darüber geäußert. War es ihm aber nur um einen Alarmſchuß zu thun, Gott mag wiſſen in welcher Abſicht, ſo wird uns Roſenthal ſtatt der Wahrheit unter dem Siegel der größten Verſchwiegenheit anvertrauen: der Prinz ſei in die jüngſte Tochter des Großmoguls ver⸗ liebt.“ „Ueberhaupt verliebt?“ bemerkte die Gräfin Wil⸗ denow kopfſchüttelnd und in einem fragenden Tone,„ich hätte das nie für möglich gehalten.“ „Ich auch nicht; höchſtens eine Liebe à la Narciß.“ „Irgend eine Aufwallung, eine Leidenſchaft, die eben ſo raſch wieder verflackert, aber gewiß keine Liebe.“ „Das kommt doch wohl hier auf's Gleiche heraus.“ „O nein, ſo ein raſch verflackertes Strohfeuer würde mir ſogar nicht unlieb ſein, es könnte vielleicht dieſen ſte⸗ rilen Boden für eine beſſere Saat empfänglich machen, doch brechen wir davon ab,“ ſetzte ſie hinzu, nachdem ſie abermals einen unruhigen Blick zur Seite geworfen— ———„Dann noch Eins, Leo.—— Weit entfernt davon, Sie oder mich irgend einer Unvorſichtigkeit an⸗ klagen zu wollen, vernahm ich doch neulich und mit tiefem Erbeben eine Aeußerung, die mich zittern machte.“ „Wer that dieſe Aeußerung?“ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. II. 3 „Die Königin ſelbſt. Sie wiſſen, wie ſtreng ſie in ihren Anſichten iſt, Sie kennen ihre Aeußerung, daß mit der Höhe unſerer Stellung im geſellſchaftlichen Leben auch die Anſprüche ſteigen, die man an uns zu machen berechtigt ſei. Sie wiſſen, wie ſtolz ſie darauf iſt, ſich mit Damen umgeben zu haben, an deren Rufe ſelbſt in den Augen des Hofes auch nicht der Hauch eines Makels klebt. Deßhalb Vorſicht, mein Freund! Die größte Vorſicht— ich weiß ganz genau, daß die Gräfin Pom⸗ merhauſen, allerdings eine Tugend erſten Ranges,“ ſagte die ſchöne Frau mit einem reizenden Lächeln—„nach dem Amt einer Oberſthofmeiſterin Ihrer Majeſtät ſtrebt — es iſt ein unglückſeliger Hang da oben, ſeiner intimen Umgebung einen gewiſſermaßen klöſterlichen Anſtrich zu geben.“ „Mit der Pommerhauſen als Aebtiſſin; das wäre nicht ſo übel.“ „Und mit der erſten Kammerfrau Ihrer Mafeſtät, der Frau von Watters, als Schweſter Pförtnerin, ſo⸗ wie auch mit der eiſigen Gräfin Ferrner; ich weiß nicht, warum dieſes junge Mädchen mir einen wahrhaft erkäl⸗ tenden, unheimlichen Eindruck macht. Ich kann nicht anders ſagen, als daß ſie mir nicht nur, wo ſie kann, ihre Verehrung bezeigt, ſondern ſogar ihre Anhänglihkeit. Aber trotz alledem fühle ich auch, wie zuweilen ihr großes, dunkles, ſchwärmeriſches Auge mit einem ganz eigenthüm⸗ lichen Ausdrucke auf mir ruht; ja ich habe ſchon einen ähnlichen Blick von ihr aufgefangen, der mich unwillkür⸗ lich zu der Frage drängte: ‚was haben Sie, mein liebes Kind?““ ————„Doch halt“— ſagte die Oberſthof⸗ meiſterin, plötzlich ihren gewöhnlichen Ton wechſelnd und ihn zu einem leiſen Flüſtern herabſinken laſſend—„was kann das bedeuten? meine Kammerfrau gibt mir ein Zeichen.“ Es waren drei dumpfe Schläge, gerade ſo, wie wenn Jemand mit dem Finger leicht an eine Thür klopfe. Achtes Kapitel. In der ſiebenten Wendung, ſtiller Wald und ſanftanſteigender Weg. Die Gräfin Wildenow hatte ſich raſch erhoben, und ebenſo Graf Leo, welcher ſie fragend anſchaute und mit Erſtaunen bemerkte, daß eine tiefe Röthe auf ihrem Ge⸗ ſichte aufflammte und daß ſie, nachdem ſie einen Augen⸗ blick ihren Finger an die Lippen gelegt, mit einem un⸗ verkennbaren Ausdrucke der Angſt haſtig nach der Rich⸗ tung wies, wo ſich unter dem blauſeidenen Vorhange der Spiegel befand. Die ſchöne Frau hatte mit der andern Hand ſeinen Arm erfaßt und ließ dieſelbe dann raſch in ſeine Finger gleiten, dort mit einem innigen Drucke eine Sekunde ruhend, und wiederholte dann dringender die Geberde von ſoeben.. 3 Es dauerte wohl nicht zwei weitere Sekunden, und Graf Wieneck befand ſich hinter jenem Vorhange, blieb aber dort regungslos ſtehen, da das Lauterſprechen der Gräfin ihm die Anweſenheit einer zweiten Perſon kund⸗ gab und er fürchten mußte, ſich durch die geringſte Be⸗ wegung zu verrathen. Glücklicherweiſe aber hörte er auch, daß dieſe zweite Perſon Niemand anders war, als die Kammerfrau der Oberſthofmeiſterin; doch war das, was ſie in größter Eile und flüſternd ſagte, eben nicht geeignet, ſeine Stellung angenehm zu machen:„Excellenz,“ ſagte ſie nämlich, „die Königin, durch den dunkeln Gang kommend, iſt ſoeben in die hintere Garderobe getreten.“ „Allein?“ „Mit der erſten Kammerfrau.“ Graf Wieneck hielt den Finger an den ihm wohl⸗ bekannten Stahlknopf, welcher durch einen leiſen Druck die Spiegelthür öffnete, und vernahm kaum noch das angſt⸗ volle„Fort, fort!“ der Gräfin Wildenow, ſo raſch war er in den kleinen Gang hinausgeſchlüpft und hatte die Thüre hinter ſich behutſam in's Schloß gedrückt. Es war aber auch die größte Eile nothwendig geweſen, denn es blieb der Oberſthofmeiſterin kaum ſo viel Zeit, den Vorhang vor dem Spiegel auseinander zu reißen und ſich alsdann mit einem Buch in der Hand auf den Divan zu werfen, während die umſichtige Kammerfrau drei Zimmer von ihrer Herrin entfernt mit einem ſehr gut — 38— geſpielten Erſchrecken über das unvermuthete Eintreten Ihrer Majeſtät augenblicklich davon ſtürzen wollte, um Allerhöchſt Derſelben die betreffenden Thüren zu öffnen. Doch wurde ſie daran durch eine leichte Handbewegung der hohen Frau gehindert, die es zuweilen liebte, ihre Damen gänzlich unvorbereitet zu überraſchen— ſo auch heute, und man kann ſich das angenehme Erſchrecken der Oberſthofmeiſterin Ihrer Majeſtät mit Leichtigkeit vor⸗ ſtellen, die grenzenlos freudige Ueberraſchung, als ſie ihre allergnädigſte Gebieterin ſo ganz sans cérémonie bei ſich eintreten ſah. Nicht ſo ganz behaglich war die Stimmung des kö⸗ niglichen Flügeladjutanten, während er auf den Zehen ſchleichend den früheren Weg wieder zurückſchritt. Er war mit ſich ſelbſt unzufrieden, er war ungehalten auf die Gräfin Wildenow.„Warum brauchte ſie mich heute Morgen da wegen dieſer Lappalie zu zitiren?“ grollte der Undankbare,„warum ſchrieb ich nicht einfach zurück: ‚un⸗ möglich, Madame“?— ah Feſſeln— Feſſeln— Feſſeln, jetzt fehlte nichts mehr, als daß die Watters, in deren Begleitung die Königin kam, draußen bei offenen Thüren mit der Kammerfrau der Gräfin einen Tratſch hält. Wahrhaftig, durch die dünnen Wände höre ich murmeln; gebe der Himmel, daß es in einem der innern Zimmer iſt, ſonſt ſäße ich hier in einer ſchönen Patſche; wer weiß wie lange, während ich drüben in meinem Dienſt ſo nothwendig bin. Jedenfalls iſt Vorſicht hier dringend geboten.“ Und ſo ſchlich er langſam vorwärts, mit dem einen Fuße behutſam, aber ſicher auftretend, dann lauſchend ſtehen bleibend, ehe er es wagte, den andern nachzu⸗ ziehen. Daß neben ihm geſprochen wurde, daran war kein Zweifel, und als er die kleine Treppe hinunter und drü⸗ ben wieder hinaufſtieg, vernahm er es deutlicher— dann aber blieb das Murmeln hinter ihm zurück und er ath⸗ mete leichter auf, als er durch den engen, dunkeln Raum trat, der einen Theil des früher erwähnten hohen Kleider⸗ ſchrankes bildete. Hier gebrauchte er die Vorſicht, das Ohr an's Schlüſſelloch zu legen, um einen Augenblick zu lauſchen, und zu ſeinem größten Schrecken nicht nur zu vernehmen, daß ſich die murmelnden Töne offenbar näherten, ſondern auch die Stimme der Madame Watters zu vernehmen, die in ihrer gedehnten, ſalbungsvollen Redeweiſe ſagte:„Nein, meine Liebe, vortrefflicher und bequemer eingerichtet, als das Appartement Ihrer Excel⸗ lenz der Frau Oberſthofmeiſterin, gibt es kein zweites im königlichen Schloſſe. Alle Räume, die zum innern Dienſte erforderlich, ſind ſo hübſch bei einander und ſo ſtill be⸗ haglich nach rückwärts gelegen; ich wäre glücklich, meine Liebe, ſo abgeſchieden von dem Lärmen der Welt ruhig für mich wirken zu können.“ „Gewiß, Frau von Watters, aber wir haben nicht zu viel Räumlichkeiten.“ „Aber bequem, bequem und ſtill behaglich. Das blaue Boudoir, wo ſich eben Ihre Majeſtät befindet, zwiſchen dem Schlafzimmer und dem Badekabinet der Frau Gräfin, und daran anſtoßend die ganze Office, Ihre Wohnung, Räume für die Garderobieren und Büglerin⸗ nen, und alles Das mit heimlich ſchönem Oberlichte ver⸗ ſehen. Wie wäre ich glücklich, ſtets nur den Himmel betrachten zu können!“ „Gewiß— aber“ „O ich kenne dieſes ‚abere, meine liebe Mamſell Barthels; doch glauben Sie mir, nur Der iſt glück⸗ lich, welcher es vermag, mit wahrer Seelenruhe ſeinen Blick von der Außenwelt ab nur in ſein Inneres zu ver⸗ ſenken— ach, dieſe Außenwelt, was vermag ſie uns zu bieten!“ Der Klang der Stimmen kam während dem immer näher, ſo daß ſich Graf Wieneck in ſeinem Verſteck recht unbehaglich fühlte. Wer konnte wiſſen, wie lange es Ihrer Majeſtät in dem allerdings zuweilen recht ange⸗ nehmen blauen Gemache zu behagen beliebte, und wie lange in Folge davon die alte, ſcheinheilige Kammerfrau in ihrer lächerlichen Verwunderung des von ihr ſchon ſo oft geſehenen Appartements wie eine Schildwache hin und her ſchritt? Oder—— beim Himmel, daran hafte er noch nicht gedacht, und als er daran dachte, vermehrte dieß um einige hundert Prozent das Unangenehme ſeiner Lage, wie, wenn in jenen hohen Regionen, Gott mochte wiſſen auf welchem Wege, Kunde gelangt war von ſeinem heimlichen Beſuche, wenn er ſich hier in einer Mausfalle befand mit der Unmöglichkeit, nach rückwärts zu ent⸗ ſchlüpfen, und vorne bewacht von einer als ſcharf bekann⸗ ten alten Katze, die gewiß nicht ermangeln würde, ſeinen Namen und noch einen andern, der ihm eben ſo theuer war, rückſichtslos zu zerfleiſchen? „Und dabei dieſer Ueberfluß an den herrlichſten Gar⸗ derobeſchränken,“ hörte er jetzt die erſte Kammerfrau ganz in ſeiner Nähe ſagen,„gewiß, wir haben das nicht ſo ſchön, und ich bat ſchon lange Ihre Majeſtät darum, mir ein ähnliches Zimmer einrichten zu laſſen. Bitte, meine Liebe, laſſen Sie mich doch einmal die innere Einrichtung eines ſolches Schrankes ſehen.“ „Sogleich; ich werde nur die Schlüſſel holen.“ „Thun Sie das.“ Nun wußte Wieneck allerdings, daß die erſte Schrank⸗ thüre ein ganz anderes Schloß hatte als die übrigen, fühlte ſich alſo vergleichsweiſe ziemlich ſicher, und doch, — 42— als jetzt gerade in der nächſten Thür der Schlüſſel ein⸗ geſteckt wurde und der Riegel des Schloſſes knackend zurückſprang, konnte er ſich nicht enthalten, unwillkürlich eine haſtige Bewegung nach rückwärts zu machen, fühlte aber jetzt zu ſeinem größten Schrecken, daß die Wand des Schrankes hinter ihm nachgab und er in einen dun⸗ keln Raum hinabfiel, allerdings nicht ſo tief, um ſich wehe zu thun, aber tief genug, um ſich im erſten Augen⸗ blicke nicht wieder in die Höhe ſchwingen zu können, und was ihn auch in der nächſten Sekunde davon abhielt, war die Stimme der alten Kammerfrau, welche er jetzt auf's Deutlichſte ſagen hörte:„Das ſind ja förmliche Gemächer, dieſe Kleiderſchränke, und mit welch' geheim⸗ nißvollen Verſchlüſſen, denn hier führt noch eine beſondere Thüre in die Nebenabtheilung.“ Wer konnte daran zweifeln, daß ſich die vorwitzige alte Dame vielleicht abſichtslos, vielleicht aber auch in einer ſehr beſtimmten Abſicht auch noch dieſe Thür öff⸗ nen ließ, und dann war Alles verloren, weßhalb es denn auch Wieneck für ein großes Glück halten mußte, daß ſich ihm unvermuthet ein für ihn vielleicht rettender Aus⸗ weg geöffnet hatte, und auch dieſer Ausweg ſtellte ſich nach einem raſchen Umhertaſten als eine dünne Holzthür vor, welche ſchlecht verſchloſſen geweſen war, oder deren leichtes Schloß er durch ſein Anprallen aufgedrückt hatte. — 43— Daſſelbe eilig und leiſe zu verſchließen war nun ſeine nächſte Sorge, und kaum war dieß geſchehen, wobei er nicht unterließ, auch noch einen Riegel vorzuſchieben, den er zufällig mit den Fingern berührte, blieb er tief auf⸗ athmend, unbeweglich ſtehen, und zwar mit dem höchſt angenehmen Gefühle, aus einer großen Gefahr gerettet zu ſein; denn kaum ſtand er hier ein paar Sekunden, ſo vernahm er, daß auch die Verbindungsthür zwiſchen den beiden Schränken geöffnet wurde, und daß die erſte Kam⸗ merfrau der Königin in den kleinen, halbdunkeln Raum trat, den er ſoeben verlaſſen. „Ei, was iſt denn das?“ fragte Madame Watters, und gleich darauf hörte er, wie die Kammerfrau der Oberſthofmeiſterin in gleichgültigem Tone ſagte:„Es iſt dieß ein ſchmaler Gang, der nie benutzt wird, weil er am andern Ende zugemauert iſt.“ „Sehr intereſſant,“ gab Madame Watters zur Ant⸗ wort,„ſind das eigenthümliche Geſchichten in dieſem Schloſſe, Gott ſoll mich davor bewahren, mir ein Haus mit ſolchen Schleichwegen bauen zu laſſen!“ „Ach ja, das waren ſo Gebräuche in der alten Zeit, wer weiß, ſeit wie lange dieſer Gang nicht mehr benützt worden iſt; man ſpürt die moderige Luft des langen Verſchloſſenſeins.“ „Gehen wir zurück, meine Liebe, und ſchließen ſorg⸗ — 44— fältig wieder ab. Mich ängſtigen alle dergleichen geheimen Geſchichten: wenn ich an der Stelle der Frau Gräfin wäre, ſo würde ich auch das dieſſeitige Ende dieſes Ganges zumauern laſſen.“ ———— Wo befand ſich aber der Flügelad⸗ jutant Seiner Majeſtät? Ja, wer ihm darüber Auskunft ertheilt hätte, wo und was der finſtere Raum ſei, an deſſen Wand er noch immer regungslos ſtand! Es herrſchte hier ein eigenthümlicher, aber nicht unangenehmer Duft. Es war etwas wie Veilchengeruch, oder wie fri⸗ ſches Heu, vielleicht auch wie friſche Wäſche— wo be⸗ fand er ſich? Wenn man vor ein paar Augenblicken unvermuthet in einen dunklen Raum hinabgefallen iſt, ſo iſt man mit dem Weiterſchreiten ſehr behutſam, um nicht abermals den Boden unter den Füßen zu verlieren—— und die Finſterniß dieſes Raumes ließ durchaus nichts zu wünſchen übrig. Er konnte im buchſtäblichen Sinn des Wortes auch nicht die eigene Hand dicht vor Augen ſehen. Nach einigem Ueberlegen taſtete er mit beiden Armen nach rechts und nach links, dann gerade vor ſich hin und berührte jetzt einen weichen Gegenſtand wie einen Vorhang oder dergleichen— doch war es kein Vorhang, wie er ſich durch näheres Betaſten überzeugte, vielmehr waren es Gewänder in Wolle, in Sammt und Seide; und wie er nun raſch die Hand über ſein Haupt erhob, fand er dort eine ſehr niedrige Decke, ſowie weiter umherfühlend unter⸗ halb derſelben feine Haken mit Querhölzern, an welchen die vorhin erwähnten Gewänder aufgehängt waren, und jetzt konnte er nicht mehr daran zweifeln, daß er ſich aber⸗ mals in einem Kleiderſchranke befand. Erfreulich war ihm dieſe Entdeckung durchaus nicht, und es wäre ihm erwünſchter geweſen, wenn er in jeden andern Raum des Schloſſes gerathen wäre, ſelbſt in einen Holzſtall, in einen Kohlenkeller oder dergleichen, oder wenn dieſes Kleidermagazin noch ein ſolches geweſen wäre, in dem man jahrelang alte, unbrauchbare Gewänder auf⸗ hebt, was aber hier durchaus nicht der Fall war, wie ihm jener eigenthümlich angenehme Duft und Veilchen⸗ geruch ſogleich verrathen hatte. Er befand ſich alſo in der Garderobe einer Dame, gewiß einer jungen Dame, welche in dieſem Theil des Schloſſes wohnte. Wer konnte das ſein? Ein leichtes Gruſeln überlief ihn bei dem Gedanken, daß die Appar⸗ tements Ihrer Majeſtät auf irgend einer Seite an die der Frau Oberſthofmeiſterin ſtießen— doch nein, nein; glücklicher Weiſe erinnerte er ſich daran, daß Ihre Ma⸗ jeſtät den Geruch von Veilchen nicht leiden konnte,— wer aber war eine Liebhaberin von Veilchenduft?—— Ah, das wäre am Ende noch ſchlimmer, die Gräfin 46 Ferrner; ſie liebte die Veilchen und hieß ſelbſt mit ihrem Vornamen Violetta———— in Gottes Namen— — ſie wird trotz ihrer Eiskälte doch noch eine Spur von menſchlichem Gefühl in ihrem ſchönen Buſen tragen. Machen wir irgend ein Geräuſch und verrathen ſo unſere Anweſenheit. Er war ſchon im Begriff, mit dem Fuße gegen die Wand zu poltern, als er abermals das Knacken eines Schloſſes hörte, immerhin ein peinlicher Ton in ſeiner Lage, auch drang plötzlich ein blendender Lichtſtrahl in den dunkeln Raum, und in demſelben erkannte er ein außen ſtehendes Kammermädchen, welches, rückwärts ge⸗ wandt, die Frage that:„Sie befehlen alſo ein ſchwarzes Kleid?“ „Ja, Louiſe, eines der einfachſten.“ Beim Klange dieſer Stimme hatte Wieneck die ſchauerliche Gewißheit, daß er ſich im Kleiderſchranke der Gräfin Ferrner befand. Sollte er jetzt ſchon vortreten? — Wenn es ihm nur möglich geweſen wäre, der kleinen Zofe ein Wort zuzuflüſtern; doch durfte er dieß nicht thun, aus Furcht, von der Herrin ebenfalls gehört zu werden; denn als das Kammermädchen die Thüre ein wenig weiter öffnete, um das bewußte ſchwarze Kleid zu ſuchen, ſah er die Gräfin Ferrner keine zehn Schritte von ſich entfernt vor ihrem Ankleideſpiegel ſtehen und in der Toilette noch nicht ſo weit vorgeſchritten, wie man gewöhnlich zu ſein pflegt, wenn man Herrenbeſuche an⸗ nimmt. „Gerechter Himmel, auch das noch!“ dachte er, und es ſchwindelte ihm theils vor der wirklich peinlichen Si⸗ tuation, in der er ſich befand, theils vor dem wunder⸗ baren Bilde jener herrlichen Mädchengeſtalt. Sich jetzt zu zeigen, davon konnte natürlicher Weiſe keine Rede ſein, ja er beſchloß, ſich ruhig zu verhalten, ſich langſam in die entfernteſte Ecke drückend zu bleiben, um alsdann nach einiger Zeit den Verſuch zu machen, rückwärts zu entkommen. Doch wollte es das Schickſal anders und bediente ſich dazu des kleinlichen Mittels, daß das bewußte ſchwarze Kleid gerade dicht vor ihm hängen mußte. Er fühlte eine Hand ſeine Bruſt berühren, er hörte einen gellenden Schrei, dann die Thüre des Schrankes zuſchmettern und den Schlüſſel im Schranke zweimal umdrehen. Ver⸗ gebens hatte er ſich ſo raſch als möglich vorgedrängt, damit wenigſtens ſeine Uniform erkannt würde, oder daß er ein raſches Wort der Entſchuldigung zu ſprechen ver⸗ möge— vergebens, er ſaß feſt hinter Schloß und Riegel, ein gefährlicher Menſch, der ſich heimlich eingeſchlichen, gegen den man wahrſcheinlich Wache zu Hülfe rief, und dem es jetzt auch unmöglich geworden war, nach rück⸗ 48 wärts zu verſchwinden, denn er mußte befürchten, daß man ſeinen Spuren folgen würde, wenigſtens die ge⸗ heime Thür im Kleiderſchranke öffnen, die man vielleicht früher nie entdeckt hatte, und wenn er nicht im Stande war, ungeſehen das anſtoßende Appartement zu verlaſ⸗ ſen, ſo hatte er den Ruf einer Dame kompromittirt, die er einſtens geliebt, die er heute noch auf's Höchſte ver⸗ ehrte und ſchätzte. Angſtvoll lauſchte er an der Thür und vernahm jetzt die Frage des Kammermädchens, ob ſie auf die Palaſt⸗ wache ſchicken und Leute heraufkommen laſſen ſolle? „Nein, ich will das nicht,“ vernahm er jetzt die tiefe, ruhige Stimme der Gräfin Ferrner,„laß den La⸗ kaien draußen herein kommen und die beiden Mädchen —— gib mir meinen braunen Mantel— ſo, und nun öffne.“ „O Gott, o Gott, das gibt gewiß ein Unglück!“ Langſam drehte ſich der Schlüſſel im Schloß, und als das Kammermädchen hierauf langſam die Thüre öff⸗ nete, gebrauchte ſie die Vorſicht, ſich hinter derſelben zu verbergen. Nicht ſo die junge Gräfin Ferrner. Sie ſtand da in einem braunen, weiten Mantel, deſſen eines Ende ſie über die linke Schulter geworfen hatte, während ſie in der herabhängenden rechten Hand einen kleinen, zier⸗ 6 — 49— lichen Revolver hielt, in ſtolzer, aufrechter Haltung, das ſchöne, edle Geſicht mit einer leichten Bläſſe übergoſſen, ſonſt aber mit ruhiger Miene und ſicherem, entſchloſſe⸗ nem Blicke. Wäre aber in dieſem Augenblicke irgend ein Zampa oder Fra Diavolo bis an die Zähne bewaffnet aus dem Kleiderſchranke hervorgekommen, das Erſchrecken der ſchö⸗ nen jungen Dame hätte nicht größer ſein können als jetzt, wo ſie den Flügeladjutanten Seiner Majeſtät, den Grafen Wieneck, erkannte. Es war eine höchſt peinliche Pauſe, auf's Peinlichſte für alle Anweſenden, für die Gräfin ſelbſt, für ihre bei⸗ den Dienerinnen aus der Garderobe, am wenigſten noch für den Hoflakaien, einen alten, verſchmitzten Geſellen, auf deſſen Geſicht ſich ein eigenthümliches Lächeln zeigte, während er nicht unterlaſſen konnte, ſich bedenklich hinter dem Ohr zu kratzen. Am ſchnellſten errang die Gräfin Ferrner ihre voll⸗ kommene Faſſung wieder, während ihre auf's Höchſte geſpannten Züge einen finſtern, drohenden Ausdruck an⸗ nahmen.„Herr Major,“ ſagte ſie,„dürfte ich vielleicht vor meinen Leuten um eine Erklärung dieſes höchſt eigen⸗ thümlichen Zuſammentreffens bitten!“— Dazu war aber der Betreffende aus uns wohlbekannten Gründen durch⸗ aus nicht im Stande, und Alles was er thun konnte, Hackländer, Geſchichten im Zickzack. II. 4 war, daß er die Verſicherung gab, ein höchſt unglück⸗ licher Zufall habe ihn in dieſe mißliche Lage verſetzt, weßhalb er die Gräfin dringend bitten müſſe, ihm einige Worte allein zu vergönnen. In den ſchönen, ſtolzen Zügen der jungen Dame war eine tiefe Bewegung unverkennbar. Sie athmete tief und ſchwer und warf dann einen ruhigen Blick auf ihre Umgebung, gerade ſo, als wolle ſie jetzt die feſt verſchloſſenen Lippen öffnen, um ihnen den Befehl zu geben, ſich zurückzuziehen; doch mochte ſie in dieſem Au⸗ genblicke etwas entdecken von dem eben erwähnten eigen⸗ thümlichen Lächeln des alten, verſchmitzten Hoflakaien— genug, ſie richtete ſich hoch auf und ſagte in entſchloſſe⸗ nem und ſehr beſtimmtem Tone:„Ich muß bitten, Herr Graf— vor— vor meinen Leuten.“ Welche Lage— woher in dieſem peinlichen Augen⸗ blicke raſch eine kleine, glaubwürdige Lüge finden! und doch blitzte ihm ein Gedanke auf, aber ſchwach und un⸗ haltbar wie der Strohhalm, an den ſich der Ertrinkende klammert,— das Vorgeben einer allerdings frivolen Wette, ungeſehen in das Innerſte der Zimmer einer jungen Dame zu dringen— und doch wie ſchwach, wie unglaublich mußte dieſe Ausrede erſcheinen!— nur die unbeſchreibliche Noth des Momentes ließ raſch dieſen Gedanken faſſen, und er öffnete ſchon die Lippen, um zu reden,— doch ſollte es anders kom⸗ men. Das Kammermädchen der Gräfin Ferrner, eine hübſche Blondine, welche viele Romane geleſen hatte und aus denſelben, in Ermangelung von etwas Beſſerem, Situa⸗ tionen ähnlich der jetzigen behalten hatte, wo treue Diener ſich für ihre Herrinnen zu opfern pflegen, verließ mit einem Male ihren Platz hinter der Thüre, um mit einer nicht zu verkennenden Geberde und einem recht natürlichen Aufſchluchzen zu den Füßen der Gräfin Ferrner nieder⸗ zuſtürzen und den Saum von deren Mantel an ihre Lippen zu drücken. Graf Wieneck ſtand da, auf's Unangenehmſte be⸗ rührt, eben ſo ſehr über die neue Verwickelung ſeiner Lage, noch mehr aber und faſt ſchmerzlich durch das ver⸗ ächtliche Lächeln, welches jetzt auf dem ſchönen Geſichte der jungen Gräfin ſichtbar wurde, ſowie über den unbe⸗ ſchreiblich kalten Ausdruck ihrer Stimme, als ſie ſagte: „Ah, das löst dieſe ſeltſame Geſchichte auf höchſt natür⸗ liche Weiſe, und ich bedarf keiner weiteren Erklärung, Herr Graf.“ Hätte ſie nicht obendrein noch das Wort„natürlich“ gar ſo ſcharf betont; doch wie es war, ſo war es, und der Betreffende ſah es als eine ganz unnöthige Mühe an, die ſo eben gegebene Aufklärung nach der Art, wie 52— ſie geſchehen war, weiter aufklären zu wollen, und be⸗ gnügte ſich deßhalb, mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln die Achſeln zu zucken, und darauf nach einer Verbeugung gegen die junge Gräfin das Zimmer ſehr erhobenen Hauptes zu verlaſſen, indem er, ohne irgend Jemand anzublicken, gerade durch die erſtaunte Dienerſchaft hin⸗ durchſchritt. Draußen aber brach ſein erkünſtelter Gleichmuth, er ballte die Fauſt, er biß ſich auf die Lippen, ja er trat heftig mit dem Fuße auf den Boden, indem er grimmig vor ſich hin murmelte:„Da erlaube ſich Jemand auch nur eine Spanne weit vom geraden Wege abzuweichen, und gleich packt ihn der Teufel beim Schopfe; warum bin ich nicht in meinem Vorzimmer geblieben?“ Doch was halfen alle dieſe Fragen: warum und weßhalb? die abgelaufene Zeit war durch keine Vorwürfe, keine Reue zurückzuholen, und als Graf Wieneck unmuthig ſeine Uhr unter der Uniform herausriß, ſah er, daß dieſe ſo raſch abgelaufene und ereignißvolle Zeit eine volle Stunde betrug. „Jetzt fehlte nichts mehr,“ murrte er, eilfertig durch die Genge des Schloſſe dohinilende„als da ch langt hätte.“ Doch war ihm das Glück in dieſer Richtung nicht ungünſtig geweſen, und als er das Vorzimmer wieder betrat, ſah er ſeinen Stellvertreter, den Lieutenant von Mittow, ruhig am Fenſter lehnen, und erhielt alsdann zu ſeiner großen Beruhigung die Meldung deſſelben, daß durchaus nichts Bemerkenswerthes vorgefallen ſei, ſoeben ſei der Finanzminiſter im Kabinete des Königs, nachdem der Kriegsminiſter daſſelbe nach einem ziemlich langen Rapporte verlaſſen. „Ich danke Ihnen, lieber Mittow,“ ſagte der Flügel⸗ adjutant, indem er dem Andern die Hand reichte,„und bin zu allen Gegendienſten bereit.“ Dann war er wieder allein im Vorzimmer, und als er hier nun nachdenkend hin und her ging, kam ihm das eben Erlebte wie ein Traum vor, ja, als wenn er das Gemach gar nicht verlaſſen gehabt hätte. Da war es rings um ihn her ſo ſtill wie früher, da blickten von den Wänden die großen Schlachtenbilder, da ſtand in der Ecke die Standarte des Leibküraſſierregiments, da pickte die Uhr unter dem Spiegel gleichförmig wie vor einer Stunde. Er trat an's Fenſter und blickte auf den Son⸗ nenſtreifen an der gegenüberliegenden Mauer, welcher ſich unterdeſſen um ein Bedeutendes vergrößert hatte, was auf ihn einen angenehmen Eindruck machte. Das Licht reflektirte heller herüber, und der dunkle Schatten zog ſich langſam in einen Winkel des Hofes zurück. Wenn nur ſein Abenteuer keinen zweiten, ſo gar ernſten Theil gehabt hätte, und wenn nur nicht gerade dieſer zweite Theil ſo unabläſſig vor ihm herumgegaukelt wäre, wobei es beſonders zwei Bilder waren, die immer und immer wieder vor ihm auftauchten, und die er nicht verdrängen konnte, ſo viel Mühe er ſich auch gab— zwei Bilder einer und derſelben Geſtalt, ſo ſchön, ſo glühend, ſo ſinnverwirrend das erſte dieſer Bilder, ſo ernſt, ſo erkältend wirkend das zweite! Und wenn er ſich auch Mühe gab, das erſte feſtzuhalten, ſo wollte ihm das nicht gelingen, und es verflatterte augenblicklich, um ſich draußen in dem hellen Sonnenglanze aufzulöſen und raſch zu verſchwinden, während das ernſte Bild des ſchönen, jungen Mädchens, wie ſie in ihren Mantel gehüllt, die Piſtole in der Hand, drohend vor ihm ſtand, immer wieder vor ſeine Seele trat. Er fühlte es jetzt deutlich, daß er ſchon früher mit Intereſſe an ſie gedacht, ohne ſich das geſtehen zu wollen. Er war ſich jetzt mit einem Male klar, daß in ſeinem Herzen das Samenkorn einer Liebe geſchlummert, welches bis jetzt nicht erblühen konnte, da er es abſichtlich mit dem Schnee gleichgültiger Ge⸗ danken zugedeckt, welches ſich aber jetzt, von den Strahlen ihres ſchönen, zürnenden Auges erweckt und von der eigenthümlichen Lage, in der er geweſen, plötzlich getrieben, mächtig zu regen begann. Wie ſchmerzlich empfand er es jetzt, daß es ihm nicht gelungen war, ein verſtän⸗ digendes Wort zu ihr zu reden, und gewiß, er hätte jenes Wort gefunden! War doch die eigenthümliche Lage, in der er ſich der Gräfin Ferrner gegenüber befunden, ganz der Art geweſen, um ein freies Wort zu reden, anzuhören, ja zu verſtehen— das war jetzt Alles vor⸗ über und nicht nur für den gegenwärtigen Augenblick, ſondern auch für alle Zeit. Nicht im Stande, dieſe Gedanken, die ihn ernſt ſtimmten, ja die ihn traurig und ſchmerzlich berührten, zu verjagen, war es ihm nicht unlieb, als nun die Thüre gegen das äußere Vorzimmer geöffnet wurde und Herr von Roſenthal eintrat. Er war einfach, aber ſehr ſorg⸗ fältig gekleidet, in Schwarz und Weiß, welche beiden Farben ſich auch an ſeinem Geſichte in einer faſt er⸗ ſchreckenden Art fortſetzten; denn bei ſeinem tiefſchwarzen Barte erſchien heute ſein Geſicht noch bleicher als ge⸗ wöhnlich; doch befand er ſich, wie faſt immer, in heiterer Laune und zu ſeinen nicht immer genau überdachten Scherzen aufgelegt:„Ich bin zu dieſer Stunde befohlen, lieber Wieneck,“ ſagte er,„wie Sie vielleicht bereits wiſ⸗ ſen werden, und wenn König Philipp gerade unbeſchäf⸗ tigt iſt, ſo bitte ich den Marquis Poſa zu melden— Sie werden mir zugeben, mein lieber Graf, daß meine heutige Stellung zu Seiner Majeſtät irgend welche Aehn⸗ — 56— lichkeit zuläßt, wie jene zwiſchen dem ſpaniſchen König und dem vortrefflichen Maltheſer, obgleich ich nicht im Sinne habe, am Schluſſe unſerer großen Szene um Ge⸗ dankenfreiheit zu bitten.“ „So ganz verſtehe ich dieſe Aehnlichkeit doch nicht,“ erwiederte der Flügeladjutant lächelnd. „Und doch liegt dieſelbe ſo klar vor Augen, es han⸗ delt ſich um unſern leichtſinnigen, etwas ungerathenen und widerſpenſtigen Herrn Sohn. Ich erblickte das Alles heute Morgens ſchon in meinem berühmten Bergkryſtall. Habe ich Ihnen denſelben ſchon gezeigt?“ „Bis jetzt noch nicht, lieber Roſenthal.“ „Schade! Doch mache ich Sie mit dieſem Wunder⸗ thäter bekannt, ſobald Sie mich nächſtens beſuchen. Dieſer Bergkryſtall iſt das Vermächtniß eines ehrbedürftigen ſchweizer Eremiten, der ihn in einer Höhle ſeiner Alpen fand, und iſt das Wunderbarſte, was auf der Erde ge⸗ funden werden konnte. Sie betrachten ihn mit der nöthi⸗ gen Innigkeit ungefähr ſo, wie man ſich in das Auge der Geliebten verſenkt, und ſprechen dreimal den Namen der Perſon aus, über die Ihnen der Bergkryſtall Auf⸗ klärungen geben ſoll.“ „Nun, und dann— 2“ „Dann erſcheint Ihnen jene Perſon gerade in der Situation, in welcher ſie ſich eben befindet.“ „Wieder einmal Ihre Märchen, lieber Roſenthal.“ „Durchaus nicht; die Perſon erſcheint Ihnen und durch eine gänzliche Verſenkung in ihre Mienen, in den Blick ihrer Augen ſind Sie recht gut im Stande, ſogar ein kleines Stück Zukunft vor ſich abſpiegeln zu ſehen; daher weiß ich auch ganz genau, daß es ſich in der heu⸗ tigen Unterredung zwiſchen König Philipp und Marquis Poſa um den Infanten handeln wird.“ „Das wäre auch ohne Ihren Bergkryſtall zu ver⸗ muthen.“ „Gewiß; aber nicht um die ganze Unterredung, die ich haben werde, im Voraus genau beſtimmen zu können, wie ich das jetzt zu thun im Stande bin.“ „Glücklich für Sie, ſo ein Bergkryſtall wäre aller⸗ dings zuweilen gut zu gebrauchen.“ „Er ſteht meinen Freunden zu Dienſten wie Alles, was ich habe; doch darf man nicht ungläubig ſein wie Sie— ſoll ich Ihren Unglauben brechen?“ „Womit?“ „Indem ich Ihnen ſage, daß ich, ehe ich von Hauſe fortging, auch an Sie mit großer Innigkeit dachte, und daß mir alsdann auch Ihr Bild, obgleich etwas ver⸗ ſchwommen, in meinem Bergkryſtalle erſchien.“ Wenn auch Graf Wieneck mit den oft ſo eigenthüm⸗ lichen PhantaſiFeſenthals genau genug bekannt war, 58 und er deßhalb wohl wußte, wie viel von ſeinen Worten zu halten war, ſo konnte er es jetzt doch nicht unterlaſſen, ihm aufmerkſam und forſchend in's Geſicht zu blicken, ja er fühlte ſich unangenehm berührt, als Jener in ſeiner zwangloſen Sprechweiſe fortfuhr:„Sie befanden ſich nicht hier in dieſem Vorzimmer, lieber Graf, Sie be⸗ fanden ſich anderswo, an einem Orte, deſſen Eigenthüm⸗ lichkeit ich vielleicht ergründet hätte, wenn mir die Dis⸗ kretion gegen einen Freund erlaubt haben würde, länger in meinen Bergkryſtall zu ſehen— doch da kommt Seine Excellenz der Herr Finanzminiſter, und bei der Pünkt⸗ lichkeit Seiner Majeſtät werde ich jetzt an der Reihe ſein.“ Gleich darauf erſchien in der That Herr Dippel unter der Thür und erſuchte durch eine ſehr wohlwollende Hand⸗ bewegung Herrn von Roſenthal, näher zu treten. „Dieſer Narr mit ſeinem Bergkryſtall!“ murmelte Graf Wieneck vor ſich hin, nachdem ſowohl der Finanz⸗ miniſter, als Der, dem dieſe Aeußerung galt, verſchwun⸗ den waren————„doch, wie kann man ſich durch ſolche Lächerlichkeiten nur einen Augenblick aufregen laſ⸗ ſen!“ fuhr er nach einer längeren Pauſe fort, während welcher er das Gemach ein paar Mal durchſchritten hatte, „vielleicht war er ſchon einmal da, erfuhr durch den La⸗ kaien draußen meine Abweſenheit und mochte nicht ein⸗ treten, um Mittow zu vermeiden. Ich weiß ja, daß die Beiden ſich nicht lieben— gewiß, er muß ſchon einmal da geweſen ſein.“ Dieſe Vermuthung war nun allerdings richtig, wie wir, in unſerer wahren Geſchichte eine Stunde zurück⸗ greifend im Intereſſe derſelben, dem geneigten Leſer nicht verſchweigen dürfen; doch hatte ſich Herr von Roſenthal nicht in der Stunde geirrt, als er um ſo viel früher kam, und ebenſowenig die Abſicht gehabt, mit dem Gra⸗ fen Wieneck zu plaudern, vielmehr ſuchte er den Oberſt⸗ hofmeiſter, der, wie wir bereits wiſſen, um dieſe Stunde mit ziemlicher Sicherheit im Schloſſe anzutreffen war. Allerdings hatte derſelbe auch kurz vorher das Vor⸗ zimmer Seiner Majeſtät verlaſſen und ſich nach ſeiner kleinen Kanzlei zurückgezogen, wo er mit einem vertrau⸗ ten Sekretär kleine, dringende Dienſtangelegenheiten zu erledigen pflegte, und auch wohl kleine Audienzen er⸗ theilte. Dahin folgte ihm Herr von Roſenthal, indem er langſam durch den breiten Korridor ſchlenderte, welcher an der vordern Seite der betreffenden Appartements und Geſellſchaftsſäle ebenſo, nur in geraderer Linie hinlief, wie der ſchmale, dunkle Pfad, den faſt zur ſelben Zeit Wieneck gewandelt war. Herr von Roſenthal liebte es überhaupt, ſich im cc Schloſſe recht auffällig ſehen zu laſſen, und je mehr von der Dienerſchaft oder andern Perſonen, die hieher kamen, ihn bemerkten, um ſo lieber ſchien es ihm zu ſein; ja er hatte es gerne ‚wenn ihn Alles ehrerbietig grüßte, was beſonders Fremde zu thun pflegten, welche den ſtattlichen Mann, der mit ſolcher Sicherheit dahinſchritt, für eine Größe erſten Ranges hielten und durchaus nicht erſtaunt geweſen wären, wenn ihnen ein Begleiter oder Führer geſagt hätte: dieß ſei Seine Königliche Hoheit der Kron⸗ prinz, oder gar Seine Majeſtät ſelbſt. So gleichgültig er auch dahin zu wandeln pflegte, ſo entging doch nichts ſeinen ſcharfen Blicken, die er unter den dichten, gewölbten Brauen hinweg ruhelos bald nach rechts, bald nach links zu ſenden pflegte, und ſo war es auch heute möglich geweſen, daß er an einer Stelle, wo die beiden oben erwähnten Korridors durch einen ſchmalen Gang rechtwinklig mit einander verbunden waren, den Grafen Wieneck, als dieſer vielleicht dort raſch vorüber⸗ ſchritt, erkannt hatte. Jetzt blieb Herr von Roſenthal einen Augenblick ſtehen, um nach einer Dame zu ſchauen, die in reicher, eleganter Toilette, faſt zu reich für einen Morgenanzug, erſchien; denn dieſelbe beſtand aus einem hellblauen Kleide von ſchwerer Seide, mit einem Ueberwurfe von korinth⸗ farbenem Sammt, der mit koſtbarem, dunklem Pelzwerke beſetzt war. = 61 Tiens— wen haben wir da, das iſt keine der Da⸗ men des Hofes, auch keine aus der Geſellſchaft, ein viel⸗ verſprechender, elaſtiſcher, äußerſt koketter Gang!— Doch war es ihm unmöglich, das Geſicht der Dame zu ſehen, da ſie wenige Schritte vor ihm rechts um eine Ecke des Ganges bog und ſo den gleichen Weg nahm, den auch er zu gehen hatte. Richtig, da ſah er die Dame wieder vor ſich und bemerkte, wie ſie aufmerkſam die verſchiedenen Thüröff⸗ nungen betrachtete und dann in die, welche in das Vor⸗ zimmer des Oberſthofmeiſters führte, einbog. Er brauchte ſeine Schritte nicht ſehr zu beſchleunigen, um jene Thür⸗ öffnung zu erreichen, nachdem die Dame innerhalb der⸗ ſelben verſchwunden war, aber dort noch auf dem Vor⸗ platze ſtand, nachdem ſie am Eingange der Kanzlei die Klingel gezogen. Daß Herr von Roſenthal jetzt nicht dort eintrat, verſtand ſich von ſelbſt, ihm genügte es, vorläufig im raſchen Vorüberſchreiten einen Blick auf die Dame zu werfen, und obgleich ſie ſich raſch abwandte, gelang es ſeinem ſcharfen Blick doch, ſie zu erkennen. „Ah, Mademoiſelle Hortenſe,“ ſprach er zu ſich ſel⸗ ber,„was machen wir hier?“ Er ging durch den Gang noch ein paar Schritte da⸗ hin, dann wandte er langſam um und trat dann in die⸗ —62— ſelbe Thüröffnung, wo die Dame ſoeben geſtanden. Hier zog er aber ſeinerſeits nicht an der Klingel, ſondern ſchritt als ein genauer Bekannter des Hauſes ohne Weiteres in das Vorzimmer, wo der dienſtthuende Lakai alsbald ehr⸗ erbietigſt von ſeinem Sitz in die Höhe fuhr und dem Herrn Baron gehorſamſt meldete, daß Seine Excellenz allerdings auf der Kanzlei ſeien, aber augenblicklich drin⸗ gend beſchäftigt. „Kann das lange dauern, mein Lieber?“ „Ich weiß das nicht genau, Herr Baron, vielleicht treten der Herr Baron zum Sekretär Seiner Excellenz ein, wenn der Herr Baron überhaupt warten wollen.“ „Ich möchte allerdings mit dem Herrn Oberſthof⸗ meiſter reden, habe auch noch,“ fuhr er fort, nachdem er auf ſeine Uhr geſchaut,„drei Viertelſtunden Zeit, da ich erſt um elf Uhr zu Seiner Majeſtät befohlen bin, und wenn der Herr Oberſthofmeiſter nicht zu lange beſchäftigt ſind, möchte ich wohl warten.“ Der Lakai öffnete die Thür des Zimmers, wo ſich der Sekretär befand, und da dieſer würdige Beamte Herrn von Roſenthal als einen von Denen erkannte, die hie und da zu kommen pflegten, um mit Seiner Excellenz eine Ci⸗ garre zu rauchen, ſo ſchob er dem Eintretenden mit größter Freundlichkeit einen bequemen Stuhl zurecht und über⸗ reichte ihm auch verſchiedene Zeitungen des heutigen Tages. „Herrliches Wetter, Herr Baron, man fühlt ſich ordentlich glücklich, wenn Einem der liebe Sonnenſchein etwas Licht auf den Schreibtiſch ſendet. Es iſt im Winter oft gar zu trübſelig zwiſchen dieſen dicken Mauern.“ „Und haben immer vollauf zu thun, Herr Kanzlei⸗ rath?“ „Pah, das geht ſo ſo— ſtoßweiſe, Herr Baron, jetzt preſſirt es allerdings ein wenig; die Konzerte und vielen Hofbälle, dann Zuſammenſtellung der monatlichen Rechnungen.“ „Ja, dadurch bringt der Winter manche ſchwierigen Geſchäfte; es muß keine Kleinigkeit ſein, Herr Kanzlei⸗ rath, da allen Anforderungen gerecht zu werden und nirgends anzuſtoßen, beſonders was die Hofkonzerte an⸗ belangt, wo man mit den oft ſchwer zu behandelnden Herrſchaften vom Theater in Berührung kommt.“ „Wir nicht, Herr Baron, das iſt Sache der Hof⸗ theater⸗Intendanz.“ „Ah, ſo— doch verzeihen Sie, Herr Kanzleirath, ich will Sie nicht in Ihren Geſchäften ſtören; wenn Sie erlauben, ſchaue ich ein wenig in die Zeitungen.“ Das that nun Herr von Roſenthal auch, aber nicht um zu leſen, vielmehr richtete er ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf die anſtoßende Thür, von der er nicht gar weit entfernt ſaß, hörte aber vorderhand nur, daß dort geſprochen — 64 wurde, ohne jedoch ein Wort dieſes Geſpräches verſtehen zu können. Wichtig war es ihm dabei, daß er ſoeben erfahren hatte, daß die hübſche und elegante Soubrette des Hoftheaters, Mademoiſelle Hortenſe Melina, ſich kaum in Geſchäften bei Seiner Excellenz dem Herrn Oberſt⸗ hofmeiſter befinden konnte, da, wie er ſoeben erfahren, Honorare oder Geſchenke für die Hofkonzerte durch die Hand des Theater⸗Intendanten gingen. Wenn nun in Folge davon ſeine Gedanken eine ganz entgegengeſetzte Richtung nahmen, da er bei ſich dachte: es iſt doch ein arger Heimlichthuer, dieſer gute Baron Tönning, ſo that er darin dem Oberſthofmeiſter gewaltig Unrecht an; denn dieſer war nicht minder erſtaunt ge⸗ weſen, als die elegante Dame, die ſich bei ihm in Ge⸗ ſchäftsangelegenheiten melden ließ, ihren kleinen, koketten Schleier ein wenig lüftete, ungefähr ſo, wie es auf der Redoute ein verführeriſcher Domino zu machen pflegt, und ihn dabei mit einem etwas traurigen, aber vielleicht gerade deßhalb um ſo reizenderen Lächeln anſchaute. „A a a ah, Fräulein Melina, was ver⸗ ſchafft mir das unverhoffte Vergnügen?“ „O Excellenz, es wird Ihnen unſchwer zu errathen ſein, warum ich mir erlaubt habe, durch meinen Beſuch bei Ihnen einen Schritt zu thun, der mir recht ſauer angekommen iſt.“ „Das ſollte mich kränken, mein verehrtes Fräulein, ich hoffe und wünſche, daß keine Angelegenheit, die Ihnen unangenehm iſt, Sie auf das Oberſthofmeiſteramt ge⸗ führt hat.“ „Verzeihen mir Excellenz, dem Oberſthofmeiſteramt gilt mein Beſuch nicht. Derſelbe iſt vollkommen privater Natur.“ „Ah,“ ſagte der Oberſthofmeiſter mit einem Aus⸗ druck der Ueberraſchung, der ihm ſehr gut gelang, da er nur nöthig hatte, das gewöhnliche Erſtaunen in ſeinen Geſichtszügen um ein Weniges zu verſtärken, worauf er in verbindlichem Tone hinzuſetzte:„In dieſem Falle muß mir Ihr Beſuch noch angenehmer ſein.“ „Woran ich zweifle, Excellenz,“ entgegnete die hübſche Sängerin, indem ſie mit einem leichten Seufzer ihre Augen niederſchlug, dann mit der Spitze ihres Sonnen⸗ ſchirmchens den Figuren des Teppichs auf dem Boden zu ihren Füßen folgte, während ſie in ihrem langſamen, einförmigen Tone, den man gerne anzunehmen pflegt, um eine innere Bewegung zu verbergen, ſagte:„Excellenz, vor Ihnen ſteht eine arme Künſtlerin, welche nicht um⸗ hin kann, an Ihr als ſo vortrefflich und milde bekanntes Herz die Frage zu richten: was hat Ihnen ein armes Mädchen gethan, Excellenz, daß Sie es auf ſo grauſame Art verfolgen?“ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. II. — 66— „Ich, mein Fräulein? beim Himmel, ich begreife nicht—“ „O, Sie verſtehen mich vollkommen,“ erwiederte ſie mit einem Schmelz in der Stimme, der einem härteren Herzen, als dem des Oberſthofmeiſters, hätte gefährlich werden können,„o, Sie wiſſen es ganz genau, daß Sie hart in mein Lebensglück gegriffen und mich an den Rand der Verzweiflung gebracht haben.“ „Mein Fräulein, Ihre Worte erſchrecken mich in der That; doch ehe Sie weiter reden, bitte ich Sie dringend, herzlich, ſich beruhigen zu wollen und mir das Vergnü⸗ gen zu machen, ſich einen Augenblick bei mir niederzulaſſen. Ihre Aeußerungen zielen auf etwas, das man nicht ſo in zwei Minuten beſprechen kann oder ſo im Flug, in aller Eile— deßhalb bitte ich dringend“— er hatte bei den letzten Worten raſch einen kleinen Fauteuil in die Nähe des Seſſels gerollt, von dem er ſich beim Eintritt der Dame erhoben, und nachdem er nochmals ſeine Bitte durch eine freundliche Handbewegung unterſtützt, ließ ſich die junge Sängerin langſam nieder unter einem auffal⸗ lend tiefen Athemholen, mit einem ſchmerzlichen Lächeln um die ſchönen Lippen— jeder Zoll eine geknickte Lilie. ———— ‚Nun ſehen Sie, mein verehrtes und liebenswürdiges Fräulein,“ ſagte Baron Tönning, nach⸗ dem er dicht vor ihr ſitzend vergeblich nach einigen paſſen⸗ V deren Worten geſucht,„nun ſehen Sie, ich kann mir allerdings denken, wodurch ich bei Ihnen Kummer erregt habe, aber ich gebe Ihnen bündigſt die Verſicherung, daß ich weit entfernt war, irgendwie abſichtlich eine Aeu⸗ ßerung zu thun, die— das heißt— irgend etwas zu äußern— das— überhaupt Ihre Perſon auf irgend welche Art in ein Geſpräch zu verflechten,— welches Sie unangenehm hätte berühren können.“ „Und doch iſt das geſchehen, Excellenz,“ antwortete ſie mit der Milde eines Engels,„und doch haben Euer Excellenz durch eine Aeußerung hart in das Lebensglück eines armen Mädchens gegriffen.“ „Aber auf die unſchuldigſte Art von der Welt, mein Fräulein, Sie ſcheinen mir von dem, was neulich auf dem Balle des Miniſters der auswärtigen Angelegenheiten geſagt wurde, nicht ganz vollkommen unterrichtet zu ſein. Ihr Name wurde nicht genannt.“ „Aber meine Perſon im Zuſammenhange mit einem unglückſeligen Verhältniß genannt, das mir uhnshi ſchon Kummer genug bereitet hat.“ Vn ſprach allerdings von dem Grafen Stolten⸗ hoff— „Vor Allem, Excellenz, muß ich Sie dringend bit⸗ ten, dieſen Namen nicht zu nennen,“ rief die ſchöne Sängerin in einem Tone der Entrüſtung, der, wenn nicht 9 h — 68 echt, doch ſehr ſtark im Feuer vergoldet war,„was über⸗ haupt an jenem Verhältniß Wahres geweſen, weiß ich und Gott allein, ſo viel aber ſollen auch Euer Excellenz wiſſen, daß ich gerade im Begriffe war, auf die eklatan⸗ teſte Art den Beweis zu führen, daß ich ſelbſt nicht ein⸗ mal mehr den Schein jenes Verhältniſſes auf meinem Namen ruhen laſſen wollte und der Welt beweiſen, daß Hortenſe Melina weit davon entfernt iſt, eine Verbindung zu unterhalten, welche ihr in keinerlei Weiſe zur Ehre gereichen würde.“ „So wäre jenes Verhältniß in der That als nicht mehr beſtehend zu betrachten?“ ſagte Baron Tönning in einem ſo freudigen Tone, daß er der jungen Dame auf⸗ fallend erſcheinen mußte; doch konnte ſie nicht hören, daß er leiſe mit ſich ſelbſt redend hinzuſetzte:„So hätte ich vor Seiner Majeſtät nicht gelogen, oder ſo könnte man annehmen, es wäre meiner Gewandtheit gelungen, jenes Verhältniß aufzulöſen.“ „Ueber Ihre Worte ‚nicht mehr beſtehend’ will ich hinweggehen, um Euer Excellenz nochmals, und zwar mit tiefem Seelenſchmerze zu wiederholen, daß einem armen, ſchutzloſen Mädchen durch jene Aeußerung die einzige Waffe genommen worden iſt, die ich der Welt gegenüber zu gebrauchen im Stande war, ſelbſt die Ini⸗ tiative zu ergreifen und mit Eklat zu zeigen, daß ich in —„ — 69— keinem Verhältniß zu dem Grafen Stoltenhoff ſtehe; um dieſe Genugthuung haben mich Euer Excellenz gebracht.“ „Wie ich das bedaure, mein liebenswürdiges Fräu⸗ lein Hortenſe, wie ich es mir niemals verzeihen kann, durch meine an ſich gewiß nicht übelwollende Aeußerung ein ſo vortreffliches Herz verwundet, eine ſo ausgezeichnete Künſtlerin verletzt zu haben! Verzeihen Sie mir, theures Fräulein Hortenſe, verzeihen Sie einem Ihrer wärmſten Verehrer!“ Seine Excellenz fand es bei dieſen letzten Worten ſehr angemeſſen, die Hand der Sängerin zu ergreifen, um dorthin, wo er zwiſchen Handſchuh und Armband eine paſſende Stelle fand, recht bedächtig und zu wieder⸗ holten Malen ſeine Lippen zu drücken—„Verzeihen Sie mir, ſchöne Hortenſe!“ „Ach, Herr Oberſthofmeiſter,“ liſpelte die Sängerin, nachdem ſie auf die ſanfteſte Art ihre Hand zurückgezogen, „wenn von Verzeihen die Rede ſein ſoll, ſo muß das gegenſeitig geſchehen; auch Euer Excellenz haben mir etwas zu verzeihen.“ „Das ich nicht wüßte—— und wenn dem ſo wäre,“ ſagte er nach leichtem Räuſpern mit einem ſüßen Lächeln,„ſo können Sie überzeugt ſein, ſchöne Hortenſe, daß ich Ihnen feierlichſt Abſolution ertheile nicht nur für gegen mich begangene, ſondern auch für — 70— künftig gegen mich zu begehende, kleine, allerliebſte Sünden.“ „Wer weiß, Excellenz, nachdem Sie erfahren, was ich gegen Sie gethan!“ „Reden Sie, mein liebenswürdiges Kind, Ihr Sklave iſt bereit, Sie zu hören; doch laſſen Sie mir dabei Ihr niedliches Händchen und machen Sie es mir ſo noch leichter, Ihnen für Ihre ſchwere Sünde Vergeltung zu gewähren.“ Er hatte das gewöhnliche Erſtaunen auf ſeinen Geſichtszügen glücklich dadurch überwunden, daß er ſeine Augen unter einem freundlichen Lächeln zu⸗ ſammenzog, eine Bewegung, der auch ſeine ſonſt ſo wi⸗ derſpenſtige Unterlippe zu folgen genöthigt war, wodurch ſeine Züge etwas vom Geſichtsausdruck jener Halbgötter annahmen, die in den uralten, glücklichen Zeiten ihr hei⸗ teres Spiel mit ſchönen Waldnymphen trieben,—„re — den— Sie!“ „Euer Excellenz kennen den heftigen, aufbrauſenden Charakter jenes Grafen Stoltenhoff,“ ſagte ſie mit abge⸗ wandtem Kopf und niedergeſchlagenen Augen, um es nicht mit anſehen zu müſſen, welch' Spiel der Oberſt⸗ hofmeiſter mit dem Bracelet an ihrem ſehr runden und ſehr weißen Arme trieb,„jene unangenehme, rückſichts⸗ loſe Heftigkeit, unter der ich ſo unſäglich gelitten, die mir ſo manche erregte, ſchwere Stunde verurſachte— — — ach, Excellenz, und mit all' dieſer Heftigkeit ſchilderte er mir jenen Vorfall neulich auf dem Balle, und alle Rück⸗ ſicht bei Seite ſetzend verlangte er mit harten Worten zu wiſſen, wie gerade Euer Excellenz in dem Fall geweſen ſeien, auf's Beſtimmteſte die Verſicherung abzugeben, daß zwiſchen ihm und mir kein Verhältniß— mehr— be⸗ ſtehe, nur um Ihre Worte von vorhin anzuwenden,“ ſchaltete ſie mit einem graziöſen Lächeln ein, ehe ſie nach einem tiefen Athemzuge fortfuhr:„und als ich hierauf ſchwieg,— abſichtlich ſchwieg, trotzdem er eine Othello⸗ ßzene ſpielte, in welcher der Name Eurer Excellenz in all⸗ zudeutlichen Anſpielungen vorkam—— beging ich ge⸗ rade durch dieſes Schweigen jene Sünde, für welche ich die Verzeihung Eurer Excellenz anflehe.“ „Und beim Himmel, Sie haben daran nicht Unrecht gethan,“ rief Baron Tönning, allerdings in ziemlicher Aufregung,„dieſe jungen Herren glauben ſich Alles und Jedes herausnehmen zu können.“ „Wie wahr iſt es, was Sie da ſagen!“ „Sind der Anſicht, ſie hätten ein Privilegium auf die Eroberung junger, liebenswürdiger und oft ſo ſchutz⸗ loſer Herzen, wie das hier in der reizenden Bruſt der ſchönen Hortenſe.“ „O Excellenz!“. „Gewiß, Sie hatten Recht, Ihr Schweigen war Gold, mehr als Gold, es war echter, unſchätzbarer Edelſtein, der mich reich und glücklich machen könnte, wenn—“ „Keine Folgen zu fürchten wären.“ „Folgen— hm.“ „Bei der rückſichtsloſen Heftigkeit des Grafen Stol⸗ tenhoff.“ „Ja ſo— aber was das anbelangt, liebenswürdige Hortenſe, ſo laſſen Sie mich dafür ſorgen.“ „So wollen Euer Excellenz mein Schweigen nicht desavouiren? o, wie kann ich Ihnen dafür meine Dank⸗ barkeit beweiſen?“ Sie hatte ſich in heftiger Bewegung raſch erhoben, nachdem ſie zuvor aus ihren dunkeln, leuchtenden Augen einen wahrhaft mörderiſchen Blick auf den im gegenwärtigen Augenblick ſo ſehr empfänglichen Oberſthofmeiſter geſchleudert. „Wie Sie mir danken können, reizende Hortenſe? — ebenfalls durch Schweigen, durch bedingungsloſes Schweigen.“ „Excellenz— wenn——“ „Durch Schweigen, während ich einen ganz kleinen Zoll der Dankbarkeit von dieſen reizenden Lippen pflücke —— jetzt mögen alle Stoltenhoffs der ganzen Welt kommen.“ Man ſoll den Teufel nie an die Wand malen, iſt —— ein altes, gutes und ſehr wahres Sprüchwort, und zeigte ſich im gegenwärtigen Augenblicke von durchſchlagend⸗ ſter Wirkung, denn die Thür des Gemaches wurde ohne Weiteres und ziemlich raſch geöffnet, und auf der Schwelle erſchien gerade jener Graf Stoltenhoff, der von allen Uebeln der ganzen Welt, denen der Oberſt⸗ hofmeiſter übermüthig Trotz geboten, gerade am unerwar⸗ tetſten und die unangenehmſte Wirkung hervorbringend hier erſchien. „Herr Graf, ich muß recht ſehr bitten,“ rief der Oberſthofmeiſter, und machte eine ſehr heftige Bewegung nach der Thür, weniger aber um dieſe zu erreichen oder um dem jungen Manne, der mit einem eigenthümlichen Lächeln auf der Schwelle ſtand, entgegenzutreten, als um ſo raſch wie möglich aus der gefährlichen Nähe der jungen Sängerin zu kommen. „Es iſt allerdings eine Unart, ſo unangemeldet und ohne Weiteres einzutreten,“ erwiederte Graf Stoltenhoff, nachdem ſein höhniſches Lächeln einem finſtern Ausdruck Platz gemacht,„aber es iſt zuweilen und gerade jetzt von ſehr gutem Erfolge— Weiteres habe ich für jetzt nicht hinzuzuſetzen, behalte es mir aber für die nächſte Stunde vor.“ Damit wandte er ſich um und war im nächſten Augenblicke verſchwunden. Es war nicht zu leugnen, daß der Oberſthofmeiſter — 11= durch dieſen Vorfall plötzlich aus allen ſeinen Himmeln ſtürzte und dabei ſo ſehr die Faſſung verlor, daß es einiges geiſtigen und leiblichen Balancirens bedurfte, um ſo weit zu kommen, daß er leicht die Achſeln zu zucken vermochte, während er ſo würdevoll, als es ihm möglich war, ſeine Backen aufblies und dann mit einigen Worten das erſchrockene junge Mädchen beruhigte, welches die Hände vor das Geſicht gepreßt in den Fauteuil zurück⸗ geſunken war. „Ach, Excellenz, die Folgen werden ſchrecklich ſein.“ „Seien Sie ohne Sorge— und was auch die Folgen ſein werden, ich werde ſtolz darauf ſein, theure Hortenſe, dieſelben für Sie auf mich zu nehmen,“ dann ging er gegen die Thür, welche Graf Stoltenhoff offen gelaſſen hatte, fuhr aber nach einem Blick in's Vor⸗ zimmer ein wenig zuſammen, als er dort Herrn von Roſenthal ſitzen ſah, anſcheinend ſehr vertieft im Leſen der Zeitung. „Guten Morgen, beſter Baron Tönning,“ rief dieſer ihm heiter entgegen,„ich warte ſchon eine gute halbe Stunde, um bei Ihnen anzukommen, da kommt plötzlich dieſer Stoltenhoff und ſchießt wie eine Rakete hinein, und eben ſo raſch wieder heraus— was wollte er eigentlich?“ Hätte jeder Andere bei bewandten Umſtänden dieſe 2 Frage gethan, ſo würde ſich der Oberſthofmeiſter be⸗ ruhigt gefühlt haben; ſo aber war er überzeugt, daß Roſenthal genau wußte, um was es ſich handle, weßhalb er auch, nachdem er ihm zugenickt, ſich an ſeinen Sekre⸗ tär wandte und dieſen erſuchte, den Lakaien herauszu⸗ rufen, um die Dame in ſeinem Kabinete an ihren Wagen zu begleiten. „Eine Dame, Excellenz,“ ſagte Herr von Roſenthal, „da muß ich mich diskreter Weiſe entfernen.“ „Unnöthig, mein Lieber, die Dame iſt Ihnen nicht unbekannt— Fräulein Melina, in geſchäftlichen Ange⸗ legenheiten.“ Sie rauſchte in dieſem Augenblick durch das Vor⸗ zimmer hinaus, die tiefe Verbeugung Roſenthal's mit einem kurzen Kopfnicken erwiedernd, dann folgte dieſer dem Oberſthofmeiſter in ſein Kabinet; hier blieb er einen Augenblick ſtehen, die Hände geſtützt auf den Fauteuil, welchen Fräulein Hortenſe ſoeben verlaſſen, während Baron Tönning that, als ordne er einige Papiere, die ſich vielleicht auf die geſchäftliche Angelegenheit von ſoeben bezogen, worüber aber der Andere ſich nicht enthalten konnte, nach einigen Sekunden in ein ſo herzliches Lachen auszubrechen, daß der Oberſthofmeiſter raſch herumfuhr und ihn mit einem beinahe verdrießlichen Ausdrucke an⸗ ſchaute. 76 „Nehmen Sie meine Heiterkeit nicht übel, Baron Tönning, aber die Sache iſt in der That äußerſt ko⸗ miſch; Sie haben eine kleine Unterredung, natürlich nur in geſchäftlichen Angelegenheiten, mit der hübſchen Melina, und während ich in meiner bekannten Gutmüthigkeit draußen warte, ſtürzt dieſer Graf Stoltenhoff ohne Wei⸗ teres herein, um, ſich auf dem Abſatze wendend, eben ſo raſch wieder zu verſchwinden. Gewiß, Sie müſſen mir verzeihen, denn es gehört wenig Kombinationsgabe dazu, um die Urſache zu verſtehen und die Wirkung äußerſt komiſch zu finden.“ „Was geben Sie mir aber, Herr von Roſenthal,“ ſagte der Oberſthofmeiſter in einem etwas verdrießlichen Tone,„wenn ich die Sache durchaus nicht für ſo lächer⸗ lich anſehe?“ „Nun, in dem Falle mit ernſtem Fundament müßte ich ſie erſt recht komiſch finden.“— „ Es iſt ein ſehr undankbares Geſchäft, mit Ihnen über Dergleichen zu ſtreiten, mein Lieber,“ verſetzte Baron Tönning, wobei er ſich zu einem allerdings recht ſauren Lächeln zwang,„gehen wir lieber zu etwas Anderem über. Sie ſchenken mir die Ehre Ihres Beſuchs, Sie warten draußen in der Kanzlei eine halbe Stunde und begehe ich deßhalb wohl keine Indis⸗ kretion, wenn ich mir die Frage erlaube, ob es nicht ein ——— ẽ ganz beſonderer Fall iſt, der Sie heute Morgens hieher geführt.“ „Ja und nein,“ erwiederte der Andere in gleich⸗ gültigem Tone, während er ein kleines Stäubchen von ſeinem glänzend neuen Hute ſorgſam entfernte,„ich bin auf elf Uhr zu Seiner Majeſtät befohlen, und ich weiß eigentlich ſelbſt nicht, wie ich zu der Idee kam, eine Stunde früher hieher zu fahren, um mit Ihnen ein Bischen zu plaudern.“ „Ueber gleichgültige Dinge?“ „Eigentlich über ganz gleichgültige Dinge— rechne ich doch unſere Wette von neulich Abends auch nicht zu den Haupt⸗ und Staatsaktionen.“ „Ah, dieſe Wette!“ „Von der es noch fraglich iſt, wer ſie verloren, das heißt, ich bin ehrlich genug, es Ihrem Ausſpruch zu über⸗ laſſen, ob Sie gewonnen oder verloren. Es handelte ſich nämlich nicht nur um Wahrheit und Lüge, ſondern auch darum, ob Sie durch die kleine Unwahrheit, welche Sie vor Seiner Majeſtät ausſprachen, in verdrießliche Verwickelungen gerathen ſind— ſo war, denke ich, der Wortlaut unſerer Wette.“ „Ungefähr ſo, wenigſtens dem Sinne nach,“ ſagte Baron Tönning, indem er ſich gegen das Fenſter wandte und nachdenklich an den Himmel hinaufſchaute; doch 78— ſchien dieſes Nachdenken nicht gerade der angenehmſten Art zu ſein, wenigſtens verfinſterte ſich der Geſichts⸗ ausdruck Seiner Excellenz, und er machte eine nicht zu verkennende ſehr unmuthige Bewegung——„es wäre beſſer,“ meinte er nach einer ziemlich langen Pauſe, „ich hätte mich von dieſer kindiſchen Wette fern gehalten.“ „Meine Chancen ſteigen,“ lächelte Herr von Roſen⸗ thal,„doch habe ich ſo viel Freundſchaft für Sie und bin dabei ſo uneigennützig, daß es mir aufrichtig leid thun würde, wenn ich meine Wette gewänne. Doch, wie geſagt, ich lege das Ganze in Ihre Hand und erwarte nur Ihren eigenen Ausſpruch.“ Es folgte hierauf ein recht langes Stillſchweigen, dadurch herbeigeführt, daß der Oberſthofmeiſter ſtatt zu antworten einige Male in dem Gemache hin und her ſchritt, ehe er dicht vor Roſenthal ſtehen bleibend ſagte: „Machen wir dieſer lächerlichen Geſchichte ein für alle Mal ein Ende— ich will meine Wette verloren haben, damit ich nicht mehr darüber reden höre.“ „Ich bedaure Sie aufrichtig, Baron Tönning.“ „Keine Urſache— vergeſſen Sie nicht, ich will meine Wette verloren haben und beſtimmen Sie, wann ich die Verpflichtungen, die ich durch dieſes eſindniß eingehe, erfüllen ſoll.“ „Aber ich will durchaus keinen Akt der Großmuth.“ 79 „Auch ich bin weit entfernt davon, Ihnen ſo etwas zu bieten, aber machen wir ein Ende mit dieſer Ange⸗ legenheit. Sie können zufrieden ſein, daß ich Ihnen jetzt zugeſtehe, daß es viel leichter iſt, die Wahrheit zu ſagen, als zu lügen, und wenn ich hinzufüge, daß ich wohl ein⸗ ſehe, daß man ſich durch eine einzige Unwahrheit in ver⸗ drießliche Geſchichten verwickeln kann.“ „Das genügt mir vollkommen; nur müſſen Sie mir erlauben, daß ich dieſe Ihre Aeußerung den bei der Wette Anweſenden mittheilen darf.“ „Immerhin; ich halte es für keine Schande, ſeine Fehler einzugeſtehen.“ „So verlaſſe ich Sie mit dem Bewußtſein, ein gutes Werk gethan zu haben,“ gab Herr von Roſenthal lachend zur Antwort, nachdem er auf ſeine Uhr geſchaut und hierauf dem Oberſthofmeiſter zwei Finger ſeiner rechten Hand zum Abſchiede reichte,—„wann unſer Diner ſtattfinden ſoll, haben Sie natürlicher Weiſe zu beſtim⸗ men.“ „Wäre Ihnen aber dankbar dafür, wenn Sie das Arrangement über ſich nehmen wollten.“ „Mit Vergnügen, ich werde Ihnen meine Vorſchläge machen.“ Herr von Roſenthal verließ raſch das Zimmer, von dem Oberſthofmeiſter bis an die Thür begleitet, dann — 80— kehrte Letzterer wieder zurück, blieb eine gute Weile in tiefen Gedanken verſunken an ſeinem Schreibtiſche ſtehen und ſprach dann zu ſich ſelber:„Ich habe alle Urſache, die Wette verloren zu geben, denn ich muß ſchon ge⸗ ſtehen, daß die einzige, kleine Unwahrheit, die ich ge⸗ ſprochen, bis jetzt, einen einzigen Lichtblick ausgenommen, recht unangenehme Folgen für mich gehabt hat. Ich habe mich mit dem Theater⸗Intendanten total überwor⸗ fen, ich bin in völlige Feindſchaft gerathen mit dem Grafen Stoltenhoff, über mir hängt an einem ſehr ſchwachen Haar das Schwert des Damokles in Geſtalt einer ſehr pikanten, vielleicht ſehr ungnädigen Aeußerung Seiner Majeſtät, die ich jeden Augenblick erwarten kann, und was jenen Sonnenblick anbelangt, ſo weiß ich noch nicht, ob er mich ſanft erwärmen wird, oder ob dieſer freundliche Schein, ſtatt vom Himmel zu ſtammen, nicht ein trügeriſches Irrlicht iſt, das mich an einen verderb⸗ lichen Sumpf führt.“ Heerr von Roſenthal war unterdeſſen abermals durch den großen Korridor des Schloſſes gewandelt, und er⸗ reichte das Vorzimmer gerade als die Uhr über der Thür des königlichen Appartements die elfte Stunde zeigte, worauf ſich auch ſogleich Herr Dippel mit der Pünktlich⸗ keit des Kukuks an einer Schwarzwälderuhr ſehen ließ, und ebenſo kopfnickend den Erwarteten einlud, näher zu — 81— treten. Dieſer hatte kaum die Zeit, dem Flügeladjutanten freundlich mit der Hand zuzuwinken, ſo war er auch ſchon hinter der großen Flügelthür verſchwunden. Roſenthal ſchien heute Morgens, ſo lange wir ihn geſehen und gehört, in einer wahrhaft roſenfarbenen Laune geweſen zu ſein, und wenn er auch vorhin dem Grafen Wieneck noch etwas bleicher als gewöhnlich er⸗ ſchienen war, ſo ſtrahlten doch ſeine Züge und glänzte aus ſeinen Augen eine Heiterkeit, die kaum erkünſtelt ſein . konnte, und doch hatte es ihm bis jetzt keine kleine Mühe gemacht, dieſe Maske ſorgloſer Fröhlichkeit ſiegreich durch⸗ 3 zuführen; auch hatte er dieſe Maske erſt dann und ſehr plötzlich vorgenommen, als er ſeinen Wagen verlaſſen und unter das Portal des Schloſſes getreten war. Bis dahin hatte er zuſammengeſunken ſo tief als möglich in 4 der Ecke dieſes Wagens geruht, düſteren Blickes mit zucken⸗ den Lippen, heftig an ſeinen Nägeln kauend. Er hatte eine ähnliche, aber noch viel leidenſchaftlichere Szene mit Ellen gehabt, als die, von welcher wir neulich Zeuge geweſen; ſie hatte ihm geſagt, daß ſie ihn und ſeine Ab⸗ ſichten gleich ſehr verachte, und daß es für ſie ein un⸗ ſagbares Gefühl von Seligkeit ſei, an das tiefe Waſſer eines ſtillen Sees zu denken, der ihren Leiden mit einem * Male ein Ende machen werde— er kannte ſie— er wußte, weſſen ſie fähig war, und er ſah nun vor ſich Hackländer, Geſchichten im Zickzack. II. 6 zuſammenſinken ein ſtrahlendes Luftſchloß, das er auf ihre vermeintliche Nachgiebigkeit gebaut. Er hatte das milde, ſonſt ſo nachgiebige Weſen die⸗ ſes armen Geſchöpfes in wildem Sturm ausbrechen ſehen; er hatte mit all' ſeinen Plänen Schiffbruch gelitten und konnte nichts thun, um aus den Trümmern zu retten, was allenfalls noch zu retten war. Dieſe Gedanken überfluteten auf's Neue ſein Ge⸗ hirn, als er in dem Gemache wartete, welches durch ein Bibliothekzimmer von dem Schreibkabinete des Königs ge⸗ trennt war, der, eine Depeſche aufmerkſam durchleſend, am Fenſter ſtand, und Roſenthal mußte ſich alle Mühe geben, ſeine Züge zu der bevorſtehenden Unterredung in eine heitere Ruhe umzuſtimmen und ſeine Lippen unter jenem ſchalthaften Ausdrucke zu kräuſeln, der ihm ſo eigen war, und er vermochte das nur, indem er ſich be⸗ mühte, einen neuen Plan, den er raſch gefaßt hatte, für noch vortrefflicher als den erſten zu halten—„die eine Schlacht iſt verloren,“ ſprach er zu ſich ſelber,„doch wollen wir mit den Trümmern des geſchlagenen Heeres eine zweite anfangen und— gewinnen.“ Der König hatte die Depeſche auf den Tiſch ge⸗ worfen und machte einen Schritt gegen Roſenthal, wobei die grüßende Handbewegung denſelben aufforderte, näher zu treten.„ — 83 „Ah, mein lieber Roſenthal, wie geht es Ihnen?“ „Im gegenwärtigen Augenblick ſo vortrefflich als möglich,“ antwortete Jener, wobei ſein Geſicht von Ver⸗ gnügen ſtrahlte.. „Kommen Sie näher, kommen Sie zu mir an's Fenſter— nach den trüben, regneriſchen Tagen, die wir gehabt haben, kann ich mich kaum ſatt ſehen an dem prächtigen Sonnenſchein, unter dem die faſt erſtorbene Landſchaft förmlich wieder aufleuchtet. Doch werden Sie das kaum mitfühlen,“ fuhr der König mit einem ſchalk⸗ haften Lächeln fort,„Sie, der den Sonnenſchein fliehend, die Nacht zum Tage macht, Ihrer Vergnügungen und auch Ihrer Studien wegen.“ Roſenthal verbeugte ſich tief, ehe er zur Antwort gab:„Der lachende Sonnenſchein kommt mir vor wie ein freundlicher, gemüthlicher Schwätzer, der uns aller⸗ dings hie und da ergötzt, deſſen allzu häufige Geſellſchaft man ſich aber gern unter dunklem Schatten, oder auch unter dem Schleier der ernſten Nacht entzieht.“ „Wenn Sie aber die Wahl hätten zwiſchen beſtän⸗ diger Nacht oder beſtändigem Sonnenſcheine?“ „So würde ich unbedingt die Nacht vorziehen, ſie iſt voll reizender Abwechslung; Wochen lang dauernder blauer Himmel mit hellem Sonnenſcheine muß uns in ſeiner Einförmigkeit langweilig werden, während die Nacht —— 84— ſtets für lieblichen Wechſel ſorgt; bald das Flimmern der Sterne, bald das wundervolle Leuchten des Mondes, und ich für meine Perſon bin ein enthuſiaſtiſcher Verehrer des Mondſcheins.“ „Das ſagt man Ihnen nach,“ gab der König lachend zur Antwort,„man behauptet, Sie bedienten ſich der Strahlen des Mondes, wie Unſereins der Wagen und Pferde.“ „In geiſtiger Beziehung fühle ich mich allerdings voon dem milden Schein des Mondes getragen, und ſein Einfluß iſt im Stande, meine Gedanken mit zauberhafter Leichtigkeit in die fernſten Gegenden zu verſetzen, um mich dort Alles in einer unbegreiflichen Klarheit ſehen zu laſſen.“ „Schade, daß wir jetzt gerade keinen Mondſchein haben, vielleicht könnten Sie mich in Ihre Geheimniſſe einweihen und mich etwas mit einer Klarheit ſehen laſſen, nach der mich ſehr verlangt.“ „Mit dem größten Vergnügen ſtehe ich ganz zu Befehl Eurer Majeſtät, und wenn uns auch der Schein des Mondes mangelt, ſo habe ich doch Phantaſie genug, gerade ſo zu empfinden, wie es in dem Wunſche Eurer Majeſtät liegt.“ „Laſſen wir lieber die Phantaſie ganz aus dem Spiele, mein lieber Roſenthal,“ erwiederte der König, während er den launigen Ton, in welchem er bis jetzt geſprochen, in einen ziemlich ernſten umwandelte,„es iſt mir dießmal mehr um die Wirklichkeit zu thun, um ein recht proſaiſches Hellſehen in einer gewiſſen Angelegen⸗ heit, welche ich glaube Ihnen nicht näher bezeichnen zu müſſen.“ Herr von Roſenthal machte eine zuſtimmende Ver⸗ beugung mit der Miene eines Mannes, der vollkommen weiß, um was es ſich handelt. „Nehmen wir an, es ſei kein Scherz geweſen, was Sie mir neulich in Betreff des Kronprinzen ſagten.“ Wieder machte Roſenthal eine leichte Verbeugung, und der Ausdruck ſeines Geſichtes zeigte ſo deutlich, er habe neulich nur die reine Wahrheit geſagt, daß der Kö⸗ nig, durch dieſe ſtumme Bejahung vollkommen zufrieden geſtellt, näher an ihn hintrat, einen ſeiner Rockknöpfe ergriff, wie er zu thun pflegte, wenn er recht vertraulich ſprechen wollte, und alsdann ſagte:„Ich brauche Sie wohl nicht zu verſichern, daß mich etwas Anderes als Neugierde oder gewöhnliches Intereſſe zu der Frage treibt: wer iſt die Perſon, die im Stande war, meinem Sohne ausnahmsweiſe ſo gewaltiges Intereſſe einzu⸗ flößen?“ Als Roſenthal hierauf einige Sekunden vergehen ließ, ohne eine Antwort zu geben, wobei ſich auf ſeinem 86— Geſichte weder der Ausdruck des Erſtaunens, noch der Ueberraſchung zeigte, ja, er mit ruhiger Miene neben Seiner Majeſtät vorbei zum Fenſter hinaus blickte, fuhr der König fort:„Ich bin ein alter Soldat, der es liebt, gerade auf ſein Ziel loszugehen, und bei der Antwort, die ich von Ihnen erwarte, braucht es, ſollte ich denken, durchaus keiner langen Ueberlegung. Entweder, Sie ken⸗ nen dieſe Dame, oder Sie kennen ſie nicht, und wäre im letzteren Falle alles Weitere überflüſſig; denn auf Vermuthungen oder auf das, was man ſagt, lege ich durchaus keinen Werth.“ „Ich kenne dieſe Dame.“ „Nun denn?“. Bei dieſer Frage richtete Herr von Roſenthal ſeine Augen auf den König, und ein nicht zu verkennendes Lächeln zeigte ſich dabei auf ſeinem Geſichte. „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, ich frage nicht aus Neugierde oder aus ſonſt einem ganz gewöhnlichen In⸗ tereſſe; ich weiß, daß dieſe Geſchichte bei meinem Sohne tiefer geht, als mir lieb iſt, daß dieſe Leidenſchaft meine wohlerwogenen Schritte für deſſen Zukunft, die vom Wohl des Landes unzertrennlich ſind, durchkreuzt, und es iſt meine Pflicht, Maßregeln zu treffen, daß ſich der Kronprinz nicht zu unüberlegten Schritten hinreißen läßt.“ 87— „Euer Majeſtät halten mir zu Gnaden, aber gerade dieſe Maßregeln müßten mich vielleicht veranlaſſen, jene Dame nicht näher zu bezeichnen.“ „Pah, ich bin weder ein Vater aus der Komödie, noch ein Tyrann.“ „Die Rechtlichkeit und Güte Eurer Majeſtät ſind ſo bekannt, daß ich mich, wo es ſich um meine Perſon handeln würde, unbedingt mit allen meinen Geheim⸗ niſſen Eurer Majeſtät zur Verfügung ſtellen würde, aber—* „So ſind Sie ſelbſt bei dem Wohl und Wehe dieſer Perſon intereſſirt?“ „Nicht mehr, als ſoweit die Pflicht jedem ehrlichen Manne auflegt, ein Vertrauen nicht zu täuſchen.“ Der König wandte ſich von Roſenthal ab und machte einen raſchen Gang durch das Gemach, dann trat er wieder dicht vor ihn hin und ſagte in ärgerlichem Tone: „Beim Himmel, Herr von Roſenthal, wenn ich vorhin von Maßregeln ſprach, ſo brauchen Sie deßhalb nicht an Verfolgungen, Landesverweiſung oder dergleichen zu denken. Sie kennen jene Dame, ich bin davon über⸗ zeugt, und da ich wünſchen muß, daß jene verdrießliche Geſchichte ſo oder ſo ein Ende nehme, ſo bitte ich Sie, mir die dazu nöthigen Schritte anzugeben. Laſſen wir denn den Namen und die nähere Bezeichnung jener — 88— Dame— es iſt doch eine Dame im guten Sinn des Wortes?“ unterbrach ſich der König ſelbſt mit einem heitern Blicke. „Es iſt eine Dame in dieſer Bedeutung.“ „Schlimmer das— doch gleich viel; laſſen wir ihren Namen bei Seite und überlegen, ob ſie auf andere Art zufrieden geſtellt werden kann.“ Roſenthal machte ein ſehr bedenkliches Geſicht und ſchüttelte leicht mit dem Kopfe, ehe er zur Antwort gab: „Es handelt ſich da in der That um eine gegenſeitige tiefe Neigung, ſonſt möchte ich allerdings glauben, daß Vernunftgründe ſie am Ende beſtimmen könnten, eine mehr als ſorgenfreie Zukunft jener allerdings glänzenden vorzuziehen, die man ihr in Ausſicht geſtellt hat.“ „Ah, der Teufel, ſo weit ſind wir ſchon, daß wir ohne Weiteres glänzende Ausſichten verſprechen?“ „Verzeihen mir Euer Majeſtät, wenn ich im Eifer, Ihnen zu dienen, zu viel geſagt.“ „Ich nehme Ihren Eifer an,“ fuhr der König etwas heftiger fort,„und wäre Ihnen zu großem Danke ver⸗ pflichtet, wenn Sie mir dieſen Eifer beweiſen wollten. Sie ſind der Mann der Ueberredung— betrachten Sie das Ziel, auf das wir losgehen müſſen— es iſt ein gutes, ein ſchönes, ein ehrenvolles Ziel, es gilt einen jungen Mann von einem vortrefflichen Herzen und einem — 89— ganz anſtändigen Verſtande, einen jungen Mann, der nebenbei auch Kronprinz iſt, auf ſanfte und freundliche Weiſe aus Banden zu löſen, die nun einmal gelöst werden müſſen, und deren Löſung ſchmerzlicher für Beide ſein wird, wenn ich das auf andere Art zu thun ge⸗ nöthigt bin— ah, der Gedanke, eine glänzende Zukunft zu verſprechen, wäre nicht ſo übel— Sie, Roſenthal, als Mann von Welt, werden mir aber zugeben müſſen, daß dieſer Gedanke der offenbarſte Wahnſinn iſt.“ „Gewiß, ich bin vollkommen davon durchdrungen, und habe mir aus keinem andern Grunde neulich jene Bemerkung erlaubt.“ „Gut; handeln wir alſo gemeinſchaftlich. Um Ihnen mein Vertrauen zu beweiſen, will ich keine Frage wieder nach jener Dame an Sie thun, ja, auch keine ſonſtigen Nachforſchungen anſtellen, wenn Sie mir verſprechen, die Sache in die Hand zu nehmen und bis Sie mir ſagen, daß Ihre Bemühungen erfolglos waren, dann—— dann allerdings müßte ich eintreten.“ „Und meine Bemühungen müßten ſich dahin richten, jene Dame zur Erkenntniß ihrer unmöglichen Stellung zu bringen?“ „Gewiß.“ „Und ſie vermögen, jenes Verhältniß ſelbſt zu löſen, raſch und gänzlich, ohne jeden Rückhalt?“ „Selbſt zu löſen ohne jeden Rückhalt, das iſt die Hauptſache.“ „Aber keine ſo leichte Sache, wie Euer Majeſtät mir gnädigſt zugeſtehen wollen; es gibt etwas mehr zu thun, als jener Dame nur durch Vernunftgründe das Mißliche und Unhaltbare ihrer Situation klar zu machen, und ſie dann auf die Eiſenbahn zu begleiten.“ „Ich weiß das,“ gab der König in einem etwas rauhen Tone zur Antwort,„und wenn die Sache ſo leicht wäre, würde ich ſie minder geſchickten Händen an⸗ vertrauen können; ſagen Sie mir aber aufrichtig, ob Sie ſelbſt an ein Gelingen Ihrer Bemühungen glauben, und welche Hülfe ich Ihnen dabei zu leiſten im Stande Hin.⸗ Herr von Roſenthal ſchaute abermals zum Fenſter hinaus und verharrte ſo ſchweigend eine volle Minute, obgleich er ganz gut wußte, daß der König ihn mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit betrachtete, dann ſagte er:„Ich muß allein handeln ohne jede Hülfe, und glaube auch verſprechen zu können, daß ein günſtiger Erfolg meine Bemühungen krönen wird, obgleich ich es da mit einem Herzen zu thun habe, das mit eben ſo großer Energie als Leidenſchaft an dem Gegenſtande ſeiner Neigung hängt, das aber Verſtand genug beſitzt, um am Ende zu begreifen, daß jene glänzende Zukunft eine falſche 91 Vorſpiegelung war, wenigſtens eine Unmöglichkeit, und daß es nach alledem vorziehen wird, mit Reſignation zu verſchwinden, ſich in die Dunkelheit, vielleicht in die Ar⸗ muth zurückzuziehen.“ „Was das anbelangt, Herr von Roſenthal,“ verſetzte der König raſch und in einem ſehr entſchloſſenen Tone, „ſo haben Sie mich vollkommen mißverſtanden. Wenn ich auch jener Dame keine glänzende Exiſtenz im Sinne meines Herrn Sohnes zu bieten vermag, ſo erwarte ich doch, was deren Zukunft anbelangt, von Ihnen die ge⸗ wiſſenhafteſten Andeutungen— Sie werden mich ver— ſtehen, Herr von Roſenthal, und damit wir über dieſe zarte Angelegenheit keine weitläufigen Berichte oder Schreibereien haben, ſo nehmen Sie hier dieſe Anweiſung auf die königliche Bank, füllen dieſelbe nach Ihrem Er⸗ meſſen aus und ſenden ſie mir alsdann zur Unterſchrift und Beglaubigung, wobei ich Ihnen, was die Größe der Summe anbelangt, keine zu engen Grenzen ziehe— nehmen Sie.“ Herr von Roſenthal nahm das Papier, und nachdem er gedankenvoll hineingeblickt, ſagte er:„Hoffentlich werde ich nicht genöthigt ſein, daſſelbe Eurer Majeſtät unausge⸗ füllt wieder zurückzugeben. Ich werde gewiß mein Mög⸗ lichſtes thun, aber es wird einen ganz verzweifelten Kampf geben; denn ich habe es mit einem Weſen zu thun, das — 92— gänzlich uneigennützig iſt, das, ſorglos wie ein Kind, keinen Begriff von dem Werth des Geldes hat, und das zum erſten Male, und zwar mit aller Glut der Leiden⸗ ſchaft, liebt.“ Behauptungen, die auf der vollkommenſten Wahr⸗ heit beruhten, was man ſonſt von wenigen Aeußerungen des Betreffenden ſagen konnte, die der König in Nach⸗ ſinnen verſunken anhörte und auf's Freundlichſte dadurch hinnahm, daß er Herrn von Roſenthal ſeine Hand reichte, während er ihm ſagte:„Ich vertraue Ihrer Umſicht und Geſchicklichkeit, und mein beſter Dank ſoll Ihnen nicht fehlen.“ Dann fuhr Seine Majeſtät raſch über ſeinen ſtarken Bart, ſtrich ihn nach beiden Seiten auseinander und mit der Geläufigkeit, die den hohen Perſonen ſo eigen iſt, ein unangenehmes Geſchäft von ſich abzuſchütteln, fuhr er nach einer kleinen Pauſe heiter fort:„Apropos, lieber Roſenthal, da habe ich ja von einer ganz tollen Wette gehört, bei der Sie natürlicher Weiſe auch betheiligt wa⸗ ren; nehmen Sie meinen Ausdruck, natürlicher Weiſe, nicht übel. Aber zum Henker, wem kann ſonſt Der⸗ gleichen einfallen?“ „Welche Wette meinen Euer Majeſtät?“ „Ah, Sie ſpielen den Zurückhaltenden. Doch ich be⸗ greife das, bitte Sie aber, unſere Unterredung auch darin — 98— als eine ganz vertrauliche zu beͤtrachten— was iſt dem alten Tönning nur eingefallen? Ich hätte große Luſt gehabt, ernſtlich böſe zu werden, und kann ihm auch dieſe Geſchichte nicht ſo hingehen laſſen, wenigſtens ſoll er das, was er behauptet, zur Wahrheit machen und zu⸗ ſehen, wie er mit dieſem leichtſinnigen Stoltenhoff zurecht kommt.“ Ueber das Geſicht Roſenthal's blitzte ein heiteres Lächeln, und da er durch das, was er jetzt ſagen wollte in Betreff jener Wette, durchaus nichts zugeſtand oder verrieth, aber ſich kein Gewiſſen daraus machte, auf an⸗ dere Art den Oberſthofmeiſter zu verrathen, ſo ſprach er, und zwar in einem ſehr beſtimmten Tone:„Der Herr Oberſthofmeiſter hat ſich darin als ein großartiger, edler Charakter gezeigt, der, um eine kleine Vergehung wieder gut zu machen, ſich ſelbſt nicht ſcheute, das Kreuz auf ſich zu nehmen.“ 3 „Ich verſtehe Sie nicht ganz.“ „Die Geſchichte iſt auch eben ſo unverſtändlich als unglaublich,“ fuhr Roſenthal boshaft fort.„Baron Tön⸗ ning hat nämlich das Verhältniß zwiſchen dem Grafen Stoltenhoff und der Fräulein Hortenſe Melina dadurch ſiegreich gelöst, daß er ſich ſelbſt in den Riß ſtellte und die Ariadne über ſich nahm.“ „Ah, ich will nicht hoffen, daß Sie im Ernſte reden.“ „Leider iſt Alles die Wahrheit, was ich eben geſagt, ſehr ernſte Wahrheit; denn da ich Stoltenhoff als einen Brauſekopf kenne, ſo fürchte ich ſehr, er wird auf die eine oder die andere Art mit Baron Tönning Händel anfangen.“— Par exemple, rief der König mit einem ärger⸗ lichen Aufwerfen des Kopfes,„ein ſolcher Skandal. Nun, ich will dafür ſorgen, daß es nicht ſo weit kommt. Ihnen danke ich, lieber Roſenthal, für die Mittheilung—— —— unglaublich,“ fuhr Seine Majeſtät nach einer längern Pauſe fort, während er mit übereinandergelegten Händen zum Fenſter hinaus geſchaut hatte,„in der That unglaublich komiſch, wenn dieſe Sache nur nicht ihre ſehr ernſte Seite hätte, über welche ich nicht umhin kann, ein Wort mit meinem Oberſthofmeiſter zu reden— nochmals beſten Dank, lieber Roſenthal. In der andern, wichti⸗ geren Angelegenheit verlaſſe ich mich ganz auf Sie, und je eher Sie mir das bewußte Papier zur Unterſchrift vorlegen, um ſo lieber wird es mir ſein.“ Der König machte eine freundliche Handbewegung, worauf Roſenthal nach einer tiefen Verbeugung das Ge⸗ mach verließ. 3 Draußen im Vorzimmer fand er die beiden Grafen Wieneck, Vater und Sohn, in angelegentlichem Geſpräche auf und ab gehend, und da er viel zu diskret war, dieſe —— 8-8ʒõ——— 95 Unterredung durch ſein Bleiben ſtören zu wollen, ſo ging er nach einem kurzen Gruße der Thür zu, hatte dieſe aber noch nicht erreicht, als er den erſten Kammerdiener des Königs, aus dem Kabinete tretend, ſagen hörte: „Seine Majeſtät laſſen den Herrn Major erſuchen, ſo⸗ gleich nach dem Grafen Stoltenhoff zu ſchicken und den— ſelben, ſowie er kommt, augenblicklich anzumelden.“ Neuntes Kapitel. In der achten Wendung, Nadelholz und Alpenroſen an gefährlichem Abhang. Wir glauben ſchon in einem früheren Kapitel geſagt zu haben, daß Tante Aurelie, die Schweſter des Herrn von Mirbel.& Cie., die Harfe ſpielte, jenes zarte, ſeelen⸗ volle Inſtrument, das ſo geeignet iſt, uns und die Zu⸗ hörer auf den Flügeln der Töne, wenigſtens für den Augenblick, in beſſere Welten zu entrücken; beſonders wenn der Eindruck der Harfentöne verſtärkt wird durch ein ſchönes, glänzendes Auge, durch eine feine Hand mit zierlich durch die Saiten irrenden Fingern und einen runden, weißen Arm. Was nun die letzteren Dinge anbelangt, ſo konnte Tante Aurelie davon nicht im Ueberfluß bieten, würde es auch, ſelbſt wenn ſie vor Zuhörern geſpielt hätte, ver⸗ ſchmäht haben, zu ſolch' fader Koketterie ihre Zuflucht zu — 95 nehmen, aber ſie brachte ſich ſelbſt nie in dieſe Verlegen⸗ heit; denn die Harfe war nur ihr Tröſter in einzelnen Morgen⸗ und Abendſtunden, als Begleiterin zu irgend welchem geiſtlichen Liede, oder auch, wenn ſie ſich in melodramatiſcher Weiſe Betrachtungen über die Vergäng⸗ lichkeit des irdiſchen Daſeins hingab. Wenn wir ſagten, ſie ſpiele nie vor Zuhörern, ſo müſſen wir jedoch einzelne Fälle ausnehmen, wo Tante Seraphine bei ihren allerdings ſeltenen Beſuchen, die ſie der Schweſter in ihrem Zimmer abſtattete, oft ſehr un⸗ freiwillig unter den ſchweren Tönen irgend eines Chorals oder ſonſtigen geiſtlichen Liedes leiden mußte, da es als⸗ dann Tante Aurelie liebte, ihre in Form von Ermah⸗ nungen gegebenen Bemerkungen durch die Macht der Töne zu unterſtützen, auch zu eigener Erbauung, ob⸗ gleich nicht zu der der Schweſter, und Tante Seraphine hatte ſchon oft geklagt, nichts griffe ſo furchtbar ihre⸗ Nerven an, als wenn Aurelie unter Nennung von be⸗ kannten Namen von eitlen Vergnügungen der gegen⸗ wärtigen Zeit ſpräche, und dabei jede Pauſe durch ein paar Akkorde aus einem jener trübſeligen Lieder aus⸗ füllte. Heute Morgen war Tante Aurelie zum Ausgehen angekleidet; eine Erſcheinung, ſchwarz in Schwarz von den Fußſpitzen bis zu dem ſchwarzen, etwas großen und Hackländer, Geſchichten im Zickzack. II. 7 — 98— mit gleichfalls ſchwarzen, wehenden Federn geſchmückten Hute, in ſchwarzen Handſchuhen, mit einem ſchwarzen Regenſchirm und einem ſchwarzen Buch in den Händen, als dann Seraphinens Stubenmädchen mit der Frage eintrat, ob Fräulein Aurelie einen Augenblick für die Schweſter zu ſprechen ſei? Statt zu antworten, nickte ſie mit dem ernſten Haupte, ſo daß die ſchwarzen Federn majeſtätiſch vorn überwallten, legte Regenſchirm und Hut auf den Tiſch und nahm ihre Harfe aus der Ecke des Zimmers, worin ſie gelehnt, die Ankunft der Schweſter erwartend. Wenn dann Seraphine auch heute morgen in ihrem Anzuge nicht ſo roſig und jugendlich friſch wie gewöhnlich ausſah— ſie trug nämlich ein Kleid von einer hellen Lilafarbe, auch war ihr Morgenhäubchen mit hellen Bändern geſchmückt— ſo bildete ſie immer noch einen ſcharfen Kontraſt mit jener hohen Geſtalt, umhüllt von dem langen, ſchwarzen Mantel, wie dieſe ernſt feier⸗ lich über ihre Harfe gebeugt vor ihr ſtand, ein Anblick, der unangenehm auf Seraphine einzuwirken ſchien, denn ſie konnte eine unmuthige Miene nicht unterdrücken, eben⸗ ſowenig als die Frage:„Ich glaubte, Du ſeieſt im Be⸗ griffe auszugehen, ſonſt würde ich Dich nicht in Deinem Harfenſpiele geſtört haben, worauf die Andere mit großer Ruhe und geſenktem Haupte entgegnete:„Eine Störung ſind Beſuche immer für mich, ſei es, daß ich im Begriff 99 bin auszugehen, ſei es, daß ich mich mit Harfenſpiel oder ſonſt mit ernſtlichen Dingen beſchäftige.“ „Weßhalb ich Deine Zeit ſo kurz als möglich in Anſpruch nehmen werde.“ „Um was ich Dich freundlich bitte,“ erwiederte Tante Aurelie, während ihre Finger der Harfe einen leichten Seufzer entlockten. „Du ſprachſt mir geſtern in einem ſo eigenthümlichen Tone über Helene!“ „Ich that das wirklich? ich weiß mich nicht genau zu erinnern.“ „Ja, obgleich Deine Reden mir nicht direkt galten; Du erzählteſt, daß Du auf der Promenade das junge Mädchen bemerkt, wie ſie im Wagen ſitzend auf's An⸗ gelegentlichſte mit einem Herrn geſprochen, und zwar ſo angelegentlich, daß ſie die ehrfurchtsvollſten Grüße An⸗ derer nicht bemerkte, ja, Du ſetzteſt hinzu, wenn Du Dich nicht geirrt, ſo hätte das junge Ding mit ihrem auffallen⸗ den Weſen jenem Herrn nicht nur ihre Hand gereicht, ſondern auch für ein paar Minuten gelaſſen.“ „Darin kann ich mich allerdings geirrt haben,“ tönte es zwiſchen zwei mächtigen, triumphirenden Harfenakkor⸗ den hervor. „Nein, Du haſt Dich darin nicht geirrt!“ „Freut Dich dieſe Gewißheit?“ — 100— Tante Seraphine beantwortete dieſe Frage nur durch ein verächtliches Lächeln und machte hierauf eine längere Pauſe, ehe ſie fortfuhr:„Du nannteſt jenen Herrn nicht.“ „Weil ich ihn nicht kannte.“ „Würdeſt aber vielleicht wiſſen, wer er geweſen iſt, wenn ich Deinem Gedächtniß zu Hülfe komme,“ fuhr Tante Seraphine mit einem ſehr bezeichnenden Lächeln fort——„es war Herr von Roſenthal.“ „Möglich, daß er es war, es könnte aber auch unſer Hausarzt Doktor Röſer geweſen ſein.“ Die Harfe tönte in jubilirenden Klängen, nachdem Tante Aurelie dieß geſagt, ohne indeſſen ihre Schweſter zu betrachten, welche ihre Augen in wahrhaft erſchrecken⸗ der Weiſe aufriß und die dünnen Lippen zuſammenpreßte, während ihr blaſſer Teint in's Gelbliche ſpielte, und die erſt nach einem mühſamen, ſchweren Athemzuge zur Ant⸗ wort gab:„Wenn es Dir Vergnügen macht, ſo hätte es Herr Doktor Röſer ſein können, aber ich weiß ganz genau, daß es Herr von Roſenthal war.“ „Nun— und wenn ſelbſt, was weiter?“ „Was weiter?“ rief Seraphine in höchſter Entrüſtung, „nun, ich muß Dir ſchon geſtehen, dieſe Frage klingt recht ſonderbar in Deinem Munde, nimmt ſich recht prächtig aus als Abwechslung der ſchönen Melodieen, womit Du ſo freundlich biſt, mein Herz zu erfreuen— was weiter? nun, das ‚Weiter’ hätte allenfalls ſein können, daß dieſe junge, leichtſinnige Perſon Herrn von Roſenthal eingeladen hätte, in den Wagen zu ſteigen, oder daß ſie ſelbſt ausgeſtiegen wäre, um mit ihm ein Bischen im Parke ſpazieren zu gehen— nein, Aurelie,“ fuhr ſie heftiger fort,„Deine angenommene Gleichgültig⸗ keit durchſchaue ich vollkommen, ich erkenne auch darin wieder Dein gutes, liebes, ſchweſterliches Gefühl. Du glaubſt, ich ärgere mich über das Treiben dieſes leicht⸗ ſinnigen Mädchens— ha, ha, ha, ha— ich mich ärgern, und deßhalb nimmſt Du auch Partei für ſie gegen mich, und deßhalb ſoll es Doktor Röſer geweſen ſein, während Du ganz genau weißt, daß es Herr von Roſenthal war — richte nur Deine Augen mit der wiederholten Frage: zwas weiter' auf mich,— ja, ſpiele nur Deine geiſtlichen Lieder, ärgere mich auch damit— nimm nicht den ge⸗ ringſten Antheil an der Ehre und dem guten Rufe der Familie— was weiter?“ fuhr ſie mit einem leichten Aufſchluchzen fort,„dieſer Roſenthal wird Deine eben ſo eitle als herausfordernde Nichte beſchwätzen, dann in's Gerede bringen und zuletzt—“ „Vielleicht heirathen,“ ſprach Tante Aurelie in un⸗ verwüſtlicher Ruhe, während ſie ihrem Inſtrumente einen höchſt wohlklingenden Es-dur⸗Akkord entlockte. — 102— Doch brachte weder dieſer Akkord, noch das oben ausgeſprochene Wort eine angenehme Wirkung auf Tante⸗ Seraphine hervor, vielmehr ſchnellte ſie von der Sopha⸗ ecke, in der ſie ſich niedergelaſſen, raſch empor und rief dann nach einem krampfhaften, lautſchallenden, einleiten⸗ den Lachen:—„heirathen, und das glaubſt Du in der That? und wenn er wirklich dieſe Abſicht hätte,— und er hat ſie nicht— nie— nie— ſo glaubſt Du, der Bruder oder Mama würde eine ſolche Verbindung zu⸗ geben?——— Doch ich hätte gar nicht mit Dir darüber reden ſollen,“ fuhr ſie nach einer längern Pauſe fort, während welcher ſie heftiger athmete,„ich hätte ohne Dich thun ſollen, was ich beſchloſſen— doch ich bin nicht ſo einſeitig, nicht ſo egoiſtiſch in mich zurückge⸗ zogen, nicht ſo unnahbar, wie gewiſſe Andere, ich gehe nicht ſcheinbar theilnahmlos durch's Leben, um mich nach⸗ her über alles Unangenehme zu freuen, ich ſpiele nicht geiſtliche Lieder zur Harfe, Lieder, aus denen Wohlwollen und Seelenruhe erklingt, während das ſpöttiſche Lächeln auf unſeren Lippen ganz andere Gefühle verräth— ich nicht— ich nicht— ich ſage gerade und offen, was ich thun will und thun werde, nämlich dieſen Herrn von Roſenthal zu mir bitten laſſen, um ihm in geraden, ehr⸗ lichen Worten zu ſagen, wie ich über ſein Benehmen gegen Helene denke und zu denken das Recht habe.“ — 103— Nach dieſen Worten, welche ſie mit größter Heftig⸗ keit herausgeſtoßen hatte, warf ſie einen flammenden Blick aus den überweit geöffneten Augen auf ihre Schweſter, die, ruhig über ihre Harfe gebeugt, den ambroſianiſchen Lobgeſang intonirte, und verließ hierauf, den Kopf in den Nacken werfend, raſch das Zimmer, deſſen Thüre ſie geräuſchvoll hinter ſich zuwarf. Tante Aurelie ſchloß mit einigen kräftigen Atkorden, wobei ſie das Geſicht in die Höhe erhob, und ſich ein Lächeln des Triumphes auf ihren blaſſen Zügen zeigte, — ſie hatte etwas von dem Gefühle des jugendlichen Davids in ſich, nachdem dieſer vor König Saul geſpielt, ſie hatte, wenn auch in anderer Art, durch ihr Harfen⸗ ſpiel gleichfalls einen böſen Geiſt vertrieben; deßhalb ſtellte ſie auch das Inſtrument mit großer Beruhigung in ſeine Ecke, nahm Regenſchirm und Hut und verließ dann ſehr aufrechten Hauptes das Zimmer mit feſten, maje⸗ ſtätiſchen Schritten, ſo daß ſelbſt die dunkeln Federn auf ihrem Haupte triumphirend zu nicken ſchienen, und die ganze düſtere Geſtalt anzuſehen war wie ein langſam dahinſchreitendes Trauerpferd. Tante Seraphine war nicht ſo bald wieder in ihrem roſafarbenen Boudoir angelangt, als ſie nach der gehabten heftigen Aufregung in die Roſakiſſen des Sophas zu⸗ ſammenknickte und bitterlich zu weinen anfing. Ach!l ſie — 104— wußte nicht nur, daß Herr von Roſenthal es in der That geweſen war, der vorgeſtern ſo angelegentlich mit Helene, dem naſeweiſen, unreifen Ding, geplaudert, der ihre Hand in der ſeinigen gehalten, länger als es ſelbſt die weiteſten Begriffe von Anſtand und Sitte erlaubten— ja, ſie wußte, daß er häufig an dem Hauſe vorüber ritt und, ohne den Fenſtern des zweiten Stockes einen Blick zu gönnen, eben ſo lächerlich als auffallend nach dem Zim⸗ mer Helenens blickte, und nicht ohne Erfolg, wie ſie an ſeinem eigenthümlichen Lächeln geſehen, mit welchem er ſeinen Gruß begleitete, und dieſes naſeweiſe Ding hatte dabei die Frechheit, dieß Alles und noch Anderes rund⸗ weg abzuleugnen; wollte man ihren heuchleriſchen Worten glauben, ſo wußte ſie gar nicht mehr, daß es überhaupt einen Herrn von Roſenthal auf der Welt gebe. Hatte ſie doch lachend geſagt, er kümmere ſie nicht ſo viel, und dabei mit den Fingern ein Schnippchen geſchlagen, ja, hatte ſie eines Tages ihre Unverſchämtheit ſo weit ge⸗ trieben, um Tante Seraphine zu ſagen, ſie überlaſſe ihr nicht nur Herrn von Roſenthal, ſondern alle Männer der ganzen Welt— dieſe Schlange!— O, Tante Sera⸗ phine war nicht blind, ſie wußte ihre Augen nicht nur weit zu öffnen, ſondern auch gut zu gebrauchen. Hatte ſie doch neulich mitten im Zimmer ſtehend recht gut be⸗ merkt, wie Helene, welche ſich am Fenſter befand, leicht — 103—. mit den Lippen eine Roſenknoſpe berührte, gerade in dem Augenblicke, als Herr von Roſenthal auf der andern Seite der Straße vorüberſchreitend das weiße Taſchen⸗ tuch an ſeine Lippen brachte— als entſetzlichſtes Zeug⸗ niß für ein ſträfliches Einverſtändniß— und waren nicht Alle im Hauſe für alles Das mit Blindheit geſchlagen? Mama lachte darüber mit einem wahrhaft verletzenden Ausdruck in ihrem Blicke, den ſie auf Seraphine richtete, und der Vater des jungen Mädchens, der ſich leider nie um etwas Anderes, als um ſeine Briefe und Comptoir⸗ bücher kümmerte, hatte in einem ärgerlichen Tone geſagt, ihre, nämlich Seraphinens, Anſichten und Befürchtungen ſeien wahrhaft kindiſch, und er müſſe es ſich ausbitten, daß man dem jungen Mädchen gewaltſam ſolche Dinge in den Kopf ſetze. Aber ſie war ihrer Sache nur zu gewiß und hatte wahrhaftig nicht nothwendig, dieſem jungen, unreifen und doch wieder ſo überreifen Dinge dergleichen in den 3 Kopf zu ſetzen— als wenn dieſer Kopf überhaupt ſonſt mit etwas Anderem angefüllt geweſen wäre, als mit der Lektüre verbotener Bücher, die ſie heimlich las, mit Ge⸗ danken über Toilettegegenſtände der verſchiedenſten Art, mit Theater, Konzert und Bällen, und in Folge der letzteren mit Tänzern vom Civil und Militär. Dieſe Gedanken hätte ihr aber Tante Seraphine ſo gerne ge⸗ — 106— 2 gönnt, alle Tänzer der ganzen Welt, eine Legion von Tänzern, wenn ſie nur nicht Schlange genug geweſen wäre, gerade ihre dummen Kinderaugen auf den Mann zu werfen, der auf Tante Seraphinens reiferes Alter einen ſo mächtigen Eindruck gemacht, der ihr erſchienen war wie der letzte Hoffnungsanker am Schluß ihrer wild⸗ bewegten Jungfrauenzeit, und ein ſtattlicher Anker oben⸗ drein! Nein— das wollte ſie ſich von dieſem Mädchen, das ſie in den Windeln gekannt, doch nicht bieten laſſen, ſo ſollte ihr Helene noch nicht über den Kopf gewachſen ſein! Sie machte ein paar raſche Gänge durch das roſa⸗ farbene Boudoir, warf einen Blick in den Spiegel und ſetzte ſich raſch entſchloſſen an ihren Schreibtiſch nieder, auch ſchien ſie ſich nicht über den Anfang ihres Briefes zu beſinnen, denn die Feder flog nur über das Papier dahin, bis ſie mit einem Male ſtockte und Tante Sera⸗ phine mit einem wahren Schrecken das überlas, was ſie niedergeſchrieben. Da ſah man keine Ueberſchrift: weder das reſpekt⸗ volle„Euer Hochwohlgeboren“, noch ein freundſchaftliches „Verehrteſter Herr“, noch ein zutrauliches„Mein werther Herr“; da war auch keine Einleitung, kein Wetterleuchten in der Ferne, kein dumpf grollender Donner, ſondern da trat das ſchlagende Wetter eines eben ſo gerechten als — 107— majeſtätiſchen Zornes ſchon in den erſten Zeichen krachend und zürnend auf. Sie mußte ſelbſt lächeln, wenn ſie das nun überlas, ehe das Blatt zerriſſen in den Papier⸗ korb flog, bevor ſie ein neues begann, zu welchem ſie nun, lange Zeit an ihrer Feder kauend, den ſchicklichen Anfang ſuchte. Aber auch dieſer Brief, noch ehe er halb vollendet war, mußte ſeinem Vorgänger folgen. War doch die Schreiberin in einen entgegengeſetzten Fehler verfallen, und ſtatt der gerechtfertigten Vorwürfe einer mütterlichen Freundin Helenens zeigte dieſes Schreiben die elegiſchen Klagen einer treulos Verlaſſenen— fort damit, und fort mit dem dritten und vierten zum fünf⸗ ten, welches endlich in ſeiner kühlen Bitte, Herr von Roſenthal möge der ergebenſt unterzeichneten Schreiberin die Ehre ſchenken und ſie in einer ernſten und wichtigen Angelegenheit beſuchen, genügte und deßhalb beendigt wurde. 3 Dann griff die Schreiberin zu einem neuen Blatt, und da ſie mit ſich vollkommen im Reinen war, was ſie dieſem anvertrauen wollte, ſo füllte ſie raſch neue vier Seiten, ohne auch nur ein einziges Mal ſich beſinnend die Feder ruhen zu laſſen. Dieſer Brief war an den Lieutenant von Mittow, dem ſie nach einem langen Kampf mit ſich ſelber, ſo hieß es im Eingang des Schreibens, nach einem Kampfe zwiſchen ihrer Liebe zu Helenen und 108— ihrer Pflicht als ältere Freundin derſelben, ſich als Bun⸗ desgenoſſin antrug, und ihm zur Erreichung ſeiner höch⸗ ſten Wünſche behülflich zu ſein verſprach. Daß ihm zu gleicher Zeit die Bewerbungen des Herrn von Roſenthal um die Tochter des Millionärs als ſicher wirkende Gift⸗ tropfen eingegeben wurden, verſtand ſich ebenſowohl von ſelbſt, als daß die Schreiberin am Schluſſe ihres Briefes kein Hehl daraus machte, wie nur eine genaue Ueber⸗ wachung des gefährlichſten aller Menſchen— während Serraphine dieſe Worte ſchrieb, hatte ſie einen tiefen und ſchmerzlichen Seufzer nicht unterdrücken können— des gefährlichſten aller Menſchen die unſchuldige, argloſe He⸗ lene verhindern könne, durch allerdings fru htloſe, aber auffallende Bewerbungen kompromittirt zu werden. Dieſes Schreiben war in ſeiner Art ein Muͤſterſtück, es hätte Niemand Wunder nehmen können, wenn nach Empfang deſſelben der junge, heißblütige Offizier ſeine Paradeuniform nebſt dem beſten Handſchuh angezogen hätte, um ſogleich bei Herrn Mirbel um die Hand von deſſen Tochter anzuhalten, oder wenn er, bis unter die Naſe mit ſchweren Piſtolen bewaffnet, Herrn von Roſen⸗ thal fortan auf Tritt und Schritt gefolgt wäre. Da lagen dieſe beiden Briefe fertig geſchrieben vor Seraphine, und es würde uns ein Leichtes ſein, durch Verwechslung der ſchon überſchriebenen Couverts eine — 109— neue Verwirrung in unſere Zickzackgeſchichten zu bringen. Doch haben wir von jeher dergleichen komödienhafte Kunſtgriffe verſchmäht und uns ſtrenge an die Wahrheit gehalten, ſo auch jetzt. Beide Schreiben wurden richtig adreſſirt dem Stubenmädchen zur augenblicklichen Be⸗ förderung auf die Stadtpoſt übergeben, und dann erſt that Tante Seraphine einen erleichternden Athemzug und überließ ſich ihren Gedanken. Hätte ſie aber gewußt, was ſich indeſſen unmittelbar unter ihren Füßen begeben, ſo würde ſie nicht nothwendig gehabt haben, weder ihre Gedanken vor das Haus hinaus⸗ zuſchicken, noch den oben erwähnten Brief zu ſchreiben, ſondern ſie hätte ſich einfach in das Zimmer Helenens hinabbegeben können, um dort den Gegenſtand ihrer Liebe und ihres Haſſes zu finden. Herr von Roſenthal war vor einer Viertelſtunde im Hauſe erſchienen, nachdem er auf der Straße ganz zu— fällig die alte Madame Mirbel und Tante Aurelie im Wagen bemerkt, und nachdem er ſich erinnert, daß zur gegenwärtigen Stunde, als der Börſenzeit, der Chef des Hauſes Mirbel& Cie. ſicher nicht zu Hauſe anzutreffen wäre. Was Tante Seraphine anbelangte, ſo traf er ſeine Vorſichtsmaßregeln, erreichte das Haus in der Art, daß er vom zweiten Stockwerk unmöglich geſehen werden konnte, gab alsdann in dem Privatkabinet des Herrn — 110— Mirbel raſch ſeine Karte ab und ſtieg dann geräuſchlos zum erſten Stock empor. Faſt unwillkürlich erinnerte er ſich dabei jenes Abends, wo er zum erſten Male dieſes Haus betrat, und in welchem er für ſo kurze Bekannt⸗ ſchaft ſchon recht große Fortſchritte in der Gunſt beinahe ſämmtlicher Bewohner gemacht, ſogar in der Gunſt des niedlichen Stubenmädchens, das ihm dort die Thür, und zwar noch früher öffnete, als er die Klingel gezogen, das ihn mit einem vielſagenden Lächeln empfing und ohne zu fragen, oder etwas zu bemerken, nach dem Wohn⸗ zimmer Helenens voranſchritt. Ob es ein einfacher Hände⸗ druck war, mit dem hier Herr von Roſenthal das hübſche Dienſtmädchen verließ, oder ob ſie hierauf etwas Ge⸗ wichtiges in die kleine Taſche ihrer koketten Schürze gleiten ließ, verbietet uns die Diskretion näher zu erörtern; ge⸗ nug, Herr von Roſenthal trat, ohne geſehen oder ſonſt⸗ wie beläſtigt zu werden, in den kleinen Salon Helenens, und als bald darauf das Stubenmädchen Seraphinens in der Küche die beiden Briefe ihrer Herrin zeigte, hätte die Andere nicht um Alles in der Welt etwas darüber verlauten laſſen, daß der Eine von Denen, an welche die Briefe gerichtet waren, ſich ſo nahe befand— o arme Seraphine!— Helene ſaß an ihrem Schreibtiſch und ſchrieb eben⸗ falls, aber keine Briefe, wie Tante Seraphine gethan, — I11 ſondern ſie hatte ein kleines, goldgerändertes Buch vor ſich liegen, aus welchem ſie folgende Zeilen kopirte: „Sie redeten ihr zu, er liebt Dich nicht, Er ſpielt mit Dir— da neigte ſie das Haupt, Und Thränen perlten ihr vom Angeſicht Wie Thau von Roſen; o, daß ſie's geglaubt! Denn als er kam und zweifelnd fand die Braut, Ward er voll Trotz; nicht trübe wollt' er ſcheinen, Er ſang und ſpielte, trank und lachte laut, Um dann die Nacht hindurch zu weinen.“ Da ſprach plötzlich eine tiefe Stimme hinter ihr, die letzte Zeile wiederholend: „Um dann die Nacht hindurch zu weinen“, und beſſer wäre es für ſie geweſen, wenn ſie in dieſem Augenblicke raſch emporgeſprungen wäre, anſtatt unter einem leichten Aufſchrei den Verſuch zu machen, mit ihren beiden kleinen Händen Papier und Buch zu bedecken, und dem Frevler hinter ihr ſo Gelegenheit zu geben, ſeine heißen Lippen auf ihren ſchlanken Hals zu drücken. „Pfui, das iſt ſehr abſcheulich, Herr von Roſenthal, das iſt unverzeihlich,“ worauf er mit großer Ruhe er⸗ wiederte:„Gewiß, ſchöne Helene, es iſt abſcheulich und unverzeihlich, aber jedenfalls doch beſſer, als trübe zu ſcheinen, um dann die Nacht hindurch zu weinen.“ „Nein, nein, laſſen Sie Ihre Scherze, ich bin in der That recht böſe, und obendrein hier am Fenſter, den⸗ ken Sie doch, wenn“— ſie warf bei dieſen Worten einen unruhigen Blick auf das gegenüberliegende Haus, doch ergriff er lächelnd ihre Hand, drlückte einen ehrfurchts⸗ vollen Kuß darauf und ſagte dann:„Thörichtes Kind, halten Sie mich denn für ſo unvorſichtig oder für ſo leichtſinnig, auch für ſo wenig gewandt, um nicht mit einem Blicke meine Umgebung zu überſchauen?— nein, beruhigen Sie ſich, ſchöne Helene, gerade Ihr Schreib⸗ tiſch hier ſteht in einem ſo heimlichen, lauſchigen Winkel, daß ich dieſen Platz jedem andern im Zimmer vorziehe und Sie dringend um Erlaubniß bitte, gerade hier eine kleine Viertelſtunde bei Ihnen ſitzen bleiben zu dürfen.“ „Wenn Sie recht artig ſein wollen.“ „Gewiß, ich werde mich hier neben den Papierkorb in dieſen kleinen Fauteuil ſchmiegen, ſitze damit gleichſam zu Ihren Füßen, wie es dem Schüler gegenüber einer ſo holden Lehrerin geziemt, und bitte nun meinen liebens⸗ würdigen Herrn Profeſſor, mir die ſoeben geſchriebenen Verſe zu erklären— bitte—“ „Und das nennen Sie artig ſein?“ ſagte ſie in alt⸗ klugem Tone, wobei ſie mit ernſthafter Miene ihre ſchönen Augenbrauen in die Höhe zog,—„da wüßte ich ſchon eine ganz andere Erklärung zu geben über das, was man artig heißt.“ „Auch darum bitte ich ſpäter, ſchöne Lehrerin, nur — 113— jetzt wollen wir uns ein klein wenig an die Verſe von vorhin halten, die ich zufällig auswendig weiß, und welche beginnen: ‚Sie redeten ihr zu, er liebt Dich nicht“, und nun ſagen Sie mir, liebenswürdige Helene, wer ſind ſie, die es wagen, Ihnen ſo etwas Thörichtes ein⸗ zureden?“ „Mir? wie kann ich mit ſo etwas gemeint ſein? Ich verſichere Sie, Herr von Roſenthal, nur eine augenblick⸗ liche Langeweile trieb mich zum Schreiben.“ „Gerade dieſer Verſe?“ „Gerade dieſer Verſe mit der harmloſen Ueberſchrift, wie es geht, ich dachte nicht—“ „Daß auch hier die Schlange unter Roſen lauert,“ warf Herr von Roſenthal leicht hin,—„ja, ſchöne He⸗ lene, man kann ſich in dieſer ſchlimmen Welt nicht genug in Acht nehmen, aber gehen wir weiter in unſerer Kom⸗ mentation.“ „Bitte, gehen wir lieber nicht weiter.“ „O grauſames Kind, mit dem harten, kalten Her⸗ zen, und das ſoll ich mir Alles ſo gefallen laſſen? Ich leſe zufällig die furchtbarſten Anklagen, und es ſoll mir nicht einmal ein Wort der Vertheidigung erlaubt ſein?“ Herr von Roſenthal hatte, während er dieſe Worte in einem leiſen, aber dringenden Tone ſprach, ſeinen Fau⸗ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. II. 8 — 114— teuil langſam und unmerklich dem jungen Mädchen ſo weit genähert, daß er nun ihre Hand ergreifen konnte, und dieſe feſthaltend ſie verhinderte, das beſchriebene Blatt zu zerreißen, was ſie im Begriff war zu thun, ließ aber dennoch ihre feinen Finger nicht mehr aus ſeiner Hand, ſondern vielmehr beide auf ihrem Schooße ruhen, was ſie indeſſen nicht zu bemerken ſchien, da ſie, verſunken in tiefes Nachſinnen, vor ſich hinſtarrte und beſchäftigt ſchien mit ſo ſchweren Gedanken, daß ſie eine flammende Röthe über ihre ſchönen Züge jagten. Er hatte den Kopf auf den andern Arm und dieſen auf ſeine Kniee geſtützt, um ſo in nicht ganz unbequemer Lage zu ihrem geſenkten Antlitze aufblicken zu können; doch vermied ſie ſeinen Blick und wandte das erröthende Geſicht ganz ab, als er in einem weichen, innigen Tone fortfuhr:„O, ich kann es mir recht gut denken, ſchöne Helene, daß man warnend zu Ihnen ſpricht, und daß man von mir ſagt: er liebt Dich nicht, er ſpielt nur mit Dir, oder wenn Andere auch vielleicht nicht wagen, ſo zu Ihnen zu reden, ſo gibt es doch Augenblicke, wo Ihr eigenes ängſtliches Herz ſo ſpricht— obgleich es vom Gegentheile überzeugt iſt, dieſes kleine, böſe Herz, das hier ſo heftig klopft, und das am Ende doch zu unſern Gun⸗ ſten ſpricht.— O gewiß, ich bin davon überzeugt trotz dem Schütteln Ihres Kopfes— ich weiß es ganz gewiß, da Sie es nicht wagen, mir bei dieſer Behauptung in die Augen zu ſehen.“ „O, doch, o, ich könnte—“ „Nicht mit dem offenen, ehrlichen Blicke, den man von Ihnen gewohnt iſt— verſuchen Sie es einmal,— blicken Sie mich an und ſagen Sie dazu: ich traue Dir nicht.“ Es war ein eigenthümlich klingender Ton innigſter Bitte und Ueberredung, mit dem er ſo ſprach, ohne ihre Hand loszulaſſen, ohne einen Blick von ihrem Angeſichte zu wenden, ein Blick, welcher dämoniſch leuchtend und magnetiſch anziehend nach Sekunden mit Sicherheit zu berechnen ſchien, wann ſie ihm ihr Geſicht zuwenden und ſagen würde: o, ich traue Dir, und gerade dieſe Sicher⸗ heit zeigte ſich in einem triumphirenden Lächeln, welches um ſeine Lippen ſpielte. Und wie richtig hatte er gerechnet, wie bald wandte ſie ihm, allerdings in langſamſter Bewegung, ihr Geſicht zu und ſchlug dann mit einem Male ihre großen, leuch⸗ tenden Augen zu ihm auf, ihn mit einem heißen Blicke betrachtend, während ihre zuckenden Lippen ſich bewegten, als ſprächen ſie Worte aus, vor deren Klange ſie ſich ſcheute! Daß er dieſe Worte richtig verſtand, ſind wir leider berechtigt anzunehmen, daß er ſie wenigſtens in ſeinem — 116— Sinne auffaßte, und daß ſie ſich dieſer Auffaſſung eben ſo wenig entzog, wie in der erſten Sekunde, vielleicht der Ueberraſchung, ihre Lippen den ſeinigen. Dann aber ſprang ſie heftig auf, ſtieß ihren Stuhl zurück und rief, während ſie die Hände vor das Geſicht preßte:„O, wie das abſcheulich von Ihnen iſt, recht ab⸗ ſcheulich, und wie ich Sie ewig dafür haſſen will!“ „Das iſt ein ſchweres Wort, Helene,“ ſagte er, in⸗ dem er ſich ebenfalls erhob und neben ſie tretend ſchmei⸗ chelnd ihr Geſicht gegen das ſeinige richtete,—„warum wollen Sie mich haſſen? weil ich Sie liebe? und weil ich ehrlich genug bin, Ihnen das gerade heraus zu ſagen? —— Ackh, dürfte ich es Ihnen tauſendmal wiederholen, dürfte ich zu Ihren Füßen niederknieen, meinen Mund in heißen, glühenden Küſſen auf Ihre Hände drücken, dürfte ich Ihr ſchönes, liebes Geſicht ohne Furcht in glückſeliger Ruhe und Sicherheit nur ein paar köſtliche, kurze Minuten an meine Bruſt drücken, dürfte ich einmal ſo recht aus tiefſtem Herzen ſagen, wie ſehr ich Dich liebe, meine ſchöne, meine reizende Helene!“ „O nicht— o nicht— ich will und darf das nicht hören,“ entgegnete ſie in fliegender Haſt, ſo ſchwer und heftig athmend, daß ſich ihre Bruſt raſch hob und ſenkte, —„o nicht— o nicht!“ „Hier nicht, allerdings hier nicht,“ gab er in einem — 117— ſo leiſen Tone zur Antwort, daß er ſich, um ſeine Worte verſtehen zu machen, dicht an ihr Ohr beugen mußte, —„hier nicht— doch wüßte ich mir kein größeres Glück, als eine kleine Stunde mit Ihnen plaudern zu können, ohne befürchten zu müſſen, daß neugierige Augen, wie hier, es genau bewachen, wie lange ich meinen Beſuch ausdehne, oder daß der Eintritt Ihrer Kammerjungfer mich daran mahnt, wie lange ich Ihnen ſchon läſtig ge⸗ worden.“ „Das wird gewiß nie der Fall ſein, Herr von Roſen⸗ thal, und es gibt auch Niemand in unſerer Nachbarſchaft, der ſich ſonderlich um unſere Beſuche, oder die längere Dauer derſelben bekümmert.“ „Und doch blicken Sie oft ängſtlich nach dem Fenſter hin?“ „Weil Sie mir gar ſo nahe ſtehen, Herr von Roſen⸗ thal, und weil ich hier fürchte—“ S „Ja ſehen Sie, ſchöne Helene, Sie fürchten ſich eben⸗ falls hier, und doch möchte ich gerne einmal ein Stünd⸗ chen mit Ihnen verplaudern, ohne für Sie oder für mich fürchten zu müſſen.“ Sie warf ihren Kopf in die Höhe und verzog ihre Lippen unverkennbar in der Abſicht, ein halb verächtliches Schmollen zu zeigen, und er merkte dieſe Abſicht und wurde leider nicht verſtimmt darüber, lachte vielmehr — 118— luſtig, indem er ſagte:„Ach, ſchöne Helene, wir laufen da in unſern Worten und Gedanken wie zwei Parallel⸗ linien neben einander her, haben dieſelbe Richtung und ſind doch nicht im Stande, uns zu durchkreuzen! Ach, und ich möchte einmal Ihren Weg durchkreuzen— ver⸗ ſtehen Sie mich recht, möchte Sie irgendwo unverhofft, unvermuthet finden, um ein kleines Stündchen mit Ihnen zu lachen und zu plaudern, ohne vorher genöthigt zu ſein, zuerſt unten beim Papa anzufragen, dann bei Groß⸗ mama, bei Ihrer Jungfer, und am Ende noch gar bei Tante Aurelie und Tante Seraphine— ha, mich ſchau⸗ dert!“ Ihre ſchönen Lippen kräuſelten ſich bis zu einem leichten Lächeln, ehe ſie zur Antwort gab:„Wer übertreibt, iſt im Unrecht, Papa und die Großmama geniren Sie nicht im Geringſten bei t dhien Beſuchen, alſo wüßte ich in der That nicht— „Doch Sie wiſſen es, Helene, Sie fühlen mit mir, und wenn ich eine Spur von Eitelkeit oder Ueberſchätzung an mir hätte, ſo würde ich ſagen, auch Sie fänden es intereſſant, pikant, mir vielleicht unverhofft hier oder dort zu begegnen—“ „Hier oder dort,“ wiederholte ſie nachdenkend,— „ich wüßte in der That nicht—“ „Vielleicht auf einem Wege, den Sie einmal zufällig — 119— in der Dämmerung oder Abends allein zu machen ge⸗ nöthigt wären, begreiflicher Weiſe fürchten Sie ſich doch ein wenig, und wären vielleicht nicht ungehalten darüber, wenn ich plötzlich zzu Ihnen heranträte und Sie lachend und plaudernd begleitete.“ „Ein undenkbarer, unmöglicher Fall.“ „Es iſt jeder Fall denkbar und möglich zu machen. Gehen Sie nie des Abends allein aus dem Hauſe?“ „Sehr, ſehr ſelten, nur ein paar Mal ließ ich mich in mädchenhaftem Uebermuthe verleiten, allein den nahen Weg in's Theater zu gehen.“ „Nun, ſehen Sie,“ ſagte er ſo unbefangen, und heiter, als wolle er auf eine zufällig vorüberziehende, ſonderbar geſtaltete Wolke aufmerkſam machen,„heute Abend iſt im Theater Vorſtellung, und zwar eine ſehr intereſſante Vor⸗ ſtellung, vor deren Anfang ich zufällig hier in der Nähe Ihres Hauſes vorüber muß, und werde ich ſehr neugierig ſein zu erfahren, ob Sie jugendlichen Uebermuth genug haben, ſchöne Helene, nur heute Abend allein Ihren Weg in's Theater zu nehmen.“ „Schwerlich, Herr von Roſenthal, und wenn es mir ſelbſt an jugendlichem Uebermuth nicht fehlte, ſo freut ſich doch Tante Seraphine zu ſehr auf die heutige Vorſtellung, um mich allein in's Theater zu laſſen.“ O, Tante Seraphine kann ihren Sinn ändern.“ „ — 120— „Schwerlich, wo es ſich um ihr Vergnügen han⸗ delt,“ ſagte das junge Mädchen mit einem recht mun⸗ teren Lächeln, welches aber alsdann ſo plötzlich und auf⸗ fallend einem ernſten Ausdruck wich, als ſie zum Fenſter hinausſchaute, daß Herr von Roſenthal der Richtung ihrer Blicke folgte und den Wagen des Herrn Mirbel ſah, der ſich in raſchem Trab der Pferde dem Hauſe näherte. „Da kommt die Großmama zurück und Tante Au⸗ relie! Sie erwarten doch noch ihre Ankunft?⸗ „Nein, für dießmal nicht, ſchöne Helene,“ gab Roſen⸗ thal zur Antwort, wobei ein leichter Schatten des Un⸗ muthes über ſeine Züge flog.—„Entſchuldigen Sie mich bei den Damen, ich werde mir in den nächſten Tagen das Vergnügen machen, nach den verehrten Damen zu ſehen.“ „Großmama wird es ſehr bedauern, daß Sie ſchon fortgegangen ſind.“ „Und Sie, Helene?“ „———— Ich plaudere gerne mit Ihnen und werde mich freuen, wenn ich Sie wieder ſehe.“ „Wo es auch immer ſein mag!“ „———Wo es auch ſein mag.“ „Dank für dieſes Wort, ich gehe nun nicht voll Trotz, wie es im Liede heißt, ich ſinge vielleicht und ſpiele, trinke — 121— und lache, aber hoffentlich nicht, um alsdann die Nacht hindurch zu weinen.“ Ehe ſie es hindern konnte, hatte er ſie raſch einen Augenblick mit ſeinen Armen umſchlungen, einen langen Kuß auf ihre Stirne gedrückt und war alsdann geräuſch⸗ los, wie er gekommen, wieder aus dem Zimmer ver⸗ ſchwunden. Draußen im Korridor ergriff er eilig ſeinen Paletot, den er dort abgelegt, und wandte ſich raſch der Glasthüre zu, welche ihm indeſſen von dem jungen Dienſtmädchen nur ſehr zögernd geöffnet wurde, wobei ſie mit einem ganz eigenthümlichen Lächeln ſagte:„So⸗ eben iſt die gnädige Frau und Fräulein Aurelie am Hauſe angefahren, Sie werden Ihnen auf der Treppe begegnen.“ „Wenn ich das vermeiden könnte, wäre es mir lieber.“ „Ich dachte ſo, und wenn Sie ein paar Augenblicke in mein Zimmer treten wollen—“ „So wäre ich dieſer Begegnung enthoben, ich danke Ihnen für Ihren Schutz, ſchöne Fanny!“ „Hier, Herr Baron—“ ſie trat raſch vor ihm in das kleine Stübchen, und als er nun lauſchend dicht neben ihr ſtand, hatte ſie ihre Hand an den Riegel des Schloſſes gelegt, und es war eigenthümlich, wie ſich der⸗ ſelbe nach ein paar Sekunden, während welcher man die — 122— alte Dame unten auf der Treppe huſten hörte, bei der langſamen Wendung des hübſchen Mädchens faſt von ſelbſt vorſchob. Dann verließ Herr von Roſenthal das Haus leiſe und flüchtig, nachdem es unten auf der Treppe ruhig ge⸗ worden war, und brauchte, wie früher beim Kommen, ſo auch jetzt wieder beim Gehen die Vorſicht, dicht am Hauſe zu bleiben, ſo daß er weder von den Fenſtern des zweiten Stockes, noch von denen des erſten geſehen wer⸗ den konnte. In ſeiner Wohnung angekommen, las er einige Briefe durch, die ihm ſein Kammerdiener überreichte, meiſtens unbedeutenden Inhalts, ein paar Einladungen, die er gleichgültig auf die Seite warf; nur zwei Schreiben würdigte er größerer Aufmerkſamkeit, das eine zeigte auf dem Siegel ein E, und als er die Zeilen deſſelben durch⸗ flog, biß er unmuthig die Lippen zuſammen, während ein Ausdruck des Verdruſſes, ja des Haſſes über ſeine Züge flog; dann ergriff er das andere, und nachdem er auch dieſes geleſen, ſetzte er ſich an ſeinen Schreibtiſch, um das letztere mit einigen Zeilen zu beantworten.„Mein verehrtes Fräulein,“ ſchrieb er,„um Ihnen Beweis zu liefern, wie raſch ich bereit bin, Ihren ausgeſprochenen Wunſch einzugehen, möchte ich am liebſten ſogleich zu Ihnen eilen, wenn mich nicht die dringendſten und un⸗ — 123 aufſchiebbarſten Geſchäfte zu Hauſe gefeſſelt hielten. Wäre es aber unbeſcheiden von mir, wenn ich Ihnen meinen Beſuch für heute Abend zwiſchen 7 und 8 Uhr ankündigte? Im Falle Sie verhindert ſind, genügt für mich eine ein⸗ fache Abweiſung vor Ihrer Thür, und bin alsdann mor⸗ gen für jede Stunde auf's Freundſchaftlichſte und Ehr⸗ furchtsvollſte zu Ihrer Verfügung.“ Er überſchrieb das Couvert für dieſes Billet an Fräulein Seraphine Mirbel, und ſandte es durch ſeinen Bedienten ſogleich an ſeine Adreſſe. Da vorderhand Herrn von Roſenthal's weitere Er⸗ lebniſſe für die nächſten Stunden des heutigen Tages von keinem weſentlichen Intereſſe für den Gang unſerer wahrhaftigen Geſchichten ſind, ſo wollen wir, dem eben abgeſandten Billete folgend, uns flüchtig überzeugen, daß Tante Seraphine daſſelbe mit einer aufregenden Miſchung von Freude und Schmerz empfing und durchlas. Sie hatte erreicht, was ſie durch ihre heutigen Zeilen zu er⸗ reichen gehofft, und jetzt, da ſie den ſo ſehnlichſt Erwar⸗ teten ſchon im Geiſte bei ſich eintreten ſah, gänzlich un⸗ genirt, ohne die mindeſte Befangenheit, freundlich ſeinen langen Bart ſtreichend, nachdem er ihr eine ehrfurchts⸗ volle Verbeugung gemacht, da überlief es ſie jetzt ſchon unheimlich, wenn ſie daran dachte, welch' erſtaunliche Augen er machen, oder ſie mit dem gewiſſen ſeltſamen — 124— Lächeln betrachten würde, wenn ſie ihm von ſo fabel⸗ haften Dingen redete, wie ſeiner Zuneigung zu Helenen, und wenn ſie ihm freundlich die Bitte an's Herz legte, doch dieſem jungen, unreifen Mädchen nicht dergleichen Dinge in den Kopf zu ſetzen. Ach, jetzt ſchon, ehe er noch da war, erſchien es viel leichter, ſtatt jener Bitte ſich ſelbſt an ſein Herz zu legen, wozu ſie halb und halb ent⸗ ſchloſſen war, falls ſich eine günſtige Gelegenheit dazu böte, und ſo lieber ſelbſt als Opfer zu fallen für die Ehre der Familie Mirbel. Daß durch dieſes ausſchließliche Nachgrübeln, durch dieſes Hin⸗ und Herwogen ihrer leidenſchaftlichen Gedan⸗ ken, durch die Aufregung, in die ſie verſetzt worden, ihre Kopfnerven angegriffen worden, wird man gewiß eben ſo erklärlich finden, als daß Tante Seraphine in Folge davon mit einem ſtark nach Eau de Cologne duftenden Tuche zu Tiſche kam, dieß häufig an Stirne und Augen drückte, und mit matter Stimme die Befürchtung ausſprach, es werde doch wohl nicht möglich ſein, heute Abend der Theatervorſtellung beizuwohnen, ſie wolle indeſſen ſehen, ob ſie ſich ſpäter beſſer befinde. Warum brachte dieſe an ſich ſo unbedeutende Be⸗ merkung eine ſo eigenthümliche und tiefe Wirkung auf das Herz Helenens hervor? warum beugte ſie ſich in dieſem Augenblicke tief auf ihren Teller herab, um die plötzlich aufflammende Röthe ihres Geſichts zu verbergen? Warum ſchlug ihr Herz heftig und ſchmerzlich, und warum fühlte ſie ſich zu einigen tiefen und ſchweren Athemzügen genöthigt?— welche Kinderei! ſie ärgerte ſich auch ſehr über ſich ſelber, und ſchalt ſich ſelbſt ein dummes, när⸗ riſches Ding—„wie oft ſchon,“ dachte ſie,„hat Tante Seraphine bei ähnlichen Veranlaſſungen mit ihren Kopf⸗ und andern Schmerzen kokettirt, das wird in einer Stunde wieder vorüber ſein, und ich ſehe ſie ſchon im Geiſte neben mir im Theater ſitzen, in einer blendenden Toilette — wenn aber nicht— nun ſo muß mich Fanny in's Theater begleiten, oder noch beſſer, ich laſſe bei dem zweifel⸗ haften Wetter einſpannen.“ Sie blickte bei dieſen Gedanken zum Fenſter hinaus, um ſich das zweifelhafte Wetter an⸗ zuſchauen, von dem aber in der That an dem wolkenloſen, klaren und blauen Winterhimmel, übergoſſen von glänzen⸗ dem Sonnenſchein, durchaus keine Spur zu ſehen war. —„SJedenfalls aber,“ entſchied ſich das junge Mädchen mit großer Beſtimmtheit,„werde ich heute Abend keinen Schritt allein vor das Haus thun, nicht um alle Schätze Indiens, das weiß ich ganz gewiß.“ Das waren doch gewiß ſo ſchöne und edle Gedanken, wie ſie ein junges Mädchen in der Lage Helenens nach der heute Morgen gehabten Unterredung mit Herrn von Roſenthal nur faſſen konnte, und finden wir es deßhalb gänz⸗ lich unmotivirt von ihrem Herzen, daß daſſelbe, ſtatt ſich hiebei zu beruhigen, noch heftiger ſchlug und Schuld daran war, daß ſie den Teller vor ſich unberührt ſtehen ließ. Ungerechtes, kleines Herz! oder flüſterten in demſelben Nebengedanken? Leider verminderten ſich die Kopfſchmerzen der Tante Seraphine nicht im Laufe des Nachmittags, nahmen aber auch nicht in ſo heftigem Grade zu, daß ſie ſich genöthigt geſehen hätte, früher als kurz vor der Theaterzeit, und als Helene ſchon zum Ausgehen angekleidet war, die Er⸗ klärung abzugeben, daß es ihr gänzlich unmöglich ſei, das Zimmer zu verlaſſen, wodurch das junge Mädchen in die peinlichſte Verlegenheit kam, und ſich in die un⸗ angenehmſte Lage verſetzt ſah. Was ſollte ſie anfangen? Fanny war ausgegangen, die Köchin dringend in der Küche beſchäftigt, der Kutſcher im Wirthshaus, der Bediente beſorgte Kommiſſionen in der Stadt, und der Comptoirdiener war mit Briefen auf die Poſt geſchickt worden. „Jetzt bleibe ich auch zu Hauſe,“ erklärte Helene in heftigem Tone und mit dem Trotze eines unartigen Kin⸗ des, vor der Großmutter ſtehend, die in ihrer beſtändig guten Laune nichts Anderes als herzlich zu lachen ver⸗ mochte über das entſetzliche, unerhörte Unglück ihrer En⸗ kelin.„Närriſches Kind,“ ſagte ſie alsdann,„es iſt ja nicht das erſte Mal, daß Du die paar Schritte allein machſt, und was hat das um die gegenwärtige Stunde zu ſagen, wo ſo viele Leute auf der Straße ſind, und wo Du gewiß neben Bekannten ſicher zum Theater ge⸗ langſt? Wenn Du das nicht willſt, ſo laß Dir den jungen Schettel heraufholen, der macht ſich ein Vergnügen daraus, vom Comptoirpulte wegzuſpringen.“ Da ſtand die dünne, ſchmächtige Geſtalt des jungen Handlungslehrlings, welchem zu begegnen wir ſchon in einem der erſten Kapitel dieſer Geſchichten das Glück hat⸗ ten, plötzlich groß und bedeutend geworden, vor der Seele des jungen Mädchens. Wie viel konnte davon abhängen, ob die ſchmächtige Geſtalt heute Abend an ihrer Seite wandelte oder nicht? Vielleicht Wohl und Wehe, ja es war gerade ſo, als wolle ihr Schutzgeiſt die Geſtalt des jungen Schettel's annehmen, um ſie vielleicht vor einem unüberlegten Schritte zu bewahren. „Vor welchem unüberlegten Schritte?“ fragte ſich aber Helene ſelber, indem ſie trotzig ihr Köpfchen in die Höhe warf,—„ich bin doch kein Kind mehr, dem man einreden kann, daß man es der Mühe werth findet, auf der Straße zu warten, um ein paar Schritte mit mir zu gehen,— lächerlich, als wenn dieſer Herr von Roſen⸗ thal nicht andere und wichtigere Sachen zu thun hätte! 128— ————— Nein, Großmama, ich gehe lieber allein, als mit Schettel— bis nachher— liebe Großmama, ich hoffe Dir viel Schönes erzählen zu können,“ damit drückte ſie ein paar heiße Küſſe auf das lächelnde, wohl⸗ wollende Geſicht der alten Dame und huſchte zur Thüre hinaus durch das Veſtibul, und dann geräuſchlos die Treppe hinab.. Allerdings waren um dieſe Zeit viele Leute auf der Straße, manche, die mit Helene den gleichen Weg gingen, manche, die ihr entgegen kamen oder ihren Weg kreuzten, aber nicht in der Art, wie Herr von Roſen⸗ thal heute Morgen geſagt. Wer mochte überhaupt auf ein ſolches Geplauder etwas geben? Sie gewiß nicht, — ſie wahrlich nicht, welche— ſie, die genau wußte, was— —— Da ſtand er mit einem Male an ihrer Seite, feſt eingewickelt in einen langen, dunkeln Mantel, deſſen über die Schultern geworfener Theil ein Drittel ſeines Geſichtes bedeckte. Da verneigte er ſich lächelnd gegen ſie und ſagte flüſternd:„Dank, heißen Dank, ſchöne Helene, daß Sie mich verſtanden haben!“ Das junge Mädchen war, trotzdem ſich ihre Phan⸗ taſie den ganzen Tag mit dem, was jetzt geſchah, auf's Lebhafteſte beſchäftigt hatte, doch ſo überraſcht und er⸗ ſchreckt, daß es ihr unmöglich war, ein Wort der Er⸗ — 129— wiederung zu finden, und daß ſie faſt willenlos ſeinen Arm nahm, den er ihr mit den raſch geſprochenen Worten bot:„Vertrauen Sie ſich mir an, theure Helene, und kommen Sie für eine kleine Weile aus den Augen der Leute, die unſer Stehenbleiben mißtrauiſch betrachten,— kommen Sie!“ „Wohin, Herr von Roſenthal? Das iſt nicht mein Weg nach dem Theater.“ „O, doch, nur auf einem kleinen Umwege, den Sie mir ſchon geſtatten müſſen, um neugierigen Blicken zu entgehen, ſowie um Ihnen meinen innigſten Dank zu ſagen für die Freude, welche Sie mir durch dieſe Begegnung gemacht—— es iſt das ein Pfand für ſpäteres Glück,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, da ſie ohne eine Sylbe der Erwiederung ſtumm an ſeiner Seite ſchritt, leicht er⸗ bebend, ſchwer athmend, was er wohl fühlte, da er ſie ſo dicht als möglich an ſeine Seite zog. 3 Einen Dank, den Sie mir da ſagen, „ Herr von Roſenthal,“ ſagte ſie mit leiſer Stimme, nach⸗ dem ſie eine Strecke Weges gegangen,„kann ich nicht annehmen; denn dieſer Dank, wenn überhaupt ein ſolcher nicht ganz unnöthig iſt, gebührt dem Zufall.“ Herr von Roſenthal lachte in ſich hinein, als ſie den Zufall nannte und er dabei des Billets gedachte, welches er an Tante Seraphine geſchrieben, wobei er im Hackländer, Geſchichten im Zickzack. II. 9 — 130— gegenwärtigen Augenblicke mehr als ein Gefühl der Genugthuung empfand; denn wenn auch Tante Sera⸗ phine verhindert war, das junge Mädchen zu begleiten, ſo gab es ja dazu noch eine ganze Menge anderer Leute, wenn es Helenen nicht darum zu thun geweſen wäre, allein zu gehen, und dieſe Gewißheit durchſtrömte ihn mit einem lange nicht empfundenen, unausſprechlich an⸗ genehmen Gefühl und veranlaßte ihn, die Hand des jungen Mädchens zu ergreifen und an die Bruſt zu drücken, auf eine paſſende Stelle unter dem weiten, weichen Pelzärmel. „Jetzt aber bitte ich dringend, Herr von Roſen⸗ thal, wieder nach der Straße drüben einzulenken, und in dieſem Falle will ich Ihre Begleitung an's Theater er⸗ lauben.“ „Sogleich, ſchöne Helene,“ gab er zur Antwort, nachdem er flüchtig einen Blick um ſich her geworfen,—„ge⸗ ſtatten Sie mir noch einen kleinen Umweg um die nächſte Straßenecke, nur um zu ſehen, ob eine Befürchtung, die ich habe, gerechtfertigt iſt.“ „Welche Befürchtung? ich bitte Sie,“ fragte das junge Mädchen in ängſtlichem Tone. „Hervorgerufen durch die Begleitung einer Geſtalt, die Ihnen von Ihrem Hauſe an folgte, und zwar ſo auffallend und in gleicher Entfernung, daß ich ſie An⸗ — 131— fangs für einen dienſtbaren Geiſt Ihres Hauſes hielt, eine Geſtalt,— deren Aufmerkſamkeit uns gilt, wenn ſie, wie ich faſt fürchte, hinter uns jene enge Gaſſe ein⸗ ſchlägt, durch welche ich Sie dringend bitte mir nach dem Theater zu folgen—— Sie glauben mir nicht?— bleiben Sie einen Augenblick ſtehen und ſchauen Sie rück⸗ wärts! Dort im Schatten jenes vorſpringenden Hauſes ſteht die Geſtalt, von der ich ſprach, und daß ſie jetzt ebenfalls ruhig ſtehen bleibt, beweist mir, daß wir ihre Aufmerkſamkeit erregt haben.“ „Was mir ſehr, ſehr unangenehm wäre, Herr von Roſenthal!“ „Pah, vielleicht ein ſonſt harmloſer Neugieriger, es gibt ſolche mißgünſtige Seelen; das Beſte iſt, wir machen ein paar Schritte in die Straße rechts, um dann zurück⸗ zukehren und dadurch zu erfahren, ob er wirklich unſern Schritten folgt,———— ja, es iſt ſo,“ fuhr er nach einer längeren Pauſe fort,„dort drüben blieb er ſtehen und iſt uns jetzt wieder gefolgt.“ „So wiederhole ich meine Bitte, auf dem nächſten Weg nach dem Theater zu gehen.“ „O verzeihen Sie, ſchöne Helene, ſo gerne ich Ihnen auch folgen möchte, würden wir ihm dadurch gerade in die Hände laufen, er wird uns vorauseilen, ſich am Theater vor die leuchtenden Gaslaternen hinpflanzen, um 14132— uns mit aller Gemüthlichkeit zu betrachten,— nein, nein, ich weiß einen andern, beſſern Ausweg, aber Sie müſ⸗ ſen mir für eine Viertelſtunde Ihr vollſtes Vertrauen ſchenken.“ „Wozu?“ fragte das junge Mädchen bebend, denn ſie war ja ſelbſt überzeugt, daß die Geſtalt, von der ihr Begleiter geſprochen, ihren Schritten folgte. „Haben Sie Vertrauen zu mir und folgen mir etwas raſcher, wenn ich Sie bitten darf, dort am Ende der ſchmalen Gaſſe ſehe ich, was wir brauchen, ein glücklicher Zufall.“ Ob es nun wirklich ein Zufall war, daß dort am Ende der ziemlich dunklen Gaſſe ein geſchloſſener Wagen hielt, deſſen Kutſcher abgeſtiegen war und wie auf Je⸗ mand wartend neben dem geöffneten Schlage ſtand, müſſen wir unentſchieden laſſen, jedenfalls war es aber alsdann der glücklichſte Zufall, den man ſich denken konnte, wie Roſenthal ſeiner zitternden Begleiterin in den überzeu⸗ gendſten Worten zuflüſterte, während er das junge, er⸗ ſchreckte Mädchen dicht an ſich zog, um ſie im raſchen Gange zu unterſtützen,—„vielleicht irre ich mich,“ ſagte er haſtig,„und es iſt das wirklich nur ein Neugieriger, der ruhig ſeiner Wege gehen wird, ſobald wir verſchwun⸗ den ſind, der uns aber im ſchlimmeren Falle nicht zu folgen im Stande iſt,— Sie fürchten ſich doch nicht, — 133— ſchöne Helene, einen kleinen Augenblick allein in meiner Geſellſchaft zu ſein? Und doch iſt es nicht das erſte Mal, daß ich das Glück habe, traulich im Wagen Ihnen gegenüber ſitzen zu dürfen.“ Es war das Alles ſo überraſchend gekommen, Roſen⸗ thal hatte dem jungen Mädchen ſo gar keine Zeit gelaſſen, ſtehen zu bleiben, ſich gewaltſam loszureißen und zurück⸗ zugehen, oder auch nur etwas zu entgegnen auf ſeine halb und halb überzeugenden Worte und ſeine flehenden Bitten. Sie fühlte, daß ſie Unrecht that, ihm zu folgen, ihr Herz ſchlug ängſtlich wie nie, und doch hatte ſie nicht die Kraft, ihm zu entfliehen. „Zögern Sie nicht, Helene,“ flüſterte er raſch, als ſie nun am Wagen ſtanden, und dann hob er ſie mit ſtarkem Arm in die Höhe, während der Kutſcher eben⸗ falls ſeinen Sitz beſtiegen hatte, und war eben im Be⸗ griffe, ſich ihm nachzuſchwingen, als er plötzlich ſeinen Arm von einer ſtarken Fauſt gepackt fühlte und eine Stimme vernahm, die ihm allerdings kaum hörbar, aber in höchſter Aufregung in die Ohren raunte:„Wenn Sie einen Straßenſkandal vermeiden wollen, ſo erſuchen Sie die junge Dame dort im Wagen, wieder auszuſteigen, und erlauben mir, dieſelbe auf den richtigen Weg zurück⸗ zuführen.“ „Lächerliche Zumuthung eines unbekannten, frechen — 134— Menſchen,“ murmelte Roſenthal zwiſchen den zuſammen⸗ gebiſſenen Zähnen hervor. „Unbekannt gerade nicht— Sie kennen mich ſo gut, wie ich Sie kenne.“ „Herr von Mittoo———— mas ſoll dieſe Komödie?“ „Nennen Sie es ſo, wenn es Ihnen beliebt, aber ſie wird endigen, wie ich Ihnen ſoeben ſagte, entweder mit einem Straßenſtandal, der uns die Polizei auf den Hals ruft, oder damit, daß ich die junge Dame nach Hauſe begleite.“ Einen Augenblick ſtanden ſich hierauf die beiden Män⸗ ner, ohne eine Sylbe zu ſprechen, gegenüber, der Offizier mit zuckenden Lippen und flammenden Augen, während ſeine rechte Hand wie eine eiſerne Klammer den Arm Roſenthal's umſchloß, in deſſen Blicken jetzt ein düſteres, unheimliches Feuer aufloderte, während um ſeine bleichen Lippen ein kaltes, verächtliches Lächeln ſpielte.—— „Laſſen Sie meinen Arm los!“ flüſterte er in einem Tone, der wutherfüllt, wahrhaft furchtbar klang, und dem Zi⸗ ſchen einer Schlange glich;—„Narr, der Sie ſind, und was Ihre lächerliche Forderung anbelangt, ſo werde ich weder die eine noch die andere erfüllen.“ Er riß ſeinen Arm mit gewaltiger Kraft an ſich, warf den Schlag des Wagens, neben welchem er auf dem Pflaſter ſtand, hinter ſich in's Schloß und rief dem Kutſcher zu:„Fahre nach dem Theater!“ Der junge Dragoneroffizier ſchien einen Augenblick unſchlüſſig, was er beginnen ſollte: dem Wagen nach⸗ eilen, oder Herrn von Roſenthal zur Rede ſtellen; doch überhoben ihn die raſch davoneilenden Pferde jedes Zweifels, und er trat dicht vor ſeinen Nebenbuhler hin, der aber durchaus keine Miene gemacht hatte, ſich vor Erledigung des peinlichen Auftrittes von der Stelle zu rühren, vielmehr hatte er das Ende ſeines Mantels, wel⸗ cher von der Schulter herabgefallen war, wieder ruhig über dieſelbe geworfen; er blickte lächelnd dem enteilen⸗ den Wagen nach, und weder auf ſeinen Zügen, noch in ſeinem vorhin ſo zornig funkelnden Auge zeigte ſich mehr die geringſte Spur von Aufregung. Ja, das Lächeln auf ſeinen Lippen verſchwand auch dann nicht, als nun Herr von Mittow mit einer heftigen Bewegung gegen ihn ſich wandte und ihm mit bebender Stimme ſagte: „Mit welchem Namen ich Ihr Betragen belegen muß und belegen werde, kann ich Ihnen füglich nicht in dieſem Augenblicke ſagen, da ich alle Bravaden haſſe, und da wir hier ohne Zeugen ſind, Sie alſo vielleicht im Stande wären, ſich morgen nicht mehr daran erin⸗ nern zu können, was überhaupt an dieſem Abend vorge⸗ fallen iſt.“ „Schwerlich werde ich das vergeſſen,“ entgegnete der Andere, aber in einem ſo gefälligen Tone, als unter⸗ drücke er abſichtlich einen herzlichen Dank für etwas An⸗ genehmes, was er durch den Andern erfahren,„ſchwer⸗ lich, Herr von Mittow, werde ich es vergeſſen, daß Sie ſo freundlich waren, ſich gänzlich unberufen um meine Angelegenheiten zu bekümmern.“ „Und hoffe, daß Sie morgen früh für mich zu Hauſe ſind, wenn Sie es nicht vorziehen ſollten, mir zu er⸗ lauben, noch heute Abend einen meiner Freunde zu Ihnen zu ſenden.“ „Ich bedaure ſehr, dieſer zu jeder andern Zeit nicht unbilligen Forderung heute Abend nicht entſprechen zu können,“ antwortete Herr von Roſenthal mit dem gleichen milden Lächeln,„doch werden Sie ſich erinnern können, auf welche brüske Art Sie ſoeben hier meine kleinen Pri⸗ vatangelegenheiten ſtörten; ſelbſtverſtändlich habe ich nichts Eiligeres zu thun, als die betreffende Dame Ihrer Un⸗ art wegen um Verzeihung zu bitten.“ Nach dieſen Worten machte er eine höfliche Ver⸗ beugung und ließ den jungen Offizier ſtehen, der, noch mehr erregt durch die kalte Ruhe ſeines Gegners, ihm zähneknirſchend nachblickte, ſich dann, wie nach Faſſung eines neuen Entſchluſſes, aufraffte und ihm folgte, wo⸗ bei er auf der andern Seite der Straße mit dem lang⸗ — 137— ſam Dahinwandelnden gleichen Schritt hielt, und nur zuweilen, zitternd vor Aufregung, nach ihm hinüberblickte. Herr von Roſenthal nahm ſeinen Weg nach dem Theater, ſcheinbar gänzlich ruhig und unbekümmert; ja, als er wieder die breitere und hellere Straße betrat, von welcher er vorhin mit ſeiner Begleiterin abgebogen war, blieb er einen Augenblick ſtehen, um einem Herankommen⸗ den„guten Abend“ zu ſagen, den er ſchon von Weitem als den Grafen Leo Wieneck erkannte. Kaum war dieſer bei ihm ſtehen geblieben, als ſich, in drei bis vier weiten Schritten über die Straße herübereilend, der Lieutenant von Mittow zu ihnen geſellte und, ohne irgend welche ruhige Einleitung, ohne irgend welche vernünſtige Er⸗ klärung für den Grafen Wieneck, mit zitternder Stimme in die Worte ausbrach: „ Bleiben Sie nicht bei dieſem Menſchen ſtehen, er i*ſt es nicht werth, daß ein Offizier, überhaupt ein anſtän⸗ diger Menſch, mit ihm ſprechend geſehen wird!“ Begreiflicher Weiſe trat Graf Wieneck nach dieſem etwas plumpen und für ihn gänzlich unverſtändlichen An⸗ griff ſprachlos einen Schritt zurück, wobei er zuerſt einen flüchtigen Blick auf Roſenthal warf und dann den Dra⸗ goneroffizier kopfſchüttelnd betrachtete, ehe er in begüti⸗ gendem Tone ſagte:„Aber, mein lieber Mittow, was ſind das für Geſchichten?“ ———— ——y— — 138— „O, ich verſtehe Ihre Worte und Ihre Blicke; Sie halten mich entweder für einen Narren oder für betrunken, bin aber weder das eine noch das andere, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, denn es kam heute noch kein Tropfen geiſtiger Getränke über meine Lippen, und ich denke ſo klar und ſcharf wie je; dieß hier iſt die Ecke der Joſephſtraße, Sie ſind Graf Leo Wieneck, Flügeladjutant Seiner Majeſtät, und dieſer hier i*ſt ein gewiſſer Herr von Noſenthal, den ich vor Ihnen, und wenn ich es könnte vor der ganzen Welt, als einen großen Schurken erkläre.“ ——— Hierauf blieb er einen Augenblick bebend vor Zorn, und dem Angegriffenen ſo nah als möglich in die Augen ſtierend, ein paar Sekunden lang ſtehen und fuhr alsdann fort, da Roſenthal keine Antwort gab,—„Sie ſehen, wie er ſich ſeines Werthes bewußt iſt—— morgen das Weitere.“ Damit wandte er ſich ab und ſchritt eilig die Straße hinab. „Soll ich ihm nacheilen?“ fragte der Major auf's Höchſte beſtürzt und gänzlich unfähig, einen Zuſammen⸗ hang zwiſchen Roſenthal, der ja ein genauer Bekannter wäinen war, und dieſer furchtbaren Beleidigung zu fin⸗ n,„ſoll ich ihm nacheilen? Ich fürchte wirklich, dieſer tolle Kerl wird irgend ein Unglück anſtellen.“ „Wenn Sie dadurch andeuten wollen, Sie halten 139— ſeinen Geiſt in irgend einer Weiſe geſtört, ſo kann ich Sie darüber vollkommen beruhigen. Gönnen Sie mir nur ein paar Augenblicke, währenddem Sie mit mir weiter gehen, und ich erzähle Ihnen die ganze Geſchichte.“ „Bei allem dem verſtehe ich Ihre Ruhe nicht, Herr von Roſenthal,“ entgegnete der Major, ihn kopfſchüttelnd, ja mit einem Anflug von Mißtrauen betrachtend,„wenn Mittow nicht verrückt geworden iſt, ſo muß etwas ganz Abſonderliches geſchehen ſein.“ „Wie man's nimmt, lieber Graf Wieneck, und was meine Ruhe anbelangt, ſo glaube ich jedenfalls, es war beſſer, dieſelbe hier anzuwenden, ſtatt eine ſehr unange⸗ nehme Szene herbeizuführen; was ſchließlich geſchehen muß, darüber ſind Sie ebenſo im Klaren wie ich. Aber bitte, gönnen Sie mir ein paar Minuten, ich möchte in der That, daß ein gänzlich Unparteiiſcher und in ſo all⸗ gemeinem Anſehen Stehender, wie Sie, den Sachverhalt erfahre.“ Sie gingen mit einander fort, und wer Beide ge⸗ ſehen und aufmerkſam beobachtet hätte, der müßte geglaubt haben, Major Wieneck ſei der Aufgeregte und Betheiligte, den der Andere mit der größten Seelenruhe und Kälte zu begütigen ſuche. Bleich ſah Herr von Roſenthal allerdings aus, und beſonders jetzt, wo er, als Beide, nachdem er ſeine Er⸗ — 140— zählung beendigt, neben dem mächtigen Theatergebäude ſtanden, von einem ſcharfen Strahl des aufgehenden Mon⸗ des beleuchtet wurde, ja ſein Auge erſchien etwas matt im Scheine des weißen Lichtes, zu dem er eigenthümlich lächelnd aufblickte.„So wie ich Ihnen eben erzählt, iſt dieſe Geſchichte,“ ſagte er mit aller Ruhe,„und wenn ich mir bei jeder andern ähnlichen Veranlaſſung gewiß die Ehre Ihrer Begleitung ausgebeten hätte, mein lieber Graf Wieneck, ſo kann doch jetzt davon keine Rede ſein, ja ich würde es ſogar begreiflich finden, wenn Sie mir an der Seite Mittow's gegenüber träten.“ „Was gewiß nicht geſchehen wird, wenn ich es ver⸗ meiden kann; denn wenn ich, aufrichtig geſagt, Herr von Roſenthal, die ganze Sache auch in Ihrem Intereſſe be⸗ daure, ſo werde ich doch nicht anders können, als Mittow die ernſtlichſten Vorſtellungen machen, und hoffe ihn zu vermögen, daß er Ihnen vielleicht auf andere Art irgend eine vollkommene und glänzende Genugthuung gibt.“ „Die Sie aber an meiner Stelle ebenſowenig an⸗ nehmen würden, als ich es zu thun im Stande bin.— Laſſen wir das, Graf Wieneck,— allerdings fühle ich wohl, daß ich nicht ganz ohne Schuld bin, weßhalb ich für den jungen Mann thun will, was in meinen Kräften ſteht, und ihm morgen mit dem Früheſten eine Forderung zuſenden. Er hat alsdann die Wahl der Waffen, nach — 141= Umſtänden den erſten Schuß, und ſomit alle möglichen Chancen— doch nun genug von dieſer Geſchichte. Wo verbringen Sie Ihren Abend? Vielleicht kann ich Sie treffen und Ihnen eine Revanche im Piquet geben.“ „Für heute unmöglich, mein lieber Roſenthal, ich habe noch ein paar kleine Gänge zu machen, und ſogar noch ein Bischen Dienſt im Schloß.“ „Alſo dann auf Wiederſehen.“ „Vielleicht morgen.“ Sie trennten ſich nach einem flüchtigen Gruße, und der geneigte Leſer ſoll im nächſten Kapitel erfahren, warum Graf Wieneck nach einigen Schritten ſtehen blieb, um dem raſch Davoneilenden mit einem ſehr bedenklichen Kopf⸗ ſchütteln nachzuſchauen. Zehntes Kapitel. In der neunten Wendung, Schneeregion und abwärts. Graf Leo Wieneck hatte in den letztvergangenen Tagen Alles gethan, wenigſtens den Verſuch gemacht, Alles zu thun, um den höchſt unangenehmen Eindruck, den er durch ſein neulich ſo unfreiwilliges Eindringen in die Appartements der Gräfin Ferrner auf dieſe junge, eben ſo ſchöne, als in jeder Hinſicht ausgezeichnete Hof⸗ dame Ihrer Majeſtät hervorgebracht, war aber bei keinem dieſer Verſuche zu einem nur halbwegs günſtigen Reſul⸗ tate gelangt. Ein paar Mal hatte er ſich erlauben wol⸗ len, der ſtolzen und als ſehr exkluſiv bekannten jungen Dame zur de⸗ und wehmüthigſten Rechtfertigung einen Beſuch zu machen, und war nicht angenommen worden. Er hatte ihr geſchrieben, und dieſes Billet war, allerdings in einem Couvert mit dem Siegel der Gräfin Ferrner, uneröffnet an ihn zurückgekommen. Er hatte ſich nach — — 143— der königlichen Tafel, zu welcher er an ſeinen Dienſttagen natürlicher Weiſe jedes Mal zugezogen wurde, wie alle übrigen Herren ihr genähert, und war dann auch von ihr ſo unbefangen wie alle Uebrigen und eben ſo freund⸗ lich und wohlwollend behandelt worden, wobei aber der leiſeſte Verſuch einer Anſpielung oder des Hinüberziehens der gewöhnlichſten Konverſation auf ein anderes Terrain auf eine Art zurückgewieſen worden, aus der er deutlich entnahm, der Vorfall von neulich, ſowie der Schuldige in dieſem Vorfalle, ſoll für alle Zeit in der gleichgültig⸗ ſten Vergeſſenheit begraben werden. Das kränkte und berührte ihn auf's Schmerzlichſte; denn Graf Leo Wieneck war ſowohl wegen ſeiner Per⸗ ſönlichkeit, ſeiner Stellung, ſowie bei der Gunſt, in welcher er bei beiden Majeſtäten ſtand, eine der beliebteſten Per⸗ ſönlichkeiten ſeines Kreiſes, wozu noch bei den jungen Damen der ſogenannten Geſellſchaft die Gewißheit kam, daß der Flügeladjutant Seiner Majeſtät nicht nur ein ſchöner Mann war, ſondern auch eine der beſten Partieen des Landes. Hätte die ſchöne Gräfin Ferrner wenigſtens ſeine Briefe beantwortet, ſei es auch nur durch die gleichgül⸗ tigſten Zeilen, ſo würde er doch in dieſen Zeilen wenig⸗ ſtens etwas gefunden haben, was einer ſcharfen oder bittern Auslegung möglich geweſen wäre und ihn glücklich — 144— gemacht hätte. Ja, wenn er im Glanz ihres ſchönen Auges nur ein einziges Mal den geringſten Schatten ent⸗ deckt hätte, ſobald er auf ſie zutrat, oder wenn ſie, wie ſie früher zuweilen gethan, ſich mit ihm in eine pikante Diskuſſion über Dieß oder Jenes eingelaſſen hätte. Sie vermied das, ohne aber ſelbſt in dieſem Falle unfreundlich zu erſcheinen. Daß bei dieſer Sachlage Graf Wieneck ſehr häufig, ja faſt unausgeſetzt, in ſeinen Gedanken, be⸗ ſonders wenn er allein war, ſich mit dem Bilde der ſchönen Gräfin beſchäftigte, wird man eben ſo natürlich finden, als daß ſeine lebhafte Phantaſie ſie häufig ſo vor ſich ſah, wie er ſie unter dem Schutze des dunkeln Wandſchrankes erblickte, und daß dieſes Bild in aller ſeiner Lieblichkeit gerade nicht im Stande war, ſeine Ge⸗ danken zu beruhigen. Wie gefährlich es dabei iſt, ſich ſo ausſchließend mit dem Bilde einer jungen Dame zu beſchäftigen, über deren anmuthige Schönheit, über deren Verſtand und ſittlichen Werth ſogar alle Welt eines Hofes einig iſt, kann man ſich leicht denken, ohne ſelbſt in ähn⸗ lichem Falle geweſen zu ſein. Und wenn noch dazu kommt, daß man ſolchen Damen gerechte Veranlaſſung gegeben hat, uns mit einer verächtlichen Gleichgültigkeit zu behandeln, ſo wird man es leicht begreiflich finden, daß dieſe Behandlung auf den Grafen Wieneck einen ſehr ſchlimmen Einfluß ausübte; ſchlimm in ſo ferne, als er — 145— ſich nach einigen Tagen geſtehen mußte, daß er die ſchöne Hofdame Ihrer Majeſtät mit einer nicht mehr zu unter⸗ drückenden Leidenſchaftlichkeit liebe. Sobald er darüber mit ſich im Reinen war, ſowie über die Alternative, die ihm blieb, entweder von ihr wieder geliebt zu werden, oder recht unglücklich zu ſein, beſchloß er, der Oberſthofmeiſterin Ihrer Majeſtät eine Staatsviſite zu machen, ihr unumwunden den Vorfall von neulich zu erzählen, ohne dabei den Eindruck zu ver⸗ ſchweigen, den die Gräfin Ferrner ſo plötzlich auf ihn gemacht, um ſo eine ſchon von beiden Seiten locker ge⸗ wordene Feſſel gänzlich zu zerbrechen. Und er that ſo an dem gleichen Tage, an welchem er, wie wir im vori⸗ gen Kapitel geſehen haben, dem Herrn von Roſenthal Abends auf der Straße begegnete. Zum Beſuche bei der Gräfin Wildenow, der Oberſt⸗ hofmeiſterin Ihrer Majeſtät, hatte er die Mittagsſtunde gewählt, und war an dem Haupteingange zu deren Ap⸗ partements von einer Seite vorgefahren, wo er ziemlich ſicher war, daß Ihre Majeſtät die Königin, die häufig an einem ihrer großen Fenſter zu ſein pflegte, ſeine Equi⸗ page und Livree erkannt habe. Auch ließ er ſich in aller Form bei Ihrer Excellenz der Frau Oberſthofmeiſterin durch den dienſtthuenden Kammerlakaien anmelden, wurde Hackländer, Geſchichten im Zickzack. II. 10 — 146— auch ſogleich angenommen und in den Geſellſchaftsſalon der Gräfin geführt. Sie empfing ihn auf's Freundlichſte, und obgleich ſie noch den Baron Brenner bei ſich zu Beſuch hatte, ließ ſie doch in einer Aeußerung, allerdings gut verſteckt, durchblicken, daß ihr gerade dieſer förmliche und Staats⸗ beſuch des Flügeladjutanten Seiner Majeſtät ſehr ange⸗ nehm wäre:„auch kommen Sie mir eben recht, lieber Graf Wieneck, um mir durch Ihren Einfluß beizuſtehen, dieſen verſtockten Baron Brenner zu einem Geſtändniß zu bringen über jene Wette des Herrn von Roſenthal, die bei einem Ihrer kleinen Diners engagirt wurde, von der alle Welt weiß und in den letzten Tagen ſprach, und aus der Sie ja ſelbſt geſtern vor Seiner Majeſtät durch⸗ aus kein Hehl machten“ „Halten mir Euer Excellenz zu Gnaden, dieſe Faſ⸗ ſung iſt doch nicht die ganz richtige,“ entgegnete der Flügeladjutant,„Seine Majeſtät ſprachen allerdings über die Wette, doch werden Sie mir zugeben, daß ich dieſe mit geziemender Ehrfurcht anhörte, ohne aber Weiteres hinzuzufügen.“ „Sehen Sie,“ warf Baron Brenner lächelnd ein, „daſſelbe erlaubte ich mir ſoeben der Frau Gräfin zu bemerken.“ „Ach geht mir, Einer iſt wie der Andere, und es iſt unrecht, die Geheimnißkrämerei ſo weit zu treiben.“ „Gewiß nicht, wenn dieſe Geheimniſſe ſo eigentlich doch nicht die unſerigen ſind,“ ſagte Graf Leo. „O doch, wenn ſelbſt die Betreffenden keine Ge⸗ heimniſſe mehr daraus machen, Baron Tönning hat ſelbſt darüber geſprochen, und Herr von Roſenthal leugnet es nicht.“ „Das iſt ihre Sache,“ meinte Baron Brenner,„und was den Herrn Oberſthofmeiſter anbelangt, ſo hat er in den letzten Tagen noch ganz andern Stoff zu abſonder⸗ lichen Geſprächen gegeben.“ „Unglaublich, in der That,“ ſprach die Gräfin kopf⸗ ſchüttelnd,„und hat ſich ſo in die Klemme gebracht, daß ich in der That nicht begreife, wie er ſich mit Anſtand wieder herausfinden wird— aber an allem Dem iſt dieſer Roſenthal ſchuld, wie kann man eine ſolche Wette pro⸗ poniren, und zwar nach einem Diner, wie Graf Wieneck ſie zu geben pflegt!“ „Die Wette allein iſt nicht an allen dieſen Verwick⸗ lungen ſchuld,“ verſetzte Baron Brenner. „O, doch in ihren Folgen; hätte Tönning vor Sei⸗ ner Majeſtät nicht die beſtimmte Verſicherung gethan in Betreff jenes Verhältniſſes des Grafen Stoltenhoff, ſo wäre dieſer nicht moraliſch und wirklich gezwungen wor⸗ den, jenes Verhältniß aufzulöſen—“ „Und Baron Tönning nicht in den Fall gekommen, deſſen Erbſchaft anzutreten.“ — 148— „Das iſt das Unglaublichſte, was mir in meinem Leben vorgekommen iſt,“ ſagte die Gräfin Wildenow, „die Geſchichte war ſo gut wie beigelegt, der König ſprach in ſeiner bekannten milden und wohlwollenden Weiſe mit Tönning darüber, und der Verweis, den er ihm in Betreff jener Wette gab, war in ganz ſcherzhafte Form eingekleidet; da erklärt ihm die alte Excellenz, ſie könne einen Verweis ſelbſt in der mildeſten Form nicht annehmen, da es Tönning am beſten wiſſen müſſe, daß das Verhältniß zwiſchen Stoltenhoff und der Signora Melina eigentlich niemals beſtanden, daß man das junge Mädchen auf's Schrecklichſte verleumdet, und daß er im Begriffe ſtehe, dieß vor aller Welt zu beweiſen.“ „Ich hätte dabei das Geſicht des Königs ſehen mö⸗ gen,“ warf Baron Brenner lächelnd ein. „Ich ſah Seine Majeſtät kurz darauf,“ fuhr Gräfin Wildenow fort,„und kann Sie verſichern, es war das für mich ſehr aufregend, mich dauert nur die Königin, welche große Stücke auf Tönning hielt, die ihn ſtets in Schutz nahm, und welche, wie wir Alle wiſſen, ſo äußerſt ſenſibel iſt für Alles, was nur im Entfernteſten einem Skandal ähnlich iſt. Der König trat ziemlich heftig herein und ſagte: ‚Da bringe ich ſchöne Neuigkeiten über Deinen Ba⸗ ron Tönning, er hat um ſeine Entlaſſung gebeten, weil er— eine Sängerin meines Hoftheaters heirathen will.““ — 149— „Ja, und Tönning verbrannte ſogleich ſeine Schiffe hinter ſich, indem er mit einer gewiſſen Oſtentation alle Welt von ſeinem Entſchluß in Kenntniß ſetzte.“ „Haben dieſe Theaterprinzeſſinnen glückliche Chancen,“ ſagte Baron Brenner,„es wird ja förmlich zur Mode, ſich eine Frau aus dem Departement unſeres Freundes Schalken zu holen!“ „Ich glaube immer noch nicht, daß Tönning dieſen letzten verzweifelten Schritt thun wird,“ ſagte die Oberſt⸗ hofmeiſterin. „O, er wird ihn thun, und in möoöglichſter Bälde; trifft er doch ſeine Anſtalten mit einer Eile, die einem Bräutigam von zwanzig Jahren Ehre machen würde.“ „Es iſt eine horreur, und gerade dieſe!“ „Die Melina iſt durch eine harte Schule gegangen, ungebildet iſt ſie nicht, und ich bin feſt überzeugt, daß ſie ſich alle Mühe geben wird, den Lebensabend unſeres alten Freundes ſo behaglich als möglich zu machen.“ „Pfui, Baron Brenner, das ſind ja ganz troſtloſe Grundſätze!“ 3 „Was wollen Sie? Die Macht der Liebe—“ „Die laſſe ich hier nicht gelten, Graf Wieneck wird mir Recht geben.“ „Bedingungsweiſe ja, doch glaube auch ich, daß uns die Macht der Liebe zu allerlei verzweifelten Entſchlüſſen treiben kann.“ Es war ein eigenthümlicher Blick, mit dem die ſchöne Gräfin dieſe Worte, welche auffallend nach⸗ denklich geſprochen wurden, beantwortete, wobei ein aller⸗ dings kaum bemerkbarer, ſchmerzlicher Zug um ihre Lip⸗ pen ſpielte, den, ſowie einen leichten Seufzer zu verdecken, ſie ihr Taſchentuch an den Mund führte. Vor Baron Brenner hätte ſie ſich indeſſen nicht zu geniren gebraucht, denn dieſer war nach den letzten Worten, die er ſoeben geſprochen, aufgeſtanden, und hatte ſeinen Hut von einem benachbarten Sopha genommen, worauf er ſich mit einigen verbindlichen Worten empfahl und den Salon verließ. Kaum war die Thür hinter ihm geſchloſſen, ſo reichte die ſchöne Gräfin mit einer leidenſchaftlichen Bewegung ihre beiden Hände dem Grafen Wieneck, wobei ſie aus⸗ rief:„Und ſelbſt die Macht der Liebe, mein theurer Leo, iſt ohnmächtig und muß ſich beugen vor der bittern Noth⸗ wendigkeit. Ich danke Ihnen herzlich für die Rückſicht, mich erſt heute wieder und ſo zu beſuchen, wie Sie ge⸗ than. Ich bin überzeugt, dieſer ſchlaue Brenner gab auf jede Ihrer Mienen, auf jedes Ihrer Worte Acht. Glücklicher Weiſe waren Sie auch darin muſterhaft, und erſchienen als ein freundlicher, aber leidenſchaftsloſer, ja faſt kalter Beſucher.“ 3 Hätte ſie in ſeinem Herzen leſen können, ſo würde — 151— ſie wahrſcheinlich mit einigem Schmerze geleſen haben, daß er keine Maske vorgenommen hatte, und daß ſein Herz ſo fühlte, wie es ſeine Züge wiedergaben. Um aber dieſer leidenſchaftlichen Frau gegenüber ſich nicht zu verrathen in dem Augenblicke, wo ſie im Begriffe ſchien, die Feſſeln, welche ihm ſchon längſt drückend geworden waren, zu löſen, rief er im Tone der Ueberraſchung: „Ihre Worte erſchrecken mich; iſt irgend etwas vorge⸗ fallen, was mich beunruhigen könnte?“ „Ja und nein—— der hohe Beſuch von neulich, der mich in der That überraſchte, und welcher wahrlich nicht ohne Grund in Begleitung der Frau von Watters erſchien, hat mir zu denken gegeben, und wenn mich auch früher ſchon einzelne pikante Redewendungen der Königin, die oft förmlichen Anſpielungen glichen, frappirten, ſo hatte ich doch bisher keine gegründeten Urſachen, ſie für etwas mehr als ein harmloſes Geplauder zu halten. Das i*ſt ſeit einigen Tagen anders geworden, und ſeit der un⸗ verantwortlichen Geſchichte des alten Tönning iſt Ihre Majeſtät gereizt, wie ich ſie nie geſehen, und läßt ſich zu Aeußerungen hinreißen, die mir, obgleich ich gegrün⸗ dete Urſache habe, mich ganz ſicher zu fühlen, doch zu denken geben, und die mich veranlaſſen, jetzt gegen Sie, mein theuerſter Freund, die herbe Nothwendigkeit einer vollkommenen und gänzlichen Trennung auszuſprechen. ¾ — 152— —— Keine Szene, Leo, ich flehe darum,“ flüſterte ſie mit einem Blicke auf die allerdings durch ſchwere Vor⸗ hänge dicht verhüllte Thüre,—„ich bitte, laſſen Sie keine Aufregung blicken, es gibt unter meinen eigenen Leuten welche, denen ich mißtraue, und die ich zu Allem fähig halte— ſo ſetzen Sie ſich zu mir und erzählen mir eine harmloſe Geſchichte, laut, fröhlich und lachend.“ „Sie verlangen viel von mir—— und wenn ich in der That hieher kam, um Ihnen eine Geſchichte zu erzählen,“ ſagte er mit lauter Stimme, und ſetzte dann ſehr leiſe hinzu:„die mit neulich im Zuſammenhange ſteht, ſo bin ich doch wahrlich kaum in der Stimmung, fröhlich und lachend zu plaudern.“ „Aber mir in Umſchreibungen das zu erzählen, was Sie ſoeben angedeutet,“ erwiederte die Gräfin im Tone des höchſten Intereſſes,„es iſt mir heute noch unbegreif⸗ lich, welchen Weg man genommen, um glücklicher Weiſe ſo ſpurlos zu verſchwinden.“ 1 „Man lernte dabei in der That ganz eigenthümliche Zimmereinrichtungen kennen,“ lachte Graf Leo mit einer Heiterkeit, die ihm allerdings einige Anſtrengung koſtete, „der gerade Weg iſt dem Sprüchworte nach allerdings der beſte, aber ich hatte einen Freund, den dieſer gerade Weg auf der Jagd in eine Höhle führte, die ſich wie eine Art Wandſchrank ausnahm, und nachher, um von — 153— dort wieder zu entkommen, ſeitwärts durchbrechen mußte, da ihm der eben erwähnte gerade Weg verſperrt, und obendrein Gefahr im Verzug war.“ „Höchſt intereſſant, Graf Wieneck, und welchen Weg nahm Ihr Freund?“ „Er gelangte unverhofft ſeitwärts eindringend in eine andere, noch dunklere Höhle, und von dieſer in ein fremdes Jagdrevier, wo er leider entdeckt wurde.“ „Gott ſteh' mir bei, und das erfahre ich heute erſt!“ „Warum ſollte ich Jemand beunruhigen, da ich feſt überzeugt bin, dort gänzlich als Mädchen aus der Fremde erſchienen zu ſein— man wußte nicht, woher ich kam.“ „Nein, nein, glauben Sie das ja nicht! O, dieſe Geſchichte macht mich entſetzlich unruhig.“ Sie war haſtig aufgeſprungen, durcheilte mit raſchen Schritten das Ge⸗ mach und blieb dann vor einem Blumentiſche ſtehen, der mit prächtigen Blattpflanzen bedeckt in der entfernteſten Ecke ſtand. „Haben Sie meine neue Einrichtung hier geſehen?“ rief ſie laut, und als er ſich ihr raſch näherte und dicht bei ihr ſtand, flüſterte ſie leiſe und in ängſtlichem Tone: „Sie drangen bei der Gräfin Ferrner ein und wurden von ihr geſehen?“ „Leider, ich kann das nicht leugnen, doch bin ich — 154— überzeugt, daß ſie keine Ahnung davon hat, auf welchem Wege ich in ihr Schlafzimmer gelangte.“ „Furchtbar, und ſah Sie ſonſt Jemand?“ „Faſt ihre ganze Dienerſchaft.“ „O, das iſt zu arg— weit entfernt, Ihnen Vor⸗ würfe zu machen, muß ich dieſen unglückſeligen Zufall auf's Tiefſte beklagen.— Hatten Sie eine Erklärung mit dieſer hochmüthigen Gräfin Ferrner?“ „Allerdings, aber eine mit dem lächerlichſten Aus⸗ gang, den man ſich nur denken kann.“ „Reden Sie, reden Sie!“ „Eines ihrer Mädchen, in der Abſicht, ſich für ihre Herrin gegenüber dem Dienſtperſonal ganz wie in der Komödie zu opfern, ſtellte ſich als wie mit mir im Ein⸗ verſtändniß.“ „Und die Gräfin Ferrner?— O, ſie glaubte das nicht.“ „Eben ſo wenig als ihre Leute, doch gönnte ſie mir keine Zeit zu einer Erklärung, ſonſt hätte ich aus der Noth eine Tugend gemacht, wäre ihr zu Füßen gefallen und hätte, um jeden andern Verdacht abzuwenden, ihr meine Liebe erklärt, und daß ich dieſen thörichten Schritt gewagt, um, ohne meine Leidenſchaft für ſie durch eine ſonſtige Annäherung zu verrathen, direkt aus ihrem ſchö⸗ nen Munde mein Urtheil zu empfangen.“ — 155— „A— a— a— ah—“ ſtöhnte die Gräfin nach einem tiefen Seufzer, während ſie die rechte Hand vor ihre Stirne preßte und dann mit aufwärts gerich⸗ tetem Blicke raſch das ganze Gemach durchſchritt, ehe ſie wieder an den Blumentiſch trat und fortfuhr:„Glau⸗ ben Sie mir, Graf Wieneck, dieß iſt ein Abgrund, der für mich verderblich wird, Sie kennen dieſe Gräfin Ferr⸗ ner nicht.“ „O doch; aber leider als ſehr unnahbar, denn ich gab mir alle mögliche Mühe, nachträglich zu einer Er⸗ klärung bei ihr zu gelangen, vergebens, ſie nahm meinen Beſuch nicht an, ſie ſandte meine Schreiben uneröffnet zurück.“ „Was konnten Sie ihr auch ſagen und ſchreiben?“ „Was ich ihr heute wiederholen würde: daß ich ſie liebe, und daß meine Leidenſchaft für ſie mich zu jenem thörichten Schritte getrieben, und um das Herz eines Mädchens zu überfallen und ihr eine Erklärung abzu⸗ nöthigen, ſind ſchon auffallendere Dinge geſchehen und verziehen worden.“ „O ja, wenn jenes Mädchenherz den Ausdruck wahrer Liebe empfand; aber Gräfin Ferrner iſt die Letzte, die ſich mit ihrem klaren, ruhigen Verſtande von einer ſolchen Komödie täuſchen ließe.“. „Das käme auf den Schluß einer ſolchen Komödie an,“ erwiederte Graf Wieneck mit dem Tone ſo tiefen Ernſtes, daß ihn die Oberſthofmeiſterin mit geſpannter Erwartung anſchaute.„Sie ſagten mir ſoeben, Gräfin Wildenow, es ſei das ein Abgrund, der Ihnen verderb⸗ lich werden könnte, leider habe ich dieſen Abgrund zu Ihren Füßen eröffnet und bin zu jedem Opfer bereit, um ihn wieder zu ſchließen, um ihn für Sie ungefähr⸗ lich zu machen.“ „Verſtehe ich Sie recht, Leo?“ 3 „Betrachten Sie mich als einen zweiten Curtius,“ antwortete er, indem er ſich ſcheinbar zu einem heiteren Lächeln zwang,„der ſich— vielleicht dem Verderben weiht, um etwas zu retten, das ihm eben ſo theuer ge⸗ weſen iſt, als ein oft undankbares Vaterland—— und in dem Falle müßte es am Schluſſe meiner Komödie gerade ſo lauten, wie am Schluſſe mancher andern: ich liebe Sie und biete Ihnen mein Herz und meine Hand an.“ „O— Leo— o mein Freund, das wären Sie im Stande für mich zu thun!“ „Und warum nicht?“ gab er raſch zur Antwort, wobei er indeſſen eine leichte Verwirrung nicht verbergen konnte,„iſt es doch für mich eine gebieteriſche Nothwen⸗ digkeit,— eine Ehrenſache, Alles zu thun, damit auch der leiſeſte Schein irgend welcher Schuld von Ihnen fern gehalten wird, und gebe ich Ihnen dadurch nicht die — 157— beſte Gelegenheit, für ſich ſelbſt zu wirken, indem Sie für mich wirken?“ „O gewiß, gewiß.“ „Und kann alsdann,“ fuhr er mit Wärme fort, „nur der geringſte zweideutige Schein auf Ihnen haften bleiben, wenn man erfahren hat, warum ich ſo häufig hier bei Ihnen zu ſehen war, und warum ich meine Be⸗ ſuche zuweilen mit einer gewiſſen Heimlichkeit umkleidete, wenn man das vielleicht ebenfalls erfahren hat; ich drängte mich zu Ihnen, um dadurch in der Nähe Ihrer ſchönen Nachbarin zu ſein.“ „Wie grauſam Sie ſcherzen, Leo——— ach, glauben Sie mir, ich würde Ihr Opfer mit der leiden⸗ ſchaftlichſten Entrüſtung von mir werfen, wenn ich nicht auch Ihr Beſtes in einer vollkommenen Trennung ſähe, und wenn ich nicht wüßte, daß etwas Eklatantes ge⸗ ſchehen muß, um den aufkeimenden Verdacht gänzlich zu zerſtören.“ „Und Eklatanteres kann in dieſer Richtung wohl nicht geſchehen, als wenn Sie ſelbſt meine Bewerbungen um die ſchöne Nachbarin unterſtützen—— verſtehen Sie mich recht?“ fuhr er raſch und mit weicher Stimme fort, als er ſah, wie die ſchöne Frau feſt ihre Lippen aufeinander biß und ſich dann etwas heftig abwandte, um ihre feucht gewordenen Augen zu verbergen.—„Ver⸗ 158— ſtehen Sie mich recht? Ich verlange ja nichts, als daß Sie den Verſuch machen, den Weg, der vor mir liegt und den ich ohne Zaudern gehen werde, inſoferne für meine Zwecke zu ebnen, daß Sie wenigſtens den Verſuch machen, Ihre unbeugſame Nachbarin zu dem Glauben zu bewegen, als habe mich wirklich die Liebe zu ihr zu einem ſo thörichten Schritte getrieben— können Sie das?— wollen Sie das?“ „Ob ich es will?“ rief ſie leidenſchaftlich;„mir bleibt keine Wahl— aber eine andere Frage iſt: ob ich es kann? Auf direktem Wege werde ich nichts vermögen, ja, ich würde Alles verderben, wenn ich durch irgend Etwas Mißtrauen würfe in das offene, reine und ſtarke Gemüth jenes jungen Mädchens, und ich muß mich einer unparteiiſchen Mittelsperſon bedienen.“ „Und wer könnte dieſe ſein?“ „Die Königin. Sie nimmt Antheil an Ihnen, ſie liebt die Gräfin Ferrner, und da ſie in einer ſolchen Verbindung das Heil ihres Lieblings ſehen muß, ſo wird ſie uns bereitwillig ihre Unterſtützung gewähren.“ „Darin unterwerfe ich mich ganz Ihrer Anſicht und laſſe mich leiten, wie Sie es für gut finden.“ „O, und Sie ſind glücklicher darin als ich, welche handeln muß, um zu einem für mich ſo traurigen Re⸗ ſultate zu gelangen.——— Laſſen Sie mich jetzt 159— allein, Leo, dieſe Unterredung hat mich furchtbar ange⸗ griffen.“ Sie reichte ihm ihre beiden Hände, und da er die— ſelben etwas heftig ergriff, ſie auch in der That tief erſchüttert war, ſo wankte ſie einen Augenblick, um in der nächſten Sekunde an ſeine Bruſt zu ſinken, aber nur für die Dauer weniger ihrer raſchen Pulsſchläge, die ſie dazu benützte, haſtig ihre Hände aus den ſeinigen zu löſen, dann ſein blondes Haar zurückzuſtreichen und einen heißen Kuß auf ſeine Stirne zu drücken——„und nun leben Sie wohl, Leo!“ „Und wenn wir uns wieder ſehen?“ „Wird die Oberſthofmeiſterin Ihrer Majeſtät ſich ein Vergnügen daraus machen, dem Grafen Wieneck alle Details mitzutheilen, wie weit die projektirte Unterhand⸗ lung gediehen iſt.“ Er verließ den Salon und die Appartements der Gräfin Wildenow mit einem Gefühle der Erleichterung. Er warf ſich in den Wagen, nachdem er dem Kutſcher befohlen, beim nächſten Portal des Schloſſes zu halten, was bei allenfallſigen Zuſchauern einiges Aufſehen erregen mußte, da ſich dieſes Portal nur wenige Schritte von dem befand, welches Graf Wieneck ſoeben verlaſſen; dann ſprang er raſch aus dem Wagen und verſchwand im Schloſſe, um nach weniger als einer Minute mit einem — 160— etwas bittern Lächeln zurückzukehren. Er hatte abermals den vergeblichen Verſuch gemacht, die Gräfin Ferrner zu Hauſe zu treffen, bemerkte aber, ehe er wieder in ſeinen Wagen ſtieg, doch eine kleine Frucht dieſes vergeblichen Verſuches, und zwar Ihre Majeſtät die Königin droben am Fenſter ſtehend, und mit ihrem Augenglaſe aufmerk⸗ ſam, wie es ſchien, die gräflich Wieneck'che Equipage betrachtend. Wenn es im Intereſſe unſerer Geſchichten läge, ſo würden wir den Grafen Wieneck nach ſeiner Wohnung begleiten, um dort zu ſehen, wie er ruhelos über eine gute Stunde in ſeinem Schreibzimmer hin und her ſchritt, ſtets mit einem und demſelben Gedanken beſchäftigt, der aber für uns, welche wir ſeine ſoeben gehabte Unter⸗ redung kennen, nicht einmal den Reiz der Neuheit hätte; es war wieder einmal die alte Geſchichte, doch bleibt ſie immer neu, und wir können vielleicht noch allenfalls hinzufügen, daß der Graf Wieneck bei ſeinem Hinund⸗ herwandern Augenblicke hatte, wo ihn die Reue an⸗ wandelte, daß er die langſamere Vermittlung der Gräfin Wildenow geſucht, ſtatt ſich ſelbſt entſchloſſen der jungen Dame zu nähern, in ihrem Vorzimmer mit Oſtentation, ſei es ſelbſt einige Stunden, zu warten, bis ſie nach Hauſe zurückkehre, oder bis ſie ihn vor ſich ließ, um als⸗ dann mit überzeugender Wahrheit, unterſtützt von dem — 161— Ausdruck wirklicher Liebe, zu ihr zu reden. Doch war daran nichts mehr zu ändern, und er mußte ſein Schick⸗ ſal jetzt ſchon dem langſamen Weg diplomatiſcher Ver⸗ handlungen überlaſſen. Bei ſeinem kleinen Diner, welches er heute aufgeregt, verſtimmt, allein, ohne jede Geſellſchaft einnahm, wurde ihm ein Schreiben überbracht, deſſen flüchtige, kritzliche Handſchrift ihn veranlaßte, dem Ueberbringer ſogleich hinausſagen zu laſſen, er möge auf Antwort warten, worauf Graf Leo haſtig das mit dem königlichen Wappen verſehene Couvert abriß, die wenigen Zeilen, die es ent⸗ hielt, durchlas und darauf ſogleich mit der Verſicherung beantwortete, er werde nicht ermangeln, ſich pünktlich zur angegebenen Zeit einzuſtellen. Dann wies er durch eine einfache Handbewegung den Reſt des Diners von ſich und ließ ſich in einem Fauteuil neben dem lodernden Kamin in ſeinem Schreibzimmer nieder, zündete ſich eine Cigarre an und durchlas dann noch einmal das eben erhaltene Billet. Es war von der Hand des Kronprinzen und lautete folgendermaßen:„Mein lieber Graf Wieneck! Ich habe Sie in einer eben ſo delikaten als vertraulichen Angelegenheit um Ihren Rath und Ihre Hülfe zu bitten, die ich aber nur dann in Anſpruch zu nehmen vermag, wenn Sie ſie mir ganz in der Art gewähren wollen, wie jedem andern Ihrer genaueſten Bekannten, zu denen Hackländer, Geſchichten im Zickzack. II. 11 162— mich zu rechnen ich mir wohl erlauben darf. Gern wäre ich zu Ihnen gekommen, doch iſt mir das heute Abend unmöglich und muß deßhalb freundlich bitten, mich in Ihrem Wagen um acht Uhr abholen zu wollen.“ Dieſe Zeilen, ſo harmlos ſie klangen, gaben Dem, an welchen ſie gerichtet waren, doch Einiges zu denken. Der Kronprinz verlangte ſeinen Rath und ſeine Hülfe, vielleicht in einer Angelegenheit, die man unter jungen Leuten gleichen Alters und Standes gerade nicht ſtrupulös zu nehmen pflegt. Hier aber lag der Fall anders, und Rath und Hülfe, die Graf Wieneck ſeinen übrigen Be⸗ kannten gewiß bereitwillig gewährt hätte, konnten ihn hier in unangenehme Verwicklungen bringen, ja geradezu auch unehrenhaft ausgelegt werden. Dergleichen fehlte ihm heute noch zu ſeinen an ſich ſchon ſo unangenehmen und aufregenden Erlebniſſen. Er warf das Billet auf einen naheſtehenden Tiſch, um es gleich darauf wieder in die Hand zu nehmen und halb⸗ laut vor ſich hin zu ſprechen:„Daß dieſe Angelegenheit einen höchſt unangenehmen Haken hat, beweist die ganze Faſſung dieſes Schreibens, beſonders der Nachſatz, daß ich den Kronprinzen in meinem Wagen abholen ſoll— das könnte aber allenfalls auch ſo heißen: in irgend einem Wagen, und jedenfalls will ich es ſo verſtanden haben, denn ich muß ſchon geſtehen, daß an einem Orte, — 163— wo das königliche Wappen nicht geſehen werden ſoll, auch das gräflich Wieneck'ſche nicht zu erſcheinen braucht. Er rief durch einen Zug an der Glocke ſeinen Kam⸗ merdiener herbei, dem er den Befehl gab, auf halb acht Uhr einen verſchloſſenen Wagen ohne irgend welche Chiffre oder Nummer zu beſorgen, und fragte alsdann, ob ſein Vater zu Hauſe ſei, welches von dem Diener mit dem Beiſatze bejaht wurde, Seine Excellenz ſeien vor einer Stunde zurückgekommen und hätten ihren Wagen auf neun Uhr befohlen. „So richten Sie mir einen einfachen Civilanzug, ich komme gleich wieder.“ Graf Leo ging hierauf in die Wohnung ſeines Vaters, und als er bei dieſem nach vorheriger Meldung eintrat, traf er den Staatsminiſter am Schreibtiſch und überreichte ihm das ſoeben erhaltene Billet, welches der alte Herr aufmerkſam, aber mit einer lächelnden Miene durchlas. „Du möchteſt meinen Rath hören, was darauf zu thun iſt?“ „Wenigſtens von Ihnen vernehmen, Papa⸗ ob ich darauf das Richtige beſchloſſen.“ „Seinem Wunſche Folge zu leiſten.“ „Ja, aber vor allen Dingen nicht in meinem Wa⸗ 1 gen beim Schloſſe vorzufahren, denn— — 164— „Du ahnſt,“ fiel ihm der Miniſter in's Wort, daß das vielleicht eine Expedition geben könnte, bei der es Dir gerade nicht lieb wäre, unſer Wappen zu zeigen. Halb und halb haſt Du darin Recht; doch kann ich Dir die Verſicherung geben, daß an dem Orte, wohin Dich der Kronprinz zu führen gedenkt, ſelbſt unſer Wappen gerade keiner Mißdeutung ausgeſetzt wäre.“ „So kennen Sie dieſen Ort?“ fragte Leo im Tone des Erſtaunens. „Das heißt, ich glaube mit einiger Sicherheit ihn zu kennen. Es iſt das eine ruhige und ſtille Gegend, wo, wie ich nicht anders weiß, nur ſehr anſtändige Leute wohnen.“. „Das beruhigt mich; denn ich dachte mir, es handle ſich hier um ein kleines Abenteuer, bei deſſen Mitwirkung gerade nicht viel Ehre zu holen wäre.“ „Um ein Abenteuer, wie Du es andeuteſt, wird es ſich allerdings handeln; doch kannſt Du Dich über das Andere vollkommen beruhigen. Denn ſelbſt wenn man er⸗“ führe, daß Du dabei die Hand im Spiele gehabt, könnte es für Dich auch nicht die geringſte pikante oder zweideutige Bemerkung eintragen, wohl aber den Dank des Königs, welcher Dank hie und da auch nicht zu verachten iſt.⸗ „Sie ſprechen da in Räthſeln, Papa, deren Auf⸗ löſung mir ſehr erwünſcht wäre.“ „Was ich genau weiß, will ich Dir nicht vorenthal⸗ ten. Du wirſt Dich erinnern, daß neulich bei einem Balle meines würdigen und verehrten Nachfolgers Herr von Roſenthal die Aeußerung that, das Herz des Kron⸗ prinzen ſei von einer tiefen Leidenſchaft befangen.“ „Gewiß, und ich weiß auch, daß dieſe Aeußerung mehr Rumor gemacht hat, als ſie wahrſcheinlich verdiente, denn Roſenthal iſt ſo bekannt—“ „Halt, mein Freund, Du wirſt Dich jedenfalls er⸗ innern, daß Roſenthal dieſe Aeußerung in Folge einer Wette that, welche ihm die Verpflichtung auferlegte, die Wahrheit zu reden,— jener Wette,“ ſchaltete Seine Ex⸗ cellenz achſelzuckend ein,„die für den armen Tönning ſo bedenklich ausfiel.“ „Pah, jene Aeußerung Roſenthal's gründete doch vielleicht nur auf einer Aeußerung des Prinzen, daß er ein Intereſſe für irgend Jemand empfinde.“ „So dachte auch der König, ſo dachten wir Alle. Die Sache hat ſich aber anders herausgeſtellt, und man weiß jetzt, daß er auf's Tiefſte fühlt für eine Perſon, die man mit dem Namen einer Abenteurerin belegen könnte, wenn man nicht wüßte, daß ſie ſich bis jetzt auf's Entſchiedenſte geweigert, ſelbſt die glänzendſten Anerbie⸗ tungen anzunehmen.“ „— Das überraſcht mich,“ ſagte Leo Wieneck nach — 166— einer längern Pauſe,„und ich ſinne vergeblich nach, wer das ſein könnte.“ „Es iſt eine Unbekannte auch für mich,— eine Fremde, die aber mit Roſenthal, wie es ſcheint, in irgend welcher und ganz genauer Beziehung ſteht.“ „A— a— a— ah— mit Roſenthal!— Sollte er in der That da auf irgend welche Art vermittelt haben, um ſich einen ſehr koſtbaren Kuppelpelz zu verdienen? Ich habe ihm ſchon häufig mißtraut, aber das hätte ich mir doch nicht gedacht.“ „Und ich bitte Dich recht ſehr, auch heute Solches nicht zu denken, wenigſtens nicht laut zu denken, bis wir volle Ueberzeugung gewonnen haben. Vorderhand ſoll Roſenthal thunlichſt geſchont werden, da er es iſt, der uns auf die Spur jener Fremden geholfen, indem er dadurch eines andern Vortheils wegen vielleicht jene Perſon, den Kronprinzen und ſein eigenes Spiel ver⸗ rathen.“ „Das ſind ſaubere Geſchichten,“ meinte Leo Wieneck, „ich glaube, wir haben alle Urſache, uns ein wenig dar⸗ über zu ſchämen, daß wir mit Roſenthal ſo intim ge⸗ weſen ſind.“ „Was willſt Du?“ entgegnete der Staatsminiſter achſelzuckend,„es muß auch ſolche Käuze geben, und was die eben erwähnte Kommiſſion anbelangt, ſo gibt es — 167— Manchen, der im Punkte der Ehre höchſt ſkrupulös thut, und dennoch ſehr bereitwillig wäre, einem Kronprinzen irgend eine Gefälligkeit zu erzeigen.“ „Ich zähle wahrlich nicht unter dieſe,“ ſagte Leo Wieneck in ſehr trockenem Tone,„und möchte am liebſten nachher Seiner Hoheit zu wiſſen thun, daß ich für dieſes Geſchäft durchaus nicht paſſe.“ „Und thäteſt ſehr Unrecht daran; denn was Du vielleicht ausführen ſollſt, iſt gerade das Gegentheil von dem, was Dich, und mit vollem Recht, ſo ſehr anwidert. Du ſollſt nicht vermitteln, Du ſollſt vielmehr ein Band, das allerdings noch nicht feſt geſchlungen iſt, gänzlich löſen helfen, zum Wohl des Betreffenden, wahrſcheinlich zum Heil des Landes, jedenfalls aber auf den dringenden Wunſch des Königs.“ Seine Excellenz hatte dieſe Worte mit großem Ernſt, ſehr beſtimmt und ziemlich laut ausgeſprochen, und da ſich der Staatsminiſter zu gleicher Zeit von ſeinem Sohne abwandte und anfing, ſich mit ſeinen Papieren zu be⸗ ſchäftigen, ſo wußte Leo, der ſeinen Vater ſehr gut kannte, daß hier ein feſter Plan vorlag, den der alte Herr wahr⸗ ſcheinlich ſelbſt entworfen, und von dem er nicht ſo leicht wieder abzubringen war. Aber trotz alledem würde Graf Leo Wieneck auch nicht im Geringſten nachgegeben haben, wenn auf dem, — 168— was man von ihm verlangte, für ihn auch nur die Idee eines falſchen Scheins geruht hätte. Da aber in frag⸗ licher Angelegenheit ein himmelweiter Unterſchied lag zwi⸗ ſchen Vermitteln und Löſen, ſo ſagte er in einer kleinen Pauſe:„Gut, wenn es ſich nur darum handelt, ſo will ich mich zur Verfügung des Kronprinzen ſtellen.“ „Die Sache, an ſich ſehr einfach,“ ſprach hierauf der Staatsminiſter und wieder in ruhigem, geſchäftlichem Tone,„iſt für mich von großer Wichtigkeit. Du weißt, weßhalb ich das Portefeuille der auswärtigen Angelegen⸗ heiten zurückgab, und ich füge dem bei, daß Seine Majeſtät den Augenblick erwartet, wo ich mit Wiederübernahme des Miniſteriums die Verhandlungen wegen der Verheirathung des Kronprinzen zu Ende führen kann,— nur dann, ſobald dort gelöst iſt, bin ich augenblicklich in der Lage, hier wieder anzuknüpfen; das iſt doch ſehr ver⸗ ſtändlich.“ „Sehr; aber erlaube mir noch eine Frage: Warum könnte Roſenthal jenes Band nicht löſen, welches er doch verſucht anzuknüpfen?“ „Das kann Dir der Kronprinz ſelbſt am beſten ſagen, und ich möchte, daß Du Dir das von ihm ſelbſt erzählen ließeſt, um in Deinem eigenen Intereſſe ſo unbefangen als möglich zu erſcheinen.“ „Gut, ſo will ich mich überraſchen laſſen, und — 169— habe ſpäter wohl noch Gelegenheit, Dir Mittheilung zu machen über den Verlauf meiner erſten diplomatiſchen Sendung.“ „Gewiß, Du findeſt mich hier oder genaue Anzeige, wo ich zu treffen bin.“ Es mochte ungefähr halb ſieben Uhr geworden ſein, als Graf Leo nach dieſer Unterredung wieder ſeine Woh⸗ nung betrat, ſich dort umkleidete und dann nach einem Blick auf die Uhr den Befehl gab, daß ihn der beſtellte Wagen Punkt acht Uhr an dem kleinen ſüdlichen Schloß⸗ portal zu erwarten habe. Es drängte ihn, draußen im Gehen nachzudenken, und er hoffte unter dem Eindruck des klaren, friſchen Winterabends mit ſeinen immerhin noch ſtürmiſchen Gedanken eher fertig zu werden und ſeine gewöhnliche Ruhe und Faſſung wieder zu er⸗ langen. Dieß war aber der Spaziergang, auf dem er, wie wir im vorigen Kapitel geſehen haben, Herrn von Roſen⸗ thal mit dem Lieutenant von Mittow begegnet war, wo er Zeuge des allerdings unverantwortlichen, heftigen An⸗ griffs des Letzteren geweſen, und wo er nach allem dem ſehr begreiflicher Weiſe Herrn von Roſenthal mit einem bedenklichen Kopfſchütteln nachgeſchaut. Gern hätte er Mittow aufgeſucht, doch wo mochte dieſer durch ſeinen aufgeregten Zuſtand hingetrieben worden ſein? Auch hatte 170— er ſelbſt nicht viel Zeit mehr übrig, und nachdem er noch ein paar Mal vor dem Schloß hin und her gegangen war, trat er in das kleine ſüdliche Portal, um ſich durch einen langen Korridor in die Gemächer des Kronprinzen zu begeben. Hier in dieſem Schloßtheile war es im Vergleich zu dem, wo Seine Majeſtät wohnten, beſonders des Abends, ſehr ruhig und ſtill. Wenige Lampen erhellten die langen dunkeln Gänge, und faſt das einzige Geräuſch, das man vernahm, kam her von den einförmigen Schritten einer Schildwache, die am Eingange hin und wieder ging. Der Prinz liebte überhaupt nicht den Lärm und das ge⸗ räuſchvolle Treiben der großen Welt, lebte ſo eingezogen, als es ihm ſeine hohe Stellung nur erlaubte, und hielt gerne ſeinen ſtillen Verkehr mit Gelehrten und K ünſtlern: er war überhaupt eine ſtille, in ſich zniaeder ade mit einem ſinnigen Hange zu allem Geheimnißvollen und Myſtiſchen, wozu wohl ſeine Erziehung durch die ruhige und ſehr fromme Mutter das Meiſte beigetragen hatte, obgleich ſie nicht im Stande geweſen war, den Sohn ganz beſonders zur Frömmigkeit nach ihrer Art anzu⸗ leiten, vielmehr hatte er ſich ſchon als Kind einen eigenen bilderreichen Kultus geſchaffen. Doch waren dieſe Bilder weder Heilige noch Kirchenväter, ſondern die ſagenhaften Geſtalten der Vorzeit, die in gewaltigen, meiſterhaft ge⸗ — 171— malten Darſtellungen die Wände der Hallen eines alten Schloſſes bedeckt hatten, welches, reizend im Gebirge ge⸗ legen, monatelang der Sommeraufenthalt der Königin und ihres Sohnes war. Da prägte ſich jene poetiſche Zeit tief ein in das reiche Gemüth des Knaben, und es bedurfte der ganzen Kunſt und Wiſſenſchaft ſeines ſpäteren geiſtlichen Lehrers, um die Götter von ihren Sitzen zu verdrängen, und die Thaten Siegfried's als ſehr unbe⸗ deutend erſcheinen zu laſſen gegen die Wunder der chriſt⸗ lichen Heiligen. Daß es bei dieſer Geiſtesrichtung für Roſenthal ein Leichtes geweſen war, ſich nicht nur in die Nähe, ſondern auch in das Vertrauen des jungen Prinzen zu drängen, wird man ſehr begreiflich finden, da Jener ſich nicht nur mit einer höchſt geiſtreichen Gewandtheit zu den An⸗ ſchauungen eines Jeden, der ihm wichtig genug dazu war, bequemen konnte, ſondern da er auch ſelbſt alles Ge— heimnißvolle und Wunderbare mit großer Vorliebe be⸗ trieb. Ja, wir dürfen es hier wohl verrathen, daß Ro⸗ ſenthal die Neigung des jungen Prinzen zu jener Unbe⸗ kannten hauptſächlich dadurch entflammt hatte, daß er ihre Vergangenheit und Herkunft, ja ihr ganzes Weſen mit geheimnißvollen Schleiern umgab, unter denen das ſchöne Mädchen mit dem wundervollen blonden Haar als eines jener fabelhaften Weſen erſchien, die zuweilen zu — 172— erſcheinen pflegen, um einen Sterblichen auf's Höchſte zu beglücken, der man ſich aber nur nahen dürfe mit einer ehrfurchtsvollen Liebe— ein zweiter Schwanenritter einer anderen Elſa von Brabant, und die man, wie dieſe, erſt aus Noth und Betrübniß erretten müſſe, um in ihren Armen glücklich zu ſein————⸗ Graf Wieneck wurde unangemeldet in das Kabinet des Prinzen geführt und fand denſelben, ihn erwartend auf und ab gehend, in dem kleinen Gemache. Dieſes war ſpärlich erhellt durch eine oben verhüllte Lampe, die an einen Leſeſtuhl angebracht war, von welchem der Prinz ſoeben aufgeſtanden zu ſein ſchien, und auf deſſen Pulte ein aufgeſchlagenes Buch lag. „Ich danke Ihnen, lieber Wieneck,“ ſagte der Prinz, indem er ſtehen blieb und ihm ſeine Hand reichte,„daß Sie raſch und pünktlich gekommen ſind,“ worauf er, ſei⸗ nen Spaziergang wieder fortſetzend, weiter ſprach, und wie es ſchien in ziemlicher Aufregung,„wie geſagt, ich danke Ihnen recht ſehr dafür, und bin Ihnen eine Er⸗ klärung ſchuldig über den eigenthümlichen Inhalt meines Schreibens, welches jedenfalls der Erläuterung bedarf, die ich Ihnen auch bereitwilligſt geben werde, was Sie auch natürlicher Weiſe verlangen können und verlangen müſſen,“ worauf Graf Leo in freundlichem Tone erwie⸗ derte, daß er ja in der That hieher gekommen ſei, um die Wünſche Seiner Königlichen Hoheit zu vernehmen, und daß er gewiß Alles thun werde, was in ſeinen Kräften ſtehe, um dieſen Wünſchen entgegen zu kommen. „Ich danke Ihnen recht ſehr,“ fuhr der Prinz fort, zugleich redend und im Zimmer auf und ab ſpazieren gehend, wobei er mit der rechten Hand geſtikulirend an die Decke emporſchaute, als vermeide er es, den Blicken Wieneck's zu begegnen——„es handelt ſich um Roſen⸗ thal,“ ſagte er alsdann, den Namen ſtark betonend, wo⸗ bei er einen. Augenblick ſtehen blieb, den Grafen Leo ſcharf betrachtend. Dieſer konnte ſich nach allem dem, was er in den letzten Stunden erfahren, ja theilweiſe gehört, nicht ent⸗ halten, leicht mit den Achſeln zu zucken, worauf der Prinz raſch fortfuhr:„Gut, daß wir darüber einig zu ſein ſcheinen— ich verſichere Sie, lieber Wieneck, dieſer Roſenthal iſt ein geheimnißvoller, räthſelhafter Menſch, von dem ich überzeugt bin, daß er mich hintergeht— wie?—— was glauben Sie?“ „Darauf etwas zu erwiedern, Königliche Hoheit, bin ich nicht ſogleich im Stande; denn wenn auch ich meine eigenthümlichen Meinungen über Herrn von Roſenthal habe, ſo bin ich doch nicht im Stande, zu ſagen, in wie weit er ſich Ihnen gegenüber zweideutig benommen haben kann.“ — 174— „Sie geben mir wenigſtens zu, daß auch Sie ihn für einen zweideutigen Charakter halten, und das erleich⸗ tert mir meine Erklärung.“ Nach dieſen Worten wandte ſich der junge Prinz gegen das Fenſter, als wolle er der Nacht draußen ſein kleines Geheimniß anvertrauen oder ſein Geſicht nicht ſehen laſſen, was aber auch ohnedieß kaum möglich war, da man bei dem ſchwachen Lichte der verdeckten Lampe kaum im Stande war, ſeine Züge deutlich zu unter⸗ ſcheiden. „Ich rede hier, wie ein junger Mann zum andern, und zu Ihnen, mein lieber Wieneck, wie zu Jemand, auf den gewiß ſchon das Bild eines ſchönen, lieblichen Weſens einen mächtigen Eindruck gemacht hat— nun gut; die ſehr oberflächliche Bekanntſchaft eines ſolchen ſchönen, lieblichen Weſens ließ mich Herr von Roſenthal machen, dabei Hoffnungen in mir erregend— Hoffnungen, wovon ich— Hoffnungen, deren Erfüllung er mir als ſehr leicht vorſtellte, bis er auf einmal für gut fand, dieſe Hoffnungen auf's Grauſamſte zu zerſtören.“ „———— Darf ich mir vielleicht erlauben, eine Frage zu ſtellen?“ ſagte Graf Leo, als der Prinz hier plötzlich ſchwieg. „d gewiß, fragen Sie,— fragen Sie, es wird mir viel leichter ſein, Ihre Fragen zu beantworten.“ — 175— „Hegte Herr von Roſenthal irgend welche Erwar⸗ tungen, nachdem jene Hoffnungen erfüllt ſeien?“ „Für ſich keine, für ſie allerdings, was ich auch als vollkommen gerechtfertigt anſah und ihr Zuſagen im wei⸗ teſten Sinne machte.“ „Zuſagen, mit denen er zufrieden ſchien?“ „Vollkommen, welche ihm mehr als genügend er⸗ ſchienen.“ „Und trotz dieſer Zuſagen fand es Herr von Roſen⸗ thal für gut, ſich plötzlich zurückzuziehen?“ „So iſt es; er hatte die Kühnheit, mir zu ſagen, daß jene Dame plötzlich eine unüberwindliche Abneigung gegen mich gefaßt habe, und daß es nicht möglich ſei, ſie ferner zu einem entgegenkommenden Schritte zu ver⸗ mögen. Iſt das nicht eben ſo zweideutig als grauſam, nachdem er ſich vorher alle Mühe gegeben, meine Liebe zu dieſem wundervollen Mädchen zu entflammen?— — Ja, die Begegnung mit ihr“— fuhr er in leiden⸗ ſchaftlichem Tone fort—„gerade ſo hinzuſtellen, als ſei ſie vom Schickſal beſchloſſen, um einen mächtigen Einfluß auf die Zukunft auszuüben, um mir vielleicht für ſpäter rathend, helfend, ſchützend zur Seite zu ſtehen, für mich mit der Gewalt ihrer lieblichen Perſönlichkeit, ſowie ihres reichen, poetiſchen Gemüthes ein Gegenge⸗ wicht bildend bei den nüchternen, proſaiſchen Anforde⸗ — 176— rungen, die künftig das Leben an mich machen werde. — Fand er doch ja ſogar in den Sternen eine Be⸗ ziehung zwiſchen uns Beiden, bewies er mir doch klar und deutlich, daß in jener Nacht, wo ich ſie zuerſt ge⸗ ſehen, bei dem großen Maskenfeſte des letzten Winters, der Jupiter, ihr Stern, ſeine Strahlen bis in das Herz meines Sternbildes, des Schwanes, ſandte— ja gerade in jener Nacht, wo ſie mir als Elſa von Brabant ent⸗ gegentrat und auf meine Frage nach Lohengrin erwie⸗ derte: ‚Nimm Dich in Acht, auch Du wirſt dem Schwane folgen müſſen, wenn er Dich ruft, ſei es zum Leid, ſei es zur Freude’.“ Leo Wieneck ſtrich ſich leicht mit der Hand über die Stirne, wie man wohl zu thun pflegt, wenn man ſich Mühe geben muß, dem ſeltſamen Gedankengange eines Andern zu folgen, und für ihn, der bisher eigentlich wenig zur Intimität des Prinzen zugelaſſen worden, klang das, was derſelbe jetzt in tiefer Bewegung ſagte, allerdings ſo ſeltſam, daß er im Augenblicke nicht wußte, welche Entgegnung er darauf zu thun habe. Doch überhob ihn der Prinz dieſer Mühe, indem er heftig erregt ausrief:„Und alles Das vergeblich— um⸗ ſonſt— in Rauch und Nebel zerronnen jenes reizende Traumbild meiner Nächte, das Ideal meiner Tage, die Göttin meiner Zukunft— alles Das verloren—— wenn es wirklich wahr iſt, daß ich es verloren habe— ——— und davon, lieber Wieneck, will ich mich mit Ihrer Hülfe ſelbſt überzeugen—— wollen Sie mir dieſe Hülfe leihen?“ „Sie ſehen mich bereit, Ihnen dienlich zu ſein,“ antwortete Graf Leo; doch ſagte er das nicht ganz mit dem gewöhnlichen ſichern Tone ſeiner Stimme. Klang doch die Anforderung, welche der Prinz ihm ſtellte, nicht ganz in der Art, wie ihm ſein Vater geſagt, da ſchien es ſich nur um die ruhige Auflöſung von irgend etwas Beſtehendem zu handeln. Hier aber ſchien man den Ver⸗ ſuch machen zu wollen, irgend ein noch nicht beſtehendes, oder wenigſtens ſehr lockeres Band feſter zu knüpfen.— —„Weiß Herr von Roſenthal um das Vorhaben Eurer Hoheit?“ „Er weiß davon und hat meinen Schritt achſel⸗ zuckend als einen ſehr fruchtloſen bezeichnet.“ „So glaube ich, daß er Recht hat.“ „Und ich fürchte es,“ rief der Prinz in leidenſchaft⸗ lichem Tone, ſich raſch gegen den Grafen Leo wendend, „aber wenn Sie jenes liebliche Geſchöpf geſehen haben, ſo werden Sie mir zugeben, daß es wohl noch eines letzten Verſuches werth iſt; auch will ich aus ihrem eige⸗ nen Munde hören, ob mich Roſenthal nicht hintergangen.“ „Er weiß alſo um Ihr Vorhaben, hat vielleicht Hacklä nder, Geſchichten im Zickzack. II. 12 — 178— Ihren Beſuch angekündigt, ſo muß er ſeiner Sache ſicher ſein, oder ſelbſt eine dämoniſche Gewalt über jene Dame ausüben.“ „Ueberzeugen wir uns ſelbſt davon; gehen wir. Wo iſt Ihr Wagen?“ „Er hält draußen am Portal.“ Elftes Kapitel. In der zehnten Wendung, hohe Matte mit duftenden Alpenkräutern. Den gleichen Weg, welchen neulich Herr von Roſen⸗ thal, vom Balle des Miniſters des Auswärtigen kommend, gefahren war, legte jetzt der Wagen des Grafen Wieneck in kurzer Zeit zurück, und als ſie an dem gleichen Gar⸗ tenthor hielten, war es ausnahmsweiſe der Prinz, der hier die Funktion des Pförtners übernahm, das Thor mit einem kleinen Schlüſſel öffnete, und dann wieder hinter ſich und dem Grafen verſchloß; dann ſchritten ſie durch den winterlichen, öden Garten dahin, die uns bekannte Treppe hinauf, und wurden in der Wohnung des erſten Stocks von einer alten Dienerin empfangen, welche ſie in den uns gleichfalls bekannten, eleganten, kleinen Salon eintreten ließ. Hier war Niemand zugegen; doch herrſchte in dem Gemache eine reiche Beleuchtung, ſo daß es dem Grafen — 180— Leo am heutigen Abend zum erſten Male möglich war, mit einem wenn gleich flüchtigen Blicke in den Zügen ſeines Begleiters zu leſen. Der Prinz war auffallend blaß und um ſeine Lippen ſpielte ein nervöſes Zucken, auch durchmaß er das Zimmer mit raſchen Schritten, bald einen Blick in den Spiegel werfend, bald eine verſchloſſene und durch Bordüren verhüllte Thür be⸗ trachtend. Leo Wieneck, der früher bei der Mittheilung des Prinzen und auf der Fahrt in dieſe ziemlich entlegene Gegend, beſonders aber bei dem Gang durch den ſo be⸗ quemen, einſamen Garten ſeine eigenen Gedanken über die Vortrefflichkeit, ſowie über die ihm als unnahbar ge⸗ ſchilderte Reinheit jener Dame hatte, und der von dem Gedanken nicht loskommen konnte, er befinde ſich trotz all' dem Geſagten hier auf einem für ihn nicht ganz un⸗ bekannten Terrain, mußte ſich doch geſtehen, daß das Enſemble dieſes Salons indeſſen durchaus nichts ver⸗ rieth, was ſein Mißtrauen rechtfertigte, und ebenſowenig der Anblick der Bewohnerin dieſer Räume, welche nun zwiſchen den Bordüren hervortrat und ſich den beiden Herren mit einer leichten, aber anmuthigen Verbeugung näherte. Er war eben ſo überraſcht als erſtaunt über ihren Anblick, er kam ſich plötzlich ſo alt geworden vor, oder als in ſtarken Banden gelegen, was der Wahrheit 7 — 181— ziemlich nahe kam, wenn er bedachte, daß eine ſo lieb⸗ liche, ja wunderbar ſchöne Erſcheinung ſeinen Augen bis jetzt entgangen war. Auch wiſchte er bei der ungezwun⸗ gen vornehmen Art und Weiſe, wie dieſe Dame den Prinzen und ihn zum Sitzen einlud und dann die Unter⸗ haltung eröffnete, ſo raſch wie möglich alle eben verfolg⸗ ten Gedanken aus ſeinem Gedächtniſſe, und würde ſich gar nicht gewundert haben, wenn der Prinz ihm jetzt lachend geſagt hätte:„Nun, lieber Freund, ich habe Sie tüchtig angeführt, und erzeige Ihnen nun die Ehre, Sie meiner Braut, der Prinzeſſin Henriette, vorzuſtellen, welche die Gnade gehabt, mir vor Zeugen dieſe Zuſammenkunft zu bewilligen.“— Doch flatterten raſch dieſe hübſchen Träume davon, als er in das düſtere, kummervoll blickende Auge des jungen Prinzen blickte, welcher unruhig daſaß und un⸗ fähig ſchien, die leichte Konverſation in die nothwendige, aber gefährliche Bahn zu führen, wohin ſie geführt wer⸗ den mußte. Ja, das mußte geſchehen, und zwar durch den Prin⸗ zen ſelbſt; wurde ihm aber nicht ſo leicht gemacht, denn die junge Dame parirte mit einer wunderbaren Gewandt⸗ heit jede noch ſo leiſe Anſpielung, wobei ſie indeſſen durchaus nicht gleichgültig oder theilnahmlos erſchien. Daus bezeugte die oft plötzlich erſcheinende Röthe auf ihrem — 182— ſonſt bleichen Geſichte, ein ängſtlicher Blick aus ihren großen, glänzenden Augen, ein häufig mühſam unter⸗ drückter ſchwerer Athemzug. Dem Prinzen aber erging es dabei nicht beſſer; denn wenn er auch, wie eben bemerkt, ſich hie und da kleine, ſchüchterne Anſpielungen erlaubte, ſo ſchien er doch vor einem entſcheidenden Worte zu bangen und nicht ver⸗ mögend, daſſelbe auszuſprechen. Gerne hätte ſich Leo in's Mittel gelegt, und zuweilen ſchien ihn auch ein Blick ſeines jungen Begleiters dazu aufzufordern, doch war das für ihn eine gar zu delikate Sache, und Alles, was er nach einiger Zeit thun konnte und auch that, war, den Namen des Herrn von Roſenthal wie einen Zank⸗ apfel in die Unterhaltung zu werfen, und dieß geſchah, indem Graf Wieneck die Frage ſtellte, ob nicht Herr von Roſenthal ein gemeinſchaftlicher Bekannter von ihnen ſei. Das Angeſicht der jungen Dame überflog bei dieſer Frage ein tiefer Schatten, dem ein leuchtender Blitz aus ihrem Auge folgte, wobei ſie erwartungsvoll den Prinzen anſchaute, welchem der eben ausgeſprochene Name wie das richtige Stichwort zu der Rolle erſchien, die er ſich ſchon ſeit mehreren Tagen ſorgfältig einſtudirt hatte, und die er jetzt nicht ohne Geſchick ſpielte, obgleich ſeine un⸗ deutliche Stimme bedenklich zitterte, als er, den Namen Roſenthal haſtig aufgreifend, auf die Zeit zu reden kam, wo er die junge Dame zum erſten Male auf jenem Maskenballe geſehen, und wo er, entzückt von ihrer Liebenswürdigkeit und Schönheit, beſchloſſen habe, ihr fortan ſein Leben zu weihen. „Mit voller Zuſtimmung eines Freundes,“ fuhr der junge Prinz mit feſterer Stimme fort, nachdem die erſte ſchwere Befangenheit glücklich überwunden war,„der mir damals eben ſo wahr und aufrichtig als uneigennützig erſchien, der auch nicht unterließ, mir in meiner Liebe zu jener Dame“— er wagte immer noch nicht, ſie direkt anzureden,—„der mir auch für meine heißen Be⸗ mühungen nicht nur ein wundervolles Ziel in Ausſicht ſtellte, ſondern auch die Hoffnung in mir nährte, dieſes Ziel erreichen zu können.“ „Aber mit großem Unrecht,“ warf die Dame raſch und in entſchiedenem Tone dazwiſchen. „Um ein Glück zu erringen,“ fuhr der Prinz in ſeiner Rede fort,„ein Glück, das mich zum ſeligſten der Men⸗ ſchen gemacht hätte,— ein Glück—“ „Auf das Sie entſagen müſſen, gnädiger Herr, wenn dabei überhaupt von einem Glück die Rede ſein könnte. —— Verzeihen Sie meine Aufrichtigkeit, es iſt das Einzige, was ich Ihnen zu geben vermag.“ „Sehr wenig, und doch wieder ſehr viel.“ — — 184— „Gewiß, Hoheit; ſehr wenig, und doch wieder ſehr viel. Hätte jener Mann, deſſen Namen Sie vorhin nannten, Ihnen daſſelbe in vollem Umfange geboten, ſo wäre Ihnen vielleicht manche unangenehme Stunde, uns aber dieſe peinliche Unterhaltung erſpart geblieben.“ „Und dieſe Unterhaltung wäre durch nichts im Stande, in eine angenehmere, eine behaglichere verwandelt zu werden?“ „Durch gar nichts, ſo lange wir bei dem gegen⸗ wärtigen Geſprächsthema bleiben, ein Thema, welches zu berühren ich Ihnen nie und nirgendwo glaube eine Ur⸗ ſache gegeben zu haben.“ „Sie irren nicht, mein Fräulein, aber Andere, in⸗ dem ſie ſich den Anſchein gaben, als handelten ſie in Ihrem Auftrage, in Ihrem Intereſſe.“ „Wenn Andere ſo weit gegangen ſind,“ antwortete ſie, wobei man deutlich hörte, wie ihre Stimme erbebte, „ſo möge ihnen das Gott verzeihen. Habe ich ein Un— recht hierin begangen, ſo liegt es vielleicht darin, daß ich ſelbſt nicht ſchon vor Monaten dieſe heutige Unter⸗ redung geſucht. Doch wie hätte ich dazu kommen ſollen, ohne den Schein lächerlicher Ueberhebung auf mich zu laden?“ „Ah, das iſt hart— ſehr hart,“ rief der Prinz aus, indem er aufſtand und einen raſchen Gang durch das — 185— Zimmer machte,„Sie wenden ſich gänzlich von mir ab, Sie verabſcheuen mich!“ „Beides nicht, Hoheit. Als ich in dieſe Unterredung willigte, that ich mir ſelbſt das Gelübde, Ihnen die Wahrheit zu ſagen, und darf es deßhalb gegen Sie aus⸗ ſprechen, daß ich weit entfernt bin, das Gefühl gegen Sie zu hegen, welches Sie vorhin ausſprachen: ja ich will noch weiter gehen, ich nehme das innigſte Intereſſe an Ihnen.“ „Aber Sie ſind nicht im Stande, mich zu lieben!“ rief er leidenſchaftlich aus. „Dazu bin ich allerdings nicht im Stande—“ „O, ſprechen Sie weiter,“ rief er dringender, da ſie kurz abbrechend ſtille ſchwieg,„ſprechen Sie zu mir die Wahrheit, die volle Wahrheit— ich flehe darum, helfen Sie mir, heilen Sie mein krankes Gemüth, indem Sie mir oöffen und ehrlich ſagen: warum, da Sie Intereſſe an mir nehmen, werden Sie nie im Stande ſein, mich zu lieben?“. Sie fuhr leicht mit der Hand über die Stirne, ehe ſie alsdann, die Augen auf den Boden heftend, nach einem ſekundenlangen Stillſchweigen zur Antwort gab: „Dazu gibt es zwei ſehr wichtige Gründe. Die Nennung des einen bitte ich mir zu erlaſſen, denn er erſcheint mir Ihnen gegenüber, er erſcheint mir in meinem Munde, , 186— offen und ehrlich geſagt, welcher nicht immer der Dol⸗ metſcher ſtrengſter weiblicher Tugend geweſen iſt, er er⸗ ſcheint mir gegenüber den Anſichten der heutigen Welt, die in einem ſolchen Verhältniß durchaus nichts Sträf⸗ liches entdeckte, kaum mehr etwas Auffallendes— als unpaſſend, vielleicht als lächerlich, iſt auch von keinem Belange gegenüber dem andern Grunde, den Sie als vollkommen wahr für vollgültig annehmen werden—— ich liebe mit aller Kraft meiner Seele, ich liebe mit einer ſolchen Leidenſchaft, daß es mir ein hohes Glück gewährt, Ihnen, ja, wenn ich das könnte, der ganzen Welt dieſe meine Liebe zu geſtehen.“ Graf Wieneck blickte faſt erſchrocken auf die Spreche⸗ rin, deren ſchönes Auge flammte, deren zuckende Lippen ihre ſchneeweißen Zähne ſehen ließen, deren Athem kurz und heftig ging, wie im Rauſch des höchſten Entzückens, deren Mienen die vollkommene Wahrheit des eben Ge⸗ ſagten bekräftigten, ſo daß ſie nicht nöthig gehabt hätte, wie beſchwörend ihre rechte Hand in die Höhe zu heben.— Dieſe kleine, feine, weiße Hand, welche der junge Prinz jetzt raſch und ſtürmiſch ergriff und heftig an ſeine Lippen drückte, während er mit gebrochener Stimme, die faſt wie ſchluchzend klang, ausrief:„Ermeſſen Sie meine Liebe zu Ihnen, ſchöne Ellen, wenn ich Ihnen nach dem, — 187— was Sie geſagt, die Verſicherung gebe, daß es für mich die größte Seligkeit iſt, meine Lippen auf Ihre Hand zu drücken.“ Sie blickte faſt entſetzt in das düſter glühende Auge des jungen Mannes, und wandte dann raſch ihr Geſicht gegen den Grafen Wieneck, welcher, ohne jede Miene der Ueberraſchung oder der Erregung, ſitzen bleibend ihr ein Zeichen der Beruhigung machte, das auch ſeine Wirkung nicht verfehlte, denn ſie ließ ihre Hand dem jungen Manne, der noch immer krampfhaft zuſammenzuckend auf dieſelbe herabgebeugt daſtand, und ſich erſt nach einer langen, peinlichen Pauſe aufrichtete, um mit leiſer Stimme zu ſagen:„Sie lieben—— ſie lieben— Roſenthal.“ Obgleich er bei dieſen Worten ſeine Hand aus ihren Fingern gleiten ließ, ſank dieſe doch nicht an ihrer Seite herab, vielmehr wiederholte ſie das Zeichen des Schauerns raſcher und energiſcher als vorher, wobei ſie ſich haſtig emporrichtete und dabei ausrief:„Bei allem Glücke, was mich ja möglicher Weiſe noch mit allen ſeinen Gaben überſchütten kann, ſchwöre ich Ihnen: es iſt nicht Ro⸗ ſenthal, den ich liebe,— betheure ich Ihnen: bei mei⸗ ner einſtigen Seligkeit, ich habe dieſen Menſchen nie ge⸗ liebt——* —= Da hörte man eine Stimme aus dem Hinter⸗ grunde des Zimmers, zunächſt bei der Thüre, welche — 188— ſagte:„Daß Madame die Wahrheit ſpricht, iſt wohl Niemand beſſer zu bekräftigen im Stande, als ich ſelbſt. Madame hat es mir zuweilen wiederholt und hätte das auch jetzt thun können, nur würde ich dabei einen zar⸗ teren, für mich weniger verletzenden Ausdruck gewünſcht haben.“ „A— a— a— ah— Roſenthal!“ Wer von den Anweſenden dieſen Namen im Tone der höchſten Ueberraſchung zuerſt ausſprach, ſind wir nicht im Stande genau anzugeben, jedenfalls aber wurde er von der jungen Dame gleich darauf mit ziemlich ruhiger Stimme wiederholt, indem ſie hinzuſetzte:„Was ich ſoeben geſagt, war für Sie kein Geheimniß, und ehe ich es vor Andern ausſprach, wußten Sie es längſt.“ „O ja, ich wußte es; doch hätten Sie ſich die Wie⸗ derholung dieſer Wahrheit gerade in dieſem Augenblicke füglich erſparen können. Das Faktum an ſich hätte Seiner Hoheit genügt, und ich muß die Wahrheit des⸗ ſelben nochmals bekräftigen.“ Herr von Roſenthal, der bleicher als gewöhnlich er⸗ ſchien, trat nun mit tiefer Verbeugung gegen den Prinzen näher, und ein höchſt angenehmes Lächeln auf den Lippen ſagte er, dem Grafen Wieneck zwei Finger ſeiner rechten Hand reichend, aber dabei gegen die junge Dame ge⸗ wendet:„Wenigſtens werden Sie es einem alten Be⸗ — 189— kannten verzeihen, daß er ſo unangemeldet in Ihren Salon trat,— nur um Ihnen einen Dienſt zu leiſten und ein Geſtändniß zu erleichtern, welches auf Ihren Lippen ſchwebt, und das zu erfahren Seine Hoheit ſehr begierig ſein muß.“ „Welches Geſtändniß?“ „Nun, den Gegenſtand Ihrer Liebe betreffend; es braucht hier mehr als einer vagen Behauptung, man muß darüber in's Klare kommen.“ „Und Sie haben darüber wohl ſchon vollkommene Klarheit erlangt?“ fragte der Prinz mit einem miß⸗ trauiſchen Blick. „Gewiß, Hoheit, nachdem ich einmal davon über⸗ zeugt war, Miß Ellen liebe— nicht uns,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„ſo war es mir ein Leichtes, den Gegen⸗ ſtand dieſer Liebe und ſomit die Wahrheit Ihrer Be⸗ hauptung, Madame, zu entdecken— und erſt darnach hielt ich es für meine Pflicht, Euer Hoheit über die Frucht⸗ loſigkeit Ihrer Bemühungen aufzuklären; denn da ich Miß Ellen kenne, ſo wußte ich ganz genau, daß es ſich hier nicht um ein vorübergehendes Intereſſe handelt, ſondern um eine wahre, tiefe Leidenſchaft—— eine jener hartnäckigen Lei⸗ denſchaften mit der Deviſe: ‚Eine Hütte und ſein Herz.— Sie ſehen, Madame, ich plaidire hier wie der ausgezeich⸗ netſte Advokat, und zwar für alle Parteien zu gleicher Zeit.“ — 190— Es war ein peinlicher Augenblick für die Uebrigen, vielleicht auch für Roſenthal ſelbſt, während er ſcheinbar ſo ganz unbefangen plauderte und in ſeiner gefälligſten Atrt, als ſage er Jedem die angenehmſten Dinge. Miß Ellen faßte ſich zuerſt wieder, nachdem die tiefe Röthe, welche in ihrem ſchönen Geſichte aufgeflammt war, wieder der urſprünglichen Bläſſe auf demſelben Platz gemacht hatte, und nachdem ihre Augen einen tief ſchmerzlichen Ausdruck, ſowie ein eigenthümliches Fun⸗ keln wie von hervorquellenden Thränen glücklich über⸗ wunden hatten, und ſie alsdann mit einer bewunderns⸗ würdigen Hoheit und Ruhe ſprach:„Es iſt ſo, wie Herr von Roſenthal ſagte, ich ſchäme mich meiner Liebe nicht und habe keine Urſache, den Gegenſtand dieſer Liebe zu verleugnen.“ Am unangenehmſten fühlte ſich Graf Wieneck durch dieſe Szene berührt. Mit Mißtrauen hier eingetreten, hatte ihn die Erſcheinung des jungen Mädchens, der edle Ausdruck ihrer Züge, die Art ihres Benehmens und ihrer Sprache, und jetzt vollends der rohe Eingriff Roſenthal's ein ihre heiligſten Gefühle gänzlich für ſie gewonnen, und er näherte ſich dem Prinzen, um ihn flüſternd zu fragen, ob er es nicht ſelbſt für beſſer halte, dieſe Unterredung hier abzubrechen? Doch wies ihn dieſer beinahe heftig durch eine Handbewegung zurück, und ſeine ſtarr auf — 191— Roſenthal gerichteten Augen zeigten deutlich ſeine Begierde, den glücklichen Nebenbuhler kennen zu lernen, worauf Jener fortfuhr:„Ich kann Ihnen dieſen Namen nennen, ohne die geringſte Indiskretion zu begehen, da Madame, obgleich ich ſchon ſeit längerer Zeit die Ehre habe, ſie zu kennen, doch für gut fand, mir ein ſtrenges Geheimniß daraus zu machen— und mich dadurch faſt vor Euer Hoheit kompromittirt hätte;— glücklicher Weiſe aber diente mir ein ganz unbedeutender Gegenſtand, dieſer graue Handſchuh hier, zum Leitfaden, und ließ mich nicht nur den Betreffenden erkennen, ſondern gab mir auch Gelegen⸗ heit, ein kleines Kunſtwerk zu bewundern.“ Er hatte bei den letzten Worten langſam einen der ſchweren Leuchter ergriffen, die, jeder mit drei brennen⸗ den Kerzen verſehen, auf dem Tiſche ſtanden, und ob⸗ gleich Miß Ellen ſein Vorhaben zu ahnen ſchien— es zeigte ſich das deutlich an ihren feſt zuſammengepreßten Lippen, um welche ein Zug des tiefſten Schmerzes zuckte — ſo machte ſie doch nicht die kleinſte Bewegung oder ſprach nicht ein einziges Wort, um ihn zurückzuhalten, als er, dem Prinzen vorleuchtend, an eine Ecke des Gemaches ging, wo ein mit einem grünen Vorhang verhüllter Gegenſtand zwiſchen Pflanzen auf einem Tiſche ſtand. Er riß das grüne Tuch hinweg, und man ſah jenes Bild, ſo meiſterhaft gemalt von Arthur Weßner, mit der ſo ergreifenden Aehnlichkeit Miß Ellen's in der Leiche der jungen Märtyrerin. „Ah!“ rief der Prinz,„das iſt ein traurig ſchönes Bild——„wer es ſein Eigenthum nennen könnte!“ „Eine Kopie wird wohl davon zu haben ſein,“ ſagte Roſenthal ſehr ruhig,„denn da der junge Künſtler, der dieß gemalt hat, zugleich das Herz dieſer originellen Märtyrerin beſitzt, ſo wird ihm vielleicht eine Vervielfäl⸗ tigung nicht wehe thun.“ Graf Wieneck war nicht mit zu dem Bilde getreten, vielmehr blickte er aufmerkſam in die ſtarren, jetzt gleich⸗ gültigen Züge des jungen Mädchens, einen Ausbruch befürchtend, für welchen er auf alle Fälle und zu ihrer Unterſtützung bereit ſein wollte. Ja, er konnte ſich nicht enthalten, ihr leiſe zu ſagen:„Gebieten Sie über mich, ich ſcheue mich durchaus nicht, dem Herrn von Roſenthal ſogar in dieſer Geſellſchaft entgegen zu treten, wie er es verdient.“ Doch ſchüttelte ſie mit einem traurigen Lächeln ihr Haupt und wandte ſich langſam gegen die Ecke des Zimmers, wo der Prinz noch im Anſchauen des Bildes verſunken ſtand, und ſagte faſt in einem milden, trau⸗ rigen Tone:„Ja, es iſt ſo, Hoheit, ich liebe Den, der dieſes Bild gemalt, glaube indeſſen nicht, daß ich glück⸗ lich in meiner Liebe bin; doch trifft das nur mein Herz allein, und läßt im Uebrigen Alles unverändert— Alles — 193— ſo, wie ich es geſagt, das ſchwöre ich Ihnen zu, hier vor Zeugen, und hoffe, daß der allmächtige Gott meinen Schwur hört und annimmt———— was aber dieſes Bild anbelangt,“ fuhr ſie in einem tiefen Athem⸗ zuge fort,„ſo macht es mir ein Vergnügen, es in Ihre Hände zu geben, um Ihnen zu beweiſen, daß ich der heutigen Unterredung ohne allen Groll gedenken will — o, weigern Sie ſich nicht, es von mir anzunehmen,“ fuhr ſie fort, als ſie die abwehrende Bewegung des Prinzen ſah,„Sie haben ein Recht auf dieſes Bild, denn in dem Augenblicke, wo ich es beſtellte, war es für Sie beſtimmt.“ „Für mich? So gedachten Sie damals meiner?“ „Ja, mit den Gefühlen einer Märtyrerin, die ich vielleicht geworden wäre, wenn mich eine wahre Liebe nicht glücklicher Weiſe davor bewahrt hätte, dieſem Manne da“— ſie zeigte auf Roſenthal—„gehorſam zu ſein!“ „Unſeliges Geſchick— ich werde dieſes Bild nie ohne tiefen Kummer anſehen können.“ „Im Gegentheil, Hoheit, es ſoll Ihnen freundlich dieſe Stunden in's Gedächtniß zurückrufen, es ſoll Ihnen ſagen, daß ich Ihrer, wenn auch nicht liebend, doch mit inniger Theilnahme gedenken werde, und daß, wenn vielleicht die Zeit kommt, wo dieſes Bild an mir zur Hackländer, Geſchichten im Zickzack. II. 13 — 194— Wahrheit wird, ich hoffentlich die Kraft haben werde, auch für Ihr Wohl ein freundliches Gebet zu ſprechen.“ „Amen,“ ſagte mit einer ſeltſamen rauhen Stimme Graf Wieneck, der raſch hinzugetreten war und dann, den Arm des jungen Prinzen faſſend, leiſe hinzuſetzte: „Kommen Sie, Hoheit, ich bitte darum, dieſe qualvolle Szene hat bei Gott lange genug gedauert, und wir wiſſen ja vollkommen, woran wir ſind!“ „So gehen wir denn,“ erwiederte der Andere, raſch auf die junge Dame zutretend und ihre beiden Hände ergreifend, welche ſie ihm ohne das geringſte Widerſtreben ließ.„Leben Sie wohl, wahrſcheinlich auf Nimmer⸗ wiederſehen,— doch dieſes Bild, Ihr Bild nehme ich an, um ein unſichtbares, unſchuldiges Band zwiſchen uns herzuſtellen, und um Gelegenheit zu haben, Ihnen mei⸗ nen Dank zu beweiſen. Leben Sie wohl, Ellen, leben Sie wohl!“ Er zog das junge Mädchen heftig an ſich, drückte einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirne und verließ alsdann raſch das Zimmer, ohne einen ſeiner beiden Be⸗ gleiter anzuſchauen. Drunten im Wagen ſank er in die Ecke deſſelben zuſammen, und ſaß lange ſchweigend neben dem Grafen Leo, der ſich vor dem Gartenthore ſehr flüchtig von Ro⸗ ſenthal verabſchiedet hatte. Erſt als ſie die innere Stadt wieder erreicht hatten, und die Hufe der Pferde auf dem 3 1 1 195 Pflaſter klirrten, fuhr der Prinz aus ſeinen Träumereien auf, indem er ſagte:„Das war eine traurige und doch für mich wichtige Unterredung; ich danke Ihnen, mein lieber Wieneck, daß Sie mich begleitet haben, und will Ihnen das nie vergeſſen————:; dann noch Eins ſagen Sie doch Ihrem Vater, ich erwarte ihn morgen früh, um eine Verhandlung wieder aufzunehmen, die es mich drängt nun ſo raſch als möglich abzuſchließen“ —— dann ſchwieg er wieder bis zum Schloſſe, wo er ausſteigend nochmals wiederholte:„Ich danke Ihnen für Ihre Begleitung, vergeſſen Sie nicht, Ihren Vater zu benachrichtigen, daß ich ihn morgen früh um neun Uhr ſehen will.“ „Allerdings ein wichtiger Abend,“ dachte der Flügel⸗ adjutant Seiner Majeſtät, als er nun nach ſeiner eige⸗ nen Wohnung fuhr, und daſſelbe wiederholte der Staats⸗ miniſter, zu dem er ſich ſogleich verfügte, und nachdem er demſelben im Allgemeinen recht getreu die Unter⸗ redung mittheilte, deren Zeuge er heute Abend gewe⸗ ſen war. Und Ellen? Sie war aufrecht in der Mitte ihres Zimmers ſtehen geblieben, bis ſich die Thüre hinter den Davongehenden geſchloſſen; dann ſank ſie in einen Fauteuil nieder, bedeckte das Geſicht mit ihren Händen und empfand es wohl⸗ thätig, als ſich nun die furchtbare Spannung ihres Her⸗ zens in milde Thränen auflöste, ſchrak aber nach wenigen Augenblicken heftig zuſammen, da ſie laute Schritte auf dem Veſtibule vernahm.— Sollte er es wagen, am heu⸗ tigen Abend nochmals zurückzukommen? Ja; Roſenthal wagte es und trat nicht nur in den Salon, ſondern dicht vor ſie hin, um das junge Mäd⸗ chen, nachdem er ſeinen Hut von ſich geſchleudert, mit übereinander geſchlagenen Armen zu betrachten, ſtumm, trotzig, finſter. „O— o— o— oh, ſagte ſie,—„ich bin nicht ohne Waffen.“ Auch darauf gab er minutenlang keine Antwort, dann aber rief er aus: „Thörin, die Du biſt und ewig bleiben wirſt; die Du niemals lernen wirſt, den richtigen Standpunkt einer Sache zu erfaſſen, um vernünftig darnach zu handeln.“ „O, ich habe viel von Ihnen gelernt— leider zu viel!“ „Aber nichts profitirt von der Offenheit, mit der ich Dir ſtets gegenübergetreten, von dem Vertrauen, das ich in jeder Lage an Dich verſchwendet.“ „Endigen Sie— was wollen Sie noch von mir, heute noch— in dieſer Stunde?“ ———— Nichts, was Dich im Geringſten zu „ — — 197— beunruhigen vermöchte,“ ſagte er tief aufſeufzend, indem er ſeine Arme auseinandergleiten und herabhängen ließ, um alsdann die Rechte auf den Tiſch zu ſtützen,„wäreſt Du offen gegen mich geweſen, ſo hätteſt Du Dir dieſe ſchmerzliche Stunde erſpart und mich nicht in eine ſehr ſchiefe Stellung gebracht. Doch gleichviel, ich habe nie etwas gehalten von dem ‚Wäre ich' und ‚Hätte iche, und halte auch hier meinen vernünftigen Wahlſpruch feſt, daß geſchehene Dinge nicht zu ändern find. Wenn Du aber, Ellen, noch ein Gefühl für mich haſt,— beruhige Dich,“ fuhr er haſtig fort, da er ihre Bewegung bemerkte,— „keine Deklamationen— ich meine höchſtens ein Gefühl der Dankbarkeit, ſo wirſt Du vielleicht die Güte haben, gegen mich offenherzig zu ſein.“ „Das will ich!“ „Du liebſt alſo jenen Maler?“ „Ja— ja, ich liebe ihn—⸗ Sie fügte kein weiteres Wort hinzu, aber der innige Blick, den ſie nach oben richtete, ſprach deutlicher als tauſend Worte.. „Und wenn auch dieſe Liebe vielleicht hoffnungslos wäre, wenn ich Dich verſichere, daß Du allem Glück der⸗ ſelben entſagen mußt, wenn ich Dir das beweiſe, würdeſt Du alsdann mit mir dieſe Stadt verlaſſen— 2“ „Nie, nie mit Ihnen.“ — 198— „Laß mich doch zu Ende reden,“ ſprach er mit gro⸗ ßer Ruhe weiter,——„mit mir dieſe Stadt verlaſſen, vielleicht nach England zurückkehren, um dort gänzlich unabhängig— gänzlich unabhängig von mir,“ wieder⸗ holte er mit ſtarker Betonung,„um dort gänzlich unab⸗ hängig von der ganzen Welt zu leben, wie Du es für gut fändeſt?“ „Nein, auch das nicht, ſorgen Sie nicht für meine Zukunft, ſie wird ſich geſtalten, wie Gott will. Allerdings habe auch ich beſchloſſen, dieſe Stadt zu verlaſſen, aber wenn Sie den Weg nach Süden wählen, ſo ziehe ich gen Norden, und wenn ſich trotzdem unſere Fahrten nochmals kreuzen ſollten, ſo ſchwöre ich: es ſoll keine Macht der Erde im Stande ſein, mich zu zwingen, auch nur durch einen Blick, durch eine Miene zu verrathen, daß ich Sie jemals gekannt.“ Roſenthal aber kannte die Sprecherin zu genau, um nicht zu wiſſen, was er von der Gültigkeit dieſer Worte zu halten hatte. Die bisher ſo gut bewahrte Gleich⸗ gültigkeit auf ſeinem Geſichte wich einer gewaltigen, un⸗ beſchreiblich ſchmerzlichen Bewegung. Er fuhr mit der Hand in ſeinen langen, ſchwarzen Bart; doch nur einen Augenblick fühlte er ſich von einem tiefen Weh überwäl⸗ tigt, dann glättete er ſcheinbar ruhig, obwohl mit zucken⸗ den Fingern, das dichte, ſchwarze Haar, und wandte ſich ——— 1 5 199— hierauf raſch ab, um einen Gang durch das Zimmer zu machen. Vor dem Bild in der Ecke blieb er ſtehen und betrachtete daſſelbe ſcheinbar mit großem Intereſſe, wobei aber ganz andere, heftige, wilde Gedanken durch ſein Hirn flogen. Er fühlte wohl, daß er ſie verloren habe, und wie viel er an ihr verloren hatte.——„O, hätte ich früher anders gegen ſie gehandelt, o, wäre ich ihr in der That ein edler, uneigennütziger Freund geweſen—“ dann lachte er ſo laut auf, daß Ellen zuſammenſchrak und ſich raſch nach ihm umwandte. „Ja, ja, ſo geht es,“ ſprach er in tiefem und be⸗ wegtem Tone,„da bin ich ſoeben faſt ſelbſt meinem Grundſatze untreu geworden, und hätte mich ſelbſt in Grübeleien verloren über das oft von mir verlachte ‚Hätte ich und ‚Wäre iche— doch bleiben wir dabei, Ellen, daß geſchehene Dinge nicht zu ändern ſind, und laß uns unter dieſer unumſtößlichen Wahrheit als gute Freunde ſcheiden, erlaube mir aber, Dir, ehe ich gehe, ein Ge⸗ ſchenk zu machen.“ Sie machte eine unmuthige Bewegung und erhob ſich raſch, um das Zimmer zu verlaſſen; doch rief er ihr lachend zu:„Kind, das Du biſt, es handelt ſich ja nicht um Gold oder Cdelſteine; ich habe etwas Beſſeres für Dich, und was ich Dir geben will, ſoll Dir beweiſen, daß ich uneigennützig ſein kann und ſehr offenherzig— ſo höre mich doch ruhig an, Ellen, ich gebe Dir— die Gewißheit, daß jener Mann, der das Bild dort gemalt, Dich eben ſo glühend und leidenſchaftlich liebt, als Du ihn, daß er ſchon hundertmal im Begriffe war, zu Dei⸗ nen Füßen niederzuſinken, Deine Kniee zu umfaſſen und ſeine Liebe zu geſtehen, daß er aber ſein Herz bezwang, um von der vornehmen Dame nicht mit Spott und Ver⸗ achtung zurückgewieſen zu werden.———— Nimmſt Du dieſe Gabe nicht gerne von mir an?“ Sie hatte die Hände auf ihre Bruſt zuſammenge⸗ faltet, ein ſeliger Blick leuchtete aus ihrem ſchönen Auge, dann ſagte ſie, während Thränen über ihre Wangen herabrollten:„Die Gabe iſt unſchätzbar, aber es tödtet mich faſt, ſie aus Ihrer Hand zu empfangen!“ „Du biſt groß in Deiner Liebe, wie in Deinem Haſſe— doch ſei's darum, Du verſchmähſt den ange⸗ nehmen Mittelweg und ich habe meine Schuldigkeit ge⸗ than— lebe wohl, Ellen!“ Er hatte vorhin ſchon, ehe er an das Bild trat, ſeinen Hut vom Boden aufgenommen und ſchritt nun langſam, ohne ſich umzublicken, zur Thüre hinaus— die Treppe hinab, durch den ſtillen Garten, ohne rückwärts zu ſchauen, in ſeinen Mantel gewickelt, leiſe vor ſich hin pfeifend, wie Jemand, der mit ſeinem verbrachten Abend vollkommen zufrieden iſt. — 201— 4 — Es war ſchon ſpät in der Nacht, als er ſeine Woh⸗ 6 nung erreichte und von dem ſchlaftrunkenen Kammerdiener in das Schreibzimmer geleitet wurde, wo ihn die behag⸗ liche Wärme, die das lodernde Kaminfeuer ausſtrahlte, ungemein freundlich anmuthete. „Mache mir eine Taſſe Kaffee und dann kannſt Du zu Bette gehen,“ ſagte er zu ſeinem Diener, der alsbald verſchwand, um in ſehr kurzer Zeit das Ver⸗ langte zu bringen, was aber Roſenthal nicht zu bemerken 1 ſchien; denn er hatte ſich in einen bequemen Lehnſtuhl geworfen, der vor dem Kaminfeuer ſtand, die Füße auf eine blank polirte Stange deſſelben geſtellt, und war in tiefe Träumereien verſunken, aus denen ihn nur momentan die Frage des Andern weckte:„Euer Gnaden haben weiter nichts zu befehlen?“ „Nein, ich danke!“ Dann träumte er weiter. Aber es mochten gerade keine angenehmen Träume ſein, die ſeinen Geiſt beſchäf⸗ tigten; denn, ſein Haupt auf die Lehne des Seſſels ſtützend, ſank er immer tiefer in demſelben zuſammen, ſeine Lippen preßten ſich krampfhaft aufeinander, tiefe Furchen zeigten ſich zu beiden Seiten ſeines Mundes, ſowie auf der ge⸗ dankenſchweren Stirne, ſeine Augen waren tief in ihre Höhlen zurückgeſunken—— Herr von Roſenthal ſchien in einer halben Stunde um zehn Jahre älter geworden — 202— zu ſein, und machte auch durchaus keine Anſtrengungen, ſein Geſicht zu glätten, um ſeine frühere ruhige, wohl⸗ wollend freundliche Miene wieder zu erlangen, das ganze ſtattlich behagliche Anſehen des Mannes, den wir noocch vor weniger als einer Stunde ſo ſicher auftreten ſahen, ſo zuverſichtlich ſprechen hörten. Seine zuckenden Finger, die ſich abwechſelnd in ſein Haar und in ſeinen Bart vergruben, hatten dieſen beiden ſonſt ſo ſorgfältig gepflegten Zierden ſeines Kopfes ein zerzaustes Anſehen gegeben, vor dem er ſelbſt zu erſchrecken ſchien, als ſein Blick zufällig in einen ſeitwärts ſtehenden Spiegel fiel. Doch ſchien auch ſein Ideengang eben ſo verwirrt zu ſein, als ſein Aeußeres; denn er ſtarrte ſein Spiegelbild an und fragte dann, ſich plötzlich und haſtig aufrichtend: „Was willſt Du ſchon jetzt bei mir, Geſpenſt eines meiner letzten Tage,— ſollte meine Uhr wirklich abgelaufen ſein?———— Pah, Unſinn,— Unſinn, es iſt nur mein aufgeregtes Blut, das mein Gehirn überſchwemmt, und mir wie ein Trauergeläute in den Ohren ſummt —— DOrer ſind es wirkliche Glockentöne, die ich höre? nein, nein, es ſind meine wild empörten Nerven, und das iſt wahrlich kein Wunder, da heute alle Teufel los⸗ gelaſſen ſind.“ Da wandte er ſich wieder mit einem ſcheuen Blick gegen ſein Spiegelbild und murmelte:„Wie mich dieſer 9 4 ₰ — 203 Kopf da an eine andere, ſehr finſtere Nacht erinnert, eine böſe Nacht; ja ſo lebhaft, daß mich ein Froſt durchſchauert — fort mit dir, es iſt unverantwortlich, ſo auszu⸗ ſchauen—— mich hat der Anblick ſo erſchüttert,“ fuhr er fort, nachdem er ſich raſch erhob,„daß ich etwas Nervenberuhigendes darauf nehmen muß— 3 Uhr— noch iſt es Zeit.“ Er eilte raſch an's Fenſter, riß den ſchweren Vor⸗ hang auseinander und ſtarrte hinaus in die nächtliche ſtille Landſchaft, in welcher er von ſeinem Wohnzimmer die letzten Häuſer der Stadt erblicken konnte. Der Mond ſchwebte dicht am Horizont über einer Wolkenſchichte, in die er eben zu verſinken drohte; doch noch wirkte ſein volles, mildes Licht auf die ſchlummernde Erde, ſchien Alles rings umher mit ſeinem ſanften Scheine zu glät⸗ ten und zu beruhigen, webte geheimnißvolle, ſilberleuch⸗ tende, duftige Schleier um die hochaufſtrebenden Baum⸗ maſſen, und buhlte mit den geiſterhaft emporquellenden Nebeln. „Ah, mein Freund, mein lieber Jugendgefährte!“ ſagte der Mann am Fenſter, der ſeine heiße Stirn gegen die feuchten, kühlen Scheiben gedrückt hatte,„ich danke Dir, Dein Anblick hat mir wohl gethan, hat mich erquickt, geſtärkt, beruhigt,— ich danke Dir— hat mir eine Bürgſchaft gegeben für eine weitere und viel⸗ leicht glücklichere Zeit. So könnteſt Du mir nicht zu⸗ lächeln, Du, der Alles weiß, wenn Du geſonnen wärſt, mich für ewig zu verlaſſen— gewiß, ich verſtehe Dein Lächeln, alter Geſelle— hilf zu, Samiel, die Friſt iſt ggewonnen!“ Er ſagte dieß Letztere mit einem Lächeln auf den Lippen und fuhr alsdann raſch mit der Hand mehrmals über ſein Geſicht, um die Falten auf demſelben zu ver⸗ jagen, was ihm auch ſo gut gelang, daß ihm, als er hierauf für ein paar Minuten in ſeinem Ankleidezimmer verweilt hatte und nun wieder heraustrat, aus dem Spiegel das Bild jenes andern, uns wohl bekannten Roſenthal's entgegenlächelte. „Und nun zu einigen dringenden Geſchäften.“ Er trank eine Taſſe des ſchwarzen, ſtarken Kaffees, warf ein paar mächtige Holzſcheiter in den Kamin und ſetzte ſich hierauf an ſeinen Schreibtiſch, nachdem er auf demſelben einen Leuchter mit ſechs dicht zuſammengeſtell⸗ ten Wachskerzen angezündet hatte. Dann nahm er aus einer ſorgfältig verſchloſſenen Schublade das Papier her⸗ vor, welches er vor ein paar Tagen von dem Könige er⸗ halten hatte, und füllte eine leere Stelle in demſelben nach kurzer Ueberlegung mit einer Reihe von ſechs Zahlen aus, ſiegelte es in ein Couvert und überſchrieb es. Hierauf öffnete er ſämmtliche Schubladen ſeines — 205— Schreibtiſches, nahm hier und dort Papiere heraus, was nach und nach einen anſehnlichen Haufen gab, den er alsdann in das flammende Kaminfeuer warf. Alles dieſes that er mit einer heitern Miene, ja offenbar in guter Laune, und als er ſich nun eine Ci⸗ garre angezündet hatte und ſich an den Schreibtiſch ge⸗ ſetzt, auch Briefpapier zurecht gelegt und eine Feder er⸗ griffen, lächelte er vergnügt in ſich hinein, während er emſig ſchrieb. Er brauchte wenige Minuten, bis er ſein Billet be⸗ endigt hatte, es geſiegelt und mit der Aufſchrift verſehen: Dem Herrn Lieutenant von Mittow. „Eigentlich hat es etwas Unheimliches, wenn man ſo als Verſtorbener an einen Lebendigen ſchreibt, und ich glaube, wenn der gute Mittow hintendrein erfährt, daß dieſer Brief vielleicht aus meinem Grabe an ihn gelangt iſt, ſo wird ihm dieß einige peinliche Stunden verur⸗ ſachen, vielleicht aber wird er es niemals erfahren, jeden⸗ falls aber dieſe Zeilen ihren Zweck erreichen.“ „Und nun ein anderes, wichtigeres und ernſteres Billet— an Ellen; ich wüßte mir im ſchlimmeren Falle keine beſſere Teſtamentsvollſtreckerin, als gerade ſie, und glaube auch nicht, daß ihr Haß ſo weit gehen wird, das, was ich ihr nach meinem möglichen Tod anbiete, zu verſchmähen— möglich wäre es allerdings, aber nein, — 206— nein, ich will es nicht glauben—— jedenfalls aber wüßte ich dieß koſtbare Papier für den andern ange⸗ nehmen Fall in keinen beſſern Händen, und trotzdem ſie geſchworen hat, freiwillig meine Wege nie mehr zu kreu⸗ zen, ſo bin ich doch feſt überzeugt, daß keine Gewalt der Erde ſie abhalten würde, dieß Papier ſpäter ſelbſt wieder in meine Hände zu legen; ja ſie würde ſich die Füße blutig laufen, wenn ſie kein Geld beſäße, Wagen oder Eiſenbahn zu bezahlen, und dann—— können wir ja weiter ſehen.“ Dieſer letzte Gedanke ſchien ihm ein ſehr behag⸗ liches Gefühl zu verurſachen. Er legte ſich in ſeinen Stuhl zurück, ſchloß für ein paar Sekunden die Augen, während ein angenehmes Lächeln auf ſeinen Zügen erſchien. „Aber weiter, weiter,“ rief er dann wieder empor⸗ fahrend,„wir haben noch ſehr viel zu thun— und Alles hübſch nacheinander,“ fuhr er fort, indem er ſich ſanft auf die Stirne klopfte,—„ruhig da drinnen, trotz alle⸗ dem erfordert das Schreiben an Ellen Faſſung und Auf⸗ merkſamkeit.“ Dann flog ſeine Feder abermals über das Papier, dießmal länger als vorhin, und zuweilen hörte er auf, um, ſich in den Stuhl zurücklehnend, über etwas nach⸗ zudenken. Als er fertig war, ſchien er ſich ſelbſt darüber zu wundern, daß der Brief vier enggeſchriebene Seiten enthielt. „Und nun zu der großen Frage des Tages,“ ſagte er aufſtehend und fuhr laut mit ſich ſelbſt redend fort, indem er im Zimmer hin und her ſchritt,—„wen nehme ich zu meinen Zeugen? Leo Wieneck, unmöglich, und wenn ich ihn auch nicht ſelbſt heute Abend dieſes Dienſtes entbunden hätte, ſo kam er mir ſpäter ſo eigenthümlich vor, lancirte mir ein paar ſo mißbilligende Blicke, daß ich wohl fühlte, mein Stern iſt am Erbleichen gegenüber der ganzen Kotterie— deßhalb auch fort mit Brenner, an den ich ebenfalls gedacht,— der alte Tönning,“ fuhr er mit einem raſch aufleuchtenden Lachen fort,„würde ſich vielleicht ein Vergnügen daraus gemacht haben, und hätte dann von der Grenze weg ſogleich ſeine Hochzeits⸗ reiſe antreten können, doch——“ Er blieb plötzlich mitten im Zimmer ſtehen, ein Bild an der Wand betrachtend, ſein eigenes Porträt, von Arthur Weßner gemalt.„Lächerlich, daß ich nicht ſo⸗ gleich an ihn dachte! Habe ihm doch vor nicht langer Zeit einen ähnlichen Dienſt geleiſtet, wenigſtens geſchickt vermittelt. Weßner hat das Herz auf dem rechten Fleck, er wird ſich ein Vergnügen daraus machen, und wen könnte ich im ſchlimmen Falle beſſer als ihn dazu be⸗ ſtimmen, Ellen dieſen Brief mit ſeinem koſtbaren Inhalt — 208— zu überreichen— ah, welche Großmuth,“ ſagte er lächelnd,—„ich muß mich in der That ſelber loben— ſo ſei es, und dann noch zwei Zeilen an Arthur ge⸗ ſchrieben, und hierauf noch ein paar Stunden feſt und geſund geſchlafen.“ Aus dieſen paar Stunden wurden indeſſen mehr, als Roſenthal gedacht und gewünſcht, und es mochte acht Uhr geworden ſein, als ſein Kammerdiener, dem er nicht befohlen hatte, ihn zu wecken, mit der Mel⸗ dung in's Schlafzimmer trat:„Ein Herr“— er über⸗ reichte deſſen Karte—„ſei draußen im Vorzimmer und wünſche in einer dringenden Angelegenheit vorgelaſſen zu werden.“ „Alſo doch Graf Wieneck,“ ſagte Herr von Roſen⸗ thal, nachdem er die Karte geleſen,—„entſchuldige mich bei dem Herrn Grafen, ſage, daß ich erſt um vier Uhr zu Bette gegangen ſei, und bitte ihn, nur ein paar Augenblicke zu warten, ich werde ſogleich bei ihm ſein. Dieſen Brief ſchicke augenblicklich durch den Reit⸗ knecht an den Herrn Maler Weßner, und ich laſſe ihn bitten, wenn es ihm möglich ſei, augenblicklich zu mir zu kommen.“ Er machte dann auch in ganz kurzer Zeit Morgen⸗ toilette, und als er nach Beendigung derſelben einen Blick in den Spiegel warf, ſchien er mit ſeinem Ausſehen zu⸗ V — 209— frieden zu ſein und trat heiter, faſt ſtrahlend in den Sa⸗ lon, wo er den Grafen Wieneck am Fenſter ſtehend ihn erwartend fand. „Sie werden ſich wundern, Herr von Roſenthal,“ ſagte dieſer, wohl aber nicht unfreundlich,„daß Sie mich in der gewiſſen Angelegenheit doch noch als Zeuge Mit⸗ tow's bei ſich ſehen, und ich will es nicht leugnen, wohl durch meine eigene Schuld.“ „Nehmen Sie Platz, Graf Wieneck,“ antwortete Herr von Roſenthal nach einer freundlich zuſtimmenden Ver⸗ beugung, hinzuſetzend:„es bedarf ja das nicht die Spur einer Entſchuldigung, und glauben Sie mir, wenn ich. Ihnen die Verſicherung gebe, daß ich alsdann dieſe An⸗ gelegenheit, auch was mich betrifft, in den beſten Hän⸗ den weiß.“ „Ich ſuchte heute Morgen in möglichſter Frühe Mittow auf,“ ſagte der Flügeladjutant des Königs,„um ihn zu veranlaſſen, Ihnen gegenüber einen erklärenden, begütigenden Schritt zu thun, ſowie auch zu erfahren, ob er geſtern Abend über die Sache geſprochen. Leider iſt dieß der Fall geweſen, was er mir unter der Ver⸗ ſicherung mittheilte, daß er nicht geſonnen ſei, auch nur um den Werth einer Sylbe zurückzuweichen.“ „Was ich begreiflich finde und nicht anders er⸗ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. II. 14 — 210— wartete,“ entgegnete Herr von Roſenthal mit großer Ruhe. „Um aber der Sache nicht noch eine weitere Ver⸗ breitung zu geben, und den über alle Beſchreibung heftig aufgeregten Mittow nicht zu weiteren unvorſichtigen Schritten zu veranlaſſen, gab ich, obgleich widerſtrebendn ſeinen Bitten nach und bin nun hier,“ ſetzte er mit einer verbindlichen Verbeugung hinzu,„um mich nach Ihren Wünſchen zu erkundigen, verzeihen Sie aber vor allen Dingen, daß wir Ihnen zuvorgekommen ſind, was auf den ausdrücklichen Wunſch Mittow's geſchieht, der weder in der Wahl der Waffen, noch in ſonſt irgend etwas eine Chance für ſich acceptiren will.“ „Herr von Mittow hat es allerdings ſehr eilig be⸗ trieben, nahm ich doch ſelbſt Anſtand, ihm vor der zehn⸗ ten Stunde meinen Zeugen zu ſenden.“ „Und wer iſt dieſer Zeuge?“ „Unſer gemeinſchaftlicher Bekannter Arthur Weßner.“ Graf Wieneck ſchaute einen Augenblick und faſt mit Verwunderung in das Geſicht des Andern, ehe er ſagte: „Arthur iſt mir natürlicher Weiſe ſehr angenehm, und wird es Mittow ebenfalls ſein.“ „Alſo darf ich denſelben zu Ihnen ſenden— und um welche Stunde?“ „Wenn es Ihnen recht wäre, vor elf Uhr, doch — 211— wenn Sie wollen, ſuche ich ihn um dieſe Stunde auf.“ „Erlauben Sie, daß er zu Ihnen kommt.“ „Gut—— und nun habe ich eine Bitte, Herr von Roſenthal, das heißt, ich bitte im Namen meines Freundes Mittow, und zwar um die Gefälligkeit, die Begegnung heute noch ſtattfinden zu laſſen.“ „Mit Vergnügen, und bin vollkommen darauf vor⸗ bereitet, erzeigen Sie mir aber dagegen den einzigen Gefallen, mich bei Herrn von Mittow dringend zu ent⸗ ſchuldigen, daß ich ihm nicht zuvorgekommen bin, aber es iſt erſt halb neun Uhr, und ich hatte mir in der That vorgenommen, nicht gar ſo dringend zu erſcheinen.“ „Ich verſtehe den gerechten Vorwurf, welcher in dieſen Worten für uns liegt, und kann ihn vielleicht nur dadurch abſchwächen, daß ich Ihnen die Verſicherung gebe: Mittow befindet ſich in einer faſt fieberhaften Auf⸗ regung, und ich fürchtete von ihm die unangenehmſten Geſchichten.“. „Das iſt aber kein Zuſtand, um ſich auf die Menſur zu ſtellen, oder Herr von Mittow hält mich für einen ſehr unbedeutenden Gegner—— doch, wie geſagt, ich bin zu Allem bereit, will aber unter keiner Bedingung von der mir freundlichſt überlaſſenen Wahl der Waffen Gebrauch machen; arrangiren Sie alles Das, wie Sie — 212— wollen, mit Arthur Weßner, der mir alsdann Ort und Stunde der Zuſammenkunft anzeigen wird.“ „Wünſchen Sie eine Verzögerung?“ „Durchaus nicht, mir iſt die nächſte Stunde recht!“ „So dürfte ich Ihnen alſo wohl den Wunſch mei⸗ nes Freundes mittheilen, er ſchlägt den heutigen Tag vor, Stunde vier Uhr Nachmittags, und alsdann die Zuſammenkunft: die Waldwieſe an dem kleinen See bei Perlenbach.“ „Vortrefflich, ich bin ganz damit einverſtanden. So⸗ viel ich mich erinnere, geht der Kurierzug dorthin um zwei Uhr ab, wir erreichen Perlenbach gegen halb vier Uhr, ſind jenſeits der Grenze, und da der kleine See wegen ſeiner Entenjagd berühmt iſt, ſo macht es auch durchaus kein Aufſehen, wenn ſich dort gegen Abend einige Leute unſerer Gattung zuſammenfinden. Wollen Sie für einen Arzt beſorgt ſein?“ „Ich glaube, es wird am wenigſten Aufſehen er⸗ regen, wenn ich unſern Regimentsarzt Zander, der als ein paſſionirter Jäger bekannt iſt, mit uns nehme.“ „Gewiß, ſo geht es am beſten.“ „Und nun, Herr von Roſenthal, werden Sie mir geſtatten, daß ich mich verabſchiede, um zu Mittow zurück⸗ zukehren. Ich hoffe ihn durch die Nachricht Ihrer freund⸗ lichen Bereitwilligkeit ſo ruhig zu ſtimmen, als ich das in ſeinem Intereſſe nur wünſchen möchte.“ „Aufrichtig geſagt, wünſche ich das auch,“ gab der Andere mit einer verbindlichen Verbeugung zur Ant⸗ wort,„denn ich muß Ihnen ehrlich geſtehen, Graf Wieneck, es erregt mir nichts ein ſo peinliches Gefühl, als wenn ich, wie ſchon öfter, gezwungen war, vor einen Gegner hinzutreten, der leidenſchaftlich erregt und dadurch unſicher iſt.“ „Ich hoffe das Beſte; alſo bis heute Nachmittag vier Uhr, Herr von Roſenthal!“ „Gut, bei Philippi ſehen wir uns wieder!“ “