“ M335 —N * Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſeines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3. für echentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 6 3 7 71„„— 1„—„ tr—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— 3 —= A — N — Geſchichten im Zickzack. Roman von F. W. Hackländer. Zweite Auflage. Erſter Band. Stuttgart und Leipzig. Druck und Verlag von Eduard Hallberger. Jedes Recht, vorzüglich das der Ueberſetzung dieſes Werkes in fremde Sprachen, wird vorbehalten, Nachdruck ſtrengſtens verfolgt. Inhalt des erſten Bandes. Erſtes Kapitel. Bis an den Berg und aufwärts. Bweites Kapitel. In der erſten Wendung, grüne Wieſen und blauer Himmel. Drittes Kapitel. In der zweiten Wendung, Felspartie und ſteile Straße Viertes Kapitel. In der dritten Wendung, Haide und friſcher Buchenwald Fünftes Rapitel. In der vierten Wendung, Schatten und murmelndes Waſſer Sechstes Kapitel. In der fünften Wendung, Ruhepunkt mit lieblicher Ausſicht. Seite 4—— 1 3— — 1 4 Gelchichten im Eickzack. Erſtes Kapitel. Bis an den Berg und aufwärts. Es iſt mit dem Anfang einer Geſchichte, für den geneigten Leſer nämlich, wie mit dem Eintritt in ein uns bis jetzt unbekanntes Haus, und hier wie dort ſind wir ſo leicht geneigt, uns vom erſten Eindruck beſtechen zu laſſen, und dieſen wie eine Stimmung zu bewahren, die uns nicht ſelten durch die ganze Geſchichte begleitet und die uns ſo gerne wieder überfällt, wenn wir daran denken, welchen Eindruck uns der erſte Schritt in jenes Haus ge⸗ macht. Sind wir dort empfangen worden von einem reichen, eleganten Vorplatze, oder auch nur von einem luftig hellen und reinen, hat uns vielleicht ein freundliches Lächeln be⸗ grüßt, oder ein paar bunte Blumen, ſelbſt von den lie⸗ benswürdigen Wildlingen aus Flur und Wald, oder war es ſelbſt nur ein heller Sonnenſtrahl, der auf der weiß⸗ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. I. 1 getünchten Mauer in einer ſcharfen, leuchtenden Linie ein herzliches„Willkommen“ ſchrieb, ſo werden wir uns alles deſſen gerne erinnern, ſowie vielleicht ſogar an ernſte Vor⸗ fälle, die wir in jenem Hauſe erlebt, wohl in ſtiller Weh⸗ muth, aber mit keinem Gefühle des Schreckens oder des Haſſes, ja, der lichtvoll freundliche Empfang wird tröſt⸗ lich im Vordergrunde bleiben und ſich bemühen, ſelbſt tiefe Schatten mitleidig zuzudecken. Allerdings übt auch das Wetter, wie bei ſo vielen Veranlaſſungen unſeres Lebens, einen großen Eindruck aus, während wir ein fremdes Haus ſowie eine neue Ge⸗ ſchichte betreten. Fegt uns zum Beiſpiel ein heftiger Wind⸗ ſtoß ſozuſagen in eine Hausthüre hinein, ſo daß wir kaum unſern Regenſchirm ſchließen können, oder die Zipfel unſeres Paletots an uns ziehen, ehe ſie durch einen Zug⸗ wind im Hauſe dröhnend hinter uns zuſchlägt, fährt uns obendrein noch ein biſſiger Köder entgegen, oder was noch ſchlimmer iſt, die keifende Stimme eines alten Weibes, ſehen wir ſtatt Blumen auf der Treppe Beſen und Hader⸗ lumpen am Geländer lehnen oder hängen, und ſtatt des freundlichen Sonnenſtrahls eine Schmutz⸗Bordüre an den grauen Wänden des Vorplatzes, ſo werden wir ſtets eine peinliche Erinnerung an unſern erſten Eintritt in dieſes Haus behalten, wenn wir auch vielleicht ſpäter Liebes und Gutes in demſelben empfangen, und jedenfalls übt der ——— —— — — † — unfreundliche Empfang eine Wirkung auf unſere gute Laune aus; unſer Lächeln wird ein erzwungenes ſein, und wir werden uns Mühe geben müſſen, um ein Geſpräch mit freundlicher Miene zu beginnen. Was aber bei dem Eintritt in ein fremdes Haus Zu⸗ fälligkeiten ſind, die ſo auf unſere Stimmung wirken, das bemüht ſich der Erzähler in ſeiner Geſchichte, je nachdem er es braucht, künſtlich hervorzubringen, und wenn wir beim Anfange einer ſolchen von einem freundlichen, licht⸗ vollen Vorplatze leſen, ſo können wir mit ziemlicher Sicher⸗ heit darauf rechnen, zu guten, wohlwollenden Menſchen geführt zu werden, wogegen wir beim Empfang durch zugeſchlagene Thüren, kläffende Hunde und ſcheltende Weiberſtimmen den Schauplatz einer peinlichen Verwicke⸗ lung betreten. Fängt die Geſchichte gar mit der beliebten Verſicherung an, daß ein trüber Novembertag geweſen ſei, Berg und Thal verſchleiert durch dichte, garſtige Nebel, die ſich gegen Abend in einen kalten Regen aufgelöst, den der heftige Wind heulend um die Hausecken gejagt und praſſelnd gegen die ſchlechtverwahrten Fenſterſcheiben, ſo haben wir ſchon etwas Finſteres zu erwarten, und es ſollte uns gar nicht wundern, wenn der junge oder alte Mann, der in dem Stübchen mit den ſchlechtverwahrten Fenſtern in einem Buche leſend ſitzt, auf einen beſonders heftigen Windſtoß horchend, zu gleicher Zeit die Augen von ſeinem Buche erhebt, aufſchauend eine Geſtalt vor ſich ſtehen ſieht, bis unter die Naſe in einen weiten Mantel gehüllt, das Haupt mit einem durchnäßten Schlapphute bedeckt, unter deſſen Rande hervor ihn ein Paar leuchtende Augen finſter anſtarren. Es iſt eigentlich Unrecht von uns, daß wir ſo ohne Rückhalt von den Geheimniſſen des Handwerks reden, aber wir thun das, indem wir uns ſehr viel auf unſere Ehrlichkeit einbilden, und indem wir den geneigten Leſer gleich beim Anfang unſerer kleinen Erzählung ſogleich in die richtige Stimmung für dieſe Geſchichten im Zickzack verſetzen wollen. Es iſt allerdings kein heiteres Sonnenwetter, unter deſſen Einfluß wir beginnen, es fächelt keine milde Luft, es leuchtet keine freundliche Sonne, ja es iſt ſogar ein Abend im ſpäteſten Herbſte, und zwar ein Abend mit ſo ungemüthlichem Wetter, daß wir um Entſchuldigung bitten müßten, wollten wir den geneigten Leſer deſſen Be⸗ kanntſchaft im Freien machen laſſen. Mögen deßhalb hinter uns bleiben die naßkalten Straßen, angefüllt mit einem Gemiſch von Schnee und Regen und durchſaust vom Winde; wir betreten ein mäßig großes, aber ſehr feſt und geſchmackvoll erbautes Haus, in welchem uns ſchon der Vorplatz an der Treppe, ein ſanft durchwärmter und hell erleuchteter Raum, auf's Behaglichſte empfängt. ———-—ꝙ — — — 5 Dieſe Treppe mit breiten Steinſtufen befindet ſich ganz im Hintergrunde des Veſtibuls und iſt, ſoweit wir ſie mit den Augen verfolgen können, mit dicken Teppichen be⸗ legt, und unten ſteht ein zierlicher Page von Bronze ge⸗ goſſen, und hebt über ſeinem Haupte eine Fackel, deren ſtrahlendes Gaslicht die pompejaniſchen Malereien der Wände beleuchtet, ſowie das reiche Treppengeländer aus vergoldetem Kupfer; auch an der Seite zwei Klingelzüge, unter denen man die Namen liest: Staatsminiſter Graf Wieneck, ſowie: Major Graf Leo Wieneck. Unſer Beſuch gilt dem Letzteren, weßhalb wir linker Hand ein Vorzimmer zu ebener Erde betreten, und zwar das Schlafzimmer des Kammerdieners des jungen Grafen, und ſo von rückwärts die Wohnung deſſelben; daran ſtößt eine Garderobe, dann folgt das Schlafkabinet des Herrn, neben dieſem ein Schreibzimmer, und dann auf der hin⸗ tern Seite des Hauſes der kleine Speiſeſaal, welcher durch einen Anricht⸗ und Büffetraum mit der gemeinſchaftlichen und ſehr geräumigen Küche in Verbindung ſteht, und wo wir den Kammerdiener des Grafen, ſowie deſſen Reit⸗ knecht und ein paar Lakaien aus dem abgeſonderten Haus⸗ halte des Staatsminiſters in einer Beſchäftigung finden, die uns nicht im Zweifel läßt, daß ſie im Begriffe ſind, ein kleines, aber feines Diner zu ſerviren. Auf den Büffets und Anrichttiſchen ſieht man gebrauchtes Silber⸗ — 6 geſchirr, Teller, Kryſtallſchalen, Gläſer, halbgeleerte Fla⸗ ſchen, die im Eßſalon ihren Dienſt theilweiſe erfüllt und ſpäter den Reſt ihres Daſeins hier vergießen werden, während andere Weinſorten eben erſt gerüſtet ſind, in die Schlachtlinie einzurücken, langhalſige ſtolze Rheinwein⸗ flaſchen mit vergoldetem Kopfe, leicht frappirt, ausge⸗ zeichnete Bordeaux, bis zum Gebrauch mit einer erwärm⸗ ten Serviette umwickelt, ſchwere Burgunder, bequem in kleine Korbwagen gelagert, zur Anleitung für Podagriſten und Alle, die es werden wollen, endlich übermüthigen, aufbrauſenden Champagner mit geöffnetem Pfropfe in mit Eis angefüllten Silberkübeln. Von dem letzteren hat der Kammerdiener eine neue Sorte, allerdings auf Befehl des jungen Grafen unter Zuziehung des ſtaatsminiſteriellen Koches, einer ſtrengen Prüfung unterworfen. Es iſt das eine eben erſt erſchienene Marke, noch jung und unbekannt, die aber verſpricht, eine Berühmtheit zu werden— Jaunay, wie er ſich auf einer beſcheidenen, kleinen Etikette ohne alle Anpreiſungen von grand vin de Champagne, grand mousseux oder première qualité nennt— einfach Jaunay. Der Koch hat ein Glas, welches ſich im warmen Zimmer gleich mit jenem angenehmen Duft umgab, der auf ein eiskaltes Getränk ſchließen läßt, langſam ausge⸗ trunken, prüfend mit den Lippen geſchmatzt, und ſagt dann V 8 — zum Kammerdiener:„Ein feiner, zierlicher Wein, tänzelt und ſchäumt, aber ein theurer Wein, denn er trinkt ſich angenehm, und man kann viel davon trinken; für ganz feine Diners, namentlich für Damen, ausgezeichnet. Ich würde ihn zwiſchen Moselle mousseux und zwiſchen Roe- derer carte blanche einſchieben, wohlverſtanden für das heutige Herrendiner.“ „Ganz meine Anſicht; finden Sie den Jaunay richtig frappirt?“ „Ein paar Grade weniger wäre mir lieber,“ erwie⸗ derte der Chef der Küche.„Es iſt ein thörichtes Vor⸗ urtheil, den Champagner zu frappiren, bis er in der Flaſche Eisſchaum anſetzt.“ „Und doch iſt dieſer hier für den Baron Brenner immer noch nicht kalt genug.“ „Spricht aber für meine Behauptung,“ verſetzte der Koch mit einem geringſchätzenden Achſelzucken;„mir iſt dieſer Baron Brenner durchaus keine Autorität, obgleich er ſogar in guten Häuſern als eine ſolche angeſehen wird; ich haſſe alle Extravaganzen, in denen er ſtark iſt; hat er doch neulich ſogar unſere würdige Excellenz dazu ge⸗ bracht, einen Verſuch mit gebackenem Eis machen zu laſſen, glaubte mich in Verlegenheit zu bringen, mich— Morin— mußte aber ſelbſt geſtehen, daß die Schüſſel exquiſit war, nachdem er beinahe erſtaunt gethan, daß ich ſein Rezept zurückgewieſen— er mir ein Rezept!— Ce pauvre Monsieur Brenner quatorze.“ „Warum heißt er eigentlich ſo?“ fragte der Kammer⸗ diener lächelnd. „Weil er in allen Häuſern als der Vierzehnte einge⸗ laden wird, wenn man durch refus zufällig dreizehn be⸗ käme, was Niemand liebt.“ „Heute iſt er ganz erſtaunlich zufrieden,“ ſagte der Kammerdiener,„und nannte Sie einmal über's andere zeine Perle, ein Juwel'.“ «Qu'est ce que cela me regard,“ brummte der Chef der Küche, während er das Büffetzimmer wieder verließ. Auch wir wollen es gerade ſo machen, nur durch die entgegengeſetzte Thür, und wir finden uns nun in einem kleinen, behaglichen Speiſeſaal, in einem jener Räume, ringsumher mit ſanftem Eichenholz getäfelt, ebenſo wie die Decke, hie und da mit dunklen Panneaux, in denen man auf's Vortrefflichſte und Täuſchendſte gemalt kleine Enſembles bemerkte, aus Früchten beſtehend und Wild⸗ pret aller Art. Das einzige große Fenſter des Gemaches war durch ſchwere, dunkel violette Vorhänge völlig unſichtbar ge⸗ macht, in der Mitte ſtand der runde Eßtiſch, zu acht Per⸗ ſonen gedeckt, gerade die richtige Zahl für ein kleines, —— — feines Diner. Aber nur ſieben Stühle waren beſetzt; auf dem Sitze des achten, ſich an die Rücklehne ſtützend, bemerkte man eine Reitpeitſche und einen kleinen Blaſe⸗ balg, welch' letzterer von dem hell lodernden Kamin des Speiſeſaals weggenommen worden war. Eine Schale von violettem Kryſtall an einer Bronze⸗ kette, von der Decke herabhängend, bildete den Lüſter des behaglichen Gemaches vermittelſt dreier weißer Waſſer⸗ lilienkelche, denen die Gasflammen entſtrömten, und be⸗ leuchtete die reichbeſetzte Tafel, deren Kryſtall⸗ und Silber⸗ geſchirr jedoch ſchon ſehr in Unordnung gerathen war, da ſich das Diner ſtark in ſeinem letzten Drittel befand. Bei Tiſche befanden ſich vier jüngere und zwei ältere Herren, und die Letzteren waren der Vater des Grafen Leo, der Staatsminiſter Wieneck, ein Mann mit einem ſchönen, intelligenten Geſichte, freundlichen, wohlwollenden, offenen Zügen und ſtark ergrautem Haar, in Haltung, Miene und Wort das vollendete Bild eines Ariſtokraten und Diplomaten aus der alten Schule. Graf Wieneck hatte bis vor Kurzem das Departement der auswärtigen Angelegenheiten geleitet und war zurückgetreten, weil die von ihm angeknüpften Verbindungen, die Heirath des Thronerben betreffend, mit einem benachbarten Hofe, die er auf Befehl des Königs geführt, durch den Kron⸗ prinzen ſelbſt, aus welchem Grunde wußte Niemand an⸗ — 10— zugeben, plötzlich und ziemlich ſchonungslos desavouirt worden waren, und weil der Miniſter nicht die Hand dazu bieten wollte, jene Verbindung, die er in allen Kombinationen für ehrenvoll und von großem Nutzen er⸗ kannte, ſelbſt rückgängig zu machen.. Neben dem Grafen ſaß der Oberſthofmeiſter Baron Tönning, ein Mann mit einem etwas langen Kopfe, hoch⸗ emporgezogenen Augenbrauen, die ſeinen Zügen ſtets den Ausdruck des Erſtaunens verliehen, wenn auch gerade keine Urſachen dieſes Staunens ſichtbar waren, worüber ſich ſeine eigenen matten Augen zu wundern ſchienen, ſowie die ziemlich ſchlaff herabhängende Unterlippe, welche dem untern Theil des Geſichts den Stempel der Ent⸗ täuſchung aufdrückten, eine etwas komiſche Kompoſition, die gerade nicht gemildert wurde durch die hochblonde, lockige Perrücke Seiner Excellenz. Ihm zur Seite ſaß Graf Leo Wieneck, ein zunger, hübſcher Mann von vielleicht dreißig Jahren, in der Uni⸗ form des Gardedragonerregiments, dann kam der leere Stuhl, auf dem ſich die Reitpeitſche und der Blaſebalg befand, neben welchem der vorhin ſchon erwähnte Baron Brenner ſeinen Platz hatte. Dieß war ein Mann mit einem nicht gerade alltäglichen Geſichte, ja mit klugen, lebhaften Augen, ſchon im vorgerückten Alter, aber dabei von einer Beweglichkeit in Allem, was er that und ſprach, — 11— die zugleich mit der Sicherheit ſeines Auftretens Jemand erkennen ließ, der ſich viel und leicht in der großen Welt bewegt. Die Andern bei Tiſche waren Freunde des Haus⸗ herrn, ein Lieutenant ſeines Regiments, Herr von Mit. tow, dann ein junger bedeutender Maler, Arthur We ner, ſowie ein Muſiker von großem Talente. 3 Baron Brenner hatte mit großer Bedächtigkeit ein. Glas Champagner geleert, von dem er behauptet, daß es wahrhaft kunſtvoll frappirt ſei, und lehnte ſich dann auf ſeinen Stuhl zurück, aufmerkſam die Zimmerdecke be⸗ trachtend, als ſuche er dort oben etwas, doch hatte er ſich nur in ſeine Gedanken verloren, und forſchte in ſeinem Innern nach, wo er auch ſo glücklich war, das zu finden, was er ſuchte;„mit dem Namen,“ rief er dann plötzlich, „iſt mir auch die Geſchichte eingefallen, es war der Mar⸗ quis von Moui, ein Landedelmann unter der Regierung Ludwig XIV., der die Jagd leidenſchaftlich liebte, und da er keine eigene Jagd beſaß, ſich das ſeltſame Ver⸗ gnügen machte, ſeinen einzigen Bedienten als Hirſch anzu⸗ ziehen, und ſich hinter demſelben mit Horn und Peitſche außer Athem zu ſetzen, bis ihm der König aus Mitleid für den armen Hirſchbedienten das Recht verlieh, in den königlichen Wäldern zu jagen.“ „Ja, es gibt allerdings ſonderbare Käuze,“ ſagte der —— — 12 alte Graf Wieneck,„ſo erinnere ich mich, in Baden⸗Baden einen Baron Breton gekannt zu haben, der, wenn er aus⸗ fuhr, ſeine beiden weiblichen Dienſtboten Livreen anziehen und auf ſeiner Miethkutſche hintenauf ſtehen ließ; es machte ſich das gar nicht übel, da dieſe Dienſtboten ein paar wohlgewachſene, hübſche Mädchen waren, er⸗ regte auch Aufſehen, um das es dem Baron eigentlich zu thun war.“ „So kann man ſich auf ganz leichte und gewöhnliche Art durch eine gute Idee auszeichnen,“ meinte Baron Brenner,„und ſich einen Namen machen; ich habe einen jungen Mann gekannt, von dem eine Zeitlang alle Welt ſprach, weil er, ſo oft er ſich auf der Straße ſehen ließ, am Knopfloch ſeines Rockes ein Kreuz aus Brillanten hängen hatte.“ „War es nicht damals mit dem roſenrothen Walfeld dieſelbe Geſchichte?“ fragte der Oberſthofmeiſter in einem ſehr würdevollen Tone, den er auch bei der zwangloſeſten Unterhaltung beizubehalten liebte. „O nein, mit dem Herrn von Walfeld hatte es eine ganz andere Bewandtniß; er ging eine ſehr hohe Wette ein, ein ganzes Jahr lang keine andere Farbe an irgend einem Kleidungsſtück als roſenroth zu tragen, und nicht genug damit, auch alle Geräthſchaften, deren er ſich außer dem Hauſe bediente, mußten von der gleichen Farbe ſein.“ — — 13— „Da hätte er ja auch ein roſenrothes Pferd reiten müſſen,“ bemerkte der Oberſthofmeiſter. „Wagen und Pferde allein waren ausgenommen, alles Uebrige aber, deſſen er ſich bediente, roſenroth, Hut, Stock, Schirm, natürlich ſeine Kleider bis zu den Stiefeln herab, er gewann ſeine Wette zum Beſten der Armen, hätte ſie aber beinahe in den letzten Tagen verloren, wo er im Theater ſchon die Hand nach dem Elfenbeinopern⸗ glas ſeines Nachbars ausgeſtreckt hatte.“ „Ja, ja, er gewann ſeine Wette,“ bekräftigte Baron Brenner,„behielt aber Zeit ſeines Lebens den Namen ‚der roſenrothe Walfeld'.“ „Bei Ihrer Geſchichte von vorhin mit dem Hirſchbe⸗ dienten,“ ſprach Graf Leo nach einer Pauſe,„iſt mir eine Frage in den Sinn gekommen, die Sie mir nicht übel nehmen wollen, lieber Baron Brenner; nicht wahr, Sie ſchoſſen zweimal auf den berühmten Hirſch des Fürſten Walderſtein?“ „Nun, einmal hat Jeder, der auf die Jagden des Für⸗ ſten eingeladen wurde, auf den Hirſch ſchießen müſſen,“ gab Baron Brenner leicht hingeworfen zur Antwort,„und ich kann mich gerade nicht darauf beſinnen, daß ich zwei⸗ mal darauf geſchoſſen hätte.“ „Geben wir der Wahrheit die Ehre,“ bemerkte der Oberſthofmeiſter lächelnd,„Seine Durchlaucht haben jene — 14— Geſchichte bei Hofe zur großen Ergötzlichkeit der aller⸗ höchſten Herrſchaften erzählt.“ „Seine Durchlaucht hätten etwas Geſcheidteres thun können,“ verſetzte der Baron in einem faſt verdrießlichen Tone. „Was iſt denn das für eine Geſchichte mit dem be⸗ rühmten Hirſch?“ fragte der junge Maler, auf ein er⸗ munterndes Zeichen des Grafen Leo. „Nun, was wird es ſein?“ ſagte der Baron, indem er bedächtig ſeinen Kelch mit Champagner füllte,„eine Spielerei Seiner Durchlaucht, der es gern liebt, ſeine Bekannten ein wenig zu necken, es iſt nicht der Mühe werth, das zu erzählen.“ „Doch, doch,“ rief der Major luſtig,„und da Sie nicht mit der Sprache heraus wollen, ſo glaube ich auch an Ihren zweiten Schuß auf den berühmten Hirſch.“ „Das Alles ſpannt unſere Neugierde auf's Höchſte,“ betheuerte der Maler,„und ich möchte recht dringend um die kleine Geſchichte bitten.“ „Soll ich ſie erzählen?“ fragte der Hausherr mit einem ſchalkhaften Lächeln. „Meinetwegen,“ erwiederte Baron Brenner, indem er ſich mit halbgeſchloſſenen Augen in ſeinen Stuhl zurück⸗ lehnte,„ich will aus Gefälligkeit ganz Schlachtopfer ſein, und die Erzählung unſeres liebenswürdigen Wirthes nicht einmal korrigiren, wenn ſie auch noch ſo ſtark gefärbt iſt.“ —— „Nur die Wahrheit— nichts als die ſtrengſte Wahr⸗ heit— der Fürſt Walderſtein hat bekanntlich die ſchönſten und weitläufigſten Jagdbezirke des Landes, und entwickelt auf ſeinen Schlöſſern eine königliche Gaſtfreundſchaft für ſeine Eingeladenen.“ „Bekannt— bekannt,“ warf Baron Brenner ein. „Jeder fühlt ſich da wie zu Hauſe und iſt ſo un⸗ genirt, wie bei ſich ſelber, ſeine Köche ſind die beſten, die man ſich denken kann, ſeine Equipagen, Reitpferde, der Train ſeiner Förſter und Jäger, alles das über jede Beſchreibung erhaben, und ein Wildſtand, daß er nur zu beſtimmen braucht, von welcher Stärke dieſer oder jener Gaſt einen Hirſch erlegen ſoll, wenn der Gaſt überhaupt ſchießen kann. Jeder dieſer Eingeladenen aber wird am erſten Morgen von einem vertrauten Jäger auf die Früh⸗ pirſch geleitet, und Jeder ſieht dann nach einiger Zeit einen kapitalen Hirſch halb verſteckt, ſchußgerecht vor ſich im Gebüſche ſtehen.— Es iſt mir gerade ſo gegangen, wie allen Uebrigen,“ unterbrach der Major mit einem ge⸗ fälligen Lächeln den Ton, in welchem er erzählte, um gleich darauf fortzufahren:„mir klopfte das Herz, als ich mich ſo vorſichtig wie möglich heranpirſchte, als ich langſam die Büchſe erhob, und nach einem ſcharfen Zielen krachen ließ— und zwar auf den vorhin erwähnten be⸗ rühmten Hirſch des Fürſten.“ „Nun?“— „Die Kugel ſchlug richtig ein, ſicher, auf's Blatt, wo ſie hingehört, aber ſtatt daß der Hirſch zuſammen⸗ ſtürzte, oder einen Riß vorwärts that, blieb er ruhig ſtehen, und eine luſtig klingelnde, raſſelnde und ſchmet⸗ ternde Muſik klang aus dem Körper des Thieres hervor.“ „Ja, ja, eine großartige Spielerei,“ meinte Baron Brenner. „Aber vortrefflich gemacht; natürlich iſt das Thier von Holz kunſtvoll mit Hirſchdecken bekleidet, und bei der geringſten Erſchütterung durch die anſchlagende Kugel er⸗ klingt, wie zum Hohn für den Schützen, die luſtige Muſik. — Gewöhnlich nimmt auch Niemand ein Aergerniß daran,“ fuhr der Erzähler mit einem Streifblick auf den Baron fort, welcher leicht mit den Achſeln zuckte.—„Gewöhn⸗ lich,— ſage ich, man wird von dem Fürſten mit ſo viel Liebenswürdigkeit empfangen, man fühlt ſich ſo behaglich bei ſeinen prächtigen Jagden, daß man einen harmloſen Scherz harmlos aufnimmt; einen Scherz, der nur mit großen Ausnahmen wiederholt wird, und zu dieſen Aus⸗ nahmen gehörte unſer guter Baron.“ „Meinetwegen, ich will Ihnen Ihre Freude nicht verderben.“ „Unſer guter Freund Brenner wußte um den be⸗ rühmten Hirſch und hatte nämlich verſichert, ihn würde — —— — 177 man nicht anführen, aber wie ſein Schuß aus dem Rohr war, ging auch die hölliſche Muſik los.“ „Das kann ich nicht leugnen.“ „Statt ſich aber damit zufrieden zu geben, beſtach er den Jäger, der ihn geführt, und dieſer mußte ihm ver⸗ ſprechen, nichts von dem Schuß zu ſagen, ſondern zu verſichern, Baron Brenner habe den berühmten Hirſch ſogleich erkannt, und nun könnt ihr euch denken, mit welcher Genugthuung, mit welch' triumphirender Miene unſer lieber Freund beim Frühſtück erſchien, und wie wahrſcheinlich ſeine Betheuerung klang, daß es unmöglich ſei, ihn, den erfahrenen Jäger, hinter's Licht zu führen, — iſt's nicht ſo, Baron Brenner?“ „Es wäre lächerlich, das in einem Kreiſe guter Be⸗ kannter länger leugnen zu wollen,“ rief der Baron, indem er die verdrießliche Miene abſchüttelte und ſo klug war, einen jovialen Ton anzunehmen,„der verfluchte Jäger hatte mich betrogen und verrathen, und ich will es ein⸗ geſtehen, daß ſich bei der Abendpirſch dieſelbe Komödie wiederholte. Auf den Zehen ſchleichend kamen wir in der Dämmerung an einen kapitalen Hirſch heran, doch ſtand er ſo, daß wir ihn hinter dem Wind umgehen mußten. Ich ſchoß und denke, ich muß rückwärts hinfallen, als abermals die tolle Muſik losbricht. Höchſt ärgerlich wende ich mich gegen den Jäger um, der mit abgezogenem Hute Hackländer, Geſchichten im Zickzack. I. 2 18= lächelnd hinter mir ſteht, und mir auf ſeiner Handfläche meine beiden Napoleons Trinkgeld präſentirt.“ „Bravo, Baron Brenner, bravo,“ rief lachend der alte Graf Wieneck,„der Jäger behielt ſeine Napoleons, und Sie hatten zweimal auf den berühmten Hirſch ge⸗ ſchoſſen.“. Unterdeſſen hatten die Diener das Deſſert ſervirt, und der Kammerdiener auf den Rath des Koches eine ſtärkere Sorte Champagner aufgeſetzt, auch Marſala, ſowie ſüße und trockene ſpaniſche Weine, deren tiefrothe Farbe in den geſchliffenen Karaffen beim Scheine der Lichter wie flüſ⸗ ſiges Metall glänzt. Graf Leo warf einen Blick auf die Uhr über dem Kamin, dann ſagte er:„Ich bin in der That begierig, was dieſer Roſenthal für eine Ausrede vorbringen wird, und wie er ſich entſchuldigt, faſt eine volle Stunde zu ſpät zum Diner zu kommen, wenn er überhaupt noch kommt.“ „O, er kommt gewiß,“ ſprach der Muſiker,„ich ſah Roſenthal heute Nachmittag, und er nahm von mir Ab⸗ ſchied, indem er ‚auf Wiederſehen heute Abend' ſagte.“ „Jedenfalls werden wir eine ganz erſtaunliche Urſache hören, die ihn veranlaßt, ſo ſpät zu kommen,“ meinte der Hausherr,„irgend etwas Unglaubliches, Unwahr⸗ ſcheinliches, nur bitte ich, daß ihm Niemand einen freund⸗ ſchaftlichen Vorwurf macht, und wir wollen ſo thun, als — 19— hätten wir ihn bei ſeinen vielen und wichtigen Beſchäf⸗ tigungen gar nicht früher erwartet.“ „Ganz gut, das ſpornt ihn an, und wir werden wunderbare Geſchichten zu hören bekommen.“ Während man ſo in dem kleinen Eßzimmer über den Erwarteten plauderte und lachte, ſaß dieſer, der erwartete Herr von Roſenthal, in einer geſchloſſenen Droſchke und fuhr durch Schnee und Regen gegen das Haus des Grafen Wieneck. Es war das ein junger Mann, in dem Alter des Grafen Leo, er ſchien aber älter, da er ein langes, hageres Geſicht hatte, deſſen Bläſſe durch kohl⸗ ſchwarzes Haupthaar und eben ſolche ſehr lange Favorits noch ſtärker hervorgehoben wurde. Er befand ſich im ſchwarzen Frack im Gegenſatz zu den übrigen Eingelade⸗ nen, die auf den ausdrücklichen Wunſch des Hausherrn im Ueberrock erſchienen waren. Ehe er den Wagen, den er bei einer Straßenecke angerufen, beſtieg, hatte er auf ſeine Uhr geſchaut, und ſchien mit der Stunde, welche ſie zeigte, vollkommen zufrieden zu ſein. Dann lehnte er ſich in die Ecke des Wagens zurück, um ſich aber, nach⸗ dem er ein paar Straßen durchfahren hatte, wieder auf⸗ zurichten und aus ſeiner Weſtentaſche eine jener kleinen Schwindelkravatten von weißer Farbe zu nehmen, die er gegen ſeine ſchwarze vertauſchte. Auch zog er helle, ſtroh⸗ farbene Handſchuhe an, und war mit dieſen Verände⸗ 3 rungen an ſeiner Toilette eben fertig, als der Wagen anhielt und der Droſchkenkutſcher den Schlag öffnete. Wenige Minuten nachher trat der Kammerdiener des Grafen Leo in das Eßzimmer und meldete den Herrn I von Roſenthal. Dieſer trat gleich darauf in's Zimmer, aber durchaus nicht mit jener Haſt und mit entſchuldigenden Worten, die man ſonſt wohl in Anwendung bringt, wenn man eine Stunde zu ſpät zu einem Diner kommt, er ſchritt vielmehr langſam und mit gleichgültiger Miene, nachdem er die Anweſenden durch ein kurzes Kopfnicken begrüßt, auf den Hausherrn zu, dem er den kleinen Finger ſeiner rechten Hand entgegenſtreckte, und als er hierauf an den Stuhl vor dem leeren Platze trat, welchen der Kammer⸗ diener dienſteifrig zurückzog, hatten ſeine Züge einen ernſten, zerſtreuten Ausdruck angenommen, welcher ſich nicht ein— mal veränderte oder erheiterte, als er auf dem Stuhle die Reitpeitſche und den Blaſebalg erblickte. „Halt' da,“ rief ihm Graf Leo in heiterem Tone zu, als Roſenthal mit einer Handbewegung gegen den Kam⸗ merdiener dieſen erſuchte, die eben benannten Gegenſtände zu entfernen;„halt' da, ehe Du Dich niederſetzen darfſt, mußt Du erſt dieſen Rebus auflöſen!“ „So, ſo, das ſoll einen Rebus vorſtellen?“ erwiederte Herr von Roſenthal in gedehntem Tone,„ſei ſo gut, lieber Freund, und laſſ' mich für heute von dieſer Spielerei Umgang nehmen. Erſtens bin ich nicht im Stande, auch den leichteſten Rebus aufzurathen, und zweitens gibt es Augenblicke, in denen man nicht aufgelegt iſt auch nur zu dem Verſuch ſolcher Tändeleien. Excellenz,“ ſagte er hierauf, zuerſt mit einer Verbeugung gegen den Miniſter und dann gegen den Oberſthofmeiſter,„ich habe die Ehre mein Kompliment zu machen,—„guten Abend, Baron Brenner,— ſieh' da, lieber Neuburg,“— ſo hieß der junge Muſiker—„grüß' Sie Gott, Arthur.“ Die letzte Anrede galt dem Maler, den er noch dadurch ganz be⸗ ſonders auszeichnete, daß er ihm über den Tiſch hinüber den kleinen Finger ſeiner linken Hand entgegenhielt, wel⸗ chen der Künſtler laut lachend hierauf mit der Nagelſpitze des ſeinigen berührte, worauf der achte an der Tafel⸗ runde, der Dragoneroffizier, mit einer Handbewegung abgefertigt wurde, welche dieſer ebenſo erwiederte. „Und nun wollen wir luſtig ſein,“ ſagte Roſenthal, aber mit einem ſo gedankenloſen Blick, und einer ſo ernſten Miene, daß ihm ein allgemeines Lachen entgegenſcholl, worüber er, wie im höchſten Erſtaunen, ſeine Augenbrauen hoch emporzog und fragend rings um ſich her ſchaute. „Na, nimm mir nicht übel,“ rief der Hausherr,„Du brauchſt Dich über unſer Lachen gar nicht zu wundern, denn das iſt außerordentlich natürlich, wenn man mit — 22— einer Leichenbittermiene, wie die Deinige., zur Luſtigkeit auffordert.“ „Ja— ſo— o— o—,“ gab Roſenthal zur Ant⸗ wort, indem er nach einem tiefen Athemzuge langſam mit der Hand über Stirn, Augen und ſein übriges Geſicht herabfuhr.„Es gibt im Menſchenleben Augenblicke der Verſtellung, oder eines ſogenannten Hundehumors, wo man luſtig ſein möchte, um ſeine Gedanken zu betäuben, deß⸗ halb laßt uns luſtig ſein, ich bitt' euch darum, vor allen Dingen aber laßt mir einen Tropfen Champagner geben — bitte, mein lieber Andreas,“ wandte er ſich an den Kammerdiener,„bedienen Sie ſich dieſes Waſſerglaſes, ich bin ein wenig durſtig.“ „Von welchem Gange an ſoll man Dir nachſerviren?“ fragte der Hausherr. „Wie, nachſerviren?— Was ſerviren?“ ſagte Roſen⸗ thal, zerſtreut umherblickend, dann aber ſchien er ſich zu beſinnen, und ſetzte hinzu,„ja ſo, ihr ſeid ja beim Diner, wie man ſo vergeßlich ſein kann,— ich glaube, ich bin etwas zu ſpät gekommen.“ „Nur ſo etwas über eine ſtarke Stunde,“ gab ihm Graf Leo lachend zur Antwort,„doch tröſte ich mich in dem Bewußtſein, daß Du Dich wahrſcheinlich außer⸗ ordentlich amüſirt haſt, denn ſonſt hätteſt Du meine kleine Einladung nicht ſo total vergeſſen.“ — 28— „Wenigſtens iſt uns Herr von Roſenthal die Er⸗ zählung eines wahrſcheinlichen Abenteuers ſchuldig,“ meinte der Miniſter von Wieneck. „Vorausgeſetzt, daß unſere Bitte um Mittheilung keine Indiskretion iſt.“ „Das aber fürchte ich,“ ſagte Baron Brenner,„denn der gute Roſenthal iſt im ſchwarzen Frack mit weißer Halsbinde, und ſcheint mir aus höheren Regionen zu uns herabgeſtiegen zu ſein.“ „Nein, nein, dann wäre er heiterer,“ lachte der Dra⸗ goneroffizier.„Meine Meinung iſt die, er hat ſich irgend⸗ wo anders ebenſo geirrt, wie hier, nur mit dem Unter⸗ ſchiede, daß er bei dem Grafen Leo das Diner vergaß, und anderswo gar nicht erwartet worden iſt.“ „Zum Diner allerdings nicht,“ gab der Betreffende mit einem kühlen Lächeln zur Antwort.„Muß man denn nur immer eſſen und trinken?“ „Ah, mir kommt eine Idee,“ ſagte der Oberſthof⸗ meiſter, und zog dabei ſeine Augenbrauen ſo hoch empor, daß es ausſah, als gerathe ſein Geſicht über dieß ſeltene Ereigniß in ein ganz beſonderes Erſtaunen,„ehe ich vor einer Stunde das Schloß verließ, hatte ich in dem öſt⸗ lichen Pavillon zu thun.“— Herr von Roſenthal machte bei dieſen Worten eine unmuthige Bewegung, und auf ſeinem Geſicht zeigte ſich etwas wie Verlegenheit, ſo daß der Oberſthofmeiſter ihn lächelnd betrachtete und eine Kunſtpauſe machte, ehe er fortfuhr:„Ja ſehen Sie, mein Lieber, wenn man ſo ver⸗ ſchloſſen gegen ſeine Freunde iſt, da darf man auf keine Schonung rechnen— ich war alſo im öſtlichen Flügel des Schloſſes, und ſah dort Jemand durch den Korridor ſchleichen, der unſerem guten Roſenthal ganz frappant ähnlich ſah.“ 3 „Ah, Excellenz— eine Indiskretion!“ „Bravo, Roſenthal,“ rief der Hausherr,„Du haſt Dich verrathen und zugeſtanden, daß Du heute Abend im öſtlichen Flügel des Schloſſes geweſen biſt.“ „Im ſchwarzen Frack!“ „Und in der weißen Halsbinde!“ Der, über welchen dieſe Neckereien ergingen, trank mit großer Ruhe ſein großes Glas voll Champagner leer, und meinte achſelzuckend:„Es iſt wahrhaftig etwas Rühm⸗ liches für ſolch' einen bedeutenden Kreis, aus Kleinig⸗ keiten Zuſammenſtellungen zu machen, die doch zu keinem Reſultate führen werden. Setzen wir wirklich den Fall, ich ſei in der That heute Abend im öſtlichen Schloßflügel beſchäftigt geweſen.“. „Und zwar ſo beſchäftigt,“ ſagte der Maler,„daß Herr von Roſenthal darüber ein feines Diner vergaß.“ „Beſchäftigt im ſchwarzen Frack und weißer Hals⸗ binde, das kann nichts Unbedeutendes ſein; der Oberſt⸗ hofmeiſter iſt wohl ſo freundlich, uns Details über die Bewohner des öſtlichen Flügels zu geben.“ „Dort beginnen allerdings die Appartements Ihrer Majeſtäten,“ erwiederte der Gefragte mit großer Wichtig⸗ keit,„doch iſt man auch von da mit zwei Schritten in dem Pavillon, den die Oberſthofmeiſterin der Königin bewohnt.“ „Ah, an dieſem Pavillon ſah ich Roſenthal heute Nachmittag, obgleich es ſcharf regnete, im Schritt und ſehr gedankenvoll vorüberreiten,“ bemerkte Baron Brenner. „Möglich das,“ antwortete Herr von Roſenthal in gleichgültigem Tone,„doch kann ich euch verſichern, daß ich durchaus keine Urſache habe, mir wegen der Oberſt⸗ hofmeiſterin der Königin, ſo ſchön und intereſſant die Gräfin Wildenow, dieſe prächtige Wittwe, auch iſt, einen Schnupfen zu holen— ich nicht.“ Das„ich“ hatte er ſehr ſcharf betont und, während er hierauf aus ſeinem Glaſe trank, einen feinen, ſcharfen Blick nach Graf Leo hinübergeſandt, den aber Niemand anders als dieſer bemerkte. „Ferner wohnt im öſtlichen Flügel die Staatsdame Gräfin von Pommerhauſen.“ „Uff“— machte Herr von Roſenthal. „Und zwei Ehrenfräulein.“ — 26— „Ah, die reizende Gräfin Ferrner,“ rief der Dragoner⸗ offizier,„geſtehe, wo Du geweſen biſt, Roſenthal!“ Dieſer ſchien bei der Nennung des letzten Namens in der That in Verlegenheit zu gerathen, er bewegte ſich auf ſeinem Stuhle hin und her, zog ſeine mächtigen kohl⸗ ſchwarzen Favorits bis tief auf die weiße Weſte herab, und ſagte nach einem längeren Stillſchweigen achſelzuckend: „Ihr habt da ſo viele und ſehr indiskrete Vermuthungen aufgeſtellt, daß ich wahrhaftig mit der Sprache heraus⸗ rücken muß, um Niemand zu kompromittiren.— Nun denn, ich komme ſoeben von Seiner Majeſtät.“£ „Ah, der Teufel,“ rief Graf Leo lachend,„zu dieſer Stunde!“ „Zu dieſer Stunde— nach dem Diner Seiner Majeſtät; ſeid ihr nun zufrieden, oder verlangt ihr auch etwas zu erfahren über den Vortrag, welchen ich die Ehre hatte vor dem Könige halten zu dürfen?“ Alle die Anweſenden, welche Roſenthal näher kannten, lachten herzlich über deſſen Ausſage, doch konnte ſich der Oberſthofmeiſter der Frage nicht enthalten, ob Seine Majeſtät in Uniform geweſen ſei. „Seine Majeſtät war allerdings in Uniform, und zwar in der Uniform ſeines Leibdragonerregiments, aus Artigkeit für den Prinzen Maximilian, Deinen hohen Chef, mein lieber Leo, welcher bei der Familientafel war,— — 275 das wird Seine Excellenz der Oberſthofmeiſter beſtätigen,“ ſetzte Roſenthal mit einer gefälligen Handbewegung gegen dieſen hinzu. „Das iſt allerdings wahr,“ erwiederte dieſer mit ſehr deutlichem Erſtaunen—„aber“— „Ja,— aber— Roſenthal,“ lachte der Hausherr, „ſei ehrlich, Roſenthal, und geſtehe, daß Du wieder ein⸗ mal brodirt haſt.“ „Ja, geſtehe das, Roſenthal.“ Dieſer trommelte leicht vor ſich auf den Tiſch, blickte Alle der Reihe nach mit großem Ernſte an und ſagte hierauf mit einem ſolchen Tone der Entſchiedenheit, daß ſogar Baron Brenner, der ihn bisher mit einem eigen⸗ thümlichen Lächeln von der Seite betrachtet, aufmerkſam wurde:„Seine Majeſtät waren höchſt gnädig, Seine Majeſtät klagten mir einigen Verdruß, den Allerhöchſt Dieſelben heute gehabt, und zwar das Departement Sei⸗ ner Excellenz des Herrn Oberſthofmeiſters betreffend.“ „Ah,— a— a— a— Herr von Roſenthal!“ „Man hat mich zum Reden gezwungen, und jetzt rede ich. Seine Majeſtät beklagten ſich über eine vergeſſene Einladung, Euer Excellenz müſſen am beſten wiſſen, ob der König dazu Urſache hat. Auch behauptet Allerhöchſt Derſelbe, der Menu ſeiner Tafel ſei nie ſo unbedeutend geweſen, wie in dem gegenwärtigen Augenblick.“ — 28— Hier lachten einige der Anweſenden, aber dießmal auf Koſten des Oberſthofmeiſters, der wegen ſeiner Sparſam⸗ keit bei Hofe berüchtigt war. Doch rief Graf Leo: „Genug, Roſenthal, genug, es wäre indiskret, weitere Mittheilungen über Deine Audienz zu verlangen!“ „Und doch kam noch ſehr Intereſſantes vor,“ fuhr dieſer mit unerſchütterlicher Ruhe fort.„Seine Majeſtät wußten, daß ich bei Dir zum Diner erwartet wurde, und ſagten mir ſehr Freundliches in Betreff Deines hochver⸗ ehrten Herrn Vaters.“ „Laſſen Sie mich aus dem Spiele, lieber Roſenthal,“ ſprach der ehemalige Miniſter des Auswärtigen mit heiterem Lächeln,„Sie müſſen mir zugeſtehen, daß ich nicht ſo indis⸗ kret war, die Mittheilungen Ihrer Abenteuer zu verlangen.“ „Gewiß nicht, Excellenz, aber um ſo mehr freut es mich, Ihnen mittheilen zu können, daß der König von Ereigniſſen ſprach, die nächſtens eintreten würden, von Ereigniſſen— Aenderungen, denen Höchſt Er ſelbſt mit großer Ungeduld entgegenſehe.“ „Ah, Kindereien!“ „Darauf gab er mir einen Auftrag an Seine König⸗ liche Hoheit den Kronprinzen, über den er etwas unge⸗ halten ſchien, und nachdem wir Beide, Seine Majeſtät und ich, unſere Cigarren ausgeraucht hatten, entließ er mich auf's Huldreichſte.“ „Nun, dieſer Schluß krönt den Meiſter,“ rief der Hausherr mit einem herzlichen Lachen, in welches faſt alle Andern einſtimmten, denn Alle wußten, daß dem Könige nichts ſo verhaßt war, als der Rauch einer Cigarre. Auch Roſenthal lachte mit, und ſagte alsdann:„Wenn Du mir jetzt etwas ſerviren laſſen willſt, ſo ſei es eine Deiner vortrefflichen Cigarren, nach denen ich ſchon lange ſchmachte.“ „So haſt Du in der That ſchon dinirt?“ „Ja und nein. Ich habe mir überhaupt das Eſſen ab⸗ gewöhnt, das heißt, einer meiner indiſchen Freunde, ein hoch⸗ berühmter Brahmine, hat mir eine Eſſenz geſandt, deren bloßer Duft alle unſere Mahlzeiten erſetzt, man wird da⸗ durch hinlänglich ernährt und geiſtig veredelt, ich werde es einmal ein Jahr lang verſuchen, und bin nebenbei über⸗ zeugt, dadurch hochberühmt zu werden, denn alle Welt wird von Roſenthal reden, der ſich ernährt, ohne zu eſſen, und der ſich dadurch zu einer unglaublichen Stufe geiſtiger Ver⸗ edlung erhebt— wer von meiner Eſſenz wünſcht, braucht es mir nur zu ſagen; Einige von euch können ſie brauchen.“ Seine Augen blieben bei dieſen letzten Worten auf dem Geſichte des Oberſthofmeiſters haften, der etwas nachdenklich in die leuchtende Flüſſigkeit ſeines goldfarbenen Marſala blickte, und der nach einer Pauſe ſagte:„Sie ſind ein großer Schelm, Herr von Roſenthal.“ — 39— „Man iſt eben, wie man iſt, Excellenz, doch darf ich Sie verſichern, daß ich zuweilen etwas vom zweiten Ge⸗ ſicht des Schottländers habe— allerdings nicht ererbt, aber erlernt. Es iſt das eine Wiſſenſchaft, zu der man in Indien mit leichter Mühe gelangt, hat aber auch ſeine unangenehmen Seiten. Die Gabe nämlich, Dinge zu erfahren, die entfernt von uns geſchehen ſind, und kann ich Sie in dem ſpeziellen Falle verſichern, daß Seine Majeſtät der König allerdings die von mir vorhin wieder⸗ holten Aeußerungen gethan.“ „Aber nicht, während er mit Ihnen eine Cigarre rauchte, Roſenthal!“. „Nein, Excellenz,“ entgegnete dieſer mit einer ver⸗ bindlichen Verbeugung gegen den Miniſter Wieneck. Die Diener hatten inzwiſchen die Deſſertsaufſätze ent⸗ fernt, das Tiſchtuch mit einem Anfluge von engliſcher Manier von allem Service geräumt, und einzelne Fla⸗ ſchen ſchweren Weines, ein herrlicher Marſala und ein paar ganz ausgezeichnete Bordeaux, hatten faſt bei Allen den ſchäumenden Champagner verdrängt, mit Ausnahme des Herrn von Roſenthal, welcher immer aus ſeinem großen Waſſerglaſe ruhig forttrank, und zwar in mächti⸗ gen Zügen, die aber weder auf ſeine Laune, noch auf ſeine Zunge, noch auf die Bläſſe ſeiner Wangen die ge⸗ ringſte Veränderung auszuüben ſchienen. Er hatte ſchon — 31— lange ſeine Cigarre angezündet, und auch die Andern folgten jetzt ſeinem Beiſpiele, ohne vorderhand die Ein⸗ ladung des Hausherrn anzunehmen, ſich in den anſtoßen⸗ den Salon zu begeben. „Später, denke ich, hatte der Baron Brenner geſagt, wenn dieſe kreiſenden Geſtirne“— damit meinte er die Fla⸗ ſchen—„an unſerem Horizonte verſchwunden ſind.“ „Und dafür das Wunderland Arabien uns ſeinen Mokka ſpendet, ſetzte Roſenthal mit einem träumeriſchen Blicke nach oben hinzu. „Alſo den Getränken haben Sie nicht entſagt?“ „Warum auch? Trinken erhebt unſern Geiſt, natür⸗ lich bis zu einem gewiſſen Grade, während uns das Eſſen ſchwer macht und an den Boden feſſelt; durch jenes wer⸗ den wir Schmetterling, durch dieſes Rieſenſchlange. Es gibt liebenswürdige Trinker, ja behagliche Säufer, wäh⸗ rend ich noch nie von einem angenehmen Freſſer gehört habe—— aber Du thuſt mir die Liebe,“ wandte er ſich an den Hausherrn,„uns ſpäter den Mokka auf orientaliſche Art zubereiten zu laſſen.“ „Gewiß.“ „Sie waren lange im Morgenlande, Herr von Roſen⸗ thal?“ fragte der Maler. „Verſchiedene Male einige Jahre.“ „Haben Sie Opium geraucht?“ — 32— „Man kann dem nicht entgehen, wenn man dort mit anſtändigen Leuten Umgang haben will.“ „Was hat unſer Freund nicht ſchon Alles probirt auf ſeinen weiten Reiſen durch die ganze Welt!“ warf der Muſiker leicht hin.„Nicht wahr, Sie ſind auch ſchon einmal Vampyr geweſen?“ Bei dieſer Frage brach ein ſcharfer Strahl, aber nur für eine Sekunde lag, aus den dunkeln Augen Deſſen, dem die Frage galt, dann gab er mit einem gemüthlichen Lächeln zur Antwort: „Ich habe es verſucht, fand aber keinen großen Ge⸗ ſchmack daran, ich verſprach mir den größten Reiz von der Angſt, dem verzweiflungsvollen Widerſtreben, fand mich aber darin ſehr getäuſcht, die Mücken flogen zu gerne in's Licht; die Zeiten müſſen ſich geändert haben, auch hat die ganze Sache kein großes Intereſſe mehr, ſonſt würde ich Ihnen, junger, ſtrebſamer Muſiker, mit Vergnügen zu einem dritten Operntext verhelfen, womit Sie vielleicht Ihre beiden Vorgänger verdunkeln könnten, und Ihren Namen bekannt machen, um einem längſt ge⸗ fühlten dringenden Bedürfniſſe abzuhelfen.“ „Wie gerne hätte ich alle die Wunder Deiner Reiſen mit⸗ erlebt!“ ſagte der Hausherr, um das Geſprächsthema zu än⸗ dern, indem er dem leicht verletzten Muſiker zuvorkam, der ſchon eine pikante Gegenrede auf der Zunge zu haben ſchien. — 33— „War es nicht am rothen Meere, wo Du eine Auſter ſo gezähmt hatteſt, daß ſie Dir überall wie ein Hund nachlief?“ „Nein, das war auf Madagaskar, doch erlebte ich dort noch etwas Anderes, was viel intereſſanter war. Wir fanden in den Gebirgen des Hochlandes einen ſo immenſe gypshaltigen Bach, daß jeder Gegenſtand, den man hineinwarf, zu Gyps wurde. Ein Neger unſeres Ge⸗ folges, der davon nichts wußte, und ſich unvorſichtiger Weiſe badete, mußte als Gypsfigur zurückgelaſſen werden, und ich kann euch verſichern, daß ich nie einen ſchreck⸗ licheren Anblick hatte, als dieſe ſchwarze Gypsfigur.“ „Wunderbar, Roſenthal, bravo!“ rief man lachend von allen Seiten, ſelbſt der Oberſthofmeiſter war dadurch aus ſeinen ernſten Gedanken aufgeſchreckt worden und lächelte ebenfalls, ſagte aber dann, indem er ſich langſam erhob: „jetzt iſt es aber genug, denn wenn wir ſo fortmachen, ſo werden wir Alle zu dem Gefühle von Gypsfiguren gelangen, Ihre Weine ſind zu ſtark, lieber Major.“ „So wollen wir den Geiſt derſelben mit Mokka dämpfen, wenn es den Herren gefällig iſt,“ ſprach der Hausherr; damit ſchritt er gegen das Nebenzimmer, deſſen Thür der Kammerdiener geöffnet hatte, und worin Alle eintraten, mit Ausnahme Roſenthal's, der bei ſeiner halbleeren Champagnerfaaſche ſitzen blieb. Hackländer, Geſchichten im Zickzack. I. 3 84 — 34— In dem kleinen Salon, wo der Kaffee ſervirt wurde, lehnte ſich der Oberſthofmeiſter gegen das Ka⸗ min und ſagte leiſe zu dem Miniſter von Wieneck:„Es iſt doch eine eigenthümliche Natur, dieſer Roſenthal, ein Mann von guter Erziehung, gebildet, voll Geiſt, und findet ein Vergnügen daran, dergleichen Geſchichten zu erfinden.“ 1 „Und daß er gerade nicht Alles erfindet, das iſt das Bemerkenswerthe bei ihm, ich habe ſchon häufig in ſeinen Plaudereien die Erzählung von Thatſachen gefunden, von denen ich erſtaunt war, daß er ſie wußte.“ „Ja— a— allerdings,“ erwiederte die andere Ex⸗ cellenz,„aber wenn man ſo brodirt, wie er, wenn man ſo ohne Rückſicht über alles Erdenkliche ſchonungslos ſpricht, ſo iſt es leicht möglich, daß ſeine Lügen hie und da den Schein von Wahrheit haben.“ „Aber er lügt ſo amüſant, und kann auch ſehr ernſt⸗ haft ſein.“ „Nun ja, er unterhält eine Geſellſchaft ganz leidlich, wenn er bei guter Laune iſt, ich finde aber kein großes Verdienſt darin, da er ſich unterſteht, Alles und an jedem Orte zu ſagen. Auf dem letzten Hofballe ging der König auf ihn zu, nachdem Seine Majeſtät mir vorher lächelnd geſagt: ‚Roſenthal ſoll mir eine dicke Lüge erzählen,“ und was glauben Sie, lieber Baron, welche Antwort er Seiner 3 55h Majeſtät auf Allerhöchſt Deſſelben Frage: warum ſo in Gedanken, lieber Roſenthal, gab?“ „Nun?“ „Majeſtät,“ ſagte er, ‚ich habe eben darüber nach⸗ gedacht, welch' ſchändliches Laſter das Lügen iſt.“ „Das war nicht ſchlecht, denn darauf war der König nicht mehr im Stande, eine Unwahrheit von ihm zu ver⸗ langen; doch wie ich vorhin ſchon ſagte, ſo kann er ſehr ernſthaft ſein, und ſehr zuverläſſig, und das müſſen Sie ihm zugeſtehen, wenn er einmal zu einer Unterhaltung in einer kleinen Geſellſchaft auf ſeine Geſchichten kommt, ſo kann er recht amüſant lügen.“ „Als wenn das eine Kunſt wäre, amüſant zu lügen!“ meinte der Oberſthofmeiſter. In dieſem Augenblick trat Der, von dem zwiſchen den beiden alten Herren die Rede war, langſam in's Zimmer, ging gerade auf das Kamin los und ſagte zu dem Miniſter von Wieneck:„Ich bin Euer Excellenz ſehr dankbar, daß Sie meine Partei gegen den Herrn L batſt hofmeiſter genommen.“ „Wie ſo, Herr von Roſenthal?“ fragte Dieſer unter einem Blick des höchſten Erſtaunens auf ſeinen Nachbar, mit dem er die eben gehabte Unterhaltung nicht nur ſo leiſe geführt hatte, daß er vollkommen überzeugt war, nicht einmal die drei Herren, welche rauchend nahe beim — 36— Kamine ſaßen, hätten auch nur eine Sylbe davon gehört, ſondern, weil auch der Muſiker am Flügel ſaß und eine rauſchende Phantaſie ſpielte. „Wie ſo, Herr von Roſenthal?“ ſagte jetzt auch der Oberſthofmeiſter. „Ich will alles Andere übergehen,“ entgegnete dieſer nach einer tiefen Verbeugung,„Alles, was meine Perſon betrifft, und will mir nur die Bemerkung erlauben, daß Euer Excellenz Unrecht thun, wenn Sie glauben, daß es ſo leicht iſt, amüſant zu lügen.“ „Habe ich das geſagt?“ „Vielleicht gedacht, und finden dieſen Gedanken ſo be⸗ greiflich als Fortſetzung unſerer heitern Tiſchgeſpräche.“ „Sie ſehen, wie erſtaunt ich bin, Herr von Roſen⸗ thal, denn allerdings ſagte ich Aehnliches.“ „Ich wußte es,“ erwiederte der Andere leicht hinge⸗ worfen. „Sie wußten es?“ „In Folge des zweiten Geſichtes,“ warf Graf Leo ein, da jetzt die Unterhaltung am Kamine mit lauter Stimme geführt wurde, indem er ſich auf ſeinem Fauteuil rückwärts wandte.. „Nein, ſondern in Folge einer Gabe, die ich beſitze, mir durch ein geiſtiges Schattenſpiel, das, ein Bild ver⸗ gangener Tage, an mir vorüberzieht, ganz analoge Fälle — 37— der Gegenwart zeigen zu laſſen— ich habe mich vorhin etwas dunkel ausgedrückt.“ „Sehr dunkel— doch das ſchadet nichts, Du wirſt uns ſchon in's Klare bringen.“ „Ich zweifle nicht daran, und zwar durch eine in zwei Minuten erzählte Geſchichte, welche dem Herrn Oberſt⸗ hofmeiſter beweiſen wird, ob ich Recht habe.“ „Setzen wir uns.“ „Meinetwegen, das kann aber auch ſtehend abgemacht werden. Zwei Große am Hofe Harun⸗al⸗Kaſchid's ſtritten ſich darüber, was ſchwerer ſei, ſtets die Wahrheit zu ſagen, oder ſtets zu lügen, d. h. amüſant zu lügen, und da jeder der Beiden eine der eben genannten Eigenſchaften glänzend vertrat, ſo beſchloſſen ſie einmal, zur Probe die Rollen zu wechſeln, der Mann der Wahrheit mußte lügen, der Lügner mußte die Wahrheit reden, und zwar vor den erhabenen Ohren des Beherrſchers aller Gläubigen— was war die Folge davon? es gab eine heilloſe Ver⸗ wirrung, in der ſich ſchließlich Niemand mehr zurecht⸗ fand, welche aber damit endete, daß der Mann der Wahrheit in Ungnade fiel und vom Hofe verbannt wurde, da er ſich durch die einzige Lüge, die er geſprochen, in ein ganzes Lügengewebe verſtrickt, weil er es nicht ver⸗ ſtanden hatte, amüſant und mit Logik zu lügen. Der Andere aber hatte ſich leicht in die Wahrheit hinein⸗ 1 — 38— gefunden und excellirte auch darin, wie früher in der Lüge.“ „Ein hübſches Märchen, Herr von Roſenthal.“ „Das an meinem Geiſte vorüberzog und auf Ihre eben gehabte Unterredung paßt.“ „Zugeſtanden denn,“ meinte würdevoll der Oberſthof⸗ meiſter,„und ohne Ihnen im Geringſten nahe treten zu wollen, muß ich meine Behauptung aufrecht erhalten, daß nicht viel dazu gehört, zu lügen und ſogar amüſant zu lügen.“ „Viel ſchwerer, als die Wahrheit reden, Excellenz, ich biete Ihnen eine Wette an. Sie ſind ein Mann der Wahrheit, die Welt weiß das; tauſchen wir denn, wie jene beiden Großen am Hofe Harun⸗al⸗Raſchid's, nur für ein einziges Mal die Rollen, und Sie werden ſehen, wie ſchwer es iſt, amüſant zu lügen.“ „Ich ſollte wiſſentlich eine Lüge ſagen!“ „Und zwar vor den Ohren des Beherrſchers der Un⸗ gläubigen, um zu ſehen, wie viel Kunſt dazu gehört, ſich auf dem glatten Boden des Lügens aufrecht zu erhalten.“ „Eine in der That komiſche Idee,“ ſagte der Oberſt⸗ hofmeiſter nach einigem Nachdenken. „Es ſoll nicht einmal eine Lüge ſein, die Ihr De⸗ partement betrifft, Ihren Dienſt, nur eine kleine, harmloſe Lüge in Gegenwart von wenigſtens Dreien von uns, K — 39— die wir hier anweſend ſind, und zu gleicher Zeit werde ich, um den Effekt zu erhöhen, die Wahrheit reden.“ „Vor Seiner Majeſtät?“ „Vor Seiner Majeſtät, in derſelben Stunde, ſobald ſich die Gelegenheit dazu gibt.“ „Ja, mein lieber Oberſthofmeiſter,“ ſprach der Mini⸗ ſter von Wieneck, als Jener zögerte, mit einem bedeutſamen Achſelzucken,„ich muß die Partei des Herrn von Roſen⸗ thal nehmen, Sie haben es für ſo leicht erklärt, amüſant zu lügen, und ich an Ihrer Stelle würde mich für ver⸗ pflichtet halten, die Wette anzunehmen.“ „Aber es iſt ſehr ſchwer, darüber eine Wette zu formuliren.“ „Im Gegentheil, ſehr leicht,“ meinte Herr von Roſen⸗ thal;„bringt Sie eine ganz harmloſe Lüge, die Sie ſagen, in irgend eine Ungelegenheit, ſo haben Sie verloren; wird aber Ihre Lüge ſelbſt oder in ihren Folgen amüſant ge⸗ funden, ja ſogar, wenn ſie ſpurlos und ohne Folgen vor⸗ übergeht, ſo haben Sie gewonnen.“ „Nun, dieſe Wette glaube ich eingehen zu können— und wie hoch?“ „Wir ſind hier unſer acht,“ antwortete Roſenthal, indem er die Anweſenden raſch mit einem Blick überflog, „alſo es gilt ein Diner zu acht bei Monſieur Robert, wozu der Gewinner den Menu beſtimmt.“ — 40— „Aber Sie haben ſich ja vorgenommen, nicht mehr zu eſſen?“ „Ganz richtig; ſo werde ich im Trinken mein Mög⸗ lichſtes thun.“ 3 „Gut, ich nehme die Wette an.“ 1 „Abgemacht, die Herren hier ſind Zeugen und Jeder verpflichtet ſich natürlicher Weiſe, den Gegenſtand der Wette Niemand wiſſen zu laſſen.“ —„Das verſteht ſich von ſelbſt.“ „Alſo ich werde vor Seiner Majeſtät zum erſten Male in meinem Leben eine Lüge ſagen.“ „Und ich gleich darauf die Wahrheit ſprechen.“ Zweites Kapitel. In der erſten Wendung, grüne Wieſen und blauer Himmel. Nach dieſer Unterhaltung, die ziemlich lebhaft und lachend geführt worden war, trat bei dem orientaliſch zubereiteten Kaffee und bei vortrefflichen Cigarren eine Pauſe behaglicher Ruhe ein. Die meiſten der Anweſenden hatten ſich auf die bequemen Fauteuils und Divans ge⸗ lagert, und lauſchten den prächtigen Tönen, welche die Finger des Muſikers dem Flügel entlockten. Es waren freie Phantaſieen über einige Kompoſitionen oder über ſonſtige Themas, wie ſie ihm gerade einfielen, wobei es ihm Vergnügen zu machen ſchien, ſein etwas düſteres, melancholiſches Auge über die Anweſenden ſchweifen zu laſſen, um die Wirkung dieſer oder jener Melodie auf den mehr oder minder belebten Mienen ſeiner Zuhörer abzuleſen. Am gleichgültigſten erſchien hiebei Roſenthal, der in einem Fauteuil ausgeſtreckt lag, die rechte Hand unter ſein Haupt gelegt hatte und während er mit gleichmäßigen Zügen rauchte, finſter vor ſich niederblickte. Der Maler Arthur befand ſich hinter dem Flügel an einem kleinen Tiſchchen, wo er im Scheine von ein paar Wachskerzen etwas in ein Album zeichnete. „Außerordentlich,“ flüſterte ihm Graf Leo zu, der aus dem Vorzimmer zurückkommend, bis wohin er die beiden Excellenzen und den Baron Brenner begleitet hatte, ihm über die Schulter blickte,—„ich ſah nie etwas Aehn⸗ licheres.“ „Da werde ich wohl wieder einmal herhalten müſſen!“ meinte Roſenthal, ohne übrigens ſeine Lage zu ändern. „Laß doch ſehen!“ ſagte der Muſiker den Flügel ver⸗ laſſend,„in der That ſehr gut.“ „Nicht wahr?“ lächelte der Künſtler ſelbſt, indem er den Kopf zurückbog, um ſeine Arbeit aus größerer Ent⸗ fernung zu betrachten,„und dieſer Mann mit dem düſtern Blick, mit der faſt hoffnungslos ernſten Miene, das iſt der wahre Roſenthal, alles Andere iſt Maske— da, ſchauen Sie ſelbſt!“ Der Major brachte dem Betreffenden das Album, und nachdem dieſer lange hineingeſchaut, bemerkte er in nachläſſigem Tone:„Sie ſind ein wunderbarer Menſchen⸗ kenner, Arthur, es iſt wahr, dieſe finſtere Miene gehört — zu meinem eigentlichen Geſichte, alles Andere iſt Maske; glauben Sie das mir und ſich ſelbſt.“ „Jetzt möchte ich es beinahe nicht glauben.“ „Pfui, wer wird einen harmloſen Menſchen ſo belei⸗ digen, ſeid doch zufrieden, daß ich eure langweilig Diners und Soiréen hie und da ein Bischen erheiten ohne ſelbſt das Geringſte davon zu haben, als Langes weile. Es iſt wahrhaftig wahr, Leo,“ wandte er ſich an den Hausherrn,„man ſollte nach jedem Diner ſtehend ſeinen Kaffee nehmen und dann ſchleunigſt ſeinen Hut, um ſich und Anderen nicht läſtig zu werden, und ſo will ich es auch jetzt machen!“ Er erhob ſich langſam von dem Fauteuil. „Was haſt Du für heute Abend vor?“ fragte der Major. „Nun, das iſt doch einmal eine richtige Frage; ge⸗ wöhnlich heißt es: was thuſt Du heute Abend? und wie kann man darauf eine Antwort geben? Weiß Einer von uns, was er heute Abend noch thun wird?— Gewiß nicht. Sie vielleicht, Herr von Mittow, der Sie mich mit einem ſo kühnen und zuverſichtlichen Blicke anſchauen?“ „Warum nicht? ich möchte überzeugt ſein, daß ich mich in einer Stunde auf einem Balle befinde, und mich dort köſtlich amüſiren werde.“ — 44— „Möglich, doch treibt Ihnen auch dort vielleicht die Strömung etwas entgegen, was Ihre gute Laune ſtören kann, wenn Sie ſelbſt nicht noch wo anders hingetrieben werden.— Doch genug, ich habe vor, mich eine halbe Stunde auf dem Rout des Geheimen Raths Felſing zu langweilen und dann ſpäter den Ball Seiner Excellenz des Miniſters des Auswärtigen zu beſuchen— man muß mit den Wölfen heulen, lieber Leo, beſonders ich, von dem manche Leute behaupten, ich ſei eigentlich ein verkappter Währwolf oder ein Vampyr— ja ſchauen Sie nur auf, junger ſtrebſamer Muſiker, aus dem Notturno, das Sie da eben ſpielen, klingt dieſer Gedanke recht friſch hervor, und wenn ich das Albumblatt unſeres guten Arthur be⸗ trachte, ſo braucht man nur etwas Mondſchein, der mir das gebrochene Auge beleuchtet, und Lord Ruthwen iſt fertig— aber ich bin ganz von meinem eigenen Thema abgekommen, ich wollte nur meinen Plänen zu Rout und Ball hinzufügen: das habe ich allerdings vor, aber wer weiß, wohin mich Wind und Strömung treiben, beſonders an einem ſtürmiſchen Abend, wie der heutige— und nun behüt' euch der Himmel miteinander.“ Er nickte hierauf leicht mit dem Kopfe, verbat ſich alle Begleitung und verſchwand im Vorzimmer. Auch der Offizier von Leo's Regiment hatte ſich wäh⸗ renddem entfernt und es blieb Niemand im Salon, als — ⏑—x—jjj—— — 45— der Herr des Hauſes, der Maler und der Muſiker. Letz⸗ terer verließ den Flügel und ſetzte ſich auf einen Wink des Grafen dieſem und Arthur gegenüber an das lodernde Kaminfeuer,„wenn wir dadurch keine Indiskretion gegen Ihre Zeit begehen,“ ſagte er. „Durchaus nicht; es iſt eben ſieben Uhr vorüber und ich habe erſt um halb neun Uhr meinen Wagen beſtellt, um ebenfalls auf den Ball des Miniſters zu fahren; Unſer⸗ einer darf dabei nicht fehlen. Mit welcher Arbeit ſind Sie gerade jetzt beſchäftigt, lieber Arthur?“ fragte er dieſen. Der junge Maler ſchaute gedankenvoll in die glühen⸗ den Kohlen und gab erſt nach einer Pauſe zur Antwort: „Ich bin da mit einem eigenthümlichen Bilde beſchäftigt, mit einer räthſelhaft geheimnißvollen Arbeit.“ „Wenn dem ſo iſt, lieber Freund, ſo entſchuldigen Sie meine Frage.“ „Wozu ich durchaus keine Urſache habe; ich hätte von ſelbſt darüber geſprochen, um Ihnen den Grund anzu⸗ geben, weßhalb ich Ihnen in der nächſten Zeit mein Atelier ſelbſt auf die verabredeten Zeichen hin nicht öffnen kann, und auch Dir nicht, Neuburg.“ „ SDas genügt vollkommen.“ „Und doch iſt es mir ein Bedürfniß, über dieſen Auf⸗ trag hier mit euch zu reden. Er iſt gar ſo eigenthüm⸗ — 46— licher Art und ich kann das, ohne auch nur die geringſte Indiskretion zu begehen. Vor einigen Tagen betrat eine dichtverſchleierte Dame mein Atelier, über deren jugendliche, ganz außerordentliche Schönheit ich ganz frappirt war, nachdem ſie ihren Schleier zurückgeworfen. Es war eine Fremde, aber, obgleich ſie franzöſiſch mit dem reinſten Accent ſprach, konnte ich ſie doch für keine Franzöſin halten, eher für eine Ruſſin oder Polin, wogegen ihr zarter, blendend weißer Teint und ihr prachtvolles, aſch⸗ blondes Haar mich auf die Vermuthung führte, daß ſie eine Engländerin ſei. Die Dame beauftragte mich, ſie zu malen, aber nicht ſo, wie ſie vor mir ſtand, in der ſchönſten Blüte der Jugend, ſondern als Todte, als Leiche.“ „Ah— das iſt eine kraſſe Idee.“ „Gewiß, aber für mich ein intereſſanter Auftrag; allerdings machte ich einige Einwendungen, die ſie aber lächelnd, doch mit der ſehr bbeſtimmten Bemerkung ab⸗ ſchnitt, es ſei ſo ihr Wunſch und ſie müſſe recht ſehr be⸗ dauern, wenn ich ſie durch meine Weigerung nöthige, ſich an einen andern Künſtler zu wenden; ‚Ihrem Rufe kann das durchaus nicht ſchaden, ſetzte ſie hinzu, ‚zund das Bizarre meines Wunſches wird ſich vermindern, wenn ich Ihnen ſage, wie ich das Bild gemalt zu haben wünſche.““ „Darauf bin ich in der That begierig.“ — 415— „Sie kennen jenen ſchönen franzöſiſchen Kupferſtich, wo die Leiche eines jungen ſchönen Weibes mit gebun⸗ denen Händen vollkommen ſichtbar dicht unter dem klaren Spiegel eines hellen Sees ſchwimmt, auf wahrhaft poetiſche Art veredelt durch einen goldenen Heiligenſchein, der wie ein leuchtender Reif über dem ſchönen Haupte der Unglück⸗ lichen ſchwebt.“ „Es iſt das Bild einer Märtyrerin, der Stich nach einem Gemälde von Paul de la Roche— ich kenne es wohl,“ ſagte Graf Leo. „Sie legte mir das ſchöne Blatt vor,“ fuhr der Maler fort,„und ich mußte ſogleich die Sitzung be⸗ ginnen.“ „Wobei wohl das Schwierige war, die ſchöne Unbe⸗ kannte in richtige Lage zu bringen?“. „Ganz und gar nicht, ſie machte das Alles mit einem Geſchick, einem Verſtändniß, worüber ich als Künſtler entzückt war. Sie löste ihr reiches blondes Haar, wel⸗ ches beinahe die halbe Geſtalt verhüllte, ſie faltete die Hände, und als ſie nun ſo vor mir auf meinem Divan ruhte und mit einem reizenden Lächeln gefragt hatte, ob ich bereit ſei, an ihrem Kopfe zu beginnen, und ich dieſe Frage bejaht, erſtarrten ihre Züge und nahmen ſo erſchreckend den Ausdruck des Todes an, daß es mich förmlich durch⸗ ſchauerte.“ — 4148— „Seltſam in der That— wie weit iſt Ihre Arbeit gediehen?“ „Ich hatte heute die vierte Sitzung, habe aber den Kopf faſt beendigt, denn ich muß geſtehen, daß mir nie Jemand mit ſolcher Ausdauer geſeſſen, wie jene Unbe⸗ kannte. Ihr ſchönes Geſicht ſcheint dabei förmlich zu er⸗ ſtarren, und ein paar Mal habe ich ängſtlich hingeſchaut, da ich weder um ihre feinen Lippen, noch um ihren herr⸗ lichen Buſen die geringſte Bewegung des Athmens wahr⸗ nahm, und ich wahrlich glücklich war, wenn ſie endlich auf meine wiederholte Aufforderung ihr ſchönes, mildes, wundervolles dunkles Auge aufſchlug— ja ſie hat bei hellblondem Haar die glänzendſten braunen Augen und dunkle Brauen, was von überwältigender, magiſcher Wir⸗ kung iſt.“ „Arthur, Arthur, nehmen Sie ſich in Acht!“ ſagte heiter Graf Leo,„wenn ich auch Ihren Enthuſiasmus als Künſtler vor einer vollendeten Schönheit wohl verſtehe, ſo haben Sie doch bei der Beſchreibung Ihrer Unbekannten gar zu glühende Prädikate gebraucht— ich wiederhole es, nehmen Sie ſich in Acht, junger Mann!“ „Unbeſorgt,“ antwortete der Maler, und wenn er auch bei dieſem Worte zuverſichtlich lächelte, ſo blickten doch ſeine Augen mit einem etwas ſehr ſchwärmeriſchen Ausdruck in die Glut des Kaminfeuers, ja er that einen — 49— tiefen Athemzug, ehe er fortfuhr:„Allerdings wäre es ſchlimm für uns Künſtler, wenn wir nicht im Stande wären, nur mit den Augen und der Hand zu malen.“ „Und Arthur iſt als ein ſchroffer Fels bekannt in⸗ mitten der Brandung der ſchönen Damen, die er malt, ſowie gefährlicher Modelle,“ bemerkte der Muſiker. „Gewiß— aber Jeder hat ſeine Stunde,“ verſetzte Graf Leo.„Schade, daß wir dieſen wunderbaren Kopf nie zu ſehen bekommen, oder vielleicht erſt nach langen Jahren, denn ich bin überzeugt, Arthur malt aus dem Gedächtniß für ſich eine Kopie.“ „Und Du haſt keine Idee, wer die Fremde iſt?“ „Nicht die geringſte! Bei der erſten Sitzung ſagte ſie mit liebenswürdiger Offenheit, ſie ſei überzeugt, ich würde ebenſowenig einen Verſuch machen, zu erfahren, wer ſie ſei, als das Bild irgend Jemand zeigen, und gab mir die Verſicherung, daß alle Nachforſchungen nach ihr ver⸗ gebens ſein würden, ſie aber veranlaſſen müßte, das Bild unvollendet zu laſſen.“ „Forſchen wir alſo nicht weiter nach,“ ſagte Graf Leo,„und indem ich Ihnen für Ihre intereſſante Mit⸗ theilung danke, wollen wir verſuchen, dieſelbe zu ver⸗ geſſen.“ In dieſem Augenblicke ſchlug die Uhr am Kamin die achte Stunde und veranlaßte die beiden jungen Leute, ſich Hackländer, Geſchichten im Zickzack. I. 4 — 50— mit freundlichen Worten von ihrem liebenswürdigen Wirthe zu empfehlen. Vor dem Hauſe nahmen ſie die Richtung nach links, während wir den geneigten Leſer im Intereſſe unſerer klei⸗ nen Geſchichten erſuchen müſſen, mit uns die Richtung nach rechts einzuſchlagen, und zwar auf demſelben Wege, den Herr von Roſenthal vor einer kleinen halben Stunde gegangen war. Der Wind hatte ſich ſchärfer erhoben und ſo die ſchwe⸗ ren Wolken verhindert, für den Augenblick wenigſtens Regen und Schnee auf die ſchon genügend durchnäßten Straßen niederzuſenden, aus welchem Grunde Herr von Roſenthal, ſtatt ſich nach dem nächſten Fiakerſtande zu begeben, dicht an den Häuſern vorbei über die trockenen Trottoirplatten ſchritt; doch ſchien er, nachdem vielleicht zehn Minuten dahin gegangen waren, ſeine Idee geändert zu haben, blickte, bei einer Gaslaterne angekommen, auf ſeine Uhr und ging dann ſchräg über die Straße hinüber einem freien Platze zu, von wo er den rothen, dunſtigen Schein einer Wagenlaterne durch die Finſterniß herüberſchimmern ſah. Bei dem Fiaker angekommen, ſagte er ihm, daß er ihn auf die Stunde nehme, war aber nicht wenig erſtaunt, indem er ſich nun leicht in den geſchloſſenen vierſitzigen Wagen ſchwang, dort unverhofft mit Jemand zuſammenzuſtoßen, der zu gleicher Zeit haſtig von der andern Seite hereinſprang. — 51 „Ich dachte, ich wäre bis jetzt allein geweſen,“ ſagte Herr von Roſenthal,„und erinnere mich auch nicht, Ge⸗ ſellſchaft eingeladen zu haben, verſtehen Sie, mein guter Freund!“ „O ja, o ja,“ gab die dünne Stimme eines jungen Menſchen zur Antwort,„das könnte ich gerade auch ſo ſagen, denn ich erreichte eher den Wagen, als Sie.“ „Möglich, ich aber nahm ihn für mich, indem ich dem Kutſcher meine Adreſſe ſagte, und wenn es Ihnen Ver⸗ gnügen macht, mich zu begleiten, ſo können Sie ſehen, wo ich wohne.“ „O je, o je, das wäre ja ganz verflucht, und wo ſoll ich bei dieſem Hundewetter ſogleich einen andern Wagen finden?“ „Das iſt allerdings ſchwer zu beantworten, aber Ihrem Aeußern nach ſcheinen Sie mir noch ſehr jung zu ſein, auch in nicht zu gewählter Toilette, und könnten ſich auch ferner wohl Ihren eigenen Beinen anvertrauen, ſowie Ihrem ſchon ziemlich naſſen Plaid.“ „Von mir iſt ja gar nicht die Rede,“ gab der Andere mit kläglicher Stimme zur Antwort,„ich hatte es leider vergeſſen, für meinen Prinzipal einen Wagen zu beſtellen, und war nun ſo glücklich, hier noch einen zu finden. O je, o je, was wird das geben, wenn ich nun doch keinen bringe!“ „Ja, ſehen Sie, man muß in der Jugend nicht ver— geßlich ſein,“ erwiederte lächelnd Herr von Roſenthal, den die Angſt ſeines kleinen und dünnen Nachbars beluſtigte, welcher, einen naſſen, grauen Plaid um die Schultern, im Wagenſchlage ſtehen geblieben war und dort von einem Fuß auf den andern trippelte, was allerdings einen komiſchen Anblick gewährte. genug ergehen.“ „Wer iſt denn Ihr Prinzipal?“ „Herr Johann Jakob Mirbel, Chef der Firma Mirbel und Compagnies.“ „Und was will Herr Mirbel ſo ſpät am Abend mit einem Wagen? ich würde ihm rathen, zu Hauſe zu bleiben; die Nacht iſt keines Menſchen Freund.“ „Da hat ſich was zu rathen, Herr Mirbel iſt ſchon angezogen, um auf den Ball zu gehen mit ſeiner Schwe⸗ ſter und ſeiner Tochter, das wird eine ſchöne Geſchichte werden!“ „Ah, es ſind Damen im Spiele, das iſt etwas An⸗ deres, und die Damen des Herrn Mirbel warten auf den Wagen, den Sie junger Menſch ſträflicher Weiſe vergeſſen?“ „Ach ja, ſo iſt es.“ „Und deßhalb ſoll ich ausſteigen, und in dieſem Hunde⸗ Das hilft nun Alles nichts mehr, mir wird es ſchlecht wetter, wie Sie zu ſagen beliebten, zu Fuß nach Hauſe gehen?“ „Ach ja, das wäre das Beſte.“ „Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, aber ich habe gar keine Luſt auszuſteigen.“ „O, das wäre ganz verflucht, ſo hätte ich meine Zeit unnütz verloren.“ „Ich will Ihnen einen Vorſchlag machen, junger leicht⸗ ſinniger Mann! Ich habe noch eine Stunde oder ſo etwas Zeit, will mit Ihnen fahren an das Haus von Mirbel und Compagnie, und dort dieſen Herrn, ſowie ſeine Schweſter und Tochter in meinem Wagen auf den Ball führen. Mehr können Sie nicht von mir verlangen, und ſich gratuliren, daß Sie in mir einen Mann von ſo ge⸗ fälliger Laune gefunden haben. Sie könnten jetzt ſechs Straßen auf und ab traben, ohne um dieſe Zeit einen ſo anſtändigen Wagen zu finden, kaum einen elenden Ein⸗ ſpänner.“ „Und ſonſt würden Sie mir den Wagen unter keiner andern Bedingung überlaſſen?“ „Sonſt unter keiner, junger Handelsmann, aber machen wir ein Ende mit dieſen Plaudereien.“ „So haben Sie denn die Güte,“ ſagte der Andere in recht kläglichem Tone,„und fahren mich an unſer Haus, ich werde dem Kutſcher die Adreſſe angeben und dann 4= will ich hinaufſpringen und Alles droben melden, wie Sie es geſagt haben.“ „Gut, gut, thun wir ſo.“ Herr von Roſenthal lehnte ſich in die Ecke, und nach⸗ dem der junge Menſch dem Kutſcher ſeine Adreſſe zuge⸗ rufen, fuhr der Fiaker davon. „Wer weiß,“ dachte Herr von Roſenthal,„ob das nicht der Anfang eines kleinen artigen oder wenigſtens nutzbringenden Abenteuers iſt; es wäre unverantwortlich leichtſinnig von mir, den Zufall, der mir ſo einen Finger entgegenſtreckt, nicht zu ergreifen.“ Seine Augen hatte er geſchloſſen, doch nicht ſo feſt, um nicht zwiſchen den Wimpern hindurch bemerken zu können, daß der junge Menſch neben ihm aufrecht, ohne ſich anzulehnen, offen⸗ bar mit einem unbehaglichen Gefühl, daſaß und ihn forſchend betrachtete, wenn der Schein der Gaslaternen, an denen ſie vorüberrollten, durch den Wagen ſtrich.„Wer iſt Mirbel und Compagnie?“ fragte er jetzt, wobei er ſeinen Nachbar ſo plötzlich mit ſeinen dunklen, durchdrin⸗ genden Augen anblickte, daß Jener ſcheu auf den Boden ſchaute, während er zur Antwort gab:„Mein Prinzipal.“ „Das weiß ich, aber welche Art von Geſchäft be⸗ treibt er?“ „Wir handeln mit Kolonialwaaren en gros, machen auch nebenbei kleine Bankgeſchäfte.“ — 55— „Welche Etage bewohnt Herr Mirbel?“ „Er bewohnt ſein eigenes Haus— unten ſind die Geſchäftslokale.“ „Und warum hat ein Mann, wie Ihr Prinzipal, keine eigene Equipage?“ fragte Herr von Roſenthal plötzlich nach einer längeren Pauſe, während welcher es ſchien, als ſei die Unterredung zwiſchen Beiden beendigt,„ein Mann, der ein Kolonialgeſchäft en gros, ſowie ein eigenes Haus beſitzt, der auch Bankiergeſchäfte betreibt, alſo ein reicher Mann ſein muß?“ „O, wir haben auch einen eigenen Wagen und eigene Pferde,“ erwiederte der Andere in kläglichem, verdrieß⸗ lichem Tone,„aber was kann ich dafür, daß ein Pferd heute Abend plötzlich krank geworden iſt!“ Daß er vergeſſen hatte, bei dem Lohnkutſcher des Hauſes ſchon heute Nach⸗ mittag einen Wagen zu beſtellen, verſchwieg er allerdings, und ſetzte erſt nach einer Pauſe hinzu:„Ja, ein Pferd hat ſich am Fuß verletzt— ſonſt hätte ich keinen Wagen zu holen brauchen, was jedenfalls für mich angenehm geweſen wäre— doch da ſind wir ſchon.“ „Gut, ſo gehen Sie hinauf und erzählem Ihrem Herrn Prinzipal, unter welchen Bedingungen Sie einen Wagen erhalten hätten. Da— nehmen Sie dieſe Karte, damit wir uns Beide legitimiren.“ „O je, o je, wenn das ſchon vorüber wäre!“ 56 Nach dieſen Worten ſprang der junge Menſch eilig in das große und anſehnliche Haus hinein und dann die breite, erleuchtete Treppe hinauf. Oben brauchte er nicht an der Klingel der Glasthüre zu ziehen, denn dieſe war von dem anſtändig und ſehr ſauber gekleideten Stuben⸗ mädchen, welches das Anfahren des Wagens gehört hatte, bereits geöffnet worden, und er wurde mit den Worten empfangen:„Bringen Sie endlich einen Wagen? Nun Sie ſind lange genug ausgeblieben und können ſich gratuliren, daß die Großmama ſoeben erſt zum Thee in's Zimmer gekommen iſt.“ „O je, o je, einen Wagen hätten wir allerdings, aber mit einem Herrn darin.“ „Kindereien,“ entgegnete das Dienſtmädchen mit großem Erſtaunen,„reden Sie doch vernünftig!“ „Das werde ich auch thun,“ ſagte der Andere leiſe und in ängſtlichem Tone,„aber rufen Sie mir unter irgend einem Vorwande Herrn Mirbel heraus, aber ſchnell, wenn ich bitten darf!“ „Na, Sie treiben wieder einmal Geſchichten— doch da kommt der Herr ungerufen.“ Es war allerdings Herr Mirbel, der auf den Veſtibul hinaustrat und dem es aufgefallen war, daß längere Zeit, als nöthig, verſtrich, ehe ihm gemeldet wurde,„der Wagen ſei da“. Sein Befremden hierüber verwandelte ſich aber 3 *⁴ in ein gerechtes Erſtaunen, als ihm ſein Lehrling mit ge⸗ ſenktem Blick und einem ängſtlichen Tone die Bedingungen mittheilte, unter denen er den einzigen Wagen erhalten, welcher um dieſe Zeit überhaupt noch in den Straßen der Stadt aufzufinden geweſen ſei. „In den Straßen der Stadt allerdings,“ entgegnete der Prinzipal in ſtrengem Tone,„doch wir wollen mor⸗ gen früh über Ihre Vergeßlichkeit, einen Wagen bei meinem Hauskutſcher beſtellt zu haben, weiter reden.“ „———— und der Herr— da unten im Wagen — o— o— o— oh...“ „Gehen Sie in das Comptoirzimmer hinunter, ich werde jetzt wieder, wie ſchon ſo oft, verſuchen, Ihre Dummheiten gut zu machen.“ Damit trat Herr Mirbel in das Wohnzimmer zurück, wo ſeine ernſte, wichtige Miene, ſowie die Karte, die er ſehr ſichtbar in der Hand trug, den dort Anweſenden deutlich zeigte, daß ſich etwas Außergewöhnliches begeben habe. Dieſe Anweſenden beſtanden in vier Damen von ſehr verſchiedenem Alter. Um oben anzufangen, ſaß eine ſehr bejahrte Dame, deren weißes Haar förmlich hervorleuch⸗ tete unter der kleinen Haube, in einem bequemen Lehnſeſſel am oberen Ende eines wohl beſetzten Theetiſches. Es war dieß eine Frau mit einem wohlwollenden, feinen Geſichte 58 und klugen, freundlichen Augen. Neben ihr ſtand ein junges, blühendes Mädchen, eine ſchöne, volle Geſtalt, mit einem gutgeformten Geſichte, glänzenden Augen, reichem ſchwarzem Haare in einer geſchmackvollen Balltoilette, gelb mit ſchwarzen Spitzen und rothen Schleifen. Sie hatte ſich zu der alten Frau, ihrer Großmutter, hinabge⸗ beugt, und dieſe flüſterte ihr lächelnd etwas in's Ohr, wobei ſie mit einem ſchalkhaften Blick nach einer andern Dame ſchaute, welche Thee trinkend am Tiſche ſaß, und deren Balltoilette ein wenig zu jugendlich war, um zu ihrem vorgerückten Alter ſonderlich zu paſſen. Gegenüber derſelben befand ſich vor der Theemaſchine und mit Ein⸗ gießen in die Taſſen beſchäftigt die vierte Dame, dieſe aber in einem einfachen Hauskleide, ganz aus ſchwarzem Stoff beſtehend; unverkennbar waren dieſe beiden zuletzt erwähnten ältern Damen Schweſtern des nun wieder ein⸗ getretenen Hausherrn, denn ſie hatten den gleichen Ge⸗ ſichtsſchnitt, wie dieſer, etwas harte Züge, weit hervor⸗ ſtehende knöcherne Naſen, ſehr wenig Lippen, aber deſto größere Augen, welche alle Drei, beſonders aber die ältere Dame in Balltoilette, gerne über die Gebühr weit aufzureißen liebten, und dieſe Gewohnheit kam jetzt, nach⸗ dem Herr Mirbel über den Fremden drunten im Wagen berichtet, mit vollem Rechte zur Geltung. Drei Paar große, matte, graue Augen ſchauten ſich mit dem Ausdruck des grenzenloſeſten Erſtaunens gegenſeitig an, und wandten ſich dann fragend zur Großmutter hinüber, nachdem Herr Mirbel ihr die Viſitenkarte überreicht. „Kammerherr von Roſenthal.“ Die alte Dame zuckte mit den Achſeln, indem ſie wiederholte:„Kammerherr von Roſenthal,“ und dann hinzuſetzte:„Ich habe dieſen Namen nie gehört.“ „Ich auch nicht,“ ſagte Herr Mirbel,„das iſt auch jetzt Nebenſache, Mama, entſcheiden Sie gefälligſt, was darin zu thun iſt.“ „Wen hatteſt Du nach dem Wagen geſchickt?“ fragte die alte Dame nach einer kleinen Pauſe,„nicht wahr, Deinen dummen Schettel? Wer weiß, was der Bub da wieder angerichtet hat. Der Herr da unten im Wagen präſentirt ſich unter einem anſtändigen Titel, ich halte es für Pflicht, ihn heraufzubitten. Meinſt Du nicht auch, Aurelie?“ wandte ſie ſich an die Dame im Hauskleide. Doch gab dieſe in einem ſehr gleichgültigen Tone zur Antwort:„Frage doch lieber Seraphine, Du weißt, daß ich in ſolchen Dingen nie einen Rath ertheile, oder frage Deinen Liebling Helene, welche offenbar den größten An⸗ theil an dieſer Karte zu nehmen ſcheint.“ Alle Augen wandten ſich gegen das junge Mädchen, welches die Karte nicht nur von allen Seiten betrachtet hatte, ſondern die auch jetzt bei den Worten der Tante — 60— Aurelie tief erröthete, aber gewiß in aller Unſchuld, viel⸗ leicht auch, weil Tante Seraphine ſie mit ſehr ſtrenger Miene betrachtete, und mit Augen, die nicht nur die graue Iris, ſondern ringsumher das Weiße ſehen ließen ——„ſollte dieſer Herr vielleicht in Uniform ſein?“ fragte ſie in ſcharfem Tone,„und trägt vielleicht einen andern Namen, als den auf der Karte?“ „Aber Tante Seraphine!“ „O die jungen Herren der jetzigen Zeit ſind zu allen Tollheiten fähig, namentlich jungen Damen gegenüber, die ſich durch ein herausforderndes Betragen bemerklich machen.“ „Das thu' ich doch gewiß nicht, Tante Seraphine,“ ſagte das junge Mädchen in einem empfindlichen Tone, „mag er in Civil ſein oder in Uniform, ich kümmere mich um keinen Lieutenant in der ganzen Armee.“ „Aber Kinder, jetzt iſt doch nicht die Zeit, dergleichen zu erörtern,“ ſprach dringend Herr Mirbel,„Mama, was ſoll geſchehen?“ „Man läßt den Herrn bitten, heraufzukommen, dann wird ſich das Weitere finden,“ entſchied die alte Dame. Als der Hausherr hierauf eilig das Zimmer verlaſſen hatte, wandte Tante Aurelie langſam das Geſicht gegen ihre Nichte und ſagte:„Seraphine hat ganz Recht, Du ſprichſt mit einer Keckheit in Alles und über Alles, die in — — 61— Erſtaunen ſetzt, und daran iſt Mama ſchuld, die Dir Alles durchgehen läßt. Erinnerſt Du Dich wohl, Sera⸗ phine, ob wir uns wohl in unſerer Jugend dergleichen erlaubt hätten?“ „Nein, ich erinnere mich wahrhaftig nicht,“ antwor⸗ tete Tante Seraphine mit einem niederſchmetternden Blick auf ihre junge ſchöne Nichte, worauf dieſe allerdings etwas kleinlaut, aber mit einem ſchelmiſchen Zucken um die Mund⸗ winkel entgegnete:„Ach, ich glaube es wohl, Tante Seraphine, daß Sie ſich deſſen nicht mehr erinnern, es iſt auch gar zu lange her.“ Doch war Tante Seraphine zu erhaben, um dieſe kleine boshafte Anſpielung verſtehen zu wollen, überhaupt mit ihrer Strafpredigt noch nicht fertig, die ſie noch ein paar Minuten lang fortſetzte und dann mit den Worten ſchloß:„Ueberhaupt gibt es Dinge, Mademoiſelle Helene, die ein junges, wohlerzogenes Mäd⸗ chen in Ihrem Alter gar nicht einmal in den Mund nehmen ſoll, Du wirfſt nur ſo um Dich herum mit Herren vom Civil und vom Militär, pfui, ſchäme Dich— und was ge⸗ wiſſe Offiziere anbelangt, ſo werde ich heute Abend auf dem Balle meine Augen offen behalten, ſo weit als mög⸗ lich.“ Die letzten Worte verſtärkte ſie durch ein ſo außer⸗ ordentliches Aufreißen ihrer Sehwerkzeuge, daß ſich Helene mit einem allerdings affektirten Erſchrecken hinter der Großmutter verbarg. Da öffnet ſich die Thür, und vor dem Hausherrn trat Herr von Roſenthal in das Zimmer. Durchaus nicht verlegen, durchaus nicht ſchüchtern, ſondern mit jenen freien, angenehmen Manieren, die den Mann der feinen Welt kennzeichnen, und die, wenn ſie das richtige Maß halten, ſo geeignet ſind, auch Andern eine oft ge⸗ rechtfertigte Befangenheit zu nehmen. Herr Mirbel nannte dem Gaſte in der Geſchwindigkeit den Namen ſeiner Mutter, ſowie ſeiner beiden Schweſtern, und ſtellte alsdann ſeine Tochter Helene vor, worauf Herr von Roſenthal jeder der drei älteren Damen höchſt artig und heiter lächelnd ſeine Entſchuldigungen wiederholte über den ſo ſpäten Einbruch in ein fremdes Haus, und zu gleicher Zeit ſein kleines Abenteuer, den Wagen betreffend, in ſo natürlich humoriſtiſcher Weiſe einflocht, daß, als er während dem bis zur Großmutter vorgedrungen war, dieſe ihm auf die freundlichſte Art einen Stuhl neben ſich anbot. Helene hatte ſich auf ein kleines Tabouret nieder⸗ gelaſſen, und wurde von Niemanden weiter beachtet, am allerwenigſten aber von Herrn von Roſenthal, was für denſelben ſowohl bei Tante Aurelie als auch bei Tante Seraphine einen ſehr günſtigen Eindruck erweckte, beſon⸗ ders bei der Letztgenannten, an welche ſich der Gaſt, nach⸗ dem er eine Taſſe Thee angenommen, noch ſpeziell mit der Bitte um Entſchuldigung wandte und hinzuſetzte, er — — 686— würde in der That untröſtlich ſein, wenn ſeine Anweſen⸗ heit die jungen Damen auch nur eine Sekunde länger, als nöthig wäre, von dem Ballfeſte zurückhielte. „O das hat durchaus keine ſo große Eile, Herr Baron,“ gab Tante Seraphine geſchmeichelt zur Antwort, „es iſt ja kaum acht Uhr und vor neun Uhr pflegt man ſich in dieſen geſchloſſenen Kreiſen der höheren Bürger⸗ geſellſchaft nicht zu verſammeln.“ „Es iſt wirklich Schade, mein verehrtes Fräulein,“ gab Herr von Roſenthal mit einem nicht zu verkennenden Lächeln zur Antwort,„daß dieſe Kreiſe der höheren Bürgergeſell⸗ ſchaft für uns Andere ſo feſt verſchloſſen ſind.“ Dieſer Ausdruck:„für uns Anderé“, ſowie der Ton, in welchem er hingeworfen wurde, begleitet von einem Blick auf Tante Seraphine, hatte dieſe angenehm berührt; ſie zog ihre dünnen Lippen freundlich zuſammen, ſchlug aber ihre Augen nieder, als ſie entgegnete:„Jede Ge⸗ ſellſchaft hat ihre geſchloſſenen Kreiſe, Herr Baron, und ich halte das für ganz richtig, beſonders da gewiſſe Aus⸗ nahmen ja überall ſtattfinden.“ „Nur nicht bei Hofe,“ ſagte der Hausherr,„man iſt da ſehr exkluſiv.“ „Leider, Herr Kommerzienrath, leider.“ Herr von Roſenthal ſprach dieß mit einem gelinden Zucken ſeiner Achſeln und ſetzte hinzu, nachdem er den 64 fragenden Blick der Damen bemerkt:„Sie können mir glauben, daß die Hofkreiſe durch dieſe Abgeſchloſſenheit durchaus nicht gewinnen, und daß es Vielen ſehr er⸗ wünſcht wäre, dort zuweilen jugendliche, friſche Erſchei⸗ nungen zu ſehen. Man ſollte alles Mögliche anwenden, um eine Fuſion zu Stande zu bringen zwiſchen den Kreiſen der höheren Bürgergeſellſchaft und denen vom Hofe, wobei letztere nur gewinnen könnten— doch jetzt,“ rief Herr von Roſenthal, nachdem er auf ſeine Uhr geſchaut, „habe ich Ihre mir gütigſt ertheilte Erlaubniß, Ihren verehrten Familienkreis betreten zu dürfen, bis zur Un⸗ beſcheidenheit ausgedehnt; geſtatten Sie mir deßhalb, daß ich mich entferne, um den Ball nicht länger ſeiner ſchönſten Zierden zu berauben.“ Er verbeugte ſich auf's Verbindlichſte gegen Tante Seraphine, worauf er nach ſeinem Hute griff, den er neben ſeinem Stuhle auf den Boden geſtellt hatte. Doch proteſtirte Herr Mirbel gegen einen ſo raſchen Aufbruch, hauptſächlich in Folge eines nicht zu verkennen⸗ den Blickes ſeiner Schweſter, während Helene, die halb verborgen hinter ihrer Großmutter ſaß, beinahe angſtvoll die Wirkung dieſes Blickes, ſowie des Proteſtes ihres Vaters erwartete, nicht als ob es ihr gleichgültig geweſen wäre, wenn dieſer fremde Herr ginge oder noch länger bliebe, ſondern weil ſie eine Ahnung hatte, als hege Tante .———— ——— — ꝑ—— — — 65 Seraphine die Idee, jetzt ſchon die Fuſion zwiſchen Hof⸗ partei und höherer Bürgergeſellſchaft in's Leben treten zu laſſen, indem ſie, vielleicht anfänglich ſcherzhaft, dem fremden Manne mit dem bleichen Geſichte und dem ſo außergewöhnlich langen kohlſchwarzen Barte, was ihr Beides einen unerklärlich unheimlichen Eindruck verurſachte, den Vorſchlag machte, die Familie für eine kleine Viertel⸗ ſtunde auf den Ball zu begleiten. Allerdings war es der Ball einer ſtreng geſchloſſenen Geſellſchaft, doch war Herr Mirbel Vorſtand derſelben, und es war gerade nicht be⸗ ſonders ſchroff gegen die Statuten gehandelt, einen Frem⸗ den für ein Mal dort einzuführen, und dieſer Herr von Roſenthal mußte ein Fremder ſein, ſonſt würde er im Adreßbuch geſtanden haben, und dann hätte ihn Papa ſicherlich gekannt.. Und in der That, Tante Seraphine öffnete ihre grauen Augen zu anſtändiger Größe, verſuchte auch einen ſchel⸗ miſchen Ausdruck hineinzulegen und ſagte, ſie ſei über⸗ zeugt, ihr Bruder würde nimmermehr den Wagen des Herrn Baron annehmen, um ihn zu Fuß dem ſchlechten Wetter zu überlaſſen;„das Geringſte, was wir thun können, iſt: den Herrn Baron nach ſeiner Wohnung zu führen, oder an das Haus irgend einer Geſellſchaft der haute volée, wo der Herr Baron gewiß ſehnlich erwartet wird.“ „Unter keiner Bedingung,“ erwiederte Herr von Roſen⸗ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. J. 5 — 66 thal in entſchiedenem Tone, und ſetzte dann mit leiſerer Stimme hinzu:„überhaupt wüßte ich keinen Ort, wo ich mit Sehnſucht erwartet würde— nein, Herr Kommerzien⸗ rath, wenn Sie meinen Wagen nicht annehmen wollen, ſo erlauben Sie mir, Sie bis an Ihr Balllokal zu be⸗ gleiten.“ „Ich muß mich fügen,“ entgegnete Herr Mirbel, „ſelbſt auf die Gefahr hin, die Güte des Herrn Baron zu mißbrauchen, wenn es Ihnen alſo gefällig ift.⸗ „Gewiß,“ ſagte Herr von Roſenthal,„denn es iſt beinahe neun Uhr,“ dann verbeugte er ſich, nochmals um Entſchuldigung bittend, vor der alten Dame, machte Tante Aurelie ein zierliches Kompliment und hierauf verließen alle Vier das Zimmer und gleich darauf das Haus, um es ſich in dem Fiaker ſo bequem als möglich zu machen, wobei Herr von Roſenthal es unter keiner Bedingung anders that, als ſich neben Herrn Mirbel auf den Rückſitz zu ſetzen, und zwar Tante Seraphine gegenüber. Helene hatte ſich ſehr auf dieſen Ball gefreut: auf das Tanzen im Allgemeinen, und auf das Tanzen mit einer gewiſſen Perſönlichkeit im Speziellen. Daß von dieſer Perſönlichkeit— es war ein hübſcher, flotter Offizier von den Dragonern— ihr Herz berührt worden wäre, wollen wir gerade nicht behaupten, doch, was nicht war⸗ konnte werden, und es zeigte ſich von ſeiner Seite wenig⸗ 6 ſtens eine Ausdauer in den Beſtrebungen, die des Ernſtes einer ſolchen Angelegenheit würdig waren. Helene war eben ſo gewiß, daß er, ehe ſie im Balllokale erſchien, noch kein einziges Engagement getroffen hatte, um ihr die Auswahl zu laſſen, als daß er ſich unten an der Treppe aufhalten würde, um ſie gleich einer Königin zu empfangen,— und daß dieſer Empfang vor ſich ging, während ſich vielleicht der Fremde an ihrer Seite befand, war doch jedenfalls ganz unnöthig. Hätte nur Tante Seraphine den gleichen Gedanken gehabt; aber dieſe dachte auf der Fahrt ganz anders, ob⸗ gleich ihre Ideen in der Perſon des hübſchen Dragoner⸗ offiziers zuſammentrafen, nur daß die ältere Schönheit dieſem jungen Dinge, eben ſo naſeweiß als unreif— obgleich die achtzehnjährige Helene mit ihren Körperformen ganz gut für zwanzig Jahre hätte gelten können— es vollkommen gönnte, daß die Begleitung des Herrn von Roſenthal einen Mißton warf in die Seele des verliebten Offiziers, eines jungen Menſchen, der in ſeiner lächer⸗ lichen Verblendung durchaus von den Rückſichten keine Ahnung hatte, welche man anderen verſtändigeren Damen ſchuldig iſt. Helene bebte förmlich, als Tante Seraphine nun ſagte:„Es iſt gerade ſo, Herr Baron, als wenn das Schickſal Sie dazu auserwählt hätte, jene angeregte Ver⸗ — 68 ſchmelzung zwiſchen dem Hofe und den Klaſſen der höhern Bürgerſchaft in's Leben treten zu laſſen; ach, und ich liebe dergleichen Verſchmelzungen. Sie hätten nichts zu thun, als der Einladung meines Bruders folgend unſer beſchei⸗* denes Lokal für eine halbe Stunde mit Ihrer Gegenwart zu beehren.“ Ja, das junge Mädchen bebte, und nicht nur über dieſe Worte, ſondern auch über den Ausdruck eines ſchein⸗ bar gleichgültigen Blickes, mit dem Herr von Roſenthal zum Wagen hinausſchaute, und der dann, wie ſie fühlte, eine Sekunde lang auf ihrem Geſichte ruhen blieb. Sie athmete tief auf und bereute im nächſten Augenblick, daß ſie das gethan, ja ſie preßte unmuthig ihren kleinen Fuß auf den Boden, als Jener nun zur Antwort gab:„Es wäre in der That unbeſcheiden, mit eindringen zu wollen,“ und als hierauf ihr Vater ſagte:„Im Gegentheil, Sie würden mir eine außerordentliche Freude machen.“ Damit hielt auch ſchon der Wagen in der hell erleuch⸗ teten Einfahrt des großen palaſtähnlichen Gebäudes, in welchem die höhere Bürgergeſellſchaft ihre Bälle und ſon⸗ ſtige Zuſammenkünfte abzuhalten pflegte, da öffnete auch ſchon der Geſellſchaftsdiener den Wagenſchlag, da ſtand auch ſchon der Dragoneroffizier mit einem großen und ſehr feinen Blumenſtrauß in der Hand. Helene blickte ängſtlich über den ausſteigenden Herrn ——— — 60— hinweg auf ſein Geſicht und bemerkte dort einen plötzlich finſtern Schatten und dann den Ausdruck des größten Er⸗ ſtaunens beim Erblicken des Herrn von Roſenthal, wel⸗ cher den Offizier lächelnd anſchaute und ihm alsdann den Zeigefinger ſeiner rechten Hand entgegenſtreckte. „Sie da, lieber Mittow, ſehen wir uns heute Abend noch einmal wieder?“ „Sehr unerwartet, Herr von Roſenthal, und zu mei⸗ ner großen Ueberraſchung.“ „Es iſt ſtets das Unerwartete, das uns überraſcht, und nicht jede Ueberraſchung iſt angenehmer Art, wie ich ſoeben zu bemerken glaube; ſehen Sie, mein lieber Herr von Mittow, wie recht ich vor einer Stunde hatte, Ihnen zu ſagen, es gebe unverhoffte Begegnungen, die im Stande ſeien, unſere gute Laune zu ſtören.“ Herr von Roſenthal plauderte auf die unbefangenſte Art, während er ſo angelegentlich als möglich den Damen beim Ausſteigen half, und dabei die Hand Helenens ungeſehen von deren vorausgehender Tante länger hielt, als gerade nothwendig war.„Uebrigens verdanke ich das Glück, in dieſer angeneh⸗ men Geſellſchaft ſein zu dürfen, einem allerliebſten Zufall.“ „Vielleicht einem mit den Haaren herbeigezogenen Zu⸗ fall,“ brummte der Offizier ſo undeutlich, daß Niemand ſeine Worte verſtehen konnte, während er ſich vor Helene tief verbeugte und ihr zu gleicher Zeit ſeinen Blumenſtrauß — 70— anbot, ſowie auch ſeinen Arm, und dann den Andern voran mit ihr die breite Treppe hinaufſtieg. Tante Seraphine machte allerdings ihre größtmög⸗ lichſten Augen über dieſen Mangel an ſchuldiger Rückſicht, doch verminderte ſie eben ſo raſch wieder das Stechende ihrer grauen Blicke, als Herr von Roſenthal um die Ver⸗ günſtigung bat, ſie in den Tanzſaal führen zu dürfen. Es war das auch kein kleiner Triumph für ſie, die ſeit langen, langen Jahren nur immer ſo an der Seite ihres Bruders hatte gehen müſſen, und die ſchon während des vorigen Winters ſo häufig die Kränkungen erfahren, neben ihrer auffallend ſchönen Nichte in keiner Weiſe mehr be⸗ merkt zu werden. Heute war das ganz anders, heute zog ſie beim Eintritt in den Saal an der Seite dieſes auffallend intereſſanten und ſich ſo leicht und vornehm bewegenden Mannes Aller Blicke auf ſich. Glücklicherweiſe war auch gerade Pauſe zwiſchen zwei Tänzen, weßhalb alle Damen der verſchiedenſten Alters⸗ klaſſen auf den langen Divans an den Seitenwänden des großen Saales Zeit und Muße hatten, die Eintretenden zu betrachten und über ſie zu ſprechen. Wenige kannten Herrn von Roſenthal; nur ein paar Offiziere, die als Tänzer zu den großen Hofbällen einge⸗ laden wurden, erinnerten ſich, ihn dort und alsdann meiſtens in den allerhöchſten Kreiſen geſehen zu haben, ja daß Seine Majeſtät der König ſich lächelnd mit ihm unterhalten, und daß er häufig eine halbe Stunde lang mit dem Kronprinzen in einer Fenſterniſche plaudernd ge⸗ ſtanden. Was wollte er nur hier bei den Mirbels? Hätte nicht der unvermeidliche Dragoneroffizier die ſchöne Helene geführt, ſo würde man gedacht haben, Herr von Roſen⸗ thal ſei nicht ohne Abſicht auf die verſchiedenen Hundert⸗ tauſend Thaler des jungen Mädchens;— ſo aber— Die verſtändigſten Mütter heirathsfähiger jüngerer und älterer Töchter, Damen, die ſchon ſeit Jahrzehnten in Thee⸗, Kaffee⸗ und Ballſchlachten ergraut waren, die beim An⸗ griff in der Fronte, ſowie im Einzelngefecht und verliebten Vorpoſtenplänkeleien mit kühnem Feldherrnblick alle Finten des Feindes zu errathen wußten, mußten ſich hier ge⸗ ſtehen, daß der ſchöne bleiche Mann mit dem ſchwarzen Bart, ſowohl als er Tante Seraphine durch den Saal führte, als auch ſpäter, während er neben ihr ſaß, ſeine volle und ſeine liebenswürdigſte Aufmerkſamkeit dieſer reifen Schönheit ausſchließlich zuwandte. Helene, die während des nächſten Walzers zuweilen ſchüchtern einen Blick hinüber fliegen ließ, athmete freier auf, als ſie dieß ebenfalls bemerkte, um gleich darauf wieder auf's Unerklärlichſte zuſammenzuſchauern, als Herr von Roſenthal, während die Tante abgewendet mit einer Nachbarin ſprach, ihr einen leuchtenden Blick zuſandte, vor dem ſie förmlich wie gebannt ihre Wimpern nicht niederſchlagen konnte. Doch nur ein paar Sekunden lang, dann wandte ſie ſich raſch gegen ihren Tänzer, der mit einem Kameraden geplaudert hatte, und fragte:„Sie kennen jenen Herrn, der mit uns kam?“ „Den der Zufall in Ihr Haus führte?“ gab der Dragoneroffizier, in einem eigenthümlichen Tone fragend, zurück. „Gewiß nur der Zufall, ich habe Ihnen das ja ſchon erzählt.“ „O, Fräulein Helene, dieſer Herr von Roſenthal iſt ein Mann, der dem Zufalle gerne nachhilft, ein höchſt gefährlicher Menſch.“ „Was geht er mich als Menſch an? Ich möchte nur etwas Näheres über ſeine Stellung in der Welt er⸗ fahren.“ „Um vielleicht auch Ihrerſeits dem Zufalle etwas nach⸗ zuhelfen?“ „Pfui, Sie ſind abſcheulich. Gewiß, ich werde den ganzen Abend nicht mehr mit Ihnen tanzen.“ „Darüber würden ſich der Zufall und Herr von Roſen⸗ thal recht ſehr freuen.“ „Jetzt ſeien Sie einmal vernünftig; Sie können es mir — 73— doch nicht übel nehmen, daß ich gerne erfahren möchte, wer eigentlich jener Herr iſt, den der Zufall ſo plötzlich in unſer Haus geworfen hat, und daß ich mich an Sie wende, muß Ihnen beweiſen, wie ſehr ich gerade zu Ihnen Vertrauen habe— pfui, Sie ſind recht abſcheulich,“ ſchmollte hierauf das ſchöne junge Mädchen auf ſo rei⸗ zende Art, daß er gerne mit gefalteten Händen„bitte, bitte“ geſagt hätte—„übrigens, wenn es Ihnen ſo große Mühe macht, mir meine Frage zu beantworten, ſo geniren Sie ſich gar nicht, dort kommt Herr von Berger, um mich um eine Extratour zu bitten, der wird mir mit der größten Liebenswürdigkeit jede mögliche Auskunft geben.“ „Nur keine Extratour, ich flehe Sie an, auch iſt ge⸗ rade die Reihe an uns, zu tanzen, und nachher will ich Ihnen Alles ſagen, was ich über Herrn von Roſenthal weiß— warte nur, Mann des Zufalls,“ dachte er bei ſich,„ich will Dich ſchon eintunken.“ Merkwürdiger Weiſe war bei dem Betreffenden, wel⸗ cher neben Tante Seraphine ſaß, ein faſt gleiches Ge⸗ ſprächsthema abgehandelt worden, da Helenens Tante ſich nach den Verhältniſſen des jungen Dragoners erkundigt hatte. „O, das iſt ein ganz tüchtiger Offizier,“ hatte Herr von Roſenthal zur Antwort gegeben. — 74 „Davon bin ich überzeugt, aber in geſellſchaftlicher Beziehung?“ „Er iſt von einer ſehr guten Familie.“ „Ich meine ſeine Perſönlichkeit?“ „Er iſt ein vortrefflicher Reiter und ein guter Kamerad, wie ich höre.“ „Ach, Sie wollen mich nicht verſtehen, Sie ſind ein rechter Schalk,“ entgegnete Tante Seraphine, indem ſie mit der Spitze des Fächers leicht den Arm ihres Nachbars berührte, worauf dieſer lächelnd zur Antwort gab:„O, mein verehrtes Fräulein, Sie haben Geiſt genug, um mich auch ohne eine direkte Antwort zu verſtehen. Herr von Mittow iſt ein Offizier, nicht beſſer und nicht ſchlimmer als hundert ſeinesgleichen, ein junger Mann, auf deſſen Zukunft ich alles Vertrauen habe, denn wie Sie ſehen, macht er verzweifelte Anſtrengungen, um ſich ſeine reizende Eroberung zu ſichern.“ Dieſe letzten Worte galten dem Verſchwinden des jungen Paares drüben aus der Reihe der Tanzenden, indem ſich Helene auf einen der Divans ſetzte und der Dragoner⸗ offizier neben ihr Platz nahm. „Und nun,“ fragte das junge Mädchen, indem ſie den Fächer vor ſich ausbreitete,„wer iſt jener Herr von Roſenthal? Welche Stellung nimmt er im Leben ein?“ Der Tänzer Helenens machte ein bedenkliches Geſicht, während er ſagte:„Es gibt Fragen, Fräulein Helene, die leicht und doch wieder ſchwer zu beantworten ſind. Herr von Roſenthal iſt Kammerherr, wenn auch nicht gerade unſeres Hofes; er muß ein Mann von Vermögen ſein, denn er lebt, wie die reichſten Leute aus der Geſellſchaft, auf einem großen Fuße; er muß Verdienſte haben, denn bedeutende und ſehr geſcheidte Leute ſuchen ſeine Geſell⸗ ſchaft; er muß von guter Familie ſein, denn er wird ſo⸗ gar in den intimſten Zirkeln des Hofes empfangen und gerne geſehen.“ „Er muß ſein— er ſoll ſein— höre ich in Einem fort, aber ich möchte wiſſen, was er wirklich iſt, ich möchte etwas Beſtimmtes über ihn hören.“ „So kann ich Ihnen nur ſagen, was er ſelber, und zwar in Gegenwart mehrerer Anderer, über ſich ausſagt. Er ſtamme aus der alten italieniſchen Familie der Mar⸗ cheſe di Valle Roſa, doch habe ſchon ſein Großvater den Namen eines Herrn von Roſenthal angenommen; er habe Reiſen gemacht faſt durch die ganze Welt, ſei lange Jahre in Indien geweſen und dort nicht nur zu großem Vermögen gelangt, ſondern auch von einem be⸗ rühmten Brahminen in ganz ſeltſame Geheimniſſe eingeweiht worden.“ „Das klingt ja recht abenteuerlich,“ ſagte Helene nach⸗ — 16 ſinnend, indem ſie über den Fächer hinweg einen Blick auf den Betreffenden warf. „Allerdings ſehr abenteuerlich, ja kaum glaublich, doch wiederhole ich nur, was er ſelber ſagt, und wenn das Alles wahr iſt, ſo muß er ein ganz abſonderliches Weſen ſein. Er behauptet auch, die Gedanken Anderer aus ihren Blicken zu errathen.“ „Das wäre ja ganz entſetzlich.“ „Sowie, daß er nicht nöthig habe, Speiſen zu ſich zu nehmen, wie wir anderen gewöhnlichen Sterblichen.“ „Ah, Sie ſcherzen.“ „Ich wiederhole nur, was er ſelber über ſich ſagt.“ „Nun ja— vielleicht in luſtiger Geſellſchaft, aber wofür halten Sie ihn eigentlich— für einen Abenteurer?“ „Das möchte ich nicht zu behaupten wagen; wie ich ſchon früher bemerkte, verkehrt er in den beſten Geſell⸗ ſchaften und erfreut ſich des Wohlwollens ganz bedeutender Leute, von deren Erſtaunen ich ſchon Zeuge war, als ihnen Herr von Roſenthal Dinge ſagte, die auf eine ganz unerklärliche Allwiſſenheit ſchließen ließen; doch gibt es auch Leute genug, die achſelzuckend von ihm reden und welche behaupten, er mache ihnen einen unangenehmen, ja unheimlichen Eindruck.“ „Das begreife ich,“ ſprach das junge Mädchen mit leiſer Stimme, und hob alsdann ihren Fächer vor das — 7, Geſicht, da ihre Augen denen des Herrn von Roſenthal begegnet waren, einem leuchtenden Blicke, der ihr unver⸗ kennbar ſagte, daß er ſie hinter der Tanzreihe geſucht und gefunden——„und Sie ſelber, wofür halten Sie ihn?“ Auch der Dragoneroffizier hatte jenen Blick geſehen und er hatte ihm einen Stich in's Herz gegeben. „Ganz im Vertrauen, Fräulein Helene?“ „Ganz im Vertrauen.“ „Sie werden über mich lachen.“ „Gewiß nicht.“ „Und nie Jemand mittheilen, was ich Ihnen hier ſage?“ „Ich ſchwöre es Ihnen.“ „Nun denn, ich bin überzeugt, dieſer Herr von Roſen⸗ thal iſt ein Vampyr, ja ich weiß es gewiß, denn er hat es vor Zeugen eingeſtanden.“ Helene unterdrückte mühſam einen kleinen Ruf des Er⸗ ſchreckens, aber nicht ſowohl über das, was ihr Herr von Mittow geſagt, und was unbedingt nur ein Scherz von ihm war, denn ſie wußte zu genau, daß alle jene Ge⸗ ſchichten von menſchlichen Vampyren nur Fabel ſeien, ſo hatten Lehrer und andere verſtändige Menſchen ihr wenig⸗ ſtens geſagt— ſondern ihr Erſchrecken und eine flam⸗ mende Röthe ihres Geſichts rührten davon her, daß Herr von Roſenthal drüben aufgeſtanden war und gerade auf ſie zukam, ohne auch nur eine halbe Sekunde lang ſeinen dunkeln Blick von ihr zu wenden; ein eigenthümlich durch⸗ dringender, ein dämoniſcher Blick, der ſo mächtig auf ſie wirkte, daß ſie nicht anders konnte, als ſich langſam er⸗ heben und ihn aushalten, zuſammenſchauernd mit weit ge⸗ öffneten Augen. Jetzt ſtand er dicht vor ihr, jetzt verſenkte er noch einmal ſeine Blicke in die ihrigen, und dann erſt ver⸗ beugte er ſich mit einem freundlichen Lächeln und ſagte: „Ich halte es für eine angenehme Pflicht, verehrtes Fräulein, mich bei Ihnen zu verabſchieden, ehe ich dieſen Saal und dieſe höchſt liebenswürdige Geſellſchaft ver⸗ laſſe. Leider rufen mich anderweitige Verbindlichkeiten hinweg, doch werden Sie mir geſtatten, mich in den nächſten Tagen nach Ihrem Befinden zu erkundigen und mir von Ihnen das Ende dieſes hübſchen Balles erzählen zu laſſen.“ Helene war nicht im Stande, ihm eine ruhige, zu⸗ ſammenhängende Antwort zu geben; ihr Herz ſchlug faſt hörbar und ihre Lippen brachten nur mühſam ein paar Worte hervor, die er aber mit der gütigſten Miene entgegen⸗ nahm und ſich alsdann mit einer zweiten Verbeugung ver⸗ abſchiedete ſowohl von dem ſchönen, hocherröthenden jungen Mädchen, als, auch von dem Dragoneroffizier, den er leicht mit dem kleinen Finger an der Hand berührte und ihm im Weggehen zuflüſterte:„Seien Sie glücklich und neid⸗ los, mein Lieber!“ Ein paar Minuten ſpäter hatte Herr von Roſenthal den Ballſaal und das Haus hinter ſich und weckte den Kutſcher ſeines Wagens, der wie ein Igel zuſammenge⸗ kauert, feſt ſchlafend auf dem Bocke lag. Droben war es jetzt der Tante Seraphine zu Muthe, als wenn der Saal ſich plötzlich verdunkelt hätte, als wenn ſich aller Glanz und Schimmer, der ſie bis jetzt umgeben, mit trüben Schleiern bedeckt hätte, unter denen langweilige Schatten hin und her wirbelten—„das iſt ein Mann,“ ſeufzte ſie aus tiefſtem Herzen,„o wenn mir ein ſolcher früher auf meinem Lebenswege begegnet wäre — und vielleicht jetzt noch—“ Dann ſtand ſie auf und bat mit leiſer Stimme ihre Nichte Helene, die nach beendigtem Tanze herbeigekommen war, mit ihr in die Damengarderobe zu treten, da ſich von dem vielen Tanzen eine Schleife ihres Kleides gelöst hätte, und als ſie dort allein waren, riß die alte Jung⸗ frau, deren übervolles Herz irgend eine Erleichterung nothwendig brauchte, ihre Augen bis an die Grenzen der Möglichkeit auseinander, und verſicherte der unverbeſſer⸗ lichen Nichte, daß deren Betragen, ſich aus der Tanzreihe hinwegzuſchleichen, um mit einem jungen, leichtſinnigen Offizier in einem Winkel des Saales heimlich zu plau⸗ dern, über alle Beſchreibung unanſtändig und ſkanda⸗ lös ſei. Der junge, leichtſinnige Offizier trank im gleichen Augenblick am Buffet ein Glas Punſch und dachte:„Wenn dieſer Roſenthal auch kein Vampyr iſt, ſo iſt er doch⸗ jedenfalls ein ganz verfluchter Kerl.“ Drittes Kapitel. In der zweiten Wendung, Felspartie und ſteile Straße. Ein Rout iſt eine ſo langweilige Geſchichte, daß es ſich nicht verlohnt, für Leute, die dergleichen kennen, viel Worte darüber zu verlieren, und kann es allenfalls ver⸗ zeihlich ſein, etwas zu ſagen über dieſe Vergnügungen der großen Welt im Intereſſe jener glücklich Unwiſſenden, die vielleicht dadurch veranlaßt werden könnten, einem Rout, wie ſonſt etwas Ungenießbarem, aus dem Wege zu gehen. Der Rout iſt ein Mittelding zwiſchen Soirée und Ball, nicht Fiſch und nicht Fleiſch, eine geſellſchaftliche Zuſammenkunft ohne die Belohnung eines guten Soupers und ohne die Vergnügungen des Tanzes. Ein Rout iſt eine Abfütterung en gros ohne Ab⸗ fütterung, und zu gleicher Zeit die Auflöſung eines Rechen⸗ exempels, welche Maſſe von Menſchen in möglichſt kleinem Raume, für dieſe Maſſe nämlich, zuſammengedrängt Hackländer, Geſchichten im Zickzack. I. 6 werden könne, ohne epidemiſch ohnmächtig zu werden; natürlich ſind ſporadiſche Fälle nicht ausgeſchloſſen. Der Rout iſt ein geſellſchaftliches Vergnügen, bei dem der Vorplatz, Gänge, Treppen mit einer aufwärts ſtreben⸗ den Menſchenmenge bedeckt ſind, wo Jeder im Schweiße ſeines Angeſichts nach oben eilt, drückt und ſtrebt, ein rückſichtsloſes Rennen mit Hinderniſſen, bei dem man kaum die Zeit findet, zur Rechten oder zur Linken einen Bekannten oder Freund auf herzliche Art anzugrinſen, ihn dann ſeinem Schickſal überlaſſend, um wieder vor⸗ wärts zu ſtreben, dem innerſten Heiligthume zu, gewöhn⸗ lich das Boudoir der Dame vom Hauſe, wo dieſe ſich in einem Kreiſe hoher Auserwählter befindet und an deſſen Thüre nun nach und nach die armen, abſtrapazirten Ein⸗ geladenen erſcheinen, eine tiefe Verbeugung machen, viel⸗ leicht ſo glücklich ſind, ein flüchtiges Wort anzubringen, um ſo ihrer ſauern Pflicht für den heutigen Abend ge⸗ nügt zu haben, wobei ſie das immergleiche, milde Lächeln der Hausfrau als Quittung über richtigen Empfang an⸗ nehmen. Auf einem Rout könnte ſämmtliche Dienerſchaft mit all' dem Wenigen, was ſie auf ihren Präſentirtellern halten, etwas Thee, einige Schichten Zwieback, hoff⸗ nungsloſe Mandelmilch oder wäſſerige Limonade, aus Papiermaché beſtehen,— denn die Diener ſind bei einem — 83— Rout nichts als ſchwitzende Schauſtücke— und Limonade und Mandelmilch könnten ſtark mit Blauſäure gemiſcht ſein, es würde doch Niemand in Gefahr kommen, ſich damit zu vergiften. Ein indiſcher Weiſer, der einmal an einem Balle zuſah und erſtaunt war über die maßloſen Anſtrengungen der ſchweißtriefenden Paare, über dieſes wilde Jagen ohne ſcheinbares Ziel und Zweck, und ohne ſichtbare Peitſche, that erſtaunt die Frage:„Warum laſſen die Leute dieſes mühſame Geſchäft nicht durch ihre Dienerſchaft beſorgen?“ und Mancher, der nicht mit der Krankheit des Tanzens angeſteckt iſt, oder von dieſer Epidemie glücklich kurirt wurde, wäre nicht im Stande, hierauf eine genügende Antwort zu geben. Nicht ganz ſo ſchlimm ſind indeſſen die Leute zu be⸗ urtheilen, welche einen Rout veranſtalten, ſowie Manche von Denen, die einen Rout beſuchen. Von den Erſteren zahlen die Meiſten ihre Diners⸗, Soirées⸗ und Ball⸗ ſchulden, die ſich während des vergangenen Winters be⸗ trächtlich angehäuft haben, ſo auf die wohlfeilſte Art ab, oder legen beim Beginn der Saiſon ein ſehr mäßiges Kapital zu ungeheuren Zinſen an. Unter Denen aber, welche einen Rout beſuchen, gibt es eine Anzahl kluger Leute, die ſich dort auf kurze Zeit zeigen und mit einem halben Dutzend Bekannten, Freun⸗ 34— den oder Gönnern nothwendige Worte wechſeln und die ſolchergeſtalt ein halbes Dutzend Viſiten erſparen. Unter dieſen befand ſich auch Herr von Roſenthal, der, obgleich ziemlich ſpät in das Haus des Geheimeraths Felſing gelangend, mit einer unglaublichen Geſchiklichkeit und Gewandtheit durch die Menſchenmaſſe eilte, wobei er ſich hier mit aller Rückſicht und der freundlichſten Miene von der Welt wie ein Aal durchwand, während er dort, förm⸗ lich die kompakte Maſſe brüskirend, mit hocherhobener Naſe und beinahe unverſchämt ſchlankelhaften Bewegungen wie ein Keil rückſichtslos vordrang. So gelangte er denn auch in für einen Rout unglaublich kurzer Zeit— er hatte kaum eine Viertelſtunde gebraucht— von der Treppe bis in's Allerheiligſte vor das Antlitz der Hausfrau, wo Beide ſich auf's Freundſchaftlichſte und auf eine wahrhaft liebenswürdige Art angrinsten, worauf Herr⸗ von Roſenthal, obgleich in den Ecken des kleinen Gemachs mehrere Excellenzen mit zerknüllten Hüten krampfhaft ihren Stehplatz behaupteten, aus der Ecke ein kleines geſticktes Tabouret herbeirollte, und ſich ungenirt neben die Gräfin von Pommerhauſen, erſte Palaſtdame Ihrer Majeſtät mit dem Prädikate„Excellenz“, niederließ. 3 Die Gräfin Excellenz war als Liebling der Königin die Hauptgefeierte dieſes Kreiſes, und die Geheimeräthin rechnete es ihr auf's Höchſte an, daß ſie ſo viel Zeit 85— erübrigen konnte, um vor dem Balle bei dem Miniſter des Auswärtigen noch für einige Augenblicke ihren be⸗ ſcheidenen Rout zu beſuchen; übrigens war ihre Excellenz im Aeußern eine unſcheinbare Perſönlichkeit, hatte ein Ge⸗ ſicht wie eine Heuſchrecke und mit dieſem intereſſanten Thiere auch ſonſt noch das gemein, daß ſie vielen und unerquicklichen Lärm zu machen pflegte. „Das muß man geſtehen,“ zirpte die Gräfin mit einem ſauerſüßen Geſicht,„daß Herr von Roſenthal überall durchkommt und es ſich überall bequem zu machen verſteht.“ „Das Erſtere, wie ein tüchtiger Regen, hat ſchon Herr von Goethe bei einer andern Veranlaſſung geſagt,“ gab der Betreffende unbefangen zur Antwort,„und mit dieſem habe ich auch ſonſt noch einige Aehnlichkeiten— nicht mit Herrn von Goethe, ich bin nicht ſo unbeſcheiden — ſondern mit einem tüchtigen Regen, der zuweilen höchſt willkommen, aber auch ſehr ungerne geſehen ſein kann.“ „Hier gewiß das Erſtere, mein lieber Herr Kammer⸗ herr,“ verſicherte die Dame des Hauſes mit freundlicher Miene, und dieſe Miene log durchaus nicht, denn ſie war überzeugt, Herr von Roſenthal ſei ſchon im Stande, die etwas ſchläfrig gewordene Unterhaltung wieder in Fluß zu bringen. „Ich dachte Sie ſchon längſt auf dem Ball des Mini⸗ — 86— ſters,“ ſagte die Palaſtdame,„und hoffte nicht mehr auf das Vergnügen, Sie hier zu ſehen.“ „Die Frau Geheimeräthin werden mir das Zeugniß geben, daß ich bisher auf keinem Ihrer amüſanten Routs gefehlt habe, jedenfalls wäre ich auch ſchon früher er⸗ ſchienen, wenn mich nicht der neckiſche Zufall auf eigen⸗ thümliche Weiſe umhergeführt hätte.“ „Erzählen Sie das, Herr von Roſenthal,“ ſprach die Gräfin von Pommerhauſen, hinter ihrem Fächer gähnend und mit einer Protektorsmiene,„das heißt wenn ſich Ihre Abenteuer überhaupt erzählen laſſen, man muß ſich vor Ihnen in Acht nehmen.“ 3 Es iſt allerdings ein Bischen shocking,“ lächelte der Gefragte,„doch ſind wir ja unter uns und ich ſehe Nie⸗ mand, dem die Erzählung des pikanteſten Abenteuers irgend welche Unruhe verurſachen könnte.“ „Ich muß doch recht ſehr bitten, Herr von Roſenthal.“ „Dem Reinen iſt Alles rein, Excellenz, auch ſind keine Comteſſen und Ehrenfräuleins zugegen.“ „Behalten Sie lieber Ihre Geſchichten.“ „So geſtatten Sie mir wenigſtens, Ihnen ein Reſumé davon zu geben, eine Kapitelüberſchrift.“ „Das iſt doch ein fader Kerl,“ flüſterte eine der alten Excellenzen ſeinem Nachbar zu; Beide waren durch das Geſchwätz des Herrn von Roſenthal in einem ſehr ani⸗ e mirten Geſpräch: über die Zweckmäßigkeit der Stockprügel in den Staatsgefängniſſen, unterbrochen worden,„und ſolche Leute ſind protegirt und gerne geſehen bei Hofe, i*ſt das nicht erſtaunlich?“ „Der Verfaſſer des vorliegenden Buches,“ plauderte indeſſen Herr von Roſenthal unbefangen,„wohnt einem Diner bei, ohne zu diniren, macht intereſſante Ent⸗ hüllungen, die Jedermann in Erſtaunen ſetzen, begibt ſich alsdann in einem Fiaker nach Hauſe und wird von einem Handlungslehrling entführt, um ſchließlich mit einer außer⸗ ordentlich ſchönen, reizenden jungen Dame, die er in ſei⸗ nem Leben nicht geſehen, auf den Ball zu fahren,— ſchade, daß Herr Dr. Hafer nicht da iſt,“ unterbrach ſich Herr von Roſenthal, indem er umherſchaute,„das gäbe für ihn den Anfang einer ganz intereſſanten Novelle — und wenn Excellenz nun das erſte Kapitel hören wollen,“ wandte er ſich direkt an die Palaſtdame Ihrer Majeſtät, „ſo bin ich bereit.“ In dieſem Augenblick bohrte ſich einer der Bedienten des Hauſes mit Todesverachtung durch das wogende Menſchenmeer draußen, und als er das rettende Ge⸗ ſtade des Boudoirs erreicht hatte, ſchnappte er ein paar Mal nach Athem und meldete dann:„Seine königliche Hoheit der Kronprinz.“ „Ah, welche Ehre!“ jauchzte die Geheimeräthin Felſing, — 88— im Innerſten ſo tief erſchüttert, daß ſie eine halbe Sekunde lang ihre Augen ſchloß, um ſich gehörig ſammeln zu können, dann ſtürzte ſie vorwärts gegen den beinahe un⸗ durchdringlichen Menſchenknäuel, und gebrauchte, um raſch hindurchzukommen, ein verzweifeltes Mittel. Mit der rechten Hand erfaßte ſie den Rockſchoß ihres Bedienten, ſtieß ihn mit der linken heimlich aber kräftig in die Rippen, und wurde dann ſolchergeſtalt am Schlepptau hängend mit unwiderſtehlicher Gewalt bis hinaus auf den Wurülah und an die Treppe geriſſen. Glücklicherweiſe hatte der Geheimerath Felſing, der draußen ſchon über eine Stunde lang auf dieß Ereigniß gelauert, Zeit gefunden, ſämmtliche Stufen herabzueilen, um den hohen Gaſt drunten am Wagen zu empfangen, was ihm auch gelungen wäre, wenn er ſich nicht am letz⸗ ten Abſatz der Treppe in die Teppiche verwickelt hätte und dadurch gezwungen worden wäre, den Allerhöchſten, ſtatt nach europäiſcher Art in der allertiefſten und aller⸗ lächerlichſten Verbeugung, nach chineſiſcher Weiſe mit dem Bauche am Boden zu begrüßen, was ſich indeſſen auch nicht übel ausnahm. Daß der Name Seiner Hoheit droben auf den Gängen und auf den Zimmern ein neues wüthendes Zuſammen⸗ drängen der Menſchenmaſſe zur Folge hatte, war ſelbſt⸗ redend, und kaum vermochten die Beſonnenſten einen engen 3 1 4 — 289— Pfad frei zu halten, durch welchen der Kronprinz mit ſeinem Adjutanten durchdringen mußte. Glückliche Beſitzer des Boudoirs! ſie befanden ſich auf der Höhe der Situation und konnten der nächſten Minute mit Ruhe entgegenſehen. War doch hier noch Platz ge⸗ nug, um eine anſtändige Verbeugung machen zu können, obgleich ein paar kecke Damen und einige unternehmende ältere Offiziere noch raſch hineingeſchlüpft waren, um ebenfalls die Wände zu tapezieren; ſelbſt die Gräfin von Pommerhauſen hatte ſich erhoben und ſchüchtern hinter ſich geſchaut, ob dort nicht etwas befindlich ſei, welches bei dem tiefen Komplimente nach rückwärts in Gefahr kommen könne, von ihr umgeſtoßen zu werden; doch war da nichts als der elaſtiſche Spitzbauch eines alten Staatsrathes, der ihr im Nothfall als Puffer dienen konnte, um ſie auf höchſt graziöſe Art wieder in die Höhe zu ſchnellen. —— Nur Herr von Roſenthal war unbekümmert auf ſeinem Tabouretſitze geblieben, ja trieb ſeine Unver⸗ ſchämtheit ſo weit, in dieſem bangen, erwartungsvollen Augenblicke ziemlich laut zu ſagen:„Durch dieſe hohle Gaſſe muß er kommen, es führt kein anderer Weg nach Küßnacht hin,“ worauf eine der Kriminalexcellenzen der anderen zuflüſterte:„Das iſt allerdings ſo ein Menſch, der alle verworfenen Anlagen zu einem zweiten Tell hat.“ Da kam auch ſchon der Kronprinz heran, rechts und — 90— links freundlich grüßend, ſtets mit dem gleichen Kopf⸗ nicken, ſtets mit dem gleichen Lächeln, etwas automaten⸗ artig, aber ſehr gnädig, ſehr herablaſſend. Jetzt hatte ſich auch Herr von Roſenthal, aber ſo langſam und unvollkommen erhoben, wie Jemand, der im nächſten Augenblick im Begriff iſt, wieder auf ſeinen Sitz zurückzufallen, und dieſer Augenblick kam auch ſo⸗ gleich nach dem Eintreten des Kronprinzen, denn Seine Hoheit bat auf die verbindlichſte Art, ſich in keiner Weiſe ſtören zu laſſen, ſich durchaus nicht zu geniren, ja, nöthigte die Gräfin von Pommerhauſen, ſich wieder auf ihren Seſſel niederzulaſſen, und ſetzte ſich erſt ſelbſt, als ſie unter einem freundlichen Lächeln ringsumher die Unmöglichkeit eingeſehen, die in dem kleinen Boudoir jetzt befindlichen drei Dutzend Perſonen auf die zwei Fauteuils und vier Stühle unterzubringen. Und immer neue Maſſen drängten von Außen nach; es war gerade ſo, als hätten die Meiſten heute zum erſten Male den Kronprinzen geſehen. Amphitheatraliſch ragten die Geſichter übereinander, alle mit dem ſüßen, breitmäuligen Lächeln, Jeder mit der Hoffnung, daß Seine Hoheit gerade ihn aus der Menge heraus erkennen, ihn vielleicht heran⸗ rufen, ihm wenigſtens freundlich zuwinken würde. Freilich wurde dieſe Hoffnung zu Schanden, denn Seine Hoheit ſprach nur einige unbedeutende Worte mit — 91— der Frau des Hauſes, mit der Gräfin von Pommerhauſen, und ſagte dann einer der alten Kriminalexcellenzen, er habe ſein letztes Referat geleſen und ſei ganz entzückt da⸗ von, worauf Jener erwiederte:„Hoheit, ich bin aber auch im Tiefſten meines Gewiſſens davon überzeugt, daß die Stockprügel unumgänglich nothwendig ſind zum Wohle der Menſchheit.“ „Davon ſind wir Alle ebenſo überzeugt,“ hatte Herr von Roſenthal die Keckheit zu ſagen, und wofür ihm nicht einmal ein ſtrafender Blick des Kronprinzen zu Theil wurde, wie die betreffende Excellenz mit Schaudern bemerkte; vielmehr lachte Seine Hoheit auf's Herzlichſte und ſagte zur Gräfin von Pommerhauſen:„Dieſer Roſenthal trifft immer den Nagel auf den Kopf.“ „Sich aber leider ſelten auf die Finger,“ meinte die Palaſtdame,„und ſind alsdann Andere genöthigt, dieß für ihn zu beſorgen.“ „Zu meinem Heile, gnädige Gräfin, denn ein Schlag von ſo ſchöner Hand kann mich nur glücklich machen.“ „Vortrefflich, Roſenthal,“ lachte der Kronprinz,„vor⸗ trefflicch— ganz vor— treff— lich—,“ damit ſchaute er aber halb verlegen, halb gelangweilt um ſich her und dann auf Roſenthal, hoffend, daß dieſer einen neuen Stoff zur Unterhaltung beibrächte, was er jedoch nicht that, worauf eine peinliche Pauſe entſtand, welche die — 92— Dame des Hauſes dadurch zu unterbrechen ſuchte, daß ſie dem hohen Gaſte, aber vergeblich, eine Taſſe Thee an⸗ bot, und erſt, als die Gräfin von Pommerhauſen ihren Fächer einige Male auf- und zugeklappt hatte, um doch wenigſtens einiges Geräuſch zu machen, warf Roſenthal leicht hin:„Ich möchte doch wiſſen, woher bei einer ſtockenden Unterhaltung der Ausdruck kommt:„Es fliegt ein Engel oder ein Polizeidiener durch's Zimmer:; Excellenz,“ wandte er ſich an einen der alten Herrn,„könnten uns vielleicht in Betreff des Flugs eines Polizeidieners einige Auskunft ertheilen.“ Glücklicherweiſe lachte der Kronprinz auch über dieſe Bemerkung mit ſichtlichem Vergnügen, und dann natür⸗ licher Weiſe gleichfalls die Gräfin von Pommerhauſen, auch die Frau des Hauſes, und ſelbſt ein Paar der alten Excellenzen machten ſauerſüße Geſichter. „Aber der Dienſt ruft, meine liebe Geheimeräthin,“ ſprach jetzt der Kronprinz in einem Tone, der humoriſtiſch klingen ſollte,„ich habe noch Ballverpflichtungen bei un⸗ ſerem Miniſter des Auswärtigen, und bedaure es auf⸗ richtig, nicht länger in dieſem angenehmen Kreiſe verweilen zu können,— Gräfin von Pommerhauſen, wir ſehen uns wohl ſpäter noch— beſten Dank, Frau Geheimeräthin 4 — guten Abend, Herr Staatsrath,“ wandte er ſich noch⸗ mals an die Kriminalexcellenz, im Vorübergehen hinzu⸗ — 93— ſetzend:„wie geſagt, Ihr Referat hat mir großes Ver⸗ gnügen gemacht.“ Der Geſchmeichelte wollte zur Antwort geben:„Viel Ehre, Hoheit,“ verſprach ſich aber, ganz voll von dem Gegenſtand des belobten Referats, und ſagte:„Viel Stockſchläge,“ worauf aber Niemand ſonderlich achtete, denn der Kronprinz war in dieſem Augenblick dicht an Roſenthal herangetreten und fragte ihn:„Sie gehen doch auch auf den Ball?— gut,“ und ſetzte alsdann, zum großen Erſtaunen mancher der Anweſenden, hinzu: „ſo können Sie mit mir fahren;“ dann verließ er das Boudoir und draußen in den Zimmern bis zur Treppe hin machte er abermals nach rechts und nach links die gleichen grüßenden Bewegungen mit dem gleichen unver⸗ wüſtlichen Lächeln. Da war aber manche Erwartung geknickt, manche Hoffnung zu Schanden geworden, da wartete man nur auf das Fortrollen der kronprinzlichen Equipage, um die⸗ ſem unerträglichen Gedränge, dieſer fürchterlichen Hitze, dieſem langweiligen Rout zu entfliehen; da ſahen ſich der Geheimerath Felſing und ſeine Gattin in einer kleinen Viertelſtunde total vereinſamt, und hatten Zeit zu ſchwel⸗ gen in dem ſeligen Gefühle einer vortrefflich gelungenen Geſellſchaft, welche durch die höchſte Anweſenheit Seiner Hoheit des Kronprinzen zu einem Gegenſtande des grimmig⸗ — 94— ſten Neides aller minderbegünſtigten Routs werden mußte — welche Seligkeit! Drunten hatte Seine Hoheit Höchſt Ihrem Adju⸗ tanten geſagt:„Fahren Sie voraus nach dem Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten und warten dort auf mich, bis ich komme!“ „Das wird wohl etwas ſchwierig ſein, Hoheit,“ er⸗ laubte ſich Herr von Roſenthal zu erwiedern,„wenn Euer Hoheit nämlich auf dem geraden Wege fahren, und wenn. ich auch dem Major Welden meinen Wagen anbiete, ſo iſt das nur ein ganz gewöhnlicher Fiaker, der den Pfer⸗ den Eurer Hoheit nicht einmal gleich⸗, geſchweige denn ihnen vorauskommen wird.“ „So ſagen Sie meinem Kutſcher, er ſoll bis zum Arſenalplatz im Schritt fahren!“ Der Adjutant ſalutirte, und der Kronprinz, ſowie Herr von Roſenthal beſtiegen den Wagen. „Wiſſen Sie auch, daß ich ſchon zweimal auf den Ball des Miniſters ſandte, um dort nach Ihnen ſehen zu laſſen, und daß Sie ſchuld daran ſind, daß ich dieſen langweiligen Rout beſuchte?“ „Viel Ehre für mich, Hoheit, aber da kann man wie⸗ der einmal ſehen, welch' große Wirkungen kleine Urſachen hervorzubringen im Stande ſind.“ „Laſſen Sie Ihre Scherze, ich bin dazu nicht auf⸗ — 95— gelegt, und ſagen Sie mir, was Sie mir mitzutheilen haben!“ „Ich Eurer Hoheit? Ich erwarte vielmehr eine aller⸗ gnädigſte Mittheilung.“ „Seien Sie ernſthaft! was haben Sie mir von ihr zu ſagen?“ „A— a— a— ah— ſo, von ihr,— das iſt bald geſagt.“ „Nun?“ „Ich kenne keinen liebenswürdigeren, weicheren und milderen Charakter, als den dieſer Dame.“ „Ja, ja,“ ſagte der Prinz ungeduldig, als Herr von Roſenthal hierauf ſchwieg,„auch ich kenne Niemand, der ihr ſowohl geiſtig als körperlich auch nur im Ent⸗ fernteſten nahe käme.“ „Ich habe in dieſem ſanften Auge niemals auch nur annähernd etwas von Heftigkeit, etwas wie Leidenſchaft in gewiſſer Beziehung aufblitzen ſehen, bis—“ „Nun— bis— man muß Ihnen ja förmlich alle Worte herauspreſſen!“ „Weil es Dinge gibt, Hoheit, die ſchwer zu wieder⸗ holen ſind.“ „A— a— a— ah———— ſo reden Sie wenigſtens!“ „Ich hätte nie geglaubt, daß ein ſo vollendet ſanftes Weſen einer ſolchen Aufregung fähig wäre, als ich ihr die Propoſition Eurer Hoheit mittheilte.“ „Einer zornigen Aufregung?“ fragte der Prinz im Tone des höchſten Erſtaunens. „Ja, und welch' heftiger Aufregung! Ich kann Eure Hoheit verſichern, daß ich vor ihr ſtand, wie ein ertappter Schulbube oder wie ein begoſſener Pudel.“ „Sie? den ſonſt nicht leicht etwas aus der Faſſung bringt?— dann muß es arg geweſen ſein!“ „Schauderhaft; ich möchte keinen zweiten Verſuch wagen.“ Seine Hoheit ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ſagte dann erſt nach einer längeren Pauſe:„Und es waren doch glänzende Propoſitionen, die ich ihr machen ließ, ſolide Propoſitionen!“. „Aber auf einem ſchlüpfrigen Fundament; ich habe Eurer Hoheit meine Niederlage vorausgeſagt.“ „Kann ſie daran zweifeln, daß meine Neigung uner⸗ ſchütterlich, meine Liebe maßlos iſt, habe ich ihr dafür nicht den beſten Beweis geliefert, indem ich dem Zorn meines Vaters trotzte, und jene ſchon weit vorgeſchrittene Verbindung mit Eklat abbrach,— blieb ich nicht feſt, ſelbſt als der Miniſter Wieneck, den ich hochſchätze, eine Kabinetsfrage aus dieſer Angelegenheit machte?“ „Gewiß, Hoheit, ſie erkennt das nicht nur an, ſon⸗ — 97— dern behauptet, eine ſo treue, aufopfernde Zuneigung nur dadurch erwiedern zu dürfen, daß ſie zu Ihrem Heile, mein Prinz, auf die ehrenhafteſten Bande dringt.“ „Par exemple, was nennt ſie ehrenhafte Bande?“ „Es wurde mir ſchon einmal recht ſauer, Euer Ho⸗ heit darüber aufzuklären.“ „Eine morganatiſche Ehe, Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß mein Vater mich auf eine Feſtung ſetzen, und die Unglückliche alsdann des Landes verweiſen ließe.“ „Es gibt ein triviales Sprüchwort, von den Nürn⸗ bergern und dem Hängen.“ „Es gibt aber auch einen Unterſchied zwiſchen: Je⸗ manden in ſeine Hände bekommen, und ein Geheimniß zu ergründen, das nicht verſchwiegen bleiben kann, da ſeine Natur es verlangt, daß Mehrere darum wiſſen.“ „Gewiß, Hoheit, ich bin auch darin vollkommen Ihrer Anſicht, und es iſt am beſten, die ganze Sache zu ver⸗ geſſen.“ „Nein— nein— und tauſendmal nein!“ rief der junge Prinz leidenſchaftlich aus, indem er heftig mit dem Fuß auf den Boden ſtampfte,„ich kann ſie nicht ver⸗ geſſen, ich will ſie nicht vergeſſen, denn ich liebe ſie un⸗ ſäglich; ich liebe ſie, wie man ein himmliſches Weſen liebt, das uns wie ein reiner, glückbringender Engel er⸗ ſchien im Dunſt dieſes alltäglichen Hoflebens— ein heißes, Hackländer, Geſchichten im Zickzack. I. 7 ſchich Zickz 7 fühlendes Herz unter geſchminkten, verzerrten, immer lächelnden Larven.“ „Ein wenig ſchmeichelhafter Vergleich für die Damen des Hofes,“ ſagte heiter Herr von Roſenthal,„erinnert auch ein Bischen an Schiller— ‚unter Larven die einzig fühlende Bruſt:— doch thut das nichts,“ ſetzte er raſch einlenkend hinzu, als ihm der Prinz ein kurzes, trockenes „was“ entgegenrief.—„Niemand iſt ja ſo überzeugt, wie ich, von der aufopfernden, glühenden Liebe Eurer Hoheit.“ „Nun, ſo geben Sie mir einen geſcheidten Rath!“ „Bei der Charakterſtärke jener Dame weiß ich keinen, als ſich— Seiner Majeſtät zu entdecken.“— „Bah, Unſinn,“———— ‚ich bitte Sie, lieber Roſenthal, laſſen Sie das nicht Ihr letztes Wort ſein, ſuchen Sie für mich und für jene Dame einen Mittelweg, überreden Sie ſie zur Nachgiebigkeit, ich will ja thun, was in meinen Kräften ſteht, und habe ja ſchon ſo viel gethan durch meine Weigerung, die Prinzeſſin Erneſtine zu heirathen— ſieht ſie denn Alles das nicht ein?“ fragte er in einem troſtloſen Tone. „Ob ſie das einſieht, Hoheit!— ſie iſt ſo troſtlos wie Sie und wie ich, ſie würde ihr Leben opfern für Euer Hoheit, aber nicht ihre Ehre, ſie ſagte mir neulich 3 noch: ‚o könnte ich ihn vergeſſen machen, indem ich ſelbſt vergäße und Vergeſſenheit fände in den Fluten eines ſtillen Sees!““. „Das iſt ein häßlicher Gedante———— ich bin rathlos, lieber Roſenthal, ſagen Sie mir, was ich thun ſoll!“ „Es gibt vorläufig zweierlei Wege: entweder Sie nehmen heute Abend auf dem Balle den Staatsminiſter von Wieneck bei Seite, ſagen ihm, Sie hätten ſich über⸗ zeugt von ſeiner uneigennützigen Redlichkeit, von ſeiner tiefen Weisheit, und bäten ihn, die Unterhandlungen we⸗ gen der Prinzeſſin Erneſtine wieder aufzunehmen.“ „Und dann?“ „Wird Miß Ellen ſpurlos verſchwinden und für uns nicht mehr auffindbar ſein, nicht einmal in den klaren Fluten eines ſtillen Sees.“ „Noch einmal pfui, Roſenthal, ich verbiete Ihnen ein-⸗ für allemal, je wieder ein ſo gräßliches Bild vor meine Seele zu bringen!“ „So betrachten wir den andern Weg: Euer Hoheit bleiben feſt bei Ihrer Weigerung, die Prinzeſſin Erneſtine zu heirathen, und wenn man in Sie dringt, ſo motiviren Sie muthvoll die Unmöglichkeit durch das Geſtändniß Ihrer Liebe zu einer Andern.“ „Ich würde das vor meinem Vater niemals wagen.“ „So laſſen Sie dieſe Motive durch einen Andern — 100— ausſprechen, wer weiß, ob nicht ſchon die Nachricht dieſer muthvollen That, die Miß Ellen nicht verſchwiegen bleiben würde, im Stande wäre, ihr Herz, ihren ſchroffen Sinn zu erweichen.“ „Ich wüßte Niemand,“ ſagte der Prinz nach einem längeren Stillſchweigen,„der im Stande wäre, mit dem Könige darüber zu reden, ohne durch Beantwortung von Kreuz⸗ und Querfragen Ellen zu kompromittiren.“ 3„Jedenfalls iſt es meine Anſicht,“ erwiederte Herr von Roſenthal,„daß, wenn etwas geſchehen kann, es nur auf dieſem Wege möglich iſt.“ Hier hielt der Wagen, und da die Lakaien eilfertig den Schlag aufriſſen, ſo war die Unterredung damit für den Augenblick abgebrochen, doch ſagte der Prinz, ehe er die mit Teppichen belegte Treppe hinaufſtieg, zu Roſen⸗ thal:„Ich hoffe nicht, daß Sie den Ball ſo raſch wieder verlaſſen, um Ihren anderweitigen Vergnügungen nach⸗ zurennen. Laſſen Sie ſich zuweilen in meiner Nähe ſehen, ich muß noch mit Ihnen reden.“ Die allerhöchſten Herrſchaften waren kurz vor dem Prinzen auf den Ball gekommen, und Seine Majeſtät hatte ſchon ein ernſthaftes Geſicht gemacht, als ſie ſeinen Sohn beim Empfange vermißte. Da es aber der Gräfin von Pommerhauſen bei der Pünktlichkeit des Herrſcherpaares möglich geworden war, vor demſelben auf dem Balle des — 101— Miniſters einzutreffen, und da ſie nicht unterlaſſen hatte, Ihrer Majeſtät ſtrahlend mitzutheilen, wie gnädig der Prinz geweſen ſei, den Rout des guten Geheimen⸗Raths Felſing zu beſuchen, eines ſo anerkannt zuverläſſigen, treuen Dieners, und mit welcher Liebenswürdigkeit und mit welchem Geiſt ſich Seine Hoheit dort unterhalten, ſo er⸗ fuhr dieß alsbald der König und es freute ihn, zu er⸗ fahren, daß ſein Sohn endlich einmal Geſchmack daran fände, ſo wohlanſtändige und durch und durch ſolide Häuſer und Geſellſchaften zu beſuchen. Der Ball des Miniſters hatte ſich bis jetzt ſo dahin geſchleppt, wie ſich ein Ball hinzuſchleppen pflegt, ehe die allerhöchſten Herrſchaften erſcheinen. Es war noch kein friſches Leben bemerklich geweſen, kein anmuthiger Wellen⸗ ſchlag, vielmehr eine ſtagnirende Waſſerfläche mit aller⸗ dings prachtvoll ſchillernden Sumpf⸗ und Schmarotzer⸗ pflanzen jeder Art; ſelbſt im Tanzſaal war noch kein höherer Schwung bemerkbar, und, um unſer Gleichniß von ſoeben fortzuſetzen, flatterten die Paare, die Blicke beſtändig auf die Eingangsthüre gerichtet, nur ſcheu um einander herum, wie wilde Gänſe oder Enten im Röhricht, ohne ſich zu einem geregelten, animirten Fluge zu erheben. Das wurde aber nun plötzlich anders. Drunten vernahm man Pferdegetrappel und Wagen⸗ geraſſel, die Diener arrangirten ſich auf den Treppen, der Portier faßte krampfhaft ſeinen Sto⸗ mit dem großen goldenen Knopfe, und ein paar freundliche, gefällige Kammerherren ſtürzten in den Saal, um dem Hausherrn zu melden, daß die Majeſtäten ſoeben angefahren ſeien. Die alten Herren in den Vorzimmern, Excellenzen, Geheime Staats⸗, Oberregierungs⸗ und andere Räthe, ſowie unter Waffen ergraute Militärs, die ſchon von mehr als zweiſtündigem Stehen ringsumher an den Wän⸗ den ein wenig duſelig geworden waren, ermannten ſich mit Aufwendung der letzten Kräfte und blickten mit künſt⸗ lichem Lächeln nach der Eingangsthür. War doch die Zeit ihrer Leiden nächſtens vorüber, und konnten ſie ſich ſtill und bewegt von dannen ſchleichen, ſowie der aller⸗ höchſte Hof in den Zimmern verſchwunden war. Leute, die als mißliebig nicht gerne wollten geſehen ſein, verſchwanden hinter verdunkelnden Fenſtervorhängen⸗ oder hinter korpulenten Damen; Andere, die ſicher waren, durch einen freundlichen Blick, ja vielleicht ſogar durch eine freundliche Handbewegung beglückt zu werden, ſchoben ſich zuweilen recht rückſichtslos in die vordere Reihe, wo⸗ bei Herren ihre Kravatten hinauf⸗ ſowie ihre Fräcke hinab⸗ zogen, und Damen, welche lange geſeſſen, hinten an ihre Röcke griffen, um durch leiſes Schütteln die Falten der⸗ ſelben wieder maleriſcher herabwallend zu machen. Und wie die Sonne, während ſie ſich langſam — 103— erhebt, Licht und Glanz, Freude und Entzücken über Alles ausgießt, was ihre Strahlen erreichen, ſo brachte hier⸗der allerhöchſte Hof, wie er langſam vordrang, die △ꝗ gleiche Wirkung hervor. Da gab es keine trübe Miene mehr, kein ernſtes, langweiliges Geſicht, für den erſten Augenblick nämlich, und doch war es auch hier, wie der Dichter ſagt: Die Seufzer und die Thränen, Die kamen hintennach, und zwar bei ſolchen Unglücklichen, die durch kein freund⸗ liches Wort, durch keinen gnädigen Blick in ſüße Auf⸗ regung verſetzt worden waren, ja an denen man vielleicht mit einem ſehr ernſten Blick vorübergeſchritten, oder die, obgleich ſie ſich in die erſte Reihe gedrängt, gerade ſo wenig bemerkt worden waren, als ſeien ſie unſichtbar. Vielleicht noch eine ſtarke Viertelſtunde herrſchte im Tanzſaal ſowie in allen Zimmern bewegte Ebbe und Flut, mit einer leichten Brandung in der Nähe der aller⸗ höchſten Herrſchaften, und erſt als ſich die Königin an einem Theetiſch niedergelaſſen und ſich der König zum Spiel geſetzt hatte, fing es an nach und nach wieder ruhiger zu werden, Alles kehrte in's gewöhnliche Geleiſe zurück, und man ſah auf den verſchiedenen Geſichtern ebenſowohl ſtrahlende Glückſeligkeit, als tiefe, hoffnungs⸗ loſe Verſtimmung. — 104— Seine Majeſtät hatte den Oberſthofmeiſter Baron Tönning, den Staatsminiſter von Wieneck, dem er ſo⸗ gleich beim Eintritt in den Saal freundlichſt die Hand geſchüttelt, zum Whiſtſpiele befohlen, ſowie ebenfalls den engliſchen Geſandten Sir Frederik Knobbers dazu einladen laſſen. Man ſpielte zu Dreien mit dem Strohmann, welches Spiel der König beſonders liebte, weil er zuweilen gerne austrat, um einen Blick in den Tanzſaal zu werfen, oder mit Dieſem oder Jenem ein paar Worte zu reden. 3 Daß Manche ſich deßhalb in ſtiller Sehnſucht und ſo auffallend als möglich in der Nähe des königlichen Spiel⸗ tiſches umhertrieben, bedarf kaum der Erwähnung, wäh⸗ rend Andere, die ihr Weg zufällig hieher geführt, ſo raſch als thunlich um die nächſte Ecke verſchwanden. Unter dieſen Letzteren befand ſich der Major Graf Leo Wieneck, welcher, mit Roſenthal heranſchreitend, an der Thüre des Spielzimmers eine ſcharfe Wendung nach links verſuchte, ſobald er Seine Majeſtät bemerkte, worauf der Andere lächelnd ſagte:„Warum fliehen, mein ver⸗ ehrter Freund, wenn man es ſo bequem haben kann, ſich in den Strahlen der Sonne zu ergehen und bis auf's innerſte Mark zu erwärmen? Ich kann Sie verſichern, der Allerhöchſte ſtrahlt heute eine famoſe Gnadenwärme aus, ich ſehe deren Abglanz deutlich auf dem Geſichte unſeres wackeren Oberſthofmeiſters, ſein Mund lächelt ſo behaglich, — 105— daß ſeine kleinen Augen beinahe verſchwinden und ſeine Ohren förmlich wackeln.“ „Ich habe meine Urſache, mich heute nicht auffallend ſehen zu laſſen; der König hat mich im Verdacht, als ſei ich geſtern über einen verbotenen Weg des Parks geritten.“ „Und dieſer Verdacht iſt wahrſcheinlich gerechtfertigt; in ſolchem Fall attaquirt man von vorn und ſtellt ſich gerade gegenüber Seiner Majeſtät, natürlich in geziemender Entfernung. Auch ſpricht der Herr in dieſem Augenblicke ſo gnädig mit Ihrem Papa, daß für den Sohn noth⸗ wendig etwas abfallen muß— kommen Sie nur!“ „Meinetwegen.“ Die beiden jungen Leute traverſirten den Spielſaal, und da der König zufällig aufblickte, als ſie ſich gegenüber dem Spieltiſche befanden, und dann leicht mit dem Kopfe nickte, ſo machten Beide eine tiefe Verbeugung, worauf Seine Majeſtät ſagte:„Es iſt das ein gutes Pferd, Major Wieneck, welches Sie geſtern im Parke ritten!“ „Auf verbotenen Wegen,“ flüſterte Roſenthal,— „Sie haben Ihre Naſe auf die ſanfteſte Art von der Welt.“ „Ah, ſieh da, Herr von Roſenthal! Sie tanzen nicht?“ „Ich habe ein Gelübde gethan, nicht mehr zu tanzen, Majeſtät.“ — 106— „Und wo war das?“ fragte der König, indem er Karten gab. „Auf einem ſtark tanzenden Schiffe, Majeſtät, im ſchwarzen Meer.“ „Und Sie ſpielen auch nicht?“ „Nicht mehr, ſeit ich Afrika verlaſſen.“ „Er iſt zu drollig, dieſer Roſenthal,“ bemerkte der König mit freundlicher Miene gegen den Staatsminiſter von Wieneck,—„und warum ſpielen Sie ſeit Afrika nicht mehr?“ „Euer Majeſtät halten zu Gnaden, es fehlt mir hier an der üblichen Landesmünze, an welche ich mich dort zu ſehr gewöhnt.“ „So, und was war Ihre afrikaniſche Münze?“ „Negerköpfe, Majeſtät, die Wetten nach rechts und links gingen um Elephantenzähne.“ Da der König in dieſem Augenblicke mit raſchem Blick auf ſeine Karten ſah, daß er ſeine Gegner„groß⸗ ſchlemm“ machen würde, ſo lachte er auf's Herzlichſte über die närriſchen Antworten, indem er ſagte:„Ja mit ſolchen Münzen können wir allerdings nicht dienen— gratuliren Sie ſich dazu, Baron Tönning, Sie haben dieſen Rubber mit einem großen Schlemm verloren und mit einer Wette gegen den Herrn Geſandten, das würde Sie viele Elephantenzähne und Negerköpfe koſten.“ — 107— Damit ſtand Seine Majeſtät auf und verließ freund⸗ ſich grüßend den Spielſalon, um ſich während des nächſten Rubbers im Tanzſaal umzuſchauen. 4 Wieneck und Roſenthal traten näher zum Spieltiſche, wo der Oberſthofmeiſter kopfſchüttelnd gegen den Letzteren bemerkte:„Sie ſündigen ſtark auf eine gewiſſe Freiheit, Herr von Roſenthal, wie könnte ich mich unterſtehen, eine ſolche Antwort zu geben!“ „Verzeihen mir Excellenz, das wäre auch nicht paſſend für eine oberſte Hofcharge, und es gehört auch noch ſonſt etwas dazu, was Euer Excellenz nicht im gehörigen Maße beſitzen.“ „Par exemple,— was wäre das, mein Lieber?“ „Bürgerlicher Muth, Excellenz, oder wenn Sie wol⸗ ken, eine gewiſſe Effronterie, die ich leider in hohem Grade beſitze.“ „Das weiß Gott,“ ſagte der Oberſthofmeiſter halb leiſe, indem er Karten gab,„doch habe ich bürgerlichen Muth genug, mein Freund, um auch Seiner Majeſtät ge⸗ genüber meinen Grundſätzen getreu zu bleiben und meine Pflichten zu erfüllen.“ „Das käme auf die Probe an, Excellenz,“ entgegnete Herr von Roſenthal mit ſeiner kecken Laune. Doch zuckte Baron Tönning die Achſeln und würde ſich wohl ohne weitere Antwort mit ſeinen Karten be⸗ — 108— ſchäftigt haben, wenn nicht der Staatsminiſter von Wieneck lächelnd die Bemerkung hingeworfen hätte:„Ich weiß, worauf Herr von Roſenthal zielt.“ „Nun?“ fragte der Oberſthofmeiſter, wobei ſich der ohnedieß ſchon erſtaunte Ausdruck ſeines Geſichtes zu einer faſt komiſchen Höhe ſteigerte, während ſeine Unterlippe ſchlaff herabſank.. „Ich dachte an unſere Wette von heute Abend,“ ſprach ruhig Herr von Roſenthal. „A— ah— Kindereien!“ 4 „O eine Uette iſt niemals eine Kinderei,“ ſprach der engliſche Geſandte mit einem etwas mangelhaften Accente. „Gewiß nicht, Sir Frederik Knobbers, und noch dazu eine Wette, die auf einer ganz eigenthümlichen Entſchei⸗ dung beruht. Ich wettete nämlich gegen den Herrn Oberſt⸗ hofmeiſter—“ „Herr von Roſenthal!“ ſagte dieſer ſehr ernſt. „Laſſen Sie ihn doch, Baron Tönning!“ warf der Staatsminiſter beſchwichtigend ein,„Sie können ja über⸗ zeugt ſein, daß Herr von Roſenthal in ſeiner bekannten Art nur die Wahrheit ſagt.“. „Ah ſo— ich wettete alſo mit dem Herrn Oberſt⸗ hofmeiſter für das bekannte Glück Seiner Majeſtät, im Whiſtſpiel, verſteht ſich von ſelbſt, und da wäre doch heute — 109— Abend die beſte Gelegenheit, dieſe Wette zur Entſcheidung zu bringen.“ „Eine beſſere uird ſich nicht ſo bald zeigen,“ meinte Sir Frederik Knobbers,„und da mir dieſe Uette gefällt, ſo biete ich Ihnen dieſelbichte ebenfalls auch mit an; Sie uetten gegen, ich uette für das Glück von Seiner Majeſtät.“ „Ich behauptete nämlich,“ ſagte Herr von Roſenthal, „daß Seine Majeſtät bei einem Rubber viermal Atout⸗Aß haben wird; Seine Excellenz der Oberſthofmeiſter behaup⸗ teten das Gegentheil, und ſo entſtand unſere Wette.“ „Wie hoch haben Sie geuettet?“ „Um zehn Friedrichsd'or.“ „Gut, wenn Sie uollen, halte ich dieſe Uette eben⸗ falls gegen Sie, Herr Oberſthofmeiſter.“ Dieſer blickte im höchſten Erſtaunen die Herren der Reihe nach an; er wußte nicht, was er zu allem dem ſagen ſollte, und es war durchaus nothwendig, daß Herr von Roſenthal ſeinem Gedächtniſſe durch die Frage zu Hülfe kam: „Euer Excellenz erinnern ſich doch, daß und warum wir heute Abend gewettet haben?“ „Gewiß.“ „So kann alſo die Wette ausgemacht werden, eine günſtigere Gelegenheit findet ſich nicht ſo bald wieder, auch ſind die nothwendigen Zeugen zur Hand.“ — 110— „Allerdings— aber—“ „Die ganze Sache iſt ja nur ein Scherz, warum nicht raſch damit zu Ende kommen?“ „Gewiß nur ein Scherz,“ meinte auch Sir Frederik Knobbers,„und uenn uir es ſpäter dem Könige erzählen, zuird er ſehr darüber lachen uollen.“ „Vielleicht.“ „Jedenfalls,“ ſagte der Staatsminiſter von Wieneck, „ſpielen wir raſch unſern Rubber zu Ende.“ „Und dann uerde ich Seine Majeſtät benachrichtigen. daß er eintreten ſoll,“ ſprach Sir Frederik Knobbers, der es ſehr liebte, von der Geſellſchaft ſo häufig als möglich im Geſpräch mit dem König geſehen zu werden. Das Spiel war bald zu Ende, und dann erhob ſich der engliſche Geſandte, um nach Seiner Majeſtät zu ſehen. „Es kommt nie etwas dabei heraus, Herr von Roſen⸗ thal,“ ſagte nun der Oberſthofmeiſter in verdrießlichem Tone,„wenn man ſich mit Ihnen einläßt.“ „Im Gegentheil, ich bin überzeugt, Sie gewinnen dadurch zehn Friedrichsd'or und ein wundervolles Diner, wenn Sie Seiner Majeſtät eine dicke Lüge ſagen.“ „Ich ſchaudere ſchon bei dem Gedanken, und die Herren müſſen mir zugeben, daß ich ſehr im Nachtheil gegen Sie bin; Sie haben es gut, Sie brauchen nur die Wahrheit zu reden; o es iſt ſo beruhigend und ſo ſüß, die Wahrheit zu ſprechen, ich möchte mich wahrhaft mit zehn Friedrichsd'or von dieſer lächerlichen Wette los⸗ kaufen.“ „Es iſt ja nur ein Scherz, und einer Wette kann man ſich nicht entziehen, Baron Tönning,“ bemerkte der Staatsminiſter, als er ſah, wie Herr von Roſenthal mit gekränkter Miene die Achſeln zuckte. „O ja, man kann ſie verloren geben und bezahlen,“ erwiederte der Oberſthofmeiſter. „In dieſem Falle nicht, Excellenz; denn ich käme dadurch um das Vergnügen, vor Seiner Majeſtät die Wahrheit reden zu dürfen.“ „Dort kommen Allerhöchſt Dieſelben mit Sir Fre⸗ derik.“ „Alſo unſere Wette gilt, und muß entſchieden ſein vor Beendigung des nächſten Rubbers?“ „In Gottes Namen denn; aber wenn ich mich noch⸗ mals auf eine ſolche Geſchichte einlaſſe, ſo ſoll mich der Teufel holen!“ „Noch etwas,“ flüſterte raſch Herr von Roſenthal, „die Herren Zeugen müſſen wiſſen, wann Lüge und Wahr⸗ heit kommt, und deßhalb könnte Jeder von uns Beiden laut und deutlich huſten— angenommen?“ „Meinetwegen— auch das noch.“ „So ungefähr werd' ich huſten,“ und darauf räuſperte ſich Herr von Roſenthal ſo laut, daß Seine Majeſtät, welche in dieſem Augenblicke herantrat, die Frage that:„Sie ſind wohl ſtark erkältet?“ worauf Roſenthal zur Antwort gab:„Ich bitte Euer Majeſtät tauſendmal um Verzeihung, es war mir, als hätte ich etwas in der Kehle ſtecken.“ „Ah, eine Wahrheit, mein Lieber, nehmen Sie ſich in Acht, ich fürchte, Sie erſticken noch einmal an einer Wahrheit!“ „Ich hoffe, mich nie leichtſinniger Weiſe in ſolche Gefahr zu bringen,“ antwortete Roſenthal, indem er ſich mit großem Ernſte verbeugte. „Jedenfalls ſchätze ich es an Ihnen,“ lächelte der König, indem er ſich niederließ,„daß Sie Ihre Fehler nicht zu verdecken ſuchen. Wie ſteht es mit dem Spiele?“ „Ich gewann acht Point, Majeſtät, gegen die beiden Herren,“ antwortete der Oberſthofmeiſter,„trete aus und habe nun die Ehre, zuſchauen zu dürfen.“ Damit that er einen halben Schritt zurück und zog ſein Taſchentuch hervor, um ſich leicht damit über die Stirne zu fahren. Das Spiel nahm nun ſeinen Fortgang, und da der König ſowohl beim erſten als auch beim zweiten Karten⸗ geben jedesmal Atout⸗Aß bekam, ſo lächelte Sir Frederik vergnügt in ſich hinein. Doch wollte es das Schickſal, daß er ſelbſt der Beendigung der Wette nicht beiwohnen ſollte, denn im Begriff, die Karten zu ergreifen, rauſchte 3 — 113— die Gräfin von Pommerhauſen in den Saal und fragte einen Kammerherrn, der an der Thür lehnte, ſo laut nach dem engliſchen Geſandten, daß Seine Majeſtät fragend hinüberblickte, worauf die erſte Palaſtdame mit einem künſtlichen, aber ſehr gut nachgemachten Erſchrecken ſo tief rückwärts knickste, daß ſich der eben erwähnte Kammer⸗ herr nur durch eine raſche Seitenbewegung vor einem Zu⸗ ſammenſtoß mit ihr rettete.„Ich bitte Euer Majeſtät tauſendmal um Verzeihung,“ lispelte die Gräfin,„aber Ihre Majeſtät die Königin fragte nach Sir Frederik, und ich hatte keine Ahnung davon, daß er gerade in der Partie begriffen wäre.“ „Ah, wenn die Königin Sie wünſcht, mein Lieber,“ ſagte gütig der König,„ſo dürfen wir ſie nicht warten laſſen. Tönning kann ja ſo lange Ihre Karten nehmen.“ „Uenn Euer Majeſtät erlauben,“ erwiederte der Geſandte raſch aufſtehend, konnte aber nicht unterlaſſen, als er bei Roſenthal vorüber kam, dieſem zuzuflüſtern: „Geben Sie auf unſere Uette Acht, ſchon zweimal uar Atout⸗Aß da!“ Der Oberſthofmeiſter ließ ſich auf dieſe Aufforderung zum Spiele nieder, nachdem er haſtig ſein Schnupftuch wieder in die Taſche geſteckt. Er hatte ſich ſchon zwei⸗ mal die etwas feucht gewordene Stirne abgewiſcht und zog tief den Athem an ſich, denn dieſer Roſenthal war Hackländer, Geſchichten im Zickzack. I. 8 — 114— gar zu unausſtehlich. Da ſtand er ſeitwärts, mit dem Major Wieneck, ſcheinbar in eifrigem Geſpräch mit dem⸗ ſelben, ohne jedoch einen Blick von dem etwas bleich ge⸗ wordenen Geſichte des Baron Tönning abzuwenden, ja, er unterließ es nicht, ihm verſtohlen ein Zeichen zu machen, daß der Rubber nächſtens zu Ende gehen müſſe, ihn auf ſolche Art antreibend, das Schrecklichſte zu begehen, was eine oberſte Hofcharge überhaupt zu begehen im Stande iſt. Der Oberſthofmeiſter hatte ſchon ein Dutzendmal bei ſich beſchloſſen, die Wette verloren zu geben und nicht zu lügen; doch hatte ihn ein eigenthümliches Lächeln des alten Staatsminiſters, der in ſeiner Seele zu leſen ſchien, ſtets wieder von dieſem guten Vorſatz abgebracht, auch fürchtete er das bekannte loſe Maul Roſenthal's, der ſich, im Falle er ſein Wort nicht hielte, nichts daraus machen würde, die ganze Geſchichte lachend vor den Ohren Seiner Majeſtät zu erzählen, in welchem Falle ſchon der Vorſatz zum Lügen verderblicher ſein konnte, als die Ausführung dieſes Verbrechens, welche ja jedenfalls verſchwiegen blieb. Er hätte es wahrhaftig nicht für möglich gehalten, wie ſchwierig es ſei, ſo mit kaltem Blut eine Lüge zu ſagen— und wo fand ſich nur gleich eine günſtige Veranlaſſung dazu? Zum Henker, man konnte doch Seiner Majeſtät nicht ſagen, daß man einen weißen Mohren geſehen habe oder ein ſammetartiges Stachelſchwein. — 115= Der König hatte Sir Frederik nachgeblickt und legte die Karten, welche er ſchon in die Hand genommen hatte, wieder vor ſich hin, ſobald Jener den Salon verlaſſen. „Apropos, Tönning,“ ſagte er alsdann,„wo ſteckt denn der erſte Kammerherr der Königin? Haben Sie den Grafen Stoltenhoff nirgendwo geſehen?“ „Als ich kam, war er in den vorderen Salons; wenn Euer Majeſtät befehlen, will ich nach ihm ſchicken.“ „Gewiß nicht; er wird auch nicht zu finden ſein, denn die Königin ließ ſchon vergeblich nach ihm ſehen.“ „Vielleicht daß er ſich doch in einem der rückwärtigen Salons befindet, wollen mir Euer Majeſtät geſtatten, nachzuſehen?“ bat raſch der Oberſthofmeiſter, dem ein Hoffnungsſtrahl dadurch leuchtete, daß ihm befohlen würde, den Kammerherrn zu ſuchen, und daß er, auf dieſe Art von der Spielpartie entfernt, auch nicht im Stande ſei, ſeine Wette zu halten; auch ſchon aus dem Grunde, weil alsdann der fragliche Rubber nicht zu Ende geſpielt wer⸗ den konnte, da die Souperſtunde nahe herangerückt war — eine Stunde, welcher wohl noch nie ein abgetanzter hungriger Lieutenant mit ſolcher Sehnſucht entgegengeſehen, als in dieſem Augenblick der Chef der königlichen Hof⸗ haltung. Leider aber ſchüttelte Seine Majeſtät mit dem Kopfe, indem ſie bemerkte:„Geben Sie ſich keine unnöthige — 116— Mühe, der Herr Graf Stoltenhoff wird unſerem Miniſter des Auswärtigen die Ehre nicht erzeigen, auf ſeinem Balle länger, als gerade nothwendig iſt, zu verweilen; der Herr Graf haben, wie ich ganz genau weiß, wichtigere Dinge zu beſorgen.“ Der König ſprach dieſe Worte natürlich in einem ironiſchen Tone, jedoch mit einem ernſten Blick, ſetzte aber dann mit der ihm eigenen Gutmüthigkeit hinzu:„Wir waren ja Alle einmal jung, und ich bin gewiß der Letzte, welcher über dergleichen Geſchichten ſtrenge Kontrole üben möchte, aber man muß dadurch ſeine Pflichten nicht ver⸗ nachläſſigen und man muß, beſonders in gewiſſen Stellun⸗ gen, ſich in Acht nehmen, Aergerniß zu geben.“ Alle, die am Tiſche ſaßen, wußten ganz genau, worauf dieſe Worte zielten; denn der Graf Stoltenhoff, obgleich verheirathet, unterhielt ein kleines, ſehr intimes Verhältniß mit einer jungen Sängerin des Hoftheaters. „Habe ich nicht Recht, Wieneck?“ fragte der König. „Ich glaube nicht, daß es ſo arg iſt, Majeſtät.“ „Es ſollte mich das in der That freuen, denn mich dauert die kleine Gräfin Stoltenhoff— wiſſen Sie Nä⸗ heres darüber, Wieneck?“ Der Staatsminiſter zuckte ganz leicht mit den Achſeln und fühlte ſich ein klein wenig verlegen, da er allerdings nicht im Stande war, die Aeußerung, die er eben gut⸗ — 117— müthiger Weiſe gethan, der Wahrheit gemäß zu bekräf⸗ tigen, doch kam ihm in dieſem Augenblicke der Oberſt⸗ hofmeiſter eben ſo unerwartet als erwünſcht zu Hülfe, denn Seine Excellenz, nachdem ſie ein paarmal heftig ge⸗ ſchluckt und einen ſehr ausdrucksvollen Blick nach Roſenthal hinübergeſandt, der ſich etwas ſeitwärts hinter dem Rücken des Königs befand, huſtete nun laut, ja auffallend, und ſagte dann nach einem ſtarken Athemholen und während ſich ſeine Augenbrauen eben ſo hoch emporzogen, als ſeine Unterlippe ſchlaff herabhing, mit etwas unſicherer Stimme: „Auch ich kann Euer Majeſtät verſichern, daß das Ver⸗ hältniß des Grafen Stoltenhoff, welches Euer Majeſtät eben berührten, nicht mehr exiſtirt.“ „Ah, das ſollte mich in der That freuen, und wiſſen Sie das ganz genau, Tönning?“ „Ganz— genau.“ Dieſe Worte brachte der Oberſthofmeiſter nur mit größter Mühe hervor, denn jetzt, nachdem er das Ver⸗ brechen begangen, Seine Majeſtät auf's Gröblichſte zu be⸗ lügen, fühlte er, wie man gewöhnlich nach begangenen Sünden fühlt, die ganze Schwere ſeines Unrechts. Er warf einen zweiten Blick auf Roſenthal hinüber, aber es war kein Blick des Triumphes, es war ein Blick des Zorns, ja der Zerknirſchung. „Es freut mich wirklich, das aus Ihrem Munde zu — 118— vernehmen, Tönning, ich kenne Ihre Vorſicht und Zuver⸗ läſſigkeit, aber woher wiſſen Sie, daß dieß Verhältniß mit der kleinen Sängerin nicht mehr exiſtirt?“ „Von— von— e— eben——— dem Grafen Stoltenhoff ſelbſt.“ „Das iſt mir nicht genügend, und da Sie mich ſo beſtimmt verſichert haben, das ſtandalöſe Verhältniß hätte aufgehört, ſo werden Sie mir ſicherere Bürgſchaften dafür mittheilen können.“ „Gewiß, Euer Majeſtät,“ ſagte der Oberſthofmeiſter, während er Herzklopfen und Ohrenſauſen verſpürte und ihm der Angſtſchiweiß ausbrach, den er ſich im gegenwär⸗ tigen Augenblicke nicht einmal abwiſchen durfte,„Graf Stoltenhoff ſah das Unpaſſende dieſer Liaiſon ein, und — da— da—“ „Sprechen Sie unverholen, mein lieber Tönning,“ ermunterte ihn der König in gütigem Tone,„was Sie uns anvertrauen, bleibt ganz unter uns; auf Wieneck kann ich mich verlaſſen, wie auf Sie und wie auf mich „Und löste die Verbindung auf, Majeſtät.“ „Aber wie— auf welche Art?— es intereſſirt mich, das in ſeinen Einzelnheiten zu hören; ſolche Feſſeln ſind ſchwer zu brechen, man kennt das aus Erfahrung, aber wenn man nur einmal den guten Willen hat, eine — 119— ſolche Geſchichte zu löſen, ſo iſt damit immerhin ſchon etwas geſchehen— fand er vernünftige Freunde, die ihm behülflich waren?“ „Ja— Majeſtät,“ hauchte der Oberſthofmeiſter, „er wandte ſich an mich— und— an Baron Schalken, den Hoftheater⸗Intendanten Eurer Majeſtät.“ „Bei Schalken iſt er an die richtige Adreſſe gegan⸗ gen,“ lachte der König,„und was that der Intendant?“ „Er— er— verſprach dem Grafen Stoltenhoff, das Engagement der Betreffenden, welches ohnedieß näch⸗ ſtens abgelaufen iſt, nicht wieder zu erneuern.“ „Ganz gut, vortrefflich,“ erwiederte der König,„doch da fällt mir eben ein, daß ſich Schalken eine kleine Un⸗ wahrheit gegen mich erlaubte; unter uns geſagt, frug ich ihn neulich in Betreff des Engagements der kleinen Sän⸗ gerin ganz aus demſelben Grunde, und da ſagte er mir doch, ihr Kontrakt laufe noch zwei Jahre.“ Jetzt konnte der Oberſthofmeiſter nicht anders, als leiſe ſein Taſchentuch hervorziehen, und ſich die Schweiß⸗ tropfen von der Stirne wiſchen, von denen ihm einer über die Naſe herabzulaufen drohte. Er hatte auch Zeit dazu, da der König, und zwar etwas unmuthig, fort⸗ fuhr:—„dieſer Schalken, ich hab' ihn immer im Ver⸗ dacht gehabt, daß er mir nicht ſtreng genug auf die Kon⸗ duiten ſeiner Prinzeſſinnen hält, und daß er nicht gleich — 120— von vorne herein mit der gehörigen Energie einſchreitet, wenn die jungen Herren gegen alle Theatergeſetze ſich hinter den Couliſſen herumtreiben; man ſollte auch da alle halbe Jahre die Kriegsartikel verleſen— nun ich muß mir dieſe Geſchichte merken.“ „Aber ich bitte Euer Majeſtät auf's Inſtändigſte,“ flehte der Oberſthofmeiſter, der, ein Bild des Jammers, die letzte Aeußerung Seiner Majeſtät vernommen,„ich flehe inſtändigſt, nur für den Augenblick nicht—“ „Seien Sie unbeſorgt, ich verrathe nie Jemanden, will aber Stoltenhoff behülflich ſein, ſeine Ketten zu brechen; Schalken. ſoll ſich je eher je lieber mit der Sängerin, den Reſt ihres Engagements betreffend, ab⸗ finden.“ Der Oberſthofmeiſter hatte ſeine Wette gewonnen— er hatte den König belogen und Roſenthal konnte zufrie⸗ den ſein; er hatte nicht nur einmal gelogen, er hatte ſich in eine ganze Kette von Lügen verwickelt, die nun mit ihrer vollen Schwere auf ſeiner Seele laſtete, und ſelbſt ſeinen Körper zuſammengedrückt haben würde, wenn er nicht die ungeheuerſte Anſtrengung gemacht hätte, unbe⸗ fangen und ſo aufrecht als möglich auf ſeinem Stuhle zu ſitzen. Ja, er hatte gelogen, und er fühlte es deutlich, wie Recht jenes Ungeheuer von Roſenthal gehabt, daß es viel leichter ſei, die Wahrheit zu reden, als auf — 121— unverfängliche und geſchickte Art zu lügen— ja er hatte weder unverfänglich, noch geſchickt gelogen, er hatte ein Lügennetz gewoben, in dem er nun ſelbſt gefangen ſaß, und bot dabei nicht das Bild eines munter zappelnden Fiſches, ſondern ſah vielmehr aus wie ein halbabgeſtan⸗ dener Karpfe mit großen, offenen, gläſernen und doch noch erſtaunten Augen und ſchwach zuckendem Munde. Und dabei ſollte er mit Seiner Majeſtät Karten ſpielen! Glücklicher Weiſe arbeitete er mit dem Strohmanne gegen den König und Wieneck, und ſo war es denn für eigene Rechnung und Gefahr, daß er abermals großſchlemm wurde, weil er in der Zerſtreuung ſeinen Atout⸗König auf das Atout⸗Aß Seiner Majeſtät geworfen. Dieß war das dritte Atout⸗Aß, welches der König ausgeſpielt, doch hatte der Oberſthofmeiſter dafür, ſowie für die eingegangene Wette mit Sir Frederit Knobbers kein Gedächtniß mehr, überhaupt trugen vor ſeinem wirren Geiſte alle Kartenblätter jetzt die Phyſiognomie des Grafen Stoltenhoff, dann des Hoftheaterintendanten Baron Schal⸗ ken, ſowie jener Sängerin. Der Staatsminiſter Wieneck hatte achtzehn Point markirt, der Rubber näherte ſich ſeinem Ende, und wäh⸗ rend der Oberſthofmeiſter die Karten gab, ſchauten Seine Majeſtät vergnügt um ſich her, auch ein wenig hinter ſich, und bemerkte dadurch Roſenthal, der ſich mit dem Grafen — 122— Leo etwas zurückgezogen hatte und ſich nun den Anſchein gab, als durchſchritte er raſch mit jenem den Spielſalon, um ſich in den Tanzſaal zu begeben. „Hören Sie, lieber Roſenthal,“ ſagte der König, ihn freundlich herbeiwinkend,„Sie ſprachen ſich neulich gegen mich einmal dahin aus, daß Sie das Lügen für das größte Laſter hielten. Beharren Sie noch bei dieſem lobenswerthen Grundſatze?“ „Unerſchütterlich, Majeſtät.“ „Nun dann will ich Ihnen eine vertrauliche Frage thun, die Sie mir vielleicht beantworten können. Sie verkehren häufig mit meinem Sohne, man ſagt, Sie ge⸗ nöſſen ſein Vertrauen; iſt es nicht ſo?“ „Seine königliche Hoheit ſind allerdings ſehr gnädig gegen mich.“ „Nun denn, ſo ſagen Sie mir, warum tanzt er den ganzen Abend nicht, warum ſpielt er nicht, warum ſehe ich ihn, ſo oft ich ihn nämlich ſehe, gedankenvoll vor ſich hinſtarren, ſtatt ſich heiter, wie es ſeinen Jahren geziemt, zu unterhalten?“ Hier huſtete Herr von Roſenthal ſo auffallend, daß der arme Oberſthofmeiſter zuſammenfuhr, weil es ihm gerade zu Muthe war, als würde er gezwungen, nochmals zu lügen, während der Staatsminiſter von Wieneck, der das verabredete Zeichen erkannte, erwartungsvoll aufſchaute. — ↄaꝑĆ — 123— „Nun,“ fragte der König,„ſind Sie im Stande, mir eine Antwort zu geben, aber foie de gentilhomme?“ „Foie de gentilhomme, Majeſtät; weil Seine königliche Hoheit, ſoviel ich bemerkt habe, heftig ver⸗ liebt ſind.“ „Ah, das iſt ſtark,“ rief der König, und ſetzte nach einem augenblicklichen Stillſchweigen hinzu:„mir ſcheint, Sie haben es dießmal mit dem foie de gentilhomme nicht genau genommen.“ „Eben ſo genau, Majeſtät, als ich weiß, daß der Kronprinz eine heiße Liebe im Herzen trägt.“ Dieſes Mal ſah der Staatsminiſter von Wieneck noch erſtaunter aus als der Oberſthofmeiſter, der überhaupt ziemlich theilnahmlos vor ſich hinbrütend daſaß. Wieneck war überzeugt, daß Roſenthal die Wahrheit ſpräche, aber die Gewißheit deſſen war für ihn eben ſo überraſchend, als die Gründe unerklärlich, weßhalb der Vertraute des Prinzen die Neigung deſſelben ſo rückhaltslos vor Seiner Majeſtät offenbarte. Der König ſchüttelte leicht mit dem Kopfe und blickte dann achſelzuckend den Staatsminiſter fragend an, und erſt als dieſer mit den gleichen Pantomimen geantwortet, ſagte er zu Roſenthal:—„und wer iſt der Gegenſtand dieſer Neigung— wenn man es wiſſen darf?“ Nun war es an dem Gefragten, mit einer tiefen — 124— Verbeugung die eben erwähnten Pantomimen zu wieder⸗ holen, und dann dieſelben verſchärfend hinzuzuſetzen: „Das Euer Majeſtät zu ſagen, iſt für mich eine Un⸗ möglichkeit.“ „So laſſen wir es für heute gut ſein,“ gab der König in einem etwas trockenen Tone zur Antwort,„wie ſteht die Partie, Wieneck?“ „Achtzehn Point gegen vier des Oberſthofmeiſters.“ „So können wir es ja bis nächſtens gut ſein laſſen. Da kommt auch unſer freundlicher Wirth, ich glaube, man wird uns zum Souper rufen— guten Appetit, meine Herren!“ Damit ſtand der König raſch auf und ging dann mit einer freundlichen Handbewegung dem Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten entgegen, nahm ihn unter dem Arm und verſchwand an ſeiner Seite im Tanzſaal. Die Andern, die zurückblieben, ſchauten ſich eine Weile überraſcht, erwartungsvoll an, bis der Staats⸗ miniſter von Wieneck fragte:„Und Sie haben wirklich ſoeben vor Seiner Majeſtät die Wahrheit geſprochen, Herr von Roſenthal?“ „Die volle Wahrheit, Excellenz.“ „Und ich habe gelogen,“ jammerte der Oberſthof⸗ meiſter,„ich habe mich hinreißen laſſen, eine ganze ver⸗ wickelte Geſchichte zu lügen— hol' der Teufel Ihre — 125— Wette, wie wird das enden? Sie haben mich gut hinein⸗ gebracht.“„ „Doch nicht ohne Euer Excellenz vorher zu warnen. Ich erlaubte mir Ihnen anzudeuten, für wie ſchwer ich es hielte, auf geſchickte Art zu lügen.“ „Und wie ſoll ich Aermſter nun da wieder heraus⸗ kommen?“ „Auf die leichteſte Art von der Welt, indem Sie es möglich machen, Ihre Lüge in Wahrheit zu verwandeln.“ „So wären Sie ja auch wohl im Stande,“ fragte der Staatsminiſter von Wieneck mit einem eigenthümlichen Lächeln,„aus Ihrer Wahrheit eine Lüge zu machen?“ „Das wohl nicht, Excellenz, aber vielleicht gelänge es mir, meine Wahrheit zu etwas ſehr Gutem und Er⸗ ſprießlichem zu benutzen— vor der Hand aber denke ich, wollen wir miteinander zum Souper gehen.“ Viertes Kapitel. In der dritten Wendung, Haide und friſcher Buchenwald. Wer war denn eigentlich Herr von Roſenthal? höre ich manche unſerer verehrten Leſerinnen und nicht ohne Grund fragen, muß aber geſtehen, daß es nicht ganz leicht iſt, hierauf eine genügende Antwort zu geben. Schon vor länger als einem Jahre hatte ſich ein junger und hübſcher Mann mit den feinſten Manieren und von gewandteſtem Benehmen, mit guten Empfeh⸗ lungsbriefen verſehen, dem Oberſthofmeiſter Baron Tön⸗ ning vorgeſtellt, und dieſer hatte durchaus keinen Anſtand genommen, den Kammerherrn von Roſenthal auf die Hofliſte zu ſetzen, und ihn ſeinem Wunſche gemäß bei der nächſten Veranlaſſung den allerhöchſten und höchſten Herrſchaften vorzuſtellen. Dieſer Herr von Roſenthal war nun in kurzer Zeit der Liebling der ſogenannten„Geſellſchaft“ geworden. Er brachte ein neues und ganz friſches Element in die geſell⸗ ſchaftlichen Verhältniſſe, gegen deren Strömungen er übri⸗ gens, ſo oft es ihm beliebte, und häufig in der auffallend⸗ ſten Art, entgegenſtrebte. So fein ſein Betragen ſein konnte, und ſo gewählt, ja geiſtreich ſeine Unterhaltung, ſo gefiel es ihm doch zuweilen, ſich ganz anders zu zeigen, dann aber umkleidete er ſein Weſen auf ſo originelle und überraſchend ſeltſame Art, daß man ihm, als einem Son⸗ derlinge, oft ganz Unerhörtes zu Gute hielt. Bei den jüngeren Männern hatte er ſich dadurch raſch zu einem Anſehen aufgeſchwungen, daß er in allen noblen Paſſionen excellirte. Er war ein eben ſo vor⸗ trefflicher Reiter als Pferdekenner, ein ausgezeichneter Schütze, ein Virtuos in jeder Art von Kartenſpiel, und der amüſanteſte Lügner, den man nur finden konnte. Aeltere Leute behaupteten freilich, er benutze ſeine gefärbten Geſchichten, mit denen er, allerdings auf unterhaltende Weiſe, ſeine Zuhörer verblüffte, nur dazu, um ſich auch in anderer Richtung eine gewiſſe Art von Narrenfreiheit zu erlauben, unter der er dann heiter und humoriſtiſch den Betreffenden, und zwar ohne Anſehen der Perſon, die härteſten Dinge geradezu in's Geſicht ſagte, oder ihnen dieſelben als Gleichniß in einer vergoldeten Pille eingab. Wenn er aber auch zur Unterhaltung die wunderbarſten Geſchichten erzählte, ſo konnte man ſich dagegen auf ein — 128— ernſtes Wort von ihm durchaus verlaſſen, ſo behaupteten Alle, die ihn näher kannten; und da auch in ſeinem ſon⸗ ſtigen Auftreten durchaus nichts Schwindelhaftes lag— er gab viel Geld aus, ohne Schulden zu machen; da er durchaus nichts anſtrebte, denn er erklärte Orden und Titel für eine Lächerlichkeit,— ſo ließ man ihm gerne ſeine andere, bevorzugte, ja einzige Stellung in der Hof⸗ geſellſchaft, wenn auch ruhige und vernünftige Männer behaupteten: Roſenthal mit ſeinem gänzlich ungenirten Weſen, mit ſeiner Art, ſich oft das nahezu Unglaubliche ſelbſt vor den allerhöchſten Herrſchaften zu erlauben, ſei allerdings ein amüſantes, aber ebenſo auch ein zerſetzen⸗ des Element dieſer früher ſo ſtrengen geſellſchaftlichen Verhältniſſe. G Wer Roſenthal am meiſten bevorzugte, war der Kronprinz, und man hatte es Anfangs nicht begriffen, daß der König ohne Weiteres ſeine Zuſtimmung dazu gegeben, daß ſich Roſenthal ſo häufig in Geſellſchaft ſeines Sohnes befand; doch hatte Jener in hohem Maße, was Dieſem faſt gänzlich fehlte, nämlich die Art und Weiſe, ſich überall frei und ungenirt zu benehmen, ja jede Kon⸗ verſation nicht nur zu führen, ſondern auch zu behertſchen, ſich überhaupt unter allen Verhältniſſen ſelbſtſtändig zu bewegen, und das war es gerade, was dem Kronprinzen abging. Dieſer hatte in ſeinem Auftreten etwas Schüch⸗ 129— ternes, ja Unſicheres, er wand und drehte ſich nicht nur äußerlich in faſt verlegener Art, ſondern ſeine Anreden und Fragen machten es faſt ebenſo, wogegen ſeine Ant⸗ worten häufig gerade ſo klangen, als wolle er es ver— meiden, auf irgend ein Geſprächsthema tiefer einzugehen, oder als bemühe er ſich, eine ernſte Beſprechung überhaupt ſo raſch als möglich abzubrechen. Daß es unter ſeiner katzenbuckelnden und ſchweif⸗ wedelnden Umgebung Leute genug gab, die das eben ſo charmant als diſtinguirt fanden, und die den kurzen Fragen und ſpärlichen Antworten jedesmal einen tiefen Sinn unterſchoben, bedarf keiner Erwähnung, denn ſolches Volk iſt bekannt genug. Menſchen, die bei jedem Worte aus hohem Munde in Entzücken gerathen— gefährliche Men⸗ ſchen, denn ſie ſind dabei ſervil genug, dieß erkünſtelte Entzücken durch Blick und Wort zu zeigen, um dergeſtalt die Betreffenden immer mehr in den Wahn hineinzuſteigern, Alles, was ſie gethan und geſagt, ſei vortrefflich, höchſt geiſtreich und werth, von der Geſchichte in ehernen Tafeln verzeichnet zu werden. Ganz anders hatte ſich Roſenthal gleich von vorn⸗ herein dem Prinzen gegenüber benommen, und hatte er ſich durchaus nicht geſcheut, ſelbſt bei der erſten Unter⸗ redung die etwas konfuſen Anſichten deſſelben gründlich zu beſtreiten, und daß der Prinz einen guten Fond beſaß, Hackländer, Geſchichten im Zickzack. I.. 9 — 130— hatte er bewieſen, indem er Roſenthal's Geſellſchaft nicht vermied, dieſelbe im Gegentheil aufſuchte, ja ihn für einen geſcheidten und ausgezeichneten Menſchen erklärte, ein Zeug⸗ niß, deſſen der Prinz bis jetzt nur ſehr Wenige für würdig erachtet. Auch auf dem Balle, von dem wir im vorhergehen⸗ den Kapitel redeten, ſah man ihn häufig mit Roſenthal verkehren, bald ſeinem Sprechen lächelnd zuhörend, ein anderes Mal aber auch dem, was er ſagte, mit großem Ernſte, faſt mit erſchreckter Miene lauſchend. Ueberhaupt hätte ein aufmerkſamer Beobachter ſehen müſſen, daß ſich nach dem Souper hie und da verſchiedene kleine Gruppen, oft zu Drei, oft zu Zwei, in lebhaftem ernſtem Geſpräche zuſammenfanden, womit Seine Majeſtät ſelbſt den Anfang gemacht, indem er, neben der Königin ſtehend, den Oberſthofmeiſter Baron Tönning näher ge⸗ winkt und dieſen erſucht, Ihrer Majeſtät das im Vertrauen zu wiederholen, was er ſelbſt vorhin beim Whiſtſpielen mit großer Befriedigung gehört. Der arme Oberſthofmeiſter! Ihm hatte während des Soupers kein kleiner Biſſen geſchmeckt; und dazu war er noch zufälliger Weiſe gegenüber dem Hoftheaterintendanten placirt worden, und hatte nicht nur ſehen müſſen, wie dieſer ſich auf's Vertraulichſte mit dem Grafen Stoltenhoff unterhielt, ſondern auch Aeußerungen vernommen, daß n — 131— der Intendant ſich bemühen werde, natürlich nur im Intereſſe des Inſtituts, Alles zu thun, damit eine ſo vor⸗ treffliche Künſtlerin der Anſtalt dauernd erhalten bleibe— eine Künſtlerin, von der er ganz genau wiſſe, daß Seine Majeſtät ſelbſt ſie entſchieden begünſtige. Und das war noch nicht Alles für den Genaſädte denn als er nachher mit den Majeſtäten ſprach, und als er faſt zuſammenknickend den Dank der Königin in Em⸗ pfang nahm, und zwar in den freundlichſten Worten, wobei ſie ihm ihre Ueberzeugung ausſprach, daß es ein vernünftiger Rath geweſen ſei, der den Grafen Stolten⸗ hoff, einen ſonſt ſo angenehmen, brauchbaren jungen Mann, auf den Pfad der Tugend zurückgeführt, da bemerkte er, als er mit ſcheuem Blick um ſich her ſchaute, die Gräfin von Pommerhauſen, nicht gar weit entfernt, und obgleich einer andern Dame anſcheinend aufmerkſam lauſchend, doch unverkennbar damit beſchäftigt, ſo viel als möglich von⸗ den Worten der Königin zu verſtehen— und Ihre Maje⸗ ſtät hatte eine ſo charmante allergnädigſte Art, ſehr laut⸗ zu reden, ſogar wenn ſie in der größten Vertraulichkeit ſprach. Als ſich nun die hohe Dame von ihm entfernte, blieb er einen Augenblick ſtehen mit den beklemmenden Gefühlen eines Karpfen, der auf eine Sandbank gerathen iſt; dann ſuchten ſeine Blicke den Hoftheaterintendanten. Der König hatte unterdeſſen den Staatsminiſter von Wieneck bei Seite genommen und ihn aufgefordert, un⸗ verholen ſeine Meinung darüber auszuſprechen, ob er glaube, daß Roſenthal vorhin in Betreff des Kronprinzen gelogen, oder die Wahrheit geſagt habe. „Ich glaube, er hat nach beſter Ueberzeugung die Wahrheit geredet.“ „Nun— und dann?“ „Seh' ich eine kleine Leidenſchaft des Prinzen durch⸗ aus nicht als ein Unglück an.“ „Wie ſo?— im Gegentheil, indem ich darin einen neuen Grund der Weigerung meines Sohnes für die Verbindung mit der Prinzeſſin Erneſtine finde.“ „Woran Euer Majeſtät immer noch denken?“ fragte der alte Wieneck mit einem lauernden Blicke. „Mehr als je, mein lieber Freund, und ich hoffe, wir werden noch gemeinſchaftlich daran denken und ge⸗ meinſchaftlich dafür handeln.“ Der ehemalige Miniſter der auswärtigen Angelegen⸗ heiten verbeugte ſich auf's Geſchmeicheltſte und erwiederte alsdann:„So will ich Euer Majeſtät wiederholt die Ver⸗ ſicherung geben, daß ich glücklich bin, endlich den wahren Grund der Weigerung Seiner Hoheit erfahren zu haben — es iſt das wie eine Krankheit, die ſchon halb geheilt iſt ſobald man nur einmal den Sitz derſelben kennt.“ —— — 133— „Aber eine Krankheit, gegen welche wir ſehr wenig Mittel wiſſen.“ „Welche zu finden jedoch mein eifrigſtes Bemühen ſein ſoll.“ „Danke, lieber Wieneck, danke,“ ſprach der König auf's Huldvollſte, und ſetzte nach einer Pauſe lächelnd hinzu:„Ich bin eigentlich erſtaunt über eine ſolch' un⸗ geahnte Leidenſchaft des Prinzen; wohin kann ſie ſich wohl richten?“ „Euer Majeſtät halten zu Gnaden, nach keiner hohen Sphäre, wie ich denke, ſonſt wäre die Sache bis jetzt kein Geheimniß geblieben.“ „Und Sie glauben in der That, Roſenthal habe uns dießmal keine ſeiner kleinen Lügen vorgetragen?“ „Ich glaube überzeugt zu ſein, er ſprach die Wahr⸗ heit, wiederhole ich nochmal Euer Majeſtät.“ „Aber warum verrieth er meinen Sohn?“ „Darüber bin ich ſelbſt noch im Unklaren, glaube aber auch das zu ergründen.“ „Und ich hoffe es,“ ſagte Seine Majeſtät, dem Staatsminiſter die Hand reichend,„und überlaſſe dieſe wichtige Angelegenheit vertrauensvoll Ihrer bekannten Umſicht.“ Nach dieſer Unterredung gab der ehemalige Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten der Geſellſchaft, das iſt — 134— der Welt, das ſchönſte Beiſpiel eines anerkennenden neid⸗ loſen Gemüthes; denn als er zufällig gleich darauf dem jetzigen Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten, dem freundlichen Herrn des Hauſes und charmanten Wirthe, begegnete, ſtreckte er ihm beide Hände entgegen und ſagte ihm mit einem Humor, mit einer Selbſtverleugnung, welche einigen alten Hofdamen das Waſſer in die Augen trieb: „Euer Excellenz haben mich auch in Ihren Ballarrange⸗ ments vollſtändig geſchlagen—“ Dieß Wörtchen„auch⸗ hätte Wieneck unſterblich machen müſſen. Roſenthal hatte einigen jungen Damen ein paar ſo unglaubliche, vielleicht auch ſo ſtarke Geſchichten erzählt, daß ſie ſich die größte Mühe geben mußten, ihr faſt er⸗ ſtickendes Lachen hinter den vorgehaltenen Fächern zu ver⸗ bergen, und ſchritt nun gleichmüthig, mit ernſtem Ange⸗ ſichte von ihnen hinweg, indem er ſeinen langen ſchwarzen Backenbart tief bis auf ſeine weiße Weſte herabzog, als von der Seite Graf Stoltenhoff auf ihn losſchoß, ihn am Arme nahm und in eine Fenſterniſche nöthigte. „Roſenthal, ich ſetze in Sie ein unbedingtes Ver⸗ trauen.“ „Ich danke Ihnen dafür,“ gab Jener in trockenem Tone zur Antwort. „Sie müſſen mir einen Gefallen erzeigen, mir etwas beſtätigen, was man mir geſagt.“ „Wenn ich kann, warum nicht?“ „O, Sie können es, Sie ſtanden vorhin dicht hinter dem Spieltiſch des Königs und hörten, wie und was der Oberſthofmeiſter von mir ſprach.“ „Ich ſtand ziemlich weit zurück, ich glaube nicht, daß ich ein Wort verſtanden, laſſen Sie mich einmal nachdenken, ob ich in der That etwas gehört——— doch es ſcheint mir, ich habe etwas gehört.“ „Ueber mich?“ „Der König ſchien ſehr zufrieden mit Ihnen zu ſein.“ „Nachdem dieſer Oberſthofmeiſter,“ rief der Andere leidenſchaftlich,„ſich kein Gewiſſen daraus gemacht— der Teufel kenne ſeine Gründe— von einem armen, ſchutz⸗ loſen, liebenswürdigen Weſen ſo vor Seiner Majeſtät zu reden.“ „Sie meinen Ihre Gemahlin, die Gräfin Stol⸗ tenhoff?“ „Bitte, Herr von Roſenthal, die meine ich durch⸗ aus nicht.“ „Ah— ah— ſo— alſo meinen Sie die Andere?“ „Allerdings meine ich die Andere,“ erwiederte Graf Stoltenhoff mit einem befremdeten Blick,„ein liebens⸗ würdiges, reizendes, herrliches Weſen.“ „Ah— richtig, doch müſſen Sie meinen Irrthum verzeihen,“ bat Herr von Roſenthal mit einem ſo trockenen Tone als möglich,„denn dieſe Prädikate paſſen ſo außer⸗ ordentlich auf Ihre von mir hochgeſchätzte Frau Gemahlin — wenn aber eine Andere gemeint iſt, dann—— habe ich über dieſen Gegenſtand— hier— nichts mehr mit Ihnen zu reden, da ich alsdann in der That nicht das Geringſte gehört habe.“ Graf Stoltenhoff machte eine Verbeugung und warf dann ſeinen Kopf empor, wie ein ſcheues Pferd, worauf er davoneilte. Hinter einem Fenſtervorhange, halb verſteckt, ſtand der Oberſthofmeiſter Baron Tönning im eifrigſten Ge⸗ ſpräche mit dem Hoftheaterintendanten, der an der Wand lehnte, die Hände verkehrt vor ſeinem Leibe zuſammen⸗ gefaltet, Achſeln und Augenbrauen bis zur Möglichkeit emporgezogen, während die alte Excellenz dießmal nicht nur ihre Unterlippe ſchlaff herabhängen ließ, ſondern ihre Achſeln, ihre Arme und Hände, ja ſogar ihre Augen⸗ brauen, und ſo ein Bild gab, wie ein Kaninchen oder ein junger Hund, die ein muthwilliger Bube hinten am Nackenfell emporhebt— oder wie ein Schulknabe, der in Demuth eine wohlverdiente Strafpredigt hinnimmt— eine Strafpredigt, welche der Intendant denn auch mit ge⸗ röthetem Antlitze aus wohlgefüllter Zornſchale über ihn ergoß. „Excellenz werden mir die Bemerkung geſtatten, ja den feierlichen Schwur beim hohen Herrn des Himmels, daß ich keine Möglichkeit ſehe, aus dieſer Sackgaſſe heraus zu kommen— ſagen Sie mir nur bei Allem, was Ihnen heilig iſt, welche Gründe konnten Euer Excellenz antreiben, ſo vor Seiner Majeſtät zu reden— ich muß ja als ein Lügner vor dem König daſtehen, und zwar als ein Lügner in Geſchäftsangelegenheiten— ich, der vorgeſtern noch von dem beſtehenden zweijährigen Engagement jener Sänge⸗ rin ſprach, ja, der darauf aufmerkſam machte, wie ſehr es im Intereſſe des Inſtitutes ſei, jenes Engagement noch um fünf Jahre zu verlängern—— o Excellenz, ich habe es nicht um Sie verdient, mich in dieſe grenzenloſe Ver⸗ legenheit zu bringen,— gütiger Herr des Himmels, jetzt verſtehe ich auch den ſtrengen Blick, mit dem Seine Maje⸗ ſtät vorhin an mir vorübergingen.“ „Aber was ſoll ich thun, beſter Baron Schalken, ich kann doch nicht vor den König hintreten und ihm ſagen: Majeſtät, ich habe Sie freventlich angelogen, ich ſagte das nur ſo, um den Allerhöchſten Unwillen gegen den Grafen Stoltenhoff zu beſchwichtigen.““ „Und machten mich Unſchuldigen zur Zielſcheibe, gegen die nun alle Kugeln fliegen; ich kann und will jenes En⸗ gagement nicht löſen, denn das Intereſſe des Inſtituts geht mir über alle dergleichen Hofgeſchichten— was ſoll ich alſo machen?— gerechter Himmel, jetzt verſteh' ich — 138— 3 auch erſt, was mir nach dem Souper die Königin ſagte, als ſie an mir vorüberging: ‚Helfen Sie dieſe Geſchichte ſo raſch als möglich beendigen, und ich werde Ihnen dankbar dafür ſein,“ wonach mir die alte Pommerhauſen zuflüſterte: ‚Die Tugend bleibt doch zuletzt Siegerin— hol' ſie der Teufel!— ich meine nicht die Tugend, auch Sie nicht, Excellenz, Gott iſt mein Zeuge, aber wenn ich nicht im Stande bin, dieß Engagement unter der Hand zu löſen, ſo wird mich der König für einen Lügner in Ge⸗ ſchäftsangelegenheiten halten, und die alte Pommerhauſen ſeufzend mit verdrehten Augen ſagen:„Dieſe jungen Herren wären nicht ſo unmoraliſch, wenn ihre Geſchichten nicht protegirt würden.“ „So verſuchen wir dieß Engagement zu löſen, beſter Baron Schalken, Sie thun ja in jeder Hinſicht dadurch ein gutes Werk.“ „Und ziehe mir die bitterſte Feindſchaft des Grafen Stoltenhoff zu, ſündige gegen die Intereſſen des mir an⸗ vertrauten Inſtituts, und verletze auf's Tiefſte die Ge⸗ fühle eines armen, ſchuldloſen Geſchöpfes, das zugleich eine vortreffliche Sängerin iſt. O, Euer Excellenz haben nicht überlegt, welche Kette verdrießlicher Verwicklungen ſich an ein einziges unbedachtes Wort hängen können!“ „Wenn Sie je eine Wahrheit ſagten, ſo iſt es dieſe. Ich erkenne dieſelbe ſchaudernd an, und werde ſie wahr⸗ — 139— ſcheinlich noch mehr erkennen lernen— doch ſtill, da kommt Seine Majeſtät!“ Es war in der That der König, der daher kam, und ſo auffallend in die Fenſterniſche hineinſchaute, daß dieſer königliche Blick den Hoftheaterintendanten mit einem Rucke förmlich aus jener Vertiefung herausriß; auch nahm ſein Geſicht plötzlich einen ganz andern, einen heiteren, freundlichen Ausdruck an, und ſtrahlte beim Nähertreten Seiner Majeſtät von Glück und Zufriedenheit, als der allergnädigſte Herr ihm zurief:„Auf ein Wort, lieber Schalken!“ Es war aber auch keine Kleinigkeit, daß ihn der König nun vor einer Menge umherſtehender Perſonen freundlich am Arme nahm, ein paar Schritte hinwegführte und ihm dann mit leiſerer Stimme ſagte:„Sie können mir einen großen Gefallen thun; ich hatte Sie neulich falſch verſtanden in Betreff einer gewiſſen Sängerin. Ich glaubte, Sie hätten mir geſagt, dieſelbe habe noch ein mehrjähriges Engagement.“ „Allerdings— Majeſtät,“ ſtammelte der Hoftheater⸗ intendant in großer Verlegenheit. „Und ich bin ſehr froh, daß ich mich täuſchte,“ fuhr der König mit ſcharfer Betonung fort,„da es mir lieb iſt, wenn wir dieſe gefährliche Künſtlerin ſo bald als möglich los werden— arrangiren Sie mir das, empfehlen Sie ſie dringend nach Berlin, nach Wien, wohin Sie — 140— wollen; man wird ſie dort gerne nehmen, und ſind wir in ähnlichen Fällen zu allen Gegendienſten bereit.“ „Aber— Majeſtät—“ „Nur machen Sie, daß ſie uns bald verläßt, wenn Sie auch ein Opfer bringen müſſen, ich danke Ihnen im Voraus.“ Damit wandte ſich der König ſo entſchieden ab, daß der Intendant die Unmöglichkeit einſah, für jetzt auch nur ein Wort weiter in dieſer höchſt peinlichen Angelegenheit vorzubringen. Eine derbe Verwünſchung gegen die lügen⸗ haften Plaudereien des Oberſthofmeiſters erſtarb ihm auf den Lippen, als er den Grafen Stoltenhoff in größter Eile auf ſich zukommen ſah. Dieſer führte ihn haſtig wieder in die Fenſterniſche hinein, ſtellte ſich dann vor ihn hin und ſtieß mit zuſammengeſchlagenen Händen zwiſchen den Zähnen die Worte hervor:„Was ſagen Sie zu dieſer Geſchichte? Was habe ich dieſem Oberſthofmeiſter zu Leide gethan? Was gehen ihn meine Privatverhältniſſe an? O— o— o— aber ich durchſchaue dieſes Gewebe, er weiß wohl, daß ich mir ſo etwas nicht bieten laſſe; er will mich zu unvorſichtigen Schritten verleiten, es iſt ein Fallſtrick, da ihm meine Stellung als erſter Kammer⸗ herr für ſeine eigene Poſition anfängt bedenklich zu wer⸗ den; gewiß, Baron Schalken, er fürchtet, ich könnte ihm nach und nach ſeine alten invaliden Schuhe austreten, und wenn ich meinen Ehrgeiz früher nie ſo weit trieb, ſo könnte ich mich doch jetzt entſchließen, eine Intrigue einzufädeln; es iſt eine unerklärliche Bosheit von dieſem alten Manne— Sie ſchütteln mit dem Kopfe? Sie glauben das nicht?— Was kann es denn anders ſein? — Oder hätte das Herz der alten Exccllenz ſelbſt vielleicht Feuer gefangen? Beim Himmel, ich erinnere mich, daß er bei der geſtrigen Vorſtellung das Lorgnon nicht von den Augen ließ, ſo lange Hortenſe auf der Bühne war — aber ſagen Sie mir, beſter Baron, was werden Sie thun? Sie ſind doch, wie ich hoffe, feſt entſchloſſen, dieſes arme Mädchen gegen dergleichen Intriguen zu ſchützen?“ „Vor Allem, lieber Graf Stoltenhoff, gehen mir die Intereſſen des mir anvertrauten Inſtituts.“ „Nun, die hängen doch mit ihrem Bleiben feſt zu⸗ ſammen?“ „So ſehe ich die Sache auch an, und was ich thun kann, geſchieht, darauf können Sie ſich verlaſſen.“ „Das beruhigt mich ein wenig; doch muß ich vor allen Dingen den Verſuch machen, Hortenſe noch heute Abend zu ſehen.“ „Wollen Sie von mir einen guten Rath anhören?“ „Sogar befolgen, wenn es möglich iſt.“ „Wo iſt Ihre Frau?“ — 142— „Sie klagt über Kopfweh wie gewöhnlich, und ich bin gerade auf dem Wege, ihren Wagen zu beſtellen; ſie fährt nach Hauſe und dann habe ich Zeit—“ „— Erſuchen Sie die Gräfin, noch nicht nach Hauſe zu fahren; wenn Sie das auf die richtige Art thun, ſo wird die Migräne nachlaſſen— Sie ſehen mich erſtaunt an? Das iſt beim Himmel der allerbeſte Rath, den Ihnen irgend Jemand zu geben vermag. Sie veranlaſſen Ihre Frau, da zu bleiben, um ſpäter mit ihr nach Hauſe zu fahren—“ „Aber Hortenſe?“ „Mein lieber Graf,“ gab der Hoftheaterintendant mit ernſter Miene zur Antwort, nachdem er langſam ſeine Uhr hervorgezogen,„es iſt nächſtens Mitternacht, und wenn Sie in der gewiſſen Angelegenheit etwas Gutes thun wollen, ſo begleiten Sie Ihre Frau auf die liebens⸗ würdigſte Art nach Hauſe und gebrauchen nicht die Noth— lüge gegen ſie, Sie wollten auf Ihrem Klubb noch eine Cigarre rauchen.“ „Das iſt ein hartes Verlangen.“ „Aber Sie können mich nur ſo in meinen Bemühungen unterſtützen.“ „Nun denn, ſo will ich in den ſauren Apfel beißen,“ antwortete Graf Stoltenhoff, und ging den Weg zurück, den er gekommen.“ — 143— Der Theaterintendant blickte ihm kopfſchüttelnd nach und ſprach dann zu ſich ſelber:„Sie ſind mir in der That unerklärlich, dieſe leichtſinnigen jungen Leute,— jene junge, liebenswürdige, anmuthige, feingebildete Frau, und jene verblühte Hortenſe; ein Waſchlappen neben einem Roſen⸗ bouquet— im Grunde iſt man es ſich doch ſelbſt ſchuldig, die Tugend zu protegiren, und den allerhöchſten Willen zu erfüllen!“ Er ſchaute bei dieſen Worten auf die linke Seite ſeines Frackes, an dem der ſo heiß gewünſchte Stern noch immer nicht hatte aufgehen wollen. Herr von Roſenthal hatte ſich nach dem Souper noch eine Zeitlang in den verſchiedenen Sälen umhergetrieben, hier und dort noch durch eine pikante Bemerkung an einem Geſpräche Theil genommen, oder auch durch ein boshaftes Wort intime angenehme Plaudereien verſtummen gemacht, und ſchlenderte nun langſam durch die Vorzimmer der großen Treppe zu, wo ihm einer der Lakaien dienſtfertig vorauseilen wollte, um ſeinen Wagen zu rufen; doch dankte er mit der Bemerkung, daß er die Nummer ſeines Fiakers vergeſſen, nahm dann unten ſeinen Paletot und trat auf die Straße hinaus. Da noch nicht viele Wagen zum Abholen gekommen waren, ſo brauchte er nicht lange nach dem ſeinigen zu ſuchen, und hatte nur den feſt ſchlafenden Kutſcher zu wecken und ſich einzuſetzen, worauf er in ſcharfem Trabe — 144— davonfuhr. Er ließ die Straßen der innern Stadt hinter ſich, und erſt weiter draußen, wo die Häuſer nicht mehr in dichtgedrängter Reihe ſtanden, ſondern mehr vereinzelt waren, häufig durch kleine Gärtchen getrennt, fing der Kutſcher an, beim Scheine der Gaslaternen nach der ihm bezeichneten Nummer auszuſpähen; doch überhob ihn Herr von Roſenthal bald dieſer Mühe, indem er zu halten befahl, aus dem Wagen ſprang und den Kutſcher reichlich belohnt entließ. Dieſer wandte langſam um, während der Andere in den Schatten eines der Häuſer trat und dort ſtehen blieb, bis ſich das Rollen des Wagens ziem⸗ lich in der Ferne verloren hatte; dann verließ Herr von Roſenthal die breite Straße, um einem Fußwege folgend an der hintern Seite mehrerer dieſer Gebäude vorbeizu⸗ gehen, bis er an eine kleine Gitterthüre, verdeckt zwiſchen alten, mächtigen, breitäſtigen Kaſtanienbäumen, kam, welche er mit einem Schlüſſel öffnete und hierauf wieder hinter ſich verſchloß, um ſich dann auf einem breiten, mit feinem Sand bedeckten Wege dem Hauſe, zu welchem dieſer Garten gehörte, zu nähern. Plötzlich blieb er ſtehen, blickte ſcharf vor ſich hin und bückte ſich hierauf, um etwas vom Boden aufzuheben, was er alsdann mit größtem Intereſſe betrachtete. Es war ein Handſchuh von feinem Leder, und zwar ein Herrnhandſchuh. — 145— „Ei, ei,“ ſprach Roſenthal leiſe vor ſich hin,„wer iſt denn ſo leichtſinnig, hier einen ſolch' feinen und faſt ganz neuen Handſchuh zu verlieren?“ Dann verwahrte er ihn ſorgfältig in ſeiner Bruſttaſche und trat gegen das Haus, an deſſen Rückſeite er eine ſchmale, wohlverſchloſſene Thür öffnete und hinter derſelben verſchwand. Hier befand er ſich nun auf einem kleinen, ſpärlich beleuchteten Vorplatze, von dem eine mit Teppichen be⸗ legte Treppe in die Höhe führte, deren Stufen er ge⸗ räuſchlos erſtieg, um droben abermals die Thür zu öffnen und hinter ſich ſorgfältig zu verſchließen. Es herrſchte in dem Hauſe eine ſo tiefe Stille, daß Roſenthal einen Augenblick lauſchend ſtehen blieb, ehe er nach einem Blick auf ſeine Uhr weiter ging, ein kleines Vorzimmer durchſchritt, wo er ſeinen Hut und Paletot auf einen Stuhl warf, und dann nach vorherigem drei⸗ maligen leiſen Anklopfen, ohne jedoch eine Antwort abzu⸗ warten, in einen Salon trat, auf deſſen Thürſchwelle er einen Augenblick ſtehen blieb. Es war das ein elegant möblirtes, ſanft erwärmtes, aber ſpärlich erhelltes Gemach, in dem eine junge Dame auf und ab ſchritt, anſcheinend ſo tief mit ihren Gedanken beſchäftigt, daß ſie entweder den Eintretenden nicht gehört hatte, oder ſich um ſein Erſcheinen wenig bekümmerte. Wir ſind berechtigt, das Letztere anzunehmen; denn Hackländer, Geſchichten im Zickzack. I. 10 — 146— ſelbſt als Roſenthal ſtärker auftretend nun vollends in's Zimmer hereinkam, ja, nachdem er„guten Abend“ geſagt, ſetzte die junge Dame ihren Spaziergang fort, bei dem ſie ein ſtraff geſpanntes Taſchentuch zwiſchen den beiden Händen hielt, und daſſelbe während des Hin⸗ und Her⸗ ſchreitens bald um die linke, bald um die rechte Hand wickelte. „Ich habe Dir einen guten Abend gewünſcht.“ „Du hätteſt beſſer ‚guten Morgen’ ſagen können; denn meiner Ungeduld nach müſſen wir nicht weit mehr vom Anbruch des Tages entfernt ſein,“ gab ſie kurz und heftig zur Antwort. „O— die Ungeduld,“ erwiederte er lächelnd,„iſt eine ſehr falſch gehende Uhr; wenn Du Dich auf meiner überzeugen willſt, ſo mußt Du mir eingeſtehen, daß es noch nicht ein Uhr iſt— was haſt Du denn eigentlich?“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, während welcher er ſich langſam auf einem Fauteuil niedergelaſſen, und mit einem mißtrauiſchen Blicke rings um ſich her geſchaut hatte. „Ich bin müde und will ſchlafen.“ „Laß Deine Kindereien, Ellen, Du weißt, ich bin für dergleichen Dinge durchaus nicht empfänglich. Du haſt mich erwartet, und wie ich ſehe, mit Ungeduld er⸗ wartet, ſonach wirſt Du auf meine Mittheilungen be⸗ gierig ſein.“ — 147 „Sollten dieſelben anders lauten wie gewöhnlich? Auf Deine gewöhnlichen Mittheilungen bin ich wahrhaftig nicht mehr neugierig.“ „Hm,“ machte er, indem er abermals ſeine Blicke forſchend in alle Zimmerecken warf, und dann mit der Hand leicht die Stelle berührte, wo er den gefundenen Handſchuh trug,„vielleicht hat Dir Dein Ahnungsver⸗ mögen bereits geſagt, daß ich einen guten Schritt vor⸗ wärts kam.“ „Näher der Schande— näher der Schmach!“ rief ſie mit einer mühſam unterdrückten Heftigkeit. „Du biſt in der That heute Abend ſehr ſchlecht ge⸗ launt; warten wir alſo lieber den Morgen und eine beſſere Laune ab.“ „Nein; ich will Dich hören,“ gab ſie zur Antwort, indem ſie plötzlich ihren Spaziergang unterbrach und ſich ihm gegenüber auf einen Seſſel warf, nachdem ſie das Schnupftuch aus ihrer Hand weit von ſich geſchleudert. Sie hatte ihren Kopf rückwärts in die Kiſſen des Lehnſeſſels gedrückt, und ihre Augen richteten ſich nach der Zimmerdecke empor. Es waren das ſchöne und glänzende Augen, und dadurch eigenthümlich, daß ſie in ihrer Art einen vollkommenen Gegenſatz mit ihrem Haar bildeten; ſie waren dunkelbraun, mit eben ſolchen hochgewölbten Brauen, wogegen das Haar von glänzender, aſchblonder — 148— Farbe war. Die junge Dame mochte eben zwanzig Jahre überſchritten haben, und war ſowohl ihr Geſicht, als ihre ganze Erſcheinung von einer auffallenden Schönheit und Eleganz. Sie trug ein Hauskleid von dunkel violettem Sammt, welches ſie um den ſchlanken Leib vermittelſt einer dicken ſeidenen Schnur befeſtigt hatte, mit deren Quaſten ſie jetzt daſſelbe Spiel trieb, wie vorhin mit dem Schnupftuche, dieſelben nämlich mit ihren feinen Fingern hin und her zerrte. Roſenthal betrachtete dieſes Spiel mit einem leichten Achſelzucken und mit einem ungeduldigen Ausdruck ſeines jetzt ſehr bleichen Geſichtes. „Nun?“ fragte ſie nach einer Pauſe, ohne ihre Blicke von der Zimmerdecke herabzuſenken. „Nun— gnädigſte Prinzeſſin,“ gab er mit einem höhniſchen Lächeln zur Antwort.„Du glaubſt wenigſtens das ſchon zu ſein, oder willſt mir gegenüber dieſe Rolle probiren, machſt es auch gar nicht ſchlecht, wie ich Dich verſichern kann, und das läßt mich Gutes für Deine Zu⸗ kunft hoffen———— aber leider ſind wir noch lange nicht ſo weit.“ „Das gebe Gott.“ „Was beliebt?“ fragte er in ſcharfem Tone, und ſetzte gleich darauf unwillig hinzu:„Höre, Ellen, laß dieſe Kindereien, wir haben etwas ſehr Ernſtes, Geſchäftliches 119— zu beſprechen, und dabei müſſen dergleichen gemüthliche Launen aufhören, oder,“ ſetzte er mit einem finſtern Blicke hinzu,„läge hier etwas Tieferes zu Grunde, als eine kindiſche Laune? Hätteſt Du Luſt, irgend ein mir noch unbekanntes Spiel mit mir zu treiben? Fiele es Dir etwa ein, meine raſtloſen Bemühungen für zu gering zu achten, um ihnen aufmerkſames Ohr zu leihen— in dieſem Falle würde ich Dir den guten Rath geben, Dich, vor mir in Acht zu nehmen.“ Er war zum Erſchrecken bleich geworden, indem er dieſe Worte ſprach, oder vielmehr in einem dumpfen Tone zwiſchen den zuſammengeklemmten Zähnen hervorſtieß. „Ich höre ja— was kann ich mehr thun?“ „Nun, ſo höre denn mit Deinem Ohr und Deinem Verſtande. Ich habe mich heute Abend raſtlos in Deinem Intereſſe umhergetrieben. Ich habe die langweiligſten Stunden verlebt, um unſer Intereſſe zu fördern, und ich glaube es gefördert zu haben, da ich gewiſſe Anträge, die man Dir gemacht, in Deinem Namen mit Entrüſtung, mit Abſcheu zurückgewieſen.“ „Das lohne Dir der Himmel.“ „Ich ging noch weiter, ich brachte den Prinzen dazu, daß er mir erlaubte, an ihm zum Verräther zu werden.“ „Und das zu thun, wird Dir keine große Mühe gemacht haben.“ — 150— „Der König weiß, daß der Prinz von einer leiden⸗ ſchaftlichen Liebe erfüllt, deßhalb jene Verbindung von der Hand gewieſen, und auch künftig von der Hand weiſen wird.“ „Wenn er überhaupt dazu Energie genug beſitzt,“ entgegnete ſie mit verächtlich aufgeworfenen Lippen. „Man wird ihn unterſtützen—— natürlicher Weiſe,“ ſetzte er mit einem lauernden Blick hinzu,„wenn mir ſelbſt die nöthige Unterſtützung nicht mangelt.“ Das junge Mädchen ihm gegenüber warf die durch das Spiel ihrer Finger aufgelöste Quaſte über ſich in die Höhe und fing ſie mit ihren wei ßen Zähnen wie⸗ der auf. „Reden wir vernünftiger darüber, Ellen—— ich verſichere Dich, ich werde ganz irre an Dir.“ „O, ich habe ſchon lange irre auf dem Meer des Lebens umhergetrieben, und deßhalb einen Nothanker ausgeworfen—— wenn er Grund faßt, ſo bin ich gerettet.“ „Willſt Du Dich deutlicher erklären?“ fragte Roſen⸗ thal, indem er ſich Mühe gab, einen freundlichen, ja bei⸗ nahe einen weichen Ton in ſeine Stimme zu legen. „Allerdings will ich das— ohne Furcht— vielleicht auch ohne Hoffnung.“ Sie hatte ihre Blicke herabgeſenkt und ſchaute ihn mit ihren leuchtenden Augen feſt an—„weißt Du noch, wo wir uns kennen lernten?“ „Eine ſeltſame Frage, Ellen, vielleicht werde ich erſt ſpäter Urſache haben, das Euer Hoheit gegenüber zu vergeſſen.“ „Es war bei dem Rennen am Derbytage, Du ſaßeſt zu Pferde und Deine Freunde gratulirten Dir über die immenſen Summen, die Du im Wetten gewonnen; da bettelte Dich ein kleines zerlumptes Mädchen an, die Du auf unzarte Art von Dir ſcheuchen wollteſt, indem Du Dein Pferd eine Seitenbewegung machen ließeſt. Du hatteſt Dein Portemonnaie in der Hand, und als Du hierauf im Trabe nach einer andern Stelle des Platzes ritteſt, fiel etwas aus dieſem Portemonnaie auf den Bo⸗ den, ohne daß Du es bemerkteſt.“ Roſenthal blickte bei dieſer Erzählung, die ſie in eigenthümlichem, leiſen Tone vortrug, düſter vor ſich auf den Boden, während ſeine Finger beſchäftigt waren, ſeinen ſchwarzen Bart auszukämmen, und ſo tief als möglich herabzuziehen. „Es war ein kleiner goldener Reif, der dem vor⸗ nehmen, eleganten Reiter entfallen war, und den das arme Bettelkind aufhob— wäre es eine Münze geweſen, ſo würde ich ſie jedenfalls behalten haben, um mir Brod dafür zu kaufen. Mich hungerte entſetzlich; denn jene — 152— Frau, die mich von meinen Eltern zum Betteln lieh, pflegte uns dann erſt ein Frühſtück zu geben, wenn wir etwas verdient hatten— doch genug davon, mir kam, ich weiß ſelbſt nicht wie, die Idee, den vornehmen Herrn aufzu⸗ ſuchen, um ihm ſeinen Ring wieder zu geben. Ich eilte Dir nach, ſo haſtig, daß ich die viel zu weiten, durch⸗ löcherten Pantoffeln verlor, die ich an den Füßen trug— an dieſen Füßen.“ Sie hob bei den letzten Worten ihr violettes Sammt⸗ gewand ein wenig in die Höhe, und zeigte mit einer an⸗ muthigen Handbewegung auf ihren kleinen, reizenden Fuß, worauf ſie dann mit ſchmerzlichem Lächeln ſagte:„O, hätte ich die alten, geflickten Pantoffeln niemals verloren!“ Roſenthal hatte anfänglich zerſtreut zugehört, jetzt aber richtete er ſich in die Höhe und blickte ſein Gegenüber aufmerkſamer an, und zwar mit einem Geſichtsausdruck, als fange er an, Etwas, aber gerade nichts Angenehmes, in einem bisher undurchdringlichen Dunkel zu erkennen. „Ich eilte dahin, ſo raſch als meine kleinen Füße es erlaubten. Der Boden war ſchlüpfrig und naß, mehr⸗ mals fiel ich hin und wälzte mich in tiefen Kothlachen, da ich nicht vor mich hin ſchaute, ſondern nur auf den vornehmen Reiter, den ich endlich glücklich in der Ent⸗ fernung wieder bemerkte; über und über mit Schmutz bedeckt, mochte mein Dahinrennen einem Konſtabler ver⸗ — 153— dächtig erſcheinen; er griff nach mir, doch ſchlüpfte ich ihm unter dem Arme durch und entkam, da er es wohl nicht der Mühe werth hielt, mich zu verfolgen. Glück⸗ licher Weiſe hielt der vornehme Herr in der Entfernung an, um mit ein paar andern Reitern zu reden, und faſt hatte ich ihn erreicht, als er in deren Geſellſchaft ſein Pferd abermals in Trab verſetzte. Doch mit der größten Anſtrengung ihm folgend, gelang es mir endlich, den Riemen ſeines Steigbügels zu faſſen, um mich athemlos, gänzlich erſchöpft, ein paar Schritte mit fortſchleppen zu laſſen. Da hob er den Knopf ſeiner Reitpeitſche empor, um nach mir zu ſchlagen, und würde das auch ſicher ge⸗ than haben, wenn er nicht glücklicher Weiſe in dieſem Augenblicke in meinen Fingern den kleinen goldenen Reif entdeckt hätte, den ich ihm entgegen hielt.“ „Ich hätte das kleine Mädchen vielleicht unabſichtlich todtgeſchlagen,“ ſagte Herr von Roſenthal, vor ſich hin⸗ ſtarrend.„Es war ein Glück, daß ich den kleinen gol⸗ denen Reif ſogleich bemerkte, der damals für mich von großem Werthe war— doch wozu dieſe alten Geſchichten wiederholen, Ellen?“ „Zu meiner Erleichterung und um Dir zu beweiſen, daß ich nichts von dem vergeſſen, was Du für mich ge⸗ than, weder das Gute, noch das Böſe. Du blickteſt mich erſtaunt an, und als ich darauf erſchöpft und athemlos — 154— zuſammenbrach, ſtiegſt Du vom Pferde und ließeſt mich nach einer benachbarten Bude bringen, wo man mir etwas Wein einflößte, und wo man mir Brod zu eſſen gab— dann wickelteſt Du ein paar Goldſtücke in ein Papier, und gerade als Du ſie mir geben wollteſt, blickte ich Dich an und fühlte dabei wohl, wie mir die Thränen aus den Augen tropften.“ „Gewiß, Ellen, das Alles weiß ich gerade ſo genau, wie Du, kann Dir aber heute noch nicht ſagen, warum mir damals die Idee kam, mich Deiner anzunehmen.“ „Aber Du thateſt es; Du brachteſt mir einen Mieth⸗ wagen, ſchriebſt dem Kutſcher ein paar Worte auf einen Zettel Papier, und der brachte mich nach London. Ich war während der Fahrt feſt eingeſchlafen, und kann mir heute noch mein Erſtaunen vergegenwärtigen, als ich einen Bedienten und eine alte Frau vor dem geöffneten Wagen⸗ ſchlage ſtehen ſah, die mich mit der größten Ueberraſchung betrachteten, mehrmals den Zettel laſen, den ihnen der Kutſcher überreicht, und mich dann in's Haus führten, wo mich die alte Frau badete, reinlich anzog und mir zu eſſen gab, worauf ich in einem großen Lehnſtuhle aber⸗ mals feſt einſchlief.“ „Wenn Du ſo fortfährſt, Ellen,“ ſagte Herr von Roſenthal,„ſo wird uns der Morgen bei Deiner Erzäh⸗ lung überraſchen.“ „Unbeſorgt,“ gab ſie nach einem tiefen Athemzuge zur Antwort,„es kommen Epiſoden, die ich auf's Flüch⸗ tigſte übergehen werde.“ „Aber wozu das Alles? Wenn Du, wie ich faſt vermuthe, mir am Ende Deiner Erzählung irgend ein Geſtändniß machen willſt, ſo thue es lieber ſogleich, ſei dieſes Geſtändniß auch welcher Art es ſein mag.“ „Gönne mir noch eine kleine Viertelſtunde,“ bat ſie in einem viel weichern Tone, als ſie bisher geſprochen, „es iſt mir ein Bedürfniß, Dir zu ſagen, daß ich nichts vergeſſen, was Du für mich gethan, und daß ich nicht die Schuld trage, wenn es ſo kommt, wie es kommen wird. Laß mich aus jenen erſten Tagen unſerer Bekanntſchaft noch jenes Vorfalls gedenken, jenes Abends, wo einige Deiner Freunde bei Dir zum Diner waren, und wo jener alte Gentleman mit dem rothen Geſichte und den wüſten Manieren, während ihr trankt und lachtet, in mein klei⸗ nes Zimmerchen ſchlich, mich, das zwölfjährige Mädchen, mit Gewalt auf ſeine Kniee ſetzte, und mich küſſen wollte. Wie Du alsdann auf mein ängſtliches Rufen herein kamſt, ihn am Kragen nahmſt und zur Thür hinauswarfſt. Ich flog in Deine Arme und werde nie die Worte vergeſſen, mit denen Du mich zu beruhigen ſuchteſt, und den Blick, mit dem Du Deine Lippen auf die meinigen drückteſt.“ „Den andern Tag mußte ich Dein Haus verlaſſen und lebte dann ſechs glückliche Jahre, glücklich dadurch, weil ich bei freundlicher Behandlung und bei Mädchen meines Alters ſo viel Gutes, Schönes und Nützliches lernen durfte; Dich ſah ich nur höchſt ſelten, und wenn ich mich auch jedesmal freute, ſo oft Du kamſt, ſo ſah ich Dich doch jedesmal wieder ſcheiden, ohne mit einem andern Gefühle, als dem der Dankbarkeit, an Dich zu⸗ rückzudenken.“ „Erlaſſe mir das zu hören,“ ſagte er unmuthig, „ich habe es oft genug ſchmerzlich empfunden.“ „Aber Du verſtandeſt es vortrefflich,“ fuhr ſie nach einer Pauſe mit blitzenden Augen fort,„mir nach jener glücklich verbrachten Zeit das Gefühl der Dankbarkeit in ſeinem weiteſten Umfange zu erklären. Du nahmſt mich mit Dir nach Paris; ich folgte Dir aus Dankhbarkeit, ich blieb bei Dir, da nach Deiner Anſicht das Gefühl der Dankbarkeit keine Schranken kennen ſoll; ich blieb bei⸗ Dir mit blutendem Herzen, und Du ließeſt mich nicht ziehen, obgleich ich Dir unzählige Male wiederholt, daß ich Dich nicht liebe und nie im Stande ſein werde, Dich zu lieben— ich blieb in Sünden rein.“ „Ah, beim Himmel,“ rief Roſenthal raſch aufſpringend, „das iſt eine eigenthümliche Logik, die ich übrigens nicht zum erſten Mal von Dir höre, und die mein Haar hätte grau färben müſſen, wenn ich nicht glücklicher Weiſe eine ſo unverwüſtliche Konſtitution hätte.— Doch jetzt zum dritten und letzten Male, ſage mir endlich, was iſt das Ziel Deiner Worte?— Doch vorher gib mir das Zeug⸗ niß, daß ich endlich, Deiner ewigen Lamentationen müde, Dir die volle Freiheit gab, nach Deinem eigenen Ermeſſen zu handeln.“ „Die gabſt Du mir mit der einen Hand, während Du mich mit der andern feſt in Deinen Banden hielteſt; die gabſt Du mir, nachdem Du der Sklavin überdrüſſig geworden, ſie um einen hohen Preis zu verkaufen gedenkſt.“ „Ellen!“ „O ſpare Deine flammenden Blicke, Dein Stirn⸗ runzeln für paſſendere Gelegenheiten, oder iſt es vielleicht nicht ſo, wie ich Dir eben geſagt? Biſt Du nicht im Begriffe, mich zu verkaufen? Und muß ich es nicht noch als eine Gnade anſehen, daß ich vielleicht heute noch mit⸗ reden darf über den Preis meiner ſelbſt, wenn nämlich nicht Alles Lug und Trug iſt, womit Du mich hier um⸗ gibſt; wenn ich nicht ſchon längſt um eine Summe ver⸗ kauft bin, ohne es ſelbſt zu wiſſen.“ Nachdem das junge Mädchen in tiefſter Erregung ſo geſprochen, preßte ſie mit einem leidenſchaftlich ſchmerz⸗ lichen Ausdruck ihre beiden Hände vor die Augen; ſo verharrend, ſcheinbar gleichgültig, ob er ihr eine Antwort geben würde oder nicht. 158— Roſenthal war mit geballter Fauſt und verzerrtem Geſichte einen Schritt auf ſie zu getreten, doch bemerkte man jetzt, wie er ſich bezwang, heftige Worte, die auf ſeinen Lippen ſchwebten, zurückzudrängen und eine ruhige Haltung anzunehmen. Ja er ſchritt zu dieſem Zwecke ein paar Mal im Zimmer auf und ab, blickte auch durch's Fenſter in die finſtere, jetzt wieder recht ſtürmiſch ge⸗ wordene Nacht hinaus, und brauchte ſo mehrere Minu⸗ ten, ehe er es über ſich vermochte, ſich langſam, ja mit einem Lächeln auf den Lippen, dem Tiſche zu nähern. Dort ließ er ſich ihr gegenüber wieder auf ſeinem frühe⸗ ren Sitz nieder und ſagte dann mit großer Ruhe, obgleich mit einer eigenthümlich bewegten Stimme:„Betrachten wir unſere Situation vernünftig, ohne Leidenſchaft—— vom richtigen Standpunkte, und um das zu können, meine liebe Ellen, mußt Du ſchon die Güte haben, mir ohne Deklamation mit klaren, verſtändlichen Worten zu ſagen, weßhalb Du mir eigentlich dieſe höchſt unangenehme Szene geſpielt?“ „——— O, daß Du Alles ein Spiel nennſt; daß Du mich noch nicht ſo weit kennſt, um von der Wahrheit alles deſſen überzeugt zu ſein, was ſich eben in tiefem Leide aus meinem armen Herzen losgerungen.“ „Nun ja, ich glaube es.“ „So glaube auch daran, daß ich mir unter Allem, was ich erduldet und gelitten, unter all' dem Entſetzlichen, was ich erlebt, ein reines Herz bewahrt habe, eine reine Seele, die mich ſchaudernd und doch wieder glückſelig einem ſtillen, tiefen Waſſer zutreiben müßte, wenn nicht ein leuchtender Funke in dieſe meine geängſtigte Seele ge⸗ fallen wäre; die mir deutlich ſagt, daß er zur läuternden Flamme werden kann, um mich wieder gänzlich rein zu machen und ſonach befähigt, vielleicht einſtens doch noch⸗ glücklich zu werden.“ „A— a— a— ah— ſo—!“ Roſenthal ſprach dieſe Worte langgedehnt in einem eigenthümlichen Tone, während er die rechte Hand in ſeine Bruſteaſche ſteckte und dort ruhen ließ—„und weiter?“ „Sollteſt Du mich nicht verſtanden haben?“ fragte ſie, die Hände vor der Bruſt faltend und ihn mit einem flehenden Blicke anſchauend.„Wenn Du mich verſtanden haſt, ſo ſei barmherzig genug, mich gänzlich zu verſtehen, ohne daß ich weiter rede!“ „Man muß ſich mit Dir in Acht nehmen, ich könnte Dich auch falſch verſtanden haben, und es ergöße ſich dann auf's Neue Deine grenzenloſe Heftigkeit über mich, die ruhig zu ertragen ich nicht immer Faſſung genug habe— rede alſo Du ſelbſt, es iſt beſſer.“ „Wohlan denn, da Du mich zwingſt—— ich liebe —— ich liebe zum erſten Male in meinem Leben—— F — 160— und liebe deßhalb wahr, aufrichtig, glühend, leiden⸗ ſchaftlich.“ Roſenthal biß ſich heftig auf die Lippen und man ſah, wie er den Handſchuh in ſeiner Bruſttaſche mit den Fingern zerknitterte,„a— ah— Du liebſt!“ brachte er alsdann mühſam hervor,„ich habe das faſt vermuthet, und wenn ich Dein leuchtendes Auge anſehe, die tiefe Röthe auf Deinem Geſicht, das Zucken Deiner Lippen und die ſtürmiſche Bewegung Deines ſchönen Buſens, ſo muß ich ſchon geſtehen, daß der Glückliche, dem Alles das gilt, wahrhaft beneidenswerth iſt———— ich war nie ſo glücklich, ich lebte vom Almoſen Deiner Dankbarkeit, ich, der zu Deinen Füßen um ein klein wenig Liebe gefleht— ich mußte mich mit einer dürftigen, Dir mit Gewalt abgerungenen Gabe begnügen, während ich wohl wußte, daß Du Schätze zu verſchleudern hätteſt, die einen armen Sterblichen wahnſinnig vor Glück hätten machen können— ich litt, ich duldete, weil ich Dich für eines jener kalten Weſen hielt, die unempfänglich für die Liebe ſind, die ein heißes Gefühl nicht verſtehen— und nun—“ Die Worte, die er ſoeben ſprach, hatte er mit großer Ruhe begonnen; doch ſah man ihm wohl an, welche Ge⸗ walt er ſich anthun mußte, um ſie leidenſchaftslos über ſeine zuckenden Lippen zu bringen; doch bald überwand ihn ſein Gefühl, er ſprach immer heftiger, immer drohender, und als er die letzten Worte ausſtieß„und nun“, ſprang er mit flammenden Blicken in die Höhe, indem er die rechte Hand hoch empor hielt, in welcher er den Hand⸗ ſchuh verborgen hatte, den er vorhin drunten im Garten gefunden hatte—— „—— Ja ich liebe,“ ſagte ſie mit ausgebreiteten Armen, indem ſie ihre großen, ſchönen Augen in ruhiger Klarheit gegen ſein verzerrtes Geſicht richtete. „Ah, Du liebſt alſo———— matürlich den Prinzen?“ Sie machte eine Geberde des Abſcheus, welche Roſen⸗ thal indeſſen erwartet zu haben ſchien, denn das häß⸗ liche Lächeln, welches ſich auf ſeinem Geſichte zeigte, drückte nichts weniger als Ueberraſchung oder Erſtaunen aus. „Nicht?———— ſo liebſt Du den Eigen⸗ thümer dieſes Handſchuhes!“ ſtieß er mit einem wilden Tone hervor, indem er das, was er in der Hand trug, auf ihren Schooß ſchleuderte;„ſo liebt Deine reine Seele, wie ich es von Dir erwartet; ſo gewährt Dein in Sün⸗ den rein gebliebenes Herz nächtliche Zuſammenkünfte, ſüße Stunden, und ſolcher Art ſind die heiligen Flammen, die Dich läutern, und einſtens noch glücklich machen werden!“ Es war ein furchtbares Lachen, das er nun aus⸗ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. I. 11 ſtieß, als er mit übereinandergeſchlagenen Armen vor ihr ſtand und kopfnickend auf ſie herabblickte. Ellen hatte den Handſchuh betrachtet und ſchaute alsdann mit einem Blicke zu ihm empor, der allerdings Erſtaunen zeigte, aber zugleich eine ſolche Ruhe, eine ſolche nicht zu verkennende Unſchuld, daß es nicht ihres Kopfſchüttelns bedurft hätte, um Roſenthal einen Schritt zurücktreten zu machen, und in bebendem Tone die Frage thun zu laſſen:„Wie, Du wagſt es, mir zu leugnen, daß Jemand hier bei Dir war, der draußen im Garten dieſen Handſchuh verloren?“ „Was ſollte ich leugnen, da ich von Nichts weiß, da ich keine Ahnung davon habe, wie dieſer Handſchuh drunten in den Garten kam!“ ——„Und Du erkennſt ihn auch nicht wieder 35 „Wie ſollte ich ihn erkennen? Wo ſollte ich ihn früher geſehen haben?“ „Nun bei Gott, das iſt eine naive Frage, an ſeiner Hand, an der Hand Desjenigen, den Deine reine Seele liebt.“ Es lag ein ſo häßlicher Zug von Hohn um ſeinen Mund, als er dieſe Worte ſprach, daß ſie ihn ſchmerzlich berührt anſchaute, und dann mit einer leichten Bewegung ihrer Finger den Handſchuh von ihrem Schooß auf den Boden warf. — 163— „Beantworte meine Frage: Sah'ſt Du an ſeiner Hand ähnliche Handſchuhe wie dieſen?—— ich will eine Antwort haben!“ rief er, heftig mit dem Fuße auf⸗ tretend. „An den Händen Deſſen, den Du meinſt, ſah ich niemals Handſchuhe,“ gab ſie leiſe und demüthig zur Antwort. Nun lachte Roſenthal abermals laut hinaus und ſagte dann mit einem Tone, durch den eine wilde Hei⸗ terkeit klang:„Ah, ſolche Bekanntſchaften ſind es, an deren Hand ſich Deine reine Seele erheben will? Nun, Glück zu! Doch gibt mir das einige Hoffnung, daß wir in einer andern Angelegenheit noch nicht das letzte Wort geſprochen haben; ich vermuthe faſt, daß Dein Freund ohne Handſchuhe ſich nicht ſehr zieren wird, ſpäter die ſchöne Ellen aus dritter Hand zu empfangen, ich glaube beinahe, die Sache bekommt einen komiſchen Anſtrich, und Du, ſonſt ſo ruhig und praktiſch, haſt Deinen auf⸗ geregten Nerven erlaubt, eine gefährliche Sentimentalität bei Dir einzuführen——“ Bei den verletzenden Worten, die Roſenthal mit großer Ruhe, ja mit Humor ſprach, ſah man das ſoeben noch ſo ruhige Geſicht des jungen Mädchens im tiefſten Schmerze zucken, dann ihre Augen wild aufleuchten, ihren Körper zuſammenſchauern und eine Bewegung machen, als wolle ſie ſich leidenſchaftlich erheben. Doch ſank ſie gleich darauf ſtöhnend aufſeufzend in ihren Seſſel zurück, barg das Geſicht in beide Hände, und dann bemerkte man an dem heftigen Zucken ihrer Geſtalt, daß ſie bitter⸗ lich weine. „Sei geſcheidt, Ellen, ſei klug, mein Kind, für Dich und für mich! Geſchehene Dinge ſind nun einmal nicht zu ändern. Du kannſt Dein Kleid und Deine Hände reinigen von jeden Flecken, ſelbſt von Blutflecken. Aber die gewaltige Meerflut ſelbſt iſt nicht im Stande, Deine Seele rein zu waſchen.“ „Und das ſagſt Du mir? Du?⸗— „Warum nicht? Habe ich je anders geſprochen, bin ich nicht immer ehrlich gegen Dich geweſen? Habe ich Dir je Verſprechungen gemacht, die ich Dir nicht gehal⸗ ten?— Gib mir und der Wahrheit dieß Zeugniß!“ Ein neues ſchmerzliches Zuſammenzucken war ihre ganze Antwort; doch litt ſie es, anſtatt wild aufzufahren, daß er gleich darauf ſanft ihre beiden Hände nahm, ſie von ihrem thränenbedeckten Geſichte entfernte, dann ihr Kinn emporhob und ſie ſo nöthigte, ihm in die Augen zu ſchauen. Doch nur eine Sekunde lang that ſie das; dann riß ſie ſich mit einer heftigen Bewegung los, ſtieß den Lehnſtuhl hinter ſich zurück, daß er umfiel, und verließ raſch das Zimmer durch eine Tapetenthür neben dem Kamine, welche ſie hinter ſich verſchloß und verriegelte. Roſenthal ſchaute der Verſchwundenen einen Augen⸗ blick mit einem düſteren Lächeln nach, dann ſprach er zu ſich ſelber:„Ich möchte nur wiſſen, ob ſie mir die Wahr⸗ heit geſagt? Ob ihr Herz wirklich berührt worden iſt? —— Aber zum Teufel, von wem? Dazu weiß ich in meinem Gedächtniſſe nicht den richtigen Mann zu finden — einen Mann ohne Handſchuhe— Unſinn, es wird eine Caprice geweſen ſein, eine Weiberlaune.— Jeden⸗ falls aber wollen wir jenen kleinen ſtummen Zeugen da vom Boden aufheben und mitnehmen, vielleicht daß er mir gelegentlich etwas verräth.“ Herr von Roſenthal bückte ſich, hob den Handſchuh auf und nachdem er ihn ſorgfältig wieder in die Bruſt⸗ taſche geſteckt hatte, verließ er geräuſchlos Zimmer, Haus und Garten, nicht ohne vorher die drei Thüren hinter ſich vorſichtig wieder zu verſchließen. Tünftes Kapitel. In der vierten Wendung, Schatten und murmelndes Waſſer. Im Familienkreiſe des Herrn Mirbel wurden beim Frühſtück am andern Morgen nach dem Balle die Erleb⸗ niſſe auf demſelben mit mehr oder weniger Intereſſe beſprochen. Die Großmama ſaß in ihrem Lehnſeſſel am obern Ende des Tiſches, neben ihr Helene und dann kam „Tante Aurelie, welche aber dem Geſpräche durchaus keine Aufmerkſamkeit ſchenkte. Sie hatte ihre Kaffeetaſſe ſchon längſt zurückgeſchoben und las in einem Erbauungsbuche, wie ſie jeden Morgen und jeden Abend längere Zeit zu thun pflegte. Ihr gegenüber befand ſich Tante Sera⸗ phine mit einer Stickarbeit beſchäftigt, und ſie war es, welche äußerſt redſelig und mit ſtrahlendem Angeſichte die Koſten der Unterhaltung faſt allein beſtritt. Wenn man ihr allerdings etwas ältliches Geſicht nicht betrachtete, ſo gewährte ſie eine recht jugendliche Erſcheinung, und hätte — 167— man ſie für eine der jüngſten Tänzerinnen des geſtrigen Balles halten können; für eine jener Glücklichen, die viel von neuen Eroberungen zu erzählen wiſſen. Sie trug ein elegantes Morgengewand von feinem perlgrauen Stoffe und hatte ein zierliches Spitzenhäubchen auf dem Kopfe, das, mit zahlloſen roſafarbenen Bändchen durchzogen, äußerſt kokett ausſah. Wie aber in der Lebhaftigkeit ihrer Sprechweiſe, ſo bildete ſie auch in der äußern Erſcheinung einen ſchroffen Gegenſatz zu ihrer noch älteren Schweſter; denn Tante Aurelie liebte die dunkeln Farben, und man ſah ſie mei⸗ ſtens in tief Grau, ja am häufigſten, ſowie auch am heu⸗ tigen Morgen ganz ſchwarz gekleidet, und ohne je ver⸗ heirathet geweſen zu ſein, liebte ſie es, wenn Fremde in ihr eine trauernde Wittwe zu ſehen glaubten. Herr Mirbel hatte ſein Frühſtück raſch eingenommen und ſpazierte, die Hände auf den Rücken gelegt, noch eine kleine Viertelſtunde, wie er immer zu thun pflegte, um den Tiſch herum, ehe er ſich hinunter in das Ge⸗ ſchäftslokal begab. Er nahm wenig Antheil an dieſen Gesprächen über den geſtrigen Ball, denn er betrachtete dieſes Vergnügen wie eine geſchäftliche Angelegenheit, der man ſich nicht entziehen kann, und von der man froh iſt, wenn man ſie glücklich mit möglichſt wenig Unbequemlich⸗ keit abgewickelt hat. Ihm, wie ſo vielen Familienvätern, — 168— war ein ſolcher Ball meiſtens eine große Störung ſeiner ſonſtigen abendlichen Vergnügungen; denn ſtatt in be⸗ quemer Kleidung auf ſeinen Klubb zu gehen, dort bei einer Cigarre die Zeitung zu leſen und ſpäter eine Partie L'Hombre zu machen, mußte er den ſchwarzen Frack an⸗ ziehen, ja ſogar neuerdings einer recht lächerlichen Ueber⸗ einkunft gemäß eine weiße Halsbinde dazu nehmen, und hatte nicht einmal, nachdem er ſtundenlang in tödtlicher Langeweile dem Tanzen zugeſchaut, den Genuß eines guten Soupers; denn man war in dieſer erkluſiven höhern Bürgergeſellſchaft übereingekommen, ein gemeinſchaftliches ſehr mäßiges Nachteſſen einzunehmen, und alle feinen Weine, natürlich auch den freundlich aufregenden Cham⸗ pagner, zu verbannen. Man war ſich in dieſer exkluſiven Geſellſchaft ohne ſolche Zuthaten an ſich ſelbſt genug, man brauchte das nicht. Man überließ dergleichen feinere Soupers, beſſere Weine und Champagner gemeinern Leu⸗ ten, die ſonſt nichts Anderes in die Wagſchale zu werfen hatten, und ſparte auch dabei, was gegenüber der theuern Saalmiethe dieſer exkluſiven feinen Geſellſchaft, welche aus den reichſten Kapitaliſten beſtand, auch nicht zu verachten war. Freilich machte der Wirth dazu ein ſaures Geſicht, doch mußte er ſich mit dem Bewußtſein tröſten, die Créme der höheren Bürgergeſellſchaft bei ſich zu ſehen. Eine unternehmungsluſtige Wittwe hatte, um einem längſt ge⸗ fühlten dringenden Bedürfniß abzuhelfen, aus einem ſchon gewählten Bürgerkreiſe die feinſten männlichen und weib⸗ lichen Blüten zuſammengeleſen und dergeſtalt eine Art Halbblutgeſellſchaft zu bilden verſucht, die dann durch eine kleine Beimiſchung von wirklichem Vollblut wenn auch nicht gerade hoffähig zu werden verſprach, ſo doch vielleicht einen Uebergang bilden konnte von Dem, was das Bürgerthum Gutes, Edles und Feines beſaß, zu den Cercles des blauen Blutes. Ja, die unternehmungsluſtige Wittwe hatte es ſchon einmal durchzuſetzen gewußt, daß durch den Zweckball eines Allerhöchſten Geburtstages der Kronprinz genöthigt worden war, anderthalb Viertelſtun⸗ den lang die Räume der Geſellſchaft mit ſeiner Gegen⸗ wart zu beglücken. Doch hatte dieß weiter keine wohl⸗ thätigen Folgen gehabt; denn ebenſo wie hohe Perſonen Früchte⸗, Blumen⸗ und andere landwirthſchaftliche Aus⸗ ſtellungen zu beſuchen pflegen, um zu ſehen oder geſehen zu werden, ſo war die Sache auch hier damit abgemacht, und die ſo heiß erſehnte und gewünſchte Annäherung zwiſchen Hof⸗ und Bürgergeſellſchaft wollte, beſonders zum großen Verdruß der unternehmungsluſtigen Wittwe, durch⸗ aus keinen gedeihlichen Fortgang nehmen. Geſtern Abend hatte allerdings das Erſcheinen des Herrn von Roſenthal wieder einige Hoffnungen erregt, doch hatte ſich derſelbe unbegreiflicher Weiſe bei keiner Familie, nicht einmal bei — 170— der unternehmungsluſtigen Wittwe, vorſtellen laſſen, ſo ſchon ſehr wenig Bildung und Geſchmack verrathend, da⸗ durch aber noch weniger, daß er während der Stunde, die er anweſend war, mit Fräulein Seraphine Mirbel, jener lächerlichen alten Jungfer, kokettirt hatte. „Doch kehren wir in's Frühſtückzimmer der Familie Mirbel zurück, welches der Hausherr unterdeſſen verlaſſen, nachdem er die oben ſtehenden Bemerkungen theils in allgemeinen Umriſſen, theils detaillirt von ſich gegeben. Die ſchöne Helena, welche heute im Morgenanzug noch reizender ausſah, als geſtern in der Balltoilette, ſaß halb verſteckt neben der Großmutter und theilte der freund⸗ lichen alten Frau flüſternd ihre Ballabenteuer mit. Auch die zerknitterte Tanzkarte wies ſie vor und erklärte die Hieroglyphen auf derſelben; meiſtens Namen von ſehr angenehmen jungen Herren, allerdings hin und wieder auch ein„Ballſchreck“ darunter— gleichviel, ſind doch dergleichen Ruhepunkte, wo nur die Füße beſchäftigt ſind und weder Herz noch Augen im Spiel, durchaus noth⸗ wendig. „Herr von Roſenthal hat nicht mit Dir getanzt?“ fragte die alte Dame. „Nein, Großmama, er hat überhaupt nicht getanzt, nicht einmal mit Tante Seraphine.“ Dieſe, welche durch Nennung ihres Namens in be⸗ — 171— haglichen Träumereien geſtört worden war, fragte nun mit ſcharfer Stimme und weitgeöffneten Augen:„Und was ſoll der Zuſatz bedeuten— nicht einmal mit Tante Seraphine? Du naſeweiſes Kind!“ „Nun, Herr von Roſenthal ſaß doch lange genug an Ihrer Seite, Tante, daß Alle erwarteten, Sie endlich einmal mit ihm herumſchweben zu ſehen.“ „Das iſt ein geſetzter und höchſt gebildeter Mann, welcher mehr Geſchmack findet an einem vernünftigen Ge⸗ ſpräche,“ entgegnete Tante Seraphine in wegwerfendem Tone,—„es hat mir ordentlich wohl gethan, während wenigſtens einer Stunde durch eine gediegene Unterhal⸗ tung ſchadlos gehalten zu werden für die Langeweile eines ſolchen Balles.“ „Aber warum ſind Sie denn überhaupt hinge⸗ gangen?“ „Das iſt eine ſehr unnütze Bemerkung, Helene, meinſt Du, man könnte ein ſo junges, wildes Ding, wie Du, ſich ſelbſt überlaſſen?“ „O, der Papa war ja auch da.“ „Der Papa!— da höre Einer an; als ob der Papa Zeit hätte und das Geſchick, Deinen oft ſehr herausfor⸗ dernden Manieren zur richtigen Zeit Zügel anzulegen!“ „O ich glaube, meine Manieren laſſen nichts zu wünſchen übrig.“ — 172— „Ich kann Dich verſichern, Mama,“ wandte ſich Tante Seraphine an die alte Frau, ohne die Bemerkung ihrer Nichte nur eines Blickes oder eines Wortes zu würdigen, „dieſes Mädchen hat Manieren an ſich, benimmt ſich zuweilen gegen die jungen Herren, daß es eine wahre Schande iſt.“ „Aber Tante—⸗ „Du ſchweigſt, Helene, danke dem Himmel, daß wir da ſind, um Deine Erziehung ein wenig zu regeln, und Deinen auffallenden Manieren einen wohlthätigen Spiegel vorzuhalten— oder nennſt Du das vielleicht ein korrektes Betragen, wenn Du Dich mit einem jungen Offizier— mit dem Lieutenant von Mittow, Mama,“ unterbrach Tante Seraphine ihre Strafpredigt mit einem noch ſchär⸗ feren Ausdruck,—„wenn Du Dich mit einem ſo aner⸗ kannt leichtſinnigen jungen Menſchen hinter die Tanzreihe in einen dunkeln Winkel zurückziehſt.“ „Nein, Großmama, das iſt zu arg,“ rief Helene ent⸗ rüſtet,„ich war müde und ſetzte mich einen Augenblick auf einen Stuhl, nicht in einen dunkeln Winkel, ſondern ſo offen, vor aller Welt Augen, wie Tante Seraphine ſelbſt, die neben Herrn von Roſenthal auf der Gäns⸗ haide ſaß.“ „Mamſell Helene— ich verbitte mir dergleichen un⸗ anſtändige Benennungen.“ — 173— „Iſt das eine unanſtändige Benennung, Großmama? alle Welt weiß, daß die Bank, wo die Nichttanzenden ſitzen, die Gänshaide heißt.“ Tante Aurelie, welche bisher keinen Blick von dem Buche abgewandt, in welchem ſie las, und der Unter⸗ redung der Andern keine Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, hob jetzt ihre Augen empor und bemerkte:„Es muß ſchon wahr ſein, Mama, Du erlaubſt dieſem jungen, unreifen Mädchen Bemerkungen gegen uns zu machen, die kaum zu ertragen ſind— ſo erzieht man die Jugend nicht!“ Sie ſeufzte leicht auf und fuhr dann fort zu leſen. „Selbſt Herr von Roſenthal,“ ſetzte Tante Seraphine ihre Strafpredigt fort,„fand das im höchſten Grade auf⸗ fallend.“ Neben der Großmutter hervor, welche, trotz dieſer Anklagen der beiden alten Schweſtern, ſanft das glän⸗ zende dunkle Haar ihrer Enkelin geſtreichelt hatte, leuch⸗ teten jetzt die Augen Helenens mit unverkennbarem Intereſſe hervor; doch ſagte ſie dazu mit einer affektirt verächtlichen Miene:„Dieſer Herr von Roſenthal,“ worauf ein ſcharf markirtes Achſelzucken ihre Gedanken über ihn auszudrücken ſchienen. „Dieſer Herr von Roſenthal, Mamſell, iſt einer der feingebildetſten und anſtändigſten Herren, die mir in mei⸗ nem Leben vorgekommen.“ — 174— „O ja— dieſer Herr von Roſenthal.“ „Was beliebt— doch es iſt beſſer, ich übergehe Deine dummen Bemerkungen ſtillſchweigend, nur aus Re⸗ ſpekt vor Mama, die es ja doch nicht über's Herz bringen kann, Dir etwas Paſſendes zu ſagen.“ „Aber Kinder, ich komme ja nicht zum Worte,“ lächelte die gute alte Frau, doch hob ſie gegen Helene drohend den Zeigefinger auf, welchen aber das junge, unartige Mädchen mit beiden Händen ergriff, dann gegen ſich herab⸗ zog und ein halbes Dutzend Mal küßte. „Das nennt man Erziehung,“ meinte Tante Aurelie achſelzuckend. „Und deßhalb wird man vor fremden Leuten bloßge⸗ ſtellt,“ fuhr Tante Seraphine fort, da ſie durchaus noch keine Neigung zeigte, das Geſprächsthema zu ändern,„ja, Herr von Roſenthal fand Dein Betragen ſo auffallend, daß er Dir einen ſehr mißbilligenden Blick zuſandte, den Du ds nicht bemerkt haſt.“ „O, ich habe ihn bemerkt, Tante Seraphine, es war aber kein mißbilligender Blick.“ „So meinſt Du vielleicht, er hätte Dich mit Wohl⸗ wollen angeſchaut?“ „Gott ſoll mich davor bewahren, das wäre noch ſchrecklicher geweſen.“ „Hat man je ſo etwas gehört?“ ſagte Tante Sera⸗ phine, wobei ſie unwillkürlich ihre Augen im größten Erſtaunen ſo weit öffnete, daß ſie genau ausſahen, wie die eines Schaukelpferdes——„was übrigens einen wohlwollenden Blick des Herrn von Roſenthal gegen Dich anbelangt, darüber kannſt Du Dich vollſtändig be⸗ ruhigen.“ „Großmama,“ flüſterte Helene der alten Dame zu, „dieſer Herr von Roſenthal ſah mich an, als ob er mich beißen wollte.“ „Närriſches Kind.“ „Gewiß, Großmama, und er beißt gerne, wie ich gehört habe.“ „Mama, ich will wiſſen, was dieſes Ding geſagt hat!“ fuhr Tante Seraphine auf,„ich will es abſolut wiſſen.“ „Ach, Kindereien, laßt es gut ſein, reden wir von etwas Anderem.“ „Nein, Mama, Du mußt mir wiederholen, was ſie geſagt hat.“ „O, das kann ich ſelber thun,“ meinte das junge Mädchen in trotzigem Tone,„ich leugne nie, was ich ge⸗ ſagt habe, und ich habe geſagt: Herr von Roſenthal hätte mir einen Blick zugeworfen, als ob er mich beißen wollte, und— er biſſe auch gerne.“ „Sind das Abſcheulichkeiten!— Mama und Du lachſt noch darüber!“ — 176— „Ja, ſoll man denn über ſolche Kindereien nicht lachen?“ „Dahinter ſteckt mehr, als bloße Kinderei, Mama,“ fuhr Tante Seraphine in einem aufgeregten Tone fort, „wir haben es wohl bemerkt geſtern Abend auf dem Balle, daß dieſer Herr von Mittow Dir allerlei Unpaſſendes über uns zugeflüſtert.“ „Unpaſſendes durchaus nichts— er hat nur geſagt, — doch nein, ich wiederhole es nicht.“ „Du ſollſt aber— Mama, ich verlange, daß Du ſie dazu zwingſt.“ „So rede doch, närriſches Kind!“ „Nun denn; Herr von Mittow hat geſagt: dieſer Herr von Roſenthal biſſe gerne, denn er ſei ein Vampyr, und das habe er ſelbſt eingeſtanden.“ Tante Aurelie klappte langſam ihr Buch zu und verließ das Zimmer, ohne weiter ein Wort zu verlieren. Tante Seraphine aber konnte einen leichten Aufſchrei der Entrüſtung, ja des Zornes, nicht unterdrücken. Auch ſie erhob ſich raſch, aber nicht um ſtillſchweigend das Zimmer zu verlaſſen, vielmehr trat ſie dicht vor ihre Nichte hin, ſchüttelte ihren knöchernen Zeigefinger heftig vor deren Geſichte hin und her, und ſagte dann im Tone höchſter Entrüſtung:„Du biſt ein ganz abſcheulicher, boshafter und dabei lächerlicher Fratz— Mama wird ſchon ſehen, — 177— wie weit Du es noch zur Ehre des Hauſes bringſt; doch werde ich Papa von Deinen unziemlichen Aeußerungen in Kenntniß ſetzen, damit er Dir einmal wieder Deinen Kopf zurechtſetzt.“ Damit rauſchte ſie ſo heftig zur Thür hinaus, daß die roſafarbenen Bänder ihres koketten Morgenhäubchens weit hinten drein flatterten. Anſtatt aber in die Geſchäftslokale hinabzuſteigen, um dort dem Papa Mirbel Vorſtellungen zu machen über ſeine ungerathene Tochter, wie ſie gedroht, ſtieg ſie in den zweiten Stock des Hauſes zu ihrer eigenen Wohnung hinauf. Wir müſſen hiebei bemerken, daß das große Ge⸗ bäude ausſchließlich von der Familie Mirbel bewohnt wurde. Wir wiſſen bereits, daß ſich in den Parterre⸗ räumlichkeiten die Comptoirs und Magazine befanden; den erſten Stock bewohnte die Mutter des Herrn Mirbel mit Helene, ſowie der würdige Chef der Firma ſelbſt, und im zweiten Stocke hatten, wie eben ſchon angedeutet, Tante Seraphine, ſowie Tante Aurelie, jede eine ſchöne und geräumige Wohnung. Dieſe beiden Damen waren früher gemäß des Teſta⸗ mentes ihres Vaters Theilhaberinnen des großen Ge⸗ ſchäfts geweſen, doch hatte ſich ihr Bruder, der jetzige Chef des Hauſes„Mirbel& Cie.“, mit ihnen ausein⸗ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. I. 12 478— andergeſetzt, indem er nach gewiſſenhafter Theilung den beträchtlichen Vermögensantheil jeder der beiden Schweſtern in ſoliden Papieren anlegte, und ſie alsdann ihre Kapi⸗ talien ſelbſt verwalten ließ. Tante Seraphine hatte dieß ſo verlangt, denn ſie war in ihrem ziemlich langen Leben ſchon einige Male mit Heirathsprojekten umgegangen, zu denen der verſtändige Bruder bedenklich den Kopf ge⸗ ſchüttelt, ja denen er einige Male ſein Veto als Chef des Hauſes entgegengeſetzt, aus welchem Grunde nun Tante Seraphine auf's Hartnäckigſte ihre Selbſtſtändigkeit gegen⸗ über der Tyrannei eines herzloſen Bruders anſtrebte und auch glücklich durchſetzte. Was Tante Aurelie anbetraf, ſo war ihr dieſe An⸗ gelegenheit ziemlich gleichgültig geweſen, und hatte ſie nach einem noch immer nicht ganz aufgeklärten Vorfalle, den ſie auf einer längeren Reiſe zu vergeſſen geſucht, mit den Eitelkeiten dieſer erbärmlichen Welt abgeſchloſſen und ſich der Religion in die Arme geworfen; von da an ging ſie grau oder ſchwarz gekleidet, hatte mühſam das Harfen⸗ ſpiel gelernt und liebte es, zu den gefühlvollen Alkorden dieſes Inſtrumentes geiſtliche Lieder zu ſingen, ja ſie würde ſicher in ein Kloſter gegangen ſein, wenn ſie katholiſch geweſen wäre, hatte auch in dieſer Schwärmerei ihre Zim⸗ mer nicht nur ſo einfach wie möglich eingerichtet, ſich ein Betpult und ein Kruzifix angeſchafft, ſondern auch die — 179— hohen Fenſter ihres Wohnzimmers, welche auf die Straße gingen, zu Zweidritteln, von unten gerechnet, mit feſten dunkeln Vorhängen verſehen laſſen, ſo daß ſie beim Hin⸗ ausſchauen nur den Himmel, als das Endziel ihrer Wünſche, vor Augen hatte. Ganz anders ſah es dagegen in der Wohnung Tante Seraphinens aus. Hier war Alles reich, geſchmackvoll, elegant, luſtig und heiter, die Möbel neu und bequem, überall lichte Farben vorherrſchend. Im Salon ſtand ein prachtvoller Flügel, und nicht nur zum Staate, denn Tante Seraphine war eine vorzügliche Klavierſpielerin, hatte auch eine gute, durchdringende Stimme, von der ſie gerne Gebrauch zu machen pflegte, wenn die geiſtlichen Lieder ihrer Schweſter gar zu melancholiſch in's Veſtibul hinaustönten. Uebrigens hielten ſich beide Schweſtern ſo abgeſondert von einander, wie nur möglich, und hatten zu dieſem Zwecke die Uebereinkunft getroffen, daß Jede ein. Zimmer ihrer Wohnung, wo dieſe nämlich zuſammenſtieß, unbenutzt ließ. Doch hatte Tante Seraphine ein paar Tage nach der eben erwähnten kleinen Frühſtücksſzene ihren Entſchluß angezeigt, auch das eben erwähnte Zim⸗ mer noch zu ihrer Wohnung heranzuziehen. Dieß Vorhaben hatte einiges Erſtaunen erregt, doch am we⸗ nigſten bei der zunächſt Betheiligten, bei Aurelie näm⸗ lich, deren einzige Antwort auf die oberflächliche 180 Frage der Schweſter in einem leichten Achſelzucken be⸗ ſtand. Madame Mirbel wollte den Zweck dieſer Vergröße⸗ rung nicht recht einſehen, doch hatte Helene ſchalkhaft lächelnd geſagt:„Tante Seraphine rechne wahrſcheinlich in nächſter Zeit auf zahlreichen Beſuch,“ eine naſeweiſe Aeußerung, die indeſſen verdientermaßen nur durch einen verächtlichen Blick aus den Schaukelpferdaugen beantwortet wurde.„Glücklicher Weiſe bin ich mein eigener Herr,“ hatte die Betreffende hierauf hinzugeſetzt,„und da ich das bin, ſo habe ich mir auch erlaubt, meine Anordnungen zu treffen; ich wollte euch nur benachrichtigen, damit ihr euch durch Klopfen oder ſonſtiges Geräuſch nicht beunruhigen laßt.“ „So läßt Du neue Vorhänge aufmachen und viel⸗ leicht tapeziren?“ „Ja und nein,“ gab die Gefragte mit einer ganz kleinen Verlegenheit zur Antwort,„ich laſſe mir ein Bou⸗ doir einrichten; es war das ſchon längſt mein Wunſch, und zu dieſem Zwecke werden die Wände mit weißem Mouſſelin beſpannt.“— „Das iſt aber etwas feuergefährlich,“ meinte die Großmutter, worauf die naſeweiſe Nichte lächelnd ſagte: „O, Tante Seraphine nimmt ſich ſehr in Acht, und ver⸗ ſteht es mit dem Feuer zu ſpielen.“ — 181— „Verſtände ich es nur eben ſo gut, Dir etwas Be⸗ ſcheidenheit beizubringen, ſo würden mich die vielen Worte nicht gereuen, welche ich ſchon an Deine Erziehung ver⸗ ſchwendet— doch hilft da alles Reden nicht und ich habe feſt beſchloſſen, mich um Deine Unarten nicht mehr zu beküm⸗ mern, ſondern fortan für mich zu leben.“ „In dem Mouſſelinboudoir,“ ſagte halbleiſe das un⸗ verbeſſerliche junge Mädchen, wurde aber dafür von der Großmutter durch einen allerdings nicht ſehr ſtarken Klapps auf die friſchen rothen Lippen beſtraft. Tante Seraphine hatte indeſſen, ohne dieſe Aeußerung eines Wortes zu würdigen, das Zimmer verlaſſen, und erſchien gerade zu rechter Zeit draußen im Veſtibul, um ein paar Lehrjungen des erſten Möbelfabrikanten der Re⸗ ſidenz, ſowie dieſen ſelbſt, den Herrn Schmauder, und einen blaſſen, ſtillen Geſellen mit in den zweiten Stock. des Hauſes zu nehmen, um den Arbeitern das betreffende Zimmer anzuzeigen. Als man droben die großen Körbe auspackte, mußte Tante Seraphine geſtehen, daß Herr Schmauder für die kurze Zeit, die ihm vergönnt geweſen war, beinahe das Uebermögliche geleiſtet hatte. Da war Alles auf's Zier⸗ lichſte vorbereitet; der untere roſafarbene Bezug für die Wände, ſowie der Mouſſelinüberwurf, unten mit geſchmack⸗ vollen Feſtons verſehen, und der Länge nach in feine — Falten gelegt; es verſprach reizend zu werden, und dazu hatte Herr Schmauder, wie er Fräulein Mirbel im Ne⸗ benzimmer verſicherte, nachdem Alles ausgepackt war und die Lehrjungen ſich wieder mit den Körben entfernt hatten, ſeinen beſten Arbeiter gegeben, jenen bleichen, ſtillen, jungen Mann,— ein wahres Juwel von einem Sattler⸗ geſellen;„nur hat er ſeine kleinen Eigenheiten,“ ſetzte der Meiſter flüſternd hinzu,„man muß ihn gänzlich un⸗ geſtört laſſen, und Fräulein Mirbel werden ſehen, daß er ein Meiſterſtück zuwege bringt— es iſt das ein guter, unglücklicher Menſch. Vor Jahren fiel er einmal rück⸗ wärts von einer Leiter herunter, und zwar, in der Theatergarderobe, wo er Vorhänge aufmachte; eine ver⸗ ſtörte Fledermaus war ihm gegen die Stirne geflogen, und ſeitdem iſt er etwas tieffinnig, aber ſonſt harmlos wie ein Kind; er bildete ſich eine Zeitlang ein, er ſelbſt ſei eine Fledermaus oder vielmehr das, was die Aber⸗ gläubiſchen einen Vampyr nennen, doch das iſt längſt vorüber, und er lacht jetzt ſelbſt über ſeine tollen Ideen von damals.“ „Er wird doch nicht Anfälle haben?“ fragte Tante Seraphine mit einem Ausdruckder Beſorgniß in ihren Blicken. „Wo denken Sie hin, Fräulein Mirbel— Sie wer⸗ den ſehen, wie ſtill, wie harmlos er iſt, und wie vor⸗ trefflich er arbeitet.“ — 183— Und darin hatte Herr Schmauder vollkommen Recht. Nachdem die Lehrjungen eine Leiter herbeigeſchleppt hatten und die Vorhänge auf dem Boden geordnet, ging der blaſſe, ſtille Geſelle mit einer Emſigkeit und einem Ge⸗ ſchick an die Arbeit, daß ſich Tante Seraphine nicht enthalten konnte, ihm mit einem wahren Vergnügen zu⸗ zuſchauen. Es iſt aber auch ein behagliches Gefühl, ſo ein rei⸗ zendes Enſemble, wie man es ſich ausgedacht und in Ge⸗ danken zuſammengeſtellt, nach und nach und doch wieder ſo raſch entſtehen zu ſehen. Auch waren im Laufe des Vormittags ein hübſcher Divan gebracht worden, ſowie ein paar zierliche Fauteuils in gleichen Ueberzügen wie die Wände, roſa mit weißem Mouſſelin; und nun ſetzte ſich Seraphine im dritten Zimmer nieder, nachdem ſie vor⸗ her die Zwiſchenthüren weit geöffnet, und ſchaute ſtill lächelnd der allmäligen Entſtehung des Boudoirs zu, wo⸗ bei ſie in angenehme Träumereien verſank. Dort, hatte ſie ſich vorgenommen, ihn zum erſten Male zu empfangen, und dort wollte ſie ſo recht mit Be⸗ hagen ſeinem geiſtreichen und liebenswürdigen Geplauder lauſchen. Ja, ſie ſah ihn ſchon im Geiſte in der Ecke jenes Divans lehnen mit den dunkeln Augen, dem ſchwar⸗ zen Haar und Barte, und mit dem ſo höchſt intereſſanten bleichen Geſichte— ein ganz außerordentlicher Mann, ein 14— Mann, wie ihr nie einer vorgekommen— allerdings klangen ſeine Reden bisweilen etwas myſteriös, ja extra⸗ vagant, doch war das nicht anders zu erwarten von einem ſo begabten, tief poetiſchen Gemüthe, von einem Manne, der ſich, wie er ihr neulich auf dem Balle leichthin er= zählt, lange Jahre in Indien aufgehalten, und der in den römiſchen Katakomben und in den egyptiſchen Pyramiden förmlich gelebt. Das hatte ihr damals ſchon einen etwas unheim⸗ lichen Eindruck verurſacht. Wie kann man auch ein Ver⸗ gnügen darin finden, in den egyptiſchen Pyramiden zu leben und in den römiſchen Katakomben— höchſt eigen⸗ thümlich— in Grabſtätten, wo nur Fledermäuſe hauſen — Fledermäuſe— Vampyre. Sie wußte nicht, warum dieſes Wort, ſeit es neu⸗ lich ihre naſeweiſe Nichte in ſo leichtſinnigem Zuſammen⸗ hange ausgeſprochen, ſie jedesmal ſchauerlich durchzuckte, ſo oft es ihr in den Sinn kam. Ja, ſie hatte häufig daran denken müſſen, dann ſah ſie jedesmal das bleiche Geſicht Roſenthal's vor ſich, die Augen halb geſchloſſen und die Lippen eigenthümlich bewegend, wie er gerne zu thun pflegte. „Pah— Kindereien, dummes, dummes Zeug!“ ſagte ſie alsdann zu einiger Ermuthigung, und um die⸗ ſem düſtern Geſpenſt ihrer Phantaſie recht in die Augen 185 zu blicken, hatte ſie in den letzten Tagen von Byron's Vam⸗ pyr geleſen, und den Klavierauszug von Lindpaintner's herrlicher Oper durchgeſpielt; dieſer ſtand noch auf dem Pulte ihres geöffneten Flügels, und ſie trat unwillkürlich vor die Noten hin und ſchlug ein paar Akkorde an. Da vernahm ſie plötzlich hinter ſich einen eigenthüm⸗ lichen gurgelnden Ton; es war gerade ſo, als ſchlürfe Jemand mit aller Kraft ſeiner Lippen und mit höchſter Gier etwas Köſtliches in ſich hinein. Ueberraſcht wandte ſie ſich um, und wenn auch das Zimmer, in dem ſie ſich befand, ſowie das nächſte leer waren, ſo ſteigerte ſich doch ihre Ueberraſchung zum Er⸗ ſchrecken, als ſie die ſeltſame Haltung ſah, in der ſich der ſtille, bleiche Sattlergeſelle befand. Dieſer hielt ſich zu⸗ ſammengekauert mit Händen und Füßen auf der oberſten Sproſſe der Leiter, ließ ſeinen Kopf rückwärts herab⸗ hängen und ſtarrte ſie mit hervorgequollenen Augen an, wobei aus ſeinem Munde ein eigenthümlich ziſchendes Pfeifen ertönte;— die ganz zuſammengekrümmte Geſtalt gab in dieſem Augenblicke das Bild einer rieſenhaften Fledermaus, die mit Flügeln und Füßen aufgehängt ſich zum Winterſchlafe anſchickt. „Gerechter Himmel,“ kreiſchte Seraphine auf,„Sie ſtürzen ja von der Leiter herunter, iſt Ihnen vielleicht un⸗ wohl?“ — 186— Doch glitten jetzt die Füße des ſtillen, bleichen Sattlergeſellen raſch an der Leiter herunter, ſein Kopf bog ſich in die natürliche Stellung zurück, und er fing unverdroſſen wieder an zu hämmern, als wenn gar nichts Außergewöhnliches vorgefallen wäre. Nur bemerkte die erſchreckte Dame, welche ihn eine Zeitlang in ſprachloſem Erſtaunen betrachtete, daß er zuweilen den Kopf auf dem Halſe ſtark rückwärts drehte, wie als wollte er hinter ſich ſchauen, worauf er aber dann jedesmal wieder emſig zu klopfen anfing. Was ſollte Tante Seraphine thun? Ihr Zimmer verlaſſen, oder das Stubenmädchen zu ihrem Schutz oder zur Geſellſchaft aus der Garderobe hereinkommen laſſen? Doch verwarf ſie Beides. Sie mochte ihr Zimmer nicht ſo allein laſſen, und das Stubenmädchen, ein ſchlaues Ding, ſollte auch nicht im Entfernteſten eine Ahnung davon haben, daß ſie ſich am hellen Tage vor einem Arbeiter fürchte, und er ſah ſo harmlos aus, ſo ruhig und fried⸗ lich, der bleiche, ſtille Sattlergeſelle, beſonders jetzt, wo er langſam von der Leiter herabgeſtiegen war, aufmerkſam das Werk ſeiner Hände betrachtete, und dazu mit dem Kopfe nickte, während er ſich zuweilen mit der rechten Hand einen leichten Klapps vor den Hinterkopf gab. Tüchtig hat er gearbeitet, und ſauber und nett, das mußte ihm Tante Seraphine zugeſtehen; da war nicht nur ſchon — 187— eine ganze Wand mit dem zarten Roſa überſpannt, ſon⸗ dern auch ſchon einige Streifen weißer Mouſſelin aufge⸗ legt, was ſich außerordentlich reizend machte— ach— und wenn es fertig war, mit den zierlichen ſchwellenden Möbeln ein ſo zartes Enſemble verſprach. Tante Seraphine war eine hochherzige Jungfrau und durchaus vor Männern nicht ängſtlich— gewiß hatte ſie ſich vorhin geirrt, als ſie in der allerdings ſeltſamen Attitude des bleichen, ſtillen Sattlergeſellen etwas Auf⸗ fallendes, ja ſogar Schreckbares zu ſehen geglaubt. Viel⸗ leicht hat er den Kopf rückwärts übergebeugt, um die gegenüberliegende Wand zu betrachten, um den Effekt der Farben beſſer zu ſehen, wie es ja auch zuweilen die Maler zu machen pflegen, wenn ſie mit niedergebeugtem Kopfe unter dem Arme hinweg irgend eine maleriſche Ferne betrachten. Gewiß, ſo war es; Tante Seraphine redete es ſich ein, ja ſie fand ihren Schrecken jetzt nahezu lächerlich und trieb ſich ſelbſt an, das roſa Boudoir zu betreten, um die Arbeit und auch den emſigen Arbeiter in der Nähe zu betrachten. Es war das nicht nur ein bleicher und ſtiller, ſon⸗ dern ſogar auch ein hübſcher junger Menſch. Er hatte feine, ausdrucksvolle Züge und große melancholiſche Augen. Jetzt blickte er ſie von der Seite an und ſagte — 188— dann mit einer weichen, angenehm klingenden Stimme: „Ich glaube, das gnädige Fräulein ſollen zufrieden geſtellt werden.“ „Gewiß, es macht ſich das jetzt ſchon allerliebſt.“ „Heiter, und doch wieder träumeriſch, wie es ſich für das Boudoir einer ſo ſchönen Dame geziemt,“ ſprach der bleiche, ſtille Sattlergeſelle, indem er an den Nägeln kaute und mit geſenktem Haupte daſtehend, unter den Augenbrauen hinweg auf die Dame blickte. „Sie werden doch heute mit Ihrer Arbeit fertig?“ „O, ich hoffe ſo, wenn keine unerwartete Störung eintrit—— würden mir das gnädige Fräulein nicht eine ganz unterthänige Frage erlauben?“ „Warum nicht? fragen Sie nur!“ „Sie ſind wohl Braut, mein gnädiges Fräulein?“ „Eine komiſche Idee,“ gab Tante Seraphine mit einem etwas geziert verſchämten Lächeln zur Antwort,„wie kann man nur ſo etwas fragen, und wie kommen Sie auf dieſen Gedanken?“ „Nun— nun— es ſieht hier ſo bräutlich aus, es weht hier eine Luft, als wenn eine Braut in der Nähe wäre— o, ich verſtehe mich darauf; ich habe ſchon in vielen Brautgemächern gearbeitet und verehre die Bräute.“ „Das iſt ein komiſcher junger Menſch,“ dachte Tante — — 189— Seraphine, und ſagte dann in einem wohlwollenden Tone, während ſie ſich abwandte:„Laſſen Sie das gut ſein und beendigen Sie Ihre Arbeit, ſo hübſch Sie dieſelbe ange⸗ fangen. Muß man denn eine Braut ſein, weil man ſich ein nettes Boudoir einrichten läßt—— gewiß, Ihre Arbeit iſt charmant, und ich werde Ihnen noch extra recht erkenntlich dafür ſein.“ Sie machte eine freundliche Handbewegung gegen den bleichen, ſtillen Sattlergeſellen, und begab ſich alsdann wieder in ihren Salon zurück. „Sie iſt eine Braut,“ murmelte Jener, indem er einen Streifen des roſafarbenen Zeuges vom Boden auf⸗ nahm, und ſich damit in die Ecke des Divans ſetzte, ſcheinbar um an dem Stoffe irgend etwas zu arbeiten, in Wahrheit aber ſchaute er mit einem düſtern Blicke über denſelben hinweg, wobei er, die Dame betrachtend, ſchwer aufſeufzte, aber jedesmal die Augen ſinken ließ, ſobald Tante Seraphine, die ſich jetzt vor ihren Flügel geſetzt hatte, irgend eine Bewegung machte, als wolle ſie auf⸗ ſtehen oder ſich umwenden. Ihre Finger glitten phanta⸗ ſirend über die Taſten, wobei ſie ſich eines angenehmen Gefühls nicht erwehren konnte, wenn ſie an die eigen⸗ thümlich komiſche Rede des armen bleichen Sattlergeſellen dachte— ich eine Braut—— iſt das vielleicht eine glückliche Vorbedeutung?—— fort, fort mit dieſen Ge⸗ — 190— danken, mein Herz iſt ohnedieß erregt genug— ich eine Braut? doch wer weiß—— ———— Dann fielen ihre Augen, während ihren Mund ein glückſeliges Lächeln umſpielte, auf den Klavierauszug des Vampyrs, der ſich noch geöffnet auf dem Notenpulte des Flügels befand, und unwillkürlich ver⸗ flocht ſie in ihre muſikaliſchen Phantaſieen ein Thema dieſer Oper. Der junge bleiche Menſch im Boudoir fuhr aus einem tiefen Hinbrüten empor, ſobald Tante Seraphine die Taſten ihres Inſtruments berührt hatte, und ſeine Ge⸗ ſichtssüge, beſonders ſeine Augen, belebten ſich auf eine merkwürdige Art. Er lächelte gar ſeltſam, und ſein Mund ſpitzte ſich zu, während er mit der Zunge die Lippen be⸗ leckte—„ja, ſie iſt eine Braut,“ ſprach er leiſe, wobei er mehrmals heftig mit dem Kopfe nickte—„ſie iſt eine Braut, und Alles kann noch gut werden. Ich bin bei ihr im ſtillen, verſchwiegenen Gemache, der Vampyr wird noch glücklich——⸗ Er erhob ſich raſch, aber geräuſchlos, und warf den rothen Stoff, den er in Händen hatte, wie einen Mantel um ſeine Schultern, drapirte ihn zierlich um ſich herum, und ſchlich dann auf den Zehen vor⸗ wärts in das andere Zimmer, während ſeine Augen un⸗ heimlich leuchteten und ſich ſein Mund bald zuſpitzte, 8 — 191— bald ſich zu einem unangenehmen Grinſen in die Breite verzog. Arglos phantaſirte Tante Seraphine weiter, ohne unter den Tönen des Inſtrumentes auch nur das Ge⸗ ringſte zu vernehmen von der langſam heranſchleichenden, jetzt wahrhaft unheimlich ausſehenden Geſtalt. Dieſe blieb einen Augenblick dicht hinter dem Stuhle ſtehen, hob hierauf die ineinander verſchlungenen Hände hoch empor, und legte ſeine Arme alsdann ſo plötlich, ſo geräuſchlos, aber auch ſo feſt um den Hals der Spielen⸗ den, daß dieſe, ſo unvermuthet überfallen und ſo heftig gepackt, nicht im Stande war, ſich zu rühren, ja unter dem fürchterlichſten Entſetzen nicht einmal im Stande war, einen Schrei auszuſtoßen. „Süße Braut— ſüße Braut,“ flüſterte das Un⸗ geheuer keuchend und jede Sylbe ſcharf abſtoßend ihr in's Ohr, und wandte dann langſam den Kopf über ihre Schultern herüber, ſo daß ſeine unheimlich leuch⸗ tenden Augen dicht vor den ihrigen flimmerten, während ſich ſeine ſchmatzenden Lippen ihrem vor Schrecken bleichen Geſichte näherten, immer noch in der Unmöglichkeit ſich zu bewegen, oder auch nur den leiſeſten Schrei auszu⸗ ſtoßen. Es gibt ſolche Augenblicke plötzlicher Erſtarrung des willenlos Ueberſichergehenlaſſens, wo man zwiſchen einer — 192 Ohnmacht ſchwankt oder zwiſchen dem plötzlichen gewalt⸗ ſamen Aufkreiſchen und dem Sich vertheidigen mit Fingern und Nägeln; vielleicht wäre eine Ohnmacht hier ſehr ge⸗ fährlich geworden, und ſo fügte es denn der Zufall, daß etwas Anderes, vielleicht etwas noch Schrecklicheres, ſich „begab, was Tante Seraphine mit einem gellenden Schrei emporſchnellen ließ. Langſam hatte ſich nämlich die Thüre des Salons geöffnet, die ſich neben des Flügels Ende befand, und auf der Schwelle erſchien Herr von Roſenthal, die merk⸗ würdige Gruppe vor ſich mit einem ganz eigenthümlichen Lächeln betrachtend. Doch ſchien er ſchon nach einer Se⸗ kunde zu empfinden, daß er eine Indiskretion begehe, wenn er hier länger zuſchaue, und zog deßhalb die Thür wieder ſachte in's Schloß. Doch Tante Seraphine hatte ihn geſehen— ihn— ihn— ihn— den Einzigen, der ſie unter allen Mil⸗ lionen Menſchen während dieſes furchtbaren Attentates nicht hätte ſehen ſollen— ihn, über deſſen Miene ein ſpöttiſches Lächeln flog, ihn— ihn— ihn— Deßhalb war auch ihr Aufkreiſchen jetzt wahrhaft markerſchütternd, deßhalb fuhr ſie mit ſolcher Gewalt in die Höhe, daß ſie das Ungeheuer neben ſich ein paar Schritte zurückſchleuderte— deßhalb ballte ſie krampf⸗ haft ihre Hände, und deßhalb fiel ſie gleich darauf mit — 193— einem dumpfen Gepolter auf den Teppich des Fußbodens nieder. Herr von Roſenthal hatte es für ſeine Schuldigkeit gehalten, im Mirbel'ſchen Hauſe einen Beſuch abzuſtatten, und hatte damit unten im Geſchäftslokale, in dem Pri⸗ vatzimmer von Mirbel& Cie., begonnen; vergebens hatte der Chef des Hauſes ſeinen Gaſt hinauf in den Salon des erſten Stockes geleiten wollen, Herr von Roſenthal hatte auf die verbindlichſte Art erklärt: er würde es nie⸗ mals zugeben, daß der Geſchäftsmann ſeine koſtbare Zeit an ihn verſchwende. Er hatte ſich nur zwei Augenblicke auf das alte Lederſopha niedergelaſſen, hatte ſich gefreut, Herrn Mirbel in ſo guter Geſundheit zu ſehen, und wäh⸗ rend er hierauf das Zimmer wieder verließ, verbat er es ſich auf's Dringendſte, weiter als bis zur Thür begleitet 3 zu werden, ja er wollte es durchaus nicht zugeben, daß ihn einer der Lehrlinge, und zwar„ſein junger Freund von neulich Abends“, wie er lächelnd ſagte, droben an⸗ melde,—„ich verlaſſe mich gerne auf mein gutes Glück.“ Mit dieſen Worten verſchwand Herr von Roſenthal aus dem Comptoir, indem er die tiefe, ſteife Verbeugung des alten Kaufmannes mit einer kordialen und ſehr graziöſen Handbewegung erwiedert hatte. Im erſten Stock aber war Herr von Roſenthal nicht Hackländer, Geſchichten im Zickzack. I. 13 ſo glücklich, als er vermuthet. Madame Mirbel, die Mutter des Hausherrn, hieß es, ſei ausgegangen, in Wahrheit aber war die alte Dame des Morgens für Nie⸗ manden ſichtbar, und als er nach Fräulein Helene fragte, war das junge Mädchen nirgends zu finden, müßte alſo wahrſcheinlich auch ausgegangen ſein, wie das freundliche Stubenmädchen bedauernd ſagte. Helene war aber nicht ausgegangen, hatte ſich viel⸗ mehr in ihrem Schlafzimmer verſteckt, da ſie Herrn von Roſenthal die Treppe heraufkommen ſah. Sie hatte als⸗ dann ſeiner tiefen, wohlklingenden Stimme, als er nach der Großmama und nach ihr fragte, mit einer ihr ſelbſt unerklärlichen Erregung, ja mit einigem Herzklopfen gelauſcht, und wie ſie nun hörte, daß er in den zweiten Stock hinaufſtieg, zu Tante Seraphine, trat ſie, un⸗ muthig über ſich ſelbſt, mit dem kleinen Fuße heftig auf den Boden. Und ſie war gerade heute Morgen ſo vortheilhaft und hübſch gekleidet, allerdings ſehr einfach, in ſtahlblaue Seide und mit einem koketten ſpaniſchen Jäckchen von ſchwarzem Sammt, welches mit glitzernden Epauletten und zahlloſen ſilbernen Knöpfen verziert war. „Ich weiß nicht, warum ich ſo dumm geweſen bin, ihn nicht anzunehmen,“ ſprach ſie mit einem Blick in den Spiegel zu ſich ſelber, während ſie unmuthig ihre friſchen rothen Lippen aufwarf. Dann nahm ſie eine rothe Granatblüte von ihrem Toilettetiſch und ſteckte ſie ge⸗ dankenvoll in ihr ſchwarzes Haar—„es iſt wirklich Schade.“ Was Herr von Roſenthal indeß droben erlebt, wiſſen wir bereits, doch trug er ſelbſt die Schuld an dieſem unerfreulichen, oder auch vielleicht erfreulichen Anblick. Warum hatte er es dem Stubenmädchen Seraphinens nicht geſtatten wollen, ihn anzumelden, und warum hatte er nach einem ſehr leiſen Anklopfen die Thür geräuſch⸗ los geöffnet, um die Dame bei ihren muſikaliſchen Phan⸗ taſieen zu überraſchen? Dann aber, als er die Thür ſachte zugezogen hatte, überflog blitzähnlich ein kurioſes Lächeln ſeine Züge, er wandte ſich um und ſtieg langſam die Treppe wieder hinab; allerdings vernahm er jetzt droben ein eigenthüm⸗ liches Geräuſch, doch kehrte er ſich nicht weiter daran, ſondern ging vollends in den erſten Stock hinunter, wo ihm Helene Mirbel mit einem Ausdruck des Erſtaunens, ja des Schreckens unverhofft entgegentrat. Daß auch ſie ihn hier nicht erwartet hatte, zeigte der Ausdruck ihrer Züge, ſowie eine tiefe Röthe, welche ſich über dieſelben ergoß. Herr von Roſenthal war aber der Mann nicht, der ſich leicht von einer Verlegenheit anſtecken ließ. Er trat 196— vielmehr mit dem unbefangenſten Lächeln auf das junge Mädchen zu, bot ihr ſeine Hand und führte ſie als⸗ dann mit der Verſicherung: er freue ſich außerordentlich, daß ſie in der That noch nicht ausgegangen ſei, in das offen ſtehende Zimmer zurück, aus welchem Helene, die das Geräuſch droben ebenfalls vernommen, herausgetreten war. Es hatte ſie dieſer Lärm anfänglich ſehr erſchreckt, und ſie wußte ſelbſt nicht, warum ſie denſelben mit Herrn von Roſenthal in Verbindung gebracht hatte; ja, jetzt mußte ſie, wie erleichtert und lächelnd, tief auf⸗ athmen, als er, ſtatt ſich droben bei Tante Seraphine zu befinden, in ihrem eigenen kleinen Wohnzimmer vor ihr ſtand. „Ich weiß nicht, was da oben war,“ ſagte ſie in reizender Verlegenheit und doch glücklich, auf dieſe Art ein Geſpräch anknüpfen zu können, da Herr von Roſen⸗ thal vor ihr ſtand und ſie ſehr auffallend mit ſtummer Bewunderung anblickte,„ich dachte ſchon—“ „Woran dachte die ſchöne Helene? doch nicht etwa, daß ich da oben gefallen ſei; o, ſo etwas dachten Sie gewiß nicht!“ „Das dachte ich allerdings nicht— aber— da ich Sie die Treppe hinaufgehen hörte,“ gab ſie zögernd zur Antwort,„ſo—— ⸗ 197— „Brachten Sie mich mit dem Geräuſch in Verbin⸗ dung, o wie dankbar ich Ihnen dafür bin!“ ſagte er mit einem verbindlichen Lächeln, indem er die eine Hand des jungen Mädchens ergriff und recht bedächtig dreimal mit angemeſſenen Pauſen ſeine Lippen darauf drückte, „dann,“ fuhr er fort,„da Sie mich mit jenem Geräuſche oben in Zuſammenhang brachten, ſo mußten Sie nothwendig ſo außerordentlich liebenswürdig ſein, ein ganz klein wenig an mich zu denken,— natürlich nur, da Sie mich die Treppe hinaufgehen hörten, nachdem Sie mich recht hartherzig von Ihrer Thür weg⸗ gewieſen.“ „Das war ich eigentlich nicht Willens zu thun, ſon⸗ dern man glaubte wirklich, ich ſei ſchon ausgegangen, da ich im Begriff war das zu thun.“ „So muß ich mich alſo entfernen, um nicht unbe⸗ ſcheiden zu ſein,“ ſprach Herr von Roſenthal, offenbar in einem recht traurigen Ton. „O nein— ſo dringender Art ſind meine Geſchäfte nicht.“ „Alſo erlauben Sie mir noch ein paar Augenblicke zu bleiben?“ „Gewiß,“ antwortete Helene, doch ſchaute ſie bei dieſen Worten mit einer gewiſſen Befangenheit in den Mienen nach der Thür, und ſetzte nach einer kleinen Pauſe hinzu:„ich möchte doch nur wiſſen, was droben eigentlich vorgefallen iſt, denn es war in der That ein ſehr eigenthümliches Geräuſch.“ „Darüber, mein Fräulein, könnte ich Ihnen vielleicht einigen Aufſchluß geben,“ antwortete Herr von Roſen⸗ thal mit einem ſonderbaren Lächeln,„könnte—, doch weiß ich nicht, in welche Worte ich meine Aufſchlüſſe kleiden ſoll.“ Helene ſah ihn überraſcht mit einer fragenden Miene an, und da ſie nicht wußte, ob ſie etwas, und was ſie hierauf erwiedern ſolle, ſo erinnerte ſie ſich glücklicher Weiſe, daß ſie es bis jetzt verſäumt hatte, ihrem Beſuch einen Sitz anzubieten, was ſie denn auch ſogleich that, und dann auf einem kleinen Divan gegenüber dem Fau⸗ teuil, in welchem ſich Herr von Roſenthal mit vielem Behagen niederließ, ihren Platz nahm. „Mir ſcheint, ich höre Großmama die Treppe hinauf zu Tante Seraphine ſteigen— es iſt doch ſon⸗ derbar.“ „Es iſt allerdings ſonderbar,“ antwortete Herr von Roſenthal, nachdem er ſeinen Hut neben ſich auf den Boden geſetzt,„ich kann mir nicht anders denken, als daß Ihre Tante, Fräulein Seraphine, vielleicht zu einem bevorſtehenden maskirten Feſte oder dergleichen mit einem ihrer genaueſten Freunde eine Probe abhält— Sie — 199— ſehen mich erſtaunt an— ja, ich muß es wiederholen, mit einem ganz genauen und vertrauten Freunde; denn als ich droben, nachdem ich angeklopft, die Thür öffnete, ſah ich einen jungen Herrn maleriſch mit rothem Zeug drapirt—“ „Ah ſo, jetzt verſtehe ich „Ah, Sie verſtehen, ich verſtand aber durchaus nicht die ſehr intime Stellung jenes jungen Herrn neben Ihrer Tante, Fräulein Seraphine.“ „Ach, das war ja gar kein junger Herr, das war ja nur ein Tapeziergehülfe.“ „Deſto ſchlimmer,“ erwiederte Herr von Roſenthal mit großem Ernſte,„und nun bedaure ich in der That, ſo indiskret geweſen zu ſein, und die Thür geöffnet zu haben.“ „Sie ſprechen für mich in lauter Räthſeln ln. „Deren Auflöſung für mich ein Leichtes wäre, wenn ich nicht fürchten müßte, dadurch eine neue Indiskretion zu begehen.“ Helene wußte ſelbſt nicht genau, warum es ſie in ſo eſſi 1 hohem Grade intereſſirt hätte, wenn Herr von Roſenthal, ſtatt ſo verblümt zu reden, lieber geradezu geſagt hätte, was ſich droben zugetragen, und eben ſo unerklärlich war es ihr, warum ſie ſich fürchtete, ihn darnach zu fragen, wobei ſie ſich aber genau bewußt war, daß er mit ſeinem 200— durchdringenden Blick ihr dieſe Frage in den Augen ablas. „Auf meinen Reiſen im Morgenlande,“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe, habe ich Aehnliches gehört; ja ich weiß ganz genau von einem Falle, der mit dieſem die größte Aehnlichkeit hatte, wo ſich ein unternehmender junger Mann in einen Teppichballen wickeln, und von harmloſen Tapeziergehülfen in die ſtreng ſonſt verſchloſſene Wohnung ſeiner Geliebten bringen ließ.“ „Aber Herr von Roſenthal,“ gab das junge Mäd⸗ chen mit einem leichten Aufleuchten ihrer Augen zur Ant⸗ wort, wie können Sie Tante Seraphine mit ſo etwas zuſammenbringen?“ „Ich, mein Fräulein?— ich habe ſie durchaus nicht zuſammengebracht, ich habe ſie nur mit ihrem Geliebten zuſammen gefunden.“ „Ah, das geht über einen Scherz!“ „Und doch war es mir ſcherzhaft, ſchöne Helene, es hat mir auch nicht die allergeringſte Emotion verurſacht, ja ich mußte lachen, nachdem ich die Thür hinter mir zugezogen.“ Er ſagte das ſo unbefangen, ſo heiter, daß Helene unwillkürlich in ſein Lächeln einſtimmen mußte, doch nur einen Augenblick; dann bemühte ſie ſich, eine ſehr ernſte Miene anzunehmen, und erwiederte:„Und doch iſt das Alles nur ein Irrthum.“ — 201— „Gewiß, wenn Sie es ſo wollen; berühren wir alſo nicht weiter dieſe gleichgültige Geſchichte, die mir bei alledem recht angenehm war—— gewiß, mein Fräu⸗ lein, recht angenehm, denn ſie überhob mich einer Ex⸗ plikation, ſie erſparte es mir, einen Knoten durchzu⸗ hauen, den Sie, ſchöne Helene— vielleicht unwiſſend geſchürzt.“ „Sie ſcherzen, Herr von Roſenthal.“ „Wollte Gott, es wäre nur ein Scherz; Sie tragen die Schuld, daß ich es für nöthig hielt, Ihrer Tante eine kleine Erklärung zu machen über den Verlauf einiger Ballgeſpräche, zu denen ich mich im Unmuthe— im Ver⸗ druß hinreißen ließ— darf ich ganz offenherzig ſein, reizende Helene?“ Das war eine ganz ſeltſame Frage, und dieſelbe verſetzte das junge Mädchen noch dadurch in eine eigen⸗ thümlichere Lage, daß Herr von Roſenthal ſich durch eine raſche Wendung ſeines Fauteuils dem kleinen Divan, auf dem Helene ſaß, ſo genähert hatte, daß er leicht ſeine Hand neben ihr aufſtützen und dadurch, allerdings ganz unmerklich, ihren Arm berühren konnte. Sie zuckte zuſammen und blickte faſt ſcheu zu ihm hinüber, um aber die Augen gleich darauf raſch wieder von ſeinem Geſichte abzuwenden, da ſie einem jener ſo ſonderbar leuchtenden Blicke begegnet war, die ſie neulich — 202— auf dem Balle ſchon ſo ſehr abgeſtoßen, und doch wieder angezogen hatten. Auch jetzt drohte ſie wieder das letztere Gefühl zu beſchleichen, weßhalb ſie im Begriffe war, lang⸗ ſam in die andere Ecke des Divans zu rücken; doch fühlte ſie ſich an dieſer Bewegung gehindert durch den leichten Druck ſeiner Hand auf ihren Arm, ſowie durch den ſeltſam klingenden Ton ſeiner Stimme, als er ſagte: „O, geſtatten Sie mir, offenherzig zu Ihnen zu reden, und ſeien Sie mir nicht böſe, daß ich dieß zu thun wage, nachdem ich erſt ſo kurz das Glück Ihrer Bekanntſchaft genoſſen; aber warum ſoll man nicht den flüchtigen Au⸗ genblick des Glückes ergreifen, wenn er ſich uns dar⸗ bietet, warum uns eine Seligkeit entſchwinden laſſen, wenn wir trotz alledem Muth genug haben, raſch dar⸗ nach zu greifen, und ich habe dieſen Muth, ſchöne Helene, ja ich habe den Muth, ſelbſt dem Gefühl der Lächerlich⸗ keit zu trotzen, indem ich Ihnen ſage, daß Ihr Anblick neulich Abends, und heute verſtärkt wieder einen unwider⸗ ſtehlichen Eindruck auf mein Herz gemacht hat— o, lächeln Sie nicht, ich bitte Sie um des Hummels willen, lachen Sie nicht!“ Nun war aber Helene leider hievon ſehr weit ent⸗ fernt; nicht als ob ſie das Gefühl völlig begriffen hätte, von dem er ihr mit erregten Blicken ſprach, nicht als ob ſeine Worte tiefer in ihr Herz gedrungen wären, als — 203— jede andere Schmeichelei; nein, aber es ſchmeichelte ihrer mädchenhaften Eitelkeit, einen Mann ſo reden zu hören, den ſelbſt ihre Tante Seraphine für etwas ganz Außer⸗ ordentliches erklärt hatte, der neulich auf dem Balle von Mancher angeſtaunt worden, und von dem ſelbſt Lieute⸗ nant von Mittow mit einer gewiſſen Scheu und Ehrfurcht geſprochen; was er von ihm geſagt, daran wollte ſie allerdings jetzt nicht denken; das war ja auch eine Lächer⸗ lichkeit, das warf ſie in Gedanken weit von ſich weg. Sie blieb dicht in ſeiner Nähe ſitzen, ſtützte aber den Kopf in die Hand und verbarg auf dieſe Art ihre Augen, ohne aber ihre Ohren vor dem Gifte zu verſchließen, das er durch dieſelben langſam in ihre Seele tröpfelte. Und wenn ſie wirklich gewollt hätte, ſie wäre jetzt nicht im Stande geweſen, auch nur vor ihm in die an⸗ dere Ecke des Divans zu fliehen; nicht als ob ſeine Hand ſie gehalten hätte, dieſe lag nur leicht auf dem ſchwarzen Sammt ihres Aermels; aber der Ton ſeiner Stimme klang ſo eigenthümlich, ſo ſeltſam weich, ſo einſchläfernd, daß es ihr gerade zu Muthe war, als gälten ſeine Worte Jemand ganz Anderem, als erzähle er ein Märchen, das auch ſie ganz zufällig mit anhören dürfe. In der That war es aber auch ganz märchenhaft, was er jetzt zu ihr ſagte. „Schon als ich Sie vor langen Jahren das erſte — 204— Mal ſah, ſchöne Helene, machten Sie einen unbeſchreib⸗ lichen Eindruck auf mich. Ich weiß, Sie ſtaunen über meine Worte, Sie ſchütteln leicht Ihr ſchönes Haupt, und doch weiß ich eben ſo genau, was ich ſage, als das, wo Sie mir in dieſem Leben ſchon einmal begegnet ſind. „Es war in Granada, dieſem Paradies auf Erden, als ich an einem ſchönen Frühlingsmorgen bei Quellen⸗ gemurmel und bei dem würzigen Dufte Tauſender von Veilchen, die an dem Abhange wuchſen, gegen die Al— hambra hinauf ging. Vor mir ſchimmerten durch das ſaftige Grün der jungen friſchen Blätter die rothen, ge⸗ waltigen Thürme des Maurenſchloſſes, und bald hatte ich den erſten jener Thürme mit dem Thore der Ge⸗ rechtigkeit hinter mir gelaſſen, und ſah ſie ſchon vor mir, die verkörperten Wunder der ‚Tauſend und Eine Nachte, mit ihren von ſchlanken Marmorſäulen getragenen, viel⸗ farbig glänzenden Hallen, mit ihren plätſchernden Fon⸗ tänen, mit ihrem von ernſt blickenden Löwen getragenen Waſſerbaſſin, mit dem wunderbaren Hauche ihrer un⸗ zähligen Roſen; da auf einmal—— aber hören Sie auch meine Worte, ſchöne Helene?— O ja— o ja— „Da auf einmal vernahm ich die leiſen, zitternden Klänge einer Mandoline, und ſah aufwärts blickend in dem ſonſt öden, unbewohnten Gemäuer eines jener reizenden mauriſchen Fenſter in der zierlichſten Hufeiſenform, Wölbung — 205— und Einfaſſung geſchmückt mit den prachtvollſten Ara⸗ besken, und an dieſem Fenſter, aus welchem die Töne hervorklangen, lehnte ein ſpaniſches Mädchen, leuchtend vor Schönheit— wie Sie, Helene— ganz Ihr Eben⸗ bild— ganz Sie ſelbſt. Im ſchwarzen Haar eine dunkelglühende Granatblüte, wie Sie, Helene, gekleidet in ein ſpaniſches Sammtjäckchen— wie das Ihrige— und ganz Sie ſelbſt, ich ſah nie eine vollkommenere Aehn⸗ lichkeit. „Ueberraſcht, überwältigt von dieſem Anblicke blieb ich ſtehen und ſchaute hinauf, jeden Augenblick fürchtend, mein dreiſtes Anſtarren würde das liebe, glühende Bild droben verſcheuchen; doch dem war nicht ſo. Das ſchöne Mädchen lächelte freundlich auf mich herab, und dabei öffnete ſie ihre ſüßen, friſchen Lippen und zeigte glän⸗ zende weiße Zähne, gerade ſo wie die Ihrigen, Fräulein Helene. „Gewiß, ſie war minder grauſam, als Sie es jetzt gegen mich ſind. Sie hätte ja vom Fenſter verſchwinden können oder ihre lieblichen Züge mit der Hand bedecken, wie Sie jetzt thun,— aber ſie that das nicht, ſie zürnte mir nicht, weil ich ſo ſtehen blieb und entzückt zu ihr aufſchaute, im Gegentheil, ſie nahm die Granatblüte aus ihrem Haar und ließ ſie zu meinen Füßen niederfallen — dann erſt verſchwand ſie.“ — 206 ——„Aber Sie ſahen ſie wieder?“ „Nein, ich ſah ſie nie wieder. Natürlich verſuchte ich es, den rückwärts gelegenen Eingang zu jenem Thurm zu entdecken, dann die zerbröckelten Stufen zu erklettern, endlich droben das Gemach mit dem zierlichen Fenſter zu finden. Es gelang mir auch; aber das Gemach war öde und leer. Keine Spur eines menſchlichen Weſens, und als ich nun droben an demſelben Fenſter lehnend hinab⸗ ſchaute auf die Stelle, wo ich ſoeben geſtanden, hätte ich Alles für einen lieblichen Traum nehmen müſſen, wenn ich nicht die Granatblüte in meiner Hand gehalten hätte.“ 4 „Ach, Sie haben mir da ein artiges Märchen er⸗ zählt,“ ſagte Helene, indem ſie die Hand langſam von ihrem Geſichte herabgleiten ließ. „Allerdings ein Märchen oder eine Erſcheinung, wenn Sie wollen, die aber unauslöſchlich in meinem Herzen blieb, die mir über Meere und durch Länder folgte, und die nun ſeit Kurzem verſchwunden iſt, ſeit jenem Abend, wo ich das Glück hatte, in Ihnen, Helene, ſo unverhofft das lebensfriſche, lebendige, ſchöne Original meiner lang⸗ jährigen Träume wieder zu finden— allerdings nur ein erſtaunliches Spiel des Zufalls, aber um ſo ſchmerz⸗ licher für mich, wenn ich zu gleicher Zeit Original und Kopie jenes ſüßen Traumbildes verlieren muß. Soll ich — 207— Ihnen die Wahrheit meiner Erzählung beſchwören, ge⸗ ſtatten Sie es mir, wenn Sie ſonſt meinen Worten kei⸗ nen Glauben ſchenken; denn Ihr Unglaube würde mich untröſtlich machen. Ich müßte ja vor Ihnen daſtehen in niederdrückendem Gefühl der Lächerlichkeit, während Ihnen ſonſt, auch wenn Sie noch ſo ſtrenge urtheilen, die Gewalt erklärlich ſein muß, die mich unwiderſtehlich zu Ihnen hinzieht, die mich zwingt, Ihre kleine Hand zu ergreifen und mit heißen Küſſen zu bedecken.“ „O Dank für dieſe Güte, reizende Helene, heißen Dank, daß Sie nicht ſo grauſam waren, das Traum⸗ bild des thörichten Schwärmers ganz zu zerſtören; daß Sie mir erlauben, in Ihre ſchönen ſeelenvollen Augen zu blicken, daß Sie mir geſtatten, vielleicht als einzige Erinnerung an dieſe Stunde, das Ebenbild jener an⸗ dern Granatblüte aus Ihrem prachtvollen Haar zu nehmen.“ Das junge Mädchen hörte alles das wie im Traume, und es war ihr zu Muthe, als hätten ſeine Worte, als hätte die eigenthümlich ſanfte Art, mit der er leiſe ſprechend ſeine Hand von ihrem Haupte über Schulter und Arm hinab bis zu ihren Fingerſpitzen be⸗ wegte, ſie in einen magnetiſchen Schlaf verſenkt. Sie athmete ſchwer, ihr Herz ſchlug raſch und bange, und erſt nachdem er ſich nun ſchnell erhoben und ſich nach einem langen, innigen Blicke von ihr ab⸗ und der Thür zugewandt hatte, fühlte ſie ſich unausſprechlich, glücklich, und ihre Seele von einem ſchweren Druck er⸗ leichtert. Hatte er vielleicht alles das doch nur im Scherze zu ihr geſprochen? Seine plötzlich ganz veränderte Miene, ſeine ganz andere Haltung ſprachen dafür; auch ſeine ehrerbietige Stellung, mit der er nun jenſeits des Fau⸗ teuils vor ſie hintrat und laut ein paar unbedeutende Worte über den neulichen Ball ſprach— hatte er ſein Spiel mit ihr getrieben?— Dieſer Gedanke, der recht nahe lag, ſchmerzte ſie tief und preßte unmuthig ihre Lippen aufeinander; da wurde raſch und unverhofft die Thür geöffnet, und Helenens Großmutter erſchien auf der Schwelle derſelben. Verſtand das junge Mädchen jetzt den vielſagenden Blick, mit dem Herr von Roſenthal ſich von ihr ab gegen die alte Dame wandte, und dieſer alsdann mit der un⸗ befangenſten, freundlichſten Miene eine ehrfurchtsvolle Ver⸗ beugung machte? Leider verſtand ſie ihn nicht nur, ſondern belohnte ihn auch durch ein ganz kleines Lächeln, das er wie im 2 Fluge erhaſchte, während er ſich bückte, um ſeinen Hut vom Boden aufzuheben, und ſo Miene machte, den Be⸗ ſuch abzubrechen. — 209 „Ich hoffe nicht, daß mein Erſcheinen Sie ſo raſch zum Aufbruch nöthigt,“ ſagte die alte Dame in wohl⸗ wollendem Tone,„ich würde in der That bitten, uns noch einen Augenblick Ihre angenehme Gegenwart zu ſchenken und mir zu geſtatten, meine Tochter Seraphine zu entſchuldigen, die ich droben ganz untröſtlich antraf, und die mich dringend bat, Ihnen das mitzutheilen— gewiß, Deine Tante iſt ganz untröſtlich, Helene.“ „Aber ohne alle Urſache, gnädige Frau,“ entgegnete Herr von Roſenthal verbindlich,„leider hatte ich nicht das Glück, Fräulein Seraphine zu ſehen; ich klopfte an, war aber darauf zu diskret, um das Fräulein in ihrem vortrefflichen Klavierſpiele zu unterbrechen, und werde mir zu geeigneterer Zeit einen Beſuch erlauben.“ Die alte Dame ſchaute ihn einigermaßen erſtaunt an, da ſeine Worte mit dem, was Seraphine ihr geſagt, nicht im Einklange ſtanden; doch begriff ſie ſogleich ſein 25b Zartgefühl, in Gegenwart des jungen Mädchens die Sache nicht weiter berühren zu wollen, was ihr aber andern Theils lieb geweſen wäre, da ihr Seraphine, nachdem ſie ſich von ihrer Ohnmacht erholt, unter Thrä⸗ nen die ganz fürchterliche Szene mitgetheilt, welche ſie erlebt, wobei das Fürchterlichſte darin beſtanden, daß Herr von Roſenthal im entſcheidenden Momente unter der Thür erſchienen ſei. Wie ſchon bemerkt, ſie ſchätzte es Hackländer, Geſchichten im Zickzack. I. 14 doppelt hoch an dem jungen Manne, daß er es für jetzt vermied, darüber zu reden, und als er ſich hierauf mit einer kurzen Verbeugung gegen Helene verabſchiedet, reichte ſie ihm die Hand und ſagte auf die herzlichſte Weiſe: „Nicht wahr, Sie beſuchen uns recht bald wieder, ich bitte Sie darum, ſowie auch verſichert ſein zu wollen, daß uns Ihr Beſuch ſtets angenehm ſein wird.“ An der Thür wandte ſich Herr von Roſenthal Ab⸗ ſchied nehmend nochmals um, und er hätte kein ſo ge⸗ nauer Kenner weiblicher Blicke ſein müſſen, um nicht an denen des jungen Mädchens deutlich zu ſehen, daß ſie ihm durchaus nicht zürne wegen des reizenden arabiſchen Märchens, das er ihr auf ſo liebenswürdige Art mit⸗ getheilt. Sechstes Kapitel. In der fünften Wendung, Ruhepunkt mit lieblicher Ausſicht. Es iſt ein großes und hohes Gemach, in das wir den geneigten Leſer im Verlaufe dieſer Geſchichten zu führen uns genöthigt ſehen. Ein Gemach mit einfachen, dunkelgrauen Kalkwänden, mit einem einzigen großen Fenſter an der Nordſeite, und mit einem dunkelbraunen Vorhange über dieſem Fenſter, um das Licht nach Be⸗ lieben verſtärkt oder gedämpft hereinfallen zu laſſen. Das Ameublement beſteht aus einem großen, doppel⸗ thürigen Schrank von geſchnitztem Eichenholze, auf wel⸗ chem ſich alte Krüge und Gläſer in den verſchiedenſten Größen und Formen befinden; ferner aus Sitzgelegen⸗ heiten des mannigfaltigſten Alters und der mannigfaltig⸗ ſten Geſtalt: kleinen antiken Tabourets neben neumodiſchen Fauteuils, amerikaniſchen Schaukelſtühlen neben jenen al⸗ ten, ſteifen, ehrwürdigen, aus Holz geſchnitzten Seſſeln, — 212— deren gerade Rücklehne und horizontale Arme beinahe ſelbſt das Bild eines jener alten Herren geben, die hier in den hohen Lederſtiefeln, im Sammetwamſe, weißer 4 Krauſe und weichem Hute eben ſo ſteif und unbeweglich ſaßen; dann aus Staffeleien verſchiedener Größe, auf den meiſten angefangene oder halbvollendete Bilder. Nimmt man hiezu noch in einer der Ecken eine alte Mandoline neben einem langen, zweihändigen Flamberge, oder eine Hellebarde neben einem roſtigen Helm, ſowie dort über der Lehne des alten Sophas ein langes Stück dunkelrothen Seidendamaſtes, ſo hat man das Enſemble eines Zimmers, wie wir es ſchon unzählige Male geſehen, ja beſchrieben haben, die beſondern Kennzeichen eines Malerateliers. In dem Herrn des ſoeben dem geneigten Leſer Vor⸗ geführten erneuern wir eine Bekanntſchaft aus dem erſten Kapitel dieſer Geſchichten, die des Malers Arthur Weß⸗* ner, der vor einer Staffelei ſteht, um mit Kohle auf weißer Malerleinwand flüchtig einen weiblichen Kopf zu ſkizziren. Neben ihm befindet ſich eine etwas eigenthümliche Geſtalt, von der wir im erſten Augenblicke nicht wiſſen, ob es ein Mann oder eine Frau iſt; für Erſteres ſpricht die graue Malerjoppe, der breiträndrige weiche Hut, ſowie eine kleine Pfeife; welche die Geſtalt mit großer Fertig⸗ 5 keit mit den Zähnen hält und luſtig daraus dampft. Daß wir es aber trotz alledem mit einem weiblichen Weſen zu thun haben, ſehen wir an den allerdings harten und ältlichen Zügen, ſowie an dem Rocke von grauem Me⸗ rinoſtoff, welcher unterhalb der Joppe auf eine ſandalen⸗ artige Fußbekleidung herabfällt. Den Künſtler, oder vielmehr die Künſtlerin, verräth ein Malerſtock, ſowie eine Palette mit aufgetragenen Farben, welche die Geſtalt in der linken Hand trägt, während ſie mit einem um⸗ gekehrt in der rechten haltenden Pinſel die Linien des leicht ſkizzirten Frauenkopfs bezeichnet; dann ſagt ſie, ſich zu dem jungen Maler wendend:„Das iſt wieder die⸗ ſelbe Geſichtsbildung, und ich wiederhole Dir, daß ich es für ſehr gefährlich halte, immer und immer die gleiche Phyſiognomie zu malen; man gibt dadurch den Köpfen ſeiner Bilder eine gewiſſe Familienähnlichkeit, die ſpäter wieder aus der Hand herauszubringen ſchon den größten Künſtlern Mühe gemacht hat. Es ſind das allerdings angenehme Züge, aber wie geſagt, immer dieſelben.“ „Ich kann das nun eigentlich nicht finden,“ ant⸗ wortete Arthur,„und liegt die ganze Aehnlichkeit gewiß nur in dem niedergeſchlagenen Auge, was ich in letzter Zeit allerdings einige Male anbrachte. Gib Achtung, ich will das ſogleich ändern!“ Er ſchlug mit einem ledernen Handſchuh die leichten Kohlenſtriche um die Augen fort, — 214— ſetzte raſch ein paar andere hin und fragte alsdann, in⸗ dem er zurücktrat:„Nun, iſt jetzt das Geſicht nicht ganz anders geworden?“ „Das könnte ich nun gerade nicht ſagen: der einzige Unterſchied beſteht darin, daß ſie Dich jetzt voll anſieht. Wenn Du mir nicht glaubſt, ſo hole dort aus der Ecke das junge Mädchen mit der Mandoline herbei, welches Du vor ein paar Tagen ſo vortrefflich prima vista mit Farben ſkizzirt.“ „Ja, ja,“ erwiederte er nachdenkend,„Du kannſt Recht haben, es ſchwebte mir vielleicht jener Kopf vor Augen.“ „Oder vielleicht ein anderer, wonach alle beide ge⸗ rathen ſind.“ „Möglich,“ gab er achſelzuckend zur Antwort,„doch damit Du ſiehſt, daß ich auf Deinen Rath höre, ſo will ich den Kopf wieder wegwiſchen und neu ſkizziren.“ Er nahm bei dieſen Worten den Handſchuh wieder von der Staffelei und klopfte damit die Zeichnung von der Lein⸗ wand. „Du biſt ein arger Verſchwender,“ bemerkte hierauf die Malerin mit einem trockenen Lächeln auf ihren harten Zügen. „Im Gegentheil; ich mache mir nur auf wohlfeile Art ein neues Vergnügen, denn ich finde nichts ange⸗ — 215— nehmer, als ſo auf einer friſchen weißen Leinwand ſeine Phantaſie gehen zu laſſen.“ „Das habe ich dießmal nicht gemeint,“ verſetzte die Malerin, indem ſie den grauen Handſchuh von der Staffelei nahm und betrachtete, und ihm alsdann vor die Augen hielt;„ich wollte nur ſagen, Du ſeieſt hierin ein großer Verſchwender; ich pflege mich zum Auswiſchen eines Stückchens alten Leders zu bedienen.“ „Ah ſo, darüber kannſt Du Dich beruhigen, es iſt nur ein einzelner Handſchuh, der deßhalb durchaus keinen Werth hat. Jetzt aber gib Achtung, wie ich Dir einen Kopf mit ganz anderem Ausdruck ſkizziren werde!“ Da klopfte es leiſe an die Thür, und der Maler ſchaute unmuthig herum, ohne aber„Herein“ zu rufen, doch ſagte er flüſternd:„Dieſe ewigen Störungen, man ſollte eigentlich in einem Thurme hinter aufgezogener Zugbrücke arbeiten.“ Darauf klopfte es wieder, aber jetzt in drei lang⸗ ſamen Schlägen, die ſich in genau abgemeſſenen Pauſen folgten. „Das iſt ein Bekannter— herein denn!“ Die Thür öffnete ſich und Herr von Roſenthal trat in das Atelier—„guten Morgen, mein lieber Freund, ſtöre ich Sie?“ „Ah, Sie ſind es, treten Sie näher!“ 216 „Ich ſtöre Sie nicht?“ „Nicht im Geringſten; nehmen Sie einen Stuhl und eine Cigarre wenn Sie wollen; ich bin gerade im Be⸗ griff, zu meinem Vergnügen einen weiblichen Kopf zu ſtizziren.“ „Und laſſen mich dadurch in die Geheimniſſe der Kunſt ſchauen, was mir äußerſt angenehm iſt,“ ſagte Herr von Roſenthal näher tretend, wobei er dem jungen Maler durch einen bezeichnenden Blick auf die ihm Un⸗ bekannte den Wunſch ausdrückte, derſelben vorgeſtellt zu werden. „Ah, ich dachte mir, Sie kennten unſere vortreffliche Künſtlerin, Fräulein Angelika Simens— Herr von Ro⸗ ſenthal.“ „Dem Namen nach kenne ich Sie allerdings,“ ſagte dieſer verbindlich grüßend,„und freue mich ſehr, Ihre perſön⸗ liche Bekanntſchaft zu machen, nachdem ich mich ſchon ſo oft an Ihren prächtigen, naturwahren Schilderungen aus dem Thierleben ergötzt.“ Die Malerin lüftete zum Dank ihren Hut ein wenig, nachdem ſie ihre kurze Pfeife zum Malerſtock und der Palette in die linke Hand genommen hatte. „Sie ſollten ihr neues Bild ſehen,“ ſagte Arthur ruhig fortzeichnend,„einen der ſchönſten trotzigſten Stiere, ein Urbild von Kraft und Wildheit, auf einem friſch ge⸗ — 217— ackerten Felde ſtehend, und mit einem Ausdruck von Hohn und Verachtung einem Paar geduldiger Ochſen nach⸗ b blickend, die am Abhange mühſam den Pflug ziehen, und dabei iſt, wie in all' ihren Bildern, jedes mit größter Liebe und Meiſterſchaft behandelt. Aus den friſch auf⸗ gebrochenen Furchen zum Beiſpiel glaubt man förmlich den Duft des Erdgeruches zu ſpüren.“ „Du machſt zu viel Aufhebens von ſolchen Dingen,“ erwiederte die Malerin, indem ſie die Aſche in ihrer Pfeife mit dem Daumen zuſammenſtieß, und dieſen dann an der Joppe abwiſchte.„Ich habe mir bei dieſen Erd⸗ ſchollen durchaus keine große Mühe gegeben, und wenn man ſie genau betrachtet, ſo ſieht man, daß ſie furchtbar gekleckst ſind.“ „Aber darin liegt gerade das Geheimniß, wie man ſo etwas hinkleckst, um Ihre eigenen Worte zu wieder⸗ holen,“ erwiederte Herr von Roſenthal,„und erinnere ich mich in dieſer Richtung eines andern kleinen Bildes von Ihnen, das, glaube ich, in dem Beſitz des Kron⸗ prinzen iſt, ein Paar Krähen in einer friſch geackerten Furche— ich würde mich ſehr freuen, mein Fräulein, wenn Sie mir nachher geſtatten wollten, für einige Augen⸗ 6 blicke Ihr Atelier zu beſuchen.“ 8 Die Malerin machte ein ſaures Geſicht und warf einen fragenden Blick auf Arthur, den dieſer aber mit — 218— einer ſo entſchieden beiſtimmenden Geberde beantwortete, daß ſie nach einigem Zögern ſagte:„Eigentlich nehme ich niemals Beſuche in meinem Atelier an, aber Sie können ausnahmsweiſe kommen, wenn Sie wollen, ich bin heute den ganzen Tag drüben. Neben der Thür, auf welcher mein Name ſteht, hängt der Schlüſſel bei der Aufſchrift, daß Niemand zu Hauſe iſt. Mit dem ſchließen Sie die Zimmerthür auf, Sie brauchen nicht beſorgt zu ſein, meine Modelle zu ſtören; es ſind das harmloſe Geſchöpfe, die durchaus nichts übel nehmen. Behüt' Dich Gott, Arthur!“ Fräulein Angelika Simens nickte leicht mit dem Kopfe gegen Herrn von Roſenthal, und verließ als⸗ dann das Atelier mit ziemlich großen, ungraziöſen Schritten, wobei ſie den Malerſtab wie einen Spazierſtock benutzte. „Das iſt ein Original,“ ſagte lachend Herr von Roſenthal, nachdem ſich die Thür hinter ihr geſchloſſen, „ich habe Manches von ihr gehört und freue mich, ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben.“ „Wozu man ſelten kommt,“ entgegnete Arthur,„ich wohnte ſchon zwei Jahre in dieſem Hauſe, ehe ich ſie zufällig zu Geſicht bekam; ſie trat eines Tages zu mir herein und bat mich um etwas Tabak, und ich glaube, gerade dadurch, daß ich mich durchaus nicht um ſie be⸗ 3 1 b — 219— kümmerte, auch lange Zeit vergehen ließ, bis ich ihr einen Gegenbeſuch machte, wurden wir nach und nach gute Freunde.“ „Es gibt Leute genug, welche dieſe Angelika Si⸗ mens für eine mythiſche Perſon halten, für einen talent⸗ vollen Maler, der dieſen Namen anfänglich annahm, um für ſeine derben Kompoſitionen noch größeres Intereſſe zu erwecken, ſelbſt der Kronprinz wußte nichts Näheres über ſie.“ „Daß ſie eine Frau iſt, oder vielmehr ein Mädchen, enfin ein weibliches Weſen, dafür könnte ich mich allen⸗ falls verbürgen, obgleich ſie äußerſt wenig vom zarten, oder gar vom ſchönen Geſchlechte an ſich hat. Sie be⸗ ſucht mich zuweilen in der Dämmerung, wir plaudern rauchend zuſammen, und bei ſolchen Gelegenheiten hat ſie mir auch Einiges aus ihrer Vergangenheit erzählt. Schon in ihrer Jugend zeigte ſie großes Talent, aber ebenſo ein äußerſt genial exzentriſches Weſen, liebte es in Männertracht zu gehen, ritt, ſchoß und focht, rauchte Cigarren, ſchlief in einer Hängematte. Das ging Alles vortrefflich, ſo lange ſie jung und hübſch war.“ „Ah bah— hübſch!“ „Ich kann Sie verſichern, recht hübſch, nach einem kleinen Bilde, einem Porträt, welches ſie mir von ſich gezeigt, und von dem ſie behauptet, daß es ſehr ähnlich — 220— geweſen, und gerade, weil ſie hübſch war und Talent hatte, fand man all' ihre Tollheiten allerliebſt, ſchmeichelte ihren Eigenheiten, bis ihre Schönheit endlich verblühte, und ſich ihr Talent damals doch nicht als groß genug erwies, um Aufſehen zu erregen. Sie malte zu jener Zeit Blumen und Fruchtſtücke, aber, wie ſchon geſagt, mit keinem großen Erfolge, und ſah ſich nun auf einmal vis-à-vis der Armuth und der Lächerlichkeit. Dem jungen hübſchen Mädchen hatte man immer noch ſeine mittel⸗ mäßigen Bilder abgekauft, und hatte daſſelbe ihrer Ju⸗ gend und Schönheit wegen nicht nur in alle Geſellſchaf⸗ ten gezogen, ſondern auch wegen ihres ausgelaſſenen Weſens möglichſt ausgezeichnet. Das Alles hörte mit einem Male auf, und da war ſie ſchon im Begriff ge⸗ weſen, eben ſo toll zu endigen, wie ſie gelebt, und hatte, an ſich und ihrem Talente verzweifelnd, bereits eine Pi⸗ ſtole für ſich geladen, kam aber vorher noch auf die glückliche Idee, ein recht tolles Bild zu malen, um durch daſſelbe ihre Schulden bezahlen zu können, und entwarf zu dieſem Zwecke ihr ſo berühmt gewordenes Trauer⸗ bouquet.“ „Ich habe davon gehört, ſah aber niemals auch nur eine Abbildung davon, weder eine Lithographie, noch Kupferſtich.“ „Es wäre unmöglich, das Bild auf dieſe Art wieder⸗ zugeben, da die ganze Wirkung auf dem Kontraſt der Farben beruht. Durch ein offenes gewölbtes Fenſter blickt man in eine vom Mond beſchienene helle Land⸗ ſchaft hinaus, und zwar auf dinen ſtillen Teich, auf dem ein Nachen mit eingeſteckten Rudern herrenlos treibt. In dem Fenſter ſteht der Blumenſtrauß, von dem das Bild ſeinen Namen hat, und da er ſich ſcharf und ohne Licht auf dem glänzend beleuchteten Himmel abzeichnet, ſo erſcheinen ſeine Blätter und Blüten, ſeine Blumen⸗ kelche und Ranken in dem ſchwärzeſten Schatten— ein wirkliches Trauerbouquet, deſſen Eindruck, noch dadurch verſchärft wird, daß der Kopf eines großen Hundes draußen am Fenſter erſcheint, der heulend und wie Hülfe ſuchend in das Zimmer hineinblickt. Glücklicher Weiſe wurde dieß Bild, ehe es noch ganz fertig war, von einem Kenner geſehen und augenblicklich, beſonders wegen des unvergleichlichen Ausdrucks in dem Kopfe des Hundes, dann auch wegen der bizarren Idee des Ganzen, um einen hohen Preis angekauft. Angelika war gerettet und ſchoß mit ihrer Piſtole lachend zum Fenſter hinaus. Von da an entwickelte ſich raſch ihr eminentes Talent für die Thiermalerei, und neben der unvergleichlichen Treue und Wahrheit in ihren Thiergeſtalten verſtand ſie es, jedem ihrer Bilder irgend eine anziehende oder feſſelnde Idee unterzulegen, und mochten dieſe Ideen zuweilen auch noch ſo ſeltſam, ja barock erſcheinen, ſie wußte ſie immer ge⸗ ſchmackvoll und anziehend durchzuführen.“ „Eine Spezialität wie jede andere, mein lieber Freund,“ meinte nachdenklich Herr von Roſenthal,„und in unſerer heutigen raſch lebenden, wild bewegten und ſo unendlich viel produzirenden Zeit muß man ſich in jeder Kunſt und Wiſſenſchaft auf eine beſtimmte Spezialität werfen, wie ich Ihnen ſchon öfter geſagt. Wäre ich ein Maler geworden, ſo hätte ich mir irgend Etwas aus⸗ ſchließlich zu meiner Domäne gemacht, und etwas ganz Neues und Abſonderliches.“ „Zum Beiſpiel?“ „Als Maler Ihrer Richtung Büſten und Köpfe ſchö⸗ ner Weiber, alle Leidenſchaften ausdrückend. Ich ſah etwas Aehnliches bei einem Bildhauer in Rom, der ſich einen Namen gemacht durch ſeine in Verzückung halb ſchlummernden Mädchenköpfe. Für mich aber wüßte ich etwas Anderes, das Ihnen allerdings komiſch erſcheinen wird: das Leben der Fröſche nämlich, dieſer herrlichen, poſſierlichen Geſellen, deren humoriſtiſches Treiben noch nie genug gewürdigt wurde.“ Arthur zeichnete lächelnd an ſeinem Kopfe, während Herr von Roſenthal ſo unbefangen und ſcheinbar harm⸗ los plauderte; doch klangen nur ſeine Worte in gleich⸗ gültigem Tone, indeß ſeine Blicke mit großem Intereſſe — 223— zwei Gegenſtände abwechſelnd betrachteten, nämlich den weiblichen Kopf, wie er ſich nach und nach aus den Strichen entwickelte, ſowie den grauen Handſchuh, den Arthur neben ſich auf die Staffelei gelegt hatte. Um aber den Maler in ſeiner Arbeit nicht zu ſtören, ſowie auch um nicht ſo zu thun, als nehme er irgend welches Intereſſe an den beiden eben erwähnten Gegen⸗ ſtänden, zwiſchen denen er ſeine Aufmerkſamkeit unaus⸗ geſetzt theilte, plauderte er in der leichten und angenehmen Art, wie man es an ihm gewohnt war, weiter und ſagte jetzt:„Bei der Erwähnung dieſer Spezialitäten fällt mir eine drollige Geſchichte ein, die mir ein befreundeter Künſt⸗ ler in Paris erzählte. Es war dieß ein Porträtmaler von mäßigem Talent, der dort nicht durchdringen konnte, und deßhalb beſchloß, Südamerika ein wenig unſicher zu machen. Er reiste ab, erreichte auch glücklich jene ſüd⸗ lichen Republiken, wo er ſich beſonders bei reichen Far⸗ bigen, deren Kunſtſinn gerade nicht ſehr ausgebildet war, eine einträgliche Kundſchaft zu erwerben hoffte; doch mochte er den Neger noch ſo glänzend ſchwarz, ſeine Lippen noch ſo wunderbar roth, und die Zähne im ſtrahlendſten Weiß malen, ſeine Erfolge blieben mäßig, bis ihm eines Tages eine der ſchwärzeſten coloured ladies, deren Bildniß auf der Leinwand ausſah wie ein blank gewichster Stiefel, in großer Empfindlichkeit ſagte, ſie hätte nun gerade nicht — 224— verlangt, in einer ganz hellen Geſichtsfarbe gemalt zu werden, aber einen ſolchen Anſtrich müßte ſie ſich doch ver⸗ bitten. Da ging ihm ein Licht auf, und bei der nächſten Schwarzen zeichnete er die Geſichtszüge allerdings mit einiger Aehnlichkeit, aber mit ſorgfältigſter Schonung in Betreff der platten Naſe und der wulſtigen Lippen, und gab ihr ein Kolorit, woran ſich keine Engländerin hätte zu ſchämen gebraucht, und damit war ſein Glück gemacht. Die farbigen Schönen drängten ſich ſchaarenweiſe heran, um von dem Künſtler gemalt zu werden, der ſo ange⸗ nehm zu ſchmeicheln wußte. Er konnte nach Anſehen der Perſon und der Verhältniſſe fordern, was ihm gut dünkte, und war in kurzer Zeit ein wohlhabender Mann.“ „Und wäre auch durch dieß Verfahren das Problem, Mohren weiß zu waſchen oder wenigſtens weiß zu malen, glücklich gelöst,“ meinte Arthur lachend. „Wobei es noch die große Frage iſt,“ plauderte Herr von Roſenthal weiter,„ob man dem Neger nicht großes Unrecht dadurch thut, daß man es lächerlich findet, wenn er die helle Geſichtsfarbe für ſich in Anſpruch nimmt. Wer weiß, ob nicht ſein Auge ſo konſtruirt iſt, daß er keinen großen Unterſchied merkt zwiſchen unſerem Teint und dem ſeinigen.“ „Ah, nehmen Sie mir nicht übel, dieſe Behauptung klingt doch entſetzlich paradox.“ „Haben Sie nie von Leuten gehört, die grün für roth, und roth für gelb anſehen?“ „O ja.“ „So erklären Sie mir das und ſchlagen Sie dadurch meine Behauptung von vorhin.“ „Das iſt allerdings ſchwer zu erklären.“ „Wie ſo Manches in Betreff der Farben, trotz den Forſchungen unſerer größten Geiſter. Schade, daß ich mich in meiner Jugend nicht damit abgegeben habe; wer weiß, ob es mir nicht gelungen wäre, mit einem bisher noch unerforſchten Theil der Farbenlehre in's Reine zu kommen; zum Beiſpiel zu ergründen und wiſſenſchaftlich feſtzuſtellen, warum die rothe Kuh, welche grünes Gras und gelbe Blumen frißt, weiße Milch von ſich gibt.“ „Oder warum die Sonne den Menſchen dunkel brennt und die Leinwand bleicht,“ pflichtete der Maler lachend bei. „Ganz gewiß. Oder warum ein ſchwarzer oder brau⸗ ner Prügel auf unſerer weißen Haut rothe, blaue, grüne und gelbe Flecken erzeugt.“ „Schade, daß Sie kein zweiter und verbeſſerter New⸗ ton geworden ſind.“ „Allerdings Schade darum; ſpüre ich doch große Talente in mir zu jeder Wiſſenſchaft und Kunſt, mit alleiniger Ausnahme der Ihrigen, in welcher es mir un⸗ Hackländer, Geſchichten im Zickzack. I. 15 ———·— begreiflich iſt, wie man auf dieſer weißen Leinwand mit ſchwarzen Kohlenſtrichen einen ſo reizenden weiblichen Kopf hervorzuzaubern vermag— ſind dieſe lieblichen Züge Kompoſition, oder hat Ihnen dabei irgend ein Ori⸗ ginal vorgeſchwebt?“ Arthur gab nicht ſogleich eine Antwort, ſondern be⸗ trachtete mit zurückgebogenem Kopfe die Zeichnung, wo⸗ bei ſich aber der Ausdruck ſeines Geſichts verdüſterte;„es ſollte allerdings ein Bild meiner Phantaſie werden, doch finde ich ſchon wieder Anklänge an etwas Bekanntes— Angelika hat Recht,“ ſagte er mit einem leichten Seufzer. Dann griff er nach dem Handſchuh auf der Staffelei und brachte ihn gegen die Leinwand, um die Striche aber⸗ mals auszulöſchen. „Pfui, wer wird ſo verſchwenderiſch ſein!“ rief Herr von Roſenthal, indem er die Hand des jungen Malers feſthielt und ſeinen Fingern den grauen Handſchuh ent⸗ wand.„Vernichten Sie doch nicht muthwillig dieſes angenehme, ſympathiſche Geſicht, ſagen Sie mir lieber, wo das Original zu finden iſt!“ „Sprach ich von einem Original dieſer Zeich⸗ nung?“ „Wenigſtens von Anklängen, die Ihnen vorge⸗ ſchwebt— doch iſt das gleichviel. Wiſſen Sie was, lieber Arthur, obgleich ich gerade kein Kröſus bin, möchte — — 227— ich doch ein kleines Bild bei Ihnen beſtellen. Malen Sie dieſen Kopf für mich!“ „Unmöglich; er eignet ſich durchaus nicht zu einem Bilde.“ „Und warum nicht? Laſſen Sie mich Ihnen die Farben angeben, den Teint friſch, etwas gebräunt, dunkle leuchtende Augen, blauſchwarze Haare—“ „Jetzt muß ich Ihnen beipflichten, daß Ihnen irgend ein Talent zur Malerei abgeht,“ gab Arthur ſinnend zur Antwort, indem er die Zeichnung betrachtete.„Glauben Sie mir, lieber Roſenthal, daß dieſer Kopf, mit dunklem Teint und ſchwarzem Haar ausgeführt, eine wahre Fratze werden müßte.“ „Vielleicht haben Sie Recht darin; nehmen wir alſo einen hellen Teint und aſchblonde Haare, mir iſt es einerlei.“ „—— So wiürde es ſich eher machen.“ „Nun denn“— dieſe Worte ſagte Herr von Roſen⸗ thal in einem ſehr gleichgültigen Tone, und legte alsdann den grauen Handſchuh, nachdem er ihn vorher hinter dem Rücken des jungen Malers raſch, aber ſorgfältig betrach⸗ tet, wieder auf die Staffelei—„und nochmals wieder⸗ holt,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wenn Sie Zeit und Laune haben, dieſen Kopf für mich fertig zu machen, werde ich Ihnen dankbar dafür ſein.“ V — 228— „Etwas Anderes, lieber Roſenthal,“ gab Arthur zur Antwort, während er die Zeichnung von der Staffelei nahm und in einer Ecke des Ateliers verkehrt gegen die Wand ſtellte. Darauf warf er einen Blick auf das Ziffer⸗ blatt einer alten Standuhr, und hätte nicht nothwendig gehabt, mit einer unzweifelhaften Miene des Erſchreckens ſeine Taſchenuhr zu Rathe zu ziehen, um Herrn von Roſenthal, dem nichts entging, zu veranlaſſen, ſeinen Hut zu nehmen und ſich raſch zu empfehlen. An der Thüre ſich umwendend ſagte er noch:„Ich werde die günſtige Gelegenheit nicht verſäumen, Ihrer intereſſanten Nach⸗ barin einen kurzen Beſuch zu machen.“ Als er das Ge⸗ mach verlaſſen, nahm Arthur die Zeichnung wieder aus dem Winkel hervor, und ohne ſie weiter zu betrachten, fuhr er mit ſeinem Taſchentuch darüber, ſo die Züge augenblicklich und vollſtändig verwiſchend. Er warf dann den Rahmen weit von ſich ab in die Ecke des Gemaches, preßte beide Hände gegen die Schläfe und rief mit einem erregten Blicke aufwärts ſchauend:„Ich werde noch ver⸗ rückt über dieſe Geſchichten. O, die Angelika hat Recht; wo ich unbelauſcht ein paar Striche zuſammenſetze, formt ſich unwillkürlich ihr Antlitz daraus— wie ſoll das en⸗ den?—“ er ging mit raſchen Schritten im Atelier ein paar Mal auf und ab, um dann an dem großen Fenſter ſtehen zu bleiben und in die trübe, nebelige Landſchaft, — 229— ſowie an den grauen Winterhimmel emporzublicken— —„ſo oft ich ihr auch ankündigen will, daß dieß die letzte Sitzung ſei, daß ich ſie nicht mehr brauche, um das Bild zu vollenden, ich bringe doch niemals dieſe Worte über meine Lippen,“ klagte er mit leiſer Stimme,„und wenn ich mir auch ſelbſt einrede, es ſei nur die Leiden⸗ ſchaft des Künſtlers für jenes unvergleichliche Weſen, für ihre edlen, reinen Züge, für dieſe unendliche Ausdauer und Geduld, mit der ſie mir ſtundenlang ſitzt, weßhalb ſie mir vorſchwebt bei Tag und bei Nacht, wachend und träumend, ſo fühle ich doch gleich darauf an dem wilden Klopfen meines Herzens, wie höhnend mir dieſe Lüge in's Geſicht lacht, ja, ich liebe ſie— ich liebe ſie— wie man nur Etwas zu lieben vermag, und bin dabei glück⸗ lich wie ein Gott, und elend wie ein Narr. Wie viel Altäre habe ich mir hier in meinem armen Atelier in wahnſinniger Aufregung erbaut, um ſie zu verehren— um ſie anzubeten— dort jenen Divan, auf dem ihr ſchöner Körper ſtundenlang hingeſtreckt lag, das edle Geſicht rückwärts auf die Kiſſen geneigt! Wie oft habe ich dort gekniet, nachdem ſie kaum mein Atelier verlaſſen, um mit fieberhafter Glut mit meinen Händen Spuren von ihrem ſüßen Leibe zu entdecken! Wie oft habe ich meine Lippen gegen die Lehne jenes armſeligen Stuhles gedrückt, wo ihre Hand geruht— lächerlicher Thor, der — 230— ich bin; wie oft war ich dem Augenblick nahe, um den Pinſel aus der zitternden Hand zu werfen, ihr zu Füßen zu ſtürzen und ihr laut aufſchluchzend zu ſagen: ‚ich liebe Dich— ich liebe Dich— ich liebe Dich! um es gleich darauf tief und ſchmerzlich zu empfinden, daß ich zu viel Vernunft und zu wenig Muth habe, um das jemals zu wagen! Wer hätte aber auch Muth dazu gegenüber ihrem edlen, reinen Blick— ich bete dieſes Auge an, und zu gleicher Zeit fürchte ich mich vor ihm—— ja, wenn ich mich ihr leiſe ſchleichend nähern dürfte, wenn ſie mit geſchloſſenem Auge dort ruht, und ich ſicher wäre, daß ſie mich nicht verwunderungsvoll anſchaute, nicht zurück⸗ ſchreckte mit der Hoheit ihres Blickes, indem ich mich über ſie beugte und ihr zuflüſterte: ‚ich bete Dich an, o, ich habe ja nicht den verwegenen Wunſch, mit Dir leben zu wollen, ſondern nur mit Dir vereint drunten in dem ſtil⸗ len Waſſer zu ruhen!““ „———Doch fort mit dieſen Gedanken, die mein Elend nur vermehren, die mich wahnſinnig machen könnten, wenn ich nicht noch die Kraft in mir fühlte, dieſe Gedanken zu verſcheuchen,“ ſprach er traurig zu ſich ſelbſt, nachdem er eine Zeitlang mit feſt übereinander gepreßten Lippen düſter vor ſich nieder geſchaut,„lächer⸗ licher Thor, lache über Dich ſelber und gehe, ein ge⸗ horſamer Sklave, geduldig an Deine Arbeit—— auch das wird vorübergehen, und ich werde mich deſſelben wie eines ſüßen Traumes erinnern—— vielleicht laut aufweinend, wie es die Kinder im Schlafe zu machen pflegen. „Die Stunde naht, ſie wird kommen“———— er fuhr mit der Hand durch ſein dichtes krauſes Haar, er warf einen Blick in den Spiegel und verſuchte es, gegen ſein Bild in demſelben zu lächeln; doch brachte er es darin nicht weiter, als daß er zwiſchen ſeinen geöff— neten Lippen die weißen, zuſammengebiſſenen Zähne her⸗ vorblitzen ließ—„und dazu noch heiter zu ſcheinen,“ murmelte er,„doch wird mir das wieder ſo leicht, wenn ich auf der Schwelle das Rauſchen ihres Gewandes höre, wenn mich das Bewußtſein ihrer Nähe, auch noch ehe ich ſie erblice, mit einem heiligen Feuer umſtrömt. Das ſind die Augenblicke meines Glückes, und mein Elend beginnt erſt wieder, ſobald ſich die Thür hinter ihr ge⸗ ſchloſſen; dann iſt die Sonne verſchwunden, und Alles rings umher hat ſich für mich plötzlich wieder in graue, kalte Töne gehüllt.“ Er hatte ein faſt vollendetes Bild auf die Staffelei geſtellt, jenes Bild, von dem er ſeinen Freunden erzählt, und als er es einen Augenblick betrachtet, drückte er ſeine Hand mit einem tiefen Seufzer vor die Augen, worauf er ſich abwandte und einen flüchtigen Blick auf die Uhr warf. — 232— „Ihre Stunde iſt da—— ſie wird kommen— — doch wenn ſie nicht käme,“ rief er heftig aus,„wenn ſie geſtern zum letzten Male dageweſen wäre, wenn ſie Jemand hieher ſchickte, um das Bild holen und mir mei⸗ nen Lohn zahlen zu laſſen—— nie— nie würde ich es abgeben,— nie— nie— und könnte ich ſie zwin⸗ gen, ſelbſt noch einmal zu kommen? Wie wäre mir das möglich, da ich ſo gut wie nichts von ihrem übrigen Leben weiß, da ich ihr feierlich gelobt, nie nach ihr zu forſchen! Habe ich doch geſtern Nacht wie ein Schulbube gezittert, als ich ſie in ihrem Wagen zu erkennen ge⸗ glaubt, und dieſem Wagen bis in den Garten folgte, wo er verſchwand— ich weiß nicht, was ſie mir ange— than hat, ich bin doch früher nicht ſo furchtſam geweſen“ — er lauſchte haſtig gegen die Thür—„ah, ſie kommt, ich werde glücklich ſein, um noch unglücklicher zu werden.“. 7 Er griff haſtig nach Palette und Malerſtock, tauchte raſch den Pinſel in eine beliebige Farbe und that, als ſei er ſo eifrig mit dem Bilde beſchäftigt, daß er nicht Zeit fände, die nun wirklich Eintretende, ſo heiß Er⸗ ſehnte anders als mit einem flüchtigen Kopfnicken zu begrüßen; doch bemerkte man wohl an den heftigen Athem⸗ zügen, die ſeine Bruſt ſchwellten, ſowie an dem Zucken ſeiner Lippen, daß er mühſam nach Faſſung rang. Erſt — 233— als er ſich wieder vollſtändig geſammelt, legte er lang⸗ ſam Palette und Malerſtock hin, trat einen Schritt zu⸗ rück, um das Bild zu betrachten, wobei er ſeine Augen mit der Hand beſchattete und zu gleicher Zeit in ruhigem Tone ſagte:„Ah, gnädige Frau, Sie ſind pünktlich wie immer!“ Dann wandte er ſich um. Die eingetretene Dame war in einen langen braunen Mantel gehüllt, deſſen Kapuze ſie über den Kopf gezogen hatte. Sie bot ihm freundlich einen„guten Tag“ und trat dann vor das Bild hin, daſſelbe betrachtend, während der junge Maler hinter ihr ſtand. Kopfnickend löste ſie hierauf die Agraffe des Mantels, warf die Kapuze mit einer anmuthigen Bewegung über den Kopf herab und dankte, ohne ſich umzuſchauen, für den kleinen Dienſt, den er ihr dadurch erzeigt, daß er das Gewand von ihren Schultern nahm, um es auf einen Stuhl in der Ecke des Ateliers niederzulegen, nachdem er vorher verſtohlen ſeine Lippen darauf gedrückt. Da ſtand ſie nun, die prächtige Geſtalt, ſo einfach und doch wieder ſo vortheilhaft angezogen, und während er langſam näher ſchritt, betrachtete er ſie mit düſteren, gierigen Blicken. In dieſen herrlichen Formen waren Anmuth und Kraft zu einem eben ſo harmoniſchen als graziöſen Ganzen verbunden; ihre Haltung war gebietend, — 284— jede ihrer Stellungen plaſtiſch, und doch über Alles eine ſo reizende weibliche Anmuth gegoſſen, daß neben der edlen Schönheit ihres Geſichtes ſowohl der Künſtler als der Mann, jeder ihrer Bewegungen lauſchend, in allen denſelben wieder eine neue, maleriſch vollendete Geſtaltung fand; ſo jetzt wieder, wo ſie die rechte Hand hoch über ihren Kopf erhob, um mit ihren zierlichen Fingern das einfache blaue Band zu ordnen, welches als einzige, aber genügende Zierde ihr reiches blondes Haar zu⸗ ſammenhielt. Arthur hätte ſein Skizzenbuch hervorreißen mögen, um ſo ihre Geſtalt zu ſtizziren; doch zuckte er mit einem traurigen Lächeln die Achſeln, indem er ganz richtig dachte:„Wenn ich alles Das an ihr, was den Künſtler entzückt, auch noch ſo flüchtig mit Bleiſtiftſtrichen feſthalten wollte, ſo dürfte ich das Skizzenbuch gar nicht mehr aus der Hand legen.“ Und dabei waren alle ihre Bewegungen ſo natürlich und ungekünſtelt, ohne jede Koketterie, und gerade da— durch ſo hinreißend ſchön in den Augen des jungen Malers— o hätte er langſam dicht an ſie herantreten dürfen und ſeine Hand in die ihrige legen, welche ſie in dieſem Augenblicke ſo anmuthig in ihre linke Seite gelegt hatte; o wäre es ihm vergönnt geweſen, nur einen ein⸗ zigen leichten Kuß auf ihr blondes Haar zu hauchen— nichts von alledem. Er hielt es für eine Pflicht, ſeinem Geſichte einen ernſten, geſchäftsmäßigen Ausdruck zu geben, als er an ihre Seite trat. „Verzeihen Sie mir eine Bemerkung,“ ſagte ſie, ohne ihre Blicke von dem Gemälde abzuwenden,„ſeit unſerer letzten Sitzung ſcheinen Sie ſich nicht mehr beſonders mit dem Bilde beſchäftigt zu haben.“ Darüber hätte er lächeln mögen, begnügte ſich aber, leicht die Achſeln zu zucken und dann in einem faſt rauhen Tone zu ſagen:„Es iſt doch nicht das einzige Bild, das ich auf meinen Staffeleien habe, ein paar andere, dringende Aufträge nahmen meine Zeit ſehr in Anſpruch.“ „Ah, ich kann mir das denken,“ erwiederte ſie, wo⸗ bei die heitere Fröhlichkeit, die bis jetzt auf ihren ſchönen Zügen geleuchtet, mit einem Male einem tiefen Ernſte wich,„entſchuldigen Sie meine Bemerkung, ich beſchäf⸗ tigte mich in meinen Gedanken ſo häufig mit Ihrem ſchönen Werke, daß ich kindiſch genug war, zu denken, auch Sie hätten nichts Anderes zu thun, als ſich damit zu beſchäftigen— verzeihen Sie, ich hätte mir wohl denken können, daß Sie wichtigere und bedeutendere Arbeiten unter der Hand haben.“ „Ich will gerade nicht ſagen wichtigere oder bedeu⸗ tendere,“ entgegnete er in milderem Tone,„und gewiß keine, mit denen ich mich als Künſtler mit mehr Intereſſe — 236— und Liebe beſchäftige; aber um das Auge friſch zu er⸗ halten, iſt es nöthig, eine Arbeit hie und da ein paar Tage lang nicht zu betrachten.“ „—— Wie ich das verſtehe!— Es muß Ihnen doch zuletzt recht langweilig werden, ſo lange an einem Bilde zu arbeiten, deſſen Gegenſtand Ihnen im Grunde wenig Intereſſe einflößen kann.“ „Das will ich hier gerade nicht behaupten; der Gegenſtand iſt für mich ſchon intereſſant genug, jedenfalls intereſſanter als ein gewöhnliches Porträt, und dann muß ich Ihnen das Kompliment machen, daß Sie mir nicht nur mit einer Geduld, ſondern auch mit einem Verſtändniſſe ſitzen, wie mir nie Aehnliches vorgekommen, was meine Arbeit bedeutend erleichtert.“ „Sowie auch der Gedanke, daß Sie nun bald von mir erlöst ſein werden.“ Während Beide dieſe Worte wechſelten, hatte ſie in Einem fort das Bild betrachtet, und er ſich mit ſeiner Palette beſchäftigt, auf welcher er einige friſche Farben aufſetzte. Jetzt wandte ſie ſich um und dann ſagte er in gleich⸗ gültigem Tone:„Wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht, gnädige Frau, ſo würde ich Sie bitten, nochmals auf dem Divan Platz zu nehmen, damit ich die ganze Figur noch einmal übergehen kann, um Einiges hie und da zu korrigiren.“ — 237— „Mit Vergnügen,“ gab ſie zur Antwort, während ſie einen bezeichnenden Blick nach der Thüre warf. Er verſtand dieſen Blick und ging, die Thür zu ſchließen. Da er dieſelbe aber vorher unwillkürlich ein klein wenig öffnete, ſo bemerkte er Herrn von Roſenthal, der, wahr⸗ ſcheinlich aus Angelika's Atelier kommend, langſam die Treppe hinabſtieg. Arthur's Hand zitterte, als er den Schlüſſel im Schloß umdrehte— zweimal umdrehte, und zum Ueberfluß noch den Nachtriegel vorſchob, ja er blieb einen Augenblick ſchwer athmend wie betäubt ſtehen und hatte Mühe, die wilden Gedanken zu verjagen, die wie Blitze ſein Gehirn kreuzten; aber er verjagte ſie ſo gründ⸗ lich, daß es ihm ſogar möglich war, ſich mit dem ruhig⸗ ſten Geſicht von der Welt umzuwenden, und mit einem freundlichen Blick den Vorbereitungen zuzuſchauen, mit denen ſich die ſchöne Dame zu der letzten Sitzung an⸗ ſchickte. Sie hatte das blaue Band von ihrem Haar gelöst, und als ſie nun anmuthig den Kopf ſchüttelte, floß daſſelbe in langen, leuchtenden Wellenlinien um ihre Schläfe, Schultern und Arme herab. „Sie ſehen,“ ſagte ſie dabei,„daß unſere Gedanken, was dieſe letzte Sitzung anbelangt, zuſammentreffen; denn ich habe das einfache hellgraue Gewand angelegt wie damals, als Sie das Bild begannen.“ „Ich ſehe es und freue mich darüber.“ — 238— 4 ganze Figur auf dem Bilde durchgehen.“ Er ordnete die Kiſſen auf dem Divan, wie er ſie brauchte, dann legte ſie ſich rückwärts auf denſelben hin, ſchlang ihre Hände ineinander, und ein wunderbar reizen⸗ des Lächeln verklärte ihre Züge, als ſie nun langſam die Augen ſchließend das ſchöne Haupt tief in die Kiſſen herabſinken ließ,—„ordnen Sie an meinem Gewande oder an meinem Haar, was Ihnen nothwendig erſcheint.“ Arthur hatte das Bild zwiſchen ſich und ſie gebracht, ſo daß es ihn vollſtändig vor ihrem Blicke deckte, auch wenn ſie ihn angeſchaut hätte, ſtatt mit geſchloſſenen Augen da zu liegen; doch malte er nicht, noch betrachtete er weder ſie, noch das Bild. Er hatte den Kopf gegen die Hand gedrückt und lehnte ſo an der Staffelei. „So ſind Sie mit mir zufrieden?“ „O gewiß, gnädige Frau, wie immer,“ erwiederte er aus ſeinen Träumereien auffahrend,„nur bitte ich, mir eine kleine Aenderung Ihres Haares zu erlauben.“ „Aendern Sie ſelbſt— Sie wiſſen das beſſer.“ Er ſchritt faſt ſchwankend gegen ſie hin, aber mit ruhiger, ernſter Miene; er nahm eine Welle ihres kühlen, glatten Haares von der Schulter hinweg und legte ſie mit feſter Hand über ihre Bruſt, wie es dem Bilde nach ſein mußte, und während er das that, fürchtete er ſich „Ich war überzeugt, Sie würden noch einmal die — — 230— nur, ſie möge, ls er ſo über ihr gebeugt ſtand, ihre wundervollen Augen öffnen— doch that ſie das nicht, aber ein ſeliges Lächeln ſpielte um ihre Lippen, als ihr Gewand und Haar von ſeiner Hand berührt und ge⸗ ſtreift wurde. Wohl kannte Arthur dieſes himmliſche, ergebungsvolle Lächeln; es hatte ihm ſeine Arbeit erleichtert und er⸗ ſchwert, er hatte es ihrem Wunſche gemäß glücklich auf dem Bilde wiedergegeben. Als er wieder hinter ſeine Staffelei zurückgekehrt war und ſich wieder vollſtändig geſammelt hatte nach der wil⸗ den Bewegung, die ihn gewaltſam ergriffen, als er ſo neben ihr geſtanden, über ſie gebeugt, als er den Hauch ihres Mundes geſpürt, ihre ruhigen Athemzüge geſehen — ja, nachdem er ein paar unbedeutende Striche mit dem Pinſel auf die Leinwand gemacht, ſagte er mit voll⸗ kommen ruhiger Stimme:„Unſere Sitzung wird kurz ſein, gnädige Frau, denn ich ſehe zu meinem Vergnügen, daß ich nur ſehr wenig mehr an dem Bilde zu machen habe, wozu ich Ihnen aufrichtig gratulire, denn Sie haben mir manche mühevolle Stunde geopfert.“ „Geopfert iſt wohl nicht das richtige Wort, und von mühevollen Stunden kann keine Rede ſein. Sie haben mir die Sache ſo leicht wie möglich gemacht, und man kann ſich kaum eine bequemere Lage denken als die meinige— ja, ich bedaure es faſt, daß dieſe Sitzungen ihr Ende erreicht haben—— wiſſen Sie wohl,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„daß ich mich oft angenehmen Träumereien überließ, wenn ich ſo mit geſchloſſenen Augen dalag, daß ich mich dann vollſtändig hineindenken konnte in die Gefühle des Originals unſeres Bildes, daß es mir zuweilen eine ſelige Empfindung verurſachte, langſam und vielleicht ſchmerzlos unterzuſinken, ein wohlthätiges, ewiges Vergeſſen zu finden.“ „Ein ſolches Gefühl begreife ich nicht recht in Ihrer geſellſchaftlichen Stellung, gnädige Frau.“ „Was wiſſen Sie von meiner geſellſchaftlichen Stel⸗ lung?“ „Leider nur das, was ich aus Ihrem Aeußeren ab⸗ zuleiten vermag.“ „Warum leider?“ „Wenn ich Wirkliches von Ihrer geſellſchaftlichen Stellung wüßte, ſo könnte ich vielleicht auf die Hoffnung rechnen, Sie ſpäter einmal wieder zu ſehen“— er ſprach das mit leiſer Stimme, ihre Züge ängſtlich betrachtend, und ſetzte dann, als ſie hierauf nicht ſogleich eine Ant⸗ wort gab, in gleichgültigem Tone hinzu:„Nur um zu er⸗ fahren, ob Ihre Freunde mit meiner Arbeit zufrieden ſind.“ „Dieß Bild iſt nicht für meine Freunde beſtimmt, eher für meine Feinde.“ — — — 241— „O, wie könnten Sie Feinde haben?“ rief er laut und erregt aus,„Sie, ſo liebenswürdig und ſo ſchön, ſo voller Milde und Anmuth in jedem Ihrer Worte, in jedem Ihrer Gedanken.“ „Wie Sie mich falſch beurtheilen!“ entgegnete ſie mit einem eigenthümlichen Lächeln,„wie ich Ihnen hier erſcheine, bin ich, trotz einer trügeriſch glänzenden Außen⸗ ſeite, doch ſo vollkommen paſſend zu dem Bilde auf Ihrer Staffelei, paſſend zu den Gefühlen einer Unglücklichen, die mit dem Leben abgeſchloſſen hat.“ „Sie, gnädige Frau?“ ſprach er im Tone des höch⸗ ſten Erſtaunens. „Ja. Als Darſtellerin jenes Bildes, welches vielleicht prophetiſch auch meine letzte Stunde wiedergibt.“ „Ah, Sie ſcherzen,“ rief der junge Maler mit an⸗ genommener Heiterkeit, und fuhr dann in dieſem Tone fort:„wenigſtens werden Sie mir zugeben, daß in einem ſolchen, aber ganz unmöglichen Falle der einfache leuch⸗ tende Reif über der Märtyrerin eine glänzende Strahlen⸗ krone ſein müßte.“ „O nein, o nein— er müßte ganz verſchwinden über meiner Leiche; wenn ich auf dem Grunde eines ſtillen Sees ruhte, dürfte nichts Leuchtendes zu ſehen ſein, am aller⸗ wenigſten ein Heiligenſchein,— die Waſſerlilien, welche auf mich herabſchauen, müßten ſcheu ihre Köpje von mir wenden.“ Hackländer, Geſchichten im Ziczag. 1. 16 212 Das klang nicht wie Scherz zwiſchen ihren feinen Lippen hervor, das war auch nicht mehr der Ausdruck eines harmloſen Geplauders, was jetzt plötzlich ihre Mienen beſchattete— ja, das ſchöne Weib, das ſich nie eine Bewegung erlaubte, ſo lange das Auge des Künſtlers auf ihr ruhte, hatte jetzt die Hände emporgezogen und feſt gegen ihre Bruſt gedrückt, während ein unausſprechlicher Schmerz ihre Züge durchwühlte—„lachen Sie über mich, lachen Sie aus vollem Herzen, aber glauben Sie mir, daß ich Ihnen die Wahrheit geſagt.“ „Welch' furchtbares Räthſel!“ waren die einzigen Worte, welche Arthur mühſam hervorſtieß, während er erſchreckt emporſprang, da er ſah, wie ſie in wildem Schmerze laut aufſchluchzend jetzt ihre Hände vor die Augen preßte. Doch faßte ſie ſich im nächſten Augenblicke wieder; ſie verſuchte trotz ihrer Thränen zu lächeln, ja ſie zwang ſich zu einem heiteren Tone, als ſie ſagte:„Verzeihen Sie dem ſchwachen Herzen eines Weibes. Es hat ſo lange um mich her geſtürmt, und ich habe ſo lange ſieg⸗ reich widerſtanden, daß ich mich gar nicht wundern darf, wenn ich doch einmal unterliege, und wenn der Sturm, der mein Herz durchzuckt, endlich in wilden Klagetönen meine Seele erfüllt—— doch iſt das jetzt vorüber, es ſaust und braust nur noch von ferne her in den Ohren, 1 —õͤ— — 243— es klingt nur noch wie das Sauſen des Windes im Schilfe, es kräuſelt nur noch leicht die Oberfläche des bis jetzt ſo glatten Sees.“ Wie ſie das ſagte, hatte ſie ſich langſam aufgerichtet, und mit der Hand über ihre Stirne fahrend, ſchienen ſich durch dieſe Bewegung ihre erregten Mienen zu glätten, und bald blickte ſie wieder mit dem ruhigen, ſeelenvollen Blicke zu ihm hinüber, ja mit einem milden Lächeln, welches allerdings etwas Trauriges annahm, als ſie langſam aufſtehend ſagte:„Das iſt glücklicherweiſe vor⸗ übergegangen, wie Alles in dieſer Welt vorübergehen wird — Alles.“ „Alles,“ erwiederte Arthur, ſich von dem Bilde ab⸗ wendend, gegen welches ſie nun langſam herangetreten war, um es noch einmal zu betrachten. „Ja, Alles geht vorüber,“ ſagte er noch einmal, ohne ſie anzuſchauen,„auch die Sitzungen, welche Sie mir bewilligt, und die mir ſo lieb geworden; Sie werden dieſes Bild morgen holen laſſen—“ „Vielleicht heute noch,“ unterbrach ſie ihn raſch. „Vielleicht heute noch, ſei es darum; und mir bleibt von allen dieſen Stunden nichts übrig, als eine ange⸗ nehme und doch wieder ſchmerzliche Erinnerung.“ „Und was könnte Ihnen ſonſt davon bleiben?“ fragte ſie in einem Tone, der in ſeinem Herzen ſo herbe, ſo leicht in den Ausdruck derſelben irgend eine Empfindung, einen weichen Klang gelegt zu haben. „Nun,“ entgegnete er deßhalb, indem er ſich heiter gegen ſie umwandte,„dem Künſtler ſollte von einem Bilde, das er mit Intereſſe gemalt, wenigſtens ſo viel bleiben, daß er erführe, in weſſen Hände es gekommen, er ſollte mindeſtens den Namen ſeines Kunden erfahren dürfen.“ „Ich heiße Ellen,“ erwiederte ſie ſchnell, ohne auf⸗ zublicken. „Ich danke Ihnen für dieſe Auskunft,“ verſetzte er trocken,„und um nun das Bild gänzlich zu vollenden, ihm zu fernerer Empfehlung die Firma anzufügen, will ich noch ganz beſcheiden in die Ecke meinen Namen ſetzen — Arthur Weßner 44.“ „Wozu die Nummer?“ „Ordnung iſt in jedem Geſchäft unerläßlich, gnädige Frau,“ erwiederte er mit einem Ausdruck in der Stimme, welcher deutlich anzeigte, daß er vollkommen ſeine Ruhe und Faſſung wieder gewonnen hatte,„dieſe Nummer kommt in das Verzeichniß meiner ſämmtlichen Werke mit einer Beſchreibung des Bildes und dem Zuſatz: ffür eine unbekannte Dame, die ſich Ellen nannte, es friſcht das ſpäter meine Erinnerung auf.“ Sie preßte ihre Lippen feſt aufeinander und ſagte ſchroff anklang, daß er bereute, in ſeine Worte oder viel⸗ — 245— dann nach einem tiefen Athemzuge:„Es iſt das recht praktiſch und geſchäftsmäßig, und da wir doch einmal beim Geſchäftlichen ſind, ſo erlauben Sie mir vielleicht, Ihnen das verabredete Honorar einzuhändigen?“ Der Maler machte eine ſtumme Verbeugung, und als ſie hierauf ein kleines, aber dickes Briefcouvert in ſeine Hand legte, nahm er daſſelbe, um es alsdann auf einen kleinen Tiſch fallen zu laſſen, der ſich neben der Staffelei befand—„ich danke Ihnen,— ſo wünſchen Sie vielleicht eine Quittung?“ Bei dieſer Frage flog ein bitteres Lächeln über ihre ſchönen Züge; doch ſtatt zu antworten, zuckte ſie leiſe mit den Achſeln, worauf ſie ſich ſchnell umwandte, um ihren Mantel von dem Stuhle zu nehmen, wohin er ihn gelegt. Doch eilte Arthur ihr voraus, nahm raſch das Ge⸗ wand an ſich und legte es von rückwärts um ihre Schultern. „Beſten Dank; wollen Sie jetzt noch die Güte haben, mich durch die Kapuze gänzlich zu verhüllen, und mir dann geſtatten, nochmals herzlich für Ihre freundlichen Bemühungen zu danken.“ Sie hatte, während ſie die letzten Worte ſprach, die Kapuze ſo tief über ihr Geſicht hereingezogen, daß Arthur von demſelben wenig mehr ſah, als ſie ſich nun gegen — 246— ihn wandte, und er brauchte alle ſeine Faſſung, um den heftigen Schmerz zurückzukämpfen, welcher ſein Herz bei dem Gedanken durchzuckte: dieſe ſchönen, reinen, ſo heiß geliebten Züge vielleicht niemals mehr wieder zu ſehen. „Leben Sie wohl, nochmals meinen Dank!“ Arthur begleitete ſie mit einer tiefen Verbeugung bis an die Thüre des Ateliers, wo er Riegel und Schloß öffnete und ſie die Schwelle überſchreiten ließ. Die Thür fiel zwiſchen Beiden in's Schloß— dieſe erbärmliche, aus leichtem Holz gezimmerte Thür — und doch die feſteſte Scheidewand bildend zwiſchen zwei Weſen, die ſich heiß und innig liebten, von denen aber keines den Muth hatte, es dem andern zu geſtehen, ſei es durch ein Wort, ſei es nur durch einen Blick. 1. Beider Augenblick des Glücks war unbenützt ver⸗ ronnen, und wenn Arthur auch jetzt heftig vorwärts ſtürzend die Klinke der Thür ergriff, um dieſe aufzu⸗ reißen und der Entſchwundenen ein flehendes, inniges Wort nachzurufen, ſo blieb er doch gefeſſelt ſtehen, an die Hoheit ihres ganzen Weſens denkend, an die plötz⸗ liche Kälte ihres Blicks, und konnte ſomit auch nichts davon bemerken, daß ſie auf dem Gange draußen zau⸗ dernd ihre Schritte anhielt, um ſich dann raſch nochmals —— — — 247— umzuwenden, und erſt nach einigen bangen Augenblicken, in welchen ſie ſichtlich ſchwer mit ſich ſelber gekämpft, die Stufen der Treppe hinabzueilen. Ja, ſo eine Thür iſt zuweilen eine recht feſte Scheidewand. —