—— Leihbibliothek 2 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe mps, voraus bezahlt werden und eträgt: 3— 3 6 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——OO— auf 1 Monat: 9 Wec.— Pf. 1 Mer. 59 Pf. 3 5 3 —— „ 1.„—„ 5„=„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben füur Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Sechsundzwanzigſtes Kapitel Siebenundzwanzigſtes Kapitel Achtundzwanzigſtes Kapitel Neunundzwanzigſtes Kapitel. 107 130 15² 188 214 237 Das Geheimniß der Stadt. Zwanzigſtes Kapitel. Es iſt immerhin ein eigenthümliches Gefühl, wenn man ſich auf ein Duell vorbereitet, mit ſeinen Vorgängen und Anordnungen, als da ſind: verweigerte Annahme jeder Ehrenerklärung und die Bedingung, auf fünf Schritte Barriere in die Mündung einer Piſtole ſehen zu müſſen. Es hat das Aehnlichkeit mit einer großen und gefahrvollen Reiſe, von der man nicht genau weiß, ob man ſie glück⸗ lich beendigen und die vier Wände ſeines Zimmers wiederſehen wird, welche wir vor Antritt derſelben ſinnend und vielleicht zum letzten Male betrachten. Dabei fällt Einem dann gewöhnlich noch Dieſes und Jenes ein: man öffnet Gefache in Tiſchen und Schränken, deren Inhalt man lange Jahre nicht angeſehen, um ſie hierauf wieder mit gleichgültigen Blicken zurückzuſchieben, Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. III. 1 2 Zwanzigſtes Kapitel. oder irgend etwas herauszunehmen, das man häufig mit einem ſchmerzlichen Lächeln betrachtet. So erging es Welden, welcher, tief in der Nacht vor ſeinem Schreibtiſche ſitzend, eine Schublade deſſelben ge⸗ öffnet hatte und nach allerlei Gleichgültigem, was er in ihr liegen ließ, eine vertrocknete Roſe hervornahm und beim Anblicke derſelben an einen heiteren Frühlingstag des vergangenen Jahres dachte, wo er dieſe Roſe während eines Spieles als Zeichen oder Pfand für irgend etwas Unbedeutendes von Lucy von Rivola erhalten. Es war das in dem Parke hinter Eichenwald geweſen, und das liebliche Mädchen hatte dieſe eben aufgeblühte Roſe, ſo ganz ihr Ebenbild, aus ihrem Haar gezogen und ihm mit einem freundlichen Blicke dargereicht. Kun war das Pfand vertrocknet, aber das Bild der Geberin ſtand mit glühenden Farben ſo friſch und lebendig vor ihm, daß er ſich nicht enthalten konnte, die Roſe wiederholt an ſeine Lippen zu drücken und dazu mit leiſem, innigem Tone zu ſprechen:„O, wäre ich im Stande, da⸗ mit deinem reinen, warmen Herzen einen freundlichen Gruß zu ſagen— vielleicht den letzten, und wohl zu meinem Glücke, wenn es der letzte wäre!“ Dabei erinnerte er ſich der Zeichnung, welche er vor kurzem gemacht: die Felsſchlucht mit dem Waſſerfalle und —ze — — Zwanzigſtes Kapitel. 3 Lucy mit ihrem kleinen Schlitten vorſtellend. Er holte das Zeichenbrett, auf welchem ſie ſich befand, und nachdem er die ſchroff aufſteigenden Felſen zu beiden Seiten der Thal⸗ ſchlucht mit einem trüben Lächeln betrachtet, ſchrieb er oben auf das Blatt mit Bleiſtift die Worte:„Ich habe nach langem Ueberlegen gefunden, daß es ſchwierig, ja, unmöglich ſein würde, dieſe Kluft zu überbrücken— viel⸗ leicht könnte dieſe Zeichnung ein Gedenkblatt ſein für Fräulein Lucy von Rivola von ihrem ganz ergebenen Welden.“ Dann ſchnitt er das Blatt herunter, rollte es in einen weißen Bogen zuſammen, verſiegelte dieſen und ſchrieb darauf den Namen des Freifräuleins von Rivola. Es war ſchon ſpät in der Nacht, und ſo oft Welden einen Blick nach ſeinem Schlafzimmer warf, ſo oft konnte er ſich eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren, wenn er daran dachte, ſich auf ſein Lager zu ſtrecken, dort wahrſcheinlich ſogleich einzuſchlafen, um vielleicht beim Grauen des Tages zu erwachen, um nicht mehr Zeit zu finden, Das und Jenes, was ihm noch einfallen könnte, zu ordnen. Und er hatte doch ſchon viel Nöthiges geordnet im Laufe der letzten Tage, beſonders des heutigen Nachmit⸗ tags und Abends; dann hatte er der Einladnng ſeiner freundlichen Wirthin Folge geleiſtet und in deren Zimmer, 4 Zwanzigſtes Kapitel. welches an das ſeinige ſtieß, eine Taſſe Thee getrunken, wobei er ſich alle Mühe gegeben, ſo heiter und unbe⸗ fangen als nur immer möglich zu erſcheinen. Doch war ihm das nicht recht gelungen; wenigſtens hatte er dadurch nicht die beabſichtigte Wirkung auf die liebenswürdige, ſchöne Frau ausgeübt, in deren Geſellſchaft er heute Abend, wie ſchon ſo oft, ein paar Stunden zugebracht. Die Oberbauräthin war offenbar mit etwas Unange⸗ nehmem ſehr beſchäftigt geweſen und hatte ſich vergebliche Mühe gegeben, das zuweilen durch eine gezwungene, ſprühende Laune zu verdecken: ſie hatte mit ihm heiter geplaudert und gelacht; doch wenn ſich auch dieſes Lächeln an ihren ſchwellenden Lippen, an ihren blendend weißen Zähnen gezeigt hatte, ſo war es immer wieder gedämpft worden durch einen trüben, ſchmerzlichen Blick ihres glän⸗ zenden, ſonſt ſo glücklich ſtrahlenden Auges, beſonders wenn ſie ihn an dem heutigen Abende lange und nach⸗ ſinnend betrachtete. Auch war es ihm nicht entgangen, wie ſo häufig ihr Buſen von tiefen Athemzügen gehoben wurde, ja, von Seußzern, welche ſie ſich vergebliche Mühe gab, hinweg zu lächeln. Wohl hatte er ſie nach der Urſache ihrer trüben Stim⸗ mung gefragt; doch wenn er alsdann bemerkte, daß ſie ſich kopſſchüttelnd abwandte, um ihm ihre plötzlich mit v Zwanzigſtes Kapitel. 5 Thränen gefüllten Augen zu verbergen, ſo hatte er dis⸗ creter Weiſe geſchwiegen und das Geſpräch auf ein gleich⸗ gültiges Thema geführt, wobei es ihm allerdings eine ſeltſame Empfindung gab, wenn er bei ſich dachte, ſie könnte von ſeinem Vorhaben Kenntniß erlangt haben und ihm gelte die tiefe Rührung ihres Herzens, dies ſie ſich zwar mit aller Kraft zu unterdrücken bemühte. Einige Mal ſchon war er im Begriffe geweſen, offen mit ihr zu reden, ja, es kam ihm vor, als wolle ſie ihn durch irgend eine Bemerkung hierzu ermuntern; doch er⸗ ſchien es ihm kleinlich, unwürdig, ja, gefährlich, auf dieſe Art eine innige Theilnahmebezeigung der ohnehin ſo ſehr erregten, ſchönen Frau herauszufordern. Gefährlich— gewiß, denn er hatte es zuweilen wohl in ſeinem Herzen gefühlt, daß der heiße Blick, den ſie häufig aus ihren ſchönen Augen auf ihn geſchleudert, mehr als Freundſchaft ausdrücken ſollte— ja, gefährlich ſelbſt für ihn, denn auch ſein Blut war in Wallung zu bringen, und er wußte genugſam aus den eigenthümlichen Lebensverhältniſſen der jungen Frau, um nicht Manches vollkommen erklärlich zu finden. Als er nun heute Abend von ihr Abſchied genommen, hatte ſie ſeine Rechte mit ihren beiden Händen ergriffen, dieſelbe feſt und innig gedrückt und dann einen Augen⸗ 6 Zwanzigſtes Kapitel. blick, ehe er das hindern konnte, ſich raſch niederbeugend, ihre heiße Stirn darauf gelegt; hierauf hatte ſie ſich wieder hoch aufgerichtet, ihn mit feuchten Blicken und leicht geöffneten Lippen, zwiſchen denen die weißen Zähne hervorſchimmerten, mühſam athmend, lange angeſchaut und ihm dann, als er nach der Thür ging, mit leiſer Stimme, aber in heftiger Weiſe geſagt:„Und ſo können Sie mich verlaſſen, Albert?! Gute Nacht— gute Nacht denn, Albert!“ Langſam war er hierauf in ſein Zimmer hinüberge⸗ gangen, nicht ohne mehrmals geſchwankt zu haben, noch⸗ mals zu ihr zurückzukehren, um ihr für ſo viel Freund⸗ ſchaft und Anhänglichkeit noch ein gutes, herzliches Wort zu ſagen, vielleicht das letzte in dieſem Leben. Aber ge⸗ rade der Gedanke war es, der ihn zurückhielt, daß er fürchtete, ihr gegenüber ſeine Kraft, ſeine Haltung zu verlieren. 4 Und ſo war er in ſein Zimmer gegangen und hatte bis ſpät in die Nacht hinein gearbeitet, ſcheinbar in tiefer Einſamkeit, denn er hatte es nicht vernommen, während er Schubladen auf⸗ und zuſchloß, während er Papiere ordnete oder zerriß, daß zuweilen ein vorſichtig ſchleichen⸗ der Schritt bis an ſein Zimmer kam, ein Weſen, welches ihn heiß und innig liebte, eine Frau, die, ihren Kopf — - v- Zwanzigſtes Kapitel. 7 niederbeugend, leiſe, leiſe das Ohr an die Thür legte und jedes Geräuſch des zerriſſenen Papiers ſo mit empfand, als würde ihr eigenes Herz zerriſſen. Auch ſie hatte heute Abend das entſcheidende Wort, ſein Duell betreffend, hun⸗ dertmal auf der Zunge gehabt— hatte ſie doch ſeit geſtern an nichts Anderes gedacht!— und immer wieder hatte ſie es zurückgedrängt in dem Gedanken, daß jetzt, während er ſcheinbar ſo ruhig vor ihr ſaß, noch nicht der Augenblick gekommen ſei, um günſtig auf ſeinen Entſchluß einzuwirken: er würde den Verſuch gemacht haben, ſie mit guten Worten, mit Vernunftgründen zu beſchwichtigen, ja, er würde ſie am Ende ſelbſt zu der Ueberzeugung ge drängt haben, daß ſeine Ehre jene Zuſammenkunft gebie⸗ teriſch verlange— oder er hätte ihr vielleicht zweideutige Verſprechungen gemacht, um daraufhin doch das zu thun, was er für das Richtige hielt. Sie hatte ſich halb entkleidet auf ihr Bett geworfen, um bei jedem zufälligen Geräuſch im Hauſe, bei jedem Glockenſchlage emporzuſchrecken, um alsdann wieder mit laut klopfendem Herzen an ſeiner Thür zu lauſchen— und immer wieder hörte ſie ihn in ſeinem Zimmer beſchäftigt. Doch war Welden endlich mit allem, was er zu thun hatte, fertig geworden, und ſeine letzte Arbeit war, von allen ſeinen Schubladen, ſowie von dem Schranke, in 8 Zwanzigſtes Kapitel. welchem ſich die Bauakten befanden, die Schlüſſel einzu⸗ ſtecken und die geſchriebenen Briefe und Pakete auf ſeinem Schreibtiſche recht augenfällig zu ordnen. Dann fühlte er, wie ihn die Müdigkeit übermannte und wie nothwen⸗ dig es ſei, ſich durch einige Stunden guten Schlafes für morgen zu ſtärken. Auch war jetzt, wo alles Nöthige be⸗ ſorgt ſchien, eine wohlthuende Ruhe in ſein Herz einge⸗ zogen, und mit dieſer das Bedürfniß des Schlafes. Die Befürchtung des zu ſpäten Erwachens hatte er nicht, denn neben einem untrüglichen Mittel, welches darin beſtand, daß er kurz vor dem Schlafengehen die betreffende Stunden⸗ zahl in gleichförmigen Schlägen auf ſeinem Nachttiſchchen markirte, hatte er auch dem Baron Miltau für alle Fälle ſeinen Hausſchlüſſel gegeben, und daß Miltau, der gerade in dieſen Tagen jeden Morgen um vier Uhr in den Stall mußte, fehlen würde, daran war nicht zu denken.. So ſchlief er denn augenblicklich ein, nachdem er ſich wenig entkleidet niedergelegt, und that einen tiefen und geſunden Schlaf. Auch waren ſeine Träume durchaus nicht ſo beunruhigender Art, wie man vielleicht hätte denken können; nur einmal ſah er ſich mit der Ueber⸗ brückung einer Thalſchlucht mit tiefen, ſteilen Wänden be⸗ ſchäftigt, auf deren ſcroffer Kante er mit Anordnungen thätig war, um einen ſchweren Balken hinüber zu ſchieben. Zwanzigſtes Kapitel. 9 Eigenthümlicher Weiſe war es dieſelbe Schlucht, welche er für Lucy von Rivola aufgezeichnet, und das wußte er ſelbſt im Traume; ja, es war ihm, als höre er ein leiſe klingendes Geräuſch, wie von einem fernen Schlittenge⸗ läute, und als er ſich raſch vornüberbeugte, verlor er das Gleichgewicht und fiel tief, tief hinab, aber ohne dabei den geringſten Schmerz zu empfinden. Vielmehr durch⸗ ſtrömte ihn ein wonniges Gefühl bei dieſem Sturze; dann fächelte eine warme Luft um ſeine Stirn, und es war ihm, als höre er, aber kaum vernehmbar, ſeinen Namen ausſprechen:„Albert!“ 4 Und dann wiederholt:„Albert!“— wie von einer leicht auſſchluchzenden Stimme. Damit zerriß ſein Traum und es überfuhr ihn ein eigener Schauer, als er in die Wirlklichkeit zurücktrat: der Schimmer eines Lichtes im Nebenzimmer warf einen zwei⸗ felhaften Schein auf ſein Lager und auf eine weibliche Geſtalt, die, neben ihm ſtehend, ſich auf ihn herabgebeugt hatte und deren dickes, ſchweres Haar kühl auf ſeine heiße Wange herabfloß— oder war es die Fortſetzung ſeines Traumes? Er ſchloß unwillkürlich ſeine Augen wieder, worauf der Lichtſchimmer verſchwand, aber nicht das heiße, faſt beängſtigende Gefühl, daß ſich die Geſtalt, welche er 10 Zwanzigſtes Kapitel. ſo eben geſehen, ihm näherte und abermals flüſternd ſeinen Namen rief. „Um des Himmels willen,“ rief er, ſich halb aufrich⸗ tend,„ſuchen Sie meine Hülfe? Was iſt geſchehen?“ „O, es iſt bis jetzt gar nichts geſchehen,“ hörte er eine bekannte, weiche Stimme zitternd antworten,„aber es ſoll etwas geſchehen, und deßhalb ſuche ich Ihre Hülfe, Albert— für Sie ſelbſt! O, verzeihen Sie meiner na⸗ menloſen Angſt, die mich ſo weit brachte, Sie beim „Grauen des Tages anzuflehen, das Haus nicht zu ver⸗ laſſen!“ „So, graut ſchon der Morgen?— O, laſſen Sie mich!“ „Nein, nein, der Morgen graut noch nicht,“ hörte er ſie mit ängſtlich zitternder Stimme ausrufen;„ich irrte mich, es war nur der Schein der Lampe!“ „O nein, nein— laſſen Sie mich!“ „Nein, nein, ich laſſe Sie nicht, bis Sie mir ver⸗ ſprechen, meine innige Bitte zu erfüllen! Nein, ich laſſe Sie nicht, und ſollte ich Sie mit Gewalt zurückhalten müſſen, indem ich mich feſt an Sie klammere! Sie haben Zeit genug, mich wenigſtens anzuhören!“ Es war ihm klar, auch ohne daß er es ausſprach, was das wild aufgeregte, ſchöne Weib von ihm wollte: 8 . — Zwanzigſtes Kapitel. 11 es hatte ſeine Verabredung auf heute Morgen erfahren, es wollte dieſelbe hindern; er fühlte ſich in einer furcht⸗ baren Lage. Er warf einen Blick gegen das Fenſter, doch da dieſes dicht verhangen war, ſo konnte er nicht ſehen, ob der Tag heraufdämmere, wohl aber ſah er, als er ſich aufgerichtet, in die angſterfüllten, reizenden Züge einer Frau, die ihn, wie er wußte, heiß und innig liebte; er ſah ihr aufgelöstes, prachtvolles, ſchwarzes Haar von der bleichen Stirn tief über ihre weiße Schulter herab⸗ fallen, den blendenden Schein ihres bewegten Buſens er⸗ höhend. „Verſprechen Sie mir, das Haus nicht zu verlaſſen, mehr will ich ja nicht, mehr verlange ich ja nicht, und werde mich augenblicklich zurückziehen, um Ihnen nicht weiter beſchwerlich zu fallen!“ Sie ſagte das mit zitternder Stimme, von Schluchzen unterbrochen, während ſie ſich emporrichtete und ſeine Hand ergriff, mit der er ſie, wenn gleich ſanft, von ſich drückte. „Sie wiſſen alſo, um was es ſich handelt?“ „O, ich weiß es, ich weiß es! Ich wußte es geſtern Abend, ich wußte es ſeit mehreren Tagen!“ „Und Sie nehmen ſo innigen Antheil an mir?“ fragte er in herzlichem Tone. „O, den innigſten!“ 12 Zwanzigſtes Kapitel. „Nun denn, ſo können Sie die Bitte, welche Sie ſo eben gethan, nicht im Ernſte an mich ſtellen. Wiſſen Sie, was das Zuſammentreffen bedeutet, zu welchem ich in kurzer Zeit aufbrechen muß? Nun, wenn Sie das wiſſen, ſo brauche ich Ihnen nicht zu ſagen, daß keine Macht mich abzuhalten im Stande iſt, bei einem Zuſam⸗ mentreffen zu erſcheinen, wo mehr als mein Wort ver⸗ pfändet iſt!“ „Vernunftgründe,“ rief ſie aus, indem ſie mit einer heftigen Bewegung ihr Haar mit beiden Händen von der Stirn zurückwarf,„die ich nicht verſtehen kann, nicht ver⸗ ſtehen will! Muß ich es denn ausſprechen, daß ich nicht mehr leben will, wenn du unglücklich biſt? Soll ich ge⸗ zwungen ſein, mein Haar auszureißen und aller Welt zu⸗ zurufen, daß ich mein Alles verloren? Ja, Albert, mein Alles, alles, was ich liebe auf dieſer Welt— Alles— Alles!“ Sie war bei den letzten Worten, die ſie in wildeſter Aufregung ſprach, vor dem Bette auf die Kniee nieder⸗ geſunken, hatte ihre beiden Arme um ſeinen Hals geworfe ihn gewaltig an ſich gezogen und ſich mit einem heißen Kuſſe an ſeine Lippen feſtgeſogen. Vergeblich hatte er es einen Augenblick verſucht, ihre zarten, feſt in einander geſchlungenen Hände von ſeinem Zwanzigſtes Kapitel. 13. Nacken zu löſen; vergebens hatte er alsdann ſich aufzu⸗ richten verſucht und dadurch nur erreicht, daß er das ſchöne Weib vom Boden emporhob, wobei ſeine Hand mit ihrem warmen, zuckenden Körper in eine Berührung kam, die ihm das Blut gewaltſam zum Herzen zurückſtrömen ließ, ſein Auge verdunkelte und ihn um ſo mehr in eine tiefe, aber ſelige Nacht zurückwarf, als ſich ihr reiches Haar wie ein ſchwarzer Schleier rings um ſein Haupt aus⸗ breitete.— „Und kannſt du mich jetzt noch verlaſſen, Albert?“ „Um des Himmels Barmherzigkeit willen, mich zwingt mein Wort dazu! Könnteſt du es mit anſehen, wie man mit Fingern auf mich als auf einen Feigling deuten würde?“ „Gewiß, gewiß, ich weiß ja, daß du nicht feige biſt! Du biſt hochherzig und kühn, und gerade da du das biſt, wirſt du mich jetzt nicht verlaſſen!“ „Ich muß, Sophie, ich muß— ſieh, wie jetzt der Morgen ſelbſt durch mein verhängtes Fenſter hereindäm⸗ mert— ich habe wenig Zeit mehr zu verlieren— wenn du mich liebſt, ſo laß mich aus deinen ſüßen Armen, laß mich keine Gewalt anwenden, wozu du mich zwingen wür⸗ deſt, wenn du meinen Bitten kein Gehör ſchenkſt!“ „Nein, nein,“ rief ſie in höchſter Aufregung,„zwingen Zwanzigſtes Kapitel. ſollſt du mich nicht, aber ich will dich zwingen, bei mir zu bleiben— ich werde die Thür deines Zimmers ver⸗ ſchließen und den Schlüſſel zum Fenſter hinauswerfen— thue dann, was du willſt, bringe das Haus in Alarm, laß meine Leute von außen öffnen, und ſie ſollen mich bei dir finden— ich will dich dann vor ihren Augen mit meinen Armen umſchlingen, und wenn du alsdann Gewalt anwendeſt, Albert, ſo ſchwöre ich, ich laſſe mich von dir auf die Straße hinauszerren!“ Mit unbezwinglicher Kraft ſchnellte ihr elaſtiſcher Körper nach dieſen wild ausgeſtoßenen Worten empor und von ihm weg dem Nebenzimmer zu; er war wie erſtarrt, er konnte ihr nicht zuvorkommen, und ſeine Aufregung ſteigerte ſich zum Entſetzen, als er ſie jetzt im Nebenzimmer einen wilden Schrei ausſtoßen hörte und ſie mit allen Zeichen des Schreckens zurückſtürzen ſah, wobei ſie mit der rechten Hand zitternd und mit dem Ausdrucke der Angſt zurück⸗ wies, als habe ſie dort draußen ein Geſpenſt geſehen. Welden nahm ſich kaum die Zeit, einen Rock überzu⸗ werfen, worauf er in ſein Wohnzimmer eilte, um hier ſo⸗ gleich den furchtbaren Schrecken der armen Frau begreif⸗ lich zu finden, wenn auch der Gegenſtand, welcher ſich hier ſeinen Augen darbot, an ſich ſelbſt nichts ſo Fürch⸗ terliches hatte. Zwanzigſtes Kapitel. 15 Es war Lieutenant Miltau, der unter der Thür des Wohnzimmers ſtand und ihn jetzt mit einem zweifelhaften Lächeln anſtarrte. „Aber, Herr von Miltau!“ brauste der junge In⸗ genieur auf. „Aber, mein verehrter Herr,“ entgegnete der Andere in einem etwas ſpitzigen Tone, jedoch mit großer Ruhe, wo⸗ bei er ſeine Stimme abſichtlich ſehr zu dämpfen ſchien, „wenn man Jemandem ſeinen Hausſchlüſſel anvertraut und die Bitte hinzufügt, von dieſem Hausſchlüſſel Gebrauch zu machen, ſo muß man ſich nicht wundern, wenn man— wenn man auf eine Art— überfallen wird, die Einem allerdings recht unangenehm ſein kann— doch vill ich trotz allem dem um Entſchuldigung bitten, ich hätte frei⸗ lich klopfen können und ſollen.“ Der junge Ingenieur hatte große Mühe, ſeiner be⸗ greiflichen Aufregung ſo weit Meiſter zu werden, daß er, dem Anderen näher tretend, ebenfalls in leiſem Tone ſagte:„Ich ſehe wohl ein, es bedarf durchaus keiner Entſchuldigung, oder ich müßte dieſelbe von Ihnen erbit⸗ ten— aber Sie werden begreiflich finden, Herr von Miltau, daß....“ „O, ich begreife Manches,“ erwiederte der Andere mit einem eiskalten Tone und mit einem ſo ſpöttiſchen Lächeln, 16 Zwanzigſtes Kapitel. daß ihn Welden verwundert und betroffen anſchaute.„Ich begreife alles das ſo genau, daß Sie es ebenfalls be⸗ greiflich finden werden, wenn ich mir nicht die Mühe nehme, Ihnen zu ſagen, warum ich eigentlich hergekom⸗ men.“ „Allerdings, denn ich kenne ja Ihre freundliche Ab⸗ ſicht, mich zu begleiten; doch muß ich ehrlich ſagen, Herr von Miltau, ich verſtehe nicht den ſonderbaren Ton, die ſonderbare Miene, mit der Sie zu mir reden. Verzeihen Sie mir indeſſen,“ fuhr er nach einem kurzen Augenblicke in ſchmerzlichem Tone fort, wobei er beide Hände an ſeine Schläfe drückte,„ich befinde mich in einem Zuſtande, daß es auch möglich iſt, ich hätte das anders aufgenommen, als Sie es mir ſagen wollten— nicht wahr, es iſt ſo? Geſtatten Sie mir einen Moment, um meinen Hut zu nehmen, und ich ſtehe dann ganz zu Ihrer Verfügung.“ Ohne hierauf eine Antwort abzuwarten, ging er in's Nebenzimmer zurück und war glücklich, die arme Frau nicht mehr dort zu finden— ſie hatte durch die Thür dieſes Zimmers daſſelbe verlaſſen. Als Welden zurückkehrte, Paletot und Hut in der Hand, ſah er den Lieutenant Miltau noch immer auf der⸗ ſelben Stelle ſtehen, mit übereinander geſchlagenen Armen, ihn mit dem nämlichen ſonderbaren Lächeln betrachtend. Zwanzigſtes Kapitel. 17 „So, ich bin fertig— wenn es Ihnen gefällig iſt, gehen wir.“ „Und wohin denn, Herr Welden, wenn ich fragen darf?“ verſetzte der Offizier in rauhem Tone.„Beliebt es Ihnen, eine Komödie mit mir zu ſpielen?“ „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Lieutenant!“ „Sie wollen mich nicht verſtehen— o, ich begreife das!“ „Sie kamen doch, um mich abzuholen?“ „Nicht ſo ganz— ich kam, um Ihnen eine Nachricht zu bringen, die mir ſo überraſchend war, daß ich nicht anders gläubte, als ſie müſſe auch auf Sie die gleiche Wirkung ausüben— jetzt aber verſtehe ich, warum dies nicht der Fall iſt.“ Welden war bei der letzten Rede des Offiziers einen Schritt zurückgetreten, und als er jetzt in deſſen Haltung, in ſeiner Art, zu ſprechen, in ſeinen Blicken nicht nur et⸗ was Gehäſſiges, ſondern ſogar etwas Verächtliches fand, ſchaute er ihn mit einem feſten Blicke an und ſagte in einem entſchiedenen Tone:„Auf mein Wort, ich verſtehe Sie nicht— ſind Sie vielleicht plötzlich aus meinem Zeu⸗ gen derjenige meines Gegners geworden? Bei Gott, Herr Lieutenant, wenn dem ſo wäre, Sie könnten nicht anders gegen mich auftreten!“ Hackländer, Das Geheimniß der Siadt. III. 2 18 Zwanzigſtes Kapitel. 2 „Ihres Gegners? Ah, Sie meinen Herrn Ferdinand Welkermann! Warum nennen Sie dieſen Herrn noch im⸗ mer Ihren Gegner, da Sie doch wohl ſelbſt am beſten wiſſen, daß man ihm die Möglichkeit benommen, Ihr Gegner zu ſein?“ „Glauben Sie mir, ich weiß von gar nichts!“ „Ich will ſo freundlich ſein, Ihnen dieſen Gefallen zu thun,“ antwortete der Lieutenant von Miltau mit einer ceremoniöſen Verbeugung und fuhr fort, als er ſah, daß Welden ihm heftig einen Schritt näher trat:„Wenn Sie nämlich ſich ſelbſt den Gefallen thun wollen, mich ruhig anzuhören.“ „Ich bitte, ich bitte!“ rief der Andere mit vor Er⸗ regung zitternder Stimme. „Ich glaube Ihnen geſtern ſchon geſagt zu haben, daß ich heute mit der Stallaufſicht beehrt bin— ein ange⸗ nehmes Geſchäſt, welches veranlaßt, um vier Uhr ſchon in der Welt zu erſcheinen, ſo vor einer Stunde, wo ich durch den Beſuch des Herrn Beſenbach erfreut wurde, welcher erſchien, um mir mit allen Zeichen einer ſehr glaubwürdigen Ueberraſchung— er betonte das Wort „glaubwürdig“ ſehr ſtark— die Meldung zu machen, daß das projectirte Duell nicht ſtattfinden könne, da Herr Zwanzigſtes Kapitel. 19 Ferdinand Welkermann ſoeben in ſeiner Wohnung ver⸗ haftet worden ſei.“ „Unmöglich! Durch wen?“ Herr von Miltau zuckte mit einem verächtlichen Lächeln die Achſeln, während er ſagte:„Sie halten mich eigent⸗ lich für unanſtändig gutmüthig— doch ſei es darum— es war der Polizeirath Merkel, welcher ihn verhaftete.“ „Ah, ich hätte es mir denken können!“ „Gott ſei gedankt, daß Sie das endlich zugeben! Und nun, Herr Welden, bin ich mit Ihnen wohl für ewig Zeiten fertig?“ „Nicht ſo, Herr Lieutenant, nicht ſo!“ rief der Andere mit blitzenden Augen.„Hinter Ihren Blicken lauert et⸗ was, das ich ergründen möchte, ja, das ich ergründen muß, und wofür ich von Ihnen genügende Erklärung zu verlangen das Recht zu haben glaube.“ „Die ich aber keine Luſt habe, Ihnen zu geben, mein lieber Herr Ingenieur. Richten Sie ſich auf, wie Sie wollen, bedrohen Sie mich mit Ihren Blicken, wie Sie mögen, ich in meiner Stellung fürchte nicht, von Ihrer dienſteifrigen Polizei verhaftet zu werden, wie der arme Welkermann!“ „Ich würde doch vielleicht Mittel haben, Sie zu zwin⸗ 20 Zwanzigſtes Kapitel. gen, endlich mit der Sprache herauszurücken, ſtatt ſich im⸗ merfort hinter Räthſeln zu verſchanzen!“ „Sie nicht mehr, Herr!“ rief der Offizier in einem brutalen Tone.„Machen Sie ſich nicht noch lächerlicher, als Sie in meinen Augen ſowie in denen jedes Chren⸗ mannes erſcheinen müſſen!— Und nun leben Sie wohl und glücklich, wenn Ihnen das möglich iſt!“ Der Offizier wandte ſich langſam um, um das Zim⸗ mer zu verlaſſen; doch ſprang Welden zwiſchen ihn und die Thür, und ohne ihn mit einer Fingerſpitze zu be⸗ rühren, hielt er ſeine Hand drohend gegen ihn ausge⸗ ſtreckt, wobei er ihm zudonnerte:„Herr, Sie kommen nicht über dieſe Schwelle, bis Sie mich in kurzen, bün⸗ digen Worten klar wiſſen laſſen, was ich umſonſt aus Ihren Reden zu erklären mich bemühe!“ Herrn von Miltau's Hand zuckte nach ſeinem Säbel; doch biß er ſich beſtürzt auf die Lippen, als er die große, kräftige Geſtalt Welden's, der er ſammt ſeiner Waffe nicht gewachſen war, mit einem flüchtigen Blicke nochmals über⸗ ſchaut. Dann ſagte er, ſich verbeugend:„Und nachdem ich Ihr Verlangen erfüllt, werden Sie mir vielleicht er⸗ lauben, mich zurückzuziehen?“ „Gewiß,“ gab Welden nach einem tiefen Athemzuge zur Antwort,„und ich werde mich an das andere Ende Zwanzigſtes Kapitel. 21 des Zimmers begeben, um von dort zu hören, was Sie mir Furchtbares zu ſagen haben— aber keine Deklama⸗ tionen, wenn ich bitten darf— Thatſachen, ich will That⸗ ſachen hören!“ Er ſchritt langſam von der Thür gegen das Fenſter, neben welchem er ſich an die Wand lehnte. Doch folgte ihm der Offizier furchtlos nach und ſagte nun, dicht vor ihm ſtehend:„Thatſachen kann ich allerdings nicht aus⸗ ſprechen, aber eine ſo natürliche Zuſammenſtellung, daß ſich der ſelbſt für einen Dummkopf halten müßte, dem ſie nicht klar in die Augen ſpringen würde: Sie gehen ein Duell ein, Sie beehren mich, Ihr Zeuge zu ſein, Sie ſchieben dieſes Duell drei Tage lang unnöthig auf, und am Morgen des vierten erfährt Ihr Zeuge, daß Ihr Gegner verhaftet worden iſt— verhaftet durch wen? Durch den Polizeirath Merkel, deſſen Schweſter ich vorhin das Glück hatte, hier zu ſehen— verſtehen Sie meine Zuſammenſtellung?“ „Ja, ich verſtehe ſie,“ ſagte Welden mit dumpfer Stimme, indem er furchtbar erbleichte. „Und ſo werden Sie mir wohl geſtatten, mich jetzt zurückzuziehen?“ „Gewiß, und ich danke Ihnen ſogar für Ihre Auf⸗ 22 Zwanzigſtes Kapitel. richtigkeit, wenn auch Ihre Worte im Verlaufe des gan⸗ zen Geſpräches nicht gerade gut gewählt waren.“ „Ich ſtehe für meine Worte ein.“ „Dafür doppelten Dank!“ rief Welden mit einer hei⸗ ſeren Stimme.„So habe ich alſo das Vergnügen, zwei Ehrenſachen abmachen zu können?“ „Aber eine nach der anderen, mein lieber Herr,“ ver⸗ ſetzte der Offizier mit einem leichten Achſelzucken.„Wenn der Ehre des Herrn Welkermann Genüge geſchehen iſt, ſo könnte ich vielleicht zu Befehl ſtehen, wenn....“ „Wenn? Bitte, reden Sie aus!“ „Wenn Sie Herrn Welkermann Genüge leiſten können — doch glaube ich, daß das unmöglich ſein wird: Sie nahmen die Polizei zu Hülfe und haben auf dieſe Art jedes Arrangement, wie es ſonſt unter CEhrenmännern ge⸗ bräuchlich iſt, unmöglich gemacht.“ Nachdem Herr von Miltau das geſagt, blieb er noch einen Augenblick mit hoch aufgerichtetem Kopfe ſtehen, um alsdann, ſich langſam umwendend, das Zimmer zu verlaſſen. Welden hatte mit einer Hand den Griff der Fenſter⸗ ſtange gepackt und blickte ihm lange, lange nach mit ſtarren Augen, mit zuckenden Lippen, mit wild klopfendem Herzen, mit haſtig aus geſtoßenem Athem. Einundzwanzigſtes Kapitel. In dem Hauſe des Stadtſchultheißen herrſchte keine kleine Beſtürzung: war doch beim Grauen des Tages die Polizei dort erſchienen, allerdings nur in der Geſtalt des mit dem Hauſe befreundeten Polizeirathes Merkel, hatte mit dem Stadtſchultheißen eine längere Unterredung gehabt und war von dem Entſchluſſe, vor das Zimmer des Herrn Ferdinand eine Chrenwache zu ſetzen, nur durch die Ver⸗ ſicherung des Herrn Welkermann senior, dafür haften zu wollen, daß ſein Sohn das Haus nicht verlaſſe, abge⸗ gangen. Wären in den Zeiten des tiefſten Friedens, in denen unſere Geſchichte ſpielt, plötzlich feindliche Truppen in das Haus eingefallen, oder hätte es ſich unter der Gewalt eines tüchtigen Erdbebens geſchüttelt, die Beſtürzung, be⸗ 24 3 Einundzwanzigſtes Kapitel. ſonders in den unteren Regionen, hätte nicht größer ſein können. Und doch war man hier in letzter Zeit an Auf⸗ regendes ſchon gewöhnt: hatte doch Jungfer Margarethe, der Liebling der Küche, das Haus unter Umſtänden ver⸗ laſſen, welche der ehrenfeſten Köchin den begreiflichen und verzeihlichen Ausdruck: Pfui Teufel! entlockt hatten— war doch Margarethe, die von hoffnungsloſen Bewerbern gewöhnlich nur das„Freifräulein“ genannt wurde, mit einem Menſchen verſchwunden, davongegangen, ausge⸗ wandert, den die Köchin, wie ſie hoch und heilig ver⸗ ſicherte, nie anders als mit einem Handſchuhe bewaffnet zur Thür hinaus gejagt haben würde. Und nun noch die Polizei im Hauſe! Die Köchin ſaß neben ihrem Heerde, die Kaffeemühle auf dem Schooße, und ſagte zu dem Hausknechte, der neben ihr ſtand:„Und nach allem dem wundere ich mich über gar nichts mehr, ja, wenn ich morgen früh ohne Kopf erwachte, ich würde es begreiflich finden!“ Am ruhigſten war beziehungsweiſe noch die Haupt⸗ perſon dieſer traurigen Geſchichte, Ferdinand Welkermann ſelbſt, welcher denn auch, nachdem der Polizeirath ſich ent⸗ fernt, ſeinem Vater achſelzuckend geſtanden, daß er aller⸗ dings auf heute Morgen eine Zuſammenkunft mit Welden verabredet gehabt, und daß er eigentlich nicht begreife, Einundzwanzigſtes Kapitel. 25 warum ſich die Polizei ſo vorſorglich in ſeine Angelegen⸗ heiten miſche. Dieſes Warum aber wurde ihm am frühen Morgen ſchon klar gemacht, als nämlich ſein eigener Zeuge, Herr Beſenbach, mit Herrn von Miltau, dem Zeugen ſeines Gegners, auf ſeinem Zimmer erſchien— Beſuche anzu⸗ nehmen, war ihm nämlich nicht verboten— und als hier der Lieutenant von Miltau nach einigem Achſelzucken und einigen ſehr unbedeutenden Weigerungen ſeine Erlebniſſe von heute Morgen ſo weit berichtete, daß man aus ſeinen Aeußerungen entnehmen konnte, ſelbſt er, der Sekundant Weldens, habe die Ueberzeugung gewonnen, jener ſei dem Vorhaben der Polizei nicht fremd geweſen und habe es nicht ungern geſehen, daß der Polizeirath Merkel, als Schwager des Oberbauraths Lievens von der Ehrenſache in Kenntniß geſetzt— mehr ſagte er allerdings nicht,— die Angelegenheit verhindert habe. „Hole die Peſt alle feigen Memmen!“ citirte der kleine Beſenbach mit einer Entrüſtung, die etwas Komiſches hatte, die man aber begreiflich fand, wenn man wußte, daß er einigen jungen Damen ſeiner Bekanntſchaft von dem be⸗ vorſtehenden Duell, und wie er das nicht nur arrangirt, ſondern auch im Nothfalle für ſeinen Freund Welkermann eintreten würde, berichtet hatte. Er ſetzte hinzu, indem er 26 Einundzwanzigſtes Kapitel. mit der rechten Hand ſeinen langen, rothen Backenbart ſorgfältig in die Höhe zog:„O, es iſt etwas Empörendes um die Feigheit! Was wird nun weiter geſchehen?“ „Das hängt nun alles davon ab, wie lange mich die Polizei in ihren Krallen hält, ob ſie überhaupt ein Recht dazu hat, und dieſe Frage wird mein Alter heute Morgen mit unſerem Rechtsfreunde erörtern— auch habe ich ihn zum Bankdireltor geſchickt, der ſchon im Stande ſein wird, mich zu reklamiren.“ „Uebrigens macht ſich ſo ein kleiner Hausarreſt nicht übel,“ meinte Beſenbach,„beſonders eines Duells wegen, das gibt Relief.“ „Und iſt jedenfalls ſehr anſtändig— Herr Welker⸗ mann, Sie ſtehen da wie ein Held gegenüber dieſem prahleriſchen Baubefliſſenen— wie man ſich in derlei Leuten täuſchen kann, ich hätte dieſen Welden für einen anſtändigen Kerl gehalten.“ „Ich fand immer an ihm etwas Lauerndes, etwas Unheimliches,“ ſagte Beſenbach;„er gab ſich immer ſo ein Air, als habe er ein Recht dazu, uns andere junge Leute von der Höhe ſeiner Tugend herab anzuſchauen— meinſt du nicht auch ſo, Ferdinand?“ „Nein, ich meine das nicht, gab dieſer trocken zur Antwort; geliebt habe ich dieſen Welden nie, aber ich Einundzwanzigſtes Kapitel. 27 hielt ihn für einen anſtändigen, ehrenhaften Kerl, und halte ihn auch jetzt noch daſür.“ „Ah bah,“ rief der Lieutenant,„nach dem Wenigen, aber vollkommen Genügenden, das ich von dem Vielen mittheilen durſte, ohne....“ „Ich weiß nicht, was Sie noch mehr erzählen könn⸗ ten, verlange auch nicht nach Ihrem Geheimniß, denn ich wittere darin eine Unterrocksgeſchichte, und wollen wir da⸗ von nichts weiter auſdecken.“ „Das iſt bei dir der reine Widerſpruchsgeiſt, doch hoffe ich, du wirſt mit dieſem Welden auf keinerlei Art mehr anbinden.“ „Das hängt davon ab— für feige kann ich ihn nicht halten, denn ſonſt hätte er ja meine ſehr weit gehenden Erklärungen annehmen können.“ „Die Sie ihm doch hoffentlich nicht wiederholen würden?“ „Schwerlich, wogegen mich aber durchaus nichts hin⸗ dern könnte, ihm zu Dienſten zu ſein, ſobald er mir be⸗ weist, daß er an dieſem Auſtreten der Polizei gegen mich unſchuldig iſt, und ich glaube, er iſt es.“ „Du biſt ein unverbeſſerlicher Kerl,“ ſagte der kleine Beſenbach und ſetzte hinzu, indem er ſich in die Bruſt warf:„Aber Eines bitte ich mir aus, daß keine Unter⸗ 28 Einundzwanzigſtes Kapitel. redung mit Welden über dieſe Angelegenheit ſtattfindet, ohne daß ich dabei bin!“ „Nein, nein,“ gab Ferdinand Welkermann in einem etwas ſpöttiſchen Tone zur Antwort,„du ſollſt, wie im⸗ mer, von Allem haben, ſollſt in dem Falle mit deinen kurzen Beinen die Entfernung abſchreiten und Eins, Zwei, Drei zählen dürfen.“ Noch eine Zeit lang ging das Geſpräch der drei jun⸗ gen Leute, aber ohne weiteres Intereſſe für unſere Ge⸗ ſchichte, fort, worauf ſie ſich trennten, und auf der Treppe ſagte Beſenbach zum Lieutenant von Miltau: „Sehen Sie, ſo iſt dieſer unberechenbare Kerl, dieſer Welkermann: da kommt eine Weibergeſchichte in's Spiel — denn das iſt doch ſo, wenn Sie es auch disereter Weiſe verſchweigen,— und er begreift es, ja, er entſchul⸗ digt es am Ende, daß jener Welden ſchlecht an ihm han⸗ deln konnte.“ „Es iſt überhaupt eine eigenthümliche Miſchung in dieſem guten Welkermann,“ ſagte der Lieutenant kopf⸗ ſchüttelnd. „Ja, eine gute Miſchung aus faſt lauter vortrefflichen Eigenſchaften; aber alles das iſt gelähmt durch ſeine ko⸗ loſſale Gleichgültigkeit, mit der er in dieſem Augenblicke bereit iſt, das wegzuwerfen, was ihm ſoeben noch von Einundzwanzigſtes Kapitel. 29 höchſtem Intereſſe erſchien— ich muß mich wahrhaftig ſelbſt bewundern, daß ich ſo lange im Stande war, in feſter Freundſchaft zu ihm zu halten.“ „Das macht die Anhänglichkeit, Beſenbach,“ lachte der Andere,„Sie ließen ſich nicht ſo leicht abſchütteln.“ „Das iſt wahr, weil ich ihn trotz allem dem für einen guten, aufopferungsfähigen Kerl halte— wenn er nur nicht dieſe ungeheure Gleichgültigkeit gegen Alles hätte: gleichgültig bei allen ſeinen Vergnügungen, gleichgültig, wenn er ißt und trinkt, wenn er liebt oder wenn er das Geld mit vollen Händen zum Fenſter hinauswirft, und ich glaube, er würde ſich ebenſo wenig daraus machen, ſein Leben wegzuwerfen, wenn er einen halbwegs ver⸗ nünftigen Anlaß dazu findet— wie geſagt, ein ſehr ſon⸗ derbarer Kerl!“ Ferdinand war allein in ſeinem Zimmer zurückgeblieben und hatte mit einem kurzen Kopfnicken von Miltau und Beſenbach Abſchied genommen; dann war er einige Male im Zimmer auf⸗ und abgegangen, die Hände in die Ta⸗ ſchen ſeiner Beinkleider geſteckt, mit geſpitztem Munde, als wolle er eine Melodie pfeifen, mit der Miene der Gleich⸗ gültigkeit. Doch flog zuweilen ein düſterer Schatten über ſein Geſicht, welcher immer wieder zu kommen ſchien, ob⸗ 30 Einundzwanzigſtes Kapitel. gleich er ihn durch Achſelzucken oder Schütteln des Kopfes zu verjagen ſuchte. „Und warum ſollte es nicht ſo ſein,“ ſprach er end⸗ lich zu ſich ſelber,„wie jener langweilige Kerl, der Miltau, geſagt? Warum ſollte die hohe Polizei aus zärtlicher Sorge für mich, ſowie aus Verehrung für meinen Herrn Papa nicht dieſen Riegel vorgeſchoben haben? Gewiß, was könnte es auch anders ſein? Meine Schulden ſind in guten Händen und nicht ſo ſchreiender Art, daß man bei mir unter Zimmerarreſt eine Vermögensunterſuchung anordnen würde— dummes Zeug! Und was könnte auch mein ſehr ehrenwerther und liebenswürdiger Haupt⸗ gläubiger, der Freiherr von Rivola, für einen Grund haben, mich ein wenig zu compromittiren?— Weg da⸗ mit!— Es iſt doch ſonderbar, daß gerade ich auf dieſe reiche Quelle ſtoßen mußte: er hätte ja auch einen An⸗ deren finden können— doch wäre ein Anderer ſchwerlich im Stande geweſen, ihm die kleine, an ſich unbedeutende Gefälligkeit zu leiſten.“ In dieſem Augenblicke zeigte ſich wieder ein recht düſterer Schatten auf ſeinen Zügen, und er ſchien einige Minuten zu brauchen, um einen widerwärtigen Gedanken von ſich abzuſchütteln. „Unbedeutende Gefälligkeiten waren es allerdings, Einundzwanzigſtes Kapitel. 31 ſchienen es wenigſtens zu ſein— doch warum wünſchte Herr von Rivola nicht, daß ich den Umtauſch ſeiner Pa⸗ piere öffentlich als ein Geſchäft wie jedes andere betrieb? Da läßt mich mein Gedächtniß im Stiche, und ich weiß nicht mehr genau, bat er mich um einen privaten Aus⸗ tauſch, oder bot ich es ihm an— ich glaube, das Letztere: es war mir auf dieſe Art bequemer, hätte ſonſt mit den langweiligen Kerls auf der Bank Explikationen haben müſſen, dachte auch nicht weiter daran, daß es vielleicht beſſer geweſen wäre, den Umtauſch durch den Hauptkaſſirer bewerkſtelligen zu laſſen, bis— bis— an jenem Morgen, wo es einen tüchtigen Schlag in unſer Comptoir that, als der Hauptkaſſirer mit einer längeren Naſe, als er ge⸗ wöhnlich hat, die beiden gleichen Nummern der Tauſender⸗ Banknoten ſchreckensbleich zu dem Bankdirektor hinauftrug. — Es hatte das allerdings etwas Unheimliches, ſo als wenn man von einem großen Diebſtahle hört, der im eigenen Hauſe begangen worden iſt, oder von einem Ge⸗ ſpenſte, das Jemand geſehen haben will— warum mir nur auch gerade heute dieſe Geſchichten ſo lebendig ein⸗ fallen?— Ah, weg damit!“ Doch ſchien es nicht ſo leicht für ihn zu ſein, auf an⸗ dere Gedanken zu kommen, denn gleich darauf lehnte er den Kopf gegen das Fenſter, biß an ſeinen Nägeln herum 32 Einundzwanzigſtes Kapitel. und ſtarrte finſter vor ſich nieder, um erſt nach längerer Zeit wieder mit dem halblauten Ausrufe emporzufahren: „Der Teufel hole dieſe Selbſtquälereien! Ich weiß es in der That ſelbſt nicht genau, ob ich eine dieſer verfluchten Nummern von Herrn von Rivola erhalten— und wenn auch— lächerliche Ideenverbindung: aus ſeinen Händen oder direkt aus dem Bureau der Notenfabrikation, das wäre in dieſem Falle gleichbedeutend, denn ſo wenig dort falſche ge⸗ macht werden, ebenſo wenig hat Herr von Rivola dergleichen wiſſentlich im Beſitz— und wollte ich auch, natürlich mit ſei⸗ ner Genehmigung, es jetzt ſagen, daß ich hier und da für ihn Noten eingewechſelt, ich dürfte es nicht thun, ohne mich und auch ihn garſtig bloßzuſtellen— pfui Teufel, lieber eine Ku⸗ gel vor den Kopf, als in eine ſolche Geſchichte hineinzukommen! „An Weldens Statt hätte ich nicht ſo gehandelt, das heißt, ich halte auch ihn nicht fähig dazu— daß zwiſchen ihm und der Oberbauräthin oder, beſſer noch geſagt, zwi⸗ ſchen ihr und Welden ein kleines Verhältniß beſteht, daran habe ich nie gezweifelt, und daß ein leidenſchaftliches Weib, wie ſie iſt, ihren Bruder auch ohne Weldens Vorwiſſen dazu beſtimmen konnte, ein ſo arges Verbrechen wie das Duell zu verhindern, iſt ſehr glaubwürdig, und darum habe ich das Vergnügen, hier einige Tage ausruhen zu dürfen— hole der Henker die ganze tolle Wirthſchaft!“— Einundzwanzigſtes Kapitel. 33 Unter dem Schlafzimmer Ferdinands waren die Wohn⸗ zimmer der Familie, und hier befand ſich die Stadtſchult⸗ heißin in viel aufgeregterer Stimmung, als ihr Herr Sohn; auch war die Geſellſchaft, in der ſie ſich gerade befand, nicht darnach, ihre an ſich ſchon ſo weit gehenden Beſorgniſſe zu zerſtreuen. Die Frau Haupt⸗Staatsſchuld en⸗Tilgungskaſſ en⸗Reviſorin hatte Alles erfahren durch eine befreundete Milchfrau, welche ihr die ſchlimme Nachricht ſo raſch wie möglich überbracht, und ſäumte nun nicht, ſich in dem Trauerhauſe, wie ſie es nannte, allſogleich einzufinden, wobei ſie ihren Eintritt ins Zimmer der Stadtſchultheißin unter der Bemerkung hielt, daß dergleichen Entſetzliches in der Familie Welker⸗ mann bis jetzt noch niemals vorgekommen ſei.—„Alſo ein Duell, Frau Schwägerin, ein wirkliches Duell, bei dem es blutig zugehen kann— ſo ſagt man— und iſt das gewiß die alleinige Urſache?“ „Ich meine, wir könnten an dieſer Urſache vollkommen genug haben!“ gab die betrübte Mutter mit einem tiefen Seufzer zur Antwort. „Daſſelbe ſagte ich dem Reviſor, als ich ſein Kopf⸗ ſchütteln bei Erwähnung des Duells bemerkte, und als er hinzuſetzte: ,Es ſollte mich wundern, wenn ein Duell die Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. III. 3 34 Einundzwanzigſtes Kapitel. alleinige Urſache wäre,⸗— daß man deinen Ferdinand, den Sohn des Stadtſchultheißen, ins Gefängniß gebracht.“ „Aber wer hat dir denn etwas von einem Gefängniſſe geſagt?“ 3 „Wer? Nun, die Leute ſagen es— ich habe es von drei, vier Bekannten nach einander gehört.“ „So früh am Morgen ſchon?“ „Allerdings, aber, unter uns geſagt, geahnt hat man ſchon längſt dergleichen— ich darf nur Niemanden nen⸗ nen, ſonſt könnte ich dir Namen von Gewicht beibringen, Leute, die ſchon lange darüber einig waren, daß es mit deinem Sohne Ferdinand ein ſolches Ende nehmen würde.“ Die arme Frau ſaß da wie ein Bild des Jammers, den Kopf tief hinabgebeugt, die Hände in ihrem Schooße gefaltet, und wenn ſie auch genau bekannt war mit der ſpitzen Zunge ihrer lieben Schwägerin, ſowie mit deren boshafter Art, ſelbſt die harmloſeſte Geſchichte als höchſt bedeutend erſcheinen zu laſſen, wenn es ſo in ihren Kram taugte, ſo lag doch jetzt ein ſo ſchweres Faktum vor, das ſchon zu allerlei Vermuthungen Raum geben konnte: die Polizei war in ihrem Hauſe geweſen, hatte ihrem und des Stadtſchultheißen Sohne Zimmerhaft auferlegt— ihrem Sohne, dem Sohne einer geborenen von der Eſchenbach, von altem reichsſtädtiſchem Adel, deſſen Mit⸗ Einundzwanzigſtes Kapitel. 35 glieder heute noch in der ehmaligen freien Reichsſtadt von der Bürgerſchaft mit einer Ehrfurcht begrüßt wurden, wie man ſie hier in der Reſidenzſtadt kaum vor Sr. Majeſtät dem Könige ſehen ließ. Der Stadtſchultheiß hatte ſich allerdings nicht ſo viel aus dieſer Geſchichte ſeines Herrn Sohnes gemacht; er hatte achſelzuckend von leichtſinnigen Leuten im Allgemeinen und unverantwortlich leichtſinnigen Leuten im Speciellen geſprochen, hatte freilich gemeint, eine ſolche Begegnung hätte Ferdinand wohl vermeiden können, da es aber ein⸗ mal ſo weit gediehen ſei, ſo— und wenn ſich die Polizei nicht hinein gemiſcht hätte, wäre es— man iſt deßhalb nicht gerade verloren, wenn man auf die Menſur geht, ſonſt wäre ich ſelbſt— worauf er in Erinnerung an ſeine eigenen Jugendthorheiten mit feinem Spazierſtocke in der Luft eine Quarte gehauen und das Zimmer verlaſſen hatte. „Ja, es war vorauszuſehen, daß es ſo kommen würde,“ meinte die Reviſorin nach einer langen, langen Pauſe, in welcher ſie ſich bemüht hatte, durch Achſelzucken und Seufzen, durch Kopfſchütteln und wahrhaft kummervolle Blicke der armen Stadtſchultheißin das Herz noch ſchwerer zu machen. „Und ich, die Mutter, hatte ſo gar keine Ahnung von allem dem!“ 36 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Ja, ja, das glaube ich; wer wird dir auch ſo etwas ſagen, wer wird dir mit etwas kommen, was der ganzen Stadt ſchon längſt kein Geheimniß mehr war?“ „Und was ich jetzt noch nicht verſtehe!“ „Begreiflich, man ſagt dir nur von einem Duell mit Serrn Welden.“ „Nur— ja, um Gottes willen, was iſt denn ſonſt noch zu ſagen? Was iſt das, was der Stadt ſchon längſt kein Geheimniß war?“ „Laß mich lieber darüber ſchweigen— ich bin ja nur gekommen, um dir etwas Tröſtliches zu ſagen, und nicht, um deinen Kummer zu vermehren.“ „Aber was du mir da ſagſt, dient gewiß nicht zu meiner Beruhigung, im Gegentheil, ich fühle aus deinen Worten heraus, daß ich noch viel Schlimmeres erfahren ſoll— nun, wie Gott will— ich werde auch mit dieſem bitteren Tranke zu Ende kommen— was iſt es denn eigentlich?“ „Nein, nein, es iſt beſſer, ich rede nicht darüber— weißt du, Thatſachen kann und will ich dir nicht mit⸗ theilen, und das Ganze iſt ein etwas düſteres Geheimniß, womit ſich die Stadt ſchon ſeit einiger Zeit beſchäftigt.“ „Ein düſteres Geheimniß, das meinen Sohn betrifft? — Und ich weiß nichts davon!“ Einundzwanzigſtes Kapitel. 37 „Deinen Sohn und— doch es iſt beſſer, wir reden nicht darüber.“ „Doch, doch, ich will wiſſen, was du auf dem Herzen 8 haſt— meinen Sohn und...? Alſo auch noch jemand Anderes aus meinem Hauſe ſoll in ein Geheimniß ver⸗ wickelt ſein, welches der Stadt düſter vorkommt?“„ „Dringe nicht in mich— du weißt, wie ungern ich mich mit Klatſchereien abgebe.“ Obgleich nun die gute Stadtſchultheißin ſehr vom Gegentheile des eben Geſagten überzeugt war und ſie wahrſcheinlich in jeder anderen, ruhigeren Stimmung über Aehnliches, was ihre gute Schwägerin geſagt hätte, lächelnd hinweggegangen ſein würde, ſo ließ das ihre jetzige Auf⸗ regung nicht zu, und als ſie endlich feſt und beſtimmt erklärt hatte, ſie wolle wiſſen, was das für ein Stadt⸗ geheimniß ſei, ſo ſagte die Andere mit einer Bewegung ihrer dürren Finger, als wolle ſie ausdrücken, ſie waſche ihre Hände in Unſchuld: „Es ſind, wie ſchon vorhin geſagt, keine Thatſachen, die ich dir mittheilen kann, aber es treffen ganz eigen⸗ thümliche Dinge zuſammen, um manches, was dein Mann gethan, in einem ſonderbaren Lichte erſcheinen zu laſſen, wie es denn auch in der Stadt höchſt ſonderbar angeſehen wird.“ 38 Einundzwanzigſtes Kapitel. Und nun erzählte ſie in einem ſehr wohlwollenden Tone, mit häufigen Unterbrechungen, daß ſie für ihre Perſon das allerdings ſehr lächerlich fände, von den bekannten Bemühungen des Stadtſchultheißen, den im Rathhauskeller mündenden unterirdiſchen Gang dort vermauern zu laſſen, — eine Sache, von welcher die Stadtſchultheißin allerdings gehört, um welche ſie ſich aber als unbedeutend nicht be⸗ kümmert hatte. „Dieſer unterirdiſche Gang,“ fuhr die Andere fort, „werband das kleine Haus des Herrn von Rivola eben ſo genau mit dem Rathhauſe, als dein Mann ſelbſt mit dieſer Perſönlichkeit eng verbunden war— was der Grund dieſer Verbindung ſei, wußte Niemand anzugeben.“ „O ja, ich weiß es: mein Mann erzeigte Herrn von Rivola Gefälligkeiten, für welche dieſer ihm Dankbarkeit ſchuldig war.“ „Möglich, daß ſie ſich gegenſeitig Gefälligkeiten erzeig⸗ ten,“ fuhr die Reviſorin in trockenem Tone fort;„aber man verwunderte ſich trotzdem über dieſe dicke Freundſchaft und begriff nicht, wie der Stadtſchultheiß auf einmal auf den Gedanken kam, jene ſo lange beſtandene und gewiß häufig benutzte Verbindung zwiſchen dem Rathhauſe und dem alten Thurme zu unterbrechen. Was in jenem alten Thurme ſeit langen Jahren alles getrieben worden iſt, Einundzwanzigſtes Kapitel. 39 bin ich natürlicher Weiſe nicht im Stande, genau anzu⸗ geben; aber man ſoll da eigenthümlich eingerichtete Zimmer gefunden haben, furchtbare, nnerklärliche Maſchinen, Keller⸗ gewölbe mit Fallthüren— ja, böſe Zungen, auf die ich übrigens nichts gebe, ſprechen von einem förmlichen Ge⸗ fängniß mit Ketten und Banden, das dort tief unter dem Boden exiſtiren ſoll. Wahr und erwieſen dagegen iſt es, daß man in dem unterirdiſchen Gange geſchmolzenes Blei in höchſt verdächtiger Form gefunden hat, welches man mit dem räthſelhaft ſchnellen Tode einer Perſon in dem kleinen Hauſe neben dem alten Thurme in Verbindung bringen will.“ Die Stadtſchultheißin hatte bis hieher mit weit auf⸗ geriſſenen, ſtarren Augen zugehört; dann aber flog ein, allerdings trübes Lächeln über ihre Züge, während ſie ſagte:„Geh' doch, du erzählſt mir Märchen, um mich zu zerſtreuen.“ „Wollte Gott, es könnte dich zerſtreuen! Doch was du Märchen nennſt, wird ſehr bald in greifbaren Figuren vor dich hintreten— daß in dem alten Hauſe neulich eine Perſon raſch und unverhofft geſtorben, haſt du gewiß ebenfalls erfahren?“ „Ja, es war die Frau eines alten Dieners des Herrn von Rivola.“ 8 40 Einundzwanzigſtes Kapitel. „So ſagt man.“. „LEine Frau, welche an einer ſchweren Krankheit lange, lange darniederlag.“ 1 Die Reviſorin zuckte mitleidig lächelnd die Achſeln. „Man ſagt allerdings ſo, aber Niemand hat dieſe arme Perſon je geſehen— war ſie die Frau des ſogenannten Dieners Friedrich, war ſie eine andere Unglückliche?— kurz, der Doctor, der allerdings zu ſpät gerufen wurde und die Aermſte nur in einem halbdunkeln Zimmer ge⸗ ſehen hat, ſoll nur mit Kopfſchütteln und Achſelzucken davon ſprechen.“ „Aber was willſt du mit allem dem?“ rief jetzt die Stadtſchultheißin in einem erſchreckten Tone.„Du ſagſt da Dinge, die Einen ſchaudern laſſen, aus einem Hauſe, mit welchen mein Mann in einer geheimnißvollen Verbin⸗ dung ſtehen ſoll!“ „Die Verbindung iſt nicht zu läugnen, ſonſt will ich durchaus nichts geſagt haben,“ antwortete die Reviſorin in einem ſpitzigen Tone;„aber es gibt Leute, die mit ſehenden Augen blind ſind und die doch keinen Glauben haben, wenn man ihnen Thatſachen an die Hand gibt.“ „Aber du gibſt mir keine Thatſachen!“ „Weil du mich in Einem fort unterbrichſt. Daß das Haus am alten Thurme ein höchſt verdächtiges iſt, wirſt Einundzwanzigſtes Kapitel. 41 du nach allem dem doch nicht mehr bezweifeln, und daß dein Mann Urſache haben mußte, jetzt mit Einem Male den unterirdiſchen Gang, der dahin führt, abzuſperren— du lieber Himmel, weiter ſage ich ja nichts, und das ſind doch Dinge, die ziemlich klar ſehen laſſen; willſt du aber noch von näheren Verbindungen zwiſchen dem alten Hauſe und den Deinigen wiſſen, ſo brauche ich dir nur jenes hoffärtige Ding, die Margarethe, in Erinnerung zu brin⸗ gen, welche mit einem höchſt verdächtigen Menſchen, wie du weißt, ſo gut wie durchgegangen iſt. Dieſer Menſch aber wurde faſt täglich im alten Hauſe des Herrn von Rivola geſehen, ja, häufig im Verkehr mit dem ehren⸗ werthen Freiherrn ſelbſt ſo wie auch mit deinem Herrn Sohne, und eben ſo wahr als es iſt, daß dein Herr Sohn das Geld zur Reiſe deines ſchönen Stubenmädchens und jenes Herrn Steffler hergegeben, eben ſo wahr iſt es auch, daß dein Mann, der Herr Stadtſchultheiß ſelbſt, die nöthi⸗ gen Papiere für Margarethe beſorgte und nicht minder einen Reiſepaß für jenen ſchlechten Kerl, den Steffler, den, wenn er nicht geſtern bei Nacht und Nebel durchgegangen wäre, die Polizei gerade ſo gut erwiſcht hätte, wie deinen Herrn Sohn— ſo, und wenn du jetzt nach allem dem noch nicht klar ſehen willſt, dann biſt du in der That noch mehr zu bedauern.“ 42 Einundzwanzigſtes Kapitel. Die Stadtſchultheißin war unter einem krampfhaften Zittern raſch aufgeſtanden und hatte ſich von ihrer Schwä⸗ gerin abgewandt, während ſie ihr Taſchentuch mit beiden Händen vor die Augen drückte und heftig zu weinen an⸗ fing, wobei jene ſie mit einem boshaften Lächeln und einem ſchadenfrohen Aufleuchten ihrer ſcharfen, grauen Augen betrachtete; dann warf die Reviſorin einen zufrie⸗ denen Blick auf die elegante, reiche Zimmereinrichtung und dachte bei ſich:„Nun, es wäre ja keine Gerechtigkeit, wenn zu all dem Glanze und zu all der Herrlichkeit dieſes Hauſes nicht auch ein Schatten beigemiſcht würde!“ Doch kam nichts dergleichen über ihre Lippen, vielmehr erhob ſie ſich, tief aufſeufzend, indem ſie ſagte: „Ich habe es für meine Schuldigkeit gehalten, dir das zu ſagen, doch glaube mir, ich habe noch ſehr Vieles ver⸗ ſchwiegen, und wenn ich dich jetzt verlaſſe, ſo ſpreche ich dabei die Hoffnung aus, daß ſich Manches noch zum Guten aufklären möge.“ Frau Welkermann vermochte ihr nicht zu antworten, ſondern nickte nur mit dem Kopfe, ohne ſich nach der Re⸗ viſorin umzuſchauen, die denn auch Miene machte, mit einem gemüthlichen Lächeln und der ſteifen, aufrechten Haltung ihres Körpers das Zimmer zu verlaſſen; doch wurde ſie unter der Thür desſelben noch für eine kurze Einundzwanzigſtes Kapitel. 43 Weile aufgehalten, da dieſe ſich öffnete und Lucy von Rivola an der Seite ihrer Freundin Eliſe eintrat, deren Hand ſie feſt in der ihrigen hielt und welche ſie, ohne der Reviſorin große Beachtung zu ſchenken, raſch zu Frau Welkermann hinzog. 8 „Ach, meine liebe Frau Stadtſchultheiß,“ ſagte das junge Mädchen,„verzeihen Sie mir, daß ich ſchon ſo früh komme! Aber ich mußte meiner guten Eliſe aus vollem, treuem Herzen meinen Schmerz über den traurigen Vorfall bezeigen; auch mein Vater würde mitgekommen ſein, doch hielt er es für paſſender, ſich ſpäter nach Ihrem Befinden zu erkundigen.“ „Sie ſind ein gutes, liebes Kind, und ich danke Ihnen herzlich für Ihre Theilnahme!“ gab Eliſens Mutter zur Antwort, indem ſie Lucy auf die Stirn küßte, wie ſie es gewöhnlich zu thun pflegte. Die Reviſorin war noch einen Augenblick an der Thür ſtehen geblieben und verließ erſt dann das Zimmer, nach⸗ dem ſie durch Lucy's Worte erfahren, daß dieſe ſchon um das ngenehme wußte, welches ſich hier im Hauſe er⸗ eignet⸗ Wäre dies nicht der Fall geweſen, ſo hätte ſie da bleiben müſſen, um den Vorfall zur Kenntniß des Fräuleins zu bringen. 44 „Einundzwanzigſtes Kapitel. „Aber das ſind ja ganz traurige Geſchichten!“ ſagte Lucy mit bekümmerter Miene. „Und breiten ſich raſcher aus, al s gute Nachrichten,“ meinte Eliſe—„es iſt das ſo der Lauf der Welt.“ „„Ich begleitete meinen Vater nach der Stadt und blieb im Wagen ſitzen, da Papa auf dem Rathhauſe etwas zu thun hatte— ich glaube, der Herr Stadtſchultheiß hat ihm von dem Vorgefallenen Mittheilung gemacht, oder auch vielleicht ein Bekannter des Herrn Ferdinand, der Lieutenant von Miltau, den Papa anrief, als er vorüber⸗ gehen wollte, und mit dem er ſich eine gelegentlich unterhielt; dann ſagte er mir fahren Zeit lang an⸗ „ich ſolle hieher „ während er ſeine übrigen Geſchäfte beſorge. Es hat Papa recht beſtürzt gemacht, er nimmt den aller⸗. größten Antheil, und ich ſelbſt, Eliſe, ach, wenn ich daran denke, können!“ ich zittere noch, daß ein Duell hätte ſtattfinden „Auch ich, Lucy, und da iſt es immer noch beſſer, daß es kam, wie es gekommen iſt Uebeln Lucy!“ man muß von zwei das kleinſte wählen— aber ſetze 1 o6 „Einen Augenblick, recht gern, Eliſe ſpäter am Schloſſe abholen.— Und d Herrn Welden ſtattfinden ſollen? — ich muß Papa as Duell hat mit — Wie das ſchrecklich Einundzwanzigſtes Kapitel. 45 iſt!— Herr Ferdinand ſoll ziemlich ſchuldlos bei dieſer Geſchichte ſein, glaubte ich aus den Worten meines Vaters zu entnehmen, der mit dem Betragen des Herrn Welden nicht zufrieden ſcheint— iſt's nicht ſo?“ „Es iſt doch wohl möglich,“ antwortete die Stadt⸗ 8 ſchultheißin kopfnickend, doch mehr für ſich ſelber, als in Entgegnung auf die Frage des Fräuleins. Giſſe aber ſagte, während die Röthe des Zornes über ihre jetzt ſo bleichen Züge flog und ſich ihre Lippen ein klein wenig öffneten:„Die Wahrheit vor Allem; ich bin feſt überzeugt, daß die Schuld an Ferdinand liegt— wie der Anfang, ſo das Ende, wenn man Wind ſäet, muß man ſich nicht wundern, wenn Sturm aufgeht!“ Die Stadtſchultheißin warf einen bittenden Blick auf ihre Tochter, worauf dieſe aber muthig, ja finſter fort⸗ fuhr: „Und warum ſoll ich das nicht ſagen? Es wird Leute genug geben in dieſer ſchlechten Welt, die meinem Herrn Bruder nicht die Spur eines Unrechts vorwerfen werden, weil er der Sohn des Stadtſchultheißen iſt, und die den Anderen verdammen, dem keine gewichtigen Verbindungen und keine große Familie zur Seite ſtehen— deßhalb ſchmerzt es mich auch, Lucy, wenn dein Vater in der .. Sn das Unrecht auf Seiten Welden's ſehen wollte.“ 46 Einundzwanzigſtes Kapitel. Frau Welkermann hatte ſich ſeufzend erhoben, als Eliſe ſo ſprach, war dann langſam an ihren Schreibtiſch getreten und dann unvermerkt aus dem Zimmer gegangen, wohl um das Geſpräch der beiden Mädchen nicht zu ſtören, vielleicht aber auch, weil ſie den bitteren Bemer⸗ kungen ihrer Tochter nichts entgegenzuſetzen vermochte. „Wie es mich freut, liebe Eliſe, daß du ſo über Herrn Welden ſprichſt,“ ſagte Lucy in innigem Tone— „ich weiß, du kannſt ihn gut leiden und würdeſt nichts Schlimmes über ihn ſagen!“ 1 „Doch nur, weil das nach meiner Anſicht die Un⸗ wahrheit wäre; Recht muß Recht bleiben, wenn wir auch darunter zu leiden haben, und ich habe ſchon viel ge⸗ litten unter dem Unrecht, das mir mein Bruder Fer⸗ dinand angethan.“ „Uebertreibſt du nicht, Eliſe?“ fragte Lucy mit einem freudigen Aufleuchten ihrer Blicke.„Was hat denn Fer⸗ dinand ſo Unrechtes gethan?“ 3 „Ich kann das nicht ſagen, da du Manches doch nicht verſtehen würdeſt; aber er hat den Eltern und auch mir tiefes Herzeleid zugefügt.“ „Alſo hältſt du auch Herrn Welden in dieſer An⸗ gelegenheit nicht für ſchuldig?“ Einundzwanzigſtes Kapitel. 47 „Gewiß nicht— Herr Welden iſt für mich das Ideal eéines jungen Mannes!“ „Wie mich das freut, weil Papa ſo ganz anders ge⸗ ſprochen hat!“ „Seit wann denn?“ „Heute Morgen, nachdem er die Nachricht über den Vorfall in eurem Hauſe erhalten. Vor einigen Tagen war Herr Welden längere Zeit bei uns, und mein Vater war mit ihm ſo gut und lieb, wie er es nur mit ſeinen vertrauten Freunden iſt und wie es Herr Welden auch verdient.“ „Und was ſagt er jetzt über ihn?“ 3 „Ich hörte wohl ſeine Worte, aber ich verſtand ſie nicht genau; er ſagte: ‚Wie ich mich in dieſem Welden getäuſcht habe— wie ſchlecht von ihm, ſo wenig ſein Wort zu halten!— Er ſprach das allerdings mehr zu ſich ſelber, als zu mir, doch deutlich genug, daß ich es verſtehen konnte— ach, liebe Cliſe, und ich erſchrack über das, was er ſagte: es wäre eine Schande, ſo ſchlecht und feige zu ſein! Und damit meinte er niemand Anders, als Herrn Welden.“ „Beruhige dich, mein Herz, du wirſt das mißver⸗ ſtanden haben: ſo ſchlecht und ſo feige, das paßt nicht auf Welden.“ 48 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Aber auf deinen Bruder auch nicht, und Einen von dieſen Beiden meinte er doch ganz gewiß.“ „Feige— nein, das paßt allerdings nicht auf meinen Bruder; feige iſt er nicht, aber— doch laß es gut ſein, Kind,“ unterbrach ſie ſich ſelber,„wozu üͤber Sachen nach— grübeln, die entweder Räthſel für uns bleiben ſollen oder ſich von ſelbſt auflöſen? Hier glaube ich das Letztere: es iſt noch manches Unklare in dieſer Geſchichte, vor dem ich allerdings zittere, daß es ſich auflöſe— doch wie Gott will, wir werden auch darüber hinwegkommen!“ „Du gewiß, Eliſe, mit deinem ruhigen Gemüthe, mit der Vernunft und Klugheit, die du ſtets zu Rathe ziehſt — wie ich alles das an dir bewundere, vor Allem die Ruhe, mit der du dem Kommenden entgegenſiehſt— ich kann das nicht, ja leider kann ich es nicht!“ Bei dieſen letzten Worten hatte Lucy ihren Arm um den Hals der Freundin geſchlungen und ihren Kopf an die Bruſt Eliſens gelegt, über deren Zügen ſich jetzt ein wohlwollendes, aber etwas trübes Lächeln zeigte. „Närrchen,“ ſagte ſie ſchmeichelnd,„ich begreife es wohl, daß du allem Kommenden mit großer Ungeduld entgegenblickſt, weicht doch in deinem glücklichen Leben das Schöne immer dem Schöneren.“ „Nicht ſo ganz, GEliſe, nicht ſo ganz: ich blicke ſeit Einundzwanzigſtes Kapitel. 49 Kurzem oft recht traurig, ja, recht ſchmerzlich in die Zu⸗ kunft!“ „Du?— Ah, das iſt etwas Neues! Haſt du viel⸗ leicht einen Wunſch in deinem kleinen Herzen, der ſich nicht ſo leicht erfüllen läßt? Möchteſt du eine andere kleine Equipage haben, oder eine neue Kammerjungfer, oder deine Brillanten anders gefaßt?“ „Du ſpotteſt über mich, Eliſe— es iſt viel Wich⸗ tigeres, was mich beſchäftigt.“ „Wenn ich dir einen guten Rath geben kann oder wenn du meine Anſicht hören willſt, ſo ſage mir, was dich bekümmert.“ „Es hat ſich mir noch nicht ganz beſtimmt gezeigt, es huſchte nur einige Male wie hinter trüben Schleiern ſchattenhaft an mir vorüber.“ „Ich verſtehe dich nicht.“ „Du kennſt doch meinen Vetter Eugen Hartenſtein?“ „Den Huſarenoffizier? Der kann doch nicht ſchatten⸗ haft für dich ſein— nicht einmal räthſelhaft.“ „Er nicht, aber einige Worte, die meine Mutter neulich mit meinem Vater über ihn in Beziehung auf mich ſprach.“ „Ah, nun glaube ich dich zu verſtehen!“ „Und iſt das nicht ſchrecklich, Eliſe?“ Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. III. 4 50 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Ganz und gar nicht— ich würde das für eine recht paſſende Verbindung halten.“ „Aber ich liebe meinen Vetter Eugen Hartenſtein durch⸗ aus nicht!“ 4 „Das wäre ſchon etwas, um nicht ganz heiter in die Zukunft zu blicken— aber, meine liebe Luey, wenn...“ „Aber, meine gute, gute CEliſe, ſprich es doch aus, was du ſagen wollteſt!“ „Wenn du vielleicht jemand Anders liebteſt, dann allerdinga....“ „Dann gibſt du es zu, daß ich eine Urſache hätte, traurig, kummervoll in die Zukunft zu blicken?“ ſagte Lucy von Rivola, während ſie ihren Kopf raſch erhob und ihr von einer tiefen Röthe beſtrahltes Geſicht an die kühle Wange ihrer Freundin drückte und hierauf in leiden⸗ ſchaftlicher Erregung fortfuhr:„Nun denn, warum ſoll ich es läugnen? Ja, ich liebe— o, ſo ſehr, ſo ſehr— ja, ich liebe ihn!“ „Welden.... 7 „Das habe ich dir ja noch nicht geſagt.“ „Aber ich wußte es, mein armes Herz, ich, deine treue Freundin, die wie Niemand in deinem offenen, ehr⸗ Einundzwanzigſtes Kapitel. 51 lichen Auge zu leſen verſteht— weißt du aber auch, meine liebe Lucy, daß das eine recht traurige Liebe iſt?“ „Ich habe es mir zuweilen geſagt, aber es ſelbſt nicht geglaubt, bis mein Vater heute Morgen ſo über Welden ſprach— o, das hat mich namenlos unglücklich gemacht — ja, ich liebte ihn abſichtslos, ohne irgend eine Hoff⸗ nung— wie ſollte ich auch dazu kommen, etwas von ſeinem Herzen zu erwarten, von ihm, der das kleine, un⸗ bedeutende Mädchen nur ſo gleichgültig wohlwollend be⸗ trachtet, der kaum einen Blick für mich hat, wenn ich, ihn anſchauend, oft nur mühſam meine Thränen zurück⸗ halten kann— weißt du wohl, Eliſe, daß ich recht ſehr unglücklich bin, daß ich es fühle, ohne genau zu wiſſen, warum, wie ſich meine Zukunft finſter umzieht?“ „Närrchen, du kannſt und wirſt noch glücklich werden!“ „Glücklich nicht, vielleicht ruhig und zufrieden, wenn ein großes Unglück, das mir bevorſteht, vorübergegangen ſein wird, ohne zu viel an meinem Herzen zerſtört zu haben!“ „An deinem achtzehnjährigen Herzen— es wäre das allerdings ein großes Unglück, wenn dieſes kleine Herz nicht zu vernünftig wäre, um ſich einer ſo hoffnungsloſen Liebe wegen tief zu betrüben!“ 52 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Du ſpotteſt meiner, Eliſe, und doch fühle ich tiefer, als du nur denkſt!“ „Ich weiß das— ich möchte dich erheitern, obgleich ich ſelber nicht heiter bin— ach, wie ſehne ich mich nach der ſchönen Zeit des Frühlings, und möchte dann mit dir hinausziehen, wie damals, durch Feld und Wald, aber gänzlich frei und unabhängig, fort aus dieſen Mauern, fort von dieſen Menſchen!“ „Ja, ja,“ ſagte Lucy, träumeriſch mit dem Kopfe nickend,„weit, weit fort von hier— und weißt du auch, wohin? O, ich vergeſſe es nie, wie du es mir damals als ein ſeliges Glück ſchilderteſt, abgeſchloſſen von der ganzen Welt mit gleichgeſtimmten Seelen leben zu können — weißt du es wohl noch, Eliſe, wie wir uns ein kleines Gärtchen und eine kleine Zelle ausmalten, in der wir glücklich ſein wollten, oder denkſt du nicht mehr ſo?“ „Gewiß denke ich noch ſo, mein liebes Herz— aber du?— Gib Acht, wie bald für dich die Sonne wieder glänzend ſcheint und alle finſteren Schatten verſchwinden läßt!“ „Aber wenn dem nicht ſo iſt, wenn ein Unglück, das mir droht, obgleich ich ſelbſt nicht weiß, woher, über mich hereinbrechen ſollte, ein wirklich ſchweres Unglück, dann, Einundzwanzigſtes Kapitel. 53 Eliſe, würdeſt du mich vielleicht doch mit dir nehmen, wenn du einmal entſchloſſen biſt, dieſe böſe Welt zu ver⸗ laſſen?“ „Dann, ja, dann! Mit wem wäre ich lieber auf immer vereint, als mit dir?!“ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Als Welden nach dem Furchtbaren, das ihm heute Morgen begegnet war, wie aus einer tiefen Betäubung wieder erwachte und in ſeinem Zimmer umherblickte, ſchien ihm Alles ein böſer, ſchwerer Traum zu ſein, und doch ſah er an allem, was ihn umgab, die furchtbare Wahr⸗ heit: da lagen auf ſeinem Schreibtiſche die Papiere und Pakete, wie er ſie in der Nacht geordnet; da ſah er ſeinen Koffer verſchloſſen neben der Thür ſtehen; da hörte er die Uhr des benachbarten Kirchthurmes ſchlagen, ſieben Mal, und jeder Schlag ſchien ihm hohnlachend zu ſagen:„Wie wäre dir jetzt ſo wohl, wenn du draußen ſtändeſt, fünf Schritte vor der Mündung einer Piſtole— oder, noch beſſer, wenn die Kugel, dem Lauf entflogen, ihr Ziel, dein Herz, nicht verfehlt hätte!“ 4 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 55⁵ Merkwürdiger Weiſe ſchienen all die zahlreichen Uhren der Stadt, welche jetzt nach einander in den verſchiedenſten Tonarten anſchlugen, nicht nur der gleichen Anſicht zu ſein, ſondern ihre Gedanken und Meinungen noch ſchärfer auszuſprechen, daß man es von dieſem Welden nimmer⸗ mehr erwartet hätte, ſich auf ſolch ſtrafbare Art zurück⸗ halten zu laſſen, und daß die ganze Stadt wohl Recht hatte in ihrer Vermuthung, Welden ſei doch nicht ganz unſchuldig daran, daß der Polizeirath Merkel— ihr Bruder— ſo entſcheidend eingegriffen habe;„— ſehr— glaub— lich— ſehr— glaub— lich!“ brummte die Thurmglocke, und das Glöcklein der Kapuzinerkirche gellte ſchließlich:„gewiß— gewiß— gewiß!“ „Wenn die Glocken es verkünden, muß wohl etwas Wahres daran ſein,“ murmelte der junge Ingenieur in dumpfem Tone zwiſchen den feſt auf einander gebiſſenen Zähnen hervor. Und dann kamen Augenblicke, wo er ſeine beiden Hände feſt an die Schläfen drückte und ſich alle Mühe geben mußte, das, was Miltau geſagt und die Glocken wiederholt, ſelbſt nicht zu glauben, denn es war gar zu unwahrſcheinlich. Doch gingen dieſe furchtbaren Gedanken auch vorüber, wenigſtens für kurze Zeit, und dann überlegte er mit brennender Stirn, was jetzt zu thun ſei; ſein Gedanke 56 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. war, Ferdinand Welkermann aufzuſuchen, um dieſem der Wahrheit gemäß Alles zu erzählen, wie es ſich begeben — Alles?— Unmöglich! Hoffte er doch immer noch etwas von der Discretion Miltau's, wenn er anderentheils ſchon zugeben mußte, jener könne nicht anders, als den Ruf einer unglücklichen Frau vernichten, um ſeine Behaup⸗ tung, Welden ſei ein elender, feiger Wicht, aufrecht zu erhalten. Und würde Welkermann anderer Anſicht ſein oder ſein wollen? Das Letztere vielleicht; denn auch Welden erkannte ſeinem Gegner bei all deſſen Fehlern ehrenhafte Geſinnungen zu. Was aber thun, wenn er zu Welkermann kam und dieſer ihm achſelzuckend wiederholte, was Herr von Miltau ihm hier auf dieſer Stelle geſagt? Nein, nein, das zu ertragen wäre ihm heute Morgen bei der Aufregung, in der er ſich befand, unmöglich geweſen! Wo ſollte er Rath und Hülfe ſuchen? Bei Herrn von Rivola? Sein Herz zog ſich ſchmerzlich zuſammen, wenn er an dieſen dachte und an die Unterredung, welche er mit ihm gehabt. Bei dem Polizeirath Merkel? Ja, es war das Beſte, dieſen aufzuſuchen und von ihm eine kategoriſche Erklärung zu verlangen, daß— daß er, der arme Welden, unſchuldig ſei. Er lachte ſelbſt ingrimmig auf, als er dieſen Ge⸗ danken ausbildete und weiter verfolgte, als er daran Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 57 dachte, ſeine zerriſſene Ehre durch ein polizeiliches Zeugniß wieder herſtellen zu wollen. Und ſelbſt eine Unterredung mit dem Polizeirath betreffend, ſtiegen undurchdringliche Schranken vor ihm auf; konnte er doch nicht vor ihn hin⸗ treten und ihm ſagen:„Herr, man hält mich für fähig, auf Sie eingewirkt zu haben, weil Ihre Schweſter— freundlich für mich geſinnt iſt! Geben Sie mir ein Zeug⸗ niß, daß dem nicht ſo iſt, trotzdem Ihre Frau Schweſter ein wenig ſtark compromittirt ſcheint!“ Ah, verflucht, ſo war ihm jede Ausſicht verbaut, wo⸗ hin er ſich wandte, und er konnte nichts thun, als ſich ſeinen Feinden auf Gnade und Ungnade ergeben! Und das wollte er doch nicht— nein, bei Gott, das konnte er nicht! Er mußte wenigſtens den Verſuch ma⸗ chen, Ferdinand Welkermann von ſeiner Unſchuld zu über⸗ zeugen und alsdann deſſen Großmuth die Beſtimmung über den Vollzug des Duells überlaſſen.„Seine Haft wird nur einige Tage dauern,“ dachte er ganz richtig,„kaum einige Tage; denn welches Recht hat Merkel überhaupt, Ferdi⸗ nand Welkermann zu verhaften?“— Und da es ihm nach langem Ueberlegen das Zweckmäßigſte ſchien, ſich über die Dauer der Haft Ferdinands Gewißheit zu verſchaffen, zog er ſich raſch vollſtändig an, um zum Polizeirath zu gehen, 58 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. welchen er ſich ſchon erlauben konnte, ſo früh am Morgen aufzuſuchen. Er warf einen ſcheuen Blick nach ſeinem Schlafzimmer und biß ſeine Zähne in die Lippen, als er hierauf das Zimmer verließ. Doch konnte er ſich nicht enthalten, draußen im Gange ein paar Mal lauſchend ſtehen zu bleiben; aber er hörte kein Geräuſch, als die Stimme des Dienſtmädchens in der Küche, die ihr Tagewerk mit einem halblaut geſungenen Liede begann. Wie wohl that ihm draußen der Anblick des trüben, grauen Himmels, das Wehen eines ſcharfen Nordoſtwindes, welcher ihm zuweilen einzelne, ſchwere Regentropfen prickelnd ins Geſicht jagte; wie angenehm war es ihm bei dieſem häßlichen Wetter, wenige Leute auf der Straße zu ſehen und, wie er glaubte, von keinem Bekannten bemerkt worden zu ſein, als er, nun noch einmal raſch umbiegend, in das Gebäude der Polizeidirektion trat. Der Amtsdiener des Herrn Merkel, welcher in Welden einen genauen Freund ſeines Herrn erkannte, machte trotz⸗ dem ein zweifelhaftes Geſicht bei deſſen Frage nach dem Polizeirath.„Allerdings,“ ſagte er,„iſt derſelbe ſchon ſichtbar, aber ich weiß nicht, Herr Welden, ob....“ „Sie mich anmelden können? Wenn ich Sie nun aber Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 59 verſichere, daß dies die Zeit iſt, welche mir der Herr Po⸗ lizeirath beſtimmt hat?“ „Ah, das iſt etwas Anderes, und bitte ich Sie, nur einzutreten! Der Herr Polizeirath iſt allerdings noch nicht zurückgekehrt— er ging in einer dringenden Angelegenheit zu Seiner Excellenz dem Herrn Polizeiminiſter—, aber die Anderen ſind bereits drinnen.“ Welden war mit ſeiner eigenen Angelegenheit zu ſehr beſchäftigt, um auf die letzte Bemerkung des Amtsdieners beſonderes Gewicht zu legen, und trat durchs Vorzimmer in das Schreibkabinet des Polizeiraths. Faſt wäre er in⸗ deſſen wieder umgekehrt, als er hier neben der Thür einen Mann ſitzen ſah, den er wohl kannte, den geheimen Poli⸗ zeiagenten Schmetterer, der in Dienſtangelegenheiten auf den Herrn Polizeirath zu warten ſchien. Auch befand ſich hier noch ein anderer Herr, in etwas gebückter Haltung in der Nähe des Ofens ſitzend. Er war ſehr gut, ja, mit Auswahl gekleidet und ſchien, obgleich ſich Herr Schmet⸗ terer bei dem Erſcheinen Weldens grüßend erhob, keine Notiz von dem Eingetretenen zu nehmen, denn er wandte nicht einmal den Kopf, ſondern fuhr in der Beſchäftigung fort, einen kleinen, feinen Spazierſtock in die zwiſchen ſeinen Füßen befindliche Ritze des Fußbodens einzubohren. Welden dankte für einen Stuhl, den ihm Herr Schmet⸗ 60 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. terer zuvorkommend anbot, und ging, mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, in dem Zimmer auf und ab, wobei er aber wohl bemerkte, daß der Fremde ſeinen Kopf erhoben hatte und ihn wahrſcheinlich betrachtete; doch ſchaute derſelbe jetzt, als ſich der Ingenieur auf ſeinem Gange umgewandt, mit einem nüchternen, faſt trüben Lächeln an den mit grauen Wolken bedeckten Himmel empor, wobei er leiſe ſeufzte. Welden kannte ihn nicht, obgleich er ſich wohl erinnerte, dieſes Geſicht ſchon irgendwo geſehen zu haben. Jetzt nahten ſich eilige Schritte der Thür, und der Polizeirath trat nach ſeiner Gewohnheit raſch ein, lächelte äußerſt wohlwollend und freundlich, als er Welden zunickte und ihm ſeine Rechte entgegenſtreckte, und wandte ſich hierauf nach einem kurzen Blicke auf Schmetterer gegen den Fremden, der ſich nun ebenfalls erhoben hatte, und ſagte zu dieſem:„Ah, da wären wir alſo wieder, mein lieber Herr Steffler!“ „Ich muß hinzufügen: leider, Herr Polizeirath! Denn es iſt hart, wenn man gezwungen iſt, eine lang pro⸗ jectirte wichtige Reiſe ſo gänzlich unnöthiger Weiſe zu unterbrechen!“ „Machen Sie ſich darüber weiter keine Sorgen; Sie werden Ihre Reiſe ſpäter nicht nur wieder fortſetzen kön⸗ nen, ſondern ich verſpreche Ihnen auch noch eine gute Ent⸗ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 61 ſchädigung, wenn es wirklich wahr ſein ſollte, daß wir Ihre Reiſe unnöthiger Weiſe unterbrechen. Doch ſetzen Sie ſich, ich bitte darum!“ Hierauf ging der Polizeirath zu Welden, der ſich dis⸗ creter Weiſe an das Fenſter zurückgezogen hatte und nun ſagte:„Verzeihen Sie, Herr Polizeirath, daß ich das mir von Ihnen gütigſt ertheilte Paßwort anwandte, um Sie zu ſo früher Morgenſtunde zu ſehen— auch um Sie wahrſcheinlich in wichtigen Geſchäften zu ſtören.“ „Machen Sie ſich darüber keine Sorgen, mein lieber Freund,“ entgegnete der Polizeirath, die Hände reibend. „Hätte ich doch darauf ſchwören wollen, daß ich heute Morgen das Vergnügen haben würde, Sie bei mir zu ſehen!“ „Es wäre mir allerdings ſehr angenehm geweſen, einige Worte mit Ihnen reden zu können.“ „Und warum das nicht? Doch ich verſtehe,“ fuhr der Polizeirath mit einem Blicke auf Steffler fort.„Wiſſen Sie was, ſetzen Sie ſich und nehmen Sie zu Ihrer Unterhaltung eine Zeitung, ſo lange ich ein paar nöthige Worte mit dieſem Herrn rede.“ „Wenn ich Sie nicht ſtöre— doch werde ich mich bemühen, meine ganze Aufmerkſamkeit den Tagesneuig⸗ keiten zuzuwenden.“ 62 Zweinndzwanzigſtes Kapitel. „Davon bin ich überzeugt,“ ſprach der Polizeirath und trat dann dicht zu Herrn Steffler, dem er mit halb⸗ leiſer Stimme ſagte:„Ich habe Sie nur deßhalb gleich nach Ihrer Rückkehr kommen laſſen, da mir Herr Schmet⸗ terer Ihren etwas ſehr lebhaft ausgeſprochenen Wunſch mittheilte, mich zu ſehen.“ „Und darin hatte ich wohl nicht Unrecht, Herr Po⸗ lizeirath,“ verſetzte der Angeredete in einem ſcharfen, heiſeren Tone.„Wenn man ſo plötzlich und ohne allen denkbaren Grund von einem Polizeibeamten angehalten wird, hat man wohl das Recht, nach der Urſache zu fragen.“ „Gewiß, gewiß, Sie haben das Recht, und es ſoll Ihnen auch ſeiner Zeit eine genügende Antwort nicht vor⸗ enthalten bleiben.“ 1 „Seiner Zeit? Ach, Herr Polizeirath, das iſt ein ſchreckliches Wort! Ich hatte wirklich nicht anders er⸗ wartet, als daß es ſich nur vielleicht um eine einfache Frage handle, nach deren Beantwortung man mich wieder meines Weges ziehen ließe. Herr Polizeirath, bedenken Sie, daß ich eine geliebte Braut habe, die meiner ſehn⸗ ſüchtig harrt!“ „Leider ja, ich weiß das, Herr Steffler, aber die ge⸗ bieteriſche Nothwendigkeit geſtattet mir nun einmal nicht, Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 63 Sie ſo raſch, wie Sie denken, wieder zu entlaſſen; doch ſoll Alles zur Beſchleunigung geſchehen, das verſpreche ich Ihnen auf mein Wort, bitte Sie aber dabei, ſich in Geduld zu fügen. Herr Schmetterer wird Ihnen ſchon geſagt haben, daß ich, um Ihre Angelegenheit raſcher zu betreiben, für ein gutes Zimmer hier ganz in meiner Nähe geſorgt habe, ein anſtändiges Zimmer, in welchem es Ihnen durchaus an nichts fehlen ſoll.“ „Ich habe es ſchon geſehen, Herr Polizeirath,“ er⸗ wiederte Steffler mit einem recht traurigen Blicke und einem tiefen Seufzer, den er ſich vergeblich Mühe gab, zu unterdrücken.„Es iſt recht klein und hat ſtark ver⸗ gitterte Fenſter.“ „Wie wir es eben hier haben,“ gab der Polizeirath achſelzuckend zur Antwort;„doch glauben Sie mir, es wird nicht lange dauern, wozu auch Sie ſehr viel beizu⸗ tragen im Stande ſind.“ „Nun denn, es iſt eine Schickung— Sie werden ſehen, daß man mir Unrecht thut.“ Damit machte er eine tiefe Verbeugung und ging, ge⸗ folgt von dem Polizeiagenten Schmetterer, der Thür zu. Dort blieb er aber einen Augenblick wie überlegend ſtehen und ſagte dann, ſich umwendend:„Würde es mir nicht geſtattet ſein, Herr Polizeirath, ein paar wohl⸗ 64 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. wollende Gönner, die ich hier habe, von meiner Rückkehr brieflich in Kenntniß zu ſetzen?“ „Vielleicht, Herr Steffler. Wer ſind dieſe Gönner?“ Der Andere zauderte einen Moment mit der Antwort; dann ſagte er mit einem raſchen Blicke auf Welden und mit lauterer Stimme, als er bisher geſprochen:„Es ſind dies Herr Ferdinand Welkermann, der Sohn des Stadt⸗ ſchultheißen, und der Herr Baron von Rivola.“ Der junge Ingenieur hatte ſich in der That alle Mühe gegeben, die Zeitung mit Aufmerkſamkeit zu leſen, um nicht genöthigt zu ſein, unwillkürlich etwas von dem Geſpräche der Anderen zu vernehmen; doch ſchlug jetzt der laut ausgeſprochene Name der beiden Leute, mit denen er ſich in der letzten Zeit ſehr beſchäftigt, ſo ein⸗ dringlich an ſein Ohr, daß er nicht anders konnte, als aufzuſchauen und auf dieſe Art dem Blicke des Herrn Steffler zu begegnen, der über die Aufmerkſamkeit, welche er erregt, ein ſehr zufriedenes Geſicht machte und ſogar die etwas barſche Antwort des Polizeirathes:„Hoffentlich wird Ihr Beſuch nicht ſo lange dauern, daß Sie nöthig hätten, Ihre Bekannten davon in Kenntniß zu ſetzen,“ zu verſchmerzen ſchien. „Das iſt ein ganz eigenthümlicher Menſch,“ fuhr Herr Merkel, gegen Welden gewandt, fort, nachdem ſich die Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 65 Thür hinter dem unfreiwilligen Gaſte der Polizeidirektion geſchloſſen.„Kannten Sie ihn? Iſt er Ihnen früher ſchon begegnet?“ „Ich meine, ich hätte ihn ſchon geſehen, aber unter ſo gleichgültigen Umſtänden, daß mir nichts mehr davon erinnerlich iſt. Was hat er für eine Beziehung zu Fer⸗ dinand Welkermann oder zu Herrn von Rivola, oder iſt dies vielleicht eine indiscrete Frage?“ „Ganz und gar nicht; ich will Ihnen ſpäter darüber ſagen, was ich vermag. Doch jetzt, mein junger Freund, laſſen Sie mich wiſſen, was Sie ſo früh zu mir her⸗ führt?“ „Sollten Sie keine Ahnung davon haben, Herr Po⸗ lizeirath?“ „Eine kleine allerdings; doch ſcheint mir Ihre Miene zu erregt, als daß Sie nur deßhalb zu mir gekommen wären, um mich darüber ein wenig zur Rechenſchaft zu ziehen, daß ich mich in Dinge gemiſcht, die mich, Ihrer Anſicht nach, eigentlich gar nichts angehen ſollten.“ „Ah, Herr Polizeirath,“ rief Welden,„ich meine, auch einfach dafür könnte wohl meine erregte Miene verzeihlich erſcheinen! Nicht genug, daß Sie mich drei Tage lang hinhalten und mich ſchon dadurch in eine ſchiefe Stellung bringen— nein, ſie verhaften meinen Gegner unter ſo Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. III. 5 66 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. außerordentlichen Umſtänden, daß alle Welt vollkommen das Recht hat, mit den Fingern auf mich zu deuten!“ Je heftiger der Ingenieur dieſe Worte hervorſtieß, um ſo ruhiger, ja, um ſo behaglicher ſchien ſich der Andere zu fühlen; er rieb ſich mit einem lächelnden Geſichtsaus⸗ drucke die Hände, ehe er zur Antwort gab:„Es ſollte mir in der That leid thun, dieſe Wirkung hervorgebracht zu haben. Aber wie iſt das vernünftiger Weiſe denkbar?“ „So einfach, Herr Polizeirath, daß ich es nicht ver⸗ ſtehe, wie Sie nicht ſchon von ſelbſt auf dieſe Idee kom⸗ men,“ verſetzte Welden mit ſehr bewegter Stimme:„Alle Welt weiß, daß ich im Hauſe Ihrer Frau Schweſter wohne, daß ich der Familie derſelben ſehr befreundet bin... 1 „Alle Teufel, daran habe ich nicht gedacht!“ „Sie, Herr Polizeirath, der nicht leicht etwas ver⸗ gißt? Doch freut es mich, daß Sie meine unangenehme Lage einzuſehen ſcheinen— meine fürchterliche Lage!“ fuhr er heftiger fort. „Ah, man hält Sie für fähig, durch meine Schweſter auf mich eingewirkt zu haben, und man glaubt, ich hätte auf mich einwirken laſſen! Das iſt allerdings ſchlimm, aber.... „Man war ſo freundlich, mir mit ziemlich klaren &☛ 4 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 67 Worten in's Geſicht zu ſagen, daß man mich für einen erbärmlichen, feigen Menſchen halte, und um das Gegen⸗ theil zu beweiſen, könnten wohl aus dem einzigen Duell mehrere entſtehen.“ „Hm,“ machte der Polizeirath, indem zum erſten Male heute Morgen auf ſeinem gleichmäßig heiteren Ge⸗ ſichte ein verdrießlicher Zug erſchien,„was iſt aber da zu thun? Glauben Sie mir, mein lieber Freund, daß ich den Ernſt und das Unangenehme Ihrer Lage nicht nur vollkommen einſehe, ſondern auch bereit bin, zu helfen, wo und wie ich kann— aber wie? Darin liegt gerade die Schwierigkeit.“ „Nichts einfacher, als das, Sie erklären öffentlich den wirklichen Grund, warum Sie Herrn Ferdinand Welker⸗ mann unter Hausarreſt geſetzt.“ „Mit Vergnügen— ſchriftlich auf Stempelpapier, um das Duell mit Ihnen zu verhindern.“ „Bah, Herr Polizeirath, das iſt nicht der wirkliche Grund!“ Herr Merkel, der einen Augenblick an's Fenſter ge⸗ treten war, wandte ſich raſch um und blickte den jungen Ingenieur erſtaunt an. „Seien wir ſo aufrichtig gegen einander, wie es der fürchterliche Ernſt meiner Lage verlangt. Ja, Herr Po⸗ * 68 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. lizeirath, Sie ſehen in mir einen ſonſt ruhigen und ziem⸗ lich vernünftigen Menſchen, der aber durch das, was ihm widerfahren, an den Rand der Verzweiflung gebracht iſt. Glauben Sie, ich werde es ertragen, daß Ehrenmänner vor mir die Achſeln zucken, daß Leute wie Herr Beſenbach und Conſorten mir in den Bart ſpucken? Und ſie haben alle Urſache dazu. Deßhalb, Herr Polizeirath, muß ich Sie dringend bitten, mir den anderen, wirklichen Grund zu nennen.“ „Wenn ich nun aber keinen anderen Grund habe, oder wenn....“ „Dieſer Grund vor der Hand noch Amtsgeheimniß bleiben müßte?“ ergänzte Welden.„Erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß ich ſchon bei unſerer Unterredung vor einigen Tagen aus Aeußerungen, die Sie über Wel⸗ kermann thaten, entnahm, daß Ihnen ſeine Perſon als ſolche zu koſtbar ſei, um ſie in den Fall zu bringen, von mir todtgeſchoſſen zu werden.“ „Sie irren, lieber Welden, an der Perſon liegt mir nichts; als Mann des Geſetzes war es mir darum zu thun, das Duell zu verhindern.“ „Iſt das Ihre endgültige Erklärung?“ „Ich weiß keine andere, wenigſtens keine, die ich Ihnen heute zu geben im Stande wäre.“ * 84 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 69 „Ah, das iſt ein Hoffnungsſtrahl!“ rief der junge Ingenieur mit bebender Stimme.„Alſo heute ſind Sie nicht im Stande, mir den wirklichen Grund der Verhaf⸗ tung Welkermann's anzugeben, aber morgen, übermorgen, oder wollen Sie mich wieder in den Bann von drei Tagen thun?“ „Ich will nichts, als Ihr Beſtes, mein lieber Freund,“ erwiederte der Polizeirath, indem er ſich der beiden Hände des jungen Mannes bemächtigte.„Ich will, daß Sie ruhig ſind, ich will, daß Sie das Unangenehme wie ein Mann ertragen, und verſpreche dagegen, Ihnen und der Welt in kürzeſter Zeit eine Erklärung über das Vorge⸗ fallene zu geben, welche gewiß nicht verfehlen wird, Alles zu Ihrem Vortheil aufzuklären.“ Welden blickte düſter vor ſich nieder und verfſetzte dann kopfſchüttelnd:„Es gibt einen Argwohn, der auf uns laſten bleibt, einen Flecken, den wir nicht mehr aus⸗ zutilgen vermögen: es iſt das der Vorwurf der Feigheit, unter deſſen furchtbarem Drucke ich ohne Kraft des Wi⸗ derſtandes mein Haupt beugen muß. Würde man mich eines Mordes beſchuldigen, eines Diebſtahls meinetwegen — es könnte mir vielleicht gelingen, meine Unſchuld zu beweiſen; aber wenn Sie in meinem Falle einen körper⸗ lichen Eid für meine Unſchuld ablegen, man wird trotzdem Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Ihnen und mir nicht glauben, und das einzige Mildernde wäre die Veröffentlichung des Grundes, des wirklichen Grundes, aus welchem Sie, und gerade am heutigen Morgen, Ferdinand Welkermann verhaften ließen. Nennen Sie mir dieſen Grund.“ Der Polizeirath befand ſich offenbar in großer Verle⸗ genheit; er war von dem Fenſter weggetreten und ging, die Hände auf den Rücken gelegt, mit weiten Schritten durch das Gemach. Er hatte in der That eine herzliche Freundſchaft für Welden, denn er achtete deſſen vortreff⸗ liche Eigenſchaften als Menſch, ſeine große Befähigung als Künſtler, und er war nicht einen Augenblick in Zwei⸗ fel darüber, daß ſich Welden durch die Verhaftung Wel⸗ kermann's in einer qualvollen Lage befände; er hätte ſo gern den wirklichen Grund jener Verhaftung geſagt, denn er hatte ja einen anderen Grund; doch erſchien es ihm unmöglich, dadurch ſein gut gelungenes Spiel zu zer⸗ ſtören, denn das mußte er ſich eingeſtehen, ſprach er es einmal aus, daß er den Sohn des Stadtſchultheißen nicht verhaftet habe, um ein Duell zu verhindern, ſo begab er ſich überhaupt des Rechtes zu dieſer Verhaftung, welche nur im Einverſtändniſſe mit dem Vater Ferdinand's zur Verhütung einer großen Thorheit für einige Tage möglich war,— nannte er den wirklichen Grund, ſo war das 8 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 71 gerade ſo, als wenn auf der Menſur ein Fechter zum an⸗ deren ſpräche:„Decke deine Bruſt, decke dein Herz, dort⸗ hin zielt die Spitze meines Degens!“ Und wenn der Polizeirath dagegen im Vorbeiſchreiten in die auf ihn gerichteten brennenden Blicke des jungen Mannes mit dem beinahe flehenden Ausdrucke ſchaute, fühlte er ſich faſt bewogen, etwas zu thun, was er noch niemals gethan: ein Amtsgeheimniß zu verrathen— faſt, ſagen wir, denn als er eben im Begriffe war, es zu thun, erſchien ihm ſein Amtsdiener wie ein rettender Engel und meldete den Bankdirektor, Herrn Schwemmer, ſowie den Chef der Notenfabrikation, Herrn Scholtze. Welden fuhr mit einem unangenehmen Gefühl empor und ſagte, als ihm der Polizeirath mit einem bedauern⸗ den Achſelzucken voll in das Geſicht ſah:„So wäre das alſo heute Morgen verlorene Zeit und Mühe geweſen; ich verlaſſe Sie für jetzt, Herr Polizeirath, da ich nicht in⸗ discret genug bin, noch zu bleiben. Doch habe ich eine Bitte, welche Sie mir hoffentlich nicht abſchlagen werden: Sie können Sich denken, daß es mich drängt, Herrn Fer⸗ dinand Welkermann zu ſprechen, und bitte ich, mir dazu eine ſchriftliche Ermächtigung zu geben.“ „Sollte das nothwendig ſein?“ „Wer weiß— aber es wäre mir für alle Fälle 72 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. wünſchenswerth, und dieſe Bitte werden Sie mir hoffent⸗ lich nicht abſchlagen.“ „Sie verkennen mich in der That, lieber Welden,“ erwiederte Herr Merkel, zum Tiſche tretend, um dort die verlangten Zeilen niederzuſchreiben.„Ich würde Ihnen auch jeden anderen Wunſch erfüllen, wenn nicht die unan⸗ genehmſte Nothwendigkeit mir das heute noch zu thun verböte. Aber glauben Sie mir, daß ich in dieſer fatalen Angelegenheit für Sie ſo beſorgt ſein werde, wie Sie es nur ſelbſt ſein können, und daß ich feſt von einem befrie⸗ digenden Reſultate überzeugt bin.“ „Das bin ich auch,“ ſagte Welden mit dumpfer, ei⸗ genthümlich klingender Stimme und einem ſeltſamen Lächeln, worauf er das gewünſchte Papier aus den Hän⸗ den des Polizeiraths empfing und ſich nach einer tiefen Verbeugung entfernte. Unter der Thür begegnete er den angemeldeten beiden Herren, von denen der Bankdirektor Schwemmer in ſicht⸗ licher Aufregung eintrat, was er dadurch bewies, daß er ſich mit ſeinem Taſchentuche Kühlung zufächelte und das⸗ ſelbe wiederholt an ſeine Stirn drückte, als wollte er dort nicht befindlichen Schweiß abtrocknen. Auch ließ er ſich ſogleich in den Lehnſtuhl neben dem Schreibtiſche nieder 4 — Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 73 und reichte dann erſt mit einem matten Lächeln dem Po⸗ lizeirath ſeine Rechte zur Begrüßung. „Ihre Aufregung verſpricht etwas,“ ſagte der letztere mit einem zufriedenen Lächeln, doch ſollten Sie das alles gleichmüthig nehmen, verehrter Herr Bankdirektor, und in Ihrem Aeußern nichts davon verrathen.“ „Das thue ich auch gewöhnlich nicht, und Herr Scholtze muß mir bezeugen, daß ich an ſeiner Seite lächelnd durch die Straßen ſchritt; aber hier, unter Freunden, laſſe ich meine Maske fallen und mache durch⸗ aus kein Hehl daraus, daß mich dieſe fürchterliche Ge⸗ ſchichte auf's tiefſte erſchüttert.“ „Setzen Sie ſich, Herr Scholtze, wenn ich bitten darf, und laſſen wir uns ruhig über die Angelegenheit reden. Alſo es gibt etwas Neues?“ Der Chef der Notenfabrikation hatte ebenfalls Platz genommen und ſagte nun, indem er ſeine Brieftaſche her⸗ vorzog:„Allerdings gibt es etwas Neues, und zwar die Beſtätigung, daß wir es mit einer Fälſchung in großar⸗ tigem Maßſtabe zu thun haben.“ „Dem lieben Gott ſei es geklagt,“ ſeufzte Herr Schwemmer.„Sie können ſich denken, Verehrteſter, daß in den letzten Tagen alle eingelaufenen Noten mit mehr als Argusaugen betrachtet wurden; Verdächtiges fand ſich al⸗ * 74 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. lerdings, aber geſtern erſt die troſtloſe Gewißheit. Be⸗ trachten Sie die beiden Tauſendgulden⸗Noten in der Hand des Herrn Scholtze gegen das Licht, und Sie werden fin⸗ den, daß das Waſſerzeichen an manchen Stellen kaum noch zu ſehen, an manchen aber ganz verſchwunden iſt.“ „Ich conferirte darüber geſtern mit unſerem erſten Chemiker, dem Profeſſor Förſter, der meine Anſicht be⸗ ſtätigte, daß das Waſſerzeichen zwar mangelhaft, aber doch zugleich mit dem Papier fabricirt ſei, und daß den undeutlichen Stellen deſſelben mit einer Säure nachgehol⸗ ſen worden ſei, die daſſelbe freilich täuſchend herſtellt, welche aber im Verlaufe von Jahren wieder gänzlich ver⸗ 4 ſchwindet.“ „— „Und hätten wir trotz alledem noch zweifeln können,“. · fuhr der Bankdirektor fort,„ſo hätte ſich die Fälſchung durch etwas Anderes bis zur Evidenz erwieſen: dem Pro⸗ feſſor Förſter erſchien eine Zahl— hier, die zweite in 3 der fortlaufenden Nummer— etwas verdächtig; er machte einen Verſuch, und wie Sie genau ſehen, fand ſich, daß 1 dieſer undeutlich erſchienenen Zahl künſtlich nachgeholfen worden war, aber ſtatt mit Druckerſchwärze, was auch 24 bei der größten Sorgfalt nicht gut möglich war, mit chineſiſchem Tuſche, der ſich bei der Probe auflöste.“ K * „— Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 7⁵ „A— a— a—ah,“ ſagte der Polizeirath,„das ſind ſehr wichtige und erfreuliche Thatſachen!“ „Erfreulich— das kann ich nun gerade nicht ſagen!“ rief der Bankdirektor ſchmerzlich. Doch bin auch ich wenigſtens darüber erfreut, daß wir einmal ſeſten Grund unter den Füßen fühlen!“ „Aber einen Grund, dem viel Unangenehmes für uns alle entſprießen muß,“ ſagte der Chef der Notenfabrika⸗ tion;„denn Profeſſor Förſter iſt nicht nur Ihrer Anſicht, Herr Polizeirath, daß die Farbe an den Brandrändern dieſer Fünfhundertgulden⸗Note verdächtig iſt, ſondern er hat durch einen ähnlichen Verſuch wie bei der Tauſend⸗ Men⸗ Note ſich überzeugt, daß auch hier, und zwar bei e F am Anfange des Wortes Fünſhundert, mit Tuſch nachgeholfen worden iſt.“ „A— a— a—ah,“ rief der Polizeirath aufſpringend, „das iſt für mich von ungeheurer Wichtigkeit! Wenn dieſe Füßndertgulden⸗Note wirklich falſch iſt, ſo rufe ich mit c ten aus, wie der Seemann. nach monatelanger a , Land!“ äre immerhin ſchon etwas,“ meinte Herr Schweminer; aber nach meinem Berichte an Seine König⸗ liche Mazxſtät über das ganze namenloſe Unglück melde ich mich kräͤnk und nehme einen vierwöchentlichen Urlaub.“ 76 Zweiundzwanzigſtes Käpitel. „Wer wird ſo kleinmüthig ſein, Herr Bankdirektor, und was haben Sie denn zu fürchten? Gar nichts! Nur dürfen Sie keinen voreiligen Bericht machen— wir dür⸗ fen erſt dann über die Thatſache dieſer Fälſchung berich⸗ ten, wenn wir zu gleicher Zeit ſagen können: da iſt das Verbrechen und hier ſind die Verbrecher, Alles hübſch bei einander.“ „Das wäre allerdings ein Milderungsgrund— und glauben Sie in der That, eine Spur gefunden zu haben?“ „Ich bin davon überzeugt; doch geſtatten Sie mir noch einige Fragen: wo fanden ſich dieſe offenbar falſchen Notenſcheine?“ „In der Kaſſe der Bank ſelber— das iſt für mich gerade das Unheimlichſté der ganzen Geſchichte.“ „Wer hat die Pakete ſortirt, in welchen man ſie ge⸗ funden?“ „Der junge Welkermann— apropos,“ rief der Bank⸗ direktor, indem er ſich aufrichtete und Herrn Merkel mit großen Augen anſchaute,„das hätte ich ja ver⸗ n geſſen: Sie haben mir ja heute den Welkerme, einen meiner beſten Arbeiter, verhaftet.“ „Verhaftet kann man eigentlich nicht ſagen,“ erwie⸗ derte der Polizeirath mit ſanfter Stimme;„ich ſagte „ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 77 Ihnen ja ſchon, daß ich es im Einverſtändniß mit dem Herrn Stadtſchultheißen für nothwendig hielt, deſſen Sohn von einem thörichten Duell abzuhalten, und war der⸗ Herr Stadtſchultheiß mit mir darüber einig, dem etwas leichtſinnigen jungen Menſchen ein paar Tage Hausarreſt zu geben.“ „Ah ſo, dagegen läßt ſich durchaus nichts einwenden.“ „Nun aber noch eine andere Frage: Haben Sie nichts darüber herausgebracht, ob beſonders in letzter Zeit von irgend einer Seite her ein auffallender Notenumſatz ſtatt⸗ gefunden hat?“ „Ein auffallender— nein,“ erwiederte der Bankdirek⸗ tor, und von verdächtiger Seite her noch weniger; nur glaubt ſich einer der Bankdiener zu erinnern, daß Herr Ferdinand Welkermann eines Tages Noten in den betref⸗ fenden Kaſſenſchrank gethan und dafür andere herausge⸗ nommen, die er in ſeine Brieftaſche gelegt— allerdings ein nicht ganz richtiges Verfahren, für welches ich auch nicht ermangeln werde, dem Welkermann ernſte Vorſtel⸗ lungen zu machen. Aber nun bitte ich Sie um Alles, Herr Polizeirath, laſſen Sie auch uns etwas von dem Lichte ſehen, das Sie in dieſer finſtern Angelegenheit ent⸗ deckt zu haben glauben.“ 4 Der Polizeirath machte ein auffallend ernſtes Geſicht 78 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. und ſagte dann in einem beſtimmten Tone:„Verzeihen Sie mir, Herr Bankdirektor, daß ich das für heute noch nicht zu thun im Stande bin: der Schein, den ich ſehe, könnte ſich möglicher Weiſe auch als ein Irrlicht dar⸗ ſtellen; ſobald ich aber einmal ganz klar ſehe, und ich zweifle nicht, daß dies der Fall ſein wird, werde ich Ihnen gewiß meine Entdeckung nicht vorenthalten— ver⸗ trauen Sie meiner Umſicht und Thätigkeit.“ — Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Weldens Angelegenheit, ſein verhindertes Duell anbe⸗ langend, hatte ſich für ihn ſo unangenehm entwickelt, als er es an dem betreffenden Morgen in ſeiner finſteren Phantaſie vorausgeſehen. Nachdem er hierauf ſpäter den Polizeirath verlaſſen, hatte er einen Brief an Ferdinand Welkermann geſchrieben, worin er dieſen um eine Unter⸗ redung gebeten, darauf aber die Antwort erhalten, er, Welkermann, könne ſich durchaus nicht entſinnen, welches Geſchäft Herr Welden mit ihm abzumachen habe— ſollte es eine gewiſſe Angelegenheit betreffen, ſo ſei dazu die be⸗ kannte Mittelsperſon, Herr Lieutenant von Miltau in Anſpruch zu nehmen.. Welden verſuchte hierauf, den Herrn Baron von Ri⸗ vola zu ſprechen, doch ſagte man ihm auf Eichenwald, 80 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. die Familie ſei nach der Stadt gefahren und würde ſchwerlich in den nächſten Stunden zurückkehren. Auch wurde ihm ein Schreiben, das er auf dem Landhauſe zurückließ und worin er für den folgenden Tag um eine Unterredung bat, am nächſten Morgen von dem Freiherrn — mit den kurzen Zeilen beantwortet: ‚obgleich der ergebenſt Unterzeichnete ſich nicht genau erinnere, daß er etwas Ge⸗ ſchäftliches mit dem Herrn Ingenieur Welden zu verhan⸗ deln habe, ſo werde er doch morgen Nachmittag zwiſchen zwei und vier Uhr auf ſeinem Landhauſe zu ſprechen ſein.“. Welden machte ſich ſchon gleich nach Mittag auf den Weg und ging langſam die Höhen hinan bis zu den Trümmern des alten Wartthurmes, an welchen er ſich eine Zeit lang, auf die Stadt hinabblickend, lehnte. Er hatte keinen beſtimmten, am allerwenigſten einen heiteren Gedanken, den er verfolgte, und die Bilder der letzten Tage waren ſo trauriger, entſetzlicher Art geweſen, daß er nur mit einem ſchmerzlichen Ausrufe des Tages ge⸗ denken konnte, an welchem er zuletzt hier oben geſtanden und wo er ſo unverhofft durch die Erſcheinung Lucy's von Rivola erfreut worden war. Wie hatte ſich in der kurzen Zeit alles das geändert, und obgleich rings umher der warme Hauch einer ent⸗ * Dreiundzwanzigſtes Kapitel. 81 zückenden Frühlingsluft auf ihn einwirkte, ſo hätte er doch viel lieber Schnee und Eis auf den Fluren geſehen, an ſeiner heißen Stirn gefühlt, als in ſeinem Herzen, aus dem alle Frühlings⸗ und Lebensluſt verſchwunden war. Wie hatten ihm die kalten, kurzen Zeilen des ihm ſonſt ſo fveundlich geſinnten Freiherrn von Rivola durch die Seele geſchnitten— alſo auch da wußte man ſchon genugſam von ſeiner Angelegenheit.—„Deſto beſſer,“ murmelte er trotzig durch die zuſammengebiſſenen Zähne, „ſo kann ich mir jede Einleitung erſparen!“ Er ſchritt rüſtig aus und hatte in Kurzem Eichenwald erreicht. Ob man dort ſeine Ankunft ſchon von Weitem be⸗ merkt oder ob ſich der Kammerdiener zufällig im Garten befand, um ihn in ein kleines Vorzimmer neben dem Schreibeabinet zu führen, wo er einen Augenblick warten möge, anſtatt in den Salon zu Frau von Rivola, wie ſonſt wohl geſchehen, wenn der Herr des Hauſes ver⸗ hindert war, ihn augenblicklich zu empfangen— was lag daran, es war das eine bezeichnende Nachſchrift zu den erhaltenen Zeilen, und er wartete geduldig. Frau von Rivola war zu Hauſe: er hörte den Ton ihrer Stimme, als ſie die Thür des Salons öffnete und dem dort wahrſcheinlich auf der Schwelle befindlichen Hackläͤnder, Das Geheimniß der Stadt. III. 6 82 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Diener einige Worte ſagte. Auch Lucy war da: er ver⸗ nahm die leiſe wiederhallenden Töne ihres Flügels, welcher in dem Zimmer der Frau von Rivola ſtand. Wie oft hatte man ihn, an das Inſtrument gelehnt, zuhorchen laſſen, eine Gunſt, die ihm damals nicht ſo groß er⸗ ſchienen war, wie jetzt; denn was würde er im gegen⸗ wärtigen Augenblicke darum gegeben haben, wenn ihn Lucy hereingerufen, wenn er hätte zuſchauen dürfen, wie ihre feinen Finger über die Taſten flogen, ihrem präch⸗ tigen Spiele lauſchend, wenn ſie ihr glänzendes Auge zu ihm mit der Frage erhoben hätte: Gefällt Ihnen das, mein lieber Herr Welden, oder ſoll ich Ihnen etwas Anderes ſpielen? Ob wohl der Kammerdiener angewieſen war, ihn anders zu empfangen, als ſonſt? Er mochte das nicht glauben. Auch hatte ihn der alte Mann freundlich, wie immer, in das kleine Vorzimmer geleitet und dort einen Stuhl herbeigerückt. „Sie kommen etwas zu früh, Herr Welden, es iſt erſt halb zwei Uhr; doch wird der gnädige Herr, der ſich in der Stadt befindet und immer ſehr pünktlich iſt, ſicher um zwei Uhr erſcheinen.“ Und ſo war es denn auch: die Uhr auf dem Kamine zeigte noch einige Minuten vor der bezeichneten Stunde, f Dreiundzwanzigſtes Kapitel. als Welden das Rollen eines Wagens vernahm, der an der Seite des Hauſes neben dem Stallgebäude hielt, ſo⸗ wie gleich darauf den feſten, ſchweren Schritt des Herrn von Rivola, der raſch in das anſtoßende Schreibzimmer eintrat und ſich dort, wie der junge Ingenieur hörte, in ſeinen Lehnſtuhl niederließ. Doch verblieb er nicht lange ſo, ſondern Welden vernahm, wie er gleich darauf mit haſtigen Schritten in dem Schreibzimmer hin und her ging. Die Uhr zeigte ſchon zehn Minuten nach Zwei, als der Kammerdiener vom Gange her eintrat und dem War⸗ tenden zuflüſterte:„Der gnädige Herr ſcheint Sie ver⸗ geſſen zu haben, ich werde ihn nochmals an Sie er⸗ innern.“ „Bitte aber, hinzuzuſetzen, daß ich gern länger warte und auch die Zeit dazu habe, wenn es dem Herrn Baron ungelegen ſein ſollte, mich jetzt zu ſehen.“ In der That dauerte es auch noch eine gute Weile, ehe der Kammerdiener die Thür öffnete und den jungen Mann durch eine Handbewegung erſuchte, einzutreten. Herr von Rivola ſtand am Fenſter, und als er ſich langſam gegen Welden umwandte, erſchrack dieſer über die auffallende Bläſſe ſeines Geſichtes. Auch lag etwas Verſtörtes über den Zügen des alten Freiherrn, das er 84 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. vergebens durch ein ſehr kaltes Lächeln zu verdecken ſich bemühte. „Sie haben mich zu ſprechen gewünſcht,“ ſagte er, indem er mit ſteifer Förmlichkeit auf einen Stuhl zeigte und ſich ſelbſt langſam und mühevoll in ſeinen Schreib⸗ ſeſſel niederließ. „Erlauben Sie mir, daß ich ſtehen bleibe,“ ſagte Welden nach einer abſichtlich ziemlich langen Pauſe, wäh⸗ rend welcher er darauf gewartet hatte, daß ihn Herr von Rivola anſchauen würde; doch dieſer hatte ſeine Augen auf den Fußboden geheftet, hatte die Hände gefalten und ganz das Ausſehen eines Mannes, der viel mehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt iſt, als mit dem, was der Andere im Begriffe iſt, ihm zu ſagen. „Sie erlauben mir, ſtehen zu bleiben?“ wiederholte deßhalb Welden in lauterem Tone. „Wie es Ihnen beliebt— gewiß,“ verſetzte Herr von Rivola, aus ſeinen Träumereien auffahrend. „Geſtatten mir vielleicht auch, offen und ehrlich mit Ihnen zu reden, Herr Baron, wie ich das ſtets gethan?“ „Auch das— ah ja, ich erinnere mich, Ihre Worte waren ſtets die eines offenen und redlichen Mannes,“ er⸗ wiederte der Andere, wobei er auf den Ausdruck„Worte“ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. 85 einen ſo beſonderen Nachdruck legte, daß Welden fragen mußte: „Nur meine Worte, Herr Baron?“ „Habe ich ſo geſagt? O, wenn es Ihnen gefällig wäre, wollen wir nicht über Worte ſtreiten, noch viel weniger über den Ausdruck derſelben; Sie baten mich um eine Unterredung, me voilà, und vielleicht halten Sie es nicht unartig von mir, daß ich ſpäter Anderes zu thun habe?⸗ Der junge Mann biß die Lippen auf einander, und man ſah es ſeinem leuchtenden Blicke an, daß er im Be⸗ griffe war, etwas darauf zu erwiedern, was er vielleicht im nächſten Augenblicke bereut hätte; doch zwang er ſich, trat einen Schritt näher und ſagte alsdann, nachdem er ſich raſch mit der Hand über die Stirn gefahren, in dem tiefen, treuherzigen Tone, der ihm ſo eigen war:„Herr Baron, ich bitte Sie herzlich, unſere Unterredung nicht in dem Tone fortführen zu wollen, wie Sie dieſelbe be⸗ gonnen, und muß ich Ihnen wiederholen, daß nicht nur meine Worte Ihnen gegenüber ſtets offen, ehrlich und frei von jedem Vorwurfe waren— ja, ich habe Sie um eine Unterredung gebeten, um Ihnen zu beweiſen, daß es unrecht iſt, mich darunter leiden zu laſſen, daß die Macht der Verhältniſſe ſtärker iſt, als ich.“ 86 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Und nun erzählte er ihm mit kurzen, aber beſtimmten Worten, was ſich geſtern Morgen in ſeinem Zimmer be⸗ geben, ohne irgend einen Namen zu nennen, ohne aber auch als Mann dem Manne gegenüber irgend etwas Er⸗ hebliches zu verſchweigen, und dabei wußte es Gott allein, wie ſchmerzlich es ihm wurde, ſich gerade dem, dernvor ihm ſaß, ſo ohne Rückhalt entdecken zu müſſen. Aber er hielt es für nothwendig, von jener wilden Be⸗ täubung zu ſprechen, die ihn umfangen gehalten, die ihn verhindert, ſein Zimmer, das Haus, in welchem er wohnte, fruͤher zu verlaſſen, als es ſelbſt nothwendig geweſen wäre, um zur beſtimmten Stunde auf dem be⸗ zeichneten Platze zu erſcheinen. „Daß etwas Entſetzliches in dem Zuſammentreffen aller dieſer Umſtände für mich liegt, brauche ich Ihnen wohl nicht zu ſagen, aber hier hebe ich meine Hand zum Schwure auf und nehmen Sie meine Verſicherung als den feierlichſten Eid, daß ich weder etwas geahnt von der Verhaftung Ferdinand Welkermanns, noch viel weniger etwas dazu beigetragen!“ Der alte Herr hatte Welden aufmerkſam zugehört und that einen tiefen Athemzug, als jengr geendet. Daß er keine Lüge geſprochen, dafür zeugte der offene und ehrliche Blick ſeines Auges. Das ſchien auch Herr von Rivola — 1 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. 87 zu empfinden, denn er nickte leicht mit dem Kopfe, um aber gleich darauf achſelzuckend zu ſagen:„Und wenn dem in der That ſo iſt, ſo würden Sie doch das Opfer dieſes Zuſammentreffens von Umſtänden ſein, und wenn ein Gott ſichtbares Zeugniß für Sie ablegte, die Welt wird Sie, verzeihen Sie mir den harten Ausdruck, nicht nur für einen feigen Menſchen halten, ſondern auch, was eben ſo ſchlimm iſt, für einen Niederträchtigen, der den Ruf einer armen Frau compromittirt hat, um ſich aus der unangenehmen Geſchichte zu ziehen.“ „Herr von Rivola!“ brauſte der junge Ingenieur auf. „Ich habe geſagt, die Welt wird ſo ſprechen.“ „Und Sie dachten ſo— o, ich las das in dem kalten Tone Ihrer Zeilen!“ „Wenn ich wirklich ſo gedacht,“ entgegnete der Andere in einem kühlen Tone,„ſo können Sie mir auch meine Zeilen nicht verübeln, denn ich erlaubte mir, hier auf dieſer Stelle meine Anſicht über das, was auf die Ihnen angethane Beleidigung folgen müſſe, ſehr klar, denke ich, aus einander zu ſetzen— Sie handelten anders. 64 „Ich nicht, Herr Baron— bei Gott, ich nicht— die Umſtände handelten für mich, und wenn Sie meinen Worten von vorhin nur den geringſten Glauben ſchenken, 88 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ſo bitte ich Sie um Ihren Rath, was ich weiter thun ſoll.“ „Der iſt nicht leicht zu geben, ja, unmöglich: thun Sie, was Sie wollen, die Welt wird Ihnen keinen Glauben ſchenken.“ „Die Welt?“ rief der junge Mann heftig aus.— „Wer iſt denn die Welt, die es wagen kann, uns ſo zu tyranniſiren? Wer hat das Recht, uns zu Tode zu hetzen mit den grimmigen Furien der Verleumdung?“ „Die Welt oder was wir ſo nennen, iſt allerdings ein Phantom, das aus Tauſenden von Zungen beſteht, von denen wir nicht im Stande ſind, einer einzigen Still⸗ ſchweigen zu gebieten.“ „Dann kümmert mich die Welt auch nicht, wenn ich es nur vermag, denen, an deren Achtung und Freund⸗ ſchaft mir gelegen iſt, meine Unſchuld zu beweiſen.“ „Und können Sie das?“ fragte Herr von Rivola mit einem zweifelhaften Lächeln. „A— a— a—ah, dieſe Frage aus Ihrem Munde wirft mich furchtbar darnieder— alſo auch Sie, Herr Baron, der mich ſeit Jahren kennt, der mir die herzlichſte Freund⸗ ſchaft bewieſen, der mich, einen Wann ohne Rang und Namen, freundſchaftlich bei ſich im Kreiſe ſeiner Familie aufgenommen— auch Sie glauben mir alſo nur aus — .. — — Dreiundzwanzigſtes Kapitel. 89 Höflichkeit, vielleicht aus Mitleiden, nicht aus Ueberzeu⸗ gung?“ Welden zuckte furchtbar zuſammen und drückte ſeine Hände einen Augenblick mit einem Ausrufe des Schmerzes gegen ſeine Stirn, als er bemerkte, wie Herr von Rivola, die Achſeln zuckend, neben ihm vorbei in's Leere hinaus⸗ ſchaute.—„Alſo auch Sie?“ Der alte Herr erhob ſich langſam und trat an das Fenſter, von wo er, ohne Welden anzuſchauen, herüber ſprach:„Und doch will ich Ihnen einen Rath geben: Sie ſind ein Mann von großen Kenntniſſen, Sie haben viel gelernt, Sie ſind jung, ach, und die Jugend iſt ein großes Glück— man vergißt, man ſchmiegt ſich leichter — verlaſſen Sie die Stadt, das Land und kümmern ſich den Teufel um das, was man Ihnen hier nachredet.“ „Ja,“ antwortete der Andere mit dumpfem Tone, „das ließe ſich auf Wochen, auf Monate, auf Jahre thun, bis mich irgend eine gute Seele in Amerika, in Aſien wiederſieht und dort derſelben Welt, von der Sie vorhin ſprachen, darüber Aufklärung gibt, warum ich eigentlich mein Vaterland verlaſſen— und dann— nein, Herr Baron, jetzt von hier verſchwinden, gäbe ich der Verleumdung Recht; vielleicht bleibt mir noch ein anderer Weg: ich werde alle Rückſicht bei Seite ſetzen, ich werde 90 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. mich an die Ferſen des Polizeirathes heften, ich werde ihn zwingen, daß er öffentlich den Grund angibt, weßhalb er Ferdinand Welkermann verhaftet.“ „Um das Duell zu verhindern.“ „O nein, das iſt nicht der wahre Grund, hat er mir doch ſelbſt geſtanden, daß er vielleicht in einigen Tagen im Stande ſein werde, durch Nennung eines anderen Grundes meine Unſchuld zu beweiſen.“ Während der eben ſtattgehabten Unterredung hatten die Geſichtszüge des Herrn von Rivola die Bläſſe, welche dem jungen Manne aufgefallen war, verloren und beinahe ihre natürliche Farbe wieder angenommenz; jetzt aber, bei den letzten Worten Weldens erſchien der alte Herr bleicher wie zuvor; alle Energie war von ſeinen Zügen gewichen, ſeine ſoeben noch feſt zuſammengepreßten Lippen waren ſchlaff und faltig. Letzteres aber dauerte nur einen Augenblick, dann raffte er ſich mit einem etwas erkünſtel⸗ ten Lächeln auf und ſagte, indem er das Geſicht dem Fenſter zuwandte:„Redensarten das— und was könnte eine Veranlaſſung abgeben, gegen Herrn Ferdinand Wel⸗ kermann auf dieſe Art einzuſchreiten— gegen ihn, den Sohn des Stadtſchultheißen, eines ſo geachteten Mannes — gegen ihn, der vielleicht, wie viele junge Leute, ein leichtes Leben führt, aber, ſo viel ich weiß, nie zu einer Dreiundzwanzigſtes Kapitel.* 91 Klage Veranlaſſung gab, welche ihn mit der Polizei in Berührung bringen könnte?“ „Das iſt ganz meine Anſicht— ich dachte ſchon: Schulden, doch würde der Polizeirath Merkel, wenn das der Fall wäre, jeden anderen Verſuch gemacht haben.“ „Gewiß— ich glaube nicht, daß Herr Welkermann Schulden hat, die ihn geniren— es wäre dies wenigſtens⸗ unverantwortlich bei den Quellen, die ihm zu Gebotag 3 ſtehen.“— Die letzten Worte murmelte Herr von Rivola faſt unhörbar.—„Alſo iſt das Duell der einzige Grund, und kann ich nur bedauern, daß Sie nicht raſcher zu Werke gegangen ſind.“ „Auf die Gefahr hin, Ihre Zeit länger in Anſpruch zu nehmen, als es Ihnen vielleicht lieb iſt,“ gab hierauf der Ingenieur in ſehr ruhigem und feſtem Tone zur Ant⸗ wort,„muß ich mir doch erlauben, Ihnen zu ſagen, daß ein Zuſammentreffen von Umſtänden mich zu der Anſicht führt, als läge in der That ein anderer Grund zur Ver⸗ haftung Ferdinand Welkermann's vor.“ „Und welche Umſtände, wenn ich bitten darf?“ „Ich war geſtern früh bei dem Polizeirath Merkel.“ „Sie verkehren viel mit der Polizei, wie mir vor⸗ kommt?“ „Nicht mehr, als mir nöthig erſcheint.— Che ich 4 4 92 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. aber dort mit Herrn Merkel verkehren konnte, war ich, ohne das gerade zu wollen, Zeuge einer kurzen Unter⸗ redung zwiſchen dem Polizeirathe und einem jungen Manne, der, wie es den Anſchein hatte, von einer Reiſe ziemlich unfreiwillig zurückgekehrt war, denn ich ſah ihn in Begleitung eines Polizeiagenten und hörte, wie man ihn auf ein Zimmer der Polizeidirektion brachte.“ Herr von Rivola hatte ſeine Hand feſt auf den bron⸗ zenen Griff des Fenſterverſchluſſes gelegt, wobei er ſo an⸗ gelegentlich in die Landſchaft hinausblickte, daß man hätte glauben können, er überhöre die Worte des Anderen, wenn er nicht mit leiſer Stimme gefragt hätte:„Und in welchem Zuſammenhange glauben Sie nun, daß der junge Mann mit Herrn Welkermann ſteht?“ „Das weiß ich nicht, nur hörte ich, daß er, ehe er in Begleitung des Polizeiagenten das Zimmer verließ, die Frage ſtellte, ob es ihm nicht vergönnt ſei, hieſige Gönner von ſeinem unfreiwilligen Aufenthalte in Kennt⸗ niß zu ſetzen.“ „Erſtaunlich— und als ſeinen Gönner bezeichnete er Herrn Ferdinand Welkermann?“ „Ja, Herr Baron, und nannte auch noch einen anderen Namen, den Ihrigen.“ „A—g— g— ah— in der That, außerordentlich— 1 4 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. 93 vielleicht ein armer Teufel, dem ich Wohlthaten erzeigt — Sie kannten jenen jungen Mann nicht?“ „Ich kannte ihn nicht, hörte aber, daß ihn der Po⸗ lizeirath Steffler nannte.“ „Ein Name— mir gänzlich— unerinnerlich,“ ſprach Herr von Rivola nach einer Pauſe, während welcher er offenbar über dieſen Namen nachgedacht hatte.„Aber ich begreife immer noch nicht, wie die Sache mit Herrn Welkermann damit in Zuſammenhang gebracht werden kann.“ „Aufrichtig geſagt, bin auch ich nicht im Stande, eine ſolche Verbindung nachzuweiſen; doch es gibt Alunenhihe wo ein einziges Wort im Stande iſt, uns das Dunkel einer ganzen Reihe unerklärlicher Thaten aufzuhellen, ein Licht, allerdings raſcher wieder verſchwindend, wie ein Blitzſtrahl in der Nacht— aber er hat zu unſeren Füßen den Pfad erleuchtet, der uns ſicher am Rande des Ab⸗ gr undes hinführt.“ Ein ſchwerer Seufzer rang ſich aus der Bruſt des alten Herrn.— Er hatte jetzt beide Hände auf den Bronzegriff am Fenſter geſtützt und ſeinen Kopf darauf gelegt. So verharrte er über eine volle Miute, und als er ſich hierauf umwandte und zu Welden mit, matter Stimme ſagte:„Entſchuldigen Sie mich, ich⸗ fühlté anich 94 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. heute Morgen ſchon angegriffen und jetzt ernſtlich un⸗ wohl!“ da war ſein Ausſehen ganz ſo, um dieſen Worten vollen Glauben beimeſſen zu laſſen. „Ich bedauere das aufrichtig,“ entgegnete Welden, nhatte ich doch immer noch gehofft, heute ſo von Ihnen ſcheiden zu können, wie ich bis jetzt immer ſo glücklich war, es zu thun, mit dankbarem Herzen von einem wohl⸗ wollenden Freunde— ſo aber....“ Er vollendete den begonnenen Satz nicht, da er ſah, wie Herr von Rivola, auf ſeinen Lehnſeſſel niederſinkend, ihm wie zum Abſchiede mit der Hand winkte; nur ſagte er noch, ehe er das Zimmer verließ:„Ich darf mich vielleicht noch nach dem Befinden der verehrten Frau Baronin und Fräulein Lucy's erkundigen?“ „Sie befinden ſich wohl— ſehr wohl— ich danke Ihnen— ſind aber beide verhindert, Sie zu ſehen.“ Ein ſchmerzliches Lächeln flog über die Züge des jungen Mannes, als er durch das Vorzimmer auf das Veſtibule trat, und ſein Blick wurde nicht heiterer, als er auch jetzt wieder die Töne vernahm, welche Lucy ihrem Inſtrumente entlockte. Sie ſpielte ein Volkslied, deſſen Worte er ihr erſt vor Kurzem aufgeſchrieben: Ich möcht' am liebſten ſterben, Da wär's auf einmal ſtill. ——— 8—ö—— Dreiundzwanzigſtes Kapitel. 95 Worte und Geſang folgten ihm zum Hauſe hinaus und begleiteten ihn auf ſeinem einſamen Gange nach der Stadt. Aber wenn ſein Herz grauſam zerriſſen war, ſein Denken, ſein Fühlen von einer tiefen Nacht umgeben, in der ihm kein Hoffnungsſtrahl mehr leuchtete, ſo war doch der Zuſtand ſeines Innern wahrhaft beneidenswerth, ja, wahrhaft glückſelig zu nennen im Gegenſatze zur ver⸗ zweiflungsvollen Stimmung des Herrn von Rivola. Als Welden den Freiherrn von Rivola verlaſſen hatte, ſank dieſer auf erſchreckende Art in ſeinem Seſſel zuſam⸗ men.— Ja, ja, es war ein anderer Grund vorhanden, um deſſentwillen Ferdinand Welkermann verhaftet war— hatte er doch heute Morgen ſelbſt einen Beſuch bei dem Bankdirektor gemacht und war von dieſem mit den Wor⸗ ten empfangen worden:„Ich muß Ihnen ehrlich ſagen, verehrteſter Herr und Gönner, daß es mich in der That freut, auch Sie einmal im Irrthume gefunden zu haben! — Wie ſo? Womit?— Weil die angebrannte Fünfhnn⸗ dertgulden⸗Note, die Sie für echt erklärten, in der That ebenfalls eine verfluchte Fälſchung iſt. Sie zweifeln? Sehen Sie hier, unſer großer Chemiker, Profeſſor Förſter, hat es herausgebracht, daß dieſer Zahl an der Spitze meines Bleiſtiftes mit Tuſche nachgeholfen worden iſt!“ — Da hatte ihn ein furchtbarer Schrecken erfaßt, ob⸗ 96 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. gleich ihm der Bankdirektor nichts Neues ſagte.—„Sie werden vielleicht glauben, wir hätten es hier mit einer Note zu thun,“ hatte jener fortgefahren,„die echt iſt und an der ſich vielleicht Jemand den Spaß gemacht, einer nicht ganz ſcharfen Zahl auf dieſe Art nachzuhelfen; aber bei den echten ſind alle Zahlen ſcharf und deutlich, wie Sie ſich ſogleich an tauſend Exremplaren überzeugen können. Den Verbrechern hat auf dieſer Stelle ein Stem⸗ pel verſagt, denn hier haben Sie zwanzig Fünfhundert⸗ gulden⸗Noten, auf welchen allen ohne Ausnahme dem be⸗ treffenden Vierer nachgeholfen worden iſt!“ Glücklicher Weiſe war Herr Schwemmer kein Mann, welcher in dem Geſichte eines Anderen richtig zu leſen verſtand, ſonſt hätte er das Erbleichen des Herrn von Rivola, das Zucken ſeiner Mundwinkel, den perlenden Schweiß auf deſſen Stirn wohl für etwas Anderes gehal⸗ ten, als die gränzenloſeſte Ueberraſchung oder den Aus⸗ druck des Verdruſſes, ſich ſo ſehr geirrt zu haben. Da⸗ gegen hatte der Freiherr wohl geſehen, daß der Bank⸗ direktor ihn, wie immer, mit dem vollſten Vertrauen, mit der größten Unbefangenheit behandelte; hatte er ihm doch mit ⸗vorgehaltener Hand de moi à vous ganz confidentiel die Mittheilung gemacht, daß der Polizeirath Merkel eine Spur zu haben glaube. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. 97 Und nun war ihm von einer anderen Seite die Kunde gekommen, daß Steffler ſich in den Händen des Polizei⸗ rathes befinde. Doch ſo zuſammengedrückt, ſo vernichtet auch in dieſem Augenblicke die Claſticität ſeines Geiſtes war, ſo kehrte doch nach und nach die Spannkraft ſeines Körpers wieder und wirkte auf ſeine Seele ein: Und wer iſt Steffler?— Ein liederliches, nicht zu beachtendes Sub⸗ jekt, dem ich Wohlthaten erzeigt— was weiß er von der ganzen Geſchichte? So gut wie gar nichts. Daß ich aus Mitleiden, um ihm Beſchäftigung zu geben, ihn eine unbedeutende Arbeit machen, ihn eine nichtsſagende Ara⸗ beske ſchneiden ließ— bah— was iſt das weiter?— Ich werd alt— alt, das iſt das größte Unglück— vor Jahren hätte ich über das allerdings unbehagliche Zu⸗ ſammentreffen von Umſtänden gelacht, ja, es hätte mir Freude gemacht, auf dieſe Art in einen Kampf des Geiſtes verwickelt zu werden.— der Geiſt eines Mannes wie ich gegen den eines Polizeirathes Merkel!— Aber auch die Beklemmung hier,“ fuhr er, nach einem tiefen Athemzuge jauf die breite Bruſt klopfend, fort,„wird und muß vor⸗ übergehen, und dann wollen wir frei vor die Welt hin⸗ treten, keck und dreiſt, jedes Zucken irgend einer Wimper beobachtend, Blick um Blick furchtlos erwidernd— dann Hackländer, Das Geheimniß der Stadt, III. 1 7 98 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. wollen wir ſehen, ob der Verdacht, ſelbſt des Kühnſten, ſich an mich wagen wird!“ „Aber dieſer Welkermann?— Ein Verſchwender und Spieler, ein leichtſinniger junger Menſch— ſelbſt wenn man ihn zwingen könnte, ſeine Geldquelle anzugeben— und man wird das thun, da dieſes gedankenloſe Thier durch Verbrennen der bewußten Banknote die Aufmerkſam⸗ keit erregt— wenn er von Anleihen ſpricht, die er da und dort gemacht, von der Güte ſeiner Mutter, deren blinde Liebe ihm glücklicher Weiſe mehr gab, als ſie ver⸗ antworten kann, wenn er alsdann mich nennt, der ihm mit ziemlichen Summen aushalf— was kümmere ich mich darum— war es meine Pflicht, falſche Banknoten zu erkennen, und wie konnte ich das überhaupt, da das ſelbſt den Bankbeamten und dem Chef der Notenfabrika⸗ tion ſo lange unmöglich war?— Kann man offener ver⸗ fahren, als ich es that, da ich ſo häufig meinen Namen auf große Noten ſetzte, um Niemanden im Dunkel zu laſſen, daß dieſelben in meinem Beſitze geweſen?— Und wenn Welkermann ſelbſt davon reden ſollte, daß er mir häufig Noten umgewechſelt, wußte ich denn, ob er das offen an der Bankkaſſe that, und brauche ich das zu ver⸗ heimlichen?— Nein— nein und tauſend Mal nein!— Was mich allein betrübt, war die Schwäche, die mich V w „,— 99 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. heute Morgen und ſoeben wieder angewandelt— noch vor dieſem Welden.— Dieſer junge Menſch, fuhr er un⸗ muthig aus, dem ich ſo herzliches Wohlwollen gezeigt und der, ſtatt meinem Rathe zu folgen, mindeſtens mittel⸗ bar Veranlaſſung gab, daß die Polizei ſich in ſeine An⸗ gelegenheiten miſchte— hol' ihn der Teufel!— Doch, was liegt an all' dem, ich fühle es, mein Geiſt iſt noch friſch, wie damals, und der alte Körper ſoll es wagen, ſich gegen dieſen Geiſt aufzulehnen— offenes Auge, heitere Stirn— vogue la galère!“ Die Lebhaftigkeit, mit der Herr von Rivola das Vor⸗ ſtehende gedacht, theilweiſe duch halblaut vor ſich hin ge⸗ ſprochen, ja, die Zuverſicht, die damit wieder in ſein Herz gekommen, hatte ſein Blut raſcher kreiſen laſſen und ſeine Wangen wieder mit dem gewöhnlichen Roth gefärbt, weßhalb er auch ein leiſes Klopfen an der Thür, nachdem er raſch einen Blick in den Spiegel geworfen, mit einem lauten„Herein!“ beantwortete. Es war Frau von Rivola, welche mit einem Brieſe in der Hand eintrat.„Verzeihe, wenn ich dich ſtöre,“ ſagte ſie,„aber ich erhielt da ſoeben ein Schreiben meines Vetters Hartenſtein, des alten Grafen nämlich, deſſen In⸗ halt dir nicht unangenehm ſein wird.“ „So, willigt er ein?“* 100 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Nach einigen ausgeſprochenen Zweifeln und Bedenken, ja. Du weißt, ich habe keine Geheimniſſe vor dir, und mag dir deßhalb auch nicht vorenthalten, daß....“ „Deine Familie noch immer nicht einen kleinen Zweifel an dem genügenden Alter der meinigen unterdrücken kann — nun, ich will dagegen nichts mehr einwenden, hätte aber wahrhaftig keine weiteren Schritte gethan, um meine Tochter zur Gräfin Hartenſtein zu machen.“ „Aber du wirſt es mir nicht abſtreiten, daß es eine vortreffliche und ſehr paſſende Partie iſt.“ „Ja, ja, beſonders für dich und deine Familie— meine liebe Eliſabeth— verſtehe mich recht: ſo wie ich den Stolz der Deinigen kenne, ſo würde dir die beſte Partie für Lucy doch nicht ſo vortheilhaft erſchienen ſein, als die mit ihrem Vetter Eugen, und doch iſt gerade die Vetterſchaft das, was mir bei dieſem Arrangement das am wenigſten Angenehme iſt.“ „Eine ſo entfernte Verwandtſchaft— was will das ſagen?“ entgegnete Frau von Rivola, leicht die Achſeln zuckend. „Und Lucy?“ „Das Mädchen iſt mir ſeit kurzer Zeit ein Räthſel: nachdenkend, ernſt, verſchloſſen.“ „Seit wann?“ V 4 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. 101 „Seit wenigen Tagen.“ „Du gabſt ihr Andeutungen über deinen Wunſch in Betreff ihrer Verbindung mit dem Grafen Eugen?“ „Allerdings.“ „Und wie nahm ſie das auf?“ „Wie ein junges Mädchen überhaupt ſo etwas auf⸗ zunehmen pflegt: zuerſt lachte ſie laut und herzlich und nahm das für einen prächtigen Spaß; dann, als ich ihr ſagte, dieſes Arrangement ſei unſer vollſtändiger Ernſt, blickte ſie mich erſtaunt an, es zuckte eigenthümlich um ihren Mund und zuletzt rief ſie aus:„Ach, es iſt doch nur ein Scherz, wie könnte es auch anders ſein!“ „Und ſeit dem Augenblicke findeſt du ſie verſchloſſener, ernſter geworden?“ „Ja, und gereizt in ihrem ganzen Weſen.— Be⸗ merkteſt du geſtern Abend nicht, wie ſie dir gegen ihre ſonſtige Gewohnheit heftig widerſprach, als du dich über Welden ausdrückteſt, als du ſagteſt, er habe ſich etwas zu Schulden kommen laſſen, was du niemals von ihm erwartet, als du überhaupt ſeinen Charakter in harten Worten angriffſt— mir übrigens aus der Seele ge⸗ ſprochen, denn ich habe es nie begreifen können, warum du dieſen jungen Mann ſo in die Intimität unſerer Fa⸗ 102 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. milie gezogen— iſt dir in der That geſtern Abend das Betragen Lucy's nicht aufgefallen?“ „Ich war ausſchließlich mit meinen eigenen Gedanken beſchäftigt.“ „Und vorhin war dieſer Herr Welden bei dir?“ „Ja, ich habe ihn aber nach Verdienſt ziemlich kurz gehalten, ihm auch ziemlich verſtändlich geſagt, daß ihr Beide keine Zeit hättet, ihn zu ſehen.“ „Deine Tochter aber hat ihn doch geſehen.“ „Ah bah— wie wäre das möglich?“ „Allerdings nur geſehen: ſie ſaß an ihrem Flügel und ſpielte, um auf einmal mit einer Diſſonanz die an⸗ gefangene Weiſe zu zerreißen; dann erhob ſie ſich raſch, trat an die Glasthür, welche auf den Altan führt, und rief aus: ‚Dort geht Herr Welden— er war hier und hat nicht nach uns gefragt?“ „Das iſt allerdings eigenthümlich— wie ſoll ich das verſtehen?“ Herr von Rivola that dieſe Frage, indem er ſeine blaue Brille auf die Stirn ſchob und ſeine Frau mit einem matten Blicke anſchaute, ja, jetzt zeigten ſich unter ſeinen Augen in weißen, kleinen, eingefallenen Ringen die Spuren ſeiner früheren Abſpannung wieder ſo deutlich, Dreiundzwanzigſtes Kapitel. 103 daß Frau von Rivola, ſtatt ihm zu antworten, ihrerſeits die Frage an ihn ſtellte, ob er ſich unwohl fühle. ZJa und nein, es iſt mir nicht ganz ſo, wie gewöhn⸗ lich, doch vorübergehend— du wollteſt mir noch etwas — — h in Betreff Lucy's ſagen.“ „Als ob ich nicht ſchon genug geſagt hätte!“ erwie⸗ derte die Baronin mit hoch aufgerichtetem Kopfe. Ich meine, es wäre ſtark genug, wenn Lucy mit allen Zeichen der Erregung einem ſolchen jungen Menſchen nachſchaut und in ſehr deutlichen Worten ihr Bedauern ausdrückt, daß dieſer junge Menſch nicht nach ihr geſehen— findeſt — du das nicht auch?“ O ja, gewiß,“ ſagte Herr von Rivola, nachdem er haſtig ſeine Brille wieder über die Augen herabgezogen hatte. „Auch ſagte mir heute Morgen ihre Kammerfrau, Lucy ſei geſtern Abend mit Thränen in den Augen zu Bette gegangen, habe ſehr unruhig geſchlafen und wäh⸗ rend der Nacht, ob ſchlummernd oder wachend, wiſſe ſie nicht ganz genau, ein paar Mal die Worte ausgeſprochen: 1 Lieber gehe ich ins Kloſter!' Davon hat ihr geträumt— ſie war geſtern bei 8 ährer romantiſchen Freundin Eliſe, und wer weiß, was die jungen Mädchen da zuſammen phantaſirt haben.“ 104 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Ich mag es überhaupt nicht leiden, daß ſie ſo oft dorthin geht.“ „Was haſt du an Eliſen aus ſehr anſtändiges Mädchen und ſehr gut zu der heiteren Laune zuſetzen? Sie iſt ein ihr ernſter Sinn paßt mir deiner Tochter.“ I 8 „Aber ich mag nun einmal den allzu intimen Verkehr mit dem Hauſe des Stadtſchultheißen nicht— man ſpricht in der Geſellſchaft darüber, man lächelt über deine große Freundſchaft mit Herrn Welkermann „ man findet dieſelbe unbegreiflich und ſucht Motive dafür, die....“ „Ah, etwas höherer Stadtklatſch— ehrlich geſagt, 2 ich mache mir nicht viel daraus.“ k „Aber ich und meine Familie, uns iſt es nicht ſo gleichgültig: man ſpricht von Heimlichkeiten, die dich und den Stadtſchultheißen verbänden.“ 3 „Ah, das Geheimniß der Stadt,“ gab Herr von Ri⸗— vola mit einem nicht ganz freien Lächel n zur Antwort— ich habe darüber die lächerlichſten Ding e gehört.“„ „Lächerlich könnte ich das gerade nicht nennen, nach 4 dem, was geſchehen.“ „Und was denn, wenn ich fragen darf?“ „Der Stadtſchultheiß ſoll auf die auffallendſte Art plötzlich den unterirdiſchen Gang zwiſchen dem Rathhauſe und deinem alten, unheimlichen Thurme haben zuſchütten —— „ Dreiundzwanzigſtes K apitel. laſſen wollen, nach einem gehermnißvollen, verdächtigen Vorfalle in deinem kleinen Hauſe dort.“ „Das iſt mir neu— von welchem Vorfalle ſpricht man?“ „Von dem raſchen Tode jener alten Frau.“ „Ah, Eliſabeth, wie kann man ſo dummes es gegen den natürlichen Zeug wie⸗ derholen? Das geht ja all Du weißt ja ſelbſt, wie lange und Renſchenverſtand!— war.“ ſchwer krank die arme Frau meines Friedrich i „Ich weiß das genau und wiederhole auch nur, was die Stadt von deiner ſpricht, von einem Geheimni menhält, und dieſes Gerücht hat neue Nahrung erhalten durch die Verhaftung Ferdinand Welkermann's, dieſes dem du auch mehr Ver⸗ Verbindung mit Herrn Welkermann ſſe, das euch ſo intim zuſam⸗ leichtſinnigen jungen Menſchen, traulichkeit bewieſen, als gerade nothwendig war.“ Herr von Rivola verſuchte abermals zu lächeln, da er aber wohl fühlte, daß ihm dies nicht ſo unbefangen ge⸗ lungen war, wie er wohl wünſchte, ſo erhob er ſich raſch und trat mit einer nicht zu verkennenden G Unmuthes an das Fenſter, wie um zu zeigen, daß er dieſe Unterredung abgebrochen wünſche, was denn auch ſogleich von Seiten der Baronin geſchah, denn ſie ſagte erdings mit ſehr erhobenem Kopfe und etwas Bewegung des nur noch, all ſtrengem, beinahe feindſeligem Geſichtsausdrucke: 106 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Du läßt mir alſo wenigſtens in Betreff meiner Tochter freie Hand?“ „Gewiß, wie bisher immer.“ Darauf faltete ſie den Brief wieder verließ das Zimmer leiſe und geräuſchlos, men war. zuſammen und wie ſie gekom⸗ Herr von Riyola blieb noch längere Zeit am Fenſter ſtehen, in tiefes Nachdenken verſunken auf blickend; dann wandte er ſich mit einem Seufzer um, ging mit langſamen Schritten nach dem Schreibtiſche, wo er ſich auf ſeinen Seſſel niederließ und dann, die Hände gefalten, vor ſich niederſchaute.„Meine liebe Lucy, vielleicht meine arme Lucy!“ dann ſeiner Bruſt Schmerzes. Was die Landſchaft ſchmerzlichen entrang ſich mit dem Ausdrucke des herbſten hätte er darum gegeben, ſein Kind jetzt zu ſich hereinrufen zu dürfen, ihr gutes, klares Auge zu ſehen, ihre freundliche Stimme zu hören— aber e tete ſich, Lucy zu rufen, ihren Blicken, vor dem Au Worten r fürch⸗ ihm bangte vor Thränen in Sdrucke des Schmerzes in ihren „ vor der Offenherzigkeit ſeines Kindes, er hatte Angſt vor einer Scene mit ſeiner harten Frau. Und ſo blieb er allein vor ſeinem Schreibtiſche ſitzen, in ſich zuſammengeſunken ſchmerzlich nachſinnend. , mit gefaltenen Händen, tief — Vierundzwanzigſtes Kapitel. Herr Ferdinand Welkermann ertrug ſeinen Zimmer⸗, eigentlich Hausarreſt mit großer Gemüthlichkeit, nachdem die erſten, unangenehmſten Tage und Stunden vorüber waren, beſonders nachdem er eine ziemlich belebte Unter⸗ redung mit ſeinem in der ganzen Strenge auftretenden Vater hinter ſich hatte. Daß der Sohn ſich dabei mit der gleichen Offenheit und Rückhaltsloſigkeit ausgeſprochen hätte wie Herr Welkermann senior, wollen wir gerade nicht behaupten, beſonders was den Abſchnitt der Paſſiven des jungen Bankbeamten anbelangte; denn wenn er auch eine recht hübſche Summe an Schulden zugegeben hatte, die er neben den großen Zuſchüſſen von Seiten der Mama und dem reichlichen Taſchengelde von väterlicher Seite contrahirt, ſo hatte er es doch für unnöthig ge⸗ ¹ 108 Vierundzwanzigſtes Kapitel. halten, von ſeinen Geldbeziehungen zu Herrn von Rivola zu ſprechen. Hätte er doch, einmal damit angefangen, wit Nennung der ganzen Summe herausgehen müſſen, da er ſich denken konnte, daß ſein Vater wohl Mittel und. Wege gefunden hätte, dieſelbe zu erfahren, weßhalb er dieſen zarten Punkt lieber unberührt ließ, etwas Reue heuchelte, ja, ein wenig Zerknirſchung, und dabei das Verſprechen gab, künftig in ſeinen Angelegenheiten ge⸗ ordneter werden zu wollen. Daraufhin hatte der Stadtſchultheiß wie auch ſchon früher die Idee, durch eine Stubenhaft jenes unangenehme. Duell zu verhindern, für ſehr gut gefunden und dieſe Anſicht gelegentlich auch dem Polizeirath Merkel zu er⸗ kennen gegeben, wobei er aber nicht bemerkte, daß dieſer für ihn ſonſt ſo wohlwollende Beamte ihm mit einer ge⸗ wiſſen Befangenheit verſicherte, es ſei bei den obwaltenden Verhältniſſen doch wohl nöthig, dieſe häusliche Haft noch um einige Tage zu verlängern. Gewiß nicht auf lange Zeit, hatte er gleich darauf mit ſeiner gewöhnlichen, heiteren Miene hinzugeſetzt; doch traue ich dieſem Welden nicht, es iſt das ein etwas heftiger, rückſichtsloſer Cha⸗ rakter. Sollte aber die Haft für Ihren Herrn Sohn wegen ſeiner Stellung auf der königlichen Bank Unange⸗— nehmes haben, obgleich man dort den Grund derſelben Vierundzwanzigſtes Kapitel. 109 genau weiß, ſo können wir ja einfach ſagen, er befände ſich unwohl und bliebe nur deßhalb noch einige Zeit zu Hauſe— nicht wahr, das geht ganz vortrefflich?“ Und ſo blieb denn Ferdinand unter dem Vorwande eines leichten Unwohlſeins zu Hauſe und vertrieb ſich die Zeit, ſo gut es ihm möglich war: er las, was an neuen Romanen erſchien, und leiſtete darin Unglaubliches; er correſpondirte mit ſeinen Freunden, empfing ſeine Mutter des Tages einige Male, und die gute Frau, welche ihren Sohn bisher faſt nur beim Mittageſſen auf kurze Zeit ge⸗ ſehen hatte, fand, daß in dieſer Beziehung ſein ge⸗ zwungenes Zuhauſebleiben gerade nichts Unangenehmes hatte. Eliſe ſah er nicht und machte ſich nichts daraus, daß ſeine Schweſter dies ſichtlich vermied; berührten ihn doch deren kalte, ſtrenge Reden ſtets auf's empfindlichſte, und hatte er ſchon oft erfahren, daß ſie mit ihrem rich⸗ tigen Gefühl ſeinen Lebenswandel durchſchaute und ſein Inneres mit einer ſehr unangenehmen Wahrheit und Offenheit beurtheilte. Abends war gewöhnlich Spiel bei Doria, und wenn auch ſeine Fußböden nicht cypriſchen Nektar leckten, ſo wurde doch Einiges an Champagner verbraucht, natür⸗ licher Weiſe heimlich, um Mama nicht zu erſchrecken, wo⸗ bei Herr Beſenbach eine ungemeine Fertigkeit entwickelte, 110 Vierundzwanzigſtes Kapitel. den Flaſchen ohne das mindeſte Geräuſch den Hals zu brechen, wie er zu ſagen pflegte. Auch am Tage beſuchten ihn ſeine Freunde, ſo oft ſie eine freie Stunde hatten, und nahmen dieſen Zimmerarreſt für eine ganz verflucht komiſche Folge des Duells mit Welden, wobei dieſer natürlicher Weiſe übel wegkam, und müſſen wir es daher begreiflich finden, daß Ferdinand Welkermann einige Male ſchon die Meldung des Be⸗ dienten, der junge Ingenieur ſei drunten und wünſche ihn dringend zu ſprechen, mit einem verächtlichen Achſelzucken und mit dem Beſcheid erwiedert hatte:„Sage ihm, ich ſei zu unwohl, um Femanden ſehen zu können.“ Da aber bei unſerer veränderlichen Menſchennatur alles Ding nur eine Weile ſchön iſt, ſo fand auch Herr Ferdinand Welkermann ſeine Haft, nachdem dieſelbe be⸗ reits eine Woche gedauert, ſo unerträglich als möglich, und verſicherte Herrn Beſenbach, wenn dieſe dumme Komödie nicht bald von ſelbſt aufhöre, werde er ſchon Mittel und Wege finden, ſein gegebenes Ehrenwort, die Wohnung nicht zu verlaſſen, von dem Polizeirath Merkel zurückzuverlangen. Ja, wenn es noch ſchlechtes Wetter geweſen wäre! Aber ſo hatten Regen und Wind dem mildeſten Frühlingswetter Platz gemacht, die Bäume trieben Knospen und Blüthen, und was nutzten dem Ge⸗ Vierundzwanzigſtes Kapitel. 111 fangenen alle die ſchönen Veilchenſträuße, welche ihm von ſeiner Mutter gebracht wurden— hatte er doch keine Ge⸗ legenheit, dieſe duftenden Blumen als zarte Aufmerkſamkeit an geeigneter Stelle niederzulegen! Nein, nein, das mußte in den nächſten Tagen anders werden! Herr Merkel mußte ihm ſein Ehrenwort zurück⸗ geben, wofür er ihm ja ein anderes einhändigen konnte, daß es ihm nämlich nicht mehr in den Sinn komme, ſich mit dem, der ſich ſo infam gegen ihn benommen, zu ſchlagen. Als er gerade einmal ganz beſonders mit ſolchen Ge⸗ danken beſchäftigt war, kam ihm nichts erwünſchter, als die Meldung des Bedienten, der Herr Polizeirath ſei ſo⸗ eben ins Haus getreten, auf der Treppe aber von ſeiner Frau Mutter aufgehalten worden und würde gewiß ſo⸗ gleich dem jungen Herrn ſeinen Beſuch machen. Ferdinand rüſtete ſich, ihn auf würdige Art zu empfangen: er warf ſich in einen Fauteuil, ſtreckte ſich lang in demſelben aus, faltete die Hände, ließ den Kopf auf die Bruſt herab⸗ ſinken und war dabei ſo in Gedanken vertieft, daß er einmal und zweimal das Klopfen an der Thür überhörte und erſt beim dritten Male mit ſchwacher Stimme„Her⸗ ein!“ rief. Der Polizeirath erſchien auf der Schwelle, etwas 112 Vierundzwanzigſtes Kapitel. ernſter wie gewöhnlich ausſehend, zwang aber ſein Geſicht zu einiger Heiterkeit, als er ſah, daß Ferdinand mühſam ſeinen Kopf aufrichtete, ſich ſchwerfällig erhob und den Guten Morgen, den ihm der Eintretende bot, begleitet von einem tiefen Seußzer zurückgab. „Bleiben Sie in Ihrer Ruhe, bleiben Sie ja in Ihrer Ruhe,“ ſagte er, indem er raſch einen Stuhl nahm und ſich neben Ferdinand niederließ.„Sie ſind un⸗ wohl?“ F „Es muß wohl ſo ſein, wird aber auch Niemanden Wunder nehmen; ich fühle eine ſcheußliche Abſpannung, eine niederträchtige Müdigkeit in allen meinen Gliedern, bin kaum im Stande, etwas Vernünftiges zu denken.“ „Die Grippe graſſirt wieder ſtark in der Stadt; Sie werden einen kleinen Anfall davon haben?“ „Ei was, Herr Polizeirath, es iſt kein Anfall von Grippe, was mich darniederdrückt, es iſt dieſer unmotivirte Zimmerarreſt, der mich noch ganz krank machen wird! Nehmen Sie mir's nicht übel, aber ich bin am Ende mit meiner ganzen Geduld! Den Teufel auch, was iſt das für eine Geſchichte— in den erſten zwei Tagen hat es die Welt amuſirt und mich auch, aber jetzt findet es Je⸗ dermann langweilig und mich dazu, was gerade kein b *— Vierundzwanzigſtes Kapitel. 113 Compliment für einen jungen Menſchen meines Schla⸗ ges iſt!“ „Ei, ei, ſo ungeduldig? Und Sie wiſſen doch ganz genau, daß nur die beſten Motive uns zwangen, Sie ein wenig von Ihrer gewöhnlichen Beſchäftigung abzuhalten; Sie wiſſen ebenfalls, daß auch unſer verehrter Herr Stadtſchultheiß vollkommen damit einverſtanden war.“ „O ja, o ja, wer wollte daran zweifeln? Auch meine Frau Mama findet es wahrſcheinlich ſehr behaglich, mich auf dieſe Art für meine kleinen wie großen Sünden. büßen zu laſſen.“ „Wahrlich keine ſchwere Buße, acht Tage Zimmer⸗ arreſt! Sie hätten in der That ſchon ein wenig mehr verdient, mein lieber Herr Welkermann.“ „Und wofür, wenn ich bitten darf? Weil ich mich zu dieſem Duell bereit finden ließ?“ „Auch, mein Verehrteſter; aber beſonders, weil Sie dieſes Duell hervorgerufen, bei verbotenem Spiel hervor⸗ gerufen, und bei welch' hohem Spiel! Glauben Sie mir, ich bin d anen ganz genau unterrichtet.“ „“ ſagte Ferdinand Welkermann, ſich lebhaft auf⸗ hiat.„Ihren Worten nach, Herr Polizeirath, lerne ich vielleicht eine neue Seite kennen, unter der ich meine Haft zu betrachten habe?“. Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. III. 8 114 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Wer weiß— es iſt das in der That ſehr möglich, und deßhalb ſollten Sie ſich auch nicht ſo kategoriſch auf den Standpunkt eines unſchuldig Gekränkten ſtellen, be⸗ ſonders nicht einem wohlwollenden Freunde gegenüber, als welchen ich mich ſtets für Sie und Ihr Haus be⸗ wieſen.“ „Den Teufel auch, Sie ſagen das mit ſehr ernſtem Geſichte! So wäre vielleicht dieſes kleine, unſchuldige Spiel die Schuld, daß man mich hier eingeſponnen hat? Aber ſagen Sie mir doch, mein lieber Herr Polizeirath, welchen Paragraphen des Geſetzbuches brachten Sie in dieſer Beziehung gegen mich in Anwendung?“ „Das iſt nicht ſo ganz leicht zu beantworten. Es gibt allerdings keinen einzelnen Paragraphen, der dazu berechtigt oder auffordert, aber es gibt Fälle,“ ſetzte Herr Merkel achſelzuckend hinzu,„wo man trotz aller möglichen Rückſicht gezwungen iſt, ein paar ſolcher Para⸗ graphen zuſammenzuſetzen, um eine Verhaftung ſelbſt gegen ſeinen eigenen Willen etwas in die Länge zu ziehen.“ „Ah, das iſt ſtark!“ rief Ferdinand Welkermann auf⸗ ſpringend.„Ich dachte, Sie ſeien gekommen, um mir zu ſagen, daß die ganze Farce vorüber ſei und daß ich wieder meiner Wege gehen könne, denn Sie werden ja —,— F —,— Vierundzwanzigſtes Kapitel. 115 überzeugt ſein, daß es mir nach dem, was vorgefallen oder was die Welt ſpricht, nicht mehr in den Sinn kommen wird, mich dem Ingenieur Welden zu ſtellen! Wußten Sie in der That nichts davon, was in dem Hauſe Ihres Herrn Schwagers, des Oberbauraths Lie⸗ vens, an jenem denkwürdigen Morgen vorgefallen?“ Der junge Mann hatte dies in einem ſcharfen Tone geſagt, ja, ſeine Frage unverkennbar mit dem Ausdrucke der Bosheit geſtellt, wobei er im Zimmer auf und ab ſchlenderte und, äußerſt unbefangen thuend, an die Decke hinaufblickte. Der Polizeirath hatte ſich ein klein wenig auf die Lippen gebiſſen; doch da es wohl nicht in ſeiner Abſicht lag, dies den Anderen ſehen zu laſſen, ſo ließ er ſeine zuſammengezogenen Lippen, ſobald ſich Ferdinand auf ſeinem Gange umwandte, in ein heiteres Lächeln über⸗ gehen, mit welchem er zur Antwort gab:„Es iſt mir in der That angenehm, daß Sie von ſelbſt auf dieſes Thema kommen; ich wollte es gerade berühren. Glauben Sie mir, mein lieber Herr Welkermann, Sie ſind in einem faſt ſträflichen Irrthume, wenn Sie annehmen, Herr Welden hätte nur eine Ahnung gehabt, daß ich mich ver⸗ anlaßt ſehen würde, Sie an jenem denkwürdigen Morgen, wie Sie ſagten, zu verhaften, und ich muß hinzuſetzen,“ 116 Vierundzwanzigſtes Kapitel. ſagte er in einem ernſten Tone,„daß die Vermuthung, Herr Welden habe auf mich eingewirkt und ich hätte auf mich einwirken laſſen, ein Verbrechen wäre.“ „Hm,“ machte Ferdinand, plötzlich vor dem Polizeirath ſtehen bleibend und ihn mit einem Blicke betrachtend, in welchem ſich Zweifel und Unbehaglichkeit ausdrückte. „Glauben Sie mir nicht? Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf: Herr Welden iſt vollkommen unſchuldig an Ihrer Verhaftung, ja, ich habe ihn leider dadurch in eine ſehr unangenehme Lage gebracht.“ „Und mich in eine Lage, die mir zu denken gibt,“ ſagte Ferdinand Welkermann, der, ſehr ernſt geworden, mit über einander geſchlagenen Armen den Polizeirath betrachtete.„Aufrichtig geſagt,“ fuhr er nach einer ziem⸗ lichen Pauſe fort,„ich hatte mir meine Stubenhaft aller⸗ dings aus dieſer etwas unlauteren Quelle abgeleitet. Verſtehen Sie mich recht, Herr Polizeirath, ich meinte damit den Urſprung dieſer Quelle, denn ſowie Sie ein⸗ mal Kenntniß erhielten, es ſei ein Duell in Ausſicht, das nicht anders als durch die Verhaftung eines der Be⸗ theiligten verhindert werden konnte, ſo waren Sie in Ihrer amtlichen Eigenſchaft vollkommen im Rechte, mir, beſonders da mein Vater damit einverſtanden war, einen kleinen Zimmerarreſt zu geben; wie ich aber jetzt die Vierundzwanzigſtes Kapitel. 117 Sache anſehe, ſo wäre das Duell vielleicht nicht der ein⸗ zige Grund dazu geweſen.“ „Mit Offenheit kommt man am weiteſten, mein lieber Herr Welkermann, um darin hinter Ihnen nicht zurück⸗ zubleiben, will ich Ihnen geſtehen, daß allerdings noch ein anderer Grund vorhanden iſt, der mich zwang, Sie Ihrer Freiheit zu berauben.“ „Auf den wäre ich wahrhaftig begierig!“ Herr Merkel blickte den vor ihm ſtehenden jungen Mann mit einem feſten, ſcharfen Blicke an, wobei er ſich ſelbſt geſtehen mußte, daß in Ferdinands offenem Auge ſowie in der unverkennbaren Spannung, mit der er ihn anſah, durchaus nichts Verdächtiges oder Verſtecktes lag; ja, er hatte vielmehr das Anſehen Jemandes, der ſich darauf freut, einen höchſt unhaltbaren Grund ad absur- dum führen zu können. „Nun, Herr Polizeirath? Bitte, laſſen Sie mich nicht zu lange warten.“ Herr Merkel hatte langſam ſein Schnupftuch hervor⸗ gezogen und es bedächtig an ſeine Naſe gebracht, ſo daß es eine ziemliche Weile dauerte, ehe er zur Antwort gab: „Es iſt das eine eigene Sache um die Nennung dieſes Grundes; ich gehe ſchon mehrere Tage mit mir darüber „ 118 Bierundzwanzigſtes Kapitel. zu Rathe, ob ich Ihnen dieſen Grund mittheilen ſoll und darf.“ „Das könnte ich doch wohl verlangen.“ „Gewiß; aber es verhält ſich damit wie mit der Be⸗ wegung des Fingers am Drücker eines geladenen Ge⸗ wehres, deſſen Hahn geſpannt iſt: die Kugel fliegt ihrem Ziele zu— wer kann ſie zurückhalten? Sowie ich Ihnen dieſen Grund nenne, muß ich dieſem Grunde gemäß gegen Sie handeln.“ „Immerhin— ich bin auf Alles gefaßt.“ „Sie ſpielten neulich im Holländiſchen Hofe mit großem Unglücke und mit großen Summen?“ „Ah, wir nähern uns Ihrem Grunde!“ „Wir nähern uns allerdings,“ fuhr Herr Merkel fort, indem er ebenfalls aufgeſtanden war und ſich, ſcheinbar ganz unbefangen, ſo in dem Zimmer aufſtellte, daß er ſich zwiſchen Ferdinand und der Thür befand. „Ei, mir ſcheint, Ihr Grund hat eine gehörige Tiefe?“ „Nachdem Sie geſpielt und etwas in Aufregung ge⸗ rathen waren, zogen Sie eine Fünfhundertgulden⸗Note hervor und zündeten dieſelbe am Lichte an?“ „Sie ſind vortrefflich unterrichtet— ich wußte nicht, daß es einen ſo bedenklichen Paragraphen gegen Hazard⸗ — Vierundzwanzigſtes Kapitel. 119 ſpiele und Verſchwendung gäbe; auch dachte ich mir im⸗ mer, letztere ſei eigentlich eine Familienangelegenheit.“ Herr Merkel ſchien dies durch ein Kopfnicken zuzu⸗ geben oder machte dieſe Pantomime nur, weil es ihm nicht ganz leicht wurde, die nächſten Worte auszuſprechen; ja, ſeine Stimme war etwas bewegt, als er nun, ſonſt aber mit großer Ruhe, ſagte:„Unſer Grund liegt noch tiefer— die Fünfhundertgulden⸗Note, welche Sie anzün⸗ deten, aber glücklicher Weiſe nicht ganz verbrannten, war eine gefälſchte, ebenſo wie drei der Tauſendgulden⸗Noten, welche Herr von Miltau von Ihnen empfing.“ „Bah, Sie treiben Ihren Spaß mit mir!“ „Sehe ich aus wie Jemand, der ſcherzt? Glauben Sie mir, Herr Welkermann, ich betrachte dieſen Augen⸗ blick als furchtbar ernſt— bitte, ſehen Sie ihn auch ſo an.“ 3 „Ja, was ſoll denn das bedeuten? Ich verſtehe Sie in der That nicht— falſche Noten kann es allerdings geben; falſche Tauſender ſind bei der Bank eingelaufen, aber von Fünfhundertern habe ich nie etwas gehört. Doch geſetzt, es wäre eine falſche Fünfhundertgulden⸗Note ge⸗ weſen, was ich aber aufs beſtimmteſte beſtreiten möchte, denn ich habe einen Blick dafür— wie kann es mich 120 Vierundzwanzigſtes Kapitel. compromittiren, wenn ſie ſich zuletzt in meiner Hand be⸗ findet?“ „Habe ich geſagt: compromittiren?“ fragte Herr Merkel mit einem lauernden Blicke. „Nun, beim Teufel, auf das Wort kommt es wohl nicht an! Sie ſprechen von einem Grunde meiner Ver⸗ haftung und in demſelben Athem von einer gefälſchten Banknote; das, meine ich, wäre compromittirt genug! Treiben Sie bei dieſer Zuſammenſtellung in der That keinen Scherz mit mir?“ „Hören Sie mich weiter, und Sie werden ſich dieſe Frage ſelbſt beantworten. Es ſind falſche Banknoten vor⸗ handen, nicht nur von tauſend Gulden, ſondern auch von fünfhundert Gulden im öffentlichen Verkehr, beſonders aber — und ich bitte das wohl zu beachten— in großer An⸗ zahl in der Kaſſe der Bank.“ „Woruͤber ich mich nicht wundere, denn dieſe falſchen Tauſender ſind ſo vortrefflich gemacht, daß ſie im Stande waren, ſich dem Argwohn unſeres Hauptkaſſirers zu ent⸗ ziehen, und das will etwas heißen, wenn Sie den Mann kennen.“ „Könnten aber nicht Fälle eingetreten ſein, Herr Welkermann,“ ſagte der Polizeirath mit einer abſichtlich ſcharfen Betonung des Wortes, daß falſche Banknoten auf — is Vierundzwanzigſtes Kapitel. 121 einem anderen Wege in die Kaſſe der Bank gelangt wären, als durch die Hände des Hauptkaſſirers? Ah, ich ſehe, Sie verſtehen mich!“ ſetzte er raſch hinzu, als er be⸗ merkte, wie der junge Mann mit einem ſehr unbehaglichen Geſichtsausdrucke ſeine Unterlippe zwiſchen die Zähne klemmte. Seien Sie offenherzig, es iſt gewiß das Beſte, was Sie thun können.“ „Offenherzig? Ich wüßte wahrhaftig nicht, worin! Es kann am Ende vorkommen, daß man ſich einmal einen Schein in der Kaſſe ſelbſt umwechſelt, doch war das ganz unbedeutend und nicht der Rede werth.“ „Wenn das unbedeutend wäre, würde es allerdings nicht der Rede werth ſein, aber wo es einmal geſchieht, daß man Tauſende auf dieſe Art umwechſelt und daß ſich unter dieſen Tauſenden mehr als die Hälfte falſcher Noten befinden, ſo könnte man doch veranlaßt ſein, darüber zu reden.“ Der junge Beamte machte eine unmuthige Bewegung und trat dann raſch an das Fenſter, wo er nachdenkend an den Himmel hinaufblickte. Sah er doch da oben das Bild dieſer letzten Stunde, denn das ganze Himmelsge⸗ wölbe, ſoeben noch klar, blau, voll Sonnenſchein, begann ſich mit den Vorläufern eines aufſteigenden Gewitters zu überziehen; es donnerte leiſe in der Ferne.— Der Fall, 122 Vierundzwanzigſtes Kapitel. von dem der Polizeirath ſprach, konnte allerdings der ſeinige ſein; hatte er doch Banknoten in ziemlichem Be⸗ trage an der Kaſſe umgewechſelt, und wenn ihm auch Herr von Rivola, dem er ſo große Verpflichtungen ſchuldig war, nicht gerade verboten hatte, darüber zu reden, ſo wäre es doch lächerlich geweſen, den Namen dieſes ſo hochgeachteten Mannes gerade jetzt zu nennen — niemals! Dazu war er feſt entſchloſſen, und ant⸗ wortete, ſich raſch umwendend:„Ich mache durchaus kein Hehl daraus, daß ich gegen die Vorſchrift N wechſelte, und wenn ſich zufällig falſche dabei befanden — was liegt daran? Wie kann man nich dafür zur oten um⸗ Verantwortung ziehen wollen?“ „Gewiß nicht, wenn Sie ſich vielleicht erinnern wollten, von wem Sie dieſe Banknoten erhalten haben.“ „Und wenn ich mich deſſen nun nicht mehr erinnern könnte?“ „Das wäre allerdings ſehr, ſehr ſchlimm, denn in dieſem Falle müßte ich mich veranlaßt ſehen, Ihre Haft dadurch zu verſtärken, daß ich Sie bäte, neben meiner Wohnung ein kleines Zimmer zu beziehen.“ „Den Teufel auch, das iſt mir doch ein wenig zu ſtark! So viel ich weiß, wohnen Sie auf der Polizei⸗ direktion?“ Vierundzwanzigſtes Kapitel. 123 Herr Merkel nickte, ſtatt zu antworten, mit dem Kopfe. „Und Sie glauben,“ fuhr der Andere mit heſtiger Stimme fort,„daß ich mich eines ſo albernen Grundes halber gutwillig bei Ihnen einſperren ließe?“ „Es würde mir leid thun, Ihre Begleitung erzwingen zu müſſen. Seien Sie geſcheit, mein lieber Herr Welker⸗ mann,“ fuhr er in zutraulichem Tone ſort, indem er, näher tretend, ſeine Hand auf den Arm des jungen Mannes legte,„wozu unnöthiges Auſſehen machen? Ich handle nach meinem Gewiſſen und nach meiner Pflicht. Sie ſind verdächtig— ich ſage es Ihnen gerade heraus — falſche Banknoten wiſſentlich verbreitet zu haben, deß⸗ halb muß ich mich Ihrer Perſon verſichern auf jede Ver⸗ antwortung hin, und deßhalb bitte ich Sie, meinen Arm zu nehmen und mich zu begleiten— Sie haben dagegen mein Verſprechen, daß ich Ihnen in dieſem Falle jede andere Be gleitung, die ich in der Nähe habe, erſparen werde.“ „Die Sie in der Nähe haben?“ fragte der junge Mann erbleichend. „Einen meiner vertrauteſten Unterbeamten, in bürger⸗ licher Kleidung, Herrn Schmetterer.“ „Thun Sie, was Sie wollen, ich werde nicht mit Ihnen gehen.“ 124 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Bedenken Sie ſich eines Beſſeren, Herr Welkermann — bringen Sie mich nicht in die furchtbare Verlegenheit, hier, im Hauſe Ihres ſo hochverehrten Vaters, eines meiner genaueſten Bekannten, ein Aufſehen der unan⸗ genehmſten Art erregen zu müſſen.“ „Thun Sie, was Sie wollen, ich gehe gutwillig nicht mit Ihnen.“ „So werde ich einen Wagen holen laſſen, wenn Sie nicht gehen wollen.“ „Keine Wortklauberei; ich werde weder mit Ihnen gehen, noch fahren, ich werde meinen Vater rufen laſſen und den Rechtsfreund unſeres Hauſes; ich will denſelben dieſen unerhörten Fall vortragen, und man wird den Schutz des Geſetzes gegen Sie anrufen— das werde ich thun, thun Sie dagegen, was Sie wollen, aber mit Ihnen und Ihrem Herrn Schmetterer freiwillig gehen,“ rief er mit einem Blicke auflodernden Zornes,„nie und nimmermehr!“ „Sie ſetzen mich in eine große Verlegenheit,“ ſagte Herr Merkel, den Kopf hin⸗ und herwiegend,„und ich ver⸗ diene das doch weder um Sie, noch um die Rücßſcht, mit der ich hier in Ihrem väterlichen Hauſe auftrete.“ „Laſſen Sie uns darüber keine Worte mehr verlieren,“ erwiederte Ferdinand, der ſeine gewöhnliche phlegmatiſche Ruhe, ob echt oder geheuchelt, wieder erlangt zu haben — ᷣ —— Vierundzwanzigſtes Kapitel. 125 ſchien;„verfahren Sie mit mir, wie Sie wollen, das heißt, bringen Sie mich mit Gewalt in Ihre Polizei— direktion, wenn Sie das Recht dazu haben; ich werde der Gewalt weichen, aber nicht Ihrer Ueberredung. O, hätte ich mich vor acht Tagen beſſer vorgeſehen, als ich mich gutmüthiger Weiſe bereit finden ließ, dieſen Zimmer⸗ arreſt anzunehmen!“ „Iſt das Ihr letztes Wort?“ „Mein letztes gegen Sie in dieſer Angelegenheit.“ „Gut, ſo werde ich Ihren Vater, den Herrn Stadt⸗ ſchultheißen, auffuchen und ihm die triftigſten Beweiſe bringen, daß ich das Recht habe, Sie wegen dringenden Verdachtes, wiſſentlich bei Verbreitung falſcher Banknoten mitgewirkt zu haben, in ſicheren Gewahrſam zu nehmen.“ Nachdem der Polizeirath dies geſagt, blieb er einen Augenblick, wie Antwort erwartend, ſtehen; doch als er ſah, wie ſich Ferdinand, ohne ſich weiter um ihn zu be⸗ kümmern, ans Fenſter lehnte, ging er nach der Thür, rief Herrn Schmetterer herein und ſagte dieſem in einem ernſten Tone, durch den aber immer noch etwas wie Wohlwollen klang:„Sie bleiben hier im Zimmer bei Herrn Welkermann, bis ich zurückkomme oder Ihnen einen wei⸗ teren Befehl ſchicke. Sie laſſen Niemanden zu ihm, es ſei denn, daß ich ſelbſt Jemanden ſchriftlich dazu ermäch⸗ 126 Vierundswanzigſtes Kapitel. tige. Sie laſſen ihn mit Niemandem reden, auch nicht mit Mitgliedern ſeiner Familie, mit Niemandem ohne alle Ausnahme.“ Dann verließ er das Zimmer. Ferdinand glaubte zu träumen— was war das? Er, ein Beamter der königlichen Bank, beſchuldigt, falſche Noten wiſſentlich verbreitet zu haben? Wachte er oder befand er ſich in tiefem Schlafe? Nein, nein, er wachte: das waren die Häuſer, welche er jeden Tag aus ſeinem Fenſter ſah, das war ſein Zimmer— da, auf einem Stuhle an der Thür, ſaß ein Menſch mit blondem, fahlem Haar und einem einfältigen Geſichtsausdrucke, der ihn be⸗ wachen ſollte— alſo befand er ſich in der That in ernſterer Haft, als vor einer Stunde.— Er biß ſich auf die Lippen, er knirſchte mit den Zähnen, als er nun dachte, daß noch im Laufe des heu⸗ tigen Tages, ſpäteſtens morgen früh, die Welt von dem großen Ereigniſſe in Kenntniß geſetzt ſein würde, er, Fer⸗ dinand Welkermann, der Mittelpunkt der eleganten und verſchwenderiſchen jungen Männerwelt, ſei wegen Antheils an Banknotenfälſchung verhaftet worden. Und nichts war natürlicher, als daß ſich dieſes Ge⸗ rücht wie ein Lauffeuer verbreiten würde. Jetzt ſchon mußte ſeine arme, gute Mutter darum wiſſen, auch die —,— — Vierundzwanzigſtes Kapitel. 127 Dienſtboten des Hauſes und durch dieſe ſeine Tante, die Reviſorin Welkermann, und dann war die größtmöglichſte und ſchnellſte Verbreitung geſichert. Was aber konnte die ganze Geſchichte zu bedeuten haben? Wie konnte er in dieſen häßlichen Verdacht kommen? Möglich, daß ſich unter den Banknoten, die er für Herrn von Rivola umgewechſelt, falſche befunden hatten— wie konnte man aber ihn dafür verantwortlich machen, oder wie Herrn von Rivola, einen reichen Mann aus der beſten Geſellſchaft— einen ſo vorſichtigen Mann, ſo über allen Verdacht erhaben, der, wie Ferdinand häufig geſehen, auf Banknoten von großem Betrage ſeinen Namen ſchrieb, um den Beweis zu führen, dieſe oder jene Note ſei durch ſeine Hände gegangen? Pah, war er doch ſelbſt von ſeiner Unſchuld ſo ſehr überzeugt, daß er über die ganze Geſchichte hätte lächeln können, wenn ihm nicht der vorſichtige Charakter des Polizeiraths Merkel, dieſes gefürchteten Beamten, eingefallen wäre! Wer weiß, welche verfluchten Umſtände zuſammengewirkt haben, um einen ſo garſtigen Verdacht auf mich zu werfen, der aller⸗ dings verſchwinden muß wie Nebel vor der Sonne, Dank des Zeitalters, in dem wir leben, und der Oeffentlichkeit unſeres ganzen Gerichtsweſens, bei welcher es nicht mehr ſo leicht vorkommen kann, daß man gezwungen iſt, eine 128 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Suppe auszueſſen, die man ſich nicht ſelbſt eingebrockt hat — pah, auch das wird vorübergehen! Und doch hatte er gleich darauf wieder einen anderen Gedanken, bei dem es ihm fröſtelnd den Rücken hinauf⸗ flog: die Sicherheit, mit der Merkel gegen ihn aufgetreten war, die Ausſicht, welche er ihm eröffnet, vielleicht mit Gewalt auf die Polizeidirektion gebracht zu werden— und das alles ſollte ohne die triftigſten, wenn auch nur Scheingründe, vor ſich gehen können? Und wenn es vor ſich ging, welcher Spruch des Gerichts könnte der Ver⸗ leumdung befehlen, nicht achſelzuckend hinzuzuſetzen: ‚Ja, wenn man Sohn des Stadtſchultheißen iſt, wenn man mächtige Freunde hat wie Herrn von Rivola, ja, wie den Polizeirath Merkel ſelbſt, ſo läßt ſich Manches vertuſchen!“ Dabei fiel ihm Welden ein, einer der geachtetſten und loyalſten jungen Leute, von dem bisher Jedermann mit der größten Achtung geſprochen und den man nun über die Achſel anſah, weil man Gründe, ja, nach den Worten Merkels auch nur Scheingründe hatte, ihn niederträchtiger Feigheit zu beſchuldigen, deſſen guter Ruf dadurch wohl für immer vernichtet war. 1— 3 Das Blut ſtieg ihm bei dieſen Gedanken zu Kopfe, er rieb ſeine heiße Stirn und wandte ſich dann von dem Fenſter weg, um haſtig in dem Zimmer auf⸗ und abzugehen, eeͤͤͤͤͤ Vierundzwanzigſtes Kapitel. 129 An der Thür ſaß der Mann mit dem blonden Haar in etwas gebückter Haltung, ſeine Hände auf den Knieen gefalten, und betrachtete ſich, anſcheinend mit großer Gleichgültigkeit, die Einrichtung des Gemaches, zuweilen auch mit einem aufleuchtenden, intelligenten Blicke den vor ihm auf⸗ und abwandelnden jungen Mann. Da wurde ziemlich laut und deutlich an die Zimmer⸗ thür geklopft. Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. III.. 9 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Ferdinand, plötzlich ſtehen bleibend, rief„Herein!“ warf aber ſeinen Kopf unmuthig in die Höhe, da ſich der Thürdrücker wohl bewegte, die Thür ſich aber nicht öffnete, weil der vorſichtige Herr Schmetterer von innen abgeſchloſſen und den Schlüſſel zu ſich geſteckt hatte. Er erhob ſich aber raſch, um nachzuſehen, wer draußen ſei, und Ferdinand hörte ihn in der Thür, die er halb hinter ſich zugezogen hatte, ſagen:„Ich bedauere ſehr, Herr Welkermann iſt verhindert, Beſuche anzunehmen.“ „Ich weiß es, doch gibt es auch Ausnahmen von der Regel,“ hörte Ferdinand eine Stimme ſagen, deren be⸗ kannter Klang ihn unangenehm berührte. „Eine Ausnahme würde nur auf ſchriftlichen Befehl des Herrn Polizeiraths Merkel zu machen erlaubt ſein.“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. 131 „Den habe ich gerade— da, überzeugen Sie ſich.“ „Richtig, aber ohne Datum und nicht erſt heute Morgen geſchrieben; doch da ich Sie neulich bei dem Herrn Po⸗ lizeirath geſehen, ſo will ich das Papier gelten laſſen.“ Herr Schmetterer öffnete die Thür, und Welden trat in das Zimmer. Es war ein eigenthümliches Wiederſehen, das dieſer beiden jungen Leute. Welden blieb nach einem tiefen Athemzuge nicht weit vom Eingange des Zimmers ſtehen, und man ſah, welche Gewalt er ſich anthat, um die. Unterhaltung mit einer gewöhnlichen Phraſe zu beginnen. Doch kam ihm Ferdinand zu Hülfe, indem er raſch auf ihn zutrat, ihm die Hand reichte und ſagte: „Seien Sie mir willkommen, Herr Welden, ich ſchätze mich glücklich, Ihnen ſagen zu können, daß ich Aufklärung über eine gewiſſe Sache erhalten, die mich für meine Perſon vollkommen von der Ehrenhaftigkeit Ihres ganzen Betragens überzeugt— wenn Sie wollen, gebe ich Ihnen das ſchriftlich.“ Ueber den bleichen Zügen des Ingenieurs zeigte ſich ein trübes Lächeln, als er erwiederte:„Ob ſchriftlich, ob mündlich, Ihr Zeugniß wird nimmermehr im Stande ſein, meine vor der Welt ruinirte Ehre herzuſtellen. Ich fühlte⸗ das ſoeben wieder, als ich in Ihr Haus eintrat: ich las 132 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Erbitterung, ja, Verachtung in den Mienen Ihrer Diener⸗ ſchaft, ich ſah es wohl, mit welcher Geberde des Ab⸗ ſcheues Ihre mir ſonſt ſo freundlich geſinnte Mutter bei meinem Anblicke raſch die Thür verſchloß— nur Ihre Schweſter Eliſe gönnte mir ein ernſtes, gütiges Wort, doch auch ſie hätte mich ohne dieſes Papier nicht zu Ihnen gelaſſen— ah, es iſt entſetzlich, ſo gänzlich un⸗ ſchuldig gebrandmarkt zu ſein!“ Wie hatte ſich Welden in den wenigen Tagen ver⸗ ändert: die ſonſt ſo feinen Züge ſeines Geſichtes erſchienen tief gefurcht und dadurch entſtellt, ſeine Augen leuchteten nicht mehr in ruhiger Klarheit, ſondern ſie brannten fieber⸗ haft unter den gerötheten Lidern. Ferdinand, der ſeine eigene Angelegenheit für den Augenblick vergeſſen, hatte inniges Mitleiden mit ihm und ſagte in tröſtendem Tone:„Das wird vorübergehen; man ſpricht vielleicht noch vier Wochen davon, dann iſt die ganze Angelegenheit vergeſſen.“ „Die Angelegenheit vergißt ſich vielleicht, aber nicht, was dieſe Angelegenheit auf mich gehäuft; man würde möglicher Weiſe nach Jahren ſich ihrer kaum mehr er⸗ innern, aber Niemand wird es vergeſſen, wie nieder⸗ trächtig, wie erbärmlich und feige ſich damals ein gewiſſer Welden benommen!“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. 133 „Ah, die Stimme der Wahrheit wird auch das auf⸗ klären— erlauben Sie mir, lieber Welden, daß ich jedes Zeugniß dafür ausſtelle, das heißt, ſowie ich wieder in der Lage bin, das zu thun,“ ſetzte er mit eigenthümlich bewegter Stimme und mit einem bezeichnenden Blicke auf Herrn Schmetterer hinzu, welcher ſich wieder ruhig auf ſeinen Stuhl neben der Thür niedergelaſſen. Welden, der Wort und Blick verſtand, ſagte:„Das alles verſetzt mich in das größte Erſtaunen: ich erfuhr allerdings, daß ein anderer Grund, als unſer Duell, für Ihre Zimmerhaft vorliege— welcher Grund aber triftig genug iſt, um Ihnen eine verſchloſſene Thür und dieſe Geſell⸗ ſchaft zu verſchaffen, das verſtehe ich in der That nicht.“ „Ja, das ſind ſeltſame Sachen,“ gab Ferdinand mit einem düſtern Blicke zur Antwort;„wenn ich Ihnen den Grund mittheile, ſo werden Sie mir als einem Leidens⸗ bruder kräftig die Hand ſchütteln, und was die Ver⸗ leumdung anbelangt, der ich dadurch anheimfalle, ſo habe ich Ihnen ein Doublé vorgegeben— doch davon nachher: ich möchte Ihnen wirklich helfen, ſo lange ich Ihnen noch helfen kann.“ „Ich bin in der äußerſten Beſtürzung über Ihre Worte. Ich ahnte wohl, daß etwas gegen Sie im Werke ſei: ich hörte darüber einige Worte von unſerem gemein⸗ 134 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. ſchaftlichen Freunde, dem Herrn Polizeirath Merkel; ich war ſchon mehrere Male in Ihrem Hauſe, aber man wies mich jedes Mal ab, unter dem Vorgeben, Sie ſeien krank.“ Der Polizeiagent that ſo, als widme er dieſem Ge⸗ ſpräche nur ſehr geringe Aufmerkſamkeit, doch bei Nennung des Namens ſeines Chefs blitzte es aus ſeinen halb zu⸗ geſchloſſenen Augen hervor. „Sagen Sie mir doch,“ fragte jetzt Welden,„kennen Sie einen gewiſſen Steffler?“ „Ein anrüchiger Kerl— ja, ich kenne ihn: ich habe ihm Geld gegeben, damit er auswandern kann— eines der Dienſtmädchen unſeres Hauſes hatte ſich unbegreif⸗ licher Weiſe mit ihm eingelaſſen— ſehr unbegreiflicher Weiſe, nachdem— doch davon ein anderes Mal— ich hatte Urſache, ihm zu ſeiner Reiſe behülflich zu ſein— was iſt's mit Steffler?“ „Darüber könnte Ihnen jener Herr beſſere Auskunft geben, als ich,“ antwortete Welden mit einer Bewegung ſeines Kopfes gegen Schmetterer hin, der aber durchaus keine Miene machte, als nehme er das geringſte Intereſſe an dieſer Unterredung. „Wie ſo?“ fragte Ferdinand. „Nun, weil Steffler durch eben dieſen Herrn hier zu Fünfundzwanzigſtes Kapitel. 135 dem Polizeirath Merkel gebracht wurde, als ich zufällig bei ihm war— man wies jenem eine Wohnung auf der Polizeidirektion an, und ehe er das Zimmer verließ, nannte er zwei Namen ſeiner Gönner, die man, wie er wünſchte, von ſeiner Rückkehr in Kenntniß ſetzen möge— Ihren Namen und den des Freiherrn von Rivola.“ „Ein verfluchter Kerl, dieſer Steffler, ein großthue⸗ riſcher, nichtsnutziger Schuft! Mir iſt aber in der That recht unangenehm zu Muthe, denn warum ſoll ich Ihnen ein Geheimniß machen aus dem Stande meiner Angelegen⸗ heit: auch für mich hält der gütige Polizeirath eine Wohnung bereit!“ Welden fuhr unwillkürlich einen Schritt zurück, indem er im höchſten Schrecken die Worte hervorſtieß:„Wie iſt das möglich? Ah, Sie treiben Ihren Scherz mit mir!“ „Durchaus nicht, das ſehen Sie aus der Geſellſchaft dieſes würdigen Mannes ſowie an der verſchloſſenen Thür meines Zimmers, die Ihnen ja ebenfalls aufge⸗ fallen iſt. Trotz allem dem ſehen Sie mich ziemlich ruhig, denn ich bin ſo überzeugt, daß ſich dieſe Sache in Kurzem zu meinen Gunſten aufklären wird, daß ich jetzt ſchon darüber lachen könnte, wenn ich nicht überzeugt wäre, Ihr Leidensbruder in der vollſten Bedeutung des Wortes zu ſein— keine Macht der Erde wird es vermögen, 136 Funfundzwanzigſtes Kapitel. meinen Namen von dem Verdachte rein zu waſchen, mit dem man ihn belaſtet, und wenn auch mein Name aller⸗ dings der eines leichtſinnigen jungen Menſchen, eines Spielers und Verſchwenders iſt, ſo glaube ich doch nie Veranlaſſung gegeben zu haben, mich für einen Fälſcher der ſchlimmſten Art zu halten!“ „Was ſprachen Sie da eben?“ „Nun, für Jemanden, der wiſſentlich falſche Banknoten verbreitet hat, freilich nur für einen Hehler, der aber in dieſem ſauberen Gewerbe der Schlimmſte iſt!“ „Sie ſehen, wie beſtürzt ich bin— treiben Sie in der That keinen Scherz mit mir?“ „Ich bin wahrhaftig nicht zum Scherzen aufgelegt— ich habe die volle Wahrheit geſagt! Reichen Sie mir Ihre Hand: wir Beide ſind ein prächtiges Freſſen für die tauſendköpfige Schlange Verleumdung, die ich ſchon an allen Ecken und Enden pfeifen höre! Ah, wie ſchade, daß unſer Duell geſtört wurde; ich glaube, wir waren erbost genug auf einander, um gegenſeitig feſt drauf zu halten— ich hätte es dieſer Polizei wahrhaftig gegönnt, einen ſtillen Mann, wie ich hätte ſein können, ins Verhör zu nehmen!“ „Ah, jetzt wird es mir klar,“ rief der Ingenieur, Fünfundzwanzigſtes Kapitel. 137 „warum mir Merkel ſagte, Ihr Leben ſei ihm zu koſtbar, um es mir Preis zu geben!“ „Schade, daß Sie ihm damals Ihr Ehrenwort gaben!“ „Nur für drei Tage,“ antwortete Welden und ſetzte mit einem düſtern Blicke hinzu:„Chrlich geſagt, ſuchte ich Sie am vierten Tage auf, um unſere Angelegenheit wieder aufzunehmen.“ „Ich war verblendet, wie alle Uebrigen— hätte ich gewußt, wie ſchuldlos Sie an Allem waren und was ſich hier begeben würde, ich wäre mit Freuden für Sie bereit geweſen, um ſo jeden Makel, der auf Ihrer Ehre hätte haften können, gründlich zu zerſtören.“ „Wohl das einzige Mittel, aber furchtbar ernſt für Einen von uns Beiden, denn nur der ernſteſte Ausgang hätte der Welt beweiſen können, daß ich nicht aus Feig⸗ heit, ja, daß ich überhaupt nicht zum Werräther an Ihnen geworden bin!“ Ferdinand fuhr ſich mit der Hand über die Augen und ſagte dann:„Schade, daß es ſo gekommen iſt, ja, jetzt doppelt ſchade, denn mir wäre alles, alles recht ge⸗ weſen, das mich vor dem, was hier geſchehen, bewahrt hätte— o, könnte ich durch etwas, ſei es, was es wolle, jenen Morgen zurückerkaufen, an welchem ich Sie er⸗ 138 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. wartet, mit einem böſen Fluche gegen Sie auf den Lippen — lieber ein geſundes Duell mit jedem Ausgange, als das— was vor mir!“ Er lehnte den Kopf gegen das Fenſter, und man ſah an ſeinen heftigen Athemzügen und an dem unmuthigen Zucken ſeines Körpers, wie gewaltig er mit dem, was er eben ſagte, beſchäftigt war. Herr Schmetterer auf ſeinem Stuhle an der Thür ſchien ſich nicht ganz behaglich bei dieſer Unterredung zu befinden, ohne daß man übrigens hiervon etwas auf ſeinem vollkommen gleichgültigen Geſichte hätte leſen können; doch dachte er bei ſich:„Es iſt mir ganz unbe⸗ greiflich, wie der Herr Polizeirath, nachdem er ſich einmal dafür ausgeſprochen, dieſen jungen Herrn mit Niemanden verkehren zu laſſen, nun doch Erlaubniß gibt, daß der Andere ihn beſucht, wobei ich für ſehr unnöthig halte, daß er ihm erzählte, jener Steffler ſei zurückgebracht worden— ganz unnöthig, und wenn jener junge Herr ſich nicht bald von ſelbſt entfernt, ſo werde ich die Aus⸗ rede gebrauchen, daß eine Unterredung, ſelbſt auf ſchrift⸗ liche Erlaubniß, nicht länger als eine halbe Stunde dauern dürfe.“ Ferdinand fuhr heftig aus ſeiner Stellung am Fenſter herum und rief:„Es iſt förmlich zum Tollwerden, wenn Fünfundzwanzigſtes Kapitel. 139 ich bedenke, was in der letzten Stunde mit mir vorge⸗ gangen iſt, und wenn ich hinzuſetze, daß, obgleich ſchuld⸗ los wie ein neugeborenes Kind, doch dieſen ſchwarzen Flecken Niemand mehr von mir und meinem Namen nehmen wird, ſo kann ich es wiederholt nur auf's innigſte bedauern, daß unſere Zuſammenkunft nicht ſtattgefunden hat, wobei es am beſten geweſen, wenn ich auf dem Platze geblieben wäre!“ „Ich würde mir jetzt den Vorrang darin nicht gern ſtreitig machen laſſen,“ ſagte Welden in ruhigem, leiden⸗ ſchaftsloſem Tone;„ich mußte zuerſt und eben ſo un⸗ ſchuldig leiden, wie Sie, alſo gebührt mir auch zuerſt eine gründliche Aenderung dieſer unausſtehlichen Lage.“ „Es wäre eigentlich originell,“ rief der Andere mit einem Anfluge ſeines gewöhnlichen Leichtſinns in Blick und Stimme,„wenn wir uns dieſen aufgedrungenen Zeugen dort zu Nutzen und ihn zu unſerem beiderſeitigen Secun⸗ danten machten, wenigſtens zum unparteiiſchen Zuſchauer, der ſpäter beſtätigen müßte, daß der Zweikampf zwiſchen uns, den ich Ihnen vollkommen ſchuldig bin, auf die ehrlichſte Art von der Welt ſtattgefunden habe— was meinen Sie dazu, Herr— wie iſt doch Ihr Name?“ „Mein Name iſt Schmetterer,“ entgegnete der Polizei⸗ agent, aufſtehend, und ſetzte mit geſenktem Haupte und 140 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. in ſehr beſcheidenem Tone hinzu:„Machen Sie ſich ſelbſt, Herr Welkermann, und mir keine Ungelegenheiten— Sie wiſſen wohl, daß ich das, was Sie jenem Herrn da vor⸗ ſchlugen, unter keiner Bedingung leiden würde; überhaupt hat dieſe Unterredung ſchon recht lange gedauert.“ „Ich glaube, daß Sie das durchaus nichts angeht!“ brauste Ferdinand auf.„Und was meinen Vorſchlag an⸗ belangt, den ich, allerdings mit ſehr ernſtem Hinter⸗ grunde, im Scherze gethan, ſo habe ich leider keine Degen bei der Hand und halte den Knall von Piſtolen hier in in unſerem ſtillen, friedlichen Hauſe ſelbſt für unanſtändig und compromittirend, wobei es andererſeits das Richtigſte wäre, wenn wir uns gegenſeitig eine Kugel vor den Kopf ſchöſſen— meinen Sie nicht auch, Welden?“ „Gewiß!“ „Unſer Handel muß aus⸗ und abgemacht werden: es liegt zu ſehr in Ihrem Intereſſe, und wenn Sie auch heute die gelindeſte Erklärung meinerſeits als genügend zur Ausgleichung annehmen würden, ſo müßte ich mich doch weigern, eine derartige Erklärung zu geben— man kann als gute Freunde auf den Kampfplatz gehen und doch vor der Welt verpflichtet ſein, auf einander zu ſchießen— meinen Sie nicht auch?“ „Gewiß!“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. 441 „Man kann ſich eben ſo gut vorher die Hand ſchüt⸗ teln, wie nachher, beim Vorrücken gegen die Barriere ge⸗ räth unſer Blut doch in Wallung. Habe ich Recht?“ „Sie ſprechen ganz meine Meinung aus,“ erwiederte der Ingenieur, mit einem aufleuchtenden Blicke näher tretend und mit ſeinen beiden Händen die Rechte des Anderen ergreifend und herzlich ſchüttelnd; ja, unſere An⸗ gelegenheit muß abgemacht werden!“ „Und ſo ernſthaft, wie möglich, ich bin dafür, keine Spielerei!“ „Nein, keine Spielerei!“ „Und welche Freude wird es mir gewähren,“ rief Ferdinand, in eine wilde Heiterkeit ausbrechend,„der ſtill lauernden Gerechtigkeit eine Naſe zu drehen— wie ge⸗ ſagt, Degen habe ich keine, Piſtolen knallen zu ſehr— wir könnten aber ein wenig auf ſpaniſche Art mit Meſſern auf einander losgehen— ich wäre dazu wahrhaftig ganz in der Laune.“ „Meine Herren,“ ſagte der Polizeiagent, indem er ſich zwiſchen die beiden jungen Leute ſtellte,„obgleich ich feſt überzeugt bin, daß Sie nur im Scherze dieſe Redensarten führen, ſo kann ich das doch unmöglich dulden, und wenn Sie in dieſem Tone fortfahren wollten, ſo muß ich ent⸗ weder Herrn Welden bitten, das Zimmer zu verlaſſen, 142 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. oder mich, wenn dem nicht Folge geleiſtet wird, nach Hülfe umſehen.“ „Der Mann hat Recht,“ meinte Welden. „Aber iſt es nicht ſchade?“ rief Ferdinand, der in immer größere Aufregung gerieth.„Es wäre dies eine ſo günſtige Gelegenheit, unſere Sache abzumachen, und gerade vor dieſem Herrn abzumachen, der alsdann auf ſeinen Amtseid bezeugen könnte, wie richtig Alles zuge⸗ gangen— ſchade darum, dieſe ſpaniſche Art des Zwei⸗ kampfes hat immer etwas Poetiſches, ja Ritterliches, doch — wüßte ich noch eine andere, die noch weniger Geräuſch und Aufſehen machen würde.“ „Mir wäre jede recht, ich gebe Ihnen mein Wort darauf.“ „Jede?“ „Jede!“ „So ſchlage ich Ihnen die amerikaniſche Art des Duells vor, etwas roh zwar, etwas nervenaufregend, aber recht paſſend für unſere Verhältniſſe,— ſind Sie damit einverſtanden?“ „Warum nicht?“— „Natürlich ſind wir Beide ſo vernünftig, die Anſicht des braven Herrn Schmetterer zu theilen, daß es unthun⸗ lich iſt, die Sache hier im Zimmer vor ſeinen Augen Fünfundzwanzigſtes Kapitel. 143 auszumachen— wir ſind ihm das für die Artigkeit ſchul⸗ dig, mit der er unſere Unterredung bis jetzt ſo gut wie ungeſtört ließ; aber verbieten kann er es uns nicht, daß wir einen Zeitraum feſtſetzen, bis wann wir unſeren Handel ganz endgültig für Einen von uns Beiden ab⸗ machen— was meinen Sie heute über vier Wochen— wir haben heute den zwölften April, alſo am zwölften Mai— Morgens um eilf Uhr?“ fügte er bei, nachdem er einen Blick auf ſeine Uhr geworfen. „Am zwölften Mai, Morgens um eilf Uhr,“ ſtimmte Welden in ruhigem Tone bei. „Auf Ehrenwort!“ „Verſteht ſich von ſelbſt, auf Chrenwort!“ Welkermann legte ſeine Rechte in die des jungen In⸗ genieurs, und während Beider Hände ein paar Secunden lang vereinigt blieben, ſchaute Einer dem Anderen feſt in die Augen. „So wollen wir würfeln,“ ſagte Ferdinand, ſich ab⸗ wendend,„und der, welcher den niedrigſten Wurf thut, hat den Vortritt— der Andere kann ihm ja folgen, wenn es ihm Spaß macht oder wenn ihn die Verhältniſſe dazu beſtimmen.“ Herr Schmetterer hatte ſchweigend zugehört, nnd wenn es ihm auch nicht ganz klar war, was unter amerika⸗ 144 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. niſchem Duell zu verſtehen ſei, ſo hielt er es doch für ſeine Pflicht und für ſein Recht, das Würfeln eines Ge⸗ fangenen zu verhüten, und er that dies mit kurzen und beſtimmten Worten. „Sie ſind in der That komiſch,“ fuhr ihn Ferdinand an, welcher ſchon einen Würfelbecher von ſeinem Schreib⸗ tiſche herbeigeholt hatte—„ſpielen wir denn um Geld oder Geldeswerth?“ „Vielleicht um etwas Koſtbareres, was ich nicht weiß, was mich auch im Grunde nichts angeht, da ich es nur mit der Gegenwart zu thun habe und ich es in derſelben nicht geſtatten kann, daß ein Gefangener mit einem Be⸗ ſuche würfelt. Mein lieber Herr Welkermann,“ fuhr er bittend fort,„zwingen Sie mich nicht dazu, ein unange⸗ nehmes Aufſehen im Hauſe Ihres Herrn Vaters machen zu müſſen, indem ich Hülfe herbeirufe und alsdann thue, was mir und Ihnen nicht lieb iſt.“ „Ah bah, mit Ihrer Hülfe,“ rief Ferdinand trotzig, „glauben Sie denn, ich fürchte mich vor Ihnen und Ihren Helfern— ich bliebe überhaupt gutwillig hier in meinem Zimmer, wenn ich nicht wüßte, daß die Komödie meiner Gefangenſchaft bald ausgeſpielt hat? Ah,“ ſetzte er zähneknirſchend hinzu,„wenn ſich auch alles Andere ſo in Ordnung bringen und wieder gänzlich verwiſchen ließe! Fünfundzwanzigſtes Kapitel. 145 Kommen Sie, Welden, wollen Sie, daß ich zuerſt werfe?“ Doch mit einer Kraft, die man dem kleinen, ſchmächtigen Manne nicht zugetraut hätte, legte Schmetterer ſeine Hand auf den Würfelbecher, und dabei hatten ſich ſeine ſchlaffen Züge be⸗ lebt und aus ſeinen Augen leuchtete Muth und Entſchloſſenheit. „Noch ſchone ich Sie und Ihr Haus,“ rief er mit einer Stimme, welche ganz anders klang, als der Ton, in welchem er bisher geſprochen;„zwingen Sie mich nicht, die Thür zu öffnen!“ „Und dann, wenn ich bitten darf?“ fragte Ferdinand mit einem verächtlichen Blicke. „Meine Leute von draußen hereinzurufen und Ihnen, wenn das nöthig ſein ſollte, Handeiſen anzulegen.“ Ferdinand fühlte, wie ihn bei dieſen Worten ein Schauer überflog; auch Weldens Geſicht wurde bleicher, wie bisher. Beide hatten den gleichen Gedanken: wenn der Mann berechtigt war, ſo zu ſprechen und vielleicht auch ſo zu handeln, wie er ſprach, ſo mußte allerdings der Verdacht eines ſchweren Verbrechens vorliegen. „Aber es bleibt bei unſerer Abſprache!“ rief Welker⸗ mann mit düſter blitzendem Auge und etwas heiſerer Stimme.„Kommen Sie an's Fenſter, Welden, das wird uns doch wohl erlaubt ſein— oder nicht?“ Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. I. 10 146 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Herr Schmetterer, der nicht ganz mit ſich im Reinen war, folgte ihnen dorthin, wo von dem vorübergezogenen Gewitter noch immer ſchwere Tropfen gegen die Scheiben geworfen wurden; er traute dieſen beiden unbeſonnenen jungen Leuten, von denen beſonders der Eine ſich in einer furchtbaren Aufregung befand, jede mögliche Thor⸗ heit zu— wer weiß, ob der Sohn des Stadtſchultheißen nicht die Abſicht hatte, das Fenſter zu öffnen und ſich auf die Straße hinabzuſtürzen? Doch ſah der Polizeiagent im nächſten Angenblicke, daß er ſich in dieſer Vorausſetzung getäuſcht, denn Beide lehnten ruhig an der Fenſterbrüſtung und führten ein ganz harmloſes Geſpräch. „Sehen Sie dieſe beiden ſchweren Tropfen,“ ſagte Fer⸗ dinand zu Welden,„die ſoeben in gleicher Höhe gegen die Scheibe geworfen wurden und die ſich zu beſinnen ſcheinen, ob ſie abwärts rollen ſollen? Ich wette, daß der auf meiner Seite zuerſt unten ankommt.“ „Gut, ſo nehme ich den anderen.“ „Und der, welcher zuerſt ankommt,“ ſagte Welkermann in engliſcher Sprache,„hat den Vortritt.“ Es hätte für einen eingeweihten Zuſchauer etwas Grauenhaftes ſein müſſen, die ſtarren Blicke der jungen Leute zu beobachten, wie ſie bald den einen, bald den Fünfundzwanzigſtes Kapitel. 147 anderen der Waſſertropfen mit gleichem Intereſſe betrach⸗ teten. Derjenige des Ingenieurs fing zuerſt an, langſam abwärts zu rollen, doch eine Sekunde ſpäter folgte der andere raſcher und überholte ihn um ein paar Linien: Beider Athem ging ſchwer und ein gleichförmiges, eigen⸗ thümliches Lächeln zeigte ſich auf ihren Zügen. Welden kam etwas vor, jetzt hatte ihn der Andere wieder erreicht und war dicht neben ihm. Die Wolken am Himmel waren verſchwunden, fortge⸗ jagt von einem leichten Winde, und der heitere, fröhliche Sonnenſchein blitzte gegen das Fenſter und ließ die beiden Tropfen erglänzen wie Edelſteine oder wie Thränen. Sie ſahen nichts davon, ſondern achteten nur, ſchwer athmend, auf das langſame Fortſchreiten der Zeiger dieſer furchtbaren Todtenuhr. Es wurde an die Thür geklopft: ſie hörten eben ſo wenig davon, als daß Herr Schmetterer den Schlüſſel im Schloſſe umdrehte und ſie öffnete. Noch einen halben Zoll hatten die beiden Regentropfen zu durchlaufen, und als fürchteten ſie ſelbſt eine Unter⸗ brechung, beeilten ſie ſich, das zu thun. Da wurde der Welden's, auf welchen er jetzt ſeine heißen, ſtarren Blicke richtete, plötzlich aufgehalten, wahr⸗ ſcheinlich durch ein unbedeutendes Korn im Glaſe, während 148 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. der andere Waſſertropfen ſich zwar langſam aber ſtetig fortbewegte. „Ferdinand!— Ferdinand!“ hörte man in dieſem Augenblicke eine laute Stimme in jammerndem, herzzer⸗ reißendem Tone ausrufen— in einem Tone, welcher die Kerven erzittern machte und der ſelbſt den jungen Mann, dem dieſer Ruf galt, trotz des furchtbar ernſten Augen⸗ blickes vermochte, ſeinen Kopf umzuwenden. Ehe er das aber that, ſtreiften ſeine düſtern Augen das bleiche Geſicht des Anderen, während er ihm zu⸗ flüſterte:„Die Sache iſt entſchieden— Sie liegen feſt vor Anker— noch eine Sekunde, und ich habe ausgelebt — ſei es drum, Sie werden nicht daran zweifeln, daß ich mein Wort halte!“ „Ferdinand! Ferdinand!“ rief Frau Welkermann per⸗ zweiflungsvoll aus, indem ſie ſich an den Hals ihres Sohnes warf und ſein Geſicht mit ihren heißen Thränen überſchwemmte.„Was haſt du dir ſelbſt gethan? Was haſt du uns gethan? O mein Gott, iſt es denn wahr?“ Hinter ihr war der Stadtſchultheiß in das Zimmer ge⸗ treten; ſein ernſtes, ja, düſteres Geſicht tief in die weiße Halsbinde vergraben, blieb er an der Thür ſtehen, wäh⸗ rend er ſeine rechte Hand an die Augen brachte, in denen es ſeltſam zu zwinkern begann. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. 149 „So ſprich doch, Ferdinand, ſprich ein Wort zu deiner unglücklichen Mutter, ſage ihr, daß Alles nicht wahr, daß du unſchuldig biſt!“ „Und würdeſt du mir glauben?“ entgegnete Ferdinand mit dumpfer Stimme.„Ich zweifle daran— man hat euch allerlei Schlimmes, allerlei Furchtbares über mich ge⸗ ſagt— man hat mir dort vielverſprechende Geſellſchaft gegeben— man ladet mich ein, die Polizei-Direktion zu beſuchen; das iſt allerdings ſehr gravirend, und wenn ich mir die Sache näher überlege,“ ſetzte er mit einem Blicke auf Welden, welcher immer noch die Fenſterſcheiben an⸗ ſtarrte, hinzu,„ſo iſt allerdings Alles verloren.“ „Nichts iſt verloren,“ rief der Ingenieur auf einmal in jubelndem Tone,„nichts— gar nichts— es wäre aber auch entſetzlich geweſen, wenn dieſes frevelhafte Spiel zu einem Ergebniſſe geführt hätte!“ „Ah, Sie haben mich zum Beſten,“ erwiederte Fer⸗ dinand, während die Anderen verwundert auſſchauten, „Sie wollen ſich ſelbſt und mich täuſchen— fehlte doch kaum eine Linie!“ „Sehen Sie her: hier hielt Ihr Tropfen, während der meinige, ſeitwärts überfließend, ſich mit dem Ihrigen vereinigte.“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. „Ah bah,“ rief der junge Welkermann,„eine Ausrede, deren Grund ich verſtehe!“ „Ein Wort, für das ich in der That ernſtliche Händel mit Ihnen anfangen möchte!“ „Aber Ferdinand, Ferdinand,“ rief Frau Welkermann, die Hände zuſammenſchlagend,„ich glaube wirklich, daß Alles verloren iſt— und, Herr Welden, auch Sie— Sie, dem ich bisher ſtets das Wort redete, der ſich ſtets ſo freundlich, ſo wohlwollend, ſo feinfühlend benahm!“ „Es erſcheint mir das alles wie ein böſer Traum,“ ſagte der Stadtſchultheiß, näher tretend;„die uns bewil⸗ ligte halbe Stunde wird in unnützen Redensarten ver⸗ gehen, und ich erlaube mir, Ihnen zu ſagen, Herr Wel⸗ den,“ wandte er ſich mit bebender Stimme an den In⸗ genieur,„daß ich mit meinem Sohne Einiges zu be⸗ ſprechen wünſchte und deßhalb für jetzt auf Ihre ange⸗ nehme Geſellſchaft verzichten muß.“ Der alſo Angeredete biß ſich auf die Lippen und ſchloß in tief ſchmerzlicher Bewegung einen Moment lang ſeine Augen, als er ſich vor dem Stadtſchultheißen verbeugte und dann ebenfalls vor Frau Welkermann, die aber, ſich raſch von ihm wendend, ihr Geſicht auf der Schulter Fer⸗ dinand's verbarg, welch letzterer, ihm zum Abſchiede mit der Hand winkend, ſagte: —— —,— Fünfundzwanzigſtes Kapitel. 151 „Gehen Sie in Frieden, Welden— ich hoffe, daß wir uns vorher noch einmal wiederſehen.“ Dieſes einfache Wort„vorher“ traf ihn wie ein Keu⸗ lenſchlag, ließ ihn erbeben und betäubte ihn derart, daß er nicht wußte, wie er aus dem Zimmer gekommen, noch auf den erſten Stock des Hauſes gelangt war. Hier blieb er, tief Athem holend, ſtehen, und als er ſich recht beſon⸗ nen auf die Bedeutung des Wortes, welches er ſoeben aus Ferdinand's Munde gehört, wollte er wieder hinauf ſtürmen und an ſeiner Seite bleiben, bis jener ihm ge⸗ ſchworen, daß er nicht an ſeinem Worte zweifle. Da ward er zurückgehalten durch eine Hand, die ſich auf ſeinen Arm legte, und ſah, ſich raſch umwendend, in Eliſens ernſtes, blaſſes Geſicht. „Wollen Sie wohl die Güte haben, Herr Welden, mir einen Augenblick in den Garten zu folgen? Ich und noch jemand Anderes möchten mit Ihnen reden. Hier oben kann das nicht geſchehen, da ich jeden Augenblick maine Eltern zurück erwarte— wollen Sie mir folgen?“ Der Ingenieur machte eine ſtumme Verbeugung und ging mit langſamen Schritten an der Seite Eliſens die Treppen hinab. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Der Garten des Welkermann'ſchen Hauſes war von je her der Lieblingsaufenthalt Eliſens geweſen, da derſelbe in ſeiner ſtillen Abgeſchiedenheit ihren Neigungen, ja, ihren Wünſchen zu ſehr zuſagte. Er hatte rings umher ſo hohe Mauern, daß man von den Nachbarshäuſern nicht hereinſchauen konnte, und obendrein befanden ſich entlang dieſer Mauern alte Kaſtanienbäume, die im hohen Som⸗ mer mit ihren ſtarken, vollen Kronen den kleinen Raum zu drei Viertheilen wie mit dichten, grünen Schleiern zu⸗ deckten; nur in der Mitte, wohin der Strahl der Sonne gelangen konnte, befanden ſich Blumenbeete rings um einen kleinen Springbrunnen, und wenn auch die Anlage des ganzen Gartens etwas Einförmiges hatte, ſo lag doch etwas Traulich⸗Heimliches in dieſem buntfarbigen Mittel⸗ ————ͤͤſ— 4 * ——nnmnm— Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 1953 punkte mit dem murmelnden Waſſer, rings umgeben und geſchützt von der Mauer und den breitäſtigen Bäumen. Auf den Zweigen derſelben entwickelte ſich eben der Frühling in voller Pracht: die kleinen, hellgrünen, noch vor wenigen Tagen feſt zuſammengerollten Blättchen reck⸗ ten ſich auseinander, daß es anzuſehen war, als ſtrecke jeder Baum Tauſende von Händen in die blaue Luft hinaus, und wie duftete Alles heute ſo wunderbar nach dem leichten Regen, welcher unerklärliche und doch ſo be⸗ kannte Gerüche aus dem jungfräulichen Laube, aus dem Graſe, aus der warmen Erde hervorlockte! Während des Weges ſagte Cliſe zu ihrem Begleiter: „Es hat unſer Haus viel. Unglück betroffen; wer hätte gedacht, daß es ſo kommen würde?“ Obwohl ſie ſich bemühte, dies ſo ruhig als möglich zu ſagen, ſo zitterte doch eine tiefe Empfindung durch ihre Worte und veranlaßte Welden, ihr mit aller Wärme, die ihm möglich war, zur Antwort zu geben:„Der Schein trügt, Fräulein Eliſe, wie ſo oft in dieſer Welt; glauben Sie mir— glauben Sie mir, wir ſtehen hier vor einer allerdings ſcheinbar zuſammenpaſſenden Kette von Umſtänden, die aber vor der Wahrheit auseinander fallen wird.“ „und ich fürchte vielmehr, die Ringe dieſer Kette 154 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. werden ſich feſter um meinen Bruder ſchließen und ſo meinen Eltern namenloſes Unglück bereiten.“ „Ich bitte Sie herzlich, Fräulein Eliſe, vertrauen Sie mir und ſeien Sie überzeugt, daß ich Ferdinand's Ange⸗ legenheit wie die meinige betrachte, in dieſem Augenblicke mehr als je— oder glauben Sie, mir nicht vertrauen zu können?“ „Warum nicht?“ erwiederte ſie, ihn offen anſchauend. „O, könnte ich ſo an der Schuld meines Bruders zweifeln, als ich überzeugt war, daß man Ihnen mit jenen Be⸗ ſchuldigungen, von denen ich einen Theil erfahren, Un⸗ recht gethan!“ „Das lohne Ihnen Gott, Fräulein Eliſe! Alſo gibt es noch edle Herzen, die mich ſolcher Schlechtigkeit nicht fähig hielten— nun denn, ſo vertrauen Sie mir auch und ſagen Sie mir unumwunden, wann und wie ich rathen und helfen kann.“ „Das kann allein nur Gott, der die Unſchuld kennt und einſchreiten wird, wenn er es für gut findet,“ erwie⸗ derte ſie in ruhigem, ſanftem Tone, indem ſie ihre Augen zum blauen Himmel emporhob. „Aber Sie wünſchten doch eine Unterredung mit mir?“ „Ich bat Sie nur, mir zu einer Unterredung zu fol⸗ p p Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 155 gen; dort— iſt Jemand, der Sie zu ſprechen wünſcht; ich that vielleicht Unrecht, Sie hieher zu führen, aber ich kenne das gute, reine Herz meiner theuren Lucy.“ „Ah, Lucy— ah, Fräulein Lucy!“ rief Welden über⸗ raſcht, als er das junge Mädchen, von dem eben die Rede war, unter den Kaſtanienbäumen hervortreten ſah, „der Frühling des Frühlings, die ſchönſte Roſenknospe in dieſer entzückenden Jahreszeit.“ Erſchien ſie ihm doch wirklich ſo mit ihrem vor Scham leicht erröthenden Ant⸗ litze, mit den niedergeſchlagenen Augen, mit den leuchten⸗ den Thautropfen, die auf ihrem blonden Haar ruhten! Lucy hielt ihren Hut in der Hand, und ein leichter Wind, der durch die Bäume ſtrich, hatte die dort geſam⸗ melten ſchweren Tropfen auf das Haupt des jungen Mädchens hinabgeſtäubt. Dieſe Regentropfen und jener— es ſchauderte ihn, wenn er daran dachte. Während Fräulein von Rivola dem jungen Manne ihre kleine, rechte Hand bot, legte ſie die andere in den Arm Eliſens, zog dieſe ſanft an ſich, als ſtumme Bitte, daß ſie ſie nicht verlaſſen dürfe, und dann traten alle Drei unter die Bäume zurück. „Ich mußte Sie ſehen, Herr Welden,“ ſagte Lucy — 156 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. ſchüchtern;„ich mußte Sie ſprechen— vorher noch ein⸗ mal ſprechen....“ Dann ſtockte ſie verlegen. Schon wieder dieſes ſchreckliche Wort: vorher— für ihn auch hier von ſo ſchmerzlicher Bedeutung, denn er wußte wohl, was dieſes„vorher“ zu ſagen hatte. War es doch ſeit einigen Tagen in der Stadt kein Geheimniß mehr, daß Graf Eugen Hartenſtein Fräulein von Rivola heirathen werde! „Ich hätte ja gern gewartet,“ ſetzte das junge Mädchen nach einer kleinen Pauſe hinzu,„bis Sie uns wieder beſucht hätten; doch waren Sie ja neulich bei uns, ohne nach mir zu ſehen, und ich dachte gewiß nicht mit Unrecht, daß dies nicht ohne Abſicht geſchehen ſei.“ „Eine Abſicht lag allerdings darin, daß man mich verhinderte, nach Ihnen zu ſehen, Fräulein Lucy, und ge⸗ wiß hat Ihr Herr Vater Sie darüber nicht im Unklaren gelaſſen.“ „Ah, er ſprach allerdings Manches über Sie, was mich tief betrübte, ja, was mich unglücklich gemacht hätte, daß man Sie bei meinem Vater verleumdet.“ „Wie danke ich Ihnen für dieſes Wort! Es erhebt mich, es macht mich glücklich, denn es gibt mir den Be⸗ weis, daß von denen, an deren Meinung mir gelegen iſt, wenn ich— wenn ich— nicht überzeugt geweſen wäre, „ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 157 mich doch Mancher nicht ungehört und ungerecht verdam⸗ men wird. Und doch,“ fuhr er in einem bitteren Tone fort,„greife ich ja wie ein Ertrinkender nach einem un⸗ haltbaren Strohhalme! Wenn ich Ihnen auch herzlich danke für Ihre gute Meinung, Fräulein Lucy, ſo würde ſich doch dieſe Meinung anders geſtalten, wenn Sie— wenn Sie das, was man mir zum Vorwurfe macht, mit den Augen Ihres Herrn Vaters, mit denen der ganzen Welt betrachten würden.“ 4 „O, Herr Welden,“ gab ſie mit gefaltenen Händen zur Antwort,„reden Sie nicht ſo Böſes über ſich ſelber, nur heute nicht, jetzt nicht! Und wenn die ganze Welt Uebles von Ihnen ſagen würde, ich würde es ja doch nicht glauben, und ich ſpreche die Wahrheit— hier, Ihnen gegenüber, die volle Wahrheit, wie ich ſie in meinem Herzen fühle! Ich bin auch gekommen, um Ihnen aufrichtig zu ſagen, was man zu Hauſe über mich be⸗ ſchloſſen hat.“ „Ich weiß davon, Fräulein Lucy.“ „Nicht um Ihren Rath zu verlangen, denn ich bin überzeugt, Sie würden mir rathen, mich dem Willen meiner Eltern zu unterwerfen; Sie haben mir ſchon oft früher ſcherzhaft geſagt, kleine Kinder müſſen gehorchen, und Sie würden mir das jetzt wiederholen.“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Wahrſcheinlich würde ich das thun.“ „Sehen Sie— ſo will ich Sie alſo nicht um Ihren Rath fragen, ſondern will Ihnen nur ſagen, daß ich noch einen letzten Verſuch machen werde, meinen Vater zu be⸗ ſtimmen, daß er mir die Freiheit meines Handelns läßt. O, mein Vater iſt milde und gut und hat ein weiches Herz! Deßhalb iſt es mir auch ſo unbegreiflich, daß er Ihnen zürnen kann, Herr Welden, und mir iſt das ge⸗ rade jetzt doppelt ſchmerzlich, denn wenn er Ihnen in die⸗ ſem Augenblicke nicht zürnte, ſo hätte ich vielmehr den Muth, ihm zu ſagen: laß mich doch bei dir, wie bis jetzt— ach, ich habe mich von jeher darauf gefreut, mit den lieben Freunden des Hauſes dieſen Sommer und noch viele Jahre beiſammen zu bleiben!“ „Aber Herr von Rivola zürnt mir?“ „Ja, er zürnt Ihnen, und auch die Mama, woraus ich mir indeſſen nicht ſo viel machen würde, denn Sie waren ihr früher gleichgültig, während mein Vater Sie geliebt hat— für meine Mutter iſt überhaupt alles gleichgültig, was nicht zur Erreichung eines Zieles dient; was ihr aber im Wege ſteht, das haßt ſie, und ſo wer⸗ den auch Sie jetzt von ihr gehaßt.“ „Ich verſtehe das nicht recht, Fräulein Lucy,“ gab Welden zur Antwort, obgleich er in Wirklichkeit doch —— Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 159 etwas in ihren Worten erkannte, was ſein Herz ſchneller ſchlagen ließ und was ihn veranlaßte, einen Blick auf Eliſe zu werfen, die an der Gartenmauer, in tiefe Ge⸗ danken verſunken, auf⸗ und abging. Auch vermied er es dabei, Lucy's leuchtenden, ſeelenvollen Blicken zu begegnen oder das faſt wehmüthige Lächeln um ihren Mund zu betrachten, welches ihre feinen Lippen bewegte und die ſchneeweißen Zähne dazwiſchen hervorſchimmern ließ— durchſchauerte es ihn doch ſo ſchon tief und gewaltig, als ſie jetzt ihre kleine Hand auf ſeinen Arm legte. „Ja, ſie glaubt, Sie ſtänden ihrem Ziele im Wege, und dieſes Ziel iſt, mich mit Eugen Hartenſtein zu ver⸗ heirathen.“ Hier konnte ſich Welden trotz alledem nicht enthalten, ſie anzuſchauen; doch ſah er nichts, als das reizende Profil ihres Geſichtchens, da ſie den Kopf von ihm abge⸗ wandt und den Blick auf den Boden geheſtet hatte. Zu verdenken war es ihm hierbei indeſſen nicht, wenigſtens verzeihlich, daß er ſeine Hand leicht auf ihre kleinen Finger legte und durch dieſe Berührung ihre Blicke mag⸗ netiſch anzog. Als ſich nun Beider Augen begegneten, da ſchwammen die des jungen Mädchens in einer ſtillgeſtandenen Thräne, die Lippen Beider aber waren halb geöffnet, wie um 8 160 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. leichter das wunderbare Weh des ſchmerzlichſten Entzückens auszuhauchen, unter dem ihre Herzen ſchneller ſchlugen und hätten brechen mögen. Es war einer jener bedeut⸗ ſamen Momente, die über das Glück eines ganzen Lebens entſcheiden; hier aber lag die Entſcheidung ſchon hinter ihnen, und keine Hoffnung auf Glück und Seligkeit vor ihnen. Es dauerte eine lange, lange Weile, während die Blicke Beider feſt in einander wurzelten, und während ſie, ihren zarten Körper hervorhebend, ihm ſo nahe kam, daß 1 er ihren warmen, ſüßen, raſch ausgeſtoßenen Athem um ſeine Lippen ſpürte— weiter nichts, wobei ſie ihn aber zauberhaft anzog und feſſelte durch den unausſprechlich innigen Ausdruck ihres tiefglänzenden, ſanften Auges. Dann glitt ihre Hand von dem Arme herab in die ſeinige und ſie ſprach, indem ſie ſich wieder halb von ihm ab⸗ wandte:„Das habe ich Ihnen nur ſagen wollen und hielt es für eine liebe Pflicht, das zu thun gegenüber dem, was mit mir beſchloſſen iſt, und gegenüber den bit⸗ teren, gehäſſigen Worten, die ich über Sie gehört.“ „O, meine Seele dankt Ihnen jauchzend dafür, Lucy! Ihre Worte haben wieder ein helles, mildes Licht ver⸗ breitet in meinem ſo finſteren Innern, wenn auch die Strahlen der Sonne, nach denen ich mich ſo gewaltig Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 161 ſehne, meinem Auge niemals aufgehen werden, niemals aufgehen können, und wenn ich auch nicht gewürdigt bin, glänzende Tage der Freude erleben zu können, ſo will ich doch mit Seligkeit denken an die Morgenröthe eines un⸗ erreichbaren Glückes, die ich in Ihrem Auge geſchaut, die aus Ihren Worten in mein Herz geleuchtet und die es geſtählt für ewige Zeiten.“ „Und nun muß es geſchieden ſein,“ hörten ſie die ernſte Stimme Eliſens ſagen, welche zu ihnen getreten war und das leiſe weinende Mädchen in ihre Arme ſchloß. „Gehen Sie mit Gott, Herr Welden, und je länger es dauert, bis wir hier uns wiederſehen, deſto beſſer iſt es für uns Alle.“ Er blickte einen Augenblick fragend auf Lucy, er hätte ſich durch ein Wort von ihr gern zurückhalten laſſen; doch hatte ſie ihr Geſicht an dem Herzen ihrer Freundin ver⸗ borgen, und ſo ſagte er ihr ein kurzes Wort des Abſchie⸗ des und durchſchritt den Garten. Ehe er aber in das Haus eintrat, blickte er noch einmal zurück und ſah Lucy hoch aufgerichtet neben ihrer Freundin ſtehen, ſah, wie ſie jetzt ihr)e Hand an die Lippen führte und darauf den Arm gegen ihn ausſtreckte. Damit aber war nun, als er in's Haus eingetreten, ſeine ganze Umgebung wie durch einen Zauberſchlag ver⸗ Hackländer, Das Gcheimniß der Stadt. III. 11 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. ändert— dort die Seligkeit der erſten Liebe eines reinen, jugendlich warmen Herzens, die, gleich einer duftenden Roſenknospe, unter Thränen aus ihrer Hülle gebrochen war— hier die troſtloſe Klage einer unglücklichen Mut⸗ ter, welche ihren Sohn wiederholt in ihre Arme ſchloß und ihn nicht von ſich laſſen wollte. Er erreichte die Thür des Hauſes wankend wie im Traume, und ſein Geiſt trat erſt wieder klar in die Wirklichkeit, als er das Rollen eines feſt verſchloſſenen Wagens vernahm, der ſich vom Hauſe des Stadtſchultheißen im raſchen Laufe der Pferde entfernte. Welden ging ſeinem Hauſe zu und hatte auf dem Wege dorthin ſo ſehr ſeine Faſſung wiedergewonnen, daß er anſcheinend vollkommen ruhig ſein Zeichnungs⸗Bureau wieder betrat. Sein Chef, der Oberbaurath Lievens, war länger ausgeblieben, als er am Anfange geglaubt, und erſt vor einer Stunde von ſeiner Dienſtreiſe zurückgekehrt. Was Frau Lievens anbetraf, ſo hatte er ſie ſeit jenem Morgen nicht wiedergeſehen; er hatte ſich nicht abſichtlich ihrem Blicke entzogen, ja, er hatte ſie ſogar am folgenden Tage aufgeſucht, um ihr nicht vorzuenthalten, in welch furchtbare Lage ſie ihn durch ihr leidenſchaftliches Auf⸗ treten gebracht. Da erfuhr er, daß ſie zu einer älteren Schweſter gereist ſei, die in einer benachbarten Stadt ver⸗ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 163 heirathet war, und wir wollen nicht verſchweigen, daß er bei dieſer Nachricht leichter aufathmete. Der Oberbaurath war von ſeiner Inſpectionsreiſe zu⸗ rückgekehrt, die Hände ſo voll Arbeit, wie man zu ſagen pflegt, daß es ihm nicht unlieb war, anſtatt verſchiedene Stunden des Tages, beim Mittageſſen oder am Thee⸗ tiſche, der Unterhaltung ſeiner Frau widmen zu müſſen, jetzt vollkommen freie Zeit zu haben, um mit Welden, der die Seele des ganzen Bau⸗Departements war, das Nöthige verarbeiten zu können, und es gab des Nöthigen und Nöthigſten ſo vieles: hatte doch die Regierung des Nach⸗ barlandes, welche ſo lange hartnäckig einen gewiſſen Eiſen⸗ bahnanſchluß verweigert, dieſen endlich bewilligt, und mußte man ſich nun über Hals und Kopf beeilen, um das Publikum den Vortheil dieſes Anſchluſſes ſo bald als möglich genießen zu laſſen. An den Vorarbeiten hierzu hatte Welden allerdings ſchon ſeit Jahren gearbeitet, und er brauchte nur der Reihe nach ſeine Mappen herzugeben, um mit den Detailzeichnungen und Accordirungen begin⸗ nen zu können. Dazu aber war es nöthig, ſich an Ort und Stelle zu begeben, und der junge Ingenieur begrüßte den Befehl ſeines Chefs, ſich ſo bald als möglich reiſefertig zu machen, mit der ungetheilteſten Freude; hoffte er doch, in 164 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. anderer Umgebung, bei angeſtrengten Arbeiten all das Entzückende, aber auch all das Furchtbare, in das er ſo willenlos hineingerathen, vergeſſen zu können! Ja, und dabei erſchien es ihm als kein geringer Vortheil, dieſes Haus, das Haus des Oberbauraths, wo er längere Zeit ſo harmlos und ſtill⸗zufrieden gelebt, nun verlaſſen zu können, nicht, um auf der Schwelle, ohne rückwärts zu blicken, den Staub von ſeinen Stiefeln zu ſchütteln, aber doch mit einem wehmüthigen, traurigen Gefühle. Und wie bald kam dieſer Augenblick! Das Bureau des Oberbauraths Lievens wurde zwiſchen dieſem und dem Ingenieur getheilt, das heißt, letzterer nahm die fähigſten der jungen Leute mit ſich, während die übrigen beim Oberbaurath blieben, der als vermittelndes Element in der Nähe des Miniſteriums zu bleiben hatte. Und nach einigen Tagen verließ Welden die Stadt, und abſichtlich abermals zu Fuß, langſam die Höhen er⸗ ſteigend bis zu jenem alten Gemäuer, wohin er ſeinen Wagen beſtellt hatte und von wo aus er noch einen ſchmerzlichen Blick auf das Häuſermeer zu ſeinen Füßen warf, und wahrlich keinen hoffenden nach Eichenwald hinüber. Dann wandte er ſich ab, wie man ſich von einem offenen Grabe abwendet, in das man ſein Theuerſtes ———— Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 165 hinabgeſenkt, das unſere Liebe, einen Theil unſeres Glau⸗ bens und unſere ganze Hoffnung einſchließt. Seiner Bruſt entrang ſich ein leichter Schrei, wie ihn der Falke vielleicht ausſtößt, wenn er, ſeinem Gefängniß entronnen, ſich hoch in die klare, reine Luft emporſchwingt; aber bei ihm war es nicht nur ein Schrei der Befriedi⸗ gung, ſondern auch ein Schrei tiefſten Schmerzes. Dann warf er ſich in den Wagen, drückte ſich feſt in eine Ecke deſſelben, und während er dahinrollte, verſenkte er ſich mit aller Kraft in Erinnerungen der letztvergangenen Tage — ach, und dabei trat jener kleine Garten, wo er Lucy zuletzt geſehen, ſo tief ſchmerzlich vor ſeine Seele, Lucy's Hingebung, ſeine ſo plötzlich erwachte und nun zur Lei⸗ denſchaft gewordene Liebe— ſonſt war ihm das Scheiden von Allen da unten leicht geworden. Mit ſeinen nothwendigen Beſuchen war Welden bald fertig geweſen: er ließ Wenige hier zurück, deren Freund⸗ ſchaft, ja, deren Wohlwollen gegen ihn ſich bei dem ge⸗ wiſſen Vorfalle erprobt hatte. Bei dem Polizeirath Merkel allein verblieb er längere Zeit und ſagte ihm auch, wie er nicht ohne Leid in mancher Beziehung die Stadt ver⸗ laſſe; dann bat er ihn auf's dringendſte, ihm doch hier und da Kenntniß zu geben von dem Verlaufe des Pro⸗ zeſſes gegen Ferdinand Welkermann, was Herr Merkel 166 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. auch mit ſeinem freundſchaftlichſten und wohlwollendſten Lächeln verſprach. Dann ſchieden ſie, und es freute Welden, als er hierbei bemerkte, wie jener dieſen Abſchied nicht ſo leicht nahm, wie er ihn mit herzlichen Worten hinaus an die Treppe geleitete, wie er ihm wiederholt beide Hände drückte und ihm ſagte:„Glauben Sie, es thut mir recht leid, daß Sie gehen— ich hätte lieber ein paar Hundert Andere vermiſſen mögen, brave Leute und Spitzbuben, obgleich auch an den letzteren mein Herz ge⸗ wiſſermaßen hängt, wie Sie wiſſen. Nun, Sie haben Recht, es iſt hier kein Boden für Sie; man muß hier ſcheren oder geſchoren werden; ich bin hier für's Erſtere angeſtellt und begreife es wohl, daß Sie ſich das Letztere ſchwerlich gefallen laſſen möchten. Doch Sie werden ſehen, ich beſuche Sie in meinen Ferien; vor der Hand habe ich noch eine rieſige Arbeit vor mir, rieſiger, als Sie viel⸗ leicht denken, obgleich Sie wiſſen, was ich meine. Doch ſobald das vorüber iſt, nehme ich Urlaub und komme zu Ihnen. Wohl weiß ich ungefähr, welche Gegend des Ge⸗ birges Sie mit Spaten und Haue unſicher machen, und kann mir auch wohl denken, wo Ihr Hauptquartier ſein wird— richtig, bei dem alten Heilemann, von dem Sie ſchon ſo viel erzählt— nun, da ſuche ich Sie auf und begleite Sie durch Dick und Dünn. Das wird ein präch⸗ 9 — A* Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 167 tiges Leben werden! Ich ſchaue Ihnen zu, wenn Sie Felſen ſprengen, und gehe mit Ihnen auf die Jagd, nicht als Selbſtſchütze, davor möge Sie der Herr in Gnaden bewahren, ſondern ich klatſche in die Hände, daß die Feld⸗ hühnerketten nur ſo auffliegen— brrrrrrr— und nun Gott befohlen, lieber Welden!“ Damit hatte ſich der Polizeirath abgewandt und die Thür ſeines Vorzimmers raſch hinter ſich zugemacht. Innerhalb derſelben blieb er einen Augenblick gedan⸗ kenvoll ſtehen, fuhr ſich mit der Hand über die Augen, und ſeine heitere, wohlwollende Miene hatte ſich plötzlich in eine mürriſche, finſtere verwandelt.„Wenn ich wieder einmal auf die Welt komme,“ ſprach er zu ſich ſelber,„ſo werde ich kein Polizeibeamter, ſondern ſuche mir ein Ge⸗ ſchäft, wie jener glückliche junge Menſch dort, in Feld und Wald— dort allein kann man zufrieden ſein; aber ſo wie man das Menſchenvolk, namentlich von ſeiner Schat⸗ tenſeite faſſen muß, ſo hat man keinen frohen Augenblick mehr. Es liegt allerdings etwas Großes darin, mit aller Geiſteskraft zu combiniren, um einem ſo ſtill ſchleichenden Verbrechen entgegen zu treten und ihm Halt! Werda? zurufen zu können. Doch ſollte man dabei eigentlich gar kein Herz haben— einen guten Theil deſſelben habe ich mir allerdings ſchon abgewöhnt, aber es kommt immer 168 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. wieder, und ich glaube, wenn ich einmal aufhörte, Poli⸗ zeibeamter zu ſein, ſo würde mir über Nacht mein ganzes ſchönes Herz wieder ſo voll und groß wachſen, wie es ehemals geweſen iſt— aber Polizeidirektor, wielleicht Miniſter der Polizei zu werden, das iſt auch keine Klei⸗ nigkeit!“ Unter dieſem Selbſtgeſpräche war der Polizeirath in ſein Zimmer zurückgegangen und hatte ſich dort an ſeinen Schreibtiſch geſtellt, die Rechte auf denſelben ſtützend. „Mich dauert in der That der alte Welkermann in tiefſter Seele,“ ſagte er, zum Fenſter hinaus auf den freien Platz vor demſelben blickend.„Wie ich vernommen, hat er geſtern ſchon den Rücktritt von ſeinem Amte als Stadtſchultheiß angezeigt— es thut mir in der Seele weh, und doch kann kein Zweifel dabei ſein: ſein Sohn iſt nicht unſchuldig zu dieſer Hehlerei gekommen; daß er am Ende bei der Fabrikation nicht thätig war, das glaube ich ſchon nach den Verhören mit Steffler annehmen zu 1 können. Aber der andere Schatten, der da vor mir auf⸗ 65 ſteigt, iſt noch fürchterlicher, mich ſelbſt wahrhaft er⸗ ſchreckend, ja, erſchütternd, und wenn ich auch Beweiſe geſammelt habe, die ſich leicht zu einem befriedigenden 4 Reſultate an einander reihen laſſen, ſo iſt dieſes Reſultat doch ſo ſchrecklicher Art, daß ich es Seiner Excellenz dem — — Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 169 Herrn Polizeiminiſter, meinem alten, würdigen, aber etwas ängſtlichen Chef, nicht übel nehmen konnte, als er geſtern ſagte: ‚Ich glaube, Sie ſind toll geworden, Merkel!““ 3 Er ließ ſich, nachdem er die letzten Worte ziemlich deutlich vor ſich hin geſprochen, auf ſeinen Stuhl nieder, nahm aus einer zweifach verſchloſſenen Schublade des Schreibtiſches eine kleine Mappe mit Papieren und blät⸗ terte darin, während er kopfſchüttelnd ſagte:„Und doch iſt der ganz ergebene Merkel nicht toll geworden, im Gegentheil, er glaubt, daß er ganz ungeheuer vernünftig iſt: da iſt hier das Blatt unbedruckten Banknotenpapiers, das ich ſelbſt im ſogenannten Atelier des Herrn von Ri⸗ vola aufgehoben; da iſt ferner der Brief des Chefs der Notenfabrikation ſowie das Protokoll ſeiner Beamten, daß nie und zu keiner Zeit unbedrucktes Banknotenpapier ab⸗ gegeben worden iſt, auch nicht einmal für Herrn von Rivola zu einer Unterſuchung; hier haben wir ferner das Gutachten des Profeſſors Förſter, wonach er ſeine Be⸗ hauptung beweist, daß das Waſſerzeichen in dem frag⸗ lichen Papier vermittels einer ihm allerdings ſelbſt noch unbekannten Säure hergeſtellt iſt; hier haben wir die Ver⸗ hörsakten Steffler's, worin er erzählt, daß er mit Herrn von Rivola bekannt geworden, als jener bei dem Hof⸗ 170 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. friſeur dieſe Federzeichnung hier geſehen und von dem Gehilfen des Hoffriſeurs erfahren, Steffler ſei allerdings ein armer Teufel und ein etwas leichtſinniger Kerl, aber dabei ein geſchickter Kupferſtecher. Und daß die falſchen Noten in Kupfer geſtochen wurden, darüber herrſcht eben ſo wenig ein Zweifel, als daß Steffler ſie allerdings nicht gemacht hat— doch kann er etwas daran geändert haben, und einmal ſchien dieſer ſchlaue Fuchs etwas von einem derartigen Bekenntniſſe auf der Zunge zu haben, denn daß er ſich ſelbſt gleich darauf corrigirte und angab, er habe nur zur Probe für Herrn von Rivola eine kleine Arabeske in Kupfer geſchnitten, iſt kaum glaublich. „Ich will aber den Fall annehmen, Steffler ſei bei dieſer Fälſchung förmlich unſchuldig, ſo bleibt es doch im höchſten Grade verdächtig, daß Herr von Rivola dieſen Menſchen an ſich gezogen, denn dieſer kluge und umſichtige Mann hat während der Dauer ſeines hieſigen Aufent⸗ haltes nie ohne Ueberlegung gehandelt; am auffallendſten aber muß es mir ſein, daß er damals, als er mich in ſeinem Wagen nach dem Rathhauſe führte und als ich von Steffler, den wir mit dem jungen Welkermann plau⸗ dernd ſahen, ſprach, Steffler durchaus nicht zu kennen vorgab. 4 „Ich reſumire alſo: wenn auch Steffler bei der vor⸗ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 171 liegenden Banknotenfälſchung nicht betheiligt war, ſo wurde er von Herrn von Rivola vielleicht für eine neue, verbeſſerte Auflage gewonnen, welche— und das beweist Steffler's Reiſe— im Auslande angefertigt werden ſollte; denn daß die Augen des alten Herrn nicht mehr in dem Zuſtande ſind, um eine ſo feine und anſtrengende Arbeit ſelbſt zu unternehmen, dafür bürgt mir das Urtheil ſeines geſchickten Hausarztes, der zufälliger Weiſe auch der mei⸗ nige iſt und den ich geſprächsweiſe darüber hörte. „Nun aber kommen wir zu der großen Frage: Wo ſind die, vorliegenden falſchen Banknoten angefertigt worden?— und darüber iſt meine Anſicht ſo klar, daß ich bereit wäre, darüber einen körperlichen Eid abzulegen: die Platten wurden vor Jahren im ſogenannten Atelier im alten Thurme, und zwar von Herrn von Rivola allein, geſtochen, der Druck geſchah vielleicht mit Hülfe ſeines Dieners, der, wie ich ja ſelbſt am beſten weiß, ein ge⸗ ſchickter Schloſſer und Mechaniker iſt. „Alles das war unendlich geſchickt und mit großer Klugheit angelegt, und wahrſcheinlich während wir, ſeine Bekannten, ihn häufig bei ſeinen künſtleriſchen Arbeiten beſuchten— wozu er ja uns Allen aufs bereitwilligſte ungehinderten Eintritt gewährte— arbeitete er. Daß zwiſchen jener Zeit und jetzt ſchon der Zeitraum von 172 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Jahren liegt, beweist am beſten der Zuſtand, in welchem wir das Atelier fanden, einige Tage vorher, ehe der alte Thurm der Stadt übergeben wurde. O, hätte ich damals einen Grund gehabt, die Geräthſchaften und alles, was ſich dort befand, in genaueſte Unterſuchung zu ziehen! Aber, ehrlich geſagt, ich würde mir vor kurzer Zeit noch ſelbſt die gleiche Antwort gegeben haben, welche mir Seine Excellenz ſpendete: Ich glaube, Merkel, du biſt toll geworden! „Und doch hat das auch wieder ſein Gutes: der Herr von Rivola, welcher allerdings durch die Verhaftung Fer⸗ dinand Welkermann's unangenehm berührt worden ſein ſoll, wiegt ſich noch in vollkommener Sicherheit, obgleich er zugegeben, daß er den jungen Bankbeamten einige Male erſucht habe, ihm Banknoten auszuwechſeln. Sagte mir doch der alte, ſchlaue Fuchs ſelber, er beſtreite durch⸗ aus die Möglichkeit nicht, daß ſich unter jenen Banknoten falſche befunden hätten— habe er doch ſelbſt mehrmals Verdächtiges an verſchiedenen Noten zu bemerken geglaubt, aber ſelten verfehlt, dieſe alsdann mit ſeinem vollen Namen zu bezeichnen, um vorkommenden Falles daran erinnert werden zu können— o, er i*ſt entſetzlich vorſich⸗ tig zu Werke gegangen! Aber trotzdem beweist ſich aber⸗ mals die Wahrheit des ſehr richtigen Satzes, daß es Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 173 leicht iſt, Banknoten täuſchend nachzuahmen, aber ſehr ſchwer, ſie ungefährdet in Umlauf zu bringen. „Und nun zu unſerem Schlußreſumé: Herr von Ri⸗ vola hat vor Jahren die Banknoten angefertigt, hat eine hinreichende Anzahl davon gedruckt, aber die Platten vor noch nicht langer Zeit zerſtört, und auf dieſe Zuſammen⸗ ſtellung habe ich Urſache, mir etwas einzubilden.“ Bei dieſem letzten Gedanken öffnete er abermals die Schublade und nahm aus einem kleinen Schächtelchen etwas hervor, das er aufmerkſam betrachtete, während er halblaut vor ſich hinſprach:„Die Kupferplatten wurden zerſchnitten, die Stücke im Kohlenfeuer des Ofens ge⸗ ſchmolzen und dann wahrſcheinlich nach allen vier Winden hin zerſtreut, bis auf Eines— bis auf dieſes hier, welches unbemerkt in der Aſche blieb und von Welden gefunden wurde. „Wenn alles das nicht Anzeichen genug ſind, um die Hand nach dem Betreffenden auszuſtrecken, ſo weiß ich nicht, was man noch abwarten ſoll— und iſt es nicht ſchauderhaft dabei, abzuhangen von einem Vorgeſetzten, der vor dem Gedanken zurückſchaudert, einen Freiherrn am Kragen zu nehmen? Als ob ein Freiherr nicht eben ſo gut ein Spitzbube ſein könnte, wie jeder Andere! Es iſt das wahrhaft troſtlos: man hält alles das noch nicht 174 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. für genügend, und ich ſoll abwarten, bis ich weitere, noch erſchwerendere Umſtände finde— nun, da können wir lange warten.“ Die Thür hatte ſich langſam geöffnet, und der Auf⸗ wärter meldete Herrn Schmetterer. „Iſt er allein?“ „Nein, er hat einen Menſchen bei ſich, welcher wie der Diener eines guten Hauſes ausſieht.“ „So laß Beide eintreten,“ ſagte der Polizeirath raſch und mit einer ſehr erheiterten Miene. Gleich darauf erſchien Herr Schmetterer und hinter ihm Jakob, einer der Diener des Herrn von Rivola. Letzterer machte ein einigermaßen verlegenes Geſicht, blieb⸗ an der Thür ſtehen und machte nur kleine, zögernde Schritte, als ihn der Andere erſuchte, ſich dem Herrn Polizeirath zu nühern. „Nun?“ ſagte dieſer mit einem fragenden Blicke auf Schmetterer. „Da habe ich den Herrn Jakob Veigel allerdings mit⸗ gebracht,“ gab der Polizeiagent achſelzuckend zur Ant⸗ wort,„aber er verſicherte mir auf der Treppe, keine tauſend Pferde ſollten im Stande ſein, ihn von der Stelle zu ziehen, wenn er ſelbſt nicht vorwärts gehe, oder ihn 1 b t V Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 175 zu zwingen, ein Wort zu ſagen, das er verſchweigen wolle.“ „Darin hat Jakob Veigel ganz Recht,“ ſagte der Po⸗ lizeirath in beiſtimmendem Tone.„Man muß Jedem die Freiheit des Handelns laſſen, und freue ich mich deßhalb auch um ſo mehr, daß er freiwillig zu mir kommt.“ „Das kann man eigentlich nicht ſagen,“ ſprach der Bediente in trotzigem Tone.„Ich bin nur mitgegangen, weil der da vor dieſem Hauſe, als ich vorüberkam, gar zu familiär mit mir that und weil das gerade auf Unſer⸗ eins kein vortheilhaftes Licht wirft— nichts für ungut, aber ich habe mit der Polizei nicht gern zu ſchaffen.“ „Es iſt eigenthümlich,“ meinte Herr Merkel lächelnd, „welches Vorurtheil man im Allgemeinen gegen uns hat, höchſt eigenthümlich; doch wollen wir darüber nicht reden. Es handelt ſich nur, glaube ich, um eine Aeußerung, welche Herr Veigel gethan und die meinen guten Be⸗ kannten, den Herrn von Rivola betrifft.“ „Ich wüßte mich keiner meiner Aeußerungen zu ent⸗ ſinnen, die wichtig genug wäre, um hier davon zu reden.“ Der Polizeirath warf einen raſchen, bezeichnenden Blick auf Schmetterer, der ihn auffing wie ein geſchickter Ballſchläger den Ball, und ſogleich ſagte:„Der Herr Polizeirath meint die Aeußerung, welche Sie vorgeſtern „ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 177 Gefahr, denn ſo viel ich weiß, hat Herr von Rivola einen äußerſt feſten Geldſchrank.“ „Das gerade nicht,“ warf der Polizeiagent raſch ein. „Deßhalb machte ich dem Herrn Veigel auch gelinde Vor⸗ würfe, daß er von ſolchen Dingen im Wirthshauſe ſpräche. Er will mir freilich nicht glauben, und ich bitte Sie, ihm zu beſtätigen, daß es ſehr unvorſichtig iſt, vor fremden Menſchen darüber zu plaudern, wie er gethan: ſein Herr verwahre die Banknoten einfach in ſeinem Schreibtiſche in einer rothen Mappe.“ „Nun ja,“ erwiederte Herr Merkel,„was man ſo an kleinem Gelde für den täglichen Bedarf braucht— nicht wahr, Herr Veigel?“ Da dieſer die Zähne auf einander biß und, ſtatt zu antworten, zum Fenſter hinausſchaute, ſo ſagte Herr Schmetterer für ihn:„Nein, nein, er ſprach von einem ſolchen Paket der größten Banknoten“— hier zeigte er die Dicke des Pakets durch die Entfernung ſeiner beiden⸗ Hände von einander an—„ja, er ſagte zu dem Reit⸗ knechte des Grafen von Heckeren in geringſchätzendem Tone: Was thue ich mit dem Reichthum deines Herrn, ein paarmal Hunderttauſend Gulden? Viermal ſo viel hat mein Herr in ſeiner großen, rothen Brieftaſche immer vorräthig!“ Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. III. 12. 176 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. im Blauen Karpfen gethan, als Sie nämlich ſagten— ich muß Ihre eigenen Worte gebrauchen—: Mein Herr, der Baron, iſt ein Hexenmeiſter, oder er muß einen Du⸗ katenmacher im Hauſe haben, denn kein Menſch weiß, wo das viele, viele Geld herkommt, das er ausgibt.“ „Wenn ich das geſagt habe, ſo habe ich es im Rauſche gethan. Ich weiß ganz genau, daß der gnädige Herr ſeine Einnahmen aus Belgien bezieht, von den großen Eiſenwerken, die er dort noch beſitzt.“ „Wer weiß das nicht!“ ſtimmte der Polizeirath bei. „Der Herr Baron bezieht ſein Geld allerdings aus ſeinen Fabriken in Belgien durch die hieſige Bank, wo ich ihn ſchon mehrmals große Summen erheben und mit nach Hauſe nehmen ſah, meiſtens Fünfhunderter⸗ und Tauſender⸗ Scheine.“ „Ja, ja, ſo iſt es, die gibt er meiſtens aus und hat mehr davon,“ ſetzte er mit einem verächtlichen Blicke auf den Polizeirath hinzu,„als ſich mancher arme Teufel träumen läßt.“ „Davon bin ich überzeugt,“ meinte Herr Merkel in mildem und etwas gleichgültigem Tone.„Ein Herr, der ſo große Ausgaben hat, wie der Herr von Rivola, iſt genöthigt, immer viel Geld in ſeinem Hauſe zu haben, und das, obgleich er draußen auf dem Lande wohnt, ohne alle 178 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Sehen Sie, wie das unvorſichtig war!“ ſagte der Polizeirath mit aufgehobenem Zeigefinger.„Wenn man einſam auf dem Lande wohnt, muß man im Wirthshauſe nicht ſolche Dinge erzählen, das heißt, wenn Sie das wirklich erzählt haben.“ „Ja, ich habe es erzählt, warum ſoll ich es läugnen — der Reitknecht des Grafen Heckeren neckte mich und meinte, mit dem Reichthume meines Herrn könne es über Nacht einmal ein Ende nehmen, und da ſagte ich ihm allerdings, mein Herr hätte im Schreibtiſche in ſeiner rothen Brieftaſche gewöhnlich viermal ſo viel Banknoten liegen, als ſein Herr beſäße.“ Der Polizeirath nickte langſam mit dem Kopfe und verſetzte dann in ſehr gleichgültigem Tone:„Nun ja, Sie ſagten das, wie man ſo was ſagt, um Jemanden abzu⸗ trumpfen.“ „Nein, ich ſagte es, weil es die Wahrheit iſt!“ ant⸗ wortete der Bediente in barſchem Tone und ſetzte mit einem giftigen Blicke hinzu:„Hätte ich freilich gewußt, daß man ſogar im Wirthshauſe belauſcht wird und da⸗ durch Ungelegenheiten bekommen kann, ſo hätte ich gewiß mein Maul gehalten!“ Der Polizeirath lehnte ſich in ſeinen Seſſel zurück, faltete die Hände und ſagte, indem er ſeine Daumen um Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 179 einander herumſpazieren ließ:„Im Grunde genommen, Schmetterer, hätten Sie Herrn Veigel nicht zu mir herauf⸗ bemühen ſollen; doch ich weiß wohl, Sie thaten das ja nur, weil ich Ihnen ſagte, Herr Veigel könnte mir einen Brief an Herrn von Rivola beſorgen.“ „Davon ſagte er nichts, ſonſt wäre ich wahrſchein⸗ lich bereitwilliger mitgegangen.“ „Vergeßlichkeit, Vergeßlichkeit!“ drohte der Polizeirath mit aufgehobenem Zeigefinger gegen Herrn Schmetterer. „Doch hat das nichts zu bedeuten; Herr Veigel wird ſchon ſo freundlich ſein und einen Brief an Herrn von Rivola mitnehmen. Laſſen Sie uns allein, Schmetterer, rücken Sie aber vorher einen Stuhl für Herrn Veigel an den Schreibtiſch.“ „O, bitte recht ſehr, Herr Polizeirath, ich kann ganz gut ſtehen!“ „Nein, nein, ſetzen Sie ſich nur daher; ich habe Sie vielleicht noch etwas zu fragen, und muß meine Bruſt eines Katarrhs wegen noch ein wenig ſchonen— ſetzen Sie ſich immerhin, Herr Veigel.“ Schmetterer that auf's pünktlichſte, wie ihm befohlen, brachte einen Stuhl ſo nahe an den Schreibtiſch des Herrn Merkel, daß der Bediente ſeinen Arm hätte darauf ſtützen können, was er aber nicht that— im Gegentheil, er 180 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. rückte, als ein gut gezogener Diener, den Stuhl wieder etwas ab und ſogar mit einer kleinen Wendung in's Zimmer hinein, um durchaus nicht auf's Papier zu ſehen, während der Polizeirath ſchrieb. Ehe ſich aber Jakob Veigel geſetzt hatte, ja, während er mit einem finſteren Blicke dem davongehenden Polizei⸗ agenten nachſchaute, hatte ſich Herr Merkel gebückt, um etwas vom Boden aufzuheben, ſo ſah es wenigſtens aus; in Wahrheit aber hatte er etwas ſo auf den Boden ge⸗ legt, daß es dem Bedienten in die Augen fallen mußte, ſobald ſich dieſer geſetzt. Und dann fing der Polizeirath an zu ſchreiben, blickte aber, während ſeine Feder über das Papier flog, mit einer kaum merklichen Drehung ſeiner Augen auf alle Be⸗ wegungen des neben ihm Sitzenden, ja, mit der Achtſam⸗ keit eines Anglers, der die Schnur in der gleichen Secunde emporſchnellen will, in welcher der Fiſch angebiſſen. Der Fiſch aber war Jakob Veigel, und der Köder lag vor ihm auf dem Boden. Eine Zeit lang zwar ſchien er ihn durchaus nicht zu bemerken: er blickte an die Decke empor, dann zum Fenſter hinaus, an ſich hinunter auf ſeine ſchwarzſammtnen Bein⸗ kleider, von denen er ein kleines Stäubchen wegknipſte, dann rückte er an der Schnalle ſeiner Gamaſchen, be Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 181 ſchaute den unteren Theil ſeiner Schuhe, die bei dem feuchten Wetter etwas ſchmutzig geworden waren, dann ſtarrte er vor ſich auf den Boden und bemerkte endlich den Köder, welchen ihm der Polizeirath hingeworfen. Es mußte dieſer Köder einige Anziehungskraft auf ihn ausüben; das ſah Herr Merkel mit einer Bewegung, welche zu verbergen er ſich die größte Mühe gab: das Einzige, was er that, war, daß er das Geſchriebene zu überleſen ſchien, dabei aber zu ſeiner Befriedigung ſah, daß der Bediente etwas vom Boden aufhob, es betrachtete und dann in ſeine Weſtentaſche ſtecken wollte. Hierin kam ihm aber Herr Merkel mit der ganz un⸗ befangen klingenden Frage zuvor:„Ließen Sie etwas fallen, Herr Veigel?“ „O ja, aber etwas Unbedeutendes; es muß mir aus der Taſche gerollt ſein, iſt aber von durchaus keinem Werthe.“ Dabei hielt er ihm zwiſchen ſeinen Fingerſpitzen den kleinen Kupfertropfen entgegen, den der Polizeirath vorhin auf den Boden gelegt hatte, worauf dieſer * fragte: „Haben Sie das in der That fallen laſſen?“ „Ich denke ſo, denn ich hatte etwas Aehnliches in der Weſtentaſche.“ „Seltſam— und ich meinte gerade, dieſes Stückchen 182 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Kupfer auf meinem Schreihtiſche gehabt zu haben, ehe Sie eintraten.“ Der Bediente griff in ſeine Weſtentaſche mit einem Lächeln der Ueberzeugung, welches aber mit Einem Male nachließ, als er nun ein anderes, ganz ähnliches Klümp⸗ chen hervorbrachte. „Sehen Sie wohl, mein lieber Herr Veigel, daß Sie 4 3 mir beinahe mein Eigenthum genommen hätten!“ „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung!“ „Unnöthig, unnöthig, mein lieber Freund; es iſt das nicht der Mühe werth, und wenn es Ihnen Vergnügen macht, ſo ſtecken Sie dieſes noch zu dem Ihrigen— ich glaube ſo beinahe, daß beide aus derſelben Quelle kom⸗ men.“ Er ſagte das mit der größten Unbefangenheit, während er wieder fortfuhr, zu ſchreiben.„Ihr Herr V war vor einigen Tagen bei mir, er zeigte mir den Unter⸗ ſchied der Metalle auf einem Probirſteine, und hat als⸗ dann das Ding da auf meinem Schreibtiſche liegen laſſen.“ „Ja, ja, ſo wird es ſein, Herr Polizeirath, denn der gnädige Herr hat öfters ſolche Kügelchen im Sacke: er wirft damit bald nach den Fiſchen im Waſſer, bald nach 3 den Vögeln im Gebüſche; neulich hob ich eines aus Neu⸗ 3 3 ——— —————— Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 183 gierde auf und ſteckte es zu mir— ſehen Sie, es iſt faſt das gleiche, nur iſt das meinige ein wenig größer.“ „In der That, Sie haben Recht— eine Spielerei— ſo, und mein Brief iſt fertig, ich will ihn nur noch in den Umſchlag ſtecken und überſchreiben.“ Die Zeilen aber, welche der Polizeirath geſchrieben, lauteten:„Mein verehrter Herr Baron! Die bewußte An⸗ gelegenheit ſcheint mir doch nicht ſo ſchlimm zu ſein, als wir Beide geglaubt. Geſtatten Sie mir, daß ich Sie in den nächſten Tagen beſuche, um nochmals Ihren ſo höchſt ſchätzbaren Rath und Ihre Kenntniſſe in Anſpruch zu nehmen. Mit aller Hochachtung Ihr ganz ergebenſter Diener Joſeph Merkel.“ Dann verſiegelte er den Umſchlag, überſchrieb ihn, und als er ihn dem Diener des Herrn Barons von Ri⸗ vola übergab, ſagte er ihm in wohlmeinendem Tone: „Und nun wiederhole ich noch einmal, Herr Veigel, ſeien Sie in Ihren Aeußerungen vorſichtig— vergeſſen Sie nicht, daß Sie draußen auf Eichenwald im Ganzen doch ziemlich abgelegen wohnen, und zürnen Sie dieſem guten Schmetterer nicht, der es wahrhaftig nicht übel gemeint hat— hier iſt der Brief, und bitte ich nur noch, dem Herrn Baron meine beſten Empfehlungen auszurichten.“ Der Bediente verließ das Zimmer mit einer tiefen 184 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Verbeugung, und als ſich die Thür hinter ihm geſchloſſen, richtete ſich der Polizeirath hoch auf, ſtrich ſich mit einem triumphirenden Lächeln über die Stirn und ſagte:„Jetzt bin ich doch neugierig, ob Seine Excellenz abermals ſagen wird: ‚Merkel, Sie ſind toll geworden!? Er klingelte, und als der Aufwärter erſchien, befahl er ihm, Herrn Schmetterer zu ſenden, der auch alsbald mit einem ſtillvergnügten Lächeln auf den Zügen eintrat. „Ich glaube, wir nähern uns dem Ziele,“ ſagte Herr Merkel,„aber um ſo ſchärfer und ſorgfältiger müſſen wir alle unſere Fäden anſpannen und in der Hand behalten. Sind Sie Ihrer Leute, welche Sie in das Nivola'ſche Haus gebracht haben, auch vollkommen ſicher?“ „So ſicher, als wenn ich mich ſelbſt dort befände— die Tochter eines meiner beſten Agenten und ſelbſt eine vortreffliche Perſon iſt ohne alles Aufſehen als Aushelferin 1 in der Küche angenommen, Stadler bei dem Gärtner untergebracht worden, und Bangart, den ich ſelbſt hierzu —— vorgeſchlagen, wohnt in dem kleinen Bauernhäuschen zehn Minuten oberhalb Eichenwald, von wo er im Stande iſt, jede ankommende und abgehende Perſon zu beaufſichtigen; er hat ein gutes Pferd bei ſich und iſt der Mann dazu, bei der geringſten Meldung, welche ihm von einer der beiden oben erwähnten Perſonen gemacht wird, ohne — Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 185 Weiteres nach den erhaltenen Anweiſungen rückſichtslos einzuſchreiten.“ „Gut, mehr kann man nicht thun, und doch zittre ich förmlich bei dem Gedanken, daß irgend ein Ungefähr uns dieſe koſtbare Beute aus den Händen reißen möge— wir haben es da mit einem verflucht ſchlauen Herrn zu thun.“ „Würden Sie es ungnädig nehmen, Herr Polizeirath, wenn ich mir die Bemerkung erlaubte, warum denn Sie ſelbſt bis morgen oder übermorgen warten, anſtatt heute vorzugehen?“ „Weil— weil— nun, ich brauche in dieſer Sache vor Ihnen kein Geheimniß zu haben....“ „In keiner Sache, Herr Polizeirath.“ „Ich weiß, ich weiß— weil alſo mir von oben herab Winke gegeben wurden, die Sache mit der größtmöglichſten Schonung anzugreifen; Sie werden das verſtehen: wollte ich heute handeln, ſo müßte ich es ohne Befehl thun, ganz auf meine eigene Verantwortung— ja, ſchlimmer noch: man hat mir ſogar befohlen, erſt dann energiſch vorzugehen, nachdem man Seine Majeſtät von der Ge⸗ ſchichte in Kenntniß geſetzt habe, und das zu thun, zögert mein verehrter Chef von einem Tage zum anderen— begreife es auch vollkommen: man ſteckt den nicht gern 186 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. in’'s Gefängniß, mit welchem man am Abend vorher viel⸗ leicht eine Partie Whiſt geſpielt. Deßhalb können wir, die wir uns auf Vorpoſten befinden, nicht vorſichtig und verſchwiegen genug ſein. Haben Sie Ihre Befehle für einen plötzlichen, wirkſamen Ueberfall genau gegeben?“ „Ganz genau; ohne Stadler würde es übrigens nicht zu machen ſein, und auch der muß ſich vielleicht von der Küche aus unterſtützen laſſen: das große Gitterthor des Gartens an der Straße nach der Stadt wird ſorgfältiger als je verſchloſſen, ebenſo das kleine Thor bei den Stal⸗ lungen, und müſſen wir, um ungehindert ſofort bis in's Haus dringen zu können, auf beiden Seiten zugleich den Angriff machen. Das iſt aber alles beſtens beſorgt, dar⸗ über können Sie ſich beruhigen, Herr Polizeirath.“ „Gut— und Sie haben für die nothwendige Ver⸗ bindung zwiſchen hier und Eichenwald und dem kleinen Bauernhauſe geſorgt, daß Sie zu jeder Stunde des Tages, ja, ſogar Nachts Ihre Leute zu allarmiren im Stande ſind?“ „Gewiß, Bangart hat den Befehl, täglich viermal an die alte Thurmruine auf der Höhe vor der Stadt zu gehen; dort iſt ein Stein, unter dem er im Falle ſeine Inſtruktion findet.“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 187 „Verſichern Sie ſich nochmals der Wachſamkeit Ihrer Leute, es muß in den nächſten Tagen etwas geſchehen, und um das zu betreiben, habe ich einen wichtigen Gang zu thun— in einer Stunde finden Sie mich wieder hier.“ Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Die Stadtſchultheißin Welkermann war nicht im Stande, ſich unter den heftigen Schickſ alsſchlägen, welche ſie be⸗ troffen, auch nur in ſo fern wieder aufzurichten, um mit der Hoffnung in die Zukunft zu ſchauen, welche der Stadt⸗ ſchultheiß nicht unterließ, ihr beſtändig einzuflößen. „Die Sache iſt allerdings ſchlimm und trifft mich ſelbſt an der Wurzel; nachdem ich aber, allerdings vor Zeugen und im Beiſein des Polizeirathes, eine Unterredung mit Ferdinand gehabt, bin ich feſt überzeugt, daß er keine Idee davon hatte, daß überhaupt falſche Banknoten exi⸗ ſtiren. Zwar hat er leichtſinnig gehandelt, wie ſchon oft, aber er iſt kein Verbrecher, und wenn er auch dem Bank⸗ direktor davon hätte Anzeige machen ſollen, daß er für Herrn von Rivola hier und da Noten umgewechſelt habe, Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 189 ſo iſt doch der Name eines ſo hochſtehenden, allgemein ge⸗ achteten und ungeheuer reichen Mannes Bürgſchaft genug, um auch dieſes Vergehen Ferdinand's erklärlich zu finden.“ „Deines Herrn von Rivola!“ hatte Frau Welkermann mit Betonung zur Antwort gegeben und ſich dabei des Geſpräches mit ihrer Schwägerin, der Frau Staatsſchul⸗ dentilgungskaſſen⸗Reviſorin, erinnert.—„O mein Gott— o mein Gott!“ Ihre Thränen ſtrömten alsdann ſo reichlich, als hätte ſie einen Verſtorbenen zu beklagen, einen wenigſtens mo⸗ raliſch Geſtorbenen, und gegen dieſen Ausdruck konnte ſelbſt der Stadtſchultheiß nichts Stichhaltiges einwenden. „Ich weiß es wohl,“ hatte er geſagt, während er mit zuſammengelegten Händen und einem trüben Blick an den Himmel emporſchaute,„ſeine Laufbahn iſt hier für ewige Zeiten verdorben, eben ſo wie die meinige.“ Darauf hin hatte er eines Morgens, als das Jam⸗ mern kein Ende nehmen wollte, über die mütterliche Schwachheit gegen alles, was den ungerathenen Sohn be⸗ traf, mit vollem Rechte geeifert und hinzugeſetzt, daß er in Anbetracht der obwaltenden Umſtände den längſt ge⸗ faßten Entſchluß ausgeführt und ſeinen Rücktritt von Amt und Würden der Stadt angezeigt. Herr Welkermann hatte gefürchtet, durch dieſe Er⸗ 190 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. klärung einen neuen und größeren Sturm heraufzube⸗ ſchwören, und war beinahe angenehm überraſcht, als ſich ſeine Frau, noch mehr aber Eliſe mit dieſer Maßregel vollkommen einverſtanden erklärten. „Ich athme wieder auf,“ ſagte die Stadtſchultheißin, bei dem Gedanken, die Stadt verlaſſen zu können—„wie danke ich dir für dieſen Entſchluß, ſehe ich doch auch für Ferdinand nur in einer Entfernung von hier das einzige Heil!“— Die Familie war nach manchen Tagen fortwährender Klagen wieder einmal im Begriffe, in eine gemüthliche Unterhaltung einzulenken, als das Erſcheinen der Frau Schwägerin Reviſorin beſonders bei dem Stadtſchultheißen und auch bei Eliſen einen ſcharfen Mißton hervorbrachte und Frau Welkermann veranlaßte, ihre Thränen reichlicher ſtrömen zu laſſen. „Weine nur,“ ſprach die Reviſorin aus gefühlvoller Seele, nachdem ſie den Stadtſchultheißen kühl und Eliſe herablaſſend gegrüßt,„weine nur, du haſt alle Urſache dazu!“ Herr Welkermann wollte dieſes Geſpräch durch eine ſcharfe Erwiderung ſchon zu Anfang beendigen, doch ver⸗ ſtand er einen bittenden Blick ſeiner Tochter und verließ mit dieſer achſelzuckend das Zimmer. — V — Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 191 „Ja, weine nur,“ wiederholte die wohlwollende Trö⸗ ſterin,„wenn Jemand volle Urſache hat, ſo biſt du es. Ich bin gekommen, dich ſo gut wie möglich zu tröſten, muß dir aber zuvor ehrlich geſtehen, daß— obgleich es ſchon ſeit einiger Zeit für mich keine große Ehre war, ebenfalls den Namen deines Mannes tragen zu müſſen, ich, die arme Reviſorin— ſeit geſtern, wo der Herr Stadtſchultheiß in öffentlicher Sitzung ſein Amt nieder⸗ legte, alles das, was man hören mußte, nicht mehr zum Aushalten iſt!“ „Ach, du ſollteſt mich nicht auf's Neue erſchrecken und betrüben!“ „Ich dich erſchrecken und betrüben— ich, die nicht im Stande iſt, einem Miſſethäter etwas Schlimmes nachzu⸗ ſagen? O, du haſt mich von je her verkannt— ich ver⸗ zeihe dir— ihr Alle habt mich verkannt, doch ich ver⸗ zeihe euch Allen— du ſiehſt, wie ich eurem namenloſen Unglücke Rechnung trage!“ Dabei erhob ſie ihre Augen gen Himmel und ſchüttelte langſam mit dem Kopfe. „Ich weiß, daß mein Mann ſeine Stelle niedergelegt hat, und ich freue mich darüber!“ „Ja, du freuſt dich darüber, du armes Weib, wie du dich ſeit Jahren über ſo Vieles gefreut haſt, weil du nie 192 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. den Muth hatteſt, von allen dieſen Geſchichten die Schat⸗ tenſeite anzuſchauen— was ſage ich: Schattenſeite?— die Nachtſeite, die finſterſte, troſtloſeſte Mitternachtsſeite— doch, laſſen wir das, ich wollte dir nur mit der mir ſo eigenen Schonung von der geſtrigen Sitzung berichten, was mir die gute Krampler darüber erzählt hat. Das Schreiben deines Mannes wurde nicht nur ſtillſchweigend angehört, ſondern auch ſein Rücktritt einſtimmig angenom⸗ men; ſelbſt ſein Special, der Seifenſieder⸗Oberzunftmeiſter Spitzler, ſagte: ‚Es iſt das Geſcheiteſte, was Herr Wel⸗ kermann nach all dieſen Sachen thun kann.⸗— Siehſt du, mir, der armen Reviſorin, gab es einen Stich durchs Herz, als ich hörte, dieſer Spitzler, dieſer ſeifenſiederiſche Speichellecker, habe geſagt: ‚Herr Welkermann,“ und nicht: ‚Unſer geweſener verehrter Herr Stadtſchultheiß⸗ — o, ſo was iſt empörend!“ „Ich habe es nicht anders erwartet.“ „Auch nicht, daß man eine Dankadreſſe an deinen Mann würde ergehen laſſen oder ſein Beileid bezeigen für das traurige Vorgefallene der letzten Zeit?— Nichts von allem dem; der Stadtſchreiber wurde beauftragt, den Brief deines Mannes einfach zu beantworten.“ „Nun, und damit war wohl Alles zu Ende?“ „Im Gegentheil: auf der Tagesordnung ſtand der Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 193 Bericht über die Einrichtung jenes verruchten Hauſes, 1 welches dein Mann um eine Bagatelle von jenem Herrn von Rivola für die Stadt erhandelt— o, dieſe verdäch⸗ tige Perſonage wollte es mit all ſeinen ſchrecklichen Erin⸗ nerungen vom Halſe haben!“ „Laß uns darüber nicht mehr reden— mag das ſein, was es will, ſo ſollte der Gemeinderath dankbar dafür ſein, daß ihm mein Mann dieſes für die Stadt ſo noth⸗ wendige Haus um einen ſo billzgen Preis verſchafft.“ „Dankbar? Wenn ich dir nun ſage, daß man nahe daran war, dieſen Kauf rückgängig zu machen, daß ſich ſämmtliche Gemeinderäthinnen dahin geeinigt, dieſes un⸗ heimliche Geſchenk nicht anzunehmen, daß es mit ſeiner Vergangenheit nur ein böſes Beiſpiel für ſie ſein müſſe, daß man nicht wiſſen könne, zu welch fürchterlichen Dingen auch noch ferner jener unterirdiſche Gang benutzt werde?“ „Auch noch ferner? O, wie du grauſam biſt!“ „Die Wahrheit vor Allem— ich habe es mir ange⸗ lobt, ſtets die Wahrheit zu ſagen— aber nur die Wahr⸗ heit, wenn du dieſe aber nicht hören willſt, ſo kann ich auch ſchweigen.“ „So ſprich denn!“ ſagte die arme, gequälte Frau mit einem tiefen Seufzer. „Ja, das war beſchloſſen von lauter braven, würdigen Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. III. 13 — — 194 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Frauen, von Frauen, die nicht alles unbedingt glauben, was ihre Männer ihnen zu ſagen für gut finden— von 4 Frauen, die ihre Augen offen behalten und ihr Hausrecht zu wahren wiſſen.“ Jeden dieſer Sätze ſprach die Reviſorin mit einer nicht zu verkennenden Betonung, wobei ihre grauen Augen im⸗ mer ſchärfer, ihre Naſe immer ſpitziger wurde. „Und weißt du auch, warum dieſer Beſchluß nicht zur Ausführung kam?“ „Wie ſoll ich das wiſſen?“ „Weil eine wohlwollende, verſöhnliche Seele— ich will ſie nicht nennen, dieſe Seele zufällig bei dieſer Verhandlung anweſend war, die vermittelnd vorſchlug, das wüſte Haus dadurch unſchädlich zu machen, daß man den unterirdiſchen Gang zumauere— ich kann dir ver⸗ ſichern, dieſer Vorſchlag wurde von ſämmtlichen Gemeinde⸗ räthinnen zum Beſchluß erhoben und darauf heute, wie ſich das von ſelbſt verſteht, vom Gemeinderathe ebenſo einſtimmig angenommen.“ „So muß ich Ihnen ja auch noch dafür dankbar ſein, 4 werthe Frau Schwägerin,“ hörte man jetzt die Stimme 4 des Stadtſchultheißen ſagen, der ungehört wieder einge⸗ treten war,„daß eine Maßregel, die ich vorſchlug, weil ich ſie als nützlich erkannt, ausgeführt wird, nachdem ſie Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 195 von einem wichtigeren Collegium, als dem der Gemeinde⸗ 4 räthe, befürwortet wurde— ſagen Sie das dieſem Colle⸗ gium, wenn ich bitten darf; im Uebrigen aber wünſchte ich dieſe Unterhaltung mit meiner Frau ein für alle Mal abgebrochen!“„ „Ich glaube, Sie recht zu verſtehen, Herr Schwager,“ gab die Reviſorin in ſcharfem Tone zur Antwort, indem ſie ſich langſam erhob und ceremoniös verbeugte— hond⸗ lich einmal ſind Sie ſo wahr, um kein Geheimniß mehr zu machen aus dem Groll und dem Haſſe, den Sie, der vornehme, reiche Mann, gegen mich, die arme Reviſors⸗ frau, ſtets im Herzen trugen!“ 1 „Aber, Sophie!“ 4„Laß ſie nur ausreden— wenn man ſich zum letzten Male ſieht, muß man nichts auf ſeiner Seele behalten.“ „Und ich— habe nichts mehr zu ſagen, will nichts mehr zu ſagen haben— will nicht— verſtehen Sie mich wohl, nicht aus Unkenntniß der Lage der Sache; denn 4 wenn man von gewiſſer Seite auch Alles gethan hat, um 8 gewiſſe Dinge zu verſchleiern und zu bemänteln, ſo können Sie mir doch glauben, Herr Schwager, daß das Geheim⸗ niß der Stadt Niemandem mehr ein Geheimniß iſt!“ „Ah, das Geheimniß der Stadt, verehrte Frau Schwä⸗ gerin— Sie bringen mich da auf das richtige Capitel: 196 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. wiſſen Sie, was das Geheimniß der Stadt iſt— nicht nur unſerer Stadt, ſondern auch jeder anderen, in der ſich edle, wohlwollende Seelen ſo gründlich um das Beſte ihrer Nebenmenſchen bekümmern? Ich will es Ihnen ſagen: das Geheimniß der Stadt iſt meiſtens an und für ſich ein ganz unbedeutendes Ding— hier bei uns zum Bei⸗ ſpiel das Zumauern des unterirdiſchen Ganges, anderswo vielleicht eine unſchuldige, etwas freie Aeußerung, der auf⸗ fallende Anzug einer Frau, die zufällige Begegnung zweier Perſonen, etwas Geld, das der Nachbar mehr ausgibt, als wir— das iſt der kleine, nicht redenswerthe Punkt, den Klatſchſucht und Verläumdung lawinenartig zu ver⸗ größern wiſſen. Daß man darin gegen mich beſonders thätig war, hauptſächlich von nahe ſtehenden Verwandten und ſogenannten Freunden, weiß ich ganz genau, und wenn auch die unglückſelige Geſchichte mit Ferdinand nicht dazwiſchen gekommen wäre, ſo würde es doch den jako⸗ biniſchen Clubs, Kaffeegeſellſchaften genannt, gelungen ſein, meinen guten Namen auß's Schaffot zu bringen, wie es ſchon mit ſo manchem anderen gegangen iſt und fortan noch geſchehen wird, ſo lange es Weiber gibt, die, ſtatt ſich um ihre Haushaltungsgeſchäfte zu bekümmern, uner⸗ bittlich Jagd machen auf den guten Namen ihres unſchul⸗ digen Nebenmenſchen.— So, jetzt wiſſen Sie meine —— 2* — Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 197 Meinung von dem Geheimniſſe der Stadt, und um Ihnen, was uns anbelangt, keine fernere Veranlaſſung zu geben, ſich in dieſer Richtung mit uns zu beſchäftigen, ſo habe ich die Ehre, mich und mein ganzes Haus für alle Zeiten Ihrer Vergeſſenheit zu empfehlen!“ Die Geberde, welche der Stadtſchultheiß bei den letzten Worten machte, war ſo bezeichnend, daß darauf erfolgen mußte, was erfolgte, daß nämlich die Frau Haupt⸗Staats⸗ Schulden⸗Tilgungskaſſen⸗Reviſorin, mit einem ſchmerzlichen Blicke auf ihre Schwägerin und einem, in welchem Haß und Verachtung gemiſcht war, auf den Stadtſchultheißen, den Kopf in den Nacken warf und zum Zimmer hinaus⸗ rauſchte. „So, der böſe Geiſt wäre ausgetrieben,“ fuhr Herr Welkermann nach einer kleinen Pauſe, aufathmend, fort; „wollte Gott, ich hätte früher in dieſer Richtung beſſere Umſchau gehalten! Doch iſt noch nicht Alles verloren, und du wirſt ſehen, daß es auch außerhalb der Kreiſe unſerer ſogenannten wohlwollenden Freunde noch Menſchen gibt, die es gut mit uns meinen— freie, unabhängige Menſchen, und es iſt ein Glück, daß unſere Verhältniſſe uns nicht zwingen, ſie gerade in den Mauern dieſer Stadt zu ſuchen!— O, wie ich mich nach friſcher Luft und nach anderen Geſichtern ſehne— wie es mich drängt, ein 198 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. wenig über die Berge hinweg zu kommen, die unſerer guten Stadt förmlich den Hals zuſchnüren und ihr nicht geſtatten, friſch und fröhlich aufzuathmen!“ „ und Ferdinand?“ fragte die beſorgte Mutter. 3 „Es wird ihm nicht ſchwer werden, ſeine vollkommene Schuldloſigkeit zu beweiſen— ich bin davon feſt über⸗ zeugt und will dir auch nicht verhehlen, daß der Polizei⸗ rath Merkel, der alte, langjährige Freund unſeres Hauſes, gleichfalls die beſte Meinung von ihm hat. Daß er immer noch einen Rückhalt in den ſo klaren Ausſagen Ferdinand's wittert, das liegt nun einmal in ſeinem Geſchäfte, und 3 deßhalb konnte ich es ihm heute Morgen auch nicht übel nehmen, daß er mich dringend bat, auf meinen Sohn ein⸗ zuwirken, um ihn zu veranlaſſen, mir unverhohlen Alles, ſelbſt das Gravirendſte, mitzutheilen; auch ließ er mich zu dieſem Zwecke mit Ferdinand allein, doch muß ich dir ſchon geſtehen, daß ſeine Betheuerungen, er habe alles ge⸗ ſagt, was er wiſſe, auf mich den Eindruck vollkommenſter Wahrheit machten. Dabei erſuchte er mich, an Welden, von dem er mit der größten Achtung und Freundlichkeit ſprach, ein paar Worte gelangen zu laſſen, die er gern ſelbſt aufgeſchrieben hätte, wenn ihm nicht alle Schreib⸗ materialien auf's ſtrengſte unterſagt wären.“ „Ach, dieſer Welden,“ ſagte Frau Welkermann nach Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 19 einem tiefen Seufzer,„ich hatte ihn ſo gern, er war in unſerem Hauſe ſo gut aufgenommen, und von dem un⸗ glückſeligen Zuſammentreffen mit ihm datirt ſich das Un⸗* glück Ferdinand's.“ „Woran aber Welden ſo unſchuldig iſt, wie du und ich; das iſt auch Ferdinand's Anſicht, und deßhalb nahm ich gar keinen Anſtand, ihm das Verſprechen zu geben, Welden die paar Worte zu ſchreiben, Worte, deren Sinn ich übrigens nicht begriff, die mir aber in der Angelegen⸗ heit unſeres Sohnes als gänzlich unverfänglich erſchienen, denn ſonſt würde ich nicht verfehlt haben, den Polizeirath Merkel, der, wie ſchon bemerkt, gegen uns ſo wohlwollend wie möglich handelt, davon in Kenntniß zu ſetzen.“ „Und was ſollſt du denn Herrn Welden von unſerem unglücklichen Ferdinand ſchreiben?“ „Daß Ferdinand den zwölften Mai eben ſo wenig ver⸗ geſſen würde, als die Freundlichkeit Welden's, und daß er ſicher wüßte, die fragliche Thräne, die um ihn geweint worden, ſei den geraden Weg abwärts gegangen, ohne ſich mit einer anderen Thräne zu vermiſchen, und deßhalb würde er ſeine Verpflichtungen erfüllen.“ „Ich verſtehe das nicht.“ V„Ich auch nicht,“ ſagte der Stadtſchultheiß;„doch ver⸗ muthe ich faſt,“ ſetzte er hinzu,„während ſich ſeit mehreren 200 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Tagen zum erſten Male wieder ein kleines Lächeln auf ſeinen Zügen zeigte, daß das irgend eine Geſchichte iſt, wie ſie junge Leute wohl zu haben pflegen— eine Thräne, die um ihn geweint worden— nun, ich verſprach, ihm den Gefallen zu thun— hier iſt der Brief an Herrn Welden, und ich werde ihn ſogleich auf die Poſt bringen laſſen.“ Dies geſchah denn auch, und da es für unſere Ge⸗ ſchichte von großer Wichtigkeit iſt, beim Empfange des Schreibens gegenwärtig zu ſein, ſo wollen wir demſelben vorauseilen, um uns dabei auch nach dem jungen In⸗ — genieur umzuſehen.. Welden hatte ſtundenlang finſter brütend in der Ecke ſeines Wagens geſeſſen, und erſt nach und nach, als ſchon mehrere Berg⸗ und Hügelreihen zwiſchen ihm und der Stadt lagen, welche er verlaſſen, als die Strahlen der Sonne freundlich um ihn ſpielten und als bei ihrem warmen 1 Kuſſe das ganze, wunderbar liebliche Bild des Frühlings ſo mächtig auf ihn eindrang, da war es ihm, als er⸗ wache er aus tiefem Schlafe und ſei das, was er in den letzten Wochen und Tagen erlebt, nur ein ſchwerer, böſer Traum geweſen. Und dieſen Gedanken hielt er feſt, war doch die Vergangenheit für ihn farb⸗ und leblos geworden 3 und mußte es bleiben, wenn er auf eine erträgliche Zu⸗ * 4 — Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 201 kunft hoffen wollte.— Und er hatte noch eine Zukunft, das fühlte er; ja, mit dem Zurückdrängen jener traumhaf⸗ ten Geſtalten— und er konnte ſie zurückdrängen bis auf ein einziges Bild, das allerdings eben ſo glänzend als ſchmerzlich zwiſchen allen anderen hervorſtrahlte— erſchien die große, ſchöne Aufgabe, die vor ihm lag, ſchon der Mühe werth, um jene düſteren Schatten zu vergeſſen. So heiterten ſich nach und nach ſeine Gedanken auf und gewannen, wie er langſam aufwärts ſtieg in die freiere, elaſtiſchere Luft des Gebirgslandes, wo er ſeine Thätigkeit entfalten ſollte, ihre alte Friſche und Spann⸗ kraft wieder, beſonders jetzt, wo er mit Einem Male vor ſich zwiſchen zwei niedrigen, bewaldeten Hügelreihen ein ſchmales Wieſenthal erblickte, mit kleinen, roth und weiß beflaggten Signalſtangen. Ah, wie ließ ihn dieſe erſte Spur der rieſenhaften Arbeit, die er vor ſich hatte, ſo leicht und freudig aufathmen! Und je weiter er fuhr, um ſo ſchärfer und ausgeſprochener wurden dieſe Spuren. Da ſah man ſchon die Vorarbeiten zu einem beginnenden Damme, dort zum Durchſtiche einer quer vorliegenden Hügelkette; weiterhin an einer höheren Felswand bemerkte man ſchon die Maße eines Tunnelgewölbes einhauen, und an den Ufern jenes reißenden Baches lagerten ſchon Stein⸗ haufen und Gerüſtholz zu einer projectirten Brücke. Ah, 202 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. wie das luſtig anzuſehen war— und erſt eine Stunde ſpäter, als er das tief liegende Waldthal erreichte, wo die Arbeiten im vergangenen Herbſte eingeſtellt worden und wo man jetzt wieder eifrig daran war, den haushohen Bahndamm zu vollenden, wo Karren auf proviſoriſchen Schienen von zahlreichen Arbeitern hin⸗ und her geſchoben wurden, wo Welden aus ſeinem Wagen ſprang, auf den Damm eilte, die Arbeiter anredete und von dieſen ſowie von ſeinen Unter⸗Beamten und Bauführern mit einem lau⸗ ten Hurrah begrüßt wurde! Es war dies eine Freudenbe⸗ zeigung, die ſich wie ein Lauffeuer auf der ganzen Linie fortſetzte, ein Telegraph menſchlicher Stimmen, der endlich fern ab im Forſte zwiſchen den bewaldeten Hügeln erſtarb, aber nicht, ohne dort als lautes Echo den dumpfen Knall von drei bis vier Böllern erweckt zu haben. „Da hat gewiß der alte Heilemann wieder die Hand im Spiele,“ ſagte Welden mit heiterem Geſichte zu dem neben ihm dahin ſchreitenden Ingenieur. „So iſt es, Herr— Welden,“ antwortete der In⸗ genieur;„es wurde geſtern vom Bauamte angezeigt, daß Sie heute kommen würden, und da wir nicht anders dach⸗ ten, als Sie nähmen Ihre Wohnung wieder bei Herrn Heilemann, ſo zeigten wir ihm Ihre Ankunft an.“ —— ——— Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Wenn er Platz für mich hat, werde ich gewiß zu ihm gehen.“ 4 „O, was das anbelangt, ſo können Sie ſich beruhigen, er hat Ihre Zimmer den ganzen Winter über leer ſtehen laſſen.“ „Gut, ich freue mich recht ſehr, den alten Heilemann wiederzuſehen! Und wie ſteht's hier oben mit den Ar⸗ beitern— werden wir genug Tagelöhner haben können? Die Bahnlinie ſoll mit Aufbietung aller Kräfte gebaut werden.“ „Es wird nicht fehlen— es melden ſich aus der Ge⸗ gend Leute genug zur Arbeit, und dann iſt uns auch ſchon ein bedeutender Zuzug von Fremden angezeigt.“ „Ah, wie ich mich auf unſere Arbeit freue, es wird ein ſchönes und maleriſches Werk werden!“ „Gewiß, Herr— Welden.“ „Ich glaube, es wird Ihnen ſchwer, meinen Namen auszuſprechen,“ ſagte Welden lachend—„haben Sie mich denn ſo ganz vergeſſen?“. „Im Gegentheil— Sie können mir glauben, daß wir mit einer wahren Herzensangſt der Beſtätigung Ihrer Er⸗ nennung entgegenſahen, und um ihre Freude auszudrücken, haben die Arbeiter faſt die ganze Nacht an den Guirlan⸗ 204 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „ den und Kränzen gearbeitet, die Sie dort am Eingange des unen Thales ſehen.“ „Alſo gilt alles das mir?“ fragte der Ingenieur mit ſtrahlendem Auge und ſetzte nach einer Pauſe hinzu:„Ich dachte mir, Sie erwarteten irgend eine hohe Perſon.“ „Nun, ich meine,“ erwiederte der junge Bauführer ſchmunzelnd,„wenn man ein ſolches Rieſenwerk zu bauen anfängt, ſo könnte man ſich ſchon für eine hohe Perſon halten.“ „Ja, ja, zu bauen anfängt, aber das alles iſt vor der Hand nur bedingungsweiſe— ich darf allerdings hier oben anfangen, aber wer weiß, ob ſie mir nicht in kurzer Zeit einen würdigen Baurath, der des Schreibens wohl kundig iſt, als Ober⸗Ingenieur hieher ſchicken— man hat Aehnliches ſchon erlebt.“ „Ich glaube kaum,“ gab der Bauführer lächelnd zur Antwort. „Nun, wir wollen ſehen; wenn ſie mich nur wenig⸗ ſtens ein halbes Jahr hier oben allein laſſen, bis wir ſo viel als möglich in Angriff genommen haben, damit ſie uns nicht mehr zu viel verderben können, dann wollte ich ſchon zufrieden ſein— meine Pläne zu dem hohen Via⸗ duct der kirchheimer Schlucht ſind doch zur Zeit ange⸗ kommen?“. * 205 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Gewiß, und wir haben ſie ſchon tüchtig ſtudirt, wozu Sie uns ja ſchriftlich die Erlaubniß gaben.“ „Wird die Ausführung dieſer Plaͤne irgendwie An⸗ ſtände haben?“ „Nicht im geringſten— ſie ſind ſo genau und dabei ſo praktiſch, daß jeder Werkmeiſter den Viaduct bauen könnte.“ „Ich freue mich aber doch, dabei ſein zu bönnen— es gibt das eine hübſche, aufregende Arbeit.“ Während deſſen waren Beide auf der langen, hier ſchon deutlich hervortretenden Bahnlinie dahin gegangen, von den Arbeitern auf's herzlichſte begrüßt, ſowie auch von den hier und da vertheilten jüngeren Bauführern, die Welden theils von früher noch kannte oder die er ſich an⸗ derentheils von ſeinem Begleiter nennen ließ. Jetzt beſchrieb die Bahnlinie eine große Kurve um den Ausläufer einer hohen Bergkette herum, deren Durchbohrung man durch dieſen Bogen vermieden hatte, und Welden ſah vor ſich das Dörſchen Kirchheim liegen und auf einer An⸗ höhe dieſſeits das Haus ſeines Gaſtfreundes Heilemann. Rechts und links von der Bahnlinie ſah man hier von Zeit zu Zeit große Stangen mit Laubgewinden, die ſich kurz vor dem Dorfe als Guirlanden quer über die Bahn 5. 206 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. von einer Stange zur anderen ſchlangen und deren letzte ein auf Papier gemaltes rieſiges„Willkommen!“ trug. Da krachte es abermals aus den Böllern vor Heile⸗ mann's Hauſe, neben dem ein mächtiger Baum aufge⸗ pflanzt war, auf deſſen Spitze eine rieſige ſchwarz⸗roth⸗ goldene Flagge flatterte. Da ſah man Heilemann ſelbſt vor der Thür ſeines Hauſes ſtehen und ſchon von Weitem ſeinen Dreiſpitz ſchwingen, und obgleich heute kein Sonn⸗ tag war, ſo befand ſich doch der reiche Bauer mit Frau und Tochter, ja, mit ſeinem ganzen Hausgeſinde in feſt⸗ täglichem Anzuge. Er ſelbſt war wahrhaft ſtattlich anzu⸗ ſehen in dem langen, blauen Rocke von feinſtem Tuche, der rothen Weſte, an welcher Silberzwanziger die Stelle der Knöpfe vertraten, mit den kurzen hirſchledernen Hoſen und den blau⸗ und weißgeſtreiften Strümpfen, nicht zu vergeſſen die blank gewichſten Schuhe mit den ſchweren ſilbernen Schnallen. An der rechten Seite aus dem Bein⸗ kleide hervor ſchaute der ſilberbeſchlagene Griff eines Meſſers, und wenn ſich Herr Heilemann zufällig umge⸗ dreht hätte, ſo würden wir, da er ſich in großer Parade befand, hinten aus der Taſche ſeines Rockes die bunten Quaſten ſowie die Mundſpitze ſeiner Tabakspfeife, eines echten Ulmer Kopfes, geſehen haben. Aber Herr Heilemann drehte ſich nicht herum, er blickte Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 207 dem raſch Herankommenden mit frohem, ſtark geröthetem Antlitze entgegen, in der Rechten den Hut ſchwingend, den er aber jetzt mit einem tüchtigen Schlage auf ſeinem Kopfe befeſtigte, um Welden ſeine beiden Hände entgegenſtrecken zu können. Neben ihm ſtand die Bäuerin mit einem Tel⸗ ler in der Hand, auf dem ſich das Ehrenglas des Hauſes voll funkelnden Weines, ſowie eine blendend weiße Brod⸗ ſchnitte befand, und bald hinter der Mutter verborgen be⸗ merkte man Jungfer Dorothea, die vierzehnjährige Tochter des reichen Hofbauers und Ortsvorſtehers. Letztere hatte ganzrothe Wangen, weil ſie ſich mächtig ſchämte, ſo vor aller Welt und beſonders vor den jungen Bauleuten eben⸗ falls einen Teller tragen zu müſſen, auf dem man indeſſen nichts ſah, als einen großen Blumenſtrauß. Vater Heile⸗ mann hatte es aber nicht anders gethan, und wenn es nach ſeinem Wunſche gegangen wäre, ſagte die Bäuerin ſpäter lachend, ſo hätte er ſogar den Kühen und Ochſen im Stalle die Hörner mit Blumen umwinden laſſen. Wenn nun Welden auch ſchon vor einem Jahre, als er zum zweiten Male das gaſtfreie Haus des Herrn Heilemann betreten hatte, auf's herzlichſte begrüßt worden war, ſo war doch der heutige Empfang ein ſo überwäl⸗ tigend feierlicher, daß der Ingenieur nun, dem Beiſpiele ſeines Wirthes folgend, ebenfalls den Hut abnahm und 208 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. in der Hand behielt, um ſo ehrfurchtsvoll die gediegenen Worte zu hören, mit denen ihn Heilemann begrüßte, wo⸗ bei es ihn indeſſen einigermaßen befremdete, als er nun am Schluſſe derſelben unter dem Blumenſtrauße Dorotheens einen großen Brief hervorzog, ihn dem jungen Manne einhändigte und dabei mit ſeiner gewaltigen Stimme rief: „Und ſo ſei er denn nochmals willkommen und lebe hoch unſer neuer Herr Oberingenieur— hoch und abermals hoch!“ Und dasſelbe riefen die Bauleute und ſchrieen die Knechte und Mägde des Hauſes. Auch krachten die Böller abermals, und dann führte Heilemann ſeinen Gaſt unter dieſem allgemeinen Gelärm in die ihm von früher her ſo wohl bekannten Zimmer. Dann ließ er ihn allein, und Welden trat mit einem unausſprechlich wohlthuenden Gefühl an das Fenſter und ließ ſeine Blicke über die friſch grünen, eben erſt belaubten Wälder ſtreifen, wo er jeden Weg kannte, wo er ſchon ſo froh und glücklich geweſen-Nar und wo er es wieder hätte ſein können— wenn nicht— wenn nicht— ſeine jüngſte Vergangenheit geweſen wäre, an die er jetzt wieder ſo plötzlich erinnert wurde durch das Erblicken der ihm ſo wohl bekannten Schriftzüge ſeines früͤheren Chefs. Er riß den Umſchlag ab, und der Inhalt des Schreibens Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 209 konnte für ihn nicht befriedigender ſein: es war ein mi⸗ niſterielles Decret, welches ihn zum Oberingenieur der zu erbauenden Bahn ernannte und die Ausführung derſelben ohne jede Beſchränkung in ſeine Hand legte, womit natür⸗ licher Weiſe ein Gehalt verbunden war, das ſeine kühnſten Erwartungen übertraf. Oberbaurath Lievens hatte ihm dieſes Schreiben übermittelt und einige herzliche Zeilen hinzugefügt, wobei er ihm und zu gleicher Zeit auch dem Staate zu dieſer Anſtellung Glück wünſchte. Schließlich ſagte er: „Was uns allein hierbei ſchmerzlich fällt, mir und meiner Frau, welche ſelbſtverſtändlich den regſten Antheil an Ihrem Glücke nimmt, iſt der Umſtand, daß wir Sie nun ſo bald nicht mehr ſehen werden, indem man mir bei der Auflöſung meines Eiſenbahnbureau's die Erbauung der ſchon längſt projektirten großen Donaubrücke über⸗ tragen hat. Somit liegt zwiſchen Ihnen, der ſich an der Nordgrenze befindet, und zwiſchen uns, die wir im äußerſten Süden ſein werden, das ganze, wenn auch nicht gerade ungeheure Reich, brieflich allerdings leicht zu durchfliegen, ſowie es auch keine Entfernung iſt für unſere herzlichſten Wünſche.“— Welden blieb gedankenvoll am Fenſter lehnen, nachdem er dieſe Schreiben geleſen; dann ſprach er zu ſich ſelber: Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. III. 14 210 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Mein günſtiges Schickſal ſei geprieſen, das mir Arbeit vollauf gibt, um damit alle finſteren Gedanken verjagen zu können!“ Und ſo war es auch: ſein Wirkungskreis war ſo weit und herrlich„ aber dabei von ſo großer Verantwortlichkeit begleitet, daß er trotz ſeiner gediegenen Kenntniſſe genug zu thun hatte, um die ihm geſtellte Aufgabe ehrenvoll zu bewältigen. Aber er warf ſich mit voller Luſt und Jugend⸗ kraft in die vielſeitige Arbeit, ja, er wollte ſogar heute, als am Tage ſeiner Ankunft, dieſen nicht als Feiertag gelten laſſen, wie es Heilemann angeordnet. Angenehm für Welden, hatte dieſer ein junges, kräf⸗ tiges, ſelbſt aufgezogenes Reitpferd überflüſſig, das der Oberingenieur ſogleich kaufte, ſelbſt ſattelte und zäumte und in die waldige Gegend hinaus ritt, um ſich an verſchiedenen Stellen über einige Punkte, die ganz beſondere Schwierigkeiten darboten, aufzuklären. Auch die nächſten Tage brachten der Arbeiten ſo viele, daß Welden nicht Zeit gewann, an die Vergangenheit zu denken, und wenn er auch dergleichen Gedanken mit aller Kraft zurück⸗ drängte, ſo empfing er doch nach einigen Tagen einen Brief mit dem Poſtſtempel der Reſidenz nicht ohne ſicht⸗ bare Aufregung. Es war dieſes ein Schreiben des Stadtſchultheißen —— —— Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 211 Welkermann— er hatte ſogleich nach der Unterſchrift ge⸗ blickt, um nun, wie er dachte, die Zeilen ruhig durchleſen zu können; aber es kam anders, als er erwartet: ſchon nach den erſten Worten, die er las, ſpannten ſich ſeine Mienen ſcharf und waren überflogen von einem ängſtlichen Ausdrucke; er preßte ſeine Lippen feſt auf einander, und als er zu Ende geleſen, ließ er die Hand mit dem Briefe ſinken und rief mit erſchreckter Stimme, während ſeine Züge mit einer tiefen Bläſſe überzogen waren:„Dieſer unglück⸗ ſelige Menſch!— Ach, warum willigte ich ein, ein ſo frevelhaftes Spiel zu treiben?— Und wenn es mich ſtatt ſeiner getroffen hätte— lebensmüde, wie ich mich in jenen furchtbaren Tagen fühlte, würde ich nicht am Ende auch die Wahrheit bezweifeln?— Welch ein furchtbarer Wechſel gegenüber der ſeligen Ruhe, die ich hier genoſſen! — Ich muß hin zu ihm, ich muß ihm ſeinen Unglauben zu benehmen ſuchen, mich im Nothfalle an den Polizeirath wenden und ihn als letzte Hülfe in Bande und Feſſeln legen laſſen!“ Wiederholt las er den Brief in fliegender Haſt: dieſe Zeilen, in ſo ruhigem Ausdrucke ſie auch von dem un⸗ glücklichen Vater Ferdinands ahnungslos geſchrieben waren, ließen für ihn keine andere Deutung zu. Am Schluſſe ſagte Herr Welkermann: 212 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „In der Angelegenheit Ferdinands vertraue ich auf Gott und auf ſeine Unſchuld, von welcher ich auf's feſteſte überzeugt bin; doch können Sie ſich denken, mein lieber Herr Welden, daß es mir nach dem, was vorgefallen, unmöglich iſt, länger hier in der Reſidenz zu bleiben. Wie glücklich ſind Sie, dort auf dem Lande in der herr⸗ lichen, Alles verſöhnenden Natur weilen zu dürfen, und auch ich will Alles thun, um eines ähnlichen Glückes theilhaftig zu werden, zu welchem Zwecke ich Sie bitte, die Einlage Ihrem vortrefflichen Wirthe, Herrn Heilemann, zu übergeben. Es handelt ſich darin um ein ſchönes Gut, das nicht weit von Kirchheim zu verkaufen iſt, und erſuche ich in der Einlage Herrn Heilemann noch um einige erklärende Einzelheiten, die mir nothwendig ſind. — Glauben Sie mir, mein lieber Herr Welden, daß wir uns Alle ſehr darauf freuen, Sie dorten, ſo nahe Ihrem ſchönen Wirkungskreiſe, begrüßen zu können.“ Er faltete dieſen Brief zuſammen und war nach kurzer Ueberlegung entſchloſſen, nach der Stadt zurückzukehren, Ferdinand aufzuſuchen und ihn wo möglich von ſeinem gefährlichen Wahne zu befreien, als habe er, Welden, an jenem verhängnißvollen Morgen den Großmüthigen ge⸗ ſpielt und als habe nicht vielmehr das Schickſal durch Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 213 Zuſammenfließen der Regentropfen milde und gütig ihr frevelndes Spiel geendigt.— Aber wenn es ihm nicht gelingen würde, Ferdinand zu überzeugen? O, dieſen Gedanken mochte er nicht ver⸗ folgen— er wäre in ſeinen Folgen zu entſetzlich für Beide geweſen! Um allen Fragen ſeines freundlichen Wirthes über ſeine Abweſenheit zu entgehen, beſonders da dieſelbe nur ein paar Tage dauern würde, beſchloß er, gar nichts da⸗ von zu ſagen, ſondern nur eine längere Unterſuchung auf der Bahnlinie vorzugeben, weßhalb er ſein Pferd ſattelte, etwas Wäſche zu ſich ſteckte und einen Weg quer durch das Gebirge wählte, wo er nach einigen Stunden im Thale die Landſtraße und von dort mit Poſtgelegenheit die Reſidenz erreichen konnte. Auf der mehrſtündigen nächtlichen Fahrt dorthin hatte er Zeit genug, durch reifliche Ueberlegung zu dem Ent⸗ ſchluſſe zu kommen, dem Polizeirath Merkel die ganze Thorheit jener Unterredung mit Ferdinand einzugeſtehen, ihm das Schreiben des Stadtſchultheißen zu zeigen und ſo um ſo eher und raſcher die Erlaubniß, Ferdinand ſprechen zu können, zu erhalten. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Welden kam in der Frühe des Morgens in der Re⸗ ſidenz an und begab ſich, ſobald es ihm die Zeit an⸗ ſtändiger Weiſe geſtattete, zu dem Polizeirath Merkel, um von dieſem die Erlaubniß zu erhalten, Ferdinand zu ſehen. Er erinnerte ſich dabei lebhaft des unſeligen Mor⸗ gens vor nicht langer Zeit, an welchem er in ſo großer Aufregung die Treppen hinaufgeſtiegen war. Oben bei dem Amtsdiener gebrauchte er dieſelbe Zauberformel, welche ihm damals ſogleich Einlaß verſchafft hatte und die auch heute wieder von gleicher Wirkung war. Doch blickte ihn Herr Merkel einigermaßen befremdet, ja, mit einem ſo unverkennbaren Anfluge von übler Laune an, daß es einiger Secunden bedurfte, ehe auf deſſen Geſicht ein ſchwaches Lächeln aufdämmerte.—„Ich hätte wahr⸗ — Achtundzwanzigſtes Kapitel. 215 lich nicht gedacht,“ ſagte er alsdann,„Sie vorher bei mir zu ſehen, ehe ich Sie droben in Ihren Bergen auf⸗ geſucht haben würde.“ „Es iſt das aber auch eine ganz außergewöhnliche Urſache, die mich aus meinen dringenden Arbeiten heraus⸗ geriſſen hat,“ gab der Ingenieur zuͤr Antwort, und er⸗ zählte nun in kurzen, aber ſehr präciſen Worten, was damals vorgefallen war, als er mit Ferdinand in Gegen⸗ wart des Polizeiagenten Schmetterer jene Unterredung gehabt. Hierbei können wir nicht verſchweigen, daß der Polizei⸗ rath anfänglich mit großer Unaufmerkſamkeit dem lauſchte, was Welden ihm ſagte; erfuhr er doch vor der Hand nichts Neues, denn der Wortlaut jener Unterredung war ihm von Schmetterer in beinahe ſtenographiſcher Treue berichtet worden. Auch war Herr Merkel, als Welden zu ihm eintrat, in ſeinen Gedanken, die Angelegenheit des Herrn von Rivola betreffend, ſehr beſchäftigt, und zwar unangenehm beſchäftigt geweſen, denn trotz ſeines wieder⸗ holten ausführlichen, mündlichen Berichtes an den Polizei⸗ miniſter hatte die alte Excellenz achſelzuckend geſagt:„Und doch können Sie ſich irren, mein lieber Polizeirath, und dadurch einen Unſchuldigen und ſich ſelbſt compromittiren und die ganze vornehme Welt bis hoch hinauf auf's tiefſte 216 Achtundzwanzigſtes Kapitel. beleidigen. Ich gebe zu, daß die Indicien ſehr gravirender Natur ſind, aber es bleibt immer ein Indicienfall, der ſich kaum jemals zur juriſtiſchen Klarheit wird durch⸗ arbeiten können. Ich darf Ihnen nicht einmal geſtatten,“ hatte die Excellenz hinzugeſetzt, nauf eigene Verantwortung vorzugehen, und wenn Sie mir auch ſchriftlich geben, daß Sie gegen meinen ſpeciellen Befehl gehandelt, ſo würde ich der Mitſchuld doch nicht entgehen, und dafür danke ich— ehrlich geſagt, dazu fehlt mir der Muth.“ Das Einzige, was der Polizeirath nach einer langen Unter⸗ redung hatte herausſchlagen können, war deſſen Verſprechen, die Sache am betreffenden höheren Orte nochmals, und zwar ſogleich in Anregung zu bringen und über ein Re⸗ ſultat, ob günſtig, ob ungünſtig, ihm alsbald Mittheilung zu machen. Dieſe Mittheilung erwartete Merkel ſeit geſtern in fieberhafter Ungeduld, denn er verhehlte ſich nicht, daß ſeine Bemühungen, den Freiherrn von Rivola zu über⸗ wachen, ſo vorſichtig und geſchickt er auch dabei zu Werke ge— gangen ſei, doch durch irgend etwas verrathen werden könnten und der Betreffende, dem endlich die Augen über ſeine Lage geöffnet, zur Flucht oder wenigſtens zur Entfernung oder Vernichtung ſeines Banknotenvorraths in der rothen Mappe veranlaßt werden möchte. Durch alles dies hatte ſich bei dem Polizeirath der Entſchluß feſtgeſtellt, das Achtundzwanzigſtes Kapitel. 217 Schreiben des Miniſters, welches er ſehnlichſt erwartete, ſeinem Wunſche gemäß zu deuten, wenn auch nur ein Ausdruck deſſelben irgend eine Deutung in ſeinem Sinne möglich machen würde, ja, im anderen Falle ganz auf eigene Verantwortung zu handeln, beſonders dann, wenn ſich durch Zufall oder durch Schmetterer's Nachforſchungen in den Räumen des alten Thurmes noch irgend etwas Belaſtendes ergeben würde. Dieſe Gedanken, welche raſtlos das Gehirn des Po⸗ lizeiraths durchkreuzten, waren denn auch Schuld daran, daß er von dem, was ihm Welden erzählte, nur die Schlagwörter auffing, um einen allgemeinen Faden zu be⸗ halten, und dann erſt aufmerkſamer wurde, als die Mit⸗ theilungen des Ingenieurs für ihn anfingen, da intereſſant zu werden, wo jene Schmetterer's über denſelben Gegen⸗ ſtand ihr Intereſſe verloren hatten, da nämlich, wo Fer⸗ dinand mit Welden an das Fenſter getreten war, um den herabrollenden Regentropfen in der uns bekannten Abſicht zuzuſchauen. „Da kann man ſehen, daß die Polizei bei allem dem viel zu nachſichtig verfährt!“ rief Herr Merkel zum erſten Male am heutigen Morgen mit einem unverkennbar heiteren Geſichtsausdrucke.„Viel zu nachſichtig, denn Schmetterer hätte ſich mit Ihnen ebenfalls an's Fenſter drängen müſſen, 218 Achtundzwanzigſtes Kapitel. um Ihre ſelbſtmörderiſche Abſicht zu errathen, und wenn dies geſchehen wäre, dieſelbe durch Verwiſchung der Regen⸗ tropfen zu vereiteln!“ „Glücklicher Weiſe war der Zufall ſo freundlich, die Rolle der Polizei zu übernehmen, denn unſer allerdings etwas frevelhaftes Beginnen blieb ohne Erfolg, die Tropfen floſſen zuſammen, aber gerade in einem Augenblicke, wo Ferdinand nicht anders konnte, als ſich gegen ſeine Mutter zu wenden, welche jammernd in das Zimmer ſtürzte. Und nun erhalte ich dieſen Brief des Stadtſchultheißen— leſen Sie ſelbſt— war es daraufhin nicht meine Pflicht, ſogleich hieher zu eilen, und iſt es Angeſichts dieſer Zeilen nicht Ihre Pflicht, mir ſogleich eine Unterredung mit Herrn Welkermann zu geſtatten?“ Der Polizeirath hatte den Brief mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit geleſen, ſich dann raſch erhoben und ging nach⸗ denkend im Zimmer auf und ab, während er mit unter⸗ miſchten Pauſen zu Welden ſagte:„Das alles iſt ſo klar wie möglich, doch traue ich dem jungen Menſchen nicht den Wahnſinn zu, eine Sache, die Sie wie einen Scherz anſahen, mit ſo furchtbarem Ernſte beſchließen zu wollen — ah, gehen Sie, Welden, das iſt ganz unmöglich, oder wollen Sie mir vielleicht geſtehen, daß Sie im anderen “ 3 — 8 z Achtundzwanzigſtes Kapitel. 219 Falle ſelbſt gehandelt hätten, wie Sie jetzt von Welker⸗ mann fürchten?“ 8 Der Ingenieur zuckte mit den Achſeln, ehe er zur Ant⸗ wort gab:„Ich glaube doch, daß ich ſo gehandelt hätte; ich glaube, daß ich die Stärke dazu gehabt haben würde, denn im anderen Falle wäre ich ja verächtlicher geweſen, als man damals von mir geglaubt, an jenem Morgen, wo ich hier bei Ihnen war, dem eine Reihe ſo fürchter⸗ licher Tage folgte, daß ich unter dem zermalmenden Ein⸗ drucke derſelben jenes allerdings frevelhafte Spiel einging und— vielleicht wohl leider zu Ende geführt haben würde.“ „Und wenn ich Ihnen nun trotz alledem den Zutritt zu Herrn Welkermann verweigern müßte?“ „Das wäre ſehr ſchlimm, Herr Polizeirath; denn zu⸗ erſt müßte ich, ſelbſt auf die Gefahr hin, ebenfalls ein⸗ geſperrt zu werden, Alles verſuchen, um mit Liſt oder Gewalt zu ihm zu dringen, und dann müßte ich mich an Perſonen von Einfluß wenden, die vielleicht ſo mit⸗ leidig wären, einen ſo frevelhaften Selbſtmord zu ver⸗ hüten. Denn wie die Sachen liegen, wäre auch nicht mehr die Idee eines Duells in dem Beginnen Ferdinands zu entdecken.“ „Eine Idee von Vernunft war niemals darin,“ mur⸗ 220 Achtundzwanzigſtes Kapitel. melte der Polizeirath.„Das iſt noch das Schlimmſte und Fluchwürdigſte von allem Unſauberen, was wir von jenſeit des Meeres erhalten haben— aber ſagen Sie mir, junger Menſch,“ rief er aus, indem er die zuſammenſchlug und vor Welden ſtehen blieb,„fürchteten Sie denn in Wahrheit ſo ſehr die Stimme der Welt, daß Sie die Hand zu ſolchem Wahnſinne bieten konnten?“ Hände „Ich bin heute ruhiger geworden und könnte vielleicht zugeben, daß ich die Sache in ihrem richtigen Lichte be⸗ trachte, wogegen Sie mir nicht verübeln werden, daß von allem dem, was ich damals erfahren „ eine Begierde in mir rege wurde, die Sache auf ſo raſche und, wenn Sie wollen, ſchreckliche Weiſe zu erledigen: er oder ich!“ „Und was erlebten Sie denn ſo furchtbar Schlim⸗ mes?“ verſetzte der Polizeirath mit einem ſpöttiſchen Lächeln.„Daß junge Leute von gleichem, heißem Blute wie Sie etwas zweifelhaft von Ihrem Muthe ſprachen?“ „Nicht nur junge Leute, Herr Polizeirath, ſondern auch Männer, die man im Punkte der Ehre wohl als Autoritäten anerkennen darf— Herr von Rivola zum Beiſpiel.“ „Ah, Herr von Rivola,“ ſagte der Polizeirath kopf⸗ nickend—„der allerdings— im Punkte deſſen, was wir ſo Ehre nennen— ach ja, ach ja!“ — —.— —— Achtundzwanzigſtes Kapitel. 221 „Er fand, daß ich die Angelegenheit gegen Herrn Welkermann nicht ſchwer genug nehmen könne, daß ein Duell in der ernſthafteſten Form unumgänglich noth⸗ wendig ſei.“ „Wann war das ungefähr?“ fragte der Polizeirath mit großer Aufmerkſamkeit. „An dem Tage, wo Sie mich nöthigten, Ihnen mein Ehrenwort zu geben, die Sache dreimal vierundzwanzig Stunden ruhen zu laſſen.“ „Ah, an jenem Tage! Und damals meinte Herr von Rivola, die Sache laſſe ſich nicht gütlich vergleichen?“ „So war ſeine Anſicht.“ Der Polizeirath trat einen Augenblick an das Fenſter, um ſich gleich darauf dem jungen Manne wieder zu nähern und ihm zu ſagen, während er ſeine Hand ſanft auf deſſen Schulter legte:„Sprechen Sie offen und ehr⸗ lich mit mir, Welden— als Sie ſich damals mit Herrn von Rivola beſprachen, machten ſeine Worte auf Sie den Eindruck, als wenn er ſelbſt irgend eine Feindſchaft, irgend einen Haß gegen Herrn Welkermann im Herzen trüge?“ „Wenn ich mich recht erinnere,“ verſetzte der Andere nach einigem Beſinnen,„ſo machte die Rede des Herrn von Rivola wenigſtens den Eindruck auf mich, als ſei 922 Achtundzwanzigſtes Kapitel. ihm daran gelegen, daß dieſes Duell zu Stande käme, eine Anſicht, in der ich einige Tage nachher beſtärkt wurde durch die für mich ſehr unangenehme Aufregung, in welche ich Herrn von Rivola verſetzt fand durch die Nachricht, daß unſer Duell vereitelt worden ſei— durch Ihre Freundlichkeit, Herr Polizeirath.“ „Bitte recht ſehr— Sie fanden ihn damals in der That ſehr aufgeregt? Um welche Stunde kann das un⸗ gefähr geweſen ſein?“ „Es war gegen zwei Uhr Nachmittags, ich wartete ſeine Rückkehr aus der Stadt ab; er ſah leidend und ſehr angegriffen aus.“ „Ja, ja, das trifft ungefähr zuſammen,“ murmelte der Polizeirath, abermals ſeinen Spaziergang durch das Zimmer wieder aufnehmend, wobei ihm die Blicke Weldens folgten, während dieſer ſagte: „Und nun erlöſen Sie mich aus meiner unbehaglichen Stellung, laſſen Sie mich zu Herrn Welkermann, und ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß ich es ſo gut als mög⸗ lich vermeiden werde, irgend ein anderes Geſprächsthema zu berühren, als das, weßhalb ich hiehergekommen bin.“ „Gut, Sie ſollen Ihren Willen haben, und zwar ſo⸗ gleich.“ Er rief durch den Ton ſeiner Glocke den Aufwärter ——⏑—— Achtundzwanzigſtes Kapitel. 223 herbei, welchem er den Befehl gab, Herrn Welden zum Gefangenen zu führen, wobei er, gegen den Ingenieur gewandt, hinzuſetzte:„Ich ſehe Sie ſpäter noch auf einen Augenblick.“ Ferdinand Welkermann bewohnte in dem Gebäude, wo wir uns gerade befinden, ein nicht ſehr großes Zimmer mit mäßiger Einrichtung; doch hatte die Fürſorge der Mutter ihm einen einfachen Fauteuil verſchafft, in welchem er, die Hände in die Hoſentaſchen geſteckt, beim Eintritte Weldens lang ausgeſtreckt lag. Dieſer ging raſch auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und ſagte in einem vorwurfsvollen Tone: „Den Inhalt der Zeilen, welche ich von Ihrem Herrn Vater erhielt, darf ich wohl als einen Scherz betrachten?“ „Im Gegentheil,“ antwortete Ferdinand, indem er den Verſuch machte, ſich langſam zu erheben,„Sie ſehen mich ganz in der Stimmung, Sie mit den Worten jener Gla⸗ diatoren zu begrüßen: Moriturus te salutat!“ „Ah, wer wird ſo kleinmüthig geworden ſein!“ „Kleinmüthig, ich? Durchaus nicht— ich will mich nur im kaufmänniſchen Sinne als ſolides Haus bezeigen und den auf den zwölften Mai acceptirten Wechſel am Verfalltage einlöſen.“ Welden warf den Kopf raſch in die Höhe und ſagte 224 Achtundzwanzigſtes Kapitel. dann, indem er Ferdinands rechte Hand ergriff:„Laſſen Sie uns wie Männer ſprechen und nicht wie Kinder.“ „Der Meinung bin ich auch, nachdem wir ein wenig wie Kinder gehandelt.“ „Allerdings; aber ein gütiges Geſchick vereitelte dieſen kindiſchen Streich.“ „Wie ſo? Wir haben gleichmäßig eingeſetzt, und ich verlor, das iſt ſo klar wie der Tag. Sie waren aller⸗ dings ſo freundlich, mir das Gegentheil zu verſichern; Sie wollten, ich ſolle Ihnen meinen Verluſt ſchuldig bleiben, wozu ich aber keine Luſt habe— bitte, lieber Welden, laſſen Sie mich ausreden. Ich habe mich immer auf's ſorgſamſte bemüht, meine Spielſchulden zu bezahlen, und ſo werde ich auch dieſes Mal thun.“ „Ah, Herr Welkermann,“ rief der Andere, indem ein tiefer Ernſt ſeine Züge beſchattete,„ſagen Sie mir nach einer kleinen Weile, daß Sie zu ſcherzen belieben, denn, bei Gott, könnte ich annehmen, daß Sie im Ernſte reden, ſo würden Sie mich in einen Zuſtand verſetzen, über deſſen Eindruck ſich mein Haar emporſträuben würde!“ Welkermann hatte ſeine Rechte langſam aus den um⸗ ſchlingenden Fingern Weldens zurückgezogen und nagte, düſter vor ſich hinſtierend, an ſeinen Nägeln, ehe er zur Antwort gab:„Sie haben das Leben wieder lieb ge⸗ —— n Achtundzwanzigſtes Kapitel. 225 wonnen, ich begreife das— mir aber iſt es in dieſer Umgebung— er warf einen ſcheuen Blick auf die ſtark vergitterten Fenſter— eine ſchwere Laſt geworden, die ich mich glücklich fühle, auf eine ſolch' anſtändige Weiſe ab⸗ ſchütteln zu können.“ „Das iſt aber keine anſtändige Weiſe, das wäre ein ganz gewöhnlicher, unmotivirter...“ „Reden Sie doch aus!“ ſagte der Andere, da Welden ſtockte.„Und wenn es das in der That wäre, ſo werden Sie mir doch ein ehrliches Begräbniß dadurch nicht ver⸗ hindern, daß Sie meine Worte Lügen ſtrafen, wenn die Welt erfährt, es habe ſich hier um eine allerdings etwas eigenthümliche Art von Zweikampf gehandelt; Sie werden im Gegentheil meine Ausſage bekräftigen.“ „Und wenn ich dazu in dieſem entſetzlichen Falle nicht im Stande wäre?“ fragte Welden in einem eigenthüm⸗ lichen Tone, deſſen Kälte und Ruhe ſo auffallend klangen, daß Ferdinand unwillkürlich in die Höhe blickte.„Wenn ich nach dem zwölften Mai ebenfalls verhindert märe, etwas für Sie zu thun?“ „Ich ſehe den Grund nicht ein,“ meinte erbinand; „Sie ſtehen ſo geſund vor mir in voller Lebenskraft und Lebensluſt,“ ſetzte er mit einem trüben Lächeln hinzu. Dann fuhr er mit einem leiſen Schauder fort:„Ja, hätten Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. UII. 1⁵ 226 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Sie, wie ich, lange Tage und noch längere Nächte in dieſen kahlen Mauern zugebracht, mit der Ausſicht auf eine fernere vieljährige Verſorgung, ſo würde ich es be⸗ greiflich finden, Ihren Muth gebeugt zu ſehen, aber ſo— gehen Sie, lieber Welden, und ſeien Sie glücklich!“ „Ich werde allerdings gehen, und zwar ſogleich gehen, wenn Sie bei Ihrem thörichten, ja, verbrecheriſchen Ent⸗ ſchluſſe beharren. Ich werde, von Ihnen Abſchied neh⸗ mend, Ihnen die Hand reichen auf ein Wiederſehen am zwölften Mai, eilf Uhr Vormittags— geben Sie mir darauf Ihre Hand.“ „Daß ich der Narr wäre, für den Sie mich halten— was geht Sie mein verfallender Wechſel an!“ „Viel, Alles— unſere Schuld iſt zuſammengefloſſen wie jene Regentropfen, und daß dem ſo iſt, dafür hebe ich hier meine Hand zum feierlichen Schwur gen Him⸗ mel!“ „Ah, laſſen Sie mich, laſſen Sie mich!“ rief Welker⸗ mann in einem ſchrillen Tone, indem er beide Hände vor das Geſicht drückte. „Ich lege vor Gott dieſen Schwur ab, dreimal nach einander in jeder Form, welche Sie wollen, und wenn Sie mir darauf noch keinen Glauben ſchenken, ſo kann ich Ihnen nur ſagen: ich gebe Ihnen mein heiliges Chren⸗ — —— Achtundzwanzigſtes Kapitel. 227 wort, daß wir uns am zwölften Mai wiederſehen, wenn ein Wiederſehen danach überhaupt noch möglich iſt!“ „Laſſen Sie mich, laſſen Sie mich!“ wiederholte der Andere mit wild bewegter Stimme, indem er aufſprang und im Zimmer auf⸗ und abrannte.„O, wenn Sie wüßten, wie grauſam es von Ihnen iſt, mich zu er⸗ ſchüttern in einem ſo guten und wohl überlegten Ent⸗ ſchluſſe!“ „Wie können Sie das ſagen, Sie, der Sie von Ihrer eigenen Unſchuld nicht überzeugter ſein können, als ich ſelbſt, als Ihre Eltern, ja, als Ihre Richter es ſein werden?“ „Ah, meine Richter— ja, ich werde vor meine Rich⸗ ter geſtellt werden wie ein ganz gemeiner Verbrecher, der ich bei Gott nicht bin! Man wird vielleicht an meine Unſchuld glauben und mich freiſprechen, aber man wird mir mit Achſelzucken nachſchauen, wenn ich über die Straße gehe, und man wird ſich zuflüſtern: Das iſt der Welker⸗ mann, welcher der Falſchmünzerei verdächtig eingeſperrt war, der Sohn des Stadtſchultheißen, welcher aber— und das hätte man ſich denken können— freigeſprochen wurde!“ 3 „Ah, welche Idee! Achtbare Männer werden Zeugniß für Sie ablegen, Ihre Freunde, wozu ich mich vor allen 228 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Anderen zähle, der Polizeirath Merkel, Herr von Ri⸗ polic... 4 „Ah, er!“ ſprach Ferdinand, plötzlich ſtehen bleibend, mit einem eigenthümlichen Geſichtsausdrucke. Ich fürchte faſt, daß, wenn er im Stande ſein wird, Zeugniß für mich abzulegen, er vielleicht achſelzuckend ſagen könnte: Das iſt ein leichtſinniger junger Menſch, dem viel zuzutrauen wäre! Und wenn er nicht mehr im Stande iſt, gültig für mich zu zeugen, ſo könnte das meine Sache nur ver⸗ ſchlimmern.“ „Ich verſtehe Sie nicht— gewiß, ich verſehe Sie nicht.“ „Begreiflich,“ lächelte der Andere;„wenn man ſo wie Sie draußen in Luft und Sonnenſchein lebt, wenn man ein Freund des Rivola'ſchen Hauſes iſt, wenn man mit Intereſſe in die glänzenden Augen der ſchönen Lucy ſchaut, ſo ſieht man Manches anders an, als wenn man wie ich, Stunde um Stunde in der Einſamkeit hinbrütend, ſich Vergangenes in nackter und ungeſchminkter Wahrheit vor Augen bringt, wenn Einem dabei plötzlich Worte, Blicke einfallen, die, durch Einſamkeit und Nachdenken geſchärft, einen ganz anderen Sinn erhalten, einen richtigeren Sinn, ſo kann man auf Ergebniſſe kommen, die man kaum wagt, ſich ſelbſt zuzuflüſtern.“ Achtundzwanzigſtes Kapitel. 229 „Sie ſprechen in Räthſeln für mich.“ „Ich glaubs, ich glaubs; doch ſagte ich ſoeben, es gibt Dinge, die man kaum wagt, ſich ſelbſt zuzuflüſtern.“ „Herrn von Rivola betreffend?“ fragte Welden im Tone höchſter Spannung und mit verhaltenem Athem, denn es war ihm, als dränge in die dunklen Reden Fer⸗ dinands plötzlich ein ſcharfes, ſchneidendes Licht.„Die Anklage gegen Sie beruht ja hauptſächlich darauf, daß Sie ſo gefällig waren, Banknoten, welche Ihnen Herr von Rivola übergeben, ohne Weiteres an der Kaſſe um⸗ zuwechſeln.“ „Darin liegt es ja gerade!“ gab der Andere zur Antwort und ſetzte mit einem lauten Lachen hinzu:„Wenn Herr von Rivola nicht Herr von Rivola wäre, müßte er doch unfehlbar mein Zimmernachbar ſein!“ „O— o—o— oh!“ brachte Welden mühſam hervor, dann ſprach er zu ſich ſelber:„Und ſollte der Polizeirath Merkel einen ähnlichen Gedanken haben? Erſchien es mir doch ſonderbar, mit welch großem Intereſſe er zuhörte, als ich ihm davon ſprach, wie mich Herr von Rivola zu jenem Duell mit Welkermann angetrieben— forſchte er doch ſo genau nach Tag und Stunde! Ach, wenn über dem Haupte von Lucy's Vater ein ſo furchtbares Ver⸗ hängniß ſchwebte!“ s ———--ÿs3a———— 230 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Ferdinand war näher getreten und ſagte nun, indem er zutraulich ſeine Hand auf Weldens Schulter legte: „Ah, Sie denken über meine Worte nach— könnte ich Ihnen nur meine Ueberzeugung geben!“ „Daß Herr von Rivola....“ „Bſt,“ ſagte der Andere raſch und leiſe,„die Wände hier haben Ohren, wie in der Höhle des Tyrannen von Syrakus, und ich glaube,“ ſetzte er mit einem Blicke auf die Thür hinzu,„Herr Dionys Schmetterer hat uns be⸗ lauſcht— ſie haben da an der Thür eine recht artige Vorrichtung.“ Welden ſchien die letzten Worte Ferdinands überhört zu haben.„Nein, nein,“ rief er plötzlich aus,„das iſt ein falſcher Verdacht, das wäre zu fürchterlich!“ „Allerdings,“ meinte Welkermann mit einem ſpöttiſchen Lächeln—„unglaublich immerhin, und würde die ſoge⸗ nannte Geſellſchaft tief erſchüttern.“ „Sprachen Sie dieſen Verdacht ſchon irgendwo aus?“ „Wofür halten Sie mich? Herr von Rivola hat mir immerhin Gutes erzeigt, und da ich Wohlthaten nie ver⸗ geſſe, ſo habe ich mir vorgenommen, das alles mit dem allgemeinen Saldo am zwölftin Mai zu tilgen.“ „O, wenn ich Ihnen ſagen könnte, in welch' furcht⸗ bare Aufregung Sie mich verſetzt haben, ja, daß ich ⅓ Achtundzwanzigſtes Kapitel. 4§1231 darüber vergaß, was mich hieher geführt! Herr Welker⸗ mann,“ rief er darauf in flehendem Tone,„ich beſchwöre Sie bei allem, was heilig iſt, glauben Sie an die Wahr⸗ heit meiner Worte, daß die Vorſehung unſer frevelhaftes Spiel in der That vereitelt hat! Zwingen Sie mich nicht, Ihnen zu wiederholen, in welche Lage Sie mich im anderen Falle bringen würden! Geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie nach meiner Verſicherung, nach meinem Schwur die Sache auf ſich beruhen laſſen wollen, bis Ihre Unſchuld erkannt iſt, bis Sie Ihrer Haft entlaſſen ſind, wo ich mich Ihnen alsdann in jeder Form, die Ihnen beliebt, zur Verfügung ſtellen werde! Sie ſagten mir vorhin allerdings, Sie hätten Ihren Argwohn gegen Herrn von Rivola in keiner Weiſe laut werden laſſen, und ich glaube Ihnen; aber Aeußerungen, welche der Polizeirath vorhin gegen mich gethan, laſſen mich ver⸗ muthen, daß er ſeine Hand rückſichtslos auch gegen ihn ausſtrecken wird, wie er es gegen Sie gethan.“ „Daran zweifle ich nicht, und ich habe mich in der That nur gewundert, Herrn von Rivola nicht ſchon zum Zimmernachbar erhalten zu haben.“ „Entſetzlich! Ich glaude an ſeine Schuld ſo wenig als an die Ihrige— würden Sie es nicht einem Freunde 232 Achtundzwanzigſtes Kapitel. gedankt haben, der Sie durch eine Warnung vor Ihrer Haft bewahrt hätte?“ „Kaum— ich würde in meiner Unſchuld dieſer Haft nicht aus dem Wege gegangen ſein; aber in Betreff des Herrn von Rivola haben Sie Recht: ich glaube faſt, man erzeigte demſelben einen Dienſt, wenn man ihn veran⸗ laſſen könnte, eine Reiſe in's Ausland zu machen.“ „Und damit wäre keine Zeit zu verlieren. Aber wie kann ich Sie verlaſſen, ehe Sie mir Wort und Hand⸗ ſchlag gegeben, daß Sie jenes Schrecklichere auf ſich be⸗ ruhen laſſen wollen? Glauben Sie mir doch, daß Sie Ihre Lage ganz anders betrachten werden, ſobald Sie ſich nicht mehr zwiſchen dieſen öden Mauern befinden— 0, es iſt ſo wahr, wie Sie vorhin ſagten, daß uns Alles anders erſcheint in freier Luft und Sonnenſchein! Laſſen Sie alsdann die Stadt hinter ſich, folgen Sie mir in meine Berge, und es werden nicht Wochen vergehen, daß Sie mir eben ſo herzlich, eben ſo innig danken, wie ich Sie jetzt innig und herzlich anflehe, dieſen meinen Dank zu verdienen!“ Welkermann war an's Fenſter getreten, von wo aus er allerdings nur auf öde Mauern blicken und nichts von dem Hoffnung verheißenden Grün der Bäume ſehen konnte, ſondern nur ein kleines Stück des blauen Himmels, ErT —— Achtundzwanzigſtes Kapitel. 233 an dem aber hoch oben eine lang Pſtrecte Vogelſchaar ihren Zug gegen Norden nahm. 3 2 „O, könnte ich Sie plötzlich jetzt mitten hineinverſetzen in den ſproſſenden, knospenden Frühling, in die von Kräuterduft durchwürzte Waldeinſamkeit! Hoffen Sie— hoffen Sie auf beſſere, ſchönere Tage!“ Da wandte ſich der Andere raſch gegen den Bittenden und Flehenden, ſtreckte ihm ſeine beiden Hände entgegen, und obgleich er ohne alle weitere Betheuerung nur die Worte ſprach:„Gut denn, ich will erwarten, was da kommt!“— ſo war doch der Ton ſeiner Stimme ſo voll Wahrheit, daß Welden ihn mit einem Ausrufe der Freude in ſeine Arme zog, ihm herzlich dankte und dann ſagte: „Und nun muß ich Sie verlaſſen, um, wenn es möglich iſt, vielleicht einem anderen Unglücke noch rechtzeitig vorzubeugen.“ Er eilte ſchnell zur Thür, klopfte dort an, und die außerordentlich raſche Art, mit der ihm dort von Herrn Schmetterer geöffnet wurde, zeigte ihm, daß dieſer wür⸗ dige Beamte ſich in nächſter Nähe der Thür befunden hatte; auch ſchien er Herrn Welden erwartet zu haben, wenigſtens verbeugte er ſich auf ſolche Weiſe vor ihm und ging ihm dann voran nach den Zimmern des Po⸗ * ., 234 Achtundzwanzigſtes Kapitel. lizeiraths, als wenn es ſich von ſelbſt verſtände, daß der junge Indenieur dorthin gehen werde. Dies geſchah denn auch, weil ſich Welden ſeines ge⸗ gebenen derſprechens erinnerte; Herr Merkel aber war für eiſf Augenblick ausgegangen, wie der Polizeiagent ſagtw, nachdem er die Thür zum Schreibzimmer ſeines Herrn geöffnet,„wird aber wahrſcheinlich in Kurzem wieder⸗ kommen und läßt recht dringend bitten, ihn hier zu er⸗ warten.“ Welden, auß's lebhafteſte mit ſeinen Gedanken be⸗ ſchäftigt, ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und hob jetzt ohne Abſicht ein Papier vom Boden auf, das in der Nähe des Schreibtiſches lag und wahr⸗ ſcheinlich vom Luftzuge heruntergeweht worden war. Es war ein beſchriebenes Blatt, welches der Polizeirath auf die Ecke des Schreibtiſches gelegt haben mochte und viel⸗ leicht mitzunehmen vergeſſen hatte. Welden war ſchon im Begriffe, es wieder an ſeinen Platz zu legen, als er unwillkürlich auf demſelben den Namen Rivola las, den Namen des Mannes, mit dem er ſich in ſeinen Gedanken ſo angelegentlich beſchäftigte. War es ihm zu veraͤrgen, daß ſeine Augen raſch die geſchriebenen Zeilen durchflogen, daß er mit ſteigendem — ———ʒ—— — —— —,— Achtundzwanzigſtes Kapitel. 235 Antheile las:„Mein lieber Polizeirath! In der Sache des Herrn von Rivola habe ich auf Ihre wiederholten Vorſtellungen endlich ſo viel erlangt, daß man Ihnen ge⸗ ſtattet, gegen denſelben, aber auf die ſchonendſte Weiſe vorzugehen— ich wiederhole Ihnen, auf die ſchonendſte Weiſe, und möchte mir noch erlauben, hinzuzufügen, ob Sie nicht meiner Anſicht ſind, daß erſt der Ausgang einer Unterredung mit Herrn von Rivola, mit Ihrer bekannten Geſchicklichkeit geführt, entſcheidend ſein dürfte, ob Weiteres zu geſchehen hätte; doch ſoll auch ſelbſt dieſes Weitere die Grenze eines Hausarreſtes nicht überſteigen. Der Polizeiminiſter.“ Das„ſoll“ war zweimal unterſtrichen. Welden warf das Papier von ſich, als brenne es zwiſchen ſeinen Fingern; dann ſtürzte er gegen die Thür — dieſe war verſchloſſen. Einen Augenblick ſtand er rathlos: ſollte er klopfen,⸗ Lärm machen? Wahrſcheinlich ohne allen Nutzen, denn er zweifelte keinen Augenblick, daß dieſes Abſchließen der Thür kein zufälliges war. Da entſann er ſich glücklicher Weiſe der kleinen, geheimen Treppe, welche aus dem Schreibzimmer des Herrn Polizeiraths direkt in's Freie führte; auch hatte ihm dieſer einmal in einer vertraulichen Stunde mitgetheilt, wie das Schloß der unteren Thür 236 Achtundzwanzigſtes Kapitel. ſelbſt ohne Schlüſſel zu öffnen ſei. Ohne ſich lange zu beſinnen, eilte er dort hinab, betrat nach wenigen Augen⸗ blicken die Straße und rief einen Fiaker an, der zufällig vorüberfuhr. — Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die Umgebung von Eichenwald hatte ſich, ſeit wir ſie zum letzten Male geſehen, ſehr zu ihrem Vortheile ver⸗ wandelt: die Wieſen ſchimmerten im ſaftigſten Grün, die kleinen Sträucher waren in lichtgrüne Blätter eingehüllt, zwiſchen denen ſich hier und da ihre natürlichen Blüthen in den verſchiedenſten Farben zeigten. Auch ſchien gerade dieſes Mal das Frühjahr ganz beſonders ſchön werden zu wollen: die erwachte warme Erde duftete ſo angenehm, wie ſelten, und die Lerche, welche ſich von der aufge⸗ brochenen Scholle in die Höhe ſchwang, ſchien faſt trunken von Glückſeligkeit zu ſein, ſo übermüthig trillerte und jubilirte ſie in die blaue Luft hinaus.— Und Eichen⸗ wald ſelbſt lag in einem wahren Strauße von Blüthen, den ein Kranz von Laub⸗ und Nadelholz einfaßte, wobei 238 Neunundzwanzigſtes Kapitel. namentlich das letztere mit den Tauſenden und Tauſenden hellgrüner Tupfen der kleinen, neugierigen Triebe auf den tiefgrünen Zweigen der ernſten Bäume hervortrat,— welch' würziger Duft ſtrömte dabei aus den Tannenwäl⸗ dern! Es war wahrhaftig kein Wunder, daß im Land⸗ hauſe des Freiherrn von Rivola Fenſter und Thüren weit geöffnet waren, um die winterliche Luft, die ſich etwa noch in den Winkeln und Ecken verſteckt hatte, auszuathmen und dagegen den herrlichen Duft des Frühlings einzu⸗ ziehen. Auch der Garten rings um das ſchöne Wohnhaus hatte ſchon überall die winterlichen Hüllen abgeworfen und zeigte ſich im Feierkleide, würdig der ſchönen Jahres⸗ zeit: da war auf den Wegen kein Laub mehr zu ſehen, da waren die Linien der Raſenplätze und Graseinfaſſungen ſcharf und glatt umhauen, da ſah man die milde Erde auf den Blumenbeeten ſo aufgelockert und doch wieder ſo glatt, daß man ordentlich zu bemerken glaubte, wie üppig die überwinterten Pflanzen ihre dicken, ſaftigen Stengel und Blätter emportrieben; die Roſen zeigten ſchon kleine Knospen, die ſchweren Blüthenbüſche des zierlichen Flieders dort in dem Rondel, wo das weiße Marmorbild der Flora ſtand, hauchten die ſüßeſten Düfte aus, und der mächtige Springbrunnen vor der Terraſſe warf einen glitzernden Neunundzwanzigſtes Kapitel.. 239 Strahl des friſcheſten Wald⸗ und Bergwaſſers hoch in die Luft empor. An Dienern und Arbeitern aller Art, die das alles hier in Ordnung brachten oder erhielten, fehlte es nicht, und beſonders am heutigen Morgen ſah man in und außer dem Hauſe Alles in ganz beſonders emſiger Thä⸗ tigkeit: hier rechten die Gartenburſchen die Wege und machten förmlich Jagd auf jeden Grashalm, der ſich ſchüchtern zwiſchen dem feinen Kies hervorwagte, während andere dort unzählige große und kleine Pflanzentöpfe und Kübel an dem Hauptaufgange zur Terraſſe maleriſch gruppirten. Unter Aufſicht der Frau Werber waren die Hausbe⸗ dienten beſchäftigt, in dem großen Salon, der auf die eben erwähnte Terraſſe mündete, einen kleinen, aber höchſt eleganten Frühſtückstiſch herzurichten, während begreiflicher Weiſe von der Herrſchaft hier unten Niemand ſichtbar war: Herr von Rivola arbeitete in ſeinem Schreibzimmer und die Baronin mit ihrer Tochter befanden ſich im oberen Theile des Hauſes, Jakob hatte in der Bibliothek zu thun; er räumte Bücher auf, die ſein Herr heute Morgen gebraucht, und ſtaubte die Glasſcheiben ab. Da aber die Thür, welche von hier in's Schreibzimmer führte, nicht, wie an jenem Tage, als Jakob die rothe Brief⸗ 240 Neunundzwanzigſtes Kapitel. taſche bemerkt hatte, offen ſtand, ſondern feſt verſchloſſen, dagegen das Fenſter nach dem Hofe zu geöffnet war, ſo unterbrach er häufig ſeine Arbeit, um Eins mit dem Kutſcher zu plaudern, welcher in der weißen Schürze neben einem geſtern angekommenen Landau ſtand, Federn und Achſen desſelben, ſowie durch leichtes Zuwerfen der Wagen⸗ thüren die Güte der Schlöſſer an denſelben unterſuchend, während ein paar Stallbuben mit wollenen Lappen be⸗ ſchäftigt waren, Staub, wo ſich ſolcher allenfalls vorfand, zu vertilgen. „Der iſt in der That famos,“ ſagte Jakob mit einer Kennermiene,„und ſieht elegant aus.“ „Wobei er ſolid iſt und nicht zu ſchwer,“ gab der Kutſcher zur Antwort, indem er den Wagen mit ſeiner mächtigen Fauſt eine halbe Räderumdrehung vor⸗ und zurückſchob,„und das iſt hier in den Bergen die Haupt⸗ ſache.“ „Für Euch, David,“ lächelte Jakob,„oder vielmehr für die Pferde; mir iſt es wichtiger, ob die Verdecke leicht auf⸗ und zugemacht werden können.“ „Gerade recht,“ brummte der Kutſcher. „Soll der neue Wagen heute gebraucht werden?“ „So viel ich von dem Kammerdiener gehört, wollen die Herrſchaften nach dem Frühſtücke zur Eichenkrone Neunundzwanzigſtes Kapitel. 241* hinauffahren— na, dabei können wir ſehen, was der Landau leiſtet, ſowie auch der Viererzug Rappen, welchen das gnädige Fräulein mitbekommen wird.“ „Ich wollte, ſie bekäme mich auch mit,“ meinte Jakob mit heiterer Miene;„da wird man's gut haben, wenn auch der Graf Hartenſtein, den ich von einem meiner Bekannten her, welcher ſchon drei Jahre Reitknecht bei ihm iſt, genau kenne, nicht der iſt, mit welchem man gern Kirſchen ißt.“ „Dummes Geſchwätz— auch der Herr Baron hier hält dir deinen Mund ziemlich ſauber von Kirſchen, ſollte ich meinen.“ „Ah, das iſt ein Herr, der auch Andere leben läßt, und wenn Alle, welche hier zu befehlen haben, ſo wären, dächte ich nicht daran, mich zu verändern.“ „Nicht wahr, das Frühſtück iſt auf zwölf Uhr be⸗ ſtellt?“ „Punkt zwölf Uhr, zehn Couverts, nur Familie, nie⸗ mand Fremdes— Verlobung und Unterzeichnung des Heirathscontraktes.“ 3 „Das iſt mir gleichgültig, ich habe nur nach der Zeit gefragt, um ungefähr zu wiſſen, wann der Wagen be⸗ fohlen werden könnte— he, ihr Burſchen,“ rief er den Stallbuben zu,„nehmt da Waſſer zu den Flecken am Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. III. 16 242 Neunundzwanzigſtes Kapitel. rechten Hinterrade, ſonſt bringt ihr ſie nicht weg.— Stadler,“ wandte er ſich an einen der Gärtner, der auf dieſer Seite des Hauſes Pflanzen begoß,„geben Sie mir einmal auf einen Augenblick Ihre Gießkanne.“ Der Gärtner brachte das Verlangte herbei und ſagte, als er es niederſetzte:„Ich brauche ſie ſogleich nicht mehr; laſſen Sie ſie nachher unter den Schuppen ſtellen.“ Dann nahm er ſeine Schaufel auf die Schulter und verließ den Hof durch das kleine Thörchen zwiſchen dem Oekonomie⸗ und Stallgebäude, welches beſtändig ver⸗ ſchloſſen war und das er auch jetzt wieder hinter ſich zu⸗ ſperrte. „Dieſer Stadler iſt immer da zu finden, wo ſich zwei Leute zuſammen unterhalten,“ ſagte Jakob.„Habt Ihr das nicht auch ſchon bemerkt, David?“ „Ich bekümmere mich um ſo was nicht.“ „Ich weiß nicht, ich kann dieſen Kerl nicht ausſtehen, der immer.... Statt ſeinen Satz zu vollenden, verſchwand der Be⸗ diente vom Fenſter, da er im Nebenzimmer ein Geräuſch gehört zu haben glaubte. Stadler aber ging von außen um das Oekonomie⸗ gebäude und verſchwand an der Grenze des Parkes in einem Hohlwege, welcher von dort ſanft aufwärts zu ———ʒ—ʒ—ʒ—.ʒ:⏑Q—:—ñõÿy— — Neunundzwanzigſtes Kapitel. 243 einem kleinen, einſam am Rande des Waldes ſtehenden Häuschen führte, von wo jetzt ein Mann, raſch den Hohl⸗ wég abwärts ſchreitend, faſt in der Mitte desſelben mit Stadler zuſammentraf. „Ich habe kaum abkommen können,“ ſagte dieſer,„da drunten Alles die Hände voll zu thun hat— wir haben um zwölf Uhr Verlobung.“ „Ich weiß— ich weiß— das wird eine garſtige Unterbrechung werden.“ „So gibt es was Neues, Bangart?“ „Ja, und Wichtiges— er hat mir ſagen laſſen, daß wir Alle auf unſerem Poſten ſein ſollen— er würde bald kommen.“ „So will er... 2“ „Insgeheim eine Unterredung mit deinem Herrn haben — aber ganz insgeheim— wenigſtens will er, wo mög⸗ lich, ohne geſehen zu werden, in das Schreibzimmer des Herrn von Rivola gelangen.“ „Gut, ich werde mir an der kleinen Thür zu ſchaffen machen— den Weg von dort in's Haus kennt er genau, nur ſoll er nicht durch die Bibliothek gehen, wo der Be⸗ diente Jakob beſchäftigt iſt, ſondern durch das kleine Vor⸗ zimmer neben dem Salon.“ „Alſo auf deinen Poſten!“ 244 Neunundzwanzigſtes Kapitel. „Und was habe ich weiter zu thun?“ „Die kleine Thür hinter dem Polizeirathe zu ver⸗ ſchließen, den Schlüſſel zu dir zu nehmen und dich als⸗ dann an das große Gartenthor zu begeben; von da wirſt du mich auf der Höhe des Fahrweges ſtehen ſehen, dabei aber beſtändig die Terraſſe vor dem großen Salon im Auge behalten; ſiehſt du nun den Polizeirath dort er⸗ ſcheinen und dir winken, ſo gibſt du mir ein Zeichen. Du biſt alſo überzeugt, daß dein Herr jetzt gerade allein in ſeinem Schreibzimmer iſt?“ „Ganz allein— ich erfuhr von der Liſette, daß die Damen droben in ihren Zimmern ſind.“ „So mache dir an der kleinen Thür zu ſchaffen und erwarte ihn in der Nähe, damit du ihm von Allem Be⸗ richt erſtatten kannſt.“ „Gut, ſo gehe ich denn auf meinen Poſten.“ „Und ich kehre nach meinem Hauſe zurück, um ihn droben zu empfangen— unter uns geſagt, Stadler, ich bin froh, wenn die Geſchichte endlich einmal ein Ende nimmt, denn es iſt keine kleine Arbeit, ſo beſtändig auf dem Poſten zu ſein.“ „Und für mich da unten noch obendrein gefährlich, denn wenn die Anderen einen Argwohn hätten, ich glaube, ſie ſchlügen mich todt.“— Neunundzwanzigſtes Kapitel. 245 Während Stadler und Bangart ſo mit einander rede⸗ ten, fuhr ein Wagen, was die Pferde laufen konnten, auf dem Wege von der Stadt gegen Eichenwald zu, und der Kutſcher hielt an dem großen Parkthore. Ein Herr ſprang aus dem Wagen, läutete an und fragte, ſobald ihm einer der herbeigeeilten Gartengehülfen geöffnet, nach dem Herrn von Rivola, worauf jener, mit den Achſeln zuckend, erwie⸗ derte,„der Herr Baron würde heute ſchwerlich zu ſprechen ſein; er ſei wichtig beſchäftigt und der Befehl gegeben worden, Niemanden vorzulaſſen.“ Trotz dieſer Antwort machte der Angekommene, welcher in großer Aufregung zu ſein ſchien, an der Seite des Gartengehülfen raſch einige Schritte auf dem breiten Kies⸗ wege, offenbar in der Abſicht, ſich trotz der Abweiſung dem Hauſe zu nähern und dabei auf einen günſtigen Zufall rechnend. Darin hatte er ſich denn auch glücklicher Weiſe nicht getäuſcht und erblickte nicht ſobald den ihm wohl be⸗ kannten Kammerdiener des Hauſes, als er, den Gärtner zurücklaſſend, raſch auf jenen zueilte. Der Kammerdiener erkannte Welden ſogleich, und da der Ingenieur ſchon häufig mit en famille dinirt hatte, ihm alſo ein beſonderer Grad von Vertraulichkeit mit der Herrſchaft nicht abzuſprechen war, ſo ging ihm der Kam⸗ merdiener einige Schritte entgegen und ſprach dann in 246 Neunundzwanzigſtes Kapitel. aufrichtigem Tone ſein Bedauern aus, daß es ihm in der That unmöglich ſein würde, ihn in dieſem Augenblicke bei dem gnädigen Herrn zu melden. „Und doch iſt es nothwendig— dringend nothwendig, nicht in meinen Angelegenheiten, ſondern in etwas, das den Herrn Baron ganz beſonders intereſſirt; ich mußte ihm verſprechen, ihm darüber mitzutheilen, was ich er⸗ fahren, in jeder Stunde, ſei es, welche es wolle.“ „Um Ihnen gefällig zu ſein, wollen wir einen Verſuch machen.“ 4 „Ich brauche nicht länger, als fünf Minuten— ja, kaum dieſe, wenn Herr von Rivola meine Mittheilung nicht für wichtig genug hält.“ „Gut— bitte, folgen Sie mir.“ Sie ſchritten die mit Blumen garnirte Treppe zur Terraſſe hinan, dann durch den großen Salon, wo der Kammerdiener lächelnd auf die reich gedeckte Tafel wies und Welden hinter der vorgehaltenen Hand zuflüſterte: „Zum Frühſtücke zur Feier der Verlobung des gnädigen Fräuleins.“ „Ah ſo!“ „Warten Sie hier einen Augenblick.“ Der Kammerdiener verſchwand im Nebenzimmer, und es durchflog den jungen Mann ein eigenthümliches Ge⸗ Neunundzwanzigſtes Kapitel. 247 fühl, als er die glänzende Tafel anſchaute, bedeckt mit Silber und Kryſtall, und als er bedachte, weßhalb er hie⸗ her gekommen. Er konnte ſich einer bitteren Empfindung nicht erwehren, als er die hoch ariſtokratiſchen Perſonen, die in Kurzem um dieſen Tiſch ſitzen ſollten, in Gedanken dem gegenüber ſtellte, was den Beſitzer dieſes Hauſes viel⸗ leicht in der gleichen Stunde erwartete.— Dabei wurde dieſe Stimmung nicht gemildert durch die im Nebenzimmer in ziemlich ſcharfem Tone ausgeſprochenen Worte des Hausherrn: „Ich weiß nicht, was ich mit dem Herrn Ober⸗In⸗ genieur Welden heute zu verhandeln hätte; wenn er aber durchaus darauf beſteht— dieſes„durchaus“ war dop⸗ pelt betont,— ſo laſſen Sie ihn eben hereinkommen.“ Aber trotzdem wartete Welden die Rückkehr des Kam⸗ merdieners nicht ab, ſondern trat raſch in das Nebenzim⸗ mer und ſtand hier vor Herrn von Rivola, der ihn mit einem ernſten, faſt finſteren Blicke betrachtete. Der Kammerdiener zog ſich zurück und machte die Thür hinter ſich zu. „Sie werden es begreiflich finden, Herr Ober⸗In⸗ genieur,“ ſagte der Freiherr nach einer kurzen, peinlichen Pauſe,„daß ich einiger Maßen überraſcht bin, Sie nach unſerer letzten Unterredung wieder bei mir zu ſehen.“ 248 Neunundzwanzigſtes Kapitel. „Und dürfen überzeugt ſein, daß nur die wichtigſte Angelegenheit mich dazu veranlaſſen konnte.“ „Eine wichtige Angelegenheit, die uns Beide berührt? — Das iſt mir gerade unerklärlich.“ „Erlauben Sie mir, aus Mangel an Zeit ohne alle Einleitung auf dieſe Angelegenheit zu kommen,“ ſagte Welden mit einem Blicke nach der Thür. „Darum bitte ich recht ſehr.“ „Ich war ſoeben bei Herrn Ferdinand Welkermann, welcher, wie Ihnen bekannt ſein wird, auf der Polizei⸗ Direktion in Haft iſt.“ „Bei Ihrem früheren Gegner, mit dem Sie ſich ſehr raſch ausſöhnten.“ „Laſſen wir das— er betheuerte mir ſeine Unſchuld und nannte mir dabei Ihren Namen.“ „An ſeiner Unſchuld habe ich nie gezweifelt— doch was kann ich für ihn thun? Nichts— gar nichts.“ „Er nannte Ihren Namen als Jemandes, der ihm Gutes erzeigt und dem er einen Gegendienſt leiſten möchte.“ —„Ich wüßte nicht, worin.“ „Vielleicht, daß es in ſeiner Abſicht lag, mich zu veranlaſſen, hieher zu gehen.“ „Und zu welchem Zwecke?“ Neunundzwanzigſtes Kapitel. 249 „Kurz und gut, Herr von Rivola, um Sie zu warnen.“ „Ah, Her—rer, Sie gehen etwas keck, etwas zu ver⸗ traulich zu Werke!“ „Die Zeit fehlt mir, um auf Ihre Worte zu ent⸗ gegnen, und ich kann nur wiederholen, Herr Baron, daß ich in Erinnerung der vielen Güte und Freundlichkeit, welche ich in Ihrem Hauſe erfahren, gekommen bin, um Sie zu warnen, da ich weiß, daß Ihnen Unheil, wenig⸗ ſtens Unannehmlichkeiten der ſchwerſten Art drohen.“ Der alte Mann hatte ſich plötzlich entfärbt, hielt aber ein verächtliches Lächeln auf den Lippen feſt und ſagte, indem er ſeine blaue Brille dichter gegen die Augen drückte:„Unannehmlichkeiten— Unheil? Was Sie nicht alles wiſſen— wie wichtig Sie ſich in meinen Augen darſtellen!“ Welden that einen tiefen Athemzug; dann ſagte er in entſchloſſenem Tone:„Herr Baron, Gott im Himmel weiß allein, wo ſich Verdacht und wirkliche Schuld ſcheiden— ich bin von Ihrer Schuldloſigkeit überzeugt, aber Andere, deren Meinung ſchwerer in's Gewicht fällt, ſcheinen es nicht zu ſein.“ 3 „Wer ſind— dieſe— Anderen?“ „Der Polizeiminiſter und der Polizeirath Merkel.“ V V 250—„ Neunundzwanzigſtes Kapitel. „A— a— a—ah!“ ſtieß Herr von Rivola mühſam her⸗ vor, indem er beide Hände von ſich abſtreckte und den Oberleib vorbeugte. „Glauben Sie mir, Herr von Rivola,“ bat der junge Mann mit zuſammengelegten Händen,„ich beſchwöre Sie bei allem, was Ihnen lieb und theuer iſt— wie geſagt, ich bin von Ihrer Unſchuld überzeugt, aber wenn Sie trotz derſelben Urſache haben ſollten, den Beſuch des Po⸗ lizeiraths Merkel, der Ihnen vielleicht in der nächſten Viertelſtunde bevorſteht, gerade heute zu vermeiden....“ „Der Polizeirath Merkel will mich beſuchen— heute noch?“ „Auf einen Befehl des Polizeiminiſters— den ich ge⸗ leſen und in welchem ihm endlich die Erlaubniß gegeben wird, in der bewußten Angelegenheit, wenn gleich mit aller Schonung, gegen Sie vorzugehen.“ Der alte Mann ſtieß einen ſo unheimlichen Ton aus, indem er zuſammenzubrechen ſchien, daß Welden raſch auf ihn zueilte; doch hatte er bereits durch Aufſtützen der be⸗ benden Hand auf die Ecke des Tiſches wieder etwas Hal⸗ tung gewonnen und brachte keuchend die Worte hervor: „Sie ſagen das nicht aus irgend einem anderen— Grunde,— um ſich zu rächen— um mich zu erſchre⸗ cken?“ V * Neunundzwanzigſtes Kapitel. 251 Nur die Abſicht, den alten Mann vor dem Umfallen zu bewahren, hatte Welden gegen ihn hingetrieben, wo⸗ gegen er jetzt, beim Anblicke der entſetzlich verſtörten Züge des Herrn von Rivola, die ſeine Schuld verriethen, wenn auch ſeine Lippen darüber ſchwiegen, ſchaudernd einen Schritt zurücktrat, wobei er in dumpfem Tone ausrief: „Herr des Himmels, wie furchtbar iſt das!— Doch um ſo weniger iſt Ihre Zeit zu verlieren,“ ſetzte er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen mit ſeiner gewohnten Ent⸗ ſchloſſenheit raſch hinzu—„vertrauen Sie mir, Herr von Rivola— folgen Sie mir, ich beſchwöre Sie, nehmen Sie Ihren Hut und gehen Sie mit mir in den Garten: es kann das kein Aufſehen erregen, und auch das nicht, wenn Sie drunten am Gitterthore in meinen Wagen ſteigen, welcher dort hält.“ „Ja, ja, Ihren Wagen— oder laſſe ich ſelbſt ein⸗ ſpannen, ich habe raſchere und ausdauerndere Pferde!“ „Das würde unnöthiges Aufſehen geben— ich fürchte faſt, daß Sie von Spähern umringt ſind— ich führe Sie quer durch die Berge auf die nächſte Poſtſtation und von da nach Kirchheim, wo ich augenblicklich beſchäftigt bin— Sie kennen Kirchheim, hart an der Grenze?“ „Ja, ja, hart an der Grenze, und das iſt gut— eilen wir!“ Neunundzwanzigſtes Kapitel. Wie er aber den Tiſch losließ, um ſeinen Hut zu nehmen, der auf einem Stuhle lag, ſchwankte er hin und her und konnte nicht anders, wie er mit einem matten Lächeln ſagte, als einen Augenblick ausruhen, ehe ſie gingen. Dann brach er förmlich auf einem Sopha in der Ecke des Zimmers zuſammen, drückte die Hände vor das Geſicht und ſagte mit einem Tone des tiefſten Wehes, welcher ſchneidend in Weldens Seele drang:„O, meine Lucy— meine arme, arme Lucy!“ Plötzlich aber ſchien er ſich zu beſinnen, wie noth⸗ wendig es ſei, zu eilen, denn er half ſich mühſam, aber raſch von dem Sopha empor, und ſeine Finger griffen nach einem Schlüſſelbunde, den er in der Taſche ſeines Rockes trug; die Schlüſſel klirrten laut zuſammen, als er ſie hervorzog. „Ja, ja, kommen Sie,“ rief er haſtig, mit zuckenden Lippen Welden zu— nkommen Sie, es iſt vielleicht gut, wenn ich Sie nach Kirchheim begleite, um denen hier von jenſeit der Grenze zu ſagen, was ich Ihnen zu wiſſen thun will— in der Nähe ſind dergleichen Leute ſo rück⸗ ſichtslos— o, es iſt lächerlich, mir ſolche Dummheiten zuzutrauen— aber ich kenne das— was die Polizei ſchonend nennt, und ein guter Name, der einmal mit Schmutz beworfen iſt, mag ſehen, wie er wieder zu höherer Neunundzwanzigſtes Kapitel.- 253 Reinheit kommt— deßhalb weichen wir dem aus— ich muß das thun— o, mein armer Kopf, ich kann kaum mehr denken— für meine Frau und meine gute, gute Lucy— von drüben werde ich ſelbſt an den König ſchreiben und mich über die Rückſichtsloſigkeit ſeiner Be⸗ amten beklagen— aber meine Frau— ich muß ihr doch ſagen, weßhalb ich mit Ihnen gegangen bin— und doch kann ich ihr nichts ſagen— darf ich ihr nichts ſagen, trotzdem wir heute Gäſte erwarten— ah, das iſt ſehr traurig, entſetzlich traurig!“ Er beugte ſein Haupt wie unter der Wucht eines furchtbaren Druckes tief herab, und es dauerte einige lange, für Welden bange Sekunden, ehe er ſich wieder aufrichtete; dann ſtieß er raſch hervor:„Ja, Welden, Sie ſind mein Schutzengel, Sie werden mir mit Ihrer Ent⸗ ſchloſſenheit helfen, mich mit Ihrer ſtarken Hand unter⸗ ſtützen— kommen Sie— kommen Sie, ehe es zu ſpät iſt!“ „Che— es— zu— ſpät— iſt!“ Dies ſagte Herr von Rivola in dem heiſeren Tone des tieſſten Entſetzens und ſtreckte die Hände weit von ſich ab, wie Jemand, der ein Geſpenſt ſieht, deſſen Erſcheinen er gefürchtet und das er von ſich abwehren möchte, denn unter der Thür, die in's Schreibzimmer führte, ſtand der Polizeirath Merkel. 254 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Es war ein furchtbarer Augenblick für alle Drei— ein Augenblick, in welchem die Betreffenden von den widerſtreitendſten Gefühlen erfüllt waren, ſich aber faſt unwillkürlich im Sinne der Worte einigten, welche Herr von Rivola mit tonloſer Stimme ausſprach:„Herr Po⸗ lizeirath, wir haben Sie erwartet.“ Damit ſchien auch der alte Mann ſeine Faſſungsloſig⸗ keit verloren zu haben, und ſetzte hinzu, indem er auf den Beamten zutrat:„Es iſt hier im Vorzimmer wohl nicht der Ort, darüber zu reden— folgen Sie mir in mein Schreibkabinet— und Herr Welden?“ Der Polizeirath warf einen lächelnden Blick auf den jungen Ingenieur und meinte alsdann:„Ich würde ſagen, Sie hätten mein Vertrauen mißbraucht, doch da das für einen Dritten geſchah, will ich es ſo ſtreng nicht nehmen — ja, ich könnte Ihnen vielleicht dankbar dafür ſein, daß Sie mir hier einen ſehr bitteren Anfang erſpart haben; jetzt aber muß ich Sie bitten, uns zu verlaſſen.“ Herr von Rivola hatte langſam ſeine blaue Brille abgenommen, um ſeine Augen mit dem Schnupftuche ab⸗ zuwiſchen, und als er hierauf ſeinen Blick gegen Welden richtete, lag im Ausdrucke deſſelben das Gefühl innigſten Dankes; auch ſtreckte er ihm beide Hände entgegen, wobei er ſagte:„Gehen Sie mit Gott, mein lieber junger *Neunundzwanzigſtes Kapitel. 255 Freund, und ſeien Sie verſichert, daß der Groll, den ich gegen Sie in meinem Herzen hegte, vor meiner ehe⸗ maligen Freundſchaft für Sie, vor meiner herzlichen Liebe verſchwunden iſt— gehen Sie mit Gott!“ Wie Welden hierauf aus dem Zimmer gekommen war und das Haus verlaſſen hatte, wußte er ſpäter nicht mehr: er fand ſich endlich vor ſeinem Wagen ſtehen, und als er auf das Landhaus zurückblickte, glaubte er, an einem der offenen Fenſter Lucy lehnen zu ſehen, ja, es war ihm, als winke ſie ihm mit der Hand zum Abſchiede; dann fühlte er, wie der Wagen mit ihm davon fuhr. Herr von Rivola hatte ſich unterdeſſen auf dem Stuhle vor ſeinem Schreibtiſche niedergelaſſen, und der Polizei⸗ rath ſaß dicht vor ihm. So unbefangen dieſer auch in ähnlichen Fällen ein Geſpräch eröffnen konnte, ſo war es ihm doch lieb, daß der Andere ſagte: „Ich weiß, daß Sie von dem Polizeiminiſter ermächtigt ſind, ſich in einer gewiſſen Angelegenheit mit mir zu he⸗ nehmen, weiß aber auch, daß Ihnen darin die größte Schonung meiner Perſon und meines Hauſes anempfohlen wurde, und glaube noch hinzuſetzen zu dürfen, daß ich dieſe Schonung von Ihnen, einem langjährigen Bekannten, auch ohnehin hätte erwarten können— und nun bitte ich, mir zu ſagen: worauf gründet ſich der Befehl des Polizei⸗ 256 Neunundzwanzigſtes Kapitel. miniſters, ſowie Ihr etwas brüskes Eindringen in mein Haus?“ Was der Polizeirath hierauf ſagen wollte, hatte er bei ſich ſo genau überlegt, ja, Wort für Wort wohl er⸗ wogen und ausgearbeitet, daß er nun im Stande war, in der klarſten Auseinanderſetzung, mit auf's logiſchſte zu⸗ ſammengefügten Thatſachen ſeinem bedauernswürdigen Gegenüber den Beweis zu führen, wie er vollkommen überzeugt ſei, daß Herr von Rivola der Verfertiger der falſchen Banknoten ſei. Und wie er nach einander aller Umſtände erwähnte, von dem kleinen Kupferklümpchen an bis zu dem im alten Thurme aufgefundenen Stückchen Papier, wie er auf's ſcharfſinnigſte alle leichteren Nebenumſtände hinein verflocht und mit vollkommenſter Ueberzeugung ſeinem Ziele näher kam, ſo erkannte er ſelbſt immer mehr die Richtigkeit alles deſſen, was er ſagte, in dem ſtufenweiſen Zuſammenſinken des Freiherrn, und als er ſchließlich der rothen Mappe hier in eben dieſem Schreibtiſche erwähnte, deren augenblickliche Auslieferung er verlangte, drückte Herr von Rivola die Hände vor das Geſicht und ſtieß einen tiefen, ſchmerzlichen Seufzer aus. „Und nun, was ſoll weiter geſchehen?“ „Die Ausübung meiner Pflicht,“ gab hierauf der Po⸗ Neunundzwanzigſtes Kapitel. 257 Polizeirath zur Antwort,„iſt mir noch niemals ſo ſauer ge⸗ worden, als im gegenwärtigen Augenblicke— ich glaube, es iſt nichts Anderes zu thun, als daß Sie die Güte haben, mich nach der Stadt zu begleiten.“ „Heute— jetzt— in dieſem Augenblicke?“ rief Herr von Rivola, auffahrend.„Unmöglich— unmöglich!“ „Um kein Aufſehen zu erregen, nehmen wir einen Ihrer Wagen.“ „Heute— jetzt? Ich habe Ihnen ja ſchon geſagt, daß dies unmöglich iſt— unmöglich— unmöglich!“ „Aber was wollen Sie denn, daß ich thun ſoll?“ „Mit Schonung gegen mich handeln, Herr Polizei⸗ rath!“ „Mit Schonung, gewiß— ich würde auch ſo mit Ihnen verfahren, wenn mir dies auch nicht, wie Sie zu wiſſen ſcheinen, noch ganz beſonders anempfohlen worden wäre— aber ſagen Sie mir, mein verehrter Herr, wie ſoll ich vor meinem Vorgeſetzten, der mich hieher geſandt, beſtehen, wenn ich Ihrem Verlangen nach das Haus ver⸗ laſſe, ohne mich Ihrer Perſon verſichert zu haben?“ „A— a— a—ah, Sie wollen ſich meiner Perſon ver⸗ ſichern?“ „Leider muß ich das, mein lieber Herr von Rivola Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. III. 17 258 Neunundzwanzigſtes Kapitel. — leider muß ich das, in dem Punkte habe ich ganz be⸗ ſtimmte Befehle!“ „Sich— meiner— Perſon— verſichern— mich in's Gefängniß führen?“ „Leider— leider!“ ſagte der Polizeirath mit einem bedauernden Achſelzucken. „Und heute?“ „Heute!“ „In dieſer Stunde?“ „Sogleich, wenn es Ihnen gefällig iſt!“ „Nein, nein,“ rief der unglückliche alte Mann, haſtig aufſpringend, in lautem Tone— er hatte bis jetzt das Geſpräch mit leiſer Stimme geführt—„das iſt unmöglich — unmöglich! Viſſen Sie wohl, Herr Polizeirath, daß ich in der nächſten Viertelſtunde Gäſte erwarte, Gäſte, welche den höchſten Kreiſen der Geſellſchaft angehören?“ „Ich weiß das.“ „Wiſſen Sie auch, daß es ſich um die Verlobung meiner armen Tochter Lucy handelt, um deren Verlobung mit dem Grafen Eugen Hartenſtein— und nennen das mit Schonung handeln: den Vater zu verhaften, während er im Begriffe ſteht, den Heirathscontrakt ſeiner Tochter zu unterzeichnen?“. „Auch die Schonung hat ihre Grenzen, Herr Baron.“ Neunundzwanzigſtes Kapitel. 259 „Wenn ich Ihnen aber mein Wort gebe, daß ich mich in zwei Stunden zu Ihrer Verfügung ſtellen will, nach⸗ dem Sie ſich dieſe zwei Stunden, ohne Aufſehen zu er⸗ regen, hier in meinem Cabinette aufgehalten— mein feierliches Ehrenwort— das Wort eines.... 2— Ah, ich verſtehe Ihren Blick!“ fuhr er, wild ausbrechend fort, wobei er ſich mit einer verzweiflungsvollen Geberde vor die Stirn ſchlug. „Sie thun mir Unrecht, Herr Baron,“ ſagte der Po⸗ lizeirath, näher tretend und ſanft die Hand des Anderen ergreifend—„Sie haben meine Miene vollkommen miß⸗ verſtanden, denn ſie ſollte meine Zuſtimmung ausdrücken, ſo wie ich dies jetzt mit klaren Worten thue— ja, ich will, Ihrem Worte vertrauend, zwei Stunden dort nebenan in der Bibliothek auf Sie warten.“ „Ich danke Ihnen— zwei Stunden, eine lange Zeit, und doch wie raſch wird ſie verflogen ſein! Gehen Sie denn, Herr Polizeirath, und geſtatten Sie mir, daß ich mich ein wenig erhole von dem furchtbaren Schlage, um mit heiterem Geſichte meinen Gäſten gegenübertreten zu können.“ Herr Merkel ging nach einer höflichen Verbeugung in das Bibliothekzimmer und ſetzte ſich dort auf einen Stuhl an's Fenſter.„Dieſe zwei Stunden konnte ich dem un⸗ 260 Neunundzwanzigſtes Kapitel. glücklichen Manne ſchon bewilligen,“ dachte er;„ein Ent⸗ rinnen, ſelbſt wenn er ſein Ehrenwort leichtſinnig brechen wollte, iſt unmöglich. Eichenwald iſt rings umher zu gut beſetzt, und ſeine Energie iſt gebrochen. Ja, wenn dieſer tolle Hitzkopf, dieſer Welden, noch da geblieben wäre, würde ich den Anderen nicht eine Sekunde lang außer Acht gelaſſen haben— ein ganz verfluchter Burſche, dieſer Welden!“ Der, dem dieſer Ehrentitel galt, hatte indeſſen aller⸗ dings in ſeinem Wagen Eichenwald verlaſſen, war aber noch nicht weit gekommen, als er, bewegt von den wider⸗ ſtreitendſten Gefühlen, gequält von den ſchlimmſten Ge⸗ danken, ſeinem Kutſcher befahl, zu halten und ihn zu erwarten, dann aus dem Wagen ſprang, gegen das große Gitterthor des Parkes zurückeilte, den ſchattigen Garten betrat und ſich hier durch die verſchlungenen Wege der dichten Gebüſche dem Landhauſe ſo weit näherte, bis er die Terraſſe und eines der Fenſter von Herrn von Ri⸗ vola's Schreibzimmer im Auge hatte. Während deſſen war der alte Herr, vor ſeinem Schreib⸗ tiſche ſitzend, kraftlos in ſich zuſammengeſunken und machte erſt nach einiger Zeit die furchtbarſten Anſtrengungen, um ſeine Faſſung wieder zu gewinnen:„Sturm— Schiff⸗ Neunundzwanzigſtes Kapitel. 261 bruch, die ganze Frucht tauſenfältiger Mühe verloren— retten wir, was vielleicht noch zu retten iſt!“ Die Schlüſſel des Schreibtiſches zitterten in ſeiner Hand, weßhalb er die Finger feſt zuſammenpreßte, damit das Klirren nicht im Nebenzimmer gehört werde, und da⸗ bei war ſein Blick ſo unſicher geworden, daß er mehrere Male vergeblich verſuchte, den richtigen Schlüſſel einzu⸗ ſtecken. Doch raffte er ſich mit übermenſchlicher An⸗ ſtrengung zuſammen, öffnete den Schreibtiſch, zog das uns wohlbekannte Fach hervor und war im Begriffe, die rothe Mappe herauszunehmen, als er, erſchreckt auf⸗ horchend, vor ſeiner Zimmerthür das Rauſchen eines Kleides und eine ihm wohlbekannte Stimme vernahm, welche fragte:„Darf ich hereinkommen, Papa?“ Raſch warf er die Schublade wieder zu, ſetzte haſtig ſeine blaue Brille auf, damit Lucy ſeine feuchten und ge⸗ rötheten Augen nicht ſähe, und ſagte dann:„Gewiß, mein Kind, gewiß— ich freue mich, dich zu ſehen.“ Und daß er ſich in der That darüber freute, hätte man ſehen können an ſeinem jetzt plötzlich ganz veränderten Geſichtsausdrucke. Trat doch das holde Geſchöpf in ſeinem einfachen, weißen Kleide wie ein Friedensengel vor ihn hin, erſchien ihm doch ſeine Tochter wie ein Stern in finſterer Nacht, groß, Rettung verheißend— war es ihm 262 Neunundzwanzigſtes Kapitel. doch, als rief ihm eine Stimme zu:„Nein, nein, es iſt ja nicht möglich, ſo unglücklich zu werden— es iſt ja alles das nur ein böſer Traum, aus dem ich erwachen muß, ſobald ſie an meine Seite tritt!“ Und als ſie nun neben ihm ſtand, als ſie ſich über ihn hinbeugte, als ihre Wangen ſeine Stirn berührten, da legte er ſeinen Arm um ihren Hals, zog ſie heftig und innig an ſich, und ſeiner Bruſt entſtiegen die ſchmerz⸗ lichen Laute verhaltenen Weinens. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis er ſie aus ſeinen Armen ließ, bis das junge Mädchen darauf ihren Vater betrachtete, bis ſie mit ihren weichen Fingern leicht ein paar Thränen von ſeinen Wangen wiſchte und bis ſie dann in einem ſo eigenthümlichen, ſo rührenden Tone ſagte:„Papa, auch du ſcheinſt nicht froh und nicht glück⸗ lich zu ſein an dem heutigen, feſtlichen Tage?“ „Auch du?“ gab er in fragendem Tone zur Antwort. „Und wer iſt es noch mehr, dem dieſer Tag nicht heiter erſcheint?“ „Ein paar Sckunden lang ſchwieg Lucy auf dieſe Frage, und erſt nachdem ſie die Rechte ihres Vaters genommen, ſie an ihr Herz, an ihre Stirn, an ihre Lippen gedrückt, ſagte ſie mit leiſer, bebender Stimme:„Ich bin nicht —— Neunundzwanzigſtes Kapitel. 263 glücklich am heutigen Tage— werde aber doch deine gehorſame Tochter ſein.“ Zu jeder anderen Zeit würde er über die Worte ſeiner Tochter, als über die Launen eines jungen Mädchens, ge⸗ lächelt haben; heute aber, ſelbſt ſo unglücklich mit dem namenloſen Weh in ſeinem Herzen, zog er ſein Kind noch feſter an ſich, wobei er haſtig die Worte ausſtieß:„Aber du ſollſt ja glücklich werden, Lucy, du ſollſt und mußt glücklich werden, wenigſtens du— wenn auch.. Doch warum biſt du nicht glücklich? Spricht dein Herz nicht für die Verbindung, die wir, die beſonders deine Mutter ſo wünſchenswerth für dich anſieht?“ „Ich ſagte dir vorhin ſchon, ich würde deine gehor⸗ ſame Tochter ſein,“ erwiederte Lucy mit einem recht ernſten, traurigen Blicke;„das weißt du auch, und eben ſo gut weiß ich, daß die Feſtlichkeit, auf welche ſich meine Mutter ſo unſäglich freut, in kurzer Zeit ſtattfinden wird— aber ich habe nie vor dir geheuchelt, mein guter Vater, und will dir deßhalb auch jetzt nicht verhehlen, daß mich zu meinem Vetter Hartenſtein nicht jenes Gefühl hinzieht, das man haben muß, um eine glückliche Braut zu werden; ich möchte nicht ſo bald ſchon dieſes unſer liebes Haus verlaſſen, Mama und dich verlaſſen— o, ich möchte noch lange, lange Jahre bei euch bleiben!“ 264 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Herr von Rivola ſtieß einen tiefen, ſchmerzlichen Seufzer aus; dann ſagte er, ſeinen ſcheuen Blick eine Se⸗ kunde lang nach der Thür des Nebenzimmers richtend: „Aber man kann nicht immer zuſammenbleiben, meine liebe, gute Luey— nein, nein, man kann nicht immer — endlich muß es doch einmal geſchieden ſein— wenn — auch— mit— aller Schonung.“ „Gewiß, mein lieber, guter Vater, ich begreife das wohl,“ ſagte ſie in weichem, zutrauensvollem Tone, wo⸗ bei ſie ihn leicht auf die eiskalte Stirn küßte.„Ich be⸗ greife es und verſtehe es, wäre aber von ſelbſt wohl nie darauf gekommen, wenigſtens noch lange, lange, lange nicht, eine ſolche Trennung anzubahnen. Wenn ich aber,“ ſetzte ſie mit einem verſchämten, reizenden Lächeln hinzu, „ſelbſt einmal Veranlaſſung dazu gegeben hätte, ſo würde ich auch an dem betreffenden Tage haben ausrufen können: O, ich fühle mich ſehr, ſehr glücklich!“ „Und heute fühlſt du dich unglücklich?“ „Beinahe ſo.“ „Und ohne eine andere Veranlaſſung, als daß dir dein Vetter Eugen Hartenſtein gleichgültig iſt?“ „O, er iſt mir ſehr gleichgültig!“ „Und du haſt keine andere Veranlaſſung, Lucy? Sieh mir in die Augen, mein gutes, ehrliches, offenherziges — Neunundzwanzigſtes Kapitel. 265 Mädchen— ſprich mit deutlichen, klaren Worten— oder ſoll ich dir vielleicht ſagen, was mir jene beiden Thränen⸗ tropfen erzählen, welche da unter deinen Wimpern hervor⸗ quellen?“ „O, laß ſie dir erzählen,“ rief ſie ſchmerzlich bewegt aus, wobei ſie ſich in ſeine Arme warf—„laß dir von ihnen die volle Wahrheit erzählen, ich will ja nichts ver⸗ heimlichen!“ „Lucy, du liebſt!“ „Ich weiß es nicht.“ „Dir iſt jemand Anders theurer, als dein Vetter Hartenſtein?“ „O, Viele ſind mir theurer, als er— du und meine gute Mutter und Eliſe....“ „Und wer noch mehr?“ „Und— Herr Welden.“ Herr von Rivola löste ſanft die ihn umſchlingenden Arme ſeines Kindes, ſah darauf Lucy in das tief er⸗ röthende Geſicht, wobei er langſam ihre Worte wieder⸗ holte:„Und Herr Welden.“ „Ich hätte dir das nicht geſagt, mein guter Vater, wenn ich es nicht am heutigen Tage für meine Pflicht halten würde, und ich habe es dir gerade am heutigen Tage geſagt, um wahr vor dir zu erſcheinen und um 266 Neunundzwanzigſtes Kapitel. mich ſpäter rechtfertigen zu können, wenn ich mit meinem Vetter Hartenſtein nicht ganz ſo glücklich werden ſollte, wie ihr es wünſcht.“ „Als— wir— es— wünſchen— ja, gewiß.“ „Ich habe es erſt heute geſagt, weil ich ja wohl weiß, daß nichts mehr zu ändern iſt, und weil ich dir und Mama nicht den Kummer machen wollte, irgend etwas an dem zu ändern, was euch Freude macht.“ „Meine gute, gute Lucy!“ „Die Feſtlichkeit wird und muß alſo vor ſich gehen, verſtehſt du, mein guter Vater— ſie muß vor ſich gehen, denn ich möchte den Schmerz der guten Mutter nicht mit anſehen, wenn das, was ſie ſo mühſam faſt zu Stande gebracht, vereitelt würde— und durch meine Schuld— o, nie, nie!“ Der alte Mann hatte ſein Kind mit einer ſo haſtigen Bewegung von ſich geſchoben, daß ihm Lucy erſchreckt nachſah, als er, nachdem er nun raſch aufgeſtanden war, in dem Zimmer auf⸗ und abſchritt. Er ſchien plötzlich mit einem Gedanken beſchäftigt, der ihm beim erſten Erfaſſen fürchterlich erſcheinen mochte, denn er zuckte mit dem Kopfe und wehrte mit der rechten Hand elwas Unſichtbares haſtig von ſich ab; doch glättete ſich bald darauf ſeine Stirn wieder, ſeine Augen verloren Neunundzwanzigſtes Kapitel. 267 den Ausdruck des Entſetzens, und nachdem er noch einige Male, ſinnend auf den Boden blickend, an Lucy vorüber⸗ geſchritten war, blieb er vor ihr ſtehen und ſagte:„Ja, ja, es müßte allerdings ein ganz erſtaunliches Aufſehen machen, wenn plötliich ein ſolch' ſtörendes Ereigniß ein⸗ träte!“ „O nein, nein!“ „Nicht gerade durch deine Schuld, Lucy,“ ſprach er mit einem traurigen Lächeln;„es könnte ja ein wohl⸗ thätiges Erdbeben kommen, oder der Himmel einſtürzen, oder etwas Anderes dergleichen.“ „Dein Scherz thut mir weh, denn ich ſehe wohl, er kommt nicht aus einem frohen Herzen— aber verzeihe, lieber Vater,“ rief ſie, auf ihn zueilend und ihre beiden Hände auf ſeine Schultern legend,„daß ich an Einem fort nur von mir geſprochen und nicht nach deinem Be⸗ finden gefragt, obgleich es mir beim Eintreten aufgefallen, wie blaß du biſt!“ „Ja, ſo ein Ereigniß,“ ſagte er, ohne auf ihre Worte zu achten—„wer weiß— wer weiß— vielleicht daß auch die Hartenſtein verhindert ſind oder daß es ſonſt etwas gibt— wir haben wohl noch eine halbe Stunde, ehe dein Heirathsvertrag unterzeichnet wird.“ In dieſem Augenblick öffnete der Kammerdiener lang⸗ 268 Neunundzwanzigſtes Kapitel. ſam die Thür und meldete, daß auf der Höhe des Weges einige Wagen geſehen würden. „Wie heißt es doch in jenem Gedichte?“ fragte Herr von Rivola mit einem matten Lächeln.„Ah, richtig— ‚und das Unglück ſchreitet ſchnelle— ich laſſe meine Frau bitten, die Herrſchaften zu empfangen.“* Als der Kammerdiener die Thüre leiſe hinter ſich zu⸗ gezogen hatte, blickte Herr von Rivola wohl eine halbe Minute lang in die Höhe, wobei er ſeine Unterlippe zwiſchen die Zähne klemmte; dann legte er raſch ſeine beiden Hände um Lucy's Haupt, und ohne irgend welche Anſtrengung zu machen, ſeine hervorſtürzenden Thränen zu verbergen, rief er mit einem wilden, leidenſchaftlichen, herzzerreißenden Tone:„Und nun lebe wohl, meine Lucy, mein innig geliebtes Kind, du, mein Glück, du, die Freude meines Lebens! Gehe jetzt zu deiner Mutter— es iſt die höchſte Zeit!“ 4 4. „Nein, nein, ſo verlaſſe ich dich nicht! Oe wie bin ich jetzt doppelt unglücklich, dir dieſen Kummer, dieſe Aufregung verurſacht zu haben!“ „Du nicht, du nicht— bei Gott, du nicht, mein Kind! Es iſt mein Verhängniß, es iſt die ewige Ge⸗ rechtigkeit, die einen ſo tiefen Schatten wirft in mein Leben gerade an dem Tage, der mir ſo froh und feſtlich Neunundzwanzigſtes Kapitel. 269 erſchien— geh' zu deiner Mutter und laß mich jetzt allein, um— mich zu ſammeln— ich bitte dich herz⸗ lich, Lucy, verlaſſe mich!“ Und als ſie ging, gehorſam ſeinem Befehle, als ſie ſchon an der Thür war, um das Zimmer zu verlaſſen, da rief er:„Lucy!“ mit einem Tone, der tief in ihre Seele ſchnitt, da eilte er auf ſie zu, ſchloß ſie nochmals heftig in ſeine Arme, küßte ihre Stirn, ihre Lippen, ihre Augen, ihr Haar, und ſagte dann, während ein Thränen⸗ ſtrom ihn faſt erſtickte:„Und nun, mein geliebtes Kind, mag kommen, was will— können wir doch nicht ver⸗ langen, daß unſer Lebenspfad immer glatt und eben iſt, daß die Sonne beſtändig von einem wolkenloſen Himmel auf uns herablächelt— aber was auch geſchieht, was auch kommen mag, denke, Lucy,— denke, Lucy, daß es von jeher mein innigſtes Beſtreben war, dein Glück, nur dein Glück zu begründen! Denke oft an dieſe Stunde, und ſei verſichert, daß dein armer Vater nicht anders handeln konnte, als er handelte! Halte mich deßhalb ſo lieb in deinem Gedächtniß, wie ich dich liebe— und nun lebe wohl, Lucy!“ Darauf drängte er ſie ſanft zur Thür hinaus, und als ſie hörte, daß er den Schlüſſel im Schloſſe zweimal umdrehte, war es ihr gerade, als müſſe ſie wieder ge⸗ Augenblick, mein verehrter Herr Polizeirath,“ wiederholte 270 Neunundzwanzigſtes Kapitel. waltſam zu ihm eindringen und an ſeiner Seite bleiben, bis er ſich geſammelt habe, bis er mit ihr hinaus in den Salon gehen könne. Doch hatte ſie weder Zeit zum Handeln, noch zum Ueberlegen, denn ſie vernahm jetzt die Stimme ihrer Mutter, welche beunruhigt nach ihr fragte. Herr von Rivola war an der Thür ſtehen geblieben und ſtreckte ſeine Hände aus, wie ſein verſchwundenes Kind ſegnend, und ſo verharrte er wohl eine Minute, das Antlitz nach oben gerichtet, ſich innig flehend an Ihn wendend, der unſer Aller Vater iſt. Es war ein ſtummes Gebet, das er dachte und das ihn wunderbar geſtärkt zu haben ſchien, denn das fieberhaft Erregte in ſeinen Zügen war verſchwunden und hatte einem ſo ruhigen Ausdrucke Platz gemacht, daß Lucy, wenn ſie es geſehen hätte, darüber erſtaunt und erfreut geweſen wäre. Aber er ſchien noch nicht daran zu denken, in den Salon zu gehen, um dort ſeine hohen Gäſte zu empfangen, obgleich er das Rollen ihrer Equipagen, das Anhalten derſelben vor der Terraſſe, ja, ſogar vereinzelte Ausruſungen freudiger Begrüßung vernommen hatte; vielmehr öffnete er die Thür des Bibliothekzimmers und bat Herrn Merkel, für einen Augenblick bei ihm einzutreten—„nur für einen Neunundzwanzigſtes Kapitel. 271 er und ſetzte alsdann mit einem faſt heiteren Ausdrucke hinzu:„Sie haben mir zwei Stunden bewilligt, und wenn ich auch vielleicht dieſe ganze Zeit nicht auszunutzen brauche, ſo wiſſen Sie, daß ich da draußen noch ein Geſchäft abzumachen habe, nach deſſen Beendigung erſt ich mich ganz zu Ihrer Verfügung ſtellen kann. Um Ihnen aber zu beweiſen, wie ſehr es mir darum zu thun iſt, mich für Ihre Freundlichkeit und Schonung dankbar zu bezeigen, ſo will ich vorher, ehe ich meinen Weg da hinaus antrete, Ihnen die gewünſchte rothe Mappe mit ihrem ganzen Inhalte einhändigen.“ Herr Merkel verbeugte ſich ſchweigend, und als er nun näher zum Tiſche trat, war er überraſcht, ja, erfreut von der Ruhe und Faſſung, mit welcher Herr von Ri⸗ vola zu ihm ſprach, und von der feſten Hand des alten Herrn, mit welcher er das uns wohlbekannte geheime Fach aufſchloß, die rothe Mappe herausnahm, ſie behut⸗ ſam öffnete und alsdann eine Maſſe von Banknoten, Tauſender und Fünfhunderter, wohlgeordnet in bezeichneten Paketen, ſeinen erſtaunten Blicken darlegte. „Dies war doch, was Sie gewünſcht?“ ſagte der alte Herr. 3 „Allerdings, und ich kann Ihnen dabei nicht ver⸗ hehlen, daß es mehr iſt, als ich erwartet.“ 272 Neunundzwanzigſtes Kapitel. „Sie ſehen daraus, Herr Polizeirath, was für ein vortrefflicher Haushälter ich bin— nehmen Sie Alles, wenn ich bitten darf.“ „Nachdem Sie mir vielleicht eine Zählung geſtattet und ich hierauf ein kleines Protokoll aufgenommen über den allerdings erſtaunlichen Inhalt dieſer Mappe.“ „Wozu dieſe Förmlichkeiten? Herr Polizeirath, Sie dürfen mir glauben, daß meine Zeit unendlich koſtbar iſt — machen wir die Sache für den Augenblick einfacher: hier iſt Bindfaden, Siegellack und Petſchaft, verſchließen Sie die Mappe damit, und wenn Sie dieſelbe ſpäter er⸗ öffnen, ſo können Sie ja, wenn Sie wollen, das unver⸗ letzte Siegel vorher conſtatiren laſſen.“ „Wenn es Ihnen ſo lieber iſt....“ „Ich bitte darum— nehmen Sie Platz.“ „Nur für einen Augenblick, wenn Sie erlauben— ich will Ihre koſtbare Zeit nicht unnöthig in Anſpruch nehmen,“ ſagte Herr Merkel, indem er raſch einen Stuhl an den Schreibtiſch ſchob, ſich vor die Banknoten ſetzte, um dieſelben, ehe er ſie wieder in die Mappe verſchloß, noch einmal mit aufrichtiger Bewunderung zu betrachten. „Welche Arbeit,“ rief er dann—„welche erſtaunliche Arbeit!“ „Was wollen Sie— das Ergebniß langer, mühe⸗ Neunundzwanzigſtes Kapitel. 273 und arbeitsvoller Jahre— dieſer Schatz, Herr Polizei⸗ rath, könnte noch ungleich größer ſein, wenn ich nicht große Summen für das allgemeine Wohl geopfert hätte durch meine Betheiligung an gemeinnützigen Anſtalten, die leider zum kleinſten Theile für mich nutzbringend ge⸗ weſen ſind.“ „Wer weiß das nicht, Herr Baron! Sie haben große Summen geopfert auf eine edle, uneigennützige Art; es wird das gewiß nie vergeſſen werden.“ „Ich hoffe ſo, wenn anch nicht für mich— ich bin ein alter Mann— ſo doch vielleicht für meine Frau und meine einzige Tochter. O, meine arme Lucy!“ rief der alte Mann plötzlich in einem ſo ſchneidenden Tone, daß der Polizeirath ihm mit warmer Empfindung die Hand auf den Arm legte und mit einem leichten Drucke ſagte: „Vergeſſen Sie nicht, Herr von Rivola, daß Sie mächtige Freunde haben, und daß auch ich, der hier vor Ihnen ſitzt, ein aufrichtiger Bewunderer bin ebenſowohl Ihrer großen Kenntniſſe als Ihrer ſonſtigen ausgezeich⸗ neten Eigenſchaften. O, Herr von Rivola, man ſpricht uns Polizeileuten gern das tiefe Gefühl ab, und doch kann ich Ihnen den Jammer nicht beſchreiben, der mich. befällt, wenn ich bedenke, was aus Ihnen geworden wäre, Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. III. 18 274 Neunundzwanzigſtes Kapitel. wenn Sie Ihr tiefes Wiſſen nur dem allgemeinen Wohle gewidmet hätten!“ Hier zeigte ſich auf dem Geſichte des alten Herrn ein ganz eigenthümliches Lächeln, als er verſetzte:„Und ſoll ich Ihnen vielleicht ſagen, was aus mir geworden wäre? Ein armer Mann, ein Bettler! Wer hat mir Erſatz ge⸗ boten, als ich große Summen hier und da verlor, als ich Dampſſchiffe bauen ließ, als ich Waſch⸗ und Badeanſtalten einrichtete, als ich verſuchte, aus ordinärem Gußeiſen Stahl zu machen? Niemand! Der Narr hieß es, mit ſeinen ſchwindelhaften Projekten, dieſer unruhige Kopf, der nicht genug zuſammenſcharren kann!— Doch laſſen wir das jetzt,“ ſetzte er hinzu, einen Blick auf die Stand⸗ uhr über dem Kamine richtend,„unaufhaltſam rennt der Zeiger— der Zeiger dort, wie der unſerer Lebensuhr— was hilft alles vergebliche Klagen? Sind wir doch nicht im Stande, auch nur den hundertſten Theil der vorbei⸗ gezogenen Sekunde zurückzukaufen! Alſo vorwärts mit feſten Augen, bis unſere Stunde ausgeſchlagen hat!“ Der Polizeirath hatte die Mappe mit Bindfaden um⸗ wunden und ſorgfältig verſiegelt; er nahm ſie unter den Arm und ſagte alsdann, ſich nach der Thür des Neben⸗ zimmers zurückziehend:„Beſorgen Sie Ihre Geſchäfte mit aller Bequemlichkeit, Herr von Rivola; ich warte Neunundzwanzigſtes Kapitel. 275 gern auch über die bedungene Zeit. Rufen Sie mich, wenn es Ihnen gefällig iſt, daß wir mit einander das Haus verlaſſen.“ Darauf war Herr von Rivola allein und horchte auf⸗ merkſam, weil er vernahm, daß abermals Wagen an der Terraſſe anfuhren und daß abermals ankommende Gäſte von ſeiner Frau auf's heiterſte begrüßt wurden. „Man wird mich nicht eher vermiſſen, als bis Alle verſammelt ſind, das heißt, bis der alte Graf Hartenſtein da iſt, und da er nie vor der beſtimmten Stunde kommt, ſo habe ich noch gut zehn Minuten für mich— viel, und doch wie wenig, wie entſetzlich wenig!“ Er ſetzte ſich raſch an ſeinen Schreibtiſch, nahm einen Briefbogen und füllte alle vier Seiten deſſelben in fliegender Eile; dann ſteckte er ihn in einen Umſchlag, ſiegelte den⸗ ſelben zu, überſchrieb ihn an ſeine Frau und ſteckte den Brief ſo unter die Papiere, welche auf ſeinem Schreib⸗ tiſche lagen, daß er erſt nach einigem Suchen gefunden werden konnte. Hiekauf öffnete er mit feſter Hand eine andere verborgene Schublade ſeines Schreibtiſches, wobei die Schlüſſel zwiſchen ſeinen Fingern auch nicht im ge⸗ ringſten klirrten, und holte dort eine kleine Büchſe von einem matten, ſilberähnlichen Metall— des war Platina — hervor. In dieſer befand ſich ein Metallfläſchchen, das 276 Neunundzwanzigſtes Kapitel. vielleicht zur Hälfte mit einer weißen Flüſſigkeit gefüllt war. Er goß davon etwas in einen kleinen Löffel, den er alsdann behutſam neben ſich hinlegte, worauf er das Kryſtallfläſchchen wieder in den Platinabehälter verſchloß, nachdem er vorher die Flüſſigkeit vermittelſt einer auf ſeinem Tiſche ſtehenden Waſſerkaraffe durch Aufgießen bis zum Rande des Fläſchchens verdünnt hatte. Sorgfältig brachte er nun die kleine Büchſe wieder an ihren Platz und drückte ein Miniaturporträt ſeiner Tochter Lucy, welches ſich ſtets auf dem Tiſche befand, dicht vor ſeine Augen— vor ſeine umflorten Augen mit den. zuckenden Wimpern— vor ſeine Augen, die, mit Thränen angefüllt, ihm kaum geſtatteten, den kleinen Löffel mit Sicherheit zum Munde zu führen.—— Welden war nicht im Stande geweſen, das dichte Ge⸗ büſch zu verlaſſen, in welchem er ſich verborgen hielt und von wo aus er die Terraſſe vor dem Landhauſe, ſowie eines der Fenſter in dem Schreibzimmer des Herrn von Rivola ſehen konnte; ja, er vermochte nicht, ſich hier los⸗ zureißen, obgleich er wußte, daß er nicht unentdeckt ge⸗ blieben, denn von den Bedienten des Hauſes hatten ihn einige in den Park gehen ſehen, und dann waren noch Leute, welche er bisher nie unter der Dienerſchaft be⸗ merkt, mehrere Male an ihm vorübergegangen und hatten ꝑ ꝑ 8 Neunundzwanzigſtes Kapitel. 277 ihn mit mißtrauiſchen Blicken betrachtet. Das kümmerte ihn indeſſen wenig, denn er konnte ſich denken, wer dieſe Leute waren, und gerade weil er ſie hier umherſchleichen ſah, fiel es ihm um ſo weniger ein, ſeinen Platz zu ver⸗ laſſen. Endlich fuhren die erſten Wagen durch das Gitterthor, glänzende Equipagen mit reich geſchirrten, prächtigen Pferden und galonirten Bedienten. Sie hielten nach einander droben auf der Terraſſe, und er kannte die vor⸗ nehmen Leute wohl, welche da ausſtiegen und die zuerſt von der Frau des Hauſes allein empfangen wurden. Dann ſah er auch Luey erſcheinen, und ihr Geſicht erſchien ihm bleicher, als der weiße Stoff ihres Gewandes; ſie ſtand an der Hand ihrer Mutter und lächelte den An⸗ kommenden entgegen, aber es war das kein friſches, fröh⸗ liches Lächeln, wie er es an Lucy gewohnt war, vielmehr ein Lächeln, welches hart an der Grenze des Weinens ſtand. Auch ſchienen ihre umflorten Augen, anſtatt auf den Ankommenden zu haften, über dieſe hinweg in dem Garten umher zu irren; zuweilen auch dünkte es ihm, als zucke ſie ſchmerzlich zuſammen und wende dann ihren Kopf raſcher rückwärts gegen das Schreibzimmer ihres Vaters.. ⸗ 278 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Ahnte ſie, was ſich dort begab, oder ahnte es ihre ſtolze, hochmüthige Mutter, oder ſall die vornehmen Herr⸗ ſchaften?— Die letzteren gewiß nicht, denn das plauderte ſo unbefangen und vergnügt durch einander dort auf der Terraſſe, wo ſie beiſammen ſtanden und wo jeder neu Ankommende mit einem vergnügten Worte, mit einem heiteren Scherze empfangen wurde. Ah, wie ſie ſo glücklich waren, dieſe vornehmen Leute! Da mit Einem Male fuhr Welden gewaltſam empor aus ſeinem Verſteck, er hielt ſich nicht mehr zurück, denn da droben mußte ſich etwas Außergewöhnliches begeben haben: Lucy hatte ſich von der Hand ihrer Mutter los⸗ geriſſen und war, einen Schrei ansſtoßend, in das Haus zurückgeeilt, während Frau von Rivola furchtbar erbleicht ſtehen blieb und die Unruhe ihrer Gäſte zu beſchwichtigen ſchien. In wenigen raſchen Sätzen hatte der junge Ingenieur, Terraſſe und Haus umkreiſend, die andere Eingangsthür erreicht und war dort eingedrungen, ohne ſich lange zu beſinnen, ſtand aber hier athemlos, als er den Polizeirath Merkel ſah, der ihm mit verſtörter Miene entgegen trat und ihm zurief:„Einen Arzt, einen Arzt! Wo finde ich Kutſcher und Reitknecht, daß man nach der Stadt eilt, um einen Arzt zu holen? O, das iſt ſchrecklich, das iſt * —— Neunundzwanzigſtes Kapitel. 279 jammervoll! Dort, dort— gehen Sie in'’s Schreib⸗ zimmer und warten Sie, bis ich zurückkomme!“ Welden durchſchauerte es, denn es mußte etwas Furcht⸗ bares ſein, was den ſonſt ſo ruhigen Mann alſo ver⸗ wandelt. Die Thür des Bibliothekzimmers ſtand offen, er konnte durch dieſes hindurch in das Schreibzimmer blicken: da ſah er Herrn von Rivola auf ſeinem Stuhle ſitzen, ſein Kopf war tief auf die Bruſt herabgeſunken, ſeine Hände hingen ſchlaff neben den Lehnen ſeines Seſſels, vor ihm kniete Lucy, ihre Hände ringend, an der Thür ſtand Frau von Rivola ſchreckensbleich, doch beſonnen genug, um den Schlüſſel im Schloſſe umzu⸗ drehen. 3 Raſch hatte ſich jetzt Welden genähert, und ein leichter Ruf des Schreckens, der von ſeinen Lippen drang, ließ das junge Mädchen aufſchauen; er reichte ihr ſeine beiden Hände, um ſie aufzurichten, und mußte es geſchehen laſſen, daß ſie laut auſſchluchzend an ſeine Bruſt ſank, wobei ſie ausrief:„Ein Freund, ein wirklicher Freund bei all dem Jammer!“ „Ein namenloſes Unglück gerade jetzt!“ rief Frau von Rivola und ſetzte alsdann, näher tretend, mit leiſer, unſicherer Stimme hinzu:„Verſtehen Sie etwas von all dem, Herr Welden? Sie waren hier vor einer halben 280 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Stunde, Sie waren der Letzte, der eine längere Unter⸗ redung mit ihm hatte— o, mein Gott, dieſes grauen⸗ volle Schickſal! Hier dieſes furchtbare Unglück, und unſere Gäſte draußen!“ „Deßhalb Faſſung und raſches Ueberlegen— ja, ich war hier bei Herrn von Rivola, ich hatte eine Unterre⸗ dung mit ihm und fand ihn ſo aufgeregt, daß ich es faſt begreiflich finde— ein Nervenſchlag hat ſeinem Leben ein Ende gemacht.“ Während er ſo ſprach, das ohnmächtig gewordene Mädchen in ſeinen Armen haltend, hafteten ſeine Blicke auf dem kleinen Löffel, der den erſtarrten Fingern ent⸗ glitten war und neben dem Stuhle auf dem Boden lag.“ Auch Frau von Rivola ſah dieſen Löffel zu gleicher Zeit, und ihn raſch aufhebend, wiederholte ſie, mit dem ſtarren Ausdrucke des Entſetzens in ihrem Blicke, mechaniſch die Worte Welden's:„Ja, ſo iſt es, ein Nervenſchlag hat ſeinem Leben ein Ende gemacht.“ Dann zuckte ſie zuſam⸗ men und verließ mit wankenden Schritten das Zimmer, um denen draußen Mittheilung zu machen von dem furcht⸗ baren Schlage, der ihr Haus betroffen.—— Hiermit ſchließt unſere Geſchichte, hiermit muß ſie ſchließen, da von dem Geheimniſſe der Stadt auf ſo ge⸗ waltſame Weiſe der Schleier abgeriſſen ward und es nun 1 Neunundzwanzigſtes Kapitel. 281 klar am Tage lag und von einem Dutzend Kaffee⸗ und eben ſo vielen Theegeſellſchaften auf's überzeugendſte feſt⸗ geſtellt wurde, welch inniger Zuſammenhang beſtanden zwiſchen dem Verlangen des Stadtſchultheißen, die Gitter⸗ thür zuzumauern, und jenem ſchrecklichen Vorfalle auf Eichenwald. Daß alle Glieder der Kette, welche zwiſchen dieſen beiden Punkten lagen, ſich eben ſo furchtbar er⸗ gänzten, wer möchte daran zweifeln?— gewiß Niemand von denen, die es ſo ſehr liebten, mit fühlendem Herzen bei Kaffee und ſüßem Backwerk den guten Namen ihres Nebenmenſchen gründlich zu zerarbeiten. War es doch ſo klar wie der Tag, daß der Stadtſchultheiß irgend einen Antheil hatte an dem verbrecheriſchen Treiben des alten Freiherrn— warum hätte er denn ſonſt, als die Sache zum Ausbruche zu kommen drohte, eine ſo kluge Maßre⸗ gel befürwortet, wie das Zumauern jener Gitterthür?— gewiß nicht des ſchlechten Geruches wegen, ſondern einzig und allein um eine feſte Mauer außzurichten zwiſchen ſich und jenem unheimlichen Thurme, in welchem ja Verbrechen verübt worden waren, bei deren bloßem Gedanken jeder tugendhaften Klatſchſchweſter die Haut ſchauderte. Hatte man dort nicht in ſtiller Mitternacht aus dem unterir⸗ diſchen Gewölbe hervor ſo häufig ſchauerliches Klagen und Stöhnen gehört, ſeltſames Geräuſch aller Art, die 282 Neunundzwanzigſtes Kapitel. unerklärlichſten Töne? Hatte dort nicht eine Frau Mayer mit vielen ſchönen Töchtern und ſehr vielen ſchönen Nichten gewohnt? War nicht die Frau des alten Dieners Friedrich plötzlich ohne Anzeige und erlangte Erlaubniß hierzu ge⸗ ſtorben, alſo auf eine furchtbare Art ermordet worden? Beweiſe dafür hatten ſich ja genügend in dem unterir⸗ diſchen Gange vorgefunden: große Maſſen flüſſig geweſenen Metalls, die auf eine raffinirte Todesart. ſchließen ließen, ferner Stricke, Ketten, Beile, kurz, der ganze, vollſtändige Apparat einer Mörderhöhle! Daß von all dem Schrecklichen nichts an das Tages⸗ licht gezogen und die Thäter dem ſtrafenden Arme der Gerechtigkeit überliefert wurden, wer mochte ſich darüber wundern! ja, wenn es kleine, unbedeutende Leute geweſen wären— aber ſo—— Mit welcher Sehnſucht hofften die betreffenden guten Herzen darauf, daß ſich aus allem dem ein recht hübſcher Scandal entwickeln würde, und wie waren ſie entrüſtet, als ſie ſich getäuſcht fanden! Herr von Rivola war aller⸗ dings auf ſeinem Landgute Eichenwald geſtorben, aber eines ganz natürlichen Todes, wie die Betreffenden es mit den glaubwürdigſten Mienen Jedermann verſicherten, der es hören wollte; allerdings war an dem Neuigkeitshimmel der Reſidenz ein ſchweres, prachtvolles Gewitter aufge⸗ Neunundzwanzigſtes Kapitel. ſtiegen, und einige leuchtende Blitze, welche in jenen Tagen die ſchwarzen Wolken erhellten, zeigten ein großes Ver⸗ brechen in räthſelhafter Form und von einer fabelhaften Ausdehnung; aber das Gewitter war nicht zum Ausbruche gekommen, ſondern es hatte ſich verzogen, und man hörte eines Tages mit Erſtaunen, daß man der Frau von Ri⸗ vola am betreffenden Allerhöchſten Orte eine huldreiche Audienz gewährt und daß dieſelbe darauf zu einem ihrer Brüder, einem Grafen Hartenſtein, auf das Land gezogen ſei. Auch war Ferdinand Welkermann nicht nur aus ſeiner ziemlich langen Haft entlaſſen worden, ſondern man ſah ſich auch veranlaßt, ihm genügende Erklärungen zu geben, ja, man hätte ihn ſogar in ſeinem bisherigen Amte belaſſen, wenn er es kluger Weiſe nicht vorgezogen, in einem anderen Theile der Erde ſein Glück zu verſuchen. Ob er Steffler, an dem nun ebenfalls keine weitere Schuld gefunden wurde, mit ſich nahm, oder ob dieſer allein ſeinen Weg nach Amerika fand, wiſſen wir nicht genau anzugeben. Herr Merkel hätte darüber allerdings ſowie auch noch über manches Andere, das Geheimniß der Stadt betref⸗ fend, ſogleich ſchon genauere Auskunſt geben können; doch beobachtete er, ſo lange er Polizeirath war, über dieſe Angelegenheit ein ziemlich verdrießliches Stillſchweigen, 284 Neunundzwanzigſtes Kapitel. und erſt nach einem halben Jahre, als er Polizei⸗Director geworden war, geſtand er Welden, den er in Kirchheim beſuchte, daß es ihn ſelbſt glücklicher als ſeine Ernennung gemacht haben würde, wenn er einen gewiſſen, höchſt in⸗ tereſſanten Fall, den er indeſſen nicht näher bezeichnen wolle, mit Gründlichkeit hätte zergliedern können. Der Stadtſchultheiß hatte ebenfalls die Reſidenz ver⸗ laſſen, auf die Empfehlung des alten Heilemann hin jenes Gut bei Kirchheim gekauft und daſſelbe mit ſeiner Frau und ſeiner Tochter Eliſe bezogen, welch letztere noch ein junges Mädchen, ihre beſte Freundin, Lucy, nicht ohne Kampf mit ſich genommen hatte; denn wenn Frau von Rivola es auch wohl gefühlt, wie dringend nöthig es für Lucy ſei, an einem ſtillen, friedlichen Orte zu weilen, fern von den Zeugen ihres ehemaligen Lebens, fern von allem, was ſie an jenen furchtbaren Schlag erinnern mußte, der ſo ſchmerzlich ihr junges Daſein betroffen, ſo hatte ſie ſich doch in der Liebe zu ihrem einzigen Kinde, ſowie in dem Gefühle der Einſamkeit lange geſträubt, Lucy, wenn auch nur auf einige Monate, von ſich zu laſſen. Doch— die Freundſchaft hatte geſiegt. Ob dieſem Siege der Freund⸗ ſchaft noch ein anderer Sieg über Lucy's Herz folgte, darüber haben wir im Augenblicke keine Gewißheit, ob⸗ gleich eine recht angenehme Ausſicht. * 9 — Neunundzwanzigſtes Kapitel. 3 285 . Das Leben auf dem Gute des Herrn Welkermann ge⸗ ſtaltete ſich zu einem höchſt angenehmen und behaglichen; es lag nicht nur dicht an der Eiſenbahnlinie, welche der Oberingenieur Welden baute, ſondern es wurde auch durch . dieſe in ſo fern berührt, als einem Waldbache der Bahn⸗ linie wegen eine andere Richtung gegeben werden mußte, was zu ausführlichen und langen Verhandlungen zwiſchen dem Bauamte und Herrn Welkermann Veranlaſſung gab, welche Verhandlungen der Ober⸗Ingenieur Welden ſtets in⸗ eigener Perſon zu leiten pflegte. Dabei ereignete es ſich nun— nein, ſo wollten wir † eigentlich nicht ſagen, denn es war vor der Hand noch 6 von keinem Ereigniſſe die Rede,— dabei geſchah es— doch auch dieſer Ausdruck iſt nicht ganz richtig, da einſt⸗ weilen gar nichts geſchah,— da fand es ſich, haben wir das Recht, zu ſagen, denn es fand ſich allerdings, daß Lucy von Rivola ſich ſehr für die Eiſenbahn⸗ und Wald⸗ bachfrage intereſſirte und häufig zu den Verhandlungen Hierüber zugelaſſen wurde, wobei—— Leider bin ich, der Erzähler dieſer wahrhaftigen Ge⸗ ſchichte, in den vielleicht nicht ganz unverdienten Ruf ge⸗ kommen, als ſei ich ein unverbeſſerlicher Hochzeitsſtifter. Ob dies in den Augen meiner ſchönen Leſerinnen ein Fehler iſt, weiß ich nicht, doch lehrt es mich vorſichtig 286 Neunundzwanzigſtes Kapitel. ſein, und darf ich deßhalb zum Schluſſe dieſer Zeilen, der Wahrheit folgend, nur noch ſagen, was ich von einem Augenzeugen weiß, daß nämlich nach Monaten Frau von Rivola ſelbſt gekommen ſei, um ihre Tochter abzuholen, daß ſie bei dieſer Veranlaſſung zuerſt eine große Unter⸗ redung mit Herrn Welkermann, dann eine mit dem Herrn Oberingenieur Welden gehabt und daß dieſer hierauf eine Stunde ſpäter mit Lucy von Rivola auf einer Anhöhe im Walde geſehen wurde, von wo man eine prachtvolle Rund⸗ ſchau auf das rings umher liegende wellenförmige Land hatte. Beide ſeien ſehr heiter, ſehr glücklich geweſen: Lucy habe den Kopf an Welden's Schulter gelehnt und ihm etwas zugeflüſtert— gewiß kein Geheimniß der Stadt, vielleicht aber das Geheimniß eines ſeligen Herzens.—— Im Verlag von Adolph Krabbe in Stuttgart ſind erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: F. W. Hackländer's humoriſtiſche Schriften in 6 Bänden. Jeder Band iſt auch einzeln ohne Preiserhöhung zu 12 Sgr. oder 42 kr. Rhein. zu haben. In hal 1. Band I. Das Soldatenleben im Frieden. 7. Auflage. „ II. Wachtſtuben⸗Abenteuer. 1. Band. 4. Auflage, „ III.„, 2.„ 3. „ IV.„ 2 3.„ 3.„ „ V. Bumoriſtiſche Erzählungen. 3. Auflage. „ VI. Bilder aus dem Leben. 3. Auflage. Es kann jedermann nur angenehm ſein, die Perlen der Hack⸗ länder'ſchen Humoriſtik in einer bequemen Ausgabe bei einander zu haben, welche ihn ſogleich in den weiteſten Kreiſen bekannt und be⸗ liebt machten und ſich noch heutigen Tags und überall derſelben Be⸗ wunderung erfreuen, wie bei ihrem erſten Erſcheinen. Die Friſche, das Leben, der Humor dieſer kleinen Schriften iſt unvergänglich und gewinnt, je häufiger man ſie liest, immer noch mehr und neuen Reiz. Wir kennen kaum andere Bücher, welche ähnlich wie dieſe zu jeder Lebensſtunde Unterhaltung und Aufheiterung zu bieten vermögen, und beſonders dem Eiſenbahn⸗Reiſenden, der im engen Coupé und oft wenig anſprechender Geſellſchaft für manche Stunden auf ſich ange⸗ wieſen iſt, wüßten wir keine beſſere Lecture zu empfehlen. Vor ihr. entweicht Verdruß, Trübſinn und Langeweile.. Im Verlage von Adolph Krabbe in Stuttgart ſind erſchie⸗ nen und in allen Buchhandlungen zu haben: 3 Edmund Hoefer's Erzählende Schriften in 12 Bänden. Mit dem portrait des verfaſſers in Stahlſtich. Eleg. geh. 5. Rthlr. 12 Sgr. 9 fl. rhein. 8 fl. 64. öſtr. W. Edmund Hoefer hat gleich von Aufang an eine hervorragende Stelle eingenommen, iſt aber in kurzer Zeit unſer erſter und beſter deutſcher Erzähler geworden. Die höchſte Wahrheit und Naturtreue der Schilderungen, Originalität der Auffaſſung, tiefe Kenntniß der Natur, des Lebens„und Menſchenherzens ſichern ihm dieſen Platz in der Literatur und die Liebe und Anhänglichkeit ſeiner Leſer. Die Erfindungsgabe des Verfaſſers zeigt ſich in allen Geſchichten überaus glänzend und friſch. Nirgends wird man Behandlung, Darſtellung und Schilderung reifer und ſchöner finden— nirgends lieblicher und ergreifender. Der folgende Inhalt wird beſonders den Reichthum und Wechſel des Stoffs zeigen. Aus einer Familie.— Das verlaſſene Haus.— Auf der Uni⸗ verſität.— Das Annecken von Seedorf.— An der Grenze.— Die alte Apfelfrau.— Die alte Erlaucht.— Der wilde Heide.— Madonna Luna.— In einer ſtillen Straße.— Der Onkel Stephan.— Das Haus van der Roos.— Helene.— Verlorene Liebe.— Ein alter Mann.— Fräulein Elſe.— Erhard Waldow.— Das Burgfräulein. — Verhandelte Treue.— Die Dohlenkönigin.— Anno 92.— Vom großen Bart.— Rolof, der Rekrut.— Der Aufruhr.— Aus dem Freiheitskriege.— Der alte Kapitän.— Das Wyler Schlößchen.— Ein Schrei.— Das ſchwarze Schiff.— Die rothen Nelken.— Der Schäfer von Rodeck.— Musketier und Musketierin.— Es waren einmal zwei alte Soldaten.— Eine Geſpenſtergeſchichte.— Bei den zwei hohen Tannen.— Im rothen Hauſe.— Erzählungen eines alten Fiedlers.— Meluſine.— Die hellen Fenſter— Peter van Auwn.— Kapitän Ketelhoek.— Der ſtille Kamerad.— Der Buſchhof. f ffffffffffffffi 2 12 13 14 15 16 17 18