—— V deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo on 8. Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und LCeſebedingungen. 5 1. Offensein dar Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuröückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 4 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Per.— Pf. 4 „ 5„ 13 7„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz deßeGhanzun verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. CQOC—-—— Das Geheimniß der Stadt. II. Das Geheimniß der Stadt. Von F. W. Hackländer. »— Zweiter Band. Das Recht der Ueberſetzung in fremde Sprachen wird — 3 vorbehalten. 4. — 8 Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1868. Schnellpreſſendruck von Aug. Wörner, vorm. J. G. Sprandel, in Stuttgart. R Inhalt. Zehntes Kapitel. Elftes Kapitel Zwölftes Kapitel. Dreizehntes Kapitel. Vierzehntes Kapitel. Fünfzehntes Kapitel. Sechszehntes Kapitel..... Siebenzehntes Kapitel... Achtzehntes Kapitel. Neunzehntes Kapitel Das Geheimniß der Stadt. Zehntes Kapitel. Es mochten vielleicht vierzehn Tage nach dieſen Vor⸗ fällen verfloſſen ſein, um die bewegteſte Zeit des geſell⸗ ſchaftlichen Lebens der Reſidenz, wo Abendgeſellſchaften aller Art, mit und ohne Spiel und Souperrouts, kleine und große Bälle im üppigſten Flor ſtanden, als die Frau Staats⸗Hauptcaſſen⸗Schuldentilgungs⸗Reviſorin Wel⸗ kermann Einladungen zu einer Kaffeegeſellſchaft ergehen ließ, um auch das Ihrige zum allgemeinen Vergnügen beizutragen und ſich für Genoſſenes zu revanchiren. Sie that es gerade an einem Tage, von dem ſie wußte, daß ihre Schwägerin, die Frau Stadtſchultheißin Welkermann, ſchon anderweitig gebeten war, um alsdann mit Achſelzucken ſagen zu können: Die Frau iſt vornehm und hochmüthig geworden und findet es unter ihrer Würde, bei armen Reviſorsleuten, die nicht mit Tep⸗ Hackländer, Das Oehennnng der Stadt. II. 3 Zehntes Kapitel. pichen und Silbergeſchirr dienen können, ein harmloſes Schälchen Kaffee anzunehmen! Deßhalb fehlte es der Gaſtgeberin aber nicht an Namen von gutem Klange, deren Trägerinnen ſich um den runden Tiſch verſammelten; doch bemerkte man hier meiſtens Gattinnen ſolcher Männer, welche der Regierung und dem Stadtſchultheißen— letzterem beſonders in den gemeinderäthlichen Sitzungen— Oppoſition zu machen pflegten. War doch auch der Reviſor ſelbſt ein Mann des Fortſchritts und kämpfte wacker mit für das Beſte des Volkes, für Freiheit und Aufklärung, wobei wir in⸗ deſſen nicht unterlaſſen können, zu bemerken, daß er in ſeinem eigenen Hausweſen dieſe glänzenden Ziele noch bei Weitem nicht erreicht hatte. Madame Welkermann wollte von perſönlicher Freiheit in gewiſſer Beziehung nichts wiſſen, und was das Andere anbelangte, ſo war ſie aller⸗ dings eifrig darauf aus, über alles, was ihr vorkam, gründlich aufgeklärt zu werden, dagegen ſehr parteiiſch und einſeitig in Aufklärungen, die ſie zu geben hatte. Die armen Reviſorsleute, wie Madame Welkermann ſich und ihren Gatten in ironiſcher Weiſe gern zu be⸗ zeichnen pflegte, hatten übrigens eine ſehr behaglich aus⸗ ſehende Wohnung. Wenn da auch kein Luxus war in Teppichen, Portieren, koſtbaren Bildern, Kronleuchtern und dergleichen, ſo war doch Alles ſehr wohnlich und behag⸗ lich eingerichtet und von einer Pünktlichkeit»und Reinlich⸗ Zehntes Kapitel. 3 keit, welche der Stolz der Hausfrau und der Schreck ihrer Dienſtmädchen war, denn ſie liebte es, wenigſtens an jedem Tage einmal, beſonders des Morgens, die ſogenannte Staubprobe zu machen, wobei ſie mit dem Zeigefinger über gewöhnlich ſehr verſteckte Möbelflächen fuhr, um als⸗ dann etwas darauf hangen Gebliebenes der Betreffenden, und zuweilen ſehr dicht, unter die Naſe zu halten. Auch liebte ſie, die Fenſtervorhänge ſanft zu ſchütteln, dies aber gewöhnlich dann, wenn ein heller Sonnenſtrahl ins Zim⸗ mer drang, und nahm ſie hierauf die ohnedies harmlos umherfliegenden Staubatome zum Grundtexte einer erbau⸗ lichen Reinlichkeitspredigt. Böſe Zungen behaupteten da⸗ bei, daß die Reviſorin, um ihre Leute ſtets auf dem Allarmpunkte zu erhalten, zuweilen kleine Unordnungen, wenn ſolche ſich nicht von ſelbſt fanden, eigenhändig und heimlich arrangire, um ſo Gelegenheit zu finden, über Unordnung im Allgemeinen und Unſauberkeit im Speziellen zu reden. Herr Welkermann, der in ſeinen Freiheit athmenden Reden, die er in ſeinem Club, oder im Rathhauſe, oder bei Wahlbewegungen gern zu halten pflegte, ſtets ein heißes Unabhängigkeitsgefühl zur Schau trug, wagte es doch nicht, dieſe ſchönen Eigenſchaften in ſein Hausweſen zu übertragen. Hier ſtand er in dem zweifelhaften Ver⸗ hältniſſe, eigentlich nur geduldet und der erſte Sklave einer tyranniſchen Hausordnung zu ſein. Saß er doch 4 Zehntes Kapitel. auf Kohlen, wenn eine Gemeinderathsſitzung ſich aus⸗ nahmsweiſe einmal über den Mittag ausdehnte, und war es in ſolchen Fällen wohl ſchon vorgekommen, daß ſein Bruder, der Herr Stadtſchultheiß, ihn höchſtſelbſt nach Hauſe begleitet hatte! Ja, Leute, die boshaft genug waren, an ſeinem perſönlichen Muthe zu Hauſe zu zwei⸗ feln, erinnerten ſich ſeiner Rede, die er bei einer Wahl für ſeine Partei gehalten, daß er Mittags beim Glocken⸗ ſchlage Zwölf plötzlich mit den begeiſterten Worten ſchloß, obgleich er noch lange nicht alles geſagt hatte, was er ſagen wollte:„Doch wozu der weiteren Worte? Mögen die drohenden Schläge der Uhr es verkündigen unſeren Feinden, ihnen, die auch zugleich Feinde des Rechtes und der Wahrheit ſind, daß auch für ſie die zwölfte Stunde in Kurzem ſchlagen wird!“ Ungeheures Bravo, große, allgemeine Begeiſterung, unter der Herr Welker⸗ mann ſich ſo raſch er konnte nach Hauſe ſchlich. Doch es gibt auch Augenblicke, wo ſich ſelbſt das Lamm empört, und ein ſolcher war es, als die Frau Reviſorin in ihrem Reinlichkeitsgefühle den Wunſch äußerte, er möge ſich doch dazu entſchließen, bei Regenwetter die Stiefel vor der Stubenthür auszuziehen, worauf er aller⸗ dings nicht heftig wurde, aber mit einem bezeichnenden Blicke auf das appetitliche Stubenmädchen die bedeutſamen Worte ſprach:„Wenn du es für gut findeſt, in meinem Hauſe ſolche orientaliſche Moſcheegebräuche einzuführen, Zehntes Kapitel. 5 ſo werde ich mir erlauben, andererſeits die Türkei zum Muſter zu nehmen.“ Es war kurze Zeit vor der Kaffeeſtunde, beinahe um drei Uhr Nachmittags, jene günſtige Zeit, wo die Ver⸗ dauung des Mittageſſens ſo weit vorgeſchritten iſt, um wieder etwas leiſten zu können, und wo während der kurzen Tage der Winterzeit bald die Lampen angezündet werden konnten, um mit ihrem traulichen Scheine den Kreis der Damen noch enger zu ſchließen und ein freieres Wort zu geſtatten, welches nach gehöriger Wirkung von der Sonnenſeite des Kaffeetiſches raſch in die Schatten des Abends und in die Vergeſſenheit hinüberflog. In dem blauen Zimmer war der Kaffeetiſch mit äußerſter Sorgfalt gedeckt und ſtand da an Kuchen und mürbem Backwerk in einer Auswahl, wie ſie ein weib⸗ liches Herz nur erfreuen konnte; dabei ganze Berge ſchnee⸗ weißen, in den Bruchtheilen glänzenden Zuckers, ſowie dickbäuchige Porzellankannen mit gelbem, fettem, gemüth⸗ lichem Rahm. Die Reviſorin hatte ein einfaches ſchwarzſeidenes Kleid an und eine Haube mit langen, gelben Bändern, welche vorn über ihre Schultern herabhingen, die ſie aber, wenn bei aufregender Unterhaltung der Geſprächskampf begann, über die Achſeln zu werfen pflegte. Man kannte dieſe Bewegung, und es machte dies auf ihre Gegner faſt dieſelbe Wirkung, als wenn ein Ritter ſein Viſir * — Zehntes Kapitel. ſchließt und die Lanze einlegt. Sie traf ihre letzten An⸗ ordnungen, wobei ſie ihrem Stubenmädchen wiederholte, daß ſie überhaupt Alles von der linken Seite anzubieten und dazu, ohne gerade auf dumme Art zu lachen, ein heiteres Geſicht zu zeigen, dabei ſtets mit den Augen den ganzen Tiſch zu überſehen habe und gleich bei der Hand ſein müſſe, wenn etwas umfalle oder ſonſt in Unordnung gerathe; auch müſſe ſie ſtets eine reine Serviette bei der Hand haben und ſich natürlicher Weiſe niemals unter⸗ ſtehen, irgend etwas, am allerwenigſten ihre Finger an⸗ der weißen Schürze abzutrocknen. 5 Dieſe Vorbereitung zum Gefechte commandirte gie Reviſorin mit tiefſtem Ernſte und einer eiſigen Ruhe; ja, ſie ſah faſt finſter aus, als ſie draußen der etwas leicht⸗ fertigen Köchin nochmals einſchärfte, keine der Damen vorwitzig anzureden, wie ſie es gern zu thun pflege, ſondern nur beſcheidene Antwort zu geben, auch nicht zum Beiſpiel zu ſagen:„Ja wohl, Madame Krampler“, ſondern„Frau Oberzunftmeiſter“; ferner ſchade es nichts, die Frau des Vorſtandes der Feuerwehr einfach mit „Frau Director“ anzureden. Vor allen Dingen aber ſolle ſie Damen nicht einen Augenblick auf dem Vorplatze ſtehen laſſen, ſondern ſogleich zur Ablegung ihrer Mäntel und Shawls in das Schreibzimmer des Herrn führen. Die Klingel ertönte, und Madame Welkermann huſchte ins Zimmer zurück, um gleich darauf mit dem verbind⸗ 4 Sw Zehntes Kapitel. 7 lichſten Lächeln ihren Gäſten bis unter die Thür entgegen zu gehen.. „Ah, Frau Oberzunftmeiſter, Sie ſind wie immer die Pünktlichſte, freue mich ſehr, Sie zu ſehen! Bitte, neh⸗ men Sie hier Platz— ich weiß, Sie lieben die Helle des Fenſters nicht.“ 4 Madame Krampler war eine ſtämmige Frau, der es einige Mühe gemacht hatte, die zwei Stockwerke hoch zu ſteigen, und die ſich nun, etwas ſchwer athmend, ohne viele Worte auf den angewieſenen Sitz niederließ. Wir müſſen es hier dem geneigten Leſer unter dem Sisgel der ſtrengſten Verſchwiegenheit anvertrauen, daß Madame Krampler etwas unter dem Niveau der anderen Gäſte ſtand; doch hatte ihr Mann als Oberzunftmeiſter und Beſitzer eines ſehr großen Vermögens einen zu be⸗ deutenden Anhang und war dem Reviſor bei Partei⸗ zwecken ſowie auch in Privatangelegenheiten ſchon zu oft gefällig geweſen, um ſeine Gattin, die auch in anderen, eben ſo guten Häuſern erſchien, nicht gleichfalls einzu⸗ laden.. Dabei war ſie eine gute, beſcheidene Frau, welche, um durchaus kein Aufſehen zu erregen, ſtets zu früh kam und ſehr wenig ſprach; aber auch dieſes Wenige war häufig noch zu viel, denn da ſie etwas langſamen Geiſtes war, ſo warf ſie gewöhnlich eine Bemerkung erſt Zehntes Kapitel. dann in die Converſation, nachdem das Geſprächsthema bereits auf einen anderen Gegenſtand übergegangen war. Inzwiſchen läutete die Glocke draußen ununterbrochen und hörte man die flinke Zunge der Köchin mit lauter Stimme alle möglichen Titulaturen des Staatshandbuches ausſprechen. Und dann ſah man ſie nach der Reihe er⸗ ſcheinen, mit freundlich gütigem Lächeln eintreten, von der Wirthin aufs herzlichſte empfangen werden und die Frau Staats⸗Hauptcaſſen⸗Schuldentilgungs⸗Reviſorin theils mit herzlichem Händedrucke, theils mit einer gewiſſen Vornehmheit begrüßen. Dann wurden ſtehend einige nothwendige Bemerkungen über das Wetter gemacht, raſch ein paar dringende Familienbeziehungen beſprochen und das Ausſehen im Allgemeinen ganz vortrefflich geſunden und dann, nach den nothwendigſten Complimenten, ent⸗ wickelte ſich eine prächtige Tafelrunde. Wir bemerken hier einige Bekannte von dem Balle des Stadtſchultheißen her: die Oberſteuerräthin Marx mit ihren beiden Töchtern, die leider ſchon ſo ältlich waren, daß ſie ſogar in dieſem Kreiſe verheiratheter Damen zugelaſſen wurden und daß man ſich in ihrer Gegenwart durchaus nicht genirte, von jenen kleinen, pikanten Anekdoten aus dem Nähkörbchen mitzutheilen; da befand ſich ferner, und zwar am Ehrenplatze des Tiſches, in der rechten Sophaecke, die ſtreng ausſehende Oberkriegsräthin Schnapper und ſchien mit ihrer ſpitzigen Zehntes Kapitel. 9 Naſe das Ganze, die Hauswirthin inbegriffen, zu be⸗ herrſchen, denn der Oberkriegsräthin noch ſchlagfertigere und noch ſchärfere Zunge war wohl die einzige, vor der die Reviſorin einigen Reſpekt hatte; da war natürlich eine Madame Mayer und eine Madame Müller; da war der Kriegerſtand vertreten durch die uns ebenfalls ſchon bekannte, erſt kurz vorher verheirathete Lieutenantsfrau, ſowie durch eine alte, zweifelhafte Majorin von etwas fadenſcheinigem Aeußern, zweifelhaft, weil ſie als Wittwe eines einfachen Lieutenants eines kaiſerlichen Grenzregi⸗ ments ſich ein paar Jahre als Frau Oberlieutenant in Peſth, ſpäter als Hauptmännin in einer kleinen öſter⸗ reichiſchen Stadt aufgehalten und ſich nun hier in ihrer Vaterſtadt als Majorin zur Ruhe geſetzt hatte; in ihrem Beitrage zur Unterhaltung kam ſie ſelten über die Ein⸗ gangsworte:„Mein Mann, der Major“— entweder daß ſie danach ihre eigene Rede ſelbſt vergeſſen hatte oder daß ihr das Wort von einer gewandteren Rednerin abgeſchnitten wurde. Da waren noch andere Damen, die wir vielleicht im Verlaufe der Unterhaltung kennen lernen werden oder die ohne beſonderes Intereſſe nur zum allgemeinen Ganzen gehörten und deren ſchüchterne Be⸗ merkungen nicht der Mühe werth ſind, um für die Nach⸗ welt aufgezeichnet zu werden. Taſſen und Löffelchen klapperten, das Stubenmädchen bot den von der Reviſorin eingeſchenkten Kaffee herum, 10 Zehntes Kapitel. Kuchen und mürbes Backwerk wurden ſo tapfer in An⸗ griff genommen, daß die Hauswirthin kaum nöthig hatte, mit einigen ſchüchternen Nöthigungen das ohnehin hitzige Kaffeegefecht anzufeuern. Die Erſte, welche von dem energiſchen Angriffe auf den überaus delikaten Kaffee abſtand, war die Oberkriegs⸗ räthin, indem ſie die ſtrengen Augen auf die Hauswirthin richtete und mit dieſer ein kleines Vorpoſtengeplänkel be⸗ gann.. „Wo iſt denn Ihre liebe Schwägerin, die Frau Stadt⸗ ſchultheißin?“ ſagte ſie mit ſo ſanfter Stimme, als es ihr möglich war.„Ich hatte gehofft, ſie hier zu finden — gewiß kommt ſie ſpäter? Schade, daß ſie nicht ſchon da iſt!“ Ein Bedauern, welches durch ſämmtliche Damen im Chor unter den ſchmeichelhafteſten Aeußerungen für die gute Stadtſchultheißin verſtärkt wurde. „Ach, ich habe wirklich Unglück mit meiner lieben Schwägerin!“ gab die Reviſorin mit einem freundlichen 3 Lächeln zur Antwort.„Daß ich ſie natürlicher Weiſe dringend bat, mir das Vergnügen zu machen, verſteht ſich von ſelbſt; aber die gute Frau iſt ſo in Anſpruch genommen, daß ſie ſich oft nicht einmal ihrer eigenen Familie widmen kann.“ Die Oberkriegsräthin ſchüttelte mit dem Kopfe, ehe ſie trocken zur Antwort gab:„Ei, die Familie ſollte im⸗ 3 mer vorgehen; meine Schwägerin ſagt lieber zehn Geſell⸗ Zehntes Kapitel. 11 ſchaften ab, als daß ſie bei mir eine Einladung aus⸗ ſchlägt.“ „Verhältniſſe beſtimmen den Menſchen, liebe Ober⸗ kriegsräthin,“ verſetzte Madame Welkermann mit einem leichten, ſchmerzlichen Tone um die Mundwinkel.„Darf ich wirklich keine Taſſe Kaffee mehr anbieten?“ „Danke ſchön, er war ganz vortrefflich! Da überleg' ich mir eben,“ fuhr Madame Schnapper nach einer Pauſe fort,„wo unſere gute Stadtſchultheißin ſein könnte; außer unſerem Kreiſe wüßte ich von keiner größe⸗ ren Einladung, und es müßte auch etwas ganz Außer⸗ ordentliches ſein, um Ihnen abzuſagen.“ „Müßte es das wirklich?“ fragte die Reviſorin in einem etwas gedrückten Tone, wobei die gelben Hauben⸗ bänder auf ihrer Schulter ein wenig zu zucken ſchienen. „Ich nehme das nicht ſo genau,“ ſetzte ſie mit einem leichten Seufzer hinzu,„bin dergleichen ſchon gewohnt und habe treue Freundinnen genug, die auch eine kleine Zurückſetzung wohl verſchmerzen laſſen— bitte, Frau Majorin, nehmen Sie noch etwas von dieſem mürben Kuchen!“ ſetzte ſie mit einer Gewandtheit im Aendern des Geſprächsthema's hinzu, welche ihrem vortrefflichen Herzen alle Ehre machte.„Er iſt bei mir nach einem ganz neuen Recepte gebacken.“ „Ganz. ausgezeichnet,“ ſagte Madame Müller. 12 Zehntes Kapitel. „Ich habe noch nie etwas Aehnliches gegeſſen,“ pflich⸗ tete Madame Mayer bei. „Mein Mann, der Major....“ „Wenn er Ihnen in der That ſo ſchmeckt, meine liebe Madame Mayer, ſo bitte ich, verhelfen Sie ſich noch zu einem Stückchen— und auch Sie, Frau Oberzunftmeiſter — ich ſehe beſtändig Ihren Teller leer. Frau Krampler, welche eifrig ſtrickte, fuhr faſt erſchrocken aus ihrem Nachſinnen auf, und da ſie ſich doch auch ver⸗ pflichtet fühlte, etwas zur Unterhaltung beizutragen, ſo ſagte ſie, noch mit dem vorigen Geſprächsthema beſchäftigt: „Die Köchin der Frau Stadtſchutheißin hat der meinigen eine Schwarzwildſulz gelehrt, die ganz vortrefflich iſt.“ „ Ei, in der That? O..... Ueber die ſtrengen Züge der Madame Schnapper flog ein bezeichnendes Lächeln, unter dem ſie ihrem Gegenüber ſagte:„Ich achte und ehre eine gute Sulz zum Schwarz⸗ wildpret, aber man kann eine gute Köchin haben und doch nicht immer ganz correct gegen ſeine Verwandten ſein.“ Dies hatte weder die zweifelhafte Majorin, noch Ma⸗ dame Krampler verſtanden, da ſie ſich keinen Zuſammen⸗ hang zwiſchen einem Schwarzwild in Sulze und einer ver⸗ wandten Familie denken konnten. Deßhalb ſagte die Ober⸗ Zunftmeiſterin mit einem fragenden Zlicke:„Ich ſprach doch von Schwarzwild, und ich kann Sie verſichern, es iſt Zehntes Kapitel. 13 eine ganz köſtliche Sulz; vielleicht wünſcht jemand von den Damen das Recept...“ Worauf die Majorin hinzuſetzte:„Mein Mann, der Major, hatte....“(ſie wollte ſagen: hatte einen wahren Abſcheu vor allem Schwarzwild); doch kam ſie nicht dazu, die Bemerkung zu vollenden, denn die junge Lieutenants⸗ frau rief laut über den Tiſch hinüber: „Ach, Frau Oberkriegsräthin, die Frau Oberſteuer⸗ räthin erzählt da ſoeben, daß ſie vorhin in der Kirche war und die Trauung des jungen Oberlieutenants Wim⸗ mer anſah.“ „Schauderhaft!“ meinten beide Fräulein Marx in glei⸗ chem Tone.„Es war ein ſchreckliches Paar!“ „Sie kennen doch den kurzen, dicken Wimmer mit ſeinem lächelnden Geſichte, auf dem ſich unverwüſtliche Heiterkeit ausprägt?“ ſagte die Oberſteuerräthin.„Den⸗ ken Sie ſich dazu eine wahre Hopfenſtange von einem Frauenzimmer, im weißen Kleide decolletirt bei der Kälte, gelb wie eine Citrone von Geſicht und Schultern, und was für Schultern! Nein, ich ſage Ihnen, etwas ſo Mageres und Spitziges habe ich in meinem Leben nicht geſehen!“ „Man hätte darauf ſchreiben ſollen: ‚Wir wollen Schultern vorſtellen!““ meinte das jüngere Fräulein Marx. „Die ganze Figur ſah aus wie ein Kleiderſtänder,“ ergänzte die ältere. 14 Zehntes Kapitel. „Aber ſie hat Geld, meine Damen,“ ſprach die Ober⸗ kriegsräthin und ſetzte hinzu, indem ſie ihre Naſe eine kleine Wendung gegen die Lieutenantin machen ließ:„Es iſt das ſo eine eigenthümliche Geſchichte mit manchen mi⸗ litäriſchen Heirathen; man kann die Kaution bezahlen, man möchte gern einen Mann haben— die jetzige Ma⸗ dame Wimmer ſoll reich ſein.“ „Mein Mann, der Major....“ „Aber wie kann man ſich zu ſo etwas entſchließen?“ ſeufzte Madame Müller, eine junge Frau von angeneh⸗ mem Aeußern, welche, wie die böſe Welt ſagte, ihren Mann verſchiedener Umſtände halber zu einer Neigungs⸗ heirath gezwungen hatte.„Ich meine nämlich, wenn ich Herr Oberlieutenant Wimmer wäre— ſchrecklich, wenn ich daran denke— ich fürchte, der junge Ehemann wird ein troſtloſes Erwachen haben!“ Obgleich nun in dieſen Worten durchaus nichts be⸗ ſonders Verfängliches lag, ſo bemühten ſich doch beide Fräulein Marx, mit einem Anfluge von Erröthen auf ihre Teller niederzuſchauen, und es war ein Glück, daß Madame Krampler die Bemerkung einwarf, daß der ſelbſt⸗ gebackene Kuchen der Staats⸗Hauptkaſſen⸗Schuldentilgungs⸗ Reviſorin allerdings vortrefflich ſei und daß ſie gern be⸗ reit wäre, das Recept deſſelben gegen das der mehr er⸗ wähnten Sulze umzutauſchen. „Und wie ſie nach ihm hinuntergeſchmachtet hat!“ Zehntes Kapitel. 15 fuhr die Oberſteuerräthin fort, die Trauungsfeierlichkeiten in der Kirche zu beſchreiben,„und dabei wollte ſie ver⸗ ſchämt thun wie ein junges Mädchen, dieſes alte Ge⸗ rüſt!“ „Ja, es war ſchrecklich anzuſehen!“ betheuerten beide Fräulein Marx wie aus Einem Munde, und die ältere ſetzte hinzu:„Und als es nun zum Jaſagen kam, ſchluckte der arme Wimmer vorher, als vermöge er irgend etwas kaum hinabzuwürgen. Er wird noch mehr zu würgen kriegen, ich kenne ihre Familie; alle ihre Schweſtern ſind verbiſſene Weſen, bis auf die jüngſte, deren Fehltritt allein Entſchuldigung findet in dem Beiſpiele ihrer Tante, die ja notoriſch....“ Hier war die Sprecherin ſo gnädig, ſich durch einen Blick der Oberſteuerräthin unterbrechen zu laſſen, mit welchem dieſe, ihre Töchter betreffend, ſagen zu wollen ſchien:„Schone die Unſchuld!“ was auch gewiß geſchehen wäre, da die Hauswirthin die Unterhaltungsſchleuſe da⸗ durch voll aufzog, indem ſie das Kapitel auf die Ver⸗ werflichkeit der Dienſtboten heutzutage brachte, wenn nicht, als die Conſervation hierüber ſchon längſt im Gange war, Madame Krampler die verfängliche Frage hineingeworfen hätte, ob denn jener Fehltritt von Folgen geweſen ſei. Daraufhin flog für eine Minute lang ein Engel durch das Zimmer, oder ein Polizeidiener, wie man an ande⸗ * 16 Zehntes Kapitel. ren Orten zu ſagen pflegt, und dann bedurfte es der ganzen Energie der Oberkriegsräthin, um das Geſpräch wieder in Gang zu bringen. Allerdings wählte ſie hierzu ein die Reviſorin etwas nahe berührendes Thema, denn 2 ſie erwähnte des neulichen Balles beim Stadtſchultheißen, lobte das Feſt im Allgemeinen und kam alsdann auf die gemeinderäthliche Sitzung zu ſprechen, welche an jenem Tage ſtattgefunden hatte und die als nicht öffentlich, trotz Amtsgeheimniß, in der Stadt ſo bekannt geworden war, als ſei die Verhandlung darüber gedruckt und vertheilt worden. Es war das für ſämmtliche Damen ein ſo in⸗ tereſſantes Thema, daß ſich ſelbſt Madame Krampler der Gegenwart hin⸗ und die Verſicherung abgab, daß ihr Mann, der Oberzunftmeiſter, nie ſo erregt nach Hauſe gekommen wäre, als gerade nach dieſer Sitzung, und doch habe es ſich in ihren Augen nur um eine große Kleinigkeit gehandelt.“ „Eine Kleinigkeit?“ bemerkte die Hauswirthin mit einem etwas auffallenden Lächeln, und die Oberkriegs⸗ räthin ſetzte mit ihrem ſtrengen Blicke und einem entſchie⸗ denen Kopſſchütteln hinzu:„Eine Kleinigkeit? Das möchte ich nun gerade nicht behaupten.“ „Und warum nicht?“ fragte die Oberſteuerräthin. „Was kann Großes darin liegen, ob ein altes Gitter im Keller des Rathhauſes offen bleibt oder zugemauert wird?“ . Zehntes Kapitel.. 17 „Dabei kommt doch wohl Alles auf die Gründe an, welche der Herr Stadtſchultheiß, mein ſehr verehrter Schwager, hatte,“ meinte die Reviſorin. „Ja, die Gründe— allerdings, die Gründe ſollte man genau kennen.“ „Dieſe hat ja der Herr Stadtſchultheiß durchaus nicht verheimlicht,“ gab Madame Krampler zur Antwort, wobei ſie ſo ſehr bei der Sache war, daß ſie das Strickzeug in den Schooß fallen ließ und ihre fetten Finger auf den Tiſch zuſammenfaltete.„Gewiß, er hat ſeine Gründe an⸗ gegeben, und ich glaube, ſie wären vom ganzen Ge⸗ meinderathe anerkannt worden, wenn man nicht gedacht hätte, es ſtecke die Regierung dahinter, welche eine Ver⸗ bindung zwiſchen der Hauptwache und dem Rathhauſe für vorkommende Fälle beſeitigen wolle, und deßhalb machten wir die Oppoſition.“ „Die Regierung?“ rief die Oberkriegsräthin in ſehr entſchiedenem Tone aus.„Was kann der Regierung daran liegen, ob ein Gitter im Rathhauskeller vermauert wird oder nicht! Wollte ſie dadurch ihre Hauptwache für vorkommende Fälle, wie die Frau Oberzunftmeiſter ſagte, ſchützen, ſo brauchte ſie ja nur den Gang dieſſeits ver⸗ ſchütten zu laſſen, was ja auch längſt geſchehen iſt, wie ich weiß. Nein, nein, meine Liebe,“ ſetzte ſie mit einem vielſagenden Lächeln hinzu,„es waren andere Gründe, die den Herrn Stadtſchultheißen beſtimmten!“ Hackländer, Das Geheimniß der Stadt, II. 2 18 Zehntes Kapitel. „Gewiß, andere Gründe.“ „Der üble Geruch bei den Sitzungen des Gemeinde⸗ raths.“ „Den wird doch eine zugemauerte Thür nicht vertrei⸗ ben!“ ſprach ironiſch die Kriegsräthin. „Nein, nein; andere Gründe.“ „Ja, ja, andere Gründe.“ „Mein Mann, der Major....“ „Gründe, die Jedermann weiß, denen man aber keine Worte leiht.“ „Unter uns? Sind doch nur ganz gute Freundinnen hier verſammelt!“ Die Oberſteuerräthin, welche nicht nur allen Hochzeits⸗ feierlichkeiten in der Kirche, allen Taufen daſelbſt oder allen wichtigen Begräbniſſen auf dem Friedhofe, ſoweit dies möglich war, ſelbſt beiwohnte oder ſich durch eine ihrer Töchter vertreten ließ, hatte ſehr lange bedeutſam mit dem Kopfe genickt und ſagte jetzt:„Meine Damen, wir ſind es eigentlich unſerer verehrten Wirthin, der Staats⸗Hauptkaſſen⸗Schuldentilgungs⸗Reviſorin ſchuldig, dieſe delikaten Punkte nicht weiter zu berühren; es iſt das ein Geheimniß der Stadt, und obgleich Jeder es weiß, ſpricht man doch beſonders in gewiſſen Kreiſen nicht gern darüber.“ In dieſem Augenblicke nun zeigte die Reviſorin ihre ganze Charaktergröße— ſie warf das eine ihrer gelben 4 4 Zehntes Kapitel. 19 Bänder über die rechte Schulter hinüber, richtete ſich ſtolz und gerade auf und ſagte:„Keine Rückſichten, meine Damen, keinen Zwang; Sie wiſſen wohl, daß es Lagen in dieſem Leben gibt, in denen man ſich beſſer an die Freundſchaft, als an die Verwandtſchaft anſchließt.“ „Sehr wahr, Frau Reviſorin,“ ſagte die Oberkriegs⸗ räthin. „Auch habe ich wahrlich keine Urſache dazu,“ fuhr die Hauswirthin fort, indem ſie nun das andere gelbe Band über die betreffende Schulter warf.„Man iſt ſeinen Ver⸗ wandten nur ſo lange Rückſicht ſchuldig, als man von ihnen rückſichtsvoll behandelt wird.“ „Gewiß, gewiß— o gewiß!“ „Ich ſagte es ja früher ſchon,“ warf hier die Ober⸗ kriegsräthin achſelzuckend ein,„daß ich durchaus von keiner Geſellſchaft wüßte, wo die Frau Stadtſchultheißin hätte verpflichtet ſein können; ich kenne ſo ziemlich alle Einla⸗ dungen in unſeren Kreiſen.“ „Das wäre am Ende Nebenſache. Du lieber Gott, wenn man eine ſo hohe geſellſchaftliche Stellung einnimmt, wie mein Herr Schwager, der Stadtſchultheiß, ſo begreift es ſich, daß man ſehr von oben auf arme Reviſorsleute herabſieht!“ Da dieſe Worte von einem ironiſchen Lächeln begleitet waren und die Hauswirthin dabei ihre Blicke über den Zehntes Kapitel. behaglichen Kaffeetiſch gleiten ließ, ſo erregten dieſelben eine laute, ja, faſt ausgelaſſene Heiterkeit. „Doch das bei Seite,“ fuhr Madame Welkermann fort;„auch ſonſt noch in tauſend Dingen— doch reden wir nicht darüber— laſſen wir uns durchaus nicht in unſerer gemüthlichen Unterhaltung ſtören. Fahren Sie fort, Frau Oberſteuerräthin, und ſeien Sie verſichert, daß ich die Letzte war, welche daran glaubt, daß dem Herrn Stadtſchultheißen das Zumauern der Thür wegen eines üblen Geruches im Rathhausſaale ſo wichtig geweſen wäre — darin ſpielen ganz andere Motive.“ „Gewiß, ganz andere, wichtige Gründe.“ Inzwiſchen hatte ſich die Dämmerung herabgelaſſen, mit dem heiteren Tageslichte waren auch vermittelſt der geſchäftigen Hände des Stubenmädchens, ſowie der Kö⸗ chin, die gemüthlichen Kaffeekannen und die Reſte harm⸗ loſen Backwerks abgeräumt, zwei ſtrahlende Lampen auf den Tiſch geſetzt und die Fenſtervorhänge herabgelaſſen worden. In den Ecken des Zimmers herrſchte jene trau⸗ liche Dämmerung, von der wir früher ſchon einmal ſpra⸗ chen und die wie ein Band den Damenkreis enger zu⸗ ſammenſchloß, welcher nun, von vorn ſo gemüthlich be⸗ ſtrahlt, ſich zum Austauſche ernſterer Reden viel geneigter fühlte, als früher bei dem Alles durchdringenden Tages⸗ lichte. Auch war eine rieſenhafte Torte Dame bplanche aufgeſetzt worden, deren Name ſchon etwas Geſpenſter⸗ NV Zehntes Kapitel. 21 haftes hatte, und neben derſelben funkelte dunkelrother Wein in geſchliffenen Karaffen. 4 „Daß ein Verbindungsgang zwiſchen dem Rathhauſe und der Hauptwache beſteht, darüber kann kein Zweifel herrſchen,“ erzählte die Oberkriegsräthin.„Mein Mann war vor zwei Jahren bei der Commiſſion, welche dieſen finſteren, unterirdiſchen Weg zu unterſuchen hatte.“ 1 „Ah, wie das intereſſant iſt!“ ſprachen beide Fräu⸗ lein Marx, und die Majorin ſetzte hinzu:„Mein Mann, der Major, hatte einen ähnlichen....“ „Dieſe Verbindung führte neben den Kellern der Häuſer jenes alten, jetzt etwas ärmlichen Stadtviertels, und zwar ſo nahe vorüber, daß die Commiſſion damals, wenn ſie lauſchend ſtehen blieb, die Leute in den Ge⸗ wölben arbeiten, klopfen, plaudern, lachen und auch an⸗ dere Töne hörte, deren Entſtehung man ſich nicht ſogleich erklären konnte. Der Stadtſchultheiß führte dieſe Com⸗ miſſion und ſchien in dem alten Gange ſehr bewandert zu ſein, denn wo die Anderen ſich trotz der Laternen nur tappend und ängſtlich fortbewegten, ging er mit einer Sicherheit, als befände er ſich in ſeinem Schreibzimmer.“ „Ah, das iſt ja erſtaunlich!“ „Ueberraſchend!“ meinte Madame Mayer gegen Ma⸗ dame Müller gewandt, indem ſie ein ſehr erſtauntes Ge⸗ ſicht machte. „Auch kannte der Herr Stadtſchultheiß nicht nur alle 22 Zehntes Kapitel. über den Gang hinlaufenden Straßen und wußte deren Lauf genau zu bezeichnen, ſondern auch einzelne Häuſer, wie zum Beiſpiel das an dem alten Thurme am Glocken⸗ gäßchen, welches dem Herrn Bäron von Rivola gehört.“ „ Ah, dem Herrn Baron von Rivola!“ „Die runden Fundamente dieſes Thurmes,“ fuhr die Oberkriegsräthin fort,„bildeten eine Biegung in dem Gange, und als die Commiſſion neugieriger Weiſe das * alte, intereſſante Mauerwerk mit den Laternen beleuchten ließ, ſah ſie, daß ſich hier eine Thür befand, welche nur locker durch eingeſchobene Steine zugemacht erſchien.“ Alle Damen waren dieſer Erzählung mit großer Auf⸗ merkſamkeit gefolgt, beſonders die Oberſteuerräthin, welche gierig jedes Wort von den Lippen der Rednerin abzu⸗ lauſchen ſchien, und zwar mit einem ſo beiſtimmenden Geſichtsausdrucke und dabei unruhig auf ihrem Stuhle hin und her rückend, daß man deutlich ſah, ſie warte nur auf einen günſtigen Augenblick, um die weitere Er⸗ zählung an ſich zu reißen. Dieſer war jetzt erſchienen, und zwar dadurch, daß die Oberkriegsräthin ihr Weinglas an die Lippen ſebte, worauf die Andere fortfuhr: „Es iſt ganz ſo, wie die Frau Oberkriegsräthin er⸗ zählt hat; ich habe es ebenfalls aus beſter Quelle, von meinem Bruder, der damals Stadtbaumeiſter war. Das Mauerwerk in der Thür des alten Thurmes war ſo locker 7 Zehntes Kapitel. 23 eingeſetzt, daß man es mit der Schulter hätte eindrücken können, worauf man auch den Herrn Stadtſchultheißen aufmerkſam machte, der aber, weiterſchreitend, erwiederte, eine wirkliche Oeffnung ſei hier nie geweſen.“ „Wobei er aber, wie mein Mann verſichert hat, eine etwas verlegene Miene gemacht habe.“ „So iſt es, meine Damen, ganz genau ſo,“ fuhr die Oberſteuerräthin in ſehr lautem Tone fort,„und nun bitte ich Sie, mußte das nicht auffallend erſcheinen— eine nothdürftig verſchloſſene Oeffnung mit dem Rathhauſe in Verbindung ſtehend durch eine Gitterthür, zu welcher der Stadtſchultheiß allein den Schlüſſel hatte!“ „Daß er allein dieſen Schlüſſel hat, weiß ich ganz genau,“ bemerkte die Hauswirthin. „Das iſt allerdings auffallend.“ „Und verdächtig,“ rief die Oberſteuerräthin,„wenn man bedenkt, daß der Herr Stadtſchultheiß damals ſchon in einem außerordentlich intimen Verkehr mit jenem Herrn von Rivola, dem Eigenthümer des alten Thurmes, ſtand, der zu jener Zeit plötzlich erſchien und, wie alle Welt weiß, mit einem gewiſſen Mißtrauen betrachtet wurde.“ „Als Fremder allerdings, wie das ja gewöhnlich der Fall iſt,“ warf Madame Müller ein,„ſonſt aber wohl unverdienter Weiſe; kam er doch bald in die beſten Ge⸗ 24 Zehntes Kapitel.— ſellſchaften und wurde gleich damals, wie auch heute noch, ſehr gern bei Hofe geſehen.“ „Aber darin liegt gerade etwas Verdächtiges; Herr Baron von Rivola hängt mit allem, was zu Hofe gehört, ſehr genau zuſammen, bewegt ſich überhaupt nur in den höchſten Kreiſen, verkehrt nur mit den vornehmſten Häu⸗ ſern, mit alleiniger Ausnahme desjenigen des Stadtſchult⸗ heißen— und woher kommt das?“ So ſchloß die Oberſteuerräthin fragend, wobei ſie einen feſten, herausfordernden Blick auf ſämmtliche Da⸗ men warf.— „Ich möchte auch wiſſen, woher das kommt,“ meinte die Reviſorin—„vielleicht von der geiſtreichen Unter⸗ haltung, welche der Baron und die Baronin bei meiner verehrten Schwägerin finden.“ Ueber dieſe Aeußerung lachten ſämmtliche Damen pflicht⸗ ſchuldigſt; dann fuhr die Oberkriegsräthin fort: „Ueber dieſen Mann iſt allerdings damals ſehr viel geſprochen worden, und bei aller Milde, die meinem Charakter eigen iſt, muß man dieſen intimen Verkehr ſchon auffallend finden— weniger, was den Herrn Ba⸗ ron von Rivola anbetrifft, als ſeine Frau, die eine ge⸗ borene Gräfin Hartenſtein iſt— damit iſt ſchon genug geſagt.“ „Gewiß, Frau Oberkriegsräthin, damit iſt genug ge⸗ — — 5 —— Zehntes Kapitel. 25 ſagt— dieſe Hartenſtein ſind arm wie die Kirchenmäuſe, aber von einem empörenden Hochmuthe.“ „Eine Frau, die nicht einmal weiß, ob ſie ſich für einen empfangenen Gruß bedanken ſoll.“ „Die beſtändig wie eine Puppe ausgeſtreckt in ihrem Wagen liegt, mit halb geſchloſſenen Augen, als wolle ſie ſagen: ihr da unten ſeid Alle viel zu gering für mich!“ „Eine Frau, die ihre Kammerjungfer hereinklingelt, wenn ihr das Schnupftuch entfallen iſt.“ „Ja,“ rief hier Madame Mayer eifrig,„die die Gou⸗ vernante ihrer Tochter, eines reſpektablen Pfarrers Tochter und Verwandte von mir, eines Abends, als dieſelbe nach vollbrachtem mühevollem Tagewerke vor dem Landhauſe ſaß, ſich des ſchönen Abends freuend, dort mit den Wor⸗ ten wegwies: ſie gehöre hinter das Haus, aber nicht auf die Terraſſe, wo der Platz der Herrſchaft ſei.“ „Ah, unglaublich, empörend!“ „Und ſo eine Frau ſollte ſich ſo weit herablaſſen,“ fuhr nach dieſen Ausrufungen die Oberkriegsräthin kopf⸗ ſchüttelnd fort,„und eine Geſellſchaft wie die im Hauſe unſeres allverehrten Herrn Stadtſchultheißen mit ihrer Gegenwart zu beglücken, wenn dazu nicht ganz beſondere Gründe vorlägen?— ganz beſondere Gründe, habe ich geſagt.“ „Konnte doch ein Kind ſehen,“ fiel ihr die Reviſorin hier eifrig ins Wort,„daß ſie ſich ſo unbehaglich als 26 Jehntes Kapitel. möglich in jener Geſellſchaft fühlte; ließ ſie doch ihren Mann gar nicht von der Seite und hätte wahrſcheinlich ihrer Tochter den Tanz verboten, wenn das möglich ge⸗ weſen wäre.“. „Und beim Souper,“ ſprach die Oberſteuerräthin, d8 „ſaß ſie in einer Ecke des Sopha's, ihren Mann rechts, ihre Tochter links, damit ſie nur ja in keine Berührung käme mit den übrigen, ſo gar gewöhnlichen Menſchen.“ „Und wie ſie ihre Naſe ſo hoch erhoben hatte, wenn ſie durch die Zimmer ging!“ „Ja, und die Augen halb geſchloſſen.“ „Selbſt gegen Seine Excellenz den Herrn Miniſter ſprach ſie ſehr von oben herab.“ „Natürlich, er iſt ja nicht von Adel.“ Die Oberkriegsräthin hatte Mühe, ihre Stimme in dieſem Durcheinanderſprechen geltend zu machen, als ſie ausrief:„Und nun, meine Damen, frage ich Sie, ſollten es nicht ganz beſondere Gründe ſein, welche die Frau vermocht haben, jene Geſellſchaft zu beſuchen?“ „Gewiß— o, gewiß!“ 8 „Die ſie zwangen, dorthin zu gehen, wo es ihr ſo höchſt unbehaglich war?“ „Wer wird daran zweifeln!“ „Alſo hat dieſer Baron von Rivola vielleicht ganz eigenthümliche Verpflichtungen gegen den Stadtſchult⸗ heißen.“ Zehntes Kapitel. „Und dieſer gegen ihn, das laſſe ich mir nicht ab⸗ ſtreiten— allerdings heißt es: eine Penſionsfreundſchaft der beiden jungen Mädchen, ja, gehorſamer Diener, man kennt das!“ „Zwiſchen beiden Herren hat von jeher eine Muſchelei ſtattgefunden.“ „Und eine Muſchelei, die das Auge der Welt zu ſcheuen hat.“ „Woher ſonſt die unterirdiſche, geheimnißvolle Ver⸗ bindung zwiſchen dem Rathhauſe und dem alten Thurme?“ „Jenem alten Thurme, dem man nie etwas Gutes nachſagt.“ „Man ſollte ſo was nicht wiederholen, aber wir ſind ja hier ganz unter uns, unter guten, verſchwiegenen Freundinnen,“ meinte die Oberſteuerräthin;„doch ich er⸗ innere mich ganz genau, wie man vor einigen Jahren davon ſprach, daß namentlich während der Nacht allerlei ſeltſames Geräuſch in dem alten Thurme gehört worden ſei.⸗ „Und das Haus, das daran gebaut iſt, wird oben⸗ drein von ganz verdächtigen Leuten bewohnt; meine Büglerin, eine ſehr zuverläſſige Perſon, erzählte mir von einer Madame Mayer, die dort mit ihrer ſehr hübſchen Tochter wohne.“ „Mit mehreren hübſchen Töchtern und zwei Nichten.“ Zehntes Kapitel. „Es iſt ein wahres Unglück, wenn man Mayer heißt!“ ſeufzte die aus der Geſellſchaft, welche mit dem nämlichen Namen behaftet war. 5 „Und dazu der alte, geheimnißvolle Diener, der unten wohnt und den Hausherrn ſpielt; man ſagt, er ſei ſeines Handwerks ein Schloſſer, aber für gute Häuſer und ehrliche Leute hat er noch niemals gearbeitet, ich wenigſtens weiß nichts davon.“ „Dieſer Mann hatte auch früher eine Frau, aber ſie ſoll ſeit Jahren ſpurlos verſchwunden ſein, ohne daß man von ihrem Tode etwas erfahren; ja, das ſind alles ſo gräuliche Geſchichten, über die man eigentlich am beſten ſchweigt.“ „Und mit ſolchen Menſchen ſteht der Stadtſchultheiß in den engſten Beziehungen!“ ſagte die Reviſorin mit einem Blicke gen Himmel.„Mich dauert trotz allem dem doch meine arme Schwägerin, denn wenn ſie im Grunde auch keine geſcheite und eine ſehr übermüthige Frau iſt, ſo iſt ſie doch gewiß an ſolch' ſchrecklichen Geſchichten unſchuldig und heißt doch einmal Welkermann— o, es iſt eine ſchlechte Welt!“ „Das weiß Gott, Frau Haupt⸗Staatsſchulden⸗Tilgungs⸗ caſſen⸗Reviſorin, daß es eine ſchlechte Welt iſ„ meinte Madame Mayer,„und wenn man erſt die böswilligen Verleumdungen dazu rechnet, denen ſich manche Menſchen leider Gottes ſo gern hingeben, was mag da alles über Zehntes Kapitel. 29 die ſeltſame Verbindung des Herrn von Rivola mit dem Stadtſchultheißen und über das grauenhafte Treiben in dem unterirdiſchen Gange und dem alten Thurme gefabelt werden!“ „Nun, ſo ganz Fabel wird es doch wohl nicht ſein,“ meinte die Oberſteuerräthin. „Dazu muß ich auch mit tiefem Schmerze leider“ ſagen,“ ſeufzte die Reviſorin,„denn die Verbindung zwiſchen ihm und dem Baron von Rivola iſt nun einmal offenkundig, und was den geheimnißvollen Gang anbe⸗ langt mit der betreffenden Gitterthür, ſo hat der Stadt⸗ ſchultheiß den Schlüſſel dazu immer in ganz eigener Ver⸗ wahrung.“ „Grauenhaft!“ „Und es war Alles ſo ſtill nnd ruhig darüber ge⸗ worden— kein Menſch dachte mehr daran, daß ſich dort unter der Erde ſo unerhörte Dinge begeben, bis der Stadtſchultheiß nun auf einmal dieſe Geſchichte wieder aufwärmt, indem er verlangt, daß die Thür zugemauert werden ſoll. Warum verlangt er das eigentlich— ohne allen Grund? O, dieſer Mann thut nie etwas ohne Grund!“ 3 So ſprach die Oberſteuerräthin, wobei man deutlich an ihren Blicken ſah, daß ſie noch ganz andere Dinge mittheilen könne, wenn ſie nur wolle, und dann bog ſie ſich vornüber gegen den Tiſch, den anderen Damen ein Zehntes Kapitel. 4 Zeichen machend, es eben ſo zu thun, worauf der ganze Kreis die Köpfe zuſammenſtreckte, als fürchteten ſie ſich, von etwas Unſichtbarem, das hinter ihnen herumſchleiche, belauſcht zu werden, worauf ſie flüſternd fortfuhr: „Der Herr Baron von Rivola, der in den letzten Jahren ſelten mehr in dem alten Hauſe erſchien, kommt jetzt wieder häufig dorthin; auch ſagt man— hier dämpfte ſie ihre Stimme abermals um ein Bedeutendes, — es ſtände mit ſeinem Vermögen durchaus nicht ſo brillant, als man wohl glaubt— er habe enorme Schul⸗ den, es fehle dort häufig an baarem Gelde.“ „Und was die Leute für Aufwand machen!“ „Ja, aber woher nehmen ſie das Geld?— Sie ver⸗ ſetzen, was ſie haben. Mein Adolf, der mit dem Sohne des Juweliers Steiner in der Schloßſtraße genau bekannt iſt, hat mir erzählt, daß der alte Diener des Barons, derſelbe, der in dem Thurme wohnt, neulich auf ein Armband und eine Broſche einige Tauſend Gulden ent⸗ liehen habe— laſſen Sie mich ausreden, meine Damen; — dieſe Brillanten ſeien aber ſo wundervoll und groß geweſen, daß Herr Steiner ordentlich darüber erſchrack— er hat zu ſeiner Frau geſagt, die Königin hätte keine ſchöneren, und hinzugefügt, er wäre anfänglich im Zwei⸗ fel geweſen, ob ſie auch echt ſeien.“. Bei dieſen Worten fuhren die Köpfe ſämmtlicher Damen auseinander, als ſei jede durch eine beſondere —, Zehntes Kapitel.. 33 näckigen Nöthigungen ſo lange fort, bis rings umher die Meſſer und Löffelchen klirrten, bis die Gläſer klangen und bis ſich der Ausdruck von Güte und Milde auf den etwas erregten Zügen der Anweſenden gelagert hatte. Madame Krampler wollte allerdings noch einmal auf den unterirdiſchen Gang zurückkommen, doch fand dieſes Geſprächsthema ſo wenig Anklang mehr, daß ſich die Oberkriegsräthin nicht enthalten konnte, ihrer Nachbarin im Tone der Mißbilligung zuzuflüſtern: „Dieſe Frau“— damit meinte ſie die Oberzunft⸗ meiſterin—„iſt offenbar eine halbe Stunde zu ſpät auf die Welt gekommen, denn ſie ſchleicht ſtets mit ihren Be⸗ merkungen hintendrein.“ Ueberhaupt wollte ſo recht ein animirtes Geſpräch nicht mehr zu Stande kommen, und als nun die Stand⸗ uhr die ſiebente Stunde ſchlug, erinnerten ſich die meiſten anweſenden Damen, daß ſie nun lange genug Zeit und Geduld der guten Reviſorin mißbraucht und es unbe⸗ ſcheiden wäre, noch länger zu bleiben. Eine Viertelſtunde nachher hatten Alle das Haus ver⸗ laſſen und gingen einzeln oder auch zu Zwei oder Drei ihres Weges dahin; aufgeregt von der Unterhaltung, empfänglich für alles Gute, konnte es nicht fehlen, daß der Samen, welche Eine in das wohlwollende Gemüth der Anderen geſäet, zur üppigſten Saat aufſchoß und daß es bald in dem Herzen einer Jeden unzweifelhaft Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. II. 3 34 Zehntes Kapitel. war, daß zwiſchen dem Stadtſchultheißen und dem Baron von Rivola eine geheimnißvolle Verbindung beſtehe; daß der alte Thurm mit dem unterirdiſchen Gange eine ſehr dunkle Geſchichte habe, in welcher der ehemalige Bediente des Freiherrn, welcher ſeine Frau heimlich aus der Welt geſchafft, eine große Rolle ſpiele. Manche erinnerten ſich auch, daß der Stadtſchultheiß ein Lebemann und dem ſchönen Geſchlechte ſehr zugethan geweſen, damals öffent⸗ lich, jetzt im Geheimen, und wenn er nun, wo Madame Mayer mit vielen ſchönen Töchtern und zahlreichen Nich⸗ ten dort ihr Weſen treibe, den Gang zumauern wolle,. ſo geſchehe das nur, um die Blicke von ſeinem Treiben abzulenken. Was die Juwelen anbelangte, ſo wußte die gute Oberſteuerräthin jedenfalls mehr, als ſie geſagt, und ſo viel ſtand feſt, entweder waren dieſe Juwelen falſch oder Gott weiß durch welches Verbrechen in die Hände des Herrn von Rivola gekommen. — Elftes Kapitel. Auf dem Platze vor dem Rathhauſe herrſchte das an Markttagen ſo unruhige und lebendige Treiben: da ſtan⸗ den oder ſaßen in langen Reihen die Verkäufer und Ver⸗ käuferinnen hinter ihren Körben und Säcken, die meiſten, ſo gut als es möglich war, in ihre Tücher gehüllt oder ihre dicken Tuchjacken zugeknöpft, mit ſchweren Fauſthand⸗ ſchuhen, gerötheten Wangen und triefenden, blauen Naſen, denn es war recht kalt geworden, eine feſt gefrorene Schneedecke lagerte auf der Erde, ein ſchneidiger Nordoſt⸗ wind fegte durch die Straßen; da wurde angeboten und gehandelt, Käufe abgeſchloſſen, oder die Betreffenden, die nicht handelseinig werden konnten, ſetzten achſelzuckend ihren Weg fort. Poſſierlich war es dabei anzuſehen, wenn die Marktweiber vor ihrer Waare hin und her trip⸗ pelten, um die Füße zu erwärmen, und wenn ſie fröſtelnd ihre Arme eifrig übereinander ſchlugen. 36 Elftes Kapitel. Wahrhaft abgehärtet erſchienen dagegen die viel zar⸗ teren Köchinnen und Dienſtmädchen guter Häuſer, die, oft in einem dünnen Kattunkleidchen, mit ſehr kleinem Um⸗ ſchlagetuch, ein Paar leichte, geſtrickte Handſchuhe an den Händen, die Kälte gar nicht zu fühlen ſchienen und ohne irgend eine hierauf bezügliche lebhaftere Bewegung zu machen mit dem Anſtande und der Würde, wie ſie ſich für die Repräſentantinnen guter Häuſer geziemen, ihre Einkäufe beſorgten. So bemerken wir hier eine unſerer Bekanntinnen, recht kokett angezogen, das hübſche, lockige Haar unter einem zierlichen Häubchen verborgen, ein leichtes Körbchen am Arme, welches allerdings nicht dazu geſchaffen war, um gröbere Markterzeugniſſe in ſich aufzunehmen; auch ſchien Jungfer Margarethe heute Morgen außerordentlich wäh⸗ leriſch in ihren Einkäufen zu ſein und ſchwer damit zu Stande zu kommen, denn wenn ſie auch hier und da ſtehen blieb, um nach dem Preiſe einer Waare zu fragen, ſo ſah man ſie doch gleich darauf wieder kopfſchüttelnd weitergehen.. Auf dieſe Art Schritt um Schritt vordringend, näherte ſie ſich indeſſen, wenngleich langſam und zögernd, der offen ſtehenden Thür der unteren Rathhaushalle. Endlich aber beſchrieb ſie einen großen Bogen um die letzte Reihe der Marktweiber und ſchien es alsdann ſehr eilig zu Elftes Kapitel. 37 haben, an der Treppe der oben erwähnten Halle vorbei zu kommen. Zufälliger Weiſe aber befand ſich hier noch eine letzte Verkäuferin, die ſo auffallend ſchöne Meerrettig⸗ ſtangen feil bot, daß Jungfer Margarethe unmöglich daran vorübergehen konnte; doch verlangte die Ver⸗ käuferin gar zu hohe Preiſe, ſo daß ſich jene veranlaßt fand, mit hellklingender Stimme auf das Ungehörige der Forderung aufmerkſam zu machen. „Da würde ſich die Frau Stadtſchultheißin bedanken,“ rief ſie lachend,„wenn ich ſo theuer einkaufte— nein, nein, es iſt noch genug davon zu haben— ah, guten Morgen, Herr Amtsdiener, habe ich nicht vollkommen Recht? Denken Sie nur, was die Frau für ihren Meer⸗ rettig verlangt, es iſt unerhört!“ Der würdige Beamte hatte wahrſcheinlich, von der hellen Stimme Margarethens angelockt, ſeinen warmen Ofen verlaſſen und war unter die Thür der Halle getre⸗ ten, wo er das Dienſtmädchen des Stadtſchultheißen mit einem mehr als gnädigen, ja mit einem freundlichen Kopf⸗ nicken begrüßte. „Die wiſſen überhaupt nächſtens gar nicht mehr, was ſie verlangen ſollen,“ brummte er;„wie hat ſich das alles geändert— wenn ich noch denke, daß man vor ein paar Jahren ſo einen ganzen Korb um zwölf Kreuzer kaufte!“ 38— Elftes Kapitel. „Und jetzt verlangt ſie ſo viel für eine einzige Stange.“ „Aber er iſt ſehr ſchön und ſaftig,“ ſagte die Ver⸗ käuferin;„wenn ich mit dem Meſſer hinein ſchneide und Sie daran riechen, ſo fängt die Jungfer augenblicklich an zu weinen.“ „Dafür danke ich— man hat andere Gelegenheiten genug, das zu thun.“ „Wenn ich was zu ſagen hätte,“ fuhr der würdige Beamte kopfnickend fort,„ſo ſollte man, ſo oft die Weiber ihre Waare theuer hielten, auch mit der Marktſteuer hinaufgehen.“ „Wenn der Meerrettig wirklich ſo gut und ſcharf iſt, wie Sie ſagt,“ ſprach Jungfer Margarethe mit ſehr lauter Stimme, ſo will ich doch einen Verſuch machen.“ Dabei ſchaute ſie ſtatt auf die Waare, die ſie kaufen wollte, angelegentlich in das Innere der Markthalle, wo nun jemand Anderes zum Vorſcheine kam und ſich der Thür näherte. „Schlecht ſieht er nicht aus; was meint Ihr dazu, Steffler?“. Franz Steffler, der Gehülfe des Marktſchreibers, wel⸗ cher jetzt in ganzer Geſtalt unter der Thür der Rathhaus⸗ halle ſichtbar wurde, machte zuerſt dem hübſchen Dienſt⸗ mädchen des Stadtſchultheißen eine elegante, ſolide Ver⸗ beugung; dann ſagte er: Elftes Kapitel. 39 „Der Meerrettig iſt zu empfehlen; ich kenne die Frau.“ „Der Handel wurde nun zur Zufriedenheit beider Theile abgeſchloſſen, und da Jungfer Margarethe in der Nach⸗ barſchaft auch noch andere Einkäufe zu machen hatte, ſo verſtand es ſich von ſelbſt, daß ſie die groben Meerrettig⸗ ſtangen nicht mit ſich herumſchleppte, ſondern bis zu ihrer Zurückkunft in der Rathhaushalle deponirte. Herr Franz Steffler trug ſie ſelbſt in ſeinen Schreib⸗ verſchlag und wickelte ſie dort in ein blaues Papier, das er zum Ueberfluſſe noch mit einem Bindfaden umwand, wobei ihm der Amtsdiener, am Ofen ſtehend, mit einem mürriſchen Lächeln— er hatte eigentlich kein anderes— zuſchaute. „Es iſt mir doch lieb, daß ich dergleichen hinter mir habe und um ein Paar hübſcher Augen willen keine Pa⸗ pierverſchwendung mehr treibe.“ Hierauf blies er ſeine Backen auf und ſpitzte die Lip⸗ pen, als ob er pfeifen wollte, kam aber nicht dazu. „Allerdings ein Paar hübſche Augen,“ ſagte der Ge⸗ hülfe des Marktmeiſters, aus ſeinem Verſchlage hervor⸗ kommend—„und was für Augen!“ Mit dem Aeußern des Herrn Steffler war eine große Veränderung vorgegangen: ſtatt des fedenſcheinigen, ſchwarzen Anzuges trug er jetzt einen wohlhabend aus⸗ ſehenden Paletot von braunem Winterſtoffe, Beinkleider Elftes Kapitel. von derſelben Farbe, und an ſeinem Halſe bemerkte man ſogar einen weißen Kragen; dabei war es eigenthümlich, wie dieſes anſtändige Kleid auf den ganzen Menſchen ein⸗ gewirkt zu haben ſchien. Seine Bewegungen waren nicht mehr hüpfend, wie damals, auch tänzelte er nicht mehr mit dem Ausdrucke der Ehrerbietung um den Amtsdiener herum, bis es dieſem gefiel, an dem warmen Ofen ein Bißchen Platz für den armen Steuerſchreiber zu machen, ſondern er pflanzte ſich jetzt ohne Weiteres neben dem Amtsdiener auf, die Hände auf den Rücken gelegt, wobei er die ungnädigen Blicke deſſelben mit einem leichten Lächeln beantwortete. „Ja, die Zeiten ändern ſich, ſagte er alsdann; doch gab es gewiß eine Zeit, wo Sie für ſo hübſche Augen noch mehr gethan hätten, als einige Stangen Meerrettig in ein blaues Papier zu wickeln.“ „Mehr allerdings, aber das doch wohl nicht,“ antwor⸗ tete der Amtsdiener in mürriſchem Tone;„freilich haben ſich die Zeiten geändert, daß ſich Gott erbarme! Damals gehörte mehr dazu, als plötzlich einen guten Rock anhaben und Meerrettig einwickerln, um— doch iſt darum nichts beſſer geworden, auch die Mädel heutzutage nicht.“ „Mein lieber Herr Amtsdiener,“ entgegnete der An⸗ dere in einem heiteren Tone,„auf das Aeußere kommt's nicht an, man kann tragen, was man will, und bleibt deßhalb doch im Innern, was man iſt— die innere Ei⸗ Elftes Kapitel. 41 genſchaft, die Fähigkeit, welche man beſitzt, das macht ei⸗ gentlich den Menſchen aus; ich war allerdings noch vor Kurzem, was man einen rohen Cdelſtein nennt, und ſelbſt Sie werden nicht läugnen, daß ich heute ziemlich geſchlif⸗ fen ausſehe— doch wollen wir darüber kein Wort weiter verlieren. Da kommt auch Jungfer Margarethe zurück, und Sie ſollen ſehen, ob ſie es nicht ſehr wohlgefällig aufnimmt, daß ich ihr die ſchmutzigen Meerrettigſtangen eingewickelt habe.“ Dies war denn auch in der That der Fall; bei ihrem Eintreten nickte ſie gegen den Amtsdiener nur leicht mit dem Kopfe und trat alsdann mit Herrn Steffler in den kleinen Verſchlag, wobei ſie gegen dieſen die Bitte aus⸗ ſprach, die Geſammtſumme ihrer Einkäufe nachzurechnen. Der Amtsdiener draußen blies ſeine Backen auf und machte ein höchſt unzufriedenes Geſicht, als in dieſem Augenblicke die Glocke ertönte, welche ihn in den Sitzungs⸗ Saal des Gemeinderathes hinaufrief. Der Steuerſchreiber hatte ſich an ſeinen Tiſch geſetzt und durchflog die Zahlenreihe, während Jungfer Marga⸗ rethe ſehr dicht neben ihm ſtand, ihre Hand aufgeſtützt hatte und ihm über die Schulter ſah. „Dieſe Rechnung iſt richtig,“ ſagte er, mit einem leich⸗ ten Seufzer aufſchauend, und da er ſich hierbei ein wenig emporrichtete, ſo konnte es nicht fehlen, daß er ſie mit ſeiner Schulter ſtreifte;„bitte aber, ſelbſt noch einmal 42 Elftes Kapitel. nachzuſehen: zwei und zwei ſind vier und acht ſind zwölf und ſieben ſind neunzehn und fünf ſind vierundzwanzig — behalte zwei— zweiundfünfzig von dem anderen Zet⸗ tel dazu machen ſechsundſiebenzig, und nun einen Kuß dazu, ſüße Margarethe, ſo haben wir einen Gulden vier⸗ undzwanzig Kreuzer.“ „Pfui, Herr Steffler, Sie können Ihre ſchlechten Witze niemals laſſen und ſind wirklich ein gefährlicher Menſch, der darauf ausgeht, ein unerfahrenes Mädchen ins Ge⸗ rede zu bringen!“ 3 „Das ſagen Sie nicht im Ernſte, Margarethe— Sie wiſſen, wie gut und zart ich für Sie denke!“ „Bei einem ſolchen Verlangen hier in der offenen Halle!“ „O, mein liebes Kind, die Fenſter ſind vor Staub ſo blind, als man es nur wünſchen kann, und ich kenne kein heimlicheres Winkelchen als dieſen Verſchlag.“ „Das haben Sie wahrſcheinlich ſchon oft erprobt?“ „Jetzt, Margarethe, ſage ich„pfui“ und ſetze mit Entrüſtung hinzu: das iſt nicht dein Ernſt!“ „Und wenn der Herr Amtsdiener Sprandel herein⸗ tritt, ſo fällt ſein erſter Blick hierher— ich kenne das.“ „Aber er wird nicht hereintreten— ſei geſcheit, liebes Kind!“ „O, ich bin ſehr geſcheit!“ Elftes Kapitel. 43 „Aber ſchlechte Zahlen machſt du— ich glaube, ich habe mich doch geirrt; ſoll das hier ein Vierer ſein oder am Ende ein Siebener? Sieh' einmal genau hin— noch näher— ſo iſt es recht.“ „Schämen Sie ſich, Herr Steffler, ſo meine Argloſig⸗ keit und Unſchuld zu mißbrauchen! Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich gewiß nicht hieher gekommen, über⸗ haupt. „Was überhaupt, meine herzige Margarethe?“ „Ueberhaupt ſpricht man ſchon im Hauſe davon, daß Sie ſich ſo oft in der Nähe unſeres Hauſes ſehen laſſen, und der Kutſcher hat neulich behauptet, er habe es ganz deutlich geſehen, wie Sie an der Ecke auf mich gewartet.“ „Nun, und was weiter?“ „Was weiter? Sie haben gut fragen— meinen Sie denn, man fange ſo mir nichts dir nichts eine Liebſchaft an, ohne ſolide Ausſichten zu haben?“ „Das meine ich gewiß nicht, mein liebes Kind; ich habe dir ſchon geſagt, daß ich die beſten Ausſichten habe.“ „Und doch bleiben Sie hier auf dieſer kleinen Stelle, im ſtändigen Verkehr mit den dummen Marktweibern da draußen— das gefällt mir durchaus nicht.“ Sie ſagte das in einem etwas ſchnippiſchen Tone. „Alles hat einen Uebergang, wie ſchon der ſelige Fuchs bemerkte, als man ihm das Fell über die Ohren 44 Elftes Kapitel. zog— aufgeſagt habe ich, und wenn nicht der Markt⸗ meiſter, wie du wohl weißt, krank wäre, ſo würde ich gleich am anderen Tage ausgetreten ſein.“ „Und du wirſt deine Anſtellung bekommen?“ „Das iſt ſo gut, wie ſicher, und zwar eine ſehr re⸗ ſpektable Anſtellung, meinen Fähigkeiten entſprechend, in der Staatsdruckerei, auf dem Bureau der Staatsbank⸗ noten.“ „Und dann?“ „Dann, meine ſüße Margarethe, brauche ich nicht mehr Adends um euer Haus herumzuſchleichen; du kannſt alsdann deine Liebe zu mir offen und frei geſtehen.“. „Nein, Sie ſind wirklich unausſtehlich, Herr Steffler,“ ſchmollte das hübſche Dienſtmädchen, indem es ihn auf die Finger ſchlug,„und dabei ſind Sie von einer fürchter⸗ lichen Einbildung! Laſſen Sie jetzt Ihre Kindereien gehen, und Sie meinen wohl, es ſei etwas Rechtes, Ihre Liebe, und ich müßte mich ſehr geehrt fühlen, dieſelbe laut und öffentlich erklären zu können? Sagen Sie mir lieber et— was Vernünftiges von Ihren ſoliden Ausſichten.“ „Als Angeſtellter der Staatsdruckerei habe ich mehr als genügendes Auskommen.“ „Iſt dieſe Anſtellung ſo gewiß?“ „Wie der Tag ſcheint; obgleich ich in dem Herrn von Rivola einen mächtigen Fürſprecher beſitze, ſo habe ich Elftes Kapitel. 45 das Ganze doch mir ſelbſt zu verdanken, was auch ſchon etwas werth iſt. Herr von Rivola wurde zufällig auf mein Zeichen⸗ und Gravirtalent aufmerkſam; er iſt ein großer Kunſtkenner, und da er mich ſogleich richtig er⸗ kannte, ſo war es ihm bei ſei ſeinen großen Connexionen ein Leichtes, mich zu einer guten Stelle vorzuſchlagen. Ich beſorgte auch kleine Arbeiten für ihn, wofür er mich ſo außerordentlich belohnte, daß ich ſchon mit Recht der An⸗ ſicht ſein kann, daß in mir etwas ganz Beſonderes ſteckt; wenn ich freilich im Verhältniß danach beſtändig bezahlt würde, ſo könnte ich es noch zu einem Millionär bringen.“ „Ich glaube, Sie ſchneiden ein wenig auf, Herr Steffler.“ „Ganz und gar nicht, mein liebes Kind; ſo hundert Gulden für eine ganz kleine Arbeit und noch ein tüchtiges Geſchenk für meine zukünftige Einrichtung, und das für eine Arbeit, die ich, unter uns geſagt, an einem einzigen Sonntagmorgen zu Stande brachte!“ „Was war denn das für eine Arbeit?“ „Man kann es eigentlich nicht einmal eine Arbeit nennen; es war nur eine Probe, damit ſie in der Staats⸗ druckerei ſehen können, daß ich ein ſcharfes Auge und eine ſichere Hand habe.“ „Wiſſen Sie auch, lieber Franz, daß ich ebenfalls für Sie gearbeitet habe?“ 46 Elftes Kapitel. Der Steuerſchreiber ſah ſie fragend an. „Neulich ſprach ich einmal mit der Frau Stadtſchult⸗ heißin, daß wohl die Zeit kommen könne, wo ich mich gern verändern möchte.“ „So, du möchteſt dich verändern?“ „Nun ja— wenn— Sie wiſſen das ja“— bei die⸗ ſen Worten ſpielte Jungfer Margarethe mit einer affectir⸗ ten Verlegenheit an ihren Schurzbändern,—„und ſagte das auch der Frau Stadtſchultheißin, nannte dabei Ihren Namen und ſetzte hinzu, daß der Herr Baron von Rivola Ihnen eine gute Anſtellung verſchaffen wolle, worauf die Frau Stadtſchultheißin erwiederte:„Ja, in dieſem Falle kannſt du ſchon ruhig ſein, denn wenn der Herr Baron von Rivola Jemanden protegirt, ſo muß dieſer Jemand⸗ — nein, ich ſag' es doch nicht, du biſt ſo ſchon eitel genug!“ „So muß dieſer Jemand etwas Rechtes ſein,“ hat ſie geſagt, ergänzte der Steuerſchreiber— o, ich weiß genau, was in mir ſteckt!“ „Laſſen Sie Ihre Kindereien, da kommt der Herr Amtsdiener zurück; geben Sie mir meine Rechnung.“ „Hier, Jungfer Margarethe,“ ſagte Herr Steffler, in⸗ dem er, ſcheinbar mit großer Ruhe, nochmals die Zahlen⸗ reihe überflog und dann dem hübſchen Dienſtmädchen das Papier einhändigte, welches es dankend empfing, dann Herrn Sprandel einen Knix machte und hierauf mit ſo Elftes Kapitel. 47 koketter Bewegung, als es ihr nur möglich war, die Halle verließ. Der Amtsdiener hatte bei ſeinem Eintreten raſch einen lauernden Blick hinter den Verſchlag geſandt und ſagte nun, als ſich Jungfer Margarethe entfernt hatte:„Das hat lange genug gedauert— ich möchte nur wiſſen, was die Frau Stadtſchultheißin denken würde, wenn ſie erführe, daß ihr Dienſtbote hier eine förmliche Auflage hielte; doch mir kann es gleichgültig ſein, in jeder Beziehung gleich⸗ gültig.“ Er ging bei dieſen Worten quer durch die Halle, öff⸗ nete einen dort befindlichen Wandſchrank, aus dem er eine große Laterne nahm, deren Lampe er mit einem Schwefel⸗ hölzchen anzündete; dann rückte er ſeine Mütze feſter in die Stirn, blies die Backen auf und verließ das Gemach durch eine Thür, die ſich hinter der großen Treppe befand und die zu öffnen ihm einige Mühe koſtete. Herr Steffler, der durchaus keine Luſt mehr verſpürte, ſeine doch nun bald ganz beendigten Geſchäfte für den er⸗ krankten Marktmeiſter heute Morgen, da es ohnehin ſchon ſtark auf Mittag ging, fortzuſetzen, klappte ſein Buch zu, nahm ſeinen Hut und ſchloß den Verſchlag hinter ſich ab. Er ſtand ſchon unter der Eingangsthür, um die Halle zu verlaſſen, als er von oben Jemand die Treppe herab⸗ kommen und, ſich umwendend, den Stadtchultheißen ſah, der mit einem jungen Manne in eifrigem Geſpräche die Stufen 48 Elftes Kapitel. niederſtieg und, ohne ihn zu bemerken, mit dieſem durch dieſelbe Thür ging, durch welche ſoeben der Amtsdiener mit ſeiner leuchtenden Laterne verſchwunden war. Daran war nun durchaus nichts Auffallendes; jene Thür führte zu dem Rathhauskeller, in welchem der Stadtſchultheiß wahrſcheinlich irgend etwas in Augenſchein nehmen wollte, vielleicht eine bauliche Veränderung, denn er erinnerte ſich dunkel, den jungen Mann auch ſchon irgendwo geſehen zu haben— richtig, bei ſeinem Freunde, dem Friſeur Fritz, welcher geſagt, der junge Mann ſei ein Baumeiſter, In⸗ genieur oder dergleichen. Herr Steffler zog, auf der Treppe ſtehend, ſeine Hand⸗ ſchuhe an und ging von dannen, um in der Nachbarſchaft noch einen kleinen Beſuch zu machen. Die Treppe, welche von der Halle in den tiefen Rath⸗ hauskeller führte, war breit, etwas ſchlüpfrig zwar, aber nicht ſo dunkel, daß man ein Licht gebraucht hätte, weß⸗ halb der Amtsdiener mit ſeiner Laterne hinabgeſtiegen war, um unten auf die ihm folgenden beiden Herren zu warten. „Das iſt ein ſchönes Gewölbe,“ meinte der Ingenieur Welden, nachdem er mit dem Stadtſchultheißen angekom⸗ men und den aus dicken Quadern erbauten Kreuzbogen aufmerkſam betrachtete; es wäre eine Freude, wenn man heutzutage noch ſo bauen dürfte. Dort in jener Ecke muß Elftes Kapitel. 49 nach dem alten Plane, den ich genau durchgeſehen, die fragliche Thür ſein.“ „Ja, dort iſt ſie, und hier der Schlüſſel,“ ſagte der Stadtſchultheiß—„leuchten Sie dorthin, Sprandel.“ Der Ingenieur nahm den Schlüſſel und drehte ihn nicht ohne große Kraftanſtrengung in dem Schloſſe herum, wobei er bemerkte:„Das iſt lange nicht gebraucht worden.“ Es war eine ſchwere, kunſtlos gearbeitete, aber ſehr feſte eiſerne Thür, vor welcher nun die Drei ſtanden, der Amtsdiener mit hoch erhobener Laterne, deren Lichtſchein in einen unterirdiſchen Gang ſehen ließ, welcher hier be⸗ gann und aus welchem eine modrige, allerdings etwas übel riechende Luft herausdrang. Welden nahm die Laterne aus der Hand des Amts⸗ dieners, und nachdem er die Thür aufgedrückt, die ſich kreiſchend in ihren Angeln drehte, ging er ohne Weiteres voran; ihm folgte der Stadtſchultheiß, nachdem er Herrn Sprandel bedeutet, ihn oben in der Halle zu erwarten. „Iſt der Weg hier eben, oder gibt es Stufen?“ fragte der Ingenieur. „Ganz eben, nur läuft der Gang, der Straße folgend, wie Sie finden werden, ein wenig aufwärts.“ Langſam weiter ſchreitend, beleuchtete Welden die Wände ſowie die Decke des feſtgebauten Gewölbes und Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. II. 4 50 Elftes Kapitel. ſagte:„Das iſt ebenfalls in einer Zeit erbaut, wo man weder an Steinen noch an Zeit zu ſparen pflegte— ſchade darum, daß dieſer Gang, wie Sie mir ſagten, auf der Seite der jetzigen Hauptwache verſchüttet worden iſt; er würde noch Jahrhunderte allem Gewichte trotzen, das man für gut fände, auf ihn zu laden.“ „Und er hat nicht einmal viel zu tragen, denn er folgt meiſt den Straßen und geht nur kurz vor ſeinem Ende unter einem Häuſerquadrat durch, iſt auch wahr⸗ ſcheinlich der größeren Sicherheit wegen dort verſchüttet worden.“ „Wie das zuſammengefügt iſt und mit Sorgfalt ge⸗ arbeitet!“ Und ſo war es auch in der That; die Quadern, welche man zu dem Baue benutzt hatte, von feſtem Stein und ſo regelmäßig behauen, daß die Fugen heute, nach vielen hundert Jahren, noch wie mit dem Lineal ge⸗ zogen erſchienen und kaum zu bemerken waren. Die Luft hier war dick und warm, doch nicht ſo, daß ſie das Athmen beſchwerlich gemacht hätte. Von dem Geräuſche des täglichen Verkehrs oben ſowie von dem in den rechts und links anſtoßenden Kellern hörte man nur wenig, zu⸗ weilen das Rollen eines Wagens, hier und da auch ein dumpfes Klopfen und Hämmern. „Ich hatte mir den Gang viel verfallener gedacht,“ ſprach Herr Welden, nund von dem Geſichtspunkte aus⸗ Elftes Kapitel. 51 gehend, wäre ich ganz mit Ihnen einverſtanden geweſen, auch die eine Mündung im Rathhauskeller zu vermauern, wie es mit der anderen bei der Hauptwache ſchon vor langen Jahren geſchehen; wie ich aber jetzt die Con⸗ ſtruction des Gewölbes finde, ſo wäre es eigentlich ſchade, ihn gänzlich unzugänglich zu machen, es gibt Architekten genug, die hier an den Steinſchnitten des Ge⸗ wölbes etwas lernen können— doch was haben wir hier? Ah, eine Biegung des Ganges und an der runden Ecke derſelben ein viel lockereres Mauerwerk, als wir bisher geſehen— betrachten Sie das, Herr Stadtſchult⸗ heiß.“ „Ich weiß wohl, wir ſind hier an der Ecke der Bären⸗ und Glockengaſſe, und die Rundung, welche wir hier haben, ſind die Fundamente des alten Thurmes, der dem Herrn Baron von Rivola gehört.“ „Richtig, den Thurm, welchen er, wie Sie mir ſagten, der Stadt ſchon verſchiedene Male zum Kaufe angeboten hat. Warum erwerben Sie dieſes intereſſante Bauwerk nicht? Sie könnten es zu einem ſtädtiſchen Archive oder dergleichen benutzen, ließen den Eingang, der hier un⸗ ſtreitig in den Thurm führte, wieder herſtellen und hätten alsdann eine unterirdiſche Verbindung mit dem Rath⸗ hauſe, die für mancherlei Fälle wohl zu benutzen wäre.“ „Daß hier ein Eingang war,“ fuhr Welden nach einer Pauſe fort, während welcher er die Mauer mit der 52 Elftes Kapitel. Laterne aufs ſorgfältigſte beleuchtete,„daran iſt nicht zu zweifeln; ſieht man doch deutlich hier die Thüreinfaſſung roh in Stein gehauen und bemerkt eben ſo genau, daß die Steine, welche die Oeffnung jetzt verſchließen, in ſpä⸗ terer Zeit, und zwar mit ſehr wenig Sorgfalt eingefügt worden ſind.“ „Ich wußte das wohl, auch ſprechen ſchon die alten Chroniken davon, daß jener Thurm unter der Erde mit dem damaligen Jagdſchloſſe in genauer Verbindung ſtand durch dieſen Gang, der dann weiter fort in einen alten Steinbruch führte, wo jetzt bie Hauptwache ſteht; zu welchem Zwecke, iſt nicht angegeben.“ „Vielleicht zu ganz verſchiedenen Zwecken, um ein Schlupfloch offen zu halten und, was dieſen Thurm an⸗ belangt, irgend einen ſicheren Aufbewahrungsort zu haben, ſei es für Schätze, ſei es für Gefangene, und es wäre eine ſehr dankbare Aufgabe, ihn gewiſſermaßen als Schatzkammer wieder herzuſtellen; ſo viel ich weiß, fehlt es Ihnen doch an Platz für Ihre Akten und Archive, und ich hätte ſchon lange gewünſcht, daß die prächtigen Schränke in Ihrem ſchönen NRathhausſaale zu anderen Zwecken benutzt würden, als um vergilbte Papiere dort aufzubewahren.“ „Ihr Gedanke gefällt mir in der That, und wenn man den Gang von hier aus, wo er allerdings nicht mehr ſo feſt und mit Steinen und Schutt ausgefüllt iſt, Elftes Kapitel. 53 wenn man ihn gerade hier hinter dem Thurme mit einem ſoliden Mauerwerke verſchlöſſe, ſo würde man ſicher auch die von weiter her dringenden übeln Gerüche abſchneiden. Wir könnten noch einige Schritte vor⸗ dringen, und dann würden Sie gleich ſehen, wie dort das Mauerwerk unhaltbar und zerklüfteter iſt.“ „Ich begreife das— der ſolid conſtruirte Gang zwiſchen Thurm und Jagdſchloß war ihnen die Haupt⸗ ſache.“ „Ganz richtig; weiterhin ſteht er durch Schachtlöcher mit einigen Häuſern in Verbindung, durch welche die Begwohner, allerdings gegen die Vorſchrift, Aſche und Kehricht hinabſchütten.“ „Wenn es Ihnen recht iſt, gehen wir doch noch ein paar Schritte vorwärts,“ ſagte der Ingenieur—„doch halt— bitte, Herr Stadtſchultheiß, bleiben Sie einen Augenblick ſtehen— hören Sie hier nicht ein eigenthüm⸗ liches Geräuſch?“ „Nichts Beſonderes, Fußtritte droben und das ent⸗ fernte Rollen eines Wagens.“ „Nein, nein, das iſt es nicht— warten wir einen Augenblick, bis es über uns in der Straße wieder ſtill geworden iſt— jetzt hören Sie.“ 3 „In der That, Sie haben Recht— was kann das ſein?“ „Etwas wie das Rad einer Maſchine, das ſich ein 52 Elftes Kapitel. paar Mal herumdreht und dann jedes Mal ſtill gehalten wird. Iſt hier in der Nähe irgendwo die Werkſtätte ein Kupferdruckers?“ „Daß ich nicht wüßte.“ „Oder eines Lithographen?“ „Auch nicht; hier herum gibt es nur Krämer, Metzger, Bäcker und dergleichen Gewerbsleute. Das Geräuſch könnte ja auch von einem Spinnrade her⸗ kommen.“ „Der Faden der Spinnerin müßte ſehr regelmäßig abreißen,“ meinte Welden kopfſchüttelnd;„treten Sie ein wenig näher zu mir, hier hören Sie es deutlicher.“ Er hielt die Laterne hoch empor, um oben das Ge⸗ wölbe zu beleuchten, und dann ließ er den Schein des Lichtes langſam an der feuchtglänzenden Mauer herab⸗ gleiten bis zu der ſchlecht vermauerten Oeffnung in dem runden Thurme. „Wenn Sie ſich etwas niederbeugen wollen,“ ſagte er alsdann,„ſo hören Sie es am deutlichſten.“ „Ach ja,“ erwiederte der Stadtſchultheiß, nachdem er eine Zeit lang an der Mauer gehorcht,„das Geräuſch ſcheint in der That aus dem Thurme des Herrn von Rivola zu kommen; vielleicht daß ſein alter Diener, der ehemalige Schloſſer, ſich mit der Drehbank ſeines Herrn zu ſchaffen macht?“ „Ach, das könnte ſein! Ja, ja, das Geräuſch klingt —ͤ — Elftes Kapitel. 55 ſo, als wenn ein widerſpenſtiges Rad nach verſchiedenen Seiten probirt wird, um es wieder in Gang zu bringen. Jetzt hat das Geräuſch ganz aufgehört; ich habe es mir immer zur Richtſchnur genommen, über irgend etwas Ungewöhnliches, das ich beſonders zur Nachtzeit höre, ſo lange nachzudenken oder, wenn es möglich iſt, das⸗ ſelbe zu unterſuchen, bis ich zu irgend einer genügenden Erklärung gelange. Wenn das Jeder thäte, gäbe es keine Geiſtererſcheinungen mehr.“ „Dazu fehlt aber Manchem Ihre Umſicht oder Ihr Muth, mein lieber Herr Welden. Hier iſt es jedoch ſicher der alte Friedrich geweſen; wenn ich ihn wieder ſehe, will ich ihn darum befragen. Laſſen Sie uns aber jetzt noch einige Schritte weiter vordringen, damit Sie ſehen, wie ſich die Conſtruktion des Ganges hier endet.“ „Ach ja, auffallend ſchlecht! Wie ich ſchon vorhin ſagte, es iſt meine Anſicht, daß es meinen Collegen von dazumal hauptſächlich darum zu thun war, die Verbin⸗ dung zwiſchen Thurm und Rathhaus wahrſcheinlich für den täglichen Verkehr im Stande zu halten; mit dem weiteren Gange mußte man ſich für gewiſſe Fälle ſo gut als möglich behelfen.“ „Das hier iſt allerdings recht ſorglos zuſammenge⸗ fügt, und hier dicht am Rivola'ſchen Hauſe ſehen Sie einen jener Schachte, von denen ich vorhin ſprach. Wie hier Kehricht und Aſche zu einem tüchtigen Haufen an⸗ Elftes Kapitel. gewachſen ſind! Ich muß denen da oben wieder einmal die Polizeivorſchrift auffriſchen laſſen.“ Welden hatte mit ver Laterne gegen den Boden ge⸗ leuchtet, wo ſich allerdings ein tüchtiger Haufen von Ab⸗ fall aller Art und Aſche befand; jetzt beugte er ſich tief hinab und betrachtete etwas, das ſich glänzend aus dem grauen Staube hervorhob. „Was haben Sie da?“ „Wenn ich nicht irre, ein Stückchen geſchmolzenen Kupfers, förmlich einen Tropfen bildend; man ſollte glau⸗ ben in der Nähe einer Galmeiſchmelze zu ſein, gerade ſo tropft das Metall aus dem Steine.“ 3 „Sehen Sie wohl, wie intereſſant es iſt, dieſen alten Gang zu unterſuchen,“ meinte lächelnd der Stadtſchultheiß. „Da haben wir ſchon ein paar wichtige Entdeckungen ge⸗ macht; wer weiß, was wir fänden, wenn wir noch weiter fortſchritten! Doch habe ich Ihre Zeit und Geduld ge⸗ nugſam in Anſpruch genommen, kann Ihnen auch weiter nichts mehr zeigen.“ Welden hatte das Stückchen geſchmolzenen Kupfers zwiſchen den Fingern gerieben und dann eigentlich ganz abſichtslos in die Weſtentaſche geſchoben. Hierauf be⸗ trachtete er noch einen Augenblick die Steine und Erd⸗ maſſe, welche ſich allerdings hier jedem weiteren Vor⸗ dringen widerſetzten, und ſagte alsdann:„Ich muß meinen Vorſchlag von vorhin wiederholen, den alten Thurm zu 4 Elftes Kapitel. 57 kaufen und hier eine ſolide Mauer aufzuführen. Denken Sie nur, Herr Stadtſchultheiß, was das für ein Rettungs⸗ weg wäre bei einem Brande oder dergleichen! Und dann eignet ſich der alte Thurm mit ſeinen rieſenhaften Mauern wie gar nichts Anderes zu einem ſtädtiſchen Archiv.“ Der Stadtſchultheiß ging dem Anderen ſchweigend voraus durch den alten Gang zurück; Welden ſchloß die alte Gitterthür nicht ohne einige Mühe wieder zu und ſagte dabei:„Wenn Sie mir den Schlüſſel anvertrauen wollten, ſo würde ich dieſes ſchöne, aber verroſtete Schloß einmal nachſehen laſſen; das müßte bei guter Behandlung wie ein Uhrwerk gehen.“ „Thun Sie das, mein Lieber, und wenn Sie noch einen Augenblick Zeit für mich haben, ſo bitte ich Sie, mich nach oben zu begleiten.“ Neben dem Rathhausſaale hatte der Stadtſchultheiß ein kleines, aber behagliches Arbeitszimmer, wo er den jungen Ingenieur zum Sitzen einlud und, als dieſer das dankend ablehnte, mit ihm auf und ab ging. „Das, was Sie mir vorhin vorſchlugen, ſcheint mir als außerordentlich zweckmäßig. Der Herr Baron von Rivola äußerte ſchon einige Mal die Abſicht, den Thurm und das Haus verkaufen zu wollen; auch war der ver⸗ langte Preis, ohne gerade gering zu ſein, doch auch nicht übermäßig, und wir haben hier im Rathhauſe ſo wenig Platz, daß es ſchon ſehr erwünſcht wäre, in der Nähe 58 Elftes Kapitel. einen ſolid gebauten Raum für Archiv, Magazin und der⸗ gleichen zu haben, ſowie auch noch ein paar Schreibſtuben für ſolche Geſchäftszweige, die gerade nicht unmittelbar hier im Rathhauſe zu ſein brauchen. Sie wiſſen, mein lieber junger Freund, daß ich neulich in der Gemeinde⸗ rathsſitzung recht tüchtig mit meinem Antrage auf Zu⸗ mauern des Ganges überſtimmt wurde; nun meinen aller⸗ dings meine Freunde, ich ſolle mich daran nicht kehren, und ich glaube, Sie machten neulich bei meinem Balle den Vorſchlag, weder Gitterthür noch Oeffnung zuzu⸗ mauern, ſondern dahinter ein ſolides Mauerwerk aufzu⸗ führen.“ „Nein, nein; Herr von Rivola ſagte ſo, und fand ich damals dagegen nichts einzuwenden. Heute aber, wo ich den Gang geſehen, faßte ich eine andere Anſicht.“ „Und Ihre Anſicht iſt ganz vortrefflich; ich werde vor den Gemeinderath hintreten und werde ihm ſagen: Meine Herren und Collegen....“— der Stadtſchultheiß legte bei dieſen Worten ſeine rechte Hand auf die Bruſt— „Sie haben neulich meinen Antrag verworfen, und ich habe mich dem Beſchluſſe des verehrlichen Collegiums ſo gern und willig gefügt, daß ich ſogar nach reiflicher Ueberlegung auf den Gedanken gekommen bin, den Gang, der nach Ihrem Beſchluſſe erhalten bleiben ſoll, für das Allgemeine nützlich zu machen, indem— und ſo weiter und ſo weiter. Ich ſchmücke mich dabei mit fremden 1 8 Elftes Kapitel. 59 Federn,“ ſetzte er mit einer verbindlichen Verbeugung gegen Welden hinzu,„doch werden Sie mir ſchon er⸗ lauben, mir auf dieſe Art Ihre vortreffliche Idee anzu⸗ eignen.“ „Gewiß.“ „Und noch eine weitere Bitte erfüllen. Wenn ich mich auch ſelbſt der Freundſchaft des hochverehrten Mannes, des Herrn Barons von Rivola rühmen darf, ſo möchte ich doch nicht gern in meiner Eigenſchaft als Stadtſchult⸗ heiß ihn um den Preis ſeines Hauſes fragen; die ſtädti⸗ ſchen Mittel ſind etwas beſchränkt, und in dieſem Punkte iſt mit großen Herren am allerſchlechteſten Kirſchen eſſen. Sie aber, mein verehrter Freund, ſtehen ihm nicht nur näher, als ich— ich weiß, Sie ſind Hausfreund in Eichenwald— bitte, bitte, ſo oft ich im Herbſte draußen war, ſah ich, daß man Sie wie zur Familie gehörig be⸗ trachtete, ja, ſogar die Baronin— doch gehen wir dar⸗ über hinweg. Sie können dem Baron begreiflich machen, daß uns der alte Thurm allerdings ſehr nützlich wäre und daß er gerade in Betracht unſerer beſchränkten Mittel wohl ein gelindes Opfer bringen könnte, um der Stadt die Anſchaffung dieſes kleinen, ihm doch ſo entbehrlichen Anweſens möglich zu machen. Sehen Sie, mein lieber junger Freund,“ fuhr der Stadtſchultheiß fort, indem er Welden ſeine beiden Hände darreichte,„wenn ich vor den Gemeinderath hintreten könnte, um meinen oft ſo miß⸗ — 60 Elftes Kapitel. günſtigen und widerhaarigen Collegen zu ſagen: So fügt ſich der Stadtſchultheiß in eure Beſchlüſſe; nicht nur, daß er ſeine eigene Idee, die Zumauerung des alten Ganges, bereitwilligſt aufgab, nein, er that noch mehr, um euren Wünſchen gefällig zu ſein, er will dieſen beſagten Gang ſogar wieder herſtellen, um ihn in Verbindung zu bringen mit einem Denkmale alter Zeit, für das wir nützliche Verwendung haben und welch' altehrwürdiges Denkmal er für euch um den Spottpreis von ſo und ſo viel er⸗ handelt hat— ich glaube, ein alter Römer hätte nicht mit größerer Selbſtverläugnung handeln können.“ „Ganz meine Anſicht,“ gab Welden zur Antwort, während ein leichtes Lächeln über ſeine ſonſt ernſten Züge flog;„und um dieſer Selbſtverläugnung willen werde ich alles Mögliche thun, um von Herrn von Rivola in der That einen Spottpreis zu erlangen.“ „Gott lohne es Ihnen! Seien Sie aber meiner vollen Dankbarkeit gewiß, und wenn Sie einmal— was nicht mehr lange dauern kann— als Mitglied des Rathes in den Saal hier nebenan eingeführt werden, ſo werde ich das als die glücklichſte Zeit meiner Amtsfüh⸗ rung betrachten, und was ich dazu beitragen kann...4 Jetzt lächelte der junge Ingenieur in der That aufs herzlichſte. Gewiß mochte ihm die Ausſicht, einſtens an dem großen, grünen Tiſche ſo viel leeres Stroh mit⸗ dreſchen zu helfen, nicht gerade als das glänzendſte Ziel 2 Elftes Kapitel. 61 ſeiner Wünſche erſcheinen. Dem Stadtſchultheißen ſchützte er allerdings ſeine Jugend und Unerfahrenheit im Ge⸗ ſchäfte vor, worauf dieſer ihm wohlwollend die Rechte auf die Schulter legte und in einem ſehr ernſten Tone er⸗ wiederte: „Ihre Jugend, mein lieber Freund, würde der Stolz Ihrer Eltern ſein, wenn dieſe das Glück gehabt hätten, Ihre glänzenden Erfolge zu erleben. Könnte ich von meinem Ferdinand dasſelbe ſagen! Verzeihen Sie mir, daß ich dieſen Schatten in unſere Unterhaltung bringe, aber es iſt ein Schatten, der mein Leben verbittert und über den Sie mir vielleicht ein paar Worte erlauben werden— Sie ſind ja auch ein Bekannter meines Sohnes.“ Welden verbeugte ſich mit einem leichten Achſelzucken. „O, ich verſtehe dieſe Miene! Ich wollte auch eigent⸗ lich nur ſagen: Sie kennen ihn, Sie ſehen ihn auch zu⸗ weilen, obgleich Sie ein paar Jahre älter ſind. O, wenn es Ihnen ſchon deßhalb möglich wäre, hier und da ein vernünftiges Wort mit ihm zu reden! Er ſchlägt ſo ganz aus der Art, daß ich zuweilen förmlich erſchrocken bin, wie ein ſolcher Verſchwender in unſere Familie hinein⸗ gerathen konnte.“ „Ferdinand iſt allerdings etwas luſtig, doch ſonſt ein in jeder Beziehung anſtändiger junger Mann; ich würde Elftes Kapitel. gewiß ſeinen Umgang nicht vermeiden, wenn ich mehr freie Zeit hätte.“ „Davon hat er viel zu viel, das iſt gerade das Un⸗ glück.“ „Auch erlauben mir meine Mittel nicht, kleine, oft an⸗ genehme und gewiß unſchuldige Thorheiten mitzumachen.“ „Was nennen Sie ſeine Mittel? Das allerdings reichliche Taſchengeld, welches ich ihm gebe, und dazu das Andere, das ihm ſeine Mutter heimlich zuſteckt— ich wollte nicht davon reden, aber ich fürchte, er macht Schulden, bedeutende Schulden.“ „Sollte Ihnen das verſchwiegen bleiben?“ „Vollkommen; und deßhalb fürchte ich, er iſt in die Hände von Wucherern gefallen. Man weiß, daß ich einiges Vermögen beſitze, und iſt der Anſicht, der Stadt⸗ ſchultheiß könne doch unmöglich den eigenen Sohn in den Schuldthurm ſperren laſſen— es wäre darin etwas von einem Brutus, aber ich danke dafür! Nun weiß ich, Ferdinand hat einen ziemlichen Reſpekt vor Ihnen, eben ſo wie manche der jungen Leute, die er ſeine Freunde nennt, ſo der kleine Beſenbach, der mit dem rothen Barte.“ „Ah, ich kenne ihn!“ „Thun Sie es einem beſorgten Vater zu Liebe, Herr Welden, und ſagen Sie es mir, wenn Sie etwas in dieſer leidigen Angelegenheit erfahren, Ich weiß, daß er Elftes Kapitel. 63 namentlich in allerletzter Zeit Summen ausgibt, die mich erſchrecen. Summen für jenes gefährliche Kleeblatt: Wein, Spiel und Liebe! Seien Sie meiner Dankbarkeit und Verſchwiegenheit gewiß und überzeugt, daß ich zu allen Gegendienſten bereit bin.“ „Vielleicht iſt das ſchwer zu erfahren, vielleicht auch ohne große Mühe, und da ich überzeugt bin, daß Sie, Herr Stadtſchultheiß, Ihrem Sohne ſtets ein gütiger Vater ſein werden, ſo will ich Ihnen gern Mittheilung darüber machen, wenn ich zufällig etwas erfahre— zu⸗ fällig, denn dem nachzuforſchen, wird ſich nicht gut thun laſſen.“ „Was ich vollkommen begreife,“ ſagte der Stadt⸗ ſchultheiß und ſetzte mit einem herzlichen Ausdrucke in Blick und Miene hinzu:„Verzeihen Sie mir, daſi ich Ihnen alſo mit zwei wichtigen Aufträgen beſchwerlich ge⸗ worden bin, unſeren gemeinſchaftlichen Freund, den Frei⸗ herrn von Rivola betreffend, und die Quelle, aus welcher mein ungerathener Sohn das Geld für ſeine Schulden ſchöpft— allerdings zwei ganz entgegengeſetzte Dinge.“ Zwölftes Kapitel. Welden hatte das Rathhaus verlaſſen und ging über den hart gefrorenen Schnee nach der oberen Stadt. Es war gegen die Mittagszeit, was man an der größeren Stille des gewerblichen Stadtviertels, von dem er ſoeben herkam, wohl bemerkte; denn hier waren die Werkſtätten und kleineren Läden für eine oder zwei Stunden ge⸗ ſchloſſen, ebenſo die Comptoirs und Bureaux, und alle, die von der Frühe bis zwölf Uhr gearbeitet hatten, ge⸗ noſſen der verdienten Ruhe zwiſchen ihren vier Pfählen. Anders war es dagegen in der oberen Stadt, wo ſich in den breiten Straßen, hervorgelockt von dem glänzenden Sonnenſcheine, zahlreiche Spaziergänger hin und her be⸗ wegten, um den klingenden Schlitten mit den reich ge⸗ ſchirrten Pferden zuzuſchauen. Welden blieb häufig ſtehen, um hier und da ein paar Zwölftes Kapitel. 65 Worte mit einem Bekannten zu wechſeln oder um eben⸗ falls dem bunten Treiben auf der Schneebahn zuzuſchauen. Hier war aber auch alles ans helle Tageslicht gezogen, was von Schlitten während der wärmeren Jahreszeit auf Söllern und in dunklen Magazinen von dieſer nur zu kurzen Schmetterlingszeit zu träumen pflegte, und gerade ſo, wie während der Sommerszeit die bunt geflügelten Tagesfalter über die grünen Wieſen oder am Ufer des Baches dahinflattern, ſo ſchoſſen jetzt die Schlitten in allen Geſtalten und Farben hin und wieder auf der weiß⸗ glänzenden Schneefläche. Da bemerkte man neben neueren, eleganteren Schlitten alte in den phantaſtiſchſten Geſtal⸗ tungen, ausgehöhlte Löwen und Bären, dort einen rieſen⸗ haften Schwan, hier in Muſchelform, ähnlich dem Wagen der Schaumentſtiegenen, nur war der Inhalt weniger ſchön und begehrlich. Auch Pelze in allen Formen brü⸗ ſteten ſich vom einfachen Rehfelle bis zur ſchwarzen Bären⸗ decke, die, in rother und goldener Einfaſſung koketter Weiſe rechts und links zu beiden Seiten des Schlittens tief herabhangend, mit ihren Quaſten und Troddeln den Schnee ſchleifte, und dazu hundertfach vielſtimmiges Ge⸗ klingel und das Knallen der Peitſchen. Welden ſah ſich nach einer ſtilleren Seitenſtraße um, denn er hatte dieſes Getreibes genug, nachdem er es eine Viertelſtunde betrachtet; doch hielt ihn noch das jetzt auf⸗ Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. II. 5. 66 Zwölftes Kapitel. fallende Zuſammenſtrömen der Zuſchauer am Rande des breiten Trottoirs. Ah, da kam der Hof mit der höchſten Geſellſchaft in einigen zwanzig Schlitten! Allerdings ein prächtiger An⸗ blick, die feurigen, herrlichen Pferde mit dem bunt ver⸗ zierten Geſchirre, Federbüſche auf den Köpfen, die koſt⸗ baren Pelzdecken, die Schlitten ſelbſt in ſtrotzender Ver⸗ goldung, Stallmeiſter und Vorreiter voran und zu beiden Seiten, alles das begleitet von einem wahrhaft betäuben⸗ den Geklingel, und die Herren und Damen in ihren rei⸗ chen Wintertoiletten, Zobel und Hermelin, wohin man blickte, im reichſten Beſatze auf ſchwarzen und farbigen Sammtmänteln. Jetzt wurde Welden von einem der Vorüberfahrenden freundlich durch eine tiefe Senkung der Peitſche gegrüßt: es war der Baron von Rivola, welcher die Oberſthof⸗ meiſterin der Königin führte. Hinter ihm kam ſeine Frau an der Seite ihres Bruders, des Oberſten der Leib⸗Kü⸗ raſſiere, Grafen Hartenſtein. 2 Es mußten das wohl neue Pferde ſein, mit denen Herr von Rivola fuhr, ein Paar herrliche Rappen. Wel⸗ den hatte ſie bis jetzt noch nicht in ſeinem Stalle geſehen. Und wie geſchmackvoll⸗einfach Geſchirr und Schlitten waren! Letzterer tiefblau mit einer leichten Goldverzierung, nur mit einer wahren Verſchwendung von Bärenpelz, hintenauf zwei Bediente mit niedrigen, blauen, ſilberbeſetzten Mützen. Zwölftes Kapitel. 67 Auch Frau von Rivola bemerkte den jungen Inge⸗ nieur; doch war es ein ſehr einfaches, ſteifes Kopfnicken, mit dem ſie ſeinen ehrfurchtsvollen Gruß erwiederte. Der Schlitten, welcher dieſem folgte, erregte am mei⸗ ſten die Aufmerkſamkeit der Zuſchauermenge, beſonders der Damenwelt, welche rechts und links an der Straße verſammelt war. Derſelbe war klein, aber von höchſter Zierlichkeit, beſpannt mit zwei muthigen Scheck⸗Ponies, die Geſchirre roth mit Gold, die Decken von langhaari⸗ gem, ſeidenartig glänzendem Aſtrachanpelz, deſſen Farbe ſo rein und leuchtend war, daß der Schnee gelblich da⸗ gegen erſchien. Welden hatte bereits von der kleinen Cquipage Lucy's gehört und erkannte ſchon von Weitem den Schlitten an ſeiner Beſpannung, ſonſt hätte er das junge Mädchen kaum bemerken können, denn Lucy, die, einen Bedienten hinter ſich, allein in ihrem Schlitten ſaß, war umringt von jungen Herren zu Pferde, von welchen einer, ihr Vetter, Graf Hartenſtein von den Gardehuſaren, auf der dem Ingenieur zugekehrten Seite des Schlittens heiter plaudernd dicht neben ihr ritt und ſie ſo mit ſeinem Pferde faſt verdeckte. Das junge Mädchen ſah wundervoll aus; ihr ſchönes Geſicht war von der Kälte und von der Aufregung ſanft geröthet, und da ſie, freundlich aufſchauend, die Bemer⸗ kungen des jungen Offiziers lächelnd erwiederte, ſo ſah 68 Zwölftes Kapitel. man zwiſchen den friſchen, weich geformten Lippen ihre hellglänzenden Zähne. Sie trug ein anliegendes Kleid von blauem Sammt, mit weißem Pelze beſetzt, und eine kleine Mütze von gleichem Stoffe und gleicher Farbe. Welden ſchaute der lieblichen Erſcheinung, welche mit den nachfolgenden Schlitten wie ein bunter Traum an ſeinem Blicke vorüberzog, ſinnend nach. Traum und Wirklichkeit— oder war dieſes der eigent⸗ liche Lebenskreis des jungen Mädchens und für ihn die Erinnerung traumhaft, wenn er ſich Lucy von Rivola zu Hauſe dachte, ſo einfach und natürlich mit ihm plaudernd, ſeinen Worten lauſchend mit innigen Blicken, oder auf Spaziergängen an der Seite ihres Vaters, wenn ſie ihm ſo gern eine ſeltene, ihr fremde Waldblume brachte, einen glänzenden Stein zur Beurtheilung, oder wenn ſie ſich ſeinen Hut ausbat, den höchſt einfach grauen Filzhut, um eine Epheuranke darum zu winden— eigenthümliche Ge⸗ danken! Er wußte in der That nicht, weßhalb ſie jetzt auf ihn eindrangen. Nur ſo viel wußte er, daß er ſich nach ſeinem ſtillen Arbeitszimmer ſehne, um auf dem Pa⸗ piere die ſchwierige Conſtruction jener Werke zu beendigen, die er im nächſten Frühjahre auszuführen hoffte dort oben in der maleriſch ſchönen Landſchaft, an deren zerklüftetem Terrain er unter kaum zu beſiegenden Schwierigkeiten ſeine ganze Kunſt zu zeigen vermochte. Ja, jenes Schaffen in Feld und Wald war die Wirklichkeit, ſeine Wirklich⸗ , Zwölftes Kapitel. 69 keit, die glänzenden Bilder, welche ſoeben an ſeinem Blicke vorüberzogen, in denen das junge, ſchöne Mädchen für ihn allerdings den Mittelpunkt bildete, nur ein phantaſti⸗ ſcher Traum. „Die kleine Rivola iſt allerdings ſo ſchön, daß ſelbſt ein ruhiger Beobachter wie unſer Freund Welden vor Erſtaunen angefeſſelt bleibt!“ hörte der Ingenieur Jeman⸗ den neben ſich lachend ſagen und ſah, als er ſich um⸗ wandte, daß der Kreis der Zuſchauer um ihn her ver⸗ ſchwunden war und er beinahe allein auf dem Trottoir ſtand, neben ihm ein eleganter einſpänniger Schlitten, aus welchem die eben gehörten Worte heraustönten, und zwar aus dem Munde Beſenbach's, der nebeu Ferdinand Welkermann, letzterer kutſchirend, in der Ecke des Schlit⸗ tens lehnte. „Schön iſt nicht das richtige Wort,“ meinte Ferdi⸗ nand;„ſagen wir meinetwegen: erfriſchend anzuſehen. Aber, offen geſagt, iſt es im Ganzen etwas ſehr Inſi⸗ pides um dieſe Eigenſchaftswörter; ich bin überzeugt, ſo denkt Herr Welden auch, und ſtatt dieſer Maskerade nach⸗ zuſchauen, hat er gewiß an einem dieſer Häuſer einen architektoniſchen Schnitzer entdeckt— wie geht es Ihnen?“ „Danke, nicht ſchlecht,“ gab der Ingenieur zur Ant⸗ wort und ſetzte, näher tretend, hinzu:„wenn auch nicht ſo gut, wie Ihnen— Sie haben ſich da ein hübſches Geſchirr angeſchafft!“ Zwölftes Kapitel. „Man muß doch irgend etwas thun, um ſich das langweilige Daſein zu verkürzen; alle Welt fährt im Schlitten, da thue ich es auch.“ „Sie haben ja ein wirklich außerordentlich ſchönes Pferd!“ „Er hat es von Herrn von Rivola erhandelt,“ ſagte Beſenbach.„Haben Sie Rivolg's prachtvolle Rappen ge⸗ ſehen?“ „In der That, ein Paar brillante Pferde.“ „Koſten ihn auch viertauſend Gulden, incluſive dieſes kleinen Fuchſes, der ſo zu ſagen als Knochenſtück beige⸗ geben wurde.“ „Ein theures Knochenſtück! Koſtet mich achthundert Gulden und iſt nicht einmal zum Reiten oder zu einem Wagen geeignet! Wenn die Schlittenbahn vorbei iſt, werde ich es für das halbe Geld weggeben müſſen.“ „Was machen Sie ſich daraus, Sie haben es ja!“ meinte der junge Ingenieur. „Ja wohl, und wo unſer Einkommen nicht ausreicht, machen wir Schulden!“ lachte Beſenbach. Ferdinand warf ſeinem Nachbar einen unangenehmen Blick zu, den er mit den Worten begleitete:„Du kannſt eigentlich nicht ſagen: machen wir Schulden, denn dieſes Geſchäft beſorge ich für dich ebenfalls mit— doch laßt uns über etwas Geſcheiteres reden. Haben Sie was vor, lieber Welden?“ Zwölftes Kapitel. 73 Was die Oberbauräthin anbelangte, ſo hatte ſie ſich ſchon damals, als der junge Mann mit dem ganzen Bau⸗ bureau aus den Bergen nach der Stadt zurückkehrte, ſeiner mit mütterlicher Sorgfalt angenommen und war dem Wunſche ihres Gemahls, Welden ſo nahe als mög⸗ lich bei ſich zu haben, ſo bereitwillig entgegengekommen, daß ſie ihm die beiden Zimmer, welche bis jetzt für allen⸗ fallſige Gäſte benutzt wurden, ſogleich einräumte. Der junge Ingenieur, welcher mit angeſtrengter Thä⸗ tigkeit arbeitete und dem es anfänglich, wenn er Abends Zirkel und Reißfeder weggeworfen, eine Erholung war, das gutmüthige Geplauder ſeiner Hauswirthin anzuhören, hatte ſeine häufigen Beſuche ſpäter als einen Zoll der Dankbarkeit fortgeſetzt und auch dann nicht unterlaſſen, als ſich ihm andere Häuſer bereitwilligſt geöffnet, beſonders da er zu ſehen glaubte, daß es die Oberbauräthin einiger⸗ maßen ſchwer nahm, wenn er nicht regelmäßig zu den ge⸗ wöhnlichen Stunden bei ihr erſchien. Wir wiſſen bereits, daß Welden der Sohn armer El⸗ tern war, daß er dieſe früh verlor und ſich nun gänzlich ohne Vermögen allein in der Welt forthelfen mußte. Dies war nur durch einen eiſernen Fleiß möglich geweſen, und zwar nur dadurch, daß er ſeit früheſter Jugend, nachdem er während des Tages mit angeſtrengteſtem Fleiße gear⸗ beitet hatte, auch noch Andere lehrte, oft bis tief in die Nacht hinein, um darauf mit dem kärglichſten Abendeſſen — 74 Zwölftes Kapitel. und ſehr ärmlicher Umgebung ſeine Nachtruhe zu ſuchen und zu finden. Begreiflich war es, daß er ſo keine Zeit und Gelegen⸗ heit hatte, in Geſellſchaft zu kommen, nicht in gute, aber auch nicht in ſchlechte; unbegreiflich dagegen, daß er trotz⸗ dem aus ſich ſelbſt heraus die geſellſchaftlichen Formen der beſten Art zu finden wußte und ſich in dem erſten Salon, den er betrat, durchaus nicht eckig und ungelenk benahm, ſondern ſo, als ſei ihm Parquetboden und Teppich ganz bekannt und geläufig. Sein erſtes Debut hierin hatte er draußen im Rivola'ſchen Hauſe gegeben, und daß die Baronin ſelbſt, welche auf geſellſchaftliche Formen außer⸗ ordentlich viel hielt, ihn für einen wohlgezogenen und äußerſt anſtändigen jungen Mann erklärte, war wohl das größte Compliment, das man ihm machen konnte. Schon früher, ehe Herr von Rivola ihn ins Haus brachte, hatte er von ihm geſprochen, ſeine Umſicht, ſeine Kenntniſſe ge⸗ lobt, und dabei von ſeiner Kraft und Gewandtheit erzählt, wie er, ſchwierige Arbeiten leitend, zuweilen zum Staunen der Arbeiter ſelbſt mit eingriff, und ihn dabei geſchildert in ſeinen hohen Waſſerſtiefeln, der dicken, kurzen Joppe, wodurch nach und nach ſowohl bei Frau von Rivola als bei Lucy ein ganz eigenthümliches Bild des jungen In⸗ genieurs entſtanden war, und zwar ſo, daß, als derſelbe nun endlich einmal in einfachem, kleidſamem Anzuge er⸗ ſchien, die Baronin ſpäter zu ihrem Manne ſagte:„Ich „ Zwölftes Kapitel. 75 war in der That ganz überraſcht beim Anblicke deines Welden, den ich mir nach deinen Schilderungen als ein kleines, verwildertes Ungeheuer gedacht, und nun— Hätte man mir ihn als Herrn von Welden vorgeſtellt, ſo würde ich ſeinem Aeußern und ſeinem Benehmen nach ge⸗ glaubt haben, daß er aus einer ſehr guten Familie ſei.“ Trotzdem er aber nach dem Begriffe der Frau von Rivola eigentlich aus gar keiner Familie war, nur ein höherer Arbeiter, welcher hier auf dem Lande nützliche Dienſte erzeigte und glücklicher Weiſe von ſo guten geſell⸗ ſchaftlichen Formen war, daß man ſich ſeiner nicht zu ſchämen brauchte, wenn ihn zufällig einmal ein Beſuch aus der Stadt traf, dabei das offene, gerade Weſen des jungen Mannes, alles das hatte es gemacht, daß man ihn unbefangen, ja, faſt traulich behandelte, und daraus war gefolgt, daß er, der ſich ein etwas kindliches Ge⸗ müth bewahrt, unter dem nachwirkenden Eindrucke jener für ihn glücklichen Stunden im Rivola'ſchen Hauſe das⸗ jenige der Oberbauräthin betrat, auch hier an Unbefan⸗ genheit und ganz harmloſe Vertraulichkeit glaubend. Wäre Herr Welden in der That der Herr von Welden geweſen, ſo würde es die Baronin Rivola gewiß nicht ſo bereitwillig zugegeben haben, daß er Lucy, natürlicher Weiſe in Gegenwart von deren Gouvernante, auf Spa⸗ ziergängen durch den Park oder durch Feld und Wald, wo das gute Mädchen ſo gern umherſtreifte, begleitet 76 Zwölftes Kapitel. hätte. Allerdings waren dieſe Spaziergänge zugleich Un⸗ terrichtsſtunden für ſie, in denen Welden mit ihr Botanik und Mineralogie trieb oder ſie Anſichten der Natur zeich⸗ nen ließ, wofür ſie ein hübſches Talent hatte. Auch im Hauſe behandelte ihn die Baronin in gleich unbefangener, vertraulicher Weiſe; er durfte ihr nicht nur zuweilen vor⸗ leſen, ſondern ſie erging ſich auch gern mit ihm über das, was er geleſen, in weiterführenden Betrachtungen, ja, ihr Auge ruhte alsdann wohlwollend auf ſeinen offenen Zügen, und ſie hatte ſich dabei ſchon einmal auf dem Gedanken ertappt, wie ſchön es doch wäre, wenn ſie einen eigenen Sohn ihr ſo gegenüber ſitzen ſehen könnte. Es war das eigentlich ein komiſcher, extravaganter Gedanke, der ihr dadurch gemildert erſchien, daß ſie ſich Welden natürlicher Weiſe in der Uniform eines Küraſſier⸗ oder Huſaren⸗Re⸗ giments dachte, und ſie entſchuldigte ſich ſelbſt gegenüber dieſem Gedanken, daß der junge Mann in der That ihrem Vetter, dem Grafen Erich Hartenſtein, ziemlich ähnlich ſehe. Als Welden nun hierauf in die Stadt und in das Haus des Oberbauraths kam, trug er ſein Verhältniß zu Frau von Rivola auch hieher über, nur vermißte er aller⸗ dings Lucy's lebhaftes Geſicht, Lucy's munteres, herzliches Weſen, ja, er ertappte ſich oft auf dem Gedanken, wenn er an den grauen, herbſtlichen Himmel hinaufblickte oder auf die vier Wände ſeines Bureau⸗Zimmers, daß er ſich ———— Zwölftes Kapitel. 77 gegen früher jetzt wie in einem Gefängniſſe befinde, ließ⸗ ſeine Phantaſie hinaus über Berg und Thal ſchweifen, lagerte ſich, natürlich in Gedanken, unter dem duftigen Schatten der Wälder oder an einem munteren Bergwaſſer, welches ſeine klare Flut über breite, glatte Kieſel und vor⸗ bei an moosbedeckten Felſen führte, munter plaudernd, wobei ihm dann häufig die Geſtalt des jungen Mädchens erſchien, ganz verkörpert, ja, identiſch mit dem wunder⸗ baren Dufte des Waldes, mit der heiteren, geſprächigen, Herz und Seele erfriſchenden Quelle— eine lieblich blü⸗ hende, wilde Roſe. Das Gute hatten Herbſt und Winter, daß an Spa⸗ ziergänge nicht gedacht werden konnte, er hätte dabei hier doch Manches von dem unbefangenen Weſen der Frau von Rivola und Lucy's vermißt; denn daß die Oberbauräthin nicht ſo ganz unbefangen, nicht ſo unbewußt natürlich mit ihm war, wie jene, hatte er trotz alledem bald heraus⸗ gefühlt. Auch ſie plauderte allerdings herzlich und zu⸗ traulich, aber aus allem, was ſie ſagte, klang ein Grund⸗ gedanke heraus, den er ſich anfänglich nicht klar machen konnte, ja, er ſprach aus ihren Blicken, wenn ſie ihm ge⸗ genüber ſaß und ſich, was auch hier häufig geſchah, von ihm vorleſen ließ. Oft unterbrach ſie auch den Lauf der Vorleſung, gerade wie Frau von Rivola gethan, nur waren die Betrachtungen, welche ſie an etwas knüpfte, ganz anderer Art, meiſtens nicht aus dem Geleſenen her⸗ 78 Zwölftes Kapitel. vorgehend, ſondern in daſſelbe hineingetragen, oft auch eine Situation der Romanfiguren mit ihrer eigenen Lage vergleichend, dabei zu ſcherzhaften Redewendungen Veran⸗ laſſung gebend, welche die ſchöne Frau dadurch endete, daß ſie ſich zu dem jungen Manne hinüberbeugte, ihm das Buch mit ſanfter Gewalt aus den Händen nahm und da⸗ bei ſagte:„Laſſen wir jetzt Vorleſung und Wortſtreit; es iſt gefährlich, ſich mit Ihnen einzulaſſen.“ Nun ſah er aber anfänglich durchaus keine Gefahr dabei, weder für ſich, noch für Madame Lievens. Fühlte er doch keine Regung irgend welcher Art, wenn ſie ihr blitzendes Auge mit dem ruheloſen Blicke in ſeine Blicke verſenkte und wenn ſie alsdann, mit herabgeſenkten Lidern das Feuer dieſer Blicke auslöſchend, ſich in die Ecke des Sopha's zurücklehnte, die ſtarken, aber ſchön geformten Lippen geöffnet und leicht aufſeufzend. Nur einmal, als er ihr am Tage nach der Wagner'ſchen Oper die Legende des Tannhäuſer vorlas, während ſie an ihrem Flügel ſaß und aus der Oper die betreffenden Melodieen ſpielte, über⸗ kam ihn etwas wie eine gewaltige Sehnſucht nach Mor⸗ genthau, nach dem Dufte friſchen Quellwaſſers, und er fühlte ſich auf einmal ſo beengt, als ſei er aus der friſchen, ſonnbeglänzten Natur ſelbſt in den Hörſelberg hinabgeſtiegen. Es war eigenthümlich, daß ihm gerade heute ſolche und ähnliche Gedanken kamen, jetzt, wo er über ſein ————— Zwölftes Kapitel. 79 großes Reißbrett gebeugt ſtand und mit ſicherer Hand Kreiſe zog und Linien zeichnete. Es war ein ſchönes Stück Arbeit, das der da vor ſich hatte, die Conſtruktion einer Eiſenbahnbrücke, welche in einem einzigen Bogen über ein ſchmales Felsthal geſprengt werden mußte. Unten floß das Bergwaſſer, an dem er ſo oft mit Lucy gewan⸗ delt; daneben befand ſich ein Weg, der nach Eichenwald führte. Wie war es ſo erklärlich, daß ihm das blendend weiße Papier die Schneebahn, welche er ſo eben verlaſſen, lebhaft ins Gedächtniß zurückführte! War doch auch jetzt droben in den Bergen die Landſchaft mit tiefem Schnee bedeckt, und war es doch als ſicher anzunehmen, daß Lucy ihren Lieblingsweg an dem ſprudelnden Bache vorbei häufig mit ihrem Schlitten und den beiden Ponies fahren würde— eine reizende Staffage unter dem hochgeſpreng⸗ ten Brückenbogen! Und wenn ſie emporblicken würde, wenn das Werk ſeiner Hände dort oben ſo kühn und ſicher zwiſchen den beiden rieſigen Naturſteinpfeilern ruhe, vielleicht auch in ſpäteren Zeiten noch an den Erbauer, ihren freundlichen Lehrer, denkend! Während er aber nun an das junge Mädchen dachte, hatte ſich der Bleiſtift in ſeiner Hand haſtig auf dem Pa⸗ piere bewegt und ohne daß dies wiſſentlich in ſeiner Ab⸗ ſicht gelegen war, trat mit Einem Male hier der kleine Schlitten mit den Pferdchen und der ſchönen Lenkerin her⸗ ——ÿy—jÿyÿy 80 Zwölftes Kapitel. vor. Sie fuhr gegen den Brückenbogen und hob ihren Kopf empor, um ſein Werk anſchauen zu können. Das Köpfchen, welches er gezeichnet, war ganz klein und doch von einer ſolchen Aehnlichkeit, daß er, als es fertig war, faſt erſchrocken zu dem Gummi griff, um es wieder aus⸗ zulöſchen. Aber er that es nicht. Wozu auch, warum es nicht für ſpätere Zeiten aufbewahren, wo er überzeugt war, daß es ihm in der Erinnerung große Freude machen würde, ſie ſo wieder zu ſehen, aufblickend nach dem nun fertig gewordenen Werke, deſſen Erbauer, er ſelbſt, weiß Gott wo in der Welt herumſtreifen würde? Er ließ die angefangene Zeichnung, wie ſie war, und nahm die nö⸗ thigen Materialien, um einen anderen weißen Bogen darüber zu ſpannen, auf dem er alsdann wieder begann, Linien zu ziehen und Kreiſe zu zeichnen, diesmal unge⸗ ſtört von Gedanken, die vorhin ſo bereitwillig geweſen waren, ihm Anderes in ſeine Arbeit hineinzutragen. Jetzt hatte er ſich deſſen entledigt, und nach leichter, obgleich ſtundenlanger Arbeit ſtand die Conſtruction der Brücke mit den nöthigen Gerüſten ſo ſicher auf dem Papiere, daß er ſelbſt ſeine Freude daran hatte. Dreizehntes Kapitel. Es begann bereits zu dunkeln, als Welden endlich die Reißfeder weglegte, ſein Werk mit zufriedenen Blicken nochmals betrachtete und dann ans Fenſter trat, um auf den ſtillen, ſchneebedeckten Hof hinabzuſchauen. Die Uhr der Stadt ſchlug die fünfte Stunde, und er erinnerte ſich, daß er Herrn Ferdinand Welkermann halb und halb ver⸗ ſprochen hatte, zu deſſen Diner im Holländiſchen Hofe zu kommen. Es war ihm indeſſen durchaus nichts daran ge⸗ legen, auch hatte er nicht geradezu abgelehnt, weil er ſich der Unterhaltung mit dem Stadtſchultheißen am heutigen Morgen erinnert hatte und gern etwas erfahren hätte, um den alten Herrn in Betreff ſeines Sohnes zu be⸗ ruhigen. Daß die jungen Leute allerdings ſpielten, wußte er, jedoch nicht, wie hoch, da er Einladungen zu dieſen Spiel⸗ Hackländer, Das Gehe imniß der Stadt. II. 6 Dreizehntes Kapitel. abenden, die oft an ihn ergangen waren, beſtändig ab⸗ gelehnt hatte, und aus triftigen Gründen, welche jene auch gelten ließen; denn wenn Welden auch ein gutes Einkommen hatte, ſo wußte man dagegen, daß er in jeder Beziehung ſehr anſtändig lebte und kleine Schwächen für eine gute Handzeichnung, für ein ſchönes Aquarell oder eine koſtbare alte Waffe oder dergleichen hatte. Dem Diner beizuwohnen, fühlte er indeſſen durchaus keine Luſt— während ein paar Stunden all das Ge⸗ ſchwätz anhören zu müſſen über Mädchen, Pferde und⸗ Hunde! Er konnte ja ſpäter dort erſcheinen, um eine Cigarre dort zu rauchen; er erinnerte ſich jetzt, das eigentlich auch nur verſprochen zu haben, und dann gab es ſich von ſelbſt, dem unvermeidlichen Spiele zuzuſchauen. Welden nahm ſeinen Hut und Paletot und verließ das Zimmer; er mußte an der Küche vorbei, deren Thür weit geöffnet war und deren Beherrſcherin, leiſe vor ſich hinſingend, am Herde ſtand. „Ah, Herr Welden,“ ſagte ſie, als ſie ihn erblickte, „die Frau Oberbauräthin haben ſchon nach Ihnen ge⸗ fragt; ich wußte aber nicht, daß Sie auf Ihrem Zimmer waren— ich hatte Sie nicht nach Hauſe kommen hören.“. „So— iſt die Frau Oberbauräthin in ihrem Zim⸗ mer?“ „Gewiß, treten Sie nur ein.“ Dreizehntes Kapitel. 83 „Iſt Geſellſchaft da?“ „Niemand, als der Bruder der Frau Oberbauräthin, der Herr Polizeirath Merkel.“ Es war dem Ingenieur angenehm, den Polizeirath zu treffen, weßhalb er denn auch ohne Weiteres ſeinen Paletot vor der Thür ablegte und in das Zimmer trat. Madame Lievens ſaß in der Ecke ihres Sopha's, beim ſtrahlenden Lichte der Carcellampe mit einer Hand⸗ arbeit beſchäftigt, und vor ihr in einem kleinen Fauteuil lehnte behaglich der Polizeirath; er liebte es ſehr, um dieſe Zeit der Dämmerung ſeine Beſuche, beſonders bei der einzigen Schweſter, zu machen. Verheirathet war er nicht, weßhalb er die Zeit vom Verſchwinden des Tages⸗ lichtes, bis zum Beginne des Theaters, oder bis zu der Stunde, wo er Bekannte in ſeinem Club traf, oder wo ſonſt Geſellſchaft anfing, nicht gern in ſeinen vier Wänden verbrachte; es war ihm keine Erholung, dort allein zu ſein, und da er oft tagelang ſchweigend über den ver⸗ wickeltſten Akten ſaß, ſo fand er großes Behagen daran, in dieſer Zwiſchenzeit ſich am liebſten ganz gleichgültigem Geplauder hinzugeben. Der Polizeirath glich ſeiner Schweſter und war ein ſchöner Mann, von elegantem Aeußern und den beſten geſellſchaftlichen Manieren; er war es auch faſt allein von ſeinen Collegen, der in die feinſten Kreiſe gezogen wurde, ja, der ſich nicht nur der Gunſt ſeines Miniſters, 84 Dreizehntes Kapitel. ſondern auch der allerhöchſten Zufriedenheit in hohem Grade erfreute. Er hatte ſchon in den delikateſten Miſſionen Außerordentliches gleiſtet, war ſchon häufig in andere Reſidenzſtädte verſchickt, ja, von dort erbeten worden, um in beſonders ſchwierigen Fällen mit Rath und That an die Hand zu gehen. Herr Polizeirath Merkel trug bei paſſenden Gelegenheiten in den Knopf⸗ löchern ſeines ſchwarzen Fracks Orden der verſchiedenſten Potentaten und wäre ſchon längſt durch den Titel„Ge⸗ heimer Polizeirath“ aus den Reihen ſeiner Collegen em⸗ porgehoben worden oder hätte mit dem Titel eines Ge⸗ heimenrathes in die Regierung treten können, wenn er dies nicht ſtets hätte zu hintertreiben gewußt, da es in ſeiner Abſicht lag, ſeinen jetzigen Chef, den Oberpolizei⸗ direktor, einen ſchon alten Herrn, einſtens in dieſer hohen Würde zu erſetzen. Faktiſch führte er deſſen Departement jetzt ſchon, als Kanzleidirektor der Polizeiabtheilung, ziem⸗ lich ſelbſtändig, was aber nicht ausſchloß, daß er ſich intereſſanten Fällen eben ſo energiſch wie unermüdlich widmete, als ſei er einer der jüngſten Polizeibeamten ge⸗ weſen. Seine Collegen, welche nicht nur ſeine Leidenſchaft für alles das kannten, was mit großer Schwierigkeit ver⸗ knüpft war, ſondern die auch ſammt und ſonders vor ſei⸗ nem Scharfſinne und ſeiner Klugheit zurücktraten, über⸗ ließen ihm bereitwilligſt die Aufſpürung und Klarlegung irgend eines ganz beſonders bemerkenswerthen Verbrechens, 8 1 — Or. Dreizehntes Kapitel. 8 und wenn es hieß, der Polizeirath Merkel habe irgend eine Sache ganz beſonders in die Hand genommen, ſo gaben ſich die betreffenden Uebelthäter, im Eifer, ihm zu entgehen, oft die bemerkenswertheſten Blößen. Wer ihn nicht kannte, hätte ihn aber eher für alles Andere, als für einen Polizeibeamten gehalten; ſeine offenen, wohl⸗ wollenden Züge ſchienen Einblicke zu geſtatten bis in das Innerſte ſeiner Seele, und ſeine Redeweiſe war ſo harm⸗ los, daß es jeder Unbefangene für Unrecht halten mußte 7 dieſem Manne nicht mit dem größten Vertrauen ent⸗ gegenzukommen. Wie ſchon oben bemerkt, ſaß er am heutigen Abende vor ſeiner Schweſter, der Oberbauräthin, den Hut neben ſich auf den Boden geſtellt, den Stock quer auf den Knieen liegend, ganz behaglich plaudernd. Beim Eintritte Welden's wollte er ſich in höflichſter Weiſe erheben, was der junge Mann nur dadurch verhinderte, daß er raſch hinzutrat, die dargereichte Hand des Polizeiraths ergriff und, einen Stuhl herbeiziehend, ſich auf eine Handbewe⸗ gung der Frau vom Hauſe ebenfalls niederließ. Welden erkundigte ſich nach dem Befinden der Ober⸗ bauräthin, und als ihm dieſe hierauf genügende Auskunft ertheilt, fragte ſie ihn, ob er jetzt erſt nach Hauſe komme. „Im Gegentheil,“ gab der Ingenieur zur Antwort, nich habe ein paar Stunden auf meinem Zimmer ge⸗ arbeitet und war gerade im Begriffe, ein wenig an die Dreizehntes Kapitel. friſche Luft zu gehen— es muß ein herrlicher Abend draußen ſein.“ „Wie der ganze heutige Tag,“ ſagte der Polizeirath. „Der Hof hat wieder einmal das Gliück gehabt, das ſchönſte Wetter zu ſeiner Schlittenfahrt zu haben; Seine Majeſtät ſind darin ganz beſonders bevorzugt.“ „Und es iſt das wahrlich kein kleines Glück, wenn man dagegen Leute betrachtet, die von der Ungunſt des Wetters ſo zu ſagen verfolgt ſind— ich zum Beiſpiel.“ „Sie? Ich hatte das nicht gewußt,“ warf Madame Lievens ein, ohne von ihrer Stickerei aufzuſchauen. „Ja, ich, und wie Allem in dieſem Leben, muß ich auch dem Wetter ſeine Gunſt förmlich abkämpfen; ich habe das oft erfahren, wo ich bei Bauten ſehnſüchtig auf Sonnenſchein hoffte und alsdann bei ſtrömendem Regen unter größeren Schwierigkeiten anfangen mußte.“ „Und blieben Sieger, weil Sie nicht nachgaben.“ „Ja, ich erkämpfte mir einen freundlichen Sonnenblick, als ſollte ich für meine Beharrlichkeit belohnt werden.“ „Uns geht es auch zuweilen nicht anders, und die moraliſchen Regengüſſe, unter denen wir bei unſerer Praxis zu leiden haben, ſind oft ſchlimmer, als die wirk⸗ lichen.“ „Ja, und was Du am Ende Sonnenblicke nennſt,“ ſprach Madame Lievens zu ihrem Bruder gewandt,„wäre für mich das Fürchterlichſte.“ Dreizehntes Kapitel. 87 „Es iſt das eine Wiſſenſchaft wie jede andere— Sie werden mich verſtehen, mein lieber Herr Welden: bei Ihnen eine gelungene Conſtruction, bei mir das verhäng⸗ nißvolle: ‚Ja, ich bin ſchuldig.““ „Haben Sie die Schlittenfahrt heute geſehen?“ fragte die Oberbauräthin;„ich fand ſie nicht ſo außerordentlich als ich erwartete.“ „Allerdings nicht ſehr zahlreich,“ verſetzte Welden, nachdem er die an ihn gethane Frage durch ein Kopf⸗ nicken bejaht hatte,„doch ſah man ſchöne Schlitten und prachtvolle Pferde.“ „Beſonders der des Freiherrn von Rivola,“ ſprach der Polizeirath;„reizend waren auch die Ponies, Geſchirr und Schlitten von deſſen Tochter.“ „Und die Kleine ſelbſt,“ rief Madame Lievens,„wie ſie emporſchaute mit einem ſolchen Ausdrucke von Glück⸗ ſeligkeit auf ihrem roſigen Geſichte!“ „Iſt ſie doch auch glücklich, dieſes junge Mädchen,“ ſagte Welden nachdenkend,„mit allen Vorzügen des Geiſtes und des Körpers begabt, jung, ſchön, reich, die einzige Tochter ihrer Eltern, deren Abgott ſie iſt.“ „Ja, und Eltern,“ ſtimmte die Oberbauräthin ein, „die im Stande ſind, alle ihre kleinen und großen Wünſche zu erfüllen; ſchon der Gedanke hätte mich als junges Mädchen glücklich gemacht, auch nur ein einziges 88 Dreizehntes Kapitel. Mal in einer ſolchen deliciöſen Equipage fahren zu kön⸗ nen— der Freiherr von Rivola muß enorm reich ſein.“ „Man weiß das nicht ſo genau,“ ſprach der Polizei⸗ rath, wobei er ſich in ſeinen Stuhl zurücklehnte und an die Decke emporſchaute;„wie über der Herkunft ſeiner Familie, ſo ſchwebt auch über der Quelle ſeines Vermö⸗ gens ein gewiſſes Dunkel, was ich aber wieder begreiflich finde. Der Freiherr von Rivola lebte früher in Belgien; dort war er induſtrieller Speculant, und wenn man als⸗ dann von dieſer bürgerlichen Sphäre in die allerhöchſten Regionen emporſteigt— bei dem Worte ‚emporſteigt“ zeigte ſich ein ſarkaſtiſches Lächeln auf den Zügen des klugen Mannes—,„ſo vermeidet man oft, über etwas Derartiges zu reden, woraus man ſich ſonſt eine große Ehre macht.“ „Das kann man von dem Freiherrn eigentlich nicht ſagen,“ erwiederte Welden;„er liebt es ſogar ſehr, ſeine gediegenen Kenntniſſe zu zeigen.“ „Als Kenner— ja, als genauer Kenner, was Handel und Induſtrie anbelangt, auch als Protector gemeinnütziger Unternehmungen; aber er wird nicht vielen Leuten erzählt haben, daß er in ſeiner Jugend an der Eiſenfabrikation von der Pike auf gedient, daß er am Amboß geſtanden und den Hochofen überwacht.“ „Mir hat er davon erzählt.“ „Ein Compliment für Sie, lieber Welden— ver⸗ Dreizehntes Kapitel. 89 zeihen Sie mir, wenn ich Sie ins Geſicht lobe: er wußte, daß ſich da die große Intelligenz mit der großen In⸗ telligenz unterhielt; nehmen Sie mir dieſes Lob nicht übel, Sie wiſſen, wie ſehr ich Sie ſchätze und liebe!“ Der Polizeirath reichte bei dieſen Worten dem jungen Manne ſeine Hand, die Welden kräftig ſchüttelte, worauf der Andere, zu ſeiner Schweſter gewendet, fortfuhr: „Ich habe dir ſchon oft geſagt, daß ich es bedauere, ihn nicht in unſerem Departement zu haben, das wäre eine Kraft, auf die man ſich verlaſſen könnte.“ „Mir iſt es ſo lieber!“ erwiederte der junge Mann lachend. „Begreiflich— um aber noch einmal auf Herrn von Rivola zurückzukommen, ſo iſt gerade wohl die Dunkelheit, welche für den großen Haufen auf ſeinem früheren Leben liegt, ſchuld daran, daß ſich der Stadtklatſch, vor Allem die Kaffeeklatſcherei, ſo gern mit ihm zu ſchaffen macht— ich kann dieſe furchtbare Leidenſchaft vor dir frei und offen betonen, liebe Sophie, denn ſo viel ich weiß, biſt du keine Liebhaberin dieſer Kaffeekränzchen, welche ſchon ſo viel Böſes geſtiftet haben.“ „Ich vermeide ſie, wo ich kann,“ gab Madame Lievens zur Antwort,„und bin lieber für mich allein oder für ein paar genaue Freunde zu Hauſe.“ Da ſich der Polizeirath in dieſem Augenblicke mit der Hand über die Augen fuhr, ſo warf die ſchöne Frau 90 Dreizehntes Kapitel. über ihre Stickerei hinweg einen raſchen, leuchtenden Blick auf Welden, den dieſer mit einer kurzen, verbindlichen Verbeugung erwiederte. „Es iſt eigenthümlich,“ fuhr der Polizeirath fort, „wie ſehr man ſich gerade wieder in der letzten Zeit um Rivola bekümmert.“ „Und doch wohl nicht ganz ohne Grund,“ meinte die Oberbauräthin;„ſie lebten ein paar Jahre ſtill, wenig beachtet auf ihrem Landgute.“ „Wenig beachtet kannſt du eigentlich nicht ſagen, ſie waren in den allerhöchſten Kreiſen gern geſehen.“ „Meinetwegen ja; ich will alſo ſagen: ſie lebten ohne großen Aufwand bis ganz vor Kurzem.“ „Wo Lucy zurückkam und nun in die Welt eintritt; es iſt doch ſo klar und folgerichtig, daß die Rivola, wenn ſie überhaupt ihre Tochter einführen wollen, dies mit einem gewiſſen Aufwande thun müſſen. Aber dieſer Auf⸗ wand iſt es nicht, über den man ſpricht; der Himmel mag es wiſſen, woher es kommt, daß wieder einmal, wie früher ſchon, der alte, harmloſe Thurm, welcher dem Freiherrn von Rivola gehört, in aller Welt Munde iſt.“ „Wer iſt denn in dieſer Beziehung alle Welt?“ fragte Madame Lievens. „Amtsgeheimniſſe,“ erwiederte lachend der Polizeirath. „Ich kann Ihnen verſichern, lieber Welden,“ wandte er ſich an dieſen,„auch ohne Kaffeekränzchen zu beſuchen, Dreizehntes Kapitel. 91 erfahre ich Aehnliches, wie dort verhandelt wird, ſo viel, daß mir oft die Ohren davon ſauſen.“ „Und wahrſcheinlich oft aus derſelben Quelle.“ „Das iſt wohl möglich, und dabei iſt es zuweilen recht ſchwer, die Spreu von dem Weizen zu ſondern.“ „Treiben wieder einmal Geſpenſter in dem alten Thurme ihr Weſen?“ fragte die Oberbauräthin. „Nein, aber in dem Keller unter demſelben ſoll Herr von Rivola in jüngſter Zeit einen Schatz gefunden haben, der ihn, welcher vis-à-vis de rien geweſen, wieder zum reichen Manne gemacht und ihm geſtattet, ſeinen aller⸗ dings etwas großen Aufwand in Pferden, Equipagen, Livreen zu machen, und dabei iſt es eigenthümlich, daß mit dieſer Schatzgräberei unſer ruhiger, ehrenwerther und höchſt ſolider Freund, der Stadtſchultheiß, in Zuſammen⸗ hang gebracht wird.“ „Ah, durch ſeinen neulichen Antrag, den gewiſſen unterirdiſchen Gang zuzumauern,“ bemerkte Welden lächelnd—„ſehr gut— in der That— natürlich mußte der Gang abgeſperrt werden, damit Herr von Rivola un⸗ geſtört ſeine Schatzgräberei betreiben konnte— vortrefflich — in der That....!“ „Der Stadtſchultheiß aber macht keinen Aufwand, der nicht mit ſeinen Mitteln im Einklange ſtände.“ „Er allerdings nicht,“ erwiederte der Polizeirath, „aber ſein Sohn, und wenn es mir auch im Traume . 2 92 Dreizehntes Kapitel. nicht einfallen könnte, den Herrn von Rivola durch eine Schatzgräberei, die an ſich ſchon eine Lächerlichkeit iſt, mit dem Stadtſchultheißen und deſſen Sohn in Verbindung zu bringen, ſo iſt es doch wahr und habe ich es aus guter Quelle, daß der letztere, beſonders in jüngſter Zeit, zu⸗ weilen eine recht tolle Verſchwendung treibt.“ „Er iſt der Liebling ſeiner Mutter,“ ſagte Madame Lievens achſelzuckend.„Die von der Eſchenbach ſind eine reiche Familie; ſie wird ihm, was ſie kann, zu ſeinen Ausſchweifungen geben— ſie iſt eine gute, aber ſchwache Frau.“ „Das iſt auch meine Anſicht, obgleich man dem Stadtſchultheißen über das Treiben ſeines Sohnes die Augen öffnen ſollte.“ „O, er weiß genau davon,“ ſagte Welden,„und ſprach noch heute Morgen mit mir im Vertrauen dar⸗ über.“ „Aber komiſch iſt es doch,“ meinte die Oberbauräthin, „daß man den Aufwand des gewiß reichen Hauſes Ri⸗ vola mit den Ausgaben Ferdinands, jenes lockeren Zeiſigs, und mit einer Schatzgräberei unter dem alten Thurme in Verbindung bringen will— rein lächerlich, nicht wahr, Joſeph?“ „Darüber bin ich ganz deiner Anſicht,“ antwortete der Polizeirath nach einer kleinen Pauſe, während welcher er, das Kinn in die Hand gelegt, ſinnend an die Decke „ Dreizehntes Kapitel. 93 emporgeſchaut;„ich ſehe darin vernünftiger Weiſe auch nicht den entfernteſten möglichen Zuſammenhang, und doch iſt es mir in meiner Praxis ſchon vorgekommen, daß Ge⸗ rüchte und Thatſachen, die mit einander anſcheinend eben ſo wenig in Verbindung gebracht werden konnten, die von den verſchiedenſten Seiten und mehrmals zu gleicher Zeit an mich hintraten, ſich ſpäter zu meiner größten Ueber⸗ raſchung als ganz genau zuſammenhangend darſtellten— doch, wie ſchon geſagt, ganz ohne Vergleichung mit vor⸗ liegendem Falle. Gott ſoll mich bewahren, denn es iſt ja heutzutage ſchon eine Abſurdität, an Schatzgräbereien zu glauben, und noch dazu auf einem Boden, der ſo viel⸗ fach durchwühlt iſt.“ „Ich war heute Morgen zufällig in jenem unterirdi⸗ ſchen Gange,“ ſagte der junge Ingenieur,„und zwar mit dem Stadtſchultheißen; er hatte mich ſchon lange gebeten, denſelben in Augenſchein zu nehmen— ich bewunderte ſeine feſte und ſchöne Conſtruction.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, lieber Welden, wenn das in einer Kaffeegeſellſchaft bekannt wird, ſo werden auch Sie mit jener Schatzgräberei in Verbindung gebracht,— man liebt es überhaupt, Sie mit dem Rivola'ſchen Hauſe in Verbindung zu bringen!“ Die Oberbauräthin lächelte bei dieſen Worten wohl⸗ wollend und freundlich, doch hob ſich ihr Buſen etwas ſtärker, als gewöhnlich. 94 Dreizehntes Kapitel. „Ja, und wenn man noch obendrein wüßte, daß wir in der That Metall dort unten gefunden.“ „Wirklich?“ fragte Herr Merkel. „Es iſt nur ein Scherz. Wir drangen heute Morgen vor bis zum erwähnten runden Thurme des Herrn von Rivola; da ſah ich beim Scheine einer Laterne zwiſchen Aſche und Vazuliht etwas hervorglänzen und fand dieſes hier.“ Er nahm aus der Weſtentaſche das Metallklümpchen und reichte es dem Polizeirathe. „Kupfer,“ ſagte dieſer in gleichgültigem Tone;„wenn das nun ſtatt deſſen ein erkaltetes Tröpfchen Blei ge⸗ weſen wäre, ſo....“ Er ſtrich ſich mit der Hand über die Augen und fuhr dann heiter lächelnd fort:„Wie einem doch die Polizeiwiſſenſchaft förmlich ins Blut geht und wie man dadurch ſo gern geneigt iſt, ſeine Phantaſie über Dinge ſpielen zu laſſen, von deren Grundlofgkeit, ja, Dummheit man ſich überzeugt hat.“ Madame Lievens und Welden ſahen ihn fragend an. „Da machte zu gleicher Zeit noch ein anderes, viel tolleres Gerücht ſeine Runde in den hierzu beſonders ge⸗ eigneten Schichten unſerer Geſellſchaft. Sie wiſſen, daß in dem alten Hauſe des Herrn von Rivola, neben dem Thurme, einer ſeiner ehemaligen Bedienten wohnt, der gewiſſermaßen die Aufſicht dort führt und auf dieſe Art zur Ruhe geſetzt wurde.“ — W Dreizehntes Kapitel. 95 „Ich kenne ihn wohl, den alten Friedrich,“ ſagte Welden,„ein geſchickter Schloſſer.“ „Das iſt er in der That,“ fuhr der Polizeirath fort; „ich erholte mir ſchon mehrmals Raths bei ihm, noch vor Kurzem in einer verwickelten Angelegenheit, wo er mir conſtatiren mußte, ob ein überaus künſtliches Schloß ohne den hierzu gefertigten Schlüſſel geöffnet und wieder habe geſchloſſen werden können.— Dieſer Mann hatte eine ſehr kränkliche Frau, ſeit Jahren vom Schlage gelähmt, die er aber mit äußerſter Sorgfalt und Liebe pflegte. Wir wiſſen das ganz genau— wir, die Polizei,“ ſetzte er mit einem komiſch gravitätiſchen Lächeln hinzu, indem er ſich mit dem Zeigefinger auf die Bruſt tippte,„wie wir überhaupt Manches wiſſen, von dem ſich die Schul⸗ weisheit Anderer nichts träumen läßt. Nun erfuhr ich vor ein paar Tagen, dieſe Frau ſei geſtorben, und dabei wahrhaft beunruhigende Nebenumſtände, ſo beſtimmt zwar, daß ich mich veranlaßt ſah, ganz im Vertrauen mit dem Hausarzte jenes Mannes über die Sache zu reden; doch that ich das eigentlich nur, um Andere überzeugen zu können, denn ich ſelbſt fühlte im erſten Augenblicke, daß an dieſem Gerüchte eben ſo wenig war, als an dem von der Schatzgräberei, was mir denn auch jener Arzt be⸗ ſtätigte, indem er mir den Todesfall erzählte und klar aus einander ſetzte; die arme Frau, von dem langen Krankenlager geſchwächt, war ſanft und ruhig entſchlafen, 96 Dreizehntes Kapitel. zufällig und vielleicht glücklicher Weiſe in des Arztes Gegenwart.“ „Die Ausbreitung ſolcher Gerüchte ſollte aber nicht unbeſtraft bleiben,“ ſagte die Oberbauräthin—„wer hat nicht ſchon unter Aehnlichem leiden müſſen?“— Sie ſeufzte leicht auf, indem ſie einen raſchen Blick auf den Ingenieur warf. „Dieſes Mal intereſſirt es mich ganz beſonders, der Entſtehung jenes Gerüchtes auf die Spur zu kommen,“ fuhr der Polizeirath fort,„was mir auch in ſo fern ge⸗ lungen, als ich feſtzuſtellen vermochte, daß am Tage nach einer gewiſſen Kaffeegeſellſchaft, die ich allerdings nicht näher zu bezeichnen vermag, in drei oder vier Häuſern zugleich von dieſer Angelegenheit geſprochen wurde.“ „Man ſollte eigentlich alle Kaffeegeſellſchaften ver⸗ bieten,“ meinte Welden lächelnd. „Oder wenigſtens einen Polizeibeamten beiordnen, wie es ja bei minder gefährlichen Verſammlungen zu geſchehen pflegt,“ ſagte die Oberbauräthin. 3 „Oder einen eigenen Verleumdungscodex ausarbei⸗ ten laſſen,“ ſprach der Polizeirath,„mit großem Spielraume für den betreffenden Beamten: Entziehung des Kaffee's für ſechs bis acht Wochen, Schloß vor den Mund von einem bis zu acht Tagen— und welchen Dank man ſich durch letztere Maßregel bei allen Ehemän⸗ nern verdienen würde! Dieſe ſelbſt würden alsdann die Dreizehntes Kapitel. 97 unerbittlichſten Angeber ihrer Frauen ſein. Doch Scherz bei Seite— ich ſagte da vorhin, wie man doch ſo gern geneigt iſt, die Phantaſie auf unſere ernſteſten Geſchäfte einwirken zu laſſen, wenigſtens geneigt ſein könnte, denn dadurch ſetzt man ſo leicht furchtbare und dabei glaubens⸗ würdige Geſchichten zuſammen; die kranke Frau hätte über Nacht, ohne Beiſein eines Arztes ſterben können, und das Gerücht hätte ſich mit viel mehr Wahrſcheinlichkeit jenes Todesfalles bemächtigt, als es jetzt gethan. Man wäre alle möglichen unnatürlichen Todesarten durchgegangen, denen ſie hätte erliegen können, und wenn Sie, lieber Welden, nun unter der Wohnung des Betreffenden in Aſche und Kehricht ſtatt des Kupfers ein geſchmolzenes Tröpfchen Blei gefunden, ſo hätte man ja am Ende auch an eine neue Auflage jener alten Geſchichten glauben können, wo der Betreffende dadurch getödtet wurde, daß man ihm ein Tröpfchen Blei ins Ohr goß und den kleinen Reſt der übrig gebliebenen Maſſe unvorſichtiger Weiſe in die Kohlenaſche ſchüttete.“ „Du biſt ein ſchrecklicher Menſch!“ ſagte die Oberbau⸗ räthin;„ſo oft du Abends bei uns biſt und deine Ge⸗ ſchichten vorbringſt, träume ich in der Nacht von Mördern und Geſpenſtern.“ „Und mit großem Unrecht, denn was ich dir erzähle, hat meiſtens einen verſöhnenden Schluß, wie auch dieſes Mal wieder: die arme Frau wurde auf die natürlichſte Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. II. 7 Dreizehntes Kapitel. Weiſe von ihren Leiden erlöst, unſer Freund Welden fand kein Tröpfchen Blei, ſondern ein Bißchen Kupfer, und ſo verſchwindet das Geheimnißvolle wenigſtens in dieſer Richtung, das man wieder einmal mit jenem alten Hauſe in Verbindung gebracht, ohne daß aber ähnliche Gerüchte deßhalb ganz aufhören werden; ſo ein alter Thurm mit einem unterirdiſchen Gange bietet eine gar zu prächtige Gelegenheit und iſt und bleibt gewiſſermaßen ein Geheim⸗ niß der Stadt— daß unſer verehrter Freund, der Stadt⸗ ſchultheiß an dieſes Geheimniß gerührt, dadurch entſtand die Sage von der Schatzgräberei, welche Nahrung findet durch die allerdings etwas tolle Verſchwendung ſeines Sohnes.“. „Er muß Schulden machen, und bedeutende Schulden,“ bemerkte Welden,„denn ich kann Sie verſichern, Herr Polizeirath, daß der Stadtſchultheiß eben ſo betrübt als erſtaunt über die enormen Ausgaben ſeines Sohnes iſt.“ „Allerdings macht er Schulden, Wucherſchulden, und wird ſich in Kurzem auf eine böſe Art hineingeritten haben; und dabei iſt es merkwürdig, daß, was dieſe Schulden anbelangt, die Fäden auch wieder in dem Hauſe an dem alten Thurme zuſammenlaufen. Dort wohnt eine ſichere Frau Mayer, bei der Herr Ferdinand Welkermann ſeine kleinen Anleihen negociirt. Das ginge uns eigent⸗ lich nichts an, aber er ſpielt und verführt auch andere junge Leute dazu— es thäte mir wahrhaftig leid um Dreizehntes Kapitel. 99 den Stadtſchultheißen und um die Stellung des jungen Mannes bei der Bank, wenn wir uns gelegentlich einmiſchen müßten.“ Welden gedachte hier ſeines Verſprechens, das er Fer⸗ dinand halb und halb gegeben, und beſchloß, den jungen Mann außzuſuchen, um durch eine Warnung, die er ihm natürlich in aller Discretion zukommen ließ, vielleicht ſein dem Stadtſchultheißen gegebenes Verſprechen löſen zu können. Die Oberbauräthin entließ ihn, wobei ſie ihm auf die unbefangenſte Art ihre Hand reichte und dann in ziemlich gleichgültigem Tone ſagte:„Wenn Sie nicht zu ſpät nach Hauſe kommen, lieber Welden, ſo finden Sie uns noch und bekommen eine Taſſe Thee; ich glaube, mein Mann hat etwas mit Ihnen zu reden. Gehſt du auch ſchon?“ fragte ſie den Polizeirath, der ſich ebenfalls erhoben hatte und ſeinen Hut in die Hand nahm. „Ja, ich habe noch privatim eine kleine Runde zu machen. Es wäre intereſſant für Sie, lieber Welden, wenn Sie mich begleiten könnten, das heißt, wenn ich Ihnen das Geſchäftliche meines kleinen Abendſpazierganges mittheilen dürfte— leider aber ſind das Amtsgeheim⸗ niſſe.“ „Wofür dir Herr Welden nur dankbar ſein kann,“ ſagte die ſchöne Frau, welche den Augenblick benutzt hatte, wo der Polizeirath aus der Ecke des Zimmers ſeinen 100 Dreizehntes Kapitel. Paletot herbeiholte, um dem jungen Ingenieur einen faſt düſter leuchtenden Blick zuzuwerfen.„Warum ſoll er ſich ſeine Einbildung mit deinen Rabengeſchichten bewölken laſſen?— Gehen Sie nicht mit ihm und kommen recht bald wieder.“ Vierzehntes Kapitel. Die beiden Männer hatten mit einander das Haus verlaſſen. Auf der Straße ſchob der Polizeirath ſeinen Arm unter den des Ingenieurs, indem er ihm ſagte: „Bis zur Schloßſtraße gehen unſere Wege zuſammen; dann laſſe ich Sie den geraden Weg der Tugend gehen und ich folge alsdann leider dem krummen Pfade des Laſters. Es iſt ein Glück, daß ich nicht verheirathet bin — ein Arzt und ein Polizeibeamter ſollten nie heirathen, oder Frauen finden, denen die Eiferſucht etwas Unbe⸗ kanntes iſt und bleibt. Eigentlich iſt es ſchade, daß ich Sie nicht mitnehmen kann, um Ihnen, wie ein zweiter Asmodeus, von dem inneren Treiben mancher Häuſer mehr mitzutheilen, als vielleicht jener luſtige Teufel im Stande wäre. Um aber alles das zu erfahren und aus⸗ zuſpüren, braucht man nicht nur Eifer zu unſerem oft un⸗ glücklichen Geſchäfte, ſondern auch Talente.“ 102 Vierzehntes Kapitel. „Wie Sie in hohem Grade haben!“ ſagte Welden lachend.„Wahrhaftig, wenn ich je einmal in gewiſſen Beziehungen ein böſes Gewiſſen hätte, ich würde mich gar nicht mehr vor Ihnen ſehen laſſen!“ „Und ſich gerade dadurch verdächtig machen; doch haben Sie Recht. Ich weiß, daß ich in meinem Fache mehr bin und gelte, als hundert Andere; ich betreibe es mit Vorliebe rationell wiſſenſchaftlich und muß Ihnen ſchon geſtehen, mit einer Ausdauer, die manchmal einer beſſeren Sache werth wäre, als der, welcher ich meine Kräfte leihen muß. Gott ſei Dank habe ich eine gute Geſundheit, und es kommt mir auf ein paar durchwachte Nächte nicht an. Wie geſagt, ſchade, daß Sie mich nicht begleiten können! Vielleicht ſpäter einmal. Heute habe ich zu Wichtiges vor, das heißt in einigen Stunden, wo ich meine Wohnung in einer Verkleidung verlaſſe, daß Sie mich nicht wieder kennen würden, und wenn wir beim hellen Gaslichte eine Flaſche Champagner mit ein⸗ ander tränken.“ „Das käme doch auf eine Wette an!“ meinte Welden in heiterem Tone. „Die Sie gewiß verlieren würden; doch laſſen wir das. Wenn es Ihnen recht iſt, nehme ich Sie ſpäter einmal mit, und Sie ſollen erſtaunen, wenn ich Ihnen zeigen werde, wie wir nicht nur begangene Unthaten zur Strafe zu ziehen ſuchen, ſondern auch langſam reifende Vierzehntes Kapitel. 103 Verbrechen beobachten und häufig glücklich verhindern. Ich könnte Ihnen ein Haus zeigen, wo ein großer Be⸗ trüger vor ſeinen gepackten Koffern ſitzt und nur noch eine Nachricht erwartet, um die Stadt zu verlaſſen; er wird die Nachricht erhalten, aber wenn er das betreffende Papier umwendet, ſeinen Verhaftsbefehl leſen. Doch iſt das ein für uns unbedeutender Fall, weil er nicht zu große Schwierigkeiten bietet; aber ich könnte Sie an ein anderes Haus führen, ich könnte Ihnen erleuchtete Fenſter zeigen, wo eine anſcheinend glückliche und zufriedene Fa⸗ milie bei einander ſitzt und wo ich alle Anzeichen habe, daß ſich dort langſam das furchtbarſte aller Verbrechen, ein Mord, vorbereitet. Dergleichen ſind die tiefen Schat⸗ ten unſeres Standes, welche ſelbſt mir oft das Herz er⸗ ſchüttern und die Bruſt faſt zerſpringen machen, wobei es mir aber eine Erleichterung iſt,“ ſetzte der Polizeirath hinzu, raſch aus einem ſehr ernſten Tone in einen ge⸗ fälligen übergehend,„mit einem lieben Freunde, wie Sie ſind, darüber plaudern zu können. Doch vergeſſen Sie, was wir geſprochen, und wenn Sie wieder einmal Zeit und Luſt zu einer guten Cigarre haben, ſo beſuchen Sie mich auf meinem Bureau— Sie kennen das magiſche Wort, welches Ihnen ſtets meine Thür öffnet.“ „Gewiß,“ ſagte Welden heiter lachend,„und habe mir vorgenommen, es zu benutzen, wenn ich einmal mit der heiligen Hermandad in einen ernſten Conflict gekommen 3 Vierzehntes Kapitel. ſein werde, und wenn Sie, verehrter Freund, ſelbſt mich unter meinem eigenen Namen nicht annehmen würden, dann laſſe ich Ihnen herein ſagen, es wäre die Zeit, welche Sie beſtimmten.“ „Ganz richtig, ſo iſt es, und dieſer Ausdruck hat bei meinem vertrauten Amtsdiener eine ſolche Kraft, daß er Sie in meinem Schreibzimmer warten ließe, wenn ich zu⸗ fällig nicht da wäre. Und nun auf Wiederſehen!“ Der Polizeirath hatte den Arm Welden's losgelaſſen, ſchüttelte ihm herzlich die Hand und ließ ihn auf der breiten Schloßſtraße allein, indem er in eine der kleinen Gaſſen trat, die hier mündeten. Es war eine mondhelle Nacht, und das Licht reflek— tirte ſo ſtark auf der weißen Schneedecke, daß man weit und breit wie am Tage um ſich ſchauen konnte. Welden blieb unwillkürlich ſtehen, um dem Davon⸗ gehenden nachzuſchauen, der, wie es ſeine Gewohnheit war, in ſtrammer Haltung, mit hoch erhobenem Kopfe die kleine Gaſſe betrat, um hier dicht vor den Augen des Ingenieurs zu verſchwinden, das heißt, die Geſtalt, welche er in der eben beſchriebenen Haltung von ſich gehen ſah, war plötzlich eine ganz andere geworden, und ſtatt des feſt auftretenden Polizeirathes ſchlich jetzt ein gebeugter Mann mit ſchlottrigen, faſt wankenden Schritten an den Häuſern dahin. Ueberraſcht wäre Welden ihm beinahe nachgeeilt; doch erinnerte er ſich, was ihm Merkel ſochen Vierzehntes Kapitel. 105 von ſeiner Verkleidungskunſt geſagt, und er mußte ſich geſtehen, daß, wenn jener ſo im hellen Mondeslichte hier an ihm vorübergekommen wäre, er ihn ſchwerlich erkannt haben würde— dagegen im hellen Gaslichte mit ihm Champagner trinkend, wie vorhin der Polizeirath ge⸗ ſagt, würde ihm das Wiedererkennen doch ſchon leichter werden. Er ging die breite Straße hinab und kam am Ende derſelben auf einen kleinen Platz, wo ſich der Holländiſche Hof befand. Welden kannte das Zimmer, wo ähnliche kleine Di⸗ ners und Soupers gehalten wurden, gegen den Hof des Hauſes gelegen, und lenkte ſeine Schritte dorthin, nach⸗ dem er den Gruß des Portiers, der ihn kannte, mit einem leichten Kopfnicken erwiedert; doch eilte ihm ein Kellner voraus und öffnete dienſteifrig das Vorzimmer, wo die Herren ihre Hüte und Ueberzieher abgelegt hatten und das in den kleinen, eleganten Speiſeſalon führte. Hier vernahm man ſchon das Klingen der Gläſer und die durch einander ſprechenden und lachenden Stimmen. Man war eben beim Deſſert, als Welden eintrat und von den anweſenden zehn bis zwölf jungen Leuten mit lärmender Freundlichkeit begrüßt wurde. „Seht ihr wohl, ich habe es geſagt,“ rief ihm Wel⸗ kermann entgegen,„ſpät kommt er, doch er kommt!“ 8„Immer noch früh genug,“ fiel ihm Herr Beſenbach Vierzehntes Kapitel. mit dem rothen Backenbarte ins Wort,„um an dieſer neuen, ganz vortrefflichen Auflage famos frappirten Cham⸗ pagners Theil zu nehmen.“ „Welden iſt ein Gourmand, er hat es im Voraus gewußt, daß das Diner manquirt ſein würde.“ „Und daß wir auf die alte, ſüßliche, ſchlecht frappirte Veuve Gliquot einen ſtärkeren Roederer Carte blanche ſetzen würden— ein Kapitalwein!“ „Mit dem man bis morgen früh fortmachen könnte — ein Hoch auf Welden!“ „Für welches er ſich dadurch bedanken muß, daß er mit Jedem von uns ein Glas trinkt!“ „Mit Vergnügen,“ erwiederte der alſo Gefeierte;„doch werden Sie mir geſtatten, das in ganz kleinen Pauſen zu thun.“ „Höchſtens Pauſen von drei Minuten— eingeſchenkt! Und du, Beſenbach, nimm die Uhr heraus und mache mit deiner bekannten Unparteilichkeit den Schiedsrichter!“ „Oder mit deiner unbekannten Parteilichkeit!“ Welden ſah wohl, daß alle Anweſenden ſich in hei⸗ terer Stimmung befanden und daß er nach dem Sprüch⸗ wort:„Mit den Wölfen muß man heulen, wenn man gemüthlich unter ihnen leben will!“ das an ihn geſtellte Verlangen erfüllen mußte. Auch fürchtete er ſich durchaus nicht vor einem Dutzend Gläſer guten, gekühlten Cham⸗ pagners, ja, es war ihm ſogar lieb, ſich dadurch etwas Vierzehntes Kapitel. 107 der Stimmung der Uebrigen zu nähern. Und er hatte Recht; denn es iſt nichts unangenehmer, als völlig ruhig und ohne die geringſte Begeiſterung ein ähnliches Gelage als Spätkommender mitmachen zu müſſen. Er hielt auch nicht einmal die ihm bewilligten Pauſen von drei Minu⸗ ten zwiſchen jedem Glaſe ein und trank noch ein Glas extra auf das Wohl der ganzen Geſellſchaft, worauf man ihn denn auch, was das Trinken anbelangte, in Frieden und die unterbrochene Unterhaltung wieder ihren alten Gang gehen ließ. Die Geſellſchaft beſtand aus jungen Kaufleuten, mei⸗ ſtens Söhnen reicher und angeſehener Häuſer, aus ein paar Beamten und Offtzieren in Civil. Die Geſpräche drehten ſich, wie meiſtens in ähnlichen Kreiſen, um die üblichen Gegenſtände: Mädchen, Pferde, Hunde, und Einer überbot den Anderen in mehr als pikanten Anek⸗ doten. Die Cigarren wurden angezündet, und bald ge⸗ ſellte ſich zum unſichtbaren, aber doch hier und da be⸗ merklichen Dunſte des Weines der ſichtbare, ja, ſehr dichte Dampf von einem Dutzend Cigarren. „Um noch einmal auf beſagten Handel zurückzukommen, ſo habe ich es ſelbſt gehört,“ rief ein junger Cavallerie⸗ Offizier,„wie der Oberſtallmeiſter ſagte, als Herr von Rivola mit ſeinen prachtvollen Rappen in den Hof fuhr: „Das iſt ein Ideal von einem Geſpann, und ich hoffe nur, daß Seine Majeſtät dieſe wunderbaren Thiere heute 108 Vierzehntes Kapitel. nicht ſorgfältig ins Auge faſſen wird, denn ſonſt höre ich ſeine Frage, warum wir dem Ankaufe des Freiherrn von Rivola nicht zuvorgekommen ſeien.: „Die Pferde waren auch von dem Händler für den königlichen Dienſt beſtimmt, und ich müßte den jetzigen Beſitzer nicht ſo genau kennen, wenn ich nicht wüßte, daß er ſie auf die leiſeſte Andeutung hin Seiner Majeſtät zum Geſchenke anbieten werde.“ Dies ſagte Ferdinand Welkermann, behaglich in ſeinen Stuhl zurückgelehnt und mit der zuverſichtlichen Miene eines Mannes, der von der Richtigkeit ſeiner ausgeſpro⸗ chenen Meinung vollkommen überzeugt iſt. „Ein ſchönes Geſchenk von vierhundert Louisd'or!“ „Nun, das iſt gerade ſo, wie wenn man die Wurſt nach der Speckſeite wirft; dem Herrn von Rivola fehlt immer noch das große Band des Hausordens.“ „Mir wäre doch die Wurſt lieber wie die Speckſeite.“ „Das verſtehſt du nicht. Wenn man ſo bei Hofe aus⸗ und eingeht und Excellenzen zu ſeiner näiglichen Geſellſchaft hat, ſo liebt man es doch, ein breites, rothes Band über der weißen Weſte tragen zu dürfen.“ „Als Toilettenſtück meinetwegen,“ entſchied Ferdinand; „denn der Freiherr von Rivola iſt ein viel zu geſcheiter Mann, um ſich im Grunde viel aus einem ſolchen An⸗ hängſel zu machen.“ Vierzehntes Kapitel. 109 „Ja, ein geſcheiter und dabei ebenſo liebenswürdiger als zuvorkommender Herr und Freund.“ „Höre, Ferdinand,“ ſagte Beſenbach lachend,„es iſt eigentlich ſchade, daß du den alten Adel deiner Mutter nicht auf dich kannſt übertragen laſſen, denn ſonſt wüßte ich für dich keine beſſere Partie, als die kleine Rivola.“ „Pah, dummes Zeug!“ „Bitte recht ſehr! Dummes Zeug? Das iſt ein Ju⸗ wel, eine Perle!“ „Hol' mich der Teufel, Sparner hat Recht— ein Diamant von reinſtem Waſſer!“ „Von ſeltener Schönheit, ein roſiger Diamant— das ſind die theuerſten!“ „Unſchätzbar, wie Fräulein Rivola auch ohne die reiche Faſſung durch das koloſſale Vermögen ihres Vaters! Gewiß, Ferdinand, es iſt ſchade, daß du nicht der Graf Welkermann biſt; du haſt, wie ich weiß, bei dem Vater einen verflucht dicken Stein im Brette!“ „Und bei der Tochtér!“ lachte der Reiter⸗Offizier. „Sah ich doch deutlich heute Mittag, daß die ſchöne Lucy ſich raſch genug gegen uns wandte, ſobald ſie Ferdi⸗ nand's Pferd und Schlitten bemerkte!“ „Ihr haltet mich wohl für ſo dumm, dergleichen auf meine geringe Perſönlichkeit zu beziehen! Dabei fanden ſich andere Leute, wie ich, denen das Umſchauen eher gelten konnte.“ Vierzehntes Kapitel. 111 Welden,“ bemerkte Ferdinand, deſſen Eigenliebe ein wenig gekränkt war, da es ihm geſchmeichelt hätte, wenn die Anderen auf ihrer Meinung, als habe Fräulein von Ri⸗ vola nach ihm geſehen, beharrt hätten. Doch ſuchte er das verlorene Terrain dadurch wieder zu gewinnen, daß er mit einem ganz eigenthümlichen Lächeln hinzuſetzte: „Wie ſollte ich, eine ſo unbedeutende Perſönlichkeit, auch dazu kommen? Und dann wißt ihr auch, daß die Weiber meine ſchwache Seite nicht ſind; über dieſe Thorheiten bin ich hinaus. Ein Glas gut frappirten Champagners zu einem animirten Souper ziehe ich allen Lucy's der ganzen Welt vor.“ Beſenbach, der ſich ein Geſchäft daraus machte, ſei⸗ nem Freunde durch ſeine unbedeutende Perſönlichkeit oder auch durch paſſende Bemerkungen ein Relief zu geben, konnte ſich nicht enthalten, übermäßig zu lachen und dabei auszurufen:„Du biſt ein ganz verfluchter Duckmäuſer! Als wenn wir nicht wüßten, wie intim du mit dem alten Baron von Rivola biſt, und als wenn wir das Sprüch⸗ wort nicht kennten, daß, wer die Tochter haben will....“ „Was verſtehſt du davon?“ rief der junge Welker⸗ mann hier unwirſch.„Das ſind Geſchäftsangelegen⸗ heiten, die ich als Beamter der Bank mit dem Freiherrn habe!“ Wäre Beſenbach's Auge nicht durch den Duft des Weines ſchon zu ſehr getrübt geweſen, ſo hätte er wohl 110 Vierzehntes Kapitel. „Und wer denn, wenn man fragen darf!“ „Nun, da waren zum Beiſpiel Sie ſelbſt,“ wandte ſich der junge Welkermann an den Reiter⸗Offizier,„dann Beſenbach, deſſen rother Bart wunderbar von dem weißen Schnee abſtach, und auch unſer Freund Welden dort, ein älterer und genauerer Bekannter im Rivola'ſchen Hauſe, als ich.“ Der Ingenieur fühlte ſich unangenehm berührt durch dieſes Geſpräch, hauptſächlich aber, als ſein Name mit hineinverflochten wurde. Es war ſeinem richtigen Gefühle eine Entweihung, Lucy's in dieſer Geſellſchaft erwähnen zu hören. Es war ihm, als erſcheine auf ihrem reinen, unſchuldsvollen Bilde, wie es vor ſeiner Seele ſtand, ein leichter, trüber Anhauch, und wenn er auch in der näch⸗ ſten Sekunde innerlich dieſen Gedanken lächerlich fand, ſo verſuchte er doch, den Namen des jungen Mädchens da⸗ durch aus dem Geſpräche zu bringen, daß er ſagte:„Sie ſind Alle im Irrthum, meine Herren. Auch ich bemerkte wohl, daß jene junge Dame den Kopf nach der Seite wandte, wo wir ſtanden, doch, weiß Gott, nicht in der Abſicht, um Einen von uns zu betrachten, ſondern ich ſah deutlich, wie ſie auf die Stränge ihres Sattelpferd⸗ chens ſchaute, welche faſt auf dem Boden ſchleiften, und darauf den kleinen Schecken durch eine leichte Berührung mit der Peitſche etwas antrieb.“ „Sie waren verflucht aufmerkſam darauf, mein lieber — 412 Vierzehntes Kapitel. merken müſſen, daß ihm Ferdinand ernſtlich einen böſen Blick zuſchleuderte; doch ſo hielt er alles, was jener ſagte, noch für affektirte Leidenſchaft, und fuhr mit lauter Stimme fort:„Sage was du willſt, jugendlicher Bank⸗ beamter, eure Geldgeſchäfte werden auf euren Bureaux abgemacht! Du aber verkehrſt auch noch außerhalb der⸗ ſelben auf das Intimſte mit dem alten, reichen Freiherrn von Rivola, der eine ſo wunderſchöne Tochter hat— ja, du verkehrſt mit ihm, wie ich das ganz genau weiß, und zwar draußen auf ſeinem Landgute, ſowie in dem kleinen, geheimnißvollen Hauſe an dem alten Thurme, ad wenn ich Sie nun bitte, meine Herren, Ihre Gläſer zu füllen, ſo geſchieht das, um Sie zu erſuchen, mit mir auf das Wohl zu trinken des— des.. Hier ſchien nun endlich Beſenbach den richtigen Aus⸗ druck in den zornfunkelnden Augen ſeines Ferdinands er⸗ kannt zu haben, ſowie auch eine verdächtige Bewegung deſſelben, als ſei Ferdinand im Begriffe, ihm ſein leeres Glas an den Kopf zu werfen, was den kleinen Mann dermaßen aus dem Concepte warf, daß er ſich, verlegen umſchauend, des Gegenſtandes, auf deſſen Wohl er trin⸗ ken wollte, nicht mehr zu erinnern ſchien und ſich hierauf unter allgemeinem Gelächter wieder niederſetzte. „Des— des—“ ſpottete Ferdinand's Gegenüber. „Was haſt du denn eigentlich ſagen wollen?“ „Du— kleines Vieh!“ ziſchte er kaum hörbar zwiſchen Vierzehntes Kapitel. 113 den Zähnen hervor.„Des— des— ich will es euch ſagen,“ fuhr er, ſich erhebend, fort,„er meint das lie⸗ benswürdigſte aller Spiele, dem wir ſchon lange, ja, allzu lange unſere Aufmerkſamkeit entzogen, des liebenswürdigen Makao, wenn ihr nicht einen Landsknecht vorzieht!“ „Vortrefflich!“ riefen die Meiſten.„Doch nichts von Landsknecht,“ ſetzten ein paar Andere hinzu,„das iſt ein inſipides Spiel ohne alle aufregenden Nuancen— meine Tante, deine Tante— Makao, Makao!“ Die Kellner, durch die Klingel herbeigerufen, beeilten ſich, den, Tiſch abzuräumen und abzubürſten, dann eine grüne Wollendecke darüber zu breiten und ein Käſtchen mit Karten herbeizubringen und daſſelbe vor Ferdinand Welkermann zu ſtellen, der nun ſeine Geldbörſe hervorzog und den Inhalt derſelben, Gold⸗ und Silberſtücke, vor ſich auf den Tiſch ſchüttete.„Das mögen ungefähr vier⸗ hundert Gulden ſein, doch iſt die Bank bis zu jeder be⸗ liebigen Summe garantirt.“ Bei dieſen Worten zog er aus ſeiner Bruſttaſche ein wohlgefülltes Schreibbuch her⸗ vor, das er neben ſich auf den Tiſch legte. „Che wir anfangen, ſollen die Kellner abtreten, ſonſt haben wir morgen früh wieder die übertriebenſten Schwä⸗ tzereien über unſer kleines, harmloſes Spiel!“ „Ja, ja, der Franz und Joſeph, ſo famos ſie auch ſerviren, können ihr Maul nicht halten!“ ſagte Ferdinand Welkermann, mehrere Spiele Karten unter einander mi⸗ Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. II. 8 114 Vierzehntes Kapitel. ſchend.„Ich ſprach vor unſerem Diner mit Herrn Ring⸗ ler darüber— auch ſo ein alter Philiſter, denn er meinte achſelzuckend, unſer Beſuch ſei allerdings eine große Ehre für ſein Haus, aber wenn nicht gar zu hoch ge⸗ ſpielt würde, ſei es ihm doch lieber; er wäre ſchon ein paar Mal beinahe in unangenehme Conflikte mit der Polizei gerathen.“ „Deßhalb wollen wir noch ein paar Flaſchen herein⸗ ſtellen laſſen und dann die Thüren ſchließen.“ „Warum nicht gar— was geht uns die Polizei an!“ ſagte Ferdinand aufblickend.„Man kann doch nicht die halbe Nacht ohne Bedienung da ſitzen, und wenn wir die Thüren ſchließen, machen wir die Geſchichte erſt recht ver⸗ dächtig! Das meinte auch Herr Ringler. Er verſprach mir, die Kellner zu Bette zu ſchicken, und wird einen dummen, aber zuverläſſigen Kerl ins Vorzimmer ſetzen, den wir hereinrufen können, ſobald wir ſeiner benöthigt ſind. Alſo, meine Herren, faites votre jeu! Ich werde drei Karten für euch auflegen, theilt euch unparteiiſch darein— Sie ſpielen doch auch mit, Welden?“ „Warum nicht, wenn Sie auch kleine Einſätze nicht verſchmähen.“ Nu begann das Spiel, anfänglich klein und be⸗ ſcheiden; man ſah neben Thaler und Guldenſtücken auch halbe Gulden und Sechſer, man lachte noch über ein ge⸗ borenes Honneur, und wenn einer der Baiſſe gegen den ——— Vierzehntes Kapitel. 115 Banquier gewann, ſo zahlte dieſer mit großem Gleich⸗ muthe die immer noch unbedeutenden Summen. Dabei wurde noch ziemlich ſtark getrunken und zur Abwechslung Papiercigarren aus einem auf dem Tiſche ſtehenden Kiſtchen geraucht. „Es grenzt eigentlich an Straßenräuberei, wenn Sie die Bank haben,“ ſagte der Reiteroffizier zu Ferdinand; „ſchon das dritte Mal, daß Sie einen geborenen Neuner auflegen. Ich muß mich auf Sechſer beſchränken, ſonſt kann ich nächſtens aufhören, oder verliere zu viel.“ „Sie wiſſen, daß die Bank Credit gibt, ſo viel, als ihre Mittel erlauben,“ ſagte der Betreffende. „Bis morgen Mittag zwölf Uhr,“ ergänzte Beſenbach, „wie es mit allen ehrlichen Spielſchulden gehalten wird.“ „Deßhalb, Messieurs, faites votre jeu!“ „Und das Spiel wurde ſchon lebhafter und größer. Auch hatte die Bank nicht mehr ſo entſchiedenes Glück wie Anfangs, obgleich immer noch das meiſte baare Geld, Banknoten und Zettel, mit verſchiedenen Summen und Unterſchriften verſehen, vor Ferdinand lagen. Beſonders hatten Beſenbach und der Reiteroffizier in der zweiten Taille bedeutende Chancen, ja, ſogar Welden, vor dem ſich, obgleich dieſer mit kleinem Einſatze ſpielte Gul⸗ den⸗ und Thalerſtücke raſch aufhäuften. 4 Doch flatterte das Glück auf Augenblich eder zu Ferdinand, wie eben jetzt, wo er, nach ſech ligem Um⸗ 116 Vierzehntes Kapitel. ſchlag und Doubliren, mit einer gewiſſen Befriedigung ſagte:„Es ſtehen vierhundert Gulden; wer hält ſie?“ „Noitié, für mich!“ rief einer der jungen Kaufleute. „Und für mich den Reſt,“ ſagte der Reiteroffizier. Ehe Ferdinand die Karten abzog, bemerkte er noch⸗ mals, daß die Bank auch für jede andere Summe garan⸗ tirt ſei, worauf von den Uebrigen in verſchiedenen Be⸗ trägen noch faſt die gleiche Summe pointirt wurde, alſo im Ganzen beinahe achthundert Gulden ſtanden. Der Reiteroffizier gouſtirte lange und ſorgfältig, ſah ſich dann genöthigt, eine Karte zu kaufen, und legte darauf mit ſehr unbefriedigtem Geſichtsausdrucke vier auf. Der Banquier kaufte ebenfalls und warf ſeine drei Karten mit einer ſehr gleichgültigen Miene auf den großen Haufen; es waren drei Zehner.„Verloren— wie viel ſteht im Ganzen?“ „Achthundertundvierzig Gulden im Ganzen.“ „Hier iſt ein Tauſender,“ ſagte Ferdinand Welker⸗ mann, ohne die geringſte Bewegung zu verrathen, indem er ſeine Brieftaſche öffnete und die betreffende Banknote hinüber warf; gebet mir heraus und theilet euch darein. Ich mag mein baares Geld nicht alles weggeben— und nun vorwärts, wenn ich bitten darf, es iſt Alles garan⸗ tirt.“ Welden fing an, ſich für das Spiel in hohem Grade zu intereſſiren, nicht als ob er leidenſchaftlich geſetzt oder Vierzehntes Kapitel. 117 für einen der Spieler beſonders Partei genommen hätte; er beobachtete Ferdinand, ja, er mußte die merkwürdige Ruhe bewundern, mit welcher dieſer bedeutende Sätze einzog und ausbezahlte. Allerdings lag dieſe Ruhe und Gleich⸗ gültigkeit ſtets im Weſen des jungen Welkermann; doch hatte Welden den Ausdruck derſelben, wie im gewöhnlichen Leben häufig geſchieht, an dieſem jungen Manne für Affektation gehalten, hier aber ſchien ſeine Ruhe und Kälte echt zu ſein. Es lag Welden viel daran, die wirklichen Urſachen zu ergründen. War Ferdinand gleichgültig gegen das Spiel ſelbſt oder gleichgültig gegen die Summen, die er verlor? Und im letzteren Falle mußte er nach den Befürchtungen ſeines Vaters eine ſehr ergiebige Quelle haben, ſich auf ſehr leichte Art Geld zu verſchaffen. Dies ſchien das Wahrſcheinlichere, denn der Bankhalter, der offenbar in großem Unglück war, lächelte faſt gemüthlich, ſo oft er eine neue große Note aus ſeinem Taſchenbuche hervorzog, ja, er ſagte, indem er leicht mit den Fingern über die Ränder des ziemlich dicken Pakets der Bank⸗ billets fuhr: „Wartet nur, ich werde alles das ſchon wieder herum⸗ bringen, ſei es nun in meiner eigenen Bank oder wenn Sie halten, Baron Miltau.“ Dieſe letzten Worte galten ſpeziell dem Reiterofftzier, der einen tüchtigen Haufen von Papier und Gold vor ſich liegen hatte, 4 118 Vierzehntes Kapitel. „Ich habe nichts dagegen, die Bank zu nehmen,“ ſagte dieſer, ſeine Gelder mit einem flüchtigen Blicke muſternd;„ich kann ſagen, daß die Bank für zweitauſend Gulden garantirt iſt. Bitte aber um Eines,“ wandte er ſich gegen Ferdinand, forciren Sie mich gleich Anfangs nicht zu ſtark, denn ſonſt wird mein Vergnügen bald zu Ende ſein— und nun zur Attaque, meine Herren!“ Welden hatte die noch in ſeiner Hand befindlichen Karten dem Reiteroffizier zugeworfen, der den ganzen großen Haufen ſortirte und miſchte. Dann zündete der ehemalige Bankier eine Papiercigarre an, lehnte ſich be⸗ haglich in den Stuhl zurück und ſagte:„Unbeſorgt, ich werde ein wenig ausruhen, führe aber ſpäter ſchon ge⸗ wichtige Truppen gegen Sie ins Feld— wenn es nur nicht ſo verdammt heiß geworden wäre!“ „Trink Champagner, der kühlt ab,“ meinte der kleine Beſenbach, der ſehr vorſichtig und dabei recht glücklich ſpielte. Vor ſich hatte er zierlich aufgeſtellte Geldhäufchen liegen, ſyſtematiſch geordnet vom Sechſer bis zum Fried⸗ richsd'or— mit Papier gab er ſich nicht gern ab. „Nein, ich möchte Waſſer haben, friſches kaltes Waſſer, aber alle dieſe Murmelthiere von Kellnern ſind verſchwun⸗ 4 den— ſieh doch Jemand zu, ob keiner im Vorzimmer iſt.“ (Einer der jüngeren Leute ſprang dienſtfertig hinaus und kehrte gleich darauf mit der einzigen Bedienung zu⸗ rück, die er draußen gefunden, einem Mittelding zwiſchen Vierzehntes Kapitel. 119 Kellner und Hausknecht, einem einfältig ausſehenden Men⸗ ſchen, wie der Gaſtwirth, Herr Ringler, verheißen. „Der Kerl ſchlief draußen wie eine Bombe; ich mußte ihn erſt aufwecken.“ „Er ſoll Waſſer bringen, aber friſches Waſſer vom Brunnen weg.“ „Jawohl, Herr.“ „Auch könnten noch einige weitere Flaſchen Cham⸗ pagner nichts ſchaden.“ „Kannſt du die ebenfalls beſchaffen?“ „Jawohl, Herr.“ „So troll' dich und mach', daß du wiederkommſt!“ „En bien, Messieurs, le jeu est fait!“ Und wiederum begann das Spiel, zuerſt abermals mit kleineren Sätzen, wie zu Anfang, ſich aber raſcher ſteigernd. Ferdinand betheiligte ſich nur mit unbedeuten⸗ den Sätzen, zwiſchen denen er haſtig einige Gläſer kalten Waſſers hinunterſtürzte, die ihm der Kellner einſchenkte und darreichte, worauf ſich dieſer wieder in den Hinter⸗ grund des Zimmers zurückzog. Hatte der Sohn des Stadtſchultheißen in ſeiner Bank Unglück gehabt, ſo machte dagegen Baron Miltau glän⸗ zende Geſchäfte, unter ſechs Mal drei, auch wohl vier geborene Honneurs; es war rein zum Verzweifeln, und mit ſolchem Ausdrucke, wenigſtens mit dem des größten Unbehagens, ſchauten auch die Meiſten auf den ſich Vierzehntes Kapitel. unverhältnißmäßig mehrenden Haufen von Gold und Papier. „Finis Poloniae!“ ſagte einer der jungen Kaufleute, wobei er ſowohl an ſein Portemonnaie als an ſeine Brief⸗ taſche leicht mit den Fingern ſchlug, ohne daß noch irgend etwas herausgefallen wäre. Welden betrachtete Ferdinand, der, ohne das Geringſte zu ſetzen, mit großer Ruhe eine Papiercigarre um die andere rauchte, ſchon längſt kein Waſſer mehr trank, aber deſto mehr Champagner, welcher ihm von Beſenbach ein⸗ gegoſſen wurde und wobei dieſer nie unterließ, ihn mit dem Ellenbogen anzuſtoßen und ihm dabei zuzuflüſtern: „Geh' ihm doch endlich einmal zu Leibe— wie kannſt du denn zuſchauen, daß wir ſo ausgeraubt werden?“ Der Reiteroffizier hatte übrigens etwas von dieſen Worten verſtanden und warf lachend die Bemerkung hinüber:„Allerdings, eine hitzige Schlacht, und mit glor⸗ reichem Ende, wenn nicht bald Verſtärkung gegen mich anrückt; Herr Welkermann hat ſich in ſein Zelt einge⸗ ſchloſſen, wie der ſelige Achill, und ſcheint mit ſeinen Myrmidonen nicht mehr eintreten zu wollen.“ „Allerdings iſt Achill müde,“ erwiederte der Angeredete, indem er gähnte und mit der Hand über ſeine Augen fuhr;„doch werde ich meinen Patroklus ſchicken, um vielleicht die Feldſchlacht noch einmal zum Stehen zu bringen. Da, Beſenbach, pointire, wenn du Luſt haſt! Vierzehntes Kapitel. 121 Damit warf er ihm ſeine gefüllte Brieftaſche hinüber, aus welcher, durch den Wurf verſchoben, Billette von tauſend, fünfhundert und hundert Gulden hervorblickten. Du brauchſt dich nicht zu geniren!“ „Gut denn— ein Einzelkampf zwiſchen Patroklus und Herkules.“ Alles blickte geſpannt auf die Spieler mit vorgeſtreck⸗ tem Halſe und weit geöffneten Augen. „Die Bank iſt für dreitauſend Gulden garantirt.“ „ So fangen wir klein an,“ ſagte Beſenbach,„und nehmen ihr hundert Gulden— geborener Achter.“ „Oder umgekehrt,“ ſagte lachend der Reiteroffizier, „hier iſt die Geburt eines Neuners zu melden.“ „Unerhört— abermals hundert.“ „Leider mit dem gleichen Erfolge.“ „Verſuch es einmal mit fünfhundert,“ ſagte Ferdinand gleichgültig. „Verdammt, die ſind auch beim Teufel— Baron Miltau, Sie haben einen Bund mit dem Böſen gemacht!“ Ferdinand hatte ein großes Waſſerglas mit Cham⸗ pagner hinuntergeſchluckt, und ſeine Augen fingen an, un⸗ heimlich zu leuchten.—„Nochmals fünfhundert.“ „Und nochmals verloren.“ „Das iſt wirklich ein ganz fabelhaftes Glück,“ ſagte einer der jüngeren Leute;„hören Sie auf, Welkermann, dem Baron Miltau iſt heute nicht beizukommen!“ 122 Vierzehntes Kapitel. „Und für wie viel iſt die Bank garantirt?“ fragte der Sohn des Stadtſchultheißen mit einer Stimme, der man nicht die geringſte Aufregung anmerkte und wobei ſich ſogar ein kleines Lächeln um ſeinen Mund zeigte. „Für dreitauſend Gulden,“ antwortete der Reiter⸗ offizier;„den Reſt ziehe ich zurück.“ „Nicht mehr als billig.“ „Couvrire dieſe dreitauſend Gulden,“ ſagte Ferdinand zu Beſenbach,„und dann laß mich einmal die Karten aufnehmen.“ „Nein, nein,“ riefen ein paar der Anweſenden, indem ſie ſich halb von ihren Stühlen erhoben,„das geht über den Spaß; treibt das meinetwegen ſo fort, nachdem wir das Zimmer im Rücken haben— Gute Nacht!“ „Pfui, wer wird ſo kindiſch ſein, eine Spielgeſellſchaft unter guten Freunden durch vorzeitiges Weglaufen aus einander zu ſprengen!“ bemerkte Ferdinand;„was kann es euch verſchlagen, ob ich verliere oder gewinne? Denkt, wir ſpielen um Nüſſe oder um Rechenpfennige— haben doch dieſe Papierfetzen auch nur einen eingebildeten Werth.“ „Du thuſt gerade, als wenn du eine Banknotenpreſſe bei dir zu Hauſe ſtehen hätteſt,“ erwiederte lachend einer der Kaufleute;„nun ich kann auch noch da bleiben, mir kann es gleich ſein.“ „Alſo Sie halten die dreitauſend?“ — Vierzehntes Kapitel. 123 „Gewiß.“ Der Sohn des Stadtſchultheißen nahm die Karten, ohne daß ſeine Finger oder ſeine Miene auch nur das geringſte Zeichen von Aufregung verrathen hätten; doch gouſtirte er aufs ſorgfältigſte, bis oben der Strich er— ſchien, der ihm ein Bild anzeigte. Dann wandté er die Karten lächelnd herum; die andere war ein Vierer— auf vier bleibt man nicht ſtehen; er ließ ſich eine dritte Karte geben: es war ein Sechſer; er hatte alſo verloren, wenn der Bankier nicht ebenfalls zwei Zehner oder zwei Bilder hatte. Dieſer kaufte ebenfalls und legte mit triumphirendem Blicke ein Aß auf— er hatte um einen einzigen Point gewonnen, denn auch er hatte in der That zwei Zehner gehabt. Ein leiſer Ruf der Ueberraſchung flog durch den Kreis, der ſich näher um die beiden Spielenden zuſammen⸗ drängte— es war dieſes aber auch ein ganz außer⸗ ordentliches Spiel, ſo außergewöhnlich, daß es ſelbſt die Aufmerkſamkeit des Kellners erregte, der unbeachtet im Zimmer geblieben war und nun mit lang vorgeſtrecktem Halſe, von Niemandem beachtet, über den Kreis hinüber auf den Tiſch ſchaute. 3 Der Reiteroffizier behielt ſein Paket Karten in der Hand und blickte fragend zu Ferdinand hinüber, der ſich lachend mit der Frage an Beſenbach wandte:„Was haben wir noch aufzuwenden?“ 124 Vierzehntes Kapitel. Der kleine Mann mit dem rothen Barte machte ein gar klägliches Geſicht, offenbar befand er ſich durch das unſinnige Spiel in viel größerer Beſtürzung, als der, dem es doch eigentlich galt.„Laß es gut ſein,“ flüſterte er ihm zu—„wozu ſeinem Gelde nachrennen und Alles verlieren?“ „Das iſt meine Sache; wie viel iſt noch in der Brief⸗ taſche?“ „Noch neun Stück Fünfhunderter.“ „Halten Sie mir noch viertauſend Gulden?“ fragte Ferdinand in verbindlichem Tone den Baron von Miltau. „Mit Vergnügen, auch mehr.“ „Gut, geben Sie aus.“ Dieſes Mal kam der junge Welkermann weder zum Gouſtiren noch zum Kaufen, denn der Cavallerieoffizier legte achſelzuckend und mit den Worten:„Mir ſelbſt un⸗ begreiflich!“ einen geborenen Neuner auf. Sonſt ſprach Keiner im Kreiſe rings umher, Alle ſchienen beſtürzt über die unter den obwaltenden Umſtän⸗ den koloſſale Höhe, welche das Spiel, das man mit Sechſern und halben Guldenſtücken begonnen, ſo unver⸗ hofft genommen; nur der, den es am meiſten betraf, ſchien nicht viel Weſens daraus zu machen. Er ſteckte Portemonnaie und Brieftaſche mit großer Ruhe ein, wo⸗ rauf er das letzte Bankbillet von fünfhuͤndert Gulden, 1 das er noch hatte, langſam zwiſchen den Fingern umher⸗— Vierzehntes Kapitel. 125⁵ ſchob und dann der Länge nach bedächtig zuſammen⸗ faltete. Allerdings waren ſeine Blicke etwas ſtarr ge⸗ worden und ſeine Zunge ſchwer und lallend, als er ſprach. „Es iſt mir das allerdings unangenehm,“ ſagte er, „aber ich kann Ihnen auf meine Chre verſichern, mehr für Sie, als für mich ſelber, da es unſern heiteren Abend mit einer Diſſonanz zu beſchließen droht; deßhalb noch ein volles Glas, Beſenbach, zur Abwehr der Miß⸗ ſtimmung, und ihr Anderen ſchenkt euch noch einmal ein — an Stoff fehlt es nicht— ſtoßt an auf unſer beſſeres Glück ein ander Mal!“ „Und zur Revanche jeder Zeit!“ rief der Freiherr von Miltau. „Wie Sie wollen,“ antwortete Ferdinand;„doch könnte mir auch die verflucht geſcheite Idee kommen, gar keine Karten mehr anzurühren, vielleicht aus Mangel an Fonds,“ ſetzte er mit einem eigenthümlichen Lächeln hinzu, und um den eben ausgeſprochenen Vorſatz halten zu können, iſt es beſſer, wenn ich meine Schiffe hinter mir verbrenne.“ Bei den letzten Worten näherte er die zu einem Fidi⸗ bus zuſammengedrehte, letzte Banknote dem Lichte, wel⸗ ches vor ihm ſtand, und ehe Welden, der, der einzige vollkommen Nünhterne, allen ſeinen Bewegungen aufs ge⸗ naueſte gefolgt war, ihn am Arme ergreifend daran hin⸗ 126 Vierzehntes Kapitel. dern konnte, hatte das Papier bereits Feuer gefangen; doch riß es ihm der junge Ingenieur trotzdem aus der Hand, zerdrückte die Flamme mit den Händen und ſagte dann, ihn ernſt anſchauend: „Herr Welkermann, ich kenne allerdings nicht Ihre Vermögensverhältniſſe, aber ich glaube doch, Sie werden mir morgen Dank wiſſen, daß ich Sie von etwas abge⸗ halten, das ſelbſt durch die aufgeregte Stimmung, in der man ſich eben befindet, nicht zu rechtfertigen iſt!“ Dieſes war der Funke, welcher in den aufgehäuften Zündſtoff flog, den der junge Mann bis jetzt mühſam vor dem Aufflammen bewahrt; er ſprang, wie von einer Feder geſchnellt, in die Höhe, ſeine feuchten Lippen bebten, und indem er beide Fäuſte auf den Tiſch ſtemmte, beugte er ſich ſo weit gegen den Ingenieur, daß er deſſen Stirn faſt mit der ſeinigen berührte. „Weder morgen noch heute werde ich Ihnen Dank wiſſen, Herr— wiſſen Sie wohl, daß Sie eine Unver⸗ ſchämtheit gegen mich begangen, daß ich Ihnen darauf mit einer Ohrfeige antworten würde, wenn mich die An⸗ weſenheit jener ehrenwerthen Leute nicht davon zurück⸗ halten würde, und daß ich Sie trotzdem bitten muß, dieſe Ohrfeige als vollkommen genoſſen zu betrachten!“ Welden war furchtbar erbleicht und athmete tief auf, ehe er im Stande war, auch nur durch ein leichtes Kopf⸗ nicken zu antworten, und dann erſt nach einer ziemlich Vierzehntes Kapitel. 127 langen Pauſe, während welcher er die an einem Theile verbrannte Banknote ruhig auf den Tiſch legte, zur Ant⸗ wort gab:„Die anweſenden Herren werden es mir Dank wiſſen, wenn ich Ihre Worte heute Abend auf der Stelle nicht gebührend beantworte— morgen aber werde ich mir erlauben, Ihnen den heutigen Abend in Erinnerung zu bringen!“ „Und mit vollem Rechte!“ rief Baron Miltau, der ſich mit den meiſten der übrigen Anweſenden raſch erho⸗ ben hatte. Nur Beſenbach war ſitzen geblieben, und das aus guten Gründen, denn er hatte nicht Luſt, den auflodern⸗ dgn Zorn ſeines guten Freundes auf ſich zu lenken, konnte ſich aber trotzdem nicht enthalten, in Ausrufungen wie: ‚Unerhört! Unverzeihlich!; wenn auch leiſe, mit einzu⸗ ſtimmen. Ferdinand hatte die Banknote wieder ergriffen, und indem er mit rollenden Augen, an der Unterlippe nagend, rings im Kreiſe umherſchaute, ſtieß er mühſam die Worte hervor:„Und ich kann mit meinem Eigenthum ſchalten und walten, wie ich will!“. „Ja, aber vor unſeren Augen keinen ſolchen Wahn⸗ ſinn treiben; ein Millionär würde ſich das nicht erlauben, und wenn er es thäte, müßte man ihn unter Curatel ſtellen, und das wollen wir auch dir thun zu deinem eigenen Beſten.“ Vierzehntes Kapitel. Der, welcher ſo ſprach, einer der genaueren, älteren Freunde Ferdinands, hatte das Licht auf dem Tiſche aus⸗ gelöſcht und ſich ihm mit einer ſehr entſchloſſenen Miene genähert, worauf Ferdinand anfänglich Luſt zu haben ſchien, das Papier, welches er zwiſchen ſeinen zitternden Fingern hielt, zu zerreißen; doch beſann er ſich eines Vernünftigeren, und ſich raſch umwendend, wobei er ſei⸗ nen Freund etwas unſanft zurückdrängte, warf er dem Kellner, der überraſcht zugeſchaut, die Banknote zu. Dieſer ſchien erſchrocken über das Geſchenk zu ſein und wollte es wieder auf den Tiſch legen, doch winkte ihm Baron Miltau mit den Augen, worauf er ſich in die Ecke des Zimmers zurückzog, wohin ſich Welden ebenfalls be⸗ geben hatte, um ſeinen Hut zu nehmen. Hier flüſterte ihm der Kellner zu: „Erlauben Sie mir die Frage: wer iſt der junge Herr, der mir die Banknote gegeben? Ich bin erſt kurz im Hauſe und kenne ihn nicht; Sie werden es begreiflich finden, daß ich ſie ihm morgen früh wieder zuſtelle.“ „Gewiß, mein Freund, es iſt der Sohn des Stadt⸗ ſchultheißen Welkermann, bei der Bank angeſtellt; gehen Sie morgen früh dorthin, und ich bin überzeugt, er wird Ihnen dankbar ſein.“ Der Kellner zog ſich nach einer Verbeugung zurück, und Welden verließ das Zimmer und den Gaſthof, deſſen Thür ihm ein ſchläfriger Hausknecht öffnete. Vierzehntes Kapitel. 129 Es war ſpät in der Nacht oder vielmehr früh am Morgen; die Sterne leuchteten in unbeſchreiblicher Klar⸗ heit, der Schnee knirſchte unter den Füßen des Dahin⸗ wandelnden, welcher bei ſich dachte:„Das hat man da⸗ von, wenn man ſich in fremde Angelegenheiten miſcht, und ſtatt dem Stadtſchultheißen dienſtbar zu ſein, werde ich mich genöthigt ſehen, ſeinem ungerathenen Sohne Eins auf den Pelz zu ſchießen oder.... Vielleicht wäre es doch geſcheiter geweſen, eine Taſſe Thee bei meiner lie⸗ benswürdigen Hauswirthin anzunehmen.“ Scylla und Charybdis. Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. II. 9 Fünßehntes Kapitel. Welden war am anderen Morgen allein auf ſeinem Bureau. Baron Miltau, der ſich ihm in aller Frühe durch ein Billet, die Geſchichte mit Welkermann betreffend, zur Verfügung geſtellt und ihn darauf beſucht, hatte ihn ſoeben verlaſſen, um ſich als Cartelträger zu Ferdinand zu begeben. Es war ein Feiertag und deßhalb außer ihm Niemand auf den Zeichnungszimmern, nicht einmal der Oberbau⸗ rath Lievens, was dem jungen Ingenieur ſehr angenehm war; er hatte ſeinen Kopf nach zu voll von dem geſtrigen Vorfalle, um ſich ſeinen eigenen Arbeiten oder denen der Anderen widmen zu können. Am Fenſter ſtehend, blichte er an dem trüb gewordenen Winterhimmel empor, in Nachſinnen verſunken, ob er geſtern Abend hätte anders handeln können oder ſollen— können vielleicht wohl, — Fünfzehntes Kapitel. 131 doch gereute es ihn durchaus nicht, daß er mit dem über⸗ müthigen jungen Menſchen ſo verfahren, wie er es gethan. Was konnte auch die Folge davon ſein? Ein Zuſammen⸗ treffen, wie er ſchon ähnliche gehabt— er war in der Lage, Ferdinand zu fordern, jener hatte alſo den erſten Schuß, und wenn die Kugel ihn nicht traf, wie es ja wohl möglich war, ſo lag es in ſeiner Hand, den jungen Mann ganz zu verſchonen oder ihm einen leichten Denk⸗ zettel zu geben. Welden war ein guter Piſtolenſchütze, und, was die Hauptſache war, ſein Gleichmuth und ſeine Ruhe hatten ihn in ſchwierigeren Lagen nicht verlaſſen, alſo auch nicht vor der Mündung einer Piſtole. Es war vielleicht eigenthümlich, vielleicht auch ſehr natürlich, daß ihm bei dieſen Betrachtungen das Bild Lucy’s von Rivola häufiger als ſonſt vor ſeine Seele trat, und er ärgerte ſich, wenn er bedachte, daß man im Hauſe des Freiherrn, wie ja auch wohl überall in der Stadt, dieſe an ſich ſo unangenehme Geſchichte noch mit großen Zuſätzen erfahren würde: ein Streit beim Spiele mit jüngeren, leichtſinnigen Leuten— was mochte man über ihn im Hauſe des Freiherrn denken, wo er ſtets als das Muſter eines beſonnenen und vollkommen ſoliden jungen Mannes gegolten hatte? Er beſchloß, allen Gerüchten zuvorzukommen und dem Baron von Rivola die ganze Geſchichte zu erzählen. ————ö————:’--———— Fünfzehntes Kapitel. So am Fenſter ſtehend und mit ſeinen Gedanken be⸗ ſchäftigt, hatte er es überhört, daß an die Thür des NRebenzimmers, wo der Eingang zu den Bureauxr war, geklopft wurde, und wandte ſich jetzt raſch um, als er das Knarren dieſer Thür ſowie Schritte hörte, welche ſich dem Gemache näherten, in dem er ſich befand. Es war der Polizeirath Merkel, der mit ſeinem wohlwollenden Lächeln nun vor ihm auf der Schwelle ſtand und ihm einen freundlichen Guten Morgen bot. „Sie werden überraſcht ſein, mich ſchon ſo früh bei ſich zu ſehen.“ „Bin aber ſehr erfreut darüber,“ erwiederte der junge Ingenieur,„und halte es für recht paſſend, daß die hohe Polizei, der eigentlich nichts heilig iſt, wenigſtens den Feiertag verehrt, indem ſie ihre Geſchäfte bei Seite läßt und Beſuche macht.“ „Leider kann ich Ihnen das nicht bejahen, ſo gern ich auch meine Sonn⸗ und Feiertage für mich hätte. Glauben Sie mir, wir ſind ſchlimmer daran, als die Briefträger, die doch nur zu gewiſſen Stunden in der Stadt umher zu traben haben, wogegen wir uns ſagen können: keine Ruh' bei Tag und Nacht.— Doch wie geht es Ihnen? Ich hatte in der Nähe zu thun und bin nur gekommen, um nach Ihnen zu ſehen, ja, ſogar ohne bei meiner Schweſter einzutreten.“ „Das iſt ſehr liebenswürdig von Ihnen, Herr Polizei⸗ Fünfzehntes Kapitel. 133 rath,“ antwortete Welden,„beſonders wenn Sie mir in der That ohne alle und jede Nebenabſicht ſo früh ſchon Ihren Beſuch ſchenken.“ „Man muß ſich vor Ihnen in Acht nehmen,“ ent⸗ gegnete der Andere lächelnd, indem er ſich rittlings auf einen der Zeichenſtühle ſetzte—„nun denn, ſo frage ich ohne alle Beziehung, ob Sie gut geſchlafen haben.“ Lag bei dieſen Worten etwas Auffallendes in den Blicken des Polizeiraths oder glaubte Welden das nur, der ſich, wie wir wiſſen, in Gedanken ſehr mit dem geſtrigen Abende beſchäftigt hatte und deßhalb auch dieſe Frage damit in Zuſammenhang brachte, genug, er er⸗ wiederte: „Wenig und unruhig; ich war lange auf und unſere Unterhaltung ſehr animirt.“ „Ja, ja,“ machte der Polizeirath und fuhr in gleich⸗ gültigem Tone fort, während er mit ſeinem Spazierſtocke etwas hangen gebliebenen Schnee von der Spitze ſeines Stiefels entfernte:„Das Spiel regt auf, ſelbſt wenn man eigentlich ſo zu ſagen nur Zuſchauer iſt.“ „Habe ich vom Spiel geſprochen?“ fragte Welden im Tone der Verwunderung. „Nein, aber ich,“ verſetzte der Andere, indem er dem jungen Manne mit großer Ruhe ins Geſicht ſchaute und dann lachend beifügte:„ich, der Polizeirath Merkel.“ „Als ſolcher?“ 134 Fünfzehntes Kapitel. „Nein, als guter Freund meines guten Freundes.“ „Sehen Sie, wie Recht ich vorhin hatte,“ fuhr Welden nach einer kleinen Pauſe fort, während welcher er in das herzliche Lachen des Anderen eingeſtimmt hatte;„alſo Alles wohl berechnet und Heuchelei: das Reſpektiren des Feiertages, das Bedürfniß, mich am frühen Morgen zu ſehen.“ „Ich konnte doch nicht mit der Thür ins Haus fallen, ich konnte es Ihnen doch nicht ſogleich ſagen, ehe ich mich nur geſetzt und ehe Sie mir eine gute Cigarre angeboten, was Sie beiläufig noch nicht gethan haben, junger Mann.“ „Hier iſt das Beſte, was ich habe, Flor fin, das wird Sie hoffentlich milder ſtimmen, denn Ihre Anrede verſpricht nichts Gutes.“ „Ihre Cigarre iſt vortrefflich; doch nun laſſen Sie mich fortfahren, undankbar aber gerecht. Junger Mann, Sie waren geſtern Abend im Holländiſchen Hofe, und zwar in einem Hinterzimmer desſelben, wo ſoupirt und ſpäter geſpielt wurde, ein ſehr intereſſantes, aber abſcheu⸗ liches Spiel, welches man Makao nennt.“ „Bis dahin ſind das unläugbare Thatſachen.“ „Ich brauche weder Läugnen noch Beiſtimmung, junger Herr, ich bin meiner Sache ſo gewiß, als ob ich ſelbſt dabei geweſen wäre; Sie allerdings ſpielten ſehr be⸗ ſcheiden, aber andere Leute trieben ein Spiel, das weit Fünfzehntes Kapitel. 135 über deren Verhältniſſe geht und in das ſich die hohe Polizei eigentlich miſchen ſollte, wenn ſie im vorliegenden Falle nicht Wichtigeres zu thun hätte.“ „Wichtigeres— worin beſteht dieſes Wichtigere?“ „In einem wahrſcheinlich heute Morgen ſchon einge⸗ fädelten Engagement mit Herrn Ferdinand Welkermann, einem großen Taugenichts, dem eine tüchtige Lection allerdings nichts ſchaden könnte, für den ich aber in anderer Beziehung eine ſo große Zuneigung empfinde, daß es mir ganz entſetzlich wäre, wenn ihm auch nur ein Haar gekrümmt würde.“ „Ich verſtehe Sie wahrhaftig nicht, Herr Polizei⸗ rath.“ „Iſt auch vor der Hand ganz unnöthig.“ „Aber wenn ich Sie verſichere, daß die Polizei, trotz ihrer Allwiſſenheit, dieſes Mal doch nicht den richtigen Weg geht?“ „Mein lieber Welden,“ gab hier der Polizeirath, plötzlich ernſt werdend, zur Antwort, ich verlange durch⸗ aus nicht, daß Sie mir den geſtrigen Abend betreffende Zugeſtändniſſe oder noch weniger Confidenzen machen; ich brauche das nicht, denn ich bin meiner Sache zu ge⸗ wiß— wollen Sie Beweiſe?“ „Warum nicht, wenn es Ihnen gefällig wäre?“ „Mit vielem Vergnügen— alſo geſtern Abend wurde in dem gewiſſen Hinterzimmer des Holländiſchen Hofes 136 Fünfzehntes Kapitel. Makao geſpielt; Sie ſetzten, wie es ſich für einen ver⸗ nünftigen Mann geziemt, Andere aber, verzeihen Sie mir den Ausdruck, wie die Narren, beſonders Herr Welker⸗ mann, der außer unbedeutenderen Einſätzen das erſte Mal dreitauſend Gulden an Baron Miltau verloren, dann nochmals viertauſend Gulden an denſelben.“ „Ich möchte wiſſen, wer Ihnen das verrathen hat.“ „Niemand von denen, die anweſend waren— ich kann Ihnen mein Chrenwort geben, daß Sie der Erſte aus der geſtrigen Geſellſchaft ſind, den ich ſeit vierund⸗ zwanzig Stunden ſpreche.“ „Unbegreiflich!“ „Allerdings. Sie ſchickten die Kellner fort, und es blieb nur im Vorzimmer ein unbedeutender, verſchlafener Kerl, der ein t Pänr Mal friſches Waſſer und Champagner brachte. „So it 63. „Dem Herr Ferdinand Welkermann die theilweiſe ver⸗ brannte Banknote zuwarf, über welche Sie mit ihm in Streit geriethen.“ 4* „Das geht über meinen Begriff,“ ſagte Welden im höchſten Erſtaunen—„das iſt mir unbegreiflich, da Sie ſoeben Ihr Ehrenwort gaben, mit Niemandem der An⸗ weſenden geſprochen zu haben!“ „Was auch nicht nöthig war, da ich die Ehre hatte, ſelbſt bei der Geſellſchaft zu ſein.“ ——— Fünfzehntes Kapitel. 137 „Ah bah,“ machte der junge Ingenieur zurückfahrend, Sie haben mich zum Beſten!“. „Durchaus nicht; Sie werden ſich erinnern, daß ich Ihnen geſtern Abend auf der Straße ſagte, Sie ſeien nicht im Stande, mich in einer meiner Verkleidungen zu erkennen, ſelbſt nicht bei Gaslicht und Champagner, und Sie erkannten mich in der That nicht, als ich Sie geſtern Abend fragte: Wer iſt jener junge Herr, der mir die Banknote zugeworfen?“ „Sie—— jener Kellner?“ „Ich hatte die Ehre, und um Sie ganz zu über⸗ zeugen, bitte ich, dieſes Corpus delicti zu betrachten.“ Bei dieſen Worten hatte der Polizeirath die Fünf⸗ hundertguldenbanknote aus ſeiner Bruſttaſche hervorge⸗ zogen und überreichte ſie Welden, der ſie kopfſchüttelnd annahm, aber ſtatt ſie zu betrachten, das Geſicht Merkels, dieſes ihm ſo wohlbekaunte Geſicht, mit großen Augen anſchaute. Dann ſagte er:„Sie überzeugen mich, und doch zweifle ich noch!“ „Glauben Sie dem Beweiſe, den Sie in Ihren Hän⸗ den halten; doch iſt das, deſſen ich vorher erwähnte, das tolle Spiel Welkermann's, dieſe angebrannte Banknote, nur Nebenſache, vor der Hand wenigſtens— was mich zu Ihnen führt, iſt Ihr vorausſichtliches Duell, das, es thut mir leid, es Ihnen zu ſagen, unter keinen Umſtänden ſtattfinden darf.“ 138 Fünfzehntes Kapitel. „Unmöglich, Herr Polizeirath,“ fuhr der Ingenieur heftig empor;„Sie werden nicht von mir verlangen, daß ich mich vor einem Dutzend junger Leute beſchimpfen laſſe, ohne die nun einmal übliche Genugthuung dafür zu fordern!“ „Gewiß nicht, und Sie ſollen alle Genugthuung haben, die Sie wünſchen können: Herr Ferdinand Welkermann ſoll Ihnen vor allen geſtern Anweſenden Abbitte leiſten und es Ihnen noch obendrein ſchriftlich geben, daß er das gethan.“ „Dazu wird und kann er ſich nie verſtehen, und im Falle ſelbſt, daß er ſich dazu verſtände, kann ich mich nicht damit zufriedenſtellen.“ „Blutdürſtiger Wütherich— nehmen Sie ſich vor der Polizei in Acht— was kann Ihnen daran gelegen ſein, dieſem unbeſonnenen jungen Menſchen eine Kugel in den Leib zu jagen?— O, ich weiß,“ fuhr der Polizeirath nach einer Pauſe fort, als Welden, der heftig im Zimmer auf und ab gegangen war, nun vor ihm ſtehen bleibend, den Mund zum Sprechen öffnete—„Sie ſind ein ganz vortrefflicher Schütze. Sie werden mir verſichern, daß Sie ihn durchaus nicht gefährlich verwunden wollen; aber, mein lieber Freund, die Kugel geht ihren eigenen Weg, und ich habe es ſchon erlebt, daß die beſten Schützen ihr Ziel fehlten, und daß Jemand mitten durchs Herz ge⸗ Fünfzehntes Kapitel. 139 ſchoſſen wurde, und zwar von einem Menſchen, der früher nie eine Piſtole in der Hand gehabt.“ „Sei es darum!“ ſagte Welden in einem ärgerlichen Tone.„Aber weßhalb intereſſiren Sie ſich für dieſen Welkermann, der es doch, weiß Gott, verdient hat, daß man ihn einige Todesangſt ausſtehen läßt?“ „Was noch ſehr zweifelhaft iſt,“ erwiederte der Po⸗ lizeirath mit großer Ruhe;„dieſer Welkermann iſt aller⸗ dings ein großer Taugenichts, ein Spieler, ein leicht⸗ ſinniger Verſchwender, aber durchaus nicht feig, deſſen kann ich Sie verſichern.“ „Ich will mich von Herzen freuen, wenn dem ſo iſt, alsdann wird er durchaus nicht einwilligen, mir die vor⸗ geſchlagene Abbitte zu thun.“ „Vielleicht doch, denn dieſer Welkermann iſt neben all ſeinen Fehlern ein ganz guter Kerl, und wenn Sie ge⸗ ſtern Abend noch länger geblieben wären, ſo hätten Sie eben ſo gut hören können, wie es der alte Kellner gehört, trotzdem er verſchlafen im Vorzimmer ſaß, daß ſich Wel⸗ kermann ſelbſt über ſein Betragen gegen Sie größere Vorwürfe gemacht, als es alle Anweſenden thaten, und daß er auf der Stelle zu jeder Chrenerklärung bereit ge⸗ weſen wäre.“ „Möglich— aber gerade deßhalb bin ich zufrieden, daß ich nicht mehr anweſend war.“ Welden trat bei dieſen Worten an das Fenſter und ſetzte, an den Himmel 140 Fünfzehntes Kapitel. emporſchauend, hinzu:„Man ſpielt nicht mit ſolchen Dingen!“ worauf er ſich, nachdem Beide eine Weile ge⸗ ſchwiegen, raſch gegen den Polizeirath mit der Frage umwandte:„Aber ſagen Sie mir nun, verehrter Herr und Freund— Sie erlaubten mir häufig, Sie ſo zu nennen—, aus welchem Grunde ſind Sie ſo zärtlich be⸗ ſorgt, daß dem Herrn Ferdinand Welkermann kein Leides geſchieht?“ „Warum gerade auch ihm, mein lieber Welden? Auch Sie ſind gegen eine Kugel nicht verſichert— wenn meine Forderung nun ganz allein in dem Intereſſe für Sie wurzelte?“ „Unglaublich,“ erwiederte der Ingenieur, indem er lächelnd den Kopf ſchüttelte;„die Motive, unſer Duell zu verhindern, ſcheinen mir tiefer zu liegen.“ „Nun denn, das Intereſſe des Polizeibeamten, eine Ungeſetzlichkeit zu verhindern.“ Welden machte bei dieſen Worten ein ſo außerordent⸗ lich komiſches Geſicht, daß es dem Anderen unmöglich war, ernſthaft zu bleiben. „Ah, ich ſehe,“ rief er lachend,„Sie glauben mir nicht!“ „Nein, Herr Polizeirath.“ „Nun denn, ſo will ich Ihnen geſtehen,“ antwortete er, plötzlich wieder ernſt werdend,„daß ich allerdings triftige Urſachen habe, im gegenwärtigen Augenblicke das Fünfzehntes Kapitel. 141 größte Intereſſe an der Perſon des Herrn Ferdinand Welkermann zu nehmen, und daß es mir äußerſt fatal wäre, wenn Sie ihn mir todtſchöſſen.“ „Das iſt ſchon etwas— aber wenn ich mich durch eine ſolche unglaubliche Nachgiebigkeit vor all meinen Bekannten lächerlich machen ſoll, ſo iſt es doch vielleicht nicht indiscret, nach dem Grunde dieſes Intereſſes zu fragen.“ Der Polizeirath zuckte mit den Achſeln.„Mit dem eben Geſagten bin ich an der Gränze aller meiner mög⸗ lichen Mittheilungen, und bitte ich Sie dringend, lieber Welden, dem Freunde Gehör zu geben, damit der Beamte nicht genöthigt iſt, gegen Sie aufzutreten.“ „Wie ſo der Beamte?“ „Ei, eine komiſche Frage; Sie wollen ſich duelliren, die Polizei weiß darum und muß Alles thun, um das zu verhindern, denn Sie haben gute Luſt, Ihren Gegner zuſammenzuſchießen, und dieſer Gegner iſt— der Sohn eines allgemein verehrten Mannes, des Stadtſchult⸗ heißen.“ „Ah, ich fange an, zu begreifen!“ „Sehen Sie, junger Mann,“ ſprach der Polizeirath mit einem Ausdrucke außerordentlichen Wohlwollens in den Zügen und in der Stimme,„mich freut es nur, daß Sie Gründe errathen, die man Ihnen nicht ſagen darf.“ Fünfzehntes Kapitel. „Und wenn ich mich trotzden weigere?“ „So müßte ich mich veranlaßt ſehen, Ihnen eine Begleitung zu geben, die Ihnen zuweilen recht hinderlich wäre— ſeien Sie vernünftig, ich rathe Ihnen als äl⸗ terer Freund; verſprechen Sie mir, daß, wenn Ihnen Ihr Gegner eine Erklärung gibt, mündlich und ſchriftlich, wie Sie es nur verlangen können, daß Sie ſich alsdann zufrieden geben wollen.“ Welden war haſtig abermals im Zimmer einige Male auf und ab geſchritten, und ſein Kopfſchütteln ſowie ſeine finſtere Miene zeigten deutlich, daß es ihm ſchwer, ja, unmöglich wurde, ſo ſchnell einen endgültigen Entſchluß zu faſſen. Endlich ſagte er, vor dem Anderen ſtehen bleibend:„Ich kann Ihren Vorſchlag nicht annehmen, die Sache iſt ſchon eingefädelt, wie ſie ſoll, denn die mir angethane Beleidigung war zu ſchwerer Art— will ihn aber auch nicht unbedingt ablehnen. Geben Sie mir drei Tage Bedenkzeit, wogegen ich Ihnen verſpreche, daß das Duell innerhalb dieſer drei Tage nicht ſtattfinden ſoll; ich, als der beleidigte Theil, werde das ſo einzurichten wiſſen, und daß ich ſo lange warte, iſt ſchon ein großes Opfer, Herr Polizeirath, das ich Ihnen, einem mir wohl⸗ wollenden Freunde, bringe.“ „Sie ſind ein harter Kopf, doch was kann ich ma⸗ chen— ich nehme die mir gegebene Friſt an, drei Tage Fünfzehntes Kapitel. 143 2 ohne Duell und ohne neue Reibung, welche die Sache noch ſchlimmer machen könnte.“ „Auch das verſpreche ich Ihnen, ja, ich will noch weiter gehen, ich will einen in Sachen der Ehre erfah⸗ renen und älteren Bekannten mit der Angelegenheit ver⸗ traut machen, mir ſeinen Rath ausbitten und ſogar noch nach den drei Tagen deſſen Rath, wenn auch nur be⸗ dingungsweiſe, maßgebend ſein laſſen.“ „Und wer iſt dieſer ältere Bekannte, wenn ich fragen darf?“ „Der Freiherr von Rivola— gewiß vollkommen com⸗ petent in allen Ehrenangelegenheiten.“ „Gewiß,“ erwiederte der Polizeirath im vollkommen⸗ ſten Tone der Ueberzeugung, wobei er noch obendrein zuſtimmend mit dem Kopfe nickte—„allen Reſpekt vor den Anſichten des Herrn von Rivola in dieſer und jeder anderen Angelegenheit.“ „Und da ich heute Morgen doch nicht arbeiten kann,“ fuhr Welden mit einem Zeichen des Mißbehagens fort, „ſo will ich gleich nach Eichenwald hinaus;„es iſt das ein prächtiger Spaziergang bei dem hart gefrorenen Bo⸗ den— erfriſchend bei dem kalten Wetter.“ „Und abkühlend,“ lächelte Herr Merkel,„wenn, wie ich glaube, etwas Schnee fallen ſollte— nun, das ſcha⸗ det Ihnen bei einem Spaziergange nach Eichenwald in keiner Beziehung.“ 144 Fünfzehntes Kapitel. Der Ingenieur ſchien anfänglich dieſe kleine, verdeckte Anſpielung nicht zu verſtehen oder verſtehen zu wollen; als ihm aber der Andere heiter lächelnd voll ins Geſicht ſchaute, zuckte er leicht mit den Achſeln. „Doch da fällt mir eben ein,“ ſagte der Polizeirath, ſeine Heiterkeit plötzlich unterbrechend,„daß Sie den Ba⸗ ron von Rivola ſchwerlich zu Hauſe treffen werden, denn ſo viel ich weiß, iſt er in der Stadt oder doch im Be⸗ griffe, herein zu kommen— ich erfuhr das aus guter Quelle, von dem Banlkdirektor Schwemmer, mit dem er eine Zuſammenkunft hat.“ „Die gewiß nicht lange dauern wird,“ erwiederte Welden nach kurzem Nachſinnen,„und die mich in meinem Vorſatze beſtärkt, recht langſam und ſo gemüthlich, als es mir in meiner Stimmung möglich, nach Eichenwald zu ſpazieren. Der Baron hat raſche Pferde und überholt mich wahrſcheinlich, ehe ich ſein Landgut erreiche.“ „Darin haben Sie Recht,“ verſetzte der Polizeirath, aufſtehend,„und was unſere Abſprache anbelangt“— er reichte dem jungen Manne die Hand— neine dreitägige Friſt.“ „So werde ich dieſelbe, wie bedungen, halten, darauf können Sie ſich verlaſſen. Sind Sie damit zufrieden?“ „Ich muß wohl, doch wäre es mir lieber, wenn Sie dieſe drei Tage vorbeigehen ließen, ohne überhaupt Je⸗ manden zu Herrn Ferdinand Welkermann zu ſchicken.“ Fünfzehntes Kapitel. 145 „Das kann unmöglich Ihr Ernſt ſein,“ erwiederte Welden in kurzem, etwas rauhem Tone;„alſo es bleibt bei dem, was wir abgeſprochen.“ Der Polizeirath hatte ſich entfernt, und der Inge⸗ nieur durchſchritt mehrere Minuten lang das Zimmer nach allen Richtungen. Seine Miene war verdrießlich; er warf ſeine angebrannte und wieder ausgelöſchte Cigarre unmuthig von ſich, fuhr dann raſch mit der Hand ein paar Mal durch ſein lockiges Haar und entledigte ſich hierauf der grauen Juppe, die er beim Arbeiten zu tragen pflegte, um einen einfachen, kurzen, dunkeln Rock anzu⸗ ziehen, den er oben am Halſe zuknöpfte. Dann nahm er ſeinen weichen Hut, verließ Zimmer und Haus und ließ bei den raſchen Schritten, mit denen er dahinging, bald die Stadt hinter ſich. Das Wetter ſchien ſich ändern zu wollen, und wenn auch der Boden noch hart gefroren war, ſo wehte doch vom Weſten her ein weicher, faſt warmer Wind, graue Wolkenmaſſen vor ſich her jagend, die nach und nach den ganzen Himmel bedeckten. Nur dort über Eichenwald zeigte ſich noch zwiſchen dem zerriſſenen Gewölk eine leichte, blaue Stelle, die einen Sonnenſtrahl durchließ, unter dem das weiße Landhaus auf der Höhe trotz des Schnee's hell leuchtend auf dem dunkeln Hintergrunde des Eichenwaldes hervortrat. Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. II. 10 146 Fünfzehntes Kapitel. Dorthin wandte er, vorwärts ſchreitend, ſeine Blicke, und je feſter er dieſen leuchtenden Punkt ins Auge faßte und je höher er über die hinter ihm liegende, in Dampf und Dunſt eingehüllte Stadt emporſtieg, um ſo leichter und freier wurde es ihm zu Muthe. „Es war eigentlich recht unklug von mir,“ dachte er bei ſich,„daß ich meine prächtige Station droben im Gebirge verließ, um nach der Stadt überzuſiedeln. Dort hätte ich beſſer für das Frühjahr vorarbeiten können und ein herr⸗ liches und einſiedleriſches Leben geführt, wie es meinen Neigungen behagt. Hat er mir doch, mein alter Wirth droben, vorausgeſagt, daß ich mich drunten in den engen Straßen und dumpfen Häuſern nicht heimiſch fühlen würde, hat er mir doch die Wintertage bei ſich ſo ergötz⸗ lich ausgemalt, die lodernde Flamme in dem altmodiſchen Kamine, die kniſternde Funken ſprühenden Eichenklötze, die man ſich obendrein noch ſelbſt aus dem Walde holen darf, ſein maſſives Haus, an der Berghalde gelegen, gleich über der Landesgrenze, und dazu noch die ſchönen Jagd⸗ gründe des Alten, um ſo ergiebiger durch den herrlichen Wechſel der ſtarken Hirſche aus dem diesſeitigen Revier und aus den Thalſchluchten in dem jenſeitigen. Und nicht einmal geſchrieben habe ich dem alten Heilmann, wie ich ihm doch ſo feſt verſprochen!“ Bei dieſen Worten blieb er ſtehen, denn er hatte, in ſeine Gedanken verſunken, mit raſchen Schritten eine der Fünfzehntes Kapitel. 147 Anhöhen beſtiegen, die Thal und Stadt beherrſchten, eine Stelle mit einer weit ausgedehnten Fernſicht, wohin er ſeine Spaziergänge gern zu richten pflegte. Hier, wo ſich der Fußweg von Eichenwald, deſſen wir früher ſchon er⸗ wähnten, mit der Fahrſtraße vereinigte, hatte ehedem ein feſter Wartthurm geſtanden, von derſelben Conſtruction, wie der in der Nähe des Rathhauſes, wahrſcheinlich einer und derſelben Zeit angehörig; doch war von dieſem hier nicht viel mehr übrig geblieben, als ein verfallenes Kellergewölbe und ein Stück Mauerwerk an einer Stelle, hoch genug, um als Sitz zu dienen, an einer anderen, um dem müden Wanderer zu geſtatten, mit aufgeſtützten Armen auf die Stadt hinabzuſchauen. Letzteres that auch Welden, und fuhr dann, halblaut mit ſich ſelbſt redend, fort:„Aber in dem Dampf und Qualm, dem wirklichen und dem noch unausſtehlicheren des menſchlichen Getreibes, vergißt man der beſten Vorſätze, und was bleibt uns Erquickliches übrig von dem, was ſie da unten ihre Ge⸗ ſellſchaft und ihr Vergnügen nennen? Nichts für die Gegenwart, nichts für die Vergangenheit! Iſt es doch ein ungemüthliches, ſchattenhaftes Getreibe, wo Einer an dem Anderen vorübereilt, jetzt ihn mit einem freundlich ſein ſollenden Gruße anblickt oder ihm hohnlachend nach⸗ ſchaut, nichts Geiſt und Herz Erfriſchendes! Lug und Trug in Worten und Mienen, Vergnügen, bei denen ſich 148 Fünfzehntes Kapitel. Jeder mehr oder minder langweilt, und das nennt man geſellſchaftliche Unterhaltung!““ Er hatte die letzten Worte ziemlich laut geſprochen, 7 und fuhr nun überraſcht, beinahe erſchrocken zuſammen, als er eine helle, klangvolle Stimme neben ſich ſagen hörte:„Sie ſprechen ein hartes Urtheil aus.“ Er wandte ſich raſch um und blickte in Lucys von Rivola ſanft geröthetes, friſches Geſicht, in ihre hell leuch⸗ tenden Augen, mit denen ſie ihn forſchend und lächelnd betrachtete. „Ei, mein Fräulein, welch unverhofftes Zuſammen⸗ treffen!“ „Vielleicht unverhofft, aber ſehr natürlich,“ erwiederte das junge Mädchen.„Sie waren ſo mit Ihren Gedanken beſchäftigt, ſo im Anblicke der Stadt und in Ihre Philo⸗ ſophie vertieft, daß Sie meine Annäherung nicht gewahr⸗ ten, und ich kann Sie verſichern, daß ich durchaus nicht unhörbar herangeſchlichen bin; das zur Entſchuldigung, wenn ich Sie überraſcht. Und was nun unſer Zuſammen⸗ treffen anbelangt, ſo geſchah dies auf die allernatürlichſte Weiſe von der Welt. Ich begleitete meinen Vater, welcher Geſchäfte in der Stadt hatte, mit meinem kleinen Schlit⸗ ten, um heute noch einmal die Schneebahn zu benutzen, die, nach dem Himmel zu urtheilen, morgen vergehen wird— ſehen Sie, dort hinten hält mein Schlitten mit meinen Ponies—, und als mich Papa verlaſſen, wan⸗ 1 , Fünfzehntes Kapitel. 149 delte mich die Luſt an, hier von dem alten Gemäuer aus einen Blick auf die Stadt hinabzuwerfen. Iſt es nicht hübſch, ſo die gleichen Gedanken zu haben?“ „Gewiß, Fräulein, und ich ſchätze mich glücklich, ſtatt auf dem Fahrwege fortzuſchreiten, hier bei dem Fußwege der ja nach Eichenwald führt, einen Augenblick verweilt zu haben.“ „Und wo wollten Sie denn eigentlich hin?“ „Nach Ihrem Landhauſe zu Herrn von Rivola. Doch jetzt, wo er, wie Sie mir ſagen, in die Stadt gegangen iſt, werde ich wohl wieder umkehren müſſen, um meinen Beſuch ein anderes Mal zu wiederholen.“ „Ganz und gar nicht, Herr Welden, das heißt, wenn Sie in der Stadt nichts ſehr Dringendes zu thun haben. Papa ſagte mir, er bleibe nicht lange aus— warum alſo zurückkehren? Wenn Sie mich hier nicht zufällig ge— troffen hätten, ſo würden Sie auch Ihren Spaziergang fortgeſetzt haben, und mit vollem Rechte, denn ehe wir nach Eichenwald zurückkommen, kann uns Papa vieleeicht ſchon eingeholt haben; wenigſtens bleibt er alsdann nicht mehr lange, darauf können Sie ſich verlaſſen— bitte, gehen Sie mit, begleiten Sie mich!“ Er verbeugte ſich lächelnd und ward von einem höchſt angenehmen Gefühle durchſtrömt, als er ſah, wie ihn das junge, ſchöne Mädchen mit einem ſo guten, offenen Blicke betrachtete, als ſie ihre Bitte ausſprach, wenn ſich 150 Fünfzehntes Kapitel. auch auf ihrem eben noch ſo heiter lächelnden Geſichte ein ernſter, faſt ängſtlicher Zug zeigte. „Gewiß, Fräulein Lucy, werde ich Sie begleiten, wenn Sie es mir erlauben. Ich würde mir einen Vor⸗ wurf daraus machen, Sie hier getroffen und dann allein gelaſſen zu haben. Wollen Sie Ihren Schlitten beſteigen und mir geſtatten, neben Ihnen zu gehen— ich werde ſchon Schritt halten können mit Ihren kleinen Pferdchen.“ „O nein, ich will zu Fuß gehen, Gottlieb kann uns mit den Ponies folgen! Es weht von den Bergen her⸗ über eine ſo milde, angenehme Luft, und ich freue mich darauf, einmal eine weitere Strecke gehen zu können, als vom Hauſe in den Park hinauf, und auch das iſt ja kaum möglich bei dem tiefen Schnee. Gottlieb,“ rief ſie dem Bedienten zu, welcher auf der Fahrſtraße hielt und nun mit abgezogenem Hute hinaufſchaute,„fahre langſam gegen Eichenwald zurück und warte droben, wo der Fuß⸗ weg wieder die Fahrſtraße trifft! Und nun kommen Sie, Herr Welden, ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr es mich freut, daß ich mit Ihnen dieſen kleinen Spaziergang machen darf. Sie waren ſo lange nicht mehr bei uns draußen, das iſt eigentlich ſehr unrecht von Ihnen; Papa hat ſchon ein paar Mal nach Ihnen gefragt, und ſelbſt Mama. Ich glaube, ich ſah Sie zuletzt auf dem Balle des Stadtſchultheißen, bei meinem erſten Balle, wo ich zuweilen ſo außerordentlich vergnügt war, das heißt an —2— Fünfzehntes Kapitel. 151 dem Abende ſelbſt, denn am anderen Tage kam mir doch Manches anders vor.“ „Und worin fühlten Sie ſich getäuſcht, Fräulein Lucy, wenn ich fragen darf?“ „Getäuſcht habe ich mich gerade nicht gefühlt, doch dachte ich, indem ich mir den Ball wieder vergegenwär⸗ tigte, den Ball, dem ich mit einem ſo heißen Verlangen entgegengeſehen, daß faſt alles Vergnügen auf demſelben — faſt alles habe ich geſagt,“ fuhr ſie lächelnd fort, wobei ſie ihren kleinen Zeigefinger emporhielt—„doch nur erkünſtelt und unnatürlich iſt, eine ſchwache Copie anderer Vergnügungen, die minder geräuſchvoll, aber nachhaltig ſind. Aber Sie werden über meine Bemer⸗ kung lächeln.“ „Gewiß nicht, Fräulein Lucy; ich höre Ihnen mit Vergnügen zu und verſtehe alles, was Sie ſagen und nicht ſagen.“ „Woher das Letztere, wenn ich fragen darf?“ „Das leſe ich vielleicht aus Ihren Mienen, aus Ihren Blicken.“ „Ich möchte Ihnen aber auch alles ſagen, was ich denke.“ „Und ich würde es ſo gern hören.“ „Und mir aufrichtig ſagen, ob meine Bemerkungen richtig ſind, wie Sie ja auch meine Fehler beim Zeichnen corrigirten?“ Fünfzehntes Kapitel. „Gerade ſo.“ „Nun, ich hatte mich darauf gefreut, ins Leben ein⸗ zutreten, wie man es zu nennen pflegt, auf Bälle und Geſellſchaften. Ich hatte den Augenblick nicht erwarten können, am Tage meines erſten Balles in den Wagen zu ſteigen; ach, welche Seligkeit! Und wiſſen Sie wohl, was in jenem Augenblicke den einzigen Schatten in mein Glück warf? Der Gedanke, aus jenen ſtrahlenden Räu⸗ men, aus jenem geräuſchvollen Treiben wieder nach dem einſamen Eichenwald zurückkehren zu müſſen. Dieſer Schatten aber verlor ſich mehr und mehr bei jedem Feſte, das ich in letzter Zeit mitgemacht, und ich habe deren viele und glänzende mitgemacht; ja, er verlor ſich ſo gänzlich, daß geſtern, als ich in den Wagen ſtieg, um mit Mama zu einer Soiree bei dem Miniſter des Aus⸗ wärtigen zu fahren— Papa war ſchon in der Stadt —, ich mit Wonne an jenen Augenblick dachte, wo der Wagen wieder dort oben vor dem Landhauſe halten würde, wo ich wieder in mein kleines Zimmer eintreten könne. Verſtehen Sie das?“ „Allerdings verſtéhe ich das, aber Sie dürfen dieſen Gedanken nicht in Ihr Leben eintreten laſſen. Ihrem Stande und Ihrem Reichthume nach ſind Sie für jenes glänzende Leben erzogen worden; jene Geſellſchaften, die Sie ſchon wieder liebgewinnen werden, machen einen Theil Ihres Lebensberufes aus.“ V V Fünfzehntes Kapitel. 153 „Und das ſagen Sie mir mit ſo heiterer Miene, Sie, den ich vorhin an dem alten Wartthurme Worte aus⸗ rufen hörte, die einen ganz entgegengeſetzten Sinn hatten?“ „Ah, mein Fräulein, das war ein Selbſtgeſpräch! Ich ſtellte mich in Gedanken jenen ſogenannten Vergnü⸗ gungen gegenüber.“ „Für welche Sie ſich zu gut dünken, die aber für mich gerade recht wären. Es thut mir leid, daß ich das von Ihnen hören muß; Sie ſollten mich beſſer kennen — o, könnte ich Ihnen beweiſen, daß mir gar nichts mehr daran liegt, in jenem Treibhausleben ſelbſt wie eine künſtliche Pflanze zu erſcheinen, bei nachgemachter Sonne, bei all dem künſtlichen Schimmer, dem künſtlichen Lächeln, künſtlichen Blumen, künſtlichen Freuden! Darin gleiche ich meinem guten Vater, und wenn meine Mutter nicht wäre, ſo würde ich jetzt ſchon erklären, keine Bälle mehr zu beſuchen. „Ah, wie ſchön iſt es hier oben!“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, indem ſie ſtehen blieb und ihre feine Hand auf den Arm des jungen Mannes legte.„Welch entzückender Duft ſchon dort aus der aufgebrochenen Erde emporſteigt! Wiſſen Sie, daß ich geſtern ſchon Schnee⸗ glöckchen gefunden habe— und ſo ahnt mich Alles an den Frühling, an ein wirkliches, natürliches Leben, und 154 Fünfzehntes Kapitel. deßhalb mag ich gar nicht mehr hinein in die dumpfige 1 Stadt.“ Welden hatte dem jungen Mädchen mit Staunen, ja, mit inniger Freude zugehört. Waren es doch ſeine eige⸗ nen Gedanken von vorhin, die ſie hier, wenngleich mit anderen Worten, ausſprach! O, er hatte es ſchon früher herausgefühlt, mit welch tiefen Schätzen wahrer Empfin⸗ dung das Herz dieſes Kindes angefüllt war! Hatten ihn doch ſchon ſo oft ihre einfachen Worte bewegt, ja, er⸗ quickt wie Quellengerieſel an einem heißen Tage, wie Waldesduft auf ſtaubiger Straße! Als ſie ſo neben ihm ſtand, die hellen, ſeelenvollen Augen mit kindlicher Innigkeit auf ihn gerichtet, da überkam ihn ein Gefühl, wie es doch ſo traurig ſei, gänzlich allein in der Welt zu ſtehen, und wie es ihn ſo überaus glücklich machen würde, für eine jüngere, ge⸗ liebte Schweſter arbeiten zu dürfen, ſie zu leiten, ſie ſorgſam durch das Leben zu führen und ihr wahrlich ein beſſeres Leben zu bereiten, als dieſem jungen, ſchö⸗ nen, vornehmen und reichen Mädchen zu Theil werden mußte. Lucy ſchien ſeine Gedanken zu verſtehen, ſie ſchien es zu empfinden, daß ſe hier einem Herzen voll Wohlwollen, voll aufopfernder Freundſchaft nahe war; er fühlte den Druck ihrer kleinen Hand auf ſeinem Arme, das Licht ihrer braunen Augen verdüſterte ſich ein wenig und ein —— 8 Fünfzehntes Kapitel. ſchmerzlicher Zug zuckte um ihre feinen, reizenden Lippen, als ſie ſagte:„Undbei alledem war es nicht recht von Ihnen, lieber Herr Welden, daß Sie ſich ſo lange nicht bei uns ſehen ließen. Wie gern hätte L Ihnen über Dies und Das geplaudert, wohl Manchmal über Unbedeutendes, aber auch Ihren Rath verlangt über Wichtiges, und wenn Sie mir dann vielleicht geſagt hätten, wie Sie das Leben und Treiben der ſogenannten großen Welt anſehen, ſo würde ich Ihnen geſtanden haben, daß ich gerade ſo denke und daß ich mich freue, wenn einmal der Frühling wieder da ſein wird, wenn die Bäume grünen, die Blumen blühen und wenn wir unſere Spaziergänge abermals aufnehmen dürfen durch Feld und Wald.“ Er konnte ſich nicht enthalten, leicht ihre Hand in die ſeinige zu nehmen und ihr mit dem herzlichſten Ausdrucke der Freundſchaft, den er in den Ton ſeiner Stimme zu legen vermochte, zu antworten:„O ja, Fräulein Lucy, der Frühling wird kommen, auch Bäume und Blumen werden blühen, Manches aber wird und muß anders werden! Sie ſind kein Kind mehr, und wenn auch ich ſelbſt darauf hoffe, in Ihrer lieben Geſellſchaft hier und da das märchenhafte Geflüſter des Waldes zu hören oder das traumartige Gemurmel des Bergwaſſers, an dem Sie ſo gern verweilten, ſo wird es doch von jetzt ab nur geſchehen unter dem vollen Rechte des geſell⸗ 156 Fünfzehntes Kapitel. ſchaftlichen Herkommens, und ſo 4¾ und muß es auch ſein.“— Sie blickte ihn faſt erſchrocken an, als ſie hierauf er⸗ wiederte:„Ich hätte nicht gedacht, daß Sie ſo mit mir reden vnrn Warum wollen Sie nicht mehr ſein, wie früher?“ „Ich werde mich gewiß nicht ändern, ſondern bin nur ſo glücklich, die Verhältniſſe ruhig und richtig über⸗ ſchauen zu können.“ „Ja, ruhig und richtig.“ „Mit dem viederkehrenden Frühling werden Bälle und Soireen allerdings aufhören, doch wird dann die ſogenannte Geſellſchaft, vor allen. Dingen aber Ihre El⸗ tern andere Anſprüche an Sie machen. Sie ſind nun ein⸗ mal in das Leben eingetreten, Sie ſchwimmen auf dem Strome der Welt dahin, glücklicherweiſe nicht in einem gebrechlichen Kahne, wie tauſend Andere, ſondern auf einer ſtattlichen Gondel mit bunten, flatternden Wimpeln. Anfangs ſchauen Sie allerdings ſehnſuchtsvoll rückwärts nach dem Ufer, wo Sie Ihre Kindheit verlebten; doch verblaſſen dieſe Ufer nach und nach, um am Ende ganz zu verſchwinden, um Ihnen den unverkümmerten Genuß all der Herrlichkeit zu geſtatten, an der Sie der Strom des Lebens vorüberführen wird, um Ihr Schifflein end⸗ lich, hoffentlich lind und leiſe, in einen freundlichen Hafen zu tragen.“ — Fünfzehntes Kapitel. 157 „Und Sie?“ „Ah, ich befinde mich ſchon ſtark in der Strömung, aber nicht ſanft mit dem Strome ſchwimmend wie Sie, nein, in kräftiger Arbeit, bald, um von einem Ufer an das andere zu gelangen, oder um gegen die Strömung aufwärts zu rudern, auch hier und da, um einen böſen Strudel zu vermeiden!“ „Ihre Worte gefallen mir, obgleich ich ſie nicht ganz verſtehe, und doch wohl verſtehe, aber vielleicht nicht ganz den Sinn, welchen Sie hineinlegen wollen. Könnten wir uns denn auf dem Strome nicht ſpäter einmal wieder begegnen?“ „O ja, gewiß, ich hoffe es ſogar! Dann werde ich, im Falle Sie mich wiedererkennen, Ihnen freundlich von fern mit der Hand winken und Ihnen vielleicht zurufen: Ich habe die Tage von Eichenwald nie vergeſſen, eben ſo wenig, wie meine kleine Freundin Lucy!“ „O, darauf hoffe ich!“ Sie hatte ihre kleinen Hände auf ſeinem Arme zu⸗ ſammengefaltet und blickte ihn ein paar Sekunden lang mit ihren ſchönen, klaren Augen an und mit einem Aus⸗ drucke, in dem ihre ganze Seele lag, wogegen er ruhig und freundlich auf ſie niederſchaute. Dann wandte ſie ſich mit einem leichten Seufzer von ihm und ſagte:„Ach, da iſt auch Gottlieb mit meinem Schlitten— wie kurz mir der Weg geworden iſt!“ 158 Fünfzehntes Kapitel. Welden trat neben die kleine Equipage, nahm die Zügel aus den Händen des Bedienten, ſowie auch die Peitſche, um ſie an Lucy zu geben. „So ſoll ich alſo einſteigen?“ ſagte dieſe. „Ich glaube, es iſt wohl beſſer, und wenn Sie mir erlauben, ſo gehe ich neben Ihrem Geſpann her; ich werde wohl mit den kleinen Thieren Schritt halten können.“ Die beiden Schecken ſchüttelten allerdings unmuthig mit den Köpfen, daß ſie, ſo nahe ihrem Stalle, im lang⸗ ſamſten Schritte gehen mußten; dabei klingelten die Schellen ihres Geſchirres, daß es eine wahre Freude war. Auch ſchien das junge Mädchen ſich höchlichſt daran zu ergötzen, denn ſie hielt die Zügel noch ſtraffer geſpannt und ſagte lächelnd mit einem Seitenblicke auf den Inge⸗ nieur:„Wart,, ich will euch lehren, ungeduldig zu ſein und davonrennen zu wollen; feſt will ich euch halten, ſo feſt ich kann, und wenn ihr folgſam ſeid und euch ruhig in euer Schickſal findet, ſo ſollt ihr es auch gut bei mir haben; ich will euch hegen und pflegen, lieb haben und ſtreicheln, aber Gehorſam verlange ich— Gehorſam.“ — — Sechszehntes Kapitel. Während ſo die beiden jungen Leute langſam nach Eichenwald zogen und droben von dem Kammerdiener des Freiherrn, der im ſchwarzen Fracke und weißer Halsbinde ehrfurchtsvoll wartend am Fuße der Terraſſentreppe ſtand, empfangen wurden, hatte Herr von Rivola mit ſeinen raſchen Pferden und ſeinem leichten Coupe ſchon längſt die Stadt erreicht, und ſeine Equipage hielt vor dem königlichen Bankgebäude. Er war die Treppe hinaufgegangen in den erſten Stock, wo die Wohnung ſowie das Arbeitskabinet Herrn Schwemmer's waren, der ihm an der Treppe entgegenkam und ſich mit den tiefſten Verbeugungen und den allerhöf⸗ lichſten Worten entſchuldigte, dem Freiherrn eine ſo große Mühe gemacht zu haben.„Doch werden Sie deutlich in 160 Sechszehntes Kapitel. meinem Billet geleſen haben“, ſagte er,„daß ich ausdrück⸗ lich um die Erlaubniß bat, Sie draußen in Eichenwald aufſuchen zu dürfen.“ Worauf der Freiherr von Rivola verbindlich erwie⸗ derte:„Gewiß, Herr Direktor; doch werden Sie es durch⸗ aus als eine Mühe der kleinſten Art betrachten, daß ich zu Ihnen komme, nicht einmal der geringſten Zeitver⸗ ſchwendung, denn ich hatte nicht nur in der Stadt zu thun, ſondern auch ſpäter auf Ihrer Caſſe.“ Der Bank⸗Direktor war vorausgeeilt und hatte die Thür ſeines behaglichen Arbeitszimmers ſo weit als mög⸗ lich geöffnet. Hier trat der Fuß auf dicke Teppiche, hier ſah man die Wände in Sammttapeten von einem wohl⸗ thuenden, hellen Grau, wozu die blauen Vorhänge von ſchwerem Seidendamaſt von einer ſehr angenehmen, ru⸗ higen Wirkung waren. Der Bankdirektor rollte einen Fauteuil an ſeinen Ar⸗ beitstiſch, bat Herrn von Rivola, Platz zu nehmen, und nachdem dieſer ſich niedergelaſſen, erkundigte ſich Herr Schwemmer ſtehend nach dem Befinden der hochverehrten Familie Rivola. „Ich danke Ihnen ſehr, Herr Direktor! Meine Frau und Tochter befinden ſich recht wohl, erſtere allerdings hier und da ein wenig ermüdet von den großen Leiſtun⸗ gen in Geſellſchaften aller Art, die uns in dieſem Winter zugemuthet werden. Aber was thut man nicht alles und Sechszehntes Kapitel. 4161 mit beſtem Willen, wenn man ein einziges Kind in die Welt führt!“ „Und welche Tochter, Herr Baron!“ erwiederte der Bankdirektor, indem er mit dem Ausdrucke des Entzückens gen Himmel blickte.„Nein, ich ſage Ihnen, wie war die junge Dame wieder reizend und liebenswürdig auf dem Balle Seiner Excellenz des Herrn Miniſters des Auswär⸗ tigen— und dabei dieſe Güte und Milde, ſo unbewußt ihres großen Werthes!“ „Ich glaube, das iſt ſo, und von allem Angenehmen, was Sie über Lucy ſagen, freut mich das am meiſten.“ „Und dabei der feine, richtige Takt ihres Benehmens, der Verſtand, die Klugheit, mit der ſie, unter uns geſagt, das oft ſo fade Geſchwätz der jungen Männer zu wür⸗ digen und zu beantworten weiß! Hörte ich doch neulich ſelbſt, wie Königliche Hoheit der Prinz Georg zum Grafen Erich in Beziehung auf Fräulein Lucy ſagte: ‚Ja, mein lieber Graf, ſchön zu ſein iſt keine Kunſt, aber dieſe Schönheit ſo durch Geiſt und Liebenswürdigkeit zu heben — à la bonne heure!“ „Und die Frau Baronin iſt doch nicht leidend?“ fragte der freundliche Finanzmann, da Herr von Rivola, einen Augenblick an Lucy denkend, ſinnend vor ſich niederſah. „O, durchaus nicht, im Gegentheil, ſie befand ſich nie wohler, als gerade jetzt, und iſt ſo glücklich im Glücke Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. II. 11 Sechszehntes Kapitel. ihrer Tochter....— Darf ich auch meinerſeits mich nach dem Befinden der Frau Direktor erkundigen?“ „Sie iſt paſſabel wohl und auch im Uebrigen zu⸗ frieden.“ „Man ſieht ſie wenig in dieſem Winter.“ „Meine Tochter erwartet Familienzuwachs, ich bin im Begriffe, in die Würde eines Großvaters einzutreten— ſehr ſchmeichelhaft und ehrenvoll, aber....“ Er fuhr mit der Hand durch ſeine ſchon ſtark ergrauten Haare, wobei ſich auf ſeinem Geſichte ein zweifelhaftes Lächeln zeigte.„Doch, es iſt immerhin ein großes Glück, das zu erleben, und ich danke dem Himmel dafür!“ „Gewiß, Herr Direktor. Genehmigen Sie meinen beſten Glückwunſch! Und nun bitte ich, wenn Sie etwas Geſchäftliches für mich haben, verſichert zu ſein, daß ich ganz zu Ihrem Befehle ſtehe.“ „Bitte, Herr Baron, ich erwarte ſtets die Ibrigen und erlaube mir, Ihnen zuerſt zu bemerken, daß nach Ihrem Befehle der Ankauf der hundertzwanzigtauſend Gulden in öſterreichiſchen Creditaktien beſtens beſorgt wurde.“ „SIch danke Ihnen— und nun?“ Der Bankdirektor hatte ſich in ſeinen Stuhl niederge⸗ laſſen und ſagte, indem er ſeine Hände zuſammenfaltete: „Und nun, mein Herr Baron, eine kleine Privatangele⸗ genheit, das heißt vielmehr, eine private Bankangelegen⸗ v N Sechszehntes Kapitel. 163 heit, eine vertrauliche Bankangelegenheit, ein Amtsgeheim⸗ niß von größter Wichtigkeit.“ Da Herr Schwemmer einen Augenblick, wie eine Ant⸗ wort erwartend, ſchwieg, ſo ſagte Herr von Rivola: „Sehr ſchmeichelhaft für mich, eine ſolche Mittheilung— ich werde Ihr Vertrauen zu würdigen wiſſen.“ „Erlauben Sie mir, vorauszuſchicken,“ fuhr der Bank⸗ direktor fort,„daß ich in dieſer delikaten Sache zuerſt mit meinem unmittelbaren Chef, mit Seiner Excellenz dem Herrn Finanzminiſter, berieth, der nach den erſten Worten ausrief: ‚Wenn wir den Herrn Baron von Rivola veran⸗ laſſen könnten, uns darin mit ſeiner tiefen Sachkenntniß, ſeinem gewichtigen Rathe an die Hand zu gehen, ſo wäre das von außerordentlicher Wichtigkeit!““ „Ich ſtehe mit Vergnügen bereit; es handelt ſich alſo.... Der Direktor der königlichen Bank blickte um ſich her, als wolle er ſich vergewiſſern, daß ſonſt Niemand in der Nähe ſei, der ihn hören könne; dann ſagte er in flüſtern⸗ dem Tone:„Es handelt ſich um gefälſchte Banknoten!“ Baron von Rivola drückte ſeine blaue Brille mit großer Ruhe etwas näher an die Augen und ſagte dann mit einem leichten Achſelzucken:„Wieder einmal die ſchon ſo oft dageweſene und ſchon ſo oft verunglückte Ge⸗ ſchichte.“ „Allerdings ſchon oft da geweſen, mein hochverehrter 164 Sechszehntes Kapitel. Herr Baron, aber noch nicht in dieſem koloſſalen Um⸗ fange, mit ſolcher Sicherheit auftretend, ſo wahrhaft kunſt⸗ volle, ja, bewundernswürdige Arbeit, wenn ich mich in einer ſo ſchlechten Sache dieſes Ausdruckes bedienen darf. Wir Alle ſind rathlos: der Vorſtand der königlichen Bank⸗ noten⸗Fabrikation, mein Hauptkaſſirer, ein Geſchäftsmann, der, ich möchte ſagen, eine falſche Banknote am Geruche kennt, ich ſelbſt, dem doch auch ſchon manches Stück durch die Finger gelaufen iſt.“ Auf den Zügen des Herrn von Rivola zeigte ſich ein ungläubiges Lächeln. „Und dabei iſt das keine Fälſchung im gewöhnlichen Maßſtabe, wie ſchon oft vorgekommen iſt, lumpige Einſer oder Fünfer, die obendrein noch ſo ſchlecht gemacht ſind, daß der unwiſſendſte Gewürzkrämer ſie erkennt— nein, hier handelt es ſich um Tauſendgulden⸗Noten— Kunſt⸗ werke, bewundernswerthe Kunſtwerke, ſcheußliche, nieder⸗ trächtige Kunſtwerke!“ Herr Schwemmer hob bei dieſen Worten jammernd die Hände in die Höhe. „Und worin liegt denn eigentlich der Beweis,“ fragte Herr von Rivola mit jenem ruhigen, energiſchen Tone, der ihm eigen war,„daß Sie es wirklich mit Fälſchung zu thun haben?“ „Weil durch den größten Zufall von der Welt eine Nummer zweimal bei der Bank eingelaufen iſt, und dieſe beiden Nummern liegen vor— ich werde ſie Ihnen ſo⸗ w Sechszehntes Kapitel. 165 gleich zeigen; aber weder ich, noch der Hauptkaſſirer der Bank, noch einer der techniſchen Beamten der Notenfabri⸗ kation ſind im Stande, darauf zu ſchwören, welches die echte und welches die unechte iſt. Das kann einen Ge⸗ ſchäftsmann zur Verzweiflung bringen. Ich hatte anfäng⸗ lich die ſchwache Hoffnung, dieſelbe Nummer könnte von uns zweimal angefertigt worden ſein.“ „Unmöglich,“ ſagte Herr von Rivola mit der gleichen, großen Ruhe.„Noten werden, wie bekannt, durch die Maſchine geſtempelt; ein Menſch kann ſich irren, die Maſchine nie.“ „Das ſagte auch der Maſchinenmeiſter; alſo haben wir es mit einer Fälſchung zu thun.“ „Wenn zwei gleiche Nummern vorliegen, gewiß.“ „Gott der Gerechte! Und mit wem haben wir es in dieſem Falle zu thun? Nicht mit einem einzigen Böſe⸗ wichte, ſondern mit einer ganzen Bande von Schurken, welche zu gleicher Zeit die größten Künſtler ſind!“ „Woraus ſchließen Sie das?“ „Weil ein Menſch allein nicht im Stande iſt, eine Banknote herzuſtellen wie die, welche ich ſogleich die Ehre haben werde, Ihnen vorzulegen. Es iſt nichts daran ver⸗ fehlt, nichts auch nur mit einer Spur von Leichtſinn ge⸗ macht, Alles trifft zu, es iſt, um ſich die Haare auszu⸗ reißen! Papier, Waſſerzeichen, Arabesken, Schrift und Ziffern in Ausführung und Farbe mit einer fürchterlichen 166 Sechszehntes Kapitel. Genauigkeit— ha, unter uns geſagt, ſogar die geheimen Zeichen, von denen doch eigentlich Niemand außer uns eine Ahnung haben kann!“ Als der Bankdirektor von Haarausraufen ſprach, fuhr er im Eifer der Aufregung nach ſeinem grauen Kopfe, ſo daß ihm Herr von Rivola lächelnd die Hand auf den Arm legte und in dem beruhigendſten Tone. ſagte:„Wozu dieſe Alteration, mein verehrteſter Herr und Freund? Ich bitte Sie, es iſt nicht das erſte Mal, daß falſche Bank⸗ noten gemacht worden ſind, es wird auch nicht das letzte Mal ſein, und gerade, daß die Falſifikate ſo täuſchend ſind, dient als Entſchuldigung für Ihre Beamten, dieſelben nicht früher entdeckt zu haben; oder glauben Sie, daß dieſe Ausgaben von jüngſter Zeit datiren?“ „Es wäre mir eine Beruhigung, das zu wiſſen, da⸗ von nur eine Ahnung zu haben; aber wir wiſſen gar nichts, wir ſtehen vor einem grauſenvollen Räthſel, wir fahren mit der Stange im Nebel herum, denn unter uns im höchſten Vertrauen geſagt: läge die doppelte Nummer nicht vor, ſo würden wir nie auf die Vermuthung gekom⸗ men ſein, es mit falſchen Banknoten zu thun zu haben. Nachdem aber einmal dieſes Geſpenſt in ſolcher Furcht⸗ barkeit vor uns erſchienen, ſehen wir überall Geſpenſter, und hat mein Hauptkaſſirer,“ ſetzte Herr Schwemmer mit einem tiefen Seufzer hinzu,„ſchon eine anſehnliche Menge Scheine von fünfhundert und tauſend Gulden als ver⸗ Sechszehntes Kapitel. 167 dächtig ausgeſchoſſen. Dabei aber hat er immer noch einen Troſt, der Ihnen allerdings ſeltſam erſcheinen wird; aber es war und iſt mir heute noch eine, wenngleich ganz kleine Beruhigung: auf einigen Scheinen nämlich, die ich Ihnen auch vorlegen werde, befindet ſich, aller⸗ dings in flüchtigen Bleiſtiftzügen, Ihr Name; an dieſen Nothanker klammerten wir uns, mein Hauptkaſſirer und ich.“ „Wie ſo das?“ fragte Herr von Rivola. „Ohne Ihnen Complimente machen zu wollen, ſind wir von Ihrer tiefen Sachkenntniß, vor Allem, was Kupferſtecherkunſt und dergleichen anbelangt, ſo überzeugt, daß wir denken, einem ſcharfen Blicke wie dem Ihrigen würde etwas Verdächtiges in einer Banknote nicht ent⸗ gangen ſein— Sie, welcher ſchon ſo häufig unſerem be⸗ treffenden Chef bei der Notenfabrik gediegene Winke über Dies und Das gab; ja, der die geheimen Zeichen unſerer Noten kennt, würden Ihren Namen nicht auf ein Billet geſetzt haben, das Ihnen auch nur im geringſten ver⸗ dächtig erſchienen wäre.“ Der Baron von Rivola hatte mit einem leichten Kopfſchütteln zugehört, dann ſeine Brille abgenommen und mit einem feinen Battiſttuche leicht ſein krankes Auge betupft. Dann ſagte er:„Ach, mein lieber Freund, hät⸗ ten Sie vor zehn, zwölf Jahren von meinem ſcharfen Blicke geſprochen, ſo würde ich Ihnen gern Recht gegeben 168 Sechszehntes Kapitel. haben, heute aber brauche ich ſogar für mein geſundes Auge eine ſehr ſcharfe Loupe, wenn ich überhaupt etwas genau unterſuchen will. Glücklicher Weiſe trage ich im⸗ mer eine ſolche bei mir, um Ihnen dienlich ſein zu kön⸗ nen. Was nun aber meinen Namen auf gewiſſen Bank⸗ noten anbelangt, ſo habe ich allerdings die Gewohnheit, zuweilen Noten damit zu verſehen; es iſt das eine Ver⸗ ſicherungsmaßregel, die ich gebrauche, um wenigſtens noch nach einiger Zeit zu wiſſen, woher ich dieſe oder jene Zahlung erhalten. Leider muß ich Ihnen aber ſagen, daß ich auch zuweilen meinen Namen auf irgend eine beſon⸗ dere Art ſchreibe, wenn mir vielleicht an einer Banknote, die durch meine Hände läuft, etwas verdächtig erſcheint.“ „Gerechter Himmel,“ rief der Bankdirektor ſchmerzlich bewegt, ſo haben Sie vielleicht ſelbſt eine Ahnung davon gehabt, daß wir es mit Falſifikaten zu thun haben?“ „In früheren Zeiten,“ fuhr Herr von Rivola in ru⸗ higem Tone fort, habe ich das als eine ſehr praktiſche Maßregel befunden und erinnere mich eines Falles in Brüſſel vor langen Jahren, wo gerade dadurch, daß ich einer mir verdächtig erſcheinenden Banknote meinen Na⸗ men beifügte, ich mich nach einiger Zeit noch zu erinnern im Stande war, woher ich ſie erhalten, und ſo zur Ent⸗ deckung des Verbrechens, leider nicht der Verbrecher, welche ſpurlos verſchwunden, weſentlich beitrug. „So helfen Sie uns auch diesmal, mein verehrter — — —————— Sechszehntes Kapitel. 169 Herr Baron!“ rief der Bankdirektor, indem er beide Hände des Anderen ergriff und ſie herzlich ſchüttelte. „Denken Sie, welch ungeheuren Dienſt Sie dem Staate leiſten, denn wie ich ſchon vorhin geſagt, wir haben es hier mit einer Bande zu thun, die uns mit den koloſſal⸗ ſten Summen überſchwemmt!“ „Mit dem größten Vergnügen,“ gab der Freiherr zur Antwort.„Doch da fällt mir eben ein, daß ich letzthin eine Zahlung, allerdings von wenigen Tauſend Gulden, die ich von der königlichen Eiſenbahnkaſſe erhielt, mit meinem Namen bezeichnete, da ich gerade dieſe Papiere — ich glaube, es waren Billette zu tauſend Gulden— zu einem beſonderen Zwecke beſtimmt hatte. Und nun bitte ich, laſſen Sie mich die Wunderwerke ſehen.“ Der Bankdirektor drehte ſeinen Stuhl etwas gegen den Schreibtiſch, ſchloß dort eine Schublade auf, nahm eine große Brieftaſche und aus dieſer zwei Bankbillette von je tauſend Gulden, welche er dem Herrn von Rivola mit den Worten darreichte:„Bitte, zuerſt die gleichen Nummern zu betrachten— alle Zahlen derſelben von einer ſo ſchauderhaften Schärfe, von einer ſo fürchter⸗ lichen Aehnlichkeit, daß man toll werden möchte!“ Der Andere hatte die Banknoten genommen, ſich er⸗ hoben und damit an das Fenſter geſtellt, wo er ſeine blaue Brille gegen die Stirn ſchob, die Loupe aus der 170 Sechszehntes Kapitel. Weſtentaſche nahm und nun die beiden Zettel auf das genaueſte und umſtändlichſte unterſuchte. Herr Schwemmer, in höchſter Aufregung, trippelte, ſeine Hände um einander bewegend, um ihn herum, ſchaute ihm zuweilen über die Achſel oder in das Geſicht und machte ſeiner geſpannten Erwartung Luft in verſchie⸗ denen Ausrufungen, als:„Nicht wahr, erſchrecklich täuſchend, furchtbar ähnlich? Ein Meiſterwerk des Verbrechens! Höl⸗ liſche Kerle, die dabei thätig waren, ganz verfluchte, ver⸗ fluchte, verfluchte Spitzbuben! Habe ich nicht Recht, mein Freund?“ Herr von Rivola ließ ſich dadurch nicht im mindeſten ſtören, ſeine Unterſuchung eben ſo ſorgfältig fortzuſetzen und zu beendigen, wie er ſie angefangen; er unterſuchte jede Stelle des Druckes auf's genaueſte mit der Loupe, er betrachtete prüfend und aufmerkſam die Waſſerzeichen, er ließ das Papier wiederholt durch die Finger gleiten, er berührte es mit der Zunge, knitterte dann eine der Noten feſt in der Hand zuſammen, um zu beobachten, wie raſch ſich dieſelbe und mit wie viel Claſticität wieder aus einander bog— dann zuckte er die Achſeln und ſagte:„Das iſt allerdings eine wunderbare Arbeit; Sie haben Recht; wir ſtehen hier vor einem noch nie dageweſenen Räthſel.“ „Nicht wahr, mein lieber Freund, es iſt entſetzlich! Und glauben Sie im Stande zu ſein, mit Beſtimmtheit Sechszehntes Kapitel. 171 ſagen zu können: das iſt die echte und dies iſt die falſche Banknote?“ „Wie ſprach ſich Ihr Hauptkaſſirer über dieſen Punkt hier aus?“. „Nicht mit Beſtimmtheit; das iſt gerade das Grauen⸗ hafte. Sehen Sie,“ fuhr Herr Schwemmer, mit dem Finger auf zwei Stellen der verſchiedenen Noten zeigend, fort,„dieſe Zahlen Eins und Zwei hat der Hauptkaſſirer in meiner Gegenwart beigefügt; wir nahmen ein Pro⸗ tokoll auf über unſere Unterſuchung, natürlich im Beiſein des Chefs der Notenfabrik, und wir alle Drei waren der Anſicht, Nummer Eins ſei die echte Banknote, obgleich keiner von uns, ehrlich geſagt, im Stande war, triftige, ſtichhaltige Gründe für unſere Behauptung anzugeben.“ „Es war ein finanzieller Inſtinkt,“ meinte Herr von Rivola;„aber ich fürchte, derſelbe hat Sie irregeführt.“ „Wie ſo? Wie meinen Sie das? Glauben Sie, Nummer Zwei ſei die echte Banknote?“ „Ja, meinen geringen Kenntniſſen nach glaube ich das allerdings ausſprechen zu dürfen.“ „Und Ihre Gründe, Herr Baron? Verzeihen Sie, daß ich danach frage! Sie können ſich denken, wie wich⸗ tig es mir iſt, für Ihre entgegengeſetzte Behauptung Gründe zu haben. Haben Sie in der That Gründe zu Ihrer Vermuthung?“ 8 „Gewiß; aber ehe ich ſie ausſpreche, möchte ich Sie 172 Sechszehntes Kapitel. bitten, mir noch ein paar Banknoten des gleichen Werthes vorzulegen, am liebſten ſolche, welche kürzlich im öffent⸗ lichen Verkehre waren.“ „Das ſoll ſogleich geſchehen,“ ſagte der Bankdirektor, indem er raſch einige Zeilen ſchrieb und dann durch einen Zug an der Klingel einen der Bankdiener herbeirief mit dem Befehle, das hier Verlangte beim Hauptkaſſirer zu holen. Darauf wandte er ſich mit der Bitte an Herrn von Rivola, gefälligſt wieder Platz nehmen zu wollen, da er fürchten müſſe, ihn allzu ſehr zu ermüden. Doch dankte dieſer und bat höflich um Erlaubniß, im Zimmer auf und ab gehen zu dürfen, wobei ihm denn auch der Bankdirek⸗ tor ſogleich Geſellſchaft leiſtete, die Hände auf dem Rücken verſchränkt, in gleichem Schritt und Tritt. Nach einigen Sekunden ſagte der Freiherr:„Halten Sie mich nicht für indiscret, wenn ich mir erlaube, noch eine Frage an Sie zu ſtellen; natürlicher Weiſe hängt es ganz von Ihnen ab, mir eine Antwort zu geben oder nicht. Sie werden mir glauben, daß ich jedes Amtsge⸗ heimniß achte.“ „Fragen Sie, fragen Sie, mein lieber Baron— was Amtsgeheimniſſe! Wie könnten wir vor Ihnen dergleichen haben? Haben Sie nur Ihre tiefe Sachkenntniß be⸗ treffend, keine Geheimniſſe vor uns armen Beamten! Wie froh bin ich, Sie beläſtigt zu haben, denn ſchon die Ge⸗ wißheit, mit der Sie eine andere Banknote hier als die 3 1 6 Sechszehntes Kapitel. 173 ächte erklären, beruhigt mich ganz außerordentlich! Fragen Sie, ich bitte!“ 4 „Sie ſagten vorhin, Ihr Hauptkaſſirer hätte, nachdem einmal ein Verdacht rege geworden, eine Menge verdäch⸗ tiger Noten ausgeſchieden?“ „Allerdings verdächtige; aber, wie Sie vorhin ſagten, verdächtig aus finanziellem Inſtinkt, ohne Gründe, ohne genügende Gründe.“ „Gut; aber glauben Sie mir, ich achte dieſen ſinanziel⸗ len Inſtinkt. Haben Sie eine Ahnung davon, woher dieſe verdächtigen Papiere in Ihre Kaſſe gefloſſen ſind?“ „Das iſt das Furchtbare, daß wir davon gar keine Ahnung haben!“ „Und die doppelten Nummern betreffend?“ „Eben ſo wenig; dieſe befanden ſich in zwei Paketen, von denen einer unſerer jüngeren Beamten, der Herr Ferdinand Welkermann, behauptete, ſie ſeien beide von. der Generalſteuerdirection eingeſandt worden. Ferner ſagen der Hauptkaſſirer und die beiden Nebenkaſſirer aus, daß Banknoten in gleich hohem Werthe nur aus großen, ganz bekannten Häuſern eingelaufen ſeien, und daß auch mit dieſen Umwechslungen in bedeutenden Beträgen ſeit Jahren nicht ſtattgefunden, ſo daß es alſo unmöglich iſt, daß auf eine oder die andere Art falſche Banknoten bei uns eingeſchmuggelt werden konnten. Das Protokoll 174 Sechszehntes Kapitel. darüber iſt unterzeichnet von dem Hauptkaſſirer, den beiden Nebenkaſſirern und dem Kaſſenhülfsbeamten Herrn Ferdinand Welkermann— den Sie ja wohl kennen—, Sohn des Stadtſchultheißen.“ Ein heiteres, vielleicht auch ein wohlwollendes Lächeln hätte man es nennen können, welches bei den letzten Worten über die Züge des Herrn von Rivola flog, als er erwiederte: „Ja, ich kenne ihn, ein intelligenter junger Menſch, etwas luſtig zwar und, ich glaube, gibt viel Geld aus.“ „Iſt aber dabei ein tüchtiger Arbeiter. Was wollen Sie, mein verehrter Herr— Jugend hat keine Tugend, und vor allen Dingen unſere reiche Jugend nicht. Mama Welkermann hilft ihrem einzigen Söhnchen gern mit ihrem Erſparten aus— die Leute haben's ja. Unterdeſſen war der Bankdiener mit der Meldung ein⸗ getreten, der Hauptkaſſirer wolle, wenn es dem Herrn Direktor genehm wäre, das Verlangte ſelbſt bringen; worauf dieſer, nach einem Blicke auf Herrn von Rivola und einem zuſtimmenden Zeichen deſſelben, den Beamten erſuchen ließ, raſch herauf zu kommen. Dieſer erſchien denn auch nach einigen Minuten, ver⸗ ſchiedene Banknoten in der Hand haltend, die er nach einer tiefen Verbeugung gegen den ihm wohl bekannten Freiherrn von Rivola ſeinem Chef übergab. Herr Beil, der Hauptkaſſirer der königlichen Bank, 4 Sechszehntes Kapitel. 175 war ein ſchon ältliches, vertrocknetes Männchen mit lang⸗ ſamen, eckigen Bewegungen; ſein Geſicht zeigte eine her⸗ vortretende, ſpitzige Naſe und ein Paar ſcharfe Augen unter buſchigen Augenbrauen, deren Stärke um ſo mehr hervortrat, als faſt ſein ganzer übriger Kopf kahl und glatt war wie eine Billardkugel. Auf der Kaſſe pflegte er eine ſchwarzſammtne Mütze zu tragen, die er jetzt unter dem Arme hielt. Während Herr von Rivola, wiederum am Fenſter ſtehend, die erhaltenen Banknoten aufmerkſam betrachtete, flüſterte der Bankdirektor Herrn Beil in die Ohren: „Er iſt nicht unſerer Anſicht, daß Nummer Eins die echte Banknote ſei.“ „Und welche Gründe gibt der Herr Baron dafür an?“ „Pſt— die werden Sie ſogleich von ihm erfahren.“ Herr von Rivola ließ die Hand mit den Banknoten ſinken und ſagte in einem Tone der Ueberzeugung:„Es iſt in der That ſo, wie ich Ihnen vorhin angedeutet— darf ich die Herren bitten, näher zu treten und mich einen Augenblick anzuhören?“ Die Beiden traten herbei, und Herr Schwemmer ſchob den Kaſſirer dicht vor Herrn von Rivola hin, da er dem kleinen Manne über die Achſeln ſchauen konnte. „Sie werden ſich wohl erinnern, Herr Bankdirektor,“ ſagte nun Herr von Rivola,„daß ich Sie ſchon vor Jahren auf eine allerdings ſehr kleine Verſchiedenheit in —— 176 Sechszehntes Kapitel. den Waſſerzeichen der Banknoten aufmerkſam machte, ich glaube, es war im Beiſein des Herrn Mettel, des Chefs der Notenfabrikation; doch waren Sie beide der Anſicht, daß dies nicht Verdacht erregend ſei, und ich glaube, Sie hatten Recht, denn ich überzeugte mich ſpäter, es ſei durch irgend einen Zufall möglich, daß Waſſerzeichen aus der gleichen Form allerdings ähnliche unbedeutende Ver⸗ ſchiedenheiten zeigen könnten, ſei es durch eine Ungleich⸗ heit des Papierbrei's, durch eine zu langſame oder zu raſche Trocknung, oder der Himmel mag wiſſen, durch welchen anderen Umſtand. Gehen wir alſo darüber hin⸗ weg, obgleich ich eine von dieſen Abweichungen auch hier wieder entdeckt habe. Aber nun bitte ich, Herr Hauptkaſſirer, nehmen Sie meine Loupe— ich hoffe, ſie wird nicht zu ſcharf für Sie ſein— und betrachten Sie einmal hier in der linken Ecke die Arabeske in Schnecken⸗ form; prägen Sie ſich die Form derſelben genau ein und betrachten nun dieſelbe Arabeske auf dieſer anderen Banknote— ſind Sie im Stande, die Verſchiedenheit zu entdecken?“ „Allerdings, aber kaum; hier iſt das haarſcharfe Ende jener Verzierung etwas mehr eingebogen und länger. Wenn ich ſage: länger,“ fuhr er lächelnd fort,„ſo ver⸗ ſtehe ich darunter die Länge von ein paar Millimetern, welche aber hier das Ende der Arabesken näher an den V ————᷑—᷑—x—x—ꝛ—ꝛ—ꝛ—:— —— — Sechszehntes Kapitel. 177 letzten Ring bringen, als dort. Wahrhaftig! es iſt ſo!“ ſagte Herr Beil. „Erſtaunlich!“ rief der Bankdirektor mit einem Blicke der Verwunderung auf Herrn von Rivola aus. „Nun wäre es aber möglich, daß der Künſtler, der dieſe Platte geſchnitten, dieſelbe, nachdem ſie eine Zeit lang gedient, nochmals zur Durchſicht erhalten und viel⸗ leicht das Betreffende nachgeſchnitten hätte und in dieſem Falle nur ein Theil der Banknoten gleicher Summe dieſe Abweichung zeigte, wogegen im anderen Falle, wenn der betreffende Künſtler nicht ſelbſt die echte Platte nach⸗ geſchnitten, alle Noten, auf denen ſich die Verlängerung zeigte, falſch wären, und das iſt auch meine Anſicht, weß⸗ halb ich dieſe hier, Nummer Eins, entgegengeſetzt Ihrer Meinung, für die falſche erklären muß.“ „Das iſt doch wenigſtens ein Anhaltspunkt,“ ſagte der Bankdirektor. „Aber ein ſehr kleiner und ſchwacher, mit allem Re⸗ ſpekt vor der erſtaunenswerthen Sachkenntniß des Herrn Barons,“ ſprach Herr Beil, der unterdeſſen auch die übrigen Banknoten an der bezeichneten Stelle mit der Loupe auf's genaueſte unterſucht—„denn ich bitte, dieſe Note zu betrachten, eine ſtark gebrauchte Note von ſehr alter Ausgabe, welche ebenfalls die eingebogene Arabeske zeigt, wonach alſo damals ſchon, vor langen, langen Jahren das Falſum begangen worden wäre.“ Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. II. 12 Sechszehntes Kapitel. „Da haben Sie Recht,“ antwortete Herr von Rivola nach minutenlangem Nachdenken und Betrachten der be⸗ treffenden Banknote;„dann alſo wäre das Falſum ſchon vor ungefähr fünfzehn Jahren geſchehen, fünf Jahre früher, ehe ich das Glück hatte, hier zu ſein.“ „Entſetzlich, entſetzlich!“ rief der Bankdirektor, indem er haſtig durch das Zimmer rannte und ſich dabei mit den Händen an beide Ohren griff.„So wären wir alſo ſeit jener Zeit mit falſchen Noten von ſo großem Betrage überſchwemmt worden, ſo wären vielleicht fabelhafte Sum⸗ men im Umlauf, die wir nicht einmal feſtzuſtellen ver⸗ mögen— Herr des Himmels,“ fuhr er, plötliich ſtehen bleibend und die Hände zuſammenſchlagend, fort,„wenn davon etwas in die Oeffentlichkeit dränge, nachdem wir gezwungen ſind, einen Bericht an Seine Majeſtät den König zu machen, worin wir ihm anzeigen, daß Aller⸗ höchſtdeſſelben Notenfabrikation ſowie Allerhöchſtdeſſelben Bankdirektion auf ſo fürchterliche Art hinter die Ohren geſchlagen wurde, ohne zu wiſſen, woher dieſe hageldichten Streiche fielen— das überlebe ich nicht, ich nehme vor⸗ her meine Entlaſſung!“ Der Hauptkaſſirer ſchauderte ſichtlich zuſammen. „Das wäre wohl der Mühe werth,“ meinte Herr von Rivola mit einem leichten Achſelzucken,„einem ſolchen Faktum gegenüber das Feld zu räumen und ſich dadurch als geſchlagen zu bezeichnen— im Gegentheil, es gilt Sechszehntes Kapitel. 179 jetzt, das Steuer feſt in der Hand zu behalten und mit dei Senkblei des Verſtandes nach dieſen unſichtbaren, gefahrdrohenden Klippen zu ſondiren— ſtill und ver⸗ ſchwiegen.“ „Ja, ſtill und verſchwiegen,“ ſeufzte Herr Schwemmer, „das war auch meine Anſicht gegenüber Seiner Excellenz dem Herrn Finanzminiſter, der ſogleich die ganze Schwei⸗ nerei an die große Glocke hängen wollte, das heißt mit anderen Worten: öffentliche Anzeige machen von dieſer unerhörten Banknotenfälſchung.“ „Das wäre ſehr unpraktiſch, und ſobald ich Seine Excellenz ſehe, werde ich mir erlauben, ihm das zu be⸗ merken.“ „Thun Sie das der Sache zu lieb, hochverehrter Freund, thun Sie das ſo bald als möglich,“ ſagte der Bankdirektor, die Hände zuſammenfaltend;„und dann ſtehen Sie uns mit Ihrem guten Rathe bei, wie und wo wir unſer Senkblei auswerfen ſollen— ich weiß nicht, wo mir der Kopf ſteht, denn es kann doch einem Chef der königlichen Bank nichts Fürchterlicheres vorkommen, als daß er Noten ausgeben oder annehmen muß, von denen er nicht weiß, ob ſie echt oder falſch ſind— fürchterlich!“ „Entſetzlich!“ hallte es aus der Bruſt des Haupt⸗ kaſſirers wieder. Herr von Rivola hatte die Noten wieder auf den 180 Sechszehntes Kapitel. Schreibtiſch niedergelegt und ſagte, mit dem Finger auf eine derſelben deutend, auf der ſein Name in leichten Bleiſtiftſtrichen ſtand:„Das iſt eine, von denen wir vorhin ſprachen, und ich erinnere mich genau, ſie auf der Eiſenbahnkaſſe erhalten zu haben, wo ich vor dem be⸗ treffenden Beamten meinen Namen ſchrieb. Doch wie ſchon geſagt, verehrter Freund,“ fuhr Herr von Rivola fort, nachdem er dem Bankdirektor die Hand gereicht, „nehmen Sie ſich die Sache nicht ſo zu Herzen; vor allen Dingen Ruhe und Verſchwiegenheit. Will man einen wirkſamen Schlag gegen dieſe Banknotenverfertiger führen, ſo muß man ſuchen, ohne Lärm in ihre Nähe zu kommen.“ „Und dazu rechne ich ſehr auf Ihre Hülfe.“ „Ich werde thun, was ich kann.“ Herr von Rivola hatte ſeinen Hut genommen und war im Begriffe, das Zimmer zu verlaſſen, als der Bankdiener, eintretend, den Herrn Polizeirath Merkel meldete, welcher den Herrn Direktor ſogleich zu ſprechen wünſchte. 8 Siebenzehntes Kapitel. Der Hauptkaſſirer der Bank verließ mit einer tiefen Verbeugung das Zimmer, nachdem der Polizeirath ein⸗ getreten, und Herr von Rivola wollte es eben ſo machen; doch hielt ihn Herr Schwemmer mit der einen Hand, während er dem Eintretenden die andere darreichte, wo⸗ bei er ſagte: „Sie finden uns hier gerade in einer wichtigen Con⸗ ferenz, werther Herr Polizeirath, zu welcher Sie wielleicht im Stande ſind, ein ergiebiges Scherflein beizutragen. Iſt's vielleicht ſo? Sie würden mich überglücklich machen. Vor allen Dingen danke ich Ihnen, daß Sie Seine Er⸗ cellenz den Herrn Finanzminiſter und mich in der guten Idee beſtärkten, den Herrn Baron von Rivola in dieſer höchſt wichtigen Angelegenheit um ſeinen Rath zu bitten, 8 * 182 Siebenzehntes Kapitel. denn er hat uns jetzt ſchon erſtaunenswerthe Aufſchlüſſe gegeben.“ „Sie übertreiben, verehrter Freund; ich habe Ihnen nur meine Anſichten mitgetheilt, in denen Sie ſo gütig waren, einige Wahrſcheinlichkeit zu finden— doch nun habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen!“ „Nicht doch, nicht doch, Herr Baron, ich bitte Sie dringend, noch ein paar Augenblicke zu bleiben, um zu hören, was unſer guter Polizeirath mitzutheilen hat, die gewiſſe Angelegenheit betreffend, denn ich bin überzeugt, daß unſer verehrter Freund nur deßhalb zu uns kam.“ „Darauf muß ich mit Ja und Nein antworten,“ ver⸗ ſetzte Herr Merkel,„und ich glaube faſt, das Nein wird überwiegend ſein.“ „Sehen Sie,“ ſagte Herr von Rivola,„alſo gebietet mir ſchon die Discretion, mich zu entfernen.“ „Und doch möchte ich Sie ſelbſt bitten, noch ein paar Augenblicke zu bleiben,“ ſagte der Polizeirath.„Wir ſind ja ganz unter uns, und was ich Ihnen zu ſagen habe, könnte möglicherweiſe doch jene Angelegenheit be⸗ rühren— ich ſage: möglicherweiſe, obgleich ich weit ent⸗ fernt davon bin, eine ſolche Möglichkeit vorauszuſetzen. Jedenfalls aber wäre es mir wichtig, die Anſicht des Herrn Barons darüber zu hören.“ „Setzen wir uns, meine Herren, ſetzen wir uns!“ Nachdem alle Drei Platz genommen, ſprach der Poli⸗ A Siebenzehntes Kapitel. 183 zeirath in ſeiner heiteren, wohlwollenden Art und Weiſe: „Es war mir ſchon längſt bekannt, daß in einem unſerer hieſigen erſten Gaſthöfe von jungen Leuten der beſſeren Stände ſehr hoch geſpielt würde, und ich hatte Gelegen⸗ heit, mich davon zu überzeugen; es wurden da Summen geſetzt, die weit über die Vermögensverhältniſſe der mei⸗ ſten Spieler gingen.“ „Da könnte man froh ſein, keinen Sohn zu haben,“ warf Herr von Rivola lächelnd ein. „Es ging da hoch her bei Makao und Champagner, ja, der letztere fpielte eine ſo bedeutende Rolle, daß einer dieſer jungen Leute, nachdem er ſchließlich alles verlor, was er noch bei ſich hatte, den Reſt ſeiner Baarſchaft, eine Fünfhundertgulden⸗Note, am Lichte verbrennen wollte.“ „Dieſer Leichtſinn!“ rief der Bankdirektor.„Und wer war das, wenn man fragen darf?“ „Das vielleicht fpäter,“ erwiederte der Polizeirath, verbindlich lächelnd.„Doch als ich hörte, daß von den jungen Leuten mit Banknoten hohen Werthes wie mit werthloſen Papieren umgegangen wurde, kam mir plötz⸗ lich die Idee: wie, wenn einer jener jungen Leute wüßte, daß er es hier mit werthloſem Papier zu thun habe?“ „Bei Gott, das iſt wahr— ein Lichtſtrahl!“ „Aber vor der Hand nur ein ſehr geringer,“ fuhr 184 Siebenzehntes Kapitel. Herr Merkel fort.„Mir gelang es, die eben erwähnte, angebrannte Fünfhundertgulden⸗Note in meinen Befitz zu bringen; hier iſt ſie, meine Herren, und es handelt ſich vor allen Dingen darum, feſtzuſtellen, ob wir es mit einem echten Papier zu thun haben oder mit einem Fal⸗ ſum, und hierin iſt es mir ſehr wichtig, die Anſicht des Herrn Barons zu vernehmen.“ „Mir ſchwindelt,“ rief der Bankdirektor—„was, nach all dem Jammer, den uns die falſchen Tauſend⸗ gulden⸗Noten machen, auch noch die Möglichkeit, daß es gefälſchte Fünfhunderter gebe?— nein, das wäre zu viel!“ „Warum ſollte dieſe Möglichkeit nicht vorhanden ſein?“ fragte ruhig Herr von Rivola, worauf er ſich erhob, ſeine Loupe nahm und, ans Fenſter tretend, das Papier einer genauen Unterſuchung unterwarf. Endlich ſagte er:„Beruhigen Sie ſich, Herr Bankdirektor, meiner Anſicht nach iſt dieſe Note echt und unver⸗ dächtig.“ „Gott ſei Dank!“ „So möchte ich ebenfalls ausrufen,“ ſprach der Po⸗ lizeirath,„denn wenn wir auch hiedurch einen Faden verlieren, ſo muß ich anderentheils ſagen, daß ich wieder ſehr zufrieden bin, meinen Verdacht nicht beſtätigt zu ſehen und dem betreffenden jungen Menſchen nur das Siebenzehntes Kapitel. 185 Prädicat ‚leichtſinnigt ertheilen zu müſſen, denn es be⸗ trifft den Sohn eines unſerer gemeinſchaftlichen Freunde.“ Der Bankdirektor blickte fragend auf und Herr von Rivola nahm discreter Weiſe den Hut, um ſich zu ent⸗ fernen; doch bat ihn Herr Merkel wiederholt, noch einen Augenblick zu bleiben, indem er hinzuſetzte, daß ja alles, was hier geſprochen würde, ſelbſtverſtändlich unter dem Siegel der Verſchwiegenheit ſtehe, daß es ihm aber wünſchenswerth ſei, wenn Herr von Rivola, als in das Amtsgeheimniß der Bank eingeweiht, auch den Namen jenes jungen Mannes erführe.—„Es iſt leider der Sohn unſeres verehrten Freundes, des Stadtſchult⸗ heißen.“ „Ei, ei, ci, ei, rief Herr Schwemmer, indem er ſich in größtem Unmuthe hin und her bewegte,„dieſer junge, leichtſinnige Strick— leichtſinnig, leichtſinnig, aber kein Böſewicht, dafür möchte ich haftbar werden— was meinen Sie, Herr von Rivola?“ „Wenn Sie das Wort Böſewicht’ auf ihn als Bank⸗ notenfälſcher anwenden,“ erwiederte der alte Baron lä⸗ chelnd,„ſo bin ich ganz Ihrer Anſicht, denn dieſer junge Herr, den ich auch zu kennen das Glück habe, hätte weder Geduld noch Fleiß, um ſich mit einem ſo wichtigen Geſchäfte abzugeben.“ „Aber als Mithelfer, als Verbreiter zu dieſem,“ meinte der Polizeirath nachdenkend. 186 Siebenzehntes Kapitel. Der Bankdirektor ſchüttelte mit dem Kopfe und Herr von Rivola ſagte:„Gerade weil er als unbeſonnener junger Menſch bekannt iſt, wird eine große Keckheit dazu gehören, ſich ihm anzuvertrauen— nein, nein, Leute, die ſo vortreffliche Banknoten machen, ſind gewöhnlich klüger.“ „Darin muß ich Ihnen allerdings beiſtimmen,“ ſagte der Polizeirath, und der Bankdirektor ſetzte hinzu: „Ganz meine Anſicht.“ „Alſo, meine verehrten Freunde,“ ſagte Herr Schwem⸗ mer nach einer längeren Pauſe, während welcher jeder der drei Herren mit ganz verſchiedenen Gedanken beſchäf⸗ tigt war,„ſo viel ſteht feſt, daß wir vor einem Staats⸗ betruge in koloſſalem Maßſtabe ſtehen, und zwar ziemlich rathlos, da wir keine Ahnung haben, von wo aus die Streiche gegen uns geführt werden. Ehe Sie kamen,“ wandte er ſich direkt an den Polizeirath,„ſprach Herr von Rivola ſeine Anſicht aus,„dieſe Sache mit der größten Heimlichkeit zu behandeln, was gewiß auch Ihre Anſicht iſt.“ „Jedenfalls— ich möchte noch ganz beſonders darum gebeten haben; machen wir Lärm, ſo haben wir keinen weiteren Nutzen davon, als die Verbrecher aufmerkſam zu machen. Alſo um Gotteswillen die ſtrengſte Verſchwie⸗ genheit, und dabei hoffe ich auch, Herr Bankdirektor, Sie ſind meiner Anſicht, daß es beſſer iſt, den jungen —,— Siebenzehntes Kapitel. 187 Welkermann zu beobachten, ſtatt mit ihm über den geſtri⸗ gen Vorfall zu reden. Meinen Sie nicht auch, Herr von Rivola?“ „Ganz gewiß.“ „Leider gelang es mir bis jetzt nicht, in den Beſitz einer Tauſendgulden⸗Note zu kommen, von denen eben⸗ falls in den Händen des jungen Welkermann geſehen wurden; aber daß er, obgleich von ſehr reichen Eltern, bei dem Spiele ſo toll ins Zeug ging, bleibt meinem Polizeiverſtande immer etwas verdächtig. Deßhalb iſt es nothwendig, ihn, ohne daß er es weiß, im Auge zu be⸗ halten, und das ſoll meine eifrigſte Sorge ſein.“ „Und auch die meinige,“ ſagte Herr Schwemmer; „doch würde es allem Furchtbaren die Krone auſſetzen, wenn ein Bankbeamter ſelbſt— doch nein, nein, das iſt nicht möglich— ganz unmöglich!“ Herr von Rivola reichte dem tief erſchütterten Bank⸗ direktor lächelnd ſeine Hand, indem er ſagte:„Zählen Sie ganz auf mich und laſſen Sie mich ohne Beden⸗ ken wiſſen, wann, wie und wo ich Ihnen nützlich ſein kann.“ Er machte eine Verbeugung gegen die beiden Herren und wollte ſich entfernen; doch ſagte ihm der Polizei⸗ rath: „Beſter Herr Baron, ich ſah da unten Ihren Wagen halten; würden Sie nicht ſo gütig ſein, mich eine kurze 188 Siebenzehntes Kapitel. Strecke mitzunehmen, das heißt, wenn mein Ziel, das Rathhaus, nicht zu ſehr aus Ihrem Wege liegt?“ „Im Gegentheil, ich fahre denſelben Weg, da ich nach meinem kleinen Hauſe neben dem alten Thurme will.“ „Nun denn, auf Wiederſehen, Herr Bankdirektor!“ Die beiden Herren verließen das Zimmer und ſtiegen unten in den Wagen, nachdem Herr von Rivola dem Kutſcher befohlen, nach dem Rathhauſe zu fahren. Unter⸗ wegs ſagte der Polizeirath: 3 „Ich muß zum Stadtſchultheißen in einer ſtädtiſchen Angelegenheit, die auch Sie gewiſſermaßen mitbetrifft; man will nämlich in verſchiedenen Häuſern der Glocken⸗ ſtraße neue Einſenkungen bemerkt haben, die von dem alten Gange herrühren könnten, deſſen Gewölbe auf der Strecke von Ihrem Thurme nach der Hauptwache ſehr ſchadhaft iſt— apropos,“ fuhr er, ſich ſelbſt unterbre⸗ chend, fort,„hat man Ihnen neuerdings keine Anträge über den Ankauf Ihres Hauſes gemacht?“ „Nein; doch, unter uns geſagt, warte ich ſehnlich darauf, um mich des für mich jetzt gänzlich nutzloſen Anweſens um jeden Preis zu entledigen.“ „Um jeden Preis?“ ſprach Herr Merkel mit einem ſchalkhaften Lächeln. „Um jeden Preis; Sie wiſſen, es wohnt dort ein alter Diener von mir, deſſen Frau, die lange Jahre ———— Siebenzehntes Kapitel. 189 krank war, vor Kurzem ſtarb, worauf es dem alten Manne unheimlich in dem verlaſſenen Hauſe geworden iſt; er möchte nach Belgien, in ſeine Heimath, zurück⸗ kehren.“ „Wollen Sie mir Vollmacht geben, den Verkauf Ihres Hauſes zu vermitteln?“ „Unbeſchränkte Vollmacht.“ „Das trifft ſich vortrefflich; ich finde beim Stadt⸗ ſchultheißen die ſtädtiſche Baukommiſſion unter dem Vor⸗ ſitze meines Schwagers— ich werde über die Sache reden, wobei ich Ihre Uneigennützigkeit in ſo helles Licht ſetze, daß Ihnen das Chrenbürgerrecht der Stadt nicht entgehen kann— alſo ernſtlich, darf ich für Sie unter⸗ handeln?“ „Ernſtlich, um jeden Preis,“ ſagte Herr von Rivola, wobei er, anſcheinend mit ſehr gleichgültiger Miene, zum Fenſter hinausblickte, ſich aber jetzt raſch an die andere Seite wandte, als der Polizeirath ſagte: „Sehen Sie dort unſeren jungen Herrn, über den wir beim Bankdirektor ſprachen?“ „Ferdinand Welkermann?“ „Ja, dort unter dem Thorbogen— Ihre Pferde ſind furchtbar flüchtig, Herr Baron, das fliegt alles nur ſo an uns vorüber; als Polizeimann iſt es eigentlich von mir pflichtwidrig, ſo ſchnell zu fahren— ſahen Sie den jungen Welkermann nicht?“ 190 Siebenzehntes Kapitel. „Nicht deutlich, aber ich glaube, er war es.“ „Gewiß, ich habe ein ſcharfes Auge— er ſtand da im Geſpräche mit einem gewiſſen Herrn Steffler, der uns bekannt iſt.“ „Wer iſt das?“ „Unter uns geſagt, ein etwas anrüchiges Subjekt, und daß er gerade mit Herrn Welkermann verkehrt, will mir nicht gefallen.“ „Vielleicht einer ſeiner Spielgenoſſen?“ „D nein, er gehört einer weit tieferen Geſellſchafts⸗ klaſſe an— dieſer Menſch war bis vor ganz Kurzem Gehülfe des Marktmeiſters, früher Lithograph, Kupfer⸗ ſtecher, alles Mögliche, und ich weiß, daß er ſich in letzter Zeit viel in der Nähe des Hauſes des Stadtſchult⸗ heißen ſehen ließ— ich muß ſeinem Namen in meiner Brieftaſche einen tüchtigen Strich anfügen.“ „Es wäre wohl intereſſant,“ ſagte Herr von Rivola heiter,„Ihre Brieftaſche in dieſer Richtung durchſehen zu können; da mag eine eigenthümliche Geſellſchaft beiſammen ſein und Mancher einen oder mehrere Striche haben, der ſich dieſer Ehre nicht verſieht.“ „Allerdings, und Striche verſchiedener Bedeutung, die ich nur allein kenne— es iſt das mein Hauptbuch, und wenn ich's auſſchlage, ſehe ich ſogleich, was für die Be⸗ treffenden ins Soll eingetragen iſt— aber da ſind wirr ſchon; ich danke Ihnen, Herr Baron, daß Sie mich mit⸗ —— Siebenzehntes Kapitel. 191 genommen haben, und werde den Verkauf Ihres Hauſes mit einer Schnelligkeit beſorgen, welche Sie in Erſtaunen ſetzen ſoll— bleiben Sie heute noch länger in der Stadt?“. „Wohl noch für eine Stunde, während welcher ich in meinem kleinen Hauſe anzutreffen bin.“ „Schön, vielleicht kann ich Sie hier noch ein Reſultat wiſſen laſſen.“ Auch Herr von Rivola hatte nach dem Polizeirathe den Wagen verlaſſen und befahl dem Kutſcher, ihn im Hofe von Holland zu erwarten, worauf er den Weg nach ſeinem kleinen Hauſe mit raſchen, feſten Schritten ein⸗ ſchlug, den Kopf erhoben, ehrfurchtsvolle Grüße der ihm Begegnenden freundlich erwiedernd. Der alte Friedrich, welcher am Fenſter ſtand und den Baron kommen ſah, öffnete die Thür und ſah zu ſeinem Erſtaunen, daß, ſobald ſich dieſelbe wieder hinter dem al⸗ ten Herrn geſchloſſen hatte, dieſer völlig verwandelt er⸗ ſchien; ſeine eben noch ſo energiſch angeſpannten Geſichts⸗ züge ſanken ſchlaff zuſammen, eben ſo die rüſtige Haltung ſeines Körpers, ja, er faßte mit der rechten Hand die Mauer des engen Ganges, als müßte er ſich halten, um nur in's Zimmer zu gelangen. Dort ſank er denn auch wie kraftlos auf den alten Lehnſtuhl nieder, ſo daß Frie⸗ drich, der ihm kopfſchüttelnd gefolgt war, mit allen Zei⸗ 192 Siebenzehntes Kapitel. chen des Schreckens fragte, ob und was ihm Fürchterliches zugeſtoßen ſei. Statt dieſe Frage ſogleich zu beantworten, ließ ſich Herr von Rivola ein Glas friſchen Waſſers geben, um, ſobald der Diener das Zimmer verlaſſen hatte, es zu holen, vor den kleinen Spiegel zu treten, der im Ge⸗ mache beſindlich war, und dort mit einem traurigen Lächeln ſeine allerdings ſehr verſtörten Geſichtszüge zu betrachten. Friedrich, welcher ſogleich mit dem verlangten Waſſer zurückkam, wagte keine zweite Frage, doch ſagte Herr von Rivola, als er getrunken und ſich dann wieder in den Seſſel niedergelaſſen hatte: „Ich weiß in der That nicht, was mich ſo plötlich überfallen, eine Körperſchwäche, wie ich nie Aehnliches empfunden, auf dem kurzen Wege vom Rathhauſe hieher — bis dorthin fuhr ich in meinem Wagen. Du ſiehſt mich erſtaunt an, deine beſtürzten Mienen fragen nach einem Grunde meiner plötzlichen Schwäche, und doch iſt eigentlich keiner vorhanden, der mich ſo dazu veranlaſſen konnte— ich war einer Ohnmacht nahe, als ich eintrat, jetzt geht es mir beſſer.“ „Dem Himmel ſei gedankt, ich fürchtete ſchon....!“ „Ich weiß ſchon, was du fürchteteſt,“ rief der Andere raſch, aber mit leiſer Stimme:„ja, ja, es iſt entſetzlich, daß man ſo etwas fürchten muß, und trotzdem ich häufig —;—— ——— Siebenzehntes Kapitel. 193 ähnliche Geſpenſter am hellen Tage ſehe, ſo kannſt du dir kaum denken, wie eine an ſich vielleicht unbedeutende Mittheilung mich zu erſchüttern vermag.“ „Alſo doch eine Mittheilung?“ „Ja, ich komme ſoeben von der Direktion der könig⸗ lichen Bank; man wollte meinen Rath in einer Angele⸗ genheit.“ „A— a—ah ſo!“ „Ja, der Teufel hat es ſo gefügt, daß zwei Tauſend⸗ guldennoten von der gleichen Nummer bei der Bank ein⸗ gelaufen ſind.“ 5 „Ein fürchterlicher Zufall!“ „Allerdings, aber beide ſind von ſo vortrefflicher Ar⸗ beit, daß die weiſen Herren dort oben nicht wiſſen, welche echt und welche falſch iſt.“ „Und Sie, Herr Baron?“ „Ich erkannte ſie augenblicklich und bezeichnete ihnen die echte als falſch. Das aber würde mich an ſich weni⸗ ger erſchreckt haben, doch hat dieſer junge Welkermann, dem ich freundlicher Weiſe mit kleinen Anlehen ausgehol⸗ fen, durch unverantwortlich hohes Spiel die Aufmerkſam⸗ keit der Polizei auf ſich gezogen und dabei die Dummheit gehabt, in einem Anfalle nichtsſagender Prahlerei vor einer Geſellſchaft junger Leute eine meiner Fünfhundert⸗ guldennoten anzuzünden.“ Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. II. 13 194 Siebenzehntes Kapitel. „Man ſollte ihn dafür....“ „Ja, ja, einen ähnlichen Wunſch, wie du da unaus⸗ geſprochen läßt, habe ich auch; doch iſt mit reden nichts gethan, wir müſſen handeln. Haſt du Steffler beſtellt?“ „Wie Sie befohlen; er war ſchon einmal da und wird wieder kommen.“ „Er treibt ſich hier in den Straßen herum— ich ſah ihn vorhin unter einem Thorbogen mit dem jungen Wel⸗ kermann plaudern— woher kennen ſich die Beiden?“ Der alte Friedrich lächelte auf eine eigenthümliche Art, ehe er zur Antwort gab:„Sie haben irgend ein ge⸗ meinſchaftliches Intereſſe; es iſt das ein kleines Verhält⸗ niß des jungen Herrn Welkermann, deſſen Erbſchaft mit allen Folgen Herr Steffler angetreten hat.“ „Ah, ich verſtehe, das Stubenmädchen aus dem Hauſe des Stadtſchultheißen. Und iſt ſie entſchloſſen, ihn zu be⸗ gleiten?“ „Sie iſt mehr dazu entſchloſſen, als er ſelbſt; dieſer Kerl macht Seitenſprünge, wie ein Fuchs, der nicht weiß, ob er das Huhn oder die Ente nehmen ſoll.“ „Der ſich aber wohl hüten wird, in's Fangeiſen ſeiner Schulden zu ſpringen.“ „Ich habe ihm den letzteren Geſichtspunkt recht klar gemacht, und da ich weiß, daß es in dieſem Falle auf tauſend Gulden weiter nicht ankommt, ſo hatte er ſich denn auch zur Auswanderuug entſchloſſen.“ ——— Siebenzehntes Kapitel. 195 „Das alles iſt ſchön und gut, aber wer weiß, ob er nicht anderen Sinnes wird, wenn er die wogende See vor ſich ſieht.“ „Daran habe ich auch gedacht, und da Sie mir er⸗ laubt haben, nach Belgien zurückzukehren— es iſt mir unerträglich hier in der Einſamkeit dieſes öden Hauſes,“ unterbrach er ſich, indem er mit der Hand über die Augen fuhr,—„ſo würde ich mir ein Vergnügen daraus machen, Herrn Steffler und das junge Mädchen bis auf das Schiff zu begleiten— im Falle Sie mich hier nicht beſſer gebrauchen können.“ „Nein, nein, ich wünſche dich weg von hier,“ ſagte Herr von Rivola haſtig,„ſo bald als möglich— in Sicherheit,“ murmelte er, für den Anderen unverſtändlich, um gleich darauf mit lauter Stimme fortzufahren:„Dort kannſt du mir vielleicht beſſer nützen, als hier, mein guter alter Friedrich!“ Er reichte dem Diener ſeine Hand. „Es iſt eigenthümlich,“ fuhr dieſer zur Erde blickend fort,„wie ich die arme Frau vermiſſe, ſeit ſie todt iſt; ſie und dieſes Haus waren mein Alles, und jetzt iſt mir gerade ſo, als ſei nicht nur ein altes, kränkliches Weſen von der Erde verſchwunden, ſondern als ſei für mich die ganze Welt ausgeſtorben— ich weiß nicht, ob Sie mich verſtehen, gnädiger Herr?“ „Ob ich dich verſtehe— ich mag mich in einen ähn⸗ z ———————n——.—— 496 Siebenzehntes Kapitel. lichen Fall nicht hineindenken, ich glaube, es würde mir alsdann an einer Reiſe nach Oſtende nicht genügen!“— Herr von Rivola ſagte das in einem dumpfen Tone, um alsdann nach einem tiefen Seufzer mit gewöhnlicher Stimme fortzufahren:„Doch mußt du nicht ſo ſchwarz ſehen, Friedrich, du haſt Verwandte dort unten, während ich in dem Falle— und dann hoffe ich auch immer noch, daß du meiner in gleicher Anhänglichkeit und Liebe ge⸗ denkſt.“ „O gewiß, mein lieber, gnädiger Herr, ich ſchäme mich, daß ich ſo eben geſagt, die Welt ſei ausgeſtorben für mich! Und doch— und doch, o, wenn auch Sie dieſe Stadt verlaſſen könnten, ich glaube, wir könnten da drunten noch einmal ein neues und vielleicht ein glück⸗ licheres Leben beginnen!“ „Möglich, aber doch unmöglich— mein alter Lebens⸗ baum würde ſelbſt in meiner Heimath keine Wurzel mehr ſchlagen— ich muß hier ſtehen bleiben und allen Wettern trotzen— wann willſt du reiſen?“ „Sobald Sie eine endgültige Entſcheidung über dieſes Haus getroffen haben.“ „Hoffentlich wird das bald geſchehen ſein, vielleicht noch in dieſer Stunde; ich habe es durch einen Freund der Stadt unter jeder ihr beliebigen Bedingung ange⸗ boten.“ „und haben gewiß Recht daran gethan, Herr Baron v V Siebenzehntes Kapitel. 197 — ich muß Ihnen ſchon geſtehen, daß ich mit geheimem Grauen daran dachte, wenn jemand Anderes, als ich, die Räume des alten Thurmes leeren ſollte— ich glaube doch, es wäre am Ende beſſer geweſen, wenn wir das ſchon vor Jahren gethan hätten.“ Herr von Rivola hatte ſich mühſam erhoben, um nach einem langſamen Gange durch das Zimmer an das Fen⸗ ſter zu treten, wobei ihm der Andere mit einem kummer⸗ vollen Blicke nachſchaute. Hier hinausſehend, ſagte er: „Daran iſt nun nichts mehr zu ändern, und ich glaube immer noch, daß ich Recht hatte, mein ehemaliges Atelier nicht heimlich zu zerſtören— warum ſoll ich es läugnen, daß ich mich vor Jahren mit all dieſen Künſten beſchäf⸗ tigte? Gerade die Oeffentlichkeit, mit der ich arbeitete, mußte bis jetzt jedweden Verdacht beſeitigen. Doch kämen auch die Betrachtungen jetzt zu ſpät,“ ſetzte er, ſich raſch umwendend, hinzu,„denn dort ſehe ich ein paar Herren kommen, was mir anzeigt, daß die Stadt mein Aner⸗ bieten annahm. Oeffne die Hausthür, Friedrich, du wirſt raſcher abreiſen können, als du erwarteſt.“ Wenige Augenblicke nachher trat der Stadtſchultheiß in die kleine Stube, nach ihm der Oberbaurath Lievens ſowie der Polizeirath Merkel, gefolgt von Sprandel, dem Amtsdiener des Raths, welch letzterer aber mit Friedrich in dem Hausgange ſtehen blieb. Der Stadtſchultheiß hatte ſein Kinn würdevoll in die 198 Siebenzehntes Kapitel. weiße Halsbinde vergraben, und während er beide Hände dem Baron Rivola entgegenſtreckte, ſagte er mit einem herzlichen, faſt gerührtem Ausdrucke der Stimme:„Hoch⸗ verehrter, theurer Freund, würdiger Mitbürger unſerer Stadt, Sie haben uns durch Ihren großmüthigen Antrag eine eben ſo unverhoffte als außerordentliche Freude be⸗ reitet; wären die Mittel unſerer Gemeinde nicht ſo gering, ſo würde ich unter keiner Bedingung von Ihrer Groß⸗ muth Gebrauch machen....“ „Welche aber der Herr Stadtſchultheiß und das ganze Collegium nun ohne Weiteres anzunehmen ſich beeilt,“ fiel ihm der Polizeirath, heiter lächelnd, in die Rede, worauf er hinter der vorgehaltenen Hand halblaut hinzuſetzte: „Und Ihr Chrenbürgerrecht, auf Pergament mit Gold⸗ druck, braucht nur noch ausgefertigt zu werden.“ „Darf ich die Herren nicht bitten, Platz zu nehmen?“ fragte Herr von Rivola. „Doch,“ meinte der Oberbaurath Lievens,„es wäre vielleicht beſſer, dem verehrten Beſitzer des Hauſes keinen unnöthigen Zeitverluſt zu bereiten und, wenn auch nur pro forma, eine raſche Beſichtigung der Lokalitäten vor⸗ zunehmen.“ Damit waren Alle einverſtanden, und nachdem man flüchtig die paar Zimmer durchſchritten, welche der alte Friedrich bewohnte, öffnete dieſer die uns wohl bekannten Räume des alten Thurmes. Hier fand ſich Alles noch im ſelben Zuſtande, wie wir es vor Kurzem geſehen, in allen Stockwerken Möbel, Ge⸗ räthſchaften, Fenſter mit ſo dickem Staube und Spinnge⸗ weben bedeckt, daß Jeder deutlich ſah, wie einſam man dieſe Gemächer lange, lange Jahre hindurch gelaſſen hatte. „Ich ließ ſie unwillkürlich in dieſen Zuſtand kommen,“ ſagte der Hausbeſitzer, wie ſich entſchuldigend,„denn als ich bei meinem verſchlimmerten Augenleiden nicht mehr zum Atelier kam, dachte ich nicht im entfernteſten daran, daß es mir nie mehr vergönnt ſein werde, Bleiſtift oder Grab⸗ ſtichel in die Hand zu nehmen; ich hoffte von einem Tage zum anderen, von einer Woche zur anderen, und Sie ſehen, meine Herren,“ ſetzte er mit einem traurigen Lächeln hinzu,„wie ſich hier meine Hoffnungen erfüllt haben— wie unſere Hoffnungen ſo oft erfüllt werden, indem das Schickſal unſere liebſte Erinnerung mit Staub und Moder bedeckt, und deßhalb brauchen Sie mir auch kein Verdienſt daräus zu machen, daß ich Thurm und Haus unter jeder Bedingung an die Stadt übergebe, denn ich werde froh ſein, wenn das alles einmal voll⸗ ſtändig aus meinem Gedächtniſſe erloſchen iſt.“ „Dazu wird gründlich Rath werden, nicht wahr, Lievens?“ ſagte der Polizeirath zu ſeinem Schwager; „ich meine ſchon, ich ſehe es, wie ihr dieſe heilige Halle der Kunſt mit Akten und Rümpelwerk vollſtopft.“ „Mit Rümpelwerk weniger,“ meinte der Stadtſchultheiß Siebenzehntes Kapitel. 199. 200 Siebenzehntes Kapitel. mit einer wichtigen Miene;„das gibt hier einen wunder⸗ baren Ort zur Beherbergung der Stadtarchive— dazu der unvergleichlich ſolide Gang, der in's Rathhaus führt.“ „Und den wir jetzt nicht mehr zumauern wollen,“ ſagte der Oberbaurath, wobei ſich ſeine dürren Züge in viereckige Linien zuſammenzogen, welches ein Lächeln vor⸗ ſtellen ſollte. „Gewiß nicht, aber dort unten an dem Fundamente des Thurmes wollen wir ihn mit einem ſoliden Mauer⸗ werke verſchließen, wodurch alsdann die verſchiedenſten Zwecke erfüllt ſind: Sicherheit für unſere Archive und Abhaltung der übeln Gerüche, die aus dem ferner liegen⸗ den Theile des unterirdiſchen Ganges bis ins Rathhaus drangen und ſich notoriſch in unſerem Sitzungsſaale be⸗ merkbar machten.“ „Und in welchem guten Geruche werden alsdann die gemeinderäthlichen Verhandlungen erſcheinen!“ pflichtete der Polizeirath heiter bei; dann ſagte er, den Finger in die Staubmaſſe, welche auf dem Tiſche lag, drückend: „Hier könnte ein Statiſtiker wichtige Notizen ſammeln, welche Staubmaſſe ſich in einem gewiſſen Zeitraume ab⸗ lagert— wie lange iſt es wohl, Herr Baron, daß dieſer Raum nicht benutzt wurde?“ „Das können wohl acht Jahre ſein— ich erſtaune Siebenzehntes Kapitel. 201 ſelbſt darüber, wie bei verſchloſſenen Fenſtern Geſer Staub ſich ſo maſſenhaft anſammeln konnte.“ „Wohl bei verſchloſſenen, aber nicht ganz dichten Fenſtern,“ gab Herr Merkel zur Antwort,„denn dort oben bemerke ich kleine Oeffnungen an denſelben, welche der Luft und alſo auch allen Staubatomen willig den Eingang laſſen.“ Der Stadtſchultheiß, welcher die Räume aufs genaueſte betrachtet hatte, auch den Fußboden eines derſelben meſſend durchſchritt, ſchien mit allem, was er hier gefunden, wohl zufrieden zu ſein, und ſagte:„Ich denke, wir könnten jetzt zu weiteren Verhandlungen wieder nach unten gehen — worauf ſämmtliche Herren, ſeiner Aufforderung Folge leiſtend, das Gemach verließen, mit Ausnahme des Po⸗ lizeiraths, welcher, hin⸗ und hergehend, etwas auf dem Boden zu ſuchen ſchien. 8 „Komm doch, Merkel,“ ſagte der Oberbaurath, worauf der Stadtſchultheiß, zurückblickend, lächelnd bemerkte: „Mir ſcheint, der Polizeirath wittert hier irgend ein ſchönes Verbrechen, das vielleicht vor langen Jahren in dieſem Thurme vollbracht wurde— iſt es ſo?“ „Oder ſammelſt du vielleicht genaue Notizen für den Staubſtatiſtiker?“ fragte Lievens. „Keines von beiden— ich ſehe ſoeben, daß ich ein Glas aus meiner Lorgnette verloren habe, und wahr⸗ ſcheinlich hier oben, denn vorhin, als ich, neben dem 202 Siebenzehntes Kapitel. Arbeitstiſche des Herrn von Rivola ſtehend, die Dach⸗ fenſter betrachtete, hatte ich noch beide Gläſer; doch bitte ich, voranzugehen, ich folge gleich nach— auch Sie, mein werther Herr und Freund,“ wandte er ſich an den Haus⸗ beſitzer,„was ſoll ich Ihnen Mühe machen, das verlorene Glas ſuchen zu helfen? Ich glaube faſt, es iſt hinter den Arbeitstiſch gerollt, und wenn Sie erlauben, rücke ich denſelben ein wenig auf die Seite.“ „Wer mit dieſer Polizei zu ſchaffen hat, verliert ſeine Zeit,“ meinte der Oberbaurath, wobei er mit dem Stadt⸗ ſchultheißen unter der Thür ſtehen blieb, da der Freiherr von Rivola ſelbſt mit Hand anlegte, um den ſchweren Arbeitstiſch etwas auf die Seite zu rücken. „Ich bin nur zufrieden,“ ſagte der Polizeirath, ſich raſch bückend,„daß ich Ihnen keine unnöthige Mühe ge⸗ macht, dort liegt das verlorene Glas, und die Staub⸗ ſchicht iſt ſo dicht, daß man es nicht einmal fallen hörte; jetzt will ich aber auch keinen ferneren Aufenthalt verur⸗ ſachen.“ „Kommen Sie, Herr Baron,“ ſagte der Oberbaurath, draußen im Gange ſtehend,„der Herr Stadtſchultheiß iſt ſchon hinabgegangen; laſſen Sie dieſen langweiligen Poliziſten, ſonſt rauben wir Ihnen zu viel von Ihrer koſtbaren Zeit— kommen Sie.“ Herr von Rivola wollte als höflicher Mann der Letzte ſein, der das Zimmer verließ, doch gab er dem Drängen 4 Siebenzehntes Kapitel. des Herrn Lievens nach und ſtieg mit dieſem langſam die Treppe hinab. Der Polizeirath hatte das wiedergeſundene Glas vom Boden aufgenommen und an ſeinem Taſchentuche vom Staube gereinigt; dann nahm er ein kleines Stückchen alten, vergilbten Papiers, welches zu Boden gefallen war, als man den Arbeitstiſch abrückte, wickelte das Glas ſorg⸗ fältig hinein und ſteckte es in die Taſche, worauf er eben⸗ falls das Gemach verließ, die Treppe hinabſtieg und die anderen Herren in dem unteren Zimmer fand, gerade in dem Augenblicke, als Herr von Rivola ſprach: „Ich bleibe bei dem, was ich unſerem werthen Freunde, dem Herrn Polizeirathe, vorhin geſagt; ſchlagen Sie mir für Haus und Thurm eine beliebige Summe vor, und ich werde dieſelbe an „Aber über d doch vielleicht ſo gütig ſein, annähernd irgend eine An⸗ deutung zu geben,“ bemerkte der Stadtſchultheiß, welcher ſich offenbar in einer Verlegenheit befand.„Meinen Sie nicht auch,“ wandte er ſich an den Oberbaurath,„daß der Herr Baron irgend eine Forderung ſtellen ſolle?“ Da Herr Lievens kopfſchüttelnd ſchwieg, ſo ſagte der Polizeirath:„Ich glaube, es wurde noch nie einem braven Ranne ſo ſauer gemacht, der Stadt etwas zu ſchenken, denn daß es im Grunde darauf hinauskommt, kann ein Kind verſtehen; da unſer verehrter Freund nicht als 4 zmen. die Größe dieſer Summe könnten Sie x — 204 Siebenzehntes Kapitel. Schenker da ſtehen möchte, ſo verlangt er eine kleine Summe— gut denn, und ich, als unparteiiſch, will eine kleine, runde Zahl nennen— wie tauſend Gulden?“ „Ah,“ ſagte der Stadtſchultheiß beinahe unwillig, „ein ſolches Gebot grenzt doch ein wenig....“ „An Unverſchämtheit, wollen Sie ſagen,“ lachte der wäre es mit zwei⸗ Polizeirath,„allerdings....“ „Doch nehme ich es an,“ ſagte raſch Herr don Ri⸗ vola;„laſſen Sie einen Kaufbrief ausfertigen— dieſes Haus mit dem alten Thurme um zweitauſend Gulden.“ „Aber Herr Baron, das iſt eine Großmuth, welche die Stadt kaum annehmen kann, und ich werde mir er⸗ lauben müſſen, bei den bürgerlichen Collegien einen ehrenden Ausdruck des Dankes zu be ant 4 „Den ich mit großer Freude anne men werde.“ „Alſo abgemacht,“ ſagte Herr Merkel:„morgen außer⸗ ordentliche Gemeinderathsſitzung, Vortrag des eben Ge⸗ ſchehenen, große Rührung mit erhebenden Reden, ein prächtiges Archiv erworben, nichts mehr von Zumauern der beſagten Gitterthür— ſeid umſchlungen, Millionen! Und nun, meine Herren, laſſe ich Sie im Stich, denn ich habe heute noch Wichtiges zu beſorgen.“ Aber auch die beiden anderen Herren blieben nicht mehr lange. Der Stadtſchultheiß that das Klügſte, was er in dieſem ſchönen, großen Augenblicke thun konnte, Siebenzehntes Kapitel. 205 ſeine Geſichtszüge drückten tiefe Bewegung aus, er ergriff auch jetzt wieder, wie bei ſeinem Erſcheinen vor einer Stunde, beide Hände des Freiherrn von Rivola, doch war die Art, wie er dieſelben jetzt drückte und ſchüttelte, von Rührung übermannt, ſo Dank ausdrückend, daß es begreiflich war, er vermöge kein Wort dazu zu ſprechen, und daß man es natürlich finden mußte, als er ſich hier⸗ auf nach einem raſchen Kopfnicken mit zwinkernden Augen abwandte und Zimmer und Haus eiligſt verließ. Herr von Rivola ſtützte ſeine rechte Hand auf die Fenſterbrüſtung, blickte den Davongehenden ſtumm und finſter nach und ſagte erſt nach einiger Zeit, ohne ſein Geſicht dem wieder eingetretenen alten Diener zuzuwenden: „Auch dieſes Geſchäf eilen, den Ka⸗ noch eine ſ von Gegenſt äre abgethan; ſie werden ſich be⸗ szufertigen, und nachdem wir vollbracht: die Vernichtung nir eigenthümlicher Weiſe jetzt, wo ſie verſchwinden ſollen, wieder anfangen, theurer zu werden, kannſt du, mein alter Friedrich, in Frieden von dannen ziehen.“ Achtzehntes Kapitel. Herr von Rivola ging nach dem Holländiſchen Hofe und traf vor demſelben den Vetter ſeiner Frau, den Grafen Hartenſtein von den Garde großer Wichtigkeit von einem be feſte bei Hofe erzählte, ihn b t in Kenntniß zu ſetzen und ihr zu ſagen, daß eri en eine Partie Coſtumebilder hinausſenden, auch wahrſcheinlich ſelbſt kommen würde, um ſie um die Betheiligung an der Quadrille zu bitten; doch hörte er das alles nur wie im Traume, und wenn der junge Offtzier nicht gar zu eilig geweſen wäre und zu ſehr beſchäftigt mit der bevorſtehen⸗ den Maskerade, ſo müßte es ihm nicht entgangen ſein, wie Herrn von Rivola's ſtarre, gedankenvolle Blicke, ſtatt ihn anzuſehen, neben ihm hinaus in weite, weite Fernen zu gehen ſchienen. Hierauf war der Huſarenoffizier mit een, der ihm mit Maskenball⸗ ☛ Achtzehntes Kapitel. 207 Einem Male verſchwunden geweſen, und nun beſtieg Herr von Rivola ſeinen Wagen, warf ſich tief in die weichen Ecken, daß ihn Niemand, an dem er vorüberfuhr, ſehen konnte, zog auch noch zum Ueberfluß den grünſeidenen Vorhang an der anderen Seite herab und verſank, wäh⸗ rend die ungeduldigen Pferde mit dem leichten Coupé raſch davonflogen, in ein tiefes und nichts weniger als erquickliches Nachſinnen. Das, was er heute Morgen gehört und geſehen, ging noch einmal raſch an ſeinem inneren Auge vorüber: die Stunde im Cabinette des Bankdirektors, die gefälſchten Noten, Friedrichs Bericht über die bevorſtehende Abreiſe Stefflers, das kleine Haus mit dem alten Thurme, der Verkauf desſelben, Alles mehr oder minder für ihn wider⸗ liche Bilder, welche aber, raſch verblaſſend, einer anderen Geſtalt bereitwilligſt Platz machten, einer Geſtalt, die drohend vor ihm erſchien und die er nicht zu überwäl⸗ tigen, nicht zu verjagen im Stande war, ſo ſehr ſich auch ſein gequältes Hirn hierzu abmühte— die Geſtalt Fer⸗ dinands, welche ihm die halb verbrannte, gefälſchte Bank⸗ note entgegenhielt. Es fiel ihm jetzt centnerſchwer auf⸗ die Seele, daß er unverantwortlich thöricht und leicht⸗ ſinnig gehandelt, ſich dieſes jungen Menſchen zu bedienen. Wie unverfänglich, wie günſtig war ihm die ſo unverhofft gekommene Hülfe desſelben damals erſchienen und erſchien ihm auf Augenblicke ſelbſt heute noch, wenn er bedachte, 208 Achtzehntes Kapitel. daß der grenzenloſe Leichtſinn des jungen Menſchen, der ihm einestheils gefährlich werden konnte, anderentheils wieder im Stande war, im ſchlimmſten Falle die ganze ungeheure Schuld von ihm ab auf jenen zu wälzen. Worin war der Beweis, daß es falſche Banknoten ge⸗ weſen, die Ferdinand von ihm erhalten, welche derſelbe ohne Ueberlegung gegen echte auf der Bank umgetauſcht? Allerdings war es möglich, daß jetzt dem jungen Manne eine Ahnung gekommen war, er habe aus ſeiner Hand falſche Banknoten erhalten, möglich, aber nicht gewiß, ja, ſogar unwahrſcheinlich; denn wem hätte es heute noch in den Sinn kommen können, er, der Freiherr von Rivola, ſo hoch angeſehen in allen Kreiſen der Geſellſchaft, habe auch nur im entfernteſten etwas zu thun mit ſolchen Fälſchungen? Das war ein Hoffnungsſtrahl, und ſelbſt im ſchlimmſten Falle war es ja viel denkbarer, daß dieſer leichtſinnige junge Menſch ſelbſt bei dieſen Fü ſcunden die Hand im Spiel habe. Herr von Rivola athmete leichter auf, als er nun in raſcher Reihenfolge der heutigen Erlebniſſe an den Moment kam, wo der Polizeirath ihn auf Ferdinand Welkermann aufmerkſam gemacht, als jener in einem halbdunklen Thorbogen mit Steffler plauderte, mit Steffler, einem anrüchtigen Menſchen, wie Merkel ſich ausgedrückt, und der als Kupferſtecher und bei ſeinem verdächtigen Lebens⸗ —,— Achtzehntes Kapitel. 209 wandel leicht in Verdacht zu bringen war, um ſo mehr, da er in Kurzem ſpurlos verſchwunden ſein würde. Hier blitzte dem tief Nachdenkenden eine ſo glückliche Idee durch den Kopf, daß er ſchon im Begriffe war, den Kutſcher wieder umkehren zu laſſen, um ſeinen alten Diener nochmals aufzuſuchen, als ihm einſiel, daß der⸗ ſelbe heute jedenfalls noch nach Eichenwald kommen würde und er ihm dort mit weniger Aufſehen ſeine Gedanken mittheilen konnte. Steffler mußte veranlaßt werden, von Ferdinand Welkermann eine Summe zu ſeiner Auswande⸗ rung zu erhalten, mußte Beweiſe dafür hinterlaſſen, daß er dieſe Summe bekommen, und daß es auf dieſe Art Ferdinand Welkermann geweſen, der ihn bei Seite ge⸗ ſchafft. Auf Augenblicke beſchwichtigte dieſer Gedanke aller dings die fieberhafte Unruhe, welche ſich Herrn von Ri⸗ vola's bemächtigt hatte; doch konnte er ſich nicht ent⸗ halten, aus dem tiefſten Grunde ſeiner Seele den Wunſch hervorzuſeufzen: Beſſer noch, wenn es mir möglich wäre, Beide miteinander eine Reiſe über das Weltmeer machen zu laſſen, oder noch eine weitere Reiſe, wenn es anders nicht möglich wäre! Das plötzliche Anhalten des Wagens riß ihn gewaltſam aus ſeinen Träumereien empor, welche wieder anfingen, ſeine Seele mit düſteren, unheimlichen Bildern zu bevölkern. Er Hackländer, Das Geheimniß der Stadt, II. 14 Achtzehntes Kapitel. dankte dem Himmel, daß er ſo plötzlich aus ſeinen Phan⸗ taſieen herausgeriſſen wurde, ſo plötzlich aus der finſteren Nacht ſeiner Gedanken zum hellſten Tage der Gegenwart erwachend, denn der Wagen hielt an der Terraſſe vor dem Schloſſe Eichenwald, und in der geöffneten Glasthür ſah er ſeine Tochter Lucy ſtehen, die ihm mit den Worten entgegeneilte:„Aber, Papa, du biſt lange, ſehr lange ausgeblieben! Wir haben dich ſchon über eine Stunde zurückerwartet, Mama, ich und Herr Welden, der uns zu beſuchen gekommen iſt!“ Bei der Nennung des letzteren Namens zeigte ſch eine Wolke auf der Stirn des Herrn von Rivola; es war ihm nicht angenehm, jetzt einen Fremden ſehen zu müſſen, wenn auch dieſer Fremde ein ſo genauer Freund des Hauſes war. Er hatte ſich faſt behaglich ausgemalt, ſich jetzt in ſein Schreibzimmer zurückzuziehen und dort ſeinen Gedanken nachzuhangen, ringend mit dem Geſchicke, das ihn zu überwältigen dröhte und dem er geneigt war, trotzig die Stirn entgegen zu bieten. Nur wer ſich ſelbſt verläßt, iſt verlaſſen! Auch war das im Grunde vielleicht nur ein Wetterleuchten, die Atmoſphäre reinigend und kam nicht Verderben bringend herangezogen. „Papa, haſt du etwas Unangenehmes gehabt?“ fragte Lucy, ſich an ihn ſchmiegend. „Gewiß nicht, mein Kind; nur Geſchäfte ernſter Art,“ antwortete er und gab ſich alle Mühe, die Falten von 4 Achtzehntes Kapitel. 211 ſeiner Stirn zu verbannen, ja, mit einem heiteren, lächeln⸗ den Ausdrucke in den Salon zu treten, wo ſich einer der Diener beeilte, das Frühſtück aufzutragen. Welden hatte ſich beim Eintritte des Freiherrn erho⸗ ben und griff nach ſeinem Hute, um, wie er ſagte, nicht länger zur Laſt zu fallen. Doch betrachtete Lucy bei dieſer Aeußerung ihre Mutter mit einem recht beſorgten Blicke, ohne daß dieſe ihn ſah, vielmehr aus eigenem Antriebe ſagte:„Sie werden doch jetzt nicht nach der Stadt zurückkehren wollen, da mein Mann gekommen iſt, der ſich gewiß freut, mit Ihnen plaudern zu können! Auch ſehen Sie, daß man Sie zu den genauen Bekannten des Hauſes rechnet— man hat bereits ein Couvert für Sie aufgelegt.“ „Bleiben Sie, lieber Freund,“ ſagte nun auch der Freihert,„und wenn Sie mir vielleicht etwas mitzutheilen haben, ſo ſtehe ich nachher ganz zu Ihrem Befehl.“ Darauf ſetzten ſich die Iier um den Frühſtückstiſch herum, und da der Herr des Hauſes jede Schüſſel, welche ihm der Kammerdiener anbot, durch ein leichtes Kopf⸗ ſchütteln abwies, ſo mußte er auf einen fragenden Blick ſeiner Frau die allerdings nicht richtige Auskunft geben, daß er in der Stadt bereits gefrühſtückt habe.„Ich hatte auf der Bank zu thun,“ ſagte zer in gleichgüͤltigem Tone,„und konnte dort eine Einladung des guten Direk⸗ tors Schwegimer nicht abſchlagen.“ 212 Achtzehntes Kapitel. „Sahſt du Jemanden aus der Geſellſchaft?“ „Ja, deinen Vetter Eugen Hartenſtein und erfuhr Intereſſantes für meine liebe Lucy; es ſoll zur Been⸗ digung der Saiſon noch ein großes Maskenfeſt bei Hofe ſtattfinden und ſehr brillant werden, und wird man dir morgen oder übermorgen ein ganzes Paket Coſtumebilder ſenden. Auch wird Eugen, wie er mir ſagte, ſelbſt her⸗ auskommen, um dich zu einer Quadrille einzuladen.“ „Ach, das iſt prächtig!“ rief das junge Mädchen. „Und ſagte er nichts über das Coſtume, in welchem wir erſcheinen werden?“ „Nein, er ſchien ſehr eilig zu ſein.“ „Eine maskirte Quadrille fehlt mir noch zu meinen Erlebniſſen— wenn ich dieſe mitgemacht, habe ich alles genoſſen, was in der großen Welt vorkommt, nicht wahr, Mama, und kann dann im Nothfalle von meinen Erinne⸗ rungen zehren.“ Sie warf bei dieſen Worten, ſtatt auf ihre Mutter zu ſehen, einen lächelnden Blick nach Welden hinüber. „Du haſt allerdings deinen Eintritt in die Geſellſchaft 8 auf eine recht geräuſchpolle, glänzende Art gehalten— ich erinnere mich keiner Saiſon mit ſo vielen und meiſtens ſehr glänzenden Feſten— ehrlich geſagt, bin ich nicht betrübt darüber, wenn wir endlich einmal ein wenig Ruhe bekommen.“ „Und ich, Mama, glaube mir, habe nächſtens einen Achtzehntes Kapitel. 213 Horreur vor all den glänzend erleuchteten Sälen und betrachte meine kleine Lampe Abends, wenn wir einmal zufällig allein ſind, mit dem Ausdrucke des innigſten Vergnügens.“ „Glauben Sie, daß dieſe kleine Schwätzerin die Wahrheit ſagt?“ wandte ſich die Baronin an den In⸗ genieur. „Warum nicht, gnädige Frau? Ja, ich bin überzeugt, Fräulein Lucy hat dieſes Gefühl wirklich, täuſcht ſich aber vielleicht unbewußt in demſelben. Sie iſt der Feſte und Bälle nicht ſo überdrüſſig, als ſie ſich vielmehr nach einer kleinen Abwechslung ſehnt.“ „Wie wir Alle,“ verſetzte Frau von Rivola;„ich hoffe darauf, ja, ich bin davon überzeugt, daß du den nächſten Winter wieder mit dem gleichen Intereſſe be⸗ ginnen wirſt— nicht wahr, Albert, das iſt auch deine Meinung?“ „O ja, gewiß, mit dem gleichen Intereſſe, vielleicht noch mit einem ganz anderen Intereſſe, und dann mit um ſo größerem Intereſſe.“ Die Baronin huſtete leicht hinter der vorgehaltenen Hand; ſie glaubte ihren Mann zu verſtehen, ohne thun zu wollen, als verſtände ſie ihn— Graf Eugen Harten⸗ ſtein bemühte ſich allerdings auffallend um die ſchöne und ſo enorm reiche Couſine.—„Und wann ſoll dieſes 214 Achtzehntes Kapitel. Maskenfeſt ſtattfinden?“ fragte ſie, um dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben. „In der übernächſten Woche, glaube ich.“ „Das wäre eine kurze Zeit, um mit neuen Coſtumes fertig zu werden,“ meinte Lucy's Mutter. „Haben Sie ſchon ein Maskenfeſt bei Hofe geſehen?“ wandte ſich das junge Mädchen fragend an Welden. „Nein, mein Fräulein; es wird auch wohl nicht leicht ſein, gerade an einem ſolchen Tage Zutritt zu erhalten.“ „Bei einem ſolchen großen Maskenfeſte weit eher, als bei einem kleinen Balle,“ ſagte Herr von Rivola. „Wenn es Ihnen Spaß machen würde, bäte ich den Oberſthofmeiſter Seiner Majeſtät recht gern um eine Ein⸗ ladung für Sie.“ Welden war ſchon im Begriffe, dieſes freundliche An⸗ erbieten dankend abzulehnen, als ihn ein eigenthümlicher Blick aus Lucy's ſchönem Auge traf, ein Blick, der ihm unwillkürlich zu Herzen ging und ihm eine ſeltſame Be⸗ wegung, ſogar eine unerklärliche Aufregung verurſachte. Es lag eine innige Bitte in dieſem Blicke, ſowie um ihre leicht geöffneten Lippen; ſie feſſelte ſeine auf ſie ge⸗ richteten Augen damit, ja, hielt ſie magnetiſch feſt, bis er, ſtatt abzulehnen, das Anerbieten des Herrn von Ri⸗ vola dankend angenommen. Vielleicht hätte er dies doch nicht gethan, wenn er die mißbilligende Miene der Frau des Hauſes bemerkt hätte. Aber er ſah in dieſem Augen⸗ * . 1 Achtzehntes Kapitel. 215 blicke nur Lucy, die jetzt mit dem Ausdrucke der herzlich⸗ ſten Freude vor ſich niederblickte. Das Frühſtück war beendigt, und nachdem ſich Alle erhoben, trat das junge Mädchen mit Welden an eines der geöffneten Fenſter, um ihn auf die finſter heranziehenden Wolken aufmerkſam zu machen. Dann ſagte ſie raſch und leiſe:„Wie würde ich mich freuen, Sie auf jenem Maskenballe zu ſehen!“ Der Freiherr von Rivola war an den Kamin getreten und hatte ſeinen Fuß auf eine der Stangen deſſelben geſtellt, als ihm die Baronin leiſe ſagte:„Du weißt, ich kann dieſen jungen Menſchen recht wohl leiden; er verſteht ſeine Stellung und überſchritt nie die Schranken der⸗ ſelben, und dieſe gute Eigenſchaft ſollteſt du an ihm würdigen und ihn nicht, wie vorhin durch dein Aner⸗ bieten einer Einladung zu Hofe, in Kreiſe bringen, wo er ſich unheimlich fühlt, da er nun einmal nicht hinein⸗ gehört; doch laſſe ich euch jetzt,“ ſetzte ſie mit lauter Stimme hinzu.„Vielleicht haſt du mit Herrn Welden etwas Geſchäftliches; ich glaube, er deutete ſo etwas an — komm, Lucy!“ Sie grüßte den jungen Ingenieur wohlwollend, aber vornehm mit einem leichten Kopfnicken, wogegen das junge Mädchen Welden freundlich die Hand reichte, ehe ſie mit ihrer Mutter den Salon verließ.. Nach einer ziemlich langen Pauſe ſagte Herr von 216 Achtzehntes Kapitel. Rivola:„Haben Sie etwas für mich, lieber Welden, ſo wollen wir in mein Schreibzimmer gehen; ich gebe Ihnen eine Cigarre, rauche auch vielleicht ſelbſt mit— es hei⸗ tert das auf und zerſtreut unſere ernſten Gedanken.“ Gleich darauf ſaßen Beide in dem uns bekannten Schreibzimmer, und zwar in einer Ecke deſſelben auf zwei bequemen Fauteuils an dem Fenſter, welches eine Aus⸗ ſicht auf die fern liegende Stadt gewährte, Beide ſchwei⸗ gend rauchend, Welden, indem er einen leichten Eingang zu ſeiner Mittheilung ſuchte, der alte Freiherr, welcher wieder in ſeine tiefen Träumereien verfallen war. Endlich richtete ſich letzterer nach einem ſchweren Athemzuge in die Höhe und ſagte, an den trüb bedeckten Himmel aufſchauend:„Auch da zieht ſich was Tüchtiges zuſammen— Schnee oder Regen, letzterer wäre unange⸗ nehm; ich fürchte, das Wetter läßt Sie nicht ungeſtraft nach Hauſe kommen.“ „Ich bin wohl Ihrer Anſicht, Herr Baron, und würde mich auch ſchon längſt beurlaubt haben, wenn ich nicht herausgekommen wäre, um Ihre Anſicht in einer Sache zu hören, die mir ſo wichtig erſcheint, daß ich ſie nur Ihrer großen Erfahrung und Ihrem mich ehrenden Wohlwollen unterbreiten möchte.“. „Ah, Sie haben etwas auf dem Herzen! Laſſen Sie hören.“ Nun erzählte Welden die Erlebniſſe des geſtrigen —yj— Achtzehntes Kapitel. 217 Abends; zuerſt im Allgemeinen von der Einladung eines ſeiner Bekannten, an einem Souper Theil zu nehmen, die er abgelehnt, ſpäter aber doch aus Höflichkeit hingegangen ſei. Man habe dort ſoupirt, ſtark getrunken und zuletzt noch ſtärker geſpielt. Der alte Herr hatte den Kopf in die Hand geſtützt und ſchien mit großer Gleichgültigkeit zuzuhören, bis Welden im Verlaufe ſeiner Erzählung ſagte:„Es war der junge Welkermann, der beim Makao den Bankhalter machte.“ „Ferdinand Welkermann— und wann geſchah das?“ „Geſtern Abend, wie ich Ihnen ſchon ſagte.“ „Ah— a-—ah, geſtern Abend! Richtig, ſo ſagten Sie! Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen ein wenig zerſtreut zuhörte,„ſeien Sie aber überzeugt, mein lieber Welden, daß ich jetzt Ihren Worten mit vollſter Aufmerkſamkeit lauſche.“ 4 Und daß dem ſo war, ſah man nun an der gänzlich veränderten Haltung des Freiherrn von Rivola. Er ſaß aufgerichtet in ſeinem Lehnſtuhle und blickte Welden un⸗ verkennbar mit dem Ausdrucke der geſpannteſten Aufmerk⸗ ſamkeit an. Dieſer erzählte weiter von dem Verlaufe des Spiels, von dem Verluſte des Bankhalters, von deſſen ſcheinbarer Gleichgültigkeit bis zum Losbrechen der uns bekannten Scene, wo Ferdinand durch den Verſuch, die Fünfhundert⸗ 218 Achtzehntes Kapitel. gulden⸗Note zu verbrennen, Anlaß zu ſeiner Einmiſchung gab, der alsdann jene Beleidigung folgte, welche der junge Ingenieur mit etwas gerötheter Stirn und leuch⸗ tenden Augen erzählte. Doch hätte man in dieſem Au⸗ genblicke glauben können, der Freiherr von Rivola, der Zuhörer, ſei bei dieſer Angelegenheit eben ſo betheiligt, wie der Erzähler, denn er ſaß nicht nur hoch aufgerichtet da, lauſchend mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit, ſondern die Erregtheit in ſeinen Zügen drückte ein ganz beſon⸗ deres Intereſſe aus. Er hatte mit den Händen die Lehne ſeines Seſſels erfaßt und beugte ſich vornüber, als wolle er jedes Wort, ja, jeden Gedanken von den Zügen des Anderen ableſen. Endlich aber, als jener geendigt, ſtrich er langſam mit der Hand über die Augen und ſagte, ſich wieder in ſeinen Stuhl zurücklehnend und ſich gewaltſam faſſend:„Das iſt ſehr ſtark unter Freunden!“ „Wenigſtens unter Bekannten.“ „Und was thaten Sie heute Morgen darauf?“ „Ich that, was ich thun konnte, und ſandte in der Perſon des Oberlieutenants von Miltau einen Zeugen an Herrn Ferdinand Welkermann, um mit ihm das Nähere zu beſprechen.“ „ Und dieſer Zeuge?“ „War noch nicht wieder zurück, als ich meine Woh⸗ nung verließ.“ „Ah, mein lieber Freund, Sie hätten noch warten —— — Achtzehntes Kapitel. 219 müſſen! In einer ſolchen Sache muß Alles Schlag auf Schlag gehen, das iſt ſo meine Anſicht.“ Der alte Freiherr ſprach dies, obgleich in gedehntem 8 Tone, mit großer Energie, indem er jedes Wort ſcharf betonte, wobei ſeine Finger eigenthümlich zuckten.„Wenn man ſo etwas kühl werden läßt, ſo iſt man nicht mehr im Stande, es mit der Zähigkeit zu behandeln, wie man dergleichen behandeln muß. Ich kann Ihnen nur ſagen: dieſer Herr Ferdinand Welkermann hat ſich gegen Sie auf eine ganz unnennbare Art benommen; ich achte und ſchätze deſſen Vater, den Herrn Stadtſchultheißen, aber ich würde dieſem jungen, übermüthigen Menſchen eine derbe Lection recht wohl gönnen.“ „Das iſt auch ganz meine Anſicht, Herr Baron, und ich würde meinen ausgeſandten Zeugen ohne einen beſon⸗ deren Zwiſchenfall ſicher in meiner Wohnung erwartet haben.“ „Was war das für ein Zwiſchenfall, wenn ich fragen darf?“ „Es beſuchte mich ein Bekannter, der zufällig von Vnſerer Streitigkeit erfahren hatte.“ „Zufälli ig? So etwas erfährt man nicht zufällig,“ antwortete Herr von Rivola mißtrauiſch.„Wollte dieſer Bekannte vielleicht vermittelnd auftreten?“ „Das war allerdings die Abſicht des Herrn Polizei⸗ raths Merkel.“ 220 Achtzehntes Kapitel. „Ah— a— ah— der „Vielleicht aus Freundſchaft für den Stadtſchultheißen, vielleicht auch als Mann der Ordnung.“ „Das Letztere wäre allenfalls möglich, aber— doch bitte, lieber Welden, erzählen Sie weiter und ſo ausführ⸗ lich, als es Ihnen möglich iſt und Sie ſich der Unter⸗ redung mit Herrn Merkel erinnern.“ Das that denn auch ſo umſtändlicher, als er ſah, mit welchem geſteigerten Intereſſe Herr von Rivola ſeinen Worten lauſchte.— Ja, dieſes Intereſſe nahm ſo überhand, daß es ihn, als der Andere geendigt, nicht mehr auf ſeinem Stuhle duldete, ſondern er ſich raſch erhob, die Hände auf dem Rücken zuſammenlegte und mit großen Schritten ein paar Mal in dem Gemache auf und nieder ging. „Dieſer Polizeirath Merkel,“ ſagte er alsdann, vor Welden ſtehen bleibend,„iſt in der That ein unvergleich⸗ licher Beamter— ſo, ſo, er war alſo ſelbſt bei jener Spielgeſellſchaft anweſend in Geſtalt eines Kellners;“ „Und ſo unkenntlich, daß ich ohne Arg mit ihm ſprach, obgleich er mir ein paar Stunden früher eine Wette anbot, ich würde ihn in keiner ſeiner Verkleidungen erkennen.“ „Ein Mann, vor dem ſich die Verbrecher in Acht zu nehmen haben,“ meinte Herr von Rivola nachdenkend. Dann fuhr er nach einer Pauſe wie aus Träumen empor der junge Ingenieur, und um Achtzehntes Kapitel. 221 und ſagte:„Alſo ſo ſtehen die Sachen; Sie waren freundlich genug, dem Polizeirath Ihr Wort zu geben, die Sache während dreier Tage auf ſich beruhen zu laſſen.“ „Sie hätten das wohl nicht gethan, Herr Baron?“ fragte Welden, der auf dem Geſichte des alten Herrn ein ganz eigenthümliches Lächeln zu entdecken glaubte. „Ich? Gewiß nicht, das heißt, in meiner Jugend nicht, und auch jetzt noch müßten es ganz beſondere Gründe ſein, die mich zu ſo etwas beſtimmen könnten. Doch bin ich weit entfernt, mein lieber Freund, Ihnen auch nur den geringſten Vorwurf darüber machen zu wollen,— o, ich kenne den Polizeirath Merkel! Unter der Maske der Freundſchaft und des Wohlwollens verſteht er es meiſterlich, ſich des Vertrauens irgend Jemands zu bemeiſtern, und ſeine Ueberredungskunſt iſt ſprüchwörtlich geworden! Doch iſt in der Sache noch nichts verloren. Sie haben allerdings in den drei Tagen eine überflüſſige Menge Zeit, um Alles zu ordnen, und können am vier⸗ ten, das wäre nächſten Samstag, Ihre Zuſammenkunft haben; kann ich Ihnen dabei irgendwie nützlich ſein, ſo beſtimmen Sie über mich; als Ihren Zeugen will ich mich nicht anbieten, da Oberlieutenant Miltau vollkommen in Allem bewandert iſt, doch werde ich Ihnen meinen Wagen mit den ſchnellſtea Pferden zur Verfügung ſtellen — es könnte ja ſein, daß das Duell einen ernſteren Achtzehntes Kapitel. Ausgang nähme, als wir hoffen wollen. Sie fordern, und obgleich Herr Welkermann die Wahl der Waffe hat, ſo traue ich dem Herrn von Miltau doch wohl zu, daß er ſich über Piſtolen einigte, denn er weiß ja wohl ſo gut wie ich, daß Sie ein vortrefflicher Schütze ſind.“ „Ich muß jede Waffe annehmen, die mir Herr Welker⸗ mann vorſchlägt, möchte auch, ehrlich geſagt, meine Ueber⸗ legenheit im Schießen nicht gegen ihn benutzen; wenn er nicht ſelbſt Piſtolen verlangt, hoffe ich ihm aber auch mit dem Degen einen Denkzettel zu geben.“ „Den er verdient und auch erhalten wird, mein lieber wackerer Freund, wenn Sie im entſcheidenden Augenblicke nicht zu weichmüthig ſind.... Glauben Sie mir, lieber Welden,“ fuhr Herr von Rivola fort, nachdem er einen Moment zum Fenſter hinausgeſchaut,„ich habe durchaus kein Intereſſe daran, ob Sie ſich mit Herrn Welkermann ſchlagen oder nicht, eben ſo wenig, ob dieſer allerdings leichtſinnige und unverſchämte junge Menſch etwas Tüch⸗ tiges abkriegt oder nicht, ja, ich möchte Sie um Alles in der Welt nicht noch mehr gegen ihn aufreizen, denn Sie haben, weiß Gott, gegründete Urſache, ihn vor die Mün⸗ dung Ihrer Piſtole oder ohne Schonung vor die Spitze Ihres Degens zu nehmen— wie geſagt, weit entfernt davon, Ihren gerechten Zorn zu ſteigern, kann ich Ihnen doch nicht verſchweigen, daß die Ihnen angethane Be⸗ leidigung eine ſo ausgeſuchte, eine ſo intenſive iſt, daß —— Achtzehntes Kapitel. 223 ich darüber alle und jede Rückſicht vergeſſen würde. Ver⸗ zeihen Sie mir, ich ſpreche darin nur meine individuelle Anſicht aus.“ „Wofür ich Ihnen meinen Dank ſage, denn ſie iſt auch die meinige, und obgleich ich jetzt noch mehr be⸗ dauern kann, auf den Polizeirath Merkel gehört zu haben, ſo weiß ich doch, was ich nach Ablauf der leider nuge⸗ ſtandenen drei Tage zu thun habe.“ „Ich bin überzeugt, daß Sie das wiſſen, und will nur noch hinzufügen, daß mich das Benehmen des Herrn Welkermann auf's tiefſte empört hat. Verzeihen Sie mir, daß ich dieſen unendlich kitzlichen und unendlich delikaten Punkt noch einmal berühre, aber es kann im Leben vor⸗ kommen, daß man, von ſeiner Aufregung hingeriſſen, Je⸗ mandem eine Ohrfeige gibt, und kann der alſo Handelnde immerhin ein ganz tüchtiger Kerl, ein vollkommener Ehren⸗ mann ſein, aber Jemandem eine Ohrfeige anbieten und ihn bitten, ſie als genoſſen zu betrachten, das iſt gemein, unverſchämt und feige!“ Welden ſtieg bei dieſen Worten die Röthe ins Ge⸗ ſicht und er klemmte ſeine Unterlippe zwiſchen die Zähne, worauf Herr von Rivola in begütigendem Tone fortfuhr: „Und das iſt gerade ſo, als wenn Ihnen ein toller Hund begegnet; Sie können augenblicklich nichts thun, als ihm aus dem Wege gehen oder, wenn Sie zufällig Offi⸗ Frage, welche ich aus wahrhaft väterlicher Zuneigung an Achtzehntes Kapitel. zier ſind, Ihren Säbel ziehen, Ihren Angreifer zuſammen⸗ hauen, um alsdann vor jedem vernünftigen Gerichte mit allen Ehren freigeſprochen zu werden.“ Welden hatte ſich erhoben, und, indem er dem alten Freiherrn die Hand darreichte, ſagte er:„Sie werden mich entſchuldigen, daß ich Sie mit meiner Angelegenheit be⸗ läſtigte: aber es war mir darum zu thun, Ihren Rath zu hören ſowie auch, Ihnen den Verlauf jenes Streites, der leider bei Spiel und Wein entſtand, der Wahrheit gemäß zu erzählen. Und nun kann kommen, was will, ich werde in Ihren Augen, Herr Baron, ſowie in denen Ihrer Frau Gemahlin, die mir ſo viel Wohlwollen be⸗ zeigte, nicht als Händelſucher oder als ein Menſch von zweideutigem Lebenswandel erſcheinen.“ „Wie kennen Sie nur dergleichen denken?“ rief Herr von Rivola in bewegtem Tone.„Sie wiſſen ja, wie wir Alle hier Sie ſchätzen und lieben, ja, Sie wiſſen das, mein lieber Welden und können ſich wohl denken, daß ich deßhalb dem Morgen des Samstags mit nicht geringerer Spannung entgegenſehe, als Sie ſelbſt, bitte Sie deßhalb dringend, mir den Ort der Zuſammenkunft bezeichnen zu wollen und meinen Wagen anzunehmen; ſeien Sie über⸗ zeugt, daß im ſchlimmen Falle meine Rappen ſie in we⸗ nigen Stunden über die Grenze bringen. Dann noch eine ——- Achtzehntes Kapitel. 225 Sie richte und die ich vertrauensvoll zu beantworten bitte: Sind Sie genügend mit Geld verſehen?“ „Gewiß, für alle Fälle— ich danke beſtens, Herr Baron.“ „Auch darin ſind Sie ein geordneter Mann, was mich freut— Sie wollen uns alſo ſchon verlaſſen? Ge⸗ ſtatten Sie mir, daß ich für Sie einſpannen laſſe, der Himmel ſieht ſo aus, als wolle er durch einen tüchtigen Regenguß mit dem Schnee die ernſteſten Händel an⸗ fangen.“ „Ich glaube, nicht ſo bald, mache mir auch nichts daraus und danke beſtens ſür Ihr freundliches Aner⸗ bieten.“ „Vergeſſen Sie aber nicht, mir früh genug den Ort Ihrer Zuſammenkunft anzuzeigen!“ „Gewiß nicht.“ Welden verließ das Landhaus, ohne die Baronin und Lucy wiedergeſehen zu haben. Als er ins Freie trat, fuhr ihm ein naßkalter Wind entgegen; es war ein recht trüb⸗ ſeliger Wintertag geworden, der Himmel eine einzige graue Wolke, von der ein feiner Regen herabfiel und in den Sträuchern und Bäumen am Wege jenes eigenthümliche Geräuſch des herabrutſchenden Schnee's hervorbrachte. Um dem nachzuhelfen, ſchüttelte der Wind die Krone der Bäume, ſo daß kurze Zeit nachher, als Welden kaum die Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. II. 15 226 Achtzehntes Kapitel. Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, die aus der be⸗ ſchneiten Hochebene hier und da hervortretenden kleinen Waldungen wie ſchwarze Inſeln in einem ſtillen, weißen Ocean ausſahen und alles das, zugleich mit dem trüben, melancholiſchen Tone der benachbarten Dorfglocken, einen unvergeßlich düſteren, traurigen Eindruck auf ihn machte. V N V Neunzehntes Kapitel. Zwei Tage ſpäter ſaß der Polizeirath Merkel im Schreibzimmer ſeiner Wohnung und arbeitete. Es war dieſes ein helles, freundliches Gemach auf der Polizei⸗ direktion und bot einen ebenſo behaglichen Anblick, als der Bewohner deſſelben mit ſeinem beſtändigen gleichför⸗ migen Lächeln und der guten, wohlwollenden Miene. Die Wohnung des Polizeiraths, welche man ihm, dem Jung⸗ geſellen und unermüdlichen Arbeiter, gern eingeräumt hatte, lag im erſten Stocke des großen, weitläufigen Ge⸗ bäudes in einer der Hauptſtraßen der Stadt, hatte eine weite Ausſicht, da ſie auf einen ziemlich großen Platz ſtieß, und beſtand aus vier Zimmern und einem Vorzim⸗ mer, wo ſich der Bureaudiener befand. Hier korreſpon⸗ dirte dieſe Wohnung mit der großen Treppe, hatte aber hinten vermittelſt einer kleinen Stiege noch einen beſon⸗ 228 Neunzehntes Kapitel. deren Ausgang und hier eine Thür mit einem feſten und ſehr künſtlichen Schloſſe, deſſen Schlüſſel Herr Merkel nie von ſich ließ, ja, die er beſtändig ſelbſt öffnete, wenn ein vertraulicher Beſuch erſchien, der ſich durch eine nur ſehr wenigen Perſonen bekannte Vorrichtung von der Straße her klingelnd bemerkbar machen konnte. Die ganze Wohnung, obgleich ſo zu ſagen im Herzen der Polizei gelegen, hatte aber durchaus nichts von jenem Finſtern oder auch nur Ernſten, welches dieſe erhabene Behörde ſonſt in faſt allen ihren Gliedern oder Zweigen zu kennzeichnen pflegt. Hier ſah man weder düſtere Alten⸗ ſchränke noch jene drohenden Stehpulte, hinter denen her⸗ vor wir gewohnt ſind, auf kategoriſche Weiſe befragt zu werden, auch nicht jene langweiligen Tiſche, mit grünen Tüchern bedeckt, auf denen wir allerlei verdächtige Gegen⸗ ſtände, erbrochene Schlöſſer, Schlüſſel und Dietriche, dünne Strickleitern, ja, Dolche und Piſtolen zu ſehen wähnen. Nichts ſah man hier von allem dem, obgleich jedes der eben genannten Requiſiten hier genügend vorhanden war; die Akten hatten ſich ſchlauer Weiſe hinter den Thüren eines zierlichen Bücherſchrankes mit grünſeidenen Vorhän⸗ gen verkrochen, die anderen verdächtigen Zeugen von der Thätigkeit des Polizeirathes fanden ſich wohlgeordnet in verſchloſſenen Schubladen, und ſtatt des ſteifen, grau an⸗ geſtrichenen Stehpultes ſah man hier, quer an eines der Fenſter geſchoben, einen ſehr eleganten Schreibtiſch von 8 8 Neunzehntes Kapitel. 229 feinem Holze, mit harmloſen Nippſachen beſetzt, vor dem der Polizeirath in einem äußerſt bequemen Lehnſtuhle ſaß. Doch befand er ſich nicht allein; vor ihm, die rechte Hand auf den Schreibtiſch geſtützt, ſtand eine ſehr ele⸗ gante Dame, in ſchwerem, dunkelm Seidenzeug gekleidet, in einem kurzen, grauen Mantel mit weißen Perlmutter⸗ knöpfen, einen kleinen, coketten, weißſeidenen Hut auf dem Kopfe, kurz, die Oberbauräthin Lievens, die Schwe⸗ ſter des Polizeirathes, in ihrer ganzen üppigen Schön⸗ heit. In der linken Hand hatte ſie einen feinen Regen⸗ ſchirm und machte ſich das Vergnügen, ie Spitze deſſel⸗ ben in den Papierkorb neben dem Schreibtiſche zu bohren, während ſie mit einigen anderen Zeichen von Ungeduld den Worten ihres Bruders lauſchte, der, ohne dieſe Unge⸗ duld im geringſten zu theilen, freundlich und behaglich, wie es ſeine Gewohnheit war, mit ihr ſprach. „Du ſiehſt alſo, meine liebe Sophie,“ ſagte er,„daß ich dir eigentlich nicht mehr zu ſagen im Stande bin.“ „Eigentlich ja, aber uneigentlich, wenn du willſt, habe ich jetzt, ſo zu ſagen, wieder einmal Kaſtanien für dich aus dem Feuer geholt und kann nun mit ſchönem Danke von dir nach Hauſe gehen— hoffe aber, daß dein Zuſatz neigentlich“ ſo viel ſagen will, als: du wollteſt heute ein⸗ mal ein Uebriges thun.“ Der Polizeirath blickte lächelnd zur Decke empor, ehe er zur Antwort gab:„So ſeid ihr Weiber nun einmal, 230 Neunzehntes Kapitel. und wenn man die unſchuldigſten Fragen von der Welt an euch ſtellt, ſo glaubt ihr immer, es müſſe Gott weiß was Geheimes dahinter ſtecken.“ „Und bei dir mit vollem Rechte; ich kenne deine harmloſe Miene, weiß aber ganz genau, daß du nicht 1 einmal fragſt: Wie geht es Ihnen? oder: Wie viel Uhr iſt es? ohne deine beſonderen Gründe dazu zu haben.“ „Da müßte ich ja ein ganz unglücklicher Menſch ſein!“ „Das biſt du auch, aber glücklich in deinem Unglücke; doch wozu dieſe Abſchweifung, genug, ich will nun ein⸗ mal wiſſen, warum mich der Herr Polizeirath mit ſeinem außerordentlichen Vertrauen beehrt, warum du mich ver⸗ anlaßt, dir die genaueſten Mittheilungen zu machen, was Herr Welden thut und treibt.“ „Warum? Weil ich an dieſem jungen, vortrefflichen Manne, wie du ſelber weißt, einen ganz beſonderen An⸗ theil nehme— einen Antheil, ſetzte er freundlich lächelnd hinzu, in dem wir uns begegnen.“ „O, mein Intereſſe iſt ganz anderer Art, in Wirklich⸗ 3 keit wohlwollend, harmlos, nicht nur dem Scheine nach.“ „Das meinige ebenfalls; habe ich je eine Aeußerung anderer Art über ihn fallen laſſen?“ „O nein, aber du haſt deine guten Gründe, um über alles das, was er in den letzten Tagen that und thut, unterrichtet zu ſein, und dieſe Gründe will ich wiſſen.“ Neunzehntes Kapitel. 231 2 „So, du willſt?“ „Ja, mein lieber Bruder— wenn du nicht willſt, daß ich Herrn Welden einfach ſage: nehmen ſie ſich in Acht, die hohe Polizei läßt Sie beobachten, ſie weiß durch mich, daß ſie in den letzten zwei Tagen viel zu Hauſe waren und ſchrieben, alleeihre kleinen Rechnungen bezahl⸗ ten, ja, geſtern Abend ſpät einen Koffer packten, als wenn ſie eine weite Reiſe machen wollten.“ „Nun, wenn du ihm das ſagteſt,“ entgegnete Herr Merkel in faſt luſtigem Tone,„ſo würde Herr Welden un⸗ gefähr wiſſen, um was es ſich handelt.“ „So werde ich es ſogleich thun, ſobald ich nach Hauſe komme.“ „Sei geſcheit, Sophie, und glaube mir, daß alles, was geſchieht, nur zum Beſten deines Herrn Welden iſt. „Meines Herrn Welden?“ verſetzte die ſchöne Frau achſelzuckend—„gut denn, ſo ſei auch du ſo geſcheit und ſage mir, was ich wiſſen will, denn du biſt überzeugt, daß ich nichts gegen das Intereſſe meines Herrn Welden thun werde.“ Der Polizeirath hatte ſich in ſeinen Stuhl zurückge⸗ lehnt, rieb alsdann ſeine Hände behaglich um einander und betrachtete ſeine Fingerſpitzen, indem er ſagte:„Das ließe ſich allenfalls thun, wenn du klug genug wäreſt, nicht klüger ſein zu wollen, als es dir die Klugheit— 232 Neunzehntes Kapitel. 8 das bin ich— gebietet; es iſt das auch eigentlich gar kein Geheimniß, am wenigſten ein Amtsgeheimniß und am allerwenigſten etwas gegen die Perſon des Herrn Welden gerichtet, nein, nein, wie ſchon bemerkt, das alles geſchah und geſchieht gerade in ſeinem Intereſſe.“ „Nun, ſo theile mir dieſes Intereſſe mit.“ „Dir könnte ich das wohl, aber ſo wie du das dir Mitgetheilte weiter mittheilteſt, ſo hätte es alles Intereſſe verloren für dich, für mich und für Herrn Welden.“ „Wenn ich dir nun aber mein Wort gebe, weder über das, was du mir mittheilſt, zu reden, noch auf irgend welche andere Art Jemandem darüber Mittheilung zu machen— du weißt, man kann Jemandem auch ſchriftlich mittheilen oder in einem Selbſtgeſpräche,— wenn ich dir nun aber verſpreche, nichts dergleichen zu thun, oder wenn ich dir im anderen Falle die Verſicherung gebe, ſo⸗ gleich Herrn Welden zu ſagen, daß er beobachtet wird und daß du es leider ſchon wüßteſt, er habe Vorbereitun⸗ gen zu einer längeren Reiſe gemacht?“ „Ja, ja, vielleicht zu einer längeren Reiſe.“ „Nein, nein, das iſt nicht möglich,“ rief die ſchöne Frau in großer Erregung,„das würde Herr Welden nie⸗ mals thun; er würde⸗ mich— uns nicht heimlich ver⸗ laſſen, das traue ich ihm nicht zu— o, gewiß nicht— gewiß nicht!“ Neunzehntes Kapitel. 233 9 „Man wird oft zu etwas gegen ſeinen Willen ge⸗ drängt.“ „Wer ſollte ihn drängen? Herr Welden iſt in jeder Beziehung ein wohlgeordneter junger Mann, und als mein Mann geſtern ſeine kleine Tour antrat— er iſt, wie du weißt, in Geſchäften für acht Tage abweſend,— da beſprach er noch Dies und Das mit Herrn Welden und übergab ihm das ganze Bureau, wie er es ja immer zu thun pflegt, ſobald er ſich in Geſchäften entfernt— aber deine Worte ſind zweideutig, wie immer, und wenn du ſagſt: eine Reiſe, ſo lauert etwas Anderes dahinter — ſei ehrlich, Joſeph, wie ich es immer gegen dich ge⸗ weſen bin!“— „Wer kann dir widerſtehen?“ heißt es in irgend einer Oper, erwiederte freundlich Herr Merkel.„Gut, ich will von meiner Gewohnheit abgehen und dir ehrlich und offen ſagen, um was es ſich handelt; aber ſetze dich dort in den kleinen Fauteuil, damit, wenn du erſchrickſt....“ „Unbeſorgt, ich habe eine ſtarke Natur.“ „Herr Welden hat neulich Abends einen kleinen Streit mit irgend Jemandem gehabt, der ihn dabei auf's gröbſte beleidigte, ſo daß alſo Herr Welden ſich veranlaßt ſah, jenen um eine Zuſammenkunft zu bitten.“ „Ein Duell— ah, ich glaube, du ſagſt die Wahr⸗ heit!“ „Wie immer, wenn ich will. Allerdings, es iſt ein 234 Neunzehntes Kapitel. Duell auf Piſtolen, fünf Schritte Barriere, welches mor⸗ gen früh ſieben Uhr in einem kleinen Wäldchen zwiſchen hier und dem Landgute des Barons Rivola, Eichenwald, ſtattfinden ſoll.“ „Und iſt Baron Rivola dabei betheiligt?“ fragte Ma⸗ dame Lievens haſtig. „Kaum— es müßte denn ſein, daß der Freiherr un⸗ ſerem jungen Freunde für einen möglichen ernſten Fall Wagen und dergleichen angeboten hat.“ „Sonſt wäre kein Grund denkbar, weßhalb ſich Herr von Rivola für dieſes Duell intereſſirte?“ „Keiner, darüber kannſt du dich beruhigen,“ erwiederte der Polizeirath, indem ein ganz kleines Lächeln in ſeinen Mundwinkeln erſchien. Die Oberbauräthin that einen tiefen Athemzug und ihre ſchönen, dunkeln Augen ſchienen mit Einem Male umflort; ſie preßte die friſchen, weichen Lippen feſt auf einander und blickte ihren Bruder ein paar Augenblicke ſtarr an, ehe ſie ſagte:„Ich glaube dir— das iſt ja aber entſetzlich!“ „Nicht wahr? Ein Duell auf fünf Schritte Barriere, und wegen einer ganz elenden Urſache!“ Die ſchöne Frau faltete ihre Hände krampfhaft zu⸗ ſammen und ſagte mit einem flehenden Blicke:„Ich bitte dich, Joſeph, theile mir auch jene Urſache mit!“ „Warum nicht; es war neulich Abends bei einer — ———————— 6 Neunzehntes Kapitel. bei dir traf und mit ihm fortging. Er kam zu dieſer Geſellſchaft, weil er es verſprochen hatte, und da entſtand ein Wortwechſel, bei welchem Herr Ferdinand Welkermann — du ſiehſt, wie aufrichtig ich bin— unſerem jungen Freunde eine Beleidigung zuſchleuderte, die allerdings, nach unſeren Begriffen von Ehre, nur durch ein ſcharfes Duell wieder abgewaſchen werden kann.“ „O mein Gott, o mein Gott!“ rief die ſchöne Frau aus, indem ſie händeringend im Zimmer auf und ab ging. „Ich erfuhr das alles zufällig,“ ſagte der Polizeirath mit großer Ruhe,„und da ich hoffte, die Sache ließe ſich am Ende doch noch gütlich beilegen, ſo veranlaßte ich Herrn Welden, mir ſein Chrenwort zu geben, drei Tage lang das Duell zu verſchieben. Das war nun vorgeſtern, und heute Abend oder vielmehr morgen früh um ſieben Uhr ſind die bedungenen drei Tage vorüber.“ „Und das Duell wird ſtattfinden?“ rief ſie angſtvoll. „Wuͤrde ſtattfinden, wenn du, meine liebe Schweſter, mir nicht durch deine Mittheilung bewieſen hätteſt, daß Herr Welden ein Hitzkopf iſt, der, trotzdem ihm Herr Welkermann die genügendſten Erklärungen geben will, doch die Sache mit der Piſtole in der Hand abzumachen wünſcht, und weil ich deßhalb andere Maßregeln treffen muß.“ „Und du glaubſt, das Duell verhindern zu können?“ Spielgeſellſchaft, an demſelben Tage, wo ich Herrn Welden . 236 Neunzehntes Kapitel. „Zuverſichtlich, wenn du dein mir gegebenes Wort hältſt und Herrn Welden keine Mittheilungen machſt— wogegen im anderen Falle allerdings der junge Herr ge⸗ warnt würde und Mittel und Wege fände, die Zuſammen⸗ kunft doch ſtattfinden zu laſſen.“ „Alſo morgen früh?“ „Morgen früh um ſieben Uhr.“ „Aber ſage mir, Joſeph, wie kannſt du es möglich machen, daß Herr Welden das Haus morgen früh nicht verläßt, um ſeinen Feind irgendwo zu finden?“ 3 „Ja, wenn ich das vermöchte, wenn ich ihn wie einen Schulknaben in ſein Zimmer einzuſchließen vermöchte, nur bis ſieben Uhr— aber das iſt unmöglich— doch habe ich noch ein anderes Mittel, das mir nicht ſo leicht fehl⸗ ſchlägt.“ Frau Lievens war an das Fenſter getreten; ſie faßte mit der Hand den Griff der Verſchlußſtange und drückte ihre heiße Stirn gegen das kalte Metall. So verblieh ſie ein paar Minuten in tiefes Nachdenken verſunken und. ſchrak alsdann ſichtbar zuſammen, als ihr der Polizeirath in launigem Tone zurief: „Nun, willſt du mich in meinen Bemühungen unter⸗ ſtützen? Denke dir etwas aus, um ihn von dieſem gar⸗ ſtigen Duell zurückzuhalten. Ihr Weiber ſeid erfinderiſch, du könnteſt ja zum Beiſpiel ſämmtliche Hausſchlüſſel ver⸗ loren gehen laſſen.“ Neunzehntes Kapitel. Sie hatte ſich gegen ihren Bruder gewandt und blickte ihn ſtarr an, wobei man aber deutlich an dem Ausdrucke ihrer großen, glänzenden Augen ſah, daß ihre Gedanken anderswo beſchäftigt waren, was auch der Polizeirath zu bemerken ſchien, denn er erhob ſich, trat lächelnd auf ſie zu und ſagte, ihre Hand ergreifend: „Wahrhaftig, Sophie, überlege dir das mit den ver⸗ loren gegangenen Hausſchlüſſeln, du könnteſt mir und ihm dadurch einen großen Dienſt erzeigen.“ „Alſo morgen früh um ſieben Uhr,“ ſagte ſie, tief und ſchwer athmend;„aber da iſt es ja noch dunkel.“ „Im Gegentheil, hell genug, um ſeinen Mann auf fünf oder zehn Schritte zu ſehen— man ſieht, daß du ſpät aufſtehſt.“ „Ja, das iſt wahr,“ gab ſie träumeriſch zur Antwort, um aber gleich darauf mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftig⸗ keit hinzuzufügen:„Du wirſt mit mir zufrieden ſein, Jo⸗ ſeph, das heißt mit der Verſchwiegenheit, die ich deinem Vertrauen entgegenſetze— alſo du glaubſt wirklich, das Duell verhindern zu können, ſelbſt wenn Herr Welden auf dem Kampfplatze erſcheint?“ „Selbſt dann noch— doch wäre es mir allerdings lieber, wenn er die gegebene Friſt von drei Tagen frei⸗ willig verlängern wollte; es iſt aber dazu nicht die ge⸗ ringſte Ausſicht vorhanden— verſuche du einmal deine Ueberredungskunſt.“ Neunzehntes Kapitel. „Recht gern,“ gab ſie zur Antwort, wobei es freudig in ihren Augen aufglänzte;„aber ſo müßte ich ihm ja geſtehen, daß ich um das Duell weiß.“ „Nun ſo geſtehe es ihm, es wiſſen noch mehr Leute darum.“ „Und meine Belohnung?“ fragte ſie mit einem reizenden, ſchalkhaften Lächeln. „Das Bewußtſein, eine gute That gethan zu haben, mit dem ich mich ſo oft zufrieden geben muß.“ Sie reichte ihm ihre Hand, worauf er mit ihr das Zimmer verließ und ſie über die kleine Nebentreppe hinab⸗ geleitete. Als er wieder zurückkam, trat er an das Fenſter und ſah die Oberbauräthin, welche das Ende des großen Platzes erreicht hatte und dort ſtehen blieb, um mit Jemanden zu ſprechen; er erkannte aber die andere Dame nicht und nahm ſeine Lorgnette zu Hülfe, wo er dann, das rechte Auge zugekniffen, mit einiger Anſtrengung ſah, daß es die Frau Reviſorin Welkermann war, welche mit ſeiner Schweſter etwas Wichtiges zu verhandeln ſchien und ſie dann in eine Nebenſtraße begleitete. 3 „Ich möchte gerade nicht, daß ſie mit dieſer General⸗ Stadtklatſche von der Geſchichte ſpräche. Doch in Sophie ſchon ſo klug, das nicht zu thun.“ So dachte Herr Merkel, während er an ſeinen Schreib⸗ Neunzehntes Kapitel. tiſch zurücktrat und dort durch ein Zeichen mit der Glocke den Amtsdiener herbeirief, der auch ſogleich erſchien. „Da, nimm meine Lorgnette, Anton, und laß ſie mir wieder herſtellen; es fehlt das rechte Glas.“ „Haben der Herr Polizeirath das Glas nicht mehr?“ „Doch, doch, ich glaube, ich habe es zu mir geſteckt — richtig, da iſt es.“— Er griff in ſeine Weſtentaſche und zog das in Papier eingewickelte Glas hervor.— „Da, nimm es; es iſt mir vor ein paar Tagen heraus⸗ gefallen, doch glaube ich nicht, daß es Schaden gelitten hat.“ Der Amtsdiener entwickelte das unſcheinbare, vergilbte Papier und ließ es auf den Schreibtiſch niederfallen, wor⸗ auf er das Augenglas aufmerkſam betrachtete, welches aber durch den Fall keinen Schaden gelitten hatte; dann verließ er das Zimmer, da er keinen weiteren Befehl von dem Polizeirathe erhielt. Dieſer ließ ſich wieder in ſeinen Stuhl nieder, warf ein Knie über das andere und ſtützte den Kopf in die Hand. „Ich weiß nicht,“ dachte er,„warum ich den Ge⸗ danken nicht los werden kann, daß Ferdinand Welkermann in irgend einem Zuſammenhange mit dem ſo plötllichen Auftauchen falſcher Banknoten ſteht? Die unſinnige Ver⸗ ſchwendung dieſes jungen Menſchen in der letzten Zeit iſt um ſo mehr Verdacht erregend, da mir der Stadtſchult⸗ 240 Neunzehntes Kapitel. heiß die Verſicherung gab, von ihm beziehe er dergleichen Summen nicht, und eben ſo wenig von der Frau Mama, wenn dieſe auch allerdings all ihr Erſpartes, ja, das Meiſte, worüber ſie verfügen kann, an ihren ſaubern Herrn Sohn wendet; nun iſt es allerdings möglich, daß er ſich mit Schulden behilft, mit Wucherſchulden, doch die Leute, bei denen er anklopft, unter Anderen Madame Mayer, ſind keine ſo ergiebigen Quellen. Daß Herr von Rivola allerdings die bewußte Fünfhundertgulden⸗Note für echt er⸗ .klärte, hat mein Concept ein wenig verrückt, denn wenn Einer das verſteht, ſo iſt es der alte Freiherr; ja, wäre die Note falſch, ſo gäbe mir das ein wundervolles Licht, doch zweifelt ja auch der Chef der Notenfabrikation nicht an ihrer Echtheit— pah, das wäre eigentlich kein halt⸗ barer Grund, ſind doch ſämmtliche Beamten nicht im Stande, mit Gewißheit zu ſagen, welche von den vorge⸗ kommenen gleichlautenden Nummern der Tauſender⸗Noten echt und welche falſch iſt—— und immer und immer wieder kommen meine Gedanken auf jenen jungen Men⸗ ſchen zurück: dieſes wahrhaft tolle Umgehen mit Bank⸗ noten, das Vorkommen der gefälſchten in der königlichen Bank, und gerade in Paketen, welche niemand Anderes wie Welkermann ſortirt hat— nein, nein, ich darf mich der Möglichkeit nicht ausſetzen, daß mir Welden dieſen koſtbaren Ferdinand todtſchießt— ah, es wäre keine Klei⸗ nigkeit, die Urheber ſolch prächtiger Fälſchungen zu ent⸗ Neunzehntes Kapitel. 241 decken, dadurch könnte mir ein glänzendes Avancement, vielleicht bis zum Polizeiminiſterium, nicht entgehen.“ Er richtete ſich bei dieſen Gedanken hoch auf, indem er fort⸗ fuhr:„Mein alter, würdiger Chef wartet ſo nur noch auf einen paſſenden Nachfolger.“ Der Amtsdiener war leiſe ins Zimmer getreten und meldete den Polizeiagenten Schmetterer, welcher nach einer Handbewegung des Polizeirathes gleich darauf eintrat. Wenn wir hier beifügen, daß Herr Schmetterer die rechte Hand ſeines unmittelbaren Chefs genannt werden konnte und ihm in den verwickeltſten Angelegenheiten ſchon die außerordentlichſten Dienſte geleiſtet, ſo thun wir es, weil das unſcheinbare Aeußere dieſes Mannes durch⸗ aus nicht im Einklange mit ſolchen vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften ſtand. Herr Schmetterer, der in Civilkleidern erſchien, hatte ein unbedeutendes, verflachtes Geſicht von einem faſt ein⸗ fältigen Ausdrucke, dazu fahles, blondes Haar, eine ſchlaff herunterhangende Unterlippe und bewegte ſich in eckiger, ſchlotteriger Art. 3 „Nun, was haben wir Neues?“ rief ihm der Polizei⸗ rath entgegen. „In der Angelegenheit mit Herrn Welden unverän⸗ derter Standpunkt: der Kutſcher Klein iſt mit einem ver⸗ Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. II. 16 242 Neunzehntes Kapitel. ſchloſſenen Wagen auf morgen früh ſechs Uhr an das Kaltenberger Thor beſtellt, der Herr Lieutenant von Miltau war einige Male bei dem Doktor Brenner; auch wiſſen der Herr Polizeirath wohl, daß Herr Welden vorgeſtern, nachdem Sie ihn eben verlaſſen, zu Fuß nach Eichenwald hinaus ſpazierte.“ „Ja, ja, davon habe ich mich zufällig ſelbſt überzeugt, und Sie ſagten es mir ja auch.“ „Erfuhr aber noch, daß er droben an dem alten Wartthurme Fräulein von Rivola traf und mit ihr zu Fuße nach Eichenwald ging.“ „Ei der Tauſend, das intereſſirt mich!“ „Auch daß Herr Welden bis drei Uhr Nachmittags in Eichenwald blieb und dann im ſtärkſten Regen zu Fuße nach Hauſe zurückging?“ „Alſo mit Fräulein von Rivola ſpazierte er und traf die junge Dame ohne alle Begleitung da oben?“ „Sie war in ihrem kleinen Schlitten mit ihren Schecken und ihrem Bedienten dorthin gefahren.“ „Ich danke Ihnen— was wiſſen Sie ſonſt noch?“ „Etwas, das vielleicht intereſſanter iſt: Franz Steffler bereitet ſich ſtark zur Abreiſe vor— doch das wiſſen Sie und wäre vielleicht heute Morgen ſchon abgereist, wenn ich es nicht für gut befunden hätte, eine Verzögerung in der Ausfertigung ſeiner Papiere eintreten zu laſſen.“ „Das iſt ſehr gut.“ Neunzehntes Kapitel. 243 „Er macht ſeinen Bekannten, unter denen ich einige Freunde habe, durchaus kein Hehl daraus, daß er Je⸗ mandem durch ſeine Abreiſe einen großen Dienſt erzeigt.“ „Ei, ei— weiter, Herr Schmetterer!“ Der Polizeiagent ſchlug langſam ſeine Augen auf, mit denen er bis jetzt hartnäckig an ſich hinunter geſchaut hatte, und wer dieſen Blick ſo ohne Verſtellung, wie jetzt, aus dem dummen Geſichte hervorleuchten ſah, dem mußte es ſogleich klar werden, daß er es in Betreff dieſes Ge⸗ ſichtes, ſowie der ganzen einfältigen Haltung des Menſchen mit einer wohlberechneten Maske zu thun habe: dieſer Blick war voll Klugheit, Intelligenz und Bosheit. „Ja, ja, das deuteten Sie neulich ſchon an, und dieſer Jemand iſt Herr Ferdinand Welkermann— aber glauben Sie in der That, Schmetterer, daß der einzige Zuſammen⸗ hang zwiſchen Beiden jenes junge Mädchen iſt, die Mar⸗ garethe im Hauſe des Stadtſchultheißen?“ „Die dort war, Herr Polizeirath,“ erwiederte der Andere, wobei er das ‚war' ſehr ſtark betonte,„denn Jungfer Margarethe iſt heute Morgen abgereist— zu Verwandten, wie es heißt; ich hätte auch gern ihre Ab⸗ reiſe verhindert, doch war der Herr Stadtſchultheiß ſelbſt ſo gütig, ſich der nöthigen Papiere für die hübſche Mar⸗ garethe anzunehmen.“ 4 „Beantworten Sie mir meine Frage: glauben Sie nicht, daß ſonſt etwas den Steffler zur Abreiſe nöthigen 244 Neunzehntes Kapitel. könnte oder er noch auf irgend eine andere Art mit Fer⸗ dinand Welkermann zuſammenhängt?“ „Ich ſehe nicht klar darin,“ gab der Polizeiagent mit einem lauernden Blicke auf das in dieſem Moment höchſt gleichgültig ausſehende Geſicht Herrn Merkels zur Ant⸗ wort;„Steffler iſt mir allerdings ein Räthſel, zu dem ich jedoch noch keine Auflöſung finden kann: Schulden hatte er zwar, doch ſind alle pünktlich bezahlt— mit was für Geld? Darüber ſind die Anſichten verſchieden; ich glaube, mit dem Kapital, welches er von Herrn Ferdinand Welker⸗ mann erhalten, um den Reiſebegleiter der Jungfer Mar⸗ garethe zu machen, Andere aber wollen dagegen behaup⸗ ten, er ſei von einem ſehr vornehmen Herrn unterſtützt worden.“ „Das ſagten Sie früher ſchon: von Herrn von Ri⸗ vola— doch iſt das ganz unverdächtig; dieſer Steffler war ein ſehr geſchickter Kupferſtecher, und wir wiſſen ganz ge⸗ nau, daß Herr von Rivola dergleichen Leute gern pro⸗ tegirte.“ Wiederum leuchtete ein eigenthümlicher Blitz aus den herabfallenden Augenlidern des Herrn Schmetterer auf ſeinen Chef, um abermals auf deſſen gleichgültigem Ge⸗ ſichte wieder zu erlöſchen; dann ſagte er:„Daß Steffler in letzter Zeit viel mit dem alten Bedienten des Herrn von Rivola verkehrte, iſt übrigens unläugbar.“ „Laſſen Sie das, Schmetterer,“ fuhr der Andere fort; Neunzehntes Kapitel. 245 „wenn man in gewagten Zuſammenſtellungen zu weit geht, ſo kann es Einem gehen wie einem Reiter, der ſein Pferd muthwillig und unvorſichtig ſteigen läßt, um es zu weiten Sprüngen zu forciren: man läuft Gefahr, zu überſchlagen— laſſen Sie mir den alten Friedrich in Ruhe, das war ein guter und braver Menſch.“ „Den Gefallen kann ich dem Herrn Polizeirathe mit großer Leichtigkeit thun, denn Friedrich, der Diener des Herrn von Rivola, iſt heute in aller Frühe abgereist, und fand ich dieſe ſchnelle Abreiſe ein wenig ſonderbar.“ „Ich durchaus nicht— dem armen Menſchen war der Aufenthalt in dem alten, unheimlichen Hauſe, nachdem obendrein ſeine Frau geſtorben, unleidlich geworden, und da das Haus verkauft wurde— ich war ſelbſt bei der Verhandlung—, ſo begreife ich vollkommen, daß er es ſo bald als möglich verließ.“ „Jawohl, nachdem er Tag und Nacht gearbeitet, um die Gegenſtände in dem ſogenannten Atelier des Herrn von Rivola theils durch Feuer und Hammer zu zerſtören, theils zum Mitnehmen in Kiſten zu verpacken.“ „Auch dieſe Eile finde ich begreiflich, denn der Stadt⸗ ſchultheiß hat ſeine Gründe, ſo bald als möglich im Namen der Stadt von dem alten Thurme Beſitz zu nehmen.“ Hier lächelte Herr Schmetterer ſo auffallend, daß der 246 Neunzehntes Kapitel. Polizeirath nicht umhin konnte, nach der Veranlaſſung zu fragen, worauf der Polizeiagent zur Antwort gab: „O, nichts Beſonderes, es iſt nur die alte Geſchichte, die mir immer ſo komiſch erſcheint, ſo oft ich davon höre, und ich höre oft davon: das Geheimniß der Stadt näm⸗ lich, der alte Thurm, der unterirdiſche Gang im Zuſam⸗ menhange mit dem Rathhauſe und im Zuſammenhange mit dem Stadtſchultheißen— doch darf man Ihnen, Herr Polizeirath, mit ſolchen Klatſchereien nicht kommen, ich weiß das wohl.“ „Nein, gewiß nicht— ich haſſe dergleichen.“ „Auch ich glaube nicht daran, Herr Polizeirath, aber wie oft hat ſich ſchon in ſolchen Reden und Gerüchten ein Körnlein Wahrheit gefunden, und die Kunſt liegt nur darin, ſie herauszubringen.“ „Pah, Unſinn!“ „Gewiß, ſehr viel Unſinn, Herr Polizeirath— aber glauben Sie mir, es iſt doch auffallend, daß es in unſerer guten Reſidenz keine Zuſammenkunft gibt, keine Thee⸗ und Kaffeegeſellſchaft, worin das Geheimniß der Stadt, wie ſie es nennen, nicht des Langen und Breiten verhandelt wird.“ „O ja, ich weiß das alles,“ verſetzte Herr Merkel mit Zeichen der Ungeduld:„der Stadtſchultheiß hat Gott weiß welch' finſtere Gründe gehabt, den unterirdiſchen Gang zu⸗ mauern zu laſſen— wer weiß, was er ſelbſt in früheren Neunzehntes Kapitel. 247 Zeiten in dem alten Thurme Schreckliches getrieben und heute noch treibt, natürlich in Gemeinſchaft mit Herrn von Rivola, deſſen Reichthum, deſſen plötzliches Erſcheinen vor Jahren hier, ja, deſſen blaue Brille Allen ſo ver⸗ dächtig iſt— geben Sie nur Acht, lieber Schmetterer, ſogar daß er der Stadt ſein kleines, aber immerhin nicht werthloſes Beſitzthum beinahe zum Geſchenk macht, wird auf's Neue Veranlaſſung geben, ihn zu verdächtigen.“ „O ja, iſt ſchon geſchehen.“ „Ihn und ſeinen alten Diener, von dem man ja ohnehin ſchon erzählt, er hätte ſeine Frau umgebracht.“ „Und mit allen Nebenumſtänden erzählt man das, dadurch, daß er ihr Blei in's Ohr gegoſſen habe— will man doch von dieſem geſchmolzenen, erkalteten Blei unter verdächtigenden Umſtänden in dem unterirdiſchen Gange gefunden haben.“ „Zufällig war es Kupfer, wie ich Ihnen neulich ſchon ſagte— ſehen Sie, Schmetterer, wie dieſes alte Weiber⸗ volk Land und Leute hinter einander hetzt.“ „Und ſchonen nicht einmal ihren Stadtſchultheißen, denn daß er bei allem dem betheiligt iſt, das erfährt man ſehr leicht durch das Augenwinken und Achſelzucken; die gewiſſe Frau, die in dem Häuschen am alten Thurme wohnte, war nicht des Dieners Frau und würde vielleicht am Leben geblieben ſein, wenn man dem Stadtſchultheißen geſtattet hätte, den alten Gang zu vermauern.“ 248 Neunzehntes Kapitel. „Das ſind ja Ungeheuerlichkeiten, Schmetterer— darin iſt aber auch nicht die Spur eines vernünftigen Zu⸗ ſammenhanges.“ „Braucht's auch gar nicht, Herr Polizeirath, um in unſerer guten Stadt Klatſchereien auszuſinnen und aus⸗ zubreiten— ich möchte mich anheiſchig machen, es als glaubwürdig unter dieſes Volk zu bringen, daß ich Schmetterer, trotz meines blonden Haares und meiner durchaus nicht jüdiſchen Phyſiognomie, ein heimlicher Ifraelite bin, der an jedem Oſtertage ein unſchuldiges Chriſtenknäblein abſchlachtet— viele alte Weiber beiderlei Geſchlechtes würden die Sache für möglich halten, und das wäre doch noch viel unwahrſcheinlicher, als das Andere.“ „Als welches Andere?“ fragte ihn der Polizeirath in ſehr ungeduldigem Tone. „Als ein Zuſammenhang zwiſchen dem alten Thurme mitſammt ſeinem Beſitzer, dem Herrn von Rivola, und dem Stadtſchultheißen.“ „Pfui, Schmetterer, ich hätte Sie für geſcheiter ge⸗ halten! Reden wir nicht mehr darüber.“ „Und Franz Steffler, für den ſich Friedrich im Namen und Auftrage ſeines Herrn geſtern Abend noch aufs dring⸗ lichſte verwandte?“ „Er wird nicht aus der Welt gehen; halten Sie Neunzehntes Kapitel. 249 meinethalben ſeine Papiere noch ein paar Tage zurück, wenn es ohne Aufſehen geſchehen kann.“ „Und mit Herrn Welden?“ „Das iſt ein eben ſo unangenehmes als ſchwieriges Geſchäft,“ antwortete der Polizeirath, während er im Zimmer hin und her ging, gefolgt von dem zuweilen ſeltſam aufleuchtenden Blicke ſeines Untergebenen. „Alſo kann ich darin weiter nichts thun?“ „Nein. Ich danke Ihnen, lieber Schmetterer; was da geſchehen ſoll, muß ich ſelbſt beſorgen.“ Nachdem hierauf der Polizeiagent das Zimmer ver⸗ laſſen, trat Herr Merkel für einen Augenblick an das Fenſter und murmelte mißmuthig, während er auf den Platz hinausſchaute:„Der Teufel hole dieſes Geheimniß! Es iſt ein wahres Unglück, daß man Herrn Schmetterer und Conſorten ſo nothwendig braucht— hat mir da mit ſeinem dummen Stadtklatſch die ganze Laune ver⸗ dorben— ſuchen wir uns einen Sorgenbrecher.“ Dabei trat er an den Tiſch zurück und nahm aus einem dort befindlichen Kiſtchen eine Cigarre, dann, als er kein Feuerzeug vorfand, klingelte er und ließ ſich eine brennende Kerze bringen. Der Diener ſtellte dieſe auf den Tiſch und drehte aus einem unbeſchriebenen Stückchen Papier, welches auf dem Schreibtiſche lag, einen Fidibus, den er angezündet ſeinem Herrn darreichte. — 250 Neunzehntes Kapitel. Der Polizeirath brannte ſeine Cigarre an, und als er hierauf den Fidibus ausblies, hefteten ſich ſeine Augen auf das Stückchen Papier, zuerſt mit einem Blicke höchſter Gleichgültigkeit, welcher ſich aber gleich darauf in den des höchſten Intereſſes verwandelte: er faltete das Papier raſch aus einander, legte es vor ſich hin und öffnete hierauf eine kleine Schublade an ſeinem Schreibtiſche, worauf er haſtig ein Briefcouvert und aus demſelben die uns wohlbekannte angebrannte Fünfhundertgulden⸗Note⸗ nahm, dann eilte er mit beiden an das Fenſter, wo er mit der größten Aufmerkſamkeit die angebrannten Stellen mit einander verglich. Er mußte dabei zu einem für ihn eben ſo wichtigen als überraſchenden Ergebniſſe gelangt ſein, denn ſeine Augen glänzten hell vor Aufregung und um ſeine Mund⸗ winkel ſpielte ein eigenthümliches Lächeln der Befrie⸗ digung. Er wiederholte dieſe Unterſuchung noch einige Male auf's angelegentlichſte, dann ſprach er zu ſich ſelber, während er beide Hände niederſinken ließ:„Das wäre ein unerhörter Fund, zu ſchön, um ſo ohne Weiteres daran zu glauben; es iſt mir doch ſchon damals aufge⸗ fallen, daß der verbrannte Rand dieſer Banknote auf eine eigenthümliche Art in's Gelbliche ſchimmert, was ich früher an Papieren nie bemerkt.... Und wenn dem ſo iſt, ſo haben wir es hier mit dem gleichen Stoffe zu thun, aus dem man die Banknote verfertigt, und es iſt Neunzehntes Kapitel. 251 dies dasſelbe Stückchen Papier, in welches ich mein wiedergefundenes Augenglas wickelte und das ich gefunden in dem Atelier des Herrn von Rivola— vielleicht aber auch eine wunderbare, wenn gleich unverdächtige Zufällig⸗ keit.... Ah, wer könnte auch Anderes mit jenem NRamen in Verbindung bringen?! Doch forſchen wir weiter— und auf eine ſo einfache Art, daß es mir un⸗ begreiflich iſt, wie ich nicht ſogleich darauf verfiel!“ Er hob raſch das Papier in die Höhe, und als er, es gegen das Licht haltend, hinſchaute, bemerkte er, aber nur am äußerſten Rande, Spuren des ihm ſo wohlbekannten Waſſerzeichens. Er legte die Hände auf dem Rücken zuſammen und ging nachdenklich auf und ab. „Hier haben wir es alſo,“ fuhr er in ſeinem Selbſt⸗ geſpräche fort,„unzweifelhaft mit einem Stückchen Bank⸗ notenpapier zu thun, und zwar der Farbe des Brandes nach mit einem Stückchen echten Papiers, da auch jene Fünfhundertgulden⸗Banknote, welche genau dieſelben Brand⸗ ränder hat, nach der Verſicherung eines ſo großen Ken⸗ ners wie Herrn von Rivola echt iſt.... Wie kommt aber ein Stückchen echten, ungedruckten Banknotenpapiers in den Beſitz des Freiherrn? Eine wichtige Frage, doch. im Grunde nicht ſchwer zu beantworten: wie oft hat Herr von Rivola an betreffender Stelle Rathſchläge und Winke, die Notenfabrikation anbelangend, gegeben, und wie leicht 252 Reunzehntes Kapitel. iſt es nicht möglich, daß er ſich zu irgend einem Experi⸗ mente in dieſer Richtung etwas von dieſem Papiere ver⸗ abfolgen ließ! Wir wollen uns dieſen Punkt notiren 3 eine Anfrage danach kann immerhin nichts ſchaden.“ Er zog bei dieſen Worten ſeine bekannte Brieftaſche hervor und machte die nothwendigen Notizen. „Anders aber würden ſich die Sachen geſtalten, wenn, entgegen der Anſicht des Herrn von Rivola und meiner Anſicht gemäß, die bewußte Fünfhundertgulden⸗Banknote falſch wäre. Ich komme mit meinem Verdachte immer wieder auf Ferdinand Welkermann zurück, hinter deſſen Namen ſich natürlich die wirklichen Verfertiger verbergen. „Wäre aber die Fünfhundertgulden⸗Banknote falſch, ſo könnte auch dieſes Papier hier von einer Fälſchung her⸗ rühren und wäre, als im Atelier des Herrn von Rivola gefunden, Verdacht erregend— auf wen aber? Auf dieſen Herrn ſelber? Gott ſoll mich in Gnaden vor einem ſolchen Gedanken bewahren, das würde ſelbſt für den Polizeirath Merkel zu ausſchweifend, zu toll ſein! Aber jene Werkſtatt ſelber, Jahre lang im Beſitze und unter der alleinigen Aufſicht jenes Dieners, der mit ſeinem finſteren, verſchloſſenen Weſen eigentlich nichts Zutrauen Erregendes hatte. „Vorläufig wollen wir eine zweite Notiz machen, ge⸗ naue Unterſuchung der beſten Fachmänner einleiten, ob ſie dieſe Fünfhundertgulden⸗Note für echt erklären, oder ob 1 V 4 Neunzehntes Kapitel. man irgend ein verdächtiges Zeichen an derſelben ent⸗ decken könne. „Wäre in dem Atelier des Herrn von Rivola etwas Ungehöriges vor ſich gegangen, ſo müßte das vor Jahren geſchehen ſein, denn ich ſah es ja ſelbſt und ganz zu⸗ fällig mit an, in welch' beſtaubtem Zuſtande ſich dort Alles befand— ſo was iſt nicht künſtlich herzuſtellen... oh über die trügeriſchen Blitze, die unſere Umgebung für Augenblicke erhellen, um nachher Alles deſto finſterer er⸗ ſcheinen zu laſſen!“ Er nahm vor ſeinem Schreibtiſche wieder Platz, wo⸗ bei er die vor ſich hingelegten Blätter aufmerkſam be⸗ trachtete. Endlich ſchien ihm ein neuer und nicht unwich⸗ tiger Gedanke gekommen zu ſein: ſeine Mienen belebten ſich auffallend, ſein Auge glänzte wie vorhin am Fenſter, während er eine zweite Schublade ſeines Schreibtiſches öffnete und derſelben zwei Banknoten entnahm, eine zu einem Gulden, eine zu fünf Gulden. Darauf faltete er zuerſt die erſte zuſammen, wie vorhin das Stückchen Pa⸗ pier, und entzündete ſie an dem brennenden Lichte, um ſie gleich darauf wieder ſorgfältig auszulöſchen und zu betrachten.— Ah, da war keine Täuſchung möglich: die verbrannte Stelle dieſer offenbar echten Banknote— denn ſie war aus einem von dem Bureau der Notenfabrikation erhaltenen, noch unberührten Pakete— zeigte einen feinen Streifen, der offenbar bräunlich⸗gelb erſchien. Raſch 254 Neunzehntes Kapitel. machte er die gleiche Probe mit der Fünfgulden⸗Note mit dem nämlichen Erfolge und war ſicher, dadurch den Be⸗ weis hergeſtellt zu haben, daß er es ſowohl bei der Fünf⸗ hundertgulden⸗Note als bei dem im Atelier des Herrn von Rivola gefundenen Papier mit einem anderen Stoffe zu thun habe, als das Papier war, deſſen man ſich zur Fabrikation der echten Noten bediene, daß alſo jedenfalls die Fünfhundertgulden⸗Note aus den Händen Ferdinand Welkermann's eine gefälſchte war. Er fühlte ſein Herz vor Aufregung ſtärker klopfen und erhob ſich raſch, um an das Fenſter zu treten, dort ſeine Blicke auf den einförmigen grauen Winterhimmel zu richten und ſo ſeine Gedanken feſter beiſammen halten zu können. Er hatte nie ſo raſch, ſo ſcharf, ſo folgerichtig überlegt wie in dieſem Augenblicke: ja, ja, daran hatte er keinen Zweifel mehr, die Fünfhundertgulden⸗Note war trotz der Verſicherung des Herrn von Rivola, welcher ſich wohl auch einmal täuſchen konnte, eine gefälſchte; Fer⸗ dinand Welkermann hatte dieſelbe unter ſehr erſchwerenden Umſtänden weggegeben, und wenn dieſer auch nicht bei der Fälſchung betheiligt war, ſo wußte er doch ſicher, daß es gefälſchte Banknoten ſeien, die er ſo leichtſinniger Weiſe verſchleuderte. Weiter wußte er, daß Ferdinand Welker⸗ mann beſonders in letzter Zeit häufig in dem kleinen Hauſe bei dem alten Thurme, wo der bejahrte Diener des Herrn von Rivola hauste, geſehen worden war; ebenfalls Neunzehntes Kapitel. Steffler, der zugleich ein liederlicher Kerl und ein ge⸗ ſchickter Kupferſtecher war; ferner Friedrich ſelbſt, deſſen Geſchicklichkeit als Schloſſer und Mechaniker der Polizei⸗ rath ja ſelbſt ſchon erprobt— o, es war ihm gerade zu Muthe, als habe er bis jetzt geblendet im Dunkeln getappt und als werde ihm jetzt mit Einem Male die Binde von den Augen geriſſen, um ihn in ein helles, Alles ſcharf beleuchtendes Licht blicken zu laſſen! Und jener alte Diener des Herrn von Rivola war verſchwunden, Steffler auf dem Punkte, abzureiſen, und Ferdinand Welkermann im Begriffe, ſich vielleicht todt⸗ ſchießen zu laſſen— denn davon war der Polizeirath überzeugt, die Vorbereitungen Welden's, von denen er er⸗ fahren, gingen darauf hin, eine Zuſammenkunft mit Welkermann zu haben, ſobald jene drei Tage vorüber wären, und daß jenes Duell ſtattfinde, mußte unter allen Umſtänden verhindert werden. Der Polizeirath nahm Hut und Paletot, ließ ſich einen Wagen kommen und fuhr zu ſeinem Chef, dem Polizeiminiſter. rräenduuuunummumxunxun 5 G * 8 3 8 “