Das Geheimniß der Stadt. I. Das Geheimniß der Stadt. Von — F. W. Hackländer. Erſter Band. Das Recht der Ueberſetzung in fremde Sprachen wird vorbehalten. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1868. Wörner, vorm. J. G. Sprandel, in Stuttgart. Schnellpreſſendruck von Aug. Keinem Freunde und Verleger Herrn Adolph Krabbe. Als ich im Jahre 1867 die vorliegende Geſchichte beendigte und zurückblätternd in Erinnerung und Wirklichkeit zu dem Buche gelangte, welches als mein Erſtlingswerk in Ihrem Verlage erſchien, ſah ich, daß es die Jahreszahl 1842 trug und mithin die hübſche Reihe von 25 Jahren eröffnet, welche unſere Verbindung als Schriftſteller und Verleger jetzt zurückgelegt hat. Wir dürfen alſo heute die Feier einer ſilbernen Hochzeit feſtlich begehen; denn in wie Vielem gleicht nicht die Verbindung zwi⸗ ſchen Schriftſteller und Verleger einem Ehebündniß, wenigſtens einer Vernunftheirat, die doch häufig auch zu beiderſeitigem Segen und Gedeihen ge⸗ b V ſchloſſen werden. Freilich wohl haben wir arme Schriftſteller bei einem ſolchen Bündniß das Un⸗ glück, daß das Gedeihen gewöhnlich auf Seite des Verlegers iſt, welcher alsdann, rund und behaglich geworden, mit Wohlgefallen auf jene angenehme Zeit zurückblickt, wo er die reiche Ernte eingeheimst hat, während wir als literariſche Aehrenleſer neben⸗ (herliefen. Was nun unſere Verbindung anbelangt, ſo iſt dieſelbe vor vielen anderen unbedingt eine —; ———·õÿÿÿ y— Muſterehe zu nennen geweſen. Wir haben nicht mehr und nicht öfter in Unfrieden gelebt als nöthig war, um das Blut raſcher kreiſen zu machen und um Verſöhnungen wünſchenswerth zu finden. Wir haben uns dann mündlich und ſchriftlich unſeren Fehler kräftigſt vorgehalten und meiſtens nach dieſer Offenherzigkeit ſ egensreiche Wirkung verſpürt. Kleine gegenſeitige Untreuen ſind auch wohl mitunter vor⸗ gekommen— wir waren eben junge Leute; doch blieben dieſe Untreuen ohne Folgen und ſomit auch ohne ſtörenden Einfluß auf unſer Zuſammenleben. Wohl kam es auch im Laufe der Zeiten zu ernſt⸗ haften Zerwürfniſſen, die ſo weit gingen, daß wir begannen an eine Scheidung von Schreibtiſch und Comptoir⸗Pult zu denken und wo wir alsdann das Unklugſte thaten, was wir nur hätten thun können, nämlich wohlwollende Freunde um ihren Rath zu fragen. Aber wir thaten das glücklicherweiſe mit beſtem Erfolg. Denn als Sie mir durch dieſe guten, wohlmeinenden Freunde als ein ganz eigen⸗ nütziges Ungeheuer geſchildert wurden, ſo wie ich Ihnen als ein Charakter, bei deſſen Verluſt nur zu gewinnen ſei, vertrugen wir uns augenblicklich wieder und ſchloßen neu und feſter unſere Verbin⸗ dung; gewiß zum Heil unſerer kleinen Minder⸗ jährigen, die damals noch nicht unter dem ſchützen⸗ den Dach geſammelter Werke ſaßen. Seit aber dieſes Dach unſeren umherwandernden und weit zerſtreuten Geiſteskindern eine Heimat gegeben, iſt unſere Verbindung eine noch feſtere geworden, und wir haben uns beide mit Geduld und Ergebung, wie in mancher wirklichen Ehe, darein gefügt, mit einander zu leben und zu arbeiten; ja vielleicht dieſe Verbindung noch in unſeren Nachkommen fort⸗ dauern zu laſſen, wenn Ihr Sohn ein wohlwol⸗ lender Verleger zu werden verſpricht, und wenn einer der Meinigen den leidigen Drang in ſich ver⸗ ſpüren ſollte, zu ſchriftſtellern. Und ſo nehmen Sie denn die Widmung dieſes kleinen Buches freundlich entgegen, mein lieber Krabbe, als einen Beweis, daß ich mit wahrem Vergnügen unſeres 25jährigen Geſchäftsverkehres gedenke, und laſſen Sie uns heute ein neues Conto beginnen für eine weitere lange. Reihe von Jahren, und ferner ſein Verleger und Schrifſteller in ſolch ungetrübtem Frieden und leuchtender Eintracht, wie ſolche wohl ſelten oder nie verzeichnet ſtehen in den Annalen der Weltgeſchichte. Rom am Forum Trajanum, im März 1868. F. l. Backländer. Inhalt. — Erſtes Kapitet........... 1 Zweites Sapifel............. 37 Driltes Kapitel.............. 64 Wieries Kapitel. 99 Fünſtes Kapitel.............. 121 Sechstes Kapitel.............. 142 Siebentes Kapitel............. 160 Achtes Kapitel.............. 181 Neuntes Kapitel.............. 204. Das Geheimniß der Stadt. —xxx;;-ʒ Erſtes Kapitel. Wie ſo Vieles in dieſer Welt einen Mittelpunkt oder Kern hat, von welchem aus ſich ſtrahlenförmig Leben und Bewegung bis zur äußerſten Schale der Umhüllung ver⸗ breitet, ſo auch die Stadt, von welcher wir die Ehre haben, dem geneigten Leſer Einiges, vielleicht nicht Unintereſſantes mitzutheilen; ja, was dieſe Stadt anbelangt, ſo konnte man den ehemaligen Mittelpunkt derſelben ihren eigentlichen Kern nennen, und dieſer Mittelpunkt war das Rathhaus, um welches herum ſich vor langen, langen Jahren die erſten Häuſer ohne große Symmetrie gruppirten, da herum wieder andere, und zwar ſo willkürlich und unregelmäßig, daß es dem ſpäteren Stadtbaumeiſter gewiß nicht wenig Kopfzerbrechens gemacht hatte, irgend welches Ebenmaß in dieſes Durcheinander zu bringen und eine halbwegs anſtändige Straße anzulegen. Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. I. Erſtes Kapitel. Dieſes jetzige Rathhaus war urſprünglich ein fürſt⸗ liches Jagdſchloß geweſen, in einem weiten Thale liegend. Dichter Wald, mit Hirſchen, Bären und Wölfen bevölkert, bedeckte die umliegenden Höhen, und klares Bergwaſſer, welches von dort herabkam, floß nahe an den Mauern des alten Jagdſchloſſes vorüber. Meiſtens lag es ſtill und einſam, beſonders zur Sommerszeit, wo alsdann der Forſtwart mit ſeinen Knech⸗ ten, ſowie Hirſche und Rehe gute Tage hatten. Sobald aber der Herbſt die uralten Eichen und Buchen der Wal⸗ dungen bunt färbte, zog der fürſtliche Eigenthümer mit zahlreichem Gefolge ein, und dann ward es auf Monate lang ringsum lebendig vom Halloh der Jäger, vom Klange der Hörner und Abends in der unteren großen Halle des Schloſſes vom Klirren der Becher, von luſtigen Reim⸗ ſprüchen und von keck geſungenen Schelmenliedern. Nach und nach aber verminderte ſich das Wild in den Wäldern, auch vernahm man ſchon hier und da auf den Höhen, beſonders an Stellen, wo hundertjährige Eichen beiſammen ſtanden, das Seufzen der Säge und die ſchal⸗ lenden Schläge der Axt; dann bemerkte der alte Forſtwart vom Söller des Jagdſchloſſes oft, wie drohend einer der gewaltigen Baumrieſen mißmuthig ſein Haupt zu ſchütteln begann, hierauf krachend umſank, kleine Bäume und nied⸗ rige Sträucher in ſeinem Falle mit zu Boden reißend, worauf jener ſeinen grauen Bart ſtrich und zu ſich ſelber Erſtes Kapitel. 3 ſprach: Es iſt gut, daß ich ſchon ſo alt bin; für meine paar Jahre halten Wald und Wild noch aus. Das thaten ſie denn auch; aber es dauerte nicht ſehr lange mehr, ſo hatte es hier mit der Waldeinſamkeit und Jagdherrlichkeit ein Ende, es kamen für den fürſtlichen Beſitzer ſo ſchlimme Zeiten, es fegte draußen in der Welt ein ſo ſcharfer Wind, daß er es behaglicher fand, ſich hier, etwas abſeits von der großen Verkehrsſtraße, feſter anzu⸗ ſiedeln und das alte Jagdſchloß auch während des Som⸗ mers zu beſuchen. Damals war es, wo man in einem mäßigen Umkreiſe um das Schloß herum die erſten Häuſer baute, von denen wir oben ſprachen, und alſo den Kern einer Stadt bildete, die denn auch bald ſchnell, bald lang⸗ ſam rings umher anwuchs, mit der Zeit das ganze Thal ausfüllte, ja, zu den flachen Höhen hinanſtieg, wo ſich auf einer derſelben ein prächtiges Schloß erhob, das in nicht gar zu langer Zeit wieder einen Mittelpunkt für ſich bil⸗ dete. Und zwar den Mittelpunkt reicher, eleganter Stadt⸗ theile, die mit geraden Straßen und palaſtähnlichen Häu⸗ ſern, mit Parkanlagen und den großen Verkehrsanſtalten vornehm auf das alte Jagdſchloß herabblickten, das aber in ſeiner Eigenſchaft als Rathhaus immer noch gewiſſer⸗ maßen der Mittelpunkt, ja, der Kern der ganzen Reſidenz war,— hier, wo das öffentliche Leben ſtärker wogte, als in jenen anderen Stadttheilen, hier, wo man es nicht ver⸗ gaß, daß da, in dem Mittelpunkte der erbgeſeſſenen ————— 4 Erſtes Kapitel. Bürgerſchaft, die eigentliche Kraft, der Lebensnerv der Stadt liege, hier, wo man häufig bei Unbilden, die man von oben erfahren, allerdings nur die Fauſt im Sacke machte, zuweilen aber auch dieſe Fauſt kräftig gezeigt hatte. Der Umkreis um das ehemalige Jagdſchloß war nun Marktplatz geworden, und wenn man die denſelben bilden⸗ den Häuſer betrachtete, wie ſie ſo eng geſchloſſen daſtanden, mit den trotzig gezackten Giebeln, mit den keck hervor⸗ ſpringenden Erkern, mit den kleinen Fenſtern und ſchmalen Thüren, deren Holz, mit fauſtdicken eiſernen Nägeln be⸗ ſchlagen, einem tüchtigen Anpralle zu widerſtehen vermochte, wenn man oben neben den ſpitzigen Dächern die empor⸗ ſtrebenden Eckthürmchen ſah, an der Seite des Hauſes hinabgehend und anzuſchauen wie die gewaltige Wehre in der Hand eines Rieſen, dazu oben auf der Spitze der Giebel die bunt verzierten und verſchnörkelten Windfahnen wie Sturmhaubenbüſche und Helmzierden, ſo erſchien Einem dieſer ganze gedrängte, bewaffnete Kreis wie eine Schaar Leibwächter, die bereit war, das ehrwürdige, alte Schloß in ihrer Mitte und damit ihre eigenen Privilegien und Freiheiten bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen. Aehnliches war denn auch ſchon vorgekommen, aber es hatte die Zeit dort an herausfordernden Uebermuth, hier an Trotz und eiferſüchtige Halsſtarrigkeit mildernd die Hand gelegt; man begann, anſtatt ſich mit Schwert und Kolben drohend gegenüber zu treten, kleine, angenehme, Erſtes Kapitel. 5 freundliche Uebereinkünfte zu ſchließen, wo jeder Theil ein wenig Haar laſſen mußte und wo der am beſten wegkam, welcher am pfiffigſten zu reden und am meiſten zu ver⸗ ſprechen wußte. Nach ſolchen Fehden, welche in dieſen milder gewor⸗ denen Zeiten wenig oder kein Blut, aber viel Dinte ge⸗ koſtet hatten, wo die Papiermüller frohlockten, weil ſie gute Geſchäfte machten, und wo das Geſchlecht der Gänſe in Gefahr war, auszuſterben— nach ſolchen Fehden erſchien dann die Taube als Sinnbild des Friedens, aber nicht mit dem Oelblatte im Schnabel, ſondern wie es ſich für die ganz anders gewordenen Zeiten paßte, mit farbigen Bändern, um ſo ſymboliſch eine innigere und feſtere Ver⸗ bindung zu bezeichnen. Freilich, als der erſte regierende Bürgermeiſter das erſte farbige Bändlein in das Knopf⸗ loch ſteckte, da gab es finſtere Geſichter in der Bürger⸗ verſammlung, und in der Mitternacht ſollen ſich die Häuſer der alten Patrizier rings um das Rathhaus herum unmuthig geſchüttelt haben. Doch ging auch das vorüber; die alten Zeiten, Anſichten und Gewohnheiten verblaßten nach und nach zu nebelhaften Umriſſen, und in der Zeit, wo unſere wahre Geſchichte beginnt, erſchien ein farbiges Bändlein im Knopfloche des regierenden Stadtoberhauptes ſo ſelbſt⸗ redend und folgerichtig wie der rothbackige Apfel im Herbſte, der ja auch ohne beſonderes Zuthun des Baumes von 6 Erſtes Kapitel. ſelbſt zeitigt, oder wie vergängliche Eisblumen bei ſtarkem Froſte, welche kommen, wie Gott will. Im Innern hatte ſich das ehemalige Jagdſchloß noch ziemlich in ſeiner früheren Geſtalt erhalten; die großen Räume deſſelben wurden zu Stadtraths⸗Sitzungen und ſonſtigen Verſammlungen benutzt und die kleineren Gemächer zu Kanzleien und Arbeitszimmern. Leider hatte man die runden, in Blech gefaßten Scheiben beinahe überall ent⸗ fernt, um mehr Licht zu bekommen, und dadurch dem ma⸗ leriſchen Eindrucke des Hauſes geſchadet; doch war es immerhin noch eine große Zierde der alten Stadt, und künſtleriſche Naturen, die an den reichen Paläſten der oberen Stadt ziemlich theilnahmlos vorüberſchritten, gerie⸗ then in Entzücken, wenn ſie auf den Marktplatz kamen, dort das maleriſche Rathhaus erblickten und die alten, dun⸗ keln Häuſer rings umher, die von unten bis zur Spitze des Daches eine Fundgrube der wunderbarſten Details waren. Es iſt Winter; ein leichter Schnee deckt die Dächer der Häuſer ſowie das Pflaſter des Marktplatzes, und auf demſelben ſehen wir zahlreiche Fußgänger, von denen ſich die meiſten an der breiten, weit offen ſtehenden Thür des Rathhauſes zuſammenfinden. Wir folgen ihnen getroſt, denn wir könnten ja in einer der zahlreichen Kanzleien Geſchäfte zu beſorgen haben und nicht nur von unſerer Neugierde hieher geführt ſein, oder, der Nothwendigkeit gehorchend, hier unſere Geſchichte beginnen. Erſtes Kapitel. 7 Durch die Eingangsthür treten wir in einen geräu⸗ migen Vorplatz, von dem eine breite Treppe in die oberen Stockwerke führt; hier iſt Alles: Decke, Wände, Unter⸗ ſtützungsbalken, mit einer wahren Verſchwendung aus feſtem, nun faſt ſchwarz gewordenem Eichenholze gezimmert; hier und da ſieht man leichte Anfänge von Verzierungen, grob geſchnitzte Kapitäle, ſehr einfach verzierte Tragbalken, ſchüch⸗ terne Verſuche, den rings an den Wänden hinlaufenden Bänken ein angenehmes Aeußeres zu geben; doch nur im Hintergrunde dieſes Raumes hat ſich die Phantaſie des Erbauers zu einem kleinen Kunſtwerke aufgeſchwungen, be⸗ ſtehend in einem für unſere Zeit faſt rieſenhaften Hirſch⸗ kopfe, geziert mit einem natürlichen Geweihe von 24 Enden, unter welchem eine breite Doppelthür in die große Halle des ehemaligen Jagdſchloſſes führt. Hier ſieht es trotz der erſtaunlichen Ausdehnung des gewaltigen Raumes ſchon wohnlicher aus; die Wände ſind mannshoch mit Holz ver⸗ täfelt, die Decke iſt nicht nur künſtlich zuſammengefügt, ſondern an den Ecken ihrer Felder hangen geſchnitzte Holz⸗ zapfen herab, die in Kugeln und Spitzen endigen. Der Mittelpunkt dieſer weitgeſpannten Decke wird getragen von einem aus Quadern gehauenen mächtigen Pfeiler, welchen ſpiralförmig ein breites Holzband umſchließt, auf dem, allerdings ziemlich roh, Sauhetzen, Hirſchjagden, ſowie die Hatz des Bären abgebildet ſind. Auf der linken Seite dieſer Halle befinden ſich Brandſpritzen und ſonſtige Löſch⸗ 8 Erſtes Kapitel. geräthſchaften und über denſelben Feuereimer in langen Reihen; rechts aber ſehen wir eine Einrichtung aus der neueren Zeit, welche der maleriſchen Schönheit dieſes Raumes großen Abbruch thut, Holzverſchläge nämlich mit neumodiſchen Fenſterſcheiben, die Schreibſtube des Markt⸗ meiſters und des ſtädtiſchen Beamten, der die kleinen Steuern für die zu Markt gebrachten Lebensmittel zu er⸗ heben hat. Gegenüber der Thür hat aber dagegen eine behagliche Einrichtung der alten Zeit ſiegreich ihren Platz behauptet, wenn auch nicht ihr vollkommenes Recht, der gewaltige Kamin nämlich, der ſich mit ſeinem eiſernen Holzroſte und ſeinen großen Feuerhunden allerdings noch unverändert hier befindet, aber leider keine lodernden Flammen mehr zeigt; er iſt von ſolchen Dimenſionen, daß der größte Mann mit dem Hute auf dem Kopfe aufrecht in demſelben ſtehen kann, weßhalb der kleine eiſerne Ofen, der ſpäter hinein gebaut wurde, um ſo ſpärlicher ausſieht. Doch wird derſelbe tüchtig geheizt und iſt deßhalb ſchon im Stande, den anſtoßenden Verſchlägen einige wenige Wärme mitzu⸗ theilen; viele iſt gerade auch nicht nöthig, denn der eine der Beamten, der hier beſchäftigt iſt, der Marktmeiſter, hat meiſtens auf dem Platze draußen zu thun, und der andere hat ſeinen Schreibtiſch, an dem er bei jedem Markttage nur kurze Zeit zu thun hat, am Eingange des Verſchlages ſo nahe wie möglich beim Kamine ſtehen; auch benutzt Erſtes Kapitel. 9 dieſer würdige Beamte jeden Augenblick ſeiner freien Zeit, deren er ſogar während der Dienſtſtunden viele hat, um aus ſeinem Verſchlage hervorzuhüpfen, was dann jedesmal ausſieht, als wenn eine Krähe ihren Käfig verläßt. Der Betreffende trägt einen ziemlich fadenſcheinigen ſchwarzen Frack, gleichfarbige Beinkleider, eine feſt unter dem Kinn zugeknöpfte Weſte, die durchaus nichts von weißer Wäſche ſehen läßt; dabei hat er den Hals vorgeſtreckt, trägt die ſpitzige Naſe ziemlich hoch und hat in allen ſeinen Bewe⸗ gungen etwas Haſtiges, Hüpfendes, ja, Flatterndes, was uns vielleicht Berechtigung zu dem kühnen Vergleiche von vorhin gab. Auch jetzt kommt er wieder auf die eben be⸗ ſchriebene Art hervor, eine ſchwarze Kappe mit weit vor⸗ ſtehendem Schild auf dem Kopfe, mit Schreibärmeln von ſchwarzem Sarſenet verſehen, und ſtellt ſich händereibend vor den kniſternden Ofen, wobei er denſelben mit eingezo⸗ genen Knisen tänzelnd umhüpft und zugleich eine andere Perſönlichkeit, welche vor dieſem Ofen ſteht und ſich den Rücken wärmt. Dieſes iſt ein ziemlich großer Mann mit ſehr aufrechter Haltung, einem vollen, geſund ausſehenden Geſichte von ſehr würdevolle dunkelblauen Rock, auf deſſen Stadtwappen zu ſehen iſt, eine deei dem Kopfe trägt er eine blaue N mit ſchwarzem Streifen und der gleichen Aus zeichnung. er Mann hat die Gewohnheit, beſonders wenn er, wie ne sdrucke; er trägt einen lingenen Knöpfen das 1 ige Mauerkrone; auf 4 in tiefes * 10 Erſtes Kapitel. Nachdenken verſunken ſcheint, ſeine Backen außzublaſen, hierauf den Mund zu ſpitzen und alsdann ſeinen Athem mit einem ziſchenden Laute auszuſtoßen, eine Gewohnheit, die wir auch ſchon bei anderen bedeutenden Perſönlichkeiten bemerkt haben— wir ſagen: anderen bedeutenden Perſön⸗ lichkeiten, denn der Mann, welcher ſo harmlos am Ofen ſteht, iſt nichts Geringeres als der Amtsdiener des hoch⸗ weiſen Raths und zugleich in vieler Beziehung das Fac⸗ totum des regierenden Bürgermeiſters. Der Andere hatte ihn ſchon ein paar Mal im Halb⸗ kreiſe umhüpft und ſagte endlich, die Hände zuſammen⸗ ſchlagend:„Jetzt werden wir doch endlich einmal Winter kriegen, Schnee und Froſt; dieſes unangenehme Sudelwetter habe ich ſatt. Man bekommt bei der ewigen Feuchtigkeit gar keinen warmen Fuß mehr, beſonders da drinnen in dem verfluchten Affenkaſten. Glauben Sie nicht auch, daß es kalt bleibt— was ſagt Ihr Barometer, Herr Amts⸗ diener?“ „Er iſt geſtiegen,“ gab der Gefragte, aber erſt nach einer ziemlichen Pauſe, zur Antwort;„doch gebe ich nicht viel darauf, das ſteigt und fällt in letzter Zeit ohne alle Urſache.“ 4 „Wie ſo Manches in dieſer Welt,“ erwiederte lächelnd der Andere;„wer aber kein Glück hat, kann machen, was er will. Hat er noch ſo viel Fähigkeiten, noch ſo viel Fleiß und Ausdauer, er purzelt doch bei jedem Schritte, Erſtes Kapitel. 11 den er aufwärts thun will, drei Schritte abwärts. Ich kenne ſolche Leute,“ ſetzte er ſeufzend hinzu, indem er an ſeinem abgeſchabten Anzuge hinunter ſah,„die immer unten bleiben ohne alle Urſache....“ „Ohne alle Urſache,“ wiederholte der Amtsdiener in ſo gleichgültigem Tone, daß man annehmen konnte, er habe die Worte des Steuerſchreibers gänzlich überhört, der ſich aber dadurch nicht ſtören ließ, ſondern hüpfend und händereibend fortfuhr: „Andere, Glückliche dagegen ſteigen, ſie mögen thun, was ſie wollen; davon iſt unſer Herr Stadtſchultheiß ſelbſt ein redendes Beiſpiel. Was hat der Mann für eine Car⸗ riere gemacht, allerdings durch ſein Verdienſt, oder viel⸗ mehr— was haben wir, die Bürger der Stadt, ihn für eine Carriere machen laſſen! Vor zwei Jahren noch ſimpler einig mit ihm zu gehen, und ſtatt daß es hohe oder aller⸗ höchſte Zurechtweiſungen gibt, fallen Belohnungen aller Art, haſt du nicht geſehen?!“ „Und mit vollem Rechte,“ ſagte trocken der Amts⸗ diener, während er bei dem Sprecher vorbei nach der halb⸗ offenen Thür des Einganges ſchaute und durch dieſe auf den Marktplatz, wobei ein Zuſammenziehen ſeiner Augen an⸗ zeigte, daß er dort etwas für ihn Intereſſantes erblickte. 12 Erſtes Kapitel. „Iſt irgend ein Feſt, welches im Freien abgehalten werden muß, und es ſchüttet noch den Tag vorher und die ganze Nacht wie mit Kübeln, den andern Tag haben wir das ſchönſte Wetter von der Welt.“„Iſt es denn wahr,“ fuhr der Schreiber nach einer kleinen Pauſe in vertrau⸗ lichem Tone fort,„daß der Kronprinz heute auf dem Balle des Herrn Stadtſchultheißen erſcheinen wird?“ „Dummes Zeug! Der wird nicht ohne Einladung kommen, und daß ihn der Herr Stadtſchultheiß nicht ein⸗ geladen hat, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen, denn es wäre keine Veranlaſſung dazu da und unpaſſend.“ „Allerdings unpaſſend— in gewiſſer Beziehung recht unpaſſend, und im Stadtrathe würde man komiſch die Köpfe darüber zuſammenſtecken. Nun, mir könnte es ganz gleichgültig ſein; ich bin doch nicht eingeladen zu dieſem Balle in ſo vornehme Geſellſchaft.“ Dabei ſchnalzte er mit den Fingern, pfiff eine Melodie vor ſich hin und war ſchon im Begriffe, in ſeinen Käſig zurückzutänzeln, als er ſah, wie das ernſte Geſicht des Amtsdieners ſich zu einem freundlichen Schmunzeln verzog und wie jener den Ofen verließ, um ſich ſo raſch, als es ſeine amtliche Stellung erlaubte, einem hübſchen Dienſt⸗ mädchen zu nähern, das mit koketter Einfachheit und tadelloſer Reinheit angezogen war und einen möglichſt kleinen, aber zierlich ausſehenden Marktkorb am Arme trug. „Ah, Jungfer Margarethe, was bringen wir Neues?“ Erſtes Kapitel. 13 „Ein paar Briefe für den Herrn, auf welche aber keine Antwort nöthig iſt, wie die Frau Stadtſchultheiß ſagte; dann aber hier einen Zettel, den der Herr, wenn's angehe, durchſehen möchte und mit Bleiſtift darauf ſchrei⸗ ben, was er will. Können Sie das jetzt hinaufbringen, und kann ich darauf warten?“ Der Amtsdiener legte ſeine rechte Hand unter das Kinn, blickte an die Decke empor und ſagte nach einer kleinen Ueberlegung:„Es wird angehen; ich war ſchon vor einer Viertelſtunde oben, und da fing gerade der Herr Stadtrath, Seifenſieder⸗Ober⸗Zunftmeiſter Spitzel, an zu reden. Der thut's nie unter drei Viertelſtunden, und wenn der Herr Stadtſchultheiß nur auf die letzten zwölf Worte Achtung gibt, ſo weiß er ganz genau, was der Mann geſagt hat.“— „So will ich hier warten,“ erwiederte das hübſche Dienſtmädchen.„Aber bleiben Sie nicht zu lange aus, es iſt mir immer graulich hier, und faſt am hellen Tage fürchte ich mich in dieſem öden, geheimnißvollen Saale.“ Der Amtsdiener war mit den Papieren hinausgegangen, und Jungfer Margarethe, obgleich ſie den Steuerſchreiber, der am Eingange eine Feder ſchnitt, wohl geſehen, that nach Art wohlgezogener Dienſtmädchen guter Häuſer doch, als ob ſie ihn gar nicht bemerkt, ja, auch dann nicht einmal, als er mit einem Strohſeſſel hervortänzelte, den er ihr zum Sitze anbot. 14 Erſtes Kapitel. „Ich danke Ihnen, ich bin nicht müde.“ „Aber wenn man ſo herumgehen muß— heute, bei den vielen Commiſſionen....“ „Die der Knecht beſorgt,“ fiel ihm das hübſche Dienſt⸗ mädchen etwas hochmüthig in die Rede.„Ich würde die Zimmer nicht verlaſſen haben, wenn es nicht ein Auftrag von Wichtigkeit an den Herrn wäre.“ Sie betrachtete bei dieſen Worten mit einem leichten, etwas affectirten Seufzer ihre für den Schnee draußen allerdings etwas zu feinen und zierlichen Schuhe— ein Seufzer, den der Steuer⸗ ſchreiber verſtand und händereibend und ſchmunzelnd ſagte: „Wer wird aber auch ſo in den Schnee hinausgehen und in die Kälte! Wenn Sie ſich nicht ſetzen wollen, ſo ſtellen Sie wenigſtens den Fuß auf den Stuhl und trock⸗ nen Sie die Schuhe.“ Warum Jungfer Margarethe dieſen Vorſchlag annahm, wiſſen wir nicht zu ſagen; aber ſie that es und zeigte dabei ihre ſchlanke und doch wieder volle Geſtalt in ſo angenehmen, runden Formen, daß der Steuerſchreiber, der neben ihr herumtanzte, eine Pantomime machte wie Je⸗ mand, dem das Waſſer im Munde zuſammenläuft. Er hatte Schulbildung genoſſen und ſagte plötzlich, ſcheinbar ohne allen Zuſammenhang: „Wenn ich nicht Alexander wäre, möchte ich Diogenes ſein,“ womit er ausdrücken wollte:„Wenn ich nicht Steuer⸗ Erſtes Kapitel. 15 ſchreiber wäre, möchte ich Hausknecht bei Stadtſchultheißens ſein— ah der Teufel!“ Er hatte übrigens keine Zeit, dieſen zarten Gefühlen weiteren Ausdruck zu geben, denn der Amtsdiener kam in dieſem Augenblicke zurück, kopfſchüttelnd und mit aufge⸗ hobenem Zeigefinger, vermittelſt welchem er ebenfalls das Zeichen des Verneinens machte. Ich habe Alles pflicht⸗ ſchuldigſt abgegeben, auch den Zettel mit den Fragen dicht vor den Herrn Stadtſchultheißen hingelegt, es war aber nichts zu machen; der Herr Stadtrath, Metzger⸗Ober⸗Zunft⸗ meiſter Krampler, hatte gerade das Wort verlangt zu einer perſönlichen Bemerkung gegen den Vorredner, und wenn ſo etwas vorkommt, Jungfer Margarethe, da käme man bei Herrn Stadtſchultheißen bös an, wenn man ihn ſtören wollte.“ „Aber warten kann ich hier unmöglich,“ meinte das hübſche Dienſtmädchen etwas ſchnippiſch.„Gott, wir haben heute ſo viel zu thun, und die Fragen auf dem Zettel ſind dringend! Was machen wir denn nun?“ „Das iſt ſehr einfach,“ erwiederte der Amtsdiener, indem er auf Jungfer Margarethe zutrat und mit natürlichem Wohlwollen ihr rundes Kinn in die Höhe hob.„Ich paſſe den günſtigen Moment ab, und ſobald ich den Zettel habe, bringe ich ihn ſelber oder ſchicke ihn durch irgend jemand Zuverläſſiges; aber wahrſcheinlich bringe ich ihn ſelber.“ Das glaube ich auch, dachte der Steuerſchreiber, und 16 Erſtes Kapitel. als ihm nun Jungfer Margarethe mit einem recht freund⸗ lichen Blicke für den Stuhl dankte, entgegnete er mit auf⸗ fallender Galanterie:„Ich werde mich eines ſüßen Gefühls nicht erwehren können, wenn ich mich auf dieſelbe Stelle ſetze, wo Ihr reizendes Füßchen geruht.“ Der Amtsdiener dachte bei dieſen Worten: Es iſt doch ein recht fades Geſchöpf, ſo ein Schreiber! Und Jungfer Margarethe, die ſchon in der Halle ihren Regenſchirm auf⸗ ſpannte und ihre Röcke hinten zierlich und gerade hoch ge⸗ nug aufhob, ſprach zu ſich ſelber:„Es haben dieſe Schreiber doch immer eine artige Manier und wiſſen Einem ſtets etwas Angenehmes zu ſagen.“ Jetzt war ſie verſchwunden, und der Steuerſchreiber wandte ſich neugierig gegen den Amtsdiener und fragte: „Alſo droben wird wieder heftig opponirt? Ja, wenn der Krampler Jemandem zu einer perſönlichen Bemerkung in die Rede fällt, da fliegen die Haare davon. Ich keune das.“ „Nun, ſo arg wird's nicht ſein; aber ich will doch ins Vorzimmer hinauf, ſchon des Zettels halber.“ Damit verließ der Amtsdiener langſam die Halle und ſtieg die Treppe hinauf. 1„Den du natürlich ſelbſt hinbringen wirſt, alter Sünder!“ ſagte der Schreiber, als jener aus der Gehörweite war. „Was ſo ein Thier für ein unverſchämtes Glück hat! War vor noch nicht lange ein plumper Markthelfer und iſt jetzt Amts⸗ diener mit freier Wohnung und 800 Gulden Gehalt, wäh⸗ rend ich, der ich doch mein Gymnaſium abſolvirte und ein —— Erſtes Kapitel. 17 gebildeter Menſch bin, mir für 1 Gulden 12 Kreuzer Tag⸗ geld die Finger abſchreibe— nein, das kann ich eigentlich nicht ſagen, aber hier zum Vergnügen der dummen Markt⸗ weiber umhertummeln und frieren muß— hol's der Henker!“ Die Treppe, welche der Amtsdiener emporſtieg und auf der wir ihm ungeſehen folgen wollen, ging im Viereck hinauf und hatte ein breites, hübſch durchbrochenes Eichenholz⸗ Geländer, das jedes Mal in den Ecken, wo ſich die Treppe bog, mit zierlich geſchnitzten Pfeilern verbunden war, auf denen ſich Schildhalter in den verſchiedenſten Geſtalten be⸗ fanden, unten geharniſchte Ritter mit Schild und Speer, dort weiter oben das fabelhafte Einhorn und gegenüber ein Löwe, deſſen unnatürliche Mähne wie eine Allonge⸗ Perrücke ausſah, dort Greifen und aufrecht ſtehende Drachen, ganz oben, wo die Treppe auf den Vorplatz mündete, zwei grimmig ausſehende Bären, die Wappenthiere der Stadt, welche in ihren Krallen den Schild hielten mit der drei⸗ zackigen Mauerkrone. Der Fußboden dieſes Vorplatzes war mit platten Steinen bedeckt, und von hier aus führten hohe und breite Flügel⸗ thüren in verſchiedene Gemächer. Wir betreten eines der⸗ ſelben, das Vorzimmer, wo wir den Amtsdiener Herrn Sprandel wiederfinden, und zwar in gebückter Haltung am Schlüſſelloche des Rathhausſaales ſtehend, in welchen wir jetzt in unſerer unſichtbaren Eigenſchaft, ohne irgend eine Störung zu verurſachen, eintreten. Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. I. 2 18 Erſtes Kapitel. Der Rathhausſaal war von der Größe der unteren Halle, nur um ein Bedeutendes höher, wodurch er auch, ſelbſt ohne ſeine reiche Verzierung, einen guten Eindruck gemacht haben würde. Doch hatte man dieſen Ritter⸗ und Bankett⸗Saal des ehemaligen füxſtlichen Schloſſes glücklicher Weiſe in ſeiner ganzen Schönheit beſtehen laſſen, und bildete er deßhalb heute noch ein reiches, künſtleriſches, ſchönes Ganzes. Er zeigte nur an einer Seite Fenſter; aber da dieſe beinahe vom Fußboden bis an die Decke gingen und dazu eine verhältnißmäßige Breite zeigten, ſo hatte man hier nicht nöthig gehabt, die alten, in Blei und Eiſen ge⸗ faßten Scheiben zu entfernen, und dadurch eine Haupt⸗ ſchönheit des ganzen Gemaches erhalten, beſonders da jede einzelne Abtheilung dieſer Fenſter, durch zierliche Stein⸗ ſproſſen geſchieden, in der Mitte ein großes, kunſtreich ge— maltes Wappen zeigte. Die farbige, reich verzierte Decke ſchloß ſich in den Ecken und den Langſeiten mit einer leichten Wölbung an die Wände an und war mit ſchildhaltenden Löwen verziert, welche, in gebückter Haltung ſtehend, ſo die Decke zu tragen ſchienen. Gegenüber der Eingangsthür beſtand die andere ſchmale Wand des Saales aus einem aufs kunſtreichſte geſchnitzten, neben und über einander auf⸗ gebauten Wandſchranke, welcher ehedem zur Aufbewahrung der Tafelgeräthe und der Trinkgeſchirre gedient, jatzt aber zum ſtädtiſchen Archiv benutzt wurde. Eine Hauptzierde des Saales bildete der Kamin; nicht ſo hoch wie der in ₰ Erſtes Kapitel. 19 der unteren Halle, hatte er einen reichen, aus Stein ge⸗ meißelten Oberbau, in deſſen Mitte man das große fürſt⸗ liche Wappen ſah, rechts und links von geharniſchten Rit⸗ tern bewacht. Was dem ganzen Eindrucke indeſſen einigen Abbruch that, war der moderne, mit einem grünen Tuche überdeckte Tiſch in der Mitte des Saales, mit ſeinen einfachen Stühlen und dem Stücke ziemlich geſchmacklos carrirten Fußteppichs, auf dem er ſtand. Wenn man aber die Beſtimmung dieſes Tiſches mit ſeinen Actenſtößen und plumpen, ſchwarzen Dintenfäſſern ins Auge faßte, und wenn man die würdigen Männer betrachtete, die, um ihn herumgereiht, ihre volle Thätigkeit dem Wohle der Stadt widmeten, ſo mußte man ſich das Recht der Gegenwart gefallen laſſen, das Recht der der Poeſie feindlichen Proſa, wo ſich das Schöne und Angenehme mit dem Nützlichen verbinden muß. Ein mächtiger Kachelofen in einer Ecke des Saales, viereckig und unſchön, kann unſere Aufmerkſamkeit nur deß⸗ halb in Anſpruch nehmen, weil er in dem großen Raume eine recht behagliche Wärme verbreitet. In der Mitte an der langen Seite der Tafel ſaß der Stadtſchultheiß in einem bequemen Armſtuhle, vor ſich Dintenzeug, Papiere, ein Glas Waſſer und die Handglocke mit majeſtätiſchem Klange, welcher oft genöthigt war, die ſtreitenden Parteien zu beruhigen, wenn ſie ſich überboten 20 Erſtes Kapitel. in ihren Bemühungen, mit Geiſt und Stimme für das Beſte der Stadt zu ſorgen. Ja, mit Geiſt und Stimme; denn daß es der erſtere nie allein thut, hat der ſchmächtige Seifenſieder⸗Ober⸗Zunft⸗ meiſter Herr Spitler erfahren, weil ſein weiches, geſchmei⸗ diges Organ nicht einmal im Stande geweſen war, den laut ausgeſtoßenen Ah und Oh der Gegenwärtigen zu widerſtehen, noch weniger aber der perſönlichen Bemerkung ſeines ganz beſonderen Feindes, des Metzger⸗Ober⸗Zunft⸗ meiſters Herrn Krampler, welcher es dem Collegen Stadt⸗ rath nie verzeihen konnte, daß er einmal behauptete, der ſchlechte Geruch ſeiner Seife ſei durch verdorbenes Fett des Herrn Krampler entſtanden. „Meine Herren,“ donnerte der letztere,„wenn mir auch allerdings der Herr Stadtſchultheiß das Wort nur zu einer perſönlichen Bemerkung gegeben, ſo frage ich Jeden, dem das Wohl der Stadt am Herzen liegt, ja, jeden Bieder⸗ mann, ob er wohl im Stande iſt, nach den Bemerkungen unſeres verehrten Collegen zu ſchweigen, ohne den perſön⸗ lichen Bemerkungen ein paar allgemeine anzuhängen— meine Herren....“ „Herr Stadtrath Krampler,“ unterbrach ihn hier der Herr Stadtſchultheiß mit einer nicht ſehr lauten, aber, da er ruhig ſprach und jedes Wort genau betonte, ſehr ver⸗ nehmlichen Stimme,„der Herr Stadtrath Spitzler hat das Wort, und ich kann Ihnen nie erlauben, eine geſtattete Erſtes Kapitel. 21 perſönliche Bemerkung zu einer ſelbſtändigen Rede auszu⸗ dehnen.“ Leichtes Beifallsmurmeln von verſchiedenen Seiten des Tiſches und halb unterdrückte Bravo's, welche von dem unterbrochenen Redner, nachdem er gegen den Stadtſchult⸗ heißen eine ſteife Neigung mit dem Kopfe gemacht, durch einen wilden Blick des Haſſes erwidert wurden, worauf er ſich alsdann ſo hart und gewaltſam auf ſeinen Stuhl niederließ, daß dieſes ſehr ſolide Möbel bedenklich unter ihm krachte. „Meine Herren,“ lispelte nun der Stadtrath Spitzler, „wenn auch die perſönliche Bemerkung meines verehrten Collegen in mehr als einer Beziehung Verletzendes für mich enthielt, ſo bin ich es mir ſelbſt und dieſer achtbaren Ver⸗ ſammlung ſchuldig, mit Stillſchweigen darüber hinwegzu⸗ gehen und mich der wichtigen Angelegenheit, die uns hier vereinigt, wieder zuzuwenden. Meine Herren....“ Wahrſcheinlich der Anſicht huldigend, die der Amts⸗ diener drunten über die Reden des Seifenſieder⸗Ober⸗Zunft⸗ meiſters ausgeſprochen, daß dieſelben gewöhnlich ſehr lang und wäſſerig, nur das einzige Gute hätten, daß man ja nicht auf ſie zu hören brauchte und es in der Gewohnheit des Redners lag, ſchließlich das allenfalls Genießbare ſeines Vortrages mit kurzen Worten zu wiederholen, hatte ſich der Stadtſchultheiß über einen aufgeſchlagenen Aktenfascikel hingebeugt, ſcheinbar, als ſtudire er darin, in Wahrheit aber nur, um die empfangenen Briefe und Zettel durch⸗ 22 Erſtes Kapitel. zuleſen. Die erſteren waren von verſchiedener Hand, und der Schreiber oder die Schreiberin derſelben beehrte ſich, in kurzen Worten mit großem Bedauern anzuzeigen, daß es ihnen unmöglich geworden ſei, den erhaltenen und ange⸗ nommenen Einladungen zu der heute ſtattfindenden Abend⸗ geſellſchaft Folge zu leiſten. Dies ſchienen aber alles Leute zu ſein, an denen dem Feſtgeber wenig gelegen war, denn ſeine Stirn blieb glatt, ja ſeine Lippen kräuſelten ſich ein paar Mal zu einem behaglichen Schmunzeln. Herr Stadt⸗ rath Spitzler ſprach während deſſen noch immer mit größter Ruhe und Salbung. Dann zog der Herr Stadtſchultheiß langſam den er⸗ haltenen Zettel vor ſich hin und las, von der Hand der Gattin geſchrieben, die Worte: „Die Auſtern ſind angekommen, ſcheinen noch friſch zu ſein; ich mußte aber den Tarbot zurückſchicken, da er ſchon bedeutend roch, will nun dafür Hecht nehmen oder Salm, der friſch angezeigt iſt, wenn Dir letzterer nicht zu theuer erſcheint, das Pfund 2 Gulden. Die Bramler hat abge⸗ ſagt, ſie iſt eine dumme Perſon, woran ich jedoch nie ge⸗ zweifelt; ſie war ſelbſt da und meinte, für große Geſell⸗ ſchaft tauge ſie doch nicht recht! was ſie liebe, ſei ein kleiner Kreis ihrer Freunde. Ich verſtand dieſen fein ſein ſollenden Stich wohl, weil wir ſie neulich Abends nicht eingeladen— alſo Hecht oder Salm?“ Der Seifenſieder⸗Ober⸗Zunftmeiſter ſprach immer noch Erſtes Kapitel. 23 mit großer Salbung und Ruhe, doch hatte ſich ſein ſchwaches Organ etwas gehoben, was auf den Schluß ſeiner Rede hinzudeuten ſchien, und gewiß nur aus dieſem Grunde, um ſo einige Hauptgedanken des Redners zu notiren, nahm der Stadtſchultheiß eine Bleifeder zur Hand, blickte nach⸗ denklich auf den Sprecher, dann an die Decke des Saales empor und ſchrieb auf den vor ihm liegenden Zettel:„Hecht, wenn er groß iſt und wenn die Köchin ihn ſchmackhaft zu ſpicken verſteht.“ „Ja, meine Herren,“ ſprach jetzt der Redner mit hör⸗ barem Aufſchwunge,„nur im reinen Bewußtſein, meinen Mitbürgern zu dienen, unbeirrt von allen Parteirückſichten, unbewegt von äußeren Einflüſſen und nachdem ich mit meinem Gewiſſen reiflich zu Rathe gegangen bin, muß ich Ihnen ſagen, daß ich vollkommen mit dem Vorſchlage des Herrn Stadtſchultheißen einverſtanden bin, daß ich für den⸗ ſelben ſtimme und daß ich es für einen zeitgemäßen Fort⸗ ſchritt anſehe, wenn die eiſerne Gitterthür im großen Keller des Rathhauſes endlich einmal zugemauert wird und da⸗ durch den übelriechenden Ausdünſtungen, welche nicht nur zur Zeit in den unteren Räumen ſehr bemerkbar, ſondern ‚auch hier und da in unſerem Sitzungsſaale für empfindliche Naſen zu ſpüren ſind, kräftig ein Ziel geſetzt wird.“ Der Redner ſetzte ſich hierauf nieder, ſichtlich erregt und bewegt, mit Naſenflügeln und Lippen zitternd wie ein gejagtes Kaninchen, mit den Fingern der rechten Hand 24 Erſtes Kapitel. leiſe auf den Tiſch trommelnd, als trüge dies dazu bei, den Sturm ſeiner Seele raſcher austoben zu laſſen. Ihm gegenüber hatte ſich indeſſen ſchon ein gerüſteter Kampf⸗ hahn, der Metzger⸗Ober⸗Zunftmeiſter Krampler, erhoben, die breite Bruſt herausgedrückt, die rechte Fauſt auf den Tiſch geſtützt, den Kopf zurückgeworfen, mit zornig ge⸗ ſträubtem Gefieder.„Meine Herren,“ donnerte er— dieſe Worte ſchallten durch den Saal, als befände ſich in jeder Ecke ein ſeine Rede beginnender Metzger⸗Ober⸗Zunftmeiſter, ja, als ſprächen Verſchiedene von der Decke herab oder hervor aus den tiefen Fenſterniſchen—„meine Herren! Ein Kind kann die wohlfeile Anſpielung verſtehen, mit der mein geehrter Vorredner ſeine Rede ſchloß; allerdings wird in Kreiſen der Stadt, die aber nicht gerade unſere Ach⸗ tung verdienen, der ſchlechte Witz zum Ekel wiederholt, daß ſich in den Sitzungen des Stadtraths zuweilen ein übler Geruch bemerklich mache— daß etwas faul ſei im Staate Dänemark. Aber, meine Herren und verehrten Collegen, hätten wir erwarten können, daß ein Mann von ſo— ich wollte ſagen: im gewöhnlichen Leben von ſo verſöhnlichem Gemüthe wie mein verehrter College, der Herr Seifenſieder⸗Ober⸗Zunftmeiſter“— dieſe Worte waren von einem ironiſch ſein ſollenden Lächeln begleitet—,„ja, von ſo verſöhnlicher Gemüthsart, daß dieſer Mann, durch die Anklage gegen den hier herrſchenden üblen Geruch, auf ſo eigenthümliche Art für den Antrag unſeres allverehrte⸗ Erſtes Kapitel. 25 ſten Herrn Stadtſchultheißen zu wirken ſuchen würde? Aber um auch dem Gegner Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen,“ fuhr der Redner nach einer Pauſe fort, während welcher er langſam ſeine Arme übereinander geſchlagen hatte— „etwas Wahres iſt doch an der Sache. Der Stadtrath hat ſich allerdings bei der Bürgerſchaft in einen üblen Geruch gebracht; ich gebe die Wirkung zu, aber läugne die angegebene Urſache.“ Ein Gemurmel flog um den Tiſch herum, ein Gemurmel der Mißſtimmung, aber auch des Beifalls, und wir müſſen geſtehen, daß das letztere faſt die Oberhand hatte. „Ja, meine Herren, wir ſind bei der Bürgerſchaft in einen üblen Geruch gekommen, und ohne mich auf Ver⸗ gangenes einzulaſſen, was ich könnte, ja, was ich ſehr könnte, will ich bei der Angelegenheit, die uns gegen⸗ wärtig beſchäftigt, verweilen und Ihnen beweiſen, daß die Angelegenheit, ſo harmlos ſie auch erſcheint, wohl dazu angethan iſt, dieſen oft erwähnten üblen Geruch zu ver⸗ ſtärken.“ Ein theils erſtaunendes, theils beiſtimmendes, theils fragendes Ah, Ah!l wurde ringsum hörbar; nur der Stadt⸗ ſchultheiß blickte gedankenvoll wie früher vor ſich⸗ nieder und lächelte ein ganz klein wenig, ſchlug aber raſch die Augen auf, als eine andere Stimme wie die des Sprechers ihm gegenüber hörbar wurde, die des Oberbauraths Lie⸗ vens, eines langen, hageren Mannes mit großen Brillen⸗ 26 Erſtes Kapitel. gläſern, der ſich mit aufgeſtützten Händen halb erhob und um das Wort zu einer wichtigen Bemerkung bat, ſobald der geehrte Vorredner geendigt. „Erlauben Sie mir, meine Herren,“ fuhr Herr Krampler fort,„daß ich Ihnen in Betreff des Vorſchlages unſeres verehrten Herrn Stadtſchultheißen die Worte des großen Dichters zurufe: ‚Tiefer Sinn liegt oft im kind'ſchen Spiel!⸗ Nicht aber, als ob ich den eben erwähnten Vorſchlag mit dem Ausdrucke kindiſchen Spieles bezeichnen wollte— der Himmel bewahre mich davor!— Wenige ſchätzen und achten ſo wie ich das verehrte Oberhaupt unſeres ſtädtiſchen Staa⸗ tes—, ſondern ich wollte nur ausdrücken, daß unter allen Projekten unſeres verehrten Herrn Stadtſchultheißen tiefer Sinn verborgen liegt, für Viele oft ſo tief, daß es nicht Jedermanns Sache iſt, denſelben zu entdecken.“— Dieſe letzten Worte, welche ſpeciell dem Seifenſieder⸗Ober⸗Zunft⸗ meiſter galten, wurden denn auch demſelben mit einem be— zeichnenden Blicke zugeſandt; dann fuhr der Redner in ruhigem Tone fort:„Ja, meine Herren, der Vorſchlag, den wir ſo eben gehört, nimmt ſich ſo harmlos aus, wie nur immer möglich. Es iſt im großen Keller des Rath⸗ hauſes,“ ſprach er in behaglich erzählendem Tone,„ein unter⸗ irdiſcher Gang, welcher ſich, wie bekannt, unter einigen Straßen fortſetzt und in einem alten Gebäude endigt, in deſſen oberem Theile ſich das Staatsarchiv befindet und im unteren die Hauptwache. Es iſt dies ein maſſives Ge⸗ Erſtes Kapitel. 27 baude mit ſechs Fuß dicken Mauern, Fenſtern wie Schieß⸗ ſcharten, gewölbten Räumen, plattem, kupfernem Dache, durch Aufſchüttung von vier Fuß Erde leicht bombenfeſt zu machen, alſo in eine Citadelle zu verwandeln!“ „Ah, ah, ah! Das iſt doch etwas zu weit gegangen!“ „Ja, meine Herren, in eine Citadelle, in einen feſten Platz, wichtig für bedenkliche Zeiten, die kommen können — in ein Zwing⸗Uri. „Dieſe Citadelle— ich werde mir erlauben, den Namen beizubehalten— hängt alſo durch einen unterirdiſchen Gang mit unſerem Rathhauſe zuſammen, iſt aber in den großen Kellern desſelben vermittelſt einer eiſernen Thür verſchloſſen, von ſo ſolider Conſtruction, mit ſo feſten Schlöſſern, ſo verklammert in den Mauern, daß es den ſtärkſten Männern mit Heb⸗ und Brecheiſen unmöglich iſt, die Thür auf⸗ oder aus ihren Angeln zu brechen, ohne zu gleicher Zeit das Gewölbe ſelbſt in Gefahr zu bringen— iſt es nicht ſo, Herr Ober⸗Baurath Lievens? Ich rufe gerade Sie auf, weil beſonders Ihr Zeugniß, das eines politiſchen Gegners, für mich abzugeben von ſchlagender Wirkung ſein muß— habe ich Recht oder Unrecht?“ „Allerdings,“ murmelte der Gefragte;„die Thür iſt ſo feſt, wie nur eine Thür ſein kann; ſie aufzubrechen iſt faſt unmöglich.“ „Haben Sie es gehört, meine Herren?“ jubelte Herr Krampler.„Der Herr Ober⸗Baurath Lievens, ein Fach⸗ 28 Erſtes Kapitel. mann, wie wir wenige haben, kann nicht umhin, zu er⸗ klären, daß es beinahe unmöglich iſt, die Thür mit Gewalt aufzubrechen!“ „Und wenn dem ſo iſt, was beweiſt das?“ fragte der Stadtſchultheiß in ſehr ruhigem Tone. „Was das beweiſt? Daß wir im Beſitze dieſer Gitter⸗ thür, die wir mit unſeren Schlüſſeln jederzeit öffnen können, zu gleicher Zeit im Beſitze eines unterirdiſchen Ganges ſind, der bis zu jenem Gebäude führt, das einſt zu einem Zwing⸗ Uri werden kann, deſſen Kanonen, drohend hieher gerichtet, die Freiheit der Bürgerſchaft zu begraben im Stande ſind — laſſen Sie mich ausreden, meine Herren—, während im anderen Falle Söldlinge, die auf unſere Privilegien gehetzt werden, mit blutender Naſe umkehren müßten an der Gitterthür im Rathhauskeller, durch welchen hindurch wir im Stande ſein würden, ſie zu empfangen und kräftig zurückzuwerfen.“— Der Redner hatte die letzten Sätze mit ſteigender Begeiſterung geſprochen; jetzt aber ließ er plötz⸗ lich ſeine Stimme wieder ſinken und fuhr in fragendem Tone fort:„Und warum dieſe alte, ehrwürdige Gitterthür entfernen? Warum nach und nach die glorreichen Zeugen einer beſſeren Vergangenheit ohne genügende Gründe ver⸗ tilgen? Warum ſo beſtändig am Althergebrachten rütteln? Warum eine Mauer aufführen von kalten, fühlloſen Steinen, die mit eben ſo leichter Mühe, als ſie zuſammengefügt wird, auch wieder hinweggeräumt werden kann? Warum — Erſtes Kapitel. 29 alles das? Nicht, wie es ſo oft heißt, um einem tiefen, lange gefühlten Bedürfniſſe abzuhelfen, auch nicht um des üblen Geruches willen, der ſo oft unſere Sitzungen erfüllt, nein, meine Herren, das alles ſind nicht die wahren Gründe, ſondern ich will ſie Ihnen aufdecken— unſere Gitterthür, unſere arme, bürgerliche Gitterthür ſoll den Platz räumen, weil man ſich dadurch regierungsfreundlich bezeigen will, weil an hoher Stelle der Wunſch ausgeſprochen wurde, daß das Ende des unterirdiſchen Ganges mit leichtem, ge⸗ brechlichem Mauerwerke verſchloſſen werde, und gerade deß⸗ halb ſtimme ich gegen den Vorſchlag des Herrn Stadt⸗ ſchultheißen und bin überzeugt, daß meine Stimme, die eines unabhängigen freien Mannes, nicht ohne Wirkung bleiben wird in dieſer höchſt achtbaren Verſammlung.“ Nachdem Herr Krampler alſo geſprochen, ſetzte er ſich nieder, nicht ergriffen und bewegt wie ſein verehrter Vor⸗ redner, ſondern mit herausfordernden Blicken, welche der Reihe nach bald auf dem Geſichte Dieſes oder Jenes haf⸗ ten blieben und ſehr häufig mit einem leicht zuſtimmenden Kopfnicken beantwortet wurden. Auch der Stadtſchultheiß hatte nach dem Schluſſe der Rede um ſich her geſchaut, vorher aber ſeine Uhr zu Rathe gezogen, und ſagte nun nach einer Pauſe mit einem freund⸗ lichen Lächeln auf ſeinen Zügen:„Als Antragſteller ſteht mir das Recht zu, noch einmal das Wort zu ergreifen. Doch was könnte ich mehr ſagen, als ich ſchon Eingangs 30 Erſtes Kapitel. unſerer heutigen Sitzung geſagt, nur meine Betheurung wiederholen, daß ich auch in dieſer Sache nur das Wohl der Stadt und Bürgerſchaft im Auge habe; vielleicht noch hinzufügen, daß unſer verehrter Freund und College, der Herr Ober⸗Baurath Lievens, auch meiner Anſicht das beſte Zeugniß ausſtellen und mir beipflichten muß, wenn ich ſage, daß der unterirdiſche Gang, um den es ſich handelt, an manchen Stellen morſch und baufällig iſt und daß ſeine gelockerten Wände mit vorbeilaufenden ſehr unreinlichen Kanälen leider in unläugbarem Zuſammenhange ſtehen und daß dies jede empfängliche Naſe der verehrten Verſamm⸗ lung ſchon häufig genug empfunden haben muß. Doch eilen wir zum Schluſſe und ſchreiten wir zur Abſtimmung: ich bitte die verehrten Herren Collegen, welche für meinen Antrag ſind, ſich zu erheben.“ Dies geſchah denn auch alsbald; doch ſahen ſich die Anhänger des Stadtſchultheißen in ſo kleiner Zahl, daß der Vorſchlag desſelben auch ohne genaue Zählung ſogleich als abgewieſen zu erkennen war. Dieſe Sache und auch die Sitzung wären hiermit wohl beendigt geweſen, wenn der Herr Ober⸗Baurath Lievens nicht daran erinnert hätte, daß er vorhin das Wort zu einer kleinen Bemerkung verlangt habe; doch dauerte es eine Zeit lang, ehe der lange, hagere Mann, nachdem er ſich ſchon lange erhoben, zu Worte kommen konnte, denn um die Tafelrunde flog ein ſehr lautes Gemurmel, theils des Erſtes Kapitel. 31 Beifalls, theils aber auch der Mißbilligung über die eben Statt gehabte Verhandlung, welche Pauſe der Stadtſchult⸗ heiß benutzte, um durch einen Zug an der Klingelſchnur, die ſich vor ſeinem Sitze unter der Tiſchplatte befand, den Amtsdiener herein zu rufen und ihm den Zettel zu über⸗ geben, den er aber vorher in einen Umſchlag geſteckt und dieſen zugeklebt.„Schicken Sie dies meiner Frau,“ ſagte er dabei leiſe;„ich habe noch Aufträge für Sie, ſonſt könnten Sie es ſelbſt hinbringen.“ Wir wollen hier noch raſch beifügen, daß ſich der Amtsdiener eilig entfernte und nach einiger Ueberlegung den Gehülfen des Marktmeiſters unten beauftragte, das Schreiben ſchnell und pünktlich zu beſorgen. Unterdeſſen ſprach der Ober⸗Baurath Lievens:„Mein verehrter Vorredner, der Metzger⸗Ober⸗Zunftmeiſter Herr Krampler, ließ uns eine Bemerkung hören, als ſtänden wir in den Augen der Bürgerſchaft, ich ſollte eigentlich ſagen in den Naſen derſelben in einem üblen Geruche, ohne daß äußerliche, natürliche Einwirkungen, wie ſie der Herr Stadt⸗ ſchultheiß mit vollem Rechte angegeben, daran ſchuld wären. Der Stadtrath ſtände alſo nun, um mich deutlicher zu er⸗ klären, moraliſch in einem üblen Geruche, und möchte ich mir die Frage an den verehrten Vorredner erlauben, welche unſerer Handlungen einen ſolchen bitteren Vorwurf ver⸗ dient haben.“ Da ſich nach dieſen Worten Herr Lievens wieder auf 32 Erſtes Kapitel. ſeinen Stuhl niederließ, ſo ſchnellte Herr Krampler aber⸗ mals kampfbereit in die Höhe und erwiederte, nachdem er um das Wort gebeten:„Habe ich von Handlungen ge⸗ ſprochen? Ich kann mich deſſen nicht erinnern. Nein, Hand⸗ lungen ſind es gerade nicht, die den Stadtrath in einen üblen Geruch gebracht haben, nicht Sünden, um mich dieſes harten Ausdruckes zu bedienen, die verübt, aber Sünden, die wir durch Nachläſſigkeit, durch Gemächlichkeit, durch Wohldienerei begangen— Unterlaſſungsſünden!“ Wichtig und groß umherſchauend, machte er hier eine Pauſe, während welcher er ein Paket Zeitungen aus der Taſche zog und dann erſt fortfuhr:„Man wird mir das Zeugniß geben, daß ich nicht der Mann bin, der einen be⸗ ſonderen Werth legt auf das Geklatſch einzelner Tages⸗ blätter, auf Zeitungsgeſchwätz; aber, meine Herren, wenn die ganze Preſſe hieſiger Stadt ſo einſtimmig unſer Lob ſingt, ſo ſollten wir doch in uns gehen und fragen, was daran verdient oder unverdient iſt. So iſt hier in den ſämmtlichen Blättern, welche ich Ihnen vorzulegen die Chre habe, eine ſtändige Rubrik zu ſehen über die Straßenreini⸗ gung der Reſidenzſtadt, und⸗ jeder Unbefangene muß ge⸗ ſtehen, daß dieſe Artikel unendlich viel Wahres enthalten. Wir ſind hier ganz unter uns und brauchen deßhalb kein Blatt vor den Mund zu nehmen, ja, wir brauchen nicht zu erröthen, wenn ich die Anſicht ausſpreche, daß gerade Erſtes Kapitel. 33 unſere Stadt eine der ſchmutzigſten, dreckigſten des geſamm⸗ ten deutſchen Vaterlandes iſt....“ „O— o— oh!“ „Eine der ſchmierigſten unſeres deutſchen Vaterlandes,“ wiederholte der Redner,„und ich kann die Behauptung wagen, daß es für einen reinlichen Menſchen nur dann möglich iſt, mit einigem Behagen die Straßen zu durch⸗ wandern, wenn vierzehntägiger Sonnenſchein den Schmutz aufgetrocknet oder wenn wohlthätiges Froſtwetter ihn zum Erſtarren gebracht hat; in allen übrigen Zeiten aber ſind Pflaſter und Trottoir mit einer gelben, zähen, knöcheltiefen Brühe bedeckt, mit einem Urſchmutze, Angeſichts deſſen man es dem Publikum und den Zeitungen nicht verargen kann, wenn ſie uns freundſchaftlich eine Ermahnung zukommen laſſen, unſere Naſe in den eigenen Dreck zu ſtecken, ſtatt uns um andere, minder wichtige Dinge zu bekümmern....“ „Ich muß hier um das Wort bitten!“ rief eine große, breitſchulterige Perſönlichkeit.„Wer mit einiger Sachkennt⸗ niß urtheilt, wird zugeben müſſen, daß es bei den vielen Bauten nicht möglich iſt, das Straßenpflaſter reinlicher zu halten; doch ſind an verſchiedenen Straßen rein gekehrte Uebergänge....“ „Dieſe wollte ich ſo eben berühren,“ unterbrach Herr Krampler mit gewaltiger Stimme den, der es gewagt, ihm in die Rede zu fallen.„Allerdings gibt es rein gekehrte Hackländer, Das Geheimniß der Stadt, I.. 3 34 Erſtes Kapitel. Uebergänge, aber wo ſind ſolche zu finden? Nur in ſolchen Gegenden, wo die Herren Stadträthe wohnen! Iſt die all⸗ gemeine Klage nun eine gerechte Klage.... ¹ „Eine Behauptung, die....“ Der Herr Stadtſchultheiß hatte ſich in ſeinen Lehnſtuhl zurückgelehnt, die Augen halb geſchloſſen und ſagte nun, nachdem er langſam ſich wieder aufrichtete:„Meine Herren! Ich muß Sie, der vorgerückten Zeit wegen, dringend er⸗ ſuchen, nicht zu weitläufig zu werden, Dinge, die mit der Geſchäftsordnung nichts zu thun haben, lieber für heute unberührt zu laſſen, vor allen Dingen aber die Redeord⸗ nung zu beachten.“ Dieſe letzteren Worte galten dem großen, breitſchulteri⸗ gen Manne, der ſich nun auch nach einem leichten Kopf⸗ nicken raſch niederſetzte. Herr Krampler aber fuhr fort:„Ich werde mich mög⸗ lichſt kurz faſſen, würde auch durchaus nicht das Wort ver⸗ langt haben, wenn nicht mein verehrter College Herr Ober⸗ Baurath Lievens mich dazu gedrängt, muß aber jetzt wie⸗ derholen, daß es unter Anderem der grundloſe Schmutz unſerer Reſidenz iſt, der uns, den Stadtrath, bei der Bür⸗ gerſchaft in einen üblen Geruch bringt; ferner aber, meine Herren, das ganz miſerable Pfl aſter, auf dem die Bürger⸗ ſchaft wandeln zu müſſen ſo unglücklich iſt. „O— o—oh, zum Schluß! Oh, zum Schluß!“ „Ja, das Straßenpflaſter, meine Herren, welches nicht, Erſtes Kapitel. 35 wie es ſollte, eine platte, angenehme Fläche bildet, ſondern eine Compoſition iſt von Erhöhungen und Löchern, von kleinen Hügeln und großen Thälern, ein Ruin für die Stiefel der Fußgänger, die Hufe der Pferde und die Räder der Equipagen, eine Zuſammenſetzung von Erhöhungen, über welche man ſtolpert, und von Kothlachen, in die man unverſehens hineinpatſcht....“ „„Zum Schluß, zum Schluß! Wir haben genug gehört!“ „Ja, wir haben genug gehört!“ rief Herr Krampler mit erhöhter Stimme.„Wir haben genug gehört, genug geleſen, ſind aber ſelbſt überzeugt, daß es nicht beſſer wer⸗ den wird, bis der Stadtrath die Pflaſterung der Stadt anderen und ſachkundigeren Händen übergibt, wie eine un⸗ abhängige Partei dieſes verehrten Collegiums ſchon ſo oft beantragt, und Sie werden mir zugeben, daß es ein Wi⸗ derſinn iſt, die Pflaſterung der Stadt durch einen Buchbin⸗ dermeiſter beſorgen zu laſſen....“ „Genug, genug! Zum Schluß!“ „Ja, zum Schluß,“ ſtimmte der Metzger⸗Ober⸗Zunft⸗ meiſter bei, indem er ſich langſam niederſetzte,„denn um fertig zu werden mit allem dem, was uns bei der Bürger⸗ ſchaft in einen üblen Geruch bringt, könnte ich mindeſtens vier Wochen lang fortfahren.“ Hierauf verkündete der Stadtſchultheiß den Schluß der heutigen Verſammlung, das Aufnahme⸗Protokoll wurde verleſen und unterzeichnet und dann die Sitzung aufgehoben. 36 Erſtes Kapitel. Die Mitglieder des Stadtraths traten nachher kurze Zeit in verſchiedene Gruppen zuſammen, verließen aber bald, durch die Rathhausuhr an die weit über Mittag vor⸗ gerückte Zeit erinnert, nach kurzen, gegenſeitigen Begrüßun⸗ gen den Verſammlungsſaal. Zweites Kapitel. Der Stadtſchultheiß ſchritt mit auf den Rücken gelegten Händen nachdenklich neben dem langen Tiſche hin und her, während der Amtsdiener beſchäftigt war, die verſchiedenen Aktenfascikel zuſammen zu leſen, um ſie wieder ins Archiv zu bringen. Letzterer that dies übrigens nicht ſchweigend, ſondern indem er ſich erlaubte, einige abgeriſſene Bemer⸗ kungen vor ſich hinzuſprechen, die aber darauf berechnet waren, von dem regierenden Oberhaupte der Stadt gehört zu werden. „Das hätte man ſich doch denken können,“ ſagte Herr Sprandel—„das war eine vorher abgekartete Geſchichte — Alles überlegt— Alles beſprochen— davon pfiff der Spatz auf dem Dache.“ „Was beliebt, he? Wovon pfiff der Spatz auf dem Dache?“ Zweites Kapitel. „Habe ich etwas geſagt, Herr Stadtſchultheiß?“ „Vielleicht nach Ihrer Gewohnheit nur laut gedacht, wie ich annehmen will. Aber was war abgemacht und beſprochen? Ich will, daß Sie reden.“ „Nun, wegen der heutigen Verhandlung. Der Metzger⸗ Oberzunftmeiſter Krampler hat ſeinen Kopf darauf geſetzt, daß der Vorſchlag des Herrn Stadtſchultheißen nicht durch⸗ gehen ſoll; er vergißt es nicht, daß ſein Bruder beſtraft wird, ſo oft er, ſtatt im Schlachthauſe, zu Hauſe ſchlachtet.“ „Dummes Zeug!“ ſagte der Stadtſchultheiß, indem er ſich an das Fenſter ſtellte und auf den Marktplatz hin⸗ ausſchaute, der nun wieder leer von Käufern und Verkäu⸗ fern war, dafür aber langſam mit dicht herabfallendem Schnee bedeckt wurde, welcher raſch die Spuren von heute Morgen unſichtbar machte. „Ja, dummes Zeug,“ fuhr der Amtsdiener laut zu denken fort,„allerdings dummes Zeug von dem Metzger⸗ Oberzunftmeiſter mit ſeinem Anhange; aber ich hätte es doch anders angefangen.“ „Und was hätten Sie anders angefangen?“ fragte der Stadtſchultheiß, ſich raſch umwendend.„Sprechen Sie — ich will es— was hätten Sie anders angefangen — nun?“ „O, es iſt das nur ſo meine Meinung, die Meinung eines ganz unwiſſenden, unbedeutenden Mannes.“ „Nun denn, laſſen Sie Ihre Meinung hören,“ ſagte Zweites Kapitel. 39 das Oberhaupt der Stadt in herablaſſendem Tone, wobei Herr Welkermann ſeine Augen halb zuſchloß und ſein Kinn in die etwas weite, weiße Halsbinde vergrub,„laſſen Sie hören; wir lieben es ſehr, Stimmen aus allen Schichten der Bürgerſchaft zu vernehmen. Und wie hätten Sie die Sache anders angefangen, anders dargeſtellt, anders vor⸗ gebracht?“ „Wenn Sie mir alſo zu reden befehlen, Herr Stadt⸗ ſchultheiß, ſo will ich denn auch ehrlich ſagen, daß ich das gar nicht dargeſtellt und gar nicht vorgebracht hätte.“ „Ah, das iſt neu! Und was hätten Sie gethan?“ „Ich— verzeihen Sie mir aber, daß ich mir erlaube, zu ſprechen, als wenn ich der Herr Stadtſchultheiß geweſen wäre— in dieſem Falle würde ich zum Amtsdiener geſagt haben: Sprandel, da haben wir im Keller ein eiſernes Gitter vor einem unterirdiſchen Gange, der zuweilen donner⸗ mäßig ſchlecht riecht, was auch der Metzger⸗Oberzunftmeiſter Krampler gerade ſo gut weiß, wie wir Beide— alſo, hätte ich geſagt, dieſer Gang muß mit Steinen zugemauert werden, und das laſſen Sie mir beſorgen, Sprandel.“ „In der That, das iſt eine ganz eigenthümliche An⸗ ſicht dieſer Sache.“ „Dann hätte der Amtsdiener Sprandel einen tüch⸗ tigen Maurer genommen, den er kennt, und da in dem großen Keller ganze Haufen Bauſteine liegen, ſo wäre die Oeffnung des Ganges im Handumdrehen zugemauert geweſen.“ 40 Zweites Kapitel. Der Stadtſchultheiß hatte ſeinen Kopf hoch aus der Halsbinde erhoben, wie um beſſer hören zu können, was der Andere ſprach, ließ aber ſein Kinn alsdann wieder raſch und tiefer niedertauchen, wobei er kopfſchüttelnd ſagte: „Das ſind ja ganz revolutionäre Anſichten, Sprandel; ge⸗ rade ſo, als wenn ich Herr und Meiſter hier im Rathhauſe wäre und nicht bloß unter Controle des Stadtrathes ver⸗ waltende Behörde, von dem Zutrauen der Bürgerſchaft dorthin geſetzt und deßhalb verpflichtet, Alles zu thun, um dieſes Vertrauen zu rechtfertigen.“ „Die Bürgerſchaft würde ſich wenig darum gekümmert haben und hätte es dem Dank wiſſen müſſen, der den alten Gang zumauern ließ.“ Vielleicht, dachte der Stadtſchultheiß, vielleicht wäre es ſo möglich geweſen. Er drehte ſich abermals gegen das Fenſter herum, blickte noch ein paar Minuten lang in die hin⸗ und herwirbelnden Schneeflocken, that hierauf einen tiefen Athemzug und ließ ſich alsdann von dem Amts⸗ diener ſeinen Ueberrock, Hut und Regenſchirm geben, um nach Hauſe zu gehen, wo ihn dringende Geſchäfte er⸗ warteten.— Die Tageshelle eines ſolchen Winternachmittags— es war im Monat Januar— iſt raſch vorüber, beſonders wenn die Luft durch'Schneegeſtöber verdunkelt wird, und ſo war es denn heute kaum vier Uhr, als ſchon die Straßen⸗ laternen angezündet wurden und ſich in den Häuſern hier Zweites Kapitel. 41 und da Fenſter erhellten. Damit gingen auch die Geſchäfte in der Rathhaushalle zu Ende; der Marktmeiſter verſchloß ſeine Bücher und ſein Gehülfe verließ den jetzt kalt gewor⸗ denen öden Raum, nachdem er ſeinen ſchwarzen Rock bis unter das Kinn zugeknöpft, ſeine Mütze tief in den Kopf hineingezogen und einen grauen groben Plaid um die Schultern gehängt hatte. Draußen zündete er ſich den Reſt einer Cigarre an, den er ſorgfältig in ein Papier gewickelt bei ſich trug, und ging nun, die Hände in den Taſchen ſeiner Beinkleider, ſo gut als möglich gegen Schnee und Kälte verwahrt da⸗ von. Wohin, das wußte er eigentlich ſelbſt kaum. Nach ſeiner Wohnung? Was ſollte er dort thun, in einem un⸗ geheizten Raume, zwiſchen vier kahlen Wänden, mit der Ausſicht auf die Dächer der Nachbarſchaft, wenn überhaupt bei der Nacht eine Ausſicht möglich geweſen wäre? Beſſer war jedenfalls der Gedanke, einen Gang aus der alten Stadt in die neue zu machen, dort, wo es auf den breiten Trottoirs und bei der helleren Gasbeleuchtung viel unter⸗ haltender war, als hier in den winkeligen Gaſſen. Dort hatte er auch in einem ſehr eleganten und frequenten Ge⸗ ſchäfte einen Freund, den er zuweilen beſuchen durfte, wenn derſelbe gerade nicht zu ſehr beſchäftigt war; auch gab es dort oben allerlei Vergnügungen, die unentgeldlich zu haben waren: man konnte die reichen Equipagen betrachten, man konnte ſich an dem großen Theater aufſtellen, und nach all 42 Zweites Kapitel. dieſen Unterhaltungen ſchwebte ihm dann am glänzenden Endziele irgend ein kleines Wirthshaus vor, wo er vielleicht ſo bekannt war, mit der Bezahlung des zweiten Schoppens Bier auf morgen zu vertröſten, nachdem er dem Kellner für den erſten gerecht geworden. Che er aber die innere Stadt verließ, verſchaffte er ſich hier in einem kleinen Laden Alles wohlfeiler, als in ähnlichen Verkaufslokalen der reichen Stadttheile, wo die Metzger einen unvernünftigen Luxus trieben mit Blumen hinter ihren Schaufenſtern, mit kleinen Springbrunnen und ſinnreich verzierten Schweinsköpfen. Bei ſeinem abendlichen Spaziergange nahm er, viel⸗ leicht unwillkürlich, vielleicht aber auch in einer leicht be⸗ greiflichen Ideenverbindung, den gleichen Weg wie heute Mittag, wo er den Brief des Amtsdieners nach der Woh⸗ nung des Stadtſchultheißen beſorgte, wo es ihm ſehr an⸗ genehm geweſen war, ſeine Botſchaft an das hübſche Dienſt⸗ mädchen ausrichten zu dürfen, welches heute Morgen einen großen Eindruck auf ſein Herz gemacht. Da lag in Kurzem das große, ſtattliche Haus vor ihm, und an der langen Reihe der hohen Fenſter ſah man überall, wenn auch jetzt nur erſt gedämpftes Licht, die Anfänge der ſpäter glän⸗ zenden Beleuchtung. Auf der einen Seite dieſes Hauſes war eine ſchmale Gaſſe, von der aus man die Nebenſeite des Gebäudes, das Treppenhaus, Küche ſowie auch die Stallung überſehen konnte. Hier machte ſich ein unge— wöhnliches Leben bemerkbar, Lichterglanz huſchte die Treppe Zweites Kapitel. 43 auf und ab, im Hofe war der Kutſcher beſchäftigt, auch die an der hinteren Seite des Hauſes angebrachten La⸗ ternen zu entzünden, und die Küche ſtrahlte in einem wahren Meere von Beleuchtung. Es iſt ſehr angenehm, die Zurüſtungen zu einem glänzenden Feſte in ſeinen erſten Anfängen zu ſehen, wenn man ſpäter berechtigt iſt, demſelben anzuwohnen. Hat man aber die Ausſicht auf ein Souper von Wurſt und Bier, ſo iſt es beſſer, von einer hell erleuchteten Küche mit ziſchen⸗ den und brodelnden Caſſerolen und Pfannen die Blicke abzuwenden. Unſer Schreiber that dies denn auch, ſein Haupt ſchmerzvoll mit dem Plaid verhüllt, doppeltes Leid im Herzen, denn als er ein paar Schritte weiter ging und einen Blick in das heimliche Stübchen neben der Küche warf, ſah er dort das Fenſter allerdings nur zu einer kleinen Spalte geöffnet; doch war dieſe groß genug, um einen ſüßen Bratenduft ſowie einen feinen Geruch von Gewürzen aller Art, von kochenden Aepfeln und Roſinen entſtrömen und ihn bemerken zu laſſen, daß der wohlbe⸗ leibte Koch im weißen Anzuge mit dem feiſten, rothen, lä⸗ chelnden Geſichte der Jungfer Margareth gerade ein Glas dampfenden Punſches ausfüllte und daß beide alsdann mit gegenſeitigen wohlwollenden Blicken anſtießen. Er hätte gern Proſit! gerufen, doch nahm er einen beſſeren Theil und zog ſchweigend ſeines Weges, wobei er aber dachte, 44 Zweites Kapitel. daß, wenn er je in den Fall kommen ſollte, ein derartiges reiches Hausweſen zu beſitzen, er es nicht dulden würde, daß ſo feiſte, unverſchämte Köche, wenn auch vorübergehend, in ſeiner Küche beſchäftigt würden. Jetzt hatte er die engen Gaſſen der alten Stadt hinter ſich, und vor ihm lag die breite Schloßſtraße, welche an der fürſtlichen Reſidenz vorüberführte und die Hauptpuls⸗ ader der neuen Stadt genannt werden konnte. Das Schnee⸗ geſtöber hatte aufgehört; nur hier und da noch wirbelten Flocken um die glänzenden Gaslaternen wie die Mücken ums Licht. Cquipagen mit ſtrahlenden Laternen rollten hin und her, die breiten Trottoirs waren mit Fußgängern aller Art bedeckt. Es war aber auch ſchon der Mühe werth, hier an den taghell erleuchteten Schaufenſtern vorüber zu ſpazieren, die ſo verführeriſch ausgelegten buntfarbigen Stoffe zu be⸗ trachten, die goldenen Geſchmeide, die Bronze⸗ und Kry⸗ ſtallwaaren; nicht minder intereſſant ſchien es aber unſerem Spaziergänger im grauen Plaid, die Leute zu betrachten, die wie er in die hohen Spiegelſcheiben blickten, um aber oft etwas ganz Anderes zu beobachten, als die ausgelegten Waaren, Blicke zu entdecken, die hin und her gewechſelt wurden, leiſe geflüſterte Worte zu verſtehen oder zu deuten. Vor einem dieſer Magazine, welches ſich weniger durch den Reichthum oder die Mannigfaltigkeit der ausgelegten Waaren bemerklich machte, als durch eine lebensgroße Zweites Kapitel. 45 Dame in violettem Sommerkleide, mit glänzend weißen Schultern, eben ſolchem Nacken und einem ſchönen Geſichte von einer faſt erſchreckenden Regelmäßigkeit, blieb unſer Schreiber ſtehen. Sie hatte den Kopf kokett ein klein wenig auf die Seite geneigt, ein freundliches Lächeln ſpielte um ihren viel zu kleinen Mund und die großen, blauen, ſtarren Augen ſchauten, anſtatt die ſie Betrachtenden eben⸗ falls anzuſehen, ziemlich theilnahmlos hinaus in weite Fernen. Dieſe Dame drehte ſich beſtändig, aber ſehr lang⸗ ſam um ſich ſelber herum, den Zuſchauern jetzt den glän⸗ zenden Nacken mit dem kunſtreichen Chignon zeigend, dann den etwas kühn gewölbten Buſen mit zwei langen Locken, welche zur Seite ihres Kopfes herabhingen. Der Gehülfe des Marktmeiſters betrachtete indeſſen, während er durch die Ladenſcheibe ſah, nicht die kokette, ſich in Einem fort drehende Dame, auch nicht die kleinen Flaſchen, Büchſen, Gläſer mit den verſchiedenſten Auf⸗ ſchrifften, oder Haar⸗ und andere Bürſten, ſondern ſeine Blicke drangen zwiſchen dieſen Gegenſtänden hindurch in das Innere des Ladens, wo man vor vier großen Spie⸗ geln vier bequeme Lehnſeſſel ſah, von denen zwei mit Herren beſetzt waren, welche, in weiße Pudermäntel gehüllt, ſich friſiren ließen. Unſer Zuſchauer wartete geduldig, bis dieſe beiden Herren das Gewölbe wieder verlaſſen hatten und bis einer der Gehülfen des Friſeurs, um friſche Luft zu ſchöpfen, an die Thür des Magazins kam. Dann trat 46 Zweites Kapitel. er vor, und an der Art, wie die Beiden ſich begrüßten, konnte man ſehen, daß es Bekannte waren; doch lag immerhin eine Verſchiedenartigkeit in dieſem Begrüßen und Erkennen, denn während der Mann im grauen Plaid faſt ſchüchtern ſeine Mütze abnahm und in einem beinahe ehr⸗ erbietigen Tone ſagte:„Ich würde dich einen Augenblick beſuchen, wenn ich nicht fürchten müßte, zu ſtören,“ ent⸗ gegnete der Andere mit dem gezwungenen Lächeln eines großmüthigen Beſchützers, indem er mit auseinander ge⸗ ſpreizten Beinen da ſtand, ſich langſam auf den Hüften. wiegend: „Komm nur herein, alter Kerl, und ſetze dich in die Ecke; wir können ein wenig plaudern, denn unſer geſtrenger Chef iſt ausgegangen.“ Und vornehm in den Laden ein⸗ getreten, fuhr er alsdann fort:„Da laß dich einen Augen⸗ blick vor dem Spiegel nieder, und unſer neuer Lehrling kann deine verwahrlosten Haare indeß ein wenig in Ord⸗ nung bringen; wenn du dich alsdann maleriſch in deinen Plaid wickelſt und dich dort in die halbdunkle Ecke begibſt, ſo wird dich Jedermann für etwas Rechtes halten.“ Der Lehrling warf dem Schreiber einen ſchon etwas gebrauchten Pudermandel um, den dieſer ſelbſt dicht unter dem Kinn zuſammenzog, und als nun nach einiger Mühe ſein ſtruppiges Haar, durch Kamm und Bürſte gebändigt, durch Pomade geglättet, anſtändige Formen annahm, meinte er, ſeufzend in den Spiegel blickend:„Wie wahr Zweites Kapitel. 47 iſt doch das Sprüchwort: Kleider machen Leute; denn wenn ich mich zu der Idee verſteigen könnte, daß ſich hier unter dem Pudermantel ein eleganter Anzug befände, ſo wirſt du mir zugeben müſſen, daß mein Kopf dazu paſſen würde, ſelbſt wenn dieſer Anzug ein modiſcher ſchwarzer Frack mit einem glänzenden Stern wäre, und ich alsdann wie ein vornehmer Herr ausſähe.“ „Nicht ſo ganz,“ erwiederte lachend der Gehülfe des Friſeurs;„ſage meinetwegen, du würdeſt ausſehen wie der erſte Schreiber eines reichen Notars, oder wie ein Sprach⸗ lehrer, höchſtens wie ein Candidat der Theologie, denn mit einem ſolchen hat dein ſcheinheiliges Geſicht mit den niedergeſchlagenen Augen am meiſten Aehnlichkeit, oder auch mit einem Tanzmeiſter, wenn man deinen hüpfenden Gang ſieht, der ſo gar nicht zu deiner Phyſiognomie ſtimmt. Du biſt überhaupt ein Kerl, der innerlich und äußerlich aus zwei ganz entgegengeſetzten Theilen beſteht: im Kopfe und in den Händen Talente genug, in deinem Herzen und in deinem Willen die größte Faulheit. Wie möchte ich ſo wie du für mageren Lohn den Marktweibern ihren Kohl und ihre Kartoffeln aufſchreiben, da es ja doch in deinem Willen läge, dir bei einem Kupferſtecher oder Lithographen ein behaglicheres und beſſeres Auskommen zu verſchaffen?“ „Ich kann nicht ruhig auf einem Platze ſitzen bleiben,“ erwiederte der Andere.„Du haſt gut reden; ich möchte 48 Zweites Kapitel. dich einmal den ganzen Tag auf dem Stuhle ſitzen und Striche machen ſehen, bis dir die Augen blind werden.“ „Und das könnteſt du ſehen und haſt es ſchon oft ge⸗ ſehen— meinſt, es ſei weniger ſchwierig und unterhaltender, einzelne Haare in feine Seide zu fädeln?“ „Das geſchieht aber nur zur Abwechslung und wenn ihr nichts Anderes zu thun habt. Wie unterhaltend iſt dagegen eure übrige Arbeit, den Leuten an ihren Köpfen herumzuſpielen, dabei zu plaudern und zu lachen, alles Neue zu erfahren, Jedermanns Freund zu ſein— und dann erſt die Damen! Ich dachte mir ſchon oft, es iſt ſehr ſchade, daß ich kein Friſeur geworden bin.“ „Auch das hat ſeine Schattenſeiten,“ meinte ſeufzend der Haarkräusler⸗Gehülfe;„allerdings thut man dabei Blicke in Familien⸗ und andere Geheimniſſe und empfängt Ein⸗ drücke, die, ohne Ausſicht auf Erfolg, nur zu unſerer Be⸗ unruhigung dienen und ſchwer wieder zu verwiſchen ſind.“ „Aber ihr wißt, wofür ihr arbeitet, ſeid gut bezahlt, und das, was ſo nebenbei abfällt, iſt auch nicht zu ver⸗ achten, während ſo ein armer Kupferſtecher oder ein noch ärmerer Lithograph gerade ſo viel verdient, um nicht Hungers zu ſterben.“ „Nun, bei der Marktſchreiberei ſcheinſt du mir auch nicht beſſer geſtellt zu ſein, du erſcheinſt da wahrhaftig in einem unverantwortlichen Anzuge; wenn nicht die Er⸗ innerungen an unſere gemeinſchaftliche Schulzeit ſo mächtig Zweites Kapitel. 49 in mir wären und ich nicht wüßte, daß du im Grunde ein guter Kerl biſt, ſo müßte ich wahrhaftig in meiner Stellung allen Umgang mit dir abbrechen.“ Der Perrückenmacher ſagte das, indem er den rechten Fuß wie in einem Tanzpas vorgeſetzt hatte, den Oberkörper etwas zurückgebogen und ſeinen Freund von oben bis unten betrachtend, wobei er ein Brenneiſen, welches er am Zeige⸗ finger ſeiner rechten Hand hangen hatte, jetzt mit großer Geſchicklichkeit im Kreiſe herum wirbelte— und das mußte wahr ſein, der Andere, jetzt des ſo viele Mängel verhüllen⸗ den Pudermantels entledigt, ſah gerade nicht empfehlens⸗ werth aus. Seinen abgeſchabten ſchwarzen Frack kennen wir bereits— Wäſche war durchaus keine ſichtbar, die Weſte nicht nennenswerth, und was ſeine Beinkleider an⸗ belangte, ſo wollen wir lieber den Blick ſtillſchweigend da⸗ ran hinunter gleiten laſſen, um ſein Piedeſtal höchſt trau⸗ rig zu finden. Die letzte Bemerkung mochte der Friſeur machen, denn er fragte ihn:„Trägſt du Schuhe oder Stiefel?“ „Stiefel, das will ich meinen!“ „So würde ich dir den Rath geben, die Beinkleider in dieſelben hinein zu ſtecken, wie es jetzt Mode iſt, denn ich ſehe an denſelben ein paar verdächtige Franſen oder etwas Aehnliches; vor allen Dingen aber ſetze dich dort in die Ecke und wirf deinen Plaid maleriſch auf Kniee und Füße Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. I. 4 Zweites Kapitel. — oder haſt du vielleicht ſonſt noch Gänge vor, die deine Zeit in Anſpruch nehmen?“ „Das gerade nicht,“ erwiederte der Gefragte und fuhr, nachdem er in der halbdunklen Ecke Platz genommen, etwas kleinlaut fort:„Es iſt wahr, mit der verfluchten Schrei⸗ berei iſt nicht viel verdient, man kommt auf keinen grünen Zweig; Zeit habe ich genug, aber kein Geld.“ „Und was machſt du mit deiner überflüſſigen Zeit auf deinem ſogenannten Bureau?“ „Zeichnungen, um mir die Langeweile zu vertreiben.“ „Und früher, als du zeichnen ſollteſt, machteſt du zu gleichem Zwecke unnöthige Schreibereien.“ „Ja, der Menſch iſt mit ſeinem Schickſale nie zu⸗ frieden!“ ſeufzte der Gehülfe des Marktmeiſters. „Und was zeichneſt du?“ „Spielereien, Caricaturen, lebende Buchſtaben, das heißt Buchſtaben, die aus menſchlichen Körpern zuſammen⸗ geſetzt ſind, und darin kann ich etwas leiſten, das mußt du ſehen.“ Der Schreiber zog bei dieſen Worten eine alte Brief⸗ taſche hervor, nahm daraus ein Blatt Papier, welches er auseinander faltete und dem Anderen überreichte. „Siehſt du, wenn du das aus einiger Entfernung be⸗ trachteſt, ſo liest du deutlich den Namen Sprandel, ſo heißt der Amtsdiener des Raths und das Factotum des Stadtſchultheißen; ſchauſt du es aber in der Nähe an, ſo Zweites Kapitel. 51 findeſt du, daß die Buchſtaben aus lauter einzelnen Spran⸗ deln beſtehen: Sprandel, wenn er Morgens verdrießlich daher ſchlendert, Sprandel, wenn er ſich vorm Stadtſchult⸗ heißen oder Einem vom Gemeinderathe bückelt, Sprandel, wenn er ſich am Ofen den Rücken wärmt, Sprandel, wenn er ſeinen Frühſtücksſchoppen trinkt, und hier am Schluſſe Sprandel, wie er mir über die Achſel ſchaut. Iſt das nicht famos?“ „Ich kenne deinen Sprandel nicht, aber du ſelbſt biſt zu erkennen, und deßhalb muß ich ſchon ſagen, daß es unverantwortlich iſt, ſo ein Talent, ſo eine feſte Hand, ſo ein feſtes Auge nur zu dergleichen Kindereien zu benutzen.“ „Nicht wahr, ich bin ähnlich, und erſt der Sprandel, obgleich ſein Geſicht nicht viel größer als ein Stecknadel⸗ kopf iſt; es hat mich das aber Mühe genug gekoſtet, und ſiehſt du, was die Hauptſache iſt, das iſt die feine Schraf⸗ firung von haarſcharfen Strichen, die ſchräg über das Ganze laufen und Nebel und Regen vorſtellen ſollen; das iſt ge⸗ rade wie guillochirt— doch was verſtehſt du von der Guillochir⸗Maſchine!“ „Allerdings ſo gut wie gar nichts— aber laß mir das Blatt; ich friſire da zuweilen den Commis einer Kunſthandlung, die ſtark in Landkarten arbeitet, das wäre eigentlich dein Fach. Doch jetzt ſetze dich in jene Ecke, es kommen Leute.“ Der Schreiber that, wie ihm befohlen, und der Andere, Zweites Kapitel. da er zwei Herren eintreten ſah, zog an der Klingel, welche in das obere Atelier führte, und lud den einen Herrn mit einer graziöſen Handbewegung zum Sitzen ein, während er dem anderen, der ſchon vor einem der Spiegel Platz genommen hatte, mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit den Pudermantel umwarf. „Einen geraden Scheitel, wie gewöhnlich, und Eis⸗ pommade?“ fragte der Friſeur. „Geraden Scheitel, ja, aber Eispommade, nein; ſie riecht nach einer Stunde wie altes Unſchlitt, man kommt dadurch in die größte Verlegenheit.“ Dann wandte er ſich an den anderen jungen Herrn, ein Geſpräch ungenirt fortſetzend, das beide ſchon wahr⸗ ſcheinlich auf der Straße angefangen. „Mit dem Alten iſt in dieſer Richtung nichts anzu⸗ fangen; aber meiner Mutter habe ich es geſagt— es nutzt aber nichts—, warum dergleichen große Geſchichten arrangiren, mag man ſie nun Bälle nennen oder mit dem beſcheidenen Namen Thés dansants? Man kann doch nicht mehr thun, als die Zimmer ſo vollſtopfen, wie nur immer möglich— und doch ladet man ſich für zehn Eingeladene ein Dutzend Mißvergnügter auf den Hals, die man über⸗ gehen mußte. Ueberhaupt bin ich ein Feind aller dieſer Damengeſellſchaften; man muß da Rückſichten nach allen 1 Seiten nehmen, man iſt den ganzen Abend ein gefeſſelter Sklave, man muß plaudern, wo man ſchweigen möchte, Zweites Kapitel. 53 und umgekehrt; man muß auch tanzen, mit wem man nicht mag, zum Beiſpiel ich heute Abend in meiner Stellung als Sohn vom Hauſe ſollte ich das wenigſtens thun; aber ich glaube faſt, daß ich mir den Fuß übertreten habe— ich rechne auf dich, du kannſt für mich herumhüpfen— ich bin ohnehin ſchon zu alt dazu.“ Der, welcher ſo ſprach, war ein junger Mann von vielleicht 20 oder 22 Jahren, ziemlich groß, ſchlank, mit einem vollen, nicht unangenehmen Geſichte und kleinem Schnurrbarte. Der Andere, welcher ſich nun ebenfalls unter den Hän⸗ den, und zwar des zweiten Friſeurs befand, war von kleiner, ſchmächtiger Statur, höchſtens um einige Jahre älter und hatte ein ſchmales Geſicht, dem wohl der ſtarke, röthliche Backenbart, welcher auf beiden Seiten in langen Spitzen bis auf die Bruſt herabhing, etwas Rundung geben ſollte. Er wandte jetzt lachend ſeinen Kopf herum und entgegnete: „Was ich vermag, werde ich leiſten, jugendlicher Greis, obgleich du mich in Betreff der kleinen Pfälzinger gewiß wieder vergeſſen haſt.“ „Vergeſſen keinenfalls, aber meine Alte machte ein Ge⸗ ſicht— weißt du, kein Geſicht des Verdruſſes, aber eines von ſo grenzenloſer Verwunderung, daß ich ſogleich einſah, wie unmöglich es ſei, hier durchzudringen. Sie ſagte nur: ‚Eine Schauſpielerin? Ach, das muß ich mir ausbitten, was würde die Welt dazu ſagen!““ 54 Zweites Kapitel. „Ja, die Welt, die Welt!“ ſeufzte der Andere;„deine Mutter iſt ſonſt eine ſo aufgeklärte Frau.“ „Ich hatte viel für dich gethan,“ fuhr der Andere fort; „ich hatte meine Tante, die Frau Haupt⸗Staatsſchulden⸗ zahlungs⸗Caſſen⸗Reviſorin— ein verfluchter Titel—, in ihrem Hauſe wohnt ja die Kleine, mit Hülfe meines Oheims, der ſchon als Demokrat freieren Anſichten huldigt, breit⸗ geſchlagen.“ „Siehſt du, das iſt doch ein Beweis, wie anſtändig die Pfälzinger iſt.“ „Das mußt du am beſten wiſſen; das einzige Zwei⸗ deutige, das ich von dem Mädchen weiß, iſt, daß ſie dir erlaubt, ſie zu beſuchen— geht mich aber nichts an. Meine Mutter ſchien's nicht ſo verſtehen zu wollen; als ich ſagte, Tante Reviſorin hätte ſich entſchloſſen, die Kleine mitzu⸗ bringen, und das wäre doch ein ſicherer Beweis ihrer Anſtändigkeit, da lachte ſie laut auf und meinte: O, die Tante kenne ich; ſie würde noch ganz jemand Anderes mit⸗ bringen, weil ſie überzeugt wäre, dadurch ein Dutzend ſo⸗ genannte anſtändige und brave Frauen zu ärgern.““ „Auch nicht übel!“ Das Friſiren war beendigt, und während ſich der größere der beiden Herren, der Sohn des Stadtſchultheißen Welker⸗ mann, im Spiegel betrachtete und dabei ſeinen eleganten Paletot von dem Gehülfen leicht abſtauben ließ, meinte er: „Du wirſt aber nicht zu kurz kommen; ich ſage dir, Zweites Kapitel. 5⁵ die Mama hat im Departement der Einladungen für alles geſorgt, was gut und theuer iſt, ſo wie der Alte im De⸗ partement der inneren Angelegenheiten. Auch habe ich es ſo eingerichtet, daß wir unter uns Pfarrerstöchtern im hinteren Zimmer ſoupiren, und zwar mit Beihülfe einer guten Anzahl Flaſchen Roederer carte blanche. Biſt du nun zufrieden?“ „Ich hoffe, es zu werden,“ erwiederte der mit dem rothen Barte.„Doch werde ich morgen mit der kleinen Pfälzinger einen ſchweren Stand haben, oder vielmehr mit ihrer Mutter, der viel daran gelegen war, die Tochter in euer Haus zu bringen.“ „Dieſe Mutter iſt eine ſehr brave Frau, im Intereſſe ihrer Tochter nämlich; doch hoffe ich, Kleiner, daß du es begreifſt, daß man dir dadurch ein neues Seil um die Hörner geworfen hätte,“ entgegnete der Sohn des Stadt⸗ ſchultheißen in gleichgültigem Tone und ſetzte hinzu, wäh⸗ rend er, vor dem Spiegel ſtehend, ſeinen Schnurrbart drehte:„Begreiflicher Weiſe ohne irgend welche Anſpielung.“ „Ich mache mir nichts daraus, man muß ſich eben an deine gewagten Bilder gewöhnen.“ Hier erlaubte ſich der Friſeur, zu ſagen:„Man freut ſich allgemein auf den heutigen Ball des Herrn Stadt⸗ ſchultheißen; der Principal iſt ſeit Mittag ſchon in den beſten Häuſern beſchäftigt.“ „Dieſe armen Schlachtopfer menſchlicher Grauſamkeit,“ 56 Zweites Kapitel. meinte Herr Welkermann junior,„die da friſirt einen ganzen Nachmittag ſitzen müſſen und ſchon todtmüde ſind, bis ſie erſt einmal zum Anziehen kommen. Da haben wir es doch beſſer. Was meinſt du, wollen wir in den Jagdelub und dort eine Partie Billard ſpielen?“ „Dafür danke ich; ich hoffe mir heute Abend noch Be⸗ wegung genug zu machen.“ „Oder bringen wir ſonſt die Zeit herum; ich habe mich ſchon gleich nach Tiſch auf der Bank verabſchiedet, was man ſehr begreiflich fand.“ Der Gehülfe reichte den beiden Herren ihre Hüte und ſagte dabei, er wünſche ihnen viel Vergnügen. „Das wird mäßig genug ausfallen,“ meinte der Sohn des Stadtſchultheißen;„es iſt eine harte Arbeit, ſo ein Ballabend. Ich bin überzeugt, Monſieur Fritz amuſiren ſich viel beſſer.“ „Ich hoffe, das Meinige zu leiſten, Herr Welkermann — eine kleine Tanzpartie im Tivoli.“ „Dort iſt es ſehr amuſant. Was meinſt du, Kleiner, wenn es bei uns nicht zu ſpät würde, könnten wir noch ein Bißchen dorthin gehen?“ Nachdem die Beiden den Laden verlaſſen hatten, fragte der Gehülfe des Marktmeiſters:„Denkſt du wirklich daran, ins Tivoli zu gehen?“ „Warum nicht? Und wenn es dir Spaß macht, kannſt du mich begleiten. Ich habe heute einen guten Tag ge⸗ Zweites Kapitel. 57 habt, und wenn ich dich auch gerade nicht zum Tanz auf⸗ fordern will, ſo wirſt du mir es nicht abſchlagen, an einem kleinen Nachteſſen Theil zu nehmen; ich weiß nicht, warum ich nun einmal den Affen an dir gefreſſen habe— ſind es allein unſere Schulzeit⸗Erinnerungen, oder iſt es die Hoff⸗ nung, daß du ſpäter doch noch etwas Tüchtiges leiſten wirſt, oder iſt es, weil du jetzt ſchon was Rechtes biſt, in der Liederlichkeit nämlich, und weil man mit dir immer ein gewiſſes Aufſehen macht? Doch ſei ſtill, bemühe dich mit keiner Ant⸗ wort und laß deinen Plaid ein klein wenig mehr über die troſtloſen Stiefel herabhangen; ich höre einen Wagen an⸗ fahren. Wahrſcheinlich etwas, das hier bei uns nicht an Geſtalten wie die deinige gewohnt iſt.“ Ein Lakai öffnete die Thür des kleinen Cabinets, und als er ſah, daß niemand Fremdes da war— den Schreiber in der Ecke ſchien er nicht zu beachten—, flüſterte er dem Gehülfen zu:„Es iſt mir recht, daß Sie allein ſind; mein Herr will ſich im Vorbeifahren raſch ſeine Haare herrichten laſſen!“ Und damit verſchwand er wieder. „Wer iſt ſein Herr?“ fragte leiſe der Schreiber. „Der Baron von Rivola, ein ſchon älterer Herr, wohnt eine Stunde von der Reſidenz auf ſeinem Gute, kommt aber häufig in die Stadt, iſt nicht nur bei Hofe gern ge⸗ ſehen, ſondern auch in allen Kreiſen der Geſellſchaft; es ſollte mich gar nicht wundern, wenn er heute Abend beim Stadtſchultheißen wäre. Doch halte dich ruhig, da kommt er.“ 58 Zweites Kapitel. Der Gehülfe ging nach dieſen Worten dem hereinkom⸗ menden Herrn entgegen, machte eine tiefe Verbeugung und führte ihn vor den größten Spiegel des Cabinets, neben welchem ausnahmsweiſe zwei Gasflammen brannten; auch wandte er ſorgfältig das Sitzkiſſen des Fauteuils um und holte mit raſchem Griffe aus einer Commode einen ganz reinen Pudermantel heraus. Baron Rivola, ein Mann ſtark in den Fünßzigern, ließ ſich ſtillſchweigend nieder und ſagte erſt, als ihn der Ge⸗ hülfe fragend anſah:„Nur das Haar ausbürſten und etwas Pomade.“ Dieſes Haar, ſehr ſtark und ungebändigt aufſtrebend, war aber ſchon ſtark ergraut; unter demſelben ſah man eine hohe, breite Stirn, ein Paar blaue Brillengläſer, eine ſtarke, knochige Naſe ſowie einen ſcharf gezeichneten Mund mit dünnen Lippen und ein hervorſtehendes Kinn, beides Zeichen großer Energie. „Befehlen der Herr Baron eine Zeitung?“ „Ich danke, es wird nicht zu lange dauern.“ „Schlechtes Wetter, Herr Baron; ich glaubte, heute nicht mehr das Glück zu haben, den Herrn Baron bei uns zu ſehen.“ „Es wäre auch zu Hauſe an meinem Kaminfeuer an⸗ genehmer; doch muß man der Geſellſchaft, in welcher man lebt, Opfer bringen.“ „Ich glaube, es iſt eine Soirée bei Hofe; der Adjutant Zweites Kapitel. 59 Sr. Majeſtät, Graf Dichſenheim, ſprach heute Morgen davon.“ „So— ich weiß nicht.“ „Auch iſt ein Ball beim Herrn Stadtſchultheiß.“ „A— a—ah!“ Vielleicht mochte dieſes ausholende Geſpräch dem Be⸗ treffenden gerade nicht angenehm ſein, denn er griff mit der Hand nach den Zeitungen, die vor ihm unter dem Spiegel lagen, bekam aber ſtatt deſſen die Zeichnung des Marktſchreibergehülfen in die Hand, welche Monſieur Fritz dort hingelegt. Der Baron entfaltete ſie, blickte ſie zuerſt gleichgültig, dann aber offenbar mit ſo großer Aufmerk⸗ ſamkeit und ſo unverkennbarem Intereſſe an, daß ſich der Friſeur nicht enthalten konnte, den Kopf ſeitwärts zu wenden und ſeinen Freund durch ein bedeutſames Nicken darauf aufmerkſam zu machen. Der Herr Baron hatte jetzt das Papier ganz dicht der Gasflamme genähert und fragte:„Was iſt denn das?“ „Federproben eines meiner Freunde, der allerdings ſehr correkt zu zeichnen verſteht, wie der Herr Baron, der ein ſo großer Kenner iſt, gewiß ſogleich geſehen hat.“ „Sehr correkt.“ „Dieß iſt aber nur die Frucht einer müßigen Stunde, nur ſo aufs Papier hingeworfen; wenn ſich mein Freund Mühe geben will, ſo kann er noch ganz Anderes zu Stande bringen. Hat er doch neulich einmal das Vaterunſer auf 60 Zweites Kapitel. einen Kreuzer geſchrieben, und ſo deutlich, daß man es mit der Loupe leſen konnte.“ „Ah, mit der Loupe— er verſteht damit umzugehen?“ „Gewiß, Herr Baron.“ Dieſer faßte mit den Händen an den Taſchen ſeiner Weſte herum und brachte nach einigem Suchen eines der eben genannten Inſtrumente hervor, hielt dieſes über die Zeichnung und prüfte lange, nachdem er ſeine blaue Brille in die Höhe geſchoben und die Loupe vor das rechte Auge gebracht hatte. Dann ſagte er:„In der That, ſehr correkt!“ Worauf er, nachdem er das Blatt hingelegt und die Loupe wieder eingeſchoben, in gleichgültigem Tone ſagte:„Und wer iſt dieſer Freund— ein Kupferſtecher oder ſo etwas?“ Monſieur Fritz zuckte mit den Achſeln und ſagte lächelnd: „Er iſt von Allem etwas, Herr Baron, und im Ganzen mehr als wenig; er war auch einmal Kupferſtecher, auch Lithograph, iſt jetzt Schreibereigehülfe des Marktmeiſters, wo er ein kärgliches Brod verdient, und— in dieſem Augenblicke zufällig hier im Zimmer.“ Der Betreffende, welcher den Augenblick gekommen glaubte, ſich vorſtellen zu dürfen, kam aus der Ecke hervor, wobei er aber die Vorſicht gebrauchte, durch den Plaid den unteren, defekten Theil ſeiner Beinkleider ſowie ſeiner beſchmutzten Stiefel bedeckt zu halten, was ſeiner ganzen Figur ein eigenthümliches Ausſehen verlieh. „Ei,“ ſagte der alte Herr, indem er dieſe ſeltſame Er⸗ Zweites Kapitel. 61 ſcheinung aufmerkſam betrachtete,„für das, was Ihr Freund vielleicht könnte, hat er es nicht weit gebracht.“ „Das habe ich ihm ſchon oft geſagt, Herr Baron; er hätte bei der Kupferſtecherei bleiben ſollen, aber er hat kein Sitzfleiſch— verzeihen Sie mir den Ausdruck, Herr Baron!“ Ueber die Züge des alten Herrn flog ein kurzes, ſcharfes Lächeln, als er erwiederte:„Er ſieht allerdings ſehr mager aus— ja, ohne Fleiß und Ausdauer bringt man es zu gar nichts.“ „Er würde auch Fleiß und Ausdauer haben, aber nur für kurze Zeit; ich weiß nicht, ob Sie mich verſtehen, Herr Baron?“ „Ausdauer für kurze Zeit? Nein, das verſtehe ich nicht.“ „Ich meine nur, er würde eine gute Arbeit mit großem Fleiße, vieler Mühe und Ausdauer meiſterhaft zu Stande bringen, wenn er dafür ſo ordentlich belohnt würde, daß er alsdann eine Zeit lang wieder nichts zu thun brauchte.“ „Ah, und das Geld, welches er alsdann verdient, luſtig auszugeben?“ „So iſt's, Herr Baron. Aber beſſer wäre es noch, wenn man ihm vielleicht einen ganz kleinen Dienſt ver⸗ ſchaffen könnte, vielleicht in einer Bibliothek, denn er kann auch Latein und Griechiſch, und einen Katalog würde Nie⸗ mand ſo ſchön ſchreiben, wie er; auch wäre er für ein Kupſerſtich⸗Cabinet verwendbar. Der Herr Baron haben 62 Zweites Kapitel. eine ſo große Bekanntſchaft,“ fuhr der Gehülfe des Friſeurs in bittendem Tone fort,„und ſchon ſo manchem jungen Künſtler geholfen, wenn Sie nur einmal die Gnade hätten, Sich meines Freundes gelegentlich zu erinnern— Franz Steffler, Gehülfe bei dem hieſigen Marktmeiſter.“ „Schreiben Sie mir den Namen da auf die Zeichnung, und auch, wo Ihr Freund wohnt.“ „Gott lohne es Ihnen, Herr Baron! So unſcheinbar er auch ausſieht, ſo hat er doch ein gutes Gemüth und iſt über alle Beſchreibung dankbar.“ Der Freiherr von Rivola ſteckte die Zeichnung in die Taſche und ſagte, während er ſeinen Hut aufſetzte:„Ich werde mich Ihres Freundes erinnern; ob ich aber etwas für ihn thun kann, iſt die Frage.“ Er verließ das Cabinet, und der Friſeur eilte ihm nach bis auf die Straße, wo er ihn gern in den Wagen gehoben und den Schlag hinter ihm geſchloſſen hätte, wenn dies alles nicht der elegante Diener beſorgt. „Siehſt du, Kerl,“ rief er hierauf, als er wieder in das Cabinet zurückgekommen war,„jetzt müßte mich Alles trügen, oder ich habe deinem Glücke eine gute Handhabe gedreht; wenn der etwas für dich thun will, ſo kann er's — dich vielleicht bei der Bibliothek anſtellen laſſen oder beim Kupferſtich⸗Cabinet, oder auch dir eine gute Arbeit verſchaffen, welche dir tüchtig Geld einträgt.“ „Das Letztere wäre mir das Liebſte, nur ſo viel, um 8 Zweites Kapitel. 63 1 mich ordentlich herrichten zu können, um nach Amerika aus⸗ zuwandern, denn aufrichtig geſtanden, hier komme ich doch auf keinen grünen Zweig.“ „Darin haſt du allerdings nicht Unrecht.“ „Was hält mich auch hier zurück? Ich habe keine Eltern mehr, auch ſonſt keine Verwandten, und den Leuten, die ſich allenfalls für mich intereſſiren, die zuweilen zärt⸗ lich nach mir ausſchauen, ob ich noch am Leben bin, gehe ich gern aus dem Wege; ja, wenn ich wirklich einmal etwas Rechtes verdiente, ſo würden ſie ihre Sorgfalt ſo weit treiben, mich höflich zu erſuchen, ihnen ſo bald als möglich einen freundſchaftlichen Beſuch zu machen. Deß⸗ halb Geld verdient und dann aufgepackt und fort!“ „Ohne Anzeige in den öffentlichen Blättern, wer vor deiner Abreiſe nach Amerika noch eine gültige Forderung zu ſtellen habe, möge ſich bei Zeiten melden?“ „Es ginge auch ohne das.“ „Nun aber Scherz bei Seite. Ich weiß nicht, es iſt mir immer, als wenn der Mann etwas für dich thäte; deßhalb wollen wir auch allen Ernſtes heute Abend ins Tivoli gehen. Verfüge dich in deine Wohnung, mache dich ſo anſtändig, als immer möglich, und hole mich um acht Uhr ab.“ Drittes Kapitel. Nachdem wir vorhin das Haus des Stadtſchultheißen von der Straße aus geſehen mit ſeinen Zurichtungen zum heutigen Balle, müſſen wir uns im Verlaufe unſerer Ge⸗ ſchichte ſchon erlauben, auch das Innere deſſelben zu betre⸗ ten. Sehr viele Einladungen zum heutigen Feſte waren ergangen, Einladungen mit verblümten Redensarten, wie ſie jetzt bei ſolchen Veranlaſſungen der Brauch ſind, die häufig nur errathen laſſen, wozu der Gaſt eingeladen iſt: „Für einen Ball bittet ſich Madame N. von Herrn N. N. die Chre aus, den Abend des und des bei ihr zubringen zu wollen“, oder:„Herr N. und Madame N. werden ſich freuen, wenn Herr N. N. eine Taſſe Thee bei ihnen an⸗ nehmen wolle“; zu einem Diner heißt es gewöhnlich nauf einen Löffel Suppe“. Die Eingeladenen zum Feſte des Stadtſchultheißen Drittes Kapitel. 65 wußten aber ſchon, woran ſie waren, und Madame Welker⸗ mann hatte kein Geheimniß daraus gemacht, daß es ein wirklicher Ball ſein ſolle, und zwar aus einer Veranlaſſung, die ihrem Mutterherzen wohlthat. War doch ihre achtzehn Jahre alte Tochter vor Kurzem aus der Penſion zurück⸗ gekehrt und ſollte nun mit vollem Glanze zum erſten Male in die Welt eingeführt werden! Madame Welkermann war eine brave Frau, hatte aber als Tochter einer der erſten Patrizierfamilien einer ehemaligen Reichsſtadt den Glauben, ſie habe Herrn Wel⸗ kermann eine außerordentliche Ehre angethan, indem ſie ihm ihre Hand reichte. Allerdings war dieſer damals nichts Anderes geweſen, als ein kleiner ſtädtiſcher Beamter, der übrigens, als Sohn des verſtorbenen reichen Stadt⸗ ſchreibers Welkermann, mit Verſtand ſowie ſehr vielen na⸗ türlichen Anlagen ausgerüſtet, wohl zu einer guten Lauf⸗ bahn Hoffnung gab, welche, wie wir bereits geſehen, denn auch eingetroffen war. Madame Welkermann war im Laufe der Jahre Stadtſchultheißin geworden, und die Familien derer von der Eſchenbach betrachteten ſie, wenn auch nicht mit Stolz, doch mit Genugthuung. In der Küche des Hauſes loderte das Feuer ſtärker als je, und der für heute dirigirende Koch gab ſich die größte Mühe, die Thüren ſeines Appartements feſt ver⸗ ſchloſſen zu halten, damit kein Speiſegeruch auf Vorſaal und Treppe hinaus dringe, was er mit vollem Rechte für Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. I. 5 66 Drittes Kapitel. höchſt unanſtändig erklärte. Doch bemerkte man nur in den unteren Räumen Leben und Bewegung; oben und auf den Treppen hatte alles unnöthige Gelaufe aufgehört, und das ganze anſehnliche und reiche Apartement befand ſich zur Aufnahme der Gäſte bereit und in voller Parade. Dieſe hielt der Stadtſchultheiß in eigener Perſon, im ſchwarzen Frack, weißer Halsbinde, tadellos von den ſtraff emporgebürſteten Haaren bis zu den Spitzen ſeiner lackirten Stiefel, nun zum letzten Male ab, und zwar in Begleitung ſeines heutigen dienſtthuenden Adjutanten Herrn Aſcher, eines ehemaligen Kammerlakaien, der ſich vom Dienſte zu⸗ rückgezogen und nun in guten Häuſern bei Feſtlichkeiten aushalf. Die Parade fing bei der Hausthür an, wo der Amts⸗ diener des Stadtraths ſtand, um die männlichen Gäſte in die unten befindliche Garderobe zu weiſen, die Damen da⸗ gegen zu bitten, ſich zur Ablegung ihrer Mäntel und Shawls die Treppe hinauf zu bemühen. Daß Herr Sprandel mitten in grünem Geſträuche ſtand, verſteht ſich von ſelbſt, ebenſo, daß die breite Treppe mit Blumen beſetzt und mit Teppichen belegt war. Dann kam man oben, nachdem man einen ſchweren Vorhang auf⸗ gehoben, welches Geſchäft der Kutſcher des Hauſes für die Gäſte zu beſorgen hatte, in ein reich beleuchtetes Veſtibule. Es war dies in den gewöhnlichen Zeiten ein dunkler, un⸗ behaglicher Raum, der aber jetzt, mit Teppichen belegt, Drittes Kapitel. 67 mit Pflanzen und Sitzgelegenheiten decorirt, einen feſtlichen Anblick bot. „Charmant!“ ſagte der Stadtſchultheiß zu Herrn Aſcher, welcher ſich ſtillſchweigend verbeugte. Nun ging man durch die ganze Zimmerreihe, an der ſämmtliche Thüren ausge⸗ hoben worden waren, ſowie alles entfernt, was an die niederen täglichen Bedürfniſſe des Lebens erinnern konnte. War doch ſogar das Schlaf- und Arbeitszimmer des Herrn Welkermann nicht geſchont worden und Alles, bis auf eine einzige abgeſonderte Stube, in den Bereich der Feſtlichkeit gezogen! Dieſe Stube bot dafür aber auch ein merkwürdi⸗ ges Durcheinander, ein wahres Chaos von Kiſten, Schrän⸗ ken, Möbeln und Bettwerk. Es war ein Glück, daß dort Finſterniß herrſchte, und der Stadtſchultheiß hatte zu ſeiner Beruhigung den Schlüſſel zweimal umgedreht und in ſeine Taſche geſteckt. „Es iſt das alles in der That gelungen,“ ſagte er, nachdem er in der Begleitung Aſcher's ſämmtliche Zimmer durchgegangen;„es iſt überall hell genug, nicht zu warm und duftet höchſt angenehm.“ „Letzteres iſt das Einzige, was ich allenfalls auszu⸗ ſetzen hätte, Herr Stadtſchultheiß,“ meinte Herr Aſcher mit einer wichtigen Miene.„Die Frau Stadtſchultheiß haben das Räuchern angeordnet, trotzdem ich mir zu bemerken erlaubte, daß in den großen und vornehmen Häuſern, in denen ich zu ſerviren das Glück habe, niemals geräuchert 68 Drittes Kapitel. wird. Seine Excellenz der Herr Graf von Schapperbach, welcher mir beim Feſte Alles zu überlaſſen pflegt, welcher mich an nichts zu erinnern braucht, denn er kennt mich, unterläßt es dennoch nie, nachdem er mir Alles übertragen, warnend den Zeigefinger aufzuheben— jedes Mal, Herr Stadtſchultheiß—, was ſo viel heißen ſoll: Mein lieber Herr Aſcher, ich bin mit allem, was Sie thun, einverſtan⸗ den— aber um Gottes willen keine Räucherung!“ „Man könnte ja ein paar Fenſter öffnen,“ meinte der Stadtſchultheiß. „Unbeſorgt; dieſer Geruch verflüchtigt ſich ſchon, ehe die Gäſte kommen.“ „Im Uebrigen,“ fragte der Herr des Hauſes,„ſind Sie aber überzeugt, daß unſere Apartements einen guten, ja, wohlthuenden oder, wie ſoll ich ſagen, reichen Eindruck auf unſere Eingeladenen machen werden?“ „Gewiß, Herr Stadtſchultheiß. Ich bin überzeugt, daß ſogar unſere jungen, verwöhnten Herren„ſuberbe“ ſagen, und Sie werden ſehen, daß Seine Excellenz der Herr Miniſter des Innern nicht verfehlen wird, Ihnen ſogleich ein Compliment zu machen.“ „Es ſollte mich freuen, und ich weiß nicht, wem ich meine Erkenntlichkeit zu beweiſen habe, wenn unſer ganzes Feſt ſo vorübergeht, wie wir es wünſchen. Richten Sie Ihr Augenmerk noch ganz beſonders auf das Souper— man wird in zwei Hälften zu Nacht ſpeiſen: zuerſt bis Drittes Kapitel. 69 älteren Herrſchaften, welche nicht tanzen, dann die jungen Leute. Seien Sie mit dem Champagner nicht zu ſparſam, vergeſſen Sie aber auch nicht, daß wir zweierlei Sorten haben— nur zum Beſten der jungen Leute, denen, vom Tanze erhitzt, etwas Leichtes, Ungefährliches viel zuträg⸗ licher iſt.“ „Verlaſſen Sie ſich ganz auf mich, Herr Stadtſchult⸗ heiß. Ich werde das beſorgen, wie ſtets in den vorneh⸗ men Häuſern, mit deren Vertrauen ich beehrt werde.“ „So— ich danke Ihnen. Bleiben Sie ſo viel wie möglich in der Nähe, wenigſtens bis die Geſchichte voll⸗ kommen im Gange iſt und dann von ſelbſt geht. Vergeſſen Sie nicht, mir ſagen zu laſſen, ſobald der Wagen des Miniſters ankommt, damit ich ihm die Treppen hinab ent⸗ gegengehen kann.“ „Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, ſo glaube ich ſagen zu müſſen: bis an die Treppe wäre genug. Seine Excellenz der Graf Schapperbach pflegt nur die Treppe hinab zu gehen, wenn es ſich um allerhöchſte Mitglieder der fürſtlichen Familie handelt. „Gut,“ entgegnete der Herr des Hauſes, indem er würdevoll ſein Kinn aus der Halsbinde emporhob.„Machen wir es in dieſem Punkte, wie der Graf Schapperbach.“ Der ehemalige Kammer⸗Lakai zog ſich mit einer Ver⸗ beugung krebsartig zurück und verließ alsdann in wichtiger Eilfertigkeit das Zimmer, nachdem er der Frau Stadtſchult⸗ * 70 Drittes Kapitel. heißin an der Thür ein tieferes Compliment gemacht hatte, als vorhin deren Gatten. Madame Welkermann war geſchmackvoll, ohne Ueber⸗ ladung gekleidet und führte ihre Tochter an der Hand, die ſich nun aber raſch dem Vater näherte, beide Hände um deſſen Hals legte und ihn mit vor Freude ſtrahlendem Ge⸗ ſichte herzlich küßte. „Das Kind hat ſich kaum anziehen laſſen,“ ſagte die Mutter;„ſie war ſo ungeduldig und aufgeregt, daß es mich gar nicht wundern ſollte, wenn noch jetzt, obgleich wir ſie ſchon ein dutzendmal ringsum betrachtet, an ihrem Anzuge etwas Mangelhaftes wäre.“ „Ich bemerke nichts,“ meinte der Stadtſchultheiß, indem er das ſchöne Mädchen eine Zeit lang mit großem Ver⸗ gnügen betrachtete.„Sie ſieht gut aus und vor allen Dingen einfach, wie ich es wünſche.“ „Ah, mein weißes Kleid iſt hübſch! Ich habe Weiß ſehr gern, und ein junges Mädchen muß auf ſeinem erſten Balle immer im weißen Kleide erſcheinen.“ „Doch war Eliſe ſo eigenſinnig, zu Gürtelband und Kopfputz die blaue Farbe zu wählen; Roth wäre mir beig ihren dunklen Haaren am liebſten geweſen.“ „Du weißt, das iſt kein Eigenſinn, Mama.“ „Meinetwegen denn, aber eine kindiſche Idee; ſie hat ſich mit ihrer Penſionsfreundin Lucy verabredet, zur Toilette ihres erſten Balles Blau und Weiß zu wählen. Lucy mit Drittes Kapitel. 71 ihren hellblonden Haaren konnte das ganz gut thun, es wird ihr vortrefflich ſtehen— Lucy würde gewiß kein Roth genommen haben.“ „Darin thuſt du ihr ſehr Unrecht. Sie iſt doch ſo gut, ſo freundlich, ſo nachgiebig; ſie war es, die Roth vorſchlug, weil ſie ſagte, das ſtände beſſer zu meinen dunklen Haaren. Aber ich beſtand auf Blau, weil ich wußte, wie reizend ſie in Blau ausſieht.“ „Ein edler Wettſtreit,“ meinte Herr Welkermann lächelnd. „Nun, beruhige dich nur, Mama, Eiſſe ſieht recht gut aus.“ „Wenn ich nur Tänzer bekomme!“ „Nun, daran wird es dir wahrſcheinlich nicht fehlen,“ entgegnete die Mutter, wobei ihr Geſicht eine etwas hoch⸗ müthige Miene annahm und wobei ſie auf ihre Tochter ſchaute und dann einen Blick über den hell erleuchteten und allerdings glänzenden Salon gleiten ließ. „Haſt du auch Nachricht, daß Lucy gewiß kommt?“ fragte Eliſe ihren Vater nach einer Pauſe. „Ganz ſichere Nachricht. Baron Rivola ſchrieb mir noch heute Vormittag mit zwei Zeilen, das leichte Unwohl⸗ ſein ſeiner Frau habe ſich ſo raſch gebeſſert, daß auch dieſe bei uns erſcheinen werde.“ „Wie mich das freut!“ antwortete Eliſe. Dann ſetzte ſie hinzu, indem ſie nach dem Eingange des Salons eilte: „Dort kommt auch mein Bruder Ferdinand, aber noch gar nicht ſchön angezogen.“ 72 Drittes Kapitel. Und in der That war es der junge Herr Welkermann, Sohn des Stadtſchultheißen, Commis bei der königlichen Bank, deſſen Bekanntſchaft wir ſchon ſo glücklich geweſen, bei dem Hof⸗Friſeur Herrn Sieger zu machen. Er ſchlen⸗ derte langſam durch das Vorzimmer, Alles mit größter Aufmerkſamkeit, aber mit gleichgültiger Miene betrachtend. Er war in demſelben Anzuge, wie wir ihn früher geſehen haben, den Hut auf dem Kopfe, die rechte Hand in der Taſche ſeines Beinkleides, und fuchtelte mit ſeinem Spazier⸗ ſtocke in der Luft herum. „Aber das iſt doch zu arg, Ferdinand!“ rief die Mutter, indem ſie ihm einige Schritte entgegeneilte, während Herr Welkermann senior mit hoch erhobenem Kopfe und einigem Stirnrunzeln ſeinen Sprößling betrachtete:„So ſpät nach Hauſe zu kommen und noch gar nicht angezogen zu ſein, wenn man jede Sekunde Gäſte zu erwarten hat!“ Ferdinand ließ ſich durch dieſe Worte weder in ſeinen Betrachtungen ſtören, noch beeilte er ſich, raſcher näher zu kommen, und jetzt, wo er ziemlich in der Mitte des Zim⸗ mers ſtand, lüpfte er ſeinen Hut ein klein wenig gegen ſeinen Vater und ſagte, ſich umſchauend:„Es iſt recht hübſch bei euch, aber ich weiß nicht, was du willſt, Mutter, mit deinem vorwurfsvollen Geſichte— ich komme ja noch viel zu früh, es iſt ja noch Niemand da!“ „Noch Niemand da!“ wiederholte der Stadtſchultheiß, indem er unmuthig mit den Achſeln zuckte.„Und das —— Drittes Kapitel. 73 ſagt dieſer Menſch, ganz ſo, wie er von der Straße herein⸗ kommt, den Hut auf dem Kopfe, den Stock in der Hand! Gott ſei Dank, daß noch Niemand da iſt, der dich hier und zu dieſer Stunde in dieſem Anzuge ſieht!“ „Mit euren Anzügen!“ gab der Sohn in einem ver⸗ ächtlichen Tone zur Antwort.„Es iſt ein ſehr altmodiſches Vorurtheil, daß man deßhalb anſtändiger ausſehen ſoll, wenn man den Rock zu einem Schwalbenſchwanz zuſammen⸗ geſchnitten hat, oder wenn man eine weiße Binde um den Hals ſchnürt, die Niemandem zum Geſichte ſteht! Wir ſind im Begriffe, einen Klub zu gründen für perſönliche Frei⸗ heit, und Paragraph 1 wird heißen: Verbannung des Fracks und des Cylinders.“ „Und aller guten Manieren,“ ſchaltete raſch der Stadt⸗ ſchultheiß ein.„Man ſollte alle eure Klubs und Geſell⸗ ſchaften von Polizei wegen verbieten, und da wir, was uns anbelangt, noch nicht ſo weit in der Bildung vorge⸗ ſchritten ſind, ſo gehe auf dein Zimmer und mache dich ſchön nach unſeren engherzigen Begriffen. Du ſollſt dir auch darin ein Muſter an deinem Vater nehmen.“ Ferdinand klemmte ſein Glas ins Auge, und nachdem er den Stadtſchultheißen einen Augenblick aufmerkſam be⸗ trachtet, ſagte er lächelnd:„Der Vater ſieht ganz famos aus, das iſt nicht zu läugnen. Seine weiße Weſte und ſein ſteifer Kragen machen eine gute Wirkung, die Wirkung 74 Drittes Kapitel. einer ſtarren Vergangenheit, welche wir Anderen glücklich überwunden haben.“ „Es iſt das Kleid, welches uns der Anſtand für ge⸗ wiſſe Vereinigungen vorſchreibt,“ ſagte Herr Welkermann mit großer Würde.„Leider, daß ihr euch anmaßt, auch hieran zu rütteln.“ „Lieber Vater, wir wollen darüber nicht ſtreiten. Frack und weiße Halsbinde bleiben, wie geſagt, das Bild einer ſtarren Vergangenheit, das Kleid einer Kaſte, und da in unſerem bewegten Jahrhundert aller Kaſtengeiſt, Gott ſei Dank, verſchwindet, ſo werde ich es auch noch erleben, daß der Frack zu Grabe getragen wird.“ „Wenn wir einmal ſo weit ſind,“ entgegnete ungeduldig der Stadtſchultheiß,„ſo möchte ich ihm den Nachruf wid⸗ men: Hier ruht das Kleid der alten guten Sitte!“ „Da wir aber noch nicht ſo weit ſind,“ ſchaltete die Stadtſchultheißin ein,„ſo geh' auf dein Zimmer, beweg⸗ licher junger Herr der Zukunft, und wirf dich in die ſtarre Vergangenheit. Wahrhaftig, es iſt mir gerade, als hörte ich ſchon Wagengeraſſel— der Schweſter Eliſe haſt du auch noch kein freundliches Wort geſagt, und das gute Kind ſteht doch ſchon lange vor dir und ſieht dich lächelnd an!“ „Ah, Lieschen! Sieht ſehr gut aus.“ „Danke Ferdinand— aber du mußt mich nicht mehr Lieschen nennen, wenigſtens heute Abend nicht.“ Drittes Kapitel. 75 „Das kann ich am Ende auch laſſen; aber in der That, du gefällſt mir, Lies— Eliſe wollt' ich ſagen.“ „Nun denn, Herr Bruder, wenn dem ſo iſt, erwiederte das junge Mädchen mit einem tiefen Knixe,„ſo will ich dir auch erlauben, daß du mit mir den Ball eröffneſt.“ „Ich tanzen?“ fragte der junge Menſch mit großem Erſtaunen.„Wie kommſt du mir vor? Ich bin zweiund⸗ zwanzig Jahre alt, und in meinem Alter tanzt man nicht mehr, das überläßt man der nachwachſenden Generation.“ Mit dieſen Worten nahm er ſeinen Hut ab, weil es ihm wahrſcheinlich zu warm wurde, und fuhr ſich leicht mit der Hand über das Haar, an dem man noch die Spuren der künſtleriſchen Leiſtungen des Friſeurs ſah; dann ſpitzte er den Mund, als wollte er irgend eine Melodie pfeifen, und. verließ den Salon. Seine Mutter blickte ihm nach mit etwas bekümmertem Geſichte, und es war ein nicht ganz natürliches Lächeln, das um ihre Lippen ſpielte, als ſie nun ſagte:„Er tanzt ſchon nicht mehr— und was thut man denn in ſeinem Alter?“ Dieſe Frage beantwortete der Stadtſchultheiß nach einer unmuthigen Bewegung und nachdem er ſeine Weſte mit einem etwas heftigen Rucke über den Leib herabgezogen, indem er ſagte:„Man erklärt Frack und weiße Halsbinde für ein altmodiſches Kleidungsſtück und bummelt dafür in einem Ding herum, was nicht Rock und nicht Jacke iſt, 76 Drittes Kapitel. aber weite Taſchen hat, um die leeren Hände darin zu verbergen. Man reitet und fährt ſpazieren, man raucht Cigarren, man gibt das Geld der Eltern aus, man klagt über Langeweile und ein unerquickliches Daſein, weil man keine Luſt hat, Kraft und Gedanken auf etwas Ernſthaftes zu richten; man führt prächtig tönende Redensarten im Munde und huldigt auf dieſe Art dem fortſchreitenden Jahrhundert, deſſen Prophet man zu ſein glaubt.... —„Aber brennt da hinten nicht etwas?“ rief er, ſich unterbrechend, indem er die Luft ſchnüffelte und nach Aſcher rief. Doch wurde dieſer gleich mit der Verſicherung im Vorzimmer ſichtbar, daß dem nicht ſo ſei, worauf er den Stadtſchultheißen bat, ſich vollkommen zu beruhigen, da in den vornehmſten Häuſern, in welchen er bis jetzt ſervirt, bei ähnlichen Veranlaſſungen Funken, Brände oder der⸗ gleichen Ungehöriges durchaus nicht vorkommen könnten. Herr Aſcher machte hierauf eine tiefe Verbeugung gegen das Veſtibule, deren Gegenſtand Eliſe, welche der Thür zunächſt ſtand, aber erſt in einigen Sekunden zu ſehen im Stande war. Dann aber eilte ſie raſch gegen das Vor⸗ zimmer und rief:„Oheim Welkermann und Tante Brigitte!“ Aſcher hatte dieſe beiden erſten Gäſte mit lauter Stimme ankündigen wollen; doch war ihm von den Betreffenden in einem etwas mürriſchen Tone geſagt worden:„Laſſen Sie das bleiben, wir ſind dergleichen Geſchichten nicht gewohnt.“ Und jetzt näherten ſich Beide, der Herr Haupt⸗Staats⸗ Drittes Kapitel. 77 ſchuldenzahlungs⸗Kaſſen⸗Reviſor Welkermann mit Gattin, trotz der herzlichen Begrüßung Eliſens, mit ziemlich froſti⸗ gen Geſichtern. „Guten Abend, Albert, guten Abend, Brigitte!“ ſagte der Stadtſchultheiß, während Madame Welkermann ihrer Schwägerin freundlich die Hand bot.„Ich freue mich recht, daß ihr ſo früh kommt.“ Die Frau Reviſorin war ſehr einfach, aber doch mit einer gewiſſen Feierlichkeit gekleidet, wozu indeſſen ihre Haube, mit bunten, flatternden Bändern, nicht genau paßte, hatte in ihrem ſchon ältlichen Geſichte ein Paar ſtechende Augen, eine ſpitzige Naſe und einen Mund mit faltigen Lippen, die, wenn ſie nicht ſprach, ſtets ſo feſt zuſammen⸗ gezogen waren, als wollten ſie ausdrücken:„Ich wollte doch den ſehen, der mich zum Reden zwingt!“ Sie machte jetzt vor dem Stadtſchultheißen einen ziemlich förmlichen Knix, indem ſie ſagte:„War es uns doch zu Muthe, Albert und mir, als ſeien wir fehlgegangen; du kannſt dir denken, daß wir zu Fuße kommen— geringe Reviſorsleute wie wir nehmen keinen Wagen.“ „Und warum glaubtet ihr fehlgegangen zu ſein?“ „Ich dachte, wir kämen zu Hofe, ſo prachtvoll iſt es ſchon unten bei euch. Das Licht, die Blumen, dabei dein Amtsdiener, der wahrhaftig ausſieht wie ein königlicher Portier, und auf der Treppe die Teppiche und alles das! Gewiß,“ ſetzte ſie mit einem ſtechenden Lächeln hinzu,„es 78 Drittes Kapitel. gereut uns faſt, daß wir gekommen ſind— nicht wahr, Albert?“ „Ich wüßte nicht, warum es mich gereuen ſollte. Ich bin hier bei meinem Bruder; wenn ich auch nicht ſelbſt tanze, denn dazu bin ich zu alt, ſo werde ich tanzen ſehen; wenn ich auch nicht ſelbſt ſpiele, denn dazu habe ich kein Geld, ſo ſchaue ich den Spielenden zu.“ „Aber es gibt auch noch andere Vergnügungen, denen du hoffentlich nicht zuſehen wirſt,“ ſprach gutmüthig lächelnd der Stadtſchultheiß,„ein Geplauder mit guten Freunden und dann unſer Nachteſſen— ah, du wirſt zufrieden ſein!“ Die Reviſorin wollte erwiedern:„Natürlich, wenn wir armen Leute abgefüttert ſind, hat man genug gethan!“ Doch wurde ſie durch die laute Stimme Aſcher's unter⸗ brochen, welche aus dem Vorzimmer meldete:„Der Herr Ober⸗Baurath Lievens, der Herr Geheime Ober⸗Steuerrath Marx.“ Zuerſt rauſchten jetzt zwei Perſonen herein, der Ober⸗ Baurath und die Ober⸗Bauräthin, dann Steuerraths: Vater, Mutter, zwei Töchter, nicht mehr in der ganz erſten Ju⸗ gendfriſche, ſowie der Sohn, ein ſehr aufgeſchoſſener, etwas ſchlankelhafter junger Referendar. In dieſer Maſſe von Seide, leichten Stoffen, flattern⸗ den Bändern, Tüll, Spitzen und Blumen, die ſo durch die Thür hereinſchob und ſich dann näherte, war nur ein ein⸗ ziger, aber recht bemerkenswerther Kern, die Frau Ober⸗ Drittes Kapitel. 79 Bauräthin nämlich, eine ſchöne, ſtarke, große Frau mit weißen, runden Armen, runden Schultern, einem ſchlanken Halſe, auf dem der Kopf mit dem pikanten Geſichte frei und beweglich ſaß. Ueber ihren dunkel leuchtenden Augen ſah man ſchön gewölbte Brauen, und in ihren vollen Haaren hatte ſie nichts, als eine einzige rothe Roſe und etwas Band von gleicher Farbe.„Mehr darf ich nicht thun,“ pflegte ſie kokett zu ſagen;„denn bei der gering⸗ ſten Friſur, die ich ſonſt anwende, erſcheint mein zu dickes Haar unförmlich.“ Und dick und ſchön war dieſes Haar, das mußte ihr der Neid geſtehen! Der Ober⸗Baurath war eine klapperdürre Perſönlichkeit und an ihm äußerlich nichts bemerkenswerth, als ſeine koloſſalen Brillengläſer ſowie ſeine Manier, den Hut, mit beiden Händen am Rande ge⸗ faßt, auf dem Rücken zu tragen, wo derſelbe bei jedem Schritte zierlich hin und her ſchwankte. Böſe junge Leute hatten dieſen Hut bei ähnlichen Feſten wie das heutige ſchon einige Mal mit Brod, Papier, ja, mit Servietten gefüllt, ohne daß es der Beſitzer gemerkt. Ober⸗Steuerrath und Frau hatten ſich aufs wohlwol⸗ lendſte über die vortrefflichen Arrangements des Hauſes ausgeſprochen, während die beiden ältlichen Töchter förm⸗ lich mit einem freundſchaftlichen Heißhunger über die jugend⸗ liche Eliſe hergefallen waren, ſie in ihre Mitte genommen hatten, ihren Anzug gelobt und dabei hervorgehoben, daß Weiß immer die paſſendſte Farbe für ganz junge Mädchen 80 Drittes Kapitel. ſei— ſie ſelbſt waren nämlich weiß gekleidet— und daß man erſt ſpäter, nach langen, langen Jahren, dazu käme, durch etwas Farbiges nachzuhelfen, wenn das nöthig ſein ſollte. „Wenn das nöthig ſein ſollte?“ ſagte der junge Herr Marr, der bei den drei Mädchen ſtand und es ſehr paſſend und geiſtreich fand, ſich an der Unterhaltung der Art zu betheiligen, daß er von dem, was die anderen Leute ſag⸗ ten, beſtändig die letzten Worte wiederholte. „Ach, wie ich mich auf den heutigen Ball freue, Eliſe!“ „Und ich erſt, das könnt ihr euch denken!“ „Das glaub' ich wohl. Welche Auswahl haſt du unter den Tänzern— alle Welt wird dir huldigen:“ „Wird Ihnen huldigen,“ ſagte der junge Marx. „Die Herren Lieutenants Schmitter und Schmetter, Herr Doktor Roſenfeld, Herr Doktor Goldglanz, der Herr Geheime Kammerrath Zipperer, der Herr Legations⸗Sekre⸗ tär Baron Buff....“ „Sehr erfreut, Sie zu ſehen!“—„Deliciöſes Aparte⸗ ment! Sie waren ſo freundlich, uns zu befehlen....“ —„Bitte recht ſehr! Sehr dankbar, daß Sie ſo gütig waren, unſere Einladung anzunehmen....“ „Herr Bank⸗Direktor von Schwemmer, Herr Rittmeiſter Graf Pliß, Herr Lieutenant von Falkenſtein, Herrrrr....“ Aſcher war ſchon nicht mehr recht im Stande, Titel und Namen der Ankommenden mit gehöriger Deutlichkeit Drittes Kapitel. 81 zu ſagen, ſo maſſenhaft drängten jetzt die Eingeladenen heran, weßhalb er den richtigen Ausweg ergriff, nur noch bedeutende Perſönlichkeiten zu nennen und das geringere Geſindel unangemeldet durchſchlüpfen zu laſſen. „Herr Baron von Rivola!“ Es war der alte Herr, den wir vor einer Stunde bei dem Hof⸗Friſeur geſehen, jetzt im ſchwarzen Frack, einen Stern auf der Bruſt, in weißer Halsbinde und mit ſeiner blauen Brille. Er führte ſeine Frau am Arme, und an ſeiner rechten Seite ſah man ſeine Tochter Lucy. Die Baronin Rivola war eine ausgezeichnete Erſcheinung, ele⸗ gant und vornehm; ihr Angeſicht zeigte Spuren großer Schönheit, doch erſchienen ihre Züge etwas blaß und ab⸗ geſpannt, vielleicht vom Nachweh des Unwohlſeins der letzten Tage. Sie grüßte herablaſſend nach allen Seiten; doch ſchien das Lächeln, welches dabei um ihre feinen Lippen ſpielte, nicht ganz natürlich, und wenn es ſehr raſch, wie immer, verſchwand, ſo lagerte ſich ohne Ueber⸗ gang ein tiefer Ernſt, ja, etwas wie Verdrießlichkeit auf ihre Züge. Sie war eine geborene Gräfin Hartenſtein, aus einem der vornehmſten und ſtolzeſten Geſchlechter des Landes, und als dieſe Ehe zu Stande kam, hatte alle Welt das bei dem ziemlich unbekannten Namen des Freiherrn von Rivola nur begreiflich gefunden, weil die Gräfin Hartenſtein ihre Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. I. 6 82 Drittes Kapitel. Jugendblüthe ebenſogut hinter ſich hatte, wie der alte Graf den Blüthenſtand ſeiner Finanzen. Lucy, die einzige Tochter des Barons, war von einer anmuthigen Schönheit. Ihre regelmäßigen, blendend weißen Geſichtszüge würden etwas bleich erſchienen ſein, wenn nicht der feinſte Schimmer friſcheſter Jugend dieſelben roſig angehaucht hätte; ja, die ganze Erſcheinung hatte etwas von einer ſich noch nicht entwickelten Roſe, aber von einer Waldroſe durch die ungezwungene liebenswürdige Natür⸗ lichkeit dieſes jungen Mädchens. Ihre großen, braunen Augen blickten freundlich und gutmüthig, und das Haar, von einem eigenthümlich hellen, aſchfarbigen Blond hätte in ſeiner ſeltenen Fülle ſogar von der Ober⸗Bauräthin be⸗ neidet werden können. Und dabei wurde es von Lucy un⸗ gezwungen, man hätte faſt ſagen können, unfriſirt getragen, nur von den früher ſchon beſprochenen blauen Bändern zuſammengehalten, aber nicht gebändigt, denn es drängte überall hindurch in krauſen Locken und Wellen, auch ſo unſeren Vergleich von vorhin rechtfertigend, den Vergleich mit einer Waldroſe, und zwar mit einer weißen Waldroſe. Dabei war Lucy von Rivola die einzige Tochter einer zärtlichen Mutter, eines um ſie in jeder Hinſicht ſorgenden reichen Vaters, achtzehn Jahre alt und ebenſo wie ihre Freundin Eliſe heute zum erſten Male auf einem Balle— welches Glück, welche Seligkeit! Man hätte aber auch die heißhungrigen Blicke faſt all Drittes Kapitel. 83 der jungen Herren betrachten ſollen und wie ſie heimlich ihre Ballkarten hervorzogen, um auf die beiden Mädchen, die ſich natürlich alsbald gefunden hatten, loszuſtürzen, ſobald ſich der erſte Sturm der Begrüßungen gelegt haben würde. Nur der Sohn des Hauſes, der jetzt auch, und wir müſſen geſtehen, in untadelhafter Toilette erſchienen war, machte davon eine rühmliche Ausnahme. Hatte er doch mit einer höchſt gleichgültigen Miene die Ballkarte zurückgewieſen, welche ihm der Bediente an der Thür ein⸗ händigen wollte, und war doch dieſe Miene nicht anders geworden, als er ſich, nothgedrungen und von der Schwe⸗ ſter herbeigewinkt, ein paar Sekunden lang mit Fräulein von Rivola unterhalten mußte, welche mit ſtrahlendem Lächeln, geöffneten Lippen in einem feſt geſchloſſenen Kreiſe junger Herren ſtand und leider ſchon ſo viele Körbe hatte austheilen müſſen, daß man damit nicht nur die beiden Steuerrathstöchter, ſondern auch noch eine Menge anderer armer Weſen hätte glücklich machen können. Das Einzige, wodurch der Sohn des Hauſes indeſſen ſein Intereſſe für die reizende Waldroſe an den Tag legte, war, daß er ſich durch ſeine Schweſter einen Tanz für ſeinen Freund mit dem rothen Backenbarte zu verſchaffen wußte, dem er als⸗ dann ſagte:„Siehſt du wohl, das iſt doch etwas ganz Anderes, als deine Pfälzinger— in der That, ein ganz hübſches Mädchen, dieſe Lucy von Rivola, ebenſo geſcheit 84 Drittes Kapitel. als ſchön, freilich faſt noch Backfiſch, aber das hat auch ſeine angenehmen Seiten!“ Unterdeſſen hatte Aſcher auf die oben beſchriebene Art an Einem fort angemeldet und war dabei auffallend heiſer geworden, ſo daß man es ihm nicht übel nehmen konnte, wenn er, nachdem der größte Theil der Gäſte anweſend war und als nun der Bediente Thee und Backwerk ſervirte, für einige Zeit von dem Schauplatze ſeiner angeſtrengten Thätigkeit verſchwand, um drunten am Eingange der Küche ein Glas heißen Punſches zu ſich zu nehmen. Hier hatte er auch die Hausthür im Auge und es war ihm möglich, ſogleich die Ankunft Sr. Excellenz des Herrn Miniſters des Innern zu melden, ſobald ſich die Equipage desſelben zeigen würde. Droben hatte indeſſen Thee und Backwerk das Gute gehabt, nicht nur die Zungen zu löſen und das Geſpräch lebhafter zu machen, ſondern auch, da die Damen ſich hier und da einen Platz zum Sitzen ſuchten, umſtanden von den Herren, welche, die Cylinder unter dem linken Arme, dabei mit mehr oder weniger Grazie ihre Taſſe hielten, die Geſellſchaft aus einander zu treiben, den erſten und zweiten Salon überfließen zu machen, wodurch ſich in kurzer Zeit der Strom der Gäſte ziemlich gleichförmig durch das ganze Apartement vertheilte. Jetzt ertönte der erſte Geigenſtrich mit ſeiner elektriſiren⸗ den Wirkung, der ſich ſogar ältere Frauen ohne Bedenken Drittes Kapitel. 85 inſoweit hingaben, als ſie durch Bewegungen mit dem Kopfe den Takt markirten und vielleicht zu einer Nachbarin ſagten:„Ach, dabei erinnere ich mich dieſes oder jenes Balles— wiſſen Sie noch, wie wir in der Polonaiſe hin⸗ ter einander gingen, wo ſich mir die Haarſchleife gelöst hatte, was aber, wie mir die jungen Herren verſicherten, ſehr pikant ausſah, daß man es nicht duldete, als ich ſie mir wieder aufheften laſſen wollte— wiſſen Sie es noch, meine liebe Commercienräthin?“ „Ob ich es noch weiß, meine gute Ober⸗Regierungs⸗ räthin— war es doch derſelbe Ball, wo es faſt Aufſehen erregte, daß der junge Graf Schmettau mit mir, einer verheiratheten Frau, ſo häufig tanzte!“ „Ach, die ſchönen Zeiten!“ „Ja, jene ſchönen Zeiten!“ Junge ältere Damen oder ältere junge Damen, die zufällig nicht engagirt worden waren, thaten dagegen häufig ſo, als hätten ſie noch gar keine Ahnung davon, daß der Tanz drüben begonnen, oder wenn man ſie vielleicht deß⸗ halb fragend anſah oder gar etwas darüber bemerkte, ſo konnten ſie mit jenem gänzlich ungezwungenen Lächeln ſagen:„So ein Ballabend iſt lang, ich würde um Alles in der Welt nicht mit dem erſten Tanze anfangen— erſt die zweite Hälfte eines Balles iſt das, was mich intereſſirt — Gott, man wird ſo noch müde genug!“ In dem erſten, dem größten Salon des Hauſes, wo 86 Drittes Kapitel. die Gäſte empfangen worden waren, hatte Aſcher, nach⸗ dem er ſich unten überzeugt, daß der Punſch den Gäſten ſpäter gut ſchmecken würde, und nachdem er einen Anderen auf die Lauerpoſt von wegen des Miniſters geſtellt, einen großen runden Theetiſch arrangirt, an welchem nun, nach langem Sträuben, die Ober⸗Bauräthin mit den ſchönen Haaren den Vorſitz führte. Man hatte dieſen Chrenpoſten begreiflicher Weiſe zuerſt der Frau von Rivola angeboten; doch hatte dieſe auf die liebenswürdigſte Art gebeten, man möge ihr geſtatten, Lucy zum erſten Male tanzen zu ſehen. Dann war ſie Arm in Arm mit ihrem Gatten in das Nebenzimmer gegangen. „Es thut Einem ordentlich wohl,“ ſagte eine ſtreng ausſehende Ober⸗Kriegsräthin, den Beiden nachblickend, „wenn man auch in jenen Kreiſen ein ſo vortreffliches Familienleben ſieht, und das muß man den Rivola nach⸗ ſagen, mein Mann, der es vom Kriegs⸗Miniſter hat, er⸗ zählte mir öfter davon. Er iſt ſo voll zarter Aufmerk⸗ ſamkeit gegen die Frau, als wenn ſie erſt ſeit geſtern ver⸗ heirathet wären, und es muß ſchon eine wichtige Urſache ſein, die ihn veranlaſſen könnte, einmal für längere Zeit ſein Landhaus und ſeine Familie zu verlaſſen. Sie werden ſehen, meine Damen, wie er den ganzen Abend um Frau und Tochter beſorgt iſt und wie er ihnen ſo gern alle die kleinen Dienſte leiſtet, die uns ſo angenehm ſind— mancher Andere könnte ſich daran ein Beiſpiel nehmen.“ Drittes Kapitel. 87 Die ſtreng ausſehende Kriegsräthin betonte dieſe Worte ein wenig ſtark und blickte dabei nach dem Vorzimmer, wo ihr eigener Gemahl mit dem Strome junger Leute ver⸗ ſchwunden war, vielleicht um in einem entfernten Zimmer zu ſpielen, vielleicht um dem Tanze zuzuſchauen, vielleicht auch ſogar, um ſelbſt zu tanzen, natürlicher Weiſe, wenn er förmlich dazu genöthigt wurde. „Ja,“ ſeufzte eine junge Lieutenantsfrau, welche ſich ihren Mann erſt vor einigen Monaten durch Hinterlegung der Caution erheirathet—„es iſt ein ſo wohlthuendes Gefühl, ſelbſt in einer größeren Geſellſchaft Jemand an ſeiner Seite zu haben, mit dem man intime Gedanken austauſchen kann.“ „Und davon haben die Männer im Allgemeinen keinen Begriff.“ „O, gewiß nicht!“. „Es iſt unbegreiflich, aber wahr— dürfte ich Sie um Zucker bitten, liebe Ober⸗Bauräthin?“ „An ſo einem Ballabend,“ fuhr die ſtrenge Ober⸗Kriegs⸗ räthin fort,„ſind wir Ballaſt für unſere Männer; wie froh ſind ſie, wenn ſie uns irgendwo über Bord geworfen haben, um dann ihr Schifflein auf hoher Fluth allein tanzen zu laſſen.“ „Reichen Sie mir gefälligſt Ihre Taſſe, Frau Bank⸗ Direktor,“ ſagte die Ober⸗Bauräthin mit dem ſchönen Haare; ſie hatte über das Thema rückſichtsloſer oder un⸗ 88 Drittes Kapitel. duldſamer Männer nicht mit eingeſtimmt, hatte aber auch keine Urſache dazu, denn wenn auch der Ober⸗Baurath ſich nicht immer als einen rückſichtsvollen, d. h. zärtlichen Ehe⸗ mann bewies, ſo war er dagegen in einer gewiſſen Be⸗ ziehung von einer Duldſamkeit, welche, wie die guten Freun⸗ dinnen ſeiner ſchönen Frau zu ſagen pflegten, ans Fabel⸗ hafte ſtreifte— ja, beſonders boshafte Zungen hatten oft den ſchlechten Witz gemacht, die Duldſamkeit des Ober⸗Bauraths grenze ans Geniale, was ſich auf einen jungen Ingenieur bezog, der auf dem Bureau des Ober⸗Bauraths beſchäftigt war und von deſſen Gattin allerdings ſehr bevorzugt wurde. „Sagen Sie mir doch, liebe Ober⸗Steuerräthin,“ fragte die Bank⸗Direktorin ihre Nachbarin,„wer iſt die etwas eigenthümlich gekleidete Frau, die dort mit der Stadtſchult⸗ heißin kommt?“ „Das iſt die Reviſorin Welkermann, eine Frau mit einer unausſtehlich ſcharfen Zunge.“ „Man ſieht es ihr an— ſie hat ſo etwas Verbiſſenes in ihren Geſichtszügen.“ „Beißt auch, wenn man ihr in die Quere kommt— eine böſe Sieben,“ ſprach die ſtreng ausſehende Ober⸗ Kriegsräthin,„und iſt dabei boshaft wie ein Affe.“ „Müſſen wir ihr Platz machen, ſie einladen, ſich zu uns zu ſetzen?“ „Es wird ſich wohl nicht anders thun laſſen, da ſie mit ihrer Schwägerin gerade auf uns zu kommt.“ 1 Drittes Kapitel. 89 „Das iſt das Unangenehme an ſolchen Häuſern, welche eine große und nicht zuſammen paſſende Familie haben!“ flüſterte die Commercienräthin hochmüthig. „Ach, meine Damen, wie freue ich mich,“ ſagte die Stadtſchultheißin, welche dazu getreten,„daß Sie hier einen ſo hübſchen Kreis haben; ſchade, daß ich als Hausfrau zu ſehr beſchäftigt bin, um mich demſelben anzuſchließen!“ „Wie wir das bedauern!“ meinte die Ober⸗Steuerräthin. „Aber Sie bringen uns dafür einen Erſatz, Ihre liebe Schwägerin. Bitte, Frau Ober⸗Reviſorin, hier neben mir habe ich ein hübſches Plätzchen für Sie— die Damen kennen Sie doch alle?“ „Ganz gewiß!— O ja wir haben das Vergnügen!“ Nur die Bank⸗Direktorin ſagte:„Bitte, mich bekannt zu machen!“ „Frau Haupt⸗Staatsſchuldentilgungs⸗Caſſen⸗Ober⸗Re⸗ viſorin Welkermann— Frau Bank⸗Direktor von Schwemmer.“ „Sehr erfreut, Sie endlich kennen zu lernen,“ ſagte die letztere,„nachdem ich ſchon ſo oft Freundliches und Liebes von Ihnen gehört!“ „Das Vergnügen iſt ganz auf meiner Seite,“ entgeg⸗ nete die Vorgeſtellte—„Sie ſind zu gütig, auch die Frau Ober⸗Kriegsräthin, indem ſie mich vorſtellte! Mein Mann hat noch nicht das Glück gehabt, für ſeine Verdienſte zum Ober⸗Reviſor ernannt zu werden— einfach Reviſorin, wenn ich bitten darf!“ 90— Drittes Kapitel. „Der Herr Reviſor verdient ſchon längſt, Rath beim Finanz⸗Miniſterium zu ſein,“ entſchied würdevoll die Geheime Commercienräthin;„mein Mann, der häufig auf der Staats⸗ ſchuldenzahlungs⸗Caſſe zu thun hat, ſpricht ſtets mit der wärmſten Anerkennung von Herrn Welkermann, ja, auch Seine Excellenz der Herr Miniſter des Innern, der auf einen Sprung bei uns war. Appropos,“ wandte ſie hier, ihr Geſpräch unterbrechend, ſich direkt an die Stadtſchult⸗ heißin,„Sie erwarten doch Seine Excellenz heute Abend? Er ſagte es mir und ſetzte hinzu, er würde mich um einen Platz in meinem Wagen bitten, doch ſei er leider gezwungen, ſpäter zu kommen.“ „Das würde Sie aber gewiß genirt haben, Frau Geheime Commercienräthin,“ ſagte die Reviſorin ſo arg⸗ los wie möglich—„bei der jetzigen Toilette zu Vieren in einem Wagen.“ „Warum zu Vieren?“ Mn, die Frau Miniſterin haſt du doch wohl auch eingeladen?“ fragte boshaft die Frau Reviſorin ihre 6 Schwägerin. „Eingeladen wohl, aber ſie hat abgelehnt, ſie hat recht ſehr hadanert, daß ſie verhindert ſei.“ „Ah, ſie iſt verhindert!“ ſagte die ſtrenge Ober⸗Kriegs⸗ räthin. „Schade,“ meinte die Geheime Commercienrüthiß„es iſt eine ſo liebe Frau, die Miniſterin! Ich traf ſie geſtern Drittes Kapitel. 91 noch bei Baron Schnellers; da ſagte ſie, ſie gehe ſelten in große Geſellſchaft und vermeide es, wo ſie könne; zu Hofe müſſe ſie natürlicher Weiſe, doch ſei ihr auch das jedes Mal ein Opfer.“ „Schade— recht ſchade!“ murmelte es rings umher im Kreiſe, bis die Ober⸗Bauräthin dem Geſpräche dadurch einen neuen Aufſchwung gab, daß ſie, gegen die Stadt⸗ ſchultheißin gewandt, hinzuſetzte: „Ich hätte es der Frau Miniſterin wohl gönnen mögen, wenn ſie Ihr in der That wundervolles Apartement ge⸗ ſehen hätte— ein entzückendes Arrangement; ich muß ſchon geſtehen, in einem Privathauſe nichts Aehnliches gefunden zu haben!“ „Wunderbar— reizend— ausgezeichnet— und wie Alles ſo vergnügt und heiter iſt!“ „Es liegt doch eine große Belohnung darin, ſo eine Menge guter Freunde und Bekannten bei ſich zu ver⸗ einigen und ihnen einen ſo wundervollen Abend zu ver⸗ ſchaffen!“ „Ja, es iſt ein großes Opfer, Frau Stadtſchultheißin, aber es wird anerkannt!“ „Schade, daß meine Wohnung zu klein iſt,“ meinte die Ober⸗Steuerräthin, ich würde nie mehr eine kleine Ge⸗ ſellſchaft geben.“ „Ich danke Ihnen herzlich!“ erwiederte die Frau des Hauſes.„Doch damit ich Ihr Lob verdiene, müſſen Sie 92 Drittes Kapitel. mich ſchon entſchuldigen— das Auge der Hausfrau muß überall ſein.“ „Gewiß— allerdings— wie wir das bedauern!“ Die Stadtſchultheißin entfernte ſich nach einer freund⸗ lichen Verbeugung, und da ſie beim Weggehen an ihre Schwägerin eine leiſe Frage that, ſo ſah auch dieſe ſich veranlaßt, einen Kreis zu verlaſſen, von dem ſie ſo ſehr geſchätzt und geliebt wurde und dem ſie Gleiches mit Gleichem vergalt. „So,“ ſagte ſie zu ihrer Schwägerin, als ſie außer Hörweite waren;„ich glaube, ich bekäme die Gelbſucht, wenn ich bei dieſen böſen Zungen und hochmüthigen Wei⸗ bern eine Stunde bleiben müßte.“ „Haſt du die Commercienräthin gehört? Sollte man nicht glauben, Miniſter, Grafen und Prinzen bildeten ihre beſtändige Geſellſchaft? Sie denkt nicht mehr daran, wie froh ihre Mutter war, wenn ſie von der meinigen auf ein Schälchen Kaffee eingeladen war mit recht viel Ein⸗ tunkens, denn die arme Frau hatte immer einen großen Hunger, und jetzt, da der Geheime Commercienrath durch ſeine bekannten Geſchäftchen mit dem Bruder des Miniſters, der auch noch ſein Bißchen Vermögen an der Börſe ver⸗ lieren wird, einen Orden erſchwindelt hat, weiß ſie nicht mehr, wo ihr der Kopf ſteht.“ Der Damenkreis, von deſſen einem Mitgliede die Frau Reviſorin alſo ſprach, blieb indeſſen ein paar Minuten Drittes Kapitel. 93 ſtumm bei einander ſitzen; man hörte nichts, als das Klap⸗ pern des Theelöffels und das Krachen des Backwerks zwiſchen den Zähnen. Dann ſagte die Ober⸗Kriegsräthin: „Es iſt allerdings ſehr angenehm, ſich bei einer ſo großen Geſellſchaft viele Leute auf einmal zu verbinden, eine allgemeine Abfütterung zu halten, aber man ladet ſich doch dabei viel Sorge, viele Geſchäfte auf den Hals, ohne beſonderen Dank zu erwerben.“ „Ganz meine Anſicht,“ ſagte eifrig die Ober⸗Steuer⸗ räthin;„ich bin im Grunde froh, daß meine Zimmer mir verbieten, viele Leute zuſammen zu laden. Welchen Sinn hat überhaupt eine ſo große Geſellſchaft, wo man ſich kaum rühren kann, wo man vor Hitze umkommt, wo man ſein Bißchen Thee und ſein beſcheidenes Nachteſſen durch Complimente und ſchöne Redensarten ſauer genug ver⸗ dienen muß?“ „Ja, und wenn man es deutlich einſieht, weßhalb eine ſonſt ſo gute Frau wie die Stadtſchultheißin ſich eine ſolche Laſt aufladet— es iſt unglaublich, nur um eine Excellenz bei ſich zu ſehen und darüber reden zu laſſen; bei Mancher begreife ich das, aber bei der Welkermann nicht, ſie iſt ſonſt wirklich gut und geſcheit.“ „Gut, meinetwegen,“ gab die Geheime Ober⸗Steuer⸗ räthin zu,„aber geſcheit? Nun, man ſoll ſeinem Mit⸗ menſchen nichts Böſes nachſagen, und deßhalb ſchweige ich lieber.“ 94 Drittes Kapitel. „Darin muß ich Ihnen Recht geben, Frau Ober⸗Steuer⸗ räthin,“ meinte die Ober⸗Bauräthin. Herr Welkermann iſt aber nun einmal Stadtſchultheiß, und das Sprüchwort ſagt, wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verſtand — doch laſſen wir ihn aus dem Spiele. Was dagegen die Frau anbelangt, ſo braucht man, wie die Frau Ober⸗ Steuerräthin ſo eben richtig bemerkt, nur ihr Beſtreben zu ſehen, vornehme Leute in ihr Haus zu locken; den jungen Prinzen Bartenfels hat ſie auch eingeladen, doch ſagte er meinem Bruder, dem Ober⸗Lieutenant, er wiſſe noch nicht, ob er komme, er habe eine Spielpartie, das ſei ihm lieber.“ „Doch muß man zugeben, daß die Stadtſchultheißin eine Frau iſt, mit der man auskommen kann— Verſtand kann man nicht mit Geld kaufen; aber die Welkermann, die ſoeben da war, die Reviſorin, das iſt eine böſe Sieben.“ „Ja, ja, hätten Sie nur die Blicke bemerkt, mit denen ſie Ihre Toilette muſterte, Frau Geheime Commercienräthin, und die Ihrige, Frau Ober⸗Regierungsräthin!“ „Ich habe es wohl bemerkt, und der Neid ſchaute ihr aus den Augen, als ſie Ihren Bernſteinſchmuck anſah.“ „Nicht ſo laut, dort ſitzt ihr Mann!“ ſagte die Com⸗ mercienräthin.— „Ein braver Mann— er thut mir in der Seele weh — der echte Kreuzträger!“ „Ja, bei ſo einer Frau,“ fuhr die Ober⸗Regierungs⸗ Drittes Kapitel. 9⁵ räthin fort—„aber Ihr Bernſteinſchmuck iſt wirklich wun⸗ derſchön, Sie haben ihn noch nicht lange?“ Die Angeredete griff etwas kokett mit ihren feinen Fingern nach der eben erwähnten Halskette, die in der That ſehr ſchön war und mit ihrem matten Gelb die weißen Schultern der ſchönen Frau noch beſonders hervor⸗ leuchten ließ. „Ich habe ihn noch nicht lange,“ ſagte ſie in gleich⸗ gültigem Tone;„er gefiel meinem Manne, und da kaufte er ihn mir.— Doch fällt mir ein, daß ich dem Ober⸗Bau⸗ rathe etwas zu ſagen habe— Sie werden mich entſchul⸗ digen, daß ich Sie verlaſſe, um ihn aufzuſuchen, es iſt etwas, das ſich auf den heutigen Abend bezieht. Die Frau Stadtſchultheiß war ſo gütig, den jungen Ingenieur Wel⸗ den, der auf unſerem Bureau arbeitet, einzuladen; doch kann derſelbe erſt ſpäter kommen, da er draußen auf der Bahnlinie war, die jetzt traſſirt wird, um im nächſten Frühjahre in Angriff genommen zu werden— bis nach⸗ her, meine Damen!“ Sie empfahl ſich mit einem anmuthigen Lächeln, und als ſie nun dahinſchritt, die ſchöne, volle Geſtalt, ihr ſchwarzes Haar in dicken Flechten auf den allerdings etwas ſtark entblößten Schultern wiegend, war ſie eine auffallend üppige Erſcheinung und wohl geeignet, die mißbilligenden Zlicke ſo ſtrenger Sittenrichterinnen nach ſich zu ziehen. „Hm,“ ſagte die ſtreng ausſehende Ober⸗Kriegsräthin, 96 Drittes Kapitel. „dieſe liebe Ober⸗Bauräthin iſt von einer unglaublichen Naivetät oder hält uns für fabelhaft dumm; ſie macht ſich gar nichts daraus, von dem jungen Welden zu ſprechen, als ſei er für ſie eine ganz unverfängliche Perſon, und doch weiß Jedermann. „O gewiß, gewiß, es iſt das ein öffentliches Ge⸗ heimniß!“ „Und iſt es dabei nicht ungeheuer komiſch,“ fuhr die Ober-Kriegsräthin fort,„wenn ſie von„unſerem“ Bureau, auf dem der junge Menſch arbeitet, ſpricht? Das iſt doch ein Bißchen ſtark!“ „Die gute Frau hat gewiß Niemanden, der ihr einen Wink darüber gibt; es iſt ſchade um ſie, ich mag ſie wohl leiden— es iſt eine angenehme Erſcheinung.“ „Aber gränzenlos kokett,“ ſagte die Ober⸗Kriegsräthin dieſes Mal in ausnahmsweiſe ſtrengem Tone; betrachten Sie nur ihren vielbelobten Bernſteinſchmuck, dieſe lange, vorn ſo tief herabhangende Kette. Das zieht allerdings die Blicke der Männer auf ſich, aber wenn man ſo ſtark iſt wie die gute Lievens, ſo ſollte man eher die Blicke ab⸗ zuwenden ſuchen, als anzuziehen— mich dauert nur ihr Mann.“ „Ein lieber Mann, der Ober⸗Baurath!“ „Einer unſerer beſten Freunde!“ „Aber was die Frau ſo eben erzählte, daß er den Bernſteinſchmuck gekauft, das haben Sie doch nicht geglaubt?“ Drittes Kapitel. 97 „Es ſähe ihm wenigſtens nicht ähnlich, denn er iſt furchtbar geizig.“ „Unter uns,“ flüſterte die Commercienräthin—„mein Mann hat es mir erzählt, Lievens hat bei den letzten Staatsbauten einer bedeutenden Eiſengießerei des Auslan⸗ des große Beſtellung zugewendet, und darauf iſt Allerlei erfolgt— Sie werden mich verſtehen, meine Damen.“ „Auch der Bernſteinſchmuck!“ „Und auch— doch ſoll man ſeinem Nebenmenſchen nichts Böſes nachſagen, und ich würde es nicht erwähnt haben, wenn nicht gerade die Rede darauf gekommen wäre.“ So ſprach die Commercienräthin, indem ſie langſam ihre Handſchuhe anzog und ihr Ballbouquet vom Tiſche nahm, während ſie hinzuſetzte:„Jetzt wollen wir doch einmal ſehen, wie es drüben ausſieht; es muß dort, wo ſie jetzt tanzen, eine recht artige Hitze ſein— ich kenne das kleine Zimmer wohl. Gehen Sie mit, Frau Bank⸗Direktor?“ „Recht gern; es wäre mir lieb, eine Whiſtpartie zu finden— wir haben noch lange bis zum Souper, welches wohl um zehn Uhr beginnen wird; um eilf Uhr habe ich meinen Wagen beſtellt.“ Die Beiden gingen mit einander davon, und da ſie ſo weit waren, daß die Zurückgebliebenen ſie nicht mehr hören konnten, ſagte die Commercienräthin: „Von dem Bernſteinſchmucke und den Lieferungen der Eiſengießerei habe ich vorhin der Ober⸗Kriegsräthin und Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. I. 7 98 Drittes Kapitel. der Ober⸗Regierungsräthin nicht umſonſt erzählt, denn man weiß ſchon, wie es in Betreff der Lieferungen während des letzten Feldzuges zugegangen iſt; die armen Soldaten muß⸗ ten hungern und durſten, während— nun, ich will nichts Böſes wiederholen.“ Die Ober⸗Kriegsräthin und die Ober⸗Regierungsräthin blieben an dem großen Theetiſche ſitzen, und erſtere ſagte nach einer Pauſe: „Es gibt doch kein wahreres Sprüchwort, als das vom Balken und Splitter; wenn auch die gute Ober⸗Bauräthin recht kokett iſt, ſo läßt es ſich doch mit ihr leben und man darf nachfragen, wer ihre Eltern geweſen ſind, wo⸗ gegen ein gewiſſes geheimnißvolles Dunkel über der Her⸗ kunft der Commercienräthin ruht. Daß deren Mutter ihrer Zeit auf Pfänder geliehen hat, das weiß ich ganz beſtimmt und nun thut ſie gerade in ihrem ganzen Auftreten, als ſtamme ſie von einer der beſten Familien des Landes— ja, gute Ober⸗Regierungsräthin, es iſt nichts mehr mit dieſer verdorbenen Welt!“ „Gewiß nicht, und daß die klapperdürre Bank⸗Direk⸗ torin allerdings keinen Bernſteinſchmuck ſehen läßt, um Blicke auf ſich zu ziehen, verſteht ſich wohl von ſelbſt.“ „Kommen Sie, wir wollen einen Gang durch die Zim⸗ mer machen; man ſieht und hört immer etwas Neues und bereichert dadurch ſeine Erfahrungen zum Beſten ſeiner Nebenmenſchen.“ Viertes Kapitel. Das Zimmer, in welchem heute Abend getanzt wurde, war indeſſen durchaus nicht ſo klein, als man nach den Reden der Commercienräthin hätte vermuthen können. Es war allerdings kein Ballſaal, und wenn man auch zu der doppelten Quadrille, jede zu acht Paar, zuweilen mit dem Paare in ſeinem Rücken ein wenig in Colliſion kam, ſo hatte das bei der allgemeinen Heiterkeit nicht viel zu be⸗ deuten. Auch waren rechts und links geräumige Neben⸗ zimmer, welche die Tanzenden nach beendigter Tour auf⸗ nahmen, und was die Muſik anbetraf, ſo war für dieſelbe ein Stück des Corridors mit ſpaniſchen Wänden abgetheilt worden, ſo daß dieſe nicht im geringſten genirte. Seine Ercellenz der Herr Staatsminiſter des Innern war allerdings etwas ſpät erſchienen, aber er war doch gekommen und von dem Herrn des Hauſes auf der Mitte 100 Viertes Kapitel. der Treppe empfangen worden, ſowie darauf durch das ganze Apartement geleitet, ein lebendiges Schauſtück, dem zahlloſe Bücklinge und Knixe geſpendet wurden, von welchen noch ein beſcheidener Theil auf den vor Freude ſtrahlenden Gaſtgeber fiel. Später war Seine Excellenz in einem kleinen Cabinete an einem Whiſt⸗Tiſche zur Ruhe gebracht worden, und wurde er hier von Aſcher eigenhändig mit Thee bedient. Seine Mitſpieler waren der Bankdirektor, der Geheime Commercienrath Zipperer und der Oberbaurath Lievens, mit deſſen Gattin ſich der Miniſter des Innern vorher nicht nur lange und huldreichſt unterhalten, ſondern ſie auch gebeten hatte, wenn ſie nichts Beſſeres zu thun wiſſe, während des Spiels an ſeiner Seite Platz zu nehmen, wobei er galant verſicherte, eine ſchöne Frau brächte ihm jedes Mal Glück. Sie hatte das aufs bereitwilligſte gethan, ſich aber vorher erlaubt, Seiner Excellenz einen jungen Mann vor⸗ zuſtellen, der es als das höchſte Glück betrachte, von Seiner Excellenz perſönlich gekannt zu ſein. Und dabei hatte die Bauräthin, während ſie mit nieder⸗ geſchlagenen Augen ihre Bernſteinkette in die Höhe zog, hinzugeſetzt:„Eigentlich hätte mein Mann Ihnen den Herrn Ingenieur Welden vorſtellen ſollen, doch meinte er, das ohne einen beſonderen Wunſch Eurer Excellenz nicht wagen zu können, wogegen ich,“ ſagte ſie mit einem ſchalkhaften Viertes Kapitel. 101 Lächeln,„mir vielleicht auch ohne ſpeciellen Befehl ſo was erlauben darf.“ Der Miniſter des Innern war ein kleiner und dicker Herr mit kurzem Halſe und kurzem Athem; er hatte dicke Lippen und feiſte Backen. Seine Geſichtsfarbe, die ge⸗ wöhnlich ſehr roth war, ſpielte, wenn er ſich erhitzte oder für etwas lebhaft intereſſirte, ins Bläuliche, und wenn er mit Erregung und Gefühl ſprach, ſo hatte ſeine Stimme etwas Fettiges. „Schöne Frau,“ flüſterte er der Oberbauräthin zu, „Jeder, den Sie mir vorſtellen, iſt mir angenehm; nur möchte ich mit einem leichten Seufzer hinzuſetzen, ich möchte dieſer Kuno geweſen ſein.“ „Ach, Excellenz, es iſt gefährlich, mit Ihnen zu reden, und wenn ich meine Bitte nicht ſchon ausgeſprochen hätte, würde ich es nicht mehr thun.“ „Eigentlich hätten Sie ſich dieſe Mühe auch ſparen können,“ hörte man jetzt eine tiefe, wohlklingende Stimme in ſehr gleichgültigem, faſt trockenem Tone ſagen.„Ich bin Seiner Excellenz bereits vorgeſtellt worden; nur erinnern ſich der Herr Miniſter meiner nicht mehr.“ Der, welcher ſo ſprach und jetzt ohne irgend welche Verlegenheit an den Spieltiſch trat, war ein junger, ſchlanker Mann von einigen zwanzig Jahren, mit ausdrucksvollen, ernſten Geſichtszügen, einem lebhaften Auge, mit blondem, leicht geloctem Haar und einem etwas ins Röthliche ſpie⸗ 102 Viertes Kapitel. lenden Vollbarte. Er war in gehöriger Balltoilette, mit weißer Halsbinde— nur hatte die Schleife derſelben ſowie auch ſein tief herabgeſchlagener Kragen etwas ſehr Unge⸗ zwungenes, welches übrigens auch ſein ganzes Weſen, wenn er ſtand, ging und ſprach, charakteriſirte. „Ah, richtig, Herr Welden!“ ſagte die Excellenz mit einem freundlichen Lächeln.„Natürlich kennen wir uns, nur hatte ich mich Ihrer Perſon nicht mehr recht erinnert — oh, wir ſahen uns häufig! Das letzte Mal, als wir dem guten Baron Rivola ein Stückchen ſeines Waldes wegnehmen mußten; ich glaube, er hat ſich noch nicht recht darein finden können.“ „Er hat es verſchmerzt, wie er mir neulich ſagte,“ erwiederte der junge Ingenieur.„Daß es ihm unange⸗ nehm war, finde ich begreiflich; doch habe ich ihm ſeine nunmehrige Gränze ein wenig hergerichtet. Auch wird er neue Bäume anpflanzen, ſo daß ſich der etwas ſchroffe Abſchnitt vergleicht.“ „Sie ſind jetzt hier einer der Unſrigen?“ fragte der Miniſter. „Nur für den Winter, Excellenz. Ich habe auf dem Bureau des Herrn Oberbauraths Lievens mit den Plänen der neuen Bahnlinie zu thun, hoffe aber mit dem früheſten Frühjahr wieder hinauszukommen.“ „Es iſt dieſem jungen Manne,“ wandte ſich ſeine Er⸗ cellenz mit einem freundlichen Lächeln an ſeine Nachbarin, Viertes Kapitel. 103 „hier in der Stadt zu Muthe wie den gefangenen Wald⸗ vögeln, und wenn ſie es auch noch ſo gut haben; und ich glaube,“ ſetzte er flüſternd hinzu,„der da hat es gut, be⸗ neidenswerth gut auf dem Bureau Ihres Gemahls— ah, dieſe jungen Leute— was nützen uns Amt und Würde!“ — Hier legte er leicht die rechte Hand an die linke Bruſt, an den Stern, den er auf dem Fracke trug, oder an die Stelle, wo er ſein Herz vermuthete.„Was nützt uns alles das ſchönen Frauen gegenüber, wenn man die Sechzig auf dem Rücken hat! Spielen wir alſo, wenn es gefällig iſt, obgleich auch nur mit Karten.“ Der junge Ingenieur war mit einer leichten Verbeu⸗ gung vom Tiſche zurückgekehrt, hatte ſich an die Thür des Zimmers geſtellt, in welchem getanzt wurde, und blickte ziemlich gleichgültig in das Gewühl der luſtig ſich drehen⸗ den Paare. Er war zu ſpät gekommen, um noch hoffen zu können, auf dem Coursblatte der begehrten Tänzerinnen notirt zu werden; auch war er kein leidenſchaftlicher Tänzer und hatte auch hier kein Intereſſe, um es zu ſein. Damit wollen wir aber nicht geſagt haben, als ob er alle an ihm vorbeiſchwebenden Damen mit derſelben Gleichgültig⸗ keit betrachtet hätte. Erging es ihm doch auch wie manchem anderen der zuſchauenden älteren und jüngeren Herren, welche die Tochter des Hauſes und Lucy von Rivola mit den angelegentlichſten Blicken verfolgten. Man konnte aber auch nichts Reizenderes ſehen, als dieſe jungen Mädchen 104 Viertes Kapitel. in ihrer anmuthig ſchwebenden Bewegung, ſo feſt, ſo ſicher und doch wieder ſo gänzlich ungenirt, nur ihrem eigenen, beiderſeitigen Vergnügen lebend; denn wenn ſie bei einem Ruhepunkte nicht gar zu weit aus einander ſtanden, ſo reichten ſie ſich mit einem entzückten Lächeln gern die Hand oder flüſterten einander irgend ein gewiſſes gleichgültiges Wort zu, anſtatt ihre Aufmerkſamkeit auf das zu wenden, was ihnen ihre Tänzer ſagten. Beſonders aber war es Lucy, die mit ihrem eigen⸗ thümlichen Haar unter allen übrigen Tänzerinnen hervor⸗ leuchtete, und wenn ſie ſo vorüberſchwebte, zuweilen ihre blonden Locken durch ein energiſches Kopfſchütteln zurück⸗ werfend, mit den großen, braunen Augen, die vor Glück⸗ ſeligkeit ſtrahlten, plötzlich Jemanden anſchauend, ſo konnten ſich wohl gänzlich Fremde nicht enthalten, ihr mit der freundlichſten Theilnahme zuzunicken. So that auch Herr Welden, obgleich er kein Fremder für ſie war, und über ſein ernſtes, faſt theilnahmloſes Ge⸗ ſicht flog ein wohlwollendes Lächeln, als ſie ein paar Schritte von ihm entfernt ihren Kopf während des Tanzens nochmals gegen ihn umwandte und ihre ſtrahlenden Augen ſo lange als möglich auf ihm ruhen ließ. Dann war der Walzer zu Ende, und die beiden jungen Mädchen, nachdem ſie ſich von ihren Tänzern flüchtig ver⸗ abſchiedet, traten an die Thür des Spielzimmers, wo der Ingenieur noch immer ſtand und nun von Eliſe und Lucy Viertes Kapitel. 105 aufs freundlichſte begrüßt wurde.„Sie kommen wieder einmal recht ſpät, Herr Welden,“ ſagte die erſtere, und Fräulein von Rivola ſetzte hinzu:„Daß Herr Welden über⸗ haupt noch hieherkommt, wo ja nur getanzt und über die gleichgültigſten Dinge geplaudert wird, mußt du ihm als Tochter des Hauſes ſehr hoch anrechnen. Nicht wahr, Herr Welden, Sie wären lieber gar nicht gekommen?“ Sie ſagte dies in einem offenen, heiteren, neckenden Tone, der von dem jungen Manne ebenſo erwiedert wurde, als er ihr entgegnete:„Darin haben Sie ganz Recht, mein Fräulein. Tanz und Geplauder haben mich aber gewiß nicht hiehergezogen, ſondern nur die Artigkeit gegen unſern freundlichen Wirth, den Vater des Fräuleins Welkermann; dann aber vor allen Dingen, um Sie auf Ihrem erſten Balle tanzen zu ſehen.“ „Wie dankbar bin ich Ihnen für dieſes Intereſſe, das ich hoch anrechnen muß! Aber in der That iſt es unrecht, daß Sie ſo ſpät erſcheinen, ich hätte Ihnen gerne einen Tanz aufgehoben.“ „Das hätten Sie immerhin thun können, denn ich ſagte Ihnen, ich würde ſicher hieherkommen, und ich meine, ich hätte hinzugeſetzt, wenn ich auch ſonſt nicht tanze, ſo würde es mich doch ſehr freuen, mit Ihnen eine Ausnahme zu machen.“ „Hätten Sie das wirklich geſagt?“ erwiederte das junge Mädchen in einem beinahe erſchrockenen Tone, wobei ſie 106 Viertes Kapitel. ihre kleine Tanzkarte aus dem Gürtelbande hervorzog, ihm dann aber, nachdem ſie einen Blick darauf geworfen, mit heiterer Miene zurief:„O nein, ſo haben Sie nicht geſagt! „Wenn ich überhaupt tanzen wollte,“ ſprachen Sie, ‚ſo würde es mir Vergnügen machen, Sie um einen Tanz zu bitten:— haben Sie nicht ſo geſagt?“ „Es kann ſein,“ erwiederte er lächelnd;„ich will zu⸗ geben, daß Sie Recht haben.“ „Aber eine Extra⸗Tour, Herr Welden.“ „Eine ſolche halte ich für Unrecht gegen den betreffenden Tänzer. Damit ich aber nicht zu kurz komme und ein wenig mit Ihnen plaudern kann, ſo werde ich ſuchen, wäh⸗ rend des Soupers in Ihre Nähe zu kommen. Doch hätte ich beinahe vergeſſen, den beiden Damen einen Gruß zu ſagen, der mir an Sie aufgetragen wurde— aufgetragen ſollte ich eigentlich nicht ſagen, vielmehr las ich in den Mienen des Betreffenden, wie ſehr er wünſchte, bei Ihnen in Erinnerung gebracht zu werden.“ „Ei, und wer kann das ſein?“ fragte Lucy. „Ein alter Herr, jetzt mit weißem Haar und Bart.“ „Ein alter Herr— kannſt du dir denken, Eliſe, wen Herr Welden meint?“ „Ein alter, wohlwollender Herr, deſſen Sprechen wie ein freundliches Murmeln klingt und deſſen Gemurmel ich gern zugelauſcht....“ Viertes Kapitel. 107 „Ach, Sie ſprechen wieder in Bildern und Räthſeln!“ meinte Eliſe.„Wer iſt denn Ihr alter Herr?“ Lucy hatte ihre Hand auf die Schulter ihrer Freundin gelegt, Herrn Welden dabei mit ihren tiefen, ſinnigen Augen ſcharf angeblickt und ſagte nun:„Ach, ich weiß es, wen er mit ſeinem alten, murmelnden Herrn meint, der jetzt ein weißes Haar und weißen Bart hat! Iſt er nicht trotz alledem heute noch ſehr beweglich, queckſilbern⸗unruhig, ſo daß er beſtändig zappelt, um von der Stelle zu kommen und, obwohl er ſich in Einem fort bewegt und abmüht, doch an dem Orte bleibt, wo wir ihn geſehen?“ „Ja, mein Kind.“ „Verſtehſt du ihn denn nicht, Eliſe? Er meint ja den Waſſerfall nicht weit von unſerer Penſion von Kloſterberg!“ „Ah ſo— und da waren Sie heute?“ „Ja, ich mußte eine Meſſung nachſehen zu der Eiſen⸗ bahnbrücke, die über den Waſſerfall projektirt iſt und im nächſten Frühjahr gebaut wird. Es war trotz des winter⸗ lichen Wetters prächtig da oben im Gebirge, lauter Schnee und Eis, und ſo eine Winterlandſchaft hat eine große Schönheit.“ „Ach ja, jetzt verſtehe ich es,“ ſagte Eliſe nach einer Pauſe,„warum Herr Welden uns einen Gruß von dem Waſſerfall bringt! Es war ja an jenem Orte vor einem Jahre, wo wir ihn zufällig trafen und wo unſere geſtrenge 108 Viertes Kapitel. Vorſteherin erlaubte, daß uns Herr Welden die Linie der damals erſt projektirten Bahn erklärte.“ „Ich habe ſogleich daran gedacht,“ meinte Lucy.„Da⸗ mals aber ſagten Sie uns, es ſei vielleicht möglich, die Linie ein klein wenig nach Süden zu legen, um ſo den herrlichen Waſſerfall zu ſchonen.“. „Ich habe gethan, was ich konnte, um ſo den alten Herrn zu ſchonen, und es ſt mir inſoweit gelungen, als ich mit meinem Projekte durchgedrungen bin und ihn nun mit einem einzigen Bogen überwölben werde, ſtatt die Schlucht zu zerſtören, durch welche er fließt.“ „Dafür wollen wir Ihnen dankbar ſein, nicht wahr, Eliſe? Wir in unſerem eigenen Namen und in dem aller jener unglücklichen Penſionärinnen, welche wie wir ihr Ver⸗ gnügen haben an jener prächtigen Cascade, dem häufigen Endziele unſerer Spaziergänge.“ „Ich habe eine kleine Skizze davon gemacht, um zu ſehen, wie ſich der Waſſerfall und Brücke ausnimmt.“ „Für mich?“ fragte Lucy. „Nein, mein Kind, dieſes Mal nicht für Sie.“ Sagte er das in einem beſonders trockenen Tone oder hatte ſie erwartet, er würde ihr die Zeichnung anbieten— genug, ſie erwiederte plötzlich ſehr ernſt, faſt verſtimmt: „O, ich habe das auch nicht geſagt, um ſie behalten zu dürfen, ſondern nur um den Verſuch zu machen, ſie zu copiren, denn ich habe dazu gar nichts hübſches Neues Viertes Kapitel. 109 mehr, und dann möchte ich auch eine Anſicht jenes Platzes noch beſtimmter haben, als er in meiner Erinnerung lebt.“ Abermals begann ein Tanz, und diesmal waren es ein paar unternehmende Lieutenants, welche ſich eilfertig näher⸗ ten, indem ſie raſch ihrem Schnurrbarte die entſprechende Lage gegeben und die Uniform in die Taille herabgezogen hatten. Welden wandte ſich langſam um, dem Spielzimmer zu, wo die Ober⸗Bauräthin Lievens immer noch neben Seiner Excellenz ſaß und ihm offenbar Glück brachte, wie er mit ſeiner fettigen Stimme behauptete. Die ſchöne Frau hatte den rechten Arm auf die Lehne des Seſſels ihres Nachbars geſtützt und ſchien gar nicht das Näherkommen des jungen Mannes zu beachten. Nur jetzt, als er dicht neben ihr ſtand, erhob ſie langſam ihre glänzenden Augen zu ihm und ſagte: „Ich dachte mir, Sie hätten getanzt oder wenigſtens Luſt gehabt, zu tanzen.“ „Leider nicht, ſonſt würde vielleicht Eines durch das Andere ausgeführt. Ich ſah zu und plauderte ein wenig.“ „Gerade ſo wie ich hier dem Spiele zuſehe ohne alles Intereſſe,“ ſagte ſie mit einem Blicke, deſſen eigentlicher Ausdruck noch durch einen leichten, kaum vernehmbaren Seufzer verſtärkt wurde. „Wir könnten Sie ja mit einer kleinen Wette inter⸗ eſſiren,“ erwiederte Seine Excellenz, welche die Worte 110 Viertes Kapitel. der Ober⸗Bauräthin ganz allein auf den Gang des Spiels bezog. „Was ich mit Vergnügen annehmen würde, wenn die Wärme aus dem Tanzſaale nicht gar zu ſtark heraus⸗ dränge,“ entgegnete ſie, ihren Fächer entfaltend.„Ich muß mir ſchon einen kühleren Platz ausſuchen.“ Dabei erhob ſie ſich und ſagte im Fortgehen zu dem jungen Ingenieur:„Wollen Sie mich vielleicht begleiten, Herr Welden? Man kann allerdings nicht weit gehen oder etwa Einſamkeit aufſuchen,“ fuhr ſie nach einem heiteren Lächeln fort,„denn die Zimmer der guten Stadtſchultheißin ſind gar ſo vollgepfropft. Doch habe ich noch nicht ein⸗ mal alle geſehen, und wenn es Ihnen recht iſt, machen wir gemeinſchaftlich eine Zimmer⸗Promenade.“ Er wollte ihr ſeinen Arm anbieten; doch lehnte ſie dies dankend ab, wobei ſie für einen Augenblick leicht ihre Hand auf ſeinen Arm legte und heiter ſagte:„Man braucht den Leuten hier nicht Stoff zu unnöthigen Reden zu geben. Auch wenn ich gar nicht hinblicke, ſehe ich mich beſtändig von verſchiedenen Augen guter Freundinnen verfolgt, mache mir aber gar nichts daraus. „Sehen Sie,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, während welcher ſie einige Zimmer durchwandert,„hier, entfernt vom ſogenannten Tanzſaale, iſt es ſchon etwas leerer, und dort in dem Wohnzimmer der kleinen Eliſe ſcheint eine ganz erträgliche Atmoſphäre zu ſein. Es war fürchterlich Viertes Kapitel. 111 heiß da drinnen— ſo, hier wollen wir uns ſetzen und ein wenig plaudern.“ Sie ließ ſich in die Ecke eines Sopha's nieder und bezeichnete für ihren Begleiter einen Stuhl, der daneben ſtand, wobei ſie mit einem ſchalkhaften Lächeln ſagte:„So ſind wir denn vor den Augen der Welt und auch zu unſerer eigenen Genugthuung durch eine hohe Lehne getrennt, und nun ſagen Sie mir, wie gefällt es Ihnen hier?“ Sie hatte ſich bei dieſen letzten Worten, welche ſie ſehr langſam ſprach, ſo bequem als möglich in die Ecke des Sopha's niedergelaſſen, und ſo nahe an die bezeichnete Lehne, daß, wenn ſie ihren Kopf noch etwas mehr hinüber⸗ gelegt hätte, als ſie ſchon that, ihre Haare mit denen des jungen Mannes in Berührung gekommen wären. Und es iſt etwas höchſt Gefährliches um eine ſolche Berührung; es iſt das verrätheriſche Gefühl einer Kühle, von der man weiß, daß ſie häufig heiße Gluth verbirgt, Schnee auf einem Vulcan; wir reden natürlich von einem ſo ſchönen, reichen Haar, welches uns zu denken gibt, und ſo war das der reizenden Frau, neben welcher Welden ſaß, ob mit den eben angegebenen Gefühlen, wollen wir gerade nicht behaupten, denn ſeine Mienen und ſein Blick ſprachen nicht dafür, ja, er machte ſogar mit dem Stuhle eine leichte Wendung, wodurch er allerdings aus der ge⸗ fährlichen Nähe dieſes Haares, dadurch aber mehr noch in das Feuer ihrer ſprühenden Augen kam. 112 Viertes Kapitel. „Wie es mir hier gefällt? Hier auf dem Balle oder in meiner neuen Stellung auf dem Bureau?— Was das Letztere anbelangt, ſo muß ich ehrlich ſagen, daß der Mi⸗ niſter nicht ganz Unrecht hatte, als er von den Gefühlen eines gefangenen Waldvogels ſprach. Doch wenn es eine Gefangenſchaft iſt, ſo wird dieſe allerdings gemildert, ja, ich möchte ſagen, faſt ganz wieder aufgehoben durch die Freundlichkeit des Herrn Oberbauraths und durch Ihre Güte.“ „Empfinden Sie das wirklich, lieber Welden?“ „Gewiß! In dieſer Hinſicht ſehe ich dem Frühling nicht mit dem gleichen Verlangen entgegen, wie ich es ſonſt wohl thun würde.“ 3 „Ach ja, dieſer Frühling!“ ſagte ſie mit einem leichten Seufzer.„Dann öffnet ſich Ihr Käfig wieder und Sie flattern davon, vielleicht ohne eine angenehme Erinnerung an die Vergangenheit. Sind Sie überhaupt flatterhaft?“ fragte ſie raſch, indem ſie ſich gegen ihn wandte. „Ich glaube nicht,“ entgegnete er lächelnd,„obgleich ich mir ſelbſt darüber ſo genau noch keine Rechenſchaft geben kann. Was iſt flatterhaft? Mit Leichtigkeit einen Gegenſtand vergeſſen, der uns intereſſirte Wenn es das iſt, ſo bin ich allerdings nicht flatterhaft, denn ich habe noch nie etwas vergeſſen, das mir werth geworden.“ „Und was muß man thun, um Ihnen werth zu ſein, um von Ihnen nicht ſo bald vergeſſen zu werden?“ Viertes Kapitel. 113 Beinahe hätte Welden nicht gewußt, was er für eine Antwort geben ſollte, und er entgegnete nun:„Wer zum Beiſpiel ſo liebenswürdig gegen mich iſt, wie Sie, verehrte Frau, darf wohl überzeugt ſein, daß ich ſeiner mit Dank⸗ barkeit gedenke.“ „Mit Dankbarkeit?“ gab ſie lächelnd zur Antwort. „Das iſt immer ſchon etwas, und ich bin vor der Hand zufrieden; aber nun ſagen Sie mir auch, wie es Ihnen hier auf dem Balle gefällt?“ Er zuckte mit den Achſeln und ſagte dann:„Es gibt Dinge, welche ich dieſem geräuſchvollen Treiben vorziehe. Ich habe nie ein Vergnügen daran gefunden, ohne eigent⸗ lichen Zweck mit vielen Leuten in einem engen Raume zu ſein; man findet, beſonders ohne eine ſo freundliche Füh⸗ rerin wie Sie, ſelten einen behaglichen Raum zum Sitzen, kaum zum Stehen, und wenn man plaudern will, muß man ſich erſt ſorgfältig nach einer rückenfreien Ecke um⸗ ſehen. Auch iſt dieſes Geplauder, wie man es gewöhnlich auf einem Balle führt— immer mit Ausnahmen,“ ſetzte er verbindlich hinzu—,„nicht von der Art, wie ich es wünſche.“ „Oder man muß eine große Menge von Bekannten haben, in deren Gedächtniß man ſich durch irgend ein Wort, eine Frage auffriſchen will, und Sie haben wohl nicht viele Bekannte hier?“ „Sehr wenige. Bin ich doch ſelbſt mit dem Herrn Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. I. 8 114 Viertes Kapitel. Stadtſchultheißen nur flüchtig bekannt; ſeinen Sohn ſah ich und ſprach ihn einige Mal im Kaffeehauſe; dann kenne ich die Familie Rivola.“ „Woher kennen Sie dieſe? Ah, wahrſcheinlich von der Zeit im vergangenen Sommer, als draußen bei dem Gute des Barons die neue Eiſenbahnlinie tracirt wurde!“ „So iſt es. Trotzdem ich gezwungen war, ihm ein hübſches Stückchen ſeines Waldes abzuſchneiden, war er doch ſtets ſehr freundlich gegen mich. Allerdings ſchonte ich auch ſein Eigenthum ſo gut es mir nur möglich war, wofür man ſich dankbar erwies, denn er öffnete mir nicht nur aufs freundlichſte ſein Haus, ſondern er räumte mir auch auf einem Vorwerke ein kleines Gebäude zu einer Bauhütte für mich und mein Perſonal ein.“ „Eine eigenthümliche Familie, dieſe Rivola— ſie werden für ſehr reich gehalten.“ „Sind es auch, wie mir ſcheint; ihr Hausweſen iſt wenigſtens danach eingerichtet, und dabei ſind ſie gaſtfrei in der weiteſten und ſchönſten Ausdehnung des Wortes.“ „Nicht für Jedermann, mein lieber Herr Welden. Ich hörte ſchon ſagen, daß, wenn das Haus des Barons auch häufig eingeladene Geſellſchaften ſähe, es doch ſonſt für das, was man vertrauliche Beſuche nennt, beinahe herme⸗ tiſch verſchloſſen ſei.“ „Möglich, daß er aus einem Grunde, den ich vielleicht errathe, mit mir eine Ausnahme machte. Der Baron Viertes Kapitel. 115 Rivola iſt nicht nur Kunſtkenner, ſondern war auch in ſeiner Jugend ausübender Künſtler, Mechaniker, Baulieb⸗ haber, und da ich in dieſen Fächern einige Kenntniſſe habe, ſo ſuchte er wohl deßhalb meine Geſellſchaft, von welcher jedoch ich den größten Nutzen zog, denn ich kann Sie ver⸗ ſichern, ſeine enormen Kenntniſſe, ſowie ſeine große Er⸗ fahrung haben mir ſchon Manches klar gemacht.“ „War Fräulein Lucy damals ſchon zu Hauſe?“ fragte die Oberbauräthin nach einer kleinen Pauſe. „Nein, ſie war den Sommer über abweſend und ich ſah ſie erſt in den letzten Tagen meines Dortſeins, zu Anfang des Herbſtes.“ „Ein hübſches Kind.“ „Ja, eigenthümlich und intereſſant, etwas verühnt, was ich begreiflich finde, denn ſie iſt der Abgott ihrer Eltern.“ „Wie ſchön iſt das ſonderbare Haar dieſes Mädchens!“ meinte die Oberbauräthin nachdenkend, indem ſie leicht mit ihrer Hand über ihre weiße, glatte Stirn ſtrich.„Ich wünſchte mir eines von dieſer Farbe.“ „Ah, Sie ſollten zufrieden ſein!“ meinte der junge In⸗ genieur.„Ich ſah ein ſo prachtvolles Haar wie das Ihrige nur in Rom, und die Römerinnen bilden ſich etwas dar⸗ auf ein.“ „Das der Italienerinnen ſoll etwas hart und rauh ſein, ſagt man, während mein Haar vielleicht den einzigen 116 Viertes Kapitel. Vorzug der Weiche hat. Fühlen Sie es einmal an, Herr Welden, Sie ſind ein Kenner.“ Sie wandte das hübſche Geſicht kokett von ihm ab, und als er der Aufforderung gemäß die ſchweren, dicken Flechten, welche über ihren Nacken herabhingen, durch die Finger gleiten ließ, konnte es nicht fehlen, daß ſeine Hand mit ihrer weichen, glatten, kühlen Schulter in Berührung kam. Sie zuckte zuſammen und ſagte, ſich ihm raſch wieder zuwendend:„Schade, daß Sie nicht tanzen, Herr Welden!“ „Ich liebe überhaupt dieſes Vergnügen nicht mehr ſo wie früher, tanze nur, wenn ich für Jemanden ein ganz beſonderes Intereſſe empfinde.“ „Für Jemanden, der Ihnen werth geworden? Wie ſchade, daß das bei mir Ihnen gegenüber noch nicht zutrifft!“ „Würden Sie gern tanzen?“ „Warum nicht,“ entgegnete ſie unbefangen,„wenn ich als Frau nicht fürchten müßte, den jungen Mädchen un⸗ nöthiger Weiſe Platz wegzunehmen.“ „Darüber brauchen Sie ſich keine Sorge zu machen,“ erwiederte der junge Ingenieur, der ſich bewußt war, ein ausgezeichneter Tänzer zu ſein, der es verſtand, eine ge⸗ wandte Tänzerin ſicher und zierlich durch die engſte Lücke zu bringen. Auch dachte er dabei an die kleine Lucy, die es nicht einmal der Mühe werth gefunden hatte, nur ihr Bedauern darüber auszudrücken, daß ſie nicht mit ihm tanzen könne. Viertes Kapitel. 117 Die Oberbauräthin hatte ſich raſch erhoben, und indem ſie jetzt ihren Arm in den des jungen Mannes legte, ſprach ſie:„Da wir nun zum Tanze gehen, dürfen Sie mich auch führen.“ Und ſo gingen ſie den Weg durch die Zimmer zurück, den ſie ſoeben gekommen. Ihrem Manne am Spiel⸗ tiſche ſagte ſie im Vorbeigehen:„Herr Welden hat mich zum Tanze aufgefordert.“ Worauf der Oberbaurath in ſehr gleichgültigem und trockenem Tone, welcher aber voll⸗ kommen zu ſeiner Geſchäftsmiene und ſeiner ausgedörrten Geſtalt ſtimmte, zur Antwort gab:„Das iſt mir ſehr an— genehm, Mathilde.“ „Ha, beneidenswerther junger Mann,“ rief Se. Excellenz, „ſo mit ſchönen Frauen durchs Leben tanzen zu dürfen!“ „Während wir hier im Schweiße unſeres Angeſichtes einen Rubber um den anderen verlieren— Coeur iſt à⸗ tout!“ Es war übrigens in demſelben Augenblicke nicht leicht, ſich ohne Gefahr in die dichten Maſſen der Tanzenden zu ſtürzen, denn ein beliebter Walzer, den die Muſik ſpielte, hatte auch ältere Herren herbeigelockt, um, bekannten Klängen folgend, vielleicht in alten, ſüßen Erinnerungen zu ſchwelgen. „Entſchuldigen Sie mich,“ ſagte Herr Welden zu der etwas ſchwer athmenden jungen, ſchönen Frau,„wenn ich Sie feſter an mich ſchließe, als ich wohl zu thun pflege, denn ſonſt würde es unmöglich ſein, da hinein und mit einiger Sicherheit wieder heraus zu kommen.“ 118 Viertes Kapitel. „Ich fürchte mich ein wenig, lieber Welden,“ entgegnete ſie mit leiſer Stimme, indem ſie ſich mit halbgeſchloſſenen Augen feſt an ihn anſchloß.„Es wäre fürchterlich, wenn uns etwas widerfahren ſollte— iſt es mir doch gerade, als ſähe ich ſchon verſchiedene ſcharfe Blicke auf mich ge⸗ richtet und hörte liebevolles Geflüſter über die da, die doch verheirathet ſei und doch das Tanzen nicht laſſen könne!“ „Unbeſorgt!“ ſagte er lachend und mit dem rechten Arme ihre feine Taille feſter umſchlingend;„ich habe nur einen Augenblick gewartet, um nicht mit jenem alten Herrn, der dort herumhüpft, zu caramboliren.“ Und ſchnell. eh' die Brandung wiederkehrt, Der Jüngling ſich Gott befiehlt! recitirte Se. Excellenz, welche mit ihrem Augenglaſe dem Paare zuſchaute, als dieſes nun in dem Strudel der Tan⸗ zenden verſchwand, aber nicht unterging, und es war eine Freude, zu ſehen, wenn der junge Ingenieur, mit ſeiner gerade nicht leichten Tänzerin allerdings die ſeltſamſten Figuren beſchreibend, hier bei einem Paare vorüber ſchlüpfte, dort, ſich auf der Stelle drehend, ein anderes vorüber ließ, jetzt, rückwärts tanzend, einen kleinen Raum hinter ſich benutzte, um wieder ins Freie zu kommen, und dann durch eine zufällig entſtandene Lücke von einem Ende des Saales bis an das andere ſchoß. Die Zuſchauer klatſchten Beifall, manche der Tanzenden hörten auf, um dem Paare Platz zu machen, manche Tänzerin mit lächelnder Miene, manche Viertes Kapitel. 119 aber mit einem etwas ſpöttiſchen Geſichtsausdrucke, hier und dort eine junge Dame kopfſchüttelnd oder mit großen, erſtaunten Blicken, wie Lucy von Rivola. „Siehſt du, wie gut Herr Welden tanzt,“ ſagte ſie zu Cliſe, die ſich ihrer Freundin genähert hatte—„und wie ſchön er tanzt! Wer iſt denn ſeine Tänzerin?“ „Eine Bekannte unſeres Hauſes.“ „Eine ſchöne Frau!“ ſagte Lucy, indem ſie mit ihren Blicken das Paar verfolgte, welches jetzt nicht weit von ihr an der Thür p lötzlich ſtill ſtand und dann lächelnd durch dieſelbe verſchwand. Dieſes war die letzte Tour vor dem Souper geweſen, und Herr Aſcher, der am Eingange des Apartements ſtand und auf dieſen Moment mit nicht weniger Spannung ge⸗ wartet hatte, als ein General auf das Aufblitzen des erſten Kanonenſchuſſes beim Beginne einer Schlacht, entfaltete nun mit ſeinen Haustruppen eine großartige Thätigkeit— es ſollte an kleinen Tiſchen, die in ſämmtlichen Zimmern vertheilt waren, von allen Eingeladenen zu gleicher Zeit ſoupirt werden, eine Aenderung des urſprünglichen Schlacht⸗ planes, nach welchem zuerſt der ältere Theil und dann erſt die jungen Leute hätten abgefüttert werden ſollen. Herr Aſcher hatte dem zweifelnden Herrn des Hauſes verſichert, es mache ſich auf dieſe Art unbedingt ſchöner und großartiger und für Jeden angenehmer, denn eine Andacht ſei doch nicht mehr von den Tanzenden zu erwarten, 120 Viertes Kapitel. wenn einmal im Nebenzimmer die Teller klapperten. Und Herr Aſcher hatte nicht nur Recht behalten, ſondern in kürzeſter Zeit das Unglaublichſte geleiſteet. Dabei war er aber, beſonders mit den ſpielenden Partieen, ziemlich ſcho⸗ nungslos verfahren, ſo daß ſich ſogar Se. Excellenz der Herr Miniſter zu der Aeußerung veranlaßt geſehen hatte: „Dieſer Aſcher iſt ein ganz verfluchter Kerl— ich kenne ihn von ähnlichen Gelegenheiten her; er wäre im Stande, das Tiſchtuch über unſere Karten zu decken oder uns, was noch ſchrecklicher wäre, gar nicht ſerviren zu laſſen— der Klügſte gibt nach!“ 3 Darauf erhob ſich Se. Excellenz vom Tiſche, Aſcher that auch hier ſeine Schuldigkeit, und nach kurzer Zeit hörte man durch das ganze Apartement das leichte, ver⸗ gnügliche Summen halblaut geführter Tiſchgeſpräche, das Klappern der Meſſer und Gabeln ſowie das Klingen der Gläſer. Fünftes Kapitel.. Nach eingenommenem gutem Souper ändert ſich ge⸗ wöhnlich die Phyſiognomie eines Balles, Alfes fühlt ſich behaglicher, freier, mit den ſtarren Formen geſellſchaftlicher Etiquette wird es nicht mehr ſo ganz genau genommen, ſtreng erzogene junge Damen erlauben ſich ſchon ein kurzes, lautes Lachen, unternehmende Lieutenants werden kühner, und ſehr ſchüchterne junge Leute, die es zu Anfang des Feſtes nicht gewagt hatten, ein Ballgeſpräch anders einzu⸗ leiten, als mit der Bemerkung, daß es heute im Saale ſehr voll, ſehr heiß ſei oder daß es draußen regne oder ſchneie, ſchwangen ſich jetzt ſchon zu dem Geſtändniſſe auf, daß ſie ſich göttlich amuſirten, ja, ſetzten ſogar ſeufzend hinzu: O, daß ſie ewig grünen bliebe, die ſchöne Zeit eines erſten Balles!— was ſich allerdings nicht reimte, aber trotzdem hier und da gern gehört wurde. 122 Fünftes Kapitel. Aeltere Herren und Damen, beſonders wenn ſie ohne Ballnachwuchs erſchienen waren, bewegten ſich jetzt, häufig im langſamſten Tempo und dabei ſo angelegentlich plau⸗ dernd, als begänne für ſie jetzt erſt das eigentliche Ver⸗ gnügen des Balles, der Thür zu, welche zur Treppe führte, und machten ſauerſüße Geſichter, wenn ſie vielleicht noch im letzten Zimmer von ſolchen zum Dableiben und Sitzen eingeladen wurden, die hartnäckig an ihrem Tiſche ge⸗ blieben und ſich den Champagner gut ſchmecken ließen. Andere, die ausdauernder waren, erinnerten ſich gern, daß bei den Feſten des Stadtſchultheißen ſpäter ein vor⸗ trefflicher Punſch ſervirt würde, und bedauerten nur, daß ein Rauchkabinet fehle; hier und da, aber ſehr vereinzelt, ſetzte man auch noch eine Spielpartie fort, wogegen übri⸗ gens die meiſten der Spieler Ruhe nach gethaner Arbeit — damit meinten ſie das wirklich vortrefflich Souper— vorzogen: ſo auch Se. Excellenz der Herr Miniſter, der ſich einen bequemen Fauteuil in einer Ecke ausgeſucht und hier mit einem Rieſenſchlangengefühle behaglich ausruhte. Eliſe hatte ihre Freundin Lucy unter den Arm genom⸗ men und war mit ihr nach dem kleinen Zimmer gegangen, wo vordem Herr Welden mit der Oberbauräthin geſeſſen, dem kleinen, mit Pflanzen dekorirten Gemache, im gewöhn⸗ lichen Leben Eliſens Schlafzimmer. „Biſt du müde?“ fragte die Tochter des Hauſes. „Müde gerade nicht, aber ich habe ſehr viel getanzt, Fünftes Kapitel. 123 und wenn ich dürfte, möchte ich wohl einige Touren über⸗ ſchlagen.“ Die beiden jungen Mädchen ſetzten ſich auf das Sopha, und Lucy legte ihren Kopf auf die Schulter der Freundin. „Du ſcheinſt in der That müde, meine gute Lucy,“ ſagte jene ſchmeichelnd und beugte dabei ihr Köpfchen herab, um ihre Lippen in deren ſeidenweiches Haar zu drücken. „Nein, müde bin ich gerade nicht, aber ich habe mir von meinem erſten Balle eigentlich mehr verſprochen; ich freue mich allerdings, wenn ich tanze, und doch finde ich eben kein ſo großes Intereſſe dabei. Auf den Bällen in der Penſion, wo wir ganz unter uns waren, habe ich mich ebenſogut amuſirt— über was alles haben wir da nicht geplaudert, wie haben wir gelacht, beſonders wenn Eine von uns ſich einen kleinen Schnurrbart gemalt, was in⸗ deſſen ſtreng verboten war!“ „Und haben dabei immer von dem Vergnügen geſpro⸗ chen, das uns ſpäter einmal ein wirklicher Ball gewähren würde.“ „Und dir hat dieſer erſte wirkliche Ball auch alles ge⸗ halten, was du dir in der Einbildung davon verſprochen haſt? Ich freue mich in der That, dich ſo heiter und glück⸗ lich zu ſehen, und du haſt auch alle Urſache, es zu ſein!“ „Und du doch auch, liebe Lucy?“ „Ich kann das nicht verneinen, ich wüßte wenigſtens keine Urſache, es zu thun, und doch war ich zu Anfang 124 Fünftes Kapitel. glücklicher, als ich jetzt bin; vielleicht kommt es daher, daß mir meine gute Mutter heute ſo blaß und ſo ernſt erſcheint. Haſt du das nicht auch bemerkt? Auch ſitzt Papa ſo häufig neben ihr, fragt ſie mit beſorgter Miene, und wenn er ja einmal von ihr weggeht, ſo bemerke ich wohl, wie er nach ihr hinüber blickt.“ „Deine Mutter war in den letzten Tagen unwohl; viel⸗ leicht denkt dein Vater daran, und du weißt ja überhaupt, wie ſehr er ſich um die geringſte ernſte oder trübe Miene deiner Mutter bekümmern kann.“ „Ja, mein guter, guter Vater, meine theure, liebe Mutter! Ich glaube, du haſt Recht; ſtimmt es mich doch auch bei all der Luſt und Freude, die mich umgibt, unbe⸗ greiflicher Weiſe ſo ſehr traurig, wenn ich meine Mutter ſo blaß, ja, ſo theilnahmlos da ſitzen ſehe— ich könnte weinen, Eliſe!“ „Närrchen, dich hat das Tanzen aufgeregt! Deine Mut⸗ ter fühlt ſich wahrſcheinlich etwas ermüdet; du wirſt ſchon ſehen, das iſt morgen vorüber, und wenn ich dich in den nächſten Tagen beſuche, ſo plaudern und lachen wir über den heutigen Ball, und deine Mutter lacht ebenfalls mit.“ „Vielleicht— ich hoffe ſo!“ Damit trat in der Unterhaltung der Beiden eine kleine Pauſe ein, und erſt nach einigen Minuten fragte Lucy, ohne ihre Freundin anzuſehen:„Wer, haſt du mir vorhin geſagt, war die Dame, mit der Herr Welden getanzt?“ Fünftes Kapitel. 125 „Eine Oberbauräthin Lievens; ihr Mann iſt ein ge⸗ nauer Freund meines Vaters.“ „Ah, ſie hat einen Mann, dieſe Frau?“ „Ja, er ſaß beim Souper neben deiner Mutter— ein großer, dünner Herr.“ „Ah, der— der ſieht ja älter aus wie mein Papa, er könnte ja der Vater dieſer jungen Frau ſein.“ „Das haben andere Leute auch ſchon geſagt,“ entgegnete Eliſe lächelnd.„Doch was kümmert dich“— ſie wollte ſagen: „Herr Welden,“ verbeſſerte ſich aber und ſagte:„die Ober⸗ bauräthin?“ „O, gar nichts— durchaus nichts; ich kam nur dar⸗ auf, weil ich Beide vor dem Souper, als mich meine Mut, ter einen Augenblick aus dem Tanzſaale abrief, hier ſitzen ſah und weil ich es für eigenthümlich fand, daß Herr Welden dich, die Tochter des Hauſes, nicht um einen Tanz bat und doch mit Anderen tanzte.“ „Es wäre mir das eigentlich leid geweſen, denn ich hätte ihm keinen Tanz mehr geben können.“ „Ich auch nicht, und würde ihm auch keinen gegeben haben.“ „Mit wem wirſt du jetzt tanzen, Lucy?“ „Mit deinem Bruder; er war ſo galant, mich um einen Tanz zu bitten, was bei ihm äußerſt ſelten iſt.“ „Da kommt er mit Herrn Welden.“ Lucy richtete ſich haſtig auf und warf in einem energi⸗ 126 Fünftes Kapitel. ſchen Kopfſchütteln ihr gelocktes Haar, welches ſich unter Band und Schleife eigenſinnig bäumte und, wo es konnte, frei zu machen ſuchte, aus der erhitzten Stirn. „Was wollen die Beiden?“ „Was weiß ich, liebes Herz? Der Eine, dich zum Tanze abholen, denn ich höre ſchon die Muſik beginnen, der An⸗ dere? Das kann ich nicht errathen.“ Damit traten die beiden jungen Leute in das Zim⸗ mer, und Ferdinand ſagte mit ſeiner ungemeinen Gleich⸗ gültigkeit: „Mein gnädiges Fräulein, der Tanz beginnt; doch da ich weiß, daß es für Sie von gar keinem Werthe iſt, mit meiner unwürdigen Wenigkeit zu tanzen, ſo möchte ich mir erlauben, Ihnen einen würdigen Stellvertreter für mich vorzuſtellen, Herrn Welden.“ „Wie ſich unſere Wünſche treffen, Herr Welkermann,“ erwiederte das junge Mädchen lächelnd und ohne jetzt noch die geringſte Spur von Aufregung zu verrathen— nich bin Ihnen recht dankbar dafür, daß Sie mein Verſprechen löſen!“ „So darf ich vielleicht bitten, Fräulein von Rivola?“ ſagte der junge Ingenieur, vortretend. „Bitten wohl, Herr Welden, aber es thut mir ſehr leid, Ihre Bitte nicht erfüllen zu können! ich bin recht froh, einen Tanz ausſetzen zu dürfen, ich bin in der That ein Fünftes Kapitel. 127 wenig ermüdet, und Eliſe und ich, wir wollen eine Tour plaudern.“ Welden verbeugte ſich, nicht verwundert darüber, daß Lucy ihm einen Tanz abgeſchlagen, aber einiger Maßen erſtaunt, daß ſie nicht hinzugeſetzt hatte:„Wollen Sie nicht mit uns plaudern?“— denn ſie plauderte ſonſt ſo gern mit ihm, und auch ihm machte es ſtets ein großes Ver⸗ gnügen, die kindlichen, friſchen Anſichten und Aeußerungen des jungen Mädchens entweder lächelnd hinzunehmen oder mit dem Ernſte und der Würde eines älteren Freundes zu corrigiren. „So ziehen wir uns denn zurück,“ meinte Ferdinand lachend,„verſchmäht und verſtoßen, aber mit dem guten Bewußtſein, unſere Pflicht wie immer erfüllt zu haben— kommen Sie, Welden!“ Und als ſie nun beide das Zimmer verlaſſen hatten, ſetzte er hinzu:„Ich habe oben in meinem Apartement, das leider nur aus einer einzigen Stube be⸗ ſteht, ein kleines Jeu arrangirt, mit Cigarren, heißem Punſch und kühlem Bier; ich werde es auch den anderen richtigen Leuten ſagen.“ „Vielleicht komme ich,“ erwiederte zerſtreut der In⸗ genieur;„doch ſehe ich dort Ihren Papa mit dem Ober⸗ baurathe— der Herr Stadtſchultheiß ſagte mir ſchon vor dem Souper, daß er mich zu ſprechen wünſche.“ „Gut, ſo kommen Sie ſpäter,“ verſetzte der Sohn des Hauſes, und dann ſah man ihn langſam durch den Tanz⸗ 128 Fünftes Kapitel. ſaal ſtreichen, bald hier, bald dort einem der jungen Herren etwas zuflüſtern und hierauf gegen die Treppe hin ver⸗ ſchwinden. Welden trat zu einer Gruppe älterer Herren, die es ſich in einer Ecke des Spielzimmers bequem gemacht hatten — es waren hier der Baron Rivola, der Oberbaurath Lievens und der Stadtſchultheiß, letzterer vor Sr. Excellenz dem Miniſter des Innern ſtehend; dieſer hatte ſeinen Hut in der Hand und verſicherte mit einer noch fettigeren Stimme, als er ſonſt wohl zu haben pflegte, dem Herrn des Hauſes, daß das Souper ganz außerordentlich geweſen ſei— vortrefflich, wenn man die Menge der Gäſte an⸗ nehme, ganz aus— ge—zeich— net. Dann ergriff er heimlich mit zwei Fingern die rechte Hand des Stadtſchultheißen, ſchüttelte ſie ein wenig krampf⸗ haft, ſchloß lächelnd ſeine Augen und wandte ſich langſam, um ohne Aufſehen zu verſchwinden. Herr Welkermann ließ ſich mit dem Gefühle eines Mannes in den Stuhl nieder, der ſeine Schuldigkeit ge⸗ than, Anerkennung gefunden hat und mit ſich ſelbſt zu⸗ frieden iſt. „Ich muß noch einmal auf die Sache zurückkommen, über die wir vorhin ſprachen,“ nahm der Oberbaurath Lievens das Wort, nachdem ſich Se. Exeellenz entfernt hatte.„Ich bin nun einmal der Anſicht, lieber Welker⸗ mann, daß ich die Sache nicht vor den Stadtrath gebracht Fünftes Kapitel. 129 hätte; Herr Baron von Rivola wird mir gewiß Recht geben.“ „Ich weiß nicht ganz genau, um was es ſich handelt,“ entgegnete der Genannte in ſehr höflichem Tone. „Um eine ganz einfache Geſchichte,“ erwiederte der Stadt⸗ ſchultheiß:„es beſteht ein unterirdiſcher Gang, der in alten Zeiten Rathhaus und Münze zuſammen verband.“ „Sollte die Erxiſtenz dieſes unterirdiſchen Ganges in ſeiner ganzen Ausdehnung nicht auch eine Fabel ſein, wie die ſo vieler ähnlicher Gänge, von denen man ſpricht?“ „O nein,“ erwiederte der Oberbaurath,„mit dieſem hat es ſeine Richtigkeit, es liegen die genaueſten Pläne darüber vor.“ „Und hat einer der Herren ihn je begangen oder unterſucht?“ „Von uns Niemand— wozu auch? In früheren Zeiten iſt er öfter unterſucht worden, worüber ebenfalls die Akten vorhanden ſind; beſonders gangbar hat man ihn auch da⸗ mals nicht befunden, ja, bei dem letzten Augenſchein, der vor beiläufig fünfzig Jahren laut ſtadträthlichem Beſchluſſe vorgenommen wurde, ſoll ſich ungefähr in der Hälfte des Ganges eine Verengung gefunden haben, ungefähr in der Gegend, wo ſich die Bärenſtraße mit dem Glockengäßchen kreuzt, faſt genau dort, wo das uralte Haus„Zum gol⸗ denen Hammer“ ſteht, welches Ihnen gehört, Herr Baron von Rivola.“ Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. I..9 130 Fünftes Kapitel. „Ah, dort— ja, ja, bei meinem unfruchtbaren Beſitz⸗ thum, das mir nicht einmal die Steuern und Reparatur⸗ koſten einträgt. Ich hoffe immer noch,“ ſetzte er mit einer verbindlichen Verbeugung gegen den Stadtſchultheißen hinzu, „daß der Stadtrath dieſes Haus kaufen wird, es abreiße und ſo die dort enge Paſſage erweitere.“ „Es wäre doch ſchade um das alterthümliche Haus!“ „Haus kann man es eigentlich nicht nennen, es iſt vielmehr nur ein alter Thurm, ſeiner Feſtigkeit wegen übrig geblieben von der Umwallung der Stadt.“ „Aber intereſſant— die Nachbarn laſſen es ſich einmal nicht nehmen, daß dort Geiſter umgehen; häufig in der Mitternacht ſah man ſchon Licht in den unteren, gänzlich unbewohnten Räumen.“ „Ja, ja, ich hörte davon,“ ſprach lächelnd Herr von Rivola,„gab mir auch die Mühe, die Sache zu unter⸗ ſuchen, und fand, daß die unheimliche Beleuchtung dieſer Räume von dem Viederſcheine einer Laterne auf ein halb erblindetes Fenſter herrühre; als ich darauf das Fenſter durch einen tüchtigen eiſernen Laden verſchließen ließ, ſah man nichts mehr von dieſen nächtlichen geſpenſterhaften Beleuchtungen.“ „Das iſt allerdings wahr,“ ſagte der Stadtſchultheiß, „doch berichteten damals häufig die Nachtwächter von eigen⸗ thümlichem Geräuſche, welches ſie in der ſtillen Nacht auf der Straße vor dem alten Thurme gehört.“ Fünftes Kapitel. 131 „Ratten,“ meinte der Oberbaurath. „Ganz gewiß Ratten,“ ſagte Herr von Rivola;„doch ſind wir durch meine Frage ganz davon abgekommen, was der Herr Oberbaurath in Betreff der heutigen Stadtraths⸗ ſitzung ſagen wollte.“ „Das iſt ſehr einfach, ich hätte, wie ſchon bemerkt, die Sache nicht vor den Stadtrath gebracht.“ „Der unterirdiſche Gang nämlich,“ wandte ſich Herr Welkermann direkt an Herrn von Rivola,„deſſen Eriſtenz nicht zu läugnen iſt, mündet in den großen Keller des Rathhauſes und iſt dort nur durch eine, allerdings ſehr ſtarke eiſerne Gitterthür verſchloſſen, welche aber dumpfe Luft und unangenehme Gerüche aller Art nicht abhält; dieſe Gitterthür wollte ich entfernen und durch ein ſolides Mauerwerk erſetzen, ein Vorſchlag, den aber die Majorität des Stadtrathes in heutiger Sitzung nicht gut zu heißen beliebte.“ „Und ich meinte,“ ſprach Herr Lievens,„Welkermann hätte dieſe Kleinigkeit gar nicht vor den Stadtrath bringen, ſondern mir, unter dem die ſtädtiſchen Gebäude ſtehen, einfach den Auftrag geben ſollen, die Oeffnung zu ver⸗ mauern; das hätte ohne alles Aufſehen geſchehen können, da dort unten Bauſteine genug vorhanden ſind, und wenn ich an Welkermann's Stelle wäre, ſo würde ich vier Wochen vergehen laſſen und es dann doch trotz Stadtrathsbeſchluß ſo machen, wie ich es für das Richtige hielt.“ 132 Fünftes Kapitel. Der Stadtſchultheiß hatte eine äußerſt wichtige Miene angenommen und wiederholte die Worte ſeines Freundes: „Gegen den Stadtrathsbeſchluß“ kopfſchüttelnd und in be⸗ denklichem Tone.. „Das könnte allerdings Mißſtimmungen hervorrufen,“ meinte Herr von Rivola mit ſeiner ruhigen, faſt ſanften Stimme, welche nicht immer genau zuſammenpaßte mit den ſcharf ausgeprägten energiſchen Zügen um den Mund. „Man könnte einfach die Thür beſtehen laſſen und damit auch den heutigen Beſchluß des Stadtrathes; aber wer verbietet es Ihnen, hinter jener Thür eine ſolide Mauer aufzuführen?“ „Ah, das iſt wahr,“ meinte der Oberbaurath, wobei ein vergnügliches Lächeln über ſeine Züge flog:„du hätteſt deinen Willen durchgeſetzt, Welkermann, die Mauer wäre aufgerichtet, um die wirklich manchmal abſcheulichen Dünſte aufzuhalten, die aus dem Keller aufſteigen, und wenn der hochweiſe Stadtrath über kurz oder lang von der Sache erführe, ſo müßte er ſich doch geſtehen, ſich in ſeinem Be— ſchluſſe vom Heutigen nicht beſonders deutlich ausgedrückt zu haben.“ „Und was die Maßregel an ſich anbelangt,“ meinte der Freiherr von Rivola,„ſo halte ich ſie für ſo gut, daß der Herr Stadtſchultheiß ſich wohl erlauben könnte, darüber nicht nur anderer Anſicht zu ſein, wie der Stadtrath, ſon⸗ dern auch ſeine Anſicht auf die eben erwähnte Art durch⸗ Fünftes Kapitel. 133 zuführen; früher, als ich noch des Glaubens war, es ließe ſich mit dem alten Thurme, den ich, beiläufig geſagt, nicht einmal billig kaufte, irgend etwas Solides anfangen, war es mein erſtes Geſchäft, die Oeffnung im unteren Gewölbe deſſelben, die wahrſcheinlich in vordenklichen Zeiten mit dem alten Gange in Verbindung geſtanden, zumauern zu laſſen, denn auch da unten wurde man zuweilen von unangenehmen Ausdünſtungen beläſtigt. Alſo, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Herr Stadtſchultheiß, ſo würde ich allerdings das ehrwürdige Gitter nicht angreifen, aber, wie vorhin ſchon geſagt, ich würde hinter demſelben eine ſehr ſolide Mauer aufführen.“ „Die Idee iſt nicht übel, und ich bereue nur, dies nicht ohne Weiteres gethan zu haben, denn jetzt iſt der ſtadträthliche Beſchluß nicht ohne etwas jeſuitiſche Deu⸗ telei, verzeihen Sie mir den Ausdruck, Herr Baron, zu umgehen.“ „Aber doch zu umgehen, und wenn dir etwas daran gelegen iſt, ſo thue es.“ „Und würdeſt du,“ wendete ſich der Stadtſchultheiß direkt an Herrn Lievens,„ohne Weiteres den Gang zu⸗ mauern laſſen, wenn ich dich damit beauftrage?“ „Hm— hm— ja— allerdings.“ „Es läge das in deinem Amte, der du die Oberaufſicht über alle ſtädtiſchen Bauten haſt.“ „Allerdings, und ich würde mich davon wahrſcheinlich 134 Fünftes Kapitel. auch nicht zurückziehen, trotz des ſtadträthlichen Beſchluſſes, obgleich dieſer Beſchluß mir heute ſchon kundgethan wurde, und würde auf einen förmlichen Befehl von dir die Arbeit ſogleich ausführen laſſen.“ „Ja, auf einen förmlichen Befehl von mir, da gerade ſteckt der Knoten.“ „Ach, das ließe ſich auf die einfachſte Art von der Welt umgehen,“ ſprach Herr von Rivola, nachdem er eine Zeit lang nachſinnend vor ſich niedergeblickt—„Sie, Herr Oberbaurath, beauftragen einen Ihrer jungen Leute, na⸗ türlich Jemanden, auf den Sie ſich verlaſſen können, die etwas ſchadhaft erſcheinenden Wände des Rathhauskellers, wo ſich die Gitterthür befindet, zu unterſuchen und nach Befund und eigenem Ermeſſen zu handeln.“ Bei dieſen letzten Worten hob Herr von Rivola den Zeigefinger in die Höhe, als fordere er ganz beſondere Aufmerkſamkeit für dieſelben. „Nach Befund und eigenem Ermeſſen.“ „Sehr gut,“ ſagte der Oberbaurath,„dieſer Befund iſt eine ſchadhafte Stelle über der alten Gitterthür, worauf es der Unterſucher für angemeſſen findet, die beſagte Oeff⸗ nung zu vermauern.“ „Natürlich, und der Betreffende müßte Jemand ſein, der nicht zurücktritt und Ihnen, falls er angefochten würde, beweist, daß er gerade ſo und nicht anders habe handeln Fünftes Kapitel. 135 können. Hätten Sie Jemand unter Ihren jungen Leuten, der das thäte?“ „Das will ich meinen, und dort kommt er gerade wie gerufen,“ erwiederte der Oberbaurath—„Herr Welden beſorgt uns dieſe Kleinigkeit, deſſen bin ich ſicher; ich werde gleich mit ihm reden.“ 5 „Dürfte ich mir wohl erlauben, Ihnen das zu wider⸗ rathen?“ ſprach Herr von Rivola in gefälligem Tone. „Meiner Anſicht nach wäre es beſſer, dem Herrn Welden, den ich, wie Sie wiſſen, hochſchätze, dieſe Sache allein, ohne Zeugen, vielleicht morgen geſprächsweiſe mitzutheilen — Sie verſtehen mich?“ „Gewiß,“ ſagte der Oberbaurath, und der Stadtſchult⸗ heiß nickte ernſthaft mit dem Kopfe. „Im Uebrigen muß ich um Entſchuldigung bitten,“ fuhr Herr von Rivola in freundlichſtem Tone fort,„daß ich mir erlaubt habe, in Ihre Angelegenheit hinein zu reden— verzeihen Sie meine Freiheit und betrachten Sie, was wir geſprochen, wie jede andere gewöhnliche Converſation!“ Mit dieſen Worten erhob er ſich, und indem er dem Herrn des Hauſes die Hand reichte, flüſterte er ihm einige verbindliche Worte zu und ſagte dann mit einer Verbeu⸗ gung gegen den Oberbaurath:„Es iſt ſchon ſpät; ich muß doch einmal nach Frau und Tochter ſehen.“— Als er an Welden, der ſich den Herren näherte, vorbei kam, klopfte er ihm leicht auf die Schulter, nickte ihm freundlich zu 136 Fünftes Kapitel. und verließ ihn alsdann mit den Worten:„Ich hoffe, daß Sie ſich bald draußen bei uns ſehen laſſen!“ „CEin geſcheiter Mann, dieſer Baron Rivola!“ meinte der Oberbaurath. „Ja, ſo geſcheit, um im gewöhnlichen Leben nichts Gewöhnliches zu ſprechen; ſeine Worte ſind vollgültige Stücke, er gibt ſich in der Unterhaltung nie mit Scheide⸗ münze ab.“ „Etwas verſchloſſen, könnte man ſagen, in ſeinen Re⸗ densarten wie in ſeinem Leben.“ „Er lebt für ſeine Familie, iſt aber geſellig, wo er dies für gut findet, nimmt allerdings ſelten Einladungen an, aber doch zuweilen.“ Dies ſagte der Stadtſchultheiß in einer ſelbſtgefälligen Laune. „Du kennſt ihn ſchon länger?“ „Seit ungefähr zehn Jahren, ſo lange er hier iſt; ich vermittelte den Ankauf ſeines Gutes.“ „Hältſt du ihn für reich?“ „Wer kann das ſagen? Als er Eichenwald kaufte, be⸗ zahlte er es baar, und wie die Familie draußen lebt, muß er über große Einkünfte zu verfügen haben. Das Haus iſt gut eingerichtet, der Park um daſſelbe und der aller⸗ dings ſehr kleine Gütercompler beſtens erhalten— der Baron hat Wagen und Pferde, hinlängliche Dienerſchaft, weßhalb ich glaube, daß er ſich in ſehr guten Verhältniſſen befindet. Das Gegentheil würde mir in meiner Stellung Fünftes Kapitel. 137 nicht verſchwiegen geblieben ſein. Woher er ſeine Einkünfte bezieht, weiß ich allerdings nicht; ſie müſſen ihm wahr⸗ ſcheinlich von auswärts, wo er ſrüher lebte, vermittelt werden. Mein Sohn Ferdinand, der, wie du weißt, bei der königlichen Bank angeſtellt iſt, ſagte mir einmal, Rivola ſtände mit keinem der hieſigen Banquiers in einer fort⸗ dauernden Geſchäftsverbindung.“ „Es iſt jedenfalls ein intereſſanter Mann, von großen Kenntniſſen,“ ſagte der Oberbaurath,„Kenntniſſe, über die ich erſtaunte, als wir neulich zur Begutachtung der großen Eiſenbahnbrücke droben waren, wo er die Güte hatte, die Commiſſion zu Tiſche zu laden— ich ſage dir, gediegene Kenntniſſe, ſowohl in der Architektur als in der Mechanik, und er zeichnet mit einer Sicherheit, die uns Alle in Er⸗ ſtaunen ſetzte, trotzdem er nur ein einziges gutes Auge hat und trotz ſeiner blauen Brille.“ „Dieſe blaue Brille iſt wohl das Einzige, das mir zu⸗ weilen an dem Manne unbehaglich iſt; ich liebe überhaupt die blauen Brillen nicht, ſie verdecken uns den Ausdruck des Auges; der, welcher ſie trägt, ſteht für den Anderen beſtändig wie im tiefen Schatten, während jener auf un⸗ ſerem Geſichte unſere Gedanken beſſer abzuleſen im Stande iſt.“ „Kennſt du die Baronin näher?“ „Ich ſah ſie allerdings häufig und muß geſtehen, daß ſie nie einen beſonders günſtigen Eindruck auf mich machte; ſo liebenswürdig und mittheilſam, wie er iſt, eben ſo kalt 138 Fünftes Kapitel. und verſchloſſen liebt ſie es, ſich zu zeigen. Uebrigens iſt ſie eine vornehme Dame von den beſten Manieren— eine geborene Gräfin Hartenſtein.“ „Und die Rivola?“ „Stammen, wie der Baron ſagt, aus Italien, lebten längere Zeit in Frankreich, ſpäter in Belgien; ich habe den Namen früher nie gehört. Es iſt rührend, aber begreif⸗ lich, mit welcher Zärtlichkeit, ja, ich möchte ſagen, mit welcher Verehrung der Baron ſeine Frau liebt; bei allem, was er thut, ſcheint er nur auf ihr Wohl, an ihre Behag⸗ lichkeit zu denken. Er ſcheint ſich ferner zur Lebensaufgabe zu machen, ihr das Daſein in jeder möglichen Weiſe zu verſchönern, und wenn du heute darauf Achtung gibſt, wie beſorgt er auch in Kleinigkeiten um ſie iſt, ſo kommt er dir eher vor wie ein zärtlicher Vräuntgn, als wie ein Ehemann, der ſchon eine erwachſene Tochter hat.“ „Eine reizende Tochter, ſie iſt im höchſten Grade an⸗ ziehend, ohne gerade regelmäßig ſchön zu ſein,“ ſagte der Oberbaurath. Und da Welden indeſſen näher getreten war, ſo wandte er ſich an denſelben, indem er hinzuſetzte:„Wir ſprachen gerade von Fräulein von Rivola, die ſelbſt für unſere älteren Herzen etwas außerordentlich Wohlthuendes, Anziehendes und Erwärmendes hat— ſind Sie nicht meiner Anſicht?“ „Gewiß, Herr Oberbaurath, Fräulein von Rivola iſt eine ſonnige Erſcheinung, eine liebenswürdige junge Dame, Fünftes Kapitel. 139 deren Schattenſeiten, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, noch Vorzüge ſind.“ „Sehe mir einer dieſen jungen Mann an,“ lächelte Herr Lievens,„findet da mit ſeinen kaum dreißig Jahren Schattenſeiten, wo wir ruhige Leute nur helles Licht er— blicken! Und was ſind das für Schattenſeiten?“ „Die auch vielleicht Vorzüge genannt werden können, wie ich ſchon vorhin bemerkt,“ erwiederte der Ingenieur: nich meine die offene, rückhaltloſe Art, ſich zu geben, welche bei dieſer jungen Dame allerdings etwas ſo wunderbar Beſtechendes hat.“ „Was wollen Sie, lieber Welden,“ warf der Stadt⸗ ſchultheiß ein,„bei einem jungen Mädchen, welches das Leben nur von der roſigſten Seite kennt, das einzige Kind zärtlicher Eltern, das mit einem warmen, empfänglichen Herzen alles begrüßt, was ihm entgegentritt! Meine Tochter Eliſe erzählte mir, wie Lucy ſo herzlich und ungezwungen allem entgegenfliegt, was einen angenehmen Eindruck auf ſie macht, allerdings oft ohne große Ueberlegung, ohne Rückhaltung, und nicht nur bi ldlich, ſondern ſogar in der Wirklichkeit.“ „Ja, ja, ich ſah das auch wohl,“ ſagte Welden lächelnd; „möchte ſie doch gern dahinſchweben, mit ausgebreiteten Armen dem Schmetterlinge, der emporſteigenden Lerche fol⸗ gend, und macht es ihr doch zuweilen Vergnügen, ihr Ge⸗ ſicht in alle Roſenkelche zu drücken, an denen ſie vorüberkommt.“ 140 Fünftes Kapitel. „Unſchuldige Gelüſte,“ meinte der Oberbaurath, indem er aufſtand und auf ſeine Uhr ſchaute,„das gibt ſich alles mit der Zeit; man hat mir oft geſagt, meine Frau ſei als Mädchen gerade ſo geweſen, eben ſo harmlos, eben ſo wohlwollend und entgegenkommend, und das hat ſich doch bei ihr ſehr verändert, was ich am beſten wiſſen muß.“ Es war ein eigenthümlicher Blick, eine nicht ganz bei⸗ ſtimmende Miene, mit welcher der junge Ingenieur den Oberbaurath anblickte; dann begab er ſich mit dem Herrn des Hauſes in den ſchon recht leer gewordenen Tanzſaal. Die Muſikanten waren müde, das ſah man an ihren ſchon matt gewordenen Griffen und Strichen, die Tan⸗ zenden waren müde, denn ſie machten zwiſchen dem Ver⸗ gnügen außerordentlich lange Ruhepauſen— Herr Aſcher war müde, denn wenn er auch ſo aufrechten Hauptes wie zu Anfang des Balles an der Thür ſtand und mit ſeinem Blicke die Welt regierte, ſo war doch dieſer Blick etwas matt und ſchläfrig geworden, und Herr Aſcher gähnte hinter der vorgehaltenen Hand. Am lebendigſten, ſtellen⸗ weiſe ſogar heiter und aufgeweckt ging es noch im Zimmer des Herrn Ferdinand im oberen Stocke zu, wo bei Bier und Punſch geſpielt wurde, zuerſt das gemüthliche Makao, dann das aufregendere Landsknecht. Obgleich man nicht beſonders viel baares Geld auf dem Tiſche ſah, ſo war doch der Umſatz nicht unbedeutend und wurde durch kleine Bons vermittelt, die einer Uebereinkunft ge⸗ Fünftes Kapitel. 141 mäß den dritten Tag von heute an eingelöst werden mußten. Aber auch dieſes intereſſante Spiel ging zu Ende, frei⸗ lich erſt, als es im ganzen Hauſe ſchon ſehr ſtill geworden war; dann ſchlichen ſich die letzten der Gäſte die Treppe hinab, und Ferdinand öffnete einen Flügel ſeiner Fenſter, um den garſtigen Tabaksqualm hinauszulaſſen. Dann trat er mit einem nüchternen, verdrießlichen Blicke an den Tiſch und betrachtete, die Hände in die Taſchen ſeiner Beinkleider geſteckt, die bunt umher geſtreuten Kartenblätter; er hatte einige Hundert Gulden verloren, was ihn nicht gerade unglücklich machte, ihm aber doch ſehr, ſehr unangenehm war und zu denken gab. Sechstes Kapitel. Wenn man die Stadt, von der im vorigen Kapitel die Rede iſt, im Norden auf einer guten, ſehr breiten Chauſſee verließ, ſo gelangte man, ſanft anſteigend, auf ein ſtundenlanges und breites Plateau, das gerade keine einförmige Fläche genannt werden konnte, ſondern durch kleinere oder größere Einſattelungen maleriſche Abwechslung erhielt. Dieſe Einſattelungen bildeten hier und da lang⸗ geſtreckte, mäßige Thäler, meiſt mit kleineren Bächen, welche von den nördlich gelegenen hohen, mit Waldungen be⸗ ſetzten Bergen herabkamen und dem Wanderer luſtig ent⸗ gegenmurmelten. Auf dieſem Plateau angekommen, bemerkte man, daß die höheren Berge, von denen wir ſoeben ſprachen, auf einem Punkte einen ſtark hervortretenden Winkel bildeten, welcher, dicht bewaldet, unten mit Wieſen umſäumt war, Sechstes Kapitet. 143 und da, wo dieſe Wieſen ſich mit der Hochebene verglichen, gewahrte man ein nicht ſehr großes, aber weithin leuchten⸗ des Gebäude, Eichenwald, das Landgut des Freiherrn von Rivola. Wohl eine gute Stunde führte die Landſtraße über das Plateau fort, bald eines der eben erwähnten Thäler umgehend, bald ein anderes ab⸗ und aufſteigend durchſchneidend, ehe man Eichenwald erreichte. Endlich ſah man es dicht vor ſich liegen, ein viereckiges, hellgelbes Haus mit ziemlich flachem Dache, vorn ein breiter Altan, mit wenigen, aber großen Fenſtern. Die Landſtraße führt dicht an der Umfaſſungsmauer des Gartens vorbei, der zum Landhauſe gehörte, das aber, ſelbſt etwas höher als die Landſtraße gelegen, dieſe und die ganze Hochebene mit ſeiner Ausſicht beherrſchte. Zwei mächtige, ſteinerne Thor⸗ pfeiler mit ſtarken Eiſengittern führten in die Beſitzung, und wenn man dieſe hinter ſich hatte— doch mußte man vorher anläuten, und dann dauerte es oft eine Weile, ehe der Bediente vom Hauſe herabkam, um zu öffnen—, ſo gelangte man auf einem breiten Kieswege, der ſich in einer ſchlangenförmigen Windung erhob, bei Blumenpartieen und Gebüſch vorüber an die oben erwähnte Terraſſe, vor welcher ſich ein Springbrunnen befand, der ſein Waſſer in einer förmlichen Garbe hoch emporwarf. Hier oben auf der Terraſſe, wo man einen prächtigen, weiten Blick über die Hochebene, ja, auf den höher liegenden Theil der Stadt hatte, wo man die Kirchthürme derſelben deutlich ſah, war 144 Sechstes Kapitel. 7 während der guten Jahreszeit ein Lieblingsplatz der hier wohnenden Familie, aber auch jetzt, zur Zeit des Winters, war der Blick auf die weite Winterlandſchaft großartig ſchön. Es hatte in den letzten Tagen ſtark geſchneit, dann war Froſt eingetreten und nun wölbte ſich ein klarer, blauer Himmel über die weiße, funkelnde Schneedecke. Wie eigen⸗ thümlich und doch ſo maleriſch ſchön erſchienen unter ihr die ausgebreitete Hochebene, die kleinen Thalſchnitte mit ihren dunkeln Rändern, die Landſtraße mit ihren Neben⸗ wegen wie gelblich gefärbte Striche, die Hecken, kleinen Ge⸗ büſche wie Pelzverbrämung auf dem Kleide von weißem Sammt, das die Erde um ſich geſchlungen, und im Hinter⸗ grunde die große Stadt, durch die weißen Dächer ihrer Häuſer faſt unſichtbar geworden und nur kennbar hervor⸗ tretend durch Dampf und Rauch, der dort aus dem Thale hervorqualmte. In der jetzigen Jahreszeit war das Landhaus auf dieſer Seite feſt gegen die Winterkälte verwahrt, die dop⸗ pelten, bis auf den Boden gehenden Glasthüren verſchloſſen und von außen am Fußboden durch zierlich geflochtene Strohkränze gegen das Eindringen der Zugluft geſchützt. Auf dieſer Seite des Hauſes war übrigens auch während der Sommermonate kein Eingang für die Fremden, ſondern dieſer befand ſich auf der anderen Seite, konnte auch von der Straße erreicht werden, ohne daß man nöthig gehabt hätte, ſich die große Gitterthür öffnen zu laſſen, wenn —-——ö————————· Sechstes Kapitel. 145 man nämlich von der Chauſſee aus einem ſchmalen Fuß⸗ wege folgte, der außen an der hohen Gartenmauer vorbei⸗ lief und zu einem kleinen, aber feſten Thürchen führte, das ſich unmittelbar gegenüber dem Haupteingange befand; doch kannten und benutzten nur die genauen Freunde des Hauſes dieſe kleine Pforte. Das Landhaus hatte einen großen Salon, welcher mit der Flügelthür auf die vorhin beſprochene Terraſſe ging und der allgemeine Verſammlungsort für die Familie und das Empfangszimmer für die Fremden war. Dieſer Salon war reich und elegant eingerichtet und ſein Haupt⸗ reiz beſtand in den großen Spiegelſcheiben, durch welche man in die Landſchaft hinausſah, hauptſächlich aber jetzt im Winter aus einer ſehr behaglichen Kaminecke, den Thüren gegenüber, wo inmitten von den bequemſten Sitz⸗ gelegenheiten den ganzen Tag ein helles Steinkohlenfeuer glühte und den ziemlich großen Raum angenehm erwärmte, Rechts von dieſem Salon befanden ſich ein Speiſezimmer und ein dazu gehöriges Servircabinet, welches durch ein Vorzimmer, mit Glas⸗ und Porzellanſchränken angefüllt, mit der Küche in Zuſammenhang ſtand. Links vom Salon war eine kleine Bibliothek, daneben das Schreibzimmer des Herrn vom Hauſe ſowie ein Gaſtzimmer, das aber ſelten benutzt wurde, und daneben ein anderes Zimmer für die Haushälterin, an welches wieder eine Art Rumpelkammer ſtieß, wo Herr von Rivola alles Mögliche aufbewahrte, Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. I. 10 146 Sechstes Kapitel. Gegenſtände, die er gerade nicht wegwerfen, aber aus den Augen ſchaffen wollte. Die feſten Fenſterläden dieſer Rumpel⸗ kammer waren beſtändig verſchloſſen, denn Herr von Rivola meinte, es ſei viel angenehmer, von außen auf dieſe zu ſchauen, als auf das Gerümpel, welches ſich im Laufe der Jahre hier angeſammelt. Im erſten Stocke des Hauſes war dio gleiche Zimmereintheilung wie unten; in der Mitte ein gemeinſchaftlicher Salon, an deſſen linker Seite ſich Wohn⸗ und Schlafgemach der Frau von Rivola und deren Tochter befanden; auf der anderen die des Hausherrn, und die einzige Abweichung von unten war hier oben ein kleines Zimmer in der Ecke, deſſen Thür auf eine kleine, runde Treppe mündete, die beinahe ausſchließlich von Herrn von Rivola benutzt wurde und unten durch eine ſtarke eiſerne Thür mit dem kleinen Hofraume in Verbindung ſtand. Einen weiteren Stock hatte das Haus nicht, und des ſehr flachen Daches wegen auch unter demſelben keine wei⸗ teren Räumlichkeiten. Neben dem Landhauſe, vielleicht auf fünfzehn Schritte Entfernung, war ein Hintergebäude mit den nothwendigen Räumlichkeiten für die Haushaltung, mit Stallung und Remiſe ſowie Wohnung für die Dienerſchaft. Dieſes Haus war ziemlich lang und in der Mitte in zwei Theile getheilt durch einen breiten Thorbogen, vermittelſt deſſen man auf die dahinter liegende große Wieſenfläche gelangen konnte. Wenn der Grasertrag derſelben auch für die auf der Höhe Sechstes Kapitel. 147 gelegene kleine Meierei benutzt wurde, ſo hatte der Freiherr von Rivola der im Sommer einförmig grünen Oberfläche doch dadurch eine maleriſche Abwechslung zu geben ver⸗ mocht, daß er ſie mit gewundenen, ſanft aufſteigenden Wegen verſah und hier und da eine kleine Gebüſchpartie anlegte. An dieſe Wieſe ſtieß der dichte Wald, welcher, am Saume allerdings jungen Nachwuchs zeigend, aus mächtigen Eichen beſtand, von denen das Gut ſeinen Namen hatte. Wir ſind es unſerer wahrhaftigen Geſchichte ſchuldig, trotz Schnee und Eis dieſen Wald zu durchdringen, den beiden Fahrwegen folgend, bis zu der Stelle, wo, wie wir den Ingenieur Welden vor einigen Tagen auf dem Balle erzählen hörten, ein Stück von dem Walde des Freiherrn von Rivola für den neu projectirten Eiſenbahnbau abge⸗ ſchnitten werden mußte. Dies hatte allerdings in das früher ſo gut abgerundete Anweſen einen argen Riß gethan und ein Stück Wald, das nun jenſeit der Bahnlinie lag, faſt werthlos gemacht, eine kleine, reizende Berghöhe, welche früher für die Familie nicht nur dadurch werthvoll geweſen war, daß man hier oben nach Norden eine weite Ausſicht hatte, ſondern hauptſächlich dadurch, weil hier oben die Trümmer einer alten Burg, die Eichenkron, lagen. Wie oft hatte ſich Herr von Rivola mit Entwürfen getragen, den bequemen Fahrweg bis dort hinauf zu verlängern und ſpäter einmal die an ſich nicht große Burg wieder aufzu⸗ ¹ ——————xéJ— 148 Sechstes Kapitel. bauen und zum Sitze für ſeine Nachkommen zu machen! Vielleicht hätte er auch dieſen Gedanken ausgeführt, wenn nicht Lucy ſein einziges Kind geweſen wäre. So aber hatten die vernünftigen Einwendungen der Frau von Rivola gegen dieſes koſtſpielige Unternehmen den Sieg davon⸗ getragen. Wir können da nicht umhin, die Bemerkung einzuſchalten, daß die Rathſchläge der Frau von Rivola überhaupt ſehr maßgebend für ihren Gatten waren und daß er mit ſeinem großen Verſtande, ſeiner Energie und ſeinen Lebenserfah⸗ rungen ſich nicht ſelten durch die ruhige Berechnung ſeiner Frau von irgend einem Entſchluſſe, einem Plane abbringen ließ, den er mit Liebe gefaßt und längere Zeit mit ſich herumgetragen. Dabei müſſen wir aber hervorheben, daß die kluge Frau ihm niemals dergleichen Bemerkungen auf⸗ zudrängen ſuchte, ſondern ſie nur zu machen pflegte, wenn er mit ihr über ſeinen Plan ſprach und ihren Rath ein⸗ holte. Daß ſie es aber vermochte, ihn ſtets und ehe er an die Ausführung ging, zum Auseinanderſetzen ſeiner Plane zu bringen, darin beſtand einestheils die wohlthätige Herrſchaft, welche ſie in dieſer Richtung über ihn ausübte, anderentheils darin, daß ſie ſeine Eigenliebe nie durch ſchroffe Bemerkungen oder eigenſinnigen Widerſpruch ver⸗ letzte, ſondern daß ſie, auf ſeine Anſicht eingehend, ihm die betreffende Angelegenheit durch leidenſchaftsloſe Be⸗ Sechstes Kapitel. 149 trachtungen in einem ganz anderen Lichte erſcheinen ließ, als er ſie bisher geſehen. Daß Herr von Rivola ſeine Frau heute noch, nach langjähriger Ehe, zärtlich liebte, wiſſen wir bereits. Sie verdiente das durch ihre großen und guten Eigenſchaften, und wenn er mit ſeinem Verſtande und ſeinen Kenntniſſen ſie auch in geiſtiger Beziehung weit überragte, ſo blickte her doch heute noch in faſt ſchwärmeriſcher Verehrung zu ihr empor und that überlegend, wählend und prüfend alles, was ihm nur möglich war, um ihr das Leben an⸗ genehm zu machen, um jeden Schatten zu entfernen, der ihre Tage hätte verdüſtern können. Vielleicht vermochte er das aber nicht immer, und in dem Falle, daß er ihr etwas Unangenehmes mitzutheilen hatte, that er das ſo ſchonend wie möglich und behielt gewiß das Schlimmſte für ſich allein. In welchem Leben, in welcher Ehe erſcheinen nicht Urſachen zu trüben Stunden und Tagen— und vielleicht war es ſein Beſtreben, ihr dergleichen Urſachen zu verheimlichen, die Herrn von Ri⸗ vola zuweilen ſo nachdenklich, ſo trübe, ja, finſter geſtimmt erſcheinen ließen, wenn er allein vor ſeinem Schreibtiſche ſaß, die Hände gefalten, den Kopf tief auf die Bruſt herab⸗ geſunken. Wenn er in ſolchem Augenblicke ſeine Brille abgelegt hätte, ſo hätte man alsdann wohl ſein düſter umflortes Auge bemerken können, aber auch die ängſtliche Haſt, mit welcher er ſeine kummervollen Blicke durch die 150 Sechstes Kapitel. blauen Gläſer wieder verdeckte, wenn er vor der Thür den ruhigen Schritt ſeiner Frau vernahm oder die helle Stimme Lucy's. Das Hintergebäude, von dem wir vorhin ſprachen, hatte ein großes Gemach, welches zum Aufenthalte ſowie zum Speiſezimmer der Dienerſchaft beſtimmt war, und hier ſehen wir nun zwei derſelben am Frühſtückstiſche ſitzen, den Kut⸗ ſcher und den Bedienten, während Madame Werber, die Haushälterin, am Fenſter ſtand. Alle drei waren ſchon lange Jahre im Hauſe, und der Bediente verſah bei Herrn von Rivola zugleich die Stelle eines Kammerdieners. Die⸗ ſer letztere rührte in einer großen Kaffeetaſſe und ſagte alsdann: „Und wenn Sie, Madame Werber, und auch Ihr, David, hundert Mal das Gegentheil verſichert, ſo bleibe ich doch bei meiner Behauptung, daß es nur Geiz von dem Herrn iſt, wenn er uns Monate lang auf die Bezah⸗ 8 lung unſerer Rechnungen warten läßt, die wir ihm vor⸗ legen— Geiz, ſage ich, und nichts Anderes!“ Die Haushälterin ſchüttelte bedenklich mit dem Kopfe, und es dauerte längere Zeit, ehe ſie hierauf erwiederte: „Wenn es nur Geiz wäre, ſo wüßte die gnädige Frau, die ja alle Eigenheiten des gnädigen Herrn ſo genau kennt, auch davon und würde ihm ſagen, daß es unſchicklich iſt, 2 Haushaltungsrechnungen nicht zu bezahlen.“ „Weiß ſie denn um dieſe unbezahlten Rechnungen?“ ——— —— Sechstes Kapitel. 151 fragte der Kutſcher.„Ich meinestheils will lieber all mein Erſpartes bis zum letzten Heller daran verwenden, ehe ich einer ſo vornehmen Dame darin einen betrübten Augenblick machen möchte.“ „Ganz meine Anſicht,“ meinte die Haushälterin,„auch ich möchte die gnädige Frau mit ſo etwas abſichtlich nicht beunruhigen; dafür aber kann ich nichts, daß ſie neulich, als ich mein Buch und meine Rechnungen zum Herrn bringen wollte, zufällig hineinſchaute und dann mit einem leichten Erſtaunen ſagte:„Was, Madame Werber, da ſehe ich ja unbezahlte Rechnungen, die über einen Monat alt ſind— Sie wiſſen wohl, daß mein Mann das nicht lei⸗ den kann!““ „Und ich ſage dir,“ ſprach der Kutſcher in einem ent⸗ ſchuldigenden Tone zu dem Bedienten,„daß ich trotz der blauen Brille des gnädigen Herrn und trotzdem er in ſeinen Papieren kramte, doch deutlich die Verlegenheit auf ſeinem Geſichte bemerkte, als ich ihm, es können heute acht Tage ſein, zum letzten Male meine ziemlich ſtark aufgelaufene Rechnung für Hafer und Heu vorlegte; auch zog er ein paar Schubladen auf, in welchen ſich allerdings etwas Geld befand, und ſagte dann in einem verdrießlichen Tone: „Ich mag bei dem Wetter Niemanden von euch in die Stadt ſchicken!“— Allerdings regnete und ſchneite es an demſelben Morgen, was es nur konnte, aber Nachmittags fuhr der Herr ſelbſt in die Stadt, ohne mich am anderen 152 Sechstes Kapitel. Morgen rufen zu laſſen und mir zu ſagen: ‚Nun komm her, David, damit wir unſere Rechnungen ordnen!““ Der Bediente hörte das ruhig an und blickte dabei lächelnd mit einem Gefühle außerordentlicher Sicherheit bald auf den Kutſcher, bald auf die Haushälterin, wobei er behaglich mit den Fingern auf dem Tiſche trommelte, ſich überhaupt ein Anſehen gab, als ſei er im Stande, die Behauptungen, die er eben gehört, mit wenigen Worten niederzuſchlagen. Doch ließ er die Beiden erſt eine Weile reden, und erſt als ſie mit einander darüber einig waren, daß dies ein Zuſtand wäre, der bei dem ſonſt ſo reſpek— tablen Hauſe und der wohlwollend freundlich geſinnten Herrſchaft ſehr unangenehm ſei, ſprach er mit großer Würde nochmals das Wort„Geiz“ aus, betonte es dreimal aus⸗ drucksvoll hinter einander und fuhr dann erſt nach einem längeren Stillſchweigen und nachdem er ſich genugſam an den erſtaunten, fragenden Blicken der Anderen geweidet hatte, fort:„Geiz, und das will ich euch ſogleich beweiſen. Auch ich legte dem Herrn neulich meine Rechnung vor, auch vor meinen Augen kramte er in den Schubladen ſeines Schreibtiſches mit derſelben Miene, von der David eben ſprach, und ſchickte mich ſpazieren, ohne mir Geld zu geben, ſo gut wie euch. Kurz darauf hatte ich etwas in der Bibliothek zu thun und ſah durch die Thür, daß der Herr, der in tiefen Gedanken an ſeinem Schreibtiſche ſaß und mich nicht bemerkt haben mochte, eine Schublade ganz her⸗ Sechstes Kapitel. 153 auszog, an einem Knopfe des Tiſches drehte und nun aus einem verborgenen Winkel eine rothlederne Mappe hervor⸗ zog, die er vor ſich legte, öffnete und in der ſich— nun, was glaubt ihr wohl, daß ſich darin befunden hätte?“ „Nun, Papiere, Briefe,“ ſagte der Kutſcher. „Weit gefehlt,“ fuhr der Bediente in leiſerem Tone fort;„es befand ſich in der Mappe ein ſolcher dicker Pack großer Banknoten, daß mir bei dem Gedanken, wie viel Geld das wohl ſein müſſe, beinahe ſchwindelig wurde, denn das waren keine Fünf⸗ oder Zehnguldenzettel, das waren Fünfhunderter, wenn nicht Tauſender. Ich war überraſcht und erfreut im Intereſſe unſerer Herrſchaft, ich kann wohl ſagen, daß ich ein Buch, welches ich für das gnädige Fräulein umtauſchen ſollte, faſt hätte auf den Boden fallen laſſen; glücklicher Weiſe that ich das nicht, ſondern ſchlich mich davon, ohne gehört zu werden.“ „Daß dich das Donnerwetter!“ rief der Kutſcher, indem er die geballte Fauſt vor ſich auf den Tiſch legte.„Aber wie kann man ſo geizig ſein?“ „Herr des Himmels,“ ſagte Madame Werber,„das iſt doch ein Bischen ſtark, Leute in Verlegenheit zu ſetzen, die es ſonſt gut mit dem Hauſe meinen! Und doch beruhigt mich die Entdeckung, die Jakob gemacht hat.“ „Auch mich hat es beruhigt, daß ich ſie gemacht, das kann ich Sie verſichern, Madame Werber; es iſt doch viel beſſer, einem geizigen Herrn zu dienen, der nebenbei ſein 154 Sechstes Kapitel. Haus und ſeine Leute ſo anſtändig hält, wie der Herr Baron, als wenn man bei Jemanden wäre, bei dem es ſo ausſieht, daß er ſeine Haushaltungsrechnungen nicht zu bezahlen im Stande iſt.“ „Dafür würde ich mich bedanken, denn von einer ſol⸗ chen Lumperei bleibt leider Gottes immer etwas am Re⸗ nommée der Dienerſchaft kleben!“ „Aber es iſt doch nicht recht— Alles ſollte ſeine Gränzen haben, auch der Geiz, und nach dem, was wir jetzt erfahren, werde ich mir erlauben, dem Herrn meine Rechnungen heute oder morgen aufs dringendſte vorzu⸗ legen.“ „Ja, das könnte nichts ſchaden,“ pflichtete der Kutſcher bei,„und obgleich ich an deinem pfiffig lächelnden Geſichte ſehe,“ wandte er ſich an den Bedienten,„daß du nicht dieſer Anſicht biſt, ſo werde ich mir doch erlauben, eben ſo zu thun, wie Madame Werber, und hoffe, daß du es gerade ſo machen wirſt.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt, und ich lächelte nur, weil ich daran dachte, wie ſehr man hier über die Verhältniſſe des Herrn im Irrthum befangen war— Unſereiner ſieht ſchon klarer. Ich habe einmal in einem Buche geleſen,“ ſetzte er ſelbſtgefällig hinzu,„daß ein geſcheiter Kammer⸗ diener jede, auch die kleinſte Schwäche ſeines Herrn kennen müſſe— wie ſollte ihm alsdann der größte Fehler des⸗ ſelben, nämlich kein Geld zu haben, entgehen?“ Sechstes Kapitel. 155 „Legen wir alſo unſere Rechnungen vor, und das ſo bald als möglich.“ Als man damit im Reinen und wohl zufrieden war, zu dieſem Entſchluſſe gekommen zu ſein, ging die Haus⸗ hälterin zu einem anderen Geſprächsthema über, indem ſie fragte:„Nun, wie war es geſtern Abend in der Stadt?“ „Kalt und naß,“ erwiederte David,„eine unangenehme Fahrt, die nur dadurch allenfalls erträglich gemacht wurde⸗ weil der Herr, immer pünktlich wie ſeine Uhr, mich keine Viertelſtunde warten ließ und weil die kurze Zeit, die ich vor dem Hauſe des Stadtſchultheißen halten mußte, mir dadurch angenehm vertrieben wurde, daß ich ſo wie noch ein anderer herrſchaftlicher Kutſcher, der neben mir hielt, von Rechts wegen mit einem heißen Glaſe Punſch bedacht wurde— reſpektable Leute das, wo dächten Andere, die ſich viel vornehmer dünken, daran, daß ein armer Kutſcher draußen auf ſeinem Bocke ebenfalls ein Menſch iſt?“ „Es war ein förmlicher Ball?“ „Das will ich meinen, die Muſik ſtolperte gerade nach Hauſe, als ich abfuhr; aber ich bin noch müde, denn ich hatte geſtern einen harten Tag, die Pferde ebenfalls, war ich doch Nachmittags ſchon einmal in der Stadt!“ „Der Herr mußte wohl wichtige Geſchäfte haben, bei dem Wetter zwei Mal hinein zu fahren?“ „Davon habe ich nicht viel gemerkt; er war bei dem Hoffriſeur Sieger, und dann ſuhren wir an das ſchmale 156 Sechstes Kapitel. Haus in der Stadt, neben dem alten Thurme, das heißt nicht eigentlich an das alte Haus ſelbſt, ſondern wir hiel⸗ ten an der Ecke der Straße, und der Herr ging allein hinein und blieb eine gute Weile aus.“ „Waren Sie je in dem Hauſe?“ fragte Madame Werber den Bedienten. „O ja, ſchon verſchiedene Male; der Herr ſchickte mich ſchon häufig mit Briefen an den alten Friedrich, ſeinen ehemaligen Kammerdiener, der jetzt ſo eine Art von Ver⸗ walter über das Haus iſt; es hat ſich aber da nicht viel zu verwalten— das Haus iſt ein ſchmales Ding, an den alten Thurm angeklebt, mit drei niedrigen Stockwerken, in deren unterſtem der Friedrich wohnt, während die beiden anderen vermiethet ſind, aber an geringe Leute— es wohnt nichts Rechtes da.“ „Deßhalb iſt dem Herrn wohl auch die ganze Sache verleidet, denn man ſagt, er wolle Haus und Thurm ver⸗ kaufen.“ „Gewiß, das weiß ich aus beſter Quelle; aber wer könnte die alten Gebäude gebrauchen? Nur die Stadt, um ſie wegzureißen und ſo bei dem Winkelwerke der dortigen Straßen einen kleinen Platz zu gewinnen.“ „Der Stadtſchultheiß wird dem Herrn ſchon den Ge⸗ fallen thun, aber die Stadt hat kein Geld.“ „Wie kam der alte Thurm in den Beſitz des Herrn von Rivola?“ fragte die Haushälterin. ———ͤ—ͤ Sechstes Kapitel. 157 „Er kaufte ihn, als er vor ungefähr zehn Jahren hie⸗ her kam; der Herr iſt ja heute noch ein Liebhaber von ſo alterthümlichen Geſchichten— hat er doch auch die Eichen⸗ krone da oben erſt ſpäter zu dem Gute hier gekauft.“ „Die ihm die Eiſenbahnlinie jetzt wieder davon abge⸗ trennt hat.“ „Ja, aber noch nicht bezahlt, ſo viel ich weiß— der Herr und die Verwaltung haben ja einen Prozeß mit einander.“ „Richtig, bei dem Advokaten, der ihn führt, waren wir geſtern, das hätte ich faſt ganz vergeſſen; er brachte den Herrn an den Wagen, und während dieſer einſtieg, ſagte er zu ihm: ‚In den nächſten Tagen muß es entſchie⸗ den ſein!““ „Daß Herr von Rivola die Eichenkrone gekauft, begreife ich ganz gut,“ ſagte die Haushälterin—„was iſt da oben für eine prächtige Ausſicht! aber den alten Thurm in der Stadt— mir graut immer, wenn ich ihn ſehe, ich würde ihn nicht geſchenkt nehmen, denn man ſagt mir, es ſei ehedem ein Gefängniß darin geweſen, ich glaube ſogar, eine Folterkammer.“ „Das hat den Herrn gerade angezogen; vielleicht dachte er, es ſeien alte Waffen und Geräthſchaften dort verſteckt oder begraben. Ich erfuhr einmal zufällig in einem Wirths⸗ hauſe nahe bei dem Thurme, daß der Herr und Friedrich lange damit beſchäftigt waren, irgend etwas Intereſſantes 158 Sechstes Kapitel. darin zu finden; es muß aber nicht viel damit geweſen ſein, außer ein paar alten Spießen und der Armbruſt, die jetzt in der Bibliothek hängt.“ „Nicht wahr, den Friedrich brachte der Herr damals mit, als er hieher kam?“ „So iſt es, Madame Werber, und er war längere Jahre hier auf dem Gute, welches der Herr bei ſeiner Ankunft ſogleich gekauft hatte. Friedrich war verheirathet und wohnte in dem Zimmer, in welchem wir uns gerade befinden, bis die Frau von einem Schlaganfalle gelähmt wurde. Dann verſetzte ihn Herr von Rivola in die Stadt; Kinder hatten ſie keine, und er führt nun ein recht behag⸗ liches Leben, denn der Herr zahlt ihm ein anſehnliches Gehalt und thut auch ſonſt alles mögliche, um ihm die Laſt der Krankheit ſeiner Frau zu erleichtern.“ „Es iſt überhaupt ein braver Herr, der Herr Baron,“ ſagte der Kutſcher,„und ich muß ehrlich ſagen, es iſt mir ſchon lieber, daß er geizig iſt, als wenn ich denken müßte, ſeine Verhältniſſe ſeien nicht in Ordnung und er habe kein Geld— nicht wegen der paar Gulden, die man allenfalls ver⸗ lieren könnte, ſondern wegen des Unglücks, das alsdann die gnädige Frau und das Fräulein mitbetreffen müßte, und die gnädige Frau iſt aus einem abſonderlich guten Hauſe, das weiß Niemand beſſer als ich. War doch mein Vater lange, lange Jahre in dem Hauſe des Grafen Har⸗ tenſtein, wo es hoch herging, allerdings ein Bischen zu Sechstes Kapitel. 159 hoch, und die gute, gnädige Frau hat es in ihrer Jugend ſchon einmal mit anſehen müſſen, welcher Jammer es iſt, wenn es mit einem ſo vornehmen Hauſe bergab geht! Es thäte mir in der Seele weh, wenn ſie das zum zweiten Male erleben müßte, und an ihrer eigenen Wirthſchaft. Deßhalb bin ich ſchon froh, daß der pfiffige Jakob, ohne es zu wollen, durch die Thür der Bibliothek in das Schreib⸗ zimmer geſchaut und geſehen hat, wie der Herr einen ſo unmenſchlichen Haufen Banknoten betrachtete. Nicht wahr, ſo hoch war der Haufen?“ ſetzte er lächelnd hinzu, indem er mit der Hand über dem Tiſche eine allerdings etwas große Entfernung bezeichnete. „Wenn auch nicht gerade ſo groß,“ entgegnete der Bediente,„ſo war es doch gewiß hundert Mal mehr, als wir Drei hier in unſerem Leben aufbrauchen könnten.“ „So wollen wir darauf hin unſere Rechnungen vor⸗ legen,“ entſchied die Haushälterin. Siebentes Kapitel. In dem Parterreſalon mit den drei großen Doppel⸗ fenſtern pflegte ſich die Familie jeden Morgen zum Früh⸗ ſtück zu verſammeln, zum ſogenannten zweiten Frühſtück, welches aber in ſeiner Einfachheit wohl ein erſtes hätte ſein können. Herr von Rivola nahm hier eine Taſſe Thee und ein paar geröſtete Brodſchnitten, vielleicht mit einem weichen Ei, ſeine Frau und Lucy Chocolade mit Brod und friſcher Butter von der eigenen Meierei; die Damen ſaßen dabei in der Nähe des Kamins, wo ſie oft nach Beendigung des Frühſtücks, mit einem Buche oder einer weiblichen Arbeit beſchäftigt, längere Zeit ſitzen blieben, während Herr von Rivola, nachdem er kaum ſeinen Thee genommen, aufſtand und an der Unterhaltung Theil nahm, indem er im großen Gemache auf und ab ging. Er pflegte über⸗ haupt ſo wenig wie möglich zu ſitzen, und wenn er nicht Siebentes Kapitel. 161 an ſeinem Schreibtiſche beſchäftigt war, wo er allerdings ſtundenlang ſaß, ſo ſchritt er entweder in ſeinem Zimmer auf und ab oder er machte Spaziergänge durch ſeinen kleinen Park, wobei aber ein aufmerkſamer Beobachter ſehen konnte, daß er dies gewöhnlich nicht that, um nach ſeinen Blumengruppen oder Obſtbäumen zu ſehen, ſondern einfach um ſich Bewegung zu machen, denn er ſchritt vielleicht ſtundenlang auf einem geraden Wege hin und her, nachſinnend, mit geſenktem Haupte. Wären die Züge ſeines Geſichtes nicht faſt beſtändig gleichmäßig ernſt, ja, man hätte ſagen können, theilnahmlos geweſen, ſo hätte man glauben mögen, er würde von einer inneren Unruhe umhergetrieben; ſo aber war es lediglich eine Gewohnheit, die er, wie wir eben geſagt, ſelbſt in der Nähe ſeiner von ihm ſo ſehr geliebten Familie beibehielt, und daß er für alles, was ſeine Frau und Tochter thaten, die herz⸗ lichſte Theilnahme empfand, das bewies in ſolchen Augen⸗ blicken der alsdann rege Ausdruck ſeines Geſichtes, das zufriedene Lächeln um ſeinen Mund, ja, das Aufleuchten ſeines Blickes, welches man hier wohl ſah, da er bei nicht allzu grellem Lichte im Zimmer ſeine Brille abzulegen pflegte. Zuweilen ſo während des Auf⸗ und Abſchreitens ging er dicht hinter Lucy's Stuhl vorbei, berührte leicht mit der Hand ihre Schulter, ihre Arme, oder ließ ſeine Finger über ihr blondes Haar gleiten, worauf dann das junge Mädchen nie verfehlte, mit dem Kopfe zu nicken, ihr Ge⸗ Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. I. 11 162 Siebentes Kapitel. ſicht gegen ihn zu wenden, etwas, das ſie eben geſagt, nochmals, direkt an ihn gerichtet, zu wiederholen, oder vielleicht einfach zu ſagen:„Lieber Papa!“ Darüber lächelte wohl Frau von Rivola auf die herzlichſte Art, und wenn ſie hierauf einen Blick mit ihrem Gatten wechſelte, ſo drückte dieſer Blick ihre Freude, ja, ihre Glückſeligkeit aus, daß ihr das gütige Geſchick ein ſo liebenswürdiges Weſen ge⸗ geben. Es war dieſes allem Anſcheine nach eine vollkommen glückliche und zufriedene Familie; des Glaubens mußte jeder ſein, dem es vergönnt geweſen wäre, einen Blick in den Salon des Freiherrn zu werfen. Es war beſonders heute Morgen Alles ſo licht, ſo hell, ſo freundlich; von draußen herein blinkte der Schnee, der hier oben ſchon ſeit einigen Tagen gefallen war, während es drunten noch geſtern abwechſelnd geſchneit und geregnet hatte; er leuchtete förmlich unter dem klaren, blauen Winterhimmel— dazu die behagliche Wärme in dem Gemache, welche von dem offenen Kamine ausging, deſſen ſpielende Flammen zugleich mit der weißen Landſchaft draußen ſo recht ein ſchönes, behagliches Bild des Winters vervollſtändigten. Lucy ſprach von dem Balle beim Stadtſchultheißen, und wenn ſie auch geſtand, ſich dort ſehr gut unterhalten zu haben, ſo hätte ſie ſich doch mehr verſprochen von einem erſten derartigen Vergnügen. „Vielleicht hätte ich ſollen mit einem Balle bei Hofe Siebentes Kapitel. 163 anfangen,“ ſagte ſie lächelnd und ſetzte fragend hinzu: „Was meinſt du dazu, Papa?“ „Der erſte Eindruck wäre vielleicht größer geweſen, doch haſt du ſo immerhin eine Steigerung zu erwarten.“ „Und das iſt auch etwas werth,“ meinte Frau von Rivola;„es iſt überhaupt beſſer, wenn man mit allen Dingen beſcheiden anfängt.“ „Und ich hatte es auch Eliſen verſprochen, daß ich bei ihr zum erſten Male ſo recht tanzen wolle.“* „Und haſt dein Wort gehalten, Lucy,“ meinte die Mutter mit einem freundlichen Blicke auf das junge Mädchen; „ich mache dir auch darüber durchaus keinen Vorwurf, wenn du dich nur gut unterhalten haſt.“ „Während des Tanzens, gewiß, Mama, und auch nach⸗ her, wie ich mit Eliſen darüber plaudern konnte.“ „Ja, ja, du haſt mit deiner Freundin viel zuſammen⸗ geſteckt,“ ſagte Herr von Rivola, indem er einen Augen⸗ blick ſtehen blieb und eine gar zu willkürliche Locke ihres Haares ſanft unter das Netz, welches ſie auf dem Kopfe trug, zwängte;„mich haben einige Male deine Tänzer ge⸗ dauert, die du beim letzten Geigenſtriche erbarmungslos ſtehen ließeſt, indem du ihnen kaum mit einer leichten Ver⸗ beugung gedankt. Du hätteſt dich von ihnen an deinen Platz zurückbegleiten laſſen und freundlich das anhören ſollen, was ſie über das eben ausgeſtandene Vergnügen zu ſagen hatten oder was ſie ſonſt zu erzählen wußten.“ 164 Siebentes Kapitel. „Ach, Papa, das war immer dieſelbe Geſchichte, die⸗ ſelben Fragen: ob ich den Winter ſchon viel getanzt— Nein; ob ich mich amuſire— do ja, recht ſehr; ob es für mich nicht unangenehm ſei, nach einem ſolchen Balle den weiten Weg zurückfahren zu müſſen. Gewiß nicht, gab ich darauf zur Antwort und hätte gern hinzugeſetzt: da ſchaukle ich in meinem bequemen Wagen, ſchließe die Augen und laſſe halb im Traume die Bilder des vergangenen Abends, jetzt von der Erinnerung verſchönert, an meiner Seele vorüberziehen.— Sei ruhig, liebe Mama,“ unterbrach ſie jetzt laut und fröhlich lachend den weichen, bewegten Ton ihrer Stimme, mit dem ſie die letzten Worte geſprochen hatte—„blicke mich nicht mit ſo ernſter Miene an, du kannſt dir wohl denken, daß ich dergleichen nicht geſagt, kaum gedacht. Gegen wen hätte ich auch ſo etwas aus⸗ ſprechen ſollen? Ich hatte faſt gar keine Bekannten dort, Tänzer genug, und Niemanden, für den ich mich intereſſiren mochte.“ „Ja, ja, es iſt eigenthümlich,“ ſagte Herr von Rivola, „wie raſch Einem dieſe jungen Herren aus unſerem Geſichts⸗ kreiſe gleiten, wie ſchnell heutzutage eine ſolche Tanzgeneration wechſelt— es ſind ja nicht einmal zwei Jahre, daß ich zuletzt in jenen Kreiſen der Geſellſchaft war, die wir beim Stadtſchultheißen ſahen, und wenn ich die älteren Herren ausnehme, ſo merkte auch ich beinahe nur fremde Geſichter, verſteht ſich unter den Tanzenden— junge Herren, die Siebentes Kapitel. 165 vor drei oder vier Jahren vielleicht ihren erſten Ball be⸗ ſuchten, bemerkte man jetzt ſchon gelangweilt, kaum hier und da an der Unterhaltung Theil nehmend oder am Spieltiſche.“ „Darin hat Papa ganz Recht, die meiſten jungen Herren, die ich dort kannte, tanzten eigentlich gar nicht, und wenn ſie mir auch aus Artigkeit eine Tour anboten, ſo ſchienen ſie nicht einmal darüber betrübt, wenn ich ſie ihnen abſchlagen mußte; das hat mich allein von Herrn Welden verdroſſen, der kaum einen Tanz von mir verlangte, und er hat es hier bei uns im vergangenen Herbſte doch ſo oft geſagt, wie ſehr er ſich freue, mit mir zu tanzen, wenn ich auf meinem erſten Balle erſcheinen würde.“ „Das war nur ſo eine Redensart,“ ſagte Frau von Rivola;„Herr Welden iſt ein ernſthafter Geſchäftsmann, der mit dir wie mit einem ganz kleinen Mädchen geſpielt und der dir verſprochen, mit dir zu tanzen, wie er dir auch verſprochen haben würde, mit dir Schmetterlinge zu fangen oder deinen Puppenwagen zu ziehen, wenn du noch jünger geweſen wäreſt— es iſt mir ſogar lieber, daß er ſein Verſprechen nicht gehalten hat.“ „Aber was man verſpricht, muß man halten, und wenn ich mich recht entſinnne, hat Herr Welden ſogar den Ver⸗ ſuch gemacht, das zu thun— ja, ja, ſo iſt es,“ fuhr Lucy fort, nachdem ſie ſich einige Augenblicke recht auf⸗ fallend bedacht,„er hat einen Tanz von mir gewollt, aber 166 Siebentes Kapitel. ſo ſpät, daß ich keinen mehr für ihn übrig hatte— warum kam er nicht früher? Er darf mir keine Vorwürfe machen, daß ich ihn vernachläßigt.“ „Das wird er gewiß nicht thun,“ entgegnete Frau von Rivola lächelnd;„er erſchien überhaupt wohl nicht auf dem Balle, um zu tanzen.“ „Er gehört doch noch zu den jungen Leuten?“ ſagte Lucy, halb fragend. „Zu den jungen Leuten, welche heutzutage noch tanzen, gehört er doch wohl nicht mehr,“ antwortete Herr von Rivola, am Fenſter ſtehend,„er kann ſich mit Fug und Recht auf einem Balle der Unterhaltung oder dem Spiele hingeben; ich ſchätze Herrn Welden auf dreißig Jahre, wenn er dieſelben noch nicht überſchritten hat.“ „Und er hat doch getanzt,“ ſagte Lucy. „Ja, ja, mit der Frau ſeines Bureauchefs, das war ſo ein Tanz aus Convenienz.“ „Meinſt du?“ fragte Frau von Rivola mit einem zweifelhaften Lächeln; doch als habe ſie in Gegenwart ihrer Tochter ſchon zu viel geſagt, ſetzte ſie raſch hinzu: „Eine angenehme Frau, die Oberbauräthin; Herr Welden hatte ganz Recht, mit ihr zu tanzen, Herr Lievens kann ihm in ſeiner Carriere viel nützen.“ „Das glaube ich nun gerade nicht,“ ſagte Herr von Rivola in trockenem Tone;„ich ſchätze und achte unſeren verehrten Freund, den Oberbaurath, aber wenn ich ſeine Siebentes Kapitel. 167 Fähigkeiten und Kenntniſſe mit denen jenes jungen Inge⸗ nieurs vergleiche, ſo kommt ein großer Ueberſchuß zu Wel⸗ den's Gunſten heraus— ich kenne das.“ „Nun, eine große Carriere wird er jedenfalls machen,“ warf Lucy's Mutter leicht hin,„mit oder ohne Protektion. Du verſtehſt, ſeine Kenntniſſe zu beurtheilen, ich ſchätze ſein offenes, angenehmes Weſen, ſeinen angeborenen Takt, ſich im Salon ſo wie im Walde, vor ſeinen Arbeitern wie vor den vornehmſten Perſonen eben ſo richtig und energiſch, wo das Noth thut, als zuvorkommend und fein zu be⸗ nehmen— iſt er von Familie?“ Auf dem Geſichte des Herrn von Rivola zeigte ſich ein eigenthümliches Lächeln, worauf er ſagte:„Die Frage: iſt er von Familie, iſt gerade wie die andere: gehört er zur Geſellſchaft, und in beiden liegt der verſteckte Sinn, daß, wer nicht ein halbes Dutzend Ahnen aufzuweiſen hat, weder zur Geſellſchaft gehört noch von Familie iſt— nicht wahr, meine ſonſt ſo gute Eliſabeth?“ „Allerdings, ich will dir geſtehen,“ gab Frau von Rivola in einem etwas hohen Tone zur Antwort,„daß ich dieſe beiden Benennungen zuweilen, und das ſehr ſtreng, in dem von dir angezogenen Tone, und gewiß mit vollem Rechte, auffaſſe— ſchlimm genug, daß Zeit und Verhält⸗ niſſe ſo viel dazu beitragen, alle Schranken, welche ſonſt die geſellſchaftlichen Kreiſe ſo wohlthätig trennten, nieder⸗ zureißen. Doch kann das keine Beziehung auf Herrn 168 Siebentes Kapitel. Welden haben, den ich gerade deßhalb ſo beſonders achte, weil er ſeine Stellung überall begreift, und um dir zu beweiſen, daß ich deinem Herrn Welden eine kleine Con⸗ ceſſion machen will, wiederhole ich meine Frage mit dem genügenden Zuſatze, ob er von einer bekannten Familie iſt.“ „Ich glaube nicht— das bietet auch heutzutage in ſeinem Stande gar keinen Vortheil mehr, iſt überhaupt jetzt, um eine große Carriere zu machen, von wenig Be⸗ deutung.“— Herr von Rivola ſagte das nicht ohne Ab⸗ ſicht, denn die etwas zu ſtreng ariſtokratiſchen Geſinnungen ſeiner Frau, der geborenen Gräfin Hartenſtein, waren vielleicht das Einzige, wodurch es zuweilen Differenzen zwiſchen beiden Gatten gab.—„Welden iſt, ſo viel ich weiß, der Sohn eines armen Dorfſchullehrers; er verlor Vater und Mutter ſehr früh und wurde im Waiſenhauſe erzogen, wo er ſich aber durch Fleiß und Fähigkeiten ſo auszeichnete, daß man ihm die Mittel verſchaffte, die poly⸗ techniſche Schule zu beſuchen; hier zählte er gleich zu den beſten Köpfen, und als er ſeinen Curſus beendigt hatte, konnte er unter den verſchiedenen Baubureaux wählen.“ „Iſt es dir nicht ſchon aufgefallen,“ fragte Lucy's Mutter nach einem längeren Stillſchweigen,„daß dieſer Herr Welden unſerem armen Vetter Erich Hartenſtein ähnlich ſieht?“ „Entfernt, ja, doch war Erich, ſo viel ich mich erinnere, etwas größer und ſtärker gebaut, als Herr Welden.“ Siebentes Kapitel. 169 „Du ſahſt meinen Vetter nur in der Küraſſier⸗Uniform, wodurch er dir größer und ſtärker erſchien; die Beiden haben eine große Aehnlichkeit miteinander, und das iſt es auch wohl,“ ſetzte Fran von Rivola nachſinnend hinzu, „weßhalb ich mich ſogleich für Herrn Welden intereſſirte. — Mein guter Erich— er war doch noch den Tag vorher bei uns, ehe er ſo unglücklich mit dem Pferde ſtürzte— Lucy, erinnerſt du dich noch deines Vetters?“ Das junge Mädchen hatte ſtillſchweigend da geſeſſen, aber ſehr aufmerkſam dem Geſpräche ſeiner Eltern gelauſcht, wobei es ſeine braunen, leuchtenden Augen von Einem zum Anderen wandern ließ, ja, ſich rückwärts wandte, als der Vater, immer noch am Fenſter ſtehend, von der Ver⸗ gangenheit des Herrn Welden und von dieſem ſelbſt manches Gute ſprach; denn als die Mutter des Vetters Erich er⸗ wähnte, hatte ſie ſich ganz gut den jungen Ingenieur in der Küraſſier⸗Uniform denken können, und dieſe Ideen⸗ verbindung war wohl ſchuld daran, daß ſie jetzt zur Ant⸗ wort gab:„Gewiß, Mama, ich erinnere mich ſeiner, doch müßte ſich Herr Welden in Uniform ebenfalls ganz gut ausnehmen.“ „Das glaube ich auch,“ ſagte lachend Herr von Rivola, naber du kannſt verſichert ſein, Lucy, daß ihm die Uniform der Arbeit, ſeine hohen Stiefel und ſeine kurze, graue Jacke, lieber iſt.“ Lucy hätte hierauf gern geſagt:„Mir iſt die ſeinige 170 Siebentes Kapitel. auch lieber“— doch that ſie es nicht, vielmehr wandte ſie das Geſpräch, nachdem auch die Mutter weder auf Erich noch auf Herrn Welden. zurückkam, nach einer längeren Pauſe auf einen anderen Gegenſtand, indem ſie ſagte: „Nicht wahr, liebe Mama, ich darf auf eine recht große Steigerung meiner Bälle für dieſen Winter rechnen?“ „Darüber mußt du mit deinem Vater reden.“ „Nun, Papa, darf ich hoffen?“ Herr von Rivola war hinter den Stuhl ſeiner Tochter getreten, bog ihren Kopf leicht hinten über, ſo daß er ſie auf die Stirn küſſen konnte; dann blickte er auf ſeine Frau, die ihn mit einem fragenden, freundlich wartenden Blicke anſah. „Du weißt, daß Mama in ſolchen Dingen allein zu wünſchen und zu befehlen hat.“ „Zu wünſchen, ja; aber in den Erfüllungen meiner Wünſche bin ich, und mit Freuden, von dir abhängig.“ „Alſo die Wünſche wären da,“ ſprach Herr von Rivola, indem es leicht um ſeine Lippen zuckte. Ob ſeine Augen dazu freundlich ſchauten, konnte man nicht genau ſehen, denn als er vorhin in die blendende, ſchneebedeckte Land⸗ ſchaft hinausſah, hatte er ſeine blaue Brille wieder auf⸗ geſetzt. „Gewiß, Papa! Die Wiünſche ſind da, und recht viele. Zuerſt ein paar Bälle bei Hofe, wozu du ja Ein⸗ ladungen erhältſt, wie mir geſtern der Rittmeiſter Graf Riß Siebentes Kapitel. 171 geſagt; er ſah die Hofliſte bei ſeinem Vetter, dem erſten Kammerherrn des Königs.“ „Daran zweifle ich durchaus nicht,“ fuhr Frau von Rivola in einem etwas hohen Tone fort,„und wenn Papa keine ganz beſonderen Gründe dagegen hat, ſo wird er für dieſen Winter, wo du, Lucy, in die Welt getreten biſt, die Einladungen, welche ja alljährlich an uns kommen, an⸗ nehmen.“ 3 „Welche Gründe ſollten mich zur Ablehnung veranlaſſen?“ „Nun, man muß Alles überlegen. Lucy braucht viel, wenn ſie in der Welt ſo erſcheinen ſoll, wie ich es für meine Tochter wünſche, und auch ich habe neulich einen bedenklichen Kriegsrath mit Madame Pauline und dem Hof⸗Juwelier gehalten— es iſt doch ſchon einige Jahre her, daß wir zu großen Gelegenheiten nicht mehr erſchie⸗ nen ſind.“ 3 „Papa hat es darin beſſer,“ ſagte heiter das junge Mädchen.„Sein ſchwarzer Frack iſt immer modern, und ſeine weißen Halsbinden zu beſorgen, habe ich von Ma⸗ dame Werber gelernt— ach, und es iſt mir ein ſo großes Vergnügen, den guten Papa ſchön zu machen!“ Ueber die ernſt gewordenen Züge des alſo Erwähnten flog ein zweifelhaftes Lächeln, welches ſich indeſſen in ein wirkliches und faſt freudiges verwandelte, als die Baronin, nun aufblickend, ihm voll ins Geſicht ſchaute. Dann ſagte ſie zu ihrer Tochter:„Dein Vater muß für Alles ſorgen, 172 Siebentes Kapitel. mein liebes Kind. Ich geſtehe, es würde mir ein großes Vergnügen machen, gerade mit dir die Welt wieder zu beſuchen; aber wenn wir jetzt nach einigen Unterbrechungen wieder bei Hofe erſcheinen, ſo möchte ich nicht, daß auf⸗ merkſame Augen, an denen es nicht fehlen wird, vielleicht die Bemerkung machen: die Rivola traten doch vor ein paar Jahren anders auf, als jetzt; ihre Wagen, ihre Pferde, die Livreen ihrer Diener ſind nicht ſchöner ge⸗ worden!“ Herr von Rivola unterdrückte einen leichten Seufzer, worauf er achſelzuckend, aber immer noch mit heiterer Miene erwiederte:„Darin hat die Mutter ganz Recht, und wenn wir bei unſerem Erſcheinen auch durch Glanz und Pracht gerade kein Aufſehen erregen wollen, ſo ſoll und muß dieſes Auftreten doch würdig und angemeſſen ſein; es wird aller⸗ dings etwas Geld koſten, aber was thut's?“ Er ſagte das mit großer Gleichgültigkeit; nur zuckten die Finger ſeiner rechten Hand, welche er auf die Lehne von Lucy's Stuhl gelegt hatte, etwas krampfhaft zuſammen, während er mit der linken Hand ſeine blaue Brille feſter gegen die Augen drückte. „Und es muß doch wohl ſein, daß wir wieder in die Welt gehen,“ meinte Frau von Rivola;„nicht für mich, aber für Lucy, und wenn es dir keine großen Sorgen macht, lieber Albert, ſo geſtehe ich dir ſchon, daß ich mich auf den Augenblick freue, mit einer ſolch hübſch aufblühen⸗ Siebentes Kapitel. 173 den Tochter in den Kreiſen der Geſellſchaft zu erſcheinen — wenn es dir alſo keine Sorgen macht....“ „O, über die Sorgen ſind wir hinüber!“ ſagte der Angeredete mit einem etwas harten Lächeln. „Prächtig, Papa! Wie ich mich darauf freue! Ach, das wäre ein glückſeliger Winter— und die Steigerung im Vergnügen!“ „Wie verſtehſt du denn eigentlich dieſe Steigerung des Vergnügens?“ „Das iſt doch ſehr einfach. Geſtern der Phé dansant bei meiner Freundin Eliſe, dann ein kleiner Hofball, dann ein großer Hofball, und zuletzt ein prächtiges Feſt bei uns ſelbſt!“ „Was das Kind für eine ausſchweifende Phantaſie hat — was ſagſt du dazu, Albert?“ „O, der Gedanke iſt nicht ſo übel,“ erwiederte Herr von Rivola in ſehr ruhigem Tone—„ein Feſt bei uns; doch müßte man dazu ſchon den Frühling abwarten. Man könnte doch eigentlich den Leuten nicht zumuthen, im Winter bei Schnee und Eis zu uns heraus zu fahren, um in ſpäter Nacht wieder heimzukehren.“ „Ach ſo, ein Frühlingsfeſt wäre prächtig! Du biſt doch ein ſehr guter und ſehr lieber Papa und ich eine recht beſcheidene Tochter, das kannſt du nicht anders ſagen.“ „Nun, nun, das geht allenfalls an, ich will gerade nicht das Gegentheil behaupten.“ 174 Siebentes Kapitel. „Nein, Papa, das kannſt du auch nicht; ich bin ſogar ſo beſcheiden, daß ich nicht einmal auf Verſprechungen zu⸗ rückkomme, die du mir gemacht.“ „Und was hätte ich dir verſprochen, meine liebe Lucy?“ „Weißt du noch, ehe ich in die Penſion trat, als die junge Gräfin Arnſtein hier draußen war, um meinen Ab⸗ ſchiedsbeſuch zu erwiedern, da gefiel mir ſo außerordentlich ihre kleine Pony⸗Equipage, und da ſagteſt du, wenn ich einmal aus der Penſion zurückkäme, würdeſt du mir auch eine ſolche zuſammenſtellen laſſen.“ „Habe ich das wirklich geſagt? Ja, ich glaube mich erinnern zu können.“ „Aber, Kind, dieſe Ertravaganzen!“ ſprach Frau von Rivola mit einem leichten, mißbilligenden Kopfſſchütteln. „Ach, es wäre ſo ſchön, Mama!“ Dieſe zuckte die Achſeln, indem ſie wie fragend in das Geſicht ihres Mannes blickte, welches indeſſen in dieſem Augenblicke weder Staunen, noch Ueberraſchung, noch viel weniger aber den Ausdruck von Unzufriedenheit zeigte. „Wenn ich doch einmal Pferde, Wagen und Livree erneuern muß, ſo geht das vielleicht in Einem hin— und was thue ich nicht alles, um meinem geliebten, lieben Mädchen eine kleine Freude zu machen! Sei es darum. Wenn ich in die Stadt gehe, will ich ſehen, was ich wegen einer Pony⸗Equipage thun kann.“ „Ach, und einen kleinen Schlitten dazu, das wäre wun⸗ V Siebentes Kapitel. 175 derbar— mit Bärendecken und einem prächtigen Ge⸗ läute!“ „Gewiß, auch einen Schlitten, Lucy.“ Frau von Rivola hatte zweifelnd in das Geſicht ihres Mannes geblickt und immer erwartet, er würde in ironi⸗ ſchem oder ärgerlichem Tone hinzuſetzen:„Und was willſt du ſonſt noch? Glaubſt du, ich ſei ein Kröſus?“ Sie hatte vorhin ſchon beinahe ängſtlich von den Anſchaffungen geſprochen, die dringend nothwendig ſeien, wenn man in dieſem Winter mit Lucy bei Hofe erſcheinen wolle; ſie hatte erwartet, gefürchtet, bei ihrem Manne auf entſchie⸗ denen Widerſpruch zu ſtoßen, und nun, da dies nicht der Fall war, da er alles das, was zuſammen keine kleine Summe ausmachte, ruhig lächelnd bewilligte, ſo fühlte ſich ihr Herz von einer großen Laſt befreit. Nicht als ob ſie beſonders für ihre Perſon ſo außerordentlichen Werth darauf gelegt hätte, mit Lucy in der großen Welt zu erſcheinen — nebenbei war es allerdings der geborenen Gräfin Har⸗ tenſtein recht angenehm, dies mit dem nöthigen Aufwande thun zu können— aber ſie hatte angſtvoll erwartet, Herr von Rivola würde ihr bei einer ähnlichen Anforderung er⸗ wiedern, daß ſeine Mittel ihm einen ſolchen Aufwand nicht erlaubten; denn wie groß ſeine Mittel ſeien, welche Ein⸗ nahmen ihm zu Gebote ſtänden, darüber war ſie während ihrer langjährigen Ehe ziemlich im Unklaren geblieben; anfänglich hatte ſie ſich auch ſehr wenig darum bekümmert. 176 Siebentes Kapitel. Die Gräfin Hartenſtein, aus einer finanziell zurückgekom⸗ menen Familie, lebte nach ihrer Verheirathung mit ihrem Manne in und mit der vornehmen Welt auf einem ſo großen Fuße, den nur der Beſitz eines ganz außerordent⸗ lichen Vermögens rechtfertigen konnte. Und dieſes Vermögen, der Ertrag von Gütern, ſowie von induſtriellen Unternehmungen aller Art, welche Herr von Rivola in Belgien beſaß, ſchien ſich auch nicht im geringſten zu vermindern, und wenn die Familie endlich von Brüſſel, wo ſie anfänglich lebte, hieher in die Heimath der Gräfin Hartenſtein zog und einfach auf dem Lande blieb, anſtatt in der Reſidenzſtadt ein großes Haus zu machen, ſo lag das nur daran, weil ſich bei dem Freiherrn eine Augenkrankheit zu entwickeln begann, welche ihm un⸗ bedingte Schonung und Ruhe gebot. Leider waren auch dieſe nicht im Stande geweſen, den grauen Staar zurück⸗ zuhalten, der ſich auf ſeinem rechten Auge gebildet hatte und allerdings ſpäter durch eine geſchickte Operation beſei⸗ tigt wurde, nicht aber ohne dem kranken Auge eine große Schwäche zu hinterlaſſen. So offen und rückhaltslos ſich Herr von Rivola über alle Angelegenheiten gegen ſeine Frau, die er nicht nur innig liebte, ſondern auch hoch verehrte, ausſprach, ſo war dies doch nicht der Fall in Betreff ſeiner Einnahmen und ſeines Vermögens. Er vermied es, darüber zu reden, und Siebentes Kapitel. 177 wenn ſeine Frau in früheren Jahren zuweilen verſucht hatte, ihn zu einer ausführlichen Mittheilung zu drängen, ſo war er, ſtatt ſich zu einer ſolchen herbeizulaſſen, immer ſehr leicht darüber hinweggegangen, indem er vielleicht geſagt:„Es iſt mir unmöglich, dir genau anzugeben, wie und wo ich meine Kapitalien angelegt— genug, ſie exi⸗ ſtiren, wie du an der reichen und dabei ſoliden Art un⸗ ſeres Lebens ſiehſt. Ich habe mein Vermögen durch Un⸗ ternehmungen und Spekulationen erworben, und in ſolchen curſirt auch heute noch ein großer Theil deſſelben.“ Wenn Frau von Rivola, als die Familie hieher und aufs Land zog, auch den Glauben der Welt zu theilen ſchien, es geſchähe dies nur zur Schonung der Augen ihres Gemahls, ſo fand ſich doch auch häufig, und zwar zu ihrem eigenen Erſchrecken, in ihrem Herzen ein kleiner Widerſpruch mit dieſer Anſicht. Man hatte nämlich bei ihrem Wegzuge von Brüſſel die ganze reiche, faſt fürſtliche Einrichtung ihres großen Hotels verkauft, die Dienerſchaft, mit einer einzigen Ausnahme des alten Kammerdieners Frederic, entlaſſen, die koſtbaren Equipagen und Pferde veräußert und war hier aufs Land gezogen, wo man, gegenüber von damals, in einfach beſcheidenen Verhält⸗ niſſen lebte.„Wozu wieder den alten Train beginnen?“ hatte der Freiherr manchmal achſelzuckend geſagt.„Welche Gründe könnten uns dazu nöthigen? Ich habe das Ge⸗ Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. I. 12 178 Siebentes Kapitel. treibe der großen Stadt ſo ſatt als möglich, und auch du haſt mir häufig verſichert, daß du dich nach Ruhe ſehnſt. Lucy iſt acht Jahre alt“— ſo hatte er damals geſagt— „ihre beginnende Erziehung bedarf aller Sorgfalt des Va⸗ ters und der Mutter; iſt ſie einmal groß genug, um in die Welt zu treten, ſo wird es gerechtfertigt ſein, unſer Haus auf einen anderen, glänzenden Fuß zu ſetzen.“ Dieſer Zeitpunkt war gekommen, und wir haben ſchon. vorhin erwähnt, daß Frau von Rivola einem Geſpräche, wie das eben gehaltene, mit Spannung, faſt mit Angſt entgegen geſehen hatte. Glaubte ſie doch zuweilen Ent⸗ deckungen gemacht zu haben, welche ihr den Beweis gaben, daß die Einfachheit ihres jetzigen Hausweſens doch etwas tiefere Urſachen hatte, als eine bloße Laune ihres Mannes, als ein Bedürfniß nach Ruhe und Zurückgezogenheit. Jetzt fühlte ſich ihr Herz erleichtert, und ſie konnte ſich nicht enthalten, ihrem Manne mit dem Ausdrucke innigſten Dankes und mit deutlicher, ſichtbarer Freude ihre beiden Hände entgegen zu ſtrecken. „Ja, du biſt ein lieber, lieber Papa!“ jubelte Lucy. „Und noch Eines mußt du mir verſprechen: daß ich dich in meiner Pony⸗Cquipage, ſobald ich ſolche habe, zuerſt ausfahren darf! Aber jetzt haben wir erſchrecklich viel zu thun, nicht wahr, liebe Mama? Ich werde noch heute an Madame Pauline ſchreiben, daß wir ſie morgen zwiſchen Eilf und Zwölf beſuchen und daß ſie ſich um dieſe Zeit 5 Siebentes Kapitel. 179 mit ihrem ganzen Magazine zu unſerer Verfügung zu ſtellen hat.“ „Gewiß, mein Kind, thue das,“ ſagte ihr Vater, und Frau von Rivola erhob ſich lächelnd von dem Frühſtücks⸗ tiſche und bemerkte, indem ſie ihre Hand auf Lucy's Haupt legte:„Wenn wir es auch nicht ſo arg machen wollen, wie du es in deinem kleinen Köpfchen denkſt, ſo haben wir doch Manches nachzuſehen und zu ordnen, um zu dem erſten Hofballe, der gewiß Anfangs der nächſten Woche ſtattfindet, bereit zu ſein; deßhalb entſchuldige uns, mein lieber Albert, wichtiger Geſchäfte halber.“ „Ja, wichtiger Geſchäfte halber, mein lieber, guter Papa— oh, ich kann dir nicht ſagen, wie glücklich du mich gemacht haſt!“ Damit wandte ſich Lucy gegen ihn, ſchlang ihre beiden Hände um ſeinen Hals und küßte ihn wiederholt aufs herzlichſte. Mutter und Tochter hatten das Zimmer verlaſſen, und Herr von Rivola ſtand noch immer auf derſelben Stelle, wo er zuletzt mit dieſen beiden geliebten Weſen geſprochen, hinter dem Stuhle, auf welchem Lucy geſeſſen. Warum blieb er dort noch ſtehen? Warum faßte er mit ſeinen beiden Händen krampfhaft die Lehne deſſelben? Warum erſtarrte auf ſeinen Zügen ſo plötzlich das freundliche Lächeln, als die Thür ſich hinter Beiden geſchloſſen? Wa⸗ rum biß er die Lippen aufeinander und ließ ſein Haupt 180 Siebentes Kapitel. auf die Bruſt niederſinken, wobei ſeine Züge von gewal⸗ tigem Schmerze durchwühlt waren?— Warum?— Wir werden das erfahren, wenn wir Herrn von Rivola in ſein Schreibzimmer folgen, wohin er ſich mit wankenden Schritten begab. Achtes Kapitel. Herr von Rivola verſchloß die Thür hinter ſich, dann ging er langſamen Schrittes zu dem einzigen Fenſter des Schreibzimmers, ließ dort den weißen Vorhang herab, ob⸗ gleich ihm das Sonnenlicht auf dieſer nördlichen Seite des Hauſes durchaus nicht weh that; dann ließ er ſich auf dem Stuhle vor dem Schreibtiſche nieder, wo er in ſich zuſam⸗ menſank, die gefalteten Hände auf den Knieen. Es verging eine geraume Zeit, daß er ſo in tiefem Nachſinnen, in finſterem Brüten vor ſich hinſchaute. Zu⸗ weilen entrang ſich ein tiefer Seufzer ſeiner Bruſt, zuweilen murmelte er ein paar Worte vor ſich hin, welche wie eine Frage klangen, die er ſich gleich darauf ſelbſt beantwortete. Zuerſt waren dieſe Fragen ziemlich lange geweſen, die Ant⸗ worten kurz, häufig aus dem einzigen Worte Nein oder Nimmermehr beſtehend; dann aber trat das umgekehrte 182 Achtes Kapitel. Verhältniß ein, die Fragen wurden kürzer, die Antworten länger, und zuletzt verwandelten ſich dieſe Worte in halb⸗ laut geſprochene Reflexionen. „Und was bleibt mir anders übrig, als es zu thun?“ ſprach er mit dumpfer Stimme.„O, ich wäre nicht zu feig, mir das Leben zu nehmen, aber ich habe nicht den Muth, die thränenden Augen, den Jammer meiner unglück⸗ lichen Eliſabeth, meiner armen Lucy mit anzuſehen! Nur für ſie thue ich, was ich thun muß— Gott weiß es und wird es in meine Rechnung tragen, welch unſäglich wilden Kampf ich Jahre lang gekämpft, welche Verzweiflung ich ſo oft, ſo lange verbergen mußte unter dem Schein froher Laune; wie ich behaglich, gleichgültig erſcheinen mußte, in ungetrübter Stimmung, während meine Hände vor tiefem Schmerze krampfhaft zuſammenzuckten, während meine Bruſt vor Schmerz zerſpringen wollte. „Und doch muß es ſein— greift doch der Ertrinkende nach einem Strohhalme, nach einer rettenden Hand, wenn er ſich auch vielleicht ſchaudernd ſagen muß, dieſe Hand ſei zu ſchwach, um ihn zu retten, er werde ſeinen Retter mit ſich in den kalten Tod ziehen— es iſt doch eine Hoff⸗ nung, ein Aufſchub, während deſſen mir eine wirkliche Rettung erſcheinen könnte!“ Hierauf fuhr er ſich mit der Hand haſtig durch ſein graues, immer noch dichtes Haar und legte ſeine blaue Brille ab, als hinderte ihn dieſe bei der genauen Durch⸗ —EꝑEEE Achtes Kapitel. 183 ſicht eines großen Buches, das er aus einem ſorgfältig verſchloſſenen Gemache nun hervorholte. Langſam ſchlug er Blatt um Blatt herum und nahm zuweilen die Bleifeder, um hier und da die Grundſumme einer Zahlenreihe nachzurechnen— immer vergebens, wie man wohl an ſeinem traurigen Kopfſchütteln hätte bemerken können.„Hier nichts und dort nichts!“ ſeufzte er.„Da iſt mein Rechnungsauszug von der königlichen Bank klar und deutlich abgeſchloſſen, und wenn mir die Herren von der Verwaltung in ihrem Schreiben auch mit den höflichſten Worten geſagt, die Ueberreichung dieſes Rechnungsauszuges mit einem Saldo zu Gunſten der königlichen Bank geſchähe nur, weil vierteljährige Abrechnung in ihrem Dienſtregle⸗ ment liege, ſo darf ich doch nicht wagen, meinen Credit dort höher anzuſpannen.“ Dann ſchloß er den kleinen Kaſſenbehälter auf, welcher ſich unten in ſeinem Schreibtiſche befand, und betrachtete mit trüber Miene den mageren Inhalt derſelben, ein paar Dutzend Goldſtücke, einige Banknoten von keinem großen Betrage, einige ſehr dünne Geldrollen, und wieder richtete er den Blick auf das große Buch, und zwar auf die letzt⸗ beſchriebene Seite desſelben, wo eine Forderung von 6000 Gulden verzeichnet ſtand, welche er an die Eiſenbahnver⸗ waltung für das abgetretene Stückchen Wald geſtellt hatte, die aber für gut gefunden, darüber zu prozeſſiren. „Und wenn ich auch— handeln wollte, wenn ich auch 184 Achtes Kapitel. thun muß, was ich nicht mehr laſſen kann, ſo darf ich es doch nicht eher thun, als bis mir dieſe elende Summe ausbezahlt worden iſt. Geſtern ſprach mein Advokat davon, daß die Entſcheidung, und zwar eine Entſcheidung zu mei⸗ nen Gunſten, in den nächſten Tagen kommen müſſe— in den nächſten Tagen, das ginge allenfalls noch an, wenn nicht wieder Wochen und Monate dazwiſchen lägen— Geld, baares Geld muß ich mir verſchaffen, koſte es, was es wolle!“ Die Schlüſſel in ſeiner Hand zitterten, als er nun ein anderes Schubladenfach ganz herauszog, um ein dahinter befindliches, ſehr ſorgfältig gearbeitetes Schloß zu öffnen, welches ſich ſo tief im Hintergrunde des Schreibtiſches be⸗ fand, daß er ſich auf den Boden niederkauern mußte, um dasſelbe zu erreichen, worauf er ſich wieder erhob, an einem der Knöpfe drehte, die ſich vorn im Tiſche befanden, und nun erſt im Stande war, eine kleine Kaſſette von Eiſen aus jenem verborgenen Raume hervorzuziehen. Er öffnete dieſe Kaſſette, und in derſelben lag eine rothe Mappe; auf dieſer ſah man ein Paar Schmucketuis von violettem Sammt, welche Herr von Rivola zu ſich nahm und als⸗ dann haſtig mit einem ſcheuen Blicke auf die rothe Mappe den Deckel der Kaſſette wieder zudrückte. Durch einen Druck an der betreffenden Stelle ließ er von dieſen beiden Etuis die Deckel aufſpringen, und in jedem zeigten ſich Stücke eines Schmuckes in alter Faſſung, Achtes Kapitel. 185 aber mit ſehr ſchönen Brillanten. Er betrachtete einen Augenblick die funkelnden Steine, dann rückte er die Deckel wieder zu, legte die Etuis auf die Seite, zog dann mit einer düſteren Miene die eiſerne Kaſſette zu ſich und nahm nach ſichtbarem Widerſtreben die rothe Mappe heraus. Es war wohl dieſelbe, von welcher der Bediente heute Morgen erzählte, daß er ſie geſehen habe; denn als Herr von Rivola auch hier das künſtliche Schloß geöffnet und den Deckel aufgeworfen hatte, ſah man in der Mappe, aufs pünktlichſte geordnet, mit Papierſtreifen verſehen, mehrere ſehr ſchwere Pakete von Banknoten, und von Bank⸗ noten keines kleinen Betrages. Es waren Fünfhunderter und Tauſender, wenn auch kein ungeheures Vermögen, wie es Jakob geſchätzt, ſo doch immerhin ein ſehr bedeutendes Kapital. Es war, als müßte ſich der alte Mann erſt langſam wieder an den Anblick dieſes Reichthums gewöhnen, denn es dauerte eine Zeit lang, ehe ſich etwas Scheues, Un⸗ ruhiges in ſeinen Blicken verloren hatte, ehe er mit feſtem Auge, allerdings unter den düſter zuſammengezogenen Brauen, ſeinen ſorgfältig verwahrten Schatz betrachtete, und auch dann währte es wieder ein paar Minuten, ehe er ſich, wie es ſchien, entſchließen konnte, die Banknoten mit den Händen zu berühren; ja, ehe er hierauf ein Paket heraus⸗ nahm, erhob er ſich vorher, um zu ſehen, ob ſich auch Niemand in der anſtoßenden Bibliothek befände, ob der 186 Achtes Kapitel. Vorhang an ſeinem Fenſter ſorgfältig herabgelaſſen war und ob der Schlüſſel im Schloſſe der Thür, welche in den Salon führte, ſo geſtellt ſei, daß Niemand durchſehen könne. Dann erſt nahm er ein Paket der Fünfhunderter ſowie eines der Tauſender, zog aus jedem fünf bis ſechs Bank⸗ noten heraus, legte dieſe vor ſich hin und betrachtete nun aufmerkſam die Zeichnungen auf denſelben, indem er nicht nur jedes einzelne Blatt dicht vor ſein linkes Auge brachte, ſondern er holte alsdann auch noch aus einem kleinen Fache im Schreibtiſche eine Loupe, mit der er Schrift und Zeichnungen aufs genaueſte unterſuchte. Es ſchien ihm ſchwer zu werden, ſich auch nur vom kleinſten Theile ſeines Schatzes zu trennen, und als hierauf ſeine Unterſuchung zu ſeiner Zufriedenheit beendigt ſchien, notirte er ſich mit einer Bleifeder nicht nur die einzelnen Nummern, ſondern er ſchrieb auch auf die Rückſeite von ein paar der Tauſen⸗ der⸗Banknoten mit flüchtigem Zuge ſeinen Namen; dann erſt legte er ſie ſorgfältig in eine Brieftaſche und ſteckte dieſe in die Bruſttaſche ſeines Rockes. Offenbar war Herr von Rivola ein Geizhals von der ſchlimmſten Art, dem es eine ſchwere Ueberwindung koſtete, ſeinen hier aufgeſtappelten Mammon anzugreifen, und der erſt im Stande war, ſich ein wenig zu erheitern, nachdem er dieſen ſchweren Entſchluß gefaßt und ausgeführt. Ja, nachdem er die Banknoten in ſeine Bruſttaſche gelegt, klärte ſich ſeine Miene ein wenig auf, und wenn ſeine Augen⸗ Achtes Kapitel. 187 brauen auch immer noch finſter zuſammengezogen blieben, ſo erſchien doch jetzt wieder um ſeine bisher ſchlaffen Lippen jener Zug von Trotz und Energie, den man ſo häufig an ihm bemerkte. Er hatte jetzt den Kopf in beide Hände geſtützt, ſaß in gebeugter Stellung über der geöffneten Kaſſette und blickte nun mit einem eigenthümlichen Ausdrucke von Wohlbe⸗ hagen, ja, mit einer Art wilder Freude auf ſeinen Schatz, und es war, als koſte es ihn jetzt Ueberwindung, ſeine Augen davon abzuwenden und den Deckel der Kaſſette wie⸗ der zu ſchließen. Dann aber fuhr er plötzlich mit einem Ausdrucke jähen Schreckens aus der Behaglichkeit, in die er verſunken ſchien, und zwar aufgeſcheucht durch den hellen Ton von Lucy's Stimme, die, an der Thür des Schreibzimmers ſtehend, die Frage that, ob Papa vielleicht Aufträge nach der Stadt habe, denn Mama und ſie ſeien bereit und fertig, um dorthin zu fahren. War der alte Mann doch in dieſem Augenblicke anzu⸗ ſchauen, als habe er ſo eben einen wüſten, ſchweren Traum durchgekämpft! Er ſtarrte vor ſich hin, drückte dann ſeine beiden Hände an die pochenden Schläfe, und man hätte deutlich ſehen können, welch furchtbare Anſtrengung es ihn koſtete, die Frage ſeines Kindes mit einem natürlichen, un⸗ gezwungenen Tone zu beantworten, nachdem er vorher einen ſcheuen Blick gegen die Stubenthür geworfen. 188 Achtes Kapitel. „Ach, ihr fahret nach der Stadt!“ „Ja, Papa, im Schlitten— wie ich mich darauf freue! Haſt du nichts zu beſorgen?“ „Ich danke dir, mein Kind.“ „Soll ich hereinkommen und dir einen Kuß geben?“ „Wenn du zurückkommſt, will ich ihn doppelt haben, mein liebes Herz; ich habe wichtiges zu ſchreiben, und möchte nicht gern geſtört ſein.“ „Ich habe mir's gedacht, Papa; Mama auch. Sie läßt dich freundlich grüßen, und mit den Einkäufen wollen wir es ſo gnädig wie möglich machen— Adieu, Papa!“ „Adieu, mein Kind!“ Damit hörte man, wie ſich ihr leichter Tritt von der Thür entfernte, und kurze Zeit darauf vernahm man das Klingeln eines Schlittens, der ſich vom Stalle aus der Hausthür näherte. Herr von Rivola hatte indeſſen mit derſelben ängſtlichen Haſt die Kaſſette wieder verborgen und verſchloſſen, und öffnete nun raſch das Fenſter, um ſeiner Frau und Tochter, welche eben davonfuhren, noch mit der Hand nachzuwinken. Frau von Rivola ſah heiter und vergnügt aus, und die überglückliche Luey warf, ſich umwendend, ihrem Vater Kußhände zu. Eine halbe Stunde nach ihnen verließ auch der Frei⸗ herr das Landhaus, und zwar zu Fuße. Es that ihm wohl, ſich in der friſchen Winterluft eine Bewegung zu Achtes Kapitel. 189 machen. Er ging ebenfalls nach der Stadt, aber auf einem weit kürzeren Fußwege, auf welchem er faſt eben ſo raſch dorthin gelangte, als der Schlitten auf der Landſtraße, welche, vom Terrain gezwungen, große Umwege machte. Trotzdem er ſehr langſam dahinſchritt, ſo war er doch ſo ſehr mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, daß er ſich bereits nach ſehr kurzer Zeit, wie ihm däuchte, plötzlich in dem Gewühle der Wagen und Menſchen befand, welches ſchon eine gute Strecke vor dem Thore die Nähe der Reſidenz anzeigte. Hier folgte er eine Zeit lang der belebten Straße, die, langſam aufſteigend, zum Schloßplatze in der königlichen Reſidenz führte; dann bog er in eine Seitengaſſe und er⸗ reichte nach kurzer Zeit die niedrig gelegenen Stadtviertel, den Marktplatz und das Rathhaus. Von da wandte er ſich durch ein wahres Labyrinth von Gäßchen und kam bald an einen Knotenpunkt derſelben, deſſen viele Ecken auf einer Seite in einen runden Thurm von maſſivem, dunklem Mauerwerke ausliefen. Neben demſelben befand ſich ein kleines Haus, welches mit dieſem Thurme förmlich verwachſen zu ſein ſchien. Von außen hatte derſelbe durch⸗ aus nichts Bemerkenswerthes; ſeine ſchmalen, unregelmäßig angebrachten Fenſter waren mit ſchweren Eiſengittern ver⸗ ſehen, und wenn man ſich die Mühe gab, um den Blick durch die erblindeten Fenſterſcheiben dringen zu laſſen, ſo bemerkte man, daß alle weitere Einſicht in das Innere 190 Achtes Kapitel. durch eiſerne Laden verwehrt war. Nirgends gewahrte man außen ein Thor oder einen ſonſtigen Eingang, auch keine Verzierung irgend welcher Art; doch war das alte Gemäuer ſcheinbar gut erhalten bis auf die Zinne, welche ehemals den oberen Rand gekrönt hatte. Dieſe war unter dem Dache des anſtoßenden, bei Weitem jüngeren Hauſes, welches Dach ſich ſchützend über den alten Thurm aus⸗ breitete, verborgen und nur noch in ihren unteren Theilen ſichtbar. Herr von Rivola zog die Klingel an dem Hauſe, worauf die Thür von einem alten Manne geöffnet wurde, welcher den Ankommenden mit allen Zeichen der Chrer⸗ bietung in ein Stübchen zu ebener Erde führte. Die Einrichtung des Stübchens war einfach, ohne ärmlich zu ſein; ein großer Lehnſtuhl neben dem Ofen, weiße Vorhänge an den Fenſtern und einige Kupferſtiche an den Wänden zeugten ſogar von Wohlhabenheit. Der alte Mann ſchien in einem Buche geleſen zu haben, welches noch aufgeſchlagen auf einem Tiſchchen neben dem Lehnſeſſel lag. Indeſſen ſetzte ſich Herr von Rivola, während der alte Mann, ein kleines Sammtmützchen in der Hand haltend, vor ihm ſtehen blieb. „Was gibt es Neues, Friedrich? Was macht die Frau? Hat mein Advokat weiter nichts für mich geſchickt?“ Der alte Mann hatte ein offenes Geſicht, aber mit harten, durchgearbeiteten Zügen, und wenn wir nicht bereits wüßten, daß er während langer Jahre der Kammerdiener Achtes Kapitel. 191 des Freiherrn geweſen war, ſo würden wir dieſem Ge⸗ ſichtsausdrucke nach, auch wegen der ganzen Haltung dieſer nicht großen aber derbknochigen Geſtalt, beſonders aber in Betracht ſeiner großen, rauhen Hände viel eher geglaubt haben, einen Handwerker, einen Schmied oder Schloſſer vor uns zu ſehen. Dabei hatte er dichte, buſchige Augenbrauen, unter welchen hervor ſeine grauen Augen mit einem Feuer leuch⸗ teten, welches nicht gut in Einklang zu bringen war mit den ſonſtigen Spuren hohen Alters. „Das Beſte werde ich zuerſt beantworten,“ erwiederte er in einem tiefen, etwas rauhen Tone.„Der Advokat war heute Morgen da und zeigte mir händereibend an, daß der Prozeß zu Ihren Gunſten entſchieden ſei, oder, daß ich es beſſer ſage, die Eiſenbahnverwaltung habe ſich beim letzten Termine gar nicht mehr vertreten laſſen, ihm, dem Advokaten, vielmehr die verlangte Summe von 6000 Gulden eingehändigt. Sie können dieſelbe erheben, ſobald es Ihnen beliebt.“ Herr von Rivola that einen erleichternden Athemzug. „Sonſt gibt es nichts Neues, gnädiger Herr. Mit der Frau iſt es die alte, traurige Geſchichte; ſie verläßt ihr Bett nicht mehr, iſt dankbar für alles, was man ihr thut, und daß ich mein Möglichſtes für ihre Pflege leiſte, wiſſen Sie.“ 192 Achtes Kapitel. „Gewiß, Friedrich; auch darin biſt du, wie in allen Dingen, zuverläßig und treu wie Gold.“ „Warum ſollte ich es auch nicht ſein— Untreue ſchlägt ihren eigenen Herrn, und wer einen Herrn hat, wie Sie es mir ſtets geweſen ſind, der müßte ein durchaus ſchlechter Kerl ſein, wenn er nicht, um Ihren Ausdruck zu gebrauchen, treu wie Gold wäre und anhänglich wie ein guter Hund, wenn ich mich ſo ausdrücken darf. Doch reden wir darüber nicht weiter, gnädiger Herr; das iſt meine Schuldigkeit und gar kein Verdienſt.“ Herr von Rivola blickte ſinnend vor ſich nieder, nach⸗ dem er vorher ſeinem alten Diener, mehrmals mit dem Kopfe nickend, voll ins Geſicht geſchaut; dann verſank er in ein längeres Stillſchweigen, welches ſich in einem tiefen und ſchmerzlichen Seufzer auflöste. „Friedrich, die Zeiten ſind ſchlecht!“ „Ich weiß es, gnädiger Herr, ich kann es mir wenigſtens denken.“ „Das Glück will mir nicht mehr ſo wohl, wie in frü⸗ heren Zeiten; ich habe mich vergebens bemüht, irgend etwas zu verdienen, irgend ein neues und ſchönes Unter⸗ nehmen ins Leben zu rufen, es iſt mir nicht gelungen— ich habe ſpekulirt und viel dabei verloren.“ „Ich erfuhr das,“ ſagte der alte Diener in ruhigem Tone. „Von wem?“ fragte haſtig Herr von Rivola. Achtes Kapitel. 193 „Von dem alten Nikolas aus Lüttich, der mir zuweilen ſchreibt— es iſt das eine treue Haut und hängt noch mit ganzer Seele an Ihnen.“ „Ja, er kann darum wiſſen— ich verwandte große Summen, ich muß geſtehen, die letzte, welche ich zu ver⸗ wenden hatte, auf eine neue engliſche Erfindung, die aller⸗ dings erſt in ihrer Kindheit iſt, die aber ein Rieſe werden muß, die, wenn ſie gelingt, Millionen einträgt.“ „So ſchrieb auch Nikolas, er hatte auch darein, wie in alles, was Sie unternehmen, großes Vertrauen; aber die Herren lachten darüber, ſie verlaborirten die Summen, welche Sie, gnädiger Herr, ihnen zugewieſen, und ſagten dann achſelzuckend:„Es geht nicht!“ „Ich weiß, ich weiß,“ antwortete Herr von Rivola mit einem traurigen Blicke,„war ich doch, wie du weißt, im vergangenen Jahre Monate lang auf dem Eiſenwerke und fühlte es wohl, daß ich weniger mit dem ſpröden Metalle, als mit dem unbeugſamen Widerſpruchsgeiſte der Betreffenden zu kämpfen hatte; die kleinen Proben gelangen, aber wenn wir etwas Größeres gießen wollten, ſo war es eben immer kein Gußſtahl, der aus den Tiegeln kam, ſondern ganz gewöhnliches, hartes, unelaſtiſches Eiſen— und doch ſage ich dir, Friedrich, man wird dahin kommen, die größten Maſſen Gußſtahl herzuſtellen, und von einer Zähigkeit, um ſie zu Geſchützen ſchwerſten Kalibers zu verwenden— ich Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. I. 13 194 Achtes Kapitel. werde das allerdings wohl nicht mehr erleben, oder wenn ich es erlebe, ſo werde ich ſehen müſſen, daß es Andere zu reichen Leuten macht, während ich mein letztes Geld daran verloren.“ „Ihr letztes Geld, Herr Baron? Das wäre ja ent⸗ ſetzlich!“ „Es iſt entſetzlich, und ich ſtehe vor einem Abgrunde, deſſen furchtbare Tiefe du allein zu ermeſſen im Stande biſt!“ „Ja, ja, ich verſtehe Sie,“ verſetzte der alte Diener nach einer langen Pauſe, während welcher er langſam mit der umgekehrten Hand ſich zu wiederholten Malen über ſeine Stirn und ſeine Augenbrauen gewiſcht. „Es kann uns doch Niemand hier hören?“ „O nein— die arme, alte Frau liegt im dritten Zimmer, ſie ſchläft, und das kleine Mädchen, welches für unſere Bedürfniſſe ſorgt, habe ich auf den Markt geſchickt.“ „Die Dampſſchifffahrts⸗Geſellſchaft, welche ich ins Leben rief,“ fuhr der alte Freiherr in einem traurigen Tone fort, „mußte ebenfalls liquidiren, und nur dadurch, daß ich all den Summen, die ich hinein geſteckt, freiwillig entſagte, war es möglich, daß die übrigen Aktionäre ohne größeren Schaden davonkamen— auch da wird ein Anderer ernten, was ich geſäet.“ „Wie es ſchon bei den Waſch⸗ und Badehäuſern ge⸗ ſchehen; dieſes Unternehmen mußten Sie ebenfalls mit Achtes Kapitel. 195 großem Schaden abwickeln, und nun trägt es ſeine zwanzig Prozent.“ Herr von Rivola ſchaute ſeinen ehemaligen Diener mit einem traurigen Lächeln an, ehe er kopfnickend ſagte: „Und ſo ſind alle dieſe reellen, gut durchdachten, ſoliden Unternehmungen für mich zu Grunde gegangen, und wenn ich nicht ſelbſt mit untergehen will, ſo muß ich mich dem Einzigen wieder zuwenden, von dem ich mich ſchon damals mit Schaudern abgewandt.“ Ueber die harten Züge des Anderen zuckte es auf eine eigenthümlich ſchmerzliche Art; dann blinzelte er mit den Augen und preßte ſeine dünnen Lippen feſt aufeinander. Herr von Rivola hatte ſich raſch erhoben und einen Gang durch das kleine Zimmer gemacht; dann blieb er vor ſeinem alten Diener ſtehen, ſtützte ſeinen Kopf an deſſen Schulter und ſagte:„Es iſt ja nicht für mich, gewiß nicht für mich— nur für meine Frau und für meine arme Lucy! O, könnte ich mein Haus verlaſſen, in meinem Innern ungekränkt, ohne mein Gewiſſen aufs Neue zu be⸗ laſten; lieber möchte ich an der Schwelle den Staub von meinen Füßen ſchütteln, keinen Blick mehr rückwärts werfen und noch einmal anfangen, wie wir damals begonnen, ich mit der Feder, du mit Hammer und Feile in der Hand, um ſo im ehrlichen Gewerbe ein, wenn auch kärgliches Brod zu verdienen, ehrlich, unbeſcholten!“ „Das iſt nun leider vorbei,“ erwiederte Friedrich in 196 Achtes Kapitel. einem eigenthümlich rauhen Tone;„wir können nicht wieder anfangen, wie damals, auch meine Knochen ſind alt ge⸗ worden, und es thäte mir leid um die arme, alte Frau da drinnen, wenn ich ſie für die letzten Wochen ihres Lebens, fürchte ich, wieder mit hinauszerren müßte in das rauhe Leben, und wenn auch— und wenn wir auch mit unſerer Hände Arbeit ein mageres Brod verdienen könnten, — die Erinnerung an das, was geſchehen, würde uns bleiben; man kann ſein Gewiſſen nicht reinigen wie ein Stück CEiſen von Roſt und Schlacken.“ „Und doch hatte ich gedacht, das zu können,“ entgegnete eifrig Herr von Rivola,„und hatte auch dazu gethan, was in meiner Macht lag; du weißt es ganz genau, welche Summen ich damals, als meine Unternehmungen glänzenden Ertrag abwarfen, dazu verwandte, um— die Zeugen unſerer Thätigkeit wieder in meine Hände zu bekommen.“ „Ja, ja, ich weiß das.“ „Geſtehen darf ich dir wohl, daß ich mit einer gewiſſen Beruhigung, ja, mit Stolz die zerknitterten Blätter be⸗ trachtete, wenn ſie ſich nach und nach zu anſehnlichen Haufen in meiner rothen Mappe wieder anſammelten. Es hatte das mein Gewiſſen ſehr erleichtert. Kam es mir doch vor wie eine allerdings leichtſinnige Anleihe, die ich gemacht und die vollkommen ſolid geworden war, nachdem ich ſie zurückbezahlt; war es doch am Ende nichts Anderes, als ein allerdings unerlaubtes und gefährliches Wechſel⸗ Achtes Kapitel. 197 geſchäft, welches ich trieb mit einem reichen Geſchäftshauſe, dem der Verluſt einer Million im ſchlimmen Falle keinen großen Schaden machen würde.“ „Und warum wollen Sie die gleiche Sache nicht heute wieder gerade ſo anſehen?“ „Weil ich alt geworden bin, Friedrich, weil ich nicht mehr, wie damals, lange Jahre vor mir habe und die volle Kraft des Mannes in körperlicher und geiſtiger Be⸗ ziehung, um meine Vergehen wieder gut zu machen— mein Geiſt hat ſeine Claſticität verloren, wie meine Augen die Schärfe der Sehkraft. Heute Morgen, als ich mit der Loupe dieſe haarſcharf ſich durcheinander kreuzenden Linien betrachtete, verdunkelte das Waſſer ſogleich meine Blicke; das hat mich ſehr traurig gemacht.“ „Wozu ich keinen Grund einſehe, ſagte der Andere kopfſchüttelnd, denn Sie hatten doch gewiß nicht die Abſicht, eine ſo mühſame und gefährliche Arbeit wieder zu be⸗ ginnen.“ Herr von Rivola blieb hierauf die Antwort ein paar Minuten lang ſchuldig, während welcher er gegen das Fenſter gewandt ſtand, die Hände auf den Rücken gelegt. „Und doch,“ ſagte er, ſich raſch gegen Friedrich um— wendend,„wäre es mir eine Erleichterung meines Ge⸗ wiſſens geweſen, wenn ich erſt wieder durch unſäglich mühevolle, angeſtrengte Arbeit zu jenem Ziele gelangt wäre; ich hätte gewiſſermaßen Leib und Leben eingeſetzt, 198 Achtes Kapitel. ſtatt daß ich jetzt die Frucht des Verbrechens ernten kann, ohne Arbeit, ohne Mühe, ünden ich faul die Hände in den Schooß lege.“ „Denken Sie an jene Zeit, gnädiger Herr— denken Sie an jene ſchreckliche Zeit, wo Sie nach tage⸗ und nächtelanger Arbeit vor Ihrem Tiſche zuſammenſanken, unvermögend, dem Schlafe zu widerſtehen, und doch wieder zu aufgeregt, um ſich demſelben hingeben zu können— denken Sie, wenn ich Sie zuweilen gefunden, einen Schweiß⸗ tropfen an jedem Haare, körperlich und geiſtig aufgerieben — o, das war eine gräßliche Zeit, und wenn ich mir alles das vergegenwärtige, ſo würde ich mir durchaus kein Ge⸗ wiſſen daraus machen, heute einmal dieſe Frucht ohne Mühe zu pflücken!“ Der alte Freiherr hatte ſich langſam in ſeinen Lehn⸗ ſeſſel niedergelaſſen und ſaß nun da, nachdenklich den Kopf auf die Bruſt geſenkt. Dann ſagte er nach einer längeren Pauſe:„Und doch bedauere ich es, daß mein Auge ſtumpf geworden iſt, daß meine Hand zittert; auf dem Wege hie⸗ her— ich kam nämlich zu Fuße— iſt mir eine äußerſt glückliche Idee gekommen, eine Manipulation zu noch größerer Sicherheit gegen jede Entdeckung.“ „Sollte das nöthig ſein— ſollte Ihnen eine Sorge kommen, nachdem unſere Arbeit jahrelang durch die Welt gelaufen, ohne je beanſtandet worden zu ſein— gewiß vielfältig unterſucht und geprüft, um eben ſo gültig wie Achtes Kapitel. 199 ihre echten Brüder weiter zu wandern? Ah,“ fuhr Fried⸗ rich lächelnd fort,„was eine Entdeckung anbelangt, wie man ſie gewöhnlich fürchtet, darüber können Sie ganz ruhig ſein!“ „Kunſt und Wiſſenſchaft, auch in dieſem Zweige, ſind ſeit jener Zeit bedeutend fortgeſchritten; wenn auch gerade keine neuen Platten hergeſtellt wurden, ſo iſt es doch mög⸗ lich, daß den vorhandenen irgend eine kleine, bedeutende Aenderung angefügt wurde, die wir nicht kennen, und daß, wenn nun plötzlich eine größere Menge erſchien ohne jene Aenderung, man aufmerkſam werden würde, ſorgfältig nachforſchen und— o, laß mich meinen Gedanken nicht weiter ausſprechen, Friedrich!“ „Das ſind nur Muthmaßungen, gnädiger Herr,“ ver⸗ ſetzte der alte Diener in ruhigem Tone,„Befürchtungen, wie Sie ſie öfter hatten, die ſich aber ſtets grundlos er⸗ wieſen; nein, nein, ich glaube nicht, daß ſich irgend etwas geändert habe. Sie ſind von Ihrer kunſtvollen Arbeit zu überzeugt; ich machte mir früher häufig und auch jetzt noch zuweilen das Vergnügen, in meinen müßigen Stunden, deren ich ja ſo viele habe, eines jener echten Papiere mit einem anderen vermittelſt der ſchärfſten Loupe zu unter⸗ ſuchen— und was meine Augen anbelangt, darin leiſtete ich was damals—, nun war es mir aber niemals mög⸗ lich, auch nur einen Unterſchied zu entdecken von der Größe 200 Achtes Kapitel. einer Haarſpitze. Wie geſagt, darin können wir ganz ſicher ſein.“ „Ja, wenn die Zahlen nicht wären,“ ſprach Herr von Rivola mehr zu ſich ſelber, als zu dem Anderen. „Wenn ich vorhin von Abweichungen ſprach, ſo meine ich ſolche, die wir ſelbſt nicht ſchon längſt erkannt haben.“ „Darum handelt es ſich eben,“ ſagte Herr von Rivola eifrig,„und gerade auf jener Abweichung beruht die Mani⸗ pulation, von der ich vorhin ſprach.“ „Sie iſt ſo unbedeutend, daß ſie von Anderen nie ent⸗ deckt wurde; ſie befindet ſich in der linken Ecke der Tauſen⸗ der, dort, wo die Arabeske in Schneckenform endigt.“ „So iſt es, das haarſcharfe Ende jener Verzierung läuft bei den echten genau parallel mit dem letzten Ringe, bei den unſeren aber biegt es ſich um eine Idee nach ein⸗ wärts, iſt auch vielleicht eine halbe Linie länger. Sobald nun durch die Ausgabe neuer Papiere irgend ein Verdacht rege werden könnte, wird man dieſe aufs genaueſte unter⸗ ſuchen und dann vielleicht auf jene noch unmerklichere Ab⸗ weichung in den Waſſerzeichen kommen— eine Abweichung, die allerdings ſo unbedeutend iſt, daß ich vor Jahren ſchon den Direktor der königlichen Bank eines Tages darauf auf⸗ merkſam machte, welcher aber ſo gütig war, mich vollkom⸗ men zu beruhigen; trotzdem aber wäre es möglich, daß man bei einer ſchärferen Unterſuchung auch jene zu lange und zu eingebogene Arabeske entdeckte, und dieſe nun den —O—O—O:;Q:˖·:O—SO,—·—:AãQůAyö„. Achtes Kapitel. 201 echten Papieren, ſo viele ich derſelben durch Umtauſch hier und dort in meine Hände bekommen kann, ebenfalls anzu⸗ fügen, iſt eine Vorſichtsmaßregel, welche du gewiß nicht verwerfen wirſt.“ „Gewiß nicht, aber dieſes Anfügen hat ſeine Schwie⸗ rigkeit, ohne dadurch gerade die Blicke auf dieſen Punkt hinzulenken.“ „Mit der Feder könnte es nicht geſchehen, nein, es dürfte nur auf mechaniſchem Wege mit einem Stempel her⸗ geſtellt werden, in welchem die verlängerte und eingebogene Arabeskenſpitze aufs genaueſte geſchnitten iſt, und das zu thun, bin ich mit meinem Auge nicht mehr im Stande; auch iſt meine Hand nicht mehr ſicher genug, um zu einer ſo haarſcharfen Linie den Grabſtichel zu führen.“ „Was das Auge anbelangt, damit könnte ich ſchon aus⸗ helfen,“ meinte der alte Diener,„aber hier mit dieſen Hän⸗ den wäre es wohl eine Unmöglichkeit.“ Damit betrachtete er ſeine groben, knochigen Finger. Herr von Rivola hatte ſich raſch wieder erhoben und ging mit weit leichterem und ſichererem Schritte, als er früher gethan, in dem kleinen Zimmer hin und her. Auch erſchien ſeine Miene jetzt, wo er dieſe Angelegenheit, die ihn vorhin noch ſo tief niedergebeugt hatte, nun rein ge⸗ ſchäftlich, wir möchten ſagen: techniſch behandelte, belebt, faſt aufgeheitert; die tiefen Furchen ſeiner Stirn hatten ſich zu den gewöhnlichen Falten geglättet und das ſchmerzliche, 202 Achtes Kapitel. faſt ängſtliche Zucken um ſeine Mundwinkel hatte jetzt dem energiſchen Zuge wieder Platz gemacht. „Die Zahlung der Eiſenbahnverwaltung, von der du mir vorhin ſprachſt, ſagte er auf⸗ und abgehend in ruhi⸗ gem, geſchäftsmäßigem Tone, hilft mir allerdings etwas, aber wenig, nutzt mir dagegen immerhin dadurch, daß ich öffentlich auf der Staatshauptkaſſe Gelder einzunehmen habe, und ich will ſchon dafür ſorgen, daß man mich in Tauſendern und Fünfhundertern ausbezahlt. Hier habe ich auch noch zwei Pretioſen mitgebracht— er holte bei dieſen Worten das Etuis aus ſeiner Taſche hervor—, die ich dir da laſſen werde und auf welche du mir bei dem Ju⸗ welenhändler in der Schloßſtraße, nur nicht beim Hof⸗ Juwelier, wohl verſtanden, die Summe von 4000 Gulden aufnehmen ſollſt— ſie ſind das Vierfache werth. Dabei brauchſt du gar kein Geheimniß daraus zu machen, daß ich es bin, der ſie für ein paar Tage in Verſatz gibt; er wird durchaus keine Schwierigkeiten machen, und du läßt dir dafür Tauſender geben.“ „Das ſoll alles pünktlich, wie immer, beſorgt werden, gnädiger Herr.“ „Ich bin davon überzeugt, Friedrich, und du kannſt mir glauben,“ ſagte Herr von Rivola mit einem leichten Seufzer,„daß ich ſo ſchonend, wie möglich, mit der Aus⸗ gabe jener Papiere ſein werde— der Himmel iſt mein Zeuge, wie glücklich ich wäre, nicht mehr zu dieſen Mitteln Achtes Kapitel. 203 meine Zuflucht nehmen zu müſſen, aber ich kann nicht an⸗ ders, ich habe Schulden, die mich drücken, ich habe ſehr große Ausgaben vor mir, denen ich nicht entgehen kann.“ Während Herr von Rivola ſo ſprach, war er in die NRähe des Fenſters gekommen und fragte nun plötzlich, hin⸗ ausblickend:„Ah, wen haben wir da an der Hausthür?“ Neuntes Kapitel. Der alte Diener war neben Herrn von Rivola getreten und ſagte über die Achſeln desſelben ſchauend:„So viel ich mich erinnere, kennen Sie dieſen jungen Herrn, den Sohn des Stadtſchultheißen.“ „Allerdings kenne ich ihn, nur wundere ich mich dar⸗ über, ihn hier, an deiner Hausthür, zu ſehen; du ſiehſt, er iſt im Begriffe, die Klingel zu ziehen.“ „Und wird das auch thun, gnädiger Herr, doch gilt dieſer Beſuch nicht mir; Sie werden ſich erinnern, daß wir Miethsleute haben.“ „Ach ja, ich vergaß, danach zu fragen; du erzählteſt mir von einer Madame Mayer, die, ſehr beſcheiden auf⸗ tretend, mit ihrer hübſchen Tochter eingezogen ſei, welche du für ſehr ſtille Leute gehalten, die aber— ach, jetzt verſtehe ich auch, wem der Beſuch des Herrn Ferdinand gilt!“ Neuntes Kapitel. 205 „Allerdings der Madame Mayer, aber nicht der hüb⸗ ſchen Tochter wegen. Unſere Mietherin,“ fuhr Friedrich fort, nachdem ihn Herr von Rivola forſchend angeblickt, „hat ein kleines, ſtilles Nebengeſchäft, das mir unbehaglich iſt: ſie leiht auf Pfänder her und gibt auch den Söhnen reicher Eltern Geld auf Wechſelunterſchrift, weßhalb ich derſelben auch mit Ihrer Genehmigung wieder kündigen werde.“ „Line ſolche Mietherin iſt allerdings nicht angenehm.“ Unterdeſſen hatte Herr Ferdinand— denn er war es wirklich— an dem Hauſe angeläutet, worauf die Thür von oben durch einen Zug geöffnet wurde. Der Eintretende warf ſie ziemlich ſtark ins Schloß zurück und ging dann mit lauten Schritten durch den Corridor die Treppe hinauf. „Er iſt häufig hier,“ ſagte der alte Diener—„es muß ein etwas lockerer junger Herr ſein.“ Herr von Rivola antwortete auf dieſe Bemerkung nichts, ſondern ſchien in tiefes Nachdenken verſunken zu ſein; er hatte ſeinen rechten Arm gegen das Fenſter gedrückt und ſeinen Kopf darauf gelegt. Endlich, nach längerem Still⸗ ſchweigen, wandte er ſich mit der Frage an Friedrich:„Er kommt alſo häufig hieher?“ „Gewiß; ich kann wohl ſagen, daß er einer der beſten Kunden der Madame Mayer iſt.“ 206 Neuntes Kapitel. 2 „Vortrefflich,“ murmelte Herr von Rivola—„das iſt eine gute Idee!“ Er ſchritt ein paar Mal im Zimmer auf und ab; dann ſagte er, vor dem alten Diener ſtehen bleibend:„Dieſer junge Herr iſt auf der königlichen Bank angeſtellt— es iſt nicht übel, ihn zum Freunde zu haben; mache dir draußen im Gange etwas zu thun, wenn er herunter kommt, ſo be⸗ trachte ihn genau, ſiehſt du an ſeiner zufriedenen Miene, daß er ſeinen Zweck erreicht hat, gut, ſo laß ihn gehen, hat er aber ein unzufriedenes oder enttäuſchtes Geſicht, ſo ſage ihm, ich ſei hier, habe ihn geſehen und würde mich freuen, ein paar Worte mit ihm zu plaudern.“ Friedrich ging hinaus, und Herr von Rivola ſetzte ſich in den großen Lehnſtuhl, brauchte aber nicht lange zu war⸗ ten, denn ſchon nach wenigen Minuten hörte man droben eine Thür ziemlich heſtig zuſchlagen, dann raſche, derbe Schritte, und Herr Ferdinand Welkermann, der ſeinen Zweck bei Madame Mayer auch nicht im entfernteſten erreicht haben mußte, trat kurze Zeit darauf in das Zimmer, deſſen Thür ihm Friedrich dienſtfertig öffnete. Der junge Mann ſah verdrießlich, ja, finſter, aber durch⸗ aus nicht verlegen aus und begrüßte den Freiherrn auf eine nachläſſige, ungezwungene Art, indem er ſeinen Hut abnahm und darauf dem alten Herrn, der ſich ein wenig erhoben hatte, zwei Finger ſeiner rechten Hand entgegen⸗ ſtreckte. 3 Neuntes Kapitel. 207 „Sie verzeihen mir, Herr Welkermann, daß ich mir er⸗ laubte, Sie durch den Bedienten auf meine Anweſenheit hier aufmerkſam zu machen, ich dachte mir aber, man läßt gute Freunde nicht ſo davon gehen, wenn man ſich mit ihnen unter Einem Dache befindet; ich ſah Sie eintreten und möchte mich gar zu gern nach Ihrem Befinden erkun⸗ digen, ſowie nach dem Ihrer werthen Familie— bitte, Sich zu ſetzen.“ Der alte Herr hatte bei dieſen Worten einen Stuhl herbeigezogen und bot dem Anderen ſeinen Lehnſtuhl an, auf dem auch Ferdinand ohne Weiteres Platz nahm. „Noch heute Morgen ſprachen wir von dem charmanten Balle in Ihrem Hauſe; es war ganz deliciös, und wir amuſirten uns vortrefflich, vor Allem meine Tochter Lucy, wie Sie Sich wohl denken können.“ Wenn auch Ferdinand durchaus nicht verlegen war, ſo befand er ſich doch augenſcheinlich in einer ſo verdrießlichen, bitteren Stimmung, daß er ſelbſt von dem Reſtchen Höflich⸗ keit, welches ihm noch geblieben war, hier den allerbeſchei⸗ denſten Gebrauch machte und die freundlichen Worte des alten Herrn mit einem viel oder nichts ſagenden Achſel⸗ zucken beantwortete; allerdings ſetzte er gleich darauf hinzu, er hoffe, Frau von Rivola und Fräulein Lucy befänden ſich wohl, doch war das nur ſo ins Leere hinein geſprochen, und er ſchien es gar nicht einmal zu bemerken, daß ihm Herr von Rivola hierauf keine direkte Antwort gab, ſon⸗ 208 Neuntes Kapitel. dern ſich mit einem Kopfnicken begnügte und, ſeinen Stuhl in vertraulicher Weiſe näher an den Seſſel Ferdinand's herziehend, im freundlichſten Tone ſagte: „Sie haben es mir doch nicht übel genommen, daß ich Sie bat, zu mir herein zu treten? Ich erkannte Sie, als Sie die Klingel zogen, und Friedrich ſagte mir, daß Sie Madame Mayer, der Mietherin dieſes meines Hauſes, zu⸗ weilen Ihren Beſuch machten— ah, junger Herr, Madame Mayer hat eine ſchöne Tochter, kommt man ſo zufällig hinter Ihre kleinen Geheimniſſe?“ „Verzeihen Sie mir,“ gab Ferdinand mit großer Ruhe zur Antwort,„ich bemühe mich niemals, vor der Welt meine Thorheiten zu verbergen, denn ich habe die gewiß richtige Anſicht, daß man ſich ſelbſt ganz allein über das, was man thut, Rechenſchaft ſchuldig iſt— verſtehen Sie mich recht, Herr Baron— ich ſpreche das ohne die ge⸗ ringſte Anzüglichkeit aus, was ich Ihnen dadurch beweiſe, indem ich Ihnen ſage, daß ich mich um die Schönheit des Fräuleins Mayer noch nicht im geringſten bekümmert, daß ich es leider aber mit der Mutter zu thun habe, welche ein alter, verfluchter Vampyr iſt!“ „Ah, ich verſtehe Sie recht.“ „Das iſt nicht ſehr ſchwer, Herr von Rivola; ich bin ein junger Menſch, der ſein Leben genießt, der ſich vergnügt, wie und wo er kann. Ich liebe ein gutes Diner incluſive des beſten Weines, ich reite und fahre gern und habe, was Neuntes Kapitel. 209 vielleicht traurig iſt, allzu große Leidenſchaft für das Spiel; ich kann nun einmal nicht anders, und, ehrlich geſagt, was wäre das Leben ohne dieſe kleinen, ärmlichen Vergnügun⸗ gen? In der letzten Zeit habe ich unglücklich geſpielt und mich deßhalb häufiger an Madame Mayer wenden müſſen, als mir lieb iſt.“ „Ah, Madame Mayer vermittelt Geldanleihen?“ „Sagen Sie lieber, ſie ſaugt Einem den letzten Tropfen Blutes aus; dieſe Frau hat die Unverſchämtheit, ſich mit zwanzig Procent vierteljährlich nicht zu begnügen— das iſt denn doch ein wenig zu viel.“ „Aber warum ſich an eine ſolche Perſon wenden?“ „Was wollen Sie, Herr Baron— daß man mit dem Bischen Taſchengeld nicht auskommen kann, brauche ich Ihnen wohl nicht zu ſagen; die laufenden Schulden werden allerdings nach genoſſener Strafpredigt vom Hauſe hier und da bezahlt, nun aber kommen andere Ausgaben, die man doch dem Alten unmöglich vorlegen kann. Wie ſingt der Chor in Robert der Teufel?“ „Der Wein, das Spiel und die verdammte Liebel⸗ „Beinahe ſo,“ entgegnete lachend Herr von Rivola, „und wenn ich an meine Jugend zurück denke, da verſtehe ich ganz die Lage, in die Sie bei der Lebhaſtigkeit Ihres Temperaments zuweilen gerathen können.“. „Gott lohne es Ihnen! Ich wollte, mein Vater hätte zuweilen auch dieſes vernünſtige Verſtändniß, aber weit ge⸗ Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. I. 14 210 Neuntes Kapitel. fehlt, und wenn ich nicht hier und da einen anſtändigen Zuſchuß von meiner Mutter erhielte, ſo hätte ich mich ſchon längſt für inſolvent erklären müſſen, und würde mich auch durchaus nicht geniren, das dem Alten zum Aerger zu thun; aber meine geſellſchaftliche Stellung würde ebenfalls damit ſcheitern, und meine Anſtellung an der königlichen Bank gibt einen nicht zu verachtenden Kredit— leider habe ich denſelben in letzter Zeit ein wenig zu ſehr angeſtrengt.“ „Ich wollte vorhin ſagen,“ bemerkte Herr von Rivola mit freundlicher Miene,„daß ich mich aus meiner Jugend ebenfalls erinnere, Schulden gemacht zu haben, und zwar nicht unbedeutende Schulden, daß ich aber ſo klug war— Sie verzeihen mir den Ausdruck—, mich anſtatt an ſolche Wucherer an gute Freunde meines Hauſes zu wenden, an wohlwollende Leute, die ſelbſt gelebt haben und die ſich ein Vergnügen daraus machen, junge, anſtändige Leute aus kleinen Verlegenheiten zu ziehen.“ „Wo wären ſolche Phönixe zu finden?“ fragte Ferdinand achſelzuckend.„Glauben Sie mir, Herr Baron, ich habe ſchon rings um mich her geſchaut, um einen ſolchen Freund zu finden; aber die jungen Leute meiner Bekanntſchaft haben ſelbſt nichts, und zu den älteren Herren, die Einem allen⸗ falls helfen könnten, hat man doch nicht das nöthige Ver⸗ trauen.“ „Und warum nicht?“ fragte Herr von Rivola in ſo ausdrucksvollem Tone und mit ſo wohlwollendem Blicke, Neuntes Kapitel. 211 daß Ferdinand dieſen verſtehen mußte; in ſeinen matten Augen blitzte eine leichte Freude auf, er richtete ſich empor und erwiederte lächelnd: „Herr Baron, Sie ſprachen da eben ſo zuverſichtlich von guten Freunden, daß ich mir vielleicht die Bitte er— lauben könnte, mich die Bekanntſchaft eines ſolchen edlen Mannes machen zu laſſen.“ „Danach brauchen wir nicht lange zu ſuchen, Herr Wel⸗ kermann; ich ſchätze Ihre Eltern und kenne deren geſell⸗ ſchaftliche Stellung, ich mag Sie ſelbſt als einen eleganten, lebensluſtigen jungen Herrn gut leiden und will nur noch hinzufügen: gebieten Sie über meine Kaſſe.“ „Ah, Herr Baron, Sie überraſchen mich in der That, aber.... „Kein Aber, mein lieber junger Freund; ich war ſo indiscret, Ihnen Ihre kleinen Geheimniſſe zu entreißen, und müßte es jetzt als eine Beleidigung anſehen, wenn Sie meine unbedeutende Hülfe zurückweiſen wollten— nun, ſagen Sie ehrlich, womit kann ich Ihnen helfen?“ „Helfen?“ fragte der junge Mann achſelzuckend;„er⸗ lauben Sie mir in dieſer Richtung ein beſcheidenes Still⸗ ſchweigen— was mich aber augenblicklich drückt, iſt aller⸗ dings ein kleinerer Poſten....“ „Nun, wie viel?“ fragte Herr von Rivola, als Ferdi⸗ nand ſtockte und ſchwieg. „So tauſend bis zwölfhundert Gulden, dumme Spiel⸗ 212 Neuntes Kapitel. ſchulden und Wetten; aber ich habe mir feſt vorgenommen, die Kerls gehörig dafür abzuſtrafen— ich werde nur noch hoch ſpielen, wenn ich im Glücke bin.“ „Das iſt ein ſehr vernünftiger Vorſatz— kleines Spiel, bis man das Wetter ausgekundſchaftet, und ſobald ſich ein paar Sonnenblicke zeigen, mit tüchtigen Schlägen hinten⸗ drein; ſo hielt ich es in meiner Jugend und war gefürchtet, wenn ich an den Spieltiſch trat— glauben Sie mir, mein lieber Herr Ferdinand, ich kann Ihnen mancherlei kleine praktiſche Anleitungen geben; wenn Sie mich draußen wie⸗ der einmal beſuchen, ſprechen wir mehr darüber.“ Während Herr von Rivola dies mit großer Ruhe ſagte, hatte er ſeine Brieftaſche herausgezogen, derſelben zwei Billets von je tauſend Gulden entnommen, und zwar ſolche, auf die er flüchtig ſeinen Namen geſchrieben, und legte ſie vor den jungen Mann auf den Tiſch, welcher trotz allem dem, was ihm Herr von Rivola geſagt, doch immer noch in einem kleinen Zweifel geblieben war und nun gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit etwas befangen ſagte: „Aber, Herr Baron, ich kann das unmöglich annehmen „Und warum nicht? Eine kleine Anleihe unter Freunden gegen Quittung und mäßige Zinſen zu fünf Procent per Jahr; ich glaube, Sie bezifferten Ihre augenblickliche Ver⸗ legenheit mit zwölfhundert Gulden, hier ſind zweitauſend, und wenn Sie den Reſt anderswo verwenden wollen, bitte 1 5 Neuntes Kapitel. 213 ich, mir über die ganze Summe gelegentlich einen Schein auszuſtellen.“ „Das auf keinen Fall, Herr Baron,“ erwiederte eifrig Herr Welkermann;„die zwölfhundert Gulden acceptire ich, aber keinen Heller weiter, und werde mir erlauben, Ihnen den Reſt von achthundert Gulden heute noch zuzuſchicken.“ „Wie Sie wollen— damit wir uns aber ganz ver⸗ ſtehen, will ich Ihnen auch neben der Freundſchaft für Sie und Ihre Eltern noch einen anderen Grund ſagen, welcher mich und mit Freuden dazu beſtimmt, nicht nur heute, ſon⸗ dern auch ſpäter Ihren Banquier zu machen. Als die Perſon da oben einzog, wußte mein alter Diener nichts von dem Gewerbe, welches dieſelbe betreibt; ich erfuhr es ſo eben erſt, als ich Sie eintreten ſah, worauf mir Friedrich ſagte, daß Sie ſchon einige Male dort oben geweſen ſeien. Nun kann's mir aber nicht gleichgültig ſein, daß mit dem Sohne eines Freundes in meinem Hauſe ein ſo ſträflicher Wucher getrieben wird— Sie ſehen daraus, wie ſehr ich Egoiſt bin, und ich muß deßhalb Ihren Dank aufs ent⸗ ſchiedenſte zurückweiſen.“ „Darf ich mir alſo erlauben, Ihnen den Schein und den Reſt von achthundert Gulden hieher zu ſchicken oder hinaus nach Eichenwald?“ „Wohin Sie wollen; ſollte es Sie aber im geringſten geniren, dieſe Tauſender wechſeln zu laſſen, ſo glaube ich, 214 Neuntes Kapitel. noch zwölfhundert Gulden in kleinen Banknoten in meiner Brieftaſche finden zu können.“ Herr von Rivola griff nach dieſen Worten in ſeine Brüuſttaſche. „Bitte recht ſehr,“ ſagte Ferdinand lächelnd und ſetzte in einem Tone hinzu, aus dem zu hören war, wie wohl es ihm that, Herrn von Rivola mit ſeiner amtlichen Stel⸗ lung imponiren zu können:„Das Umwechſeln der Bank⸗ noten iſt ja mein tägliches Geſchäft, allerdings zuweilen unter Tantalusqualen— aber was will man machen?“ „Ah, richtig, Sie ſind auf der Kaſſe der königlichen Bank ſelbſt beſchäftigt.“ „Nur ausnahmsweiſe, aber häufig— man liebt es, den Sohn des Stadtſchultheißen zu dieſen Geſchäften zu verwenden, die allerdings ein gewiſſes Zutrauen erheiſchen.“ „Ich verſtehe das vollkommen; es muß ein anſtrengen⸗ des Geſchäft ſein, ſo einen ganzen Tag lang Zahlungen zu machen und Gelder einzuziehen.“ „Das iſt das Geſchäft des Hauptkaſſirers; da habe ich gewöhnlich leichtere Arbeit: die Banknoten zu ſortiren, die Pakete zu ſiegeln und einzutragen.“ „So kann ich mich alſo, wenn ich einmal in den Fall komme, eine größere Summe in kleinere Abſchnitte umzu⸗ wechſeln, direkt auf der Bankkaſſe an Sie wenden?“ „Das wohl nicht, dazu iſt der Hauptkaſſirer da; aber wenn Sie mir in einem ähnlichen Falle die betreffende Neuntes Kapitel. 215 Summe anvertrauen wollen, ſo will ich ſie Ihnen unter der Hand umſetzen.“ Herr von Rivola dachte einen Augenblick nach, dann ſagte er:„Wenn Sie ſo freundlich ſein wollten, Herr Wel⸗ kermann, ſo können Sie mir dadurch gerade jetzt einen Gang erſparen; ich brauche für zehntauſend Gulden kleinere Scheine: Fünfer, Zehner, Fünfziger, Hunderter, wie Sie es gerade haben— macht es Ihnen keine Mühe, mir dieſe umzu⸗ wechſeln?“ „Nicht die geringſte, nur hätte ich dabei eine kleine Bitte, die nämlich, nicht darüber zu reden— ich kann durch eine ſolche Umwechslung unter der Hand durchaus in keine Ungelegenheit kommen, aber es ſoll gerade nicht ſein; wenn Sie alſo nicht verlangen, daß ich mit dem Hauptkaſſirer, einem alten, widerwärtigen Brummelbären, der wie ein Angehöriger der heiligen Inquiſition zu forſchen und zu fragen pflegt, darüber reden ſoll, ſo beſorge ich Ihnen das ſelbſt, jetzt und ſo oft Sie wollen.“ „Beſten Dank! Hier ſind alſo zehn Stück Tauſender, oder zwölf Stück, die ich gerade bei mir habe.“ „Und mit dem Scheine werde ich Ihnen heute noch die Gelder übermachen.“ „Damit Sie aber mit dem Verpacken keine Mühe haben, ſo bitte ich, das Paket einfach verſiegelt meinem alten Diener hier zu übergeben.— Nein, nein, Sie brauchen mir nicht zu danken, es iſt das eine ſo unbedeutende Ge⸗ 216 Neuntes Kapitel. fälligkeit, daß Sie mich in der That beſchämen— ſeien Sie verſichert, daß es mir ein wahres Vergnügen geweſen iſt, einem ſo angenehmen jungen Manne, dem Sohne eines werthen Bekannten, gefällig zu ſein— bitte, zu Hauſe meine beſten Grüße zu ſagen!“ Bei dieſen Worten hatte Herr von Rivola Ferdinand bis zur Hausthür begleitet und ſich hier mit einem herz⸗ lichen Händedrucke von ihm verabſchiedet; dann trat der alte Mann raſch in das Zimmer zurück und ſtellte ſich an das Fenſter, von wo er Herrn Welkermann nachblickte, der mit leichten, elaſtiſchen Schritten, in gehobener Haltung ſeinen Spazierſtock ſchwingend, von dannen eilte. Doch war Herr von Rivola nicht der Einzige, welcher ihm mit den Augen folgte; im oberen Stockwerke hatte auch Madame Mayer den Fenſtervorhang etwas auf die Seite geſchoben und ſagte dann zu ihrer Tochter, welche hinter ihr ſtand:„Bei wem mag ſich der Welkermann unten im Hauſe ſo lange aufgehalten haben? Vielleicht hat ihn der Alte ausgeforſcht, weiß Gott, ihm am Ende ſelbſt das Geld geliehen, denn der junge Herr läuft davon, als hätte er Kapitalien in ſeiner Taſche.“ Herr von Rivola drunten ſchien in dieſem Augenblicke von ernſten, ja, finſteren Gedanken überwältigt worden zu ſein: der Würfel war gefallen, er hatte eine Saat einge⸗ ſtreut, die verderblich für ihn aufgehen konnte. Er griff mit der Hand haſtig nach dem Fenſterriegel, um das, Neuntes Kapitel. 217 Fenſter zu öffnen; ja, er hatte ein paar Secunden lang die Abſicht, den jungen Mann zurückzurufen— unmöglich — was geſchehen war, konnte er nicht mehr ungeſchehen machen. Er hatte ſein Schiff aus dem ſtillen, behaglichen Hafen, in welchem es Jahre lang geruht, wieder in die hohe See getrieben, der Wind hatte die Segel erfaßt, und nun, um die Klippen zu vermeiden, die ſich allerdings während der Fahrt fürchterlich drohend erheben werden, und um das geträumte Goldland zu erreichen, kam es allerdings darauf an, mit feſter, ſicherer Hand das Ruder zu führen. Und dazu war er entſchloſſen. Als er ſich umwandte, ſah er den alten Diener an der Thür des Zimmers ſtehen, das er wieder betreten hatte, ſobald ſich Herr Welkermann junior entfernt. „Es drängt mich jetzt,“ ſagte Herr von Rivola zu ihm,„einmal wieder einen Gang durch den alten Thurm zu machen; es iſt ſchon eine Zeit lang her, daß ich jene Räume nicht betreten.“ „Es ſind ſchon manche Jahre, während ich dort aus⸗ und eingehe und gern dort verweile,“ erwiederte Friedrich. Dann nahm er von ſeinem alten Schreibtiſche ein paar Schlüſſel und ſchritt ſeinem Herrn durch den Hausgang voran. Auf der Hälfte der Treppe, die in den oberen Stock ſührte, war links eine Thür, die an ſich ſelbſt und in ihrer Einfachheit ſo modern ausſah, als führe ſie in 218 Neuntes Kapitel. ein Zimmer des gleichen Hauſes, indem wir uns gerade befinden. Dieſe Thür aber ſowie die ganze Wand des Treppenhauſes war nur dazu da, um die Rundung des alten Thurmes zu verbergen, welcher mit ſeinen mächtigen Quadern gleich dahinter begann; hier war auch eine zweite Thür, mit einem rohen Spitzbogen geziert und mit einer eiſernen Thür verſchloſſen, die Friedrich öffnete, worauf beide in ein rundes, leeres Gemach traten, welches eine Treppe enthielt, die aufwärts und abwärts führte. Die Beiden ſtiegen auf derſelben zuerſt in den unteren Raum, deſſen Decke gewölbt war und welcher ein ziemlich helles Licht durch vier der ſchon oben erwähnten ſchmalen und vergitterten Fenſter empfing, die ſo hoch über dem Boden angebracht waren, daß ſelbſt Jemand, der von außen herangeklettert wäre, nicht bis auf den Grund dieſes Ge⸗ maches hätte ſehen können. Auf einer Seite deſſelben ſah man hier eine Feuereſſe mit einem ganz vollſtändigen Schloſſergeräthe, mit Amboß und Schraubſtöcken, deren Kamin mit einem des angebauten Hauſes in Verbindung ſtand, ſo daß man ſelbſt wenn hier unten gearbeitet wurde, keinen Rauch aus dem alten Thurme hätte aufſteigen ſehen können. Doch ſchien die ganze Einrichtung lange Jahre nicht gebraucht worden zu ſein; auf dem Amboß und den Schraubſtöcken lag Staub und an den früher gewiß ſehr blank und reinlich geweſenen Werkzeugen hatte ſich hier und da der Roſt angeſetzt. Neuntes Kapitel. 219 „Das iſt gut ſo,“ bemerkte Herr von Rivola, nach⸗ dem er einen aufmerkſamen Blick umhergeworfen;„man ſieht, daß hier lange Jahre nicht gearbeitet worden iſt.“ „Es iſt auch ſchon eine geraume Zeit her, daß ich das Schloſſerhandwerk wieder aufgegeben,“ gab der alte Diener mit einem eigenthümlichen Lächeln zur Antwort;„es kam nicht viel dabei heraus. Den goldenen Hammer ließ ich über der Thür, zum Zeichen, daß hier einſtens viel Geld verdient worden iſt.“ Herr von Rivola ſchien dieſe Worte überhört zu haben; er ging langſam an der Wand des Gemaches vorbei, indem er an den kleinen Fenſtern hinaufſchaute. „Nach dieſer Richtung,“ ſagte er endlich, indem er mit der ausgeſtreckten Hand die Mauer berührte,„liegt das Bärengäßchen, und dorthin,“ fuhr er fort, indem er ſich umwandte,„das Rathhaus, und deßhalb muß an jedem Theile des Thurmes der unterirdiſche Gang vorüberführen, von dem neulich die Rede war.“ Er ſagte dieſes halblaut, doch hatte Friedrich ſeine Worte wohl verſtanden. „Allerdings iſt dort der unterirdiſche Gang,“ ſagte er; „es iſt dies auch keine Fabel, wie ich früher geglaubt, und wenn Sie ſich in den Keller hinunter bemühen wollen, ſo kann ich Ihnen deutlich eine Stelle zeigen, wo ehemals der Thurm eine kleine Thür hatte, durch welche man in jenen Gang kommen konnte; ſie muß ſpäter erſt, und dann Neuntes Kapitel. auch ſehr nachläſſig vermauert worden ſein, man könnte ſämmtliche Steine mit leichter Mühe herausziehen.“ „Hätte man das vielleicht ändern ſollen?“ fragte Herr von Rivola.„Es wäre doch möglich, daß Jemand auf den Einfall gekommen wäre, den Gang zu unterſuchen, und auf dieſe Art den alten Eingang da unten gefunden hätte.“ „So leicht, wie Sie denken, gnädiger Herr, läßt er ſich doch wohl nicht öffnen; für den Nothfall habe ich aber auch noch ein tüchtiges eiſernes Kreuz davor befeſtigt. Wollen Sie es ſehen?“ „Für heute nicht; laß uns hinaufſteigen.“ Sie gingen die Treppe durch das mittlere Gemach hinauf in ein oberes Thurmzimmer, welches ſchon wohn⸗ licher ausſah und an deſſen Geräthſchaften und Wandver⸗ zierungen man deutlich wahrnahm, daß hier eine künſt⸗ leriſche Hand geſchafft. Eigenthümlich war die Decke dieſes Gemaches conſtruirt: ſie beſtand aus einem Zeltdache von Eiſenblech, welches an vier Seiten mattes Glas ſtatt Metall hatte, wodurch das ganze Gemach taghell erleuchtet war. Unter einer dieſer Scheiben ſtand ein Arbeitstiſch, wie ihn die Kupferſtecher zu gebrauchen pflegen; über dieſem bemerkte man eine ſehr ſinnreiche Einrichtung, um mit leichter Mühe das Licht zu dämpfen oder zu verſtärken. In einem Käſtchen neben dem Tiſche, welches mehrere Abtheilungen hatte, waren ſorgfältig geordnet einfache und außerordentlich bewandert und beleſen. Neuntes Kapitel. 221 farbige Bleiſtifte, Rabenfedern und Tuſchnäpfchen, Grab⸗ ſtichel, Radir⸗ und Gravirnadeln, daneben in einem an⸗ deren Behälter Loupen der verſchiedenſten Größe und Faſſung. Gegenüber, auf der anderen Seite des Thurmzimmers, ſah man eine kleine Bibliothek rein techniſcher Werke, Schriften über Kupferſtecherkunſt, Baukunde, Mechanik, Daguerreotypie, Farbendruck, Anleitung zur Papierberei⸗ tung. Unter der Etagsre, auf welcher dieſe Bücher ſtan⸗ den, war ein kleiner Tiſch mit einem Reibſteine für Farben und neben demſelben verſchiedene Porzellanſchüſſelchen mit Reſten von Druckerſchwärze und anderen farbigen Sub⸗ ſtanzen. An den Wänden des Gemaches hingen Abdrücke von Radirungen und Lithographieen, alles Arbeiten des Herrn von Rivola aus früheren Jahren; hier war ſeine Werk⸗ ſtatt, ſein Studirzimmer, hier hatte er ſich ehedem aus Liebhaberei in den verſchiedenſten Künſten verſucht und auch vor der Welt, d. h. vor Leuten, die ſich für ſo etwas intereſſirten, durchaus kein Hehl daraus gemacht; ja, er ſetzte einen Stolz darein, daß ſeine Bekannten es wußten, er ſei ein eben ſo geſchickter Landſchafts⸗ wie Portraitmaler, ein tüchtiger Zeichner, Lithograph, Kupfer⸗ ſtecher, Drechsler, Chemiker, Uhrmacher, Mechaniker, Schloſſer, kurz, in allen derlei Künſten und Wiſſenſchaften 222 Neuntes Kapitel. In früheren Zeiten, als Herr von Rivola ſich noch mehrere Tage der Woche hier zu ſeinem Vergnügen be⸗ ſchäftigte, war es ihm ſehr angenehm geweſen, Beſuche zu empfangen, und er machte ſich auch gar nichts daraus, geſtört zu werden, wenn er las, laborirte oder ſeine Land⸗ ſchaften auf der Kupferplatte radirte; es bedurfte alsdann nichts Weiteres, als unten die Frage an Friedrich, ob der Herr Baron auf ſeinem Atelier ſei, worauf der alte Diener die Betreffenden, die er ja meiſtens perſönlich kannte, einfach die Treppe hinaufwies; daß er aber gleich darauf an einer kleinen Feder drückte, die ſich unten, für jeden Anderen unſichtbar, in der Mauer befand, die mit einem Drahte und Hammer in Verbindung ſtand, welcher, droben an eine ſilberne Glocke ſchlagend, einen feinen, aber ſcharfen Ton von ſich gab, wußte Niemand. Der Kupferſtechertiſch, an welchem Herr von Rivola malte oder gravirte, war durch eine ſinnreiche Vorrichtung derartig conſtruirt, daß es ihm möglich war, ſobald der Ton jener Glocke erklang, jede Spur ſeiner wirklichen Be⸗ ſchäftigung zu verbergen. Der Tiſch hatte nämlich unter der oberen, jederzeit ſichtbaren Platte noch eine zweite ver⸗ borgen, welche bis zu einer gewiſſen Breite herausgezogen werden konnte und vor welcher nun Herr von Rivola ſaß und arbeitete, um, ſobald ſich Jemand der Thür näherte, ſich einfach etwas vorwärts zu neigen und durch dieſe Bewegung des Oberleibes die untere Tiſchplatte zu⸗ Neuntes Kapitel. 223 rückzuſchieben. So konnte Niemand beim Eintritte ins Zimmer bemerken, daß irgend eine Veränderung vorge⸗ gangen war, und Herr von Rivola empfing alsdann ſeine Beſuche mit freundlichſter, unbefangenſter Miene, die Kupferplatte mit irgend einer angefangenen Landſchaft vor ſich, den Grabſtichel oder die Gravirnadel in der Hand, und entſchuldigte ſich auf die höflichſte Art wegen ſeiner beſtaubten oder beſchmutzten Fächer. Neben dem Arbeitstiſche befand ſich eine zierliche Drehbank, welche allein zum Vergnügen der ihn beſuchen⸗ den Damen ſeiner Bekanntſchaft, die vor Neugierde brannten, das Atelier zu ſehen und von Frau von Rivola bereit⸗ willigſt eingeführt wurden, zu dienen ſchien, denn auf der⸗ ſelben machte Herr von Rivola aus zuſammengeleimten, buntfarbigen Hölzern die zierlichſten Arbeiten, und es galt damals als Modeſache in der hohen und höchſten Geſell⸗ ſchaft der Reſidenzſtadt, etwas von dieſer hübſchen Arbeit des Freiherrn unter ſeinen Nippſachen zu beſitzen. Aber auch dieſe Mode ſowie das Verlangen, den vor⸗ nehmen Künſtler in ſeiner Werkſtatt zu beſuchen, war, wie ſo manches Andere, außer Gebrauch gekommen, und es war gerade, als hätte Herr von Rivola mit der Abnahme der allgemeinen Bewunderung, die ihm für ſeine Talente gezollt wurde, auch die Luſt an dieſen ſelbſt verloren; er kam weniger auf das Atelier, endlich gar nicht mehr, was ſeine Bekannten übrigens ganz begreiflich fanden, 224 Neuntes Kapitel. denn damals hatte ſich ſein Augenleiden, das Jahre lang unbedeutend zu ſein ſchien, plötzlich ſo verſchlimmert, daß ihm ſein Arzt alle und jede anſtrengende Thätigkeit der oben beſchriebenen Art aufs ernſtlichſte unterſagte. Heute ſtand er nun nach langer Zeit zum erſten Male wieder in dem runden Thurmzimmer, und es war ein eigenthümlicher, tiefer Ernſt, der ſich auf ſeine Züge ge⸗ lagert hatte, als er nun alle die bekannten Dinge über⸗ ſchaute. Dabei vermied aber er und auch Friedrich es auf das ſorgfältigſte, irgend etwas zu berühren, ja, er ſchien den dicken Staub, der ſich hier auf Alles gelagert hatte und der nur Jahren ſein Entſtehen verdanken konnte, aufs wohlgefälligſte zu betrachten, wie er ſich denn jetzt mit einem allerdings etwas trüben Lächeln über das Käſtchen beugte und den alten Diener auf die ſchönen, ſoliden, regelmäßigen Spinngewebe aufmerkſam machte, welche mit ſtarken Fäden von jener Einrichtung zur Dämpfung des Lichtes bis herab auf den Arbeitstiſch ge⸗ ſpannt waren, die dort auf der anderen Seite mit ihren grauen Verzierungen die Titelwand mancher Bücher be⸗ deckten und hier das Tretbrett der Drehbank gefeſſelt zu haben ſchienen. „Das iſt ein ſchöner Staub,“ ſagte er, nachdem Beide lange geſchwiegen, kopfnickend, nein ſo natürlicher, ſchöner Staub, für mich eben ſo wohlgefällig wie der Cdelroſt für den Alterthumskenner.“ — — Neuntes Kapitel. 225 „Ich habe ihn aber auch gehütet wie meinen Augapfel und bin nach langen Proben ſo weit gekommen, ſelbſt die leichteſten Fußtapfen auf dem Boden hier wieder ver⸗ wiſchen und undeutlich machen zu können.“ Die Wände dieſes Thurmzimmers waren nicht tapezirt ja nicht einmal getüncht, nur mit einer einfach grauen, dem Auge wohlthuenden Farbe angeſtrichen. Zu beiden Seiten neben der Thür bemerkte man ein Paar ſchwere Pilaſter mit ziemlich rohen Kapitälen als einzige Ver⸗ zierung des Gemaches. Dorthin ſchaute Herr von Rivola und ſprach alsdann mit leiſer Stimme: „Es iſt ſo, wie ich dir unten geſagt, Friedrich— ich kann mir nicht anders helfen, als daß ich jetzt Gebrauch mache von unſerer Arbeit, die wir ſchon vor langen Jahren beendigt; gäbe es für mich einen Ausweg, ich würde ihn benutzen.“ „Ich hätte nicht ſo lange damit gewartet,“ meinte der alte Diener,„und wenn es am Ende gar nicht dazu ge⸗ kommen wäre, ſo hätte mich nur die unſägliche Mühe ge⸗ dauert, welche Sie ſich damals mit dieſer Rieſenarbeit gegeben.“. Und doch ſchien Herr von Rivola nochmals einen heftigen Kampf zu beſtehen; er blickte unverwandt nach einem der alten, grauen Steinkapitäle, während er die Lippen feſt aufeinander preßte und ſein Geſicht vor Hackländer, Das Geheimniß der Stadt. I. 15 7 226 Neuntes Kapitel. Schmerz, ja vor Angſt verzerrt war; dann ſagte er in kaum hörbarem Tone:„So wollen wir denn die Platten herausnehmen.“ 3 Friedrich öffnete die Thür des Gemaches langſam und ſorgfältig, wobei er von Zeit zu Zeit mit der Hand an eines der Kapitäle griff und verſuchte, es vom Platze zu bewegen, und endlich, nach längeren Verſuchen, hatte er die Thür in die richtige Stellung gebracht, wodurch es ihm möglich war, das Kapitäl, welches durch einen äußerſt feinen Mechanismus mit den Angeln der Thür in Ver⸗ bindung ſtand, zu bewegen und wie die Thür eines kleinen Schrankes herauszudrehen. In dem Steine war eine kleine Höhlung, welche etwas in Papier Gewickeltes ent⸗ hielt, das nun der alte Diener herausnahm und ſeinem Herrn überreichte. Dabei wurde weiter kein Wort gewechſelt, und Beide verließen ſtillſchweigend das Thurmgemach und ſtiegen die Treppe wieder hinab in den mittleren Theil des Thurmes, wo Friedrich die Thüren ſorgfältig wieder ver⸗ ſchloß. Unten in dem Wohnzimmer angekommen, ſchaute Herr von Rivola auf ſeine Uhr und dann entfernte er die feinen Seidenpapiere von dem Gegenſtande, den er in der Hand trug. Es waren dies zwei kleine, dünne, äußerſt fein gravirte Kupferplatten, die er, an das Fen⸗ * — — — Neuntes Kapitel. 227 ſter tretend, einen Augenblick betrachtete, wobei ein bit⸗ teres Lächeln über ſeine jetzt ſehr gefurchten Züge flog. „Nimm eine Metallſcheere, Friedrich,“ ſagte er als⸗ dann,„und gib mir eine andere.“ Der Diener holte die verlangten Werkzeuge herbei, und Beide begannen nun, die koſtbaren Platten, die Frucht jahrelanger Anſtrengung, in kleine Stücke zu zer⸗ ſchneiden. Es dauerte eine ziemliche Zeit, bis ſie damit fertig waren; dann ſcharrte Herr von Rivola die einzelnen Theile ſorgfältig zuſammen und wandte ſein Auge gegen den kleinen Steinkohlenofen, welcher im Zimmer ſtand und bei dem kalten Wetter draußen eine behagliche Wärme ausſtrömte.. Friedrich verſtand dieſen Blick, öffnete die obere Thür des Ofens, worauf Herr von Rivola die Kupferſtückchen, ſie in beiden Händen tragend, auf die glühenden, intenſiv brennenden Kohlen ausleerte. Dann wechſelte er einen bezeichnenden Blick mit dem alten Diener, den dieſer mit einem Zeichen der Zuſtimmung erwiederte, worauf Herr von Rivola ſagte:„Rücke mir den Seſſel hieher und nimm dir auch einen Stuhl; es intereſſirt mich, das koſt⸗ bare Metall vergehen zu ſehen. Er ließ ſich vor dem Ofen nieder, und nachdem Friedrich neben ihm Platz ge⸗ nommen, blickten Beide unverwandten Auges in die 228 Neuntes Kapitel. glänzende Helle, welche aus der unterſten Ofenthür her⸗ vorſtrahlte. „Ich ſagte dir damals ſchon,“ bemerkte Herr von Rivola, nachdem er ein paar Minuten ſchweigend da ge⸗ ſeſſen,„daß ich die Platten zerſtören würde, ehe ich mich entſchloſſen, von dem erſten Abzuge derſelben einen Ge⸗ brauch zu machen— von dem erſten Abzuge ſollte ich eigentlich nicht ſagen, denn ich machte damals einen ein⸗ zigen, um die Sorgfalt der Arbeit zu probiren, kam aber wieder in ſeinen Beſitz.“ Obgleich dieſe Worte an den alten Diener gerichtet waren, ſo ſprach doch Herr von Rivola, als rede er mit ſich ſelber, wobei er den rechten Arm auf die Lehne des Stuhles geſtützt und den Kopf darauf gelegt hatte, wäh⸗ rend er in den glühenden Wiederſchein des Feuers ſtarrte. „Ich ſandte dieſe Tauſend⸗Gulden⸗Note an den Polizei⸗ direktor, ohne mich zu nennen— er ſammelte damals für die Ueberſchwemmten—, und ich wußte es ſo einzurichten, daß ich ihm einen Beſuch machte, während gerade jener rief bei ihm einlief, und hatte dabei das ungeheure Glück, den Bankdirektor dort zu finden, welcher, das Er⸗ ſtaunen des Beamten über die reiche Gabe theilend, die Banknote etwas mißtrauiſch betrachtete; ja, er nahm ſie mit ſich und erzählte mir am andert Abend bei einer Soiree des Kriegsminiſters, er habe allerdings im erſten Augenblicke die Echtheit dieſer Banknote bezweifelt, doch — — —.— —— — Q——⸗—:—x— Neuntes Kapitel. 229 ſei dieſelbe von dem Hauptkaſſirer als vollkommen unver⸗ dächtig erklärt worden— ob mir das eine Beruhi⸗ gung war! „Am anderen Tage wechſelte ich zehntauſend Gulden auf der Bank und bekam dieſelbe Note wieder. Darüber ſind nun Jahre verfloſſen, die Noten in meinem Beſitze haben ſowohl durch das lange Liegen in meiner Mappe als auch durch kleine Nachhülfe vollkommen das Anſehen von Papiergeld bekommen, welches längſt im Umlaufe war, die Platten ſind zerſtört— von deiner Treue bin ich überzeugt, und ſo glaube ich denn, was das anbetrifft, der Zukunft mit Ruhe entgegenſehen zu können.— Und doch liegt es wie Felſenlaſt auf meiner Bruſt, und doch bin ich ſeit einer Stunde ein ganz anderer Menſch ge⸗ worden. Zittere ich doch beinahe bei dem Gedanken, meine Frau wiederzuſehen und meine Lucy, meine arme, gute Lucy mit den offenen, ehrlichen Augen! Iſt es mir doch zu Muthe, als trüge ich das Zeichen des Verbrechens auf der Stirn! Ja, Friedrich, dieſes furchtbare Gefühl kann ich nicht los werden, und ich habe in Einem fort das Bedürfniß, mit der Hand über jene Stelle zu fahren, wo ich eine rothe, verrätheriſche Stelle ahne!“ „Wer wird ſolchen Gedanken nachhangen, gnädiger Herr? Wenn Sie damals ſo ſprachen, erſchöpft, aufgeregt von der Arbeit, ſo konnte ich das begreifen.“ „O nein, wenn ich damals arbeitete, ſo konnte ich mir 230 Neuntes Kapitel. einreden, es ſei Laune, das— das— täuſchend nachzu⸗ machen, und ich war damals ein vermögender Mann und hatte nicht nöthig, mich durch ein Verbrechen zu retten; es war die Grille eines Künſtlers— oh, wenn es das geblieben wäre!“ Darauf verſank er wieder in tiefes Nachſinnen, die Augen auf die rothe Gluth gerichtet, und erſt als dort der erſte weißglühende Tropfen ſichtbar wurde, der, durch den eiſernen Roſt fallend, in der unten angehäuften Aſche verloſch und verſchwand, fuhr er aus ſeinen Träumereien empor und ſagte:„Wie mir bei dieſem Anblicke ſo lebhaft wieder jene Zeit vor die Seele tritt, wo wir Beide unſere Laufbahn begannen, du ein Lehrling in der Maſchinen⸗ ſchloſſerei, ich der arme Neffe des reichen Hüttenwerks⸗ beſitzers— errinnerſt du dich, Friedrich, wie oft wir neben dem Gebläſe des Hochofens kauerten, dem wilden Rauſchen der Blaſebälge ängſtlich horchend und dabei durch die kleine, runde Oeffnung in die Gluth ſchauten, wo ebenfalls ſolche glühende Tropfen aus den ſchmelzenden Eiſenſteinen herabrannen, ein ſchwaches Abbild des Höllenfeuers, wie uns der alte Maſchinenmeiſter zu verſichern pflegte?“ „Ja, ja,“ gab Friedrich kopfnickend zur Antwort,„ſeit jener Zeit hat ſich viel geändert, auch in unſeren Anſichten über Dies und Das.“ „Ich möchte wohl noch einmal dort ſitzen können, ein kleines, harmloſes, unſchuldiges Kind!“ Neuntes Kapitel. 231 „Ich nicht, gnädiger Herr. Wozu auch— um viel⸗ leicht die Klippe, welche ich nun kenne, zu vermeiden und dafür an einer anderen um ſo ärger zu ſcheitern? Laſſen Sie es gut ſein mit dieſen trüben Gedanken— denken Sie, Sie hätten als Künſtler ein großes Werk zu Stande gebracht, für das Ihnen der Staat eine halbe Million bezahlt.“ „O, es wäre gegen das, was ich jetzt fühle, ein ent⸗ zückender Gedanke! Doch du haſt Recht; ich kann nicht mehr zurück, ich will vorwärts, ſo gut es gehen mag.“ Zuerſt waren vereinzelte Tropfen des geſchmolzenen Kupfers herabgefallen, dann hatten ſich dieſelben ver⸗ mehrt, und jetzt hörte dieſer eigenthümliche Regen wieder eben ſo langſam auf. „Das iſt nun vorüber,“ meinte Friedrich, indem er mit dem Schüreiſen in der Aſche wühlte und dann mit der Hand von den noch heißen, aber zuſammengeronnenen Tropfen, die ſo bunt gefärbt waren, hervorſuchte.„Wir müſſen ſie hier entfernen,“ fuhr er alsdann fort.„Je⸗ mand, der die Aſche fände, könnte ſich doch wundern, woher dieſes Metall käme; man kann in der Welt nicht zu vorſichtig ſein.“— Er hatte das Aſchenfach hervor⸗ gezogen, dasſelbe auf der Steinplatte vor dem Ofen ent⸗ leert und in Kurzem die verſchiedenen Kupferſtücke zu⸗ ſammengeſucht.“ „Ich will ſie mit mir nehmen, Friedrich,“ meinte 232 Neuntes Kapitel. Herr von Rivola, welcher ſich langſam erhoben hatte. „Vergiß nicht, heute Abend die ausgebrannten Kohlen noch einmal zu unterſuchen, ob nichts mehr übrig geblie⸗ ben iſt.“ „Unbeſorgt; Sie kennen meine Vorſicht.“ „Gewiß, mein alter Friedrich,“ antwortete Herr von Rivola, indem er ſeinem Diener die Hand reichte, und gerade deine Vorſicht und Treue iſt es, welche es mir leichter macht, die Laſt meines Gewiſſens zu tragen.“ „Ich trage ſie gern mit Ihnen und gewiß ohne Eigennutz,“ erwiederte der alte Mann achſelzuckend.„Kom⸗ men Sie nur zu uns, wenn Sie eines Troſtes bedürftig ſind.“ „Wie du zu mir kommen ſollſt, wenn du irgend einen Wunſch haſt für dich oder deine arme Frau.“ Friedrich machte eine abwehrende Geberde, was aber ſein Herr nicht ſah, da er ſich in dieſem Augenblicke ab⸗ gewandt hatte, um ſeinen Hut vom Tiſche zu nehmen— „wir brauchen ſo wenig, die alte Frau und ich, und haben ſo viel!“ „O, ihr ſeid reich und glücklich!“ „Ich nicht ſo ſehr, als die arme Frau; ſie iſt reich und glücklich, gnädiger Herr. Sie weiß wenig von der ſchlimmen Welt und hat in ſich einen Schatz, von dem ſie mir häufig mittheilt. Deßhalb ſagte ich vorhin,“ ſetzte er mit leiſer Stimme in bittendem Tone und mit einem Neuntes Kapitel. 233 ſeltſam umflorten Blicke hinzu,„kommen Sie zu uns, gnädiger Herr, wenn Sie einmal des Troſtes recht be⸗ dürftig ſind, und verſchmähen es nicht, an dem Bette der kranken Frau zu ſitzen, wie ich ſehr, ſehr viele Stun⸗ den thue.“ Es hatte ſich ein tiefer Schatten auf den Zügen des Freiherrn gezeigt, und er wiſchte jetzt in der That über ſeine Stirn, wie er vorhin angedeutet, doch gewiß we⸗ niger, um dort einen eingebildeten rothen Flecken zu ent⸗ fernen, als um ſeine Gedanken zu verjagen und zu ver⸗ ändern. Dies gelang ihm auch, denn er ſagte gleich darauf in geſchäftsmäßigem Tone:„Noch Eines, Friedrich. Meine Augen erlauben es mir nicht, die Aenderung, von der ich dir früher ſprach, ſelbſt zu machen; doch glaube ich einen jungen Menſchen gefunden zu haben, der tüchtig und dabei zu verwenden iſt. Ich ſah ihn neulich zufällig zu gleicher Zeit mit Federzeichnungen, die er gemacht, welche ſo fein und correct waren, wie ich lange nichts geſehen; er ſelbſt dagegen ſcheint aber durchaus nicht fein und correct, vielmehr ein großer Lump zu ſein; es iſt das gut oder ſchlecht, wie man es nimmt.“ „Ah, ich weiß, von wem Sie reden, gnädiger Herr! Der junge Menſch heißt Franz Steffler und iſt Gehülfe des Marktſchreibers.“ „Iſt er bekannt— als Lump oder als geſchickter Zeichner?“ 234 Neuntes Kapitel. „Als Beides; doch nur in einem beſchränkten Kreiſe, ein Kreis, den ich deßhalb zuweilen berühre, weil ſich meine Wohnung ja ſo nah' am Rathhauſe befindet und ich auf der Marktſchreiberei zuweilen einſpreche.“ „Gut— ſieh, was mit ihm zu machen iſt; ich brauche dir gar keine Vorſicht anzuempfehlen. Der Gehülfe des Hof⸗Friſeurs, wo ich Jenen traf, bat mich um meine Protection für Steffler. Natürlicher Weiſe wird er ihm auch meinen Namen genannt haben, weßhalb du kein Geheimniß daraus zu machen brauchſt, daß ich mich für ihn intereſſiren, ihn vielleicht bei der Geheimen Staats⸗ druckerei empfehlen wolle. Sage ihm, ich würde eine kleine Probe von ihm verlangen als Beweis für ſein ſcharfes Auge und ſeine feſte Hand, etwas im Grunde ſehr Unbedeutendes— du weißt, was ich meine.“ „Gewiß, gnädiger Herr, verlaſſen Sie ſich wie immer auch darin auf mich.“ Herr von Rivola hatte die geſchmolzenen Kupferſtück⸗ chen ſorgfältig in einer ſeiner Taſchen verwahrt und nun das Haus verlaſſen. Er ging durch die Glockengaſſe fort mit feſtem Schritte und aufrechter Haltung, wie er immer zu thun pflegte. Friedrich, der im Zimmer geblieben war — ſein Herr hatte es ſo haben wollen— blickte ihm durch das Fenſter nach und murmelte vor ſich hin:„Es hat ihn hart angegriffen, aber er wird es eben ſo raſch wieder vergeſſen in dem Bewußtſein, jetzt wieder über Neuntes Kapitel. 235 Hunderttauſend zu gebieten in den Zerſtreuungen und in dem Strudel der ſogenannten Welt. Mir dagegen wird es ſchon ſchwerer, mit meinem Gewiſſen zurecht zu kommen. Iſt mir doch der alte Thurm beinahe unheimlich gewor⸗ den, da nun das, was dort ſo lange geſchlummert, ins wirkliche Leben eintritt! Und doch möchte ich nicht mit ihm dahingehen, ich würde mich da draußen fürchten vor einem Schlage, der mich unverſehens niederſtreckte. Kommt mir doch jetzt die dunkle Hinterſtube, wo die alte Frau liegt, mehr als je wie ein ſicherer Zufluchtsort vor! Ich will mich zu ihr ſetzen, und ſie ſoll mit ihrer guten, weichen Stimme von dem erzählen, was man ihr aus guten Büchern geſtern Abend vorgeleſen.“ So that denn auch der alte Diener des Freiherrn. Er trat mit leiſen Schritten in die halbdunkle Hinterſtube, wo auf einem reinlichen Bette eine bejahrte Frau mit guten, ſanften Zügen lag. Sie reichte ihm ihre ſchmale, weiße Hand, die er herzlich zwiſchen ſeinen knochigen Fingern drückte, und ſie ſchien es gern zu hören, als er ihr nun erzählte, daß der gnädige Herr da geweſen ſei, daß er aufs theilnehmendſte nach ihr gefragt und ſich die Räume des alten Thurmes wieder einmal angeſehen habe. „Er hat doch nicht die Abſicht, jetzt das Haus zu ver⸗ kaufen?“ fragte ſie mit ſehr leiſer Stimme in ängſtlichem Tone.„Jetzt, wo ich ſo krank bin!“ 236 Neuntes Kapitel. „Welche Idee— warum er das Haus gerade jetzt verkaufen wolle!“ „Ich habe dir ſchon erzählt, daß ich neulich von ihm träumte— o, ſehr ſchmerzlich träumte! Ich ſah ihn in ärmlichen Kleidern bleich und zitternd die Stadt verlaſſen; er hatte nichts bei ſich, wie einen einzigen Stock, an dem er ſich mühſam fortſchleppte.“ „Solche Träume bedeuten immer das Gegentheil— o, er iſt ſehr reich, der gnädige Herr!“—— Und das war ja auch der Fall, wenigſtens mußte es jeder glauben, der Herrn von Rivola in dieſem Augen⸗ blicke ſah. Er war raſch in den oberen Theil der Stadt gelangt und ſah dort vor dem Laden des Hof⸗Juweliers ſeinen Schlitten halten. Wie freute ſich Frau von Rivola, wie entzückt war Lucy, als der gütige Vater ſie hier bei ihren Einkäufen überraſchte! Er kam gerade recht, um ſich von dem Juwelenhändler die Rechnung über die Ge⸗ genſtände, welche ſeine Frau ausgeſucht und ihm mit einem fragenden Blicke vorlegte, quittiren laſſen zu können; der Betrag war nicht groß, etwas über viertauſend Gulden. Papa wurde aber darauf wieder lachend und in Gna⸗ den entlaſſen, denn die beiden Damen begaben ſich von hier zu der erſten Putzmacherin der Stadt, Madame Pau⸗ line, zu wichtiger, geheimer Berathung, bei welcher ihm unmöglich Sitz und Stimme bewilligt werden konnte. Doch Neuntes Kapitel. 237 war ihm dies durchaus nicht unangenehm; hatte er doch ſeine eigenen Geſchäfte zu beſorgen, ſeinen Rechtsanwalt aufzuſuchen, um ſich Bericht erſtatten zu laſſen über die glückliche Beilegung ſeines Proceſſes mit der Eiſenbahn⸗ Verwaltung. Hier empfing er auch das Papier über die ihm angewieſenen ſechstauſend Gulden und begab ſich als⸗ dann auf die Staats⸗Hauptkaſſe, um dieſes Geld in Em⸗ pfang zu nehmen. Auf ſeinen Wunſch übermachte man ihm den Betrag in Tauſend⸗Gulden⸗Noten, und nachdem er darüber quittirt, erbat er ſich freundlichſt einen Blei⸗ ſtift, um vor den Augen des erſten Kaſſirers in flüchtigen Zügen ſeinen Namen auf die Rückſeite der Banknoten zu ſchreiben. Neueſter Roman von Hackländer.(omplet. Bei Adolph Krabbe in Stuttgart erſchien ſoeben voll⸗ ſtündig und iſt vorräthig in allen Buchhandlungen: Künſtlerroman F. W. Satländer. 5 Bände. 8.(110 Bog.) Geh. 5 Thlr. 22 ½ Sgr. oder 9 fl. 12 kr. Rhein. Hackländer iſt vielleicht mehr als irgend ein anderer Schrift⸗ ſteller der Gegenwart nicht nur in die Tiefen, ſondern auch in jene ſogenannten Kleinſeiten des Lebens eingedrungen, von denen die meiſten Autoren und Leſer ſo gut wie nichts erfah⸗ ren. Die Kreiſe, die er uns erſchließt, ſind anſcheinend, aber auch nur anſcheinend, jedermann bekannt; wenn wir indeſſen an Hackländers Hand hineintreten, ſo merken wir wohl, daß wir bisher kaum mehr von ihnen als das Aeußere, oft auch nur eine Maske gekannt, und dies beſtätigt auch wieder das neueſte Buch, der„Künſtlerroman“. Was kennen wir denn von den Künſtlern im Grunde mehr als ihre Werke, zuweilen ein Atelier, und hie und da auch einen von ihnen perſönlich? Von dem eigentlichen, wirklichen inneren Kunſt⸗ und Künſtler⸗, von dem— ſagen wir: Standesleben und Treiben erfahren wir ſchwerlich etwas, und es iſt daher eine völlig neue Welt, in der wir hier mit der gewohnten Meiſterſchaft des Dichters zugleich bekannt und heimiſch gemacht werden. — — Neueſtes von Ottilie Wildermuth. Im Verlage von Adolph Krabbe in Stuttgart iſt ſpeben erſchienen und zu haben in allen Buchhandlungen: ſle. Perlen ans dem San Erzählungen von Ottilie Wildermuth. 8. Eleg. geh. 1 Rthlr. oder 1 fl. 45 kr. Rhein. Eleg. geb. 1 Rthlr. 7 ½ Sgr. oder 2 fl. 12 kr. Rhein. Die Frau Verfaſſerin tritt nach einem faſt vierjährigen Schweigen wieder mit einem jener Bücher vor uns, welche nicht nur zu den geleſenſten der Gegenwart gehören, ſondern dieſe Beliebtheit auch vor den meiſten neuen Erſcheinungen verdienen.„Perlen aus dem Sande“ hieß ſie das Buch, und ſchon dieſer Titel zeigt, daß ſie ihrem bisherigen Genre treu geblieben— da, wo ſo unendlich Viele gleichgültig und über⸗ ſichtig vorübergehen und nichts zu entdecken vermögen, was des Anſehens und Aufbewahrens werth wäre, da findet Ottilie Wildermuths Aug' und Herz das, was uns in ihrer meiſterhaften Darſtellung am reizendſten anmuthet, am tiefſten ergreift, am innigſten erfreut und erwärmt— Perlen aus dem Sande. Wir zweifeln nicht, daß das Publikum dieſem unſerem Urtheil freudig zuſtimmen werde. 3 * 5 4 4— 4 4 1 t 4 1 4 3