* Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summs⸗ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 5 für eachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Wenn man heutzutige etwas über eine Tour liest, die der oder jener gemacht hat, ſo kann man ſich ſicher darauf verlaſſen, gleich beim erſten Kapitel, neben Klagen über ſchlechte Wirthshäuſer und theure Rechnungen und dergleichen Fatalitäten mehr, die Engländer, die dem Erzähler begegneten oder nicht begegneten, nach Kräften lächerlich gemacht zu finden. Das iſt einmal jetzt bei uns zur Mode geworden und ſeit Heine oder Saphir, ich weiß nicht recht, wer, ein⸗ mal geſagt, er finde in der Welt nichts proſaiſcher, als einen kattune⸗ nen Regenſchirm oder einen reiſenden Engländer, ſo werden täglich über dieſe Melodien neue Variationen gemacht. Dem ſcheinen die Söhne Albions aus Steifleinen fabrizirt, jenem kommt die ganze Figur wie in einer Nürnberger Fabrik aus Holz geſchnitzt vor, und alle ſtellen ſte dar, wie die Knochen im Fleiſch, die einem beim Genuß des ſaf⸗ tigſten Stückes Landſchaft unangenehm den Geſchmack verderben. Daß der Engländer in ſeiner trockenen, eher abſtoßenden als an⸗ ziehenden Manier dem guten gemüthlichen Deutſchen ſtets fremd ge⸗ genüber tritt, finde ich ſehr natürlich. Letzterer zu Hauſe mit allen möglichen Feſſeln und Banden an Haus, Arbeitstiſch und Staat ge⸗ kettet, freut ſich einige Jahr voraus auf die Reiſe in den Rheingau, die er zu machen gedenkt, legt heute einen Thaler in die Ecke der Schublade und morgen wieder einen, ſchickt ſchon anfangs Januar, wenn die Neujahrsrechnungen bezahlt ſind, ſeinen Koffer zum Sattler und geht in den erſten vier Wochen regelmäßig täglich wenigſtens einmal bei der Werkſtatt vorbei, damit ſein Reiſegeräth ja bis zum Auguſt fertig iſt, lebt in ſteter Beſorgniß und Angſt, ob auch der ueue Rock und die Stiefeln von Glanzleder fertig werden, und ſo kommt langſam der Frühling und geht vorüber. Da fährt eines ſchönen Sommermorgens der Staatsminiſter, oder wer ſonſt der Vor⸗ geſetzte iſt, in's Bad, und unſer Reiſender kommt Mittags mit ſeelen⸗ Zacklaͤnder, Erz. 1 2 vergnügtem Geſicht nach Hauſe, ein großes gefaltetes Papier in der Rocktaſche. Es iſt ſein Reiſepaß:„Vorzeiger dieſes ꝛc.“ Früher dachte er mit Vergnügen an ſeine Tour, malte ſich die fröhlichen Stun⸗ den, die er genießen würde, recht lebendig aus; jetzt, wo ſich die Zeit der Erfüllung nähert, denkt er ängſtlicher daran, es könnt' ihm noch etwas dazwiſchen kommen; er wagt es nicht mehr, die Genüſſe, die ihm bevorſtehen, auszudenken; er ſchließt, ſo oft ihm ein ſolcher Ge⸗ danke überkommt, die Augen, und ein kleiner Stoßſeufzer entfährt ihm; er iſt in einer unangenehmen Spannung, ſpricht gegen Niemand mehr von ſeinem Vorhaben und wundert ſich doch dabei, daß die Leute nicht auf der Straße ſtehen bleiben und wenn er kommt, einander zuflüſtern: der reist auch morgen. So nimmt er unruhig ſein Poſt⸗ billet, packt eilig und unruhig ſeine Sachen und erſt, wenn er das rauchende Dampfboot beſteigt, ihm der Kellner auf dem Verdeck den Kaffee ſervirt hat, erſt wenn er ſich die Cigarre angezündet, und um ſich ſchauend drei Kreuze nach der Gegend hinmacht, wo ſein Arbeits⸗ tiſch, ſein Zwinger ſteht, ſpringen ſeinem Herzen tauſend Reife und es ſchwillt ihm auf, wie ein engliſcher Twiſtballen, dem man ſeine Emballage genommen; er wacht auf, er iſt des köſtlichſten Humors, denn er reist ja; dem Kellner überläßt er in der Freude ſeines Herzens die vier Kreuzer, die dieſer ihm herausgeben will, rechts und links bietet er den Paſſagieren ſeine Tabaksdoſe oder ſeine Cigarren an, und vom Kapitän bis zum Schiffsjungen hat er ſchon jeden gefragt, ob nicht bald zum drittenmale geläutet würde. Er ſteigt mit großen Schritten auf dem Verdeck herum, und ſucht bei Jedem, der nicht gerade mit Andern beſchäftigt iſt, ſeine ſeligen Empfindungen anzu⸗ bringen. An der Brüſtung neben dem Steuerruder ſteht ein hagerer langer Herr; ſeinen Kopf mit einem bleichen Geſicht und den etwas in’'s Röthliche ſpielenden Haaren, bedeckt eine ſackähnliche Reiſemütze mit großem Schirm. Ueber dem zugeknöpften Rocke trägt er ein Mäntelchen von waſſerdichtem Zeug, das ihm bis an die Knie reicht. Seine Stiefeln ſind von ungeſchwärztem Leder oder er trägt vielleicht auch Schuhe und Kamaſchen. Vor ihm liegt ein Panorama des Rheinlaufes und in der Hand hält er ein Buch, violet eingebunden und vergoldet; neben ihm lehnt ein großer Regenſchirm, obgleich an dem ganzen Himmel kein Wölkchen zu ſehen iſt. Aufmerkſam blickt der lange Herr in die Gegend und ſteht zuweilen in ſein Buch. Zu dieſem geſellt ſich der Deutſche.„Ach, mein Herr, ein köſtlicher Morgen— Sie reiſen wahrſcheinlich auch nach Köln?— Wir wer⸗ den heute eine herrliche Gegend haben— Kennen Sie die Tour?— Ich verſichere Sie, ich freue mich unendlich auf den Rheingau. Waren Sie ſchon da?,— Der lange Herr nickt mit dem Kopfe. 1 1 es ihnen Freude verurſacht. Der zieht gähnend durch’s 2 ſeeut ſich, wenn er wieder zu Hauſe ſein wird; denn er i 3 „Nicht wahr, Sie finden ihn köſtlich?“ fährt der Unermüdliche fort. „Ach, Caub und die Pfalz, Bornhofen und die Brüder, es gibt nichts Schöneres.“— Bis hieher bleibt der lange Herr ſtehen; dann nimmt er, ohne zu antworten, ſeinen Regenſchirm unter den Arm, geht drei Schritte links, ſetzt ihn wieder hin und blickt wie früher in die Ge⸗ gend. Unſer Reiſender ſieht ihm überraſcht nach; doch glaubt er endlich, der lange Herr iſt ein vornehmer Herr, ein Prinz vielleicht oder ein hoher Adeliger, und da findet er es ganz natürlich, ſo en Bagatelle behandelt zu werden, ja ganz natürlich, und er würde ſich als ächter Deutſcher geärgert haben, hätte der Prinz oder Baron freundlich mit ihm geſprochen. Er zieht ſich langſam zurück, ſtets nach dem langen Herrn hinſchielend, und Arm und Körper bereithal⸗ tend, gleich eine Verbeugung zu machen, im Fall ſich der Herr noch einmal umſehen würde, dann ihn durch einen tiefen Bückling, wegen ſeiner Zudringlichkeit um Verzeihung zu bitten— dieß wäre doch ſeine Schuldigkeit. Dann geht er raſch zum Kellner.„Wer iſt der Herr dort mit der dicken Mütze und den weißen Schuhen?“ „Der da? ein Engländer.“ „So, wahrſcheiniich ein vornehmer Lord oder ſo ein reicher Mar⸗ quis?" 1. „Im Gegentheil, ein ſehr armer, denn er hat heute Morgen eine halbe Portion Kaffee ohne Zucker genommen.“. Nach dieſen Mittheilungen verwandeln ſich plötzlich alle Ideen unſeres Reiſenden.„So, kein Lord!“ murmelt er für ſich,„der grobe Kerl gibt mir keine Antwort, ſieht mich gar nicht an, ſo ein Stock⸗Engländer.“ Er geht einigemale bei dem langen Engländer vorbei und ſieht ihn veraͤchtlich von der Seite an.„Habe ich doch immer gehört, daß es kein arroganteres unangenehmeres Volk gebe, als dieſe Engländer, dieſe hölzernen Kerls, ohne Bildung und Le⸗ bensart.'s iſt doch ein häßliches Volk!“ Der halbe Tag iſt ihm da⸗ durch verdorben und in ſeinem Herzen keimen die ſchlechteſten Mei⸗ nungen, die ſchlimmſten Ideen über Alt⸗England. Ach, und an dem Allem iſt der lange, freilich ſehr trockene Sohn Albions faſt unſchuldig. Er iſt ja nicht dem Aktenpulte oder Gott weiß was ſonſt für Banden entſchlüpft, und freut ſich nicht, in fri⸗ ſcher Luft und Morgenthau andere fröhliche Menſchen zu finden, denen er, wie der Deutſche, ſein Vergnügen mittheilen kann, das er em⸗ pfindet, wenn tauſenderlei Gegenſtände bei ihm vorbeifliegen. Er lang⸗ weilt ſich bei ſeiner Tour; das Reiſen iſt ihm ein Geſchäft, eine Ar⸗ beit, denn unter hundert Engländern reiſen vielleicht keine zehn, weil 4 Rhein oder nach Italien gereist, weil es ſo Mode iſt, und die meiſten ſeiner Bekannten auch dort waren. Ein Anderer ſucht dem politiſchen Lärm, der ihn auf ſeiner Inſel faſt taub mocht, zu entfliehen. Dem dritten hat ſein Arzt verordnet, für ein Jahr lang, ſtatt der Nebel Londons, die friſche kräftige Luft Deutſchlands einzuathmen. Der vierte, fünfte und wer weiß wie vielſte endlich reist, weil er zu Haus mit ſeinen Renten nicht auskommen kann. Er verläßt Porter und Roaſtbeef, um draußen in einer freiwilligen aber unangenehmen Ver⸗ bannung zu leben.— Armer Engländer, Du haſt ſchon viel mit Deiner Langenweile und Deinem Guide zu thun, und freuſt Dich auf den Abend, wenn endlich das Dampfboot anlegt, Du Dein Buch zu⸗ machen darfſt und für heute keine alten Schlöſſer und Klöſter mehr die ſtillen Träume deines ſinnigen Theevergnügens ſtören! Kann man es Dir da verargen, daß Du einem langweiligen Deutſchen, der Dich zu Tode landſchaftern will, zu entfliehen ſuchſt, und ihm nicht antworteſt!, Nein, Du biſt vielmehr zu loben, daß Du ſo ruhig kopfnickend auf die Seite gehſt, Harmloſer, Du könnteſt ja auch ſtehen bleiben und grob werden. Wie ſchon geſagt, an dieſem fremdartigen Aneinanderſtreifen mit uns haben die Engländer eben ſo wenig die ganze Schuld, wie wir. Als vor langen Jahren das Reiſen dieſer Inſulaner ſo recht anfing, wurden ſie wie goldbringende Gottheiten, wie reiche Füllhörner be⸗ trachtet. Sie warfen mit Pfunden und Guineen um ſich, und wir fanden es dafür ganz natürlich, daß der engliſche Reiſende den Hut auf dem Kopf behielt, wenn er mit uns ſprach, eigentlich mit uns ſprach kann man nicht ſagen, denn ſo weit ließ er ſich nicht ein, ſondern er fragte nur, und wenn wir uns herausnahmen, es eben ſo zu machen, gab er uns keine oder ſehr ſpärliche Antworten. Dieß war ſo ſeine Manier, und wir hätten es ihm eben ſo machen können, ohne daß er eine Beleidigung darin geſehen hätte; denn er war das von Jugend auf ſo gewohnt, und mußte unſer unterthäniges Hutabziehen, und wenn wir ſo zierlich mit dem Fuße auskratzten, für lächerlichen Servilismus halten. Das that denn auch der Sohn Albions und war viel zu klug, um ſich gegen uns zu ändern, denn er hatte gleich be⸗ merkt, daß er uns recht anfahren, ſehr kurz und grob behandeln müßte, um für das entſetzliche Geld, das wir ihn zur Revanche bezahlen ließen, recht gut behandelt und mit der größten Unterwürfigkeit bedient zu werden. Es iſt dieß leider bei uns nur zu wahr; ich habe mehrmals mit den höflichſten Geberden in einem Gaſthof um ein Zimmerchen gebeten, und wurde vielmal ſcheel angeſehen und hinten hinaus ſechs Treppen hoch zunächſt an den Bedientenſtuben logirt. Doch wenn ich eeeiin anderesmal meinen Koffer gleich in's Zimmer werfen ließ, Haus⸗ 3 u ſehen, und wenn mich auch auf einem reinlichen rheiniſchen Dampf⸗ bpoote die blendende Wäſche des Engländers freut, ſo iſt doch di⸗ 3 5 knecht und Kellner recht grob anfuhr oder mich ihnen nur mit einem langen Gähnen und ohne ein Wort zu ſprechen präſentirte, bekam ich ein gutes Zimmer und lebte herrlich und in Freuden. Daß endlich der Engländer, wenn er zu uns kommt, ſo eigenſinnig bei ſeinen Ge⸗ bräuchen, bei ſeiner Sprache und den Gewohnheiten bleibt, die ihm von zu Hauſe ankleben, können wir ihm nie verzeihen. Warum lernt er nicht deutſch— und läßt, ſtatt dem Singen der Theemaſchine zu⸗ zulauſchen, nicht Champagnerpfropfen gegen die Decke fliegen? warum behält er ſeinen Hut auf dem Kopfe und drückt uns dagegen recht herzlich die Hand? Ach! wie undankbar ſind wir! Dank ſei es dem Engländer und Franzoſen, daß ſie nationel bei uns auftreten und uns zeigen, wie ein Menſch leben muß, um gebildet zu ſcheinen. Woher wüßten wir ſonſt, daß man franzöſtiſch plappern muß, um guten Ton zu haben, und daß es nöthig iſt, Thee zu trinken, damit man auch ſo intereſſant blaß ausſteht, wie die Engländerinnen? Und ernſtlich geſprochen, wie Noth thäte es uns, etwas von dem Stolze des Eng⸗ länders zu haben, der es unter ſeiner Würde hält, auch nur in der Kleidung einer andern Nation, am allerwenigſten uns nachzuäffen. Ach, nähmen wir doch ebenfalls den biederen ehrlichen Deutſchen mit, wenn wir verreisten und ließen dafür zu Hauſe die lumpigen Fetzen von fremden Gebräuchen, mit denen wir uns umhängen und die uns kleiden, wie den Eſel die Löwenhaut.— Nein, ich wollte ſagen, wie den Löwen die Eſelshaut, denn wir könnten die Löwen ſein, ächte Löwen, aber keine Lions. Mit welcher Luſt, wie viel lieber ließ ich mich bei einem Gedränge tüchtig gegen eine Mauer rennen, wentt der, der mich angerannt hätte, ſich mit einem:„Ich bitt' um Ver⸗ zeihung!“ zu entſchuldigen ſuchte, als mich leicht auf den Fuß treten, um ein: Pardon Monsieur entgegen zu nehmen.— Zum Teufel das Pardon.— 2 8 Auf meinen Reiſen ſind mir immer die Engländer ein intereſſan⸗ tes Studium geweſen, und wenn man unter hundert Paſſagieren den einzigen Briten herauskennt, ſo kann ihm das, wie ſchon geſagt, nur zur Ehre gereichen. Daß ſie ihre Eigenthümlichkeit immer bis zum Lächerlichen feſthalten und übertreiben, iſt freilich auch wahr, und wenn es kein vernünftiger Menſch billigen kann, daß man von vornherein die Söhne Albions ohne Unterſchied als lächerliche Perſon hinſtellt, wie den Pantalon in der italieniſchen Komödie, kann ich es mir doch nicht verwehren, die zuweilen wirklich komiſchen Figuren der reiſenden Engländer, die mir begegneten, in ein Paar Skizzen darzuſtellen. Ort und Klima tragen auch viel dazu bei, Manches in anderer Beleuchtung 6 fältige Erhaltung derſelben in dem Schmutze türkiſcher Wirthshäuſer etwas geſucht und eine wohl eingerichtete und ſauber erhaltene Thee⸗ maſchine unter den Palmen des Nils wohl im Stande, dem Unpar⸗ teiiſchen ein kleines Lächeln zu entlocken. Je mehr man ſich von dem Hauptreiſeſtrich, Holland, dem Rhein entlang, die Schweiz, Tirol nach Italien— weſtlich gegen Frankreich und hauptſächlich öſtlich gegen das Innere von Deutſchland verliert, um ſo ſeltener trifft man die engliſchen Reiſenden, ich ſage ſelten gegen die Maſſe derjenigen, welche die oben genannte große Route einhalten; denn im Allgemeinen findet man unter jedem Himmelsſtrich, daß von zehn Reiſenden ſechs Engländer ſind. Nur einzelne wißbegierige oder neugierige Exemplare ſind es, welche die Hauptſtraße verlaſſen, um rechts oder links abzuſchweifen. Auf der obern Donau fanden wir noch viele Söhne und Töchter Albions, von denen der größte Theil der Kaiſerſtadt Wien eine Viſtte machen wollte. Hier war auf dem Dampfboot von allen Nationen noch eine recht noble Auswahl, und wenn nicht zuweilen ein ehrlicher Oeſterreicher mit einem deutſchen Wort zwiſchen die Konverſation ge⸗ fahren wäre, hätte man glauben können, in England oder Frankreich zu ſein. Doch wie plötzlich und gänzlich änderte ſich dieſe Scene, als wir Wien verlaſſen, um unſere Reiſe nach Peſth oder weiter hinab fortzuſetzen. Die Kaiſerſtadt hatte, ein gewaltiger Magnet, faſt die ganze fashionable Welt, die wir mitgebracht, angezogen und hielt ſie feſt. Verſchwunden war der kurze Makintoſh und der ſeegrüne flat⸗ ternde Schleier Englands, ſo wie die weißen Glacehandſchuhe und die Maſſe überflüſſiger Redensarten Frankreichs. Wir hatten die vielen nüchternen und langweiligen Geſichter, die den Kupferſtich ihres Buchs lieber anſehen, als das Original ſelbſt auf der Spitze des Felſens, gegen geſunde kräftige Phyſtognomien vertauſcht und wahrhaftig ſehr dabei gewonnen. Neben uns ſtand der Oeſterreicher mit dem gut⸗ müthigen Geſicht, und wem neben dieſem Ausdruck der ſchwarze Bart und die dunklere Geſichtsfarbe etwas Abenteuerliches gab, war der Ungar. Auf der Galathee, ſo hieß unſer Boot, war ein ſehr luſtiges Leben. Wir hatten ſchönes Wetter, Alles plauderte durcheinander, und jeder freute ſich an der Freude des Andern und den grünen Wellen der prächtig dahin ſtrömenden Donau. So kamen wir nach Peſth, von wo uns der Zriny, ein ſchönes faſt neues Dampfſchiff, weiter hinab durch die Ebenen Ungarns nach der Wallachei führen ſollte. Vor den Fenſtern unſers Gaſthofs in Peſth lag dieß Schiff; doch ſiel am Morgen der Abfahrt ein ſo dichter Nebel, was uns freilich einen guten Tag verſprach, daß wir nur den Dampf des Schornſteins er⸗ blicken konnten, der ſich mit Mühe einen Weg durch die weißen Maſſen 7 bahnte. Dann und wann, wenn ſich die Nebel etwas zuſammen ball⸗ ten, ſenkten oder erhoben, blickte einer der Maſten hindurch, auf welchem ddie Flagge mit den ungariſchen Farben flatterte. Am Ufer ſtanden 1 Gruppen von Ungarn, in ihren weißen und ſchwarzen Schafpelzen mit 5 den gut geformten Geſichtern, die dem Boote neugierig zuſahen oder 6 ſich mit ihren kleinen Pferden beſchäftigten, die am Boden liegend vom ausgebreiteten Tuche ihr ärmliches Futter verzehrten und ſich zur harten Arbeit des Schiffziehens ſtärkten. Wir waren Alle froh ſtatt der lang⸗ weiligen nobeln Geſellſchaft, die uns geſtern umſchnatterte, einmal wieder eine andere Welt um uns verſammelt zu ſehen.— Fahrt immer zu, den Rhein hinab und hinauf, Ihr Franzoſen und Engländer, und laßt Euch von Eurem Buch den großen Sagenkranz vor Augen zaubern, den jenes Kloſter und dieſe Burg umgibt, laßt Euch immerhin erzäh⸗ len von ſinniger Minne und edler Aufopferung; wir wollen einmal 9 den Glacehandſchuh ausziehen, um dem derben Wallachen die Hand zu reichen und uns von dem kräftigen Ungarn erzählen laſſen: Bei Semlin ſchlug man das Lager, Alle Türken zu verjagen.— 1 Lebt wohl, leichtfertiger Franzoſe und guter, aber langweiliger — Sohn Englands,— doch was ſeh' ich? Während ich ſo am Fenſter meine Traͤume habe, iſt der Nebel etwas gewichen.— Welche Flagge wird da aufgezogen? noch verdecken mir ſie die zerriſſenen Nebelmaſſen — doch jetzt hat ſie die höchſte Spitze des Hauptmaſtes erklettert und der friſche Morgenwind egtfaltet vor uns die Farben Englands.— Ja, ſie war es, und der dienſtfertige Kellner, den wir um die Urſache deieſer ſeltſamen Erſcheinung auf einem öſterreichiſcht Schiffe befragten, 4 gab uns die tröſtliche Nachricht: die beſten Kajüten auf dem Deck habe Seine Herrlichkeit der Lord Londonderry eingenommen, der nebſt Ge⸗ 5 mahlin und einer großen Dienerſchaft nach Konſtantinopel wolle. Es war wirklich ſo— verſchwunden waren meine Träume; denn als wir das Boot beſtiegen, ſah ich wohl manche kräftige Phyſiognomie, aber das ganze Schiff hatte nichts mehr vom Charakter des intereſſanten ’ Landes, dem es angehörte, ſondern ſah ganz engliſch aus. Auf dem Verdeck mochte man ſich wenden, wohin man wollte, ſo ſtieß man auf eines jener nüchternen Geſtchter mit blonden Haaren, bis an die Naſe in bunte farbige Halsbinden vermummt, die einem Koörper angehörten, der ſich langſam herumbewegte und ſich eine kleine Arbeit machte. An dem einen Radkaſten ſtand der erſte Kammerdiener 3 and dackte Silberzeug aus und ein; ein anderer ſaß daneben und die BOeiden drehten jeden Löffel einigemal in den Händen herum, ehe ſte ihn vinem Dritten gaben, der ihn abputzte und wieder weglegte. Neben ¹ 8 dem andern Radkaſten hatten ſich die Kammerjungfern der Lady poſtirt und wühlten in einem unendlichen Haufen weißer Leinwand. Die Bedienten zweiten Rangs ſaßen an der Spitze des Schiffs und die Kiſte, die der rechts gerückt hatte, ſchob jener wieder links. Der eine putzte an einer Theemaſchine, der andere polirte ein Paar Stiefeln und pfiff dabei, wie die engliſchen Stallbedienten, wenn ſie die ungeduldigen Pferde beruhigen wollen. Die Donaudampfſchifffahrtsgeſellſchaft hatte, um dem ehrenwerthen Lord das Leben auf ihren Schiffen ſo bequem als möglich zu machen, auf ihre Rechnung einen engliſchen Koch engagirt, der zu gewiſſen Stunden für Seine Herrlichkeit allein kochen mußte. An dem Theil des Schiffes, wo ſich die Küche befand, war des Geklappers kein Ende und England florirte hoch. Hier liefen die Bedienten mit ihren Thee⸗ kannen und Beafſteakpfannen aus und ein, und wir andern harmloſen Paſſagiere waren in beſtändiger Gefahr überrannt zu werden; beſon⸗ ders an dem erſten Tage unſerer Fahrt, ehe die dienenden Töchter und Söhne Albions jeden Winkel zu ihrem Gebrauch eingerichtet und mit Kiſten und Kaſten verſtellt hatten, erging es uns wie in dem bekann⸗ ten Mährchen: wen der Eſel nicht ſchlägt, den kneipt der Krebs, und wen der Krebs verſchont, dem wird von der Katze der Ruß in die Augen gekratzt. Wer glücklich bei der Küche vorbei kam, ohne von einer Portion Sauce angebrüht zu werden, dem ſchob vielleicht der Kutſcher ein Rad des ſchweren Wagens auf den Fuß, oder ſprang ihm vom Bock herab auf ein Hühnerauge, und wer hier glücklich vorbeikam, der wurde wenigſtens von den Stiefel putzenden und Kleider ausklopfenden Bedienten tüchtig eingeſtaubt. Die Herrſchaft all dieſes Unweſens, der edle Lord mit ſeiner Gemahlin, beläſtigte uns noch am allerwenigſten. Die Dame ſaß ſchon am frühen Morgen in ihrer Kajüte und ließ ſich von dem Herrn Gemahl die courfähigen Paſſa⸗ giere der Reihe nach vorführen. Sie war eine Dame in den Vierzigen und einſtens gewiß ſehr ſchön geweſen. Man ſah noch heute die deut⸗ lichen Spuren davon. Der Stuhl der Lady ſtand in ihrer Kabine dicht am Radkaſten, wodurch ſie den ganzen Tag wie ein Sulz in eine zit⸗ ternde Bewegung verſetzt wurde, was äußerſt komiſch ausſah. Während der vier Tage, die wir zuſammen reisten, kam ſte viel⸗ leicht zweimal auf's Verdeck, um ſich die Gegend anzuſehen. Während der übrigen Zeit ließ ſie ſich von ihrer Kammerjungfer anſagen, wo ſie ſich gerade befand, und ſah ſich dann in ihrem Guide viel lieber die Stahlſtiche an, die im Grunde ſchöner waren, als die Gegend ſelbſt und was die edle Dame viel bequemer hatte. Der Lord dagegen ließ ſich häufig auf dem Verdeck blicken und ſah beinahe, wie alle andern —. 4 ₰ * 9 Menſchen aus; nur hatte er Kinn und Hals ebenfalls in einer großen Binde verwahrt, und trug den Hut ſehr auf dem Hinterkopfe.* Die Ungarn und Wallachen, die auf dem Schiffe waren, fühlten ſich durch die Ausbreitung des engliſchen Comforts noch weit unbe⸗ haglicher als wir. Sie drückten ſich an die Schiffswände und wagten es kaum, über das Verdeck zu gehen. Doch ging die Sache ſo lange gut, als wir uns auf dem Zriny befanden, der genug Kajüten hatte, um den ausgebreiteten Forderungen der engliſchen Herrſchaft Genüge zu leiſten. Sobald wir aber unterhalb Orſova durch das eiſerne Thor auf Kähnen ſchiffen mußten, und dann auf ein anderes Dampfboot, die Panonia kamen, ſo geriethen Seine Herrlichkeit ſehr in Verlegen⸗ heit, denn da das Schiff nur drei Kajüten hatte, eine für die Damen, eine für den erſten und eine it den zweiten Platz, von denen nur die erſtere kleine abgetheilte Schlafſtellen hatte, ſo mußte der Lord ſich entſchließen, die Nacht in unſerer Kajüte zuzubringen. Anfänglich hatte er lange Debatten mit dem Kapitän, die wir zu unſerm großen Er⸗ götzen mit anhörten, und trotzdem daß die Dampfſchifffahrtsgeſellſchaft alles Mögliche gethan hatte, um die Engländer zufrieden zu ſtellen, beklagte ſich doch der Lord über ſchlechte und unaufmerkſame Behand⸗ lung auf den Donauſchiffen. 2. Den erſten Abend auf der Panonia konnte er ſich lange nicht ent⸗ ſchließen, mit uns ein gemeinſchaftliches Schlafgemach zu beziehen, ſon⸗ dern ſpazierte lange auf dem Verdeck umher, und als es gegen neun Uhr anfing zu regnen, mußten ſich fünf bis ſechs ſeiner dienſtbaren Geiſter mit aufgeſpannten Regenſchirmen oben hinſtellen, unter denen er hin und her ſpazierte. Doch bald wurde ihm das Wetter zu aarg und wir ſaßen gerade bei einem Glaſe Punſch, als der Kapitän hereintrat und uns lachend aufforderte, auf die Anſtalten Achtung zu geben, die er jetzt machen müſſe, um dem Lord ein würdiges Nacht⸗ lager zu bereiten. Die Thür öffnete ſich und ein Paar betheerte Schiffs⸗ jungen kamen herein, die ein großes Flaggentuch trugen, das ſie wie eine ſpaniſche Wand an den Ecken der Kajüte befeſtigten und ſo ein abgeſondertes Zimmerchen bildeten. Der Kapitän hatte, um einen Spaß zu machen, eines mit den engliſchen Farben gewählt, was aber Seine Herrlichkeit ſehr günſtig aufnahm und ſich wohlgemuth dahinter zur Ruhe begab. Bei Ruſtſchuck verließen wir das Dampfboot, um von da unſere Reiſe zu Land über Schumla und Adrianopel nach Konſtantinopel fort⸗ Auſetzen. Einigemal hatte die Lady den Wunſch geäußert, dieſe Tour benfalls zu machen, und nur den dringenden Vorſtellungen des Kapi⸗ täns, der Paſſagiere und des Herrn Gemahls, der keine Luſt verſpürte, das bequeme Schiff zu verlaſſen, daß ſte auf der ganzen Tour mit den 6 8 10 größten Unbequemlichkeiten zu kämpfen habe, daß ſie nirgends ein Wirthshaus, geſchweige denn ein ordentliches Hoten finden würde, und dann daß weder an einen Wagen noch an eine Sänfte zu denken ſei, hatte ſte endlich Gehör gegeben und war von ihrem Vorſatze abgegangen. Ein anderer Paſſagier dagegen, ein junger Mann, der für einen Engländer ſehr umgänglich und liebenswürdig war, ſchloß ſich uns an, und ver⸗ ließ ebenfalls das Schiff, um unſern Ritt durch die Türkei mitzumachen. Wir Deutſche nahmen jeder nur einen kleinen Reiſeſack mit, der mit der nothwendigſten Wäſche angefüllt war und hatten unſere Kleidung ſo viel wie möglich vereinfacht. Die Hüte blieben natürlich bei unſerm Gepäck auf dem Schiffe und wir ſetzten eine leichte Reiſemütze auf. Der Engländer dagegen hatte einen ſchwarzen Frack an, einen Ma⸗ kintoſh darüber und auf dem Kopf einen Hut. Auch war ſein Gepäck ganz anders beſchaffen, als unſere armſeligen Bündelchen. Als wir uns in den Nachen ſetzten, um über die Donau zu fahren, ſahen wir, daß er zwei koloſſale Nachtſäcke mitgenommen hatte, und auf unſere Frage, was er mit all dem Gepäcke wolle, verſicherte er uns ganz ernſthaft, er habe nur die allernothwendigſten Sachen mitgenommen. Doch wurden wir ſchon im erſten Nachtlager gewahr, was er unter dieſen nothwendigen Sachen verſtand. Das war in einem elenden tür⸗ kiſchen Neſt, ein Haus ohne Fenſter und Thüren, auf einem Lehm⸗ boden ohne Tiſche und Stühle, auf dem wir uns angezogen, wie wir waren, hinſtrecken mußten. Am andern Morgen, ehe wir Uebrigen aufſtanden, war der Engländer ſchon hinausgegangen und ſchleppte bald darauf einen ſeiner Nachtſäcke in die Stube, öffnete ihn und ein vorwitziger Blick, den ich darauf warf, belehrte mich, daß der Sack ganz mit weißer Wäſche angefüllt ſei. Als der Tag herandämmerte, erhoben wir uns auch, und ich, der zufällig neben dem Engländer lag, wollte eben ruhig meine Toilette machen, als er mich erſtaunt fragte, ob ich denn keine reine Wäſche anziehen wolle? Ich entgegnete ihm lachend, daß ich dafür nicht geſorgt habe, worauf er mich mit einem Blick des tiefſten Mitleidens, dem aber eine kleine Doſts Ver⸗ achtung beigemiſcht war, anſah. Wie aber auch die Andern keine reinen Hemden anzogen, war er ganz überraſcht und ſah, während er ſeine Wäſche wechſelte, mit einem wehmüthigen Blick zum Fenſter hinaus. Er blickte wahrſcheinlich einer traurigen Zukunft entgegen, denn er fühlte ſich gewiß ſehr verlaſſen unter uns ſchmutzigen Leuten, die auf einer türkiſchen Landreiſe nicht jeden Tag ein reines Hemd an⸗ zogen. Er hatte von dieſem Artikel beiläufig geſagt zwei Dutzend in ſeinen Nachtſäcken, eine Unzahl von Schnupftüchern und weiter gar nichts. Dieſen Mangel an Reinlichkeit verzieh er uns erſt, als wir ihm vorrechneten, daß wir wenigſtens ſechs Packpferde mehr nöthig 11 hätten, wenn Jeder von uns zwei ſolcher Nachtſäcke mit ſich ſchleppen wollte. Dieſe Eigenheit abgerechnet, ſo wie ſein beſtändiges Mißver⸗ gnügen, daß unſere Tagemärſche zu klein wären, war er ein ganz guter und angenehmer Geſellſchafter und wir kamen glücklich mit ihm i in Konſtantinopel an. Der rigt honourable Lord Londonderry, wie auf allen ſeinen Kiſten und Koffern ſtand, nebſt Frau Gemahlin und Dienerſchaft, war ſchon einige Tage vor uns in Pera angekommen und ſetzte die Stadt durch ſein Erſcheinen nicht wenig in Allarm. Von der Regierung waren ihm mehre Kawaſchen(Wachen) gegeben worden, die, wenn er in den Straßen von Stambul ritt oder fuhr, beſtändig hinter oder vor ihm paradirten. Bei unſerm Aufenthalt in Konſtantinopel verloren wir ihn bei dem Schönen, was wir ſahen, bald aus dem Geſichte und wurden erſt wieder durch eine lächerliche Geſchichte, die zwiſchen der Lady und dem Sultan vorfiel, auf ihn aufmerkſam. Nachdem Seine Herrlichkeit eine offizielle Audienz bei dem Padi⸗ ſchah gehabt, wünſchte auch die Lady das erhabene Antlitz des Groß⸗ herrn von Angeſicht zu Angeſtcht zu ſehen. Doch da es dem Sultan nicht erlaubt iſt, ein weibliches Weſen, das ihm nicht eigen gehört, und am allerwenigſten eine weibliche Ungläubige in ſeinem Palaſte zu em⸗ pfangen, ſo zerbrach man ſich den Kopf, wie man die Bitte der Lady, da man ſte ihr nicht gern abſchlagen mochte, bewilligen könnte. End⸗ lich fand man einen Ausweg. Die Lady mußte Beſchitdeſch, das Som⸗ merpalais des Sultans, an einem gewiſſen Tage Abends zu der und der Stunde beſehen, wo ihr der Sultan von ungefähr begegnen und eben ſo von ungefähr ein paar Worte mit ihr reden wollte. So ge⸗ ſchah es denn auch. Die Lady erſchien und hatte ſich zu dieſer feier⸗ lichen Gelegenheit ſo mit Diamanten behängt, deren ſie eine ziemliche Anzahl beſitzt, daß die türkiſchen Palaſtoffiziere, die ſie empfingen, es für ihre Pflicht hielten, dieß dem Padiſchah heimlich zu melden, wor⸗ auf dieſer nach einiger Berathung ſämmtlichen Anweſenden befahl, ihre mit Brillanten beſetzte Niſchah(Ehrenzeichen) ebenfalls umzuhängen, worauf von den Großen des Reichs, die die Lady in einem Schwarm üherall hin begleiteten, ſich Einer nach dem Andern verlor, um mit dem großen Stern geſchmückt wieder zu kommen. Auf einer Terraſſe begegnet der Padiſchah endlich Ihrer Herrlichkeit, bleibt ſtehen und fragt den damaligen Miniſter Redſchid Paſchah, der ihn begleitet: wer die Dame ſei? Sie wird ihm vorgeſtellt, und nachdem er einige Worte mit ihr gewechſelt geht er weiter, bleibt aber nach wenigen Schritten wieder ſtehen, blickt der Dame nach und gibt, da er ſich über die Maſſe der Edelſteine, womit ſie geſchmückt war, höchlich verwunderte, dem Miniſter den kitzlichen Auftrag, ſich bei der Lady zu erkundigen, 8 12 K. ob die Steine auch alle ächt ſeien, und was ſie wohl gekoſtet hätten. Redſchid Paſchah, als ein gewandter Mann, ſtellt der Dame die letzte Frage mit Uebergehung der erſten und erhält darüber eine ausführliche und beſtimmte Antwort; denn ſie liebte es ſehr, die ungeheuern Summen anzugeben, die der Schmuck wirklich gekoſtet. In Konſtantinopel gab es zur Zeit unſeres Aufenthaltes wenig Engländer. Auch hatten wir auf dem Dampfboote Crescend, das uns nach Beirut brachte, keinen in unſerer Geſellſchaft. Doch kamen wir in Marmarizza, wo die ganze engliſche Flotte damals lag, mit mehren zuſammen und fanden jetzt wieder einzelne Exemplare faſt auf unſerer ganzen Reiſe. In Beirut lag noch die engliſche Artillerie, die am Hafen unter großen grünen Zelten campirte; ſie hatte ihre Küche zwiſchen zwei hohen Mauern aufgeſchlagen, worin es immer ungemein lieblich roch. Hier lebten die Söhne Albions herrlich und in Freuden, denn ihre Schiffe kreuzten beſtändig auf der Rhede und verſahen ſte mit dem Nöthigſten; auch die Einwohner ließen ihnen vorzugsweiſe die beſten Sachen zukommen; denn„die Ingleſe,“ wie ſie von dem Volk genannt wurden, hatten ſich durch ihre gewaltigen Bombardements in großen Reſpekt geſetzt, und dieſer Name war beſonders an der ſy⸗ 5 riſchen Küſte ein Zauberwort, mit dem man überall durchkam. Oft wenn wir durch die Bazars oder über die Plätze Beiruts wandelten, blieben die kleinen Buben um uns ſtehen, und erſt nach⸗ dem ſie uns ſattſam betrachtet, riefen ſie:„Ingleſe, Ingleſe, puff, puff!“ und liefen ſchreiend davon. Wenn man die engliſchen Sol⸗ daten und Seeleute nicht ſchon an ihrer Kleidung erkannt hätte, ſo hätte man ſie doch ſicher an ihrem Benehmen von den andern Natio⸗ nen unterſchieden; denn während der Franzoſe lachend und ſchwadro⸗ nirend umherſchlenderte und der öſterreichiſche Seemann vor jedem gut gekleideten Franken freundlich grüßend an den Hut griff, ſtarrte der Engländer mit dem kalten nüchternen Geſicht die Häuſer und den Himmel an und rannte Jedem in die Seite, der ihm nicht auswich. Die Offi⸗ ziere und Gentlemen, die neben dem Genuß des guten Porters und Roaſtbeaf, das ihnen von den Schiffen verabreicht wurde, auch zu⸗ weilen ein geiſtiges Vergnügen haben wollten, ſtellten deshalb mit⸗ unter in der Ebene hinter der Stadt große Jagden an, zu denen ſie ſich anfänglich einen lebendigen Schakal hatten kommen laſſen. Doch dieſes Thier, kaum in Freiheit geſetzt, zog ſich ſchleunigſt in die Schluchten des Gebirgs zurück, wohin ihm die engliſchen Jagdliebhaber nicht folgen konnten, weßhalb ſie ſich in der Folge eines Hundes be⸗ dienten, der beſſer in der Ebene blieb und wo ſie das Vergnügen, ihn zu hetzen, länger genießen konnten. Noch vor unſerer Abreiſe von Beirut wurden die Kanoniere ein⸗ 13 geſchifft und die meiſten Engländer zogen ſich nach Saida, Acre und Jaffa, wo wir ſie ſpäter wieder trafen. Von letzterer Stadt aus machten ſte häufig Ausflüge nuch Kamleh und Jeruſalem, wo wir ihnen hie und da in kleinen Gruppen zu fünf bis ſechs begegneten; ohne daß wir ein Wort mit ihnen wechſelten, erkannten wir ſchon von Weitem, wer unter dieſem Trupp Franzoſe oder Engländer ſei, an der Art zu Pferde zu ſitzen, an dem runden Hute, der niemals fehlen durfte, oder an der großen Halsbinde. Letzteres machten ſogar unſere Beduinen ſcherzweiſe nach, und wenn ſich ſo ein dunkel gefärbter Kerl den Shawl fauſtdick um den Hals wand, ging er geſpreizt umher und ſagte wohlgefällig:„Ingleſe! Ingleſe!“ In Gazza war es, wo wir die Mode der Briten, auch in die unwirthbarſten Gegenden alles zum Comfort Gehörige mitzuſchleppen, einmal recht aus Herzensgrund ſegneten. Ibrahim Paſcha, der ſich unſerer beſonders annahm, hatte uns in der kleinen Stadt, die mit Soldaten von der unglücklichen Armee aus Damaskus überfüllt war, ein freilich ſehr armſeliges Quartier verſchafft; doch gebrach es uns am Nothwendigſten, und da wir gehofft hatten, von Jaffa aus zu Schiff nach Alexandrien zu kommen, hatten wir uns weder mit Eß⸗ noch Trinkgeſchirren verſehen, und in Gazza waren nicht einmal Lebens⸗ mittel, geſchweige denn etwas Anderes zu bekommen. Da erfuhr Gio⸗ vanni, unſer trefflicher Dolmetſcher, daß mehre engliſche Offtziere hier ſtationirt feien, um ſich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß Ibrahim Paſcha Syrien wirklich verlaſſe. Wir machten ihnen einen Beſuch und wurden dafür auf den Abend zum Thee eingeladen. Hier war denn Alles auf's Beſte eingerichtet; da war die ſingende Theemaſchine, da waren die großen Porzellantaſſen, die ſilbernen Löffel, der Spülnapf und die Kryſtallfläſchchen mit Arak und Rhum; da brachten die Be⸗ dienten das geröſtete Brod herein, ganz wie in England; da fehlte nichts bis, auf die damaſtene Tiſchdecke, die auf ein Paar großen Kiſten ausgebreitet war und um welche wir auf Kiſſen und Teppichen lagen. Während unſeres Aufenthalts in Gazza waren wir öfters bei dieſen engliſchen Offizieren und machten kleine Touren mit ihnen in die Um⸗ 4 gegend und an das Meer, und als wir abreisten, fand es ſich, daß 8 einer derſelben, ein Kapitän E. aus Bombay, die Tour durch die Wüſte machen würde, was uns ſehr angenehm war, denn außer ſeiner Perſon, er ſprach geläufig franzöſiſch und konnte, wenn er gerade dazu aufgelegt war, recht unterhaltend ſein, führte er it Bedienten mit ſich, ſo wie in einer großen Kiſte alles mögliche Geſchirr zum Eſſen und Trinken, und das kam uns bei der gänzlichen Armuth, in der wir uns befanden, trefflich zu Statten. Wie mit Zauherkraft ließ er aus dieſer Kiſte eine Menge Sachen herausſpazieren, von denen wir 1 14 glaubten, daß nicht die Hälfte Platz habe. Am erſten Abend machte es ihm Spaß, uns alle dieſe Geräthe, Teller, Gläſer, Meſſer, Leuchter, Theeſervice zu zeigen, und er blieb ſich auch in dieſer Gefälligkeit gegen uns faſt immer gleich. Doch hatte er dafür eine Menge anderer Eigen⸗ heiten, die uns oft lächerlich vorkamen, ja oft verdrüßlich machten. So hatte er mit ſeinen drei Bedienten ein ewiges Gezänke, und wenn ſie nicht auf ſeinen Wink flogen, quälte er ſte bis in die Nacht hinein mit allerlei unnöthigen Aufträgen, oder beſtrafte ſie, ſo wie auch ſeine Ka⸗ meeltreiber mit tüchtigen Schlägen, wozu er ſeinen Steigbügelriemen gebrauchte. Seinen Kammerdiener und Koch, der ein Grieche war, aber gebrochen franzöſiſch ſprach, beſtrafte er meiſtens mit Worten, wobei wir uns des Lachens kaum enthalten konnten. So ſagte er ihm z. B., und auch eben nicht im beſten Fraszöſiſch:„N'est ce pas vous étes une bêéte. Gites mois, que vous des une bèête? Eh bien parlez donc: je suis une béte!“ Das trieb er ſo lange, bis der arme Kerl ſagte:„je suis une béte!“ Und dann gab er ihm zur Antwort: „Ah oui, grande bete!“ Dann verlangte er auch von ſeinem Be⸗ dienten, daß ſeine Befehle buchſtäblich, wie das engliſche Geſetz, be⸗ folgt würden. So hatte er einmal einen großen Korb mit Fiſchen ge⸗ kauft, und befahl: dieſe ſollten zum Abendeſſen gebraten werden. Ein großer Theil derſelben erſchien auch wirklich auf's Beſte zubereitet, und ehe die Schüſſel noch geleert war, waren wir Alle vollkommen geſäͤt⸗ tigt. Der Kapitän legte ſich auf ſeinen Teppich hin und vertraute mir: er habe etwas zu viel gegeſſen. Während er ſo da lag und an die Decke des Zeltes hinauf ſah, kam ihm ein Gedanke. Er rief den Koch und fragte ihn, ob er auch die Fiſche alle gebraten habe. Dieſer antwortete: er habe außer denen, die zu uns in's Zelt gekommen ſeien, auch für ſich und die andern Bedienten einen Theil zubereitet; doch ſei immer noch eine gute Portion im Korb übrig geblieben. Darauf fing der Kapitän ganz ruhig mit ihm die bekannte Unterredung an:„Niest ce pas, vous êtes une béte“ etc. und da er befohlen habe, daß die Fiſche alle gebraten werden ſollten, ſo möge er gleich die übrigen noch zurichten. Da half keine Widerrede, und obgleich es ſchon ſpät war, wurde doch ein neues praſſelndes Feuer angemacht und die Fiſche ge⸗ braten. Ungefähr um Mitternacht, als wir Alle ſchliefen, brachte der Koch die Schüſſel ins Zelt, weckte ſeinen Herrn, der einen davon ver⸗ ſuchte und ſie dann wieder hinaustragen ließ. Eine andere große Eigenheit des Mannes war, daß er uns an⸗ fangs erklärte, er verſtehe nur engliſch und franzöſiſch. Wir ließen daher oft unſerer Zunge freien Lauf, und ſagten in deutſcher Sprache Manches über ſeine Eigenheiten, was gerade kein Kompliment für ihn war, und am Schluſſe unſerer Wüſtenreiſe offenbarte er uns, daß 15 er zwei Jahre in Frankfurt am Main gelebt und ſehr gut deutſch verſtehe. Am Ende des Tagmarſches hatten wir auch zuweilen einen kleinen Streit mit ihm, denn da es ihm in dem ausgedörrten Sand der Wüſte ſehr heiß geworden war, ſo wollte er, als wir uns Aegypten näherten, zum Aufſchlagen der Zelte einen Platz geſucht haben, der ſchön feucht und kühl ſei, weßhalb er zum Extrem überging und nicht ſelten die Nacht in Sümpfen zubringen wollte. In Kahirä, wo er auf ſeinen früheren Reiſen ſchon einmal geweſen, führte er uns in einen engliſchen Gaſthof, in eine großartige Anſtalt, die zugleich die Poſtverbindung zwiſchen England und Oſtindien beſorgt, indem die Briefkaſten von Liverpool auf den engliſchen Dampfbooten nach Ale⸗ randrien gebracht werden; dußt liegen die Barken des Gaſthofs von Kahira bereit, welche Brieftt und Paſſagiere den Nil herauf nach dieſer Stadt bringen. Hier wirs den Reiſenden kaum Zeit gelaſſen, ein Mit⸗ tagsmahl einzunehmen, orauf ſie zu Pferd oder n Sänften und ſogar in großen zweirädrigen Wagen durch die Wüſte nach Suez geſchafft werden, um ein anderes Dampfboot zu beſteigen, das ſie nach Bombay bringt. Wenn es auch gewiß für den Reiſenden angenehm iſt, ſo weit von der Heimath in fremdem Lande allen möglichen Comfort zu finden, den man nur zu Hauſe genießen kann; wenn es auch ein eigenes Vergnügen gewährt, von einem Spaziergang unter den Palmen am Nil, wo man am andern Ufer die mächtigen Pyramiden in maje⸗ ſtätiſchen Reihen ſieht, zurückzukehren und ſich an eine ⸗Tafel zu ſetzen, die bis auf die geringſte Kleinigkeit nach europäiſchem Megriff elegant ſervirt iſt;— ſo muß doch der Reiſende dieſe Annehmlichkeit in dem engliſchen Gaſthof zu Kahira wirklich enorm bezahlen. Zur Zeit unſeres Aufenthaltes daſelbſt waren wir die einzigen Fremden. Einige ſtreifende Engländer waren wenige Tage vorher nach Alexandrien abgereist und hatten bei dem Beſuch der Pyramiden von Ghizet den ſie begleitenden Fellahs eine komiſche Scene zum Beſten gegeben, die aber faſt einen traurigen Ausgang gehabt hätte. Um nach den Pyramiden zu gelangen, muß man einen kleinen Arm des⸗Nils paſſiren, auf dem ſich aber weder Boot noch Brücke befindet. Doch da das Waſſer ſehr ſeicht iſt, machen ſich die Fellah einen beſondern Erwerb daraus, die Reiſenden auf ihren Schultern an's andere Ufer zu tragen. Jene Engländer kommen alſo auch in Begleitung einer Lady hieher und die dienſtfertigen Fellah bieten gleich ihren Rücken an, um ſie hinüber zu tragen. Da ihnen aber das Waſſer in der Mitte des Fluſſes bis über die Knie reicht, ſo pflegen ſie das graue Hemd, ihr einziges Kleidungsſtück, etwas in die Höhe zu ſchlagen. Die Ca⸗ Jalcade beginnt, zwei der Engländer ſind glücklich ans andere Ufer 16 gebracht worden, und die Lady hat gerade einen handfeſten Fellah be⸗ ſtiegen, während der Herr Gemahl noch am Ufer bleibt, um in ſeinem Guide etwas nachzuleſen. Mag es nun ſein, daß der Träger der Dame eine etwas tiefere Furth wählte, genug, er rollt ſein Hemd etwas höher auf, als die andern, und der Engländer ſchreit dem Fellah in gutem Engliſch mit heftiger Stimme nach; doch dieſer verſteht ihn nicht, und wandert ruhig weiter. Der Engländer, der am Ufer ver⸗ zweiflungsvoll die Hände ringt, erinnert ſich des arabiſchen Wortes: Burda! Burda!— Halt, halt! welches er nun unzählige Male aus⸗ ruft. Doch der Fellah, der wahrſcheinlich nicht weiß, was er will, ſteht ſich lächelnd um und geht abermals weiter. Jetzt verliert der am Ufer den Kopf, reißt eine Piſtole heraus und ſchießt nach dem Araber. Dieſer läßt nun die Engländerin ins Waſſer fallen, winkt einigen ſeiner Kameraden, die in vollem Laufe zurückkehren und den Gemahl — wahrſcheinlich ͤbel zugerichtet haben würden, wenn ſich nicht der Dol⸗ metſcher ther Britenſins Mittel gelegt hätte.. Von einem andern Engländer, der vor wenigen Jahren die Py⸗ ramiden und die Sphinx beſuchte, erzählen die Fellahs unter Kopf⸗ ſchütteln, daß er mit vielen Koſten und großer Mühe das Vordertheil dieſes Rieſenbildes vom Sand habe entblößen laſſen, um die Inſchrift der Tafel, welche ſie zwiſchen den Klauen hält, abzuſchreiben. Nach einigen Wochen angeſtrengter Arbeit habe er ſeinn Zweck erreicht, dann aber die ganze Geſchichte wieder zudecken laſſen. Auf unſerer Toux nach jenen rieſenhaften Denkmalen war es unſer engliſcher Kapiän d u mancherlei komiſchen Auftritten Veranlaſſung gab. Bald hateelh mi den Arabern Streit, weil ſie nach ſeiner Idee zu viel für die kleinen gebrannten Mumien, Käfer, Pagoden und an⸗ dere Figuren forderten, die man in den Gräbern findet und die das Volk zum Verkauf ausbietet; bald jagte er dieſe Leute, welche ſich in dichten Schaaren um uns verſammelten, auseinander, und verfolgte einzelne, die ihm laut lachend entliefen, auf ſeinem Pferde, doch zog er dabei beſtändig den Kürzern und die gewandten Araber hatten ihn förmlich zum Beſten. Bald that einer, als würde er eingeholt, ſprang dann auf die Seite und ſchrie das Pferd an, daß es ſtutzig und ſcheu zu werden drohte. So trieb er es den ganzen Tag auf dem Hin⸗, wie auf dem Heimwege. In dem engliſchen Hotel, wohin er uns doch eigentlich geführt, blieb er ſelbſt nicht lange, ſondern da es ihm zu theuer war, miethete er ſich ein paar Stuben und kam nur zum Früh⸗ ſtück und zu Tiſche. Doch reisten wir bald darauf ab und ſahen ihn nicht wieder. 7 8* d In Alexandrien ſchifften wir uns auf dem engliſchen Dampfboot, der Orientale, ein, und blieben nun bis nach Italien beſtändig in acht ⸗ ¹ † — 3 17 engliſcher Umgebung und engliſchem Schutze. Doch war das auf dem Meer ſo übel nicht; denn alle Reiſende ſind darüber einig, daß man mit keinen Schiffen angenehmer und bequemer fährt, als mit den eng⸗ liſchen. So unpraktiſch und langweilig auch dieſes Volk auf dem Lande erſcheint, ſo praktiſch iſt es dagegen auf der See in ſeinen Schiffen, in denen Alles auf das Eleganteſte und Bequemſte eingerichtet iſt. Auf unſerem Dampfboote waren von den hundert und zwanzig Paſſagieren vielleicht ſteben Achtel Engländer, die nach ihrer Heimath zurückkehrten, und Alle waren hier ganz erträglich. Da konnten ſte ſich auf's Verdeck ſetzen und ſo lange es ihnen die Seekrankheit ge⸗ ſtattete, ſich dem Vergnügen überlaſſen, bei einer Taſſe Thee weit, weit in das unendliche Meer zu blicken, wo ſie keine Berge mit lang⸗ weiligen Burgen quälten und ſie keinen Guide nachzuſchlagen brauchten, um aus demſelben in ihr Tagebuch abzuſchreiben, was ſte nicht ge⸗ ſehen. Aber im Kaufe des erſten Tages hatte der Spaß ein Ende. Da ſchwebte das Geſpenſt der Reiſenden, die unerkutliche Statrankheit, auf dem Verdeck umher und jaßte den größten Theil der Paſſagiere in ihre Kajüten, aus denen nun Heulen und Zähnklappern erſcholl. Nur eine kleins Anzahl blieb zum Dienſte des Theetrinkens mobil und verſah dieß Amt auch mit der pünktlichſten Genauigkeit. Von unſerer Geſellſchaft war keiner eigentlich ganz ſeekrank, weßhalb wir uns jenen übrig Gebliebenen beigzſellten und allabendlich vor dem Kajütenhäuschen ſitzend die feiſche Meerluft einathmeten. Einmal fiel es einer der engliſchen Damen ein, ſie wieder einige deutſche Nationallieder hör⸗ 1,2 Kgee ſie fruͤher an den Ufern des Rheins ſo ſehr ergötzt Näbe ſiichh auf unſerer ganzen Tour, ſo wie auch in einſamen Stunden auf dem Schiff als Troubadour fungirte, erwählte man mich, um der ſentimentalen Lady etwas vorzuſingen. Doch bald war mein Vorrath an Liedern, die man bei uns in Geſellſchaft von Damen ſingen kann, erſchöpft, und nach⸗ dem ich mich überzeugt, daß die Engländerinnen kein deutſches Wort verſtünden, machte ich mich an unſere Volkslieder, und ſang ihnen eine Unzahl derſelben herunter. Oft verlangten ſie zu den Liedern, deren Melodien ihnen am meiſten zuſagte, die Worte auf engliſch, doch konnte man dieſem Verlangen nur mit der allerfeinſten Ueberſetzung nachkommen; denn einer prüden Engländerin das Lied: Es waren vier Geſellen, Die thäten ſich was verzällen ꝛc. möchte gern oder Wenn ich Abends zu Dir geh, O mein Schatz, juchhe! 2. wörtlich zu überſetzen, war doch nicht gut möglich. * Hackländer, Erz. 2 2 5 18 Nirgends tritt ſo ſehr der Kontraſt von Nord und Süd ſchärfer hervor, als in Malta, das unter engliſcher Herrſchaft ſteht, und es macht ein eigenes Gefühl, hier neben dem braunen ſonnverbrannten Malteſer den engliſchen Conſtable mit ſchwarz lakirtem Hut und dem kleinen Stock mit dem engliſchen Wappen zu ſehen, oder auf der Pa⸗ rade, wo einige hundert rothröckige Engländer mit ſteifen Gliedern und noch ſteiferen Geſichtern marſchiren, dem Gewühl und Gedränge der luſtigen glühenden Malteſerinnen zuzuſehen, die in ihrer ganz ſchwar⸗ zen Nationaltracht und mit ihren noch ſchwärzeren Augen auf dem Platz umher ſchwärmen. Nachdem wir in der Quarantäne zu Malta ein und zwanzig Tage verlebt hatten und endlich der Tag der Erlöſung kam, trat uns Alt⸗ England noch einmal in den Weg und wäre in der Perſon eines mür⸗ riſchen Gentleman beinahe ein neuer Riegel geworden, der uns wieder eine lange Zeit gefangen hielt. Dieſer Edle nämlich wohnte auf dem⸗ ſelben Corridor wie wir, und hatte während der Dauer der Quaran⸗ täne beſtändig die Zeichen der beſten Geſundheit gegeben. Das konnte die große Menge geleerter Porterflaſchen, die vor ſeinem Lokal aufge⸗ ſchichtet waren, ſo wie die Rechnung des Speiſewirthes bezeugen, welche nach den vielen Beafſteaks, die er täglich genoß, gewiß nicht klein war. An dem Morgen, wo ſich unſere Gefangenſchaft endigte, waren wir ſchon ſehr früh bei der Hand, packten unſere Sachen und ſahen ſehnſüchtig hinüber nach Lavalette, in deren Gaſſen wir uns bald wieder als freie Menſchen bewegen konnten. Ein Paar junge Fran⸗ zoſen, die auf der andern Seite neben uns wohnten, trieben vor Freude über ihre Erlöſung allerhand Tollheiten, tanzten die Treppen hinab und hinauf, und erkundigten ſich wohl hundertmal, ob nicht bald der Quarantänearzt käme, um uns zu entlaſſen. Bald darauf öffnete ſich auch die Thür des Engländers, und er trat in ſeinem Schlafrock, die weiße Mütze auf dem Kopfe heraus und ſah uns mit recht kläglich Geſichte an.„Aber mein Gott!“ riefen wir ihm zu,„warum ſind jie noch nicht angezogen? es geht ja gleich fort.“—„O, o,“ entgegnete der Engländer,„ich fühle mich ſehr krank.“ Das war eine ſchreckliche Antwort für uns; denn jeden Augenblick ſollte der Arzt kommen, konnte die Krankheit des Engländers für einen Peſtanfall halten und uns Alle, die wir mit ihm in Berührung gekommen waren, auf weitere vierzig Tage in Quarantäne ſetzen. Es war ein entſetzlicher Moment, und ſo viel wir dem Mann im Schlafrock zuredeten, ſich anzuziehen und ja dem Arzt von der Unpäßlichkeit nichts zu ſagen, ſo that er gerade das Gegentheil. Doch da der Quarantänearzt, der gleich darauf eintrat, ein vernünftiger Nann war, ſo konſultirte er den Koch der Anſtalt, der ihm anvertraure, daß der Engländer geſtern Abend nicht 19 weniger als vier Portionen Schildkrötenſuppe verſpeist habe, wonach ſich die Unpäßlichkeit leicht erklären ließ und wir in Gnaden entlaſſen wurden. Daß wir ſchnell entflohen, und nicht erſt warteten, bis der kranke Engländer ſeine Sachen zuſammengepackt hatte, kann ſich jeder denken. Schon tanzte unſer Boot auf den Wellen des neuen Hafens, und wir ſahen das Dampfboot vor Anker liegen, das uns morgen ſchon nach Italien führen ſollte, als wir zurückblickend noch immer die Geſtalt jenes Engländers unter den Bogen des Corridors ſtehen ſahen. Sein Bedienter ſtopfte einige koloſſale Nachtſäcke aus, und der Herr, noch immer im Schlafrock und der weißen Mütze, unterſuchte mit ſei⸗ * nem Fernrohr St. Elmo uud Lavalette, und ſchrieb darüber von der ³ Quarantäne aus gewiß viel Geiſtreiches in ſein Tagebuch. 5—ocee * Ein Auoſtug in den Schwarzwald. „ Gegen die Mitte des Monats September ſchien der Sommer noch einmal in ſeinem vollen Glanze, in ſeiner ganzen Hitze bei uns anekehs. Es lag bei dem klarſten Himmel eine wirklich drückende Schwüle auf den breiten ſchattenloſen Straßen Stuttgarts, und ſelbſt die Winde, die ſich ſonſt hier nicht ſelten machen, ſparten dießmal ihren Athem oder trieben, weil es ihnen vielleicht im Thale zu heiß war, auf den Bergen umher unter Buchenlaub und Rebenranken ihr loſes Spiel, indeß ſie uns faſt verſchmachten ließen. Nicht nur in der Mittagszeit war es außerordentlich warm, ſondern auch am frühen Morgen und ſpäten Abend herrſchte eine Luft ſo lau, wie ſie in die⸗ ſen Monaten vielleicht an den himmliſchen Küſten bei Neapel oder in den Ebenen bei Pavia und Mailand herrſcht, und der Himmel war ſo dunkelblau und klar, wie er über Italien ſchwebt. Trotz der An⸗ nehmlichkeit, auch einmal im September noch ſolche Tage zu haben, ſo warm und berauſchend, wie die der ſüdlichen Länder, die wir oft darum beneiden, ſo kommt doch dieſe Sache ſelten, wir ſind nicht ein⸗ gerichtet, die Hitze zu empfangen und zu brechen, wie wir es mit der Kälte machen; uns fehlt der erquickende Seewind, der am Abend über den einförmig ſchlagenden Wellen hinſtreicht und kühlend das Geſicht des Spaziergängers küßt; bei uns wächst nicht der Orangebaum, deſ⸗ ſen ſüße duftige Blüte die Hitze zu verzehren und Kühlung auszubrei⸗ ten ſcheint; und dann eine Hauptſache: uns fehlt das Eis, ich meine Gefrorenes, wie man es in jeder, auch in der kleinſten Stadt Italiens in Auswahl haben kann. Freilich wagt ſich auch hier wohl in einigen Konditoreien, wenn es einmal vierzehn Tage hintereinander ſehr heiß geweſen iſt, zuweilen eine ſchüchterne Tafel vor die Thür, auf der man die Worte:„Glace oder Gefrorenes“ liest, aber man findet da ein oder auch wohl zwei Arten Eis, halb warm und kein ſteinhartes Pezze, ſondern ein Glas voll dicken Breies. Stößt man ſelbſt zuwe 21 len einmal auf gutes Eis, ſo kann man es doch nicht auf der Straße ſitzend und die Vorüberwandelnden betrachtend unter einem aufgeſpann⸗ ten Dache, das den Luftzug durchſtreichen läßt, genießen, ſondern man muß ſich in der dumpfigen Stube damit regaliren. Doch ländlich, ſittlich; und wir haben ſo viel Schönes im deut⸗ ſchen Vaterland, daß man nur ſcherzweiſe die Vorzüge anderer Länder herbeiwünſchen kann, und ſo auch hier. Mitte September war es alſo entſetzlich heiß. Ich hatte keine Luſt zum Arbeiten, und ſchlenderte entweder dicht an den Häuſern hin, das Bischen Schatten, das da zu finden war, aufſuchend, oder lag zu Hauſe, mich mit kaltem Brun⸗ nenwaſſer kühlend. Da trat eines Tages mein Freund Siegmund in meine ſtille Klauſe, und trug mir nach den erſten Begrüßungen mit einem gelinden Fluch über die gräßliche Hitze eine Idee vor, die er⸗ friſchender war, als Eis und Sorbet.„Weißt du was,“ ſagte er, „wir wollen für einige Tage hinausgehen aus Stuttgart nach dem Neckarthal in den Schwarzwald, und uns dort unter die himmelhohen Tannen an irgend ein klares Bergwaſſer legen. Ich verſichere Dich, da iſt das Moos weich und kühl und unſer Blut rollt, wie der Quell ſelbſt, wieder friſch und lebendig.“ Lange überlegen iſt nie meine Sache geweſen, und ſo ſaßen wir denn am andern Morgen um fünf Uhr, nachdem ich um ein Haar die Poſtzeit verſchlafen hätte, im Eil⸗ wagen, der nach Freudenſtadt fährt. Ach, ich hatte lange keinen Sommermorgen mehr im Freien erlebt! Ein Schauſpiel, das wir, weil es uns ſo nahe liegt und ſo wenig koſtet, ſo ſelten beſuchen. Die Sonne vergoldete die Spitzen der Bäume, und die Reben rings an allen Bergen bedeckte hie und da noch ein feiner Nebelſchleier; dabei der duftige Geruch des Graſes und des friſchen Laubes, das uns bald von allen Seiten umgab; denn wir ge⸗ ngten in kurzer Zeit nach dem Schönbuch, einem Walde, wie ſein Name ſagt, voll herrlicher Buchen. Er liegt ſchon auf der Höhe der Filder, eins ziemlichen Hochebene. Die Sonne warf ihre Strahlen quer über die Berge weg in den Schönbuchenwald, und ließ uns weit hineinſehen. Wie an ſo manchen Orten, hat auch hier in der herr⸗ lichſten Natur die Geſchichte oder ein einzelner Menſch ſeine blutigen Spuren hinterlaſſen; denn wenn wir ſie auch nicht ſahen, ſo ſteht doch etwas tiefer in dem Walde die von dem Volke ſogenannte Hutten⸗ Ciche, wo Hans von Hutten von der Hand des Herzogs Ulrich fiel. Mir hat dieſer Baum immer ſehr leid gethan, denn er kommt mir wie ein Menſch vor, der unſchuldig von dem Blute eines Ermordeten be⸗ ſpritzt wird, das in der Erinnerung der Welt immer an ihm kleben bleibt, und wie die Menſchen es machen, ſo betrachten auch vielleicht : umſtehenden Buchen die arme Eiche mit finſtern Blicken. Doch 22 weiter von dieſem Wald. Uns trug der Wagen durch die weiten ge⸗ ſegneten Gefilde Würtembergs, welche in ihrem jetzigen Flor das Herz ſo freudig anlachen, daß alle finſteren Erinnerungen aus demſelben weichen müſſen. Wir ließen Böblingen und Herrenberg hinter uns, zwei Poſtſtationen, wo ich nicht umhin konnte, mich darüber zu ver⸗ wundern, mit welcher beiſpielloſen Langſamkeit das Umſpannen vor ſich geht, oder vielmehr warum auf jedem dieſer kleinen Orte der Wagen, der doch den Namen eines Eilwagens führt, halbe Stunden lang wie ein Lohnkutſcher vor dem Poſthauſe ſteht, ehe die neuen Pferde kommen. Nehme doch in dieſer Hinſtcht die Thurn und Taris'ſche Poſt ein Exempel an der franzöſiſchen oder an der preußiſchen!— In Nagold war bei unſerer Ankunft die Mittagstafel ſervirt, und uns wurde ein für den Ort wirklich ſehr gutes und billiges Eſſen; aber nie habe ich eine ſolche Menge von Fliegen geſehen, wie hier, die ſogleich die aufgetragenen Speiſen bedeckten; auch ſcheint Nagold und beſonders das Wirthshaus, in dem wir uns befanden, von jeher die⸗ ſes Glück gehabt zu haben; denn einer unſerer Reiſegeſellſchaft erzählte uns eine hierauf bezügliche recht artige Anekdote. Als der Herzog Karl von Würtemberg eines Tages in der Gegend jagte, und in die⸗ ſem Wirthshaus, das damals ſchon exiſtirte, die Tafel für ihn berei⸗ tet war, beſchwerte er ſich über die Maſſe der Fliegen, die ihn be⸗ läſtigte, und ſagte halb verdrüßlich halb lachend zu der Wirthin: ſie ſolle den Fliegen hinter dem Ofen einen eigenen Tiſch ſerviren; es ſei doch nicht anſtändig, daß ſie ungeladen an ſeinem Tiſche zu Gaſte wären; was die kluge Frau alsbald beſorgte, ſich aber, nachdem ſie mehre Schüſſeln hinter den Ofen geſetzt; ehrfurchtsvoll mit den Wor⸗ ten an den Herzog wandte:„Servirt iſt; befehlen nun Euer Durch⸗ laucht auch, daß ſich die Fliegen an ihren eigenen Tiſch begeben.⸗ Ich war ſehr begierig, endlich den Schwarzwald zu ſehen, von dem ich ſo viel geleſen und mir ſo Manches hatte erzählen laſſen. Doch fängt er nach Freudenſtadt zu nicht plötzlich an, ſondern hängt mit dem Schönbuch zuſammen, an deſſen Ausläufern einzelne kleine Tannen ſchon mit den Buchen vermiſcht ſind, die ſich in einem gewaltigen Crescendo bis auf die Höhen des Schwarzwaldes ziehen, ſchon bei Freudenſtadt als wahre Rieſen die Berge bedecken und ſich in die duf⸗ tigen Thäler hinabziehen. Bei guter Zeit kamen wir nach Freuden⸗ ſtadt, wo wir die Nacht bleiben wollten, und benutzten den ſchönen Abend zu einem kleinen Spaziergang in den Wald. Wir traten vor das alterthümliche Thor, das als Verzierung mehre in Stein ge⸗ hauene koloſſale Köpfe hat, und ſahen vor uns die herrlichſte Gegend ausgebreitet, keine Fernſicht, aber zwei liebliche Thäler, die ſich rechts und links eine kurze Zeit hinzogen und dann zwiſchen den Bergen ver⸗ — : orzuglich um den Schwarzwald. Der Anblick der ſchnurgeraden glän⸗ 78 23 loren. Mit Recht hat der Schwarzwald ſeinen Namen; denn beſon⸗ ders gegen den blauen Himmel und das friſche kräftige Grün der Thäler ſticht die dunkelgrüne Farbe des Nadelholzes recht ſchwarz ab. Den Weg verlaſſend, gingen wir durch Gras⸗ und Kleefelder in das Thal hinab, und fanden hier die erſten deutſchen Vergißmeinnicht wie⸗ der, denn die letzten blauen Blümchen dieſer Art hatte ich am Fuße des Libanon gepflückt. Die Mühle im Thal, ſte lag ſo wunderbar heimlich, hatte ihre Arbeit eingeſtellt, und das Waſſer ſchoß rauſchend über das Wehr hinaus. Wir folgten dem Bache einige Schritte, bis zu einer Brücke, die in den Wald führt, von der wir ſeinen muntern Sprüngen eine Zeit lang nachſchauten. Mir ſchienen hier die Men⸗ ſchen mit der Natur ſo verwandt; den ſchlanken Wuchs der Tanne, das Haar dunkel und glänzend, wie das dieſes Baumes, und das ganze Weſen kräftig und friſch, wie der Bach, der vor uns hinſprang mit ſchwarzen Steinen beſäet, denen das anklebende Moos etwas Lebendiges gab, und die ſo traulich zu uns aufzublicken ſchienen, dieſe Augen des Baches, wie die ſchwarzen ſinnigen Augen der Schwarz⸗ waldmädchen. Im Walde legten wir uns ins Moos unter mannsdicke Tannen, dieſen ewig grünen Säulen des Waldpalaſtes. Nie iſt mir ein Lager ſo duftig, ein Moos ſo friſch und grün vorgekommen, wie das, wor⸗ auf wir ruhten. Bei uns vorbei kamen Mädchen, die auf dem Kopfe Körbe trugen und Männer mit großen Aexten, und es ſchien mir, als gingen Alle träumend bei uns vorüber und freuten ſich auf ihren Heerd, an dem ſie ſich von des Tages Mühen erholen wollten. Die Waldblumen, die um uns ſtanden, neigten ihre Köpfe, als wollten: ſie ſchlummern; die ganze Natur ſchien ſich zur Nachtruhe bereit zu machen; aus dem Thale ſtiegen blaue Nebel auf, die zuerſt die unter⸗ ſten Tannen bedeckten und dann an ihnen hinaufkletterten, das ganze Thal ausfüllend. Auch wir gingen endlich unſerm Hauſe zu, und nach⸗ dem ich amir noch einen tüchtigen Knotenſtock gekauft hatte, legten wir uns ſehr zeitig zu Bett, um unſere Füße zu ſchonen, denen wir mor⸗ gen eine ſtarke Tvour zumuthen wollten. Am andern Morgen erhoben wir uns zu guter Zeit und eilten aus dem Städtchen, von wo wir den Weg nach Schömberg einſchlugen, um von da weiter in den dichteſten Schwarzwald zu kommen. Der Morgen war herrlich, der Himmel ganz unbewölkt! Anfangs waren wir noch allein auf der Straße, und erſt nachdem wir eine Stunde gegangen waren, kamen Holzfäller und Mädchen aus den Seitenwegen hervor, und Alle boten uns freundlich einen guten Mor⸗ gen. Es iſt doch etwas beſonderes um Tannenwälder überhaupt, und 24 zenden Stämme iſt dem Auge vielleicht nicht ſo wohlthuend, wie das unordentlich durch einander ſtehende Laub von Eichen⸗ oder Buchen⸗ wäldern, und doch wieder traulicher. Von den dichten Maſſen des Laubwaldes kehren Blick und Gedanken bald geſättigt zurück, und ſen⸗ ken ſich in die eigene Bruſt; nicht ſo beim Tannenwald, wo dem Auge kein Halt geboten wird, und es, die Phantaſie mit fortreißend, ſich weiter und weiter zwiſchen den glatten Stämmen verliert oder auf den treppenförmigen Aeſten den Baum leicht erſteigt und von der Spitze weit ins Land ſchaut, vielleicht Häuſer und Fenſter von dem Sonnen⸗ ſtrahle glänzen ſieht, der es vor wenig Augenblicken aufgeküßt. Frei⸗ lich iſt der Tannenwald ſtumm, wenn der Wind nicht durch die Spitzen der Bäume ſtreicht oder ein Auekhahn Falzend auffliegt; es begleitet kein harmoniſcher Geſang der Vögel den Wanderer, und doch hört man zuweilen Klänge, die auch ohne Melodie das Herz ergreifen und die Phantaſte wunderbar beſchäftigen;. ich meine den ſchallenden Schlag der Art gegen den Baum, den man weithin hört, oder das Knarren eines Holzwagens, der ſich in den engen Pfaden ächzend fortbewegt. Nach einigen Stunden beſtändigen, doch nicht ſtarken Aufwärtsſteigens erreichten wir Schömberg, ein kleines Dorf, wenn man die fünf bis ſechs Häuſer, die dort um die Kirche liegen, ſo nennen darf. Bis hier hatte uns ein ziemlich breiter Weg geführt, auf dem wir nicht irre gehen konnten, doch jetzt wollten wir auch dieſen verlaſſen, um auf Fußpfaden und Holzſchleifen nach Alpirsbach zu gelangen, das eine der ſchönſten Parthien des Schwarzwaldes ſein ſoll. Kinder, die vor den Häuſern in Schömberg ſpielten, liefen, als wir ſie um den Weg oder einen Führer fragten, bei unſerm Anblick ſchreiend davon, und konnten nur durch einige Kreuzer, die wir ihnen ſchenkten, zum Stehen gebracht werden, aber an Reden oder uns Antwortgeben, war darum doch nicht zu denken. Von meinem norddeutſchen Dialekte verſtanden ſie wahrſcheinlich kein Wort, und ſelbſt mein Freund Sieg⸗ mund, der doch ein geborener Würtemberger iſt, konnte ſich ſchwer mit ihnen verſtändigen. Da ſonſt kein menſchliches Weſen zu ſehen war, ſo drang jeder von uns in ein Haus, um Jemand ausfindig zu machen, der uns einen Führer verſchaffe. Ich war glücklicher als mein Freund, und fing auf der Leitertreppe des kleinen Hauſes, in das ich gerathen, ein Weſen, von dem ich im erſten Augenblicke nicht wußte, ob es ein menſchliches ſei; doch hielt ich meinen Fang feſt und gab ihm durch ein Zeichen zu verſtehen, es möge mir auf die Straße folgen; denn von den Reden, die es mir zu halten ſchien, verſtand ich keine Silbe. Beim Tage ſah ich, daß es ein Weib ſei, aber von einer Häßlichkeit, wie ich bis jetzt keines geſehen. Kaum vier Fuß hoch, verwachſen, flackerten um das gelbliche Geſicht fußlange ins Röthliche 25 ſpielende Haare in einzelnen Strängen. Es war das Konterfei irgend eines bösartigen Waldweibes aus einem Mährchen; indeß war die Frau ſehr umgänglich und obgleich ſie uns keinen Führer verſchaffen konnte, denn die Erwachſenen ſeien alle im Wald beim Holzſchlagen, ſagte ſie, und von den Kindern ſei noch nie eines bis Alpirsbach ge⸗ kommen, was beiläufig geſagt, nur zwei Stunden ſind, ſo beſchrieb ſis uns doch den Weg ſo genau, daß wir ihn auch ſelbſt gefunden haben. Dieſer Weg führte anfänglich durch den Vogt Jockele's Wald, was ins Genießbare überſetzt, der Wald des Bauern Jacob heißt. Trotz der mehrtägigen Hitze war der Boden des Wegs, den wir jetzt zu machen hatten, feucht und naß, weil die Tannen hier ſehr dicht ſtanden und Sonnenlicht und Luftzug keinen Durchgang geſtat⸗ teten. Bald ging unſer Weg abwärts, bald aufwärts, und gewährte den ſchönſten Anblick, wenn er am Abhang eines Berges vorbeilief und wir die Tannen ſo recht betrachten konnten, wie ſie ſo regelmäßig neben uns aufwärts bis zur Spitze des Berges und ebenſo abwärts bis ins Thal ſtiegen, wo wir die feingezackten Gipfel der höchſten Tannen wie kleine Sträucher vor uns ſpielen ſahen und ſie mit den Händen erreichen zu können glaubten. Von Zeit zu Zeit kamen wir an ſogenannten Holzſchleifen vorbei, zwei bis drei Fuß breiten Pfaden, die von der Spitze des Berges bis ins Thal ausgehauen ſind und gerade hinablaufen, daß es einem Menſchen beinahe unmöglich iſt, da hinabzuklettern. Auf ſie werden die gefällten Stämme, nachdem ſte ihrer Rinde beraubt und behauen ſind, gelegt und ſchießen ſo bei dem geringſten Anſtoß polternd ins Thal hinab, wo die zahlreichen Bäche, die der Schwarzwald beſitzt, dazu benutzt werden, ſie weiter zu bringen. Doch ſind dieſer Transportmittel noch immer zu wenig, um namentlich das Brennholz ins Unterland zu bringen, was daher im Gegenſatz zu dem wohlfeilen Preiſe, zu dem man es im Schwarzwalde kaufen kann, in den Städten fehr theuer iſt. Mein Freund Siegmund, als ehrbarer Hausvater, klagte mir beſtändig darüber, wie ihm das Herz blute, wenn er hier oben mitunter das ſchönſte Holz, weil man es nicht Alles fortſchaffen könne, verfaulen ſehe. Und ſo war es auch: wir haben manches Klafter an ſtehengebliebenen Baumſtrünken und liegengebliebenem Holze gefunden, das ſchon verfault war. 1 Es war Mittag und ſchon ſehr heiß, als wir Alpirsbach vor uns liegen ſahen. Doch mußten wir noch weit hinabſteigen in das zer⸗ klüftete, wild romantiſche Thal, durch das die Kinzig fließt und in deſſen tiefſtem Grunde das Oertchen ſelbſt liegt. Wir Beide waren von der Hitze und dem Herumklettern in den Bergen ziemlich müde geworden, und freuten uns nicht wenig, ein gutes Gaſthaus zu finden, wo wir uns etwas ausruhen und erfriſchen konnten. Anfänglich war 26. 1 3 unſere Abſicht geweſen, über Schiltach und Wolfach nach Rippoldsau zu gehen, was man uns hier abrieth, da dieſer Weg dem Kinzigthale entlang für uns, die wir nur die Abſicht hatten, den Schwarzwald ſelbſt, das heißt, ſeine himmelhohen Tannen und Waldwege zu bewun⸗ dern, wenig belohnend ſei. In Alpirsbach beſahen wir das einzige Merkwürdige, was der Ort bietet, ein altes Benediktinerkloſter, wel⸗ ches im Jahre 1095 von Rottmann von Hauſen und Adelbert von Zollern geſtiftet wurde. Die ſehr kleine Kirche deſſelben hatte man jetzt weiß angeſtrichen und für den evangeliſchen Gottesdienſt einge⸗ richtet. Der Kreuzgang war mit Bildhauerarbeit verziert und wenn nicht einer von den ſchönſten, die ich geſehen, doch einer der ödeſten und unheimlichſten. Er umgab von vier Seiten einen kleinen Hof, zu dem entweder nie ein Eingang geweſen oder derſelbe vermauert war; denn den Boden hatte ſeit langer Zeit kein menſchlicher Fuß mehr betreten; es wucherte da ein Wald von Unkraut, allerlei Schma⸗ rotzerpflanzen bedeckten die Fenſter theilweiſe und verdunkelten den Gang noch mehr. Ich hätte ihn wohl beim Mondſchein ſehen mögen, da müßte er eine gute Staffage zu einer ſchauerlichen Novelle abgeben. In der brennendſten Sonnenhitze ſtiegen wir wieder aus dem Thale herauf in den Wald, um nach Rippoldsau zu kommen. Auf dem Wege begegneten uns wieder viele Mädchen mit ſchwarzen Augen und ſchwar⸗ zen Haaren, die ſie in lange Zöpfe geflochten über den Rücken hinab⸗ hängen laſſen. Sie kamen vom Feld, wo ſie vom frühen Morgen an bis jetzt gearbeitet hatten, und da die Hitze zu groß wurde, nach Hauſe zurückkehrten. Die meiſten waren ſchlanke volle Geſtalten, die unſern Gruß freundlich erwiederten. Von einer der hübſcheſten, mit der ich mich unterhielt, und die mir, nachdem ich eine lange Rede gehalten, recht naiv antwortete, ſie habe mich nicht verſtanden, erfuhr ich end⸗ lich, nach vielen Umſchreibungen, daß ſie Maria heiße, worauf wir uns als gute Freunde trennten. Wir litten bei dem Bergſteigen nicht wenig von der Hitze, und waren endlich recht froh, wieder in den Schatten der Tannen zu kommen. Doch ſtiegen wir luſtig und guter 44 Dinge, lachend und ſingend aufwärts und vertrieben uns die Zeit,* indem wir uns bald Mährchen, bald ſelbſt erlebte Anekdoten erzählten. Meine Phantaſte iſt nie ſo regſam, als wenn ich im Wald ſpaziere, und hundert Pläne und Gedanken, wenn auch vielleicht alle ohne Werth, tauchen in mir auf; heute waren wir Beide beſonders glücklich, No⸗ vellen zu erfinden, wir verwarfen aber alle als nicht tauglich, bis auf eine, die uns ſehr pikant vorkam. Ein junger, wohlbeleibter, aber dabei ſehr fauler Poet, ſteht im erſten Kapitel der Novelle endlich ein, daß eben dieſe Faulheit nicht viel aufs Papier brächte, und daß er in dem Gewühl und der Zerſtreuung der großen Welt, die ihn umgab, 27 nicht im Stande ſei, ſeine Phantaſte und das Bischen Geiſt, das er beſitzt, aus der Lethargie, in die Beide gefallen, aufzurütteln, worauf er im zweiten Kapitel aus gewaltigen, nichts ſagenden Monologen, die er hält, den Gedanken auffiſcht, ſich mit ſeinem Bedienten in ein ein⸗ ſames Haus im Walde zurückzuziehen, um da ein noch zu erdenkendes, unſterbliches Werk zu ſchreiben: ein Plan, der im dritten Kapitel zur Ausführung kommt, wo Beide ſich in ein einſames Dorf am Wald⸗ rande begeben und viel Dinte und Papier mitnehmen, auf das jedoch, wie das vierte Kapitel, das aus weißen Blättern beſteht, ſehr traurig anzeigt, Nichts geſchrieben wird. Das fünfte Kapitel, ein ſehr weh⸗ müthiges, ſagt aus, wie der Poet und ſein Diener, anſtatt zu arbeiten, nach verſchiedenen Richtungen im Wald und auf den Dörfern herum⸗ ſtreifen; im ſechsten erwacht die noch nicht ganz geſunkene moraliſche Kraft des Poeten, und er faßt im ſiebenten Kapitel den großen Ent⸗ ſchluß, ſeine und ſeines Bedienten Kleider bis auf den Schlafrock fort⸗ zuſchicken, um alſo genöthigt zu ſein, den ganzen Tag über zu Hauſe zu bleiben, was im achten Kapitel am Schluß des erſten Bandes aus⸗ geführt wird. Die drei erſten Kapitel des zweiten Bandes ſind höchſt matt und langweilig, weil hier der Poet arbeitet, und nur hie und da in der Dunkelheit Abends Spaziergänge macht. Im vierten über⸗ fällt ihn eine gewaltige Sehnſucht, und ein gewiſſes Etwas ſcheint ihn nach einer Gegend hinzutreiben, die er früher nie betreten. An einem ſchwülen Abend geht er im fünften Kapitel dorthin, und findet—— — ein hübſches Landhaus, in dem eine alte Dame mit ihrer ſehr ſchönen und jungen Tochter und einer Kammerjungfer wohnt. Die Tochter ſitzt zufällig im Garten und ſpielt Guitarre und zufällig ein Lied, von dem er zufällig die Schlußſtrophe weiß, die er als Erwiederung auf die erſten Strophen ſingt, und ſich dann zurückzieht. In den folgen⸗ den Kapiteln ſteht man, wie nach dem Lauf der Welt der Poet und die junge Dame ſtich in einander verlieben und der Schluß des zweiten Bandes findet den Poeten in der gräßlichſten Verzweiflung, denn die junge Dame hat ihn in der Nachmittagsſtunde in eine heimliche Laube, die ſte im Walde hat herrichten laſſen, zu einem Rendezvous einge⸗ laden; er hat ja Nichts als den Schlafrock bei ſich! Dieſer zweite Band ſchließt ſehr lehrreich, beſonders für junge Poeten, indem er zeigt, wie man ſich von der Begierde nach Arbeit nicht dürfe hinreißen laſſen. Hier ſchloßen wir die Novelle, indem der Andrang dieſes gräß⸗ lichen Umſtandes auf den Poeten uns gar zu arg dünkte, um ihn aus⸗ zugleichen. Auch mochten wir keinen Selbſtmord auf uns nehmen. Bald ſtiegen wir etfrig den Berg hinan, bald ſetzten wir uns zu einer Geſellſchaft von Holzfällern, die auf dem Stamme einer umge⸗ hauenen Tanne ſitzend ihr Mittagsmahl hielten, was meiſtens ſehr ein⸗ 28 fach aus Milch beſtand, in die ſte ſchwarzes Brod brockten, und kamen durch dieſe Abwechslung etwas langſamer, aber auch friſcher auf die Höhe des Berges, von wo wir leicht und raſch abwärts ſtiegen. Schon lange hatte ich mir gewünſcht, einen Meiler zu ſehen, dieſe ſchwarze Waldherberge, in der die Ritter mit ihren Knappen und Rößlein ein⸗ kehrten, wenn ſte den Weg verloren und die Nacht ſie überraſcht auf den einſamen Waldpfaden. Eine Köhlerhütte behält für mich wenig⸗ ſtens, von der erſten Lektüre in der Jugend her, einen poetiſchen Schein, der bis dahin um ſo größer war, da ich noch keine in de Wirkliche keit geſehen. Sie kommt faſt in allen abendländiſchen gen und Mährchen vor, die wir als Kinder geleſen, in den ſchauerlichen Ge⸗ ſchichten von Rübezahl, in der Sage von Griſeldis, die ſogar ein Köh⸗ lerkind war. Der Schwarzwald iſt, möchte ich ſagen, die Heimath der Köhlerhütten, und doch hatten wir heute noch keine geſehen; wohl mehre runde verbrannte Plätze, von denen die Kohlen ſchon wegge⸗ räumt waren, und auch einen, den man eben aus trockenen Tannen⸗ äſten errichtete, doch war dieß Alles nicht das rechte; ein Meiler muß ſchwarz gebrannt ſein und noch rauchen; dann muß auch die Köhler⸗ hütte dabei ſtehen, vor der der Köhler ſelbſt mit ſeinem Hunde ſitzt und an die grauſigen Schickſale denkt, von denen ihm der Ritter, den er geſtern beherbergt, erzählt hat. Von dem Herabſteigen ermüdet, ſetzten wir uns auf eine Tanne, die auf der Holzſchleife, wo ſte noch lag, erſt kürzlich von dem Gipfel des Berges herabgerutſcht ſchien, denn ſie war friſch behauen. Um uns ſtiegen die rothen und weißen Tannen ſo ſenkrecht in die Höhe, als wären ſie alle nach dem Loth geordnet, und dieſer Trieb iſt ſo ſtark bei ihnen, daß große Stämme, die als Schößlinge ſchief aus dem Boden kamen, ſich bogen und parallel den Andern emporwuchſen. Neben dieſen mächtigen Tannen des Schwarzwaldes, die dieſer Landſchaft eine impoſante dunkle Färbung geben, mildern die heimlichen klaren Berg⸗ waſſer, die überall herkommen und munter ins Thal ſtürzen, das Düſtere des Bildes, helle Lichter aufſetzend. Wir ſaßen jetzt gerade neben einem ſolchen Bächlein, deſſen friſches Waſſer wir zu den Brom⸗ beeren tranken, die in großer Menge um uns wuchſen, und folgten mit den Augen, ſo weit die Bäume es zuließen, ſeinem Laufe ins Thal, wo es ſich einem Arme der Kinzig zugeſellt, den wir über die Spitzen der Bäume hinweg hie und da aus dem Grün hervorblitzen ſahen. Da ſtieg auf einmal neben uns etwas tiefer, als wir ſahen, ein blauer Rauch auf, und Siegmund verſicherte mich, dieß müſſe ein Meiler ſein, und wahrſcheinlich einer, wie wir ihn gerade wünſchten, ſchwarz oder rauchend. Eilig rutſchen wir die Holzſchleife hinab und arbeiteten uns dann durch das Gebüſch, bis wir endlich auf einem 29 freien Platz das Geſuchte fanden,— ein ſtattlicher Meiler, der jedoch ſchon ausgebrannt war und nur noch von Zeit zu Zeit aus der Spitze rauchte, weßhalb wir ihn auch nicht früher ſahen. Neben ihm lagen einige Gruben, die voll Waſſer waren, das zur Abkühlung der Kohlen gebraucht wird. Auch die Köhlerhütte lag in der Nähe, ſah mir aber doch ein wenig gar zu ärmlich und einfach aus. Sie beſtand aus zu⸗ ſammengeſtellten Baumſtämmen, die oben durch ſchwache Reiſer ver⸗ bunden waren und, mit Moos und Geſträuch verſtopft, ſehr dünne Wände gaben. Das Innere war durch einen Baumſtamm am Boden in zwei Theile getheilt, wovon der hinterſte das Lager des Köhlers, aus Laub und Moos beſtehend, enthielt, der vordere zur Küche zu dienen ſchien; denn zwiſchen drei Steinen waren Spuren von halbver⸗ brannten Kohlen und Holzaſche, neben der in einem Winkel ein Haufen Kartoffeln lag. Vor der Hütte ſtand die Wurzel eines Baumes, die oben glatt gehauen, eine Art von Stuhl gab, auf dem eine große Holzaxt eingehauen war; ein langer Schürbaum lehnte daneben. Doch war der Herr dieſer Geräthſchaften nirgends zu ſehen. Wir riefen einigemal in den Wald hinein, und hätten den Köhler in ſeinem ru⸗ ßigen Gewand gar zu gern zwiſchen den Bäumen hervortreten ſehen; doch warteten wir eine halbe Stunde vergebens, und ſahen uns end⸗ lich genöthigt, mit der Köhlerhütte zufrieden zu ſein und unſern Weg fortzuſetzen. In kurzer Zeit waren wir unten im Thale, wo das Dörf⸗ chen Reinerzau liegt, das jedoch nur aus einzelnen Häuſern beſteht, die an dem Arm der Kinzig, von dem ich oben ſprach, einem kleinen Bache, zerſtreut liegen. Siegmund ſagte mir, daß ſchon dieſer Bach zur Fortſchaffung von ziemlich großen Flößen in die Kinzig ſelbſt be⸗ nützt würde, die ſie dann weiter bis Kehl trägt, wo ſie auf dem Rhein zu größeren verbunden werden und nach den Niederlanden abgehen. Obgleich dieſer Bach viele Schleuſen hatte, war es mir doch unerklär⸗ lich, wie das Waſſer, das an den meiſten Stellen kaum die Kieſel bedeckte, im Stande ſei, einen Baumſtamm zu tragen, und ich würde mit einigen Zweifeln hierüber nach Hauſe zurückgekehrt ſein, wenn mich nicht zufälliger Weiſe der Augenſchein davon überzeugt hätte. Wir waren nämlich kaum einige hundert Schritte den Bach aufwärts ge⸗ gangen, ſo kamen uns in geſtrecktem Laufe mehre Flößer entgegen, ſtarke kräftige Menſchen, mit großen Stangen und Aexten bewaffnet, im runden Hut und kurzer Jacke, große lederne Stiefel, bis über die Knie hinaufgezogen, von denen ein Theil an den Schleuſen, die wir vor uns ſahen, ſtehen blieb, die andern mit einem Rufe bei uns vorbei ſtürzten. Wir traten ebenfalls näher, und erfuhren von dem Flößer, der die ſchwere Schleuſe, bei der wir uns eben befanden, allein auf⸗ wand, daß im nächſten Augenblick ein Floß kommen würde, und wirk⸗ 30 lich kam er auch gleich darauf um eine Ecke des Baches, die ganze Breite deſſelben einnehmend. Er beſtand aus ſehr ſchweren Balken, die ſich nicht ſelten ächzend an den Ufern hinſchoben und doch von dem Waſſer, das ſich hinter der Schleuſe geſammelt hatte, mit unglaub⸗ licher Schnelle bis an das Thor derſelben, das kaum breit genug war, ihn durchzulaſſen, daher getrieben wurde. Wir ſprangen auf die Bank der Schleuſe, wo der Bach einen Fall von wenigſtens fünf Fuß bil⸗ dete, und ſahen dem Anblick geſpannt entgegen, wo die Spitze des Floßes, auf dem einer der Flößer mit geſpreizten Beinen ſtand, und ſich durch eine eingeſchlagene Art feſthielt, ſich hinabſtüren würde, Manchmal kommen hiebei Unglücksfälle vor, indem die Spitze durch die nachfolgenden Balken gedrängt ſehr häufig auf dem Grunde des Waſſers ſitzen bleibt und der Floͤßer, der vorn ſteht, durch den ge⸗ waltigen Stoß, den dieß verurſacht, hinabgeſchleudert wird, und nicht ſelten überfahren ihn die Balken, die ſich im Augenblicke darauf wie⸗ der losmachen und beſchädigen ihn ſtark. Doch ging es heute ganz glücklich ab. Der ohnehin ſchon ſehr raſche Lauf des Floßes wurde durch den Fall noch verſtärkt, und er ſchoß mit einer ſolchen Gewalt und Geſchwindigkeit durch die Schleuſe, daß der Flößer an der Spitze einen Augenblick bis an die Mitte des Leibes unter Waſſer war und das Gebälk des Schleuſenwerkes zitterte. Auf breiten Flüſſen lenkt ein anderer Mann das Ende, das ſonſt gewaltig hin und her ſchlagen würde, was es hier bei der Enge des Baches nicht gut konnte, und doch drängten die letzten Balken mit ziemlichem Spektakel gegen die Ufer und das Schleuſenwerk. Der ganze Floß hatte ſechszehn Glieder und mochte, wie man uns ſpäter ſagte, einen Werth von ungefähr zwei tauſend Gulden haben. Es ſteckt überhaupt ein gewaltiger Reich⸗ thum in den Stämmen des Schwarzwaldes und man findet vielleicht nirgends ſo reiche Bauern wie hier; beſonders in Reinerzau ſoll ſehr viel Geld ſein, und in einem kleinen Wirthshauſe, wo wir abſtiegen, zeigte uns unſer Führer drei Brüder, die zuſammen genommen vielleicht ein Vermögen von einer Million Gulden haben. Viele Partien des Schwarzwaldes und beſonders das Thal, in welchem Reinerzau liegt, wo wir uns gerade befanden, erinnert leb⸗ haft an die Schweiz. Die untern Abhänge der Berge ſind wie dort mit friſchem Grün bekleidet und eben ſo fängt auch in dem Drittel der Höhe dieſelbe Art dunkler ſchöner Tannen an, die ſich bis über den Gipfel heraufziehen. Faſt in jedem Thal fließt ein klares Berg⸗ waſſer, das ſeine Nahrung von kleinen Bächen erhält, die ſich von allen Seiten, Silberfaden gleich, durch die Tannen⸗ und Wieſengründe ſchlängeln. Sogar die Häuſer des Schwarzwaldes, die auch nicht ſelten in der Mitte des Berges, wo die Wieſe aufhört, liegen, haben Aehn⸗ 31 lichkeit mit den Sennhütten der Schweiz. Die platten Dächer, auf denen große Steine liegen, behacken Gebäude, die auch hier ganz von Holz ſind, und denen nur, um vollkommen den Schweizerhäuſern zu gleichen, die Gallerien fehlen, welche Letztere von außen umgeben, und auf denen die Eingänge zu den Stuben befindlich ſind. Das Innere der Schwarzwälder Häuſer iſt dagegen noch viel heimlicher, wie das der gewöhnlichen Sennhütte; doch ſind die Wohnhäuſer der reichen Schweizerbauern geräumiger und reinlicher. Man ſieht es den Häuſern auf dem Schwarzwald an, daß ſie Holz in Menge zum Bau verwen⸗ den können, denn das ganze Getäfel, Fußboden und Decke beſtehen aus glatt gehobelten Tannenbrettern, eine Tapete, die ſehr warm hält und freundlich ausſieht, aber dagegen auch viele Mängel hat, und ſehr bald der Aufenthalt von dem mannigfaltigſten Ungeziefer wird. Die Möblirung dieſer Häuſer iſt ſehr einfach und altmodiſch, und in den meiſten der einzige Zierrath der Stube die Schwarzwälder Uhr, die man in allen Größen und ſehr billig kauft. So wie die meiſten Berg⸗ bewohner hat der Schwarzwälder ſein Koſtüm erhalten. Der Bauer trägt ſchwarze kurze Beinkleider, bis zu denen die Stiefel von ſchwar⸗ zem Leder hinaufreichen, eine dunkle Weſte, einen ſchwarzen oder dun⸗ kelbraunen Rock, der mit Grün ausgeſchlagen iſt, und auf dem Kopfe einen ſchwarzen runden Hut mit großer Scheibe, den ebenfalls ein grünes Band ſchmückt; ein Anzug, der ſo die Farbe ihres Waldes hat, wo zwiſchen den alten dunkeln Tannen hie und da ein junger Sprößling oder ein ander Laubholz grün hervortritt. Ich glaube wirk⸗ lich, ſie wollen die Farbe ihres Walds im Koſtüme nachahmen; denn die Tannen ſind ihr Reichthum und ihr Stolz. Die Flößer tragen Wämſer von dunkler Leinwand, kurze Beinkleider, welche ein hand⸗ breiter grüner Hoſenträger in die Höhe hält, und ihre bekannten großen Stiefel, womit ſie das ganze Bein bedecken können. Von Reinerzau nahmen wir einen Führer, der uns über den Roß⸗ berg nach Rippoldsau führen ſollte, wohin wir noch eine ſehr beſchwer⸗ liche Tour hatten. Wir gingen einen ſchmalen, ſchlechten Fußweg, der auf der Höhe des Berges, wo gerade ſtark gehauen wurde, eine lange Strecke mit mächtigen Stämmen bedeckt war, die wir umgehen muß⸗ ten. Schon ſank die Sonne, als wir die andere Seite erreicht hatten, und das reizende Schappacherthal lag in der ſchönſten Abendbeleuchtung vor uns. Wir verließen hier den Fußpfad, den wir bisher verfolgt, und begaben uns auf eine der Holzſchleifen, die ins Thal führt, aber noch ſteiler als ein Hausdach hinabläuft, und deßhalb das Klettern einigermaßen gefährlich macht. Wir ſetzten uns in das ſchöne Moos am Fuße einer Tanne und ſahen lange Zeit mit Vergnügen in das Thal und auf die gegenüberliegenden Berge, die höchſten des Schwarz⸗ waldes. Dort lag der Kniebis, auf welchem die Straße nach dem El⸗ ſaß und alſo nach Frankreich führt. Auf ſeinen höchſten Punkten be⸗ finden ſich zwei Forts, der Roßbühl und das Fort Alexander. Dort ſahen die hohen Tannen ſchon oft franzöſtſche Bajonette funkeln, und die alten Bäume haben gewiß oft mißmuthig das Haupt geſchüttelt, daß ſie nicht über die Köpfe der zügelloſen Banden zuſammenſtürzen konnten, die von dort hinabſtiegen, ein herrliches, geſegnetes Land zu verheeren. Doch weg mit dieſen traurigen Bildern, die einer längſt vergangenen Zeit angehören, und ſo Gott will, nie wiederkehren! Viel lieber wandten wir unſern Blick in das freundliche Thal vor uns, in dem Mühlen und Bauernhäuſer liegen, und das wir von unſerer Höhe aus his Rippoldsau verfolgen konnten. Vor dieſem kleinen Badeort ſteht eine ſchöne Abtei und Kirche, deren Thurm von den letzten Strah⸗ len der Abendſonne geküßt wurde. Mir fiel hier lebhaft ein Lied von Alfred de Muſſet ein, deſſen erſte Strophe heißt: O wie gern im Abendſtrahle, Tief im Thale, Seh' ich einem Todtenmahle Aehnlich, ſchwarzer Münſter Bau. Das Hinabſteigen, oder vielmehr das Hinabrutſchen ins Thal ging ziemlich raſch von Statten, und in einer Stunde waren wir in Rip⸗ poldsau, wo wir noch ein Bad nahmen und uns dann ſehr ermüdet zu Bett legten. Es iſt hier gar nicht meine Abſicht, eine Beſchreibung des Bades Rippoldsau zu liefern, nur ſo viel ſei geſagt, daß es ſehr großartige elegante Gebäude hat, die von hübſchen Spaziergängen und ſonſtigen Anlagen umgeben, recht heimlich in dem engen Thale liegen. Am andern Morgen ſah der Himmel nicht mehr ſo klar aus wie ge⸗ ſtern und vorgeſtern; vielmehr zeigten ſich hie und da Wolkenſtreifen und die Thäler waren mit Nebel bedeckt. Wir brachen ſehr früh auf, um bei guter Zeit nach Freudenſtadt zu kommen, was auf dem näch⸗ ſten Wege nur zwei Stunden ſind. Wir nahmen keinen Führer mit, denn da es doch nur unſere Abſicht war, im Walde herumzuſtreichen, ſo wäre es uns ſelbſt im ſchlimmen Falle nicht unangenehm geweſen, uns eine Stunde weiter zu verirren. Der Weg führte von Rippoldsau gleich den Berg hinan, und ſenkte ſich dann in ein wildes Thal, durch das ein Arm der Kinzig ſtürzte, der in ſeinem engen felſigen Bett un⸗ zählige Waſſerfälle und kleine Seen bildet. Der Thalgrund, in dem ſich eine kleine hölzerne Brücke, die über den Bach führte, befand, war ungemein ſtill und traulich, nur zuweilen hörte man weithin das Schal⸗ len einer Art, und die Kühle des naſſen Graſes, ſowie der friſche Harzduft ſtärkte Herz und Sinne. Trotz des trüben Himmels war doch 33 die Luft ſehr heiß und wir beſchloßen nach dem mühſamen Klettern über den Berg, hier in der Schlucht ein Bad zu nehmen, was wir auch alsbald ausführten. Doch das Waſſer war eiskalt, und trieb uns nebſt der Beſorgniß, die immer mehr ſich am Himmel zuſammenziehen⸗ den Wolken möchten uns noch ein anderes Bad zukommen laſſen, bald wieder in die Kleider. Wieder ging's den Berg hinan, auf einem beſſeren Wege als dem bisherigen, denn hier hatte man Stamm an Stamm gelegt, um ihn glatt und feſt zu machen. Bald jedoch ver⸗ lor ſich dieſe gute Bahn und von drei Fußwegen, die ſich unſerm Blick zeigten, wählten wir, wie ſich ſpäter auswies, gerade den unrechten. Wenn wir auch heute Morgen über allenfallſiges Verirren geſcherzt hatten, ſo war es uns doch jetzt bei dem heranziehenden Wetten nicht gerade ſehr angenehm. Der Himmel wurde dunkler nnd fernhin rollte ſchon ein lange nachhallender Donner über die Wipfel der Tannen. Der von uns gewählte Weg führte aber aufwärts bis auf eine Ebene des Berges, wo eine Geſellſchaft der nobelſten Tannen beiſammen ſtand, und verlor ſich dann ins Moos. Was war zu thun? Zurückgehen mochten wir nicht; denn Freudenſtadt mußte vor uns liegen. Alſo ge⸗ rade aus! Wir gingen unter den großen Stämmen hin, über einen ausgezeichneten Moosteppich, der mir gerade ausſah, als hätte ihn ſeit langer Zeit kein menſchlicher Fuß betreten. Auch zeigte ſich, nachdem wir eine gute Strecke gegangen, weder eine Ausſicht ins Thal, noch ein Fußpfad. Siegmund erinnerte mich an Hauff's Mährchen: das kalte Herz, und meinte, wir würden vielleicht auf den Tannenbühl ge⸗ rathen ſein, wo das Glasmännlein reſidire; der Gedanke war gut, und nach langem Scherzen und Lachen ſuchten wir aus unſerm Gedächtniß den Vers zuſammen zu bringen, mit welchem das Männlein zu citiren iſt, und es gelang uns auch nach vielem Studiren. Dann ſtellten wir uns nach der Gegend, wo die dickſten Tannen ſtanden, und ich, der ein wirkliches Sonntagskind iſt, ſprach laut und feierlich die Worte: Schatzhauſer im grünen Tannenwald, Biſt ſchon viel hundert Jahre alt; Dein iſt all, Land, wo Tannen ſtehn, Läßt Dich nur Sonntagskindern ſeh'n. und——— im erſten Augenblick verging uns alles Lachen, und wir ſahen einander mit ſonderbaren Blicken an; denn einige Schritte vor uns, hinter einer großen Tanne hervor, trat das Glasmännlein, oder wenigſtens ein Männlein in ſeinem Koſtüme, mit ſchwarzem Wäms⸗ chen, großem Hut, kurzen Höschen und Strümpfen mit Schuhen, und ſah uns fragend an. Ueberraſcht traten wir auf den Kleinen zu, der ſich aber alsbald im beſten Schwäbiſch nach unſern Wünſchen erkun⸗ Hackländer Erz. 3 34 digte. Leider war er nicht das Glasmännlein, das uns vielleicht auch drei Wünſche erfüllt hätte, ſondern es war ein Knabe aus einem der benachbarten Höfe, doch wies er uns freundlich auf einen nahen Pfad, der uns in einer halben Stunde nach Freudenſtadt brachte. Und es war hohe Zeit, der Himmel lag ſo ſchwarz auf den Bergen, daß er an einigen Stellen faſt nicht mehr von den Tannen zu unterſcheiden war, und kaum waren wir ins Gaſthaus getreten, ſo brach ein un⸗ erhörtes Gewitter los. Es ging freilich in einer Stunde wieder vor⸗ über, doch war in den nächſten Tagen an ein Weiterwandern nicht zu denken, da hier ſich das Wetter nach einem Gewitter gewöhnlich für mehre Tage trübt und häufige Regenſchauer nachfolgen. Deßhalb ſchloſſen wir unſere Tour und fuhren über Wildbad nach Stuttgart zurück. hr* 5 * ſchönen Sommernacht! Es muß im Laufe des Tages ein wenig ge⸗ Eine Reiſe nach Paris. * Es gibt auf der ganzen Welt nichts Heimlicheres und Angeneh⸗ meres, als im eigenen bequemen Wagen mit Poſtpferden von einem Ort zum andern zu reiſen. Der Wagen iſt eingerichtet wie eine gut möblirte Wohnſtube; man hat alle Reiſebedürfniſſe des menſchlichen Lebens rings um ſich vereinigt. In jener Ecke ruht Pfeife und Taback verborgen, in der andern eine ganze Bibliothek. Im Fond befindet ſich die Uhr, vorne liegt das Fernrohr; und man braucht nur unter den Sitz zu langen, um eine wohlgefüllte Korbflaſche zu ergreifen; das nöthige Glas hierzu findet man in einer der Seitentaſchen. Ja, und bei dieſer höchſt liebenswürdigen Art zu reiſen, hat man in Ver⸗ gleich mit allen andern Arten des Fortkommens ungeheure Vorzüge. Ich brauche mich nicht nach einer eigenſtnnigen Poſtuhr zu richten, die mich grauſam ſtraft, wenn de berkellner meines Hotels die Rech⸗ ung zu langſam anfertigt, oder wenn der Hausknecht mit meinen chweren Koffern nicht ſchnell genug auf das Buteau traht. Dabei a ich in meinem eigenen en ſchneller und überhole die Poſt, . in Deutſchland, ſchon den erſten Stationen, wenn ich viel⸗ leicht auch eine Stunde ſpäter abgefahren bin. Nebenbei iſt meine perſönliche Freiheit in keiner Weiſe eingeſchränkt. Ich kann meine Beine ausſtrecken, wie ich will, und der unberechenbarſte Vortheil iſt unſtreitig der, daß ich keine peiſenden Engländer gegenüber zu ſitzen brauche. Fahre ich mit ein iebenswürdigen Begleiter oder mit einer noch liebenswürdigeren Begleiterin, ſo brauche ich dem Poſtillon nur an einer ſchönen Stelle zuzurufen, daß er halten ſoll, und wir können eine anmuthige Gegend, ein ſchönes Schloß, eine herrliche Ruine mit aller Muße beſchauen. i ich allein, ſo kann ich, wenn es mir darum zu thun iſt, Geſellſchaft zu haben, und ich zu Thorheiten auf⸗ gelegt bin, überall welche finden. Und dann erſt das Fahren in einer 36 regnet haben, damit der Staub nicht aufwirbeln kann. Dichte Wolken ziehen noch langſam über der Erde hin, und der volle Mond arbeitet ſich ruhig hindurch, die Gegend mit hellen Streiflichtern verzierend. Ein Poſtillon lobt dem andern beim Umſpannen die Größe des Trink⸗ geldes, und alle fahren wie beſeſſen darauf los. Du liegſt in die Ecke des Wagens geſchmiegt, vorn auf dem Bocke ſitzt der Bediente, leiſe mit dem Schwager plaudernd. Die Wagenlaterne wirft einen zitternden Schein auf den Boden, und wie Mücken ein Licht in der Stube umflattern, ſo ſpringen, vom raſchen Fahren aufgeregt, kleine Erdklümpchen in dem hellen Scheine hin und her. Ach, und die ganze Natur iſt ſo ſtill und feierlich; es wird dunkel nah und fern, und Alles nimmt eine phantaſtiſche Geſtalt an. Die rieſenhaften Pappeln an der Chauſſee huſchen eilfertig vorbei, und wenn man auch von Weitem ganz genau ſah, wie ſie dicht beiſammen ſtanden und mit ein⸗ ander plauderten, ſo ſtehen ſie doch beim Näherkommen gerade und vereinzelt da, wie ertappte Schulbuben. Und dann in der Nacht die Einfuhr in eine Stadt, das Klirren auf dem Pflaſter, die ſchlafenden Häuſer, das Blaſen des Poſtillons— das iſt die Poeſte des Reiſens! Ja, dies iſt freilich die Poeſie des Reiſens, aber ſte iſt ſehr theuer und ſchon faſt ganz verſchwunden; man wird bald nur noch von ihr den Kindern und Enkeln erzählen können, wie von einer alten, fabelhaften Geſchichte. An die Stelle der Chauſſee, die ſich maleriſch zwiſchen Thal und Berg windet, iſt der Schienenweg getreten, der einförmig und langweilig in gerader Linie dahin zieht. Statt des ſanft ſchaukelnden Wagens ſind Dlligencen, Waggons, Charabanes, und wie alle dieſe Marter⸗Inſtrumente Koch heißen mögen, futſtane, die in einer ewigen, nervenzerſtörenden Bewegung durch ein feuerſpeien⸗ des Ungeheuer, Locomotive genannt, mit raſender Schnelligkeit dahin geriſſen werden— bald auf hohen Dammen über tiefe Thäler hans⸗ weg, bald mit entſetzlichem Gekrach und Geſeufze, durch den Schooß der Erde. Immer zu, immer zu, Ohne Raſt und Ruh'. Es war im Sommer 1844 zu Cölt am Rhein. Da ſaßen wir etwa unſer Zehn, einträchtig in den großen Omnibus des König⸗ lichen Hofes gezwängt, um hinaus nach dem Bahnhof zu fahren. Es wäre ungefähr Zeit geweſen, um nicht 3in der letzten Minute anzukommen. Doch gefiel es dem lieben Hunſere Geduld in der Geſtalt eines reiſenden Engländers, eines langbeinigen, klapperdürren und rothhaarigen Gentleman aus dem Specereiladen, hart auf die Probe zu ſtellen. Obgleich dieſer Edle, wie wir, vor Fünf aus dem 2 37 Schlaf war aufgeſtört worden, obgleich man ihn fünf⸗ bis ſechsma geweckt hatte, ſo forderte der liebenswürdige Ausländer gerade in dem Augenblick warmes Waſſer zum Raſieren, als wir nach haſtigem Ver⸗ ſchlingen unſeres Frühſtücks in den Wagen ſtiegen. Und wir mußten warten, wir alle, unſer Zehn, mußten warten dieſes einzigen lumpigen Engländers wegen. So will es das Gaſthofgeſetz. Endlich kam er die Treppen herab, bezahlte aufs Umſtändlichſte ſeine Rechnung, zankte ſich über einige Pfennige, die ihm zu viel angerechnet ſeien, und war nicht eher zum Einſteigen zu bringen, als bis der Kutſcher in die Pferde hieb und alles Ernſtes Miene machte, davon zu fahren. Man muß es dem Bahnhof in Cöln nachſagen, daß er aufs Zweckmäßigſte eingerichtet iſt. Die Anfahrten ſind alle ſehr bequem, die Räumlichkeiten für Paſſagiere und Güter wohl eingerichtet, und das Perſonal ſehr zuvorkommend und höflich. Es war, wie geſagt, ſchon ziemlich ſpät geworden, und um die Caſſe wogte und drängte es ganz gewaltig. Man hat hier eine ſinnreiche Einrichtung getroffen, um das heranſtrömende Publikum zu vermögen, daß es ſich von einer Seite zur Caſſe hinbegibt und von der andern Seite wieder wegflutet. Sie beſteht in einer Barriere, die in einem ſpitzen Winkel gerade ſo nahe vor das Caſſenfenſter gerückt iſt, daß ſich allenfalls noch ein ziemlich wohlbeleibter Menſch durchdrängen kann. Zum Ueberfluß für jemanden, der, obgleich er eine ganze Reihe Leute dort ankommen und hiur abgehen ſieht, noch im Zweifel ſein könnte, ob ſtie auch den rich⸗ tigen Weg gewählt, ſieht man an jeder Seite der Barriere eine große fette Hand gemalt, die ruhig und gemeſſen jedem Ankommenden den Weg zeigt. Man muß alſo ſchon ſehr werhärtet oder ein ganzer Eng⸗ länder ſein, um trotz dieſen deutlichen Hinweiſungen die Sache verkehrt aüizugreifen. Heute Morgens iber paſſtrte es nicht nur einem Ein⸗ zelnen dieſes ſeltenen Volkes, ſondern als ich in die Barriere trat und ungefähr noch der Sechste bis zum Caſſenfenſter war, lenkte drüben eine ganze Familie Engländer nach ſorgfältigem Umherſchauen und Prüfen in den verbotenen Weg ein, uns entgegen. Es war ein Eng⸗ länder Vater, eine Engländerin Mutter, und ſechs engliſche Kinder, alle acht ſehr pikant blond und äußerſt mager. Alle hatten den Mund weiter geöffnet, als gerade nöthig war,— iimn ſtark ausgeprägter Fa⸗ milienzug; nur ließen die drei jungen Gentlemen gleich dem Vater die Unterlippe herabhangen während die drei Ladies, analog der Mutter, die Oberlippe emporzogen. So ſtanden wir, zwei feindliche Parteien, einander gegenüber, und meine überhöflichen Landsleute, wenn ſie bei dem Caſſenfenſter vorbei ſich durch die wegſperrenden Engländer mit Mühe hindurch zwängten, baten dieſe freundlichſt um Verzeihung. Ge⸗ rade vor apir in der Barriere ſtand ein Mann von ganz koloſſalem 8 38 Körperbau. Der Raum war ihm eigentlich zu klein, denn er mußte halb links vorwärts marſchiren, um die Barriere nicht auseinander zu drücken. Ich war recht auf den Augenblick geſpannt, wo dieſer Ko⸗ loß der engliſchen Familie drüben begegnen würde, weil neben ihnen ein Ausweichen nicht zu denken war. Jetzt hatte er ſein Billet ge⸗ löſ't und ſtand nun mit einer ſonderbar lächelnden Miene dem Eng⸗ länder gegenüber. Dieſer drängte ſeinerſeits auch vorwärts, Madame drängte ihren Herrn Gemahl, und die ſechs Kinder im entſetzlichſten Gedränge drückten die Mutter vorwärts. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Sie öffneten ihre Mäuler weiter und zogen ſie krampf⸗ haft zuſammen, wie Fiſche auf trockenem Sand. Aber alle Anſtren⸗ gungen waren vergebens. Der dicke große Mann ging unaufhaltſam und ruhig weiter, wie das Verhängniß, und riß alles Widerſtrebens ungeachtet die ganze Familie mit ſich fort. Der Engländer fluchte auf Engliſch, der dicke Mann ſchimpfte Deutſch dazwiſchen, einige Bahn⸗ aufſeher bemühten ſich, die Streitenden zur Ruhe zu bringen, der Caſſter ſtreckte ſeinen Mund an die kleine Oeffnung und bat um Stille, dazwiſchen begann die große Glocke zu läuten und gab das Zeichen zur Abfahrt. Alle, mit Ausnahme jener Inſulaner, hatten ihre Bil⸗ lets und eilten in die Säle, die auf den Bahnhof führten. An der Ecke ſchaute ich mich noch einmal um, und der Engländer, dem jetzt Ein⸗ und Ausgang zu Gebot ſtand, wählte trotz der Ermahnung des Caſſtrers aufs Neue den letztern, vorzudringen, und ging, als er endlich ſeine Billets errungen, ruht auf der andern Seite ab. Ich kann es mir nicht anders erklären, als daß der Engländer dieſes Gegen⸗ den⸗Strom⸗Schwimmen mit allen Sesfiſchen gemein hat. Es liegt in ſeiner Natur, er kann nicht anders Die Plätze auf der Eiſenbahn ſind bekanntlich in drei Claſſen eingetheilt, erſte, zweite und dritte oder Diligence, Charabancs und Waggons, und faſt ohne Unterſchied iſt auf allen Bahnen für die Be⸗ quemlichkeit des zweiten und dritten Platzes ſehr ſchlecht geſorgt, ob⸗ gleich ſie, namentlich der zweite, bei Weitem mehr als der erſte be⸗ nutzt werden. Auf der rheiniſchen Bahn ſind die Diligencen allerdings recht zierlich und elegant eingerichtet. Sitz und Lehnen ſind gepolſtert, und durch die Eintheilung der Plätze iſt es möglich geworden, daß jeder Reiſende eine Ecke hat. Auf der zweiten Claſſe dagegen ſind die Sitze kaum mit einem magern Polſter hhen, die Wagen haben keine Scheiben und man kann ſich vermittelſt eines zwilchenen Vor⸗ hanges kaum gegen Regen und Wind ſchützen. Da das Wetter im Verhältniſſe zum Charakter des ganzen Sommers gut zu nennen war, ſo nahm ich mir einen Platz der zweiten Claſſe, ſetzte mich aber auf einen der dritten, deren Wagen gänzlich unbedeckt ſind und eine freie Ausſicht gewähren. Es war die höchſte Zeit, und kaum hatten wir uns niederge⸗ laſſen, als die Locomotive, das dritte Geläute auf dem Bahnhofe mit ihrem eigenthümlichen gellenden Pfiff beantwortend, ſich langſam in Bewegung ſetzte und davon fuhr. Die erſten Stationen auf der Bahn von Cöln nach Aachen bieten nicht viel Intereſſantes dar. Das Ter⸗ rain iſt eben und flach, und kleine Hügel haben höchſtens einen zwan⸗ zig Fuß tiefen Einſchnitt oder einen eben ſo hohen Damm bedingt. Die Geſellſchaft unſeres Wagens beſtand theils aus Arbeitern, Handwerksleuten, Soldaten, Krämern, meiſtens Leuten, die in Ge⸗ ſchäften reiſten, theils befanden ſich viele Paſſagiere der erſten und zweiten Claſſe hier, die wie ich einen Blick auf die Gegend thun wöll⸗ ten. Mir gegenüber ſaßen ein paar gelehrte Herren aus der Schweiz, die ſich freuten, an mir jemanden gefunden zu haben, der hier be⸗ kannt war und ſte über Manches aufklären konnte. Wir wurden in kurzer Zeit recht bekannt mit einander, und da ſte auch nach Brüſſel und weiter hinaus wollten, ſo würden wir uns wahrſcheinlich zu einer Geſellſchaft vereinigt haben, wenn nicht der Dämon der Zwietracht ſchon auf der nächſten Station eine junge hübſche Wienerin zwiſchen uns geſetzt hätte, die durch ihr freies, munteres Benehmen den wür⸗ digen Herren ein Aergerniß gab, welches ſte bis auf mich auszudehnen Urſache zu haben glaubten. Dieſe junge Dame, ſehr fein und elegant gekleidet, hüpfte, als der Wagen hielt, herein, ſchaute ſich neugierig nach allen Seiten um, und kam erſt im Augenblick, als der Zug wieder fortging, auf eine etwas gewaltſame Art zum Sitzen, indem ſte durch das Prellen der Wagen faſt umgeworfen wurde und ſich wahrſcheinlich wehe gethan hätte, wenn ich ſte nicht in meinen Armen aufgefangen. Erſtes Aergerniß der beiden Herren, welches ſich durch eine nur ſparſam fortgeſetzte Converſation kund gab. Deſto mehr aber plauderte meine kleine Nachbarin, und bald hatte ſie mir Zweck und Ziel ihrer Reiſe anvertraut. Sie war kürzlich verheirathet und reiſ'te in Be⸗ gleitung jhres Mannes, der aber, häufig an Kopfſchmerzen leidend, es nicht wagte, ſich der Zugluft auszuſetzen, und deshalb auf der erſten Claſſe geblieben war. Sie zeigte mir oben an der Stirn die Stelle, wo er zu leiden pflegte, und erzählte, daß ſie nach Aachen wollten, um dort die Bäder zu gebrauchen. So ein Wagen auf der Eiſenbahn iſt eigentlich recht dazu gemacht, um eine heimliche Converſation zu führen, denn das Raſſeln und Dröhnen iſt ſo groß, daß die Neben⸗ ſitzenden genau Achtung geben müſſen, um von dem Geſpräch etwas zu erlauſchen. Hinter uns ſaßen ein paar ehrliche Handwerker mit ihren Frauen, 40 welche ſich über die verſchiedenen Unglücksfälle laut genug unterhielten, die auf den Eiſenbahnen ſchon paſſirt ſeien. Obgleich durch die guten Einrichtungen der Direktion und die Umſicht der Locomotiv⸗ und Zug⸗ führer in der Art ſich nicht viel zugetragen hat, ſo wurden doch ein⸗ zelne Vorfälle von den guten Leuten ſo ins Entſetzliche gezogen, daß meiner kleinen Nachbarin angſt und bang wurde. Namentlich die Ge⸗ ſchichte des armen Mädchens, vor kurzem paſſirt, die, in einem der offenen Wagen ſitzend, ſich bis zum Tunnel mit einer Nachbarin recht freundlich unterhalten hatte, aber verſchwunden war, als der Convoi aus der jenſeitigen Oeffnung wieder hervorkam. Man ſchickte natürlich von der nächſten Station gleich wieder zurück und fand die Unglückliche in höchſt beklagenswerthem Zuſtande im Tunnel liegen. Obgleich ſie nichts geſtand, erklärte man ſich die Sache auf die natürlichſte Weiſe, daß ſte nämlich aus dem Wagen geſprungen ſei, um freiwillig ihrem Leben ein Ende zu machen. Meine kleine Nachbarin, die nicht gut begreifen konnte, wie ein Menſch ſeines Lebens ſo überdrüſſig ſein könne, rückte näher an mich heran und erkundigte ſich etwas ängſtlich, ob es denn nicht vielleicht möglich ſei, daß das Mädchen ſchwindelig geworden oder daß der ſehr ſtarke Luftzug etwas zu dem Unglück beigetragen. Sehr naive Fra⸗ gen, die ich im Angeſichte des unterirdiſchen Weges aus wohl erklär⸗ baren Gründen achſelzuckend beantwortete. Jetzt ſtieß die Locomotive einen gellenden Pfiff aus. Das Raſſeln und Klappern der Maſchine, die jetzt in den Eingang des Tunnels fuhr, war wirklich betäubend. Meine kleine Nachbarin fuhr aus Schrecken heftig zuſammen und gegen mich hin, ich fuhr aus Mitgefühl etwas Weniges gegen ſte hin, und ſo fuhren wir zuſammen durch den faſt eine halbe Stunde langen, gänzlich finſtern Tunnel. Eine wahre Höllenfahrt, das Dröhnen, Raſſeln, Klappern der Maſchine, das Knirſchen der eiſernen Räder gegen die Schienen, doppelt fürchterlich durch das Gewölbe, das uns rings einſchließt, hierzu der Lärm des Dampfes; der Weg, den wir durchfliegen, finſterer als die dunkelſte Nacht, nur zuweilen erhellt von den rechts und links umher fliegenden feurigen Kohlen, die Alles noch ſchrecklicher machen und hier und da in tauſend Funken zerſtieben, auf wenige Sekunden die erſtaunten und ängſtlichen Geſichter beleuchtend. Auch ohne Furcht athmet man jenſeits etwas leichter auf, beim Eintritt ins roſige Licht. Meine Nachbarin hatte, wie ſte mir geſtand, die Augen feſt ge⸗ ſchloſſen gehabt und alle Heiligen zum Schutz angerufen. Doch wollte ſte gefunden haben, daß der Luftzug nicht ſo ſtark ſei, als ſie ſich vorgeſtellt. Auch glaubte ſie nicht, daß er im Stande wäre, ein Mäd⸗ chen zu entführen. Ihren eleganten weißſeidenen Hut hatte er aber 3 dennoch ein wenig auf die Seite gerückt. Auch auf die beiden er⸗ wähnten Herren ſchien der Druck der Luft ſonderbar eingewirkt haben, denn ſie, die früher gegen uns gekehrt waren, hatten jetzt plötzlich eine ganze Schwenkung gemacht und zeigten uns ihre Kehrſeite. Unterdeſſen fuhren wir raſch vorwärts, erreichten Düren mit ſei⸗ nen vielen Dampfmaſchinen und mit ſeinem unausſtehlichen Glocken⸗ ſpiel, das alle Viertelſtunden, ſeit den zwanzig Jahren, die ich dieſe Stadt kenne, die Melodie des bekannten Liedes:„Heil dir im Sieger⸗ kranz“ ſpielt, ſahen bald darauf Stolberg mit ſeinen Kupferwerken und Galmeigruben, deren große flackernde Feuer ſich namentlich Abends ſehr gut ausnehmen, und kamen ſo in die Gegend von Aachen. Die Eiſenbahn hat hier einen ſehr ſchönen Wald durchſchnitten, der fruͤher in ſeinem dichten Laubwerk zwei maleriſch gelegene Burgen des alten Kaiſers Carl verbarg, zu welchen man nur auf vielfach gewundenem Wege hingelangen konnte. Es that mir leid um die ſchönen alten Ruinen. Ihre heimliche Lage iſt verſchwunden, der Damm der Bahn führt haushoch neben ihnen vorbei und ſtellt ſte neben ſich und der koloſſalen Brücke über das Wurmthal, das hier beginnt, den Blicken recht kalt und proſaiſch bloß. Jetzt ſind wir in Aachen, haben zur Rechten die alte Kaiſerſtadt mit dem Dome Carls des Großen, rings von freundlichen Bergen umgeben, unter denen der ſogenannte Lußberg hoch emporragt. Links liegt das kleine Burtſcheid mit ſeiner ſtattlichen Abtei und den ſteilen engen Straßen.— Arabien mein Heimathland!—— Der Zug hält hier eine halbe Stunde an, und alle Paſſagiere verlaſſen die Wagen, um ſich durch einige freie Bewegungen von dem heftigen Zuſammenrücken zu erholen. Meine kleine Nachbarin ſuchte ihren Mann auf, mit dem ſie gleich darauf zurückkam und uns gegen⸗ ſeitig vorſtellte. Eine unglückliche Rrtrocknete Geſtalt, der Herr Ge⸗ mahl, und ganz das Gegentheil ſeiner Begleiterin. Er hatte, ob⸗ gleich es nicht kalt war, drei Röcke über einander an, wenn ich nicht irre, eine ungeheure Halsbinde à 1'Anglaise bedeckte ihm Kinn und Mund, und unter dem Hute blickte eine ſchwarz ſeidene Mütze hervor, die er als Mittel gegen das Kopfweh trug. Die junge Dame, der ich von den Schönheiten der nun folgenden Bahn keine ſchlechten Schilderungen gemacht, ſah mit Sehnſucht nach Weſten, wo ſich der Schienenweg den Berg hinanzog, und machte einige leiſe ſchüchterne Verſuche, den Herrn Gemahl zum Weiterfahren zu bewegen. „Lieber Fritz,“ ſprach ſie, mit der vollen Kraft ihrer einſchmei⸗ chelnden Stimme,„wir wollten ja ohnehin nach Brüſſel. Wenn Ih⸗ nen nun das Fahren Erleichterung verſchafft, ſo wäre es am Ende beſſer, wir ſetzten heute unſere Fahrt bei dem guten Wetter fort.4 1 —ʒõ 42 Obgleich ich der jungen Frau, aber natürlich in dem gleichgültig⸗ ſten Tone half, ſo warf ich doch einige nicht ſchlechtklingende Phraſen dazwiſchen, und am Ende ſagte der Gemahl Ja und ging hinweg, um Karten bis Brüſſel zu holen. Als er zurückkam, verſprach er oben⸗ drein, er wolle einen Verſuch machen, hei uns auf dem offenen Wagen zu fahren, was von der hübſchen Wienerin mit großer Freude auf⸗ genommen wurde. Während dieſer Zeit gingen die gelehrten Herren um uns herum, wie brüllende Löwen, und wandten ihr Geſicht weg, wenn ſie in meine Nähe kamen. Auch ſah ich hier die ganze Heerde maulaufſper⸗ render Engländer wieder, die ſich in allen Ecken des Bahnhofes um⸗ herkrieben, an der Spitze Vater und Mutter, denen die Kinder alle Bewegungen, alle Ausrufe des Erſtaunens oder der Mißbilligung auf das Genaueſte nachmachten. Jetzt ertönte die Glocke wieder und Alles ſtrömte in die Wagen, um einen guten Platz zu bekommen, unter dem hier das Umgekehrte wie bei gewöhnlichen Fuhrwerken zu ver⸗ ſtehen iſt, indem die Rückſitze des Luftzugs wegen ſehr geſucht ſind. Hier beginnt mit einer ſehr ſtarken Steigung, von einer ſtehenden Maſchine gezogen, die Fahrt nach Verviers und Lüttich, die jeden Schritt Terrainhinderniſſe zu überwinden hat und deshalb vielleicht zu den merkwürdigſten Eiſenbahnen der ganzen Welt gehört. Ein galvaniſcher Telegraph gibt der zwei Stunden von Aachen auf der Höhe ſtehenden Maſchine ein Zeichen, daß Alles bereit ſei, worauf ſie ſich in Bewegung ſetzt. Im Vergleich zu der ſehr ſtarken Steigung geht es raſch genug hinauf. Oben wartet die Locomotive, die von hier bis Herbesthal ihre ganze Kraft gebrauchen muß, da die Bahn beſtändig im Verhältniß von 1 bis 120 anſteigt. Es iſt nicht meine Abſicht, alle Einzelnheiten der ſchönen rheiniſch⸗ belgiſchen Bahn genau und ausführlich, wie es ſchon oft geſchah, zu beſchreiben. Nur freut es mich, daß ſelbſt mein kranker Wiener ver⸗ ſicherte, es gereue ihn nicht, die Tour zu machen, und daß ſeine lie⸗ benswürdige Frau ganz außer ſich war. Bald ſtand ſte auf, um ſo die Sache beſſer überſehen zu können, bald wandte ſie ſich um, und lachte, wenn der Kohlenſtaub der Maſchine ſie augenblicklich nöthigte, die Augen zu ſchließen. Gleich auf der Höhe hinter Aachen windet ſich die Bahn durch tiefen Sand fort, und man verläßt nur die unterirdiſchen Wege, um auf hohen Brücken über tiefe Thäler zu fliegen. Dabei iſt die Gegend ſehr ſchön— ein dichter Wald, der ſogenannte aachener Buſch, mit kleinen, aber ſehr tiefen Thälern, aus denen hier und da freundliche Häuſer hervorblicken— vorbei, vorbei! Kaum ſieht man einen bemer⸗ kenswerthen Punct vor ſich, ſo hat man ihn erreicht und läßt ihn 43 gleich darauf weit hinter ſich. Jetzt pfeift die Maſchine aufs Neue, und wenn man aus dem Wagen ſpäht, um das Stationshaus oder einen Tunnel zu erblicken, dem das Signal gelten könnte, wird man überraſcht, ich möchte ſagen, erſchreckt, da man bemerkt, wie der Zug auf ein ſehr breites und tiefen Thal losraſt, und man keine Idee hat, wie da hinüber zu kommen. Jetzt biegt ſich die Bahn etwas, und man ſieht durch das Thal lang hingeſtreckt ein wahrhaft rieſenhaftiges Werk, eine ungeheure Brücke, die von einer Höhe zur andern führt. Die Bogen ſind doppelt über einander geſetzt, und die Höhe der mitt⸗ leren beträgt an 220 Fuß. Dies Werk iſt, was elegante Bauart an⸗ betrifft, nur mit den ſchönſten der altrömiſchen Waſſerleitungen zu vergleichen, vielleicht mit der des prachtliebenden Juſtinian bei Konſtan⸗ tinopel. Es iſt die bekannte und berühmte Brücke über das Geulthal. Bei Herbesthal an der preußiſch⸗belgiſchen Gränze, durch eine große eiſerne Brücke repräſentirt, welche diesſeits den preußiſchen Adler, jenſeits den belgiſchen Löwen führen wird, mußten wir eine Zeit lang warten, theils der Mauth halber, theils um einen Eiſen⸗Convoi zu erwarten, der von Lüttich hier angezeigt war. Bald darauf ſetzten wir uns wieder in Bewegung, begleitet und beaufſichtigt von einer Menge belgiſcher Zollbeamten, die hoch auf den Wagen thronten, um zu überwachen, daß nicht ein vorwitziger Paſſa⸗ gier unviſitirt den Zug verließe. Obgleich an dieſen Gränzen alles Mögliche gethan iſt, um den Verkehr zu erleichtern, und das Viſitiren ſelbſt ohne ſonderliche Strenge vor ſich geht, ſo hat man ſich doch z. B. ſehr in Acht zu nehmen, daß man nicht ein kleines Päckchen, einen Nachtſack oder dergleichen bei ſich im Wagen hält, indem man es den Blicken der nachſuchenden Officianten zu entziehen weiß. Ein ſolches würde nämlich in Verviers fortgenommen und ohne Gnade plombirt nach Aachen zurückgeſchickt werden. Meine Nachbarin führte eine kleine zierlich gearbeitete Reiſetaſche bei ſich, in welcher ſie allerlei überflüſſige Gegenſtände hatte, die ihr aber ſehr nothwendig erſchienen, als Flacons, einige Bücher, verſckiedene Schachteln mit Magenpaſtillen u. dgl. m. Doch war ihre Furcht und Gewiſſenhaftigkeit ſo groß, daß ſie dem Mauthoffizianten die ganze Geſchichte einhändigen wollte, der ſie aber lachend zurückwies. Ueberhaupt kann ich nicht umhin, ſo⸗ wohl den preußiſchen als den belgiſchen Douanen das Zeugniß zu geben, daß ſie ſich bei ihrem delicaten Geſchäft mit äußerſter Scho⸗ nung und Artigkeit benehmen. Von Dolhain, das neben dem hohen Damme der Bahn tief im Grunde liegt, und wieder hoch von der Veſte Limburg überragt wird, fällt die Bahn noch ſtärker, als ſte von Aachen nach Herbesthal ſtieg. Die Locomotive arbeitet hier gar nicht, ſondern der Zug läuft von 44 ſelbſt hinab, ſorgfältig überwacht von den Maſchiniſten und Condur⸗ teuren, von denen ſich jeder bei ſeinem Poſten an Bremſe und Hemm⸗ maſchine befindet. Auch iſt dieſe Vorſicht hier nicht unnöthig. Der Weg geht an einem felſigen Thalgeländer vorbei, und da oft große Steinmaſſen es gänzlich unmöglich gemacht haben, die Bahn gerade aus zu führen, ſo bildet ſte zuweilen ſtarke Krümmungen. Bei ab⸗ ſchüſſigen Stellen und ſtarken Biegungen hat man die inwendige Schiene einige Zoll tiefer gelegt, wodurch die Wagen etwas ſchief zu ſtehen kommen. Obendrein hat man auch noch zwiſchen den Geleiſen eine dritte höhere Schiene angelegt, und durch dieſe Vorſichtsmaßregel iſt an ſolchen gefährlichen Stellen das Ausſpringen des Zuges gänzlich unmöglich gemacht.— Bald ſahen wir Verviers vor uns; eine ſehr gewerbfleißige Stadt, liegt ſie in einem ſchönen Thale, zwiſchen großen Gärten und Park⸗ anlagen der reichen Fabrikherren verſteckt. Der Schienenweg läuft längs einem ziemlich lebhaften Theile Verviers vorbei, um auf die andere Seite zu dem Bahnhofe zu gelangen. Sie ſchneidet hier die ſchönſten Gartenanlagen zuweilen mitten entzwei, und die reichen Eigen⸗ thümer haben ihr Beſitzthum durch koloſſale Brücken, die ſie über die Bahn hinwegführten, nothdürftig wieder zuſammengeflickt. Hier in Verviers wird alles Paſſagiergut, das am Platze bleibt oder weiter ins Belgiſche geht, viſttirt, zu welchem Ende das ganze Gepäck in einen großen Saal geſchleppt wird, wo man es auf Tiſche legt, die dort im Quadrat aufgeſtellt ſind. Ich hätte mir dieſe Ceremonie noch gefallen laſſen, wenn man einzeln oder wagenweiſe dort hineingeführt worden wäre, aber wir mußten alle auf einmal in den Saal, wurden mit den freundlichſten Mienen und lieblichſten Worten angelockt, und kaum war man darin, ſo war man gefangen und wurde nicht wieder hinaus⸗ gelaſſen. Da unſer Convoi ſehr ſtark war, ſo herrſchte in dem Saale ein wahrhaft betäubendes Gewühl und Spectakel. Da wurde gedrängt, geſtoßen, gerufen, geweint, geflucht, gebeten, gelacht, Alles in mehren Sprachen, doch war deutſch und franzöſiſch vorherrſchend. Eine un⸗ glückliche, ſehr dicke und ältliche Dame arbeitete ſich wie raſend durch das Gedränge und ſuchte nach einer Haubenſchachtel, die ihr abhanden gekommen. Wo ſie ein Gepäckſtück erblickte, das mit dem verlorenen irgend eine Aehnlichkeit hatte, ſturzte ſte furienartig darauf hin, und es begann dann nicht ſelten ein Kampf auf Leben und Tod. So mit der maulaufſperrenden engliſchen Familie. Die beiden jüngſten Spröß⸗ linge derſelben waren vom Papa in eine Ecke poſtirt worden, wo ihr ganzes Gepäck beiſammen lag. Unglücklicher Weiſe hatte ſich die Hau⸗ benſchachtel der dicken Dame hinter zwei rieſtgen Koffern der engliſchen 45 Familie verkrochen. Aber was bleibt dem ängſtlich ſuchenden Blick einer Mutter verborgen? Bald hatte ſte ihren verlorenen Liebling ent⸗ deckt, und die beiden jungen Engländer bei Seite ſchiebend, wollte ſte ſich ihrer Schachtel bemächtigen. Doch Albions Jugend wich nicht vom Platze, und der Aeltere behauptete: dies Stück gehöre ſeinem Papa. Unglückliche alte Dame! Vergebens war ihr Bemühen, zu der Schachtel zu dringen; die beiden rieſigen Koffer dienten den Inſulanern als Boll⸗ werk, und ſie gaben die Schachtel nicht heraus, denn ſie behaupteten, es ſei ein Stiefelkoffer der Mama. Anfänglich erſtarrte die dicke Dame bei dieſer frevelhaften Aeußerung, und die Arme ſanken ihr matt herab. Dann aber machte ſte mit verdoppelter Wuth einen neuen Angriff, wälzte ſich über einen der Koffer hin, riß mit unglaublicher Geſchwin⸗ digkeit von der Schachtel den Deckel ab und zog eine ungeheure Haube hervor mit handbreiten Kanten und feuerrothem Bande, und darauf begann ſie dies Beweisſtück den jungen Engländern ſo kräftig wie mög⸗ lich um die Köpfe zu ſchlagen. Dieſe ließen überraſcht ihre Unterlippen noch weiter herabhangen als ſonſt, und die dicke Frau entfernte ſich triumphirend mit ihrem wieder eroberten Schatz. Man muß aber ja nicht glauben, daß dieſe Scene große Aufmerkſamkeit erregt hätte. Es wurden deren an allen Ecken des Saales mehr oder minder ſtarke ge⸗ ſpielt.„Nehmen Sie Sich nur in Acht,“ ſchrie eine Stimme,„Sie werfen mir ja Ihren Koffer auf meinen Nachtſack!“—„Hören Sie, mein Herr,“ ſchrie eine andere,„ich finde es durchaus nicht gentil, ſich ſo vorzudrängen.“—„Herr Controleur, ich bitte Sie, einen Augen⸗ blick.“—„Mir fehlt mein Nachtſack!“ jammerte ein Anderer dazwi⸗ ſchen.—„O, er wird ſich finden!“—„Ich verſichere Sie, nein, er fehlt, er iſt grün, roth und weiß, mit einem meſſingenen Schloß. Ich kenne ihn unker Tauſenden heraus.“ So ging es in dem Saale fort. Das war ein entſetzliches Durcheinander von Effecten, Menſchen und Stimmen. Dazwiſchen zaſſelten die Schlüſſel und dröhnten die ſchweren Koffer, wenn ſie mit voller Kraft zugeſchlagen wurden. Damen öffneten ihre Riechfläſchchen, und auf allen Geſichtern malte ſich eine gewiſſe Angſt; kam es von der ſtürmiſchen Menſchenmenge her, oder eerblaßte manch hübſches Geſicht, wenn es ſah, mit welcher Fertigkeit die Beamten ein verborgenes Fach im Koffer aufzuſinden wußten? 1 Ich ſtand in einer Ecke an der Thür und beſchützte meine kleine Wienerin aus allen Kräften gegen die ſtoßende und herandrängende Volksmenge. Ich deckte ſie ſo viel wie möglich mit meinem Körper und brauchte meine Ellbogen auf das Kräftigſte, um einiger Maßen Platz zu machen. Doch vergebens. Unſer Platz an der Thür war einer von den ſchlechteſten. Der Herr Gemahl hatte ſich entfernt, um nach ſeinen Koffern zu ſeben, und wenn wir auch vor wenigen Augen⸗ 46 blicken ſeine ſchwarzſeidene Mütze hier und da auftauchen ſahen, ſo war er doch jetzt im Gedränge verſchwunden, und ich konnte ihn nir⸗ gends mehr entdecken. Seine großen Koffer ſtanden noch unangerührt auf dem Tiſche, und einer der Beamten klopfte zuweilen laut mit der Hand daran, um den Eigenthümer herbei zu locken, da nicht viel Zeit mehr übrig war. Meine Begleiterin ſuchte in ſteigender Angſt mit den Augen ihren Gefährten und wurde blaß und immer bläſſer. Sie hielt ſich krampfhaft an meinen Arm und zitterte heftig. Auch mir war es unbegreiflich, wo ihr Mann mochte hingerathen ſein. Plötzlich ſchaue ich durch die Glasthür neben mir und ſehe ihn von den Wagen kommen, ein kleines Packet in der Hand, das er wahrſcheinlich vergeſſen hatte. Das Gedränge um uns wurde immer heftiger. Alles ſtrömte vorbei, um den andern Ausgang zu gewinnen. Trotz dem, daß ich meine Nachbarin ſo gut wie möglich beſchützte, konnte ich doch nicht verhindern, daß ein ſchwerer Koffer, der bei uns vorbeigeſchleppt wurde, ſie etwas unſanft berührte. Sie zuckte zuſammen, ſchloß die Augen und fiel ohnmächtig in meinen Arm. Da befand ich mich denn in einer ganz verfluchten Stellung. Draußen der Gemahl an der Glasthür, den die Beamten als ihrem Reglement zuwider dort nicht hereinlaſſen wollten.„Oeffnen Sie doch!“ ſchrie der unglückliche Mann, und dabei blickte er mich an, als er ſah, daß ſeine Frau mit geſchloſ⸗ ſenen Augen in meinem Arme lag.„Oeffnen Sie doch!“ Was ſollte ich um Gotteswillen anfangen? der Beamte, der innerhalb ſtand, und der, wenn von der Thür die Rede geweſen wäre, doch wohl ſelbſt am beſten hätte öffnen können, wandte ſich beim Anblick meiner ohnmäch⸗ tigen Gefährtin zu mir hin, indem er mir ſagte:„Ja, mein Herr, öffnen Sie, es iſt beſſer!“ Und mir flammte in dieſem Augenblick ein ungeheures Licht auf. Doch wie ſollte ich Aermſter öffnen, da ich genug zu thun hatte, um die unglückliche Wienerin feſtzuhalten! Alles ſtrömte unerbittlich bei mir vorbei. Da gewahrte ich zum Glück jene dicke Dame, deren pfiffig lächelndes, frelldeſtrahlendes Geſicht verkün⸗ dete, han⸗ ſie irgend eine unbedeutende Kleinigkeit glücklich eingeſchmug⸗ elt habe. 4 4„Madame,“ rief ich ihr zu, indem ich ſie beim Koſtbarſten, was ſte beſaß, bei ihrer Haubenſchachtel, feſthielt,„ſtehen Sie mir einen Augenblick bei.“ „Oeffnen Sie,“ ſchrie der Gemahl draußen.—„Oeffnen Sie,“ ſagte der Beamte.— Und ich ſetzte mit halb abgewandtem Geſicht hinzu;„Ja, Madame, öffnen Sie. u Eine zierlich gearbeitete Broche war von der kunſtfertigen Hand der alten mitleidigen Dame alsbald beſeitigt; im ſelben Augenblick ver⸗ ſchwand der Gemahl an der verſchloſſenen Glasthür, um auf der andern 47 Seite den Eingang zu gewinnen. Meine arme kleine Ohnmächtige athmete tief auf und wollte noch immer nicht die Augen öffnen, ob⸗ gleich an ihrem ſchwarzſeidenen Oberrock ſchon drei Schleifen geöffnet waren. Dem Himmel Dank, daß in dieſem Augenblick der beſtürzte Wiener herbeikam und ich ihm ſeine Frau überliefern konnte, bevor die unermüdlich dicke Dame in ihrem Enthüllungs⸗Geſchäft weiter fortſchritt. Ich wollte die Götter nicht ferner verſuchen, und eilte zu meinem Koffer, denn es war in jeder Hinſicht die höchſte Zeit. Als guter Staatsbürger führte ich natürlich nichts Mauthbares bei mir, und wurde in wenig Augenblicken erlöſſ'tt. Man machte auf meinen Koffer, wie auf alle übrigen, einen Kreideſtrich, und ſo bezeich⸗ net, durfte ich mit meinen Sachen die Ausgangsthür paſſtren. Bald ſaßen wir wieder im offenen Wagen beiſammen, der Wiener nämlich, die Wienerin und ich. Die beiden gelehrten Herren dagegen hatten einen andern Waggon beſtiegen: ſie flohen meine Nähe! England war in einem Charabanc, und auch die dicke freundliche Dame befand ſich in demſelben Waggon, nur in einer andern Ecke. Hier in Verviers fing man ſchon an, Zeitungen und Broſchüren öffentlich auszubieten, wie es in Belgien und Frankreich in den Theatern Mode iſt. Auch lief ein Menſch in einer weißen Blouſe den Zug auf und ab, ſeine Beinkleider hatte er auf das Solideſte unten mit Leder beſetzt. Er redete jeden Wagen ungefähr an, wie folgt:„Meine Herren und Damen, viele von Ihnen werden Paris ſehen wollen, die Hauptſtadt Frankreichs und Europa's, den Mittelpunct der ganzen Welt! Ich erlaube mir, Ihnen eine Karte zu überreichen, eine Karte der uneigennützigſten und ſolideſten Geſellſchaft, die je von Brüſſel nach Paris gefahren. Neh⸗ men Sie, meine Herren, nehmen Sie! Mittags und Abends! In zwei und zwanzig Stunden! eher früher als ſpäter, die beſten und be⸗ quemſten Wagen.“ Auf dieſe Art ſchrie der Kerl in Einem fort, während er bald rechts, balh unge bei uns vorbei lief. Obgleich ich im Ganzen dergleichen Anpreifungen haſſe, und mich wie bei Privat⸗ Lotterien und allen dergleichen Geſchichten nicht gern darauf einlaſſe, ſo kam ich doch hier zu einer Karte und wußte nicht, wie. Ich hatte wohl, aber 68 entfernt, daran gedacht, Paris zu ſehen, und wandte mich bei dem Anruf des Menſchen etwas herum. In demſelben Augen⸗ blick ſchob er mir auch ſchon eine Karte zwiſchen die Finger und ver⸗ ſicherte mir nochmals, es ſei die beſte Geſellſchaft. Jetzt zog die Loco⸗ motive langſam an, und ich hörte durch das Geräuſch des Dampfes mnur einzelne Sätze, die er ſtärker betonte.„Ganz bequeme Wagen — in zwei und zwanzig Stunden präcis!“ Ich ſteckte die Karte zu mir und konnte nicht begreifen, wie ein Menſch ſich zu einem ſolchen Commiſſions⸗Geſchäfte hergab, das doch gewiß nichts einbrachte. 4 48 War ſchon von Aachen nach Verviers die Gegend reizend und intereſſant gveſen, ſo konnte man in der That nichts Anmuthigeres ſehen, als die Thäler, durch welche wir nun dahin flogen. Die Bahn, welche ſich ſo recht eigenſinnig auf dem geradeſten Wege über Thal und Berg einen Durchgang erzwang, deckte ſo viele heimliche Schön⸗ heiten auf, die ſich bis dahin fern von der ſtaubigen Landſtraße ver⸗ borgen hatten. Bald kamen kleine freundliche Dörfer, deren Häuſer um ein ungeheures Fabrikgebäude mit rauchendem Schornſtein gruppirt waren, gerade wie ſich in alter Zeit die Landbewohner um Thurm und Warte eines alten Ritterſchloſſes ſchaarten, nur in anderm Sinne: hier ſuchten ſte Schutz, dort fanden ſte Nahrung. Nach der Scene im Mauthhauſe hatte ich mit meiner Nachbarin noch kein Wort gewechſelt. Der Herr Gemahl ſchaute etwas verdrießlich drein und behauptete, ſein Kopfweh plage ihn mehr als voxhin. Die Dame ſchaute zum Wagen hinaus und hatte mir noch keinen einzigen Blick geſchenkt. Ich wußte aber auch wahrhaftig nicht, wie ich das Geſpraͤch wieder beginnen ſollte— von der Gegend und dem Wetter, das war zu geſucht, ich wollte unbefangen erſcheinen. Die Wienerin hatte ihren Shawl etwas zurückgeworfen und ich konnte kein Auge von der verfluchten dritten Schleife verwenden. Ueberhaupt war mir das ganze Schleifenſyſtem etwas Neues, doch hielt ich in Gedanken der ganzen Mode der Ueberröcke eine kleine Lobrede, malte mir die hohe Nützlichkeit und Brauchbarkeit dieſes Kleidungsſtückes ſo lebhaft aus, daß meine Phantaſte nun plötzlich Worte bekam und ich, vielleicht ein wenig unpaſſend, meiner hübſchen Nachbarin verſicherte, gegen ein ge⸗ wöhnliches Kleid, habe ein Ueberrock für mich etwas ungemein Rei⸗ zendes, ja, Poetiſches. Sie wandte den Kopf herum und ſah mich mit einem ſeltſamen Blicke an. Anfänglich war dieſer Blick etwas ernſt, doch ſpielte er ins Freundliche, und plötzlich brach ſie in ein lautes Lachen aus, wobei ſie auf eine Schaar junger Fohlen zeigte, die neben der Bahn auf einer Wieſe ihre poſſierlichen Sprünge machten. Wenn ich nur hätte heraus bringen können, wem das Gelächter ge⸗ golten, den Fohlen oder der dritten Schleife! Doch war ich ſchon zufrieden, daß ihre ernſte Laune gewichen war und ſte mit mir über die luſtigſten Dinge lachte und ſprach. Obgleich mir ier der Con⸗ ducteure verſicherte, die Wagenzüge von Verviers nach Lüttich würden, der vielen Brücken, Tunnels, Krümmungen wegen, nur ſehr langſam geführt, ſo konnte ich doch das gar nicht finden, ſondern wir waren im Umſehen in letzterer Stadt. Das Aus⸗ und Einpacken der Paſſa⸗ giere dauert hier eine kleine halbe Stunde; dann geht der Convoi, von einer ſtehenden Maſchine gezogen, ziemlich ſteil den Berg hinauf, nach Ans, wo die ſchöne maleriſche Gegend aufhört und man auf einer 49 4 ungeheuren Ebene dahin fliegt. Wenn auch alles Land rechts und links aufs Herrlichſte angebaut iſt und einem üppigen Garten gleicht, ſo ermüden doch die unabſehbaren Flächen das Auge, und man kann in Verſuchung kommen, die ungeheure Schnelligkeit, mit welcher der Zug dahin fährt, noch langſam zu finden. Wir verließen die Waggons, und mein guter Wiener mit ſeiner ſchönen Frau nahm ſeinen Platz in⸗ der Diligence wieder ein. Da ich den meinigen in einem Charabanc genommen, ſo hätte ich ſte verlaſſen müſſen, doch waren dieſe zweiten Plätze ſo entſetzlich überfüllt, daß ich blos aus dem Grunde mein Billet zur erſten Wagenclaſſe umtauſchte. Und ſo ſaßen wir wieder beiſam⸗ men im traulichen Verein. Auch die dicke Dame hatte ſich zu uns gefunden.— Doch die gelehrten Herren ſah man niemals wieder! So kamen wir nach Tirlemont, woſelbſt noch als ſchwache Erinnerung an die Berge ein kleiner Tunnel zu paſſiren iſt, erreichten bald Löwen, dann Mecheln, das Eiſenbahnherz Belgiens, wo alle Linien ihren Zu⸗ ſammenfluß haben und Alles aus⸗ und einſtrömt. Hier dauert das Ein⸗ und Ausſteigen eine ziemliche Zeit. Von hier aus werden Wagen gewechſelt, und man muß ſich genau in Acht nehmen, daß man auf den richtigen Zug gelungt, denn es gehen zu⸗ weilen zu gleicher Zeit hier Züge nach Aachen, Antwerpen, Brüſſel und Oſtende ab. In der letzten Zeit hatten wir in unſerer Diligence große Berathungen über die Wahl des Gaſthofes angeſtellt, den wir in Brüſſel gemeinſchaftlich beziehen wollten. Die kleine Frau meinte: Wir ſind unſer drei, wir können Morgens ausgehen, um zu⸗ ſammen zu frühſtücken, können ohne zu große Koſten einen eigenen Wagen nehmen, kurz, leben ganz en ſamille. Der alte Herr, der mich liebgewonnen zu haben ſchien, indem er mich für einen ſehr prac⸗ tiſchen Menſchen hielt, da ich nämlich zufällig in Tirlemont die Flucht ſeines Nachtſackes verhütet, willigte ebenfalls in dieſes Zuſammenleben, und ich ſträubte mich wahrhaftig nicht dagegen. In Mecheln ſtiegen die Beiden einen Augenblick aus, und ich unterließ nicht, ihnen nochmals die größte Vorſicht anzuempfehlen, da⸗ mit ſie den richtigen Wagenzug nicht verfehlten. Indeſſen nahm das Getümmel dem Bahnhofe zu, es war hier eine wahre Ueberſchwem⸗ mung von uſſagieren, Koffern und Mantelſäcken, Alles drängte und wogte durcheinander. Die Locomotiven fuhren ziſchend auf und ab, es begann die große Glocke zu läuten, und Alles eilte ſeinen Plätzen zu.„Nach Brüſſel!“ ſchrie der Conducteur, der auf unſerm Wagen⸗ ſchlage ſtand; ich wiederholte eben ſo laut: nach Brüſſel, und ſpähte dabei ängſtlich um mich her, ohne von den Beiden auch nur das Ge⸗ ringſte zu entdecken. Der Menſchenknäul auf dem Bahnhofe war aber auch gar zu groß, und die lebendige Strömung aus den Warteſälen Hackländer, Erz. 4 4 ——————ÿä r 50 4³* wollte gar nicht aufhören. Jetzt blaſen die Conducteure des antwer⸗ pener Zugs, der zuerſt fortging, und die Locomotive fährt dicht bei unſern Wagen vorüber. Hinter der Locomotive kommt der Tender, dann einige Packwagen, und die Geſchwindigkeit des Fahrens nimmt zu. Nun folgen einige offene Wagen, jetzt die Diligence, und in einer derſelben ſehe ich zu meinem größten Schrecken meine hübſche Wie⸗ nerin mit ihrem Gemahl ſitzen, die luſtig nach Antwerpen ſteuerten. Ich lehne mich zum Wagenſchlage hinaus und ſchreie ſo laut wie mög⸗ lich:„Aber um Gottes willen! wo wollen Sie hin?“—„Nach Brüſſelz“ antwortete die Dame und ſetzte mit einem ſonderbaren Blick hinzu: „Warum haben Sie Ihre Reiſeroute geändert?“— Heilige Gerechtig⸗ keit, das war zu hart beſtraft! Ich ſtürze an den Wagenſchlag, wel⸗ chen der Conducteux eben abgeſchloſſen.„Wohin, mein Herr?“ ruft mir dieſer zu, als ich verſuchte, das Schloß zu öffnen.—„Nach Brüſſel,“ ſchreie ich ihm entgegen.—„Sie ſind auf dem rechten Zuge.“—„Nein, nein,“ entgegnete ich,„ich muß nach Antwerpen.“ —„Ja ſo,“ antwortete er mir eben ſo gleichgültig,„das iſt zu ſpät. Der Convoi hat ſchon den Bahnhof verlaſſen.“ Sehr verſtimmt werfe ich mich in die Ecke der Diligence, konnte aber nach einigen Augen⸗ blicken ruhigen Nachdenkens nicht umhin, über dieſe höchſt unange⸗ nehme Verwechſelung zu lachen, indem ich bei mir überlegte, welch merkwürdigen Einfluß die Eiſenbahnen auf unſere ſocialen Verhältniſſe ausübten. Ungefähr um drei Uhr Nachmittags langte ich, ſtatt in ange⸗ nehmer Geſellſchaft, allein und ziemlich ärgerlich in Brüſſel an. Ich ging ins„Hotel de Flandre,“ und befand mich in der Laune, in der man ein ſchlechtes Zimmer doppelt empfindet, und dies ward mir in dem ſonſt ausgezeichneten Gaſthofe, der großen Menge Fremden wegen, zu Theil. Ich kannte Brüſſel ſchon von früher her, hatte ſeine Merk⸗ würdigkeiten alle geſehen, und würde mich nur in der angenehmen Geſellſchaft von heute Morgen ein paar Tage gut amüſirt haben. Dadurch, daß die Hauptſtraße dieſer Stadt, die rue de la Madeleine, vom Place royal ſteil den Berg hinab geht, wird das behagliche Fla⸗ niren, ſonſt in fremden Städten eine meiner liebſten Beſchäftigungen, hier zu einer wahren Arbeit. Als ich meine Brieftaſche auf den Tiſch legte, fiel mir die Karte in die Hände, die mir in Verviers der Com⸗ miſſionär gegeben, und mir kam plötzlich der Gedanke:„Wie, wenn du die ſechs Tage, die du für Brüſſel, Antwerpen, Oſtende ꝛc. be⸗ ſtimmt, dazu anwenden würdeſt, einen Begriff von der Häuſermaſſe zu bekommen, die man Paris nennt?“ Mehr konnte ich natürlich in der Zeit doch nicht profitiren, ich zündete mir eine Cigarre an, und ſchritt die Straße hinab, indem ich die auf meiner Karte angegebene — 4 „ Hausnummer ar Endlich finde ich das Haus das von oben bis unten mit großen Placaten bedeckt iſt, auf denen man mit ellenlangen Buchſtaben leſen kann:„Paris, midi et soir.“ Ich verglich noch⸗ mals meine Karte mit der Firma, die über der Thür angebracht war, und als ich nun vor dem Büreau ſtand und nach den Abfahrtsſtunden der Wagen nach Paris forſchte, fiel mir plötzlich ein, wie ſehr ich heute Mittag Unrecht gehabt, die Thätigkeit des Commiſſionärs in Verviers für eine nutzloſe anzuſehen, denn hatte ich mich doch ſelbſt durch ihn beſtimmen laſſen, gerade dieſe und keine andere Anſtalt auf⸗ zuſuchen. Der Beamte war ſehr artig, und nachdem er mir eben⸗ falls verſichert, ſeine Geſellſchaft habe die bequemſten Wagen, ſetzte er mir auseinander, daß man hier in Brüſſel den Platz bis nach Paris bezahle. Die Geſellſchaft laſſe alsdann die Paſſagiere eine halbe Stunde vor der Abfahrt in ihren betreffenden Hotels abholen und nach der Eiſenbahn führen. Dieſe Abfahrtsſtunde ſei Mittags ein Uhr; man führe mit der Eiſenbahn bis Quievrain, wo alsdann die Meſſagerie bereit ſtände, um die Paſſagiere nach Paris zu befördern. Die ganze Fahrt dauerte nicht über zweiundzwanzig Stunden. Nachdem er mir dies Alles auseinander geſetzt, ſah er wegen eines Platzes für Morgen in ſeinen Liſten nach, und es fand ſich, daß nur noch ein einziger, und dieſer gerade in der Rotunde, frei war. Für den, der die Einrichtung der franzöſiſchen Eilwagen nicht kennt, bemerke ich, daß ein ſolcher viererlei Plätze hat, deren Preiſe ſehr verſchieden ſind. Um mit der Höhe anzufangen, iſt oben auf dem Wagen das Banquet, auch Imperiale oder Cabriolet genannt, doch iſt die erſte Benennung die allgemeine, dann kommt das Coupé, der beſte und theuerſte Platz, nach demſelben der Interieur, der eigentliche Wagenkörper, und an dieſem hängt hinten die Rotunde, zu acht Per⸗ ſonen eingekichtet, eigentlich nur zu ſechs, doch ſtopft man eher mehr wie acht, als weniger hinein. Von dem Fahren in dieſer Rotunde nun hatte mir einer meinen Freunde, der freilich mit außerordentlich langen Gliedmaßen begabt, und deſſen Laune überhaupt leicht zu trü⸗ ben iſt, eine wahrhaft jammervolle Schilderung gemacht, wie er, zwi⸗ ſchen zwei dicken Damen eingeklemmt, von dieſen wie von zwei Mühl⸗ ſteinen in der Nacht faſt gemahlen wurde, während ihm gegenüber ein ſechs und ein halb Schuh langer Nationalgardiſt ſaß, deſſen Beine mit den ſeinigen nicht gut harmonirten. Wenn ich überhaupt nach Paris fahren wollte, ſo mußte es, um nicht einen Tag zu verlieren, S morden geſchehen. Doch wie geſagt, vor der Rotunde hatte ich einen unüberwindlichen Abſcheu, weshalb ich dem Beamten mein Bedauern ausdrückte, dieſen Platz nicht annehmen zu können, und mich an eine andere Geſellſchaft in derſelben Straße wandte. Es war die wohl⸗ 4 52 bekannte und berühmte der Herren Lafitte, Gaillard und Comp. Hier war auch ſchon Alles ziemlich beſetzt, doch fanden ſich noch Plätze auf dem Banquet und glücklicher Weiſe un coin, d. h. Eckplatz, worauf man namentlich in dem Banquet zu ſehen hat. Man zeigte mir dort in einem Reſervewagen dieſen coin auf dem Banquet, den ich einneh⸗ men könnte, und obgleich ſich der Sitz ſehr in der Höhe befand, ſo ſchien es mir doch da oben, was friſche Luft und Ausſicht anbelangt, nicht übel zu ſein. Auch dachte ich: wenn der Wagen umſchlägt, was zuweilen vorkommt, ſo haſt du Numero eins und kommſt nicht unter die Räder. Ferner wußte mir der Beamte ſo viel Gutes und Ange⸗ nehmes von dem Banquet vorzuſchwatzen, ſogar von der Liebenswür⸗ digkeit des Conducteurs, der morgen zufällig fahre, daß ich mich kurz entſchloß, meine 45 Francs bezahlte und eine Karte erhielt Numero 1 auf dem Banquet. So war ich denn unwiderruflich für Paris be⸗ ſtimmt und zog meines Weges. Abends wurden im königlichen Theater „Die Krondiamanten“ von Auber gegeben, eine mir bekannte Oper, weshalb ich es vorzog, das kleine neugebaute Théàtre de nouveautés zu beſuchen. Hier wurde ein neues Vaudeville gegeben:„Paris voleur,“ und obendrein hieß es auf dem Zettel: die Maſchinerie würde durch Dampf getrieben. Dies war nun allerdings ein kleiner Puff, denn obgleich ſich wirklich zu dieſem Zweck eine Dampfmaſchine hier befand, hatte man noch keine Conceſſion erhalten, um ſie in Wirkſamkeit treten zu laſſen, weshalb heute noch Alles auf dem natürlichen Wege vor ſich ging. Ueberhaupt kann ich die Nützlichkeit und Brauchbarkeit einer Dampfmaſchine, um die Decorationen zu bewegen, nicht einſehen, und wenn auch vielleicht ein Erſparniß an Menſchenkräften bewirkt wird, ſo erfordert doch die Maſchine ihren Mäſchiniſten, ihren Heizer ac., und muß vielleicht Nachmittags um 3, 4 Uhr ſchon geheizt wer⸗ den, um für jeden Act einmal die Decoration zu wechſeln; denn ich kenne keines von den neuen franzöſiſchen Stücken, weder Oper, Vau⸗ ville, noch Trauer⸗ und Luſtſpiel, wo die Decoration nicht den ganzen Act ſtehen bliebe. Was aber die Ausſchmückung und Einrichtung dieſes neuen Theaters betrifft, ſo fand ich ſie äußerſt zweckmäßig, zierlich und elegant. Das Haus iſt klein und hat nur vier Logenreihen; ſtatt eines ſchweren Kronleuchters, der die obere Gallerie theilweiſe am Sehen verhindert, befinden ſich an den Logenbrüſtungen des erſten und zweiten Ranges große Gasflammen, mit matt geſchliffenen Gläſern bedeckt, die ein helles und ſchönes Licht geben. Die Decke, welche gewölbt iſt, be⸗ ſteht theilweiſe aus gemaltem Glas, hinter dem ebenfalls Gasflammen brennen, welche auf dieſe Art ein gedämpftes, wohlthuendes Licht verbreiten. Von dem Stücke ſelbſt kann ich nicht umhin zu ſagen, daß es 9 — nda ich ihm ſagte, Sie würden heute nach Paris abreiſen, ſo bedauerte ceecht iſt, können wir wenigſtens heute Morgen einmal zuſammen früh⸗ ſtücken— en famille.“ fiimmte meinen Koffer zum Dableiben, indem ich nur einen Nachtſack 53 äußerſt ſchlecht war, und wurde es, wie viele dergleichen Neuigkeiten, nur durch ein oder zwei beliebte Künſtler gehalten, ſo wie durch einige Couplets, weil ſie voll Bezüglichkeiten waren. Am nächſten Morgen, es mochte ungefähr ſechs Uhr ſein, kam der Kellner und ſprach mir von einem ältlichen Herrn, der geſtern Abend ſpät von Antwerpen— gekommen ſei und ſich nach mir erkundigt habe. Ueberraſcht fuhr ich aus dem Bett empor, und meine erſte Frage war, ob der Herr allein gekommen ſei.„Ja wohl,“ entgegnete der Kellner,„ſogar ohne Ge⸗ päck.“ Ich warf mich verdrießlich wieder hin.„Und will er was von mir?“ ſagte ich ziemlich heftig.„Ja,“ antwortete der Kellner, 1 es ſehr und wünſchte Sie dieſen Morgen einen Augenblick zu ſehen. 4 1 Indem er ſo ſprach, klopfte es ſchon an die Stubenthür, und auf mein: Herein erſchien der Kopf meines theuren Begleiters, des Wiener's. mit der ſchwarzſeidenen Mütze, und nickte mir freundlich zu.„Ha, halus. 4 3 lachte er,„das war geſtern ein fataler Streich. Meine Frau hat* Recht gehabt, indem ſie immer behauptete, wir ſeien auf einem ver⸗ 4 kehrten Wagen.“—„Und jetzt iſt Ihre Frau Gemahlin... 2“ unter⸗ brach ich ihn.—„Sie iſt in Antwerpen geblieben,“ entgegnete der Wiener,„hat geſtern über Kopf⸗ und alles mögliche andere Weh ge⸗ klagt und ſich bei ihrer Ankunft gleich zu Bette gelegt. Ich benutzte darauf geſtern den letzten Zug, theils um nach Ihnen zu forſchen, theils um pei meinem hieſigen Banquier Gelder zu erheben.“—„Und wollen Sie einige Tage in Antwerpen bleiben?“ fragte ich.— ndas nicht,“ entgegnete der Wiener;„denn meine Frau wünſcht bald nach Brüſſel zu kommen.— Ich hätte ſie geſtern Abend ſchon mitgebracht, doch erſchien mir die Tour von Cöln nach Antwerpen ſtark und an⸗ ſtrengend genug. Sie freut ſich recht darauf, Sie wieder zu ſehen, ſetzte er hinzu,„und wir können uns zwei bis drei Tage recht gut amüſiren.“ Ich lachte ſo recht aus Ingrimm laut auf, indem ſich ihm meine Karte zeigte, die Karte für Numero 1 auf dem Banquet nach Paris.. „Ach,“ meinte er,„das iſt unangenehm. Sie auszubleiben?“„Vor ſechs Tagen kann lange denken d zurück ſein,“ entgegnete ich, während ich ihn um Erlaubniß bat, aufſtehen zu dürfen und mich anzuziehen.„Bitte recht ſehr,“ ſprach der höfliche Wiener, es thut mir wirklich leid, daß Sie abreiſen, aber wenn es Ihnen Ich zog mich an und packte meine Geſchichten zuſammen, be⸗ 54 mitnehmen wollte. Dann frühſtückten wir Beide zuſammen, und man kann ſich denken, gerade ſo freundlich und angenehm, ſo ganz en famille, wie es die junge Frau geſtern vorausgeſagt. Der Herr Gemahl war noch ſo freundlich, mich um ein Uhr an die Eiſenbahn zu beglei⸗ ten, wo ich ihm mit aller Beredſamkeit ein Verſprechen abzunöthigen ſuchte, daß er bis zu meiner Rückkehr hier verweilen wolle.„Sie bleiben mit Ihrer Frau Gemahlin,“ ſagte ich,„in Antwerpen, wo Sie zwei Tage nöthig haben, um die Rubensgalerie anzuſehen, gehen als⸗ dann nach Gent und Brügge und verweilen darauf einige Zeit in Oſtende, wo Sie nothwendiger Weiſe ein paar Seebäder nehmen müſſen.“ Obgleich er mir gerade kein feſtes Verſprechen gab, ſo ſchien er doch auch nicht abgeneigt, und ſo trennten wir uns. Die Bahn von Brüſſel nach Valenciennes iſt kürzlich wohl fertig geworden, bietet aber wenig Intereſſantes, da ſie beſtändig durch das flache Land führt. Etwas Unangenehmeres, wie die hieſigen Hemm⸗ maſchinen für den ganzen Körper, beſonders für die Ohren, weiß ich nicht. Vor jeder Station fangen die Conducteure an zu ſchrauben, um den Lauf der Wagen aufzuhalten, es drücken ſich eiſerne Stangen gegen die Schienen, was ein ſo erbärmliches Gekreiſch und Gezitter verurſacht, ich kann es nicht anders vergleichen, als mit dem Tone, wenn man mit einem eiſernen Griffel über eine Glasſcheibe fährt, nur zehntauſendmal verſtärkt. Obendrein wird auf dieſer Tour faſt jeden Augenblick angehalten, zuweilen bei einem einzelnen Hauſe, wo eine kleine Seitenbahn abgeht und ſchnurgerade auf eine Menge großer ſchwarzer Schornſteine führt, wahrſcheinlich Eiſenfabriken, die ſich ſo mit der Hauptbahn in Verbindung ſetzen. Ich hatte mich in einen Wagen geſetzt, an dem ſich eine Tafel befand, mit dem Worte„Ta⸗ bagie,“ wo man alſo rauchen konnte. Hier war die Geſellſchaft nun freilich ſehr gemiſcht, beſtand aber meiſtens aus jungen luſtigen Bel⸗ giern und Franzoſen, die mit ihrem Lärmen und Schreien ſelbſt die Locomotive übertönten. Da wurden allerhand Späße getrieben, die mitunter nicht gerade zu den zarteſten gehörten, oder ſie neckten ein⸗ ander, kurz, trieben alle mögliche Spielerei, und ſo viel kann ich mit Gewißheit ſagen, daß faſt keiner der jungen Männer anhaltend zwei Secunden langaruhig ſitzen geblieben wäre. Endlich gegen drei Uhr kamen wir nach ulsverain, wo vor dem Bahnhofe ſchon drei mächtige Eilwagen vollſtändig beſpannt hielten. Kaum waren wir ausgeſtiegen, ſo ging das Geſchrei der Conducteure los, die ſo ſchnell wie möglich ihre Paſſagiere zuſammen bringen wollten, um davon zu fahren. Zwiſchen dieſen Meſſagerieen, der„Maſſagerie rohale,“ der„Meſſa⸗ gerie Lafitte et Gaillard“ und„les Jamelles,“ herkſcht, beſonders da 0 * * 4 * 55 ſte zu gleicher Zeit abfahren, immer eine kleine Eiferſucht, da jede zuerſt in Paris ankommen möchte, weshalb ſte alles Mögliche thun, ihre Abfahrt zu beſchleunigen und einer vor der andern einen kleinen Vorſprung zu gewinnen. Wenn auch zu dieſem Zweck jede Geſell⸗ ſchaft auf der Eiſenbahn ihren eigenen Packwagen hat, den ſte, ange⸗ kommen, nur aufzuſchließen braucht, um die Güter hinaus zu räumen, ſo iſt doch die Zahl derſelben meiſtens ſo groß, daß eine ziemliche Zeit darüber hingeht. Ich betrachtete mir indeſſen unſern Wagen und fand, wenn ſchon das Banquet auf dem Reſervewagen, den man mir in Brüſſel gezeigt, hoch genug angebracht war, daß doch die Copie, wie es meiſt in der Welt geſchieht, nur weit hinter dem Original zu⸗ rückblieb, denn der Sitz, den ich nun beſteigen ſollte, befand ſich in einer wirklich fabelhaften Höhe. Mein erſter Verſuch, da hinauf zu kommen, mißlang vollſtändig. Es gehörte auch hierzu eine ganz genaue Kenntniß des Terrains. So lange die eiſernen Staffeln an der Seite des Coupés bis auf deſſen Dach führten, gelang es mir; doch um von da auf den Sitz des Kutſchers zu kommen, mußte man dem Körper einen kräftigen Schwung geben, und um dies zu bewerk⸗ ſtelligen, hätte ich von unten herauf die erſte Stufe ſtatt mit dem rechten, mit dem linken Fuß antreten müſſen. Ich mußte alſo wieder hinunter, und nach mehren Verſuchen hatte ich im Auf⸗ und Abklet⸗ tern eine ziemliche Fertigkeit erworben. Da der Wagen auf den Zwiſchenſtationen oft nur wenige Minuten anhält, ſo iſt es nöthig, bei vorkommenden Gelegenheiten ſchnell ab⸗ und aufſteigen zu können. Endlich war Alles fertig, doch hatte uns die„Meſſagerie royale“ einen kleinen Vorſprung abgewonnen; denn als unſer Poſtillon die Peitſche aufhob, um in die Pferde zu hauen, fuhr jene ſchon im vollen Galopp davon, kam uns alſo um vielleicht fünfzig Schritte voraus, was aber hier einen bedeutenden Unterſchied macht, indem der Wagen, welcher zuerſt vor dem Städtchen Quievrain, wo die franzöſiſch⸗belgiſche Gränze iſt, bei dem Mauthhauſe ankommt, auch zuerſt viſitirt wird, und ſonach der andere wohl eine kleine Stunde warten muß. Dieſe Zeit wird indeſſen dazu angewandt, ein ſehr theures und ſchlechtes Diner einzunehmen, in einer Reſtauration, die ſich gerade dem Mauth⸗ hauſe gegenüber befindet. Dort fanden ſich nach und nach alle Paſ⸗ ſagiere ein, und ich hatte Muße, unſere ganze Reiſegeſellſchaft anzu⸗ ſchauen. Ich trat in das Zimmer und erſtaunte nicht wenig als ich oben am Tiſche die beiden würdigen Gelehrten erblickte, die mit mir von Cöln nach Aachen gefahren waren. Da ſich neben ihnen noch eein Platz offen befand, ſo ſetzte ich mich dorthin und begann ein Ge⸗ ſprä ich mit ihnen. Schon aus den erſten Worten bemerkte ich, das ihr Groll gegen mich nachgelaſſen hatte, denn ſie waren freundliche 56 als neulich, und der eine, indem er luſtig mit den Augen blinzelte, fing an, mich über meine wiener Nachbarin etwas zu necken, und ich traute meinen Ohren kaum, als der andere der Herren darauf ſagte: „Diesmal ſind wir glücklicher als Sie, denn wir haben bei uns im Interieur eine junge Franzöſin, hübſch“—„undn ſiel der Andere ein, „ſehr anſtändig.“ Bei dieſen Worten ſah ich mich neugierig im Saale um, doch war nichts da, was die Beſchreibung hätte rechtfertigen können. Außer ein paar unvermeidlichen Soldaten befanden ſich am Tiſche drei alte und ſehr dicke Damen, die nebſt ein paar Dienſtmädchen und Kindern den Inhalt der Rotunde ausmachten. Das Coupé gehörte dreien Damen, die unten am Tiſche ſaßen, und die ſämmtlich über die erſte und zweite Periode der Jugend hinüber waren. Die ſchwarzen Herren, welche den Grund meiner Forſchungen wohl erriethen, ſtießen ſich lachend an und vertrauten mir, ihre Geſellſchafterin, die ſte gemeint, befinde ſich noch draußen bei dem Wagen.„Dort aber kommt ſte,“ ſagte der eine, und beide blickten ſchüchtern und verſchämt auf ihre Teller. Ich blickte auf, und offenherzig geſtanden, ich hätte den Herren keinen ſo guten Geſchmack zugetraut. Es war eine leichte, allerliebſte Figur, die in das Zimmer trat oder vielmehr herein hüpfte. Sie trug einen feinen Strohhut am Arm, und in der Hand hatte ſie einen kleinen Friſtrkamm, mit welchem ſie eben beſchäftigt war, ihr ſchönes braunes Haar zu ordnen. Ihr Anzug beſtand aus einem ſchwarz⸗ ſeidenen Kleide, das ſehr einfach gemacht war, und nur eine merkwür⸗ dige lange Taille zeigte. Es war eine jener gutgeformten niedlichen Geſtalten, wie ſie die franzöſiſchen Künſtler, namentlich im„Charivari,“ mit wenig Strichen hinzuwerfen verſtehen. Nachdem ſie mit der Herſtellung ihres Kopfputzes fertig geworden, ſetzte ſte ſich uns gegenüber und muſterte Jeden von uns der Reihe nach mit einem einzigen vielſagenden, aber ſehr ſichern Blicke. Der eine der Herren ſtieß mich an, und obgleich ich, als gelte es etwas Anderem, gleichgültig die Achſeln zuckte, ſo ärgerte ich mich doch über das gute Glück dieſer Herren. Die kleine Franzöſin war, wie geſagt, angenehm, ſah auch recht luſtig aus, obgleich man ihr auf den erſten Anblick anmerkte, daß ſie gerade nicht einer höhern Claſſe der Geſell⸗ ſchaft angehörte. Während des Diners, bei welchem ſte gegen die Gewohnheit der Franzoſen ziemlich der Weinflaſche zuſprach, ſchaute ſte beſtändig durch das Fenſter nach dem Mauthhauſe, ſtürzte bald an die Thüre, dem Conducteur zu rufen, bald an das Fenſter, um zu ſehen, ob ihre Effecten noch nicht an die Reihe kämen. Endlich rief unſer Conducteur ſie ab, ſie nahm ſeinen Arm und floh mit ihm die Straße nach dem Wagen. Ich machte den beiden Herren meine Gra⸗ 57 4 tulation über ihre Eroberung, und um ihnen ihr Betragen von geſtern zu vergelten, erlaubte ich mir einige derbe Späße über die Fahrt, die vor uns lag. Es dauerte ziemlich lange, bis die Effecten der Dame iſttirt waren, und die zollbaren Sachen, brüſſeler Spitzen, Foulards ꝛc. wollten kein Ende nehmen. Endlich kam ſie wieder und ſetzte ihr Diner fort. Doch, wie ich ſchon vorhin bemerkte, ſprach ſte in Ge⸗ meinſchaft mit dem Conducteur, den ſie zum Eſſen eingeladen und nesia ſth geſetzt, etwas zu ſtark der Weinflaſche zu. Es ſchien mir, als m ſtere ſte meine Perſönlichkeit und ſchenke mir me Zlicke, als ihrer Wagengeſellſchaft, den beiden Herren, und ich hatte mich, ich könnte wohl ſagen, leider! nicht getäuſcht. Nach dem Eſſen ſagte mir 5 der Condueteur, die Dame fürchte ſich vor dem Fahren im Interieur und wolle zu uns auf's Banquet hinaufſteigen. Unglückliche Gelehrte! Wie wohlgemuth ſtiegen ſte nach gehaltener Viſitation in den Wagen und ſetzten ſich zurecht! Ich war auf mein Banquet hinauf gekiettert 3 und Alles in Ordnung gebracht, mit Ausnahme der Franzöſin, denn 5 ddieſe wurde von den Zollbeamten noch einmal freundſchaftlich ins Local genöthigt, weil ſie eine ungewöhnlich große Reiſetaſche bei ſich trug, mit deren Inhalt ſich die Beamten bekannt zu machen wünſchten. Endlich war ſte befreit, die beiden Herren blickten zum Wagen hinaus und wunderten ſich nicht wenig, als eine Leiter gebracht und an das Banquet geſetzt wurde. Jetzt ſtieg die Dame zu uns herauf, der Poſtillon hieb auf die Pferde, und wir flogen im Galopp auf der Landſtraße dahin. Wer beim gewöhnlichen Fahren mit unſern Wagen und auf unſern Chauſſeen es nur im Geringſten unbehaglich findet, wenn ſich das Fuhrwerk zuweilen etwas ſtark auf die Seite neigt, oder wenn er einen Roſſelenker hat, der bei andern Fahrzeugen ſo nah vorbeijagt, daß man kein Blatt Poſtpapier zwiſchen die beiden Achſen legen könnte, oder wer ſich ſchon auf die andere Seite drückt, wenn ein ſolider deut⸗ ſcher Poſtillon in einem kleinen Bogen um die Ecke fährt, ein ſolcher beſteige nie das Banquet eines franzöſiſchen Eilwagens, will er nicht während der zwanzigſtündigen Fahrt eine eben ſo lange geiſtige und leibliche Tortur ausſtehen. Die Meſſagerieen ſind mit fünf ſchweren, kräftigen, flamändiſchen Pferden beſpannt, zwei an der Deichſel und drei vorn. Ehe die Fahrt losgeht, leben dieſe Thiere in beſtändigem Streit: bald ſchlägt dies, bald das, und die andern beißen nach allen MNiichtungen um ſich herum, wobei ſie jenes laute kreiſchende Geſchrei ausſtoßen, das den Pferden eigen iſt. Der Poſtillon hat jetzt viel mehr ſein Augenmerk auf ſie zu richten, als während der Fahrt; denn bald prellen die Vorderpferde rechts und links, bald ziehen die Hinterpferde. — 58 die Deichſel nach der verkehrten Richtung. Dabei iſt die Straße, die vielleicht viermal ſo breit iſt, wie unſere Chauſſeen, auf der Mitte der ganzen Länge von Brüſſel nach Paris gepflaſtert; dieſer Steindamm iſt ſo ſchmal und obendrein erhöht, daß von zwei breiten Wagen, die ſich degegnen, die äußern Räder von dem Damme her ab auf die Chauſſee gleiten, und da ſie dort in die weiche Erde manchmal ein⸗ ſchneiden, ſo neigt ſich der ſchwer beladene Wagen ſo auf die Seite, daß man jeden Augenblick umzuſchlagen glaubt. Wer weiß auch, was geſchähe, wenn dieſes Ausweichen nicht meiſtens im vollen Galopp vor ſich gingegzund äußerſt kurz gemacht würde, ſo daß die vordern Pferde ſchon wieder auf dem Steindamme ſind, um den Wagen hinauf zu ziehen, indeß die hintern Räder noch in die Chauſſee einſchneiden. Dabei fahren die Poſtillons bald im ſcharfen Trab, bald im vollen Galopp, wie es ihnen gerade einfällt, und wenn es einmal eine Zeit lang ziemlich ruhig gegangen iſt, und man will den Verſuch machen, ein wenig zu ſchlummern, ſo wird man durch ein entſetzliches Geſchrei des Poſtillons aufgeſchreckt, der in ſeine fünf Pferde wie toll hinein haut, bis das ganze Geſpann in einem vollkommenen Durchgehen in voller Carriere dahin raſ't. Unſere Dame auf dem Banquet, die uns offenherzig anvertraute, die Geſellſchaft da unten im Wagen, aus lauter alten Herren und Damen beſtehend, ſei äußerſt langweilig, war von einer auffallenden Luſtigkeit, welche mir im Verein mit ihrem ſtark gerötheten Geſichte nicht recht gefallen wollte. Während der erſten Stunde unſeres Fahrens ſang ſte in Einem fort Couplets aus den neueſten pariſer Vaudevilles, oder ſie machte dem alten gutmüthi⸗ gen Conducteur eine Liebeserklärung über die andere, der mich alsdann lächelnd anſtieß und mir mit einer Pantomime, als tränke er ein Glas aus, zulächelte. Ich ſaß aus Galanterie in der Mitte, und die Dame ſtieß mich ihrerſeits ebenfalls an und machte eine Geberde, als habe ſie den Conducteur nur zum Beſten, und wer weiß, ob die⸗Beiden hinter meinem Rücken nicht mich ſelbſt auslachten! Ich kam mir in der That wie verrathen und verkauft vor und ſah mich in einer ſon⸗ derbaren Geſellſchaft; denn hatte ich ſchon geſtern geglaubt, daß meine gute liebe Wienerin in ihrer Natürlichkeit etwas weit gegangen ſei, ſo bat ich ſte für dieſen Verdacht jetzt tauſendmal um Verzeihung. Im Anfang hatte ich mich, durch ihr äußerſt freies Betragen aufge⸗ muntert, mit der Franzöſin in allerlei Redensarten eingelaſſen, die man gerade nicht überall anbringen darf; doch kam ich hier ſchön an, denn da ſich auch der Conducteur nicht eben äußerſt zart in die Unter⸗ haltung miſchte, ſo wurden Sachen und Gegenſtände verhandelt, die einem deutſchen Ohre aus dem Munde einer Dame doch etwas unge⸗ wohnt erſcheinen. Ich mußte aber hier wieder der franzöſiſchen 59 Sprache den großen Vorzug einräumen, den ſie für eine leichte Con⸗ verſation vor unſerer ſoliden deutſchen voraus hat; denn wenn ich zuweilen verſuchte, eine im Franzöſiſchen etwas ſtark klingende Phraſe der Dame zu überſetzen, ſo erſchrack ich wirklich ſelbſt vor dem Klange, den dieſe im Deutſchen hatte. Nebenbei wurde dieſe leichtfertige Unter⸗ haltung von der Franzöſin mit einer gewiſſen Decenz, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, jedenfalls aber mit großer Feinheit und Eleganz geführt. So fuhren wir dahin und kamen nach Valenciennes, wo unſere Päſſe viſitirt und weggenommen wurden, wogegen wir einengfranzö⸗ ſiſchen Paß erhielten, der zwei Franes koſtete. Die ſonſt ſo freien und artigen Franzoſen hätten eigentlich ſchon lange von dieſer häß⸗ lichen Gewohnheit, ſich den Eintritt in ihr Land mit zwei Francs bezahlen zu laſſen, abkommen ſollen. Ich würde nichts dagegen haben, wenn man ſich hiedurch eine Erleichterung erkaufte, aber im Gegen⸗ theil, man iſt genöthigt, dieſen franzöſiſchen Paß in Paris bei der Abreiſe gegen den heimathlichen umzutauſchen, wodurch man wenigſtens ein paar Stunden Zeit verliert, die man dort weit beſſer anwenden könnte. Ein Kaufmann, der mit im Wagen war, erzählte mir ſpäter, daß er die Wegnahme ſeines Paſſes dadurch verhindert, indem er vor⸗ gab, er reiſe nur bis Peronne. Selbſt dieſe franzöſiſchen Päſſeggerhält man nicht im Augenblick, ſondern ein Kerl in einer halb zerriſſenen Blouſe rannte dem Wagen bis vor die Stadt nach und überreichte, auf dem Wagentritt ſtehend, jedem Paſſagier das Papier, was auch wieder einige Sous koſtete. Bald wurde es Nacht, und ich muß ge⸗ ſtehen, daß es auf dem Banquet oben gar nicht ſehr angenehm war. Es regnete und ging ein kühler Wind, wobei die arme Franzöſin, die nur einen leichten Shawl trug, erbärmlich fror. Sie nahm in Cam⸗ bray unſern gut gemeinten Rath an, ſich ins Interieur zu begeben, wo ſie aüch blieb bis zum Anbruch des Tages. Dann aber kletterte ſte wieder zu uns herauf, um friſche Luft zu genießen, wie ſie ſagte. Warren ihre Geſichtszüge geſtern Abend etwas mehr als ſanft geröthet geweſen, ſo ſah ſie dagegen todtenblaß aus und ſehr durchwacht. Ich kann hier nicht umhin, die Artigkeit eines franzöſtſchen Poſtillons zu erwähnen, der, als er auf den Wagen ſteigen wollte, und das traurige Ausſehen ſeiner Landsmännin bemerkte, plötzlich ins Haus zurückeilte und eine friſch aufgegangene duftende Roſe brachte, die er ihr mit der Bemerkung überreichte, der ſüße Geruch würde ſie erquicken. Bald erreichten wir Senlis, wo gefrühſtückt wurde, und nach ſuchte die Kirche Notre⸗Dame; doch ſteht man ſie von hier aus nicht. Dagegen ragt der Montmartre hinter der Stadt hervor, das ganze inigen Stunden ſahen wir Paris vor uns ausgebreitet liegen. Ich * 60 Terrain beherrſchend. Bald glänzte uns die große Befeſtigungslinie entgegen, aus einzelnen Forts, Schanzen und Mauern beſtehend, Alles aus weißgrauem Stein aufgebaut. Jetzt erreichten wir das Faubourg St. Martin, wo unſer ganzer Wagen gewogen wurde, und dann waren wir in Paris. Ich kann unmöglich beſchreiben, welchen Ein⸗ druck es auf mich machte, durch dieſe Straßen, bei dieſen Häuſern vorbei zu fahren, einen Boden unter mir zu haben, der, um mit den eitlen Franzoſen zu ſprechen, in ſo vieler Hinſicht der Mittelpunkt der Welt war und iſt. Bei jedem Schritt, den wir vor uns kamen, nahm das Gewühl und Gedränge von Menſchen, Equipagen und Karren zu; eben ſo die eigenthümliche Dekoration der Häuſer. Hatten ſich dieſe am äußerſten Ende der Vorſtadt mit einem oder zwei Aushängeſchil⸗ dern begnügt, ſo nahm ihre Eitelkeit zu, je weiter wir kamen, und bald ſahen wir faſt kein Gebäude mehr, das nicht von unten bis oben mit ellenlangen Buchſtaben bemalt war, mit Namen von Eigenthümern verſchiedener Geſchäfte, mit Angaben, welcher Art Magazine ſich dort befanden, daneben rieſige Theaterzettel oder Anzeigen von Verkäufen. Kurz, jedes Haus erzählte den Vorübergehenden auf das Freundlichſte, wen es beherberge und was hier alles für Lebensbedürfniſſe und Luxus⸗ artikel zu haben ſeien. Nun erreichten wir Porte St. Martin, ein ſchwarzes hochge⸗ wölbtes Thor, und eines der wenigen, welches die Revolution ver⸗ ſchonte. Wir durchſchnitten die Boulevards und kamen in die Stadt, wo das Gedränge und das Spektakel auf eine wahrhaft erſchreckende Art zunahm. Ich weiß nicht, ſoll ich es Leichtſtnn, Selbſtvertrauen oder Geſchicklichkeit nennen, daß der Poſtillon in vollem Trabe durch die überfüllten Straßen und um ſcharfe Ecken fuhr. Bei letzteren half der Condukteur den Wagen dirigiren, indem er die Hemmmaſchine fleißig und aufmerkſam handhabte. Eine lange Zeit fuhren wir durch die Straße St. Honoré, bis wir die Bureaus der Meſſagerie erreichten, in einem großen Hofe, mit Eilwagen aller Art vollgepfropft. Meine Begleiterin ſuchte alsbald ihre Kiſten und Kaſten zuſammen, und Schnell war ihre Spur verſchwunden, Sobald das Mädchen Abſchied nahm. Die beiden Herren ſah ich mit ihren Nachtſäcken im Hofe umherirren; vielleicht ſuchten ſte mich, doch war ich mit dem Condukteur und mei⸗ nem Gepäcke beſchäftigt; dann ſah ich ſte zu einem der Hofthore hin⸗ ausgehen, ehe ich ihnen zurufen konnte. Sie waren fort und natür⸗ lich an kein Wiederfinden zu denken. Auch der Condukteur empfahl ℳ ſich, und ſo ſtand ich denn allein, nahm meinen Nachtſack auf die — —— 2 61 Schulter und ſuchte ein Unterkommen im Hotel Lafitte neben der Meſ⸗ ſagerie, was ich auch fand. Es hat mir einmal ein Freund erzählt, daß er vor langen Jahren mit einem Landsmann, ebenfalls einem Deutſchen, durch die Porte St. Martin nach Paris hereinfuhr. Beide wollten hier ihr Glück verſuchen; der Eine war ein Schriftſchneider, der Andere ein ſehr ge⸗ ſchickter Ebeniſt. Es waren junge Leute und ihr Gepäck natürlich ſehr unbedeutend, ſo daß Jeder es bequem in ſeine Taſche ſchieben konnte. Der Schriftſchneider ſpricht mit dem Condukteur und erkun⸗ digt ſich nach einem wohlfeilen Gaſthauſe, während der Andere auf die Straße hinaus und zufällig in ein Caffeehaus tritt, um dort etwas zu ſich zu nehmen. Beide denken, ſie werden ſich natürlich gleich wieder finden. Doch gerathen ſie zufälliger Weiſe in entgegengeſetzter Richtung aus einander. Es wird Abend, und ſte finden ſich nicht wieder, eben ſo den andern Tag, da Keiner des Andern Gaſthaus weiß. Beide waren traurig darüber, da ſie ſich ſo viel Schönes von dem Zuſammenleben in Paris verſprochen. Doch gehen ſie wohlge⸗ muth an ihre Geſchäfte, finden Arbeit, ſind fleißig und kommen em⸗ por, während Jeder vom Andern glaubt, der arme Kerl wird geſtorben ſein oder nach Hauſe zurückgekehrt. Endlich nach zwanzig Jahren be⸗ gegneten ſich zufällig zwei wohlbeleibte, wohlhabende Bürger in einem Caffeehauſe, die ſich plötzlich erkennen und ſich erinnern, wie ſie vor langer Zeit zuſammen eingewandert ſind. Ich hatte dieſe Geſchichte immer als etwas fabelhaft betrachtet, obgleich ich manche große Stadt geſehen; aber wie ich hier ſo allein in die Straße hinausging und dieſes unſägliche Menſchengewühl er⸗ blickte, wie Jeder unbekümmert an dem Andern vorbeieilt, Keiner den Andern grüßt, wie in kleinen Städten, da ſich hier ſelten ein Paar kennt, zweifelte ich nicht mehr an deren Möglichkeit. Wenn man ſo Stunden lang durch die Straßen gelaufen iſt, und nirgends einen Ruhepunkt findet, immer das gleiche unruhig wogende Leben, das haſtige Hin⸗ und Herrennen, und wenn man die Unzahl der Wagen erblickt, die unaufhaltſam nach allen Richtungen hinſtrömen und einen in kurzer Zeit in ganz andere, eben ſo unbekannte Stadtviertel brin⸗ gen, wo man den Rückweg ohne Hülfe nicht mehr findet, ſo kann man wohl glauben, daß ein Vorfall wie der erwähnte wahr iſt. Mir aber paſſtrte dagegen etwas, das meinen eben geführten Beweis für die Möglichkeit jenes Falles beeinträchtigen könnte, wenn nicht Jeder einſehen würde, daß es der allerſeltſamſte Zufall war. Als ich näm⸗ lich von meinem Gaſthof auf die Straße trat und auf dem klaſſiſchen Boden des Flanirens in dieſer ſchweren Kunſt einen ſchwachen Verſuch zu machen begann, ſah ich vor einem H⸗ lladen eine Geſtalt ſtehen,. 62 die ich augenblicklich für einen meiner Bekannten aus St. gehalten hätte, wenn ich nicht in Paris geweſen wäre. Es war ein junger Mann, der ſich während der Ferien auf Reiſen begeben hatte und der von uns den Namen Reiſegeſpenſt erhalten. Er ſpukte nämlich ſchon vielleicht acht Tage vor ſeinem Auszuge in ſeinem Reiſeanzuge umher, und um ſich von der Vortrefflichkeit deſſelben in allen Lagen zu überzeugen, beſtieg er Kirchthürme und Berge, wo er ſchon hun⸗ dertmal geweſen, ſetzte ſich in ganz miſerable Fiaker und quälte uns mit allen möglichen Projekten zur Reiſe, die er machen wolle, worauf er jeden Abend herzlichen Abſchied von uns nahm, und am andern Morgen ſahen wir ihn eben ſo wohlgemuth wieder durch die Straßen wandeln. Endlich an einem ſchönen Morgen war das Reiſegeſpenſt verſchwunden, und hier ſollte ich es wieder finden. Ja, er war es, ich erkannte die großkarrirten Beinkleider, die grauen Gamaſchen, den erbſenfarbigen Rock und den grauen breitkrämpigen Hut. Unſer Wiederſehen war wirklich rührend. Füx mich war es in jeder Hinſicht intereſſant, das Reiſegeſpenſt gefunden zu haben, denn es wandelte ſchon acht Tage hier herum und konnte mir daher zu mancherlei eine kleine Anleitung geben. Unterdeſſen war es ſpät geworden, und wir hatten nicht viel ge⸗ ſehen, da ich von dem Ungeheuren dieſer Stadt mich ſo ins Flaniren vertieft hatte, daß es fünf Uhr, Eſſenszeit ſchlug, ehe wir noch daran dachten. Wir hatten flüchtig das Palais Royal durchirrt, die Tuile⸗ rieen, natürlich von außen geſehen, waren auf dem Platze de la Con⸗ corde geweſen, warfen einen Blick hinaus auf die Champs Elyſees und den Arc⸗de⸗Triomphe de l'Etoile, und ſpeisten alsdann für 30 Sous ganz gut zu Mittag. Nachher zog ich mit dem Reiſegeſpenſt wieder aus, und wir ſuchten diesmal die Boulevards auf, wo wir hinauf und hinab rannten, ſo weit wir kommen konnten. Wenn Paris ſchon etwas von einer Hauptſtadt der Welt hat, und die Bou⸗ levards der erſte Spaziergang von Paris ſind, ſo ſind ſie auch der erſte Spaziergang der Welt, und das kann man ihnen auch in ihrer Art zugeſtehen. Wenn freilich der Molo von Neapel bei Mondſchein und Meerleuchten, mit dem Veſuv im Hintergrunde, der zuweilen dumpf donnernd eine feurige Lohe ausſtößt, auch ſeine großartigen Schönheiten hat, ſo ziehe ich doch auf die Dauer die Boulevards von Paris vor. Man hat hier ſo Alles, was die Seele nur verlangen kann, und braucht nur zuzulangen. Man findet's hier bis auf die geringſten Kleinigkeiten ſchön und appetitlich zugerichtet. Es muß noth⸗ wendig im Himmel Boulevards geben oder— doch wir wollen uns in ein Caffeehaus ſetzen und Eis eſſen und laſſen die Menge einen „ Augenblick bei uns vorbeiſpazieren. Man braucht hier in Paris nicht 63 wie in einer andern Stadt zu fragen: was beginnen wir nun? ſon⸗ dern man fragt ſich: wozu haben wir Zeit oder Luſt? und ſo war es auch jetzt. Wir berathſchlagten, in welches Theater wir gehen ſollten in welches Theater! wie einem bei der Idee, unter einem Dutzend Theater die Auswahl zu haben, ſo ſonderbar wird, wenn man aus einer deutſchen Reſidenz kommt, wo jede Woche einmal in einem ein⸗ zigen geſpielt wird! Wir entſchieden uns für das Theater der Porte St. Martin. Dort wurde ein fünfaktiges Spektakelſtück,„Don Ceſar de Baſſan“, gegeben, in welchem Frederic Lemaitre glänzte. Es war mir intereſſant, dieſen berühmten Künſtler zu ſehen. Das heutige Stück entſtand, indem Lemaitre, welchem der Charakter des Don Ceſar im Ruy Blas ſehr zuſagte, ſich von ein paar jungen Autoren ein Stück ſchreiben ließ, in welchem derſelbe Don Ceſar, wie ſchon der Titel des Stücks beſagt, die Hauptrolle hat. Es war ein wahres Spektakelſtück, die erſte Scene ein öffentlicher Markt zu Madrid, Volks⸗ getümmel, Tanz von Zigeunern, deren Königin oder Herzogin ein paar Arien ſingt. iſt die Primadonna und muß durch das ganze Stück in allen Fächern wirken. Sie tanzt, ſie ſingt und ſchauſpielt. Es kommt ein Page, der in irgend einem Cavallerie⸗Regimente dient i von ſeinem Capitän mißhandelt worden iſt— jetzt erſcheint Le⸗ maitre, Don Ceſar, der heruntergekommene, leichtſinnige, ausſchwei⸗ fende Menſch von guter Familie, Alles an ihm hierzu wunderbar übereinſtimmend: der nachläſſige Gang, das heiſere Organ und das einzig zuſammengeſtellte Coſtume, ein Coſtume, das, aus Sammt und Damaſt beſtehend, vor der Zeit prachtvoll geweſen war, und der es trägt, weiß ſich noch in den übrig gebliebenen Lumpen mit An⸗ ſtand zu bewegen; Collet und Beinkleider fahl und abgeriſſen, der eine Strumpf hängt nachläſſig herunter, und deſſen Schleife iſt vor dem Knie gebunden, während die andere an ihrem Platze ſitzt. Der graue Hut trägt Spuren von zahlreichen Hieben, und er ſo wie die abgenutzten Feder geben deutliches Zeugniß, daß der Kopf, den ſie ſchmücken, nicht immer unter gutem Obdach und auf ſeidenen Pol⸗ ſtern ruht. Das einzige Wohlerhaltene an ſeinem ganzen Anzuge iſt ſeine Waffe, der überaus lange Stoßdegen, auf dem der ſehr zerfetzte roth und weiße Mantel ruht. Nachdem er den Pagen natürlicherweiſe beſchützt, erſticht er den Capitän und wird dafür, da man ſich gerade in der heiligen Woche befindet, zum Tode verurtheilt. Wahrhaft groß iſt Lemaitre im zweiten Akt, wo er im Gefängniß nachläſſig auf einem Lehnſtuhl ausgeſtreckt liegt, neben ſich die Wanduhr, die ihm anzeigt, daß er nur noch zwei Stunden zu leben hat. Es verſteht ſich aber von ſelbſt, daß er von dem Pagen gerettet wird. Das Stück an ſich ſiſt ziemlich ſchwach und würde ohne Lemaitre gar nichts machen. Es. 64 iſt Schade, daß das heiſere Organ, welches im erſten Akte nach einer durchſchwelgten Nacht ſo ganz an ſeinem Platze iſt, nicht angenom⸗ men, ſondern ſein natürliches iſt. Man muß genau Achtung geben, um ihn zu verſtehen. Der große Künſtler ſoll auch im Leben etwas ſehr Don Ceſar de Baſſan ſein; anſtändig und nobel, aber ſehr aus⸗ ſchweifend. Am andern Morgen nahm ich mir einen Fiaker und kutſchirte in Paris herum, um zu ſehen, ſo viel es mir möglich. Berauſcht, wie .Hich war von all dem Großen, kann ich mir ſelbſt von dem Geſchehe⸗ nen kein klares Bild machen, viel weniger einem Andern. Was ſoll ich mehr ſagen, als daß ich im Pantheon, im Dom der Invaliden und in St. Denis war, daß ich vom Louvre ſo viel wie möglich ſah, daß ich auf den Thurm der Kirche Notre Dame ſtieg, im Pflanzen⸗ garten die Affen und Bären ſah, im Palais Royal umherlief, den berühmten und berüchtigten Greve⸗ und Carouſſelplatz beſuchte und alsdann ſpät am Abend verwirrt und betäubt zu Bette ging! Gott ſoll mich bewahren, daß ich es wage, Aiwas uüher dieſe allgewaltige Stadt zu ſchreiben, ſelbſt wenn ich auch ſtatt zubei Tage vierzehn Tage da geweſen wäre. Auch bin ich überzeugt, daß man mir dies gern erlaſſen wird. Da ich aber die Fahrt auf der Meſſagerie aufs Gründ⸗ lichſte kennen gelernt habe, ſo will ich noch eine ſchwache Schilderung der Rückfahrt von Paris nach Brüſſel verſuchen, die mit der Herfahrt Aehnlichkeit hatte, aber doch ganz verſchieden bar,— Aohnlichkeit, da es daſſelbe unaufhörlich lange Pflaſter war, dieſelbe reizloſe Gegend, und die gleichen Srationen; verſchieden aber durch unſere Reiſegeſell⸗ ſchaft, die äußerſt zahlreich, ja, zu zahlreich war. Wie die untern Regionen des Wagens beſetzt waren, darum kümmerte ich mich wenig; bis zu uns drang kein Aechzen der Rotundebewohner. Auf den Bergen iſt Freiheit, der Hauch der Prüfte ꝛc. ſagte der unſterbliche Schiller irgendwo. Aber wenn wir auch Frei⸗ heit und friſche Luft dort oben genug hatten, ſo war letztere ſo ſtark mit Regen vermiſcht, daß wir die ſchlechten flatternden Ledervorhänge vergeblich anſtrengten, um uns dagegen zu ſchützen. Mit dem Con⸗ dukteur, der ſich, durch das Regenwetter getrieben, zu uns hereinſetzte, waren wir zu Vier auf dem Banquet, lauter hübſche, gut gewachſene, aber ſehr beleibte junge Leute. Ich ſaß zwiſchen zwei Franzoſen ein⸗ gekeilt, die mich ſonderbar anſahen, als ich meine Cigarrendoſe her⸗ ausholte, und mich darauf ganz naiv mit einem Blick auf den Con⸗ dukteur fragten:„Aber Sie wollen rauchen, mein Herr?“—„Ja ſo, es iſt in den franzöſtſchen Eilwagen verboten, zu rauchen, ſelbſt auf 5 ———— 65 dem Banquet, wenn keine Damen da ſind.4—„Allerdings, mein „Herr!“—„Sehr gut!“ Und ſchon wollte ich meine Cigarre in größter Ruhe wieder ein⸗ ſchieben, als mir die beiden höflichen Franzoſen, wahrſcheinlich durch meine Folgſamkeit gerührt, verſicherten, ſo eine kleine Cigarre würde ihnen nichts ſchaden, ich möchte ſte nur rauchen. Unſere Lage dort oben war in Wahrheit ſchrecklich. Keiner konnte ſich neben dem An⸗ dern rühren. Der Regen goß in Strömen und drang zu uns herein, und hinter unſerm Sitze war das Leder nicht befeſtigt, ſo daß Nie⸗ mand den Kopf anlehnen konnte. Und dabei hatten wir vier und zwanzig Stunden vor uns, die beim furchtbaren Schütteln des Wagens auf dem entſetzlichen Pflaſter alſo zugebracht werden mußten. So kamen wir zur Vorſtadt St. Martin heraus, paſſirten die Barrière und fuhren in ſcharfem Trabe davon, als wir plötzlich vor uns auf der Straße einen Mann gewahr wurden, der ſich in ſonder⸗ barer Lage befand. Er ſtreckte die Arme nach uns aus, in der Art, wie es Beter an Stkuße vor Heiligenbildern zu thun pflegen. Gäbe es heut zu d ſchon Luftdampfſchiffe, ſo hätte man ihn für einen Paſſagier halten können, der mit ſeinen ſämmtlichen Effekten einem ſolchen entfallen wäre. In ſeiner Nähe war weder Wagen noch Haus, noch ſonſt etwas zu ſehen, und doch befand er ſich hier mitten im Regen, umgeten von zwei Koffern, einem Nachtſack und ein paar Hutſchachteln. rte indeſſen nicht lange, ſo wurden wir durch den Condukteur r daß der Mann dort ein ſogenannter blinder Paſſagier ſei, einer ſeiner beſten Freunde, der um Alles in der Welt morgen nach Brüſſel müßte. „Es iſt ein Franzoſe, meine Herren, ¹ haranguirte uns der Con⸗ dukteur,„ein Landsmann, der ſich in Verlegenheit befindet, wir müſſen ihm helfen.“—„Ja, ein Landsmann,“ wiederholten ſeufzend meine beiden Reiſegefäſgn,„aber wohin mit ihm?“ Der Wagen hielt, und der Condukkeur ließ ſich die beiden Koffer, Hutſchachteln und Nachtſack heraufreichen und überließ dem Neuangekommenen ſeinen Platz auf dem Banquet, woßegen er ſich trotz des dichten Regens hin⸗ aus zum Poſtillon ſetzte. Der blinde Paſſagier, ein wohlgenährter Epieier der Rue St. Honoré, kletterte mit Mühe zu uns herauf, denn neben einem naſſen Mantel, den er auf den Schultern trug, hinderten ihn ein paar große Melonen, die er unter dem Arme hielt, an freier Bewegung. Glücklicher Weiſe kam er nicht neben mir zu ſitzen. Sein Mantel troff von Näſſe, ein Umſtand, der nur ſeinem Nachbar zu Gute kam. Dagegen aber verbreitete ſich der unangenehme Geruch der überreifen Melonen ſchnell durch den ganzen Wagen. So fuhren wir dahin, eingekeilter als je, und wir alle vier lieferten einen ſchiagenden Zacländer⸗ Erz. 5 66 Beweis, was der Menſch nicht alles auszuhalten vermag. Es dun⸗ kelte ſchon, als wir in Peronne einfuhren, wo dinirt wurde. Der Regen war hier ſo ſtark geworden, daß unſere Mäntel während des Herabſteigens vom Wagen faſt durchnaß wurden. Das Eſſen war leidlich und der Wein gut. Bei Tiſche ſahen wir, wie ungeheuer alle Räume des Wagens angefüllt waren, man hörte nichts wie Klagen über das Wetter, über das Pflaſter und über die langweilige Fahrt. Bald mahnte der Condukteur zum Aufbruch, und wir zwängten uns wieder auf unſere Marterbank zuſammen. Da das Wetter immer abſcheulicher wurde, ſo hatte der Conduk⸗ teur für den blinden Paſſagier eine andere Unterkunft gefunden, die aber für den Unglücklichen nichts weniger als angenehm war. Er mußte hinter das Banquet zu dem Gepäck kriechen, wo durch Ver⸗ ſchiebung einiger Koffer und Frachtſtücke ein Raum hergerüchtet war, daß ein Menſch zuſammengekauert ſitzen konnte. Obgleich wir ſehr darum gebeten hatten, man möchte das Leder hinter unſerm Rücken ſchließen, ſo bedauerte der Condukteur, daß er es nicht thun könne, indem alle Schnallen geriſſen ſeien. Nebenbei fuhr das Paſſagiergut auf dem Verdeck des Wagens hinter uns hin und her, und ſtieß uns nicht ſelten empfindlich an die Köpfe. Die beiden Melonen waren unter dem Sitze angebracht worden, und ſo fuhren wir in finſterer Nacht dahin. Von Schlafen war natürlich keine Rede; denn nach⸗ dem anfänglich der blinde Paſſagier lachend ſeine ſchreckliche Lage vor⸗ geſtellt, behauptete er ſehr ernſthaft, das ſei gar nicht zum Aushalten, und er würde morgen früh an allen Gliedern zerſchlagen oder er⸗ ſtickt ſein. „Condukteur, ſchrie er,„es herrſcht unter den Koffern und Hut⸗ ſchachteln eine wahre Revolution; ich bin Ariſtokrat, aber die Volks⸗ partei iſt mächtiger, ich werde hinausvotirt. Condukteur, denken Sie um Gotteswillen, wenn der Wagen umſchlägt. O, ich werde als⸗ dann zermalmt auf dem Boden ankommen.“— So ging es ohne Unterbrechung fort. Bald zwängte er ſeinen Kopf durch das Leder hinter uns und bat, wir möchten doch auf ſeine Melonen wohl Acht haben, daß ihnen kein Leides geſchehe. Meine Nachbarn gaben ihm hier und da lachend Antworten, und nur der Condukteur, der gern ſchlafen wollte, brummte ihm verdrießlich zu, er möchte doch um Gottes willen Ruhe halten. Aber es war keine Rede davon. Schwieg er eine Viertelſtunde lang, ſo begann ſein Geſchrei nur deſto ärger und heftiger.„Condukteur!“ ſchrie er,„ich erſticke, ich bin ganz todt! O, ich unglücklicher Menſch! Meine Herren, ich nehme Sie zum Zeugen, daß mir der Condukteur meuchelmörderiſch nach dem Leben trachtet!u So kamen wir nach Cambray, und meine Uhr zeigte mir, daß — — —,—, 4 — — 67 es glücklicher Weiſe ſchon Mitternacht ſei. Als wir dieſe Feſtung hinter uns hatten, wurde der blinde Paſſagier etwas ruhiger, und wir fingen an, uns auf ein Bischen Schlaf zu freuen. Ich lehnte meinen Kopf gegen einen ſchweren Koffer, der ſich mir freundſchaft⸗ lich von hinten genähert, und befand mich ſo eine Zeit lang zwiſchen Schlafen und Wachen, als der unausſtehliche Menſch wieder anfing: „Condukteur, he, Condukteur!“—„Zum Teufel, laſſen Sie mich zufrieden!“—„Condukteur!“—„Was gibts denn um Gottes wil⸗ len?“—„Haben Sie das Buch der Hundert und Eins geleſen, Con⸗ dukteur?“—„Ach, ich wollte, daß Sie mich in Frieden ließen!“— „Haben Sie es geleſen?“ ſchrie er lauter.„Oder Sie, meine Herren?“ wandte er ſich an uns. Meine Nachbarn lachten und erwiederten ihm, daß ſie es freilich kennten, aber was die Frage heißen ſollte.„Alſo haben Sie es geleſen?“ fuhr er fort.„Ein famoſes Buch, Sie werden ſich des Kapitels von der Morgue erinnern, die Erzählung von der Amme aus der Normandie, die mit dem ihr anvertrauten Kinde, einem un⸗ mündigen Jüngling, nach Paris reiſ't. O, meine Herren! Das arme Kind gerieth, wie ich, unter das Gepäck; es kam erſtickt nach Paris, wie ich erſtickt nach Brüſſel kommen werde. Condukteur! gibt es eine Morgue in Brüſſel?“ Jetzt aber vereinigten wir unſere Vorſtellungen mit denen des Condukteurs und baten vereint um Ruhe, worauf der blinde Paſſagier hinter dem Leder her mit dumpfer Stimme zur Ant⸗ wort gab: er wolle ſein Möglichſtes thun, aber es ſei hart, ſtillſchwei⸗ gend ſterben zu müſſen. Jetzt hatten wir eine Zeit lang Ruhe, und würden wahrſcheinlich aus Ermüdung eingeſchlafen ſein, wenn nicht unglücklicher Weiſe eine der Melonen unter dem Sitze hervor und zu den Füßen meines Nach⸗ bars gerollt wäre. Dieſer dehnte ſich ſchlaftrunken aus und bohrte ſeine beiden Abſätze ſo heftig in die reife Frucht, daß ſie auseinander platzte und einen wahrhaft betäubenden Geruch verbreitete. Dieſer mußte ſogar bis hinter den Ledervorhang gedrungen ſein, denn wenige Sekunden ſpäter meldete ſich der blinde Paſſagier aufs Neue und er⸗ kundigte ſich beſorgt, ob mit ſeinen Melonen etwas vorgefallen ſei. Mein Nachbar verhehlte ihm das Unglück nicht, das geſchehen, wor⸗ auf der Jammer des armen Epicier ſo groß ward, daß wir in ein allgemeines Gelächter ausbrachen. Anfänglich ärgerte er ſich darüber, doch bald ſtimmte er mit ein, und bat ſich nur die Freiheit aus, ſein Unglück bejammern zu dürfen, was er denn auch ſo überaus kräftig that, daß von einem Schlafen ferner die Rede gar nicht mehr ſein konnte. Glücklicher Weiſe dämmerte bald der Morgen auf, und wir er⸗ reichten Valenciennes. Bald kamen wir nach Quivrain, wo wir uns 68 zum Eintritt in Belgien einer Viſttation unterwerfen mußten, die aber ſehr gelinde ausfiel. Eine halbe Stunde darauf ſaß ich auf dem guten Polſter des Eiſenbahnwagens und floh gen Brüſſel. Der blinde Paſſagier mit den Melonen befand ſich in einem andern Wagen, und ich habe ihn nicht wieder geſehen. Doch iſt mir jetzt, mehr als ein Jahr nach dieſer denkwürdigen Nacht, der Geruch von Melonen ſo zuwider, daß ich nicht im Stande wäre, ein Stückchen dieſer Frucht zu eſſen. Wie glücklich war ich, als ich nach der ſo ſchlimm zugebrachten Nacht eine Stunde in meinem bequemen Zimmer des„Hotel de Flandre“ zu Brüſſel ausruhen konnte, und alsdann neu geſtärkt, auf die Straße ging. Unter dem Thorweg des Gaſthofes ſah ich einen Herrn und eine Dame, welche die Eiſenbahnkarte eifrig ſtudirten. Beide ſchienen mir nicht fremd, und als ich näher trat, erkannte ich den Wiener mit ſeiner liebenswürdigen Frau, welche ſich unter den Abfahrtsſtunden eine für ſie paſſende ausſuchten, um nach Aachen zurückzukehren. Glück⸗ licher Weiſe ließen ſte ſich bereden, noch ein paar Tage in Brüſſel zu bleiben, und wenn mir die Dame auch anfänglich ein böſes Geſtcht machte, daß ich ſte in Mecheln ſo ſchnöde verlaſſen,(denn ſte gab mir die Schuld) ſo wurde ſie doch bald wieder überaus lieb und freund⸗ lich, und wir verbrachten noch ein paar recht vergnügte Tage en ſamille im„Hotel de Flandre“ zu Brüſſel. — ◻☛oe— —,— *8 Eine Reiſe im neuen Styl. Beim heutigen Zuſtand der Verkehrsmittel geſchieht es leicht, daß man daß vorgeſteckte Ziel einer Reiſe um ein Bedeutendes überſchweift. So ging es mir ſo eben, und wenn mich auch mein Weg nicht in unbekannte Länder führte, von denen ich Ihnen viel Neues und Selt⸗ ſames mittheilen könnte, ſo iſt doch die Schnelligkeit merkwürdig, mit der ich eine große Strecke durchflogen, Anfangs durch rauchende Loco⸗ motiven oder ſchmetternde Poſthörner verführt, am Ende aus Neugier, um zu ſehen, in wie viel Zeit man von Köln über Aachen und Brüſſel nach Oſtende und von dort über Antwerpen und Rotterdam wieder den Rhein hinauf gelangen könne.— Es war Donnerſtag Mittag, als wir von Köln mit dem Convoi nach Aachen fuhren. Seit die neue Eiſenbahn beide Städte verbindet, hatte ich den Weg nicht mehr gemacht, und da ich ihn früher öfters zu Pferde, mit der Poſt, ſo wie mit langſamen Miethkutſchern zurückgelegt, ſo empfand ich recht die Segnungen der neuen Einrichtung. Um die Annehmlichkeit der Eiſenbahn recht zu ſchätzen, muß man bekannte Strecken durchfahren, wo man an einzelnen Häuſern, Dörfern, Bäumen deutlich erkennt, * wie entſetzlich ſchnell man alles das erreicht, was man früher im Staube der Chauſſee ſo langſam und beſchwerlich einholte. In Folge 8* der Feſtlichkeiten in der Rheinprovinz waren den Locomotiven unge⸗ wöhnlich viele, dicht beſetze Wagen angehängt. Das lachte und ſchrie durcheinander, deutſch, franzöſiſch und walloniſch, bis zum großen Königs⸗ dorfer Tunnel, der wie ein langer ſchwarzer Gedankenſtrich die luſtige Converſation unterbrach. Es iſt wirklich ein eigenes Gefühl, ſo plötzlich aus der Helle des Tages in eine Nacht hineingeriſſen zu werden, die durch die vollkommenſte Finſterniß und den Mangel an genießbarer Luft einem Vorhof der Hölle gleicht. Alle muntern Geſpräche ver⸗ ſtummen, die Maſchine kracht und klirrt auf betäubende Weiſe, und Jeder ſchließt die Augen, theils weil man im Dunkeln überhaupt hiezu 70 geneigt iſt, theils um ſie vor dem Dampf und Kohlenſtaub zu ſchützen, der das Gewölbe anfüllt. Der Tunnel iſt eine ſtarke halbe Stunde lang, und ob man ihn gleich in drei Minuten durchfliegt, erſcheint doch dieſe kurze Zeit ſehr lang. Man hat bei der Bahn von Köln nach Aachen ſehr bedeutende Terrainſchwierigkeiten zu überwinden ge⸗ habt. Außer dieſem großen Tunnel gibt es noch einen kleinen, eine Unzahl von Brücken über verſchiedene kleine Flüſſe, und bei Aachen einen großen Viaduct, der die Bahn über das Wurmthal führt und deſſen mittlere Pfeiler einige achtzig Fuß hoch ſind. In Folge der vielen Zwiſchenſtationen braucht man zwei und eine halbe Stunde Zeit, um zu der alten Kaiſerſtadt zu gelangen, die von Köln fünfzehn Stun⸗ den Wegs entfernt iſt. Bei der Menge von Wagen verſchiedener Gaſthöfe, ſowie der großen Omnibus, welche die Reiſenden nach den Poſten und den umliegenden Orten führen, geſchieht es leicht, daß man in ein unrechtes Fuhrwerk kommt; ſo ging es auch uns, und wir fuhren in kurzer Zeit, ſtatt in den Gaſthof zu den vier Nationen, zu unſerer nicht geringen Verwunderung in den Hof der Lütticher Poſt. Indeſſen, ſtatt umzukehren, nahmen wir dieſe Verwechslung als einen Wink des Schickſals und ließen uns nach Lüttich einſchreiben, um die großen belgiſchen Eiſenbahnen in der Nähe zu beſehen. Bereits ſchwebte uns ſogar Brüſſel im Hintergrunde vor.— Abends zehn Uhr fuhr die Poſt aus Aachen, und da dieſe alten Wagen noch drei Sitze neben einander haben, da es regneriſches Wetter war, ſo daß man, trotz der neun Perſonen im Innern, faſt beſtändig die Fenſter ſchließen mußte, und da der ganze Weg von Aachen nach Lüttich gepflaſtert iſt, ſo gehörte dieſes Stück Reiſe, mitten zwiſchen den herrlichſten Eiſenbah⸗ nen gelegen, nicht zu den angenehmſten Partien. Obendrein wurden wir aus dem erſten Halbſchlummer durch die belgiſchen Zollbeamten geweckt, die auf der Grenze bei Henri⸗Chapelle unſere ſämmtlichen Effekten, ſo wie unſere Päſſe auf's Genaueſte revidirten. Endlich lag Lüttich vor uns im Thale, von der aufſteigenden Morgenſonne be⸗ leuchtet, welche uns zugleich in der Ferne den prächtigen Bahnhof zeigte, wo die Locomotive rauchte und uns freundlichſt einlud, auf die fatale langſame Nachtpartie eine windſchnelle luſtige Tagfahrt zu ver⸗ ſuchen.—. Dieſe Ausſicht war wirklich zu einladend, und wir ließen uns geduldig auf einen ungeheuern Omnibus laden, der uns geradezu auf den Bahnhof führte. Karten nach Brüſſel waren bald genommen, unnd es verging keine halbe Stunde, ſo gaben die Condukteurs mit ihren Hörnern das Zeichen zur Abfahrt und der Convoi ſetzte ſich langſam in Bewegung. Noch vor wenigen Monaten mußte man aus dem Lütticher Thale eine lange Strecke bergan zu Wagen zurücklegen, jetzt aber iſt auch dieſer Theil der Bahn fertig und eine ſtehende 4 3 — V 5 71 Dampfmaſchine ſchleppt an einem ungeheuern Drahtſeil den Wagenzug in verhältmäßig ſehr kurzer Zeit hinauf. Oben kam uns eine andere Locomotive entgegen, wurde vorgeſpannt und wir flogen dahin. Das geſegnete, aber flache Land Belgiens auf der Landſtraße zu durchſchnei⸗ den, muß ſchrecklich langweilig geweſen ſein; denn obgleich wir die Strecke von Lüttich nach Brüſſel in drei Stunden zurücklegten, däuchte uns der Weg ſehr lang, und obgleich die Räder mit raſender Ge⸗ ſchwindigkeit dahin rollten, konnten wir nicht begreifen, warum Brüſſel ſo lange nicht erſcheinen wollte. So iſt der Menſch; wer früher mit guten Pferden Morgens von Lüttich abfuhr, durfte ſich unterwegs nicht lange aufhalten, wenn er bei einbrechender Nacht in Brüſſel ſein wollte. Jetzt würde man mit der Eiſenbahn dieſe Strecke noch ſchneller zurücklegen, als ich angegeben, wenn ſtie nicht einen kleinen Umweg über Mecheln machte. Mecheln iſt das Herz der Eiſenbahnen Bel⸗ giens; hier iſt der Hauptbahnhof, wo alle Züge zuſammentreffen, um ihre Paſſagiere auszutauſchen.— Es mochte eilf Uhr ſein, als wir nach Brüſſel kamen, und wir wandten den Nachmittag dazu an, die Stadt flüchtig zu beſehen. Wir hatten, wie früher bemerkt, früher höchſtens bis Brüſſel gehen und von hier nach Aachen zurückkehren wollen. Doch der Bekannte, mit dem ich reiste, hatte noch nie das Meer geſehen, und es wäre doch unverzeihlich geweſen, die vier Stun⸗ den, die wir nach Oſtende hatten, nicht zu opfern, was ja mit ſo wenig Koſten geſchehen konnte. Auch entſchloſſen wir uns kurz und ſaßen ſchon um ſieben Uhr auf der Eiſenbahn, um nach Mecheln und von da weiter nach Oſtende zu fahren. In Mecheln iſt ein wirklich merkwürdiges Leben; die weitläufigen Gebäude des Bahnhofs mit allen möglichen Werkſtätten begrenzen einen weit ausgedehnten Platz, auf dem ſich eine Menge Eiſenbahnen von allen Richtungen her kreuzen. Oft ſtehen drei bis vier Züge zu gleicher Zeit da. Die Locomotive rauchen, die Paſſagiere ſitzen in bunten Reihen und die Condukteurs laufen emſtg hin und her und rufen laut die Namen der Städte, die dieſer oder jener Zug berührt, um einen nachläſſigen Paſſagier vor der Unannehmlichkeit zu bewah⸗ ren, nach dem unrechten Orte zu gelangen. Und doch iſt im ganzen Getreibe eine merkenswerthe Ruhe und Ordnung; die Beamten der Bahn ſind äußerſt höflich und artig, und wiſſen gewöhnlich den Paſ⸗ ſagieren in drei Sprachen Auskunft zu geben.— Wenn man die vielen Locomotive ſieht, die den augenblicklichen Dienſt verſehen ſollen, oder zur Reſerve geheizt und hergerichtet ſind, ſo kann Einem wohl die Idee kommen, als ſeien all die tauſend Paſſagiere, die in den ele⸗ ganten Wagen ſitzen, nur Zuſchauer bei einem großartigen Wettrennen. Die Locomotive ſind die Rennpferde und werden von den Maſchiniſten 98 72 in dem großen Bahnhofe auf⸗ und abgeführt, damit ihre Glieder ge⸗ lenkig werden, bald raſcher, bald langſamer, und die ſchönen Maſchinen gehorchen leicht und willig dem Druck der Handhabe, wie ein edles Roß der Bewegung des Zügels. Pläötzlich erſchallt eine große Glocke, und aus den Reſtaurationen ſtürzen die letzten Paſſagiere eilfertig zu den Wagen. Jetzt verlaſſen die Locomotive die kurzen Nehenbahnen und werden vermittelſt der großen Drehſcheiben vor die betreffenden Züge geſpannt. Die Condukteurs laufen längs der Wagenreihe hin und her, um jede Thüre ſorgfältig zu verſchließen. Sobald dieß ge⸗ ſchehen iſt, gibt der Beamte des letzten Wagens durch drei Hornſtöße 888 Zeichen, daß bei ihm alles in Richtigkeit iſt, welches Signal von em des erſten Wagens wiederholt wird. Die Maſchine ſtößt den überflüſſigen Dampf aus und ſetzt ſich in Bewegung. Von Mecheln aus fahren gewöhnlich die drei Convois nach Lüttich, Oſtende und Antwerpen eine kurze Strecke nebeneinander her. Anfänglich geht es langſam, doch merkbar immer ſchneller und ſchneller; jetzt wenden ſich die drei Eiſenbahnen in weiten Bogen jede nach einer andern Rich⸗ tung, und da nun auch die Locomotive in vollem Laufe dahin jagen, iſt jeder Zug bald aus dem Geſichtskreiſe des andern entſchwunden. — Es mochte eilf Uhr ſein, als wir nach Oſtende gelangten, und da wir uns von Köln aus mit keinem überflüſſigen Gepäck verſehen hat⸗ ten, ſo konnten wir uns gleich aus dem Wagen nach dem Hafendamme, dem Dyk, begeben, um einen Blick über das Meer zu werfen und uns nach einem Bade umzuſehen. Mein Freund, der, wie ſchon geſagt, hier zum erſtenmal die heilige Salzfluth ſah, ſtand ſprachlos beim großartigen Anblick, und auch mir, der ich das Meer an vielen Küſten ſchon geſehen, ſchlug das Herz raſcher. Bald ſtiegen wir an den Strand hinab, um uns eines der Badekarren zu bemächtigen, von denen, da es eine ungewöhnliche Stunde zum Baden war, viele leer ſtanden. So ein Seebad iſt der köſtlichſte Genuß, ſo erfriſchend und ſtärkend; leider war es gerade Ebbe und die Wellen gingen nicht hoch. Wir bezahlten für das Bad nebſt der Badekleidung zuſammen einen Franken. In der wohl eingerichteten Reſtauration Hammer ſpeisten wir ausnehmend gut und billig, und ſtanden ſchon im Begriff, noch einen Tag in Oſtende zuzuſetzen, was wir auch gethan haben würden, wenn wir einige Bekannte, die wir hier vermutheten und die auch wirklich hier waren, aufgefunden hätten; aber ein Fremdenblatt, das hier erſcheint, kommt nur alle vierzehn Tage heraus, und auf der Polizei war man zwar außerordentlich artig und freundlich, konnte uns aber keine Auskunft geben. So ſchlenderten wir mißvergnügt dem Bahnhofe zu, und wenn wir die zurückgelegte Strecke überdachten, waren wir darüber einig, daß der Weg von Lüttich nach Aachen, den — 53 — 73 wir auf dem ſchlechten Poſtwagen und dem entſetzlichen Pflaſter noth⸗ wendig wieder genießen mußten, gar unangenehm ſei. Ein anderer Weg, um nach Köln zu gelangen, lag allerdings vor uns; doch erwähnten wir deſſelben Anfangs nur ſcherzweiſe gegen einander; denn es grenzte etwas ans Fabelhafte, von Oſtende über Antwerpen und Rotterdam den Rhein hinauf ſich dorthin zu begeben. Indeſſen waren wir im nächſten Augenblicke Beide gar nicht abgeneigt, dieſe zwei Städte, ſo wie die Schelde und Oſterſchelde zu ſehen, und ein kleiner Umſtand entſchied über unſer Schickſal. Da der Convoi von Oſtende zugleich nach Brüſſel und Antwerpen abging, fragte mich der Beamte am Schalter, indem er zwei Karten hervorſuchte:„Pour Anvaſſtzg Monsieur?“ und ich ſagte: Ja. Eine Viertelſtunde darauf fuhreln wir ſchon dahin, kamen im Umſehen nach Brügge und Gent und bei einbrechender Nacht nach Mecheln, wo ſich die Züge für Brüſſel und Antwerpen theilten. Mit lezterem fuhren wir unter einem ſtarken Ge⸗ witter dahin und waren Abends um neun Uhr in der Vaterſtadt Ru⸗ bens. Wir ſuchten im Dunkeln die Statue des großen Niederländers und ſahen ſte auch bald in undeutlichen Umriſſen hervorragen. Das war aber auch Alles, und nachdem wir ein Abendeſſen eingenommen, mußten wir uns auf das Dampfboot nach Rotterdam begeben, das um Mitternacht abfuhr. Wer ſchon große Strecken auf Eiſenbahnen zurückgelegt hat, weiß, daß das eigenthümliche Rütteln auf denſelben ſehr ermüdet, weßhalb wir auch bald entſchliefen und erſt wieder erwachten, als die Sonne hinter den kahlen Dünen der holländiſchen Küſte emporſtieg.“ 3 Unſer Schiff fuhr äußerſt langſam, nicht wegen Schwäche ſeiner Maſchinen, ſondern wegen mangelnder Concurrenz, wie uns der gähnende Kapitän verſicherte; ſonſt, als noch eine zweite Geſellſchaft dieſen Weg machte, kamen die Schiffe ſchon Morgens um acht Uhr nach Rotterdam, und wir gelangten erſt um eilf Uhr dahin.— Es war Sonntag, und mochte unſer etwas defekt gewordenes Reiſekoſtüm Schuld ſein, oder die übertriebene Reinlichkeit der holländiſchen Häuſer und Menſchen, genug, wir fühlten uns beim Anblick der reinlichen, geputzten Stadt nicht heimlich und nahmen das Anerbieten eines Fiakers an, dem noch zwei Menſchen an einer Ladung nach dem Haag fehlten. An dieſer Hauptſtadt des Landes ſelbſt lag uns eigentlich nichts; bei unſerem eiligen Durchſtreifen konnten wir ja doch von ihren Merkwürdigkeiten nichts genießen; aber Scheveningen reizte uns, und unſer geſtriges Seebad in Oſtende hatte in uns große Luſt zu einem zweiten gemacht. Auf dem Weg zwiſchen Rotterdam und dem Haag wurde mir ordent⸗ lich bange. Da iſt Alles ſo in geraden Linien gezogen, ſo blank *- geſcheuert und bunt angeſtrichen, ſo gar nichts Zufälliges, von der * 3 74 Natur Hervorgebrachtes, woran man ſeine Freude haben könnte. In den Wirthshäuſern, wo wir unterwegs anhielten, war ebenſo Alles unheimlich reinlich und obendrein entſetzlich theuer. Alles, was wir geſtern noch mit einem Franc bezahlt hatten, koſtete heute einen Gulden. So kamen wir nach dem Haag, und an der Poſtexpedition, wo wir abgeladen wurden, hatte ich es nur meiner Standhaftigkeit zu danken, daß wir für einen Fiaker nach Scheveningen nicht fünf holländiſche Gulden bezahlen mußten, indem einer der Poſtbeamten uns faſt mit Gewalt hinein nöthigen wollte. Es gelang mir mittelſt einiger Grob⸗ heiten loszukommen; wir hatten aber damit vier Gulden verdient, denn ein anderer Lohnkutſcher führte uns für einen Gulden gern nach Scheve⸗ ningen. Indeſſen hatten wir hier von dieſem Roſſelenker eine andere Kränkung auszuſtehen, indem er beim Ausſteigen ſchon ſein ganzes Geld haben wollte, da wir ihn doch auch für die Rückfahrt gemiethet. Er ſtützte ſeine Forderung auf den ſehr angenehmen Grund, wir könnten ja möglicherweiſe im Meer ertrinken. Wir ertranken aber nicht, ſon⸗ dern erfriſchten uns trefflich in den hochgehenden Wellen, für welchen Genuß wir aber einen Gulden die Perſon zu bezahlen hatten. Abends eilten wir nach dem Haag und von da nach Rotterdam zurück, wo wir die Nacht ruhig verſchliefen, um am andern Morgen ein Dampf⸗ boot der niederländiſchen Geſellſchaft zu beſteigen, das uns in zwei Tagen rheinaufwärts nach Köln brachte. Obgleich man uns auf dem Bureau dieſer Geſellſchaft verſichert hatte, wir würden ſchon am Abend gegen acht Uhr nach Emmerich gelangen, ſo wurde es doch halb zwölf, und am folgenden Tage, wo das Schiff gegen eilf Uhr in Köln ſein ſollte, gelangten wir erſt um vier Uhr Morgens dahin, ein Verfahren und Fahren, das ſich die niederländiſche Geſellſchaft oft zu Schulden kommen läßt, und das in öffentlichen Blättern ernſte Rüge verdiente. So hatten wir in fünf Tagen, durch Umſtände und Gelegenheiten verführt, eine ſehr bedeutende Strecke zurückgelegt, waren freilich wie Brieffelleiſen gereist, hatten aber dabei wenigſtens, wenn auch nur im Fluge, die trefflichen Einrichtungen ſo wie die Schnelligkeit und Wohl⸗ feilheit der belgiſchen Eiſenbahnen kennen gelernt.— Dieſe ganze Tour hatte Jeden von uns etwa 40 Gulden gekoſtet, was für den Kreis, den wir über Aachen, Lüttich, Brüſſel, Gent, Brügge, Oſtende, Antwerpen, Rotterdam, Haag, Scheveningen, Emmerich, Weſel, Düſ⸗ ſeldorf beſchrieben, gewiß ſehr wenig iſt. 45 8 Nur natürlich! * 8—— Wenn 6 Buche meiner Erinnerungen nachblättere, und meiner Freunde und Bekannten von ehemals gedenke, ſo kommt mir häufig einer derſelben ins Gedächtniß, ein guter gemüthlicher Menſch, der ſeines Zeichens ein Apotheker war, und mit dem ich lange Zeit auf's Freundſchaftlichſte zuſammenlebte. Wir wohnten nicht in einem und demſelben Hauſe, nur in derſelben Stadt. Ueber ſeinem Quartier 4 war ein goldener Löwe angebzacht und vor dem langen viereckigen Gebäude, in welchem ich campirte, ſtanden zwei alte Kanonen und neben ihnen zwei Kanoniere, mit dem Säbel in der Hand, Schild⸗ 3 wache. Wo wir uns eigen üch kennen lernten, kann ich nicht angeben und, obgleich wir, pas Neigung und Verhältniß anbelangte, nicht ſehr zuſammenpaßten ſo wurden wit doch ganz gute Freunde. Schmidle, ſo hieß der Apotheker, war. ein Schwabe und von unſerm Herrgott nicht mit überflüſſiger Körderſchönheit begabt; doch hatte er an gutem Ausſehen, was man für's Haus braucht, und war, wie eine alte Tante von mir in ähnlichen Fällen zu ſagen pflegte, vor Ach! und Pfui! bewahrt. Das ſoll nämlich heißen: vor„Ach, wie ſchön!“ und„Pfui, wie häßlich!“ Schmidle konnte ſogar, wenn er Sonntags ſeinen ſeinen ſchwarzen Frack mit allem dazu Nothwendigen und Paſſenden anzog, für einen hübſchen eleganten Menſchen gelten, und einen ge⸗ aus ſeinen Kleidern zu vertreiben war, hätte man es ihm alsdann nicht anſehen, oder vielmehr anriechen können, ich welcher Branche er ddeer leidenden Menſchheit diente. Ja, man hätte ihn zuweilen für einen jungen Cavalier halten können, vielleicht für einen Offizier in Civil, denn er verſtand es, wie dieſe Leute, ſein Halstuch mit einer gewiſſen lockern Cleganz zu knüpfen und an ſeinen Handſchuhen hatte wiſſen ſüßen Kräuter⸗ und Medicamenten⸗DOuft abgerechnet, der nicht er beſtändig ein Knöpfchen abgeriſſen. Auch ſetzte er ſeinen Hut ganz gerade auf den Kopf und ließ ſich an, Sonn⸗ und Feiertagen Bern die 76 Sefeln lakiren. Dabei war er von einer Gutmüthigkeit und hatte einen Glauben an die ganze Menſchheit, der an Schwäche gränzte. Er that für ſeine Freunde, was er nur immer konnte, und ſeine Börſe, die, da er einiges Vermögen hatte, beſtändig wohl gefüllt war, öffnete ſich jedem Hilfsbedürftigen mit einer Ausdauer, die ans Fabel⸗ hafte gränzte. Was dieſer Charakter, der, wie ich genugſam dargethan, als Menſch vortrefflich war, als Apotheker galt, ach, darüber war in dem ganzen Stadtviertel, das zur Löwenapotheke gehörte, nur eine Stimme, beſonders bei dem dienenden Perſonal, mit dem Schmidle hauptſächlich verkehrte. Es mußte ſchon wahr ſein, was die Leute ſagten, daß der alte mürriſche Prinzipal, ein Hageſtalz in den Sech⸗ zigen, ſeinen erſten Gehilfen außerordentlich liebte, denn Schmidle zog durch' ſeine ungemein freundliche Perſönlichkeit eine Unmaſſe baaren Geldes an ſich, das ſonſt in die Ladentiſche anderer Apotheken gefloſſen wäre. Alle Mägde und Hausknechte, die von ihrer Herrſchaft ausge⸗ ſchickt wurden, irgend etwas zu holen, ohne daß ihnen die Apotheke angegeben wurde, zogen in den Löwen und dort warteten ſie lieber halbe Stunden lang an der Thür, wenn Herr Schmidle vielleicht ge⸗ rade beſchäftigt war, ein Zeichen der Popularität, das die andern Gehilfen und ſelbſt den damaligen rothhaarigen Lehrling mit Neid erfüllte. Es hat aber auch wohl nie in der Chriſtenheit einen zweiten Apotheker gegeben, der die Leute ſo zu faſſen und zu behandeln wußte, wie mein Freund. Seine ſtehenden Kunden kannte er faſt alle aus⸗ wendig und er ſah den goldbetreßten Bedienten dieſes und jenes Ca⸗ vallerie⸗Offiziers nicht ſelten an der Naſe die Bedürfniſſe an, die ſie in die Apotheke führten, und wenn dieſe Herren ſelbſt kamen und im Beiſein anderer Leute gleichgiltig, vom Wetter und dergleichen ſprachen, griff Schmidle mit einem vielſagenden Blick oder dergleichen hinter ſich, und traf in den meiſten Fällen das Rechte. Den ſtolzen Diener⸗ ſchaften noch ſtolzerer Herrſchaften, die ſich auf ihren Livréerock etwas zu gut thaten und die es unſerm Herrgott nie verzeihen konnten, daß die Bäume anſtatt grün nicht gelb oder blau, wie die Wappenſchilder ihrer Kutſchen waren, wußte er durch bunte glänzende Papiere mit denſelben Farben zu ſchmeicheln, und auf dieſelbe Art behandelte er alle Köchinnen und Stubenmädchen, die ihm einmal anvertraut, wäh⸗ rend er ihnen eine Medizin anfertigte, die nicht gekocht zu werden— brauchte, und worauf ſie warten konnten, daß Indigoblau oder Pon⸗ ceauroth ihre Leibfarbe ſei. Selbſt beim Beſchreiben der Etiquetten und Pillenſchachteln wußte er Unterſchiede zu machen und Nüancen anzubringen, die wohl im Stande waren, das Herz einer gefühlvollen Kammerjungfer zu bewegen. Den Befehlshaberton, wie er gewöhnlich 1 8 6 bei ſolchen Aufſchriften herrſcht, wie z. B.: Alle Stunden einen Eß⸗ löffel voll zu nehmen, wandte er nie allein an, wenigſtens ſetzte er hinzu: w. g. i., das heißt: wenn's gefällig iſt. Dies war aber noch die niedrigſte Claſſe, denn ſeine Bekannten oder öfteren Kunden wur⸗ den auf das Höflichſte gebeten, doch ſtündlich einen Eßlöffel voll zu 88 nehmen. Und mit welcher Feinheit verſtand er es, dem letzten Schnörkel ſeiner Schrift durch allerhand Formen eine tiefere Bedeutung zu geben. Man konnte oft einen gewiſſen Buchſtaben daraus leſen oder ein Aus⸗ rufungszeichen und nicht ſelten brachte er ſogar ein ſinnreichver⸗ ſchlungenes Herz an. War er vielleicht gerade zu ſehr beſchäftigt, um alle Etiquetten ſelbſt zu ſchreiben, ſo unterwarf er doch die vom Lehr⸗ ling angefertigten einer genauen Reviſton und fügte gewöhnlich einen Strich oder einen Punkt hinzu, was den betreffenden Stubenmädchen äußerſt angenehm war. Wer aber Schmidle in ſeiner ganzen Glorie ſehen wollte, der mußte die Löwenapotheke an einem Samstag Abend beſuchen. Als⸗ dann wurde von dem dienenden Perſonal des ganzen weiblichen Stadt⸗ diertels vor der Apotheke förmlich Queue gemacht, und man konnte Stunden lang warten, bis man zu Schmidle hingelangte, der, hinter 1 einzm großen Topfe ſtehend, mit einer Feinheit und Grazie Pomade austheilte, die an's Unglaubliche gränzte. Neben ſich hatte er eine ganze Batterie mit Flaſchen von wohlriechendem Oel, und er wußte recht genau, welche von ſeinen Kunden den Duft der Roſe dem der Nelke vorzog, oder welche zu ihrer Pomade einen ſtärker⸗ oder ſchwächer⸗ riechenden Beiſatz bedurfte. Kein Tag, keine Stunde, kein böſes oder ſchlimmes Worier war im Stande, die liebenswürdige Laune Schmidle's zu verderben, ja ſelbſt in der Nacht, wenn er aus dem ſüßen Schlum⸗ mer geweckt wurde, ließ er ſich nicht, wie die Apothekergehilfen im Allgemeinen, einige Dutzend Mal durch den Ton der Klingel rufen, ehe er wirklich kam, um alsdann obendrein noch bärbeißig und ver⸗ drießlich zu erſcheinen; nein, auch in ſolchen Stunden behandelte er die armen Dienſtboten in den meiſten Faͤllen ſo ausgezeichnet, daß ſie 4 ſich noch lange daran mit Freuden erinnerten. Aber bei allen dieſen Vorzügen Schmidle's, bei allen dieſen lie⸗ benswürdigen Eigenſchaften meines Freundes kann ich doch nicht umhin, 5 des Spruches zu erwähnen, daß, wo viel Licht, auch viel Schatten iſt. Mein Freund war nur der vortrefkfliche Menſch, wie ich ihn eben ge⸗ ſchildert, ſo lange er ſein und ſcheinen wollte, was er wirklich war, nämlich erſter Gehilfe der Löwenapotheke, mit einem Worte, ſo lange er ſich natürlich gab, wie ihn Gott geſchaffen. Aber daß er dies nicht immer that, daß er einen Drang in ſich fühlte, ſo wie er den ſchwar⸗ zen Frack angezogen und die Thüre des Lahoratoriums hinter ſich 78 zugemacht hatte, etwas Anderes ſein zu wollen, als ehrſamer Apo⸗ thekergehilfe, dies war die Schattenſeite des ſonſt ſo vortrefflichen Charakters. Man hätte glauben ſollen, Jemand, der, wie er, hinter dem Ladentiſche die Achtung der ganzen Bevölkerung des Stadtviertels beſaß, müſſe ſtolz darauf geweſen ſein, ſo in ſeinem Stand etwas zu gelten, und mit einer Miene auf die Straße hinausgetreten ſein, die deutlich verkündigte: Ich bin Schmidle, der geſchickte Apotheker. Aber nichts weniger als das. Schon vorhin ſprach ich von der Art, wie er ſeine Halsbinde umband, wie er ſeinen Hut auſſetzte, ſeine Hand⸗ ſchuhe anzog. Ach, das Alles that er nicht, weil ein inneres Bewußt⸗ ſein ihm vorſchrieb, ſich ſo zu kleiden, nein, er that es nur, um einen höheren Stand nachzuäffen, und da er ſolcher Geſtalt die Götter ver⸗ ſuchte, rächte ſich das Schickſal bisweilen an ihm und ließ den Armen Niederlagen erleben, die oft durch unbedeutende Kleinigkeiten in der Kleidung herbeigeführt wurden. O es iſt eine große Kunſt, ſich elegant anzuziehen, ſelbſt wenn man auch, wie Schmidle, die Mittel dazu be⸗ ſitzt, und eine noch größere Kunſt iſt es, ſich einer feinen eleganten Kleidung gemäß in jeder Hinſicht zu betragen. Und da Schmidle von Jugend auf keine Gelegenheit gehabt, ſich in dieſen beiden Künſten zu üben, ſo folgte die Strafe, daß er ſeine liebenswürdige Natürlichkeit unter dem Deckmantel einer unpaſſenden geborgten Eleganz verbarg, ihm gewöhnlich auf dem Fuße nach, indem er ſtch unzählige Male lächerlich machte, wobei ihm nie ſeine eleganten Beſtrebungen gelangen. Welche Noth hatten wir mit ihm, wenn ger eine Champagnerflaſche aufmachte, damit er den Pfropfen nicht knallen ließe! Und die großen Kelchgläſer mußten wir ihm faſt mit Gewalt verbieten, indem es ihm gar nicht paſſend erſchien, den edlen Wein aus gewöhnlichen Gläſern zu trinken. In der Regel ging er alle Jahr einmal zu ſeinen Aeltern auf Urlaub, und fand da Gelegenheit, auf eine Jagd mitgenommen zu werden. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er den Wildſtand bei dieſer Gelegenheit auf keine Weiſe verminderte, denn wenn er auch von Haſen, Füchſen und Böcken erzählte, die er geſchoſſen, ſo kam man ſeinem Jägerlatein doch glücklich auf die Spur, indem er erzählte, wie er den Fuchs im jungen Klee getroffen, oder daß der Rehbock, den er erlegt, eben vorſichtig aus ſeinem Sandloch herausgekommen ſei. Das wäre an ſich nun nichts Böſes geweſen, aber unſere Necke⸗ teien über ſeine Nimrodiaden brachten ihn auf die Idee, aus irgend einem für die Menſchheit ſehr nützlichen Werke die Jägerſprache zu ſtudiren, und als er die meiſten vorkommenden Ausdrücke ſo ziemlich inne hatte, konnten wir uns in unſern Unterhaltungen ſchlechterdings nicht mehr davor retten. O es war oft rein zum Verzweifeln, nicht als wenn er dieſe Ausdrücke nur angewandt hätte, wo ſie wirklich 0* 1 79 ſeine Geſpräche einzuflechten. So konnte er uns von keiner Prügelei ſ(hrecklich an ſeinen Löffeln geſchweißt. Die Pferde hatten bei ihm Läufe und alle Haare ohne Ausnahme nannte er Wolle. e Was ſein Herz anbetraf, ſo war es bis zu dem Zeitpunkt, von dem ich jetzt erzählen werde, noch eine jungfräuliche Feſtung und hatte alle Stürme ſiegreich abgeſchlagen. Nicht als ſei er unempfäng⸗ lich für weibliche Schönheit geweſen und noch viel weniger, als wäre er von dem andenn Geſchlecht nicht ausgezeichnet worden, im Gegen⸗ Itheil, da Schmidle ein ziemlich anſtändiges Vermögen beſaß, ſo daß es von ihm hieß, er werde baldigſt eine eigene Apotheke kaufen, ſo wandte ſich der Blick manches ſchönen Augenpaares, das viele andere mit Eiſeskälte anblickte, freundlich gegen Schmidle und forderte ihn deutlich auf, ſich zu nähern. Aber auch hier traten ihm die Schatten ſeines Charakters wieder in den Weg, denn eine gutgeregelte bürger⸗ liche Liebſchaft ſchien ihm nicht nobel und elegant genug, und dann hatte er ſich auch feſt vorgenommen, ſein künftiges Ehegeſpons ſolle ſich durch ſeine geſellſchaftlichen Vorzüge, durch ſeine eleganten und ritterlichen Manieren zu ihm hingezogen fühlen, kurz, es erſchien ihm ſchrecklich, ſich als Apotheker geliebt zu wiſſen und glauben zu müſſen, 3 daß die Liebe ſeiner Zukünftigen auf ſein Vermögen gegründet ſei. Eines Morgens nun, als ich gedade im Begriff war, einigen wenig verſprechenden Rekrußen die Anfangsgründe der edlen Reitkunſt beizubringen— es war an einem Samſtag Morgen— erhielt ich ein kleines Billet von Schmidle, worin er mir ſchrieb:„Bruderherz! Da ich heute Morgen jeider viel zu thun habe, ſo erzeige mir doch die Reitſtunde ſo viel wie möglich ab, ging in die Löwenapotheke und fand meinen Freund, indem er ſich eifrig damit beſchäftigte, irgend ein Tränklein zuzubereiten. Bei meinem Eintritte übergab er dies Ge⸗ ſchäft dem zweiten Gehilfen und zog mich raſch in das kleine Stüb⸗ chen hinter der Apotheke, wo er mir feierlich ſeinen Stuhl anbot und ſich vor mich hinſetzte. Nach einer kleinen Pauſe, während welcher er mich aufmerkſam anſah, als müſſe er erſpähen, daß ich das große Ereigniß ahne, weshalb er mich herbeigerufen, ſagte er mit einem unterdrückten Seufzer:„Du, ich habe mich ganz erſchrecklich verltebt!“ nicht zur Sprache kommen und fuhr fort:„Ach, es mögen jetzt un⸗ Comp.— Du weißt, woher wir viele Materialten u ad Oele beziehen — beſuchte und ich darauf, wie gewöhnlich u Mittag hingehörten, nein, es erſchien ihm vielmehr höchſt elegant, ſie in alle . zwiſchen Straßenjungen erzählen, ohne daß er verſicherte, der Eine habe den Gefallen und komme, ſo bald Du kannſt, zu mir.“ Ich kürzte Ich war über dieſe Aeußerung nicht wenig erſtaunt, doch er ließ mich gefähr vier Tage ſein, als mich der Reiſende des§ zuſes Faber und im engliſchen “ 3— 80 Hof mit ihm ſpeiſte. O Gott, gegen uns über waren ein Paar leere Couverts und nach der Suppe, beim Rindfleiſch, erſchienen zwei Da⸗ men dort, zwei Damen, von deren Schönheit das Herz eines reitenden Artilleriſten nicht im Stande iſt, ſich einen Begriff zu machen. Ich hatte meine gute Laune und entfaltete bei Tiſche eine Liebenswürdigkeit, die mich ſelbſt in Erſtaunen ſetzte.“ —„Natürlich,“ ſchaltete ich ein,„ließeſt Du den Champagner⸗ pfropfen gegen die Decke fliegen, und erzählteſt von der großen Jagd, wo Du den Fuchs im Kleefeld geſchoſſen.“ „Nicht ganz ſo,“ entgegnete Schmidle.„Ich muß wirklich ſehr liebenswürdig geweſen ſein, denn die Damen waren es ebenfalls und unſere Bekanntſchaft wurde ſchon den erſten Tag ſo intim, daß wir mit ihnen Kaffee tranken und ſie ſich nach Tiſche noch eine gute Stunde mit uns unterhielten. Auf mich hatte beſonders die Eine, die ſchwarze Haare und ein Paar Lichter im Kopf hatte, o Gott, ein Paar Lichter! den unvertilgbarſten Eindruck gemacht. Denſelben Abend ging ich ins Theater, die Damen ſaßen in der Fremdenloge und nun ſpeiſ' ich jeden Mittag da, und ich muß Dir geſtehen, daß ich faſt glaube, einigen Eindruck auf das Herz der jüngeren Schwarzen gemacht zu haben.“ —„So,“ entgegnete ich,„nur die Eine iſt jung, die Andere alſo alt?“ „Ei ja,“ antwortete Schmidle, ves iſt eine ältliche Tante mit ihrer Nichte, ſonſt würde es ſich ja auch nicht ſchicken; zwei junge Damen allein? Du weißt, ich ſehe auf ſo etwas.“ —„Aber ſage mir,“ entgegnete ich ihm,„was haſt Du denn eigentlich mit der ganzen Geſchichte vor? Haſt Du Abſichten auf das Mädchen, oder willſt Du ſie blos durch Deine unerreichbare liebens⸗ würdige Perſon unglücklich machen? Höre, Schmidle, Du biſt ein entſetzlicher Roué!“ Schmidle ſchien das ſelbſt zu fühlen, denn er ſchlug die Augen nieder und entgegnete mir:„Alter Junge, Du kennſt meine Verhält⸗ niſſe, Du weißt, daß mein Vater in mich dringt, mich zu verheirathen, um den Stamm meiner alten Familie forzupflanzen. Aber vorher— 4 —„Willſt Du erſt ein verfluchter Kerl ſein, wie Weinberl im Jux ſagt?“ „Das nicht,“ antwortete mein Freund, vaber ich möchte erſt ſehen, ob, nun ja, ob meine perſönlichen Eigenſchaften im Stande wären, ein weibliches Herz und noch dazu eins aus der höhern Ge⸗ ſellſchaft zu feſſeln.— Geſtern,“ fuhr er fort,„gingen ſie bei unſerm Laden vorbei, ich ſtand gerade am Fenſter, und Du kannſt Dir denkel, wie ich zurückfuhr. Glücklich haben ſte mich auch nicht erkannt, denn Du 81 wirrſt ſelbſt begreifen, daß ich jeden Mittag im engliſchen Hof als junger reicher unabhängiger Particulier erſcheine.“ 5 —„Richtig,“ entgegnete ich ihm,„dafür kenne ich Dich. Aber was kann ich bei der ganzen Geſchichte thun? Uebrigens weißt Du, daß ich ganz zu Deinen Dienſten bin.“ „Ja,“ verſicherte Schmidle, und drückte mir warm die Hand. „Das weiß ich. Und deswegen habe ich Dir geſchrieben. Du mußt mir einen großen Gefallen erzeigen. Ich glaube, Dir ſchon geſagt 2 3 zu haben, daß ich vermuthe, einigen Eindruck auf das Herz der kleinen Schwarzen gemacht zu haben, aber ich fand bis jetzt keine Gelegenheit, ihr eine Erklärung zu machen und ihr meine Liebe zu geſtehen. Und was das Schrecklichſte iſt: morgen reiſen ſie ab. Sie nehmen von hier einen Wagen, und wollen durch unſere herrliche Gegend bis zum Städchen M. einen ganzen Tag gebrauchen, um unterwegs das könig⸗ liche Luſtſchloß mit ſeinen herrlichen Gartenanlagen zu beſehen. Denke Dir doch, in der freien Natur, in den ſchattigen Gängen treffen wir zuſammen. Du beſchäftigſt Dich mit der Alten, führſt ſie an den ¹ kleinen See und zeigſt ihr die melancholiſch herabhängenden Trauer⸗ weiden. Ich dagegen verliere mich mit der Nichte auf die kleine An⸗ höhe, wo der Amor ſteht, und da werde ich ſchon einen Anknüpfungs⸗ punkt finden.“ Wäre es nicht mein Freund Schmidle geweſen, der mir dieſe Idylle ausmalte, ſo hätte is laut auflachen müſſen. Aber ſo kannte ich meinen Mann und willigte mit kurzen Worten in Alles. Er hatte gefürchtet, ich möchte Einwendungen machen, und entzückt über meine Bereitwilligkeit fuhr er freudig fort:„Ich dachte anfänglich, einen Wagen zu nehmen, aber wir müßten dann beſtändig hintereinander fahren, und dann, geſtehe ich Dir offenherzig, ſprach ich bei Tiſche viel von Pferden und vom Reiten, weshalb ich der Meinung bin, daß es weit beſſer wäre, wenn wir die Partie zu Pferde machten.“ —„O,“ entgegnete ich ziemlich überraſcht,„zu Pferde! Kannſt Du aber auch reiten?“ 84 3„Nicht viel, alter Kerl, aber ſiehſt Du, da brauche ich Dich ja wieder. Du trabſt den Nachmittag in der Stadt herum und ſuchſt für mich ein ſanftmüthiges Thier von gutem Ausſehen, dem ich meine Perſon, meine Hoffnungen und meine Liebe anvertrauen kann. Im engliſchen Hofe habe ich ſchon ein Zimmer gemiethet, wo wir die Nacht ſchlafen werden. Du kommſt natürlich in Uniform und biſt mein Freund, ein angehender Offizier aus einer benachbarten Garniſon, und am Morgen, kurz nachdem die Damen abgefahren ſind, ſchwingen ſwir uns auf und folgen ihnen.“ Saakaͤnder Erz. 6. . rrurn 82 —„Abgemacht!“ ſagte ich.„Ich werde jetzt alles Nöthige be⸗ ſorgen und wo treffen wir uns?“ „Gegen acht Ühr im engliſchen Hof,“ antwortete er mir,„denn Du weißt,“ ſetzte er kleinlaut hinzu,„ich muß vorher alle Stuben⸗ mädchen der Stadt mit Pomade verſehen.“ —„So will ich lieber um die Zeit hierherkommen und Dir helfen,“ entgegnete ich. „Nein, nein, es iſt beſſer,“ ſagte Schmidle,„Du erwarteſt mich um acht Uhr im engliſchen Hof. Adieu!“ .—„Adieu!“—— Ich ging nun, der Bitte meines Freundes gemäß, in die Stadt zu einem mir bekannten Pferdevermiether und ſuchte für meinen Freund Schmidle einen Klepper, wie er ihn nur wünſchte. Das Thier hatte früher einem Stallmeiſter gehört, war alſo ſehr gut zugeritten, und wenn auch die Zeit ſchon mit harter Hand über ſeine Glieder gefahren war, ſo konnte es ſich unter der Fauſt eines guten Reiters noch immer ein ſtattliches Anſehen geben. Die Hauptſache war, das Pferd war ſtcher, hatte einen angenehmen Trab, und wenn es einmal warm ge⸗ worden war und die Steifheit ſeiner alten Glieder etwas überwunden hatte, ſo ging der alte Gaul herrlich vom Fleck. Dabei war er, we⸗ nigſtens unter meiner Hand, lammfromm. Ich ſuchte für meinen Schmidle noch eine Schabrake unter den Sattel aus, von ſchwarzer Farbe, die ihm nothwendig gefallen mußte. Darauf ſchlenderte ich in der Stadt umher, ſpeiſte irgendwo zu Mittag und kam erſt Nachmittag gegen vier Uhr in meine Caſerne zurück, wo ich ſogleich des Haus⸗ knechtes aus der Löwenapotheke anſichtig wurde, der mich erwartete. Auf dem Arm hatte er einen vollſtändigen Anzug Schmidle's hängen, den er meinem Burſchen übergab, und mir ſelbſt händigte er ein Billet ein mit dem kurzen Inhalte:„Lieber Bruder, erzeige mir doch den Gefallen und laß meine Kleider bis acht Uhr in den Stall hängen, daß ſich ihr Kräuterduft etwas verliert, und wenn ſie dagegen etwas Stallgeruch annehmen, iſt es noch beſſer.,) Ich that nach ſeiner Bitte und ließ den ganzen Anzug an einem Theil des Stalles aufhängen, wo Schmidle's Wunſch auf's Kräftigſte in Erfüllung ging. Als es acht Uhr geſchlagen hatte, verfügte ich mich in den engliſchen Hof und Schmidle ließ nicht lange auf ſich warten. Seine erſte Frage war, ob ich das Pferd für ihn ausgeſucht, und als ich ihm dies verſicherte, wollte er es anfänglich durchaus ſehen. Doch nachdem ich ihm auseinandergeſetzt, das Thier müßte auf den morgenden ſcharfen Ritt nothwendig ſeine Ruhe habet und es würde durch unſern Beſuch ſehr darin geſtört, ſo fand er dieſe Gründe kräftig genug, und wir gingen auf unſer Zimmer, eigentlich 2 3 83 in unſere Zimmer, denn es waren ihrer zwei. Doch Schmidle zeigte gleich auf die Thür, welche in das zweite führte, wobei er auf den Zehen ſchlich und mir anvertraute, indem er den Finger auf den Mund legte, daß jenes an das Schlafgemach der kleinen ſchwarzen Dame ſtoße. 3 Der gute Schmidle war heute Abend in einer ſeltſamen Aufre⸗ gung und Unruhe. Als nach einer halben Stunde mein Burſche den 6 durchräucherten Anzug brachte und der Hausknecht der Löwenapotheke ein Paar Stiefeln mit darangeſchraubten ſchweren neuſilbernen Sporen, mmußte Alles vorher anprobirt werden, damit er ſicher ſei, ob auch Hoſenträger und Sprungriemen in beſter Harmonie ſeien und ihn an einem eleganten Sitz nicht hinderten. Nach vielem Schnallen und Anprobiren war endlich Alles in Ordnung, und da nun Schmidle einmal ſeine Sporen an den Füßen hatte, legte er ſie nicht wieder ab, ⸗ ſondern ſtolzirte mit klirrenden Schritten in dem Zimmer umher, wobei er ſich hauptſächlich in dem zweiten aufhielt und dort eine Mazurka pfiff, die er einſtens gelernt, wobei er mit den Abſätzen wie wüthend aufeinander ſchlug. So wurde es ſpät, wir ſpeiſten zu Nacht und . machten es uns ſo bequem wie möglich, um bei einer Flaſche Wein über die morgende Tour zu ſprechen. Hierbei bemerkte ich, daß, ſo oft mein Freund von ſeinem Pferde ſprach, er tiefer athmete als gewöhn⸗ lich und daß er das Geſpräch immer auf Unglücksfälle zu lenken wußte, die beim Reiten vorkämen, woraus ich denn nicht ohne Grund ſchloß, daß Schmidle's Freude auf die morgende Partie durch einige beträcht⸗ liche Angſt vor dem Reiten ſehr gedämpft wurde. Das konnte man ihm aber auch nicht übel nehmen, denn mit vieler Offenherzigkeit ver⸗ * traute er mir: morgen ſei es das zweite Mal, daß er ein Pferd be⸗ E ſteige, und obendrein liege zwiſchen dieſen beiden wichtigen Ereigniſſen ein Zeitraum von circa fünfzehn Jahren. Im Allgemeinen gab ich ihm einige Verhaltungsregeln, zeigte ihm an einem Stricke, wie er die Zügel halten müſſe, und damit er ſich gleich morgen früh vor Haus⸗ knecht und Kellnern keine Blöße gebe, ſtellte ich mich an ein Ende des Sophas, welches wir als Pferd annahmen und er mußte auf die linke Seite herantreten, den linken Fuß aufheben, als ſetzte er ihn in den Bügel und ſich mit dem rechten über den Sitz ſchwingen. Am meiſten examinirte er mich über das Durchgehen der Pferde und wie man ſich bei einem derartigen Fall am beſten zu benehmen hätte. Vor einem ſolchen Ereigniß hatte er überhaupt die größte Angſt und wie ſchon geſagt, obgleich es mir leid that, dieſe Furcht noch mehr vergrößern, drang er doch ſo lange in mich, bis ich ihm einige auderhafte Fälle von durchgehenden Pferden und nachgeſchleiften u erzählte. Es ging ihm wie den Kindern, die, je mehr ſie 84 4— ſich fürchten, doch um ſo lieber die entſetzlichſten Schauergeſchichten anhören. Ja, als ſich Schmidle ſchon ausgezogen hatte und in ſeinem Bette lag, ſtand er noch einige Male auf und kam zu mir, um ſich zu erkundigen, was denn eigentlich zu thun ſei, wenn ein Pferd ſtürze oder der Reiter mit den Sporen im Bügel hängen bliebe. Ich tröſtete ihn ſo gut wie möglich, doch konnte ich ſein Herz nicht beruhigen, denn ſo oft ich in der Nacht aufwachte, hörte ich ihn ſchwer träumen und vernahm, wie er ängſtlich ſtöhnte und ſeufzte:„O Gott, o Gott! halt an! ein fürchterlicher Abgrund!“ und dann arbeitete er mit Hän⸗ den und Füßen um ſich, daß das Geſtell des Bettes krachte. Es war für den armen Schmidle eine ſehr unerquickliche Nacht. Kaum graute der Morgen, ſo war er ſchon wach, um im Zim⸗ mer umher zu rumoren, und wenn ich ihn ſo laut ſingen und pfeifen hörte, wobei er aber ein ſonderbares Geſicht machte, ſo kam ich leicht auf die Vermuthung, er ſtelle ſich nur ſo luſtig, um ſeine immer mehr wachſende Angſt zu verbergen. Der arme Schmidle war von einer ungewöhnlichen Haſt und Unruhe. Bald ſchellte er dem Kellner und beſtellte auf's Neue den Kaffee, den er ſchon einige Male befohlen, bald betrachtete er ſeine Sporen und trieb die Rädchen herum, bald lief er ans Fenſter und fluchte, daß die Pferde noch nicht kämen, dann eilte er wieder ins Nebenzimmer, um zu lauſchen, ob die Dame ſeines Herzens noch nicht aufgeſtanden ſei. Endlich wurde es auch in den Zimmern neben uns lebendig, die Damen machten ihre Toilette und tranken Kaffee; darauf hörten wir, wie der Oberkellner zu ihnen ins Zimmer ging, um die Rechnung vorzulegen und wie er dabei den Gaſthof für die Zukunft empfahl. Jetzt fuhr unten ein Wagen vor und Schmidle nahm eilig ſeinen Hut, um die Damen vorläufig an der Hausthür zu empfangen und ihnen durch Reitanzug und Sporen einen kleinen Hoffnungsſtrahl zu geben, daß ſte ihn noch wiederſehen würden. Ich legte mich oben ins Fenſter, um mir die Damen wenigſtens anzuſehen, die nun aus dem Hauſe an ihren Wagen traten. Richtig! Schmidle ſtolperte hinter ihnen drein die ſteinernen Stufen des Hôtels herab, wobei er um ein Haar mit ſeinen Sporen hängen geblieben wäre. Unter dem Arme hatte er ſeine ungeheure Reitpeitſche mit ſilbernem Knopf, den Hut trug er in der Hand, und nachdem er mit den Damen einige vorläufige Compli⸗ mente gewechſelt, trat er, wahrſcheinlich um als ächter Reiter ſeine Pferdeliebhaberei kund zu geben, zu den magern Miethgäulen hinan, klopfte ſte auf den dürren Hals, und hatte ſchon zu Anfange des Tages beinahe ein Unglück; denn als er, wie ich es ihn gelehrt, mit 1 4 der Hand den Kamm herab durch die Mähne fuhr, um ſich von der guten Race der Thiere zu überzeugen, berührte er vielleicht eine kitz⸗ 85 liche Stelle des armen Gaules, denn dieſer warf den Kopf mit ſolcher Gewalt gegen Schmidle zurück, daß mein armer Freund vor Schrecken rückwärts gegen die Wagenthür prallte, und dort zum noch größeren Unglück unſanft gegen die ältere Dame ſtieß, die eben im Begriff war, 4 einzuſteigen. O weh, o wehl! mir wollte es in dieſem Augenblick gar 3 nicht gefallen, daß die junge Dame haſtig mit ihrem Taſchentuch an den Mund fuhr, denn es kam mir nicht vor, als trockne ſie Abſchieds⸗ thränen ab, vielmehr ſchien es mir, als bedecke ſte ein leiſes ſpöttiſches . Lachen. Es war ſehr gut, daß Schmidle dies nicht bemerkte, denn der Angriff des Pferdes auf ihn hatte ihn ſchon genug aus der Faſ⸗ ſung gebracht und vergeblich ſuchte er durch eine Maſſe von Compli⸗ . menten das gehörige Gleichgewicht wieder zu erlangen. Endlich beſtiegen die Damen ihren Wagen, der Schlag wurde zugemacht und der Kutſcher fuhr dahin. Ich ſah ihnen einen Augenblick nach, und ich muß geſtehen, daß ich deutlich bemerkte, wie die junge Dame aus dem Wagenſchlag rückwärts ſah. Ob dies wohl meinem Freund Schmidle galt? ich wußte nicht, was ich davon denken ſollte. Er aber fuhr mit dem ſilbernen Knopf ſeiner Reitpeitſche auf das Herz und verneigte ſich unendlich tief. Selig über die Triumphe, die er erlebt, ſtieg Schmidle die Treppen herauf und trat zu mir ins Zimmer, wobei er nicht anders erwartete, als daß ich ihn mit dem größten Lobe über⸗ ſchütten würde, weshalb es ihn nicht wenig befremdete, als ich ihm verſicherte, er habe ſich wieder einmal ſehr unnatürlich und deshalb ſchlecht beäoninen— eine Anklage, die ich durch meine Behauptung motivirte, daß es ihm gar nicht darum zu thun geweſen wäre, die gute oder ſchlechte Race der Fiakerpferde zu unterſuchen, ſondern daß 3 er den Damen nur habe zeigen wollen, wie gut er es verſtehe, ein Pferd anzufaſſen.„Doch, lieber Schmidle,“ ſetzte ich hinzu,„Du haſt ſelbſt geſehen, wie unglücklich es Dir mit dieſer Renommage beinahe ergangen wäre; nimm Dich alſo künftig in Acht.“ Dieſe Worte ſprach ich in ſehr ernſtem Tone, doch als ich ſah, daß er ſie eben ſo aufnahm und daß ſein Geſicht ſich zuſehends ver⸗ 4 längerte, dachte ich mitleidig an die große Angſt, die er ſchon in der Nacht ausgeſtanden, und brach, um ihn zu troͤſten, in ein lautes luſti⸗ ges Lachen aus, was mi jedoch nur halb gelang, denn obſchon er im Begriff war, kräftig mit einzuſtimmen, ſo brach er doch plötzlich ab, da wir auf der Straße den Hufſchlag von Pferden hörten. Schmidle eilte an's Fenſter; richtig, es waren unſere Roſſe, die eben von dem Hausknechte des Pferdevermiethers herangeführt wurden. Mein Freund, der bei dieſem Anblicke in ſichtliche Unruhe gerieth, wollte ſich ſogar mir gegenüber das Anſehen eines gleichgiltigen Menſchen geben und begann eine Arie zu pfeifen. Doch kam der Ton ſehr tremulando ——— 86 zwiſchen ſeinen Lippen hervor und ich bemerkte ebenfalls, daß ihm, als er aus ſeiner Kaffeetaſſe noch einen guten Schluck nehmen wollte, die Hand bedenklich zitterte. Jetzt war es aber die höchſte Zeit, wem wir den Wagen noch unterwegs einholen wollten, weshalb wir de Treppen hinabſtiegen und uns zu den Pferden begaben. Hier ſteckten wir jeder eine Cigarre an und ich hielt meinem Freunde den Bügel, um ihm, wenn er droben ſäße, die Zügel richtig in die Hand zu geben. Ach, hier fühlte ich denn deutlich, was ich ſchon oben bemerkt, daß ſich der gute Schmidle in einer ſieberhaften Aufregung befand, denn er konnte kaum ſprechen und holte bei jedem Wort den Athem tief aus der Bruſt. Nachdem ich ihm die Bügel mit vieler Mühe paſſend geſchnallt, ſetzte ich mich ebenfalls auf und wir ritten, um dem nach⸗ — gaffenden Hausknecht und den Kellnern kein Aergerniß zu geben, lang⸗ een Schrittes davon. Ddraußen vor dem Thor hatten wir eine ſchöne breite Chauſſee vor uns, die etwas aufwärts ſtieg, und oben auf der Höhe ſahen wir den bewußten Wagen dahinrollen, wodurch ſich Schmiedle's Herz mächtig nachgezogen fühlte, ſo daß er mich bat, in einen kleinen Trab einzugehen. Mir war das ganz recht, ich trieb mein Pferd an und rief meinem Freunde zu, er möge nur die Schenkel anlegen, ohne mit 3 den Sporen dem Gaul zu nahe zu kommen. Doch war dies leichter geſagt, als gethan. Obgleich mein Freund nachher feierlich beſchwor, das Pferd ſei ungeheuer kitzlicher Natur, denn er habe es nur ſanft mit dem Schenkel berührt, ſo war ich doch vom Gegentheil überzeugt, indem das ruhige Thier beim Antraben ein Paar Sprünge machte, daß Schmidle faſt heruntergefallen wäre. Dies Mal verlor er aber nur beide Bügel und rettete ſich durch einen kühnen Griff an den Sattelknopf. 3 Ich hielt an und darauf verſuchten wir es noch ein Mal anzu⸗ traben, aber auch dies Mal ohne beſſeren Erfolg; wir würden wahr⸗. ſcheinlich nicht anders wie im Schritt von der Stelle gekommen ſein, wenn ich nicht meinen Freund gebeten hätte, ſein Pferd ohne alle Hilfe dem meinigen folgen zu laſſen, worauf es vortrefflich ging. Freilich machte der Gaul, der durch Schmidle's Sporenangriff unruhig geworden war, noch einige leichte Courbetten, dann aber trabte er mit dem meinigen ruhig fort. Aber der Reiter auf ſeinem Rücken war nicht ſo ruhig, den Oberleib hielt er vorgebeugt und den Kopf hatte er weit hinten übergelegt, ſo daß er, anſtatt wie es einem guten Reiter zukommt, zwiſchen den Ohren des Pferdes hindurch auf den Boden zu blicken, hoch in die Spitzen der Pappeln hinauffah. Hierdurch rutſchte ſein Hut langſam auf den Hinterkopf hinab in den Nacken, was äußerſt poſſirlich ausſah und die Bügel ſchlotterten, anſtatt daß 87 er ſie mit den Fußſpitzen feſtgehalten hätte, an den Abſätzn umher. und verurſachten mit ſeinen neuſilbernen Sporen ein anmuthiges Ge⸗ klingel. Es war ein Glück, daß Schmidle ſeine Cigarre noch im Munde hatte, denn obgleich ſie längſt ausgegangen war, diente ſte ihm doch dazu, die fürchterlichen Anſtrengungen des Reitens auf ihr zu verbeißen, was er mit ſolchem Erfolge that, daß ſtie in kurzer Zeit ganz platt gedrückt war und ſich ſeine beiden Mundwinkel braun färbten. So trabten wir luſtig dahin und kamen bald dem Wagen näher und immer näher; ehe wir ihn aber erreichten, ließ ich mein Pferd kürzer gehen und fiel darauf in den Schritt, um meinem Freunde Zeit zu laſſen, ſeinen Sitz etwas zu regeln und mit Anſtand bei den Da⸗ men vorbeizukommen. Schmidle war ſo außer Athem, daß er auf meine Fragen nach ſeinem Befinden nur durch ein leiſes Kopfnicke und ein ſehr erkünſteltes Lächeln Antwort geben konnte. Er rü⸗ ſich mühſam in dem Sattel zurecht, richtete ſeinen Hut auf und fa die Bügel, wie es ſich gehört. „Lieber Schmidle,“ ſagte ich ihm darauf,„wenn wir an dem Wagen vorbeikommen, reiteſt Du links, wo die junge Dame ſitzt, und ich halte mich an der rechten Seite. Nimm Dich aber jetzt zuſammen, daß uns im wahren Sinne des Worts keine Niederlage paſſirt. Ich werde kurz angaloppiren und Du thuſt das Nämliche, indem Du den rechten Zügel Deines Gauls etwas anziehſt, den linken Schenkel ſcharf an den Gurt legſt und ihm mit dem rechten Fuß einen kleinen Spo⸗ rrenſtich verſetzſt. Verſtehſt Du?“ Schmidle nickte mit dem Kopfe. „Wenn wir,“ fuhr ich fort,„glücklich an dem Wagen vorbei ſind, haſt Du Dich als famoſer Reiter gezeigt, und es kann Dir als⸗ dann ſpätter in M. gar nicht fehlen. Noch eins! Haben wir erſt den Wagen im Rücken, ſo müſſen wir den Damen aus den Augen ufounnien ſuchen, damit ſte Deinen mangelhaften Sitz keiner Kritik unterwerfen können. Ich werde alſo ſcharf davongaloppiren, und wenn Du fühlſt, daß Du etwas locker auf dem Sattel ſitzeſt, ſo faſſ' nur in Gottes Namen die Mähne und laſſ' Dein Pferd dem meinigen folgen, es wird nicht davonlaufen.“ Mit ſolchen Ermahnungen ausgerüſtet, verſprach Schmidle ſein Möglichſtes zu thun, und das Rennen begann. Glücklich brachte er ſein Pferd links in Galopp, und dieſe Bewegung ſchien ihm beſſer zu gefallen, als das Traben. Er verſuchte es, den Kopf nach mir hinzuwenden, um mir durch eine freundliche Miene ſein Vergnügen auszudrücken; doch brachte er es nur dahin, ſeine Augen zu verdrehen. Jetzt erreichten wir den Wagen. Ich bog ichis ab und Schmidle’s 88 Pferd folgte glücklicher Weife dem meinen nicht, wie ich gefürchtet; nur ſah ich, daß das Thier ſeine Ohren in den Nacken legte und ſtärker galoppirte, als es bemerkte, daß ich nicht mehr an ſeiner Seite ſei. Bald war ich neben dem Wagen und ich ſah in dieſem Augen⸗ blick natürlich von meinem Freunde nichts mehr. Was er gethan, wußte ich nicht. Doch wollte es mir nicht gefallen, daß die Damen in dem Wagen neugierig lachend links hinausſchauten und daß der Kutſcher auf dem Bock ein brüllendes Gelächter ausſtieß. Schon war ich im Begriff, mein Pferd anzuhalten und auf die andere Seite zu reiten, denn ich dachte nicht anders, als Schmidle laſſe ſeinen Gaul im Trab neben dem Wagen hergehen, um alsdann, natürlich in der lächerlichſten Poſition, den Angenehmen zu ſpielen. Doch ich hatte dieſen Gedanken noch nicht erfaßt, als das Pferd mit meinem armen Freunde in Carriere links an dem Wagen hervorkam, und im voll⸗ kommenſten Durchgehen auf der Chauſſee dahinjagte. Die beiden Damen ſchauten ihm nach und lachten jetzt eben ſo überlaut, wie der Kutſcher. Obgleich mich dies im erſten Augenblicke ärgerte, ſo mußte ich ihnen doch im andern ihre Luſtigkeit verzeihen; denn Schmidle hing gar zu erbärmlich komiſch auf ſeinem Pferde. Von Bügel⸗ und Zügelhalten war gar keine Rede mehr. Seine Beine hielt er krampf⸗ haft in die Weichen des Pferdes gedrückt; ſein Oberleib hing ganz vorn über und mit ſeinen beiden Armen hatte er den Hals des Pfer⸗ des umklammert. Dabei ritt er ohne Hut und ſein Haar flog im Winde. Ich nahm mir natürlich keine Zeit, in Ruhe dieſen ſeltſamen Sitz zu betrachten, ſondern ich gab meinem Pferde die Sporen und jagte, was das Thier laufen mochte, hinter meinem Freunde her. Bald näherte ich mich ihm und rief ihm mit lauter Stimme zu, die Zügel anzufaſſen, aber er hörte mich nicht. In dieſem Augenblick lief Schmidle's Pferd an einigen ſchweren Laſtwagen vorbei und zu gleicher Zeit kam ihm ein großer vierſpänniger Eilwagen gerade ent⸗ gegen. So zwiſchen zwei Fuhrwerken eingeengt, mochte das Pferd keinen Begriff haben, wie es dieſe gefährliche Stelle wieder verlaſſen könne, und es wandte ſich plötzlich, um links von der Chauſſee hinab in ein Kleefeld zu ſetzen, bei welchem Sprung mein armer Freund gänzlich das Gleichgewicht verlor und, von dem Rücken des Pferdes bis zur Erde einen großen Bogen beſchreibend, gewaltſam in den Klee geſchleudert wurde. Da lag der Aermſte und ſo regungslos, daß ich allen Ernſtes glaubte, es ſei ihm ein Unglück paſſirt. Ich näherte mich eilig, ſprang von meinem Pferde und verſuchte meinen Freund aufzurichten. Doch half er ſich ſchon allein empor und ſein Erſtes war, ſich auf allen Seiten zu befühlen, ob er nichts zerbrochen habe, denn nach ſeiner Idee mußte ein Sturz vom Pferde von einem Bein⸗ oder 89 Armbruche unzertrennlich ſein. Glücklicher Weiſe war ihm aber nichts geſchehen und es dauerte keine Viertelſtunde, ſo erzählte er mir zwiſchen Ernſt und Lachen, daß er eigentlich gar nicht wiſſe, wie das Pferd mit ihm durchgegangen ſei, nur erinnere er ſich, daß, als er bei dem Wagen dem Thier etwas nachdrücklich die Sporen gegeben, damit es in kühnen Sätzen vorbeilancire, der eigenſtnnige Gaul ſeinen Kopf faſt zwiſchen die Vorderbeine geſteckt habe, wobei er, da er ſich an den Zügeln feſthielt, ganz natürlich aus dem Sitze gekommen ſei, und dar⸗ auf ſei er plötzlich mit ihm durchgegangen.„Gott, was werden die Damen von mir denken!“ fuhr Schmidle fort und ſetzte ſich nach⸗ denkend vor mir auf einen Wegſtein.„Ich glaube, ich habe mich in ihren Augen entſetzlich lächerlich gemacht.“ Ich konnte nicht umhin, dieſe Vermuthung zu beſtätigen, und erzählte ihm meiner Seits, wie überlaut die Damen über ſeine Fatalität gelacht hätten. Aber wie ich ſte ſchon früher in meinem Innern hierüber entſchuldigt, ſo ſah ich mich auch jetzt veranlaßt, ein Gleiches gegen meinen Freund zu thun, indem ich ihm ungefähr die Stellung vormachte, wodurch er die Rückſeite ſeines Körpers den Damen entgegengeſtreckt. Nach vielen innerlichen Kämpfen ſah denn Schmidle wirklich ein, wie lächerlich er ſich gemacht, und begann, es von der jungen Dame verzeihlich zu finden, wenn die Zuneigung, die er ihr vielleicht in den vergangenen Tagen eingeflößt, durch die verunglückte Reitpartie gänz⸗ lich erkaltet ſei, worauf ich noch weiter in ihn drang und zu ſeinem eigenen Beſten den Verſuch machte, ihm die Idee, als habe er ſich in den letzten Tagen wirklich elegant und liebenswürdig gezeigt und die Neigung der jungen Dame erworben, zu benehmen. Schmidle war durch den Sturz vom Pferde in allen Tiefen ſeines guten Herzens ſo erſchüttert, daß er nach und nach meine Vorſtellungen richtig fand und einſah, daß ſein unnatürliches Weſen, ſeine Anwendung von Aus⸗ drücken, die er nicht verſtand, beſonders ſeine Manier, einen eleganten Herrn vorſtellen zu wollen, ihn nur lächerlich machen könne. Dieſe praktiſch philoſophiſchen Geſpräche hielten wir, wie geſagt, in oben benanntem Kleefelde, an einem Meilenzeiger ſitzend, der, wie ein gro⸗ ßes Fragß ach n, vor unſerer heutigen Luſtpartie ſtand. Auf der einen Seite zeigte er nach C., wo wir eben herkamen, und er bezeichnete zwei Stunden bis da; auf der andern Seite aber verkündigte er uns, daß M., das Ziel unſeres Ritts, faſt eben ſo weit entfernt ſei. Sollten wir zurückkehren, wo wir hergekommen, oder ſollten wir un⸗ ſere Tour vollenden? Ich war ſehr für das Letztere, denn wenn wir dem Pferdevermiether ſo früh am Tage ſeine Pferde zurückbrachten, ſo war es natürlich, daß er ſich einbildete, es ſei uns ein kleines Reiterunglück paſſirt „ und ich kannte meinen Mann, daß er ſich ein 90 Vergnügen daraus machen würde, dieſe Vermuthung unter der Hand unnſern Freunden und Bekannten mitzutheilen. Auch Schmidle, obgleich er mit einem ſorgenvollen Blick ſein Pferd anſah, das ſich ruhig, als ſei nichts vorgefallen, den Klee ſchmecken ließ, ſtimmte dafür, vollends nach M. zu reiten, und ich hätte ihn wahrſcheinlich ſo weit gebracht, dieſen Vorſatz auszuführen, ohne daß er die junge Dame wieder ge⸗ ſehen hätte, wenn uns jetzt nicht plötzlich eingefallen wäre, daß er ſeinen Hut dahinten gelaſſen, den der Kutſcher, wie wir nicht anders erwarten konnten, mitbringen würde. Und ſo war es auch. Bald rollte der Wagen, der an allem Unglück von heute Schuld war, heran, und ſchon von Weitem bemerkte ich den Hut meines Freundes, den der Roſſelenker auf das Dach ſeiner Kutſche geſetzt hatte. Jetzt hielt der Wagen und die beiden Damen erkundigten ſich ſorgfältig nach dem Befinden Schmidle's. Mir wäre es viel lieber geweſen, wenn ſte das nicht gethan hätten, denn ich merkte ſchon bei dem erſten freundlichen Worte, daß ſeine Hoffnungen wieder hoch empor wuchſen. Ach, es iſt etwas Gefährliches um ein Paar ſchöne ſchwarze Augen, und mein Freund war überhaupt nicht der Mann, ſein Herz, das ſchon entzündet war, vor ihnen zu bewahren. Trotz allen meinen Ermahnungen und trotz den Verſprechungen, die er mir gegeben, war Schmidle, der jetzt am Wagenſchlage ſtand, plötzlich wieder ein ganz anderer Menſch ge⸗ worden, als Schmidle, der vorhin neben mir unter dem Meilenzeiger ſaß. 2 verſicherte den Damen, er, der ſo viel reite und ſo gut mit Pferden umzugehen wiſſe, habe keine Ahnung davon, was vorhin ſein Roß angewandelt. Er könne nicht anders glauben, als daß ſich eine Schmeißfliege irgendwo in der Wolle feſtgebiſſen, oder das arme Thier an den Lichtern genirt habe.„Ja, meine Damen,“ fuhr er fort, nich hatte Mühe, Meiſter über das Pferd zu werden und es wäre auf ein Haar mit mir geſtürzt.“ Bei dieſer ungeheuren Prahlerei bemerkte ich ſehr gut, daß die junge Dame ſtill lächelnd an dem Anzuge Schmidle's herunterſah, der hier und da einige erdfarbige Flecke zeigte und daß ſie einige abgeriſ⸗ ſene Kleeblätter betrachtete, die verrätheriſch aus ſeinem Haar und aus den Falten ſeines Rocks hervorblickten. Trotz meinem Winke mit den Augen und meiner ungeduldigen Miene konnte mein Freund es nicht über ſich gewinnen, den Vorſchlag der jungen Dame abzulehnen, die ihn bat, doch his M. neben dem Wagen Ferzureiten. Er warf mir dagegen einen flehenden Blick zu, und war überhaupt in ſeiner ganzen Unnatürlichkeit ſo komiſch, daß ich nicht böoͤſe ſein konnte, ſondern ihm vielmehr den Bügel hielt und ihm auf's Neue zu Roß half. Der Wagen fuhr fort, zuerſt, da es bergauf ging, im Schritt, und ſpäter bergab im Trab. Auch ich hielt mich diesmal an Röthe über, ſein Hut, den ich ihm, von den Damen ungeſehen, zu⸗ 91 der linken Seite des Wagens, um zu ſeinem Schutz und zu ſeiner Hilfe nöthigenfalls bereit zu ſein. Es dauerte nicht lange, ſo hatte er wieder denſelben komiſchen Sitz eingenommen wie früher, den Oberleib nach vorn und den Hut nach hinten, was jetzt um ſo lächerlicher ausſah, da er die fürchter⸗ lichſten Anſtrengungen machte, ungezwungen und möglichſt elegant auf dem Sattel zu bleiben. Seine ſchweren Athemzüge, das ſtiere Auge und die zuſammengepreßten Mundwinkel ſtraften das luſtig ſein ſollende Lächeln, das er hier und da hervorbrachte, ſo wie die Stellung ſeiner rechten Hand, die er leicht an die Hüfte gelegt, gewaltig⸗Lügen, und übrigens wurde es von Minute zu Minute ſchlimmer mit ihm. Sehr gut bemerkte ich, daß die Damen im Wagen Mühe hatten, ihr lautes ſelächter zu verbergen. Der Kutſcher auf dem Bock ſah in ſtiller Freude beſtändig hinter ſich, und trieb, da es jetzt ſtärker bergab ging, ſeine Pferde zu eiligerem Laufe an. Wir mußten folgen. Schmidle's Geſicht, das vorhin ſehr bleich geweſen war, ging in eine unnatürliche weilen wieder zurechtgerückt hatte, ſank immer wieder ſchneller hinten hinab. Den einen Bügel hatte er ſchon lange verloren und er konnte ihn trotz den verzweifeltſten Anſtrengungen nicht wieder erfaſſen. Dabei fuhren ſeine Ellnbogen auf und ab und verurſachten eine Bewegung, als wollte er einen Verſuch zum Fliegen machen. Wohl dachte d in dieſem kritiſchen Augenblicke daran, ſein Pferd und das meinige zu⸗ halten und zurückzubleiben. Aber was hätte es geholfen?— Nein, nur eine förmliche Niederlage vor den Augen der jungen Dame konnte ihn vielleicht für die Zukunft heilen. Und ſie blieb nicht lange aus! Umſonſt warf er flehende Blicke zu mir herüber, umſonſt erfaßte er die Zügel und riß ſie mit aller Kraft zurück, je härter er zog, je ſtärker trabte das Pferd, und je ſtärker ſein Pferd trabte, je mehr ließ der Kutſcher ſeine Gäule laufen und je heftiger lachten die Damen. Es war Schmerz und Freude in immer ſteigenden Verhältniſſen. Doch der Schmerz gewann für einen Augenblick das Uebergewicht. Schmidle, der jetzt ſtatt, d*Zügel den Sattelknopf erfaßt hatte, berührte unſanft die Seiter nes Pferdes mit den Sporen, das Thier begann unruhig zu werden, prallte vor und zurück, ging vorn und hinten in die Höhe und es dauerte keine Minute, ſo ſchoß Schmidle mit einer merkwür⸗ digen Geſchwindigkeit vom Sattel in den Sand hinab, geleitet von dem brüllenden Gelächter des Kutſchers und den nichts weniger als mitleidigen Blicken der Damen. Die jüngere beugte ſich etwas hin⸗ aus, doch ich ſowohl wie der unglückliche Schmidle ſah, wie ſie das Lachen nicht verbergen konnte, und uns ziemlich ſpöttiſch eine glückliche Neiſe wünſchte. Dann fuhr der Wagen davon und war in kurzer 92 Zeit hinter der nächſten und letzten Anhöhe vor M. unſern Blicken entſchwunden. Außer einem großen Riſſe in ſeinem Rocke und einigen Beulen in ſeinem Hut hatte Schmidle keinen Schaden genommen. Nur war er äußerſt niedergeſchlagen, und da ich den Erzürnten ſuielte, und ihm ohne ein Wort zu ſagen auf's Pferd half, ſo ritten wir ſtill⸗ ſchweigend im Schritt davon und erreichten M. in kurzer Zeit. An dem Thore wandte ich mich mit kurzen Worten an ihn und fragte: ob er denn noch wiſſe, in welchem Gaſthof die Damen ein⸗ gekehrt ſeien, damit wir ſte finden könnten.„Denn,“ ſetzte ich hinzu, „Deine beiden Niederlagen von heute Morgen werden Dich nicht ab⸗ halten, den Eleganten und Unnatürlichen zu ſpielen, um Dich und mich lächerlich zu machen;“ worauf er ſtatt aller Antwort mit dem Kopf ſchüttelte und mich verſicherte, es ſei ihm ganz gleich, wohin wir ritten. Er fühle ſehr gut ſein Unrecht und ſeine Ungeſchicklichkeit und werde ſich für die Zukunft gewiß in Acht nehmen. 3 Bald erreichten wir einen Gaſthof, ſtellten unſere Pferde ein und gingen in ein Zimmer hinauf, woſelbſt Schmidle bei einer guten Flaſche Wein und einer Cigarre bald über den Morgenſpazierritt zu lächeln anfing, ſo daß ich es nochmals wagen konnte, ihm mit allen möglichen Details ſein auffallendes Betragen vorzuſtellen, und wie dies eher ge⸗ eignet ſei, ihm ein weibliches Herz abgeneigt, als gewogen zu machen. Ein herbeigerufener Schneider ſetzte den Rock meines Freundes wieder in gehörigen Stand, und da es bald Zeit zum Eſſen war, gingen wir hinunter in den Speiſeſaal, wo ſich außer uns noch eine kleine Geſell⸗ ſchaft befand: zwei junge Damen und zwei ſehr junge Herren, die man auch füglich Knaben hätte nennen können. Mir ſchien es, als ſeien es Schüler irgend eines Gymnaſtums, die ſich allmählich zuͤr Uni⸗ verſität vorbereiten. Sie trugen kurze Sammetröcke, blau und grüne Cerevis⸗Mützen und hatten ſich ſchon ein gewiſſes burſchikoſes Weſen angewöhnt, das aber, durch ſchülerhafte Beſcheidenheit gemildert, etwas ſehr Naives und Luſtiges hatte. Auch die beiden Mädchen, die zwiſchen achtzehn und neunzehn Jahren alt ſein mochten und die recht hübſch waren, hatten etwas Heiteres und Ungezwungenes. Wir ſetzten uns zuſammen an den Tiſch und wurden bald bie beſte Freunde. Ich ließ es mir anfänglich beſonders angelegen ſein, die Freundſchaft der beiden jungen Herren zu gewinnen, was mir auch dadurch gelang, daß ich ihnen häufig etwas vortrank und mich einige Mal erkundigte, im wie vielſten Semeſter ſie ſtudirten. Mein Freund Schmidle war ſeit heute Morgen wie umgewandelt. Er war natürlich und deshalb ſehr liebenswürdig. Wenn ihm auch zuweilen im Eifer des Geſprächs ein 4 Jagdausdruck entfuhr, ſo ſetzte er hinzu: So ſagen die Jäger, deren ich aber keiner bin, und zum Belege hierfür nahm er ſogar keinen — —,— 93³ Anſtand, lachend ſeiner früher erwähnten Jagdpartie zu gedenken, wo er das Reh geſchoſſen, als es eben aus ſeinem Sandloche hervor kam. Wenn auch unſer Project, mit den beiden Damen aus dem eng⸗ liſchen Hof, von denen wir aber keine Spur mehr fanden, das ſchöne Schuß und die herrlichen Parkanlagen M.s anzuſehen, förmlich zu Waſſer wurde, ſo wandelten wir doch nach Tiſche in nicht minder liebenswürdiger Geſellſchaft durch die ſchattigen Alleen; beſonders ich hatte bei dem Tauſche ſehr gewonnen, denn anſtatt, wie Schmidle ge⸗ wünſcht, der alten Tante die herabhängenden Trauerweiden an dem leinen See zu zeigen, war ich ſo glücklich, meine ſchöne neunzehn⸗ ährige Begleiterin darauf aufmerkſam machen zu können. Ob Schmidle, dder unterdeſſen mit der andern Dame und einem der jungen Herren, während der zweite bei mir als Ehrenwache blieb, auf dem Hüt zu dem ſteinernen Amor ging, dort einen Anknüpfungspunkt fandy kann 3 nicht genau angeben; nur ſo viel weiß ich, daß er mit ſeiner Be⸗ gleiterin am Arm luſtig lachend wieder mit mir zuſammentraf und daß er mir darauf freudig die Hand drückte mit der leiſen Verſicherung: B er würde ganz glücklich ſein, wenn ihm nicht heut Abend der fatale Ritt nach der Stadt bevorſtände. Ich hatte ſchon ein Auskunftsmittel gefunden, indem die beiden jungen Herren meinen Vorſchlag, die Pferde nach C. zu reiten, wohin auch ſie wollten, mit Freuden annahmen, wogegen wir uns ihrer Plätze in dem Wagen bedienten. Schmidle war heute der liebenswürdigſte Menſch von der Welt. ieinem kleinen Souper, das wir einnahmen, verwundete ſich ſeine * Begleiterin mit dem Meſſer und da er dieſe Verletzung mit einem kleinen engliſchen Pflaſter, das er ſtets bei ſich führte, auf das kunſt⸗ gerechteſte bedeckte, ſo konnte er auf die Frage der beiden Damen nicht läugnen, daß er mit dergleichen Sachen viel zu thun habe, und er geſtand auch gern und willig, daß er Apotheker ſei. Ihm folgte aber auch der Lohn für ſeine Aufrichtigkeit und Natürlichkeit auf dem Fuße nach, denn die beiden Mädchen erklärten ihm freudig, auch ſie hätten in C. einen Onkel, der Apotheker ſei und den er vielleicht kenne. Er ſei der Beſitzer der Löwenapotheke. Vo Freude Schmidle's über dieſe Entdeckung will ich nichts ſagen, meinen ſchwachen Feder doch unmöglich wäre, ein ge⸗ treues 2 on zu entwerfen. Bald beſtiegen wir den Wagen, die beiden ju Herren ſchwangen ſich auf unſere Pferde und mein Frrund fand dieſe neue Reiſeart um ſo viel behaglicher und beſſer, daß er im Uebermaße ſeines Glücks ſogar des unglücklichen Ritts von heute Morgen erwähnte. Sehr ergötzlich malte er ſeinen zweimaligen Fall vom Pferde aus und er that es mit ſolcher Lebendigkeit und ſol⸗ er Treue, daß die beiden Mädchen mehrmals laut lachten, aber mit 94 einem ganz andern Tone, als die junge ſchwarze Dame aus dem eng⸗ liſchen Hof. Nur ließ ſich Schmidle bei ſeiner Erzählung eine große Unwahrheit zu Schulden kommen, indem er mich als denjenigen angab, den die ſchwarzen Augen der ſchönen Dame angezogen, und als ſei er nur mir zu Liebe mitgeritten. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich ſeine Erzählung als wahr paſſiren und mir die Neckereien der jungen Mädchen über mein miß⸗ lungenes Abenteuer gefallen ließ. Es war ein wunderſchöner Abend. Wir ſangen und lachten in dem offenen Wagen, und die beiden jungen Herren hielten mit unſern Pferden auf der Chauſſee kleine Wettrennen. So erreichten wir die Stadt. Vor dem Thore beſtiegen wir unſere Roſſe wieder, wünſchten den Damen gute Nacht und Schmidle ſprach ſtill lächelnd die Ver⸗ muthung aus, daß er ſie wiederſehen werde. Der Glückliche wollte abwarten, welchen Eindruck er morgen früh in ſeinem Arbeitscoſtüme, 4 vor der Reibſchaale ſtehend, im Gegenſatze zu heute Abend, auf des Mädchen machen würde. Ach, er hatte große herrliche Pläne!— Ich ging allein in meine Caſerne, und hörte in den nächſten 3 4 Tagen nichts von meinem Freunde; aber ungefähr eine Woche nachh unſerm merkwürdigen Spazierritte bekam ich einen Brief von ihn, worin er mir ſchrieb, daß er der glücklichſte Menſch auf der ganz Welt ſei; er habe ſich mit der Nichte ſeines Prinzipals verlobt 1ndg ſchon die Einwilligung ſeines Vaters erhalten. Ich eilte zu ihm un wir beſprachen uns lange und freundlich im kleinen Stübchen hinter der Apotheke, wo Schmidle mir gerührt die Hand drückte, und ich konnte nicht umhin, ihm auch für die Zukunft den Wahlſpruch zu empfehlen, den ich ihm ſo oft geſagt:„ Nur natürlichte 4 A dem Leſer ſo natürlich und unzweifelhaft vor, es verſteht ſich ſo von In Scene ſetzen. Wenn man eine fertige Arbeit betrachtet, ſo denkt man ſelten der Schwierigkeiten, der Mühe und Arbeit, deren es bedurfte, um ein Werk auf den Punkt zu bringen, daß es dem Auge wohlgefällig, den Sinnen genießbar erſcheint, wer denkt daran bei dem fertigen Palaſt, einem vollendeten Gemälde, bei einem Rock, der einem eben durch den Schneider angepaßt wird? Nach weniger aber als man bei all' dieſen Werken auf die Einzelnheiten ihrer Entſtehung zurückblickt, iſt dies der Fall, wenn man des Morgens im Fauteuil eine Cigarre raucht dder des Mittags aus der Reſtauration kommt und an einer Straßen⸗ ecke den Theaterzettel liest.. „Norma.“ a, das Wort und die ganze Reihenfolge des Perſonals kommt ſelbſt, daß heute Norma ſein muß, weil geſtern dieſe Oper auf dem Zettel angekündigt ſtand, daß es dem Laien ganz unbegreiflich iſt, wenn man ihn ſagt, daß dieſes einzige Wort Norma dem Intendanten, dem Capellmeiſter, den Regiſſeuren, kurz allen denen, die bei der Oper mehr zu thun haben als ſich zu ſchminken und anzuziehen, vielleicht eine ſchlafloſe Nacht verurſacht hat. Was ich oben von der Undank⸗ barkeit ſprach, die man im Allgemeinen gegen fertige Werke ausübt, ſo iſt dies namentlich bei dem Theater der Fall. O, ſo ein Theater⸗ zettel iſt ein ſtiller klarer See, die Buchſtaben und Worte auf dem⸗ ſelben ſtellen ſich demm Auge des Beſchauenden ſo natürlich dar wie die Furchen, die der leiſe Wind auf dem Waſſerſpiegel zieht. Abe der Menſch begehre nimmer zu ſchauen, wie der klare See noch v wenigen Stunden ausſah, ehe eine mächtige Hand ihn ebnete un glättete, wie es noch unter der blanken Oberfläche in ſeinem Inn kocht und gährt, und es nur eines einzigen Tropfens mehr beß — ſei es nun der Tropfen, den einer der Sänger über 7 96 trinkt, oder ſei es ein Hoffmannstropfen, den die Prima Donna zu ſich nehmen zu müſſen glaubt— um die Wellen zu empören, daß ſie in lautem Toſen über den Strand ſchlagen. 4 Ja, wir ſind undankbar, ſehr undankbar. Bald wird uns gine Oper zu oft gegeben, bald iſt uns ein Schauſpiel zu lang, denn wir glauben ja, daß der Intendant blos mit ſeinem Aermel zu ſchütteln brauche, um etwas Anderes über die Bretter rauſchen zu laſſen. Hat man nun den Zettel von oben angefangen zu leſen, ſich da ſchon über Diverſes geärgert, über ein aufgehobenes Abonnement, oder ein Benefiz zu Gunſten für Dieſen oder Jenen, der einem eigentlich gar nichts angeht, hat man es niedergeſchluckt, daß man ſtatt eine gewünſchte Oper zu höken, oder ein leichtfüßiges Ballet über die Bühne ſäuſeln zu ſehen, ein fünfactiges Drama in dröhnendem Galoppſchritt über die Bretter ſoll klirren hören, ſo ſtellen ſich den Blicken, ehe man zu den Perſonen gelangt, oft noch ein paar Worte dar, die man entweder leichtſinnig überhüpft, oder die man undankbarer und unverſtändiger Weiſe unter dieſelbe Rubrik wirft, wie wenn man in den Zeitungen liest:„Ausverkauf“ oder„Herahgeſetzte Preiſe“ oder„Nur noch heute“, ſo wie wenn auf den Zetteln der herumziehenden Künſtlergeſellſchaften das bekannte„Auf Verlangen zum allerletzten Male“ ſteht,— ich meine die gewichtigen Worte:„Neu in Seene geſetzt.“ Es iſt eigentlich unverantwortlich und traurig, daß wir dies Wort nie gehörig beachten, daß Wenige darüber nachdenken, welch' ungeheuer Großes der Ausdruck:„In Scene ſetzen“, in ſich begreift. Es iſt auf dem Zettel wie beim Spiel die Hauptſache; es iſt die Hoſe, die der Regiſſeur dem Nackten, dem Unſchicklichen anzieht, es iſt die Wattirung, durch die er einem klapperndem Verſe ein rundes ſtattliches Anſehen gibt, es iſt die Scheere, die das Röckchen der Tänzerinnen kürzt und das begierige Aug' üprige Foruen ſeheu läht, es iſt der lange Talar, der oft den nach der Rhetorik der Handwerksburſchen Declamirenden zum Oberprieſter oder König umwandelt: es iſt Alles in Allem, ſo⸗ wohl auf den Brettern, die die Welt bedeuten, als wie in der Welt ſelbſt. Setzt ſich nicht Jeder in Scene, wenn er am ſeinem Bette entſteigt, mag die Garderobe in einem durchlöcher auß oder kammer oder das Gemach eines Palaſtes ſein. Und da e an einem inzelnen Menſchen oft ſchwer genug wird, ſich ſelbſt orbentlich in cene zu ſetzen, um anſtändig erſcheinen zu können, welche Arbeit hat ſo der arme Regiſſeur, der ein ganzes Perſonal ſo weit bringt, daß wie ein Uhrwerk in einander greift und das aufgegebene Stück ohne rung zu Ende ſpielt. Muß er ſich nicht um Alles bekümmern, in einem ſeidenen Schlafrock beſtehen, mag die Decon eine Dach⸗ robe und Decorationen, um Requiſiten und Muſtk, um Lam⸗ 97 penputzer und Statiſten, und Alles das erſt, nachdem er vielleicht ſchon lange vorher das Stück zu Hauſe durchgenommen, hier eine Stelle gekürzt, da eine Stelle geſtrichen und ſein Denkvermögen faſt vernichtet hatg um nur herauszubringen, wie er alle Rollen ſchicklich beſetzen will.—— Seit langen Jahren iſt Egmont von Goethe nicht mehr gegeben worden. Plötzlich kommt von Oben herunter der Befehl: das Stück neu in Scene zu ſetzen und baldigſt zu geben.— Egmont von Goethe! Der Auftrag hat dem Regiſſeur ſein Abendbrod ſehr vergällt, denn da iſt für ein paar Dutzend redender Perſonen zu ſorgen, für eine Unzahl von Statiſten, außerdem ſpielt er noch die Hauptzglleg die er ſeit Jahren nicht mehr angeſehen, und die ſeinem Gedäch allmälig entſchlüpft iſt. Noch ſpät am Abend, als er nach Hauſe kommt, hän⸗ digt er ſeinem Bedienten einen Zettel ein, wonach ihm der Inſpicient des Theaters am folgenden Morgen in der Früh ſämmtliche Rollen 4 ſchicken muß. Er ſchreibt noch eine Maſſe von kleinen Briefen an ſeine Freunde; der eine beſitzt ein altes Kupferwerk aus den Zeiten des niederländiſchen Befpeiungskrieges, der andere hat ſich mit der Ge⸗ ſchichte ſelbſt viel beſchäftigt, ein dritter hat den Egmont vor einiger Zeit in X. geſehen, der beſitzt eine Maſſe alter Schwerter und Helle⸗ barden, die gut zu brauchen wären, jener das echte Exemplar eines DOrdens vom goldenen Vließe. Alle werden um irgend etwas gebeten, und ſo den Kopf voll von Egmont legt ſich der Regiſſeur zu Bett. Im Traum erſcheint ihm Herzog Alba und verlangt in eigener Perſon mitſpielen zu dürfen, denn keiner würde das ſo gut machen wie er ſelbſt. Kaum hat der Träumende, durch die Erſcheinung des blutigen Kriegsmanns erſchrocken, ihm Alles bewilligt, was er verlangt, ſo er⸗ ſcheint der Schauſpieler, dem die Rolle von Gott und Contracts wegen zukommt, und ſpricht ſie für ſich an. Die beiden Aſpiranten gerathen in Streit, der wirkliche Herzog zieht ſein Schwert und der Schauſpieler ſeinen Contract aus der Taſche, den er in Stücke zerreißen will und ſeine Ent ſung fordert. Wer weiß, wie ſich dieſer Kampf endigen würde, nicht noch zur rechten Zeit Wilhelm von Oranien die d Beiden te. Doch jetzt kommt der Regiſſeur vom Regen in die Tr a ihm immer die Kraftſtelle des Prinzen, wo er in paa te läßt, im Andenken iſt, ſo erſcheint er als ſeulenden uchzendes Geſpenſt und will ſich gar nicht zur Ruhe bringen Auch Klärchen ſchwebt heran; aber es iſt eigentlich die Schauſpielerin welche dieſe Rolle ſpielt. Sie bittet den guten 1 Regiſſeur mit ihres ſchmeichelnden zarten Stimme um ein neues, ſchönes Coſtuͤm, und der unruhig ſich hin und her wälzende Mann verſpricht, ihr das ſchönſte Kleid aufzuheben. Doch hat er noch keine Ruhe, SKasclander, Erz. 7 98 jetzt rauſcht das niedere Volk heran, die Bürger von Brüſſel, und ſchreien nicht nach Freiheit, ſondern nach neuen Coſtümen; die Garden des Herzogs von Alba, die langen ſteifen Spanier, wollen auch neu gekleidet ſein, und ſchon denkt der Regiſſeur, wie ſchön ihnen die Röcke ſtehen würden, die er auf einem niederländiſchen Gemälde aus jener Zeit geſehen. Er denkt an die Koſten, die allenfalls noch herauszu⸗ ſchlagen wären, als es ihm plötzlich ſo vorkommt, als ſei er— Egmont im Kerker, die himmliſche Muſik ertönt, der Hintergrund öffnet ſich, Klärchen erſcheint, aber ſtatt der Friedenspalme ſchwingt ſie in ihrer Hand ein Decret von der Oberhofintendanz, worin der Regiſſeun mit dürren klaren Worten zur Sparſamkeit aufgefordert wird. Der arme Mann fährt aus ſeinem leichten Schlummer empor, greift nach einem Glaſe Waſſer und legt ſich wieder hin. Diesmal iſt ihm Morpheus günſtiger, doch weil er ſich unaufhörlich mit dem Egmont beſchäftigt, träumt er wieder von der Tragödie, und es umſchwebt ihn diesmal das Balletcorps und bittet ihn, die nöthigen Pagen auszuleſen: 2 8 Sie neigen ſich, beugen ſich, Schweben auf und ab. „Eine Hexenzunft!“ murmelte der träumende Regiſſeur mit Mephiſto⸗ pheles, ſieht aber mit Wohlgefallen den reizenden Bewegungen zu. Wilder wird der Tanz, tiefer der Schlaf, aber undeutlicher die Geſtalten, und endlich erblickt der Regiſſeur nichts mehr als Himmel und Tricots. — Er iſt ſanft entſchlummert. In der Nacht war es uns nicht möglich, die Wohnung des Re⸗ giſſeurs genau zu beſehen, doch jetzt erlaubt uns der helle Tag, einen Blick in die geheimen Gemächer zu werfen. Wie ſich die Zeiten ge⸗ ändert haben! Poeten und Künſtler ſind von ihren Manſarden herab⸗ geſtiegen in den erſten Stock oder in glänzende Parterrewohnungen, und wenn die Kunſt ſelbſt mit ihren Jüngern in Wechſelwirkung ſteht, ſo muß ſie bedeutend emporſteigen; doch hoffentlich nicht in die leer ſtehenden Dachſtuben, ſondern als geiſtiges Weſen gen Himmel, wo ſie hingehört, um uns von da herab mit ihren Strahlen zu durchdringen. Es iſt eine Parterrewohnung, vor der wir ſtehen, und während ein gähnender Bedienter in Livree die Glasthüre öffnet, welche in den Vorſaal führt, ſchlüpfen wir hinein und können unbeſorgt ſein, daß uns Niemand hört, denn auf dem Boden liegen Teppiche, Bärenfelle, und die Thüren, die uns durch ihr Knarren verrathen könnten, ſind ausgehoben und haben Vorhängen von buntem, glänzendem Stoffe Platz gemacht. In den Zimmern ſelbſt ſind ſchwellende Divans, Blumen⸗ tiſche, die den herrlichſten Duft ausſtrömen; Gemälde und Kupferſtiche in goldenen Rahmen bedecken die Wände, und Bildſäulen der Venus f — 4. 99 —, in allen möglichen Stellungen ſind in den Ecken placirt. Im zweiten Zimmer befindet ſich der Regiſſeur im eleganten Schlafrock; er liegt in einem prächtigen Fauteuil; vor ihm ſteht ein Marmortiſchchen, auf dem der Caffee ſervirt iſt, und ein angenehmer Duft, der uns ent⸗ gegenſtrömt, ſagt uns, daß er eine ſehr feine Havannahcigarre rauche. Obgleich es erſt acht Uhr iſt, iſt doch ſchon Geſellſchaft da. So eben trat der Theaterdiener ein und brachte einen Stoß vergilbter Papiere, es ſind die verlangten Rollen des Egmont; der Theaterdiener iſt ein ganz merkwürdiger Menſch. Obgleich er nichts zu thun hat, wie Aus⸗ gänge zu beſorgen, Briefe auf die Poſt zu tragen, Proben anzuſagen, de erſonale die Monatsgagen zu bringen, ſo weiß er mit einer ungemeinen Feinheit in dieſe untergeordneten Geſchäfte einen Faden aus den höhern Zweigen des Theaterweſens hinabzuziehen und da oben, wenn auch ganz unbemerkt, die Hände im Spiel zu haben. Der Thea⸗ terdiener wird„Herr“ genannt, iſt bei Hoftheatern meiſtens ein alter gedienter Soldat, der die Medaille im Knopfloch trägt. Auf ſeinen Lippen ſteht ein beſtändiges Lächeln, und er macht ſich ein Geſchäft daraus, das ganze Theaterperſonal ſo zu ſtudiren, daß er weiß, bei dem braucht es nur eines Ausweiſes, bei dem einer kleinen Bemerkung, bei Jenem ein wohlangebrachtes Lächeln, um zu erfahren, was er zu wiſſen wünſcht. Dabei muß der Theaterdiener ein ſtarkes Gedächtniß beſitzen, muß alle alten Stücke mit ihren Beſetzungen wie ſeine Taſchen kennen. Ja, — er iſt ein unentbehrliches Glied in der langen Kette, an der das ganze Perſonal zappelt. Ohne ſeinen Willen wird vielleicht Norma an dem und dem Abend nicht gegeben. Die erſte Sängerin hat zufällig etwas Anderes zu thun, als in der Oper zu fingen, und klagt am Abend vor der Vorſtellung ihrem Kammermädchen die Noth. Der Theater⸗ diener kommt ins Vorzimmer und ſagt Liſettchen eine Probe an.„Ach, mein lieber Freund,“ entgegnet ihm dieſe, nich glaube, wir können morgen unmöglich ſingen; ich verſichere Sie, wir ſind ganz heiſer;u— die Zofen der Künſtlerinnen reden nämlich immer in der Mehrzahl.— Der Thegterdiener denkt einen Augenblick nach und plötzlich fällt ihm eine ſchnißp ſche Antwort ein, die ihm Mademoiſelle E., die Soubrette, vor einigen agen gegeben. Er nickt mit ſeinem Kopf und geht nach⸗ der —— 12 denkend foll. gute Intendant, der ſich nicht wenig freut, die Norma endlich glücklich herausgeſchält zu haben, wird ſehr unangenehm überraſcht, als ihm der Theaterdiener meldet, daß die erſte Sängerin von einer ſo entſetzlichen Heiſerkeit befallen wäre, daß ſte kein Wort ſprechen könne. Die Regiſſeure ſind augenblicklich nicht bei der Hand, der Zettel für morgen muß in die Druckerei, und da weiß denn ein luger Theaterdiener zu rechter Zeit ſchüchtern den Namen eines Stückes 100 hinzuwerfen, das lange nicht gegeben wurde. Wird dieſe Idee von dem Chef aufgefaßt, ſo hat Jener gewonnenes Spiel und läuft mit Freuden nochmals herum, das andere Stück anzuſagen, denn er kommt ja auch in das Haus der Soubrette, der er dadurch vielleicht einen genußreichen Abend verdirbt. Aber auch wegen anderer Motive läßt der Theaterdiener ſeine Minen ſpringen. Der erſte Held iſt viel⸗ leicht gerade krank, und der zweite Held, der eben kein Held iſt, möchte gern einmal den Wallenſtein ſpielen; denn ein durchreiſender Touriſt, der ſein Freund iſt, möchte den großen Mimen gern einmal in einer Glanzrolle ſehen, um mit ihm ein Capitel in ſeinen Reiſetabletten aus⸗ füllen zu können, und dies wäre nur unter dieſen Umſtänden möglich. Ein Anderer möchte ſeinem Collegen gern den Spaß verderben und ihm einen Stein in den Weg legen, damit ein Stück, in dem Jener eine Lieblingsrolle hat, nicht gegeben wird. Doch wir ſchweifen zu weit ab und kehren lieber ins Zimmer des Regiſſeurs zurück, wo wir vielleicht beſſere Gelegenheit haben, dergleichen intereſſante Betrach⸗ tungen anzuſtellen. Der Theaterdiener, der gegen den Regiſſeur noch viel geſchmeidiger iſt als gegen den Chef ſelbſt, denn Erſterer iſt ein praktiſcher Theater⸗ menſch und läßt ſich nicht leicht etwas vormachen, rückt das Marmor⸗ tiſchchen näher und legt den Rollenſtoß mit einem gelinden Seufzer darauf hin. Der Regiſſeur läßt das Zeitungsblatt neben ſich fallen und wirft die Rollen auf dem Tiſche aus einander. Da es dem Theaterdiener für jetzt nur darum zu thun iſt, zu wiſſen, wie die Partien aufs Neue beſetzt werden, damit er ſieht, ob ſeine Protegés auch gehörig bedacht ſind, ſo fängt er an, den Regiſſeur leiſe auszu⸗ forſchen. „Da haben der Herr Regiſſeur wieder eine ſchwere Arbeit.“ Keine Antwort.„Nun, die meiſten Rollen werden bleiben, wie ſie früher geweſen ſind.“ Der Regiſſeur blättert emſtg in den Papieren fort. „Seit Herr C., der den Alba zum letzten Male ſpielte, geſtorben iſt, iſt das Stück nicht mehr gegeben worden.— Der Herr Regiſſeur werden Mühe haben——„Das wär das Wenigſte,„ entgegnet ihm dieſer,„Herr M. wird dieſe Rolle eben ſo gut ſpielen,,— Das ſchreibt ſich der Theaterdiener gleich hinter das linke Ohr und fährt ſo mit Fragen fort, bis er ziemlich mit der⸗Rollenvertheilung im Klaren iſt.„Befehlen der Herr Regiſſeur, daß ich wiederkommen ſoll?“— „Gegen Mittag, ja, Adieu!“ Der Theaterdiener empfiehlt ſich und der Regiſſeur iſt allein und hält in Gedanken einen ähnlichen Monolog wie König Philipp, als er ſeine Brieftaſche durchmuſtert. Er ſieht die Namen, die auf den vor ihm ausgebreiteten Rollen ſtehen, bald mit Lächeln, bald mit Kopf⸗ — 10¹ ſchütteln an. Ach, er iſt ja auch nur ein Menſch, und ihm fällt ein, wie ſich Dieſer und Jener gegen ihn benommen, und wenn er auch zu rechtlich iſt, um Jemand zu unterdrücken, ſo kann man es ihm doch nicht verdenken, wenn er gerade dem, der ihm beſtändig opponirt, eine Eſelsbrücke bauen ſollte. Auf dieſe Art hat Mancher den Sieg bei St. Quentin längſt verwirkt und wird zu den Todten gezählt. Dieſe vergilbten Rollen zeigen mit den Namen der verſchiedenen Schauſpieler, die auf ihnen gezeichnet und wieder ausgeſtrichen ſind, aufs beſte die Laufbahn, die mancher Künſtler gemacht hat. Hier iſt die Rolle des erſten Bürgers von Brüſſel und mit manchem durchſtrichenen Namen verſehen. Hier nahm manches junge Talent ſeinen Anlauf, manches kam höchſtens bis zur Rolle des Gomez; der ſpielte einmal den jungen Herzog von Alba und wurde bei Seite gelegt, und von ſo vielen iſt kaum ein einziger, der ſich bis zu einer erſten Rolle durchdrang und ſich da erhielt. Auch der Regiſſeur hat dieſen Weg gemacht; aber er ſieht mit ſtillem Vergnügen, wie die Rollenhefte, auf denen⸗ ſein Name prangt, allmälig dicker wurden; er ſieht einen ganzen Lebenslauf dazwiſchen liegen, und jede Rolle, die er durchſteht, bringt ihm traurige und angenehme Stunden ins Gedächtniß. Wo ſind all' die Klärchen geblieben, mit denen er auf den Brettern, ſo wie im Leben geſpielt. Auf dem Rollenhefte ſteht eine zahlreiche Liſte von Namen, die einſt ſchönen jungen Mädchen angehörten, aber die meiſten ſind alt geworden, verſchollen, geſtorben und verdorben. Andere ſind weiter gerückt, doch wenn ſie auch dickere NRollen bekamen, ſind ſie doch nicht aufwärts geſtiegen. Aus jungen Liebhaberinnen wurden ſie auf den Brettern und in der Wirklichkeit Mütter und keifende Matronen. Aber wenn man alle dieſe hört, ge⸗ ſchah ihnen bitteres Unrecht. Sie wurden unterdrückt und würden Klärchen heute noch ſo gut ſpielen wie vor fünf und zwanzig Jahren. Doch ſtill, es klopft, und ein lebendiges Beiſpiel tritt ein. Es iſt Madame H., die vor etlichen zehn Jahren mit dem Regiſſeur Liebhaber ſpielte und guf die zarte Neizlung, die ſie früher ſo oft auf den Brettern verband, it feſte Freundſchaft baute, welche ſie jetzt bei kleinen Bitten geltend macht. Aus jungen naiven Mädchen ging ſie ins Fach der zärtlichen Mütter über, wurde nach und nach Ehrendame der Königin⸗ nen, ſpielt auch in alten Stücken vornehme Perſonen ſelbſt, denn ſie hat eine ſtattliche hohe Figur, über welche ſich der Königsmantel ſehr ſchön zur Schau hängen läßt. Obgleich es dem Regiſſeur nicht angenehm iſt, unterbrochen zu werden, rückt er doch der Dame Anſtandshalber einen Seſſel hin, und ſie läßt ſich mit einer unnachahmlichen Grazie nieder.„Ach, guten Morgen, lieber Regiſſeur, hab' ſchon lange die Idee gehabt, Sie zu beſuchen, komme aber nie dazu.“—„So,“ entgegnet dieſer ziemlich — 10² lang gezogen,„und was führt Sie jetzt zu mir?“—„Ach,“ declamirt die H. ſchmachtend: „Es iſt eine alte Geſchichte, Doch bleibt ſie immer neu, Und wem ſie juſt paſſiret, Dem bricht das Herz entzwei. „Sie wiſſen ja, lieber Regiſſeur, daß mit dem nächſten Jahre mein Contract zu Ende läuft, und da Sie Alles bei der hohen In⸗ tendanz vermögen, ſo werden Sie doch, hoffe ich, einer alten Collegin, wollte ſagen, einer Collegin, die ſchon lange mit Ihnen ſpielt, das Wort reden.“ Der Regiſſeur hat während dieſer Rede, die ihm nicht neu iſt, in den Rollen des Stücks geblätttert und ohne gerade der Dame auf ihre Bitte eine Antwort zu geben, legt er ein dünnes Heftchen vor die Madame H. hin, es iſt die Rolle von Clärchens Mutter, auf der ihr Name prangt. „Aber, lieber Freund,“ fährt dieſe überraſcht fort,„was machen Sie denn da? Sie ſind doch ſehr zerſtreut. Sie dachten an mich und ſchreiben meinen Namen auf dies Rollenheft?⸗ „Ja,“ entgegnete der Regiſſeur, jedoch ohne aufzuſehen; denn es iſt gefährlich, einer Künſtlerin, die Heldinnen ſpielt, bei Momenten, wo man ihr etwas Unangenehmes ſagen muß, in das Auge zu blicken. „Ich that es nicht in der Zerſtreuung; es iſt gewiß beſſer, liebe H., daß Sie anfangen, ſich in Müttern zu verſuchen. Wiſſen Sie, die Zeit rückt vorwärts, ich werde auch allmälig alt, und ich verſichere Sie, daß es mir ſehr läſtig wird, noch den Egmont und dergleichen jugendliche Rollen zu ſpielen.“ War die Dame wirklich durch die ihr zugedachte Rolle ſo über⸗ raſcht, oder affectirte ſie nur die Beſtürzung und den Verdruß, der ſich auf ihrem Geſicht und an der ganzen Haltung deutlich blicken ließ, genug das drohende Feuer in ihrem Blick verſchwand, ſietwandte den Kopf recht würdevoll gegen den Regiſſeur, hob eine ihrer Hände mit einer unnachahmlichen Bewegung gegen das Herz und lispelte mehr, als ſie ſprach:„Aber lieber Regiſſeur, wie kann ich bei meinem edlen Weſen ſo ein Weib ſpielen, die Mutter einer ſolchen Tochter. Ah! Ich würde ganz meine gewöhnliche Natürlichkeit verlieren, und jeder würde mir anſehen, daß ich mit Widerwillen einen ſolchen Charakter darſtelle.“ Aber der Herr Regiſſeur blieb trotz dieſen Lamentationen feſt. Er zuckte die Achſeln und verſicherte, vergeblich einem Auskunftsmittel nachgedacht zu haben.„Sehen Sie,“ ſagt er und ſteckt ſich eine neue ——,j,— ———⸗B ———ͤ——/- 103 Cigarre an.„Die M. iſt krank, die W. auf Urlaub und der R. ſo wenig wie der Y. Z. kann ich doch eine ſolche Rolle anvertrauen. Sie wiſſen ja ſelbſt, liebe H., daß der Effect all' der Scenen zwiſchen Egmont und Klärchen ſehr viel auf dem würdevollen Benehmen der Mutter beruht. Und darum habe ich Sie vorgeſchlagen.“ Dann fährt er mit ſanfter Stimme fort:„ich muß es Ihnen offenherzig geſtehen, iſt mir die Zeit, wo wir zuſammenſpielten, die Zeit, wo der Egmont eine meiner Glanzpartien war, noch ſo im Gedächtniß, daß es mir ſchmerzlich ſein würde, die bekannten Züge— Sie wiſſen, liebe H., wie wir uns gekannt haben, gar nicht mehr von mir zu ſehen. Es bleibt ja doch in der Familie. Vor zehn Jahren liebt' ich die Mutter, heute die Tochter. Apropos, wie geht's Ihrer Emilie? Das Mädchen wird jeden Tag ſchöner; bei ihr möcht' ich gern einmal den Egmont ſpielen.— Sie wiſſen doch, daß ich ihr ſeit geſtern freie Entrée ver⸗ ſchafft habe? Der Intendant hat es ſehr gern gethan, denn er iſt mit mir einverſtanden, daß hübſche Mädchen eine gute Decoration fürs Parterre ſind.“ Der Regiſſeur hatte die letzten Worte mit Herzlichkeit geſprochen und fällt jetzt wieder in ſeinen ruhigen Ton zurück.„Nicht wahr, liebe H., Sie werden das einſehen, und dann iſt es auch wegen Ihres Contracts. In dem Rollenfach der komiſchen und polternden Alten können Sie ſich noch lange erhalten.“ Madame H., die ihren Freund kennt, weiß wohl, daß hier nicht viel mehr zu machen iſt, legt alſo ſeufzend dem Regiſſeur noch einmal die Contractſache ans Herz und zieht ſich gegen die Thür. In der Ecke des erſten Zimmers ſteht ein Sopha mit prachtvollen geſtickten Kiſſen. Beider Blicke fahren unwillkürlich über dieſe Zeichen früherer glühender Liebe hin, und während der Regiſſeur liſtig lächelt, ſagt die Dame:„Ach, Heinrich, die vergangenen Zeiten waren doch ſchön!a Er begleitet ſte zur Thür, und wie ſie zwiſchen den rauſchenden Vor⸗ hängen verſchwindet, ruft er ihr laut genug nach, daß ſie es deutlich verſtehen kann: 4 „Sizgiht, und da ſie geht, möcht' ich ſie halten!“ Noch ein Blick, der Bediente macht mit ſeinem äußerſt dummen Geſicht ein Compliment, und die Dame iſt verſchwunden. Raſch wendet ſich nun der Regiſſeur ins Zimmer zurück, klopft unmuthig die Aſche von der Cigarre und ruft dem Bedienten hinaus:„das verfluchte ewige Stören! Ich bin für Niemand mehr zu Haus!“ Er ſetzt ſich wieder in ſeinen Fauteuil und fährt fort in den Rollen, ſo wie in den Büchern, die ihm nach und nach von ſeinen Freunden geſchickt werden, zu blättern. Wenn ihm auch nicht gerade die Scene, die er mit der H. hatte, alte Jugenderinnerungen, weder traurig noch . 404 komiſch, ins Gedächtniß zurückruft, ſo findet er dagegen auf den gelben Papieren manchen Namen, der ihm ein Lächeln oder einen ſtillen Seuf⸗ zer ablockt. Auch Bemerkungen, die hie und da von den darſtellenden⸗ Künſtlern zwiſchen den Reden eingeſchrieben wurden, kommen ihm äußerſt komiſch vor. Da heißt's bei einer Stelle: der rechte Arm wird ausgeſtreckt, der Kopf würdevoll zurückgeworfen, oder die Augen wer⸗ den ſchmachtend geſchloſſen; bei einer andern: hier trete ich drei Schritte zurück, knirſche mit den Zähnen und ſtoße drei Seufzer aus; hinter einem langen Monologe ſtehen die Worte: als ich zum letzten Male dieſe Rolle ſpielte, geruhten Se. Durchlaucht der Fürſt, der in Huſa⸗ renuniform im Theater war, mich aufmerkſam anzuhören und am Schluſſe beifällig mit dem Kopfe zu nicken; auch applaudirte das Parterre dreimal. Ein anderes Notabene hieß: hier ſtützte ich mich mit dem linken Arm auf mein Schwert, legte den rechten Ellbogen, auf dem mein Kopf ruhte, darauf und bildete ſo, wie meine Freunde mich ſpäter verſicherten, eine maleriſche Stellung. Das Alles lieſt der Regiſſeur durch, vertheilt die noch fehlenden Rollen, ſchreibt die Zahl der Statiſten auf, ſo wie das ganze Ballet, das er im Stück zu verwenden gedenkt; Einige ſollen Pagen machen, Andere führen bei den Volksſcenen in Brüſſel Tänze auf, und der Nachwuchs des Ballets, die Kinder unter zehn Jahren, ſollen die Straßen bevölkern, hin und her rennen und kleine Spiele treiben. So iſt es elf Uhr geworden. Es ſchellt draußen, der Bediente bringt ein kleines Billet und meldet zugleich drei Tänzerinnen, die aufzuwarten wünſchen. In dem Briefe bittet ein College, der bisher die Rolle des Vanſen ſpielte, da er zufällig gehört habe, daß der Egmont auf dem Repertoire ſtünde, um Abnahme dieſer Rolle und um Zutheilung des Herzogs Alba, da letzterer eigentlich mehr Intriguant ſei als erſterer, und er für dies Fach doch engagirt ſei. Der Brief wird ad Acta gelegt und die Tänzerinnen vorgelaſſen. Neue Klagen und Beſchwerden. Die drei Gra⸗ zien kommen eben aus der Tanzſtunde, wo ſie erfuhren, daß ihnen zu einem Tanz auf heut Abend, in dem ſtie die Solopartien haben,feine neuen Schuhe gemacht werden ſollen. Dem Regiſſeur werden diealten vor⸗ gezeigt, die von fleiſchfarbener Seide und jedenfalls ſehr defect, ſogar durchlöchert ſind. Doch zuckt er die Achſeln und rechnet ihnen vor, daß die ausgeſetzte Summe für neue Schuhe faſt überſchritten ſei und er alſo nichts mehr dürfe machen laſſen. Aber das Kleeblatt läßt ſich ſo bald nicht abweiſen, ſie beſtürmen den guten Mann mit Bitten und Schmeicheleien, verſichern ihm, daß ſte auf den durchgetanzten Sohlen faſt nicht mehr ſtehen könnten, eine ſogar, die ſehr ſchöne Waden hat, macht, während ſie die Schuhe vorzeigt, ein kleines Bat⸗ tement, um zu zeigen, daß man bei der Vorſtellung die defecten Stellen —2ꝑ * 105 deutlich ſehen könne, was den Regiſſeur rührt, und ſie erhalten endlich die Erlaubniß, die ſehr nothwendigen neuen Schuhe machen zu laſſen. Nachdem ſich die Tänzerinnen noch einige Secunden in dem Zim⸗ mer des Regiſſeurs umgeſehen, da eine ſchöne Stickerei bewundert, hier die Stellung der Venus nicht ganz natürlich fanden, trifft der Regiſſeur Anſtalten, ſich ſeines Schlafrocks zu entledigen, um Toilette zu machen, eine Bewegung, welche die drei alsbald in die Flucht ſchlägt. Jetzt wird dem Bedienten geſchellt, doch kaum iſt dieſer eingetreten, um ſeinem Herrn die nöthigen Sachen zur Toilette hinzureichen, als draußen wieder heftig geſchellt wird. Schon iſt der geplagte Mann im Begriff, ſeinen Schlafrock wieder feſter um ſich zu ziehen, als er an dem lauten Gelächter der vor der Thür Stehenden erkennt, daß es ein paar gute Freunde ſind, vor denen er ſich nicht zu geniren hat. Er läßt alſo den Schlafrock fallen und läßt ſich, nachdem er noch einen Blick zum Fenſter hinausgeworfen hat, ein paar helle Beinkleider geben, die er dem Sonnenſchein zu Liebe heute anziehen will. Indeſſen ſind zwei junge Männer an die Thür getreten, die in ihrem Aeußern den ſchärfſten Contraſt bilden. Der erſte iſt von einer langen, ſehr langen Geſtalt, auf der ein intereſſantes, aber ſehr blaſſes Geſicht, von hellblonden Haaren umgeben, ſehr von oben herab auf die Welt ſieht. Er iſt recht elegant gekleidet, trägt bunte carrirte Beinkleider, eine ſchwarze Atlasweſte, auf der ein kleines Stückchen goldener Kette prangt; ein ähnliches Geſchmeide verbindet die koloſſalen Knöpfe zweier Tuchnadeln, mit denen der lange junge Mann das ſchwarzſammetne Halstuch verziert hat; ein Frack nach dem neueſten Schnitt mit pfund⸗ ſchweren Knöpfen, auf denen ein Fuchskopf ciſelirt iſt, vollendet das Ganze. Er ſchreitet mit großen Schritten durch den Vorſaal, wobei er einer Tanne zu vergleichen iſt, die vom wilden Sturmwind bewegt hin und her ſchwankt. Der Andere, der wenigſtens einen guten Schuh kleiner iſt als der Erſte, aber dagegen der Breite deſto mehr zugeſetzt hat, iſt kaum im Stande, ihm zu folgen. Beide mögen vielleicht fünf bis ſechs aswanzig Jahre alt ſein, ſehen aber aus ganz verſchiede⸗ nen Umſtän weit älter aus und ſind bei ihrem Eintreten über dies Capitel gerade in einen kleinen Streit verwickelt. „Ich verſichere Dich,“ ſagte der Lange,„daß Du mit jedem Tage unförmlicher und dicker wirſt. Alles Jugendliche iſt aus Deiner Er⸗ ſcheinung verſchwunden, und wenn nicht Dein kindiſcher Kopf wäre, der, beiläufig geſagt, weniger zu Deinem Körper als zu Deinen Nei⸗ gungen und Geſinnungen paßt, ſo könnte man Dich für einen alten Kerl von funfzig Jahren halten.“ Das ſprach der Lange finſter und ernſt und mit ſolchem Tone, als ſei die Sache durch den Ausſpruch abgemacht und ließe ſich nichts weiter darauf entgegnen. Doch der 106 kleine Dicke, der freundlich lachend hinter dem Langen hertrippelte und zu ihm emporſah, ſchenkte Jenem nichts und verglich ihn mit einem Streichhölzchen, von dem aber oben der Schwefel abgebrannt ſei. So gelangten Beide in das Zimmer des Regiſſeurs, als Jener ſich gerade beſchäftigte, das helle Beinkleid anzuziehen. Der Lange bleibt bei dieſem Anblick wie erſtaunt unter der Thür des Zimmers ſtehen und ſagt mit überraſchtem Tone, während ſich der Dicke in eine Sophaecke legt und nach einer Cigarre langt:„Ach, lieber Regiſſeur, Sie wollen heut ein helles Beinkleid anziehen? Welche Idee! Es gibt ja in einer Stunde Regen. Dann ſollten Sie ſich auch mehr in Acht nehmen und ſich nicht hier bei den offenen Thüren anziehen. Ich habe Ihnen das ſchon oft genug geſagt. Der Regiſſeur läßt langſam die Hand ſinken und ſchaut noch einmal zum Fenſter hinaus, dann ſagt er. ruhig:„Ja, Sie haben Recht, es wird doch in kurzem ſchlechtes Wetter. Johann, eine ſchwarze Hoſe!“ Und der Dicke bricht in ein lautes Gelächter aus. Von den beiden eben Eingetretenen, die ich dem Leſer zwar be⸗ zeichnet, aber noch nicht vorgeſtellt habe, iſt der Lange Schauſpieler und der Dicke Schriftſteller. Daß der Mime ein Mann von Talent und Fähigkeiten iſt, läßt ſich daraus abnehmen, weil er mit dem ver⸗ ſtändigen, ſcharfblickenden Regiſſeur in ſo vertraulichem Verhältniſſe ſteht, ſo daß dieſer ſogar auf die Meinung und das Urtheil des Unter⸗ gebenen etwas hält. Was den Schriftſteller betrifft, ſo ſchweigt die Geſchichte. Der Lange iſt indeſſen mit einigen großen Schritten im Zimmer umhergeſtürzt und hat in kurzem die Rollenhefte des Egmont auf dem Tiſche entdeckt.„Ah, der Egmont!“ ruft er laut.„Ich bekomme doch den Oranien? Nicht wahr? Ich verſichere Sie, ich habe mich ſehr darauf gefreut und ſchon lange über das Coſtüm nachgedacht, das mir am Beſten dazu ſtehen wird. Was denken Sie zu einem ſchwarzen Sammetkleide? Ich nehme dazu eine kurze blonde Perrücke und einen rothen Bart.“—„Wie Däin natürlicher iſt,“ ſchaltet der Dicke ein.„Doch hoffe ich, wird Dir jetzt endlich einmal Befehl er⸗ theilt werden, ihn abzuſchneiden; denn Du, der ſo ſehr auf Treue des Coſtüms incluſive Perrücke und Bart ſieht, wirſt doch wohl wiſſen, daß damals dieſer Wangenſchmuck nicht Mode war.“ Der Lange ſteht ihn mit einem großen Blicke an und antwortet ganz ruhig:„Glaub mir nur, daß ich beſſer weiß, was ſich für meine Rolle paßt als Du. 4 Schon droht wieder, wie beim Eintritt, ein kleiner Streit zu beginnen,— wenn nicht der Regiſſeur gerade angezogen wäre, ſeinen Hut nimmt, und ſo das Zeichen zum Aufbruch gibt. Die Drei gehen fort, und auf der Treppe wird dem Regiſſeur 4 einige Secunden früher als die Andern. Er iſt es, dem ſich bei vor⸗ — 107 noch ein Billet gebracht. Es iſt von dem Capellmeiſter, der anfragt, ob der Egmont wirklich in den nächſten acht Tagen gegeben werde, was ihm eigentlich nicht recht gelegen ſei, denn er habe ſchon für das nächſte Concert etwas von der Beethoven'ſchen Muſtk aus dieſer Tra⸗ gödie beſtimmt. Kaum iſt der Brief geleſen, ſo wird der Regiſſeur auf der Straße von einem jungen Diplomaten mit der Frage ange⸗ halten:„Sie geben nächſtens Egmont? Wiſſen Sie, wir haben dieſen Winter über die Tragödie einige Male geſprochen, und da gab ich Ihnen einige Stellen an, die bei uns geſtrichen wurden und noth⸗ wendig auch hier wegbleiben müſſen.“ Der Regiſſeur dankte ihm lächelnd und verſichert ihm, daß er wohl daran gedacht habe. Für heute Morgen wäre Egmont nun glücklich beendigt, denn obgleich ihm hie und da auf der Straße Collegen begegnen, die mit einer Bitte oder Klage auf ihn zulenken wollen, ſo thut doch der Regiſſeur, als ſähe er ſie nicht, nur um auf einen Augenblick von Allem, was Egmont heißt, befreit zu ſein. Indeſſen ſind Nachmittag die Rollen vertheilt und iſt auf den folgenden Morgen eine Probe angeſagt worden. Schon in der Frühe ſind eine Menge Leute da geweſen, die den Regiſſeur haben ſprechen wollen, doch hat der Bediente den ſtrengſten Befehl erhalten, Nie⸗ mand vorzulaſſen, da er ſonſt mit den Vorbereitungen nicht fertig werden würde. Auf dem dunklen Theater hat ſich indeß das Perſonal verſam⸗ melt und ſteht hie und da in kleinen Gruppen beiſammen. Die Zimmerleute tragen die alten Couliſſen herbei oder ſind auf dem Schnür⸗ boden beſchäftigt. Der Theaterdiener geht herum und flüſtert bald dem Einen, bald dem Andern eine Bemerkung zu. Die Leute, die bei dem Erſcheinen des Regiſſeurs etwas anbringen wollen, halten ſich an der erſten Couliſſe auf, um ihn gleich überfallen zu können, und ihre Zahl iſt nicht klein. 3 Wie der Theaterdiener in ſeiner Art ein ganz eigenthümlicher Menſch iſt, gibt es deren beim Perſonal noch viele ſtehende Perſonen, die wie die Masken auf dem italieniſchen Theater mit wenigen Varia⸗ tionen faſt immer denſelben Charakter haben. Unter den Choriſten iſt einer, der die andern in jeder Beziehung überragt oder zu über⸗ ragen glaubt. Das iſt meiſtens eine große ſtarke Figur, der im Nittercoſtüm wie ein rechter Schlagetodt ausſteht, und der ſich durch allerhand Kleinigkeiten bemerkbar zu machen weiß. Gewöhnlich ſtellt ver ſich vorn hin, macht auffallende Geſten und Bewegungen, und wo der Chor ſich in pleno zu freuen hat oder vetrübt ſein muß, drückt er ſeinen Schmerz noch heftiger aus, oder lacht mit lauter Stimme . 108 kommenden Gelegenheiten der erſte Tenor an die treue Freundſchafts⸗ bruſt wirft, und der mit ſtarkem Arm den Ohnmächtigen aufrecht zu erhalten hat. Bei Balletten ſpielt er den Zauberkönig oder auch Un⸗ geheuer und iſt im Allgemeinen dadurch kenntlich, daß er an ſeinen Kleidern, die mit denen der übrigen Choriſten gleich ſein ſollten, be⸗ ſtändig eine kleine Auszeichnung hat. Bald iſt es eine Treſſe, bald eine Reihe Knöpfe mehr, bald eine farbige Feder, wo der ganze übrige Chor nur ſchwarze oder weiße hat. Da ſich dieſer Mann durch kleine Dienſte bei den Regiſſeuren in Gunſt zu ſetzen weiß, ſo hält es ſchwer, ihn von ſeinem Poſten zu verdrängen, denn wenn er auch auf der Bühne nicht ſelbſt mitzuwirken hat, weiß er ſich doch immer hinter den Couliſſen ein kleines Geſchäftchen zu machen. Bald blitzt und donnert er, bald läßt er die Kanonen aus der Entfernung ſpielen, bald dirigirt er das kleine Gewehrfeuer und läutet mit den Glocken. Ihm gegenüber, doch weniger glücklich und anhaltend, regiert eine handfeſte Dame die Choriſtinnen; doch iſt dies weibliche Perſonal nicht gutmüthig genug, um einer Einzigen zu erlauben, daß ſie ſich immer vordränge, und dann fährt auch die rauhe Hand der Zeit weit unnach⸗ ſichtiger über die Wange der Herrſcherin. Bei ſtämmigen Bäuerinnen kann ſte noch immer eine der Erſten vorſtellen, doch bei jungen un⸗ ſchuldigen Geſpielinnen irgend einer Prinzeſſin, wo ſte vor fünf und zwanzig Jahren anmuthig glänzte, muß ſie ſich gefallen laſſen, von dem jungen naſeweiſen Volk verdrängt zu werden. Dann fallen auch im menſchlichen Leben allerhand Verhältniſſe vor, die ſie nöthigen, eine Zuflucht hinter der geſchloſſenen Phalanx ihrer Colleginnen zu ſuchen, wobei ſie es dann nicht unterläßt, ſich auf die Zehen zu ſtellen, um den Kopf ſo weit wie möglich vorſtrecken zu können. Eine andere, nicht minder beachtenswerthe und ſehr wichtige Per⸗ ſon in dem Haushalte des Theaters iſt der Inſpicient. Da der Poſten eines Inſpicienten einen Mann verlangt, der eine Unzahl von Stücken faſt auswendig weiß, der das Theater durch und durch kennt, ſo ſind es meiſtens gediente Veteranen, denen ein ſolcher Poſten anvertraut wird. Dieſer Mann, der den ganzen Tag in ſeiner Rumpelkammer zu thnn hat, wo er die alten roſtigen Schilder hin und her wirft, zur Vorſtellung herrichtet und wieder aufräumt, wo er die Deckelkannen und Becher, aus denen die tapfern Ritter getrunken, zuſammenſtellt, hat ſich durch dieſe immerwährenden Arbeiten mit den lebloſen klap⸗ pernden Gegenſtänden ein finſteres, mürriſches Weſen angewöhnt, das er an allen ſeinen Collegen und ſelbſt an den Vorgeſetzten ausläßt. Dabei ſind ihm ſeine alten Geräthſchaften ein wahres Heiligthum, und ein Nagel, der ihm nach der Vorſtellung an irgend einem Stücke fehlt, iſt im Stande, ihn für mehrere Tage ungluͤcklich zu machen. — —œ 109 Der Inſpicient iſt gewöhnlich von Natur ein gutmüthiger Menſch, was ſich auch auf ſeinem Geſichte ausdrückt, weshalb der Ingrimm und der Schmerz, der ihm durch die rohe Behandlung ſeiner Requi⸗ ſiten verurſacht wird, auf ſeinem dicken lächelnden Geſicht nicht recht die Oberhand gewinnen kann. Sein Geſchäft verbietet ihm, in der Kleidung ſehr gewählt zu ſein, und da ihm bei dem Herumſtöbern in den Winkeln zuweilen die Perrücke etwas verſchoben wird, ſo ſieht der Mann nicht ſelten ſehr poſſierlich aus, wenn er ſo mit einigen mäch⸗ tigen Ritterſchwertern unter dem Arm an das Tageslicht heraufſteigt. Des Abends bei der Vorſtellung läuft er hinter den Couliſſen umher, um jedem der Schauſpieler zu ſagen, wann der Augenblick da iſt, daß er auftreten muß. Dann lieſt er das Stichwort, es mag einen noch ſo rührenden Monolog beſchließen, mit näſelndem Tone ab, gibt dem Schauſpieler einen kleinen Puff, nimmt haſtig eine Priſe und eilt auf eine andere Seite der Bühne, wo es vielleicht eben blitzen ſoll, oder wo er den Befehl zu geben hat, daß ein paar kleine Balletmädchen, die als Genien in ihren Hänggurten zappeln, über die Bühne fliegen ſollen. Jetzt endlich ſchlägt es zehn Uhr; der Regiſſeur kommt in Be⸗ gleitung des langen Schauſpielers, von dem ich oben ſprach, und der ihn regelmäßig zu den Proben abholt; denn der Regiſſeur, ein kleiner König in ſeinem Reiche, hat ſo gut Günſtlinge wie jeder Andere. Hier auf der Probe hat ſein Auftreten wirklich etwas Königliches, und er wird umringt von der Schaar der Supplicanten, die ſich in der erſten Couliſſe hinter leinwandenen Bäumen und hölzernen Steinen verbargen. Zuerſt naht ſich ihm der Maſchiniſt, der zugleich Doco⸗ rateur iſt, und entſchuldigt ſich über einen verunglückten Mondſchein, oder daß eines der Garderobemädchen geſtern bei der letzten Scene, wo der Hintergrund das offene Meer darſtellte, ins Waſſer gegangen ſei, er habe ſie zurückhalten wollen, doch ſei es zu ſpät geweſen. Der Anführer der Statiſten, ber, weil er in vorkommenden Fällen die Gefechte zu führen hat, Schlachtenlenker genannt wird, bringt die Liſte, auf der die Soldaten verzeichnet ſind, die im Hintergrunde warten, bis der Augenblick kommt, wo ſie als Leibwache des Herzogs von Alba über die Bretter marſchiren ſollen. Der Balletmeiſter, dem der Re⸗ giſſeur heute Morgen einige Zeilen ſchrieb, er möge doch bei den Volksfeſten in Brüſſel durch einige Tänzer im Hintergrunde einen kleinen Tanz aufführen laſſen, ſteht auf der Bühne und macht nur einige Schritte gegen den Regiſſeur, damit dieſer die gleiche Anzahl gegen ihn machen ſoll. Er thut dies nur, um ſeiner Würde nichts zu vergeben, obendrein, da er alle Urſache hat, ſich über das Begehren des Regiſſeurs beleidigt zu finden, denn er ſagt dieſem, daß er es ſehr 110 geſchmacklos fände, wenn man verlange, daß das Ballet im Hinter⸗ grunde tanzen ſolle. Der Regiſſeur weiß ihn nur durch das Ver⸗ ſprechen zu beruhigen, daß dort ein kleiner hölzerner Hügel gebaut werden ſoll, auf welchem man vom Parterre aus die Tänze deutlich ſehen könne. So hat der beſchäftigte Mann nach allen Seiten zu fragen, zu beantworten, Bitten zu gewähren oder abzuſchlagen.„Lieber Bruder,“ ſagt der Herzog Alba zu ihm,„Du könnteſt mir zu der Rolle auch eine neue Perrücke machen laſſen; ich verſichere Dich, die alte paßt gar nicht mehr dazu.“ Vanſen, der Schreiber, kommt und beklagt ſich, daß er in der Garderobe keinen Rock finden könne, der zerriſſen genug wäre. Kaum ſind die Beiden abgefertigt, und der Re⸗ giſſeur iſt glücklich an ſeinen Tiſch gelangt, worauf die Klingel und ſein Hut ſteht, ſo fühlt er ſich leiſe am Rock gezupft. Es iſt eine Choriſtin von kleiner Statur, die ſich gern auszeichnen möchte, und da ſie wegen ihrer unanſehnlichen Geſtalt von den Andern immer zurückgedrängt wird, hat ſie ſich auf die Gaſſenjungen und dergleichen verlegt und bittet den Regiſſeur, ſie bei den Volksfeſten in Brüſſel einen ſolchen ſpielen zu laſſen. Nach einer Zeichnung und Beſchrei⸗ bung, die er heute Morgen dem Decorateur zuſchickte, hat dieſer das Theater zu der erſten Scene, wo Jetter im Begriff iſt, nach der Scheibe zu ſchießen, hergerichtet. Der Regiſſeur, der die Niederlande bereiſte, hat dort einigen kleinen Feſten der Art beigewohnt und die Häuſer auf dem Theater geſchmückt, wie ſie daſelbſt verziert waren. Von den Giebeln hängen bunte Fahnen mit Namen vderſchiedener Ortſchaften und Dörfer, die Theilnehmer zu dem Scheibenſchießen ſandten. Auf dem Boden ſitzen Gruppen von Kindern, und der Regiſſeur zeigt ihnen, wie ſie ſpielen und ſich herumbalgen müſſen; auch dürfen ſie zuweilen ſchreien und laut jubeln. So beginnt die Probe, doch gibt es noch Unſägliches zu thun. Bald ſtehen die Landleute im Hinter⸗ grunde zu dick auf einander, bald ſind die Reihen zu dünn und füllen das Theater nicht aus. Die Statiſten, welche die gemüthlichen hol⸗ ländiſchen Soldaten darſtellen ſollen, marſchiren ängſtlich hin und her mit angezogenen Knieen und ſteifen Fußſpitzen, als wenn ſie auf dem Excereirplatze wären. Die Damen des Ballets, die leichtfüßige Bauern⸗ mädchen machen ſollen, ſchweben wie Nymphen einher, machen ſtatt natürlicher Bewegungen die ausgeſuchteſten Attitüden, kurz, es iſt noch nicht die Idee von einem wirklichen Leben in dem Gewühl. Der Re⸗ giſſeur läuft herum, ſtellt hier eine Gruppe zuſammen, jagt dort die Kinder auseinander und fordert ſte auf, laut zu ſchreien; endlich geht die Sache etwas beſſer; doch kaum wird es von Neuem probirt, ſo haben die Meiſten das eben Gemachte wieder vergeſſen und es muß ihnen abermals gezeigt werden; beſonders die Kinder ſind ſchüchtern 4 111 und fürchten ſich, bis vorn auf die Bühne zu laufen, weshalb der Regiſſeur einen Korb mit Aepfeln kommen läßt, und der Inſpicient muß einen nach dem andern über die Bühne rollen laſſen. Jetzt wird's beſſer, die Kinder laufen den Aepfeln nach, werfen einander um, über⸗ purzeln ſich und die Sache wird natürlicher. So geht die Pobe fort. Die Scenen zwiſchen Egmont, Brackeburg und Klaͤrchen erfordern weniger Mühe; doch hat der Regiſſeur auch hier immer noch genug zu thun, um dem Ganzen die gehörige Rundung zu geben. Da müſſen die Farben der Decoration, der Möbel mit den Coſtümen übereinſtimmen, und wenn er endlich nach ſeiner beſten Einſicht alle dieſe Sachen ordentlich zuſammengeſtellt hat, ſo kommt ihm oft noch die Meinung eines einzelnen Künſtlers dazwiſchen, und er muß, um die Collegen bei guter Laune zu erhalten, die ganze Anordnung wieder umwerfen. So glaubt Alba, daß ein rother Sammetmantel zu ſeinem Co⸗ ſtüme beſſer ſtehen würde, was aber nun zu den Möbeln von derſelben Farbe und demſelben Stoffe nicht gut paſſen würde. Der lange Schauſpieler, der den Oranien ſpielt, überzeugt den guten Regiſſeur in einer ſchwachen Stunde, daß er zu ſeinem ſchwarzen Kleide auf jeden Fall blaue Möbeln haben müſſe, und ſo geht das fort, unter⸗ miſcht mit andern kleinen Störungen, die jeden Augenblick eintreten. Klärchen iſt heiſer und kann ihre Reden kaum ſprechen, auch zerſtreut und ſieht oft hinter den Couliſſen umher, als ſuche ſie dort etwas. Die Mutter dagegeng die ſich noch der ſeligen Zeit erinnerte, wo fie Klärchen ſpielte, verſpricht ſich jeden Augenblick und ſagt oft in der Zerſtreuung lange Sätze von den Reden ihrer Tochter. Hinter den Couliſſen wogt und murmelt es durch einander, und der Regiſſeur muß oftmals ſeine Klingel gebrauchen und Ruhe gebieten, damit er die auf der Bühne Befindlichen hören kann. In Gruppen ſtehen die Schauſpieler, die Choriſten und Statiſten vor und in den Garderoben zuſammen, betrachten die Kleider, die dort ausgehängt ſind, haben daran etwas auszuſetzen, oder einer ärgert ſich über den andern, wenn Jener ein beſſeres Kleid hat als Dieſer. Vanſen hat ſich ſo in ſeine Rolle hineinſtudirt, daß er den aufrühreriſchen Schreiber auch hinter den Couliſſen fortſpielt. Er beweiſt eben dem Brackeburg, der gerade ſeinen Contract in der Taſche hat, daß er danach den Egmont recht⸗ mäßig für ſich in Anſpruch nehmen könne; zufällig kommt der zweite Tenor hinzu und iſt voll Gift und Galle über den Regiſſeur, der von ihm verlangt, er ſolle die gemeinſchaftlichen Reden der Bürger mit⸗ ſprechen. Auf der andern Seite ſtehen die Choriſtinnen beiſammen und Alle haben ſich über den Regiſſeur zu beklagen. Dieſe wollte heute Morgen von der Probe dispenſirt ſein, und trotz dem, daß ſie 112 eine große Wäſche hat oder ausziehen will, muß ſie doch bleiben; eine Andere, die unverheirathet iſt, wurde von ihm auf das Gröbſte belei⸗ digt, indem er ſie geſtern ermahnte, zur heutigen Probe ihre Kinder mitzubringen; einer Dritten endlich, die beim wehmüthigſten Chore oder bei Ausbrüchen der Verzweiflung oder des Schmerzes ruhig ihren Strickſtrumpf bearbeitet, wurde dieſe Thätigkeit auf der Probe unter⸗ ſagt und ſie dadurch auf das Empfindlichſte gekränkt. So dauern die Proben fort, Morgens und Nachmittags, und allmälig taucht aus dem Chaos ein feſter Kern hervor, und bei der Generalprobe ſieht ſich im günſtigen Falle der Regiſſeur für ſeine viele Arbeit und Mühe belohnt, denn die Vorſtellung verſpricht eine glän⸗ zende zu werden. Auf dem Zettel von heute ſteht ſchon für morgen der Egmont angekündigt, aber noch iſt manche Tücke des Schickſals zu fürchten, die vielleicht die ganze Vorſtellung für längere Zeit hinaus⸗ ſchieben kann, die wirkliche oder fingirte Krankheit eines Mitgliedes, und der Regiſſeur ſieht an dieſem Tage dem Theaterdiener immer mit Schrecken entgegen, weil er die unheilſchwangern Worte zu hören glaubt: Herr oder Madame So oder So ſind krank geworden. Doch kommt diesmal der Tag der Aufführung ohne Störung heran. Der Zettel wird gedruckt, öffentlich angeklebt, und jetzt iſt ſo leicht an eine Veränderung nicht mehr zu denken. Während nun ſchon von drei Uhr Nachmittags an der Regiſſeur in den Garderoben und auf der Bühne herumkriecht, hier andere Coſtüme ausſucht, dart noch Anord⸗ nungen für die Möbeln trifft, während der Mann dabei ermüdet und abgeſpannt von der tagelangen Arbeit obendrein ſeine Rolle hervor⸗ holen und noch einmal ableſen muß, ſchlendert man auf der Gaſſe gemächlich ins Kaffeehaus und lieſt an der Ecke den angeklebten Zettel. „Egmont,“ ſagt Einer,„wäre mir ſchon recht.“—„Mir auch, ſagt ein Anderer,„und Der und Der, und Die und Die ſpielt mit; die Beſetzung iſt ziemlich.“—„Ja,“ fügt ein Dritter gähnend hinzu, „wenn ich mich nur nicht bei Durchleſung des Theaterzettels immer ärgern müßte, da leſen die Schauſpieler ihre Rollen ein halbmal durch, halten zu ihrem Vergnügen eine Stunde Probe, und dann macht ſich ſo ein Regiſſeur wichtig und läßt auf den Zettel drucken:„Neu in Scene geſetzt!““ — 7 Der Neibſchneider der Zwerge. Märchen. Vor langer, langer Zeit lebte zu Aachen, in der alten Kaiſerſtadt, ein Schneidermeiſter, wie es deren heute noch viele giebt. Doch hatte Meiſter Caspar damals das beſondere Vorrecht, die kaiſerlichen Stall⸗ decken und ſonſtige Kleidungsſtücke für Pferde und Dienerſchaft mit ſeiner kunſtreichen Nadel verfertigen zu dürfen. Er bildete ſich auf dieß Amt nicht wenig ein, und wenn man ihn auf ſeinem Tiſche ſitzen ſah, mit der ſpitzen weißen Mütze auf dem Kopf, die Elle wie ein Scepter in der Hand ſchwingend, ſo hätte man wohl glauben können, Meiſter Caspar ſei der Kaiſer ſelbſt geweſen. Obgleich er aber nur ein kleines dürres Kerlchen war, ſo beſaß er doch bei ſeinen Geſellen und Lehrjungelt einen faſt unglaublichen Reſpect, was um ſo unbe⸗ greiflicher war, da zet mit ſeinen Leuten nie lärmte und ſchimpfte, ſondern bei vorkommenden Gelegenheiten ſeine feine krähende Stimme erhob, um ſeinen Schneiderburſchen mit aller Artigkeit zu ſagen, daß ſie Lumpen und bis unter die Haut ſchlechte Kerle ſeien. Es war merkwürdig, was die wildeſten und verwegenſten Schneidergeſellen zahm und gelenkig wurden, wenn ſie erſt eine kurze Zeit in Meiſter Caspars Werkſtatt gearbeitet hatten. Die Faulen wurden fleißig und die, welche lieber Geſchichtchen erzählten oder Lieder ſangen, als wie Stiche mach⸗ ten, ſchienen bald in dem Punkt ihr ganzes Gedächtniß verloren zu haben und waren ſtumm wie die Fiſche. An dieſer guten Zucht mochte nun der ſtrenge Meiſter ſelbſt viel Schuld ſeyn. Doch wollten andere Leute behaupten, daß die Geſellen, wenn ihnen der kleine dürre Mann mit der haarfeinen Stimme eine Standrede hielt, eher darüber zum Lachen geneigt ſeien, als zu Befolgung ſeiner Vorſchriften, und daß im Haus ein anderer Zauber walte, der im Stande ſei, die kecken trotzigen Gemüther der Schneider zu bändigen. Der Zauber war aber Niemand anders, wie das ſechszehnjährige Töchterlein des Meiſter Caspar, die ihm, da die Frau Schneidermeiſterin geſtorben war, die Hackländer Erz. 3 8 114 Wirthſchaft führte. Sie kochte für die Geſellen das Eſſen, legte Allen bei Tiſche vor, und wenn hier unter ihnen mancher war, der von Hauſe her die ſchöne Gewohnheit hatte, auf gut türkiſch zu eſſen, das heißt: mit der Fauſt in die Schüſſel zu fahren, ſo ließ er es wohl bleiben, wenn ihm Roſa, ſo hieß Meiſter Caspars Töchterlein, einmal ein ſchiefes Geſicht darüber gezogen. Wenn nun auf dieſe Art Meiſter Caspars Zucht in ſeiner Werk⸗ ſtatt und Roſa's Freundlichkeit in ihrem Hausweſen ſich allmählich über die fremden Geſellen und Lehrburſchen verbreitet hatte, ſo war dieß doch bei einem Einzigen nicht der Fall, der noch obendrein aus des Meiſter Caspars Sippſchaft und ſeiner Schweſter Sohn war. Philipp, ſo hieß dieſer Neffe, war eigentlich von Natur ein gutmüthi⸗ ger Menſch, und wenn er wollte, ein geſchickter und fleißiger Arbeiter. Doch hatte er die farale Gewohnheit, bei keiner Arbeit eifrig aushalten zu können. Nahm er ein neues Kleid oder ſo etwas vor, ſo nähte er zum Beiſpiel die erſte halbe Stunde unverdroſſen darauf los und machte dabei unvergleichlich ſchöne regelmäßige Stiche, daß dem Meiſter Caspar vor Freuden das Herz im Leibe lachte. Doch länger, als höchſtens eine halbe Stunde, hielt der gute Philipp das ruhige Arbei⸗ ten, beſonders aber das Stillſchweigen dabei nicht aus. Dann ſtieß er gewöhnlich ſeinen Nebenmann an und plauderte mit ihm über Sachen, die gar nicht dahin gehörten; oder er ſang, lachte, trieb Späße, kurz, brachte in wenig Zeit die ganze Werkſtatt in Unordnung und Aufruhr. Dieſe Unart hatte ihm der Meiſter ſchon oftmals in Güte und Strenge verwieſen, hatte ihm ſowohl in Beiſein der Geſellen als wie geheim auf ſeiner Kammer tüchtig den Text geleſen; aber das half Alles nichts: Philipp trieb ſeine Späße fort und da er nebenbei die Andern auf alle mögliche Art neckte, ſo gab er auf dieſe mehr, als auf ſein Geſchäft Acht, und verdarb gewöhnlich bei ſolchen Anläßen eine Arbeit, die er aufs Kunſtreichſte angefangen. Seine Stiche wur⸗ den dann lang und immer länger, und anſtatt einen Mantelkragen in kunſtreiche Falten zu ſchlagen, nähte er ohne Bedacht darauf los, als nache er dem Koch oder irgend einem andern Bedienten eine Schürze machen. 3 So hatte Philipp dem Meiſter ſchon manches Stück Arbeit ver⸗ dorben, und war von dieſem oftmals bedroht worden, daß er ihn bei der nächſten Veranlaſſung in die Fremde ſchicken wollte, doch immer hatte eine angelobte Beſſerung oder die Bitten Roſa's, die den un⸗ artigen Vetter wohl leiden mochte, den Zorn des Vaters gedämpft. Auch hätte es dieſem ſelbſt leid gethan, ſo alle ſchönen Luftſchlöſſer verſchwinden zu ſehen, die er auf ſeinen Schweſterſohn gebaut hatte. 115 Der Meiſter hatte ſich einiges Vermögen erworben und eine glänzende Kundſchaft, in welche er Philipp, als in ein warmes Neſt hineingeſetzt hätte. Bei dieſem Vorhaben ſah er auch in der Zukunft ſeine Tochter Roſa verſorgt, die er ihm dann gern zur Frau würde gegeben haben. Doch vor der Unbedachtſamkeit und Plauderhaftigkeit des Vetters zer⸗ floſſen alle dieſe Projecte in Waſſer. Je mehr Nachſicht der Meiſter übte, je wilder und unartiger wurde Philipp, und verſchlimmerte ſich trotz Roſa's Bitten jeden Tag mehr und mehr. Er lieferte kein Stück Arbeit mehr ab, in welchem ſich nicht ein grober Fehler befand, und neben der Nachläſſigkeit, welche dieſen Fehler begehen ließ, machte er aus Muthwillen andere, die noch viel ſchlimmer waren. So kam es ihm gar nicht darauf an, auf das ſchwarze ehrbare Kleid eines Raths⸗ herrn einige bunte Lappen zu ſetzen, die anfänglich vom Mantelkragen verdeckt wurden und bald darauf, wenn ſich auf der Straße ein kleiner Wind erhob, die ehrbare Magiſtratsperſon dem Geſpött der Gaſſen⸗ buben ausſetzte. Das Sprichwort: Der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht, zeigte ſich auch an Philipp in voller Kraft; denn am Ende einer bedeutungsvollen Woche, in der ſich der Vetter beſonders ſchlecht aufgeführt, nahm Meiſter Caspar ein großes Stück Kreibe, und machte durch den Namen ſeines Neffen an der Wand einen viel⸗ ſagenden Strich. Er kündigte ihm darauf an, daß er morgen früh ſein Haus zu verlaſſen habe, und da Meiſter Caspar fürchtete, daß er gegen Philipps Bitten und Roſa's Thränen doch wieder nachgeben würde, ſo that er einen kräftigen Schihur darauf, ihn nicht eher wieder in ſein Haus und ſeine Werkſtätte aufzunehmen, bis er ſich gebeſſert und ihm zum Zeichen dafür wenigſtens ſechs wohl erworbene Gold⸗ gulden auf den Tiſch legen könnat eine für die damalige Zeit ſehr große Summe. 1 Die Geſellen und Lehrburſchen, die umher ſtanden, erblaßten bei dieſem feierlichen Act und nur Philipp, als er hierdurch ſah, daß er unvermeidlich fortmüſſe, war der Gefaßteſte, packte ſein Felleiſen zu⸗ ſammen, band Scheere und Bügeleiſen oben hinauf und trat noch an demſelben Nachmittage vor den Meiſter Caspar und Roſa hin, um ſich bei ihnen zu verabſchieden. Ach, hätte er lieber ſein Mühmchen nicht wieder geſehen und wäre ſtillſchweigend fortgegangen! Doch als er jetzt Abſchied nehmend vor ihr ſtand, ſah er wohl, wie ſchön ihr blaues Auge war, wie ſchlank und lieblich ihre ganze Geſtalt, und fühlte wohl in ſeinem Herzen, warum das ihrige ſo ſchlug, als ſite ihm zum letzten Male die Hand reichte. Sie hielt in ihrer Hand ein kleines Beutelchen mit Scheidemünze, das ſie dem Vetter einhändigen wollte. Sie hatte es ihm ſchon in die Hand gedrückt, als zwei Thränen ihren Augen ent⸗ 116 rollten und dem armen Burſchen auf das Herz fielen, ſo daß er auf einmal ſeinen Leichtſinn und die Größe ſeiner Schuld einſah, und eilig aus dem Hauſe lief, um ſeine Thränen zu verbergen. In der damaligen Zeit war es für einen Handwerksburſchen weit ſchwerer, ein Unterkommen und Arbeit zu finden, als jetzt. Das wußte auch Philipp wohl, und da er nebenbei jetzt die Größe ſeiner Fehler recht einſah, ſo hatte er gar nicht den Muth, ſich auf die Straße nach irgend einer großen Stadt zu machen, ſondern ſtieg träumend und nach⸗ denkend hinter ſeiner Vaterſtadt Aachen in die Höhen hinan. Hier verirrte er ſich bald zwiſchen den Felſen und Caſtanienwäldern des Berges, den man heutzutage den Louis⸗ und Losberg heißt. Dies machte ihn recht traurig, denn es fielen ihm bei jedem Stein, bei jedem Hügel ſo manche Stunden ſeiner Kindheit ein, wo er mit andern Knaben hier geſpielt. Da liegen große Sandſteinfelſen umher, in denen ſich die ſchönſten verſteinerten Muſcheln und kleine Seethiere befinden, welche die Kinder aus den Steinen heraushauen und als artiges Spiel⸗ zeug gebrauchen. Wie manche Taſche voll verſteinerter Schneckenhäuſer, Wendeltreppen und andere Muſcheln hatte er hier zuſammengetragen und mit nach Hauſe genommen. Hinter dieſen Plätzen, wo man die ſchönſten Verſteinerungen mit leichter Mühe findet, fingen dichte weitläuftige Tannenwälder an, bis zu deren Grenze die Kinder und Erwachſenen gingen, aber weiter nicht. Denn hinter dieſen alten ſchwarzen Bäumen ſollte es nicht recht ge⸗ heuer ſein, wie die Leute ſagten. Da fand man freilich zwiſchen den Bergen die ſchönſten Verſteinerungen, aber man wollte behaupten, daß Alles, was von dort herkäme, etwas Unheimliches an ſich hätte. Oft⸗ mals brachten Holzhauer die ſchönſten Muſcheln von dort mit, um ſie zu Haus auf Geſims und Wandſchränke zu legen; doch trugen ſte ſie bald wieder fort, denn mitten in der Nacht fing es zuweilen aus den Steinen an zu ſingen und leiſe zu wispern es klagte und ſeufzte wie mit den Stimmen kleiner Kinder, denen man wehe gethan. Das thaten die Hurlemaͤnner, die in den Steinen und Muſcheln wohnten, wie alte Leute verſicherten, und die man ſich nicht zum Feinde machen durfte, weshalb man auch jenen Theil des Losberges in Frieden ließ und von dort keine Verſteinerungen mitnahm. 8 Philipp, nachdem er auf allen Plätzen umhergewandelt, wo er ſich früher mit Knaben ſeines Alters beluſtigt, ſtieg träumend und nachdenkend fort und dachte traurig an Aachen, an den Meiſter Caspar, aber noch mehr an Roſa. So hatte er bald die Grenze jener Tannen⸗ wälder erreicht, von wo es zwiſchen den Bergen bald auf, bald abgeht. Er achtete nicht auf Weg noch Steg, und ſah ſich bald dergeſtalt zwiſchen den hohen und dichten Bäumen, daß er nicht mehr wußte, ———— ₰* ——— —„— 117 wo er hergekommen war und wo er wieder hinaus ſollte. Auch ſank die Sonne allmählig und jetzt fiel es dem armen Burſchen plötzlich ein, in welchem Revier er ſich befinde. Er lief bald rechts, bald links, um einen Ausweg zu ſuchen, fand aber keinen, und wenn er zuweilen ſeine Stimme erhob und laut nach Jemand rief, der ihm den richtigen Weg zeigen könnte, ſo war es nur das Echo, das ihm antwortete, und das, ſo kam es ihm zu ſeinem Entſetzen vor, hier wie ein feines Hohngelächter klang. Indeſſen kam die Nacht heran, und da Philipp nun wohl einſah, daß er jetzt keinen Ausweg aus dem Tannenwald mehr fände, ſo ergab er ſich in ſein Schickſal, und ſuchte nach einem Platz, wo er vor dem kalten Winde geſchützt wäre und vielleicht etwas ſchlafen könnte. Bald hatte er auch einen ſolchen Platz gefunden und ſetzte ſich in's Moos an den Stamm einer Tanne, betete ein paar Vaterunſer und ſchlief darauf ein. Plötzlich war es ihm im Schlaf, als rufe ihn Jemand beim Na⸗ men, und da ihn ſonſt Roſa des Morgens weckte, indem ſie ihn vor der Kammerthür bei ſeinem Namen rief, ſo glaubte er auch jetzt, es ſei Zeit in die Werkſtätte zu gehen und antwortete ſchlaftrunken wie ſonſt:„Gleich, gleich, Roſa!“ Doch ein langes feines Lachen, das ihm darauf entgegen ſcholl, weckte ihn aus ſeinen Träumen. Er öffnete die Augen und glaubte ſeinen Blicken nicht trauen zu können, als er ſich mitten im Walde ſah und bei einer ſchwachen Beleuchtung, die weder vom Mond noch von der Sonne herkommen konnte, vor ſich ein Männlein erblickte, das kaum einen Fuß hoch war. Es ſah recht gutmüthig aus, hattévein langes ſchneeweißes Bärtlein und ſtützte ſich auf einen Stock. Philipp glaubte zu träumen und rieb ſich wiederholt die Augen, huſtete, nannte ſich ſelbſt beim Namen; doch das kleine Männlein wollte nicht verſchwinden, hob vielmehr ſeine Hand empor und winkte ihm, er ſolle folgen. Anfänglich hatte Phillpp gkoße Luſt davon zu laufen. Doch da das kleine Männlein gar nicht bösartig ausſah und ihm auch gegen ſeine eigene Größe zu klein und unbedeutend erſchien, ſo nahm er ſei⸗ nen Ranzen auf die Schulter und folgte dem Hurlemännchen, denn anders konnte es doch nichts ſein. Sie gingen bei der matten Beleuch⸗ tung, die Philipp bei ſeinem Erwachen ſchon bemerkt, tiefer in den Wäaͤld hinein, und letzterer ſah bald, daß der Schein von einem Feuer herkam, das ſich zwiſchen einigen großen Sandſteinen befand. Um das Feuer herum ſaßen aber auf der Erde noch fünf andere Hurle⸗ männchen, die alle recht traurig ausſahen und zu welchen ſich der Führer Philipps hinſetzte, ihm bedeutend, es eben ſo zu machen. Da die Nacht ziemlich kühl war, ſo that ihm die Wärme wohl, eerr ſtreckte ſich neben das Feuer hin und rieb ſich die erſtarrten Hände. * 118 Doch bald begann es ihm bei der ſtummen Geſellſchaft etwas lang⸗ weilig zu werden. Er hatte ſchon einige Male verſucht, einen von ſeinen kleinen Nachbarn zum Sprechen zu bewegen, wenn er ſich aber mit einer Frage an einen wandte, oder gar durch einen freundſchaft⸗ lichen Rippenſtoß zur Antwort bringen wollte, ſo knirſchten die Hurle⸗ männer mit den Zähnen und ſahen ihn recht wüthend an, ja als Philipp es doch nicht aufgab, zu ſchwatzen und zu fragen, ſo ſchlug der Zwerg, der ihn hieher gebracht, mit ſeinem Stöckchen in's Feuer, ſo daß ihm die glühenden Kohlen in Geſtcht und Haar flogen und ihn nicht ſchlecht verbrannten. Philipp war im erſten Augenblick be⸗ reit, dem Hurlemann mit ſeinem Knotenſtock eins in Genick zu geben. Doch fielen ihm glücklicherweiſe einige Erzählungen ſeiner Amme bei, wo in ähnlichen Fällen die erbosten Zwerge einem armen Menſchen⸗ kinde elend das Geſicht nach hinten gedreht hätten. Und ſo gab er ſich in Ruhe, und da der Schlaf gänzlich von ihm gewichen war, ſo nahm er ſein Felleiſen vor ſich und fing es an auszupacken. Bei dieſem Anblick ſah er, wie ſämmtliche Hurlemänner lange Geſichter machten und neugierig in den geöffneten Ranzen hineinſahen. Philipp ſeinerſeits ſtellte ſich auch jetzt ganz theilnahmslos, und breitete ein Tuch vor ſich hin, worauf er Nadel und Scheere, Faden und Zwirn legte, Alles in ſchönſter Ordnung und daneben das blanke Bügeleiſen. Die Hurlemänner rückten auf dem Boden hin und her. und machten lange Hälſe, um genau zu ſehen, was der Burſche jetzt anfangen würde. Philipp, der bei ſich dachte: Aha, jetzt fangt ihr an aufzupaſſen, that, als wenn er die Neugierde der kleinen Männerchen gar nicht bemerkte, ſondern nahm ein altes Wams vor und fing an, ein großes Loch in demſelben mit ſeiner Nadel recht kunſtreich zuzuflicken. Bei dieſer Arbeit wurden die Blicke der Zwerge lebhafter und Alle regten ſich auf den Fußſpitzen zu dem Schneider hinüber, um genau zuzu⸗ ſehen. Dabei entfuhr allen Sechſen ein tiefer Seufzer, ſo daß Philipp von ſeiner Nadel emporſah und bemerkte, wie die Männerchen noch viel trauriger ausſahen, als früher. Das jammerte ihn und da er zugleich glaubte, jetzt eine Antwort zu erhalten, ſo fing er wieder auf's Neue an, ſie auszufragen. Doch kaum hatte er das erſte Wort geſprochen, ſo ſetzten ſich Alle mit erbosten Mienen hin, und Philipp erhielt von hinten eine ſo gewaltige Ohrfeige, daß er mit dem Kopf in das Moos ſtürzte. Zuerſt glaubte er, es ſei der Meiſter Caspar, der ihn aufgeſucht und aus einem ſchweren Schlaf erwecken wolle. Doch als er ſich umſah, war es nur ein Baumaſt, der auf eine ſo merkwürdige und nachdrückliche Art auf ſein Ohr gefallen war. 5 119 Ergrimmt ſetzte er ſich wieder hin und begann ſeine Arbeit von Neuem; bei jedem Stich, den er machte, kamen die Hurlemänner wie⸗ der näher und ſeufzten gar kläglich. Da dachte Philipp in ſeiner gut⸗ müthigen Art: was mag den kleinen Kerls nur fehlen? und als ſein Führer von vorhin ziemlich nahe trat, ihn mit einem ſonder⸗ baren Blick anſah und dabei mit der Hand über ſeinen Rücken fuhr, da dachte Philipp: aha, ſoll ich vielleicht den Zwergen ihre Camiſöler und Hoſen flicken; und es war, als wenn der Zwerg ſeine Gedanken verſtanden hätte, denn über ſein kummervolles Geſicht flog ein freund⸗ liches Lächeln. Hierdurch aufgemuntert, griff der Schneider nach ihm, faßte ihn in's Genick und legte ihn auf das eine Knie, um ſeine Klei⸗ der zu unterſuchen. Da fand ſich denn freilich in dem Rücken des Camiſoles ein großer Riß, und als der Schneider das Zeug ausein⸗ ander that, ſah er, daß der Schnitt nicht nur durch Unterfutter und Hemd lief, ſondern ſogar bis auf das Körperchen des Hurlemanns. Dieſer Körper war aber von ganz beſonderer Art. Er beſtand nicht aus Fleiſch, ſondetn war mit einer Zwiebel zu vergleichen, nur daß die Schaalen, die über einander lagen, aus einem feinen Stoffe, wie lauter Roſenblätter beſtanden. Doch bald darauf fiel ihm ein, wie ihm ſeine Großmutter einmal erzählt, daß die Hurlemänner, ſo wie alle Zwerge und Alraunen von den Wurzelmännern herkämen, welche Nachkommen von den Zwiebelleuten ſeien. Wie ſchon früher geſagt, war unſer Schneider, wenn er einmal zum Arbeiten aufgelegt war, ein fleißiger und pünktlicher Menſch, weswegen er gleich hier bedachte, daß er doch wenigſtens den Verſuch machen müſſe, auch den kleinen Körper des Zwergs zu flicken, ehe er ihm Unterfutter und Camiſol darüber zuſammen nähe. Auch war er muthwillig genug, in Erinnerung an das Feuer und die Ohrfeige von von vorhin, dem Zwerge hie und da einen Stich tiefer zu thun, als nothwendig war, und begann mit der feinſten Nadel, die er hatte, die Arbeit. Neugierig rückten die andern Zwerge näher, und ihr Ge⸗ ſicht begann ſich etwas aufzuklären, als ſte ſahen, wie der Schneider mmit großer Gründlichkeit die unterſten Blätter des Schnittes zuerſt 4 zuna Jetzt dachte Philipp, wäre es nicht mehr wie recht und billig, aß ihm die kleinen Krabbelinsky auch einmal auf ſeine Fragen Ant⸗ Kort gaben. Und als er ſich gerade eine neue Nadel einfädelte, that er den Mund weit auf, und bat die Zwerge ihm doch zu ſagen, wer ſie eigentlich wäaren. Doch, o weh! Kaum hatte er das Wort ge⸗ ſprochen, fo wurde die Nadel zwiſchen ſeinen Fingern glühend und fuhr ihm einen Zoll tief in die Hand, ſo daß er vor Schmerz laut aufſchrie. Auch bekam er jetzt von der andern Seite eine Ohrfeige, die aber nicht minder kräftig war, als die erſte. Was war zu thun? 120 Philipp griff hinter ſich nach ſeinem Knotenſtock, doch glaubte er zu bemerken, wie bei dieſer Bewegung die Hurlemänner plötzlich anfingen, in die Breite und Länge zu wachſen. Deswegen lies er die Hand mit einem Seufzer ſinken, und begann ſeine Art von Neuem. Doch da waren alle Stiche, die er ſchon gethan, wieder aufgeriſſen und es dauerte eine gute halbe Stunde, ehe er wieder ſo weit war, wie vor⸗ hin. Innerlich ſeufzte er tief über die ſchlechte Geſellſchaft, in die er gerathen und dachte betrübt an ſeine Werkſtatt in Aachen, an Meiſter Caspar und Roſa. Es war ja wahrhaftig hier noch ſchlimmer wie dort. Da hätte er einen ganzen Tag ſchwatzen können und doch hätte er keine Ohrfeige bekommen oder wäre ihm die Nadel glühend geworden. Ach, dachte er, das Schwatzen bei einer Arbeit muß doch eine böſe Angewohnheit ſein und wenn das ſchon eine Stunde von Aachen ſo ſchwer beſtraft wird, und das ſo fortgeht, ſo werden ſie mir in der nächſten Stadt für das unſchuldigſte Wort am Ende den Kopf abſchlagen; zum erſtenmal in ſeinem Leben dachte er darauf an eine ernſtliche Beſſerung. Die Arbeit ging ihm indeſſen raſch von Statten, nur kam es ihm aber ſonderbar vor, daß er, ſo oft er einen größeren Stich machte, als nöthig, in der Hand einen ſchmerzlichen Stich em⸗ pfand, wie von einer Nadel. ¹ Während der Zeit trugen die andern Männerchen beſonders trockenes Reißig zuſammen und unterhielten das Feuer auf's Beſte. Jetzt war auch Philipp fertig geworden und da er doch das Bügel⸗ eiſen nicht gebrauchen durfte, um das Camiſol auszubügeln, ſo nahm er ſeine große Scheere, und klopfte die Näthe auf dem Rücken des Zwerges breit, wobei er übrigens heftiger zuſchlug, als gerade nöthig war. Darauf nahm er den Zwerg auf die Hand, beſah ihn nochmals genau, und bemerkte mit Freuden, daß alle Traurigkeit von deſſen Ge⸗ ſichte verſchwunden war, worauf er ihm mit der flachen Hand einen Klaps auf einen gewiſſen Theil des Körpers gab, daß er über das Feuer hinüber in das weiche Moos fiel. Doch ſchien dieſe Behandlung den Zwerg gar nicht böſe zu machen, vielmehr raffte er ſich auf und tanzte wie unſinnig vor Freuden eine Zeit lang herum. Dann aber trat er vor den Schneider hin, zog aus der Taſche ein großes Goldſtück heraus und legte es ihm auf die Hand. Ueberraſcht ſah Philipp das Gepräge und bemerkte, daß es ein wohlausſehender Goldgulden war, der dem Gewicht und Klange nach wohl ächt ſein konnte. Während dieſen Geſchichten war die Nacht vorgerückt, und ſchon fühlte man den kühlen Wind, der dem Morgen voraus eilt, als Phi⸗ lipp begann, ſein Handwerkszeug zuſammen zu packen und nach ſeinem Knotenſtock langte, um ſich den Zwergen zu empfehlen. Er reichte Allen nach einander die Hand und es that ihm wirklich leid, daß die 121 fünf noch viel trauriger ausſahen, und nur der, den er geflickt, ein munteres und fröhliches Geſicht machte. Dieſer zog einen kleinen gol⸗ denen Becher aus der Taſche, ſetzte ihn an den Mund und reichte ihn darauf dem Schneider, der kein Arg hatte, das ſüße Getränk, was darin war, bis auf den letzten Tropfen auszuſaugen. Doch wie ward ihm plötzlich! Zuerſt ſchien es ihm, als falle er von einem Berg her⸗ unter, dann aber fühlte er mit Schrecken und Entſetzen, daß ſein Kör⸗ per allmälig einſchrumpfte und er in wenig Augenblicken eben ſo klein war, wie die Zwerge. Das war ein ſchrecklicher Moment für den armen Philipp und er war ſo betrübt, daß er anfänglich keine Gedanken hatte; dann ent⸗ ſtürzten ihm heftige Thränen und er dachte an Roſa, zu der er als ſo ein kleiner Knirps doch nimmermehr zurückkehren durfte. Als er wieder bei voller Beſinnung war, gebrauchte er ſeinen Mund, der ſo lange geſchwiegen, auf das Heftigſte und warf den Zwergen unter bitterlichen Thränen ihren Undank vor. Doch alle zuckten die Achſeln und zeigten in die Höhe, als wollten ſie ihm andeuten, daß er doch wieder ſo groß werden würde und er möge nur Geduld haben. Was war zu thun? Der arme Schneider mußte ſich in Geduld fügen und den Zwälgen folgen, die vorangingen und ihm winkten nachzukommen. Wie ungeheuer erſchienen ihm jetzt die Tannenbäume, zu deren Spitzen er kaum hinaufſehen konnte. Das niedere Wach⸗ holder⸗ und Diſtelgebüſch, das er geſtern noch mit dem Fuß zertreten, ragte ihm jetzt hoch über den Kopf, und Käfer und Spinnen, die der ankommende Morgen erweckt, und die luſtig ihren Geſchäften nach⸗ liefen, erſchienen ihm jetzt groß und fürchterlich. Nach kurzer Zeit gelangte er mit den Hurlemännern an einen 3 hohen Fels, ſo hoch wie er früher nie einen geſehen und hier ſtanden ſie ſtill, vor einer verſteinerten Wendeltreppe, wie er ſte ſonſt mit andern Muſcheln aus den Felſen heraus gehauen hatte und die ihm jetzt ungeheuer groß vorkam. Einer der Zwerge nahm ein goldenes Horn hervor und ſtieß hinein, worauf ſich die Wendeltreppe langſam herumdrehte und eine Oeffnung zeigte, zu welcher die Geſellſchaft hin⸗ ein und langſam aufwärts ſtieg. 5 Die nie geſehene ungeheure Pracht, die ſich jetzt vor den Blicken Philipps entwickelte, ließ ihn für Augenblicke ſein Leid vergeſſen. Von der Treppe kamen ſtie in eine große Vorhalle, aus den ſchönſten glän⸗ zendſten Steinen zuſammen geſetzt und von Säulen getragen, die aus roſenrothem und weißem Kryſtall beſtanden. Von hier kamen ſte in große Säle, von denen einer prächtiger geſchmückt war, als der andere. Doch war in all' den Zimmern und Gängen keine Menſchenſeele zu ſehen. Daß aber hier noch vor wenigen Stunden Leute geweſen waren, — ſ * 122 ſah man an den goldenen und ſilbernen Geſchirren, die hie und da unordentlich auf den Tiſchen umherſtanden, ſo wie an den Kronleuch⸗ tern, die mit halb herabgebrannten Lichtern beſteckt waren. Es war gerade, als ſeien in dieſen Gemächern große Feſte und Gaſtmäler gefeiert worden, und auch Muſtk hatte nicht gefehlt, denn in einem der größten Säle ſtanden auf dem Orcheſter noch die ver⸗ ſchiedenartigſten Inſtrumente. Die Zwerge gingen durch dieſe ge⸗ ſchmückten Hallen ſtumm und traurig, und Philipp folgte ihnen mit größter Verwunderung. Jetzt hatten ſie die Säle hinter ſich und be⸗ fanden ſich vor einer Menge vielfach verſchlungener Gänge, wo ſich die ſechs Hurlemänner die Hand reichten und jeder in einen beſondern Gang hineintrat. Der Eine winkte Philipp, ihm zu folgen, und Beide traten in einen gewölbten Corridor, von deſſen Ende ihnen eine ſanfte leiſe Muſik entgegentönte. Es war wie einzelne Klänge, die der Wind den Saiten entlockte: es war wie die Klage von Aeolsharfen. In dieſem Corridor befand ſich Thür an Thür und faſt am Ende deſſel⸗ ben öffnete der Zwerg ein Pförtchen, hieß den Schneider hineintreten und ſchloß hinter ihm zu. Philipp, dem von all' dem Wunderbaren, das ihm heute vorge⸗ kommen, der Kopf wie verwirrt war, wagte anfänglich nicht, ſich um⸗ zuſehen, aus Furcht etwas Neuem, Unheimlichem zu begegnen; doch dem war nicht ſo. Als er endlich ſein kleines Zimmer unterſuchte, fand er, daß es freilich nur in Stein gehauen, aber weit zierlicher und geſchmackvoller eingerichtet war, als ſeine Schlafſtube bei Meiſter Caspar. Nur kam ihm die Bettlade ſonderbar vor, die aus einer großen verſteinerten Muſchel beſtand. Doch da Kiſſen und Decke in demſelben überaus weich und fein waren, ſo zog er ſich in Gottes Namen aus und legte ſich hinein. Anfänglich drückte ihn der Gedanke an Roſa ſchwer und wie er ihr ſo nahe und doch ſo fern ſei; doch ließ die Muſik, die immerfort in den Gängen ertönte, keinen trüben Gedanken aufkommen, vielmehr verwandelten ſich alle ſchweren Träume und Seußßer in luſtige fröhliche Geſichter, die ihn umtanzten, und ſo entſchlief er. Wie lange er ſo mochte geſchlafen haben, wußte er nicht; wie ihm däuchte nach mehreren Stunden fühlte er ſich am Aermel gezupft; ſein Führer von geſtern Abend ſtand vor ihm und ermahnte ihn auf⸗ zuſtehen und ihm zu folgen. Der arme Schneider, dem jetzt wieder ſeine ganze Verwandlung und Alles, was ihm paſſirt, ſchwer auf's Herz fiel, ſtand ſeufzend auf und folgte dem Zwerg in den Gang hinaus, wo man jetzt die ſanften Klänge nicht mehr hörte, wohl aber eine andere rauſchende luſtige Muſtk, die von den prächtigen Sälen herzukommen ſchien, durch welche ſie geſtern gewandelt. Am Ende . ——— * z er doch 7 fertig, nachdem ſich der Himmel im Oſten röthete und die ar CSönne 123 des Corridors traten die fünf andern Hurlemänner wieder zu ihnen und Alle giengen ſchweigend durch ſeitwärts gelegene, glänzend erleuchtete Hallen fort. Die ſechs Zwerge ſenkten ſtumm und traurig die Blicke zu Boden, Philipp aber konnte es nicht unterlaſſen, ſeine Augen überall herumzuſchicken und da ſah er denn, wie ſich hie und da ein Thürlein öffnete und ein Zwerg oder eine Zwergin heraustrat, auf das Präch⸗ tigſte angethan mit ſchön geſtickten Kleidern, die aber alle beim Anblick der traurigen Geſellſchaft ſchnell wieder verſchwanden. Jetzt kamen ſie von einer andern Seite her wieder in die große Halle mit den kryſtallnen weißen und rothen Pfeilern; der Eine ſtieß wieder in's Horn, die Wendeltreppe drehte ſich und wie ſie langſam auf ihr hin⸗ abſtiegen, wurde die rauſchende Muſik und der laute Jubel in der Zwergenburg immer ſchwächer und ſchwächer und hörte endlich ganz auf, als ſie wieder in den Wald hinaustraten unter die Tannenbäume. Da war es wieder Nacht wie geſtern; nur wollte es Philipp be⸗ dünken, daß es heute weit kälter war. Doch machten die Zwerge gleich ein Feuer an, bei deſſen hellem Schein ſich der Schneider ſeine Finger erwärmen konnte. Auch ſah er jetzt, daß der Zwerg, der ihn aus dem Bette geholt, ſeinen Ranzen über die Schulter gehängt hatte, den er jetzt neben ihn hingelegte. Die Geſellſchaft ſetzte ſich um das Feuer und war ſtumm wie geſtern. Auch Philipp, der an die glühende Nadel und die Ohrfeige dachte, wagte es nicht den Mund zu öffnen. Doch bald ergriff ihn die Langeweile und er öffnete ſeinen Ranzen, nahm Nadel und Zwirn heraus und machte den Zwergen durch Mienen verſtändlich, ob vielleicht noch einer von ihnen geflickt ſein wolle, wor⸗ auf fünf von ihnen freudig in die Höhe ſprangen und ſich zu ihm dräng⸗ ten. Er faßte einen am Aermel, unterſuchte ihm die Jacke, wo er dann fand, daß dieſer eben einen ſolchen Riß an der Seite hatte, als der geſtrige auf dem Rücken. Er brachte den kleinen Kerl alſo in die gehörige Lage und nähte unverdroſſen darauf los. Doch da er heute eben ſo kleine Hände hatte, wie die Zwerge, ſo ging es mit der Arbeit langſamer als geſtern, und wenn er ſich auch wohl in Acht nahm, damit das Zugenähte nicht wieder aufſpränge, ſo wurde ngſam aufzuſteigen begann.. Nachdem der Zwerg, der heute geflickt worden war, zeine Zeit lang eben ſo luſtig im Graſe herum geſprungen, wie der geſtrige, zog auch er einen Goldguldelt aus der Taſche und gab ihn dem Schneider. Jett gingen ſie wie geſtern zur Zwergenburg zurück, ſtiegen die Wen⸗ deltreppe hinauf, kamen durch die wieder leer gewordenen Säle und Philipp legte ſich in ſeine Muſchel und ſchlief bei dem Klange der Harfentöne wieder ein. 124 Eben ſo erging es dem Schneider in der dritten, vierten und fünften Nacht. Er nahm jedesmal draußen im Wald einen der Hurle⸗ männer vor, und nähte ihm Haut, Unterfutter und Rock auf das Sorgfältigſte zuſammen, erhielt dafür ſeinen Goldgulden und fügte ch, da es einmal nicht anders war, in das traurige Schickſal, im wahren Sinne des Worts Leibſchneider der Zwerge zu ſein und nicht mehr zu den Seinen zurückkehren zu können. Nur kam es ihm bei dieſen nächtlichen Beſuchen des Tannenwaldes ſonderbar vor, daß die⸗ ſes Jahr der Winter ſo raſch eintrat; denn ſchon in der dritten Nacht war es ſo empfindlich kalt, daß ihm ohne das Feuer der Zwerge die Finger erfroren ſein würden, und doch war es erſt Ende des Monats Auguſt geweſen, als er Aachen verlaſſen. In der vierten Nacht traute er kaum ſeinen Augen, als er ſah, daß die Zweige der Tannenbäume dicht mit Schnee bedeckt waren und vom eiskalten Winde bewegt traurig ſeufzten; ebenſo in der fünften Nacht und in der ſechsten, wo er den ledhen Zwerg vornahm, um ihn ebenfalls wie die Andern, auszu⸗ eſſern. Er nähte heute eifriger, um ſich in der kalten Luft warm zu machen, und war ſchon fertig, als Mitternacht kaum vorüber ſein mochte. Dann entließ er den Zwerg mit einem gelinden Klaps wie auch die übrigen, und ſah zu ſeinem großen Erſtaunen, wie ſtie alle ſechs aufſtanden, ſich bei den Händen nahmen und mit luſtigen Ge⸗ berden wild um ihm herumtanzten. Nachdem es einige Sekunden ge⸗ dauert hatte, ſtanden die Hurlemänner ſtill, und der, den er zuerſt zuſammengenäht hatte, trat auf ihn zu, öffnete den Mund und ſprach zum erſten Mal zu ihm folgende Worte:„Nimm für das, was Du an uns gethan haſt, unſern herzlichſten innigſten Dank und erfahre, welchen ungeheuren Dienſt Du uns geleiſtee. Du haſt unſere Burg geſehen und an der glänzenden Einrichtung derſelben, ſo wie an den prächtigen Sälen, die bei unſerer Rückkehr eben erſt das luſtige Zwergen⸗ volk verlaſſen, daß wir ein angenehmes und behagliches Leben führen. In der Zeit, die Ihr Menſchen Tag nennt, und wo der große Stern, die Sonne, Euch mit ſeinem unausſtehlichen Licht faſt blendet, ſchlafen wir und erſt wenn die Nacht heraufſteigt, wird es in unſern Burgen lebendig und wir erfreuen uns bei Spiel und Tanz der vergnügteſten Stunden. Wiſſe, daß wir Zwerge ein noch viel reizbareres Temperament haben, als Ihr Menſchen. Und ſo geſchah es denn in einer Nacht, daß wir ſechs in der Burg eines fremden Zwergenkönigs, durch Tanz und Spiel aufgeregt, rechten Zeit zu ſchweigen, ganz vergaßen, und dadurch mit den andern Zwergen zuerſt in Wortwechſel, dann aber in blutige Händel geriethen. Du haſt geſehen, welche Wunden wir davon trugen und nur dem * „eines unſerer Hauptgeſetze, dasjenige nämlich, zur — 125 Vorzug eines tauſendjährigen Lebens hatten wir es zu danken, daß wir an unſern Wunden nicht ſtarben. Auch ſprach bei unſerer Rückkehr unſer König eine ſchwere Strafe über uns aus, welche dahin lautete, daß wir ſo lange von den Feſten der luſtigen Burg entfernt bleiben und die Stunden, in denen ſich die andern Bewohner der Zwergenburg mit Spiel und Tanz unterhielten, im dunkeln Walde zubringen ſollten, bis ſich ein Menſch fände, der unaufgefordert von uns und ohne dabei ein Wort zu ſprechen, nach Eurer Art unſere Kleider und Wunden zunähe. Um dieſen Fluch zu ſchärfen, und ſeine Löſung recht lange hinauszu⸗ ziehen, war es uns nicht einmal vergönnt, jede Nacht dem Blicke der Menſchen, die vielleicht vorbeikamen, ſichtbar zu ſein; ſondern nur beim Mondeswechſel durften wir uns in unſerem erbarmungswürdigen Zuſtande ſehen laſſen, um in tiefem Schweigen um Hülfe zu flehen. Du wirſt erſtaunen und erſchrecken, wenn ich Dir die Länge der Zeit nenne, die wir hier vergebens geharrt. Es ſind weit über hundert Jahre, weshalb unſere Schuld gegen Dich unbezahlbar iſt.“ „Philipp ſtand ſtumm vor Erſtaunen da bei dieſer Rede des Zwergs und wußte nicht, was er ſagen ſollte. Dieſer zog hierauf unter ſeinem Mantel den wohlbekannten goldenen Becher hervor und reichte ihn Philipp, der ihn zweifelnd nahm, ihn doch im Vertrauen auf die Zwerge raſch leerte. Da fühlte er plötzlich in allen ſeinen Gliedern eine gewaltige Luſt, ſich zu recken und zu dehnen. Er wuchs ſichtlich in die Länge und Breite und bemerkte in wenig Minuten zu ſeiner größten Freude, daß er ſeine vorige Geſtalt wieder angenommen hatte. „Nimm,“ fuhr der Zwerg fort zu ſprechen, die ſechs Goldſtücke, die wir Dir in ſechs Nächten gegeben, als eine Belohnung des Dien⸗ ſtes an, den Du uns geleiſtet. Ich weiß, Euch Menſchen geht nichts über das blanke Metall. Doch laſſ' keins dieſer Goldſtücke aus Dei⸗ nem Beſitze kommen, ſondern verſchließe fie in eine Truhe, wo Du bei ihnen jedesmal das nöthige Geld zu Deinen Ausgaben finden wirſt. Vererbe ſie auf deine Kinder und Kindeskinder, denen ſie einſt noch größere Dienſte leiſten werden; denn in ihnen wohnt eine geheime Kraft, die erſt nach einigen hundert Jahren ihre Reife erlangt. Jetzt lebe wohl und merke Dir die goldene Regel, deren Vernachläßigung uns in's Unglück brachte, und in deren Ausübung Du auch nicht ſtark zu ſein ſcheinſt:„Schweige zur rechten Zeit!“ Bei dieſen letzten Worten reichte er und die fünf andern Hurle⸗ männer dem erſtaunten Schneider die Hand und im Augenblick darauf waren alle ſechs verſchwunden. Jetzt drang auch der erſte Strahl der Morgenſonne über die Berge herüber und beleuchtete den Schnee, der auf dem Boden lag und an den Zweigen der Tannenbäume hing. Nun erſt wurde es dem glücklichen Philipp klar, woher er plötzlich in 2, — 3(Arabesken.)— * 77 91 4.. Ein Sommernachtstraum⸗— u St, e. V Es wa einer Nacht, da träumte mir von kühn ge⸗ 4 wölbten Hall großen ſchattigen Sälen, mit buntem Marmor gepflaſtert, Bogenfenſtern, welche den Anblick auf eine loſem Epheu, welches gegen die und dabei lispelte mir ein ſanfter brachte mir mit leiſer Stimme auf welchem viele welße Kreuze Wind wohlbekannte ſüße Botſchaften von einem kleing ſtanden.— Das Alles träumte mir einer dumpfigen Kaſernenſtube, wo ich der Zwölfte in einer Ecke lagen nd ſchlief. Ich erwachte, ſetzte mich an die kleinen vergitterten eterdfr Stube, welche eine Aus⸗ ſicht in den umſchloſſenen Hof gewährten, und blickte in die ruhige Nacht hinaus. Was wargmir von meiſiem ſchönen Traume geblie⸗ ₰ ben? Schon der Knabe träumte von weiten Hallen, einem luſtigen, 4 freudenvollen Leben; aber träumte auch nur. Die Hallen ſchrumpften zuſammen zu engen, kleinen Stube ind das luſtige Leben ward ein tief ausgefahrener Hohüneg, deſſes nmungen, durch ſteile Seiten⸗ gweege eingeengt, ich ruhig folgen 1“ gIch ſah den Mond, der ſich Häuferläa. auf den Hof geſchlichen und, ſich da unbemerkt n eine Kanone gelehnt hatte;— eine rührende Anhänglichkeit Monde, denn es war eine alte Kanone, eine in den letzten Kriegen eroberte franzöſiſche, und 4 “ 128 ich konnte deutlich in dem hellen Scheine das große N. ſehen. Ihr Beide kanntet euch und hattet euch vielleicht ebenſo umfaßt unter dem Blüthenregen von Catalonien, ſo wie umſtarrt vom Eiſe an der Be⸗ rezina. Ihr ſpracht wohl von großen, ſchwarzen, liebeglühenden Augen und von brechenden— Vive LEmpereur! Wie wird mir plötzlich ſo wunderlich! Was tritt dort aus der Ecke hervor und ſtellt ſich um das Geſchütz? Schwankende Geſtalten ſind es, mit bleichen Geſichtern. Die langen, dürren Finger greifen in die Schmarren und Löcher der Kanone und Laffette. Ich höre leiſes Flüſtern— ndies machte die Kugel, die mich niederſchlug. Hier iſt mein Blut— der Hieb gab mir den Tod, und ich ſprach: Leb wohl, Nannett'! da ſtarb ich⸗“ So ſprachen ſie und lehnten ſich todesmüde an das Geſchütz. Ich aber nahm meinen Mantel und trat mit leiſen Schritten auf den Hof.— Alles ſtill und ruhig. Ver⸗ ſchwunden waren die Geſtalten, und da ſtandenur eine einſame Kanone, auf welche der Mond ſchien. Aber es war ein Leichenſtein von Gott weiß! wie viel braven Kanonieren. Sollte ich noch ſchlafen? Mich umgab die Nacht und that ſo geheimnißvoll und zugſeie ſo geſchwätzig, als wollte ſie ihren dunklen Schleier lüften und mi eſen zeigen, welche ſonſt dem Auge unſichtbar ſind. Darum v die Kaſerne geſchrieben werden. Vor meinen geheure Prachtexemplar dieſes Gedleh erklärenden Abbildungen, tauſenden nſchriften und erläuternden Noten.— Das Gedicht war der Rh und unten an der farbigen Rolle hing eine zierliche Kapſel, die lte Stadt Köln, in welcher ſich das Siegel befand, wodurch jede Strophe documentirt wurde, und in deſſen vielen Wappenſchildern ſich das ganze Gedicht abſpiegelte— der Dom. Dahin ging ich und ſetzte mich zu ſeinen Füßen auf einen alten halb verwitterten Stein.—. Es war in jener Zeit für mich ſo ſchön und anmuthig, in tiefer, ſtiller Nacht hier zu ſitzen. Da lag vor mir der Wallrafsplatz mit ſeinen hohen, buntverſchnörkelten und halb verfallenen Häuſern, ſo wüſte und leer, einem vormals ſchönen, nun verödeten Blumengarten gleichend, in welchem der Domthurm, eine alte Sonnenuhr, noch hoch emporragte, aber mit dem verſtümmelten Zeiger nur eine einzige Stunde richtig angibt, wenn der Mond hell ſcheint— Mitternacht; denn dann ward's lebendig im alten Thurme, es ſtürzte ſich der Baumeiſter, wer weiß zum wie vielſten Male, vom Krahnen herab und hinter ihm groß und herrlich, mit vielen “ 129 wieder zu ſehen, was es in der Welt gäbe, und das tolle Geſindel ſcheuchte die Habichte und Eulen aus ihren Löchern und ſetzte ihnen durch die Luft nach, mit Gequicke und Heulen, eine ſteinerne wilde Pſalmen ſingend, wozu die Orgel einen einzigen Ton immer und immer fort anhielt, bis die Mutter Gottes in der Kirche mit dem ſilbernen Finger auf das ſilberne Herz ſchlug, daß es klingelte und die heiligen drei Könige in ihrem goldenen Sarge Amen ſangen. welches die Stille der ſchönen Nacht unterbrach. Da habe ich den Dom an mei Serück und wuchs ſichtlich an ſeiner Größe em⸗ por, hoch und an das dunkle Himmelsgewölbe anklammerte; aber, ach! das war ſo kalt und entſe ich glatt, daß ich betrübt hinabſank, bis ich wieder neben dem rieſig rme ſtand, eeine kleine Menſchengeſtalt. Schon oft habe ich mi ä herumgetrieben, hatte die u viele Stunden in das Gra den zerborſtenen Füßen irge Da haben mich die verfallenen Häuſer ſeltſam genug angeſehen, da huſchten oft Schatten und Geſtalten vorbei, doch ſte wollten mir nie Rede ſtehen. Ich habe Nächte lang den Dom durchſchritten, aber die metallenen Erzbiſchöfe ſprachen in ihren Niſchen ſo leiſe, daß ich nichts davon verſtehen konnte. Ich habe in mondheller Nacht auf dem Grunde ritzen mit 8 Klopfen meines Herzens das einzige Geräuſch blieb, Träume, dann die geſpenſtiſchen Kanoniere und der alte Dom geneckt, ohne mich in ihre Myſterien einzuweihen. Stets ſtrich das Geiſterreich, ein eiskalter Luftſtrom, dicht bei mir vorüber, und wenn ich mich hinwandte, um die brennende, ſchmachtende Bruſt abzukühlen, war die ganze Luft um mich heiß, wie meine glühende Stirne.— Hackländer, Erz. ——— ◻ 130 Träume wohl, Alter, ſprach ich, und verließ den Dom. Willen⸗ los folgte ich den Wendungen einiger dunklen Straßen, in welche ich gerieth, und ſtand plötzlich vor dem Rathhausplatze, der, vom Monde beleuchtet, mit ſeinen hellen, großen Steinplatten, einem weißgedeckten Tiſche glich, um welchen die alten Häuſer wie ſteifgetrunkene Zech⸗ brüder ſtanden, die ihre alten Sorgen und ſich im klaren Weine ver⸗ ſenkt haben, und die ſich nur dann und wann unter dem Tiſche die Hand drücken. Es war eine noble Geſellſchaft da beiſammen, de Häuſer der alten Patrizier Kölns, und die Ehrwürdigen ſahen ſo grau und zerfallen aus, die leeren Fenſterhöhlen blickten ſo erſchrocken und ſcheu nach dem Rathhausportale, wo ihr edler Bürgermeiſter, freilich nur in Stein gehauen, mit dem Löwen ringt, ſo überraſcht und ver⸗ drüßlich, wie wohl an jenem Tage, an dem ihr Mordanſchlag miß⸗ lang. Wie ich ſo auf der Tafel herum trat und den ſteinernen Herren ihre ewige Unruhe und Hinterliſt vorwarf, habe ich mich ſehr über ihre jetzige Friedfertigkeit verwundert, denn warum erhob nicht einer die Fauſt, fing und erdrückte mich armen Plebejer wie eine Fliege; oder hat die Zeit den ſtolzen Adligen den Arm gelähmt?—— Was hemmt plötzlich den Lauf meiner Gedanken! wirft ſie aus einander wie empörte Wellen! Wer ſprach da? Ich richtete mich horchend leiſe empor und ſah mich rings um. Richtig! u dem Rathhaus⸗ portale flüſterte es leiſe, und nachdem mein Auge ſich an das Dunkel, das dort herrſcht, gewöhnt hatte, ſah ich da, zuerſt in dunkeln Um⸗ riſſen, dann aber deutlich eine ſeltſame Geſellſe rſammelt. Auf der Erde ſaßen fünf Geſtalten, wel ſich mit Kartenſpiel beſchäf⸗ tigten. Es waren alte kölniſche St ten aus dem vorigen Jahr⸗ hundert, uniformirt, wie ſie noch je den Maskenzügen zu ſehen ſind; doch war das Roth ihrer Röcke verblichen, das Gold ihrer Treſſen vom Moder halb zerfreſſen und die roſtigen Waffen lagen neben ihnen. Schauerlich leuchteten ihre Geſichter durch das Dunkel, mit Leichenfarbe überzogen waren ihre eingefallenen Wangen, und nur das unheimliche Feuer ihrer Augen zeigte, daß wenigſtens für den Augenblick Leben in dieſen Körpern war. Die Kriegsknechte häufel⸗ ten, und bei dem Banquier ſchien Unglück zu ſein; mit ſtieren Augen und zitternder Hand legte er die Karten, und bei jedesmaligem Um⸗ ſchlagen zuckte ein freudiges Lachen über die Züge der vier Andern. Ich ſchlich mich näher.. „Es wird Morgen, mich friert,“ ſprach Einer der Spieler und— zog ſeine ſchlotternde Uniform durch große Falten, die er hineinkniff, feſter um den magern Körper. Ein Anderer, ein wahres Judasgeſicht, klimperte mit den gewonnenen ſilbernen und goldenen Pfennigen und wmandte ſich hohnlachend zu dem Banquier, welcher mit ängſt licher Menſchenlebens unſäglichen Jammer, und ſo wie ihr, meine Karte überbietend, mich ins Verderben tütztet, ſo ſoll auch in eurem Leben ein höheres Blatt, ſo ſoll das Aß, ihr Könige, euch fürchterlich und fluchbringend ſein!“—— —So lautete der Fluch des Geſpenſtes, und ich faßte an meine. — Stirn und einen ſteinernen Pfeiler, der mich hielt, um zu erforſchen, ob ich wache oder träume.„Doch es war Wahrheit, was ich geſehen und 4 gehört. Stolz und ruhig ſtieg der Morgen auf, und wie kleine 4 Nachtlichter im hellen Sonnenſtrahle erblichen die vier Spieler und verſchwanden endlich ganz, wie das Licht des Tages die Morgendäm⸗ merung vertrieb. Nur der unglückliche Bankhalter ſtand vor mir, und um ihn lagen die vier Könige. Thränen rollten ihm über die gefurchten Wangen, und auch ich konnte eine ſchmerzliche Wehmuth f nicht unterdrücken. Ich nahm meinen Mantel und warf ihn dem Un⸗ glücklichen über. Er fah mich an, und ſein Blick, obgleich ſich Dank⸗ barkeit darin ausſprach, war entſetzlich. O es iſt etwas Fürchterliches, ein Geſpenſt bei hellem Tage zu ſehen. Noch ſeh' ich, wie der Mor⸗ genwind, der ſich erhob, die vier Könige erſt in kleinen Kreiſen dann in immer größeren herumwirbelte und ſte endlich über die nächſten Dächer ſchleuderte. Gebeugt und ſtöhnend verlor ſich das Geſpenſt in einer der nächſten Gaſſen, und ich ging nachdenkend meiner Woh⸗ nung zu.— 4 131Ae . Robert der Teufel.— Vor einigen Jahren erſchien bet dem Capellmeiſter es Hoftheaters ein junger Mann und theilte demſelben ſeinen Wunſch mit, auf die Bühne zu gehen, indem er ihn bat, ſeine ßtimme zu unterſuchen, da . er ſich zum Sänger ausbilden wolle. De junge Mann verband mit einem anſtändigen Aeußern eine ſehr angenehme, offene Geſichtsbil⸗ dung, über welche jedoch ein melancholiſcher Zug einen tiefen Schatten warf.⸗ Er ſetzte den theilnehmenden Fragen des biedern Meiſters, ob er auch dieſen Schritt, den er für's Leben thun wolle, gehörig über⸗ klegt und mit ſeinen Aeltern und Verwandten b athen, mit Feſtigkeit entgegen: es treibe ihn nicht die Abſicht zur Bühne, ein wildes, zügel⸗ loſes Leben zu führen, ſondern nur die reine Liebe zur Kunſt, und er 4 habe dieſen ſeinen Entſchluß ſorgfältig überlegt. Was ſeine Aeltern, Verwandte oder ſeine Heimath betraf, ſo ſchien er Erörterungen dar⸗ — 134 über auszuweichen. Der Capellmeiſter unterſuchte nun die Stimme und fand einen herrlichen Tenor von ſeltenem Umfange, worauf er gleich angenommen wurde, ſeinen Lehrer und ſeine regelmäßigen Sing⸗ ſtunden in der fürſtlichen Schule erhielt, welche er mit ausdauerndem Fleiße benutzte, und dadurch bald glänzende Fortſchritte machte. Da ihn Niemand in der Stadt kannte, er ſich auch bei zufälligem Zu⸗ ſammentreffen mit andern jungen Leuten eher zurückſtoßend als annä⸗ hernd bezeigte, ſo blieb er einſam und ſich ſelbſt überlaſſen, und gerade dieſes abgeſonderte Leben ſbien ihm ſehr zu behagen. Er durchſtrich, nachdem er ſeine Studien beendigt, die Umgegend, legte ſich ſtunden⸗ und halbe tagelang in den Schatten der ſchönen Waldungen, welche die Stadt umgaben, und war dann froh, ohne dies jedoch durch Ge⸗ ſang oder Ausrufungen zu bezeugen; vielmehr hat man ihn oft geſehen, wie er, unter einer alten Eiche liegend, ſein Geſicht in das dichte Moos verbarg, und nachdem er ſo lange Zeit unbeweglich geblieben, zeigten die freudeſtrahlenden Blicke, mit welchen er ſich ſpäter erhob, da er ſich auf dieſe Art ſehr gut amüſtrt habe. Man glaube jedoch nicht, dies ſcheue Weſen habe ſich auch in den Stunden gezeigt, in welchen er die Geſangsſchule beſuchte, und da vor dem Lehrer und den übrigen Schülern ſeine Arien vortrug. Dann richtete ſich ſeine ganze Geſtalt auf, er ſchien ein überirdiſches Weſen zu ſein, und die Innigkeit, das Feuer, mit welchem er ſang, beſonders wenn es traurige Lieder waren, griff jedem der Zuhörer an's Herz. Dann durchglühte eine unendliche Freudigkeit ſein ganzes Weſen, und beim Hinausgehen drückte er dem Lehrer und den andern Schülern herzlich die Hand. Aber ein einziges Mal fand in der Schule ein ſonderbarer Auftritt ſtatt. Einſt, mitten im Geſange, bei einer wundervollen Stelle, als er begeiſtert ſein Auge umher ſchweifen ließ, hatte einer der andern Sänger eine Spielkarte aus der Taſche gezogen— es war das Treff⸗ Aß— und zeigte es lächelnd einem Nebenſitzenden. Beim Anblick der Karte brach er plötzlich mit einem ſchneidenden Wehlaute ab, preßte ſeine Hände vor's Geſtcht und ſtürzte aus der Schule. Warum? das hat er nie Jemand offenbart. Den freien Eintritt, welchen er ins Parterre des Theaters hatte, benutzte er höchſt ſelten; nur bisweilen, wenn große Opern gegeben⸗ wurden, oder irgend ein vorzüglicher Gaſt auftrat, und dann pflegte er ſich jedesmal ans Ende einer gewiſſen Bank zu ſetzen, ſo entfernt als möglich von den übrigen Zuſchauern, um ja in keine Berührung mit ihnen zu kommen. Eines Abends aber, da ein ſehr beliebter Sänger auftrat, und das Haus gedrängt voll war, mußte er gern oder ungern d ſeines Hu zwiſchen ſich und dem nächſten Nachbar bildete, einer i Zwiſchenraum, den er gewöhnlich durch Hinlegung jungen Dame überlaſſen, welche keinen Platz fand und ihm einen bit⸗ tenden Blick zuwarf. Anfangs ſprach er kein Wort mit dem Maͤdchen, welches, ohne gerade ſchön zu ſein, ein ſehr intereſſantes Geſicht hatte und wundervoll gewachſen war. Auch ſie ſchien ſehr ſchüchtern und eine Unterhaltung mit dem fremden jungen Manne eher zu vermeiden, als zu wünſchen. Doch mag es ſein, daß entweder die bezaubernde Muſtk, oder das zurückhaltende Benehmen der Dame den jungen Sänger anſpornte, kurz er wagte es, ihr einige Bemerkungen über das eben Gehörte zu ſagen, in welche ſte beſcheiden, aber mit vielem Verſtande ein⸗ ging oder ſie widerlegte. Endlich endete das Stück, und das Publikum ging auseinander. Obgleich den andern Tag ein Luſtſpiel gegeben wurde, trieb es unſern jungen Freund doch zum Theater, und er befand ſich ſich wieder neben ihn ſetzte. Ihre Unterhaltung war heute Abend lebendiger, und am Ende des Stücks wagte er es ſogar, ſo lange ſein Weg ihn mit dem ihrigen zuſammenführte, ſie zu begleiten. Dann bog ſie rechts in eine andere Straße, wünſchte ihm gute Nacht, und er ging nachdenkend nach Hauſe. 3 Auf dieſe Weiſe vetlebten Beide lange eine unendlich glückliche „ Zeit. Ihre Unterhaltung wurde mit jedem Tage inniger und zutrau⸗ licher. Es wurde jedem die Zeit lang, bis das Andere kam; denn ſie liebten ſich, ohne ſich das geſtanden zu haͤben.(Sie näherten ſich ſo leiſe und ſchüchtern, ſie wandelten wie im Traume gegen einander dem erſten Kuſſe zu, wie im Traume ſo leiſe, und doch ſicher, die Bruſt angefüllt mit einer unendlichen Seligkeit. Erſt ein Anfaſſen der Hand, dann ein leiſer Druck, endlich an einem hellen klaren Abend, wo der Himmel einer großen Roſenlaube glich, wo der Mond voll über ihnen ſtand, eine aufgegangene weiße Roſe, umgeben von vielen großen und kleinen Knoſpen, den Sternen, da ſprach der junge Sänger:„Das Menſchenleben hat neben unſäglichem Jammer auch himmliſche Selig⸗ keit,“ und drückte dem Mäͤdchen den erſten Kuß auf die Lippen, und Beide ſprachen:„Ich bin Dir gut!“— Er wußte nicht, wer ſie war, ½ und mochte auch nicht darnach fragen; denn er fühlte ſich glücklich, und wollte nicht mehr. 8 * Da wartete er eines Abends im Theater vergebens auf ſte; es wurde ein Ballet gegeben; er ſah unverwandt nach der Thüre, ſte kam nicht, und das konnte er ſich durchaus nicht erklären. Die Sin⸗ fonie endigte, der Vorhang rauſchte auf, und er ſchaute traurig und verſtimmt dem Tanze zu. Die leichte, liebliche Muſtk gaukelte ihm unabläßig das Bild ſeines geliebten Mädchens vor, und immer leben⸗ * ſchon lange vor Anfang des Stücks auf ſeinem Sitze. Auch überzog eine ſtille Freude ſeine Züge, als die unbekannte Dame von geſtern diger trat ihre Geſtalt vor ſein inneres Auge. Ein Pas de eing * ——————ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ 136 war geendigt, und die Tänzer und Tänzerinnen hüpften in die Couliſſe zurück. Die Muſik ging in ein raſcheres Tempo über, und ſiehe, wer trat da ſo ſicher und graziös auf, im reizenden Coſtüm, den blühenden Kranz von Roſen leicht auf die blonden Locken gedrückt— es war ſeine geliebte Unbekannte. Er ſah es jeder ihrer Bewegungen an, ſie mache dieſelben nur für ihn; nur nach ihm wandte ſie ihr großes blaues Auge, und reichte ihee die Hand, nachdem ſie ſie zuvor an ihr Herz gedrückt hatte.— Er liebte ſie unausſprechlich. Mittlerweile hatte er ſeine Studien beendigt und ward als erſter Tenor bei der Bühne engägirt. Doch auch jetzt, wo er ſeiner Stel⸗ lung halber mit vielen Leuten verkehren mußte, behielt er ſeine frühere Abneigung gegen jede Geſellſchaft. Oeffentliche Orte beſuchte er nie und mit ängſtlicher Sorgfalt vermied er Alles, was ihn in das Trei⸗ ben anderer jungen Leute hineinziehen konnte. Da erhielt er eines Tags ein Billet, in welchem ein Unbekannter ſein Bedauern über ſeine gänzliche Abgeſchiedenheit ausſprach, wie es traurig ſei, daß er ſeine ganze Zeit nur ſeiner Geliebten widme, da er doch wohl denken könne, daß dieſe es nicht eben ſo machen würde. Er glaube der einzige Begünſtigte zu ſein, doͤch würde ſich Schreiber dieſes ein Vergnügen daraus machen, ihm das Gegentheil zu beweiſen, und das nur in der einzigen Abſicht, um ſeine Geſellſchaft für ſeine Verehrer zu gewinnen. Er möge ſich nur heute Abend um die und die Zeit an eine bezeichnete Laterne ſtellen, und dann mit ſeinen eigenen Augen ſehen. Anfangs verlachte der Sänger das Billet; dann aber ſtieg ein kleiner Zweifel auf, den er zuerſt niederkämpfte, doch gleich wieder heraufrief. Er fing an, einzelne Worte und Mienen ſtrenge zu unter⸗ ſuchen und ſich Thatſachen, die ihm ſonſt ganz unſchuldig erſchienen waren, verdächtig zu machen. Er führte ſich an einen bodenloſen, entſetzlichen Abgrund, er ſah die Untreue des Mädchens, für das er allein lebte, und ſchauderte zurück, denn er fühlte, daß ihn der Sturz für ſein Leben unglücklich machen mußte. Er wollte zu ihr hin, ihr das Schreiben zeigen, und ſo demſelben Hohn ſprechen; doch auf dem Wege zu ihrer Wohnung wandte er um und— ſtand des Abends, in ſeinem Mantel gewickelt, auf der bezeichneten Stelle. Er ſtand und ſah, und ſtand lange; es ſchlugen die Glocken ſehr oft, während er da ſtand, und wie er ſich endlich an ſeine Stirn faßte, um ſich zu ermuntern, war es tief in der Nacht. Er hatte das Mäd⸗ chen ſeiner Liebe geſehen, wie ſte vertraulich mit einem Manne daher kam, mit einem Manne, der ihr lange nachgeſtellt, und von deſſen Liebe zu ihr ſie oft dem Sänger muthwillig lächelnd erzählt und ſcherz⸗ haft zu ihm geſagt:„Sieh, wenn du mich einmal treulos verläſſeſt, 1 ◻ ſo hab' ich gleich Erſatz.“—— Mit dem Manne hatte er ſie geſehen und war darauf in wuͤſte Träume verſunken. Entſetzlich lange Stun⸗ den hatte er auf die Ecke geſtarrt, um welche ſie mit ihm verſchwun⸗ den. Im Traum waren in ihm lang vergeſſene Erinnerungen aufge⸗ taucht, unter Anderm hatte er einen alten eisgrauen Mann geſehen, der ihn höhniſch angrinzte und zu ihm ſprach:„Warum haſt du auch auf die eine Karte dein ganzes Glück, die ganze Ruhe deines Lebens geſetzt?“ Darauf war der Alte mit einem gellenden Gelächter ver⸗ ſchwunden. Er raffte ſich auf und ging zum letzten Mal an ihrer Wohnung vorüber. Noch brannte Licht in ihrer Stube, in welcher er ſo glückliche Stunden verlebt hatte. Er blieb einen Augenblick ſtehen und ſtarrte in den Schein, ohne zu wiſſen, was er hier noch wolle. Da öffnete ſich leiſe die Hausthür, und derſelbe Mann, den Namen an, und erlangte in einigen Jahren durch ſein Talent einen ausgezeichneten Ruf. Doch ſah man ihn nie lachen, und ſeine frühere Scheu gegen alle Bekanntſchaften und geſellige Unterhaltungen hatte noch zugenommen. Briefe, die auf ſeinen Reiſen ankamen, öffnete er gar nicht, ſondern verbrannte ſie gleich, ohne nur einmal zu ſehen, woher ſie waren. So lebte er einige Jahre, wenn man ſein Vegetiren leben nennen kann. Nie offenbarte er ſich Jemand, nie hat er mit einem Menſchen über ſein früheres Verhältni„ ſeine Heimath oder Verwandte ge⸗ ſprochen; er ward mit jedem Tage melancholiſcher und ſchien ſein Leben nur wie eine ſchwere, nicht abzuwerfende Bürde zu tragen. Das Varmögen, welches er ſich erworben hatte, ſetzte ihn in den Stand, ganz unabhängig zu leben, was er denn auch that, indem er unſtät unmher reiste, ohne ſich an einem Orte lange aufzuhalten. 3 Da erhielt er eines Morgens zwei Briefe, welche ihm vermittelſt 138 dringender Empfehlung von Station zu Station nachgeſchickt worden waren, der eine groß, mit dem Intendanturſtegel des Hoftheaters, an dem er ſeine Studien angefangen, der andere klein, ſchwarz petſchirt, und eben daher. Eine unſichtbare Hand ſchien ihn abzuhalten, ſie wie alle früheren gleich zu vernichten. Er legte ſte hin, und an einem Abende, wo er trauriger als gewöhnlich geſtimmt war, wo die ſüße Luft ſeine Bruſt geöffnet hatte, gewann er es über ſich, die beiden Briefe zu entſiegeln. In dem größeren bot ihm die Intendanz ein Engagement unter den glänzendſten Bedingungen an. Der andere war von der Schweſter ſeiner früheren Geliebten, welche ihm ſchrieb: „Schon unzählige Male habe ich oder meine unglückliche Schweſter Briefe an Sie abgeſandt, ohne je eine Antwort von Ihnen zu erhal⸗ ten. Rechnen Sie mit Gott ab, was Sie an uns verſchuldet.— Meine arme Schweſter iſt nicht mehr; doch hat ſie mir und den Mei⸗ nigen auf dem Sterbebette mit den feierlichſten Eiden verſichert, nie eine Untreue gegen Sie begangen zu haben, und ich miſche meinen Schwur mit dem ihrigen, denn ich war zu überzeugt von ihrer innigen reinen Liebe zu Ihnen. Was Sie auch mögen geſehen haben: meine Schweſter hat Ihnen mit keinem Gedanken die gelobte Treue ge⸗ brochen, wohl aber Sie. Leben Sie wohl, und wenn Sie es können, glücklich.“ Beim Durchleſen dieſer einfachen Zeilen erfaßte den unglücklichen Mann ein entſetzlicher Zweifel. Die klaren Worte lösten eine dicke Eisrinde von ſeinem Herzen und ließen ihn früher verlebte glückliche Stunden mit der quälendſten Erinnerung wieder genießen. Das Bild ſeiner geliebten Tänzerin tauchte vor ihm auf, ſie neigte ſich lächelnd gegen ihn, mit dem Roſenkranz auf dem Haupte, wie er ſie zuerſt auf der Bühne geſehen.— Dann ſank ſie mit geſchloſſenen Augen langſam zurück ins Grab. Noch in derſelben Nacht nahm er Poſtpferde und reiste ohne Unterbrechung, bis er den Ort ſeines früheren Glückes, ſeines tiefen Schmerzes erreicht hatte. Ach, ſie hatte ihm die Wahrheit geſchrieben, die arme Schweſter: ſein Mädchen war ihm treu geweſen, und er war in das Netz des ſchändlichſten Betruges ſchlechter Menſchen gefallen, deren Zweck und Motiv nicht mehr zu ergründen war. Ka ſtand er ſpät in der Nacht wieder an demſelben Platze und vor derſelben Laterne, wo er ſie am Arm eines fremden Mannes wollte geſehen haben. Da verſank er wieder wie damals in tiefes Nachſinnen und wieder erſchien ihm der alte eisgraue Mann und lachte höhniſch wie damals und ſprach:„das iſt das Menſchenleben, das Wandeln auf der Erde; auch ich wandle noch.“ Der Sänger hob * —— —— 8 ruhige, verſtändige Regiſſeur den Befehl ertheilte, die Aebtiſſin aus 139 den Blick gen Himmel und ſprach leiſe:„Aber warum muß ich leben und wandeln?“ Mit lautem Jubel begrüßten den Angekommenen die Mitglieder des Hoftheaters, vor Allen der Intendant; doch wie erſchracken und erſtaunten ſie, als ihnen der Sänger ruhig und feſt erklärte: er ſei nicht hieher gekommen, um das angebotene Engagement anzunehmen, ſondern feſt entſchloſſen, nie mehr aufzutreten. Lange war alles Bitten der Behörde, ſo wie das ſeiner alten Collegen, wenigſtens einige Vorſtellungen zu geben, umſonſt, und als er endlich dem allgemeinen Wunſch nachzugeben ſchien und darein willigte, in einer Parthie auf⸗ zutreten, hatten ihn dieſe gewiß nicht dazu vermocht, ſondern er wollte ſein Herz foltern, indem er noch einmal in einem Stücke ſpielte, in welchem er früher mit der Geliebten zugleich gewirkt hatte. Er wollte das Mädchen, unterſtützt durch Muſik und Decoration, vor ſein Auge zaubern, er wollte die Tänzerin, die ihre Stelle eingenommen, durch ſeine innigen Gedanken in das Bild ſeiner verſtorbenen Geliebten ein⸗ hüllen, und dabei erſtarrt von dem Bewußtſein, daß ſie wirklich und durch ſeine Schuld im Grabe liege, eine fürchterliche Erinnerungsfeier halten. Dazu wählte er die Oper: Robert der Teufel. Dieſe war früher mit großer Pracht und Vollkommenheit, aber unbekannter Um⸗ ſtände halber ſeit dem Tode jener Tänzerin, welche die Rolle der Aebtiſſin hatte, nicht mehr gegeben worden. Es wurde nun Probe auf Probe gehalten, einerſeits, um das Getriebe dieſes großartigen Werkes mit der äußerſten Genauigkeit und Sicherheit wieder in den Stand zu ſetzen, andererſeits aber auch, weil es einmal ſo altherkömm⸗ lich war; ſelbſt bei einem bekannten Stücke nur recht viele Proben! Alles ging übrigens recht gut, nur fand bei der Generalprobe ein ſonderbarer Vorfall ſtatt. Der erſte und zweite Act gingen glücklich und ohne Anſtoß vorüber. Es erſchien der geſpenſtiſche Kloſterhof; die Stelle kam, wo alle jene Lampen in dem dunklen Kloſtergange plötzlich aufflammten, die Nonnen erhoben ſich ſchauerlich ſtill mit den ſtarren Leibern aus ihren Särgen; nur die Aebtiſſin, welche vorne auf der Bühne unter dem Kreuzgewölbe aus ihrem Sarkophage ſteigen ſollte, erſchien nicht. Der Maſchiniſt lief in der größten Verlegenheit umher, und es trat eine unangenehme Pauſe ein, in welcher der Sänger „Robert“ auf die Bühne ſtürzte, ohne ſein Stichwort abzuwarten. In ſeinen Zügen malte ſich ein Schrecken, den der an ſich unbedeutende Vorfall nicht werth war. Die Arbeiter aus dem Keller ſchrieen: der Deckel des Sarges wolle ſich trotz ihrer erneuerten Anſtrengung nicht lüften und müſſe wahrſcheinlich von der Feuchtigkeit gequollen ſein. Der Maſchiniſt wußte nicht, was er anfangen ſollte, bis ihm der ſowohl der bedeutende Ruf des Sängers, als die gern geſehene Oper geiſtetung des Publikums, beſonders für Robert, der in jedem Zwi⸗ 9 ſcchenact gerufen wurde. Aber er hatte auch nie ſo hinreißend geſungen, 5 wie heute. Diesmal ging der dritte Act ohne Störung vorbei, obgleich 4 1 140 einer andern Verſenkung aufſteigen zu laſſen, den Sarkophag aber gleich nach der Probe genau zu unterſuchen und zu verbeſſern. Darauf ward das Stück ohne weitere Störung zu Ende geſpielt, nur gingen 4 unſer Sänger und einige der älteren Mitglieder, welche um ſein Ver⸗ 3 hältniß zu der verſtorbenen Tänzerin wußten, von ſeltſamen Gedanken beengt, nach Hauſe. Später meldete der Maſchiniſt dem Regiſſeur, man habe den Sargdeckel nur mit Hülfe von Brecheiſen öffnen können und dadurch ſei die Maſchinerie ſo zerſtört, daß ſie zur morßenden Vorſtellung nicht mehr eingerichtet werden könne. Der Abend der Aufführung erſchien, und ſchon eine Stunde vor Anfang des Stücks war das ganze, große Haus gedrängt voll, woran Schuld waren. Sie begann, und mit jeder Nummer wuchs die Be⸗ es Viele befremdete, daß die Aebtiſſin nicht, wie ſonſt, ihrem Sarko⸗ phage entſtieg, ſondern hinter demſelben hervorkam. Doch war das eine Kleinigkeit, und ſtörte nicht im Genuß des Abends. Gänzlich entzückt und befriedigt von der Vorſtellung entſtrömte das Publikum nach Beendigung derſelben dem Hauſe. Nicht ſo ging es dem Sänger. Ihn ſchien der Lorbeer, den er heute um ſeine Stirn gewunden hatte, nicht zu vergnügen. Ganz ermattet ſank er in der Garderobe zuſammen, ſein Diener entkleidete ihn, und er ließ es willen⸗ los geſchehen. Es war die Erinnerung, welche ſich zu kräftig, zu entſetzlich auf ihn geworfen. Das Bewußtſein, ein Herz beſeſſen zu haben, das für ihn ſchlug und das er gebrochen, war ihm, verbunden mit der troſtloſen 2ahiheit nun wieder ganz allein zu ſtehen in der Welt, am heutigen Abend erſt recht fürchterlich klar geworden. Im 5 Grabe lag die ſchöne weiße Hand, welche ſonſt hinter der Couliſſe die ſeinige gedrückt hatte, und todt war der Mund, die ihm ehedem zu⸗ flüſterte:„Du haſt eben ſo ſchön, ſo ſehr ſchön geſungen!“ Damals war bei den Worten Alles neu in ihm aufgelebt, und er hatte aus dem blühenden Auge der Geliebten friſche Kräfte geſogen.— Wie war es heute ſo anders geweſen? Da traten ihm die Collegen mit Complimenten über ſeine unvergleichlichen Leiſtungen entgegen, wandten ſich dann von ihm und eilten hinweg, denn jeder der Glücklichen wußte ganz gewiß ein Herz, das auf ihn liebend harrte. 3 Der Sänger ſchickte ſeinen Diener und den Wagen, welcher unten ihn erwartete, hinweg, und blieb allein in der allmählig leer werdenden 1 S 1 Cn 7 4 8 ——— den er ſchon zweimal geſehen hatte. Der füüßee ihm leiſe zu:„In 9. der That ein ſchönes Gemälde das, aber ich Atte Sie, einige Schritte 2 ſheeien Kreuze frappant einem großen Treff⸗Aß ähnlich eht. 4——— 8 Oper gleichen Namens dem kunſtſtnnigen Publikum einen ſo hohen zurück; wie lange, weiß man nicht, da er ſeinen Diener nach Haus 141 Garderobe. Längſt hatten die Meiter die Lampen bis auf einige wenige ausgelöſcht, welche der Wäͤchthabende die ganze Nacht brennend erhalten mußte, und ſchon hatte ſich derſelbe auf ſeine Matratze an der hintern Couliſſe geſtreckt; da erwachte er aus ſeinem dumpfen Hin⸗ brüten, warf den Mantel um und trat hinaus auf die halb dunkle Bühne. Der Vorhang war aufgezogen, und das Haus lag ſo leer und ſtill vor ihm, vorher noch ſo lebendig und munter, ein Rieſen⸗ leichnam, der ſich verblutet. Er ſuchte die Bank, wo ſie ſo oft geſeſſen und ihn freundlich angeblickt, von wo ſie aufmerkſam vor Anfang des Stücks auf den Vorhang geſehen, durch deſſen Oeffnung er, ihr allein“ „verſtändlich, ſeinen Diamantring blitzen ließ. O es tauchten ſtets neue und immer lebhafter tauſend ſchmerzliche Erinnerungen in ihm auf. Ueberwältigt von Gefühlen kniete er auf den Boden nieder neben den 1 Deckel des Sarges, dem ſie ſo oft liebreizend und fröhlich entſtiegen war, an der Fallthüre, die ſich jetzt nicht hatte öffnen mollen⸗ treu geblieben war. O ſie hatten Gefühl, dieſe Brete⸗ chen war ja ernſtlich ins Grab geſtiegen, darum wo zum Spiel nicht mehr öffnen.—— 6 Da ſprang der Sänger plötzlich entſetzt auf. echt, täuſchte nicht das Halbdunkel der Bühne?— Nein, nein, langſam öffneten ſich die Flügel der Verſenkung. Still und geräuſchlos, ohne daß er das Knarren der Seile, welche die Maſchinerie leiteten, hörte, thaten ſie ſich weit von einander, und auf dem Sarg, welcher empor ſtieg, lag die verſtorbene Tänzerin, ſeine Geliebte, mit dem ſonſt ſo blühenden, jetzt ſchneebleichen Geſichte, im weißen Gewande der Aeb⸗ tiſſin, mit dem großen ſchwarzen Kreizze des Ordens auf der Bruſt. Er wollte auf ſie zuſtürzen, ſie emporreißen; doch fühlte er ſich plötz⸗ lich am Arm gehalten, und naben ihm ſtand der alte eisgraue Mann, 8 zurückzutreten, es iſt Decorationsmalerei, welche in der Entfernung gewinnt, und ſich dann ganz anders geſtaltet.— Sehen Sie z. B. von 3 hier, wo Sie keine Geſichtszüge, keine Geſtalt unterſcheiden, müſſen „Sie mir zugeſtehen, daß die viereckige Fläche des Sarges mit dem 8* Am andern Morgen machte die Intendanz des Theaters folgenden traurigen Vorfall bekannt.„Nachdem Herr* als Robert in der Genuß gewährt hatte, blieb derſelbe ermüdet allein in der Garderobe * 142 2 2. geſchickt hatte, und der unglückliche Mann ſelber einige Stunden nach des Stücks durch die Theaterwache auf der Bühne, wahr⸗ Beendigung ſcheinlich in Folge eines Schlagfluſſes, todt gefunden wurde.. 1 3. 17f Zum ſtillen Vergnügen. Vor Jahren gab es zu Köln am Rhein eine ſonderbare Schenke. Das Haus, oder vielmehr der Keller, welcher als Gaſtzimmer diente, wird nunmehr längſt eingefallen oder abgetragen ſein, denn ſchon zur Zeit, von der ich rede, ſah die Spelunke äußerlich ſo baufällig aus, daß, wer zum erſten Male hinkam, ſchwerlich der Berſicherung ſeines Führere glaubte, es ſei im Innern ganz comfortabel und gar nicht ſo gefährlich, als ſich das Gebäude von außen anließ. Von ſelbſt verlor ſich nicht leicht Jemand dahin; es war faſt nur einem Einge⸗ weihten möglich, ſich in den Gäßchen, welche zum Ziele führten, nicht zu verirren. Man konnte auch nicht wohl Jemand um den Weg fragen; denn eine gute Strecke vom Hauſe lief der Weg kreuz und 4 quer bald zwiſchen Gemüſegärten, bald zwiſchen öden Mauern oder Trümmerhaufen der Wohnungen einer verſchwundenen Generation. Wer ſich nun durch all' dieſe Schreckniſſe glücklich durchgefunden hatte, 4 kam auf einen kleinen, freien Platz, welcher mit melancholiſch durch⸗ einandergewachſenem Unkraute bedeckt war, und hier ſtand die Schenke zum ſtillen Vergnügen. Sie war zart und ſinnig gewählt, dieſe Benennung. Nur das Verlangen nach ſtillem Vergnügen, nach ſtillUem Genuß des wirklich guten Weines, der hier geſchenkt wurde, führte ſde Gäſte unter dieſes einſame Dach. Hier herrſchte auch feierliche und er⸗ habene Stille. Mit inniger Rührung wurden die geleerten Schoppen petrachtet und ſorgfältig in’s Himmelreich geſetzt; ſo hieß ein großer Korb, der jedem der Stammgäſte zwiſchen den Beinen ſtand und woraus nach⸗ her die Zeche berechnet ward. Wie großartig war der Augenblick, wenn der Wirth hereintrat, um mit lauter Stimme zu verkünden, es ſei wieder ein Faß geleert. Dann erhob ſich Alles mit einem Male, und ein alter, ehrwürdiger Weltgeiſtlicher hielt mit kurzen, aber kräf⸗ tigen Worten dem abgeſchiedenen Weine ein Seelenamt. deſſen Wände Das Lokal beſtand aus einem großen Gewölbe, ch Zeit und Rauch ei Billard war das einzige — urſprünglich weiß geweſen waren, aber dur dunkle Farbe angenommen hatten Ein gutes — yõ——— 143 anſtändige Möbel, die übrigen Geräthſchaften beſtanden in ſchlecht ge⸗ hobelten Tiſchen und Bänken, in welche die Gäſte allerhand ſchlechte und gute Bemerkungen ſchnitten. Doch war eben dieſes Billard den ältern derſelben ein Dorn im Auge; denn ſte behaupteten, und viel⸗ leicht nicht mit Unrecht, ſeit ſeiner Anſchaffung ſei der Wein ſchlechter geworden. Abends um ſieben oder acht Uhr kamen die erſten Gäſte, und es traf ſich nicht ſelten, daß die letzten am andern Morgen die Schatten der Morgendämmerung benutzen mußten, um unerkannt nach Hauſe zu kommen. Die Geſellſchaft war gewöhnlich ziemlich gemiſcht. Es kamen Welt⸗ unb andere Geiſtliche, um ſich verborgen vor der lauſchenden, neugierigen Welt ein ſtilles Vergnügen zu machen, Stu⸗ denten, Militärs, Literaten, alte Bürger; aber im Ganzen nur ſolche Leute, die ein gutes Glas Wein zu würdigen verſtanden. Zuweilen erſchienen auch einige Fremde, deren Wohnung und Beſchäftigung Niemand wußte, und man raunte ſich über dieſelben manch Sonder⸗ bares in die Ohren. Den aufmerkſamen Beobachtern war es unter Anderm aufgefallen— es wollten's wenigſtens einige bemerkt haben — daß die Unbekannten auch beim trockenſten Wetter naſſe Fuß⸗ ſtapfen zurückließen; Andere behaupteten, ſte haben grüne Zähne, und das Pußte ſelbſt der Wirth eingeſtehen, daß es ihm geſchienen, als habe beim Bezahlen Einer derſelben ſtatt Geld Schilfgras herausge⸗ zogen; jedoch wie er's ihm in die Hand gegeben, ſei's ein funkelndes Goldſtück geworden. Doch, wie geſagt, die Leute waren in ihrer ſtillen Seligkeit viel zu vergnügt, um ſich viel um Andere zu beküm⸗ mern, auch zu gebildet, als daß ſie einem Fremden mit unbeſcheidenen Fragen zu Leibe gegangen wären; und die Unbekannten betrugen ſich ſehr anſtändig, tranken, wenn ſie kamen, viel vom beſten Wein, mach⸗ ten dabei wenig Scandal, und ſangen nur zuweilen ein unbekanntes Lied, deſſen Refrain ſo hieß: 4. Auf den Rhein Beim Mondenſchein, 5. In den Rhein, Wenn's regnet. Und auch dagegen war nichts einzuwenden, denn ein Cenſor, welcher ſich auch zuweilen hier ſtill vergnügte, hatte erklärt, es ſeien in dieſem Liede durchaus keine bösartigen Ausfälle gegen den Staat. In dem Punkte nämlich war der Wirth ſehr ſtrenge. Eine andere originelle Figur unter den täglichen Gäſten war ein zünger Mann, von dem auch Niemand wußte, wer er war, was er taat, und womit er ſich beſchäftigte. Er kam beinahe jeden Abend, frrach ſehr wenig und blieb ſitzen, bis die Letzten gingen, denen er 144 ſich anſchloß und ſie jedesmal bis zu einer gewiſſen Stelle der Straße begleitete, wo man den Rhein ſehen konnte. Da entfernte er ſich ſchweigend und ſetzte ſich an die Mauer auf einen großen Eckſtein, wenhen er, ſo ſagten die Leute, die hier herum wohnten, im Laufe des Tages ſelten verließ. Deswegen, und weil man ſeinen wirklichen Na⸗ men Hicht wußte, nannte man ihn nur den Herrn von Eckſtein, eine 4 Benennung, die ihm zu gefallen ſchien; denn er erwiderte dieſe Be⸗ grüßung bei ſeinem Eintritt ſtets mit freundlichem Lächeln. Daß ſeine ſonderbare Kleidung, von den ſeltſamſten Farben und ganz barok im Schnitt, jemals Mode geweſen, exinnerten ſich auch die älteſten Gäſte nicht. Anfangs war dieſe ſchweigſame Erſcheinung den guten Kölnern verdächtig geweſen; nach und nach aber hatten ſie ſich an den Herrn von Eckſtein ſo gewöhnt, daß ihnen etwas fehlte, wenn er, was übri⸗ gens höchſt ſelten geſchah, einen Abend ausblieb. Ferner war in dieſem Kreiſe froher, kluger Zecher oben genannter Weltgeiſtliche, der Herr Barbatus, zu bemerken. Derſelbe verſah alle Funktionen eines öffentlichen Miniſteriums. Er pflegte die Reden zu halten, welche allenfalls nöthig waren, und war bei kleinen Streitig⸗ keiten die höchſte Inſtanz; ein ſehr freundlicher Mann, wenn er ein⸗ mal den zwölften Schoppen geleert hatte; vor dieſem Zeitpunkte aber war er einſylbig, warf viel mit Brocken ſchlechten Lateins um ſich und behielt den Hut auf dem Kopfe. So lange dieſer Zuſtand dauerte, war es ſehr ſtill„Im Kreiſe rings“; aber wenn der Herr Barbatus ſein dreizehntes Fläſchen nahm und ſein Dreieck lüftete, ſo ſummte und krabbelte es vergnüglich in dem Zimmer, als habe man von einer Schachtel voll Maikäfer den Deckel abgenommen. Im Ganzen wurde der Ton ſehr anſtändig gehalten. Zotenlieder waren ganz und gar verboten; überhaupt hörte der Herr Barbatus nicht gern, wenn ge⸗ ſungen wurde, und pflegte häufig beim Anfang eines Liedes, das ihm nicht behagte, ſeinen Hut wieder aufzuſetzen, was dann als Beweis ſeiner höchſten Unzufriedenheit vom ſingenden Publikum durch Aufgeben des Geſanges reſpektirt wurde. Eines Abends hatte Herr Barbatus ſeinen Hut abgenommen, und es herrſchte im ſtillen Vergnügen laute Fröhlichkeit. Fleißiger als ſonſt war den Schoppen zugeſprochen, und bald ſtrotzten die Himmel⸗ reiche von Seligen. Draußen fegte ein rauher Wind und raſſelte zu⸗ weilen an den Fenſtern hin, als beneide er die in der Stube Sitzonden unnd wolle auch herein; doch abgehalten durch die feſt verſchloſſenen Fenſter, flog er unter das Unkraut vor der Thür und koste mit der ſelben. Ein Nachtwächter, welcher ſich heute Abend in dieſe Gege verirrt hatte, erzählte ſpäter ſeinen Bekannten, er habe unter d Gras und Kraut auf dem Paatz vor dem ſtillen Vergnügen in jen n E Nacht deutlich lachen und menſchlich flüſtern hören. Auch einer der Gäſte in der Stube, welcher am Fenſter geſeſſen, wollte etwas bemerkt haben: wenn der Wind zuweilen eine der Schilfpflanzen, deren am Hauſe viele wucherten, in die Höhe gejagt, ſo ſei dieſelbe an's Fenſter gefahren und habe mit einem verzerrten menſchlichen Geſichte in die Stube geſchaut. Dem ſei nun, wie ihm wolle, es ging in der Schenke heute be⸗ ſonders luſtig zu. Oben am Tiſch ſaß Herr Barbatus in ſtiller Ma⸗ jeſtät und ſprach emſig mit dem Herrn von Eckſtein, der ihm nur ein kurzes Lächeln und zuweilen ein paar abgebrochene Sätze zur Ant⸗ wort gab. Neben ihm hatten ſich ein paar Studenten gelagert und unterhielten ſich mit einigen Freiwilligen über Subordination; jedoch ſchienen ſich ihre Anſichten hierüber nicht recht vereinigen zu können. Weiter unten ſaßen einige Bürger mit weinſeligen Geſtchtern, und das Ende des Tiſches hatten vier der Fremden eingenommen, von denen oben die Rede war. Das waren aber in der That ſeltſame Geſtalten. Der eine hatte eine ſtolze, ſchlanke Figur und feine Manieren, zu wel⸗ chen das zartbleiche Geſicht mit intereſſanten Zügen ſehr gut paßte; ein zweiter, von ſtarkem, unterſetztem Körperbau, hatte dazu einen Kopf, der ſich auch nur auf dieſem Körper gut ausnehmen konnte, ein ſcharf markirtes rothes Geſicht, in welchem ein paar funkelnde Augen einen abſoluten Willen ausſprachen. Beide ſchienen des Be⸗ fehlens gewohnt zu ſein; nur, glaube ich, gebot der erſte, indem er ruhig auseinanderſetzte, das, was er wolle, ſei unumgänglich noth⸗ wendig; er überzeugte, wogegen der andere kurz ſprach: ich will! und wehe, wer ſich ihm widerſetzte! Ein dritter der Fremden ſah aus wie der etwas leichtfertige Sohn einer anerkannt großen und mächtigen Familie, etwa wie ein Erbprinz, dem es mehr darum zu thun iſt, tolle Streiche zu treiben, als durch geſetztes Betragen ſeinem künftigen hohen Stande Ehre zu machen, ein Shakespeare'ſcher Prinz Heinz. Die vierte Perſon ſchien eine untergeordnete Stellung einzunehmen und hatte dabei ganz das Air eines Magiſters der ſchönen Künſte. „Theuerſter,“ ſprach oben am Tiſch zum Herrn von Eckſtein der Herr Barbatus,„laſſen Sie mich doch endlich einmal etwas über Ihre frühern Schickſale vernehmen. Bezeichnen Sie mir doch Ihre Woh⸗ nung; ich möchte Sie gar gern einmal beſuchen;“ worauf der andere entgegnete:„Weiß ich doch ſelbſt nichts von meinem frühern Leben, habe mich nur ſo gekannt, wie ich jetzt bin, nicht kleiner, nicht größer, nicht jünger, nicht älter.“—„Sie waren aber doch einmal gewiß,“ 4 ſagte Herr Barbatus,„ein charmantes Kind. Erinnern Sie ſich denn 4 der fröhlichen Zeit nicht mehr, wo Sie Fenſter einſchmiſſen und die Schule ſchmänzten?“—„Nein, Herr Barbatus.“—„Von Ihrer Hackländer, Erz. 4 10 146 erſten Liebe, Herr von Eckſtein, müſſen Sie mir erzählen. Und was haben Sie gelernt? was ſtudirt? oder in welchem Geſchäfte haben Sie gearbeitet?“—„Ich habe nie gelernt, nie ſtudirt, auch nie ge⸗ arbeitet,“ ſagte Eckſtein.„So, ſo!“ entgegnete Herr Barbatus;„aber was ſind Sie denn eigentlich? Was ſtellen Sie in der Welt vor?“— „Ich?“ ſagte Eckſtein, neigentlich gar nichts.“ „Sehr ſonderbar,“ meinte Herr Barbatus;„aber Sie müſſen doch irgend eine Erinnerung haben, z. B. wo fühlten Sie zuerſt, daß Sie da waren, daß Sie lebten? Wann tranken Sie den erſten Schop⸗ pen?“—„Eines Morgens,“ erzählte Eckſtein ſehr gleichgültig,„muß mich der Wind in den Hof eines Hauſes hineingeweht haben; denn von einem ſehr harten Falle auf den Boden erwachte ich und fühlte, daß ich da ſei. Ich bin bald aus dem Hauſe geworfen worden, in⸗ dem die Leute meinten, ich ſei ein Dieb. Darauf, weil ich ſehr müde war, habe ich mich nicht weit von dort auf einen Eckſtein geſetzt, wo ich noch jetzt regelmäßig jeden Tag ſitze, weil es mir da gefällt und ich ſonſt nicht weiß, was ich machen ſoll. Eine einzige, aber ſehr dunkle Erinnerung habe ich von einem frühern Daſein; ich glaube nämlich, daß ich vor langer Zeit irgend ein König geweſen bin.“—— „Aber die Subordination,“ ſchrie einer der Studenten„iſt eine hölliſche Erfindung. Alſo wenn ſo ein Lieutenant zu Ihnen ſagt: „Herr, Sie ſind ein Eſel!“ ſo antworten Sie mit der größten Unter⸗ würfigkeit:„Sehr wohl, Herr Lieutenant?“—„Freilich,“ ſagte der Unteroffizier.—„Und wenn Sie dagegen ſprächen:„das ſind Sie ſelbſt, Herr Lieutenant, ſo—“—„Käm ich in Arreſt.“—„Und wenn Sie nun, denn das könnte doch auch vorkommen, einmal un⸗ ſchuldig in Arreſt kämen, wie revanchirten Sie ſich denn?“—„Ich bedankte mich für die gnädige Strafe,“ entgegnete der Unteroffizier. „O weh, die Welt geht unter, Es ſprang dem Faß ein Reif!“ jauchzte der Student, ſo daß der Herr Barbatus beſtürzt nach ſeinem Hute griff. Mittlerweile fing der Wein im ganzen Kreis an zu wirken. Eck⸗ ſtein ſchüttelte vergnüglich ſeinen Kopf und ſchnitt dazu allerhand ſeltſame Grimaſſen, welche Barbatus ſtets mit unmäßigem Gelächter begleitete.„Ei, Herr König,“ lachte er,„ſoll ich Ew. Majeſtät nicht eine Krone anfertigen? He, einen Bogen Goldpapier, wenn er zu haben iſt!“ Der Wirth hatte von der letzten Weihnachtbeſcheerung zum Glü einen erübrigt, welchen er dienſteifrig nebſt einer Scheere herbeibrachte. Schnell machte ſich Barbatus darüber her und hatte in kurzer Zeit eine ſaubere Krone fertig, die er dem Herrn von Eckſtein vermittelf 1 ** 147 einiger Stecknadeln um den Kopf befeſtigte. Der nahm ſich aber ſehr ſonderbar unter dem Schmucke aus. Das Geſicht, welches er dem⸗ ſelben zu Gefallen machte, war ſteif und ölzern, wie das eines Kar⸗ tenkönigs aus der Stralſunder Fabrik. Dieſe Aehnlichkeit mußte einem der Studenten auffallen, denn er ſchlich zum Zimmer hinaus und kehrte . bald mit einem alten Kegel und einer Kegelkugel zurück, mittelſt deren der Herr von Eckſtein ſogleich mit Reichsapfel und Scepter ausſtaffirt wurde, ſo daß die ganze Verſammlung in ein ſchallendes Gelächter ausbrach. Nur dem Könige ſelbſt ſchien die Sache nicht lächerlich. Mit ernſter Miene wandte er ſich zu dem Herrn Barbatus und ſagte ihm leiſe:„Es werden mit der Zeit alte Erinnerungen in mir deut⸗ licher. Ich war früher gewiß und wahrhaftig der Eckſteinkönig.“— „Ja früher,“ entgegnete Barbatus mit weinſchwerer Zunge, vich glaube das ſelbſt, und ich müßte mich ſehr irren, wenn ich mit dero Majeſtät nicht einmal Solo geſpielt hätte.“ Auch unten am Tiſch trieben die ſonſt ſo ſtillen Fremden allerlei wunderliche Poſſen. Sie hatten die Köpfe zuſammengeſteckt und gaben ganz eigene Töne von ſich, Geſang war's nicht zu nennen. Bald glaubte man mitten unter Waſſervögeln zu ſein, dann ſchien man ſich wieder in einem Teiche unter jungen Fröſchen zu befinden; jetzt hörte man ſcharfe Klänge, wie wenn man mit dem naſſen Finger auf dem Rand eines Glaſes ſchleift, gellend und markdurchbohrend. Auch die Unteroffiziere und die Studenten waren ſehr laut in ihrer Weiſe.— Selbſt der Herr Barbatus hatte ſeine Scheu vor dem Ge⸗ ſang abgelegt und brummte halblaut vor ſich hin: Lieber Mond, du gehſt ſo ſtille Durch die Abendwolken hin. Kurz, das ſtille Vergnügen hatte ſich in ein ſehr lürmendes um⸗ gewandelt. „Iſt es denn wahr,“ ſprach da auf einmal einer der Studenten zu dem ihm zunächſt ſitzenden Fremden,„daß Sie grüne Zähne haben? Machen Sie doch gefälligſt Ihren geehrten Mund etwas auf, damit ich ſehen kann.“ Der Fremde aber brach in ein gellendes Lachen aus und hielt dem Studenten zur Antwort ſeine Hände entgegen, aus welchen klare Waſſerſtrahlen über den Tiſch und die ſämmtlichen Gäſte hinfuhren. Zugleich traten ſeine Augen aus dem Kopf, und das ganze Geſtcht verzog ſich zu einem Fiſchhaupte. Im nüchternen Zu⸗ ſtande würden ſämmtliche Anweſende über dieſen Anblick ſich nicht wenig entſetzt haben, aber der Dunſt des Weines hatte ihre Augen it ſo vielen bunten Ranken umſponnen, daß ſie bei ſich ſelbſt nicht jcht einig waren, ob das wirklich geſchehen, was ſie da ſahen. Nur 4 8 — der Student war entſetzt zurückgefahren und hatte dem Unbekannten eine Flaſche an den Kopf geſchleudert, welche in tauſend Scherben zerſprang, die derſelbe ruhig abſchüttelte und ſich durch einige Fiſche, Eidechſen und anderes Gewürm rächte, welches er aus ſeinen Finger⸗ ſpitzen dem Muſenſohn a Geſicht ſpringen ließ. Dieſer erhob ein gräßliches Geſchrei und brüllte Mord und Zauberei, daß alle Anweſen⸗ den erſchrocken von ihren Sitzen auffuhren. Nur der Eckſteinkönig blieb ruhig auf ſeinem Platz ſitzen und lächelte vor ſich hin. Der Herr Barbatus, dem auch einige Waſſerſtrahlen das Geſicht etwas abgekühlt hatten, ſetzte ſeinen Hut auf, und es war komiſch anzuſehen, wie ſeine vergnügt zuckenden Mundwinkel wie Blitze rechts und links in die Backen fuhren und da einige ernſte Züge hervorſuchten, mit welchen er folgende Worte würdig begleitete:„Unüberlegter Unbe⸗ kannter,“ ſo ſprach er mühſam,„junge Fontäne, daß Sie kein menſch⸗ liches Weſen ſind, obgleich Sie einigermaßen ſo ausſehen, iſt mir jetzt auf entſetzliche Weiſe klar geworden. Laſſen Sie ab von Ihrem dämoniſchen Treiben. Haben Sie vielleicht früher auf irgend einem Brunnen geſtanden und ſind hinabgeſtiegen, weil Ihnen das Waſſer nicht mehr mundete, ſo iſt dieſe That zu loben. Iſt aber die Zeit Ihres geſpenſtiſchen Wandels verfloſſen und Sie glauben wieder auf Ihrem Platz zu ſtehen, da Sie anfangen, Ihre Strahlen ſpringen zu laſſen, ſo erlaube ich mir, Ihnen unterthänig zu bemerken, daß das nicht der Fall iſt, und Sie haben nur ungefähr die Gegend zu be⸗ ſtimmen, wohin Sie gehören, ſo werden wir uns ein Vergnügen dar⸗ aus machen, Sie nach der Richtung zu einem Fenſter oder der Thür hinauszuwerfen.“ Das Wort Hinauswerfen ſchlug, wie die Feuerglocke zur Nacht, an das Ohr der Schlafenden, an die taumelnden Sinne der Unter⸗ offiziere und Studenten. Im Nu drängten ſie ſich an die Fremden und ſuchten dieſelben zu faſſen. Aber es bedurfte nur einer Handbe⸗ wegung, und die Angreifer prallten drei Schritte zurück. Der große bleiche Mann öffnete den Mund und ſprach zum erſtenmal, aber mit donnernder Stimme:„Sind das die Regeln eurer Gaſtfreundſchaft, unredliches Menſchenvolk? Machen wir es eben ſo, wenn ihr in unſer Reich eindringt? Sind wir euch hinderlich und necken euch, wenn eure unbeholfenen Leiber ſich in unſer klares, reines Waſſer wagen? Freilich ſind wir nicht eures Gleichen, wir ſind Prinzen des Waſſerreichs. Seht in mir den Fürſten von der Moſel. Ich war es, der im Keller des Hauſes hier meine Unterthanen rein erhielt und ſie vor der Waſſer⸗ pumpe des Wirths bewahrte.“ 3 „Und ich,“ rief der zweite der Fremden mit dem rothen Geſicht, „bin der Graf von Walportsheim. Oft bin ich dem Küfer als Ge⸗ * * F ſpenſt in den Weg getreten, oder hab' ihm ein unheimliches Wort in die Ohren geflüſtert, wenn er das Blut meines edlen Volkes mit ſchlechtem Drachenfelſer miſchen wollte.—„Und daß ihr undankbaren Geſchöpfe,“ rief der Dritte,„in dieſem geringen Hauſe ein Glas guten Rheinwein trankt, habt ihr mir zu danken Ich bin der Prinz Pips, Vetter Seiner Majeſtät vom Rhein, und für eure Unhöflichkeit will ich euch jetzt mit Waſſer regaliren.“ Und ſtärker und ſtärker ſchoſſen die Waſſerſtrahlen aus den Fingerſpitzen des Prinzen. „Nixen und Waſſermänner!“ ſtöhnte Barbatus und ſank in ſei⸗ nen Stuhl zurück.„Hebt euch von hinnen, ihr Geſpenſter, im Na⸗ men——“—„Alberner Menſch!“ unterbrach ihn der Fürſt von der Moſel,„glaubſt du uns durch deine ohnmächtigen Formeln hin⸗ wegſchrecken zu können? Glaubſt du, ihr ſeid höhere Weſen, die ein⸗ zigen vom Schöpfer anerkannten, und ein Wort von euch reiche hin, uns verſchwinden zu machen? Dankt es unſerer friedfertigen Natur, daß wir nicht längſt von unſerem Grunde aufgeſtiegen ſind und uns auf dem Lande die Macht angemaßt haben, welche wir unbeſchränkt im Waſſerreiche üben. Faſſe meine Hand und fühle, ob dein Fleiſch feſter iſt, als das meinige!“—„Greift ſie, greift ſie!“ ſtöhnte Bar⸗ 4 batus und ſchlug in der gräßlichſten Angſt mit beiden Händen auf den Bauch.„O ſtilles Vergnügen, dein werd' ich gedenken!! „Holla ho!“ ſchrie Prinz Pips,„wir wollen unſere Unterthanen aus dem Keller abrufen und das Gezücht hier im klaren Wein er⸗ ſäufen. Herauf ihr Geſellen, und herein ihr draußen!“ Er riß das Fenſter auf, zu welchem der Wind, der noch immer heftig tobte, Schilf⸗ pflanzen und Waſſerblumen, auch ſonderbar geballte Nebel hereinjagte, die ſich in der Stube zu ſeltſamen Geſtalten umwandelten. Hier ſprang ein ungeheurer Froſch, da eine rieſige Eidechſe. Große Fiſche ſchlüpften 3 zwiſchen den vor Entſetzen angefeſſelten Menſchen herum und ſchnappten ihnen nach den Beinen. Unten im Keller begann es zu klingen und zu klappern; es rutſchte und rollte die Treppe herauf, es klirrte und drängte gegen die Stubenthür, welche aufſpringend ein unermeßliches Flaſchenheer in die Stube ließ. Rhein⸗, Moſel⸗ und Aarweinflaſchen rollten herein, ſogar einige Champagnerflaſchen hatten ſich im allge⸗ meinen Strudel mit fortreißen laſſen. Es war ein gräßlicher Anblick, ein betäubender Spektakel: das Knirſchen der Flaſchen, indem ſie ſich an einander drückten und drängten, dazwiſchen das Quicken und Grun⸗ „ zen der Waſſerthiere, wozu der Prinz immer gräßlicher lachte und ſich bald lang, gleich einem Aal ausreckte, bald wie eine Schildkröte zu⸗ ſammenkroch. Auch hatte er ſchon ſo viel Waſſer von ſich gegeben, daß der Fußboden über einen Schuh hoch damit bedeckt war. „Wollt ihr meine grünen Zähne ſehen, ihr Menſchenvolk?“ lachte 4 4 4 hich bin ein Waſſermann!“ 150 der Fürſt von der Moſel, und der Graf von Walportsheim ſchüttelte ſein Haupt, um welches ſtatt Haare große lange Waſſerpflanzen flat⸗ terten, mit welchen er den Anweſenden im Geſicht herumfuhr. Er rief.„Auch habe ich grünk Haare! ſeht meine grünen Haare! Ja wohl, —„Auch ihr,“ jauchzte der Prinz da⸗ 5 zwiſchen,„ſollt Waſſer⸗, nein Weinmänner werden! Holla, Geſellen! f kommt, liebenswürdige Weine, rächt euch an dieſen Geſtalten, die ſchon ſo vielen der eurigen in ihrem Magen ein ſchlechtes Ende be⸗ reitet haben. Steigt heraus und erſäuft ſie! Heraus! heraus!“ Hui, wie flogen die Pfropfen der Flaſchen, wie zerborſten die, denen er zu feſt auf dem Halſe ſaß! Roth und weiß floß der Strom durcheinander und von Minute zu Minute ſtieg die Fluth. Wollten die unglücklichen Menſchen zur Thür oder zum Fenſter hinaus, ſo traten ihnen die greulichen Waſſerſcheuſale entgegen oder ſonſt eine der wüſten Geſtalten, welche das Haus umliefen, es bewachten und Niemand hinausließen. In halber Ohnmacht lag Barbatus in ſeinem Stuhl und ſchaute mit gebrochenem Auge in die Verwüſtung. Eck⸗ ſteinkönig dagegen ſaß ſo gravitätiſch wie früher, Scepter und Kugel in der Hand haltend, und lächelte.. 3 Um ſich vor dem ſichern Waſſertode wenigſtens eine Zeit lang zu retten, warfen ſich die Studenten, Unteroffiziere und Bürger gegen das Billard und verſuchten es von allen Seiten zu erklettern. Aber es ſchwankte wie ein Boot im Rhein, und manche fielen mehrmals in's Waſſer, ehe ſie den rettenden Bord erreichten. Unvermögend, ſich zu rühren, war Barbatus ſitzen geblieben; jetzt wehrte er ſich mit aller Kraft der Verzweiflung gegen einen ungeheuren Krebs, welcher ſich bemühte, ihm mit ſeiner Scheere den dreieckigen Hut vom Kopf zu ziehen. Mit einer Hand ſchüttelte er den Eckſtein und verſuchte, ihn aus ſeiner phlegmatiſchen Ruhe zu zerren.„Rette mich! Majeſtät!“ ſtöhnte er.— „König, hilf! ſchlag mit deinem Scepter das Unthier zu Boden! Hülfe! Hülfe!“ Ruhig ließ dieſer das Stück Holz, welches er in der Hand trug, auf den Kopf des Thiers fallen, das ſogleich vom Geiſtlichen abließ und in die Fluth tauchte. 1 5 Da ſtürzte der Prinz hinzu.„Wie, du Kartenkönig,“ rief er, „du wagſt es, meine Freunde zu ſchlagen? Herbei, herbei, lieben Thiere! Kneipt ihn, erwürgt dieſen König!“ Eine Maſſe der häßlich⸗ ſten Thiere kam herangeſchwommen; doch kaum hatten ſie ſich dem König genähert, ſo prallten ſie zurück und umkreisten ihn ſcheu in einiger Entferung, und ſelbſt der Prinz wich vor dem todten, bleifar⸗ benen Auge zurück und wagte nicht, ihn anzuſehen.„Wer biſt du?e?“ fragte der Prinz.—„Der Eckſteinkönig hochſeligen Andenkens. 78o geh' in dein Grab, wenn du ſelig biſt,“ rief der Graf von Wal⸗ portsheim,„und ſtör' uns nicht in unſerem Vergnügen, du Geſpenſt!“ —„Wenn ich ſchlafen könnte, gern, denn ich bin ſehr müde,“ ent⸗ gegnete der Eckſtein.—„O du Kartenkönig!“ rief der Prinz; nich will dich zur Ruhe bringen, Geſpenſt. Ein Aß her! ein Eckſteinaß! ich will den König ſtechen!“ Da brach plötzlich ein freundlicher Strahl der aufſteigenden Mor⸗ genſonne in das Zimmer der Schenke zum ſtillen Vergnügen. Im Stuhle lag ausgeſtreckt der Herr Barbatus und war todt. Vor ihm ſtand der Wirth und wiſchte ihm das Blut ab, welches an ſeinem Munde geronnen war. Wahrſcheinlich hatte ein Schlaganfall ſein Herz gebrochen.— Auf dem Tiſche lag ein alter Eckſteinkönig, der zu keinem vorhandenen Spiele paſſen wollte und den der Wirth deß⸗ halb zum Fenſter hinauswarf. Von den Gäſten, welche vergangenen Abend hier geweſen waren, iſt ferner keiner gekommen, denn der Wein ſoll ihnen ſo entſetzliche Träume verurſacht haben, daß Einige im Ernſte behaupteten, es ſeien hier Sachen vorgefallen, die ſte nicht zum zweiten Mal mit anſehen wollten.— Den größten Schaden aber hatte der Wirth. Der Herr Barbatus war todt, der Herr von Eckſtein ließ ſich nie mehr ſehen, und was noch ſchlimmer war, in dieſer Nacht 5 waren im Keller die vielleicht morſchen Weingerüſte gebrochen und faſt fimmtliche Flaſchen herabgefallen, zertrümmert und ausgelaufen. 4. Eine Meßbude. Eine Wohnung, deren Fenſter die Ausſicht auf einen ſchönen Garten haben, um die das ſaftige Rebenlaub mit ſeinen Ranken natür⸗ liche Jalouſten bildet, die keinem neugierigen Auge in die ſtille Klauſe zu dringen geſtatten, dagegen ſo viel runde und eckige Oeffnungen haben, daß man im Geheim die ganze Nachbarſchaft dadurch belauſchen kann, iſt eine ſchöne Sache im Sommer. Ich hatte eine ſolche Stube, und es war mein größtes Vergnügen, zuzulauſchen, wie die Natur aus ihrem Schlummer erwachte, wenn die erſten Strahlen der aufge⸗ henden Sonne auf Gras und Blätter Tauſende von Diamanten war⸗ fen, die Vögel ihre Morgenlieder ſangen, und die Goldkäfer und Ameiſen über die weißen Sandwege emſig ihren Geſchäften nachliefen. Und dann erſt am Abend, wenn es allmählig ſtiller ward in den Büſchen und Gräſern, wenn die ſchöne Nacht empor ſtieg und der 152 müde Tag an ihrem Herzen entſchlummerte! Wie gut und ſanft war die Nacht, wie ruhig und ſtill, bis er wirklich feſt eingeſchlafen war! Dann warf ſie einen Blick auf den ruhenden Geliebten, bewegte geräuſchlos ihren Zauberſtab, rief ihre Genien und Fantome hervor, ermunterte ſie zu Tänzen und Geſängen, und hieß ſte die Seele des entſchlafenen Tages mit bunten Träumen umgeben. O ſie war ſchön die Nacht und freundlich! Wie oft bin ich an ihrer Bruſt entſchlum⸗ mert, und auch um mich flatterten die bunten Geſtalten, welche aus den Blumen empor ſtiegen, und die kleinen zierlichen Elfen, die hervor⸗ kamen aus dem ſilberhellen Bach. Wie oft legte ſich eine kleine Nixe an mein Herz, und ließ das ihre leiſe gegen das meine ſchlagen, und preßte mir einen glühenden Kuß auf die Lippen, daß ich oft im Traume geglaubt habe, es ſei die ſchöne Emma, deren Herz aber nie an dem meinigen ſchlug und die mich nie geküßt hat. So ſchaute mein Geiſt in das dunkle Laubgewölbe des Gartens, welcher vor meinem Fenſter lag. Gewöhnlich aber ſpähte auch mein leibliches Auge hinein, ob ſich nicht irgend eine liebenswürdige Nach⸗ barin ſehen laſſe, die da in den ſchattigen Gängen herumſpazierte; denn eine ſolche Erſcheinung gehört zu der Wohnung, die an einem Garten liegt. Ich wußte, daß der vor meinem Fenſter einem reichen Kaufmann gehörte, welcher eine einzige, allerliebſte Tochter hatte, die ungefähr ſechzehn Jahre alt ſein mochte. Ich hätte mich ſehr gefreut, das liebliche Kind zuweilen zu ſehen; doch waren die Anlagen groß, und meine Wohnung lag ganz am Ende derſelben, deßhalb wurde mir dieſes Glück nie zu Theil. Ich hatte nicht im Sinn, irgend ein Ver⸗ hältniß anzuknüpfen oder auch nur den Verſuch zu machen; es hätte mich nur aufgeheitert und meine Phantaſie erfriſcht, ſo ein niedliches Weſen unter den Roſen umherflattern zu ſehen. Endlich, nachdem ich ſchon alle Hoffnung aufgegeben, ward mein Wunſch erfüllt. Eines Abends lag ich im Fenſter; da ſprang über eine der Grasflächen, deren es viele im Garten gab, ein niedliches Reh, das ich ſchon oft bemerkt hatte, gerade auf meine Wohnung zu, blieb zuweilen ſtehen, und wandte den Kopf zurück, als necke es jemand, der ihm nachkäme. So war es auch; faſt athemlos, doch laut lachend lief hinter ihm die Tochter des Kaufmanns, dem Thiere: Fritz! Fritz! nachrufend. Nahe vor meinem Fenſter warf ſich das Mädchen auf eine Raſenbank, und lockte das Reh ſo lange, bis es kam, und ſich zu ſeinen Füßen lagerte. Es war eine allerliebſte Gruppe. Seit der Zeit kamen Beide oft in dieſe Gegend der Anlagen. Wenn meine Citelkeit auch noch größer geweſen wäre, als ſie wirklich war, ſo hätte ich doch unmöglich auf den Gedanken kommen können, als ſei ich ein Magnet geworden, welcher das liebliche Kind anzöge, 3 153 weil mich Niemand ſehen konnte, da, wie ſchon geſagt, dichtes Reben⸗ laub meine Fenſter umrankte. 3. Eines Tages hatte ſich das Mädchen auf die Bank gelagert und las emſig in einem Buch, da ward ein kleines Thor, welches neben meiner Wohnung von der Straße in den Garten führte, haſtig eröff⸗ net, und ein bildhübſcher junger Menſch trat herein. Derſelbe war phantaſtiſch gekleidet, und da es gerade in der Meßzeit war, ſo muth⸗ maßte ich, er gehöre zu irgend einer der Gaukler⸗ oder Künſtler⸗ Geſellſchaften, die gerade ihr Weſen in der Stadt trieben. Er war im höchſten Grade aufgeregt. Raſch um ſich blickend, ſtrahlte ſein Auge vor Vergnügen, alle ſeine Bewegungen waren wild und heftig, er kam mir in dieſem Augenblicke wie ein junges Pferd vor, das, dem dunklen Stalle entlaufen, die friſche Luft einathmet und ſich der gewon⸗ nenen Freiheit freut. So ſah er mit erhobenem Haupte um ſich, holte aus tiefer Bruſt Athem und ſprang mit wilden Sätzen über Bouskets, Grasplätze und Wege. Jede Blume, bei der er vorbei kam, betrachtete er neugierig und freudig, legte ſein Geſicht darauf oder drückte ſie an die Bruſt. Plötzlich blieb er erſtaunt ſtehen, denn er war durch eine Wendung des Weges gerade vor das Mädchen getreten, welches, das Geräuſch des Kommenden hörend, aufgeſprungen war, und die ſelt⸗ ſame Erſcheinung überraſcht anſah. Das Reh ging in weitem Kreiſe um Beide herum, eine dunkle Röthe überzog die Züge des jungen Mannes, er ließ ſich auf ein Knie nieder und ſprach zu dem Maͤdchen: „O ſage mir, wer biſt du?“ Sie trat einen Schritt zurück und ent⸗ gegnete mit nicht geringer Verlegenheit:„Ich heiße Louiſe und mir 4 gehört dieſer Garten.“—. „Alles, das Alles gehört Dein?“ ſagte der Unbekannte.„Alle dieſe lebenden Bäume, dieſe wirklichen Blumen und der blaue Himmel, der tauſendmal ſchöner iſt, als ein gemalter? O laß mich deine Hand küſſen, du biſt ſo freundlich, laß mich etwas bei dir in dieſem ſchönen Guarten bleiben.“. Dem Maädchen ſchien das ſonderbare Benehmen des jungen hüb⸗ 4 ſchen Mannes zu gefallen.„Aber,“ antwortete ſte, während er ihre Hände ergriff und ſie mit heißen Küſſen bedeckte,„aber wer ſind— wer biſt Du denn?“— das Du ſprach ſie ganz leiſe. „Ja,“ entgegnete der junge Mann,„das iſt eine traurige Ge⸗ 12 ſchichte. Wenn ich das nur ſelbſt wüßte. Der alte Mann, der mich mit ſich herum führt, der mich immer in die hölzerne Bude oder in den Wagen ſperrt, ruft mich nur mit dem Namen Pique!“ „Abey was thuſt Du denn in der hölzernen Bude?“ fragte das Mädchen. e „Ich mache Kunſtſtücke, und darnach werde ich jedesmal einge⸗ „ 154 ſchloſſen; denn der alte Mann ſagt, draußen laure etwas auf mich, und wenn mich das träfe, ſei ich verloren. Heute bin ich entſprungen und hieher gelaufen, wo es ſo ſchön iſt. O laß' mich einige Augen⸗ blicke hier dieſe lebendigen Bäume anſehen, die ſo friſch ſind, und die natürlichen Blumen, die ſo ſüß duften. Laß' mich etwas bei Dir bleiben, die Du noch ſchöner biſt, als das Alles.“ Er legte ſich ins Gras und zog das Mädchen neben ſich, das ſich von ſeinem Erſtaunen nicht erholen konnte und willenlos zu ihm hinabſank, erſt auf die Knie, dann neben ihn auf den weichen Raſen. Es war für mich ein ſeltſamer, ein holder Anblick!— ſie mit dem reichen Gewand, mit dem blühenden Geſicht, in welchem Erſtau⸗ nen, Scham und Wohlgefallen an dem ſchönen Jüngling wechſelten; er in dem ſonderbaren phantaſtiſchen Aufputze, mit dem ſchönen, freude⸗ ſtrahlenden Blick, tauſenderlei Fragen, tauſenderlei Bemerkungen machend, mit einer ewigen Verwunderung; dazwiſchen das Reh, welches bald dem Einen, bald dem Andern zutraulich über die Schulter ſah. Ich muß geſtehen, ich ward mit den Unſchuldigen zum Kinde, ich habe eine Thräne geweint, eine Sehnſuchtsthräne nach einem Glück, wie das der Beiden, nach einem Herzen, das mich liebevoll anhöre, wenn ich ihm von den wirklichen lebendigen Blumen und Bäumen erzählen wollte, von den Geſprächen der Roſen und den Poeſten der Goldkäfer — aber kein Herz, kein Herz für mich, das mich verſtünde! Eine gute Stunde brachten die Beiden unter Lachen und Plau⸗ dern hin; dann erhob ſich das Mädchen, reichte dem jungen Manne ihre beiden Hände hin und ſprang blitzſchnell dem Hauſe zu. Er ſah ihr nur einige Minuten nach, und lief dann mit derſelben Haſt, mit welcher er gekommen, durch das Gartenthor, wahrſcheinlich nach ſeiner Bude zurück. Mich intereſſirte es übrigens ſehr, zu wiſſen, wer er ſei. Ich hatte eine dunkle Ahnung, in ihm auf einen Gegenſtand zu ſtoßen, mit dem ich früher in näherer Beziehung geſtanden und den ich gekannt hatte; er war mir zu unerwartet ſchnell entſchwunden, als daß ich ihm hätte folgen können, um zu ſehen, wo er geblieben. Darum mußte ich mich, wollte ich meinen Zweck erreichen, zu einer Wanderung durch die ſämmtlichen Buden und Merkwürdigkeiten der Meſſe entſchließen. Eine Zimmerreiſe durch Amerika, Aſten und Afrika war bald abgemacht, ohne daß ich etwas gefunden; das große Skelett eines Wallfiſches, welches ich beſehen, hatte mich meinem Zwecke nicht näher gebracht; ich durchſtöberte zwei Menagerien und wohnte den Vorſtellungen einer Kunſtreiter⸗Geſellſchaft bei, beſah hier außer dem ſich heute Abend producirenden Perſonale in den Ställen und Garde⸗ roben die ſämmtlichen andern Mitglieder, ohne eine Spur von meinem Unbekannten zu finden. 155 Unterdeſſen war es ſpät geworden, und ich mußte die Unter⸗ ſuchung der noch übrigen Buden auf den andern Tag verſchieben. Ich ſchlenderte nach Hauſe und kam ganz am Ende des Marktplatzes noch an einem Bretterhauſe vorüber, das ein alter kleiner Mann, wahr⸗ ſcheinlich nach eben beendigter Vorſtellung, verſchloß. Sonderbar nahm ſich das Coſtüm und die grell geſchminkten Wangen im Halb⸗ dunkel des Abends aus; der bleiche Kopf mit den zirkelrunden rothen Flecken, auf dem ein goldbordirter, dreieckiger Hut ſaß, dazu ein rother Frack, gelbe Hoſen und weiße Strümpfe; und welch ein Geſicht! hart! wie aus Stein geſormt, veränderte ſich kein Zug darin. Die tiefen Furchen konnte kein Lächeln mehr ausgleichen, ſte ſchienen mit dem Meißel hineingearbeitet; ſicher waren Zeit und Lebensſtürme die Bild⸗ hauer geweſen. Dabei liefen die Augen unheimlich von einer Seite zur andern, während der kleine Mann das Schließen der Bude mit der größten Schnelligkeit betrieb. Entweder hatte er dringende Ge⸗ ſchäfte, oder es mußte ihm auf der Straße nicht behaglich ſein, denn kaum hatte er Läden und Thüren verſchloſſen, ſo ſchlüpfte er raſch zu einem Nebenthürchen hinein, und auch das hörte ich ihn von Innen mit zwei Riegeln verſchließen. Ich ſtand lange nachdenkend und ſah der Erſcheinung nach; dies Geſicht? die ganze Figur— es ſtiegen dunkle Erinnerungen in mir auf; ich hatte ihn früher geſehen, doch wo? ich konnte mich nicht im Augenblick darauf beſinnen; je mehr ich indeß über die ſeltſamen Züge nachſann, um ſo mehr ſtiegen üppige, ſonderbare Gedanken in mir auf. Er erinnerte mich an eine Nacht, in der ich viel geträumt und viel geſehen hatte, der alte gebeugte Mann mit der tiefen Melancholie, der rothe Rock— richtig, es war das Geſpenſt jener Nacht auf dem Rathhausplatze in Köln, ja ja, er war es! Und der junge Menſch, der mir ſo plötzlich wieder ins Ge⸗ dächtniß kam! Sollte ich hier zugleich bei meinem Alten auch einen neuen räthſelhaften Bekannten finden, den Gegenſtand meiner For⸗ ſchungen von heute? Pique, dieſer Name, und jener kleine Mann, und die Nacht mit den wüſten Träumen, wo er die vier Könige ver⸗ fluchte, ſte ſollten wandeln auf der Erde! Damals, bei ruhiger Ueber⸗ legung, hatte ich die ganze Geſchichte belächelt, ſie niedergeſchrieben und mich gezwungen, dieſelbe, ungeachtet ich Alles ſo deutlich geſehen und gehört hatte, ihrer Unmöglichkeit halber für Traum zu halten, und hatte ſte allmählig vergeſſen. Aber nun, da ich in der Perſon des alten Mannes, den ich zu deutlich erkannte, den Kreis jener Zau⸗ bergeſtalten wieder tangirte, erſtanden ſie zu lebendig in meiner Bruſt. Ich wußte wieder jedes Wort, das die todten Soldaten geſprochen, mir kam der ganze Eindruck jenes Augenblicks wieder, wo der un⸗ glückliche Spieler Alles verlor und den Fluch über die Karten aus⸗ ——Z—Z’ 3 156 ſprach. Aber konnte dieſer Fluch gewirkt haben? Hatte eine böſe, unergründliche Macht dem Alten die Kraft eines Zauberers gegeben, daß er lebende Weſen erſchaffen konnte? Tauſende von Zweifeln, Vermuthungen und Hoffnungen zogen um mein Gehirn ein Gewebe von dunkeln und glänzenden Farben, das mich ſehr ängſtigte: ich mußte es durchbrechen. Raſch klopft' ich an die Thür der Bude. Nachdem ich lange vergeblich gewartet hatte, hörte ich endlich die Riegel klirren, und der alte Mann ſtreckte ſeinen Kopf heraus.„Was wün⸗ ſchen Sie?“ ſprach er,„meine Vorſtellungen ſind für heute beendigt; doch ſtehe ich morgen um ſechs Uhr wieder zu Dienſten.“ Es war dieſelbe heiſere Stimme; er mußte es ſein.„Laſſen Sie mich einen Augenblick eintreten,“ bat ich ihn,„ich bin einer Ihrer Bekannten.“ Ueber ſeine Züge flog ein eigenes Lächeln.„Sie, einer meiner Be⸗ kannten!“ ſagte er leiſe:„Das muß ein Irrthum ſein. Die können mich ſelten beſuchen und nie ſo früh; zuweilen zwiſchen Zwölf und Eins in der Nacht; ſind auch nicht ſo jung und ſauber anzuſehen, wie Sie mein Herr.“ Er wollte die Thür ſchließen.„So ſieh mich genau an, alter Soldat,“ entgegnete ich halb lachend.„Denke an Köln, denke an die vier Könige.“ Er trat einen Schritt zurück und ſein Geſicht nahm einen ängſtlichen, aber unheimlichen Ausdruck an, ſo daß ich trotz der nun ganz geöffneten Thür nicht einzutreten wagte. „Wer biſt du denn, daß du auch bei Tage umgehſt. Was hat dir dein Grab verſchloſſen?“ „Ich habe Gottlob noch keins beſeſſen,“ ſagte ich,„erinnere dich des Menſchen an jenem Morgen, der dir ſeinen Mantel umwarf, als du vor Froſt zitternd allein zurückgeblieben warſt?“ „So, du biſt's?“ ſprach der Alte freundlicher.„Das iſt etwas Anderes. Du haſt mir Gutes gethan, darum tritt ein.“ 8 Ich ließ mich nun nicht nöthigen, und er verſchloß hinter uns die Thür ſorgfältig. Im Anfang wollte mich ein kleiner Schauer beſchleichen, als ich mit dem Alten in dem halbdunkeln Hauſe ganz allein ſtand, ſo ſchien es wenigſtens, denn man hörte kein Geräuſch, als das unſerer Bewegungen, oder das Picken eines Holzwurms in den Bretterwänden. Dazu kam noch der Anblick allerlei ſeltſamer Mobilien, die umher ſtanden, unter Andern ein Sarg, der ihm wohl zum Bette diente. Jetzt ſetzte er ſich darauf, und ich nahm ihm gegen⸗ über in einem alten Stuhle Platz. Eine Zeit lang ſaßen wir ſtumm einander gegenüber; ein Jeder hing ſeinen Betrachtungen nach. Seit jener Nacht waren einige Jahre vergangen; ich hatte den Militärdienſt und die alte Stadt Köln längſt verlaſſen, und wie ich nun dieſen Alten wieder ſah, fiel mir, wie ſchon geſagt, jene Nacht ein, und mit ihr all' die wilden, vergnügten Nächte, 157 die ich bald allein, bald mit gleichgeſinnten Freunden auf den ſtillen Straßen genoſſen hatte, in denen ich mit dem Geiſterreich Bekannt⸗ ſchaft anknüpfen wollte. Aber jene Zeit lag weit hinter mir. Ich wandelte in einer Sandwüſte, lebte ſo ruhig bürgerlich, Schritt für Schritt dahin; da ſtieß ich plötzlich auf dieſen Alten, meinem faſt ver⸗ 4 ſchmachteten Geiſte eine friſche Oaſe. Mein Gegenüber ſeufzte tief auf.„Ich wandle noch immer,“ ſprach er,„einſam, allein unter den fühlenden, fröhlichen Geſchöpfen, den Menſchen, und werde wohl noch lange wandeln müſſen.“ „Darf ich Sie,“ ſagte ich,„auf die Vorfälle jener unglücklichen Nacht zurückführen? Mich hat doch nun einmal das Schickſal in Ihre Begebniſſe eingeweiht. Darum bitte ich, laſſen Sie mich erfah⸗ ren, wie es Ihnen ſpäter ergangen iſt, wie Ihr jetziges Leben mit jenen Vorfällen zuſammenhängt, und was aus den vier Königen ge⸗ worden? Mein Glaube ſchwankt hin und her, in wie fern Ihr aus⸗ geſprochener Fluch auf die lebloſen Blätter gewirkt hat. „Es erleichtert meine gepreßte Bruſt,“ antwortete das Geſpenſt, 4„wenn ich nach Jahren einem Weſen, das mich verſteht, mein Herz ausſchütten kann.“ Darauf erzählte er mir Folgendes:„Nachdem ich die Ruhe meines Grabes verſpielt hatte, ſprach ich in der Ver⸗ zweiflung, die ſich meiner bemächtigte, den ſchrecklichen Fluch über jene vier Könige aus. Es ward Morgen, der erſte, den ich nach unge⸗ fähr hundert Jahren wieder erlebte. Ich ſtand unter den Menſchen, ſah ihr Getreibe, das mir gänzlich fremd geworden war und mich unheimlich umtoste. Ich ſchritt durch die Stadt, fand kaum die Straßen und Gäßchen wieder, welche mir früher ſo bekannt waren, ſah freie Plätze, wo ſonſt ſtattliche Gebäude ſtanden, und neue Häuſer auf Stellen, wo zu meiner Zeit Gras gewachſen war. Ich ging auch dahin, wo vordem meine Hütte geſtanden; ſie war nicht mehr. Mein wildes, ſinnloſes Leben hatte der Boden nicht tragen können, er war eingeſunken, und wo ich früher gewohnt, ſtand jetzt ein grüner trüber Waſſerpfuhl. Ich bin über mein Grab hinweggegangen, über mein ſtilles enges Grab; ich hätte den Boden aufgewühlt, aber es war kein ruhiger Friedhof mehr wie ehedem. Luſtige Menſchen liefen hier auf und ab und muntere Spiele wurden auf dem Platz gehalten, der doch eigentlich uns gehörte. Ich aber ward erſtaunt betrachtet und ver⸗ ſpottet. Darum verließ ich die Stadt und wandelte den Rhein hinauf, bis es Abend wurde. Da legte ich mich nieder unter einer einſamen Weide; zu meinen Füßen floß der gewaltige Strom; es war derſelbe, an welchem ich als Kind geſpielt, er hatte ſich nicht geändert, war nicht alt geworden. Mein Kopf ruhte auf einem Stein, ich ſchlief nicht, doch verſank ich in einen Zuſtand, den man waches Träumen 158 nennt. Da ſchwebten rechts und links Geſtalten auf mich zu, die ich zu gut kannte— die vier Könige, und der Eine fing an zu ſprechen: „Dein Fluch hat uns gebannt: wir werden wandeln und des Men⸗ ſchenlebens Jammer genießen, doch zu deiner Strafe werden wir fünf verſchiedene Weſen bilden und doch eins ſein. Jeder von uns belebt ſich aus dir, indem er dir eine ſüße Erinnerung oder eine Tugend nimmt, welche du beſeſſen und deren Andenken bisher noch einiges Licht in das ſchwarze ſchaurige Labyrinth deines Lebens brachte. Wir werden umher ſchweben, bis unſere Zeit kommt, doch auch du. Fortan wirſt du deine Berzweiflung vergebens dadurch zu lindern ſuchen, daß du dich erinnerſt, du ſeiſt einſt gut geweſen, und ſchöne frohe Stun⸗ den deines verfloſſenen Lebens heraufrufſt; du haſt keine mehr, in deiner Bruſt bleibt nur das Andenken der Sünden, die du begangen.“ Ich fuhr empor, und o Jammer! es ward plötzlich in meinem Herzen ſo, wie ſie geſagt, Nacht, nur Nacht! Sie hatten mein Herz geplün⸗ dert, und mit ſich geführt das Gold, was noch darin lag, was in jeder, auch der ſchlechteſten Bruſt ruht, die ſüßen Erinnerungsſtrahlen, welche das Böſe dämpfen und den Menſchen vor der gräßlichſten Ver⸗ zweiflung und dem Selbſtmorde bewahren! Und in mir ward es nun öͤde und leer, und ich kann mir nicht einmal das Leben nehmen. Was ſie mir geraubt, waren freilich nur Andenken an eine glückliche Jugend⸗ zeit geweſen; aber aus dieſem friſchen Brunnen ſchöpfte ich ja ſtünd⸗ lich, wenn mich der Staub meines ſpätern ſchwarz verſengten Lebens⸗ weges erſticken wollte. Der Eine der Viere hatte meine frohen Träume mitgenommen, bunte Geſtalten, die mich umſchwebten, wenn ich mich in das hohe Gras legte, und mir durch Zuflüſterungen einer frohen Zukunft Hoffnungen, wenn auch falſche, vorſpiegelten, über die ich meine traurige Gegenwart vergaß. 3 1 „Ein Anderer hatte mir die Ruhe der Ermattung genommen, welche uns befällt, wenn man ſtundenlang gegen finſtere Gedanken gekämpft hat; ein phlegmatiſches Hinſinken, worin uns, weil wir nicht mehr denken und fühlen, jene unerquickliche Ruhe dennoch an⸗ genehm iſt. „Ein Dritter entwand mir das Vergnügen, das jedes Geſchöpf empfindet beim Anblick der großen herrlichen Natur. Mich freute nicht mehr der Glanz der Sonne, nicht das ſanfte Licht des Mondes, nicht das friſche Grün der Bäume und die ſchönen Blumen, nichts mehr, nichts mehr! die ganze Schöpfung ſchien mir grau bezogen und ekelte mich an. 3 „Der Vierte endlich leerte mein Herz ganz aus und nahm mir die letzte ſüße Erinnerung, ein kleines Bild, welches ich zuweilen anſah, das mir Troſt und Beruhigung, ſogar Hoffnung gab; das Andenken f an eine Jugendliebe, an ein reines Geſchöpf, welches dort oben iſt, und für mich am Thron des Höchſten beten ſollte. So fühlte ich, als die Geſtalten verſchwunden waren und ich wieder empor ſprang, mich namenlos elend. Ich irrte ohne Ruhe umher, habe mich in das Leben des erſten dieſer Könige geworfen, hab' es vergiftet, indem ich hoffte, meine frohen Träume wieder zu erhalten, umſonſt! ich bekam ſie nicht. Dem zweiten folgte ich; ich ſah ſein armſeliges Daſein verlöſchen; aber er gab mir meine Ruhe nicht wieder. Da ſtand ich ſchaudernd ſtill, und begann zu ahnen, daß Alles für mich auf ewig verloren ſei. So hatte mein Fluch gewirkt, auf mich gewirkt; aus meinem Blut hatte ich die edelſten Theile in die Welt gejagt, mir blieb der faulende Grund, ich war wieder als Menſch mit menſchlichen Bedürfniſſen in den ganzen Jammer des Lebens getreten. Sterben kann ich nicht und muß ſo betteln, um mir mein Daſein zu erhalten. Nur die Karten, das unglückſelige Spiel liebe ich noch immer.“ Er ſchwieg ſtill und ſchaute lange nachdenkend vor ſich hin. Dann er⸗ zählte er mir auf meine Bitte die Geſchichte der beiden Könige, wie ich ſte im zweiten und dritten Capitel wieder gegeben habe. Doch befriedigte mich das noch Alles nicht.„Und von den beiden Andern haben Sie nichts mehr gehört? Sie wiſſen nicht, ob ſie noch wan⸗ deln, oder wo ſie geendet?“ fragte ich.„Nein, nein!“ entgegnete er haſtig.„Ich weiß nichts Genaueres von ihnen, als daß ſie noch in der Welt herumſchweben.“ Bei dieſen Worten ſah er mich forſchend an.„Aber ich weiß, wo der Eine iſt,“ ſprach ich mit erhöheter Stimme;„und auch Sie wiſſen es. Er iſt hier, hier in dieſer Bude.“ Ich war nämlich überzeugt, daß meine Erſcheinung von heute Nach⸗ mittag mit dem ſonderbaren Benehmen und dem Namen Pique, mit ſeinen Erzählungen von der Bude und dem alten Manne, nur hier zu finden ſei.„Warum mir das verheimlichen?“ fuhr ich fort.„Ich weiß es: der Pique⸗König iſt hier bei Ihnen. Wo iſt er? Sie halten ihn gefangen.“ Der Alte war aufgeſprungen und ſah mich entſetzt an.„Woher wiſſen Sie das?“ ſchrie er laut, und ſetzte mit gedämpfter Stimme hinzu:„Und doch wiſſen Sie nichts. Er iſt nicht da.“—„Und doch iſt er hier,“ ſprach ich ganz gelaſſen und erzählte ihm von dem jungen Manne, den ich heute geſehen, von ſeiner Freude über die Natur, ſeinen Ausrufungen und ſeinem Namen, den er genannt, ſagte ihm, daß ich gleich eine Ahnung gehabt habe, dieſe Erſcheinung müſſe mit jener Nacht in Verbindung ſtehen, daß ich hauptſächlich deßhalb hieher gekommen ſei, um mir über dieſe unerklärliche Sache, in die ich ſeltſamer Weiſe verwickelt worden, eine genügende Aufklärung zu verſchaffen. Er hörte mich ruhig an, ſetzte ſich wieder auf ſeinen Sarg, und 160 ſprach dann mit leiſer Stimme:„Sie hat das Schickſal in einen Kreis geworfen, von dem gewöhnlich die Menſchen wegtreten und ihn ſcheu umgehen. Doch weichen ſie zurück, fürchten Sie die unſichtbaren Fäden zu berühren, denen Sie vielleicht nicht zu Ihrem Glücke nahe gekommen ſind. Vergeſſen Sie das Geſchehene und meine Mitthei⸗ lungen, verbannen Sie es aus Ihrem Kopfe, damit es ſich dort nicht feſtſetze, und denken Sie, es ſeien verworrene Träume geweſen, die Ihnen etwas von den vier Königen erzählten. Glauben Sie mir, die Gewißheit, Sachen erlebt, geſehen zu haben, denen Ihr Verſtand und die natürliche Ordnung der Dinge geradezu widerſpricht, könnte Ihnen auf die Länge der Zeit ſehr traurig werden.“ „Und doch,“ entgegnete ich ihm, niſt es gerade das Umhüllen des Geheimnißvollen, was uns lüſtern macht, immer tiefer hineinzu⸗ dringen, und unſern Verſtand zu tauſend Vermuthungen abmartert. Darum bitt' ich nochmals, geben Sie mir einen Zuſammenhang, eine einfache Kette an die Hand, durch die ich die heutige Erſcheinung des jungen Mannes an jenen Pique⸗König reihen kann, und ich will Ihnen danken. Rufen Sie ihn, daß ſein Mund zu mir ſpricht.“ Es flog. wieder ein düſterer Schatten über die Züge des Alten. „Und wenn ich ihn auch hervorrufen könnte und wollte, ſo würde er doch nicht ſprechen,“ ſagte er.„Verlangen Sie nicht, ihn zu ſehen. Es würde Ihnen ſicher kein Licht in das Dunkel bringen, was wohl⸗ weislich für Sie um mich und jenen liegt, und was ſich Ihnen in dieſem Leben nie aufklären wird. Glauben Sie, was Sie geſehen, meinetwegen, aber laſſen Sie Ihre Forſchungen, die Gräber ſind ſtumm. Was ich Ihnen aus Dankbarkeit für Ihre Wohlthat damals zur Befriedigung Ihrer Neugierde über das Weſentliche jener vier Könige ſagen konnte, habe ich gethan. Ich bin getheilt und wandle in fünf Geſtalten, das iſt meine Strafe. Darum denken Sie bei jedem unnöthigen Worte, das Sie ausſprechen, an eine unſichtbar waltende Macht, welche es zu Ihrem Schaden zu wenden ſucht.“ Er öffnete die Thür und ſah in die Nacht hinaus.„Es iſt Mitternacht; darum verlaſſen Sie mich. Zu meiner Vorſtellung morgen bitte ich um die Ehre Ihres Beſuchs.“ Wie ich ihm antworten und ihn noch⸗ mals befragen wollte um den jungen Mann, der mich ſo ſehr intereſſirte, ſtand ich vor der Bude und hörte von Innen die Riegel vorſchieben. Am andern Tage lenkte ich in einer Geſellſchaft von Freunden das Geſpräch auf die kleine Bude am Ende des Marktplatzes und fragte, ob keiner dort einer Vorſtellung beigewohnt? Ein Einziger, der unter uns dafür bekannt war, daß er ſtets alle Merkwürdigkeiten der Meſſe unterſuchte, war dort geweſen und erzählte: der alte Mann, V V — 161 welcher ſie hielt, mache eine Menge oft geſehener und ganz gewöhn⸗ licher Kartenkunſtſtücke, doch rathe er jedem, einmal hinzugehen, indem die letzte Piéce, welche er producire, für all' das andere Mittelmäßige reichlich entſchädige. Er bringe nämlich am Ende jeder Vorſtellung ein kleines Figürchen, einen Kartenkönig, auf die Bühne, welcher— es ſei beinahe unglaublich— an ihn gemachte Fragen ſelbſt beant⸗ worte; auch wandle er herum, öffne die Augen, bewege Hände und Füße, kurz das Figürchen ſei ganz merkwürdig und ſehenswerth. Einige meiner Bekannten lachten. Ein Kartenkönig, welcher ſpräche! —„Nun, da muß der Alte ein ſehr guter Bauchredner ſein,“ meinte Einer.„Und er öffnet die Augen und geht herum?“ ſagte ein Zweiter. „Alſo ein ſchönes Automat! das müſſen wir ſehen.“„In der That,“ fuhr der Erzähler fort,„weiß ich nicht, was ich von dem kleinen Kerl halten ſoll. Der alte Mann reicht ihn in einem Käſtchen von Ma⸗ hagoniholz herum, und dann kann ihm jeder eine Frage vorlegen, die er beantwortet. Das hab' ich auch gethan, und ich muß geſtehen, als er nachläßig ſeine kleine Aeuglein und den Mund öffnete, und mit einem ganz eigenen Stimmchen ſprach, da, weiß Gott! ich wußte nicht, wie mir geſchah. Das ganze ttkum war aber auch entzückt und zugleich beſtürzt, beſondars die Damen, welche den Kleinen nicht aus den Händen laſſen wollten. Ein Automat kann's nicht ſein, ein menſchliches Weſen iſt es auch nicht; denn das Figürchen iſt nicht größer, als gewöhnlich das Bild auf einer Karte.“ „Nun, was ſoll es denn ſein?“ riefen die Andern lachend und neugierig.—„Hexerei!“ entgegnete jener ziemlich ernſthaft.„Mir wenigſtens, der Alles im Leben ſehr nüchtern und ruhig betrachtet und bei etwas Sonderbarem und Unerklärlichem, wenn's möglich iſt, gleich hinter den Couliſſen nachforſcht, mir hat geſtern Abend der Ver⸗ ſtand im eigentlichen Sinne des Worts ſtill geſtanden, und mehren Andern erging es auch ſo.“ „Aber,“ rief einer von uns,„warum kann es denn kein Automat ſein?“—„Weil das Geſchöpfchen lebt,“ entgegnete jener.„Es reißt ſeinen Mund nicht auf, wie gewöhnlich dieſe Puppen— ruck! ſondern öffnet ihn fein und zierlich, ſo daß man ihm im Geſichte die Muskeln ſpielen ſteht.“—„Das iſt ernſthaft, ſagt ein junger Arzt,„und wir müſſen auf jeden Fall heut Abend hingehen.“—„Ja wohl, ja wohl!“ riefen Alle, und wir verabredeten, in welchem Hauſe wir uns vor 6 Uhr, wo die Vorſtellung begann, treffen wollten. Meine Gedanken kann jeder leicht errathen. Ich war den ganzen Tag in einer ſeltſamen Spannung. Nachmittags legte ich mich in mein Fenſter und ſah in den Garten; da ſaß das junge Maͤdchen, die hübſche Louiſe, auf derſelben Stelle, wo ſie geſtern jener räthſelhafte Hackländer, Erz. 11 162 junge Menſch überraſcht hatte. Mehrmals glaubte ich zu bemerken, daß ſie erwartungsvoll nach dem Gartenthor ſah, aber es kam Nie⸗ mand. Sie erhob ſich nach Verlauf einer Stunde und ging ſichtlich mißſtimmt dem Hauſe zu. Am Abend traf ich meine Freunde an dem bezeichneten Ort, und nachdem noch viel über den Kartenkönig gewitzelt und gelacht war, gingen wir, da es Zeit wurde, nach der kleinen Bude. Schon war dieſelbe ziemlich beſetzt, beſonders die erſten Sitze, auf denen das Automat circulirte, hatte ein Kranz von eleganten Damen eingenom⸗ men, welche die Neugierde, den unbegreiflichen König zu ſehen und ihn zu befragen, hieher geführt hatte. Wir bekamen hinter ihnen noch einige Plätze, und ich hatte das Glück, gerade hinter meiner niedlichen Garten⸗Bekanntſchaft zu ſitzen. Das war mir, wie ſich jeder denken kann, in doppelter Hinſicht äußerſt angenehm. Mein alter Bekannter, angethan mit dem rothen Rock und den gelben Beinkleidern, erſchien endlich auf der etwas erhöhten Bühne, war aber nicht im Stande, durch die gewöhnlichen Kunſtſtücke, welche er zeigte, einige Aufmerkſamke gen. Er ſchien das auch bald zu fühlen, kürzte bedeutend ab, ein Freund ſagte, und trat mit einer ſteifen Verbeugung zurü⸗ das Auditorium lief ein Gemurmel:„Nun kommt der kle önig!“ dann trat eine allge⸗ meine Stille ein.“ . Der Alte erſchien wieder, und trug in ſeiner Hand ein kleines Gebäude, ähnlich einem Schloß mit vielen Spitzthürmchen, doch da es keine Fenſter hatte, konnte man es auch für ein Grabmal halten. Mir kam es wenigſtens ſo vor; aber die meiſten hielten es für die hübſche, luſtige Reſidenz des Wunderkönigs. Der Alte ſetzte es auf die Mitte der Bühne und ſprach mit ſeiner heiſern Stimme in unge⸗ mein ſchlecht geſetzten Worten von der außerordentlichen Erſcheinung, welche wir jetzt genießen würden; alsdann öffnete er ein kleines Thör⸗ chen, und ſagte mit einem tiefen Bückling:„Gnädigſter König, erſchei⸗ nen Sie gefälligſt, dieſe ſehr anſtändige Verſammlung zu begrüßen,“ und heraustrat— ja, bei Gott! er war es! jener hübſche junge Mann, den ich in dem Garten geſehen, aber en miniature! Auch meine Nachbarin, die, wie ſchon geſagt, vor mir ſaß, mußte ähnliche Gedanken haben, denn ſie zuckte faſt unmerklich zuſammen und unter⸗ drückte mit Mühe einen leiſen Schrei. Leicht und gewandt ging das kleine Figürchen die Treppe ſeines Palaſtes herunter, in derſelben Kleidung, wie geſtern, aber heute mit Krone, Reichsapfel und Scepter, ein lebendiger Kartenkönig. Er trat vor und nickte leicht mit eem Kopfe, und ein allgemeines freudiges Händeklatſchen empfing ihn. Meine Freunde ſahen beſtürzt, und ich möchte ſagen halb erſchrocken, „ ——— 163 auf den kleinen, ungefähr vier Zoll hohen Menſchen, der da oben auf und ab ſpazierte. Der Arzt ſagte mir ganz leiſe:„Du, ich muß dir geſtehen, daß mir die Sache hier ganz unheimlich vorkommt. Es iſt kein Automat, das Weſen lebt, und kann doch den Geſetzen der Natur gemäß nicht leben. Was denkſt du?“—„„Ich denke man⸗ cherlei,“n antwortete ich ihm,„„was ich dir jedoch hier nicht mit⸗ theilen kann. Nachher geh' mit mir, dann wollen wir unſere Gedanken austauſchen.““—„Auch der Alte,“ fuhr der Arzt fort,„iſt mir eine ſonderbare Erſcheinung. Sieh' das ſtiere Auge und die halb traurige, halb lächelnde Mlene, womit er dem Kleinen nachſieht, das ganz regungsloſe Geſicht; er kommt mir beinahe wie ein Automat vor, oder wie ein Weſen, das nur halbes Leben hat, zu wenig, um den ganzen Körper auszufüllen, zu viel, um zu ſterben. Er ſchleppt ſeine Beine über den Boden nach und bewegt die Arme wie ein Gängelllann.“ „Und ſieht aus, wie eine große Kirche bei Nacht, in welcher ſtatt der tauſend Kerzen, welche ſte erhellen, nur die ewige Lampe brennt,“ meinte ein junger Dichter, der neben dem Arzte ſaß. „Meine Herren und n, ſagte jetzt der Alte im Markt⸗ ſchreiertone,„Seine Majeſtut der König wird die Ehre haben, dem verehrungswürdigen Publikum einige an ihn gerichtete Fragen zu be⸗ antworten.“ Das Geſchöpfchen nickte und ſtieg in ein kleines Käſtchen, das der Alte hingeſtellt hatte, und hierauf dem Nächſtſitzenden mit der Bitte gab, es auf dem erſten Platze circuliren zu laſſen. Nun war — der große Augenblick gekommen, auf den ſich Alles, beſonders die Damen gefreut hatten. Da wurde gefragt, und was Alles gefragt, doch war ich zu ſehr mit meinen Gedanken beſchäftigt, um etwas davon zu hören oder zu behalten. Auch meine Nachbarin ſchien nicht ſebr auf ihre Umgebung zu achten, ſondern ſah vor ſich hin, als ob ſte die ganze Sache nicht intereſſtre. Bei den Perſonen, an welchen der kleine König ſchon vorübergezogen, ward gelacht und geſpottet, ſich gewundert und das Ganze hie und da für pure Hexerei erklärt. Jetzt kam auch die Reihe an die hübſche Louiſe, die das Käſtchen mit ſichtbarem Zittern der Hände ihrer Nachbarin abnahm. Ich beugte mich hinüber, um zu ſehen, was der Kleine jetzt für Mienen mache, und zu hören, was ſie ihn fragte. Nun hatte ich ſein feines Geſicht⸗ chen ganz in der Nähe und ſah deutlich, daß ein freudiges Lächeln um ſeine Züge ſpielte, ſo wie er in die Hand der jungen Dame ge⸗ langte. Sie beugte ſich auf ihn nieder und fragte ganz leiſe, ſo daß ich es kaum verſtehen konnte: Wer war der junge Mann, der geſtern in meinem Garten war und mit mir⸗ ſprach?“ Der König antwor⸗ tete:„Ach, das war ich ja ſelber; ich hatte einen ſchönen Traum!“ ——— 164 Krampfhaft gab ſte das Käſtchen weiter, und beachtete nicht den bit⸗ tenden Blick des Kleinen, welcher zu ſagen ſchien:„O behalte mich, laß mich nicht von dir ziehen.“ Sie ſah vor ſich hin und drückte ihr Sacktuch vor's Geſicht. Wohl bemerkte ich, daß mich der Alte mit beſonderer Aufmerkſamkeit anſah, beſonders in dem Augenblick, wo ich das Käſtchen mit dem König in die Hand nahm, denn er beugte ſich ängſtlich vorn über und ſchien auf meine Frage zu lauſchen. Mich beſchlich ein eigenes Gefühl, als ich nun denſelben Menſchen, welchen ich geſtern in meiner Größe geſehen, heute in meiner Hand hielt, nur ein paar Zoll hoch. Ich ſah rechts und links in die Bude und dachte darüber nach, ob mich nicht wieder ein neckiſcher Traum befan⸗ gen hielt; doch hörte ich meine Freunde deutlich plaudern und lachen, ſah unter der Damenwelt viele Bekannte; ich fühlte, ich dachte nach, Alles um mich war ſo wahr, ſo reell, und nur in meiner Hand hielt ich ein dunkles Traumbild.„Wer biſt du?“ frug ich endlich den Kleinen.„„Ich bin der Pique⸗König wie du ſiehſt,“un antwortete er. „Warſt du nicht geſtern,“ forſchte ich weiter,„in einem Garten?“ „„Ja, ich war.““—„Aber größer, ſo groß wie ich, und haſt da mit einem Mädchen geſprochen m an die Bäume, an die ſchönen Blumen.“ Der König ſeufzte ti auf.„„Ach ja!““ entgegnete er, „vich war aus der Bude geſprungen, und wie ich die friſche Lebens⸗ luft einathmete, den Duft der Bäume, da wuchs ich und ward groß. Abernn— doch weiter kam ich nicht.—„Mein Herr,“ ſchrie mir der Alte mit ängſtlicher Stimme zu,„Sie fragen zu viel; ich darf nur eine einzige zulaſſen; ſonſt läuft das Uhrwerk in dem Automaten zu früh ab, und ich kann es doch während der Circulation nicht auf's Neue aufdrehen.“—— Schon hatte ihn der Arzt mir aus der Hand genommen; der frug ihn nichts, ſondern legte ihm den Finger auf die linke Seite, fühlte ihm an den Puls und ſchüttelte heftig den Kopf, indem er ihn weiter gab.„Mich ſoll der Teufel holen!“ ſprach er dann leiſe zu mir,„das Weſen lebt.“—„„Ja wohl,““ entgegnete ich ihm bekümmert und ſehr mißſtimmt,„„komm nachher nur mit mir, ich will dir Manches erzählen. 4 Uunterdeſſen war der Pique⸗König wieder auf die Bühne gelangt, der Alte rückte einen Tiſch in die Mitte, auf den er noch einen andern, ſehr kleinen und oben hinauf den König ſtellte. Dann nahm er ein Spiel Karten in die Hand, trat zwiſchen die Reihe der Sitzenden und ſprach:„Aus dieſem vollſtändigen Kartenſpiel von zweiundfünfzig Blättern bitte ich eins zu ziehen, daſſelbe in dieſe Piſtole zu laden, und damit auf Seine Majeſtät den König zu feuern.“ Einer meiner Bekannten zog eine Karte; ich glaube, es war Eckſtein Sieben, lud ſte in das Gewehr und drückte ab. Ein allgemeiner Schrei der Da⸗ — 2——O-——xxxyy% 165 men, etwas Pulverdampf, der ſich langſam verzog,— da ſtand der Kleine auf ſeinem Tiſchchen und ſagte mit lächelnder Miene:„Eckſtein Sieben.“ Das war recht artig und wirklich wunderbar. Auch krönte * ein ſolcher allgemeiner Beifall dieſe Piéce, daß der Alte ſte wieder⸗ holen mußte. Von Neuem gab er das Kartenſpiel aus ſeinen Händen und mein Freund, welcher uns hergeführt hatte, nahm es, um eine Karte zu wählen. Er ſagte mir leiſe:„Ich habe früher und auch heute das Kartenſpiel raſch durchlaufen und gefunden, daß in demſelben das Pique⸗Aß fehlt. Deßwegen habe ich hier von derſelben Form wie dieſe Blätter eins mitgebracht und will jetzt gleich ſehen, ob dieſer Manco unwillkürlich oder abſichtlich iſt. Und im letzten Fall muß es einen Zweck haben, den wir vielleicht auf dieſe Art ergründen.“ Ich erſchrack heftig und mir ſchwebte, ich weiß nicht welch unheimliche Ahnung vor.„Um Gotteswillen,“ ſagte ich ihm,„thu das nicht!“ Dochwar es zu ſpät. Ohne Aufſehen zu erregen, konnte ich ſeinen tollen Entſchluß nicht mehr ändern. Schon war die Piſtole mit Pique⸗Aß geladen. Der kleine hübſche König ſtand ruhig und erwar⸗ tend da.— Der Schuß knallte; doch wie ſich der Pulverdampf an die Decke hob und die Ausſicht f ei gab, ſprang Alles unruhig und entſetzt von den Sitzen auf. Auf ſelnem Tiſchchen war der Kleine in die Kniee geſunken, Leichenbläſſe bedeckte ſein vorhin ſo blühendes Ge⸗ ſicht und er ſprach mit ſchwacher Stimme:„Es war Pique⸗Aß!“ Er ſeufzte tief und ſank dann nieder. Mit einem gellenden Schrei ſtürzte der Alte über ihn, und der Arzt und ich waren mit einem Sprung auf der Bühne. Doch wo war das Figürchen, das Automat? In ſeiner„Hand hielt uns der Alte ein halb verbranntes, zuſammen⸗ gewickeltes Pique⸗Aß entgegen, nebſt einer andern vergilbten Karte, Pique⸗König, welche in der Mitte halb von einander geriſſen war. 1 Es ward mir unheimlich, wie er mich mit dem Geſpenſterauge ſtarr 4 anſah und leiſe ſprach:„Er iſt todt und ich muß wandeln!“ Ich ergriff den Arzt beim Arm und zog ihn aus dem Gewühl in der Bude. Auf dem Heimweg erzählte ich ihm, was ich von dem Alten wußte; aber kaum hatte ich geredet, ſo rief ihn ein Bedienter, welcher hinter uns herlief, faſt athemlos bei Namen und bat ihn, gleich zu ſeinem Herrn, dem Vater Louiſens, zu kommen, die, in Folge er Schüſſe oder des ſonderbaren Vorfalls heute Abend in der kleinen Bude„ am Markt, einen ſchlimmen Zufall bekommen hätte. * 4 in die Arme eineyr ſchönen Nymphe, die auf dem grünen Raſen ruht, 166 4. Die Lurley. Wenn man den Rhein befährt, ſo kommt man zwiſchen Coblenz und Mainz zuweilen an Stellen, wo man glaubt, hier ende der Lauf des Stromes, oder irgend ein neckiſcher Zauber habe den Steuermann geblendet und das Schiff durch eine Seitenſtraße in einen ſtillen, rings von Felſen eingeſchloſſenen See geführt, wo es feſtgebannt manch Jahrhundert liegen müſſe. Wenige Fuß vor dem Kiel heben ſich ge⸗ waltige Steinmaſſen, zwiſchen denen kein Fiſch einen Ausgang fände, und während man dennoch mit großer Tollkühnheit auf dieſe Rieſen⸗ mauern losſtürmt, ſchließt ſich allmählig die Straße, zu der man hereingefahren; man iſt gefangen, von allen Seiten mit ſteilen Bergen umgeben, in einer großen ſteinernen Falle. Doch hat dieſe momen⸗ tane Gefangenſchaft nichts Unheimliches, abgeſehen davon, daß man weiß, die Berge ſind nur wie Couliſſen vor einander geſchoben und laſſen genugſam Platz zum Entkommen; man fühlt ſich nicht beengt, man iſt gerührt von der Theilnahme der Berge, die ſich die Hände reichen und lachend um den gefangenen Menſchen einen Reihentanz bilden, ihn eine kurze Zeit in ihrer Mitte zu halten. Sie geben auf freundliches Anrufen mit tiefer, wohlklingender Stimme Antwort, und die grünlichen Wellen, welche die triefenden Steinzacken umſpielen, rufen mit leiſer Stimme:„Da bleiben! da bleiben!“ Der ſchönſte, aber auch zugleich gefährlichſte dieſer Punkte iſt unterhalb Bingen, wo der dunkelgrüne, ſteil emporſtrebende Lurley⸗ felſen die eine Seite eines ſolchen ſtillen Sees bildet. Hier ſcheinen von einer Seite des Rheins zur andern unſichtbare Ketten zu hangen, welche Mann und Schiff zurückzuhalten ſtreben. Hier arbeitet ſelbſt die Maſchine des Dampfbootes mit ängſtlicher Anſtrengung, um nur recht bald aus dieſem zauberiſchen Bergkeſſel zu kommen. Hier ſprin⸗ gen die Wellen zutraulich an's Schiff und erzählen laut und öffentlich von den wunderſchönen Tänzen, welche die Elfen im Mondſchein auf⸗ führen, von der Schönheit der Königin Lilio und ihren Jungfrauen, wie ſie die Menſchen lieben, beſonders die Jünglinge mit blonden Haaren und blauen Augen. O es ſind gefährliche Weſen, dieſe Wel⸗ len! Man möchte ſo gern, durch ihr Flüſtern verführt, aus em Boot in das Waſſer ſpringen und an die dunkeln Felſen ſchwimmen, den Kopf mit geſchloſſenen Augen zurückgebogen, und ihren roth Mund küſſen, der ſchelmiſch lachend die weißen Perlenzähne zeigt. ——y—„—— ———yyſͤͤ 167 Hier ſchlägt zuweilen ein ſeltſamer, wundervoller Geſang an das Ohr manches Reiſenden, und lärmte der Dampf noch ſo ſtark, und bemühte man ſich noch ſo ſehr, die Aufmerkſamkeit auf etwas Anderes zu richten, vergebens! ins Innerſte des Herzens dringen die Klänge, welche man vernimmt und von denen man nicht weiß, woher ſie kommen. Wehe beſonders dem, der traurig iſt, dem vielleicht eine unglückliche Liebe die Bruſt zerreißt. Hier hört er verwandte Töne anſchlagen, dort in dem Felſen kennt man ſein Leid und will ihn tröſten. Tief iſt der Rhein, Doch tiefer die Pein In meinem Herzen. 3 So ſingt es, und das thut die Lurley, die hoch auf dem Felſen ſitzt und ihr ſchönes goldenes Haar kämmt. Darum faſſe den Maſt, wer dieſen Geſang hört und verſteht, daß er ihn nicht hinabziehe in die Fluthen des Rheins und verderbe! Nicht jeder, der den Strom befährt, ſteht die Lurley und hört ihr Klagen. Ich habe viele reiſende Kaufleute geſprochen, welche mehr wie hundertmal dieſen Weg gemacht hatten, und die ganze Sache für 1 eine Fabel erklärten. Aber ſie iſt doch wahr. Auf ihrem Felſen ſitzt die Jungfrau und ſingt, daß das Menſchenherz, welches ſte hört, in die Höhe ſteht und plötzlich von inniger Liebe zur Sängerin befangen, ſie zu erreichen ſtrebt. Steil ragen die Felſen empor und bieten faſt unüberwindliche Hinderniſſe. Hinan, liebendes Herz! je größer die Mühe, je ſchöner der Lohn. Der Jüngling, welcher für die Lurley entbrannt klettert an der Felſenwand empor und je mehr er ſich ab⸗ mühen muß, um ſo heftiger lodert ſeine Glut, ſtets lockender wird G der Geſang, ſtets ſüßer, Liebe fordernd und verſprechend. Er erreicht † den Gipfel—— und die Lurley verſchwindet mit einem ſchallenden Hohngelächter. Dann verläßt den Unglücklichen der ſichere Tritt, er ſtürzt den Felſen herab, zerſchmettert, todt. Und doch liebt dies ent⸗ ſetzliche Weib, aber ſte iſt eine Kokette.— Es iſt noch nicht lange her, da trieb ſich in dieſer Gegend ein junger Mann herum, von dem Niemand wußte, woher er gekommen, noch was ihn hier feſſele. Er hatte ſich bei einem Fiſcher eingemiethet, wohnte aber mehr in den Felſen am Rhein und auf dem Strome ſelbſt, als in ſeiner Stube. Selten ſprach er mit Jemand und nur zuweilen mit ſeinem alten Hauswirth, neben den er ſich am Abend dann und wann ſetzte, wenn derſelbe ſeine Fiſchernetze flickte. Der hatte ihn nun einſt gefragt, was er denn eigentlich in der Welt treibe, und der junge Menſch gab ihm zur Antwort er ſuche ein Herz. Das kam dem Alten närriſch vor, und er meinte, um ein Herz zu finden, brauche man nicht lange zu ſuchen, und in der Abſicht thäte er beſſer, in eine große Stadt zu gehen. Da gäbe es deren von jeder Facon und Caliber, hier in der Einſamkeit würde er vielleicht nicht ſobald eins finden; worauf ihm jener entgegnete: dieſe Stelle des Rheins habe ihn beſonders angezogen, und es ahne ihm, er würde hier ſeinen Zweck erreichen. Doch ſei das nicht zu ſeinem Glücke, denn wenn er ein Herz gefunden, das heiß liebend an ſeiner Bruſt ſchlüge, wäre er verloren. Der alte Fiſcher glaubte aber, es ſei ſeinem Miethsmann nicht richtig unter der Stirne und verließ ihn kopfſchüttelnd. Dergleichen Unterredungen hielten die Beiden zuweilen; der Fiſcher ſaß auf einem alten Baumſtamm, der Andere lag ſchaukelnd im Boot auf dem Rücken und ſah in den vergoldeten abendlichen Himmel. So ſaßen ſie auch eines Abends, da frug der Fiſcher:„Nun, noch kein Herz gefunden?“—„„Nein, nein,““ antwortete der junge Mann mit einem tiefen Seufzer.„Wenn ich Ihnen rathen ſoll,“ entgegnete der Fiſcher gutmüthig,„laſſen Sie das Suchen darnach ſein. Was man ſucht, findet man gewöhnlich nicht. Denken Sie einmal nicht mehr an das Herz, und ich bin überzeugt, ſie werden es bald an⸗ treffen. Und wie müßte denn das Mädchen zu dem Herzen ungefähr ausſehen? denn darauf wird's doch hauptſächlich ankommen.“— 2„„Ach, das weiß ich nicht,““ ſprach jener,„„ſo lange ich denken kann, ziehe ich herum, mit öder leerer Bruſt und ſuche. Steh' ich einen Augenblick ſtill, ſo zieht ſich dunkel und drückend die Luft um mich zuſammen, läßt mich nicht raſten und beängſtigt mich, bis über meinem Haupte ein Blitz glüht und mit langem, zackigem Strahle weit hinfährt, mir den Weg zeigend, da ſei, was ich ſuche, und ich ſtürze ihm nach, und finde doch nichts. Ich liebe allgewaltig und weiß nicht, was ich liebe. Oft möchte ich Berg und Strom, Feld, Wald und alle Menſchen an meine Bruſt drücken. Aber ſie ſind wohl recht freundlich und ſchön anzuſehen, haben aber doch kein Herz für mich. An die Bruſt der großen herrlichen Erde habe ich mich geworfen; doch ihr Buſen iſt kalt, und ihr Herz ſchlägt nicht liebend gegen meines.““ „Sie ſuchen,“ meinte der Fiſcher,„und wenn Sie gefunden, ſind Sie verloren? Wie verſtehe ich das?“ „„Das Finden iſt mein Ziel, und das Ziel iſt das Ende meiner Laufbahn,““ entgegnete jener.„„Ich ſehne mich aber nach dem Ende. Es iſt mir fremd und unheimlich in der Welt, in dem hellen Sonnen⸗ lichte, welches Alles ſo einfach und trocken beweist, die Bruſt aus⸗ dörrt und mit dem brennenden Durſt erfüllt, den euch Menſchen ein Mund voll kühler Erde am Ende eurer Laufbahn ſtillt. Das iſt euch * 4 169 ſchrecklich, ihr wehrt euch dagegen und ertragt lieber die Pein des Durſtes, als daß ihr jene moderige Sättigung herbeiwünſcht.— Ich aber ſuche ein Herz, und wenn ich das gefunden, kühlt ſich mein Leben ab und erlöſcht in einem langen, langen Kuſſe. 4u Darauf wußte ihm nun der Fiſcher nichts zu antworten, indem er ihn nicht verſtand, und er mochte auch wohl ſicher glauben, es ſei ſeinem Gaſte nicht hell im Geiſte. Genug, er ſtieß ſchweigend die Aſche in ſeiner kurzen Pfeife zuſammen und ſummte ein altes Lied vor ſich hin. Plötzlich hielt er inne und blickte nach dem Gipfel des gegenüber liegenden Lurleyfelſen.„Hört Ihr nichts!“ rief er dem jungen Manne zu.„Horcht! ſte ſingt!“ „„„Wer ſingt!u“ rief dieſer und ſaß wie feſt gebannt, von den zaußeriſch ſchönen Tönen, welche gleich goldenen Strahlen durch das Felsthal zitterten und tief in die Bruſt drangen.„„Wo iſt ſte, die da ſingt?““—„Das iſt die Lurley,“ ſprach der alte Fiſcher und ſchlug ein Kreuz. Meine Augen ſind zu ſchwach, ſie zu erkennen, doch ſchauen Sie ſcharf nach dem Gipfel jenes Felſelns, ſehen Sie denn nichts?“ Haſtig entgegnete der Jüngling, welcher aufgeſprungen war:„Auf der höchſten Kuppe des Berges, einem Felszacken, der faſt über dem Rheine hängt, ſeh' ich eine weiße Geſtalt; ſte hat das Ge⸗ ſicht von uns abgewendet und ſchaut den Strom hinab. Ein ſeegrü⸗ ner Schleier umhüllt die ganze Figur und weht um ihre Füße. Ihr iches, blondes Haar flattert im Winde, ein herrlich gewachſenes Weib! o ſie muß ſchön ſein, dieſe Lurley!— Ob ſie wohl ein Herz, hat, Fiſcher?“ Der ſchaute entſetzt empor und antwortete:„Nein, nein, die hat kein Herz. Stopfen Sie Ihre Ohren zu und kommen Sie hinweg, ſehen Sie ihr nicht in's Geſicht und fliehen Sie, eh' Sie den Kopf herumwendet. Ja freilich, ſollte die Sie in dies Thal gezogen haben und Sie wollten die kalte Nixe an Ihr Herz drücken, ſo ſind Sie ge⸗ wiß verloren.“ Vorn übergebeugt ſtand der junge Mann, und die Strah⸗ len der Abendſonne, welche ſich durch einen Felsſpalt ſtahlen, beleuch⸗ teten ein freudig verklärtes Geſicht. Er hielt ſeine Hände emporge⸗ ſtreckt und ſagte in gebrochenen Sätzen zum Alten, der ihn bei der Hand ergriffen hatte:„Laßt mich, o laßt mich! ſeht dies reine fromme Geſicht! Sie hat ein Herz, ſte muß eins haben! Und ſollte ich dort von dem Felſen herabſtürzen, nachdem ich ſte an meine Bruſt gedrückt, ich muß hin zu ihr— führt mich hinüber!“ Der Fiſcher trat einen Schritt zurück.„Plagt Euch der Teufel,“ rief er,„Ihr wollt den Felſen hinauf zu der Zauberin, der verdammten Hexre! Seht einmal die Höhe an. Ob ein Theil Eures hübſchen Körpers wohl zuſammenhält, wenn Ihr da kopfüber herunterkommt? Ich bitte Euch, geht mit. ——õr—nnͤnͤn—ͤͤͤͤ 5 170 Tief iſt der Rhein, Doch tiefer die Pein In meinem Herzen, ſang die Fee auf ihrem Felſen in lang gehaltenen, ſchmerzlichen Tönen, 8 ſo daß das Laub aufzitterte und die Wellen des Stromes ihr Beifall 4 plätſcherten.„Hört Ihr!“ rief der junge Mann, nſie hat ein Herz und fühlt in ihrem Herzen, ſie iſt traurig. Schifft mich über, Fiſcher, ich muß hinauf. Es iſt das Herz, welches ich lange geſucht, ich fühle es durch dieſe Töne, welche meine Bruſt erwärmen und mit unend⸗ licher Glut erfüllen. Schifft mich über, oder ich ſpringe in den Fluß und verſuche an's andere Ufer zu ſchwimmen.“—„Gott im Himmel!“ ſprach der Fiſcher,„ſoll denn die Hexe wieder ein Opfer haben! Laßt doch ab, junger Herr, bleibt hier.— So haltet doch in Teufel's Na⸗ men! ich will Euch fahren!“ Er riß jenen am Arm zurück, der ſich eben anſchickte, in den Rhein zu ſtürzen. Unter ſtetem Fluchen, aber behende, machte der Fiſcher das Boot los, warf Ruder und Stange hinein, und die Beiden ſtießen in den Strom.„Wenn Ihr denn nun einmal in Euer Verderben rennen wollt, ſo hört wenigſtens von mir altem Mann einige Rathſchläge, die Euch vielleicht nützen können.. Klettert vorſtchtig die Felſen hinauf und bereitet Euch, oben angekon⸗-⸗ 6 men, darauf vor, von der Fee mit lautem Lachen und abwehrender Geberde empfangen zu werden, nicht mit liebenden Worten, wie ihr jetziger Lockgeſang; verliert dann in der Beſtürzung über ſolchen Will⸗ komm nicht das Gleichgewicht, ſondern tretet auf ſie zu und ſprecht 4 ſte im Namen Gottes an, dann ſollt Ihr auch gleich die Teufelin er⸗ kennen.“ Jetzt fuhr das Boot in das Schilf am jenſeitigen Ufer, das ſonderbar an den Wänden hinaufflüſterte. Der junge Mann ſprang heraus und wollte in die Felſen, aber der Fiſcher hielt ihn noch einen Augenblick zurück.„So denkt daran, was ich Euch eben geſagt. Wollt Ihr? ich will indeß zu Haus für Euch beten.“—„„Ja, ja, ich werde ſo thun,“u entgegnete jener und eilte davon.„„Warte nicht auf mich!““ rief er noch von Weitem zurück.„„Ich rufe Holüber! wenn ich wieder herunter komme.“—„Darauf werd' ich lange warten,“ ſeufzte der Fiſcher wehmüthig und arbeitete ſich wieder an's andere Ufer; doch oft hielt er mit Rudern inne, und ſah an dem immer dunkler wer⸗ denden Lurley⸗Felſen empor. Er hörte die Waſſerjungfrau ſingen, doch der Jüngling war zwiſchen dem Geſträuch und den Zacken ver⸗ ſchwunden. Mehre Stunden lag der Fiſcher auf ſeinem Lager in dem kleinen Häuschen und konnte nicht ſchlafen. Stets hatte er ſein Ohr nach einem Fenſter gerichtet, welches auf den Rhein ging, und immer fürch⸗ — — —-—— b 171 tete er, einen ſchweren Fall in's Waſſer zu hören. Jedes Rauſchen des Windes jagte ihn geſchreckt empor. Da glaubte er plötzlich am jenſeitigen Ufer ein lautes Rufen zu vernehmen. Raſch ſprang er auf und trat vor die Thüre der Hütte, und wirklich:„Holüber!“ erſcholl S es klar und deutlich durch die ſtille Nacht. Das Echo in den Felſen 4 ſprach es vernehmlich nach. Dem Fiſcher rollte ein Stein vom Herzen, als er die Stimme ſeines jungen Gaſtes erkannte. Er eilte in's Boot und ruderte mit aller Kraft hinüber. Eh' er jedoch an's Land ſprang und den jungen Mann einnahm, reichte er ihm die Hand, und nach⸗ dem er gefühlt, dieſelbe ſei weich und warm wie früher, bewillkommte er ihn mit einem lauten:„Nun, gelobt ſei Gott!“ denn der Fiſcher war ein vorſichtiger Mann, und dachte, wer weiß: ob ihn die Fee nicht erwürgt hat, und mir einen Todten über den Hals ſchickt. In ſeiner Hütte angekommen, beſtürmte er den jungen Mann mit tauſend Fragen; ob er die Lurley geſehen, und wie es komme, daß ſie ihm nichts zu leide gethan? Der erzählte: „Nachdem ich Euch verlaſſen, kletterte ich die Felſen hinauf, welche entſetzlich ſteil und glatt ſind. Oft war mir, als ſei es keinem Men⸗ ſchen möglich, den Gipfel zu erreichen, und ich ſtand ſtille. Dann aber ſchien mir's wieder, als erfaſſe mich der Geſang der Jungfrau und hebe mich willenlos empor. So erreichte ich allmäͤlig die Spitze des Felſens und mich Eures Rathes erinnernd, drückte ich meinen rech⸗ ten Fuß zwiſchen eine Spalte, klammerte die Hände an einem Dorn⸗ ſtrauch feſt und ſah mich um. Da ſchlug ein gellendes Lachen an mein Ohr und ſchüttelte krampfhaft meinen Körper, ſo daß wenig fehlte, und ich wär' trotz meiner Stellung die Felſen hinabgeſtürzt; aber ich ſtand feſt und ſah der Fee, welche kaum zwei Schritte vor mir ſaß, ruhig in's Auge. O Fiſcher! ſie iſt ſchön, dieſe Lurley! Hätteſt du ihr Geſicht geſehen, weiß und fein wie Marmor! Ihr friſcher, rother Mund und das Auge, das ſchöne blaue Auge! Wie ſte mich ent⸗ ſetzt und erſtaunt betrachtete, mich, der ich nun mit einem Sprunge an ihrer Seite war, hätteſt du da die majeſtätiſche Geſtalt geſehen, ſo edel und voll, wie ſie emporſprang und davon ſchwebte, eh' ich es hin⸗ dern koͤnnte, und nur eine Ahnung davon hatte! Ich wollte den grünen Schleier faſſen, welcher lang hinter ihr drein flatterte, doch ich griff in die Luft und ſie war verſchwunden.“—„Das iſt ein ſeltſames Aenteuer,“ ſagte der Fiſcher,„und Ihr könnt Gott danken, daß Ihr 0h ſo glücklich zurückgekommen ſeid. Aber ich hoffe, Euch iſt die uſt vergangen, nochmals da hinauf zu klettern. Glaubt mir, die Fee iſt voller Ränke. Da Euch heute ihr Lachen nicht hinabgeſtürzt, wiird ſie ſchon zu Eurem Verderben auf etwas Anderes ſinnen, wenn T— 172 85 es noch einmal wagt, drum bleibt nur davon, ſie hat doch kein erz.“— 1, Sie hat ein Herz,“ entgegnete der junge Mann,„ſie muß ein liebendes Herz haben, und eh' ſte mir entſchwand, warf ſie mir einen Blick zu, nicht zornig, aber ernſt und unruhig. Sie ſoll mir Rede ſtehen, denn ich will die nächſte Nacht wieder hinauf.“—„Nun,“ ſagte der Fiſcher,„Gott helfe Euch! Ihr rennt in euer Verderben, legt Euch wenigſtens jetzt ein paar Stunden hin; es iſt noch früh in der Nacht.“—— Kaum war am andern Abend die Sonne hinter den Felſen am Rhein verſchwunden und das Stromthal füllte ſich mit blauem Nebel, den Vorboten der Nacht, da ſchlug der Fiſcher, welcher ſich mit ſeinem Boot am jenſeitigen Ufer befand, ein Kreuz auf ſeiner Bruſt und ſeufzte dabei tief. Denn die Lurley ſang auf ihrem Felſen gar zu ſchön. Er hatte ſeinen jungen Freund hinübergefahren, der ſchon eine große Strecke emporgeklettert war. Bald ſtand dieſer ſtill und athmete den Geſang der Fee ein, dann ſtieg er wieder raſch vorwärts. Aber ungefähr in der Mitte des Berges ſetzte er ſich einen Augenblick auf einen großen Stein und ſchaute rückwärts in den grünen Rheinſtrom. Ihm war die Bruſt ſo wonnig voll und doch beengt. Da unten fuhr der Fiſcher, ſein alter Wirth, langſam nach Hauſe, und hinter ihm bildete das durchſchnittene Waſſer einen langen Silberſtreif. Wie der junge Mann ſich wieder erhob, grüßte er mit der Hand hinunter und ſagte unwillkürlich leiſe:„Leb wohl, auf ewig!“ darauf klimmte er wieder rüſtig zu und erreichte bald den Gipfel. Hier ſaß Lurley, die ſchöne Waſſerjungfrau, und flocht zu ihrem Geſang aus Waſſerroſen und Schilfblumen einen Kranz; kein wildes Lachen ſcholl dem Jüngling entgegen, ſondern ſie ſah ihn halb freund⸗ lich mit den großen blauen Augen an und hörte auf zu ſingen, als er ſich mit glühendem Blicke neben ſie ſetzte und ihren Schleier an die Lippen drückte.„Was ſtörſt du mich hier oben?“ ſagte die Fee nach einer langen Pauſe.„Was erklimmſt du meinen Sitz und wagſt dein Leben dabei?“—„Haſt du mich nicht angezogen?“ entgegnete ſchüch⸗ tern der Jüngling.„Hat dein Geſang nicht nach einem Herzen ge⸗ rufen, das dich verſtünde? Und wage ich auch mein Leben, was iſt es mir, wenn ich damit deinen Anblick erkaufen kann?“—„Das iſt eure Thorheit, ihr Menſchen,“ ſprach die Jungfrau,„daß ihr Alles auf euch bezieht. Ich ſinge zu meiner Luſt, ihr glaubt, es gelte euch klettert empor, und wenn ich dann über euch lache, ſtürzt ihr hinab und ſeid todt. Das ſoll dann Alles die arme Lurley gethan haben. —„O ſage nicht,“ antwortete der Jüngling,„daß du ohne Abſich deine Lieder erſchallen ließeſt, ſage das nicht, es iſt eine Leere in dei Bruſt, welche dich dazu antreibt, und mein ödes Herz hat dich ver⸗ ſtanden, es hat dich darum aufgeſucht. Ich irre ſchon lange in der Welt herum und verlange nach dir, ohne dich zu kennen, und jetzt wo ich dich gefunden, laſſe ich dich nimmer. Sieh mich nicht ſo kalt an. Lieber jenes entſetzliche Lachen von geſtern, ſtürzt es mich auf die Felſen hinab, dann wäre ich vielleicht todt und ruhig!“—„Wer biſt du denn?“ fragte die Jungfrau mit ſehr weicher Stimme und beugte ſich zu ihm, daß ihre Goldhaare ſein weiches berührten.— „Erlaß mir die Antwort dieſer Frage, ſie könnte dich doch nicht be⸗ friedigen. Weiß ich denn, wer du biſt. Mir biſt du ein holdes, ja ich ſage es laut, ein geliebtes Weſen. O kann ich dir das nicht auch ſein?“—„Vielleicht ja,“ antwortete leiſe die Lurley, und drückte ihm ihren Schilfkranz auf die Locken.„Ich könnte dir gut ſein, wie nie Jemand, ich möchte mit dir koſen, aber ehe ſage mir, was zog dich zur Waſſerjungfrau? warum kommſt du wieder zu mir herauf, nach⸗ dem ich dich geſtern mit meinem lauten Lachen abgeſchreckt? Warum wagteſt du es, dich neben mich zu ſetzen. Fürchteteſt du nicht die 4 Lurley?“—„Nein, Jungfran,“ entgegnete der junge Mann,„ſchon geraume Zeit Kreife ich in der Welt umher, und eine Stimme in mei⸗ ner Bruſt flüſtert mir zu: ich ſolle ein Herz ſuchen, welches für mich ſchlüge, und nie hat die Stimme geſchwiegen, bis ich geſtern Abend deinen wundervollen Geſang hörte und mir durch ein ſeliges Gefühl bei deinem Anblick kund ward, daß du es ſeieſt, welche ich geſucht. O du haſt auch ein Herz, nicht wahr, Lurley?“—„Ja,“ lispelte die Waſſerfee und ein eigener Glanz belebte ihr blaues Auge, neines, welches heftig pocht und für dich, du ſeltſames Menſchenkind. Ich weiß nicht, wie mir iſt; aber ich liebe dich plötzlich mit der ganzen Kraft meiner Seele. Fühle, wie mein Herz ſchlägt.“ Sie legte ihm ihren weißen Arm um den Hals, und wollte ihn an die wildathmende Bruſt ziehen. Mit glühender Zärtlichkeit in dem Blick ſtarrte ſte der Jüngling ſelig an, und entzog ſich doch ſanft ihrer Umarmung.„Höre mich, Lurley,“ ſprach er,„dein Blut flammt, deine Hand zittert, aus deinem Weſen weht ein ſprühendes Feuer, in das ich mich entzückt hineinwerfe und da verbrenne. Mich, die Mücke, muß das ſtrahlende Licht verzehren. Doch ehe ich in deinen Armen ſterbe, ſage mir Lebe⸗ wohl, verſprich mir, mich nicht zu vergeſſen, gedenke zuweilen meiner.“ „Was ſagſt du da,“ entgegnete die Jungfrau, und ihrem Auge ent⸗ ollten ein paar Thränen, die aber nicht wie die der Menſchen zu Boden fielen, ſondern gleich von den Lüften gierig eingeſogen wurden. „Fürchteſt du mich? Glaubſt du, ich ſei ein treuloſes Weib und er⸗ ** droſſelte dich in meinen Armen? Was haben wir armen Nirxen euch gethan, daß ihr Menſchen uns verläumdet, uns ſo bösartig und falſch —— 7 4 174 darſtellt?“„Ach nein, Lurley,“ ſagte er, nnicht dich fürchte ich, ſondern mein Schickſal; die Stimme in meiner Bruſt, von der ich vorhin ſprach, ſagt mir beſtimmt, ſobald das Herz, welches ich gefunden, alſo deins, Geliebte, an meiner Bruſt ſchlüge, würde ich ſterben; doch welch ſeliger Tod!“ Er faßte ſie um den ſchlanken Leib und preßte einen glühenden Kuß auf ihre Lippen.„O du wirſt leben,“ flüſterte ſanft die Fee, und ſchmiegte ſich feſter an ihn,„leben ein ſeliges Leben.“—„Nein, Mädchen, Geliebte,“ entgegnete er ſehr leiſe,„ich habe dein Herz ge⸗ funden; es ſchlägt laut und ſtürmiſch gegen meine Bruſt; darum ſterbe ich. O Lurley! wie iſt deine Bruſt ſo weiß, ſo leichenbleich! Wie blutet dein Herz, welches ich ſehe. Wo iſt dein liebes Auge, dein ſüßer Mund? Ich ſehe nichts als das rothe blendende Herz!“—— Das war ein ſchrecklich ſchöner Augenblick. Die Waſſerjungfrau ſank in die blauen Glockenblumen, welche ihren Sitz umſtanden. Ohn⸗ macht umfing ihre zerriſſenen Sinne; denn der Jüngling in ihren Ar⸗ men war verſchwunden. Wie ſie ſchaudernd die Augen aufſchlug, ſaß ſie allein auf der Klippe des Felſens. Leicht ſtrich der Wind durch das Stromthal und ſpielte mit ihrem Haar. Aber zu ihren Füßen lag ein ſonderbares Blatt, welches ſte ahnungsvoll emporriß und be⸗ trachtete. Ja, es ſchienen ſeine Züge zu ſein, wenn auch veraltet und entſtellt, oben und unten ſtand ein rothes Herz, ſeins und das ihrige. „Ein Zauber waltet hier,“ ſprach ſchmerzvoll die Jungfrau,„ein böſer Zauber, aber ich will ihn löſen. Bin ich nicht Lurley, eine Fürſtin des Waſſerreiches?“—— 3 Sie ſchwebte dahin, die ſchöne Fee mit gebrochenem Herzen.— Drei Tage waren ſeitdem vergangen und der alte Fiſcher hatte ſeinen Freund vergebens erwartet. Als er auch am vierten nicht erſchien, ſetzte er an die Stelle, wo jener den Felſen erſtiegen, ein einfaches Kreuz, an welchem er Abends ein Vaterunſer betete und jedem, der über den Rhein fuhr, erzaͤhlte er die Geſchichte von dem Jüngling, welcher bei der Lurley ein Herz geſucht und nicht zurückgekommen war——————————— 175 Beherrſcherin des Rheinſtroms, die Königin Lilio, reſidirt. Dieſe ſaß gerade unter ihren Jungfrauen und freute ſich bei Spiel und Geſang. Weil nun die Königin ein ſo unſchuldvolles freundliches Ausſehen hatte, faßte ſich der todte Menſch ein Herz, umſchlang ihre Füße, in⸗ dem er ſeine traurige Geſchichte erzählte. Lilio ward gerührt und be⸗ rieth ſich mit ihrem Geheimerath, einem Doctor vom Laacher See, der ſehr gelehrt war, wie dem Unglücklichen zu helfen ſei, wie man ihm Ruhe geben könne, ohne der höheren Beſtimmung, die ihn zum Umherwundern verdammt, entgegen zu wirken. Der Doctor, ſo viel er auch ſtudirt hatte, wußte hier nicht zu helfen, bis die Königin, welche ein Frauenzimmer war, etwas erdachte, wodurch ſie ſogar das Schickſal überliſtete. Der Duft der Waſſerroſen ſenkte den Armen in einen tiefen erquickenden Schlaf. Er lag ſo weich auf kühlem Mooſe in einem Gewölbe von grünem Eryſtall und die Königin ſprach zum Doctor von Laach: Doctor, ſteigen Sie auf die Erde und ſuchen Sie da irgend einen Schriftſteller, dem es augenblicklich an Stoff zu einem Phantaſieſtücke mangelt und der doch gern etwas ſchreiben möchte. Flüſtern Sie ihm, wenn er ſchläft oder träumt die Geſchichte des todten Menſchen in's Ohr und treiben ihn beſtändig an, dieſelbe nie⸗ derzuſchreiben. Sie verſtehen mich. Alsdann wandert jener, wenn auch nur auf Druckpapier, über die Erde und kann doch hierunten ruhig ſchlafen.“ Die Königin hatte ein ſo ſchönes mitleidiges Herz. 4 Aber der Doctor von Laach tauchte aus dem Rheine und legte ſich an mein Ohr, und flüſterte mir, was ich hier mitgetheilt, Tag und Nacht zu. Wollt' ich an etwas Anderem arbeiten, mein Wille half nichts. Ich war von einem Waſſergeiſte beſeſſen und mußte ſchreiben, was er befahl. Deßwegen waſche ich über die etwaigen Fehler in meiner Geſchichte vom todten Menſchen und den vier Königen meine Hände in Unſchuld und ſchiebe Alles auf den Geheimen Rath der Königin Lilio. In der vergangenen Nacht, nachdem ich noch ſpät die letzten Sei⸗ ten geſchrieben, erſchien er mir wieder und bedankte ſich mit einer tiefen Verbeugung.„Aber Theuerſter,“ ſprach ich im Schlaf,„was iſt denn aus den vier Königin geworden?“ Er antwortete lächelnd: „Ihre Majeſtät, unſere luſtige Königin, hat ſie in ihren Hofſtaat auf⸗ genommen. Sie verlangen nicht zurück auf die Erde, der Herr von 4 Eckſtein hat dem Prinzen Pips den Spaß in der Kneipe zum ſtillen Vergnügen vergeben und trinkt entweder mit ihm und den Fürſten von der Moſel und dem Grafen von Walportheim in einer Laube von Cryſtall und Lotusblumen, oder ſie gehen zuſammen auf die Jagd.“— „Und was macht Treff⸗König?“ fragte ich. — —— „Der kost mit ſeiner Tänzerin, die nach ihrem Tode eine blaue Libelle ward, und auf den Flächen des Rheins umher ſchwebte; jetzt iſt ſte Hofdame bei ihrer Majeſtät.“ „Und Pique⸗König?“ „Der ſteigt jeden Abend auf die Erde und wandelt in einem Garten, welcher nahe an Ihre Wohnung ſtößt, und plaudert hier mit einer weißen Lilie. Sie war, ehe ſie ſtarb, ein hübſches Mädchen und liebte ihn. Iſt ſte als Blume verblüht, ſo folgt ſte dem Aönig nach unſerem ſchönen Reiche.“ „Aber Herz⸗ König?“ „Der ruht in dem Arme der ſchönen Lurley. Sie küßt ihn und ſingt: Der Rhein iſt tief und weit, Doch größer die Seligkeit In meinem Herzen. Einberufung der Landwehr.— Marſch der Linie. Bei den großen Manövern, welche in Preußen alle drei bis vier Jahre gehalten werden, wie überhaupt in der ganzen Bewaffnung dieſes Militärſtaates, ſpielt die Landwehr eine ſehr große Rolle. Jeder Staatsbürger wird in ſeinem einundzwanzigſten Jahre vor eine Aus⸗ hebungscommiſſion geſtellt, die ihn auf das Gutachten von Aerzten zum Militärdienſte körperlich taugſich oder untauglich erklärt. Letzteres kommt viel ſeltener vor, als man glauben könnte; wer befreit werden will, muß für jede Waffenart, ſelbſt für den Train, untauglich ſein. Mit einem fehlenden Auge oder einer verkrüppelten Hand iſt es nicht gethan. So erinnere ich mich ſehr gut, unter den„Fahrern“ der Geſchütze ſchöne ſtarke Leute gekannt zu haben, die an der linken Hand verwachſene unbrauchbare Finger hatten, und doch nach einiger Uebung ihren Zügel ganz gut zu führen wußten und den Dienſt auf's Beſte verſahen. Die Dauer der Dienſtzeit für jede Waffenart iſt geſetzlich auf drei nach einander folgende Jahre feſtgeſetzt; ſie wird jedoch bei der Infanterie auf ein und ein halbes Jahr, bei der Reiterei und Artillerie auf zwei und ein halbes Jahr ermäßigt, nach welcher Zeit die Leute zur Kriegsreſerve entlaſſen werden, von der ſte zur Land⸗ wehr übergehen, um in dieſem Verbande bis zum vierzigſten Lebens⸗ jahr zu verbleiben. Dies klingt hart; eine ſolche Feſſel, welche alle Lebensverhältniſſe einzuzwängen ſcheint, kommt dem Ungewohnten unerträglich vor. Der Preuße macht ſich auch im Allgemeinen keineswegs ein Vergnügen daraus, nach der Dienſtzeit in der Linie noch eine Reihe von Jahren Landwehrmann zu bleiben; aber jeder erkennt die Nothwendigkeit des großartigen Inſtituts und bringt gern dem allgemeinen Beſten alle drei bis vier Jahre einige mühevolle Wochen zum Opfer. Denn vom DSHacklander Erz. 12 3 1 178 Appell, der jährlich zweimal die Landwehr zuſammenruft, iſt gar nicht zu reden; dieſe Verſammlungen werden von den Leuten meiſt als Luſt⸗ partieen angeſehen. Der Appell wird in der Nähe ſelbſt jedes größern Dorfes Compagnienweiſe abgehalten. Man wählt hiezu gewöhnlich den Sonntag, um keine Arbeitszeit zu verderben. Außer den Land⸗ wehrmännern ſelbſt findet ſich eine Menge von Zuſchauern aller Claſſen ein, und ein buntes Gewühl bedeckt den Platz. Schenkwirthe und Markedenter haben ſich ebenfalls eingefunden, und wenn nicht der luſtige Ton der Fidel fehlte, könnte das Ganze für ein Volksfeſt gel⸗ ten; es wird dabei gelacht, gejubelt und zuweilen etwas geprügelt, gerade wie bei den Kirchweihfeſten. Die Soldaten, die hier manchen alten Bekannten treffen, den ſie vielleicht im ganzen Jahre nicht ge⸗ ſehen, und ſich dabei mancher Streiche aus dem Garniſonsleben erinnern, necken einander, und ſelbſt geſetzte Familienväter gedenken mit Luſt der Zeit ihres Rekrutenſtandes und lachen und ſcherzen, als habe ihnen ſo eben erſt der Capitän d'Armes die Exerzierjacke ange⸗ zogen. Natürlich erſcheinen dabei Alle in ihren Civilkleidern, und nur die Lieutenants, die geſtern noch mit der Feder hinter'm Ohr ihren heutigen Soldaten die Rechnungen ausgeſtellt oder fertige Waaren abgenommen, brüſten ſich in ihren Uniformen, ohne ſich heimiſch darin zu fühlen. Bald zwängt ſie der ſteife Kragen, bald kommt ihnen der Degen zwiſchen die Beine, und ſo ſehr ſie ſich bemühen, recht mili⸗ täriſch auszuſehen, ſo blickt doch beſtändig ihr friedliches Gewerbe ſtö⸗ rend aus dem Waffenſchmucke hervor. Endlich kommt etwas Ruhe in den bewegten Haufen; man ge⸗ wahrt den Landwehrmajor, der mit ſeinem Adjutanten zu Pferde auf dem Appellplatze erſcheint. Ihm folgt der Feldwebel, der ſich vor ſei⸗ nen Kameraden in der Linie durch ein noch würdevolleres, gemeſſeneres Benehmen und eine weit ſtärkere Brieftaſche unterſcheidet, die zwiſchen dem zweiten und fünften Knopfe ſeiner Uniform wie ein Vorgebirge hervorſieht. Daß ſich der Feldwebel der Landwehr an ſolchen Tagen ein großes Anſehen zu geben ſucht, iſt ſehr natürlich; er iſt ein ent⸗ laubter Stamm, dem innen im Marke die ſchaffende Gewalt wohnt, die ſchaffende Gewalt der Landwehrliſte, die ihm am Appelltage wie mit einem Zauberſchlage eine dreimal größere Anzahl Untergebener zuwirft, als ſeine Collegen in der Linie commandiren.— Beim Er⸗ ſcheinen des Majors und des Feldwebels ordnet ſich der Haufen der alten Soldaten von ſelbſt in drei Glieder und bildet eine Fronte; der Feldwebel liest darauf die Namen Aller ab, die zu ſeiner Compagnie gehören und demnach auf dem Platze ſein müſſen. Jeder Gerufene tritt aus dem Gliede und ſtellt ſich einige Schritte abwärts, ſo eine neue Linie bildend, damit keine Unterſchleife vorkommen und etwa ei — 179 für drei, vier Bekannte, die es nicht für gut gefunden hätten, beim Appell zu erſcheinen, auf ihre Namen mit„Hier“ antwortet. Nachdem die Compagnie verleſen und die Fehlenden notirt ſind, läßt der Major einen Kreis ſchließen, theilt der Compagnie mit, was im Laufe des halben Jahrs im Bataillon vorgefallen iſt, als da ſind Urlaubs⸗ bewilligungen, Arreſtverleihungen, kurz Alles, was die Soldaten an⸗ geht, und entlaͤßt darauf die Mannſchaft mit einer Rede voll Salbung. Etwas ganz Anderes als dieſe jährlichen Muſterungen ſind die kleinern und größern Manöver. Schon bei den erſtern wird die Land⸗ wehr in Regimenter und Brigaden zuſammenberufen, erhält Waffen und Montirungsſtücke und exerziert vierzehn Tage bis drei Wochen in verſchiedenen Bezirken. Alle vier bis ſechs Jahre wird nun aber ein ſogenanntes großes Manöver abgehalten, an welchem ein oder, wie in dieſem Jahre, zwei Armeecorps Theil nehmen. Wenn es ſchon bei den gewöhnlichen Appells und kleinen Ma⸗ növern ſchwer hält, Urlaub zu erhalten, ſo iſt es dem Landwehrmann faſt unmöglich, ſich vom Dienſt bei den großen Manövern zu befreien. Wer nicht die in's Kleinſte eingreifende Pünktlichkeit des Landwehr⸗ inſtituts kennt, begreift freilich ſchwer, daß es dem Einzelnen nicht möglich ſein ſollte, in der Maſſe zu verſchwinden. Aber wie der Herr der himmliſchen Herrſchaaren die Haare auf unſerem Haupte zählt, ſo weiß der Landwehrfeldwebel genau, wie es um jeden ſeiner Unter⸗ gebenen ſteht. Er hat ihn vielleicht nie geſehen und weiß dennoch von der Farbe ſeiner Haare bis zum Untergeſtell des Körpers, die beſon⸗ dern Kennzeichen mit eingeſchloſſen, ganz genau, wie der Mann aus⸗ ſieht; ja ſeine Laſter und Untugenden ſind in den Annalen der Regi⸗ menter für ewige Zeiten niedergelegt, und dieſe Zeugen der Vergangenheit können oft recht unangenehm in die Gegenwart hinüber ſpielen. Die Landwehr kann unglaublich ſchnell zuſammengezogen werden. Alle Vorräthe ſind da; Uniformen, Waffen, Geſchirre hängen, Num⸗ merweiſe geordnet, in den Zeughäuſern und ſind raſch ausgegeben. Auf dem Bureau des Landwehrmajors liegen gedruckte Einberufungs⸗ zettel unterſchrieben bereit, in denen nur das Datum ausgefüllt zu werden braucht. So kommt denn an einem ſchönen Morgen mittelſt Telegraphen von Berlin der Befehl, die Landwehr dieſes oder jenes Armeecorps in kürzeſter Zeit zuſammenzuziehen. Eine halbe Stunde darauf gehen Eſtafetten an die betreffenden Bataillonscommandanten, welche die Einberufungszettel augenblicklich ausfüllen und den verſchie⸗ denen Landräthen überſenden. Dieſe wiſſen innerhalb vierundzwanzig Stunden jedem Manne dieſe geſchriebene Ordre zuzuſtellen und haben außerdem die Verpflichtung, alsbald eine Bekanntmachung zu erlaſſen, nach welcher alle Pferde des Kreiſes an einem beſtimmten Tage in die nwn— 180 Kreisſtadt gebracht werden müſſen, damit dort die zum Dienſt der Reiterei und des Fuhrweſens nöthigen und tauglichen ausgewählt wer⸗ den. Zugleich ſind vom Commando des Armeecorps die Linienoffiziere bezeichnet worden, welche als Hauptleute und Regimentscommandanten bei der Landwehr den Dienſt verſehen ſollen. 4 kommt denn der Tag, der Alles in der Provinz in die größte Bewegung erſetzt. Die Landwehrmänner ziehen von ihren Dörfern oder Städten in großen Haufen nach dem Verſammlungsort, und wer nicht weiß, von was es ſich handelt, könnte an eine Völkerwanderung glauben. Da fährt nun dem ehrſamen Schmied⸗ und Webermeiſter der alte muntere Handwerksburſche in die Knochen. Die beſtaubten und längſt vergeſſenen Attribute dieſes luſtigen Standes, das ſchwere Felleiſen und der knotige Wanderſtab werden hervorgeſucht, hinter dem Ofen hervor langt er eine alte Regimentsmütze, die er während ſeiner Dienſtzeit getragen, und iſt der Einberufene ein Reiter, ſo werden die Stiefeln ſchon zu Hauſe mit großen Sporen beſetzt, damit man gleich auf dem Marſche ſieht, er gehöre zu dem bei den Mädchen weit re⸗ nommirteren Pferdevolke. Die Zeit vor dem Ausmarſch zu den Ma⸗ növern iſt eine Zeit der Thränen und der Noth, und man könnte wirklich glauben, es gehe gegen den Feind und der Abſchied ſei auf Nimmerwiederſehen. Da werden alle zarten Verhältniſſe noch einmal genau durchgemuſtert, die ſchadhaften entweder ausgebeſſert und für die Ewigkeit prolongirt, oder zerriſſen. Wenn ſich der Landwehrmann freut, wieder einmal eine Weile mit ſeinen alten Kameraden luſtig zu verleben und ein Glas über den Durſt trinken zu dürfen, ohne daß er dafür zu Hauſe eine Gardinenpredigt erwartet, ſo ſehen die Zurück⸗ bleibenden dem Auszug der Soldaten mit weit minder behaglichem Gefühle zu. Weib und Kinder haben daheim nicht ſelten mit Nah⸗ rungsſorgen zu kämpfen, und die Geliebte entläßt ihren Jüngling faſt mit denſelben Gefühlen, als ſähe ſie ihn den Kugeln des Feindes ent⸗ gegen ziehen. Ach! und ſie hat nicht Unrecht. In was für neue Verhältniſſe kann er kommen! und die Angriffe ſchöner Augen, denen ſich ſein Herz bloß ſtellt, ſind für ihre Liebe wohl gefährlicher, als das Kleingewehrfeuer. Die Comptoirchefs und die alten Handwerksmeiſter ſind in dieſen Tagen verdrießlicher als je; denn Feder, Elle und Nadel werden nicht mehr gehandhabt wie ſonſt; die jungen Leuten erzählen einander von den Heldenthaten, die ſie auszuführen gedenken, ſingen Kriegs⸗ und Schelmenlieder, und auf mancher Oberlippe erſcheint vorwitzig ein, beſonders bei den alten Kaufherren hoch verpönter Schnurrbart. Endlich gerathen die Kreisſtädte in die lebhafteſte Bewegung. Di Landwehrmänner ſind angelangt und umſtehen das Rathhaus in alle — 181 lei Koſtümen. Ein geübtes Auge unterſcheidet leicht die verſchiedenen Handwerke und Waffenarten. Der Schuſter trägt einen kurzen Rock, der Schmied einen langen, der ihm bis auf die Füße reicht, und der Schneider iſt nach der neueſten Mode gekleidet. Die Artillerie und Reiterei halten ſich geſetzt, ſo wie ſie pflegen, und die Infanterie ſucht ſich ein Anſehen zu geben, indem ſie am meiſten lärmt und ſich vor den Wirthshausthüren herumtreibt. 7 Von hier aus zieht jede Compagnie nach der Stadt, wo ſich der Major aufhält und wo ſich die Kammer befindet, von der der Land⸗ wehr die Uniformen und Waffen abgegeben werden. Auch die Pferde ſind hier verſammelt, und von den dazu commandirten Reiterofficieren der Linie werden von den tauglichen ſo viele ausgeſucht, als für die Escadron nöthig ſind. Jeder Eigenthümer erhält ſodann für ſein Pferd einen Empfangſchein, worauf die Summe bezeichnet iſt, die er während der Dauer der Manbver täglich für ſein Pferd erhält. In einigen Kreiſen beträgt die tägliche Miethe einen preußiſchen Thaler, in andern ſogar einen Thaler und zehn Groſchen, und außerdem ver⸗ ſteht es ſich von ſelbſt, daß jeder Schaden, der dem Pferde zuſtößt, ſei es, daß das Thier bei der Zurückkunft lahmt oder gedrückt iſt, dem Eigenthümer beſonders vergütet wird. Welch große Koſten dem Staate ſchon hieraus erwachſen, ermißt ſich leicht, wenn man bedenkt, daß oft die Eskadronen und Regimenter, die ſehr weit zum Sammel⸗ platz haben, mit Einſchluß der Manöverzeit, zwei Monate im Dienſt ſind.— Die Mannſchaft wird ſofort equipirt und vom Gewehr bis zum Ueberzug des Kochgeſchirrs mit allem Nöthigen verſehen. Alle Landwehrmänner erhalten nun ihre Quartierbillets und haben für morgen Stunde und Ort erfahren, wann und wo das Exerzieren be⸗ ginnen ſoll. Am Einzug und dem Zuſammentreten der Landwehr nimmt Alles in den Kreisſtädten, von dem Alten, der das eiſerne Kreuz auf der Bruſt trägt, bis zum kleinſten Schulknaben, den lebhafteſten Antheil. Die Hauseigenthümer haben lieber Landwehr im Quartier als Linien⸗ ſoldaten und die Buben laufen den ankommenden Soldaten entgegen, um ihnen Tſchako und Waffen nachzutragen, was äußerſt poſſterlich ausſieht. Jetzt beginnen die Exerzitien, und nachdem ſich die Leute erſt wieder in der entwöhnten Kleidung etwas zurecht gefunden haben, er⸗ langen ſie in kurzer Zeit ihre frühere Fertigkeit im Gebrauch der Waffen. Da die Landwehr meiſtens aus ältern, kräftigern Leuten beſteht und gewiſſermaßen mit der Linie rivaliſirt, ſo bemüht ſich Alles, die Handgriffe und Bewegungen auf's Pünktlichſte auszuführen. Ge⸗ wöhnlichweiß es. auch die Militärbehörde ſo einzurichten, daß auf demſelben Platze ein Linienregiment neben der Landwehr exerziert, wo 2 — 182 dann letztere ihr Möglichſtes thut, um nicht hinter den Rekruten zurückzubleiben. Beide Theile ſchielen eiferſüchtig zu einander hin und jeder ſucht den andern an Genauigkeit zu überbieten. Der Haufe der Zuſchauer, die ſich immer ſehr zahlreich einfinden, iſt in gleicher Er⸗ regung und tritt bald zu dieſem, bald zu jenem Corps, je nachdem da oder dort das Exerzitium exacter und prompter ausgeführt wird. Wie bei einem Wettrennen feuert der Volkshaufe beide Parteien durch lautes Geſchrei zu immer größerer Anſtrengung an, und das Regiment, das nach der Anſicht des Demos am beſten exerziert hat, wird mit lautem Jubel nach der Stadt zurückbegleitet. Die Menge, in der die Meiſten ſelbſt Soldaten waren, irrt ſich ſelten, und wenn der Sieg gewöhnlich der Landwehr zuerkannt wird, ſo iſt dies nicht Parteilich⸗ keit; man muß im Allgemeinen wirklich anerkennen, daß die geſetzten, ruhigen Männer der Landwehr nach wenigen Tagen beſſer exerziren, als die jungen Leute der Linie. Mit der Reiterei hält es freilich etwas ſchwerer wegen der fehler⸗ haften, kaum gerittenen Pferde. Dieſe Thiere kommen vom Wagen des Fiakers, vom Pfluge des Bauern, aus den Ställen der Ver⸗ miether und haben alle möglichen Untugenden an ſich, hauptſächlich die, daß ſie neben fremden Pferden nie ruhig gehen und einander vorauseilen wollen, wodurch ein beſtändiges Anprellen, Vorſpringen und ſo ein Zerreißen der Fronte entſteht. Doch ſchon während der Vorübungen, welche etwa vierzehn Tage dauern, gewöhnen ſich die Pferde, mit einigen Ausnahmen, an einander, und es wird bald mög⸗ lich, ſelbſt in ſchnellerer Gangart mit dem Regimente vorzugehen. In dieſem Zeitpunkte iſt, was die Haltung und das militäriſche Ausſehen betrifft, der Landwehrmann von dem Linienſoldaten nur dadurch zu unterſcheiden, daß erſterer viel kräftiger und energiſcher auftritt und einen größern Bart trägt als dieſer, der kaum erſt in das Alter ge⸗ treten iſt, wo uns die Natur dieſen Geſichtsſchmuck bewilligt. Nach den Vorübungen wird die Landwehr in Brigaden und Di⸗ viſtonen zuſammengezogen. Jedes Infanterieregiment beſteht aus drei Bataillonen und einem Reſervebataillon und wird von einem Major der Linie commandirt. Auch jedes Reiterregiment zu drei Escadronen hat eine Reſerveescadron. Die Bataillone und Escadronen werden von dem betreffenden Landwehrmajor, der auch den jährlichen Appell abhält, befehligt; aber die Compagnieführer ſind meiſt Offiziere aus der Linie, zuweilen aber auch avancirte Landwehrlieutenants. Für und wider dieſes Einſchieben der Subalternoffiziere der Linie in die Landwehr iſt beſonders in neuerer Zeit viel geſprochen und geſchrieben worden. So viel iſt gewiß, daß der Landwehrmann eine kameradd F 183 ſchaftlichere Behandlung von ſeinen Offizieren verlangt, als ſie die Subalternoffiziere den Soldaten der Linie meiſtens angedeihen laſſen. Die Landwehrreiterei beſteht nur aus Lanzenreitern, zu welchen Alle übergehen, die in der Linie als Huſaren, Dragoner und Küraſ⸗ ſiere gedient. Ihre Bewaffnung beſteht in der Lanze, dem Säbel, der Piſtole, und außerdem iſt der vierte Zug jeder Schwadron, die Flan⸗ keurs, mit Karabinern verſehen. Die Landwehrartillerie hält nur ihre jährlichen Schießübungen, zu welchen ihr Geſchütze und Pferde von der Linie geſtellt werden. Da die Artilleriebrigaden der Linie ſtark genug ſind, um bei den großen Manövern zu markiren, und da es dem Staate zu große Koſten machen würde, der Landwehrartillerie ebenfalls die nöthigen Pferde zu ſtellen, ſo wird dieſe nicht heran⸗ gezogen, ſondern von ihren beſondern Schießübungen nach Hauſe entlaſſen. Das gleichzeitige Zuſammenziehen der Linie zu Brigaden, Divi⸗ ſionen und Armeecorps iſt natürlich mit weit weniger Schwierigkeiten verbunden und kann raſcher bewerkſtelligt werden; doch werden auch hiezu große Vorbereitungen gemacht. Auf den Kammern wird Alles revidirt, bei der Reiterei und Artillerie Pferde und Geſchirre ſorg⸗ fältig gemuſtert und überall fleißiger als je exerziert. Beim Appell, wo früher nach fehlenden Knöpfen oder zerriſſener Uniform geſpäht wurde, müſſen jetzt Mantelſäcke und Torniſter, kriegsmäßig gepackt, vor⸗ gezeigt werden, und dies geſchieht oft, ehe der Soldat im Stande iſt, die vielerlei vorgeſchriebenen und nöthigen Sachen in das enge Be⸗ hältniß hinein zu zwängen. Bei Tag und bei Nacht werden Marſch⸗ übungen gehalten, wobei Alles mit vollſtändigem Gepäck und Waffen ausrückt, damit ſich die Mannſchaft vorläufig etwas daran gewöhne, die ſchwere Rüſtung halbe Tage lang, oft in brennender Sonnenhitze, mit ſich herumzuſchleppen. Auch die Soldaten ordnen ihre kleinen Privatangelegenheiten, als ginge es in Krieg und Tod, das heißt, ſie rechnen mit den Marketendern und Commisweibern ab und bezahlen ihre Schulden, um auf dem Marſche und im Lager neue machen zu können. Endlich werden aus den Unteroffizieren und Gemeinen ein paar tüchtige Leute ausgeſucht und zum Quartiermachen vorausgeſchickt. Sie erhalten eine Marſchroute, worin die Dörfer verzeichnet ſind, durch welche das Regiment kommt, ſo wie einen Etat der Stärke deſſelben, welchen ſie den betreffenden Ortsbebörden vorzuzeigen haben. Das Quartiermachen hat, wie Alles im Leben, ſeine Licht⸗ und Schattenſeite. Der Infanteriſt darf gewöhnlich hiebei nicht den ſchwe⸗ ren Torniſter ſchleppen; er wird ihm auf dem Wagen der Compagnie nachgeführt; er, wie der Reiter, braucht nicht im unerträglichen Staube, den das Regiment beim Marſche emporwirbelt, dahin zu ziehen; er 8 184 kann ſich beim Ausruhen den ſchattigſten Platz auf der Bank vor einem Wirthshauſe ausſuchen und braucht ſich nicht, wie ſeine Ka⸗ meraden, in voller Sonnenhitze auf den Rand der Landſtraße zu ſetzen, und endlich gerwehrt ihm Niemand, ſich in das beſte Quartier zu 8 legen. So weit ginge Alles gut; aber jetzt, ſtatt ſich, müde vom. Marſch, auf ſein Lager hinzuſtrecken, muß er Stunden lang auf dem Rathhauſe ſtehen, bis die Quartierbillets ausgefertigt und ihm zuge⸗ 5 ſtellt ſind; dann hat er Brod und Fourage für die ganze Batterie 8 oder Compagnie zu empfangen, hat die Quartierbillets für die Cor⸗ 3 poralſchaften, Beritte oder Geſchütze zu ordnen, und muß die Quar⸗ 1 tiere des Capitäns, der Lieutenants und des Feldwebels beſichtigen, 3 damit nicht einmal einer dieſer geſtrengen Herren zufälliger und ent⸗ 4 ſetzlicher Weiſe ein Unterkommen findet, das nicht beſſer iſt, als das* jedes ſeiner Untergebenen. Dabei hat der Quartiermacher noch allerlei Privataufträge zu beſorgen. Der Capitän wünſcht nicht zu weit vom Feldwebel und ſeinem Lieblinge, dem Lieutenant X., zu liegen., der Lieutenant Y. hofft einen guten Trunk in der Nähe zu finden, und der Lieutenant Z. beſteht auf einem Quartier, in dem ſich wenigſtens ein hübſches Mädchen befindet. Wehe dem Quartiermacher, wenn es ihm nicht gelingt, dieſe Forderungen einigermaßen zu befriedigen. Man mag ſich noch ſo große Mühe gegeben haben, man geht am andern Morgen immer mit Zittern und Zagen der anrückenden Truppe ent⸗ gegen; denn man kann ſicher darauf rechnen, daß man es Niemanden recht gemacht hat. So erinnere ich mich, daß ich eines Tages, weil 1 auf meinem Zettel ſtand, die Fourage für die Pferde der Herren— Offiziere werde auf einem Wagen nachgeführt, in die Quartiere der⸗ ſelben keine hinlegen ließ, worauf mir mein Herr Hauptmann, mit dem ich ohnehin nicht im beſten Vernehmen ſtand, die Bemerkung 44 machte, ich müſſe auf dem Marſche ſehr ſtark gefrühſtückt haben, und 8. mir allergnädigſt einen Arreſt von vierundzwanzig Stunden zukommen 3 ließ.— Der Quartiermacher empfängt das einrückende Regiment, über⸗ gibt ſeine Zettel, nimmt, wie geſagt, ſeine Verweiſe in Empfang, und bricht alsbald nach dem nächſten Orte auf, wo dieſelbe Geſchichte mit aandern Variationen wiederkehrt. 8 Da die Infanterie nur vier bis fünf, die Cavallerie nur ſechs bis ſieben Stunden täglich zurücklegt, ſo dauern die Märſche zum La⸗ ger, bei etwas entfernter Garniſon, ſehr lange. Trotz dieſer kleinen Etappen leidet die Mannſchaft auf dem Marſche häufig ſehr bedeutend. Die Manöver werden meiſt im Auguſt oder September gehalten, wo die Hitze und noch mehr der Staub die Leute quält. Offiziere und Unteroffiziere haben an ſolchen Tagen genug zu thun, um die erhitzten Menſchen vom voreiligen Waſſertrinken abzuhalten. Arreſtverheißun⸗ “ „ gen helfen da nicht mehr, und wir haben oft unſere Säbel, wenn auch nur zur Drohung, brauchen müſſen. Wegen dieſer Mühſeligkeiten ſieht der Soldat ſehnſüchtig dem letzten Marſchtage entgegen und betritt freudig die Zeltſtadt; die ſich vor ſeinen Blicken ausbreitet. Reiterei und Ge⸗ ſchütze beziehen, ſo wie die Landwehr, die umliegenden Dörfer, und ein allgemeiner Ruhetag, der auf den Einzug in's Lager folgt, wird dazu benutzt, um Waffen und Kleider wieder in gehörigen Stand zu ſetzen. Das Lager bei Grimlinghauſen. Wenn einer vor Kurzem die Ortſchaften an beiden Ufern des Unterrheins noch ſo genau kannte, ſo wußte er vielleicht doch nicht, wo Grimlinghauſen liegt, ein Dörſchen, aus wenigen ſchlechten Häu⸗ ſern beſtehend, das durch das Lager des preußiſchen ſtebenten Armee⸗ corps auf einmal eine, wenn auch raſch vorübergehende Bedeutung erlangt hat. Früher war hier kaum eine Nachenſtation, wo die Dampf⸗ boote die allenfallſigen Paſſagiere ein⸗ und ausluden, und wenn nicht zufällig hinter dem Dorfe die große Chauſſee von Köln nach Holland vorbeiführte, wäre der Weg zum Ort zu Lande nicht praktikabel ge⸗ weſen. Das Alles hat ſich ſeit Kurzem bedeutend geändert. Am Rhein erhebt ſich eine Landungsbrücke, wo Dampfboote vier⸗ bis ſechsmal im Tage anlegen; denn Grimlinghauſen iſt ein Punkt geworden, nach welchem aus dem ganzen Gebiet des Rheins Tauſende von Zuſchauern ſtrömen, um das große Lager anzuſchauen. Oberhalb der Landungs⸗ brücke der Dampfſchiffe haben die Pioniere eine Schiffbrücke über den Rhein geſchlagen, um die Communikation mit dem andern Ufer zu erleichtern. Dort halten zahlreiche Omnibus, die den Reiſenden nach Düſſeldorf bringen, von wo er zu Waſſer, zu Land und zu Eiſen in alle Welt gehen kann. Eine Viertelſtunde vom Rhein, wo die großen Flächen des Jü⸗ licher Landes beginnen, iſt das Lager aufgeſchlagen. Ich ſah es zum erſtenmal am 31. Auguſt 1842. Am Morgen war Manöver des ganzen Armeecorps mit markirtem Feinde, und ſchon in Düſſeldorf hörte man deutlich das Knattern des Gewehrfeuers und das Rollen der Geſchütz⸗ ſalven. 8 Ohne ſehr ausführlich, ja für manchen Leſer langweilig zu wer⸗ den, iſt es nicht möglich, den Verlauf eines Manövers zu erzählen, auch war ich keineswegs zu ſtrategiſchen Studien aufgelegt. Ich er⸗ götzte mich naiv am maſſenhaften Auftreten der einzelnen Truppen⸗ * theile und am weißlichen Pulverdampf, der in dicken Wolken über die Ebene hinzog. Auf den Höhen war das Geſchütz in Thätigkeit und lange Infanterielinien ſchienen die feuerſpeienden Baſtionen gleich glän⸗ zenden Courtinen zu vereinigen. Der Generalſtab ſah wie ein bli⸗ tzender Stern aus; man ſah da nichts als Goldſtickereien und weiße Federbüſche. Das Manöver beſchloß ein großer Cavallerieangriff, und es war wirklich ein großartiger Anblick, wie Lcha Reiterregimenier mit donnerähnlichem Getöſe über die Ebene hinjagten. Als Alles vorbei war, zogen einige Reiterregimenter und reitende Batterien über die Schiffbrücke auf das jenſeitige Ufer des Rheins, wo ſie ihre Quar⸗ tiere hatten. Der ſchmale glänzende Streif über dem grünen Fluſſe nahm ſich ſehr gut aus; an Heiden Ufern ſtanden zahlreiche Zuſchauer, unterhalb harrte ein Dampfboot auf die Oeffnung der Brücke und von obenher kam ein großes Floß mit einförmigem, taktmäßigem Ruderſchlag. 1 Die Stadt der Zelte war heute nicht ſo belebt wie an den vor⸗ hergehenden Tagen; die dunkeln Regenwolken, die den Himmel be⸗ deckten, ſchreckten Manchen zurück. Indeſſen hatte ich ſo beſſer Ge⸗ legenheit, Alles in der Nähe zu beſehen. Das Lager bildet ein großes, längliches Viereck, deſſen Fronte vom Rheine abgekehrt iſt. Die Zelte deer Soldaten ſtehen in gleichen Reihen neben einander, und jede ſolche Reihhe der ſchmalen Seite iſt von einer Compagnie bewohnt. Die Zelte ſind von grauer Leinwand und mit einer grünlichen Spitze verſehen. Zwiſchen den Zelten und in derſelben Reihe befinden ſich kleinere, worin die Gewehre der Soldaten aufbewahrt werden, die ſogenannten Gewehrmäntel. Die Zelte der Offtziere zeichnen ſich durch eine kleine weiße Flagge aus, welche je nach ihrem Range mit ſchwarzen Strei⸗ fen verſehen iſt; die des Capitäns hat zwei Streifen, die des Ober⸗ lieutenants nur einen. An der hintern Seite des Lagers befinden ſich die Kochöfen, aus einem großen Schornſt in beſtehend, der an jeder Seite einen Heerd hat, worin drei große Keſſel eingemauert ſind. Jedes Bataillon hat ſeinen Kochheerd und jedes Regiment ſeinen Pump⸗ brunnen, die ein überaus gutes und klares Waſſer liefern. Dieſe Anſtalten ſind von Backſteinen anf's Sorgfältigſte aufgeführt und wer⸗ den ſtehen bleiben, um ſpäter bei einer ähnlichen Gelegenheit wieder zu dienen. Auch die große Commisbrodbäckerei des Lagers befindet ſich mit vielen Oefen einige hundert Schritte hinter dem Lager und iſt ebenfalls maſſiv aus Steinen und wohl auf länger als die Dauer des Manövers errichtet. Vor der Fronte der Lagerſeite ſtehen die Zelte der Stabsoffiziere, vor welchen die Fahnen des Regiments auf⸗ gepflanzt ſind..“ Da ich das Lager in der Mittagsſtunde ſah, wo die Soldaten —— —