TTTATATATn ranar annnnnhhnananarrrr aHL Leihbibliothek Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 5,„„ franz. od. engl.„ 2 Das Abonnement beträgt: arranananagannnannnanananaanannf für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: ———— Kr. 77 ———— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. n , 4. 1„ 30„ 1„,„—„ 45„ f 7„.. 36„—„ 27„—„ 18„ pß —+,⅛ — — 1 — * 9 ——' Vilder aus dem Leben. Von F. W. Hackländer. — — Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1850. Gebruckt bei K. Fr. Hering& Comp. Seite Vergnügen auf der Jagd............... 4 *Herbſtsetgnügen.................. 15 Laternenunglück(mit Illuſtrationen)........... 30 Der Clubb für unbegränzte Freiheit........... 38 Elfen⸗Correſpondenz(mit Illuſtrationen)......... 46 Anonyme Briefe.................. 69 Zeitungsartikel in aufſteigender Potenz........... 73 4 Monsieur de Blé(Scherz in 1 Acte).......... 79 Unten im Hauſe(Luſtſpiel in 1 Acte).......... 119 Abtei Heyſterbach im Siebengebirge........... 157 Nachts im Walde............... Die ſieben Muſtkanten............... 164 Auf der Mache.......... Erinnerungen................... 168 Vergnügen auf der Jagd. Wenn ich von dem Manne, den ich hier aufzuführen die Ehre habe, bemerke, daß er kein gewaltiger Jäger vor dem Herrn war, ſo will das nicht ſagen, er habe ein Steinſchloß von einem Percuſſtons⸗ ſchloß nicht unterſcheiden können, oder er habe nicht gewußt, daß man Feldhühner im Sommer und Haſen im Winter ſchießt. Nichts weniger, beſagter Mann kannte ſogar den größten Theil der gangbaren Jägeraus⸗ drücke, und hätte um Alles in der Welt nicht von den Hörnern eines Rehbocks oder den Beinen einer Schnepfe geſprochen. Hierin war er ſehr correkt, und vierzehn Tage nach der Jagdzeit konnte es ihm wohl begegnen, daß er Jemand verſicherte, ſeine Lichter ſeien außerordent⸗ lich gut und über ſeine Ständer könne er ſich nicht beklagen. So eben hat er ein Billet erhalten mit der Einladung zu einem Treibjagen, woſelbſt Füchſe, Haſen und Böcke geſchoſſen werden. Be⸗ ſonders auf letzteres freut er ſich außerordentlich; denn obgleich er ge⸗ ſprächsweiſe wohl von dieſem oder jenem ſchwierigen Schuſſe ſpricht, den er einem unglücklichen Reh männlichen Geſchlechts beigebracht, ſo iſt die Sache doch im Grunde eine Dichtung, was er vertrauten Freun⸗ den eingeſteht und alsdann verſichert:„Im Winter, wenn ich Zeit habe die Jagden zu beſuchen, haben die Böcke abgeworfen, und was den Pinſel anbelangt, da kann man nicht vorſichtig genug ſein.“ Hackländer, Vermiſchtes. 1 2 Alſo die Einladung iſt angekommen. Das Rendezvous iſt vier Stunden von dem Orte, wo ſich der Jagdliebhaber befindet, auf morgen früh ſteben Uhr feſtgeſetzt. So ſehr es ihn freut, einmal einen Tag lang knallen zu können, ſo iſt ihm doch der Umſtand, Morgens vor ſieben Uhr einige Stunden fahren zu müſſen, äußerſt fatal, und wer weiß, ob er die Einladung annähme, wenn er ſich nicht ſo ſehr darauf freute, heute Abend in Geſellſchaft auf die ſtehende geiſtreiche Phraſe: „Aber heute iſt es kalt!“ leicht hinwerfen zu können:„Pah, was iſt für uns Jäger die Kälte!“—„So, Sie lieben die Jagd?“—„Leiden⸗ ſchaftlich,“ antwortet er, indem er ſich die Hände reibt.„Nur raubt es mir Zeit, viel Zeit; gleich morgen bin ich wieder genöthigt, einen ganzen Tag zu opfern, da mich mein Freund X. dringend eingeladen hat.“ Das Wetter iſt, wie es ein Jäger nur wünſchen kann. Seit heute Nachmittag hat ſich der Himmel aufgeklärt; es iſt Froſt eingefallen, und als unſer Freund Abends nach Hauſe geht, tritt er in ſo viel Waſſer⸗ lachen, als er eben erreichen kann, um ſich zu überzeugen, daß es wirk⸗ lich friert. Vor einigen Tagen iſt Schnee gefallen und eine weiße Decke liegt über Berg und Thal. Was die Jagdausrüſtung anbelangt, ſo iſt unſer Dilettant 5 amit verſehen wie Einer. Er beſitzt einen grauen Jagdrock, dicke kurze Hoſen, wollene Strümpfe, die bis über's Knie reichen, und rothe juchtenlederne Stiefeln, die das ganze Jahr einen unausſtehlichen Geſtank verbreiten, dafür aber auch, weil ſte wenig gebraucht werden, im Winter auf der Jagd der Näſſe gutwillig den Eintritt verſtatten. Er hat ſich einen grauen Filzhut angeſchafft mit einem theuern Gemsbart und Spielhahn⸗ federn verziert. Das Pulverhorn iſt zum Aufdrücken, der Schrotbeutel zum Umbiegen eingerichtet, Alles auf's Neueſte. Auch eine Zündhüt⸗ chenuhr fehlt nicht; da er aber den Mechanismus derſelben nicht zu handhaben verſteht, ſo wird ſie nur zur Parade mitgenommen und er müht ſich meiſtens ab, mit den erſtarrten Fingern das Zündhütchen aufzuſetzen. Daß er ein ausgezeichnetes Gewehr beſitzt, brauchen wir gar nicht zu erwähnen. Daſſelbe ſchießt weit hin und hält auf achtzig Schritte die Schrote merkwürdig zuſammen. Nur hat es einen einzigen kleinen Fehler: es ſtößt ſehr ſtark und hätte dem Liebhaber bei einem erſten Verſuch mit etwas ſtarker Ladung beinahe zwei ſeiner ſchönſten Backzähne gekoſtet. Der Jagdliebhaber kommt in ſein Zimmer und ruft ſeinem Be⸗ dienten.—„Johann, mein uäafe den Jagdrock, die Hoſen, die — 4 3 hohen Strümpfe und die langen Stiefel!“— Bald ſind alle dieſe Sachen um ihn verſammelt und er ſieht ſich veranlaßt, dem Bedienten einen kleinen Wiſcher zu ertheilen. Die Motten haben in den Aermel des Rocks ein Loch gefreſſen und in der Hoſe einen Theil verletzt, den man gern in gutem Zuſtande beſitzt. Dieſer Wiſcher wird bedeutend verſtärkt, da die Stiefeln, trotz der häufigen Ermahnungen, ſie fleißig einzuſchmieren, vor Dürre ordentlich klappern. Im Grunde tröſtet ſich der Jagdliebhaber damit, daß es nicht viel zu ſagen hat, wenn auch an den Kleidungsſtücken etwas fehlt, wenn nur die Waffe in gutem Zu⸗ ſtande iſt. Dieſe ſteht, ſorgfältig in ein grünes wollenes Futteral geſteckt, in einer Ecke des Zimmers und wird nun hervorgeholt und feierlich ent⸗ hüllt. Doch wer malt den Schrecken des Jagdliebhabers, als er bemerkt, daß das Gewehr in⸗ und auswendig mit einer förmlichen Kruſte von Roſt bedeckt iſt, und als er ſieht, daß die Batterie von verbranntem Pulver ſtarrt!—„Gerechter Gott! wer hat das gethan? Wie iſt das möglich?“ Er weiß zu gewiß, daß er das Gewehr ſelbſt in's Futteral geſteckt, rein und blank, nachdem er es ſorgfältig mit Mandelöl einge⸗ rieben. Ein ſchweres Gewitter ſteigt über dem Haupt des Bedienten empor, der troſtlos daſteht und ſich nach den erſten Worten als Thäter bekennt. Er hat das Gewehr mit zu einer Herbſtfeier genommen, und nachdem er an einem ſchönen Nachmittage zwei Pfund Pulver daraus verknallt, hat er's ungeputzt in's Futteral geſteckt und das Putzen ver⸗ geſſen. Glücklicherweiſe iſt der ſehr biegſame und ſchmiegſame Ladſtock nicht eingeroſtet und Herr und Diener beſchäftigen ſich ſofort mit einer ſehr eindringlichen, aber unangenehmen Herbſtnachfeier.— Was iſt zu thun? Das Gewehr muß geputzt ſein, und da es unterdeſſen eilf Uhr Abends geworden iſt, ſo muß man ſich ſelbſt damit beſchäftigen. Die Waffe wird auseinander geſchraubt, und nach zweiſtündiger mühſamer Arbeit tritt der feſte Grund des Rohrs überall wieder zu Tage; die Bat⸗ terie iſt ſauber und blank, und während dem hat der Bediente Rock und Hoſe etwas geflickt und die Stiefeln mit Oel und Talglicht gehörig bedient. Als endlich Alles in Ordnung iſt, ſchlägt es zwei Uhr, und da der Poſtwagen nach dem Orte des Rendezvous um halb drei abfährt, ſo iſt keine Zeit mehr zu verlieren. Der Jagdliebhaber, ohne zu Bette gekommen zu ſein, wirft ſich gedaldig in die Jagdkleider, hängt Pulver⸗ horn, Schrotbeutel und Zündhütchenuhr um, nimmt den Muff, ſetzt den Jagdhut mit der Spielhahnfeder auf und wickelt ſich in den Mantel. 1* 4 Es wird raſch eine Taſſe Kaffee gekocht, und nach einem halb weh⸗ müthigen Blick auf ſein unberührtes Bett eilt er nach dem Poſthofe, den Vergnügungen entgegen, die ſeiner harren. Draußen iſt es grimmkalt, die Sterne funkeln am klaren Himmel, der Schnee knirſcht unter den Füßen des Dahinwandelnden, und ehe er noch den Poſthof erreicht, hängen große Eiszapfen an ſeinem Barte.— Im Eilwagen iſt er die einzige Perſon, und wenn er deßhalb auch die Beine nach Belieben ausſtrecken kann, ſo leidet er dafür ſehr an Froſt. Umſonſt wickelt er ſich in ſeinen Mantel, die Nachtluft dringt ſchneidend durch. Seine Zähne klappern und aus den Füßen iſt alles Gefühl ver⸗ ſchwunden. Endlich nach vier langen Stunden kommt er am beſtimmten Orte an. Es iſt halb ſieben und der Tag fängt an zu dämmern. Im Wirths⸗ hauſe, wohin er beſchieden worden, wird er in eine große Stube gewieſen, wo ihm ein dicker Holzrauch ſagt, daß das Feuer eben angelegt wor⸗ den.— Er iſt der Erſte auf dem Platze, und nachdem er das Gewehr von ſich gelegt, trippelt er, halb erſtarrt, in der Stube auf und ab, um ſich etwas zu erwärmen. Bald erſcheint ein Kellner mit ſehr verſchlafe⸗ nem Aeußern, der ihn gähnend fragt, was er zu genießen wünſche.— Nachdem der Jagdliebhaber einige Augenblicke überlegt, entſcheidet er ſich für Chokolade mit geröſtetem Brod und Butter. Unterdeſſen wird es Tag und vor dem Gaſthofe verſammeln ſich die Treiber. Sie haben lange hellgraue Leinwandkittel an, Pelzmützen auf dem Kopfe und die Hände ſtecken in dichten Filzhandſchuhen. Die meiſten führen einen langen Stock und Alle ſpringen im Schnee herum, ſchlagen in die Hände, um dieſe zu erwärmen, und blaſen ihren Athem in dicken Dampfwolken von ſich.— Jetzt kommen auch einige herrſchaft⸗ liche Jäger an, mit andern Treibern hinter ſich, deren einer einen Früh⸗ ſtückranzen trägt und einen Schweißhund an der Leine führt. Alle haben blaue Backen und roth angelaufene Naſen; ein Anblick, der den Jagd⸗ liebhaber jetzt um ſo ſchmerzlicher an die vergangene Nacht erinnert, da der Ofen anfüngt eine behagliche Wärme auszuſtrömen und die duftende heiße Chokolade vor ihm auf dem Tiſche ſteht. Dort ſteigt die Sonne über die Berge und wirft einen feuerrothen Schein auf den Schnee bis vor das Wirthshaus, den Rauch vergoldend, der aus den Schornſteinen des Dorfs hie und da aufzuſteigen beginnt. Die Jagdhunde ſchauen empor und ſchütteln ſich.— Eben iſt die Cho⸗ kolade und ein ganzer Teller voll geröſteten Brods mit Butter verzehrt, 5 als draußen unter den Treibern eine allgemeine Bewegung entſteht. Herr v. T., der nahe beim Dorf während der Jagdzeit auf ſeinem Landgut wohnt, kommt mit einigen andern Herren, und die Jagd kann begin⸗ nen.— Unſer Held ergreift ſein Gewehr und eilt vor das Haus. Allge⸗ meine Begrüßung. Man wird vorgeſtellt und läßt ſich vorſtellen, und iſt in wenigen Augenblicken bekannt. Gleich vor dem Dorf beginnt der erſte Trieb.— Ein alter Jäger des Herrn von X. führt unſern Jagdliebhaber und einen andern jungen Herrn auf ihren Stand. Während ſie ſo im Schnee dahin gehen, leitet der Jäger die Converſation mit den Worten ein, daß es doch nicht mehr ſo kalt ſei wie geſtern; er zeigt auf einige Wolken, die unterdeſſen empor⸗ geſtiegen ſind, und ſchüttelt halb verdrießlich mit dem Kopf, wobei er eine Hand voll Schnee vom Boden aufhebt, um zu zeigen, daß er naß ſei und ſich leicht zuſammenballen laſſe. Bald iſt der Stand erreicht, die Beiden werden aufgeſtellt, und da die Treiber einen weiten Weg zu machen haben, ſo geſellt ſich der junge Herr aus der Nachbarſchaft zu unſerm Liebhaber, und Beide be⸗ ginnen ein Jagdgeſpräch, aus welchem der Letztere zu ſeinem großen Schrecken erſteht, daß jener heute wahrſcheinlich zum erſtenmal eine Jagd mitmacht. Er weiß nicht, was ein Zw illing iſt, er ſpricht vom Haar des Haſen, und der Jagdliebhaber bekommt beinahe Krämpfe, als ihm der Andere von einem Rehbock erzählt, der ein ganz verdrehtes Horn gehabt habe. Kurz, in einer Viertelſtunde iſt es heraus, daß der junge Herr noch nie auf der Jagd geweſen, denn er bittet den Jagd⸗ liebhaber, ihm beim Laden ſeines Gewehrs behülflich zu ſein.— Man kann ſich den Schrecken des Mannes denken. In aller Kürze, denn die Treiber erſcheinen ſchon auf den Höhen des Feldes, gibt er dem jungen Herrn die allernothwendigſten Anweiſungen und bittet ihn auf's Drin⸗ gendſte, nicht auf den Weg zu ſchießen, auf dem Beide ſtehen. Der Trieb beginnt, die Treiber fangen an ihr Jellow! Jellow! zu ſchreien, und ein einzelner Haſe kommt in voller Flucht übers Feld ein⸗ her, gerade mitten zwiſchen unſern beiden Freunden. Der Jagdliebhaber nimmt ſein Gewehr auf und macht ſich in größter Ruhe fertig; der junge Herr, der vor dem Trieb noch ein nothwendiges Geſchäft hat verrichten wollen, knöpft in aller Haſt ſeinen Rock zu, fackelt mit dem Gewehr herum, der Haſe ſtutzt, wendet ſich und eilt in einem weiten Bogen den andern Schützen zu, deren einer ihn gemächlich niederſtreckt. Bald folgen mehrere dieſem erſten Schlachtopfer menſchlicher Grau⸗ 6 ſamkeit. Sie ſpringen behend auf dem Schnee hin und her, gejagt von den Treibern und ſtutzend vor den aufgeſtellten Schützen; ſie kommen vor und eilen zuirück, ſpringen rechts und ſpringen links, ſtehen und halten die Löffel empor. Drei bis vier der beherzteſten machen einen tollkühnen Verſuch und eilen gerade auf die Schützen los. Piff! paff! pum! drei wälzen ſich in ihrem Blute, und der vierte, der nahe an unſerem Jagdliebhaber vorbeikommt, ſchnellt unter dem Schuſſe dahin und zeigt hohnlachend ſein weißes Hintertheil. Die Treiber kommen näher, das Gefecht wird hitziger. Haſen die Menge; es knallt auf allen Seiten. Der junge Herr, der wüthend in den Schnee hinein ſchießt, erlegt einen angeſchoſſenen, halbtodten Haſen, der ſich mühſam vor ihn hingeſchleppt hat. Tollkühn gemacht durch dieſen Sieg, wendet er ſich mit dem Gewehr und knallt einigen Flücht⸗ lingen nach, ohne ihnen die Wolle anzubrennen. Jetzt kommen noch einige Nachzügler und unſer Jagdliebhaber, der noch nichts erlegt hat, verſtärkt ſchnell die Ladung ſeines Gewehrs, um von dieſen letzten Früchten noch eine für ſich zu brechen. Ein ſehr ſtarker Haſe kommt ihm gerade in den Schuß. In der Hitze drückt er beide Läufe zugleich los; freilich ſtürzt der Haſe im Feuer zuſammen, aber der Jagdliebhaber bekommt zugleich einen ſo fürchter⸗ lichen Schlag von ſeinem Gewehr, daß er einen lauten Schrei ausſtößt. Im ſelben Augenblick knallt es neben ihm: der junge Herr hat trotz aller Ermahnung über den Weg geſchoſſen. Unſer Jagdliebhaber hört hinter ſich die Schrotkörner in den Schnee ſchlagen und ſteht da, von doppeltem Entſetzen gefeſſelt. So endigt der erſte Trieb. Die Treiber kommen vor den Schützen in einer langen Linie aus den Büſchen heraus. Viele bringen geſchoſſene Haſen mit, die in die Linie zurückgelaufen und dort liegen geblieben. Der Trieb iſt ſehr gut ausgefallen, der Jagdeigenthümer reibt ſich die Hände und überzählt vergnügt die lange Reihe von getödteten Haſen, die vor ihm auf dem Schnee ausgebreitet werden; die Hunde, an der Leine gehalten, dringen ſehnſüchtig näher, die Getödteten beſchnuppernd und hie und da den Schweiß aufleckend. Der Jagdliebhaber unterſucht mit der verdrießlichſten Miene von der Welt ſein Gewehr, und kann nicht begreifen, weßhalb es ſo furchtbar ſtößt. Seine rechte Wange iſt roth und aufgelaufen, als habe er ſeit mehreren Tagen mit furchtbarem Zahnweh gekämpft. Der Himmel hat ſich unterdeſſen bezogen und einzelne Schneeflocken, 1 7 vom Winde hin und her gejagt, ſchweben als Vorpoſten eines wahr⸗ ſcheinlich ſtarken Schneegeſtöbers langſam herab. Die Haſen werden auf große Stöcke geſtreift und auf einen Wagen gehängt, der der Jagd langſam folgt.—„Meine Herrn,“ ſagt der Jagdeigenthümer,„glauben Sie, daß es noch zu früh zum Frühſtücken iſt? Wie es Ihnen beliebt. Wollen wir jetzt einen kleinen Imbis nehmen oder noch einen Trieb machen?“— Bei dem Worte Frühſtück tritt ein ſtämmiger Bauer aus dem Haufen hervor; derſelbe trägt einen Stuhl mit einem einzigen Bein, an welchem eine ſtarke eiſerne Spitze, um ihn in den Boden zu treiben, und an dieſem Stuhl hängt ein gewaltiger Ranzen, mit einem großen Wolfspelz überzogen, und dieſer Ranzen enthält ein ganz vortreffliches Frühſtück. Da ſich aber die meiſten Jäger dafür entſcheiden, noch einen oder zwei Triebe zu machen, ſo tritt der Bauer mit dem Ranzen wieder unter die Treiber zurück. „Meine Herren,“ ſagt der Jagdeigenthümer,„wir wenden uns dort links aus dem Walde hinaus, gegen die Haide hin, und ich bitte nur, keinen der Füchſe durchgehen zu laſſen, die wahrſcheinlich in Menge erſcheinen werden.— Haben Sie ſchon Füchſe geſchoſſen?“ ſagt er zu dem Jagdliebhaber und dem jungen Herrn. Der letztere verneint, der erſte aber zeigt ſtillſchweigend ſeinen Jagdmuff, der allerdings von Fuchs⸗ pelz iſt, was aber im Grunde nicht viel ſagen will.—„Alſo vorwärts!“ ruft der Jagdeigenthümer. Die Förſter ſtellen die Treiber an und die Jäger ziehen links in den Wald hinein, wo derſelbe lichter zu werden beginnt. Zu dem jungen Herrn geſellt ſich ein alter Förſter, der ihn von früher kennt und vorhin zugeſehen, wie er ſich ziemlich ungeſchickt be⸗ nommen; er gibt ihm einige freundſchaftliche Ermahnungen.—„Wiſſen Sie was?“ ſagte der Alte,„gehen Sie mit mir in den Trieb, das iſt recht amuſant, namentlich wo es viele Füchſe gibt. Der Fuchs iſt von einer unbegreiflichen Schlauheit; er iſt im Stande, ſich in einer Weg⸗ furche zu verſtecken, läßt die Treiber vorbeigehen und reißt dann hinten aus. Da kann man ihm nachknallen, daß es ein wahres Vergnügen iſt.“— Der junge Herr nimmt das Anerbieten dankbar an und folgt mit dem alten Jäger den Treibern. Er wirft ſein Gewehr über die Schulter und watet plaudernd durch den tiefen Schnee. „Sind Sie ſchon lange bei der Jägerei?“ fragt er den alten Förſter, und dieſer entgegnet:„Ja, das mögen ſchon an die vierzig Jahre ſein; aber damals und jetzt, welch ein Unterſchied! Man kann —— 8 8 das heutzutag keine Jagd mehr nennen, die paar Haſen und Füchſe und hie und da ein Reh! Du lieber Gott! was war das noch für ein Hoch⸗ wildſtand vor dreißig Jahren! und die Sauen, die es da gab! Auch ſchoß man jeden Winter einen bis zwei Wölfe.“ „Ach ja, Wölfe!“ meint der junge Herr und ſchnalzt vor Jagd⸗ luſt.„Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, ſo einen Wolf zu ſchießen. Aber man ſpürt ja ſeit längerer Zeit wieder Wölfe hier im Land. Kamen ſte nicht in dieſes Revier?“—„Waren auch da, junger Herr,“ erwiedert der alte Förſter, den plötzlich die Luſt anzukommen ſchien, einiges Latein preis zu geben.„Man hat in den Zeitungen von zweien gefaſelt. Ja, proſit die Mahlzeit! Es war ein ganzes Rudel. Gott ſtraf mich, aber es waren wenigſtens ihrer zwanzig.“*—„Ah!“—„Wenigſtens zwanzig. Sie haben doch die Berichte von den Schafen geleſen, die ſie zerriſſen haben, von der ungeheuern Menge Schafe? Das thun nicht zwei Wölfe. Sie waren, wie man es ſo nennt, ordentlich conſtituirt, und der Luchs, der damals geſchoſſen wurde, führte ſo eine Art Oberkommando über ſie. Sehen Sie“— und damit blieb der Alte plötzlich ſtehen—„hier auf dieſem Fleck ſtand ich, dort drüben auf der Heide war der Schäfer des Orts, und da unten, wo die umgeſtürzte Eiche liegt, ſah ich ſie vorbei kommen; wie geſagt, wenigſtens ihrer zwanzig, und der Luchs voran; der trug ein Reh, und jeder der Wölfe hatte ein Schaf im Rachen. Ja, das war für die Schäfer eine harte Zeit.“—„Aber,“ entgegnet der junge Herr,„man hat ja nur zwei geſchoſſen, da müſſen die andern noch im Lande ſein, und es könnte uns heute zufällig ein Wolf begeg⸗ nen.“—„Das iſt wohl möglich,“ meint der alte Förſter,„freilich nicht ſehr wahrſcheinlich; aber was iſt in der Welt nicht ſchon Alles geſchehen, namentlich auf der Jagd? Ja, da kommen Dinge vor! Aber jetzt müſſen wir den Treibern nach, ſie ſind ſchon weit voraus.“ Die Beiden ſchreiten rüſtig drauf los und ſind bald auf der Linie, von der aus getrieben wird. Der junge Herr verſucht ſein Gewehr von Neuem zu laden, benimmt ſich aber dabei wieder ſo ungeſchickt, daß der alte Jäger überlegt, ob es rathſam ſei, ihn mit in die Treiberlinie zu nehmen, ob es nicht beſſer wäre, ihn an irgend einem verlorenen Poſten aufzuſtellen, wo er Niemand Schaden zufügen könnte. Er wählt das Letztere. Die Beiden ſtehen gerade an der umgeſtürzten Eiche.— „Das iſt ein ſehr merkwürdiger Platz,“ ſagt der alte Förſter.„Die Eiche hier heißt die Fuchseiche.“—„Ei, und warum die Fuchseiche?“ —„Das ſollten Sie nicht wiſſen,“ meint der alte Förſter,„und waren * * ——— —— —,— 9 doch ſo viel auf der Jagd?“—„Ja, ich erinnere mich dunkel, etwas davon gehört zu haben.“ „Natürlich,“ entgegnet der Förſter.„Der Fuchs iſt das ſchlauſte Thier, das es gibt. Daß er ſich bei den Dörfern, an den Hühnerſtällen herumtreibt, wiſſen Sie. Sollte man aber glauben, daß ſo ein Vieh eine Ahnung davon hat, wenn er den andern Tag getrieben werden ſoll und wo die Jagd losgehen wird? Gott ſtraf mich! und das wiſſen ſie manchmal beſſer als die Jägerburſchen.“—„Unglaublich!“—„Das iſt noch nicht Alles,“ fährt der Alte fort.„Sie machen während der Jagd Zeichen an gewiſſe Bäume und theilen ſich dadurch mit, wo die ſchlechten Schützen ſtehen und wo es am hitzigſten hergeht. Und deß⸗ wegen heißt dieß hier die Fuchseiche. Was ſie für Zeichen machen, das kann kein Menſch wiſſen; aber ſo viel iſt gewiß, daß die Füchſe wäh⸗ rend des Triebs ihre Richtung vor Allem hieher nehmen, und wenn ſie geſehen haben, was ſie ſehen wollten, gehen ſie entweder gerade aus oder kehren um und ſuchen ſich zu retten wie ſte können.“ „Ei!“ meint der junge Herr,„und wer macht denn die Zeichen an die Eiche?“—„Das thut immer der geſcheidteſte Fuchs, der Ober⸗ fuchs.—„So muß ja hier ein abſonderlich guter Platz ſein?“—„Das will ich meinen; ich habe mich hier aufſtellen wollen, aber wenn's Ihnen Vergnügen macht, ſo bleiben Sie da.“—„Das wäre mir wirklich recht angenehm.“—„Alſo abgemacht! Bleiben Sie hier ſtehen. Halten Sie ſich aber ſtill und rühren Sie kein Glied am Leib.“ Im Abgehen fügt der Alte hinzu:„Am Ende haben Sie ſogar das Glück und ſchießen den Oberfuchs.“—„Aber,“ ruft ihm der junge Herr nach,„woran erkennt man denn eigentlich den Oberfuchs?“—„Sie werden mir doch nicht weiß machen wollen, daß Sie den Oberfuchs nicht zu unterſcheiden wiſſen!“ lacht der alte Jäger und geht ſ ſeines Wegs.—„Natürlich!“ erwiedert der junge Herr und ſtellt ſich in Poſitur. Auf der andern Seite ſind die Schützen auch aufgeſtellt; der Jagd⸗ liebhaber hat wirklich einen guten Platz bekommen und ſteht zwiſchen dem Herrn von X. und einem andern vortrefflichen Schützen. Vor ſich haben ſie eine junge Waldkultur, von der ſte durch einen tiefen, mit niedrigem Geſträuch bewachſenen Graben getrennt ſind; in ihrem Rücken iſt die Heide. Der Jagdliebhaber iſt ungemein aufgeregt, theils weil er wirklich begierig iſt, einmal einen Fuchs zu ſchießen, theils weil er fürchtet, ſich vor den guten Schützen zu blamiren. Herr von K. legt beide Hände vor den Mund und ruft ihm leiſe zu:„Wenn der Fuchs 10 kommt, ſich nur nicht gerührt!“— Die Aufſtellung der drei Herren iſt ſehr gut gewählt. Jeder ſteht hinter einer großen Buche, die ihn vollſtändig deckt. Der Trieb beginnt. Lange iſt Alles ſtill; hie und da ſteigt eine Elſter krächzend auf, oder es ſtreift ein Rabe mit ſchwerem Flügel⸗ ſchlag durch den Wald. Jetzt erſchallt in weiter Ferne ein leiſes Jellow, Jellow! Doch iſt's wohl nur ein blinder Lärm; man hört nichts weiter als den Ruf des Echos in den Bergen. Jetzt wieder: Jellow! Jellow! Zuerſt ein einzelner Ruf, dann mehrere hinter einander, und nicht lange, ſo ruft es: Jellow Fuchs! längs der ganzen Linie der Treiber. Der Jagdliebhaber ſtellt ſich auf die Fußſpitzen, faßt krampfhaft ſein Gewehr und ſein Herz pocht hörbar. Drüben im Laub, ihm gerade gegenüber, raſchelt es; er ſieht rechts Herrn von X. an: dieſer macht ihm ein drin⸗ gendes Zeichen, aufzupaſſen; er ſieht links: der andere Schütze bedeutet ihm daſſelbe. Er ſtrengt ſeine Augen unglaublich an. Jetzt iſt ihm, als bemerke er drüben auf der andern Seite des Grabens einen kleinen gelben Sandhaufen, der aber plötzlich wieder verſchwindet. Das Raſcheln kommt näher— er ſieht nichts. Sein Nachbar links gibt ihm ein drin⸗ gendes Zeichen, indem er den Zeigefinger wie ein Gewehr an die Wange legt, und Herr von X. arbeitet wie ein Telegraph. Dem Jagdliebhaber bricht der Schweiß aus: er ſoll ſchießen und ſteht nichts. Drüben er⸗ ſcheinen die Treiber, einige vorwitzige Buben voraus; einer derſelben wirft ſeinen Prügel in den Graben und brüllt hinaus:„Jellow! Jellow Fuchs!“ Herr von X. ſtößt einen derben Fluch aus, der andere Schütze zielt kaltblütig wie auf das Fußgeſtell des Jagdliebhabers. Dicht vor demſelben fährt ein Fuchs in die Höhe, beinahe zwiſchen ſeinen Füßen durch, über die Heide hin. Es knallt von allen Seiten. Der Jagdlieb⸗ haber, dem es ſchwarz vor den Augen geworden iſt, wendet ſich eben⸗ falls gegen den Fliehenden, drückt abermals die beiden Läufe ſeines Ge⸗ wehrs zugleich ab, erhält einen noch furchtbareren Schlag als das erſtemal, verliert das Gleichgewicht, ſtürzt rücklings in den Graben und liegt da in ſeines Nichts durchbohrendem Gefühle, umtobt von dem Ge⸗ lächter der Treiber. Glücklicherweiſe hat der Jagdeigenthümer den Fuchs erlegt; er iſt im Feuer zuſammengeſtürzt. Der gute Schuß mildert ſeinen Zorn über die Ungeſchicklichkeit des Jagdliebhabers.— Man richtet ihn auf, und da er glücklicherweiſe keinen Schaden genommen hat, ſo erzählen ihm ſeine beiden Nachbarn, wie der Fuchs nicht drei Schritte vor ihm hinter —— — —— 11 einem abgehauenen Baumſtamme geſteckt.„Auf Ehre, ſo nahe,“ ſagte Herr von X.,„daß wenn ich nach ihm geſchoſſen hätte, ich unfehlbar Ihre Waden mit verletzt haben müßte.“— So endigt der zweite Trieb.— Die Treiber umſtehen den Fuchs, er hat die Augen verdreht und zeigt noch im Tode die Zähne. Einer gibt ihm noch einen derben Schlag auf den Kopf, denn man hat Bei⸗ ſpiele, daß der Fuchs ſich nur todt ſtellt und nachher die Treiber, die ihn fortſchleppen wollen, in die Waden beißt.—„Meine Herren,“ ruft der Jagdeigenthümer,„jetzt kommt der Frühſtückstrieb! Wo iſt der Caſpar mit dem Ranzen?“—„Caſpar iſt zurückgeblieben und wird gleich erſcheinen,“ meinen die Treiber. 3 Die Bauern lagern ſich an den Rand des Grabens, ziehen ihr Stück Brod aus der Taſche und erzählen ſich Jagdabenteuer. Herr v.. ſchaut ungeduldig nach Caſpar in den Wald hinein, und der alte Förſter begreift nicht, wo der junge Hekr von der Fuchseiche bleibt, der ebenfalls noch nicht da iſt. Es iſt im Wald ſo ſtill wie in einer Kirche; man hört die naſſen Blätter von den Bäumen raſcheln. Auf einmal fällt ein ent⸗ fernter Schuß; Alles lauſcht. Gleich darauf fällt ein zweiter, und man hört in der Entfernung ein gedämpftes Hurrah.—„Was iſt das?“ fragt Herr v. X.— Der alte Förſter meint, es ſei in der Gegend der umgeſtürzten Eiche, nimmt einem der Treiber den Schweißhund ab und macht ſich eiligſt dahin auf den Weg. „Gehen wir mit!“ ruft Herr v. R. Die Schützen folgen und der größte Theil der Treiber ſchließt ſich an. Eilig dringt man vor. Der alte Förſter hat recht, die Schüſſe ſind in der Richtung der umgeſtürzten Eiche gefallen. Dort liegt ſie, und— merkwürdiger Anblick! vor ihr ſieht man Caſpar, den Frühſtückträger, wie er im Begriff iſt, dem jungen Herrn das Gewehr aus der Hand zu winden. Man ſpringt hinzu, und es ergibt ſich, für Jäger, die einige Meilen von jeder menſchlichen Woh⸗ nung entfernt, von mehreren ſtarken Trieben hungrig und durſtig ſind, die troſtloſeſte Geſchichte. Caſpar vermag vor Grimm nicht zu ſprechen, und ſo erzählt denn der junge Herr, hochroth vor Schaam und ſtotternd vor Verlegenheit. „Ich ſtand,“ fängt er an,„lange ſorgfältig umherſpähend an der Fuchseiche. Endlich riefen die Bauern Jellow. Doch mit jeder Minute entfernten ſie ſich weiter und weiter von mir. Ich ſtand da, einſam und allein, nur mit meinen Gedanken beſchäftigt, von einem recht großen Jagdglück träumend. Ich geſtehe, ein Haſe, ſelbſt ein Fuchs, wäre für 12 * mich nichts geweſen, ſogar der Oberfuchs nicht.“— Bei dieſem Aus⸗ druck ſieht ſich die ganze Geſellſchaft erſtaunt an.—„Nein,“ fährt der junge Herr fort,„einen Wolf zu ſchießen, das war mein Gedanke, einen von den achtzehn, die noch im Revier herumſpucken.“— Aber⸗ maliges Erſtaunen.—„Alles iſt ruhig. Ich ſehe rings um mich her, da gewahre ich endlich zwiſchen den Geſträuchen einen Gegenſtand, der meine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nimmt. Meine Herrn, ich ſehe im Geſträuch, keine zwanzig Schritte vor mir, einen Wolf.“— Drittes Erſtaunen.—„Ich ziele genau, ich drücke ab, der Wolf liegt unbeweglich— ich ziele nochmals, ich ſchieße wieder, da ertönt neben mir ein lauter Schrei; der Bauer dort ſtürzt auf mich zu und behauptet, ich habe in den Frühſtücksranzen geſchoſſen.“ Bei dem Worte Frühſtücksranzen entſteht unter den Jägern allge⸗ meine Aufregung.—„Das iſt zu arg!“ meint Herr v..—„Uner⸗ hört!“ ruft der Jagdliebhaber, und Alles eilt der Gegend zu, wo das Corpus delicti im Geſträuch liegt. Man ſchnallt den Wolfsranzen auf. Leider hat der junge Herr ſehr gut gezielt: die Blechkapſel iſt mehrmals durchlöchert und die gebratenen Hühner, die Zungen, die Schinken, das Brod ſchwimmen in rothem Wein.— Was iſt zu thun? Der junge Herr iſt durch die Schaam und Verlegenheit ſattſam beſtraft; Herr v. T. ſucht die unverſehrten Trümmer aus dem Ranzen zuſammen und fängt als gebildeter Mann zuerſt an zu lachen. Der Jagdliebhaber ſtimmt eifrig ein; er iſt außerordentlich vergnügt, daß es noch einen ungeſchick⸗ teren Schützen gibt als er, und unter allgemeiner Heiterkeit geht der Frühſtückstrieb vor ſich, der auch ohne Störung und zur mäßigen Zu⸗ friedenheit abläuft. Nach dem Frühſtück ſteckt man ſich eine Cigarre an; die Jagdge⸗ ſellſchaft mit Treibern und Hunden wendet ſich über die vorhin erwähnte Heide einer größern Waldſtrecke zu, wo ſich nach der Ausſage der Jäger ein ziemlich geſchonter Rehſtand befindet.—„Freilich,“ meint einer, „ſchießen die Gemeindeſchützen Alles ohne Noth zuſammen; aber ein bis zwei Rehböcke in jedem Trieb wären doch nicht unmöglich.“ Wer auf der Jagd ſo ausgeſprochenes Unglück hat, wie unſere beiden Nimrode, der Jagdliebhaber und der junge Herr, der wird leider von den andern Schützen gemieden wie ein Angeſteckter, und da die Zeiten vorbei ſind, wo der Jagdherr das Recht hatte, für eine geſchoſſene Gaiſe dem Uebelthäter fünf mit dem Waidmeſſer aufzählen zu laſſen, ſo ſtellt man ſolch unglückliche Individuen lieber auf einen verlorenen Poſten, —— 4 13 5 wo nie etwas anläuft, wo ihnen die Finger vor Kälte ſtarr und blau werden, wo ſie nichts hören, als das Gekrächze eines Raubvogels. Und dabei ſagt man ihnen nicht, auf welch ſchlechtem Stand ſie ſich befinden; vielmehr rückt der Forſtbeamte, der ſie anſtellt, bedeutſam an ſeinem Hut, ſteht ſich ſchlau um und macht bloß ein Zeichen mit der Hand; Alles ganz leiſe und geheimnißvoll, als bemerke er ſchon ein ganzes Rudel Hochwild, oder er ſagt auch:„Hier haben im vorigen Jahre der Herr Graf von N. einen ſtarken Bock geſchoſſen.“ Unterdeſſen wird es empfindlich kalt; die Sonne iſt hinter dem Waldrand verſchwunden, Nebel ſteigen auf und die Geſichter des Jagd⸗ liebhabers und des jungen Herrn ſchillern in Blau, Violett, Roth und Gelb wie eine Farbenſchachtel. Rings herum knallt es luſtig, bei ihnen iſt s öd und ſtill. Plötzlich aber huſchen auf hundert, hundert und zwanzig Gänge im Walde einige Rehe vorbei. Wie ſchlägt den Beiden das Herz! Links knallt es; die Rehe halten an und wenden, was im Laub auf dem Boden ein großes Geräuſch macht. Beide legen das Gewehr an die Wange und ſtrengen ihr Sehorgan unmenſchlich an, um das Gewicht oder den Pinſel zu erblicken. Vergebens, ſie ſehen nur die Umriſſe der Thiere. Die beiden Schützen erinnern ſich, daß man ihnen geſagt hat, der Bock oder die Gais breche gewöhnlich zuerſt hervor, aber wer von den Beiden, ob Bock oder Gais zuerſt, das haben ſte vergeſſen. Die Rehe kommen näher, erſchrecklich näher. Jeder denkt: wenn der Andere ſchießt, kann auch ich ſchießen, der wird den Bock ſchon kennen. Jetzt faßt der Jagdliebhaber ein Herz und ſchießt beide Läufe ab. Vier Rehe fahren in ungeheuern Sätzen zwiſchen Beiden durch, hinter ihnen in den Wald hinein. Der junge Herr ſchickt den Fliehenden zwei Schüſſe nach; aber es ſtürzt nichts. Der Trieb iſt beendigt und Alles verſammelt ſich, um heimzu⸗ ziehen.—„Nun, haben Sie geſchoſſen?“ ſagt der alte Jäger zum Jagdliebhaber.„Ihnen müſſen ja vier Rehe angelaufen ſein.“— Von unſern beiden Nimrods will eben jeder verſichern, er habe dem ſtarken Bock, der darunter geweſen, ein Tüchtiges verſetzt, als ein alter Treiber hinzutritt und bemerkt, er habe die vier Rehe deutlich geſehen, es ſeien vier Gaiſen geweſen.— Der Jagdliebhaber und der junge Herr ver⸗ ſtummen plötzlich und beten in Gedanken:„Heiliger Hubertus, wenn nur kein Unglück geſchehen iſt!“ Die Jagd iſt zu Ende und man kehrt tüchtig durchfroren auf das Dorf zurück, wo der erſte Trieb begonnen hat. Hier wird zum Beſchluß „ 14 der letzte und beſte Trieb gemacht, an der Wirthstafel nämlich, wo ein Sauerkraut mit Umſtänden, d. h. mit Erbſen, Schweinefleiſch, Blut⸗ wurſt u. dergl. aufgetiſcht iſt. Man ißt ſehr viel, man trinkt noch mehr, renommirt wird ungeheuer, und am Ende fährt Alles nach Hauſe. Mitten in der Nacht kommt der Jagdliebhaber in ſein Zimmer; ihn fröſtelt und er läßt ſich einen Kamillenthee machen, der auch ſeine Wirkung thut. Am andern Morgen wacht er mit einem ſtarken Huſten und Schnupfen auf. Sein Barbier erſchrickt, als er ihn im Bette liegen ſieht, und bringt ihm einen Handſpiegel. Die rechte Wange des Jagd⸗ liebhabers iſt fürchterlich aufgelaufen.— Um zehn Uhr bringt ihm ſein Bedienter einen Brief vom Jagdeigenthümer, der ihm mit wenigen freundlichen Worten den Rath gibt, künftig nicht wieder auf Rehe zu ſchießen, bevor er gelernt habe, einen Bock von einer Gais zu unter⸗ ſcheiden; heute früh hätten die Jäger eine Gais heimgebracht, die von ihm im letzten Trieb geſchoſſen worden. Der Jagdliebhaber ſeufzt und nimmt den erſten Löffel einer ſehr bittern Arznei, die ihm der Arzt verſchrieben. 5 4 Herbſtvergnügen. Der Kanzleiaſſiſtent Wetterſtuck war auf ſeinem Bureau ein äußerſt thätiger und fleißiger Arbeiter. Er aſſtiſtirte von Morgens acht bis zwölf und Nachmittags von zwei bis ſechs Uhr, auch wohl nur bis halb ſechs Uhr, wenn ein warmer freundlicher Sonnenſchein ihn früher von dannen zog. Er war Referent in Bau⸗ und Wirthſchafts⸗ ſachen und Alleinherrſcher in ſeinem Stübchen im dritten Stock, bevor er den großen Gedanken faßte, ſich zu verheirathen. Aber der Herr Kanzleiaſſiſtent hatte es ſehr viel früher zu einer Frau und zwei hoff⸗ nungsvollen Sprößlingen gebracht, als zum Sekretär. Er war ein harmloſer ſtiller Geſchäftsmann und Familienvater, dem Wirthshaus⸗ leben, das er faſt nur aus ſeinen Referaten kannte, verſchiedener Um⸗ ſtände wegen abhold. Er hatte in ſeinen Freiſtunden eine einzige Er⸗ holung, ein einziges Vergnügen, ein großes Blumenbrett vor den Fenſtern ſeiner Wohnung, auf welchem Geranien und Kapuziner, Bal⸗ ſaminen und Reſeden luſtig wuchſen und von ſeiner Hand ſorgfältig gepflegt wurden. Der Kanzleiaſſiſtent war eine poetiſche Natur, und wenn er ſeine lange Naſe zwiſchen die Blumen hineinſteckte, konnte er allerlei ſchöne Gedanken haben und mochte ſich einbilden, er wandle in einem großen zierlichen Blumengarten; ein ſchöner Traum, den er ſorg⸗ fältig ausmalte und wodurch der erſte Gedanke in ihm rege wurde, ob *4 4 16 4 es denn nicht möglich wäre, ſich einmal in den Beſitz eines kleinen Stücks Gartenland zu ſetzen und ſo ſeine Träume verwirklicht zu ſehen.— Madame Wetterſtuck belächelte dieſen Gedanken und legte ihn ad acta neben die eigenen Wünſche, welche in einer größeren Wohnung, elegan⸗ terem Küchengeſchirr und einem Sopha mit rothem Plüſch beſtanden. Da geſchah es, daß der Kanzleiaſſiſtent eine Erbſchaft machte, eine Erbſchaft, beſtehend in 600 Gulden baaren Geldes. Und als er mit dieſem Gelde nach Hauſe ging und die ſchwergefüllten Rocktaſchen ſo angenehm gegen ſeine dünnen Geſchäftsbeine ſchlugen, da ſtieg neben ihm rieſengroß der Verſucher auf, ließ nicht ab von ihm und verfolgte ihn durch die Straßen der Stadt bis zu ſeiner Wohnung. Der Ver⸗ ſucher zeigte ihm eine Beilage des Tagblatts und wies mit glühendem Finger auf mehrere Anzeigen, in denen kleine Gärten und allerlei Land zum Verkauf ausgeboten wurden. Der Kanzleiaſſiſtent kam nach Hauſe, entzückt, verwirrt, nach Athem ſchnappend, packte ſeine Rollen aus der Taſche, legte ſie auf den Tiſch und murmelte dabei leiſe:„einen Garten, ich will einen Garten kaufen!“ wiederholte das immer lauter, und ſchrie zuletzt mit der vollen Kraft ſeiner Lunge:„ja, einen Garten, ich will einen Garten kaufen!“ Er that das, um ſich ſelbſt Muth zu machen und feſten Auges der Madame Wetterſtuck begegnen zu können, welche ihn halb zornig, halb lächelnd anſah.. Nachdem der Glückliche etwas zu Athem gekommen war und das Geld mehreremale gezählt hatte, fing er an alles Ernſtes ſeinen Ent⸗ ſchluß kund zu thun, der in nichts Geringerem beſtand, als daß er wirk⸗ lich einen Garten kaufen wolle. Es gibt Punkte, wo das ſanftmüthigſte, folgſamſte Geſchöpf plötzlich widerſpenſtig wird, auf kein Zureden mehr achtet und geradeaus rennt, ohne links und rechts zu ſehen: ſo der Kanzleiaſſiſtent. Er ſtand mit dem Gedanken an einen Garten auf, er ging mit dieſem Gedanken zu Bette; er nahm die Blumen vor dem Fenſter hinweg und entfernte das Brett, das ihm lange Jahre treu gedient, wobei er ſtill lächelnd ſagte: wir brauchen das bald nicht mehr. Ja er wäre abgemagert, wenn das möglich geweſen wäre, aus lauter Sehnſucht nach einem Garten.— Endlich war der Widerſtand der Madame Wetterſtuck beſtegt. Man theilte das Geld in gleiche Hälfteng dreihundert Gulden wurden dem Kanzleiaſſiſtenten bewilligt, um einen Garten zu kaufen, und für die andern dreihundert ſollten äußerſt nothwendige neue Anſchaffungen ge⸗ macht werden; doch gelang es dem Herrn des Hauſes, nach verzweifelter 17 Gegenwehr ſeiner Frau, derſelben noch vierzig Gulden zur Verſchöne⸗ rung des zu kaufenden Gartens zu entreißen. Eine Zeitlang ſchwankte das ſonſt ſo ruhige, jetzt aus dem Gleichgewicht gebrachte Leben der Familie Wetterſtuck hin und her; aber nicht lange, ſo geſtand die Frau Aſſtſtentin mit einem gewiſſen Stolze, es ſei auch nicht ſo übel, Garten⸗ beſitzerin zu ſein, und welche Genugthuung, vor den Ohren der Sekre⸗ tärin und Kanzleiräthin von ihrem Gute ſprechen zu können! Herr Wetterſtuck ſeinerſeits ſöhnte ſich mit der Anſchaffung des rothen Plüſch⸗ ſophas aus und pflegte auf dem Bureau zu ſagen: ein Garten ſei eine ſchöne Sache, doch ſei es nothwendig, wenn man müde gearbeitet aus demſelben nach Hauſe komme, dort bequeme Sitzgelegenheit zu finden. Er ließ damit den Bureaudiener, die andern Aſſtſtenten, ja ſogar den Sekretär merken, daß er im Begriffe ſei, zugleich Eigenthümer eines Gartens und Beſitzer eines Sophas von rothem Plüſch zu werden. Die Anſchaffung des Gartens koſtete der Familie Wetterſtuck außer dem Kaufſchilling eine große Schuhmacherrechnung. Mehrere Monate wurde kein Grundſtück in der Zeitung ausgeboten, das die Wetterſtuck⸗ ſche Familie nicht in pleno beſucht hätte. Endlich waren zwei Gärten in Vorſchlag gebracht und die Wahl zwiſchen beiden ſchwankte mehrere Tage. Man ſprach dafür und dawider, die Vorzüge des einen, wie des andern wurden von allen Seiten betrachtet und geprüft. Jedes der beiden Gartenſtücke war etwa dreiviertel Morgen groß, jedes ſollte 280 Gulden koſten und jedes war zum Nutzen und Vergnügen angelegt, das heißt, jedes hatte ein Kartoffelfeld, einige Dutzend Stachel⸗ und Johan⸗ nisbeerſträuche, ein paar Obſtbäume und Weinſtöcke, ſo wie ein paar Kugelakazien und einen Fleck, wo einige Monatroſen, Kapuziner und Reſeden wucherten. Sehr verſchieden aber waren die beiden Grundſtücke durch ihre Lage; das eine befand ſich in der Tiefe des Thals,„ein trau⸗ liches, liebliches Plätzchen,“ pflegte Madame Wetterſtuck zu ſagen, das andere auf der Bergeshöhe,„wo der Hauch der Grüfte,“ ſo ſprach der Kanzleiaſſiſtent,„nicht hinaufdringen konnte.“ Die männlichen Mit⸗ glieder der Familie waren für den Berg, die weiblichen für„des Thales murmelnden Quell;“ denn im Garten drunten ſtand eine alte roſtige Pumpe, auf der Höhe dagegen befand ſich ein kleines Tannengebüſch; welches der bisherige Beſitzer„die Anlage“ zu nennen pflegte und in deren Mitte ein ſteinerner Tiſch und eine eben ſolche Bank ſtanden. Nachdem die Beſitzer der Grundſtücke endlich erklärt, ſie ſeien des Zu⸗ wartens müde, behielt in der Familie Wetterſtuck die Bergpartei, unter⸗ Hackländer, Vermiſchtes. 2 4 ſtützt vom Hausarzte, der für den Kanzleiaſſiſtenten Bewegung ſehr nothwendig erachtete, die Oberhand. Der Garten auf dem Berg wurde angekauft und in der Lebensweiſe des Familienvaters trat von da an eine große Veränderung ein. Laßt uns ſchweigen von dem erſten ſeligen Moment, als der Kanz⸗ leiaſſiſtent an einem ſchönen Sommermorgen da oben ſaß, behaglich vor dem ſteinernen Tiſch, auf dem der Kaufbrief lag, und er ſeinen freudetrunkenen Blick hinabſchweifen ließ in das wirklich ſchöne Thal. Er war Eigenthümer, er war Grundbeſitzer! Wer den frohen Wieder⸗ hall dieſer bedeutungzvollen Worte im eigenen Herzen noch nicht gehört, weiß nicht, was das ſagen will. Wie geſagt, Herr Wetterſtuck war ein Mann von Phantaſte; ihm gehörte der Grund, auf welchem er ſtand, freilich in ſehr mäßiger Ausdehnung, aber gehörte ihm dieſer Grund nicht tief hinab bis zum Mittelpunkte der Erde, wo er vielleicht an das Eigenthum eines chineſiſchen Gartennachbars ſtieß? Gehörten ihm nicht die muthmaßlichen Kohlen⸗ und Goldbergwerke, die da unten lagen, und war er auf dieſe Art nicht ein mächtiger, reicher Mann? Und wie ſchmeckte die eigene Luft, die er hier oben einathmete, ſo gut! Nun fing aber, wie geſagt, der Kanzleiaſſtiſtent eine neue Lebens⸗ weiſe an und der aufſteigenden Sonne erſter Strahl begrüßte ihn, wenn er zum Garten hinaufſtieg, und nach gethaner Arbeit auf dem Bureau war er wieder oben, und Abends winkte ihm die ſinkende Sonne auf Wiederſehen bis Morgen früh; denn die Beiden, die Sonne und Herr Wetterſtuck, fehlten ſelten im Garten, die Eine nur, wenn ſte neidiſche Wolken verbargen, der andere, wenn er zu Hauſe eine dringende Schrei⸗ berei zu beſorgen hatte. Bald waren droben die Umzäunungen ausge⸗ beſſert und mit ſtarken Nägeln, die ihre Spitzen in die Höhe ſtreckten, beſchlagen, auch ein neues Thor wurde hergeſtellt und vom Beſitzer eigenhändig mit hell grasgrüner Farbe angeſtrichen; das Gartenhaus ließ man neu tapeziren und die Wege wurden mit blauem Leberkies be⸗ fahreit Nach dem Gartenbuch beſchnitt man die Bäume, pflanzte Salat, Grünes für die Küche und Kartoffeln, und Sonntag Nachmittags trank die glückliche Familie ihren Kaffee in der Anlage am ſteinernen Tiſch.— Hier nun wurde eines Tages über einen Namen für die Beſitzung ge⸗ ſtritten. Der Sohn des Hauſes, ein bleicher Gymnaſiſt von ſechzehn Jahren, der ſehr viel engliſche Romane las, ſchlug hiezu„Wetterſtuck⸗ haus“ vor, Papa meinte„Tannenruhe“ wäre nicht ſo übel, und nach * 19 langem Hin⸗ und Herreden ließ jede Partei von ihrem Vorſchlag etwas nach und man nannte den Garten„Wetterſtuckruhe.“ Da kam der große Moment, daß der Kanzleiaſſiſtent Wetterſtuck von der Regierung zum Sekretär ernannt wurde. Er nahm liſtig lächelnd die Gratulationen hin und trat eines Tags im Familienkreis mit der Behauptung hervor, er verdanke dieſe unerwartete Beförderung eigentlich ſeinem Garten.„Die Regierung unſeres Landes,“ ſprach er, „welche ſich der Kultivirung des Bodens außerordentlich annimmt, hat von meiner Beſitzung gehört und hat unbeſtreitbar die Abſicht, mich durch dieſe Ernennung zu weitern landwirthſchaftlichen Bemühungen zu ermuntern.“ Seit dieſem Augenblick, mit welchem der neue Sekretär auch in den Genuß eines größern Gehaltes trat, hegte er große Ent⸗ würfe zur Verſchönerung von Wetterſtuckruhe. Er verbeſſerte ſein Grund⸗ ſtück, beſchäftigte ſich ſehr mit der Seele der Landwirthſchaft und erbaute in ſeinem Garten ein neues, ſehr nothwendiges Gebäude, um einem längſt gefühlten dringenden Bedürfniß abzuhelfen. Es befand ſich hinter der Anlage in Wetterſtuckruhe ein wüſter Platz, wo Steine und Unkraut hingeworfen wurden. Der Gedanke, dieſem Fleck ebenfalls eine angenehme Seite abzugewinnen, beſchäftigte längere Zeit den Beſitzer; endlich war er mit ſich im Klaren und bat Madame Wetterſtuck und Tochter recht dringend, in den nächſten acht Tagen den Garten nicht zu beſuchen, um ſich von den neuen großartigen Arrangements überraſchen zu laſſen. Der Sekretär beabſichtigte nämlich nichts mehr und nichts weniger, als dort einen kleinen Hügel zu errich⸗ ten. Zu dieſem Ende gab er ſich mit ſeinem Sohne, dem Gymnaſfiſten, die unſägliche Mühe und ſchleppte aus der ganzen Umgegend Steine und Erde herbei, freundliche Nachbarn halfen ihm, und bald erhob ſich der kleine Hügel hinter der Anlage und beherrſchte in der ſtolzen Höhe von mehreren Schuhen vollſtändig die umliegenden Gärten. Oben war ein Platz für zwei nicht allzuſtarke Perſonen, zu welchem ein geſchlungener Fußweg in der Breite von einem ſtarken Fuß vom ſteinernen Tiſche aus hinaufführte. Die Ueberraſchung der Madame Wetterſtuck und Tochter, als ſie wieder hinaufkamen, läßt ſich nicht beſchreiben. Letztere behaup⸗ tete, es gebe zum Leſen keinen herrlicheren Platz, der Blick ſchweife ſo prächtig aus den engen Grenzen des Buchs hinaus in die weite Gegend, und ſie machte gleich den Verſuch, indem ſie einen Stuhl auf den Hügel ſtellte und einen Spindler'ſchen Roman vornahm. Indeſſen wurde wäh⸗ rend des Leſens der Stuhl immer niedriger, und als bei der Entwicklung 2*† 20 der Geſchichte der Held der Heldin vor dem Altare die Hand reichte und Beide in glückliche Träume der Zukunft verſanken, war Fräulein Wet⸗ terſtuck ebenfalls verſunken und aus dem lockern Erdreich des Hügels von Wetterſtuckruhe ragte eben noch der Sitz des Stuhles ſichtbar her⸗ vor. Dieſem Uebelſtand half der ſorgſame Vater des andern Tags ſo⸗ gleich ab, indem er kleine Steine auf dem Hügel ſtampfte und dann eine Lage Leberkies darauf ausbreitete. Die Frau Sekretärin Wetterſtuck hatte ſich ſeit der Erhebung ihres Gemahls ebenfalls mit hochfliegenden Planen beſchäftigt, welche in nichts Geringerem beſtanden als in einer Kaffeegeſellſchaft, welche ſte einigen Damen ihrer Bekanntſchaft zu geben beabſichtigte. Da aber ihre Wohnung ſehr beſchränkt war, auch ihr neuer Rang es ihr zur Pflicht machte, in der Auswahl ſorgfältig zu ſein, ſo beſchloß ſte nur die Frauen von ein paar andern Sekretären zu bitten; um aber dem Ganzen wirklichen Glanz zu geben, ſollte auch die Fran Ranlerräthin erſucht werden, den Kaffee mit ihrer Gegenwart zu verherrlichen. Die Frau Kanzleiräthin war eine heitere, gutmüthige Frau und hatte gerade nicht mehr Stolz, als der Gemahlin eines Beamten der ſtebten Rang⸗ klaſſe zukommt. Die Frau Sekretärin Wetterſtuck war freilich in der achten Klaſſe und rangirte demgemäß mit dem Hüttenverwalter und Poſt⸗ meiſter, dagegen war er, der Sekretär, Gartenbeſitzer und ein fleißiger, geſchickter Beamter; dieß alles wohl erwogen, entſchloß ſich die Kanz⸗ leiräthin, die Einladung anzunehmen. Als eine Dame, die Nüancen zu machen verſtand, kam die Frau Kanzleiräthin nicht in ihrem Kaffeegewand für höhere Kreiſe, einem Kleide von ſchwarzer Seide, ſondern erſchien in einem hellbraunen Merinoüberrock, in welchem ſte auch in die Kirche ging, als an einen Ort, wo man ſehr gemiſchte Geſellſchaft antrifft. Der Kaffee ging übrigens glanzvoll vorüber; auf dem Tiſche war eine graue Damaſt⸗ decke ausgebreitet, das Getränke wurde in neuen Taſſen präſentirt und die ſilbernen Löffel waren aus dem rothen Saffiankäſtchen genommen, wo ſte das ganze Jahr über verwahrt lagen. Sekretär Wetterſtuck empfing die Kanzleiräthin im ſchwarzen Frack und weißer Halsbinde und ging dann in ſeinen Garten. Unterwegs aber hatte er allerhand ſonderbare Ideen. So ſehr er ſich durch die Anweſenheit der Kanzleiräthin geſchmeichelt fühlte, ſo war es ihm doch nicht recht, daß die Damen ſeiner frühern Kollegen beim Kaffee fehlten, und er ſann hin und her, wie es bei ſeiner beſchränkten 3 d * 4 21 Wohnung möglich zu machen ſei, einmal mehr Gäſte einzuladen, vor allen natuͤrlich ſeine frühern Collegen. Sollte aber nicht gar ſein un⸗ mittelbarer Chef, der Kanzleirath, eine Einladung annehmen? Wo aber ein größeres Lokal hernehmen? Dieſe Schwierigkeit machte ihm viel zu ſchaffen, als er plötzlich an einem kleinen Spezereiladen die Worte las:„Herbſtfeuerwerk.“ Da ging ihm ein helles Licht auf und er faßte den verwegenen Gedanken, in ſeinem Garten einen Herbſt zu veranſtalten. Des Sommers Pracht und Herrlichkeit war vergangen und lebte nur noch in der Erinnerung und in einigen großen Sonnenblumen fort, die aber auch ſchon melancholiſch ihre gelben Blätter fallen ließen. Der Wind ſchüttelte das Obſt von den Bäumen und die Landſchaft war herr⸗ lich bunt gefärbt. Die wilden Reben am Gartenhauſe auf Wetterſtuck⸗ ruh färbten ſich hellroth und nahmen ſich zierlich auf dem dunkeln Dache aus, der Vögel Lied war verſtummt, nur eine dicke Amſel huſchte noch melancholiſch durch das Geſträuch, die matten Fliegen klebten an der Wand, und in den verrätheriſch warmen Sonnenſtrahlen des Herbſt⸗ nachmittags verſuchte eine übrig gebliebene Heuſchrecke einen letzten ver⸗ zweifelten Sprung; das ſah aber aus wie ein gänzlich verunglückter ſchlechter Spaß; die arme Heuſchrecke fühlte das auch und ihr klägliches Zirpen klang wie das Kirchenlied:„Im Grab iſt Ruh.“ Die Kar⸗ toffeln hatte der Beſitzer eigenhändig herausgethan, und es waren ſehr wenige kranke darunter, ſechzehn Kolben Welſchkorn waren, in vier Büſchel gebunden, am Gartenhaus aufgehängt und die Trauben an den Spalieren bedurften nur noch ein paar Tage, um völlig reif zu werden. Der Herbſt hatte völlig das Regiment in die Hand genommen, an die kleinen Wege zwiſchen den Weinbergen waren die bekannten Tannen⸗ bäume geſteckt, welche für die Spaziergänger ſo viel bedeuten als: ver⸗ botener Eingang, hie und da knallte es ſchon aus den Thälern und von den Höhen, und als es dunkelte, ſah man an verſchiedenen Stellen den Strahl einer Rakete ſchief emporſteigen. Ja, einen Herbſt zu geben beſchloß der Sekretär Wetterſtuck, einen ächten Herbſt mit Weintrauben, keinen Kartoffelherbſt, und voll dieſes Entſchluſſes ging er nach Haus und trat in ſein Zimmer, wo man noch den lieblichen Duft des Kaffees roch und wo die ſparſamen Ueberreſte zweier mächtigen Torten deutlich anzeigten, daß die Geſellſchaft, welche eben das Haus verlaſſen, bei gutem Appetit geweſen ſei.— Man kann ſich denken, daß Madame Wetterſtuck ſeltſam aufſchaute, als der Gemahl 22 mit ſeinem verwegenen Entſchluß hervorkam. Einen Herbſt geben— allerdings war der Gedanke gut und ſchmeichelte auch bedeutend ihrer Eitelkeit. Gab doch der Departementschef auch einen Herbſt, eben ſo verſchiedene Oberregierungsräthe und auch Kanzleiräthe, und wenn ſie einige dieſer Herrn zu ihrem Herbſt einlud, ſo konnte es gar nicht fehlen, daß ſie wiederum eingeladen wurde. Glückliche Sekretärin! Herr Wet⸗ terſtuck ſtieß ſolchergeſtalt auf viel weniger Widerſtand, als er erwartet, und da auch Sohn und Tochter vollkommen beipflichteten, ſo war man noch am ſelben Abend feſt entſchloſſen, einen Herbſt zu veranſtalten. Lieber ſüddeutſcher Leſer, du weißt, was ein Herbſt zu ſagen hat, du biſt ſelbſt unzweifelhaft ſchon oft im Herbſt geweſen, oder haſt gar ſelbſt welche gegeben. Es iſt dir bekannt, daß es nicht gegen den An⸗ ſtand verſtößt, zu ſechs und einem halben Weinſtock vier⸗und⸗zwanzig Perſonen einzuladen. Durch einen Herbſt veranſtaltet eine Familie, welche wegen beſchränkter Wohnung keine bedeutende Geſellſchaft ein⸗ laden kann, eine Abfütterung en gros, eine Abfütterung, die ihr wäh⸗ rend des Winters durch unzählige Einladungen en detail heimgegeben wird. Bei einem Herbſt ſieht man weniger auf die Qualität der Speiſen und Getränke, und was die Bedienung anbelangt, ſo brauchen ſich die Gaſtgeber nicht zu incommodiren, jeder bedient ſich ſelbſt, man lacht, man ſchreit, man jubelt, man ſchießt, man verbrennt ſich die Finger; ein Herbſt iſt eine ſehr ſchöne Erfindung. Bald beſchäftigte man ſich im Wetterſtuck'ſchen Hauſe mit nichts als mit den Zubereitungen zu dieſem Feſt, und man pflog lange Be⸗ rathungen, wer einzuladen ſei. Daß dießmal die früheren Kollegen des jetzigen Sekretärs nebſt Frauen und Kinder nicht vergeſſen wurden, ver⸗ ſteht ſich; ferner ſetzte man auf die Liſte einen Oberregierungsrath und zwei Regierungsräthe; der erſtere war ein luſtiger Junggeſelle, die beiden jetztern verheirathet, aber ohne Kinder. Der Kanzleirath nebſt Ge⸗ mahlin war natürlich zuerſt auf die Liſte geſetzt worden, aber über die Familie deſſelben entſtand ein kleiner Zwiſt. Die Herren Söhne des Kanzleiraths, muntere Buben, wurden nicht beanſtandet, aber die Kanzleiräthin hatte eine Schweſter, ein junges, recht liebenswürdiges Frauenzimmer von etwa zwanzig Jahren, und dieſe war ein Stein des Anſtoßes. Der junge Herr Wetterſtuck verlangte mit vollem Recht, daß einer ſeiner beſten Freunde, der Herr Referendär Zündna gel, nicht ver⸗* geſſen werde. Dieſer Referendär hatte aber vor einem halben Jahre mit der kanzleiräthlichen Schweſter in einem zarten Verhältniß geſtanden, 3 4 ein Verhältniß, welches durch die unbefugte Dazwiſchenkunft einer jungen Putzmacherin getrübt wurde— Es iſt eine alte Geſchichte, Doch bleibt ſie immer neu, Und wem ſie juſt paſſiret, Dem bricht das Herz entzwei. Die Kanzleiräthin wollte eines Abends beim Nachhauſegehen etwas Un⸗ gebührliches bemerkt haben, und obgleich der Referendär die feierlichſten Schwüre für ſeine Unſchuld ablegte, ſo war alles umſonſt. Es brachen bei dieſer Geſchichte nun freilich keine Herzen, indeſſen löste ſich das Verhältniß zwiſchen dem Referendär und der jungen Dame, und es war ihnen ferner nur geſtattet, in der Kirche oder im Tanzſaal aus der Ent⸗ fernung zu ſchmachten. Dieſe beiden Perſonen zuſammen zum Herbſt einzuladen, war offenbar ein verwegenes Unternehmen; aber der junge Herr Wetterſtuck wollte ſeinen Freund nicht opfern, die kanzleiräthliche Schweſter dagegen mußte eingeladen werden, und ſo beſchloß man der Sache ihren Lauf zu laſſen. So kam der große Tag heran. Alle, ſogar der Oberregierungs⸗ rath, hatten die Einladung angenommen; der Kanzleirath beurlaubte ſogar den Sekretär für den ganzen Tag und dieſer begab ſich entzückt ſchon in aller Frühe nach Wetterſtucksruh, um die nöthigen Anord⸗ nungen zu treffen. Neben dem Tannengebüſch in der Anlage wurde ein Tiſch aufgeſchlagen und mit einem weißen Tiſchtuch bedeckt, und vor dem Hügel am Abhang des Berges ein zweiter Tiſch, erſterer für Speiſen und Getränke beſtimmt, letzterer für die Herren Schützen zum Laden ihrer Musketen und Piſtolen. Sogar ein kleines Lattengerüſt, um Raketen abzubrennen, wurde nicht vergeſſen. Gegen zehn Uhr erſchienen Madame Wetterſtuck und Tochter, und die beiden Damen, ſowie die Magd des Hauſes, erlagen faſt unter der Laſt der Speiſen und Getränke, welche ſte hinaufſchleppten. Bald prangte die Tafel mit Allem, was zu einem ſoliden Herbſt gehört: da war Butter und Käſe, kaltes Fleiſch, weißer und rother Wein, Moſt, Kuchen und ſonſtiges Backwerk, ſogar Cigarren. Auf dem Hügel ſtand ein kleiner Böller, den der junge Wet⸗ terſtuck eigenhändig bediente.— Es war ein klarer freundlicher Herbſttag, und gegen zwei Uhr er⸗ ſchienen die Eingeladenen; zuerſt der Oberregierungsrath, eine kleine Figur mit bedeutendem Bauch und ſehr dünnen Beinen. Der Mann trug einen kleinen Frack, der unmöglich zuſammengeknöpft werden 24 konnte, und darunter eine große gelbe Weſte, welche in ihrem bedeu⸗ tenden Umfang weithin glänzte; dazu trug er ſehr anliegende Bein⸗ kleider, und von weitem hatte die komiſche Figur die größte Aehnlichkeit mit einer gelben Bergamotbirne, die man auf zwei Schwefelhölzer ge⸗ ſteckt. Er erklomm rüſtig den Berg und ein Kanzleidiener trug ſeine Büchſe, ſowie einen wohlgefüllten Jagdranzen. Bald nach ihm erſchienen die beiden Regierungsräthe, im Aeußern ſehr chiedene Männer. Herr Krügle, ein langer dürrer Mann, ruhig und würdevoll bei jeder Bewe⸗ gung, mit weißer Halsbinde und glattgeſchorenem Geſicht, war ſehr ernſter Natur und durchaus kein Freund von Herbſtſpäßen, noch viel weniger von Schießen und Feuerwerk; ſeine Frau war unwohl und ließ ſich entſchuldigen. Neben ihm ging ſein Kollege Schwämmle, ein leb⸗ hafter, heftiger Mann, kurz, breit und unterſetzt; aber ſein Kopf mit dem verwegenen Ausdruck, mit dem lebhaften herausfordernden Auge und dem großen Backenbart, hätte für eine große robuſte Figur vortreff⸗ lich gepaßt; dieſen Mangel an Körpergröße erſetzte der Mann dadurch, daß er ſich bedeutend in die Bruſt warf und ſehr lebhaft mit den Armen focht. Und wie er ſo daher kam mit dem wilden Geſichtsausdruck und 4 laut ſprechend, während zwei Piſtolenhälſe aus den Taſchen hervor⸗ ſahen, hätte man ihn für einen Räuberhauptmann halten können. Seine Frau war eine Dame, über die ſich nicht viel ſagen läßt.— Schwämmle begrüßte mit einem lauten Hurrah den Anblick von Wetterſtucksruh und ſchoß zum Willkomm eine ſeiner Piſtolen ab. Drauf kamen Kanzleirath und Kanzleiräthin; er ein kleiner, ſchmächtiger, unbedeutender Mann, ſie eine große, impoſante Figur. Er ſah neben ihr aus, als führe ſie ihren jüngſten Sohn, der im Wachſen etwas zurückgeblieben, an der Hand ſpazieren. Ihnen folgte der Kanzleiräthin Schweſter, ein rundes, geſundes Ding mit geſcheidten lebhaften Augen, einer kleinen Stutznaſe und ſchwarzen Haaren, die in zwei runden Zöpfen zu beiden Seiten des Kopfs aufgebunden waren. Das Mädchen war trotz ihres geſunden Aeußern etwas ſentimentaler Natur, und als bei ihrem Eintritt in den Garten der Regierungsrath Schwämmle ſeine zweite Piſtole abſchoß, rief ſie laut aus:„Schießen Sie nicht, ich bin die Taube!“ Bald erſchienen neue Gäſte, die früheren Kollegen des Sekretärs mit ihren Frauen und vielen Kindernn und ehe ſie einzutreten wagten, prieſen ſte am Gartenzaun ſehr härbar Schönheit von Wetterſtucks⸗ ruh. Sie waren ſammt und ſonders Bürgerwehrmänner und führten die Bürgerwehrmuskete mit ſich, und auf dem Kopfe hatten ſie eine der 25 ſchönſten und maleriſchſten Errungenſchaften des neunzehnten Jahrhun⸗ derts, den grauen Schlapphut, aber dießmal ohne Hahnenfeder, denn die fonnte der finſtere Regierungsrath Krügle durchaus nicht leiden. Die Damen dieſer Herrn ergoßen ſich fortwährend in Bewunderung über die Wetterſtuck'ſchen Anlagen, über die Zierlichkeit und Zweckmäßigkeit der äußern Einfaſſung, über die Eleganz des Gartenhauſes, und verſicherten einſtimmig, die Ausſicht hier oben ſei bei weitem ſchöner als die vom fürſtlichen Landhaus dort gegenüber. Jetzt hatte der junge Wetterſtuck ſeinen Böller geladen und ein Dutzend Buben und ein Halbdutzend Mäd⸗ chen umſtanden den Hügel mit aufgeſperrten Mäulern; der Schuß krachte, der Böller überſchlug ſich und ihm nach purzelten vor Ueberraſchung und Schreck mehrere der jugendlichen Zuſchauer.„Hurrah!“ ſchrie Schwämmle, „beim Donner der Kanonen fühlt ſich die deutſche Bruſt!“ Krügle aber warf ihm einen verweiſenden Blick zu und der Oberregierungsrath, der ſeinen Beinen nicht recht traute, ließ ſich auf einen Stuhl nieder, indem er behauptete, der Schlag des Geſchützes mache das Erdreich erzittern. Während dem aber klapperten die Kaffeetaſſen und klirrten die Moſtgläſer und in Backwerk und Kuchen entſtanden gewaltige Lücken. Die Sekretärin ſtrahlte wie die Herbſtſonne, denn ſie ſaß zwiſchen der dicken Kanzleiräthin und der Regierungsräthin Schwämmle. Wo aber war Vater Wetterſtuck?— Er ſchwamm in Wonne und Seligkeit, hatte ihm doch der Oberregierungsrath die Hand gedrückt, und hatte doch Schwämmle mit ihm aus einem Glaſe getrunken, bei welchem Trunk dem Sekretär freilich nicht viel mehr als die Ehre übrig blieb. Schwämmle war die Seele der ganzen Geſellſchaft, er ſang, er tanzte, er ſchoß wie ein Raſender und hatte alle Taſchen mit Feuerwerk angefüllt. Etwas ſpät erſchien der junge Referendär, Herr Zündnagel, ſehr elegant gekleidet, mit hellgelben Glacéhandſchuhen, und auf der Schulter trug er ein doppelläufiges Jagdgewehr und an der Seite eine zierliche Jagdtaſche; das engliſche Pulverhorn hing an der andern Seite und die Magd ſeines Hauſes trug ihm einen großen Korb voll Feuerwerk nach. Der Referendär machte der Sekretärin eine ehrerbietige Verbeugung, be⸗ grüßte die Kanzleiräthin mit vollkommenſter Hochachtung und ſchenkte der Schweſter einen wehmüthigen Blick. Er war ein feiner, gebildeter Mann, der Herr Zündnagel, iaß ſich bei den Damen nieder, ſprach über die vergangenen Landpartien und die zukünftigen Bälle, reichte Kuchen und Bisquit umher, lobte die gelbe Weſte des Oberregierungs⸗ raths und ſprach mit Herrn Krügle im conſervativſten Sinne über die . 26 * baldigſt zu erwartende Kammer. Die Kanzleiräthin hatte ihn bei ſeinem Erſcheinen erſtaunt angeſehen und der Kanzleirath würdigte ihn deßhalb keines Blicks; da er ſich aber ſo harmlos und anſtändig bewegte, jetzt den Böller lud und abfeuerte, jetzt die Kinder des Kanzleiraths aus ſeinem Doppelgewehr ſchießen ließ, ſo ſohnte man ſich mit ſeinem Da⸗ ſein aus. Er lud ſeine Piſtolen und überreichte ſte den Damen zum Schießen. Anfänglich verwahrten ſich dieſelben gegen ein ſolch keckes Unternehmen und der Kanzleirath ſchauderte ſichtlich vor dem Inſtru⸗ ment zurück; bald aber ließ ſich die gute ſanfte Regierungsräthin Schwämmle, als die erſte im Rang, bewegen, einen Schuß zu thun, dann folgte die Kanzleiräthin, endlich der Kanzleirath ſelbſt, obgleich mit Zittern und Zagen. Die Damen der ſubalternen Beamten feuerten aus den ſchweren Bürgerwehrgewehren. Nicht lange ſo war der ſchlaue Referendär mit tiefer Berechnung jetzt ſo weit gekommen, daß er als höflicher Mann nicht umhin konnte, auch der kanzleiräthlichen Schweſter ſeine Piſtole anzubieten. Das Midchen fürchtete ſich erſchrecklich und zitterte ſichtbar, der Referendär legte ihr die Piſtole in die Hand, zeigte ihr, wie ſie drücken müſſe, und Beide bebten zuſammen, als es krachte und als ſich dabei ihre Hände berührten. Die Kanzleiräthin war in dieſem Augenblicke in einem tiefen Wirthſchaftsgeſpräch mit der Sekre⸗ tärin begriffen, die Kinder ſchrieen und jubelten, Schwaͤmmle brüllte: „Was iſt des Deutſchen Vaterland?“ und ſo konnte es der Referendär wagen zu flüſtern:„Und werden Sie mich denn ewig haſſen, Auguſte?“ Und das Mädchen antwortete, ſichtlich bewegt durch den Schuß und dieſen Moment:„Ach, Emil, wenn Sie die Schweſter verſöhnen könnten!“ Dieß verſuchte nun der Referendär auf alle Weiſe und brachte es wirklich ſo weit, daß die Kanzleiräthin noch am ſelben Nachmittage zu ihrem Gemahl ſagte:„Es iſt ſchade, daß die fatale Geſchichte mit dem Zündnagel vorgefallen iſt; abgeſehen davon, habe ich nicht leicht einen höflicheren und aufmerkſameren jungen Mann geſehen.“—„Das iſt wahr,“ bekräftigte der Gemahl als Echo,„und am Ende,“ ſetzte er ſchüchtern hinzu,„iſt die Sache vielleicht nicht ſo ſchlimm geweſen.* Doch ſchreckte er in demſelben Moment vor dem ſtrafenden Blick ſeiner Frau zuſammen und vor dem Tom, mit welchem ſie ſagte:„Auguſt, Auguſt!— es war eine Putzmacherint!“ Es fing an Abend zu werden, in den Thälern, welche man von Wetterſtucksruh überſah, dunkelte es bereits, rings umher knallten die 3“ — 27. Schüſſe und hie und da ſah man einen beſcheidenen Schwärmer ſprühen, und die hellen Funken kämpften mit dem letzten Licht des Tages. Die Sonne ſank und der Kanzleiräthin Schweſter Auguſte lehnte an einer Tanne und ſchaute ſchwermüthig in die goldene Abendbeleuchtung; ſie deklamirte: „Und ſcheint die Sonne noch ſo ſchön, Am Ende muß ſie untergeh'n.“ Und eine bekannte liebe Stimme ſetzte hinzu: „Mein Fräulein, ſeien ſis munter, Das iſt der Sonne Lauf.“—— „Denn hinten geht ſie unter Und vorne geht ſie auf,“ ergänzte Schwämmle lachend, indem er ein großes Glas Wein hinunter ſtürzte.. Wetterſtuck Vater hatte unterdeſſen ſeine Raketen aufgehängt und Wetterſtuck Sohn zündete ſte an. Wie rauſchten ſie empor mit langem feurigem Strahl, wie beugten ſie oben zierlich ihre Häupter und machten der ganzen Welt ein Compliment, ehe ſie auseinander platzten und in einem Bouquet von rothen, weißen, grünen, blauen Sternen erſtarben! Eine derſelben wollte nicht ſteigen und die erſchreckten Damen erhoben ein Zetergeſchrei, als ſie ſahen, wie das ſprühende Ungeheuer dicht über ihren Köpfen weg in des Nachbars Garten ſchoß. Der Referendär lud ſein Gewehr mit wenig Pulver und einem Schwärmer und ließ die Damen nach der Reihe abfeuern, und zwar ganz genau nach der Rang⸗ liſte; die Frauen der Subalternbeamten ſchoſſen ihrerſeits aus den Bür⸗ gerwehrgewehren, die Buben zündeten Schwärmer in der Hand an, warfen ſie in die Luft und ſchrieen und jubelten. Herr Krügle und der Oberregierungsrath hatten ſich in das Gartenhaus geflüchtet, die gelbe Weſte des letzteren ſchimmerte aber weithin durch das Dunkel, eine will⸗ kommene Zielſcheibe für den Räuberhauptmann Schwämmle, der ſich unterſtand, dem Vorgeſetzten einen Schwärmer auf den Bauch zu werfen. Allgemein war die Luſt und Fröhlichkeit, nur Kanzleiraths Auguſte und Fräulein Wetterſtuck ſaßen jenſeits am Fuße des Hügels und ſchauten hinaus in die dunkle Landſchaft, wo ebenfalls Raketen ziſchten, Schwär⸗ mer praſſelten und Leuchtkugeln gufſtiegen. Bald aber ſchlich ſich Fräu⸗ lein Wetterſtuck leiſe von der Seite der Freundin, das hatte der Bruder ſo arrangirt, und der Referendär nahm ihre Stelle ein.„Auguſte,“ 28 ſeufzte er,„gönnen Sie mir nur ein Wort. Nicht wahr, Sie glauben nicht an das Schreckliche, das man mir nachgeſagt? Ich gebe Ihnen die heiligſte Verſicherung, es iſt eine Verleumdung. Sagen Sie, daß Sie mich lieben wie früher, und es ſoll die Aufgabe meines Lebens ſein, den Zorn der Ihrigen zu verſöhnen.“— Das Mäͤdchen ſeufzte tief und entgegnete:„Man iſt ja ſo gern geneigt, das zu glauben, was man gerne glaubt; ich ſage Ihnen nochmals, ſuchen Sie die Schweſter zu verſöhnen.“ Ihr Geſicht war bei dieſer Erklärung angeſtrahlt von aufſteigenden Leuchtkugeln und glänzte weiß, roth und grün.—„Glaube, Liebe, Hoffnung!“ ſeufzte Emil mit Beziehung und küßte ihr zärtlich die Hand. Indeſſen war die Luſt auf's Höchſte geſtiegen; man hatte den Oberregierungsrath und Krügle gezwungen, das Gartenhaus zu ver⸗ laſſen, und die beiden ernſten Herrn mußten ſich mit brennenden Schwär⸗ Damen ein Zetergeſchrei erhoben; ſogar der Kanzleirath hatte ſich er⸗ mannt und hielt in zitternder Hand ein römiſches Licht, ſchrie aber jedes⸗ mal laut auf, ſo oft eine Leuchtkugel herausflog. Das Feſt neigte ſich ſeinem Ende zu und Vater Wetterſtuck wollte es mit einer glänzenden Ueberraſchung beſchließen. Er hatte zu dem Ende weißes und rothes bengaliſches Feuer angeſchafft, um damit den Hügel und die Tannenanlage von Wetterſtucksruh maleriſch zu beleuchten. Die Bubenſchaar war ſeinen Schritten gefolgt und hielt ſich erwartungsvoll in ſeiner Nähe. Jetzt flammte das Feuer auf und ergoß plötzlich ein weißes glänzendes, zitterndes Licht über den kleinen Garten, riß aber zu gleicher Zeit unbarmherzig den ſchützenden Schleier der Nacht vom Liebes⸗ riefen:„Ein Brautpaar, ein Brautpaar!“ Die Kanzleiräthin ſtürzte ahnungsvoll hinzu, der Kanzleirath folgte ihr und ſtieß einen gellenden Schrei aus, nicht ob dem Anblick des Paares, ſondern weil ihm das Zündlicht, das er krampfhaft in der Hand hielt, die Finger verbrannte. Vuater Wetterſtuck aber, zartfühlend wie er war, warf augenblicklich eine Hand voll Erde auf die bengaliſche Flamme und löſchte ſte aus. Tiefe Nacht bedeckte den Garten und tiefe Nacht bedeckte die Herzen Auguſtens und Emils und die Herzen des Kanzleiraths und Gemahlin. Was war zu thun? Die Mädchen ſchrieen noch immer:„ein Braut⸗ 29. 88 F paar, ein Brautpaar!“ und die Buben halfen ihnen dabei, ſowie Schwämmle, deſſen Stimme Alles übertönte:„Ein Brautpaar, ein Brautpaar!“—„Ein Brautpaar?“ ſprach der Oberregierungsrath und trat näher, und die Kanzleiräthin, welche als geſcheidte Frau ein⸗ ſah, daß hier nichts anderes zu machen ſei, ſagte mit einem tiefen Seufzer:„Ja, meine Herrn und Damen, ein Brautpaar.“ In dieſem Augenblick ließ Vater Wetterſtuck ſeine rothe benga⸗ liſche Flamme ſpielen, deren warmes Licht die Gemüther verſöhnte, und ehe ſte erloſch, hier nicht ganz unzufriedene, dort aber äußerſt glückſelige Geſichter beſchien.— Die Kanzleiräthin ſagte, während ihr der Refe⸗ rendär enthuſiaſtiſch die Hand küßte:„Nun denn in Gottes Namen!“ Alles gratulirte und die Frauen der ſubalternen Beamten wollten ſchon den ganzen Nachmittag bemerkt haben, daß etwas der Art im Werk ſei. So ſchloß der Herbſt auf Wetterſtucksruh. Das Feſt war in jeder Hinſicht ein gelungenes zu nennen; das Geſpenſt der Putzmacherin war verſöhnt, Auguſte und Emil hatten ſich wieder gefunden, die Sekretärin hatte innige Freundſchaft geſchloſſen mit der Kanzlei⸗ und Regierungs⸗ räthin, der Oberregierungsrath hatte ſeine gelbe Weſte und der Kanz⸗ leirath ſeine Finger verbrannt, und als drüben über den Bergen der Mond aufſtieg, ging man heiter und vergnügt nach Hauſe. Laternenunglück. Die Frau Hofräthin und die Frau Kanzleiräthin waren Freundin⸗ nen, wie man ſie in der jetzigen verderbten Welt wenig mehr findet. Sie kannten ſich ſchon lange, lange Jahre hindurch, und hatten ſich ordent⸗ lich in einander hineingelebt, ja ihre Neigungen und kleinen Liebhabe⸗ reien waren dieſelben geworden. Die Hofräthin z. B. konnte keine Stockfiſche in brauner Sauce vertragen, und der Kanzleiräthin waren ſie deßhalb ein Gräuel. Der grünen Farbe an Kleidungsſtücken waren ſie ſtillſchweigend übereingekommen, ſich nicht mehr zu bedienen, und auf dieſe Art zeigten ſich die irdiſchen Hüllen dieſer gleichgeſtimmten Seelen 4 ebenfalls faſt beſtändig in ſchönſter Harmonie. Von Charakter war die Hofräthin etwas ſtolzer als die Kanzleiräthin, und namentlich betrach⸗ tete ſie ihren Titel, weil derſelbe mit dem Hof zuſammen hing, für vor⸗ 31— . nehmer, und es hatte die Kanzleiräthin viele Mühe gekoſtet, ihr dieſen Gedanken zu benehmen. „Liebe Hofräthin,“ ſprach ſte,„wenn Du in der Rangliſte nach⸗ ſehen willſt, ſo ſind wir Beide in der ſiebenten Klaſſe.“ „Aber,“ fiel ihr die Hofräthin hier in's Wort,„Du mußt nicht vergeſſen, daß in dieſer Rangklaſſe der Hofrath nach den Hofärzten kommt, dann der Hütten⸗ und Salinen⸗Verwalter, die Kanzleidirectoren bei den zweien nicht genannten Landeskollegien, und dann erſt der Kanzleirath.“ Die Kanzleiräthin lächelte und meinte, der Hofrath ſei ein leerer Titel; denn ſte möge nur einen einzigen Fall bezeichnen, wo ihr Mann bei Hof einen Rath gegeben habe; dagegen müſſe auf der Kanzlei ihr Mann beſtändig rathen. Eine Zeitlang war dieſer Rangſtreit eine ge⸗ fährliche Klippe in der Freundſchaft; doch nachdem ſie glücklich umſchifft war, fuhren ſie einträchtig neben einander her auf dem ruhigen Waſſer des täglichen Familienlebens. Die beiden Familien wohnten auf dem gleichen Stockwerk, die Zimmer, wo ſte ſpeisten, waren nur durch eine dünne Wand geſchieden, und Mittags klopfte die Kanzleiräthin mit ihrem Meſſer an die Wand und rief hinüber:„Guten Appetit, Hofräthin,“ und dumpf ſchallte es herüber:„Danke, ſchmeckt's, Kanzleiräthin?, Einmal hätte es in dieſer Freundſchaft beinahe eine gefährliche Spaltung geben können, weil der Kanzleirath, ein alter mürriſcher Ge⸗ ſelle, es für unnöthig fand, daß die Frauen ſich den Titel ihres Mannes beilegen. Merkwürdiger Weiſe war die Hofräthin mit ihm einverſtanden und nur die heftige Oppoſttion des Hofraths und der Kanzleiräthin rettete den Staat; doch ſetzte es der Kanzleirath durch, daß die Titel künftig Frau Hofrath und Frau Kanzlei rath waren. Im Königlichen Hoftheater hatten die beiden Damen mit vier und zwanzig andern Frauen ein Abonnement in einer Loge zu ſechs Per⸗ ſonen. Es war ſo eingerichtet, daß ſte ihre beiden Billets auf einen Tag bekamen. Da ſaßen ſte nun zuſammen und ergötzten ſich allgemein, ſowohl an den ſchönen Stücken, die hätten gegeben werden können, als an den Toiletten der anderen weiblichen Zuſchauerinnen. In den Zwi⸗ ſchenakten wurden Aepfel und Nüſſe verſpeist, für welche abwechſelnd die Eine oder die Andere ſorgen mußte, bei den geraden Nummern der Theaterabende die Frau Hofrath, bei den ungeraden die Frau Kanzlei⸗ rath. Einmal im Jahr wurden dieſe Tage gewechſelt, damit nicht immer . eine und dieſelbe an den geraden oder ungeraden Nummern zu ſorgen hätte. So ſaßen ſie da in würdiger Freundſchaft, und wenn es im Sohn der Wildniß hieß: Zwei Seelen und ein Gedanke, Zwei Herzen und ein Schlag, da verſtanden ſie den Dichter vollkommen. Aber das tückiſche Schickſal iſt immer bemüht, Unkraut zwiſchen den Weizen zu ſäen. Wenn man Abends kurz vor der Beendigung des Theaters vor dem Königlichen Schauſpiel⸗ und Opernhaus in Stuttgart ſteht, ſo glaubt man in milder Mainacht in einem duftenden Walde zu ſein, wo von allen Seiten die Leuchtkäfer heranſchwirren. Da iſt der Schloßplatz wie mit Lichtern beſät, die eilfertig und geſchäftig gegen das Theater hinziehen. Es ſind die Laternen der weiblichen Dienſtboten, die kom⸗ men, ihre Herrſchaften abzuholen. Für den gewöhnlichen Beſchauer ſtnd es einfache Laternen, für den tiefern Denker aber liegen in der Form und Größe derſelben bedeutſame Beziehungen. Wir möchten ſagen: dieſe Laternen an dem Stuttgarter Hoftheater ſind ein leuchtender Auszug aus dem Königlich Württembergiſchen Hof⸗ und Staatshandbuch, eine illuſtrirte Rangliſte, I VII III VIII Ié V von der achten Klaſſe anfangend. Die Laternen der achten Rangklaſſe, den Frauen der Hofſtabs⸗ ſekretäre und den Lieutenants angehörig, ſind klein, viereckig, von weißem Blech mit einem einzigen Talglicht. 3½ Die der ſiebenten Rangklaſſe, den Frauen der Hofräthe, Kanzlei⸗ räthe, Oberförſter und Stallmeiſter, ſind größer, etwas länglich, aber doch von weißem Blech und führen ein Wachslicht. Die der ſechsten, bedeutend größer, als die der vorigen, für die Frauen der geheimen Hofräthe, der Majore ꝛc., führen zwei Stearin⸗ lichter(bis hieher befreiter Gerichtsſtand). 34 Die der fünften Rangklaſſe, den Frauen der Kangleidirectoren, der geheimen Legationsräthe, Oberkriegsräthe, Oberſtlieutenants, haben in der Größe das Uebermögliche gethan. Dieſe Laternen ſind von Meſ⸗ ſing und führen zwei Wachslichter. Von der vierten Klaſſe an hört die Beleuchtung mit Laternen auf, und hier iſt gewöhnlich ein männlicher Bedienter angeſtellt, der die Frau Directorin oder Frau Oberſtin als Schutzengel begleitet. Ditto bei der dritten Rangklaſſe. Zweite und erſte Rangklaſſe, die Excellenzen, gehen entweder gar nicht in's Theater oder bedienen ſich eigener Equipagen und Droſchken. Wir können nun verſichern, daß ſowohl die Frau Hofrath als die Frau Kanzleirath ſich nicht über die ihnen angewieſene Rangklaſſe, die ſiebente, verſtieg. Ihre Laternen waren von weißem Blech, etwas läng⸗ lich und führten ein Wachslicht. Da ſie, wie ſchon geſagt, gewöhnlich zuſammen nach Hauſe gingen, ſo hatten ſte zwei Laternen zur Ver⸗ fügung, von denen eine, den Zug eröffnend, die Straße beleuchtete, die andere, den Zug beſchließend, einen magiſchen Lichteffert auf die Dahinwandelnden warf. Da fügte es das Schickſal, daß der Kanzleirath in einer Auction um billiges Geld eine Laterne erſtand, die offenbar der ſechsten Rang⸗ klaſſe angehörte, denn, obgleich etwas defect, war ſte außerordentlich groß und führte zwei Stearinlichter. Hätte der Kanzleirath einige Men⸗ ſchenkenntniß beſeßen, ſo würde er an dem Erſtaunen des Auctionärs, ſowie an dem gerechten Unwillen, der deutlich auf dem Geſichte aller anweſenden Frauen, welche der Auction beiwohnten, geſchrieben ſtand, geleſen haben, wie ſehr er gegen die Rangordnung verſtoßen. Doch er ſah von allem dem nichts. Die Laterne wurde nach Hauſe gebracht und von dem boshaften Dienſtmädchen hell und blank geputzt. Grabſtein der Freundſchaft, unglückſelige Laterne! Verehrter Leſer, laß uns zwei Thränen weinen. Das Theater war beendigt und beide Frauen wandelten dahin. Voraus ging Hofraths Rike mit der Laterne der ſiebenten Rangklaſſe. Ihnen folgte Kanzleiraths Bäbele mit der neu erkauften Laterne. Wahr⸗ ſcheinlich hätte die Hofräthin den ſchrecklichen Verrath an ihrer Freund⸗ ſchaft ſolchergeſtalt nicht entdeckt, wenn es ihr nicht unglücklicher Weiſe eingefallen wäre, die Freundin mitten auf dem Schloßplatz auf die Schönheit des Abends aufmerkſam zu machen. „'s iſt doch ein wunderſchöner Abend, Kanzleiräthin, dieſer Abend heut Abend. Siehſt Du, wie die Gaslichter ſo hell brennen?“ „Ja, und aus den Anlagen heraus, mein' ich, hört man die Nachtigallen ſchlagen, Hofräthin.“ „Ja, Kanzleiräthin, und wie auf dem Theater die Wetterher vom Mond ſo ſchön beleuchtet iſt! Und die— Aber, Bäbele, was hat ſie für eine Laterne?“ „Na nu, Frau Hofrath, das iſt die Latern' von der Frau Kanz⸗ leirath.“ „Von— der— Frau— Kanzlei— rath?“ „Das habe ich wahrhaftig vergeſſen, Dir zu ſagen, mein Mann hat ſie neulich in der Auction gekauft.“ 3* 36 Die Hofraͤthin war in ihren heiligſten Gefühlen gekränkt, und ihr weiches Herz, das ohnehin von dem ſchönen Abend poetiſch angeregt war, zog ſich krampfhaft zuſammen. Sie heftete ihren umflorten Blick auf ihre kleine Laterne von weißem Blech mit dem einzigen Wachslicht, warf alsdann einen Blick des Schmerzes auf die Laterne der ſechsten Rangklaſſe, einen fürchterlichen Zornblick auf die Kanzleiräthin und eilte ſchweigend in der dunklen Nacht davon. Die Kanzleiräthin ſchüttelte den Kopf und ging ebenfalls ihrer Wege, d. h. direct ihrer Wohnung zu. Dort angekommen, mußte Bäbele noch einen Ausgang beſorgen, während ſich die Kanzleiräthin in ihre innerſten Gemächer zurückzog. Ein ſolches Benehmen hatte ſie von der Freundin nicht erwartet. Bäbele aber ſetzte die Laterne auf den Abſatz der Treppe hin und ging, ihren Ausgang ohne Laterne zu beſorgen. Kurze Zeit darauf kam die Frau Hofräthin ebenfalls nach Hauſe und hatte ſich etwas geſammelt.„Die Kanzleiräthin,“ ſprach ſte bei ſich,„iſt doch nicht Schuld. Freilich hochmüthig iſt ſie immer geweſen. Sie wird die Laterne, die ihr nicht zukommt, gewiß nimmer gebrauchen, ſie wird ſte nie mehr vor Deine Augen bringen.“ 4 Damit öffnete ſte ihre Hausthür und—— Auf dem erſten Abſatz der Hausflur ſtand die unglückſelige Laterne, hell und ſtrahlend, als wollte ſie ſagen: Sieh mich an, Hofräthin, ſieh meine beiden Stearin⸗ lichter. Juhe, ſechste Rangklaſſe! 3 Da ſchwamm es der Hofräthin vor den Augen, die Laterne nahm den ganzen Platz der Treppe ein und die unglückliche Frau mußte ſie nothwendig berühren. Wenden wir unſere Blicke ab. Die Laterne fiel zufälliger Weiſe die Treppe hinunter— alle vier Scheiben zerbrachen, die Lichter löſchten aus, und Bäbele, als ſie nach Hauſe kam, ſchlug die Hände über dem Kopf zuſammen. Jetzt war der Bruch vollſtändig. Zornentbrannt ſchliefen beide Frauen ein, und merkwürdiger Weiſe träumten Beide die ganze Nacht von der ſechsten Rangklaſſe und vom befreiten Gerichtsſtand. Was ſollen wir dem Leſer weiter ſagen? Die Harmonie war ge⸗ ſtört und der Teufel der Zwietracht beutete Alles aus, um eine Annähe⸗ rung der gekränkten Herzen ferner unmöglich zu machen. Schon am andern Morgen kaufte die Kanzleiräthin einen grünen Hut und die Hofräthin einen grünen Shawl. Der Hofrath und der Kanzleirath aber wunderten ſich ungemein, daß ſie in der nächſten Woche 37 dreimal Stockfiſche in brauner Sauce eſſen mußten. Die Theaterbillete wurden um ein Billiges verkauft, von einem Klopfen zur Mittagsſtunde ward nie mehr etwas gehört und am nächſten Quartal zogen beide Familien aus, der Hofrath in die verlängerte Neckarſtraße, der Kanzlei⸗ rath an den Feuerſee. Ueber den Sternen aber weinte der Engel der Freundſchaft auf eine Laterne der ſechsten Rangklaſſe. Mehrere Jahre ſpäter, es war gerade der 17. Januar 1849, da begegneten ſich beide Frauen auf dem Schloßplatze— tiefgebeugt durch die Zeitereigniſſe—, weinend und verſöhnt ſanken ſie ſich in die Arme und lispelten— deutſche Grundrechte§. 7. Der Clubb für unbegränzte Freiheit. 1 Das kleine unſcheinbare Haus, in welchem ſich die kleine unſchein⸗ bare Kneipe befand, von der wir unſern Leſern erzählen wollen, ſtand an den Ecken zweier kleinen Gäßchen, wo weder Sonne, noch Mond hineinſchien. Die beiden Himmelslichter machten wohl hie und da den ſchüchternen Verſuch, in dieſen dunkeln, feuchten Winkel zu gelangen; doch mochte es ihnen da unten zu finſter und unheimlich ſein, denn ſie ſtreiften nur ſo oben an den ſchwarzen Giebeln der Häuſer vorbei und verſchwanden bald wieder. Dieß Eckhaus nun, vor welchem als Wirths⸗ hausſchild ein gelber, vertrockneter Buſch prangte, war klein, zweiſtockig und litt unzweifelhaft an erſchreckender Altersſchwäche. Die Mauern waren grau, und da die Dachrinne zerbrochen war, ſo hatte Regen und Schneewaſſer ganz geheimnißvolle Hieroglyphen auf das Haus hinge⸗ worfen. Der Eingang war nie verſchloſſen, und nur in den Stunden von Morgens 2 bis 6 wurde eine geweſene Thür vor den Eingang ge⸗ lehnt. Dieſer Eingang führte auf eine enge und gänzlich finſtere Haus⸗ flur und in eine Art Vorzimmer, hinter welcher das Gaſtzimmer war. Dieſes ganze untere Apartement war früher einmal ein Stall ge⸗ weſen und erſt ſpäter zu wohnlichen Zwecken eingerichtet worden. Da ſich aber ſtatt der Fenſter nur kleine Luftlöcher dort befanden, ſo etablirte der Hausherr eigenhändig eine kleine Weinkneipe, ein Geſchäft, zu welchem 39 das Tageslicht vollkommen überflüſſig iſt; denn erſt wenn es draußen anfängt zu dunkeln, wird's innen hell. In früherer Zeit wurde das Local mit Talglichtern erleuchtet, als aber das Gaslicht überhand nahm, wurde in die Mauer ein Loch gebrochen, von außen eine bleierne Röhre hinein⸗ gezogen, dieſelbe an der Wand und Decke durch Nägel feſtgemacht, zwei Schuh vor letzterer unten umgebogen, ein kupferner Brenner hineinge⸗ ſteckt— ſo— und der Kronenleuchter war fertig. Wenn Abends das Gaslicht angezündet wurde und die ewige Dämmerung aus dem Zimmer verſchwand, ſo war es, als zöge ein tiefer Seufzer bei den trüben Wän⸗ den vorbei; der alte Hund hinter dem Ofen ſchüttelte ſich, ſtreckte die Naſe empor und meinte, es würde Tag.— Durch den finſtern Gang trat man in das Vorzimmer, die Wohn⸗ ſtube des Wirthes und Hausbeſitzers. Hier war ein großes, zweiſchläfe⸗ riges Bett, ein Paar hölzerne Stühle, ein Ofen, um denſelben ein großer, verblichener Papierſchirm, auf welchem Adam und Eva im Na⸗ turzuſtande und ſämmtliche Thiere, wie ſie im Paradieſe luſtwandeln, gemalt waren. Da die Gäſte allemal durch dieſes Vorzimmer mußten, ſo zog ſich der Wirth mit ſeiner Frau am Abend hinter dieſen Schirm am Ofen zurück, und die beiden alten Leute blieben, bis der Letzte der Gäſte heimwankte. Der Wein wurde in das Gaſtzimmer in ein Paar großen ſteinernen Krügen hingeſtellt, aus welchen ſich die Gäſte be⸗ dienten, nachher die Zeche ſelbſt berechneten und das Geld auf dem Tiſch zurückließen. Aus dieſer Einrichtung kann man erſehen, daß das Local nur von Stammgäſten beſucht wurde. Dieſe Stammgäſte nun gingen bei dem großen Ofenſchirm vorbei und jeder derſelben klopfte mit der Hand daran, und das war ein Zeichen für den Wirth, daß ein guter Bekannter eintrat; wenn aber zufälliger Weiſe Jemand in das Gaſt⸗ zimmer kam, der den Schirm nicht berührte, ſo ſtreckte der Wirth ſeinen Kopf oben hinaus und verſicherte den fremden Gaſt, das Zimmer ſei für heute Abend an einige gute Bekannte vermiethet. Man wird uns fragen, welche Klaſſe von Menſchen hier zuſammen⸗ kam, ob es ein geheimer Clubb war, ob hier Verſchwörungen angezettelt wurden, ob man hier, verborgen vor den Augen der Polizei, hoch ſpielte, und es wäre eigentlich ſehr intereſſant für uns, wenn wir etwas der⸗ artig bejahen könnten und dadurch Hoffnung gäben, daß eine ſchauer⸗ liche Geſchichte hier paſſirt ſei. Leider ſind wir nicht ſo glücklich: Hieher kamen keine Landſtreicher und ſonſtige Vagabunden, keine Diebe oder Mörder, nicht einmal Verſchwörer, es fielen hier wohl zuweilen ſchreck⸗ 40 liche Redensarten, aber im Ganzen waren es harmloſe Leute, die hier in der Kneipe zuſammenkamen und von denen die meiſten am andern Morgen in ihren Geſchäften ganz anders ſprachen, wie Abends hinter dem Weinglaſe! Was aber geſchah hier im Dunkel der Nacht?———— Hier verſammelte ſich allabendlich der Clubb für unbegränzte Freiheit. Hier wurde politiſirt: das Wohl Deutſchlands, das Wohl der ganzen Welt berathen. 3 ſchwerer Schlag an den Ofenſchirm, eine tiefe Baßſtimme ſagt:„guten Abend“ und geht in's Wirthszimmer. Es iſt ein großer, breitſchulteriger Mann, der eingetreten iſt, auf ſeinem Geſicht liegt ein roſiger Schein, aber nicht der Schimmer der Jugend, eine Röthe, dem Nordlicht ver⸗ gleichbar, deren Centrum die Naſe iſt. Dieß Geſicht iſt eingefaßt mit einem großen Bart, alle Unterabtheilungen dieſes männlichen Schmuckes, Schnauz⸗, Backen⸗, Knebel⸗ und Kinnbart zu einem wirren Ganzen zuſammengewachſen; der Mann ſteht unter ſeinem grauen Hut mit Hahnenfedern ganz fürchterlich aus, er trinkt ein großes Glas Wein auf einen Zug aus, ſtellt ſich vor die Bildniſſe von Robert Blum und Hecker, die an der Wand hängen, einen Augenblick hin, ſeufzt tief auf; dieſer Seufzer aber klingt wie ein leiſes Brüllen, er murret etwas von ver⸗ rathener Freiheit und ſetzt ſich nieder. Nach ihm ſäuſelt eine leichte Geſtalt durch die Flur, berührt ganz leicht den Schirm und bleibt unter der Thür des Gaſtzimmers einen Augenblick ſtehen; es iſt ein ſchmächtiges Männchen mit einem frommen Geſicht, das ſich aber mühſam den Anſchein gibt, ingrimmig auszuſehen, es vergräbt das Kinn in die Halsbinde, ſchiebt den Hut verwegen auf ein Ohr: Alſo hierher hat ſich das Bischen übrig gebliebene Freiheit ge⸗ flüchtet, hier müſſen wahre Vaterlandsfreunde tagen, verborgen vor der Welt in einem dürftigen Winkel der Erde! Ach, es iſt ſchauerlich! Darauf ſalutirt er vor dem Portrait Heckers und ſetzt ſich an den Tiſch. Der Andere ſchenkt ihm wenig Aufmerkſamkeit, ſtützt den Kopf auf beide Arme und ſtößt dichte Rauchwolken aus ſeiner Cigarre.— Eine dritte behäbige Figur ſchiebt ſich jetzt ins Zimmer, trommelt ein paar Takte auf den Ofenſchirm und ſchaut mit einem wohlgenährten freundlichen Geſicht hinter denſelben:— Guten Abend, Alter, wie geht's?— dann tritt ſie ins Gaſtzimmer und läßt ſich nieder, nachdem ſte dem Hecker pfiffig lächelnd zugewinkt. * Die Glocke ſchlägt Sieben, ein ſchwerer Tritt in der Hausflur, ein 41 So erſcheint nach und nach die ganze Geſellſchaft, bunt gemiſcht, aber die Meiſten anſtändig ausſchauend. Viel Bartwerk iſt vorhanden, viele rothe Hahnenfedern und ſchwarz⸗roth⸗goldene Bänder. Der Krug macht den leeren Gläſern tiefe Complimente und bald geht ein lebhaftes Geſpräch durch's Zimmer. Der Zweite, der vorhin eintrat, die kleine luftige Geſtalt, ein Hand⸗ ſchuhmacher, taucht nun ſein Geſicht ſo erſchrecklich tief in die Halsbinde hinab, daß nur die funkelnden Augen herausſchauen, und deklamirt: Die Freiheit, ſie iſt ein leerer Wahn; worauf der Mann mit der rothen Naſe, der zuerſt eintrat, ingrimmig aufſchaut. Was iſt ein leerer Wahn? brüllt er. Die Freiheit? Wer wagt, zu behaupten, daß die Freiheit ein leerer Wahn iſt? Ich ſagte: k- ein leerer Wahn, aber Sie wiſſen ja, ich kann das K nicht gut ausſprechen. Ja ſo, kein leerer Wahn. So ſprechen Sie künftig deutlicher. Aber das iſt der Fluch des Sklaventhums und der Unterdrückung, daß der freie Mann ſich an ein freies Wort nicht mehr gewöhnt, ſogar eine ſklaviſch⸗ liſpelnde Ausſprache angenommen hat. Der dicke Mann, ein Spezereihändler, ſtieß ſeinen Nachbar klug lächelnd an, als wollte er ſagen: der hat's, jetzt kann's losgehen. Dieß ſchien auch ein junger Menſch mit bleichem Geſicht und langem blondem Haar zu fühlen, denn er ſchrie, nebenbei— um ſich bei der rothen Naſe in Reſpekt zu ſetzen: Es lebe der Hecker! Und Alle tranken ihre Gläſer aus, Einige mit ſchwärmeriſchem Blick an die Wand hin, Andere ſchüch⸗ tern auf ihre Naſenſpitze ſehend. Die rothe Naſe verbeugte ſich dankend, als ſei ſie der Hecker, mur⸗ melte dabei aber von Reactionären und politiſchen Feiglingen, wobei ſie namentlich den Gewürzkrämer und ſeinen Nachbar ſcharf anſah, worauf der erſtere mehrere Gläſer Wein haſtig hinabſtürzte, wie er hier allabend⸗ lich zu thun pflegte, um ſich in eine muthvolle Stimmung zu verſetzen und damit er Widerſtand zu leiſten vermöge den Bemühungen, ihn auf die äußerſte Linke hinüberzuziehen; denn der Spezereihändler war, im Vertrauen geſagt, äußerſt conſervativ, ja etwas reactionär. „Meine Herren,“ ſprach die rothe Naſe,„was ſind wir denn eigentlich, daß man es wagt, uns tagtäglich in den Staub zu treten, daß man uns unſere koſtbarſten Freiheiten vorenthält? Was heißt Deutſch? Was heißt Deutſcher? Heißt Deutſcher etwa ſo viel, als ein Individuum, ein Weſen, das dazu gemacht iſt und erſchaffen wurde, um 4 42 Fußtritte auszuhalten, um Stockſchläge zu empfangen, ein Reibeiſen, an dem Jedermann die Schuhe abputzen darf, ein Geſchöpf der Finſterniß, dem nie der roſige Morgen der Freiheit tagen ſoll? Ich wenigſtens dulde dieſe Knechtung nicht länger. Ich will kein Sklave ſein. Ich will mich nicht krümmen unter den Fußtritten der Gewaltigen. Ich will mir die Freiheit mit meinem Herzblut erkaufen, ich will ein freier, deutſcher Mann ſein.“ Auf dieſe glänzende Rede ließ ſich ein vielſtimmiges Bravo hören. Nur der Spezereihändler ſtützte ſeine Arme auf den Tiſch und wollte der rothen Naſe in die Rede fallen. Aber die rothe Naſe war im Zug wie eine überheizte Lokomotive und fuhr ſauſend und ſchnaubend fort: „Was iſt Freiheit? Iſt das bischen Preßfreiheit Freiheit? Iſt ein volksthümliches Miniſterium Freiheit? Iſt Oeffentlichkeit und Münd⸗ lichkeit, iſt Vereinsrecht Freiheit? O nein! Das verſteht ſich Alles von ſelber, denn da der freie Mann Alles das thun kann und ſoll, was ihm beliebt, ſo fallen ihm dieſe Lappalien, dieſe Brocken, die man ihm wie dem hungrigen Hunde hinwirft, von ſelbſt zu. Der wahre freie Mann i*ſt der, der wahrhaft frei iſt, und der wahrhaft frei iſt, das iſt ein freier Mann! Aber Ihr Alle,“ dieß ſprach der Mann mit unbeſchreiblichem Pathos,„ſeid Geknechtete, Unterdrückte, ſeid Sklaven!“ Jetzt war der kleine Spezereihändler nicht länger zu halten. Zuerſt brach er in ein lautes Lachen aus, das höhniſch klingen ſollte. „Hör' mir einer an,“ ſagte er dann, nich ſei ein Sklave, wagen Sie zu behaupten. Ich ſei ein Gefeſſelter, Unterdrückter? Weßhalb bin ich ein Sklave? Kann ich nicht thun und laſſen, was mir beliebt? Habe ich nicht Alles errungen, was man erringen kann? Und dann,“ ſetzte er in einem etwas weinerlichen Tone hinzu,„begreife ich eigentlich nicht, warum ich mich in den Clubb für unbeſchränkte Freiheit habe aufnehmen laſſen, damit man mich jeden Abend auf's Allerſcheußlichſte herunter⸗ ſchimpft! Und damit ich nicht einmal die Freiheit habe, zu ſagen, daß ich mich unter den jetzigen Einrichtungen vollkommen frei genug fühle!“ „Er hat ganz recht,“ ſagte leiſe ſein Nachbar, und mehrere Andere nickten ihm beifällig zu, obgleich die rothe Naſe in ihrer Wuth unzählige Gläſer Wein hinter einander austrank. „Warum,“ fuhr der Spezereihändler fort,„warum nutzt mich die Freiheit nicht, die wir nun einmal errungen haben? Warum, das möchte ich wiſſen?“ „ Weil das keine Freiheit iſt,“ ſagte der Handſchuhmacher;„nur 43 auf den Bergen iſt Freiheit. Ich will thun und laſſen können, was mir beliebt.“ Die rothe Naſe ſah den Spezereihändler mit einem Blick unbe⸗ ſchreiblicher Verachtung an; dann ſagte ſte:. „Iſt ein ſtehendes Heer Freiheit? Iſt Polizei Freiheit? Sind Steuern Freiheit? Sind Capitaliſten Freiheit? Oh, Ihr ſeid blind mit ſehenden Augen. Seht Ihr denn nichts von der Reaktion, die ihr gei⸗ ferndes Haupt emporſtreckt, eine rieſige Schlange, die Euch langſam, aber unfehlbar einſchnürt?“ „Ha,“ eiferte der Spezereihändler, Reaktion, was iſt Reaktion? Wo iſt Reaktion?“ „Reaktion!“ ſagte die rothe Naſe, und warf einen mitleidigen Blick hinüber;„weßhalb gehen alle Geſchäfte ſchlecht? Weßhalb ſtockt Handel und Wandel? Weßhalb geht der brave Gewerbsmann zu Grunde?“ „Das iſt keine Reaktion, das iſt ein Unglück,“ ſagte der Spezerei⸗ händler.„Die Gewerbe gehen ſchlecht, weil es an Vertrauen fehlt, nicht einmal weil es an Geld fehlt. Ich muß es am Beſten wiſſen. Wer früher den Zucker bei mir Hutweiſe kaufte, der läßt jetzt täglich einige Loth holen, und wer ein Paar neue Stiefeln ſehr nöthig braucht, der läßt heute, dennoch die alten flicken, da er nicht weiß, ob ihm die goldene Freiheit, von der Ihr immer predigt, nicht morgen die neuen Stiefel vielleicht ausziehen würde.“ „Ja,u fiel jetzt ſein Nachbar in's Wort, der ein Möbelſchreiner war,„ſo iſt's, bei Gott, ſo iſt's! Hab' ich doch von zwanzig Geſellen nur noch zwei, und von denen iſt obendrein der eine ein Schneider, der nur Fenſtervorhänge flickt. Ja, Ihr ſeid es, die Handel und Wandel darniederdrücken, mit Eurem loſen Maul und Cuern aufrühreriſchen Reden und Euern Wühlereien. Nennt mir einen einzigen Menſchen, der durch Eure fortgeſetzten Aufhetzereien was profitirt hätte. Die Steuern ſind erhöht, Arbeit gibt's keine, und wenn bei dem armen Ge⸗ werbsmann das Bischen, was er in früheren Jahren verdient hat, auf⸗ gezehrt iſt, ſo hat er Eure Freiheit errungen, dann iſt er frei, wie der Vogel auf dem Zweig, ohne Nahrung und Obdach, frei, daß ſich Gott erbarme!“ Der junge Menſch mit den blonden Haaren hatte ſchon mehrmals verſucht darein zu ſprechen, konnte aber mit ſeiner dünnen Stimme nicht durchdringen.. 44 „Warum,“ ſchrie er jetzt,„haben bei den ſogenannten Vornehmen und Reichen alle Feſte, Bälle aufgehört? Warum anders, als um den armen Mann zu drücken?“ „Warum?« entgegnete der Möbelhändler,„warum ſoll der Reiche und Vornehme nach den Verluſten, die er ohnedieß erlitten, noch ſein Geld hinauswerfen, wofür er nur Undank hat? Bellt Ihr nicht mit Eurem giftigen Neid Jeden an, der einen beſſern Rock trägt, als Ihr? Was ſchreit Ihr in die Welt hinaus, wenn Ihr irgendwo ein Gaſtmahl oder einen Ball wittert? Schreit Ihr nicht über Reaktionäre, Ariſto⸗ kraten, die den Schweiß des armen Volkes verpraſſen? Und das iſt er⸗ logen, das kommt dem Arbeiter und Handwerksmann zu gut, wären nur viele Feſtivitäten und Geſchichten, ſo ſtände es mit dem Gange der Geſchäfte beſſer. Und verpraßt Ihr nicht ebenſo den Schweiß des armen Volks? Z. B. Sie,“ ſagte er zur rothen Naſe,„haben da einen warmen Rock an, und einen Paletot darüber. Damit könnten Sie Einen kleiden, der nichts hat. Sie trinken bei Ihrem Schreien nach Freiheit, das Ihnen natürlich die Kehle austrocknet, täglich Ihre zehn Schoppen Wein. Das würde für neun arme Familienväter langen, und es bliebe Ihnen doch noch ein Schoppen. Aber ich will darüber nichts ſagen, denn das Geld für die zehn Schoppen nimmt der Wirth ein, und das fließt wieder in eine Menge Hände und kommt Vielen zu gut.“ „Schade, Schade,“ ſeufzte der Spezereihändler,„wie unſere ſchönen Gewerbe ruinirt ſind, unſere Stadt ihrem Untergang entgegengeht! Ich ſehe ſchon die Zeit kommen, wo die Häuſer zerfallen, wo auf den Straßen das Gras wächst, und wo wir Alle eine große, große Brüder⸗ gemeinde von lauter Lumpen bilden.“ So weit war die Sache in der Ordnung, und manche Mitglieder des Clubbs für unbegränzte Freiheit neigten ſich auf die rechte Seite. Es hätte dazu kommen können, daß die rothe Naſe und ihre Conſorten überſtimmt worden wären, und der Möbelhändler wagte ſchon den ſchüchternen Vorſchlag, der Geſellſchaft ſtatt des bisherigen den Namen: „Clubb für geſetzmäßige Freiheit“ zu geben, wodurch man für die Wohlfahrt Deutſchlands ſchon viel gewonnen hätte, und mit welcher Errungenſchaft ſich die exaltirteſten Conſervativen zufrieden geſtellt hätten. Aber da geſchah etwas, was der Sache eine ganz andere Wendung gab, und was in dem Clubb für unbegränzte Freiheit bis jetzt nicht da⸗ geweſen war. Es war nämlich 11 Uhr geworden, das Geſpräch hatte man außergewöhnlich laut geführt, und es öffnete ſich die Thür, und 45 herein trat ein Diener der Polizei feierlich verkündend, daß die Polizei⸗ ſtunde längſt vorüber ſei.——— Trauriger Moment! Wie wahr iſt das Sprüchwort: Gott be⸗ wahre mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden will ich ſchon fertig werden. Die rothe Naſe, wie ſie im Begriff war zu thun, eine Rede gehalten für unbegränzte Freiheit, eine Rede, übermenſchlich ſchön, ſie hätte weder den Spezereihändler noch den Möbelſchreiner verlockt, ihren Antrag auf Aenderung des Namens in Clubb für geſetzmäßige Frei⸗ heit aufzugeben. Aber das Erſcheinen der Polizei in dieſem Augenblick, das Verkündigen der Polizeiſtunde, ſo etwas verträgt kein deutſcher Bürgersmann und Patriot. Das ſah auch die rothe Naſe ein; die rothe Naſe wußte ganz geuau, daß jetzt ihre Sache die ſiegreiche ſei. Ruhig und groß ſetzte ſie ſich nieder, ruhig und groß füllte ſie ihr Glas, trank es aus und ſprach: „Freie deutſche Männer, die Polizeiſtunde iſt vorüber!“ Der junge blonde Menſch, nachdem er ſich überzeugt, daß die Polizei das Haus verlaſſen, ließ den Hecker leben; die rothe Naſe ver⸗ kündigte, ſie behalte ſich vor, morgen eine Adreſſe an die Nationalver⸗ ſammlung vorzulegen, worin das Miniſterium anzuklagen ſei, daß es durch die fluchwürdige, an das alte verdammliche Syſtem erinnernde Einrichtung der Polizeiſtunde das freie Vereinsrecht der Bürger unge⸗ ſetzlich ſchmälere und daß ſie, hierauf fußend, morgen den Antrag ein⸗ bringen wolle, den Namen der Geſellſchaft in„Clubb für geſetzloſe Frei⸗ heit“ umzuändern. Und hierauf trennte man ſich. Wirth und Wirthin gingen zu Bett. Die Thüre wurde an den Eingang gelehnt, der Hund legte ſich zum Schlafen hinter den Ofen, das Gaslicht wurde ausgelöſcht, und ringsum war es troſtlos dunkel. Elfen-Correſpondenz. Herr Redacteur! Eingänglich dieſes meines verehrten Schreibens an Sie müßte und ſollte ich mich eigentlich entſchuldigen, daß ich nicht den vorge⸗ ſchriebenen Weg gehe und mich an die Druckerei oder Buchhandlung Ihres ſehr werthen Blattes wende; aber Weſen meiner Art, Herr Redacteur, ſchweben gerne ihren eigenen Weg, auch habe ich eine ſtark ausgeſprochene Averſion gegen alle Druckereien, wie ich überhaupt eine gegen allen Druck habe. Verſtehen Sie mich wohl, Druck von Gedrückt werden ableitend. Daß ich keinen vor Gedrucktwerden habe, beweiſe ich Ihnen hierdurch, indem ich Sie bitte, meinen Brief abdrucken zu laſſen. Dieß könnte Ihnen unlogiſch erſcheinen, aber, um Sie in's Klare hierüber zu bringen, muß ich aus meinem Incognito heraustreten und Ihnen ſagen, daß ich ein unglückliches Mitglied, ja eine der wenig übrig gebliebenen aus dem Stamme der Elfen bin, jenem mächtigen Stamme, der da einſt herrſchte über Wald und Flur, Fluß und Haide. Sie kennen jetzt meine Körperform und werden begreifen, daß ich in doppelter Hinſicht mich vor der Druckerpreſſe in Acht zu neh⸗ men habe, denn es wäre mir ſchon einmal beinahe geſchehen, daß ich, bei meinen Forſchungen dieſem Ungeheuer etwas zu nahe kommend, um ein Haar von ihm erfaßt und auf eine friſche Zeitung hingedruckt worden —. 47 wäre. Denken Sie ſich, ein ſolch ſchreckliches Ende! Aber auch noch ein tieferer poetiſcher Grund bewegt mich, daß ich an den Redacteur ſchreibe und nicht an die Druckerei und Buchhandlung.— Sie wiſſen, wie wir aus unſern Reichen vertrieben wurden, aus Feld und Flur durch Pflug und Läuten der Heerdenglocken, aus dem Wald durch die Holzaxt und Säge, aus großen und kleinen Flüſſen durch prahleriſche Dampf⸗ boote und grobe Floßbalken; kurz, wir hatten bald keine Heimath mehr. Und als nun endlich gar in Kirche und Schule verkündigt ward, wir ſeien eigentlich nur fabelhafte Weſen, und als uns das ganze Volk ver⸗ fehmte, indem es das fürchterliche Wort ausſprach: wir ſeien nicht mehr zeitgemäß, da war es aus mit dem Elfenreich. Wir wurden verjagt und vertrieben, Herr Redacteur, wir wurden gehaßt und gefürchtet, und wir ſterben und verderben. Ach, es blieben ſehr wenige von uns übrig, und eines dieſer übrig gebliebenen unglücklichen Weſen bin ich. Wo aber eine Zuflucht finden? Eine Zeitlang lebte ich in einem prachtvollen Glashauſe, das angefüllt war mit tauſend und tauſend buntfarbigen Blumen, und ich hätte mich da recht glücklich und heimiſch gefühlt, wenn dort nicht ein ewiges Getreibe, ein ewiges Wirthſchaften an der Tages⸗ ordnung geweſen wäre. Bald wurde gekehrt, bald Töpfe verrückt, bald Alles mit kaltem Waſſer angeſpritzt, um den Regen nachzuahmen. Aber wer jene himmliſchen Tropfen ſo genau kennt, wie wir, wie ſie von der Höhe herabfallen, glänzend und ſtrahlend, geſchwängert von Wohlge⸗ rüchen, der haßt jenes Surrogat, das aus der ſchmutzigen Gießkanne herausſpritzt. Ich floh das Gewächshaus und nährte mich kümmerlich in der Welt herum, bis der Herbſt kam und die Blätter von den Bäu⸗ men fielen. Jetzt war mein Schickſal ein noch traurigeres. Wollte ich mir einen Zufluchtsort ſuchen in irgend einem Baumſtamme, ſo brummte es mir entgegen: Fort, du biſt nicht mehr zeitgemäß! Die Fiſche im Waſſer ſagten mir daſſelbe, und wenn ich mich irgendwo an einem Herde niederließ, ſo beleidigten mich die heimtückiſchen Grillen und riefen mir hohnlachend zu: Fort, du biſt nicht mehr zeitgemäß. Gerade wie der ewige Jude. Jetzt fiel der erſte Schnee und brachte mich zur Verzweif⸗ lung. Da faßte ich ſchon den ſchrecklichen Entſchluß, mich unter den Hammer eines Schmiedes zu werfen oder unter eine Druckerpreſſe, um meinem elenden Leben auf dieſe Art ein Ende zu machen; ich hätte ihn ausgeführt, wenn ich nicht plötzlich ein wunderniedliches, ganz paſſendes Haus für mich gefunden: ein herrliches Häuschen! Herr Redacteur! Wenn Sie je ebenfalls in den ſchrecklichen Fall 4 48 kommen ſollten, nicht mehr zeitgemäß zu ſein, ſo folgen Sie meinem Beiſpiel. Mein Haus ſteht auf einem Fundament von Bronce, ragt ſtolz in die Luft hinauf und iſt gebaut, wie es nur die kühnſte Elfen⸗ phantaſte wünſchen kann, die Wände von den ſchönſten Spiegelgläſern, und gedeckt von einem gewölbten Metalldach. Darin ſitz' ich und kann die Menſchen überſchauen und ihr Treiben und ſtelle über ſite meine Be⸗ trachtungen an. Wenn es Abend wird, ſo beleuchtet man mein Haus glänzend und herrlich, und eine ſanfte Wärme zieht durch das ganze Gebäude. Kurz, Herr Redacteur, mein Haus iſt nichts mehr und nichts weniger, als eine Gaslaterne, und Ihnen darf ich es wohl verrathen: es iſt die vierte, rechts auf der Königsſtraße. So, jetzt wüßten Sie, wer ich bin und wo ich bin. Jetzt kommen meine Wünſche und Anerbietungen. Sie können ſich denken, daß ſchon der Name Ihres Blattes, die Laterne, mich ſehr anſprach. Doch neben⸗ bei iſt es ein gewiſſer poetiſcher Hauch, der durch die Spalten deſſelben weht, und der mich näher zu Ihnen hinzieht. Ich habe mit Bedauern geſehen, daß Sie noch wenig Mitarbeiter haben, daß es noch wenig Leute gibt, die ſich für die gute Sache, welche Sie verfechten, ſo leb⸗ haft intereſſiren, um auch ſelbſt etwas dafür zu thun. Das iſt ſo der Lauf der Welt. Wiſſen Sie: daß etwas geſchehen müßte, ſehen dieſe Herren wohl ein, und finden es ganz natürlich, daß Sie und Ihre Freunde ſich plagen und abarbeiten. Aber ſelbſt einmal etwas zu thun, dieſe kluge Idee wird ihnen erſt dann kommen, wann es zu ſpät iſt. Ach! uns iſt es ja ſelbſt ſo gegangen. Von dem Augenblicke an, wo uns Alles zurief: Ihr ſeid nicht mehr zeitgemäß, da erſt ſahen wir ein, wie mit Klugheit, Thätigkeit und Ausharren ſo manches ſtille, ruhige Plätzchen uns nicht entgangen wäre. Doch was helfen Klagen? Genug, 818 wie ich da bin, biete ich mich Ihnen zum Mitarbeiter an. Ich ſehe ie den Kopf ſchütteln und meinen: Was kann der aus einer Gas⸗ laterne mir Neues mittheilen? Weit gefehlt, Verehrteſter. Ich erfahre Vieles, wovon ſich Eure Schulweisheit nichts träumt. Meine Beobach⸗ tungen am Tage und in der Nacht von dem, was auf der Straße vor⸗ geht, ſind das Wenigſte. Aber glauben Sie, ſo eine Gasflamme ſei nicht geſchwätzig? Ich verſichere Sie, das Summen und Surren dieſes redſeligen Elements verſüßt mir manchen Augenblick und ich erfahre Neues über Neues. Meine Flamme behauptet nämlich, auf allen Straßen, in allen Häuſern gute Bekannte zu haben, mit denen ſte durch unterirdiſche Röhren in Verbindung ſtehe. Sie iſt wie ein 49 electriſcher Telegraph; ich habe ſte ſchon über Dinge in den ent⸗ legenſten Stadtvierteln ausgefragt, und ſie ſagt mir augenblicklich Beſcheid. Daß dieſe Flammen und ihre Mittheilungen geläutert ſind, können Sie mir und der Gasbeleuchtungsgeſellſchaft auf's Wort glauben, und wenn Sie ſowohl dieß, wie meinen früheren Lebenslauf in's Auge faſſen, ſo dürfen Sie meiner Verſicherung trauen, daß ich Ihnen nur zeitgemäße Correſpondenzartikel zuſenden werde. Was mein Honorar anbelangt, ſo bitte ich um ein Frei⸗ Exemplar Ihres Blatts; würden Sie hie und da in dieſer harten Winterszeit eine duftende Blüthe hineinlegen oder ein Stück Orangenſchaale, ſo würde das meiner Phantaſie und Ihren Artikeln zu gute kommen. Ich ſehe in der nächſten Nummer Ihres Blattes einer kleinen Antwort auf mein Anerbieten entgegen, und verharre unterdeſſen mit ausgezeichneter Hochachtung Ihr ganz gehorſamſter Elfe. An den Herrn Elfen. Geehrter Herr! Werthgeſchätzter Freund! Unmöglich können wir Ihnen unſere Freude, ja unſere Rührung ſchildern, die wir empfanden bei Durchleſung Ihrer ſehr werthgeſchätzten Zeilen an uns. Neben der Theilnahme für unſer Blatt, die Sie hie⸗ durch bekunden, war es die erfreuliche Gewißheit, auf dieſem Wege be⸗ ſtimmt zu erfahren, daß von Ihrem uns ſo ſehr intereſſanten, ja wir könnten ſagen befreundeten Geſchlechte, noch einige, wenn auch nur wenige, exiſtiren. Hieran knüpfen wir zugleich die Bitte, unſerem Blatt, neben Mittheilungen aus dem gewöhnlichen Leben, auch hie und da etwas aus der Vergangenheit des Elfengeſchlechtes zukommen zu laſſen. Glauben Sie, daß Ihre Klagen uns doppelt an's Herz gegriffen und uns außerordentlich weh gethan. Aber wer kann ſich jetzt eines beſſern Schickſals rühmen? Wer iſt jetzt zeitgemäß, verehrteſter Herr Elfe? Wahrlich, nicht die Beſten im Volk ſind zeitgemäß, und es graſſirt der Begriff dieſes Wortes wie eine ſchwere Krankheit, und macht ſo fürch⸗ Hackländer, Vermiſchtes. 4 50 terliche Fortſchritte, daß, wenn nicht bald von irgend einer Seite her Einhalt geſchieht, ſo wird uns die Sonne oben für unzeitgemäß erklären und die Erde würde ein wüſtes Eiland, auf der nichts mehr wächst und gedeiht, nichts mehr kreucht und fleucht. Nacht und Düſterheit ringsum. Dann würden ſich auf eine ſchickliche Art die Jagdgeſetze erledigen, und der Zehnten ſchaffte ſich von ſelbſt ab. Doch entſchuldigen Sie, geehrter Herr Elfe,— keine Politik— wir wollten ihnen nur gern unſere Dank⸗ barkeit ausdrücken, daß Sie ſo freundlich waren, ſich zum Mitarbeiter der Laterne anzubieten. Glauben Sie, wir achten dieß Anerbieten in der jetzigen Zeit doppelt hoch; denn es gehört ein gewiſſer moraliſcher, ja phyſtſcher Muth dazu, ſich zu einem Blatte zu bekennen, das es mit ſeinen ſchwachen Kräften verſucht, hie und da gegen die große Strömung zu ſchwimmen. Und dieſen doppelten, ja, nur einen einfachen Muth haben wenige Menſchen. Ja, es gibt ſehr wenige, die etwas thun, ihre eigene Sache aufrecht zu erhalten. Dem feigen Sprichwort: Mit den Wölfen ſollſt du heulen! folgen in unbegreiflicher Verblendung die Meiſten. Deßhalb vernehmen wir auch rings um uns her ein ſolches Wolfsgeſchrei und wüthendes Geheul, daß man ſich die Ohren zuſtopfen möchte, um nichts mehr zu hören. Daß Ihre Correſpondenzen von dem Standpunkt aus, auf den Sie ſich geſtellt oder vielmehr ſich geſetzt, ſehr erleuchtet und beleuchtend ſein werden, glauben wir annehmen zu können, und ſehen deßhalb mit Ver⸗ gnügen Ihren Mittheilungen entgegen. Was das gewünſchte Frei⸗ Exemplar anbelangt, ſo ſcheint dieß ein ſehr wohlfeiles Honorar. Doch hätten wir hiebei eine beſcheidene Bitte. Thun Sie uns den einzigen Gefallen und laſſen Sie dieſes Exemplar nicht in andere Hände kommen. Es geſchieht dieß ſo oft von verſchiedenen unſerer Abonnenten; wir könnten Ihnen davon ſchreckliche Beiſpiele anführen. Es abonnirt ſich Jemand auf das Blatt, und ihn koſtet die Nummer ſonach drei Kreuzer. Er verleiht aber dieſe Nummer wieder an einen guten Freund, der ver⸗ leiht ſte einem Bekannten, der Bekannte einem Vetter, der Vetter einem Collegen, und ſo koſtet Jeden die Nummer nach höchſter Berechnung circa einen halben Kreuzer, ein Beitrag für die gute Sache, der aber nach der allerbeſcheidenſten Anſicht für zu mäßig angeſehen werden dürfte. Was die Zuthaten von Blumen und Orangenſchaalen anbelangt, ſo werden wir nicht verfehlen, damit aufzuwarten, und zeichnen unter⸗ deſſen mit aller Hochachtung ergebenſte Redaction der Laterne. So könnte ich denn, in einem freundlichen Häuschen vollkommen gut eingerichtet, den Stürmen des Winters ruhig entgegen ſehen. Herz⸗ lich für Ihre Zuſchrift dankend, werde ich meine Mittheilungen alsbald beginnen. Ich habe in allen Theilen der Stadt die beſten Verbindungen angeknüpft, und meine Gasflamme verſichert mich, ich könne unbedingt darauf rechnen, nur wahrhaftige Berichte von ihren Collegen zu erhalten. Ich hatte mit dieſer meiner Gasflamme, einem alten gemüthlichen Ge⸗ ſellen, neulich einen guten Auftritt. Nach einigem unverſtändlichen Ge⸗ ſumſe, das ich der Verlegenheit zuſchrieb, mich ſo geradezu über meine geheimſten Gedanken auszuforſchen, begann ſie, auf mein Verhältniß zu Ihnen anzuſpielen, und wünſchte über meine politiſchen Anſichten aufgeklärt zu ſein. Erſtaunt entgegnete ich: Gibt es denn auch unter den Gasflammen politiſche Färbungen? worauf mich mein Hauswirth ein paar Sekunden lang außerordentlich verächtlich anblickte und alsdann ſagte:„Es ſcheint Ihnen entgangen zu ſein, welch' große Rollen wir leider gezwungen ſind, bei allen Revolutionen und Emeuten zu ſpielen, und daß Leute, wie wir, die ſo thatkräftig in das politiſche Leben ein⸗ greifen, es wohl auch ſich ſelbſt ſchuldig ſind, Politik im weiteſten Sinn, wenn auch nicht auf breiteſter Grundlage, zu treiben. Die meiſten des Gasgeſchlechts ſind auf der rechten Seite und brennen conſervativ, und das aus ſehr einfachen Gründen; denn wären Sie, junger Freund, eine Zeit lang Gaslaterne geweſen und hätten an ſich müſſen geſchehen laſſen, was uns paſſirte, oder Alles das mit anhören und anſehen, wie wir in 1 4 X 52 mancher Nacht, ſo hätten Sie denſelben Abſcheu vor allen Wühlern und Anarchiſten. Leider aber gibt es auch unter den Gasflammen Wühler.“ —„Wühlende Gasflammen?“—„Sie können ſte leicht erkennen. Es ſind größtentheils verwahrloste, übel ausſehende, ſtruppichte Flammen; ihre Zuleitungsröhren ſind meiſtens verſtopft, weßhalb ſie ſchlecht bren⸗ nen, und aus Neid und Aerger darüber ziſchen ſie erſtaunlich laut in die Nacht hinaus, aber wenn man näher kommt, geben ſte gar keinen erfreu⸗ lichen Schein.“. Ich ſuchte meinen Hauswirth über die Redlichkeit meiner politiſchen Anſichten aufzuklären und verſicherte, daß ich außerordentlich conſervativ ſei. Doch beſtand er hartnäckig darauf, mein politiſches Glaubensbekennt⸗ niß zu vernehmen und brachte mich hiedurch einigermaßen in Verlegen⸗ heit, indem ich als Neuling mit der Abfaſſung eines ſolchen Bekennt⸗ niſſes nicht vertraut war. Doch ſuchte ich mir damit zu helfen, daß ich dem allgemeinen Glaubensbekenntniß, was ich im Kopfe hatte, einen politiſchen Text unterlegte. So ſprach ich demnach zur Gasflamme: 1) Ich glaube an meinen König, der es gut meint mit ſeinem Volke und ſegensreich für daſſelbe gewirkt hat lange Jahre hindurch; 2) Und an eine freiſinnige Conſtitution, die gegeben wurde im Jahr 17;. 3) Eine Conſtitution, mit der das ganze Land zufrieden war bis zum Jahr des Heils 48; 8 Wo alsdann dieſe Conſtitution freilich Manches gelitten hat unter Inſtitutionen, Reſtitutionen und Proſtitutionen aller Art; ſogar 4) Von ihnen gekreuzigt wurde und gern begraben worden wäre, um eine neue von eigener Erfindung an die Stelle zu ſetzen. 5) Selbige Conſtitution wurde herabgezogen in jetziger Kammer, wird aber auferſtehen von den Todten; 6) Und wird darauf mit einigen Veränderungen, die durch den Lauf der Zeit nothwendig geworden ſind, wieder auffahren an den politiſchen Himmel zur Rechten des Königs; 7) Und wird ſich geltend machen, zu richten die Anarchiſten und die Wühler. 8) Ich glaube an die Errungenſchaften der neuen Zeit; 9) An die Frankfurter Nationalverſammlung, aber an keine Gemein⸗ ſchaft der Linken; 53 10) Doch mögen ihnen ihre Sünden vergeben ſein; 11) Ich hoffe auf eine baldige Auferſtehung der jetzigen Abgeord⸗ netenkammer, und alsdann 12) an ein politiſch⸗geſetzlich freies Leben. Die Gasflamme erklärte ſich mit dieſem meinem Glaubensbekennt⸗ niß vollkommen einverſtanden und verſprach mir, nächſtens den Verlauf einer Gasrevolution zu erzählen, von der ich bis jetzt nie etwas gehört; doch werde ich nicht ermangeln, einer verehrlichen Redaction darüber zu berichten. Sie haben mir nicht geſagt, ob ich Ihnen auch Referate über das Theater machen ſoll. Ich komme auf dieſe Frage, weil Freitag den 1. December mein unglücklicher König Oberon über die Bretter geſchleppt wurde. Die Gasdepeſchen, die ich über dieſe Aufführung aus dem Theater erhielt, rochen aber ſo äußerſt unangenehm, daß es mir unmöglich war, ſte ſchon für heute in's Genießbare zu überſetzen; doch werde ich bei einer Wiederholung der Oper mein Beſtes thun, um meinen armen König Oberon über das in Schutz zu nehmen, was man ſchmählicher Weiſe an ihm verbrochen hat. Nur ſo viel für heute ſchon: Weil auf der Welt⸗ bühne die Könige anno 48 etwas ſchlecht behandelt worden ſind, meint vielleicht die Bühnenwelt, als Spiegel derſelben es ebenſo machen zu müſſen? Oberon, Künig der Elfen, romantiſche Feenoper. Herr Redacteur! Sie kennen ſich denken, Verehrteſter, wie ſehr ich geſpannt war, die angekündigte Oper zu ſehen, die von den Leiden und Freuden meines guten Königs Oberon handelt, eines Herrſchers, der leider nicht mehr iſt, und durch deſſen Verluſt unſer ganzes edles Geſchlecht zu Grunde ging. 54 Ich begab mich ſchon früh in's Theater, die Gasröhrenleitung be⸗ nützend, und ſetzte mich im Theater am Kronleuchter auf eine der Röhren, die Erſparniß halber nicht mehr angezündet werden. Ach, was iſt die Ouvertüre ſchön. Es iſt Nacht und unter einer hundertjährigen Eiche auf dem weichſten Moos lagern die Elfen und erwarten ſehnſüchtig den Aufgang des Mondes. Jetzt glitzert und ſtrahlt es durch die Zweige, mit ſilbernem Glanz füllen ſich die Kelche der Lilien; Alles lebt und webt und wirbelt und tanzt in wilder Luſt durch einander. Glühkäfer leuchten, Quellen rauſchen und die Blumen ſingen leichte Elfenmelodien. Mit ernſtem Antlitz ſieht der König dem Getreibe zu, denn es laſtet ſchweres Leid auf ſeinem Herzen. Da, horch! plötzlich dringen ſeltſame Töne durch den Wald. Roſſe ſtampfen, Waffen klirren. Fremd ge⸗ kleidete Eiſenmänner ſchweben bei uns vorüber. Vorbei iſt die Luſt. Trauer und Klage tönt in die Nacht hinaus, wildes Weh und Liebes⸗ leid. Doch der König winkt mit ſeinem Lilienſtabe, und zieht magiſche Kreiſe um die fremden Geſtalten, magiſche Kreiſe, die von ſeinem Herzen ausgehen.— Größer wird das Leid, der Mond ſtürzt hinab in wilde ſchwarze Wolkenmaſſen, die Elfen ſuchen ihr Blätterdach und ihre Blu⸗ menhäuſer. Aus den Klüften und Tiefen empor ſchweben Alraunen und Gnomen, und nur ein einziger Stern ſchimmert in der ſchwarzen Nacht, der Ton von Oberons Horn. Und allmählig beſiegen die ſanften Klänge den wilden Sturm in der Geiſterwelt.. Vorüber iſt das Gewitter der Leidenſchaft; helle glänzende Tropfen fallen aus den Augen derer, die ſich gehaßt, und die das Schickſal tückiſch geſchieden; aber es ſind Freudenthränen und wir Elfen hören ihren melo⸗ diſchen Klang. Ei, es wird luſtig im Elfenreich! Titania und Oberon ſind vereint. Freudige jubelnde Stimmen dringen durch den Wald und weit, weit aus der Ferne antwortet die ſchmetternde Muſik eines pracht⸗ vollen Hochzeitszuges. Unendlich groß und herrlich klingt die Luſt, Alles dankt, jauchzt, jubelt.—— So fühlte ich die Ouvertüre, aber nun hätte ich hinausgehen ſollen. Sind wir denn in den Augen der Menſchen ſo herunter gekommen, daß ſte unſer liebes luſtiges Elfenreich auf ſo nüchterne und proſaiſche Art darſtellen?— Der Vorhang geht auf. Oberon erſcheint als wandelnder Liliengarten, ein ſchwerer weißwollener Mantel verhüllt die Glieder des Königs, und ich glaube, der denkende Coſtümkünſtler hat durch dieſe ſchwere Bekleidung ſehr geſchickt das große Leid Oberons anzeigen wollen, das ihn hernieder zieht in den dunſtigen Kreis dieſer Erde. Es kommen 55 — —— — — männliche und weibliche Elfen, ihn zu tröſten. Redacteur. Die Elfen hatten große Schnurr⸗, Ba waren ſie durch nichts ausgezeichnet, Fiſcherinnen und alte und junge Landbew Dazu aber ſangen ſte gar ſchön und ironiſch: Leicht, wie Feentritt nur weht, Durch den Saal, ihr Elfen, geht. Ich war erſtaunt, Herr cken⸗ und Knebelbärte, d. h. die männlichen Elfen. Was die weiblichen Elfen anbelangt, und man hätte ſie eben ſo gut für ohnerinnen halten können. 56 Ich erlaube mir, Herr Redacteur, männlichen und weiblichen Elfen beizul Wie das vorbei war, kamen Hüon und herauf, natürlich in tiefem Schlafe auf einigen grauen Wolken ſitzend Traumbild vorſtellen, und nie wieder vergeſſen. ſehen konnten, galant den Rücken. möglich. Was nun die Decoration bei auch die nachfolgenden Seenen in leicht etwas Traurigeres geſehen. ddie Vorliebe des Theateroberons wolken nicht, das Innere des Harems, eines ba und Hieroglyphenſchrift, mit einer goldenen Gitterth ſchmackloſen Form, wie Die Haremswächter nicht für das Publikum, Bankett bei dem Kalifen und abfliegt. Das ſollte das ſich lieben und ſich unmöglich, daß ſie ſich me Rezia äußerſt un⸗ in einer Feenoper iſt Alles dieſen Scenen anbelangt, wozu wir Bagdad begreifen, ſo Vor allen Dingen aber zu jener Art ſ auf denen er beſtändig auf⸗ König Oberon liebte gar keine Wolken. habe ich nicht verſtehe ich chmutzig grauer Regen⸗ Unſer guter Zum Schluß kommen wir in byloniſch⸗aſſyriſchen Harems mit Keil⸗ üre von einer ge⸗ man nichts Aehnliches ſehen kann. erſcheinen, und es iſt Schlafens zeit; aber noch denn der zweite Act be ginnt mit dem großen von Bagdad, und hier iſt ſchon ein Uebriges Ihnen hiebei die Zeichnung eines egen. Sherasmin aus der Erde und hinter ihrem Rücken erſchien, „die ſchöne Rezia. Beide müſſen ſich ſehen, Aber es war durchaus denn Ritter Hüon bot der Da Aber das thut nichts 4 58 geſchehen, in rother, gelber und grüner Farbe, namentlich aber in weiten Pantalons und fürchterlichen Bärten. Unglücklicher Hüon! Dieſen Wüthrichen die ſchöne Rezia aus den Klauen zu ziehen! Mir bangt vor deinem Schickſal! Aber es geht Alles beſſer ab, als ich gedacht. Hüon erſticht den Babekan, welcher maleriſch an den Stufen des Thro⸗ nes niederſtürzt, die Türken verwundern ſich ungeheuer, der Souffleur klingelt in der höchſten Noth Hüons, die Decoration verwandelt und wir ſehen die Ufer des Meeres, wo mehrere Fregatten parat liegen. An Bord denn, an Bord, da der Himmel rein, Und günſtig weht der Wind.. Verwandlung. Fürchterliche braune Hölle. Puck und die Geiſter erſcheinen.. Puck, Puck, mein alter Freund, wer hätte gedacht, daß wir uns ſo wiederſehen, ich auf dem königlichen Kronleuchter abhängig vom Theater, du in fleiſchfarbenen Trikots und in einem weißen Röckchen. Der Anblick von Puck hat mir eigentlich leid gethan, Herr Redacteur, denn ſie hätten unſern Puck kennen ſollen, dieſen neckiſchen Geſellen. Puck ruft die Geiſter herbei und die Geiſter kommen. Es ſind aber eigentlich nur die Elfen von früher, mit grauen und braunen Ueber⸗ würfen verſehen. Die Köpfe ſind dieſelben und auch die Schnurr⸗, Backen⸗ und Knebelbärte. Doch das kann man ſich für einen böſen Geiſt noch eher gefallen laſſen. Neue Verwandlung. Ocean, du Ungeheuer! Da liegt es vor mir, das unendliche Meer, und die ſteifleinenen Wogen tanzen auf und ab. Unabſehbar breitet es ſich aus bis an den Hintergrund, auf dem analog der ſchwarzen Sturmnacht leichte weiße Frühlingswölkchen gemalt ſind. Der Sturm beginnt. Dumpf rollt die Donnermaſchine. Blitze leuchten aus der letzten Couliſſe und zeigen deutlich, wo in undenklichen Zeiten die hintergründliche Leinwand zu⸗ ſammengenäht wurde. Der Windkaſten pfeift und der Maſchiniſt und alle Elemente ſind losgelaſſen. Inzwiſchen bricht mit fürchterlichem Sauſen Ein unerhörter Sturm von allen Seiten los; Des Erdballs Arxe kracht, der Wolken ſchwarzer Schooß Gießt Feuerſtröme aus, das Meer beginnt zu brauſen, Die Wogen thürmten ſich wie Berge ſchäumend auf, Die Pinke ſchwankt und treibt in ungewiſſem Lauf, Der Bootsmann ſchreit umſonſt in ſturmbetäubte Ohren, Laut heult's durch's ganze Schiff: weh uns, wir ſind verloren! *⁴ ————— * 59 Wir wären aber auch bald Alle wirklich verloren geweſen, wenn ſich das Unwetter nicht plötzlich gelegt hätte, ſowie Hüon und Rezia die Bühne betreten; denn von der Wahrhaftigkeit des Schauſpiels begann das Haus zu zittern und der Kronleuchter bewegte ſich bedeutend. Alſo Hüon und Rezia erſcheinen, aus dem Schiffbruch vor der Hand die einzig Geretteten. Die Pinke ſchwankt in der letzten Couliſſe in ungewiſſem Lauf und wird von dem kräftigem Arm eines Theaterzimmermanns an's Ufer gezogen. Rezia ſingt ihre große Arie, und es kamen bei dem herr⸗ lichen Geſang wieder wie in der Ouvertüre die ſchönſten Tonbilder über mich. Ich hätte für einen Augenblick Alles vergeſſen können, wenn es nicht plötzlich Tag geworden wäre, der Tag, der mit ſeiner verräthe⸗ riſchen Helle das ſchreckliche Meer und die heutigen ſchrecklichen Couliſſen des Königlichen Hoftheaters beleuchtete. Zum Ueberfluß erſchien auch jetzt das Rettungsboot, und da in einer Feenoper nichts ſeinen natür⸗ lichen Weg gehen darf, ſo kam es rückwärts, das Steuerruder voran, mit wenigſtens vierundzwanzig Segeln, die alle gegen den Wind gebläht waren. Leider für Herrn und Madame Hüon iſt es wirklich ein Ret⸗ tungsſchiff, denn es ſind Barbaren, die jetzt das Ufer betreten, mit großen Bärten und krummen Säbeln. Sie ergreifen die unglückliche Rezia. Hüon kommt auf ihren Hilferuf herbei. Er ſchwingt in ſeiner Hand einen jungen Baum, von dem er aber keinen Gebrauch macht. Einer der Türken ſagt ihm pantomimiſch: Lieber Herr Hüon, Sie wiſſen, daß Sie geknebelt werden müſſen. Haben Sie alſo die Freund⸗ lichkeit und legen Sie ſich nach Ihrer Bequemlichkeit auf dieſem Stein⸗ ſopha nieder.—„Knebelt den ungläubigen Hund 1u Rezia wird fort⸗ geſchleppt und Hüon, vermittelſt eines Nagelbohrers, einer tüchtigen Pantomime und einigen Bindfadens, geknebelt, worauf derſelbe aus Wuth und Entrüſtung über das fürchterliche Schickſal ſeiner Rezia augenblicklich einſchläft. Umhüllt von finſtrem Grimme, Rauſcht Oberon vorbei an ſeinem Angeſicht. 60 1 Die lieblichſte Muſtk, die Weber je geſchrieben hat, ertönt, und wenn man die Augen ſchließt, ſteht man, wie die Elfen tanzen; und hört, wie die Meermädchen ſingen. Aber mit offenen Augen ſah man nichts dergleichen, und erblickte nur Oberon und Puck umherſpazierend und ſingend: C — Hierher, hierher, Ihr Elfen all, Kommt, tanzt nach der Nymphen melodiſchem Schall. 2 Aber es kamen die Waſſer all, nur keine Nymphen und Elfen. „Alle Elfen und Geiſter des königlichen Hoftheaters ſind der Er⸗ ſparniſſe halber und ebenfalls als gänzlich unzeitgemäß von der könig⸗ 1 lichen Hoftheater⸗Intendanz entlaſſen worden,“ ſagte eine tiefe Baß⸗ ſtimme neben mir. Wozu auch Elfen und Geiſter! Wir haben ja Alles, was wir wollen. Jetzt ſinkt auf der Bühne der Tag und es will Abend werden. Zuerſt ſcham⸗ und abendröthelt der Hintergrund, dann ſämmt⸗— liche Couliſſen, eine nach der andern, zuletzt die Proſceniumslampen, 3 vor denen Oberon und Puck ſtehen, von einem roſigen Schimmer über⸗ goſſen. Schöner wie der Tag hier die müden Augen ſchloß, und die Nacht empor ſtieg, ſchöner, wie hier, ſah ich es nicht in der Wirklich⸗ 61 keit. In der Wirklichkeit geht Alles ſo natürlich und langweilig vorüber. Hier aber Schlag auf Schlag nach dem Zettel des Theatermeiſters. Zuerſt roth, dann grün, dann blau, hinten hebt ſich ein Wolkenſchleier, und der Mond blickt nieder auf den glücklichen, ſchlafenden Hüon, der Alles das nicht erlebt. Oberon erſcheint noch einmal, dießmal hoch in den Wolken, neben ihm Puck. In der dritten und vierten Couliſſe wird ———————— ein blaues bengaliſches Feuer abgebrannt, das nicht bloß den Geiſter⸗ könig magiſch beleuchtet, ſondern auch einen rieſenhaften, verzogenen Schlagſchatten auf den dunkelglühenden ſüdlichen Nachthimmel und den Mond wirft. Man muß für dieſen doppelten Effect dem Theatermeiſter ſehr dank⸗ bar ſein. Die Meermädchen ſingen: Wohlgemuth, wohlgemuth, als 8 62 .¾% wollten ſie dem Publikum ſagen: es iſt ja bald Alles vorbei, ſeid darum wohlgemuth, und der Vorhang fällt. Derſelbe erhebt ſich aber wieder vor Tunis. Die Mandel blüht im Thal, mit ſpitzen dunkeln Blättern, Trotzt auf dem kahlen Fels die Aloe den Wettern, Geſegnet iſt das Land des Beys von Tittery. Auch Palmen ſind hier zu ſchauen, ſchöne grüne Palmen, nur Schade, daß der Wolkenſchleier, der kühn über die Bühne geſpannt iſt, ſo tief herabhängt, daß er die Palmenkrone zur Hälfte bedeckt. Fatime ſingt: Arabien, mein Heimathland, Scherasmin kommt, und endlich der bravſte der Ritter: Hüon, dießmal als Türke verkleidet. Aber Hüon mag ſich in Acht nehmen, denn ich wette zehen gegen eins, daß er doch erkannt wird, denn kein ächter Türke geht ſo gekleidet, wie der Herr Hüon. Die Sache nähert ſich indeſſen ihrem Ende. Hüon wird zürtlich in's Harem gelockt, wo der liebeglühenden Sultanin heißes Blut ihn ſehnſüchtig erwartet. Aber der brave junge Mann widerſteht allen ihren Liebkoſungen. Das hat die Sultanin nicht erwartet. Sie 63 £ wirft ſich auf den Divan und ſucht durch wilde Tänze Hüons Phantaſie zu entflammen. Umſonſt, Hüons Phantaſie entflammt ſich nicht. Er bleibt kalt bei der Liebesgluth Roxranens, er bleibt gefühllos bei dem Girren von ſechs edlen Choriſtinnen, die mit duftenden Blumenkränzen ihn zu beſtricken ſuchen und ihn umgaukeln, ſo daß ſüßer Blumen⸗ und anderer Staub hoch emporwirbelt, ich meine nämlich aus den Kränzen. Man bietet ihm den goldenen Becher, er weist ihn zurück. Die Cho⸗ riſtinnen ſingen: Wenn Frauenaugen liebend glüh'n, Kannſt du ſcheu'n dieß Zauberlicht, Haſt du noch das Herz zu flieh'n, Wenn dich weißer Arm umflicht? Ja, Hüon hat das Herz und flieht. Er hätte eigentlich ſchon früher fliehen ſollen. Ich hätte das ungefähr ſo arrangirt. Hüon ſtürzt zu einer Seitencouliſſe heraus und erzählt, wie man ihn habe verführen wollen, ſpricht von dem Feuer der Sultanin, von den herrlichen Tänzen, von weißen Armen; Alles Sachen, die wir doch nicht geſehen haben, und der Zweck wäre vollkommen erreicht. Jetzt kam das Finale und Oberon benebſt Gemahlin ohne allge⸗ ——ᷣ—᷑—:⸗::——˖˖‧OnQñOCñęñ————ss Steuern, und von dorther kommen dieſelben, zu Lebensſtoff verarbeitet, durch Haupt⸗ und Nebenröhren bis in die äußerſten Gänge zur Speiſung und Ernährung Aller. Unter den Gliedern unſeres Staates herrſcht keine Gleichheit, im Sinne nämlich wie manche thörichte Menſchen eine Gleichheit im Staate gern herſtellen möchten. Wir haben Ariſtokratie, hohe Beamte, Capitaliſten und Bürgerthum, wir haben Volk und Proletariat. Die erſten, die ariſtokratiſchen Beamten⸗ und Capital⸗ Röhren liegen dem Throne am nächſten und ſind weit und groß, ſo daß ſie von dem Lebenselement, welches dem Gaſometer entſtrömt, frei⸗ lich eine außerordentliche Menge in ſich aufnehmen, aber es bleibt nichts davon bei ihnen; denn von dieſen weiten Röhren nähren ſich eine große Menge bürgerlicher Röhren, von denen jede einzelne, wenn man das Volk betrachtet, wieder einen viel zu großen Antheil für ſich nimmt. Aber auch ſie behalten es nicht bei ſich, ſie theilen es wieder aus in viele Volksröhren, und die Volksröhren an unzählige Proletarierröhren. Auf ſolche Art iſt es möglich, daß das ganze Reich ſeinen glücklichen Fort⸗ gang hat und luſtig und pflichtſchuldigſt brennt, wie es verlangt wird. Da kam die Zeit der Unruhen im vergangenen Frühjahr und wie überall gab es auch in der Gasmonarchie Unzufriedene und Aufwiegler. „Warum,“ ſprachen die Proletarier und Volksröhren,„warum iſt ſolch eine Bürgerröhre weiter als wir?“„Warum,“ ſprachen die Bürger⸗ röhren,„verſchluckt ſo eine ariſtokratiſche Röhre das Zehnfache von dem, was wir gebrauchen?“ Das Warum konnte man ihnen nicht erklären, und ſie verlangten allen Ernſtes eine Aenderung des ganzen Röhren⸗ ſyſtems. Zunächſt an den Gaſometer ſollten die Volksröhren kommen und die Bürgerröhren, dann erſt die großen Ariſtokraten⸗, Capital⸗ und Beamtenröhren, denn die Volksröhren hätten lange genug gebrannt, jetzt ſollten auch die großen Röhren einmal brennen. Aber Sie können ſich denken, was das für eine heilloſe Confuſton geworden wäre. In der Theorie klang das Alles ſehr ſchön, und ſie machten ein neues Gas⸗ grundrecht, und darin hieß der erſte Paragraph: alle Röhren durch das ganze Reich ſollen die gleichen Dimenſionen haben. Glücklicher Weiſe aber ſahen viele vernünftige Volks⸗ und Bürgerröhren ein, daß ihr Ver⸗ fahren nicht das richtige ſei, daß eine ſolche Umgeſtaltung der ganzen Gasmonarchie die traurigſten Folgen nach ſich ziehen müßte, ja rein unmöglich ſei. Die großen Capital⸗, Ariſtokraten⸗ und Beamten⸗Röhren konnten nur ihrer Beſtimmung nach dienen, das Lebenselement in ſich aufzunehmen und zweckmäßig weiter zu vertheilen; aber zum Brennen 67 in irgend einer kleinen Straße konnte man ſie nicht gebrauchen. Wollte man ferner die kleinen Volks⸗ und Bürgerröhren ohne Vorbereitung, d. h. ehe ſie gehörig erweitert waren, an den Gaſometer ſchrauben, ſo mußten ſie nothwendig zerplatzen oder ſich zu früh abnützen. Genug, die Sache unterblieb. Aber jetzt fanden Hauptgaswühler, daß die Con⸗ ſumtion des Gaſometers in gar keinem Verhältniß ſei, und daß er ſich mit der Hälfte Kohlen und anderer Stoffe ebenfalls begnügen müſſe, mit andern Worten, ſie ſetzten die Civilliſte des Gaſometers auf die Hälfte herab. Dagegen war nun vor der Hand nichts einzuwenden und der Gaſometer konnte in's Fäuſtchen lachen. Er ſprach bei ſich ſelbſt: „Je weniger Ihr mir Kohlen zutheilt, je weniger und je ſchlechteres Gas kann ich hergeben. Ihr werdet's ſchon merken.“ Und ſte merkten's Alle, Einer nach dem Anderen. Zuerſt fühlten die Ariſtokraten⸗, Be⸗ amten⸗ und Capitalröhren eine gewiſſe Leere in ihrem Innern, und daß weniger und ſchlechteres Gas auf ſte einſtrömte. Aber es that ihnen nicht wehe, ſie hatten doch genug. Die Bürgerröhren traf es ſchon härter. Auch ihnen wurde das Lebenselement karg zugemeſſen, doch hatten die meiſten immer noch genug, um nicht gerade zu Grunde zu gehen. Aber am ſchlimmſten waren die Volks⸗ und Proletarier⸗Röhren daran, und wenn ſie Hände gehabt hätten, würden ſie dieſelbe über dem Kopf zuſammengeſchlagen haben. Alles ſtockte, Alles ging ſchlecht und anſtatt daß ſie ſonſt mit einer weißen behaglichen Flamme gebrannt hatten, ſah man jetzt nur noch rothe ſtruppichte Lichter oder kleine Punkte, die am Erlöſchen waren. Manche konnten gar nicht mehr brennen und die meiſten gaben ein verarmtes, verkümmertes Bild von ſich, wie man es heute noch bei den Gaswühlern ſieht, das ich Ihnen ſchon früher be⸗ ſchrieben. Kurz und gut, man ſah bald ein, daß, wenn man dem Gaſo⸗ meter ſeinen Unterhalt entzöge, den Unterhalt, den er ja nicht für ſich ſelbſt brauchte, ſondern den er hinausſtrömen ließ zum Beſten Aller, die ganze Gasmonarchie zu Grunde gehen müßte. Das vermeinten auch Einige und ſchlugen eine Gasrepublik vor, wonach der Hauptgaſometer außer Dienſt geſetzt werden und abwechſelnd einer der kleinen Gaſometer das Ganze leiten ſollte. Das ging aber gar nicht, jeder wollte Haupt⸗ gaſometer ſein, und ſtatt daß früher ein Einzelner den wohlthätigen Druck ausübte, drückten jetzt die kleineren Gaſometer aus Leibeskräften auf die armen Volks⸗ und Proletarier⸗Röhren, daß manche zerſprangen und die Flammen überall ziſchend und praſſelnd herausbrachen. Bald war auch alles Gas erſchöpft und bei der totalen Finſterniß, die nun . 5* 64 meines Verlangen zum allerletzten Male, Hüon und Scherasmin finden dieſe außerordentlichen Erſcheinungen ganz in der Ordnung, denn ſie wiſſen, wer eigentlich hinter den Regenwolken ſteckt— genug, ſie er⸗ ſtaunen gar wenig und endlich fällt der Vorhang. Ich ſtürzte den Weg zurück, den ich gekommen, in meine Behauſung. Ich hatte mich ſo ſehr gefreut auf die große Cour bei Karl dem Großen. Aber wie die Baß⸗ ſtimme neben mir ſagte, ſoll dieſelbe, als in ihrer furchtbaren Etikette für alle Höfe Europas zu verletzend, weggelaſſen werden. Gute Nacht, Herr Redacteur. Herr Redacteur! Durch meine Oberons⸗Correſpondenz von neulich habe ich mir Feinde zugezogen, wie ich fürchte; denn ich ſehe häufig Leute bei meiner Gaslaterne vorbeigehen, welche dieſelbe mit höchſt ingrimmigen Blicken anſchauen. Doch thut das nichts, ich werde, ſo oft ſich mir Gelegenheit dazu bietet, mich durchaus nicht beirren laſſen, Ihnen und ihnen die Wahrheit zu ſagen. Ich habe mir auch einen kleinen Schnupfen zuge⸗ zogen, deßhalb bekommen Sie erſt heute einen Bericht. Für die beiden Aufſätze in Ihrer geſtrigen Laterne, wo von den Schleifen auf den Straßen ꝛc. die Rede iſt, muß Ihnen jeder Menſch, der ſeine geſunden Gliedmaßen liebt, dankbar ſein. Ich kann den Unfug am beſten mit anſehen, Herr Redacteur, den Unfug der Buben, die da ſchleifen, und den Unfug, daß die Polizei ihnen das nicht verbietet. In den Haupt⸗ ſtraßen ſteht man Schlittſchuhlaufen und mit Schlitten mitten auf den Wegen fahren, und kein Polizeidiener iſt weit und breit zu ſehen, der dieſem Unweſen ſteure. Sie werden fragen, warum dieſer Sache heute wieder erwähnen? Aber ſo etwas kann man nicht oft genug wieder⸗ holen; denn wie die geſinnungstüchtigen Blätter ſagen, muß man auf einen Mißbrauch ſo lange und hartnäckig aufmerkſam machen, bis er abgeſchafft wird. Wollten Sie nicht für die Winterſaiſon eine ſtehende Rubrik einführen mit dem Titel: Schleifunfug und Polizeimangel? Doch Sie verſtehen das beſſer. Und für die nächſte Zeit hat auch der Himmel ein Einſehen gehabt und alles Glatteis, alle Schleifen herr⸗ ſͤſ — 65 lich weiß zugeſtreut. Der Schnee iſt das Einzige, was ich im Winter liebe, und wenn es ſo herunterwirbelt und flockt und man, wie ich, im zierlichen Glashauſe ſitzend, dem fallenden Schnee behaglich zuſchaut, ſo thut das Herumflattern der weißen Flocken dem Auge ſo wohl, man denkt anfänglich viel, aber der weiße Staub läßt keinen Gedanken in's Freie und dann zieht man ſich in ſich ſelbſt zurück, und folgt mit den Augen dem ſchwebenden Schnee, immer weniger denkend, und zuletzt klingt das Flattern und Fliegen draußen wie eine einfache wohlthuende Melodie, immer fort ohne Aufhören, bis man zuletzt einſchläft. So muß es auch draußen einem Unglücklichen zu Muth ſein, der ſchlafend einge⸗ ſchneit wird, wie das ſchon öfter vorgekommen iſt. Die armen Saaten im Feld werden ſich über den Schnee freuen, ihnen hat das Glatteis und die Kälte nicht wohl gethan; aber jetzt unter dem warmen ſchützenden Schneemantel thauen ſie auf, reiben ſich ihre Blätterhände und fangen vergnügt an zu plaudern. Und ſo abgeſchieden zu ſein von dem hellen Taglicht, das finden ſie gar nicht unbehaglich. Sie theilen ihre zarten Gedanken einander mit, und hie und da erſcheint der Maulwurf und bringt ihnen Tagesneuigkeiten. In dieſem Augenblick ſaust und brummt die Gasflamme neben mir, ſchaut mir über die Schulter ins Papier und meint, ich ſollte nicht dergleichen Geſchichten ſchreiben.„Politik, Politik,“ ſummt ſte,„laſſen Sie Winterſaat, weiße Decke und Maulwurf gut ſein, ſchreiben Sie über Politik. Horchen Sie auf verſtändige Leute— damit meint ſich die Gasflamme ſelber, Herr Redacteur—„und ſchreiben Sie mehr Poſitives, mit Ihrem Elfengeplauder, Sie ſind jetzt kein Elfe mehr, ſondern politiſcher Correſpondent.“ Im Grunde hat ſte recht, die Gasflamme, und da ich ſie recht freundlich um einige Mit⸗ theilungen bat, ſo erzählte ſie mir Nachſtehendes, was bis jetzt, ſo viel ich weiß, noch in keinem Journal gedruckt wurde, und deßhalb für Sie von einigem Intereſſe ſein mag. Gasrevolution. „Das Gasreich, oder vielmehr die Gasmonarchie,“ ſprach die Flamme,„hat eben ſo wie jeder andere Staat ſeine geordneten Inſtitu⸗ tionen, ſeine Grundrechte, ſeine Conſtitution, an der aber nicht ein Jota geändert werden darf, will man nicht das ganze Reich in Gefahr bringen. Ich ſage Gasmonarchie, denn wir haben ein erbliches Oberhaupt, welches Gaſometer heißt und welches dafür ſorgt, daß in dem Gasreich ein immerwährendes friſches Leben circulirt. Dorthin fließen alle Hackländer, Vermiſchtes. 5 68 eintrat, beruhigten ſich ſelbſt die Hauptwühler für einen Augenblick, und der Hauptgaſometer leitete das Ganze wie vorher. Leider aber haben die Gaswühler niemals Ruhe. Plötzlich erhoben ſie Alle ein ungeheures Geſchrei über den unverantwortlichen ſchmach⸗ vollen Druck, den der Gaſometer über alles ausübe. Und was dieſen Druck anbelangt, der exiſtirte wirklich, aber es war ein Druck, der es allein möglich machte, daß die Staatsmaſchine ihren geregelten Gang ging. Es iſt der Druck, der den Faulen zur Arbeit treibt, der den Ver⸗ ſchwender abhält, das Seine zu vergeuden, und der die Gaswühler einigermaßen in Ordnung hielt. Alſo über dieſen Druck wurde nun in allen Straßen, in allen Gaſſen geſinnungstüchtig losgezogen und die Sache ſo arg gemacht, daß der Gaſometer endlich beſchloß, dieſen uner⸗ träglichen Druck aufhören zu laſſen; eine Maßregel, die leider Gottes in allen Theilen der Gasmonarchie empfindlich geſpürt wurde; denn hatten ſchon damals, als man den Unterhalt des Gaſometers auf ſo un⸗ verhältnißmäßige Art verminderte, die armen Volks⸗ und Proletarier⸗ flammen ſchlecht gebrannt, ſo gingen jetzt die meiſten ganz aus. Zuerſt erloſchen die äußern Röhren, dann die inneren, und bald war Alles in ein unnennbares Chaos und vollkommene Nacht verwandelt, und von dem Geruch, in den hierdurch unſere Monarchie kam, will ich gar nicht ſprechen. Da endlich, als es ihnen ſelbſt an ihr Leben und ihr Eigen⸗ thum ging, ermannten ſich die beſſern Bürger⸗, Volks⸗ und Proletarier⸗ röhren, und baten den Gaſometer, den Druck nach ſeiner Einſicht zu vermindern, aber ihnen in Gnaden zu gewähren, daß der Druck be⸗ ſtehen bliebe, der nothwendig ſei, um das Lebenselement gleichförmig und ſegensreich in allen Theilen der Monarchie zu verbreiten. Das war die Geſchichte von der Gasrevolution. — Anonyme Briefe. Es ſollte mich wundern, wenn nicht jeder meiner lieben Leſer ſchon einen anonymen Brief bekommen hätte. Vorausgeſetzt nämlich, daß der Leſer ein ehrenwerther Charakter iſt: denn die Lumpen und ſchlechten Charaktere bekommen keine anonymen Briefe, ſie ſchreiben blos welche. Alles iſt in der Natur von Gott dem Herrn weislich ein⸗ gerichtet. Man ſoll eine giftige Blüthe nicht eſſen, ſondern es verſtehen, wie die Bienen, aus den allergiftigſten Blüthen Honig zu ſaugen. Lieber Leſer, flattere mit mir in das fette Miſtbeet, worauf die giftigen Blumen wachſen, deren Früchte die anonymen Briefe ſtnd. Sie ſind gepflanzt in Neid und giftiger Mißgunſt, gepflegt von Bosheit und übler Laune, und ſtatt des himmliſchen Thau's, der andere Gewächſe erfreut, ziehen ſie ihre Nahrung aus ſtillen Schmerzensthränen, jenen armen Geſchöpfen erpreßt, die leider Gottes dumm genug waren— verzeih' mir den Aus⸗ druck— eine anonyme Zuſchrift ſich zu Herzen zu nehmen. Um mich minder blumig auszudrücken, ſo iſt der anonyme Brief eine moraliſche Ohrfeige, die aus dem Dunkeln nach Deiner Wange gerichtet iſt, die Du aber durch ein kluges, vernünftiges Benehmen jeder Zeit pariren kannſt. Biſt Du Privatmann, ſo öffne nur ſolche Briefe, deren Siegel und Handſchrift Dir bekannt iſt. Neben den Schriftzügen Deiner Freunde wirſt Du es ja wohl gelernt haben, die Handzeichen 70 Deiner achtungswerthen Gläubiger zu erkennen, denen Du, außer vielem Geld, von Zeit zu Zeit eine geringe Antwort ſchuldig biſt. Biſt Du Geſchäftsmann, ſo werden Dir die anonymen Briefe vor⸗ gelegt, wie man dem unſchuldigen Hühnervolke Giftkörner unter die nahrhafte Gerſte ſtreut; aber mach' es, wie dieß kluge Vieh, welches die Giftkörner augenblicklich wieder ausſpuckt. Schau jedem geöffneten Brief ſogleich in's Geſicht, d. h. auf die Unterſchrift, und iſt der Brief ein namenloſer—„ſtürzt das Scheuſal in die Wolfsſchlucht,“ d. h. in den Papierkorb. Ich habe es freilich nicht ſo gemacht, lieber Leſer, ſondern zu meinem Vergnügen und Deiner Belehrung habe ich mir eine feine Sammlung jener guten Freunde angelegt, welche mir ſchon manche an⸗ genehme Stunde bereitet hat. Ich betrachte die anonyme Briefſtellerei vom objectiven Standpunkt; mir ſind ihre Erzeugniſſe ein Thermometer, an dem ich die Schlechtigkeiten mancher Menſchen meſſe, und mein Queckſilber in demſelben iſt ſchon ſo hoch geſtiegen, daß es bald keinen Platz mehr hat. Die anonymen Briefe ſind nur bedingungsweiſe anonym. Die meiſten tragen eine Unterſchrift, wie z. B.„Ein Freund, der's mit Ihnen gut meint.“— Unter dieſer Unterſchrift aber kommen die ſchlimmſten.— Ferner:„Ein hieſiger Bürgersmann;“ oder:„Im Auftrag eines braven Mannes, der es gut mit Ihnen meint;“ oder: „Jemand, der von Ihrer bodenloſen Schlechtigkeit vollkommen überzeugt iſt“; oder endlich: Eine Anzahl hieſtger Bürger und Gewerbsmänner.“ Anonyme Briefe laſſen ſich meiſtens ihrem Innern und ihrer Unter⸗ ſchrift nach in drei Claſſen eintheilen, von denen die erſte Claſſe, meiſtens mit N. unterzeichnet, oder mit„Ihre † † †“, die harmloſeſte iſt. Es ſind meiſtens gerechte oder ungerechte Klagen über zarte und unzarte Verhältniſſe, ſchüchterne und unſchüchterne Bekanntſchaft⸗Anknüpfungs⸗ Verſuche, unter dem Titel der Entdeckung wichtiger Geheimniſſe, z. B.: „Verehrter Herr! Eine Perſon, die, ohne von Ihnen gekannt zu ſein, es ſehr gut mit Ihnen meint, wünſcht Sie in einer dringenden Angelegenheit heute Abend zwiſchen 8 und halb 9 Uhr zu ſprechen. Sie wird ſich in der Nähe des Schiller aufhalten, und ein dreimaliges Huſten ſei das Zeichen. Dieſe Perſon, die es ſehr gut mit Ihnen meint, wird von heute ab drei Abende auf Sie warten. N. N. u — — 71 In der zweiten Claſſe bewegen ſich anſcheinend wohlgemeinte, aber deſto gefährlichere Correſpondenzen. Sie tragen oft die Unterſchrift eines braven Mannes,„der es gut mit Ihnen meint.“ Sie erzählen mit einer gewiſſen Entrüſtung von ſchlechten Gerüchten, die über Dich im Umlauf ſind, und fordern Dich auf, denſelben öffentlich entgegen zu treten. Nimm Dich aber in Acht, dieſen braven Männern unbedingt zu folgen; denn meint es ein braver Mann wirklich gut mit Dir, ſo wird er Dir ein derartiges Gerücht ſelber mittheilen und Dir helfen, der OQuelle nachzuſpüren. In dieſe Claſſe kann man auch, biſt Du, geneigter Leſer, vielleicht ein Künſtler oder eine Künſtlerin, jene Briefe rechnen, welche ungefähr an eine Schauſpielerin ſprechen: „Mein Fräulein! Es thut mir ſehr leid, Ihnen anvertrauen zu müſſen, daß ein ge⸗ gewiſſer Kreis von ſchlechten Menſchen es auf Ihre Demüthigung abge⸗ ſehen hat. Vermeiden Sie es, in dem Stücke heute Abend aufzutreten. Sie können ſich unſern Schmerz denken, wenn Sie das Publikum, das Sie ohnedieß nicht liebt, mit lautem Pfeifen und Ziſchen empfinge. Ueberhaupt rathen Ihnen wohlmeinende Freunde, Ihr hieſiges Engage⸗ ment baldmöglichſt mit einem andern zu vertauſchen, da Sie ſelbſt fühlen müſſen, daß Sie dem Publikum und der Intendanz gleich ſehr zur Laſt ſind.“ Iſt die unglückliche Künſtlerin furchtſamer Natur, ſo hat der un⸗ bekannte Wohlthäter ſeinen Zweck erreicht, die Schauſpielerin iſt be⸗ fangen, und in den Applaus ihrer Freunde und Verehrer miſcht ſich hie und da ein leiſes Pfeifen. Es iſt aber hundert gegen eins zu wetten, daß dieſes pfeifende Vögelein daſſelbe iſt, aus deſſen anonymem Schweif die bewußte Feder gefallen. Die dritte, an ſich ungefährliche Claſſe iſt die, welche, geſchult im Style moderner und geſtnnungstüchtiger Tagblätter, jegliche Zuſchrift ungefähr wie deren Artikel einzuleiten pflegt. Alſo ungefähr: 1)„Mit tiefem Schmerz und großer Entrüſtung ꝛc.“ 2)„Ueberzeugt von Ihrer bodenloſen Schlechtigkeit ꝛc.“ wus 3)(à la Cicero:)„Wie lange noch, elender Hofſpeichellecker Ic.“ 1 ub 1 Dieſe Claſſe ſchließt gewöhnlich ihrem Schlangencharakter treu, aaden- indem ſie mit dem Kopf ſich in den Schwanz beißt, alſo mit den Worten,„„ wie ſte angefangen. Alin K, t Doch wir brechen ab. Der Stoff iſt ſo reichhaltig, daß er in einem, ea . 4-. 72 einzelnen Blatt nicht zu verarbeiten iſt. Auch ſind wir den betreffenden und betroffenen Schlachtopfern menſchlicher Grauſamkeit ſchuldig, eine Waffe anzugeben, womit dem finſtern Treiben der anonymen Briefe zu begegnen iſt. Weßhalb wir uns vornehmen, denſelben in unſrem nächſten Blatte einen reichhaltigen anonymen Briefſteller, nach vorhandenen Muſtern, nebſt Gebrauchsanweiſung, zu übergeben. Jemand, mein verehrter Leſer, der es gut mit Dir meint. Zeitungsartikel in aufſteigender Potenz. Ein Blatt aus der Reſidenz. Es iſt wirklich zu verwundern, daß die geſtrige Volksverſammlung nach den aufreizenden Redensarten, die gehalten wurden, im Ganzen ruhig vorüberging; nur iſt ein kleiner Unfall zu beklagen, der nach Be⸗ endigung derſelben ſtattfand. Auf dem Heimweg ſtolperte ein Bürger, von dem man übrigens durch ſeinen früheren Lebenswandel berechtigt iſt zu glauben, daß er etwas betrunken geweſen, über den Schleppfäbel eines Cavalleriſten und ſiel ſich die Naſe blutig. Andere ſagen, es ſei eine kleine Streitigkeit zwiſchen ihnen vorgefallen. Ein anderes Blatt der Reſidenz. Die erhebende Volksverſammlung, von einer unzähligen ge⸗ ſinnungstüchtigen Menſchenmenge beſucht, ging auf ſolche Weiſe mit Ehrfurcht gebietender Ordnung und Stille vorüber. Sie können ſich denken, wie die ſchnöde Reaction die Einigkeit des Volkes mit ſcheelen Augen anſieht. Auch ſpricht man bereits von böſen Conflikten, in ———eoree 44 welche die Soldateska mit dem ruhig heimkehrenden Bürger gerathen ſein ſoll. Nachſchrift. Leider hat ſich das, was ich von Conflikten zwiſchen Militär und Bürgern nach dem Schluß der geſtrigen Volksverſammlung ſagte, be⸗ ſtätigt. Augenzeugen ſprechen von zahlreichen Verwundungen und es ſoll jetzt ſchon gewiß ſein, daß das Militär ohne den geringſten Vorwand und ohne von den vorüberwandelnden Bürgern gereizt zu ſein, auf die ſchonungsloſeſte Art von ſeinen Waffen Gebrauch machte. Wird man denn nun nicht einmal bald der Volksſtimme Gehör geben und dem Militär das höchſt unnöthige Tragen der Waffen außer des Dienſtes verbieten? Das Volk iſt ja bewaffnet, und geſtnnungstüchtige Männer vom zarteſten Alter ſteht man bewaffnet einherziehen; wozu alſo noch bewaffnetes Militär? Zwei Stunden von der Reſidenz. Mit tiefem Schmerz und gerechter Entrüſtung haben wir unſern Leſern neue Schandthaten zu erzählen, welche ſich das verwilderte Militär gegen harmlos einherwandelnde Bürger erlaubte. Sie haben von der zahlreich beſuchten Volksverſammlung gehört, wo das ſouveraine Volk feſt und beſtimmt, aber ohne den Rechtsboden zu verlaſſen, deutlich aus⸗ ſprach, was ihm fehle und wo ihm geholfen werden müſſe. Schon wäh⸗ rend der herzerhebenden Reden, die dort gehalten wurden, bemerkte man herumſchleichende Spione und Emiſſäre der Reactionäre, welche ſich be⸗ mühten, die goldenen Worte geſinnungstüchtiger Redner dem Volke zu verdächtigen und, ſie mit reactionärem Geifer beſchmutzend, als un⸗ lauteres Metall darzuſtellen. Auf dem Heimwege nun wurden mehrere unſerer ehrenhafteſten Bürger von einer großen Anzahl Soldaten mit der blanken Waffe überfallen. Vergebens war das Abwehren dieſer unſchuldigen Schlachtopfer, die verthierte Soldateska hieb ſchonungslos ein, einem Bürger ſollen mehrere Naſen abgehauen worden ſein. Man fürchtet Unruhen in der Stadt, und ſo traurig es iſt, wenn wir neue Unruhen erleben, ſo iſt es endlich einmal Zeit, daß der grenzenloſen Willkühr des Militärs entgegengetreten wird. 5 75 8 Berichtigung. In unſerem geſtrigen Artikel über die Schandthaten in der Reſt⸗ denz muß es heißen ſtatt: es wurden einem Bürger mehrere Naſen ab⸗ gehauen, es wurde mehreren Bürgern eine Naſe abgehauen. Nachſchrift. Ueber die unverantwortliche, ſchmähliche Schandthat in der Reſidenz ſoll man dorten, wie wir von glaubwürdigen Freunden erfahren, immer mehr Details entdecken. Man ſoll einem Verein auf die Spur gekommen ſein, der es ſich zur Aufgabe geſtellt hat, durch Aufhetzen des Militärs gegen ruhige Bürger der Reaction kräftig in die Hand zu arbeiten. Be⸗ zeichnend und nicht zu überſehen iſt, daß, während auf offener Straße die beſprochenen Schandthaten vorfielen, mehrere Officiere Cigarren rauchend vorüberritten. Glaubwürdige Zeugen verſichern ſogar, daß einer dieſer Officiere mit dem andern einige leiſe Worte wechſelte, und daß dieſelben alsdann davon geritten, mit Mienen, welche deutlich ihr Wohlgefallen an der verübten Schandthat ausſprachen. Vier Stunden von der Reſidenz. Ein Schrei des Entſetzens geht durch's ganze Land. Wir erhalten ſoeben Nachricht von einer Militärverſchwörung gegen das Leben ruhiger Bürger, eine Verſchwörung, welche glücklicherweiſe übereilt, aber mit ſolch furchtbaren Symptomen an das Tageslicht herantrat, daß dem unparteiiſchen Zuſchauer die Haut ſchaudert. Die Metzelei ſoll unerhört geweſen ſein, und man ſpricht von 7 bis 8 Todten und die doppelte Anzahl Verwundeter auf Seiten der Bürger. Auch ſah man Officiere zu Pferde in der Nähe, welche das ganze Gemetzel commandirten. Man ſagt, es ſei Generalmarſch geſchlagen worden und die Stadt ſei voll⸗ kommen im Aufruhr. Wird man jetzt auch wieder ſchonend verfahren, wird man jetzt nicht endlich einmal einſchreiten gegen die Urheber ſolcher Gräuelthaten? Oder wird man abwarten, bis das ganze Volk entrüſtet aufſteht und ſelbſt zu Gericht ſitzt? 76 Sechs Stunden von der Neſidenz. Es iſt eine der ſchreiendſten Unthaten begangen worden, ein namenloſes Verbrechen, welches noch nie ſtattfand, ſeit die Welt ſteht. Sie haben von der äußerſt würdigen Art und Weiſe gehört, mit welcher die letzte Volksverſammlung begann. Aber leider konnten die Männer, welche für das Wohl des Volkes ihr Leben einſetzten, ihre glorreiche Sache nicht zum Ende führen. Kaum hatte Herr X. mit erhebenden Worten von den Rechten des Volkes geſprochen und ihm die Banden und Ketten gezeigt, mit denen es täglich mehr geknechtet wird, ſo über⸗ fiel eine zu dieſem Zweck von der fluchwürdigſten Reaction bis dahin verſteckt gehaltene Militärmacht die harmloſe Verſammlung. Man ſpricht von mehreren Regimentern, welche zu dieſer Schandthat aufgeboten wurden. Schonungslos metzelten dieſe Wütheriche, dieſe Thiere in mili⸗ täriſchen Röcken, Alles nieder, was ihnen in den Weg kam.„Zu den Waffen!“ ſchrieen die Bürger. Es wurde Generalmarſch geſchlagen, und nachdem die Bürgerwehr dem Kampf ein Ende gemacht, beſchloß ſie auf dem Philipp'ſchen Bierkeller unter dem Donner reactionärer Geſchütze und unter dem Blinken reactionärer Bajonnete eine Petition an die Regierung, die militäriſchen Horden augenblicklich aus der Stadt zurückzuziehen. Nachſchrift. Am Schluſſe dieſes entſetzlichen Tages war es rührend anzuſehen, wie einige der ſchwer getroffenen armen Schlachtopfer den, wie man jetzt ganz genau weiß, verführten Soldaten ihre Miſſethat vergaben und in verſchiedenen Wirthshäuſern auf's Neue mit ihnen fraterniſirten. Acht Stunden von der Neſidenz. Mit Bezug auf die in der Reſidenz begangene unerhörte Gräuel⸗ that verlangen wir Folgendes: 77 1) Es ſollen alle ſtehenden Heere aufgelöst und nach Hauſe ge⸗ ſchickt werden. 2) Es ſoll den Militärs das Waffentragen außer Dienſt unter⸗ ſagt ſein. 3) Es ſollen ſämmtlichen Militärs Civilanzüge beſchafft werden, damit der Bürger nicht mehr genöthigt iſt, die verhaßten Uni⸗ formen zu ſehen. 4) Es ſoll jedem Soldaten freiſtehen, ſich zu erklären, ob er Mo⸗ naarchiſt oder Republikaner ſein will. Man ſoll 5) dieſe alsdann gebildeten Parteien gegen einander kämpfen laſſen, um zu ſehen, welche Partei die ſtärkere iſt; denn ſo werden wir 6) auf eine ſchickliche Art beide Parteien los, und das ſouveraine Volk tritt in die Rechte ein, die ihm gebühren. — Erklärung, welche wir zwei Beiden ganz gehorſamſt Unterzeich⸗ neten die ſämmtlich verehrten Redactionen aller Blätter bitten gratis aufzudrucken. Ich und mein guter Freund, der Tuchmachergeſelle Carl Mucken⸗ bold, gingen von der neulichen Volksverſammlung Arm in Arm nach Hauſe zu ſpazieren. Plötzlich blieb ich ſtehen und ſagte zu meinem Freund Muckenbold:„Muckenbold, du bluteſt allbereits aus deiner Naſe.“— „So,“ ſagte mein Freund Muckenbold,„ich blute aus meiner Naſe? u Und darauf zog er ſein rothes Sacktuch aus der Taſche, und ich putzte ihm ſeine Naſe ab. Darauf blieben einige Leute ſtehen und frugten mich: ob wir Beide uns geſchlagen hätten; darauf antwortete mein Freund Muckenbold: wir hätten fraterniſirt, und wenn wir uns auch geſchlagen hätten, ginge es ihnen doch nichts an. So iſt der gewiſſe und wahrhaftige Hergang dieſer ganzen Sache. Darauf gingen wir ins 78 Wirthshaus zuſammen und deßhalb bitten wir alle verehrlichen Redac⸗ tionen, dieſen Aufſatz gratis aufzunehmen. 3 Philipp Katzenwadel und ſein Freund Muckenbold, Unterofficier im 64. Regiment, das heißt Ich. Nachſchrift. Was von meinem früheren Lebenswandel geſagt worden iſt geht keinen Menſchen nichts an, und wenn ich zuweilen betrunken war, ſo habe ich es bezahlt. Die Obigen. Monsieur de Bl'é. Scherz in einem Acte. Perſonen. Herr v. Schall. Frau v. Schall. Commiſſionär Hagenlocher. Das Kammermädchen. Monsieur de B16. — Erſte Seene. Zimmer bei dem Commiſſionär Hagenlocher. Cammiſſtonär. Von allen Geſchäftsleuten auf der ganzen weiten Erde bin ich doch der geplagteſte, ja der geplagteſte. Aller Welt gehorſamer Diener und eigentlich der Knecht von Jedermann. Welcher Wuſt von Geſchäͤften! Wie vielerlei Geſchichten häuften ſich ſchon auf dieſem Tiſche an und liegen jetzt dort in den Schränken verborgen— ganze Romane, die allerverwickeltſten, und mitunter ſchauerliche Sachen. Ich begreife nicht, daß noch Niemand Memoiren eines Commiſſtonärs geſchrieben hat. Nur meine Bücher brauchte ich aufzuſchlagen, und die Rubriken in den⸗ ſelben gäben die allerſchönſten Capitel. Vermiethungen— Nachfragen nach Parterrewohnungen: ungeheuer— Zimmer mit Alkoven für ledige ſolide Frauenzimmer und Herren, ſehr geſucht. Und erſt die verſchiedenen Bedingungen, die der Hausherr macht. Ceiest.)„Nur muß ich mir aus⸗ drücklich ausbedingen, daß, wenn das Zimmer an einen jungen Herrn vergeben wird, nicht“ ꝛc.— Hausſchlüſſel— hahaha! Unter zehnen bekommen ſechs keine, ſondern müſſen ſich der Sitte fügen, um zehn Uhr zu Hauſe zu ſein.— Ein anderes Bild, vom Schuldencontrahiren, ein ſehr wichtiges Capitel. Zeitungsnotiz: Man iſt bereit, 500 fl. zu billigen Zinſen zu verleihen, und daneben ſind mir im Geheimen die billigen Zinſen wegen der drückenden Zeit zu 7% berechnet.— Ver⸗ käufe— ah, das wimmelt. Dienſtgeſuche— weiß nicht, woher es Hackländer, Vermiſchtes. 6 8² kommt, aber wie oft man in der Stadt mit den weiblichen Dienſtboten wechſelt, ungeheuer.— Hier ſucht ſich ein alter Junggeſelle eine Haus⸗ hälterin, dort wünſcht Jemand eine ſolide Perſon zum Schlafen. Und erſt die delikaten Geſchäfte— na, die Verheirathungen. (Es klopft.) Schon wieder ein Geſchäft!— Herein! Zweite Seene. Commiſſionär. Kammermädchen. Kammermädchen. Guten Morgen, Herr Commiſſionär. Habe lange nicht mehr das Vergnügen gehabt, Sie zu ſehen. Commiſſtonär. Ci, ei, wenn ich nicht irre, Fräulein Jettchen, habe lange nicht mehr die Ehre von Ihnen gehabt. Wollen Sie nicht Platz nehmen? 4 Kammermüdchen. Ich danke, ich danke, ich mache meine Geſchäfte lieber ſtehend ab. Commiſſtonär. Aber Sie erlauben, daß ich mich dazu ſetze, das Alter, Fräulein Jettchen— Kammermädchen. Machen Sie ſich's bequem, Herr Commiſſtonär. Commiſſtonär(ſett ſich). Nun, was ſteht zu Befehl? Sind die Miethsleute im obern Stock ausgezogen? Sucht der Herr von Schall einen neuen Pächter für ſein Landgut? 1 Kammermädchen. O nein, Herr Commiſſionär. Es ſind dießmal keine wichtigen Geſchäfte, die ich mit Ihnen zu verhandeln habe— Kleinigkeiten. Wir 8³ brauchen nur einen neuen Friſeur. Monſteur Krauß, der bei uns war— nun Sie haben doch Monſieur Krauß gekannt? Coammiſſtonär. Ich erinnere mich nicht ganz. Kammermädchen. Nu, Monſteur Krauß, ſo ein langer dünner Menſch— Commiſſionär. Ja, richtig, der! Sie waren ja ſo halb und halb mit ihm ver⸗ ſprochen, nicht wahr? Kammermüdchen. Das iſt eine alte verdrießliche Geſchichte, man ſpricht nicht gern davon. Der Menſch hatte keine Grundſätze, war unſolid, ganz ſchlechte Abſichten. Denken Sie nur, er hat jetzt geheirathet. Commiſſtonär. Ei, ei! Kammermädchen. Ja, er hat geheirathet, die Tochter aus dem Wirthshaus da drunten, ein dummes, naſeweiſes Ding, die paſſen zuſammen. Aber er iſt fort, alſo für uns ſo gut wie todt, laſſen wir ihn ruhen, man ſoll von den Todten nichts Böſes ſagen. Er wird ſeine Strafe ſchon kriegen. Commiſſionär. Alſo gehen wir an unſer Geſchäft. Kammermädchen. Er ſteht auch ſchon ganz elend aus, Herr Commiſſtonär. Commiſſtonär. Alſo Sie wünſchen einen neuen Friſeur? Kammermädchen. Aber er muß ſolid ſein. Der Krauß, Herr Commiſſtonär, man 6* 8⁴ ſagt jetzt ſchon, er behandle ſeine Frau ſchlecht, es war ein ganz böſer Menſch. Commiſſionär. Laſſen wir ihn ruhen. Alſo einen neuen Friſeur? Ja, da müſſen wir ſchon behutſam nachſehen.— Aber gewandt war der Krauß. Kammermädchen. Sprechen wir nicht mehr von ihm. Herr Commiſſionär, der Menſch hat ſchlecht an mir gehandelt. Suchen Sie nach einem Mann von geſetztem Alter, ſolid, ſolid. Commiſſtonär. Sie wiſſen, Fräulein Jettchen, daß ich aus alter Anhänglichkeit für Ihr Haus pünktlichſt ſorge. Laſſen Sie mir Zeit, die Sache zu überlegen, und ich ſchicke Ihnen vielleicht noch heut ein taugliches Subject. Kammermüädchen. Es wäre am beſten noch heute. Wir haben heute Abend eine große Soirée tanzand, und da kann ich mich doch wahrhaftig mit dem Friſiren nicht befaſſen. Commiſſtonär. Ich hoffe, es ſoll mir noch heute gelingen. Kammermädchen. Das ſind wir überzeugt. Alſo, Herr Commiſſionär, wir empfehlen unſer Geſchäft.(Thut, als ob ſie gehen will.) Commiſſionär. Halt mich zu Gnaden empfohlen. Kammermädchen. Ja ſo, Herr Commiſſionär, noch eins: man kann ſich auf Ihre Discretion verlaſſen. . Cammiſſionär. Ah, Fräulein Jettchen, das werden Sie doch nicht bezweifeln. 8⁵ Kammermädchen. Sie wiſſen, Herr Commiſſionär, daß damals der Krauß ſehr ſchlecht an mir gehandelt hat. Sie haben ihn empfohlen, Herr Commiſſionär. Commiſſionär. Ja, liebes Kind, als Friſeur, aber ich habe ihn, um mich in der Pferdeſprache auszudrücken, nicht à deux mains recommandirt. Kammermädchen. Weiß ſchon, aber er hat ſchlecht an mir gehandelt. Es gab vor⸗ dem kein harmloſeres Kammermädchen in der ganzen Stadt, als mich; aber nach und nach hat er mir Ideen in den Kopf geſetzt, Ideen und Lebensanſichten— nun was für Lebensanſichten: An ſich wären ſie ſchon nicht übel geweſen, aber als es an die Ausführung kam— nun ſchweigen wir davon! Commiſſionär. Ja, ſehen wir in die Zukunft, nach dem Zukünftigen. Kammermädchen. Sie ſind ſehr fein, Herr Hagenlocher. Commiſſtonär. Wie ſo? wie ſo? Kammermädchen(ſchlägt die Augen nieder). Sie ſagten da ein Wort, das ich gegen Sie ausſprechen wollte— Coammiſſionär. Ah, vom Zukünftigen? So, Fräulein Jettchen, iſt etwas los? kann man gratuliren? Kammermädchen. Oh nein, Herr Hagenlocher. Seit der Krauß, der ſchlechte Menſch, mir den Poſſen geſpielt hat, habe ich es mir zugeſchworen, nie mehr anders ein Verhältniß anzufangen, als wenn daſſelbe von vorneherein auf die ſolideſten Abſichten gegründet iſt.* 86 Commiſſionär. Da haben Sie ganz recht. Kammermädchen. Fang' ich nun wieder ein Verhältniß an, ſo wiſſen Sie ſelbſt, wie ſchwer es für ein Mädchen iſt, gleich zu fragen, wann wollen wir hei⸗ rathen? und dann wiſſen Sie auch wohl, was die Männer auf ſolche Fragen gewöhnlich antworten. Anfänglich ſind alle bereit dazu. Es heißt immer: es iſt mein ſehnlichſter Wunſch, liebes Kind, nur eine dauernde ewige Verbindung mit Dir kann mich glücklich machen u. ſ. f. wir kennen das. Commiſſionär. Ja, wir kennen das! Kammermädchen. Will man nun eine beſtimmte Antwort, ſo kommen die Abers. Ach, die Abers in dem Punkt ſind ſchrecklich. Aber mir fehlt noch die Einwilligung meines Vorgeſetzten oder meines Herrn; aber wir müſſen doch erſt unſere Ausſteuer beiſammen haben, und ſo geht es mit lauter Aber fort. Dieſe verwandeln ſich in Wenn. Ja, wenn das nicht wäre, hätten wir das nächſte Jahr Ausſichten. Nach den Wenn's kommt das Leider. Leider ſtehen unſerer Verbindung unüberwindliche Hin⸗ derniſſe entgegen; und das leidert ſich ſo hin, bis leider Gottes die ganze Geſchichte in's Vergeſſen hinein kommt. O, vergeſſen iſt ein böſes Wort, und bei dem kommen alle üblen Worte wieder zum Vorſchein, Herr Com⸗ miſſtonär. Aber, mein liebes Kind, wenn auch leider unſere Verbindung jetzt nicht zu Stande kommen kann, vergeſſen werde ich Dich niemals. Oh, Herr Commiſſonär, und wenn ſie erſt vom Vergeſſen ſprechen, dann iſt Alles aus.„ Cammiſſionär. Sehr richtig, ſehr logiſch. Wenn ich nun aber fragen darf, womit ich in der Sache dienen kann, Sie dürfen an meinem guten Willen nicht zweifeln. 3 Kammermädchen. Ja, Herr Commiſſionär, Offenheit vor allen Dingen, Offenheit. 87 Das habe ich dem ſchlechten Menſchen, dem Krauß, immer geſagt. Aber, Herr Commiſſionär, ſo offen ich in allen Dingen gegen ihn war, er war es nie; doch ſchweigen wir davon. Commifſftonär. Ja, Offenheit, Offenheit, wir ſind ja alte Freunde. Kammermädchen. Alſo, Herr Commiſſionär, Sie werden nicht daran zweifeln, daß ich mich gern verheirathen möchte, und alſo zum Heirathen brauche ich einen ſoliden Mann. Da bin ich nun zu Ihnen gekommen, Herr Hagenlocher. Commiffionär. Ei, ei, zu mir? RKammermädchen. Ja, zu Ihnen. Der Herr Hagenlocher, dachte ich mir, iſt ein Mann von guten Rennomées, ein Mann, dem man ſich vertrauensvoll nähern kann. Commiſſionär. Ich, ein ſo alter Junggeſelle? Kammermädchen. Eben deßhalb, hätten Sie eine Frau, würde ich mich Ihnen nicht ſo vertrauen, da könnte es ein Gerede geben. Alſo, kurz: ich will heirathen. Cammiſſionär. Mich heirathen? Aber, mein liebes Kind, wenn auch leider— Kammermädchen(lachend). Laſſen Sie Ihre Aber wenn auch leider. Sie ſind auf dem Holz⸗ wege, es fällt mir nicht ein, Sie zu heirathen; Sie ſollen mir, wiſſen Sie, ſo per Covenienz, wie man es nennt, einen Mann verſchaffen. Commiſſtonär. Ah ſo, ja, das iſt leichter. 88 Kammermädchen. Herr Commiſſtionär, ich hoffe, es wird nicht ſchwer ſein, mir einen Mann zu verſchaffen. Commiſſtonär. Verſteht ſich von ſelbſt, das ſind meine liebſten Geſchäfte, es kommt auch häufig vor.(Blättert in ſeinem Buche.) Aber ſehen Sie, es iſt doch eigen, da iſt eine ganze Menge von Damen vorgemerkt, die Parthien ſuchen, und dagegen nur ein einziger Mann, der keine Frau zu finden weiß. Aber das iſt kein Mann für Sie, Fräulein Jettchen. Kammermädchen. 2 Wer weiß! Commiſſtonär. Philipp Müller, lediger Flickſchneider. Kammermädchen. Herr Commiſſionär— Commiſſionär. Hab's ja geſagt, der paßt nicht für Sie, iſt noch obendrein Wittwer mit vier Kindern. Aber ſein Sie ganz ruhig, Fräulein Jettchen, wenn ich eine Perſönlichkeit, wie die Ihrige anzubieten habe, da ſoll es mir nicht ſchwer fallen, einige ganz ſolidg Bewerber zu finden. Kammermädchen. Aber, Discretion, Herr Commiſſionär. Cammiſſtonär. Verſteht ſich, Discretion iſt die Seele unſeres Geſchäfts. Aber noch eine Frage. Ich bin überzeugt, in der kürzeſten Zeit eine paſſende Parthie für Sie zu finden. Soll ich Sie alsdann benachrichtigen und bei mir eine Zuſammenkunft veranſtalten? Kammermädchen(uach einigem Nachbenken). Nein, nein, das ſähe wie ein Rendezvous aus. In ſolchem Fall darf man ſich nichts vergeben. Adreſſiren Sie dann nur einen Brief an * 89 mich, bemerken auf der Adreſſe: im Hauſe der Frau von Schall, und ich werde in einer kurzen Unterredung im Reinen ſein, ob ich die mir angebotene Parthie annehmen kann. Commiſſtonär. Wir ſind alſo im Reinen? Kammermädchen. Ich hoffe es; aber Verſchwiegenheit. Commiſſionär. Wie das Grab.(Er begleitet Jettchen, welche abgeht, bis an die Thür.) Wieder ein Geſchäft, was mir zu thun gibt, ein Geſchäft, das leicht ausſieht, und doch ſo äußerſt ſchwer iſt. Wo einen Mann hernehmen? Kammermädchen(ſeeckt den Kopf durch die Thür). Herr Commiſſionär, ſchnell noch zwei Worte. Meine guten Eigen⸗ ſchaften kennen Sie ſo ziemlich, aber ich muß Ihnen auch einen Fehler mittheilen. Ich bin ſchrecklich eiferſüchtig. Bemerken Sie das dem Herrn ja. Coammiſſtonär. Ach, wie können Sie denken, daß man neben Ihnen ein Auge auf Jemand anders haben kann. Kammermädchen. Aber, ſagen Sie's dem Herrn ja. Adieu!(Ab.) Dritte Seene. Cammiſſtonär(ſetzt ſich an ſeinen Tiſch). Ja, ſagen Sie's dem Herrn, ſagen Sie's dem Herrn. Das iſt gleich geſagt. Wenn der Herr nur ſchon da wäre! Er müßte ſchon vor der Thür ſtehen, der Herr. Wenn es jetzt wie in der Komödie wäre, müßte es klopfen, und der Herr erſchiene, und ſpräche zu mir: Kann ich nicht die Ehre haben und Fräulein Jettchen Vierfuß hei⸗ rathen?— Doch muß ich mir wegen ihr beſondere Mühe geben. Das 90 Haus ihrer Herrſchaft iſt ein gutes Haus.— Blitz, ſchon eilf Uhr, meine Miethscontracte, meine Miethscontracte! Da wird mir die Zeit kurz, nun fangen wir an! (Es klopft an.) Abermals eine Störung!— Herein! 5(Es klopft noch einmal.) Herein! Vierte Scene. Commiſſionär. De Blé. De Blé. Ich habe mich vielleicht nicht in der Hausnummer geirrt. Commiſſionär. Was wünſchen Sie? De Blé. Sie entſchuldigen, ich ſuche einen Commiſſionär Hagenlocher. Commiſſianär. Der bin ich. Was ſteht zu Dienſten? De Blé. Alſo der Commiſſionär ſelbſt? Ich mach' mein Compliment. 3 16 3 Commiſſionär. Zur Sache. Was wünſchen Sie? De Blé. Sie werden mir erlauben, Herr Commiſſionär Hagenlocher, Ihnen die Angelegenheit, in der ich Ihre ſchätzbare Beihilfe nachſuche, deutlich aus einander zu ſetzen. Zu dieſem Ende geſtatten Sie mir, ein wenig weit auszuholen. Commiſſtonär. Nun ja, nun ja! De Blé. Es gibt im Menſchenleben Augenblicke— 91 Commiſſtanär. Ja wohl gibt es Augenblicke—(bei Seite) und manchmal ſehr langweilige— De Blé. Es gibt demgemäß im Menſchenleben Augenblicke, wo man von einem Entſchluß durchdrungen wird, von dem uns ein inneres Gefühl ſagt, es ſei der richtige— . Cammiſſtonär. Wollten Sie ſich nicht kurz faſſen? De Blé. Aeußerſt kurz. Sehr verehrter Herr Commiſſionär Hagenlocher, Sie ſind mir als ein Mann geſchildert worden, der die Schwierigkeiten ſeines Geſchäfts mit Feinheit und Takt zu behandeln verſteht, und da der Menſch in Verhältniſſe kommen kann, wo er ohne die Beihilfe ſeiner Nebenmenſchen nicht zum Ziele gelangt, ſo— Commiſſionär.. Sie wollen eine Anleihe machen? Ja, lieber Freund, in der jetzigen Zeit— De Blé. Sie verſtehen mich miß, theuerſter Herr Commiſſionär, Sie ver⸗ ſthhen mich ganz miß— Commiſſtonär. Alſo ſuchen Sie eine Stelle, einen Platz? De Blé Cunit Stol). Ich habe ſtudirt, Herr Commiſſionär. Commiſſtanär. Sie haben ſtudirt? und welches Fach? De Blé. Es war Tübingen, Der holden Muſenſtadt, Die Straßen mehr als Häuſer hat, 92 Am rebumkränzten Neckarſtrand, Im ſchönen, ſchönen Schwabenland.. Wenn ich vorhin ſagte, ich habe ſtudirt, ſo iſt das eigentlich nicht ganz wörtlich zu verſtehen. Ich war auf der Univerſität mit einem andern jungen Herrn, deſſen Bücher und Hefte ich in meinen Freiſtunden nach⸗ las und mir daraus das Nothwendige aneignete. Hie und da hörte ich auch wohl Collegien; doch da es mir an Mitteln gebrach, die ſtudire⸗ riſche Laufbahn fortzuſetzen, ſo verließ ich dieſen Herrn, und nahm bei einem andern eine Stelle als Reitknecht an, wo ich aber, wie Sie ſehen, nicht lange blieb. Commiſſtonär. Als Reitknecht? ſo auf dieſe Art haben Sie ſtudirt? Nun endlich rücken Sie doch vernünftig mit der Sprache heraus, mein Freund. (Blättert in ſeinem Buche.) Die Zeit iſt mir koſtbar. Alſo Reitknecht— Reitknecht— reſpective Kutſcher. De Blé. Entſchuldigen Sie! Cammiſſtonär. Nur einen Augenblick Geduld. Die Stellen ſtnd rar. Hier werden wohl einige Hausknechte verlangt, die mit Pferden umzugehen wiſſen, aber für Kutſcher iſt nur eine einzige notirt; doch muß derſelbe in den Freiſtunden die kleinen Kinder der Herrſchaft unter ſeine Aufſicht neh⸗ men.(Lachent.) Da Sie, wie Sie ſagen, ſtudirt haben, ſo iſt dieſe Stelle wie für Sie gemacht. De Blé. Sie laſſen mich ja gar nicht⸗ausreden, Herr Commiſſionär. Cammiſſionär. Nun, das könnte ich nicht ſagen. Die Bedingungen ſind nich ſchlecht— 120 fl. Gehalt— Alles frei. De Blé. Aber ich ambitionire weder die Stelle eines Reitknechts, noch eines Kutſchers, der mit Kindern umzugehen weiß⸗ Die Carriere wurde mir zuwider. Streitigkeiten mit meinen Herrn Collegen, die gar keinen 93 poetiſchen Sinn hatten, dann wilde unbeugſame Pferdenaturen, von denen ich mich häufig im Zorn trennte— ich verließ den Stall, und da ich auf der Univerſttät des Schreibens ziemlich kundig wurde, mir auch das Theoretiſche der Pferdewiſſenſchaft angeeignet hatte, ſo erhielt ich die Stelle eines Schreibers beim Wettrennverein. Es war eine harte Zeit, und die äußerſt inhumane Behandlung meiner Vorgeſetzten ent⸗ leidete mir bald auch dieſes Amt. Wenn ich als Schreiber nicht ſo in Anſehen geſtanden hätte, Sie wiſſen, Herr Commiſſtonär, die Schreiber ſind ſehr angeſehene Leute— ſo würde ich ſchon früher die Stelle quittirt haben. Ich hatte damals eine Geliebte, Herr Commiſſionär— Commiſſtonär. Aber glauben Sie denn, mein Herr, daß ich den ganzen Tag Zeit für Sie übrig hätte? Was habe ich mit Ihrer Geliebten zu thun? De Blé. Oh, Herr Commiſſionär, danken Sie Gott, daß Sie mit meiner damaligen Geliebten nichts zu thun hatten. Dieſe Geliebte nämlich be⸗ hauptete: ein Schreiber ſei eigentlich nur ein halber Mann, ſo eine Art von Amphibium, zwiſchen Menſch und Vogel in der Mitte ſtehend. Wenn Gerechtigkeit auf der Erde wäre, müßten uns ſtatt des Bartes Federn wachſen— ich bitte Sie— und es ſei uns nur erlaubt, Dinte zu weinen. Da ich nun dieſe Perſon nicht wegen beleidigter Amtsehre verklagen konnte, ſo ſeparirte ich mich nicht allein von ihr, ſondern auch von der Schreiberei; denn aufrichtig geſtanden, Herr Commiſſionär, n ich fühlte ſelbſt, daß bei dieſem Geſchäft meine Männlichkeit bedeutend abnahm. Commiſſionär. Erlauben Sie mir eine Frage: wiſſen Sie wohl, wie koſtbar mir meine Zeit iſt? De Blé. Sehr verehrter Herr Commiſſionär, ich werde es ſpäter zu erfahren ſuchen, und Sie demgemäß honoriren; bitte mich aber ausreden zu laſſen. Commiſſtonär. Um Gotteswillen, haben Sie denn noch nicht ausgeredet? Sie haben Ihre Carriere als Schreiber verlaſſen, Sie ſuchen eine neue Stelle, und ich glaube, ich kann Ihnen mit mehreren dienen.(Er blättert nach.) 94 De Blé. Vemühen Sie ſich nicht, Herr Commiſſionär. Nachdem 5 die Schreiberei verlaſſen, gelobte ich mir feierlich, nie wieder in dieſen ver⸗ haßten Stand einzutreten. 3 1 Cammiſſtonär. 6 Nun, und dann? 4 De Blé. Alsdann wurde ich Kammerdiener. Commiſſtonär. Kammerdiener? De Blé. Ja, Kammerdiener, und ich fing dieſes Geſchäft bei der ſchwierig⸗ ſten Species an. Ich wurde Kammerdiener bei zwölf preußiſchen Edel⸗ leuten, die in Nizza das Bad gebrauchten. Commiſſionär. Alſo zwölf Conditionen nach einander verlaſſen? Das ſurcht nicht ſehr für Ihre Brauchbarkeit. De Blé. Es war nur eine einzige Condition mit zwölf Unterabtheilungen; mit andern Worten: ich war Kammerdiener dieſer zwölf Herren zu gleicher Zeit. Scharmante harmloſe Leute, dieſe Preußen! Garderobe zu reinigen gab es nicht viel, der eine trug ſich als Jemſenjäger, ein anderer als italieniſcher Bandit, ein dritter als Fiſcher, und nur vier von allen betrugen ſich preußiſch, das waren aber die ſchlimmſten. Doch dauerte die Condition nicht gar lange. Nach vierzehn Tagen konnten des hohen Schnees halber ihre Wechſel nicht mehr über die Alpen. Wir packten unſere Habſeligkeiten in einen großen Mantelſack und machten unſerer Dreizehn eine Fußreiſe durch die Schweiz. Oh, die Schweiz iſt ein herrliches Land, Herr Commiſſionär! Haben Sie die Schweiz geſehen? Commiſſtonär. Laſſ en Sie mich mit Ihren Fragen zufrieden, und hören Sie lieber auf meine Fragen, ſonſt bekomme ich doch nichts von Ihnen heraus. — 95 Alſo Sie ſuchen eine Kammerdienerſtelle? Nun, ich glaube, da ſind mehrgge notirt. De Blé. Wcoollten mich der Herr Commiſſtonär nicht gefälligſt ausreden laſſen? Erlauben Sie mir, wer Kammerdiener bei zwölf jungen preußiſchen Edelleuten war, hat auf lange Zeit alle Luſt an dieſem Geſchäft verloren. Ich werde mich kurz faſſen, und Ihnen aus einigen merkwürdigen Begebenheiten meines Lebens beweiſen, daß nur das Ein⸗ zige für mich paſſend iſt, um welches ich Ihre geneigte Vermittlung an⸗ ſprechen möchte. Commiſſtonär. Bitte Sie um Gottes willen keine Begebenheiten mehr. Sie haben mir ſchon meinen ganzen Vormittag geſtohlen, und wenn Sie mir nicht mit kurzen Worten ſagen können, was Sie wünſchen, ſo muß ich mich gehorſamſt empfehlen und Sie bitten, einen andern Geſchaͤfts⸗ mann außzuſuchen. De Blée. In Gottes Namen alſo, doch erlauben Sie mir vorher, Ihnen aus meiner frühen Jugend— Commiſſionär. Ihr Anliegen, mein Herr, Ihr Anliegen— De Blé. Nun denn: ich will mich verheirathen. Commiſſtonär Alacht). Sie wollen ſich verheirathen? De Blé. Finden Sie etwas Komiſches darin? Ich durchaus nicht. Ich bin in meinen beſten Jahren, und wenn Sie einige paſſende Parthieen für mich wüßten— Commiſſtonär. Sie machen mich mehr und mehr erſtaunen. Sie waren Reit⸗ 4 96 knecht, Schreiber, Kammerdiener, Sie fanden nirgends Brod und wollen heirathen— 8 De Blé. Ich habe immer mein Brod gefunden, Herr Commiſſionär, und zu dem Brod meiſtens ein ganzes Diner, ineluſtive Wein. Aber das gehört nicht daher. Commiſſtonär. Aber Sie müſſen doch etwas anzubieten haben, eine einttägliche Stelle oder Vermögen, ſonſt begreife ich nicht— „Pe Ple. FHuiüätten Sie mich ausreden laſſen, Herr Commiſſionär Hagenlocher, ſo würden Sie mich begriffen haben. Wie dieſe Papiere beſagen, komme ich nächſter Tage in den Beſitz einer Erbſchaft, die mir eine jährliche Rente von 400 fl. abwirft. Finde ich hiezu eine Perſon von ange⸗ ſehener Familie, diſtinguirt, gut erzogen, die vielleicht das gleiche Ein⸗ kommen beſitzt, oder eine gute Stelle oder Protection, ſo würde ich mich entſchließen, einen Bund mit ihr zu knüpfen,— vorausgeſetzt, daß ſie mir gefällt. Commiſſionär. Die Papiere ſind gut, ja, das iſt eine ganz andere Sache.— Mein lieber Herr, wie heißen Sie? 8 De Blé. Monſteur de Blé. Commiſſionär. Herr von Blé! De Blé. Wenn Sie wollen, ja; doch habe ich mir angewöhnt, meinen Namen nur franzöſiſch zu nennen und zu ſchreiben. Commiſſionär. Ja, mein lieber Herr de Blé, hätten Sie ſich kurz gefaßt, würden wir viel Zeit erſpart haben. Es iſt mir ſehr ſchmeichelhaft, daß Sie in 97 einer ſo zarten Angelegenheit das Vertrauen zu mir gehabt haben, ſehr ſchmeichelhaft!(Schuttelt ihm die Hand.) De Blé. Bitte recht ſehr! Commiſſionär. Ja, da wären nun mehrere Anträge zu überlegen. Was meinen Sie zu einer Wittwe? Belle femme! Einiges Vermögen— freilich in die Dreißig— De Blé. Suchen wir weiter, Herr Commiſſtonär. Commiſſionär(nachdenkend). Ja, ja, die— hm, hm! Ja, jetzt hab' ich's, ganz richtig! Ach, Herr de Blé, eine Parthie, wie für Sie geſchaffen: ein junges hübſches Mädchen, 24 Jahr alt, beſttzt einiges Vermögen— De Blé. Und wer iſt dieſe Dame? Commiſſionär. Herr de Blé, vertrauen Sie auf mich, laſſen Sie ſich überraſchen. Ja, die Vierfuß— De Blé. Nur vier Fuß, ich fürchte, die möchte etwas zu klein für mich ſein. Commiſſionär. Nein, nein, ihr Name iſt Vierfuß. De Blé. Ah, ſo, aus einer vierfüßigen Familie; nun, der Name iſt pikant, Sie haben recht, ich will mich überraſchen laſſen.(Commiſſionär ſchreibt.) Wir ſehen, ob wir uns conveniren. Commiſſionär(ſchreibend). Allerdings— Hackländer, Vermiſchtes. 7 98 4 De Blé. Und wenn wir keinen Drang füihlen, uns zu erbinden, ſe gehen wir wieder aus einander. 8— Commiſſtonär. R Ja freilich, Sie gehen wieder aus einander. Hier iſt Ihr Brief, ſehen Sie, Fräulein Jettchen Vierfuß, Kälberſtraße Nro. 16;— fragen Sie nur nach dem Haus der Frau von Schall, oder kennen Sie das Haus vielleicht ſchon, mein lieber Herr de Blé? De Blé. Ich bin gänzlich unbekannt hier. Commiſſtonär. Sie wiſſen doch die Kälberſtraße? De Blé. Muß bedauern. Cammiſſionär. Nun kommen Sie mit, ich zeige Ihnen draußen genau an, welchen Weg Sie machen müſſen. Ich verſichere Sie, ſcharmanter Herr de Blé, daß ich außerordentlich vergnügt ſein würde, dieſe Verbindung zu Stande zu bringen. De Blé. Bitte recht ſehr, aber ich hoffe, das Vergnügen ſoll auf meiner Seite ſein. Commiſſtanär(mit ihm abgehend). Beiderſeitig, Herr de Blé, beiderſeitig! Verwandlung. Fünfte Scene. Salon im Hauſe der Frau von Schall. Frau v. Schall. Kammermaädchen(treten durch die Mitte ein). Fr. v. Schall(im Hut und Shawl). Iſt mein Mann zurück? — — 5 27 45 4 99 Kammermädchen. Noch nicht, gnädige Frau. Es iſt erſt zwei Uhr, und der gnädige Herr kommen wahrſcheinlich nicht vor dem Diner. Fr. v. Schall. Haſt du meine Aufträge ausgerichtet? Kammermädchen. Ja wohl, gnädige Frau. Ich war bei dem Commiſſionär Hagen⸗ locher, das iſt ein ſehr geordneter Mann. Fr. v. Schall. Nun? Kammermädchen. Man kann ſich auf ſeine Empfehlungen vollkommen verlaſſen, und er hofft, der gnädigen Frau in der kürzeſten Zeit, vielleicht noch heute ein taugliches Subject zuſenden zu können. Fr. v. Schall. Aber der Menſch muß ſein Fach verſtehen, es muß ein gelernter Friſeur ſein. Kammermädchen. So hab' ich den Befehl der gnädigen Frau auch ausgerichtet. Fr. v. Schall. Sollte mein Mann früher nach Hauſe kommen, ſo laſſ' es mich wiſſen; ich möchte noch vor dem Diner wegen der heutigen Soirée mit ihm ſprechen. Kammermädchen. Ganz recht, gnädige Frau! (Frau v. Schall ab.) Sechste Seene. Kammermädchen(mackt die Thüre hinter ihr zu). Mein Mann! mein Mann! Wie das ſo angenehm klingt! Ich 7 4 100 glaube, wenn ich einmal verheirathet bin, ich ſage in den erſten Tagen nichts als mein Mann, oder zu mir ſelbſt Madame, oder Frau Jettchen, kann's vielleicht auch mit gnädige Frau probiren. Gott, es würde mir ganz gut laſſen, gnädige Frau.(Abo. Siebente Seene. Monsieur de Blé(offnet ſchüchtern die Thüre). Unten im Hausflur iſt Niemand, auf der Treppe keine ſterbliche Seele, und auch hier im Zimmer kein Menſch zu ſehen. Nun, ich habe ja meine Legitimation in der Taſche, werde alſo mit einer gewiſſen Dreiſtigkeit hereintreten. Kann mich ſchon ſehen laſſen, der neue Frack hat freilich mein letztes verſchlungen, aber als Mittel zu ſolchem Zweck iſt er nicht zu theuer bezahlt.— Ah, hier ſieht's ganz famos aus, prächtig, prächtig!— mir ſcheint, Monſteur Hagenlocher iſt ein Mann, der ſeine Geſchäfte verſteht.— Franzöſtſche Tapeten, ſeidene Meubels, Allem nach zu ſchließen, mach' ich eine recht gute Parthie. Allein, de Blé, Du verdienſt es auch, Du haſt mehreren Herrſchaften treu und redlich gedient, und es iſt Dir beſtändig ſchlecht gegangen, hoffen wir auf einen Umſchwung des Schickſals.(Stellt ſich vor den Spiegel neben einen Tiſch, worauf eine Glocke ſteht) Ich muß geſtehen, der Spiegel ſagt mir einige Schmeicheleien. Aber, de Blé, den Schnurrbart etwas hinauf⸗ gedreht, ſolid, ſolid. Hier ſteh' ich, ein entlaubter Stamm, und hier, im Brief des Herrn Hagenlocher, lebt die ſchaffende Gewalt. Weiß der Teufel, ich fühle mich ſchon, wie zu Haus hier.— Karl, Jean! wo ſtecken die Canaillen? Soll ich dejeuniren? ſoll ich anſpannen laſſen? Ich will dejeuniren.(Er küngelt) Teufel, was hab' ich gemacht? 7 Achte Seene. De Blé. Kammermädchen. Kammermädchen(aus dem Seitenzimmer). Gnädige Frau!—(Sritt ein) Ja, was ſoll denn das heißen? Mein Herr, was wünſchen Sie? 3 De Blé. Oh, mein ſchönes Fräulein, 19 bitte Sie tauſendmal, zehntauſend⸗ 101 mal um Verzeihung. Bedaure ſehr, aber es war wahrhaftig Niemand im Hauſe, und Niemand auf der Treppe, und auch Niemand hier in dem Vorzimmer, und das geſchwätzige Ding hier, ich nahm es nur ſo in die Hand— Sie entſchuldigen. Kammermädchen. Aber was wünſchen Sie eigentlich, mein Herr? De Blé. GFür ſich) Vorſichtig, de Blé, vorſichtig. Caut) Ja, ich wünſchte, ich— ich wollte nur fragen, ob ich hier im Hauſe der Frau von Schall bin. Kammermädchen. Allerdings, und was ſuchen Sie im Hauſe der Frau von Schall? „ De Blé. (Für ſich. Die will mich ausforſchen, aber ich laſſe mich nicht ſo leicht fangen. Caut. Sie verzeihen, mein ſchönes Kind, daß ich nicht ge⸗ nügende Auskunft darüber geben kann, aber ich wünſchte mit einer Dame, an die ich gewieſen bin, perſönlich zu ſprechen, ſehr perſönlich.(Mit Nach⸗ druck.) Ich komme von dem Herrn Commiſſionär Hagenlocher. 4 Kammermädchen. So, von dem Commiſſionär Hagenlocher?—(Für ſich.) Das iſt der Friſeur. Der Menſch ſieht nicht übel aus.(Laut.) Ich weiß ſchon, weßhalb Sie kommen. Ich werd' Sie der gnädigen Frau ſogleich melden.(Trällernd ab.) Neunte Scene. De Blé. Sie weiß ſchon, weßhalb ich komme, und will es der gnädigen Frau melden? Par exemple! Gnädige Frau! Ah, da muß ich bitten! Auf dem Brief ſteht doch: Fräulein Jettchen. Iſt denn das gnädige Frau blos eine leere Anrede, oder eine Wittwe, die ſich Fräulein nennen läßt, um einen Mann zu bekommen. VYederemo! De Blé, wir wollen uns nicht wegwerfen. 2 102 Zehnte Seene. De Blé. Frau v. Schall. Fr. v. Schall. Leg meinen Pudermantel hieher und auch die Toilette. Es iſt doch in dem Boudoir vor Staub nicht auszuhalten.— Alſo Sie kommen von dem Commiſſionär Hagenlocher? De Blé. (Für ſich.) Sapperment, die iſt nicht übel!— CLaut.) Meine gnädige Frau, allerdings, ich habe die Ehre und das Glück, das unſchätzbare, von dem Commiſſionär Hagenlocher geſchickt zu ſein. Würden Sie mir erlauben, dieſen Brief zu übergeben? Fr. v. Schall Laſſen wir das vor der Hand ſein. Ich gebe auf Recommanda⸗ tionen nicht viel, und überzeuge mich lieber ſelbſt, ob die Leute, die ich ausſuche, für mich paſſend ſind. De Blé. (Für ſich) Die Leute? in der Mehrzahl?—(Laut) Madame, haben es ſchon mit Vielen verſucht? Fr. v. Schall. Leider; doch hat mir bis jetzt keiner ſo recht convenirt. Haben Sie eine feſte und ſichere Hand? De Blé. Oh, gnädige Frau, was meine Hand anbelangt, darauf können Sie ſich ganz verlaſſen. Wenn Ihre Hand ebenſo— Fr. v. Schall(lachend). Sie müſſen eine gute Meinung von mir haben. De Blé. Gnädige Frau, die allerbeſte, und das verſprach meinen glühend⸗ ſten Wünſchen das ſchönſte Reſultat. 103 Fr. v. Schall. Nun wir wollen ſehen. Wo waren Sie früher? De Blé. 6α Ich? wo ich früher war? Fr. v. Schall. Allerdings, wo Sie gedient haben? De Blé. Ja ſo, gedient. Bei der bairiſchen Infanterie, als Querpfeifer, gnädige Frau. Fr. v. Schall. Ach nein, bei welchen Herrſchaften Sie gedient haben. De Blé. (Für ſich.) Hat mich der verfluchte Kerl von Commiſſionär verrathen. CLaut.) Ja, ſehen Sie, gnädige Frau, die menſchlichen Schickſale ſind verſchieden. Nicht alle werden in Arkadien geboren. Der Eine iſt be⸗ ſtimmt zum Befehlen, der Andere zum Dienen, und dieſer letztere, wozu ich mich rechne, muß abwarten, bis ihn eine zarte Hand aus tiefen Regionen in höhere emporhebt. Wollten Sie nicht gefälligſt meinen Brief leſen? Fr. v. Schall. Das hat noch Zeit. Und wo dienten Sie zuletzt? De Blé. Zuletzt? Ja, zuletzt, ich würde wirklich bitten, wenn Sie den Brief nicht leſen wollen, doch wenigſtens die andern Papiere durchzu⸗ ſehen.(Gibt ihr die Erbſchaftsdokumente.) Fr. v. Schall. (Für ſich.) Der Menſch iſt etwas zudringlich mit ſeinen Papieren. (Laut.) Aber das ſind ja keine Zeugniſſe. De Blé. Mehr als Zeugniſſe, gnädige Frau, Realitäten. 104 Fr. v. Schall. Sie ſind Beſitzer einer kleinen Erbſchaft? Ich gratulire. Es freut mich immer, wenn man ein kleines Beſitzthum hat. De Blé. (Für ſich.) Die Frau iſt ſcharmant. CLaut. Ja, ich bin jetzt nur einfacher Beſitzer, hoffe aber bald der glücklichſte Beſitzer des ganzen Erdkreiſes zu werden.(Will ihr die Hand küſſen, indem ſie die Papiere zurückgibt.) Fr. v. Schall. Laſſen wir das!(Für ſich) Kurioſer Menſch!(CLaut) Zur Sache! De Blé(empfindſam). Ja, zur Sache! Fr. v. Schall. Sie haben doch was Rechtes gelernt?(Setzt ſich vor ihren Spiegel.) Wie finden Sie meine Friſur? De Blé. Göttlich, in der That, Madame. Ich habe nie ein ſchöneres Haar geſehen. Und wie ich dieſes dunkle Haar verehre, anbete! Fr. v. Schall. Aber die Friſur? De Blé. Ein göttliches Haar! Schon dieſes Haar allein würde mich zum glücklichſten aller Menſchen machen. Fr. v. Schall. Ich hoffe, Sie werden mir doch mein Haar nicht abſchneiden wollen? De Bl6. Abſchneiden?(Für ſich.) Ich glaube, es wäre Zeit, mich deutlich zu erklären.(Laut.) Abſchneiden haben Sie geſagt?(Für ſich.) Fall' ich ihr zu Füßen⸗—(Laut.) O nein, Madame, hegen möchte ich dieſes ſchöne Haar, es hegen und pflegen bis an's Ende meiner Tage. 105 Fr. v. Schall(lachend). Nun, wenn wir einander conveniren, ſo ſollen Sie es hegen und pflegen. Ich lege dieſes glückſelige Geſchäft in Ihre Hand. De Blé. In meine Hand, in meine feſte Hand?(Will niederknieen.) Fr. v. Schall. Aber jetzt laſſen Sie Ihre Poſſen, und antworten Sie mir ernſthaft. De Blé ceerwirrt). Ernſthaft? Ja, ganz recht, gnädige Frau, ernſthaft. Es iſt ein wichtiger Schritt, ein Schritt für's ganze Leben. Sie wünſchen demnach?— Fr. v. Schall. Bandeau à la Duchesse— De Blé. Was?— Ban— deau— Fr. v. Schall. Ja wohl, Sie kennen doch Bandeau à la Duchesse? De Blé. Bandeau à la Duchesse! Ich verſtehe nicht ganz. Fr. v. Schall. Nun freilich, Bandeau à la Duchesse, das Neueſte. Haben Sie das letzte Journal nicht geſehen? De Blé(beſieht ſeinen Frack). Ich ſchmeichle mir. Guür ſic.) Was meine Zukünftige für Ideen hat! Fr. v. Schall. Gur ſich) Ein ſonderbarer Friſeur.(Laut) Nun ja, das Haar wird ſo herum genommen, und dann werden die Blumen ungefähr ſo hinge⸗ ſteckt— ſehen Sie. 106 De Blé. Das Haar und die Blumen? Fr. v. Schall. Jetzt machen Sie die Friſur. De Blé. Ich? Ich ſoll die Friſur machen? Fr. v. Schall. Natürlich. Ich ſagte Ihnen ſchon vorhin, auf Recommandationen geb' ich gar nichts, die eine Dame verlangt das, die andere jenes. Bei mir muß man flink und gut friſiren können. De Blé. Par exemple! Fr. v. Schall. Gut und flink! Das iſt eine Hauptbedingung bei mir, und wenn Sie ſich dem nicht gewachſen fühlen, ſo kann von einer weitern Ver⸗ bindung gar nicht die Rede ſein. De Blé. (Für ſich.) Die probirt ihren Zukünftigen auf eine ſonderbare Art.— (Laut.) Und ich muß Sie immer friſtren, jeden Tag? Fr. v. Schall Clacht). Nun das wird Ihnen bei dem göttlichen Haar nicht ſchwer werden. De Blé. (Für ſich. Aha, Neckerei, ich muß darauf eingehen.(Laut.) Nun, ich will verſuchen, etwas außerordentlich Künſtliches und Geſchmackvolles herzuſtellen.. Fr. v. Schall. Endlich! De Blé(fängt mit großem Spectakel an zu friſtren). (Für ſich.) Komm mir zu Hilfe, Kammerdienerei.(Laut.) Aber, Madame, nehmen Sie mir nicht übel, es iſt doch eine ganz eigene Idee. *½ 107 Fr. v. Schall. Was finden Sie eigen? De Blé. Nun, die Idee mit dem Friſtren. Bandeau à la— Wie haben Sie geſagt? Fr. v. Schall. Bandeau à la Duchesse. Ich finde nichts Eigenes darin. De Blé. Nun, nehmen Sie mir nicht übel, es hat doch etwas Komiſches. Fr. v. Schall. Was wollen Sie? Der Lauf der Welt. Man muß folgen, die Mode will es ſo. De Blé. So, und auch die Andern finden ſich gutwillig darein, ſo wie ich? Fr. v. Schall. Bandeau à la Duchesse zu machen? Ei freilich. Nun hören Sie, mein Freund, Ihre Hand iſt freilich feſt, aber Sie haben mich da ge⸗ waltig gezerrt. De Blé. O verzeihen Sie, gnädige Frau, ein ſolcher Moment iſt wohl im Stande, die feſteſte Hand erzittern zu machen. Dieſes wunderbare Haar, Ihre ganze liebenswürdige Perſönlichkeit, die mir ſo viel Glück für die Zukunft verſpricht; dann dieſe glänzenden Zimmer, in denen ich weilen darf. Fr. v. Schall. Nun, mit dem Zimmer, das iſt nur für heute. Man ſetzt in mei⸗ nem Boudoir einen neuen Kamin. Sie werden doch nicht glauben, daß ich mich beſtändig im Salon aufhalte. Künftig werden Sie im Boudoir oder Ankleidezimmer Ihre Thätigkeit entfalten. Aber Sie reißen mich ſchon wieder! De Blé. (Für ſich.) Im Boudoir? im Ankleidezimmer? O Gott, ich glaube, es iſt die höchſte Zeit. 108 Fr. v. Schall. Sind Sie fertig? De Blé. (Für ſich.) Es iſt der ſchicklichſte Augenblick, ich muß ihn feſthalten, ich muß einen Uebergangspunkt finden.—(Laut) Madame beſuchen häufig das Theater? 3 Fr. v. Schall. O ja, zuweilen. De Blé. O es iſt ein göttliches Vergnügen, das Theater. Ich liebe das Theater leidenſchaftlich, namentlich die Opern, für die Opern ſchwärme ich. Fr. v. Schall. Sind Sie endlich fertig? De Blé. Ach, gnädige Frau, ich hoffe, daß Sie auch die Oper lieben. Fr. v. Schall. Nun ja. De Blé. Können Sie ſich denken, welches meine Lieblingsoper iſt, gnä⸗ dige Frau? Fr. v. Schall. Wie kann ich das denken? Kommen wir zu Ende! De Blé. (Für ſich) Sie ſcheint verwirrt.(Laut) Ja, kommen wir zum Ende. — Romeo und Iulie iſt meine Lieblingsoper, die Montecchi und Capu⸗ taletti. Sie wiſſen, die berühmten Liebenden aus Verona. Sie wiſſen, gnädige Frau— eer geräth in Affect) die gottvolle Stelle, die jedes füh⸗ lende Herz ſchneller ſchlagen macht, wenn Romeo ſingt:— cer ſingt) Nein, nein, Du liebſt mich nicht, wie ich Dich liebe.. Fr. v. Schall(die bisher Zeichen der Ungeduld gegeben, erhebt ſich). Aber, mein Herr, was wollen Sie? was fällt Ihnen ein? Ich finde Ihr Betragen höchſt ſondeibhe 109 De Blé. Ja, meine gnädige Frau, ja, ſonderbar iſt mein Betragen. Aber wer kann Ihnen gegenüber kalt bleiben? Wer kann Ihnen gegenüber eine Lebensfrage, aus der ein ſüßes Flechtwerk entſproßt, beſtimmt, zwei gleich fühlende Seelen zu vereinen, kalt und nur wie ein Geſchäft behandeln? Fr. v. Schall. Mein Herr, Sie werden immer ſonderbarer. De Blé. O gnädige Frau, ſähen Sie die Gluth in meinem Innern. Doch Ihr Herz iſt kalt. Ach, auch ich muß mit Romeo rufen:(er fällt vor ihr nieder und küßt heftig ihre Hand) Nein, nein, Du liebſt mich nicht, wie ich Dich liebe. Eilfte Seene. Vorige. Herr v. Schall(der bei den letzten Worten eintrat, bleibt erſtaunt an der Thür ſtehen). Hr. v. Schall.— (Bei Seite,) Ein ſeltſamer Auftritt, in der That!—(Laut.) Madame, ich begreife nicht recht— Fr. v. Schall. Gür ſich)) Gott, mein Mann!(Laut.) Ich in der That auch nicht. —(Zu de Blé.) Stehen Sie doch auf. De Blé(in Extaſe). Nicht eher, bis ich weiß, ob ich Hoffnung habe. Hr. v. Schall. Hoffnung habe? So erklären Sie mir doch, Madame. Stehen Sie auf, mein Herr, Sie ſind ganz und gar nicht an Ihrem Platze. De Blé. O fremder Mann, ich bin an meinem Platz. Hier zu den Füßen dieſer Angebeteten will ich erfahren— 110 2* 4 Hr. v. Schall. So machen Sie doch dieſem lächerlichen Auftritt ein Ende, und ſtehen Sie auf. De Blé. Lächerlichen Auftritt? Für mich nicht, vielleicht für Sie, mein Herr. Hr. v. Schall. Ei, Madame— De Blé. Ueberhaupt begreife ich nicht, wer Ihnen das Recht gibt, ſich ſo unberufen zwiſchen dieſe Dame und mich einzudrängen? Hr. v. Schall. Dieſe Frage würde mir beſſer anſtehen. (Für ſich) Aha, der iſt wohl auch von dem Commiſſionär Hagen⸗ locher geſchickt?(Laut) Es thut mir leid, mein Freund, Sie kommen zu ſpät. Es iſt zwiſchen uns Alles in Richtigkeit. Fr. v. Schall. Sie ſehen mich beſtürzt und unfähig eine Erklärung zu geben. Hr. v. Schall. Ja, Madame, ich ſehe Sie beſtürzt. Und wenn ich auch zu ſpät komme, mein Herr, ſo komm' ich doch für Sie viel zu früh. Folgen Sie mir auf mein Zimmer, ich wünſche genauere Explicationen. De Blé(vertraulich und halblaut). Laſſen Sie es gut ſein, mein Lieber, es gibt ja noch mehr Weiber in der Welt. Warum ſich auf eine einzige capriciren? Ueberlaſſen Sie mir dieſe, wir ſind, wie ſchon geſagt, faſt einig. Hr. v. Schall. Sie ſind ein unverſchämter Schwätzer. Fr. v. Schall. Aber um Gottes willen, erklären Sie doch— 111 De Ble. 8 Ruhig, mein Kind, ich bin Ihr natürlicher Beſchützer.(zum Herrn v. Schall.) Es thut mir leid, mein Herr, aber Sie kommen wirklich zu ſpät, ich habe ältere Rechte. Hr. v. Schall. Er hat ältere Rechte, Madame? Spricht der Unverſchämte die Wahrheit? Bei Gott, ich hoffe es nicht! Fr. v. Schall. Glauben Sie mir nur, ich verſtehe von der ganzen Geſchichte ſo wenig, wie Sie. Sehen Sie mein Erſchrecken. De Blé. Oh, gnädige Frau, ſein Sie ruhig, wir wollen ſchon mit dem Herrn fertig werden. Hr. v. Schall. Ja, wir wollen fertig werden. Ich hoffe, mich dieſes unverſchämten Eindringlings für ewige Zeiten zu entledigen. 3 De Blé. Eindringling? Obendrein unverſchämter Eindringling? Ich bin hier vollkommen in meinem Recht. Voilà! Papiere, die mich genügend legitimiren. Leſen Sie dieſen Brief. Verzeihen Sie, Madame, aber er muß dieſen Brief leſen. Hr. v. Schall. Madame, verdanken Sie es meinem Zartgefühl, daß ich in Gegen⸗ wart dieſes Menſchen die geſchriebenen Zeugen Ihrer Schuld nicht er⸗ öffne. Folgen Sie mir, mein Herr. Fr. v. Schall. Die Zeugen meiner Schuld? Aber um Gottes willen, die Sache wird immer unklarer. De Blé. Beruhigen Sie ſich, gnädige Frau. Ich glaube, verehrteſter Herr, 112 es wäre paffender, wenn Sie ſich allein hinweg begäben. Ich werde Ihnen folgen, ſobald es meine Geſchäfte hier erlauben. Hr. v. Schall. Nun, das iſt mir zu arg. Sie ſind ein— De Blé(ſehr ruhig). Was?— Man leſe meinen Brief. Fr. v. Schall(nimmt den Brief und gibt ihn ihrem Gemahl). Nehmen Sie dieſen Brief. Sie ſehen mich beſtürzt, vollkommen unvermögend, Ihnen eine Erklärung zu geben. Hr. v. Schall. Was werde ich leſen? De Blé. Vederemo! Hr. v. Schall Cliest die Adreſſe). „An Fräulein Jettchen Vierfuß.“— Ja, was ſoll denn das heißen? De Blé(ruhig und groß). Leſen wir weiter. Hr. v. Schall(liest). „Höchlich geſchätztes Fräulein! Sie ſehen durch Gegenwärtiges, daß ich mich bemüht habe, Ihren Aufträgen mit Eifer nachzukommen. Der Ueberbringer iſt Monſieur de Blé, und ich habe mich durch Einſicht ſeiner Papiere überzeugt, daß derſelbe nächſtens eine Erbſchaft antritt, die ihm ein jährliches Einkom⸗ men von 400 fl. abwirft. So viel ich die Ehre habe, Sie, mein ge⸗ ſchätztes Fräulein, zu kennen, glaube ich, der Mann wäre paſſend für Sie. Er könnte über die erſten Jugendthorheiten hinaus ſein, viel Ver⸗ ſtand ſcheint er ebenfalls nicht zu beſitzen, ſowie auch ſein Aeußeres nicht dazu gemacht iſt, dem Hang zur Eiferſucht, den Sie eingeſtehen, häufige Nahrung zu geben. 4 Mich damit ꝛc. Commiſſionär Hagenlocher.“ 113 De Blé. Mich ebenfalls damit ꝛc. Und hier bin ich. Hr. v. Schall. Sie wollen alſo heirathen? De Blé. Verſteht ſich von ſelbſt, ich habe die ſolideſten Abſichten. Fr. v. Schall. Heirathen wollten Sie? De Blé. Ei freilich! Haben das die gnädige Frau nicht gemerkt? Hr. v. Schall. Fräulein Jettchen Vierfuß heirathen?. De Ble. 4 Allerdings. Fr. v. Schall. Alſo mein Kammermädchen heirathen? De Blé. Par exemple! Ihr Kammermädchen? Fr. v. Schall. Nun ja, der Brief iſt an mein Kammermädchen, an Jettchen Vierfuß. De Blé. Und wer ſind denn Sie, gnädige Frau? Fr. v. Schall. Ich bin die Frau dieſes Herrn. Hr. v. Schall. Und ich der Mann dieſer Frau. Hackländer, Vermiſchtes. 8 114 * De Ble. Und ich— ein Eſel.— Gnädiger Herr, gnädige Frau— Sie ſehell mich in der troſtloſeſten Verzweiflung. Ich habe kein Glück, durch⸗ aus kein Glück— Oh, gnädige Frau, ich habe gar kein Glück. Fr. v. Schall(achend). Ich danke für das Compliment!(Sie klingelt.) Zwölfte Scene. Vorige. Jettchen(aus dem Nebenzimmer). Kammermädchen. Gnädige Frau!! Fr. v. Schall. Kennſt Du dieſen Herrn? 2 Kammermädchen. Natürlich, der Friſeur. De Blé. Ich der Friſeur? Die Sache will ſich noch nicht aufklären. Hr. v. Schall(lachend zu de Blé). Mein Freund, trachten wir lieber, die Sache noch mehr zu ver⸗ wickeln. Der Commiſſtonär hat Sie mit Ihrem Heirathsproject an ein braves, rechtſchaffenes Mädchen gewieſen. Daß Sie irrthümlicher Weiſe meine Frau für das Kammermädchen hielten, thut mir ſehr leid. De Blé. Ja, gnädiger Herr, ich war von einer gewiſſen Dummheit befangen, hatte auch gar keine Augen, ja, ich verſichere Sie, jetzt ſehe ich das voll⸗ kommen ſelbſt ein— der vornehme Anſtand der gnädigen Frau. Nicht wahr, gnädiger Herr, ich habe mich äußerſt blamirt.(Für ſich.) Aber das Kammermädchen iſt auch nicht übel. Fr. v. Schall. Jettchen, der Herr will Dich heirathen 115 4 Kammermädchen. 4 Mich heirathen? Oh, ich bin nicht nur ſo mir nichts dir ihts zu heirathen. Da muß ich ſchon bitten. Ich weiß gar nicht, wie der Herr mich—— Hr. v. Schall. Nun Offenheit vor Allem. Der Herr hat einen Brief an Dich. (Gibt ihr den Brief.) Kammermädchen. Einen Brief an mich? Oh, das iſt Verläumdung, gnädiger Herr. De Blé C(fur ſich). Endlich kommt mein Brief an die rechte Adreſſe. Kammermädchen. Gnädiger Herr, das iſt wirklich Verläumdung. Fr. v. Schall. Du haſt alſo keine Abſicht, Dich zu verheirathen?— De Blé. Alſo, mein ſchönſtes Fräulein, auch hier habe ich keine Hoffnung? Kammermädchen. Wie geſagt, der Antrag überraſcht mich. Ich bin ein armes Mäd⸗ chen ohne Stütze in der Welt. De Blé. Oh, was das Stützen anbelangt, verlaſſen Sie ſich ganz auf mich, und verlaſſen Sie mich nicht. Fr. v. Schall. Eine feſte Hand hat er, das kann ich Dich verſichern. De Blé. . Gewiß eine feſte Hand, eine Hand wie zum Leiten durch dieſes Leben gemacht. 8* 116 Kammermädchen. Aber ich müßte um Bedenkzeit bitten. Hr. v. Schall. Ja, Bedenkzeit wäre nöthig. De Blé. Allerdings, Bedenkzeit müßten wir uns ausbitten. Kammermädchen. Wir? De Blé. Bitte recht ſehr, wir eigentlich nicht, wir nicht. Ich ſprach nur ſo aus Uebereilung in der Mehrzahl. Hr. v. Schall. Alſo, mein lieber Herr de Blé, mir ſcheint, daß die Sache trotz der Bedenkzeit in Richtigkeit kommen könnte. Sie ſind augenblicklich ohne Stelle?— De Blé. Ich muß leider bekennen, daß mir augenblicklich ein ſicheres Plätz⸗ chen mangelt. Hr. v. Schall. Ja, ſehen Sie, mein Lieber, Sie heißen de Blé? De Blé. De Blé! Hr. v. Schall. Wenn ich mich erſt von Ihren Fähigkeiten und Kenntniſſen genauer überzeugt habe, ſo will ich ſehen, ob es meinem Einfluſſe gelingt, Ihnen irgendwo im Staatsdienſt einen kleinen Poſten zu verſchaffen. De Blé. 1 Es braucht gerade nicht im Staatsdienſte zu ſein, gnädiger Herr. An der Hand dieſer hochgeſchätzten Perſönlichkeit würde ich auch mit einem kleinen Privatdienſtchen zufrieden ſein. 117 Fr. v. Schall. Nur nicht als Friſeur. De Blé. Nein, gnädige Frau, als Friſeur nicht, das iſt meine ſchwächſte Seite. Hr. v. Schall. Ja, mein Freund, Sie heißen, wie geſagt, Herr von Blé. Wie in den meiſten Fällen die Abſtammung von einer guten Familie eine kräftige Recommandation iſt, ſo hindert mich doch das Wörtchen von vor Ihrem Namen Ihnen eine Stelle anzubieten, die gerade in meinem Hauſe vakant iſt. De Blé. Geniren Sie ſich deßhalb nicht, bitte recht ſehr, gnädiger Herr. Hr. n. Schall. Es iſt die meines Portiers mit 300 fl. Gehalt und freier Wohnung. . De Blé. Sehen Sie, gnädiger Herr, da Sie ſo offen gegen mich ſind, und die übergroße Gnade haben, mir die Stelle Ihres Portiers anzubieten, ſo will ich Ihnen und meiner Zukünftigen gegenüber ebenfalls offen und wahr ſein. Ich heiße freilich de Blé, bin aber aus Schwaben, wo der Name eigentlich Döbele ausgeſprochen wird. Hr. v. Schall(acht). So, ſo, das iſt freilich ein kleiner Unterſchied. Aber um ſo beſſer, da hat es mit der Portierſtelle um ſo weniger Anſtand. Fr. v. Schall. Wenn Jettchen nicht darauf beſteht, Madame de Blé zu werden. Kammermädchen. Obgleich meine Bedenkzeit noch nicht zu Ende iſt, gnädige Frau, ſo glaube ich doch, Sie verſichern zu können, daß ich ebenſo gern Madame de Blé als Madame Döbele werde. De Blé. Alſo Sie willigen ein? Ich erhalte Herz und Hand? — 118 Kammermädchen. Nach der Bedenkzeit. Hr. v. Schall. Jettchen, mach' keine Umſtände. Kammermädchen. Nun, ſo mag's drum ſein. 6 Fr. v. Schall. Aber dieſer Schluß iſt doch ein bischen gar zu alltäglich. De Blé. Und kommt doch nicht alle Tage vor. Ich z. B. warte ſchon Jahre lang darauf. Gnädiger Herr, gnädige Frau, ich bitte Sie freundlich, den Glanz meiner Hochzeit zu erhöhen. Sollte ich in hieſiger Stadt Landsleute beſitzen, ſo iſt, wer von ihnen kommen will, höflich eingeladen. Kammermädchen. Wer ſich übrigens noch in unſerer Lage befinden ſollte, dem können wir den Herrn Commiſſtonär Hagenlocher beſtens empfehlen. Unten im Hauſe. Luſtſpiel in einem Aete. Perſonen. Herr von Hartmann. Frau von Hartmann. Literat Schmidt. Meiſter Jonas, der Portier. Roſa, ſeine Tochter. Jettchen, Kammerjungfer Jakob, Bedienter Ein Kutſcher. der Frau von Hartmann. Die Bühne iſt in zwei ungleiche Hälften getheilt, von denen die rechts vom Zuſchauer die größere iſt und den Flur eines ſchönen geräumigen Hauſes vorſtellt. Im Hintergrunde deſſelben iſt die offen ſtehende Hausthür, welche direct auf die Straße führt, und vor der Laternen brennen. An der zweiten Couliſſe befindet ſich eine elegante Treppe, die in den erſten Stock führt. Die Abtheilung links vom Zuſchauer iſt von der erſten durch eine Scheidewand getrennt, in welcher ſich eine Thür und ein Fenſter mit grünem Vorhang befindet; ſie bildet die Wohnung des Portiers. Links an der Cou⸗ liſſe ein Kamin, weiter ruckwärts eine Thür. Vor dem Kamin ein Tiſch mit Schreibzeug, daneben ein Lehnſtuhl. Erſter Auftritt. Jonas. (Es ſchlagt 8 Uhr.) Na, endlich ſchlägt es einmal wieder 8 Uhr, und ich kann mich meines überflüſſigen Schmuckwerks entledigen. Wollte noch einmal ſo gern meinen Dienſt verſehen, wenn das ſchwere gold⸗ bordirte Zeug nicht wäre, und der langweilig auseinander geſpreizte Hut— da häng! Aber das ſoll und muß partout einen Anſtrich haben. Könnt' auch in meinem Camiſol die Leute hinaufweiſen oder abfertigen, und die Schlüſſel zu den verſchiedenen Thüren geben. Aber nein, von außen muß es flimmern und glänzen, wie der Kern iſt, das iſt ihnen ganz gleichgiltig. Aber, Meiſter Jonas, du magſt dieſes ſchwere Ban⸗ delier mit dem langen ſpitzen Degen anhaben oder nicht, du biſt doch, der du biſt. Mag ſich dein Haupt unter dieſem breitkrämpigen Hute befinden oder unter der weiß baumwollenen Mütze, es kreiſen dennoch große Gedanken hier, nicht blos Portiersgedanken. Erziehung macht Leute, nicht die Kleider, und ich darf mich einer ſehr ſorgfältigen Er⸗ ziehung rühmen. He, Roſe!(Sat unterdeſſen Hut, Bandelier, Livrée ꝛc. abge⸗ legt, ſteht in einer Hausjacke da und ſetzt eine Mütze auf.) So, nun iſt's beſſer! Ah! wie ſagt der unſterbliche Schiller irgendwo? Hier ſteh' ich, ein entlaubter Stamm, Doch innen im Mark thront die ſchaffende Gewalt. He, Roſe!— Der Schiller war doch von jeher mein Lieblingsdichter. Er begeiſtert einen ſo auf eine gewiſſe Art und zieht einen aus des Lebens 122 unterm Stock in die Belleetage der Phantaſiegedanken.(3 ½ Roſe, die mit Zeitungen in der Hand eintritt) Haſt du meine Halbe auf's Kamin geſetzt, daß ſte ein bischen warm wird?(Setzt ſich in den Lehnſtuhl an's Kamin) Zweiter Auftritt. Jonas. Koſa. Koſa. Ja, Vater, hier ſind auch die Zeitungen für morgen.(Sie riecht baran.) Ach, was das immer ſo gut riecht, das friſche naſſe Papier und die Farbe drauf. Ich könnte ſo eine ganze Viertelſtunde ſtehen, und es iſt mir dann gerade, als wüßte ich, was in den Blättern ſteht. Jonas. Na, jeder ſteckt auf ſeine eigene Art die Naſe in die Zeitung. Leg ſte nur auseinander und bring etwas Ordnung hinein für das Haus. Du könnteſt doch einmal gelernt haben, welche in den verſchiedenen Stockwerken geleſen werden. Roſa.. Ja, wenn man das nur ſo behalten könnte! Aber von den Herr⸗ ſchaften hier im Hauſe liest doch jede eine Zeitung, die vocj ganz kurios für ſte paßt. Jonas. 1 So, du Naſeweis! Roſa. Ja, z. B. oben im fünften Stock der Literat— hm, ich mag ſeinen Namen nicht einmal nennen. Jonas. Weiß wohl, weßhalb;— bekommt die Leipziger Allgemeine Modenzeitung. Noſa. Ja, das iſt's nun wieder. Sagt mir mal, Vater, was nur der Literat da oben mit der Modenzeitung anfängt? Der und eine Moden⸗ zeitung. Man ſollte doch meinen, es müßte ihm unangenehm ſein, 4 ☛ 123 wenn er die Leute ſteht mit ganzen, ſchön anliegenden Röcken— ſo— Herren, die oben am Kopfe ſo einen zierlich verſchnittenen Bart haben, und er ſich dagegen im Spiegel betrachtet, wie ihm das Haar ſo überall herumhängt, pfui! und ſo ungekämmt— ſeht nur her— und dann haben alle die Herren hier auf dem Modejournal ſo ſchöne reine Wäſche an. Das ſo immer zu ſehen, wäre mir gar nicht angenehm. Wenn ſich der Literat nur auch wenigſtens die Literaturzeitung hielte, die doch weit beſſer für ihn paßte. Jonas. Literaturzeitung bekommt der Lieutenant von Häfele im zweiten Stock— sum quique, ſagt der preußiſche ſchwarze Adlerorden irgendwo. Und dann laſſ' mir die ewigen Sticheleien auf den Literaten da oben. Nicht wahr, als er dir den Hof machte, da haſt du nicht bemerkt, wie ihm die Haare in's Geſicht hängen und daß ſein Rock zuweilen an den Aermeln verdächtige Oeffnungen beſitzt. He! he! Da haſt du ihm ge⸗ glaubt, wenn er dir geſagt: an ſolch auffallendem unordentlichem Anzug könne man das wahre Talent erkennen. Doch als er dir die Kammer⸗ jungfer aus Nro. 1 vorgezogen— Koſa. Was? mir vorgezogen? Das iſt effectiv zum Lachen! Vorge⸗ zogen, hahaha! Ich hab' ihm den Abſchied gegeben, weil ich einſah— nun, Vater, Ihr wißt wohl aus den vielen unbezahlten Rechnungen, die immer an ihn kamen, daß es mit ihm nicht zum Beſten ſteht. Jonas. Nun, nun, mir gleich, wer von Euch das ewige Anſchauen und Sprechen zuerſt aufgegeben hat; aber mir war's außerordentlich lieb, denn der Herr Literat kennt ſo wie ich alle Claſſiker und Dichter aus⸗ wendig, und wir haben uns manche Stunde über dieß Thema unter⸗ halten, was ich natürlich ſo lange nicht konnte, als er anderer Urſachen halber zu uns kam. Doch freilich von der Gelehrſamkeit verſtehſt du nicht viel. 3 Roſa. Hm, hm! wollen ſchon ſehen, wie's der naſeweiſen Kammerjungfer da oben gehen wird, haben nicht alle Mädchen ſo feſte Grundſätze wie ich.— Alſo die Literaturzeitung für den Lieutenant von Häfele, ſowie 124 den Beſprecher und das Allgemeine Militärwochenblatt. Das hab' ich mir ſchon gemerkt. In der Literaturzeitung liest er die Recenſionen von den neuen Büchern und thut dann Abends bei den Thees, als wenn er die Bücher alle ſelbſt geleſen hätte. In dem Militärwochenblatt liest er die Avancement durch und ärgert ſich, daß er der ewige Lieutenant iſt. Den Beſprecher aber hält er ſich nur wegen dem Briefkaſten, und freut ſich jedesmal, wenn es heißt wie neulich:„Iſt das nicht auch Thier⸗ quälerei zu nennen, wenn wie geſtern Graf Häfele, unſer ritterlicher Gardelieutenant, im Tilbury die große Allee im Carriere hinabfährt?“ Ja, dann freut er ſich und denkt: ſo ſprechen doch wenigſtens alle Damen einen halben Abend von dem ritterlichen Gardelieutenant. Jonas. Halt dein Maul! das muß immer was Böſes ſchwatzen. Koſa. Und wer bekommt den Verbreiter? Jonas. Frau von Ruck im zweiten Stock. Roſa. (gacht.) d Jonas. Hat's da wieder was zu lachen, dummes Ding? He! Koſa. Ja, Vater, erinnert Ihr Euch noch, was Ihr vor einiger Zeit ſagtet? Warum ſich Frau von Ruck eigentlich den Verbreiter hält? 8 Jonas. Nu, Jungfer Naſeweis, was hab' ich denn geſagt? ihn zu leſen, was? Unſa. Ja, um ihn zu leſen, aber um was zu leſen? Wißt Ihr's nicht mehr? Weil im Verbreiter immer eine ganze Woche vorher ſteht, was im Theater gegeben wird, und weil ſich Frau von Ruck, wenn ein auf⸗ 1 gehobenes Beneſiz angezeigt iſt— Ihr wißt ja, Vater, wenn die Leute — . 125 noch einmal bezahlen müſſen— jedesmal einen rothen Strich in ihren Kalender macht. Jonas. Dummheiten! Roſa. Ja, Ihr habt's damals geſagt, das könnt Ihr nicht abläugnen. Sobald im Verbreiter ſteht, den und den iſt ein aufgehobenes Benefiz, ſo macht ſich Frau von Ruck einen rothen Strich in Kalender und hält dann an dem Tag eine Theegeſellſchaft, oder läßt ſich irgendwo einladen. Ihr habt auch dabei genau ausgerechnet— der Jakob droben, der war dabei, der kann's mir bezeugen— daß ihr die Theegeſellſchaft nur halb ſo theuer käme, wie der Platz im aufgehobenen Theater, und dann könnte ſie obendrein noch zu all denen hingehen, die ſie eingeladen hat. Jakob hat's auch geſagt, und deßwegen wäre es auch bei aufgehobenen Beneſizen oft ſo leer im Theater. Jonas. Hör, ich muß dir ſagen, es wäre weit beſſer, wenn du dir andere Sachen merkteſt, dann kämen auch nicht alle die Dummheiten und Ver⸗ wirrungen im Hauſe vor, wofür ich dann immer herhalten muß. Du bringſt mich da gerade auf ein rechtes Capitel. Hab' ich dir nicht heute Morgen ausdrücklich geſagt: das kleine Paketchen ohne Adreſſe ſei für die Tänzerin auf Nro. 20, und wo haſt du es hingetragen? Koſa. Ja, das hab' ich nicht verſtanden. Ihr ſprecht aber oft auch ſo undeutlich, Vater, und ich hab' verſtanden, auf Nro. 2, und hab's dort abgegeben. Jonas. I Zur Frau von Hartmann, und da hat's der Herr Gemahl in die Hand gekriegt, hat's aufgemacht und findet ein Buch darin mit einem Gedicht, wo es darin heißt von der ſchönen ſchlanken Figur, vom üppigen Wuchs, von der Kunſtfertigkeit der Beine, ja, und da iſt der Herr von Hartmann nach ſeiner Gewohnheit fuchswild geworden. Koſa. Ja, warum iſt der Narr auch immer ſo eiferſüchtigz der mag ja 126 ſehen, was er will, er ſucht immer was dahinter. Das muß ſelbſt ein ganz ſchlechter Menſch ſein, denn wer ſich immer die Sachen ſo raffinirt ausdenkt und ſo bis auf's Kleinſte auszurechnen weiß, was ſo eine arme Frau wohl thun könnte, der muß Alles ſchon ſelbſt getrieben haben. Hat es doch neulich um den Literaten oben, der doch wahrhaftig nicht ausſteht, als wollt' er ſolche Croberungen machen, einen Spektakel gegeben. Jonas. 1 Ach, was du nicht Alles weißt! Voſa. Ja, im Theater, da hat er von der vierten Gallerie immer herunter geſehen in ihre Loge, und darüber hat der Herr von Hartmann den ganzen Abend gelärmt. Seht, Vater, ich ſollt' ſo einen Mann haben! Jonas. ünd was wär's dann? Roſa. Ja, die Augen kratzte ich ihm aus und ließe mir dann erſt recht den Hof machen. 8 Jonas. 1 Dafür wird doch unſer Herr Gott ſchon bewahren, ſagt Göthe irgendwo. Koſa. Ja, ich ſollte nur ſo eine Frau ſein gehe nach hinten ab.) Dritter Auftritt. Jonas(aufſtehend). Mir geht's eigentlich wie der Frau von Ruck. Mir iſt auch der Verbreiter das liebſte Blatt von allen. Ja, man bekommt immer das Beſte, was in der Welt paſſtrt, ſo für ſich angerichtet; man braucht nur zuzugreifen. Vorne irgend eine ſchöne Erzählung, wo man ſo recht ge⸗ ſpannt auf die andere Nummer wartet. Immer denkt man, jetzt wird was Schönes kommen und bleibt in fortwährender angenehmer Erwar⸗ 127 tung, ohne daß gerade viel Intereſſantes paſſirt;— und dann die Tages⸗ neuigkeiten, man weiß dann gleich, was in der Politik hie und da ge⸗ ſchehen iſt, wo z. B. ein Gewitter außerordentlich ſtark war, wo es ebrannt hat, und daß wir nun bald eine-⸗Eiſenbahn bekommen, wenn Pas Tewain ſeine Schwierigkeiten überwindet. Auch freut es mich, wenn ichleſe, daß unſere hier verfertigten Handſchuhe beſſer ſind, als die Pariſer, und daß das Eau de Cologne, was man hier macht, vor dem Köllner einen weſentlichen Vorzug hat. Wahrhaftig, es kann mich ganz rühren, und bringt mir ſo meine ganze Jugend wieder in Erinnerung, meine Jugend, der ich vor einigen dreißig Jahren Adieu ſagte, wenn ich unter den Tagesneuigkeiten hie und da eine Anekdote leſe, die mir meine Groß⸗ mutter ſchon erzählte. Es muß doch keine Kleinigkeit ſein, ſo ein Blatt zu ſchreiben, wo man ſo Alles auf's Gründlichſte und Genaueſte wiſſen muß. Ja, es iſt kein Spaß. Und nun gar ſo eine Recenſton über das, was geſtern im Theater gegeben wurde, worin es dann immer heißt: der hat gut geſpielt, oder: der war brav, oder: unſere erſte Sängerin hat ſich ſelbſt übertroffen. Was ſo ein Mann Alles beſſer weiß? Wenn er z. B. ſagt: warum ſpielte dieſe oder jene Rolle unſer allbeliebter Herr Krautſtengel nicht, ſtatt des auch gern geſehenen Herrn Hanfſtengel? Ja, ja,'s iſt kein Spaß! So ein Mann nimmt Alles nur in Allem, weilhzer niemals ſeines Gleichen geſehen, ſagt Kotzebue irgendwo.(Setzt ſich in den Lehnſtuhl und beſchäftigt ſich mit den Zeitungen.) Vierter Auftritt. Jonas. Koſa(mit einem Paket Bücher). Aoſa. Hier, Vater, ſind aus der Buchhandlung Bücher für die Frau von Hartmann, und ich habe ſo durch das offene Papier ein wenig hinein geſehen. Es iſt die Fortſetzung der Pariſer Myſterien. Ach, das ſoll ein ſo ſchönes würdiges Buch ſein. Alle meine Bekanntinnen leſen es, und ſie behaupten: ein ſchöneres und lehrreicheres Buch ſei ihnen noch nicht vorgekommen. Jonas. Leg nur dahin, leg nur dahin, und verbrenn dir die Finger nicht. Hab' auch neulich ſo einen Blick hineingeworfen und da Sachen gefunden, 128 die ſich für ein junges Mädchen durchaus nicht paſſen. Schlimm genug, daß es, wie du ſagſt, bei allen deinen Bekanntinnen herum fährt. Ja, wenn ich über deine Fräuleins und Mamſells Bekanntinnen etwas zu befehlen hätte, wovor mich aber Gott in Gnaden bewahren ſoll, ſo wollte ich ſte bemyſterien, daß ihnen ſchwarz würde. Saubere Geſchichten, das! Sage mir, mit wem du umgehſt, ſo will ich dir ſagen, wer du biſt. Roſa(egt die Bücher heftig hin). Sagt Schiller irgendwo, nicht wahr? 1 Fünfter Auftritt. Vorige. Jettchen(auf der Treppe). Jettchen. Jungfer Roſe, bitt' Sie einen Augenblick. . 3 Koſa. Seh' einer die hochmüthige Perſon wieder. Als ob's nicht gerade ſo weit von der Treppe zu mir, als von mir zu der Treppe wäre! Jettchen. Hör' Sie doch, Jungfer Roſe! Noſa Cinngt). Tralalala! Jonas. Hörſt du dich denn nicht rufen? Haſt wieder einmal kein Gehör, oder fehlt dir die Laune zum Antworten?. Roſa. Wer was von mir will, kann hieher kommen. Ich mach's auch ſo, wenn ich von den Leuten etwas will, und ſchrei ſie nicht auf hundert Meilen Wegs an. Jonas. Ei, da ſoll ja doch— ſieh, ſteh! Sind mir das ſaubere Grund⸗ ſätze für eine Portierstochter. Willſt du mir im Augenblick die Treppen 4 129 hinan— ſchnell gehen— oder laufen, nein, fliegen— marſch!(Roſa geht während der letzten Worte langſam zur Treppe.) Jettchen. Jungfer Röschen waren wahrſcheinlich ſehr beſchäftigt oder Höchſt⸗ dieſelben hatten nicht die Gnade, mich anzuhören, ſangen aber allerliebſt, wirklich charmant. . Koſa. 4 Ich weiß nicht, ob Fräulein Jettchen herabkamen, mein Singen anzuhören, oder ob Ihre Herrſchaft Ihnen Befehl ertheilte, uns hier unten um etwas zu bitten. Jettchen Gacht). O meine Herrſchaft befiehlt mir niemals; ſie bat mich nur, dem Herrn Portier oder deſſen Fräulein Tochter zu befehlen, im Fall neue Bücher aus der Handlung angekommen wären, ſie hinauf zu ſchicken. Ich glaube, eine Fortſetzung der Pariſer Myſterien. Jonas (der nach dem Weggang ſeiner Tochter das Bücherpaket haſtig geöffnet, ſtreckt bei der Frage der Kammerjungfer ſeinen Kopf zur Loge heraus und ſagt:) Thut mir ſehr leid, meine Verehrteſte, aber die Bücher ſind noch nicht angekommen. Jettchen. Ah, guten Abend, Herr Jonas, wie befinden Sie ſich? Jonas. Danke gütiger Nachfrage, ſehr charmant, excellent. Wie geſagt, thut mir leid, müſſen noch einen Tag Geduld haben; Cfür ſich) bis ich ſie geleſen habe.(Laut) Mein Freund, der Buchhändlerausläufer, ver⸗ ſicherte mir, daß die armen Drucker Tag und Nacht arbeiten, ja wohl, Tag und Nacht, und können doch nicht fertig werden. Die Bändchen gehen ab wie warmes Brod, noch naß, eingepackt, fort ſind ſte, ja wohl! Jettchen. Ja, das iſt wahr; es iſt aber auch ein merkwürdig ſchönes und intereſſantes Buch. Dann iſt vielleicht Jungfer Roſe ſo gefällig, und Hacklänber, Vermiſchtes. 9 130 ſteht nach, ob der Herr Doctor oben zu Hauſe iſt. Der könnte wahr⸗ ſcheinlich das franzöſiſche Original haben. Roſa. Der Herr Doctor? wen meinen Euer Gnaden? Jettchen. Nun, wen anders, als den Herrn Literaten oben im fünften Stock. Uoſa. So, das iſt alſo der Herr Doctor? Ach, das hab' ich nicht gewußt. Jettchen. Ja, meine Liebe, Sie wiſſen noch Manches nicht. Wenn man den Herrn Literaten wohl will, ſo nennt man ſie Herr Doctor, das lieben ſte alle. Adieu. Vergeſſen Sie ja nicht nachzufragen.(Suüpft die Treppe hinauf.) 8 Noſa. 4 Nein, das iſt zu arg. Vater, habt Ihr das gehört? Ich ſoll ſeh'n, ob der Herr Literat zu Hauſe iſt? Ich, für die Kammerjungfer hinaufſteigen? dieſe Perſon! Jonas. Möchte ſehr wünſchen, daß das ewige Gezank zwiſchen dir und der Kammerjungfer da oben aufhört. Du machſt mir den Kopf noch ſo warm, daß ich einmal mit etlichen Donner— doch ohne Leidenſchaft, ſagt Schiller irgendwo. Koſa. Ja, Schiller, oder Göthe, oder Kotzebue, oder wer Ihr wollt, ſagt auch irgendwo: man ſoll ſich nicht auf der Naſe tanzen laſſen. Jonas(erhebt ſich im Zorn halb von ſeinem Stuhl). Ruhig ſag' ich, irgendwo— Voſa Glcbt). Nein, es iſt wirklich zu arg. Zum Herrn Doctor ſoll ich hinauf⸗ gehen, ob der das franzöſtſche Original hat? Was will denn die mit franzöſiſch machen? Laſſ' ſie nur ſelber hinaufſteigen. Das fehlte mir! (Lachend ab.) 131 Sechster Auftritt. Jonas(nimmt eines von den Büchern in die Hand und öffnet es). Wo bin ich denn damals ſtehen geblieben? Aha, richtig, bei dem alten ſpitzbübiſchen Notar. Ein Capitalkerl, aber ein Hauptſpitzbube. Führt der die vornehmen Damen an der Naſe herum und macht ſtch Geld, raſend viel Geld; aber es geht ihm auch darnach. Ehrlich währt am längſten, ſagt ein altes Sprichwort irgendwo. Doch ich muß ge⸗ ſtehen, daß mir der Charakter dieſes alten Hallunken, verſteht ſich in ſeiner Art, noch lieber iſt, als der meines Collegen, des Monſieur Pipelet. Das iſt ein alter widerwärtiger Narr, ſo geſpreizt und gar nichts Natürliches, und heißt Alfred, der Kerl! Nun, wir wollen ſehen, wie es weiter geht. Die da oben können warten, bis ich fertig bin. Ich thue ihnen ja keinen Schaden, leſe nichts aus den Büchern heraus, und dann bin ich es mir auch ſelbſt ſchuldig, mich bei meinem geiſttödtenden Geſchäft, wenigſtens ſo viel als möglich iſt, in der Literatur auf dem Laufenden zu erhalten. Ja, ich bin mir das ſchuldig. In meiner Jugend hat man an meiner Erziehung nichts vernachläßigt, und daß ich hier unten an der Treppe ſitze, ſtatt oben im erſten Stock, und den Leuten die Thür aufmachen muß, anſtatt daß ſie ſte mir aufmachen, das iſt nur Tück des Schickſals und muß eine große Seele nicht darnieder⸗ drücken, ſagt Göthe irgendwo.(Er liest.) Siebenter Auftritt. Jonas. Jakob. (Jakob kommt mit einer ſehr großen Laterne, in welcher zwei Lichter brennen, die Treppen herab. Wie er faſt unten iſt, hört man oben die Stimme der Kammerjungfer, welche Jakob! ruft.) Jakob(langſam). Was haben Sie zu befehlen, Jungfer Jette?(Wendet ſich und ſteigt wieder hinauf, doch ſo, daß er den Zuſchauern ſichtbar bleibt) Kann nichts für Sie thun, Jungfer Jette— bin von der Madame gekommandirt, bei dem Portier auf die Madame zu warten.(Steigt wieber hinab und brummt vor ſich hin.) Thut mir leid, oder vielleicht auch nicht leid. Die höchſte Ordre wird jedesmal am meiſten reſpectirt. Das habe ich gehalten anno 13 und 14, als wir über den Rhein gingen, und halt' es auch jetzt noch ſo. e 1³² (Iſt bei den letzten Worten die Treppe wieder herabgekommen und tritt in die Loge des Portiers) Guten Abend, Meiſter Jonas. Jonas. Guten Abend, Jakob!(Für ſich) Muß doch immer geſtört werden in den intereſſanteſten Augenblicken meines Lebens.(Laut) Womit kann ich dienen? 4 Jakob. Ohne Redensarten, Meiſter Jonas; wenn vom Dienen die Rede i*ſt, da bin ich bei der Hand. Will mich nur mit Curer Erlaubniß ein bischen daher ſetzen und warten, bis die Madame herabkommt. . Jonas. Freut mich ſehr, freut mich ſehr, ſetzt Euch nur dahin. Wollt Ihr aber nicht ſo lange Eure beiden Lichter ausblaſen, es iſt Schade um die ſchönen Wachskerzen. Jakob. Laßt ſie nur brennen, Meiſter Jonas, thut der Herrſchaft gar nichts. Wenn man immer ſo wie ich bei der Hand ſein muß, möchte ſagen, immer den Vorpoſtendienſt hat, da darf auch die Munition nicht geſpart werden. Immer zum Einhauen parat, dermalen nur mit der Laterne. Jettchen(von oben). Jakob, Jakob! — Jonas. Man ruft Euch, Jakob, hört Ihr? Jakob. Laßt ſie nur immerzu rufen, Meiſter Jakob. Wenn ich auf all das Geruf Appell geben thät, hätt' ich ſchon lang meine Lunge aufge⸗ braucht. Will aber halt noch ein bischen leben. Jonas. Nu, nu, Freund Jakob, ich muß Euch aufrichtig geſtehen und be⸗ merken, daß ich Niemand kenne, der immer ſo mürriſchen Humors iſt, wie Ihr. Luſtig und wohlgemuth wandelt das junge Blut— auch das alte— ſagt ein altes Lied irgendwo. 133 Jakob. Meinetwegen der Teufel irgendwo, und der thät oben auch ſeinen guten Muth verlieren. Jonas. Aber ich bitt' Euch, Ihr habt es doch ſo ſchlimm nicht. Der Herr hat ein einziges Reitpferd und daneben habt Ihr nichts zu thun, wie die paar Ausgänge zu beſorgen. Jakob. Meiſter Jonas, Ihr ſprecht, wie Ihr es verſteht. Du guter Herr Gott, lieber ſämmtliche Pferde einer Schwadron beſorgen, als mit ſo alten Beinen, wie ich ſie habe, für drei Weiber, wie da oben, in der Stadt herum ſpringen. Da iſt unſere gnädige Frau, nun ja, die paſſtrt noch, Gott mög' ſie erhalten, aber ohne die Kammermamſell, die Gott nicht erhalten ſoll; denn was letztere Weibsperſon den Tag über aus⸗ denkt, das iſt gar nicht zu ſagen. Ferner haben wir noch da oben unſere Köchin, der es auch nicht möglich iſt, drei Sachen auf einmal holen zu laſſen. Und da muß der alte Jakob dann drei Mal die Treppe auf und ab ſpringen. Ja, Meiſter Jonas, es iſt hier kaum zum Aushalten. Jetzt vollends ſeit einiger Zeit iſt eine wahre Wuth, eine Leſewuth, in ſie ge⸗ fahren, und da haben ſie ein Buch, das nennen ſte Pariſer Myſterien. Sagt mir doch einmal, was ſoll das heißen, Pariſer Myſterien? Hab' mir die Sache faſt ſo erklärt. Wir hatten da anno 6 bei der Schwadron einen jungen Lieutenant, und da der, wie die meiſten dieſer Herren, den ganzen Tag faſt nichts zu thun hatte, ſo machte er beſtändig Witze, gute und ſchlechte durcheinander; aber es waren mehr von den letzten darunter. Und von dem erinnere ich mich das Wort auch einmal gehört zu haben; denn er nannte beim Stall die Grube, wo wir des Morgens Stroh hineinwarfen, nur die Stallmyſterie. Jonas. Ah, Freund Jakob, ich kenne das Buch auch; doch will es ſo etwas nicht beſagen, weit entfernt. Myſterien, ſeht Ihr, iſt ein fremdes Wort und kommt von Moſterium her, was ſo viel ſagen will wie Geheimniß. Jakob. Ah ſo, Miniſterium heißt Geheimniß. 134 Jonas. Nicht Miniſterium, Myſterium, und danach heißen Myſterien Geheimniſſe. Jakob. Na, ja, Meiſter Jonas, mag es heißen, wie es will, es iſt und bleibt einmal ein verfluchtes Buch, und verdreht alle Köpfe da oben, daß ſte an nichts Ordentliches mehr denken können, und bringt nur Con⸗ fuſtonen in's Haus. Zuerſt liest's die gnädige Frau; nun Reſpect, das geht mich nichts an, ſie iſt die Herrſchaft; dann aber nimmt es die naſe⸗ weiſe Kammerjungfer vor, und lernt daraus nichts Gutes; denn hat ſte mich ſchon früher auf alle mögliche Weiſe turbirt, ſo iſt es jetzt nicht zum Aushalten. Und was glaubt Ihr, Meiſter Jonas, zuletzt kommt die Köchin und muß das Buch auch partout geleſen haben. Jonas. Ah, die Köchin, das iſt ſtark. Ich muß geſtehen, ich kenne das Buch auch ein bischen, aber für Leute ohne ſorgfältige Erziehung iſt es Gift, pures Gift. Jakob. Mein Seel, Ihr habt Recht, denn die Kammerjungfer und die Köchin werden auch mit jedem Tag giftiger. Ich leſe nie etwas, wie ein Kriegsreglement vom Jahr 6. Da kann ich mir ſo allerhand Ge⸗ danken dabei machen. Nun aber hört weiter, Meiſter Jonas. Da ſteht die Köchin an ihrem Herd, hat den Rührlöffel in der Hand und liest, daß ihr die hellen Thränen die Backen hinablaufen. Dabei verbrennt dann die Suppe oder wir bekommen unſer Eſſen eine Stunde ſpäter als gewöhnlich. Und das iſt noch nicht Alles. Obendrein muß ich in der Küche von den beiden Weibsperſonen den ganzen Tag nichts anders hören, als wie aus dem verfluchten Buch. Haben Sie zufällig keinen Streit, ſo nennt die eine die andere Mamſell Lachtaube oder gar Marien⸗ blüth. Was das nur heißen ſoll? Haben Sie aber Streit, ſo iſt die Köchin Jungfer Nachteule und die Kammerjungfer heißt alsdann Hinke⸗ beinchen— Nun bitt' ich Euch, Meiſter Jonas. Jonas. Ja, ja, es iſt zum Todtlachen! V V 1 135 Jakab. Nein, es iſt nicht zum Todtlachen, es iſt zum Todtärgern. Hatte geſtern wieder einen Streit mit der Jungfer Nachteule— denn ich muß geſtehen, der Name gefällt mir für die Köchin außerordentlich— es war auch wieder wegen einem verbrannten Kartoffelgemüß. Da nennt mich die Perſon, weil ich ein bischen in Zorn gerathe und mit dem Eßlöffel einige heftige Actionen mache, nennt mich: Musje Schlächter! und ſetzt hinzu: Gott, es wird mich noch umbringen, wie den Sergeanten! Meiſter Jonas, was denkt Ihr davon? Ich, der ſieben Schlachten bei dem Bundesheer mitmachte, ſoll einen Sergeanten umgebracht haben? daß ich mich nun vergaß und gegen die Köchin aufſprang, könnt Ihr Euch denken, Meiſter Jonag. Was ſchrie ich, Sie, Nachteule, ich hätt' einen Sergeanten umgebracht? Ich, wart, ich werde Sie verklagen— Sie Pariſer Myſterie! Jonas. Ah, Freund Jakob, Freund Jakob, das war ein böſes Wort. Jakob. Ja, ich dank es auch nur meinem Herrn, daß ich meine beiden Augen noch habe. Der Herr überhaupt iſt noch der beſte von allen, wenn er nicht mit der gnädigen Frau über einen gewiſſen Punkt un⸗ eins wird. Jonas. Ueber einen gewiſſen Punkt, Freund Jakob, und das wäre? Jakaob. Ja, ſeht, Meiſter Jonas, der Herr iſt ſehr gut und ſehr reich, und die gnädige Frau kann Alles von ihm haben, nur hat er ſeine Mucken, wenn ſte zu viel am Fenſter ſteht, oder zu lange ausbleibt, und er weiß nicht, wohin ſte iſt. Wißt Ihr, er iſt, was man ſo nennt, eiferſüchtig. Und da gibt's oft ſchlimme, ſchlimme Scenen, wobei aber die Madame beſtändig recht behält, denn am Ende ſagt er: ja, ich habe wieder un⸗ recht, ſie weint ein Weniges, und dann iſt der Frieden wieder hergeſtellt. Ionas. Ja, ja, das iſt der Lauf der Welt, ſagt ein altes Sprichwort irgendwo.— 136 Jettchen(von oben). Jakob, Jakob! V Jakob. (Nimmt eine Priſe und macht eine abwehrende Bewegung mit der Hand nach oben.) Nur Geduld, nur Geduld, ich höre gar nichts. Jettchen(auter). Jakob, Jakob! die gnädige Frau wollen ausgehen. Jakob(ſpringt haſtig auf und nimmt ſeine Laterne). Die höchſte Ordre wird allezeit gereſpectirt. Adieu, Meiſter Jonas, Rechts um, marſch! Gut' Nacht!(Er geht hinaus leuchtet halb die Treppen hinan, ohne ganz hinaufzuſteigen.) Achter Auftritt. Vorige. Frau v. Hartmann(elegant gekleidet, kommt von oben und geht, von Jakob begleitet, durch die Hausthür ab). Jonas. Jetzt kann ich doch wieder meine Lectüre fortſetzen und hoffentlich einige Stunden mit Muße weiter leſen, ſo recht in beſchaulicher Ruhe. Es geht doch nichts über die Einſamkeit, ſagt ein gewiſſer Schriftſteller irgendwo. Doch damit mir nicht Jungfer Naſeweis von oben immer in meine Loge ſchaut, und vielleicht ſieht, was ich eigentlich leſe, will ich die Vorhänge vor meinem Fenſter etwas zuſammenziehen und mich dann ungeſtört in mein inneres Selbſt zurückziehen. So!(Sat die Vorhange zugezogen, ſetzt ſich an's Kamin und liest, wobei er ſeine Aufmerkſamkeit an dem Buche von Zeit zu Zeit durch Ausrufe und Pantomimen kund gibt; doch ſchläft er am Ende ein.) . Neunter Auftritt. 1 Jettchen erſcheint auf der Treppe und ſpäht hinab. Zu gleicher Zeit erſcheint 4 der Literat Schmidt oben. Jettchen(im Herabſteigen). So, endlich iſt es ein bischen ſtill da unten. Auch hat Meiſter Jonas glücklicher Weiſe ſeine Vorhänge zugezogen, und ſeine naſeweiſe 137 Fräulein Tochter lauert nicht immer durch die Scheiben wie gewöhnlich. — Ah, lieber Herr Doctor, man hat hier in dem Hauſe keinen Augen⸗ blick Ruhe. Den ganzen Tag bin ich ſo beſchäftigt, und nur da zu⸗ fälliger Weiſe die Madame ausgegangen, habe ich das Vergnügen, einen Augenblick mit Ihnen plaudern zu können. Schmidt. Ja, Fräulein Jettchen, Schönſte Ihres Geſchlechts, ich habe den ganzen Tag darauf gelauert, Sie zu ſehen; jede Thür, die ſich öffnete und ſchloß, machte mein Herz ſchneller ſchlagen. Jettchen. Ach, und ich verſichere Sie, ich ſpreche ſo gern mit Ihnen, ohne Complimente. Aber man klärt in Ihrem Umgange ſo ſeine Begriffe auf; es geht nichts über ein unterhaltendes geiſtreiches Geſpräch. Schmidt. Ja, ich finde das auch, mein ſüßes Kind. Jettchen.— Ach, gehen Sie doch, ſüßes Kind. Aus welchem Ihrer neueſten Romane haben Sie das nun wieder entlehnt, und wollen mir weis machen, es gelte mir? Schmidt. Ach, das iſt unſer Fluch, ſehen Sie, man glaubt uns gar nichts mehr. Und namentlich Sie, kleine Grauſame. Jettchen. Man thut ganz recht daran, namentlich Euch Herren Literaten gegenüber. Man ſagt, Ihr hättet alle Nebenabſichten. Schmidt. Ah, mein liebes Kind, Nebenabſichten, wie ſo? Jettchen. Ja, man ſagt, Ihr ſpielt nur einen kleinen Liebeshandel mit uns und copirt uns dann in Euren Werken. Und all' die Perſonen, die aus 138 dem Leben gegriffen ſind, ſind wirkliche Leute, die da gelebt haben, und deren Bekanntſchaft Ihr nur macht, um ſie abzuzeichnen. Ja wohl, mein Herr Doctor. Schmidt. O Jettchen, ich kann Ihnen auf meine Ehre verſichern, ich thue dergleichen niemals. Ich mag überhaupt den Genre der Dichtungen nicht, der, ohne Vergleichung, ſo in's Gewöhnliche hinüber ſpielt. Was könnt' es meinem Ruhme nützen, wenn ich, wie es ſo viele untergeord⸗ nete Talente thun müſſen, Scenen aus dem alltäglichen Leben ſchrieb. Wenn ich Scenen aus dem Kaufmannsſtande ſchrieb, oder Bilder aus dem Soldatenleben oder ſieben zahme Erzählungen und dergleichen mehr. Nein, mein Kind, mein Geiſt fliegt höher, ich kann nur im Genre des Erhabenen ſchreiben, nur großartige Gedichte oder Tragödien, aber nicht unter fünf Acten. Muß ich mir auch manche Annehmlichkeit des Lebens dadurch verſagen, ſo find' ich doch auch wieder Herzen, die mich verſtehen, die mich lieben.(Er drückt das Mädchen an ſich und küßt ſie.) Jettchen(entſchlüpft ihm und ſpringt an die Hausthür). Gott, was machen Sie? Daneben wohnt ja Meiſter Jonas, der Portier, und ſeine Tochter iſt immer auf der Lauer. Wiſſen Sie was, lieber Herr Doctor, ich hab' für Madame noch ein paar dringende Aus⸗ gänge zu machen. Sie werden mich begleiten, nicht wahr? Warten Sie hier ein wenig, ich werde hinauf gehen und meinen Hut nehmen. (Für ſich.) Ich muß mich ein wenig elegant machen, die Madame iſt ja nicht zu Hauſe.(Ab.) Zehnter Auftritt. Jonas(inn der Loge). Schmidt(außen). Schmidt. Ausgehen? Ausgehen? und immer ausgehen? Ich begreife nicht, was die Mädchen für eine Wuth haben an dem Spazierengehen. Ueber⸗ haupt dieſe da. Ich weiß nicht, es kommt mir ſo mit der ganzen Lieb⸗ ſchaft vor, als hätte ich wieder einmal einen dummen Streich gemacht. Was hilft's mir, daß ihre Herrſchaft eine reiche vornehme Dame iſt; ſte kann mich doch zu nichts pouſſiren, und am Ende will ſie noch gnr 139 geheirathet ſein. O weh, o weh!(Deutet auf die Portierloge.) Ich hab' eigentlich mein Glück verſcherzt, dort hab' ich es verſcherzt; denn ſeit mein Herz aufhörte, für das niedliche Röschen zu ſchlagen, und ich mich in den erſten Stock herabließ oder verſtieg, wie man will, hab' ich auf Ehre keine ruhige Stunde hier im Hauſe. O meine Gläubiger, meine Manichäer, warum müßt Ihr mich ſo plagen? warum macht Ihr Euch nicht mit meinen Manuſcripten bezahlt? Ich habe ja nichts, als was ich auf dem Leibe trage, und um Euch, Ihr Hartherzigen, zu befrie⸗ digen, werde ich nächſtens mit meinen lieben Tragödien eine Auction halten müſſen. Ich komme mir vor, wie Gretchen im Fauſt. Auch hinter mir ſteht der böſe Geiſt und flüſtert: Wie anders war es dir, Schmidt, als du noch die einfache beſcheidene Portierstochter liebteſt. Ja, da war es anders, da drang kein Gläubiger zu mir in den fünften Stock; Röschen wußte wohl, für wen ich zu Hauſe war und für wen ich nicht zu Hauſe war. O ſie wußte ganz genau, welche Briefe ſte mit einem gewiſſen Iſt abgereist zurückgeben durfte, und ich konnte dann ſpäter mit Wahrheit ſchwören, daß ich weder Rechnung noch Mahnung geſehen. Beim Himmel, die Sache iſt zu überlegen. Und was mache ich mir eigentlich aus der Kammerjungfer? gar nichts! Wenn ſich dieſer grüne Vorhang wieder für mich erhübe, wenn ſte— Teufel, ſte iſt's! Eilfter Auftritt. Voſa(die ſchon früher aus dem Innern des Hauſes in die Loge trat, erſcheint an der Thür, die nach dem Flur führt). Schmidt. Roſa. Ei, ſieh da, guten Abend, Herrrrr Doctor. Freue mich ſehr— Schmidt. Und ich erſt, Jungfer Röschen. Ich freue mich wirklich, Sie ein⸗ mal wieder zu ſehen.(Für ſich.) Teufel, was fang ich an? Sieht ſte die Kammerjungfer von oben herabkommen und mich mit ihr ausgehen, ſo bin ich verloren, denn ſie öffnet dann erſt recht meinen Gläubigern Thür und Thor. Roſa. Sie freuen ſich wirklich? Hahaha! Aber wollen Sie nicht herein 140 kommen, Herr Doctor, und meinem Vater einmal wieder die Chre Ihres Beſuchs gönnen? Oder hält Sie etwas Anderes hier unten an der Treppe auf? Warten Sie vielleicht auf Jungfer Jettchen? Nun, ich will nicht ſtören. Aber einen Augenblick, Herr Doctor! Schmidt. Ich weiß nicht, was Sie immer denken, Mamſell Röschen— ich — und— die Kammerjungfer— C(Eür ſich.) Gott, wenn ſie jetzt in dieſem Augenblick herunter käme!(Laut) Doch Sie wollten etwas ſagen, mein himmliſches Fräulein Röschen?— Koſa. Bitte recht ſehr, weder Mamſell noch Fräulein, bin nach wie vor die Jungfer Roſe. Aber es war ſchon einige Mal eine gerichtliche Vor⸗ ladung an Sie da, Herr Doctor. Nun, ich will keines Menſchen Un⸗ glück, und habe mehrmals verſichert, Sie ſeien verreist. Doch werden Sie morgen früh wieder zu Hauſe ſein, nicht wahr, Herr Doctor? Schmidt. Um Gottes willen, Mädchen, Sie ſprechen da fürchterliche Dinge. (Für ſich) Was fang' ich an? Zwölfter Auftritt. Vorige. Jettchen(im Shawl und Seibenhut, ſehr elegant, verſchleiert, erſcheint oben an der Treppe). Schmidt. Da kommt ſte ſchon die Treppe herab. Oh! Ha, das iſt ein Gedanke!(In dringendem Tone und näher zur Portierloge tretenb.) Ich bitte Sie um Gottes willen, Jungfer Röschen, entfernen Sie ſich für wenig Augenblicke von dieſem Fenſter. Ich weiß, ich hab' Unrecht an Ihnen gehandelt, doch wegen einer Kammerjungfer, nimmermehr! Was denken Sie? Mein Verhältniß— zu einer Dame von hohem Stande — um mich empor zu bringen— ich bitte Sie, ziehen Sie ſich zurück. Ach, wie könnte ich Sie einer Kammerjungfer opfern? Sie kennen ja meine Umſtände. Noſa. 8 (Tritt erſtaunt einen Schritt zurück und läßt den Vorhang fallen.) 141 Schmidt(zur Kammerjungfer ſo laut, daß man es drinnen hören kann). Gnädige Frau, ich bin ganz zu Ihren Dienſten. Jettchen. Gnädige Frau? was ſoll das heißen? Schmidt cleiſe). Man belauſcht uns! Jettchen(ebenſo). Ah ſo— die Perſon dort in der Loge— Sie wollen mich nicht comprimittiren? Wie edel! Schmidt. Machen wir, daß wir fortkommen!(Gehen nach der Hausthür.) Noſa. Nein, was zu arg iſt, iſt zu arg. Dieſer Büchermacher, dieſer Menſch vom fünften Stock, vernachläßigt mich, ein junges Mädchen, um einer verheiratheten Frau nachzulaufen; denn ich habe ſte wohl er⸗ kannt, dieſe ſaubere Frau von Hartmann.— Vater! Vater! Jonas(halb erwachend). Laß mich, Jakob Ferrand, ſpitzbübiſcher Notar, ich bin ein ehrlicher Portier, nicht für eine Million, ſagt Jemand irgendwo.— He, du, Roſe, was ſoll's? 3 Koſa. Ja, Vater, eine ſaubere Geſchichte, das. Seht nur einmal hieher. Jettchen(im Hintergrunde). Aber ſehen Sie, wie es regnet; wir können ſo unmöglich zu Fuß fort. 3 Schmidt. Ganz richtig, gnädige Frau, ich werde einen Regenſchirm für Sie borgen. Meiſter Jonas wird ſo gütig ſein.(Er eilt in den Vorbergrund.) Jettchen. Oder wiſſen Sie was, lieber Herr Doctor, holen Sie raſch einen 142 Fiaker dort von der Ecke. Ach, es ſchaukelt ſich im heimlichen Wagen ſo angenehm. Schmidt(Cfaßt verlegen an ſeine Taſchen). Gott, einen Fiaker! Ich bin heut Abend rein verloren.(Sturzt zur Hausthüre hinaus.) Jonas. (Hat ſich indeſſen langſam erhoben, öffnet die Thür der Loge und ſchaut hinaus; zu ſeiner Tochter, die hinter ihm ſteht.) Was ſoll es dann, dummes Ding? Es iſt ja Niemand, wie die Frau von Hartmann droben. Mit dem ewigen Gelärm. Mich ſo aus meiner Lectüre zu ſtören, wenn ich armer geplagter Mann die paar Stunden Abends dazu benütze, meinen Geiſt aufzufriſchen.(Laut in den Flur.) Meinen gehorſamſten Reſpect, gnädige Frau von Hartmann. Kann ich mit etwas dienen? Soll meine Tochter Ihnen hinaufleuchten? (Zu Roſa.) Sie gibt mir keine Antwort. Der Jakob iſt doch ein alter nachläßiger Kerl. Wer weiß, wo er mit ſeiner Laterne wieder hinge⸗ rathen iſt. (Hinten erſcheint ein Wagen, Schmidt ſpringt in die Hausthür.) Roſa. Hahaha, über den nachläßigen Jakob. Ich ſage zehntauſendmal, das iſt zu arg! Aber wartet nur. (Die Kammerjungfer ſteigt in den Wagen.) Schmidt(zum Kutſcher, während er einſteigt). Durch die Mohrenſtraße in's franzöſiſche Café. (Man hört Peitſchenknall und den Wagen fortfahrend.) Dreizehnter Auftritt. Jonas. UVoſu. Koſa. Habt Ihr's gehört, Vater? Habt Ihr's auch geſehen? Die Frau von Hartmann ſteigt mir nichts dir nichts in den Wagen und fährt in's franzöſiſche Café? und mit wem? Jonas. Nun, Dummheiten! mit wem? 143 Koſa. Mit dem Herrn Literaten, Doctor Schmidt. Jonas. Höre du, wahr' deine Zunge. Nur keine Verläumdungen, vor Alles keine Verläumdungen! Weißt du, was du da geſagt haſt, unge⸗ rathenes Ding! Roſa. Ja, ich weiß es und ich will es verantworten. Jonas. O über die böſe verläumderiſche Welt! Und das muß ich an mei⸗ nem eigenen Kind erleben. Doch Jugend hat nicht Tugend, heißt es irgendwo. Aber du biſt noch jung und kannſt dich beſſern. Steck deine Naſe in's Gebetbuch und laſſ' ſte machen, was ſie wollen. Und ich ſetz' den Fall, es handelte ſich um Dinge, die nicht ganz in der Ordnung wären, was geht's dich an? Ich bin ein alter Portier, im Dienſt er⸗ graut, und weßhalb bin ich im Dienſt ergraut, weil ich mich um keinen Menſchen bekümmert habe. Amen!(Es ſchlagt neun Uhr) Neun Uhr, hab' ordentlich auf die Thür Acht. Ich will auf Feuer und Licht ſehen und im Hauſe Umfrage halten, ob ich bis zehn Uhr die Thür ſchließen darf. (Nimmt ein Licht und ſteigt die Treppen hinauf.) Roſa(ſetzt ſich an den Tiſch, wo Schreibzeug ſteht). Aber ich ſage nicht Amen. Wartet nur, das muß mir an den Tag. (Sie ſchreibt.) So, die heilige unſchuldige Frau von Hartmann! ja, der Herr Gemahl hat ſo Unrecht nicht, wenn er eiferſüchtig iſt, und doch muß er immer Unrecht haben. Da weint die gnädige Frau ein bischen, und da iſt es gut. Und der ſaubere Herr Schmidt, na, ich hoffe, der Herr von Hartmann iſt ein braver Cavalier, und da wird's ihm ſchon ſchlecht gehen. Ich will ihm lehren, einem ehrbaren Mädchen etwas vorſchwatzen.(Siegelt und überſchreibt den Brief.) Vierzehnter Auftritt. Koſa. Herr v. Hartmann(kommt durch die Hausthür). Koſa. Da iſt er ſchon. Ich muß doch geſtehen, jetzt klorft mir das Herz ein wenig. Aber nein, ich habe ganz Recht. 144 Hartmann(unter der Thür der Loge) Guten Abend, mein Kind, wie geht's? Was macht Meiſter Jonas, der Papa, unſer würdiger Portier? Voſa. Danke gütiger Nachfrage, recht wohl. Hartmann. Nichts Neues für mich gekommen, Bücher, Briefe? Roſa(gleichgültig). Ich glaube nicht, Herr von Hartmann.(EFür ſich.) Soll ich?(Laut.) Ja, ich glaube— vor ein paar Minuten iſt ein Brief gekommen— ich weiß aber nicht, wer ihn gebracht hat. Hartmann. So gib ihn her, mein Kind. Wird nichts Wichtiges ſein.(Will ihn einſtecken) Doch welch eigene Handſchrift und ſo eilig geſchrieben und zu⸗ geſtegelt. Leuchte mir ein bischen, mein Kind.. Noſa(nimmt ein Licht und tritt in den Flur). (Für ſich.) Gott, ich ſoll ihm leuchten. Das wird mir doch ein bischen ſauer. Hartmann(erbricht den Brief, liest und erſchrickt). Gott im Himmel, was iſt das?—„Mein Herr, wenn Sie die Mohrenſtraße hinabeilen bis in's franzöſiſche Café, werden Sie einen gelben Wagen bemerken, mit zwei Schimmeln beſpannt. In demſelben ſitzen zwei Perſonen; die eine iſt der Literat Schmidt, die andere— Ihre Frau.“ Meine Frau?— Teufel, was ſoll das heißen?(Laut.) Wiſſen Sie, ob meine Frau ausgegangen iſt? Noſa.. Kann nicht genau dienen, Herr von Hartmann. Doch glaube ich faſt, die gnädige Frau— Hartmann. Nein, nein, bei Gott, das wär' zu ſtark, das wär' zu arg!(u Jonas, der die Treppen herabſteigt.) Meiſter Jonas, weiß er nicht, ob Jemand bei mir zu Hauſe iſt. 145 Fünfzehnter Auftritt. Vorige. Jonas. 8* Jonas. Glaube kaum, Herr von Hartmann. Es iſt da oben Alles ver⸗ ſchloſſen. Des gnädigen Herrn Köchin befinden ſich im vierten Stock bei der Malers⸗Wittwe. Hartmann(dringend). Und meine Frau? Jonas. Die gnädige Frau gingen vor einer Stunde mit dem Jakob aus. Alsdann ſchien es mir, als ſeien die gnädige Frau allein zurückgekehrt, und ungefähr vor einer Viertelſtunde fuhren dieſelben— Hartmann. Wer fuhr? wer ſind dieſelben? Jonas. Wie geſagt, es war die gnädige Frau, die vor der Thür in einen Wagen ſtiegen und— Hartmann. Aber weſſen war der Wagen? wohin fuhr ſte? So ſprecht doch, ſo ſagt doch! Wohin fuhr ſie— wenn Ihr es wißt. Was war es für ein Wagen? Roſa(welcher der Portier vergebens Zeichen machte zu ſchweigen). Wenn ich mich nicht irre, befahl man, die Mohrenſtraße hinab vor das franzöſtſche Café zu fahren. Hartmann. Wer befahl das? Meine Frau? Jonas(ſchnell). Ja wohl, die gnädige Frau ſelber, und fuhren allein fort. . BVartmann. Nein, Ihr belügt gtich Ich weiß es ganz genau, ein Freund Hackländer, Vermiſchtes. 10 146 von mir ſtieg noch in den Wagen. Ich weiß es, nicht wahr? ein junger Mann? 4 Noſa. Ja, Herr von Hartmann, es kam mir auch ſo vor. Hartmann. Nicht wahr? o ich wußte es! Gerechter Gott!(Stürzt ab.) Sechzehnter Auftritt. Jonas. RKoſe. Jonas(nach einer Pauſe). Was ſoll ich jetzt mit dir thun? Wie ſoll ich dich beſtrafen, unge⸗ rathenes Geſchöpf? Was haſt du mit deiner Plauderhaftigkeit ange⸗ richtet? Und nur Plauderhaftigkeit allein? O nein, es ſteckt Schlim⸗ meres dahinter. Ich ahne eine merkwürdige Verrätherei, eine complicirt zuſammengeſetzte Unthat. Roſa. Ich weiß gar nicht, was Ihr wollt, Vater. Was denn für Plau⸗ derhaftigkeit? oder gar Verrätherei und Unthat? Was ſoll ich denn wieder angefangen haben? Jonas. 4 Wegen dem Brief, dem Brief. Wer hat den Brief geſchrieben? O mir ahnet was. Noſa. Ei was, mit dem Brief, der iſt eben gebracht worden. Jonas.„— 46 Ohhh! Nein, er wurde nicht gebracht.(Geht, wie nachdenkend, haſtig auf und ab.) Ich ſag' es noch einmal, er wurde nicht gebracht, und es iſt eine ſchlimme That, eine ſchlimme That.(Plötzlich vo Noſa tretend und ſehr laut) Du, du haſt ihn geſchrieben, Ungerathene! Du haſt deine Herrſchaft verrathen; denn Frau von Hartmann iſt theilweiſe deine Herr⸗ ſchaft. Ja, ihr gehört dies Haus, und dies Haus iſt deine Heimath, dein 128 147 Vaterland. Alſo haſt du dein Vaterland verrathen, und ſolche That muß feierlich geſühnt werden, heißt es irgendwo— auf Erden!(ieht ſein Bandelier an und ſetzt ſeinen Hut auf.) Koſa. Und wenn ich den Brief wirklich geſchrieben hätte, wäre es nicht recht von mir geweſen? ja, ganz recht; ich hab' die Frau von Hartmann nicht verrathen, aber ſte hat ihren Mann verrathen. 4 Jonas(mit Pathos.) Du mein eigen Fleiſch und Blut, haſt die Herrſchaft verrathen, der ich lange treu und redlich gedient. Wie ich mich ſchon herabließ, dir auseinander zu ſetzen: du haſt dein Vaterland verrathen.(Cegt die Hand an den Degen.) Da war in Rom ein alter Römer, hab' ich irgendwo ge⸗ leſen, deſſen Kind hatte ebenfalls das Vaterland verrathen— und was thut jener alte eisgraue Römer? ſagt ein gewiſſer Leſſing irgendwo. Er nahm ſein Schwert, und— Noſa. Aber, Vater, was fällt Euch denn ein? Ich glaube wahrhaftig, Ihr lest zu viel in den Büchern, wovor Ihr mich ſo ſehr gewarnt habt. Jonas(wiſcht ſich die Stirn) Danke Gott, daß wir im neunzehnten Jahrhundert leben und ich kein alter eisgrauer Römer bin. Da, nimm meinen Hut— ich werde dich noch einſtens fürchterlich beſtrafen— und hier mein Bandelier. Höre, ich ſage dir, beſſere dich, meine Tochter, beſſere dich, oder— ich werde dich enterben. Roſa(ſieht ſpöttiſch die beiden Sachen an, die ſie in der Hand hat). Da ich weder dies noch dies brauchen kann, und es doch unſer ganzer Reichthum iſt, ſo wird die Strafe nicht ſo ſchrecklich ſein.(Lachend ab.) Jonas. Geb' Einer ſeinen Kindern eine gute Erziehung— ſagt Jemand irgendwo— ſo werden ſie Einem am Ende über den Kopf wachſen. Die Welt liegt ſehr im Argen, und wenn man nur abſehen könnte, was aus der Geſchichte mit der Frau von Hartmann noch Alles entſteht. 148 Siebenzehnter Auftritt. Jonas. Schmidt. Gleich darauf Jettchen, mit einem Kutſcher. Puleßt oſa. Schmidt. (Iſt während der letzten Worte eilig burch die Hausthür gekommen, und tritt in die Loge.) Meiſter Jonas, ich bitt' Euch um Gottes willen, thut mir eine kleine Gefälligkeit; ich bin ſehr in Verlegenheit, habe da einen Wagen zu bezahlen— und Sie verſtehen mich ſchon, eine Dame— eine Be⸗ kannte von mir— und da müßt ich erſt die vier Treppen hinaufſteigen — und das dauert viel zu lange— Jonas. So, junger Mann, eine Dame! O Gott, was man nicht Alles erleben muß in dieſer Welt. Junger Mann, junger Mann! Sie treiben ein fürchterliches Handwerk, ſagt Schiller irgendwo. Haben Sie denn nicht bedacht, was Sie durch Ihren Leichtſtnn auf's Spiel ſetzen. Die Ruhe, das ganze Glück eines braven Familienvaters— Schmidt. Aber, mein Gott, Meiſter Jonas, ich verſtehe Sie kein Wort. Was wollen Sie denn mit Ihrem Familienvater? ich hab' ja nichts der Art, weder Hund noch Katze. Aber noch einmal bitte ich Sie dringend — leihen Sie mir für den Augenblick zwei Gulden, ich bringe ſie Ihnen gleich wieder herunter. Jonas.* Abgeſehen davon, daß es gegen meine Grundſätze iſt, Geld zu ver⸗ leihen, ſoll ich Ihnen helfen, meinen Herrn zu betrügen. Schmidt(bringender). Aber wie denn betrügen? Ich bitte Sie. Gott, da iſt ſe ſchon! (Tritt aus der Loge in den Flur und zieht die Logenthür hinter ſich zu.)* Jettchen(der ein Kutſcher folgt, welcher im Hintergrunde bleibt). Oh, Herr Literat Schmidt, machen Sie ſich durchaus keine Mühe. Glauben Sie nicht, daß Sie wegen meiner nöthig hätten, ſich an Jemand 8 1 4 anders zu wenden, nur finde ich es von Ihnen höchſt— ach, ich nef nicht, wie ich es finden ſoll— O Herr Schmidtt f * — 149 Schmidt.„ Aber ich bitte Sie, Fräulein Jettchen— es gibt im Menſchenleben Augenblicke— Jettchen. Wo man kein Geld hat, ja, ich weiß das wohl. Aber ein junges unſchuldiges Mädchen möglicher Weiſe in ſolche Verlegenheiten bringen — o Gott, es iſt ſchrecklich! Wenn Sie künftig wieder eine Dame in ein Café nöthigen, ſo vergeſſen Sie Ihre Börſe nicht wieder. O Gott, ich bin blamirt. Schmidt. Aber, mein Fräulein, ich weiß mich genau zu erinnern,— was das Nöthigen betrifft— Jettchen. So, ſo, Sie hätten mich nicht genöthigt? Schmidt. Daß ich in der That nicht wüßte! Ich dachte an einen ſchönen Spaziergang mit Ihnen. Sie aber nöthigen mich einen Wagen zu neh⸗ men und nöthigen mich ferner, dem Kutſcher zu befehlen, vor das fran⸗ zöſiſche Café zu fahren.(Mit einem Blick auf die Logenthür.) Aber ich bitte Sie, laſſen Sie Ihren Schleier fallen, man beobachtet uns. Noſa. (Die inzwiſchen in die Loge getreten und ſich mit ihrem Vater durch Zeichen unterhalten hat.) Seht Ihr nun, Vater, wegen der Verläumdung, ſeht Ihr die un⸗ ſchuldige Frau von Hartmann! Hab' ich nun nicht ganz Recht gehabt. Jonas. Leider Gottes! Scala Dei, ſagt der Lateiner irgendwo. Aber Recht oder Unrecht! die gnädige Frau iſt die Hälfte meiner Herrſchaft, und um noch größerem Uebel vorzubeugen— wenn der Gemahl jetzt nach Hauſe käme— muß ich ſie warnen.(Seffnet die Thüre.) Schmidt. Aber ich bitte Sie nochmals, laſſen Sie Ihren Schleier fallen. * * 150 Jonas. Gnädige Frau von Hartmann, dürfte ich Sie zu Ihrem eigenen Vortheil erſuchen, einen Augenblick einzutreten.. Jettchen. Was Schleier fallen laſſen, da mich Unglückliche alle jungen Leute im franzöſtſchen Café erkannt. Und was will denn der Meiſter Jonas mit ſeiner gnädigen Frau? Jonas. Gott, es iſt die Kammerjungfer. Noſa. Was hab' ich gemacht. Janas(im höchſten Zorn). Siehſt du, ungerathene Verläumderin, ſiehſt du, boshafte Perſon? Mein Schwert, mein Schwert, ſagt ein gewiſſer Shakespeare irgendwo. Achtzehnter Auftritt. Vorige. Herr v. Hartmann(erſcheint eilig an der Hausthür). Koſa. Da iſt der Herr von Hartmann. Jettchen(indem ſie den Schleier fallen läßt und in die Loge eilt). Der Herr! Und ich im Hut und Shawl der gnädigen Frau? Hartmann. Sie entfliehen mir nicht; Sie ſind erkannt. Und auch Sie, mein Herr, folgen Sie.(Mit kaltem Tone zu Zettchen.) So find' ich Sie endlich? So muß ich Sie finden? O Gott, was hab' ich Ihnen gethan, daß Sie meinen Namen ſo preis geben, Undankbare?(Zettchen macht Miene zu ſprechen) Schweigen Sie! Reden Sie wenigſtens hier nicht vor dieſen Zeugen. Es bedarf ſo nicht vieler Worte mehr, Madame. Wir werden bald fertig mit einander ſein. + Aber, Herr von Hartmann— Hartmann. Und Sie, mein Herr, der mit ſo frecher Stirne nehen mir ſteht. Wenn ich auch Mittel in Händen habe, Sie hinter den Mauern des Schuldgefängniſſes für längere Zeit unſchädlich zu machen, ſo will ich mich doch herablaſſen, zuerſt einen Gang mit Ihnen zu thun. Jonas. Aber, lieber gnädiger Herr, Sie irren— Hartmann. Ha, jetzt iſt es mir zu verzeihen, wenn mein kaltes Blut anfängt zu kochen. Das muß ich an ihm, meinem eigenen Diener erleben. Warum hat er mir vorhin die ganze Sache verheimlichen wollen? Warum hat er mit dieſer Dame unter einer Decke geſpielt?(3u Jettchen.) Sehen Sie, Unwürdige, ſo zwingen Sie mich, über Ihre Schande mit dieſen Leuten zu reden. O Madame, danken Sie es einem Reſt der thörichten Liebe, die trotz all dem Schrecklichen, was Sie mir ange⸗ than, noch in dieſem Herzen für Sie lebt, daß ich Ihre Schande nicht an dem öffentlichen Orte, wo ich eben herkomme, oder auf den Straßen nicht jedem zugerufen habe, der ſie hören mag. Wo ſind jetzt Ihre Thränen, mit denen Sie mich ſo oft zu beſänftigen vermochten und denen ich Narr beſtändig glaubte? Neunzehnter Auftritt. Vorige. Frau v. Hartmann und Jakob mit der Laterne ſind unterdeſſen hinten eingetreten, und die Erſtere ſteigt ein paar Stufen die Treppen hinan und bedeutet Jakob, ſich um die Urſache des Wortwechſels zu erkundigen. Jakob(an der Logenthür). Gnädiger Herr! Hartmann. Was will er? 152 Jakob. Die gnädige Frau von Hartmann laſſen Sie erkundigen, was hier vorgehe. Hartmann. Wer ſagſt du, die gnädige Frau, meine Frau? Aber um's Him⸗ mels willen, ſte iſt ja hier; was willſt du? . Jakob. Bitt' um Entſchuldigung, gnädiger Herr, die gnädige Frau kom⸗ men ſoeben aus der Theegeſellſchaft nach Hauſe, und ſind hier auf der Treppe. * Jettchen(wirft ihren Schleier zurück). O verzeihen Sie mir, gnädiger Herr! Jonas Cfällt in ſeinen Lehnſtuhl). Blendwerk der Hölle, ſagt Jemand irgendwo. (Während des Folgenden ſpricht Schmidt eifrig mit Roſa im Hintergrund.) Hartmann. (Stürzt aus der Loge, während Jettchen eilfertig Hut und Shawl abnimmt.) Guten Abend, mein Kind. O es iſt hier unten nichts, gar nichts, Meiſter Jonas hat wieder einmal Dummheiten gemacht, Briefe verwech⸗ ſelt, du weißt wohl!(Während Frau von Hartmann langſam hinaufſteigt, zu Jett⸗ chen, die hinzugeeilt, als wollte ſie um Verzeihung bitten.) Du ſchweigſt, verſtehſt du mich? . Jettchen. O Gott, das will ich ja gern thun, aber Sie, gnädiger Herr— Hartmann. Ich verzeihe dir für dießmal. Jettchen. 8 (Für ſich.) Aha, ſo!(Laut) Ach, gnädiger Herr, tauſend Dank! (Hartmann folgt ſeiner Frau.) Jakob, Jakob! Jakob. Was ſoll's, Jungfer Jette? 153 Jettchen. (Für ſich.) Der gnädige Herr wird ſich hüten, mich zu verrathen, ich kann’s ſchon wagen.(Laut) Sie ſollen den guten Mann da für eine Fahrt bezahlen, hat der gnädige Herr befohlen.(Zornig gegen die Loge.) Das war einmal mit dir ſpazierengefahren, aber in meinem Leben nicht wieder.(b über die Treppe.) Jakob. Hohe Ordre wird jedesmal reſpectirt, Jungfer Jette.(Zieht den Geldbeutel.) Komm her, mein Freund, was bekommſt du? Kutſcher. Bin durch die Mohrenſtraße bis vor's franzöſtſche Kaffeehaus ge⸗ fahren. Das kann ich nicht unter zwei Gulden thun. Jakob. Zwei Gulden? Höre, mein Freund, du ſcheinſt mich über's Ohr* hauen zu wollen. Aulcher. Ja, das iſt mir Alles gleich. Warum haben Sie nicht mit mir veraccordirt? Jetzt muß ich meine zwei Gulden haben. Jakob(gibt ſie ihm, worauf der Kutſcher abgeht). Ja, ja, ſo iſt das Volk. Nach Cannſtatt fahren ſte für 48 kr., aber wenn ſo ein Kerl einmal in der Stadt zwei Schritte fahren ſoll, ſo ſind ſte unverſchämt und verlangen zwei Gulden.— Meiſter Jonas, ich meld' ihm, daß bei mir Alles zu Hauſe iſt. Kann meinetwegen das Haus ſchließen, wird ohnedem gleich zehne ſchlagen. Jonas. (Der wie betäubt in ſeinem Lehnſtuhl gelegen, nimmt die Schlüſſel und geht hinaus.) Ja, Freund Jakob, ich könnt' Euch von heute Abend viel erzählen, da waren ſaubere Geſchichten. Na, ich hoffe, wir haben ſpäter einmal die Zeit dazu. Gute Nacht! Jakob. Noche eine Priſe, Meiſter Jönas. Gut' Nacht!(Ab) 154 Noſa. Wie können Sie eigentlich verlangen, Herr Schmidt, daß ich Ihnen glauben ſoll nach all' den Geſchichten— Schmidt. Ach, wie oft ſoll ich es Ihnen wiederholen: ich habe die heutige Parthie nur veranſtaltet, um der zudringlichen Perſon los zu werden. Laſſen Sie uns Frieden ſchließen. Noſa. Ja, ich weiß wohl, weßhalb Sie wieder mit mir gut ſein wollen. Und was mach' ich denn mit der Vorladungsgeſchichte auf morgen? Schmidt. 4 Laſſen Sie mich verreist ſein; ich bleibe dann den ganzen Tag zu Hauſe und kann ungeſtört an Sie denken; bitte, bitte, nicht wahr, mein himmliſches Röschen? Roſa. Nu, meinetwegen, wenn Sie mir verſprechen, der naſeweiſen Kam⸗ merjungfer oben zu zeigen, wo ſie her iſt. Schmidt. Das ſoll geſchehen, auf mein Wort. Und nun gute Nacht!(Eilig ab.) Jonas(der inzwiſchen die Hausthür geſchloſſen). So, das wär' abgemacht. Hab' in der That einen ſauren Abend gehabt, nicht nur wegen der äußern Mühſeligkeits⸗Fatiguen, ſondern auch mein Inneres(zeigt auf ſein Herz) war ſchmerzlich berührt.(In ſeine Loge tretend.) Du auch noch da? Marſch in deine Schlafkammer. Und thu' dein Nachtgebet etwas ſorgfältiger einrichten als gewöhnlich, damit dir das Unrecht verziehen werde, das du begangen. Die Sache wegen der Enterbung werd' ich mir näher überlegen. Ich aber halt' es wie immer mit dem unſterblichen Schiller, der irgendwo ſagt: Ich denke einen langen Schlaf zu thun; . Sorgt, daß ſie nicht zu zeitig mich erwecken. Gute Nacht! Fühlſt du unnennbar ſüße Luſt. 1836. — Tritt leiſe ein! es öffnet ſich ein Grab Und dich durchſchauert ein vergangen Leben. Sieh die Geſtalten! ſte erheben Ihr Haupt und ſchauen ernſt herab. Tritt ein, es iſt ein ſtilles Grab, Es nimmt dir Leid und Kummer ab. Verläßt dich nicht ein tiefgefühlter Schmerz, So wie du eintrittſt in die ſtillen Hallen? Muß dir die Oede nicht gefallen, Die dich umgibt?— Es fühlt dein Herz Sich unbewegt in äußrer Qual, So heimiſch hier im Frühlingsthal. O blick umher! da ſiehſt du Berg und Wald Als Wall und Mauer ſchützend dich umgeben: Du biſt allein mit deinem innern Leben; Die Ouelle rauſcht, der Vögel Lied erſchallt. Da ward dir wohl, in tiefer Bruſt Abtei Heyſterbach im Siebengebirge. 158 Doch ſieh den Plan: iſt's nicht ein Traum, Wie er ſich hebt und mahnt an alte Zeiten? Ein wunderlicher Bau— es gleiten Viel Schatten durch den öden Raum; Und Säulen treten dort hervor, Ein alt verfallner Kirchenchor. Ein Kirchenchor? es iſt ein Leichenſtein; Denn wie ein mooſtg Kreuz auf ödem Grunde, Gibt's mir von längſt Entſchlafnen Kunde, Und jede Säule wird ein Name ſein, Und jede, jede führt den Blick In eine alte Zeit zurück. Es iſt ein halb vermodert Pergament, Mit wild verſchlung'nen Hieroglyphen, Das mir viel Träume, die ſchon ſchliefen, Im Herzen wecket und mit Namen nennt;—— Ein Pergament in Farben grau und grün, Mit Gold, wenn Sonnenſtrahlen drüber glühn. O träumend lag ich hier wohl manche Nacht Und hab' vom Stein und Pergament geleſen; Durch ſüße Mährchen bin ich raſch geneſen Von wilden Träumen, die ich hergebracht; Und vieles grub ſich in mein Herz hinein, Was ich geſehn im hellen Mondenſchein. Es ſteht ein Weihſtein vor dem alten Chor, Von grauem Steine, halb verwittert, Und Immergrün, das ihn umgittert, Und Epheu wächst am morſchen Fuß empor Auch wilde Roſen ſehn ihr lieblich Bild, Im nächt'gen Thaue, der das Becken füllt. 159 Hier lag ich denn und hörte wunderbar Um Mitternacht ein ſeltſam Klingen; Mir war's, als hörte ich Choräle ſingen, Von vielen Stimmen hell und klar, Vermiſcht mit Orgelton, deß tiefer Klang Mir zauberhaft zu Herzen drang. Und mit Entſetzen in dem nächt'gen Feld Sah ich die alten Mönche ziehen, Und ſelbſt die Nacht ſchien bang zu fliehen, So wie der Blick der Todten auf ſie fällt. Sie ſchreiten paarweis aus der Sakriſtei Und an dem Weihſtein kommen ſie vorbei. Es rauſcht die Roſe und das Immergrün, Es dröhnt der Stein, da in das Becken Sie alle nun die dürren Hände ſtrecken, Und ſich bekreuzend langſam weiter ziehn. Wie Sterngeflimmer rings erhellt Der Thau, der ihrer Hand entfällt. So ſah ich ſte— ſo ſah ich manche Nacht, Wenn Mond und Thau den prächt'gen Schleier weben, Wie in der Mitternacht ein fremdes Leben Aus altem Grab, aus Staub und Schutt erwacht— So tritt die früh're, längſt erſtorb'ne Zeit Aus Nacht und Traum in neue Wirklichkeit. NMachts im Walde. * 4 1836. ¼ Es ſtehn die Eichen beiſammen, die Zweige trüb geſenkt, Um ihre rieſigen Leiber der Nebelmantel hängt. Sie ſchüttelten die Wipfel, es wall'n wie Trauerflor Die langen naſſen Flechten umes ſtille Rieſenchor. Die kleinen Sträucher halten die Blätter vor's Geſicht, Die Gräſer und die Mooſe weinen und lachen nicht; Denn heute haben die Menſchen eine Eiche umgehaun, Um aus dem edlen Holze einen Galgen zu erbaun. Bie ſieben Muſikanten. 1838. 4 Einſt zogen ſteben Muſikanten In unſer Dörfchen herab An einem Frühlingstage— Ich war noch ein kleiner Knab',— Sie ſpielten luſtige Lieder Und hießen die ſteben Gebrüder. „Aus fernen Landen drüben; Der Schnee zerſchmolz, der Frühling kam, Und hat uns fortgetrieben. Wir ſpielen luſtige Lieder Und heißen die ſieben Gebrüder. u 6 Ich frug die Sieben:„Wo kommt ihr her?“— Nach Jahren erſchienen ſte wieder I An einem Sommertag; Ich tanzte mit meinem Liebchen 3 Unnter der Linde am Hag. Es kamen nur fünfe wieder, Die hießen die ſteben Gebrüder. Hackländer, Vermiſchtes. 162 Ich frug die Fünfe:„Euch fehlen zwei, Wo ſind die Beiden geblieben?“— Sagt Einer:„Des Herbſtes große Fluth Hat elend ſte weggetrieben.“ Ihm rollt eine Thräne nieder; Sie ſingen jetzt andere Lieder. Nach vielen Jahren im Herbſte,— Erkaltet war Liebchens Treu'— Da kamen ſie wieder und ſpielten Eine ernſte Melodei. 8 Es kamen nur dreie wieder, Die hießen die ſteben Gebrüder. Die drei frug ich:„Ihr ſpielt ſo ernſt Und habt wieder zwei verloren?“ Sagt Einer:„Im letzten Winter war's kalt, Da ſind die Beinen erfroren; Wir können nur ernſte Lieder Spielen ohne die Brüder.“. Einſt klang es Nachts im Winter Wie Trauermelodie; Schnee lag auf der Liebſten Grabe— Ich fand im Zwielicht früh Erſtarrt, erfroren die Glieder, Den letzten der ſteben Gebrüder. Auf der Wache. 1840. I. Vor ſinem Fort ſtand ich allein auf Wacht, Und hatte freie Audienz gegeben Den Träumen, die in ſtiller Sommernacht Geheimnißvolle, ſüße Bilder weben. Er ragte ſtolz empor, der Feſtungsbau, Und gleich dem Baum, den gift'ge Früchte kränzen; Denn durch das Laub, die Mauern fahl und grau, Sah ich die tödtlichen Geſchoſſe glänzen. Rings lag die weite Eb'ne um mich her, Und däuchte mir, vom Zauberlicht des hellen Mondſcheins beſtrahlt, ein unermeßlich Meer, Und wallendes Getreide ſind die Wellen. 4 164 Darinnen liegt das Fort, ein Kriegesſchiff; Ich blieb allein mit den gigant'ſchen Maſſen. Es iſt geſtrandet auf dem Felſenriff, Im großen Boot hat Alles mich verlaſſen. Dort liegt das Land, und auf dem Land mein Glück, Ich aber bin von Wellen rings gehütet; Mich hält das Schickſal und mein Wort zurück Auf dieſem Wracke, wo die Peſt gewüthet. Ha! Phantaſten! Hätt' ich bald geglaubt, Daß in der Ferne dort ein Nachen käme, Vom Ruderſchlag das Waſſer Silber ſtaubt', Und mich der düſtern Einſamkeit entnähme. Es war ein Traum, dieß iſt mein Schilderhaus, Hier iſt mein Säbel, aus des Schloſſes Hallen Schreit eine Eule in die Nacht hinaus; Ich bin der armen Wirklichkeit verfallen. .ᷣ II. Im Schloßhof ſchritt ich lange hin und her; Dumpf ſchallt mein Tritt, ich phantaſirte wieder, Wie wenn ich auf dem Platz verfeyet wär', Um mich im tiefen Zauberſchlaf die Brüder. 165 Sie ritten in das Schloß vorwitzig ein, Die Drachen und die Rieſen zu beſiegen; Die ſchönen Königstöchter zu befrein, Die tauſend Jahre hier verzaubert liegen. Die Armen ſtehn mit hochgeſchwungner Wehr, Wie ſie, zum Hieb bereit, der Bann befallen. Sie zu befreien, ſtürmte ich hieher, Und bin nun ſelbſt gefangen in der Fallen. Und wär die Fee nicht, welche für mich wacht, So würd' ich auch jetzt hier als Steinbild prangen; Doch ſo hält mich des Zaubers ſchlimme Macht In dem Rayon des Schloſſes nur gefangen. Du ſüße Fee, es glänzt des Nachtlichts Schein Aus deinem Haus durch Laub und Mauerlücken. O! ſchließe mich in deine Träume ein, Das wird dem Zauberbanne mich entrücken. Wie— kommſt du ſelbſt? ich höre fernhin ſchon Hell durch die ſtille Nacht ein zaubriſch Klingen; Doch nein— es iſt des Poſthorns muntrer Ton. Ein Wagen kommt ſo früh, was mag er bringen? Es iſt vielleicht ein glücklich, liebend Paar, Die ſüß dem Morgenroth entgegen träumen, Ein gutes Omen iſt es mir fürwahr; Die Liebe naht ſich dieſen oden Räumen. 166 Halt, werda!— Poſtillon.— Was bringſt du hier?— Ach Herr, ich führe gar betrübte Waare, Im Wagen liegt ein ſtiller Paſſagier, Ein todter Mann, den ich nach Hauſe fahre. III. Die ernſte Nacht betritt ihr Reich Und zieht den Schleier über uns zuſammen, Den dunkeln Schleier, prächtig reich Mit Gold verbrämt und rings geſtickt mit Flammen. Noch wallt er um die Königin, Vom raſchen Flug erregt in ſchönen Falten, Und nun allmählig ſinkt er hin Auf mich, vom Mond, dem Diadem gehalten. Ich ſteh' auf Wach' am Pulverhaus, Es ſummt und ſurret in der Stadt die Menge, Verworren dringt's zu mir heraus, So wie des Zapfenſtreichs gedämpfte Klänge. Nacht ſpricht mit mir und Windeswehn, Von Kugelhaufen bin ich rings umgeben, Die ſich erzählen, was geſchehn In ihrem kurzen, mörderiſchen Leben. 167 Euch Kugeln ſchütz' ich alle gleich, Iſt meine treue Sorgfalt nicht verloren!— Und wird wohl eine unter euch Zum Dank mir einſt die Bruſt durchbohren? Erinnerungen. Auf dem Balkan. 1840. Es war ein Abend wunderſchön, Der Himmel voll goldener Streifen, Wir ließen von des Berges Höhn Den Blick in die Ferne ſchweifen. Im Thale ſtieg der Nebel auf, 3 Die hellen Farben erbleichen, 2 Es ſucht das Wild im raſchen Lauf Den dunkeln Wald zu erreichen. Wir ſtanden ſtumm und ſahn entzückt Den Abend am Himmel thronen, Wir ſahn die Felſen rings geſchmückt Mit goldenen Sonnenkronen. 169 Und nur das Herz fühlt nicht die Pracht— Es muß in die Ferne ſtürmen, Wo dort ſich in der dunkeln Nacht Die blauen Gebirge thürmen. 2 Es fliegt als Traum der Heimath zu, Und flüſtert mit leiſem Wehen Der ſüßen Liebe in heimlicher Ruh, Wie ſchön es ſei auf den Höhen. Adrianopel. 1840. Ruhend auf dem weichen Kiſſen Unter einer Rebenlaube, Naſcht' ich ſaftige Melonen Und das Blut der ſüßen Traube. Duft'gen Kaffee in den Händen Sitzt der Mohr am Kohlenbecken, Nach der friſchgeſtopften Pfeife Brauch' ich nur die Hand zu ſtrecken. Schon war ich ein ganzer Türke, Saß gedankenlos und lauſchte, Wie durch der Cypreſſen Spitzen Ueber mir der Nachtwind rauſchte; 170 Sah die blauen Abendnebel Rings aus Thal und Klüften ſteigen, Und die Blumen leiſe ſchlafen Bei der Mücken luft'gem Reigen. Auf dem Minaret den Iman Hört' ich hell und deutlich ſingen, Und mein Herz es war ſo ruhig, Kaum begann es mitzuklingen. War geheilt und dachte nimmer, Was es einſt ſo ſchwer empfunden, Nicht der Heißgeliebten Härte, Keiner Schmerzen, keiner Wunden. Doch allmählig auf den Bergen Glüht es ſilbern, wird es heller; Weiß doch nicht, warum ſo plötzlich Schlagen meine Pulſe ſchneller. Weiß doch nicht, warum ſo plötzlich Fühl' ich jetzt ein tiefes Wehe, Fühl' es, wie ich in des Mondes Volle blaſſe Scheibe ſehe. 171 Fühle, daß aus meinem Herzen Alle Ruhe iſt verſchwunden, Daß im hellen Mondenſcheine Friſcher bluten ſeine Wunden. Und es fließen meine Thränen Bei dem bleichen Mondenſcheine; Denn er iſt ſo bleich wie damals, Als ſie ſprach: ſie ſei die meine. Am Strande. 1841. In heller, wundervoller Abendſtunde Saß ich im deutſchen Land mit den Genoſſen Beim Wein, und treue deutſche Lieder floſſen Aus unſern Herzen und aus unſerm Munde. Dann waren Wald und Thal mit uns im Bunde Und wiederholten freudig unſre Lieder, Und heller ſchien der Mond auf uns hernieder, Wenn ſo wir jubelten aus Herzensgrunde. Das deutſche Lied hat nimmer uns verlaſſen, 'S war unſer Lieb und ging auf allen Wegen Mit uns, durch Sonnenſchein, durch Schnee und Regen, Durch weite Thäler und durch enge Gaſſen; So weit der Fuß betrat die deutſche Erde Stets aufgeräumt mit fröhlicher Geberde. 172 Als ich am Meeresſtrande jüngſt geſtanden, Und niederſchaute in die blauen Wogen, Sind plötzlich Töne meiner Bruſt entzogen Und Worte, die mich wunderbar umwanden: Es war ein Lied aus meinen Heimathlanden, Ein einfach deutſches Lied nach ſchlichter Weiſe, Das hundertmal ich ſang in eurem Kreiſe,⸗ Wenn wir beim Weine uns vereinigt fanden. Doch jetzt! mich trafen ſeltſam fremd die Klänge, Nicht freudig tönten Berg und Thal ſie wieder, Dumpf grollt' das Meer, fremd ſah die Palme nieder, Die Möve ſchrie— kein Freund, der mit mir ſänge. Ich ſtand allein und ſah das Meer ſich dehnen Unendlich weit— und trocknete zwei Thränen. —— ö MMLarrrauxwummmaqgaaan