ůMR-.-—= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otlkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen muſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„„—„ 9„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen K der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——y ⸗ P II. 8 5— 5 82 5 — — 2 45 2 F 4 Der Augenblick des Glücks F. M. Hackländer. Zweiter Band. 4 4 8 Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1857. ————j— Gedruckt bei K. Fr. Hering& Comp. in Stuttgart. 8 Inhalt. Seite XII. Kapitel. Ein freundſchaftliches Souper.... 1 XIII.„ Wiederum im Kabinet des Regenten. 39 XIV., Eine goldene Brücke....... 69 XV.„ Keine Roſe ohne Dornen..... 101 XVI.„ Roſa.......... 154 XVII.„ Augenblicke des Glücks......183 XVIII.„ Beſchließt vielleicht langweilig.... 218 Der Augenblick des Glücks. Zwölftes Kapitel. Ein freundſchaftliches Souper. Am Hauptgitter, welches den Park von der Straße trennte, wendete ſich der Photograph mit nochmaligem Danke links der Stadt zu, während der Andere auf das Schloßgebäude zuſchritt, und durch eine kleine, ihm bekannte offene Thür in das Innere trat. Es mochte acht Uhr ſein, Corridors und Treppen waren hell beleuchtet, die Poſten ſchritten gleichförmig auf und ab, und Herr von Fernow begegnete, während er durch das Gebäude ſchritt, keinem Bekannten. Nur hie und da glitt ein Bedienter eilfertig vorüber, die Zubereitungen zum Thee oder Souper für irgend eine Hofdame tragend. Aus dem Hauptportal trat der Major auf die große mit Orangenbäumen beſetzte Terraſſe, von wo aus man die ganze Stadt überſehen konnte, und von wo aus man auch rückwärts blickend, die Zimmer der Prinzeſſin Eliſe ſah und über denſelben die Fenſter, welche zur Wohnung des Fräu⸗ Hackländer. Der Augenblick des Glücks. II. — Zwölftes Kapitel. leins von Ripperda gehörten. Letztere waren matt, die erſteren hell beleuchtet. Herr von Fernow wandte ſich mit einem langen, innigen Blick den letzteren zu und dachte ſeufzend:—„Wer da einen Vorwand hätte, um mich nur auf einen Augenblick eintreten laſſen zu dürfen, nur einen Augenblick, nur um ſie zu ſehen, wie ſie vielleicht in irgend einem Fauteuil ruht, den Kopf verſtohlen auf die Hand ſtützt und an dies und das denkt.— O, an dies und das! Wer iſt wohl ſo glücklich, das Dies und Das zu ſein?“ — Es war Furcht vor zu großem Glück, daß er alſo dachte, und in dem andern Augenblick, als er wohl fühlte, daß ſein Herz heftiger ſchlug, wagte er ſich zu geſtehen, daß er wohl ſelbſt das Dies und Das wäre, und daß ein Mädchen wie Helene, nachdem ſie ihm einmal geſtanden, ſie liebe ihn ein wenig, warm und innig an ihn denke.— Ja, er war glücklich; denn wie mußte der geliebt ſein, dem dies ſtolze energiſche Mädchen, wenn auch noch ſo flüchtig die Hand gedrückt. Und das hatte ſie gethan. Ja, an jenem Abend und geſtern abermals, als er ſie in den Wa⸗ gen gehoben. Auf das hin kam Fernow die eigene Hand wie geweiht vor, und er betrachtete ſie lange und aufmerk⸗ ſam und küßte die Stelle, wo ihre Finger geruht. Zu gleicher Zeit hob er die alſo geküßte Hand empor und winkte damit ein Mal, zwei Mal, drei Mal zu den erleuch⸗ teten Fenſtern. Ob ſie das fühlte? Wir glauben faſt; denn wir glauben an die Kraft jener allgewaltigen Liebe, die in — einem geheimnißvollen Rapport ſteht mit ihrem Gegen⸗ ſtande, die es fühlt, ohne es zu ſehen, wenn das Auge des Geliebten auf ihr ruht oder wenn er in der gleichen 3 Sekunde, wie ſie, mit glühenden, hingebenden Gedanken ſich in den Anblick der glänzenden Mondſcheibe verſenkt, oder in das Flimmern irgend eines Sternes, den beide bei einer andern Gelegenheit gefunden, als ſie neben einander ſtanden, ſich leiſe mit der Hand berührend, ſo leicht und leiſe, daß die Finger ſelbſt es nicht merkten, und nur das Herz in lauten Schlägen davon ſprach. Dergleichen für Manchen wenig verſtändliche Gedanken beſchäftigten den jungen Offizier, als er hinter einer Reihe der mächtigen Orangenbäume, häufig rückwärts blickend, der breiten Rampe zuſchritt, die auf die Straße hinabführte. Mit einem Male blieb er ſtehen, denn er vernahm vorſich⸗ tige Schritte und leiſes Sprechen. Er wußte nicht warum er ſtehen blieb, er hatte durchaus nicht die Abſicht zu lau⸗ ſchen, ihm kam nur der Gedanke, es ſei beſſer von den Heraufſteigenden hier unter ihren Fenſtern nicht geſehen zu werden. Sie tauchten indeſſen am Rande der Terraſſe auf: ein großer Mann in Livrée, ein kleiner in gewöhn⸗ licher Kleidung.. 4 „Vielleicht iſt die Sache von gar keinem Belang,“ ſagte der in Livrée mit gedämpfter Stimme, doch klang port durch die Stille der Nacht vernehmlich an das Ohr des Offiziers;„aber ich bin dankbar für Eure Aufmerk⸗ Ein freundſchaftliches Souper. 3 1* 8 3 8 3 4 ſamkeit. Die Livrée, die der Bediente anhatte, war alſo Zwölftes Kapitel. keine Hoflivrée?“ 32 „Nein,“ ſprach der Andere,„es war Grün mit Gold.“ „Hm, hm! Grün mit Gold,“ wiederholte der Erſtere. und die Beiden thaten geheimnißvoll?“ „Sehr, ſonſt wäre es uns am Ende gar nicht aufgefallen. Wenn man keine Abſicht dabei hat, ſo beſiehlt man nicht ſo beſtimmt, daß von einer Photographie nur Ein Abzug gemacht und die Glasplatte alsdann vernichtet werden ſoll.“ „Was iſt das?“ dachte der Major und ſchenkte jetzt dem Geſpräch der Beiden ſeine geſpannte Aufmerkſamkeit. „Den Einen der Herren,“ fuhr der kleine Mann fort, „habe ich öfter geſehen. Es iſt ein Herr bei Hofe; der Andere aber muß ein Fremder ſein. Ich kenne ihn nicht.“ „Aber warum bringt Ihr die Geſchichte erſt heute?“ „Weil ich erſt geſtern Zeit fand, die beiden Bilder mit der Maſchine nochmals zu copiren. Er hatte ja ſelbſt die SGlasplatten abgeſchliffen; aber wenn Ihr glaubt,“ ſetzte er in gleichgültigem Tone hinzu, als der Andere ſchwieg,„die Sache habe keine Bedeutung, ſo laſſen wir's bleiben.“ „Ich glaube kaum, daß ſie viel nützen wird, denn ich habe eine Ahnung, was es ſein kann. Wißt Ihr lieber Freund, wir draußen im Vorzimmer ſehen mehr, als weiß und ich glaube Euch ſagen zu können, daß 1 3 merdiene Ihrer Durchl ua Prinzeſſin die er „ 2 Ein freundſchaftliches Souper. 3 züge der beiden Portraits, die Ihr da habt, heute Morgen in Händen hatte.“ „Nur die allein?“ fragte lauernd der Andere. „Nein, es war auch noch ein Drittes dabei, das eines ſchönen jungen Mädchen.“ 3 „So iſt es daſſelbe!“ rief der kleine Mann faſt un⸗ muthig.„Nun ich habe meine Schuldigkeit gethan.“ „Das habt Ihr auch, lieber Freund;“ entgegnete der Lakai im Tone eines Beſchützers,„und der Herr Kammer⸗ diener wird Euch dankbar dafür ſein. Es iſt für uns noth⸗ wendig, Alles zu erfahren, was auf den Hof Bezügliches draußen in der Stadt vorgeht. Ich will jetzt hinauf und es melden, bleibt unterdeſſen hier, bis ich zurückkomme.“ „Aber laßt mich nicht zu lange warten.“ „Unbeſorgt, ſollte ich im Augenblick nicht ſelbſt ab⸗ kommen können, ſo ſchicke ich Euch Jemand, dem Ihr die Dinger ohne Weiteres übergeben könnt.“ Damit entfernte ſich der Lakai und der Andere blieb an der Rampe ſtehen. Wer anders konnte der Wartende ſein, als Böhlers Gehülfe, ſagte ſich der Major. Wie hatte ihn der Photograph doch genannt? Herr Krimpf glaubte er, und wenn er ſeine ſcharfen Augen anſtrengte, um jene Figur zu betrachten, die ſich dort auf dem Rande der Ter⸗ raſſe ziemlich deutlich abzeichnete, ſo war gar kein Zweifel, die nengerimne kleine Geſtalt war genau dieſelbe, die ihm der Photograph beſchrieben hatte.— „ 6 Zwölftes Kapitel. Die eiligen Schritte des Lakaien wapen unter dem Hauptportale verklungen. Hier mußte ein Entſchluß gefaßt werden.„Iſt es Recht von mir,“ fragte ſich der Offizier, „wenn ich den Verſuch mache, die Photographien in meine Hand zu bekommen? Ja, nachdem die Art des Verſuchs wäre. Mit Beſtechung oder meinetwegen mit Gewalt? Aber, wenn ich mich als den darſtellte, der ſie abholen ſoll!— Die Rolle eines Bedienten übernehmen? Pfui Teufel, das wäre ordinair! Eine Art von Betrug be⸗ gehen?— Doch nein, es könnte vielleicht nicht ſo ange⸗ ſehen werden. Wenn ich jenem die Photographien abnehme, ſo bin ich am Ende im Rechte, denn Krampf beſitzt ſie widerrechtlich nach der eignen Ausſage. Ueberhaupt gelten in dem Kriege hier alle Mittel,— nur nicht die gemei⸗ nen, nein. Aber geſchehen muß etwas. Was geht vor? was iſt's, was Lakai und Kammerdiener der Prinzeſſin bei Nacht und Nebel verhandeln?— Es iſt die Gegenpar⸗ tei, es iſt meine Schuldigkeit, der des Regenten die Stange zu halten. Vielleicht machen wir eine wichtige Entdeckung, vielleicht iſt dies abermals— ein Augenblick des Glücks.“ Als der junge Offizier ſein Selbſtgeſpräch beendigt heatte, vernahm er wieder ſich nahende Schritte und gleich darauf kehrte der Lakai zurück. Jetzt galt es. Ent⸗ weder Herr Krimpf übergab die Photographien, dann mußte man dem Lakaien in's Schloß folgen und ſie ihm mit Güte oder Gewalt abdringen. Doch war dies ein mißliches Un⸗ F 4 32 „ verlaſſen.“ Ein freundſchaftliches Souper. ternehmen, vielleicht war die Sache von gar keiner Wichtig⸗ keit, und dann konnte man in einen üblen Conflict mit der Prinzeſſin gerathen.— Achtung! Vielleicht iſt das Glück günſtig. Der Lakai hatte jetzt den Rand der Rampe erreicht, wo ihm der Andere ſogleich entgegenkam.„ Nun, wie iſt's,“ fragte dieſer. „Gerade ſo, wie ich gedacht,“ antwortete der Lakai; „es ſind dieſelben Photographien, die wir bereits kennen. Die Sache hat nichts auf ſich; da ſie aber verſchwiegen werden muß, ſo iſt es am beſten, die Photographien zu vernichten.“ „Da habe ich mich alſo umſonſt geplagt,“ entgegnete mürriſch Herr Krimpf. „Umſonſt nicht,“ ſagte der Andere,„man thut bei Hofe nie etwas umſonſt. Ich werde Euch morgen auſſu⸗ chen, und da wollen wir die Sache arrangiren, daß Ihr zufrieden ſein werdet.“ „Morgen alſo,“ hörte man den kleinen Mann ſagen, und der Ton, mit dem er das ſprach, klang gerade wie der Ausdruck einer geſcheiterten Hoffnung. „Gewiß!“ betheuerte der Lakai,„und was die Photo⸗ graphien anbelangt—— „So werde ich ſie vernichten, darauf könnt Ihr Euch 44 Zwölftes Kapitel. „Wäre es nicht beſſer, wenn das hier gleich auf der Stelle geſchähe?“ mahnte der Lakai. „Daß man morgen früh die Stücke davon fände!“ verſetzte Krimpf.„Nein, nein, ich will das anderwärts beſorgen. Nur vergeßt mich morgen nicht.“ „Keinenfalls!“ verſetzte der Lakai, und man wünſchte ſich„gute Nacht.“ Der Lakai ging in's Schloß zurück, und Herr von Fer⸗ now mußte warten, bis er unter dem Hauptportal ver⸗ ſchwunden ſein würde, ſo gern er auch ſogleich dem An⸗ dern nachgeeilt wäre. Er mußte noch dazu ziemlich lange warten, denn der verfluchte Lakai ſchien ein Liebhaber von Orangenblüthen zu ſein. Er zupfte ein paar ſehr hübſche ab, und dies gerade an dem Baume, hinter welchem der Offizier ſtand. Freilich hatte dieſer dabei den Vortheil, das Geſicht des Andern genau zu ſehen, was auch nichts ſchaden konnte, um ihn in irgend einem Falle wieder zu erkennen. Es war das ein dummes, aufgeblaſenes Ge⸗ ſicht, und als der Lakai ſo ſeinen dicken Kopf mit der langen Naſe und den großen Ohren zwiſchen die ſüßduften⸗ den Blüthen ſteckte, gab er ein Bild wie der Eſel, der Roſen frißt. So befand er ſich ein paar Sekunden lang in ſehr gefährlicher Nähe der zuckenden Finger des jungen Majors.— Es iſt eigentlich ein Troſt zu nennen, daß der Menſch nie weiß, wie nahe ihn Gutes oder Böſes um⸗ ſchwebt. Ein freundſchaftliches Souper. Endlich war der Lakai im Schloſſe verſchwunden und Herr von Fernow eilte an den Rand der Terraſſe.— Die Rampe, die auf den Schloßhof führte, war lang, ebenſo H dieſer ſelbſt. Niemand dort zu ſehen. Von dem großen 1 Platze liefen vier Straßen aus. Mit ſeinem ſcharfen, ge⸗ 1 übten Blicke hatte der Major die Mündungen derſelben überſchaut. Der Eingang zu dreien derſelben war leer, in der vierten, gerade unter der Gaslampe ſchob ſich eine G⸗ ſtalt dahin,— eine kleine Geſtalt, ja, er war es. 3 In wenigen Sätzen ſprang Herr von Fernow die Rampe hinab. Wer ihn über den Schloßplatz hätte lau⸗ fen ſehen, müßte irgend ein großes Unglück vermuthet ha⸗ ⸗ ben, das im Schloſſe geſchehen wäre. JIetzt erreichte er die Straße, in welcher der muthmaßliche Herr Krampf verſchwunden war. Ein Blick hinein ließ ſie ihm in ihrer bedeutenden Länge als ganz leer erſcheinen. Doch nein, dort bewegte ſich etwas auf dem Trottoir. Herr von Fer⸗ now hätte ſelbſt lächeln mögen über die außerordentliche Anſtrengung, die er machte, um vorwärts zu kommen, und dabei hatte er ſich noch in Acht zu nehmen vor den Leuten, 8 die ſich der Nachtluft an den offenen Fenſtern ihrer Häuſer erfreuten. . Ja, es war die kleine verwahrloſte Geſtalt, die er auf der Terraſſe geſehen, es war Herr Krimpf, der glücklicher⸗ weiſe nicht ſehr eilig nur noch wenige Häuſerlängen entfernt vor ihm herging. Zwölftes Kapitel. Daß Herr von Fernow ſcharf nach ihm blickte, kann man ſich leicht denken. Er fürchtete bei jeder auffallenden Bewegung, die der kleine Mann mit den Armen machte, und dergleichen Bewegungen kamen häufig vor, jetzt werde er in ſeine Taſche greifen, die Photographien hervorziehen und ſie zerreißen. In dem Falle aber war der Offizier entſchloſſen, ſo ſäuberlich als möglich über ihn herzufallen, ihm die Blätter abzunehmen und ihn darauf fürſtlich zu belohnen. Aber Herr Krimpf zog die Blätter nicht aus der Taſche. Wohl ſchlenkerte er mit ſeinen Armen hin und her, wohl hob er ſie zuweilen zuckend gegen ſein Geſicht, aber dabei blieb es vorderhand. Noch eine Zeitlang ging er gerade aus, zuweilen einen Augenblick vor einem Laden ſtehen bleibend, zuweilen ſogar ſich halb umwendend, als wolle er einen andern Weg einſchlagen.— Jetzt bog er rechts in eine Seitengaſſe und der Offizier beeilte ſich ihm nach⸗ zukommen, damit er ihm nicht in irgend ein Haus ent⸗ ſchlüpfe.— Doch war dieſe Befürchtung unnöthig. Herr Krimpf ſchien weder die Abſicht zu haben, einen Beſuch zu machen, noch überhaupt ſehr eilig zu ſein. Denn jetzt in der ſchmalen Gaſſe angekommen, ſchlenderte er dahin, wie Je⸗ mand, der ſeine Zeit auf irgend eine Weiſe tödten will. Ja, er blieb hie und da ſo plötzlich und lange vor einer 4 beleuchteten Boutique ſtehen, daß der Andere alles anwenden 4 A 4 - Ein freundſchaftlichés Souper. 11 mußte, um durch ſein Zurückbleiben kein Aufſehen zu er⸗ regen. Endlich aber hielt es der Major an der Zeit einen Entſchluß zu faſſen. Herr Krimpf konnte noch ſtundenlang ſo fort promeniren wollen, und das wäre denn doch gar zu langweilig geweſen. Schon vorher hatte der Major einiges an ſeiner Toi⸗ lette geändert, das heißt, er hatte den leichten Paletot, den er über dem Frack trug, ſo unordentlich als möglich zugeknöpft, ſeine Handſchuhe ausgezogen, und die Friſur ſeines elegant gerollten Haares durch ein haſtiges Durch⸗ fahren mit der Hand ſoviel als möglich verdorben. Als nun der kleine Mann vor einem Victualienhänd⸗ ler, der beim Glanze einiger Gaslichter ſeine Waaren recht appetitlich ausgelegt hatte, ſtehen blieb und angelegentlich, wenn auch mit etwas düſtern Blicken, die ſaftigen Schin⸗ ken, die Würſte in allen Formen, Farben und Größen, ſowie den zierlichen Schweinskopf betrachtete, auf dem eine angenehme, häusliche Scene aufs Schönſte mit allerlei Fett incruſtirt war, ſchien es dem Andern der günſtige Moment für die Ausführung ſeines Plans zu ſein. Er trat ſo dicht an Herrn Krimpf heran, daß dieſer ſich noth⸗ wendig umwenden mußte, und als er dies that, lüftete der Major den Hut und ſagte mit angenehmer Stimme: „Sie verzeihen wohl die Frage, iſt vielleicht mit die⸗ ſem Laden eine Reſtauration verbunden, in der man einen guten Nachtimbiß zu ſich nehmen kann?“ Zwölftes Kapitel. Herr Krimpf blickte einigermaßen mürriſch auf den Frager, dann zeigte er mit der Hand auf das transparente Schild über der Hausthür, auf dem deutlich das Wort Reſtauration zu leſen war. „Verzeihen Sie, das habe ich nicht geſehen,“ ſprach der Andere verbindlich;„ſonſt hätte ich Sie durch meine unnöthige Frage nicht aufgehalten.“ „O, aufgehalten haben Sie mich gerade nicht,“ ant⸗ wortete der kleine Mann, meine Beſchäftigungen in dieſer Stunde ſind nicht groß, ich waziere ſo zu meinem Vergnü⸗ gen herum.“ „Das ſtellt mich in der That zufrieden,“ ſagte der Andere,„und ſo will ich denn verſuchen, was Küche und Keller in der Reſtauration vermögen.“ Herr Krimpf machte ein Geſicht als verſpüre er große Luſt zu einem ähnlichen Verſuche. „Ich will doch geſchwind ſehen, welche Zeit es iſt,“ ſagte der Major. Damit knüpfte er ſeinen Paletot auf, zog die Uhr hervor, und fuhr fort:„Acht Uhr! noch gar nicht ſpät.“ Da er hiebei that, als brauche er zum Auf⸗ knüpfen des Paletots und zum Hervorziehen der Uhr beide Hände, ſo erſchien es ganz natürlich, daß er ſeinen feinen Spazierſtock auf die Brüſtung des hellerleuchteten Ladens legte. Daß er ihn vergaß, nachdem er die Uhr wieder ein⸗ geſchoben, hatte auch gerade nichts Auffallendes und konnte Jedermann paſſiren. Ein freundſchaftliches Souper. „Nochmals herzlichen Dank,“ ſagte er alsdann und eilte ſo ſchnell er konnte, in das Haus hinein. Wir können nicht verſchweigen, daß Herr Krimpf in dieſem Augenblick ſeufzend an ſeine Taſche griff und mit bewegten Lippen die Herrlichkeiten überſchaute, die hier vor ihm aufgeſtapelt lagen. Er war in der That nicht mit Geld verſehen, hatte auf den Lakaien gehofft, und dann die Ab⸗ ſicht gehabt, hier in der ihm wohlbekannten Reſtauration ein gutes Souper zu machen. „Der Teufel hole alle dieſe Commiſſionen!“ brummte er vor ſich hin.„Hätte ich nicht gedacht man wolle mich ordentlich belohnen, ſo wäre ich zu Frau Böhler gegangen und da hätte es mir an etwas Beſcheidenem zum Nacht⸗ eſſen nicht gefehlt.'S iſt doch ein wahres Sprichwort, daß ein Sperling in der Hand beſſer iſt, als eine Taube auf dem Dache.“ Indem er dieſe Worte ſprach, zuckte er verdrießlich mit den Händen nach ſeinem Geſichte, ſo daß es von Wei⸗ tem ausſah, als übe er, beim Anblick der Delicateſſen in dem Laden die Bewegung von Meſſer und Gabel. Jetzt wollte er ſich mit einem letzten Blick auf den prächtigen Schinken entfernen und hatte ſich ſchon halb abgewandt, da bemerkte er etwas Glänzendes auf der Fenſterbank, griff hin und hielt den kleinen Spazierſtock empor, den der Fremde doorthin gelegt. Nun war Herr Krimpf in gewiſſer Beziehung ein 44 Zwölftes Kapitel. ehrliches Gemüth, weshalb er ſich beeilte den kleinen Stock in das Haus zu tragen, um ihn dem Eigenthümer einhän⸗ digen zu laſſen. Dieſer ſchien aber ſeinen Verluſt im Augenblick bemerkt zu haben,— er hatte, im Vertrauen geſagt, Herrn Krimpf durch die Glasthür belauſcht,— und kam ihm ſchon auf der Thürſchwelle entgegen. „Sie haben etwas liegen laſſen,“ ſagte der kleine Mann. „Tauſend Dank für Ihre Aufmerkſamkeit. Es wäre mir fatal geweſen, den Stock zu verlieren, nicht ſeines Werthes halber, ſondern weil ich ihn von einer theuren Hand geſchenkt erhielt, Sie verſtehen mich wohl, wodurch ſo etwas unbezahlbar wird.“ j 1 „Es iſt nicht der Rede werth dafür zu danken,“ meinte Herr Krimpf,„und mir nur angenehm, daß er nicht von einem Vorübergehenden mitgenommen wurde.. Der Andere ſchien den wieder erhaltenen Stock mit Entzücken zu betrachten.„Es liegt in der That für mich ein ſolcher Werth darin, daß ich nicht weiß, wie ich Ihnen dankbar ſein ſoll. Ja, Sie müſſen mir erlauben, Ihnen dafür erkenntlich zu ſein.“ 2 Herr Krimpf machte eine Bewegung, wie Jemand, der im Begriff iſt, mit einigem Befremden ein Geſchenk auszuſchlagen.„O, ich bitte mich nicht mißzuverſtehen,“ ſagte der Fremde im verbindlichſten Tone.„Meine Erkennt⸗ lichkeit ſollte darin beſtehen, Sie zu erſuchen, ein Glas Wein —— Ein freundſchaftliches Souper. 15 von mir annehmen zu wollen. Es trinkt ſich überhaupt allein ſehr ſchlecht, und ich muß geſtehen, daß mir Wein nur in Geſellſchaft mundet.“ Gegen dieſe höfliche Einladung war nichts einzuwen⸗ den. Herr Krimpf brachte freilich anſtandshalber noch einige Einwendungen vor, einige Aber— Ich bitte— Es könnte zudringlich erſcheinen— doch ließ er ſich bereitwillig am Arme nehmen und folgte darauf ſeinem freundlichen Wirthe nes Stübchen hinter dem allgemeinen Wirthszim⸗ — ees ganz dazu gemacht ſchien, um ein gutes Glas Wein in ſtiller Beſchaulichkeit darin genießen zu können.— Beide nahmen Platz, der Fremde ſchob Herrn Krimpf die Speiſekarte hin, und bat es ſich als eine beſondere Ver⸗ günſtigung aus, daß er ſich ganz nach ſeinem Belieben ein Nachteſſen ausſuchen möchte. Da das Gaslicht in dem kleinen Stübchen ſehr hell brannte, ſo fanden die beiden ſo unvermuthet Zuſammen⸗ getroffenen vollkommen Gelegenheit ſich gegenſeitig zu be⸗ trachten. Während der Andere die Speiſekarte ſtudirte, muſterte Herr von Fernow ſein Opfer, indem er ſich behag⸗ lich in ſeinen Stuhl zurücklehnte und mit einer gewiſſen Befriedigung ausruhte. Hatte er doch vor der Hand erreicht, was er wollte. Sein Gegenüber, mit den vielleicht koſt⸗ baren Blättern in der Taſche, konnte ihm nun nicht mehr entwiſchen, und im Gefühl des Beſitzes lächelte er in ſich 3 — Zwölftes Kapitel. hinein, wenn er an die Jagd über die Rampe, den Schloß⸗ platz und die Straßen dachte. Wenn wir ſagen, Herr Krimpf ſtudirte die Speiſe⸗ karte, ſo müſſen wir dem vorſichtigen und etwas miß⸗ trauiſchen Charakter dieſes Herrn Gerechtigkeit widerfahren laſſen, indem wir ſagen, daß er dies nur mit dem rech⸗ ten Auge that, daß aber das linke, auf ſeine uns ſchon bekannte Art von unten herauf lauernd, wobei ihm die Haltung des Kopfes nach der linken Seite ſehr zu Statten kam, ſein Gegenüber zuweilen beſchaute.— zum erſten Male bei dem vollen Glanz des gethan, blinzelten ſeine beiden Augen und die eine Hand, die er frei hatte, zuckte auffallend gegen ſein Geſicht. Wenn das Aeußere des Herrn Krimpf auch von der Natur ver⸗ 3 Gaslichtes wahrlost war, ſo hatte dagegen ſein Geiſt eine außerordent⸗ liche Schärfe und Lebhaftigkeit, und unterſtützt von einem ebenſo ſcharfen Blicke ward es ihm leicht, einmal empfan⸗ gene Eindrücke feſtzuhalten. Da er Maler war, ſo hatte er namentlich für Figuren und Phyſiognomien ein außerordent⸗ liches Gedächtniß, und dies täuſchte ihn nicht, als er bei ſich dachte, er habe den Mann, der ihm gegenüber ſaß, ſchon geſehen, wenn auch in anderer Kleidung und Umge⸗ bung. So Herr Krimpf, während er anſcheinend gelaſſen auf der Speiſekarte las: Suppe, Beeſſteaks, Cotelettes und dergleichen. Er war aber noch nicht bis zum„Deſſert ge⸗ kommen, ſo war er bereits ſicher, daß er es mit einem Ein freundſchaftliches Souper. 17 Offizier zu thun habe, mit einem vornehmen Offizier, den er vor Kurzem bei einer großen Parade in der Nähe des Regenten geſehen. Herr Krimpf dachte gern, dachte ſchlau und verſtändig, und da ſeine Gedanken ſtets mit Mißtrauen gegen ſeine Mitmenſchen geſpickt waren, ſo fing er an nachzuſinnen, ob die Begegnung mit ſeinem Gegenüber ſo ganz zufällig ſei, ob deſſen Frage nach einer Reſtauration, da doch das Schild an dem Hauſe dieſes Wort ſo deutlich zeigte, daß Einem faſt die Augen weh thaten, nicht ein Vorwand war, mit ihm zu ſprechen; ſelbſt das Hinlegen des Spazierſtockes war vielleicht nicht unabſichtlich geſchehen, und wenn er alles das zuſammenhielt, wenn er überlegte, daß jener Offizier mit dem Hofe in genauer Berührung ſtand und daß er ſelbſt eben in einer geheimen Miſſion dort geweſen, ſo ſchien es ihm nicht unmöglich, daß er zu irgend einem ihm bis jetzt noch unbekannten Zweck hieher in die Reſtau⸗ ration gebracht ward. Herr Krimpf lächelte ſtill und ver⸗ gnügt in ſich hinein, als er dieſe Betrachtungen anſtellte. Er war ſich eines klugen Verſtandes, einer guten Zunge bewußt, Waffen, mit deren Hülfe er es mit Jedem auf⸗ nehmen zu können glaubte. Herr von Fernow hatte ebenfalls das Geſicht des kleinen Mannes ſtudirt und fand die Schilderung, die ihm Herr Böhler entworfen, vortrefflich. Man konnte nicht leicht Hackländ er. Der Augenblick des Glücks. II. 2 18 Zwölftes Kapitel. 1 etwas Abſtoßenderes und Unangenehmeres ſehen. Dabei Rentging ihm das Lauern der Blicke nicht, das faſt höhniſche Lächeln um den Mund. Gewiß, daß er es mit einem ſchlauen Gegner zu thun hatte. Jetzt war die Speiſekarte ſtudirt. Herr Krimpf hatte beſcheidene Wünſche, und der Andere hütete ſich wohl, ihm zu viel aufdringen zu wollen. Da ſie aber natürlicher Weiſe gemeinſchaftlich tranken, ſo ließ Herr von Fernow nicht ohne Abſicht einen guten Bordeaux kommen, mit deſſen Hülfe er hoffte, die Zunge ſeines Gaſtes zu löſen. Herr Krimpf trank recht gern Wein, namentlich guten Wein, und wenn er auch anfänglich nur an dem Glaſe nippte, und mit der purpurnen Finſterniß in demſelben liebäugelte, ſo war doch der Duft des vortrefflichen La Roſe zu verführeriſch, als daß es lange dauerte, bis er ſein Glas ausgeſchlürft hatte, das ihm bereitwillig wie⸗ der gefüllt wurde. Bei dem Geſchäfte des Austrinkens überlegte er und ſagte zu ſich ſelber:„Wenn der Herr da drüben wirklich etwas mit dir vor hat, ſo muß er wiſſen, wer du biſt, was du treibſt, und wenn er dar⸗ auf anſpielt, ſo haben wir uns doppelt in Acht zu neh⸗ men.“ 4 „Es iſt eigenthümlich,“ ſprach der Offizier nach einer Pauſe, wobei er ſich in den Stuhl zurücklehnte und auf⸗ merkſam die Gasflamme über dem Tiſche betrachtete,„wie zwei gänzlich fremde Leute durch. Zufälligkeiten zuſam⸗ Ein freundſchaftliches Souper. 19 mengeführt werden können. Und doch ſind Sie mir nicht ganz fremd. Ich erinnere mich, Sie ſchon irgendwo ge⸗ ſehen zu haben; vielleicht iſt es Ihnen mit mir gerade ſo ergangen.“ „Kann mich wahrhaftig nicht erinnern,“ entgegnete Herr Krimpf mit der größten Unbefangenheit.„Ich muß wirklich nie das Glück gehabt haben, den Herrn— ver⸗ zeihen Sie mir, aber ich habe nicht die Ehre, Ihren Na⸗ men zu kennen.“ „Thut nichts zur Sache. Indeſſen heiße ich Müller, Kaufmann Müller;— Reiſender, bin ziemlich fremd hier 4— in der Stadt.“— Richtig, dachte der kleine Mann, der 1 will mich aus irgend einem Grunde einſeifen. „Darf ich nun auch meinerſeits wiſſen, mit wem ich das Vergnügen habe?“ fragte Herr von Fernow nach einer Pauſe. „Iſt eigentlich nicht der Mühe werth, Herr Müller; aber wenn Sie mir erlauben, ſo heiße ich Franz Joſeph Maier, ein unbedeutender Lithograph!“ Der Major kniff die Lippen zuſammen.„Krimpf verheimlicht ſeinen Namen,“ ſprach er zu ſich ſelbſt.—„Habe faſt gar keine Bekanntſchaften,“ fuhr der Andere fort,„komme wenig aus dem Hauſe. Hätte ich aber jemals das Glück gehabt, 3 Herrn Müller zu ſehen, ſo würde ich einen— verzeihen 1 Sie mir— in der That ſo intereſſanten Kopf ſchon als 14 Künſtler nie vergeſſen haben.“ 20 Zwölftes Kapitel. Eigentlich hätte Herr von Fernow ſich für dieſes Com⸗ pliment bedanken müſſen, er war auch im Begriffe, es zu thun, um nicht aus der Rolle zu fallen; doch begleitete Herr Krimpf ſeine letzte Rede mit einem ſo ſonderbaren Lächeln und ſeine Augen blitzten über das Glas ſo ver⸗ rätheriſch herüber, daß der Major auf die Idee kam, der kleine Buckelige kenne ihn am Ende ganz genau. Es war gut, daß in dieſem Augenblicke das Nacht⸗ eſſen gebracht wurde. Herr Krimpf ließ ſich nicht nöthigen, griff tapfer zu und trank auch mehr von dem Bordeaux, als er ſich im Anfang vorgenommen haben mochte. Nach⸗ dem das kleine Souper zu Ende war, bot der fremde Herr ſeinem Gaſte eine Cigarre an, welche Franz Joſeph Maier mit außerordentlichem Danke annahm. Er hatte eine große Schwäche für gute Cigarren, und wir müſſen leider ge⸗ ſtehen, daß er einen unverhältnißmäßigen Theil ſeines Ein⸗ kommens in Rauch aufgehen ließ. Vorſichtig, wie er war, ſah er genau auf das hin, was der Major aus ſeiner Cigarrendoſe hervorzog, betrachtete ſich die Art, wie er das that, die Hände, ferner das einfache elegante Ctui und dann prüfend die Eigarre ſelbſt, ehe er ſie anzün⸗ dete. Kaum hatte er den erſten Zug gethan und den Dampf, langſam genießend, wieder ausgeſtoßen, ſo ſagte er:„Herr Müller rauchen ein vortreffliches Kraut.“ Seine geheimen Gedanken bei dieſen Worten aber waren: Ich habe mich nicht geirrt, das iſt weder Herr Müller, noch Ein freundſchaftliches Souper. 24 ein reiſender Kaufmann, das iſt jener Offizier vom Gefolge des Regenten. Der Major hatte ſein Glas ausgetrunken und ſchenkte ſich und ſeinem Vis-à-vis ein.„Alſo Sie ſind Lithograph?“ ſagte er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen,„liefern auch Portraits? Das trifft ſich gut. Ich habe einen kleinen Auftrag in dieſer Richtung, und wenn Sie mir Ihre Adreſſe geben wollen, ſo werde ich mir erlauben, Sie morgen zu beſuchen.“ „Eine Viſitenkarte beſitze ich nicht,“ ſprach lächelnd Herr Krimpf,„kann aber meine Adreſſe auf ein Stückchen Papier ſchreiben. Der Speiſezettel iſt überflüſſig groß, einen Bleiſtift hab' ich bei der Hand; das iſt gleich geſchehen.“ Er riß ein Stück Papier herunter, ſchrieb einige Worte darauf und übergab den Zettel. Herr von Fernow las: „Maier, Lithograph, Roſengaſſe Nro. 86.“ „Sie haben in Ihrem Geſchäft viel zu thun?“ fragte Fernow nach einer kleinen Pauſe. „O ja,“ erwiderte Herr Krimpf,„ſo ziemlich, bald wenig, bald viel. Man ſchlägt ſich durch und lebt von einem Tag zum andern, ſo gut es gehen mag.“ „Und hatten Sie Luſt zu Ihrem Geſchäft, haben Sie es aus Liebhaberei ergriffen?“ „Wie Sie mich da ſehen,“ ſprach Herr Krimpf, und ein Schatten flog über ſeine Züge,„ſo mußte ich ein Ge⸗ ſchäft ergreifen, dem mein ſchwacher krüppelhafter Körper Zwölftes Kapitel. nicht im Wege ſtand. O, ich hätte wohl einen anderen Beruf gewählt. Ich würde auch lieber fein gekleidet gehen, wie Sie, Herr Müller, in der Welt herumreiſen, überhaupt lieber ein reicher, vornehmer Herr ſein.“ Nachdem er das geſagt, ſtürzte er ein Glas Bordeaux hinunter und ſeine Augen flammten. „Sie haben nicht Unrecht; in manchen Beziehungen mag mein Leben angenehm ſein,“ antwortete der Major, „doch verſichere ich Sie, ich halte es durchaus nicht für ein übles Loos, ein Künſtler zu ſein, ſchöne Frauenge⸗ ſtalten abzubilden, ihnen während des Arbeitens in die Augen zu blicken und nachher,“— fügte er lächelnd hinzu.—₰ „Und nachher,“ wiederholte Herr Krimpf und ſeine .weißen Hände zuckten mißmuthig gegen ſein Geſicht,„und nachher— wenn man die fertige Arbeit überreicht, in den Blicken leſen zu müſſen: Es iſt eigenthümlich, was der verwachſene Menſch für wohlgeſtaltete Sachen macht. Ja, Herr—— Müller,“ fuhr er aufgeregt fort,„wenn ich wäre wie Sie, ein ſchlanker, ſchöner Mann, wohlgefällig den Weibern, dann wäre es auch für mich eine Luſt, Künſtler zu ſein. Dann ſäße ich gern vor ihnen und 3 blickte ihnen in die blitzenden Augen, dann würde vielleicht auch ich triumphirend ſagen: Und nachher—.“ Bei dieſen Worten zuckte er mit der rechten Hand empor, ſeine 4 Finger wühlten in dem ſpärlichen ſtruppigen Haar, der Ein freundſchaftliches Souper. Glanz ſeiner Augen erloſch, und indem er die dünnen Lippen auf einander biß, verſank er in tiefe Träumereien. Der Major blickte ihn forſchend an, dann erhob er ſein Glas und ſagte:„Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan. Jedem lächelt das Le⸗ ben auf die eine oder die andere Art. Jeder hat einen Augenblick, wo ihn das Glück umſchwebt, wo er nur zu⸗ zulangen braucht. Freilich ſind die Glücksgüter verſchieden, aber auch Ihnen ſchlägt gewiß einmal eine gute Stunde. Trinken wir darauf!“ Die Beiden leerten ihre Gläſer, und als Herr Krimpf darauf in die Höhe blickte, brannte ein düſteres Feuer in ₰ ſeinen kleinen Augen, ſeine ſonſt ſo kalten Wangen waren heftig geröthet, und er ſagte:„Ich danke Ihnen für den Troſt, Herr Müller, aber was ſind Glücksgüter?— Gü⸗ ter, die uns glücklich machen. Glauben Sie mir, es liegt mir verflucht wenig an Geld und Reichthum, ich habe nur eins, wonach ich ſtrebe, und das“— ſetzte er mit faſt tonloſer Stimme hinzu,—„werde ich nie erreichen.“ Herr von Fernow befand ſich mit einem Male auf der Höhe der Situation. Was der kleine häßliche Maler für 4 das höchſte Glück des Lebens hielt, das war nicht ſchwer zu errathen: Die Gunſt eines reizenden Mädchens, welche ihm dieſes begreiflicher Weiſe verweigerte. Und welches 1 Mädchen? Fernow begann klarer und immer klarer zu ſehen. Hatte der Photograph ihm nicht geſagt, woher die . 4 3 8 8 * 24 Zwölftes Kapitel. Anklage gegen Roſa gekommen? Er irrte ſich nicht, Herr Krimpf ſelbſt liebte jenes Mädchen, und es war die wüthende Eiferſucht, die ihn antrieb, ſie anzuklagen, viel⸗ leicht zu verderben— und nachher— ja, ſo mußte es ſein. Herr Krimpf hatte ſich einen Augenblick von ſeinen Gefühlen fortreißen laſſen. Der Major war auf der rech⸗ ten Fährte: Krimpf liebte Roſa. Aber dieſer Ausdruck iſt nicht der richtige,— er dachte an ſie mit einer wil⸗ den glühenden Leidenſchaft, er hätte um ihre Gunſt Alles hingegeben,— es wäre, ihm eine Seligkeit geweſen, nach einem kurzen glücklichen Augenblicke den Tod zu finden, aus ihren Armen hinweg, der ewigen Verdammniß zu ver⸗ fallen. Darum allein hing er ſich an den Photographen, deshalb ließ er ſich von dem Kammerdiener der Prinzeſſin zu allen möglichen Dienſten gebrauchen. So unbedeutend dieſe waren, ſo glaubte er ſich doch dadurch dereinſt an. die Macht und den Glanz des Hofes klammern zu können, hoffend, ein glückliches Ungefähr, vielleicht ein Wunder, reiße ihn in eine andere Bahn hinein, in eine Bahn, die es ihm möglich mache, vor jenes Mädchen hinzutreten, frei⸗ lich derſelbe kleine krüppelhafte, häßliche Menſch, aber nicht mehr der arme Maler, ſondern Jemand, der ſich durch die Kraft ſeines Geiſtes emporgebracht, und der es werth iſt, daß man zu ihm außblickt. Als die Flut ſeiner wilden Phantaſie vorüber war 8 — Ein freundſchaftliches Souper. 25 und die Ebbe der Ueberlegung eintrat, fielen ſeine Blicke 4¹ wieder auf den fremden Mann ihm gegenüber, der leicht 3 mit den Fingern das Glas gefaßt hatte, ruhig an die Decke 4 . 1 blickend rauchte und ſich um die ganze Welt nicht zu küm⸗ 4 mern ſchien. Die Uhr der Gaſtſtube pickte vernehmlich und Herr Krimpf dachte, vielleicht habe er ſich doch geirrt, und das Zuſammentreffen mit ſeinem freundlichen Wirthe ſei ein zufälliges. Dann aber kam es ihm wieder in den Sinn, daß bei Hofe zwei Parteien ſeien, die des Regenten, und die andere der Prinzeſſin Eliſe.— Der letztern diente er, zur erſteren gehörte vielleicht ſein Gegenüber. Konnte nicht ſein Beſuch am Schloſſe bemerkt worden ſein? Als Krimpf 8 an ſeine Portraits dachte, faßte er mit der Hand an ſeine Bruſttaſche, worin er die Blätter aufbewahrt hatte, eine Bewegung, die dem Major nicht entging. 1 Dieſer hatte indeſſen Zeit zur Ueberlegung gehabt. Obſchon es nicht ſo leicht ſchien, den Gegner zu überrum⸗ peln, ſo beſchloß er, ihm doch, wenn auch nur mit einem Scheinangriffe, geradezu auf den Leib zu gehen. Er drehte mit der Hand ſeinen langen ſchwarzen Schnurrbart und ſah den kleinen Maler ſo herausfordernd und lächelnd an, daß dieſer ebenfalls nicht umhin konnte, ihn mit einem langen, freundlichen Blick zu betrachten. Da ſchlug das Lächeln des Majors in Lachen über und er ſagte mit außer⸗ ordentlicher Luſtigkeit:„Wir ſpielen da eine hübſche Ko⸗ mödie zuſammen. Stoßen wir an und trinken wir unſer Zwölftes Kapitel. Glas auf— Ehrlichkeit und Wahrheit, mein lieber Herr — Krimpf. Der kleine Maler ſchrak auf, als habo ihn etwas ge⸗ ſtochen. Er war in der That überraſcht. Denn er, der ſich eingebildet, ſo ſicher im Schatten ſeiner Niedrigkeit zu ſtehen, während auf den Andern das volle Licht ſiel, er kannte, daß gerade das Gegentheil der Fall war. „Haben wir alſo weiter keine Geheimniſſe vor einan⸗ der,“ ſagte Herr von Fernow auf's Freundlichſte.„Sie ſind der Mitarbeiter des Photographen Heinrich Böhler, Maler Krimpf, aber wenn ich Offenheit von Ihnen verlange, ſo muß ich auch dieſelbe für Sie haben. So wenig alſo, wie Sie Herr Maier, heiße ich Müller. Ich bin Major Fer⸗ now, Adjutant des Regenten. Bleiben Sie auf Ihrem Platze und ohne Complimente. Für heute bin ich Herr Müller, deſſen Spazierſtock Sie retteten.“ „Ganz zufällig rettete, wie er ganz zufällig a Fenſterbank gerathen war,“ ſagte Herr Krimpf, und außergewöhnlicher Zug von Schlauheit flog über ſeine Züge. 8 „Und dieſem Zufalle verdanke ich das Glück Ihrer angenehmen Geſellſchaft. Trinken wir darauf ein Glas.“ Dies geſchah, und als Herr Krimpf ſein Glas nieder⸗ ſetzte, war es intereſſant zu ſehen, wie ihm das Vergnü⸗ gen ſeinen Gegner endlich zu kennen, aus dem Geſichte ſtrahlte. Dahinter aber blickte aus ſeinen Zügen die Er⸗ Ein freundſchaftliches Souper. wartung der Dinge, die jetzt kommen ſollten, und zugleich ſah man an ſeinen feſt zuſammengekniffenen Lippen, ſo wie an dem zufriedenen Lächeln ſeiner Augen, daß er mehr als je entſchloſſen ſei, ſich in keiner Weiſe fangen zu laſſen.„Da ich, alſo die Ehre habe, von Ihnen, gnädi⸗ ger Herr, gekannt zu ſein,“ ſprach er nach einer Pauſe, „ſo bitte ich mir zu ſagen, womit ich dienen kann; und das ſoll nach beſten Kräften geſchehen.“ „Sie ſind ein verſtändiger Mann, Herr Krimpf,“ ver⸗ ſetzte der Andere,„und da Sie nun einmal darauf zu be⸗ harren ſcheinen, ich hätte meinen Stock abſichtlich tiegen laſſen, ſo will ich Ihnen zugeben, daß es mir allerdings um Ihre Geſellſchaft zu thun war! Ich will Ihnen ferner geſtehen, daß ich mit Ihnen eine Angelegenheit beſprechen möchte, bei der mir Ihre Hülfe von großem Nutzen ſein kann.“— Endlich! dachte der kleine Maler.—„Dabei muß ich aber hinzufügen,“ fuhr der Vorige fort,„daß die Angelegenheit nicht die meinige iſt, daß ich im Auftrag eines Dritten handle, daß ich aber bevollmächtigt bin, Ihre Hülfe in jeder Hinſicht glänzend zu belohnen.“ Herr Krimpf machte eine tiefe Neigung mit dem Haupte zum Zeichen, daß er vollkommen verſtanden habe; während er aber zu gleicher Zeit nochmals mit der Hand leicht über die Bruſttaſche fuhr und dabei fühlte, wie die Blätter knit⸗ terten, blickte er einigermaßen beſorgt im Zimmer umher, „worin ſich die Beiden ganz allein befanden. Zwölftes Kapitel. „Sie arbeiten alſo,“ fing der Major wieder an, nach⸗ dem er dem Andern vollkommen Zeit zur Ueberlegung ge⸗ laſſen,„in der Pfahlgaſſe, in einem Hauſe mit vier Stock⸗ werken?“ 4 „Bei meinem Freunde Heinrich Böhler, der ein photo⸗ graphiſches Atelier hat.“ „Das Geſchäft des letzteren,“ entgegnete der Major mit großer Gleichgültigkeit,„iſt mir vollkommen einerlei, überhaupt hängt das, was ich von Ihnen wünſche, nicht im Geringſten mit Ihrer Kunſt zuſammen. Sie wohnen in einem Hauſe, in dem ſich noch viele andere Leute be⸗ finden.“ „O ja, viele Haushaltungen,“ antwortete Herr Krimpf, 8 der wieder anfing irr zu werden, da ſein Gegner ganz von der Fährte, an die er gedacht, abzuweichen ſchien. „Nun alſo,“ ſprach der Major,„unſere Angelegen⸗ heit betrifft eine Sache, bei der ich mich gänzlich ihrer Dis⸗ eretion überlaſſen will und muß; doch glaube ich mich nicht in Ihnen zu täuſchen. Sie wohnen, wie ſchon ge⸗ ſagt, im vierten Stock,— unter Ihnen im dritten ſind die Zimmer einer Wittwe, die eine einzige und ſehr ſchöne Tochter hat.“ „Ah!“ preßte der kleine Maler hervor, und diesmal war ſein Erſtaunen ſo wahr und ungekünſtelt, daß es dem Andern nothwendig auffallen mußte.„Sie ſind überraſcht, daß ich das weiß,“ fuhr Fernow fort,„aber das geht ganz Ein freundſchaftliches Souper. 29 einfach zu. Die Gaſſe, in welcher Ihr Haus ſteht, iſt durch ein großes Gebäude geſchloſſen.“ 7 „In deſſen erſtem Stock,“— fiel ihm Herr Krimpf mit großer Spannung in die Rede,„in deſſen erſtem Stock — ein Freund von Ihnen wohnt— Herr Baron von Wenden.“ „Ich höre, Sie kennen den Namen, ſcheinen mir alſo von der Sache zu wiſſen.“ „O ja, ich glaube viel davon zu wiſſen,“ entgeg⸗ nete der kleine Maler, indem er mühſam Athem holte, „ſehr viel, unendlich viel.“ Dabei knirſchte er mit den Zähnen. „Es iſt die Frage, ob wir, das heißt, mein Freund, ſich auf Sie verlaſſen könnte. Joh will damit ſagen, ob Sie uns in dieſer Angelegenheit behülflich ſein wollen. Sie ſcheinen mir ein Mann von Charakter, von Fähigkeit, auch bin ich überzeugt, daß Sie, wenn Sie nicht geneigt ſind, meinen armen Freund zu unterſtützen, dies Geſpräch als gar nicht ſtattgefunden betrachten werden. Bitte, überlegen Sie ſich das genau.“ Während hierauf der Major von ſeinem Wein nippte, goß Herr Krimpf ein volles Glas hinunter und überlegte wirklich lange und eifrig. Ja, ihm war dieſer Vorſchlag erwünſcht, er wollte in dieſer Angelegenheit helfen, er wollte das Mädchen compromittiren, ja, es kam ihm nicht darauf an, ſie zu verderben; denn je tiefer ſie hinabſank, Zwölftes Kapitel. deſto näher kam ſie ihm, der ja auch unten im Schlamme des Lebens watete. Freilich ballte er unter dem Tiſche die Hände, um gleich darauf zuckend damit nach dem Munde zu fahren, bei dem Gedanken, daß ein Anderer, ein Frem⸗ der, ein vornehmer Herr, ſich dem wunderbaren Mädchen nähern ſollte, ſie zu ſeinem Spielzeug zu machen. Bei dieſer Vorſtellung ſchien ſein Blut ſiedend zu werden und es verfinſterte momentan ſeinen Blick, während er mühſam Athem holte.— Indeſſen, war für ſeine Leidenſchaft etwas zu hoffen, ſo konnte es nur auf dieſem Wege ſein. Was kümmerte es ihn, ob ein Anderer ihre Liebe beſaß, wenn er nur dereinſt ſeine zuckenden Finger um ihre ſchlanke Taille legen durfte!— Der Wein machte ihm vollends heiß. Die Beiden waren ſchon an der dritten Flaſche, und Herr von Fernow hatte mit der größten Vorſicht ge⸗ trunken. 4 „Was meinen Sie, Herr Krimpf? Es iſt mir recht, daß Sie ſo ſorgfältig überlegen, denn vergeſſen Sie nicht, ſo glänzend die Belohnung ſein wird, die ich Ihnen für gute Dienſte verſpreche, ſo würde es mir in der That leid für Sie thun, wenn Sie verſuchten, ein falſches Spiel mit uns zu treiben.“ „Was ich verſpreche, halte ich,“ ſagte der Maler mit dumpfer Stimme, und nachdem er ein paar Sekunden lang die Augen mit ſeiner rechten Hand bedeckt, fuhr er ent⸗ Ein freundſchaftliches Souper. ſchloſſen fort:„Befehlen Sie über mich, ich bin der Ihrige; was ſoll ich thun?“ „Vorderhand nicht viel; Sie werden meine Wohnung am Kaſtellplatze leicht erfragen können, dort bitte ich Sie, mich morgen um die Mittagsſtunde zu beſuchen. Sie wer⸗ den einen Brief erhalten, den Sie dem jungen Mädchen in die Hände ſpielen. Es kann Ihnen das nicht ſchwer werden, da Sie, wie ich mir denken kann, Zutritt bei ihr haben.“ Herr Krimpf nickte düſter mit dem Kopfe.„Be⸗ greiflicher Weiſe darf das junge Mädchen nicht wiſſen, daß der Brief durch Ihre Hände gegangen iſt. Sie haben das geſchickt einzurichten, daß ſie ihn findet, ohne zu vermuthen, wer ihn überbracht.— Die Antwort haben Sie dann eben⸗ falls an mich zu beſorgen.“ „Und glauben Sie, daß ſie antworten wird?“ fragte Herr Krimpf ſehr leiſe. „Wir hoffen es. Sie wird gebeten, dieſe Antwort an einen(eſtimmten Ort zu legen, dieſer Ort wird Ihnen mitgetheilt, und Sie haben dann nichts weiter zu thun, als das Schreiben wegzunehmen und mir zu über⸗ bringen.“ „Nein, das iſt in der That nicht viel,“ entgegnete der Andere mit einem Lachen, das entſetzlich klang. Und es war auch in Wahrheit nichts, als die einfache Abgabe eines Briefes. Aber an dem Inhalte dieſes Briefes hing das Lebensglück eines armen unſchuldigen Mädchens, hing Zwölftes Kapitel. die Ruhe und Verzweiflung ſeines Freundes, an deſſen Tiſche er ſaß, der ſein Brot mit ihm theilte. „Das wollen Sie alſo mit beſtem Willen für uns thun?“ fragte der Major. „Ich will es,“ entgegnete Herr Krimpf, und zuckte mit der rechten Hand über den Tiſch hin, ſie dem Major darreichend, der ſie mit einigem Widerſtreben ergriff. Die kleine feine Hand des Malers war kalt und doch feucht von Schweiß.—— „So wären wir mit unſerem Geſchäft zu Ende,“ ſprach nun der Major mit einer erzwungenen Leichtigkeit, denn ihm grauste vor ſeinem Gegenüber, das es ſo leicht zu nehmen ſchien, Freunde und Hausgenoſſen zu verrathen. „Trinken wir noch ein Glas, nehmen wir noch eine Ci⸗ garre.“ 3 Beides that Herr Krimpf; ja, er ſchien jetzt mit dem Bordeaux das Andenken an die eben erlebte Viertelſtunde hinabgeſchwemmt zu haben; ſeine Augen verloucg ihren dü⸗ ſtern Ausdruck und er blickte faſt luſtig im Zimmer umher; ſeine Finger umſpannten zuckend das Glas, welches augen⸗ blicklich wieder gefüllt worden war, ja ſeine gute Laune ſchien ſo weit wiedergekehrt zu ſein, daß er leiſe etwas vor ſich hinſummte, und zwar einen Refrain, den er in den letzten Tagen ſehr häufig von Herrn Heinrich Böhler ver⸗ nommen:„Chantons, buvons, traleralera.“ Der Major hatte ſich in ſeinen Stuhl zurückgelehnt, 1 4½ 4 1 Ein freundſchaftliches Souper. 33 wobei er den Rauch ſeiner Cigarre in zierlichen Ringeln von ſich blies. Er ſchien ſich ganz behaglich zu fühlen, und nur Jemand, der ganz genau auf ihn Achtung gegeben hätte, würde bemerkt haben, daß ſich zuweilen ſeine Augen forſchend nach der Zimmeruhr richteten, deren Zeiger lang⸗ ſam, aber unaufhaltſam fortrückte. Jetzt dehnte er ſich gähnend und ſagte:„So ſo, Sie ſind Photograph, und ſollen ſehr ſchöne Arbeiten liefern. Ich habe das von einem Freunde gehört, deſſen Portrait Sie vor einigen Tagen gemacht.“ „Von einem Ihrer Freunde, gnädiger Herr?“ fragte zweifelnd der kleine Maler; doch ſogleich ſchien er ſich zu beſinnen und ſagte:„Ach! die beiden Herren.“ „Ja, es waren zwei meiner Bekannten. Sie hatten eine Ueberraſchung vor und dieſe iſt vollkommen gelungen. Wir haben viele Freude daran gehabt;— eigentlich war es eine Wette— und eben deshalb befahlen ſie auch zu ſchweigen und augenblicklich die Glasplatten zu ver⸗ nichten.“ „Das geſchah auch,“ verſetzte der kleine Maler, deſſen Blicke etwas ſtier geworden waren, indem er ſich mit der Hand auf die Bruſttaſche patſchte. „Was mir leid thut,“ ſprach der Major, nachdem er getrunken und den langen Schnurrbart ſorgfältig abgetrock⸗ net,„ich hätte gerne eine Copie gehabt, namentlich war Hackländer. Der Augenblick des Glücks. II. 3 34 Zwölftes Kapitel. eines der Portraits, das meines beſten Freundes, des Oberſtjägermeiſters Baron Rigoll, ausgezeichnet gerathen. In der That ausgezeichnet.“ „Ja, der eine der Herren waren Seine Excellenz,“ ſagte Herr Krimpf, indem er langſam ſeinen Rock aufknöpfte, „aber der Andere?“ fügte er lauernd hinzu. „Der Andere war ein Vetter des vorhin erwähnten Baron Wenden, der Ihnen gegenüber wohnt. Wie geſagt, es iſt mir leid, daß die Gläſer vernichtet wurden, ich hätte eine Copie theuer bezahlt. Aber da es nicht ſein kann— müſſen wir eine andere Gelegenheit erwarten.“ Obgleich der Major dies Alles mit einer wahrhaft bewundernswürdigen Gleichgültigkeit ſagte, ſo hätte doch der überaus ſchlaue kleine Maler bei ganz unbefangenen Sinnen etwas Künſtliches und Geſuchtes darin bemerkt. Dank dem La Roſe aber lächelte Herr Krimpf häufig, ohne alle Urſache, freute ſich über den wunderbaren Abend, den er verlebt, und fing an eine außerordentliche Dank⸗ barkeit, ja Hochachtung für ſein Gegenüber zu fühlen, wel⸗ ches ihm dagegen wieder ſo imponirte, daß es nur eines Blickes aus den dunkeln, blitzenden Augen bedurfte, um einen etwas zu lauten Geſang im Munde des Malers plötzlich verſtummen zu machen.„Ein ſehr liebenswürdiger Herr,“ murmelte er halblaut,„könnte ihm am Ende wohl die lumpigen Photographien an den Kopf werfen. Der Kammerdiener iſt ein geiziger Schuft und der Lakai ſtiehlt 8 Ein freundſchaftliches Souper. 3 mir wieder, was der Kammerdiener bezahlt. Was braucht man ſich eigentlich mit dem Pack gemein zu machen, wenn einem die Herrſchaft ſelbſt freundlich entgegen kommt. Und die Herrrr— ſchaft hat Rrrr—echt— ein Künſtlerrr iſt auch kein Hund.— Und es hat Jemand einmal geſagt: Es ſoll der Künſtlerrr mit dem König gehen, warum denn nicht auch mit ſo einem lumpigen Adjutanten des Rrrre⸗ genten. Aber das iſt ein ganz immenſer Kerrrl! Und wenn es ihm Spaß macht, ſo ſoll er die beiden Eſelsköpfe haben.— Ja, die Eſelsköpfe und den Lakaien und Kam⸗ merdienerrr dazu,—— morrrrrrgen, hat der Hund ge⸗ ſagt:„Buvons, chantons, tralealera!“ Und er wieder⸗ holte den Refrain viel zu oft und zu laut:„Juho! ho!“ Der Major hatte zu viel von dem Selbſtgeſpräch ſeines Gaſtes verſtanden, als daß er ihn in ſeiner ausbrechenden Luſtigkeit hätte ſtören mögen; ja er ſtieß mit ihm an und zwang ſich in den Refrain einzuſtimmen „Ja, Herrrr Offizier, Sie ſind ſo liebenswürdig, daß ich Ihnen eine ganz miſerrrable Gefälligkeit erzeigen will. Wenn es Ihnen Spaß macht, die Köpfe Ihrer Freunde zu haben, ſo kann dem Manne geholfen werden. Krimpf iſt nicht ſo dumm, als er ausſieht. Hier ſind noch zwei ganz verfluchte Copien.“ Damit hatte er das Papier aus der Taſche herausgezogen, und da ſich ſeine zuckenden Finger eine Zeit lang vergeblich bemühten, die Siegel ordentlich zu löſen, ſo zerriß er das Papier ſo heftig 3*½⅔ 36 Zwölftes Kapitel. in mehrere Fetzen, daß er die Photographien auf den Boden des Zimmers ſchleuderte.„Das warrrr geſchickt,“ ſagte er, indem er den Blättern mit ſtieren Blicken nach⸗ ſchaute.—„Da liegen die Eſelsköpfe. Laſſen wir ſie lie⸗ gen, Herrrr General, es iſt auf hre nicht der Mühe werth. — Hſp! Hſp!“ „Ja, da haben Sie Recht,“ entgegnete Herr von Fernow;„es iſt nicht der Mühe werth,— laſſen wir ſie, wo ſie ſind.“ „Gut geſagt,— Hſp! Hſp! wo ſie ſind, Hſp! Da können ſie ihren Rauſch ausſchlafen, Hſp! Hol' ſie der Teu⸗ fel! Hſp! Hſp!“ „Was das Rauſchausſchlafen anbelangt, mein lieber Herr Krimpf,“ ſagte nun der Major mit einem feſten Blick auf ſein vis-à-vis,„ſo meine ich, es wäre auch für uns jetzt Zeit, daß wir unſere Betten auſſuchten.“ „Doch— nicht— um— unſeren— Rrrrrauſch auszu— ſchlafen, Hſp?“ erwiderte Herr Krimpf mit im⸗ mer ſchwererer Zunge;„ſo weit— ſind wirrrr— noch lange nicht.“ „Das iſt bei Ihnen möglich, aber ich ſpüre den Wein und bin ſchläfrig.“ Es war etwas wie Verachtung in dem Blicke, mit dem der kleine ſchwächliche Maler, der ſich nur mühſam von ſeinem Stuhle erhob, den kräftigen Offizier anſah. „Nun ja,“ ſagte er nach einer Pauſe,„wenn Sie meinen, Ein freundſchaftliches Souper. 30 Hſp!— daß es genug iſt— ſo wollen wir denn gehen, Hſpl doch— habe ich— noch eine Bitte an Sie.“ Bei dieſen Worten hob er den Zeigefinger der rechten Hand in die Höhe, während er ſich mit der linken an der Tiſchplatte feſthielt:—„wenn Sie wieder Spazierſtöcke— verlieren, ſo laſſen Sie mich's ganz ergebenſt wiſſen; ich bin dann immer Ihr gehorſamer Diener, um ſie aufzuhe⸗ ben, Hſp!“ Mit ziemlich ordentlichen Schritten ging er darauf nach dem Nebentiſche, wo ſein Hut lag, und Herr von Fernow hatte nur Angſt, er möge auf die Photographien treten, die am Boden lagen; doch ſchwankte er bei ihnen vorüber, machte ſeinem freundlichen Wirthe ein ſteifes Compliment und ſchoß dann mit einer wunderbaren Schnelligkeit zur Thür hinaus. Der Major, beſorgt um ihn, wollte doch ſehen, wie er ſich auf der Straße benehmen würde, und ging ihm nach bis zur Hausthür. Herr Krimpf war zur Rechten davon⸗ geeilt. Wenn er auch die ganze Breite des Trottoirs in Anſpruch nahm, ſo ſchob er ſich doch ziemlich ſchnell von hinnen und war offenbar in der beſten Laune; denn man hörte ihn die Straße hinab mit lauter Stimme ſingen; „Chantons, buvons, traleralera!“ Herr von Fernow kehrte in das Zimmer zurück, raffte die Photographien vom Boden auf und betrachtete ſie. Ja, die eine ſtellte den Baron Rigoll vor. Mit noch größerer 1 38 Zwölftes Kapitel. Aufmerkſamkeit aber betrachtete er den ſehr diſtinguirten Kopf des andern Bildes. Wo hatte er dies Geſicht geſehen? Richtig, jetzt fiel es ihm plötzlich ein. Es war der Herr, der an jenem Abend zu Baron Wenden kam, der ihm als Graf Hohenberg vorgeſtellt wurde, gegen den Baron Rigoll ſich mit ſo ausgezeichneter Artigkeit benahm. Das war ihm damals ſchon aufgefallen,— da lag ein Geheimniß ver⸗ borgen. Ja, was er hier in ſeinen Händen hielt, mußte wichtig ſein und es war gewiß der Mühe werth geweſen, ein paar Stunden an die Erlangung dieſer Blätter zu wenden.„Ich weiß nicht, eine unbeſtimmte Ahnung ſagt mir, meine Anſtrengungen ſeien in der That nicht verſchleu⸗ dert worden. Es iſt zehn Uhr, ſuchen wir Herrn Kinder⸗ mann zu ſprechen. Wenn das Sprichwort wahr iſt, daß man das Eiſen ſchmieden ſoll, ſo lange es warm iſt, ſo muß man dagegen auch nicht ſäumen, das Glück wenn es einmal erſcheint feſtzuhalten.“ Er bezahlte ſeine Rechnung, wobei der Kellner auf eine eigenthümliche Art lächelnd das Geld einſtrich. Dann trat der Major auf die Straße, rief einen ſchläfrig vor⸗ überfahrenden Fiaker an, warf ſich in den Wagen und be⸗ fahl:„nach dem Schloſſe!“ Dreizehntes Kapitel. Wiederum im Kabinet des Kegenten. An demſelben Abend war einer der dienſtthuenden Lakaien Ihrer Durchlaucht der Prinzeſſin Eliſe zu einem der dienſtthuenden Lakaien Seiner Hoheit des Regenten hinabgeſtiegen.— Dieſes Hinabſteigen iſt wörtlich zu neh⸗ men, denn ſonſt herrſchte das umgekehrte Verhältniß und die dienſtthuenden Lakaien des Regenten ſahen auf die dienſtthuenden Lakaien der Prinzeſſin mit einer ſouverainen Verachtung hinab, und nahmen in jeder Beziehung den Vortritt, welches bei gemeinſchaftlichen Diners ſo weit ging, daß die Lakaien Ihrer Durchlaucht ſtets die Sauce zu. präſentiren hatten, nachdem die dienſtthuenden Lakaien Sei⸗ ner Hoheit des Regenten mit dem Braten vorangeſchritten waren. Einer der Lakaien der Prinzeſſin war alſo hinab⸗ geſtiegen und hatte dem dienſtthuenden Lakaien Sr. Hoheit, welcher in ſeinem Stuhle ſitzen blieb, während der andere. vor ihm ſtand, alſo gemeldet:„Der Herr Kammerdiener 40 Dreizehntes Kapitel. Ihrer Durchlaucht der Prinzeſſin laſſen dem Herrn Kam⸗ merdiener Seiner Hoheit des Regenten ein gehorſames Compliment machen, und da die Herrſchaften bei Ihrer Hoheit der verwittweten Frau Herzogin ſein werden, ſo laſſen der Herr Kammerdiener anfragen, ob es dem Herrn Kammerdiener angenehm wäre, wenn erſterer den letzteren Herrn auf ein Stündchen beſuche. Er habe ſich eine kleine Erdbeerbowle angeſetzt und möchte ſich erlauben, dieſelbe gleichfalls bei dem Beſuch erſcheinen zu laſſen.“ Darauf hatte Herr Kindermann den Beſuch huldreich acceptirt, und die beiden würdigen alten Herren, ſaßen nun in dem uns wohl bekannten Kabinet vor dem Kamin. e. d Der Kammerdiener der Prinzeſſin, Herr Steppler, war faſt von gleichem Alter, wie Herr Kindermann, doch wie dieſen ein ewiges freundliches Lächeln ſchmückte und verjüngte, ſo herrſchte auf den Zügen des Andern beſtändig ein finſterer Ernſt; dabei ging er ziemlich gebückt, huſtete faſt bei jedem Worte, meiſtens aus ſchlechter Angewohnheit und weil er es bei vorkommenden Fällen für zweckdienlich gehalten hatte, eine Bruſtkrankheit zu affektiren. Er war ein altes Möbel bei Hofe, und hatte ſchon bei der Mutter des höchſtſeligen Herrn gedient, die eine wunderliche Dame war, und über welche ſich die beiden Veteranen gerade unterhielten. „Ja,“ ſagte Herr Steppler,„ſo etwas kommt doch heut zu Tage nicht mehr vor, daß man für den Schooß⸗ hund ein eigenes Schlafzimmer hält, eine Bonne zur Auf⸗ — — — — — Wiederum im Kabinet des Regenten. 41 wartung und daß der Kammerdiener der Herrſchaft ſelbſt, ich dazumal, allabendlich bei dem alten Mopſe die ſilberne Nachtlampe anzünden mußte. Und das Thier hatte Ver⸗ ſtand, wie ein Menſch, denn wenn das Licht nicht brannte oder ausging, ſo bellte es ſo lange, bis Jemand kam.“ „Es iſt ganz erſtaunlich,“ erwiderte Herr Kindermann mit einem ſüßen Lächeln;„und doch wenn Sie mirs nicht übel nehmen, beſter Freund, ſo waren die Zeiten für den Regierenden damals viel beſſer. Erinnern Sie ſich noch der Tante des höchſtſeligen Herrn, die ſich nie im Gering⸗ ſten in irgend eine Angelegenheit miſchte, die harmloſeſte Dame der ganzen Welt, die ruhig lebte, und ruhig leben ließ.“— „Ja wohl, ja wohl, die zufrieden war, wenn ſie vier Stunden des Tages ſpazieren fahren konnte, die Pferde im langſamſten Schritt, wie vor einem Leichenwagen, und die ſich zur Unterhaltung jeden Tag ein kleines Körbchen mit Weidenruthen aufs Zimmer bringen ließ, die ſie geduldig eine nach der andern auf dem Tiſch zerklopfte——“ „Gelt, alter Freund,“ ſagte Herr Kindermann, indem er ſein Glas empor hob und pfiffig lächelnd durch die gold⸗ gelbe Flüſſigkeit nach ſeinem Collegen hinſchielte,„das waren andere Zeiten. Ich möchte wohl mal ſehen, wenn wir Ihrer Durchlaucht der Prinzeſſin Eliſe ein Körbchen Weidenru⸗ then auf's Zimmer ſetzten, ob ſie ſie auch auf dem Tiche verllpſte — 42. Dreizehntes Kapitel. „Davor ſoll uns Gott bewahren— das hieße den Teufel an die Wand malen.“ „Ja, ſie iſt eine abſonderlich merkwürdige Dame,“ meinte Herr Kindermann, und that einen guten Schluck des angenehmen Getränkes. Nachdem er dies geſagt und ſich die Lippen abgeleckt, lehnte er ſich in ſeinen weichen Seſſel zurück und betrachtete mit einem außerordentlich pfif⸗ figen Blick den Herrn Steppler, der tief nachſinnend eine große Erdbeere anſtarrte, die in ſeinem Glaſe ſchwamm. „Lieber Freund,“ ſagte er alsdann nach einer kleinen Weile, „was ich Ihnen ſchon erſt bemerkt, muß ich hier wiederho⸗ len. Es iſt Pflicht und Schuldigkeit eines guten Dieners, auf die Herrſchaft nach beſten Kräften einzuwirken. Wenn man geſcheidt iſt, gelingt dies auch und man kann ſie ge⸗ wiſſermaßen ziehen, daß es eine Freude iſt.“ „Ja, da hat ſich was zu ziehen“, brummte Herr Steppler.„Das iſt wie ein Aal, wie ein Kreiſel; das dreht ſich zehnmal, ehe ich nur einmal weiß, wo rechts oder links iſt.“ „Zugeſtanden, daß es ſchwierig iſt, mit der hohen Dame droben umzugehen, aber im Vertrauen geſagt, Ihr waret zu nachgiebig, Ihr hättet in vielen Sachen nicht mit⸗ helfen ſollen; ja, Ihr hättet manches hintertreiben können. — Den Teufel auch,“ fuhr Herr Kindermann nach einem augenblicklichen Stillſchweigen fort, und nachdem er im Spie⸗ gel ſein freundliches Geſicht beſchaut,„man muß zu Zeiten 5 F Wiederum im Kabinet des Regenten. 43 auch etwas zu hindern verſtehen. Wiſſen Sie, ich ſpreche als Freund zu Ihnen, lieber Steppler, aber ihr macht da oben doch ganz ſonderbare Geſchichten. Wie kann man zum Beiſpiel nun eine ſolche Heirath protegiren, wie die der alten Excllenz mit dem jungen ſchönen Fräulein?“ „Wie kann man ſo was hindern, frag' ich Sie.“ „Man kann viel dagegen thun, mein lieber Steppler. Man läßt hie und da ein Wort fallen, man meldet zu ſpät oder gar nicht, man bedauert, daß die Herrſchaft ver⸗ hindert iſt, Jemand anzunehmen— aber dazu gehört mehr als ein gewöhnlicher Muth. Ich ſage Ihnen, das iſt ein Mißgriff, der nicht hätte paſſiren ſollen.“. Obgleich Herr Steppler ziemlich gebückt ſaß, ſo daß er ſeinen Collegen nicht anſehen konnte, ſo merkte man doch, wie er, ohne den Kopf zu bewegen, die Augen erhob, und aus den Winkeln derſelben nach Herrn Kinderman hinüber⸗ ſchielte.„Habt ihr etwas dagegen gethan?“ fragte er alsdann. „O, lieber Freund,“ entgegnete Herr Kindermann mit dem Ausdruck großen Selbſtbewußtſeins,„wenn eine Sache einmal ſo verfahren iſt, da kommt der beſte Kutſcher nicht mehr heraus, und doch—— aber wie geſagt,“ unter⸗ brach er ſich ſelbſt,„das war nur ſo eine Idee von mir, und es iſt eigentlich unklug, überhaupt noch über dergleichen zu ſprechen, denn ich weiß doch, daß Sie mir nicht um die Ecke trauen, mein lieber Steppler.“ 4½ 44 Dreizehntes Kapitel. Der Andere blickte abermals verſtohlen in die Höhe, ohne etwas zu entgegnen. 3 „Ich verſichere Sie, es iſt Schade,“ fuhr Herr Kinder⸗ mann nach einer Pauſe fort,„daß wir nicht beſſer zuſam⸗ menhalten. Ich ſage Ihnen, wir könnten hier das Steuer führen, daß es eine Freude wäre, ich mit meiner Lebhaftig⸗ keit, wenn Sie mir erlauben, Sie mit Ihrer unbezahlbaren Ruhe. Kommt her, alter Steppler, ſtoßen wir zuſammen an; den Teufel auch, das ſollte doch endlich einmal auf⸗ hören, daß die Herrſchaften, mit Reſpekt zu ſagen, wie Hund und Katze zuſammen leben. Haben Sie denn einen Begriff davon, wie es Ihre Durchlaucht da oben vermag ſo hämiſch gegen uns zu handeln, gegen einen Herrn, wie der Regent iſt? Gott erhalte ihn hundert Jahre, den ritter⸗ lichen Herrn, den ſchönen Mann, mit Eigenſchaften, daß ihn die ganze Welt liebt und achtet. Aber gerade die, an deren Achtung ihm beſonders gelegen iſt—— ja, Stepp⸗ ler, ſchauen Sie mich nur an,— an deren Achtung ihm be⸗ ſonders viel gelegen iſt, bereitet ihm mit ihren Launen alles mögliche Herzeleid. Darin iſt doch weder Sinn noch Verſtand.“ „Das iſt gegenſeitig, Kindermann, gewiß gegenſeitig.“ „Nein, ihr macht es zu arg. Es muß da droben wieder etwas im Spiele ſein; ich kann Sie verſichern, Steppler, der Herr iſt in den letzten Tagen ſehr ſchlecht gelaunt, und ich glaube, man kann ſich vor ihm in Acht Wiederum im Kabinet des Regenten. 45 nehmen. Er iſt nun einmal der Herr, und wenn wir ſelbſt, was ſich in den nächſten Tagen entſcheiden ſoll, einen Thronerben erhalten, ſo wird doch die Regentſchaft achtzehn Jahre dauern, eine Zeit, deren Ende wir beide ſchwerlich erleben werden.“ 3 „Was wollen Sie damit ſagen, Kindermann?“ fragte der Andere, nachdem er eine Zeit lang nachgedacht. „Nun, ich will damit ſagen, daß der Herr die Macht noch lange behält, ſeinen Freunden wohl zu thun und ſei⸗ nen Feinden auf unangenehme Art zu vergelten. „Aber ihr thut uns ſehr unrecht,“ ſprach nun Herr Steppler, wobei zum erſtenmale ein Lächeln über ſeine düſtern Züge flog,„wenn ihr glaubt, wir oben haßten den Herrn, im Gegentheile, kann ich Sie verſichern. Freilich bemüht man ſich zuweilen ſeine Plane zu vereiteln, ihm entgegenzuwirken, aber, ich bin auch ein alter Prakticus, Kindermann, das geſchieht nicht nach einem kalten, berech⸗ neten Syſtem, ſondern das iſt die Aufwallung des Augen⸗ blicks, iſt wie ein kindiſcher Trotz— verzeihen Sie mir das Wort— eine faſt fieberhafte unerklärliche Neigung, Nein zu ſagen, wenn der Herr Ja ſagt.“ Herr Kindermann blickte in ſein Glas und antwortete nicht. „Von wirklicher Feindſchaft kann da keine Rede ſein und von Haß noch viel weniger. Wenn man Jemand haßt, verſtehen Sie mich wohl, ohne Nebengedanken haßt, ſo nennt —— 4 — 46 Dreizehntes Kapitel. man ſeinen Namen nicht, ſo blickt man nicht nach ihm, ſo iſt man froh, wenn man weder etwas von ihm zu hören noch zu ſehen bekommt; und hauptſächlich, wenn man Je⸗ mand wirklich haßt, ſo verſchließt man das in ſich und zeigt ſeine Feindſeligkeit nicht aller Welt.“ „Da iſt ſchon was Wahres d'ran,“ meinte nachden⸗ kend Herr Kindermann,„es wäre wirklich ſchade, wenn zwei Herrſchaften, wie der Regent und die Prinzeſſin, ihr Leben ſo verbringen ſollten. Haben Sie nie gedacht, Steppler,“ ſagte er nach einer längeren Pauſe, welche er dadurch aus⸗ gefüllt, daß er den Reſt der Erdbeerbowle nachdenklich mit dem großen goldenen Löffel umgerührt,„— iſt es Ihnen nie eingefallen, daß die Beiden ein prächtiges Paar abge⸗ ben würden?“ „Wer hätte nicht ſchon daran gedacht!“ entgegnete der Andere,„und das iſt ein vortrefflicher Gedanke. Dann gäbe es doch einmal endlich Ruhe im Schloß! Man könnte ſeine Tage in ſtiller Beſchaulichkeit beſchließen, wenn die verdrießlichen Geſchichten hier einmal aufhörten. Aber, wie kommen Sie auf die Idee?“ 4 „Sie haben mich darauf gebracht,“ erwiderte Herr Kindermann mit graßer Wichtggkeit.„Freilich habe ich ſchon manchmal über das Benehmen der Prinzeſſin ſo meine Betrachtungen angeſtellt, und dann beſtätigt das, was Sie mir eben ſagten von der fieberhaften Heftigkeit, mit der Ihre Dame zuweilen meinem Herrn opponirt, meine Mei⸗ Wiederum im Kabinet des Regenten. 47 nung; ebenſo, daß ſie häufig von ihm ſpricht, nach ihm blickt, ſich mit ihm beſchäftigt.“ „Das habe ich doch nicht geſagt?“ fragte erſchrocken Herr Steppler. „Ja, Steppler, Sie haben das geſagt, und Ihr guter Geiſt ſprach aus Ihnen. Sehen Sie, das iſt eine groß⸗ artige Idee, mit der ich mich lange getragen und die ge⸗ lingen muß, wenn zwei Männer wie wir ſie in die Hand nehmen. Sie werden Ihre Stellung ſo gut wie ich begrei⸗ fen. Anmelden und den Tiſch und die Garderobe beſorgen, kann Jeder; aber kräftig in's Leben eingreifen, dazu gehören ſichere Hände, und ich glaube, die haben wir, nicht wahr?“ „Ja, ich glaube ſo,“ antwortete Herr Steppler. Doch konnte er ſich einer feſten Hand nur im bildlichen Sinne rühmen, in der Wirklichkeit dagegen zitterte das Glas in ſeiner Rechten einigermaßen, wenn er es zum Munde führte.„Freilich erſchreckt mich dieſe Idee, Kindermann, aber wenn ich mich an Ihren Gedanken gewöhne, ſo finde ich in der That nichts ſo abſonderlich Befremdendes darin. Seine Hoheit der Regent aber?“ „Das ſei meine Sorge,“ entgegnete Herr Kindermann, „glauben Sie mir, er intereſſirt ſich mehr für die Prin⸗ zeſſin als ſich die ganze Welt träumen läßt.“ „Wirklich?“ warf der Andere mit einem faſt heiteren Tone dazwiſchen. „Gewiß, ich merke das aus Vielem heraus. Wie 48 Dreizehntes Kapitel. oft ſteht Seine Hoheit entfernt von der Prinzeſſin, iſt an⸗ ſcheinend in eifrigem Geſpräch mit Anderen begriffen, und findet doch Zeit genug, jeden Augenblick nach ihr hinüber⸗ zuſchauen, alle ihre Bewegungen zu beobachten.“ „In der That, das iſt mir auch ſchon ſo vorgekommen,“ gab Herr Steppler zur Antwort und wiegte dabei ſeinen Kopf auf und nieder, wie Jemand, der einem angenehmen Gedanken nachhängt. „Wäre es für uns nicht in jeder Hinſicht das Beſte, wenn da was zu Stande gebracht werden könnte?“ meinte Herr Kindermann.„Ich ſetze den Fall, daß wir uns Beide in unſeren Meinungen nicht irren. Wie dankbar müßten ſolche Bemühungen überdies von den höchſten Herrſchaften aufgenommen werden! Dazu gehört aber vor allen Dingen, daß man nicht ſucht die kleinen Streitigkeiten zu vergrößern, die hier und da vorkommen, oder gar neue zu erfinden, und in dem Punkte müſſen Sie ſogar etwas Mebriges thun, Meiſter Steppler.“ „Du lieber Gott, unſereins handelt nur nach Befehlen, das kann, ich Sie verſichern,“ entgegnete der Andere.„Wir wagen es wahrhaftig nie, eine eigene Meinung zu haben, noch viel weniger dieſelbe durchzuſetzen. Ja wir ſind nicht Herr Kindermann,“ ſetzte er mit einem pfiffig ſein ſollenden Lächeln hinzu. Der Kammerdiener Seiner Hoheit, offenbar geſchmeichelt durch dieſe Aeußerung, machte ein ſpitzes Maul, wobei er Wiederum im Kabinet des Regenten. 49 ſich verſtohlen im Spiegel betrachtete.„Man thut wahrhaf⸗ tig nur ſeine Schuldigkeit,“ ſagte er alsdann,„und wenn Einem zufällig einmal etwas gelingt, ſo meinen die Leute, man habe Gott weiß welche Macht.“ Daß in dieſem Augenblick der dienſtthuende Lakai der Prinzeſſin ziemlich ohne Umſtände eintrat, mußte ſeine Ur⸗ ſache haben, und ſo war es auch in der That. Er meldete aus reſpectvoller Entfernung mit flüſternder Stimme, daß die Prinzeſſin in Begleitung Seiner Hoheit ſo eben aus den Appartements der verwittweten Frau Herzogin komme und daß ſich die höchſten Herrſchaften vorausſichtlich nach ihren Gemächern verfügen würden. Herr Steppler erhob ſich raſch von ſeinem Stuhle, ſchlürfte ſein Glas haſtig aus und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung, als ihm Herr Kindermann nochmals einſchenken wollte. Dann reichten ſich die beiden würdigen Männer die Hände und der ausdruckvolle Blick eines Jeden ſagte dem Andern, daß das Geſpräch von vorhin nicht vergeſſen ſei. In Gegen⸗ wart des Lakaien etwas hinzuzufügen, wäre nicht räthlich geweſen. Schon daß ſich die beiden mächtigen Kammer⸗ diener die Hände reichten, wurde einer vertrauten Kammer⸗ jungfer erzählt, die es denſelben Abend noch zu den Ohren Ihrer Durchlaucht brachte, welche die Annäherung der beiden bisher ſehr feindlichen Parteien wichtig genug fand, um einen Augenblick darüber nachzudenken. Ja, wenn wir unſerer Geſchichte vorgreifen dürften, ſo würden wir hinzu⸗ Hackländer. Der Augenblick des Glücks. I. 4 — 50 Dreizehntes Kapitel. fügen, daß die Prinzeſſin ſehr bald an ihren Schreibtiſch eilte, nachdem ſie die vertrauliche Mittheilung von dem Einverſtändniß der beiden Kammerdiener erhalten.„Gut,“ hatte Ihre Durchlaucht darauf erwidert,„es iſt am Ende gleichgültig— mich überraſcht man nicht.“ Aber dann hatte ſie einen Brief geſiegelt, adreſſirt und befohlen, ihn ſogleich zu dem Kammerherrn Baron Wenden zu bringen. Es war zehn Uhr des Abends und die Prinzeſſin erwartete eine Entgegnung auf ihre Zeilen. Herr Kindermann war, dem Rufe der Glocke folgend, kaum in die Appartements des Regenten getreten, als ſich Herr von Fernow in dem Zimmer des Kammerdieners ein⸗ fand. Da ſich Seine Hoheit noch nicht zur Ruhe begab, ſich vielmehr zum Leſen niedergeſetzt hatte, ſo kehrte Herr Kindermann in wenigen Augenblicken zurück und war offen⸗ bar etwas erſtaunt, den Adjutanten zu ſo ſpäter Stunde und in Civilkleidung anzutreffen. „Verzeihen Sie, lieber Herr Kindermann,“ ſagte der Major, indem er raſch auf den Eintretenden zuging,„daß ich ſtöre. Aber Sie waren vor einiger Zeit ſo freundlich, mir zu ſagen, ich ſolle mich bei vorkommenden, mir wichtig erſcheinenden Umſtänden vertrauensvoll an Sie wenden. Ein ſolcher Augenblick iſt nun gekommen, wo ich Ihres Rathes, vielleicht auch Ihrer Hülfe bedarf.“ Der Kammer⸗ diener, offenbar geſchmeichelt durch die freundliche Anrede des jungen Mannes, zeigte ein in der That angenehmes —-—— ‿— —— Wiederum im Kabinet des Regenten. 51 Lächeln und bat den Adjutanten, Platz zu nehmen.„Wenn Sie mir erlauben,“ ſagte dieſer,„ſo ziehe ich vor, ſtehen zu bleiben. Ich habe eine Bitte an Sie und dieſe beſteht darin, mir offenherzig zu ſagen, ob es Ihnen möglich iſt, mich noch bei Seiner Hoheit zu melden.“ Der Kammerherr ließ einen bedenklichen Blick auf die Standuhr fallen und ſein Geſicht bemühte ſich, ſehr ernſt⸗ haft auszuſehen. 3 „Es iſt nach zehn Uhr,“ bemerkte er,„und müßten wir eine dringende Urſache haben, Seine Hoheit, die mir nicht beſonders gut gelaunt ſcheinen, bei'm Leſen zu unter⸗ brechen. Auch ſieht der Herr, wie Sie ſelbſt wiſſen, lie⸗ ber Herr von Fernow, den ſchwarzen Frack nicht gern an ſeinen Adjutanten, ſobald ſie ihm eine Meldung oder der⸗ gleichen zu machen haben. Daß ich für Sie thun werde, was ich kann, brauche ich Ihnen wohl nicht erſt zu ver⸗ ſichern.— Ohne unbeſcheiden fragen zu wollen,“ ſetzte er nach einer Pauſe mit einem ſchlauen Lächeln hinzu,„iſt die Sache ſehr dringend?“ „Das iſt es ja gerade, was ich ſelbſt nicht weiß,“ erwiderte Herr von Fernow;„denn ſonſt könnte ich mich ja geradezu melden laſſen. Sie wiſſen, wie ſehr ich über⸗ zeugt bin, daß Alles, was die Angelegenheiten Seiner Ho⸗ heit betrifft, in Ihren Händen vortrefflich aufgehoben iſt. Daher nehme ich auch gar keinen Anſtand, Ihnen mitzu⸗ theilen, was mich hierher führt. Ich kam vorhin in den 52 Dreizehntes Kapitel. Beſitz dieſer beiden Photographien,“ damit zog er die Blät⸗ ter heraus,„und gewiſſe ſonderbare Umſtände laſſen mich vermuthen, daß es Seiner Hoheit erwünſcht ſein werde, von dem Daſein dieſer beiden Portraits, namentlich von dem einen, Kenntniß zu erhalten. Was meinen Sie, lie⸗ ber Herr Kindermann?“ Der Kammerdiener hatte die beiden Blätter ergriffen und trat an die Lampe über dem Kamin, um ſie zu be⸗ trachten.—„Baron Rigoll,“ ſagte er nach einem augen⸗ blicklichen Stillſchweigen und ſchaute freundlich lächelnd auf den Adjutanten. „Ich bitte das andere zu betrachten,“ verſetzte Herr von Fernow. „Richtig, das andere,“ entgegnete der Kammerdiener und ſchob das Portrait des Oberſtzägermeiſters auf die Seite. Er beſchaute das zweite Blatt längere Zeit, zuckte mit den Achſeln und das Lächeln verſchwand von ſeinen Zügen. Er wurde ſogar ſehr ernſt, was, wie wir wiſſen, bei Herrn Kindermann nicht leicht vorkam.„Das iſt frei⸗ lich wichtiger,“ ſagte er nach einer Pauſe,„Herzog Alfred von D. Alle Wetter, Herr von Fernow, wie kommen Sie zu dem Portrait?“ „Auf eine etwas umſtändliche Art, die ich mir mor⸗ gen das Vergnügen machen werde, Ihnen genau mitzu⸗ theilen.“ Bei dieſen Worten machte der Adjutant eine ver⸗ 2— —* Wiederum im Kabinet des Regenten. bindliche Handbewegung, blickte aber zugleich auf die Stand⸗ 5 uhr über dem Kamin.* „Verſtehe,“ erwiderte Herr Kindermann geſchmeidig. „Wenn etwas geſchehen ſoll, muß es gleich geſchehen. Sie geradezu einzuführen, ſcheint mir nicht paſſend. Ich muß manövriren.“ „Wollen Sie dem Herrn Eau de Cologne aufgießen oder den Säbel klappern laſſen?“ meinte ſcherzend der Major. „Alles hat ſeine Zeit.— Laſſen Sie mich nur machen, Herr von Fernow, und glauben Sie mir, es war ein glücklicher Augenblick, der Sie in den Beſitz dieſes Portraits brachte. Glücklich für Sie, wenn auch nicht für Andere,“ ſetzte Kindermann hinzu, indem er kopfſchüttelnd abging.— Der Kammerdiener machte ein ſiegreich lächelndes Ge⸗ ſicht, als er wieder eintrat.„Ich habe für Sie gewirkt, wie ich in den ſchönen Tagen that, wo Ihr Herr Vater, Gott hab' ihn ſelig, auf dieſer ſelben Stelle an den unbe⸗ deutenden Kindermann manch freundliches Wort ſpendete. Gehen Sie getroſt zu Sr. Hoheit.“. „Sprachen Sie davon, was mich hieher geführt?“ fragte Herr von Fernow. Der Kammerdiener erhob ſeinen Kopf mit einem un⸗ beſchreiblichen Ausdruck von Würde, als er hierauf entgeg⸗ nete:„Kindermann ſollte in einem ſolchen Falle voreilig ſein? Der Mittheilung eines Mannes, dem er wohl will, 54 Dreizehntes Kapitel. dadurch die Spitze abbrechen? O nein, das thut man nur Fällen, wo es nöthig erſcheint, Jemandem die Freude in zu verderben. Vorkommen mag dergleichen freilich. Nein, ich meldete Seiner Hoheit, Sie hätten ſich auf eine auf⸗ fallende Art im Vorzimmer blicken laſſen, es ſcheine mir, Sie hätten etwas auf dem Herzen, ohne gerade den Muth zu haben, eine Audienz zu verlangen.— Vor allen Din⸗ gen,“ ſetzte er mit leiſer Stimme, aber in ſehr vertrau⸗ lichem Tone hinzu,„habe ich Seine Hoheit den Regenten neugierig gemacht.“ „Ob mir das helfen wird, mag Gott wiſſen,“ ant⸗ wortete Herr von Fernow im Abgehen;„vor Allem aber meinen herzlichſten Dank.“ Herr Kindermann blieb einen Augenblick nachdenklich in der Mitte des Zimmers ſtehen, nahm bedächtig eine Priſe aus der großen goldenen Doſe und ſprach dann zu ſich ſelber:„das iſt ein junges, dankbares Gemüth; er iſt es werth, daß wir ihn protegiren.“ Im Kabinet des Regenten war es faſt wie an jenem Abend, an welchem wir den Leſer zum erſtenmal dorthin führten. Im Kamin ſpielte ein leichtes Feuer, die ſchwere Bronzelampe war tief auf den Tiſch hinabgezogen, wie da⸗ mals auch mit dem grünen Schirme bedeckt, nur ſchritt der Regent langſam im Zimm mer auf und nieder, den Eintreten⸗ den erwartend. * — „Eure Hoheit noch heute Abend ſehen zu dürfen.“ kleine Kabinet mit einem Male hell beleuchtet erſchien, dann Wiederum im Kabinet des Regenten. 55⁵ Der junge Mann machte an der Thür eine tiefe Ver⸗ beugung, der Anrede Seiner Hoheit harrend. „Ei, ei, mein beſter Fernow, erfahre ſo eben durch Kindermann, daß Sie ſich wie ein “ ſagte der Fürſt,„ich de, 2 Geſpenſt nächtlicher Weile in meinem Vorzimmer ſehen laſſen. Den Himmel auch, was machen Sie um die Stunde im Schloſſe? Wenn das der Oberſtjägermeiſter erfährt, ſo wird er ſeine Heirath ſo beſchleunigen, daß Ihre beſten Freunde nichts für Sie thun können.“ „Dürfte ich mir nach dieſem gnädigen Empfange ſchmei⸗ cheln, daß Eure Hoheit felbſt einigen Antheil an mir neh⸗ men, ſo darf ich mir vielleicht erlauben, der Wahrheit ge⸗ mäß zu ſagen, daß ich in dieſem Augenblicke nicht im Schloſſe bin um Seiner Ercellenz Anlaß zum Mißvergnügen zu geben. Es iſt wahr, ich hielt mich im Vorzimmer auf, hoffend auf das Glück, das mir jetzt zu Theil geworden,— „In der That, Sie machen mich neugierig, lieber Fer⸗ now, aber ehe Sie mir mittheilen, was Sie hierher führt, erlauben Sie mir, meine Lampe aufſteigen zu laſſen. Es i*ſt ein unbehagliches Gefühl, ſo im Halbdunkel zuſammen zu ſprechen, für ie wie für mich.— So.“ Er hatte bei dieſen Worten die Carcellampe vermittelſt des Gegen⸗ gewichts ihrer Ketten an die Decke gehoben, wodurch das lehnte er ſich gegen das Geſims des Kamins, blickte den 56 Dreizehntes Kapitel. jungen Mann wohlwollend an, und forderte ihn mit einer gefälligen Handbewegung zum Sprechen auf. Nachdem Herr von Fernow um Entſchuldigung gebeten, daß er ein wenig weit ausholen müſſe, erzählte er von ſeinem abendlichen Spaziergang im Parke, von ſeinem Zu⸗ ſamentreffen mit dem Photographen und wie er durch die⸗ ſen von jenen beiden Herren erfahren, die vor einigen Tagen auf ſo geheimnißvolle Art ihre Portraits machen ließen, und wie er aus der näheren Beſchreibung erſehen, daß der Eine Baron Rigoll geweſen. Nachdem der Fürſt von Anfang an dieſer Erzählung des jungen Mannes mit einigem Intereſſe gefolgt war, ohne gerade viel Spannung zu verrathen, ſo richtete er ſich bei der Erwähnung des Oberſtjägermeiſters in die Höhe, ſchlug die Arme übereinan⸗ der und lauſchte begieriger jedem Worte ſeines Adjutanten. Dieſer berichtete hierauf in möglichſter Kürze von ſeinem Aufenthalt auf der Schloßterraſſe, Von der Erſcheinung des Herrn Krimpf, wie er denſelben verfolgt und wie es ihm endlich gelungen, jene Blätter zu erhalten. Mit ſteigendem Intereſſe hatte der Regent zugehört und zuweilen den Erzähler mit einem aufmunternden Zu⸗ ruf unterbrochen. Als nun der Major in ſeine Bruſttaſche griff und die beiden Blätter hervorholte, trat ihm der Re⸗ gent raſch entgegen und nahm ſie aus ſeiner Hand. Das Bild des Oberſtjägermeiſters warf er haſtig bei Seite, als er jedoch das andere gegen das Licht hielt, entdeckte Herr —— —— ———— Wiederum im Kabinet des Regenten. 57 von Fernow eine außerordentliche Umwandlung auf dem ſonſt ſo ruhigen Geſichte des Regenten. Die Züge waren ſtarr und bleich geworden, als er die Photographie ange⸗ blickt, er biß die Lippen feſt aufeinander und faßte mit der linken Hand nach dem Tiſche, freilich nicht, um ſich daran zu halten, wohl aber um die Decke auf demſelben in der geballten Fauſt zuſammenzudrücken. „Dieſe Photographien wurden alſo vor wenigen Ta⸗ gen hier in der Stadt gemacht?“ fragte der Regent mit bewegter Stimme. „Vor vier Tagen.“ „Und nicht etwa nach Bildern,“ fuhr er fort,„ſon⸗ dern beide nach den lebendigen Originalen?“ „Beide, Eure Hoheit,“ entgegnete ruhig der Adjutant. „Ich ſah ſelbſt den andern Herrn.“ „Wo ſahen Sie ihn? Wo? Warum machten Sie mir keine Meldung darüber?“ „Weil ich ihn nicht kannte, und er mir einfach als Graf Hohenberg vorgeſtellt wurde.“ „Graf Hohenberg? Das iſt ein Incognito zur Unzeit, kein ritterliches! Und wo ſahen Sie ihn?„forſchte der Regent mit ſteigender Heftigkeit. „Im Hauſe des Baron Wenden, wo er Seine Excel⸗ lenz den Herrn Oberſtjägermeiſter ſuchte.“ „Ah dieſe Rigoll und Wenden!“ rief der Regent nicht nur zornig aufgeregt, ſondern es lag zugleich etwas tief 58 Dreizehntes Kapitel. Schmerzliches im Blicke ſeiner Augen, ja ſelbſt im Tone der Stimme. Es war ein Moment, wo der ſonſt ſo ruhige und feſte Mann vergaß, daß er nicht allein in ſeinem Kabinet war. Doch eine Sekunde genügte, um ihn an die Gegenwart des Andern zu erinnern. Er legte einen Augenblick die Hand an die Stirn, fuhr ſich über das Geſicht herab, und ſagte nach einem faſt mühſamen Athem⸗ zuge:„Sie ſind erſtaunt, mein lieber Fernow, daß das Portrait einen ſo tiefen Eindruck auf mich macht. Vielleicht wird eine Zeit kommen, wo ich Ihnen das erklären kann, denn ich vertraue Ihnen, wie Wenigen. Vielleicht,—“ wiederholte er mit einem bittern Lächeln.„Um Ihnen aber einen Beweis zu geben, wie ſehr ich Ihnen vertraue und da ich es für nöthig halte, Sie au fait zu ſetzen, will ich mich bemühen, Ihnen mit wenigen Worten zu ſagen, in welchem Zuſammenhange dieſer Mann da mit mir, das heißt mit unſerer Familie ſteht. Es iſt der Herzog Alfred von D.,“ ſagte er und fügte, die Photographien nochmals betrachtend, hinzu:„Er hat ſich alt gemacht, der Herzog, recht alt.“ Dann warf der Regent einen Blick in den Spiegel und fuhr fort:„Der Herzog projektirte ſchon vor einigen Jahren eine Verbindung mit meiner Couſine, der Prinzeſſin Eliſe. Das war alſo noch zu Lebzeiten des ſeli⸗ gen Herzogs. Die Prinzeſſin ſchlug die Partie aus und —— bereute ihre Weigerung ſpäter, wie ſie mir nachher, — freilich ir Momenten des Zorns und der Aufregung Wiederum im Kabinet des Regenten. 59 — wiederholt verſicherte.“— Auch dieſen Satz ſprach der Regent wieder, wie mit ſich ſelbſt redend.„Darauf machte der Herzog ſeine großen Reiſen und jetzt, da er zurückgekehrt iſt, ſcheint er, oder—— Jemand anders, dieſe Verbindung knüpfen zu wollen— ja Jemand anders,“ fuhr er heftiger fort, „nicht aus Liebe, das glaube und hoffe ich nicht, aber aus Trotz und Widerſpruchsgeiſt, unterſtützt von den Rathſchlägen des Herrn Wenden, Rigoll und Conſorten. Ich werde aber Gelegenheit finden, ein Wort mit ihnen zu reden.“ Damit ſchleuderte der Fürſt die Photographie auf den Tiſch und ſchritt im Kabinet auf und ab, bis er plötzlich vor dem Adjutanten ſtehen blieb, ihm die Hand auf die Schulter legte, und mit einem ſo weichen Tone ſagte, wie der junge Mann ihn nie von ihm gehört: „Mein lieber Fernow, man ſagt, ich ſei kalt, verſchloſ⸗ ſen, ernſthaft, ja finſter. Es iſt wahr, es iſt ſo meine Art, doch glauben Sie mir, ich kann auch fühlen, tief und ſchmerzlich fühlen.“ Er wandte ſich raſch um, ſtellte ſich wieder an den Kamin, und lehnte ſeinen Kopf leicht gegen die Wand. Es herrſchte einen Augenblick eine ſo tiefe Stille in dem Kabinet, daß man auf's Deutlichſte nicht nur den klingenden Schlag der Standuhr vernahm, ſondern daß der Adjutant auch das leichte Rauſchen eines Vorhangs im Nebenzimmer zu hören glaubte. Es war in dem Zimmer, welches an das des Herrn Kindermann ſtieß. 60 Dreizehntes Kapitel. „Wenn die Prinzeſſin ſich verheirathen will,“ fuhr der Herzog nach einigen Sekunden fort,„wenn ſie ſich, wie geſagt, vermählen will und die Partie iſt paſſend, wie die mit dem Herzog Alfred, warum denn dieſe heimlichen Wege? Warum mir, dem Regenten, dem Chef des Hauſes nicht geradezu ſagen: das ſind meine Anſichten, meine Wünſche. Bei Gott, wenn es denn einmal ſein muß, ſo hätte ich die Annäherung doch viel ehrenhafter, ja anſtändiger herbeige⸗ führt, als dieſe Herren Wenden und Rigoll; was meinen Sie, Fernow?“ Der junge Mann hatte einen tiefen Blick in das In⸗ nere des Herzogs gethan und es war ihm klar geworden, was ſich der Regent vielleicht ſelbſt nur ungern eingeſtehen mochte: der Fürſt liebte die Prinzeſſin; nicht wie ein junger Menſch, wie er ſelbſt liebte, leidenſchaftlich ſprudelnd, aber herzlich und innig, und das feſte Gemüth des Fürſten verſchloß dieſe Regung vor aller Welt, ſeine Liebe allein fühlend, die Leiden derſelben allein tragend. Der Adjutant war in Träumereien verſunken über die ſeltſamen Geſchicke des Menſchen und fuhr faſt zuſammen, als ihm der Regent jene Frage vorlegte. Glücklicherweiſe hatte er die Worte, welche der Frage vorausgingen, verſtanden und er ant⸗ wortete:„darüber kann kein Zweifel herrſchen. Doch wenn mir Eure Hoheit eine ganz ergebene Bemerkung erlauben, ſo hatten Sie vor einiger Zeit die Gnade, mir etwas über den Charakter Ihrer Durchlaucht mitzutheilen, was Wiederum im Kabinet des Regenten. 61 mir auf den vorliegenden Fall außerordentlich paſſend erſcheint.“ „Laſſen Sie hören,“ ſprach aufmerkſam der Regent. „Eure Hoheit ſagten damals, daß die Prinzeſſin mit ſeltenen Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens, die wir ja Alle an der hohen Dame kennen und verehren, eine außer⸗ ordentliche Luſt zur Intrigue verbinde, daß es ihr nicht möglich einer Sache, für die ſie ſich intereſſire, ihren gewöhnlichen Lauf zu laſſen, daß es Ihrer Durchlaucht das größte Vergnügen mache, Minen und Gegenminen ſpringen zu laſſen, um zu irgend einem Reſultat zu kommen, das ſie vielleicht auf geradem Wege leichter erreichen könne.“ „Und ich beſtätige meine Worte von damals,“ antwor⸗ tete der Regent,„ich ſprach ſo eben noch das Gleiche aus. Aber er verletzt mich tief, dieſer M Nangel an Vertrauen, ja, er thut mir unendlich weh' und ich will mich nicht ſchä⸗ men, das vor Ihnen zu geſtehen.— Wir ſind ja einmal Vertraute geworden, beſter Fernow,“ fuhr er mit einem ſchmerzlichen Lächeln fort,„was ich meines Theils nicht bereue, da ich überzeugt bin, mich in Ihnen nicht geirrt zu haben.“ Damit trat er einen Schritt gegen den jungen Mann und reichte ihm ſeine Rechte, die jener mit beiden Händen ergriff und ehrerbietig an ſeine Lippen führen wollte; doch entzog ſie ihm der Regent auf eine ſanfte Art. Er ſtrich ſich leicht über die Stirn 2 trat zum Tiſche, 5. chem Tone. 62 Dreizehntes Kapitel. warf das aufgeſchlagene Buch zu und ſagte:„Für Ihre Nachricht danke ich Ihnen herzlich. Ich hatte eine Ahnung von dieſer Angelegenheit, wußte aber in der That nicht, daß dieſelbe ſchon ſo weit gediehen ſei. Wollen Sie mir noch einen ferneren Dienſt leſſten, ſo werden Sie mich außeror⸗ dentlich verbinden. 3 „Es macht mich lädlich wemm Eune Hohei befehlen wollen,“ entgegnete der junge Offizier Der Regent blickte auf die Uhr über dem amin. „Es iſt beinahe elf Uhr, Sie kennen Baron Wenden gut genug, um ihm, falls er noch nicht zu Bette iſt, einen Beſuch machen zu können?“ „O ja, Euer Hoheit, ich kann das ſchon wagen.“ „Gehen Sie alſo zu ihm, ſuchen Sie ihn heute noch zu ſprechen, und ſagen Sie ihm, ich wiſſe um die geheime Angelegenheit, ich ſei ſehr ungehalten und geben Sie ihm den freundſchaftlichen Rath,— begreiflicher Weiſe habe ich Sie nicht geſchickt, Sie kommen ganz aus eigenem Antriebe — Sie geben ihm alſo den guten Rath, Ihnen zu ent⸗ decken, wie die Sache überhaupt ſteht. Sagen Sie ihm, dies ſei Ihrer Anſicht nach das beſte Mittel, ſeine Krank⸗ heit nicht nur augenblicklich aufhören zu machen, ſondern auch allenfallſige kleine Wünſche erfüllt zu ſehen.— Die Sache iſt mir wichtig, lieber Fernow,“ ſetzte der Regent in faſt liebreichem Tone hinzu,„denken Sie nicht, Sie handeln Wiederum im Kabinet des Regenten. 63 für den Regenten, denken Sie, es ſei für einen Ihrer guten Freunde, dem Sie nach beſtem Willen einen Liebesdienſt erzeigen möchten.“ „Hoffentlich ſoll Euer Hoheit mit mir zufrieden ſein; ich darf mir wohl erlauben, morgen mit dem friüheſten meinen Rapport abzuſtatten?“ „So früh, als Sie wollen, Fernow,“ antwortete der Regent mit einer freundlichen Handbewegung. Als der junge Mann das Zimmer verlaſſen hatte, ſchaute der Regent einen Augenblick ſtarr vor ſich hin, dann drückte er die rechte Hand auf das Herz und that mit feſt zuſammen gebiſſenen Zähnen einen tiefen Athemzug. „Alſo doch!“ ſprach er zu ſich ſelber,„ſie hat mich wirklich überliſtet! Aber zu welchem Zweck? Das möchte ich wiſſen. Zu welchem Zwecke? Will ſie Herzogin von D. werden? Bah! ich kann und will nicht daran glauben. Und doch— und doch! Dieſe ganze Intrigue ſähe ihr ähnlich,— wenn— ja wenn— ſie dieſelbe nicht ſo außer⸗ ordentlich geheim gehalten hätte. Fernow iſt ehrlich. Er an mir und iſt keines ihrer Werkzeuge.— Und doch ich unausſprechlich glücklich, wenn er zum Verräther r geworden wäre, wenn er auf den Wunſch der Prin⸗ zeſſin mir dieſe Mittheilung gemacht hätte, wenn ſie mich einen drohenden Verluſt ahnen laſſen wollte, um mich zu einem entſcheidenden Schritt zu drängen.—— Aber nein, nein, es iſt nicht ſo. Ich fürchte, ich habe zu lange ge⸗ Gänge des Schloſſes. Man hörte hier nchts 3 64 Dreizehntes Kapitel. zaudert, ein verlorenes Spiel in der Hand. Da Fernow treu iſt, iſt die Prinzeſſin in Wahrheit falſch gegen mich. Sie will ſich von mir losreißen, ſie will Herzogin von D. werden.— Wir wollen ſehen.“ Herr von Fernow hatte draußen im Vorzimmer Mühe, ſich ſo ſchnell, als es nothwendig war, von Herrn Kinder⸗ mann zu verabſchieden. Der alte Herr ſaß wie geknickt in ſeinem Lehnſtuhle und machte kaum einen ſchwachen Ver⸗ ſuch aufzuſtehen. Er hatte natürlicher Weiſe ſehr wenig von der Unterredung im Kabinet verloren und ihm, der, wie wir es wiſſen, für eine Verbindung des Regenten mit der Prinzeſſin Eliſe ſchwärmte, war das, was er erfahren, ſo überraſchend gekommen, daß es ihn ganz niedergeſchmet⸗ tert hatte, und er beim Eintritt des Adjutanten nicht ein⸗ mal im Stande war, ein ganz gewöhnliches Lächeln auf ſeine Züge zu zaubern. Er hätte gar zu gern ſeinem Kum⸗ mer durch ein Geſpräch Luft gemacht, doch legte Herr von Fernow den Finger auf den Mund und ſagte nichts als: „Ein dringender Auftrag, Herr Kindermann, 8 ähene das taktmäßige Auf⸗ und Abſchreiten der Schildwachen und nur dann und wann von weither ſchallend das Zuſchlagen einer Thür. Jetzt war der junge Mann an eine große Treppe ge⸗ kommen, wo er hinter einem der dicken Pfeiler ſtehen blieb, denn droben hörte man Thüren öffnen und ſah den Glanz von Lichtern, mit denen ein paar Lakaien eilfertig auf den Gang hinausſprangen. Jetzt wurden auch Schritte vernehm⸗ bar, der Tritt eines Mannes und das Rauſchen eines ſei⸗ denen Kleides. „Mir ſcheint,“ ſprach der Adjutant zu ſich ſelber,„ich bin heute einmal dazu verdammt, im Schloſſe zu lauſchen. Ein unangenehmes Geſchäft— man erfährt da ſelten was Gutes. Eigentlich ſehe ich nicht ein, warum ich hier ver⸗ borgen ſtehen bleiben ſoll. Was kümmert mich, wer da von den Gemächern der Prinzeſſin kommt.— Vorwärts.“ Und doch ging er nicht vorwärts. Denn der Klang der Stimme, die jetzt auf der Treppe laut wurde, hielt ihn gewaltſam hinter dem Pfeiler feſt. Es war Seine Excellenz der Oberſtjägermeiſter, der in ſeinem ſcharfen Tone ſagte: „Sie werden nicht ſo grauſam ſein, mein Fräulein, um mir zu verbieten, daß ich Sie in meinem Wagen bis an Ihre Wohnung begleiten darf. Ich habe ja das Glück, Ihnen ſo nahe zu ſtehen, daß ſelbſt die Oberhofmeiſterin Ihrer Durchlaucht, die doch im Punkte des Anſtandes faſt unmöglich befriedigen iſt, nichts dagegen einzuwenden hatte, wie Sie droben vernahmen.“ So ſprach er, und was er ſagte, fiel wie gewaltige Schläge auf das Herz des armen Fernow. Jetzt wußte er, Hackländer. Der Augenblick des Glücks. II. 5 Wiederum im Kabinet des Regenten. 65 -—y— 66 Dreizehntes Kapitel. wer neben dem verhaßten Nebenbuhler die Treppen hinab⸗ ſtieg. O wäre der hundert Meilen von dieſem Platze ent⸗ fernt geweſen! Wie ein Kind nach blendendem Blitz ent⸗ ſetzt auf den heftigen Donnerſchlag wartet, ſo lauſchte er angſtvoll auf ihre Gegenrede. Ja ſie war es. Es war Helene von Ripperda, die aus ihren Dienſtzimmern im Schloß in ihre Stadtwohnung zu⸗ rückkehren wollte. Und wenn ſie dem Oberſtjägermeiſter auch zur Antwort gab:„Ich will Sie wahrhaftig nicht bemühen, mein Wagen ſteht ja ebenfalls bereit,“ wenn ſie ihm auch mit dieſen Worten ſeine Bitte verweigern zu wollen ſchien, ſo war doch der Klang der Stimme ſo freundlich, daß der arme Lauſcher darob ſeine Hände zuſammenballte.— O, ſeine Leiden waren noch nicht zu Ende.„Diesmal laſſe ich mich nicht abweiſen, mein ſchönes Fräulein,“ ſagte die Excellenz luſtig, „ich muß Sie ſonſt bei Ihrer Durchlaucht und ſogar bei der Oberhofmeiſterin verklagen. Schicken Sie Ihren Wagen weg. Ich erbitte es mir als eine Gunſt,— ja, als eine Gnade, Sie in meiner Equipage begleiten zu dürfen.“ 8 „Das dank' ihm der Teufel, daß das eine Gunſt iſt,“ dachte ingrimmig Herr von Fernow, indem er mit den Zäh⸗ nen knirſchte.„Wenn ich mich ſehen ließe?— Doch nein. Was brauche ich zu ihrer Hülfe zu erſcheinen, o, dies ſtolze Mädchen iſt ſelbſtſtändig genug, ihren Willen durch⸗ zuſetzen. Sie iſt nur nachgiebig, wo es ihr gefällt. Fahr' hin!“ Der Klang der Schritte und das Rauſchen der ſei⸗ Wiederum im Kabinet des Regenten. 67 denen Robe verloren ſich nach dem Hauptportale zu. Herr von Fernow eilte unwillkürlich nach. Er wußte, daß er die Beiden nicht mehr erreichen konnte, er wollte ſich nur das unausſprechliche Vergnügen machen, die beiden traulich Beiſammenſitzenden davonfahren zu ſehen. Jetzt fuhr ein Wagen vor, man hörte den Tritt her⸗ abſchlagen, dann die Stimme Seiner Excellenz, welche dem Kutſcher die Wohnung des Fräuleins von Ripperda angab, und die Equipage rollte davon. Der arme Adjutant ſtand in dieſem Augenblicke unter dem Hauptportal. Was hätte er um die Stelle des Oberſtjägermeiſters gegeben! Neben ihr im engen Wagen ruhen zu dürfen, ein freundliches Wort mit ihr plaudernd, vielleicht ſanft ihre Hand berüh⸗ rend— o Gott, daß Träumereien, und namentlich Träu⸗ mereien eines Unglücklichen ſo extravagant ſind! Ein zweiter Wagen hielt noch bei der Anfahrt, der Wagen der ſchönen Hofdame. Der Kutſcher wollte gerade ſeine Pferde wenden, um leer in die königlichen Stallungen zurückzukehren, als ihm Herr von Fernow zurief zu halten. Auf den Thürmen ſchlug es eilf Uhr, es war eine gute Strecke bis zur Wohnung des Baron Wenden. Warum ſollte er ſich nicht erlauben, einen leeren herzoglichen Wagen zu benutzen! Und— woran er wohl dachte, und was ihm einen ſüßen Schmerz bereitete— ihren Wagen! Der Lakai, der neben dem Coupé ſtand, öffnete dem Adjutanten bereitwillig den Schlag, dieſer nannte die Woh⸗ 5* 68 Dreizehntes Kapitel. nung des Baron Wenden und warf ſich auf das Kiſſen der linken Seite. Helene pflegte in der rechten Ecke zu ſitzen. An ſie denkend, legte er ſeine Hand auf das Pol⸗ ſter, wo ihr Kopf gewöhnlich ruhte, und als er hierauf ſanft über die ſchwere Seide hinabfuhr, erfaßten ſeine Fin⸗ ger mit unausſprechlichem Vergnügen ein feines Battiſttuch, welches ſie im Wagen gelaſſen. Daß er es an ſeine Lip⸗ pen drückte und es dann, ein glücklicher Dieb, ſorgfältig in ſeine Bruſttaſche ſteckte, brauchten wir dem geneigten Leſer eigentlich gar nicht zu ſagen, doch war dieſer koſtbare Fund nicht im Stande, ſeine ſchmerzliche Stimmung zu verſcheuchen, vielmehr dachte er immer und immer wieder an den vorausrollenden Wagen, und wenn er zornig ſagte: „Warum konnte ich nicht früher das Schloß verlaſſen?“ ſo ſeufzte er in Uebereinſtimmung mit dieſem Gedanken gleich darauf aus vollem Herzen:„Das war kein Augenblick des Glücks!“ — A Vierzehntes Kapitel. 1 Eine goldene Brücke. Auf die Gefahr hin, dem geneigten Leſer den An⸗ fang des erſten Kapitels zu wiederholen, müſſen wir ihn — doch, dem Lauf unſerer wahrhaftigen Geſchichte gemäß, am ſ heutigen Abend nochmals zur Wohnung des Kammerherrn 4 Baron von Wenden zurückführen, obgleich wir dieſelbe nach dem Diner, und zwar erſt vor wenigen Stunden verlaſſen⸗ V Nachdem ſich auch der Oberſtjägermeiſter von ihm verab⸗ ſchiedet, hatten Reflexionen über ſeine Krankheitszuſtände abgewechſelt mit Plänen für die Zukunft, und nebendem hatte der Dienſt am Fenſter eine nicht unbeträchtliche Zeit in Anſpruch genommen. Doch ſchien der Baron in letz⸗ tere. Angelegenheit keinen beſonderen Schritt vorwärts ma⸗ chen zu können. Denn wenn ſich auch das Mädchen zu⸗ weilen blicken ließ, ſogar flüchtig herniederſchaute, ſo hielt ſich Roſa höchſtens ſekundenlang auf, von irgend einer Be⸗ wegung mit der Hand war gar keine Rede, ſie ſah ernſt, ——— 8 — ꝗᷣ——— 4 ——ÿ——y ͦ—— — 70 Vierzehntes Kapitel. ja, was noch ſchlimmer war, höchſt gleichgültig aus, und alles dies gab dem Kammerherrn Stoff genug zum Nach⸗ denken. Was die beiden erſt erwähnten Angelegenheiten betraf, ſo glaubte er den richtigen Weg gefunden zu haben. Das kühlere Betragen ſeiner ſchönen Nachbarin dagegen konnte er ſich unmöglich erklären. Sollte ſie vielleicht Auf⸗ merkſamkeiten anderer Art, ſollte ſie eine Annäherung er⸗ warten und darum des Schmachtens aus der Ferne über⸗ drüſſig ſein? Seine Eitelkeit wollte ſo weit nicht gehen. Und doch warum ſollte das unmöglich ſein! Warum ſollte ihm ſeine ſchöne Nachbarin nicht in Wahrheit ihre ganze Liebe zugewendet haben?— Ja, und wenn das der Fall war,— und daß dieſer Fall in der That denkbar war, das glaubte Herr von Wenden im Spiegel zu leſen, in welchen er in dieſem Augenblicke einen mörderiſchen Blick warf,— ſo konnte er es ſeiner Nachbarin nicht verübeln, wenn ſie von ihrem Gegenüber endlich einen anderen Beweis der Zunei⸗ gung verlangte, als das ewige Anblicken, als das beſtän⸗ dige Zeichenmachen mit Hand, Schnupftuch und Blumen⸗ bouquets. Dieſer Gedanke war dem Kammerherrn ſo ſchmeichelhaft, daß er ihm mit Vergnügen nachhing, ja, daß er nach einiger Ueberlegung entzückt von dem Beneh⸗ men des jungen Mädchens war. Daß er morgen am Tag Schritte thun wollte, um ſie nicht länger harren zu laſſen, 3 verſprach er ſich freilich, war aber noch nicht recht mit ſich darüber im Reinen, auf welche Weiſe er eine Begegnung Eine goldene Brücke. bewerkſtelligen ſollte. Ein Anderer hätte ſich vielleicht dar⸗ über nicht viel Kopfbrechens gemacht, aber Herr von Wen⸗ den hatte einestheils in dieſem Punkte etwas ſehr Kind⸗ liches und anderntheils hatten ihn ſchon traurige Erfahrun⸗ gen auf dieſem Felde der Diplomatie ſo vorſichtig als ſchüchtern gemacht. Daß er bei dieſen Betrachtungen ſehnlichſt auf das Aufhören ſeines höchſten Orts befohlenen Unwohlſeins harrte, verſteht ſich von ſelbſt. Noch nie hatte er ſeine ſämmt⸗ lichen Zimmer mit ſolcher Ungeduld durchſchritten, wie am heutigen Abend. Wie lang wurden ihm die Stunden nach Beendigung ſeines Diners bis neun Uhr. Glücklicher⸗ weiſe wurde ihm alsdann ſein Thee ſervirt, neben der ſpru⸗ delnden Maſchine ſchichtete ihm ſein Kammerdiener die mit der Abendpoſt eingelaufenen Zeitungen und Briefe auf, und mit Durchleſung derſelben verfloſſen eine bis anderthalb Stunden unendlich viel ſchneller, als wenn er im Zimmer auf⸗ und abſpazierend die Zeit todttrat. Da, erſchien der Kammerdiener geräuſchlos wie ein Schatten im Zimmer, glitt vor den Fauteuil des Barons und präſentirte ihm auf ſilbernem Teller ein kleines Brief⸗ chen, welches ſo eben draußen abgegeben worden war. Der Hoflakai, ſagte er, warte auf Antwort. Wenn man gelangweilt iſt, ſo iſt die Ankunft ſedes Briefes erwünſcht; ein Schreiben aber, das ein Hoflakai bringt, der obendrein auf Antwort wartet, gehört zu den 72 Vierzehntes Kapitel. intereſſanteſten Erlebniſſen eines Kammerherrenlebens. Daß der Baron haſtig das Schreiben ergriff, verſteht ſich von ſelbſt, ebenſo, daß er mit Vergnügen die Aufſchrift von einer feinen Damenhand ſah, und nicht minder, als er auf dem Siegel das herzogliche Wappen erkannte. Der Kammerdiener zog ſich einige Schritte zurück, der Baron rückte die Lampe näher und erbrach in der größten Chrfurcht das Siegel. Daß der Brief von der Prinzeſſin Eliſe kam, hatte er an Schrift und Petſchaft erkannt, daß er einen freundlichen Dank enthalte für ſeine Bereitwillig⸗ keit ihr unbedingt ſeine Dienſte widmen zu wollen, ahnte er; öffnete aber trotzdem in einiger Aufregung das zierlich zuſammengelegte Blatt.„Mein lieber Kammerherr von Wenden,“ ſchrieb die Prinzeſſin;— die Anrede war gut und viel verſprechend, und der Brief ſelbſt mußte ſeinem Inhalte nach dieſe Aufſchrift wahrhaftig rechtfertigen, ja er mußte intereſſant und pikant ſein; denn das ſpiegelte ſich deutlich in dem ſeltſamen Geſichtsausdruck, mit dem der Kammerherr das Blatt anſtarrte. Auf ſeinem Geſichte war Ueberraſchung, ja einiges Erſchrecken deutlich zu leſen. Er durchlief das Schreiben einmal, zweimal, er las es zum dritten Mal. Er ſchüttelte mit dem Kopfe, er fuhr mit der Hand über Stirn und Augen und las dann zum vier⸗ ten Male, um ſich zu überzeugen, daß er ſich nicht geirrt. — Nein, hier war kein Irrthum möglich; da ſtanden die Worte in den ihm wohlbekannten ſcharfen und ausdrucks⸗ — — Eine goldene Brücke. 73 vollen Schriftzügen der Prinzeſſin, klar und beſtimmt, ohne eine andere Deutung zuzulaſſen, als ihren Willen, den ſie aufs Klarſte ausdrückte. Die Prinzeſſin ſchrieb folgendermaßen;„Mein lieber Kammerherr von Wenden! Durch Baron Rigoll erfuhr ich ſo eben Ihre freundliche Bereitwilligkeit, mir Ihre Dienſte ohne Rückhalt widmen zu wollen. Leider aber ſind Sie durch ein ähnliches Anerbieten vor wenigen Tagen in un⸗ angenehmen Conflikt mit dem Regenten gekommen, was mir indeſſen Ihre heute ausgeſprochene Bereitwilligkeit nur um ſo ſchätzenswerther macht. Hören Sie meinen Wunſch, für deſſen pünktliche Erfüllung ich Ihnen aufs Dankbarſte verpflichtet ſein werde. Durch Baron Rigoll erfuhren Sie den Aufenthalt des Herzogs Alfred von D., ſowie deſſen Abſichten auf meine Hand. Die Unterhandlungen ſind ſo weit gediehen, daß ich nur ein einfaches Ja zu ſagen brauche, um ſie zum Abichluß zu bringen.— Daß ſich der Herzog im ſtrengſten Incognito hier aufhält, liegt in dem Beneh⸗ men des Regenten, der ſich gegen die projektirte Heirath ſchon vor einiger Zeit ungünſtig auszuſprechen beliebte. Ob ſich deſſen Anſichten geändert, möchte ich auf indirektem Wege erfahren. Deßhalb wünſche ich, daß Sie dem Re⸗ genten, ihm ſelbſt oder noch beſſer einem ſeiner Vertrauten die Mittheilung über alles das machen, was Sie in dieſer Angelegenheit den Herzog und mich betreffend heute von Baron Rigoll erfuhren, mit Einem Worte, und um es 74 Vierzehntes Kapitel. Ihnen vollkommen deutlich zu erklären, Sie ſollen mein Geheimniß dem Herzog verrathen.“ „Wenn ich Sie zu gleicher Zeit erſuche, dieſes Schrei⸗ ben, nachdem Sie es geleſen, dem Ueberbringer wohlver⸗ ſiegelt an mich zurückzugeben, ſo bitte ich darin kein Zeichen des Mißtrauens zu ſehen, ſondern mein Begehren den eigen⸗ thümlichen Verhältniſſen zuzuſchreiben, in denen wir uns, vor allen aber ich mich hier befinde, und Sie werden dadurch meinen vollkommen gerechtfertigten weiteren Wunſch ver⸗ ſtehen, daß meine Zeilen auf's Allerſtrengſte unter uns bleiben. In dieſem Falle können Sie auf meine unbegrenzte Dankbarkeit rechnen; im andern aber, den ich indeſſen bei Ihnen nicht vorausſetze, müßte ich Sie desavouiren und, ſo leid es mir auch vielleicht thun würde, als erbitterte Fein⸗ din verfolgen. Eliſe.“ Dem Kammerherrn war nach viermaligem Leſen dieſes Briefes zu Muthe, als befinde er ſich in einem ſchweren Traum, aus dem zu erwachen ihm faſt unmöglich wurde. Er griff an ſeine Stirn, er ſah im Zimmer umher, betrach⸗ tete Aufſchrift und Siegel, aber das blieb unverändert, und wie ſchon vorhin bemerkt, war der Brief ſo klar abgefaßt, daß er keiner Mißdeutung unterlag. „Das iſt eine ſchöne Commiſſion,“ ſeufzte Herr von Wenden nach längerem Nachdenken.„Teufel auch! warum erſieht ſie gerade mich dazu? Wie werde ich Seiner Excellenz gegenüber beſtehen!— O, o, gehe Einer vom geraden Eine goldene Brücke. 7 Wege ab, laſſe ſich in Intriguen ein, namentlich in Intriguen, die von Weibern eingefädelt und durchgeführt werden, ſo hat ihn der Teufel nicht nur bei einem Haar, ſondern beim ganzen Schopfe.“ Er war mißmuthig von ſeinem Fauteuil in die Höhe geſprungen und ſchritt aufgeregt durch das Zimmer. Vor allen Dingen durfte er die Prinzeſſin nicht auf Rückſendung des gefährlichen Billets warten laſſen; das war in dem Ganzen die ungefährlichſte Forderung, und daß ſie ein Recht dazu hatte, ſah er wohl ein.„Ein Recht?“ ſprach er trübe lächelnd zu ſich ſelber,„ein Recht, das ſich die Großen dieſer Erde nehmen, um ſelbſt im Schatten ſtehen zu bleiben, um uns nach Gutdünken an das Licht ſtellen zu können. Sei es darum. Vielleicht bin ich diesmal der Ausübung meiner Theorie näher, als da⸗ mals bei dem Blumenbouquet; vielleicht iſt dies ein Augen⸗ blick des Glücks.“— Raſch trat er zum Tiſche, ſteckte das Billet in ein Couvert, ſiegelte es ſorgfältig, ſchrieb die Adreſſe an Ihre Durchlaucht und befahl, als vorſichtiger Mann, den Bedien⸗ ten eintreten zu laſſen. Es war der ihm und auch uns, geneigte Leſer, wohl⸗ bekannte Kammerlakai der Prinzeſſin. „Wer gab Ihnen den Brief an mich?“ „Ihre Durchlaucht ſelbſt.“ „Um welche Zeit?“ „Es ſchlug gerade zehn Uhr.“ 76 Vierzehntes Kapitel. „Gut, wir haben ein Viertel auf Elf, um halb Elf muß meine Antwort in den Händen Ihrer Durchlaucht ſein.“ „Ich habe Befehl, ſie ſelbſt zu übergeben,“ entgegnete der Bediente mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung. „Gut— ich danke Ihnen.“ Herr von Wenden entließ ihn mit einer Handbe⸗ wegung, und der Kammerlakai zog ſich, von dem Kammer⸗ diener begleitet, zurück. Der Baron begann wieder von ſeinen Gedanken getrieben haſtig im Zimmer auf⸗ und ab⸗ zugehen. „Wenn ich mir die Sache genau überlege,“ ſprach er nach einer Pauſe,„erweist mir die Prinzeſſin mit dieſem Auftrage eine ganz beſondere Gunſt. Es ſind das zwei Fliegen mit einem Schlage. Die Dankbarkeit Ihrer Durch⸗ laucht und die Erkenntlichkeit des Regenten, indem man ihn von einem eigentlich gefährlichen Unternehmen in Kenntniß ſetzt, das ohne ſein Vorwiſſen betrieben wird. Wahrhaftig es iſt mir gerade, als ſei ich dem Augenblick des Glücks nahe und brauche diesmal nur zuzugreifen.— Die Prinzeſſin ſchrieb, ſie dem Regenten ſelbſt zu ver⸗ rathen, noch beſſer aber einem ſeiner Vertrauten. Mit dem Letzteren bin ich mehr einverſtanden. Den Teufel auch, es iſt kein kleines Unternehmen, eine Prinzeſſin des Hauſes ſo geradezu zu verrathen und anzuklagen! Da gibt es Kreuz⸗ und Querfragen, da will man Quellen und Be⸗ Eine goldene Brücke. weiſe, ich kenne das, und dann hat Seine Hoheit der Regent eine ſo eigenthümliche Art bei ſolchen Veranlaſſungen ſeinen großen Bart zu ſtreichen, und die Leute anzuſehen, eine Art, die gerade nicht encouragirend iſt. Spreche ich aber mit einem Dritten, ſo kann der am Ende hinzufügen, was er will, was geht das mich an, ich brauche nicht für jedes ſeiner Worte einzuſtehen.“— Er hielt in ſeinem Spaziergange ein, warf ſich in den Fauteuil und trank den Reſt ſeines kalt gewordenen Thees.—„Nur der Baron Rigoll macht mir einige Sorge,“ fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräch fort,„Seine Excellenz ſind heftiger Natur. Sie könnten einen Verſuch machen, mich ſehr hart anzu⸗ laſſen, und den Verrath gegen die Prinzeſſin als auch ge⸗ gen ihn ſelbſt begangen darzuſtellen. Aber ich kann mich auf nichts berufen. Das iſt wahr,— ich darf Seiner Excellenz gegenüber nicht einmal von dem Befehle Ihrer Durchlaucht ſprechen. O! o, die Sache iſt in der That verwickelter, als ich gedacht.— Und an wen ſoll ich mich wenden? Wer iſt ein Vertrauter des Regenten, der mir zugleich ſo befreundet iſt, daß ich unumwunden mit ihm reden kann, daß er meine Lage einſieht, und ehrlich für mich handeln wird?—“ Er beugte den Kopf in die Hand und blickte eine Zeit lang düſter vor ſich nieder. „Wie läßt doch,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „der unübertreffliche Schiller bei einer ähnlichen verwickelten Angelegenheit den hochſeligen König Philipp ſprechen?— — — 78 Vierzehntes Kapitel. Ich habe wahrhaftig meinen ganzen Schiller vergeſſen. Doch nein,“ er ſagt:„Jetzt gib mir einen Menſchen gute Vor⸗ ſicht— du haſt mir viel gegeben. Schenke mir Jetzt einen Menſchen— In dieſem Augenblicke hörte man das dumpfe Rollen eines Wagens auf dem Pflaſter, der drunten vor dem Hauſe des Kammerherrn anhielt. Der Kammerdiener, der im Nebenzimmer am Fenſter geſtanden, meldete durch eine Spalte der Thür, es ſei ein Hofwagen angefahren, und fragte an, ob der Herr Baron für irgend jemand zu Hauſe ſei. „Wenn es einer von meinen genauen Bekannten iſt,“ entgegnete dieſer,„ſo ſag' ihm, ich habe mich ſchon zu⸗ rückgezogen, du wollteſt aber ſehen, ob ich noch nicht zu Bette ſei.“ Die Thüre ſchloß ſich und der Kammerherr im Fau⸗ teuil zurückgelehnt, lauſchte aufmerkſam. Jetzt ſprang Je⸗ mand eilig die Treppen hinauf, und gleich darauf hörte er eine Stimme im Vorzimmer:„Ei zum Henker, mein lieber Henri, wenn man ſo ſpät kommt, hofft man ſeine Freunde auch zu Hauſe zu finden. Sagen Sie dem Baron, wenn er auch ſchon zu Bette gegangen ſei, ſo würde ich mir doch erlauben, mich einen Augenblick zu ihm zu ſetzen, es ſei ja nicht das erſtemal.“ „Es iſt Fernow,“ ſagte Herr von Wenden, indem er eine Klingel in Bewegung ſetzte, die vor ihm auf dem Tiſche neben den Zeitungen ſtand. Der Kammerdiener er⸗ —— Eine goldene Brücke. 79 ſchien augenblicklich, und ließ als ein gewandter Mann ſogleich die Thür offen, als er vernahm, wie ihm ſein Herr mit lauter Stimme entgegen rief:„Wenn ich mich nicht irre, iſt Major Fernow draußen. Ich laſſe ihn recht ſehr bitten, bei mir einzutreten.“—„Fernow,“ ſprach er zu ſich ſelber,„ſollte er's am Ende ſein, dem ich meine Sache an's Herz legen könnte—? Ich glaube, ja. Wenn er auch feſt zu dem Regenten hält, iſt er doch ein ehrlicher Kerl, und man kann ſich auf ihn verlaſſen.“. Der Major erſchien auf der Schwelle und ſagte zu dem Kammerdiener, der draußen blieb:„Bitte, ſagen Sie drunten, daß der Wagen nicht zu warten braucht. Ich gehe zu Fuß nach Hauſe.“ Dann trat er in'’s Zimmer und rief heiter, faſt luſtig:„Du ſiehſt, lieber Wenden, wie ſehr ich dich in Affection genommen. Nachdem ich noch vor wenigen Stunden vortrefflich bei dir geſpeist, zieht es mich jetzt ſchon wieder zu dir hin. Nennſt du das nicht Freundſchaft?“ Der Andere hatte ſich erhoben, und indem er dem Eintretenden entgegenging, ſagte er ebenfalls recht freund⸗ lich:„Es iſt in der That ſchön von dir, daß du einen armen Kranken noch ſo ſpät beſuchſt. Was aber die pure⸗ Freundſchaft anbelangt, ſo hoffe ich im Laufe einer Viertel⸗ ſtunde zu erfahren, ob du wirklich ohne Nebenabſichten zu mir gekommen biſt.“ „Ach!“ rief der Major, wobei er ein enſe Geſicht 80 Vierzehntes Kapitel. zu machen verſuchte, das aber in der That komiſch ausſah, „du ſollteſt mich beſſer kennen.— Uneigennützig bis zum Exceß!“ „Setzen wir uns, ſetzen wir uns,“ entgegnete der Kammerherr mit einer Handbewegung und einer Miene, die deutlich ſagte:„Laſſen wir das gut ſein.“ Obgleich Herr von Fernow dieſer Einladung augen⸗ blicklich Folge leiſtete und es ſich in einer weichen chaise longue ſo bequem als möglich machte, ſo hatte er doch die Miene und den Ton der Stimme ſeines Freundes vollkom⸗ men verſtanden und wiederholte: „Nein, ich bin nicht eigennützig,— dieſe Tugend mußt du an mir loben. Ich opfere mich im Nothfall für meine Freunde.“ „Ja, ja,“ erwiderte der Andere in gedehntem Tone, wobei er ſich langſam in ſeinen Fauteuil niederließ;„du warſt früher ein guter Kerl.“ „Früher?“ „Nun, du wirſt dir doch wohl nicht einbilden, daß du im hellen Glanz der allerhöchſten Gnadenſonne derſelbe geblieben biſt?“ meinte der Kammerherr,„deshalb ſei ehr⸗ lich, was führt dich in ſo ſpäter Abendſtunde zu mir?“ „Die Begierde, dich zu ſehen.“ „Ah, Redensart!“ „Ich ſage dir, du biſt unendlich mißtrauiſch ge⸗ worden.“ Eine goldene Brücke. 81 „Und wenn dem ſo wäre, habe ich nicht Urſache da⸗ zu? Sitze ich nicht hier jetzt ſchon faſt acht Tage, im unangenehmſten Zimmerarreſt und keiner meiner Freunde wirft ſich für mich in's Feuer, um mich daraus zu erlöſen?“ Das ſagte er beinahe mißmuthig. „Davon ſpäter,“ erwiderte Herr von Fernow,„vor⸗ derhand bin ich wirklich noch hier, um in dieſem beque⸗ men Lehnſtuhle eine halbe Stunde ausruhen zu können und, wenn du nichts dagegen haſt, dazu eine Cigarre zu rauchen.“ „Das hätteſt du Alles zu Hauſe haben können,“ entgegnete der Kammerherr, indem er langſam den Fu⸗ g I der Lampe ergriff und dieſelbe faſt unmerklich ſo zu rücken begann, daß er in den Schatten des grünen Schir⸗ mes zu ſitzen kam, während auf den Andern das volle Licht viel. Der Adjutant lächelte in ſich hinein über dieſes Ma⸗ növer, das er vollkommen begriff, und zündete ſich eine Cigarre an, worauf er erwiderte:„Allerdings hätte ich alles das zu Hauſe auch haben können, aber ohne deine Unterhaltung. Weißt du, daß es ſchon ziemlich lange her iſt, daß wir nicht mehr zuſammen ſprachen, ſo was man eigentlich zuſammen ſprechen nennt?“ „O ja, ich weiß es,“ ſeufzte Herr von Wenden. „Seit jenem Tage nicht mehr, als wir zuſammen Hackländer. Der Augenblick des Glücks. II. 6 82 Vierzehntes Kapitel. Dienſt im Schloſſe hatten, wo du ſo freundlich warſt, mir deine wirklich pikanten Theorien vom Augenblicke des Glückes auseinanderzuſetzen.“ „Und womit ich den Teufel an die Wand malte,“ ſagte Herr von Wenden.„Der vermeintliche Augenblick des Glücks wurde mir zum Augenblick des Unglücks. Meinſt du nicht auch ſo?“ ſetzte er lauernd hinzu. Der Adjutant hatte ſeine beiden Hände unter den Kopf gelegt und blickte an die Decke des Zimmers, wobei er behaglich ſeine Cigarre rauchte. Auf die Frage des Freun⸗ des zuckte er mit den Achſeln und entgegnete: „Wer weiß?— Ich kann nicht ganz deiner Anſicht ſein. Daß für dich damals ein Augenblick des Glücks nahe war, davon bin ich feſt überzeugt, und glaube ebenſo ſicher, daß der Augenblick unbedeutenden Unglücks, der gleich darauf eintrat, dich vielleicht vor größerem Unglück bewahrte.“ „Darin liegt etwas Wahres,“ antwortete Herr von Wenden nach einem Moment des Nachdenkens,„aber wie ich ſchon vorhin ſagte,“ fügte er ſanft lächelnd hinzu,„du haſt dich in den acht Tagen außerordentlich gemacht. Ich ſehe, du biſt im Begriff mir ganz neue Seiten meiner Theorie zu entwickeln. Nur zu!“ „Was kein Verſtand des Verſtändigen ſieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemuth.“ Eine goldene Brücke. 83 „Hol' der Teufel dein kindliches Gemüth! Aber jetzt Scherz bei Seite. Wenn du auch nicht mit der Sprache herauswillſt, was du eigentlich ſo ſpät bei mir ſuchſt, ſo unterhalte mich armen Gefangenen wenigſtens mit der Er⸗ zählung deſſen, was du von ſieben Uhr bis jetzt getrieben.— Denn du haſt doch heute Abend etwas getrieben?“ ſetzte er hinzu, indem er ihn ſeltſam aus den Augenwinkeln anblitzte. „Ich habe allerdings getrieben und bin getrieben worden,“ entgegnete Herr von Fernow mit einem leichten Zucken ſeines Mundes,„aber deine Forderung iſt außer⸗ ordentlich klug, ganz diplomatiſch. Sage mir, mit wem du umgehſt, ſo will ich dir ſagen, wer du biſt.“ „Allerdings.“ 3 „Oder ſage mir, wo du warſt, ſo will ich erkennen, was du getrieben.“ „Auch richtig. Aber wenn es Geheimniſſe ſind, ſo bin ich nicht ſo indiscret, deren Mittheilung zu ver⸗ langen.“ „Geheimniſſe habe ich keine, am allerwenigſten vor dir, und wenn es dich unterhalten kann, ſo ſollſt du auch den Punkt erfahren, womit ich mich heute Abend beſchäf⸗ 4 tigt, oder was ich, um dein Wort zu gebrauchen, getries ben. Vorher aber wirſt du mir erlauben, daß ich mich in eine ganz bequeme Lage bringe, denn ich bin äußerſt müde.“ 84 Bierzehntes Kapitel. Bei dieſen. Worten zog er einen Stuhl zu ſich hin, legte die Füße darauf und ſtreckte ſich ſo aus, daß er in der That in ſeinem Bette nicht hätte bequemer liegen kön⸗ nen. Der Kammerherr ſah ihm lächelnd zu und lehnte ſich ebenfalls ſo weit als möglich in ſeinen Fauteuil zurück, was er jedoch hauptſächlich in der Abſicht that, ganz in den Schatten zu kommen. „Alſo,“ begann der Adjutant,—„du weißt ich fange gern meine Reden mit Alſo an. 1— „Ich weiß das, ich weiß das,“ ſagte ungeduldig der Kammerherr. „„In Erinnerung an ein ſchönes und liebenswürdiges Mädchen, das es ebenſo machte.“ „Meinetwegen.“ „Alſo ich verließ dich nach deinem famoſen Diner und machte, meine Cigarre rauchend, einen Spaziergang. Ich ging in den Schloßgarten und auf die Terraſſe, die dir wohl bekannt iſt, und fand dort einen jungen Mann, mit welchem ich mich über Leuchtkäfer unterhielt.“ S„So, über Leuchtkäfer?“ „Ja, auch noch über andere Sachen. Dann ſpazierte ich nach der Stadt zurück, ging durch das Schloß und erfreute mich auf der großen Terraſſe an dem Duft der Orangen.“. „dDas war ein harmloſes Vergnügen. Nebenbei haſt du wohl an den Fenſtern des Schloſſes hinaufgeblickt?“ — — —C—C—C—C—C—C—C—ℳ—ℳ———— Eine goldene Brücke. 85 „Das that ich auch, was mich aber hauptſächlich in⸗ tereſſirte, war eine Unterredung von zwei Perſonen, die ich dort ganz zufällig hörte.“ „Wer waren die Perſonen?“ fragte aufmerkſam der Kammerherr. „Vorderhand müſſen ſie unbekannt bleiben,“ fuhr der Major fort;„vielleicht entwickelt ſich ihr Charakter im Laufe meiner Erzählung.“ „Du ſahſt ſie alſo im Lauf des heutigen Abends wieder?“ „Ja, ich folgte dem Einen durch mehrere Straßen, ſchloß mich ihm an und ſoupirte freundſchaftlich mit ihm.“ „Alſo Jemand aus der Geſellſchaft?“ „Das weniger, es war ein Künſtler, und da ich von jeher die Kunſt protegirte, ſo nahm ich mich des jungen Mannes recht innig an, und wir tauſchten Ideen und ſonſt noch allerlei mit einander.“. „Das hätt' ich hören mögen,“ meinte Herr von Wenden mit einem faſt verächtlichen Zucken der Mund⸗ winkel.. „Gerade für dich,“ ſagte Herr von Fernow, der ſich ſtellte, als nehme er die Antwort ſeines Freundes für voll kommen ernſt,„wäre das ſehr intereſſant geweſen; der junge Künſtler nämlich ſprach auch von dir.“ „So, ſo? Ich habe ihn vielleicht irgendwo einmal protegirt,“ warf der Kammerherr leicht hin. — * — 86 Vierzehntes Kapitel. Jetzt war die Reihe an dem Adjutanten, auf eine ſonderbare Art zu lächeln, was er denn auch nicht unter⸗ ließ, indem er fortfuhr:„Diesmal irrſt du dich, lieber Wen⸗ den, der junge Mann iſt vielmehr im Begriff, dich zu protegiren.“ „Du biſt ſehr ſpaßhaft aufgelegt.“ „Im Gegentheil, aber du biſt ein verfluchter Kerl.“ „Hee „Deine Intriguen bei Hofe laſſen dir noch vollkommen Zeit, dich um deine Nachbarſchaft zu bekümmern,“ fuhr der Adjutant nach einer Pauſe fort, während welcher er mit der größten Ruhe die Aſche von ſeiner Cigarre ſtieß;„du ſetzſt Herzen in Brand, du machſt Unglückliche, du ſchmach⸗ teſt und läßeſt ſchmachten.“ So überraſchend es auch für den Kammerherrn war, zu erfahren, daß Herr von Fernow um ſeine Fenſterbeob⸗ achtungen wußte, ſo ſchmeichelte es ihm doch wieder, für einen Unwiderſtehlichen gehalten zu werden. Er ſpitzte den Mund auf die uns bekannte wohlgefällige Art, und um dieſen Ausdruck des Behagens ſehen zu laſſen, tauchte er auf einen Augenblick aus ſeinem Schatten hervor. „Ich ſehe, daß mein Berichterſtatter Recht hat,“ ſagte der Major;„Wenden, Wenden, das ſoll ein außerordent⸗ lich ſchönes und reizendes Mädchen ſein!“ „Ja, ſie iſt ſchön,“ verſetzte der Kammerherr mit weicher Stimme, und als er dabei die Augen ſchmachtend Eine goldene Brücke. gegen das Fenſter verdrehte, ſah er aus, wie ein vollen⸗ deter Geck.— „Aber du haſt noch wenig Fortſchritte gemacht?“ fragte anſcheinend gleichgültig der junge Offizier. „Es iſt unendlich ſchwer ihr beizukommen,“ erwiderte der Kammerherr mit einem leichten Seufzer;„und dann weißt du auch ſo gut wie ich, daß ich krank bin, mein 4 Zimmer nicht verlaſſen darf.“ „Aber vorderhand brieflich—.“ „Du haſt gut reden,“ entgegnete lebhaft Herr von Wenden.„Soll ich das Mädchen durch einen von meinen 13 1 r- Eſeln compromittiren? Ach! ich liebe das nicht. Du kennſt mich in dem Punkte beſſer.“ „Mein Bekannter, mit dem ich ſoupirt,“ ſagte Herr von Fernow, wie ohne Abſicht,„wohnt in dem gleichen 1b Hauſe mit dem Mädchen, hat ſogar Zutritt in ihre Woh⸗ nung.“ „Ein Liebhaber?“ fragte faſt eiferſüchtig der Andere. „Im Gegentheil, lieber Wenden; ein junger, verſtän⸗ diger Mann, der es vollkommen begreiflich findet, daß ein hübſches Mädchen, wie jenes iſt, an einem jungen Mann, wie du biſt, verzeih' mir die verdeckte Schmeichelei, Wohl⸗ gefallen findet. Ein junger Mann, der in der Welt etwas geſehen hat und—“ „Und?“ wiederholte Herr von Wenden ſehr auf⸗ — merkſam. 3 88 Vierzehntes Kapitel. „Und der für mich Alles unternehmen würde. Doch davon ſpäter. Vorderhand muß ich dir weiter referiren. Nach den Ideen tauſchten wir reellere Dinge mit einander aus, Dinge, in deren Beſitz der junge Mann zufällig gerathen!“ „Werden für mich gleichgültig ſein,“ meinte der Kam⸗ merherr, der mit ſeinen Gedanken offenbar bei ſeiner ſchö⸗ nen Nachbarin war. Der Adjutant hatte unterdeſſen ruhig ſeine Cigarre auf den Tiſch gelegt, ſeinen ſchwarzen Frack geöffnet und zog aus der Bruſttaſche ein viereckiges Papier hervor, das er behutſam öffnete. Um dies aber zu können, da der Tiſch voller Zeitungen und Papiere lag, mußte er dieſe bei Seite ſchieben und verrückte dabei die Lampe, gewiß ohne Abſicht, aber ſo, daß nun er im Schatten ſaß und auf den Andern das volle Licht fiel. Der Kammerherr hatte dem Oeffnen des Papiers zugeſehen, wie Jemand, dem eine Sache vollkommen gleichgültig iſt. Als der Ma⸗ jor aber äußerſt langſam das Umhüllungspapier entfernt hatte, und der Andere eine Photographie erblickte, da war die Wir⸗ kung des Anblicks dieſer Photographie auf ihn wahrhaft überraſchend, faſt erſchreckend. Seine ſüßen Augen, die er in Gedanken an die kleine vorhabende Schwärmerei machte, verwandelten ſich mit Einemmale und blickten ſo ſtarr auf das Blatt, als ſähen ſie ein Geſpenſt. Dabei ſtützte er die Hände auf den Tiſch und erhob ſich ſchnell aus ſeinem ——* —— —— Eine goldene Brücke.. 89 Fauteuil, ohne ſeine Augen von dem Portrait des Grafen Hohenberg wegzubringen—„Fernow?“ rief er nach einen drückenden Pauſe,„woher haſt du dies Blatt, was ſoll das bedeuten?“ So gut auch der Major das plötzliche Erſchrecken ſeines Freundes bemerkt, ſo that er doch gerade, al ſchäftigte er ſich ausſchließlich mit dem—— ſeiner Cigarre, und erſt als er den lauten Ausruf des Andern vernahm, blickte er ihn wie erſtaunt an und antwortete lebhaft: „Was brauchſt du zu erſchrecken? Iſt das nicht das Portrait eines Herrn, den ich bei dir geſehen? Des—— Grafen Hohenberg?“ Wenden ſah, daß er ſich einigermaßen verrathen und ſuchte dies wieder gut zu machen, indem er mit afefectirter Gleichgültigkeit auf das Blatt blickte. Auch ſagte er mit etwas verlegener Stimme:„Du haſt Recht, es iſt Graf Hohenberg. Aber was du ſo eben von meinem Erſchrecken ſagteſt, dazu ſehe ich eigentlich keinen Grund. Ich kenne dieſen Herrn wohl ebenſo wenig, wie du ſelbſt und intereſ⸗ ſire mich durchaus nicht für ihn.“ Er hatte bei dieſen Worten das Blatt wirklich in die Hand genommen, doch zuckten ſeine Finger, ſo erregt war er, und er konnte ſich nicht enthalten, über das Pa⸗ pier hinüber einen flüchtigen Blick auf ſeinen Freund zu werfen. 1 ——— 90 Vierzehntes Kapitel. „Es wäre in der That beſſer,“ ſagte dieſer,„wenn du mir offenherzig geſtändeſt, daß dieſer Herr ſowohl für dich, wie für mich und auch noch für eine dritte hohe Perſon intereſſant, außerordentlich intereſſant iſt. Du wirſt im Verlauf meines Referats derſelben Anſicht werden.“ „So biſt du noch nicht zu Ende?“ fragte der Kam⸗ netherr faſt ängſtlich. „O nein, jetzt kommt das Beſte; und das ſoll dir zugleich einen Beweis geben, wie offenherzig ich gegen dich bin. Nach unſerem Souper, nachdem ich dieſe Pho⸗ tographie erhalten, begab ich mich zu Seiner Hoheit, dem Regenten.“ „Ah!“ rief wirklich erſchrocken der Andere,„und er ließ dich vor in ſpäter Nacht?— Fernow, du haſt den Augenblick des Glücks wohl zu benutzen verſtanden.“ „Ich glaube ſo,“ entgegnete dieſer, und ſetzte mit Be⸗ ziehung hinzu:„Für mich und meine Freunde.— Ich war alſo beim Regenten,“ ſagte er in leichterem Tone. „Und der Regent?“ fragte faſt athemlos der Kam⸗ merherr.. „Der Regent war beim Anblick dieſer Photographie augenſcheinlich überraſcht. Doch du weißt ſo gut, wie ich, er läßt ſich von ſeinen Ueberraſchungen nicht bemeiſtern, faßte ſich auch augenblicklich wieder, dankte mir für meine Nachricht, und ſprach:„Gehen Sie ſogleich zu Baron Wen⸗ den, das iſt ein Mann, dem etwas an unſerer Gunſt ge⸗ 4 — -——⸗—P—xxx—x—xxxxx:—— Eine goldene Brücke. legen iſt, und der Ihnen in dieſer Sache Aufklärungen ge⸗ ben kann und wird.— Verſtehſt du das?“ Der Kammerherr war bei dieſer Rede ſeines Freundes in ſeinen Fauteuil zurückgefallen, aber bei den letzten Wor⸗ ten mit allen Zeichen der Ueberraſchung und des Schreckens wieder in die Höhe geſchnellt. „Fernow!“ rief er mit zitternder Stimme,„du biſt mein Freund. Sei ehrlich und wahr gegen mich. Bin ich verloren oder bin ich es nicht?“ „Du?— verloren?“ entgegnete der Adjutant verwun⸗ dert,„glaubſt du denn, daß ich mich herbeiließe, dich auf ſo etwas vorzubereiten? Und daß meine Vorbereitungen darin beſtünden, von deinen Liebſchaften zu ſprechen? O Wen⸗ den, du kennſt mich ſehr ſchlecht. Vom Verlorenſein iſt gar nicht die Rede. Im Gegentheil, ich glaube dir faſt mit Beſtimmtheit verſichern zu können, daß du berechtigt biſt, dieſen Moment einen Augenblick des Glücks zu nennen,—— I wenn „Wenn! Ahl ich verſtehe dieſes Wenn, und Gott ſei gedankt, wenn ich es recht verſtehe. Wenn Seine Hoheit 4 die außerordentliche Gnade hat, dem gänzlich mit Netzen 3 umgebenen Wilde einen ehrenden Rückzug zu gewähren, dem geſchlagenen Feind eine goldene Brücke zu bauen—“ „Dieſe Brücke,“ ſprach jetzt ſehr ernſt der Adjutant, nwird in der That ſehr golden ſin⸗ wenn ihre Pfeiler 1 Wahrheit und Aufrichtigkeit heißen.“ A 92 Vierzehntes Kapitel. Trotz der gewiſſermaßen peinlichen Situation, in wel⸗ cher ſich Herr von Wenden befand, zuckte es doch, wie ein Gefühl des Triumphes durch ſein Herz, da er an den Brief der Prinzeſſin dachte, und bei ſich überlegte, daß die Auf⸗ klärungen, die er im Begriff war, dem Regenten für das Verſprechen ſeiner Gunſt zu verkaufen, ſchon durch die nicht zu verachtende Dankbarkeit der Prinzeſſin im Voraus be⸗ zahlt waren,— alſo in der That zwei Fliegen mit einem Schlage. Der Kammerherr warf ſich in die Bruſt, und ſein Geſicht nahm einen halb wehmüthigen Ausdruck an, als er, die linke Hand auf den Tiſch geſtützt, nach einiger Ueber⸗ legung ſagte: „So will ich mich denn ohne Rückhalt der Gnade Seiner Hoheit anvertrauen, und das wirſt du nicht vergeſſen, lieber Fernow, bei dem Regenten hervorzuheben. Ich bitte dich, ihm zu ſagen, daß ich aus freiem Willen, ohne Furcht vor dem Zorne einer andern hohen Perſon— der nicht ausbleiben wird,“— ſetzte er mit einem Seufzer der Falſch⸗ heit hinzu,—„alles ſagen will, was ich weiß.“ Nun erzählte er in der That, was er von der Anwe⸗ ſenheit des Herzogs Alfred von D. durch den Baron Rigoll erfahren, und ſagte eher zu viel, als zu wenig. Denn er ſchmückte aus, wo es ihm nothwendig erſchien, und wenn ſich der Adjutant am Schluß ein Reſumé dieſes Berichtes machte, ſo ſtand der Kammerherr Baron Wenden wahrhaftig Eine goldene Brücke. 93 in der Glorie eines treuen Dieners des Regenten da, der mit ſeinem ganzen Einfluß bei der Prinzeſſin darnach ge⸗ ſtrebt, dieſe nicht gern geſehene Verbindung zu hindern. 6 Als er geendigt, machte er mit beiden Händen eine Be⸗ wegung, als wollte er ſagen:„Nun bin ich fertig, nicht nur mit dieſer, meiner Erzählung, ſondern auch für dieſe Welt. Ich habe mich in die Hände meiner Feinde gegeben, da ſteh' ich, ein entlaubter Stamm, der keine Blätter mehr treiben wird, wenn Seiner Hoheit Gnadenſonne nicht wie⸗ der wohlthätig auf ihn wirkt.“ Herr von Fernow hatte bei der Erzählung ſeines Freundes nicht im Geringſten ein erſtauntes Gefühl gezeigt. Wenn ihm auch Manches neu war, ſo hatte er doch den Hauptfaden ſchon durch die Worte des Regenten erhalten. Nur eins wünſchte er noch aus dem Munde des Kammer⸗ herrn zu erfahren, weshalb er ſprach:„Setze deiner Auf⸗ richtigkeit die Krone auf, lieber Freund, und ſage mir, ob Baron Rigoll der Hauptagent bei Eurer Verheirathungsko⸗ mödie geweſen.“ „Dieſe Frage könnte mich faſt beleidigen,“ entgegnete Herr von Wenden mit einem empfindlichen Blick.„Wo ich handle, pflege ich ziemlich ſelbſtſtändig zu handeln. Daß Seine Excellenz allerdings ſeine Dienſte der Prinzeſſin eben⸗ falls mit Wärme gewidmet, findeſt du begreiflich.“ „Gewiß ſehr begreiflich,“ verſetzte Her von Fernow 4 94 Vierzehntes Kapitel. nicht ohne Bitterkeit,„für einen ſo großen Lohn kann man ſchon etwas riskiren.“ „Aber unſere Dienſtgeſchäfte ſind hiemit zu Ende. Lie⸗ ber Wenden, du haſt das Vertrauen, welches der Regent in dich ſetzte, glänzend gerechtfertigt. Du wirſt aber erſtau⸗ nen, wenn ich dir ſage, daß derſelbe bereits von der gan⸗ zen Geſchichte unterrichtet war, und nur wiſſen wollte, wie weit du in deinem, verzeih' mir den Ausdruck, blinden Eifer gehen würdeſt, der Prinzeſſin hinter ſeinem Rücken zu dienen.“ „Nicht weiter, als ein Mann von Ehre gehen darf, um den Wünſchen einer hohen Dame gerecht zu werden und doch nicht gegen den Gehorſam zu verſtoßen, den er ſeinem Landesherrn ſchuldig iſt.“ Das ſagte Herr von Wenden mit außerordentlicher Wichtigkeit und nahm dabei die Attitude eines Volksredners an. Er ſchob die rechte Hand unter ſeinen ſeidenen Schlaf⸗ rock auf die Bruſt, aber nur einen Augenblick; dann zog er ſie wieder hervor und fuhr mit einer gefälligen Bewegung fort:„Von dieſen meinen vollkommen guten Geſinnungen gegen den Regenten werde ich mir erlauben dich Schwarz auf Weiß zu überzeugen. Sieh hieher.“ Damit ging er an den Schreibtiſch und nahm ein Blatt Papier, das er dem Adjutanten hin hielt. Es war das Concept eines Schreibens an den Regenten, worin er denſelben zur Mittheilung eines wichtigen Geheimniſſes Eine goldene Brücke. 95 um eine Audienz bat. Herr von Fernow durchflog das ½ Papier und blickte faſt zweifelnd zu dem Kammerherrn 6 empor.— „In der That,“ ſagte er alsdann,„dieſe Zeilen kann man auf eine freundſchaftliche Art für dich benutzen und ich werde es thun. Vor der Hand aber,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„erlaube mir, dir beſtens zu gratuliren, daß deine Geſundheit ſo plötzlich wieder hergeſtellt iſt. Seine Hoheit wünſcht morgen früh beim Rapport von dir ſelbſt zu er⸗ fahren, ob dein Leiden ein bedeutendes geweſen oder nicht.“ Dem Kammerherrn entfuhr faſt ein leichter Seufzer als er vernahm, daß ſein Zimmerarreſt nun aufgehört habe. 7 Nicht als ob ihm dies unangenehm geweſen wäre, aber er ſah aus der Art und Weiſe ſeines heutigen Geſprächs mit Fernow, wie ſehr dieſer beim Herzog in Gunſt ſtehen mußte, und fühlte dabei neidiſch, wie richtig ſeine Theorie vom Augenblick des Glücks geweſen. Als Beide damals vor dem großen Blumenſtrauß ge⸗ ſtanden, da hatte Beide das Glück umſchwebt; und es lä⸗ chelte dem, der es richtig erfaßte. Und dies war Fernow geweſen. Hätte er ſelbſt in jenem Augenblick ſich ſtatt links zur Prinzeſſin, nach rechts zum Herzog gewandt, ſo war die ganze Sache umgekehrt, und er hatte vielleicht einen Ge⸗ ſandtſchaftspoſten in der Taſche. Ja, das Glück iſt launen⸗ haft: es hilft nicht, nur den rechten Augenblick zu begreifen, man muß ihn auch auf richtige Art ergreifen. . 96 Vierzehntes Kapitel. „Es ſcheint mir, deine Geneſung macht dir kein be⸗ ſonderes Vergnügen,“ ſagte Herr von Fernow, als er be⸗ merkte, wie der Kammerherr in tiefen Gedanken verſunken, vor ihm ſtand.—„Den Teufel auch, ich glaube faſt, die Liebe zu deiner kleinen Nachbarin iſt dir tief in's Herz ge⸗ gangen, und es thut dir leid, keinen Vorwand mehr zu haben, um den ganzen Tag am Fenſter zu ſtehen.“ „Meinſt du in der That?“ fragte Herr von Wenden; doch war es ihm nicht unlieb, daß ſein Freund der Anſicht war, der Zimmerarreſt habe ihn in der That nicht ſo ge⸗ ſchmerzt, als dies in Wirklichkeit der Fall war. Auch hatte es der eitle Kammerherr von jeher geliebt, für einen unerbittlichen Eroberer zu gelten, obgleich ſeine Eroberungen ſelten Eroberungen zu nennen waren. Er machte einen ver⸗ gnüglich geſpitzten Mund, ſtrich mit der linken Hand über das glatte Haar und lächelte zu dem andern Fenſter hin⸗ über, wobei er einen leichten Seufzer affectirte.„Du haſt. wahrhaftig nicht ganz Unrecht,“ meinte er,„und wenn du das ſchöne Mädchen kennteſt, ſo würdeſt du begreifen, daß es ſich um ſie wohl einer außerordentlichen Mühe verlohnt.“ „So gib dir außerordentliche Mühe,“ entgegnete Herr von Fernow, indem er ſeine Uhr herauszog und alsdann lebhaft ausrief:„Was? faſt Mitternacht!— Von morgen an,“ fuhr er in gewöhnlichem Tone fort,„haſt du voll⸗ kommen Zeit und kannſt eine weitere Parallele vorſchieben, um deine ſchöne Feſtung einzunehmen. Wenn ich dir dabei Eine goldene Brücke. 97 dienen kann, ſo weißt du, ich thue für einen Freund Alles.— Apropos, ſagte ich dir ſchon, daß jener junge Mann, mit dem ich ſoupirt, in der Wohnung deiner An⸗ gebeteten Zutritt hat?“ 3 8 „Allerdings ſprachſt du davon.“ „Und auch, daß er ſich mir verpflichtet fühlt, und mit Vergnügen bereit ſei, mir und in dieſem Fall auch dir zu dienen?“ „Ich glaubte, du ſagteſt ſo, und dann?“ „Und dann?— Das iſt doch eine curioſe Frage für einen Kammerherrn in den Zwanzigen, der ſich doch auch ſchon in der Welt umgeſehen.“ „Du meinſt alſo,“ ſagte zweifelnd Herr von Wenden, „ich ſoll—“ „Ihr ſchreiben. Das iſt doch ganz natürlich. We⸗ nige Worte, aber feſt.“ „Daß ich ſie liebe?“ „Andeutend, ja, aber nicht zu extravagant; du bitteſt vielmehr ganz beſcheiden, ſie beſuchen zu dürfen. Du ſchreibſt in der Art, daß wenn deine Zeilen der Mutter in die Hände fallen, ſie ſagen muß, das iſt ein beſcheidener, anſtändiger junger Herr und wenn der unſer Haus beſucht, ſo wird das meiner Tochter keinen Schaden bringen.“ „Du haſt Routine in ſolchen Billets?“ fragte lauernd Herr von Wenden. „Im Gegentheil,“ entgegnete Herr von Fernow;„über⸗ Hackländer. Der Augenblick des Glitcks. II. 7 — 98 Vierzehntes Kapitel. haupt weißt du mit der Feder beſſer umzugehen als ich. Mir ſcheint aber faſt, du fürchteſt dich durch dein Schreiben zu compromittiren. Wenn du das glaubſt, ſo laſſen wir die Sache fallen. Ich habe dir nur meine Bereitwilligkeit zeigen wollen.“ Damit ſtand er auf und nahm ſeinen Paletot, den er bei der Ankunft auf ein Sopha geworfen. „Und glaubſt du, daß dein junger Mann ſicher iſt?“ „Er wird es ſicher übergeben, daran zweifle ich nicht.“ „Und wann?“ „Morgen, wenn es dir genehm iſt.“ Das ſagte Herr von Fernow, wie gelangweilt, in einem faſt ſchläfrigen Tone, wobei er gewaltig gähnte. „Dann werde ich zwei Zeilen ſchreiben.“ „Wie du willſt.“ Der Kammerherr ſetzte ſich an den Schreibtiſch, kaute einen Augenblick an der Fahne ſeiner Feder, und als dieſelbe nun haſtig über das Papier zu fliegen begann, zündete ſich der Major zum Nachhauſegehen eine neue Cigarre an und knöpfte Paletot und Handſchuhe zu. „So,“ ſprach Herr von Wenden,„kurz und gut. Soll ich es dir vorleſen?“ Der Major nickte mit dem Kopfe und ſtellte ſich neben den Schreibtiſch.— „Verehrtes Fräulein! Seit längerer Zeit bin ich ſo glücklich, Sie an Ihrem Fenſter zu ſehen, würde aber Eine goldene Brücke. 99 beneidenswerth ſein, wenn es mir erlaubt wäre, Ihnen ein freundliches Wort ſagen zu dürfen. Sind Sie ſo gut wie ſchön, ſo darf auf eine Antwort hoffen Ihr ganz ergeben⸗ ſter Verehrer.“ „Und weiter?“ fragte lachend der Major. 7 „Weiter nichts!“ antwortete verwundert der er Anethe „Keine Unterſchrift?“„ „Meinſt du vielleicht, ich ſollte irgend einen Huchſtaben hinſetzen?“ 4 6 „Du gefällſt mir mit deinen anonymen Licheſbrieſen. In ſolchen Fällen, wie der vorliegende, tritt makr⸗ Kuit im Geheimen auf, ſondern ſehr öffentlich und unterſchrälbt mit ſeinem ganzen Namen.“ 85 „O, du ſpaßeſt!“ „Nicht im Geringſten. Aber du beſitzeſt eine gewalti ltige Einbildungskraft! Da ſoll ein anſtändiges Mädchen,— derg für das halte ich ſie nach deinen Beſchreibungen— auf eineſi Wiſch antworten, der keine Unterſchrift hat! Nein, neiß! Entweder laß die ganze Geſchichte fallen oder gib dein ganzen Namen: Baron Eduard von Wenden.“ 2, „Das iſt am Ende compromittirend,“ ſagte der Kam⸗ merherr;„doch wenn du meinſt,“ fuhr er fort, als er ſah, wie der Offizier ungeduldig die Achſeln zuckte,„ſoll es mir auch darauf nicht ankommen.“ Er unterſchrieb mit einem raſchen Federzuge. „Jetzt hoffe ich, biſt du zufrieden: Baron Eduard von — 100 Vierzehntes Kapitel. Eine goldene Brücke. Wenden.—„„Es iſt mein ehrlicher Name, es iſt meine ganze Zukunft, die ich in Ihre Hände lege.“— „Dein Citat iſt falſch, lieber Freund,“ ſagte der Major, indem er das Billet, nachdem es verſiegelt war, einſteckte. „Ich bin nicht der Secretair Wurm, du aber noch viel weniger die unſchuldige Louiſe.— Nun, behüt dich Gott. Morgen ſehen wir uns wieder.“ „Ja, bei Philippi!“ entgegnete der Kammerherr mit Pathos. Er begleitete den Freund an die Thür und fragte beim Weggehen deſſelben faſt ſchüchtern:„Und bekomme ich auf mein Billet eine Antwort?“ „Hoffentlich ja, und zu gleicher Zeit eine Einladung,“ verſetzte Fernow lachend,„zu einem Augenblick des Glücks.“ Fünfzehntes Kapitel. Keine Koſe ohne Dornen. Die Appartements Ihrer Durchlaucht der Prinzeſſin Eliſe ſtießen, wie wir bereits in einem frühern Kapitel er⸗ fahren, an den großen Empfangs⸗, Tanz⸗ und Speiſeſaal des Schloſſes und waren nur durch ein kleines Entrée, ſo⸗ wie durch ein paar Vorzimmer von letzterem getrennt. Eigentlich wäre dies die Wohnung der regierenden Herzogin geweſen, doch hatte es der hochſelige Herr vorgezogen, den rückwärts gelegenen ſtilleren Schloßflügel zu bewohnen und ſo die Prinzeſſin in einem Rechte belaſſen, das ſie ſich ſelbſt angemaßt. Wenn man alles genau betrachtete, ſo war ſie, was das innere Leben und Treiben des Hofes anbelangte, die eigentliche Herrſcherin. Mit wenigen Ausnahmen ließ ihr der Regent das Vergnügen, die Einladungen zu den Diners zu beſtimmen, und ſebſt wenn ſolche Ausnahmen eintraten, wußte ſie immer auf eine feine Art die einen — 102 Fünfzehntes Kapitel. oder andern ihrer Lieblinge, die viellsicht vergeſſen worden waren, noch nachträglich befehlen zu laſſen. Da der Regent ihren klaren und ſcharfen Verſtand an⸗ erkannte, auch ihr Urtheil hochſchätzte, ſo gab er nicht ſel⸗ ten große Audienzen an fremde Geſandten und dergleichen in ihren Zimmern und konnte alsdann vielleicht lächelnd zuſchauen, wie ſie durch ihre pikanten Fragen oder ihre ge⸗ wandten Bewegungen in jeder Beziehung den Vortritt nahm und er ſelbſt wie die zweite Perſon neben ihr erſchien. Die Herzogin, welche in früheren Zeiten faſt den ganzen Tag bei der Prinzeſſin zubrachte, verließ jetzt ihre Apparte⸗ ments nicht mehr, und daher kam es, daß die der Prin⸗ zeſſin im gegenwärtigen Augenblicke weniger lebhaft als ſonſt waren, weil dieſe jetzt meiſtens im andern Schloß⸗ flügel bei ihrer Schweſter war. Wenn man die Gemächer durchſchritt, welche die Prinzeſſin bewohnte, ſo begriff man wohl, daß Jeder gerne darin verweilte. Hier war jedes Zimmer, jedes Kabinet auf's Vortrefflichſte benutzt und dabei mit einem Kunſtſinne, einem Geſchmack arrangirt, der die Einrichtung ebenſo fern von Ueberladung, wie von un⸗ gebührlicher Einfachheit hielt. Die Herzogin liebte ihre Schweſter außerordentlich, und der regierende Herr hatte ein verhätſcheltes Kind aus ihr gemacht.„ Wo ſich nur ein Kunſtwerk, ſei es ein Bild, ſei es eine kleine Statue, ſei es eine reiche Broncearbeit, für die Zimmer einer Dame paſſend zeigte, da wurde das⸗ —— · Keine Roſe ohne Dornen. 1 4103 ſelbe für die Prinzeſſin Eliſe beſtimmt, und die Herzogin trat ihr dergleichen Spielereien, wie ſie es nannte, um ſo bereitwilliger ab, da ihr Sinn das Einfache liebte und des⸗ halb ihre Zimmer auch ſo beſcheiden möblirt waren, wie man ſie kaum bei einem wohlhabenden Privatmanne findet. Das Vorzimmer der Prinzeſſin neben dem Speiſeſaal kennen wir bereits. Ueber demſelben befand ſich ein ähn⸗ liches, das an einen Salon ſtieß, wo Ihre Durchlaucht die kleineren Geſellſchaften zu verſammeln pflegte. Vergoldete Möbel waren hier freilich nicht zu finden; dagegen waren Seſſel und Fauteuils von Paliſanderholz, alle reich ge⸗ ſchnitzt, und nach Zeichnungen von guten Künſtlern ange⸗ fertigt. In den Ecken befanden ſich Blumenpartien und kleine Marmorſtatuetten und an den Wänden Bilder. Die⸗ ſer Sal i hatte ein einziges großes Fenſter, aus einer cnae rieſenhaften Scheibe beſtehend, welche durch einen ſinnreichen Mechanismus vermittelſt des leichten Druckes auf eine Feder in den Boden verſank. Vor dieſem Fenſter befand ſich eine Altane, mit einem weißen Marmorbrunnen, der ſeine klaren Strahlen hoch hinauf ſprühte, und dieſe Altane ſelbſt war durch Schlingpflanzen, die ſich zwiſchen Orangen⸗ und Citronenbäumen empor wanden, zu einer prachtvollen Laube umgewandelt, die an warmen Tagen einen entzückenden Aufenthalt bot. An dieſen Salon ſtieß ein kleines Speiſezimmer, deſſen Wände mit geſchliffenem Eichenholze bedeckt waren, worin — —— 104 Fünfzehntes Kapitel. die Unterſcheidungen und Abtheilungen der Felder aus ciſe⸗ lirter Bronce beſtanden. Aus demſelben Metall befand ſich auch ein prachtvoller Luſtre über dem einzigen runden Tiſche, der Platz für acht Perſonen bot. Eine größere An⸗ zahl lud die Prinzeſſin nie zu ihren kleinen Diners. Die Thüre war ebenfalls aus Eichenholz auf's Zierlichſte ge⸗ ſchnitzt, ebenſo wie das Buffet, auf dem ſich ſeltene Majo⸗ liken und alte reiche Kryſtallgefäße befanden. Die beiden Fenſter dieſes Zimmers hatten Vorhänge von dunkel vio⸗ lettem Sammt, welche Stoffe man auch auf den Seſſeln und Stühlen ſah. Die langen Felder auf der Wand waren decorirt mit in Bronce ausgeführten Wildpret⸗ und Ge⸗ flügelgruppen, ſeltenen Kunſtwerken, die Thiere und Vögel in einer frappanten Natürlichkeit, welche der regierende Herzog zur Ausſchmückung des Speiſezimmers der Prin⸗ zeſſin von einem bedeutenden Künſtler hatte anfertigen laſſen. Neben dieſem Speiſezimmer war das Frühſtückzimmer der Prinzeſſin, woſelbſt ſie auch die Damen empfing, welche ſie ihres beſondern Vertrauens und ihrer Freundſchaft wür⸗ digte. Hier beſtanden die Tapeten aus hellblauem Seiden⸗ ſtoffe und das ganze Ameublement aus Roſenholz. Es war dies ein heiteres, lachendes Zimmer, mit einem großen Bogenfenſter, welches eine prachtvolle Ausſicht auf die um das Schloß liegende Stadt gewährte. Hohe Epheuwände trennten die beiden Ecken im Hintergrunde dieſes Gemachs Keine Roſe ohne Dornen. 105 und bildeten ſo zwei reizende Winkel, wohin ſich die Prin⸗ zeſſin gerne zum Leſen zurückzog. Deshalb befand ſich auch neben dieſem Zimmer in einem kleinen Gemach die ausge⸗ wählte Bibliothek Ihrer Durchlaucht, reich an guten Aus⸗ gaben der bedeutendſten Schriftſteller und Dichter, beſonders aber an prachtvollen Kupferwerken aller Nationen. Neben dieſer Bibliothek war dann die Ecke des Schloßflügels, den die Prinzeſſin bewohnte, und hier war ihr Boudoir, wo ſie nur ihre genauſten Bekannten ſah und von wo es alsdann in jene Theile ihrer Appartements ging, in Gemächer, über welche wir nur von den Kammerfrauen einige Details erhalten könnten, wenn es für unſere wahr⸗ haftige Geſchichte von Intereſſe wäre. Da folgten ſich Toilettenzimmer, Schlafzimmer, Badekabinet, Garderobe, Zimmer der Kammerfrauen, und das Ganze beſchloß ein Vorzimmer, in welchem ſich die Dame vom Dienſt aufzu⸗ halten pflegte, wenn die Prinzeſſin deren Geſellſchaft gerade nicht wünſchte. Das Boudoir nun in der Ecke des Schloſſes, welches zugleich Schreibkabinet war, hatte die Prinzeſſin auf's Zierlichſte und Geſchmackvollſte eingerichtet. Die Wände waren mit roſa und weißgeſtreiftem Seidenzeug bezogen, und aus den Lambris von edlem Holze traten an jeder derſelben einfach edel geſchnittene Conſolen hervor, die ab⸗ wechſelnd eine ſchöne kleine Marmorſtatue oder eine präch⸗ tige Vaſe trugen. Ein Schmuck dieſes Zimmers waren die 106 Fünfzehntes Kapitel. 8 beiden Fenſter in gothiſchem Stile, welche aus alten, aus⸗ gewählten Glasmalereien beſtanden. Vor denſelben befan⸗ den ſich kleine Ruheplätze, welche ſo conſtruirt waren, daß man ſie als Sophas benutzen konnte, wo zwei Perſonen nebeneinander ſaßen, und die ſich wieder durch eine leichte Handbewegung ſo wenden ließen, daß ſie zwei einander gegenüberſtehende Fauteuils bildeten. Die Thüre zur Bi⸗ bliothek war mit einem vortrefflich erhaltenen alten Gobelin bedeckt, und den Ausgang in die inneren geheimen Zimmer bildete ein rieſenhafter Spiegel, der vom Fußboden bis an die Decke ging und ſich durch den Druck auf eine Fe⸗ der leicht herumwandte. Er öffnete ſich ebenſo geräuſchlos, wie er ſich wieder ſchloß. Die Etagères in dieſem Zim⸗ mer, ſowie auch der Schreibtiſch waren mit den ausge⸗ ſuchteſten kleinen Kunſtwerken in Metall und Porzellan be⸗ deckt, und hier, wo die Prinzeſſin, wie geſagt, ſelten Je⸗ mand den Eintritt gewährte, befanden ſich auf den Di⸗ vans, den Stühlen und Fauteuils Bücher, halbgeöffnete Mappen mit den ſeltenſten Handzeichnungen und Aauarelle, oft in maleriſcher Unordnung. Am frühen Morgen des Tages nach der Unterredung mit Herrn von Fernow, nachdem der Adjutant ſeinen Rap⸗ port abgeſtattet, hatte der Regent die Prinzeſſin um eine Unterredung bitten laſſen; und nach geſchehener Anfrage, nachdem auch die gehörige Zeit verfloſſen, meldete Herr Kindermann, es würde Ihre Durchlaucht außerordentlich Keine Roſe ohne Dornen. 107 freuen. Seine Hoheit um zehn Uhr zu ſehen, bevor ſich Ihre Durchlaucht zu der Frau Herzogin begäben. Herr Kindermann hatte das ſehr langſam und mit einem Lächeln gemeldet, das für diejenigen, welche dieſen würdigen Mann genauer kannten, etwas Forcirtes hatte. Herr Kindermann befand ſich in einer geſpannten Aufregung. Der Mund des Regenten war verſchloſſen wie das Grab; glücklicher⸗ weiſe befahl er die Uniform des Leibdragonerregiments, und da hoffte der Kammerdiener ſchon durch das bekannte Manöver mit dem Säbel zu einer ganz unterthänigen Be⸗ merkung, reſpektive Frage zugelaſſen zu werden. Bevor aber noch Herr Kindermann dem Garderobediener die nöthi⸗ gen Befehle in Betreff der Uniform geben konnte, hatte der Regent ſchon ſich eines Andern beſonnen und wünſchte einen einfachen bürgerlichen Anzug. Dieſer an ſich gering⸗ fügige Umſtand gab dem Herrn Kindermann neuen Stoff zum Nachdenken, und in dieſes NRachdenken miſchte ſich ein gewiſſer Schmerz, da Seine Hoheit auf die nothwendigen Fragen nur mit Kopfnicken, höchſtens mit Ja und Nein antwortete. Schlug das Es⸗Bouguet⸗Mittel fehl, ſo war nichts mehr zu hoffen. Und auch dieſes ſchlug fehl; denn als der Regent den Duft deſſelben empfunden, ſtimmte er ihn nicht weich, wie Herr Kindermann ſonſt zu bemerken pflegte, machte ihn auch nicht nachdenkend, ſondern er fuhr haſtig mit der Hand über die Stirn, nickte mit dem 108 Fünfzehntes Kapitel. Kopfe und ſagte laut und vernehmlich:„Gut, wir wol⸗ len ſehen.“ Obgleich ſich der Kammerdiener als letzten Verſuch den Anſchein gab, als habe der Regent mit ihm geſprochen, und ſich augenblicklich nach den Befehlen Seiner Hoheit erkundigte, ſo war doch auch damit nichts gewonnen. Der Regent ſagte:„Ich danke, es iſt nichts, lieber Kinder⸗ mann.“ Das„lieber Kindermann“ ſtimmte den alten Herrn faſt wehmüthig und er dachte bei ſich:„Was nützt mir das„lieber Kindermann“, wenn er gerade thut als ſei ich der letzte Schloßknecht und ſo eben erſt in Dienſt getreten. Es wäre doch nicht das erſte Mal, daß er ein Wort fallen ließe über ein wichtiges Vorhaben. Hat er mich doch ſchon bei anderen Veranlaſſungen gefragt: Es iſt uns doch heute Morgen keine Spinne begegnet? oder: Was halten wir vom heutigen Tage, Kindermann? Iſt er gut oder ſchlecht? Können wir etwas unternehmen oder laſſen wir es lieber bleiben?“ Unterdeſſen war nichts zu machen. Der Kammerdie⸗ ner hatte ſeine Schuldigkeit getlan und mußte dem Herrn von Fernow, auf den er nooch ſeine letzte Hoffnung ſetzte, das Uebrige überlaſſen, denn der Major war im Vorzimmer, und als der Regent wenige Minuten vor zehn Uhr hindurchſchritt, hörte ihn Herr Kindermann ſagen:„Be⸗ gleiten Sie mich hinauf, Fernow, und bleiben Sie in der Nähe.“ Dabei ſtiegen Beide die Treppen hinauf, und ehe Keine Roſe ohne Dornen. 109 ſie noch den erſten Stock des Schloſſes erreicht hatten, hör⸗ ten ſie Herrn Steppler, der droben wartete, ehrerbietigſt huſten. Der Kammerdiener Ihrer Durchlaucht meldete dem Regenten ganz unterthänigſt, daß Ihre Durchlaucht ſich in ihrem Boudoir befinde und ſehr erfreut ſei, dort den Beſuch Seiner Hoheit zu empfangen. Warum der Regent bei dieſen Worten eigenthümlich, faſt ſchmerzlich lächelte, und warum er einen langen Blick in einen der großen Spiegel des Vorzimmers that, wiſſen wir nicht ganz genau anzugeben. Er durchſchritt leicht und elegant den Salon, Speiſe⸗ und Frühſtückzimmer, die Bi⸗ bliothek, und wer ihn ſo dahin gehen ſah, aufrechten Haup⸗ tes, in der feſten militairiſchen Haltung, den großen Schnurr⸗ bart leicht nach oben gedreht, mußte von ihm ſagen:„Das iſt ein vornehmer und ſchöner Herr.“ Pünktlich, wie er als Militair gewohnt, ließ er die Glocke in dem Bibliothekzimmer Zehn ausſchlagen, dann ſchob er den Gobelin auf die Seite und trat in das Bou⸗ doir. Hatte ihn die Prinzeſſin noch nicht erwartet, oder vorher noch eine Meldung befohlen, genug, ſie wandte ſich überraſcht, faſt erſchrocken bei ſeinem Eintritt von ihrem Schreibtiſch, vor welchem ſie ſtand, ab und drückte den Deckel eines Etuis, welches ſie in der Hand hielt, ſo haſtig zu, daß es laut knackte. Dies entging dem Regenten nicht, und wenn er nicht vollkommen Herr ſeiner ſelbſt geweſen wäre, ſo hätte wohl eine leichte Wolke ſeine Stirn getrübt; 110 Fünfzehntes Kapitel. ſo aber ging er unbefangen und heiter lächelnd auf die Prinzeſſin zu, welche ihm entgegen kam. Auch nahm er ihre dargebotene Hand und ſchüttelte ſie freundlich, wie er gewöhnlich zu thun pflegte. Die Prinzeſſin ſah reizend aus und ſchien in der be⸗ ſten Laune zu ſein. Ihr reiches blondes Haar war ſchein⸗ bar ohne beſondere Wahl um den Kopf aufgeſteckt, doch rahmte es denſelben ſo pikant ein, daß man wohl bemer⸗ ken konnte, dieſe Einfachheit ſei nicht ohne Abſicht. Dazu trug ſie ein weißes Morgenkleid ohne alle Verzierung, ſehr lang herabfallend und ſo anliegend, daß man ihre feine zierliche Geſtalt auf's Deutlichſte ſah. „Es iſt ſchon lange her, mein lieber Vetter,“ ſagte ſie, nicht ohne einen Anflug von Ironie,„daß ich nicht mehr in den Fall gekommen bin, Ihnen eine kleine Privat⸗ audienz bewilligen zu können.“ „Was daher kommt,“ fiel der Regent ihr lächelnd in's Wort,„weil ich es gern zu meinem Studium mache, die Neigungen der Leute, die mir werth ſind, zu er⸗ forſchen.“ Die Fürſtin wehrte mit den Händen auf eine komiſche Art von ſich ab und ſagte, während ſie den Mund ein klein wenig aufwarf: „Schon wieder Krieg! Ich merke es ſchon. Euer Hoheit kommen nur immer in feindſeliger Abſicht zu mir, und da ich das genau weiß,“ ſetzte ſie ſcheinbar ſehr ernſt —— Keine Roſe ohne Dornen. 111 hinzu,„ſo muß ich meinen theuerſten Vetter bitten, nie⸗ derzuſitzen, damit ich nicht gar zu ſehr im Nachtheil bin; — eine arme, kleine Figur, wie ich!— Sehen Sie, wie ich den Kopf erheben muß, um an Ihnen hinauf zu blicken. Das iſt keine Gleichheit der Waffen!“ Mit dieſen Worten war ſie auf ihre eigenthümliche Art halb tänzelnd, halb ſchleifend ganz nahe vor den Re⸗ genten getreten, und als ſie nun in nächſter Nähe ihm von unten herauf in die Augen ſah und dabei den kleinen Mund ſo ſchelmiſch geöffͤet hatte, daß man ihre feinen Zähne ſah, während ſie die Augen eine Sekunde nachher etwas affectirt ſchläfrig ſchloß, ſagte der Regent mit einem für ſie unerklärlichen Seufzer:„Ja, ja, es iſt beſſer, meine theuerſte Eliſe, wenn wir uns niederſetzen.“ „Schön,“ entgegnete ſie lebhaft,„und dort auf dem Ruheplatz am Fenſter, auf dem Divan nach meiner Erfin⸗ dung. Ich bilde mir was auf dieſe Conſtruktion ein.“ Sie ſchoß nach dem bezeichneten Sopha hin, und wäh⸗ rend ſie die Hand auf die verborgene Feder legte, fuhr ſie fort:„Aber Sie kennen die Maſchinerie?“ „O, ich kenne ſie vollkommen,“ ſagte der Regent, der ihr langſam gefolgt war.„Es iſt eine verkörperte Laune unſerer liebenswürdigen Prinzeſſin.“ „O weh, o weh!“ rief ſie mit komiſchem Ernſte aus, „Euer Hoheit ſind galant gegen mich; da habe ich wahrſchein⸗ lich etwas begangen, und werde eine gelinde Strafpredigt 112 Fünfzehntes Kapitel. erhalten. Wenn dem in der That ſo iſt,“ fuhr ſie fort, und dabei blitzte eine kleine Bosheit in ihrem Auge,„ſo iſt es beſſer, ich drücke hier auf die Feder.“ Sie that ſo und das Sopha theilte ſich in der Mitte und bildete zwei einander gegenüberſtehende Fauteuils. „Sie wollen mich alſo nicht an Ihrer Seite?“ fragte lachend der Regent. „Das Geſicht Eurer Hoheit iſt mir in der That zu ernſt zu einer mir ſonſt ſo angenehmen Nachbarſchaft. Auch können Sie mich beſſer anſehen, wenn ich Ihnen gegenüber⸗ ſitze, das heißt einfach, um zu erfahren, ob die Strafpredigt, die ich erhalten ſoll, auch ihren Eindruck auf meinen Leicht⸗ ſinn nicht verfehlt.“ „Sie erwarten alſo eine Straſpredigt?“ meinte der Regent, nachdem er ſich vis-à-vis der jungen Dame nie⸗ dergelaſſen.„Alſo haben Sie ein böſes Gewiſſen?“ „Das hat man Ihnen gegenüber nur zu leicht, ver⸗ ehrteſter Herr und Vetter,“ verſetzte die Prinzeſſin.„Aber Scherz bei Seite, diesmal glaube ich, daß ich Allem, was da kommen mag, mit der größten Ruhe entgegenſehen kann.“ Sie hatte ſich bei dieſen Worten in den Fauteuil zu⸗ rückgelehnt, und als ſie hierauf ihr Gegenüber mit einem feſten Blick anſah, ſo hätte jeder Andere dieſen Blick für einen Blick der vollkommenſten Unſchuld gehalten. Nicht ſo der Regent. Er wußte wohl, was das ſeltſame Feuer Keine Roſe ohne Dornen. 113 zu bedeuten hatte, welches in ihrem Blick glänzte, und warum ihre Lippen faſt unmerklich zuckten, aber doch zuck⸗ ten. Er kannte die Leidenſchaft der Prinzeſſin mit ſcharfen Waffen zu fechten, und wußte wohl, wie ſchwer ſie aus der Faſſung zu bringen war. Sie hatte mit ihrer Rechten über die Schulter hinweg eine der ſchweren ſeidenen Quaſten genommen, welche an langen Schnüren befeſtigt waren und zum Zuziehen des Vorhanges dienten, und gebrauchte dieſe wie einen Fächer, indem ſie dieſelbe jetzt anhaltend im Kreiſe drehte, ſich ſo Kühlung zufächelnd, und ſie dann vor das Geſicht hielt, wobei im letzteren Falle ihre Augen recht ſchelmiſch, ja faſt boshaft, durch die glänzenden violetten Fäden durchblickten. „Wir werden in den nächſten Tagen ein Ereigniß bei Hofe haben,“ ſprach der Regent mit Beziehung auf die verwittwete Herzogin nach einer Pauſe;„ich glaube, in ganz naher Zeit. Darnach, wenige Wochen ſpäter, wird ſich, wie wir beide genau wiſſen, die Herzogin nach Eſchen⸗ burg zurückziehen.“ „Ich glaube, das Letztere iſt eine ausgemachte Sache,“ erwiderte die Prinzeſſin aufmerkſam;„und wenn ich nicht irre, ſind für dieſen Fall ſchon alle Arrangements vorge⸗ ſehen.“— Sie ließ die Quaſte vor ihrem Geſichte herab⸗ hängen, dieſelbe dann einen Kreis beſchreiben und zwiſchen den umherfliegenden Fäden warf ſie einen ſcharfen Blick auf den Regenten. Hackländer. Der Augenblick des Glücks. II. 8 Fünfzehntes Kapitel. „Allerdings ſind alle Arrangements getroffen,“ wie⸗ derholte dieſer;„doch ſcheinen wir Alle vergeſſen zu haben, daß das Schloß von Eſchenburg ſehr klein iſt und kaum Platz für die Herzogin und für Sie, Prinzeſſin, bieten wird.“ „Für mich?“ fragte ſie;„es fällt mir nicht ein, nach Eſchenburg hinauszugehen.“ „So haben ſich Ihre Anſichten geändert?“ „Ja, es ändert ſich Manches,“ erwiderte die Prin⸗ zeſſin mit ſehr leiſer Stimme. „Sagten Sie mir damals nicht ſelbſt, es würde Ihre höchſte Luſt ſein, in der Nähe des künftigen kleinen Thron⸗ erben zu verweilen?“ „Oder in der Nähe einer kleinen Prinzeſſin. Richtig, ich ſagte ſo.“. „Und jetzt?“ „Jetzt habe ich bei mir überlegt, oder ich habe mir vielmehr in's Gedächtniß zurückgerufen, wie oft Sie mir geſagt, Sie hielten es für beſſer, wenn ich meine Schwe⸗ ſter mehr ihren eigenen Weg gehen ließe. Ich habe ge⸗ funden, daß Sie damals Recht hatten, und will jetzt darin, wie auch noch in manchem Andern, ſtrenge Ihren Rath befolgen.“ Als die Prinzeſſin dies ſagte, war der Ton ihrer Stimme auffallend ernſter geworden, und ſie ließ die Quaſte ſo gerade vor ihrem Geſichte herabhängen, daß Keine Roſe ohne Dornen. 115 man von dem Ausdruck ihrer Augen durchaus nichts ſehen konnte. „Nehmen wir uns in Acht!“ dachte der Regent,„ſie ſpielt nicht ohne Abſicht mit mir Verſteckens! Sie beſchattet ihr Geſicht, ich ſitze im Lichte; und wir müſſen ebenfalls Vorſichtsmaßregeln anwenden.“ Indem er ſich, dies denkend, ſo viel als thunlich war, in ſeinem Fauteuil zurücklehnte, ſtützte er den Arm auf die Lehne deſſelben und legte den Kopf in die Hand. „Und der zu erwartende Thronerbe ſoll Ihrer Sorg⸗ falt entbehren?“ fragte er dann mit Beziehung. „Ob Thronerbe, ob Prinzeſſin,“ entgegnete Ihre Durch⸗ laucht,„ich bin überzeugt, daß Ihre Beſtimmungen die beſten und nützlichſten ſein werden.“ „Seit wann ſchenken Sie mir dies Vertrauen?“ „Ich habe nie anders über Sie gedacht, nur bin ich vielleicht zuweilen mißverſtanden worden.“ „Ei, Prinzeſſin!“ nahm der Regent nach einem augenblicklichen Stillſchweigen das Wort,„verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen ſage, daß ich anfange, an Ihnen irre zu werden. Sie, eine Liebhaberin des kleinen Krie⸗ ges, der ſchon ſeit längerer Zeit zwiſchen uns beſteht, wollen ſich aus Ihren ſicheren Poſitionen zurückziehen und mir das Schlachtfeld allein überlaſſen? Wie verſtehe ich das?“ „Es iſt der richtige Ausdruck,“ erwiderte die Prinzeſſin 8 116 Fünfzehntes Kapitel. faſt ernſt,„wenn Sie wie eben bemerken, ich hätte die Abſicht, mich aus meinen ſichern Poſitionen zurückzuziehen und Ihnen das Feld hier zu überlaſſen.— Wahrhaftig es iſt ſo. Ich kämpfte, wenn Sie wollen, aus Laune und um gar nichts.“ „Ah!“ machte der Regent, indem er ſich aufrichtete. „Sollte ich Sie verſtehen, Prinzeſſin? Sie kämpften bisher aus Laune, um gar nichts, Sie wollten ſich wirklich zu⸗ rückziehen und mir ohne alle Urſache gewonnenes Spiel geben?“ Er ſagte dies lächelnd, doch war ſein Lächeln ein ſchmerzliches zu nennen und, als er gleich darauf leiſe hinzuſetzte:„Ah! in der That, ich verſtehe; ich gewinne, um zu verlieren!“ da fuhr er, beinahe heſtig, mit der Hand über die Augen, wodurch ihm ein blitzähnlicher Blick der Prinzeſſin entging, den ſie hinter der Quaſte auf ihn ſchleuderte.— Nach dieſem Blick, der bedeu⸗ tungsvoll war, ſpielte ein zufriedenes Lächeln um ihre Lippen. „Er hat bereits von der Sache gehört,“ dachte ſie bei ſich,„wir wollen weiter manövriren, aber unſere Angriffs⸗ weiſe ändern.“ „Sie will mich überraſchen,“ ſprach der Regent zu ſich ſelber.„Vielleicht weiß ſie, daß ich etwas erfahren, und es liegt in ihrem Charakter, mir nicht den Triumph zu gönnen, überhaupt ohne ihren Willen etwas erfahren zu haben.“ Keine Roſe ohne Dornen. „Prinzeſſin,“ ſagte er hierauf, und obgleich er bei dieſem Worte lächelte, hob er doch bedeutungsvoll die Hand in die Höhe;„Prinzeſſin, gewöhnlich zieht man ſich nach einer verlorenen Schlacht zurück; ſollten Sie eine Niederlage erlitten haben?“ Er betrachtete ſie in dieſem Augenblick mit einem ſo feſten, ruhigen Blick, daß ſie nicht im Stande war, den⸗ ſelben auszuhalten, ſondern das Geſicht den gemalten Fen⸗ ſterſcheiben zuwandte, wobei ſie wie trotzig die Lippen aufwarf.. „Doch Scherz bei Seite,“ nahm er wieder das Wort, „ich bin eigentlich hierher gekommen, um mit Ihnen über eine Sache zu reden, die—“ „Eine Sache, die mich angeht?“ fragte die Prin⸗ zeſſin im Tone der Ueberraſchung,„und die ſo intereſſant iſt, daß ich deshalb das Glück habe, Eure Hoheit bei mir zu ſehen? O, auf eine ſolche Sache bin ich ſehr begie⸗ rig. Etwas Aehnliches iſt lange nicht zwiſchen uns vorge⸗ kommen.“ „Es iſt allerdings eine Sache, die Sie intereſſirt, mich aber auch.“ „Die Sie intereſſirt, als meinen Freund?“ fragte ſchelmiſch lachend die Prinzeſſin.„Dafür darf ich Sie doch halten? Als meinen Verwandten? Oder als Chef des Hauſes?“ 8 8 „Als Verwandten, als Ihren Freund, und vor Allem 118 Fünfzehntes Kapitel. als Chef des Hauſes;“ gab der Regent zur Antwort. Dabei erinnerte er ſich, wie er am geſtrigen Abend gelit⸗ ten, als ihm Herr von Fernow das Portrait gebracht, und dieſe Erinnerung warf einen ſo finſtern Schatten über ſeine Züge, daß die Prinzeſſin, die dies bemerkte und die Urſache wohl kannte, ſich veranlaßt ſah, etwas wie Schrecken beim Anblick dieſer plötzlichen Veränderung zu affectiren. „Der Ausdruck Ihres Geſichts,“ ſagte ſie, indem ſie wie beſtürzt ihre Quaſte in den Schooß fallen ließ,„könnte mich in der That auf die Vermuthung bringen, als handle es ſich um was abſonderlich Ernſtes; doch bin ich daran gewöhnt,“ ſetzte ſie mit einer graziöſen Kopfbewegung hinzu, „daß der Chef des Hauſes auch aus geringfügigen Urſachen ſehr ernſt ſein kann, und ich tröſte mich nur durch das Daſein der beiden andern ebengenannten Perſonen, meines Verwandten und Freundes, die dem geſtrengen Herrn mil⸗ dernd zur Seite ſtehen werden.“ „Allerdings,“ antwortete der Regent,„haben die beiden Ebengenannten ſchon manch' Freundliches für Sie geſprochen, beſte Nichte, und den Regenten beſänftigt, der — doch wozu in die weitere Vergangenheit zurückgreifen, da die nächſte Zukunft in der That ernſt und faſt drohend vor uns liegt?“ 3 „Eure Hoheit könnten mir in der That Angſt machen,“ fiel die Prinzeſſin mit einem erzwungenen Lächeln ein;„doch 8 Keine Roſe ohne Dornen. 119 will ich mein Haupt in Demuth neigen und mit zuſammen⸗ gelegten Händen mein Schickſal erwarten.“ Sie führte dies pantomimiſch aus und ſaß in dieſem Augenblick da wie ein armes Opfer, welches einen ſchweren Streich erwartet; doch merkte der Regent wohl, wie ſie unter den Augenwimpern zu ihm emporblinzelte und wie etwas wie ein Ausdruck der Zufriedenheit um ihre zuſam⸗ mengepreßten Lippen ſpielte. 5 „Wahrhaftig, Prinzeſſin,“ fuhr der Regent kopfſchüt⸗ telnd fort;„es wäre das erſte Mal, daß Sie Ihr Schick⸗ ſal ruhig erwarten, und wenn ich denken könnte, Ihre Reue wäre aufrichtig, ſo würde ich nicht ſtrenge, ſondern nur betrübt mit Ihnen reden.“ „Spricht der Regent oder mein Freund?“ fragte die Prinzeſſin in einem ſo komiſch⸗demüthigen Ton der Stimme, daß Seine Hoheit ſich zuſammen nehmen mußte, um ernſt zu bleiben. Er dachte aber an den geſtrigen Abend, an das Spiel hinter ſeinem Rücken, an die Photographie, und das Alles machte es ihm möglich, nicht nur eine ernſte Miene beizubehalten, ſondern ſogar finſter auszuſchauen, trotzdem, daß die Prinzeſſin ihre ſchönen lebhaften Augen wie flehend zu ihm erhob, ſie aber bei dieſem Anblick mit einem tiefen Seufzer niederſchlug. Es entſtand eine kleine Pauſe, während welcher die Prinzeſſin wieder anfing, wie verlegen mit ihrer Quaſte zu ſpielen und dieſelbe als Fächer vor dem Geſichte hin⸗ und herzubewegen, während der 120 Fünfzehntes Kapitel. Regent, dergleichen verſchmähend, ſich aufrichtete und feſt auf die junge Dame blickte„Sie werden ſich erinnern,“ ſagte er alsdann,„daß man vor ein paar Jahren eine Verbindung zwiſchen Ihnen und dem Herzog Alfred von D. projectirte.“ Ihre Durchlaucht ſtieß einen leichten Schrei der Ueber⸗ raſchung aus, der ſonmatürlich klang, daß der Regent voll⸗ kommen dadurch getäuſcht wurde. „Eine Verbindung,“ fuhr er fort,„die Ihnen, meine theure Nichte, nicht convenirte und die auf Ihren beſonderen Wunſch abgebrochen wurde.“ Die Prinzeſſin hatte in dieſem Augenblicke ſchweres Spiel. Sollte ſie ſich das Anſehen einer gekränkten Ver⸗ letzten geben, oder ſollte ſie durchblicken laſſen, ſie ahne, was jetzt kommen werde? Nach einer peinlich langen Kunſt⸗ pauſe entſchied ſie ſich für das Letztere und hielt es nun der Situation für gemäß, ein klein wenig zuſammenzu⸗ fahren, ja den leichten Ausdruck:„O mein Gott!“ hören zu laſſen. „Eine Verbindung, die Sie ausſchlugen,“ wiederholte ſehr ernſt der Regent.„Ich bitte hierauf bei meiner wei⸗ teren Rede genau zu achten. Hätte man es Eurer Durch⸗ laucht damals verweigert, eine Verbindung mit dem bezeich⸗ neten, uns ſehr befreundeten Hauſe von D. einzugehen, hätte man vielleicht eine Neigung zerriſſen, und wären wir es geweſen, die jene Verbindung für nicht paſſend und — 141 4 Keine Roſe ohne Dornen. 121 inconvenabel erklärt hätten, ſo fände ich es jetzt begreiflich, daß Sie, Prinzeſſin, ſelbſt hinter meinem Rücken Schritte thun würden, um ein Band wieder herzuſtellen, an das Ihr Herz mit Liebe denkt.“ „—— CEuer Hoheit!“ ſtammelte die Prinzeſſin, und als ſie nun aufblickte und in das ernſte, ſchmerzer⸗ füllte Auge ihres Verwandten ſchaute, fiel es ihr nicht ſchwer, ihre Rolle der Beſtürzung fortzuſpielen, denn ſie ſah in den ſonſt ſo ruhigen, jetzt heftig bewegten Zügen des Regenten, wie ſehr ihm die Sache, von der er ſprach, zu Herzen ging. „Wenn Sie mir etwas entgegnen können, Prinzeſſin,“ ſprach er mit tiefllingendem Ton der Stimme,„was meine eben ausgeſprochene Behauptung zu widerlegen im Stande iſt, ſo wäre ich Ihnen dankbar dafür.—— Aber Sie können das nicht,“ ſetzte er bewegt hinzu,„wa hrhaftig, Eliſe, Sie können das nicht. Sie haben kein Wort der Entſchuldigung für— Ihr Benehmen. Sie können dem Regenten, dem Chef des Hauſes, keine triftigen Gründe angeben, als höchſtens— verzeihen Sie mir das Wort— eine wirkliche Neigung zu jenem Herrn, den Sie ja kaum kennen.“ Die Prinzeſſin hatte ihre Hände gefaltet, und als ſie nun leiſe den Kopf ſchüttelte, ſenkte ſie ihn tief auf die Bruſt hinab. Der Regent hatte die letzten Worte mit ſteigender 122 Fünfzehntes Kapitel. regtheit, faſt heftig geſprochen, ja er war ſogar aufge⸗ * ſianden und hatte das Kabinet einmal durchſchritten, doch ſah er das Kopfſchütteln der Prinzeſſin und dies ließ ihn tief aufathmen. „ Wenn es keine Neigung iſt,“ fuhr er milder fort, „ſo iſt es denn Ihr unglückſeliger Hang zur Intrigue, der Sie veranlaßt, Prinzeſſin Eliſe, ſich mit dieſen Rigoll und Wenden einzulaſſen,— der Ihnen erlaubt, Unter⸗ handlungen einzuleiten, ſo daß— der Herzog Alfred von D. jetzt, freilich ſehr incognito hier in der Stadt weilt.“ Die Prinzeſſin ließ ihre Quaſte los und drückte beide Hände vor das Geſicht. Der leidenſchaftliche Ton, in dem der Regent ſprach, hatte ſie erſchreckt, obgleich ſie darauf vorbereitet war, und doch ihr Herz freudig berührt. Der Regent hatte abermals einen Gang durch das Kabinet gethan. Jetzt blieb er neben dem Fauteuil ſtehen, in welchem die Prinzeſſin ſaß, und als er bemerkte, wie ſie ihre Augen mit beiden Händen bedeckte, nahm er ihre Rechte, um ſie ſanft von dem Geſicht zu entfernen. „O Eliſe,“ ſagte er mit weicher Stimme,„Sie hät⸗ ten das nicht thun ſollen, nicht ſo hinter meinem Rücken deln; Sie wiſſen, wie gern, ja freudig, ich ſtets Ihre mie he erfüllte— freudig erfüllte, ſelbſt einen Ihrer Wünſche,“ ſetzte er leiſer hinzu,„der mir in manchen Be⸗ ziehungen weh gethan haben würde.“ Als er das ſagte, blickte ſie zu ihm auf und es war 8 Keine Roſe ohne Dornen. 123 ein Blick, diesmal nicht ſchalkhaft, nicht herausfordernd, wie gewöhnlich, ſondern es war vielmehr ein tiefer inniger Blick, wie er aus dem Herzen eines Weibes kommt, wenn ihre Bruſt von einem ſüßen Gefühle geſchwellt wird. „Doch, das iſt nun vorbei,“ ſprach er nach einer Pauſe und ſich abwendend.„Glauben Sie mir, Giiſe, ich bin auch nicht gekommen, Ihnen über Ihr Benehmen Vorwürfe zu machen, wozu der Regent vielleicht ein Recht hätte, ſondern ich will einfach und ruhig mit Ihnen über⸗ legen, wie der Wunſch Ihres Herzens auf würdevolle Art, wie ſich's für unſer Haus geziemt, zu realiſiren iſt.“ Es lag nicht in dem Charakter der Prinzeſſin, daß ein tiefer, inniger Blick ihres Auges lange anhielt, ſelbſt wenn auch das Gefühl, das ihn hervorgerufen, fortdauerte. Jetzt ſchon blickte wieder aus ihrem Antlitz eine kleine Schalk⸗ haftigkeit, und obgleich ſie ſich nicht enthalten konnte, ihre Hand ſanft auf den Arm des Regenten zu legen, ſo ſagte ſie doch mit einem Anflug ihrer neckiſchen Laune:„Ver⸗ zeihen Sie mir, ich fühle in der That mein Unrecht und dies um ſo mehr, da mich Ihre edelmüthigen Geſinnungen beinahe niederdrücken,— Ihre Sorge für mein Wohl— Eurer Hoheit Entſchluß, meine Wünſche zu erfüllen, ſelbſt wenn die Erfüllung Ihnen in manchen Beziehungen weh thun würde.“ „So reden Sie, Prinzeſſin, was lon ich thun?“ fragte düſter der Regent. 124 Fünfzehntes Kapitel. „Viel und wenig,“ entgegnete faſt heiter die Prinzeſſin und fuhr fort, indem ſie ihr Geſicht ſchmeichelnd zum Re⸗ genten erhob,„— das thun, was Sie ſchon ſo oſt für mich gethan. Meine— vielleicht unbeſonnenen Schritte wieder gut machen.“ „So will ich alſo,“ antwortete der Regent nach einer längeren Ueberlegung,„den Hofmarſchall zu Seiner Durch⸗ laucht dem Herzog Alfred ſenden, ihm anzeigen laſſen, daß ich ſeine Anweſenheit erfahren, und mich ſo zurückhaltend als möglich nach ſeinen Wünſchen erkundigen. Fällt ſeine Ant⸗ wort befriedigend aus, woran ich nicht zweifle, ſo werde ich ihm gegenüber— es ſogar recht zart finden, daß er ſich vorher— von der Neigung Eurer Durchlaucht für ihn überzeugte, ehe er öffentliche Schritte that.“ „Hat er ſich überzeugt?“ fragte ſchüchtern die Prinzeſſin, wobei ſie trotz ihrer Keckheit nicht aufzublicken wagte,— „hat er ſich wirklich überzeugt?“ „Nach den Schritten, die er gethan,“ ſagte der Regent, indem er ſich bemühte, ſehr feſt und ruhig zu ſprechen, „muß dies doch wohl der Fall ſein. Ja, ich bin der feſten Anſicht, der Herzog iſt ſicher, daß Sie, Prinzeſſin, mit einem mehr als gewöhnlichen Intereſſe von ſeiner Anweſen⸗ heit wiſſen.“ „Glauben das Euer Hoheit in der That?“ fragte, nun alles Ernſtes erſchrocken, die Prinzeſſinx.. „Daran iſt nicht zu zweifeln. Verzeihen Sie mir, Eliſe,“ ⸗ 2. Keine Roſe ohne Dornen. 125 ſetzte er bitter hinzu,„wenn man einmal ſo weit gegangen iſt, Portraits auszutauſchen—“ „Nicht auszutauſchen“— ſagte die junge Dame in beſtimmtem Tone. „Möglich,“ fuhr der Regent achſelzuckend fort,„im vorliegenden Fall iſt es ſogar genug, wenn der eine Theil das Portrait des andern empfängt— behält— bei ſich aufbewahrt— mit Intereſſe betrachtet.“— Er hatte das mit ſteigendem Tone der Stimme ge⸗ ſprochen, und ſie hatte dieſe Steigerung mit einem eigen⸗ thümlichen Lächeln und einem ſo entſchiedenen Kopfſchütteln beantwortet, daß ſich der Regent veranlaßt ſah, bewegt auszurufen: „Aber Eliſe, Sie können ſich jetzt noch nicht iſchließen, ehrlich mit mir zu reden, und Sie ſehen mich doch bereit, allen Ihren Wünſchen nachzukommen?“ „Gerade, weil ich ehrlich mit Ihnen reden will, muß ich mir erlauben, Ihnen zu bemerken, daß Ihre Vor⸗ würfe nicht begründet ſind. Sie ſprechen von einem Portrait, das ich empfangen.— Möglich, ich laſſe mir mancherlei Zeichnungen und Photographieen vorlegen.“ „Ja,— Photographieen.“ „Aber, daß ich das, wovon Sie eben ſprachen, be⸗ halten, aufbewahrt, mit Intereſſe betrachtet, davon weiß ich kein Wort.“ 1 Der Regent zuckte mit den Achſeln und während er mit 126 Fünfzehntes Kapitel. der rechten Hand eine Bewegung der Ungeduld machte, warf er einen bezeichnenden Blick nach dem Schreibtiſch hinüber, wo das Etui lag, welches die Prinzeſſin bei ſeinem Eintritt ſo haſtig zugedrückt. Sie folgte ſeinen Augen, und da ſie dies that, fuhr ein freundliches Lächeln über ihre Züge. Sie erhob ſich leicht und gewandt von dem Fauteull, ſtreckte ihre Hand aus und ſagte mit ſo weichem Ton der Stimme, wie man es ſelten an ihr bemerkte:„Dort liegt das, worauf Ihre Rede zielt. Meinetwegen denn, ſehen Sie nach, was es iſt.“ „O ich habe es zur Genüge geſehen,“ entgegnete finſter der Herzog,„aber ich bitte dringend, Eliſe, wir wollen nicht von unſerem Geſprächthema abſchweifen. Theilen Sie mir Ihre Wünſche mit, und ſo wahr ich Ihnen immer ein ehrlicher und treuer Freund war, ſo wiederhole ich Ihnen: ich werde auch jetzt Alles für Sie thun, was in meinen Kräften ſteht.“ Bei den letzten Worten, die der Regent innig ſprach, hatte ſie ihr Geſicht von ihm ab gegen das Fenſter gewen⸗ det, und es war vielleicht der Wiederſchein des rothen Glaſes in den bemalten Scheiben, welcher eine tiefe Röthe auf ihren Zügen aufflammen ließ.— Vielleicht! doch hat⸗ ten ſich dieſe auch ſeltſam verändert; von Schalkhaftigkeit, Behagen an der Situation war keine Spur mehr auf ihnen zu leſen, ja die Augen hatten ihren muntern Glanz verloren, ſſͤſͤſ Keine Roſe ohne Dornen. 127 ſie preßte die Lippen heftig auf einander, wie Jemand, der einen ſchweren Kampf kämpft, und ein tiefer Seufzer ſtahl ſich aus ihrer Bruſt empor.——— Sie ließ den Re⸗ genten ziemlich lange warten, ehe ſie ihm eine Antwort gab, und dieſe Antwort beſtand darin, daß ſie ihre Hand erhob, abermals nach dem Schreibtiſch hinzeigte, und mit kaum vernehmlicher Stimme hinzuſetzte: „So betrachten Sie doch das Portrait, das ich einſtens erhalten, aufbewahrt, das ich,“ ſetzte ſie ſtoceend hinzu,„in Wahrheit häufig mit Intereſſe beſchaue.“ Der Regent, der das Geſicht der Prinzeſſin nicht ſehen konnte, aber an dem Ton ihrer Stimme wohl merkte, daß Eigenthümliches in ihrem Herzen vorgehe, trat an den Schreibtiſch und nahm das Etui in die Hand. Che er es aber öffnete, blickte er noch einmal auf die junge Dame, die ihm jetzt ihren Kopf zugewandt hatte, und war erſtaunt, das auf ihrem Geſichte zu leſen, was wir eben berichtet. Ja, eine tiefe Erregung, eine wahre Herzensangſt ſprach ſich in ihren Zügen aus. Jetzt, wo er den Finger auf die Feder ves Etuis drückte, ſtreckte ſie ihm wie flehend beide Hände entgegen, und aus ihren ſonſt ſo klaren, lebhaften Augen, die jetzt umdüſtert erſchienen, traf ihn ein ſo un⸗ gewohnter Blick, ſo tief und innig, daß er ſein Herz er⸗ beben fühlte. „Ach, Eliſe, Sie bereuen Ihre Erlaubniß!“— „Nein, nein!“ rief ſie; doch es war, als könne ſie öböddöd 4 8 128 Fünfzehntes Kapitel. nicht mit anſehen, was der Regent in der nächſten Se⸗ kunde ſchauen mußte; denn, indem ſie auf den Fauteuil zurückſank, preßte ſie ihr glühendes Geſicht in die weichen Kiſſen. Es durchzuckte ihn ſo ſonderbar, als er nun fühlte, wie die Feder dem Drucke ſeines Fingers nachgab. Das Etui öffnete ſich— und er erblickte nicht jene ihm verhaßt ge⸗ wordene Photographie, ſondern—— ſein eigenes Portrait, von dem er nicht wußte, wie es in Beſitz der Prinzeſſin gekommen. Während das und noch einiges Andere, was unſere Leſer, namentlich unſere Leſerinnen ſich gewiß denken kön⸗ nen, in dem Boudoir der Prinzeſſin vor ſich ging, ſpa⸗. zierte Herr von Fernow eine kleine Weile in dem großen Audienzſaale auf und ab. Seit jenem denkwürdigen Abend hatte er eine außerordentliche Vorliebe für dieſen an ſich ſehr öden Saal gefaßt. Er betrachtete gerne die alten ver⸗ blichenen Bilder an den Wänden, noch lieber aber die Fenſterniſchen, vermittelſt welcher jene ihr Licht erbielten. Ja beſonders für eine gewiſſe Fenſterniſche ſchien er eine wahre Leidenſchaft gefaßt zu haben, denn er betrachtete ſie minutenlang, träumend und in tiefe Gedanken verſunken. Er hob den ſchweren Vorhang, der an der Seite herab⸗ hing, in die Höhe, nicht um auf den Schloßplatz zu blicken, ſondern nur um ſich— die Malereien an der Wand zu Keine Roſe ohne Dornen. betrachten. Dann trat er wieder zurück, nahm ſeinen Sä⸗ bel unter den Arm und machte einige Schritte in den Saal hinein. Das große Gemach war ſo entſetzlich leer, und ſo leiſe er auch auftrat, ſo hallten doch ſeine Schritte unangenehm wieder.— Mußte er denn gerade in jenem Saale auf- und abſpazieren, hatte ihm das der Regent befohlen?— Gott bewahre! Seine Hoheit, als ſie in die Zimmer der Prinzeſſin traten, hatten nur geſagt: Bleiben Sie in der Nähe.— In welcher Nähe?— Na⸗ türlich in der Nähe der Appartements der Prinzeſſin. Die Appartements der Prinzeſſin aber beſtanden, wie er genau wußte, aus der ganzen Reihe der von uns im Anfang die⸗ ſes Kapitels ſo ſchön und ausführlich beſchriebenen Zimmer. Der Mittelpunkt dieſer Zimmer war der große Salon der Prinzeſſin, wo ſie ſich wahrſcheinlich jetzt mit dem Regenten befand, und von dort mußte alfo auch Weite oder Nähe berechnet werden. Wenn er aber hier in dem öden Audienz⸗ ſaal ſpazieren ging, ſo befand er ſich ebenſo weit von der 5 ging Perſon des Regenten, als wenn er ſich an's andere Ende der Appartements begab, wo die Dame du jour ihr Em⸗ pfangszimmer hatte. Das war außerordentlich klar, und ſowie ſich der Major dieſen Gedanken in der That recht klar gemacht hatte, befand er ſich auch ſchon auf dem Cor⸗ ridor, der hinter den großen Sälen lag, und ging wohlge⸗ muth nach der andern Seite des Schloſſes, nur in der Hackländer. Der Augenblick des Glücks. II. 9 130 Fünfzehntes Kapitel. in deſſen Nähe zu bleiben.— 4 5 In kurzer Zeit hatte er das Ende dieſes Corridors erreicht und als er dort einen Lakaien gelangweilt am Fen⸗ ſter lehnen ſah, mußte er unwillkürlich lächeln, denn es war 4 derſelbe Lakai, der ihm neulich ſein breites Geſicht zwiſchen den Orangeblüthen gezeigt hatte. Natürlich verſchwand aus 1 der Haltung deſſelben alle Langeweile, als er den Adjutan⸗ ten Seiner Hoheit auf ſich zukommen ſah. Er ſtellte ſich mit etwas gekrümmten Rücken in Poſitur, nahm ein ſüßes Lächeln an, indem er den Mund ſpitzte, und rieb ſich die Hände, ehe der Major ganz nahe war. „Wer von den Damen iſt im Vorzimmer Ihrer Durch⸗ laucht?“ fragte dieſer mit einem ſo gleichgültigen Geſichte, als ſei es ihm vollkommen einerlei, den Namen der alten Oberſthofmeiſterin zu hören. „Fräulein von Ripperda,“ ſagte der Lakai. fragte ſcheinbar überraſcht: „Nicht Ihre Excellenz?“ „Nein, das gnädige Fräulein.“ Herr von Fernow war ſchon im Begriffe wieder fort⸗ zugehen, doch ſprach er nach einer kleinen Ueberlegung:„Nun 3 wohl denn, melden Sie mich dem gnädigen Fräulein.“ als ſei er von einem ſanften Zephir weggeblaſen worden; einzigen Abſicht, die Befehle des Regenten zu erfüllen und Der Adjutant nahm eine verdießliche Miene an und 3 Der Lakai verſchwand hinter dem ſchweren Thürvorhange, 3 9 — ebenſo glitt er auch gleich darauf wieder zurück, rieb ſich Keine Roſe ohne Dornen. 131 abermals die Hände und ſagte mit einer tiefen Neigung des Kopfes: „Es wird dem gnädigen Fräulein ein Vergnügen ſein, den Herrn Major zu empfangen.“ Der Major trat, nicht ohne einige Befangenheit, in's Zimmer und folgte alsdann durch daſſelbe dem Lakaien, 1 der neben ihm herſäuſelte, der gegenüberliegenden Thüre zu, die er langſam öffnete und hinter dem Eingetretenen wieder ſchloß. Helene von Ripperda hatte ſich von einem kleinen* Lehnſeſſel, der am Fenſter ſtand, erhoben und während ſie ſich mit der Rechten auf die Lehne deſſelben ſtützte, hielt ſie in der Linken ein Buch, in dem ſie ſo eben ge⸗— leſen. Das junge Mädchen ſah etwas überraſcht, doch nicht unfreundlich aus. „Verzeihen Sie, mein Fräulein,“ ſagte Herr von Fernow, indem er ſich mit einer tiefen Verbeugung näherte,„daß ich mir erlaubt habe, Ihnen einen Beſuch zu machen.“ „Sie haben einen Auftrag an mich?“ fragte die junge Hoſdame mit einem beinahe ernſten Geſicht. „Nicht ſo ganz, mein Fräulein. Wenn ich Sie aber im Geringſten ſtöre, oder Sie ſonſt Gründe haben, mich nicht ſo werde ich mich augenblicklich zurückziehen. zu empfangen, er keinen; Was einen Auftrag anbelangt, ſo habe ich leid .. 9* 132 Fünfzehntes Kapitel. bin aber doch, wenn Sie wollen, auf Befehl Seiner Ho⸗ heit da.“ 3 „Wie verſtehe ich das, Herr von Fernow?“ „Seine Hoheit,“ antwortete der junge Offizier, in⸗ dem er in dienſtlicher Haltung und faſt im Meldeton ſprach,„befahlen mir, Ihm zu folgen, als Sie ſich ſo eben zu Ihrer Durchlaucht, der Prinzeſſin Eliſe, begaben. Hochdieſelben betraten darauf die Appartements und ſagten im Weggehen: Bleiben Sie in der Nähe.“ Ein faſt unmerkliches Lächeln glitt über die Züge des ſchönen Mädchens. „Ja, in der Nähe ſollte ich bleiben,“ fuhr Herr von Fernow mit ſehr ernſtem Geſichte fort,„und da ich mir überlegt, daß der Audienzſaal, wo ich vorhin einen Augen⸗ blick war,— der Audienzſaal, mein gnädiges Fräulein,“ ſetzte er mit Betonung hinzu,—„noch etwas weiter von den Gemächern der Prinzeſſin entfernt iſt, als dieſe Zimmer, ſo erlaubte ich mir ganz gehorſamſt, Ihnen meine Aufwar⸗ tung zu machen, um— das Angenehme mit dem Nüt⸗ lichen zu verbinden.“ „Wenn dem ſo iſt,“ entgegnete Fräulein von Ripperda mit einer graziöſen Neigung des Kopfes,„wenn Sie alſo im Dienſte ſind, ſo muß ich mich denn ſchon entſchließen, Sie für eine kleine Weile da zu behalten.“ „Muß?— für eine kleine Weile?“— verſetzte der junge Offizier mit einem leichten Seufzer;„wenn Ihnen Ir ½ — Gr Keine Roſe ohne Dornen. 133 dieſe Freundlichkeit für mich nur nicht zu außerordentliche Mühe macht!“ Bei dieſen Worten blickte er nach einem Sitze und manöverirte auf eine Handbewegung Helenens mit einem naheſtehenden Fauteuil ſo geſchickt, daß er denſelben ohne viel Aufſehen gar ſehr in die Nähe der jungen Dame zu bringen wußte. Beide ſetzten ſich, und Fräulein von Rip⸗ perda legte das Buch, in dem ſie geleſen, neben ſich auf den Tiſch. „Ich unterbrach Sie in Ihrer Lektüre, mein Fräu⸗ lein?“ „Ich durchblätterte da eine Gedichtſammlung, die man der Prinzeſſin heute Morgen zugeſandt.“ „Etwas Neues?“ „Eine neue Ausgabe. Wenn es Sie intereſſirt, blicken Sie hinein.“ „Ah, ich kenne das,“ ſagte der junge Offizier nach einer kleinen Pauſe, während welcher er ein paar Blätter umgewandt.„Es ſind außerordentlich ſchöne Sachen, ich ſchwärme dafür.“ „Mein Leben liegt im Abendroth, Dein's tritt erſt ein in den ſonnigen Tag; Mein Herz iſt ſtarr, mein Herz iſt todt, Dein's hebt erſt an den luſtigſten Schlag; Du ſchauſt nach Deinem Glücke In goldne Fernen weit, 134 Fünfzehntes Kapitel. Ich blicke ſchon zurücke In alte Zeit,“ las er darauf und ließ das Buch ſinken, um nach Helenen hinüberzublicken, die den Kopf in die Hand gelegt hatte und zum Fenſter hinausſah.. „Ja, es iſt das ſehr ſchön,“ meinte auch ſie,„hübſche Idee, reizende Phantaſie.“ „Reizend und traurig, wie man will: reizend für einen Glücklichen, traurig für Jemand, der nicht das Recht hat, ſo zu denken und zu ſprechen.“ Helene wandte ihm ihr Geſicht zu, ſie blickte ihn mit den klaren glänzenden Augen an und ſagte mit einem An⸗ flug von Wehmuth in der Stimme: „Herr von Fernow, erzählen Sie mir lieber etwas aus der Stadt. Es iſt eigenthümlich,“ fügte ſie nach einem augenblicklichen Stillſchweigen hinzu,„daß man Ihnen immer die Geſprächsthemas aufgeben muß.“ „O, das iſt wahr,“ verſetzte er raſch;„ich bin Ihnen gegentber ſo geiſtesarm, ſo beiſpiellos arm,— ja, Helene,“ fuhr er mit leiſerer Stimme fort,„von einer Armuth, die Sie erſchrecken müßte, wenn es mir vergönnt wäre, Sie dieſelbe in ihrem ganzen Umfange kennen zu lehren.“ „Und ich habe ja nichts, um Sie reich und glücklich zu machen.“ „Nichts, Helene?“ rief Herr von Fernow leidenſchaft⸗ lich;„o, Sie haben Alles. Sie brauchen nur Ihre Hand — 2 Keine Roſe ohne Dornen. zu öffnen, um Segen, Reichthum und Glück auf mich nieder⸗ ſtrömen zu laſſen. Aber Sie ſind hartherzig. Sprechen wir alſo lieber von der Stadt.“ „Ja, ſprechen wir von der Stadt,“ wiederholte ſie leiſe und drückte ihre ſchwellenden Lippen aufeinander, um einen leichten Seufzer niederzukämpfen. „O, in der Stadt iſt es ſehr ſchön,“ ſagte er mit er⸗ zwungener Luſtigkeit,„herrliches warmes Wetter, worüber ſich alle Menſchen freuen. Man geht ſpazieren, man reitet ſpazieren, man unterhält ſich über dies und das, wiſſen Sie, mein gnädiges Fräulein, über lauter Alltäglichkeiten, die eigentlich nicht der Mühe werth ſind, vor Ihnen wiederholt zu werden.“. „Sahen Sie Herrn von Wenden?“ „Herrn von Wenden und auch Baron Rigoll,“ ſagte der Major mit einer Verbeugung.„Doch von Letzterem kann ich Ihnen wohl nichts Neues mittheilen, Sie ſehen ihn häufiger, als ich.“ Es war ein trübes Lächeln, mit dem ſie zur Antwort gab:„O ja, ich muß ihn häufig ſehen.“ „Häufig, ja ſehr häufig!“ ſprach zornig der junge Mann.„O, Helene, iſt das zu ertragen? Fühlen Sie, was ich leide?“ Sie nickte mit dem Kopfe und blickte ihn ruhig an. „Alſo doch, Sie fühlen es!“ fuhr er heftig fort.„Nun, bei Gott, das iſt für mich ſchon ein Troſt, eine Erleichte⸗ 136 Fünfzehntes Kapitel. rung. Aber Sie fühlen nicht, wie ich, was es heißt, ſo von ferne ſtehen zu müſſen, wenn er ſich Ihnen nähern darf, wenn er berechtigt iſt, Ihren Arm in den ſeinigen zu legen, o berechtigt, wo ich glücklich, ſelig wäre, wenn ich nur Ihre Hand berühren dürfte! Sie fühlen nicht, Helene, was ich leide, wenn ich Abends zu den erleuchteten Fenſtern der Prinzeſſin aufblicken muß, wo ich weiß, daß auch Sie ſind und er,— ja, aufblicken muß, faſt verzweifelnd. Denn ich habe Phantaſie, Helene, und kann es mir wohl ausmalen, wie er an Ihrer Seite ſitzt, wie er das Recht hat, in Ihr liebes Auge zu blicken, verſtohlen mit Ihnen zu plaudern, während die andern Damen aus Gefälligkeit gegen das glückliche Paar um ſo lauter reden!“ „Sie ſind zu hart gegen mich, Herr von Fernow,“ ſagte daß junge Mädchen, wobei ſie ihren Kopf ſo heftig in ihre Hand drückte, daß ſich die weißen Finger tief in ihr volles ſchwarzes Haar vergruben. „Ja, das thun ſie Alle und ſinden die Vertraulichkeit begreiflich,“ fuhr der junge Offizier mit flammendem Blicke fort,„und wenn ich drunten ſtehe, in der ſtillen Nacht, ſo fühle ich, daß es ſo iſt,— und ich fühle nicht nur, ich ſah auch.“ „Was ſahen Sie?“ fragte Helene, indem ſie ſich haſtig aufrichtete.. „O, am geſtrigen Abend war ich zufälliger Zeuge, daß Baron Rigoll Sie in ſeinem Wagen nach Hauſe brachte.“ — Keine Roſe ohne Dornen. 137 „Ich mußte ſo; Ihre Durchlaucht und die Oberſthof⸗ meiſterin nöthigten mich dazu.“ 3 „Ich weiß, daß Sie genöthigt wurden,— aber daß man Sie nöthigen durfte, das iſt es, was mich ſo grenzenlos unglücklich macht!— Glauben Sie aber ja nicht, daß ich abſichtlich in Ihren Weg getreten. Ich kam vom Dienſt bei Seiner Hoheit, und Sie können ſich bei mir bedanken, mein Fräulein, daß ich mich des Wagens bediente, der Sie hätte nach Hauſe führen ſollen,“ fuhr er fort. Helene blickte ihn fragend an.—„In dem Wagen fand ich ein Taſchentuch, das Sie dort liegen ließen und das ich bei mir trage, um es Ihnen auf Ihren Befehl wieder zurück⸗ zugeben.“ Indem er dies ſagte, hatte er die Hand auf ſein Herz gelegt und ſah mit einem forſchenden und bittenden Blick nach dem jungen Mädchen hinüber.—„Befehlen Sie, daß ich es Ihnen wiedergebe?“ „Aber Sie martern mich, Fernow!“ rief Helene lebhaft aus,„Sie martern mich ſchrecklich!“ „Ich erwarte ja nur Ihre Befehle,“ verſetzte er drin⸗ gend,„nur Ihre Befehle, Helene, ja, Ihre Befehle, ob ich überhaupt glücklich ſein oder entſetzlich elend werden ſoll. Befehlen Sie alſo!“— Das Alles ſprach er mit der jähen Haſt der Leidenſchaft.„Befehlen Sie mir, vor den Baron Rigoll zu treten— o nein! nicht befehlen! Gewähren Sie es mir als die höchſte Gnade, die Sie mir gewähren kön⸗ 138 Fünfzehntes Kapitel. nen, ihm zu ſagen, daß ich Sie liebe und daß auch Sie mir nicht abgeneigt ſind. Laſſen Sie mich dann zur Prin⸗ zeſſin gehen, ich will ſie fragen, warum ſie zwei Herzen aus einander reißen will, die ſich lieben! Ja, Helene, die ſich lieben, ich ſpreche es aus, ich fühle es, ich ſehe es in Ihrem feuchten Blick, ich weiß es aus Ihren eigenen Wor⸗ ten, aus Ihren lieben, entzückenden Worten, die Sie mir an jenem Abende ſagten.“ Sie gab ihm keine Antwort, als er ſo heftig zu ihr ſprach, ſie hatte ihre Hände vor das Geſicht gepreßt und das leichte Zucken ihres Körpers, welches ihm anzeigte, daß ſie weinte, war nicht im Stande, ihn ruhiger zu ſtimmen. „Was Ihnen Baron Rigoll bieten kann, kann ich Ihnen freilich nicht bieten,— ſeinen Stand, ſeinen Reich⸗ thum! Aber dagegen etwas Koſtbareres: ein Herz voll Liebe, Helene.— Doch, o mein Gott! ich weiß ja wohl, daß ich da Sachen zu Ihnen ſpreche, die Sie eben ſo gut ſelbſt wiſſen.“ Sie nickte abermals mit dem Kopfe, dann erwiderte ſie, indem ſie beide Hände von ſich abſtreckte, in einem Tone der Troſtloſigkeit, der über alle Beſchreibung ſchmerz⸗ lich war:. —„Ob ich alles das weiß, was Sie mir ſagen!— Ob ich es weiß?— Ja, Fernow, es iſt ein Abgrund zu Keine Roſe ohne Dornen. meinen Füßen, vor dem ich zurückſchaudere, und in den ich doch ſtürzen muß.“ „Und wer zwingt Sie dazu?“ rief der junge Mann heftig aus. „Das Gefühl der Dankbarkeit gegen die Prinzeſſin, meine Liebe zu ihr, mein Verſprechen.“ „Ein Verſprechen, das man Ihnen abgezwungen?— O ſo weit zu gehen, zwingt uns weder Liebe noch Dank⸗ barkeit! Es iſt eine Laune der Prinzeſſin, ſie hat den Baron Rigoll zu Gott weiß welchem Zwecke gebraucht, und um ihn an ſich zu ketten, ſollen Sie das Opfer werden!— Nimmermehr, Helene, Sie ſollen ſich keiner vorübergehen⸗ den Laune opfern.— Nein! nein! Und kann ich auch nicht glucklich mit Ihnen ſein,—— mit Dir, o meine Helene, mit Dir, die ich über Alles in dieſer Welt liebe, ſo will ich doch das Band zerreißen, an welchem man dich, du mein herrliches Mädchen, gefangen hält, und du ſollſt wenigſtens frei, wenn auch nicht glücklich ſein!“ Er hatte ſich bei dieſen Worten mit einer raſchen Be⸗ wegung vor Helene nieder geworfen, ihre beiden Hände er⸗ griffen, und als er dieſelben leidenſchaftlich an ſeine Lippen preßte und mit heißen, innigen Küſſen bedeckte, war es ſo gekommen, daß ihr Haupt niederſank und ihr Haar auf⸗ gelöst auf ſeine Stirne fiel. Ja, ja,“ wiederholte er mit dem Tone des tieſſten Schmerzes,„wenn auch nicht glücklich, doch frei!“ Fünfzehntes Kapitel. „Und warum nicht Beides?“ fragte eine leiſe Stimme hinter ihnen, eine Stimme, deren Ton Beide erſchreckte, eine Stimme, die ſie augenblicklich erkannten, deren Klang aber in dieſem heiligen Augenblicke nicht im Stande war, beide Liebenden gewaltſam zu trennen. Herr von Fernow erhob ſich vielmehr langſam, und wie er ſich erhob, legte er ſeinen Arm um den ſchlanken Leib des jungen Mäd⸗ chens, drückte es, wie beſchützend, an ſich und blickte dabei herausfordernd um ſich her, als wollte er ſagen:„Welche Macht der Erde iſt im Stande, uns jetzt zu trennen?“ Auch Helene ſchien ſo zu denken, denn ſie widerſtrebte nicht, als ſein Arm ſie umfing; vielmehr glitten ihre Fin⸗ ger an dieſem Arm hinunter, bis ſie in ſeine Hand fielen und ſich dort mit den ſeinigen vereinigten. Wohl blickte ſie im erſten Augenblicke zu Boden, wohl flog eine tiefe Röthe über ihre vorhin ſo bleichen Züge, doch blickte auch ſie in der nächſten Sekunde empor in das Auge der Prin⸗ zeſſin, die lächelnd neben ihnen ſtand und auf's Anmuthigſte, faſt neckend wiederholte:„Und warum nicht Beides, meine Kinder?“ Fernow wußte nicht, wie ihm geſchah. Ja, die Prinzeſſin mußte dieſe Worte ehrlich meinen. In ſolchen Augenblicken zu ſpotten, wäre ja ruchlos geweſen. Und aus dem Blick ihres Auges leuchtete auch nichts wie Spott hervor, es lag vielmehr etwas wie Glück, wie Freude, ja Seligkeit in dem feuchten Glanze deſſelben. Sie meinte Keine Roſe ohne Dornen. 141 es ehrlich mit den Beiden. Näherte ſie ſich doch mit leiſen Schritten denſelben, legte ihre Hand ſanft auf die Schulter des jungen Mädchens und küßte ſie auf die Stirn, als dieſe das glühende, thränengenetzte Geſicht zu ihr erhob. „Träume ich denn?“ ſagte Helene nach einer ſüßen Pauſe.„Träume ich, Euer Durchlaucht? Und werde ich zu neuem Leide erwachen?“ „Nein, nein, es iſt kein Traum, mein Kind,“ erwi⸗ derte die Prinzeſſin.„Du haſt mir ſelbſt einmal geſagt, daß es Augenblicke im Menſchenleben gibt, wo das Glück mit einem Male auf uns niederfällt.“ „Gewiß, Euer Durchlaucht!“ rief der junge Offizier entzückt,„es gibt ſolche Augenblicke des Glücks.“ „Für Euch Beide, die ich gerne habe, eben jetzt,“ antwortete die Fürſtin. Dann ſetzte ſie mit leiſer Stimme, zu Helenen allein gewendet, hinzu:„für mich vor wenigen Minuten.“ Obgleich ihr Fräulein von Ripperda fragend in das Geſicht blickte, ſo mußte ſie doch den Sinn der eben ge⸗ ſprochenen Worte verſtehen; denn ſie faltete ihre Hände, drückte ſie auf ihre heftig athmende Bruſt und ſprach: „Wie mich das froh macht!“ Es gibt Augenblicke des Glücks, die ſo unverhofft kommen, und ſo bedeutend ſind, daß wir ſie ohne weitere Frage in unſer Herz aufnehmen, daß wir nicht wagen, eine Bemerkung über das Erlebte zu machen, aus Furcht, 142. Fünfzehntes Kapitel. ein ſolcher Augenblick des Glücks möchte dahin flattern, wie ein ſchöner Traum. So war's dem jungen Offizier zu Muth, und als er nun ſah, wie die Prinzeſſin bei Hele⸗ nen ſeine Stelle einnahm, das heißt, wie ſie ihren Arm um den Hals des jungen Mädchens legte, und ihr Haupt auf deren Bruſt niederſinken ließ, da ſagte er denn mit flehender Stimme: „Euer Durchlaucht, in Ihren Händen liegt das Ge⸗ ſchick zweier Herzen, die ſelig ſind, ihr Glück durch Sie zu empfangen, und die ewig für Sie ſchlagen werden in Zu⸗ neigung und Ehrerbietung!“ Damit zog er ſich leiſe zur Thüre zurück, und als er durch das Vorzimmer ſchritt, ju⸗ belte es in ihm laut und freudig:„Das war der rechte Augenblick des Glücks!“ Auch beging er in dieſem Augen⸗ blicke des Glücks noch eine kleine Thorheit. Er riß das Taſchentuch Helenens, welches er unter der Uniform auf der Bruſt trug, hervor und bedeckte es mit unzähligen, lei⸗ denſchaftlichen Küſſen. Als die Thür des Vorzimmers hinter ihm in’s Schloß ſiel und er auf dem Corridor dahinging, war ihm zu Muth, als hätte er Flügel und ſchwebe nur ſo dahin auf dem Fußboden. Wie aber in der Welt dafür geſorgt iſt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachſen, ſo harrt unſer gewöhnlich auch eine kleine Abkühlung, wenn wir uns im höchſten Stadium der Freude und des Glücks befinden. Dieſe Abkühlung des Herrn von Fernow im gegenwärtigen — Keine Roſe ohne Dornen. 143 Momente erſchien in der Perſon des händereibenden Lakaien, der ſich ihm ſüßlächelnd näherte und mit lispelnder Stimme meldete:„Seine Excellenz, der Oberſtjägermeiſter, Herr Baron von Rigoll, bäten den Herrn Adjutanten auf zwei Worte in den Audienzſaal.“ Dorthin ging denn auch der junge Offizier und ſchritt gar nicht ſo zögernd und ängſt⸗ lich, wie vor einer halben Stunde. Was kümmerten ihn jetzt alle Rigoll's der ganzen Welt! Ja, er hoffte ſogar, Seine Excellenz möchten die Gnade haben, ſich ſpeziell um ihn zu bekümmern und er war in der Verfaſſung, dem Baron, wenn ihn dieſer mit bekannten Fragen beehren würde, vollkommene Aufklärung zu geben und nichts vorzu⸗ enthalten.—— Der Oberſtjägermeiſter ſtand in dem Audienzſaal in der uns wohlbekannten Fenſterniſche. Er wandte ſich beim Eintritt des Herrn von Fernow um, und wenn auch um ſeine zuſammengekniffenen Lippen das ewige lauernde Lächeln ſpielte, ſo blickten doch ſeine Augen etwas zu ſtarr, um freundlich auszuſchauen, und dazu ſpielte ſeine Geſichtsfarbe noch ſtärker, als gewöhnlich, in's Gelbliche. „Euer Excellenz haben mich befohlen?“ ſagte der Ad⸗ jutant, indem er ſich dem Baron raſch genähert, der ihm nur wenige Schritte entgegenkam und ihm antwortete: „Von Befehlen kann keine Rede ſein, Herr Major. Ich habe Sie nur um zwei Worte gebeten.“ Der Oberſt⸗ jägermeiſter blickte einen Augenblick durch's Fenſter, dann 144 Fünfzehntes Kapitel. aber drehte er ſich mit einer haſtigen, zuckenden Bewegung wieder gegen den jungen Mann und ſagte mit einem unangenehm verzerrten Geſichte und einem ſchneidenden Tone: „Herr von Fernow— Sie erlauben,“ unterbrach er ſich ſelbſt,„daß ich Ihren Titel weglaſſe,— da auch ich bitte, den Oberſtjägermeiſter bei Seite zu ſetzen und ſich für einige Augenblicke nur mit dem Baron Rigoll zu beſchäfti⸗ gen.— Herr von Fernow, Sie haben ſich in den letzten Tagen ein Vergnügen daraus gemacht, ſich etwas ſehr auf⸗ fallend mit meinem Thun und Laſſen zu beſchäftigen. Sie haben Leute, die ich in meinem Intereſſe gebrauchte, für ſich zu gewinnen gewußt, Sie haben ſich in den Beſitz mei⸗ ner kleinen Geheimniſſe geſetzt und haben das, was Sie auf Umwegen erfahren, getreulich Seiner Hoheit, dem Re⸗ genten rapportirt.“ „Herr Baron!“ rief der junge Offizier, indem er einen Schritt zurücktrat,—„Sie führen eine eigenthümliche Sprache Obgleich er auf eine Scene mit dem Oberſtjägermeiſter gefaßt war, ſo ſiel ihn derſelbe doch ſo ohne alle Vorbe⸗ reitung an, daß er unwillkürlich nach der Hand ſeines Geg⸗ ners blickte, ob derſelbe im nächſten Moment nicht ein Paar Piſtolen aus der Rocktaſche ziehen würde. „Wenn Ihnen das Wort„rapportirt“ nicht gefällt,“ fuhr Jener mit einem malitiöſen Aufwerfen ſeiner Lippen 1 1 d Keine Roſe ohne Dornen. 145 fort, ſo ſagen wir lieber, Sie haben meine Geheimniſſe dem Regenten verkauft.“ Herr von Fernow blickte im Saale umher, zuckte die Achſeln und ſchwieg. Ich bin nicht der Mann,“ ſprach Herr von Rigoll mit zitterndem Munde weiter, wobei ſeine Augen ſonderbar zwinkerten,„der es ungeſtraft hingehen läßt, wenn junge Leute, die anfangen ſich zu fühlen, meine Wege durchkreu⸗ zen, um das, was ich mühſam vorbereitet, mit ungeſchick⸗ ter Hand auseinanderzuziehen und unüberlegt zu Boden zu treten.“ Herr von Fernow lächelte ſpitz, als er dem Oberſt⸗ jägermeiſter die Worte erwiderte:„Herr Baron von Rigoll, es thut einem jungen Manne, der eben anfängt ſich zu füh⸗ len, in der That außerordentlich weh, einem älteren Herrn, wie Euer Excellenz, der nicht nur den Ton bei Hofe, ſon⸗ dern auch den Ton der gewöhnlichen allgemeinen Schicklich⸗ keit genau kennen ſollte, ſagen zu müſſen, daß Ausdrücke, wie die, deren Sie ſich ſoeben bedienten, unter Männern von Ehre nicht gebräuchlich ſind, und daß es, nebenbei ge⸗ ſagt, verzeihen Sie mir das Wort, ſehr wenig überlegt iſt, ſie in dieſen Räumen hören zu laſſen. Was ich gethan, habe ich zu verantworten. Finden Sie ſich durch mein Benehmen irgendwie gekränkt, ſo werde ich, um Ihnen, der ſo hoch im Range ſteht, den gebührenden Vortritt zu laſſen, bis heute um zwei Uhr auf Ihre weiteren Wünſche warten.— Hackländer. Der Augenblick des Glücks. II. 10 Fünfzehntes Kapitel. Sollten Sie aber dieſe Wünſche bis zu der angegebenen Zeit nicht auf's Deutlichſte ausgedrückt haben, ſo werde ich mir nach zwei Uhr erlauben, einen meiner Freunde zu Eurer Excellenz zu ſchicken.“ Der Major hatte dies in dem ruhigſten, aber beſtimm⸗ teſten Tone geſagt und nur dann ſeine Stimme erhoben, wenn der Oberſtjägermeiſter, deſſen Geſichtsfarbe anfing in's Grünliche überzugehen, unter heftig zuckenden Bewegungen der Hände und Füße Miene machte, ihm in's Wort zu fallen. „Das iſt's, was ich gewollt!“ ſprudelte er jetzt her⸗ vor;„Sie oder ich; und das iſt es ja auch, wornach Sie trachten. Ah, Herr von Fernow, ich bin freilich der ältere Herr und Sie der jüngere Mann, der gewandt iſt im Aus⸗ holen von Geheimniſſen; auch gewandt im Wegnehmen eines Taſchentuches, welches die Damen in ihrem Wagen liegen laſſen, ja dieſes Taſchentuches,“ fuhr er mit ſchäumendem Munde fort, indem er auf das Tuch des Fräuleins von Ripperda wies, welches der Major zu verbergen vergeſſen hatte.„Doch ſollen Sie nicht glauben, daß mich kleinliche Eiferſucht treibt, oder daß ich Ihnen das Feld räume, auch wenn hundert Schnupftücher meiner Braut in Ihren Händen ſind. Es iſt ungeheuer leicht, ein wehrloſes Mäd⸗ chen zu compromittiren.“ Dies letzte Wort durchzuckte den jungen Offizier, als hätte ihn ein Blitzſtrahl getroffen. Er biß ſich die Lippen Keine Roſe ohne Dornen⸗ 147 faſt blutig, zog den Athem mühſam an ſich und that einen raſchen Schritt vorwärts gegen den Mann, der es wagte, an einem Ort, wie der, wo ſie ſich befanden, ihn ſo grau⸗ ſam zu beleidigen.— Glücklicherweiſe aber war es der Oberſtjägermeiſter, der ihn durch eine haſtige Bewegung rückwärts eben ſo ſchnell wieder calmirte, als er den flam⸗ menden Zorn des Majors erregt hatte. Ja, Seine Excel⸗ lenz trat faſt hinter die Fenſtervorhänge, ſtreckte die rechte Hand von ſich und rief erſchreckt aus: „Ich bin wehrlos und Sie bewaffnet. Vergeſſen Sie aber nicht, daß wir im Schloſſe ſind!“ Wie geſagt, dieſe heftige Bewegung des Oberſtjäger⸗ meiſters ließ allen Zorn des jungen Mannes plötzlich ver⸗ ſchwinden, ſeine Muskeln ſpannten ſich ab, und indem er in einem verächtlichen Tone ſagte:„In der That, ich werde es nicht vergeſſen, wo wir ſind, und wen ich vor mir habe!“ wandte er ſich ohne Verbeugung, ohne Gruß um und verließ mit raſchen Schritten den Audienzſaal. Trotz alledem aber pochte ihm das Herz doch gewaltig, als er über den Corridor ging und die Treppen hinabſtieg, die zur Wohnung des Regenten führten. Es war gut, daß der Weg, den er zu machen hatte, ziemlich lang war und daß er ſich deshalb ſo weit beruhigen konnte, um ganz ge⸗ faßt in das Zimmer des Herrn Kindermann einzutreten. Mit einem aufgeregten verſtimmten Weſen hätte der junge Offizier auch durchaus nicht in die Nähe des alten Kammer⸗ 10⸗ 148 Fünfzehntes Kapitel. dieners gepaßt; denn dieſer ſaß in der roſenfarbigſten Laune in ſeinem Lehnſtuhle und ſprang beim Anblick des Adju⸗ tanten mit einer gar voſſirſchen Tanzbewegung in die Höhe. „Herr von Fernow,“ ſagte er, indem er freudig die Hände zuſammenſchlug,„ich glaube, wir haben heute einen ganz vortrefflichen Tag. Ich habe etwas erlebt, was ſeit langen Jahren nicht mehr geſchehen iſt. Seine Hoheit ha⸗ ben mich vorhin an dieſem meinem rechten Ohrläppchen ge⸗ zupft und dazu geſagt:„„Kindermann, wenn wir nicht ſo ein altes ſchwatzhaftes Weib wären, ſo ſollten wir erfahren, daß wir heute einen Augenblick des Glücks gehabt haben.““ Nun wiſſen Sie, Herr von Fernow, der Regent das fagen und ich meine Schleuſen aufziehen, das war eine Sache des Handumdrehens. Vor Ihnen habe ich keine Geheimniſſe. Sie gehören von jetzt ab zum innern Haushalte; wiſſen Sie alſo“— Der Ton der Klingel aus dem Kabinet des Regenten unterbrach den redſeligen Kammerdiener. Er hüpfte hinter die Vorhänge, und als er wieder zurückkam, machte er eine bezlichnende Handbewegung nach der Thüre des Kabi⸗ nets, wobei er flüſternd ſagte: Morgen mehr. Ich habe ein paar Ausgänge zu 1* machen. Seine Poheit iſt ſo vortrefflich gelaunt, daß, wenn Sie ſich heute eine Gnade ausbitten, er Ihnen nichts ab⸗ ſchlagen wird.“ In der That ſaß auch Seine Hoheit in ſehr froher Keine Roſe ohne Dornen. 149 Stimmung, die auf ſeinem Geſichte wiederſtrahlte, vor ſei⸗ nem Schreibtiſche. Beim Eintritt des Offiziers ſtreckte er ihm die Hand entgegen, was er bisher nie gethan, und ſagte verbindlich: „Ich danke Ihnen, lieber Fernow, für Ihre guten und getreuen Dienſte. Ich denke eifrig an eine Belohnung für Sie und werde ſuchen, die Hinderniſſe, welche ſich noch entgegenſtellen, auf die Seite zu räumen.— Wenn Sie nach Hauſe fahren, ſo thun Sie mir die Liebe, und paſſiren bei Wenden. Ich will ihn vor der Tafel ſprechen.—* Apropos, erinnern Sie ſich noch des Abends neulich, als Sie ungerufen in mein Kabinet kamen. Ich glaube, das war für uns zwei eine gute Begegnung.“ „Für mich wenigſtens war es ein Augenblick des Glücks,“ ſprach der junge Mann mit einer ehrerbietigen Verbeu⸗ gung,„denn das Vertrauen, welches mir Eure Hoheit be⸗ wieſen, hat mich zum glücklichſten Menſchen gemacht.“ „Zum glücklichſten vielleicht noch nicht,“ entgegnete lächelnd der Regent;„aber was nicht iſt, kann noch wer⸗ den. Wenn Sie es nur in Ihrer wichtigſten Angelegenheit mit einem andern Charakter, als mit dem des Baron Rigoll, zu thun hätten!— Doch hoffen Sie auf die Zu⸗ kunft, wir wollen ſehen.“ Der Regent wandte ſich nach einer freundlichen Hand⸗ bewegung wieder zum Schreiben um, und der junge Offizier verließ das Kabinet und gleich darauf das Schloß. Als er 150 Fünfzehntes Kapitel. an einer Nebenthüre in ſeinen Wagen ſtieg, fuhr eben die Equipage Seiner Excellenz des Oberſtjägermeiſters davon. „Kein Licht ohne Schatten,“ ſprach der Major achſel⸗ zuckend zu ſich ſelber;„keine Roſe ohne Dornen; aber was auch kommen mag, für heute ſoll mir nichts die Erinne⸗ rung trüben, an den da oben genoſſenen wunderbaren Augen⸗ blick des Glücks.“ Sechzehntes Kapitel. RKoſa. Herr Krimpf bewohnte eine Dachſtube, die ziemlich ein⸗ fach möblirt war. Dieſelbe lag in ſtiller Einſamkeit im vierten Stock des uns wohlbekannten Hauſes in der Pfahl⸗ gaſſe, weshalb der Bewohner von Beſuchen nicht ſehr ge⸗ ſtört wurde; ja, die beinahe einzigen lebenden Weſen, die ſich hier oben ſehen ließen, war der Vater einer gegenüber wohnenden Sperlingfamilie oder ein paar Katzen aus der Nachbarſchaft. Dieſe Stille und Ruhe neben dem etwas ſtarken Bordeaux, den der kleine Maler an jenem Abend zu ſich genommen, war denn auch wohl Schuld daran, daß er am darauf folgenden Morgen länger als gewöhnlich ſchlief. Herr Krimpf war ſonſt, namentlich während des Sommers und Herbſtes, ſehr frühzeitig auf und liebte es, die erſten Strahlen der aufſteigenden Sonne zu begrüßen. Daß er dies aber, wie unzählige andere Menſchen, mit freudigen Gefühlen that, können wir grade nicht behaupten: Sechzehntes Kapitel. vielmehr blickte er mürriſch auf die ſchattenerfüllten Straßen, und wenn ſich droben am Kirchthurmdach das erſte Sonnen⸗ gold zeigte, ſo zuckte er mißmuthig mit den Achſeln und konnte ſagen:„Das heißt nun gelebt! des Morgens zieh' ich mich an, des Abends zieh' ich mich aus. Wenn nur einmal was Anſtändiges dazwiſchen fahren wollte! So eine tüchtige Revolution oder ein ordentliches Erdbeben!“ Als Herr Krimpf an dem Morgen nach jenem denk⸗ würdigen Souper erwachte, erſtaunte er, da er die Sonne bereits in ſeinem Zimmer ſah, dann zuckte er mit den Händen nach ſeinem Geſichte, faßte ſeine Naſe und indem er ſie bedächtig abwärts zog, haſchte er in ſeinem Kopfe nach hin und wider blitzenden Erinnerungen; doch mußte er einen tüchtigen Anlauf nehmen, das heißt er mußte ſich in Gedanken auf die Terraſſe des Schloſſes verſetzen, dann die Straßen wandeln, die er geſtern durchgangen, endlich vor der Reſtauration ſtehen bleiben; ja, er mußte ſich den kleinen Spazierſtock mit dem goldenen Knopfe vor ſein inneres Auge rufen, ehe es ihm möglich wurde, eine Art von 4 Syſtem in die Erlebniſſe des geſtrigen Abends zu bringen. Daß er mit einem fremden Herrn ſoupirt, wurde ihm bald wieder klar, auch daß er gut gegeſſen und viel Wein ge⸗ trunken. Dann aber kam eine ſchleierhafte, traumartige Zeit; jetzt noch, in der Erinnerung, brannten die Lichter trübe, und es war ihm, als ſei die Stube voller Staub Leweſen. Roſa. Herr Krimpf erhob ſich von ſeinem Bette in die Höhe und war augenſcheinlich nicht ganz zufrieden mit den bei ſich ſelber angeſtellten Nachforſchungen. Etwas war noch vorgefallen, das wußte er. Er mußte mehrmals rückwärts gehen; er mußte ſo zu ſagen wieder mit dem erſten Glaſe Bordeaux beginnen. Ah! jetzt fing er an, die Hand zu bekommen. Der Andere, der gewußt, wer er ſei, daß er Krimpf heiße. Der kleine Maler mußte ſelbſt lächeln, als er fühlte, wie der Nebel in ſeinem Kopfe zu weichen anfing, und als der geſtrige Abend immer klarer vor ihn trat. Er bildete ſich überhaupt gern etwas auf ſeine geiſtigen Fähigkeiten, na⸗ mentlich auf ſein Gedächtniß ein, und dies Gedächtniß war in der That für Sachen, die Herr Krimpf behalten wollte, nicht ſchlecht.— Der Offizier hatte alſo gewußt, daß er in der Pfahlgaſſe wohne, und dann hatte er von der Roſa geſprochen.— Richtig, die Roſa!— An dieſe ſollte er einen Brief beſorgen, den der Andere ihm gegeben.—— Den er ihm gegeben? Nein, nein geben.— Den er ihm erſt geben einen Faden in Offizier, hatte Ja, ſo war's. er hatte ihm nichts ge⸗ wollte, und zu dem Zweck ſollte er, der Maler, den Offizier beſuchen.— Aber wo? —— Teufel! das hatte er vergeſſen, und das war recht ungeſchickt. So viel erinnerte er ſich wohl noch, daß deſſen Wohnung auf einem der Plätze der Stadt gelegen war. Aber weiter.„Es fällt mir ſchon noch ein,“ dachte er. „Damit jedoch war unſere Unterredung noch nicht zu Ende,“ * 154 Sechzehntes Kapitel. ſprach er nach einer Pauſe zu ſich ſelber, während welcher er ſich heftig die Stirn gerieben hatte.„Iſt es mir doch grade, als ſeien wir in Streit zuſammen gerathen, der junge Offizier und ich. Geſchimpft und geflucht wenigſtens hab' ich.— Dann meine ich auch, ich hätte etwas, das mir ziemlich wichtig geweſen, auf den Boden geworfen. Hollah! ſo wird es ſein. Alle Donnerwetter!“ Bei dieſen letzten Worten ſprang Herr Krimpf mit einem einzigen Satze aus dem Bette und ſtürzte mit einer außer⸗ ordentlichen Haſt auf ſeinen Rock zu, deſſen Taſchen er in aller Geſchwindigkeit unterſuchte.— Darin war nichts zu finden, und er wußte doch, daß er die beiden Photographien bei ſich gehabt. Es ſah komiſch aus, wie der kleine Maler jetzt die Hand mit ſeinem Rock herabhängen ließ, mit einem ziemlich nüchternen, ja troſtloſen Blick an den glän⸗ zenden Morgenhimmel hinaufſah und ſich am Kopfe kratzte. —„Ja, die Photographien habe ich weggegeben!“ ſagte er endlich,„und der Henker mag wiſſenn in welchen Händen ſie ſich nun befinden. Krimpf, das iſt ein ſchlimmes Stück Arbeit! Aber mich ſoll der Teufel lothweiſe holen, wenn ich mich nicht auf die Adreſſe beſinnen will, welche mir der Offizier gegeben.— Ein Platz in der Stadt war es. Habe ich denn nichts dabei gedacht, als er mir ihn nannte?— Es iſt ein gutes Mittel, ſich bei einem Namen etwas zu denken, wenn man ihn wiederfinden will.— Richtig, an Waſſer hab' ich gedacht. An ſprudelndes — 9F 8 — — —— Roſa. Waſſer!— Ich hab's, ich hab's— an eine Fontaine! Ah! der Kaſtellplatz! Donnerwetter!— Nun aber die Nummer! Bei der Nummer hab' ich auch etwas ange⸗ ſchaut. Hm! Hm! Was habe ich doch angeſchaut? Das Fenſter mit acht Scheiben? Numero acht? Nein, das war's nicht! Die drei Flaſchen auf dem Tiſche? Auch nicht. Und doch hab' ich an was gedacht.— Nein, kein Ueberlegen hilft. Aber auf dem Kaſtellplatze will ich mich ſchon zu ihm fragen. Beſtellt hat er mich, und da ich nicht weiß, zu welcher Stunde, ſo will ich halt den Morgen hingehen und warten, bis er nach Haus kommt!“ Nachdem Herr Krimpf dies bei ſich überlegt, ſchmunzelte er vergnügt in ſich hinein, wenn er an das vortreffliche Souper dachte, welches er geſtern Abend eingenommen, und an den guten Wein, der ihm gar keine Kopfſchmerzen„ verurſacht. Er ſtäubte ſeine Stiefel proviſoriſch mit einer Kleiderbürſte ab, ſchlenkerte die Hoſen hin und her, um ſie von dem Staub zu befreien, und nachdem er beides an⸗ gezogen, machte er mit einer Hand voll Waſſer ſeine üb⸗ rige Toilette, zog Weſte und Rock an und begab ſich in das Atelier hinab. 4 Frau Böhler hatte ihm ſeinen Kaffee aufgehoben, der Photograph aber war ausgegangen, um eine fertig gewor⸗ dene Arbeit dem Beſteller zu überbringen. Da zwiſchen der alten Frau und dem kleinen Maler nie ein beſonders gutes Einverſtändniß geherrſcht, ſo war es nicht auffallend, 2 156 Sechzehntes Kapitel. daß Beide außer dem herkömmlichen guten Morgen nichts weiter mit einander redeten. Frau Böhler ging in ihre Küche, und da keine dringende Arbeit vorhanden war, nahm Herr Krimpf ſeinen Hut, um etwas friſche Luft zu ſchöpfen. Er ſtieg langſam die Treppen hinab, und nachdem er einen Augenblick überlegt, klopfte er an die Thür von der Wohnung der Frau Wittwe Weiher. Auf ein lautes„Herein!“ der alten Frau öffnete Herr Krimpf, und ein einziger Blick in das geräumige Zimmer belehrte ihn, daß Roſa ausgegangen ſei. Ihre Mutter ſaß am Tiſche neben dem Ofen und ſchälte Kartoffeln. Der kleine Maler nickte ihr freundlich mit dem Kopfe zu und dann ließ er ſich faul und nachläſſig, wie Jemand, der außerordentlich viel Zeit übrig hat, auf einen Stuhl, der alten Frau gegenüber, nieder.„Immer fleißig?“ fragte er alsdann gähnend. „Man muß wohl!“ meinte Madame Weiher.„Wer nichts ſchafft, hat nichts zu eſſen, oder es muß Einem ſo gut gehen, wie Euch.“ „Daß ſich Gott erbarm,“ entgegnete Herr Krimpf, und ſeine weißen Finger zuckten nach ſeinem Haar.„Uns gut gehen! Davon hab ich lange nichts mehr gemerkt. Ihr habt doch was, wenn Ihr arbeitet, wir aber da oben— na, na, man muß ſein Geſchäft nicht verachten.“ „So, ſo? Es geht wieder einmal gar nicht?“ fragte neugierig die alte Frau, wobei ſie Kartoffeln und Meſſer * damit verſchlägt ſich das Mädchen andere ordentliche Partien.“ Roſa. 157 in den Schooß fallen ließ.„Ja, ich hab' es immer geſagt, die Künſtlerſchaft,'s iſt doch nichts dahinter. Und nun gar das Photographiren, da warten zu müſſen, wie die Spinne in ihrem Netz, bis einmal eine unglückliche Fliege ſich hinein verirrt!“ „Es iſt ein trauriges Geſchäft,“ erwiderte Herr Krimpf mit ſehr ernſter Miene.„Ich werde es auch nächſtens auf⸗ ſtecken und mich wieder vollſtändig der Malerei zuwenden. Die vielen Auslagen bei dem Photographiren! Und macht man wirklich was Hübſches, ſo meinen die Leute, ſie müßten es geſchenkt haben.“ Frau Weiher nickte mit dem Kopfe, indem ſie emſig wieder anfing, ihre Kartoffeln zu ſchälen. „Das habe ich der Roſa ſchon tauſendmal geſagt,“ ſprach ſie nach einer kleinen Weile.„Da iſt vorn und hin⸗ ten nichts; da heißt es immer: Warten und Warten. Ja, und bei dem Warten wird man alt, und was hat ſo ein armes Mädchen, wenn einmal die erſte Jugendfriſche vor⸗ über iſt?“ „Ausſicht auf ihren Bräutigam, unſern Herrn Böhler!“ lachte boshaft der kleine Maler. 1 „Ausſicht auf gar nichts,“ fuhr die Frau fort;„und „Ja, ja, es iſt eigentlich ſonderbar,“ meinte nachdenk⸗ lich Herr Krimpf.„Die meiſten Freundinnen Roſa's haben ſich ſchon verheirathet. Da iſt die Anna Korn und die. Sechzehntes Kapitel. Chriſtiane Ringel, und wie ich geſtern hörte, ſoll es auch jetzt mit der Emma Schwertel losgehen.“ „Mit ihrem Lieutenant?“ fragte überraſcht die alte Frau. „Mit ihrem Lieutenant, der darneben ein reicher Baron iſt,“ bekräftigte der kleine Maler, wobei er ſchlau nach der Frau hinüberblinzelte, um zu ſehen, welchen Eindruck dieſe Nachricht auf ſie mache. Die Mutter Roſas ſaß kopfſchüttelnd da, und da ſie gedankenvoll zum Fenſter hinausblickte, ſo hatten die Kar⸗ toffeln wieder einen Augenblick Ruhe. „Die Emma Schwertel!“ ſprach ſie achſelzuckend.„Kann die ſich wohl mit meiner Tochter meſſen? Und hat gar keine Familie, die ſich ſehen laſſen darf! Der alte Weiher aber war Amtsdiener und mein Bruder iſt Stadtrath. Und der Lieutenant hat wirklich ehrliche Abſichten?“ „Sie wird Baronin,“ behauptete Herr Krimpf mit be⸗ ſtimmtem Tone; dann erhob er ſich langſam und ſetzte hinzu:„Aber das muß man auch der alten Schwertel nachſagen, einen Geiſt hat die Frau und immer die Hand feſt darauf gehalten! Dann iſt die Emma ſelbſt ein ver⸗ ſtändiges Mädchen.“ „Nun, was das anbelangt, ſo wollen wir lieber ſagen ſie hat mehr Glück als Verſtand; denn mit einem Lieute⸗ nant anbandeln, das führt gewöhnlich zu etwas Anderem als zur Baronin. Wenn die Roſa hätte Lieutenants haben wollen, ſo würde das Haus hier wie eine Kaſerne ausſehen. Roſa. Aber nichts für ungut, Krimpf,“ fuhr die Frau fort, indem ſie außerordentlich dicke Schalen von ihren Kartoffeln her⸗ unter ſchnitt.„Ihr könnt es droben wieder erzählen oder nicht: ich werde nächſtens einmal ein vernünftiges Wort mit Herrn Böhler ſprechen. Die Geſchichte fängt an mir langweilig zu werden. Und darin muß es klar werden. So eine ewige Brautſchaft iſt das Hinderlichſte, was einem Mädchen paſſiren kann.“ „Wo iſt denn die Roſa?“ fragte Herr Krimpf ſüß lächelnd. „Sie trägt einige Arbeiten in die Handlung. Ich ver⸗ ſichere Euch, das Mädchen iſt ſo fleißig und geſchickt, daß ſie ganz gut von dem leben könnte, was ſie verdient.— Ja, ja, die Sache muß klar werden.“ Damit erhob ſie ſich ebenfalls, ſchüttete die Kartoffeln in eine Schüſſel und trat einen Augenblick ans Fenſter, um nach dem gegenüberliegenden Hauſe zu ſchauen. Dort war wie gewöhnlich in letzter Zeit das eine Fenſter offen; an demſelben ſtand der kleine Fauteuil, und auf dem Geſimſe⸗ lag der unvermeidliche Blumenſtrauß. Herr Krimpf blickte auch hinüber und lächelte ſtill in ſich hinein. „Der wär' mir auch lieber,“ ſagte er hierauf,„als der Emma Schwertel ihr Lieutenant.“ „Habt Ihr was über den da gehört, Krindſe ſage die Frau. —— — 8 160 Sechzehntes Kapitel. „O ja, gehört Manches; und was ich gehört, muß wahr ſein, denn ich habe es von einem ſeiner guten Freunde. Der Herr da drüben hat ſich ſo in die Roſa verliebt, daß ihm Alles daran gelegen iſt, das Mädchen einmal ſprechen zu können.“ „Sprechen?“ fragte mißtrauiſch die alte Frau. „Nun ja, hier in ihrer Wohnung. Daran wird doch wohl nichts Schlimmes ſein?“ „Krimpf, Krimpf! Das ſind gefährliche Sachen! Denkt nur an unſere Nachbarſchaft und an da oben!“ „Es fällt mir auch nicht ein, Euch dazu zu rathen. Ich ſage nur, was ich gehört. Gott ſoll mich bewahren, daß ich mich in ſo etwas hineinmiſche. Aber ſo viel muß ich hinzuſetzen, der da drüben ſoll ein ſehr geordneter Herr und außerordentlich reich ſein.“ Die alte Frau ſann einen Augenblick nach, dann ſagte ſie wie zu ſich ſelber: „Im Grunde kann ich Niemand verbieten, in unſere Wohnung zu kommen, wenn er irgend etwas kaufen oder beſtellen will.“ Herr Krimpf war ebenfalls nachdenklich geworden und wiederholte ebenſo mit leiſerer Stimme als zuvor: „Ja, das kann man freilich Niemand verbieten! Und dann iſt die Roſa ja ein geſcheites Mädchen und weiß ſchon, was ſie zu thun und zu laſſen hat.— So, jetzt hab⸗ ich Euch guten Morgen geſagt, grüßt mir Eure Tochter * * Roſa. freundlich, und wenn ich Euch einen guten Rath geben darf, ſo glaubt mir, es iſt beſſer, wenn Ihr von dem da drüben nichts zu ihr ſagt.“ Herr Krimpf hätte eigentlich nicht nöthig gehabt der Mutter dieſen Rath zu geben, denn ſie war ohnehin ent⸗ ſchloſſen, ihrer Tochter die gute Partie der Emma Schwertel vor Augen zu halten und ſie zur Klugheit zu ermahnen. Der Maler ging ſeiner Wege und war bald auf dem Kaſtellplatz. Es wurde ihm leicht in einem dortigen Laden die nöthige Erkundigung einzuziehen, und ſo erfuhr er denn, daß der Major von Fernow, Adjutant des Regenten, im erſten Stock deſſelben Hauſes wohne, ſowie weiter, daß 3 dieſer Herr gewöhnlich Mittags um zwölf Uhr nach Hauſe komme. Herr Krimpf verfehlte nicht, ſich um dieſe Stunde einzuſtellen und ſich melden zu laſſen. Herr von Fernow empfing ſeinen Gaſt von geſtern Abend mit freundlichem Lächeln, und indem er es ihm leicht machte, über die kleinen Verlegenheiten hinwegzukommen, welche jenem die Erinnerung an ſeinen unzurechnungsfähigen Zuſtand verurſachte, gab er ihm mit einigen Worten der Anerkennung die beiden Photographien, zurück, die, wie der geneigte Leſer bereits weiß, vollkommen ausgedient und ihren Zweck erfüllt hatten. Was die andere Sache anbelangte, ſo verfehlte der Major nicht dem kleinen Maler die Zeilen des Kammerherrn zu übergeben, indem er ihm ſtrenges Stillſchweigen anem⸗ Hackländer. Der Augenblick des Glücks II. 14 Sechzehntes Kapitel. pfahl und ſich wo möglich im Laufe des Nachmittags eine Antwort erbat.— Herr Krimpf wandte das Schreiben nach allen Seiten, und während ſeine rechte Hand nach der Stirne emporzuckte, erlaubte er ſich die Bemerkung, er wolle allerdings die Zei⸗ len übergeben, doch ſei eine ſchriftliche Antwort nicht nöthig, ſchwerlich würde ſich auch das Mädchen zu einer ſolchen entſchließen. Der Freund des Herrn Major könne ja ohne allen Anſtand in das Haus kommen, um irgend eine Be⸗ ſtellung oder einen Ankauf zu machen, und alsdann ſehen, ob ihm das Glück günſtig ſei. Hierzu ſei zwiſchen fünf 3 und ſechs Uhr Nachmittags die beſte Stunde. Ddieſen Vorſchlag fand Herr von Fernow in mehreren Beziehungen paſſend, und indem er ſagte:„So kann die Beſtimmung zwiſchen fünf und ſechs Uhr als Antwort gel⸗ ten,“ empfahl er dem kleinen Maler dringend, das Billet auf alle Fälle zu übergeben und entließ ihn alsdann mit einem glänzenden Geſchenk, welches anzunehmen ſich übri⸗ gens Herr Krimpf mit Mund und Hand, das heißt mit der rechten Hand, weigerte, während die linke es langſam in ſeine Rocktaſche ſchob. Dann ging er nach Hauſe zurück, und während er der Pfahlgaſſe zuſchlenderte, überlegte er, ob es in der That räthlich ſei, das Briefchen an ſeine Adreſſe zu befördern. „Eigentlich iſt es unnöthig,“ ſprach er bei ſich ſelber. „Hat der Herr da drüben das Verlangen, ſein Abenteuer Roſa. mit Roſa zu beſtehen, ſo mag in der That die Bemerkung, daß zwiſchen, fünf und ſechs Uhr die paſſendſte Zeit iſt, als Antwort gelten, und er kann thun, was ihm beliebt. Wa⸗ rum ſoll ich eigentlich die Caſtanien aus dem Feuer holen? Weist ſie den Brief zurück, ſo hat ſie auch keine Verpflich⸗ tung, vor meinem Freund und Collegen Böhler zu ſchwei⸗ gen, und dann könnte ich doch mit demſelben in ſehr un⸗ angenehme Erörterungen gerathen. Beſſer, wir behalten den Brief als Muſter, wie vornehme Leute dergleichen Sachen ſchreiben.“ Mit dieſen löblichen Vorſätzen ſtieg Herr Krimpf lang⸗ ſam die Treppen hinauf und kam gerade zur rechten Zeit, um an dem beſcheidenen Mittagsmahl der Familie Theil zu nehmen. Der Photograph war nicht froh geſtimmt, und ſelbſt Frau Böhler, die ſonſt alles in roſenfarbener Laune anzuſehen pflegte, war etwas mißvergnügt. Unangenehmes war eigentlich nichts vorgefallen; nur hatte ſich der Augen⸗ blick des Glücks, als jene beiden Herren damals in dem Atelier erſchienen, noch nicht als ſolcher bewährt, denn es waren weder Nachbeſtellungen noch neue Kunden gekommen, und die geſpenſterhafte Maſchine blieb ſaſt den ganzen Tag⸗ mit ihrem Tuche verhüllt. Daß dem Herrn Krimpf ſein Mittageſſen ausnahms⸗ weiſe gut geſchmeckt habe, wollen wir gerade auch nicht be⸗ haupten. Er fühlte doch, wie ſchlecht er an ſeinem Freund und Collegen gehandelt, und jetzt, wo die Sache eingeleitet 41*⁵ 164 Sechzehntes Kapitel. war, konnte er ſich hie und da eines lauten Herzklopfens nicht erwehren. Es war ein Glück, daß er ie Jemandem frei in die Augen ſchaute, ſondern immer nur von der Seite blinzelte; denn heute wäre ihm das erſtere, beſonders, als Heinrich Böhler freundſchaftlich wie immer ſein Brod mit ihm theilte, doch unmöglich geweſen. Nach dem Mittageſſen begab ſich der Photograph in eine Kunſthandlung, für die er mehrere Bilder angefertigt hatte, und der kleine Maler nahm eine Arbeit vor, die ihm aber heute nicht beſonders von der Hand gehen wollte. Er konnte weder einen ordentlichen Strich machen noch die rechte Farbenmiſchung treffen. Auch horchte er immer auf die Uhr des benachbarten Kirchthurmes, und wenn es ein Viertel weiter ſchlug, ſo war es ihm gerade, als ſchlage der Hammer auf ſein eigenes Herz. Neben dem Bewußt⸗ ſein des Unrechts, das er ſeinem Freunde zugefügt, und ebenſo dem Mädchen, das ihm nie etwas zu Leide gethan, begann auch eine wilde Eiferſucht in ſeiner Bruſt aufzuſtei⸗ gen. Herr Krimpf hatte Phantaſie, und er fing an ſich die Scene, die ſich ja um fünf Uhr möglicherweiſe ereignen konnte, mit ſo wilden Farben auszumalen, daß er mühſam nach Athem ſchnappen mußte und daß er fühlte, wie ſein Haar auf der Stirne feſtklebte. Hatte er doch die Stunde zwiſchen fünf und ſechs Uhr teufliſch gut gewählt! Da war Roſa faſt immer allein zu Hauſe, denn um dieſe Zeit pflegte die alte Weiher ihre Nachbarinnen zu beſuchen.— Roſa. 165 Teufel! warum raste heute die Zeit ſo außergewöhnlich ſchnell dahin!— Kaum war zwei Uhr vorüber und ſchon ſchlug es Drei! Ja, im Uhrwerk mußte das Räderleben ebenſo heftig pulſiren, wie das Herz des kleinen Malers ſchlug.— Schon Vier, dann halb Fünf, und da er ange⸗ ſtrengt in den untern Stock hinablauſchte, hörte er jetzt, wie die alte Frau Weiher ausging, um ihre Beſuche in der Nachbarſchaft zu machen.— Ah! es war entſetzlich heiß im vierten Stock! Auf der Treppe mußte es gewiß ein wenig kühler ſein. Roſa ſaß in ihrem Zimmer und war ſtill und fleißig mit ihrer Stroharbeit beſchäftigt. Wenn das Band, welches ſie flocht, hätte reden können, ſo würde die ſpätere Be⸗ ſitzrrin deſſelben von allerlei ſeltſamen Gedanken, die aus ihm heraustönten, überraſcht worden ſein; denn während Roſa die feinen Strohhalme kunſtreich durcheinanderſchob und befeſtigte, dachte und träumte ſie unabläſſig, bald leiſe, bald laut, letzteres aber meiſtens in ſolchen Augenblicken, wenn ſie die Hände mit der Arbeit in den Schooß ſinken ließ, das liebe, friſche Geſichtchen emporhob und mit den guten klaren Augen an das Stückchen Himmel emporblickte, das von einem melancholiſchen Dachladen und von einem finſtern Schornſtein eingerahmt, gerade dadurch recht heiter und blau herniederblickte. Es war eigenthümlich, daß wenn ſie die Augen niederſinken ließ, ſie faſt ängſtlich vermied, nach dem gegenüberliegenden Fenſter zu blicen, und dann 166 Sechzehntes Kapitel. doch wieder verſtohlen hinüber ſah. Auch fühlte ſie ihr Herz heftiger ſchlagen, wenn ſie dort zuweilen eine bekannte Geſtalt gewahr wurde, die ſich heute Nachmittag häufiger als ſonſt ſehen ließ und auf eine faſt komiſche Art einen Blumenſtrauß handhabte. Nicht um eine Million wäre ſie an's Fenſter gegangen. Sie hatte letzteres Anfangs ganz unbewußt und unſchuldig gethan; es war ihr wie eine kin⸗ diſche Spielerei vorgekommen, der ſie in ihrer Phantaſie gar keine Folgen gegeben; und ſo wäre es auch geblieben, wenn der Photograph ſie bei der neulichen Unterredung nicht aufmerkſam gemacht und ſie dadurch zu ihrem eigenen tiefen Erſchrecken über eine Spielerei aufgeklärt hätte, die ſie in der That nicht für der Rede werth gehalten und die dooch nicht ſo ganz unſchuldig war, wie ſie anfänglich ſelbſt geglaubt. Ja, ſie war häufiger an's Fenſter getreten als ſie früher gethan und als gerade nothwendig geweſen. Sie hatte anfänglich aus Neugierde hinübergeblickt, wenn er hergeſchaut, und als er drüben auffallende Zeichen machte, da hatte ſie zuerſt noch einmal ſehen wollen, ob ihr dieſe Zeichen wirklich galten, und darum fuhr ſie mit der Hand über ihr dunkles Haar, als jener den Blumenſtrauß vor ſeine Lippen brachte. Doch war ſie über ihr eigenes Thun er⸗ ſchrocken und daß ſie eine derartige Zeichenſprache ſo bald ohne Lehrmeiſter gelernt. Verſtand ſie doch vollkommen, wenn er drüben geſtern das Zeichen des Schreibens ge⸗ 167 Roſa. macht, denn es war klar, daß er damit anzeigen wollte, er werde ſich in den nächſten Tagen erlauben, einige Zeilen an ſie zu richten. Was er aber heute Nachmittag damit ſagen wollte, daß er ſeinen Blumenſtrauß in verſchiedenen Pauſen fünfmal an die Lippen gebracht, das wußte ſie nicht.— War es ihr doch auch gleichgültig, denn mehr noch als die vorwurfsvollen Worte Heinrich Böhlers hatten ſie ein paar Reden ihrer Mutter zurückgeſchreckt, als dieſe noch heute Morgen von einem unverhofften Glücke ſprach, das oft einem armen und ſchönen Mädchen widerfahren könne, und ſie hierauf ſehr weitſchweifig von Roſa's Freun⸗ din, der Emma Schwertel erzählte, die nun doch ihren Lieute⸗ nant heirathen werde, welcher noch obendrein Baron ſei. „Ja,“ hatte ſie hinzugeſetzt,„der Herr Kammerherr Baron von Wenden iſt ſehr reich und ſo unabhängig, daß er nach keinem Menſchen nichts zu fragen hat.“ Roſa überlief es bei dieſen Worten unheimlich, denn ſie liebte ihren Ver⸗ lobten innig, ſie würde ihn in der That nicht verlaſſen haben, und wenn zehn Barone, zehn Wenden gekommen wären. Selbſt daß ſie lange warten mußte, bis er ſich ein ordentliches Einkommen geſichert, ſelbſt das hatte ihre Liebe ſtark gemacht, denn ſie wußte, welche Mühe er ſich gab, und welch Unglück ihn ddesmal betroffen, wenn er am Ziele ſeiner Wünſche angekommen zu ſein ſchien.— Das konnte aber nicht immer ſo fortgehen; auch ſie hoffte auf inen endlichen Augenblick des Glücks. — Sechzehntes Kapitel. Da klopfte es leiſe an die Stubenthür, und da das nichts Außergewöhnliches war, ſo rief Roſa ein herzhaftes „Herein!“ Wie ward ihr aber zu Muth, als ſich nun die Thür öffnete und ihr Gegenüber, mit dem ſie ſich ſoeben beſchäftigt, Herr von Wenden, in das Zimmer trat. Es war ihr, als ſähe ſie ein Geſpenſt, denn wenn ſie auch thöricht genug geweſen war, aus einer Entfernung von guten hundert Schuhen nach dem, der jetzt vor ihr ſtand, hinüber⸗ zulächeln, ſo war es ihr doch immer zu Muth geweſen, als ſei das da drüben nur eine Phantaſie, nur ein Bild, eine Art von Puppe, ein Automat, der wohl einen Blu⸗ menſtrauß hin und her bewegen könne, aber der weder die Macht noch die Luſt habe, in ihre Nähe zu kommen. Die Gaſſe, welche ihr Haus von dem ſeinigen trennte, war ihr immer als ein Abgrund erſchienen, der nicht zu überſchreiten ſei, über den weder Weg noch Steg führe. Unter dem Schutze dieſes Abgrundes war ſie an's Fenſter getreten, unter ſeinem Schutze hatte ſie gelächelt, wenn der drüben gar zu poſſirliche Bewegungen machte. Und das Weſen ſtand jetzt vor ihr auf zwei Schuh Entfernung, ſehr körperhaft, zierlich gekleidet, freundlich lächelnd und dem armen Mädchen einen ſolchen Schreck einjagend, daß ſie unwillkürlich mit beiden Händentan ihr Herz fuhr. „Es überraſcht Sie, mein ſchönes Fräulein,“ ſagte der Kammerherr von Wenden,„daß ich ſo außerordentlich pünktlich bin. Es hat draußen hen erſt fünf Uhr geſchlagen Roſa. 169 und ſchon ſtehe ich vor Ihnen, glücklich, entzückt, daß die ſchöne Roſa mir geſtattet, ſie auf ein paar kleine ſüße Augen⸗ blicke zu beſuchen.“ Wenn er auch für ſie verſtändlicher geſprochen hätte, ſo würde ihm das junge Mädchen doch im erſten Mo⸗ mente keine rechte Antwort haben geben können, denn ſie zitterte heftig, was ihr nie geſchehen war, und konnte nichts thun, als einen Schritt zurücktreten, da der Andere zwei auf ſie zu machte. „Das iſt eine allerliebſte kleine Wohnung,“ fuhr dieſer fort, der es für nothwendig hielt, vertraulich und herab⸗ laſſend zu ſprechen;„charmant, und da ſteht Ihr Arbeits⸗ tiſch mit den wirklich wunderbaren Arbeiten, die Sie hervor⸗ bringen,— reizende kleine Arbeiten. Und das Alles machen Ihre kleinen niedlichen Hände? In der That niedliche Hände. Erlauben Sie—“ Bei dieſen Worten nahm er ihre Rechte und wollte ſie an ſeine Lippen führen. Doch blieb dieſer Vorſatz unaus⸗ geführt. Roſa entzog ihm haſtig ihre Hand und hatte jetzt ſo viel Faſſung gewonnen, um fragen zu können, was ihr eigentlich die Ehre ſeines Beſuches verſchaffe. Herr von Wenden ſtutzte faſt bei dieſer Frage, doch nahm er ſie für verzeihliche⸗ mädchenhafte Schüchternheit, und da er die kleine Hand im nächſten Augenblick nicht wieder ergreifen konnte, ſo ging er durch das Zimmer nach dem Fenſter, um, wie er ſagte, mit außerordentlicher Be⸗ Sechzehntes Kapitel. friedigung nach ſeiner Wohnung und nach dem Fenſter hin⸗ über zu blicken, an welchem er ſchon ſo glücklich geweſen. Des jungen Mädchens hatte ſich eine unerklärliche Angſt bemächtigt; ſie warf ihre Arbeit auf den Tiſch und eilte zur Thür, um nach ihrer Mutter zu ſehen, oder um droben bei der Frau Böhler Schutz und Hülfe zu ſuchen. Doch lächelte ſie ſelbſt im nächſten Augenblick über ihre thörichte Furcht und trat ruhig an den Tiſch zurück, um zu erwarten, was ihr ſeltſamer Beſuch beginnen werde. Herr von Wenden ſchien die Ausſicht von hier nach ſeiner Wohnung vortrefflich gefunden zu haben. Nur mochte er vielleicht bedauern, ſich nicht ſelbſt dort erblicken zu kön⸗ nen, und um dieſem Mangel einigermaßen abzuhelfen, warf er einen Blick in den an der Wand hängenden Spiegel und war von dem, was er dort ſah, nicht unbefriedigt. Wenn wir ſagen wollten, der Kammerherr habe ſich bei dieſem erſten Beſuche vollkommen ſicher und behaglich gefühlt, ſo würden wir die Unwahrheit reden. Im Gegen⸗ theil, als er ſah, wie ſich Roſa ſo ſchüchtern hinter ihren Tiſch zurückzog und ihm ſo gut wie gar keine Antwort gab, fühlte er in ſich alle Symptome der Verlegenheit. Er huſtete häufiger als nothwendig war, er brauchte die Worte: köſtlich! charmant! ſuperbe! ohne allen Zuſammenhang und zupfte ungebührlich oft an ſeiner Halsbinde. Dieſe unbehagliche Stimmung wurde nicht vermindert, als er ſah, wie der flammende Blick des jungen Mädchens allen ſeinen Bewegungen Roſa. 171 folgte, wie ſie die Lippen feſt auf einander preßte, die Hand auf den Tiſch ſtützte, und, aus ihrer ſchüchternen Haltung wie erwachend, den Kopf mit einem trotzigen Ausdrucke erhob. Er näherte ſich dem Tiſche und bat um Erlaubniß, einen Augenblick ſitzen, an ihrer Seite ſitzen zu dürfen, nahm darauf einen Stuhl und ließ ſich nieder. Roſa hatte ſich ſoweit gefaßt, um ihm im ruhigen Tone bemerken zu können, daß es ſie außerordentlich wun⸗ dere, ihn hier in ihrer Wohnung zu ſehen, ohne zu wiſſen, womit ſie ihm dienen könne. Dieſe wiederholte Frage klang dem Kammerherrn faſt komiſch. Ohne aber vorderhand des Briefes zu erwähnen, den er geſchrieben, und der Erlaubniß, die ſie ihm gegeben, hielt er es für paſſend, ihr in gutgewählten Ausdrücken die Augenblicke vorüberzuführen, wo er ſie am Fenſter ge⸗ ſehen, wo er von ihrem Anblick bezaubert worden ſei, und wo es ihn ſo hoch beglückt habe, als er aus einigen leiſen Zeichen zu erkennen geglaubt, daß auch ſie ſich hie und da nicht ohne Abſicht gezeigt. Roſa erſchrack aufs Neue, als er bemerkte, daß er jede ihrer Mienen beobachtet und jede oft unwillkürliche Bewegung zu ſeinen Gunſten ausgelegt. Sie fühlte, wie Unrecht ſie gethan, ſich überhaupt am Fen⸗ ſter zu zeigen, aber da ſie ſich nichts Böſes bewußt war, ſo blickte ſie ihm feſt in das Auge und begnügte ſich, ſtatt aller Antwort, bedeutſam mit dem Kopfe zu ſchütteln. „Gewiß, ſchöne Roſa,“ fuhr Herr von Wenden wär⸗ 9 Sechzehntes Kapitel. mer fort,„ich fürchtete ſchon, der mächtige Eindruck, den Sie auf mein Herz hervorgebracht, würde mich zum un⸗ glücklichſten aller Menſchen machen. Denn ehrlich geſtanden, die Liebe, welche ich für Sie fühle, iſt nicht gewöhnlicher Art. Ja, es iſt eine Leidenſchaft, die ich nicht im Stande bin, niederzukämpfen und die mich elend gemacht haben würde, ohne Ihr entzückendes liebevolles Entgegenkommen.“ „Durch mein Entgegenkommen?“ fragte das Mädchen, indem ſie einen Schritt zurücktrat.„Wenn Sie das für ein freundliches Entgegenkommen halten, daß ich mich von der Arbeit ermüdet zuweilen am Fenſter ſehen ließ, auch vielleicht nicht immer mit finſtern Mienen, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß mich dieſe Ihre Anſicht erſchreckt und daß ich in der That nicht begreifen kann, wie Sie es darauf hin wagen können, mir die Worte zu ſagen, welche ich eben gehört.“ 8„Dies Terrain will Schritt für Schritt erobert ſein,“ dachte Herr von Wenden.„Die ſchöne Feſtung zeigt trotzig ihre Flagge, um dem Feind nicht zu verrathen, wie unter der Beſatzung bereits Meuterei ausgebrochen iſt. Thun wir ihr den Gefallen, plänkeln wir ein wenig vorwärts, und dann mit einem tüchtigen Sturm das Hauptwerk genom⸗ men.— Warum ſchöne Roſa,“ fuhr er laut fort,„wollen Sie die Freundlichkeit läugnen, die Sie für mich gehabt? wollen das kein Entgegenkommen nennen, was mich ſo außerordentlich entzückt, was mein Herz in lichte Flammen geſetzt?“ Er hatte bei dieſen Worten mit ſeinem Stuhle * Roſa. ſo geſchickt manövrirt, daß er an Roſa's Seite gekommen war, und ihr zugleich den Ausweg verſperrt, da ſie hinter ſich die Wand, rechts einen Schrank und vor ſich den Tiſch hatte.—„Als ich Sie zum erſten Male ſah,“ ſprach der verliebte Kammerherr mit ſüßem Lächeln und ſchmachtendem Blicke weiter,„da war ich betroffen von Ihrer wunderbaren Schönheit, aber dadurch fühlte ich mich auch hoffnungslos. Auf Ehre, ſchöne Roſa, ganz hoffnungslos! Und bei dieſem an ſich troſtloſen Gefühle kann ich Sie verſichern, daß mich der erſte Blick Ihrer ſüßen Augen, das erſte freundliche Lächeln traf, wie der erquickende Thau eine— nun ja, wie der erquickende Thau eine— halbverwelkte Blume. Sie blühte wieder auf in heißer Liebe. Und das iſt Ihr Werk, ſchöne Roſa.“ Herr von Wenden hatte geſprochen mit ſanftem Augen⸗ aufſchlag, ſchmachtend und lispelnd, wie ein vollendeter Geck. Als er ſah, wie das Mädchen bei ſeinen Worten die linke Hand zuſammenballte und auf ihr Herz drückte, da machte er es gerade ſo, ohne zu denken, daß ganz andere Gefühle ihre Seele regierten. Ja, ſie hatte für den Mann drüben, ſo lange der vermeintliche tiefe Abgrund ſie trennte, ein an ſich unſchuldiges Intereſſe genommen. O Gott ja, ſie hatte hinüber geblickt, ſie hatte lächelnd am Fenſter geſtan⸗ den, und ſie hatte wie manches junge Mädchen in gleichem Falle nicht daran gedacht, daß man dem böſen Geiſt keinen Zoll breit Raum geben ſoll, um Fuß darauf zu faſſen, daß Er 4 8 Sechzehntes Kapitel. wer heute den kleinen Finger bietet, morgen in den Fall kommen kann, die ganze Hand geben zu müſſen. Und nach dieſer ganzen Hand angelte Herr von Wenden ſeit einigen Augenblicken mit großer Ausdauer. Wenn ſich auch ihr Gefühl dagegen empörte, als ſie die Berührung ſeiner kalten Finger auf ihrem lebenswarmen Arme fühlte, ſo konnte ſie doch keinen Schritt zurück, und ſie wußte nicht, ſollte ſie einen lauten Auſſchrei thun oder ſollte ſie, den Angreifer bei Seite ſchleudernd, ſich gewalt⸗ ſam Bahn neben dem Tiſche vorbei machen. Das überlegte ſie in der erſten Sekunde; in der zweiten aber dachte ſie an das Haus, in dem ſie ſich befand, wo jedes laute Wort rechts, links, oben und unten gehört wurde, und als ſie daran dachte, hielt ſie es für rathſam, ſich noch nicht zum Aeußerſten zu entſchließen. Ja, ſie lächelte ſogar, aber es war ein kaltes, trauriges Lächeln, und während ſie lächelte, biß ſie die Zähne auf einander.„Jetzt bitte ich aber— Herr Baron,“ ſagte das junge Mädchen, während ſie immer zwiſchen ein paar Worten den Athem an ſich zog,„jetzt bitte ich aber— dieſe Unterredung— zu enden.— Gewiß, Herr Baron. — Was Sie mein— Entgegenkommen nennen, darin haben Sie ſich vollkommen geirrt.— Wenn ich zuweilen — am Fenſter war, ſo geſchah das— wie ich ſchon be⸗ merkte— ganz ohne alle Abſicht.— Und wenn ich— Ihnen ſage,— daß es ohne Abſicht geſchah,“ ſetzte ſie Roſa. 15 finſter hinzu,„ſo wäre es beſſer,— Sie würden mir glauben.“ „Und der Brief?“ lachte Herr von Wenden. Und wäh⸗ rend er bei dieſen Worten leicht an ihrem vollen Arm he⸗ runter fuhr, blitzten ſeine Augen auf eine ſeltſame Art. „Ich weiß nichts von einem Brief,“ ſprach feſt und beſtimmt das Mädchen. „O, wie kann man ſo läugnen!“ fuhr der Kammer⸗ herr im freundlichſten Tone fort.„Der Brief den Sie er⸗ halten, und die Erlaubniß, Sie zu beſuchen, die Sie mir darauf gaben!“ „Das iſt nicht wahr!“ rief Roſa entrüſtet.„Das iſt eine Lüge, eine Schändlichkeit! Ich weiß weder von einem Briefe, noch viel weniger von einer Antwort.— O mein Gott, womit habe ich das verdient!— Durch nichts, durch gar nichts!“ rief ſie heftiger,„und ich will, daß man mich in Ruhe läßt.“ Sie machte bei dieſen Worten eine gewalt⸗ ſame Bewegung, ihre Hand zu befreien, da aber der Kammerherr, dies vorherſehend, auf ſeiner Hut war, und ſie feſter hielt, ſo brachte ihre Bewegung die entgegengeſetzte Wirkung hervor. Statt ſich und ihre Hand zu befreien, verlor ſie für eine Sekunde das Gleichgewicht, wodurch es dem Kammerherrn gelang, ſeinen andern Arm um ihre Taille zu legen und ſie für einen Augenblick an ſich zu drücken. 3— Freilich nur für den erſten Augenblick, denn im andern 176 Sechzehntes Kapitel. ſchnellte ſie empor wie eine Stahlfeder, wie ein Aal im Waſſer, und während ſie dabei zwiſchen den verächtlich auf⸗ geworfenen Lippen ihre weißen Zähne ſehen ließ, blitzte aus ihren Augen ein unheimliches Feuer. Ein Anderer als der Kammerherr von Wenden wäre vielleicht auch ſo weit gegangen und hätte dann Angeſichts dieſer Symptome an einen verſtändigen Rückzug gedacht, bei ſich überlegend, daß kein Baum auf den erſten Hieb fällt und daß Rom nicht in Einem Tage erbaut worden iſt. Wie geſagt, ein Anderer hätte ſich, nachdem er gefunden, wie ſtark die Feſtung ſei, aus der Angriffslinie zurückge⸗ zogen, um mit Geduld und Ausdauer eine neue Parallele gegen den Feind zu eröffnen. Ein Anderer. Aber daß Herr von Wenden kein anderer als er ſelbſt war, das wußte ſein Freund, der Major, ganz genau und hatte darauf ſeinen Plan gebaut. Der Kammerherr athmete mühſam, als das junge kräftige Mädchen von ihm wegſchnellte und ſich dabei zwiſchen dem Stuhl und dem Tiſche gewaltſam einen Durchgang bahnte. Seine Blicke brannten faſt fieberhaft, und wenn er auch lächelte, ſo war dies Lächeln doch ein ſehr künſtliches und gemachtes. Mit einer recht faden Bewegung ſchwang er ſich von ſeinem Sitz in die Höhe und tänzelte dem Mädchen durch das Zimmer nach, das anfänglich vor ihm floh, dann aber mit einem Male mitten in der Stube ſtehen blieb, die rechte Hand in ihre Seite ſetzte, den Kopf mit einer Roſa. gewaltſamen Bewegung in die Höhe warf und eine der Stellungen einnahm, die, edel, imponirend und ſchön, das Entzücken jedes Malers und Bildhauers geweſen wären. Herr von Wenden ſchwebte auf ſie zu, täppiſch wie eine dicke, verliebte Fliege, prallte aber faſt zurück vor dem ſtarren und ſeltſamen Blick des Mädchens.„Nein, nein,“ rief er aber gleich darauf, wie um ſich ſelbſt Muth zu machen,„nein, nein, ſchöne Nachbarin, ſo entkommſt du mir nicht. Es gibt Augenblicke des Glückes, und wer die nicht erfaßt, iſt ein Thor.“ Als er das ſagte und von Neuem das ruhig daſtehende Mädchen mit den Händen be⸗ rührte, verwandelte ſich das trotzige Ausſehen ihres Geſichts in eine tiefe Wehmuth. Sie biß heftig auf ihre Lippen, in dieſem Augenblick nicht um ein zorniges Gefühl, ſondern nur um die Thränen zu unterdrücken, welche trotz der ge⸗ waltſamen Anſtrengungen, die ſie machte, in ihre Augen ſtiegen und dort glänzten und zitterten. „Was wollen Sie von mir?“ fragte ſie mit einer tief ſchmerzlichen Stimme.„Was wollen Sie von einem armen Mädchen, das es bereut,— o, mein Gott, wie bereut!— wenn es Ihnen Veranlaſſung zu dem Glauben gab, es nähme das geringſte Intereſſe an Ihnen? Was wollen Sie hier in dieſer armen Wohnung, die kein Aufent⸗ halt für Sie iſt, wo Sie kein Glück finden können und wohin Sie nur Unglück zu bringen vermögen?“ „O, ich weiß ſchon ein Glück, welches ich hier zu Hackländer. Der Augenblick des Glücks. II. 12 Sechzehntes Kapitel. finden hoffe!“ unterbrach ſie raſch Herr von Wenden, in⸗ dem er zudringlicher wurde.„Ein Glück, ſchöne Roſa, das auch Ihnen nicht wie ein Unglück vorkommen ſoll.“ In⸗ dem er das ſagte, trachtete er darnach, ſeinen Arm aber⸗ mals um ihren Leib zu legen, ſie an ſich zu ziehen, wäh⸗ rend ſeine Lippen ſich ihrem Geſichte näherten. Doch war es nur ein Augenblick, daß er alſo trachtete, und kein Augenblick des Glücks. Denn das junge Mädchen, welches eine Sekunde mit entſetzt aufgeriſſenen Augen um ſich ſchaute, ſtieß ihn gleich darauf ſo heftig von ſich, daß er mit einem außerordentlich überraſchten Geſicht zurücktaumelte, wobei er ſich nicht enthalten konnte, auszurufen:„Aber, mein Fräu⸗ lein, was ſoll denn das bedeuten?“ „Das ſoll bedeuten, Herr Baron von Wenden,“ ant⸗ wortete plötzlich die Stimme eines Mannes hinter ſeinem Rücken,„daß es für einen ſo geſcheidten Herrn ſehr unklug iſt, ſich Unarten gegen ein armes wehrloſes Mädchen zu 4 erlauben, ſie in ihrem Zimmer zu überraſchen, wenn man zufällig erfahren, daß ihre Mutter ausgegangen iſt.“ Rachdem Roſa ſo eben mit dem plötzlichen Auflodern eines wilden, ihr ſelbſt unbegreiflichen Zornes den Kammer⸗ herrn von ſich geſtoßen, hatte ſie die Hände vor ihre Augen gedrückt, und es war ihr gerade, als wanke ſie hin und her und müſſe im nächſten Augenblicke zuſammenſtürzen. Da traf auch ſie die Stimme, die wir ſo eben vernommen, und ſchlug tröſtend und rettend an ihr Herz. Sie ſtreckte Roſa. ihre Hände leidenſchaftlich von ſich ab, und indem ſie ſich an die Bruſt des unvermuthet Eingetretenen warf, rief ſie aus:„O, Heinrich, ſchütze mich, rette mich!“ „Beides will ich, meine liebe, liebe Roſa,“ ſprach ſanft Herr Böhler, und während er ſie mit dem rechten Arm umſchlang, wandte er ſich mit einer Bewegung der linken Hand gegen Herrn von Wenden, indem er ſagte: „Sie ſehen, Herr Baron, daß für Sie hier weiter nichts zu ſuchen iſt.“ Der Kammerherr machte ein äußerſt ſeltſames Geſicht. Es hatte in erhöhter Potenz denſelben Ausdruck, wie wenn man in früheſter Jugend auf's Allerunvermutheſte bei einem ſehr ſchlimmen Streich überraſcht wird. Es war das Ge⸗ fühl eines ertappten Schulbuben, das ihn überſchlich und das auf ſeinem Geſichte ſich zeigte in ziemlich verwirrten Blicken, in einer langen Naſe und einer albern herabhän⸗ genden Unterlippe. Herr von Wenden ſah in dieſem Augen⸗ blicke weder ſchön noch liebenswürdig aus. Roſa, die ſchüchtern nach ihm hinſchaute, drückte darauf ihr Geſicht faſt ſchaudernd wieder an die Bruſt des Photographen und war gründlich und auf immer geheilt von allen Fenſter⸗ beobachtungen und von allen Verſuchen des Telegraphirens, die ſo unſchuldig ausſehen und doch ſo gefährlich werden können. Herr von Wenden verſchwand„und ſchnell war ſeine Spur verloren.“ 179 180 Sechzehntes Kapitel. Wir wollen nicht behaupten, daß ſich Roſa, als ſie mit Herrn Böhler allein war, nicht ein klein wenig ge⸗ ſchämt hätte; ſie mochte ihren Kopf nicht aufheben, und der Photograph brauchte bedeutende Anſtrengungen, ehe er ſo weit kam, in ihre Augen blicken zu können. Warum brauchte er ihr aber auch das Geſchäft des Kopfaufrichtens ſchwerer zu machen als gerade nothwendig war! Warum brauchte er ſie auf die Stirn zu küſſen, als ſich dieſe lang⸗ ſam erhob! Warum ſpäter auf die geſchloſſenen Augen und dann auf die leicht zuckenden Lippen— warum? Wir ſind eigentlich nicht im Stande, hierüber eine genügende Antwort zu geben, und können dem verehrlichen Leſer nur bemerken, daß er es vielleicht gerade ſo gemacht haben würde in einem ähnlichen Augenblicke des Glücks. Herr Krimpf hatte von dem Moment an, wo er auf die Treppe gegangen war, um kühlere Luft zu athmen, die Qualen eines Verdammten durchgemacht; er hatte ge⸗ ſehen, wie der Herr von drüben leiſe die Treppen herauf⸗ ſchlich, er hörte ihn anklopfen, er hörte Roſa„Herein!“ rufen, und als ſich die Thüre hinter dem Beſuch geſchloſſen, hoffte er angſterfüllt mit klopfendem Herzen auf einen lauten Aufſchrei des Mädchens und dann auf das plötzliche Wie⸗ dererſcheinen des unwillkommenen Beſuches draußen vor der Thür. Aber der Baron erſchien ſo bald nicht wieder. Da hatten ſeine Hände bald das Geländer krampfhaft er⸗ faßt, bald hatten ſie wild nach ſeinem Kopfe, nach ſeinen — — Roſa. 181 Haaren gezuckt, da hatte er gefühlt, wie es hier außen auf der Treppe unendlich viel heißer ſei als drinnen im Zim⸗ mer, denn der Schweiß rann ihm von der Stirn herab. Auch klappten ſeine Zähne zuſammen, und wenn er zu lachen verſuchte, ſo klang das gerade, als wenn ein an⸗ derer Menſch mit den Zähnen knirſcht. Herr Krimpf ver⸗ wünſchte ſich ſelber, weil er die Hand zu Dem geboten, was geſchehen; ja er verwünſchte ſich und ſchlug ſich jetzt heſtig vor die Stirn, um gleich darauf wieder angſtvoll in das Haus hinabzulauſchen. Dabei wäre es faſt poſſierlich aanzuſehen geweſen, wie er jetzt langſam Stufe um Stufe die Treppe hinabſchlich, um vielleicht an der Zimmerthüre lauſchen zu können, und wie er gleich darauf, tief unten im Hauſe ein Geräuſch vernehmend, angſtvoll wie ein ge⸗ jagter Affe und mit der Behendigkeit dieſes Thieres aufwärts floh. Da vernahm er bekannte Tritte, da ſah er Herrn Böhler die Treppe heraufſteigen und vor dem Zimmer Roſa's ſtehen bleiben; da bemerkte er, wie derſelbe ſich lau⸗ ſchend niederbeugte, was er ſonſt nie gethan, da ſah er ihn die Thüre leiſe öffnen und eintreten. Und als er das ſah, biß er ſich heftig in den Daumen ſeiner rechten Hand und murmelte mit gepreßter Stimme:„Die Würfel ſind ge⸗ fallen; iſt das für mich ein Augenblic des Glücks oder ein Augenblick des Unglücks?“ 2 Che wir dieſes Kapitel ſchließen, müſſen wir noch e eine kleine Weile in das Zimmer der Frau Wittwe Weiher zu⸗ 182 Sechzehntes Kapitel. Roſa. rückkehren, wo Roſa noch immer vor dem Photographen ſtand, ihre beiden Hände auf ſeine Schultern gelegt hatte und ihm mit herzlicher Liebe in die Augen blickend ſagte: „O wie danke ich Gott, daß du gekommen biſt, Heinrich.“ „Und ich bin glücklich, daß ich gelauſcht habe,“ ant⸗ wortete Herr Böhler.„Ja, ich muß dir nur geſtehen, daß ich gelauſcht habe, meine gute Roſa, daß ich zu unſerm beiderſeitigen Glücke gelauſcht habe. Und nun iſt Alles gut und ich will nicht mehr kindiſch ſein und mich ärgern, wenn du auch des Tages hundertmal dort am Fenſter ſtehſt.“ „Und es ſoll dir leicht werden, dich nicht zu ärgern,“ verſetzte ſie mit leichtem Erröthen,„denn du wirſt mich ſo bald nicht mehr dort am Fenſter ſtehen ſehen.“ „Roſa, liebſt du mich wirklich noch eben ſo ſehr wie damals, als wir den kleinen Leuchtkäfer fanden?“ „O mehr, weit mehr, mein guter, guter Heinrich!“ Welcher Augenblick des Glücks! 1 8 — Siebzehntes Kapitel. 8 Augenblicke des Glücks. Wenn bei Hofe eine wohlgeordnete, ruhig vorberei⸗. tete Feſtlichkeit ſtattfindet,— wir verſtehen darunter irgend 1 ein herkömmliches Diner oder einen Ball, wie er im Win⸗ 4 ter zwei bis drei Mal vorkommt, oder eine Gallavorſtellung. im Theater, letztere meiſtens dadurch ſehr merkwürdig, daß die Feſtoper, welche mit großer Mühe und noch größeren Koſten zu irgend einem wichtigen Tage einſtudirt wurde, nicht gegeben werden kann, da Frau Kalbskopp⸗Broſchni⸗ Bracellettacco ausnahmsweiſe heiſer geworden iſt— kurz, wenn bei Hofe etwas Großes vorfällt, zu dem man im 1 Stande war, mit aller Gemächlichkeit ſeine Vorbereitungen zu treffen, wo man weiß, neben wem man bei der Tafel placirt wird, wer uns in der Feſtoper gegenüber ſitzt, welche Robe und wie viele falſche Brillanten unſere gute Freundin, die Baronin N., tragen wird,— an einem ſolchen Tage leicht d das Schloß in der Reſidenz einem Vienenſod bei 184 Siebzehntes Kapitel. ſchönem warmem Sommerwetter, wo Alles in geordnetem Fluge zugeht, wo keine übermäßige Eile ſtattfindet, wo ein gefüllter Wagen nach dem andern kommt, um nach weni⸗ gen Augenblicken leer wieder abzuziehen; gerade wie bei den Bienen, nur daß hier der Inhalt der Wagen, der im Schloſſe zurückbleibt, ſich nicht immer als ſüßer Honig dar⸗ ſtellt, ſondern oft viel mehr Aehnlichkeit mit Gift und Galle hat. 8 Dieſes ordnungsmäßige Ab⸗ und Zuſchwärmen der Cquipagen hat an ſolchen Tagen etwas Nervenberuhigendes, etwas Gemüthliches, denn eine ähnliche Stimmung drückt ſich im geſammelten Trabe der Pferde aus, ja wir möch⸗ ten ſagen in dem anſtändigen Schaukeln der Wagen, vor Allem aber in der ſichern, geſetzten Haltung von Kutſcher und Bedienten. Der erſtere, vorne auf dem Bocke, der etwas vornehm nachläſſig zur Seite ſitzt, hat ſeine Uhr im Kopfe, und da er weiß, daß er nicht eine Sekunde zu ſpät an⸗dem Perron anfahren wird, ſo gibt dies ſeiner Miene etwas Beſtimmtes, Ruhiges, ſeinem Lächeln einen ſichern, ange⸗ nehmen Ausdruck. Der Lakai auf dem Trittbrette hängt an den Quaſten mit einem Geſichte, worauf ſich deutlich ab⸗ ſpiegelt, daß er mit ſich zufrieden iſt, er folgt, ſich graziös ſchaukelnd, jeder Bewegung des Wagens, er hat gar keine Eile, und wenn er um ſich ſchaut und ſich vielleicht in dieſem Moment ſein Blick um etwas Weniges verfinſtert, ſo iſt das nur, weil er ſieht, wie ſein College vom Handels⸗ Augenblicke des Glücks. 185 oder Kriegsminiſterium eine neue blitzende Treſſe oder ir⸗ gend eine unpaſſende Stickerei ufurpirt hat. Die Herrſchaften in den Equipagen haben ganz das beruhigte, wir möchten faſt ſagen langweilige Anſehen ihrer Dienerſchaft. Die Freuden, denen ſie entgegenfahren, ſind ihnen ſo bekannt, ſo gewöhnlich, und ebenſo gut wie ihnen bekannt iſt, daß nach der Suppe irgend ein Fiſch ſervirt werden wird, ebenſo genau wiſſen ſie auch, welche Frage Dieſer oder Jene an ſie richten wird und was ſie wahr⸗ ſcheinlicher Weiſe antworten werden. Und nicht nur die Gäſte erſcheinen ſo im Schloſſe mit gemeſſenen ruhigen Bewegungen, ſchreiten langſam durch die Gänge und ſteigen, ohne ſich zu übereilen, die Treppen hinauf,— nein, dies Gefühl des Gewöhnlichen und All⸗ täglichen drückt ſich auch in der kalten, abgemeſſenen Art aus, mit welcher die Portiers ſalutiren, oder wie die La⸗ kaien die Thüren öffnen, oder wie ſich die dienſtthuenden Kammerherren händereibend und ſüß lächelnd in den inner⸗ ſten Gemächern breit machen. Ganz anders aber geſtaltet ſich dagegen das Leben vor und im Schloſſe, wenn ein plötzlich eingetretenes wich⸗ tiges Ereigniß faſt mit der Schnelligkeit des Telegraphen den oberſten Hofchargen, den Würdenträgern, den Excellenzen, den Hof⸗ und Chrendamen gemeldet wird, und ihre ſchleu⸗ nige unvorherzuſehende Anweſenheit in der Reſidenz ver⸗ langt. Da paßt der Vergleich mit dem Leben und Treiben 186 Siebzehntes Kapitel. des ruhigen Bienenvolkes am klaren, warmen Sommer⸗ tage nicht mehr; und wollte man doch daran feſthalten, ſo müßte man dem haſtigen, wilden Ein⸗ und Ausſchwärmen zufolge die Vermuthung aufſtellen, im Stocke ſelbſt ſei eine Revolution ausgebrochen, oder ein plötzlich drohendes Un⸗ wetter treibe Alles in wilder Haſt einher. Da fällt manch' vöſes Wort, da drohen Püffe und Stöße, drunten im Stall, bis die Pferde angeſchirrt ſind, droben im Ankleidezimmer, bis die Herrſchaft in würdige Verfaſſung geſetzt iſt, um ſich bei Hofe ſehen zu laſſen; da kann es vorkommen, daß die Livree des Kutſchers ſchief zugeknöpft iſt, wenn er ſich auf den Bock ſchwingt, da kann es geſchehen, daß die Kam⸗ merjungfer der Excellenz zu einem meergrünen Kleide in der Eile eine blaue Schleife aufgeſteckt hat. Wehe ihr! Da kann das Gräßliche paſſiren, daß der Lakai hinten auf dem Wagen einen Strumpf verkehrt anzieht, oder ſogar die Ach⸗ ſelſchnüre der neuen Gallalivree vergißt.— Aber da iſt keine Zeit zum Umwechſeln und Aendern, der Wagen raſ⸗ ſelt vor das Haus, Fächer und Handſchuhe werden hinein geboten, oft auch ein vergeſſenes Ordensband oder der Degen. Man hat kaum Zeit, das gewöhnliche Geſicht für die großen Feierlichkeiten zu machen: etwas offizielle Angſt mit Ueberraſchung; man denkt dies und das, man combi⸗ nirt und möchte dem Wagen, der ſehr langſam zu gehen ſcheint, nachhelfen. Der Kutſcher auf dem Bock ſitzt weder ſchief noch nach⸗ —— Augenblicke des Glücks. 187 läſſig, er hält die Zügel feſt und ſtramm, wartet er doch nicht einmal, bis der Lakai ruft: Nach dem Schloſſe! ſon⸗ dern kaum hört er, wie der Wagenſchlag zufällt, als auch ſchon ein energiſcher Zungenſchlag die Pferde dahinſchießen läßt. Er lenkt ſie finſter und dabei nach allen Seiten um⸗ ſchauend, ob nicht eine andere herrſchaftliche Equipage aus irgend einer Seitenſtraße herausraſſeln wird, um den thörich⸗ ten Verſuch zu machen, ihm den Vorrang abzulaufen. Da⸗ bei wirft er zuweilen einen Blick auf die Thurmuhr, bei der er vorüberfährt und ſpart auch einen leichten Peitſchen⸗ hieb nicht, um den Trab der beiden Pferde zu beſchleunigen. Der Lakai hinten auf ſchaukelt heute nicht, leicht, be⸗ quem und graziös an den Riemen hängend; er hat ſich auf die Fußſpitzen erhoben, und wenn man ſo ſieht, wie er beinahe krampfhaft den Hals vorſtreckt, und über dem Dache des Coupé weg ſtarr nach dem Schloſſe blickt, wohin ſich eine unzählige Menge wild gewordener Equipagen begibt, und wenn man dabei bemerkt, wie er zu gleicher Zeit mit den Armen rudert, ſo könnte man glauben, er wolle durch dieſe Bewegung den Lauf des Wagens beſchleunigen. Die Rampe hinauf geht es in einem kurzen Galopp, oben aber muß man einen Augenblick halten, weil ſchon eine ziem⸗ liche Wagenreihe daſteht, die langweilig File macht, und Schritt für Schritt vorrückt, bis jede Cquipage ſich ihres koſtbaren Inhalts entledigt hat. Die Wagenthüren fliegen zu, daß einem die Schlöſſer leid thun, nachdem die Lakaien 188 Siebzehntes Kapitel. Mäntel und Shawls ſo haſtig von den Sitzen geriſſen, daß man ſich wundert, wie nur eine Spitze oder ein Sammet⸗ beſatz ganz bleiben kann. Es iſt aber auch keine Kleinigkeit, welche den geſamm⸗ ten Hofſtaat ſo plötzlich in Alarm bringt und nach dem Schloſſe ſprengt. Die lang erwartete Stunde Ihrer Hoheit der Frau Herzogin iſt endlich gekommen, die Aerzte haben ſich um ſechs Uhr in der Frühe verſammelt, die oberſten Hof⸗Chargen ſind ſeit acht Uhr vollſtändig bei einander, ſprechend und flüſternd, und machen unendlich lange Ge⸗ ſichter. Alle ſpazieren auf den Zehen paarweiſe im Zimmer auf und ab, den Federhut vor den Bauch gedrückt, mit hoch emporgezogenen Augbrauen, und ſo oft einer der dienſtthuenden Kammerherren eilfertig durch das Vorzimmer ſtolpert,— bei wichtigen Veranlaſſungen pflegen die Kam⸗ merherren im übermäßigen Dienſteifer zu ſtolpern— ſo drücken die Excellenzen den Federhut feſter an den Leib und es iſt ihnen ſelbſt äußerſt ſeltſam zu Muth. Das ganze Schloß befindet ſich in einer ſehr erklär⸗ lichen Aufregung; der Chef der Küche macht ein äußerſt wichtiges Geſicht, denn an ſeinem Wirken hängt in der nächſten Zeit das Wohl des Staates. Er iſt ein über⸗ mäßig wohlbeleibter Mann, welche Naturgabe einen ſehr vorwitzigen Küchenjungen im Zuſammenhange mit dem außer⸗ gewöhnlichen Leben und Treiben zu einer ſehr unpaſſenden Bemerkung Veranlaſſung gab; in Folge derſelben brachte der e — v Augenblicke des Glücks. 189 Oberkoch eine tüchtige Ohrfeige zur Welt, wälche dem n Nehnen. weiß gekleideten Spötter keinen ſchlechten Schmerz verur⸗ ſachte. Die Portiers ziehen ſehr wichtig aber geräuſchlos ihre Stöcke an; alle Lakaien, ſelbſt im entgegengeſetzten Flügel von dem, welchen die Herzogin bewohnt, halten die Hand vor den Mund, wenn ſie ſprechen, die Kammer⸗ diener du jour haben Mienen à deux mains, ebenſo zum Lachen wie zum Weinen geneigt. Unterdeſſen rauſcht es die Treppen hinauf in Sammet und Seide, man begrüßt ſich mit kurzen Worten, man eilt bei einander vorbei, um frühzeitig in den Empfangſaal zu kommen, wo ſich der Hofmarſchall, ſowie die Oberſthof⸗ meiſterin Ihrer Durchlaucht der Prinzeſſin Eliſe befindet, um die Herren und Damen vom Hofe zu empfangen, Beide ſteif und förmlich, ernſt, faſt trübe, wie der Sonnabend vor Oſtern, mit einer Rückerinnerung an die vergangene ſtille Zeit und einem Vorgefühl der luſtigen heitern Tage, die beginnen werden mit dem Klang der Glocken. Begreiflicher Weiſe bilden ſich hier oben im großen Saale die verſchiedenartigſten Gruppen; alte Excellenzen erinnern ſich noch ganz genau des Tages, wo der nun ſchon höchſtſelige Herzog das Licht der Welt erblickte; es war das an einem Sonntagmorgen geweſen, es regnete un⸗ aufhörlich, bei den Freudenſchüſſen wollten die Kanonen nicht losgehen, und die Amme des allerhöchſten Kindes hatte die Unvorſichtigkeit begangen, daſſelbe dem durchlauch⸗ 190 Siebzehntes Kapitel. tigſten Vater in ſchwarzen Schuhen zu präſentiren, d. h. ſie, die Amme, hatte ſchwarze Schuhe, was den kleinen Prinzen anbelangte, ſo waren ſeine charmanten herzoglichen Füßchen in goldgeſtickte Windeln eingeſchlagen.—„Ach! dieſe Win⸗ deln!“ ſeufzte eine bejahrte Hofdame,„ich erinnere mich ganz genau, wie meine ſelige Mutter an einer derſelben geſtickt.“ „O das iſt ja durchaus unmöglich,“ ſchmeichelte die alte Excellenz, obgleich man wohl wußte, daß die Hofdame ſelbſt, was Zeit und Alter anbelangt, ganz gut eine der Windeln hätte ſticken können. Aehnliche Windelgeſpräche und was darum und daran hängt, wurden von den jüngeren Hofdamen und Chren⸗ fräulein nur geführt, wenn ſich kein männlicher Lauſcher in der Nähe befand, ſo bald ſich irgend ein Kammerherr oder ſonſt etwas der Art näherte, ging das Geſpräch ohne einen gehörigen Uebergang auf's Wetter über, auf das Theater, oder auf ſonſt einen unſchuldigen und geringfügigen Gegen⸗ ſtand. Neben dieſen einzelnen Gruppen, die im ganzen Saale zerſtreut waren, bemerkte ein kundiges Auge auch noch zwei ſtreng geſchiedene Hauptlager: die Partei des Regenten und die Ihrer Durchlaucht der Prinzeſſin. Die nächſte Stunde mußte für dieſe beiden Parteien eine wichtige Entſcheidung bringen; die eine Wagſchale ſank, die andere ſtieg hoch empor.— Die Herzogin werde ſicher eine Prinzeſſin haben, 2 ſprachen. Augenblicke des Glücks. hatten alte kundige Damen verſichert, die in ähnlichen An⸗ gelegenheiten Routine genug hatten, um durch allerlei kleine Umſtände eine ſolche Anſicht begründen zu können.„Ja, eine Tochter— gewiß eine Prinzeſſin!“ hörte man viel⸗ fach im Saale flüſtern, und das gab denen von der Partei der Prinzeſſin jedesmal einen Stich ins Herz. In dem Falle hatten ſie nichts zu hoffen, Alles zu verlieren; in dem Falle hörte die Regentſchaft auf, und der Regent trat in die Rechte und Titel des regierenden Herzogs des Lan⸗ des. Daß er alsdann Ihrer Durchlaucht der Prinzeſſin Eliſe den freundlichen Rath ertheilen würde, mit der ver⸗ wittweten Frau Herzogin Eſchenburg zu bewohnen, daran zweifelten die Anhänger des Regenten durchaus nicht; ſie hofften es, während die von der Partei der Prinzeſſin leiſe flüſternd eine ſolche Möglichkeit als Befürchtung aus⸗ Es war für einen unparteiiſchen Beobachter ganz amu⸗ ſant, die Haltung dieſer beiden Lager zu ſehen; die Sieges⸗ hoffnung der einen drückte ſich durch freudige Mienen aus, durch halblautes Lachen, durch ſehr excentriſche Bewegungen mit den Fächern; die andere Partei lachte nicht, ſondern ſie lächelte nur, doch hatte dieſes Lächeln etwas Forcirtes, faſt Unheimliches, und wenn man draußen Schritte hörte, ſo wandten ſich von dieſer Seite des Saales mehrere Dutzend Augen ſehr erwartungsvoll nach der Eingangsthür. Wir können dabei nicht verſchweigen, daß einige ſchwache 4 FE 4 192 Siebzehntes Kapitel. Seelen von der Partei Ihrer Durchlaucht ins andere Lager hinüber ſchlichen, um dort, als ſei gar nichts vorgefallen, ein harmloſes Geſpräch anzuknüpfen; doch las ſolch' ein Unglücklicher in den halbgeſchloſſenen Augen oder dem eigen⸗ thümlichen Lächeln irgend einer alten Excellenz oder in dem raſchen Fächerzuklappen einer entrüſteten Hofdame das ver⸗ hängnißvolle„Zu ſpät!“ und verſtand genau, was es heißen ſollte, wenn in ſeiner Nachbarſchaft, ſcheinbar ohne Beziehung auf ihn, irgend Jemand ſagte: Ah! c'est trop fort! Freilich gab es unter dem Hofſtaat einige Privilegirte, die entweder dem Treiben beider Parteien fern geblieben waren, oder die man bei der einen oder bei der andern ſo hoch in Gunſt ſtehend glaubte, daß Niemand es wagte, ſo bevorzugte Perſonen mit einem ſchiefen Blicke anzu⸗ ſehen, ſondern daß Alle für dieſe ein angenehmes Wort, ein freundliches Lächeln hatten. Hierzu gehörte auch Major von Fernow, der, ſchon früh im Schloſſe anweſend, mit dem Hofmarſchall und der Oberſthofmeiſterin ſo zu ſagen die Honneurs gemacht hatte. Während Alles in geſpannter Erwartung harrte, trieb er ſich ſcheinbar zweck⸗ und planlos zwiſchen den plaudern⸗ 6 den Gruppen beider Parteien umher, doch wenn er auch hie und da eine Converſation anknüpfte, ſo bemerkten ſeine genauen Bekannten wohl, daß er zerſtreut ſei und für Ant⸗ worten, die man ihm gab, nur ein halbes Ohr habe. Auch machte er ſich viel an der Seite der Fenſter, von wo er„ — Augenblicke des Glücks. 193 den Schloßplatz überſehen konnte, zu ſchaffen und blickte zuweilen mit geſpannter Aufmerkſamkeit dort hinab. End⸗ lich ſchien das zu kommen, was er erwartete. Es fuhr ein Wagen die Rampe hinauf und hielt unter dem Haupt⸗ portal. Herr von Fernow dirigirte ſich gegen die Eingangs⸗ thür des Saales, und als hier gleich darauf Baron von Wenden eintrat, faßte der Major deſſen Arm und ging ſo langſam als möglich, um kein Aufſehen zu erregen, zwiſchen den Umherſtehenden durch bis nach einer der Fenſterniſchen, wo er den Freund in die hinterſte Ecke zog und ungeduldig ſagte:„Nun, was bringſt du? Du biſt lange genug ausgeblieben.“ „Möglich, daß es dir lange vorgekommen iſt, ver⸗ ſetzte der Kammerherr,„für mich war es auch kein kurz⸗ weiliges Geſchäft, aber ich habe gethan, was eine menſch⸗ liche Zunge und acht Pferdebeine zu thun im Stande ſind. Puh!“ damit blies er wie echauffirt von ſich und fächelte mit ſeinem Uniformshute ſich einige Kühlung zu. „Du haſt ihn alſo nicht getroffen?“ „O ja, ich traf ihn, aber erſt nach mehrmaligem Hin⸗ und Herfahren. Zu Hauſe hieß es, er ſei vor einer Viertel⸗ ſtunde weggefahren, nach Warrens Hötel, wo Graf Hoch⸗ berg wohnte. Ich eilte dorthin, was die Pferde laufen konnten. Vor dem Hauſe ſtand der Reiſewagen des Grafen, die Bedienten packten emſig auf, antworteten mir aber auf meine Frage, beide Herren, der Graf, ſowie Se. Excellenz Hackländer. Der Augenblick des Glücks. II. 13 4 3* 194 Siebzehntes Kapitel. ſeien vor einer Viertelſtunde nach des Letzteren Wohnung zurückgefahren.— Wer weiß, wo ſie ſich unterwegs auf⸗ gehalten. Nun gut, ich fahre dorthin zurück.— Niemand da, verſichert mich der Kammerdiener des Barons, wobei er die Achſeln bis an die Ohren emporzieht. Du kennſt nun mein unverwüſtliches Phlegma bei ſolchen Angelegen⸗ heiten. Ich ſage alſo dem Kammerdiener: gut, wenn Nie⸗ mand da iſt,-ſo werde ich mir erlauben zu warten bis Jemand kommt. Man führt mich in den Salon und ich ſetze mich in einen Fauteuil und ſtelle Betrachtungen an über die Vergänglichkeit alles Irdiſchen.“ „Gewiß ſehr ſchöne Betrachtungen!“ entgegnete der Major ungeduldig,„die du mir ſpäter hoffentlich nicht vorenthalten wirſt. Aber ſpäter, ſpäter!“ „Wenn wir wieder zuſammen Dienſt im Vorzimmer haben,“ lachte der Kammerherr.„O du Narr des Glücks! — Da ſitz ich alſo eine Weile, und um zu zeigen, daß ich durchaus keine Eile habe, richte ich mich ſo häuslich wie möglich ein; ich nehme eine Zeitung und fange ſorgfältig bei den telegraphiſchen Depeſchen an.“ „Weiter! Weiter!“. „Den Teuſel auch! Treib' mich nicht ſo. Was ich dir hier nur in der Kürze erzähle, hat mich wahrhaftig viel länger aufgehalten.“ „Das glaube ich dir gern,“ erwiderte der Major, Augenblicke des Glücks. 195 unmuthig den Kopf ſchüttelnd,„und ich will dir heute Abend ſtill halten, ſechs Stunden meinetwegen. Aber be⸗ denke doch, daß ich wiſſen muß, woran ich bin und daß wir jeden Augenblick unterbrochen werden können.“ „Bah! Sind wir wirklich ſchon ſo nahe dabei?“ „Da ſchau hinüber an den alten Schloßflügel,“ ant⸗ wortete Herr von Fernow.„Siehſt du dort am offenen Fenſter den Grafen Schuler, bemerkſt du wohl, wie der Hoſchirurg jeden Augenblick rapportirt? Ich glaube wahr⸗ haftig, er ſchickt ſich an, ein Zeichen zu geben.“ „Nun, und was für ein Zeichen?“ „Das hängt von der nächſten Viertelſtunde ab. Haben wir eine Prinzeſſin, ſo ſchwingt er ein weißes Tuch, haben wir einen Prinzen ein rothes. Hinter dem Schloßplatz er⸗ heben ſich ſodann augenblicklich Raketen und ein paar Se⸗ kunden darauf verkünden die Batterien vor dem Thore der Reſidenz dieſen Augenblick des Glücks.— Alſo bitt' ich dich— beeile deinen Bericht.“ „Meinetwegen. Nachdem ich alſo eine gute Weile ge⸗ wartet und— notabene!— keinen Wagen anfahren ge⸗ hört, meldet der Kammerdiener, Se. Excellenz ſeien zurück. Se. Excellenz erſchienen auch gleich darauf im Salon, ſahen aber ſehr ermüdet und abgeſpannt aus.“ „Nun?“ fragte eifrig der Major.„Und warum hat er geſtern nicht zu mir geſchickt, wie er verſprochen?⸗ 43* 196 Siebzehntes Kapitel. „Er hätte geſchickt,“ entgegnete der Kammerherr mit einem höhniſchen Lächeln,„du ſeiſt nicht zu finden ge⸗ weſen.“ „Eine infame Lüge!“ rief ſo heftig der Major, daß ſich ein paar naheſtehende Hofdamen erſtaunt umwandten und Herr von Wenden ſeinem Freunde ein Zeichen des Schweigens machte. „Das muß mich empören,“ fuhr dieſer fort.„Ich war bis nach vier Uhr zu Haus und habe darauf ſchrift⸗ lich hinterlaſſen, wo ich bis zu meiner Zurückkunft zu finden ſei.— Doch was ereifere ich mich! Und warum war er nicht zu finden, als ich ihm nach zwei Uhr Botſchaft ſchickte?“ „Da du gefehlt habeſt,“ antwortete der Kammerherr achſelzuckend,„ſo habe auch er ſich nicht für verpflichtet gehalten, zu Hauſe zu bleiben.“ „Gut, gut! Und dann ſprachſt du?“ „Wie Cicero,“ entgegnete der Kammerherr mit ent⸗ ſchiedenem Tone und erhobenem Kopfe.„Eigentlich nicht wie Cicero, ſondern ich faßte mich ſehr kurz und richtete ihm in gedrängten Worten meine Botſchaft aus.“ „Und er nahm Alles an?“ „Alles.“ „Heute Abend?“ „Um fünf Uhr hinter dem Park.“ 4 ““ Augenblicke des Glücks. 197 „Gott ſei Dank,“ erwiderte raſch der Major,„ſo werden wir dieſe Angelegenheit abmachen. Wenn es dir recht iſt, ſpeiſen wir um drei Uhr, und bis dahin haſt du vollkommen Zeit, Alles vorzubereiten.“ „Verſteht ſich von ſelbſt,“ ſagte Herr von Wenden, „nur könnte der Fall eintreten, daß mich der Regent zu irgend etwas befiehlt. Du weißt,“ ſetzte er wichtig thuend hinzu,„meine Ungnade ſcheint vorüber, die Sonne leuchtet mir wieder.— Aber ich bin vergeßlich,“ unterbrach er ſich ſelbſt im raſcheren Tone.„Nachdem ich deine Ange⸗ legenheit mit dem Baron Rigoll beſorgt, übergab er mir dies Schreiben an den Regenten. Du weißt, ich habe ein immens richtiges Vorgefühl. Das Schreiben enthält Wich⸗ tiges. Auch bat mich Se. Excellenz um alter Freundſchaft willen, es Sr. Hoheit ſo bald als möglich zu übergeben.“ „Das iſt eigenthümlich. Und ſahſt du den Grafen Hohenberg⸗ 2“ Der Kammerherr ſchüttelte mit dem Kopfe. Dann ſagte er:„Er war vermuthlich im Nebenzimmer, ließ ſich aber nicht ſehen.“ „Und Baron Rigoll ſprach nichts von der derſeßlten Angelegenheit 2“ „Nur ein paar Worte. Er bemerkte mir in ſeinem ſcharfen unangenehmen Tone und ungefähr in dieſen Worten: dei Hoſe das ſonderbare Gerücht verbreitet worden, 198 Siebzehntes Kapitel. als ſei Se. Durchlaucht, der Herzog Alfred von D. incog⸗ nito in der Stadt.— Ich kann Sie verſichern, Herr Ba⸗ ron von Wenden, daß daran kein wahres Wort iſt.“ „Avis au lecteur!“ 4 „Allerdings. Und ich gab ihm mit einer tiefen Ver⸗ beugung zur Antwort:„Wenn mich Ew. Excellenz das verſichern, ſo muß ich es natürlicher Weiſe glauben.“— Aber mein Lächeln, mit dem ich dieſen Satz begleitete, ſagte ihm genug. „Ich fürchte,“ ſprach Herr von Fernow nachdenklich, „der Augenblick, in dem Baron Rigoll anfing, dieſe An⸗ gelegenheit zu betreiben, war für ihn kein Augenblick des Glücks.“ „Ganz meine Anſicht,“ entgegnete der Kammerherr und ſetzte hinzu, indem er ſeinen Freund mit einem ſehr pfiffigen Geſichtsausdruck anſchaute:„Vielleicht war das für Andere ein Augenblück des Glücks.“ „Das iſt nun einmal ſo in der Welt,“ meinte der Major und wandte ſich vom Fenſter ab, um auf das Ge⸗ wühl des Hofſtaates im Saale zu blicken.„Die Wag⸗ ſchalen des Glücks ſteigen auf und ah, und wenn eine Partei hinunter muß, ſteigt die andere vielleicht hinauf.“ „Wenn nur wir bei der letzteren ſind,“ verſetzte g⸗ chend der Kammerherr.—— In dieſem Augenblicke hörte man ziemlich entfernt etwas wie das Ziſchen eine —⏑P:2:n—— Augenblicke des Glücks. 199 einer zweiten, einer dritten, und gleich darauf vernahm man einen dumpfen Kanonenſchuß.— Wenn vom heiteren Himmel herab unzählige Blitze gefahren wären oder bren⸗ nender Schwefel, flammendes Pech, oder wenn die Decke des Saales plötzlich gewankt hätte: die Aufregung unter dem Hoſſtaat hätte nicht größer ſein können. Junge kräf⸗ tige Chrenfräulein erbleichten und errötheten, und ältere Hof⸗ damen hätten es vielleicht gerade ſo gemacht, wenn die Schminke dabei nicht ein kleines Hinderniß geweſen wäre. Doch wandten ſich dieſe mit angehaltenem Athem dem Fen⸗ ſter zu; nervenſtarke Naturen affectirten ein gleichgültiges Lächeln, während ſchwächliche Conſtitutionen eine Stuhllehne oder eine Tiſchecke ſuchten. Bumm!— bumm!— bumm!— ging es draußen. Schon bei dem erſten Schuße war alle Converſation mit einem Male abgebrochen; man hörte ſelbſt nicht ein⸗ mal das geringſte Flüſtern mehr, kein Zuklappen der Fächer, und wo zufälliger Weiſe bei einer unvorſichtigen Bewegung der ſchwere Seidenſtoff des Kleides irgend einer Dame rauſchte, da ſah man ringsumher ein paar Dutzend un⸗ williger Augen, welche Ruhe geboten.— Kammerherren, die ſeit längerer Zeit alles Gefühl verlernt hatten, die ſelbſt einem ungnädigen Blicke gegenüber ſo viel kaltes Blut behielten, um den Kopf ſehr aufrecht zu tragen, den Hut mit Oſtentation an der Seite zu halten und furchtlos in derſäiten Poſition zu verharren, ſelbſt dergleichen eiſerne Siebzehntes Kapitel. Naturen fühlten eine gelinde Emotion.— Alte ergraute Generale, die ohne Herzklopfen im ſtärkſten Geſchützfeuer ausgehalten, und denen das wildeſte Krachen rings umher gleichgültig war, fühlten jetzt jeden Schuß in ihren Nerven nachklingen.— Bumm!— bumm!— bumm! Bumm!— bumm!— bumm! Schon der ſechszehnte Schuß. Beim fünfundzwanzigſten war der entſcheidende Moment. Wurde 3 nach dieſem draußen ſtille, ſo hatte die Partei des Regenten alle Ur⸗ ſache, den Kopf hoch zu erheben, ſo war die der Prinzeſſin niedergeſchmettert, vernichtet, gar nicht mehr vorhanden,— fertig. Die Pauſe zwiſchen dem fünfundzwanzigſten und ſechs⸗ undzwanzigſten Schuſſe mußte allen Anweſenden eine Ewig⸗ keit dauern, ſie war im Stande Ohnmachten hervorzu⸗ bringen. Man konnte beinahe die Herzen unter den Uniformen und unter den Roben der Damen ſchlagen hören. Faſt athem⸗ los ſtanden die Gruppen da, mit weit aufgeriſſenen Augen, bleich und roth, um die Lippen ein bezeichnendes, krampf⸗ haftes Lächeln. Manche Dame fühlte, daß ſie doch etwas zu feſt geſchnürt ſei; manche Excellenz fuhr ſich mit der kalten Hand über die feuchte Stirn. 1 Bumm!— bumm!— bumm!— bumm!— bumm!— bumm! 33 Augenblicke des Glücks. Der fünfundzwanzigſte! Die Spannung hatte einen verzweiflungsvollen Grad erreicht. Es drohten Convulſionen und Ohnmachten. Noch eine Sekunde und die Würfel waren gefallen. „Bumm!— Der ſechsundzwanzigſte Schuß!—— —— Die Herzogin hatte einen Prinzen geboren, dem Lande war ein Thronerbe geſchenkt———— War es keine Täuſchung, war nicht eins der Geſchütze unvorſichtiger Weiſe losgegangen? Hatte ſich der comman⸗ dirende Artillerieoffizier nicht verzählt?— Nein! nein! jubelte die Partei der Prinzeſſin, er hat ſich nicht verzählt; horch! das Glück verheißende Schießen dauert fort: Bumm!— bumm!— bumm! Wer mag jetzt noch zählen? Weder Die, welche in der Geburt eines Prinzen ihr Heil erblickten, noch die An⸗ dern, welche mit langen Geſichtern drein ſchauten. Als es aber gewiß war, daß ein Prinz geboren ſei, denn die Ka⸗ nonen erzählten das fort und fort der aufhorchenden Reſi⸗ denz, da fing auch die Converſation in dem Saale lebhafter als je wieder an. Wohl hatte man bei dem ſechsundzwan⸗ zigſten Schuß ein paar gelinde Aufſchreie vernommen, hatte auch einige Damen wanken, und vor dem Umfallen nur durch die bereitwillig geöffneten Arme nebenſtehender Herren bewahrt geſehen; doch verſchwanden dieſe Zeichen getäuſchter 201 Hoffnung in dem lauten Jubel der Gratulationen, mit der Siebzehntes Kapitel. namentlich die Partei der Prinzeſſin ſich gegenſeitig über⸗ ſchüttete. Auch das andere Lager machte gute Miene zum böſen Spiel; hielt doch der Regent nach wie vor das Scep⸗ ter in ſeiner Hand und waren achtzehn Jahre bis zur Groß⸗ jährigkeit des Neugeborenen eine lange Zeit. Freilich hatte ſich die verwittwete Herzogin und ſomit auch deren Schwe⸗ ſter, die Prinzeſſin Eliſe, zu neuerer und größerer Wichtig⸗ keit erhoben, und da Ihre Durchlaucht bekannt dafür war, einen Schein von Recht, den ſie hatte, in das vollgültigſte Recht zu verwandeln, ſo konnte ihre Partei immerhin die Köpfe aufrichten und mit einem etwas übermüthigen Lächeln ins andere Lager hinüber blicken. Schon lange hatten die Kanonen draußen geſchwiegen, und noch immer nicht kam aus den Gemächern der Her⸗ zogin eine offizielle Beſtätigung der Geburt des Thronerben. Aeltere Staatsdamen und ergrauete Kammerherren fingen an leicht die Köpfe zu ſchütteln und prophezeiten den zu⸗ nächſt Stehenden irgend etwas Unvorhergeſehenes, etwas Mißliches, das drüben vorgefallen. Und in der That, ſie mochten Recht haben. Einzelne Neugierige, die ſich an der Thür befanden und verſtohlen in die angrenzenden Zimmer lauſchten, erzählten ebenfalls flüſternd von einem ſeltſamen Rennen und Laufen der Bedienten, und Einer wollte den alten Kindermann geſehen haben, wie er in dem geheimen Corridor verſchwunden war, der zu dem Appartement des Regenten führte, aber nicht den ewig lächelnden Kindermann, Augenblicke des Glücks. 203 wie ihn der ganze Hof kannte, ſondern Kindermann mit einem ernſten, faſt melancholiſchen Geſichtsausdruck. So wie heute war die Erwartung des Hofſtaates noch nie auf die Folter geſpannt worden; man fing in ganz ver⸗ trauten Kreiſen an, dies ſonderbar, ja abſurd zu finden; man hatte wenigſtens ſo viel Rückſicht anſprechen zu kön⸗ nen geglaubt, um irgend einen Bericht zu erhalten, eine Botſchaft von dem, was auf dem andren Flügel vorgefallen war; man begann die Köpfe zu ſchütteln, bedeutſam die Schultern in die Höhe zu ziehen, und die Converſation war nahe daran, aus allgemeiner Aufregung wieder vollkommen einzuſchlafen, als man bemerkte, wie die Kammerherren du jour an der Hauptthüre des Saals mit einem Male Mie⸗ nen machten, welche deutlich etwas Außergewöhnliches an⸗ zeigten. Sie erhoben ihre Köpfe, rückten verſtohlen die weiße Halsbinde in die Höhe und wandten ſich mit einer halben Wendung gegen die Thür. Ihr außerordentlich fei⸗ nes Gehör hatte draußen Schritte vernommen. Jetzt legten ſie ihre Hände an die nicht ganz geſchloſſenen Thürflügel, jetzt flogen dieſe auf, und im zweiten der anſtoßenden Säle bemerkte man den Regenten, wie er kam,— endlich, endlich! Zu ſeiner linken Seite ging die Prinzeſſin Eliſe, hinter Beiden die Staats⸗ und Hofdamen, dann folgten der erſte Adjutant Sr. Hoheit, die oberſten Hoſchargen, die Miniſter und ein paar Kammerherren. Im Empfangſaale vernahm man ringsum das gewiſſe .7 204. Siebzehntes Kapitel. Räuſpern, mit welchem man ſich auf etwas ganz Außer⸗ ordentliches vorbereitet. Die Herren zogen ihre Uniforms⸗ fräcke hinab, die Damen warfen einen prüfenden Blick auf ihre Toiletten, und als nun der Regent im Saale erſchien, wehte eine einzige Verbeugung, rauſchte ein einziger tiefer Knix durch den weiten Saal. Es lag etwas Düſteres im Blicke des Herzogs, welches Alle deutlich bemerkten, bei denen er vorüberſchritt, um am Ende des Saals ein paar Stufen auf die Eſtrade zu ſteigen, wo unter roth ſammt⸗ nem Baldachin ein vergoldeter Seſſel ſtand. Für die Partei der Prinzeſſin wäre die düſtere Miene des Regenten ein gutes Vorzeichen weiter geweſen, wenn mman nicht auf dem Geſichte Ihrer Durchlaucht ebenfalls einen tiefen Ernſt bemerkt hätte. Ja, kundige Blicke woll⸗ ten in den Augen derſelben Spuren von Thränen bemerken. Der Regent führte die Prinzeſſin an der Hand die Stufen hinauf und als er ſie auf dem Seſſel niederſitzen ließ, hörte man ein ganz leiſes Murmeln der Verwunde⸗ rung. Er ſelbſt ſtand aufrecht auf der oberſten Stufe, hatte die Hand auf die Rückenlehne des vergoldeten Stuhles ge⸗ legt und ſprach mit lauter und feſter Stimme, nachdem er einen Blick auf die Verſammlung geworfen:„Der von uns Allen, die wir hier verſammelt ſind, ſowie von dem ganzen Lande längſt erſehnte und erwartete Augenblick iſt einge⸗ treten. Leider aber iſt es kein Augenblick des Glücks ge⸗ weſen. Der Himmel, der unſere Geſchicke lenkt, der uns — Augenblicke des Glücks. 205 nach ſeiner weiſen Einſicht Freuden und Leiden gibt, hat es für gut befunden, Beides zu gleicher Zeit auf uns her⸗ abzuſenden. Unſere erhabene Nichte, die verwittwete Her⸗ zogin dieſes Landes genoß nur eine kurze Zeit des Glückes, einen Erben des Thrones in ihre Arme zu ſchließen. Gott hat es gewollt, daß die Stunde der Geburt des Prinzen zugleich die Stunde ſeines Todes war.“ Als der Regent ſo ſprach, barg die Prinzeſſin ihr Geſicht ein paar Augenblicke in beide Hände, und in der Verſammlung, welche in der größten Spannung dieſen Worten gelauſcht, herrſchte ein tiefes Schweigen. Nach einer kleinen Pauſe fuhr Se. Hoheit fort:„Durch dieſen traurigen Fall ward nach der Verfaſſung des Landes und den Familienſtatuten Unſeres Hauſes der Thron er⸗ ledigt und die Herzogskrone ging nach denſelben Geſetzen auf den nächſtſtehenden männlichen Anverwandten des höchſt⸗ ſeligen Herzogs, alſo auf mich über.—— Weder Ihnen, die Unſerem Hauſe bisher in Liebe und Treue zugethan waren, noch den übrigen Unterthanen des Landes bin ich ein Unbekannter, ein Fremder. Meine Art zu handeln und zu wirken wird die gleiche bleiben, und wie ich Jedem ein gnädiger und gerechter Herr ſein werde, ſo erwarte ich auch, daß die Anhänglichkeit, die Liebe und Treue, die man bisher dem Regenten bewieſen, nun auf den regieren⸗ den Herzog übertragen werde.“ Es iſt unmöglich, die Bewegung zu ſchildern, welche 206 Siebzehntes Kapitel. nach dieſer Rede in der Verſammlung entſtanden, eine Be⸗ wegung, die ſich weniger durch Worte als durch Mienen und Geberden kund gab. Wo waren die hochfliegenden Hoffnungen geblieben, mit welchen die Partei der Prinzeſſin die Geburt eines Thronerben begrüßt hatte! Mit dem Tode des kleinen Prinzen hörte dieſe Partei auf zu ſein; ſie hatte nichts mehr zu hoffen, vielleicht Alles zu fürchten. Ein tiefes Schweigen herrſchte auf dieſer Seite des Saales, und die Blicke, mit denen man ſich anſah, ſorachen be, redter als tauſend Ausrufungen. Auch die Anhänger des Regenten, obgleich ſie ſtolz und freudig um ſich blickten, waren doch von dem eben Gehörten, von ihrem Glücke ſo überraſcht und berauſcht, daß kein lauter Ausruf über ihre Lippen kam; man lächelte einander nur verſtohlen zu, man drückte ſich im Geheimen die Hände. Und dann ſchaute wieder Alles erwartungsvoll zum Herzog empor, der ſich einen Augenblick zur Prinzeſſin niedergebeugt und ihre rechte Hand ergriffen hatte, die er langſam an ſeine Lippen drückte. Darauf richtete er ſich wieder empor und ein leiſes, kaum bemerkliches Lächeln flog über ſeine Züge, als er abermals die faſt athemlos daſtehende Verſammlung überblickte.—„In dieſem für mich ſo feierlichen Moment,“ ſprach er,„wo mir der Himmel ſo viel gegeben, kann ich nicht umhin, Sie, meine Lieben und Getreuen, von einem größeren Glücke zu benachrichtigen, das mir zu Theil ge⸗ worden.— Unſere durchlauchtige Nichte, die Prinzeſſin — Augenblicke des Glücks.. 207 Eliſe, hat eingewilligt, mir ihre Hand zu reichen, und in⸗ dem ich dieſe theure Hand hiermit ergreife, nenne ich die Prinzeſſin öffentlich meine liebe Braut und empfehle meine zukünftige Gemahlin gleich mir nochmals Ihrer Treue und Liebe.“ Dies war nun ein Augenblick des Glücks, ungefähr jenem vergleichbar, wenn die feindlichen Brüder von Meſſina endlich einander in den Armen liegen und die beiden ge⸗ trennten Chöre, hingeriſſen von dieſem frohen Ereigniß, auf einander zuſtürzen, ſich die Hände reichen, und mit leuch⸗ tenden Blicken und innigen Worten geloben, daß fernerhin alle Feindſchaft aufhören werde, kein Groll, kein Haß mehr beſtehen ſoll. Man ſchien abſichtlich ſeine eifrigſten Wider⸗ ſacher aufzuſuchen, man reichte ſeine Hände den bis zu dieſer Stunde erbittertſten Gegnern. Es kamen unglaubliche Umarmungen vor, man ſah mehr als Ein Paar feindlicher Brüder ſich die liebenswürdigſten Dinge ſagen, ja man ſah Thränen in Augen und Lächeln auf Lippen, wo dieſe beiden Artikel ſeit langen Jahren ganz außer Cours ge⸗ kommen waren.— Aber all' die Ausrufungen, das Ent⸗ zücken, die frohen Begrüßungen, das freudige Lachen, welche eine Partei für die andere hatte, vereinigten ſich im näch⸗ ſten Augenblicke gegen das glückliche Paar auf der Eſtrade, und als nun ein alter General, den Moment erfaſſend, ein Hoch auf den Herzog und die Herzogin ausbrachte, einigte ſich Alles in dieſem Spruch, und die Wände des 208. Siebzehntes Kapitel. Saals hallten wieder von dem ſtürmiſchen Rufen, die draußen auf dem Platze und in den Straßen ein gewaltiges Echo fanden. Dder größte Theil der Bevölkerung war, angezogen durch die Kanonenſchüſſe, auf den Platz vor dem Schloſſe geeilt; wie ein Lauffeuer hatte ſich nicht nur die Nachricht von der Geburt des armen kleinen Prinzen, ſondern auch von deſſen Tode unter der Menge verbreitet,— ein Tod, der nun den allgemein verehrten Regenten zum Herzog machte. Tauſende von Stimmen verlangten ihn zu ſehen, und als er, dieſem donnernden Wunſche folgend, hinaus⸗ trat auf den großen Balkon des Schloſſes, zerriß ein un⸗ endlicher Jubelruf die Luft, in welchen ſich der Kanonen⸗ donner und das Läuten der Glocken miſchte. Daß Freude und Leid in dieſem Leben ſich ſo oft berühren!— Die Thränen der verwittweten Herzogin floſſen auf die kalte bleiche Stirn ihres neugebornen Kindes, das nach wenigen Athemzügen und nach einem einzigen ſchmerz⸗ lichen Blick ſchon die Erde und ſeine Mutter verließ. Wohl hörte dieſe Kanonendonner und Glockengeläute; doch erregte es in ihr kein verbittertes Gefühl, im Gegentheil freute ſie ſich des Glückes ihrer Schweſter. Sie ließ ſich ein Blatt Papier reichen und ſchrieb darauf mit zitternder Hand: „Meine heißeſten und innigſten Wünſche, für das Wohl des Herzogs und das Glück meiner geliebten Schweſter.“ Ihr Kammerherr überbrachte dieſe Zeilen, und es war Augenblicke des Glücks. die rührendſte Huldigung, welche die beiden Glücklichen am heutigen Tage erhielten. Die Angehörigen des Hofes, nachdem ſie mit voll⸗ kommen angepaßten Mienen gratulirt, condolirt und wieder gratulirt, hatten das Schloß verlaſſen, und der Herzog be⸗ fand ſich mit der Prinzeſſin in deren Salon und in Ge⸗ ſellſchaft des Fräulein von Ripperda, welche Ihre Durch⸗ laucht jetzt herzlich in die Arme ſchloß, den Kopf auf deren Schultern legte und nun im Uebermaße des Glücks laut weinte. Die Einzigen, die ſich noch im Vorzimmer befanden, waren Major von Fernow und der Kammerherr von Wen⸗ den, welch' Letzterer ſeinem dem Baron Rigoll gegebenen Verſprechen gemäß das Schreiben deſſelben in die Hände des Regenten legen wollte.„Du biſt ja im Dienſt,“ ſagte er zu ſeinem Freunde,„und kannſt dir ſchon erlauben, mich zu melden.“ „Nicht gern,“ entgegnete dieſer;„es iſt das ein de⸗ g licater Augenblick, und ich muß mich am allermeiſten in Acht nehmen, etwas zu thun, was nur einen Schein von Indiscretion an ſich hätte. Wahrhaftig, lieber Wenden, in dieſem Falle muß ich mich ſelbſt vorher melden laſſen, allein ich will dann recht gern für dich das Gleiche thun.“ Daß der gute Major begierig eine paſſende Ge⸗ heit ſuchte, in den Salon eintreten zu dürfen, wo ſich Hackländer. Der Augenblick des Glücks. II. 14 — “ 8 5* 1“ 4— ——————— 210 Siebzehntes Kapitel. auch Helene befand, brauchen wir dem geneigten Leſer eigent⸗ lich nicht zu ſagen. Es war ihm darum Alles daran ge⸗ legen, Jemand zu finden, dem er mit Anſtand eine Mel⸗ dung übertragen konnte. Ja, er hätte ſich am Ende mit einem ganz gewöhnlichen Lakaien begnügt, wenn nicht in dieſem Augenblicke Herr Kindermann vom Corridor in den Saal getreten wäre, in der Abſicht, ſich zum Regenten zu begeben. Der alte Herr hatte ſeine vorige melancholiſche Miene abgeſtreift und ſein Geſicht ſtrahlte von einem außerordent⸗ lichen Vergnügen; ja, ſein Lächeln gab einen ſolchen Glanz von ſich, daß ſich ein gleiches auf dem Geſichte des Majors entzündete, der dem würdigen Kammerdiener freundlich die Hand reichte und ihm darauf ſagte, daß er ſo wie Herr von Wenden Seine Hoheit einen Moment ſprechen müßten, und ihn bäten, die Meldung zu übernehmen. Da Herr Kindermann ſeinem Schützling, wie er den Adjutanten nannte, außerordentlich wohl wollte, auch wohl wußte, daß er in demſelben dem Herrn keine unangenehme Perſönlichkeit melde, ſo entgegnete er mit einer tiefen Verbeugung: er ſchätze ſich glücklich, dem Herrn Major dienen zu können, und ver⸗ . ſchwand darauf mit einem wohlwollenden Blick im Salon der Prinzeſſin. Die tiefe Verbeugung des Herrn Kindermann, ſowie überhaupt das unterwürfige Weſen, welches er ſoeben dem Adjutanten Sr. Hoheit bezeigt, wurde durch die Anweſen⸗ Augenblicke des Glücks. 211 heit des Herrn von Wenden hervorgerufen. Denn wenn wir auch wiſſen, daß der Major und der Kammerdiener im Kabinete des Letzteren viel unbefangener, ja⸗ freundſchaft⸗ * licher mit einander ſprachen, ſo war doch Herr Kindermann viel zu ſehr ein Mann von Welt, um nicht vor den Augen 3 eben dieſer Welt auf's allerdeutlichſte den Rangunterſchied zwiſchen dem Adjutanten Sr. Hoheit und ſich, dem Kammer⸗ diener, zu zeigen. Jetzt erſchien der alte Herr wieder in der Thür des 8 Kabinets, verbeugte ſich abermals tief und ſagte mit einer 1 bezeichnenden Handbewegung nach dem Salon:„Herr Ma⸗ jor von Fernow!“— Als ſich der Gerufene eilig näherte, * und dicht bei dem Kammerdiener war, fuhr dieſer mit einem leichten Seufzer flüſternd fort:„Ach, Herr Major, ich wünſchte, daß Ihr hochſ eliger Herr Papa noch lebte!“ „Und warum, Freund Kindermann?“ „Der Regent—— ich wollte ſagen des Herrn Her⸗ zogs Hoheit“ verbeſſerte ſich der Kammerdiener,„iſt Ihnen ſehr wohl geneigt. Wenn mich nicht Alles trügt, müſſen Sie eine außerordentliche Carriere machen.“ 4 Dieſer Glaube kommt aus Ihrer Freundſchaft für mich, lieber Herr Kindermann. Doch freut es mich in der 1 That, wenn Sie die Idee haben, daß ich zu was Gutem auserſehen ſei.“ „In wenigen Jahren Excellenz,“ ſprach Herr Kinder⸗ 14* 3 212 1 Siebzehntes Kapitel. mann mit einer ſo wichtigen Miene, daß ſie faſt komiſch ausſah, während der Adjutant in den Salon trat. Nach einigen Augenblicken erſchien Fernow wieder, winkte dem Kammerherrn und ließ ihn eintreten, während er ſelbſt draußen bei dem Kammerdiener blieb. 4 Herr Kindermann hatte verſtohlen eine Priſe genom⸗ men, dann ſanft auf die Halsbinde geklopft, um jedes Stäubchen zu entfernen, worauf er ſich die Hände rieb und 9 mild lächelnd ſagte:„Wer hätte das Alles vor drei Tagen gedacht! Was hat ſich hier auf einmal verändert!“ „So viel,“ entgegnete Herr von Fernow,„daß man es kaum faſſen kann. So ſehr mich auch die wichtigen Ver⸗ änderungen bei Hof erfreuen, ſo bin ich doch Egoiſt genug, um vor Allem daran zu denken, wie ſich meine Stellung in kurzer Zeit umgewandelt hat. Denken Sie noch jenen Abend, als ich im Vorzimmer war, und da Sie zu⸗ fällig abweſend waren, dem Rufe der Klingel folgte und in das Kabinet des Regenten trat?“— „Ob ich mich daran erinnere!“ verſetzte Herr Kinder⸗ mann, indem er ſanft mit dem Kopfe nickte.„Mancher an Ihrer Stelle, Sie ſelbſt vielleicht zu andern Zeiten hätten gedacht: was geht das mich an? Sie wären ruhig ihrer Wege gegangen und hätten einen Augenblick verpaßt, dem vielleicht Ihr ganzes künftiges Schickſal hängt.“ „Ja,— ein wichtiger Moment,“ ſprach nachdenkend der 8 6 Adj lant.—„Mein Freund Wenden würde ſagen:—— Augenblicke des Glücks. 213 „Das war ein Augenblick des Glücks,“ rief Herr von— Wenden in der That, als er im gleichen Momente haſtig und freudeſtrahlend aus dem Salon der Prinzeſſin trat. Ahl das hat wohlgethan. Ich verſichere dich, Fernow, Seine Hoheit iſt von einer Gnade, einer Güte, einer Milde, — und die Prinzeſſin ein wahrer Engel, liebenswürdig 99 wie immer, und dabei ſanft wie nie,“ ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu, fuhr aber gleich darauf in lauterem Tone fort, als er bemerkte, wie ihn der Adjutant lächelnd und fragend anblickte, wobei er ſich übrigens ein klein wenig in die Bruſt warf:„Seine Hoheit der Herzog haben ſich freundlich erinnert, mit welch muſterhafter Geduld ich meine Krankheit ertragen. Und Ihre Durchlaucht die Prinzeſſin. haben nicht vergeſſen, wie bereitwillig ich jeder Zeit war, in ihrem Dienſte zu wirken.— Ich bin zum Legations⸗ rath ernannt und werde noch heute nach dem Hoſe von B. abreiſen, auf meine Anzeigen eine einfache Condolation und eine doppelte Gratulation in Empfang nehmen.“ „Nun, da können dir zwei Orden nicht fehlen,“ meinte 1 lachend Herr von Fernow, indem er dem Freunde die Hand 55 ſchüttelte.„Daß du meine beſten Giäckwünſche haſt, uhuchr—¹ ich dir nicht zu ſagen.“ „Auch ich erlaube mir, dem Herrn Eataneran a gezie⸗ mend zu gratuliren,“ ſagte Herr Kindermann mit einer ehr⸗ würdigen Verbeugung, mit einem ſteifen Lächeln, welches ſich aber in freundliches Schmunzeln verwandelte, 3 der 214 Siebzehntes Kapitel. Kammerherr im Uebermaße des Glücks ſeine Hand ergriff und ſie freundlich drückte. Hierauf zog ſich der alte Herr zurück, und als er ſich nach einer gemeſſenen Verbeugung umwandte und durch den Saal dahin ſchritt, blickte ihm der Major von Fernow nach und ſprach zu ſeinem Freunde: „Das iſt bei all ſeinen Eigenheiten ein braver Mann, und es iſt ein Glück, daß ein wohlwollender Charakter wie er, in der Nähe des Fürſten weilt. Alſo du reiſeſt heute Abend? Nun, hoffentlich nicht eher, bis unſere Geſchichte beendigt iſt.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt.— Doch ſtill, die Thüre öffnet ſich.“ Es war der Herzog ſelbſt, der unter den Portieren erſchien und nach dem Major von Fernow rief. Dieſer wußte nicht, warum ihm das Herz heftiger ſchlug, als er in den Salon trat. Die Prinzeſſin ruhte in einem kleinen Fauteuil, und als der junge Offizier herein trat, blickte ſie nach ihm hin mit dem gewiſſen ſchalkhaften Lächeln, worin ſo oft eine ganz kleine, kleine Bosheit ſichtbar war. Diesmal aber war Güte und Freundlichkeit vorherrſchend, und ſie winkte verbindlich mit der Hand, als Herr von Fernow mit einer Berbeugung vor den Herzog trat. Neben dem Fauteuil der Prinzeſſin ſtand Helene von Ripperda, und blickte an⸗ gelegentlich zum Fenſter hinaus. 4 8 - Augenblicke des Glücks. 215 „Das iſt mein geheimer Bundesgenoſſe,“ ſagte der Herzog zu den Damen, indem er auf den Major wies, der faſt verlegen ein paar unzuſammenhängende beſcheidene Worte ſprach, wie das bei ſolchen Gelegenheiten wohl vor⸗ kommen kann.„Nein, nein,“ fuhr Seine Hoheit fort,„die Wahrheit muß ich ſagen, Fernow hat mir aufrichtig und treu gedient.“ „Und mich verrathen!“ lachte die Prinzeſſin,„Fernow, das werde ich Ihnen nie vergeben.“ „Allerdings, Ew. Durchlaucht, es war ein kleiner Ver⸗ rath, ich geſtehe es, aber kein Mißbrauch des Vertrauens, denn man ſchenkte mir jener Seits kein Vertrauen. Und da mein Verrath für Alle ſo ſegensreiche Folgen gehabt hat, ſo wird er mir gewiß derziehen werden.“ „Gewiß, lieber Fernow,“ ſprach heiter der Herzog, „und ich habe Sie gerufen, um Ihnen vor allem Andern meinen Dank auszuſprechen.— Apropos!“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort, während er einen Brief, den er in der Hand hielt, geöffnet und wieder zuſammengelegt hatte,„da hat mir Wenden ein Schreiben des Baron Rigoll übergeben. Nehmen Sie es, ſehen Sie es durch, ich muß mit Ihnen darüber ſprechen.“ Er reichte ihm das Papier, ehe es aber der Major anſehen konnte, machte der Herzog plötzlich eine Handbewegung gegen Fräulein von Ripperda und ſetzte mit lauter Stimme hinzu:„Halten Sie Siebzehntes Kapitel. einen Augenblick inne, Fernow. Fragen Sie vorher unſere ſchöne Helene, ob und wann ſie wünſcht Oberſtjägermeiſterin zu werden.“ Der arme Major erſchrack faſt, als er den Regenten ſo reden hörte; er warf einen Blick auf Fräulein von Rip⸗ perda, die aber ihre Stellung durchaus nicht veränderte und etwas außerordentlich Intereſſantes auf dem Schloßplatze zu betrachten ſchien. „Nun, wenn Sie nicht fragen wollen,“ fuhr Se. Ho⸗ heit lachend fort,„ſo leſen Sie das Schreiben des Baron Rigoll.“ Herr von Fernow öffnete das Papier mit einer immer wachſenden Spannung. Er durchflog den Inhalt, und als er ihn überſehen, tanzten die Worte faſt vor ſeinen Augen herum. Nachdem er ſich einen Augenblick geſammelt, ſtürzte er auf den Regenten zu, ergriff deſſen Hand und drückte ſie trotz allem Widerſtreben an ſeine Lippen. Er war außer ſich; Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gaukelten in glänzenden Bildern vor ſeiner entzückten Seele; er ver⸗ gaß ſich ſoweit, daß er ſich ſtürmiſch Helene näherte, die zuſammenſchreckte bei dem Ton ſeiner Stimme, als er ihr die Frage that, die ihm der Herzog befohlen. Um den geneigten Leſer nicht im Ungewiſſen zu laſſen, was den jungen Offizier ſo außer ſich brachte, wollen wir nicht verſchweigen, daß das Schreiben Sr. Excellenz des — . Augenblicke des Glücks. Oberſtjägermeiſter, Baron von Rigoll, ein Entlaſſungs⸗ geſuch enthielt, und daß der Herzog auf den Rand ge⸗ ſchrieben hatte:„Angenommen, und wird das Oberſtjäger⸗ meiſter-Amt proviſoriſch dem Major von Fernow über⸗ tragen.“—— Welch ſüße Augenblicke des Glücks! Achtzehntes Kapitel beſchließt vielleicht langweilig. Wir könnten nun, theurer und geneigter Leſer, noch viel merkwürdige und vielleicht auch intereſſante Dinge er⸗ zählen, von unerhörten Feſtlichkeiten, die bei Hofe vor ſich 4 gingen, von glänzenden Vermählungen, von Feuerwerken und Illuminationen. Doch ſei es ferne von uns, deine Geduld mit Sachen zu ermüden, die in der jetzigen ſo ſehr bewegten Zeit zu den Alltäglichkeiten gehören. Da wir von Vermählungen in der Mehrzahl ſprechen, ſo iſt ſelbſtredend auch die des Herrn von Fernow mit Fräulein von Ripperda darunter begriffen, wodurch die Befürchtung, als habe das Duell des Majors mit dem Baron Rigoll ein blutiges 4 Reſultat geliefert, in ſich ſelbſt zerfällt. Indem wir dieſes Duell, welches wirklich ſtattfand, nicht erzählen, entgeht uns 3 allerdings der Vorwurf einer pikanten Schilderung: wir hätten der Wahrheit gemäß ſagen können, daß gegen ſieben Uhr an dem bezeichneten Abend Baron Rigoll an der Seite 4 8 beſchließt vielleicht langweilig. 219 des Grafen Hohenberg wohlbehalten die Reſidenz verließ, und hätten dadurch den geneigten Leſer in Schrecken ver⸗ ſetzen können, als ſei Herr von Fernow vielleicht gefährlich verwundet zurückgeblieben. Da es uns aber nie darum zu thun war, das Intereſſe auf unnatürliche oder künſtliche Art zu erregen, ſo ſagen wir nur der Wahrheit gemäß, daß als ein paar Kugeln ohne Erfolg gewechſelt waren, Baron Rigoll unter vollſtändiger Zurücknahme ſeiner belei⸗ digenden Ausdrücke die Hand zur Verſöhnung bot. Es war ein ſchöner prachtvoller Frühlingsabend, als der proviſoriſche Chef des Oberſtjägermeiſteramtes mit dem nunmehrigen Legationsrath von Wenden nach dem ſtattge⸗ habten Rencontre zur Stadt zurückritt. Nicht nur Bäume, Sträucher und Blumen, ſondern auch Erde und Luft duf— teten ordentlich vor Wonne unter ſo klarem ſchönem Him⸗ mel leben, ruhen und wehen zu können. Vor dem Thore der Reſidenz fanden die beiden Reiter eine Equipage, den Reiſewagen des Barons, der für alle möglichen Fälle dort⸗ hin beordert war; glücklicher Weiſe aber hatte er keine Ver⸗ wundeten aufzunehmen, weshalb dann nur der Baron Wen⸗ den, bei dem kleinen Wirthshauſe angekommen, wo der Wagen hielt, fröhlich aus dem Sattel ſprang, ſeinem Freunde die Hand reichte, der ihm herzlich dankte, und ſich dann von ſeinem Bedienten den warmen Mantel umgeben ließ, ehe er in den Wagen ſtieg. „Wenn wir Alles vom richtigen Standpunkte betrachten, 4 220 Achtzehntes Kapitel ſprach hierauf Herr von Wenden lachend zum Schlage her⸗ aus,„ſo bin ich doch eigentlich an deinem ganzen Glück Schuld, und wenn einiges Dankbarkeitsgefühl in dir wohnt, ſo haſt du nichts Schleunigeres zu thun als für Kinder und Kindeskinder jene Scene malen zu laſſen, wo ich dir— es iſt noch nicht ſo lange her— meine Theorie vom Augen⸗ blick des Glücks auseinanderſetzte.“ „Ja, ja,“ rief Major Fernow fröhlich,„und als Pen⸗ dant der andere Augenblick des Glücks, wo ich beinahe in die Nothwendigkeit verſetzt worden wäre, dich im großen Audienzſaale des Schloſſes zu verhaften— alles Augen⸗ blicke des Glücks.“ „Nun, es hat beſſer geendet, als ich gehofft; wenn meine Miſſion vollkommen reuſſirt,“ ſetzte er mit großer Wichtigkeit hinzu,„und—“ „die Copien einiger der Sterne, die dort eben am Abendhimmel ſichtbar werden, auf deinem Fracke glänzen, ſo wirſt du mir zurückkommend ſagen: das Gefühl von einer ſchweren Krankheit zu geneſen, iſt ein außerordentlich ange⸗ nehmes.“. „Aber eine ſolche Krankheit ſelbſt!“ ſeufzte der Kam⸗ ¼ merherr, während ſein Poſtillon in den Sattel kletterte, „die kann oftmals traurige Folgen haben.“ „Du erſchreckſt mich!“ rief Herr von Fernow in einiger⸗ maßen ironiſchem Tone und mit einem faſt ſpöttiſchen Lächeln, denn er wußte, was kommen würde.„Sollteſt du wirklich—“ 221 beſchließt vielleicht langweilig. „Ich nicht, aber ich befürchte, jenes arme junge Mäd⸗ chen hat in ihrer Zuneigung für mich die Sache ernſthafter 3 genommen, als mir lieb iſt.“ „Darüber kannſt du dich vollkommen beruhigen,“ ent⸗ gegnete der Major, indem er ſich Mühe gab, nicht laut hinauszulachen.„Aus der allerbeſten Quelle weiß ich, daß ſie ſich über deinen Verluſt vollkommen getröſtet und im Begriff ſteht, ſich mit einer älteren Liebe zu verheirathen. Ich kann dich auch verſichern, daß ich mich der jungen Leute annehmen und alles Mögliche zu ihrem ferneren Fort⸗ kommen thun werde.“ Dieſes Verſprechen ſchien dem neuen Legationsrath eine L Centnerlaſt vom Herzen zu nehmen, und es war in der That komiſch anzuſehen, wie er mit einer affektirten Rüh⸗ rung ſeine beiden Hände zum Wagenſchlag hinausſtreckte, um die Rechte des Freundes nochmals zu drücken. „Nun aber mache, daß du fortkommſt!“ rief dieſer, „du ſollteſt ſchon um ſieben Uhr abreiſen, ich will deine Freundſchaft für mich nicht mißbrauchen.— Leb wohl!“ „Leb wohl, lieber Fernow! und denke mein bei dei⸗ nem nächſten Augenblicke des Glücks.“ Dahin rollte der Wagen, der Major blickte ihm ein paar Minuten lang nach, dann wandte er ſein Pferd, nicht um nach der Stadt zurückzukehren, ſondern um in einem ani⸗ mirten Jagdgalopp die Straße nach Eſchenburg zu verfolgen. Was mochte er dort ſuchen?— Ahl gewiß jene Equi⸗ 22² Achtzehntes Kapitel pagen, die ihm nach einer kleinen halben Stunde entgegen rollten. Er ließ den Wagen des Regenten, worin dieſer mit der Prinzeſſin Eliſe ſaß, ehrfurchtsvoll vorbei paſſiren und zwang ſein unruhig gewordenes Pferd alsdann dicht, an den Schlag der nachfolgenden Kaleſche hinan, aus dem ſich ihm eine kleine Hand entgegenſtreckte, die mit raſchem ängſtlichem Druck ſeine Finger umſpannte. „So iſt es wahr?“ fragte Helene von Ripperda mit zitternder Stimme,„Sie haben ſich geſchlagen? Sind Sie verwundet?“ 5 „Weder das Eine noch das Andere,“ entgegnete la⸗ chend Herr von Fernow.„Se. Ercellenz der Oberſtjäger⸗ meiſter, Baron von Rigoll und ich, wir trennten uns unter einigen Freudenſchüſſen, welche die vortreffliche Wirkung hatten, daß wir ohne Groll von einander ſchieden, und daß künftig Keiner mehr den Andern um ſeine Augenblicke des Glücks beneiden wird.— Und an Augenblicken des Glücks,“ ſetzte er mit ſanfter Stimme hinzu, indem er ſich gegen die Ka⸗ leſche hinab beugte,„ſoll es uns doch wahrlich nicht fehlen. Nicht wahr, meine geliebte Helene?“ Sie antwortete nicht, aber er fühlte den leichten Druck ihrer Finger, mit denen ſie ſeine Hand umſchloſſen hielt. Und ſo zogen die beiden glücklichen Menſchen dahin am würzigen Frühlingsabend unter Sterngeflimmer, Blüthen⸗ ſchnee und Nachtigallenſchlag. Waren das nicht ſchon wie⸗ der Augenblicke des Glücks? Ja, Herr von Fernow war glücklich und gedachte gern derer, die es minder waren; deßhalb vergaß er auch ſpäter nicht jenes Mannes, den er Abends auf der Terraſſe des Schloßgar⸗ tens gefunden, und mit welchem er ſich über Leuchtkäfer unter⸗ halten. Er verſchaffte dem wackern Künſtler die gute Stelle eines Auſſehers des herzoglichen Kupferſtichkabinets, und als dies Heinrich Böhler ſeiner Mutter mittheilte, und Beide hierauf zur Wittwe Weiher hinabſtiegen, um ſie von dieſem Glück in Kenntniß zu ſetzen, da machte Frau Weiher dem ehe⸗ maligen Photographen zum erſten Mal einen tiefen Knix. Roſa aber warf ſich an die Bruſt ihres Bräutigams und ſagte ihm unter vielen andern Dingen:„Weißt du noch, Heinrich, wie du an jenem Abend mit kummervollem Herzen in den Schloßgarten liefeſt und jenen Herrn trafſt, von dem du mir ſagteſt, er ſei ſo freundlich für dich geweſen, und dem wir jetzt Alles verdanken?“ „Ja, das war ein ſegensreicher Augenblick,“ fuhr das junge Mädchen fort, indem ſie innig und herzlich in die Augen des Mannes ſchaute, den ſie liebte.„Es war jener Augen⸗ blick, von dem wir nimmer geglaubt, daß er auch uns zinmal erſcheinen werde, und von dem deine Mutter doch oftmals geſagt, daß er wenigſtens einmal in jedem Men⸗ 14 ſchenleben einträte, der Augenblick des Glücks. Was nun Herrn Krimpf anbelangte, ſo hatte ihm „ Heinrich Böhler den ganzen Photographen⸗Apparat über⸗ laſſen, und der kleine Maler half ſich damit fort, wenn beſchließt vielleicht langweilig. 223 224 Achtzehntes Kapitel beſchließt vielleicht langweilig. auch auf eine etwas ſeltſame Art. Er fand nämlich einen Kunſthändler, für den er eine Gallerie von Abnormitäten und Häßlichkeiten des menſchlichen Geſchlechts zuſammenſtellte, eine in ihrer Art ergötzliche Sammlung, worin das Portrait des Künſtlers ſelbſt in den ſchauerlichſten Verzerrungen häufig genug vorkam. Doch wurde Herr Krimpf ſehr menſchen⸗ ſcheu, ließ ſich ſelten vor der Welt ſehen, und wenn dies geſchah, blickte er Allen, mit denen er zuſammenkam, mit einem Ausdrucke des Haſſes und Mißtrauens in die Augen; nur wenn er allein war, konnte er ſich einer ſeltſamen Luſtigkeit hingeben, und da hörte man ihn wohl ſtunden⸗ lang den Refrain eines unbekannten Liedes ſingen:„Chan- tons, buvons, traleralera.“ So ſind wir denn, theurer und geneigter Leſer, am Schluſſe unſerer Geſchichte angekommen, und wenn wir uns hiermit von dir verabſchieden, ſo thun wir es in der Hoff⸗ nung, daß du in derſelben irgend etwas gefunden, was dich erfreut und dein Intereſſe erregt. Dürfen wir in dieſer Vorausſetzung glauben, daß die Ueberſchrift des erſten Ka⸗ pitels nicht wie der gewiſſe rothe Faden durch unſere ganze Arbeit läuft, ſo iſt uns das eine ſüße Belohnung, und wir wollen dir dann die Verſicherung geben, daß wir den Augenblick, wo wir zur vorliegenden Erzählung die Feder angeſetzt, für einen guten Augenblick erklären, füj—— einen Augenblick des Glücks. 8 ——“ uhn al Guununnüuu aaunzuuunauuuuunuu uun 9 10 11 12 13 14 6 17