2—.——== bibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Leih 7 Uhr bis Abends 2. Lesepreis. Bei 9 m jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit e den angenommen. „3. Caution. Un eines Buches, eine hinterlegen, welche bei deſſe wird. 4. Abonnement. beträgt: 8 hr offen. bekannte Perſonen müſſen, bei Ent dem We lckgabe eines von. Eduard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß- und ¹ 1. Offensein der Bibliothek. pfangnahme und Rückgabe der Büch eſebedingungen. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ er jeden Tag von Morgens geliehenen Buches wird von ines Tages iſt zu 24 Stun⸗ rthe deſſelben entſprechende Summe on mir zurückerſtattet Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und Zurückgabe v gegennahme für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— duf 1 Monat: 1 Mt. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 N. Wf. L. „ 3 3 5. Auswärtige A der Bücher auf ihre 6. Schadenersatz. 3 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit 1 erden.— Iſt d lorene oder defecte Buch ein Ladenpreis erſetzt w „„ 3„— honnenten haben für Hin der Leſer zum Erſatz des Ganzen 7. Ausleihezeit. beſonders darauf au der Bücher nicht ſta ſelben von mir geliehen, auch Theil eigenen Koſten und Gef⸗ Für beſchmutzte, zerri verpflichtet. Dieſelbe iſt auf 14 Tage fmerkſam gemacht, daß d ttfinden darf, „indem Diejenigen, welche die⸗ dafür zu ſtehen ſſene, verlorene und Kupfern ec.) muß der as zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ eines größeren Werkes, ſo iſt n haben. n⸗ und Zurückſendung F ahr ſelbſt zu ſorgen. feſtgeſetzt und wird as Weiterverleihen 1 ————— Augenblick des Glücks F. W. Hackländer. Erſter Band. — ⸗— Stuttgart. n Adolph Krabbe⸗ 1857. Verlag vo 8 83. 4 Ihre Majesläl Eliſabeth Kaiſerin von Zeſerreich empfange in gewohnter Huld und Guade. mit dieſem Buche den Ausdruck ehrfurchtsvollſter Ergebenheit des Verfaſſers. I. Kapitel. II. ⸗ V.„ VI.„ VII„ VIII.„ 1X.„ X. Inhalt. Beginnt langweilig Ein kleiner Papierſtreifen Diner bei Hofe.... Amour offensée Im Kabinet des Regenten Im Kabinet des Kammerdieners Ein Augenblick des Glücks. Ein photographiſches Atelier. Chantons, buvons, traleralera Ein Diner und zwei Freunde Leuchtkäfer.. Seite Erſtes Kapitel beginnt langweilig. Hat der geneigte und vielgeliebte Leſer ſchon früher erfahren, was Langeweile iſt? Es ſollte uns freuen, wenn dem ſo wäre, aber außerordentlich ſchmerzen, wenn er die Bekanntſchaft dieſes fünften Elements, wie je⸗ 4 mand die Langeweile genannt, erſt durch uns machen ſollte. Wenn aber auch der geneigte Leſer weiß, was Langeweile iſt, ſo hat er ſich doch vielleicht noch nie die Mühe gege⸗ ben, dieſelbe gründlich zu ſtudiren und in ihren Einzelnhei⸗ ten kennen zu lernen. O es gibt unendlich viele Abarten von Langeweile! So haben wir die gewöhnliche hausbackene Langeweile, bei der man alt und dick werden kann; wir habeneine ſtille und ſinnige Langeweile nach großen Di⸗ naers zum Beiſpiel, die uns wohlthut und angenehm zur Sdieſta hinüberführt,— wir haben eine ungeduldige Lange⸗ weile, wenn wir zwiſchen vier kahlen Brandmauern auf jemanden warten müſſen— wir haben eine beängſtigen de 4 — ⏑— — Erſtes Kapitel Langeweile, wenn uns das Krankenzimmer nicht losläßt, wenn draußen alles blüht und duftet, und wenn wir, wie der Bär in ſeinem Käfig, täglich vierhundertmal den Teppich von rechts nach links, und dann wieder von links nach rechts mit unſeren Schritten meſſen;— wir haben eine tödtliche Langeweile, eine ingrimmige, die mit den gefähr⸗ lichſten Symptomen auftritt und ſich vom krampfhaften Hän⸗ deballen bis zu allerlei Schrecklichem ſteigern kann, die furchtbare Langeweile nämlich, die uns eine dicke, gemüth⸗ liche, bekannte Dame verurſacht, welcher wir auf der Straße begegnen, die uns aufhält, und mit ihrem fetten, ſtrahlen⸗ den Geſichte anlächelt, gerade an der Ecke, wo wenige Schritte vor uns die unbekannte Dame verſchwand, der wir durch die halbe Stadt folgten.— Da ſtehen wir, an⸗ gefeſſelt voll Kummer und Wuth.— Es gibt eine ſanfte Langeweile, wenn du in der Ecke des Wagens lehnſt, halb ſchlummernd in den weichen Kiſſen, eine Langeweile, die mit 5 leichten Fäden hinübergreift in das Reich der Träume, eine ſüße Langeweile, eine Langeweile, welche ſo geneigt iſt, dir ſchöne Bilder längſt entſchwundener Tage lebendig vor die Seele zu zaubern.— Es gibt eine einfache, zweifache, dreifache und vielfache Langeweile. Du kannſt dich mit ei⸗ nem Dutzend langweiliger Geſellen auf's Gründlichſte lang⸗ weilen. Du kannſt dich zu Dreien langweilen, aber außer⸗ urdentlich kannſt du dich zu Zweien langweilen, und eine ſolche Langeweile zu Zweien kann unter Umſtänden die ——— beginnt langweilig. ſchrecklichſte werden.— Jemand, der es wiſſen konnte, hat mir geſagt, es ſei das Schrecklichſte, wenn ein verliebtes Paar ſchon vor der Hochzeit anfange, ſich gegenſeitig zu langweilen; wenn er vom Wetter ſpricht, und ſie das gewiſſe ſpitze Maul macht, wobei ſich die Naſe bedeutend aufbläht und wodurch man das Gähnen zu verbergen ſucht. Wenn wir uns aber auch erlaubt haben, die vorlie⸗ gende Geſchichte mit Langeweile oder langweilig zu begin⸗ nen, ſo ſei es doch fern von uns, gleich das erſte Kapitel gerade mit der ſchrecklichſten Species dieſer langſam tödten⸗ den Macht, einem langweiligen Liebespaare— ein ſolches mag vielleicht ſpäter wohl noch vorkommen,— anzufangen. Da ſich aber ein Erzähler der Wahrheit befleißigen ſoll, und da er die traurige Nothwendigkeit einſieht, daß die Geſchichte, die er ſchreiben will, der Situation gemäß langweilig an⸗ fangen muß, ſo kann er nichts thun, als mit traurigem Herzen eben langweilig zu beginnen. Ja, geneigter Leſer, es iſt das ſehr traurig für einen gewiſſenhaften Erzähler, denn du haſt keine Idee davon, wie wohl es einem Schriftſtellergemüth thut, wenn er ſelbſt ſo— mit gezogenem Säbel, auf courbettirendem Roß, mit flatternder Feder und ſpritzender Dinte ſein Geſchäft vor das Publikum führen und ſagen kann: Hier ſind wir beide, die Geſchichte und ich! „Es war,“ ſo könnten wir alsdann vielleicht anfane gen,„an einem trüben Sommerabend, der Himmel, der ein 14* Erſtes Kapitel 4 helle Nacht verſpkach, hatte ſich mit grauen Schleiern über⸗ zogen; es wetterleuchtete nicht nur fern am Horizonte, ſon⸗ dern auch auf dem Geſichte des jungen Freiherrn Kalb von Kalbsfell, der u. ſ. w. u. ſ. w.“— Stand er nun am Fenſter ſeines Schloſſes oder lehnte er an einer dicken Buche, wir wiſſen, daß es auf ſeinem Geſichte ebenfalls wetterleuchtete, und daß ſeine ſchöne Phyſiognomie der Be⸗ weglichkeit fähig und auch im Stande war, fremde Eindrücke wiederzuſpiegeln. 3 Wohlthuend iſt es auch, wenn es uns erlaubt iſt, ſa⸗ gen zu dürfen:„Dem Morgen entgegen, der ſich roſig aus⸗ breitete über Berg und Thal, rollte ein eleganter Reiſe⸗ wagen, und der junge, ſchöne, blondgelockte Mann in dem⸗ ſelben blies die Wolken ſeiner ächten Havanna mit einem unendlichen Behagen vor ſich hin, die grauen kräuſelnden Wolken, die höher und höher aufſteigend jetzt vom erſten Strahl der Sonne getroffen und vergoldet wurden.“ „Kreuz Tauſend Schock Millionen Donnerwetter!“ rief der Lieutenant von Sperberbach, als er Morgens in der Frühe erwachte und zu ſeinem großen Schrecken entdeckte, daß er den Ausmarſch des Regiments verſchlafen.— Das iſt auch ein ſchöner Anfang. Nicht minder: „Mama,“ ſprach Louiſe. „Mein Kind?“ meinte die Mutter. „Ich ſah ihn wieder nicht im Theater.“ 8 *— 44 beginnt langweilig. 81 Die Mutter unterdrückte einen leichten Seuffer. „Auch nicht auf der Promenade.“ „Du haſt nicht recht geſehen.“ „Die Blicke der Liebe ſind ſcharf, Mama.“ „Gott weiß es, mein armes Kind.“ „Auch ritt er nicht vorbei.“ 4 „Gute Louiſe!“— „O, meine Mutter!“ Dann ſeufzten Beide aus tiefem Herzen und das Zimmer wäre mit einer unheimlichen Stille erfüllt geweſen, hätten ſich nicht in dieſem Augenblicke vor dem Hauſe die Töne einer Straßenorgel vernehmen laſſen, kräftig laut und feierlich: Noch iſt Polen nicht verloren.——— Ein zweifacher Troſt für das wunde Gemüth von Mutter und Tochter.“ 3 —— Das alles, wenigſtens etwas Aehnliches, ge⸗ neigter Leſer, hätten wir zu Anfang dieſer wahrhaftigen Geſchichte auch ſagen können. Aber es ſei ferne von uns, dich auf ſolche Art beſtechen zu wollen und unpaſſend zu beginnen./ Wir führen dich der Wahrheit gemäß in ein großes, elegantes Gemach, man könnte es einen kleinen Saal er. nen, reich dekorirt, reich möblirt. Die Wände ſind mit helle glänzenden Seidentapeten bedeckt, und zeigen ſchwere, t —— 6 Erſtes Kapitel goldene Bilderrahmen mit prachtvollen Landſchaften, Schlacht⸗ und Seeſtücken. Die Lambriſen ſind von feinen eingelegten Holzarten und laufen rings umher bis zu einem rieſenhaf⸗ ten Marmorkamin, in dem aber kein Feuer brannte, und über welchem ein ungeheurer Spiegel ſich bis hoch an den vergoldeten Fries erſtrecktt, der unter dem Plafond dahin⸗ läuft. Dieſer Plafond iſt reich gemalt und in ſeiner Mitte hängt ein ſchwerer Broncelüſtre mit unzähligen aufgeſteckten Wachskerzen; der parquetirte Fußboden iſt ſpiegelblank und das Ameublement, wie wir ſchon vorhin bemerkten, wenn auch reich, doch ſehr einfach: es beſteht aus einem Dutzend Stühlen, welche an den Wänden umherſtehen, und einem großen Tiſche in der Mitte des Gemachs.— Richtig, dort in den beiden Fenſtervertiefungen, welche die dicken Mauern des Schloſſes bilden, ſtehen noch zwei Fauteuils, und vor einem derſelben ein kleines Tiſchchen mit Papier und Schreibzeug. Wir ſind im Schloſſe des Regenten im Parterreſtock⸗ werke; die Fenſter unſeres Gemaches gehen auf einen um⸗ ſchloſſenen Hof, und die Ruhe und Stille, welche dort, ſowie in den hohen Corridors und auf den breiten Treppen herrſcht, lagert beängſtigend vor Thür und Fenſter; ſie läßt ſich nur ungern ſtören und unterbrechen, und wenn man von fern⸗ her Tritte eines menſchlichen Fußes vernimmt oder jemanden huſten hört, ſo grollt die Stille darüber und äfft dieſe Töne mit lautem Echo nach.— In dem weiten Gemache befinden ſich zwei junge Män⸗ beginnt langweilig. ner, von denen der Eine, ein Ordonnanzoffizier aus dem Leibdragonerregiment des Regenten, mit feſtgehaltenem Säbel an den Fenſtern auf und ab ſpaziert, während der Andere im goldgeſtickten Frack der Kammerherren daſſelbe auf der Seite des Kamines thut. Beide ſind vielleicht wenig über zwanzig Jahre alt, und wenn ſich der Eine ſo gut wie der Andere entſetmzlich zu langweilen ſcheint, ſo äußert ſich das doch bei jedem auf verſchiedene Art. Der Kammerherr von Wenden, ein Mann von nittlerer Größe mit Anlage zur Beleibtheit, hatte blondes Haar, das er glatt an den Kopf geſtrichen trug, und welches ſo zum ſorgfältig glatt raſirten Kinn und Wange ſehr gut paßte, ja, ſeinem Kopfe mit der ſpitzen Naſe, dem feinen zuſam⸗ mengezogenen Munde und den lebhaften Augen etwas Schlaues, faſt Lauerndes gab, welches aber durch ein wirklich liebenswür⸗ diges Lächeln gemildert wurde, das ſein Geſicht, mit außer⸗ ordentlich feinem und weißem Teint, häufig erhellte. Er ſpazierte in dem Gemache auf und ab, den Hut unter dem Arm, die Hände auf dem Rücken vereinigt. Dabei ging er aber vollkommen ruhig und gleichmäßig, ja mit faſt behag⸗ lichen, tänzelnden Schritten, ohne alle Zeichen von Ungeduld, als habe er ſich zur Aufgabe gemacht, das Zimmer in jeder Viertelſtunde ſo und ſo oft zu durchſchreiten. Der Andere, Ordonnanzoffizier Herr von war größer als ſein Gefährte, dabei ſchlank, und wenn er ebenfalls auf und ab ſchritt, ſo that er dies mit alle . 8 Erſtes Kapitel lichen Zeichen der Ungeduld. Er hatte ein ausdrucksvolles Geſicht, deſſen Farbe faſt zu dunkel geweſen, wenn nicht das ſchwarze glänzende Haar ſo vortrefflich dazu gepaßt hätte. Die Augen waren keck und lebhaft, und den Schnurrbart trug er wohl deshalb ſo außerordentlich ſtark empor gedreht, um ſeinen kleinen Mund zu zeigen, ſo wie die ſchneeweißen wohlgeformten Zähne. Wie wir ſchon bemerkt, ging er ebenfalls, und zwar an der Seite der Fenſter, auf und ab; doch war das kein gleichförmiges Dahinſchreiten. Jetzt that er ein paar haſtige Schritte, dann wandte er ſein Geſicht, einen Augenblick ſtehen bleibend, nach dem Hofe zu, betrachtete hierauf ſeinen Ge⸗ fährten, warf den Kopf heftig von einer auf die andere Seite, biß ſich zuweilen auf die Lippen, und ſtrich den Schnurrbart in die Höhe, zuweilen ſummte oder pfiff er auch leiſe die Melodie irgend eines beliebigen Liedes, aber immer nur ein paar Takte, die mit einem laut ausgeſtoßenen A⸗a⸗ a⸗ahl ſchloſſen, und an welche gewöhnlich die Bemerkung angehängt war:„So ein Sonntag Nachmittag hier in dem verwünſchten Schloſſe iſt doch von einer bodenloſen Lange⸗ weile!“ 4 Der Kammerherr lächelte dazu ſanft in ſich hinein und ſagte vielleicht:„Ja, ja, ich habe auch ſchon Amuſanteres ahhte „Wenn ich nur dein Temperament hätte,“ fuhr Herr von Fernow nach einer Pauſe fort, wobei er ſo plötzlich ſtehen — beginnt langweilig. blieb, daß die Scheide ſeines Säbels mit den Schnallen ſeines Ledergehänges zuſammenklirrte,„wahrhaftig ich wüßte nicht, was ich an ſolchen Dienſttagen, wie der heutige, darum gäbe.“— „Auch an andern könnte dir ein bischen mehr Ruhe nicht ſchaden,“ meinte Herr von Wenden;„du biſt ein guter Kerl, aber das kocht und ſiedet und ſprudelt immer, und um in meinem Küchengleichniß fortzufahren, läuft es zuweilen über, nicht gerade zur Annehmlichkeit deiner Umgebung.“ „A⸗a⸗a⸗ah!“ machte der Ordonnanzoffizier, und da⸗ bei dehnte er ſich wie einer, der eben aus dem Schlafe erwacht. Du mußt dir angewöhnen,“ fuhr der Kammerherr fort,„über die Langeweile Herr zu werden, du biſt nun einmal bei Hof, und wenn du hier auf dieſem glatten Boden was werden willſt, ſo darf man dir keine Lange⸗ weile anmerken, und wenn du einmal vier Wochen lang 4 wie heute im Dienſt wäreſt, eine Beſchäftigung, die aller⸗ dings ihre langweiligen Seiten hat... „So lehre mich die Langeweile verjagen!“ rief der Andere ungeduldig;„entweder verſtehſt du in der That dieſe Kunſt, oder du biſt ein ausgemachter Heuchler; denn ſchon ſeit faſt einer Stunde läufſt du jetzt auf und ab, auf dem Geſicht inneres Vergnügen, ja mit einem Wohlbehagen, das mich zur Verzweiflung bringen kann.—— Gibt es — in der That etwas Langweiligeres, als der heutige Sonntag⸗ 10 crſtes Kapitel Nachmittag? Liegt das Schloß nicht ſo ſtill, wie ein aus⸗ geſtorbenes Kloſter? Dort in dem verfluchten Hofe läßt ſich keine Menſchenſeele ſehen, ja, ich verſichere dich, die Katzen fürchten vor Langeweile zu krepiren, deshalb bleiben ſie auf ihren Dächern und keine wagt ſich herunter.—— Sage mir, womit verbringſt du deine Zeit?“ „Ich denke über dies oder jenes nach,“ antwortete der Kammerherr;„und dabei verliere ich mich in Reflexio⸗ nen und Kombinationen, daß mir die Zeit ſo ziemlich leidlich vergeht.“ Der Adjutant hatte in ſeinem Spaziergange innegehal⸗ ten und ſich mit allen Zeichen der Ungeduld in einen der Fauteuils geworfen, und beſchäftigte ſich, indem er mit den Fingern auf den vor ihm liegenden Papieren trommelte. „So theile mir denn um's Himmelswillen etwas von deinen Gedanken mit,“ rief er nach einer Weile;„wenn ſie nämlich für mich genießbar ſind. Wahrhaftig du biſt beneidenswerth um das Talent, dich ſo allein unterhalten zu können.“ 3 „Und dabei profitire ich; denn in ſolchen Stunden faſſe ich oftmals die beſten Entſchlüſſe, und wenn ich ge⸗ rade dergleichen nicht vorhabe, ſo unterhalte ich mich mit meinen Phantaſien, baue Luftſchlöſſer und berathſchlage mit mir ſelbſt, was, wenn dieſer oder jener Fall eintreten würde, wohl am beſten zu thun ſei.“ „Ja, das muß wahr ſein,“ ſagte der Andere mit beginnt langweilig. einem tiefen Seufzer.„Du biſt ein umſichtiger Menſch, dn wirſt es weit bringen. Nun, eins mußt du mir verſpre⸗ chen: wenn du einmal Miniſter des Hauſes biſt, ſo laß mir irgend einen lumpigen Orden zukommen; denn wenn ich keinen Freund habe, der ſich meiner ſpeciell annimmt, ſo komme ich doch nicht⸗ zu einer Auszeichnung. Ich habe eben kein Glück.“ Der Kammerherr lächelte ſtill in ſich hinein, ſtreichelte ſanft ſeine Naſe und blies alsdann ein Stäubchen fort, das ſich auf der Goldſtickerei ſeines Aermelaufſchlages angeſetzt hatte. Darauf ſagte er: „Kein Glück haben, das iſt ſo eine Redensart, die man hundertfältig und meiſtens mit großem Unrecht ausſpricht.“ „Nun, du willſt doch nicht ſagen, daß ich vom Glück begünſtigt bin, ich, Fernow, deſſen Vater vor wenigen Jahren noch allmächtiger Miniſter an dieſem Hofe war?“ „Fernow,“ fuhr der Kammerherr kopfnickend fort, „ein Cavalier in der ſchönen Bedeutung des Wortes, jung — liebenswürdig— ohne dir Komplimente machen zu wollen,“ ſetzte er lächelnd mit einem Seitenblick hinzu;„denn du kannſt auch unausſtehlich ſein.— Dabei ein tüchtiger Offizier—.“ „Meinetwegen alles das!“ rief der Andere unge⸗ duldig dazwiſchen;„der jetzt ſchon eine halbe Ewigkeit dient * und es kaum zum Ordonnanzoffizier gebrach hat, * 12 4 Erſtes Kapitel rend jüngere Kameraden ſchon längſt wirkliche Adjutanten ſind. Hol' der Teufel ein ſolches Glück!“ „Wenn du nicht gleich immer oben hinaus wärſt,“ entgegnete Herr von Wenden mit großer Ruhe,„ſo würde ich dir mit außerordentlichem Vergnügen meine Theorien von der Geſtaltung des Glückes mittheilen, aber ich fürchte, dir iſt das langweilig.“ „Wenn das iſt,“ ſagte Herr von Fernow,„ſo wirkt es vielleicht homöopathiſch, und wir ſchlagen die Langeweile mit der Langeweile.“ „Ich danke für die gütige Bemerkung.“ „Ohne Rancune; ich bitte dich, laß mich deine Anſich⸗ ten hören.“ Der Kammerherr war in der Nähe des Kamins ſtehen geblieben, hatte ſeinen Hut auf das Geſims deſſelben ge⸗ legt und ſich mit dem Rücken daran gelehnt. „Du ſagteſt vorhin,“ begann er:„„Ich habe kein Glück,“„und, wie ſchon bemerkt, iſt das eine Aeußerung, die man hundertfältig hört, die aber vollkommen unrichtig iſt. So gut es allerdings bevorzugte Menſchen gibt, denen das Glück ſo zu ſagen im Schlafe kommt...“ „Ja, denen die gebratenen Tauben ins Maul flie⸗ gen.“ „Ganz richtig, die ſelbſt, wenn ſie ſtürzen, wie die Katze immer auf ihre Füße fallen und, ausgleitend, die 5— Treppe hinaufrollen; ebenſo gibt es auch ſolche, die das „ beginnt langweilig. Schickſal beſtändig gegen den Strich zu kämmen ſcheint, die ſich alles mühſam erringen müſſen, denen nichts gelingt ohne große Mühe und Arbeit, kurz, die, wie du ie fagen „ beliebſt, kein Glück haben.“ „Ich kenne einen ſolchen,“ ſagte Fernow finſter,„und das wirſt du mir zugeben. Kommt einmal eine Gelegen⸗ heit, ſich auszuzeichnen, ſo bin ich verhindert, dabei zu ſein. Iſt irgendwo in einem Regiment ein gutes Avancement, ſo kannſt du hundert gegen eins wetten, daß es nicht das meinige iſt. Haben wir Beſuch von fürſtlichen Perſonen, ſo kann ich nicht dazu kommandirt werden, weil ich gerade Dienſt beim Allergnädigſten habe. Eben ſo iſt es mit Rei⸗ + ſen an fremde Höfe; ich weiß wohl, man hat nichts gegen 3 mich, aber das Schickſal will, daß ich immer übergangen werde. Andere bekommen Orden und ſehen die Welt, ich bekomme gar nichts und darf mir dagegen die Wände des Stallhofes dort, und meiſtens dann betrachten, wenn irgend⸗ 4 wo ſonſt draußen was Angenehmes los iſt. Heute iſt der Hof nach Eſchenburg, und ich hatte mich darauf gefreut, ich verſichere dir, ich hätte auf meinem Rappen gar nicht ſchlecht ausgeſehen,— ach! und es hätte mich gerade jetzt glücklich gemacht, gut auszuſehen!“ fuhr er mit einem Seufzer fort.„Was geſchieht? Seine Hoheit, der Regent, findet es angemeſſen, daß ihn die verjährte Wunde ſchmerzt, und ich— muß, hol mich der Teufel zu Hauſe bleiben. „Und ich?“ fragte lächelnd der Kammerherr. — —— 414. Erſtes Kapitel „Allerdings, du auch. Aber dir macht es kein Vergnü⸗ gen, mit irgend einer alten Hofdame im Wagen zu ſitzen. Ol ich ſage dir,“ fuhr er ergrimmt fort,„wenn ich daran denke, daß ich jetzt durchs duftige Grün reiten könnte, viel⸗ leicht an ihrer Seite, denn auch für die junge Herzogin und ihre Damen ſind Pferde hinausbeſtellt, ſo möchte ich gradezu des Teufels werden!“ Bei dieſen Worten ſprang er in die Höhe und eilte ſporenklirrend unde ſäbelraſſelnd mit heftigen Schritten auf und ab, daß es in dem weiten Gemach auf allen Seiten widerhallte. Nachdem er ſo einigemale bei dem Kammer⸗ herrn, der ihm lächelnd zuſchaute, vorbeigerast war, blieb er wieder plötzlich vor ihm ſtehen, ſtreckte ihm beide Hände entgegen und ſagte mit einem bittern Lächeln: „Und dann willſt du mir noch verbieten, daß ich von mir als von jemandem ſpreche, der gar kein Glück hat?“ „Allerdings,“ entgegnete der Andere hartnäckig,„von dir und von jedem andern glaube ich das Gegentheil. Das Glück iſt da; es umſchwebt jeden Menſchen...“ „Wo, wo?“ rief Herr von Fernow mit komiſchem Zorne; „ich will Tag und Nacht mit beiden Händen um mich fnf ſen, umnes endlich einmal zu ergreifen.“ „Das wäre vielleicht ſo ein Mittel,“ meinte lächelnd Herr von Wenden;„aber glaube mir, meine Theorie iſt ichtig; das Glück umſchwebt, umtanzt, umgaukelt uns, den Einen freilich mehr, den Andern weniger, und wenn ich dir — beginnt langweilig. von deiner Bemerkung, indem du von Leuten ſprachſt, die kein Glück haben, etwas zugeben will, ſo iſt es das, daß leider die meiſten Menſchen ſo unglücklich ſind, den rechten Augenblick zu verpaſſen, wo ſie zulangen müßten.“ „Nun, das kommt am Ende auf Eins heraus,“ ſagte kopfſchüttelnd der Ordonnanzoffizier, worauf er, nach einem Blicke in den Spiegel, einige Verſchönerungsverſuche bei ſich anſtellte, den Schnurrbart in die Höhe drehte und ſeiner ohnedies langen und ſchlanken Taille noch dgdurch nachhalf, daß er Schärpe und Säbelkuppel, ſo viel als irgend möglich war, auf die Hüften hinabdrückte.* An dem Kammerherrn war unfehlbar ein Profeſſor zu Grunde gegangen, denn er lehnte, um ſeine Theorie weiter auszuführen, ſo behaglich am Kamine, wie jener am Katheder, und blickte ſo aufmerkſam in das faſt leere Ge⸗ mach hinein, als habe er ein Auditorium von vielleicht hundert Perſonen vor ſich. Auch hob er ſeine Hände em⸗ por und legte den Zeigefinger der rechten bedeutſam an den Daumen der linken, um die Beweisgründe für ſeine Theorie vermittelſt der fünf Finger numeriren zu können. „Alſo, wir waren beim Zugreifen,“ ſagte er. „Nur nicht blöde! Das iſt allerdings bei Hofe eine wichtige Regel.“ „Die Zeit, wo uns Fortuna lächelt, und ſie lächelt jedem Menſchen, würde ich mir alſo erlauben, den Augen⸗ blick des Glückes zu nennen; denn leider verweilt es ge⸗ — Erſtes Kapitel wöhnlich nicht lange bei uns, es huſcht rechts, links, oben, unten bei uns vorbei. Deshalb im richtigen Moment zu⸗ greifen!“ „Ja, zugreifen!“ wiederholte lachend der Ordonnanz⸗ offizier, indem er mit der Rechten in der Luft eine Bewegung machte, als wollte er eine Fliege fangen.„Fang' einer die unſichtbare Göttin!“ „Allerdings will es das Mißgeſchick,“ fuhr der doci⸗ rende Kammerherr ruhig fort,„daß man, um in meinem Vortrage zu Punkt zwei zu kommen, daneben tappt;“— bei dieſen Worten hatten ſich beide Zeigefinger ſeiner Hände vereinigt—„und es iſt wahrhaftig oft gerade, als ob es Menſchen gäbe, die ein Talent dazu hätten, dem Glück auf die geſchickteſte Art auszuweichen. Es erſcheint dir links...“ „Und ich wende mich rechts,“ ſagte Herr von Fernow. „Richtig. Es erſcheint dir rechts..“ „Und ich greife nach links, o, wir kennen das!“ „Vollkommen Lichtig.— Es ſtellt ſich dir gerade in den Weg, und, weiß der liehe Himmel, in demſelben Augenblick fällt es dir ein, dich umzudrehen, zurückzutreten, und ſo dem Glücke, das mit ausgebreiteten Armen auf dei⸗ nem Pfade ſteht, den Rücken zuzuwenden. Ja, es legt ſich dir vor die Füße; aber, anſtatt es aufzuheben, wähnſt du vor dir einen tiefen Graben zu ſehen und ſchreiteſt mit einem. ungeheuren Schritte darüber hinweg.“ beginnt langweilig. „Das iſt leider Gottes nicht ganz unrichtig!“ rief der Andere;„doch iſt deine Theorie offenbar darauf ein⸗ gerichtet, die Leute verrückt zu machen. Geh' mir mit dei⸗ nem Philoſophiren; es iſt mir ein viel behaglicheres Gefühl zu wiſſen: Ich habe einmal kein Glück, als zu glauben, es gaukle um mich her, unſichtbar, unerreichbar, wobei ich mir jeden Augenblick den Vorwurf machen muß: Hätteſt du ſtatt rechts— links gegriffen, hätteſt du dies gethan oder jenes unterlaſſen, ſo würdeſt du jetzt das Glück in deiner Hand haben. Ah! Das iſt ein unerträglicher Gedanke und könnte einen Menſchen wirbelig machen.“ Der Kammerherr war eben im Begriff mit dem Zeige⸗ finger der Rechten auf den Mittelfinger der Linken überzu⸗ gehen, als ſich eine der Flügelthüren geräuſchlos, faſt geſpen⸗ ſterhaft, von ſelbſt zu öffnen ſchien, ſo daß ſich erſt, als beide Flügel weit offen ſtanden, der dienſtthuende Kammer⸗ diener zeigte, ein großer, gutgewachſener Mann, auf dem Geſicht ein ewiges Lächeln, mit ſanft geſpitztem Munde, und Augen, die, ſo lange er ſich im Dienſte befand, in Glück und Freude zu ſchwimmen ſchienen. Er blickte nach der Uhr, welche über der Thür angebracht war, und ſagte unter einem ſanften Lächeln: „„Seine Hoheit, der Regent, machen ſo eben einen kleinen Gang in den Park, werden auch vor der Tafel nicht zurückkehren, was ich mir hiermit erlaube anzuzeigen, und die ganz gehorſame Bemerkung hinzuzufügen, daß es vielleicht für die Herrſchaften Hackländer. Der Augenblick des Glücks. 1I. 2 4 ——— Erſtes Kapitel angenehmer wäre, jetzt ſchon in den Speiſeſaal zu treten, als hier im Hinterzimmer vergeblich zu warten.“ Indem er das ſagte, machte er eine demüthige, lang an⸗ dauernde, tiefe Verbeugung, wobei er ſich ſchüchtern die Hände rieb, damit eine ſcheinbare Verlegenheit affectirend. „Das iſt ein guter Rath, Herr Kindermann,“ ſprach der Ordonnanzoffizier, indem er ſeinen Federhut ergriff;„vom Speiſeſaal hat man doch eine Ausſicht auf den Schloßplatz, man ſieht Sonne und Menſchen, grüne Bäume und die fernen Berge, an denen Eſchenburg liegt.“ Das letztere ſagte er leiſe und mit einem gelinden Seufzer. „Es iſt doch fabelhaft“ lachte der Kammerherr,„wie dich ein einigermaßen ernſtes Geſpräch ennuyirt! Und ich verſichere dir, du hätteſt etwas aus meinem Vortrage ler⸗ nen können.“ „Das will ich auch noch thun, gewiß und wahrhaftig,“ ſagte der Ordannanzoffizier;„aber jetzt komm' aus dieſem ſtillen, trübſeligen Zimmer in den Speiſeſaal, da werde ich viel em⸗ pfänglicher ſein für die tiefen Gedanken, die du mir ſo groß⸗ müthig preisgibſt.“. Lächelnd, aber doch achſelzuckend nahm der Kammer⸗ herr ſeinen Hut von dem Kamingeſims, und der Kammer⸗ diener Kindermann, der zuerſt verſtohlen eine Priſe genom⸗ men und ſich dann, wie ſelbſt erſchrocken über dies große Ver⸗ gehen, eilfertig die Naſe gewiſcht, ging mit ſehr erhobenem vielleicht ein Diener, eine Katze, oder vor den Fenſter ein beginnt langweilig. Kopfe auf die Ausgangsthür zu, öffnete dieſelbe weit und machte eine tiefe Verbeugung, als die Herren in das Veſti⸗ bule hinaustraten.. Hier ſaß auf einem Banquet in der Ecke ein einſamer La⸗ kai, der, niedergedrückt von Stille und Langeweile, ſanft ent⸗ ſchlummert war, jetzt aber, beim Hören der herannahenden Schritte, ſo eilfertig aufſprang und ein ſo grinſendes Geſicht machte, als habe er ſich auf's Lebhafteſte mit den intereſſan⸗ teſten Dingen der Welt unterhalten, und als ſei es ihm gar nicht eingefallen, das Auge zum Schlaf zu ſchließen. Als ihn aber die beiden Herren hinter ſich gelaſſen hatten, gähnte er ſtark, dehnte und reckte ſich, und brummte mißmuthig in ſich hinein: „Nicht einen Augenblick Ruhe hat man in dem Schloß!“ Darauf ſank er wieder auf das Banquet zurück und ſetzte unter tiefen, ſchnarchenden Tönen ſeine Betrachtungen von vor⸗ hin fort. Am Ende des Veſtibules trafen die beiden Herren auf einen einzelnen Cavalleriepoſten, der ebenfalls ſchläfrig auf⸗ und ab⸗ ſpazierte und nicht einmal mit der gewöhnlichen Energie ſeinen Säbel anzog. Es lag aber auch eine wahrhaft drückende Ruhe auf dem Schloſſe; die Stille und die Langeweile tönten ordentlich. In den weiten Gängen und auf den breiten Treppen entdeckte man ſelten ein lebendes Weſen, und wo ſich in weiter Entfernung — — 20 Erſtes Kapitel Vogel blicken ließ, da ruhte der erſtere jedenfalls mit aufge⸗ ſtütztem Kopf an der Fenſterbank, die Katze lag ſchlafend in einem kleinen Fleckchen Sonnenſchein, und der ſonſt ſo muntere Vogel ſaß draußen auf dem zackigen Geſims ſtill, faſt unbe⸗ weglich, mit geſenktem Kopfe, als finde ſelbſt er es hier un⸗ erträglich langweilig. Die einzige Spur von Leben ließ hie und da die Katze bemerken, denn zuweilen öffnete ſie träge ihr blinzelndes Auge und ſchmachtete, vielleicht mit unterſchied⸗ lichen Gedanken an eine fette Beute, nach dem Vogel hin. Wenn aber auch beide nicht durch die Glasſcheibe getrennt geweſen wären, hätte die Katze wahrſcheinlich doch nicht ihre Sieſta unterbrochen, um einen Sprung nach der ſicheren Beute zu thun. Sie dehnte ſich ſchnurrend und ſchien dann wieder. in feſten Schlaf zu fallen. Wenn auch die Teppichſtreifen in den Corridors den Klang der Schritte der Beiden dämpften, ſo tönten doch der klirrende Säbel des Einen und das gelinde Huſten des Andern ſo laut und nachhaltig, daß es in der That erſchreckend war. Aus die⸗ ſem Corridor traten ſie in weite Säle, wo von den Wänden aus ſchweren Goldrahmen nachgedunkelte, faſt ſchwarze Land⸗ ſchaften herabblickten, wo in den Ecken uralte, ernſthafte Vaſen ſtanden, und wo es ebenfalls ſo ſtill und feierlich war, daß das Lächeln einer marmornen Venus in dieſer Umgebung völlig un⸗ natürlich erſchien. Endlich erreichten die Beiden Gänge und Zimmer auf der weſtlichen Seite des Schloſſes gelegen, wo es ſchon ungleich 3 beginnt langweilig 21 freundlicher und behaglicher ausſah; hier drang zu den gro⸗ ßen Fenſtern die Nachmittagsſonne herein, vergoldete und be⸗ lebte Alles und munterte ſelbſt den ſchweren Staub in den Zimmern zur Luſtigkeit auf; denn, wo ein dünner Sonnen⸗ ſtrahl ſchief zu einer Oeffnung hereinſiel, da tanzten Millio⸗ nen von Staubatomen vergnügt durch einander. Hier hingen auch in einer langen Gallerie die Ahnen des Herrſcherhauſes, und die glänzenden Streiflichter machten ſich ein Vergnügen daraus, die alten, ernſten Herren auf eigenthümliche Art zu karrikiren. Dort brannte ein heller Fleck auf den dunkeln Wangen des Kriegsmanns, hier war ein Geſicht zur Hälfte ſcharf beleuchtet und ſchien dadurch auf einer Seite zu lächeln. Dort ſah man nur einen glänzenden Kopf, wie in dunklem Beiwerk ſchwebend, und in einer Ecke gegenüber bemerkte man einen hellen, funkelnden Harniſch. Das Haupt aber lag ſo im Schatten, daß der alte, ehrwürdige Fürſt völlig kopflos erſchien. Die beiden dienſtthuenden Herren näherten ſich jetzt der Thür des Speiſeſaals, welche ſich, trotz ihrer geräuſchloſen Schritte, und wie von ſelbſt ihnen öffnete. Doch muß der ge⸗ neigte Leſer nicht an Zauberei glauben; wie anderswo überall, befinden ſich auch hier in den Thüren Schlüſſ ellöcher, welche von den betreffenden Lakaien aufs Emſigſte benutzt werden, um die Annäherung irgend einer wichtigen Perſon zu erſpähen. Es iſt das namentlich in bedeutſamen Augenblicken wie ein gut einge⸗ richteter Telegraphendienſt; an beiden Seiten des betreffinden — — 22 Erſtes Kapitel beginnt langweilig. —— E— ——— Saales wird mit Thürſpalt und Schlüſſelloch gearbeitet; ein 8 leiſer, bezeichnender Huſten, oder irgend eine Handbewegung 6 unterrichtet die im Saale Befindlichen von der Ankunft dieſer und jener Perſon, und wenn dieſe nun ſelbſt durch die weit⸗ geöffnete Thür eintritt, ſo ſtehen ein gut geſchulter Kammer⸗ diener und brauchbare Lakaien ſcheinbar unbefangen, und wie von den Ankommenden völlig überraſcht, in den verſchie⸗ denen Ecken. 6 4 3 — Zweites Kapitel. Ein kleiner Papierſtreifen. Der Speiſeſaal, ein großes, einfach nur mit Gold und 1 Weiß dekorirtes Gemach, lag an dem großen Platze, der ſich vor dem Schloſſe ausbreitete, und von ſeinen hohen Fenſtern 4 hatte man, da das Schloß auf einer kleinen Anhöhe lag, eine weite Ausſicht auf die Stadt, ſowie auf die Gegend rings um⸗ her bis zu den maleriſch geformten Bergen, die den Horizont begrenzten. Herr von Fernow trat ſogleich an eines der Fen⸗ ſter und ſchmachtete, wie ſich der Kammerherr auszudrücken be⸗ 5 liebte, nach dem Gebirgszuge hin, ohne vor der Hand dem regen 1 — Treiben auf dem Schloßplatz und in den angrenzenden Straßen, 4 dem Gewühle von Menſchen und Equipagen irgend eine Auf⸗ 2. merkſamkeit zu widmen. Im Saale waren Tafeldecker, Kammer⸗ diener und Lakaien beſchäftigt, der reichen Tafel die letzte Voll⸗ endung zu geben. Der große vergoldete Auſſatz, der bei be⸗ deutenden Diners erſchien, wurde mit friſchen Blumenbouquets bedeckt, und als das geſchehen war, bot die Tafel mit ihren 24 Zweites Kapitel. Maſſen funkelnden Silbers und glänzenden Kryſtallbatterien, auf den ſchneeweißen Damaſt geſtellt, einen wahrhaft reichen und erfreulichen Anblick dar. Herr von Wenden war zu dem Ordonnanzoffizier getreten und ſagte ihm:„Mir iſt das Durcheinanderlaufen der Diener⸗ ſchaft, überhaupt die Zurüſtung zur Tafel unangenehm; und da du, theuerſter junger Mann, auch Cavallerieoffizier, die Berge vom Nebenſaale aus ebenſo gut betrachten kannſt, ſo laß uns dorthin, mein Geliebter, ziehn. Es iſt da in der That be⸗ haglicher, und auch unſer Platz, wenn ſich ſpäter der Hof verſammelt.“ „Ich weiß wohl,“ entgegnete lächelnd der Ordonnanz⸗ offizier,„weßhalb dir um den Saal da nebenan zu thun iſt; du willſt mir wahrſcheinlich deine Theorie vom Augenblicke des Glücks noch näher entwickeln. Wenn ich nicht irre, ſo wurden wir am dritten Punkt unterbrochen.“ Der Kammerherr zog ſcheinbar ernſthaft ſeine Augenbrauen in die Höhe, ſpitzte den Mund und erwiederte: „Du biſt in der That ein undankbares Geſchöpf; ſei doch empfänglich für gute Lehren. Dank es mir, wenn ich dir die Augen öffne.“ „Damit ich mich, wenn ich deinem Rathe folge, wie eine Wetterfahne bald rechts, bald links drehe, bald hierher, bald dorthin greife, um das Glück zu erhaſchen?“ ſagte Herr von Fernow;„aber meinetwegen komm', du haſt Recht, wir befinden uns da nebenan viel behaglicher.“— * 4 Ein kleiner Papierſtreifen. 25 Damit ſchob er ſeinen Arm unter den des Kammerherrn, und Beide wandten ſich zum Weggehen. Bei dieſer Bewegung wie auf Schlittſchuhen gegen die eenzimmers; dieſe öffneten ſich ge⸗ räuſchlos vor ihnen und üſſen ſich ebenſo wieder. Das Ge⸗ mach in welchem ſie ſich efanden, war in der That ein reicher und herrlicher Salon; die Wände waren mit grauem Seidenzeug bezogen, auf welchem Meiſterwerke der Malerei* hingen; in den zwei Ecken gegenüber dem Fenſter ſtanden zwi⸗ ſchen grünen Pflanzen und duftenden Blüthen kleine herrliche Marmorſtatuen, und vor dem Kamine aus weißem carrariſchen Marmor befand ſich eine Art kleiner niedlicher ſpaniſcher Wand, 4 das Geſtell von Paliſander und die Felder ebenfalls aus ſchwe⸗ rem grünen Seudenzeuge, auf welche Flächen eine kunſtreiche Hand zierliche Arabesken geſtickt hatte. Auf dem Boden breitete ſich ein dicker Smyrnateppich aus, in den der Fuß des darauf Wandelnden ordentlich einſank.— Das Ameublement beſtand f ebenfalls aus dem gleichen Holz wie die ſpaniſche Wand, und 4 hier ſah man Tiſche, Etageren mit koſtbar eingebundenen Bü⸗ 8 glitten ein paar der Laka — großen Flügelthüren des chern und Albums, Seſſel und Fauteuils der verſchiedenſten 3 Größe und Geſtalt. In Allem aber, was ſich hier befand, 2 herrſchte ein ſo feiner und zarter Geſchmack, ein ſo ſinniges Ar⸗ rangement, daß unverkennbar der Geiſt und die Hand einer Dame hier thätig ſein mußten. Und ſo war es auch. Dieſes Gemach verband den Speiſe⸗ aal mit dem Appartement der Prinzeſſin Eliſe, der Schwägerin Zweites Kapitel. 8 des kürzlich verſtorbenen regierenden Herzogs. Die verwittwete Herzogin bewohnte den ſüdlichen Flügel des Schloſſes, und im Parterreſtocke, wo unſere Geſchichtebeginnt, waren die Gemächer des Regenten, der, ein Onkel des verſtorbenen Herzogs, im jetzigen Augenblicke das Haupt der Familie und der Herrſcher des Landes war. Wir ſagen: im jetzigen Augenblicke; denn die verwittwete Herzogin befand ſich in intereſſanten Umſtänden und die wichtige Frage war, ob die arme, unglückliche Frau einem Prinzen oder einer Prinzeſſin das Leben geben würde; im erſten Fall war ein rechtmäßiger Thronerbe da, im andern dagegen wurde der Regent dem ſaliſchen Geſetz zufolge, regierender Her⸗ zog des Landes. Daß unter dieſen Verhältniſſen der Hof in zwei große Parteien geſpalten war, ja, daß dieſe erbittert und feind⸗ lich einander gegenüber ſtanden, brauchen wir eigentlich eben ſo wenig zu ſagen, als mit welch' namenloſer Spannung Land und Hof der Niederkunft der verwittweten Herzogin ent⸗ gegen ſah. Während der Ordonnanzoffizier an's Fenſter trat, um jetzt auch dem Gewühl auf dem Schloßplatz einen Blick zu ſchenken, blieb der Kammerherr an der geſchloſſenen Thür ſtehen, ſtemmte beide Arme in die Seiten und ſagte, bedeutſam mit dem Kopfe nickend: „So oft ich dieſes Zimmer in der jetzigen ſchweren Zeit betrete, ſehe ich immer Ihre Durchlaucht, die Prinzeſſin Eliſe vor mir, wie ſie auf⸗ und abwandelt und in ihrem kleinen, aber Ein kleiner Papierſtreifen. 27 ſehr geſcheuten Kopfe Plane und Entwürfe ausbrütet. Es iſt ein Jammer, daß ſie eine Dame und kein Mann iſt, ich ſage dir, Felix, das iſt ußßer An ihr hätten wir einen ganz prachtvollen Herzog.“ „Ja, ja, das wär dir ſchon erwünſcht,“ entgegnete der Ordonnanzoffizier,„und dann brauchteſt du nicht mehr lange nach dem Glück zu greifen. Die Prinzeſſin will dir außerordent⸗ lich wohl.“ „Nicht außerordentlich;— doch kennt ſie meine Anhäng⸗ lichkeit.“ „Das iſt auch eine von den böſen Geſchichten an dieſem Hofe. Man weiß in der That nicht, zu wem man halten ſoll. Iſt man dort zu freundlich, macht man ſich hier mißliebig, oder umgekehrt. Weißt du auch,“ fuhr Herr von Fernow fort, indem er ſich raſch herumwandte,„was ich davon habe, daß ich als Ordonnanzoffizier im Vorzimmer Seiner Hoheit ſtehen darf?“ 1 „Nun, was wirſt du davon haben?“ „Davon habe ich, daß mich Ihre Durchlaucht, die Prin⸗ zeſſin Eliſe, nicht allzu freundlich behandelt.— Nun, das wech⸗ ſelt, und ließe ſich am Ende noch ertragen; aber glaubſt du wohl, Eduard, daß das auch auf mein Verhältniß zur—“ der Kammerherr ſah fragend und mit einem eigenthümlichen Lächeln in die Höhe.—„Nun ja, Verhältniß ſollte ich eigentlich nicht ſagen; ich meine, daß dieſe Ungnade auf meine Liebe zu Fräu⸗ lein von Ripperda bedeutend influirt.— Schüttle nicht deinen 8 28 Zweites Kapitel. blonden Kopf;— alle Teufel! ich weiß, was ich fühle und ſehe.— Nicht wahr, der Oberſtjägermeiſter wurde eigens zur Partie nach Eſchenburg eingelade bgleich er nichts dabei ver⸗ loren hätte. Ich habe eigentlich nicht nüthig es dir zu ſagen, umſichtiger Kammerherr. Wenn man einen arn. Ordonnanz⸗ offizier protegiren will, ſo braucht man nur nach dem Frühſtück ungefähr ſo zu ſprechen: Sie werden doch auch mit uns reiten?— Hätte das die Prinzeſſin Eliſe geſagt, ſo wäre ich vor den Re⸗ genten hingetreten und hätte ihm zu verſtehen gegeben, ich ſei zur Partie befohlen worden.“ „Daran iſt was Wahres; doch warſt du vielleicht gegen die Prinzeſſin nicht liebenswürdig genug; oder haſt dem Oberſt⸗ jägermeiſter boudirt, oder gar zu ſüße Augen gegen Fräulein von Ripperda gemacht. Das war vielleicht ein Augenblick des Glücks, den du verſäumt.“ „Hol dich der Teufel mit deinen Augenblicken des Glücks!“ entgegnete unmuthig der Offizier,„wenn es ſo ſchwer iſt, daſſelbe zu faſſen— ſo werde ich es niemals erlangen,“ ſetzte er ſeuf⸗ zend hinzu. Der Kammerherr wackelte mit dem Kopfe hin und her, wie eine indiſche Pagode.„Hm, hm,“ machte er;„ja, ja, feeilich, freilich. Ich ſage dir, Felix, in den merkwürdigen 5 Verhältniſſen, in denen wir uns grade befinden, könnte das Gluch wohl geneigt ſein, ſich dieſem oder jenem völlig zu⸗ dringlich zu nähern. Man muß nur klug ſein und keine Fehltritte thun.“ Ein kleiner Papierſtreifen. 29 „Was die Klugheit anbelangt,— da ſteh' ich dir aller⸗ dings nach.“ „O, du verſtehſt j einen Vortheil.“ 1 „Nicht beſonders. ich dir wiederholen, was ich meinem Standen meinen aahren nach ſein könnte, und was ich bin?“ Der Andere zuckte mit den Achſeln. 3 1 „Allerdings,“ ſagte er nach einer Pauſe;„aber warum,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu,„biſt du nicht ſchon längſt meinem Winke gefolgt und haſt deine volle Ergebenheit der Her⸗ zogin zu Füßen gelegt?“ „Vor allen Dingen bin ich Soldat und Offizier, wortete Herr von Fernow verdrießlich,„und als ſolcher kann ich nur Einen Herrn anerkennen.“ „Gott bewahre uns auch vor zweien!“ „Seine Hoheit, den Regenten, meinen Fürſten und Ge⸗ neral.— Wenn du aber deßhalb glaubſt,“ fuhr der Offizier fort, indem er auf etwas verächtliche Art den Kopf zurückwarf, „ich miſche mich aus dieſem Grunde in eure Intriguen, und ſei zu dieſem Zwecke bereit, für eine oder die andere Partei zu ar⸗ beiten, ſo irrſt du dich ganz gewaltig. Ich thue meinen Dienſt † und laſſe an mich kommen, was kommt.“ „Wenn ich als Freund zu dir ſprechen darf, ſo wählſt du auf dieſe Art die gefährlichſte Stellung. Das Getreibe an einem Hofe gleicht einem Mühlwerke. Willſt du nicht zerrieben werden, ſo mußt du ſelbſt mitreiben. Um über den Parteien 44 ant⸗ Zweites Kapitel. zu ſtehen, dazu ſind wir zu unbedeutend; der Platz zwiſchen den Parteien iſt, wie geſagt, zu gefä ich; alſo müſſen wir uns „In deinen Worten lie körnchen Wahrheit; aber wozu ſoll ich mich entſcheiden? Wie ich dir ſchon geſagt, bin ich der Offizier des Regenten, und was die allerdings mächtige Partei der Prinzeſſin anbelangt, ſo—“ „Bietet ſie dir nichts Lockendes?“ fragte der Kammerherr mit einem lauernden Blicke. „O davon ſchweige mir!“ rief heftig der junge Offizier, „um ſie zu gewinnen, könnte ich mich am allerwenigſten dazu entſchließen, ein Parteimann zu werden. Wenn auch die Liebe gern im Verborgenen wächſt und blüht, ſo haßt ſie doch alle Winkelzüge, nach meiner Anſicht nämlich. Ich werde nun noch eine kurze Zeit geduldig abwarten und dann ſchon erfahren, wie die Freundlichkeit, mit der Fräulein von Ripperda meine kleinen Bewerbungen aufnahm, gemeint war. Spricht ihr Herz nicht für mich, nun gut, was kann ich thun?— Ich muß ver⸗ geſſen.—— Etwas Anderes wär' es freilich“, ſetzte er lebhafter hinzu;„wenn man von Seiten Ihrer Durchlaucht, wie ich faſt fürchte, gegen mich in dieſer Angelegenheit zu wirken beſchlöſſe.— Iſt man mir ſonſt nicht gnädig geſinnt, 4 was thut'’s? Ich diene ſo lang ich kann, und— gehe dann auf meine Güter.“ „Auf deine Güter?“ fragte der Kammerherr mit einem eigenthümlichen Lächeln. 4 Ein kleiner Papierſtreifen. 34 „Kennſt du denn nicht mein Landhaus auf Bergeshöh' mit den fruchtbaren Ländereien und prachtvollen Waldungen, die ich rings umher, ſo das Auge reicht— überſehen kann?— Will man im ernſtlich zu reden, Gott weiß zu welchem Zwecke, das junge Mädchen beſtimmen oder überreden, ſich von mir abzuwenden,— dann freilich — dann...“ „Danmn wärſt du vielleicht doch im Stande, dich einer Partei anzuſchließen,“ ſagte der Kammerherr, und wenn auch in dieſem Augenblicke das uns bekannte freundliche Lächeln ſeine Lippen umſpielte, ſo warfen doch ſeine Augen einen ſo lauern⸗ den Blick herüber, der jedem andern, welcher minder unbe⸗ fangen geweſen als der junge Offizier, aufgefallen wäre. „In dem Falle freilich,“ entgegnete feſt und beſtimmt Herr von Fernow.„Ich ſehe dein Lächeln und weiß, was es ſagen will. Aber glaube mir, theuerſter Kammerherr, habe ich einmal Partei ergriffen, ſo halte ich feſt dazu, ſiege mit ihr oder gehe mit ihr zu Grunde.“ Rach dieſen Worten warf er den Säbel in den Arm und ging einmal im Zimmer auf und ab. Als er wieder zu ſeinem Gefährten kam, faßte er leicht deſſen Arm, nöthigte ihn ſo, den Spaziergang mit ihm zu wiederholen und ſagte wäh⸗ rend des Auf⸗ und Abſchreitens in ſeinem gewöhnlichen freund⸗ lichen Tone: „KSiehſt du, es taugt nicht einmal, über Parteiangelegen⸗ heiten zu reden. Da hätte bald unſer Geſpräch eine unverhoffte, d 8 — Pum — 32 Zweites Kapitel. ernſte Wendung genommen. Laß mich lieber noch einiges hören von deinen Anſichten über das Glück, das iſt amuſanter und man lernt vielleicht etwas dab Während Beide ſo dah en, kamen ſie an einem kleinen Tiſchchen vorbei, das mitten im Zimmer ſtand und auf welchem ſich in einer reichen Vaſe ein überaus prachtvolles Bou⸗ quet von friſchen, lebenden Blumen zeigte. So oft ſie bei dem Tiſchchen vorüberkamen, neigte ſich Herr von Fernow darüber hin, um etwas von dem köſtlichen Dufte einzuathmen. „Was hilft es mir, wenn ich dir auch meine Theorien vom Augenblicke des Glücks wiederhole? Du biſt ein Ungläu⸗ biger, dem in dieſem Punkte nicht zu helfen iſt.“ „Möchte mich aber gar zu gern belehren laſſen“, entgeg⸗ nete Herr von Fernow lachend;„ich verſichere dich, Eduard, du haſt einen mächtigen Drang in mir erweckt, das umherſchwe⸗ bende Glück zu erhaſchen. Ich werde jetzt raſtlos um mich ſchauen und ſelbſt im allergewöhnlichſten Gedränge meine zehn Finger immer zum unverhofften Händedruck parat halten, ich werde den Worten alter Staasräthe und noch älterer Hofdamen lauſchen, ich werde Gräfinnen aus dem vorigen Jahrhundert zum Tanz auffordern, ich werde——, 3 „Du wirſt über mich ſpotten,“ ſagte der Kammerherr mit ſeinem unvergleichlichen Lächeln,„und doch habe ich Recht. Thue, wie du geſagt; ein würdiger Staatsrath, dem du vielleicht durch deine liebenswürdige Unterhaltung eine Viertelſtunde tödt: licher Langeweile verjagſt, kann dich als einen der gebildetſten Ein kleiner Papierſtreifen. 33) und geiſtreichſten Cavaliere dem Kriegsminiſter empfehlen; eine alte Gräfin, der du in ihren vorgerückten Jahren noch das Ver gnügen eines Walzers verſchaffſt, kann mit dem Regenten, Gott weiß wie, zuſammenhänge un ihm eines Tages ſagen, es ſei eine wahre Schande, daß man dich noch nicht zum Major habe avanciren laſſen.— In der That, was du im Scherz ſagteſt, glaube ich im Ernſt. Die Hauptſache iſt: nur den richtigen Augenblick nicht verpaßt, und du haſt das Glück in deiner Hand. Es naht uns oft in gar ſonderbaren Verkleidungen; ich habe einen Freund, der viel auf meine Theorien hielt und der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, das Glück zu erfaſſen. Eines Tages ſieht er vor irgend einer Kirche eine alte, ſchäbige Land⸗ kutſche in ſtrömendem Regen ſtehen, und bemerkt eine kleine Damenhand, die ſich unter dem Leder hervor vergeblich bemüht, den Schlag zu öffnen. Er eilt hinzu, reißt die Wagenthür auf, eine junge Dame ſteigt aus, er begleitet ſie unter ſeinem Regen⸗ ſchirm bis in die Kirche und nachher wieder an ihre alte Ka⸗ leſche. Siehſt du, Felix, in dem Augenblick, da er den Schlag öffnete, hatte er das Glück erfaßt. Das Mädchen war eine immenſe reiche Erbin und iſt jetzt ſeine Frau.“ „Das iſt allerdings ein ſchönes und lehrreiches Beiſpiel.“ „O, ich weiß noch vielintereſſantere, wahrhaft erſchreckende. In dem königlichen Schloſſe zu C. ſtand gegen das Ende eines Balles ein junger Kammerjunker, der ſehr viel getanzt hatte und müde war, ausruhend in einer Fenſtervertiefung. Er wäre gern nach Hauſe gefahren, eigene Equipage hatte er keine, und Hackländer. Der Augenblick des Glücks. I. 3 34 Zweites Kapitel. ich kann dir auch wohl geſtehen, daß es ihn einigermaßen in Verlegenheit gebracht hätte, ſich eine Voiture de remise anzu⸗ ſchaffen, ja es wäre ihm das im damaligen Augenblicke faſt un⸗ möglich geweſen. Da die Fenſter⸗ ſche, in der er ſtand, ſehr tief, auch Niemand von Bedeutung in der Nähe war, ſo öffnete er behutſam eine bewegliche Scheibe in dem großen Fenſterflügel und ſtreckte die Hand hinaus, um ſich zu überzeugen, ob es noch regne. Allerdings fühlte er auch ſchwere Tropfen auf ſeine Hand fallen, als er aber dieſe eben wieder hereinziehen wollte, fühlte er noch etwas ganz anderes; ein Stückchen kalten Metalls berührte ſeine Finger und als er dieſe ſchloß, hielt er einen Schlüſſel, an den mit einem kleinen ſeidenen Bande ein Papier gebunden war.— Wie gefällt dir das?“ Bei dieſen Worten blieb der Kammerherr ſtehen, ſchmun⸗ zelte vergnügt und ſtieß mit dem ausgeſtreckten Zeigefinger den jungen Offizier leicht auf die Bruſt. „Nicht ſo übel,“ ſagte dieſer. „Was du in dem Falle gethan hätteſt, weiß ich nicht,“ fuhr Herr von Wenden fort;„der Kammerjunker, der ein entſchloſſener junger Mann war, bedachte ſich nur eine Se⸗ kunde, zog den Schlüſſel ſachte an ſich, löſ'te die Schnur und bemerkte noch, wie dieſe alsdann langſam in die Höhe gezogen wurde.“ „Ein Augenblick des Glückes!“ meinte lachend der Ordonnanzoffizier. „Ein coloſſaler Augenblick! Was auf dem Papier, das Ein kleiner Papierſtreifen. 35 den Schlüſſel umgab, eigentlich ſtand, hat man nicht recht er⸗ fahren; genug der Kammerjunker wurde in kurzer Zeit Kammer⸗ herr, kam in die diplomatiſche Carriere, heirathete nicht lange darauf eine vornehme, wenn auch etwas ältere Dame und iſt 8 jetzt Gott weiß wo, Geſandter. Verſtehſt du die Moral meiner Geſchichte?“ „O, ich verſtehe die Moral vollkommen und werde 3 jetzt nach Beendigung jedes Hofballs, oder wo es nur ſonſt paſſend erſcheint, meine Hand zu irgend eiſgem Fenſter hin⸗ ausſtrecken.“ 4 Er hatte das mit einem leichten Anflug von Ironie ge⸗ ſagt, den der Andere wohl verſtand, und als ſie gerade bei dem . kleinen Tiſchchen waren, auf dem der koſtbare Blumenſtrauß ſtand, blieb der Kammerherr ſtehen, ſchüttelte leicht den Kopf und ſagte: „Trotz aller meiner ſchönen Lehren biſt du unverbeſſerlich.“ „Nein, nein, in der That!“ antwortete der Ordonnanz⸗ offizier,„du thuſt mir Unrecht. Ich fange an, deinen Theo⸗ rieen zu glauben. Nur haſt du mir ja früher ſchon zugegeben, daß Glück dazu gehört, das Glück zu erfaſſen. Ich glaube, ich könnte meine Hände ausſtrecken nach den Wagenthüren aller ſchäbigen Landkutſchen, zum Fenſter hinaus, ſo oft ich wollte, mir würde nichts in die Hand fallen.“ 4 „Bis der richtige Augenblick des Glücks erſcheint,“ ent⸗ gegnete der Kammerherr mit aufgehobener Hand.„Iſt der aber gekommen, ſo genügt dem Glück der allerunſchuldigſte Gegen⸗ 1. 3* Zweites Kapitel. ſtand, um dir, wenn auch verborgen, entgegenzutreten. Ich geſtehe dir, es liegt was Aengſtliches, etwas geiſterhaft Un⸗ heimliches in dem Glauben an meine Theorie; aber ich halte ihn feſt und unerſchütterlich und hege die vollkommenſte Ueber⸗ zeugung, daß ich, wenn einmal der richtige Augenblick gekommen iſt, das Glück erfaſſen werde, ſei es bei einer alten Landkutſche, ſei es, daß ich meine Hand zum Fenſter hinausſtrecke, ſei es, 4 indem ich mit meinen Fingern, wie ich jetzt thue, in dieſes Blu⸗ menbouquet faſſe.—— Wie geſagt, iſt d der rechte Momſent— gekommen, ſo iſt dort mein Glück verborgen, und———— ich— halte— es.—— 2— Der Ordonnanzoffizier haite ſeinen Gefährten lächelnd angeſchaut, als dieſer in einer wahren Extaſe den eben er⸗ wähnten Satz ſprach bis zu den letzten Worten. Als er aber das:„Ich halte es“ mit ſo plötzlich verändertem Tone ſagte, langſam, kaum vernehmlich, da konnte Fernow nicht umhin, jenem verwundert in das Geſicht zu blicken, denn die ohnedies blaſſen Wangen des Kammerherrn wurden faſt: erſchreckend bleich, als er die Hand in das Blumenbouquet hineindrückte, und darauf flammio eine tiefe Röthe bis zu ſeinen Augen empor. „Zum Teufel, was gibt es denn?“ fragte bei dieſem 2 Anblick Herr von Fernow.„Haſt du dich beim Ausüben deiner Theorie an einem Dorn geritzt, oder was iſt geſchehen?“ Herr von Wenden hatte unterdeſſen die Hand aus dem Bouquet wieder hervorgezogen und ſagte, indem er mühſam Diner bei Hofe. 45 coiffirt waren und zeigte ein Geſicht, von dem man im erſten Augenblicke nicht wußte, fühlte man ſich von ihm angezogen oder abgeſtoßen. Die Prinzeſſin war keine Schönheit; ſie hatte nicht einmal regelmäßige Züge, aber die Augen glänz⸗ ten voll Geiſt, und unter der kleinen faſt ſtumpfen Naſe ſah man einen Mund, der wie zum Lachen erſchaffen ſchien, und wenn er lachte, kleine, aber blendend weiße Zähne zeigte. Hatte man ſich aber an das Geſicht der Prinzeſſin einmal gewöhnt, ſo fand man es anziehend und reizend, namentlich durch die Zartheit der einzelnen Partien, be⸗ ſonders aber durch die Fülle von Geiſt und— Bosheit, die aus den dunkelblauen Augen leuchtete. Und dieſer Aus⸗ druck der Bosheit,— wohlverſtanden im guten Sinne, man könnte alſo ſagen, der Schelmerei— verrieth das Innere der Dame. Dabei hinkte ſie ein wenig, und grade dieſer Fehler war es, der ihrer ganze Figur etwas außerordent⸗ lich Pikantes verlieh; denn ſie wußte das durch ein eigen⸗ thümliches Hin⸗ und Herwiegen ihres kleinen Körpers ſo geſchickt zu verbergen, ſie wandte ſich im Geſpräch ſo raſch bald rechts bald links, und dabei ſchoſſen ihre Augen ſo durchdringende Strahlen nach allen Seiten, daß man von der ganzen Erſcheinung überraſcht, ja geblendet war. Im Vertrauen ſagten ſich die älteren Herren des Hofes, daß die Prinzeſſin ein lebhafter, allerliebſter, kleiner Kobold ſei; daß niemand ſo leidenſchaftlich und mit ſo vielem Ge⸗ ſchick intriguire, wie ſie, und daß es ihre größte Luſt ſei, Drittes Kapitel. Land und Leute, um uns eines gewöhnlichen Ausdrucks zu bedienen, hintereinander zu bringen. Jüngere Männer, die vielleicht zu tief in dies glänzende Auge geblickt, oder die ſich von dem Geiſt der Prinzeſſin mächtig angezogen fühlten, verſicherten ſeufzend, ſie ſei, wie der kleine boshafte Gott Amor, der ſeine Pfeile nach allen Richtungen hin verſchieße, um ſich hernach über das Uebel, das er angerichtet, luſtig zu machen. Dabei war ſie frei von jeder Ziererei, und trotz des Fehlers an ihrem Fuß verſtand es keine der übrigen Damen, ſich ſo ungezwungen und elegant, wie ſie, in dem größten Salon zu bewegen. Für Alles, was in ihrer Anweſenheit geſchah oder geſprochen wurde, ſchien ſie ſich wenig zu in⸗ tereſſiren, und doch entging nichts ihrer Aufmerkſamkeit, wo⸗ bei ſie es aber verſtand, den ernſteſten Geſprächen eine ſcherzhafte Wendung zu geben und ſo die Unbefangenen glauben zu machen, ſie ſei gar nicht im Stande, ſich für wichtige Dinge ernſtlich zu intereſſiren. Aber, wie eben ge⸗ ſagt, nur die Unbefangenen waren dieſer Anſicht. Wer den Hof genauer kannte, wußte, daß die Prinzeſſin Eliſe, ſo lange ihr Schwager, der verſtorbene Herzog lebte, das eigent⸗ liche Haupt der Regierung war. Daher hatte ſie es auch bitter empfunden, als nun der Onkel des hochſeligen Herrn, dem Familienſtatut gemäß, die Zügel der Regierung ergriff, und kräftig ſeinen geraden Weg ging, ohne ſich durch die Intriguen der Prinzeſſin beirren zu laſſen. Schlau, wie ſie Diner bei Hofe. 47 war, hatte ſie auch augenblicklich ihre ganze Handlungsweiſe geändert, ſtellte ſich mit dem Regenten ſcheinbar auf einen ſehr guten Fuß, knüpfte aber unter der Hand nach allen Richtungen ihre geheimen Fäden an, um ſich eine mächtige Partei des Hofes geneigt und dienſtbar zu erhalten. Wohl niemand ſah der Entbindung ihrer Schweſter mit ſo pein⸗ licher Spannung entgegen, wie ſie. Ward dieſer ein Sohn, ein Thronerbe geſchenkt, ſo hieß es nur ruhig eine Reihe von Jahren abwarten, um dann aufs Neue die Zügel der Regierung zu ergreifen, was der Prinzeſſin um ſo leichter wurde, als die verwittwete Herzogin, obgleich die ältere Schweſter, eine ruhige, ſtille und lenkbare Frau war. Obgleich es die Prinzeſſin liebte mit den geiſtreichen, ſowie auch mit den eleganteſten Männern des Hofes im fortwährenden ſcherzhaften kleinen Kriege zu leben, einem Kriege, der aber für beide Theile leicht gefährlich werden konnte; obgleich ſie ſich in jeder Beziehung mit der größten Freiheit bewegte und, von Hauſe aus ungeheuer reich, ſo zu ſagen ihre eigene Hofhaltung hatte, obgleich ſie viel in ſelbſtgewählten Kreiſen lebte und ſich ihre kleinen Geſell⸗ ſchaften und Partien ganz nach Gutdünken und mit größter Freiheit zuſammenſtellte, ſo wußte doch die ſchlimmſte aller ſchlimmen Zungen bei Hof in der angedeuteten Richtung über das Leben der Prinzeſſin nicht das geringſte Nachtheilige auszuſagen. Hinter der Prinzeſſin trat der Regent in den Saal, 48 Drittes Kapitel. ein großer, eher ſtarker als ſchlanker Mann, zwiſchen vierzig und fünfzig Jahre alt, mit einem offenen, Zutrauen er⸗ weckenden Geſichte, dem die gewölbte Stirn mit den dunkeln Augenbrauen, darunter der lebhafte Blick des Auges, vor Allem aber ein gewiſſer, nicht unliebenswürdiger Zug um den Mund einen ſtarken Ausdruck von Entſchloſſenheit und Kraft gaben. Hätte ſich das ehemals dunkle Haar nicht hie und da mit einem leichten, grauen Schimmer bedeckt, ſo würde man den Regenten für jünger gehalten haben als er in der That war. Er ſprach ſehr bedächtig und mit Nach⸗ druck, und ebenſo waren alle ſeine Bewegungen, letztere übrigens mehr aus Zwang und Angewöhnung, was daher kam, daß ihn— er hatte längere Zeit in fremden Kriegs⸗ dienſten geſtanden— der Stich eines Lanzenreiters ziemlich ſchwer an der Hüfte verwundet hatte, wovon, wenn auch keine Lähmung, doch ſo viel zurückgeblieben war, daß der Regent ſich langſam wenden, überhaupt vorſichtig bewegen mußte, um keine Schmerzen zu empfinden. Unter den Damen der Prinzeſſin befand ſich ein noch ziemlich junges Mädchen, ebenfalls ſchwarz gekleidet, welches ihre Gebieterin in Allem, was das Aeußere anbelangte, ſo total überragte, daß man nicht begriff, wie Ihre Durchlaucht ſich gerade dieſes zur beſtändigen Begleiterin und zur Ver⸗ trauten erwählt habe,— Fräulein Helene von Ripperda. Sie war in der That auffallend ſchön und dabei von einer wohlthuenden Schönheit. Ihre Augen ſprachen verſtändig, Diner bei Hofe. 49 ja geiſtreich, und wenn ſie auch zuweilen Blicke hinausſenden konnte, die Zeugniß gaben von der Wärme ihres Herzens, ſo glänzten doch meiſtens ihre Augen ruhig und angenehm. Ihr Teint war trotz der dunkeln Haare von einer außer⸗ ordentlichen Friſche und Weiße, und was vielleicht ein über⸗ aus ſtrenger Beurtheiler an dieſem Geſichte hätte tadeln können, waren etwas ſtarke Lippen, die aber dabei von den edelſten Formen in roſiger Friſche der Jugend blühten. Der Wuchs dieſes Mädchens war das Schönſte, was man ſehen konnte, und ſelbſt von den andern Damen ſo aner⸗ kannt, daß ſie bei allen Vergleichungen eine Ausnahme war. Wie oft konnte man in vertrauten Geſprächen hören, wenn von einer Taille, einer Büſte, von einem Arme die Rede war:— Ja freilich, Helene, ſie darf man da nicht nennen; ſie macht freilich eine Ausnahme. Rachdem ſich das knixende und verbeugende Heer der Hofleute endlich beruhigt hatte, um in dem allgemeinen Sturm und Drang ſeine tiefe Ergebenheit an den⸗ Tag zu legen, vielleicht auch eine einzelne alte Hofdame, ſich vom Blick Ihrer Durchlaucht getroffen glaubend, nochmals ehrer⸗ bietig in ſich zuſammenſank, oder aus der Ferne die ganz unterthänige Verbeugung eines längſt vergeſſenen Kammer⸗ herrn wetterleuchtete, während der Regent langſam im Kreiſe umherging, dieſem eine Artigkeit ſagte, jenem ein minder freundliches Wort, hier ein äußerſt gnädiges K Kopfnicken hatte, wielleicht ſogar eine wohlwollende Handbewegung, dort da⸗ Hackländer. Der Augenblick des Glücks. 1. 50 Drittes Kapitel. gegen einen tiefen Bückling mit ſehr ſteifem und förmlichen Kopfnicken beantwortete, gleich daneben wieder ganz herab⸗ laſſend, ganz leutſe elig, ganz geſprächig war, und wenige Schritte davon einen ängſtlich und erwartungsvoll ſich vor⸗ drängenden Großen oder Kleinen des Hofes um keinen Preis zu ſehen ſchien, ihn wie weſenloſe Luft behandelte, durch die man unbekümmert dahinſchreitet,— während ſo der Regent, ohne große Mühe, Vergnügte und Traurige; Entzückte und Unglückliche machte, mit Einem Worte ſeinen Cercle hielt, ließ ſich die Prinzeſſin Eliſe mit einer etwas affectirten Müdigkeit auf einen kleinen Fauteuil nieder, der in der Nähe eines der Fenſter ſtand, und rief Fräulein von Rip⸗ perda zu ſich. Dieſe beugte ſich auf ihre Gebieterin herab und ſtützte dabei ihre Rechte auf den Fauteuil, worauf die Prinzeſſin unter dem Ausdruck unverkennbaren Wohlwollens mit ihrer Hand über den ſchönen vollen Arm des jungen Mädchens herunterfuhr, und dieſe dann auf den Fingern ihrer Hofdame ruhen ließ. Zu gleicher Zeit neigte ſie den Kopf ſehr ſtark rückwärts, und winkte mit den Augen einem Herrn in ſchwarzem Fracke, der hinter dem Regenten ein⸗ getreten war. 4 Dieſer Herr war wenige Jahre jünger als Seine Ho⸗ heit, ſah aber ungleich älter aus und hatte in ſeinen Be⸗ wegungen etwas forcirt Gelenkiges, eine Manier ſich zu be⸗ wegen, durch welche ſich Manche bemühen, eine beginnende Hinfälligkeit des Körpers zu verdecken. Sein Geſicht war Diner bei Hofe. geiſtreich und nicht unſchön, doch lag ein gewiſſer Ausdruck der Abſpannung um Augen und Mund, und dabei ſpielte um den letzteren ein meiſtens höchſt fatales Lächeln, ein Lächeln, von dem man ſagen konnte, wie jener alte Oberſt zu ſeinen Reitern: wenn ich lache, ſo lacht der Teufel aus mir! Der Gerufene— es war der Oberſtjägermeiſter, Baron Rigoll— wand ſich, indem er die freundlichſten Blicke an ſeine Umgebung ſpendete und ſie auf dieſe Art bat, ge⸗ fälligſt Platz zu machen, wie ein Aal durch die Gruppen der Hofherren, Offiziere und Damen und glitſchte mit einem wahren Schlittſchuhſchritt neben den Fauteuil Ihrer Durch⸗ laucht, der Prinzeſſin. Das junge Mädchen, welches an der anderen Seite ſtand, hob in dieſem Augenblick ihren Kopf in die Höhe und während ſie ſcheinbar gleichgültig zum Fenſter hinausblickte, that ſie einen tiefen Athemzug. Ein ſehr aufmerkſamer Beobachter mußte in dieſem Augenblicke bemerken, daß eine ganz leichte Röthe auf ihren Wangen erſchien, daß ſie die vollen Lippen zuſammenpreßte und daß ſie eine Sekunde lang ſeltſam mit ihren Augen zwinkerte; und dieſer ſehr aufmerkſame Beobachter, der das in der That bemerkte, ſtand nicht weit von dem ſchönen Fräulein, durch den ſchweren Vorhang des Fenſters geſchützt, aber ſo auf⸗ geſtellt, daß ihm nicht das Geringſte von der Gruppe um den Fauteuil entging. „Es war doch heute eine ſuperbe Partie,“ ſagte die 4* 3 „ mumfm 52 Drittes Kapitel. Prinzeſſin;„in der That reizend und erfriſchend; und für die kleinen Ueberraſchungen in Ihrem Departement, dem Walde, bin ich Ihnen zu ganz beſonderem Danke ver⸗ 1 pflichtet.“ Der Oberſtjägermeiſter verbeugte ſich tief und als er den Kopf wieder erhob, warf er einen Blick auf Helene von Ripperda, welche von der Prinzeſſin durch einen leichten Druck auf die Hand vermocht worden war, den Kopf herumzuwenden. 4 „Daß Eure Durchlaucht mit dem heutigen Tage zu⸗ frieden war,“ ſprach der Baron Rigoll,„iſt eine Gnade, welche mich ganz glücklich macht. Ja, Eure Durchlaucht,“ fuhr er im erregteren Tone fort;„es war ein entzückender Tag, und wenn ich hoffen darf, für mich von den herr⸗ lichſten und glücklichſten Folgen.“ Aus den Augen der Prinzeſſin leuchtete die unverkenn⸗ barſte Bosheit, als ſie bei dieſen Worten zuerſt einen Blick auf das herrliche junge Mädchen warf und dann die in Chrfurcht gekrümmte Geſtalt des Sprechers betrachtete. „Fräulein Helene,“ fuhr dieſer fort, hielt aber unter ſeinem fatalen Lächeln inne, als ihn ein feſter Blick aus den großen Augen der jungen Dame traf. Doch nahm Ihre,Durchlaucht ſeine Rede auf und ſagte mit leiſem, aber beſtimmtem Tone, wozu indeſſen ihr liebenswürdiges Lächeln nicht ganz gut paßte:„Helene weiß, wie ſehr ich mich mit ihrem Glücke beſchäftige. Sie weiß, daß ich wie eine Diner bei Hofe. Schweſter für ihre Zukunft beſorgt bin und weiß ebenſo, wie umſichtig und prüfend ich zu handeln pflege.“ b „Gewiß, Eure Durchlaucht,“ erwiderte das junge Mädchen und beugte ſich abermals und ſo tief auf die Prin⸗ zeſſin herab, daß weder der Oberſtjägermeiſter noch der Beo⸗ bachter hinter dem Vorhange in dieſem Augenblicke ihr Ge⸗ ſicht zu ſehen im Stande war. Herr von Fernow war übrigens bei dem Cercle, den der Regent hielt, ſowie bei der kleinen Scene am Fauteuil der Prinzeſſin aus uns bekannten Gründen nicht der einzige ſcharfe Beobachter, wogegen er der Einzige war, der die Miene des Baron Rigoll verſtanden, ſowie die Worte der Herzogin gehört. Er mußte alle ſeine Ruhe zuſammen⸗ nehmen; er mußte ſich zehnmal in's Gedächtniß zurückrufen, wo er ſich befände und daß vielleicht manches Augenpaar, welches früher von ſeinen Bewerbungen um Helene etwas geſehen, jetzt ebenſo aufmerkſam auf ihm ruhe, wie ſeine Blicke auf der Gruppe an dem kleinen Fauteuil. Obgleich Herr von Wenden anſcheinend auf die unbe⸗ fangenſte Art von der Welt bald mit dieſem, bald mit jenem ſprach, ſich auch ſoviel als thunlich zwiſchen den Herren und Damen bewegte, ſo hingen doch ſeine Blicke faſt be⸗ ſtändig an dem großen Blumenſtrauße, den er in Gedanken raſtlos umkreiste, wie die Biene, die ſo eben zu dem offenen Fenſter hereingeſummt war. Schon oft hatte ſich dieſer oder jener, namentlich aber 53 — * 54 Drittes Kapitel. viele Damen, dem Bouquet genähert, und wenn jemand ſich etwas auffallend tief darauf hin beugte, ſo ſchlug dem Kammerherrn das Herz ſchneller, meiſtens aber alsdann mit dem Gefühl des Unmuthes; denn es waren bis jetzt lauter unbedeutende Leute geweſen, welche den geheimnißvollen Blumenſtrauß bewundert. Einmal freilich war der Regent, der nahe an dem Tiſchchen ſtand, mit der Hand über die Blumen hinweg gefahren, als wolle er ſich etwas von ihrem ſüßen Dufte zufächeln;— der Regent,— nein, der hatte nichts mit dem Papierſtreifen zu thun; ſein Geſicht war in dieſem Augenblicke ſo ruhig wie immer und er ging ohne alle Bewegung von dem Tiſche hinweg nach der Fenſterniſche, um da ein paar Worte mit einigen älteren Herren zu ſprechen. Die Prinzeſſin warf einen Blick auf die Uhr über dem Kamin und ſagte zum Oberſtjägermeiſter, der eben im Be⸗ griff war, ſich ehrerbietig zurückzuziehen: „Gleich Sechs, wenn ich nicht irre. O, es iſt mir angenehm, daß es zum Diner geht; ich habe von unſerm Ausfluge einen ganz tüchtigen Appetit mitgebracht.“ Ehe aber Baron Rigoll im Stande war, hierauf etwas zu erwidern, was übrigens die Prinzeſſin auch gar nicht zu erwarten ſchien, warf ſie den Kopf auf die andere Seite und ſagte zu Fräulein von Ripperda: „Sehen Sie, Helene, dort das wunderbare Bouquet auf dem kleinen Tiſchchen? Wirklich allerliebſt arrangirt. Wunderſchöne Blumen!“ Diner bei Hofe. „In der That, Eure Durchlaucht, wunderbar ſchön,“ antwortete das junge Mädchen.—„Magnifique!“ meinte der Oberſtjägermeiſter.— Und„deliciös! köſtlich! ſüperb!’“. erſchallte es aus dem Munde eines halben Dutzend Damen, welche ſich durch die ziemlich laut geſprochenen Worte der Prinzeſſin berechtigt glaubten, ſich etwas davon zu nutze zu machen und ihre Ergebenheit dadurch zu bezeugen, daß ſie ebenfalls ihren Enthuſiasmus für das Blumenbouquet durch einen Ausruf an den Tag legten. Auch drängten ſich meh⸗ rere vor, um die bewunderten Blumen in der Nähe zu ſehen, ſie nochmals ganz außerordentlich prächtig zu finden, wozu ſich auch einige Herren mit fortreißen ließen, um ſo der Prinzeſſin im wahren Sinne des Wortes— durch die Blumen zu huldigen. Herr von Wenden war in Verzweiflung. Man um⸗ drängte den kleinen Tiſch ſo gewaltig, daß es gar nicht zu verwundern geweſen wäre, wenn ſich in dieſem Augenblicke ein paar Finger des Papierſtreifens unbemerkt bemächtigt hätten. Er erhob ſich auf den Zehen, ging ſelbſt einige Schritte näher, konnte aber nicht von dieſer Seite an das Tiſchchen gelangen, da ihm der Regent im Wege ſtand, den zu umgehen gegen allen Anſtand geweſen wäre. „Ja, es iſt ſehr ſchön arrangirt,“ wiederholte die Prinzeſſin nach einer kleinen Pauſe, wobei ſie ihren Fächer aufrauſchen ließ und leicht gegen ſich fächelte.—„O, meine liebe Helene,“ fuhr ſie dann in ſehr nachläſſigem Tone fort; Drittes Kapitel. „ſeien Sie ſo freundlich und ſchauen in dem Bouquet nach, ob ſie nicht eine Theeroſe finden. Ich liebe den Geruch der Theeroſen außerordentlich.“ „Eine Theeroſe!“ ſprach der Kammerherr zu ſich ſelber mit angehaltenem Athem. Fräulein von Ripperda war zu dem Tiſchchen getreten; ihre feinen Finger ſuchten behutſam zwiſchen den Blumen; dann wandte ſie ihren Kopf gegen den kleinen Fauteuil und ſagte:„Ja, Euer Durchlaucht, hier in der Mitte ſteckt eine ſehr ſchöne Theeroſe; ſoll ich ſie herausziehen?“ „Wenn es ohne Schaden für das ſchöne Bouquet geſchehen kann,“ entgegnete die Prinzeſſin, anſcheinend mit der größten Theilnahmloſigkeit und wobei ſie ein animirtes Geſpräch mit dem Oberſtjägermeiſter, das ſie ſo eben begonnen, unterbrach. Daß ihr leiſer Wunſch Befehl war, verſteht ſich von ſelbſt, und wenn auch das ganze Bouquet darüber zu Grunde gegangen wäre, ſo würde doch jeder der Anweſenden die Roſe mit einem wahren Enthuſiasmus hervorgezogen und überbracht haben. Helenens zarte Hand that übrigens den andern Blumen keinen Schaden; als ſie die Roſe hervorzog, hatte ſie dem Fauteuil der Prinzeſſin den Rücken zugekehrt und ehe ſie ſich wieder herumwandte, fuhren ihre leuchtenden Blicke eine Sekunde über den Kreis der Herren, die ſowohl das Bou⸗ quet als die Roſe und das ſchöne Mädchen mit außerordent⸗ 8 lichem Intereſſe betrachteten. 4 Diner bei Hofe. Herr von Fernow, der noch immer halbverdeckt hinter dem Fenſtervorhange ſtand, hätte viel darum gegeben, mit ſeinen Augen den Blicken Helenens begegnen zu dürfen. Er hätte es gewiß gefühlt, wenn dieſe Blicke auch nur den tauſendſten Theil einer Sekunde bei ihm verweilt hätten.— Ah! dieſe ſüßen, heißen Blicke! Wie ſich der Verſinkende an einen Strohhalm anklammert, ſo war es ihm ein Troſt, ſich ſagen zu können: Hätte Helene dich geſehen, vielleicht würde ſie dir durch ein Zucken in ihren Augenwimpern geſagt haben, daß ihr die Scene ſo eben am Fauteuil ſchrecklich geweſen. Unterdeſſen hatte Fräulein von Ripperda der Prinzeſſin die Roſe überbracht, welche ziemlich gleichgültig daran roch und zu dem Oberſtjägermeiſter gewendet ſprach:„Wenn ich mich nicht ſehr täuſche, ſo iſt das Amour offensée.“ Der gewandte Hofmann verbeugte ſich mit einem augen⸗ ſcheinlichen Entzücken und ſagte:„Euer Durchlaucht haben auch in der Botanik einen ſichern Blick, der Sie nie täuſcht; es iſt in der That Amour offensée. Nicht wahr, eine ſchöne Roſe, Fräulein von Ripperda?“ wandte er ſich an die junge Dame. „Amour offensée!“ ſagte auch dieſe; doch flogen ihre Blicke über die Roſe hinweg, abermals durch das Zimmer. „Amour offensée!“ murmelten die zunächſt ſtehenden Hofdamen entzückt;„Amour offensée!“ pflanzte ſich von Mund zu Mund fort; ſämmtliche Kammerherren ſprachen es aus mit dem Ausdruck des unverkennbarſten Erſtaunens über Drittes Kapitel. die Kenntniſſe der Herzogin.—„Amour offensée!“ ſagten ein paar alte, dürre Staatsräthe in vierſtöckigen weißen Halsbinden, und—„Amour offensée!“ wiederholte ſchmerz⸗ lich der junge Ordonnanzoffizier mit einem tiefen Seufzer.— — Amour offensée.—— Es war ein Glück, daß in dieſem Augenblick die Uhr über dem Kamin hell und vernehmlich ſechsmal anſchlug; ſonſt wäre wahrſcheinlich die Amour offensée: zu einem all⸗ gemeinen Geſprächsthema geworden von ſehr gefährlichen Folgen. — Sechs Uhr.— Die Flügelthüren öffneten ſich ſchneller als gewöhnlich, und der erſte Kammerdiener des Regenten machte gegen Seine Königliche Hoheit eine tiefe Verbeugung, worauf dieſer eine freundliche Handbewegung gegen die Prinzeſſin machte, die ſich auch alſobald erhob und gefolgt von ihren Damen dem Speiſeſaal zuſchritt. Dabei blieb ſie aber wohl ein dutzendmal, wenn auch nur auf einen ganz kurzen Moment, ſtehen, ſchaute nach Dieſem und Jenem, fragte Dies und Das, und wandte ſich dabei ſo geſchickt um ſich ſelbſt, daß der aufmerlſamſte Beobachter kaum des Fehlers an ihrem Fuße gewahr worden wäre. Der Regent, ſcheinbar in angelegentlichem Geſpräch mit dem Miniſter des Hauſes, ließ faſt die ganze Geſellſchaft voran⸗ gehen, ehe auch er in den Speiſeſaal trat. An der Thüre ſtand, ihn erwartend, noch immer Herr Kindermann, der erſte Kammerdiener, den Herzog mit einer tiefen Verbeu⸗ 4 Diner bei Hofe. gung vorüberlaſſend. Während aber der Regent durch die Thüre ſchritt, ſagte er zu ſeinem getreuen Diener zwei Worte, die dieſer durch ein ganz leichtes Kopfnicken beantwortete. Das Hofdiner nahm ſeinen Anfang und Verlauf wie alle dergleichen Vergnügungen. Wenn auch die Menue vor⸗ trefflich war, ſo ſtillten doch die meiſten den kleinen Hunger, den man zu Hofe mitzubringen pflegt, größtentheils durch die Ehre, an der herzoglichen Tafel ſpeiſen zu dürfen. Einen allzu großen Appetit zur Hoftafel mitzubringen iſt unan⸗ ſtändig und gefährlich, letzteres, da man nicht weiß, welche Tiſchnachbarn oder Nachbarinnen man hat. Wirft Einen das Schickſal zwiſchen zwei gerade nicht eßluſtige, aber ſehr redſelige Damen, ſo thut man am beſten, die meiſten Schüſſeln vorübergehen zu laſſen; denn was nützt es, das Beſte auf dem Teller zu haben, wenn man nur faſt verſtohlener Weiſe dazu kommen kann, einen Biſſen zu genießen? Du biſt grade im Begriff, die erſte Gabel zum Munde zu führen, als deine Nachbarin zur Linken eine zarte Wißbegierde an den Tag legt und zu erfahren wünſcht, ob du geſtern im Theater geweſen. „Allerdings, gnädige Frau.“ „Ein deliciöſes Stück!— Wie ich mich amüſirt habe 1* Natürlicher Weiſe findeſt du durch eine ſtumme Nei⸗ gung des Kopfes das Stück eben ſo deliciös und haſt dich eben ſo vortrefflich amüſirt; denn würdeſt du wagen zu widerſprechen, ſo käme die Gabel mit einem ſehr ſchönen 2 — — — —— 5 60 Drittes Kapitel. Biſſen nimmermehr an ihren Beſtimmungsort. Leider fude ſich die Nachbarin zur Rechten veranlaßt, anderer Meinung zu ſein. „Wie, ma chère Baronne!“ ruft ſie aus und dabei lehnt ſie ſich ſo ſtark vorn über, um ihre Nachbarin beſſer zu ſehen, daß, wenn ich jetzt meinen rechten Arm gebra⸗ hen wollte, es gerade ausſähe, als wollte ich ihr die Aus⸗ ſicht verſperren. Hand, Gabel und Biſſen bleiben alſo auf halbem Wege ſtehen.—„Ich finde das Stück ein Horreur, Sie werden mir verzeihen, ma chère Baronne, ich bitte Sie!“ Damit wendet ſie ſich zu mir:„Wollen Sie eine Aufführung, wie die des jungen Grafen,— ſein Vater iſt allerdings nur ein Banquier— ſelbſt in der Komödie recht⸗ fertigen?— Wollen Sie das?— Können Sie das?“— „O Gott! ich möchte wohl, aber ich kann ja nicht.“ „Er verläßt am Tage der Verlobung ſeine Braut, ein Mädchen von ſehr guter Familie, um mit einer früheren Liaiſon davon zu gehen!“ „Aber er hat doch einige Gründe dafür gehabt“ wage ich zu ſagen.— Ich weiß wohl, ich habe mit dieſer Be⸗ merkung Oel ins Feuer gegoſſen, will aber nur die jetzt aufpraſſelnde Entgegnung benutzen, um endlich meine lang gehegte und gewiß verzeihliche Abſicht zu erreichen; aber ich habe falſch gerechnet. Während meine Nachbarin mir aller⸗ dings in eifriger Rede die Horreurs des Stücks auseinander⸗ 8 ſetzt, hat ſie die Bosheit, ihre rechte Hand auf meinen Diner bei Hofe. 61 rechten Arm zu legen:„Enfin,“ ſagt ſie endlich;„ich be⸗ greife nicht, wie unſere ſonſt ſo umüchſie Intendanz ſolche Stücke nur aufführen laſſen mag.“ Die umſichtige Intendanz ſitzt uns gerade gegenüber und da ſie an dergleichen Reden gewöhnt iſt, ſo lächelt ſie ſtill vergnügt in ſich hinein; ja, der gute Bordeaux, den ſie ſo eben getrunken, hat ihr Herz milde geſtimmt und während ſie die Selbſtverleugnung ſo weit treibt, das Stück in einigen Theilen allerdings ein wenig ſtark zu finden, verſichert ſie dagegen, daß der Dindon aux truffes, mit dem ſie ſich gerade beſchäftigt, entſchieden die feinſte Schüſſel ſei. Nun weiß aber der geneigte Leſer hoffentlich aus Er⸗ fahrung, daß ein Dindon aux truffes warm geſpeiſt werden muß, und ebenſo gut, daß ein Biſſen, der fünf Minuten lang zwiſchen Himmel und Erde ſchwebt, erkaltet. Da die Hand meiner Nachbarin von meinem Arme nicht weichen will, ſo mache ich es, wie irgend ein Held in einer be⸗ liebigen Schlacht, deſſen rechter Arm ſo eben gelähmt wurde: auch ich nehme ruhig meine Waffe in die linke Hand; doch kaum glaube ich, ſie glücklich zum Munde führen zu können, als meine Nachbarin zur Linken, die in höchſter Indignation ſtille geſchwiegen, und es vielleicht auch unter ihrer Würde hält, das angegriffene Schauſpiel zu entſchuldigen, jetzt mit affectirter Gleichgültigkeit ihr Glas vor mich hinſchiebt und um ein wenig Waſſer bittet. Wäre ich in dieſem Augenblick ein Araber der Wiüſte, — Drittes Kapitel. ſo wuürde ich vielleicht ſprechen:„Verflucht ſei das Ei, aus welchem dieſer Dindon geſchlüpft, verflucht das naſeweiſe Schwein, das dieſe Trüffeln aus dem Grunde gewühlt, ver⸗ flucht der Autor, der das fragliche Stück geſchrieben und vor allen Dingen verflucht ſeien——.“ Da ich aber ein glattraſirtes Kinn habe, eine weiße Halsbinde trage und auf geſellſchaftliche Bildung Anſpruch mache, auch in dieſem Augenblicke höre, wie rings umher die Teller ge⸗ wechſelt werden, ſo lege ich ſeufzend meine Gabel nieder, ſtill mich freuend, bis es wieder Morgen würde ſein. Ebenſo unangenehm, ja noch gefährlicher iſt es, bei dergleichen Diners in der Nähe hoher und höchſter Herr⸗ ſchaften placirt zu werden. Alsdann haſt du das Schichſal des jungen Naſchers, der überraſcht zu werden fürchtet. Du wirſſt deinen unglücklichen Biſſen nur verſtohlen in den Mund, du wagſt nicht zu kauen, du ſchlingſt nur, wie ein Kettenhund, oder wie eine Kropfgans; du ſetzeſt dich der Gefahr aus, an einem Knochenſplitter zu Grunde zu gehen, nur um den Augenblick nicht zu verpaſſen, wo dich ein allerhöchſter Blick trifft, oder wo du ſo glücklich ſein mußt, eine allerhöchſte Frage umgehend zu beantworten. Aus dieſen angeführten Gründen iſt es nun in der That beſſer, zu einem ſolchen Diner nicht hungrig zu gehen. Die Qualen des Tantalus zu erdulden, iſt nicht angenehm; —“ 68 Diner bei Hofe. ein hungriger Menſch, der ſo mit anſehen muß, wie er auf unverantwortliche und leichtſinnige Art um die ſüßen Freu⸗ den der Tafel gebracht wird,— ein ſolcher Unglücklicher könnte vielleicht einmal grob werden, und ein grober Gaſt an einer Hoftafel wäre etwas ſo außerordentlich Schreckliches, von dem noch zehn Kammerherrengenerationen ſchaudernd ſprechen würden, als von etwas,„was der Menſch begehren ſollte, nimmer zu ſchauen.“ Als gut geſchulte Hofmänner hatten denn auch ſowohl Herr von Fernow, als Herr von Wenden ihren Appetit durch ein ſpätes und ſolides Frühſtück gedämpft, heute wohl un⸗ nöthiger Weiſe; denn Beider Hunger, und wenn er auch noch ſo ſtark geweſen wäre, würde von der Aufmerkſamkeit abſorbirt worden ſein, mit welcher der Kammerherr die Prin⸗ zeſſin Eliſe, der Ordonnanzoffizier aber Fräulein von Rip⸗ perda betrachtete. 3 Die Prinzeſſin hatte die Roſe neben ſich auf den Tiſch gelegt, doch ſah das ſcharfe Auge des Herrn von Wenden wohl, daß der Papierſtreifen von dem Zweige verſchwunden war. Was dieſer Papierſtreifen enthielt, konnte ſie füglich noch nicht geleſen haben; ſie hatte noch keine Gelegenheit ge⸗ habt, ihn, wie der Kammerherr gethan, gegen das Licht zu halten; denn nur ſo konnte man die paar Worte herausfinden, die mit einer feinen Nadel in das Papier geriſſen waren. Viertes Kapitel. Amour offensée. Hinter dem Stuhle Ihrer Durchlaucht der Prinzeſſin Eliſe ſtand der erſte Kammerdiener des Regenten, Herr Kin⸗ dermann, der neben andern bedeutenden Gaben auch die beſaß, ſeine Augen aufs Allerſeltſamſte bewegen zu können; während er nämlich mit dem einen weder den Regenten noch die Prinzeſſin außer Sicht ließ, bemerkte er mit dem andern genau, was an der ganzen Tafel vorging. So war es denn auch von dieſem würdigen Beamten nicht unbemerkt geblieben, daß ſowohl Herr von Fernow als Herr von Wenden faſt jede Schüſſel unberührt vorübergehen ließen; ebenſo, daß der Letztere wahrhaft auffallend und in geſpannter Er⸗ wartung nach Ihrer Durchlaucht hinblickte, ferner, daß der junge Ordonnanzoffizier mit zuſammengebiſſenen Lippen und finſterem Blick daſaß, zuweilen wie aus tiefen Träumereien erwachend Fräulein von Ripperda anſtarrte oder nichts Amour offensée. 65 weniger als freundſchaftlich nach dem Oberſtjägermeiſter hin überſah.. Herr Kindermann trug faſt immer ein gleichmäßiges und liebevolles Lächeln zur Schau; es mochte Tag oder Nacht ſein, Sommer oder Winter, es mochte regnen oder ſchneien: er lächelte; und ſein Geſicht hatte ſich ſo daran gewöhnt, daß es ihm bei traurigen Veranlaſſungen die größte Mühe machte, die Augenbrauen in die Höhe zu ziehen und die Unterlippe vorſchriftsmäßig herabhängen zu laſſen. Jetzt ſtrich er ſich ſanft durch ſein ſtark ergrautes Haar und lächelte; jetzt zupfte er leicht an ſeiner Halsbinde und lächelte. Mit ſanftem Lächeln bot er der Prinzeſſin einen Teller friſch auf⸗ geſchnittener Ananas und dann präſentirte er ebenſo gleich⸗ mütthig lächelnd Ihrer Durchlaucht das verlangte Glas Waſſer. Wir glauben gewiß annehmen zu können, daß Herr Kinder⸗ mann auch lächelnd in den Armen des Schlafes lag, und daß, wenn ihn einſt deſſen ernſterer Bruder abrufen wird, Herr Kindermann mit dem freundlichſten Lächeln dieſe Welt verlaſſen werde. Nach einiger Zeit kam der große Moment, wo der Regent gelinde huſtend zu Ihrer Durchlaucht der Prinzeſſin hinüberſah, wie ſie leicht mit dem Kopfe nickte und ſich dar⸗ auf erhob, bei welcher Veranlaſſung Herr Kindermann lä⸗ chelnd den Seſſel entfernte. Ein paar Sekunden hierauf hörte man nichts als Stuhlrücken, Räuspern, Huſten, da⸗ zwiſchen ein halblautes Wort, Säbel⸗ und Sporengeklirr. Hackländer. Der Angenblick des Glücks. T 5 — 8 66 Viertes Kapitel. Die Prinzeſſin begab ſich in das Zimmer zurück, wo der koloſſale Blumenſtrauß ſtand, und in welchem, gleich wie im Nebenſaale, der Kaffee ſervirt wurde. Jetzt, nach der Tafel, wurde kein ſo förmlicher Cercle gehalten, wie vorher, ſon⸗ dern die Gruppen vertheilten ſich zwang⸗ und harmlos. Junge Kammerherren und Offtziere ſuchten ſich den Hoſda⸗ men zu nähern, man hörte ſogar mitunter ein lautes Wort und ein leiſes Lachen, ja, man ſah alte Excellenzen— von den wenigen Auserwählten, die bei der Hoftafel das Privi⸗ legium haben, wenig zu ſprechen und viel zu eſſen,— irgend einer langjährigen Damenbekanntſchaft ſchmunzelnd die Cour machen. Solch eine alte Excellenz macht ihre Cour auf ganz eigenthümliche Weiſe. Der ſehr ſteife und hohe Uniforms⸗— tragen hindert ſie, den Kopf nach rechts oder links zu dre⸗ hen, weshalb ſie nur ihren Augen geſtattet, dieſe Bewegun⸗ gen zu machen; ebenſo iſt es ihr aus dem angeführten Grunde unmöglich, das Haupt zu ſenken, wenn ſie mit irgend einer Dame ſprechen will, wodurch denn ein ganz ſeltſames, man könnte ſagen, faunenartiges Schielen nach unten entſteht. Dazu kommt noch ein ſehr geſättigtes Lä⸗ cheln um ihren Mund, und alles das zuſammen gibt öfters den Worten ſolch einer alten Excellenz eine ganz andere Deutung, als ſie wohl ſelbſt beabſichtigte, hinein zu legen. „Wünſche wohl geſpeist zu hiben meine Gnädige.— Ein ganz harmantes Diner!“ ——ſ Amour offensée. 67 „Außerordentlich gut, Excellenz. Ich habe mich vor⸗ trefflich unterhalten.“ 3 „Ja, unterhalten, vortrefflich; aber abgeſehen davon, man ſpeist in der That ganz deliciös.“ „Und Excellenz lieben ein gutes Diner.“ „Ich leugne das nicht, gnädige Frau; man wird alt, und alles das, was uns ſonſt Freude machte, ſchrumpft zuſammen, ich möchte ſagen, vereinigt ſich im Gedanken an ein gutes Diner. In früheren Zeiten, meine Gnädige, da war es anders...“ „Ja, in früheren Zeiten, da war es anders!“ ſeufzt die ſehr alte Hofdame und hat ein Recht dazu, einen tiefen Seufzer auszuſtoßen, denn ſie, die früher mit einem einzi⸗ gen Athemzuge ſämmtliche Offiziere eines Cavallerie⸗Re⸗ giments in Aufregung zu ſetzen vermochte, kann jetzt nicht einmal mehr die Brüſſeler Spitzen ihres Kleides in Bewe⸗ gung bringen. „Ganz anders,“ meint die Excellenz und ſchielt be⸗ deutend.„Ja, dazumal, als wir noch auf dem großen Mas⸗ kenball anno 94 die Gavotte zuſammentanzten.——!“ „O, Excellenz, nichts von dem Balle!“ entgegnet die Hofdame, indem ſie ihren Fächer ausbreitet, um hinter den reifröckigen Damen auf demſelben, mit auffallend niedrigem Mieder und ſonſt noch allerlei, Schutz zu ſuchen. „Da zeigen Sie mir gerade Ihr Portrait von dazu⸗ mal,“ ſagt die boshafte Excellenz, indem ſie mit ihrem dürren 5* 68 Viertes Kapitel. Finger auf eine der Figuren weist, die auf dem Fächer abgebildet ſind.— Ahl vergangene Zeiten! Der Abend und ſeine Folgen waren ſchön!“ Der Fächer rauſcht zuſammen, und indem ſich die alte Dame ſcheinbar erzürnt wegwendet, erhält die Excellenz mit jenem einen leiſen Klaps auf den ſchlotterigen Aermel, begleitet von einem Blicke, welcher hätte zünden können, wenn unter dem alten Hofkleide überhaupt noch etwas Zünd⸗ bares geweſen wäre. 5 Die Prinzeſſin hatte ſich einen Augenblick in ihre Appar⸗ tements zurückgezogen und während dieſer Zeit wahrſchein⸗ lich den kleinen Zettel geleſen, den ſie bei der Amour offensée gefunden. Herr von Wenden hatte ſie mit den Augen ver⸗ folgt, bis die Thür ſich hinter ihr ſchloß, und als ſie wie⸗ der heraustrat, war er bemüht, den erſten ihrer Blicke auf⸗ zufangen, um zu ſehen, ob etwas darin zu leſen ſei. Das Geſicht der Prinzeſſin aber war wie vorher heiter und ihre Augen glänzten mit ihrem gewöhnlichen ſchelmiſchen Aus⸗ druck. Sie trat zu dem Regenten, der in einer Fenſter⸗ vertiefung ſtand, legte ſchmeichelnd ihre kleine Hand auf ſeinen Arm, und dabei war es unverkennbar, daß der Her⸗ zog mit außerordentlichem Wohlwollen und ſehr freundlich auf die niedliche Couſine herabſah. Sie trug ihm lebhaft ein Anliegen vor, er aber ſchien dagegen verſchiedene Ein⸗ wendungen zu machen; zuweilen ſchüttelte er leicht den Kopf, zog erſtaunt die Augenbrauen in die Höhe, erhob auch mit⸗ 3 5 4 7—————— Amour offensée. 69 unter wie warnend und drohend den Zeigefinger. Dabei aber lachte die Prinzeſſin laut und fröhlich; alles, was er ſagte, ſchien ſie mit Scherzreden zu beantworten, und als ſie endlich auf recht komiſche und unwiderſtehliche Art zu ſchmollen anfing, lachte er ſeinerſeits herzlich, und man hörte ihn deutlich ſagen: „Was will ich machen? Das iſt eigentlich dein De⸗ partement. Ich an deiner Stelle würde nicht ſo raſch zu Werke gehen.“ Während dieſer Unterredung und vorher ſchon hatte ſich der junge Ordonnanzoffizier dem Fräulein von Ripperda genähert, aber gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, mit großer Aengſtlichkeit. Aufs Tiefſte bewegt von dem, was er bei der Tafel geſehen und gehört, hätte er das junge Mädchen ſo unendlich viel zu fragen gehabt, aber lauter Sachen, die ſich hier nicht erörtern ließen. Sein Herz hätte überfließen mögen von leidenſchaftlichen, ja bittern Worten, er hätte ihr ſo viel zu ſagen gehabt, daß er ihr nichts zu ſagen wußte. Ihr ſchien es übrigens nicht beſſer zu gehen. Sie, die ſich ſonſt ſo gern mit ihm unterhalten hatte, die den lebhaften, geiſtreichen und eleganten Offizier beſtändig da⸗ durch auszeichnete, daß ſie ihm gern erlaubte, in ihrer Nähe zu weilen, daß ſie bei allgemeinen Spazierritten ſeine Ge⸗ ſellſchaft zu lieben ſchien, daß ſie häufiger mit ihm, als mit anderen tanzte, ja, daß ſie ihm zuweilen einen ſinnenden Blick nachſandte, wenn er ſie nach einem etwas animirten 7ko Biertes Kapitel. Geſpräch ſo froh, ſo heiter, ja offenbar glücklich verließ,— ſie trat ihm heute nicht nur nicht entgegen, ſondern ſchien ihn zu meiden und ſuchte eine ältere Kollegin in angele⸗ gentlichem Geſpräch zurückzuhalten, als ſich Herr von Fernow näherte. So ſtanden Beide einander gegenüber, und während Fräulein von Ripperda zum erſtenmal fand, daß ihr Blumen⸗ bouquet wahrhaft betäubend duftete, ſchien ihn die ſonſt nicht zu enge Säbelkuppel zu drücken, und Beide holten ganz ſchwer und mühſam Athem. 3 „Sie machten heute eine hübſche Partie, mein gnädi⸗ ges Fräulein,“ ſagte er nach einer Pauſe;„ich habe alle beneidet, die den ſchönen Herbſttag im Freien zubringen konnten.“ „Ah! Sie waren nicht dabei,“ erwiderte das Fräu⸗ lein; und daß ihre Worte halb wie eine Frage klangen, ver⸗ letzte ihn tiefer, als alles Uebrige. Mit ihrem Glücke beſchäftigt, hat ſie es nicht einmal geſehen, daß du nicht dabei warſt! dachte er und verbeugte ſich trübe lächelnd, indem er ſagte:„Mich hielt mein Dienſt hier zurück; doch— jetzt bedaure ich es nicht mehr, zu⸗ rückgeblieben zu ſein.“ 3„Aber es hätte auch für Sie ein ſchöner Nachmittag ſein können,“ ſagte ſie und ſchlug die Augen nieder, gewiß nur, um ihr Armband zu betrachten. „Für mich nicht;— aber für Sie war er ſchön.“ * — Amour offensée. „Wer weiß?“ „Ol ſehr ſchön und folgenreich.“ Bei dieſen Worten zuckte ein ſchmerzlicher Schatten — über ihr Geſicht, und ſie blickte ihm feſt in die Augen während ſie ihre vollen Lippen zuſammenpreßte. „Jag ſchön und folgenreich,“ wiederholte er;„und hätte es da für mich ein Glück ſein können, in Ihrer Nähe ſein zu dürfen?“ Das ſagte er mit leiſer, aber heftig erregter Stimme; er war ſo bewegt, ſo außer ſich, daß er vielleicht noch An⸗ deres geſprochen hätte.— Anderes, was, von fremden Ohren gehört, vielleicht mit allerlei merkwürdigen Verzierungen weiter erzählt worden wäre. Und ſo war es denn gut, daß dies Geſpräch plötzlich abgebrochen wurde. Die Prin⸗ zeſſin trat nämlich, ſich leicht hin und her wiegend, einen Schritt vor die Fenſterniſche und rief Helene mit lauter Stimme zu ſich. Der junge Offizier drückte ſeine Hand feſt auf's Herz und machte eine tiefe Verbeugung, als das ſchöne Mädchen von ihm ſchied. Seine Augen folgten ihr aber und ſo be⸗ merkte er denn, daß die Herzogin einige leiſe Worte zu 4 Helenen ſprach, und daß dieſe ſie darauf flehentlich um etwas zu bitten ſchien. Doch ſchüttelte Ihre Durchlaucht heiter den Kopf und ſagte ziemlich laut: „Es iſt ſonderbar, daß man euch junge Mädchen zu Allem zwingen muß, ſelbſt zu eurem Glück.“ Viertes Kapitel. „Aber ich beſchwöre Eure Durchlaucht!“ entgegnete Fräulein von Ripperda mit leiſer Stimme;„nur heute nicht, nur jetzt nicht!“ Doch war alles das vergeblich. Der Regent war auf einen Wink ſeiner Couſine näher getreten, und als die kleine Prinzeſſin Fräulein von Ripperda feſt bei der Hand ergriff und ſie einen Schritt vor, gegen den Herzog, führte, ver⸗ beugte ſich Seine Hoheit leicht und anmuthig und ſagte mit einer tiefen, klangvollen Stimme: „Ich gratulire von Herzen, mein Fräulein. Sie hätten keine beſſere Wahl treffen können.“ Dann wandte er ſich zur Seite, reichte dem Oberſtjägermeiſter, der entzückt und händereibend näher trat, die Hand und ſetzte hinzu:„In der That, Baron Rigoll, dieſe Verbindung freut mich außer⸗ ordentlich und ich hoffe, Sie werden glücklich ſein.“ Wenn ein Funke in einen lockeren Strohhaufen fällt, ſo kann die Flamme ſich nicht ſchneller verbreiten und nicht geſchwinder emporlodern, als ſich bei Hofe, bei ſolcher Ver⸗ anlaſſung die Gratulation, von Allerhöchſtem Munde pro⸗ elamirt, durch beide Säle fortpflanzte und verbreitete. —„Man gratulirt!“ rief dicht in der Nähe eine alte Hofdame, der man in ihrem ganzen Leben nie gratulirt hatte, faſt mit einem lauten Aufſchrei. „Man gratulirt!“ ſagte eine alte Excellenz, und— „Man gratulirt!“ tönte es von allen Seiten. „Wem denn, um Gottes Willen?“ 6 4 — d Amour offensée. „Fräulein von Ripperda.“ „Ganz unerhört!— und— 2—“ „Nun, mit Seiner Excellenz dem Herrn Oberſtjäger⸗ meiſter. Das war doch vorauszuſehen;“ ſagte Jemand, der ſich gern das Anſehen gab, als ſei ſeinem Scharfblick noch nie etwas entgangen. Daß es hierauf ein unglaubliches Gedränge um die Fenſterniſche gab, kann man ſich leicht denken. Wer möchte gern der Letzte ſein, um zu einer Verlobung zu gratuliren, die ſo offenbar von den allerhöchſten Herrſchaften gutgeheißen und protegirt wurde! Es war rings im Kreiſe ein Lächeln, ein Sprechen, ein Trippeln und Scharren, daß man kaum die einzelnen Ausrufungen der uneigennützigſten Freude, als: Superb!— Deliciös!— Wunderbar paſſend!— Ganz außerordentlich ſchön!— u. ſ. w., vernehmen konnte.— Nur Helene von Ripperda, eine der Hauptperſonen dieſes luſtigen Drama's, äußerte ihre Freude auf eigenthümliche Art. Ihr Geſicht war mit einer furchtbaren Bläſſe bedeckt, ihre Lippen bebten und ihre Augen ſtarrten über den gra⸗ tulirenden Haufen hinaus, wie weit, weit in unabſehbare Ferne d arrrzefin ſchien das von dem jungen Mädchen begreiflich zu finden; denn ſie lachte mit den Umſtehenden, blickte wie entzückt auf das Geſicht ihrer lieben Freundin und wußte in deren Namen faſt alle Gratulationen mit einigen paſſenden Worten zu erwidern. 474 Viertes Kapitel. Der Einzige, der die tiefe Bläſſe des jungen Mäd⸗ chens zu verſtehen ſchien und ſie mit inniger Theilnahme betrachtete, war übrigens Se. königl. Hoheit, der Regent. Er wußte vielleicht, was in ihrem Herzen vorging; er be⸗ rechnete vielleicht oder ſah es in ihren ſeltſamen Blicken, daß die Kraft deſſelben nicht lange mehr anhalten würde. In ſeiner wirklich chevaleresken Manier näherte er ſich dem Fräulein und bot ihr ſeinen Arm, indem er nicht ohne einen leiſen Anflug von Ironie ſagte: „Man freut ſich zu ſehr über Ihr Glück. Ich muß wahrhaftig in's Mittel treten, um Sie vor den Gratula⸗ tionen zu retten, die im Stande ſind, Sie zu erdrücken.“ Es war ein Blick inniger Dankbarkeit, mit dem das arme Mädchen ihre Hand auf den Arm des Regenten legte; dann machte ſie rings umher eine graziöſe Verbeugung und athmete tief auf, als der Herzog ſie in das Nebenzimmer geleitete bis zur Thür, welche in die Gemächer der Prin⸗ zeſſin führte, und ſie dort freundlich entließ. Herr von Wenden war Einer von den Wenigen, die ſich bei der allgemeinen Gratulation begnügt hatten, von ihrem Platze aus ein freundlich grinſendes Geſicht zu zeigen; dabei hatte er ſich aber bemüht, ſich der Prinzeſſin, is ihm möglich war, zu nähern, und er hatte hinter den Fenſtervor⸗ hängen ſo gut manövrirt, daß er nun Ihrer Durchlaucht, als dieſe, um den fortwährenden Gratulationen zu entgehen, ſich abermals gegen das Fenſter wandte, ganz nahe gegenüber ſtand. Amour offensée. 75 Da er Einer von den Gerngeſehenen war, auch die Prinzeſſin ſeinen in der That ſcharfen Verſtand anerkannte, ſo zeigte ſie in ihren Mienen, daß es ihr nicht unlieb war, gerade ihn hier zu treffen. Sie ſchmiegte ſich in die Ecke der tiefen Fenſterniſche und winkte dem Kammerherrn mit den Augen, ihr zu folgen. Es ſprang ein recht boshafter Blitz aus ihren Blicken, als ſie mit einer bezeichnenden Be⸗ wegung nach den innern Zimmern zu ſagte: „Was meinen Sie wohl? Wie viel Procent unſerer Gratulanten haben anders geſprochen, als ihre Herzen dachten?“ „Recht viele, Euer Durchlaucht,“ erwiderte der Kam⸗ merherr,„und auch ich muß mich ihnen anſchließen. Auch ich gratulire, aber ich gratulire nur dem Baron Rigoll, der ſein Glück in ſo gute Hände legte.“ „Ah was!“ verſetzte die Prinzeſſin, indem ſie die Oberlippe höhniſch aufwarf;„an deſſen Glück habe ich wahr⸗ haftig wenig gedacht.“ „Alſo an das des Fräuleins von Ripperda?“ entgegnete der Kammerherr mit einer eigenthümlichen Betonung. „Finden Sie die Partie nicht vortrefflich?“ „So vortrefflich, das Ganze ſo gelungen, daß ich mich glücklich ſchätzen würde, wenn Eure Durchlaucht einmal die Gnade haben wollten, auch mein Glück in Allerhöchſt Ihre Hand zu nehmen.“ 1 Die Prinzeſſin warf dem Sprecher einen forſchenden 76 Viertes Kapitel. Blick zu, doch nur eine Sekunde lang; dann ſchaute ſie durch die Scheiben ins Freie und entgegnete: „Scherz bei Seite; Baron Rigoll verdient, daß man ſich für ihn intereſſirt. Er iſt mir außerordentlich attachirt.“ „Wenn das die Eigenſchaft iſt, die dazu gehört, um von Eurer Durchlaucht protegirt zu werden,“ antwortete Herr von Wenden mit einer tiefen Verbeugung, aber in ſehr beſtimmtem Tone,„ſo würde ich mich gewiß dazu eig⸗ nen, dieſes Glück zu genießen.“ „Ich danke Ihnen für Ihr? Aeußerung,“ ſagte huld⸗ voll, aber etwas zerſtreut die Prinzeſſin.„Leider befinden wir uns in Verhältniſſen, wo man der zuverläſſigen Leute bedarf.“ Als ſie das geſagt, richtete ſich der Kammerherr in die Höhe und dabei beugte er ſich vorne über, um das was er jetzt ſagte, recht nahe vor den Ohren der Prinzeſſin hören zu laſſen. „Sollten Euer Durchlaucht“ ſprach er„je in den Fall kommen meine unterthänigſten und ganz ergebenen Dienſte benutzen zu wollen, ſo könnte das in einem Augenblick ſein, wo Sie möglicher Weiſe zu ſich ſelber ſprechen würden: „„Noch einen ganz zuverläſſigen Mann, der Zutritt hat.““ Dieſe Worte aber, die der Kammerherr mit entſchiedener Betonung ſprach, waren dieſelben, die durch feine Nadel⸗ ſtiche ausgedrückt, auf dem zuſammengerollten Papierſtreifen geſtanden. Bei Anhörung derſelben zuckte die Prinzeſſin einen — den Augen ließ, iſt begreiflich, wenn wir hinzufügen, daß Amour offensée. 77 Augenblick zuſammen, doch faßte ſie ſich augenblicklich wieder, warf einen ſchnellen Blick in dem Salon umher und ſagte alsdann zu dem Kammerherrn mit jenem verbindlichen, aber doch gleichgültigen Lächeln, mit jenem Lächeln, das man bei Hofe ſo genau kennt, womit ſtarke Seelen eben⸗ ſowohl die Worte: Glauben Sie in der That, daß es morgen regnen wird? oder auch: Laſſen Sie ſich vor * meinen Augen nicht mehr ſehen, Sie ſind ein Nichtswür⸗ diger! zu begleiten pflegen, mit dieſem ſelben Lächeln, wobei ſie wie zerſtreut an die Decke blickte und eine leichte Neigung mit dem Kopfe machte, ſagte die Prinzeſſin zu dem Kammerherrn:. „Ich werde Sie um neun Uhr bei mir empfangen.“ Die anſcheinend ſehr unbedeutende Unterhaltung ſchien von Wenigen im Salon eigentlich bemerkt, von Niemandem gewürdigt worden zu ſein; nur der Regent hatte einen Augenblick vorher, ehe Herr von Wenden ſich zurückzog, einen Blick auf die Wanduhr über dem Kamin und dann auf die Prinzeſſin geworfen, wahrſcheinlich weil es ihm Zeit dünkte den Cercle abzubrechen und ſich zurückzuziehen. Daß Herr von Fernow, der unbeweglich neben der Eingangsthür ſtand, wenn auch äußerlich ſehr aufrecht und ruhig, innerlich aber zuſammengeſchmettert von dem was zwiſchen Helene und dem Baron Rigoll vorgefallen, eben⸗ falls die Prinzeſſin, ſowie auch ſeinen Freund nicht aus — 78 Viertes Kapitel. er ja ebenfalls geſehen, wie ſich Ihre Durchlaucht zugleich mit der Amour offensée jenes geheimnißvolle Papierſtreif⸗ chen geben ließ, und weil er bemerkt, wie eifrig der Kam⸗ merherr geſucht hatte, ſich der Prinzeſſin nähern zu dürfen. Als dieſer nun von der eben gehabten Unterredung zurück⸗ trat und dem Freunde darauf ſein Geſicht zuwandte, war dieſes ſo ſtrahlend und von Freude beglänzt, daß es ſelbſt ihm, dem gewandten Hofmanne nicht im Augenblick möglich war, die Spuren dieſer Freude und dieſes Glückes allſo⸗ gleich vollſtändig zu verwiſchen, und es blieb davon noch ſo viel um den lächelnden Mund und die glückſeligen Augen liegen, daß der Ordonnanzoffizier fragen konnte: „Mir ſcheint, du haſt mit deiner Unterhaltung reuſſirt.“ „Reuſſirt?“ erwiderte der Andere mit affectirtem Er⸗ ſtaunen;„ich wüßte nicht in was! Daß es mich freut, wenn Ihre Durchlaucht, eine der geiſtreichſten und liebenswürdigſten Damen der ganzen Welt, mit mir gnädig ſpricht, wirſt du, denke ich, vollkommen begreiflich finden.“ „Ich würde allerdings„“ entgegnete Herr von Fernow, „nur an eine gnädige Unterhaltung denken; doch will mir deine Theorie nicht aus dem Kopfe; ich weiß nicht weßhalb; aber ich fange an, an dieſelbe zu glauben und möchte faſt überzeugt ſein, daß das heutige Diner nicht nur für dich ein Augenblick des Glückes war, ſondern daß du denſelben auch richtig erfaßt haſt.“ „Du kannſt dein Spotten nicht laſſen,“ verſetzte der ——— 2 Amour offensée. 79 ——. Kammerherr,„wirſt aber vielleicht doch noch finden, daß meine Theorie eine ganz richtige iſt.“ 8 Es war aber noch eine dritte Perſon vorhanden, welche das Geſpräch zwiſchen der Prinzeſſin und dem Kammerherrn nicht nur mit angeſehen, ſondern vielleicht auch belauſcht hatte. Dies war der dienſtthuende Kammerdiener des Re⸗ genten, Herr Kindermann, mit dem ewigen Lächeln. Die Prinzeſſin ſtand in der Fenſterniſche, zunächſt der Thür, welche Herr Kindermann, als die Herrſchaften den Speiſe⸗ ſaal verlaſſen, ſanft lächelnd hinter ihnen zudrückte,— ſchloß, könnten wir nicht ſagen, denn er ließ eine unbe⸗ deutende Spalte offen, für Auge und Ohr brauchbar, welche er denn auch, angenehm lächelnd, abwechſelnd mit dieſen beiden Sinneswerkzeugen benützte. Darauf richtete er ſich ſchmunzelnd in die Höhe, fuhr lächelnd durch's Haar, zupfte lächelnd an ſeiner Halsbinde und öffnete ein paar Augen⸗ blicke ſpäter beide Flügelthüren. 3 Ihre Durchlaucht hatte nämlich dem verſammelten Hof⸗ ſtaate das bekannte Entlaſſungscompliment gemacht; dann verbeugte man ſich ringsumher, krümmte den Rücken in 3 alle Winkel, man knixte durch alle Grade, Säbel und Sporen klirrten abermals wie beim Empfang, die ſeidenen Kleider rauſchten und die Geſellſchaft ſtob nach allen Rich⸗ tungen auseinander. Viele der Herren und Damen be⸗ hielten ihr angenehmes ſtereotypes Lächeln bei bis auf die Treppe des Schloſſes; da aber zogen ſich manche Augen⸗ 80 Viertes Kapitel. brauen zuſammen, mancher Hut wurde verdrießlich auf⸗ geſetzt, mancher Säbel etwas heſtig in den linken Arm genommen, und der Befehl mancher Dame an ihren Be⸗ dienten, während ſie in ihren Wagen ſtieg:—„Nach Hauſe!“ war von einem tiefen mißmuthigen Seufzer begleitet. Fünftes Kapitel. Im Kabinet des Regenten. Der Dienſt des Ordonnanzoffiziers war nach der Tafel für heute beendigt. Morgen kam ein anderer Glücklicher, der im Vorzimmer auf und ab ſpazieren ging, der Be⸗ kannte mit einem freundlichen Gruße empfing und Fremde mit einer gemeſſenen Verbeugung entließ. Da Herr von Fernow in dem Vorzimmer ein kleines Buch liegen gelaſſen hatte, ſo ſchritt er vom Speiſeſaal aus abermals durch den langen Corridor nach jenem Zim⸗ mer. Das Schloß lag jetzt ebenſo ſtill wie in den Nach⸗ mittagsſtunden, machte aber trotzdem nicht denſelben ſchläf⸗ rigen und langweiligen Eindruck. Auf den Treppen und Gängen brannten Lampen und ihr Schein zeichnete überall oft ſeltſame Licht⸗ und Schattenbilder. Der einfache Dra⸗ gonerpoſten im Veſtibule war für die Nacht zu einem Dop⸗ pelpoſten geworden und die Lakaien, die ſich ebenfalls hier befanden, ſaßen nicht mehr ſchläfrig auf den Banquets, Hackländer. Der Augenblick des Glücks. I. 6 Fünftes Kapitel. e plaudernd und waren offenbar in beſſerer Laune als heute Nachmittag; denn die Zeit ihres täglichen Dienſtes war bald verfloſſen und dann kam auch für ſie die Stunde, wo ſie zu Hauſe in ihrer be⸗ ſcheidenen Wohnung den goldbetreßten Rock ablegen durften, wo ſie den Ihrigen von den ermüdenden Herrlichkeiten des chauen konnten, wie Hofes erzählen und mit Vergnügen zuſ luſtige Kinder ihre ſämmtlichen Taſchen unterſuchten und ſo glücklich waren, ein Stückchen eroberten Kuchen zu finden. Das Adjutantenzimmer war erleuchtet und ſelbſt hier fand es der Ordonnanzoffizier nicht mehr ſo langweilig als an dem vergangenen Sonntag⸗Nachmittage, wo draußen der helle Sonnenſchein blitzte und hier tiefe Schatten lagen. Jetzt war das ja umgekehrt. Die flackernden Lampen er⸗ hellten freundlich das weite Gemach, ſtrahlten in den Spie⸗ geln wieder und glänzten auf die Goldrahmen und auf die blanke Spitze der Leibdragonerſtandarte, die hier aufgeſtellt war. Draußen in dem Hofe dagegen brütete die finſtere Nacht; doch war ſelbſt jene r nicht ſo einförmig wie heute Nachmittag im hellen Tageslicht. Man ſah Stallleute mit Laternen bei geöffneten Remiſen mit den Wagen beſchäftigt, die bei der heutigen Spazierf ahrt gedient. Herr von Fernow warf ſich in den kleinen Fauteuil am Fenſter und blickte mit finſte ſondern unterhielten ſich leiſ ern Gedanken auf das Trei⸗ — Auch ihr Wagen war gewiß dabei. Viel⸗ e des Oberſtjägermeiſters nieder⸗ ben dorten. leicht war ſie an der Seit —— Im Kabinet des Regenten. 83 geſeſſen, vielleicht hatte er während des Fahrens ihre Hand* berührt, wenigſtens ihr Kleid, ihren Mantel ſtreifen dürfen, und wenn Fernow das dachte, ſo knirſchte er mit den Zähnen und ballte die Fauſt, um gleich darauf ſchrecklich über ſich ſelbſt zu lachen. „Er hat ja das Recht, ihre Hand zu berühren,“ ſprach er bebend zu ſich ſelber;„er hat ja das Recht künftig beſtändig in ihrer Nähe zu ſein; er hat ja alles Recht über ſie, ſie wird ja in Kurzem ſein Weib ſein,— die Seinige, ganz die Seinige! Und ich wäre ſo namen⸗ los glücklich geweſen, wenn ich nur zuweilen einmal ſtill und vergnügt hätte in ihrer Nähe ſein dürfen, den Blick ihres Auges ſehen und vielleicht— in Augenblicken des Glücks,“— das ſagte er in Erinnerung an das heu⸗ tige Geſpräch mit grimmigem Lachen—„ihre Hand hätte berühren dürfen.— Verfluchtes Schickſal, das dem Einen Alles, Alles gibt, um dem Andern Alles, Alles zu nehmen.“ Er barg ſeinen Kopf in beiden Händen und brauchte ſich nicht zu ſchämen, daß er plötzlich ſo unendlich weich geſtimmt wurde, wie ihm dies ſeit ſeinen Knabenjahren nicht mehr begegnete. Er war ja allein in dem weiten Gemach, und wenn die ſpiegelnden Lichtſtrahlen auch auf einen ſonderbaren Glanz in ſeinen Augen fielen, ſo ver⸗ riethen ſie nichts davon; ihnen war es ja gleichgültig, ob ſie einem Glücklichen oder einem Traurigen leuchteten. Dazu pickte die Uhr einförmig, und draußen hörte man die beiden 6 ä 84 3 Fünftes Kapitel. Dragoner langſam auf⸗ und abſchreiten, alles Sachen, die den jungen Offizien in immer tieferes Nachdenken wiegten. Bei dem, was er verloren, war es begreiflich, daß er mit einem bitteren Gefühl an die Theorie ſeines Freundes dachte, an einen Augenblick des Glücks, welchen nach derſelben Jeder in ſeinem Leben einmal habe, den aber nur wenige Auserwählte zu erfaſſen vermöhen.——— „Es iſt das eigentlich ein gräßlicher Gedanke,“ ſprach er zu ſich ſelber, indem er haſtig von dem Fauteuil auf⸗ ſprang;„zu denken, das Glück umſchwebe Einen, man brauche die Hand nur darnach auszuſtrecken, aber man wiſſe weder den Augenblick, wo es uns nahe iſt, noch nach wel⸗ cher Seite wir faſſen müſſen, um es zu erlangen. Wenn ich mir,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„ein Sprich⸗ wort aus der Kinderzeit vergegenwärtige, daß auf Regen Sonnenſchein folge, und daran glauben würde, ſo müßte ja der Augenblick des Glückes nahe ſein, wenn man vom tiefſten Unglück berührt würde.—— Unglücklicher als ich heute geworden bin, kann ich wohl nimmer werden. Warum ſollte mir nicht vielleicht in dieſem Augenblick das Glück die Gunſt erzeigen, mir nahe zu treten? Aber wo es erfaſſen?— wo? wo?“—. Bei dieſen Worten war er heftig auf⸗ und abgegangen und hatte die letzteren lauter geſprochen, als gerade noth⸗ wendig war; er erſchrack auch faſt über den Ton der eige⸗ nen Stimme, als die Wände des weiten Gemachs von 4 Im Kabinet des Regenten.. 35 ſeinem Wo widerhallten. Er hätte lächeln können über ſich ſelber und ſeine Träume zerrannen ſo in Luft, daß er ſich erinnerte, er habe hier durchaus nichts mehr zu thun, als ſein Buch zu nehmen und dann nach Hauſe zu gehen.— — Da hörte er mit einemmale im Nebenzimmer den Klang einer Glocke, die ziemlich ſtark angeſchlagen wurde. Ihm war dieſer Ton wohl bekannt, er kam aus dem Kabinet des Regenten. Ddeerr Ordonnanzoffizier eilte gegen die Thür des Veſti⸗ bules, um dort einen der Lakaien oder Kammerdiener zu rufen. Als er aber ſchon die Hand auf den Drücker ge⸗ legt hatte, blieb er plötzlich ſtehen und es war, als ſpräche eine Stimme in ihm: Das iſt der Augenblick des Glücks! — Obgleich er dieſen Gedanken abweiſen wollte, ſo trat er doch wieder in das Zimmer zurück, überlegte ein paar Sekunden und wenn er auch gleich darauf hinaus in das Veſtibule zu gehen im Begriff war, ſo zog es ihn doch nach der anderen Thür, die er faſt willenlos öffnete, und trat in ein Gemach, welches zu den Zimmern Seiner Ho⸗ heit führte. „Vorwärts!“ ſprach er lächelnd zu ſich;„was kann ein überflüſſiger Dienſteifer ſchaden? Du haſt den Ruf der Glocke gehört, es iſt Niemand in der Rähe; alſo vor⸗ wärts!“ Wenige Augenblicke nachher öffnete er die nächſte Thür und ſtand in dem Kabinet des Regenten. Es war das ein Fünftes Kapitel. nleines. freundliches Gemach, dicke Teppiche bedeckten den Boden, im Kamin loderte des noch kühlen Frühlingsabends wegen ein behagliches Feuer und vor dieſem ſtand ein kleiner Tiſch, be⸗ ſtrahlt von einer ſtarken Carcellampe, die an Bronceketten von der Decke herabhing und an dieſen auf und ab ge⸗ ſchoben werden konnte. Dieſe Lampe war bedeckt mit einem weiten grünen Schirme, welcher das ganze Licht auf den Tiſch niederwarf und das übrige Zimmer in einer ſanften Dämmerung ließ. Dieſe war auch wohl Schuld daran, daß der Regent, der auf einem Seſſel neben dem Tiſche ſaß, den Eintretenden nicht ſogleich erkannte und in dem Glauben, es ſei Herr Kindermann, ohne aufzublicken ſagte: „Sehen Sie nach, ob Graf Schuler im Schloſſe iſt; ich möchte ihn einen Augenblick ſprechen.“.— Graf Schuler aber war der erſte Adjutant des Re⸗ genten. Als der Ordonnanzoffizier ſch umwandte, um die⸗ ſem Befehle Folge zu leiſten und als dabei ſein Säbel leiſe klirrte, blickte der Regent in die Höhe und ſagte raſch: „Ahl Sie ſind es, Sie waren noch im Vorzimmer?“ „Zu befehlen, Euer Hoheit,“ erwiderte Herr von Fernow;„ich ſuchte draußen etwas, das ich vergeſſen, ver⸗ nahm, daß Jemand gerufen wurde, und da keiner von der Dienerſchaft in der Nähe war, erlaubte ich mir, einzu⸗ treten.“ —— Im Kabinet des Regenten. „So, ſo,“ ſagte der Herzog und dabei faßte er den Fuß der Lampe und ſchob ſie ſo hoch empor, daß das volle Licht auf den jungen Offizier fiel. Dieſer ſtand ruhig er⸗ L wartend an der Thür und blickte mit ſeinen klaren, ehr⸗ lichen Augen nach dem Regenten hin. „So, ſo,“ wiederholte dieſer und ſchien dabei über etwas nachzudenken, wobei er mit den Fingern auf dem Tiſch trommelte.————„Ich wollte meinen erſten Adjutanten rufen laſſen,“ ſprach er nach einer Pauſe, in⸗ dem er lächelnd aufblickte,„und nun erſcheint ungerufen mein letzter.“ „Ordonnanzoffizier, Euer Hoheit,“ ſagte Herr von 8* Fernow nicht ohne Abſicht. „Ganz richtig, Ordonnanzoffizier;“ entgegnete der Re⸗ gent freundlich;„aber was nicht iſt, kann werden.— Es iſt vielleicht auch ſo gut,“ ſetzte er nach einem abermaligen Nachdenken hinzu. „Ich würde mich außerordentlich glücklich ſchätzen, von CEurer Hoheit zu einem Dienſte befohlen zu werden.“ Der Regent hatte ſich bei dieſen Worten des jungen 5 Offiziers von ſeinem Stuhle erhoben und, indem er um einen Schritt näher trat, wobei er ſich mit einem Arm auf den Kamin ſtützte, ſagte er: „Ich danke Ihnen für Ihre Bereitwilligkeit; aber es gibt Dienſte, die man eigentlich nicht befehlen will.“ 88 Fünftes Kapitel. „Wenn Euer Hoheit mir die Anleitung zu einem ſol⸗ chen Dienſte geben wollten, ſo ſtehe ich mit meinem Leben dafür ein, daß derſelbe aufs Pünktlichſte ausgeführt werden ſoll.“. Der Regent betrachtete den jungen Mann, der mit ſo feſtem und beſtimmten Tone zu ihm ſprach, mit augen⸗ ſcheinlichem Wohlgefallen, wobei ſeine Blicke von dem ſchö⸗ nen, ruhigen Geſichte leicht über deſſen ganze kräftige Ge⸗ ſtalt hinabglitten. „Wie kommt es,“ ſprach er nach einer Pauſe,„daß Sie noch nicht unter die wirklichen Adjutanten eingereiht wurden? Sie ſind Rittmeiſter im Gardedragoner⸗Regiment, und wie ich mich beſtändig gehört zu haben erinnere, von muſterhafter Aufführung im Dienſte. Sie ziehen es wahr⸗ ſcheinlich vor, im Regimente fort zu dienen?—— Nicht?“ „Ich würde mich glücklich ſchätzen, beſtändig um die Perſon Eurer Hoheit ſein zu dürfen.“ „So?— das begreife ich nicht recht. Weiß der Kriegsminiſter darum?“ „Er kennt meinen Wunſch ganz genau, Cuer Hoheit.“ „Warum ſchlug er Sie alsdann nicht zu einem meiner Adjutanten vor?“ Der junge Ordonnanzffizier lächelte bei dieſer Frage eigenthümlich; dann ſagte er mit ſeiner gewöhnlichen Offen⸗ heit:„Eure Hoheit werden mir verzeihen, wenn ich dieſe Im Kabinet des Regenten. 89 Frage einfach mit der Bemerkung beantworte, daß ich Fer⸗ now heiße.“ „Richtig,“ nickte der Regent;„ha! wahrlich! Ja, jetzt beſinne ich mich, Ihr Vater ſtand mit dem Kriegsminiſter nicht auf dem allerbeſten Fuße.“ „Auf dem allerſchlechteſten, Eure Hoheit.“ „So iſt's.—— Wer kann allen dieſen Fäden folgen? Es iſt aber doch ein Glück, wenn man zuweilen hineingreift.“ „Eure Hoheit haben die Macht, dies zu thun,“ ſagte Herr von Fernow ſehr ernſt;„wir Andern aber müſſen geduldig zuſehen, wenn auch unſer Lebensglück unter ſo manchen Fäden, die angeknüpft werden, leidet.“ Als das der junge Ordonnanzoffizier ſagte, richtete ſich der Regent aus ſeiner ruhigen Stellung am Kamin in die Höhe und blickte dem Sprecher forſchend in die Augen: „Das klingt ja ganz elegiſch! Ei, eil jetzt beſinne ich mich auf mancherlei. Sie haben heute einen ſchlechten Tag gehabt.“ „Ja, Eure Hoheit,“ entgegnete Herr von Fernow mit großer Offenheit. „Man ſrpach mir von Ihrer Leidenſchaft für die ſchöne Ripperda. Ja, mein lieber Fernow, das ſind Fäden, um bei unſerer Anſpielung zu bleiben, die ich nicht angeknüpft habe und in welche hineinzufahren meine Hand nicht mäch⸗ tig genug iſt.“ 99 Fünftes Kapitel. „Leider, Eure Hoheit!“ „Da hätten Sie ſich mit der Prinzeſſin beſſer ſtellen ſollen,“ fuhr der Regent lächelnd fort; doch wurde er gleich darauf ſehr ernſt und ſagte:„Verzeihen Sie mir meine Heiterkeit; ich will Ihnen damit gewiß nicht wehe thun. Glauben Sie mir, ich fühle vollkommen, wie hart und ſchmerzlich der Vorfall heute nach der Tafel für Sie ge⸗ weſen iſt.“ Dabei reichte der Regent dem jungen Offizier die Hand, der ſie tief gerührt ergriff und faſt an ſeine Lippen geführt hätte; doch hinderte dies der Fürſt durch eine raſche Bewegung, die er gegen den Kamin machte, um auf die Standuhr zu ſehen. „Schon halb acht!“ rief er aus; darauf ſchüttelte er mit dem Kopfe, legte die Hände auf den Rücken, ging bis an’s Ende des Gemachs, und als er wieder zurückgekehrt war, trat er dicht vor den jungen Offizier hin, legte die Hand auf ſeine Schulter und ſagte nach einem langen und feſten Blick:„Wir wollen den Grafen Schuler nicht incommodiren; vielleicht können Sie mir einen Dienſt er⸗ zeigen?“ „Ich werde mich glücklich ſchätzen.“ „Es iſt kein Dienſt gewöhnlicher Art,“ fuhr der Re⸗ gent ernſt, faſt finſter fort;„wenn Sie wollen, ein delicater Dienſt, und indem ich Ihnen denſelben übertrage, bewee— ich Ihnen kein gewöhnliches Vertrauen.“ —jꝛ— Im Kabinet des Regenten. 91 „Euer Hoheit beweiſen es gewiß keinem Unwürdigen.“ Nach dieſen Worten wandte ſich der Regent um, ging mehrmals in dem kleinen Gemache auf und ab und nahm dann ſeine erſte Stellung am Kamine wieder ein. „Ich brauche Ihnen,“ ſprach er,„als einem jungen Mann, der mit offenem Ohr und offenem Auge an unſerm Hofe erſcheint, wohl keine Andeutungen zu geben über die Spaltungen an demſelben ſeit dem Tode meines Bruders. —— Sollte ich Ihnen die erſt geben müſſen,“ ſetzte er mit einem eigenthümlichen Lächeln hinzu,„dann freilich würde es Ihnen ſchwer werden, mir im vorliegenden Falle zu dienen.“ „Euer Hoheit werden mir die Bemerkung verzeihen, daß ich dieſe Spaltungen ſehr genau kenne, da ich ja ſelbſt — ſchwer und ſchmerzlich darunter zu leiden habe.“ „Sie wiſſen,“ ſagte der Regent,„daß der ſo plötz⸗ liche und unerwartete Tod meines Neffen den Thron er⸗ ledigte, daß er ſtarb, ohne ſeinen Nachfolger geſehen zu haben. Nach dem Hausgeſetz übernahm ich die Regentſchaft 4 und werde ſie bis nach erfolgter Niederkunft der verwitt⸗ weten Herzogin behalten. Gewährt der Himmel dem Lande einen Prinzen, ſo würde ich nach dem Familienſtatut die Regentſchaft bis zur Großjährigkeit des neuen Herrſchers führen, erhalten wir aber eine Prinzeſſin, ſo fällt der Thron nach dem Familienſtatut, das die Cognaten ausſchließt, an 92 Fünftes Kapitel. den nächſten Agnaten des verſtorbenen Herzogs, und der bin ich— ſein Onkel.“ Der junge Ordonnanzoffizier machte eine tiefe Ver⸗ beugung. „Wie wir uns Alle in den Willen des Schickſals fügen müſſen, ſo würde das meine arme Nichte, die ver⸗ wittwete Herzogin, in jedem Falle mit voller Ergebung thun und würde ihrem Kinde die gleich zärtliche Mutter ſein, ſei es ein Prinz, ſei es eine Prinzeſſin. Es wird ſie viel⸗ leicht vorübergehend betrüben, daß die Krone dieſes Landes nicht bei ihren directen Nachkommen bleibt; aber ſie wird ſich darin zu fügen wiſſen und die Baniözunnd nicht anklagen, die es ſo gewollt.“ Nachdem der Regent ſo geſprochen, machte er aber⸗ mals einen raſchen Gang durch das Zimmer, ſtellte ſich hierauf näher zu dem jungen Mann und ſchaute ihn feſt an, während er das Folgende ſprach: „Die Prinzeſſin Eliſe dagegen denkt anders.— Sie möchte ſelbſt gern eine Art kleine Vorſehung ſein und dem Schickſal nachhelfen, wo es nicht galant genug wäre, einer ſchönen Dame das zu erfüllen, was dieſe ſich in den Kopf geſetzt hat.— Ich weiß nicht, ob Sie mich verſtehen.“ „Ich glaube, Euer Hoheit zu verſtehen.“ „Nun gut.— Wenn ich jetzt fortrede, junger Mann,“ ſagte der Fürſt plötzlich mit einem kalten, faſt drohenden Tone,„ſo beweiſe ich Ihnen ein Vertrauen, deſſen Miß⸗ Im Kabinet des Regenten. brauch von den bedenklichſten Folgen ſein könnte, nicht ſo⸗ wohl für mich, als— für Sie.— Es gibt Menſchen mit dem beſten Willen,“ fuhr er gleich darauf in leichtem Tone und mit einer gefälligen Handbewegung fort, als er ſah, daß ihm Herr von Fernow etwas antworten wollte; „Menſchen, die mit dem beſten Willen doch nicht im Stande ſind,— ein Geheimniß zu bewahren. Wenn Sie zu dieſen gehören, mein lieber Fernow, ſo beendigen wir die Unter⸗ redung, und ich bitte, mir den Grafen Schuler zu rufen.“ „Wenn ich es aber vorzöge, ſelbſt zu bleiben, Euer Hoheit?“ entgegnete der junge Mann, indem er eine leichte Verbeugung machte und dabei die rechte Hand wie betheuernd auf die Bruſt legte. Zugleich aber ſchaute er dem Re⸗ genten ſo offen und ehrlich und mit ſo feſtem Blick in das Geſicht, autwortete:. „So nehmen Sie meine Worte von vorhin als eine leichte Verwarnung, die ſich ein älterer Mann einem jün— geren gegenüber wohl erlauben darf.— Hören Sie mich: Wie ich Ihnen ſchon andeutete und wie Sie auch ſelbſt wohl wiſſen, iſt die Prinzeſſin Eliſe eine andere Natur, als ihre Schweſter. Mit unſchätzbaren Eigenſchaften des Geiſtes und auch des Herzens verbindet ſie eine Luſt zur Intrigue, die mich ſchon bittere Augenblicke gekoſtet hat. Statt einer Sache, die man nicht voraus berechnen kann, ihren Lauf zu laſſen, intereſſirt ſie ſich ſchon bei'm Anfange daß dieſer mit einem lächelnden Kopfnicken Fünftes Kapitel. ſo lebhaft für das Ende, damit dies nämlich ſein möge, wie ſie es wünſcht, daß ſie alle möglichen Mittel aufbietet, ſelbſt das Schickſal in die Bahnen zu lenken, die ſie dem⸗ ſelben in ihrer Laune vorzeichnen möchte. Man könnte ſagen: die Laune eines Weibes! und achſelzuckend vorüber⸗ gehen; aber die Combinationen der Prinzeſſin, wenn auch auf falſchem Wege, ſind dabei ſo geiſtreich, daß man ſie überwachen muß, um irgend ein Unglück oder wenigſtens eine unſägliche Confuſion zu vermeiden. Sie kommt mir zuweilen vor, wie einer jener alten Alchymiſten, die mit gsroßen Kenntniſſen ausgerüſtet, Alles daran ſetzen, den Stein der Weiſen zu ſuchen, den ſie freilich nie fanden, dagegen aber etwas anderes, irgend ein Fluidum oder ein Pulver zuſammenſtellten, deſſen verheerende Wirkungen ihnen unbekannt waren und wodurch ſie eben ihr eigenes Haus über ihren eigenen Köpfen zuſammenſtürzten.— Die Prin⸗ zeſſin kann den Gedanken nicht ertragen, daß die verwitt⸗ wete Herzogin dem Lande möglicher Weiſe eine Prinzeſſin ſchenken könnte.— Ich begreife wohl, daß ſie einen Thron⸗ folger wünſcht, indem ſie alsdann der Hoffnung lebt, bei der künftigen Regentſchaft ein bedeutendes Wort mitſprechen zu dürfen.“ Das ſagte der Herzog mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln. „Wir andern Menſchenkinder,“ fuhr er fort,„müſſen uns unter den Willen des Schickſals beugen, ein unruhiger Geiſt, wie der der Prinzeſſin aber glaubt, wie ich Ihnen Im Kabinet des Regenten. 95 ſchon vorher andeutete, daß es Mittel und Wege gebe, ſelbſt das unabänderliche Geſchick ihrem Willen unterthan zu machen. Sie hat ſich vorgenommen, es ſoll ein Prinz zur Welt kommen, und ſie wäre im Stande, ſich mit Leuten einzulaſſen, die ihr begreiflich machten, man könnte ihren Willen auch in dieſem Punkte durchſetzen.— Ich weiß nicht, ob Sie mich verſtehen.“ „Ich fürchte faſt, Euer Hoheit,“ antwortete Herr von Fernow. „Gott ſoll mich bewahren,“ fuhr der Herzog mit großem Ernſte fort,„daß ich die Prinzeſſin, die bei ihrem klaren Verſtand ein ſehr edles Herz hat, für fähig hielte, je was derartiges gegen ihre eigene Familie zu unternehmen, aber leider liebt ſie nun einmal, mit dem Feuer zu ſpielen; und wenn man ihr eine Intrigue zeigt, deren Gelingen faſt unmöglich iſt, ſo ſpornt ſie das gerade an, die erſten ein⸗ leitenden Fäden zu knüpfen, um ſich ſelbſt und Andern ſagen zu können:„„Seht ihr, ſo könnte es gehen.““ Sie wird aber gleich darauf das ganze Gewebe zerreißen mit dem Zuſatze:„„Aber ich will nicht.“— Es iſt das ihre Manie.— Glauben Sie mir, lieber Fernow,“ ſagte der Regent zutraulicher,„daß aus demſelben Grunde die Ver⸗ bindung der ſchönen Ripperda mit dem Baron Rigoll an⸗ gebahnt worden iſt. Hätte man ihr nicht geſagt: Das iſt ja unmöglich, eine ſolche Verbindung kann nie zu Stande Fünftes Kapitel. kommen, es iſt völlig widerſinnig, das Fräulein jung, un⸗ abhängig, reich und ſchön—“ „Ja, ſehr ſchön,“ ſeufzte der Offizier. „Der Oberſtjägermeiſter von Allem das Gegentheil; liegt darin Verſtand? Ich finde keinen.“ „Das weiß Gott.“ „Hätte ſich nicht alle Welt dagegen erklärt, ſo würde ſich die Prinzeſſin dieſer fatalen Sache nicht mit ihrer un⸗ widerſtehlichen Leidenſchaft angenommen haben.— Ja, recht fatal,“ ſetzte er in ſehr gütigem Tone hinzu;„und mir jetzt doppelt unangenehm, da ich einen kleinen Blick in Ihr Herz gethan, mein lieber Fernow. Ob da noch etwas zu machen iſt, darüber kann ich nicht urtheilen; da ich nicht weiß, wie genau Sie die junge Dame kennen. Rechnen Sie aber in jedem Verhältniſſe auf meine Hülfe, ſoweit ich helfen kann.“ Der junge Offizier wollte mit beredten Worten ſeinen Dank ausſprechen; doch unterbrach ihn der Regent ſchon bei dem erſten Satze, indem er fortfuhr: *„Kommen wir zu Ende. Daß es viele dergleichen Sachen gibt, wo ich die Herzogin nicht contrecarriren kann und mag, brauche ich Ihnen nicht zu ſagen. Sie ſoll meinetwegen die einleitenden Schritte zu einem Verſuche thun, dieſes Schloß mit Allem was drinnen iſt, mitten in die Stadt zu verſetzen, und ich will ruhig zuſchauen und dabei lächeln; dagegen iſt es meine Pflicht, Fäden zu zerreißen, Im Kabinet des Regenten. 97 welche die Prinzeſſin unbeſonnen zum Gelingen einer Sache anknüpft, an deren Ausgang ſie ſelbſt nicht glaubt, ein Ausgang, der ſie ſelbſt erſchrecken, ja empören würde, wo ſie ſich aber von gewiſſenloſen Menſchen rathen läßt, die nur bezwecken, ſie zu compromittiren.“ 3 „Wenn ich mir erlauben darf, zu fragen,“ ſprach Herr von Fernow;„ſo wiſſen Euer Hoheit um die ange⸗ knüpften Fäden?“ „Vollkommen.“ „Und kennen die Rathgeber?“ „Gewiß.— Baron Rigoll iſt einer von denen, für die es, wenn man ihren Worten glauben will, keine Schwie⸗ rigkeiten gibt. Und dem etwas in den Weg zu legen,“ ſetzte der Regent lächelnd hinzu,„würde Ihnen wohl gerade nicht unangenehm ſein. Bei alledem gehört es mit zu der Art, wie die Prinzeſſin ihre Geſchäfte beſorgt, daß ſie ihre ſogenannten guten Freunde, die mit ihr an demſelben Werke arbeiten, von einander fern zu halten weiß, ſo daß der Eine nie klar ſehen kann, was der Andere neben ihm thut. Einer ihrer ſchlimmſten Rathgeber iſt Jemand, der weder im Schloſſe wohnt, noch Zutritt in demſelben hat, den die Prinzeſſin nie oder höchſt ſelten ſieht, und der ſeine Bot⸗ ſchaften auf die eigenthümlichſte Weiſe in ihre Appartements einzuſchmuggeln verſteht.— Auch darin findet die Prin⸗ zeſſin einen eigenen Reiz, ein Zeichen zu erſpähen, irgend öffentlich eine Botſchaft zu vernehmen, worin ſich ein Satz Hackländ er. Der Augenblick des Glücks. I. 7 98 Fünftes Kapitel. befindet, der für ſie eine ganz andere Bedeutung hat.— Du lieber Gott! ich habe ihr ſelber oft den Gefallen erzeigt und in der Art mit ihr correſpondirt.— Doch das iſt vorbei.“ Ddie letzten Worte ſprach der Regent in faſt trübem Tone, während er ſich mit der Hand über die Augen ſtrich. Herr von Fernow hatte dieſe Bewegung kaum bemerkt, denn als der Regent von den geheimnißvollen Botſchaften ſprach, die von außen in das Schloß gelangten, fiel ihm mit einem Male die Geſchichte mit dem Bouquet vor der Tafel ein. 8 „Früher,“ fuhr der Regent fort,„habe ich mich wie geſagt, wenig um dergleichen geheimnißvolle Winke oder Worte bekümmert; der vorliegende Fall dagegen bedingt das anders, und ich muß wiſſen, was hin und her correſpondirt wird.— Heute vor der Tafel—“ „Ah!“ ſtieß der junge Offizier in ſo ausdrucksvollem Tone hervor, daß ihn der Regent fragend anſah und ihn, als er ehrerbietig ſchweigen wollte, durch eine Handbewegung zum Sprechen aufforderte. „Heute vor der Tafel,“ fuhr demgemäß Herr von Fernow fort,„ſahen wir im Vorzimmer Ihrer Durchlaucht ein prachtvolles Blumenbouquet.“ „Wie?“ fragte der Regent. „Baron Wenden und ich. Wir waren beide im Dienſt.“ 1 Im Kabinet des Regenten. „Ganz richtig, Baron Wenden.“ „Wir führten ein eigenthümliches Geſpräch und im Verlauf deſſelben faßte Wenden mit der Hand in das Blu⸗ menbouquet, und war überraſcht, in demſelben verborgen einen Papierſtreifen zu finden.“ „Er war wirklich überraſcht?“ 8 „Gewiß, Euer Hoheit. Er hatte keine Ahnung davon.“ „Es iſt möglich. Fahren Sie fort. Unſere Bemer⸗ kungen treffen ſich.“— „Wenden entrollte den kleinen Papierſtreifen und ver⸗ ſicherte mir, er ſähe keine Zeichen daran. Ich glaubte ihm, doch als er hierauf das Papier gegen das Licht hielt, ſah ich, wie ſeine Geſichtszüge für einen Augenblick höchſt über⸗ raſcht erſchienen.“ „Natürlich. Das Papier war durchſtochen und dieſe Stiche hatten eine Bedeutung.— Weiter? Ich will doch hören, was Sie ferner geſehen,“ „Nach der Tafel,“ fuhr der junge Mann in einem trüben Töne fort,„wurde jene Verlobung verkündigt...“ „Und das benahm Ihnen alle Luſt zu weiteren Nach⸗ forſchungen?“ ſagte der lächelnd der Regent. „Es war beinahe ſo, ich geſtehe es Eurer Hoheit.“ „Nun, dann will ich Ihnen den Verlauf erzählen, Baron Wenden wandte ſich an die Prinzeſſin;— es iſt das ein junger Mann, der ſchnell ſeinen Weg machen möchte, — er verſicherte ſie ſeiner unbedingten Ergebenheit, und die . 37 100 Fünftes Kapitel. Prinzeſſin befahl ihm, er ſolle ſich heute Abend um neun Uhr in ihrem Kabinet einfinden.“ „Aber, Eure Hoheit,“ entgegnete erſtaunt der junge Offizier,„ſtanden weiter von jener Fenſterniſche entfernt, als ich; und ich vernahm nicht das mindeſte von dem ſehr leiſe geführten Geſpräch.“ „Das iſt wohl möglich,“ antwortete der Regent;„aber Sie können mir glauben, daß es ſich ſo verhält und Sie werden Gelegenheit haben, ſich ſelbſt davon zu überzeugen. Es iſt mir nämlich Alles daran gelegen, daß die Unter⸗ redung dieſes Abends nicht ſtattfinde; ich will nicht, daß die Prinzeſſin ihre, gelinde geſagt, komiſchen Anſchläge und augenblicklichen Eingebungen noch anderen Ohren preisgebe, ſich weiter compromittire. Der Dienſt, den Sie mir leiſten können, beſteht alſo in Folgendem: Sie begeben ſich um halb neun zu Kindermann, der wird Sie in einen Saal führen, den der Baron auf ſeinem Wege zu paſſiren hat. Dort halten Sie ihn im Geſpräche auf; begreiflicher Weiſe wird er ſehr eilig ſein und Ihnen nicht Rede ſtehen wollen. Da Sie ihn aber genau kennen, ſo gelingt es Ihnen viel⸗ leicht, ihn hinwegzuführen; meinetwegen können Sie ja eetwas davon fallen laſſen, Sie hätten aus guter Hand erfahren, ich, der Regent ſehe es nicht gern, wenn das Schloß um die angegebene Stunde, ohne daß irgend eine Geſellſchaft befohlen ſei, auf geheimnißvolle Art beſucht werde. Vielleicht komme ich ſonſtwie Ihrer Unterredung zu Hülfe; 3 Im Kabinet des Regenten. 101 nützt aber das alles nichts, ſo ſind Sie in Ihrem Dienſt, Sie verhaften den Baron Wenden mit der größten Ruhe und bringen ihn nach Hauſe; auf alle Fälle hat er Ihnen † dort ſein Ehrenwort zu geben, daß er ſo lange in ſeiner Wohnung bleibt, bis es mir beliebt anders zu verfügen. Morgen werden Sie mir über das Ganze Bericht erſtatten. Sollte ſich dagegen etwas Außergewöhnliches ereignen, ſo bin ich ſchon heute Abend für Sie zu ſprechen.“ Herr von Fernow verbeugte ſich ehrerbietig vor dem Regenten, dankte ihm in einigen Worten für ſein Zutrauen, und als ſich der Fürſt darauf mit einem freundlichen Kopf⸗ nicken und einer leichten Handbewegung verabſchiedet, ver⸗ † ließ er das Kabinet, ging durch den Vorſaal bei den Dra⸗ gonern im Veſtibule vorbei, ließ ſich von den Bedienten erſtaunt anſchauen, die nicht begreifen konnten, was er um dieſe Zeit hier zu machen habe, und trat dann an der Neben⸗ treppe in's Freie. Draußen war es indeſſen ſehr dunkel geworden, ob⸗ leich ſich der Himmel klar und ſchön wie am vergangenen Tage auch jetzt noch über der Erde wölbte, mit Myriaden — von Sternen, die in vielerlei Farben funkelten und blitzten und durch die eigenthümliche Stellung zu einander jene Fi⸗ guren zeigten, die wir Sternbilder nennen. Der Ordonnanzoffizier ging durch das Schloß und trat auf die große Terraſſe vor dem Hauptportal, wo er die nächtliche Stadt mit ihrem Duſt und Nebel, mit ihren 102 Fünftes Kapitel. Im Kabinet des Regenten. langen, jetzt weiß leuchtenden Straßenlinien, mit ihren blitzen⸗ den Lichtern hie und da, mit Wagengeraſſel, entfernter Muſik, mit ihrem unaufhörlichen Summen und Sauſen vor ſich liegen ſah. Er hatte ſeinen Mantel umgenommen, eine Cigarre angezündet und wenn er, den ſüßen Dampf ein⸗ ziehend, auf dieſelbe blickte, und den kleinen leuchtenden Punkt immer größer werden ſah, ſo war er im Stande, ſeine Gedanken zu concentriren und eigenthümlichen Träu⸗ mereien nachzuhängen. Was hatte er am heutigen Tage Alles erfahren! Wie war ſein Herz verwundet worden! Wie hatte er zum erſtenmale ſo wild und ſtürmiſch gefühlt, daß er jenes herrliche Mädchen liebe, innig liebe, ja, mit aller Kraſt ſeiner Seele libe,—— hoffnungslos liebe! Und darauf der Abend! Das, was ihm im Kabinet des Regenten begegnet war! Hatte er nicht vielleicht das Glück ergriffen, als er jenem Ruf der Klingel folgte? O ja, es mußte ſo ſein, die Theorie des Baron Wenden war richtig, es gab einen Augenblick des Glücks, dann aber auch, da es kein Licht ohne Schatten gibt, ebenſo gut einen Augen⸗ blick des Unglücks. 1 —— — — 85 4 Sechstes Kapitel. Im Kabinet des Kammerdieners. Träumereien und Cigarre waren zu Ende, als die Schloßuhr acht ſchlug und eine Menge geſchwätziger Glocken in der Stadt dieſes wichtige Ereigniß lautklingend und fröhlich verkündeten, als erzählten ſie eine große Merkwürdigkeit. Der junge Ordonnanzoffizier ſchritt nach der hintern Seite des Schloſſes zu, mit einem tiefen Seufzer an den Himmel blickend, wobei er den Namen„Helene“ mehrmals und innig ausſprach. Daß in dieſem Augenblick ein blitzender Stern über einen Theil der dunkeln Wölbung droben nieder⸗ fuhr, nahm er als eine gute Vorbedeutung; denn man ſagt ja, die Sternſchnuppe verheiße die Erfüllung eines Wunſches, an den man beim Erblicken derſelben dachte; was aber Herr von Fernow dachte, als er gen Himmel blickend den Namen Helene ausſprach, brauchen wir weder unſern geneigten Leſern und noch viel weniger unſern ge⸗ neigten Leſerinnen zu erklären. 4 —— an die Thür. Innen rief man: Herein! und dieſes Herein klang ſo angenehm und freundlich, daß man in dieſem 6 104. Sechstes Kapitel. 6 Der gewöhnliche Aufenthaltsort des erſten Kammer⸗ dieners Kindermann war ein kleines Zimmer in der Nähe des herzoglichen Kabinets, und dahin begab ſich gemäß dem erhaltenen Befehle der Ordonnanzoffizier und klopfte leiſe Herein ordentlich das lächelnde Geſicht des Herrn Kinder⸗ mann ſah. Der würdige alte Herr befand ſich auch in dem kleinen Gemache, lächelte dem Eintretenden freundlich entgegen, und machte beim Anblick des Offiziers mit ſolcher Umſtändlich⸗ keit ſeine Anſtalten, um aus dem bequemen Lehnſtuhle auf⸗ zuſtehen, daß Herr von Fernow nichts Eiligeres zu thun hatte, als den alten Herrn zu bitten, ja ihm zu befehlen, ſitzen zu bleiben. „In der That, man wird müde,“ ſagte Herr Kinder⸗ mann, und dabei dämpfte er ſein Lächeln ein wenig, um es gleich darauf wieder um ſo heller aufſtrahlen zu laſſen, als er hinzuſetzte:„daher thut es einem alten Manne nach vollbrachtem Tagewerk ſo wohl, in ſtiller Beſchaulichkeit ein wenig ausruhen zu können. Wenn ich aber ſitzen bleiben ſoll, gnädiger Herr, ſo müſſen Sie mir die außerordentliche Chre erzeigen, ſich ebenfalls am Kaminfeuer ein wenig nie⸗ derzulaſſen; im andern Falle zwingen Sie mich aufzuſtehen, meinen Frack anzuziehen und in der mir zukommenden Hal⸗ tung neben Ihnen aufrecht zu verharren.“ Im Kabinet des Kammerdieners. 105 Herr Kindermann hatte nämlich ſein Dienſtkleid aus⸗ gezogen und ſteckte mit der weißen Halsbinde, mit dem lächelnden Geſichte, den wohlfriſirten Haaren und untadel⸗ haften Schuhen und Strümpfen in einer feinen weißen Pi⸗ qusjacke, die aber augenſcheinlich zu lang und zu weit für ihn war, was wohl daher kommen mochte, daß die Per⸗ ſönlichkeit des Regenten größer und breiter war, als die ſeines Kammerdieners. Auch ſaß Herr Kindermann nicht trocken vor dem hell lodernden und ſanft wärmenden Kamine. Auf dem Geſimſe deſſelben ſtand eine zierliche kleine ſilberne Punſchbowle, aus welcher es ganz allerliebſt duftete. Da der Ordonnanzoffizier einmal ſaß, ſo mußte er ſich aus dem Getränke der Bowle ein kleines Glas auffüllen laſſen, woran er auch zur großen Zufriedenheit des Kam⸗ merdieners nippte.— Dieſer ſah auf die Uhr und ſagte: „Wir haben vollkommen Zeit; noch eine gute halbe Stunde, und auch dann werden Sie in dem großen Saale dort oben noch lange genug warten müſſen. So iſt es denn doch offenbar beſſer, wir warten hier unten, als da oben. Zu lange dürfen wir uns dagegen auch nicht auf⸗ halten, denn man weiß nie, was paſſiren kann. Unter uns geſagt, Herr von Fernow, mich freut es außerordent⸗ lich, daß Sie gerade im Vorzimmer waren und zufällig in's Kabinet Seiner Hoheit traten. Das ſind Augenblicke, die zu viel Gutem führen können.“ „Augenblicke des Glücks,“ ſagte lachend der Offizier. 106 Sechstes Kapitel. „Gewiß, Augenblicke des Glücks,“ fuhr Herr Kinder⸗ mann wohlgefällig lächelnd fort;„aber in der That es freut mich gerade für Sie. Ich habe den Papa ſehr wohl ge⸗ kannt; Seine Excellenz waren ein charmanter und liebens⸗ würdiger Herr, und umgänglich, Herr von Fernow, ſehr umgänglich. Ich kann Sie verſichern, Seine Excellenz traten nie in dies kleine Vorzimmer, ohne zu mir zu ſprechen: Herr Kindermann, wie geht's Ihnen? oder: Herr Kinder⸗ mann, wie haben wir geſchlafen? Und ich verſichere Sie, das Wir war ein Act der Vertraulichkeit, den ich wohl zu würdigen verſtand. Unter dem Wir meinte Ihr Papa auch noch was anderes. Ebenſo, wenn er fragte: Herr Kinder⸗ mann, was haben wir heute für Wetter? Damit meinte er nicht, ob es draußen regnete oder ob die Sonne ſchien, ſondern er wollte wiſſen, ob ſonſtwo der Himmel klar oder ſtürmiſch ſei. Und dabei kann ich Sie verſichern, daß ich Seiner Excellenz in dieſem Punkte immer die beſten An⸗ deutungen gab. Gewiß, Seiner Excellenz, Ihrem Herrn Papa, habe ich nie falſch berichtet.“ „Und ſonſt kam es Ihnen nicht darauf an, Herr Kindermann, vielleicht hie und da ein falſcher Wetterprophet zu ſein?“ Herr Kindermann hatte ſein Glas ergriffen, ſchielte, ehe er es zum Munde führte, mit einem unausſprechlichen Lächeln nach dem Lichte hin, nahm einen tüchtigen Zug und antwortete: ——— Im Kabinet des Kammerdieners. 107 „Es gibt ein altes Sprichwort: Wie man in den Wald hineinſchreit, ſo hallt es heraus; und ich kann Sie verſichern, Herr von Fernow, es gibt an jedem Hofe un⸗ bedachtſame Leute, die einen Kammerdiener des regierenden Herrn nur wie ein Ding betrachten, wie eine Sache, gut genug, um anzumelden und die Thür zu öffnen. Und das iſt doch eine ſehr unrichtige Auffaſſung unſerer Stellung.“ „Allerdings eine unverantwortliche Auffaſſung.“ „Freilich ſitze ich weder im Staatsrathe, noch habe ich Stimme im Miniſterium,“ fuhr Herr Kindermann leiſe ſchmunzelnd fort;„dagegen aber,“ ſetzte er mit großem Selbſtgefühl hinzu, während er leicht ſeine weiße Halsbinde ſtrich:„dagegen bin ich es, der Seine Hoheit in unbe⸗ wachten Augenblicken ſieht, der Höchſtdemſelben die Hals⸗ binde knüpft, ihm den Säbel umſchnallt, und der ihm vor allen Dingen Parfum auf das Sacktuch träufelt.— Sie ſehen mich erſtaunt an, Herr von Fernow; aber ich bin gegen Sie ungeheuer offenherzig, ſchon dem Andenken an den Papa zu Liebe; und ich verſichere Sie, die drei ſoeben genannten Verrichtungen, namentlich die letztere, ſind für mich von der größten Wichtigkeit. Verſtehen wir uns recht. Es iſt da irgend Etwas los, worüber ich gar zu gern die Meinung Seiner Hoheit hören möchte. Nun iſt es mir aber um Alles in der Welt nicht erlaubt, den Herrn ge⸗ radezu anzureden. Ich knüpfe alſo die Halsbinde ein wenig feſter, als gewöhnlich; Seine Hoheit ſagt vielleicht gar nichts 1 8 Sechstes Kapitel. darauf, ſondern macht mir ein Zeichen, ſie lockerer zu knüpfen. Das iſt alsdann ſchlimm. Seine Hoheit bemerkt aber auch vielleicht:„„Kindermann, wir ſind heute aber auch verdammt ungeſchickt.“ Das iſt ſchon ermuthigender, und ich ſeufze dagegen und ſpreche: Ja, es iſt wahr, Ew. Hoheit, wir ſind zuweilen recht ungeſchickt.— Iſt das her⸗ aus, ſo wette ich Zehn gegen Eins, der Herzog fängt an zu lachen und ſagt z. B.:„„Nun, Kindermann, das Wir bitte ich mir aus““— Sehen Sie, Herr von Fernow, dann habe ich gewonnen Spiel. Es iſt dann gerade ſo, als wenn man eine Mühle aufzieht. Zuerſt dreht ſich das Rad widerſtrebend, iſt es aber einmal im Gange, ſo können Sie mir glauben, daß Kindermann ſein Korn zu mahlen verſteht, wie irgend ein Anderer.“ „Das iſt wirklich ganz erſtaunlich,“ ſagte lachend der Ordonnanzoffizier;„und ich werde mir von Ihren Andeu⸗ tungen Einiges zu Nutze machen.“. Herr Kindermann hatte abermals einen tüchtigen Schluck ſeines vortrefflichen Ananaspunſches zu ſich genommen und fuhr dann fort: 3 „Oftmals aber nützt mir weder Halsbinde noch Säbel. Was den letzteren anbelangt, ſo wähle ich nämlich in ge⸗ wiſſen Fällen einen, der Seiner Hoheit nicht convenirt. Heißt es nun kurz und barſch: Einen andern! ſo wird ganz einfach das Taſchentuch mit Esbouquet beträufelt. Seine ſoheit ziehen nämlich Eau de Cologne vor. Das iſt jedoch 1 —,— Im Kabinet des Kammerdieners. 109 mein letztes verzweifeltes Mittel und wird in der That nur bei großen Angelegenheiten angewandt. Sie viſſen ſelbſt, Herr von Fernow, daß nichts ſo ſehr die Erinnerung an Etwas auf's Lebhafteſte zurückruft, als der Duft irgend einer Pflanze, eines Parfums. Wir haben das ja alle erfahren. Riechen wir im Frühjahr das erſte Heu, ſo überfällt uns ordentlich wehmüthig der Gedanke an die Jugendzeit, wo wir die Schule ſchwänzten, um im Freien herumzulaufen.— Nun überkommt aber den Regenten eine ganz eigenthümliche Erinnerung,— das Nähere gehört nicht hieher— wenn Höchſtdieſelben Esbouquet riechen. Das ſtimmt Seine Ho⸗ heit weich und macht ihn nachdenklich; ja er kann ſich dabei ſo in ſeine Phantaſien vertiefen, daß ich nur etwas laut zu huſten brauche, um gefragt zu werden:„Was haben Sie geſagt, Kindermann?“ Und wenn man gefragt wird, ſo darf man antworten.— Aber Sie trinken gar nicht von dieſem wirklich koſtbaren Punſche, Herr v. Fernow! Thun Sie das ja! Die Nachtluft iſt kühl, und droben in den Sälen iſt es um dieſe Zeit gar nicht behaglich.“ Bei dieſen aufmunternden Worten hatte der Kammer⸗ diener ſein Glas zwiſchen beide Hände genommen, drehte es hin und her und erfreute ſich ſanft lächelnd an den klei⸗ nen Ringeln, die ſich in der goldgelben Flüſſigkeit zeigten; auch roch er daran, ehe er abermals trank. „Es freut mich in der That, Herr Kindermann,“ unterbrach der Ordonnanzoffizier die Stille,„daß Sie ſich 110 Sechstes Kapitel. meines Vaters auf ſo angenehme Art erinnern, es geht nicht allen Leuten ſo.“ „Weiß wohl, weiß wohl,“ entgegnete der Kammer⸗ diener;„Sie müßten lange Major ſein und Adjutant, und deshalb iſt es gerade gut, daß Sie heute Abend Seine Hoheit im Vertrauen geſprochen. Wir werden ſchon darauf zurückkommen.— Apropos,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort:„etwas Anderes in Ihren Angelegenheiten hätte ich mir nicht ſo ſtillſchweigend gefallen laſſen.“ „Und das iſt?“ fragte eifrig und aufmerkſam der Andere; denn er ahnte ſchon, was kommen würde. „Nun, die Verlobung, die wir heute gefeiert haben. Ah! das iſt ja ein Scandal, und ich werde mich der Sache ganz beſonders annehmen.“ „Wenn das was helfen könnte, würde ich Ihnen zu großem Danke verpflichtet ſein.“ „Was helfen könnte?— Es iſt freilich ſchon ſpät! der Karren iſt ſchon ziemlich verfahren.“ „Und Ihre wichtige Hüͤlfe vielleicht ſchon unnütz; denn wer kann wiſſen, ob das Fräulein nicht mit der Partie einverſtanden iſt?“ „Den Teufel auch! das kann ich wiſſen,“ rief Herr Kindermann, und es hatte faſt den Anſchein, als wolle ſein Geſicht für einen Augenblick ernſt werden; doch über⸗ wand er dieſe Abnormität, und ſeine Augen ſtrahlten fort und fort in ihrem angenehmen Lächeln, während er ſagte: 8 — — Im Kabinet des Kammerdieners. 111 „Das Fräulein iſt untröſtlich, und es hat ſchon ganz ab⸗ ſonderliche Scenen gegeben. Da hätten Sie energiſcher auf⸗ treten oder ſich dem alten Kindermann anvertrauen ſollen; der hat ſchon manchen guten Rath gegeben, das kann ich Sie verſichern.“ „Davon bin ich feſt überzeugt,“ erwiderte Herr von Fernow;„und wenn ich noch jetzt und recht dringend darum bäte?“ Der Kammerdiener ſchüttelte ſeinen Kopf und gab nach einer Pauſe zur Antwort: „Vorderhand muß man den Faden laufen laſſen, aber die Augen offen behalten, und wo ſich Etwas zeigt, was uns nützen kann, nicht blöde ſein und zugreifen. Wenn Sie mich Ihres Vertrauens werth halten,“— dabei wurde das Lächeln des Herrn Kindermann feierlicher, und er hob ſeine Naſe ſehr hoch in die Höhe;—„ſo haben Sie die Freundlichkeit, mich auf dem Laufenden zu erhalten über das, was Sie in Ihrer Angelegenheit hören und ſehen.“ „Das will ich mit dem größten Vergnügen thun und bin entzückt,“ ſagte der junge Mann nicht ohne einen An⸗ flug von Schmeichelei,„die für mich ſehr wichtige Sache in ſo guten Händen zu wiſſen. Nehmen Sie im Voraus meinen beſten Dank, und ſeien Sie von meiner beſtändigen Erkenntlichkeit überzeugt.“ Indem er das ſagte, hatte er einen Blick auf die Uhr eworfen und ſich erhoben, als er bemerkte, daß der Zeiger der Kammerdiener auf der rechten Seite aberma 11 2 Sechstes Kapitel. auf halb neun wies. Herr Kindermann folgte ruhig und bedachtſam ſeinem Beiſpiele, und nachdem er mit einer wahr⸗ haften Feierlichkeit den letzten Reſt des Punſches vertilgt, entgegnete er: „Wie ich Ihnen ſchon früher bemerkt, Herr von Fernow, bin ich es dem Andenken Ihres Vaters ſchuldig, für Sie mein Möglichſtes zu thun. Ich kann Sie verſichern, Kin⸗ dermann vergißt nie eine freundliche Behandlung. Jetzt will ich aber ein bischen Toilette machen, und dann gehen wir.“ Zu dieſem Zweck zog ſich der Kammerdiener hinter einen grauen Vorhang zurück, wo ſein Bett ſtand, und als er wieder zum Vorſchein kam, war er ſtatt der weißen Piquéjacke mit einem ſo langen grauen Rocke bekleidet, daß man von ſeinen weißen Strümpfen nicht das Geringſte mehr ſah und nur die Spitzen der Schuhe hervorblickten. Darauf gingen Beide miteinander fort. Sctatt aber den gewöhnlichen Weg über die Stiegen und die breiten Corridors zu nehmen, gingen ſie hinter dem Appartement des Regenten durch eine Thüre, die Herr Kindermann öffnete und ſorgfältig wieder verſchloß, dann eine Wendeltreppe hinauf und kamen oben in einen ſchmalen Gang, der durch das ganze Schloß lief, dabei weder Fen⸗ ſter noch ſonſtige Oeffnungen hatte und durch Lampen er⸗ hellt wurde, die unaufhörlich Tag und Nacht brannten. Dieſem Gange folgten ſie eine weite Strecke, dann öffnete ls eine Im Kabinet des Kammerdieners. 113 kleine Thür und Beide betraten einen Durchgang, durch welchen ſie in den uns wohlbekannten großen Saal ge⸗ langten, wo die Familienbilder an den Wänden hingen und der unmittelbar neben dem Speiſeſaal ſich befand. Dieſer weite Bilderſaal lag ſtill, faſt unheimlich da, denn ob⸗ gleich auf zwei Conſolen vor den gewaltigen Spiegeln am untern und oberen Ende Carcellampen brannten, ſo waren dieſe doch nicht im Stande, die tiefe Dunkelheit in dem Saale gänzlich zu verdrängen; wenn ſie auch an den bei⸗ den Enden eine kleine Helle um ſich verbreiteten, ſo blieb doch in der Mitte des Saales eine ſolche Dämmerung, daß Jemand, der ſich dort befand, von Weitem unkennbar war und nur wie ein Schatten ausſah. Herr Kindermann führte den Ordonnanzoffizier zu einer der Fenſterniſchen, welche tief in die Mauern gehend und mit ſchweren breiten Vorhängen garnirt, noch dunkler waren. „Hier iſt Ihr Platz,“ ſagte er,„und da ich die Sache genau überlegt habe, ſo iſt es beſſer, wenn Sie die Ver⸗ haftung des Barons als das letzte und äußerſte Mittel betrachten.“ 1 Der Ordonnanzoffizier blickte den Sprecher mit dem Ausdruck des höchſten Erſtaunens an, was aber dieſer be⸗ greiflicher Weiſe nicht bemerken konnte; doch ſprach Herr von Fernow lachend:„Mir ſcheint, Herr Kindermann, Sie haben heute Abend ſehr ſtark Esbouquet aufgeträufelt.“ „Das war nicht nöthig,“ entgegnete der Andere mit Hackländer. Der Augenblick des Glücks. 1. 1 8 Geräuſch hören müſſe, das auch in weiter Ferne vernehm⸗ 114 Sechstes Kapitel. dem ruhigſten Tone von der Welt;„da mich Seine könig⸗* liche Hoheit bei dieſer Angelegenheit brauchen, ſo hat es Höchſtderſelben beliebt, mich von der Sachlage in Kenntniß zu ſetzen.“ „Was ich begreiflich finde,“ verſetzte ſchnell ein⸗ lenkend der Ordonnanzoffizier. „Dort links iſt der Speiſeſaal, wie Sie wiſſen,“ er⸗ klärte Herr Kindermann;„und der Baron wird von rechts kommen.— Glauben Sie mir,“ fuhr er nach einem augen⸗ blicklichen Stillſchweigen fort,„Sie haben Ihr Glück in der Hand. Es iſt eine delicate Sache und je ſeiner Sie ſie behandeln, deſto dankbarer wird Seine Hoheit ſein. Wie ich Ihnen ſchon zu bemerken mir erlaubte, ich mag die Verhaftungen nicht. Warten Sie damit ſo lange als mög⸗ lich, und gerathen Sie in eine Verlegenheit, ſo bin viel⸗ leicht ich im Stande, Ihnen daraus zu helfen.— Jetzt halten Sie gute Wache, Sie haben noch volle zwanzig Minuten und damit genugſam Zeit zur Ueberlegung.“ Bei dieſen Worten machte er eine Verbeugung, glitt dann wie ein Schatten in die Dunkelheit zurück und verſchwand auch geräuſchlos wie ein ſolcher. Den im Saale Harrenden bewegten ſeltſame Gedanken, als er jetzt in dem Halbdunkel auf und ab ſchritt. Es kam ihm gerade vor, als wenn er ſich vor dem Feinde be⸗ fände und mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit auf jedes Im Kabinet des Kammerdieners. 115 bar würde. Er hatte ſeinen Säbel feſt an ſich gedrückt und machte ſo langſame Schritte, daß ihm zwiſchen jedem derſelben faſt eine Secunde Zeit blieb und er ſo, während des Auf⸗ und Abwandelns, jedes Nahen des Erwarteten hören konnte. Was war in der Zeit, ſeit er heute vor der Tafel dieſen Saal betreten, bis jetzt nicht Alles von ihm erlebt worden! Oft glaubte er, in dieſen wenigen Stunden ſeien Monate verfloſſen, traurige Monate, in denen er ſich all⸗ mälig an den Verluſt Helenens gewöhnt hatte. Waren es vielleicht die Worte des Regenten, er möge auch in dieſer Sache auf ihn rechnen, welche ihm neue Hoffnung gaben, oder glaubte er ſonſt an ein glückliches Ohngefähr, das den Baron Rigoll von ſeinem Ziele zurückwerfen würde, oder hatte er ſich beruhigt und als ein vernünftiger Menſch ſich geſagt:„Wie kannſt du von Fräulein von Ripperda ver⸗ langen, daß ſie warten wird, bis es dir einmal beliebt, dich anders auszuſprechen, als durch kleine Aufmerkſamkeiten und allenfalls durch ſüße Augen— und wenn du dich ausgeſprochen hätteſt, wer weiß, welche Antwort dir das ſtolze Mädchen gegeben?— O Gott, ja,“ ſeufzte er,„wie ſchön und wie ſtolz!“ Es war ein Glück, daß er ſo innig und viel an Helene dachte, denn ſo blieb ihm nur wenig Zeit übrig für die bittern Empfindungen, die in der That in ihm aufſtiegen, wenn er ſich entſann, daß er im Be⸗ griffe ſei, einen guten Freund, wie Baron Wenden, ſo 8*⅔ 116 Sechstes Kapitel. mir nichts dir nichts in Haft zu nehmen.— Verfluchter Auftrag!— Und ſo grauſam des armen Wenden Theorie vom Augenblick des Glücks und Unglücks zur Wahrheit zu machen! Herr von Fernow befand ſich unter dieſen Gedanken und unter dem Eindruck der Situation in einer größern Aufregung als er ſelbſt wußte. Zuweilen ſeufzte er tief auf und fühlte dann wohl, wie ſein Herz lauter und ſchneller als gewöhnlich ſchlug. Jetzt drückte ihn ſeine Schärpe, jetzt genirte ihn der Helm, jetzt machte er ein paar ſchnellere Schritte, um gleich darauf horchend ſtehen zu bleiben. Die Schloßuhr ſchlug drei Viertel auf Neun. Halt! jetzt hörte er etwas. Ja, er täuſchte ſich nicht; es waren Schritte, die ſich näherten,— er lauſchte auf⸗ merkſamer. Aber dieſe Schritte klangen nicht von da, wo⸗ her er den Baron erwartete, ſondern ſie ſchienen vom Speiſe⸗ ſaal zu kommen. Viielleicht Jemand, dachte er, der drüben noch zu thun hatte, und ſich nun nach Hauſe oder in ſein Zimmer begibt. Treten wir einen Augenblick in die Fen⸗ ſterniſche hinter den Vorhang!— Ehe aber der junge Offi⸗ zier dies ausführte, blickte er zuerſt ſcharf nach der Thür des Speiſeſaals, um ſich zu vergewiſſern, wer von dorther erſcheine. Jetzt öffnete ſich ein Flügel der Thür langſam, es erſchien ein Lakai, der ein Licht trug, und hinter ihm 8 3 eine Dame, die in den großen Saal trat. „Jetzt danke ich Ihnen,“ ſagte dieſe, und obgleich ſie Im Kabinet des Kammerdieners. 117 dieſe Worte im gewöhnlichen leiſen Tone ſprach, ſo hallten ſie doch in dem weiten Saale wieder.. Herr von Fernow bebte zuſammen, als er den Ton dieſer Stimme vernahm. 1 „Ich finde meinen Weg ganz gut allein,“ fuhr die Dame fort, und dann ging ſie mit ziemlich raſchen Schritten vorwärts. Der Lakai hob ſeinen Leuchter einen Augenblick in die Höhe und das Licht blitzte ſeltſam durch die Dun⸗ kelheit. Dann zog er ſich durch den Speiſeſaal zurück und machte die Thür hinter ſich zu. „Sie iſt es!“ ſprach Herr von Fernow zu ſich ſelber; „einen Entſchluß! Einen ſchnellen Entſchluß! Halte ich mich verſteckt, oder trete ich hervor? Selbſt auf die Gefahr hin, das Fräulein zu erſchrecken!— Ja, ich trete vor, der Augenblick iſt günſtig,— vielleicht abermals ein Augen⸗ blick des Glücks!“— Siebentes Kapitel. Ein Augenblick des Glücks. Damit trat Herr von Fernow vor, ſein Säbel klirrte auf dem Fußboden und die junge Dame blieb wenige Schritte von ihm entfernt, ſichtlich erſtaunt, ja erſchreckt, ſtehen. Sie machte ſogar eine kleine Bewegung, um zurück⸗ zutreten, doch traf in dieſem Augenblick der Ton der Stimme des jungen Offiziers ihr Ohr, der ihr ſagte: „Fürchten Sie nichts, mein Fräulein, es iſt ein Be⸗ kannter, der vor Ihnen ſteht,— Fernow.“ „Faſt hätten Sie mich erſchreckt, Herr von Fernow,“ gab das Fräulein mit etwas unſicherer Stimme zur Ant⸗ wort;„freilich ſind wir auf befreundetem Grunde, aber dieſe weiten Säle haben doch bei Abends etwas Unheimliches!“ Bei dieſen Worten nahm ſie ihren Gang wieder auf und hatte mit wenigen Schritten den Ort erreicht, wo der junge Offizier ſtand. Sie wandte ihren Kopf etwas gegen — Ein Augenblick des Glücks. 119 ihn, neigte ihn leicht und ſagte:„Guten Abend, Herr von Fernow,“ als ſie vorübergehen wollte. Abends iſt das Herz empfänglicher für ein inniges Wort, namentlich nach einer kleinen Emotion. Der junge Offizier holte in dieſem Augenblick mühſam Athem. Die Hand, die auf ſeinem Säbelgriffe lag, bebte faſt; er redete ſich ein, geſehen zu haben, daß Helene langſam gegen ihn zu kam und daß ſie zögerte, vorüberzugehen; er glaubte, ihre Bewegung mit dem Kopfe gegen ihn ſei herzlicher ge⸗ weſen, als ſonſt; er meinte, ihre Stimme habe gezittert, als ſie ſprach:„Guten Abend, Herr von Fernow.“—— „Mein Fräulein,“ ſagte er und trat einen Schritt vor.„Herr von Fernow,“ entgegnete ſie; und dabei hemmte ſie ihre Schritte, ja, ſie blieb ſtehen und wandte ſich gegen ihn. „Es iſt kühn von mir,“ brachte er mühſam, mit faſt tonloſer Stimme hervor,„daß ich wage, Ihren Weg zu unterbrechen und Sie anzureden, und obendrein anzureden in einem Augenblick, wo ich mich in großer Aufregung be⸗ finde. Ja, mein Fräulein,—— ſeien Sie gnädig, ſeien Sie gütig gegen mich und verzeihen Sie es dieſer Auf⸗ regung, daß ich mich unterſtehe, mit Ihnen zwei Worte zu ſprechen.“ Er hatte das mit ſo bewegter, faſt zitternder Stimme geſprochen, daß das junge Mädchen offenbar daraus ent⸗ nehmen mußte, er befinde ſich in einer ganz beſonderen Siebentes Kapitel. Gemüthsſtimmung, und wahrſcheinlich eben deswegen geneigt war, ihm freundlicher als ſonſt vielleicht geſchehen wäre, zu antworten.„Ich ſehe gerade kein Unglück darin,“ ſagte ſie, „daß Sie zwei Worte mit mir reden wollen. Freilich,“ fuhr ſie fort, indem ſie um ſich ſchaute,„iſt der Augenblick nicht ganz gut gewählt.“ „„Aber wenn man keine Wahl hat,“ entgegnete er haſtig,„ſo nimmt man, was der Augenblick bietet.“ „Sie haben hier auf mich gewartet?“ fragte ſie. „Nein, mein Fräulein, um ehrlich mit Ihnen zu reden. Ich würde das nicht gewagt haben. Mein Dienſt hält mich noch im Schloſſe, in dieſem Saale. Da ſah ich Sie kom⸗ men, und hielt es für die höchſte Gunſt des Glücks, wenn Sie mir wenige Minuten gönnen wollten.“ Als er dies ſagte, mit leiſer, wehmüthiger Stimme, klangen ſeine Worte ſo weich und ſchmerzlich in dem Herzen des jungen Mädchens wieder, daß ſie unwillkürlich ihre Lippen auf einander preßte und ein paar Secunden vor⸗ übergehen ließ, ehe ſie antwortete:„Sie wollen dadurch gut machen, was Sie während des ganzen Tages verſäumt. Sie hatten ſich von unſerer Landpartie zurückgezogen——“ „Ich war im Dienſt, mein Fräulein,“ ſagte er. „Und nach der Tafel,“ fuhr ſie zögernd fort,„waren Sie der Einzige, den ich nicht in meiner Nähe ſah.“ „Aber ich habe Sie geſehen, Fräulein Helene,“ ent⸗ gegnete er raſch, faſt heftig,„und dankte Gott, daß ich 1 4 8 Ein Augenblick des Glücks.. 121 weit genug entfernt ſtand, um mich Ihnen nicht nähern zu müſſen.“ 1 „Sie mißgönnten mir mein Glück,“ ſagte ſie mit einem Tone, der Jedem hätte auffallen müſſen, einem Tone, der dem jungen Mann in das Herz ſchnitt. „Ich würde Ihnen kein Glück der Erde mißgönnen, nicht das größte; aber ja, Sie haben Recht, ich mißgönne Ihnen ein Glück, das mich— ſo unſäglich unglücklich macht.“ „Alſo ſind unſere Begriffe von Glück ſo ſehr ver⸗ ſchieden?“ „Verſchieden und doch ganz dieſelben, wenn ich den Empfindungen meines Herzens glauben darf. Aber die Ihrigen, Fräulein Helene, ſind freilich ganz anders.“ „Ja, meine Begriffe von Glück ſind ganz anders, Herr von Fernow,“ ſagte die junge Dame mit leiſer Stimme, „ganz anders als das Glück, das ſich mir darbietet.“ „So würden Sie alſo unglücklich ſein?“ fragte er haſtiger. 6 „Und wenn dem ſo wäre? Sehen Sie für mich eine Möglichkeit, glücklich zu werden?—— Doch wozu dieſes ſeltſame Geſpräch?“ ſetzte ſie raſch hinzu,„dieſe qualvollen Reden, die mich nicht erfreuen und auch Sie nicht glücklich machen können.“ „Und doch, Fräulein Helene, bei Gott im Himmel, Ihre letzten Worte haben mich glücklicher gemacht, als ich — 8 8. Siebentes Kapitel. es nach dieſem furchtbaren Abend zu hoffen wagte. O! er⸗ ſchrecken Sie nicht über meine Reden, Helene; es iſt viel⸗ leicht der Augenblick meines Glücks, den ich ergreife und feſthalte, während ich ſo ſpreche.“ Dabei hatte er ihre Hand erfaßt, führte dieſelbe an ſeinen Mund und drückte ſeine Lippen darauf. „Um Gotteswillen, Herr von Fernow, keine Thor⸗ heiten!“ ſagte ängſtlich das junge Mädchen, doch machte ſie nur einen ſchwachen Verſuch, ihm ihre Hand zu entziehen. „Helene, laſſen Sie mich meinetwegen Thorheiten be⸗ gehen, wenn es mir dadurch gelingt, meinem Glücke näher zu kommen. Ja, Helene, ich kann und will es nicht er⸗ tragen, daß jene Verbindung geſchloſſen wird.“ „Und Sie wollen das hindern?“ fragte ſie bewegt. „Sie und ich, wenn Sie mir vertrauen.“ 3 „Und worauf ſoll ſich mein Vertrauen gründen?“ „Auf meine grenzenloſe Liebe zu Ihnen. Ja, Helene, ich liebe Sie unſäglich, ich liebe Sie, wie nur Jemand auf dieſer Erde ein Mädchen lieben kann,— ja, und ich fühle an dem Beben Ihrer Hand, daß auch Sie mir gut ſind. Wenn es ſo iſt, Helene, ſo ſprechen Sie ein einziges Wort; wenn Ihr Herz ſchneller ſchlägt bei dem Gedanken, daß ich Sie liebe, ſo laſſen Sie mich's durch ein Wort errathen. Wer will uns auseinander reißen, wer will uns trennen, wenn wir Beide mit unſerer Liebe einig ſind?“— Obgleich er dies mit gedämpfter Stimme ſprach, ſo Ein Augenblick des Glücks. 123 klang doch aus ſeinen Worten eine ſolche Leidenſchaft her⸗ vor, eine ſolche Gluth und Innigkeit, daß das junge Mäd⸗ chen zitternd zurückweichen wollte; doch,— er hatte ja mit ihrer Hand den Augenblick des Glücks erfaßt; er hielt dieſe Hand feſt in der ſeinigen, er zog ſie abermals an ſeinen Mund und drückte ſie dann ſanft an ſeine heißen Augen. Zuerſt bebte die kleine Hand nur, ja, ſie ſuchte ſich ſanft loszumachen aus der ſeinigen, dann aber wurde ſie fügſamer, ihre Finger gaben dem Drucke der ſeinigen nach und ſchmieg⸗ ten ſich endlich mit einem leiſen, leiſen Druck in dieſe. Der Augenblick des Glücks! jauchzte es in ihm, und wie es nun in dieſem ſeligen Augenblicke weiter zuging, ſind wir nicht im Stande, ganz genau anzugeben; doch war es wirklich für Beide ein Augenblick des Glücks; ihre lieben⸗ den Herzen hatten ſich gefunden, und darauf bedurſte es keines bedeutenden Schrittes mehr, daß ſich das glühende Mädchen von ſeiner Leidenſchaftlichkeit berauſchen ließ und ſich erſt erſchreckt ermunterte, als ſie einen heißen Kuß auf ihren Lippen fühlte. Da wollte ſie ſich losreißen und eilig fliehen,— aber es war zu ſpät; er legte ſeinen Arm um ſie, nicht um ſie auf's Neue an ſich zu ziehen, ſondern um ſie in dem dun⸗ keln Verſteck der Fenſterniſche zurückzuhalten,—— denn er hörte deutlich den Schall von Tritten, die ſich von rechts und ziemlich eilig näherten. „Bleiben Sie ruhig, Helene, um Gottes willen bleiben Siebentes Kapitel. Sie ruhig,“ ſagte der junge Offizier mit eindringlicher Stimme;„Sie können nicht mehr entfliehen; dort kommt Jemand und iſt in dieſem Saale, ehe Sie die andere Thür erreicht haben. Man würde Ihre Geſtalt erkennen, man würde Sie verfolgen, man würde Nachforſchungen anſtellen und Alles wäre verloren, wenn die Welt ſchon jetzt etwas von unſerm Glück erführe.“ „Aber hier?“ fragte das geängſtigte Mädchen bebend, „man wird mich erkennen, mein Name, mein Ruf iſt verloren.“ „Muth, Helene, Muth!“ „O, Muth habe ich,“ entgegnete Fräulein von Rip⸗ perdch, und als ſie den erſten Eindruck der Ueberraſchung niedergekämpft, richtete ſie ſich ſtolz empor, ſchaute mit ihren glänzenden Augen nach dem Eingang des Saales und ant⸗ wortete dem jungen Offizier:„Ich gebe mich ganz in Ihre Hände, thun Sie, was Ihnen gut dünkt.“ In dieſem Augenblicke wurden beide Flügelthüren auf der rechten Seite des Saals geöffnet und zwei Herren traten ein, ihnen voraus ein Lakai mit Lichtern. Dieſe beiden Herren, in eifrigem Geſpräch begriffen, waren Baron Wenden und der Oberſtjägermeiſter, Baron Rigoll. Herr von Fernow hatte die Hand des jungen Mäd⸗ chens ergriffen, hatte ſie dicht an das Fenſter geführt und flüſterte, nachdem er einen leichten Kuß auf ihre Stirn gedrückt: 3 Ein Augenblick des Glücks. 125 „Bleiben Sie ruhig ſtehen. Sollte man auch durch die Vorhänge die Umriſſe Ihrer Geſtalt ſehen, man wird Ihre Perſon nicht erkennen, noch viel weniger eine unbe⸗ ſcheidene Frage wagen, dafür ſtehe ich.“ Nachdem er dies geſagt, trat er aus der Niſche in den Saal, und befand ſich nun ſo nahe bei dem voran⸗ ſchreitenden Lakai, daß dieſer in der hervortretenden Geſtalt einen Offizier erkannte, den Leuchter hoch emporhielt und darauf ſich umblickend ſtehen blieb. „Vorwärts! was gibt's denn da?“ rief der Oberſt⸗ jägermeiſter dem Bedienten zu. Statt aller Antwort ging der Lakai auf die Seite und ſtreckte den Leuchter vor. 1 „Ei der tauſend, Fernow!“ ſagte der Baron Wenden in einem ſehr trockenen Tone;„was treibſt du dich um dieſe Zeit wie ein Geſpenſt in den finſtern Sälen des Schloſſes umher?“ „Dieſelbe Frage könnte ich an dich thun, mein lieber Wenden.“ „Nicht ganz mit dem gleichen Rechte; denn wie du ſiehſt, ſind wir zu Zweien, und die Geſpenſter und Nacht⸗ wandler pflegen ſelten paarweiſe zu erſcheinen.“ „Und wenn ich nun an dich gedacht hätte, mein lieber Freund,“ erwiderte Herr von Fernow mit einem eigenthümlichen Lächeln,„wenn ich mich mit dir beſchäftigt, während ich hier auf⸗ und abſpazierte?“ 2 Siebentes Kapitel. „Du ſiehſt, daß Seine Excellenz mir die Ehre erweist, mich zu begleiten. Alſo, mon cher, gute Nacht!“ Herr von Fernow machte indeß durchaus keine Bewe⸗ gung die beiden Herren vorüber und ihres Weges gehen zu laſſen. „Es thäte mir in der That leid, wenn ich Seine Excellenz aufhalten ſollte; es liegt das durchaus nicht in meiner Abſicht. Aber Scherz bei Seite, ich habe in der That etwas Wichtiges mit dir zu ſprechen, lieber Wenden, und würde es als eine große Gefälligkeit erkennen, wenn du mir eine kleine Viertelſtunde dazu bewilligen wollteſt. Seine Excellenz“— damit wandte er ſich an den Oberſt⸗ jägermeiſter—„wird gewiß nichts dagegen zu erinnern haben und dich mir einen Augenblick überlaſſen.“ Baron Rigoll hatte ſchon einigemale Zeichen der Un⸗ geduld von ſich gegeben; er war heftiger Natur, auch als ziemlich rückſichtslos bekannt, und ſo war es von ihm noch 3 außerordentlich höflich, als er ſagte:„Aber, Herr von Fernow, Sie müßten doch begreifen, daß Baron Wenden und ich nicht hier zum Zeitvertreib ſpazieren gehen. Wirs⸗ ſind in der That beſchäftigt. Welcher Art unſer Geſchäft, iſt Ihnen vielleicht gleichgültig, aber es gibt Beſchäfti⸗ gungen, wo ein Cavalier zu delicat iſt, den Weg eines anderen zu kreuzen. Und Sie ſind als ſehr delikat bekannt,. Herr von Fernow.“ 1 „Indem ich Eurer Excellenz für das Compliment er⸗— Ein Augenblick des Glücks. 127 gebenſt danke,“ ſprach der Offizier,„liefere ich den Be⸗ weis, daß es mir nicht unrechtmäßig geſpendet wurde, und ich verſichere Eurer Excellenz, daß es mir nicht ein⸗ fällt, Ihren Pfad zu kreuzen, daß ich aber mit meinem Freunde Wenden ein paar Worte ſprechen muß.“ „Nun, ich werde die Höfklichkeit gegen Sie auf's Aeußerſte treiben,“ entgegnete der Oberſtjägermeiſter mit eiſigem Tone,„ich werde ein paar Schritte vorausgehen, damit Sie Zeit finden, Ihrem Freunde die ſo nothwendigen Worte zu ſagen.“ Der Offizier machte eine tiefe Verbeugung und ließ Seine Excellenz vorübergehen. Dann ſagte er zu dem An⸗ dern mit leiſer, aber eindringlicher Stimme:„Bei unſerer alten Freundſchaft, Wenden, thue mir einen Gefallen,— erzeige mir einen Dienſt, um den ich dich dringend bitte. Verlaſſe das Schloß mit mir und begleite mich in meine Wohnung, ich habe dir etwas ſehr Wichtiges mitzutheilen.“ Der Kammerherr ſah ſeinen Freund mit dem Ausdruck des höchſten Erſtaunens an;„Fernow, ich glaube, du biſt —— ſehr aufgeregt.“ „Ja, ich bin ſehr aufgeregt.“ „Lieber Freund, das begreife ich; aber das iſt eine Sache, an der nichts zu ändern iſt. Ich weiß aus der beſten Quelle, daß du dir keine Vorwürſe zu machen brauchſt, du habeſt etwas verſäumt; wahrhaftig nicht. Ich ſage dir, Fräulein von Ripperda iſt enchantirt von dem Siebentes Kapitel. Oberſtjägermeiſter; ſie ſchließt dieſe Verbindung ganz mit freiem Willen. Keine Spur von Ueberredung! Das iſt freilich nicht angenehm für dich; doch kommſt du mit dieſem Gedanken leichter über deinen Schmerz hinweg. Morgen, wenn du willſt, ſtehe ich ganz zu deinen Dienſten.— du ſiehſt, Seine Excellenz wartet auf mich.“ Der Ordonnanzoffizier ſah wohl, daß der Kammerherr mit guten Worten nicht zurück zu halten war. Doch zögerte er, von dem letzten Gewaltmittel Gebrauch zu machen. Eine Pauſe des Schweigens trat ein. Da raſchelte etwas hinter dem Fenſtervorhange. Die dort Verſteckte hatte eine Bewegung gemacht, eines ihrer ſchweren Armbänder hatte ſich gelöst. Es rutſchte mit einem eigenthümlichen Geräuſche an dem glatten Stoff ihres Kleides herab. Der Verſuch des Fräuleins, das Entfallende zu erhaſchen, verrieth ſich deutlich.„Was war das? 2“ fragte überraſcht der Baron Wenden.„Ja, was war das?“ wiederholte ſcheinbar eben⸗ ſo überraſcht der Offizier. „O Felix! o Felix!“ lachte ihm der Kammerherr luſtig neckend zu.—„Du biſt ein unverbeſſerlicher Sünder und doch dabei ſo unſchuldig wie ein neugebornes Kind. Das muß Baron Rigoll erfahren.“ „Ich bitte dringend, halte Ruhe.“ „Nein! Indiscret kann ich nicht ſein, da ich nichts weiß. Aber die Geſchichte muß heraus.“ Damit eilte er, von Fernow gefolgt, gegen den Oberſtjägermeiſter, und rief Ein Augenblick des Glücks. 129 lachend:„Sehen Euer Excellenz dieſen verſchmitzten Geſellen. Er hält Jemand hier verſteckt! Und nicht ſchlecht, es war ein ſeidenes Kleid, das rauſchte.“ „Ein ſeidenes Kleid!“ ſprach freundlich grinſend der Oberſtjägermeiſter.„Aber Baron, jetzt kommen Sie, es iſt die höchſte Zeit.“ Der junge Offizier befand ſich in der peinlichſten Situation. Es mußte ein Entſchluß gefaßt und zur Ver⸗ haftung des Kammerherrn geſchritten werden. Herr von Fernow nahm ſeinen Säbel feſt in die Linke, drückte den Helm auf dem Kopfe zurecht und wollte vortreten, die ſo bekannte unangenehme Beſchwörungsformel auszuſprechen, als ſich gerade vor den drei Herren die Flügelthüren des Speiſeſaals öffneten, und hinter einem hochgehaltenen zwei⸗ armigen Leuchter das ewig lächelnde Geſicht des Herrn Kindermann ſichtbar wurde, der, als er hier die eigenthüm⸗ liche Geſellſchaft beiſammen fend, vergnügt mit den Augen zwinkerte und ſeinen Mund ſpitzte wie ein Karpfen. Dem Ordonnanzoffizier war dieſe Erſcheinung wahrhaft tröſtlich, er trat einen Schritt zurück, um ihn vorbei zu laſſen, Herr Kindermann grüßte auf's Verbindlichſte Seine Excellenz, den Kammerherrn, ſowie auch den Herrn von Fernow, jeden einzeln nach den verſchiedenen Abſtufungen je nach ihrem Range, dann ſagte er, als er eben durch die Gruppe dahinglitt, mit einem leiſe lispelnden Tone:„Seine Hoheit haben ſich zum Thee bei Ihrer Durchlaucht der Prinzeſſin Hackländer. Der Augenblick des Glücks. J. 9 130 Siebentes Kapitel. Eliſe anſagen laſſen. Seine Hoheit werden um neun Uhr dort ſein.“ 4 Damit wendete er ſich erhobenen Hauptes links gegen die kleine Thür, welche auf die geheimen Gänge und Trep⸗ pen führte, und verſchwand dort. „Verflucht!“ ſprach der Oberſtjägermeiſter mehr zu ſich ſelber, als zu einem der Anderen.—„Daß iſt ſehr unan⸗ genehm,“ wandte ſich der Kammerherr mit leiſer Stimme gegen Baron Rigoll.„Was thun wir?“—„Fahren wir nach Hauſe, das iſt offenbar das Klügſte.“—„Zu mir?“ fragte Baron Wenden.—„Ich habe nichts Anderes vor,“ verſetzte der Oberſtjägermeiſter. „Und du, Fernow?“ „Wenn ein Platz für mich bleibt, ſo begleite ich dich.“ „So wollen wir gehen, wenn es Eurer Excellenz ge⸗ fällig iſt.“ Was ſollte der Ordonnanzoffizier thun? Blieb er zurück, um das Fräulein aus ihrem Verſteck durch den Saal zu geleiten, ſo war er von der bekannten Wißbegierde des Oberſtjägermeiſters überzeugt, derſelbe werde ſich irgendwo placiren, um die Unbekannte zu belauſchen. Den Baron Rigoll durſte er alſo nicht aus den Augen verlieren, wenn er auch dem Kammerherrn nicht auf Befehl des Regenten hätte folgen müſſ en. Wie ſchlug ihm jedoch das Herz vor Beſorgniß und wieder vor Entzücken, als ſie ſich der mitt⸗ leren Fenſterniſche näherten! Wie eilte er, vorbei zu kommen, 1 Der Augenblick des Glücks. als der Baron Wenden zum Oberſtjägermeiſter kicherte und leiſe ſagte:„Hier war es. O, ich täuſche mich nicht leicht in ſo etwas.“ Endlich hatten ſie indeſſen das Ende des Saales er⸗ reicht, und als ſich die Thür hinter ihnen ſchloß, athmete der junge Offizier lange und tief auf. Seine Gedanken blieben hinten zom, und ungeſehen von den Andern drückte er ſeine rechte Hand auf ſein heftig ſchlagendes Herz. Unten vor dem Hauptportale wartete der Wagen der Excellenz. Die drei behalfen ſich ſo gut wie möglich in dem Coupé und erreichten nach einer kurzen Fahrt die Wohnung des Baron Wenden, ein elegantes Garcon⸗Appartement mit allen dazu gehörigen erdenklichen Bequemlichkeiten und Thorheiten, mit Bildern, Waffen, Statuetten, Fauteuils, Seſſeln und den phantaſiereichſten Ruheplätzen, mit blühenden Blumen und verblichenen Stickereien.— Eine Partie Whiſt ward in Vorſchlag gebracht. Das Spiel begann, und da es von drei guten Spie⸗ lern geſpielt wurde, ſo war es ein vollkommenes Whiſt. Man hörte nur das Fallen der Karten und das Anſagen der Tries und Honneurs, mit der einzigen Unterbrechung daß man eine Taſſe Thee nahm oder eine Cigarre an⸗ brannte. Baron Rigoll wollte eben ſeinen Platz gegenüber dem Strohmann nehmen, als der Kammerdiener des Haus⸗ herrn eintrat und eine Viſitenkarte überbrachte, die eben draußen ein Herr für Seine Excellenz abgegeben. Der Siebentes Kapite. Oberſtjägermeiſter warf einen Blick auf dieſelbe und ſchien überraſcht, faſt erſchreckt. Er erhob ſich augenblicklich von ſeinem Stuhle und fragte;„Wo iſt der Fremde?“— „Er wartet draußen im Vorzimmer,“ antwortete der Be⸗ diente. Seeine Excellenz reichte dem Kammerherrn die Karte mit einem vielſagenden Blicke über den Tiſch und ſprach: „Sie werden mir erlauben, daß ich den Herrn bei Ihnen empfange. Ein genauer Bekannter von mir, Graf Hohen⸗ berg,“ fügte er gegen den Offizier gewendet hinzu. Nach dieſen Worten war er hinausgeeilt und kehrte gleich darauf mit dem Angemeldeten zurück, worauf die gewöhnliche Vor⸗ ſtellung ſtattfand. Der Angekommene war ein Mann vielleicht an den Vierzigen, mit einem klugen, aber etwas verlebten Geſicht. Seine Figur war ſchlank und elegant; er trug einen mili⸗ tairiſchen Schnurrbart, und ſeine Haltung erſchien entſchloſ⸗ ſen und aufrecht. Er grüßte ungezwungen, bat um Ent⸗ ſhutnn daß er die Herren ſtöre und ſetzte hinzu, er bedaure das um ſo mehr, da er ſich nur erlaubt habe, die Wohnung des Baron Wenden aufzuſuchen, um den Oberſt⸗ ägermeiſter von hier zu entführen. Baron Rigoll, der gewöhnlich keine großen Umſtände machte, hielt ſich dem Fremden gegenüber außerordentlich verbindlich, faſt ehrerbietig. Auch er entſchuldigte ſich flüch⸗ tig und entfernte ſich alsdann mit dem Grafen. Der Augenblick des Glücks. Herr von Fernow war nicht betrübt darüber, daß das Spiel aufhörte, er lehnte ſich in ſeinen Fauteuil zurüch, blies die Rauchwolken ſeiner Havanna vor ſich in die Höhe und überlegte, ob er jetzt ſeinen unangenehmen Auftrag auf Um⸗ wegen mittheilen oder mit der Thür ins Haus fallen ſolle. Der Kammerherr blickte in tiefe Gedanken verſunken in die Lichter auf dem Tiſch.—„Kannteſt du den Herrn, der eben da war?“ fragte endlich der Offizier.—„Ich habe von ihm gehört,“ verſette Wenden.—„Woher?“—„Ich glaube aus S.“ —„Und wird länger bleiben?“—„Je nach Umſtänden.“ „Haſt du noch Luſt,“ ſagte Herr von Fernow nach einem kurzen Stillſchweigen,„mich über eine nicht unwichtige Sache anzuhören?“ „Eigentlich bin ich müde,“ verſetzte der Kammerherr gähnend. 3 „Nach der Tafel hatte ich eine zufällige Audienz beim Regenten.“ „Wie ging das zu?“ fragte der Kammerherr, und nachdem ihm der Offizier die Veranlaſſung erzäßlt hatte, auf welche er das Kabinet betreten:„Was wollte er?“ „Davon ſpäter. Zunächſt plauderte er mit mir, fragte mich um meine Verhältniſſe, und ich erlaubte mir, ihn da⸗ rüber aufzuklären, weßhalb ich im Avancement zurück und noch nicht unter die wirklichen Adjutanten eingereiht ſei.“ „Und das nahm er freundlich auf?“—„Auf's Freund⸗ lichſte.“ 3 Siebentes Kapitel. „Siehſt du, der Augenblick des Glücks!“ „Das habe ich mir auch gedacht. Dann aber kam die Rede auf— dich.“ „Alle Teufel! auf mich?“ verſetzte der Kammerherr, vom wohlwollenden und gefälligen Zuhören ſchnell zur ge⸗ ſpannteſten Aufmerkfamkeit übergehend.—„Auf mich? Da bin ich doch begierig.“— „Ich war es ebenfalls, mein lieber Wenden. Aber nimm mirs nicht übel, ich wollte lieber, er hätte nicht von dir geſprochen.“ „Du bringſt mich in eine ſchöne Aufregung!“ rief er⸗ ſchrocken der Kammerherr.„Treib' mit ſo was keine Späße! Sei ehrlich und ſage die Wahrheit. Sprach er nur ſo im Allgemeinen über mich oder ging er in Details ein?“ „Ziemlich in Details.“ „Sei verſtändig, Fernow,“ fuhr der Baron wirklich beunruhigt fort, indem er mit der Hand über ſeine Stirne ſtrich:„Du biſt doch kein Kind und weißt, daß aller Scherz ſeine Grenzen hat. Nun, ich will es dir verzeihen, wenn du einen ſchlechten Witz gemacht haſt.“ 4 „Ich habe aber keinen ſchlechten Witz gemacht.“ „Dann ſprich in Gottes Namen,“ bat kleinlaut der Kammerherr, wobei er in ſtiller Reſignation in ſeinen Fau⸗ teuil zurückſank und die Cigarre neben ſich auf den Spiel⸗ tiſch legte. 4 „Seine königliche Hoheit gab mir einen Auftrag an dich.“ „Den du mir als Freund ausrichten ſollſt?“ „Nicht ſo ganz. Vielmehr als Ordonnanzoffizier.“ „O— o— oh! Das könnte mich völlig überraſchen. Aber ſprich nur, ſprich, ich bin auf Alles gefaßt, obgleich ich keine Ahnung habe, was Seine Hoheit an mir auszu⸗ ſetzen belieben.“ „Denke an den kleinen Papierſtreifen.“ „Nun?“ rief der Baron, indem er emporfuhr und ſeinen Freund wie athemlos anſtarrte. „An deine Unterredung mit der Prinzeſſin Eliſe.— Seine Hoheit ſcheint das mißliebig bemerkt zu haben; aus welchem Grunde? davon habe ich freilich keine Idee; du weißt das vielleicht beſſer als ich.“ „Ich weiß gar nichts!“ rief heftig der Kammerherr. „Aber nun deinen Auftrag! Deinen Auftrag!“ „Es wird mir ſchwer, ihn auszurichten. Seine Hoheit, obgleich nicht ungnädig für dich geſinnt, läßt dich erſuchen, ein paar Tage zu Hauſe zu bleiben— du kannſt ein Unwohlſein vorſchützen— und nicht eher wieder im Schloſſe zu erſcheinen, bis der Regent dich dazu auffordert.“ „Eine Ungnade! Eine Ungnade!“ jammerte aufſpringend der Kammerherr.„Wer hat mir das gethan?“ Und ver⸗ ſchwunden auf einmal war die claſſiſche Ruhe, die er ſo gerne zur Schau trug; verſchwunden das ſüße und gleich⸗ förmige Lächeln ſeines Mundes, ja, ſein ganzes Geſicht, Oer Augenblick des Glücks. 135 Siebentes Kapitel. das ſonſt wie der Spiegel eines ſtillen aber tiefen Waſſers ausſah, arbeitete jetzt nach allen Richtungen; die Wo⸗ gen ſeiner Gedanken ſchienen über ihre Ufer ſchlagen zu wollen. „Alterire dich nicht ſo entſetzlich,“ ſprach begütigend der Ordonnanzoffizier, indem er ebenfalls aufſtand.„Das iſt für einen oder zwei Tage. Du kennſt meine Freund⸗ ſchaft für dich. Ich glaube, daß ich mir ſelbſt erlauben darf, den Regenten morgen, übermorgen an dich zu erin⸗ nern.“ 4 „So hoch ſtehſt du in Gunſt?“ fragte Baron Wenden. wäre möglich,“ entgegnete Herr von Fernow. „In der That, dann haſt du gut zugegriffen,“ rief Baron Wenden in grade nicht freundſchaftlichem Tone. „Aber thu mir die Liebe und laß mich jetzt allein, Ich bin zu aufgeregt, zu außer mir, ſelbſt für deine Geſellſchaft.“ „Ein Philoſoph wie du!“ ſagte der Andere.„Was kümmert dich eine vorüberziehende Wolke am Hofhimmel! Hat ſich doch deine Theorie glänzend bewährt.“ „Zum Teufel mit meiner Theorie! Sie hat mich ins Geſicht geſchlagen, dieſe Theorie. Ich glaubte den Augen⸗ blick des Glückes zu erfaſſen— es war der Augenblick des Unglücks.— Gute Nacht!“. „Gute Nacht denn. Ich werde morgen nach dir ſehen!“ Damit trennten ſich die Freunde, und während der Eine N 8 8 ¹ Der Augenblick des Glücks. 137 von finſteren Gedanken bewegt, haſtig im Zimmer auf und ab ſchritt, trat der Andere glücklich, ſelig vor das Haus, und als er an den klaren Nachthimmel hinaufblickte, dachte er an den leiſen Druck ihrer Hand, der lauter zu ſeinem Herzen geſprochen, als tauſend Worte es vermocht, und ſprach mit einem innigen, herzlichen Gedanken an ſie: „Das war der Augenblick des Glücks!“ — Achtes Kapitel. Ein photographiſches Atelier. Wenn ich mir erlaube, dem geneigten Leſer zu ſagen, daß ein Bild aus Licht und Schatten beſteht, ſowie, daß unſer Leben aus Contraſten zuſammengeſetzt iſt, ſo wird er um ſo eher und bereitwilliger glauben, als ich ihm hiermit keine neue Wahrheit verkündige, er daſſelbe vielmehr täglich und ſtündlich ſchon ſelbſt erfahren hat. Daß ſich die Con⸗ traſte berühren, und ebenſo gut wie vom Erhabenen zum Lächerlichen, ſo auch von Glanz, Pracht und Herrlichkeit zu Armuth und Elend oft nur ein kleiner Schritt iſt, das haben wir ebenfalls Alle ſattſam erfahren, und wird mir nun ferner auch der geneigte Leſer auf's Wort glauben, wenn ich ihm verſichere, daß das Haus mit der Wohnung des Baron Wenden, ſo elegant und vornehm es ſich auch von der Vorderſeite präſentirte, doch hinten an eine finſtere, ſtille Gaſſe ſtieß, welche es gleichſam vom Verkehr wohl⸗ habender und vornehmer Leute förmlich abſperrte. Ja, dieſes —— Haus mit einer trotzigen unverſchämten Breite und Höhe nahm der armen Gaſſe einen guten Theil der ſo nothwen⸗ digen Lebensbedingungen: Luft, Licht und Sonne. Daher mochte es denn auch wohl kommen, daß ſich die alten Häu⸗ ſer mit ihren hohen Giebeln kummervoll vorwärts geneigt hatten, als wollten ſie ſo viel wie möglich in die Straße hineinragen, um an dem bischen Sonnenlicht, das in ge⸗ wiſſen Stunden faſt wie ſpottend an den grauen Mauern dahinfuhr, nach beſten Kräften Theil zu nehmen. Wollten wir den verſchiedenen Wohnungen in dieſer Gaſſe einen Beſuch machen, ſo würden wir ſo viel Stoff finden, daß die Bearbeitung deſſelben am Ende langweilig werden könnte; auch würde es ſich nicht mit dem Titel unſerer wahrhaftigen Geſchichte vereinigen laſſen, in den meiſten dieſer Häuſer zu verweilen; denn da würden wir von Augenblicken des Glücks ſehr wenig erfahren, wohl aber von Stunden, langen Jahren, ja ganzen Menſchenaltern des Unglücks. Eines dieſer alten Häuſer aber, das griſte in ſeiner Art, das ſtattlichſte gehörkn den Bereich dieſer Geſchichte, und muß ſich der geneigte Leſer ſchon unſerer Leitung an⸗ vertrauen, um mit uns fünf der ziemlich dunkeln, holperi⸗ gen und ächzenden Treppen hinaufzuklettern. Warum wir gerade im obern Stockwerk anfangen, wollen wir nicht ver⸗ ſchweigen. Wir befinden uns hier oben im untern Theil des Dachgiebels, der nach Norden zeigt, haben, was den * Ein photographiſches Atelier. 1839 140 Achtes Kapitel.* unteren Etagen völlig abgeht, eine ziemliche Ausſicht auf die umherliegende Stadt, d. h. auf einige Tauſend Dach⸗ ſeiten und doppelt und dreifach ſo viele Schornſteine. Da es Vormittags gegen zehn Uhr iſt, ſo ſind die zahlreichen Kinder, die das Haus beherbergt, in der Schule oder ſonſt⸗ wo bei der Arbeit beſchäftigt, weßhalb das große Haus ziemlich ruhig daliegt. Unten feilt freilich ein Schloſſer, im erſten Stock klopfen Schuhmacher, wir hören auch im zweiten Stock eine ſcheltende Weiberſtimme, aber alles das verhallt in dem großen Bau, und wenn wir noch eine Treppe höher ſteigen in den vierten Stock, ſo vernehmen wir wenig mehr von der Feile, dem lederklopfenden Hammer und dem ſcheltenden Weibe Dagegen klingt eine helle und friſche Mädchenſtimme an unſer Ohr, und wenn ſie ſingt: Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll ſein, Hangen und bangen in ſchwebender Pein, Himmelhoch jauchzend,— zum Tode betrübt, Glücklich allein iſt die Seele, die liebt, ſo ſagt uns die ugekünſtelte, herzliche Art, mit der ſie ihr Lied vorträgt, daß ihr Herz weiß, was ſie ſingt, daß ihr Herz zuweilen ſchneller ſchlägt, und daß ſie glücklich in ihrer Liebe iſt. An der Thür, hinter welcher die Mäd⸗ chenſtimme ertönt, leſen wir auf einem Stück Papier, das dort angeklebt iſt:„Wittwe Weiher beſorgt alle Arten Strohflechterei.“ ——— Ein photographiſches Atelier. 141 Die Stimme klingt ſo friſch und jugendlich, daß wir gern hineintreten möchten, uns einen Strohhut zu beſtellen oder ein Cigarren⸗Etui zu kaufen; doch treibt uns der Gang dieſer wahrhaftigen Geſchichte noch eine Treppe höher hin⸗ auf, und wenn wir nun in dem fünften Stock angelangt ſind, ſtehen wir vor einer andern Thür mit der Auſſchrift: „Photographiſche Anſtalt von Heinrich Böhler.“ Hier, wie im Palaſte des Fürſten, haben wir die Macht, ungehindert und ungeſehen einzutreten. Wir kom⸗ men in ein geräumiges Zimmer, deſſen ſchiefe Decke an der einen Seite anzeigt, daß ſie in das Dach hineinragt. Vor uns haben wir ein großes Fenſter, an deſſen Einfaſſung und Scheiben wir deutlich erſehen, daß daſſelbe erſt in jüngſter Zeit zum Gebrauche des photographiſchen Apparats eingeſetzt wurde. Die andern Fenſter im Hauſe mit ihren kleinen ſtaubigen Glasſcheiben haben ſich auch bedeutend über den unverſchämten Eindringling geärgert, denn je heller und goldener der letzte Strahl der Abendſonne dieſen in ſeiner Höhe vergoldet, um ſo mürriſcher und unzufrie⸗ dener blicken alle andern Fenſteröffnungen alsdann auf die dämmerige Straße. Das Gemach hat weiße Kalkwände und iſt ſehr be⸗ ſcheiden möblirt. Gegenüber dem großen Fenſter ſteht der Ofen, neben dieſem ein breiter tannener Tiſch, und ein paar eben ſolche Stühle, ſowie ein ähnlicher Kaſten voll⸗ enden die Einrichtung. Neben dem Fenſter befindet ſich 142 Achtes Kapitel. dagegen eine kleine Ecke eleganter, faſt reicher Ausſtattung. Da iſt ein erhöhter Fußboden mit einem Stückchen Teppich von ſpaniſchen Wänden umgeben, die mit alten ſeidenen Vorhängen maleriſch drapirt ſind. Auch ſehen wir hier einen geſchnitzten Eichenholzſtuhl, ein rundes Tiſchchen mit gedrehtem Fuß und auf demſelben eine große Vaſe mit Blumen. Vor dieſer Ecke ſteht der photographiſche Apparat auf einem Stativ, jetzt bedeckt mit einem dunkeln Tuche, welches das geheimnißvolle Glasauge verhüllt, mit dem die geſpenſterhafte Maſchine ihr Opfer anſtiert, um es als⸗ dann in erſchreckender und oft auch in erſchrecklicher Aehn⸗ lichkeit wieder zu geben. Ja, ſie iſt verhüllt wie in der Menagerie der Käfig des Baſilisken oder die große Schlange mit den bezaubernden Augen; denn dem photographiſchen Apparat iſt vielleicht eben ſo wenig zu trauen, und wenn er unbedeckt daſtände, wer bürgt dafür, daß ihm nicht auf einmal einfiele, Gegenſtände aus dem Zimmer oder der Nachbarſchaft in ſich aufzunehmen und auf ſeine Weiſe zu bearbeiten, die ſich nicht immer für die Oeffentlichkeit eignen. An den Wänden hingen, theils in Rahmen, theils mit kleinen Nägeln aufgeheftet, photographiſche Arbeiten, von denen einige ſehr gelungen genannt werden konnten; andere aber, namentlich ſolche, wo ſich mehrere Perſonen auf einem Blatte befanden, waren in den Stellungen ver⸗ fehlt, und es zeigten die Figuren, wie bei vielen Arbeiten der Art, das ſeltſame Bemühen ſich ſo unnatürlich wie immer 8 Ein photographiſches Atelier. 143 möglich zu halten und ſo krampfhaft auszuſehen, ſo ſchmerz⸗ lich zu lächeln und den Beſchauer ſo ſtier anzublicken, daß man nicht umhin kann, an plötzlich ausbrechenden Wahn⸗ ſinn, an Schlagflüſſe oder dergleichen zu denken. Künſtleriſch ſchön aufgefaßt war dagegen das Portrait eines jungen Mädchens, welches ſelbſt von der geſpenſter⸗ haften Maſchine mit Liebe wieder gegeben worden zu ſein ſchien. Dies Blatt mehrmals vervielfältigt, war ohne alle Retouche und gab trotzdem ein ſehr liebliches Bild, das von einer wunderbaren Aehnlichkeit ſein mußte. Das junge Mädchen, obgleich im einfachen Hauskleide, zeigte eine pracht⸗ volle Geſtalt; ſie hatte den Kopf etwas erhoben und ſchien mit ihren hellen klaren Augen in die Höhe zu blicken. Es war als lauſchte ſie etwas Angenehmem, ſo war der Aus⸗ druck ihres Geſichts und das drückten die leicht geöffneten feinen Lippen aus. Ihr rundes Geſicht war umgeben von reichem, kunſtlos und doch ungemein kokett aufgeſtecktem Haar. Sie ließ die zuſammen gelegten Hände herabhängen und hielt zwiſchen den Fingern etwas, das wie ein Bou⸗ quet ausſchaute; bei näherem Betrachten aber ſah man, daß es eine kunſtreich gearbeitete Strohſchleife war. Einmal be⸗ fand ſich dieſes Portrait an der Wand in einem ſchönen aus Holz geſchnitzten Rahmen; und wo dieſer am Nagel hing, da bemerkte man einen Strauß vertrockneter Feld⸗ und Waldblumen mit zierlichen Gräſern, die ſo über das Portrait hereinnickten, daß man glauben konnte, die klaren 144 1 Achtes Kapitel. ¹ — 4 Augen des Mädchens blickten nach ihnem, und wenDnan ſich dieſer Phantaſie hingab, ſo konnte man auch den zufriedenen glücklichen Ausdruck ihres Geſichtes verſtehen, in dem die Erinnerung einer ſckſeligen Stunde lag. Im Zimmer befinden ſich drei Perſonen, an dem Tannentiſch ſitzt eine alte, einfach, aber reinlich gekleidete Frau mit einem guten Geſichte, auf dem ſich Zufriedenheit und Wohlwollen abſpiegeln. Man ſieht ihr an, daß ſie gern lacht und daß die kleinſte Veranlaſſuug im Stande iſt, ſie in eine heitere Stimmung zu verſetzen. Der Be⸗ ſitzer der photographiſchen Anſtalt, Herr Heinrich Böhler, befindet ſich ebenfalls an dem Tiſche, und daß er der So⸗ ſeiner Mutter iſt, ſehen wir an der außerordentlichen Aehn⸗ lichkeit zwiſchen Beden. 3 Er iſt ein kräftig gewachſener ſchlanker junger Mann von vielleicht ſechsundzwanzig Jahren, mit einem hübſchen offenen und ehrlichen Geſichte, hellblondem, lockigem Haar, auf welches er etwas zu halten ſcheint, denn es iſt ſorgfältig geſcheitelt, und die überall natürlich emporſteigenden krauſen Locken ſind mit Sorgfalt um Stirn und Schläfe geordnet. Die dritte Perſon ſitzt an einem beſonderen Tiſche in der Nähe des Fenſters, ebenfalls ein junger Mann von gleichem Alter wie der Photograph, aber von der Natur ſehr ſtiefmütterlich behandelt. Sein Geſicht iſt gelb und hager, von ſchwarzen gerade herabhängenden Haaren be⸗ ſchattet, ſeine Figur klein und dürftig, und was bei anderen Ein photographiſches Atelier. 145 gerade gewachſenen Menſchen wie eine gewölbte Bruſt aus⸗ ſieht, erſcheint bei ihm als Höcker, der ſo weit vortritt— und ſo hoch hinaufragt, daß er faſt ſein ſpitzes Kinn dar⸗ auf ſtützen könnte. Obendrein iſt ſeine linke Schulter höher als ſeine rechte, und da er dieſen Mangel durch eine ge⸗ zwungene Haltung zu verdecken ſucht, ſo gibt ihm das et⸗— was Geziertes, welches widerwärtiger erſcheint, ſelbſt als— ſein krüppelhafter Körperbau. Der kleine Mann iſt Maler, retouchirt die Photographieen, wo es verlangt wird, und malt den jungen Damen auf den Daguerreotypen rothe, ſchwindſüchtige Backen. Da er den Kopf ſelbſt bei der Ar⸗ beitgimmer etwas auf die linke Seite geneigt trägt, ſo mag es wohl daheltommen, daß er ſich angewöhnt hat, mit ſeinen Augen Alles von unten herauf zu betrachten, wodurch ſein Geſicht einen lauernden Ausdruck erhielt. Lei⸗ der aber ſind wir gezwungen hinzuzuſetzen, daß dieſes 3 lauernde, unſtäte Aufblicken in ſeinem Charakter begründet und anfänglich wohl aus dem Mißtrauen entſtanden war, das ihn gegen alle gerade gewachſenen und von der Natur beſſer behandelten Menſchen erfüllte. Vielleicht hatte er auch als Kind von Luſt, Glück und Liebe geträumt; viel⸗ leicht hatte er ſich ſogar ſpäter, ſeiner verkümmerten Ge ſtalt noch nicht recht bewußt oder im verzweifelten Wagniß einem geliebten Weſen genähert und war durch ein ſonder⸗ bares Lächeln aus allen ſeinen Himmeln geſtürzt worden, tief hinab in die Finſterniß eines zerſtörten Gemüthes, wo — Hackländer. Der Augenblick des Glücks. I. 10 Achtes Kapitel. 1 ihm alsdann Zähneknirſchen und trampfhaftes Zuſammen⸗ ballen der Hände Linderung und Labſal war. Letztres, das krampfhafte Schließen der Hände, hatte er beibehalten, und wenn er ſprach, ſo zuckten ſeine Finger auf und zu und er hob ſie meiſtens gegen ſein Geſicht, als ſollten ſie ihn in ſeinen Reden unterſtützen. Vielleicht war es auch Eitelkeit, daß er ſo that, denn die Natur, die ihm ſonſt alles verſagt, hatte ihm eine wunderſchöne, feingeformte weiße Hand verliehen.— Herr Krimpf, der kleine Maler, ſaß da und zeichnete; die alte Frau Böhler ſtrickte an ihrem Strumpfe, und der Photograph hatte eine Glastafel vor ſich, in den Putzrahmen eingeſpant, die er mit einem feinen Tuch polirte und zuweilen mpmche zu ſehen, wo irgend noch ein fettiges Theilchen ſitzen geblieben war. Wir müſſen hierbei erwähnen, daß Herr Böhler die Lap⸗ pen, womit er das Glas putzte, auf eine eigenthümliche Art hielt, was daher kam, weil er ſich durch einen un⸗ glücklichen Zufall den Zeige⸗ und Mittelfinger vor nicht langer Zeit ſchwer verletzt hatte. „Heute ſcheint wieder einmal Niemand zu kommen,“ ſagte er, indem er die alte Frau anblickte;„doch will ich nicht darüber klagen, denn wenn es bei uns wie im Bäckerladen ginge, ſo würde ich ja am Ende noch ein reicher Mann werden, und daran denke ich doch wahr⸗ haftig nicht.“ „Es iſt noch früh,“ ſprach Frau Böhler,„die Leute Ein photographiſches Atelier. 147 kommen ja meiſtens um die Mittagsſtunde, da ſoll das Licht am beſten ſein, wie du immer ſagſt.“ Herr Krimpf am Fenſter wandte ſeinen Kopf noch mehr auf die linke Seite, als wolle er ſeine Arbeit auch in Wuuiger Entfernung betrachten; dann ließ er ſich nach einer kleinen Weile vernehmen:„Die Concurrenz thut's, die große Concurrenz. Auf dem Marktplatz, in der Finken⸗ ſowie in der Roſenſtraße haben ſich ſeit einigen Tagen neue Photographen niedergelaſſen. Der am Markt hat ein prachtvolles Atelier gebaut, ganz von Glas und Eiſen.“ „O, wir haben hier oben auch ein gutes Licht,“ warf der Andere hin;„ganz Norden und keine Mauern hinter uns, die Reflex geben.“ „Dazu,“ fuhr Herr Krimpf fort,„hat der am Markt einen eleganten Salon eingerichtet, wo Damen und Herren warten können, auch einen gewandten Bildhauer engagirt, der die ſchönſten Stellungen angibt.“ „Nun, einen Salon haben wir freilich nicht,“ ent⸗ gegnete der Photograph,„und was den Bildhauer anbe⸗ langt, ſo glaube ich, daß ſich Eure Stellungen damit meſſen können. Ihr müßt doch geſtehen, Krimpf, daß wir in der letzten Zeit ganz famos gelungene Sachen ge⸗ macht haben.“ „Sehr ſchöne Sachen,“ bekräftigte die alte Frau, und damit nahm ſie die Nadel, welche ſie gerade abgeſtrickt hatte, in die rechte Hand und zeigte auf das Portrait des 3 19* wovon Ihr doch wahrhaftig nichts verſteht.“ 148 Achtes Kapitel. jungen Mädchens.„Gibt es wohl was Beſſeres bei allen Photographen, als das Bild der Roſa?“ Herr Böhler hielt, als die Mutter ſo ſprach, mit dem Reiben auf der Glasſcheibe inne und blickte ebenfalls freund⸗. lich lächelnd zu dem Bilde des jungen Mädchens uyyr „Ja, das iſt ſehr gelungen,“ ſprach er halblaut. Herr Krimpf hatte ebenfalls herübergeſchielt, und ein Lächeln, von dem man nicht wußte, bedeutete es Schmerz oder Freude, zuckte um ſeinen breiten Mund, zu dem ſich die Finger erhoben.„Das iſt in der That ſehr gelungen,“ ſagte auch er,„und wenn man das öffentlich ausſtellen könnte, ſo wäre das Portrait allein im Stande, uns einé Menge Kundſchaft herbeizuziehen.“. „Nein, nein, das würde ich nie zugeben,“ fiel ihm der Photograph eifrig in's Wort,„ſelbſt wenn ſich Roſa dazu entſchließen könnte.“ „O, ſeid ganz unbeſorgt,“ warf der Andere ſchnell ein, während er ſich auf ſeine Malerei niederbückte,„die wird ſich nio dazu entſchließen, ſelbſt wenn es den größten Vor⸗ 4 theil brächte. Was bekümmert ſich das hochmüthige Mäd⸗ chen um Eure Kundſchaft, um Euer Fortkommen.“ Frau Böhler hatte bei dieſen Worten den Kopf ge⸗ ſchüttelt, und zum erſten Mal nahm ihr Geſicht einen ern⸗ ſten Ausdruck an.„Krimpf, Krimpf,“ ſagte ſie alsdann, 1 „das iſt ein Punkt, wo Ihr immer bösartig werdet, und N fort.„Ich bin ihr ſchon oft begegnet und habe häufig ge⸗ Ein photographiſches Atelier. „Sieht man nicht auch Prinzeſſinnen und Gräfinnen an den Schaufenſtern ausgeſtellt?“ „Daß ſich eine vornehme Dame nichts daraus macht, von der Menge angegafft zu werden, begreife ich vollkom⸗ men. Wenn ſie im Theater und im Concert mit ihren Spitzen und Brillanten ſitzen, ſo müſſen ſie es auch leiden, daß Tauſende von Augen ſie ſo lange anſchauen, als es ihnen beliebt. Aber mit einem jungen beſcheidenen Mäd⸗ chen, die von der ganzen Welt nichts will, iſt das doch was ganz Anderes. Nehmt mir's nicht übel, Krimpf, wenn Ihr eine Schweſter hättet—“ „Oder eine Geliebte,“ ſagte giftig der Maler. „So möchtet Ihr es auch nicht haben,“ fuhr Frau Böhler fort, ohne auf dieſe Worte zu achten,„daß ſie Jedermann anſtarrte und fragte: wer iſt denn das Mäd⸗ chen? Wie heißt ſie? Was thut ſie? Wo wohnt ſie?“ „Nun, was das anbelangt,“ entgegnete der Maler nach einem kleinen Stillſchweigen,„ſo ſtellt Mamſell Roſa ihr Licht auch nicht gerade unter den Scheffel und läßt ſich gehörig auf der Straße ſehen.“ „Ja, wenn ſie ausgehen muß oder mit ihrer Mutter im Schloßgarten ſpaziert,“ bemerkte der Photograph in etwas gereiztem Tone und rieb ſeine Glasſcheibe heftiger als noth⸗ wendig geweſen wäre. „Der Effect iſt derſelbe,“ fuhr Herr Krimpf hartnäckig 15⁵0 Achtes Kapitel. hört, wie der oder jener Lieutenant oder ſonſt ein junger Herumtreiber fragte: Wer iſt denn das ſchöne Mädchen? Wie heißt ſie? Was thut ſie? Wo wohnt ſie?“ „Und wenn Einer wirklich auch ſo was gefragt hat;“ erwiderte der Photograph ärgerlich,„ſo hat doch Roſa ge⸗ wiß niemals Anlaß dazu gegeben. Könnt Ihr das anders ſagen?“ fuhr er nach einer Pauſe fort, da der Maler ſich achſelzuckend über ſeine Arbeit niederbeugte;„hat ſie je einen von Euern Herumtreibern angeſehen oder durch ihr Betragen herausgefordert, daß er ſich nach ihr umſchaue und frage: Wer iſt ſie? Wo wohnt ſie?“ Herr Krimpf betrachtete die Arbeit, die vor ihm lag, ſo angelegentlich, als habe er in der ganzen Welt für ſonſt gar nichts Sinn. Er nahm auf's Gleichmüthigſte einen anderen Pinſel und ſuchte lange nach einem ſchönen Blau, um das Kleid der Dame, die er eben retouchirte, zu la⸗ ſiren, und erſt als er fand, daß die geſuchte Farbe paſ⸗ ſend war, nickte er befriedigt mit dem Kopfe und warf dann leicht hin. „Ich muß ſelbſt geſtehen, daß Mamſell Roſa auf der Straße in der That Keinem eine Veranlaſſung gibt, ſich um ſie zu bekümmern oder ihr nachzugehen.“ Hätte er das„auf der Straße“ nicht ſo hoch betont! Aber er that es und ſo ſtark, daß ſelbſt die alte Frau ihren Kopf ſchüttelte und ihr Sohn nicht unterlaſſen konnte zu entgegnen:„Krimpf, Ihr habt ſo ausdrucksvoll geſagt, Roſa Ein photographiſches Atelier. 151 gebe auf der Straße keine Veranlaſſung, daß man ihr nach⸗ und ſich um ſie bekümmere, ſie betrage ſich auf der eae nicht auffallend! i vielleicht ſonſtwo, wenn auch Bme nicht auf der Herr Krimpf zuckte ahermals mit den Achſeln, ſpitzte ſeinen Mund den Nagel des Daumens ſeiner gegen Licht, um eine gemiſchte Farbe N betrachten, die er ₰ darauf geſetzt hatte, während er ſagte: )„Seht, lieber Böhler, das iſt das alte Kapitel. Da brauch' ich nur ein unſchuldiges Wort zu ſagen, daran klammert Ihr Euch, ſetzt mir ſo zu ſagen die Piſtole auf die Bruſt, und wenn ich mir dann erlaube, irgend eine Parrr Bemertung fallen zu laſſen, ſo heißt 88 35 ſuche Streit 4. und Unfrieden.“ Die alte Frau winkte das Geſpräch fallen zu laſſen ſchien dieſer es nicht bemerken zu wollen, und man ſah deutlich, daß er ſich in einer großen Aufregung befand, der er ſich vergeblich be⸗ mühte, Herr zu werden. Sein Auge glänzte, und eine flamm de Rö the lag auf ſeinem Geſichte, während er die unen beftig zuſammenpreßte. ,Jc9h wollte nämlich ſagen,“ fuhr Herr Krimpf gleich⸗ 6 Gunthi fort— „O, ſagt lieber gar nichts,“ unterbrach ihn raſch die alte Frau.„Kann es Euch denn eine Freude machen mei⸗ 21 nen Sohn mit Sachen zu alteriren, von denen Ihr ſelbſt ohne mit den Augen, 152 Achtes Kapitel. am Beſten wißt, daß ſie nur in Eurem Kopfe entſtanden find?“— Es war ein eigenthümliches, faſt ſüßes Lächeln, mit dem der Maler jetzt zu der* Se hinüberſah. Es 4 war ein Lächeln, welches ſags 15 moilen ſchien: Gute, argloſe Seele, wie bedaure ich dich, Grund ehrlichen Herzens! Dann zuckte ſeine H Munde mpor, und ſeine Finger berührten dieſen leicht, 4 als wollte er ſich ſelbſt Stillſchweigen auferlegen, worauf 2„ der Pinſel auf dem Papier wieder gleichförmig feine Linien⸗ beſchrieb. 65 „Nein min,, er ſoll reden ¹“ ſagte beſtimmt der Pho⸗ 4 8 tograph; faber eer ſoll mit geraden Worten reden. Krimpf, ich halte große Stüch g uch; nur in dieſem Einen Punkte geht Ihr nicht ehrli b tir um. Ich weiß wohl, was Ihr wollt. Ihr könnt 3 Thatſachen berichten. Ihr habt nur böſe Bemerkungen gegen das Mädchen, und doch könnt Ihr mir glauben, Krimpf, daß ich Euch in der That ſogar dankbar wäre,— wenn—“. Das Le mit unſicherer, gepreßter Stimme, wie 3 vor ſeinen eigenen Worten ſcheut; auch mar er Stande, den Satz zu vollenden. 2 „Laß dir doch keine Grillen in den Kopf; ſe ſprach die alte Frau;„du weißt ja, was er dir fage will. Gott der Gerechte! Und wenn ſie hie und da⸗ auch einmal einen Blick hinüberwirft nach dem Fenſter des großen Ein photographiſches Atelier. 153 Hauſes, was thut ſo ein Blick? Habe ich in meiner Jugend doch auch meine Augen nicht immer zugeſchloſſen, und bin doch eine brave Hausfrau geworden das kann iich mir wohl nachſagen.— Ach was, ſo ein Blickl“„ „Es liegt ein großer Unterſchied in der Art, wie man Blicke ſendet,“ meinte Herr Krimpf. 8 „So wollt Ihr alſo ſagen, daß Roſa da hinüber Blicke ſendet, wie ſie ſich für ein junges Mädchen nicht ziemen?“ fragte Herr Böhler. 4 „Wie es ſich für ein junges Mädchen nicht ziemt, will ich grade nicht ſagen, aber,“ ſetzte er langſam und bedächtig hinzu,„wie es ſich chen nicht ziemt; die ſchon einen Bräutigam hat, und hunges Mäd chen aus unſerem Stande Manne ſenes Standes 8 genüber gewiß nicht paßt. 4. „Krimpf,“ rief jetzt heftig der Photograph,„entweder, oder! Laßt Eure ſchlimme Reden oder ſagt mir gerade her⸗ aus, was Ihr denkt und wißt.“ „Bosheiten, nichts als Bosheiten,“ flüſterte leiſe die alte Frau. ein junges Mäd⸗ ſo zu jagen, 17„Nun?“ ſuhr ihr Sohn gegen den Maler los, da dieſer ſchwieg. „O, das iſt ſehr einfach,“ antwortete Krimpf,„und ich ſage nie etwas, wozu ich nicht meine Gründe habe.— Es giht gewiſſe Stunden im Tage,“ fuhr er in ſo gleich⸗ 154 Achtes Kapitel. gültigem Tone fort, als begönne er eine Geſchichte: Es war einmal ein König, der hatte eine ſchöne Tochter,—„es gibt gewiſſe Stunden, wo Mamſell Roſa ihr Fenſter öffnet und ſich an demſelben ſehen läßt.— Wißt Ihr, das Fen⸗ ſter iſt gerade unter uns, alſo kann es Euch nicht gelten. Da an's Fenſter ſtellt ſie ſich, doch ehe ſie ſich hinſtellt, ſingt ſie vorher, und ſie hat eine ſchöne Stimme und kann ſehr laut ſingen. Habt Ihr ſie vorhin ſingen hören?“ fragte er mit ſeinem fatalen, lauernden Lächeln. „Ja, ich habe ſie gehört,“ ſagte der Andere mit faſt tonloſer Stimme. „Nun alſo,“ ſprach Herr Krimpf mit dem ruhigſten 3 Tone von der Welt weiter,„dann wette ich hundert gegen 5„ 4s daß ſi jetzt am ſter etwas zu ſchaffen macht.“ „ und un dem ſo wäre,“ miſchte ſich die alte Frau gereizt in's Geſpräch,„wollt Ihr dem jungen Mäd⸗ chen verbieten an's Fenſter zu treten und friſche Luft zu ſchöpfen?“ „Ich? Ganz und gar nicht. Ich will ihr überhaupt nichts verbieten. O, wenn Ihr nur einmal begreifen woll⸗ tet, wie ehrlich ich es mit Euch meine. Nicht wahr, wo — ich hier ſitze, bin ich nicht im Stande in die Nachbarſchaft zu ſehen? Das werdet Ihr mir zugeben. Was ich alſo jetzt 3 ſagen will, kann ich nicht vorher geſehen haben. Unſerem Hauſe gegenüber liegt, wie Ihr wißt, das große Palais, das mit ſeiner Pracht und Herrlichkeit unſere arme dunkle Ein photographiſches Atelier. Gaſſe ſo zu ſagen abſperrt und uns verhindern will, mit der vornehmen Welt, die dort wohnt, in gar zu nahe Be⸗ rührung zu kommen. Aber dieſe vornehme Welt,“ fuhr er boshaft fort,„kommt doch zuweilen gern mit uns in Be⸗ rührung. Alſo im erſten Stock drüben iſt ein Fenſter, grade dem der Frau Wittwe Weiher gegenüber; der Geſang iſt verſtummt, Roſa ſteht am dieſſeitigen Fenſter und am jen⸗ ſeitigen befindet ſich, oder meine Ahnung müßte mich trügen, ein junger Herr, wahrſcheinlich im rothſeidenen Schlafrock, da es noch früh iſt. Er blickt angeblich in unſere ſchlechte Gaſſe, vielleicht vermittelſt ſeines Opernglaſes, vielleicht auch nur ſo, und treibt allerlei kleine Thorheiten. Er legt die Finger an den Mund oder drückt ein Blumenbouquet, das er neben ſich hat, an die Lippen, fächelt ſich vielleicht auch mit ſeinem Schnupftuche Kühlung zu—— Schon bei den erſten Worten, die Herr Krimpf ſprach, wollte ſich der Photograph haſtig erheben, doch legte ihm die alte Frau ihre Hand auf den Arm und ihr Blick bat ihn, ruhig zu bleiben. Als aber der Maler in ſeiner bos⸗ haften Art alle die Einzelnheiten berichtete, da ließ es den An⸗ dern nicht länger auf ſeinem Stuhle, er ſprang in die Höhe, holte tief und heftig Athem und trat an eine Stelle des Zim⸗ mers, wo er das gegenüberliegende Haus ins Auge faſſen konnte. Herr Krimpf blickte nicht einmal zu ihm empor, viel⸗ mehr malte er ruhig an ſeinem Bilde und ſagte nach einer. Pauſe:„Hab⸗ ich Recht oder Unrecht?“ Achtes Kapitel. Auch Frau Böhler war hinter ihren Sohn getreten, und das ſonſt ſo wohlwollende Geſicht der alten Frau hatte ſich finſter überzogen. Daß Jemand drüben am Fenſter war, darin hatte der Maler allerdings Recht; und wenn der geneigte Leſer mit uns hinüberſchauen will, ſo bemerkt er einen der Fenſterflügel im erſten Stock geöffnet; an dem⸗ ſelben ſteht ein Fauteuil, und auf dieſem ruht ein junger Mann in rothem Schlafrock, der den Arm auf die Brüſtung geſtützt hat, den Kopf in die Hand gelegt, und zwar ſo, daß der Zeigefinger derſelben an ſeinen Lippen ruht. Der junge Mann am Fenſter hat ſein blondes Haar glatt an den Kopf geſtrichen, Kinn und Wangen ſind ſorgfältig ra⸗ ſirt, den feinen Mund hat er lächelnd zuſammen gezogen, und die lebhaften Augen fixiren ſich ſcharf auf einen Punkt ihm gegenüber. Der junge Mann im Schlafrock iſt unſer Bekannter, der Kammerherr von Wenden, der ſich in ſeinem Hausarreſt außerordentlich langweilt und ſehr vergnügt zu ſein ſcheint, in der Nacberſhai ein Parnrgebendes Amu⸗ ſement gefunden zu haben. Der Photograph fuhr mit der Hand heftig in ſein lockiges Haar und preßte ſie dann an ſeine Stirn;— der junge Mann gegenüber lächelte freundlich herüber, nickte auch leicht mit dem Kopfe, und jetzt kam auch das Blumenbou⸗ quet zum Vorſchein, von dem der Maler geſprochen.— Unrecht?“ „Nun?“ fragte dieſer abermals.„Habe ich Recht oder 4 Ein phot raphiſches Atelier. 157 „Seht, Krimpf,“ ſprach jetzt die alte Frau mit er⸗ zürntem Tone,„ich kann nicht begreifen, wie es Euch ein Vergnügen machen kann, meinen Sohn mit ſo lächerlichen 6 Sachen zu quälen. Was kümmert es die arme Roſa, wenn 8 da drüben wirklich ein junger Mann am Fenſter ſteht und ſeine Thorheiten treibt? Sie wird nicht nach ihm ſchauen, wird in ihrer Küche beſchäftigt ſein oder mit ihrer Stroh⸗ flechterei. Wie könnt Ihr Euch einbilden, daß ſie jetzt ge⸗ rade auch am Fenſter unter uns ſtehe? Kennt Ihr die alte Weiher ſo ſchlecht? Die hat Augen wie ein Falke, und Roſa würde ſchön ankommen.“ 6 Daß die alte Weiher Augen wie ein Falke hat, da⸗ 1 9 I ran habe ich noch nie gezweifelt,“ verſetzte der Maler mit einem geringſchätzenden Seitenblick;„doch nicht für ihre Tochter. Da iſt ſie, um in Eurem Gleichniß fortzufahren, blind wie eine Eule, ſonſt müßte ſie die Geſchichte ſchon lange gemerkt haben. Schon lange!“ „Nein, das iſt nicht mögli„“ knirſchte der junge Photograph.„Roſa kann nit am Fenſter ſein und da hinüber ſehen, das kann und wird ſie mir nicht anthun. Es iſt eine Schande, daß ich nur einen ſolchen Gedanken hatte. Von Euch finde ich es begreiflich, Krimpf,“ ſetzte er in faſt verächtlichem Tone hinzu. „Dieſe Bemerkung kann mich gar nicht anfechten, ich bin meiner Sache gewiß,“ flüſterte der brave Krimpf vor ſich hin. 4 Achtes 2ne. „Und ich will mich überzeugen,“ ſagte entſchloſſen Herr Böhler.„Das Fenſter der Schlafkammer iſt offen. Wenn ich mich vorbeuge, kann ich hinabſchauen, und ich will es denn in Gottes Namen für dieſes Mal thun, um den Krimpf zum Stillſchweigen zu bringen. Bleibt hier, Mutter,“ fuhr er fort, als er, ſich umwendend, ſah, daß ihn die alte Frau begleiten wollte. „Aber ich ſollte eigentlich mitgehen,“ meinte der Ma⸗ ler, und dabei lächelte er auf ganz eigenthümliche Art und kniff die Augen ſo zuſammen, daß nur noch ein paar Blitze herausſchoſſen;„ſich ſollte eigentlich mitgehen, ſonſt iſt die Partie vollkommen ungleich.“ Der Andere war aber ſchon in das Nebenzimmer ge⸗ treten und hatte ſich mit klopfendem Herzen dem Fenſter genähert. Er wußte nicht wie es kam, daß er nur müh⸗ ſam Athem ſchöpfen konnte, und daß das Blut wie im Fieber durch ſeinen Körper raste.— Jetzt ſtand er am Fenſter. Ehe er aber hinabblickte, faßte er mit der Hand krampfhaft die Brüſtung. 4 O, warum mußte der Maler Recht haben! Warum ſtand Roſa jetzt gewiß und wahrhaftig am Fenſter! Warum lehnte ſie ſich heraus, daß er deutlich ihr volles, ſchönes Haar ſah, ihren Hals, ja die ſchlanke Taille und ihre kleine Hand, mit der ſie leicht das Fenſterkreuz gefaßt hielt und ſo auf dem erhobenen Arme ihren Kopf ruhen ließ. Er hätte hinausſchreien können; er hätte wie ein Kind weinen —jjj—˖—r —— — Ein photographiſches Atelier. 159 mögen, denn er war zu feſt überzeugt geweſen, daß Krimpf verleumdet habe. Kein Zweifel, es war Roſa ſelbſt! Wenn er auch nur ihre Fingerſpitzen geſehen hätte oder eine einzige 8 Flechte ihres Haares, ſo hätte er gefühlt, daß ſie es ſei. : Es ward ihm dunkel vor den Augen, und als er jetzt ſeine Lippen feſt aneinander preßte, ſo ſchwellte ihm der Athem ſo heftig die Bruſt, daß ſie zu zerſpringen drohte. Alſo doch! Er blickte auf das Mädchen hinab, und es war ihm, 1 als müſſe er ſie mit ſeinen Gedanken in das Zimmer zurück⸗ ziehen können. Dann ſah er neben ihr vorbei in die ſchwin⸗ 4 delnde Tiefe, und es flimmerte ſeltſam vor ſeinen Blicken. 1 Er wollte Roſa! rufen, aber er that es nicht. Er blickte auf das gegenüberliegende Haus und ſah, wie ſich der junge Mann am Fenſter unverwandt herüberblickend langſam er⸗ hob, wie er dabei die Hand leicht an ſeine Lippen legte, . ja, wie er herüberwinkte. Ach und wie ward dem Späher, als der nun ſehen mußte, wie Roſa ebenfalls ihre Stellung änderte, wie ſie die Hand und den Arm, auf denen ſo eben ihr Kopf geruht, langſam herabſinken ließ, und wie ſie, ehe„ ſie das that, leicht mit ihren weißen Fingern über das ſchwarze Haar herabfuhr.— Dann verſchwand ſie vom Fenſter. Er aber oben preßte ſeine beiden Hände gewaltig gegen die Bruſt und blickte an den blauen Himmel empor, der ihm mit einem Male ſtockdunkel erſchien und an dem Blitze hin und her fuhren, Blitze aus heiterer Luft, von denen er nicht wußte, woher ſie kamen. Er mußte in das — Achtes 2 Wohnzimmer zurück, das fühlte er wohl, aber er mußte lange mit ſich kämpfen, ehe ſein Athem wieder ruhiger ging, ehe ſeine Augen den ſonderbar entſetzlichen Ausdruck verloren hatten, ehe ſein Gang wieder gleichmäßig geworden, nicht mehr ſo ſchwankend war, als da er vom Fenſter wegtrat. Ja, er verſuchte zu lächeln, und es gelang ihm, als er nun wieder vor die Beiden im Nebenzimmer trat, wo ihn die alte Frau beſtürzt anblickte; denn, wie ſie ihm ſpäter ſagte, habe er zum Erſchrecken blaß ausgeſehen. Herr Krimpf hob ebenfalls den Kopf in die Höhe, und auch er lächelte, als er in die entſtellten Züge des Photo⸗ graphen blickte. Darauf zuckten ſeine Finger wie vergnügt nach ſeinem Kinn und als er ſagte:„Nun?“ lag in dieſem einzigen Worte ein Hohn, ein Triumph, der unausſprech⸗ lich war. „Nun?“ fragte auch die alte Frau. „Die Roſa war nicht am Fenſter,“ entgegnete der An⸗ dere ſo gelaſſen als es ihm möglich war. Dabei blickte er beſorgt auf den Maler, der aber ſeinen Kopf ſo tief über das Papier gebeugt hatte, daß man ſein eigenthümliches Grinſen nicht ſehen konnte.—„Nein, ſie war nicht am Fenſter,“ wiederholte er nach einer Pauſe und einem tiefen Athemzuge. Ein paar Sekunden lang war es nun auch ſo ſtill in dem Zimmer, daß das Picken der Schwarzwälder Uhr ein faſt unerträgliches Geräuſch machte. Dann ſagte Herr Krimpf: „Nun, wenn ſie nicht am Fenſter war, ſo iſt es mir lieb ———————————— — Ein photographiſches Atelier⸗ 164 und ich will recht gern Unrecht gehabt haben. Denn wäre ſie am Fenſter geweſen,“ ſetzte er mit ſcharfer Betonung hinzu, indem er den Kopf erhob,„ſo hätte ich Recht be⸗ halten, und man müßte dann die Roſa für ein unverant⸗ wortlich leichtſinniges Mädchen halten, für ein Mädchen, das nicht werth iſt, daß ein braver Mann, wie Ihr, ſie liebt.— Darin ſtimmt Ihr mir bei, nicht wahr, Böhler?“ „Ja— darin,“ entgegnete der Photograph in einem Tone, dem man deutlich anhörte, wie mühſam und ſchmerz⸗ haft er hervorgebracht war.— Hierauf ſchien er aber nicht geneigt, ſich noch in weitere Erörterungen einzulaſſen, ſon⸗ dern ging abermals in das Nebenzimmer, nicht um dort wiederholte Fenſterbeobachtungen zu machen, vielmehr ſetzte er ſich ſo entfernt wie möglich von demſelben in eine Ecke der Kammer, barg das Geſicht in beiden Händen und blieb unbeweglich. Hacklänber. Der Augenblick des Glücs 1. 14 Neuntes Kapitel. Chantons, buvons, traleralera. Herr Krimpf hatte eine Zeitlang emſig fortgemalt und ſchien auch mit ſeiner Arbeit vollkommen zufrieden zu ſein. Er betrachtete die Photographie, die er retouchirte, bald— von dieſer, bald von jener Seite, und während er ſo den Kopf bald rechts, bald links wandte, ſummte er in ſich hinein eine luſtige Melodie, was ſelten genug vorkam. Bald jedoch ſchien er mit ſeiner Arbeit für jetzt aufhören zu wollen, betrachtete das Portrait ein paarmal aus der Entfernung, legte es alsdann zwiſchen Fließpapier und fing an ſeinen Pinſel mit großem Geräuſche in einem vor ihm ſtehenden Waſſerglaſe auszuſpülen. Die alte Frau hatte ſich mit ihrem Strickſtrumpf wieder aan den Tiſch geſetzt, doch zeigte ihr Geſicht lange nicht mehr den heiteren, wohlwollenden Ausdruck wie früher, bald blickte ſie beſorgt nach der Kammerthüre, dann einigermaßen ent⸗ rüſtet auf den Maler, der ſeine Farben zuſammengelegt . 8* Chantons, buvons, traleralera. hatte, einen beſſeren Rock anzog, der in der Ecke hing, und ſich zum Weggehen anſchickte. „Es ſcheint dieſen Vormittag Niemand kommen zu wollen,“ ſagte er,„und da will ich einen kleinen Ausgang beſorgen. Gegen zwölf Uhr bin ich wieder da, wenn man mich vielleicht doch noch brauchen ſollte.“ Bei dieſen Worten hatte er den Rock bis unter das Kinn zugeknöpft und trat an das Blick in die Nachbarſchaft zu werfen. „Ja, ja,“ murmelte er vor ſich, aber doch ſo laut, daß es die Frau deutlich verſtehen mußte,„dieſe vornehmen Herren! Es iſt mir begreiflich, daß ihnen ſo allerhand ver⸗ fluchte Geſchichten durch den Kopf gehen, da ſie doch auf der Herrgottswelt den ganzen Tag ſo Fenſter, um einen gut wie gar nichts zu thun haben. Möchte das auch mal mitmachen.“ Hiebei verſuchte er, ſeinen Halskragen aufzurichten, was ihm aber nur an der einen Seite gelang; an der an⸗ deren drückte ihn der herabhängende Kopf hartnäckig wieder gegen die Schulter.„Aber das könnt Ihr mir glauben, Frau Böhler,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„es iſt mir gerade, als hätte mir Jemand was geſchenkt, daß die Roſa nicht am Fenſter war. Es wäre auf meine Ehre arg ge⸗ weſen; denn der da drüben iſt ein verrufener Patron, dar⸗ auf könnt Ihr Euch verlaſſen, und wenn der einmal an⸗ bändelt, dann hört er nicht wieder auf, bis er die Schleife feſt zugezogen hat. Jetzt behüt' Euch Gott, Frau Böhler, ich komme bald wieder.“— Er hatte ſeinen Hut au eſetzt 164 Neuntes Kapitel. und warf einen Blick in den Spiegel, ſo verſtohlen und ſcheu, daß man wohl merkte, er fürchtete dort etwas ſehr Unangenehmes zu erblicken. Dann lief er mit einer wahr⸗ haft komiſchen Behendigkeit zur Thür hinaus. Als er fort war, ließ die alte Frau ihre Hände mit dem Strickzeug in den Schooß ſinken, ſchüttelte den Kopf und ſagte in einem betrübten Tone:„Wie der Heinrich ver⸗ ſtört ausſah! Vielleicht war ſie wirklich am Fenſter, vielleicht hat der Krimpf Recht, aber das wäre doch gar zu entſetz⸗ lich! Nein, nein, ſo iſt die Roſa nicht. Und wenn ſie wirklich am Fenſter war, bah! ſo hätte das noch nichts zu bedeuten. So ein junges Mädchen iſt ein wenig vorwitzig und naſeweis, aber ſchlimm iſt die Roſa nicht, gewiß nicht: davon muß auch der Heinrich überzeugt ſein.“ 3 Haſtig warf ſie ihr Strickzeug auf den Tiſch und eilte in das Nebenzimmer, als wollte ſie ihren Sohn fragen, ob er denn wirklich etwas Schlimmes von Roſa glauben könne, ſelbſt wenn ſie am Fenſter geweſen wäre.— Der Photograph ſaß noch immer in ſeiner Ecke. Die Hände hielt er freilich nicht mehr vor das Geſicht, ſondern gefaltet auf ſeinen Knieen; doch blickte er ſo ſtarr durch das Fenſter an den Himmel empor, daß die Mutter bei ſeinem Anblick oordentlich erſchrack und es kaum wagte, leicht mit den Fin⸗ gern ſeine Schulter zu berühren. Er fuhr wie aus tiefen Träumereien empor, und als er die alte Frau neben ſich ſtehen ſah, ſagte er mit erzwun⸗ Chantons, buvons, traleralera. 165 genem Lächeln:„Ich bin doch recht thöricht, da ſitze ich hier in tiefen Gedanken, als wenn Gott weiß was geſchehen wäre, und es iſt doch im Grunde gar nichts.“ „Nein, es iſt gewiß nichts, Heinrich, wahrhaftig nichts,“ entgegnete die alte Frau,„das kannſt du mir glauben. Mach dir doch keine ſo trüben Gedanken.“ Er ſah mit einem unendlich troſtloſen Blick zu ſeiner Mutter empor, dann ſagte er:„Aber ſie war am Fenſter.“ „Ich hab' es dir angeſehen.“ „Dann hat es mir der Krimpf gewiß auch angeſehen, und was er zu mir ſprach, war aus lauter Bosheit.“ „Du weißt doch,“ antwortete kopfſchüttelnd die alte Frau,„wie der immer gereizt iſt und wie es ihm ein Ver⸗ gnügen macht, andere Menſchen mit ſeinen ſchwarzen Ge⸗ danken zu quälen.“ „Aber ſie war am Fenſter.“ „Nun ja, laß ſie. Man muß ihr das auf eine gute Art ſagen. Ich verſichere dich Heinrich, ich bin deinem Vater immer eine brave und getreue Frau geweſen, aber als ich noch ein junges Blut war—“ „Da haſt du auch ſo am Fenſter geſtanden?“ fragte haſtig der junge Mann und ſchaute zu der Mutter empor, als hoffe er Troſt in ihren Blicken zu finden. „Warum denn nicht?“ fuhr dieſe mit ihrem tröſtenden Lächeln fort.„Ich weiß mich noch wie heute zu erinnern, es war während der Kriegszeit, da mußten wir armen Neuntes Kapitel. Mädchen überhaupt viel ausſtehen; Tag und Nacht keine Ruhe vor dem wilden Gezeug; nun, damals war ich acht⸗ zehn Jahre alt und ſo übel auch gerade nicht. Sie gafften mich an, wie es die jungen Leute von jeher gethan haben und auch nicht laſſen werden, ſo lange die Welt ſteht und ſo lange es noch junge Mädchen gibt.— Uns gegenüber lag ein ſehr hübſcher franzöſiſcher Kapitain im Quartier. Das war ein Tollkopf, welcher der ganzen Nachbarſchaft Beſuche machte. Bei uns kam er aber nicht weiter, als bis an die Küchenthür.“ „Siehſt du, Mutter, das war ſehr brav von dir.“ „Das Lob verdien' ich nicht— ich hätte gern mal mit ihm geplaudert. Aber um wieder auf mein Kapitel zu kommen, ſo ſtand ich auch zuweilen am Fenſter und hörte zu, wenn er ſeine luſtigen Lieder ſang. Da war eins, das ſchloß immer mit den Worten: Chantons, buvons, tralera- lera, und das hatte ich mir leider gemerkt. Leider, ſag' ich, denn eines Tags, als wir am Eſſen ſaßen, ſpielte die Muſik dies Lied gerade unter unſern Fenſtern vorbei, und ich— ich werde das all' mein Lebtage nicht vergeſſen, wir hatten gerade Klöße und ich einen auf dem Löffel, mit dem ich eben zum Munde fahren wollte— ſinge ſo, ohne viel zu denken, die Melodie mit: Chantons, buvons, traleralera. Aber das Traleralera war noch nicht von mir ausgeſungen, ſo erhielt ich von meiner Mutter eine ſo ungeheure Maul⸗ ſchelle, daß ich nicht wußte, wie mir geſchah. Der Löffel Chantons, buvons, traleralera. und Alles lag am Boden, und ich ſelber duckte mich in Erwartung einer zweiten Ohrfeige. So böſ' hatte ich die Mutter in meinem ganzen Leben nicht geſehen, als ſie nun ausrief: warte du, ich will dich betraleraleraen.“ „O die Großmutter war eine rechtſchaffene Frau,“ ſeufzte der Photograph, worauf Frau Böhler entgegnete:„Laß das nur gut ſein, die alte Weiher iſt auch nicht links. Aber jetzt komm mit hinüber; laß dein Grübeln, das kann wahr⸗ haftig zu nichts führen. Man muß mit der Roſa reden.“ „Nein, das darf man nicht thun,“ ſprach faſt er⸗ ſchrocken der junge Mann, indem er aufſprang;„das darf um Gotteswillen nicht geſchehen. Iſt an der Sache wirk⸗ lich etwas Unrechtes, und man warnt ſie, ſo wird ſie's verheimlichen, und dann wird es noch viel ſchlimmer. Nein, nein, Mutter, ich will erſt die vollſtändigen Beweiſe und dann nach Umſtänden handeln.“— Die alte Frau ſah ihren Sohn fragend an.—„Dann will ich zu ihrem Herzen ſprechen, und wenn es, wie ich zu Gott hoffe, nur eine kindiſche Citelkeit iſt, die ſie antreibt, die Blicke jenes — Herrn zu erwiedern, ſo werde ich ihr vorſtellen, was daraus entſtehen kann, und hoffe ſie zu überzeugen. Kann ich das Letztere aber nicht, Mutter, ſo habe ich am Ende nicht viel verloren.“ Damit waren Beide in das Wohnzimmer zurückgegangen: der Photograph legte das geputzte Glas bei Seite und machte ſich mit den Schalen zu ſchaffen, worin er ſeine Silber⸗ 168 Neuntes Kapitel. und Natronbäder hatte. Draußen ſchien die Sonne ſo pracht⸗ voll, und das Licht war ſo glänzend, daß es ordentlich ſchade war, daß gerade in dieſem günſtigen Augenblicke ſo gar keine Menſchenſeele kommen wollte, um ſich photogra⸗ phiren zu laſſen. Das meinte auch Frau Böhler, und der Sohn pflichtete ihr achſelzuckend bei. „Ich weiß nicht wie es kommt,“ ſagte er,„daß es bei mir nie einen rechten Zug nehmen will. Ich will gerade nicht klagen und eben ſo wenig meine Werke ſelbſt loben; aber bei den Arbeiten, die ich mache, könnte ich doch ſchon ein Bischen mehr zu thun haben.— Ich habe eben kein Glück.“ Frau Böhler hob den Kopf in die Höhe, und als ſie bemerkte, wie ihr Sohn bei dieſen Worten die beiden ver⸗ ſtümmelten Finger ſeiner rechten Hand anſah, ſo ſchwieg ſie ſeufzend ſtill. „Gewiß und wahrhaftig kein Glück,“ fuhr er fort. „Wie ſauer habe ich es mir werden laſſen, mit welcher Liebe habe ich gearbeitet, ehe ich's in der Holzſchneidekunſt zu et⸗ was gebracht, und da ich eben anfing hübſche Arbeiten zu machen, paſſirt mir das Unglück, woran ich mein ganzes Leben werde leiden müſſen. Darauf fange ich an zu photo⸗ graphiren, mache auch ordentliche und hübſche Portraits, werde von meinen Bekannten empfohlen; aber was hilft mir das Alles! Pfuſcher haben den Zulauf, bei mir will nichts recht in den Zug kommen. Ich habe keine Protection, oder beſſer geſagt, kein Glück.“ ,— 4 glücklich machen kann.— Habe ich eigentlich das Recht, von Chantons, buvons, traleralera. 169 „Es iſt nicht zu leugnen,“ entgegnete Frau Böhler,„daß du bisher mit vielen Widerwärtigkeiten zu kämpfen hatteſt.“ „Mit vielem, vielem Unglück!“ „Aber das kann ſich mit einem Male ändern, und ich habe es ſchon oft erlebt, daß Leute, die lange vom Schickſal verfolgt wurden, auf einmal an einen Punkt kamen, wo eben das Schickſal wie müde und matt von ihnen abließ.“ „Darauf habe ich lange gehofft,“ ſagte bitter der junge Mann,„immer geglaubt, auch für mich müſſe end⸗ lich einmal ſo ein Augenblick des Glückes eintreten; und daß meine Wünſche nicht unbeſcheiden ſind, das weißt du am beſten, Mutter. Wie zufrieden war ich mit meiner Ar⸗ beit, ja, trotz des langſamen Ganges der Geſchäfte, ich könnte wohl ſagen faſt glücklich, ja— ja, faſt glücklich, bis vor einer halben Stunde, wo Alles mit mir zuſammenbrach.“ — Die alte Frau blickte kopfſchüttelnd in die Höhe, ohne eine Antwort zu geben.. „Und es iſt ſo traurig,“ fuhr der Photograph fort, „daß in der Welt eine Widerwärtigkeit, ein Unglüch das andere nach ſich zieht.“—— Er hatte bei dieſen Worten einen Abdruck der Photographie jenes ſchönen jungen Mäd⸗ chens, von dem wir vorhin ſprachen, aus der Schale ge⸗ nommen und lange betrachtet.„Wie kann ich es der Roſa „ eigentlich übel nehmen, daß es ihr langweilig wird zu war⸗ ten, bis mir einmal das Glück ſo lächelt, daß ich auch ſie 470 Neuntes Kapitel. ihr zu verlangen, daß ſie warten und immer warten ſoll? Und wie lange wird das Warten dauern! O glaube mir, Mutter, wir Beide können alt werden, ehe für mich der Augenblick des Glücks eintritt!“ „Wie kannſt du ſo verzagt ſprechen!“ entgegnete die alte Frau;„das hab' ich noch nie von dir gehört. Du, ſonſt immer voll der ſchönſten Hoffnungen, du, der alle Widerwärtigkeiten,— ja, ich muß dir das Kompliment machen— mit einer ſtaunenswerthen Kraft und Geduld aushielteſt; der mir in jeder Beziehung eine ſo feſte Stütze war, zu dem ich wahrhaft beruhigt aufſah und von dem ich mir oft ſagte: Heinrich iſt ja da, dein Sohn! In ſeiner Hand muß noch Alles gut und ſchön werden.“ „So haſt du freilich gedacht, und ich dachte faſt ebenſo von mir ſelbſt. Haſt du auch bis jetzt je geſehen, daß ich den Muth ſinken ließ; haben mich die Widerwärtigkeiten die uns betroffen, im Geringſten gebeugt? Aber das von vorhin,“ ſetzte er leiſe hinzu,„das hat mich in's Herz getroffen. Und wenn das Herz verletzt wird, ſo iſt auch der Muth dahin.“ Die alte Frau wiegte unmuthig mit dem Kopfe hin und her, während ſie ſagte;„Schlag dir doch dieſe Grillen aus dem Sinn. Du wirſt ſehen, das klärt ſich Alles zum Guten auf, und ebenſo, was dein Geſchäft anbelangt. Iſt doch aller Anfang ſchwer. Aber ich habe ein ahnungs⸗ volles Gemüth, dein Schickſal wendet ſich einmal plötzlich.“ „Ja, nachdem ich ſo viel Herzeleid durchgemacht,“ Chantons, buvons, traleralera. 171 ſprach düſter der Photograph,„daß mich das Glück nicht mehr freut, wenn es endlich bei mir einkehrt.“ „Ach was— ich weiß noch, wie deine Großmutter ſelig, die es auch nicht leiden konnte, wenn man immer von Unglück ſprach, und von Leuten, die ſtets vom Unglück verfolgt würden,— wie deine Großmutter zu ſagen pflegte. Glück hat jeder Menſch, ſagte ſie, nur muß er es zu faſſen wiſſen. Aber freilich gibt es Menſchen, die, wenn das Glück an ihre Thür klopft, nicht einmal„Herein!“ rufen.“ In dieſem Augenblick klopfte es leiſe und beſcheiden an die Thür des photographiſchen Ateliers. Dieſes Klopfen kam ſo apropos, daß ſowohl die alte Frau wie ihr Sohn ſich betroffen anblickten und keines das⸗ eben erwähnte Wort ausſprach, ſo daß draußen zum zweiten Male geklopft wurde. Jetzt rief jedoch der Photograph: „Hetkin!“ Die Thür öffnete ſich und auf der Schwelle erſchien ein herrſchaftlicher Lakai in einfacher, aber eleganter Livree, der den Kopf zur Thür hereinſteckte und mit leiſer Stimme fragte:„Hier wohnt doch der Photograph, deſſen Name unten an der Hausthür ſteht?“ „Allerdings, der Photograph Heinrich Böhler.“ „Und iſt zu Hauſe?“—„Ich bin es ſelber.“ „Ah!“ verſetzte der Lakai und zuckte mit ſeinem Kopfe, wie zu einer leichten Begrüßung, vorwärts, wobei er die Schultern, dieſer Bewegung anpaſſend, in die Höhe hob. 172 Neuntes Kapitel. „So habe ich denn zu fragen, ob Sie Zeit hätten, augen⸗ blicklich ein Portrait zu machen.“ „Vollkommen Zeit und ſehr gutes Licht,“ entgegnete der Photograph, wobei er einen Blick auf ſeine Mutter warf, die in tiefen Gedanken da ſaß und wahrſcheinlich an ſeine Großmutter dachte, an den Augenblick des Glücks, an das Klopfen und Hereinrufen. „So werden wir ſogleich kommen,“ ſagte der Lakai, langte mit zwei Fingern an ſeinen Hut und verſchwand geräuſchlos, aber eilig die Treppen hinab. Während der junge Mann ſich daran machte, ein paar ſeiner größten Glasplatten zu präpariren, rückte Frau Böhler ihre Haube zurecht und wiſchte mit der Schürze eilig über den tannenen Tiſch, ſowie über die Stühle an den Wänden, obgleich dort nirgends ein Stäubchen ſichtbar war.„Ich weiß, du lachſt mich immer aus, wenn ich von Ahnungen ſpreche,“ redete ſie dabei.„Aber diesmal hab' ich recht. Es iſt was ganz Apartes, vielleicht Jemand vom Hof. O du mein lieber Gott, wenn es dir heute nur recht gelingt!“ Jetzt hörte man Schritte auf der Treppe, dann wurde die Thüre geöffnet und der Lakai erſchien, indem er dieſelbe, außen ſtehen bleibend, ſoweit wie möglich zurückwarf und dann mit einer tiefen Verbeugung zwei Herren vorbeigehen ließ, die nun in das Zimmer traten. Der erſte, vielleicht ein Mann an den Vierzigen, hatte eine hohe, ſchlanke und elegante Figur; er trug einen dun⸗ —— 5 Ch antons, buvons, traleralera. 173 keln Paletot, im Knopfloch ein rothes Bändchen, lederfar⸗ bene, untadelhafte Handſchuhe, und ſeine Haltung war ent⸗ ſchloſſen und aufrecht, wie die eines Militärs. Sein Geſicht mit klugen Augen war intereſſant; man hätte es ſchön nennen können, wenn in den Zügen nicht ein matter, ja verlebter Ausdruck vorgeherrſcht hätte. Er nahm ſeinen Hut ab, grüßte herablaſſend die alte Frau und den jungen Mann, welch' Letzterer eine tiefe Verbeugung machte, und ſagte dann zu dem Anderen, der ihm folgte: „Baron, das ging hoch hinauf.“ „Nicht ohne Urſache, gnädiger Herr,“ verſetzte dieſer mit leiſer Stimme;„der Mann hier ſoll gute Arbeiten machen, ohne daß er gerade einen beſonders großen Zu⸗ lauf hat.“ Der, welcher alſo ſprach, hatte ein ganz anderes Weſen als der, welcher zuerſt eingetreten war, war viel kleiner und ſah ungleich älter aus. Er war faſt in das Zimmer herein getänzelt und bewies ſich in allen ſeinen Bewegun⸗ gen außerordentlich gelenkig; doch hatten dieſe Bewegungen etwas Forcirtes, und es war, als wende er ſich bald rechts und bald links, um eine gewiſſe Steifheit und Hinfälligkeit ſeines Körpers zu verdecken. Sein Geſicht hatte einen un⸗ gemein klugen Ausdruck, dabei aber ein fatales Lächeln, ein Lächeln, bei dem man ſich unwillkürlich ſagen mußte es ſei nicht ehrlich gemeint. Aber es wäre unrecht von uns, dem wahrhaftigen Er⸗ h 174 Neuntes Kapitel. zähler, gehandelt, wenn wir mit dem geneigten Leſer Ver⸗ ſteckens ſpielen wollten. Daher wollen wir es ſeiner Ver⸗ ſchwiegenheit anvertrauen, wenn er es nicht vielleicht ſchon errathen hat, daß der zuletzt Eingetretene Baron Rigoll war. Was jedoch den Andern anbelangte, den wir nur auf einen Augenblick in der Wohnung des Baron Wenden geſehen, ſo ſind wir mit dem beſten Willen ſelbſt nicht im Stande, etwas Näheres über dieſen Herrn anzugeben. „Wir wünſchen alſo ein Portrait,“ ſagte der Baron, nachdem er in der Geſchwindigkeit an der einen Wand des Zimmers heruntergefahren war und die dort aufgeſtellten Photographien betrachtet hatte;„ein Portrait, gut, aber ſehr einfach.— Ah!“ unterbrach er ſich ſelber,„iſt das ein ſchöner Kopf!“ Er ſtand gerade an dem Bildniß jenes jungen Mädchens, über welches die verdorrten Feldblumen herabhingen.„In der That ſuperbe, magnifik! Wollen Eure—— wollen Sie, gnädiger Herr, ſich das nicht einen Augenblick betrachten? Ein ganz wunderbares Ge⸗ ſchöpf!— Das erxiſtirt doch irgendwo?“ wandte er ſich fragend an den Photographen.. 4 „O ja, es exiſtirt,“ erwiderte dieſer mit einer tiefen Neigung des Kopfes. „Das iſt wirklich ein ſchönes Mädchen,“ ſprach der andere Herr,„und gut ausgeführt. Eine hübſche nette Ar⸗ beit. Ich glaube, wir ſind an die rechte Quelle gekommen.“ „Das glaub' ich auch,“ entgegnete Baron Rigoll mit Chantons, buvons, traleralera. 175 ſeinem ſeltſamen Lächeln;„und es ſollte mich freuen wenn wir reuſſiren.“ „So wollen wir denn ſogleich beginnen,“ meinte der Andere, indem er ſich an den jungen Mann wandte. Dieſer hatte ſchon den Stuhl zwiſchen den ſpaniſchen Wänden zurecht gerückt, und bat den großen ſchlanken Herrn, Platz zu nehmen; ehe ſich derſelbe aber ſetzte, wünſchte er, daß man alles Beiwerk, Tiſch, Vaſe, Blumen und Vorhänge weglaſſe, indem er wiederholte, es ſolle ein ganz einfaches Portrait werden. Die Haltung, welche der Fremde hierauf von ſelbſt annahm, war ſo gut gewählt und paſſend, daß weder der Photograph, noch Herr Krimpf es hätte beſſer arrangiren können. Nun wurde die geſpenſterhafte Maſchine von dem dun⸗ keln Tuche befreit und geſtellt. Der Photograph ſchaute einen Augenblick hinein, richtete das Objectiv, dann ſchob er die Caſette mit dem präparirten Glaſe ein, bat den Fremden, ruhig zu ſitzen und nahm den Deckel von dem Glaſe. 8 Eine Sekundenuhr hatte ſich der gute Herr Böhler noch nicht anſchaffen können, deßhalb zählte er von Eins bis Zwölf, wie er es bis jetzt gewohnt war, gleichförmig vor ſich hin, und ebenſo that die alte Frau, welche in der größten Spannung in der Ecke des Zimmers ſtand. Da⸗ bei können wir nicht verſchweigen, daß dieſe, in ihrem Neuntes Kapitel. ahnungsvollen Gemüthe den Augenblick für außerordentlich wichtig anſehend, kleine Gebetſätze mit einfließen ließ, wo⸗ bei ſie, da es noch keine beſonderen Heiligen für die Pho⸗ tographen gibt, verſchiedene, die ihr gerade einfielen, beſtens erſuchte, das gegenwärtige Portrait ihrem Sohn zu Nutz und Frommen gelingen zu laſſen. Das Licht war günſtig, der fremde Herr ſaß wie eine Mauer, und nach Verlauf der zwölften Secunde machte Herr Böhler eine tiefe Ver⸗ beugung, wobei er mit der Hand den Schließdeckel des Glaſes gegen den Sitzenden ſchwenkte, was bei den Photo⸗ graphen ungefähr ebenſo viel ſagen will, wie bei den Soldaten das bekannte: Rührt euch! Hierauf begab ſich der Photograph mit der geſchloſſenen Kapſel in die dunkle Kammer, um das Portrait hervorzu⸗ rufen und zu fixiren. Es ſchien außerordentlich gelungen, und nachdem die Glasplatte mit Waſſer abgeſpült war, brachte er ſie den beiden Herren zur Anſicht. Allerdings war das Portrait ſcharf und gut gekommen, nur wunderte ſich der fremde Herr, ja er erſchrak faſt einigermaßen dar⸗ über, daß er auf dem negativen Bilde natürlicher Weiſe mit ſchneeweißem Haar, eben ſolchem Bart, dagegen mit faſt ſchwarzem Geſicht, einem ſehr bejahrten Mohren nicht un⸗ ähnlich, erſchienen. „Unſer photographiſcher Freund dorten,“ ſagte er, nachdem er ſein Portrait eine Zeit lang betrachtet,„erklärt das Bild für gelungen; alſo iſt das Licht vollkanmen Chantons, buvons, traleralera. 177 günſtig, weshalb Sie ſich jetzt ebenfalls hinſetzen müſſen, beſter Baron; ich verlange das als einen Beweis der Freundſchaft, und werde Ihr Bild gern mit mir nehmen.“ „Es wäre mir wahrhaſtig im Schlafe nicht eingefal⸗ len,“ entgegnete der Andere,„mich photographiren zu laſſen; aber nach der ſchmeichelhaften Aufforderung von Ihnen, gnädiger Herr, kann ich nicht umhin, mich preiszugeben. Eigentlich ſcheue ich die ganze Photographie; es iſt etwas Unheimliches dabei, und ich kann es mir nicht anders den⸗ ken, als daß ſich doch etwas von dem Darzuſtellenden ſelber auf der Glastafel niederſchlägt.“ „Natürlicher Weiſe, ich habe es auch nie anders an⸗ geſehen,“ ſprach der ſchlanke Herr,„und eben deshalb wird Ihr Portrait, von dem wir einen doppelten Abdruck machen . werden, an gewiſſen Orten außerordentlich willkommen ſein.“ Inzwiſchen hatte ſich Baron Rigoll auf den verhäng⸗ nißvollen Stuhl geſetzt, nahm aber nicht die leichte und graziöſe Stellung an, wie ſein Vorgänger. Der Photograph mußte länger nachrichten, ihm Arme und Hände zurecht rücken, namentlich aber ſeinen Blick fixiren, damit derſelbe nicht gar zu geſchraubt und unnatürlich käme.— Uebri⸗ gens gingen die zwölf Sekunden ebenfalls ohne Anſtand vorüber, das Bild wurde hervorgerufen und genügend befunden. „Gott ſei Dank!“ ſagte der Baron, als er von ſeinem Hackländ er. Der Augenblick des Glücks. 1. 12 178 Neuntes Kapitel. Sitze aufſprang,„das wäre geſchehen. Jetzt ſind wir wohl fertig?“ wandte er ſich an den Photographen. Dieſer machte ſeine tiefe Verbeugung, dann fragte er, wie viele Abdrücke er herrichten ſolle.— Der große ſchlanke Herr warf dem Andern einen bedeutſamen Blick zu, worauf ſich Baron Rigoll beſtrebte eine ernſte und würdevolle Haltung anzunehmen. Auch ließ er von ſeinem beweglichen Weſen ab und ſtellte ſich dicht vor den Photo⸗ graphen hin. „Wer wir ſind, wird Sie nicht intereſſiren, aber ich bitte Sie auch dringend,“— ſprach er in ſcharfem Tone, —„jedwede Nachforſchung darnach zu unterlaſſen. Von jedem der beiden Portraits werden zwei Abdrücke gemacht, dann wird die Glastafel vernichtet. Haben Sie mich ver⸗ ſtanden?— Wohl.— Dieſe Abdrücke werde ich holen laſſen, Vielleicht übermorgen, wenn Sie alsdann fertig ſind.“ Herr Böhler machte ein Zeichen der Zuſtimmung. „Alſo übermorgen bitte ich ſie demſelben Bedienten, der vorhin da war, wohl verpackt und verſiegelt zu über⸗ geben, ihm auch den Preis zu beſtimmen und ſich darin durchaus nicht zu geniren. Befolgen Sie unſere Wünſche pünktlich, ſo wird es Ihr Schaden nicht ſein, und werden wir in einiger Zeit Veranlaſſung finden, Ihrer Arbeiten, wenn ſie es verdienen, lobend zu erwähnen und Ihnen ſo vielleicht eine gute Kundſchaft zuzuwenden.— Noch Eins, ehe wir gehen. Eine Dame meiner Bekanntſchaft iſt geneigt Chantons, buvons, traleralera. 179 ſich bei Ihnen photographiren zu laſſen, nur wünſcht ſie eine Ihrer Arbeiten zu ſehen. Könnten Sie mir wohl zu dieſem Zweck einen Abdruck des Bildniſſes jenes jungen Mädchens dort überlaſſen? Ich erlaube mir⸗Ihnen zu be⸗ merken,“ fuhr der Baron fort, als er ſah, daß ihn der junge Mann mißtrauiſch anſchaute, ohne eine Antwort zu geben,„daß damit in keiner Weiſe Mißbrauch getrieben werden ſoll; ja, ich glaube Ihnen verſprechen zu können, daß das Original des Bildes es nie erfahren wird, daß dieſe Photographie irgendwo gezeigt worden iſt; denn die Dame, bei der dies geſchehen ſoll,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„be⸗ wegt ſich in einer ganz anderen Schicht der Geſellſchaft.“ Dieſe Forderung kam Herrn Böhler ſehr ungelegen. Es widerſtrebte ihm, einen Abdruck von dem Bilde Roſa's aus der Hand zu geben, namentlich an Leute, von denen er nicht wußte, wer ſie waren und was ſie möglicher Weiſe für Abſichten mit der Photographie haben konnten. Daß Eiferſucht dabei im Spiele war, verſtand ſich von ſelbſt.— Ahnte vielleicht der Baron den Grund der ſchweigenden Weigerung? Wohl möglich, denn er lächelte gegen den Photographen auf eine verbindliche Art, wobei aber jener uns bekannte ſcheue, faſt falſche Zug wieder um ſeine Lip⸗ pen erſchien; dann war er klug genug ſich mit der freund⸗ lichſten Miene gegen die alte Frau umzuwenden, wie um deren Hülfe nachzuſuchen, die ihm auch bereitwilligſt zu Theil wurde. 12⸗ Neuntes Kapitel. „Ich kann gar nicht begreifen, Heinrich,“ ſagte Frau Böhler,„warum du dem Herrn eine dieſer Photographien verweigerſt. Du kannſt das gegen Roſa wohl verantworten und wenn du es nicht willſt, ſo nehme ich's auf mich. Sei kein Kind,“ ſetzte ſie leiſe hinzu,„auf ſolche Art machſt du dir keine Kundſchaft.“. Der Photograph ging noch unentſchloſſen, nach de Ecke des Zimmers, wo ſich die große Mappe befand, in der er ſeine fertigen Arbeiten aufzubewahren pflegte. Als er dabei an dem Fenſter vorüberkam und einen Blick hinaus⸗ warf auf das gegenüberliegende Haus, wo noch immer das Fenſter geöffnet war und wo noch immer der kleine Fau⸗ teuil ſtand, da durchzuckte es ihn auf's Neue ſchmerzlich. Er preßte die Lippen auf einander, ballte ſeine rechte Hand krampfhaft zuſammen und war nun mit einem Male ent⸗ ſchloſſen, das Bild herzugeben. Während er die Mappe öffnete, um einen Abdruck hervorzunehmen, hatte Baron Rigoll ſeine Brieftaſche herausgezogen und eine Zehnthaler⸗ note auf den Tiſch gelegt. Der Photograph hatte es nicht bemerkt, wohl aber Frau Böhler, die ſich mit einem tiefen Knix dafür bedankte. Die Photographie wurde eingerollt, dem Fremden über⸗ geben, und darauf verließen beide Herren in derſelben Art wie ſie gekommen, das Zimmer. Als ſich die Thür hinter ihnen ſchloß, drückte der junge Mann beide Hände vor das Geſicht. Er hätte weinen können, denn es war ihm gerade Chantons, buvons, traleralera. zu Muth, als hätte er mit dem Bilde Roſa's ein Stück von ſeinem Herzen hinweggegeben. Frau Böhler trat leiſe auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und ſagte:„Sei nicht wie ein Kind, Heinrich; denke daran, was ich dir vorhin geſagt, und ſei meiner Anſicht, daß vielleicht in deinem Leben eine Aende⸗ rung eingetreten iſt. Ich weiß nicht, mir kommt der Be⸗ ſuch dieſer beiden Herren ſo bedeutungsvoll vor, und ich möchte darauf ſchwören, daß derſelbe große Folgen hat.“ „Ich fürchte auch, er hat große Folgen,“ ſprach der Photograph,„und da ich das glaube, ſo mache ich mir jetzt die bitterſten Vorwürfe, das Bild Roſas weggegeben zu haben. Ach, ich that es nur, weil ich an das dachte, was ich heute Morgen geſehen. Jetzt aber, wo ich ihr eben⸗ falls ein Unrecht zugefügt, möchte ich hinab zu ihr, möchte ihr Alles ſagen und ſie um Verzeihung bitten.“ Die alte Frau dachte einen Augenblick nach, dann ſchüttelte ſie mit dem Kopfe und entgegnete:„Das iſt nun einmal dein weiches Gemüth. Venn es dir zur Beruhi⸗ 2 gung dient, zu Roſa hinabzugehen und ihr zu ſagen, du habeſt dich, um vielleicht eine gute Kundſchaft zu erhalten, veranlaßt geſehen, ihr Portrait Jemandem zum Anſchauen zu geben, ſo iſt das Mädchen klug genug, dir es nicht übel zu nehmen.“ „Ich wollte, ſie wäre nicht klug genug und nähme Neuntes Kapitel. es mir übel,“ ſeufzte der junge Mann.„Doch wie das Schickſal will!“ „Das Schickſal will dir wohl, davon bin ich über⸗ zeugt,“ ſagte eifrig die Mutter.„Der kleine Herr mit den lebhaften Bewegungen und den freundlichen Mienen wird dich empfehlen, wo er kann. Auch der Andere vielleicht, doch waren ſeine Worte ſo feierlich und abgemeſſen. Er ſchien ſich ſo um nichts anzunehmen. Daß aber Beide vornehme und reiche Herren ſind, darauf kannſt du dich verlaſſen.— Du haſt noch gar nicht einmal geſehen, was man dir für das Portrait Roſa's zurückgelaſſen. Da ſieh, zehn Thaler.“ Der junge Mann erſchrak faſt, als ihm die Mutter die Banknote hinhielt. Es war ihm ſchmerzlich, ja es be⸗ rührte ihn faſt unheimlich, daß er ihr Bild verkauft haben ſolle. Daran hatte er nicht gedacht; er war der Anſicht geweſen, der Fremde habe es umſonſt von ihm angenom⸗ men, er werde es wahrſcheinlich ſogar zurückſchicken. Er ſchob die Zehnthalernote von ſich, worauf die alte Frau ſie in ihrem Schrank verſchloß. „So werde ich denn einen Augenblick zu Roſa hin⸗ untergehen,“ ſprach der Photograph nach einem Stillſchwei⸗ gen, während deſſen er in tiefen Gedanken zum Fenſter hinausgeſchaut hatte. Er wandte ſich gegen die Thür, blieb aber auf der Schwelle ſtehen. Chantons, buvons, traleralera. „Mir iſt nur lieb,“ ſprach er dort,„daß der Krimpf nicht da war. Meinſt du nicht auch, Mutter?“ „Im Gegentheil, ich wollte, er wäre da geweſen; der kennt die halbe Stadt und hätte uns vielleicht auf der Stelle ſagen können, wen du eigentlich die Ehre gehabt, zu photographiren.“ Die Thür ſchloß ſich und die alte Frau ſetzte ſich wieder an ihren Tiſch; doch ließ ſie das Strickzeug in ihrem Schooße ruhen und baute die herrlichſten Luftſchlöſſer. Sie zog in eine Hauptſtraße, ſie wußte ſchon, in welches Haus. Hinten erhob ſich ein fabelhaftes Atelier aus Glas und Eiſen, und vornehme Damen und Herren drängten ſich zu der Chre, von Herrn Böhler photographirt zu werden, ſelbſt Gräfin⸗ nen und Prinzeſſinnen; ja eines Tages fuhr eine vergoldete Equipage vor,— die Thüre wurde aufgeriſſen— der Regent Allerhöchſtſelbſt. Gott, der Gerechte! Frau Böhler, von ihren eigenen Träumereien erſchreckt, wäre faſt von dem Stuhl in die Höhe geſprungen, ja ſie fuhr mit der Hand an ihre Schürzbänder, um dies für einen Empfang ſo unpaſſende Kleidungsſtück zu beſeitigen. Indeſſen ſtieg der Sohn langſam Stufe um Stufe die Treppe hinab, leiſe, bedächtig, faſt ſchleichend. Früher war er in zwei Sprüngen unten geweſen, hatte geräuſchvoll die Thüre geöffnet und ſich gefreut, wenn Roſa zuweilen er⸗ ſchrocken auffuhr. Glücklich, ſie nur zu ſehen, hatte er ſo⸗ dann ihr liebes Geſicht betrachtet, als ſei es ihm fremd 5 184 Neuntes Kapitel. geworden, und es war ihm nie in die Gedanken gekom⸗ men, Acht darauf zu geben, ob und wo ſie ſaß oder ſtand. Heute war das leider ganz anders. Er dachte an das gegen⸗ überliegende Haus und ſein Athem ging ſchwer, ſein Herz ſchlug heftiger, wenn er fürchtete, daß ſie vielleicht wieder am Fenſter ſtehen würde, ja, daß ſie in dem Augenblick, da er in's Zimmer träte, wieder mit der Hand über ihr ſchönes ſchwarzes Haar fahren könne. Jetzt war er unten angelangt, drückte leicht die Thüre auf und trat in das Zimmer.— Sie ſtand nicht am Fenſter, ſie ſaß an ihrem gewöhnlichen Platze, an der rechten Seite des Gemachs, wo ſie immer ſaß, vor ihrem Arbeits⸗ tiſchchen, das mit den feinen Strohhalmen bedeckt war, woraus ſie ihre kunſtreichen Sachen flocht. Früher war es ihm nie eingefallen, darüber nachzudenken, warum ſie immer gerade auf dieſer Stelle ſitze, und er hatte durchaus nichts beſonderes darin geſehen. Heute aber fuhr es ihm plötzlich durch den Sinn: Wer weiß, ob ſie nicht von ihrem Stuhle in das gegenüberliegende Fenſter blickt? Früher war er unbefangen auf ſie zugeeilt, hatte ihr die Hand gegeben und, fröhlich plaudernd, ihren Arbeiten zugeſehen. Heute blieb er ſchüchtern an der Thüre ſtehen und wagte nicht, ſich ihr zu nähern, aus Furcht, zu ſchnell zu er⸗ fahren, daß ſein Verdacht gegründet ſei. Dabei ſchlug ihm das Herz ſo heſtig, als ſei er ſelbſt im Begriff etwas Un⸗ rechtes zu begehen. —— Chantons, buvons, traleralera. 185 Das junge Mädchen, das Original der Photographie, war in der That ein friſches, reizendes Geſchöpf. Eine Fülle von Lebensluſt lachte aus ihren klaren braunen Augen, und die feinen rothen Lippen ſchienen nie etwas anderes gekannt zu haben als Scherz und fröhliche Worte. Dabei war ihr Wuchs der untadelhafteſte, den man ſehen konnte. Während die ſchlanke, unerkünſtelte Taille ſo fein war, wie ſie nur die Natur in ganz gut gelaunten Augen⸗ blicken hervorbringt, gingen ihre Schultern ſo prachtvoll breit auseinander, und war ihre Bruſt ſo wunderbar ge⸗ wölbt, daß man befürchten mußte, ſie ſprenge bei jedem Athemzuge das dünne Kleidchen. Roſa war vollkommen von dem kleinen Fuße an bis zur klein geformten Hand, und dabei waren alle ihre Bewegungen ſo unbewußt leicht und graziös, daß jede Stellung, die ſie annahm, ſelbſt dem ungenügſamſten Künſtler zum ſchönſten Modell hätte dienen können. An das Alles hatte der junge Mann ſchon ſo oft mit Entzücken gedacht und ſich glücklich geprieſen, wenn ſie ſo vor ihm ſtand, den Kopf etwas erhoben, die Lippen ſanft geöffnet, mit den herabgeſenkten langen Augenwimpern ihre glänzenden ſchelmiſchen Blicke dämpfend, oder wenn ſie irgend eine Bewegung machte, einen Fuß vorſetzte, den Oberkörper zurückbog und ſich mit dem Arme aufſtützte. Das war Alles, als ob es das ſchönſte Werk eines großen Bildhauers geweſen. Und dies herrliche Mädchen war ſein! Neuntes Kapitel. Er war der Glückliche, den ſie liebte!— O Gott, wenn nur nicht das gegenüberliegende Haus mit ſeinem verhäng⸗ nißvollen Fenſter geweſen wäre! Daß die alte Frau Weiher dieſe ſchöne Tochter hatte, war ein merkwürdiges Spiel der Natur; denn man konnte ſich keinen größeren Gegenſatz denken, und wenn man auch mit der größten Schmeichelei ihre ſechzig Jahre in achtzehn verwandelt hätte, ſo konnte doch die regſte Phantaſie nichts erſinnen, was ihr eine Aehnlichkeit mit der Tochter gegeben hätte. Frau Weiher war ein kleines mageres Weiblein mit einer ſehr hervorſtehenden Naſe und den eckigſten Be⸗ wegungen.— So lange Zeit als wir brauchten um dieſe Schilderung von Mutter und Tochter niederzuſchreiben, blieb der Photo⸗ graph freilich nicht an der Thüre ſtehen, aber doch lange genug, daß ihm Roſa mit vollem Recht zurufen konnte: „Aber Heinrich, dir muß was paſſirt ſein! Was Gutes oder was Schlimmes? Ich fürchte faſt das Letztere, denn ſonſt wärſt du wie ſonſt ins Zimmer hereingeflogen, und wir wüßten bereits, was dir auf dem Herzen liegt.“ Sie hatte bei dieſen Worten ihre Hände mit der Arbeit in den Schooß ſinken laſſen und ſich in ihren Stuhl zurück⸗ gelehnt. Konnte, ſie das gegenüberliegende Fenſter ſehen oder nicht? Dieſe Frage ſtieg dem jungen Mann auf, und trieb ſein Blut ſiedendheiß empor. Wenn ſie das Fenſter ſehen konnte, war es entſetzlich; denn während ſie ſo mit — 4 Chantons, buvons, traleralera. ihm ſprach, blickte ſie ihn nur ein einziges Mal flüchtig an, dann ſchweiften ihre Augen hinüber, und ſie ſah faſt ge⸗ dankenvoll aus. Früher hatte er nie daran gedacht, ihre ſüßen Augen auf ſolche Weiſe zu beobachten. Er hätte jedoch Gott weiß was darum gegeben, jetzt hinter ihrem Stuhle zu ſtehen. Wie ein vorſichtiger General wollte er ſuchen, langſam dorthin zu manöveriren, und er hätte doch, wie ſonſt mit ein paar Schritten an ihre Seite treten dürfen. So befangen iſt der Menſch in gewiſſen dummen Augenblicken! „Ja, es muß ihm was paſſirt ſein,“ meinte jetzt auch Frau Weiher mit ihrer ſchnarrenden Stimme,„nun, Hein⸗ rich, werden wir es erfahren, oder iſt es ein Geheimniß?“ „O, es iſt ein Geheimniß,“ ſagte das Mädchen mit einem lieblichen Lächeln, und dabei blickte ſie abermals dorthin, wo vielleicht das verfluchte Fenſter zu ſehen war. „So was Beſonderes iſt mir nicht widerfahren,“ ſprach der Photograph mit einem tiefen Athemzuge.„Es waren nur eben ein paar Herren droben, die ihre Portraits machen ließen. Sie thaten geheimnißvoll, verſchwiegen ihre Na⸗ men, und die Mutter meinte, es ſei was recht Vornehmes geweſen.“ „Ei,“ ſprach Roſa,„und wie ſahen die Herren un⸗ gefähr aus?“ Bei dieſer Frage kam es dem jungen Manne vor, als 188 Neuntes Kapitel. erröthe ſie ein klein wenig. Daß ſie wieder nach dem Fenſter blickte, das war nicht zu leugnen. Er entwarf nun eine genaue Schilderung der beiden Fremden, und als er das gethan, fuhr er ernſter fort: 6 „Etwas Anderes iſt noch dabei, was ich dir mittheilen muß, Roſg, da es eigentlich dich betrifft.“ 3 Jetzt rötheten ſich in der That die friſchen Wangen des jungen Mädchens, ſie warf noch einen ſchnellen Blick an das Fenſter hin, dann nahm ſie ihre Arbeit eifrig wieder auf, während ſie ſagte: 6 „Was mich betrifft? Das finde ich doch ſonderbar.„ Was gehen mich denn die vornehmen Herren an?“ „In der That hoffe ich, daß ſie dich nichts angehen,“ erwiderte etwas unbedachtſam der junge Mann.„Es iſt auch in der That nichts ſo beſonders Auffallendes. Der Eine der Herten ſah dein Portrait und wünſchte einen Abdruck davon, um ihn einer Dame zeigen zu können, die Luſt habe ſich bei mir photographiren zu laſſen.“ Während er das in größter Spannung ſagte, hatte er ſich mit kleinen Schritten ihrem Tiſche genähert und hoffte aus tiefſtem Herzen, ſie würde ſich verdrießlich und erzürnt zu ihm wenden, ſie würde ihm ſagen, das gefalle ihr durchaus nicht, ſie verbitte ſich das für die Zukunft, ſie habe nicht Luſt, ſich von fremden Menſchen angaffen zu laſſen. O Gott! wie lieb wäre es ihm geweſen, wenn ſie darüber einen kleinen Zank mit ihm angefangen hätte. Aber ſie fing Chantons, buvons, traleralera. 189 keinen Zank mit ihm an. Sie that gar nicht einmal über⸗ raſcht, ja, gerechter Himmell ſie lächelte ſtill in ſich hinein und entgegnete mit dem ruhigſten Tone von der Welt: 5„Hoffentlich gefällt mein Bild der fremden Dame, und bringt— dir eine gute Kundſchaft.“ „Aber ich habe es höchſt ungern weggegeben,“ ſagte er itternd vor Aufregung,„und wenn die fremden Herren, r die Mutter, mich nicht ſo geplagt hätten, würde nimmermehr gethan haben.“ „Das begreif ich nicht,“ erwiderte das junge Mädchen, zu haſt es ja mehrmals.“ „Ich möcht' es aber allein haben,“ fuhr er mit tonloſer Stimme fort, und es war ihm gerade, als müſſe er an dem Satze erſticken; denn er ſtand jetzt hinter dem Stuhle Roſa's und blickte deutlich in das weit offenſtehende Fenſter gegenüber mit dem verfluchten Fauteuil! Dahin alſo zielten ihre Blicke. Dorthin ſchaute ſie ſogar in Momenten, wo ſie mit ihm ſprach. Das war entſetzlich! Herr Heinrich Böhler war ein ruhiger und behaglicher Menſch, aber auch einem ſolchen können Sachen vorkomtmen, wo ſich ſein ganzes Naturell verkehrt. Er aber bezwang ſich, wenn auch mühſam, und blieb anſcheinend ruhig hinter ihrem Stuhle. Daß er todtenbleich war, ſah weder das junge Mädchen, noch die Mutter, die mit dem Kochofen zu thun hatte, worin das beſcheidene Mittageſſen der kleinen Familie dampfte. 3 190 Neuntes Kapitel. „Willſt du vielleicht heute miteſſen?“ fragte Roſa nach einer kleinen Pauſe. „Ich danke dir, ich habe keinen ſonderlichen Appetit,“ antwortete der Photograph. 3 „Mir ſcheint in der That,“ fuhr das junge Mädchen freundlich fort, indem ſie ihren Kopf zurückbog, um den Mann anzuſehen,„es hat dich verſtimmt, daß du mein Portrait weggegeben. Sei doch nicht ſo kindiſch. Wenn es mich auch einestheils freut, daß dir die Photograpßi ſ8. koſtbar iſt, ſo könnte es mich doch faſt verdrießen, daß du etwas darin findeſt, ſie Jemandem gegeben zu haben.“ Als ſie das geſagt und ihren Kopf wieder wegwandte, bemerkte er, ſeitwärts hinlauſchend, wie ihre Augen eine Sekunde an dem gegenüberliegenden Fenſter hafteten, ehr ſie wieder auf die Arbeit niederſanken. „Wir haben heute Ihr Leibgericht, Heinrich, eine ſehr gute Klößeſuppe. Sie iſt in der That vortrefflich, und ich rathe Ihnen mitzuhalten.“ Bei dem Worte Klößeſuppe dachte der Photograph an ſeine ſelige Großmama, und ihm fiel die Erzählung von dem Chantons, buvons, traleralera mit allen Folgen ein. Frau Wittwe Weiher führte auch eine recht gewandte Hand, und er hatte Roſa in früheren Zeiten oft bedauert, wenn eins ihrer kleinen Ohren mit den dürren Fingern der Mama in Berührung gekommen war. Jetzt aber hatte er — = Chantons, buvons, traleralera. 191 im Innerſten der Seele den frevelhaften Wunſch, dieſe zehn Finger möchten als das Schwert des Damokles über dem Haupte Roſa's ſchweben, eigentlich nicht um dreinzu⸗ ſchlagen, ſondern nur um ihr die ſchönen Augen zuzuhalten, jedesmal, ſo oft ſie einen ſo ſchlimmen Gebrauch davon machen wolle. —— Doch ſah er recht? An dem bewußten Fenſter erſchien ein Herr, und wenn ihn nicht Alles trog, einer von den beiden, die er vorhin photographirt. Es war der kleine, lebhafte Herr, eben jener, dem er das Bildniß Roſa's gegeben. Und dieſes Bildniß! Rollte er es nicht ſo eben auseinander, ja beim Teufel, das that er, und zeigte es einem Andern, und dieſer Andere war niemand als die impertinente Geſtalt, die vorhin im rothen Schlafrock in dem Fauteuil gelegen. Hol' euch beide der—— Und Roſa? Sie knüpfte eifrig an ihrer Strohmaſche. Ha! er mußte ſehen, wie ihre Mienen waren, wenn ſie hinüber⸗ blickte, deshalb trat er leiſe wieder einen Schritt ſeitwärts. — Endlich ſchaute ſie auf, und daß ſie erſchrak, daran konnte niemand zweifeln, der ſie anblickte. Sie ließ die Hände mit der Arbeit in den Schooß fallen und ihr Geſicht überzog ſich mit einer tiefen Röthe. Ihr Erſchrecken war aber auch begreiflich, denn der im rothen Schlafrock drüben hatte die Photographie erfaßt, und betrachtete, nein, ver⸗ ſchlang ſie mit ſeinen Blicken und all' den lächerlichen Zeichen eines höchſt affectirten Enthuſiasmus! 192 Neuntes Kapitel. In dieſem Augenblicke war es ſehr natürlich und ver⸗ ſtand ſich von ſelbſt, daß der Photograph die Frage that: „Was haſt du denn, Roſa? Warum erſchrickſt du ſo mit einem Male? Ach!“ fuhr er mit dem Ausdruck des höchſten Erſtaunens fort, einem Erſtaunen, das übrigens ebenſo affectirt war, wie drüben der Enthuſiasmus,„was iſt denn da drüben ſo Sonderbares?“ „Ich, erſchrocken?“ ſagte das junge Mädchen mühſam lächelnd,„ja da kann man wohl erſchrecken, wenn man ſich in den Finger ſticht, wie ich ſo eben.— Aber du ſiehſt ſeltſem aus. Was bedeuten deine Blicke? Und was willſt du mit deinem„Dadrüben“ 2“ Heftig verſetzte er:„Das iſt doch ſo klar wie der Tag.“ „Was?“ fragte ſie trotzig. „Siehſt Du dort drüben ein Fenſter das offen ſteht?“ —„Welches?“—„Welches! Das iſt ſchön gefragt. Nun das, wo ſich jetzt die beiden Herrn befinden. Die ſiehſt du doch? Oder ſoll ich dir vielleicht auch noch ſagen, welche Herren?“ Sie zuckte mit den Achſeln, wie junge Mädchen das zu thun pflegen, ſobald ſie Unrecht haben, und wodurch ſie das Gefühl gekränkter Unſchuld ausdrücken wollen. „Du brauchſt dich wahrhaftig nicht in den Finger geſtochen zu haben, um zu erſchrecken,“ fuhr Herr Böhler in ſehr beſtimmtem Tone fort,„obendrein, wenn ich dir ſage, daß der Kleine der beiden Herren dem Andern grade dein Portrait zeigt.“ * Chantons, buvons, traleralera. Obgleich Frau Weiher eifrig mit ihrer Klöſeſuppe be⸗ ſchäftigt war, ſo wurde ſie doch aufmerkſam bei dem lauten Geſpräch der Beiden und fragte:„Was gibt's denn?“ „Ich begreife den Heinrich wahrhaftig nicht,“ erwiderte Roſa beleidigt.„Denk' dir nur, er macht mir Augen und führt Reden, die ich gar nicht verſtehe.“ „Die ſie nicht verſtehen will,“ verſetzte der Photo⸗ graph,„die ihr aber wohl noch verſtändlich werden ſollen, und recht verſtändlich, fürchte ich. Blicken Sie ſelbſt hinab,“ fuhr er gegen Frau Weiher gewendet fort,„dem einen der Herren hab' ich vorhin das Bild Roſa's abtreten müſſen, und nun bringt er es dem Andern, der da gegenüber wohnt. Iſt das nicht, um ſich die Haare auszureißen?“ „Das finde ich nicht,“ entgegnete die alte Frau in ſehr ruhigem Tone,„das hat nichts auf ſich. Der da drü⸗ ben iſt oft genug am Fenſter; er kann ſich Roſa in Perſon genau genug anſehen. Was wird er ſich groß für ihre Photographie intereſſiren?“ „So, Frau Weiher, Sie finden nichts darin? Ich aber ſehr viel. Sie wiſſen, wie ich mit Roſa ſtehe, und ſo kann es mir nicht gleichgültig ſein, wenn ihr Portrait und noch weniger, wenn ſie ſelber von fremden Herren angegafft wird.“ „Daran iſt noch Niemand geſtorben,“ ſagte die alte Frau gleichgültig, und ſchickte ſich an, mit dem Rührlöffel ihre Klößeſuppe zu verſuchen.„Wie kann man ſich nur mit ſolchen Kleinigkeiten abgeben?“ Hackländer. Der Augenblick des Glücks 1. 88—— 194 Neuntes Kapitel... 3: „Er will mich nur ärgern,“ bemerkte das junge Mäd⸗ 5 chen, indem ſie ihren Kopf erzürnt empor warf.„Was ſind das für Anklagen! Am Ende werde ich dich noch um Erlaubniß zu fragen haben, ob ich zum Fenſter hinaus⸗ ſehen darf oder nicht.“ Der Photograph ſtrich ſich mit der Hand über die heiße Stirn. Vielleicht wäre es beſſer geweſen, wenn er nichts geſagt hätte. Vielleicht war es wirklich zufällig ge⸗ 1 ſchehen, daß ſie vorhin am Fenſter ſtand, und er bildete ſich nur ein, ſie habe ein Zeichen hinübergegeben. Vielleicht 3 hatte ſie ſich wirklich in den Finger geſtochen, vielleicht wußte ſie in der That nichts von dem gegenüberliegenden Fenſter. Unmöglich! So blind war er auch nicht. Und wenn er Recht hatte, wenn ſie ſich ſchuldig fühlte, und es dann wagte, ſo mit ihm zu ſprechen, ſo war es ihm wohl 3u verzeihen, wenn in ihm die Vermuthung aufſtieg, alles, alles verloren zu haben. Aber das hätte er nicht ertragen. MNein, das konnte er nicht ertragen. Er liebte ſie leiden⸗ 1 ſchaftlic. Sie war ſein Alles. Sie füllte ſein ganzes Denken aus. Er konnte ſich nicht die Stadt, worin er lebte, nicht die Spaziergänge, wo er ſie geſehen, nicht die Kirche, die er Sonntags beſuchte, nicht das Haus, wo er wohnte, ohne Roſa denken. Wie ſie nicht mehr ſein war, ſo war 8 8 die ganze Welt öde, ausgeſtorben und leer für ihn. O Gott! Drüben hatten ſich die Herren vom Fenſter zurückge⸗ zogen, das heißt, ſie ſpazierten im Zimmer auf und ab, — Chantons, buvons, traleralera. 195 und ſo oft der im rothen Schlafrock dabei zum Vorſchein kam, warf er einen Blick herüber. Freilich ſchaute Roſa gerade jetzt nicht zum Fenſter hinaus, ſie hatte ſich abge⸗ wandt und ſchien eifrig mit ihrer Stroharbeit beſchäftigt. „Nein,“ ſagte die alte Weiher zu dem jungen Manne, „Streit müſſen Sie wegen ſo etwas mit meiner Tochter nicht anfangen, das iſt ja complet lächerlich; ſie hängt ſo ſehr an Ihnen, daß es eigentlich gar zu arg iſt. Das wiſſen Sie auch.“ 3. „Nein, das weiß er nicht oder er will es nicht wiſ⸗ ſen,“ fiel Roſa ein. „Streit anfangen iſt nicht gut,“ fuhr die Mutter fort, „gerade dadurch kommt man auf andere Gedanken. Wenn es wirklich wahr wäre, daß Roſa hie und da zum Fenſter hinausſchaute, und daß ſie dabei zufällig Jemand ſähe— wäre denn das ſo eine ſchlimme Geſchichte?“ „Nein, das wäre in der That keine ſo ſchlimme Ge⸗ ſchichte,“ erwiderte traurig der junge Mann, dem die ſer richtige Idee kam, es wäre klüger geweſen, die Sache mit Roſa allein zu verhandeln.„Nur jetzt hätte ich es ſollen bleiben laſſen,“ ſprach er zu ſich ſelber,„begreiflicherweiſe hilft die Mutter ihrer Tochter und läßt nun Aeußerungen fallen, die dieſe nur beſtärken müſſen!“— O er fühlte ſich recht unglücklich! Unterdeſſen war es Mittag geworden, die Kirchthurm⸗— uhren thaten ihre zwölf Schläge, und gleich darauf hörte 196 Neuntes Kapitel. man entfernt die Militärmuſik, mit welcher die Wachparade aufzog. Sie ſpielte einen luſtigen Marſch, und da ſie näher und näher kam, ſo hörte man mit jedem Augen⸗ blick die heitern Klänge deutlicher und immer deutlicher. Nicht ohne Abſicht und mit einem bittern Blick auf Herrn Böhler warf das junge Mädchen heftig ihre Arbeit auf den Tiſch, ſtrich ſich ihr Haar zurecht, und trat— an'’s Fen⸗ ſter. Ja ſie trat an's Fenſter und es war ihm gerade, als faſſe irgend etwas ſein Herz und drücke es ohne Er⸗ barmen zuſammen. Sie trat an's Fenſter, und in demſel⸗ ben Augenblick erſchien auch das Gegenüber an dem ſeinigen, natürlich nur in der gleichen Abſicht wie Roſa, um die Militärmuſik beſſer hören zu können. Schon wollte ſich der junge Mann entfernen, als ihm einſiel noch einen Ver⸗ ſuch zu machen, der ihm zu einer Ueberzeugung verhelfen ſollte. Er näherte ſich Roſa:„Laß es gut ſein, ſchreibe es meiner innigen Liebe zu, wenn ich ein bischen ſonder⸗ bar geweſen bin,“ dabei legte er ſanft ſeine Hand um ihre Schultev. Das hatte ſie früher oft und gern gelitten, ja ſie hatte in ſolchen lieben Augenblicken ihren Kopf ſo auf die Seite geneigt, daß ihre Wange ſeine Hand be⸗ rührte.— Heute aber trat ſie bei der erſten Bewegung dazu von ihm weg, und nachdem ſie raſch einen verlegenen Blick auf ihr Gegenüber geworfen, ſagte⸗ ſie:„Laß!— am offenen Fenſter!“. So am offenen Fenſter!“ wiederholte er zurück⸗ Chantons, buvons, traleralera. 197 weichend mit leiſer Stimme mehrmals und häufiger als er es vielleicht ſelbſt wußte, ſo daß die alte Weiher von ihrem Kochofen her darauf erwiderte:„Ja, Roſa hat Recht. Man muß ſich am offenen Fenſter doch ein bischen geni⸗ ren. Es iſt von wegen der Nachbarſchaft.“ „Richtig von wegen der Nachbarſchaft,“ beſtätigte der unglückliche Photograph und ging dabei, ohne umzublicken zur Thür hinaus. Auf der Treppe ſprach er zu ſich ſelber, mit jeder Stufe abwechſelnd:— am offenen Fenſter! und von wegen der Nachbarſchaft! Als er jedes ſechsmal wie⸗ derholt, hatte er ſeine Stubenthür erreicht. Roſa war noch einen Augenblick am Fenſter ſtehen geblieben, doch hatte ſie mehr in's Zimmer hineingehorcht, als nach dem Fenſter gegenüber geblickt, ſo ſehr ſich auch das Gegenüber Mühe gab, die Aufmerkſamkeit des jungen Mädchens auf ſich zu ziehen. Sie hörte, wie Heinrich ganz ſtill die Thür ſchloß, ſie hörte, wie er langſam die Treppe hinauf ging, wie er oben in ſeinem Zimmer ankam, und dann war es ihr gerade, als vernähme ſie durch die dünne Decke einen Schrei des Schmerzes. Vielleicht konnte ſie ſich auch getäuſcht haben, und der Schrei tönte aus ihrem eigenen Herzen herauf. Aber etwas tief Schmerzliches war dabei, das fühlte ſie an ihrer heftig klopfenden Bruſt, das fühlte ſie an ihren bebenden Lippen, das fühlte ſie an ihren zuckenden Augenlidern, an den heißen Thränen, die in ſchweren Tropfen über ihre Wangen herabrollten 6 499— Neuntes Kapitel. Aber ſie hatte ja eine Mutter, um ſie zu tröſten, und das that Frau Wittwe Weiher auch, nachdem ſie ihre Suppe vom Feuer geſetzt und den Rührlöffel weggelegt.„Was ſind das für Sachen,“ meinte dieſe.„So wirſt du dich nicht behandeln laſſen, hoff ich. Glaubt der Herr Böhler, bei ihm allein wäre Heil und Glück dieſer Welt? Ein Mädchen wie du, kann ſich umſchauen nach einer Partie und braucht nicht auf einen Photographen zu warten, der nichts zu thun hat. Sei ruhig, Roſa, es iſt noch nicht aller Tage Abend, und es hat gar nichts auf ſich, wenn du dich hie und da und ſogar häufig am Fenſter ſehen läſſeſt. Das Glück kann dort eben ſo gut hereinkommen, wie zur Thür, und ich weiß wahrhaftig nicht, ob es nicht für dich ein Glück zu nennen wäre, wenn der da oben von dir abließe. Warum ſoll auch Unſereins nicht das Recht haben, höher hinaus zu wollen?“ fuhr ſie fort, als Roſa keine Antwort gab, ſondern ſich ruhig an ihr Tiſch⸗ chen ſetzte, jetzt vom Fenſter abgewendet.„Da drüben, der Herr Baron von Wenden iſt ein junger Mann, unverhei⸗ rathet, reich, und es wäre doch wahrhaftig nicht das erſte Mal, daß ein armes, aber ſo ſchönes Mädchen wie du, eine gnädige Frau geworden.“ Kurze Zeit darauf ſpeisten beide Familien ihr beſchei⸗ denes Mittagsbrod, und bei beiden gab es traurige Ge⸗ ſichter. Während unten Frau Wittwe Weiher in ihren Ver⸗ ſichen fortfuhr, die Tochter für ihre Anſichten zu gewinnen, 8 — Chant ns, buvom traleralera. 199 bemühte ſich oben Herr Krimpf, ſeinen Compagnon aufzu⸗ heitern, doch wollte dies Beiden nicht gelingen. Das junge Mädchen war tief bekrübt, ohne ſelbſt genau zu wiſſen, warum. Der Photograph aber, in tiefe Gedanken verſun⸗ ken, dachte an offene Fenſter und an genirende Nachbar⸗ ſchaften. Nur einmal änderte ſich der Gang ſeiner Ideen, als er nämlich hörte, wie die Militärmuſik wieder von dannen zog. Da ging ihm die Erzählung der Mutter wieder durch den Sinn, er dachte an ſeine vortreffliche und energiſche Großmama, und in ihm erklang immer und immer fort der Refrain jenes franzöſiſchen Liedes: Chan- tons, buvons, traleralera. Zehntes Kapitel. Ein Diner und zwei Freunde. Der Zimmerarreſt des Kammerherrn von Wenden* hatte ſchon ein paar Tage gedauert. Eigentlich war es kein Arreſt zu nennen, wenigſtens konnte er von der Welt nicht ſo genannt werden, denn Se. Hoheit der Regent, taktvoll wie immer, hatte am Tag nach jenem denkwürdigen Abend bei der Tafel ſehr laut und deutlich geſagt:„Wie ich höre, iſt Baron Wenden erkrankt. Doch hat mir der Leibarzt geſagt, das Unwohlſein ſei nicht von Bedeutung und ein paar Tage ſorgfältiger Pflege und Ruhe könnten da ſchon viel ausrichten.“ Dieſem Ausſpruche gemäß, war alſo der arme Wenden leidend und keiner vom ganzen Hofe hätte den Muth gehabt über die Angelegenheit in einer anderen Ri g zu ſprechen. Ebenfalls nach dieſem Aus pruch Seiner Hoheit fuhr der Leibarzt pünktlich gegen zehn Uhr am Hauſe des Baron Wenden vor, trat zu ihm in's Zim⸗ r, fühlte ſeinen Puls, verſchrieb ihm eine Limonade oder — 3 —— Ein Diner und zwei Freunde. 20¼ I Brauſepulver und ging lächelnd wieder fort, nicht ohne einen leiſe gemurmelten Segenswunſch des vermeintlichen Kranken, der aber ungefähr lautete, als wenn ein geſunder Menſch ſagt: Hol' euch alle miteinander der Teufel! Daß täglich zwiſchen zwei und drei Uhr einer der Lakaien vom Dienſte ſich bei dem Bedienten des Kammer⸗ herrn einfand, um ſich im Allerhöchſten Auftrage nach deſſen Befinden zu erkundigen, verſtand ſich von ſelbſt, und, auf dieſen Rapport geſtützt, unterließ der Regent nie, den Freun⸗ den des Kammerherrn die troſtreichen Worte zu ſagen, die * Beſſerung mache beſtändige, wenn auch langſame Fortſchritte. Daß ſich der Kammerherr zu Hauſe bedeutend lang⸗ weilte, brauchen wir eigentlich dem geneigten Leſer nicht zu ſagen. Seine ganze Philoſophie hatte ihn verlaſſen, und er ſchritt in ſeinem Zimmer ingrimmig auf und ab, wie 4 der gefangene Bär in der Menagerie. Er kam ſich vor wie ein gefeſſelter Adler, obgleich er in Wahrheit mit dem weißen glatten Geſichte, den anliegenden Haaren, dem rothen zugeſpitzten Munde, den großen, etwas hervorſtehenden Au⸗ gen und dem watſchelnden Gange ſeiner ziemlich corpulenten Sigur viel mehr Aehnlichkeit mit einem gefangenen Gänſe⸗ rich hatte. Am erſten Tage ſeines unfreiwilligen Zuhauſe⸗ lag er den ganzen Tag auf ſeinem Ruhebette, hatte die Vorhänge herabgelaſſen und las:„Der letzte Tag eines 2 erurtheilten“ von Victor Hugo. Dann ha er Briefe ge⸗ ſchrieben an Freunde und Verwandte, an die er ſeit la 3 202 Zehntes Kapitel. Jahren nicht gedacht. Dazwiſchen aber, und das war ſeine Hauptbeſchäftigung, vertiefte er ſich in Grübeleien und dachte und dachte, bis ihm der Kopf brannte, über die Urſache ſeines Zimmerarreſtes. So unangenehm ihm dieſer an und für ſich war, ſo gab es doch Momente, wo er ſich vor den Spiegel ſtellte, die rechte Hand unter ſeinem rothen Schlafrock auf der Bruſt verbarg und ſich ſelbſt mit einem triumphirenden Lächeln anſchaute.„Man fürchtet dich,“ ſprach er zu ſich ſelber,„du haſt dem Regenten imponirt, und daß dies geſchehen, iſt ſchon einige Tage Zimmer⸗ arreſt werth. Wir werden uns revanchiren.“ Daß das Leſen des kleinen Zettels und ſeine Unter⸗ redung mit der Prinzeſſin mit ſeinem Arreſte in Verbin⸗ dung ſtand, war wohl möglich. Aber wie konnte der Re⸗ gent ſo plötzlich davon erfahren haben? Sollte vielleicht Fernow?... Bah! Fernow, ein guter Kerl, weder ge⸗ macht, eine Intrigue zu ſpinnen noch zu entdecken! Auch hatte derſelbe ja gar keine Ahnung davon, daß überhaupt etwas auf dem Papierſtreifen zu leſen war. Ja, dieſer Papierſtreifen, auch er hatte dem guten Kammerherrn ſchon manche Stunde des Nachdenkens gekoſtet. Was ſollten die Worte:„noch einen ganz zuverläſſigen Mann, der gutrit hat,“ eigentlich bedeuten? Er war da in ein Netz h gerathen, das ſich um ſeine Füße gelegt hatte, und beinahe zu Falle gebracht hätte. Daß es ſich um die Aus⸗ * * . 8 ſin ſelbſt, der doch damit etwas Tüchtiges zu fangen gehofft⸗“ Ein Diner und zwei Freunde. 203 führung irgend eines Planes handle, zu dem noch ein zu⸗ verläſſiger Mann geſucht würde, der Zutritt bei Hofe habe, war ſo klar, daß es jedes Kind begreifen konnte. Damit aber ſtand der Baron an der Grenze ſeines Wiſſens. Daß ihm die Prinzeſſin an jenem Abend bei der bewilligten Audienz Confidenzen gemacht haben würde, daran war nicht zu zweifeln. Aber warum,— ſie mußte doch von ſeinem Zimmerarreſt durch den Baron Rigoll erfahren haben!— aber warum ſprach ſie nichts über die bewußte Angelegen⸗ heit? Warum war Rigoll ſtumm wie ein Grab und ſpielte den Unbefangenen in einer wahrhaft beleidigenden Weiſe? O, der Augenblick des Glücks, dem er ſo nahe ge⸗ weſen, er war ihm unter den Händen entſchlüpft, und wenn er träumeriſch aufwärts blickte, ſo ſah er es trügeriſch in alle Weiten hinausflattern, ſchillernd, glänzend, ſtrah⸗ lend: Aemter, Orden, Würden!———— Wenn er ſo in finſtern, faſt verzweifelten Gedanken auf und ab ſchritt, wollte ihn der Glaube an ſeine Theorie vom Augenblick des Glücks verlaſſen; und doch hatte ſich dieſelbe an Fernow glänzend erwieſen. Hatte dieſer Kerl in den wenigen Tagen ſeit jenem verfluchten Abend nicht ein ganz unverſchämtes Glück gehabt? War inzwiſchen Major und wirklicher Adjutant des 1 egente geworden? Ja, man flüſterte ſich mit ernſtem iſchütteln zu er ſei der allmä Günſtling des Fürſten, der Regent Vertraute und hm ſein Herz ge⸗ 204 Zehntes Kapitel. ſchenkt,„er nenne ihn ſeinen Sohn, er führe ſeine Siegel und ſeine Alba ſeien nicht mehr.“ So viel war gewiß, daß der gewaltige Herr Kinder⸗ mann den neuen Major mit unbegreiflicher Zuvorkommen⸗ heit behandelte. Er hatte nicht nur ſein freundlichſtes Lä⸗ cheln, ſondern auch immer irgend ein geheimnißvolles Wort für ihn. Wodurch Fernow ſo plötzlich in Gunſt geſtiegen, das konnte ſich bei Hofe Niemand erklären. Die einen glaubten, der Regent habe ſich erinnert, welch' ein verdienſt⸗ voller Mann ſein Vater, der ſelige Miniſter geweſen; gut⸗ 8 müthige Leute, denen die Ehre und der gute Name ihrér Nebenmenſchen heilig war, ſpitzten ihr breites Maul, zogen die Augenbrauen hoch empor und bemühten ſich, ſchlau aus⸗ zuſehen, wenn ſie flüſternd ſagten:„Es war uns ſchon lange nicht unbekannt, wie angeſehen der junge Fernow in aller⸗ höchſten Kreiſen iſt, ein ſchöner junger Mann, vortrefflicher Reiter, immenſer Tänzer— hm! hm!“ Alternde Hofdamen, die anfingen, ſich mit Schmerz daran zu erinnern, daß die Heirath die eigentliche und richtige Beſtimmung des Mäd⸗ chens iſt und daß weder Soiréen noch Bälle das Herz auf die Dauer zu erwärmen vermögen, die, ſelbſt vom reinſte Adel, mit mindeſtens ſechszehn todten Ahnen hinter darauf verzichten mußten, dieſe ehrwürdige Kette Glied zu vermehren, die es für eine Mesalliance anſahen wenn der Baron ein Fro Baronin heirathet waren der Quelle von der Gunſt des von, on der Graf eine Ein Diner und zwei Freunde. 205 Herrn von Fernow am nächſten gekommen. Wer war Herr von Fernow? Sein Urgroßvater hieß noch ſchlechtweg Mon⸗ ſieur Fernow, und ſelbſt der Vater des ſeligen Miniſters, der doch in den Freiherrnſtand erhoben worden war, hatte ein Mädchen geheirathet, deren Adel ſehr zweifelhaft, wenig⸗ ſtens ſehr jung war. Wird es der Enkel beſſer machen? Im Gegentheil. Ach! jetzt wußten ſie ganz genau, woher dieſes plötzliche Avancement. Herr Kindermann hatte eine einzige Tochter, die ſollte aus dem Vorzimmer in den Sa⸗ lon verpflanzt werden. Doaß bei dieſer Idee ein krampfhaftes Lachen die Her⸗ zen mehrerer Hofdamen erſchütterte, iſt ſelbſtredend, und daß ſich gegen dies Ereigniß wenigſtens ein Dutzend Todfein⸗ dinnen zu inniger Freundſchaft, zu Schutz und Trutz ver⸗ banden, können wir der Wahrheit gemäß verſichern. Ueber alle dieſe Sachen, Reden und Vermuthungen 2 hatten den Kammerherrn ſeine Freunde begreiflicherweiſe au fait gehalten; und daß er darin etwas zum Nachdenken hatte, zerſtreute hie und da ſeine Langeweile⸗ Gleich dar⸗ auf aber kam dieſelbe wieder rieſengroß, erdrückend, und er feilte alsdann durch ſeine Zimmer, die Hände auf den Rücken gelgt tief ſeufzend, faſt der Verzweiflung nahe. ſeines hinteren Zimmers getreten und hatte melancholiſch in öffnete. Früher hatte er Pſters a am gegenübeniiegenden; au In einem dieſer Momente war er an das Fenſter die finſtere Gafshinausgeſhaut, die ſich hier ſeinen Blicen 206 Zehntes Kapitel. ein friſches Mädchengeſicht bemerkt, das häufig am Fenſter lag und verſtohlen zu ihm herabblickte, wenn er einige auffallende Bewegungen gemacht. In der Langeweile greift man nach Allem, und ſo beſchloß denn auch der Kammerherr von Wenden, jenes Haus und Fenſter in förmlichen Belagerungs⸗ zuſtand zu verſetzen. Roſa war dieſer Mühe ſchon werth, das mußte er ſich am erſten Morgen geſtehen, als er die äußerſte Parallele eröffnet und eine Demontirbatterie aufge⸗ führt hatte, beſtehend aus einem koloſſalen Opernglas, ver⸗ mittelſt deſſen er die Naͤchbarin auf zwei Schritte heranzog. Ei der Tauſend! wo hatte er bis jetzt ſeine Augen gehabt? War das ein prächtiges Geſchöpf! Und gelehrig, bildſam. Dies Kompliment glaubte er ihr ſchon nach einigen Stunden machen zu müſſen. Wenn ſie auch anfänglich nur flüchtig und ſchüchtern herüberſchaute, ſo gewöhnte ſie ſich doch bald an ſeine Blicke; ja, ſie konnte lächeln, wenn er in einer melancholiſchen Attitude am Fenſter ſtand, ſie konnte lachen und ihren Kopf aufwerfen, wenn er einen Veilchenſtrauß, von welchen Blumen er während ſeines Zimmerarreſtes eine unglaubliche Anzahl conſumirte, ſchmachtend an die Lip⸗ pen brachte. Wie ſie hieß und wer ſie war, wußte er am Abend des erſten Tages; am Morgen des zweiten ſchenkte er ſeinen ſämmtlichen Bekannten kleine zierliche Eigarrenetuis 5 aus Stroh geflochten, ſo daß einige auf die Vermuthung kamen, er habe vielleicht einen alten Flotentiner Onkel be⸗ erbt, der ein Läger in Stroharbeiten gehalten. Ein Diner und zwei Freunde. 207 Wenn er auf die vorhin erwähnte Art wohl zufrieden war mit ſeinen Vorarbeiten zur Belagerung der ſchönen Roſa, ſo hatte er dagegen in der That einige Furcht, ihr zu tief ** braunen Augen zu ſehen. Der Kammerherr von den hatte ein empfindſames Herz, er glaubte, daß es ni„ts Lächerlicheres in der Welt gäbe, als eine unerwiderte Liebe, und hatte ſich nach ſeinen Erfahrungen zuweilen ſagen 4 müſſen, daß dieſe ſchönen Bürgermädchen mitunter den Teu⸗ ſaA im Leibe haben. Ein merkwürdiges Zuſammentreffen war es, daß ihm am vierten Tage ſeines Arreſtes Baron Rigoll bei einem Beſuche die wunderbare Photographie der ſchönen Nachbarin zeigte. Er fühlte mit Schrecken, daß er faſt eiferſüchtig geworden wäre. Doch als ihm die Excellenz hoch und theuer verſicherte, ſie habe das Portrait in der un⸗ ſchuldigſten Abſicht erworben, um es einer Dame vorzulegen, da hatte er ſich beruhigt. Daß er aber in der That un⸗ ruhig geweſen, das wollte ihm durchaus nicht gefallen, be⸗ ſonders da er an einem eigentlich ſeltſamen Umſtande deutlich ſah, welchen Eindruck er auf das Herz des jungen Mädchens gemacht. Er ſtand am Fenſter, oder vielmehr er lehnte ma⸗ leriſch hingegoſſen an einem Flügel deſſelben. Es war um die Mittagsſtunde, und er betrachtete nicht nur die Photo⸗ graphie, ſondern er verglich ſie Punkt um Punkt mit dem ſchönen Original, das ebenfalls drüben ſichtbar war. Dann gab er ſie dem Baron zurück mit der deutlich ausgedrückten Pantomime: Nimm hin einen großen Theil meines Herzens. Zehntes Kapitel. „Ach, wenn du wärſt mein eigen, Wie lieb ſollt'ſt du mir ſein!“ Dazu warf er einen in Wahrheit zerſchmetternden Blick auf das unglückliche junge Mädchen. Und ſiehe da, ſie fühlte in der That innig mit ihm, ſie zuckte aeanene wandte den Kopf in's Zimmer, nur in der Abſicht, um ſi zu vergewiſſern, daß Niemand ihre Emotion ſähe, dann— der Kammerherr hatte ſein Opernglas angeſetzt— füllten ſich ihre Augen mit Thränen, ja ſie trat weinend in's Zim⸗ mer zurück— ein göttliches Geſchöpf!— Das war aber eben der Moment, wo Herr Heinrich Böhler ſich ſchmerz⸗ lich verletzt in ſein höheres Stockwerk zurückzog. An dem gleichen denkwürdigen Tage hatte der Kam⸗ merherr von Wenden einige ſeiner Bekannten zu einem Diner, ausdrücklich auf Krankenſuppe, Gerſtenſchleim und Apfel⸗ compot, eingeladen. Gegen halb fünf Uhr hatte er eine gewählte Toilette gemacht, ſich in ſeinen Fauteuil an dem bewußten Fenſter geſetzt, um vermittelſt weißer Halsbinde und Ordensband eine neue Demontirbatterie gegen die ſchöne Nachbarin zu eröffnen. Der liebenswürdige Feind ließ ſich übrigens nicht häufig ſehen, nur einmal kam Roſa an's Fenſter, dagegen aber, als er in dieſem Augenblicke, wie betheuernd ſeine Hand auf's Herz legte, ſchien ſie tief 5 8 griffen zu ſein, ſeufzte ſichtlich und verſchwand nach einem langen Blicke. 4 Der Kammerdiener meldete den Major Fernow, w halb ſich Baron Wenden in ſeinen kleinen Salon zurück⸗ begab, um ihn freundlich zu empfangen. Fernow kam ihm lächelnd entgegen und reichte ihm die Hand, indem er ſagte:„Es geht dir gut, nicht wahr? Seine Hoheit, it dem ich die Ehre hatte, ausreiten zu dürfen, ſagte mir ausdrücklich, du müßteſt auf deine Wiederherſtellung Bedacht nehmen, damit du nächſter Tage wieder ausgehen könneſt.“ 4 Das ſagte er wirklich?“ erwiderte der Kammerherr. „Nun, ich bin in der That Seiner Hoheit für die fortge⸗ ſetzten Aufmerkſamkeiten um mich den größten Dank ſchuldig. Das wirſt du ihm ſagen, und bitte ich dich, da du doch einmal das Allerhöchſte Ohr haſt, hinzuzufügen, ich werde alles Mögliche thun, um mich künftig vor dergleichen kleinen Krankheiten zu bewahren.“ „Soll ich ihm das wirklich ſagen?“ „Du wirſt mich ſehr damit verbinden, lieber Freund. Doch da fällt mir eben ein, daß ich vielleicht zu viel ver⸗ ſpreche. Weiß ich denn den Grund meiner Krankheit?— Weißt du ihn etwa?“ Der Major zuckte mit den Achſeln. „Der Teufel wird ihn wahrſcheinlich wiſſen,— ich habe keine Ahnung davon,“ fuhr der Kammerherr fort, indem er verdrießlich an ſeiner weißen Halsbinde zupfte, „und das iſt gerade das Schlimme, daß ich keine Idee Hackländer. Der Angenblick des Glücks. I..44 Ein Diner und zwei Freunde. 209 Zehntes Kapitel. davon habe, vor was ich mich in Acht nehmen muß, um für die Zukunft vor einer ſolchen— Schulkrankheit be⸗ wahrt zu bleiben.— Ja du magſt lächeln, wie du willſt, das Ganze iſt eine verdrießliche Geſchichte, und, Spaß bei Seite, ſei ſo gut und gib mir einen Anhalts⸗ punkt, gib mir eine Idee, was ich thun und laſſen ſoll, um künftig in den Augen des Regenten nicht wieder un⸗ wohl zu erſcheinen.“ „Du, ein Philoſoph, ein Denker!“ entgegnete luſtig Herr von Fernow.„Wie kann ich, der nur ſo mit der ganzen Heerde läuft, dir einen Rath geben!“ Der Kammerherr warf unruhig den Kopf auf die rechte Seite, dann ſprach er:„Sei ein bischen ehrlich, Fer⸗ now. Ich verſichere dich, meine Krankheit iſt mir räthſelhaft. Wenn ich im gewöhnlichen Leben weiß, daß ich weder Auſtern noch Trüffeln vertragen kann, ſo eſſe ich nicht das Eine, nicht das Andere. Wenn mir der Champagner Be⸗ ſchwerden macht, ſo trinke ich keinen, wenn mir die Zug⸗ luft ſchadet ſo ziehe ich mich warm an— aber was ich thun ſoll, um in den Augen des Regenten nicht krank zu werden, davon habe ich, auf meine Chre, keinen Begriff.“ Herr von Fernow ſtrich ſeinen ſchwarzen Bart und blickte, ohne zu antworten, an die Decke empor. „Nochmals, Fernow, ſei ehrlich,“ fuhr Herr von Wenden fort,„ſage, was du mir ſagen kannſt. Du weißt * 5 Ein Diner und zwei Freunde. daß ich wohl im Stande bin, Andeutungen, wenn ſie auch mit wenigen Worten gegeben ſind, zu verſtehen.“ „Was ich kann, will ich gern thun,“ antwortete der Major.„Laß uns einmal ſehen, was bönnie vielleicht auf deinen Fall paſſen?“ Er legte die Hand an die Stirn und ſchien in tiefes Nachdenken zu verſinken.„Ja, ja, das wäre möglich,“ ſagte er nach einer Pauſe.„Weißt du, lieber Wenden, es gibt Leute, die den Geruch von Blumen nicht ertragen können,— denen er die Nerven angreift.“ 9„Ah, ich verſtehe;— alſo doch! Namentlich ſind mir vielleicht ſolche Blumen gefährlich, in denen Papierſtreifen verborgen ſind. Meinſt du nicht auch?“ „Ob irgend ein Papierſtreifen etwas dazu beiträgt, wage ich in der That nicht zu entſcheiden. Aber du wirſt mich verſtehen.“ —„O, vollkommen!“ „Vielleicht gibt es auch noch andere Dinge, die dei⸗ ner Geſundheit nicht zuträglich ſind.“—— „So, noch andere Dinge?“ „Ich meine nur ſo. Ich ſelbſt, der ich recht geſund bin, habe doch zuweilen erfahren, daß die weiten Säle des Schloſſes, beſondérs ſpät des Abends, eine feuchte, widrige Luft enthalten, die Einem, der dazu geeignet iſt, die Lunge angreifen kann.“ „Und da werden vor Allem die Säle ſehr gefährlich 148 2142 Zehntes Kapitel. ſein,“ ergriff der überraſchte Kammerherr die Andeutung, „die zum Appartement Ihrer Durchlaucht der Prinzeſſin Eliſe führen.“ „Ob die gerade mehr oder ininder Krankheitsſtoff zu gewiſſen Stunden enthalten, wage ich nicht zu entſcheiden; genug—“ „Der Beweis iſt geliefert,“ fiel ihm der Kammerherr unmathig in's Wort.—„Fernow, Fernow, du biſt in 14 den wenigen Tagen ein ganz geriebener Patron geworden! „Das wird dich doch nicht wundern,“ verſetztender Major,„nachdem ein Denker wie du ſich die Mühe gab, mir einen langen Sonntag Nachmittag ſeine koſtbaren Theo⸗ rien auseinander zu ſetzen.“ Der Kammerdiener meldete Seine Excellenz, den Oberſt⸗ Jägermeiſter, Herrn Baron von Rigoll, und dieſe Excellenz hüpfte freundlich durch das Vorzimmer, blieb aber unter der Eingangsthür zum Salon in einer affektirten Haltung ſtehen. Das heißt, Rigoll heuchelte den Ausdruck der Be⸗ ſtürzung und Beſorgniß. Er warf den Oberkörper zurück und breitete beide Arme aus, indem er rief:„Iſt das Ernſt oder Scherz, beſter Freund? Sie haben mich auf Kranken⸗ ſuppe eingeladen, auf Gerſtenſchleim, was weiß ich; auf Apfelcompot, Horreur! Ich hoffe nicht, daß es Ihnen Ernſt deamit war, ſonſt müßte ich in der That bedauern, hieher⸗ gekonenen zu ſein. Ich hace Ihretwegen ſehr Trühhetig ——ͤſͤſſnn Ein Diner und zwei Freunde. 213 Fräulein von Ripperda, meine Braut verlaſſen,— Teufel auch! In einem ſolchen Falle muß man wiſſen warum!“ „Beruhigen Sich Euer Excellenz nur,“ lachte der Kam⸗ merherr, offenbar geſchmeichelt durch den gnädigen Spaß. „Wenn ich auch bitten muß, mit der Küche eines Kranken Nachſicht zu haben, ſo wird ſich doch wohl auch noch etwas für einen geſunden Appetit finden.“ Seine Excellenz hatte ein kleines Paketchen in der Hand; es ſah ungefähr aus wie ein Buch in groß Octav, welches er dem Kammerdiener übergab und auf's Sorg⸗ fältigſte anempfahl. Dann erſt ſchien er den Major zu bemerken, der, die Hände mit dem Hut auf dem Rücken, mit geſpreizten Beinen, ſeinem eigenthümlichen Weſen zu⸗ ſchaute.„Ah, Herr von Fernow,“ ſagte Baron Rigoll, 3 und das bekannte unangenehme Lächeln wetterleuchtete auf 4 ſeinem Geſicht. „Ich hatte ſchon die Ehre, Euer Excellenz mein Com⸗ pliment zu machen,“ entgegnete der Major,„und erlaube mir nun, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen.“ „Vortrefflich, danke ſchön. Außerordentlich gut. Es muß mir ja ausgezeichnet gehen. Darüber wird keiner der Herren im Zweifel ſein.“ „Wenigſtens ſind Euer Excellenz beneidenswerth,“ entgegnete Herr von Fernow mit der größten Ruhe von der Welt. Der Kammerdiener meldete noch drei Freunde des 214 Zehntes Kapitel. Hausherrn und ebenfalls genaue Bekannte der Anweſenden. Man trat ein, man reichte ſich die Hände, man ſtülpte die Hüte auf irgend ein Fauteuil oder einen Divan, man fand das Ausſehen des Kammerherrn für einen Kranken unbegreiflich gut, man ſprach über das Wetter, man erzählte von einem Ritt, von einer Soirée, man warf einen ver⸗ ſtohlenen Blick in den Spiegel, man war zufrieden mit ſich ſelber, und als nun der Kammerdiener eintrat und mit leiſer Stimme ankündigte, daß ſervirt ſei, ging man in's Speiſezimmer, ſetzte ſich um den vortrefflich arrangirten Tiſch und das Diner nahm ſeinen Anfang, verlief zwiſchen Lachen und Scherzen, unter vortrefflichen Schüſſeln, aus⸗ gezeichnetem Sauterne, Bordeaux und Rheinwein, und en⸗ dete, wie gewöhnlich mit einem Frucht⸗Auſſatz von Ge⸗ frorenem, mit Champagner und Tokayer. Obgleich das Frühjahr ſchon angebrochen war, konnte man doch Abends im Zimmer noch ein leichtes Feuer er⸗ tragen, und die ganze Tiſchgeſellſchaft fand es außerordent⸗ lich comfortabel, als ſie der Kammerherr in ſein kleines Arbeitslokal führte, wo ein Kaminfeuer loderte, um welches ſechs niedrige kleine Fauteuils ſtanden, die ſo leicht auf ihren Rollfüßen liefen, daß ſie der geringſten Bewegung nach rechts oder links nachgaben und ſo die Converſation außerordentlich erleichterten. Der behagliche Aufenthalt, das muntere Geſpräch, welches ſich bei dem Dufte des Kaffees und dem Rauch Ein Diner und zwei Freunde. 215 der Cigarren entwickelte, hielt die Geſellſchaft länger als ſonſt beiſammen. Zu vorgerückter Stunde erſt trennten ſich die Gäſte, mit Ausnahme der Excellenz von ihrem Wirthe. Als der Kammerherr aus dem Vorzimmer, wohin er ſeine Freunde begleitet, zurückkehrte, fand er den Oberſt⸗ jägermeiſter mit einem Buch in der Hand an dem Tiſche ſtehend; wenn er aber auch dieſes aufgeſchlagen vor ſich —-— Blicke, wie in tiefen Gedanken, weit darüber hinaus. Auch war von ſeinem Geſichte der Ausdruck der heitern, ſarkaſti⸗ lieſhan den er während des Diners und auch nachher ſo rgfältig bewahrt, gänzlich verſchwunden; auf ſeiner Stirn lag eine Wolke trüber Sorge, er hatte die Lippen zuſammengekniffen und das faſt unvertilgbare Lächeln ſeiner Mundwinkel ſah trotzig und höhnend aus. Er warf das Buch auf den Tiſch, als er die Schritte des Zurückkommenden hörte, wandte ſich gegen den Kam⸗ ſetzte er in einem beinahe heftigen Tone hinzu:„Baron, ich bewundre Sie. Mit Ihrer Gewandtheit kann es Ihnen naicht fehlen eine große Carrière zu machen.“ Herr von Wenden ſah ihn einigermaßen erſtaunt an und ſo war auch der Ton ſeiner Stimme, als er entgeg⸗ nete;„Ich begreife in der That Euer Excellenz nicht be⸗ ſonders. Sie ſind ſo freundlich von meiner Gewandtheit zu ſprechen,— ich bitte Sie um Gotteswillen, ſehen Sie hielt, ſo ſah er doch nicht hinein, vielmehr ſtarrten ſeine merherrn und ſagte:„So wären wir endlich allein.“ Dann 216 Zehntes Kapitel. denn nicht, wohin mich meine Gewandtheit aobraöt⸗ Zu einem Arreſtanten auf Chrenwort.“ „Das iſt ja gerade, was Sie klug gemacht!“ rief der Oberſtjägermeiſter, indem er heſtig auf und abging,„Sie haben ſich von der Sirene nicht verlocken laſſen. Sie warf Ihnen die goldene Angel hin; Sie haben nur ein bischen darnach geſchnappt, aber das Schickſal in Geſtalt Ihres Freundes Fernow hat Sie vor dem Anbeißen be⸗ wahrt.“ „Ich verſtehe Euer Excellenz in der That nicht.“ „Es iſt aber nicht ſchwer, mich zu verſtehen. Wie ſchon bemnerkt,— Sie waren klug genug, ſich hier in die Einſamkeit zurückzuziehen, und ſind ſo dem Netze entgangen, welches man im Begriff ſtand über Sie zu werfen. Ich dagegen zapple darin wie eine gefangene Fliege.“ Seine Excellenz machte in der That bei dieſer Bemerkung ähnliche krankhafte Bewegungen, wie man ſie wohl bei einem ge⸗ fangenen unglücklichen Geſchöpf der eben erwähnten Art ſieht. „Darf ich Sie wohl bitten, mir durch Ihren Kam⸗ merdiener das Paketchen herbringen zu laſſen, das ich ihm vorhin übergeben?“ ſagte die Excellenz und fuhr alsdann fort, nachdem Herr von Wenden achſelzuckend die Klingel gezogen und ihn mit unverkennbarem Erſtaunen, faſt mit Schrecken anſtarrte:„Glauben Sie mir, lieber Freund, drüben im Schloſſe ſind alle zehntauſend Teufel los.“ Der Kanerherr deutete pantomimiſch an, indem er 8. Ein Diner und zwei Freunde. 217 die Augen weit aufriß und ſeine Hände von ſich abſtreckte: Sie ſehen meine Ueberraſchung. „Ich verſichere Sie, lieber Wenden, es war der klügſte Streich Ihres Lebens, ſich in Zimmerarreſt ſetzen zu laſſen. Hätte ich das vor acht Tagen nur auch gethan! O über die intriguanten Weiber! Sie wiſſen, weßhalb ich an die Prinzeſſin gefeſſelt bin. Meine Verlobung mit Fräulein von Ripperda iſt ausgeſprochen, ich interreſſire mich lebhaft für das ſchöne Mädchen; es wird mich auch glücklich ma⸗ chen, ſie zu heirathen, und ich will und kann nicht anders. Denn wenn ich ſelbſt jetzt zurückträte, ſo würde ſich doch die ganze Welt hohnlachend über den ſchönen Korb freuen, den der ältere Baron Rigoll von dem jüngeren Fräulein von Ripperda erhalten.“ Hiebei ſandte er einen Blick in den Spiegel, und da er mit ſeinen Betrachtungen nicht ſehr zufrieden zu ſein ſchien, ſo warf er ſich unmuthig in einen Fauteuil. Der Kammerdiener hatte unterdeſſen das bewußte Paketchen gebracht, Seine Excellenz riß haſtig Papier und Bindfaden ab und reichte von zwei Portraits, die darin waren, eines dem Kammerherrn, ohne es anzuſehen. „Eine Photographie von Ihnen? Vortrefflich gemacht!“ ſagte Herr von Wenden.—„Ahl ich gab Ihnen das falſche!“ rief der Oberſtjägermeiſter.„Nehmen Sie dies da. Ken⸗ nen Sie die Perſon?“ Der Kammerherr betrachtete lange und aufmerkſam das Bildniß. Dann bedeckte er die Augen mit der Hand 248 Zehntes Kapitel. und dachte nach.„Geſehen habe ich dieſen Kopf,“ ſprach er nach einer Pauſe,„aber ich weiß nicht, ob die Perſon ſelber, oder ebenfalls nur ein Bildniß von ihr.“ „Vielleicht beides; erinnern Sie ſich.“ Herr von Wenden ſah den Oberſtjägermeiſter mit einem eigenthümlichen Blick an, doch bemerkte man wohl an ſeinen Augen, daß er in ſeinem Gedächtniſſe wühlte.„Ja, ja,“ ſprach er alsdann,„das Geſicht iſt mir bekannt. Ich meine, ich hätte es kürzlich geſehen.“ Seine Excellenz nickte mit dem Kopfe. „Wenn ich aber dieſem Kopfe in meinen Gedanken ein Tuch gebe, wie es die Beduinen auf ihren Ritten in der Wüſte zu tragen pſlegen, und mir ſtatt des Paletots einen Burnus denke———= Alle Teufel! ja, ich hab's.“ Bei dieſen Worten eilte er an ſeinen Bücherſchrank, öffnete ihn haſtig, zog ein ſehr elegant gebundenes Buch hervor und hielt das Portrait in demſelben dem Oberſtjägermeiſter vor die Augen.— Dieſer nickte abermals und ſehr ver⸗ drießlich mit dem Kopfe. „Herzog Alfred von D..“, rief der Kammerherr im Tone der höchſten Ueberraſchung,„und er iſt hier in der Reſidenz, ich ſah ihn kürzlich in— wo war es doch — in irgend einer Geſellſchaft.“ „O, in der beſten von der Welt. Der Herzog war — hier in dieſem Zimmer, auf demſelben Fauteuil, wo ich jetzt zu ſitzen die Ehre habe.“ Ein Diner und zwei Freunde. „Graf Hohenberg?“—„Graf Hohenberg.“— Einen Augenblick ſahen ſich die Beiden forſchend an. Ihre Ge⸗ danken konnten ſich unmöglich vereinigen. Auf dem Ge⸗ ſichte des Kammerherrn bemerkte man deutlich, daß er in Vermuthungen umhertappe, in den Blicken der Excellenz dagegen lag eine unheimliche Ruhe, die verrieth, er wiſſe vollkommen, um was es ſich handle, und er ſchweige viel⸗ leicht nur aus Schonung, um den Andern nicht zu plötzlich zu erſchrecken. 6 „Aber um Gotteswillen, Excellenz, was hat es zu bedeuten, daß ſich der Herzog ſo incognito bei uns aufhält? Denn daß man bei Hofe von ſeiner Anweſenheit nichts weiß, liegt auf flacher Hand.— Sie lächeln ſo ſonderbar. Wüßte man doch etwas davon, und hätte Urſache, es zu verheimlichen?“ 4 „Daß Perſonen vom Hofe um dieſes in der That gefährliche Geheimniß wiſſen, beweiſen wir Beide. Wir gehören ja auch zum Hof.“ „Ich muß recht ſehr bitten, Excellenz. Ich erfahre ſo eben die erſten Andeutungen darüber.“ „Weil Sie ſich ſchlauer Weiſe auf die Krankenliſte ſetzen ließen.“ 4 „Das alſo hängt mit jenem Papierſtreifen zuſammen?“ fragte der Kammerherr in höchſter Spannung.—„So iſt 4 es.“—„Alſo, um da zu irgend etwas mitzuhelfen, irgend 220 Zehntes Kapitel. welche Inſtructionen zu empfangen, ſollte ich an jenem ver⸗ hängnißvollen Abend die bewußte Audienz haben?“ „Die Sie durch Ihren Freund, Herrn von Fernow, ver⸗ eiteln ließen. O, Sie haben das ſchlau angefangen, be⸗ wundernswürdig fein.“ „Aber ich verſichere, daß es mir ein wahres Glück wäre, der durchlauchtigen Prinzeſſin Eliſe mich und meine Dienſte unbedingt und unbeſchränkt anbieten zu können.“ „Und das ſagen Sie mir?“ rief der Oberſtjägermei⸗ ſter,„mir, den Sie in dieſem Augenblick faſt darüber in Verzweiflung ſehen, daß ich mich, verzeihen Sie mir den Ausdruck, der Prinzeſſin mit Leib und Seele übergeben habe?“ Er war bei dieſen Worten in die Höhe geſprungen und griff mit ſeinen Fingern zwiſchen die Halsbinde, wie Jemand, dem es zu warm wird. Obgleich ſich der Kammerherr bemühte, ein recht ge⸗ ſcheidtes Geſicht zu machen, ſo mußte er ſich doch geſtehen, daß es der Situation angemeſſener geweſen wäre, recht dumm auszuſehen; denn er verſtand durchaus nichts von den Verlegenheiten des Oberſtjägermeiſters, wenn ſich auch unzählige Vermuthungen in ſeinem Kopfe kreuzten. Seine Excellenz hatte ſich wie ermattet in den Fauteuil zurückgelehnt; ſie faltete ihre Finger zuſammen und ließ die Daumen beider Hände um einander herumſpazieren.„Da ich feſt auf Sie vertraue,“ ſagte Rigoll nach einer Pauſe,„und da ich eine Hülfe vielleicht nothwendig brauche, ſo will ich . Ein Diner und zwei Freunde. 221 Ihnen die ganze Geſchichte mittheilen. Aber, lieber Wenden, es iſt eine Sache, die, auf unrechte Art am unrechten Orte hinterbracht, ganz eigenthümliche Folgen haben kann.“ „Für Sie, Excellenz?“—„Ja. Eigentlich für jeden, der damit zu thun hat.“ „Da könnte ſich alſo meine Krankheit ins Unendliche ver⸗ längern, ja, am Ende gar zu einem chroniſchen Uebel werden.“ „Machen Sie keinen Scherz. Gerade Ihre ſo außer⸗ ordentlich à propos eingetretene Krankheit überzeugt mich, mit welcher Gewandtheit Sie unſere Sache behandeln werden. Wenn man ſich in die Intriguen einer Dame, wie die Prinzeſſin Eliſe, einläßt, ſo ſpielt man va banque.“ „Spielen wir,“ ſagte entſchloſſen der Kammerherr. „Wie ich an Euer Excellenz geſehen habe, iſt Ihnen ſchon vor Beendigung des Spiels ein wunderbarer Treffer zugefallen. Vielleicht bin auch ich ſo glücklich.“ Der Oberſtjägermeiſter unterdrückte einen leichten Seufzer. „Daß der Herzog alſo hier iſt, wiſſen Sie. Ich habe ihn früher ſehr gut gekannt, daher ſuchte man auch gerade mich aus zu der höchſt gefährlichen Commiſſion.“ „Und was will er?“ fragte faſt ungeduldig der Kammerherr. „Was er will? Nun, nichts mehr und nichts weniger, die Prinzeſſin Eliſe heirathen.“ 8 „Donner und Wetter!“ ſagte Herr von Wenden, und trat einen Schritt zurück.“ als Zehntes Kapitel. „Und das habe ich einfädeln müſſen,“ fuhr die Excel⸗ lenz fort, indem ſie ſich leicht mit der Hand über die Stirn ſtrich.„Habe die nothwendigen Correſpondenzen beſorgt und habe den Herzog eingeladen, hierher zu kommen.“ „Und das Alles hinter dem Rücken Seiner Hoheit des Regenten?“. fragte der Andere in einem ſonderbar gedehn⸗ ten Tone. „Dieſe Frage, mon cher,“ antwortete ungeduldig der Oberſtjägermeiſter,„beweist mir, wie wenig Sie die Prin⸗ zeſſin kennen. Hat es ihr jemals Spaß gemacht, irgend eine Sache gerade und offen zu betreiben? Ich wüßte mich der Art nichts zu erinnern, und ſie ſelbſt vielleicht auch nicht.— Stellen Sie ſich nun in meine Lage. Der Her⸗ zog, dem die Idee, die Prinzeſſin im Geheimen kennen zu lernen, recht ſchön und romantiſch vorkam, iſt hier, die heilloſe Angelegenheit aber will nicht den kleinſten Schritt vorwärts thun.“ „Und aus welchem Grunde nicht?“ „Beſter Wenden, nehmen Sie mir's nicht übel, Sie fragen wie ein unſchuldiges Kind, aber nicht, wie ein Kammerherr, der ſchon ſo und ſo viele Jahre an dieſem Hofe gelebt. Warum?— Weil die Prinzeſſin nun ein⸗ mal die Idee hat, die Sache nicht vorwärts zu treiben, fondern ſie auf's angſamſte oder vielmehr gar nicht gehen zu laſſen.“ „Und ſieht ſie den Herzog häufig?“ 1 Ein Diner und zwei Freunde. 223 „Ihn häufig ſehen? Sie hat ihn noch gar nicht ge⸗ ſehen, ſeit er hier iſt. Sie will ſein Portrait, er ſoll das ihrige haben, und dann wird ſie ſich vielleicht entſchließen, ihm auf Gott weiß welche verzwickte und geheimnißvolle Art zu begegnen. Da haben Sie die Geſchichte meiner Leiden. Zwiſchen dieſen beiden Feuern ſitze ich, und kann es mir da ein vernünftiger Menſch übel nehmen, wenn ich mich zu⸗ weilen in einer völligen Verzweiflung befinde?— Aber das habe ich mir feierlich gelobt,“ fuhr er fort, indem er abermals aufſtand,„geht dieſe Sache nur einmal glücklich vorüber, ſo weiß ich, was ich thue. Dann heirathe ich in aller Stille, reiſe auf längere Zeit fort und ſehe zu, wie ſich die Sachen hier abwickeln.“ „O Euer Excellenz haben eine beneidenswerthe Zukunft,“ ſprach der Kammerherr träumeriſch. „Aber ehe ich dazu gelange, noch einen entſetzlichen Ab⸗ grund dicht vor meinen Füßen. Vielleicht einen jähen Sturz.“ „Zu dem Cuer Excellenz mich einzuladen die Freund⸗ lichkeit haben,“ antwortete lachend Herr von Wenden. „Es iſt'was Wahres in Ihren Worten,“ ſagte der Oberſtjägermeiſter nach einer Pauſe, während welcher er ſich mit übereinander geſchlagenen Armen in's Fenſter geſtellt hatte. „Aber bei'm Teufell. nein, zwei Leute wie wir ſtürzen nicht ſo leicht. Ich wette, wir bauen uns die ſchönſte Brücke nach Gott weiß ß welchem glücklichen Gefilde.“ „Eine Brücke des Glücks,“ erwiderte nachdenkend der 224 Zehntes Kapitel. Kammerherr;„wenn nur der rechte Augenblick nicht verpaßt iſt!— Und wünſcht die Prinzeſſin,“ ſetzte er nach einem momentanen Stillſchweigen hinzu,„daß ich um die Geſchichte wiſſen ſoll.?“ „Wer kann daran zweifeln?“ verſetzte die Excellenz nicht ohne eine kleine Verwirrung.„Sie ſtehen in ihrer Gunſt, die Prinzeſſin hätte Ihnen an jenem Abend Alles anver⸗ traut;— kann ich auf Sie rechnen?“ Der Kammerherr hatte einen Gang durch das Zimmer gemacht, er kämpfte mit ſich ſelber. Er kannte den Oberſt⸗ jägermeiſter, und weil er ihn kannte, kam ihm die ganze Sache verdächtig vor. Zu einer Angelegenheit, bei der etwas zu gewinnen war, hätte die Excellenz nicht wohl einen Zweiten eingeladen; auch erinnerte er ſich jenes Abends, als er dem Baron Rigoll im Schloſſe begegnete und es ſich fand, daß ſie den gleichen Weg zu den Ge⸗ mächern der Prinzeſſin hatten, wie ihm der Oberſtjäger⸗ meiſter in der erſten Ueberraſchung ein nichts weniger als freundliches Geſicht machte.— Daß aber Herr von Wenden jetzt mit einer Antwort zögerte, ſchien dem Baron Rigoll durchaus nicht zu gefallen. Er wandte ſich unmuthig gegen ihn und ſagte in einem etwas ſcharfen Tone: „Ei, beſter Baron, wie nehme ich Ihr Stillſchweigen? Sie ließen mich mein Geheimniß ruhig erzählen, und jetzt da Sie es wiſſen, zögern Sie auf eine für mich faſt be⸗ ängſtigende Art.“ Ein Diner und zwei Freunde. 225 „Sie ſollen ſich in mir nicht verrechnet haben,“ ant⸗ wortete Herr von Wenden entſchloſſen.„Sagen Sie der Prin- zeſſin in Gottes Namen, ich ſei ganz zu ihren Dienſten, und laſſen Sie mich wiſſen, was ich thun ſoll.“ Der Oberſtjägermeiſter ſchien freier aufzuathmen. Er reichte dem Andern die Hand und erwiderte:„Ich danke Ihnen herzlich und werde Ihre Bereitwilligkeit beſtens an⸗ 4 zubringen wiſſen. Jetzt werden Sie aber vor allen Dingen 1 geſund, laſſen Sie ſich morgen bei der Prinzeſſin melden; ſie wird von unſerer Angelegenheit beginnen, und dann tragen 4 Sie mit ihrer ganzen Ueberredungskunſt dazu bei, daß ſie 1 uns endlich einmal eine vernünftige Antwort gibt, die wir dem Herzog mittheilen können.“ 8 „Daran ſoll's nicht fehlen. Sobald ich ausgehen kann,“ ſetzte er mit Beziehung hinzu,„und mich die Prinzeſſin annimmt, werde ich mein Mögliches thun.“ „Gott ſei Dank, ich ſehe endlich ein wenig Licht in dieſer Finſterniß,“ ſagte der Oberſtjägermeiſter nach einem tiefen Athemzuge.„Seien Sie zufrieden, daß Sie jetzt ruhig in Ihrer Wohnung bleiben können. Ich habe noch eine Verhandlung mit dem Herzoge und fürchte, ich be⸗ komme pikante Redensarten zu hören. Alſo auf Wieder⸗ ſehen morgen,“— er reichte ihm die Hand,„zu Schutz und Trutz!“* „Und auf gutes Gelingen,“ antwortete Herr von Wen⸗ den, und darauf trennten ſie ſich. Hackländer. Der Augenblick des Glücks. 1 15 Der Oberſtjägermeiſter warf ſich in ſeinen Wagen, und als er nach Hauſe rollte, dachte er begreiflicher Weiſe an die eben gehabte Unterredung und ſprach zu ſich ſelbſt: „Helf' was helfen mag! Ich glaube einen guten Blitzab⸗ leiter gefunden zu haben.“ Der Kammerherr droben blickte durch das Fenſter auf die Straße, und als er die Equipage Seiner Excellenz um die Ecke verſchwinden ſah, rieb er ſich die Hände und meinte:„Ich glaube, dieſe Mittheilung könnte in der That im Stande ſein, mein Unwohlſein plötzlich aufhören zu machen. Fort mit dieſen Intriguen! Sie ſind mir ſchlecht bekommen. Ich werde nach Befund der Umſtände bei dem Regenten ſchriftlich um eine Audienz nachſuchen.“ 4 Elftes Kapitel. Leuchtkäfer. — Als der Mäſor von Fernow das Haus ſeines Gaſt⸗ freundes verließ, fand er, daß es ein angenehmer Abend 1 ſei. Daß es ein wenig kühl war, achtete er nicht; er⸗ wärmten ihn doch die freundlichen Bilder und Gedanken, die ihn zahllos umſchwebten und deren Mittelpunkt immer ſie war. Wie fühlte er ſich ſo glücklich, mit dem geliebten Mädchen ein Geheimniß zu haben, ein ſo entzückendes Ge⸗ heimniß! Geſehen hatte er ſie ſelten ſeit jenem Abend, ſich mit ihr unterhalten ſo gut wie gar nicht, es müßte denn eine Unterhaltung zu nennen ſein, wenn er ſie nach der Tafel fragte: „Sie beſuchen heute die Oper?“ und ſie antwortete:„Ich glaube wohl, daß ich dort ſein werde.“ Dagegen aber war ein ſo vollſtändiger Telegraphen⸗ und Zeichendienſt zwiſchen B eiden eingerichtet, daß die längſten Depeſchen mit Leichtig⸗ keit aufgegeben und ebenſo verſtanden wurden. Die Liebe ſſt darin entſetzlich erfinderiſch, entſetzlich für alle armen 228 Elftes Kapitel. Hüter, mögen ſie nun Ehemänner, Eltern, Vormünder oder wie immer heißen. Hat doch zwiſchen zweien, die ein⸗ ander verſtehen, Alles ſeine Bedeutung! Ob ſie den Fächer in die rechte oder linke Hand nimmt, ob ſie über ihre Stirn ſtreift, oder über ihr Haar, ob ſie den Kopf auf den rechten oder linken Arm ſtützt, ob ſie gegen ihre Nach⸗ barin lächelt oder ernſt mit ihr ſpricht. Und bei ihm iſt. es ganz der gleiche Fall. Ein Hervorziehen des Sacktuchs, ein, zwei oder dreimal ſchnell nach einander; ein Augen⸗ blick mit aufgeſtütztem Arm, wie in tiefes Nachdenken ver⸗ ſunken, dann ein plötzliches Auffahren das Betrachten der Uhr, das Ausziehen eines Handſchuhs oder beider,— wer kann alle dieſe Zeichen einer Sprache nennen, die ſo verſchiedenartig iſt, von Jedem und Jeder neu erfunden, und mit ſo außerordentlicher Leichtigkeit erlernt wird. Es geſchieht das unbewußt, wir möchten ſagen inſtinktartig, und das junge Mädchen, welches einmal beginnt, mit ihrem Gegenüber zu telegraphiren, hat, ehe es das ſelbſt weiß, ein ganzes Alphabet bei einander und wird durch keinen Ausdruck in Verlegenheit gebracht. Wie ſich ſein Schickſal in Betreff des Fräuleins von Ripperda entwickeln würde, daran hatte Fernow eigentlich noch gar nicht gedacht. Er war in gewiſſen Beziehungen eine von den glücklichen Naturen, welche im Stande ſind, ſich mit einer entzückenden Gegenwart zu unterhalten, und die es vermögen, die finſter blickende Zukunft vollſtändig 3 Leuchtkäfer. 229 zu ignoriren. Was hätte ihm aber auch ſein Nachgrübeln helfen können? Wie die Sachen ſtanden, konnte ihm nur etwas ganz Unverhofftes den Pfad ebnen, nur ein Wunder zum glücklichen Ziele führen. Und darauf hoffte er im Na⸗ men der Liebe und Treue. So ſchritt er durch die Straßen bei dem herzoglichen Schloſſe vorüber und trat in die Gärten, welche daſſelbe von einer Seite umgaben.— Hier hatte der Frühling Bäume und Sträucher mit dem erſten ſaftigen Grün auf⸗ geputzt und die Blätter waren noch ſo wenig entwickelt, daß ſich gerade dadurch die einzelnen Partieen auf's Zier⸗ lichſte nuancirten. Ein mächtiges Bauwerk ſtand am Rande des Parkabhanges, von dem man eine entzü⸗ ckende Ausſicht über die Anlagen ringsumher hatte. Es war ein ehemaliges Baſtion, zu den Befeſtigungen des früheren Schloſſes gehörig, das man ſtehen ließ, ge⸗ rade wegen der wunderbaren Ausſicht, die man von der Plattform derſelben genoß. Man ging von den oberen Gärten gerade hinauf und wenn man an den Rand diefes Bollwerks trat, ſo erblickte man in der Tiefe die unteren Partien des ſchönen Parks. Oben ſtanden rieſenhafte Ka⸗ ſtanien, deren breite Kronen einen Schattengang um den Platz bildeten, während die dicken Stämme die Landſchaft ſtellenweiſe einrahmten, und dieſelbe noch maleriſcher er⸗ ſcheinen ließen. Obgleich die Sonne nicht mehr am Himmel ſtand, ſo 230 Elftes Kapitel. war es doch noch ſo hell, daß man eine gute Strecke der Umgebung deutlich überblicken konnte. Die feine glänzende Sichel des jungen Mondes ſchwebte im Oſten über einer faſt ſchwarzen Föhrenpartie und glitzerte anmuthig zwiſchen den fein gezackten Zweigen und Nadeln hindurch, gerade wie das Diadem der Nachtkönigin, die langſam hernieder⸗ ſchwebt, um in dem aufdampfenden Abendnebel den Spielen ihres luſtigen Hofſtaates zuzuſchauen. Als der Major die Terraſſe betrat, glaubte er hier allein zu ſein, wenigſtens bemerkte er Niemand, und erſt als er dicht vor der Brüſtung ſtand, erblickte er in ſeiner Nähe einen Mann, der auf derſelben ſaß und den er bis jetzt nicht bemerkte, da ihn einer der dicken Kaſtanienbäume verdeckt.— Da es nichts Seltenes war, hier Jemand anzutreffen, ſo bekümmerte ſich auch Herr von Fernow nicht weiter darum, ſondern lehnte ſich an einen der Bäume und blickte auf die ſchattenhaften Buſchpartieen zu ſeinen Füßen. Sein Nachbar auf der Brüſtung ſchien mit In⸗ tereſſe den Mond betrachtet zu haben, doch wandte er ſein Geſicht dem neuen Ankömmlinge zu und begrüßte ihn durch höfliches Abnehmen des Hutes, ſowie durch den freund⸗ . lichen Wunſch eines guten Abends. Herr von Fernow dankte und warf einen Blick auf den Daſitzenden. Es war ein anſtändig gekleideter, junger Mann, mit hübſchen, einnehmenden Geſichtszügen; er hatte den rechten Arm um das eiſerne Geländer geſchlungen, womit Leuchtkäfer. 231 die Brüſtung erhöht war, und da er ſeinerſeits nun eben⸗ falls den Andern betrachtete, ſo trafen ſich ihre Blicke und es war nichts Auffallendes darin, daß der junge Mann ſagte:„Es iſt dies ein ſchöner Abend— vielleicht ein Vor⸗ bote des kommenden Frühlings.“ „In der That, ein angenehmer Abend,“ entgegnete der Major, und damit wäre die Unterhaltung wahrſchein⸗ lich abgebrochen geweſen, wenn nicht der Fremde geſehen hätte, daß der Andere ſeine ausgegangene Cigarre muſterte und eben im Begriff war, dieſelbe über die Veäſiung hin⸗ abzuwerfen.. „Wünſchen Sie vielleicht Feuer?“ fragte er, und als der Major, durch die freundliche Bereitwilligkeit einiger⸗ maßen überraſcht, darum bat, holte der Andere ein kleines Etui hervor und zündete ein Streichhölzchen an, deſſen Flämmchen ſich bei dem ruhigen Abend kaum bewegte. Herr von Fernow warf das Hölzchen, nachdem er es be⸗ nutzt, brennend über die Brüſtung, und der Andere blickte ihm ſich herabbeugend nach. „Es kam glimmend da unten an,“ ſagte er,„es ſah aus wie ein Leuchtkäfer, und ich habe eine ungemeine Vor⸗ liebe für die Leuchtkäfer.“ 4 Dieſe Bemerkung machte den Major lächein und er intereſſirte ſich für den gefälligen jungen Mann, de 3 Vorliebe für Leuchtkäfer hatte. Auch ihm rief die( innerung an dieſelben die Stunde eines warmen Mai⸗ * * 232 3 Elftes Kapitel. abends ins Gedächtniß, wo man nach der Tafel in den Gärten von Eſchenburg promenirte, und er ganz zufällig an der Seite des Fräuleins von Ripperda einen kleinen Leuchtkäfer erblickte, den Beide zu gleicher Zeit aus dem Graſe aufheben wollten, wobei es denn kam, daß Helenens kühles duftiges Haar ſeine heiße Wange ſtreifte, und das iſt eine der gefährlichſten Berührungen, die es im Men⸗ ſchenleben gibt. Ihm war es, wie ein elektriſcher Funken ins Herz gefallen; es hatte ihn ſo eigenthümlich berührt, daß er nachher häufige, aber vergebliche Verſuche machte, wieder zu einer ähnlichen Berührung zu kommen. Leider fanden ſich nicht ſo bald wieder Leuchtkäfer, und wenn er ſpäter einen ſah, ſo war das ſchöne Fräulein nicht in ſeiner Nähe. War es die Aeußerung des jungen Mannes über die Leuchtkäfer oder die Gefälligkeit deſſelben, ihm Feuer zu geben, was den Major veranlaßte, dem Fremden eine Ci⸗ garre anzubieten, genug, er that es, und der Andere nahm ſie zögernd an. Dabei war er von ſeinem Sitze aufge⸗ ſtanden und hatte mit ſeinem Hut reſpectvoll gedankt. Wenige Zeit darauf brannten beide CEigarren und Herr von Fernow, dem es nicht unerwünſcht war, ſeine mannigfaltigen Gedanken für den Augenblick verabſchieden zu können, und ein wenig über gleichgültige Dinge zu plau⸗ dern, ſetzte ſich auf die Brüſtung an die Seite ſeines neuen Bekannten. Leuchtkäfer. 233 Nun iſt es nicht leicht mit einem gänzlich fremden Menſchen ein Geſpräch anzuknüpfen, welches nicht ſchon den Keim des Todes in ſich trägt, ehe es zum Leben gelangt. Verſuchsweiſe ſagte deßhalb Herr von Fernow:„Alſo Sie intereſſiren ſich für die Leuchtkäfer? Lieben vielleicht im All⸗ gemeinen die kleine Thierwelt? Und ſind wohl, was man einen Inſektenſammler nennt?“. „Nein, davor graut mir,“ antwortete der Andere. „Ich könnte um Alles in der Welt ſo ein unſchuldiges Geſchöpf nicht mit der Nadel durchſtoßen, wie ſie es zu machen pflegen. Und dann hätte ja auch ein aufgeſpießter Leuchtkäfer durchaus keinen Sinn. Wenn er todt iſt, hat er Licht und Glanz verloren, und das iſt eigentlich recht traurig.“ „Ja, das iſt allerdings recht traurig,“ pflichtete der Major bei, um das Geſpräch nicht einſchlafen zu laſſen. Aus demſelben Grunde fragte er auch:„Weßhalb lieben Sie alſo die Leuchtkäfer? Ich hoffe nicht, daß ich mit meiner Frage unbeſcheiden bin.“ Auf dem Geſichte des Andern zeigte ſich ein trübes Lächeln und er ſchwieg einen Augenblick, ehe er antwortete. „Wenn ich Ihnen das erzähle,“ ſagte er,„ſo werden Sie lachen; und es iſt auch vielleicht ſchon oft vorgekommen.“ „Erzählen Sie, ich werde nicht lachen; wenn es aber in der That lächerlich wäre, und ich müßte alsdann lachen, ſo würden Sie es mir wohl auch nicht übel nehmen.“ Elftes Kapitel. „O gewiß nicht.— Kennen Sie den Königsgarten?“ „O ja, ich kenne ihn.“ 4 „Aber Sie waren noch nie dort, wenn er ſchön be⸗ leuchtet iſt und Abends die Muſik ſpielt, kurz, bei einer italieniſchen Nacht? Das iſt langweilig für die vornehmen Herren.“ „Ich bin kein vornehmer Herr.“ „Laſſen wir das meinetwegen gut ſein. Ihre Cigarre iſt vortrefflich. Nun alſo, in den Königsgarten ging ich früher häufig, ich hatte ſo meine Intereſſen dabei.“ „Ahl ich verſtehe.“ „Natürlich, man iſt jung, man ſucht, man findet. Genug, ich hatte denn auch gefunden, ein ſehr ſchönes, junges und liebenswürdiges Mädchen. Es kommt das ſehr häufig in der Welt vor, es wird Ihnen auch ſchon paſſirt ſein, und ich erzähle es Ihnen nur, weil es mit den Leucht⸗ käfern zuſammenhängt. Alſo wir hatten uns gefunden, wie man ſich ſo findet. Wiſſen Sie, eigentlich noch ganz ohne Abſicht und Zweck. Wie ſie gern nach mir ſah und lieber mit mir tanzte, als mit jedem Andern, ſo war es auch bei mir der Fall. Weiter nichts. Da ſpazieren wir eines Abends vom Tiſche ihrer und meiner Familie hinweg, ich führe ſie durch den dunkeln Garten, und da ſehen wir auf einmal auf dem Boden zwiſchen dem Graſe einen Leucht⸗ käfer glühen.— Wir bücken uns beide zu gleicher Zeit, um ihn zu fangen, und da ſtreift ſie mit ihrem kühlen Leuchtkäfer. 235 Haar an mein heißes Geſicht. Es war das erſte Mal, daß wir uns ſo nahe kamen und es machte auf mich einen unbeſchreiblichen Eindruck. Von da an war ich eine Zeit lang ſehr glücklich. Sehen Sie,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, als ſein Nachbar ſchwieg;„das iſt die ganze Geſchichte von den Leuchtkäfern. Und ſollten Sie das jetzt lächerlich finden, ſo mache ich mir am Ende nichts daraus, wenn Sie darüber lachen.“ Daß der Major dieſe Geſchichte nicht lächerlich fand, brauchen wir dem geneigten Leſer nicht zu ſagen. Im Gegentheil, ſie hatte ihn ſo außerordentlich überraſcht, daß er ein faſt gleiches Intereſſe für den Erzähler faßte. Es war ihm ſeltſam, ſo zufällig mit Jemand zuſammengetroffen zu ſein, der etwas Aehnliches erlebt, wie er, und das Gleiche dabei gefühlt. Jetzt hätte er aber auch gern er⸗ fahren, wie ſich eine Liebe, gleich der ſeinigen beim Anblick eines Leuchtkäfers entſtanden, weiter entwickelt, und um einen Verſuch zu machen, das Geſpräch über dieſes Thema fortzuführen, ſagte er:„Nun begreif ich freilich, weßhalb Sie ſich für die Leuchtkäfer intereſſiren, und verſtehe auch voll⸗ 2 kommen, daß es Ihnen ein höchſt angenehmes Gefühl macht, wenn Sie einen ſolchen glänzenden Punkt erblicken.“ „In der That, das hat mir lange ein großes Ver⸗ gnügen gemacht,“ fuhr der Andere mit leiſer Stimme fort, „doch jetzt——; aber das kann Sie in der That nicht intereſſiren!“ 236 Elftes Kapitel. „Für ein paar einander gänzlich Fremde ſind wir da auf ein ſeltſames Thema gerathen,“ ſagte Herr von Fer⸗ now;„glauben Sie aber nicht,“ fuhr er in zutraulichem Tone fort,„daß ich unbeſcheidener Weiſe Ihre Verhältniſſe erforſchen will oder daß ich mir von Ihnen geben laſſe, ahne dafür etwas zurückzuerſtatten.“ Es war etwas in dem ganzen Benehmen des jungen Mannes, ja in dem Tone der Stimme, ſowie in der äußerſt anſtändigen Art, mit der er erzählte, was den Major zu ihm hinzog.„Wie ſchon bemerkt“ fuhr der letztere fort „es iſt keine müßige Neugierde, die mich zu der Frage getrieben hat, denn auch mir iſt etwas ganz ähnliches paſ⸗ ſirt, ich habe die genauere Bekanntſchaft eines ſehr liebens⸗ würdigen Mädchens auf gleiche Art gemacht.“ „Aber da waren die Verhältniſſe und ihre Folgen ganz anders, das kann ich mir denken. Sie, mein Herr, gehören zu den Bevorzugten dieſer Erde, Ihrer Liebe ſtellte ſich nichts entgegen, Rang und namentlich Vermögen ließen alle Schwierigkeiten verſchwinden, und wenn Sie jetz nicht ſchon zum erſehnten, ſchönen Ziele gekommen ſind, ſo wird das doch in Kurzem geſchehen.“ „O, ich wollte, Sie hätten wahr prophezeit!“ ſagte Herr von Fernow;„wie wollte ich dieſer Stunde eingedenk ſein und den glücklichen Propheten gewiß nicht vergeſſen.“ Das ſprach er ſehr leiſe, faſt wie zu ſich ſelber, und Leuchtkäfer.— 237 der Andere ſchien auch in der That dieſe Worte nicht ge⸗ hört, oder nicht verſtanden zu haben, denn er fuhr fort: „Das iſt Ihr glückliches Loos; während mich der Druck der Verhältniſſe lange nicht aufkommen ließ, und da dies endlich zu geſchehen ſcheint, andre Verhältniſſe mich wieder tief zu Boden drücken. Ja, Reichthum und Rang, ich habe bisher nie daran gedacht, Andere darum zu beneiden; aber jetzt ſehe ich doch wohl ein, wie viel leichter man mit ihrer Hülfe zu dem kommt, was wir Menſchen Glück, ja Selig⸗ keit nennen.“ Er hatte bei dieſen Worten ſeinen Arm auf das eiſerne Geländer geſtützt, den Kopf auf die Hand ge⸗ legt und blickte in das weiße, glitzernde Stückchen Mond, welches langſam zwiſchen den dunkeln Föhren niederſank. Nachdem er die letzten Worte geſprochen, ſeufzte er tief und ſchmerzlich auf. Unten im Park begann eine Nachtigall wie ſchüchtern ihr Liebeslied, und erſt als die Sängerin gefühlt, daß Baum und Gras, Quell und Blüthe in tiefer, feierlicher Stille aufhorchten, ſchlug ſie ſtärker und immer ſtärker, ſchmelzender und immer ſchmelzender und jubelte endlich unter Lachen und Schluchzen ihr Lied hinaus, ihr Lied ohne Worte, aber deutlich wie kein anderes redend von Liebesleid und Liebes⸗ luſt, von Liebesſchmerz und von der Liebe höchſter Seligkeit. Solch ein Lied dringt ans Herz, und wenn man das in ſtiller Nacht hört, ſo möchte man hinausjubeln ſein Glück und hinausſchreien ſein Leid an irgend einen Stern 238 Elftes Kapitel. hin, an des Mondes bleiche Scheibe, an die duftende Blüthe, wie viel lieber an ein Menſchenherz, das denkt und fühlt wie wir. Bewegt von dieſen Klängen ſagte denn auch Herr von Fernow zu dem unbekannten Nachbar, mit dem er faſt willenlos Geheimniſſe tauſchte: „Was Sie da reden von Rang und Vermögen, durch die Glück und Seligkeit zu erkaufen wären, iſt ebenſo un⸗ richtig, als wenn Sie glauben, meiner Liebe habe es ge⸗ nützt, daß ich wohl etwas von dieſen Gütern beſitze.—— Vielleicht iſt es Ihnen tröſtlich zu vernehmen, daß ich mich der Dame, die ich liebte, lange Zeit kaum nähern durfte, und daß dieſelbe jetzt— die Braut eines Andern iſt.“ „O!“ rief der junge Mann und fuhr aus ſeiner Stellung empor,„ſo ſind Sie alſo auch unglücklich? Das trifft ſich eigenthümlich.“ 3 „In der That ſeltſam,“ entgegnete Herr von Fernow, und mußte lächeln über dieſes Zuſammentreffen. Es ent⸗ ſtand in dem Geſpräch eine kleine Pauſe. Der junge Mann lehnte ſich über die Brüſtung und ſchaute in die Tiefe hin⸗ ab, wo man jetzt nur noch ſchwarze Schatten und kaum ſichtbar das Leuchten eines Waſſerſpiegels bemerkte. „Wie lieb iſt es mir,“ ſagte er endlich,„daß ich hier war, als Sie, mein Herr, kamen. Mein Herz war ſo voll, o ſo voll, daß es eine Wohlthat für mich iſt, zu Jemand ſprechen zu können, von dem ich überzeugt bin, daß Leuchtkäfer. er mich verſteht. Ich habe wohl Verwandte, Freunde, aber die begreifen meine Verhältniſſe nicht, ihnen iſt es vielleicht. lächerlich, was mein Innerſtes zerreißt. Sie aber müſſen mich verſtehen; denn ich bin überzeugt, Sie kennen das, was man die hohe Welt nennt. Sie ſind jung, vornehm, reich. Sie können mir Troſt und Rath geben— nicht wahr, Sie ſind jung, vornehm und reich?“ Während er das ſagte, hatte er ſeine Hände zuſam⸗ men gelegt, und war dem Andern näher gerückt, nur mit einer leichten Bewegung, aus welcher man aber fühlen konnte, wie ſehr es, dem Sprecher darum zu thun war, daß ſeine Rede an das Herz des andern dringe. Ebenſo innig und anſchmiegend war der Ton ſeiner Stimme. „Nach 19ne nen Begriffen,“ beantwortete Herr von Fernow die Frage ſeines ſeltſamen Nachbars,„habe ich allerdings von den Eigenſchaften, die Sie eben nannten, und wenn mich dieſelben befähigen, Ihnen einen Rath zu geben, ſo bin ich gern dazu bereit. Laſſen Sie mich hören.“ „Von dieſen Eigenſchaften,“ ſprach der Andere nach einer Pauſe,„habe ich nur eine einzige. Ich bin jung. Aber ich beſaß Muth und Kraft, um mir eine Laufbahn zu ſchaffen. Ich bin Künſtler, war ein geſchickter und ge⸗ ſuchter Holzſchneider, und kann das ſagen, da ich voraus ſchickte: Ich war es. Ein Unglücksfall lähmte mir die Finger der rechten Hand, ich mußte mich nach einer ande⸗ ren Beſchäftigung umſehen und wählte die Photographie. . 3 1 5 8 — * 240 Elftes Kapitel. Aller Anfang iſt ſchwer, und wenn ich auch nicht viel zu thun hatte, ſo wurden doch meine Bilder gelobt, und ich konnte hoffen, nach und nach bekannt zu werden. Das iſt eigentlich Nebenſache,“ fuhr er nach einem augenblicklichen 3 Stillſchweigen fort;„Nebenſache in der Angelegenheit, in welcher ich Ihren Rath zu hören wünſchte; und doch ge⸗ hört es wieder dazu, denn ich ernährte mit meinen photo⸗ graphiſchen Arbeiten nicht nur meine alte Mutter, ſondern hoffte auch—“ „Ah!l ich verſtehe,“ ſagte Herr von Fernow, der ſehr aufmerkſam zuhörte,„das Mädchen, welches Sie liebten, hoffte ſehnlich auf Vergrößerung Ihrer Kundſchaft.“ „Ich glaube, daß ſie darauf hoffte,“ fuhr der Andere mit ſchmerzlicher Selbſtüberwindung fort„bis— nun ja,“ rief er faſt heftig,„bis ſie ſich eines Andern beſann, und glauben mochte, ſie ſei zu gut und ſchön, um die Frau eines armen Photographen zu werden!“ „So knüpfte ſie ein anderes Verhältniß an?“ „Ja,“— antwortete der junge Mann nach einer Pauſe, während welcher er mit ſich ſelbſt zu kämpfen ſchien, ob er weiter ſprechen ſolle;„ja ſie iſt wenigſtens im Begriff eines anzuknüpfen, und das möchte ich hindern, wenn es irgend in meiner Macht ſtände.“ Herr von Fernow ſah ſich in einer eigenthümlichen Lage. Er hatte es mit einem Verliebten, einem Eiferſüchti⸗ gen zu thun, und wußte wohl, wie ſchwer es bei ſolchen 5 — 7 1 Leuchtkäfer.— iſt, die richtige Anſicht von der betreffenden Sache zu er⸗ halten. Daß der junge Mann unendlich litt, daß es ihm ein Troſt war, ſich Jemand anvertrauen zu können, das erkannte er daraus, daß er mit ihm, dem Fremden, über dieſe Angelegenheit ſprach. Es war wie eine Beichte, nach deren Ablegung er ſein Gemüth erleichtert fühlen mußte. Wie ſchon bemerkt, hatte der junge Mann zögernd des Verhältniſſes erwähnt. Als dies aber einmal geſchehen war, und als ihn der Andere mit ſanften Worten auffor⸗ derte ohne Rückhalt zu ſprechen, wenn ihm dies einen Troſt gewähre, ſo erzählte ihm der Photograph ſeine ganze Lie⸗ bes⸗ und Leidensgeſchichte, wie glücklich er geweſen ſei in ſeiner Liebe bis plötzlich ſein Gehülfe, Herr Krimpf, ihn auf gewiſſe V ſe am Fenſter aufmerkſam gemacht und wie er die Anklage beſtätigt gefunden. 4„Und wer iſt Herr Krimpf?“ fragte der Major Die Schilderung, die der Photograph auf dieſe Frage von dem Weſen ſeines Gehülfen entwarf, war ſo lebendig und treffend, daß der andere ihn vor ſich zu ſehen glaubte und daß der Zuhörer, trotz der Bemühungen des Erzählers, den guten Eigenſchaften des Herrn Krimpf Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, doch auf ganz eigenthümliche Vermu⸗ thungen gerieth.„Und wiſſen Sie, wer der Herr im ge⸗ genüberliegenden Fenſter iſt?“ fragte Herr von Fernow. „Ein Kammerherr Sr. Hoheit des Regenten, ein Herr Baron von Wenden,“ antwortete der Photograph. Hackländer. Der Augenblick des Glücks. I. 16 1 Elftes Kapitel. „Alle Teufel!“ entfuhr es dem Major, indem er von ſeinem Sitze faſt in die Höhe geſprungen wäre. Obgleich er ſitzen blieb, ſo entging doch die Bewegung, die er machte und der Ausruf des Erſtaunens dem Andern nicht. „Sie kennen ihn?“ fragte er beſorgt.„Sie kennen ihn vielleicht ſehr genau, und am Ende that ich Unrecht, darüber zu ſprechen.“ „Und wenn es mein Bruder wäre,“ entgegnete ernſt Herr von Fernow,„ſo würde ich, nachdem Sie mir Ihr Geheimniß anvertraut, auf Ihrer Seite ſtehen. Aber ſeien Sie unbeſorgt, ich kenne Herrn von Wenden gut, ich kenne ihn ſogar recht genau, und bin daher wohl im Stande, Ihnen einen Rath zu ertheilen. Nur muß ich in dieſem Falle bitten, ohne Rückſicht zu ſprechen, und mir auch nicht die kleinſten Umſtände zu verſchweigen, die in den letzten Tagen vorgefallen ſind.“ 3 Das that der Photograph, aber was er zuerſt erzählte, drehte ſich immer um denſelben Punkt, daß ſie am Fenſter ſtand und hinüberblickte, daß er das Gleiche that, und Zeichen gab. Als aber der Erzähler darauf zu dem gelun⸗ genen Portrait kam, das er von dem Mädchen gemacht, und daran knüpfend der beiden Herren erwähnte, die auf ſo geheimnißvolle Art bei ihm erſchienen ſeien, da wurde die Aufmerkſamkeit des Majors, welche dieſem bis jetzt die Theilnahme für den jungen Mann eingeflößt, auf einmal ganz anderer Art. Er ſchaute vorſichtig umher, und beugte Leuchtkäfer. 243 ſich dann gegen ſeinen Nachbar, um kein Wort von der leiſen Schilderung zu verlieren, welche dieſer ihm von den beiden Herren entwarf. Die kleine, lebendige Figur mit dem forcirt jugendlichen Weſen, mit dem ewigen, ſeltſamen Lächeln, mit dem wunderlichen Gange und der zuckenden Bewegung der Hände war ſofort entdeckt: Baron Rigoll, wie er leibte und lebte. Die fernere Erzählung des Photo⸗ graphen, daß er ſpäter die beiden Herren an dem gegenüber liegenden Fenſter bemerkt, machte die Entdeckung zur Ge⸗ wißheit. Aber wer konnte der andere Herr ſein? Der Regent, nach der ehrerbietigen Art, wie er von dem Baron 4 Rigoll behandelt ward? Unmöglich jedoch! Was ſollte die⸗ ¹ ſer davon haben, ſich im Geheimen photographiren zu laſſen? V Das hatte keinen Sinn. Wer alſo konnte es ſein? Das Einfachſte war auf alle Fälle, den Photographen nach Hauſe zu begleiten, und ſich eine Copie der beiden Köpfe zeigen zu laſſen. Er nahm ſich vor ihm ſpäter dieſen Vorſchlag zu machen, doch theils getrieben von der wirklichen Theil⸗ nahme, welche er für den jungen Mann gefaßt, theils auch, um das große Intereſſe nicht zu verrathen, das er an den beiden geheimnißvollen Herren nahm, überlegte er einen Augenblick, was in der Sache zu thun ſei. Baron Wenden war nicht ungefährlich; doch da ihm in allen Dingen Ent⸗ ſchloſſenheit und Energie fehlte, und er, ſtatt ſein Ziel durch ein gerädes Darauflosgehen zu erringen, es eebte, ſeine Fäden langſam zu ziehen, wie die Spinne ſen Syſer nach Elftes Kapitel. und nach zu umgarnen, es zu ermatten, bis es zu fernerem Widerſtand unfähig in ſeine Netze fiel, ſo wurde der Kam⸗ merherr, wenn es einmal nöthig war einen kecken Schritt zu thun, leicht plump und täppiſch. Darauf baute Herr von Fernow ſeinen Plan. „Es iſt eine delikate Sache,“ ſprach er nach längerem Nachſinnen,„und für einen Dritten ſchwer zu rathen. Sind oder waren Sie wenigſtens von der Liebe des Mädchens zu Ihnen überzeugt?“ „Ob ich es war!“ antwortete der junge Mann.„Wie ſie mir, ſo war ich ihr Alles. Sie hatte keinen andern Gedanken als für mich und ihr Glück.“ „Und das Mädchen lebt bei ihrer Mutter?“ „Leider, leider!“—„Dies Leider! beweist mir, daß ich richtig vermuthe. Das Mädchen iſt ſchön, die Mutter eitel; es ſchm zelt ihr, wenn ſich ein vornehmer Herr, wie ſie es ne um ihre Tochter bewirbt.“ 8* iſt es,“ ſeufzte der Photograph. „Die Mutter protegirt die Geſchichte mit dem Gegen⸗ über,— ja, die Sache iſt nicht ohne Bedeutung.“ „O, ſie iſt ſehr ſchmerzlich. Ich kann es nicht ertra⸗ gen und werde darüber zu Grunde gehen.“ „Geduld,“ antwortete Herr von Fernow mit ermun⸗ terndem Ausdruck,„man geht nicht ſogleich zu Grunde, wenn man den Kopf oben und die Augen offen behält. Wir müſſen ſehen, wie zu helfen iſt.“ „Wenn es ein guter Augenblick geweſen wäre, daß ich Sie hier getroffen!“ ſagte der Andere im herzlichſten Tone. —— Leuchtkäfer. „Vielleicht ein Augenblick des Glücks für uns Beide,“ verſetzte lächelnd der Major, indem er an die geheimnißvollen Photographien dachte.„Armer Wenden,“ ſprach er zu ſich ſelberg„ich fürchte, dir nochmals in die Quere zu kommen; es war unprophetiſch von dir, mir deine Theorien ſo zuverſichtlich auseinander zu ſetzen— doch zur Sache.“ Er wandte ſich abermals an ſeinen Nachbar.„Vor allen Dingen muß ich wiſſen, von welchem Charakter das junge Mädchen iſt. Verzeihen Sie mir die peinliche Frage: Hal⸗ ten Sie ſie in der That für fähig, ſich in ein Verhältniß einzulaſſen, das durch Zeit und Umſtände gefährlich werden könnte?“ „Wenn ich das zugäbe,“ entgegnete der junge Mann, „ſo müßte ich ja der Anſicht ſein, ſie liebe mich nicht mehr, und das kann und will ich nicht. Ich will und muß vieles von der Schuld, die ſie vielleicht hat, auf die Einflüſterun⸗ gen ihrer Mutter werfen. Sie wiſſen wohl ſelbſt, was eine tägliche Umgebung vermag. Die Eitelkeit, von einem vornehmen jungen Manne beachtet zu werden, mag auch das Ihrige dazu beigetragen haben. Roſa berechnete in ihrer Unſchuld nicht, was unter ſolchen Verhältniſſen ein Blick des Auges, ein Zeichen zu bedeuten hat.— Aber vielleicht hat ſie jetzt ſchon den Abgrund zu ihren Füßen erkannt, und iſt ſchaudernd davor zurück gewichen.“ „Das iſt möglich,“ ſagte Herr von Fernow in ruhigem Tone,„und dann wäre es am Ende unnöthig, Ihnen in Ihrer Angelegenheit zu rathen.“ „Dennoch fürchte ich wieder, es iſt nicht unnöthig!“ 246 Elftes Kapitel. rief der Andere.„Den ganzen Tag werfe ich das Für und Wider in meinem Kopfe herum.“ „So beantworten Sie mir eine andere Frage. Hat das junge Mädchen einen energiſchen, feſten Cha unr Gemüth weich, hingebend, oder ſtolz und zurückſtoßen „O eher das letztere, und das hat mich ſo unſäglich zu ihr hingezogen.“—„Sie iſt noch ſehr jung?“— „Zwei und zwanzig Jahre.“—„Sie iſt alſo heiter, offen, lebhaft, keiner von jenen ſtillen Charakteren, die nur um Alles in der Welt den Schein meiden mögen, die beſtändig die Augen niederſchlagen, ſo bald ſie ſich bemerkt ſehen, die dagegen feſt zu blicken wiſſen, ſo bald ſie ſich unbeobachtet glauben?“ „Ob ſie heiter und offen und ehrlich iſt! Aber etwas heftig, wenn man ſie reizt, und ſie kann leicht gereizt ſein.“ „Wohlan denn, ſo ſeien Sie klug und ſehen Sie vor der Hand nicht was am dieſſeitigen oder jenſeitigen Fenſter vorfällt. Bekümmern Sie ſich gar nicht darum, ob der drüben irgend welche Schritte thut. Das zu erfahren ſei meine Sache.“ „O ich danke Ihnen.“ 3 „Keinen Dank, bis wir zu einem guten Ende gekommen ſind.— Wie geſagt, halten Sie ſich ganz ruhig. Sollte Gefahr vorhanden ſein, ſo werde ich Sie zu benachrichtigen wiſſen.— Alſo Ihr Atelier iſt vis-à-vis dem Hinterhauſe?“ „Heinrich Böhler im 4ten Stock, Pfahlgaſſe No. 4.“ „Ich werde mir's merken, und Ihnen vielleicht morgen einen Beſuch machen. Sollte ich das Zimmer verfehlen Leuchtkäfer. 247 und ein Stockwerk tiefer anfangen, wo— Sie verſtehen mich— ſo darf Sie das nicht wundern. Ich habe vielleicht meine Gründe dabei.— Apropos,“ ſetzte er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen hinzu,„wenn ich Sie beſuche, könnten Sie mir einen Gefallen thun. Es wäre mir in⸗ tereſſant, die Portraits jener beiden Herren zu ſehen, die ſich vor einigen Tagen, wie Sie mir erzählten, bei Ihnen z photographiren ließen.“ „Was das anbelangt,“ ſagte faſt erſchrocken der Pho⸗ tograph,„ſo bin ich in der That troſtlos, Ihnen nicht dienen zu können. Sie werden mir beipflichten, daß ich Alles auf⸗ bieten muß, um den Wünſchen meiner Kundſchaft entgegen zu kommen. Nun hab' ich aber den beiden Herren nicht 4 nur verſprechen müſſen, keine weiteren Copien von den Bildern zu machen, ſondern auch die Glasplatten nach dem erſten guten Abzug augenblicklich abzuſchleifen. Ich bin in der That unglücklich, Ihnen den kleinen Dienſt nicht leiſten zu können. Aber da ich mein Wort gab, muß ich's halten.“ Daß der Andere ärgerlich mit dem Fuße auftrat, und eine ſehr unmuthige Geberde machte, konnte der junge Mann nicht ſehen, da es völlig dunkel geworden war; auch zuckte Herr von Fernow ein paar Mal verdrießlich mit den 4 Achſeln, worauf er jedoch gelaſſen ſagte:„Allerdings, ſein Wort muß man halten. Auch ändert das nichts in un⸗ ſerer Angelegenheit. Sie haben mir Ihr Vertrauen ge⸗ ſchenkt, ich werde es nicht mißbrauchen. Hier nehmen meine Karte, damit Sie auf alle Fälle wiſſen, mit w Sie es zu thun gehabt.“ Elftes Kapitel. Leuchtkäfer. Der Photograph ſtreckte ſeine Rechte darnach aus und als er mit der Karte zugleich den Finger des Unbekannten berührte, griff er mit beiden Händen darnach und drückte ſie herzlich und innig, indem er ſagte:„Wie danke ich Ihnen für die Freundlichkeit, die Sie mir erzeigt. Ich weiß nicht, wie es kam, aber es war ein unerklärliches Gefühl, welches mich antrieb, mit Ihnen zu ſprechen, als Sie auf die Terraſſe traten. Sie hatten für mich ſo viel⸗ Zutrauen Erweckendes und es war gerade, als ſpräche es in mir: Das iſt ein Mann, der dir zu rathen und zu helfen vermag. Wahrhaftig,“ fuhr er mit Wärme fort, „wenn unſer Geſpräch ſich nicht auf ſo überraſchende Art von ſelbſt dahin gewandt hätte, ich wäre im Stande ge⸗ weſen, mich Ihnen geradezu zu entdecken.“ „Ich danke Ihnen für die gute Meinung,“ verſetzte der Major,„und glaube Ihnen verſichern zu können, daß Sie an keinen Unrechten gekommen ſind. Aber gehen wir, es iſt Nacht geworden.“ Und ſo war es in der That. Die Nachtigall war längſt verſtummt, der Mond war zwiſchen den ſchwarzen Föhren verſchwunden, der Himmel ſtrahlte nicht mehr im Wider⸗ glanz der untergehenden Sonne, ſondern hatte ein tiefes glänzendes Blau angenommen, auf dem mit jeder Sekunde mehr und mehr plötzlich aufleuchtender Sterne hervorſpran⸗ Die Nacht ſank nieder und in ihrem Gefolge tiefes, pliches Schweigen, nur von den Schritten der beiden hhinwandelnden unterbrochen.