Leihbibliot ek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Rerthe deſſelben entſprechende Summe 1 1 1 eines Buches, eine dem Werthe de hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ¹ wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für cochentlich 4 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Tcr.— Pf. 1 Mr. 59 Pf. 2 Mrt.— Pf. „ 3 2„=„ 3„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigeneie Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Decoration war über alle Beſchreibung prachtvoll und wirkſam geweſen, und wenn auch Herr Schlegel am Abende der Vorſtellung nicht auf das Sonnenlicht rechnen durfte, ſo hatte er ſich doch in anderer Art zu helfen gewußt, die Coſtumes waren reich und geſchmackvoll und die mitwirkenden Perſonen hatten ſo vortrefflich geſtanden, daß ſie jeder Statue Concurrenz hätten machen können. Man hatte die alte Baronin von Stockhaußen durch einige paſſende Worte zur Vernunft zurückgebracht, und wenn ſie ſich auch mit tiefem Seufzer die Kneifbrille auf ihre knöcherne Naſe drücken ließ, dabei in Einem fort betheuernd, es werde ihr nicht gelingen, eine alte Perſon darzuſtellen, denn die Zeit, wo ſie als jugendliche Erſcheinung mitgewirkt, liege noch gar zu nahe, ſo gab ſie doch die vertrocknete Spinnerin mit einer ſolchen Wahrheit, daß ſelbſt ihr Gemahl, der Baron von Stockhaußen, gegen einen vertrauten Freund die Bemerkung nicht unterdrücken konnte, er habe noch nie eine vortrefflichere alte Hexe geſehen. Und erſt die gelbe Tochter des Hofmarſchalls! An ihr hatte Fräulein Leonie Gerhold Wunder gethan; allerdings hatte ſich die 8 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Aermſte auch ſchon ſeit Nachmittags zwei Uhr in einem feſt ver⸗ ſchloſſenen, abgelegenen Cabinet mit ihr allein beſchäftigt, hatte ſie mit flüſſiger Perlſchminke und mit poudre de cramoisi, mit Reiß⸗ ſtaub, Schwanenflaum und Haſenpfote ſo gründlich bearbeitet, daß ſie ſpäter in der allgemeinen Garderobe mit einem Teint erſchien, gegen welchen Lilienblatt und Pfirſichblüthe wie vertrocknete Apfel⸗ ſchalen erſchienen. „A— a— a-—ah, wirklich wunderbar!“ konnten ſich einige der Damen, die am meiſten mit Neid erfüllt waren, nicht enthalten laut auszurufen, und dabei war es äußerſt merkwürdig, wie jetzt die eine nach der anderen etwas ganz außerordentlich Dringendes im Geheimen mit der jungen Sängerin zu ſprechen hatte. Dieſe war überhaupt in Kurzem das Factotum ſämmtlicher jungen und älteren Damen; wo ſie gerade ſtand, vernahm man leiſes Kichern oder lautes Lachen, und dabei war ſie auf jeder Seite an, allen Toilettetiſchen zu ſehen, hier rathend, dort helfend, hier vermindernd, dort zulegend, und dabei fand ſie immer noch Zeit, Ihre Excellenz die Frau Gräfin Blendheim, welche auch heute das Ganze wieder überwachend in ſtiller Majeſtät da ſaß, dringend um eine Anleitung oder einen vortheilhaften Rath zu bitten, wobei ihr Geplauder ſo unerſchöpflich, ſo allerliebſter Art war, daß die gute Gräfin oftmals ihrer Würde vergaß und vor Vergnügen laut hinauslachte. Und dabei war alles ſo harmloſer Natur, was Leonie Gerhold erzählte, wie bedauerte ſie ihren Chef, daß er ſo ſehr von den In⸗ triguen der Mitglieder der Bühne und der Verleumdung der Stadt zu leiden habe, wie warm nahm ſie ſeine Partei und verſicherte auf das beſtimmteſte, daß er ſie und ihre Colleginnen nur mit den In⸗ tentionen eines Vaters, nur mit den wohlwollenden Geſinnungen eines Beſchützers behandle, daß er ohne die geringſte Parteilichkeit ſei, ohne vorgefaßte Meinung, daß er Alle mit der gleichen Liebe umfaſſe, Alle, incluſive Chor und Ballet, ja, ſogar die Geſang⸗ und Tanzſchule. Dabei wußte ſie kleine, pikante Anekdoten zu erzählen von jungen Offizieren und alten Großwürdenträgern, die, nach demſelben Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 9 Ziele ſtrebend, nicht immer gleich glücklich ſeien; von Geſchenken, welche die richtige Adreſſe verfehlt, und von eiferſüchtigen Frauen, die im Schatten eines dicken Baumes neben dem Theater gewartet, während der Gemahl ſich gänzlich unbemerkt im Dunkel der kleinen Ausgangsthür, welche zur Bühne führt, geglaubt. Auch von höchſt vornehmen Herren, welche auf eigene Art die Kunſt unterſtützt, wußte ſie Lehrreiches zu berichten und gab dabei Einiges von der Zeichenſprache zwiſchen Bühne und Publikum zum Beſten, daß zum Beiſpiel eine Bewegung gegen das Herz hin bedeute: wie glücklich war ich, dich zu ſehen!— das Bedecken der Augen: ſei auf deiner Hut, ein anderes Lorgnett iſt ſcharf auf mich gerichtet!— das An⸗ fühlen des Haares: ſüßes Hoffen— das Aufheben der Hand: ich werde ſchreiben. Weiter gab Leonie auch ergötzliche Dialoge zum Beſten, wie ſie auf der Bühne zuweilen von den handelnden Perſonen bei vor⸗ kommenden Gelegenheiten eingeſchoben werden, zum Beiſpiel in einer höchſt erregten Scene, wo die troſtloſe Braut des räthſelhaft ver⸗ ſchwundenen Bräutigams den noch troſtloſeren Vater zu beruhigen ſucht: Auf den Himmel laß uns vertrauen, Vater, er wacht ja auch über deinen Sohn! ruft ſie im Tone des tiefſten Schmerzes und ſetzt flüſternd hinzu:„Ihre Perrücke hat ſich auf der linken Seite verſchoben.“—„Ha,“ ſchreit er auf, ſein Haupt mit beiden Hän⸗ den umfaſſend,„dem Himmel ſoll ich trauen, der mich mit furcht⸗ baren Schlägen zu vernichten droht!— Sitzt ſie jetzt gerade?— Ja.— Ha, Entſetzen!“ Das erzählte ſie alles ungezwungen und natürlich, wodurch ihre kleinen Geſchichten erſt die richtige pikante Würze bekamen; auch verfehlte ſie dabei durchaus nicht, ihr Amt zu verwalten, und jede der anweſenden Damen mußte, als ſie fertig war und ſich vor dem koloſſalen Spiegel beſah, geſtehen, daß ſie nie ſo ſchön aus⸗ geſchaut oder ſo— troſtlos häßlich, ſo förmlich zum Zurückſchau⸗ dern, wie die Baronin von Stockhaußen von ihrem Spiegelbilde ſprach. Auch gute Lehren gab Leonie noch mit hinter die Couliſſen; 10 Fünfundvierzigſtes Kapitel. um Alles in der Welt ſollten ſie keinen Verſuch machen, irgend einen Bekannten anzuſehen oder gar zu lächeln, Athem holen ſo leicht als möglich, und wenn ihnen gar etwas Menſchliches paſſiren ſollte, zum Beiſpiel das Nieſen ankäme, lieber dieſes gerade heraus zu thun, als es unter Geſichtsverzerrungen verheimlichen zu wollen. So war ſie in den paar Stunden ihres Dienſtes der Liebling Aller geworden; ſogar die Baronin von Hardenberg hoffte, ſie ſpäter wieder zu ſehen, und die Gräfin Blendheim nannte ſie, als ſie nun Abſchied nahm, ein liebes Kind, bedauerte unendlich, daß es nicht möglich ſei, ſie die lebenden Bilder mit anſehen zu laſſen, und er⸗ ſuchte ſie unter einem vielſagenden Lächeln, am andern Morgen zwiſchen zehn und eilf Uhr zu ihr zu kommen. „Ein liebenswürdiges Mädchen— ein vortreffliches Geſchöpf — wie angenehm unterhaltend!“ ſo ſprach der ganze weibliche Kreis über ſie, und Alle fanden es incroyable, abominable, insupper- kable, daß man dieſer vortrefflichen Sängerin Rollen habe ab⸗ nehmen wollen, um ſie dieſer ennuyanten Berger zu geben— das macht die widerwärtige Wuth des Protegirens, unter der wir Alle zu leiden haben!“ Wie ſchon oben bemerkt, die Decorationen zu den lebenden Bildern waren außerordentlich befunden worden und verdienten es auch in der That, ſo benannt zu werden. Vor Allem war der an⸗ brechende Morgen höchſt gelungen, ſo daß eine junge, ſchwärmeriſche Dame ſagte, ſie vermiſſe nichts, als den Geſang der Vögel, und alsdann von ihrem Nachbar, einem eben ſo ſchwärmeriſchen Garde⸗ Officier, ſeufzend zur Antwort erhielt, er ſei vollkommen befriedigt — was gehe ihn der Geſang der Vögel an, da er an dieſem wunderbaren Morgen das Glück habe, in die Augen der ſchönſten Fee zu blicken. „Bravo, bravo!“ rief in dieſem Augenblicke der Fürſt, aller⸗ höchſtſelbſt heftig applaudirend, nicht über die Bemerkung des Garde⸗Lieutenants, ſondern über das Erſcheinen des verzauberten Schloſſes in roſigem Morgendufte. Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! Dabei war auch die friſche Jagdfanfare, ehe ſich der Vorhang ſchloß, von gewaltiger Wirkung, und ein alter Geheimrath, ein Verehrer claſſiſcher Muſik, ſagte, die berühmte Trompeterfanfare in der Oper Fidelio habe ihn nicht mehr erſchüttert, als hier der ſo vortrefflich angebrachte Klang des Waldhorns— der Geheimrath war nebenbei ein wenig Hofſchmeichler, und ſeine ſehr laute Aeuße⸗ rung wurde mit einem gnädigen allerhöchſten Blicke belohnt. Für das Ende hatte Schlegel noch eine Ueberraſchung auf⸗ geſpart; denn nachdem ſich der Vorhang hinter dem letzten Bilde geſchloſſen, öffnete er ſich wenige Minuten darauf langſam wieder und zeigte eine Gartenterraſſe des Schloſſes, in welchem nun wahr⸗ ſcheinlich der Königsſohn mit Dornröschen wohnte. Auf dieſer Terraſſe befand ſich, von Blumen umgeben, ein Marmorbaſſin, aus welchem ein lebendiger Waſſerſtrahl in die Höhe ſtieg und plätſchernd wieder niederfiel, während man über das Geländer hinweg eine wunderbare Fernſicht hatte. Der Staatsrath von Stumpfenfels und der Kammerherr Frei⸗ herr von Schenk ſtanden neben dem Ober⸗Hofmarſchall, und als der Freiherr von Schenk den Fürſten jetzt abermals und ſehr heftig applaudiren ſah, flüſterte er ſeinen Collegen zu:„Wir hätten die Artikel eben ſo gut einſalzen können.“ „Und es wäre vielleicht klüger geweſen, denn der Fürſt ſprach mir vor ein paar Tagen mit koloſſaler Naivetät von einem dritten Artikel, den ich ihm nicht vorgelegt.“ „Ah, mon Dieu, iſt das nicht gefährlich?“ „Es macht unſer Manöver gegen den gemeinſchaftlichen Feind vor der Hand zu nichte— ich war ſo klug, über den Artikel zu lachen und ihm ſelbſt eine Stelle am Schluſſe in's Gedächtniß zurück⸗ zurufen, wo es von unſerem allerdings noch nicht weit vorgeſchrittenen zoologiſchen Garten heißt: ‚Man erlaubt ſich ſchließlich, ein geehrtes Publikum zu benachrichtigen, daß die Abtheilung für Würmer be⸗ deutend vermehrt worden iſt, und zwar von der intereſſanten Gat⸗ ſtung, welche ein gewiſſer hoher Beamter den Actionären aus der — 12 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Naſe zu ziehen glaubte, als er das Ganze in ſeine umſichtige und kräftige Hand nahm. Allerhöchſtdieſelben lachten über den ſchlechten Witz anhaltend, ſo daß ſie alles Andere total vergaßen.“ „Die Frau Fürſtin⸗Mutter,“ ſagte der Ober⸗Hofmarſchall, welcher die Bewegungen ſeiner Herrin genau beobachtet,„hat von der ganzen Komödie ſehr wenig geſehen, ſie unterhielt ſich in Einem fort höchſt gnädig mit ihren Nachbarn, und bei dieſem letzten Trumpf, den Herr Rodenberg ſeinen Herrn Schlegel ausſpielen läßt, wendet ſie der Bühne den Rücken— wie ich die Eigenſchaften dieſer hohen Dame bewundere...“ „Und ihre unerſchütterliche Conſequenz,“ ergänzte der Kammer⸗ herr—„ihre vornehme Kälte— ihren wundervollen Haß, der noch wie Keulenſchläge auf die Häupter unſerer Feinde nieder⸗ fallen wird.“— Rodenberg hatte ſich hinter der Scene von Schlegel verab⸗ ſchiedet und ihm dabei geſagt, wie zufrieden der Fürſt mit ſeinen Leiſtungen ſei und daß er ſicher auf eine glänzende Anſtellung rechnen dürfe. Der Decorationsmaler, welcher heute Abend ſelbſt Hand angelegt hatte, wie ein halbes Dutzend Arbeiter in ſeiner beſtaubten und mit Flecken beſäeten Blouſe, ſchüttelte ihm dankend die Hand und konnte mit einem Blicke auf den ſchwarzen Frack und die weiße Halsbinde des Anderen nicht unterlaſſen, zu ſagen:„Nehmen Sie mir nicht übel, lieber Rodenberg, wenn ich mich glücklich ſchätze, jetzt, nach gethaner Arbeit, ruhen zu dürfen, daß ich mich deßhalb ſo ſchleunig zurückziehe, als möglich.“ „Wohin gehen Sie, Sie Glücklicher?“ fragte der Andere, in⸗ dem ein leichter Schatten über ſeine Züge flog. „Wir haben uns in die ‚Goldene Kanne: beſtellt— Walter kommt dorthin, den ich, ſeit er zurück iſt, nur ein paar Mal flüch⸗ tig geſehen, und auch der kleine Rafael— das iſt ein ganz ge⸗ wichster Burſche, der ſeinen Weg machen wird.“ „Laſſen Sie nur öffentlich ſich nicht zu viel mit ihm ſehen,“ warnte Rodenberg;„nicht als ob er mir nicht eben ſo lieb als die Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 13 vornehmſte Geſellſchaft wäre— aber wie Sie wohl wiſſen, iſt er Mitarbeiter eines ſehr bösartigen und deßhalb höchſt mißliebigen Blattes— Adieu, Schlegel, ich ſehe da einen Lakaien, der nach mir fahndet— weiß Gott, ich beneide Sie um Ihre bequeme Blouſe!“ „Seine Königliche Hoheit haben nach Ihnen geſehen,“ ſagte der Bediente, indem er alsdann ehrerbietig auf die Seite trat.— Rodenberg hatte ſich am heutigen Abend noch nicht im Zu⸗ ſchauerraume blicken laſſen: das Ballfeſt, wenn man es ſo nennen konnte, begann mit den lebenden Bildern, dann ſollte geſpielt und getanzt werden, ſpäter ſoupirt. Ehe die Vorſtellung begann und als Rodenberg ſicher war, daß Alles in Ordnung ſei und ſich Alles auf ſeinem Poſten befinde, begab er ſich an den Vorhang, wo eine kleine Oeffnung zum Hinausſchauen angebracht war; der große Saal war noch leer und zahlreiche Lakaien beſchäftigt, die Stuhl⸗ reihen ſo zu ordnen, daß die Herrſchaften mit leichter Mühe ihre Plätze einnehmen konnten und einander ſo wenig als möglich im Sehen hinderlich waren. Zur beſtimmten Stunde ließ der Ober⸗Hofmeiſter des Fürſten am Ende des Saales die Flügelthüren öffnen und diejenigen der Eingeladenen, welche ihrem Range nach in die zweite und dritte Reihe kamen, eintreten. Trotz ſeines guten Auges hatte ſich Roden⸗ berg mit einem ſcharfen Glaſe bewaffnet und betrachtete jede ein⸗ tretende Perſon mit einer Aufregung, die einem Gefühle der Angſt gleichkam. Zuweilen ſchlug ſein Herz laut und heftig, und allemal war er wieder glücklich, wenn er ſich getäuſcht hatte. Sie war angekommen— ſie, für welche er ſich in den letzten Tagen trügeriſcher Weiſe ein Gefühl der Gleichgültigkeit eingeredet hatte— ſie, der er hoffte, kalt und förmlich entgegentreten zu können— Juanita! Und doch, als er endlich erfuhr, ſie ſei in der That angekom⸗ men, ſie ſei mit Don Joſe angekommen, da hatte ſic ſein Her Hackländer’s Werke. 56. Bd. 14 Fünfundvierzigſtes Kapitel. krampfhaft zuſammengezogen, da war er erblaßt und hatte es mit aller Kraft kaum vermocht, ſeinem Gönner, dem Prinzen Heinrich, zu ſagen, er ſei begierig, ob ſich die berühmte Marcheſa de Monterey des wilden Jägers erinnern werde. Er wußte, daß ſie zu Hofe eingeladen war; er wäre glücklich geweſen, wenn er ſie unter den Zuſchauern entdeckt hätte, und doch zitterte er vor dem Momente zurück, wo er die geliebten Züge erblicken, wo er das Leuchten dieſer glänzenden Augen ſehen würde. Nun war die Hälfte des Saales beſetzt, das heißt die Ein⸗ geladenen ſtanden vor ihren Stühlen, den Hof erwartend, der jetzt durch eine andere Thür, empfangen von rauſchender Muſik, eintrat: der Fürſt mit der Fürſtin⸗Mutter, der Hofſtaat, das diplomatiſche Corps, die Miniſter und ſonſtigen Großwürdenträger, vornehme Gäſte, ein paar ausgezeichnete Fremde— nur ſie nicht. O, ſie wäre ſeinem ſcharfen Blicke nicht entgangen, noch weniger aber Don Joſe's hohe, auffallende Geſtalt— ſie war nicht da— ſie hatte wohl die Einladung abgelehnt— dachte auch ſie vielleicht an ihn, von dem ſie wohl wiſſen konnte, daß er hier war?— Fürchtete ſie, ihm zu begegnen? Doch hatte er dieſe eiteln Gedanken als eine Lächerlichkeit verworfen und war mit etwas leichterem Herzen zurückgetreten, um das Zeichen zum Anfange zu geben. Ja, mit leichterem Herzen, denn er fürchtete ſich vor einer Begegnung mit Juanita, nicht als ob er des Glaubens geweſen wäre, ſie würde ihn mit einem Worte, ja, auch nur mit einem Blicke an die Stunden erinnert haben, unter denen ſie geſchieden— nein, das fürchtete er nicht, denn er kannte zu gut ihren Stolz, ihre vornehme Kälte, Eigenſchaften, die ſich bei ihrer glänzenden Laufbahn gewiß nicht vermindert hätten— aber es war ihm, als er von ihr hörte, wie wenn das Märchen wieder beginne, das ihn ſo ſelig und dann wieder ſo entſetzlich unglücklich gemacht: es war ihm, als erſchienen an ſeinem Horizonte finſtere Wolken und als müſſe er gewärtigen, ein ſchweres Verhängniß über ſein Haupt heranziehen zu ſehen— war es ihm doch überhaupt zu Muthe, als ſähe er, Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 15 wenn auch in weiter Ferne, das Leuchten der Blitze und vernehme das Rollen des Donners. Rodenberg ging der vorhin erhaltenen Aufforderung genäß in den Saal zurück, und da der Fürſt nicht weit von ſeiner Mutter ſtand, welche im Begriffe war, verſchiedenen Perſonen eines großen, ſie in einem weiten Ringe umgebenden Cercle's etwas Angenehmes zu ſagen, ſo mußte er ſich ebenfalls dieſer Gruppe nähern, that es aber auf einem Umwege, um ſo in den Rücken der allerhöchſten Herrſchaften zu gelangen. Doch faßte ihn der Fürſt alsbald am Arme, um ihm ein paar kleine Aufträge zu geben, und da im gleichen Augenblicke der Kreis der Damen und Herren ehrerbietigſt beim Anblicke des etwas vortretenden Fürſten zurückwich, ſo konnte es nicht fehlen, daß Rodenberg im nächſten Augenblicke im Cercle der Frau Fürſtin⸗Mutter ſtand. Sie war eine große, majeſtätiſch ausſehende Frau— auf ihrem Geſichte ſah man Spuren ehemaliger Schönheit, zugleich aber auch einen ſo eiſigen Ausdruck, daß es Einen fröſtelnd überlief und daß man ſich unwillkürlich nach einer kalten Zugluft umſchaute. Dieſes Gefühl aber hatte man alsdann am allerſtärlſten, wenn man getroffen wurde von dem Blicke dieſer großen, ſchönen Augen— Augen, die lebhaft erinnerten an das Leuchten des Mondlichtes auf eine weiße Schneefläche. Sie lachte nie, die Fürſtin, lächelte nur ſelten, und dann wußte man ziemlich genau, bei welchen Ver⸗ anlaſſungen; wenn ſie aber einmal außer der Regel lächelte, ſo gingen ſelbſt ihre Günſtlinge ängſtlich mit ſich zu Rathe, ob ſie vielleicht hierzu Veranlaſſung gegeben hätten. Als ſich die hohe Frau jetzt zufällig gegen Rodenberg wandte, traf ihn vorübergehend wie der Blitz ein Blick aus dieſen eigen⸗ thümlich ſchönen Augen; ſie lächelte und ſagte zu ihrem Sohne: „Vielleicht gefällt es Dir, mich in's Spielzimmer zu führen, das Stehen macht mich müde.“ Drei Viertel des Cirkels flatterten mit dem fürſtlichen Paare davon, und unter dieſen Wenige, welche für Rodenberg, wenn auch 16 Fünfundvierzigſtes Kapitel. vielleicht widerſtrebend, nicht ein freundliches Kopfnicken oder ein angenehmes Wort gehabt hätten; Andere aber traten herzlich auf ihn zu, ſchüttelten ihm die Hand und ſaglen ihm ſo laut als mög⸗ lich, wie entzückt ſie geweſen ſeien von ſeinem Arrangement der lebenden Bilder—„Sie tanzen nicht,“ ſagte ihm ein alter, ver⸗ dienter Offizier, der General von Möllendorf, aus dem gewöhnlichen Soirée⸗Geplauder machen Sie ſich auch wenig— kommen Sie, wir wollen Leute zu einer Partie Whiſt werben— he, Baron Hund, ſind Sie engagirt?“ „Noch nicht,“ liſpelte der vom Höllenſteine; doch als er ein paar Schritte näher gekommen, ſeine Lorgnette aufgeſetzt und Roden⸗ berg erkannt, ſetzte er raſch hinzu:„Wie ich ſo vergeßlich bin— habe ich doch dem Staatsrathe von Stumpfenfels verſprochen, eine Partie mit dem Strohmanne zu machen!“ „Dabei ſind Sie ſehr an Ihrem Platze,“ konnte ſich der alte General nicht enthalten, ihm zu ſagen—„kommen Sie, wir finden ſchon beſſere Leute.“ „Eure Excellenz geſtatten mir, zu bemerken, daß ſich die Fürſtin ſo eben in's Spielzimmer zurückgezogen.“ „Deſto beſſer, und um Allen ein Vergnügen zu machen, will ich ein paar Leute engagiren, die dieſes Engagement nur mit getheiltem Herzen annehmen— kommen Sie!“ Damit zog er Rodenberg davon. „Da iſt der Kammerherr Freiher von Schenk, der eine kleine Million darum gäbe, wenn er zur allerhöchſten Spielpartie befohlen würde— Herr Kammerherr,“ rief er dieſem zu, als ſie in's Spiel⸗ zimmer eingetreten waren,„ich lade Sie zu einem kleinen Whiſt ein!“ „Mit Vergnügen, aber ich ſpiele gern zu Vieren mit Austreten.“ „Das können wir haben— auch zu Fünfen, wenn es Ihnen ſo lieber iſt— da ſehe ich Stumpfenfels und den Baron Hund immer noch auf einen anderen Strohmann warten— bitte, ihnen zu ſagen, ich ließe ſie erſuchen, bei uns einzutreten— wir haben hier einen charmanten Tiſch, wie in einer Laube, und hören von der Tanzmuſik gerade genug, um zu wiſſen, daß wir auf einem Balle ſind.“ Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 17 Der Freiherr von Schenk hatte die beiden eben Genannten von dem Wunſche des Generals in Kenntniß geſetzt, und da der General als ein Mann bekannt war, der ziemlich rückſichtslos das ſagte, was er ſich einmal zu ſagen vorgenommen hatte, ſo erſchienen die drei Herren mit ſehr freundlicher Miene bei dem projectirten Whiſt zu Fünfen. Rodenberg hatte bis jetzt dies ganz ruhig mit angeſehen; als aber die Karten gezogen werden ſollten, ſagte er zu dem alten General:„Wenn Eure Excellenz es mir nicht ungnädig aufnehmen wollen, ſo bitte ich, mich von der Partie zurücktreten zu laſſen— ich habe noch ein paar Anordnungen zu treffen, und ohne mich ſind die Herren ja ſchon zu Vieren.“ „Zu Fünfen iſt ein recht angenehmes Spielen,“ meinte Baron Hund vom Höllenſteine, während der alte General ſo lachte, daß die Epaulettes auf ſeiner Schulter förmlich tanzten. „Man kann dabei zweimal austreten,“ ſagte der Freiherr von Schenk. 3 „Und ich ſpiele gern zu Fünfen,“ verſicherte der Staatsrath von Stumpfenfels. Der Maler beantwortete dieſe freundlichen Aeußerungen mit einer ehrerbietigen Verbeugung und ſagte alsdann, einen Schritt zurücktretend:„Ich bin Ihnen ſehr dankbar für Ihre freundliche Einladung und werde mir mit Vergnügen erlauben, ein andermal davon Gebrauch zu machen.“ „Darauf rechne ich,“ ſagte der General, indem er ihm die Hand reichte. „Wir machen uns ſtets eine Ehre daraus,“ ſprach Hund vom Höllenſteine. „Bei der nächſten Veranlaſſung hoffen wir..“ ſetzte der Kammerherr Freiherr von Schenk hinzu. „Vergeſſen Sie uns nicht,“ ſchloß der Staatsrath von Stumpfenfels. Rodenberg, der noch einen Augenblick ſtehen blieb, um dem 18 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Spiele zuzuſchauen, fühlte plötzlich, wie ſich leicht eine Hand auf ſeine Schulter legte, und hätte, ſich umwendend, vor Freude beinahe laut aufgeſchrieen, als er in das Geſicht Lytton's, des jetzigen Lord Warren, ſchaute. Da er ſich aber ſchon verſchiedene Jahre auf dem glatten Boden des Hofes bewegte, ſo hatte er auch gelernt, jeder Empfindung Meiſter zu werden, und that dies hier, trotzdem ihm der Andere ungemein herzlich entgegenlächelte, ihm ſeine Rechte darreichte und mit lauter Stimme ſagte:„Wie freue ich mich, lieber Rodenberg, Sie endlich gefunden zu haben!“ Dann ſchob er ſeinen Arm unter den des Malers und zog ihn mit ſich fort. „Wer war denn das?“ fragte der alte General. „Ein neuer Attaché der engliſchen Geſandtſchaft, Lord Warren.“ „Aus einem guten Hauſe und ſehr reich.“ „Er ſcheint den Herrn Rodenberg ſehr genau zu kennen.“ „Von Düſſeldorf her,“ ſagte der Freiherr von Schenk,„wo Lord Warren, ehemals Maſter Lytton, die Maler⸗Akademie beſuchte.“ „Es iſt etwas Eigenthümliches um dieſen engliſchen Adel,“ meinte der Staatsrath von Stumpfenfels;„heute ſind ſie Maſter gar nichts und morgen Lord Gott weiß was!“ „Das kommt bei uns auch vor,“ bemerkte der alte General; „ich kenne Leute, die vor einem Jahre noch ſehr einfache Legations⸗ räthe waren und heute in der Stellung von Großwürdenträgern ſind.“ „Durch ihre Verdienſte, aber nicht durch ihre Geburt!“ „Allerdings durch ihre unmenſchlichen Verdienſte!“— Die beiden jungen Leute hatten das Spielzimmer verlaſſen und ſich in ein kleines anſtoßendes Cabinet begeben, wo Rodenberg hinter einer rieſenhaften Epheuwand ein ganz reizendes Plätzchen kannte, um unbelauſcht, ja, unbemerkt ein animirtes Geſpräch führen zu können. Dort ließen ſie ſich nieder, Jeder in einen kleinen Fau⸗ teuil, nachdem der Lord Warren zu dem Maler geſagt, indem er ihm herzlich beide Hände ſchüttelte:„Wie freue ich mich, Sie en— ich ſinde Sie faſt unverändert, ein wenig ſtärker wiederzuſehe doch iſt Beides der Tribut, den wir der und ernſter geworden; — Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 19 Zeit entrichten müſſen,“ worauf ihm der Andere lachend erwiedert hatte:„So ſind Sie Ihren Tribut noch ſchuldig geblieben, denn ich finde Sie weder ſtärker noch ernſter geworden— Sie ſehen aus wie damals, und ich freue mich über Ihre heiteren Mienen und Ihre leuchtenden Blicke!“ Und es war in der That ſo, wie Rodenberg ſagte— Lytton hatte ſich ſo gut wie gar nicht verändert, und wenn man allenfalls ſagen konnte, die Züge des jungen Mannes von damals, der eben in's Leben trat, ſeien etwas männlicher geworden, ſo hätte man das auch wohl ſo ausdrücken können, daß ſein Geſicht ſich geiſtiger entwickelt habe und aus dem blühenden Jünglinge ein ſchöner junger Mann geworden ſei. Dabei hatte er in ſeinem ganzen Weſen etwas außerordentlich Vornehmes, welches von einem einfachen, aber ſehr gewählten Anzuge unterſtützt wurde. „Was meine heitern Mienen und leuchtenden Blicke anbelangt, ſo ſind ſie nur die Wirkung der Freude, Jemand von den früheren Gefährten gefunden zu haben— ich kann Ihnen nicht ſagen, wie angenehm mir das iſt!“ „Wann kamen Sie hier an?“ „Geſtern Abend, und hätte Sie ſchon aufgeſucht, wenn mir nur eine Minute Zeit geblieben wäre; doch mußte ich mich über Hals und Kopf in die Geſchäfte ſtürzen, welche in dieſem Augen⸗ blicke ſehr wichtiger Natur ſind.“ „Es wird Sie freuen, wenn ich Ihnen ſage, daß Walter ebenfalls hier iſt.“ „Hier, auf dem Balle?“ „Nein, aber in der Stadt— unſer guter alter Freund war nicht ſo glücklich,“ ſetzte er mit kaltem Lächeln hinzu,„eine ſo glänzende Laufbahn zu machen, wie ich.“ „Als ich es gehört, hat's mich ſehr gefreut, und ich wünſche Ihnen von Herzen Glück dazu— das heißt, wenn Sie ſich ſelbſt zufrieden und glücklich fühlen.“ „Wer kann das überhaupt von ſich ſagen, und wer würde es 8 20 Fünfundvierzigſtes Kapitel. wagen, das in meiner Stellung zu thun?— Was iſt die Gunſt meines jungen Fürſten? Gibt ſie mir einen Halt? Nicht mehr, als ein ſchwankes Rohr auf ſchlüpfrigem Boden— doch macht mir das wenig Kummer— ich ſchwimme mit dem glänzenden Strome, ſo lange derſelbe ſo gütig iſt, mich zu tragen— kommen aber einmal die Wellen zu heftig— o, ſie werden nicht ausbleiben!— und werfen mich irgendwo an's Ufer, nun, ſo hoffe ich auch da meinen Weg finden zu können— doch was ſprechen wir von mir — laſſen Sie mich lieber von Ihrer Vergangenheit etwas hören.“ „Die iſt ſehr bald erzählt: mein älteſter Oheim ſtarb und ſo wurde ich Lord Warren— leider, möchte ich hinzuſetzen, denn nun wehrte ſich mein Vater mit Händen und Füßen dagegen, mich aber⸗ mals in die Welt hinauszulaſſen, beſonders zu Euch nach Deutſch⸗ land; meinte er doch damals ſchon, als ich zurück kam, ich hätte ſehr viel von dem leichten Sichgehenlaſſen der Künſtler angenommen, und um mich gründlich davon zu heilen, wurde ich beim verkörperten Gegenſatze aller Poeſie, beim auswärtigen Amte untergebracht, fing dann endlich als Attaché bei einem der kleinſten deutſchen Höfe an und bin jetzt ſchon Legations⸗Secretär geworden; hier hoffe ich einige Jahre zu bleiben, mit Ihnen behaglich zu leben und meinen lieben Olfers wiederzuſehen, dem ich ſogleich meine Ernennung hieher ſchrieb und der mir augenblicklich geantwortet, das allein könne ihn beſtimmen, wieder nach der Heimat zurückzukehren— ſo hoffe ich denn, daß er kommt, und da wir uns ziemlich vieler Freiſtunden erfreuen, ſo werde ich Zeit genug finden, um mit Euch nach der Weiſe der damaligen Zeit zu leben.“ „Ich hoffe, Sie haben die Kunſt nicht ganz bei Seite liegen laſſen— bei einem Talente wie das Ihrige wäre das wahrhaftig jammerſchade!“ „Ich danke Ihnen für das Compliment, habe mich deſſelben aber leider nicht allzu würdig gemacht— ſind doch Jahre ver⸗ gangen, daß ich keinen Bleiſtift in die Hand nahm, als um auf unerquicklichen Aktenſtücken trockene Notizen zu machen. Als ich Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 21 aber endlich von London ſchied und dem ehrwürdigen Amte, das mich zu einem ſoliden Geſchäftsmanne ausgebildet, Lebewohl ſagte, war es mein Erſtes, mir wieder ein Skizzenbuch zu kaufen, fing auch an, darin alles Mögliche zu zeichnen, und ihm verdankte ich im vergangenen Sommer eine recht artige Bekanntſchaft. Es war in der Schweiz, wohin wir uns im Sommer gern zu begeben pflegen, um uns,“ ſetzte er mit komiſcher Würde hinzu,„von den Mühſeligkeiten des verfloſſenen Winters zu erholen, von den Stra⸗ pazen all' der Bälle, Soiréen, all' der großen und kleinen Diners, ſo wie von den anſtrengenden Arbeiten der Soupers und Spielpartien. „Es war in Zug,“ erzählte Lord Warren,„wir kamen vom Rigi; einige Bekannte und ich ſaßen auf der Terraſſe des ‚Weißen Roſſes“, zu unſeren Füßen der leuchtende See, rings um uns her die Großwürdenträger der wunderbaren Alpenwelt. Ich zeichnete ein Stück des mit ſeinen maleriſch zackigen Gipfeln ſeitwärts empor⸗ ragenden Pilatus und ſummte ein Lied dabei, während meine Be⸗ gleiter ſich entfernten, um im anſtoßenden Saale ihre kleinen Correſpondenzen zu beſorgen. Da fühlte ich die Nähe eines un⸗ bekannten Weſens und wußte, ohne aufzuſehen, daß Jemand in mein Blatt ſchaue: man hat zuweilen dergleichen Gefühle, und dieſelben haben immer etwas zu bedeuten.“ „Ei, mir ſcheint, ich erfahre eine kleine Liebesgeſchichte.“ „Ich wollte, ich könnte von etwas Derartigem berichten, doch blieb es meinerſeits bei dieſem Wunſche— ich wußte alſo, daß mir Jemand zuſchaute, und da ſich mir das mit einem angenehmen Gefühle verrieth, ſo machte dies auf mich einen wohlthuenden Ein⸗ druck, und ich hütete mich lange, umzuſchauen, um nicht am Ende doch enttäuſcht zu werden. Endlich aber mußte ich mich zurück⸗ beugen, um meine Skizze auch von der Entfernung und von der Seite anzublicken, und daß ich nebenbei aufwärts ſchaute, werden Sie ſehr natürlich finden. Da ſtand neben mir ein ganz junges Mädchen, einfach weiß gekleidet, aber gerade in dieſer Einfachheit äußerſt lieblich und elegant. Sie ſchaute mich mit großen, merk⸗ 8 . Fuünfundvierzigſtes Kapitel. würdig glänzenden Augen an und länger andauernd, als ſonſt ein junges Mädchen einen unbekannten jungen Mann anzuſchauen pflegt; aber in dem Blicke, mit dem ſie mich anſchaute, lag etwas ſo Wohl⸗ thuendes, wie ſoll ich ſagen, ſo Erwärmendes, daß ich wünſche, es hätte noch länger gedauert. Um mit ihr ein Geſpräch anzuknüpfen, brachte ich ihr mein Skizzenbuch vor die Augen und fragte ſie, ob ſie in meiner Zeichnung den gegenüberliegenden Berg erkenne. „Da lächelte ſie anmuthig und mit dem Ausdrucke der Ver⸗ wunderung, ehe ſie zur Antwort gab: Wie ſollte man das nicht erkennen— ich finde die Zeichnung ſehr ähnlich und ſehr ſchön.“ „Sie hielt in der Hand einen leichten Strohhut, auf dem ich ein kleines Sträußchen Edelweiß bemerkte, und in der anderen einen hohen Alpenſtock, auf deſſen Gemshornkrücke ſie ihre feinen Finger gelegt hatte, und wie ſie ſo vor mir ſtand, umfloſſen von dem blendenden Lichte, welches die Landſchaft erfüllte und vom See ſtrahlend zurückgeworfen wurde, hätte ich ſie in ihrem weißen Ge⸗ wande, mit dem ſchönen edeln Geſichte, dem ſo eigenthümlich leuch⸗ tenden Blicke und den eben erwähnten Attributen für irgend eine lichte, übernatürliche Erſcheinung, für eine Göttin der Alpenwelt halten können.“ „Sie beſchreiben mir das ſo genau und mit ſolcher Phantaſie, daß man ein Bild darnach malen könnte.“ „Das wäre auch wahrhaftig der Mühe werth geweſen, und um ehrlich zu ſein, verſuchte ich es auch am Abend deſſelben Tages — doch Sie wiſſen, ich war immer ein Stümper in jeder Art von Staffage, und ſo blieb es denn auch bei dem guten Willen, dieſes reizende Bild feſtzuhalten, das heißt auf dem Papier feſtzuhalten, denn anderswo hat es ſich ſehr genau eingeprägt.“ „Aha, und ſo werde ich auch erfahren, wer die Erſcheinung war, welche auf Ihr Herz einen ſo gewaltigen Eindruck ausübte; denn ich bin feſt überzeugt, Sie änderten Ihre Reiſeroute, wenn das möglich war, und reisten Ihrem Edelweiß nach.“ „Das that ich auch in der That, aber ohne großen Nutzen.“ Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 23 „So ließ man Sie in Ungewißheit, wohin ſich die junge Dame wenden würde?“ „Ganz und gar nicht; denn als ſie noch neben mir ſtand, erſchien ihr Vater auf der Terraſſe, eine wohlhabende, behaglich ausſehende Perſönlichkeit mit einem geſunden Geſichte, der ich es ihrer derben Züge wegen nicht zugetraut hätte, der Vater dieſer Tochter zu ſein.“ „Die Natur ſpielt ſeltſam.“ „Ich war auf die Mutter begierig— doch war dieſe krank in Zürich zurückgeblieben, und Edelweiß wurde nur von einer älteren Kammerfrau begleitet.“ „So waren es Leute von guter Familie?“ „Wenigſtens reiche Leute.“— Hier hielt Warren an und blickte ſeinen Freund mit einem komiſchen Lächeln an, das ſich bei⸗ nahe zu einem Lachen ſteigerte, als er ſagte:„Der Vater war ſo freundlich, mich ſeine Bekanntſchaft machen zu laſſen— Herr Specht, Fabrikant aus Zwickau.“ „Ah, aus Zwickau?— Ein proſaiſcher Name.“ „Wozu der Vater vollkommen paßte und ſomit ganz das Gegentheil ſeiner Tochter war— ſo ſehr das Gegentheil, daß ich mir ſpäter, als ich ſie in Zürich wiederſah, häufig ihren Familien⸗ namen und den Namen ihres Wohnortes vorſprechen mußte, um mich ein wenig zu beruhigen: Fräulein Specht aus Zwickau. Nur zuweilen, wenn ich ſie mit ihrer alten Kammerfrau allein auf Spaziergängen traf oder wenn Vater Specht den Lord Warren, der nicht ungern geſehen war, zu einer Spazierfahrt einlud und wir allein rückwärts im Boote ſaßen, nannte ich ſie ſcherzhaft Edelweiß und zeigte nach der Pflanze Heimat, den Bergen, die im wunderbarſten Glühen auf den glänzenden See hinabſchauten.“ „Und Sie blieben lange in Zürich? Sie machten häufig zu⸗ ſammen Spaziergänge und Waſſerfahrten?“ „Leider nur vier Tage, dann mußte ich nach Baden reiſen, wohin mich ein Telegramm meines geſtrengen Herrn Vaters rief, 24 Fünfundvierzigſtes Kapitel. der mir, von Paris kommend, jene Stadt als Zuſammenkunfts⸗ ort bezeichnete.“ „Ich begreife wohl, daß ein Zuſammentreffen der Art Ihre Phantaſie beſchäftigen konnte— und Sie erfuhren ſpäter nichts mehr von der Familie?“ „Herr Specht, dem ich meine Adreſſe gab, war ſo freundlich, mir nach Baden die Anzeige zu machen, daß er wegen andauernden Unwohlſeins ſeiner Frau die Reiſe habe abkürzen müſſen und deß⸗ halb auch nicht im Stande ſei, nach Baden zu kommen, wie er mir feſt verſprochen. Auch verehrte er mir ſeine Photographie— ich kann ſie Ihnen morgen zeigen; die der jungen Dame wäre mir lieber geweſen— auch Sie hätten alsdann urtheilen können, ob es etwas Unähnlicheres geben kann.“ „So ſah Edelweiß ihrer Mutter ähnlich?“ „Ja, wenn ich das nur wüßte— ich hatte nicht das Glück, die Bekanntſchaft der Letzteren zu machen, da ſie während meines Aufenthaltes in Zürich ihre Zimmer nicht verließ.— Jetzt habe ich Sie aber vielleicht mit meinen kleinen Erlebniſſen gelangweilt und Sie von Beſſerem und Schönerem abgehalten— vielleicht wollten Sie tanzen oder dem Tanzen zuſchauen?“ „Beides hat hier für mich kein Intereſſe; auch bin ich ein Bißchen müde— ich hatte die lebenden Bilder zu arrangiren. Sie kamen wohl ſpäter? Ich bemerkte Sie wenigſtens nicht unter den Zuſchauern.“ „Leider kam ich ſpäter, und wie ich gehört, ſoll mir ein großer Genuß entgangen ſein— Ihre lebenden Bilder, ſagte man mir, ſollen ganz außerordentlich gelungen geweſen ſein— begreiflich— waren Sie doch ſchon von je her berühmt in Ihren Arrangements von Feſtlichkeiten und ſo weiter— ach, wie lebendig ſteht noch das herrliche Künſtlerfeſt von damals mir vor den Augen, und beſonders Ihre wilde Jagd— ich ſah nie etwas Schöneres! Doch ich ver⸗ geſſe, Ihnen den Grund mitzutheilen, warum ich ſo ſpät kam, glaube aber, Ihnen ſchon geſagt zu haben, daß ich Vieles und ——:————— . Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 25 Wichtiges zu arbeiten vorfand, womit ich erſt vor einer Stunde fertig wurde— es betrifft die Verheirathung Ihres Fürſten.“ „Ja, man ſpricht davon.“ „Man ſpricht hier weniger davon, als man eifrig handelt— ich glaube, daß dieſe Angelegenheit ihrem Abſchluſſe nahe iſt.“ „Glauben Sie in der That?“ fragte Rodenberg, wobei der Ton ſeiner Stimme hohes Intereſſe verrieth. „Darüber ſollte ich mir eigentlich von Ihnen einen richtigen Wink geben laſſen— von Ihnen, dem Günſtlinge des Fürſten.“ „Der von manchen Dingen weniger weiß und erfährt, als der kleinſte Beamte des Hofes, und der froh iſt, von Sachen, die ihn nichts angehen, ſo wenig als möglich zu erfahren.“ „Darin haben Sie ſehr Unrecht— in Ihrer Stellung muß Ihnen Alles daran gelegen ſein, klar zu ſehen und die Zukunft berechnen zu können— in Ihrem eigenen Intereſſe, mein lieber Freund, und beſonders an einem Hofe wie der hieſige, wo es zwei mächtige, einander entgegenwirkende Parteien gibt— mir ſcheint, Sie ſind ein ſehr vornehmer Herr geworden oder ein einfacher Künſtler geblieben!“ „Ich glaube und hoffe, das Letztere; ich vermag nicht zu intriguiren, kaum ein wenig zu protegiren— ich laſſe die Sachen eben gehen und kommen, wie ſie wollen, denn ich hin nicht allmächtig genug, irgendwie in den Gang der Ereigniſſe einzugreifen.“ „Zugegeben— doch muß ich, der Ausländer, Ihnen, dem Deutſchen, ein großes Wort Eures größten Dichters, den ich ganz verehre, anführen, Goethe's nämlich.“ „Ich weiß, darin waren Sie von jeher ſehr ſtark,“ lächelte Rodenberg. „Wie von unſichtbaren Geiſtern gepeitſcht, gehen die Sonnen⸗ pferde der Zeit mit unſeres Schickſals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts, als muthig gefaßt die Zügel feſtzuhalten und bald rechts, bald links vom Steine hier, vom Sturze da die Räder wegzulenken.“ 26 Fünfundvierzigſtes Kapitel. „Das thue ich auch ſo viel, als in meinen Kräften ſteht— fürchte mich aber, ehrlich geſagt, weder vor dem Sturze, noch vor dem Abgrunde— ach, wenn Sie wüßten, Lytton, wie ſatt ich dieſe een und Treiben habe, wie hundertmal ich es ſchon bereute, den Künſtler in mir zum gehorſamen Knechte gemacht zu haben und die edle Kunſt ſelbſt zur dienſtbaren Magd, über deren Arbeit man gnädig lächelt, ein wenig in die Hände klatſcht, während man charmant liſpelt oder deliciöbs und dabei an das Souper von ſpäter denkt und berechnet, daß der Nachbar einen viel gnädigeren aller⸗ höchſten Blick erhalten!“ „Und doch iſt dieſes Leben in gewiſſer Beziehung intereſſant zu nennen.“ „Für Sie allerdings, der Sie in Ihrer Stellung außerhalb, ich möchte ſagen, über dieſem Getreibe ſtehen— ja, Ihre Stellung iſt beneidenswerth, und ich habe mir ſchon oft vorgenommen, wenn ich wieder auf die Welt käme, entweder ein Rafael, oder ein Millionär oder der Geſandte einer Großmacht an irgend einem kleinen Hofe zu werden.“ „Und warum nicht der Geſandte einer kleinen Macht an einem großen Hofe— Sie hätten da noch weniger Arbeit!“ „Richtig, aber auch weniger Anſehen, und ich bin ziemlich ehrgeizig.“ „Ich weiß das, und aufſtrebend,“ ſagte Lord Warren mit einem ſchlauen Blicke. Wenn ich an jene Zeit zurückdenke, wo wir jünger waren und deßhalb glücklicher, und ich mir den wilden Jäger vergegenwärtige, wie er jene Zauberin, jenes Wunderweſen an das Hoflager des Prinzen Maiwein, an mein Hoflager geleitete, ſo ſchaute ich ihm mit Bewunderung, wenn auch mit etwas Neid zu— Sie hatten ſich keine geringe Aufgabe geſtellt!“ „Ohne ſie löſen zu können— es war das ein ſchöner Traum, gleich belohnend für uns Alle!“ „Doch wahrſcheinlich für den Einen mehr, für den Anderen weniger,“ lächelte der junge Engländer—„Sie hatten doch das voraus, ſie durch den duftigen, ſchönen Wald begleiten zu dürfen Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 27 und ſie, wie ich mir, ich weiß nicht, von wem, erzählen ließ, in Köln wiederzuſehen!“, „Ja, ich läugne das nicht— eine Fortſetzung jenes blenden⸗ den Traumes mit ſehr enttäuſchendem Erwachen!“ „Ah, ſie war ſehr vornehm und ſehr ſtolz, die Marcheſa de Monterey— ich ſah ſie in London wieder als enfant le plus gaté der hohen Ariſtokratie— ſie behandelte mich ausnahmsweiſe gnädig, ſie erinnerte ſich ſogar jenes denkwürdigen Tages und plau⸗ derte lange mit mir darüber.“ „Nun, ſehen Sie, das ſind wohl die gleichen Erfolge, die ich gehabt, und wenn ich Ihnen Ihre kleinen Anſpielungen zurückgeben wollte, ſo könnte ich ſagen, die Marcheſa de Monterey, welche es lange Jahre ablehnte, hieher zu kommen, trifft jetzt auf einmal hier ein, da auch Lord Warren eingetroffen iſt.“ „So iſt ſie ſchon hier?“ „Sie wußten, daß ſie käme?“ „Allerdings— wer, der ſich mit Zeitungen beſchäftigen muß, ſollte das nicht wiſſen?— Alſo ſie iſt ſchon hier?“ „Mit ihrem Gemahl.“ „Mit was?“ fragte Lord Warren, indem er den Anderen er⸗ ſtaunt betrachtete. „Mit ihrem Gemahl— mit Don Joſe— Don Joſe iſt ihr Gemahl.“ „Ah bah!“ entgegnete der Legations⸗Secretär und ſetzte nach einer kleinen Pauſe hinzu:„Ich habe gewiß ſo eben ein recht alber⸗ nes Geſicht gemacht, denn das war mir eine ganz unerwartete Nachricht— Ihnen wohl auch, als Sie davon hörten?“ „Sehr unerwartet— ich will das nicht läugnen— kaum glaublich, und doch iſt dem ſo!“ „Trau' Einer dieſen Weibern, begreife Einer die Beweggründe ihres Handelns! In London nahm man ſtillſchweigend an, Don Joſe ſei ihr Oheim, und ſie that nichts, um irgend Jemandem dieſen Irrthum zu benehmen.“ 28 Fünfundvierzigſtes Kapitel. „Sie hat vielleicht ihre Gründe dazu gehabt,“ ſagte Rodenberg in einem bittern Tone. „Ich bin nun begierig, ob ſie den langen, ernſthaften Mann hier als ihren Gemahl vorſtellen wird— alſo ſie iſt ſchon an⸗ gekommen?“ „Schon geſtern, und ſie wurde für heute Abend hier im Schloſſe erwartet.“ „Ohne indiscret ſein zu wollen: ſtehen Sie mit ihr noch in irgend einer Verbindung.“ „Nicht in der allergeringſten.“ „Und ſahen ſie alſo eine lange Reihe von Jahren nich „So iſt's, Mylord,“ erwiederte Rodenberg, indem er ſich zu einem Lächeln zwang. 4 „Nun, da bin ich begierig, wie Sie von ihr empfangen wer⸗ den— ob ſie ſich ihres wilden Jägers noch erinnert.“ „Vielleicht eines wilden Jägers, und mehr kann ich ja nicht verlangen.“ Lord Warren hatte ſeine Uhr hervorgezogen und meinte, einen Blick darauf werfend:„Da haben wir eine kleine Stunde an⸗ genehm verplaudert— welcher Gewinn— es iſt zehn Uhr— um eilf Uhr wird ſoupirt; in dieſer Zwiſchenzeit wollen wir, wenn es Ihnen recht iſt, dem Gewühle der Tanzenden zuſchauen— vor allen Dingen aber, Rodenberg, wo wohnen Sie, wann kann man Sie ſehen?“ „Neben dem Marſtallgebäude, Jägerſtraße Nummer vier, und für Sie bin ich natürlicher Weiſe ſteis zu ſprechen, ſo oft ich zu Hauſe bin.“ „Und wann iſt das gewöhnlich?“ „Bis gegen eilf Uhr Morgens und ſehr häufig von Nachmit⸗ tags zwei bis ſechs Uhr, wo ich zuweilen zu Hauſe, häufiger aber noch in irgend einer Reſtauration zu Mittag eſſe.“ „Gibt es unter dieſen Reſtaurationen auch ein Lokal, wo man ſich zuweilen Abends ſehen und ein Bißchen ungenirt ſein kann?“ t?“ Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 29 „O ja, in der Goldenen Kanne, wo man vortrefklich dinirt und wo ein Zimmer iſt, das nach meinem Namen benannt wird.“ „Sie ſcheinen dort Stammgaſt zu ſein?“ „So iſt es— man muß irgend einen Winkel haben, wo man ſich behaglich fühlt und wo man für den größten Theil der übrigen Welt nicht auffindbar iſt— verheirathet bin ich nicht, wie Sie wiſſen.“ „Ich weiß es und freute mich darüber— ein Künſtler ſollte nicht heirathen— alſo in der Goldenen Kanne— und danke Ihnen für den Beweis des Zutrauens, den Sie mir durch Nennung Ihres Schlupfwinkels bezeigen; ich werde gewiß Gebrauch davon machen.“ So plaudernd, betraten die beiden jungen Leute abermals die Gallerie, wo geſpielt wurde, und hatten dieſelbe faſt durchſchritten, als ſich Herr Mathieu Rodenberg näherte und ihm in jenem Flüſter⸗ tone, welcher ihm eigen war und dem er gern ein ſanftes Lächeln der Protection beifügte, ſagte:„Seine Königliche Hoheit haben ſchon zweimal nach Ihnen gefragt.“ „Und Sie beauftragt, nach mir zu ſehen, mein lieber Herr Mathieu?“ „Das gerade nicht mit ausdrücklichen Worten, denn ich ſtand ungeſehen hinter einer Pflanzenwand, als Seine Hoheit ſagten: „Wo kann denn Rodenberg wohl ſein?“ und das mit einer Be⸗ tonung auf ‚wor, die mich veranlaßte, augenblicklich nach Ihnen zu ſehen.“ „Ich danke Ihnen recht ſehr, und wenn der Fürſt das Wo⸗ betont hat, ſo muß ich mich allerdings ſehen laſſen.“ „Ich laſſe Sie jetzt, Rodenberg,“ ſagte Lord Warren—„viel⸗ leicht wäre es möglich, daß wir beim Souper zuſammenſäßen?“ „Wenn ich nicht mit irgend einem Auftrage beehrt werde!“ „Auf alle Fälle will ich verſuchen, neben mir ein Gedeck frei zu halten.“ Rodenberg trat in den anſtoßenden Salon und von dori in Hackländer's Werke. 56. Bd. 3 Fünfundvierzigſtes Kapitel. einen kleinen Wintergarten, der, obgleich erſt nach ſeinen Plänen und ſpäter ans Schloß gebaut, doch von ihm auf eine höchſt reizende Art in das große Appartement mit hereingezogen war und mit ſeiner Kühle, ſeinem Pflanzendufte, ſeinem murmelnden Spring⸗ brunnen ein allerliebſtes Retiré für die allerhöchſten Herrſchaften war. Dort ſtand der Fürſt, neben ihm der Prinz Heinrich mit ſeltſam leuchtenden Blicken und vor ihnen zwei Damen, die Gräfin Blendheim und— ſie—, welche der junge Mann augenblicklich erkannie, obgleich er ihr Geſicht nicht ſehen konnte— ja, zwiſchen dem Grün der Pflanzen hindurch kaum die zierlich geſchwungene Form ihres Wuchſes und die aufrechte Haltung ihres Hauptes— aber er würde ſie erkannt haben, ſelbſt wenn er bei zweifelhaftem Lichte nur ihren Schatten geſehen hätte! Rodenberg fühlte, wie gewaltſam das Blut nach ſeinem Herzen ſtrömte; er mußte einige Male heftig und tief aufathmen, um ſeiner Bewegung Herr zu werden, wobei er wie angefeſſelt auf der Stelle ſtehen blieb— ja, er vermochte es nicht, auch nur den kleinſten Schritt vorwärts zu machen, und war im Begriffe, ſich langſam und geräuſchlos wieder zurückzuziehen. Doch es war zu ſpät— der Fürſt, welcher den Kopf um⸗ wandte, hatte ihn geſehen und rief ihm zu:„Gut, daß Sie kommen, ich fürchtete ſchon, Sie wären mir heimlich davongegangen.“ Der junge Maler, ſich wie ein Mann faſſend, trat mit langſamen Schritten und einer ehrerbietigen Verbeugung gegen die Gruppe näher. Alle ſchauten ihn an, aber auf verſchiedene Weiſe: der Fürſt gleich⸗ gültig, mit einem Auftrage beſchäftigt, den er ihm ertheilen wollte — Prinz Heinrich mit etwas lauerndem Blicke, die Gräfin Blend⸗. heim lächelnd und die Marcheſa de Monterey y Vizcarro mit einem vornehmen Blicke, ſo ruhig und gleichgültig, als habe ſie ihn in ihrem Leben noch nicht geſehen. Hatte Rodenberg gefürchtet oder gehofft, ſie würde nicht im Stande ſein, ihren vollen Blick auf ihn zu richten, dieſen zauber⸗ haften, unerträglich ſchönen Blick, ohne die geringſte Verwirrung * Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 31 zu zeigen?— Ja, er hatte das gehofft und gefürchtet, und da es doch anders kam, ſo war er dankbar dafür, denn es gab ihm ſelbſt eine ruhige, entſchloſſene Haltung wieder. Der Fürſt hatte die außerordentliche Gnade, ihn ſelbſt der Marcheſa vorzuſtellen, und der Prinz Heinrich konnte es nicht unter⸗ laſſen, hinzuzufügen:„Es iſt Herr Rodenberg, deſſen Sie ſich ſicher aus einer früheren Zeit noch erinnern werden.“ Die ſchöne Spanierin ſchaute den jungen Mann mit einem heiteren Lächeln an; dann ſagte ſie, ohne daß auch nur der ge⸗ ringſte Schatten ſichtbar an ihren leuchtenden Blicken vorübergezogen wäre:„Gewiß erinnere ich mich! Einer jener liebenswürdigen Künſtler, die ſo freundlich waren, mich an ihrem ſchönen Feſte Theil nehmen zu laſſen— wenn ich mich recht erinnere, ſtellte Herr Rodenberg bei jenem Feſte im Walde den Prinzen Maiwein vor.“ Prinz Heinrich, der die Marcheſa verwundert anſchaute, wollte darauf etwas entgegnen; doch kam ihm Rodenberg, aller Etiquette zum Trotze, zuvor, indem er mit einer tiefen Verbeugung ſagte: „Ich bin für die gütige Erinnerung der Frau Marcheſa außer⸗ ordentlich dankbar— darf mir dagegen eine kleine Berichtigfüng erlauben: ich war an jenem Tage Führer des wilden Heeres.“ „Ach ja— es wird ſo ſein,“ gab ſie mit einem liebenswürdig unbefangenen Lächeln zur Antwort—„verzeihen Sie mir, daß ich das vollſtändig vergaß. Aber dieſes Feſt,“ wandte ſie ſich an den Fürſten,„war wirklich eines der gelungenſten, dem ich je bei⸗ wohnte.“ „Ja, Rodenberg verſteht es, dergleichen zu arrangiren, und deßhalb muß ich nochmals mein Bedauern ausdrücken, daß Sie un⸗ ſere lebenden Bilder von heute Abend nicht ſahen— ja, wir können ſtolz darauf ſein, nicht wahr, Oheim— nicht wahr, Gräfin? Ich bin wirklich troſtlos, unſere reizende Scenerie nicht vor die Kenner⸗ augen der Marcheſa bringen zu können.“ „Auch ich bedaure das aufrichtig,“ entgegnete die ſchöne Spa⸗ nierin,„und verſichere Eure Königliche Hoheit, daß ich das Ge⸗ 32 Fünfundvierzigſtes Kapitel. fühl habe, für mein unverantwortliches Zuſpätkommen genügend beſtraft zu ſein.“ Der Fürſt machte unter einem zufriedenen Lächeln eine kleine Neigung mit dem Kopfe, worauf er ſich gegen Rodenberg wandte und, einen Schritt ſeitwärts machend, dieſen nöthigte, ihm zu folgen. Prinz Heinrich näherte ſich den beiden Damen, und da er ſie zu gleicher Zeit veranlaßte, den Bau eines prachtvoll gefärbten japaniſchen Ahorns zu bewundern, der in einer Bronzeſchale von wunderbarer Arbeit ſtand, ſo waren die beiden Gruppen im Pflanzen⸗ ſaale ſo weit getrennt, daß der Fürſt nicht gar zu leiſe mit Roden⸗ berg zu reden brauchte, ohne daß er hätte fürchten müſſen, von den Anderen gehört zu werden, und es lag in ſeiner Abſicht, ihm etwas ganz im Geheimen zu ſagen. „Ich möchte dieſer ſchönen Frau und großen Künſtlerin eine kleine Ueberraſchung machen,“ ſprach er;„ſie hat ſo aufrichtig be⸗ dauert, unſere lebenden Bilder nicht geſehen zu haben, und mir wäre viel daran gelegen geweſen, ihr Urtheil über unſere Decora⸗ tionen zu hören. Wäre es Ihnen möglich, lieber Rodenberg, es mir zu arrangiren, daß wir nach dem Souper ganz en petit comité noch einmal jenes Bild ſehen könnten, wo das Schloß von der Morgenſonne beleuchtet erſcheint— iſt das möglich?— Doch was frage ich,“ ſetzte er mit einent verbindlichen Lächeln hinzu, „Sie haben das Wort ‚unmöglich“, wie Sie mir ſelbſt ſchon ſcherz⸗ haft geſagt, aus Ihrem Wörterbuche geſtrichen— bleiben Sie auch jetzt bei Ihrem Ausſpruche?“ „Gewiß, Königliche Hoheit, und wenn es auch nicht ſo ganz leicht iſt, Ihren Befehl zu erfüllen, denn ich habe kaum noch anderthalb Stunden und man muß meine Maſchiniſten und Ge⸗ hülfen in der Stadt zuſammenſuchen laſſen, ſo hoffe ich es doch möglich zu machen, das befohlene lebende Bild nach dem Souper, alſo ungefähr gegen zwölf Uhr, ſtellen zu können— nur Eins iſt unmöglich, ohne zu großes Aufſehen zu machen.“ „Und was wäre das?“ Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 33 „Das Bild ſelbſt zu ſtellen, wie es Eure Königliche Hoheit heute Abend geſehen, das heißt, die Perſonen zuſammenzubringen und ſie ſich auf's Neue ankleiden zu laſſen.“ „Das iſt wahr!“ „Die Herren und Damen ſind wahrſcheinlich für ſämmtliche Tänze engagirt, und wollte man ſie zuſammenbringen, ſo gäbe es ein Gerede und Fragen, das Ihnen gewiß nicht angenehm wäre— ich weiß mir mit Eurer Königlichen Hoheit Erlaubniß anders zu helfen,“ fuhr Rodenberg fort, da ihm der Fürſt kopfnickend zuhörte; „ich werde die Decoration ſtellen und irgend eine paſſende Staffage dazu von Leuten, die ich gerade bei der Hand habe.“ „Schön— ſchön, da ſehen wir auch gleich etwas Neues,“ ſagte der Fürſt, indem er ſich lächelnd die Hände rieb—„ich ver⸗ laſſe mich alſo ganz auf Sie.“ Der junge Mann trat mit einer Verbeugung zurück und eilte nach dem großen Saale, wo ſich die Bühne befand und wo er vor⸗ ſichtiger Weiſe die Zimmerleute und Gehülfen des Theaters zurück⸗ behalten hatte, bis der Ball beendigt und ſämmtliche Lichter aus⸗ gelöſcht ſein würden. Unterwegs hatte er noch ein paar zuverläſſige Lakaien mit⸗ genommen und beauftragte den Einen, in die Goldene Kanne zu gehen, dort nach dem Decorationsmaler Schlegel zu fragen und ihn unfehlbar mit ſich her zu bringen; dann ließ er langſam und allmählig, um kein Aufſehen zu erregen, den Vorhang ſchließen und die Verſatzſtücke herbeiholen, die er zur gewünſchten Decoration nothwendig hatte, und begab ſich hierauf in die rückwärts liegenden anſtoßenden Zimmer, welche man zur Garderobe für die Herren und Damen benutzt hatte. Hier in dem halbdunkeln Raume auf einer Bank ſitzend, war es ihm alsdann ſehr angenehm, ſeinen Gedanken nachhangen zu können. Waren dieſe Gedanken ernſter oder heiterer Natur? Waren es freundliche oder unfreundliche Bilder, die ihn umgaukelten?— Weder das Eine noch das Andere. Während er da ſaß mit 34 Fünfundvierzigſtes Kapitel. geſchloſſenen Augen, ward es in ſeinem Innern licht und lichter, taghell, und wie auf dem leuchtenden Kreiſe eines Schattenſpiels erſchienen ihm in bunter Reihenfolge vergangene gute und ſchlimme Tage, ausgedrückt durch bekannte Geſichter, ihn bald finſter, erbittert anſchauend, bald heiter, ja, glücklich lächelnd. In beiderlei Geſtalten erſchien ihm Juanita, zuerſt wie damals im Walde als gütige, glückverheißeude Fee— ach, ſo heiter lächelnd, ihn ſo unverkennbar liebend anblickend, dann plötzlich wie zurückfahrend, das ſchöne Antlitz in düſterem Ernſte, die leuchtenden Augen Zorn und Haß ausdrückend. So ſtand ſie lange vor ſeinem inneren Auge, die rechte Hand drohend erhoben, nach und nach langſam verblaſſend, bleicher und lichter werdend und endlich wie ein Hauch an ihm vorüberſchwebend. Haſtige und derbe Tritte, welche ſich in dieſem Augenblicke raſch auf dem hohltönenden Boden ihm näherten, ſchreckten ihn aus ſeinen Träumereien auf; emporblickend, ſah er Schlegel, welcher ſich ihm in ſehr heiterer Laune näherte und nun lachend ſagte: „Das muß ſchon wahr ſein, in kurzer Zeit bin ich ein viel ver⸗ langter Mann bei Hofe geworden— welche Befehle haben die Götter und Halbgötter dieſer Erde für mich armen Sterblichen?“ „Wahrſcheinlich zuerſt,“ erwiederte ihm Rodenberg flüſternd, aber mit großer Deutlichkeit,„daß Sie Ihre Stimme etwas mäßigen und nicht ſo ſchreien, daß man es im ganzen Saale hören kann.“ „Richtig, richtig,“ verſetzte der Andere, ſich heiter umſchauend 8 7 „dachte ich doch nicht mehr daran, wo wir uns befinden, habe ich doch Wald und Flur hier ſo verdammt täuſchend gemalt, daß ich ſelbſt glaubte, ich befinde mich in tiefer Einſamkeit; aber ich bin überzeugt, daß es etwas Wichtiges iſt, was mich hieher ruft, denn ſonſt wäre es wahrlich ſchade um die intereſſante Sitzung, welche Ihr hereinſtürmender Lakai unterbrochen.“ „Sehr ſchade!“ vernahm Rodenberg jetzt eine andere Stimme in ſehr brummigem Tone, und als er aufblickte, ſah er Walter N Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 35⁵ zwiſchen den Couliſſen ſtehen und hinter ihm, vorſichtig und zurück⸗ haltend, das lächelnde Geſicht des kleinen Rafael. „Daß wir mit hieher kamen,“ fuhr der alte Maler fort, „wirſt Du begreiflich finden nach dem bekannten Grundſatze: wer meine guten Stunden mit mir theilt, ſoll mich auch in den ſchlim⸗ men nicht verlaſſen, und wir dachten nicht anders, als unſer guter Schlegel ſollte wegen irgend einer begangenen Miſſethat eingeſteckt werden— Ihr habt doch hier eine kleine, hübſche Baſtille, hoffe ich?“ Rodenberg war einen Augenblick im Begriffe, ſich zu ärgern und eine verdrießliche Antwort zu geben; doch bezwang er ſich glücklicher und vernünftiger Weiſe, und indem er Walter die Hand reichte, wiederholte er auch ihm, was er vorher Schlegel geſagt, und ſetzte flüſternd hinzu, daß ſie nur durch eine dünne Leinwand von dem großen Saale des Schloſſes getrennt ſeien, in welchem beſtändig eine Menge Gäſte, plaudernd oder der Hitze des Tanzſaales ſich entziehend, auf und ab gingen. „Ah, das iſt köſtlich,“ meinte der alte Maler,„ſo werde ich mir eine Spalte in dem Vorhange ausſuchen und auf dieſe Art ungeſehen dem Hofballe beiwohnen.“ „Später meinetwegen— aber jetzt laß mich einen Augenblick mit Schlegel allein und ſetze Dich dort auf jenen Felſen hinter den Couliſſen— ah, Rafael iſt auch da?“ „Nur faſt mit Gewalt von uns dahergeſchleppt,“ ſagte Walter —„dieſer arme Kerl hat einen gewaltigen Reſpect vor Dir.“ „Verzeihen Sie mir, daß ich der Ueberredung des Herrn Pro⸗ feſſors gefolgt bin— einer Ueberredung,“ ſetzte der kleine Mann lächelnd hinzu,„der ich mit meiner ſchwachen Kraft nichts entgegen⸗ zuſetzen vermochte.“ Rodenberg, der aufgeſtanden war, blickte nach Rafael hin, un⸗ beweglich ſtehen bleibend, mit ſtarren Augen, wie in tiefes Nach⸗ ſinnen verloren; dann aber belebten ſich ſeine Blicke mit Einem Male wieder— ein eigenthümliches Lächeln zuckte um ſeine Lippen und er ſagte, ganz nahe an ſeinen ehemaligen Diener herantretend 36 Fünfundvierzigſtes Kapitel. und indem er ihm die Hand auf die Schulter legte:„Keine Ent⸗ ſchuldigung, Rafael; ich freue mich ſehr, daß Du gekommen biſt, denn Du kannſt mir einen großen Dienſt leiſten.“ „Mit tauſend Freuden!“ „Siehſt Du wohl, kleine Spinne, wie unnöthig es war, daß Du Dich ſträubteſt, mit uns zu gehen— Walter hat immer Recht, auch wenn er ſcheinbar im Unrecht iſt; das ſind die geiſtreichen Combinationen ſeines Gehirns, deren Flügelſchlag in erregtem und bewegtem Zuſtande lauſchend er ſicher iſt, das allein Wahre und Richtige zu finden— war das nicht ſchön geſagt?“ „Wunderbar— aber jetzt thue mir den Gefallen und halte für eine kurze Weile Dein Maul und laſſe Dich dort auf dem gepolſterten Felſen nieder.“ „Darf man hier rauchen?“ „Gott ſoll mich bewahren— Du haſt gute Begriffe von einem Hofballe!“ Darauf theilte Rodenberg dem Decorationsmaler den Wunſch des Fürſten mit, worauf letzterer raſch ſeinen Rock abwarf, die Arbeiter um ſich verſammelte und ihnen mit leiſen Worten ſeine Befehle gab. Rodenberg hatte alsdann den kleinen Rafael am Arme genom⸗ men und ihn mit ſich in's Garderobezimmer geführt. „Willſt Du mir in der That einen kleinen Dienſt leiſten?“ „Wie können Sie fragen— habe ich Sie nicht ſchon oft gebeten, rückſichtslos über mich zu verfügen? Was ſoll ich thun? Gebrauchen Sie meine Füße oder meine Feder?“ „Dieſes Mal Dich ſelbſt, Deine ganze Perſönlichkeit, mein lieber Rafael, und zwar zu einer kleinen Maskerade— es ſoll ſpäter noch ein lebendes Bild geſtellt werden, und in demſelben will ich Dich mit als Staffage benutzen.“ „Nur zu— als was wollen Sie mich gebrauchen? Als irgend einen fahrenden Ritter vor den Fenſtern einer hartherzigen Schönen? Schade alsdann, daß meine Geſtalt nicht höher und bedeutender iſt.“ Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 37 „Zu dem, was Du vorſtellen ſollſt, iſt Deine Geſtalt immer noch höher, als ich wünſche— es gilt einen Zwerg, mein kleiner Rafael.“ „Ah, einen Zwerg— beim Barte meiner Feder, könnte ich ſagen, in dieſem Fache habe ich früher ſchon Bedeutendes geleiſtet!“ „Gewiß— und gerade deßhalb wünſche ich eine Wiederholung.“ „Eine Wiederholung des Zwerges von damals?“ „Ganz deſſelben— leider biſt Du ſeit jener Zeit um einen halben Kopf gewachſen, doch müſſen wir das durch größere Dicke auszugleichen ſuchen.“ „Aber wo finden wir das ſchöne Coſtume, das ich damals der Güte jener holdſeligen Prinzeſſin verdankte? Ah, ſie war ſo gut 7 ſie war ſo wundervoll— ſo unvergeßlich wundervoll— ‚Sie lachte ſo ſchön— ſie lachte ſo toll Und mit ſo weißen Zähnen, Und wenn ich an das Lachen denk', So weine ich plötzlich Thränen. Damals lachte ſie wenigſtens ganz ausgelaſſen, als ich mich ihr in meinem Anzuge vorſtellte.“ „Vielleicht daß Du ſie heute wieder lachen ſiehſt,“ ſagte Roden⸗ berg, nicht ohne eine tiefe Bewegung durch den Ton ſeiner Stimme zu verrathen. Rafael prallte förmlich zurück und hob beide Hunde hoch em⸗ por:„Sie wiederſehen, meine ſchöne Prinzeſſin?— O, Sie treiben Ihren Scherz mit mir!“. „Gewiß nicht,“ entgegnete Rodenberg ſo ruhig als möglich; jene ſchöne, vornehme Dame, Deine Prinzeſſin, mein lieber Rafael, iſt die Frau Marcheſa de Monterey y Vizcarro— ſie befindet ſich mit ihrem Gemahl....“ „A-ah, mit ihrem Gemahl?“ 3 „Mit ihrem Gemahl befindet ſie ſich in einem der glänzend erleuchteten Säle dort drüben, angeſtaunt von hunderten entzückter Fünfundvierzigſtes Kapitel. und neidiſcher Augen, in der Geſellſchaft Seiner Königlichen Hoheit meines allergnädigſten Herrn.“ „Und Sie ſahen ſie wieder?“ „Ich ſah ſie und ſie ſah mich.“ „O, wie glücklich Sie ſind!— Und Sie ſprachen mit ihr?“ „Ein paar ſehr gleichgültige Worte— ſie erinnerte ſich meiner nur noch ſehr ungenau.“ „Sollte das möglich ſein— ſollte ſie jenes ſchönen Tages ſo ganz vergeſſen haben?“ „Des ſchönen Tages vielleicht nicht ſo ganz, aber wohl der einzelnen an ſich unbedeutenden Figuren, aus denen das Feſt jenes ſchönen Tages beſtand.“ „Und Sie wollen es ihr in Erinnerung bringen, indem Sie mich als Zwerg erſcheinen laſſen?“ „So iſt es beinahe, mein lieber Rafael,“ ſagte Rodenberg mit einem faſt traurigen Tone;„ich möchte es ſie nur erkennen laſſen, daß wir ihrer nicht ſo ganz vergeſſen haben, wie ſie unſer vergaß.“ „Gut, verwandeln Sie mich und machen Sie mich jenem glück⸗ lichen Zwerge ſo ähnlich, als nur möglich.“ „Ich erinnere mich des Coſtumes noch ziemlich genau,“ ſagte Rodenberg, indem er einen der anweſenden Theaterſchneider hervor⸗ winkte und ihm darauf Befehl zum Herbeibringen verſchiedener Garderobeſtücke ertheilte; dann ſandte er ſeinen Diener nach Hauſe in ſeine Wohnung, um von dort das bewußte Horn herbeizuholen.— Es war beinahe Mitternacht geworden, als die Frau Fürſtin⸗ Mutter, nachdem ſie einen Blick mit ihrem Sohne gewechſelt, ſich vom Souper erhob und ſo das Zeichen zum allgemeinen Aufbruche gab.— Wie geräuſchvoll rutſchten die Stühle, wie bemühten ſich die Lakaien, mit der größten Geſchwindigkeit möglichſt viele derſelben unter den Betreffenden, nachdem ſie ſich kaum zur Hälfte erhoben, wegzureißen, und wie gefährlich wäre es geweſen, ſich in einem ſolchen Augenblicke noch einmal auf ſeinen Sit niederlaſſen zu wollen! Wie beſchleunigte das Orcheſter die letzten Tacte ſeines Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 39 italieniſchen Salates aller möglichen Komponiſten, deren Namen ſich auf i endigen, denn Seine Königliche Hoheit waren ein Lieb⸗ haber wälſcher Muſik! Wie graziös verneigten ſich die Staats⸗ und Hofdamen vor der Frau Fürſtin⸗Mutter, die ihnen mit lächelndem Rundblicke wohl geſpeist zu haben wünſchte— wie raſch unterbrachen dort die alten Excellenzen ihre Erörterung über die wichtige Streitfrage, ob es erſprießlicher ſei, zuerſt das Oel und dann den Eſſig an den Salat zu gießen— wie ſchnell verſorgten noch ein paar wohlgenährte Stabsofficiere ihren Bordeaux und ihr letztes Glas Champagner, ſelbſt auf die Gefahr hin, ſich durch einen plötzlichen Huſtenanfall vor dem umherſchauenden Oberſt⸗Hofmeiſter zu verrathen— wie ſchien dort ein magerer Referendar und ein junger Lieutenant jeder vier Paar Hände zu haben, wenn man die unglaubliche Geſchwindigkeit anſah, mit der noch zu guter Letzt ein halbes Dutzend Orangen und eine eben ſo große Zahl Bonbons von den benachbarten, kaum zu erreichenden Aufſätzen verſchwanden!“ Die Frau Fürſtin⸗Mutter war freundlich genug, ſich ſogleich nach dem Souper zurückzuziehen und ſo der jüngeren Welt noch einige Stunden lang ein ungeſtörteres Tanzvergnügen zu verſchaffen. Seine Königliche Hoheit hatte noch ein paar kühle, aber doch gnädige Worte für die Gemahlin des engliſchen Geſandten, die an ſeiner Seite geſeſſen, nickte auch Dieſen oder Jenen in der Nähe oder Ferne flüchtig zu, um alsdann, ſich raſch umdrehend, den Cirkel zu durchbrechen, der ſich, in ehrfurchtsvollem Schweigen ein gnädiges Wort unterthänigſt und treugehorſamſt zu erwarten, um ihn gebildet hatte. Er eilte auf die Gräfin Blendheim zu, die, mit dem Prinzen Heinrich plaudernd, etwas bei Seite ſtand, und ſagte:„Wie froh bin ich, daß dieſes langweilige Souper zu Ende iſt— wenn nur Rodenberg Wort gehalten hat— ich bin begierig wie ein Kind, nochmals dieſe ſchöne Decoration zu ſehen— wo iſt die Marcheſa? Glauben Sie, daß Rodenberg uns im Stiche laſſen wird?“ „Gewiß nicht,“ ſagte Prinz Heinrich—„er iſt eben ſo energiſch 40 Fünfundvierzigſtes Kapitel. als zuverläſſig, und wenn er es gar nicht hätte möglich machen können, ſo würde er Ihnen ſicherlich eine Meldung darüber haben zugehen laſſen.“ „Das iſt mein Troſt— wo iſt denn die Marcheſa?“ „Sie ſpricht dort mit dem Staatsrathe von Stumpfenfels, der ziemlich ſüße Augen an ſie hinmacht.“ „Nach ſeiner Gewohnheit!“ ſagte der Fürſt ärgerlich—„er thäte beſſer daran, ſeine Geſchäfte im Kopfe zu behalten!“ „Ich werde die Marcheſa benachrichtigen, daß Sie ſie erwarten.“ „Thun Sie das, Oheim— wen nehmen wir ſonſt noch mit uns— nur kein großes Cortége!“ „Gewiß nicht, das wäre langweilig— vielleicht den Oberſt⸗ Hofmeiſter.“ „Und meinen erſten Adjutanten— ſonſt gibt es wieder Eifer⸗ ſüchteleien und ſaure Geſichter.“ 4 „Ah, Frau Marcheſa,“ wandte ſich der Fürſt hierauf gegen die ſchöne Spanierin, welche, von Don Joſe gefolgt, am Arme des Prinzen herbeikam—„ich hoffe, Ihnen jetzt in einer wundervollen Decoration die Creme unſerer lebenden Bilder zu zeigen— leider ohne die mitwirkenden Perſonen, die man wegen zu großen Auf⸗ ſehens nicht gut ihren Tanz⸗Engagements entreißen könnte— gehen wir, meine Damen— es iſt zwölf Uhr, und wir dürfen uns auf Rodenberg verlaſſen.“ Der Fürſt bot der Marcheſa ſeinen Arm und die kleine aus⸗ erleſene Geſellſchaft ſchritt dem großen Saale zu, von neugierigen Blicken, von Kopfſchütteln und Achſelzucken verfolgt. In vem weiten, jetzt wieder halbdunkeln Raume befand ſich Niemand als ein paar Lakaien, welche den Eingetretenen die ſchweren Seſſel hinſchoben und ſich dann zurückzogen. Hinter dem Vorhange erſchallte eine ſanfte Muſik von vier Waldhörnern wie ein leiſer Windhauch, wie der Klang einer Aeols⸗ harfe, in welche nun nach und nach ein paar andere Inſtrumente einſetzten, um in einen rauſchenden Satz überzugehen, bei deſſen Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 41 erſten Klängen der Vorhang raſch aus einander flog und nun vor dem erſtaunten Auge der kleinen Geſellſchaft die Decoration des zweiten Bildes zeigte, aber mit ganz anderer Staffage und Beleuch⸗ tung: das Waldthal, deſſen wir uns wohl erinnern, beſonders aber das ſcharf hervortretende Schloß lag da in glühender Abendbeleuch⸗ tung, die ſo natürlich, ſo meiſterhaft war, daß ſich die Zuſchauer, beſonders der Fürſt, eines lauten Ausrufes der Bewunderung nicht erwehren konnten. „Vortrefflich,“ ſagte Seine Hoheit und wandte ſich alsdann mit den erklärenden Worten zur Marcheſa:„Bei der Aufführung von heute Abend ſahen wir das alles in der Morgendämmerung, nach und nach Tag werdend— geben Sie Achtung, Rodenberg hat noch eine andere Ueberraſchung für uns im Hintergrunde, und mit welch' veränderter Staffage er diesmal das Bild ausge⸗ ſchmückt hat!“ In der That, eine ganz eigenthümliche Staffage! Da ſah man allerdings tief im Schatten der Laubmaſſen, aber doch deutlich und ſcharf hervortretend, vier trotzige Geſtalten, Eichen⸗ kränze um die ſtruppigen, bärtigen Häupter, Thierfelle um die Schultern, Keulen in den Händen, vor ihnen die Figur eines Zwerges— zwerghaft im Gegenſatze zu den rieſigen Geſtalten der wilden Männer—, der ein Horn in ſeinen Händen trug und es einem Jäger anzubieten ſchien, der am Stamme einer Buche lehnte und mit verwundertem Blicke auf die Gruppe zu ſchauen ſchien. „Rodenberg,“ ſagte die Gräfin Blendheim—„wie gut er ausſieht!“ „Vortrefflich— und wie paſſend es iſt, uns ſo, ſtatt eines herausgeriſſenen Bildes aus dem Märchen, etwas ganz Neues zu improviſiren— Bravo, Bravo!“ Prinz Heinrich, deſſen Bruſt ein tiefer Athemzug ſchwellte, konnte ſich nicht enthalten, einen flüchtigen Blick auf die Marcheſa zu werfen, auf deren ſchönem, ruhigem, marmorähnlichem Geſichte nur der Ausdruck einer aufmerkſamen Zuſchauerin zu leſen war 42 Fünfundvierzigſtes Kapitel. und um deren Lippen nur ein ganz unbedeutendes Lächeln ſpielte, wie als Compliment für ihren freundlichen Nachbar und Feſt⸗ geber. 4 Die rauſchende Muſik hinter der Scene verſtummte, und wie ſie, ſchwächer und ſchwächer werdend, endlich nur noch wie im An⸗ fange von den vier Waldhörnern ausgeführt wurde, verminderte ſich die Glut des Abendſonnenſcheines; die unteren Partieen des Bildes hüllten ſich in tiefe, nächtliche Schatten, und nur ein paar Secunden lang ſah man noch das Schloß im Hintergrunde, an⸗ gehaucht vom letzten Strahle der Sonne; dann wurde auch dieſes kalt und farblos, und als nun zwei der Waldhörner ſchwiegen und die beiden anderen im Zweiklange hinzuſterben ſchienen, blitzte mit Einem Male auf dem jetzt ganz dunkeln Himmel ein einziger, ſanft funkelnder Stern, worauf ſich der Vorhang geräuſchlos ſchloß. „Bravo, Bravo!“ rief der Fürſt, indem er heiter in ſeine Hende ſchlug—„Bravo, Rodenberg!— Hat er nicht ſeine Auf⸗ gabe herrlich gelöst,“ wandte er ſich hierauf an die Gräfin Blend⸗ heim,„und uns zugleich auf eine zierliche Art gute Nacht geſagt? Ah, die Idee mit dem Stern iſt doch eine ganz vortreffliche Idee — wie ſagten Sie doch vorhin, mon cher oncle? Das iſt der Stern der Liebe, den ich dort flimmern ſah— erſchien er Ihnen nicht auch ſo, verehrteſte Frau Marcheſa?— Und wie hat Ihnen überhaupt die ganze kleine Vorſtellung gefallen?“ Juanita verbeugte ſich lächelnd und dankend gegen Seine K König⸗ liche Hoheit und ſagte hierauf:„Ich muß geſtehen, daß hier die Täuſchung bis zu einem Grade getrieben iſt, den ich ſelbſt für unmöglich hielt— Sie müſſen ganz vortreffliche Decorateure und Maſchiniſten haben!“ „Gewiß, Frau Marcheſa,“ erwiederte der Fürſt und ſagte dann, indem er ſich gegen ſeinen Oberſt⸗Hofmeiſter wandte:„Sie werden ſehen, wir haben an dieſem Schlegel eine brillante Acquiſition gemacht— aber,“ ſprach er hierauf wieder direct zur Marcheſa, „die Hauptperſon bei allen dieſen Arrangements iſt doch Rodenberg d1 Ich bin Dir nah' Du ahnſt es nimmer! 43 ein Wort des Dankes ſagen ,/. Der Fürſt erhob ſich raſch, und mit ihm die kleine Geſellſchaft, die ihn umgeben. Einige Augenblicke ſpäter. trat Rodenberg in ſeinem Jägerkleide hervor, in ſeiner Hand das Horn haltend, welches ihm der Zwerg heute zum zweiten Male übergeben. Unter denen, die ihn jetzt umſtanden und von denen die meiſten ihm ein freundliches Wort ſagten, war wohl. kaum eine Perſon, die es wenigſtens heute noch mit ihm nicht aufrichtig gut gemeint hätte: Prinz Heinrich reichte ihm die Hand und ſagte in launigem Tone, wobei er ſich an den Fürſten wandte:„Es war doch un⸗ läugbar ein guter Augenblick, wo ich ihn entdeckte und zur Geltung brachte!“. „Gewiß, Oheim, und ich darf wohl den Wunſch hinzufügen, alle Ihre Erwerbungen möchten ähnlicher Art geweſen ſein— doch ich wollte Ihnen meinen Dank ſagen, Rodenberg, und Sie bitten, denſelben Ihrem Schützlinge zu wiederholen— Sie haben mir in der That ein großes Vergnügen gemacht, und auch unſer lieber und verehrter Gaſt hat ſich recht anerkennend über Ihre Arrange⸗ ments geäußert!“ „Was mich in der That doppelt glücklich macht,“ entgegnete der junge Maler mit einer tiefen Verbeugung und einem ruhigen, leidenſchaftsloſen Tone,„und höre ich ein lobendes Wort aus dem Munde einer ſo großen Künſtlerin, wie die Frau Marcheſa iſt, mit aufrichtiger Freude— ſchade, daß es nicht möglich war, Ihnen das ganze Märchen vorzuführen— es war die Geſchichte vom Dornröschen, die nach langjährigem Entſchwinden, nach lang⸗ jährigem Zauberſchlafe endlich doch noch glücklich wurde, da ſie glücklich machte!“ 3 „Ein ſchönes Märchen, ich kenne es,“ gab die Marcheſa zur Antwort, wobei ſie heiter lächelnd und mit der unbefangenſten, gleichgültigſten Miene von der Welt den jungen Mann betrachtete und dann, ſich gegen den Fürſten wendend, hinzuſetzte:„Sie — ich laſſe ihn bitten, einen Augenblick zu kommen, ich muß ihm 44 Fünfundvierzigſtes Kapitel. beſitzen in dieſen Märchen einen wahren Schatz— wir Spanier ſind nicht ſo glücklich!“ „Wogegen bei Ihnen, im ſchönen Lande des Weines und der Geſänge,“ ſagte Prinz Heinrich galant,„immer noch reizende Feen und mächtige Zauberinnen zu erſcheinen pflegen, die ſich gar kein Gewiſſen daraus machen, uns arme Sterbliche durch einen Blick, durch einen Ton in Feſſeln zu ſchlagen!“ „Gehen wir zur Geſellſchaft zurück,“ lachte der Fürſt—„um Gotteswillen, gehen wir! Mein Oheim beginnt mit ſeinen poetiſchen Artigkeiten und ſchwächt dadurch aus Egoismus den Eindruck, den wir mit der kleinen Vorſtellung auf unſern liebenswürdigen Gaſt gemacht— kommen Sie!“ Damit ging die kleine und ſehr auserleſene Geſellſchaft davon und Keiner aus derſelben hatte einen Blick mehr für den Künſtler, der ihr mit einem bittern Lächeln auf den Lippen nachſchaute und der endlich faſt erſchrocken aus ſeinem finſtern Dahinſtarren empor⸗ fuhr, als er von der Bühne her Walter's Stimme vernahm, die ihm zurief:„Mir ſcheint es, mein Junge, Du haſt auch jetzt noch Luſt, jenen Sternen zu folgen, die ſo eben an Deinem bürgerlichen Horizonte untergegangen ſind— ſei geſcheit, wende Dich zu uns und folge einem anderen Zeichen, das leuchtend vor Dir aufſteigt, Dir noch ein paar heitere, glückliche Stunden verſpricht— Vergeſſen des Vergangenen, Hoffnung auf die Zukunft— ein gutes Zeichen, wie für Künſtler geſchaffen, die Goldene Kanne!“ A XLVI. „Du biſt wie eine Blume.“ Jord Warren hatte ſich mit dem praktiſchen Sinne, der den Engländern eigen iſt, ſo wie mit ſeinem feinen, ausgebildeten Ge⸗ ſchmacke in kurzer Zeit eben ſo bequem als elegant eingerichtet. Dabei dürfen wir aber nicht verſchweigen, daß er es für eine Kleinigkeit anſah, einen ganzen Eiſenbahnwagen voll Kiſten von einem Orte zum anderen mit ſich herum zu ſchleppen, die eine Un⸗ maſſe von Sachen aller Art enthielten, daß ſein Kammerdiener unter Beihülfe einiger Lakaien ein paar Wochen zu thun hatte, ehe er Alles ausgepackt und in buntem Durcheinander Möbel, Bilder, Waffen, Gefäſſe an den Wänden der verſchiedenen Salons und Ge⸗ mächer aufgeſtellt hatte. Dieſe Gegenſtände nun zu ordnen, das heißt ihnen einen paſſenden Platz anzuweiſen, war Sache einer längeren Ueberlegung, und der junge Lord brauchte oft Wochen lang, um die verſchiedenen Geräthe eines einzigen Zimmers gehörig unterzubringen. Dies zu bewerkſtelligen, rollte er einen Lehnſeſſel in die Mitte des Gemaches und überlegte dann lange, probirte auch wohl, wo dieſes Bild oder jenes Möbel anzubringen ſei. Die Einrichtung dieſer Wohnung würde bei der Eigenheit Warren's noch viel mehr Zeit in Anſpruch genommen haben, als ſie ohnehin ſchon that, wenn nicht Rodenberg ihm gern an die Hackländer's Werke. 56. Bd. 4 8 46 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Hand gegangen wäre und ihn nicht nur für dieſes oder jenes Arrangement zu beſtimmen gewußt, ſondern ſich auch nebenbei über die Pedanterie luſtig gemacht hätte, mit welcher der Engländer zu Werke ging. „Oberflächlich betrachtet, haben Sie vollkommen Recht,“ gab dieſer zur Antwort,„wie ich Ihnen auch gar nicht übel nehme, wenn Sie ſich darüber luſtig machen, daß ich überhaupt alle dieſe Gegenſtände, ſtatt ſie nach England zu ſchicken, mir überall nach⸗ kommen laſſe; doch hat es auch ſeine vernünftigen Gründe, denn erſtens ſchmücke ich die kahlen Wände meiner Wohnung damit aus und erfreue mich täglich und ſtündlich an allen dieſen Dingen, die ich nun einmal liebgewonnen habe und die mir theils als Erinne⸗ rung an einen Ort, wo ich angenehm lebte, theils wegen ihrer ſeltſamen oder eleganten Formen angenehm in die Augen ſpringen, zweitens habe ich die Abſicht, dies alles einmal in einem kleinen Schloſſe, welches ich in England beſitze, zuſammenzubringen, und ſehe jetzt ſchon, wenn ich Bilder, Waffen und Geräthſchaften be⸗ trachte, im Geiſte dieſe oder jene Wand, dieſen oder jenen Erker vor mir, wo ich etwas davon anbringen werde; drittens endlich kann ich mich hier in meinem Salon, der, wie Sie ganz richtig bemerken, in maleriſcher Unordnung glänzt, ſo recht lebhaft in jene herrliche Zeit zurückverſetzen, wo ich die meiſten Stunden meiner Tage und Abende im Atelier des guten Olfers verbrachte.— Sie werden bemerken, daß ich mich bemüht habe, durch den Gobelin dort an der Thür, durch jene alten Tiſche mit den zierlichen Krügen, durch Hellebarden und Stoßdegen eine wenngleich ſchlechte Copie hervorzubringen; aber es geht ihr wie allen mittelmäßigen Nach⸗ ahmungen— ihr fehlt der Geiſt des Originals, hier vor allen Dingen die wunderbaren Skizzen und Zeichnungen Roderich's und dann er ſelbſt mit ſeinem guten, klugen Auge, mit dem freund⸗ lichen, oft ſarkaſtiſchen Lächeln auf den Lippen, wenn er meine über⸗ zarten Bleiſtiftzeichnungen, wie er anfänglich ſo gern that, mit dicken, ſchwarzen Kreideſtrichen verbeſſerte.“ Du biſt wie eine Blume. 47 „Ach ja, jene Zeit,“ meinte auch Rodenberg nachdenkend,„ſie war zu ſchön, als daß ſie länger hätte andauern können oder daß ſie wiederkehren dürfte!“ „Und doch hoffe ich darauf und bin gewiß, daß ſie wieder⸗ kehren wird, wenigſtens eine ähnliche, nicht minder glückliche.“ Nodenberg ſchüttelte langſam mit dem Kopſe.„Wir ſind,“ ſagte er alsdann,„ſeit jener Zeit nicht nur um manches Jahr älter geworden, ſondern es hat auch Jeder von uns andere Bahnen eingeſchlagen, die ſich wohl einmal wieder nähern werden, kreuzen können, aber ſchwerlich für längere Zeit neben einander, ein gleiches Ziel verfolgend, fortlaufen. Was nun beſonders Roderich anbe⸗ langt, ſo iſt ſeine Exiſtenz durch jenes ſchreckliche Ereigniß unter⸗ graben, und wenn auch die ſtarken, zähen Wurzeln ſeines Lebens⸗ baumes noch immer kräftig in den Boden eingreifen, ihn ſelbſt mächtig aufrecht haltend, ſo fürchte ich doch, er wird uns nicht mehr jener Baum mit Schatten ſpendendem Laubdache ſein, bei dem wir uns ſo gern verſammelten und heimiſch fühlten.“ „Wohl wahr; aber ich brenne vor Begierde, ihn wiederzuſehen und zu erfahren, ob der tiefe Riß ſeines Innern nicht endlich an⸗ fängt, zu heilen oder zu vernarben.“ „So viel ich von Walter hörte, iſt das nicht der Fall, und was ihn aufrecht erhält, iſt neben ſeiner Kunſt die Hoffnung, Mar⸗ garethe doch noch wiederzufinden.“ „Darauf hoffe auch ich noch,“ ſprach Warren in ſehr ent⸗ ſchiedenem Tone—„ſie kann nicht gänzlich verloren, nicht geſtorben ſein, das kleine, gute Mädchen nämlich. Was Madame anbelangt, ſo gönne ich ihr den beſten Frieden— gewiß, Rodenberg, ich kann mir nun einmal den Glauben nicht nehmen laſſen, daß wir ſie wiederfinden und eine zweite und ſchönere Auflage unſeres Künſtler⸗ lebens feiern werden— hier oder anderswo.“ „Ah, wenn nicht hier auf Erden, ſo hoffen Sie in ſo aus⸗ ſchweifender Weiſe auf das Jenſeits!“ „O nein, o nein! der Himmel mag eine ſehr ſchöne Sache 5 48 Sechsundvierzigſtes Kapitel. ſein, aber ich halte es doch wieder einmal mit eurem großen Goethe, wenn er ſagt: 3 3 „Das Drüben kann mich wenig kümmern, Schlägſt Du erſt dieſe Welt zu Trümmern, Die andre mag darnach entſtehen. Aus dieſer Erde quillen meine Freuden Und dieſe Sonne ſcheinet meinen Leiden, Kann ich mich erſt von ihnen ſcheiden, Dann mag was will und kann geſchehen.““ „Es iſt gefährlich, mit Ihnen umzugehen,“ lachte Rodenberg; „was Sie da citiren, das ſollte ein frommer Künſtler nicht an⸗ hören.— Haben Sie Briefe von Olfers?“ fragte er nach einer kleinen Pauſe. „O ja, und in ihnen die Hoffnung, daß er meinen Bitten, Italien zu verlaſſen und zu uns zurückzukehren, endlich nachgeben werde. Was habe ich dieſem ſtarren Herzen nicht ſchon für Vor⸗ ſchläge gemacht, meine ganze, glänzende Carrière habe ich ihm opfern wollen, die Ausſicht, einmal Botſchafter zu werden an irgend einem kleinen deutſchen Hofe, indem ich mich anheiſchig machte, mit ihm ſo lange kreuz und quer durch die Welt zu ziehen, bis wir Marga⸗ rethe gefunden oder wenigſtens— irgend eine Spur von ihr.— Ach,“ ſetzte er nach einem kleinen Stillſchweigen mit einem tiefen Seufzer hinzu, wobei er mit der Hand über ſeine Augen fuhr,„ich kann und will es nicht denken und faſſen, daß es am Ende doch möglich wäre, ihr kleines Grab zu finden und daran jenes unſelige Weib, das mit ſeinem wilden, eigenſinnigen Herzen ihm und ſich ſelbſt Alles genommen!— Und am Ende wäre eine ſolche Gewiß⸗ heit immer noch vorzuziehen dem marternden Gedanken, was aus jenem ſüßen Kinde geworden ſei.— Ich weiß nicht,“ fuhr er nach einiger Zeit mit einem trüben Lächeln fort,„daß ich überhaupt ſo unglücklich im Wiederfinden bin, daß ſchon ſo Vieles, wofür ich mich lebhaft intereſſirt, meinem Geſichtskreiſe verſchwindet, ohne eine Spur zurückzulaſſen— erinnern Sie ſich, daß ich Ihnen neulich von einer Begegnung am Zuger See erzählte?“ Du biſt wie eine Blume. 49 „Ah, mit Prinzeſſin Edelweiß?“ „Oder mit einer neckiſchen Fee— ich glaube wahrhaftig, ſie war irgend einem Märchen entſprungen, ein Gebilde aus Blumen⸗ duft und Bergkryſtall, zart, rein, berauſchend!“ „Ei, ei, Warren, dieſe flüchtige Erſcheinung ſcheint einen tiefen Eindruck auf Ihr Herz gemacht zu haben!“ „Ich läugne das nicht; es war ein entzückendes Traumbild, wie ein ſolches erſcheinend und wie ein ſolches wieder verſchwindend — und haben Sie nie gefunden, daß Geſichte, die man im Traume hat, oft den tiefſten Eindruck hinterlaſſen? Doch ich wollte Ihnen von Edelweiß ſagen...“ „Daß ſie ſpurlos verſchwunden ſei?“ „Ja, trotz der genaueſten Nachforſchungen, die ich in der Stadt anſtellen ließ, welche man mir als ihren Wohnort angab.“ „Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf,“ ſagte Roden⸗ berg mit einem eigenthümlichen Lächeln,„ſo hätte ich für die ſchöne, junge Dame, wie Sie ſie mir beſchreiben, einen anderen Wohnort gewünſcht, als gerade Zwickau, und einen poeteriſchen Namen, als Specht.“ „Namen wie andere— ſie klingen nicht ſo übel.“ „Für Sie— für uns Deutſche wohl, und wenn es ſich ſo verhält, wie Sie eben ſagten, daß die Familie Specht in Zwickau nicht aufzufinden war, ſo fürchte ich faſt, der vorſichtige Vater des jungen Mädchens hat Ihnen abſichtlich einen falſchen Namen geſagt.“ „Welchen Grund könnte er gehabt haben?“ Rodenberg betrachtete den ſchönen jungen Mann lächelnd von Kopf bis zu Fuß und ſagte alsdann:„Grund genug, wenn man Sie ſo anſieht; Edelweiß brauchte nur mit einem Tauſendſtel Theile der Begeiſterung von Ihnen zu ſprechen, mit der Sie ſich über das junge Mädchen ausſprachen, und ihre Angehörigen thaten ſehr klug daran, ſie verſchwinden zu laſſen.“ „Falſch,“ entgegnete der Engländer in ſehr entſchiedenem Tone; „ich würde ſie geheirathet haben, wenn ſie mir bei näherer Be⸗ Sechsundvierzigſtes Kapitel. kanntſchaft eben ſo gefallen hätte, wie bei unſerer flüchtigen Be⸗ gegnung, vorausgeſetzt, Edelweiß hätte Lady Warren werden mögen — doch iſt das vorbei,“ ſetzte er ſeufzend hinzu,„wie ſo manches Andere!“ Rodenberg hatte hier häufig ähnliche Unterredungen mit ſeinem Freunde, und dieſer verbrachte dagegen manche Stunde in den Zimmern des Malers. Lord Warren zeichnete und malte gern, und auch Rodenberg ſetzte ſich, wenn er bei jenem war, zuweilen vor ein Blatt Papier, das vielleicht nicht ohne Abſicht auf das Reißbrett geſpannt worden war, und entwarf mit Bleiſtift und Kohle flüchtige Skizzen. Auch Walter ließ ſich häufig ſehen, und ſo wurde der Salon Warren's, den er ſein Atelier nannte, zu einem Mittelpunkte für die Künſtler, welche ſich nach längerer Zeit hier wieder zuſammengefunden hatten; man war dort ſo frei als mög⸗ lich, man plauderte über die Begebenheiten des täglichen Lebens und über Erſcheinungen auf dem Gebiete der Kunſt. Man zog es häufig vor, ſtatt die, Goldene Kanne’ zu beſuchen, die kühlen Abende des Aprils hier am flackernden Kaminfeuer zuzubringen, wobei ſich auch zuweilen Schlegel und der kleine Rafael einfanden. Da wurde gelacht und geraucht bei vortrefflichem Punſche, den Niemand ſo gut anzufertigen wußte, wie der Kammerdiener des Lord: dann wurde der Vergangenheit gedacht, wobei ſich Alle ganz beſonders ergötzten an den drolligen Schilderungen des kleinen Schriftſtellers, hauptſächlich aber, wenn er in unnachahmlicher Komik mit Rodenberg, der in dieſen Stunden und in dieſer Umgebung wieder ſo heiter wie in früheren Tagen war, eine Scene aus der Zeit des ‚Reichs⸗ apfelse aufführte und als kleiner, raſch und vortrefflich coſtumirter Bedienter den rückwärts geworfenen Pinſel ſeines Herrn auffing und dabei ſeine Neckereien mit dem allerdings unſichtbaren Fi⸗ garo trieb. Was Schlegel anbelangte, ſo hatte er ſeine Anſtellung als Decorationsmaler des fürſtlichen Hoftheaters erhalten; allerdings gegen den Willen des betreffenden Departements⸗Chefs, weßhalb Du biſt wie eine Blume. 51 dieſer bei vorkommender Gelegenheit einen Gruß Rodenberg's noch tühler erwiederte, als er bisher zu thun pflegte. Ueberhaupt hätte der junge Maler ein Buch ſchreiben können über die Nuancen des Grüßens bei Hofe, die untrüglicher für das herrſchende Wetter ſind, als der ſicherſte Barometer bei Regen und Wind, wobei er ſich nicht verhehlen konnte, daß für ihn das Wetter bei Hofe nicht mehr ſo klar und ſonnig ſtrahlte, wie bisher. Eine Haupturſache lag in dem ſteigenden Einfluſſe der Fürſtin⸗Mutter auf ihren Sohn, und daß dieſer Einfluß, was Rodenberg betraf, im jetzigen Augenblicke des kräftigen Gegengewichtes faſt ganz entbehrte, welches ihm bis⸗ her die Freundſchaft des Prinzen Heinrich verliehen. Seine Hoheit waren, wie wir bereits wiſſen, ein älterer Herr, hatte einen ziemlich ſchlechten Winter gehabt und litt auf Beſorg⸗ niß erregende Art unter dem Einfluſſe eines lang andauernden naßkalten Frühjahres. Wenn er auch den jungen Mann noch häu⸗ figer zu ſich beſchied, als früher, ſo war er doch nicht mehr im Stande, auch anderswo ſo für ihn zu wirken, wie er es bis jetzt gethan, und wenn der Prinz, was ſeine eigene Perſon betraf, recht trübe in die nächſte Zukunft blickte, ſo entſchlüpften ihm dabei häufig Aeußerungen des Bedauerns über ſeinen Schützling. „Es reut mich faſt,“ konnte er wohl ſagen,„daß ich Sie hie⸗ hergebracht; ich hätte wiſſen ſollen, daß es für ein Gemüth wie das Ihrige unmöglich iſt, hier auf dieſem harten, felſigen Boden Wurzel zu faſſen— man beneidet Sie wohl, man fürchtet Sie vielleicht, aber man liebt Sie nicht— eine Künſtlernatur wie die Ihrige kann bei Hofe nicht gedeihen; Sie haben es nicht lernen können und wollen, ſich unter jede Windſtrömung zu beugen, und wenn einmal der Halt verloren iſt, den ich Ihnen gab, weil ich Ihre guten Eigenſchaften erkannt und Sie deßhalb geliebt, ſo wird Sie der erſte Sturm zu Boden ſchleudern.“ „Eure Hoheit haben ganz Recht,“ hatte ihm der junge Mann hierauf geantwortet,„aber wenn ich es allerdings auch nicht gelernt, Wetterfahne zu ſein und mich tief zu bücken, wo ich meinem Be⸗ 52 Sechsundvierzigſtes Kapitel. wußtſein nach das volle Recht habe, mit ſehr erhobener Naſe vorüber⸗ zugehen, ſo habe ich doch ſonſt in den paar Jahren, die ich am Hofe zubrachte, meine Kenntniſſe auf ſehr nutzbringende Art erwei⸗ tert, und Sie können mir glauben, gnädiger Herr, was mich be⸗ treffen ſoll, trifft mich nicht unvorbereitet und wird mir hoffentlich die gute Laune nicht verderben.“ Es war nicht nur Redensart, wenn Rodenberg ſo ſprach, ja, er ſehnte ſich hinweg aus dem glänzenden Kreiſe, der ihm einſt als das höchſte Ziel ſeiner Wünſche erſchienen war, und eigenthüm⸗ licher Weiſe war dieſe Sehnſucht erſt dann beſonders ſtark bei ihm erwacht, ſeit die Freunde, namentlich Walter, wieder um ihn waren und er durch ſie abermals in das Künſtlerleben hineingezogen wurde, zu dem ihn alle ſeine Neigungen, ſeine ganze Begabung drängten. Stunden lang konnte er, auf einen Schemel gekauert, neben der Staffelei ſeines alten Freundes ſitzen, ihm zuſchauen und ſich von deſſen Reiſen, am liebſten aber von jenen Tagen erzählen laſſen, wo ſie zuſammen die Maler⸗Akademie beſucht. Der jüngere Mann verſank dann leicht in tiefe Träumereien und gedachte in dieſen nicht ungern der letzten Jahre, die er verlebt— hatte er doch während derſelben an einem Phantaſiebilde gearbeitet, hatte er doch einen ſchönen Traum gehabt, aus dem er nun, plötlich erwachend, das Leben in troſtloſer Alltäglichkeit vor ſich ſah. Juanita war es, deren plötzliches Erſcheinen, deren weder ſchroffes noch feindſeliges, aber vollkommen gleichgültiges Auftreten ihn auf ſo ſchonungsloſe Art erweckt. Sie war länger in der Reſidenz und bei Hofe geblieben, als es vielleicht anfänglich in ihrer Abſicht gelegen und als er nach der erſten Begegnung mit ihr ge⸗ hofft hatte; ſie war geblieben, weil es ihr ſo gefiel, weil ſie wahr⸗ ſcheinlich nicht Luſt hatte, dem reichen Kranze ihrer Lorbeeren neue Blätter hinzuzufügen, oder weil es ihr geringfügig erſchien, ihren koloſſalen Reichthum— denn ſie hatte ihren Proceß gewonnen— noch zu vermehren. Vielleicht auch war ſie geblieben, weil ſie mit ihrer Kunſt, ihrer Schönheit, ihrem vornehmen Range an dem Du biſt wie eine Blume. 53 kleinen deutſchen Hofe auf eine bisher unerhörte Weiſe gefeiert wurde, ja, von dem regierenden Herrn auf ſo ausgezeichnete Art, daß die Fürſtin⸗Mutter zu fürchten anfing, ſich aber bald wieder durch das taktvolle, feſte und in jeder Beziehung tadelloſe Benehmen der ſchönen Marcheſa beruhigt fühlte. Nebenbei gefiel ihr auch die ſchöne Gegend und ſie pflegte oft Tage lang mit einer vertrauten Kammerfrau oder mit Don Joſe in der Umgebung der Stadt um⸗ herzuſchweifen, wobei ſie das Ziel ſolcher Ausflüge abſichtlich und ſo augenſcheinlich in tiefes Dunkel zu hüllen liebte, daß der Fürſt ſelbſt einmal lachend geſagt:„Wehe dem Glücklichen, für welchen Sie uns ſo manche Stunde entziehen, wenn ich erfahre, wer es iſt!“ Von irgend einer Beziehung zwiſchen Juanita und Rodenberg konnte in keiner Weiſe die Rede ſein, ja, um das Verhältniß zwiſchen Beiden zu bezeichnen, hätte man allenfalls ſagen dürfen: ſie ſtan⸗ den gar nicht mit einander, wie ſchon bemerkt, weder freundlich noch feindlich. Daß der junge Mann ſeit dem Abende, an welchem er ihr vorgeſtellt worden war, nie mehr den Verſuch irgend einer Annäherung gemacht, dürfen wir vielleicht zu ſeinen Gunſten her⸗ ausheben, wenn wir zu gleicher Zeit hinzuſetzen, daß der Anblick dieſes ſchönen, liebenswürdigen und reizenden Weibes ſtets ſeine volle Leidenſchaft aufregte und daß er nie in ihre Nähe kam, als mit dem glühenden Wunſche, vor ihr niederzuknieen, ihre Kniee zu umfaſſen und ſie mit der ganzen Kraft ſeiner Liebe zu fragen: Willſt Du mich denn nie mehr kennen, Juanita!— Ich bin es ja, der Dir einſt nahe geſtanden und der in jahrelanger Verban⸗ nung von Dir das Unrecht doch gewiß abgebüßt, welches er Dir zugefügt!— Wenn er ſo dachte und ſie in wilder Leidenſchaft⸗ lichkeit betrachtete, ſo ſtahl ſich wohl hier und da ein heißer Blick aus ſeinen Augen nach ihr hin, unbemerkt von den Anderen, un⸗ bemerkt von ihr ſelber, wie er überzeugt war, und wenn ſie auch vielleicht den Ausdruck ſeines Auges ſah, ſo hatte ſie es gewiß ver⸗ geſſen, daß ſie einſt ähnliche Blicke eben ſo innig erwiedert, denn ſie glitten ab an dem unbeweglich heitern Ausdrucke ihrer Züge, 54 3 Sechsundvierzigſtes Kapitel. und nur ein einziges Mal, als ſie bei Hofe ſang— eines jener ſpaniſchen Lieder, die er zuerſt auf der Soirée des Prinzen Heinrich von ihr gehört—, blitzte es einen Augenblick nach dem fernen Winkel hinüber, wo er, ſie beobachtend, im Schatten ſtand; doch war auch jener Blitz nur täuſchend geweſen, hatte wahrſcheinlich ihm nicht gegolten; wem aber, wußte er nicht, da er, um ſich her⸗ ſchauend, Niemanden in ſeiner Nähe ſah— vielleicht dem Monde, der durch eine Vorhangſpalte neugierig in den Saal blickte. Es konnte nicht anders ſein, als daß er der ſchönen Marcheſa häufig begegnete bei Hofe, in andern Geſellſchaften, auf der Straße, und jedes Mal hatte ſie für ſeinen achtungsvollen Gruß eine bei⸗ nahe freundliche Erwiederung, und das war es gerade, was er auf die Dauer nicht auszuhalten vermochte— o, hätte ſie ihn nur ein einziges Mal finſter angeblickt, hätte ſie nur einmal, wenn ſie ihn geſehen, ihre ſchönen Lippen feſter auf einander gepreßt oder mit der Hand eine zuckende Bewegung gemacht— o, hätte ſie ſich ge⸗ gen ihn zurückſtoßend, feindſelig benommen! Einmal ſchien er der Erfüllung dieſes Wunſches nahe zu ſein, und es durchbebte ihn freudig: der Fürſt hatte die Anordnungen zu einem kleinen Concerte wie gewöhnlich in ſeine Hand gelegt, ja, ihn beauftragt, die Befehle der Frau Marcheſa perſönlich einzuholen. Mit welchem Gefühle hatte er ihre Wohnung betreten, wie fühlte er ſich völlig athemlos, nachdem er die Stufen erſtiegen, die zu ihren Gemächern führten! Er wurde als von Seiner Königlichen Hoheit kommend angemeldet,— um nicht vorgelaſſen zu werden. Aber leider geſchah dies nicht mit einer kurzen Abfertigung, die er hätte übel nehmen können: Don Joſe ſelbſt erſchien, bat ihn im Namen der Marcheſa um Entſchuldigung, daß ſie nicht im Stande ſei, in dem gegenwärtigen Augenblicke zu empfangen, doch wiſſe ſie bereits, daß es die Anordnungen zum Concerte beträfe; ſie bäte aber Herrn Rodenberg, ſich durchaus darin nicht weiter zu be⸗ mühen, da Seine Excellenz der Herr Oberſt⸗Hofmeiſter ſelbſt für alle Arrangements Sorge tragen wolle. — Du biſt wie eine Blume. 5 5 Schon dieſe an ſich ſo unbedeutende Ablehnung ſeiner Dienſte machte ihn glücklich, gab ihm eine kleine Hoffnung, wie dem See⸗ fahrer bei gänzlicher Windſtille die leichteſte Briſe, welche die Wellen kräuſelt, mit dem ſchlaffen Segel ſpielt— und auch dieſes Mal wieder vergebliche Hoffnung! Don Joſe, welcher den jungen Mann mit freundlicher Gewalt in ſein eigenes Zimmer nöthigte, ſagte ihm hier, daß das Concert auf den Wunſch der Frau Fürſtin⸗Mutter in deren Gemächern gehalten würde und daß der Oberſt⸗Hofmeiſter nun auf höchſten beſonderen Wunſch die Anordnungen übernommen habe— der Marcheſa würde es ja ganz gleichgültig geweſen ſein,“ hatte er hinzugeſetzt, und jedes dieſer Worte war ein Dolchſtoß für den armen Rodenberg! Gleichgültig— allerdings gleichgültig! Don Joſe hatte ſich ſeit ſeinem Hierſein nicht nur beſtändig herzlich und annähernd gegen den jungen Mann benommen, ſondern er hatte auch demſelben gegenüber häufig ſeine Verwunderung über das ſo gänzlich veränderte Benehmen Juanita's nicht verborgen. „Weiberlaunen ſind allerdings nicht zu berechnen,“ hatte er geſagt,„und habe ich darin ſchon viel erlebt; aber ehrlich geſtan⸗ den, verſtehe ich, die ganze Veränderlichkeit eines Weibes zugebend, doch nicht die jetzige Haltung der Marcheſa gegen Sie— wenn ich nach jener Zeit zurückſchaue, wo wir lachten und tollten, ſo kann ich mir nicht anders denken, als daß Juanita ganz beſondere Gründe hat, wenn auch nur Scheingründe, einen guten Freund, einen jungen Mann von ſo ganz beſonderer Begabung vollſtändig vergeſſen zu haben— und Sie waren ihr Freund, ihr intimer Freund, das vermag ſie wahrſcheinlich ſelbſt nicht zu läugnen.“ Nach dieſen Worten hatte der alte Spanier Rodenberg un⸗ bemerkt mit einem liſtigen, ſcharfen Blicke betrachtet, dieſem aber ſogleich wieder einen wohlwollenden Ausdruck gegeben, als der junge Mann, auſſchauend, ihm unbefangen erwiederte:„Die Frau Mar⸗ cheſa hat mich in jener Zeit durch ihre außerordentliche Güte und Liebenswürdigkeit zu größtem Danke verpflichet, mich ſo zu ihrem — ö 56 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Schuldner gemacht, daß ich wohl Anlaß hatte, ihr meine Dienſte zu weihen, ohne dafür die geringſte Vergeltung anzuſprechen. Sie war allerdings ſo gütig gegen mich, mich wie einen Freund zu be⸗ handeln, vielleicht nur den Künſtler in mir, und deßhalb kann ich es auch begreiflich finden,“ ſetzte er mit einem bittern Lächeln hin⸗ zu,„daß ſie ſelbſt, eine echte Künſtlerin, dieſen NRodenberg, den Günſtling, Höfling, den unterthänigen Diener allerhöchſter, höchſter und excellenter Perſonen, nicht mehr zu kennen wünſcht!“ „Daran könnte bei ihrem eigenen Charakter etwas Wahres ſein.“ „Gewiß!“ rief Rodenberg, und ein Strahl der Hoffnung durch⸗ zuckte ihn—„ſie ſchätzte den unabhängigen Künſtler, der ihr in jenen glücklichen Tagen, wenn auch nicht groß, doch eigenthümlich erſchien, den ſie jetzt, untergegangen in dieſer kleinlichen Welt, ihrer Beachtung nicht mehr werth findet— gewiß— gewiß!⸗ „Ich glaube, darin thun Sie der Marcheſa Unrecht, und wie ich ihre offene, ja, zuweilen rückhaltsloſe Manier kenne, ſo würde ſie ſich durchaus nicht geſcheut haben, mit Ihnen darüber zu reden — Ihre Gründe zu hören, um ſie zu billigen oder zu verwerfen.“ „Ich wünſchte, ſie hätte mir dieſe Aufmerkſamkeit geſchenkt, ſie hätte für mich, den ſie damals mit ſo vieler Güte und Auf⸗ merkſamkeit behandelte, irgend ein Gefühl behalten, ſelbſt das des Mitleids oder das des Haſſes!“ „Ah, Sie begehren viel!“ hatte Don Joſe mit demſelben ſchlauen Lächeln auf den Lippen geantwortet und dann hinzugeſetzt: Ihnen deßhalb geſtehen, daß Sie bei meiner— bei Juanita die Region des Haſſes paſſirt haben.“ „Und daß ich jetzt in der erſtarrenden Zone der Gleichgültigkeit angekommen bin!“ „Daß man ruhiger geworden iſt und Vergangenes mit ewigem Vergeſſen zu bedecken wünſcht.“ Wieder derſelbe forſchende Blick des alten Spaniers. „Ewig— Vergeſſen, zwei furchtbare Begriffe— und ſo un⸗ Du biſt wie eine Blume. 57 gerecht gegen mich, einer Laune entſprungen! Die Marcheſa hätte mir bleiben dürfen, was ſie mir war,“ entgegnete Rodenberg, in⸗ dem er ſich zwang, den ſchlauen Blick Don Joſe's ruhig und un⸗ befangen auszuhalten—„die von mir hochverehrte, angebetete Künſtlerin, an der ich aufſchaute mit dem Gefühle der Dankbar⸗ keit und der Bewunderung; doch habe ich kein Recht, mich zu be⸗ klagen, habe überhaupt weder einen Grund, ja, nicht einmal den Schein eines Rechtes, um zu verlangen, daß ſich die Frau Mar⸗ cheſa des unbedeutenden Künſtlers von damals erinnere!“ Nach dieſer Unterredung hatte Don Joſe die Hand des jungen Mannes genommen, ſie kräftig geſchüttelt und ihm geſagt:„Vergeſſen Sie nicht, daß Sie, wo und wann es ſein mag,— an mir einen zuverläſſigen Freund haben!“— Auch an Lord Warren hatte Rodenberg in jeder Beziehung einen zuverläſſigen Freund, und durch ihn erhielt er auch die ge⸗ naueſten Mittheilungen von der baldigen Verwirklichung des Pro⸗ jectes der Heirath des jungen Fürſten mit der Tochter eines be⸗ nachbarten Hofes, ihm dabei nicht verhehlend, daß man drüben überzeugt ſei, bei nothwendiger Entfernung ſchädlichen Einfluſſes würden auch die kleinen Liebhabereien des Fürſten für Theater und Decorationen, koſtſpielige Feſte und dergleichen leicht zu mäßigen ſein. Der Fürſt ſprach mit Rodenberg ſelten über dieſe Angelegen⸗ heit und dann als wie von etwas, das noch in weitem Felde liege: doch vermied er in ſolchen Augenblicken, den jungen Mann anzu⸗ ſehen, und ſprang auch gewöhnlich raſch auf ein anderes Geſprächs⸗ thema über. Er ſah ihn überhaupt in den letzten Zeiten nicht mehr ſo viel wie früher, was wohl daher kam, daß eine Anzahl von Todesfällen in anderen fürſtlichen Familien, bei der allgemeinen Verwandtſchaft all' dieſer gekrönten Häupter, eine Reihe von kürzeren oder längeren Hoftrauern herbeiführte, welche natürlicher Weiſe lebende Bilder, Theater und ähnliche kleine Luſtbarkeiten unterbrachen. Wir haben ſchon erwähnt, daß ſich einem langen, ſtrengen 58 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Winter ein hartes Frühjahr angeſchloſſen, welches man füglich als eine Fortſetzung deſſelben betrachten konnte: Kälte mit Schnee und Eis herrſchte bis Ende April, und da endlich am Anfange des Mai der Frühling mit aller Macht hervortrat, ſo konnte man ihn ſeit langer Zeit wieder einmal den Wonnemonat nennen: es war, als ſeien Knospen und Blüthen dieſes Mal unter ihrer Umhüllung ganz beſonders gerüſtet und fertig geweſen und als hätten ſie es nicht erwarten können, unter Beihülfe des erſten warmen Windhauches ihre Umhüllung zu ſprengen, an's Tageslicht zu dringen und in der milden, feuchten Luft faſt ſichtbarlich zu wachſen. Wie mit einem Zauberſchlage war Alles grün geworden, Wieſen, Felder und Wald, und eben ſo raſch, wie die Blätter er⸗ ſchienen waren, folgten auch die duftigen Blüthen unter dem wär⸗ menden Kuſſe der Frühlingsſonne. Wie bald hatte man des langen und harten Winters ver⸗ geſſen, indem man ſich mit aller Luſt und Liebe ſeinem blühenden Nachfolger hingab; wie betrachtete man Pelze und Mäntel, die kalten Oefen und erloſchenen Kamine beinahe wie der Fabelwelt angehörend; wie blickte man verwundert auf einen noch in irgend einem Hofe ſtehen gebliebenen Schlitten, und wie unnütz erſchienen warme Paletots und Ueberſchuhe! Ueberall ſah man offene Fenſter, und wer gerade nicht ausgehen konnte, ſog wenig⸗ ſtens von dort die lang entbehrte, warme, würzige Luft in ſich. Auf der Straße vernahm man wieder die luſtigen, jubilirenden Kinderſtimmen und ſah ſie die alten, bekannten Spiele treiben; Geſang erſchallte überall während der Abendſtunden in den Straßen der Stadt von heitern Menſchen, beim anbrechenden Morgen im ſchönen duftigen Walde von luſtigen Vögeln. „Jetzt möcht' ich wieder wandern,“ ſagte eines Tages Lord Warren zu Rodenberg, der ihn, von einem Morgen⸗Spazirgange heimkehrend, beſuchte;„jetzt zieht es mich faſt unaufhaltſam in die Ferne, und ich muß alle meine Vernunft zuſammennehmen, um nicht im gegenwärtigen Augenblicke durch ein Urlaubsgeſuch mich Du biſt wie eine Blume. 59 förmlich lächerlich zu machen, denn wir ſind mit wichtigen Arbeiten überhäuft: wir nähern uns den großen Ereigniſſen, von denen ich⸗ Ihnen ſchon früher ſprach, und dabei iſt es keine Kleinigkeit für einen Geſandten, der erſte zu ſein, dergleichen an ſeinen Hof zu berichten mit allen wichtigen Nebenumſtänden, ſo zum Beiſpiel von einem höchſten Schnupfen, deſſen Beendigung noch abgewartet wer⸗ den muß, ehe man mit Beſtimmtheit ſagen kann, ob Allerhöchſt⸗ dieſelben, das vorliegende Project betreffend, keine Schwierigkeiten machen werden— ja, wir haben leider alsdann ſehr viel zu thun, um falſche Gerüchte zu widerlegen, Thatſachen der Wahrheit ge⸗ mäß zu berichtigen, und müſſen uns in dieſer Zeit noch ganz beſon⸗ derer Geſandtſchaftsohren bedienen, um irgend etwas zu erfahren, von dem die übrige Welt noch keine Ahnung hat, namentlich wir armen Attaché's und Secretäre, und wir ſind das unſerer Carrière ſchuldig, denn ich bin feſt überzeugt, eine Vormerkung zu raſcherem Avancement könnte mir nicht fehlen, wenn ich vor allen Anderen im Stande wäre, meinem verehrten Chef zu berichten, daß der Brautſchmuck der künftigen Fürſtin ſo eben beſtellt worden ſei— Smaragden und Brillanten, darunter ein ausgezeichnetes Pracht⸗ ſtück in Herzform mit eingravirter, verſchlungener Namenschiffre, Alliance⸗Wappen— brrrr!“ „Könnte dabei ein reger Geiſt mit viel Erfindungsgabe nicht nützlich ſein?“ fragte Rodenberg lachend—„in dem Falle wäre ich zu gebrauchen!“ „Nein, nein— auch haſſe ich es, Freunde auf dieſe Art in Contribution zu ſetzen, ſonſt hätte ich mich ſchon lange an Sie gewandt mit der Bitte um Angabe eines dieſer ſo wichtigen Details.“ „Was ich erfahre, ſoll Ihnen im Intereſſe europäiſcher Po⸗ litik nicht vorenthalten bleiben; doch wird man gegen mich immer zugeknöpfter.“ „Schlimmer,“ ſagte Warren,„oder beſſer,“ ſetzte er hinzu, indem er dem Anderen die Hand auf die Schulter legte—„es iſt nichts für uns in dieſer Luft, für Sie nicht und für mich auch Sechsundvierzigſtes Kapitel. nicht; im Winter kann man ſich das ſchon gefallen laſſen, wenn man von Schnee und Eis umſchloſſen iſt wie von Gefängnißmauern, wenn man nicht hinaus kann in die weite, freie, ſchöne Welt, und wenn man ſich alsdann noch glücklich ſchätzt von einem behaglichen Platze aus ſo einem luſtigen Marionetten⸗Theater zuſchauen zu können.“ „Gewiß,“ ſtimmte Rodenberg heiter bei,„beſonders wenn man ſo glücklich iſt, einen Platz zu haben, der uns ein Bißchen Einſicht hinter die Couliſſen geſtattet, wenn man die für alle Welt unſicht⸗ baren Drähte ſieht, welche die ſteifen bezopften Köpfe zum Nicken bringen, welche gewaltfam die Hände von Freund und Feind er⸗ heben und ſelbſt diejenigen Leute Freundſchaftsbezeigungen wechſeln laſſen, welche ſich lieber gegenſeitig auffreſſen möchten.“ „Ja, ja, all' dieſe Unnatur iſt zu ertragen bei künſtlicher Sonnenwärme, bei nachgemachtem Sonnenlichte, bei rauchenden Kaminen und qualmenden Lichtern. Aber wenn der ſtarre Reif geſprungen iſt, welcher Erde, Luft und Waſſer zuſammenſchnürte, wenn die graue Nebeldecke des Himmels zerriß und, wie jetzt, das ſiegreiche Blau niederglänzt, hereinbrechende Sonnenſtrahlen uns umſpielen, das Grün des Waldes mit tauſend und aber tauſend Fingern winkt, da fällt in ſich zuſammen all' der hohle, geſpenſtiſche Faſtnachtskram: da erſtarrt auf den Lippen das glückliche Lächeln, hervorgerufen durch einen gnädigſten oder allergnädigſten Blick, und bleibt ſo ſtehen bis zur nächſten Winterſaiſon, um gleich auf's Neue bei der Hand zu ſein; da erblindet der Glanz all' dieſer falſchen Sterne unter einer Staubmaſſe, die ſich unbeſchreiblich raſch ablagert; da verwundern ſich die mitſpielenden Puppen, daß es draußen noch ein ſchöneres Theater gibt und daß neben ihrem Höchſten noch ein Allerhöchſter lebt, der es doch noch viel beſſer verſteht, wahre innere Wärme zu erzeugen und heitere, ſonnige Feſte zu veranſtalten. Schauen Sie um ſich, Rodenberg, dort die Ka⸗ ſtanienbäume vor meinem Fenſter mit ihren aufgeſteckten Lichtchen, den blühenden Flieder des Gartens, und dort an den Bergen hin⸗ Du biſt wie eine Blume. 61 auf das ſaftige, grüne, bewegliche, goldglitzernde Blättermeer; und dabei Alles ſo wunderbar friſch wie heute Morgen nach dem präch⸗ tigen Regen der vergangenen Nacht— laſſen Sie uns einen Ritt machen! Es gibt nichts Wunderbareres, als jetzt, durch einen Waldweg reitend, hier und da an das Gebüſch zu ſtreifen und von den glänzenden Thautropfen wie mit Wonneſchauern überſchüttet zu werden— kommen Sie mit mir!“ „Wenn ich gewißer Maßen ein freier Mann wäre, wie Sie .— mit vieler Freude; ſo aber habe ich neben tauſend kleinen Ge⸗ ſchäften das große Geſchäft, wahrſcheinlich vergeblich warten zu müſſen, bis ich gerufen werde— ich bin nicht mehr Herr über meinen ſchönen, thaubeglänzten, ſonnigen Morgen,“ ſetzte er mit einem ernſten Tone hinzu;„gegen Abend vielleicht löst ſich meine Kette und läßt mich auf die Höhe eines Berges ſteigen, um an eine ſchöne Vergangenheit zu denken und der ſinkenden Sonne nachzublicken.“ „Pah, keine trüben Gedanken, dafür ſind wir noch zu jung, Rodenberg; wer wird an den Abend denken, wenn uns der Morgen noch ſo heiter ſtrahlt!“ „Für Sie wäre es Unrecht, wenn Sie es thäten— Sie ſind noch nicht im Schatten dieſes Lebens gewandelt, Sie fürchten keinen Blitzſtrahl aus einer vorüberziehenden dunkeln Wolke.“ „Auch Sie nicht, das weiß ich beſſer.“ „Sie mögen Recht haben— ich fürchte ihn vielleicht nicht, wenn er niederfährt, aber die Erwartung iſt peinlich; doch laſſe ich Sie jetzt allein, Warren. Ihr Plan, in den ſchönen, grünen Wald hinaus zu reiten, iſt ſo ſchön, daß es Sünde wäre, Sie auch nur einen Augenblick davon abzuhalten— wohin reiten Sie?“ „Das weiß ich ſelbſt noch nicht; ich überlaſſe mich dem Zu⸗ falle und freue mich jedes Mal, wenn ich bei meinen Entdeckungs⸗ Ausflügen irgend eine chöne Ausſicht, irgend ein mir unbekanntes Thal auffinde.“ Hackländer's Werke. 56. Bd. 5 Sechsundvierzigſtes Kapitel. „Die beiden jungen Leute trennten ſich, und Rodenberg trat auf die Straße, um nach Hauſe zurückzukehren. Lord Warren ließ ſatteln und beſtieg kurze Zeit darauf ſein hellbraunes, engliſches, langgeſtrecktes Jagdpferd mit dem Gefühle eines Mannes, der ſich vorgenommen hat, ein paar Stunden Alles um ſich her ausgezeichnet, unvergleichlich ſchön zu finden. Dazu brauchte er ſich übrigens an dem heutigen Tage keine beſondere Mühe zu geben, denn es war einer der herrlichſten Früh⸗ lingsmorgen, wie ihn ſich eine reiche Phantaſie nur auszudenken vermag. Da es während der Nacht ſanft geregnet hatte, ſo war der Boden der Straße weich und die Felder ſtrömten den eigen⸗ thümlichen Geruch aus, der uns ſo lebhaft an jene Zeit erinnert, wo wir, durch eine erſte Liebe beglückt, gedankenvoll der Lerche nach⸗ ſchauten, wenn ſie ſich von den dampfenden Schollen jubilirend gen Himmel ſchwingt: Büſche, Sträucher und Bäume rings um uns her waren, von einem leiſen Windhauche bewegt, immer noch auf die freigebigſte Art beſchäftigt, über die Erde unzählige Bril⸗ lanten auszuſtreuen, womit ſie die Fee des nächtlichen Regens ge⸗ ſchmückt, und da die Sonne vom klarſten Himmel herableuchtete, ſo ſah man überall einen unvergleichlichen Glanz und Flimmer, dort noch auf den Blättern, hier durch die Luft ſprühend, unten an langen Gräſern hangend, die ſich coquet aufgeputzt hatten mit den himmliſchen Tropfen. Und welches Leben über, unter und neben dieſen Gräſern, welches Gewimmel auf der ſonnbeglänzten Erde! Wie fleißig ſumm⸗ ten die Bienen um die ſonnigen, ſtrotzenden Blüthen, wie geſchäftig durchkreuzten ſich zahlloſe Ameiſen, ſcheinbar ohne vernünftigen Grund, und doch wußte jede genau, warum ſie hin und wieder lief; wie vorſichtig hob dort, von der Feuchtigkeit angezogen, der glatte Regenwurm die kleine Erdſcholle auf und erſchrack gewiß beim An⸗ blicke jenes gepanzerten Käfers, der mit den langen Beinen ſo eil⸗ fertig ſeines Weges ging und deſſen grüner Harniſch wie mit Gold eingelegt glänzte, wenn er in den Strahl der Sonne kam. Du biſt wie eine Blume. 63 Auch Schmetterlinge waren ſchon unterwegs, jenes leichtfertige, kuppleriſche Volk, welche Grüße tragen und heimliche Liebesworte nicht nur von Roſe zu Roſe, ſondern auch von einem Menſchen⸗ herzen zum anderen, was für den keine Fabel iſt, der ihren ſchwe⸗ benden Flug und das Summen ihrer Flügel verſteht. Lord Warren ſah das Alles und noch viel mehr. Er hatte jetzt die Stadt und ihre angränzenden Gärten hinter ſich, und da er ohne irgend eine beſtimmte Abſicht umherſchweifen, auf Ent⸗ deckungsreiſen ausgehen wollte, ſo hatte er ſeinem rüſtig ausſchrei⸗ tenden Pferde die Zügel gelaſſen, und es war ihm ganz lieb, daß daſſelbe, von der großen Straße ablenkend, einen ſchmäleren Pfad einſchlug, der, langſam aufſteigend, in die Berge führte— ein klares Waſſer, welches von oben herabkam und luſtig plaudernd dem aufwärts führenden Wege von der Schönheit des Waldes erzählte, mochte das Pferd wohl angezogen haben.. ‚Ein herrlicher Bach,“ dachte der junge Mann; ‚ſchade, daß ich mein Angelgeräth zu Hauſe gelaſſen— doch kann man nicht Alles zu gleicher Zeit haben.:— Auch vermochte er es nicht, eine Cigarre anzuzünden, denn der Duft, welcher dem oben liegenden Walde entſtrömte, war hier ſchon ſo friſch, ſo ſüß, ſo erquickend, daß er ihn in vollen Zügen einathmete. Eine Viertelſtunde ſpäter traf der ſchmälere Weg, welcher ziemlich ſteil bergan ſtieg, wieder mit der großen Straße zuſammen, und hier ſchien das Pferd einiger Maßen in Verlegenheit zu ſein, da ſein Herr es auch hier ohne alle Anweiſung ließ; denn Warren blickte auf die Stadt hinab, welche er von hier ganz überſchaute. Sie war mit einem feinen, durchſichtigen Dunſtſchleier bedeckt, welcher ſich noch weit über ſie hinaus in die Ebene fortſetzte und erſt dann lichter ward und am Ende ganz verſchwand, wo an der andern Seite des ausgedehnten Thales die Berge, ſanfter anſteigend, mit ihren waldgekrönten Häuptern hervortraten. Und wie das Thal zu ſeinen Füßen unter dem Nebelſchleier ſauste, brauste, klang und tönte, wobei ihm die Stadt erſchien — Sechsundvierzigſtes Kapitel. wie ein koloſſaler Ameiſenhaufen, von muthwilligen Kindern leicht zugedeckt, und die armen Geſchöpfe gäben ſich alle Mühe, die Hülle zu durchbrechen und aufwärts zu klettern, damit es auch ihnen möglich werde, die friſche Waldluft einzuathmen! „Dem bin ich für heute glücklich entronnen,“ ſagte der junge Mann lächelnd zu ſich ſelber,„und wenn man, wie ich hier oben, ſo recht den Unterſchied ſieht, ſo ſollte man mit feierlichem Eide geloben, nie mehr in den Dunſt zurückzukehren, ſondern ſollte hier oben bleiben und ſich irgendwo eine Einſiedelei bauen.“ Darauf lenkte er das Pferd abermals gegen den ſchmäleren, ſteileren Weg, und als er nun wieder dem murmelnden Waſſer entgegenritt, unter dicht herabhangenden Zweigen, in ſo wunder⸗ barer Kühle, da der Sonnenſtrahl nur hier und da die dichten Laubmaſſen zu durchdringen vermochte, ſo träumte er weiter von dem Baue einer Einſiedelei, wie ſie auch Raum haben dürfe für zwei oder drei Perſonen, wobei es ſelbſt auf ein Dutzend mehr oder weniger nicht ankäme; wie er ſchon einen Platz dafür wüßte auf ſeinen Gütern zu Hauſe, ebenfalls an einem Berggelände mit vielem Schatten und einem eben ſo munteren als geſchwätzigen Waſſer. Dabei fielen ihm die Kunſtſchätze ein, die Bilder, Waffen und ſeltenen Geräthe, welche er auf ſeinen Reiſen erworben, und da er das Alles in gehöriger Art unterbringen wollte, ſo wurde ſein Schloß doch unter der Hand größer, als ihm lieb war; und dann wiſchte er es wieder aus von der Tafel ſeiner Phantaſie und ent⸗ warf ein neues kleineres, eine zwiſchen Bäumen und Blumen ver⸗ ſteckte Cottage, dieſes Mal mehr im Style einer Einſiedelei, auf deren Dache auch die hellklingende Glocke nicht fehlen durfte. Horch— was war das, das ſo mit einem Male ſeiner Phan⸗ taſie zu Hülfe kam? Der Ton eines wirklichen Glöckleins, anſcheinend droben im Walde; wie wohlthuend, wie friedlich ſchwammen die me⸗ lodiſchen Klänge in der reinen Morgenluft: es war gerade ſo, als hätte man ſie nicht nur hören, ſondern auch ſtrahlenartig ſehen müſſen. Gab es vielleicht in dieſem Lande auch Einſiedeleien und hatte Du biſt wie eine Blume. 65⁵ er vielleicht in nächſter Zeit das poetiſche Vergnügen, irgend einen Pater Hilarius vor ſich zu ſehen, neben der kleinen Hütte ſitzend oder an einem aus rohen Baumſtämmen zuſammengefügten Kreuze betend? Faſt unwillkürlich trieb er ſein Pferd zu raſcherem Gange an, und nachdem er noch eine Viertelſtunde, anfänglich unter dem Schalle des Glöckleins, das alsdann aber wieder verſtummt war, aufwärts geritten, ſah er, wie die Schlucht, durch welche ſich ſein Weg an der Seite des abwärts ſtürzenden Baches hinaufwand, ſich mit Einem Male erweiterte, indem die Berge, hier oben zurück⸗ tretend, einen weiten Halbkreis bildeten, man hätte ſagen können, eine Hochebene, welche aber auf drei Seiten von waldbewachſenen Höhenzügen überragt wurde— die vierte Seite ließ einen ent⸗ zückenden Blick auf ein weites Thal offen, wo am Fuße maleriſcher Berge der klare Fluß herkam, welcher an der Stadt vorbeiſtrömte; nur war dieſe letztere von hier aus unſichtbar, und man hörte ihre Nähe nur durch das melodiſche Läuten einiger Glocken. Der Weg, welcher den jungen Mann bis hieher geführt, ſchien nun ſeine Schuldigkeit gethan zu haben, denn er hörte an der kleinen Thür einer wohlerhaltenen Gartenmauer in der bisherigen Breite auf, um ſich als ſchmaler Fußpfad längs der Mauer gegen den Wald hin zu verlieren. Warren ſchwelgte lange in dem entzückenden Anblicke des weiten, ſonnenbeglänzten Thales, welches um ſo ſchöner hervortrat, da es wie ein Bild hier oben, wo er hielt, von einer Gruppe alter, mächtiger Nußbäume auf der linken Seite bekränzt wurde, während auf der andern Seite jene Gartenmauer einen natürlichen Rahmen bildete. Dabei war hier oben Alles ſo wunderbar ſtill und einſam, nur ein paar Vögel ſangen in einem benachbarten Walde. Und welch' friſche, erquickende Luft man hier oben athmete! Der junge Mann ſog ſie in vollen Zügen ein und konnte ſich als⸗ dann eines lauten Ausrufes der Verwunderung an dieſer herrlichen Natur nicht enthalten, die auch ſein Pferd zu theilen ſchien, denn dieſes hob den Kopf und wieherte leiſe. —————— 66 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Wo eine ſolche Gartenmauer iſt,“ dachte Warren, ‚und ein Weg hinführt, muß ſich auch ein Haus befinden, und wo ein Haus iſt, gibt es wahrſcheinlich Menſchen, deren Bekanntſchoft man viel⸗ leicht machen kann, um zuweilen einen ſolch göttlichen Punkt wie dieſen beſuchen zu dürfen. Hätte er nicht ſo ausſchließlich in die Gegend hinabgeſchaut, ſo würde er vielleicht ſchon eiwas von einem lebenden Weſen bemerkt haben, deſſen Kopf ſich, nachdem das Pferd gewiehert, über die Gartenmauer erhoben und mit dem Ausdrucke des höchſten Erſtaunens nach ihm hingeblickt hatte— aber nur eine Secunde, denn ſowie der junge Mann ſein Pferd wandte, um näher gegen die Mauer zu reiten und ſo über dieſelbe hinwegſehen zu können, verſchwand jener Kopf wieder. Vom Sattel aus konnte der junge Mann bequem über die Mauer hinüberſchauen und war entzückt, einen eben ſo zierlich als geſchmackvoll angelegten Garien vor ſich zu ſehen: da waren dichte Gebüſchpartieen mit ſorgfältig erhaltenen Kieswegen, kleine Wieſen⸗ ſtrecken mit ausgepflanzten Blumen, die wahrſcheinlich im Sommer, ein leuchtendes Farbenſpiel entfaltend, Allem hier eine noch köſt⸗ lichere Abwechslung geben würden. Gerade vor ſich ſah er eine prächtige Lindenallee, die, ſich von der Pforte längs der Mauer hinziehend, einen ſchattigen Spaziergang bot und die jetzt bei der glänzenden Morgenſonne einen reizenden Anblick gab, indem die Blätter, von einem leichten Windhauche bewegt, förmlich mit den Sonnenſtrahlen zu ſpielen ſchienen, ihnen hier das Eindringen er⸗ laubten, dort verboten und dadurch auf dem hellgelben Wege, den die ſtarken Bäume einfaßten, ein maleriſches, lebendiges Spiel von Licht und Schatten hervorbrachten, beſtändig wechſelnd, die ſonder⸗ barſten, willkürlichſten Zeichnungen bildend, ein Necken und Haſchen der fliehenden Lichtpunkte und der ſie verfolgenden Schatten. Am Ende dieſes Baumganges, welcher einen weiten, geſpannten Halbkreis bildete, ſah Warren ein Haus mit weitvorſpringendem Dache, zweiſtöckig auf einer Terraſſe liegend, von der man wahr⸗ ſcheinlich dieſelbe Ausſicht haben mußte, die er vorhin bei den alten Du biſt wie eine Blume. 67 Rußbäumen gehabt; denn dort ſenkte ſich. die Bergwand in's Thal hinab und man bemerkte das Haus ſelber mit ſeiner vorſpringenden Veranda, bedeckt von rankendem Rebenlaube, ſcharf auf dem hellen Morgenhimmel abgezeichnet. Der junge Engländer hatte die Gewohnheit, wenn er ſich allein befand, laut zu denken, oder Manches, was er dachte, laut auszu⸗ ſprechen; ſo auch jetzt, als er beinahe quer und ſehr bequem im Sattel ſitzend mit über einander geſchlagenen Armen in dieſe rei⸗ zend gelegene Beſitzung ſah. „Das iſt die wahre Einſiedelei, von der ich vorhin geträumt,“ ſagte er ziemlich laut;„dort drüben auf dem Dache ſehe ich auch das Glöckchen, welches mich hergeführt— aber ein langbärtiger Eremit paßt durchaus nicht als Staffage. Dieſe Geſchichte müßte meinem Geſchmacke nach anders belebt ſein: durch das hell leuchtende Kleid irgend einer jungen Dame, die, in einem bequemen Stuhle ruhend, mit Lecture beſchäftigt war; aber das Buch iſt ihrer Hand entſunken, ihre ſchönen Augen ſchweifen nach dem Thale hin und ihre Gedanken auch, denn ſie erwartet irgend Jemanden, meinet⸗ wegen mich ſelber, wenn es die richtige Perſon wäre,“ ſetzte er heiter hinzu. „Ich muß doch dieſen Rodenberg, der die ganze Umgebung kennt, fragen, wem dieſe reizende Beſitzung gehört; es ſoll allerdings viele ähnliche Landhäuſer hier in den Bergen geben, doch iſt dieſe nicht zu verkennen, wenn ich ſie ihm gehörig beſchreibe— hätte ich nur nicht wieder mein Skizzenbuch vergeſſen, ſo könnte ich ihm ein kleines Croquis davon machen; man ſollte Bleiſtift und Papier immer mit ſich führen,“ rief er ziemlich laut und ſetzte, an ſeine Bruſt fühlend, hinzu:„nicht einmal meine Brieftaſche habe ich mitgenommen.“ Unwillkürlich ſchaute er nach dieſen Worten umher, wie man wohl zu thun pflegt, wenn man über etwas verdrießlich iſt, und wäre in dieſem Augenblicke vor Erſtaunen faſt von ſeinem Pferde nicht gefallen, aber geſprungen, als er bemerkte, wie aus einem 68 Sechsundvierzigſtes Kapitel. dichten Fliedergebüſche, welches keine zwanzig Schritte von ihm entfernt war, ein weißes Blatt Papier aufflog und von dem leichten Windhauche eine kleine Strecke gegen ihn geführt wurde. „Ah, wenn das nicht eine freundliche Zauberei iſt, ſo muß ſich dort Jemand befinden, der meine natürlicher Weiſe wieder ziem⸗ lich laut ausgeſprochenen Gedanken gehört hat und ſie erfüllen möchte— ein höflicher Unbekannter oder am Ende gar eine liebens⸗ würdige Fee— ah, wir müſſen ihr danken und von ihrer Freund⸗ lichkeit Gebrauch machen— das Gegentheil wäre Unhöflichkeit!“ Er glitt raſch vom Sattel des Pferdes herab, wandte ſich nach der kleinen Eingangsthür und fand umherſchauend neben derſelben an der Mauer einen ſtarken Eiſenring, der ihm beſonders dazu gemacht erſchien, um ſein Pferd anzubinden. „Ei, ei, dachte er, dieſes Mal aber ohne ſeine Gedanken laut werden zu laſſen, ‚ſollte dieſer Ring abſichtlich deßhalb angebracht ſein? Kommen vielleicht öfters Beſuche zu Pferde hieher?— Nun, wir werden das ſchon noch erfahren.“ Die kleine Thür öffnete ſich, nachdem er mit der Hand auf die Klinke des Schloſſes gedrückt, und er trat mit abgenommenem Hute in den Garten. Er that dies nicht ſowohl gegen die unſicht⸗ baren Abweſenden, als vielmehr weil es ihm warm geworden war und weil er, mit der Hand durch ſein krauſes, blondes Haar fah⸗ rend, daſſelbe einiger Maßen wieder in Ordnung bringen wollte— man konnte ja nicht wiſſen, wer ſich hinter dem Fliedergebüſche befand. Dorthin lenkte er ſeine Schritte, umging daſſelbe auf dem Kieswege, der dieſe Richtung nahm, hob hier im Vorbeigehen das Blatt Papier auf, bog um einen mächtigen Strauch mit weit aus⸗ gebreiteten Zweigen und ſtand— vor einer Dame, deren Geſicht er nicht ſehen konnte, da ſie ihm den Rücken zuwandte und, ohne emporzublicken, in einem Skizzenbuche, welches auf ihren Knieen lag, emſig zu zeichnen fortfuhr. Es mußte eine ſehr junge Dame ſein, das ſah man an ihrer Du biſt wie eine Blume. 69 ſchlanken Geſtalt, eine Dame von feinem, zierlichem Wuchſe, das bemerkte man ebenfalls; ſie war weiß gekleidet, einfach und ge⸗ ſchmackvoll, hatte ſich aber einen eigenthümlichen Kopfputz gewählt: lange Dolden ſchneeweißen Flieders nämlich, die ſie zu beiden Seiten in ihre Haare geſteckt hatte, was eben ſo eigenthümlich als hübſch ausſah. „Madame,“ ſagte Warren, nachdem er ſo nahe, als ihm der Anſtand erlaubte, an die ruhig Fortzeichnende hingetreten— er wußte ja noch nicht, ob eine andere Anrede paſſender war—„Ma⸗ dame, ich habe mir die Freiheit genommen, in Ihren offen ſtehen⸗ den Garten einzudringen, weil mir derſelbe von draußen ſo überaus reizend erſchien und weil ich mir erlauben wollte, Ihnen dieſes Blatt Papier zurückzubringen, welches Ihnen wahrſcheinlich der Wind entführt hat, im Falle Sie nicht, was mir angenehmer wäre, eine freundliche Fee ſind, welche die Wünſche armer Sterb⸗ licher gütigſt erhört.“ Die Dame verharrte noch einige Augenblicke wie über ſeine Worte nachdenkend in ihrer Haltung und hob dann langſam ihren Kopf empor, ihr volles Geſicht dem jungen Manne zuwendend. Dieſer ſtreckte die Hände aus, wie vor höchſter Ueberraſchung zurückfahrend; doch ſtand dieſes Zurückfahren nicht im Einklange mit dem Ausdrucke höchſten Glückes, der mit Einem Male über ſeine ſchönen Züge flog. „Edelweiß, ſind Sie es, oder iſt es nur eine Erſcheinung, die im nächſten Augenblicke wieder verſchwindet?“ „Allerdings bin ich es, Herr Warren, und freue mich, Sie zu ſehen, während Sie ja faſt erſchrocken über meinen Anblick zu ſein ſcheinen.“ „Erſchrocken? Sehen Sie mein Geſicht an, ob es den Ausdruck des Schreckens zeigt— wenn Sie dieſen Ausdruck nicht verſtehen, ſo will ich ihn Ihnen erklären: der Ausdruck der Ueberraſchung, der Freude, des Glückes— ſind Sie es denn wirklich, Edelweiß?“ „Allerdings bin ich es,“ erwiederte ſie, mit einem herzlichen 70 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Lächeln aufſtehend—„ſehen Sie, daß ich es bin, das kleine Edel⸗ weiß, wie Sie mich ſo oft genannt.“ „O, Edelweiß, und Sie waren es auch, welche dieſes Blatt Papier über den Flieder hinwegfliegen ließ?“ „Auch das war ich.“ „Für mich beſtimmt?“ „Für Sie beſtimmt— aber es iſt keine Zauberei dabei— ich ſaß hier und zeichnete die prächtigen Bäume der Allee, als ich von Weitem her das Nahen eines Pferdes hörte; der Morgen iſt ſo ſtill und die Luft ſo rein, man hört hier Alles von der Ferne — ich bin neugierig, Herr Warren, und war es namentlich auch auf ein ſo ſeltenes Ereigniß, wie das eines Reiters hier in dieſer Einſamkeit; ich trat an das Thor, ich ſchaute durch eine kleine Spalte, die Sie nicht bemerkt haben, und ſah Sie den Berg heraufreiten.“ 3 „Mich, Edelweiß— alſo Sie erkannten mich ſogleich?“ „Gewiß, und ich freute mich ſehr, als ich Sie erkannte.“ „Wie danke ich Ihnen!“ „Dann ſahen Sie in das Thal hinab, und ich, die doch ein wenig ſehr überraſcht war, ging nachdenklich hieher zurück, recht ſtark nachdenkend!“ „Worüber?“ „Nun, über Mancherlei in Betreff Ihres Erſcheinens.“ „Was denn?“ fragte er dringender. „Das kann ich Ihnen doch nicht Alles ſagen— ich ging hieher zurück, und dann kamen Sie an die Gartenmaner, bedauerten, Ihr Skizzenbuch nicht bei ſich zu haben, und ich weiß nicht, wie mir der Gedanke kam, dieſes Blatt Papier über den Fliederbuſch fliegen zu laſſen.“ Eine glückſelige Idee!“ rief der junge Mann entzückt. „Nein, nein, es war nicht ganz recht von mir,“ erwiederte ſie mit niedergeſchlagenen Blicken;„doch da es nun einmal geſchehen iſt, wollen wir nicht mehr darüber reden.“ Du biſt wie eine Blume. 71 „Und doch, davon müſſen wir noch reden, und ich muß Ihnen dafür meinen herzlichſten, innigſten Dank ſagen— o, Edelweiß, ohne das Blatt Papier hätte ich Sie vielleicht nicht wiedergefunden — welches Unglück!“ „Sie ſind ſonderbar, Herr Warren— waren Sie denn un⸗ glücklich, ſo lange Sie mich nicht geſehen? Dazu haben Sie gar keine Urſache gehabt, denn wie Sie ſich erinnern, ſo trennten wir uns damals, ohne uns ein Wiederſehen zu verſprechen.“ Sie ſagte das in einem ſo heiteren, unbefangenen Tone, daß die glücklichen Mienen des jungen Mannes plötzlich ernſt wurden und er ihr entgegnete:„Es thut mir leid, daß Ihnen mein Wie⸗ derſehen völlig gleichgültig ſcheint.“ „Gleichgültig nicht, auch freue ich mich darüber— aber.... „Für ein Glück halten Sie es gerade nicht,“ fiel er ihr raſch iws Wort;„nun, ich will hoffen, auch für kein Unglück, aber mich laſſen Sie die tiefe Freude meines Herzens ausdrücken, Sie wieder⸗ gefunden zu haben, und nun muß ich Sie genau betrachten, ob Sie ſich in gar nichts verändert haben.“ Warren trat ihr lächelnd näher und nahm ihre beiden Hände, welche ſie ihm ohne das geringſte Widerſtreben ließ. Sie ſchaute ihn heiter und unbefangen an und ſchien es nicht zu empfinden, warum ſeine Blicke glänzender, leuchtender wurden— warum ein tiefer Athemzug ſeine Bruſt ſchwellte, warum er lang⸗ ſam erſt die eine, dann die andere ihrer kleinen Hände an ſeine Lippen führte. „Nun— habe ich mich verändert?“ „Ja, Edelweiß,“ ſagte er in beinahe traurigem Tone,„Sie ſind noch ſchöner geworden.“ „Das müſſen Sie nicht ſagen, Herr Warren,“ ſprach ſie, in⸗ dem ſie nun raſch, aber ohne Ziererei, ihre Hände zurückzog— „erzählen Sie mir lieber etwas: wie es Ihnen gegangen iſt, wo Sie in all' der Zeit waren— ſetzen wir uns, da iſt ein recht be⸗ quemer Stuhl für Sie.“ u 72 Sechsundvierzigſtes Kapitel. „Nein, der iſt für Sie— laſſen Sie mich dort auf Ihrem Schemel ſitzen.“ „Wie Sie wollen, aber er iſt nur dann bequem, wenn man zeichnet.“ „Darf ich einen Blick in Ihr Skizzenbuch werfen?“ „Warum nicht!“— Sie reichte es ihm bereitwillig hinüber. „Das haben Sie Alles gezeichnet?“ rief er mit Erſtaunen, nachdem er einige Blätter umgeſchlagen—„Alles das, Sie junges Mädchen, mit der kleinen Hand?“ Sie ſah ihn erſtaunt an.—„Nun ja, das habe ich allerdings gezeichnet— was iſt denn ſo Merkwürdiges dabei?“ „Ich zeichne auch,“ fuhr er kopfſchüttelnd fort;„man ſagte mir, meine Skizzen ſeien gerade nicht ſchlecht, und in meinem Leben habe ich ſchon viele Zeichnungen geſehen, aber wenn Sie mir nicht ſelbſt ſagten, Sie hätten das Alles gezeichnet, ſo würde ich es nicht glauben.“ Sie war raſch an ſeine Seite getreten, als er Blatt um Blatt umſchlug und legte nun plötzlich ihre kleine Hand auf das Buch, indem ſie ſagte:„Was Sie bis jetzt ſahen, iſt in der That Alles von mir; doch nun kommen einige Blätter von anderer Hand, was ich Ihnen aber nicht zu ſagen brauche, Sie werden es ſelber ſehen — ah, die ſind ſchön— außerordentlich ſchön!“ „Meiſterhaft,“ erwiederte er, nachdem er eine prachtvoll ge⸗ zeichnete Waldpartie, ein Blatt, welches allerdings die Zeichnungen des jungen Mädchens bei Weitem übertraf, lange betrachtet— „meiſterhaft,“ wiederholte er, fragend aufblickend. „Sie ſind— von meiner Mutter,“ ſagte ſie mit leiſer Stimme. „Ihre Mutter iſt eine bedeutende Künſtlerin.“ „Ja, ja,“ gab das junge Mädchen haſtig zur Antwort, indem es das Skizzenbuch aus ſeiner Hand nahm und bei Seite legte; „aber jetzt erzählen Sie mir, wo Sie waren und woher Sie kommen.“ „Das iſt Alles ungeheuer gleichgültig— ſagen Sie mir lieber, Edelweiß, wie es gekommen iſt, daß Sie nicht nach Baden reisten, Du biſt wie eine Blume. 73 War Ihre Mutter in der That ſo ſchwer in Zürich erkrankt? Und wie kam es, daß ich in Zwickau vergeblich nach Ihnen geforſcht, und durch welchen Zufall bin ich nun ſo überaus glücklich, Sie hier wiederzuſehen?“ 3 „Das kann ich Ihnen nicht erklären, trage auch an Allem dem keine Schuld.“ „Sprachen Ihre Eltern nie mit Ihnen darüber?“ „Meine Eltern“— ſagte ſie mit einem ſchmerzlichen Blicke —„meine gute Mutter ſtarb und meinen Vater habe ich nur wenig gekannt.“ „Alſo jener Herr, den ich in Zürich kennen lernte, Herr Specht, war nicht Ihr Vater?“ Ihre Augen waren feucht geworden, doch ſpielte bei dieſer Frage des jungen Mannes ein leichtes Lächeln um ihre Lippen; ſie ſchüttelte mit dem Kopfe und erwiederte dann:„Er war ein ſehr guter Freund, aber nicht mein Vater— ah, mein Vater,“ ſagte ſie mit einem Aufleuchten des Blickes,„war ein anderer Mann!“ „Können Sie mir dieſes Räthſel nicht löſen?“ fragte Warren, da ſie ſchwieg.„Wer ſind Sie denn, Edelweiß?“ Sie blickte vor ſich nieder auf die gefalteten Hände und gab erſt nach einem längeren Stillſchweigen zur Antwort:„Als Sie mich damals ſcherzhaft Edelweiß nannten, gefiel mir dieſer Name ſo außerordentlich gut, daß ich wünſchte, keinen anderen zu haben — o, Edelweiß iſt eine ſchöne Blume: ſie wächst an der Gränze des ewigen Schnee's als letzte Blüthe unter kalten Winden und kaum wärmendem Sonnenſtrahle, und doch iſt ſie ſo fein und zierlich, dem Sommer angehörig und mit ihren Blättchen wie aus feinem, weißem Pelz gemacht— eine Hinweiſung auf den Winter; es koſtet Mühe, ſie zu erlangen— haben Sie ſchon Edelweiß gefunden?“ „Solches, von dem Sie ſo eben redeten, nicht, aber— ſchöneres.“ Sie wandte wie ſchmollend einen Augenblick ihr Geſicht ab; doch dauerten die Schatten in dieſen großen, ſchönen Augen wohl nie lange, denn gleich darauf wandte ſie ſich wieder mit heiterem 74 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Blicke zu dem jungen Manne:„Nennen Sie mich alſo fort und fort Edelweiß; aus Ihrem Munde klingt dieſer Name ſo gut.“ „Recht gern, meine kleine, ſchöne Edelweiß; aber ich bin erſchreck⸗ lich neugierig. Ich möchte gern wiſſen, wie Sie ſonſt heißen; wer Ihre Familie iſt.“ „Nehmen wir an, ich hätte gar keine— ich ſei die Einzige meines Stammes, wie das wirkliche Edelweiß, ich wachſe hier oben in der glänzenden Sonne in einem einfachen weißen Kleide, wie Sie ſehen, und wenn alsdann der Winter kommt, der Winter des Lebens, deckt er mich zu mit Schnee und Eis und ich vergehe ſpurlos oder wilde Stürme entblättern mich und führen mich Goit weiß wohin.“ „Das wäre ſchrecklich!“ rief der junge Mann im Ernſte auf⸗ geregt, und als fürchte er, es könne jetzt ſchon ein Sturmwind daherbrauſen, legte er raſch ſeine Hand auf die feinen Finger des lieblichen Mädchens. Sie lachte herzlich.—„Noch hat es ja keine Gefahr mit dem Winter, mit Stürmen oder mit Schnee und Eis— ſehen Sie doch, wie prachtvoll grün Alles iſt, wie es blüht und duftet, wie die Sonne ſcheint— ach, wie ſchön, wie ſchön!“ Sie hatte ſich erhoben, ſie entzog ihm langſam ihre Rechte und drückte dann beide Hände vor das Geſicht, wobei ſie wieder⸗ holte:„Ach, wie ſchön, wie ſchön!“ und wobei ſichtbarlich ein leichter Schauer über ihren ſchlanken Körper flog. „Ja, es iſt ſo ſchön, das Erwachen des Frühlings!“ „Und eine Bitte habe ich an Sie, Herr Warren,“ ſprach ſie nach einer Pauſe, wobei ſie die Hände gegen ihn faltete—„nicht wahr, Sie fragen mich nicht mehr nach meinem Namen und nach meiner Familie?— Ich dürfte Ihnen doch nicht antworten.— Sie forſchen auch nicht nach uns, wie Sie damals in Zürich gethan, wir wiſſen das ganz genau, denn ſonſt..... „Denn ſonſt?“ „Müßte ich Ihnen entfliehen wie damals, und wer weiß, ob wir uns alsdann wiederfänden— an einem ſo ſchönen Orte gewiß nicht.“ . Du biſt wie eine Blume. 75 „Sagen Sie nichts ſo Schreckliches, ich könnte es nicht aus⸗ halten, wenn Sie mir wieder verloren gingen— wenn ich alſo folgſam bin und nicht mehr frage und auch nicht forſche, ſo darf ich Sie zuweilen ſehen?“ „Vielleicht, doch darüber muß ich erſt fragen— aber wenn es möglich iſt, wird ſie es mir ſchon erlauben.“ „Wer iſt ſie?“ „Bſt,“ machte Edelweiß, indem ſie ihren Finger auf den Mund legte,„auch das gehört zu den verbotenen Fragen.“ „Gut denn, Sie ſollen ſehen, wie folgſam ich bin; aber Eines, das ich Ihnen gegeben, nehme ich jetzt wieder von Ihnen zurück.“ „Ei, was wäre das?“ fragte ſie erſtaunt. „Die Kenntniß meines Familiennamens— es wäre keine Gerechtigkeit darin, wenn Sie meinen Namen wüßten und ich nicht den Ihrigen.“ „Ich kann Sie doch nicht ebenfalls Edelweiß nennen oder Ihnen den Namen einer anderen Blume geben!“ „Das brauchen Sie auch nicht; ich will immer noch aufrich⸗ tiger ſein, wie Sie gegen mich, ich will Ihnen ſogar meinen ächten und wirklichen Vornamen ſagen und dieſen ſollen Sie anwenden: ich heiße Alfred— gefällt Ihnen der Name?“ „O, er iſt ſo übel nicht!“ „Sprechen Sie ihn einmal aus.“ „Al-— fred,“ ſagte ſie, wobei ſie ihre Lippen etwas auffallend bewegte. „Nicht ſo— man kann ihn weicher ausſprechen!“ „Al- frrred.“ „Ohne ſo mit dem Rädchen in Ihrer Kehle zu ſchnurren.“ „Alfred.“ „Ah, das läßt ſich hören, meine ſchöne Edelweiß— jetzt muß ich Ihnen geſtehen, ich habe nicht gewußt, daß ich einen ſo wunder⸗ bar klingenden Vornamen habe; ich bitte, ſprechen Sie ihn noch einmal aus— aber ſehen Sie mich dabei auch an.“ 76 Sechsundvierzigſtes Kapitel. „Alfred!“ wiederholte ſie herzlich, aber ihn unbefangen mit ihren großen Augen anſchauend. Er that einen tiefen Athemzug, erhob ſich dann raſch und fragte, dicht vor ſie hintretend:„Müſſen Sie auch darüber Jemanden fragen, ob Sie mich künftig bei meinem Vornamen nennen dürfen?“ Sie ſchüttelte leicht mit dem Kopfe.„Ich will nicht darum fragen, denn es iſt ja am Ende gleichgültig, wie ich Sie nenne.“ Er blickte ſie lange forſchend an, um in ihren Zügen etwas zu entdecken, das ihm geſagt hätte, ſie ſei in der That nicht ſo unbefangen, als ihre Worte klangen— aber vergebens: ſie ſchaute ihn an ſo offen und ehrlich, ſie ließ ihn durch ihre hellen, glänzen⸗ den Augen ſo tief in ihr Inneres blicken, daß er darauf nicht anders konnte, als ſich raſch abzuwenden und über einen ſtechenden Schmerz nachzudenken, den er in ſeinem Herzen ſpürte. „Jetzt will ich Ihnen aber unſere kleine Beſitzung zeigen,“ ſagte ſie heiter—„doch halt, vorher muß ich Sie einen Augenblick verlaſſen, ich muß es melden, daß ein Fremder da iſt— ein Fremder und doch kein Fremder.“ „Wenn man ſich aber meiner von Zürich her nicht freundlich erinnert und mir nicht erlaubt, den Garten zu ſehen?“ „O, in dem Falle werde ich bitten, und da es ja wohl nichts Schlimmes ſein kann, daß Sie uns beſuchen, ſo wird man mir meine Bitte erfüllen— gedulden Sie ſich nur einen Augenblick.“ Sie winkte ihm freundlich mit Hand und Augen, dann ſchwebte ſie hinweg, die feine, weiße Geſtalt, leuchtend zwiſchen dem dunkeln Grün, als ſei auch ſie ein beglückender Sonnenſtrahl— mußte er nachfolgenden Schatten fürchten?“ Er ließ ſich auf den kleinen Schemel nieder, wo ſie vorhin geſeſſen, nahm das Skizzenbuch, geſchloſſen wie es war, von dem anderen Sitze weg vor ſich auf ſeine Kniee— es war ihm ſo an⸗ genehm, etwas unter ſeinen Händen zu haben, was ihr angehörte. Er lächelte über dieſen Gedanken, wie man über den Anblick Du biſt wie eine Blume. 77 eines guten Bekannten lächelt, den wir plötzlich wiederfinden, der ſich uns ſtürmiſch an die Bruſt wirft und mit dem wir plaudern können von Vergangenheit und Zukunft. Und wie plauderte er mit ſeinen Gedanken, wie ſagte er ſich tauſend und tauſend Mal, daß er ſo glücklich ſei, ſie kennen gelernt zu haben, und wie bedeutſam es ſei, daß er ſie hier wiedergefunden; wenn ſich auch für den Augenblick all' die Ungewißheit über das junge Mädchen, über ihre Herkunft, über ihre Familie zuweilen wie ein dunkler Schatten durch ſeine glückliche Phantaſie zog, ſo ſagte er ſich gleich darauf: ‚Pah, was geht mich ihre Herkunft und ihre Familie an— ich bin ſo ſelbſtändig, wie ein Menſch nur ſein kann, mag ſich auch vielleicht noch manches Unangenehme, ja, manch' Düſteres enthüllen, mag auch vielleicht ihre Vergangen⸗ heit unter trüben Schleiern erſcheinen, Edelweiß würde nicht Edel⸗ weiß ſein, wenn ſie in einem geregelten Parke erblüht wäre, vielleicht wurde ſie ſo, wie ſie iſt, ſo ſchön, ſo rein, weil ſie ſich zwiſchen finſteren Klippen des Lebens entfaltete.“ Aber.... Dieſes Aber mußte ein bedeutender Einwurf zwiſchen ſeinen glänzenden Phantaſieen ſein, denn er ſtützte den Kopf in die Hand und vergrub ſeine Finger in das dichte, krauſe, lockige Haar. Aber.... Es war ja auch möglich, daß ſie ſich in höchſt gleichgültiger Art über dieſes Wiederſehen freute— ja, wahrhaftig, wenn er in ruhiger Ueberlegung ihre Worte, ihre Mienen, ihre Blicke zuſammen⸗ ſtellte, ſo ſprach ſich darin wohl eine kindliche Freude aus, dieſen angenehmen Herrn Warren wiederzuſehen, welcher in Zürich ſo außer⸗ ordentlich artig gegen Sie geweſen, der mit ihr ſpaziren gegangen war und ſie auf dem See gerudert hatte— natürlich Alles unter Auf⸗ ſicht und Obhut des Herrn Specht, der ihn gewiß für einen recht anſtändigen jungen Mann erklärt hatte, und ſo mochte ſie ihn auch wohl finden und nicht daran denken, ihn anders ſinden zu wollen. Hackländer's Werke. 56. Bd. 6 78 Sechsundvierzigſtes Kapitel⸗ Verfluchte Selbſtquälerei! Wenn er aber dieſe verfluchte Selbſtquälerei im nächſten Augen⸗ blicke weit wegwarf und ſich bemühte, ihren Worten, ihren Mienen, der Art, wie ſie ſeinen Namen ausgeſprochen, eine andere Bedeutung zu geben, ſo fühlte er es förmlich höhniſch in ſich auflachen und er ſchauderte faſt zurück vor der kalten Stimme der Vernunft, die ihm zurief: ‚Warren, Du biſt ein recht eingebildeter, thörichter Menſch— Warren, ich hätte Dir mehr Verſtand zugetrautl’ Um dieſer ſelbſtquäleriſchen Gedanken los zu werden, ſchlug er das Skizzenbuch auf und betrachtete wiederholt die ſchönen, correcten Zeichnungen des jungen Mädchens; es lag darin eine Feſtigkeit, ein Schwung, die er weder ihrem Alter, noch dieſer feinen Hand zu⸗ getraut hatte. So das Buch durchblätternd, kam er abermals zu jenen anderen Zeichnungen, die freilich alle Arbeiten des jungen Mädchens in Schatten ſtellten und neben welchen dieſelben faſt ſchülerhaft erſchienen: ſie mußten erſt vor Kurzem gemacht worden ſein, denn Warren fand, als er ſie genau betrachtete, daß es ohne Zweifel Partieen von den Ufern des neben der Beſitzung hinſtürzen⸗ den Waldbaches ſein mußten— ja, ſo war es, die zuſammen⸗ gewölbten Zweige, unter denen das Waſſer hervorſchoß, von einem mit Moos bewachſenen mächtigen Steine eine kurze Strecke unterhalb getheilt— dort der ſchmale Weg, den er emporgeritten— es war unverkennbar. Hatte er nicht früher einmal Zeichnungen von der gleichen Hand geſehen? Es war ihm doch, als wehte es ihn an aus dieſen zierlichen und doch wieder ſo kräftigen Strichen wie aus einer bekannten Handſchrift— er wußte nicht, woher es kam, daß dieſer Gedanke ſo ſtürmiſche Empfindungen in ihm erregte: es war wie der Klang eines bekannten Liedes, der plötzlich an unſer Ohr ſchlägt, nachdem wir ihn Jahre lang nicht mehr gehört, und der uns nun mit Einem Male ſo wunderbar lebhaft in einen gewiſſen Kreis der Vergangenheit zurückverſetzt, ſo lebhaft, daß Bilder und Geſtalten aus derſelben nicht nur mit unbegreiflicher Schärfe vor ihn traten, Du biſt wie eine Blume. 79 ſondern daß liebe, bekannte Züge von damals, ihm ſelbſt noch unbe⸗ wußte, ſich in der Gegenwart wiederſpielten— Edelweiß— er konnte jetzt nicht mehr daran zweifeln, daß er ſie vor Jahren ſchon geſehen. Dieſe durch einander wogenden Gedanken, in welche er keine Klarheit zu bringen vermochte, bewegten ihn wohl gerade deßhalb traurig: es war ihm, als wandelten Freunde, die er lange vermißt, im Schatten der Nacht dicht an ihm vorüber: er hörte bekannte Laute, ohne im Stande zu ſein, ſich durch ein Wort zu erkennen zu geben und ſo die ruhig vorbeigleitenden Schatten feſtzuhalten. Er lag wie in einem Zauberſchlafe, und obgleich er wußte, daß er nur ein einziges Wort auszuſprechen brauchte, um den auf ihm laſtenden Bann zu löſen, ſo vermochte er es doch nicht, dieſes Wort zu finden: ſein Athem war beengt, ſeine Pulſe ſchlugen heftig. Und rings umher lag eine ſo wundervolle, eine ſo traurig ſtim⸗ mende Stille und Einſamkeit. Seit ihn Edelweiß verlaſſen, war es ihm zu Muthe, als befinde er ſich allein auf dieſem Berge, allein in der weiten, weiten Welt, und von all' den Gedanken gepeinigt, konnte die ſchöne, reine, ſafterfüllte Natur des jungen Mannes, beſtürmt von räthſelhaften Erinnerungen, nicht anders, als ſeine Lippen auf eines der Blätter drücken, wo die Hand des lieblichen Mädchens geruht, unbekümmert darum, ob ſeine hervor⸗ ſtürzenden Thränen die ſchöne Zeichnung verdarben.— Das hatte ihn erleichtert, ohne ihm übrigens das Chaos ſeiner Erinnerungen zu entwirren; er nahm ſein Taſchentuch und drückte es behutſam auf die feucht gewordene Zeichnung, und da er ſich wohl dem jungen Mädchen gegenüber dieſer heftigen Empfindung ſchämen mochte, ſo legte er ſorgfältig das vorhergehende Blatt auf das betreffende und ging alsdann das ganze Buch noch einmal rück⸗ wärts blätternd durch bis zur erſten Seite, die er bis jetzt nicht beachtet und bei deren Betrachten er nun mit einem lauten Schrei in die Höhe ſprang. Da ſtanden die einfachen Worte: ‚Am ſechzehnten Mai, Roderich.⸗ 80 Sechsundvierzigſtes Kapitel. „Margarethe— o Margarethe!“— Da ſah er ſie in der Ferne wieder vom Hauſe zurückkommen mit leichten, raſchen Schritten, den Kopf erhoben, die Miene angenehm erregt, das ſchöne Auge ſtrahlend. Er wollte ihr entgegenſtürzen, er wollte ihr in fliegender Eile Alles ſagen, doch vermochte er es nicht über ſich, ſo mit etwas ganz Anderem, Neuem, unendlich Ueberraſchendem ihren freudigen Lauf zu unterbrechen— er vermochte es nicht, von ihren Lippen abzuſchneiden, was ſie ihm ſagen mochte, und ſo blieb er neben dem Stuhle ſtehen, die Hände gefaltet, tief athmend, ſie mit dem Ausdrucke einer unendlichen Liebe betrachtend. „Nicht wahr, ich bin ziemlich lange ausgeblieben?“ rief Edel⸗ weiß dem jungen Manne ſchon von Weitem zu—„dafür bringe ich aber auch recht angenehme Botſchaft: ſie hat es recht gern, wenn Sie den Garien ſehen und auch wenn Sie wiederkommen— aber warum ſehen Sie mich ſo ſtarr an mit einem ſo ſeltſamen, ganz veränderten Blicke? Freut es Sie nicht, daß Sie hier gern geſehen ſind?“ „O, Margarethe!“ Sie blieb plötzlich ſtehen und zuckte zuſammen— war es, weil er ihren wirklichen Namen nannte, oder machte es der unend⸗ lich weiche, innig liebende Ton, mit dem er dieſen Namen ausſprach? „O Margarethe, wo hatte ich meine Augen, wo war mein Herz, daß ich Sie nicht gleich wiedererkannte?“ „Sie haben mich ja ſogleich wiedererkannt,“ gab ſie mit einem ſcheuen Blicke zur Antwort—„Sie nannten mich ja ſogleich Edel⸗ weiß und erinnerten mich an unſern Aufenthalt in Zürich— ich verſtehe Sie nicht, Herr Warren!“ „Sie werden mich verſtehen, Margarethe— ich kannte Sie ja ſchon früher, ehe ich Sie Edelweiß nannte und ehe ich Sie in Zürich ſah— viele Jahre früher kannte ich die kleine Margarethe!“ „Ah, mein Gott!“ 6 O, erinnern Sie ſich an jene Zeit: Sie waren damals noch Du biſt wie eine Blume. 81 ein kleines Kind, vielleicht neun Jahre alt, und können nichts davon vergeſſen haben— o, Sie werden ſich Ihres guten Vaters erinnern!“ „Meines Vaters?“ rief ſie in einem ſchmerzlich rührenden Tone. „Ihres guten Vaters, eines der beſten und edelſten Menſchen — eines großen Künſtlers— o, Sie erinnern ſich ſeiner genau— ich ſehe es an Ihrem leuchtenden Auge: er ſteht vor Ihrem inneren Blicke noch lebendiger, wie vor dem meinigen!“ „Ja, ja,“ ſagte ſie mit einem glückſeligen Ausdrucke. „Und da müſſen Sie ſich auch jener Zeit erinnern, wo wir zuſammen in dem kleinen Garten waren— Ihr Vater und ſeine Freunde, wozu auch ich ſo glücklich war, mich rechnen zu dürfen!“ „Auch Sie, auch Sie— ich fange an, mich Alles deutlich zu erinnern!“ „Des großen Ateliers voller Bilder, Waffen und Geräthſchaften, wo Ihr Vater malte und wo Sie als ein kleines Mädchen häufig zuſahen.“ „Ja, ja— ja, ja!“ Der Ton ihrer Stimme drang tief in ſein Herz.—„Conchitta war oft da,“ fuhr er fort,„und deren Schweſter Mercedes.“ „Beide, beide!“ lachte ſie laut und fröhlich. „Und Conchitta liebte Sie unbeſchreiblich, und Sie ſaßen immer an ihrer Seite oder ruhten in ihrem Schooße— erinnern Sie ſich deſſen genau, Margarethe?“ „Ob ich mich erinnere!— Laſſen Sie mich einen Augenblick jene Bilder zurückrufen!“ Sie drückte ein paar Secunden lang ihre Hände vor das Ge⸗ ſicht, und als ſie dieſelben wieder herabſinken ließ, ſagte ſie mit einem glückſeligen Ausdrucke:„Ich erinnere mich ganz genau: an einem Morgen, wo Alle da waren, mein Vater malte nach dem Geſichte Conchitta's, ich ſaß neben ihr auf einem kleinen Bänkchen, ſie erzählte die Geſchichte von der Katze mit der rothen Halsbinde — o, ich habe deren nicht vergeſſen, und ein alter Maler war da mit einem ſtruppigen Barte, der öfter kam und viel rauchte!“ 82 Sechsundvierzigſtes Kapitel. „Walter.“ „Ganz richtig, Walter— und Sie waren da, Herr Warren, aber man nannte Sie damals anders— wie hießen Sie doch?“ „Lytton.“ „Richtig, Lytton, Lytton— Lytton; der Name kam mir ſo komiſch vor.“ „Und Sie erinnern ſich Lytton's?“ „O ja, und begreife jetzt nicht, daß ich Sie nicht ſogleich wiedererkannte— und doch iſt es mir erklärlich,“ fuhr ſie, plötzlich ernſt werdend, fort,„man hat mich daran gewöhnt, jene Zeit ſo wie die lieben Freunde von damals nach und nach zu vergeſſen— man verwirrte abſichtlich mein Gedächtniß, und wenn ich Dieſes oder Jenes beſchrieb— o, ſo deutlich beſchrieb—, ſo ſagten ſie immer, ich hätte mich geirrt und es ſei ganz anders geweſen!“ „Wer wagte es, ſo an Ihnen zu handeln?“ brauste der junge Mann auf. „O, ſtille, ſtille!“ bat Margartthe mit ſanfter Stimme,„die es that, hatte ein Recht dazu und ſchonte ſich ſelber dabei auch nicht!“ „Ah, ich vergaß— und ſie iſt es auch, welche die Veranlaſſung war, daß Sie damals vor mir flohen, und die es nicht erlaubte, daß Sie mir Ihren Namen nannten— unnütze Vorſicht— das Schickſal war mir günſtig und auch der Zufall: hier die wenigen Worte in dieſem Buche, der Name eines geliebten Freundes redeten offen und wahr mit mir, wie er von jeher zu thun gewohnt war — er ſelbſt hat mich zu Ihnen geführt und deßhalb Trotz geboten allen Hinderniſſen— fürchten Sie nichts, Margarethe— kommen Sie, führen Sie mich zu Ihrer Mutter!“ Sie ſchüttelte leicht mit dem Kopfe, und ihn bewegt anſehend, gab ſie zur Antwort:„Meine Mutter iſt ſeit mehreren Jahren todt— ich ſagte es Ihnen ja ſchon früher!“ „Wer iſt es denn, der Sie beſchützt?“ fragte er erſtaunt— „der Ihre Schritte lenkt, der aus der kleinen, ſchwächlichen Marga⸗ rethe die ſchöne, herrliche Edelweiß entwickelt?“ 9- — Du biſt wie eine Blume. 83 Sie hatte das Skizzenbuch aus der Hand genommen und eines der Blätter aufgeſchlagen, die er ſo ſehr bewundert; darauf hin zeigte ſie, indem ſie ſtumm mit dem Kopfe nickte. „Ah, auch das wird mir jetzt klar!“ rief er in lautem, glück⸗ ſeligem Tone—„wie konnte ich dieſe Zeichnungen verkennen— Conchitta!“ „Ja, Conchitta— meine zweite Mutter!“ Er konnte nicht anders, als in den dankbarſten Empfindungen ſeine leuchtenden Blicke gen Himmel erheben; ja, er hätte nieder⸗ knieen mögen hier oben in der freien, herrlichen Natur, anbetend den allgewaltigen Geiſt, der ihn hieher geführt, der ihm ſo pracht⸗ voll von dem blauen Firmamente entgegenleuchtete, der aus dem Säuſeln jedes Blattes und aus dem Rauſchen des benachbarten Baches zu ihm ſprach, der ihm glänzend erſchien in jedem golde⸗ nen Sonnenſtrahle, der ihn anlächelte— aus Margarethens feuchten Augen. „Ich danke Dir in meinem Namen und in dem meines Freundes!“ Dann wandte er ſich zu Margarethe und ſagte, glückſelig lächelnd, indem er ihre Hand ergriff:„Ich habe ein gewichtiges Recht, Sie Margarethe zu nennen, aus der Vergangenheit her, ja, ich habe auch das Recht, Ihnen gute Lehren zu geben und zu ver⸗ langen, daß Sie denſelben pünktlich nachkommen!“ „Gewiß, Herr Warren, ich bin ſo folgſam, als man es ſich nur wünſchen kann; jetzt aber wollen wir die Rollen umkehren, und Sie ſollen mir folgen, durch den Garten nämlich, damit Sie ſehen, wie ſchön er iſt, und erſt die Ausſicht vor dem Hauſe— o, Sie werden entzückt ſein!“ „Gut, ich folge Ihnen, aber vor allen Dingen zu Conchitta— ich habe Dringendes mit ihr zu reden!“ „A— a— a—ah,“ machte ſie in einem Tone des Erſchreckens, „das darf ich nicht— o, ich bin ſchon zu weit gegangen, daß ich Ihnen eingeſtanden, wer ich bin!“ 3 84 Sechsundvierzigſtes Kapitel. „Aus einem ſo natürlichen Grunde, den Conchitta verſtehen und achten muß— wenn Sie mich nicht hinführen wollen, ſo kündigen Sie mich wenigſtens an und ſagen Sie, daß ich als Eng⸗ länder eigenſinnig genug wäre, nicht eher fortzugehen, als bis ich ſie geſprochen; fügen Sie auch hinzu, daß ich mich im voraus allen Vorſchriften des Gehorſams und des Stillſchweigens fügen werde, welche an dieſem zauberhaften Orte im Gebrauche ſind.“ „Das will ich ihr ſagen und ſo raſch wie ich kann wieder hier ſein.“ „Wenn Sie es erlauben und es nicht als Mißbrauch der mir bewilligten Gaſtfreundſchaft angeſehen wird, ſo darf ich vielleicht indeſſen mein Pferd, das mir ungeduldig zu werden ſcheint, in den Garten führen und dort bei dem Baumgange, wo es keinen Schaden thun kann, anbinden— ſo ein lediges Pferd,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„könnte hier oben auch möglicher Weiſe unnöthiges Aufſehen erregen.“ Sie eriheilte ihm gern dieſe Erlaubniß, dann flog ſie dem Hauſe zu. Er that, wie er ſo eben geſagt; er zog das Pferd durch die kleine Pforte und betrat mit ihm die Allee, die, wie wir ſchon früher bemerkt, in einem Halbkreiſe dem Landhauſe zuführte. Warum er nicht zum Anbinden den erſten und zweiten Baum wählte, oder den dritten und vierten, ſind wir nicht im Stande, genau anzugeben: vielleicht befand ſich dort in der Nähe ein Blumen⸗ beet, dem die Hufe des Pferdes hätten Schaden thun können, genug, er ſchritt, den Zügel im Arme, langſam vorwärts und blieb erſt an der Biegung der Allee, aber dann ſehr plötzlich ſtehen, als er eine Dame auf ſich zukommen ſah, die er augenblicklich erkannte. Es war Conchitta; aber wie prächtig hatte ſich das junge Mädchen von damals in dieſen Jahren entwickelt: ſie ſchien gewachſen zu ſein, ihre Geſtalt, die voller geworden war, hatte etwas außerordent⸗ lich Vornehmes und Edles, die krankhafte Bläſſe von einſtens war von ihren Zügen gewichen und dieſe, ohne von ihrer außerordent⸗ + — ——,— Du biſt wie eine Blume. lichen Schönheit etwas verloren zu haben, zeigten eine wohlthuende Ruhe, ohne gerade heiter zu ſein, und wenn ſich jetzt beim Anblicke des bekannten Mannes ein freundliches Lächeln um ihre Lippen lagerte, ſo war dies doch nicht ſtark genug, um den ernſten, faſt ſchwermüthigen Blick aus ihren großen, dunkeln Augen zu verbannen. Sie reichte ihm ihre Rechte, welche er mit einem Gefühle der Ehrerbietung an ſeine Lippen drückte.—„Der Zufall, Lord Warren,“ ſagte ſie,„hat Ihnen unſere Geheimniſſe verrathen, und wie ich Sie von früher her kenne, glaube ich dem Zufalle dafür— nicht böſe ſein zu dürfen.“ Hoffentlich hat Ihnen der liebenswürdige Bote, den ich mir erlaubte, an Sie abzuſchicken, meine Bereitwilligkeit mitgetheilt, mich allen Regeln dieſer faſt klöſterlichen Einſamkeit zu unterwerfen; es liegt in Ihrer Hand, meine Lippen zu verſiegeln, ſo daß, wenn ich aus dieſem Paradieſe ſcheiden muß, ich ſogar den Verſuch machen würde, meinem Herzen zu befehlen, nicht mehr daran zurückzudenken, wenn Sie das verlangen und wenn das möglich wäre!“ „So grauſam bin ich nicht, und was ich allenfalls von Ihnen verlangen muß, iſt bedingt durch die eigenthümlichen Verhältniſſe, in denen ich mich befinde; Ihnen dieſe Verhältniſſe aber vor allen Dingen zu erklären, halte ich für meine Pflicht— deßhalb bitte ich Sie, mir in's Haus zu folgen.“ Sie winkte einem Diener, der ſich in der Entfernung zeigte und welcher ſogleich herbeieilte, das Pferd des jungen Mannes zu nehmen und ſeitwärts zu führen. Wenn ſich auch Conchitta ſehr verändert hatte, und wir müſſen ſagen, zu ihren Gunſten, denn aus dem bleichen, faſt zu ſchlanken Mädchen war eine herrliche Jungfrau erblüht, ſo war ſie ſich doch in ihrem Aeußern und ihrem Anzuge merkwürdiger Weiſe ziemlich gleich geblieben, denn auch heute wie damals in Roderich's Atelier trug ſie ein einfaches graues Kleid und als einzigen Schmuck eine ſchwarze, glänzende Halskette, an der ein einfaches ſilbernes Kreuzchen hing. 86 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Wie ſie ſo neben ihm dahinſchritt durch den halbdunkeln Baumgang und wie er nun vor ſich das Haus hervortreten ſah mit der breiten Terraſſe und ihrer prachtvollen Ausſicht und dann, aufwärts blickend, auf dem Dache das kleine Thürmchen mit der Glocke, die ihn heute Morgen ſo freundlich begrüßt, wie Alles ſonſt um ihn her eben ſo ſtill und ſchweigſam war, wie ſeine Begleiterin, da konnte er ſich von einem Gedanken an eine klöſterliche Einſamkeit nicht losmachen, an ein Abgeſchloſſenſein von der ganzen Außenwelt, unter deren Schutze Margarethe ſo wunderbar erblüht war. Da ſtand dieſe ſelbſt neben Mercedes an der Brüſtung der Terraſſe, und obgleich die Geſtalt des zjungen Mädchens gegen die Ausſicht gewandt war, ſo hatte ſie doch ihr Geſicht gegen ihn, den von ſeitwärts Kommenden, gerichtet, und was auf ihren Zügen in tiefer Röthe glühte, war vielleicht der Wiederſchein der Sonne. Mercedes trat auf ihn zu und begrüßte ihn freundlich. Auch dieſe hatte ſich wenig verändert. Sie erwähnte mit ein paar herz⸗ lichen Worten der Vergangenheit und trat dann wieder zu Margarethe, das junge Mädchen traulich mit ihrem Arme um⸗ ſchlingend. Warren folgte ſeiner Führerin von der Terraſſe in ein Zimmer zu ebener Erde, welches einfach, aber geſchmackvoll eingerichtet war und dabei ſo behaglich, daß er ſich mit einem wohlthuenden Gefühle und mit einem Ausdrucke der Zufriedenheit umſchaute. Der Boden war mit feinen Strohmatten bedeckt, die Möbel eben ſo bequem als zierlich, und in den Bildern und Skizzen an den Wänden ſah er faſt nur Bekanntes; da war auch ein Bild Roderich's von außerordentlicher Aehnlichkeit, mit einem dichten Epheukranze um⸗ geben, und daß ihm gerade hier in dieſem Gemache, welches, wie ihm dünkte, der gewöhnliche Aufenthalt Conchitta's war, das Bild des lieben Freundes entgegentrat, bewegte ihn mit einer unaus⸗ ſprechlichen Freude. Er konnte ſich deßhalb auch nicht enthalten, nachdem er es lange angeſehen, gegen Conchitta mit einem dankenden Ausdrucke ſeine Rechte auszuſtrecken, welche ſie mit ihren beiden —— Du biſt wie eine Blume. 87 Händen ergriff und ihm durch ihr feucht gewordenes Auge zeigte, daß ſie ihn vollkommen verſtanden. Auch ſprach ihn ihre Staffelei ſo traulich an, welche an dem einzigen großen Fenſter ſtand und das ſchönſte Nordlicht mit einem Blicke über die wellenförmigen, bewaldeten Höhen verband. Auf derſelben ſtand ein kleines, faſt beendigtes Bildchen, ungefähr derſelbe Vorwurf des Blattes aus dem Skizzenbuche, ſaftiges Grün und ſchäumendes Waſſer, wahrhaft erquickend. „Wie freut es mich, daß Sie der Kunſt treu geblieben find, und welche Fortſchritte Sie in der Zeit gemacht haben, ſeit wir uns nicht geſehen!“ „Es macht mir viel Vergnügen, daß Sie das ſagen— warum ſollte ich der Kunſt nicht treu geblieben ſein, ihr, die faſt allein meinem Leben einen Halt gibt, welche mich in traurigen Stunden tröſtet und die mit mir ſo reizend von der Vergangenheit plaudert?“ „So denken Sie gern an die Vergangenheit?“ „O ich weiß, welche Vergangenheit Sie meinen, und ſage Ihnen offen und ohne Rückhalt: ja, ich denke gern an ſie— es hat lange gedauert, ehe ich ſo weit kam— lange, lange ſah ich, rückwärts ſchauend, jene Tage mit tiefen Schatten bedeckt, endlich aber ſanken dieſe und der klare Himmel mit dem herrlichſten Sonnen⸗ ſcheine lächelte mir wieder zu!“ „Und Sie hoffen, Conchitta?— O, nicht wahr, ich darf glauben, daß Sie hoffen? Dieſer Gedanke würde mich mit einer unbeſchreiblichen Freude erfüllen!“ „Und warum ſoll ich hoffen?“ erwiederte ſie, ihn ruhig anſehend. „Für ſich und Andere— die Hoffnung eines ſo guten und reinen Herzens wie des Ihrigen muß in Erfüllung gehen, und dieſe Erfüllung würde uns Alle glücklich machen!“ Sie hob wie abwehrend ihre Rechte gegen ihn empor, dann ließ ſie dieſelbe mit einer anmuthigen Bewegung wieder niederſinken und ſagte:„Setzen wir uns, Lord Warren, ich habe Ihnen einige Räthſel zu löſen, rechne dabei auf Ihre Freundſchaft, auf Ihren 88 Sechsundvierzigſtes Kapitel. guten Rath.“— Sie winkte ihm, in einem kleinen Lehnſtuhle Platz zu nehmen, und er that das, nachdem er den Stuhl ſo geſtellt, daß er das Bild Roderich's anſchauen konnte. Conchitta ſetzte ſich ihm gegenüber auf einen kleinen Divan und ſtützte den Kopf in ihre Hand, ſo daß, als ſie nun zu reden anfing, er ihr Geſicht nicht ſehen konnte. „Sie erinnern ſich jenes Ereigniſſes, welches einen Kreis guter und lieber Freunde, zu denen auch ich mich zu zählen die Be⸗ rechtigung hatte, ſo erbarmungslos auseinander ſprengte. Roderich verließ die Stadt, wo wir ſo ſchöne Stunden verlebt, und es war vielleicht ein eigenthümliches Zuſammentreffen, daß faſt alle die, welche ihm nahe ſtanden, nach verſchiedenen Richtungen hin ver⸗ ſchwanden, wenn auch nicht gerade in Folge jenes Ereigniſſes.“ „Ich ſelbſt war in dieſem Falle.“ „Wie tief mich jenes Ereigniß erſchütterte, brauche ich Ihnen, der mit allen Verhältniſſen auf's genaueſte bekannt war, Ihnen, dem treueſten Freunde und Anhänger Roderich's, wohl nicht zu ſagen. Obgleich ich mir keine Vorwürfe zu machen hatte,“ ſetzte ſie, auf⸗ blickend, mit ſtolzer Ruhe hinzu,„ſo konnte ich doch nicht anders, als das Benehmen der Mutter Margarethens gegen mich mit ihrer unüberlegten That in Zuſammenhang bringen; ich fühlte mich mit⸗ ſchuldig, ohne ſchuldig zu ſein. Ob es auch noch andere Urſachen gab, welche mir den Aufenthalt in jener Stadt unleidlich machten, thut eigentlich nichts zur Sache— genug, ich verließ dieſelbe, um mit allen Mitteln, die mir zu Gebote ſtanden, nach dem verſchwun⸗ denen Kinde zu forſchen. Sie werden mir nicht zutrauen, daß es meine Abſicht geweſen, das Kind ſeinem Vater wieder zuzuführen, dazu hätte ich ja kein Recht gehabt, dagegen hob ſich auch das Ge⸗ fühl unverdienter Kränkung, die ich erfahren, zugleich mit dem glühenden Wunſche, ſo rein, wie mein Herz war, eben ſo rein vor derjenigen zu erſcheinen, die mir faſt den Glauben an mich ſelbſt geraubt hätte! „Lange ſuchte ich vergebens— die Erzählung des Wie und — Du biſt wie eine Blume. 89 Wo ſei einer ſpäteren Zeit aufbehalten—, lange fand ich keine Spur von Mutter und Tochter, was Sie übrigens nicht Wunder nehmen wird, wenn Sie ſich erinnern, wie vergeblich auch die raſt⸗ loſen Bemühungen des Vaters waren, und wenn ich Ihnen ſage, daß die Betreffende ſich mit einer eben ſo großen Umſicht als mit einem unbegreiflichen Glücke allen Nachforſchungen zu entziehen wußte: ſie handelte dabei mit einer überraſchenden Kühnheit, und gerade dieſe war es wohl, die uns irre führte, denn wir ſuchten oft in der Ferne, was uns nahe lag.“ „Gerade ſo, wie es mir erging und Roderich.— Ah,“ rief er, leidenſchaaftlich auffahrend,„wenn ich ſeinen Namen ausſpreche, ſo drängt ſich mir eine Frage auf, die Sie mir beantworten müſſen, ehe Sie weiter erzählen— weiß er, daß Margarethe bei Ihnen iſt— weiß er überhaupt etwas von Ihnen?“ „Er weiß nichts von mir— Sie ſehen mich mit Erſtaunen an, und doch wird Ihnen dieſes Räthſel klar werden, wenn Sie mich ruhig anhören.“ „Dazu bin ich kaum im Stande!“ rief er heftig erregt— „iſt es nicht ein Verbrechen gegen meinen Freund, daß ich, ſtatt ruhig hier zu ſitzen, nicht ſchon längſt auf dem Wege zum Tele⸗ graphen bin? O, wunderbare, geſegnete Erfindung unſeres Zeit⸗ alters! Noch ehe er heute Abend ſein ſorgenvolles Haupt zur Ruhe niederlegt, kann ich ihm aus einer Entfernung von Hunderten von Meilen einen leuchtenden Blitz zuſchleudern, der die finſtere Nacht ſeines Kummers erhellen wird, der ihm zuruft: ‚ſie ſind wiedergefunden,— o, laſſen Sie mich fort, Conchitta, ich be⸗ ſchwöre Sie!“ „Es iſt beſſer, wenn Sie ruhig da bleiben und mich anhören,“ ſagte ſie, obgleich mit milder Stimme, doch mit einem Ernſte, der ihm imponirte, während deſſen ſie langſam ihre Augen auf das Bild mit dem Epheukranze gerichtet—„zweifeln Sie daran, ob ich an meinen verehrten Meiſter mit weniger Innigkeit gedacht, als Sie, ob ich nicht mit einer unnennbaren Glückſeligkeit mir den —— LeE 90 Sechs undvierzigſtes Kapitel. Augenblick vergegenwärtigt, wo ich ihm ſeine entſchwundene Tochter wieder zuführen könnte oder Kenntniß von ihrem Daſein geben? Und wenn Sie daran zweifeln, ſo werden Sie glauben, daß ich Gründe habe, zu handeln, wie ich gethan, und daß dieſe Gründe viel⸗ leicht wichtig genug für Sie ſind, mich eine kleine Weile anzuhören!“ „Gewiß— gewiß, und ich bitte wegen meiner ſtürmiſchen Eile um Entſchuldigung— will Ihnen jetzt auch ohne Unter⸗ brechung mit einer wahren Andacht zuhören!“ „Dort zwiſchen jenen bewaldeten Höhen, die Sie durch's Fenſter ſehen,“ fuhr Conchitta fort,„lebte Frau Hildegard mit ihrer Tochter, während Roderich in der Stadt war und Alles in Bewegung ſetzte, ſie wiederzufinden; daß es ihr gelang, unentdeckt zu bleiben, ver⸗ dankte ſie den Bemühungen ihrer Familie, die wohl nicht unterließ, ſie auf's genaueſte von allen Schritten Roderich's in Kenntniß zu ſetzen.“ „Ah, der Freiherr von Schenk wird die Mittelsperſon ge⸗ macht haben!“ „Wahrſcheinlich, denn es iſt kein Zweifel, daß die Mutter Margarethens mit ihrem Vetter in genauen Beziehungen ſtand und blieb. Als ſich nun Roderich nach Süden wandte, ging ſie nach Norden, und da war es, wo mir der Zufall das gewährte, was meinen emſigſten Beſtrebungen nicht gelungen war: der Zufall und Margarethens Liebe zu mir. Nachdem ich ſie im Norden Deutſch⸗ lands vergeblich geſucht, wo ſie auch eine zahlreiche Familie hatte, wandte ich mich wieder hieher, und da war es, wo ich bei an⸗ brechender Nacht vor einem kleinen Poſthauſe in einem unbedeuten⸗ den Dorfe zu gleicher Zeit mit einem Wagen, der uns entgegen⸗ gekommen war, die Pferde wechſelte. Ich war ausgeſtiegen und ſprach einige Worte mit meinem Diener, der das Umſpannen beſchleunigte, und ſtand zufällig ſo, daß der Schein einer Laterne auf mein Geſicht fiel. In dieſem Augenblicke kam der andere Wagen an mir vorüber und ich hörte eine laute, mir wohlbekannte Stimme rufen: Conchitta— es iſt meine liebe Conchittal“ „Daß ich folgte, verſteht ſich von ſelbſt, eben ſo, daß ich meinen Du biſt wie eine Blume. 91 Poſtknecht bewog, den voranfahrenden Wagen nicht aus den Augen zu verlieren und nur ſo viel zurückzubleiben, daß man unſere Ver⸗ folgung nicht bemerke. So fuhren wir die Nacht hindurch und erreichten am andern Morgen Dresden, wo ich mir Zimmer in dem gleichen Gaſthofe geben ließ. „Als ich mich auf dieſe Art meinem Ziele genähert hatte und ruhig überlegte, was weiter zu geſchehen ſei, ſchien ſich gerade dieſes Ziel wieder weit, weit von mir zu entfernen, denn wie konnte ich es anfangen, um mich der Mutter Margarethens zu nähern, ohne befürchten zu müſſen, die Kluft, die uns trennte, noch zu vergrößern! „Sobald ich auf dieſe Art in ihrer Nähe war, ſobald ich mit ihr unter dem gleichen Dache wohnte und nur eine Thür zu öffnen brauchte, um vor ihr zu ſtehen, fühlte ich erſt das Schwierige meines Unternehmens: ich ſollte einer Frau gegenübertreten, deren Haß gegen mich, obgleich ich denſelben gewiß nicht verdient, ſi durch das, was inzwiſchen vorgegangen war, und durch das, was ſie gelitten, ſicher nicht gemildert hatte; und dabei erfuhr ich, daß ſie leidend war, ja, ſehr krank. „Ich durfte und ich wollte mich der kleinen Margarethe nicht nähern ohne die Erlaubniß der Mutter, und dieſe zu erlangen, ſchien mir ſo unmöglich, daß ich es nicht über mich vermochte, in dieſer Richtung irgend einen Schritt zu thun. Auch fühlte ich mich ja ſchon dadurch glücklich, daß ich Margarethe wiedergefunden, und war unzählige Male im Begriffe, Roderich, deſſen Aufenthalt ich wohl hätte erfahren können, davon in Kenntniß zu ſetzen; doch konnte ich es nicht über mich gewinnen. Es erſchien mir wie ein Unrecht, wie eine Feigheit, die arglos neben mir Verweilende mit dem Manne zuſammenzubringen, dem ſie ſein Theuerſtes geraubt, den ſie ſelbſt in wildem Haſſe floh. „So vergingen Tage, Wochen, und das kalte Wetter des Spät⸗ herbſtes zugleich mit der zunehmenden Krankheit der Mutter Mar⸗ garethens, die ſie in ihrem Zimmer feſthielt, war wohl die Urſache, daß ich ohne ihr Wiſſen in ihrer Nähe weilen konnte, 92 Sechsundvierzigſtes Kapitel. „Weder Mercedes noch ich gingen aus, ohne die größte Vor⸗ ſicht zu beobachten, und wenn ich die Gemälde⸗Gallerie beſucht, was faſt täglich geſchah, ſo blieb ſie zu Hauſe, um mich von allem Vor⸗ gefallenen in Kenntniß zu ſetzen. Ich war rathlos: jetzt, da ich Margarethe gefunden, wußte ich nicht, was ich thun ſollte, obgleich mir das früher ſo außerordentlich leicht geſchienen. Da half mir der Zuſall, indem er, wie ich ſpäter erſt erfuhr, alle meine Vorſicht vereitelte und meine Abſicht, unerkannt zu bleiben, an einer un⸗ bedeutenden Klippe ſcheitern ließ. Margarethe, welche häufig mit ihrer Gouvernante— nicht jener Eliſe— im Gaſthofe aus⸗ und einging und die der Liebling Aller geworden war, wurde eines Tages von dem Portier ſcherzhaft aufgefordert, die Adreſſe eines Briefes zu leſen, die ſie gewiß nicht verſtehen würde. Dieſe Adreſſe in ſpaniſcher Sprache aber, von meiner Schweſter Juanita, war an mich, und das junge Mädchen beſtürmte ihre Goupernante ſo lange mit innigen Bitten, bis ſie ihr erlaubte, mir ſelbſt dieſen Brief zu überbringen. Welche Ueberraſchung— welches Wieder⸗ ſehen: Margarethe warf ſich mir weinend an den Hals, und meine Thränen floſſen reichlicher, als die des Kindes!“ „Und wie fanden Sie damals das junge Mädchen?“ fragte Warren mit lebhaftem Intereſſe.„Hatte ſie ſich zu jener Zeit ſchon ſo ſehr verändert, wie jetzt? Denn ich geſtehe Ihnen offen⸗ herzig, damals, als ich ſie nach ſo langer Zeit zum erſten Male in Zürich wiederſah, fand ich in ihrem Geſichte keine Spur, die mich mit Sicherheit auf meinen ehemaligen kleinen Liebling ge⸗ führt hätte.“ „Und jetzt?“ fragte Conchitta lächelnd. „Jetzt allerdings, da ich weiß, daß ſie es iſt, treten Züge her⸗ vor, die mich ſo lebhaft an die Vergangenheit erinnern, daß ich es nicht begreifen kann, wie blind ich geweſen!“ „Tröſten Sie ſich— es wäre mir vielleicht ergangen wie Ihnen, hätte ich nicht gewußt, wer ſich mir ſo ſtürmiſch an den Hals warf, und auch da noch mußte ich das liebe, gute Geſichtchen — Du biſt wie eine Blume. ſorgfältig ſtudiren, um meine kleine Margarethe von ehemals wieder⸗ zuerkennen: nicht nur die Jahre hatten begreiflicher Weiſe ſo gewaltig an ihr geändert und ſie faſt unkenntlich gemacht, ſondern 1 noch mehr das beginnende Erblühen des ſchwächlichen Kindes zu einer herrlichen Jungfrau.“ „Ja, ja,“ ſagte der junge Mann, ſchwärmeriſch vor ſich niederblickend. „Da ſaßen wir einander gegenüber, Hand in Hand, Auge in Auge, und ſie erzählte mir Alles ſeit jenem traurigen Weihnachts⸗ abende. An ihrem Vater hing ſie noch mit der gleichen Zärtlichkeit, wie damals, und ihre kindliche Liebe hatte das jahrelange Allleinſein mit der Mutter, deren Thränen und kummervolles Darlegen der früheren Lebensverhältniſſe, erfüllt mit liebloſen Anſpielungen und ſchweren Anklagen, nicht vermindern können— ſie ſtellte mir mit bebender Stimme eine Frage in Betreff ihres Vaters, und Gott iſt mein Zeuge,“ ſagte Conchitta, indem ſie die Augen gen Himmel richtete,„ich konnte nicht anders, als ihr dieſelbe der vollen Wahr⸗ heit gemäß beantworten, worauf ſie laut aufjubelte, dann aber ihre Hände faltete und mit thränenden Augen ſprach: ‚Meine arme, arme Mutter!“ „Die Gouvernante Margarethens, eine ältere, brave und ſehr verſtändige Frau, mußte ohne Rückhalt von den Verhältniſſen unter⸗ richtet werden, und glücklicher Weiſe kannte ſie ſchon ſo viel davon, daß es mir nicht ſchwer wurde, ſie wohlwollend für mich zu ftimmen, Was die Mutter Margarethens betrifft,“ ſagte ſie mir einige Tage ſpäter, als wir allein waren, ‚ſo haben wir es mit einer ſchwer Kranken zu ihun, deren Willenskraft durch langes Leiden allerdings gebrochen iſt, deren Haß gegen den Urheber ihres Unglückes, wie ſie ihn nennt, ſich indeſſen kaum vermindert hat. Gelingt es mir im Verein mit Margarethe, die Leidende zu überzeugen, daß Sie, ſogar alle freundſchaftlichen Verbindungen löſend, uns gefolgt, um den Beweis zu liefern, daß Sie entſchloſſen ſind, ſn. zu handeln, Hackländer's Werke. 56. Bd. 94 Sechsundvierzigſtes Kapitel. wie Sie ſich in jener Unterredung, die Sie mir mitgetheilt, aus⸗ ſprachen, ſo habe ich nicht alle Hoffnung verloren, daß uns ein Verſtändniß gelingt.““ Nachdem Conchitta ſo weit erzählt, legte ſie ihr Geſicht in beide Hände, eine lange Weile ſo bleibend, worauf ſie wieder, empor⸗ ſchauend mit umflortem Blicke und einem leichten Schauer, fortfuhr: „Es gelang, aber nach ſchweren Kämpfen, wobei ich mich aller und jeder Waffe begab, wobei ich duldete und litt, wie vielleicht noch kein weibliches Herz in meiner Lage geduldet und gelitten hat. Doch laſſen Sie mich ſchweigend darüber hinweggehen und Ihnen nur noch vom Ende dieſes peinlichen Zuſammenlebens erzählen— Sie müſſen es wiſſen bei dem Antheile, welchen Sie an Marga⸗ rethe nehmen. „Es war ein ſtürmiſcher, kalter Herbſtabend, als ich lange an ihrem Lager ſaß und ruhig das anhörte, was ſie mir von unglück⸗ lichen Tagen wohl hundert Mal wiederholt: ſie hatte ihre brennen⸗ den Augen auf mich gerichtet, und wenn ſie einen Augenblick, zu kraftlos, um weiter zu ſprechen, inne hielt, ſo bewegte ſie doch un⸗ aufhörlich ihre Lippen, mich ſo erkennen laſſend, daß ſich ſelbſt dann noch ihre Gedanken raſtlos jagten, wenn ſie auch dieſelben nicht zum Ausbruche gelangen laſſen konnte. Bei ähnlichen Auftritten, die ſich häufig wiederholten, wußte ich mir nur dadurch zu helfen, daß ich um Erlaubniß bat, Margarethe rufen zu dürfen, denn eine Entgegnung auf ihre bittern Worte, auf ihre heftigen Klagen war mir durch ihren Zuſtand verboten.“ „Sie müſſen viel gelitten haben, Conchitta?“ „Gott weiß es, und wenn ich für irgend ein unüberlegtes Wort meines früheren Lebens, für einen unbedachten Blick Strafe verdient habe, ſo iſt mir die im reichſten Maße zu Theil geworden! — Auch an jenem Abende brachte ich die Rede auf ihr Kind und hoffte, ſie würde nach ihm verlangen; doch ſchüttelte ſie heftig mit dem Kopfe und ſagte:„Jetzt nicht! Dann verſuchte ſie es, ihr Haupt emporzuheben, und ſah mich mit ihrem ſcharfen Blicke eine Zeit Du biſt wie eine Blume. lang, ohne zu ſprechen, auf eine faſt unerträgliche Art an— o, es lag viel Haß in dieſem Blicke, wenngleich ein leichtes Lächeln um ihren Mund ſpielte!— ‚Sie ſind Katholikin,“ ſagte ſie, ‚und was Sie mir auf das Crucifix ſchwören, werden Sie halten?⸗ „Gewiß, brachte ich mühſam hervor, doch braucht es keines Schwures, damit ich ein Verſprechen, das ich Ihnen geben ſoll, halte. „Ein Schwur iſt mir lieber, ſagte ſie und holte unter ihrem Kopfkiſſen ein kleines Kreuzchen hervor.— ‚Ich könnte von Ihnen verlangen, fuhr die Kranke mit einem unnatürlichen Aufflammen ihres Blickes fort, ‚daß Sie mir ſchwören ſollen, nie das Weib ir⸗ gend eines Mannes zu werden— doch ein ſolcher Schwur läßt ſich deuteln, umgehen— ein ſolches Verlangen müßte mich in die gleiche Klaſſe ganz gewöhnlicher Weiber werfen! Und doch will ich Ihnen vor meinem Ende beweiſen, daß ich Vertrauen in Sie ſetze!⸗ „Ich machte eine beſchwichtigende Handbewegung; doch erwie⸗ derte ſie mit einem matten Lächeln: ‚O keinen Troſt, der für mich kein Troſt iſt! Ich kenne ganz genau meinen Zuſtand, in Kurzem werde ich dieſe Welt verlaſſen, die mir ſo viel Leid gebracht, und Margarethe wird allein ſtehen— ſchutzlos, rathlos!““ „Und nannten Sie in dieſem Augenblicke nicht den Namen des Vaters, unſeres gemeinſchaftlichen Freundes?“ „Ich that es, und, weiß Gott, mit eindringlichen Worten— doch entgegnete ſie mir mit einer Kraft, die ich ihr nicht mehr zugetraut hätte, wobei ſie ihre Hände mehrere Male unruhig von ſich abſtreckte: ‚Von ihm nichts— nichts von ihm— deßhalb ge⸗ rade vertraue ich Ihnen, nachdem Sie mir geſchworen haben, daß Sie ihn— nie— nie— nie erfahren laſſen ſollen, wo Marga⸗ rethe iſt, weder durch Wort, noch Schrift, noch durch Vermittlung eines Dritten!““. „Und Sie beſchworen das, Conchitta?“ fragte der junge Mann mit einem ängſtlichen Tone der Stimme. „Dazu war keine Zeit mehr,“ erwiederte ſie mit feuchtem Blicke;„die gewaltige Anſtrengung hatte das Ende der unglücklichen 96 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Frau beſchleunigt; aber auch ohne daß ich ihr den verlangten Schwur geleiſtet, hielt ich mich für verpflichtet, ihren letzten Willen ſo viel ich vermochte zu erfüllen.“ „Ah, Conchitta, ich verſtehe Sie kaum— um dem Vater die Tochter vorzuenthalten, die er ſo geliebt?“ „Ich hoffte auf ein gutes Geſchick— auf die Gerechtigkeit Gottes— auf einen Zufall— habe ich umſonſt gehofft?“ ſagte ſie, unter Thränen lächelnd, indem ſie Lord Warren ihre Hand darreichte. „Nein, nein!“ rief er in glücklichem Tone—„aber warum ließen Sie dieſen Zufall nicht ſchon vor einem Jahre walten, wo ich Ihnen ſo nahe war?“ „So bin ich nun ſeit zwei Jahren,“ fuhr ſie fort, ohne auf ſeine dringende Frage zu antworten,„die Beſchützerin Margarethens — eigentlich meine gute Mercedes iſt es, denn dieſe leitet und be⸗ vormundet uns gemeinſchaftlich, und ich war glücklich, daß ſie gleich ſo thatkräftig eingriff, denn es gab ſo viel zu thun und zu ordnen, von dem ich, die ich mich früher nur um meine Bilder bekümmert, ſo gar keinen Begriff hatte— auch fand ich in den hinterlaſſenen Papieren die Aufforderung, in einem Falle wie dem damals vor⸗ liegenden einen Verwandten der Verſtorbenen, den Freiherrn von Schenk, zu Rathe zu ziehen.“ „Ah, denſelben, welcher damals auf ſo wunderbar uneigen⸗ nützige Art jene Verhandlungen zwiſchen Olfers und ſeiner Gattin leitete und der auch durchaus nichts mit dem Verſchwinden des jungen Mädchens zu thun gehabt haben wollte! Ich hatte die Ehre, ihn da unten wiederzuſehen, und ich kann Sie verſichern, daß mir beim Anblicke dieſes glatten, ewig lächelnden Geſichtes das Blut empor⸗ ſtieg— ich glaube, eine trockenere und wortkargere Vorſtellung, als die zwiſchen uns Beiden, hat es noch nie gegeben— weiß er, daß Sie hier oben wohnen?“ „Er weiß es.“ „Und macht ſeine verwandtſchaftlichen Rechte durch Beſuche geltend?“ 5 Du biſt wie eine Blume. 97 „Ja, da ich das nicht hindern kann.— Ihm übergab ich nach dem Tode der Mutter das Vermögen Margarethens, und darüber glaubt er mir zuweilen Rechenſchaft ablegen zu müſſen. Doch beſucht er mich ſelten; Margarethe ſieht ihn faſt nie, da ſie einen unſiegbaren Widerwillen gegen ihn hat.“ „Ah, ſie fühlt wahr und richtig!“ „Es find nun faſt zwei Jahre, daß ich mit Margarethe zu⸗ ſammen lebe, und ſo ſehr ich auch auf den weiteren Zufall hoffe, der eben ſo gut wie Sie auch den Vater in unſere Nähe führen kann, ſo ſehe ich doch dieſem Zeitpunkte mit Zagen entgegen— es wäre mir entſetzlich, das ſo innig geliebte Mädchen zu verlieren!“ „Und verlieren werden Sie ſie doch einmal,“ ſagte der junge Mann, mehr mit ſich ſelbſt als mit Conchitta ſprechend—„auch Roderich kann nicht lange mehr ausbleiben— faſt ſeit einem Jahre finde ich in ſeinen Briefen Andeutungen, daß er zurückkehren wird.“ Conchitta hatte ihre Hände gefaltet und ein Schatten flog über ihre Züge.„Ja, ja, es wird ſo kommen!“ ſagte ſie mit ge⸗ preßt klingender Stimme—„er wird zurückkehren und der Zufall ſeine Schritte hieher leiten, er wird Margarethe wiederfinden und ſie mit ſich nehmen, nachdem er mir vielleicht ein dankbares; ‚Gott vergelt' es! geſagt!“ „Das iſt nicht Ihr Ernſt, Conchitta!“ „Und warum ſollte es mein Ernſt nicht ſein?— O, ich habe mit innigem Antheile, in der herzlichſten Freundſchaft die Schritte unſeres verehrten Meiſters verfolgt: er iſt als Künſtler einen gro⸗ ßen Weg gegangen, ſein Name iſt berühmt, ſoweit die Kunſt ge⸗ achtet wird, die ganze Welt ſtaunt ſeine wundervollen Bilder an, ſeine rieſenhaften Compoſitionen— was werden wir, ſeine früheren Freunde, ihm ferner ſein?— Ich ſpreche nicht von Ihnen, Lord Warren, aber ich, eine unbedeutende, arme Malerin?“ Der junge Maler hatte mit faſt finſterem Blicke und mit großer Entſchiedenheit ſeinen Kopf geſchüttelt; als ſie aber ſo ſpe⸗ ciell von ſich ſelber ſprach, da konnte er ſich eines eigenthümlichen 98 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Lächelns nicht erwehren.—„Sind Sie, die arme Malerin, denn nicht die Schweſter der Marcheſa Donna Juanita de Monterey aus dem alten Hauſe der Vizcarro, die gemeinſchaftlich mit dieſer Schweſter jenen großen Proceß gewonnen, der Sie in den Beſitz fabel⸗ hafter Reichthümer ſetzt? Wir plauderten geſtern noch darüber; einer unſerer Attaché's in Madrid wurde als Legations⸗Secretär hieher verſetzt— ich gratulire Ihrer Armuth, Sennora Conchitta!“ „Und ohne Neid, Lord Warren,“ gab ſie lächelnd zur Ant⸗ wort,„wie ich bei Ihren eigenen Verhältniſſen überzeugt bin; doch beantworten Sie mir aufrichtig eine Frage: kann man nicht auch bei großem Reichthume arm ſein, und glauben Sie, daß derſelbe mich, die ſo wenig zum Leben braucht, glücklich machen kann?“ „Ich will Ihnen das zugeben, Conchitta, und will auch ver⸗ ſtehen, daß Sie ſich vorhin eine arme Malerin nannten; doch was Sie über Roderich ſagten, unſern gemeinſchaftlichen treuen und zu⸗ verläſſigen Freund, muß ich mit Entſchiedenheit zurückweiſen und bin überzeugt, daß dieſe Vertheidiguung in Ihrem Herzen ein lautes Echo findet.“ „O, wäre es ſo, wie glücklich wollte ich ſein, mich geirrt zu haben, wenn ich von jenem Augenblicke, dem ich mit ſo heißer Sehnſucht entgegenſehe, nicht fürchten muß, daß er mir Alles— ohne Erſatz nimmt!“ Sie war raſch aufgeſtanden und an das Fenſter getreten, um ihre Bewegung zu verbergen. Warren eilte ihr nach, nahm ſanft ihre Hand, und nachdem er ſie an ſeine Lippen geführt, ſagte er: „Wir werden Alle noch glücklich— Alle, und wenn ich an den Augenblickadenke, wo er ſein Kind in die Arme ſchließen wird, ſein ſo lange und ſchmerzlich entbehrtes Kind, und wenn ich ihm dann ſagen muß, daß— und wenn ich ihm alsdann geſtehe, ohne Mar⸗ garethe nicht leben zu können, ſo.... Bei dieſen haſtig hervorgeſtoßenen Worten hatte ſie ſich raſch umgewandt und ſchaute ihn mit ihren großen Augen fragend, er⸗ ſtaunt, aber nicht unangenehm überraſcht an. Du biſt wie eine Blume. „Jetzt habe ich mich doch einmal verrathen,“ fuhr er achſel⸗ zuckend fort,„und muß mich nun der Güte Ihres Herzens auf Gnade und Ungnade übergeben— darf ich nach dieſem Geſtänd⸗ niſſe wiederkommen?“ fragte er in ſchüchternem Tone. „Das muß ich mit Mercedes überlegen,“ erwiederte ſie, ſin⸗ nend vor ſich niederblickend, wobei es reizend anzuſehen war, wie über ihr ſchönes Geſicht eine leichte Röthe flog; ſie drückte die Hände vor ihre Bruſt und weinte nach einer Pauſe:„Aber Eins ver⸗ ſprechen Sie mir, laſſen Sie Margarethe ſo lange über Ihre Liebe in Ungewißheit, bis ſie ſich ſelbſt verräth, und wenn ſie Sie liebt, wird dieſer ſelige Verrath nicht lange auf ſich warten laſſen; und ich will meinen Schützling alsdann doppelt lieben, denn ich fühle es,“ ſetzte ſie mit einem glücklichen Blicke hinzu,„dieſe Neigung wird die Anzahl der Jahre zwiſchen ihr und mir verringern.“ „Ich darf alſo wiederkommen?“ „Was kann ich machen, da der Zufall Sie in unſere Ein⸗ ſamkeit geführt?“ „Nicht ſo ganz der Zufall, ſondern der helle Klang eines Glöck⸗ leins, und ich thue hiermit feierlich das Gelübde, irgendwo eines mit ähnlichem Tone zu ſtiften, wenn— wir Alle glücklich werden.“ „Kommen Sie aber mit Vorſicht und nicht zu oft— eine Stimme in meinem Inneren befiehlt mir, Alles abzuwenden, da⸗ mit unſere glückliche Einſamkeit nicht verrathen werde.“ „Wie ich für die Einſamkeit ſchwärme!“ rief er leidenſchaft⸗ lich und ſetzte bittend hinzu:„Darf ich jetzt auf die Terraſſe hin⸗ aus, um Ihre ſchöne Ausſicht zu bewundern?“ „Ja, aber ohne es auffallend und häufig zu wiederholen, daß Sie dieſe Ausſicht ſchön finden.“ „Ich verſtehe Sie, und Sie ſollen mit mir zufrieden ſein.“ Mercedes befand ſich noch auf der Terraſſe und bei ihr Edel⸗ weiß. Da das Haus hier gegen Norden gerichtet war, ſo hatte man da an ſommerlichen Tagen Schatten und Kühle, ſowie den Blick auf ein von der Sonne beglänztes Thal; daß man aber von 3 100 Sechsundvierzigſtes Kapitel. der Stadt nichts ſah, war der Vortheil dieſes kleinen Landſitzes, und es überraſchte die hier Wohnenden jedes Mal auf eine eigen⸗ thümliche Art, wenn ſcheinbar aus der dichtbewaldeten Schlucht, durch welche der Weg emporführte, die tiefen Töne der Glocken heraufdrangen. Margarethe ſaß an einem kleinen Tiſchchen und hatte ein Buch in der Hand, aus welchem ſie Mercedes, die mit einer Arbeit beſchäftigt war, vorgeleſen zu haben ſchien; denn jetzt, als die beiden erſchienen, las ſie nicht mehr, ſondern ließ Hände und Buch in ihren Schooß ſinken und ſchaute mit einem leuchten⸗ den, überaus ſeligen Blicke empor. „Ah, wie ſchön es hier iſt!“ ſagte der junge Mann, dieſes Mal ohne alle Zweideutigkeit, denn er ſchwelgte in der That in dem Anblicke des maleriſch ſchönen Thales— erſt als er wieder⸗ holte:„ah, wie ſchön!“ und ſich tief aufſeufzend dabei umſchaute, konnte ſich Conchitta nicht enthalten, ihn lächelnd auf dieſen oder jenen Punkt aufmerkſam zu machen. „Und das Haus ſelbſt,“ ſagte er, ſich endlich raſch umwendend, „iſt eben ſo einfach als hübſch. Sie ſind ſehr glücklich, hier oben wohnen zu dürfen!“ wandte er ſich an Margarethe. „O ja, und ich empfinde das auch und bin ſo dankbar dafür!“ Warren hätte ihr noch ſo viel zu ſagen gehabt, und obgleich er durchaus nicht ſchüchtern in der Unterhaltung war, ſo verſtummte er ſogleich wieder, wenn er Conchitta anſah, trotzdem ſich dieſe voll⸗ kommen unbefangen neben ihre Schweſter geſetzt hatte. Auf dem Tiſche lag das Skizzenbuch, welches ihm einen willkommenen Stoff zur Unterhaltung gab, indem er mit Enthuſiasmus von den Zeich⸗ nungen Conchitta's ſprach und dabei Veranlaſſung nahm, auch die Schülerin zu loben. Margarethe ſchien durchaus keinen Werth auf ihre Arbeit zu legen, und da er das hörte, ſo durfte er ſich wohl erlauben, ihr zu ſagen:„Ah, Fräulein Margarethe, wenn Sie ſo wenig Werth auf Ihre ſchönen Zeichnungen legen, ſo dürfte ſich ein alter Be⸗ kannter wohl erlauben, Sie um eine derſelben zu bitten.“ — .——— Du biſt wie eine Blume. Es war eigenthümlich, daß er ſie jetzt in Gegenwart der bei⸗ den Schweſtern niemals Margarethe allein nannte, noch viel weniger Edelweiß. „Mit Vergnügen gebe ich Ihnen etwas, doch möchte ich dem⸗ ſelben dadurch einigen Werth beilegen, daß ich es für Sie mache; ich will Ihnen den kleinen Platz zeichnen, auf dem Sie mich heute Morgen gefunden— würde Ihnen das Freude machen?“ „Eine unbeſchreibliche Freude! Da es Ihnen aber wohl nicht möglich iſt, ſich ſelbſt als reizende Staffage hinzuſetzen, ſo bitte ich, nur ein kleines Stück Papier, als hätte es der Wind hinweggeweht, auf dem Boden anzudeuten.“ „Ah, mein Papier!“ „Das Papier, welches mir auf ſo freundliche Art den Weg zeigte.“ „Ei, ei, Margarethe,“ ſagte Conchitta,„Du haſt dieſen Herrn erſt vor einer kleinen Stunde wiedergeſehen und haſt ſchon Geheimniſſe!“ „Geheimniſſe durchaus nicht,“ gab ſie mit einem ehrlichen Blicke zur Antwort;„ich habe es Mercedes erzählt, und ſie hat es recht hübſch gefunden, ich werde es Dir auch erzählen.“ „Später, ſonſt müßte es für unſern werthen Gaſt langweilig ſein.“ „O, das nun gerade nicht; es war ein reizender Gedanke, ein lieber Gedanke, mich durch ein Blatt Papier aufmerkſam zu machen, und welches Glück war das für uns Alle— das werden auch Sie nicht läugnen, Sennora Conchitta?“ „Wie ich lachen mußte,“ ſagte Margarethe,„als ich durch die Zweige Ihr verwundertes Geſicht ſah, und wie raſch Sie hinter der Mauer verſchwanden, um gleich darauf unter dem kleinen Thör⸗ chen wieder zum Vorſchein zu kommen!“ „Ja, ſehr raſch— aus Neugierde, aber als ich Sie geſehen und meine liebe Bekannte vom Zuger See wiedergefunden, ver⸗ wandelte ſich die Neugierde in eine ganz unbeſchreibliche Freude.“ „Auch bei mir— ich....“ „Doch hatten Sie damals noch keine Idee, wen Sie vor ſich hatten,“ fiel ihr Conchitta raſch in's Wort. 10² Sechsundvierzigſtes Kapitel. „Nein, Sennora, doch fühlte ich wohl, daß ſich hier etwas ganz Außerordentliches begebe.“ Er warf einen innigen Blick auf das junge Mädchen, als er fortfuhr:„Schon der Klang des Glöckchens, den ich vernahm, er⸗ weckte er in mir ganz eigene Empfindungen: mein Herz war förmlich berauſcht von Waldesduft, vom Rieſeln der Quelle, von der be⸗ zaubernden Ausſicht; mein Gemüth war empfänglich für alles Poe⸗ tiſche, Phantaſtiſche, Zauberhafte, ich wußte im Voraus ganz ge⸗ nau, daß mich hier oben etwas Unvorhergeſehenes, etwas Schönes, ja, ein großes Glück erwarte.“ „Sie ſind wahrlich in Ihren Anſprüchen genügſam,“ warf Conchitta ein,„wenn Sie das für ein großes Glück halten!“ und es war mehr der eigenthümliche Ton ihrer Stimme, als die Worte ſelbſt, welcher ſeine Leidenſchaftlichkeit herabſtimmte. Er konnte ſich eines leichten Seufzers nicht entſchlagen, als er dachte, wie unbefangen und dabei wie ſelig er vorhin in demſelben Fliedergebüſche mit Edelweiß geplaudert— eine Unterhaltung, die auf ſolche Art heute Morgen gewiß nicht wieder herzuſtellen war — vielleicht ſpäter an einem andern Tage, und das ſpäteſtens morgen, hoffte er; und wenn er dann ſo glücklich ſein ſollte, Mar⸗ garethe wieder einmal allein im Garten zu finden, ſo wollte er gewiß nicht zugeben, daß ſie abermals in's Haus ginge, um zu fragen, ob er bleiben dürfe.— Undankbarer, der er war, hatte er nicht gerade dadurch Conchitta wiedergeſehen und aus ihrem Munde erfahren, was ihn und einen Anderen glücklich machen mußte— an Roderich hatte er bis jetzt mit keiner Sylbe weiter gedacht und ſchämte ſich, als ihm das einfiel. Hätte er nicht ſchon lange auf dem Wege nach dem Telegraphen⸗Bureau ſein müſſen, um ihm ein paar Worte zublitzen zu laſſen, die ihn zur raſcheren Rückkehr zwangen, wenn er auch dadurch die ganze Wahrheit doch noch nicht erfuhr? Ja er mußte fort, denn er ſah an dem Kürzerwerden der Schatten auf der Terraſſe, daß die Sonne hoch am Himmel ſtand Du biſt wie eine Blume. — ja, er mußte fort, und auch aus dem Grunde, um Conchitta's wohlgemeinten Wunſch nicht gänzlich außer Acht zu laſſen— und es war ihm doch ſo ſchwer, dieſen vernünftigen Wunſch zu erfüllen, denn er ertappte ſich jeden Augenblick auf einem Gefühle, welches ſein Herz ängſtlicher ſchlagen machte und das ihm die Worte in den Mund legen zu wollen ſchien: ‚Warum ſprechen wir ſo gleichgültige Dinge, Du und ich, da es doch die höchſte Zeit wäre, daß ich Dir zu Füßen fiele, Deine kleinen Hände ergriffe und Dir zuriefe: Margarethe, ich liebe Dich, o ſage, daß auch Du mich liebſt!?⸗ Wer weiß aber, ob er dies gethan hätte, ſelbſt wenn ſie Beide ganz allein geweſen wären: Margarethe blickte ihn wohl freundlich, aber dabei ſo unbefangen an, ſo arglos, daß es wohl möglich ge⸗ weſen wäre, daß ſie ihm ſtatt mit den ſehnlich gewünſchten Worten mit einem herzlichen Lachen oder vielleicht mit der freundlichen Verſicherung geantwortet hätte, daß ſie ihn recht lieb habe, gerade ſo wie damals, als er mit dem kleinen Mädchen ſpielte und als er ſich erlauben durfte, ihr blondes, grauſes Haar mit Goldſchaum, den es in einem Büchlein hatte, zu beſtreuen, oder wenn er ihm beim Mittageſſen im Garten ſeines Vaters die Erdbeeren mit ſehr viel Zucker und Rahm zubereitete— ja, dann hatte ſie ihn recht lieb gehabt und ihm das auch niemals verheimlicht. So wohl⸗ thuend ihm dieſe Erinnerungen vorſchwebten, ſo dachte er doch im anderen Augenblicke: Es wäre beſſer, wenn ich Margarethe jetzt erſt kennen lernte, denn einem Gefühle, das ich ſo gern in dieſem ſchönen, reinen Herzen entſtehen ſähe, ſteht wohl jenes andere hin⸗ dernd im Wege, das Gefühl der freundſchaftlichen Zuneigung des kleinen Mädchens gegen ihn, den damals ſchon ſo großen und alten Menſchen— er vergaß alsdann, daß er heute ſiebenundzwanzig Jahre alt war. Als er nun endlich aufſtand und Conchitta mit einem viel⸗ ſagenden Blicke verſicherte, dringende Geſchäfte riefen ihn nach der Stadt zurück, ſo ſagte ſie zu ihm:„Ich will und kann das nicht zu verhindern ſuchen, wozu Ihnen der Zufall geholfen; durchkreuzt 104 Sechsundvierzigſtes Kapitel. und zerſtört er ja doch ſo oft unſere mühſamſt angelegten Wege, unſere ſorgfältigſten Berechnungen.“ „Mir war er ein glückſeliger Wegweiſer; ich möchte den Zu⸗ fall verehren wie eine Gottheit, und wie klug es von ihm war, auf einmal hineinzufahren in das, was wir unſere feinen Berech⸗ nungen nennen— weg mit all' dieſen ſogenannten feinen Berech⸗ nungen, weg mit all' diplomatiſchen Schlangenwindungen!“ rief er in der heiterſten Laune;„dann erſt werden wir Alle anfangen, wieder recht zu leben, wenn wir uns dem Zufalle überlaſſen und von ihm tüchtig hin und her geſtoßen werden— gewiß, Sennora Conchitta,“ ſetzte er, ſich gegen dieſe neigend, mit leiſer Stimme hinzu,„es lebe der Zufall, der mich, als ich Waldesduft und Aus⸗ ſicht ſuchte, etwas viel Schöneres finden ließ— ſo Gott will, meine Braut!“ Margarethe hatte ſich mit Mercedes ebenfalls erhoben, und letztere ſagte in beinahe bittendem Tone zu ihrer Schweſter:„Wenn Du nichts dagegen haſt, ſo begleiten wir Beide Herrn Warren bis auf die Straße?“— eine Frage, wofür ſie von dem Betref⸗ fenden mit einem dankbaren Blicke belohnt wurde, der ſich in einen vollkommen glücklichen verwandelte, als Conchitta gern beiſtimmte und nun hier auf der Terraſſe dem jungen Manne die Hand zum Abſchiede reichte. 3 „Auf Wiederſehen, auf baldiges Wiederſehen!“ ſagte er, und dann gingen die Drei mit einander fort, nicht auf dem geraden Wege der uns bekannten kleinen Pforte zu, denn es wäre ja un⸗ recht geweſen, wenn man dem Gaſte nicht vorher den ganzen Gar⸗ ten gezeigt hätte, und dieſer war von einer bedeutenden Größe und bot eine hübſche Abwechslung von parkähnlichen Anlagen, freien Plätzen, Wieſenſtücken mit Obſtbäumen und Gemüſeland. Als ſie an eine Stelle kamen, wo ein dichtes und hohes Gebüſch die Gränze deckte, ſagte Margarethe:„Dies iſt zum Schutze gegen die große Fahrſtraße, welche Sie wahrſcheinlich unten geſehen haben; ſie um⸗ ſchlingt den Berg und ſtößt hier an den Garten, doch wer vorüber⸗ — — Du biſt wie eine Blume. 105 kommt, ſieht von demſelben nichts als dieſe Gebüſchmaſſe, während wir, wenn wir wollen, die Fahrſtraße benutzen können.“ „Hier würden auch Sie bequemer hinabreiten,“ meinte Mer⸗ cedes; doch erwiederte der junge Mann mit einem Blicke auf Mar⸗ garethe, er ziehe es vor, den Weg zurückzunehmen, den er gekommen, und er werde alsdann auf's ausführlichſte ſeine jetzigen glücklichen Gedanken vergleichen mit den höchſt gleichgültigen, unter denen er heraufgeritten. Während ſie das Alles anſchauten und mit einander plau⸗ derten, ging er neben Edelweiß und war eigentlich ein unaufmerk⸗ ſamer Beſchauer; denn anſtatt Baumgruppen, Wieſenflächen, Obſt⸗ bäume, Gemüſebeete anzuſchauen, ſtellte er ſich ſo, daß er wenigſtens das Profil von Margarethens Geſicht ſehen konnte, und ſagte dann in Einem fort:„Ja, es iſt ſo ſchön, außerordentlich ſchön— ich bin entzückt, es zu ſehen— und möchte den Blick gar nicht mehr abwenden!“ Wenn ſie dann weiter gingen, wo der Weg ein wenig ſchmal wurde, ſo daß man ſich zuſammendrängen mußte, dann traf es ſich immer ſo, daß ſeine Hand einen Theil ihres Gewandes oder gar ihre zierlichen Finger ſtreifte, worauf ſie ihn dann freundlich anſah, um gleich darauf vor ſeinem leuchtenden Blicke zu erröthen. Ueberhangende Zweige waren ihm höchſt willkommen, denn er hatte alsdann Gelegenheit, dieſe über ihrem Haupte zu erheben, und wußte es dabei häufig ſo einzurichten, daß er mit ihrem kühlen Haare in Berührung kam. In demſelben trug ſie noch immer die weißen Fliederblüthen, und er hätte ſie ſchon lange um eine derſelben gebeten, wenn ſie dort nicht gar ſo hübſch an ihrer Stelle geweſen wären. Sie ſah in denſelben ſo wunderbar ſchön geſchmückt aus, ſie erſchien ihm wie eine Prieſterin des Frühlings, ſie kam ihm ſo bräutlich vor, daß er, an die Zukunft denkend, nicht wagen mochte, etwas an dieſem reizenden Bilde zu verändern. Auch dorthin gingen ſie, wo er Edelweiß heute gefunden, und Margarethe erzählte Mercedes noch einmal ganz genau, wie ſie das Pferd habe ſchnauben hören, wie ſie darauf den Reiter 106 Sechsundbierzigſtes Kapitel. geſehen und erkannt, wie ſie aber eigentlich gar nicht erſchrocken darüber, ſondern gleich gefaßt geweſen ſei und auf ſeinen laut aus⸗ geſprochenen Wunſch das Blatt habe fliegen laſſen. „Dann kam er und ſtand vor mir,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe und einem tiefen Athemzuge hinzu, nachdem ſie ihre Hände leicht zuſammengelegt. Aber dieſe einfachen Worte begleitete ſie mit einem ſo unausſprechlich glücklichen Blicke, der ſo unverkennbar die Selig⸗ keit ihres Herzens ausſprach, daß er hätte laut aufjauchzen und ihr zu Füßen ſtürzen mögen, und dies wahrſcheinlich trotz Mercedes“ Gegenwart auch gethan hätte, wenn in dieſem Augenblicke nicht der Bediente mit ſeinem Pferde erſchienen wäre. Auch wieder ein Zufall, doch viel eher noch eine Freundlich⸗ keit Conchitta's, die ihn wahrſcheinlich vernünftiger Weiſe von einem übereilten oder wohl gar thörichten Schritte abhielt. So mußte er denn Abſchied nehmen, und wenn er ſich auch bemühte, durch fortgeſetztes lebhaftes Geſpräch die beiden Damen zu veranlaſſen, ihn noch eine Strecke zu begleiten, ſo nahm doch dieſe Begleitung wie Alles in der Welt ihr Ende, und nachdem er, wie er ſich gleich darauf erinnerte, eine Zeit lang gar nichts Anderes mehr geſehen, als das reizende Oval ihres Geſichtes, als ihre guten, ſchönen Augen und die Fliederblüthen in ihrem reichen Haare, und nichts mehr gehört, als daß ſie geſagt:„Auf baldiges Wiederſehen!“ ſowie einige gänzlich unverſtändliche Worte Mercedes'— fand er ſich allein auf dem ſchmalen Pfade neben dem herabrauſchenden Bache, und es fiel ihm nun auf einmal ſchwer auf's Herz, daß er ſich in die Stadt hinab begeben mußte, in die heiße, dunſtige Stadt, ange⸗ füllt mit langweiligen Geſichtern. O, er wäre ſo gern hier oben geblieben, er hätte ſeine heiße Seele ſo gern getaucht in das duf⸗ tige, kühle Waldesdunkel, ſein Geſicht gedrückt in den feuchten Dunſt bemooster Felſen, dabei aufmerkſam lauſchend dem Geflüſter der murmelnden Quelle! Ach, es ging ſo raſch abwärts— wenn er auch noch ſo kleine Schritte machte und ſich noch ſo häufig umſchaute, ſo hatte er doch — Du biſt wie eine Blume. 107 in Kurzem wieder die Stelle erreicht, wo er heute Morgen das Glöcklein gehört! Hier warf er den Zügel ſeines Pferdes, welches langſam hinter ihm drein ſchritt, um einen Baumaſt, nachdem er aus einer kleinen Satteltaſche etwas genommen, und bahnte ſich alsdann einen Weg durch die herabhangenden Zweige bis zu dem laren Bache, der hier ſchäumend zwiſchen größeren bemoosten Stei⸗ nen hinabſchoß. Auch in der Mitte des Waſſers lag ein ſolcher flacher, mit Moos bewachſener Stein, den er mit einem tüchtigen Sprunge erreichte, worauf er auf demſelben niederkniete. Er that das übrigens nicht, um ein Gebet zu ſprechen, was wir unter einem ſolchen verſtehen, und doch wieder hatten ſeine Worte die größte Aehnlichkeit damit, wenn auch vielleicht für unſere chriſtlichen Be⸗ griffe mit einem etwas heidniſchen Beigeſchmacke. Das, was er vorhin aus der Satteltaſche genommen, war ein koſtbares, doppel⸗ ſchneidiges, indiſches Jagdmeſſer, das Geſchenk eines Feindes, der lange in Hindoſtan gelebt: es war eine feine Damascenerklinge, die Scheide von Gold, der Griff mit Edelſteinen beſetzt— es war das Koſtbarſte, was er bei ſich hatte, ja, in jeder Beziehung das Werthvollſte ſeiner reichen Sammlung; er machte eine Oeffnung in die dicke Moos⸗ decke, ſchob das Jagdmeſſer behutſam unter dieſelbe, ein Opfer dem Schickſale, welches unſere Tage lenkt, es anflehend, ihm gnädig zu ſein. Darauf ſprang er zurück an das Ufer, und wie er dort kaum Fuß gefaßt hatte und ſich noch an den dichten Zweigen hielt, die ihn vor jedem Blicke verdeckten, ward ihm eine wunderbare Erſchei⸗ nung wie eine Antwort auf ſeine Frage: oben auf der Höhe, von wo der Bach gegen ihn herabgerauſcht kam, in ihrem weißen Kleide leuchtend hervortretend auf dem dunklen Hintergrunde der dichten Laubmaſſen, erſchien ihm Edelweiß, wahrſcheinlich ihm, dem Freunde, nachblickend; einen Augenblick ſtand ſie unbeweglich über dem her⸗ abſtürzenden Waſſer, die ſichtbar gewordene Nymphe der Waſſer⸗ quelle, dem flüſſigen, flüchtigen, rauſchenden Elemente trauernd nach⸗ ſchauend; dann beugte ſie ſich herüber, nahm eine der Fliederblüthen aus ihren Haaren, drückte ſie an ihre Lippen und ließ alsdann 108 Sechsundvierzigſtes Kapitel. dieſen zarten, ſinnigen Blumengruß auf den raſchen Wellen zu ihm in's Thal heruntergleiten. Er ſah dieſem Spiele athemlos zu, mit gierigem Auge der Blume folgend, die, wie unter dem Schutze des Himmels ſtehend, ohne an den Steinen und Baumſtämmen ſich verletzend anzuſtoßen, gegen ihn herabſchwamm und endlich von ſeiner Hand erfaßt wurde. Als er dankbar aufblickte, Hand und Blume wie zum Gruße hoch in die Höhe haltend, war die ſüße Erſcheinung droben ver⸗ ſchwunden— ihm aber zu ſeinem unausſprechlichen Entzücken die duftige, weiße Blüthe geblieben, die an ihrem Haare geruht, welche ihre Lippen berührt und deren kleine Kelche ihm tauſend herzliche Grüße überbrachten. — XLVII. „Der Tag neigt ſich zu Ende.“ Die Frau Fürſtin⸗Mutter hatte mit ihrem Schwager, dem Prinzen Heinrich, nie in beſonders guten Verhältniſſen gelebt. Als dieſe Dame ihren verſtorbenen Gemahl geheirathet, waren beide Brüder lebensluſtige junge Herren geweſen, beſonders Prinz Heinrich, von deſſen heiterer Geſellſchaft die Frau Fürſtin einen ſchlimmen Einfluß auf ihren Gemahl gefürchtet— ob mit Recht oder Unrecht, wollen wir dahin geſtellt ſein laſſen. Daß aber die Abneigung zwiſchen Schwager und Schwägerin eine gegenſeitige war, dürfen wir eben ſo wenig verſchweigen, als daß damals ſchon der Hof, wie auch heute noch, zwei ſich ziemlich ſchroff einander gegenüberſtehende Par⸗ teien bildete, zwiſchen denen der verſtorbene regierende Herr in ſeiner Gutmüthigkeit zu vermitteln ſuchte und, ohne eine Annäherung möglich zu machen, dadurch ſelbſt in eine ſchwankende Stellung ge⸗ rieth, ſich heute zu dieſer, morgen zu jener Partei neigend. Prinz Heinrich hatte einen ſcharfen Verſtand, war energiſch und konnte es vor allen Dingen nicht ertragen, daß ſeine mit gleichen Eigenſchaften begabte Schwägerin hiedurch die Herrſchaft über ihren ſchwächeren Gemahl errang und davon einen tüchtigen Gebrauch machte. Denn der höchſt unangenehmen, langweiligen und zuweilen Hackländer's Werke. 56. Bd. 8 110 Siebenundvierzigſtes Kapitel. lebensgefährlichen Pantoffelkrankheit, an der wir armen bürger⸗ lichen Sterblichen zu leiden haben, ſind auch die Großen dieſer Erde unterworfen, in Urſachen und Wirkungen vollkommen ähnlich, nur daß bei den allerhöchſten Bevorzugten die höhere, unnahbare Region, in der ſie zu leben pflegen, die weiten Räume ihrer Schlöſſer, Parks und Villen, der Purpur der Hermelinmäntel, der Glanz der Throne ſie mit einem Zauberkreiſe umgeben, durch den die ärgerlichen und oft ſehr lauten Aeußerungen dieſer Krankheit nicht durchzudringen vermögen. Der regierende Fürſt war ein ſtiller Dulder, doch wußten nur die vertrauteſten Eingeweihten, daß, wenn er ſeinen feſten, unbeugſamen Willen ausſprach, dies nur eine aus⸗ wendig gelernte Lection war, und daß, wenn er nur in den aller⸗ ſeltenſten Fällen von dieſem einmal ausgeſprochenen Willen abging, 8 dies nur deßhalb geſchah, weil ihn ein kräftiger Geiſt überwachte und leitete. 3 1 Prinz Heinrich war einer der Wenigen, welche dieſem kräftigeren 5 Geiſte ſo viel als ihnen möglich war widerſtrebten; er that dies zuweilen mit Erfolg, und gerade dieſe Fälle waren es, welche die Abneigung der Fürſtin⸗Mutter gegen ihn vergrößerten und ſein Schuldbuch ſchwer belaſteten. 1 1 Als nun der Fürſt geſtorben war, erſchien es der Mutter leicht,' die Herrſchaft, welche ſie über den Gemahl ausgeübt, auch über ihren Sohn zu behaupten, und hier war es wieder der Prinz, der kräf⸗ tiger als bisher einſchritt und der durch ſein unabläſſiges Bemühen, 6 Ermahnen und Einwirken dem jungen Fürſten wenigſtens in eini⸗ 1 ger Beziehung zu einer gewiſſen Selbſtändigkeit verhalf. Hatte er 4 ſich damals geſcheut, ſeinen Bruder zu auffallend zu unterſtützen, um den Frieden der fürſtlichen Ehe nicht zu ſtören, ſo fiel jetzt dieſe Rückſicht weg und eine andere trat um ſo ſchärfer hervor, die Regierung nämlich nicht gänzlich in die Hände einer gewaltthätigen, ehrgeizigen, dem Lande fremden Frau fallen zu laſſen. Zu den Mitteln, die er hierzu benutzte und durch die er günſtig auf den regierenden Herrn einwirkte, gehörte auch Rodenberg. Anfänglich *—— 2 Der Tag neigt ſich zu Ende. ſollte derſelbe nicht viel mehr ſein, als ein Spielzeug, das er dem Fürſten zur Ausfüllung müßiger Stunden, deren derſelbe viele hatte, vorſtellte; doch hatte er ſich in ſo weit in dem Charakter der bei⸗ den jungen Leute getäuſcht, als es dem Maler gründlicher Ernſt damit war, in der Stelle, welche einzunehmen er das Glück hatte, die Kunſt in ihren verſchiedenen Zweigen zu unterſtützen und die Luſt hierzu in dem Herzen des jungen Fürſten wachzurufen, was ihm auch glänzend gelang, indem bei dieſem Zuſammenwirken von Herrn und Diener nicht nur ſchöne Bauten entſtanden, Maler und Bildhauer vollauf zu thun hatten, ſondern auch die Wiſſenſchaften nicht unbedacht blieben, indem es Rodenberg's eifrigſtes Bemühen war, neben den verſchiedenſten Künſtlern auch Gelehrte aller Art in die Umgebung des Fürſten zu bringen. Daß bei dieſer Nachahmung des Zeitalters der Mediceer im Kleinen der Punct der Oekonomie nicht gar zu genau genommen wurde, iſt nicht zu läugnen; doch wenn auch bei Verausgabung bedeutender Summen die Fürſtin⸗Mutter und ihre getreuen Räthe häufig Luſt zeigten, die Hände über dem Kopfe zuſammenzuſchlagen, wenn ſich das für ſo hohe Perſonen geſchickt hätte, ſo brachten anderentheils dieſe Beſtrebungen des Fürſten, Künſtler und Gelehrte zu unterſtützen und an ſich heranzuziehen, einen außerordentlich günſtigen Eindruck im Lande hervor, theils durch die Werke, welche unter den Händen jener Männer entſtanden, theils durch die ſchwär⸗ meriſche Verehrung, die ſie dem jungen kunſtliebenden Fürſten zollten. Rodenberg war, wie ſchon geſagt, die Seele dieſes Kreiſes jüngerer und älterer Männer, welche den Fürſten umgaben, in deren Geſellſchaft er ſich wohl befand und mit denen er den ſpru⸗ delnden Schaum ſeiner Jünglingstage genoß. Wenn der junge Maler für ſeine Bemühungen von der Fürſtin⸗Mutter und einem guten Theile des Hofes deßhalb auch mit ſehr unangenehmen Blicken betrachtet wurde, ſo galt er ihnen doch nur eigentlich als das Werkzeug des Prinzen Heinrich, wofür letzterer mit dem geſammien Haſſe der Partei belohnt wurde. 112 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Wäre nur eine Ausſicht vorhanden geweſen, daß Prinz Hein⸗ rich in Ungnade hätte fallen können— doch lag dies beinahe außer dem Bereiche der Möglichkeit: der Prinz, mit einem großen Ver⸗ mögen, hatte ſich förmlich unabhängig zu machen gewußt und litt auch nicht im mindeſten unter dem oft genug deutlich werdenden Mißfallen der Frau Fürſtin⸗Mutter— für ihre anzüglichen Worte hatte er eine wenigſtens eben ſo anzügliche Antwort— ihre ge⸗ häſſigen Blicke ſchien er gar nicht zu ſehen, und wenn es ja einmal eine kleine Scene gab, auf welche etwas Außerordentliches geſchehen mußte, ſo machte er eine Reiſe in's Ausland, um ſich dort gewaltig fetiren zu laſſen, was die Zeitungen niemals ermangelten, auf's ausführlichſte zu berichten, oder er zog ſich auf eines ſeiner Schlöſſer zurück, um von dort durch zahlreiche Einladungen den Hof in der Stadt zu entvölkern. Von dem jungen Fürſten war er deßhalb geſchätzt und geachtet, weil er ihm eben ſo wenig einen ſchlechten Rath gab, als er ſich durchaus nicht ſcheute, das mit paſſenden Worten hervorzuheben, was ihm an der Aufführung ſeines regierenden Neffen allenfalls nicht gefiel. Daß der Prinz ein Lebemann war und es namentlich in frü⸗ heren Jahren mit ſeinen kleineren und größeren Verhältniſſen nie ſehr genau genommen hatte, darüber brauchte er keinem Menſchen Rechenſchaft abzulegen, denn er war unvermählt geblieben, und hatte alſo auch nach dieſer Richtung hin keine Feſſeln, welche die Frau Fürſtin⸗Mutter gelegentlich hätte verſuchen können, feſter anzuziehen. Ob der junge Fürſt die Liebe und Zuneigung, welche er gern öffentlich für ſeinen Oheim zeigte, in der That ohne Rückhalt im Herzen trug, ſind wir nicht genau im Stande, anzugeben— zu⸗ weilen und faſt nur immer im Beiſein der Fürſtin⸗Mutter erlaubte er ſich hier und da ein pikantes Wort gegen den Prinzen, welches dieſer aber gewöhnlich lachend abſchüttelte oder, wenngleich in aller Ehrfurcht, kräftig erwiederte. So ſchien denn der Prinz nach menſchlicher Berechnung vor — —— Der Tag neigt ſich zu Ende. jedem Falle, vor jeder Ungnade geſchützt; ſeine Partei, deren größter Theil ſich dadurch ziemlich ſicher fühlte, hatte nur eine Kleinigkeit vergeſſen: jene totale Veränderung nämlich, welcher wir Alle ein⸗ mal unterworfen ſind und vor der ſich die Gewaltigen dieſer Erde nicht nur eben ſo gut beugen müſſen, wie der geringſte Bettler, ſondern welche auch dieſe beiden Endpunkte der Geſellſchaft zu einem in die Ewigkeit fortrollenden Ringe macht. Prinz Heinrich ſtarb— ohne eigentlich krank geweſen zu ſein, das heißt ſeine kurze Krankheit konnte von den Aerzten mit keinem Namen belegt werden, da ſie dieſelbe nicht begriffen— er fühlte ſich ein paar Tage unwohl, ohne daß während dieſer Zeit ſeine Bekannten ihre Beſuche unterbrachen, und an demſelben ſchönen Frühlingsmorgen, den wir im vorigen Kapitel zu ſchildern verſucht, ſchied er ſtill und ſchmerzlos aus dem Leben. Damit war einer ſeiner ſehnlichſten Wünſche erfüllt worden, denn er hatte immer geſagt, es würde ihm ſchrecklich ſein, wenn er bei regneriſchem Herbſtwetter oder an einem unfreundlichen Winter⸗ tage dieſe ſchöne Welt verlaſſen müſſe, die ihm ſo viel Angeneh⸗ mes geboten. Und ſo war er dahingeſchieden bei geöffneten Fenſtern, unter Blumenduft und beim leiſen Rauſchen des Windes in den Bäumen vor ſeinem Balkone.— Er hatte ſich von ſeinem Kammerdiener noch eine Mappe voll Zeichnungen berühmter Meiſter vor den Lehn⸗ ſtuhl bringen laſſen und hatte eigenthümlicher Weiſe durch einen matten Wink ſeiner Hand ein Zeichen gegeben, nicht weiter umzublättern, gerade bei einem prachtvollen Aquarell Roderich's, welches die Mar⸗ cheſa de Monterey darſtellte, wie ſie bei jenem Künſtlerfeſte als Jä⸗ gerin den Pokal hoch emporhob, den er ſelbſt ihr damals überreichte. Nachdem er dieſes Blatt längere Zeit betrachtet, hatte der Prinz mit einem ſanften Lächeln die Augen geſchloſſen, und ſein Taſchentuch einen Augenblick an ſeine Lippen gedrückt, um alsdann die Hand mit demſelben etwas raſch zurückſinken zu laſſen. Eine Zeit lang hatte der geduldig wartende Kammerdiener 114 Siebenundvierzigſtes Kapitel. geglaubt, Seine Königliche Hoheit ſchlafe nur, dann aber die Wahr⸗ heit eingeſehen.— Hier der Tod, dort zu gleicher Zeit in der Bruſt des glück⸗ lichen jungen Mannes das friſchquellendſte Leben. Warren hatte nach einem tüchtigen Jagdgalopp die Stadt er⸗ reicht und ritt vor die Wohnung ſeines Freundes Rodenberg, um ihn mit der unerhörten, freudigen Nachricht zu überraſchen. Der Bediente, welcher ihm auf der Treppe entgegenkam, flüſterte ihm hinter der vorgehaltenen Hand zu, was ſich im Schloſſe begeben, daß ſein Herr ſogleich dahin geeilt ſei und wahrſcheinlich den gan⸗ zen Tag dort bleiben werde. Und das war in der That der Fall: der Prinz, der bei allem leichten, heitern Sinne ein umſichtiger Geſchäftsmann geweſen war, hatte nicht nur vor längerer Zeit ſchon alle teſtamentariſchen Ver⸗ fügungen getroffen, ſondern er hatte ſeinem jungen Freunde Roden⸗ berg ganz beſonders und auf's ſtrengſte anbefohlen, Papiere und Briefſchaften, welche derſelbe in genau bezeichneten Fächern finden würde, im Falle eines plötzlich eintretenden Todes zu verbrennen. Rodenberg war vorſichtig genug geweſen, ſich für dieſen Fall eine ſchriftliche Inſtruction des Prinzen geben zu laſſen, und nach dieſer handelte er nun vielleicht eine Stunde nach dem Tode ſeines Wohl⸗ thäters, nachdem er auf die erkalteten Hände deſſelben im Gefühle tiefen Schmerzes und unbegränzter Dankbarkeit ſeine Lippen ge⸗ drückt und ſeine Thränen vergoſſen. Dieſen ſchriftlichen Befehl des Verſtorbenen zeigte er dem Kammerdiener, welcher ſich dagegen ein paar leichte Einwendungen erlaubte, endlich aber nicht ohne Achſelzucken und Kopfſchütteln da⸗ ran ging, die bezeichneten Fächer aufzuſchließen und die genau chiffrirten Pakete herauszunehmen. Rodenberg hatte bei dem Verſtorbenen deſſen Adjutanten Oberſten von Werdenberg getroffen, welcher ſich durchaus keine Mühe gab, die Thränen zu verbergen, welche ihm aus den Augen in den dicken Bart rollten. Der Tag neigt ſich zu Ende. „Das war ein vortrefflicher Herr,“ ſagte er, dem Eintreten⸗ den die Hand reichend;„Wenige haben ihn ſo gekannt und er⸗ kannt, wie wir Beide, und für Wenige iſt auch dieſer Verluſt ſo ſchmerzlich, ja, wahrſcheinlich von ſo großen Folgen, wie für mich und für Sie, mein lieber Rodenberg— darüber wollen wir uns keinen Illuſionen hingeben— es iſt räuberhaft, aber wahr!“ „Ich verſtehe wohl Ihren Schmerz um den Hingeſchiedenen — er war Ihnen mehr ein Freund, als ein Gebieter; doch was kann ſein Tod in Ihren Verhältniſſen ändern; man wird Ihre vortrefflichen Dienſte anerkennen und Ihnen wahrſcheinlich die Wahl laſſen, als Adjutant des Fürſten weiter zu dienen, oder ein Regi⸗ ment zu übernehmen.“ „Oder mich mit Penſion in Ruheſtand verſetzen zu laſſen,“ ſagte Werdenberg achſelzuckend,„und das iſt das Beſte, was noch geſchehen kann; ich gehöre einer vergangenen Zeit an und vermag mich in die neuen, ſchauderhaften Verhältniſſe nicht zu ſchicken; neben dem, was jetzt bei Hofe gilt, kommen wir uns, Gott verzeih' mir die Sünde! faſt unbedeutend vor; man bemerkt, daß wir neben dieſer jungen Generation ſo gar kein Verdienſt haben— ſehen Sie einmal meine Bruſt an— nicht wahr, eine hübſche, breite Bruſt — eine wahrhaft räubermäßige Bruſt— nun ſehen Sie, mein lieber Rodenberg, wenn ich bei Hofe bin und zufällig auf dieſe Bruſt hinabſchiele, ſo erſcheint mir das Kreuz für meine fünfund⸗ zwanzigjährigen Dienſte, wie ein verlorener Poſten, und ich komme mir ſo ohne alles Verdienſt vor, neben meinen jungen, und ſehr friſchen Kameraden, auf deren Bruſt ſechs Decorationen prangen...“ „Aber wenn Sie dagegen bedenken, wofür jene ihre Decora⸗ tionen erhielten,— für keine lange und ehrenvolle Dienſtzeit, für keine glänzende Waffenthat, oft nicht einmal für eine verdienſt⸗ volle Handlung!“ „Das weiß ich allerdings: für ſechs Beſuche an fremden Höfen und dabei geweſen zu ſein, wenn ſechsmal irgend eine große 116 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Begebenheit notificirt wurde, ſechs Orden— dieſe Rechnung iſt richtig!“ „Nun alſo?“ „Aber die Welt urtheilt nach dem Scheine, und ich kann Sie verſichern, es herrſcht heutzutage eine ſolch räubermäßige Begriffs⸗ verwirrung, daß die Betreffenden ſelbſt ſich nach ein paar Jahren kaum noch zu erinnern vermögen, bei welcher außerordentlichen That oder für welch großes Verdienſt ſie dieſes oder jenes Kreuz erhal⸗ ten— nein, nein, ich mag Niemandem im Wege ſtehen, und daß ich das thun würde, wenn ich bliebe, darauf können Sie ſich ver⸗ laſſen. Deßhalb iſt mein Entſchluß gefaßt und ich will es ihnen durchaus nicht ſchwer machen, wenn ſie mir auf ehrenvolle Art meinen Abſchied geben!“ „So würde ich alſo zwei Freunde, zwei Beſchützer auf einmal verlieren!“ ſprach der junge Mann in traurigem Tone, worauf ihn der Oberſt von Werdenberg mit großen Augen anſchaute und ihm nach einer kleinen Pauſe erwiederte: „Sie ſagten mir früher einmal, daß Sie ſich nach dem Au⸗ genblicke ſehnten, wo Sie wieder mit Wanderſtab und Skizzenbuch in die Welt hinausgehen könnten— es thäte mir leid, wenn Sie Ihre Anſicht gerade jetzt geändert hätten— gerade jetzt,“ fuhr er mit einem bedeutſamen Blicke auf den Verſtorbenen fort—„was aber meine Freundſchaft anbelangt, ſo halte ich ſie Ihnen unver⸗ kürzt feſt, darauf können Sie ſich verlaſſen, und wenn Ihnen ſpäter einmal der Schutz eines beſcheidenen Daches genügt, ſo wiſſen Sie, wo ich mein kleines Landgut habe, auf dem ich jetzt ein räuberhaft idylliſches Leben führen werde— da bin ich Fürſt auf meinem eigenen Grunde und Boden und habe meinen eigenen Hof, gehörnt und ungehörnt, lauter treue, redliche und dankbare Beſtien!“ Er wiſchte ſich mit der umgekehrten linken Hand über die Augen, reichte dem jungen Manne ſeine Rechte und verließ alsdann das Zimmer, ohne ein Wort weiter zu ſprechen. Die Aerzte, welche man eiligſt gerufen, die aber nur kurze Der Tag neigt ſich zu Ende. Zeit da geweſen und raſch davongeeilt waren, um ihre weiteren Meldungen zu machen, hatten in Rückſicht auf den regierenden Herrn und die Frau Fürſtin⸗Mutter eine ſpaniſche Wand um den Fauteuil ſtellen laſſen, auf welchem der Verſtorbene ruhte. Im Nebenzimmer war unterdeſſen ein Lakai damit beſchäftigt geweſen, Feuer in einem Kamine anzuzünden; doch während er dies auf die Weiſung Rodenberg's that, nickte er mit dem Kopfe, nachdem ihn Jener verlaſſen, und ſprach halblaut vor ſich hin: „Nun, das wird wohl der letzte Befehl ſein, den ich von dem da erhalte— daß es wenigſtens der letzte iſt, den ich ausführe, darauf kann er ſich jedenfalls verlaſſen!“ Der Maler trat dicht an den Fauteuil, in welchem ſein Wohl⸗ thäter ruhte, und da die ſtrenge Hand des Todes ſeinem Gefühle nach den Unterſchied des Standes ſo weit verwiſcht hatte, daß er in dem Verſtorbenen nur noch einen edeln Menſchen ſah, der ihn geliebt, der ihm Gutes erzeigt, ſo drückte er ſeine warmen Lippen auf die eiskalte Stirn des Todten, und während ſeine Thränen abermals und reichlicher floſſen, flüſterte er ihm heiße Worte der Dankbarkeit zu. Draußen lachte der wunderbarſte Frühlingsmorgen und drang mit Sonnenſchein und Blätterduft zu den geöffneten Fenſtern herein. Eine tiefe, feierliche Stille rings umher wurde wohlthuend unterbrochen durch das leiſe Rauſchen in den Blättern, durch das Summen leichtbeſchwingter Bienen, durch den tiefen Klang einer einzigen Glocke, die abſichtslos zum Sterbegeläute ward— ein leuchtendweißer Schmetterling umgaukelte einen Augenblick die weiße kalte Stirn des Verſtorbenen und ſchwang ſich dann durch das geöffnete Fenſter hoch gen den blauen Himmel empor. Nach dieſem einfachen Trauerdienſte, den Sonnenglanz, Blumen⸗ duft, leidtragende Biene und Schmetterling hier zugleich mit dem tief ergriffenen Gemüthe des jungen Mannes gefeiert, richtete ſich dieſer auf und begann im Neben⸗Cabinette den ihm übertragenen 118 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Es war eine ziemlich bedeutende Anzahl der bezeichneten Pa⸗ kete da, welche zerſtört werden ſollten, und da Rodenberg nur im⸗ mer eines nach dem andern vornahm, um keine unverbrannten Reſte zu hinterlaſſen, ſo brauchte er eine ziemliche Zeit dazu. Die Thür neben ſich hatte er angelehnt und hörte deutlich, wie nach und nach eine Menge Perſonen dort eintraten und wieder fort⸗ gingen, ohne daß ſeine Aufmerkſamkeit dadurch beſonders in An⸗ ſpruch genommen worden wäre. Jetzt aber ſchien ſich nebenan etwas Wichtigeres zu begeben; er hörte ziemlich laut die Stimme des Oberhofmeiſters und des dienſtthuenden Kammerherrn des Verſtor⸗ benen, das Wegrücken von Möbeln und dann nach einer kleinen Pauſe das geräuſchvolle Oeffnen der anderen Thür, das Rauſchen eines ſchweren Kleides und den Ton einer ſehr ruhigen, harten Stimme, welche fragte:„Wo iſt die Leiche?“ Er vernahm das Wegrücken der ſpaniſchen Wand und hierauf die Stimme des Fürſten, der in weichem Tone ſagte:„Mein ar⸗ mer, guter Oheim!“— „Ein eigenthümlicher Geruch,“ hörte er nach ein paar Minuten die Stimme der Frau Fürſtin⸗Mutter ſagen;„es iſt gerade, als wenn hier etwas verbrannt worden wäre!“— Dann vernahm man die flü⸗ ſternde Stimme des Kammerdieners, ohne deſſen Worte verſtehen zu können, und hierauf ein allgemeines A— a—a—ahl der Ueber⸗ raſchung, welchem die hohe Dame hinzuſetzte:„Das iſt doch ſeltſam!“ Raſch wurde nun die Thür von dem dienſtthuenden Kammer⸗ herrn geöffnet, und Rodenberg, welcher ganz ruhig vor dem Ka⸗ mine ſtand, und bis jetzt die züngelnden Flammen betrachtet hatte, ſchaute, aufblickend, verſchiedene hohe, höchſte und allerhöchſte Augen, welche für ihn durchaus keinen Ausdruck von Freundlichkeit hatten. „A— a-— a-—ah, das iſt ſogar ſehr ſtark.“ „Mindeſtens unbegreiflich!“ ſagte der Fürſt, während ein paar der oberſten Hofchargen vor Entſetzen ſichtlich zuſammenſchauerten und einige ohnehin ſchon ſehr ngegriſene Hofdamen in Ohnmacht zu fallen drohten. —2 Der Tag neigt ſich zu Ende. 119 „Frech— das iſt das richtige Wort!“ Wir müſſen geſtehen, daß die Hand des Ober⸗Hofmarſchalls der Frau Fürſtin⸗Mutter förmlich bebte, als er den Händen des Malers jenes Blatt Papier entnahm, welches ihn nicht nur berechtigte, hier zu ſein, ſondern ihm auch zu handeln befahl, wie er gethan. „Eine jene ſonderbaren, unerklärlichen Grillen meines theuren Schwagers!“ „Welche zur Ausführung,“ ſprach der Ober⸗Hofmarſchall in tiefſter Entrüſtung,„eine Hand gefunden hat, die auch wohl zu Anderem fähig iſt!“ Rodenberg war im Begriffe, dem Sprecher einen bezeichnen⸗ den Blick zuzuwerfen, doch beſann er ſich eines Beſſeren und ſagte kalt und ruhig:„Die Hand, Herr Ober⸗Hofmarſchall, welche hier ihre Pflicht gethan, that es nur nach einem verlangten und gege⸗ benen feierlichen Verſprechen— dieſes Blatt hier iſt Nebenſache und ſollte nur für alle Fälle zu meiner Legitimation dienen.“ „Sagen Sie dieſem Herrn,“ wandte ſich jetzt die Fürſtin⸗Mut⸗ ter an ihren Ober⸗Hofmarſchall—„natürlicher Weiſe mit der Er⸗ laubniß meines Sohnes—, daß in ſolchen Fällen ein Verſprechen und ein ähnliches Blatt Papier nur dann irgend eine Gültigkeit haben kann, wenn betreffenden Orts hierüber ein Befehl eingeholt worden iſt— nicht wahr, mein Sohn?“ „Gewiß, Mama!“ „So klar wie die Sonne!“ ſagte der Ober⸗Hofmarſchall mit einem Blicke gen Himmel. „So habe ich denn Unrecht begangen,“ entgegnete der Maler, ſich gewaltſam zuſammennehmend, in ehrerbietigem Tone,„das ich leider für kein Unrecht erkennen kann— ich hatte geglaubt, letzt⸗ willige Verfügungen würden in jedem Kreiſe heilig gehalten.“— Er wollte hinzuſetzen:„Nicht nur bei uns gewöhnlichen Bürgers⸗ leuten,“ doch ſchwieg er. „Sie hätten dieſes Blatt Papier vorzeigen und einen Befehl 120 Siebenundvierzigſtes Kapitel. darüber einholen müſſen!“ bemerkte der Fürſt in einem etwas ſtren⸗ gen Tone, während ſich ſeine Augenbrauen finſter zuſammenzogen. „Wenn ich einen Fehler begangen habe, ſo bitte ich um Ver⸗ zeihung, ſo wie nachträglich um Erlaubniß, das, was ich verſpro⸗ chen, halten zu dürfen!“ „Kh c'est trop fort!“ hörte man im Hintergrunde des Zimmers. Die Frau Fürſtin Mutter hielt das Blatt Papier in ihren Händen und übergab es jetzt, ohne den jungen Mann auch nur eines Theiles jenes kalten gleichgültigen Blickes aus ihren Augen zu würdigen, dem Ober⸗Hofmarſchall— wo Rodenberg ſtand, war für ſie Luft und nichts als Luft, und der ſtrenge Ton ihrer Stimme vervollſtändigte ihre Worte, als ſie nun zu ihrem Sohne ſagte: „Es iſt wohl überhaupt nicht Dein Befehl, daß jener Herr uns in dieſem feierlichen Augenblicke länger mit ſeiner Gegenwart beehre.“ „Gehen Sie, Rodenberg, gehen Sie und erwarten Sie mich,“ ſagte der Fürſt in einem etwas milderen Tone; doch ſetzte er nicht hinzu, wo er ihn erwarten ſolle, wie er vielleicht auszuſprechen gewillt war, denn die Frau Fürſtin⸗Mutter befahl dem Kammerdiener mit ſehr lauter Stimme, die noch neben dem Kamine liegenden unverbrann⸗ ten Pakete aufzuheben und ihrem Ober⸗Hofmarſchall zu übergeben. Rodenberg that nun hier allerdings etwas, das gegen alle Etiquette war, denn er trat mit einer tiefen Verbeugung bis auf die Schwelle des Gemaches, ſehr nahe vor die Herrſchaften und ſagte alsdann in einem eigenthümlich bewegten Tone und mit einem Blicke, welcher dem ſtillen Manne im Lehnſtuhle galt:„Da es mir alſo nicht vergönnt iſt, mein Verſprechen zu halten, ſo möge mir der verzeihen, dem ich's gab, und er wird es thun, da er von mir überzeugt ſein konnte, daß ich nach ſeinem Willen gehandelt haben würde, ohne Rückhalt, ohne Deutelei, ohne irgend eine Neben⸗ abſicht!“— Dann machte er eine zweite Verbeugung, wandte ſich kurz um und verließ das Cabinet und das Schloß mit ſo hoch erhobenem Kopfe, daß manche der Beamten und Lakaien, welche ihm begegneten, in dem Glauben, er ſei von den allerhöchſten Herr⸗ Der Tag neigt ſich zu Ende. ſchaften außerordentlich gnädig behandelt worden, an ihm mit ganz beſonders ehrfurchtsvollem Gruße vorbeigingen. Wie ärgerten ſich die meiſten von ihnen, als ſie ſpäter den wahren Sachverhalt er⸗ fuhren, und wie gern hätten ſie ihren ehrfurchtsvollen Gruß zurück⸗ genommen, um ihn mit einem gewiſſen ſtillen Lächeln der Befriedi⸗ gung vertauſchen zu können! Rodenberg verließ das Schloß und ging nach ſeiner Wohnung. Dort, in ſeinem Zimmer, ſchritt er lange traurig bewegt, aber durchaus nicht unglücklich auf und ab, ja, wenn ihm auf Augen⸗ blicke das Bild ſeines verſtorbenen Wohlthäters und Freundes ver⸗ ſchwand und er an ſich ſelbſt und an den wahrſcheinlichen Stand ſeiner Angelegenheiten dachte, ſo konnte er ſich eines tiefen Athem⸗ zuges nicht erwehren, eines jener Athemzüge, welche die Bruſt er⸗ leichtern und uns unwillkürlich mit einem frohen Ausdrucke gen Himmel blicken laſſen. Er fühlte es wohl, die goldene Kette war zerriſſen, die man ſo gern trägt, trotzdem ſie eine Feſſel iſt; er ſchaute um ſich her auf die Bäume vor ſeinem Fenſter und über ſie hinweg auf die fernen Berge, und es war ihm gerade zu Muthe, als bemerke er den kleinen Pfad, den er in Kurzem wandern werde — er mit ſeinem Skizzenbuche und ſeinem Stocke— ſonſt allein — ganz allein. Er ſtrich langſam mit der linken Hand über ſeine Bruſt in der Gegend des Herzens, als könne er dort Erinnerungen abſtreifen, die ſchon lange von ſelbſt fallen wollten wie verwelkte Blätter— Erinnerungen an die Jahre, die er hier verbracht— Erinnerungen an ſie— an ſie. „Das Alles muß ich verſuchen, hier zurückzulaſſen,“ ſagte er ohne Traurigkeit, wenngleich ſchmerzlich bewegt—„es war ein ſchöner Traum, aus dem man mich ein wenig unſanft aufgeweckt hat!“ So verging dieſer Tag, an dem Rodenberg ſeine Wohnung nicht mehr verließ— ſeine täglichen Geſchäfte im Schloſſe wider⸗ ten ihn an: da ſollte er Verſprechungen machen, da ſollte er befür⸗ worten, er, der überzeugt zu ſein glaubte, daß ſein Fürwort von Siebenundvierzigſtes Kapitel. nun an nur noch eine entgegengeſetzte Wirkung haben konnte, er, der ja nicht im Stande war, die für ſeine Perſon gegebenen Ver⸗ ſprechungen zu halten. Am andern Morgen ließ er auf ſeiner Kanzlei anfragen, ob dringende Geſchäfte vorhanden ſeien; ob ihn viele Leute erwarteten, darüber ſollte ihm ſein Diener mündlich berichten. Die Antwort des Secretärs lautete, Dringendes gäbe es gar nichts, und der Lakai ſagte, das Vorzimmer ſei ganz leer geweſen. Rodenberg hatte geſtern Niemanden ſehen wollen, und deßhalb war auch Warren zweimal vergeblich dageweſen— heute aber ließ dieſer ſich nicht abweiſen und trat mit der Frage in's Zimmer, ob er auch heute für ihn nicht zu Hauſe ſei.„Das iſt ein eigenes Benehmen“, ſetzte er hinzu,„ſeine Thür zu verſchließen, wenn im inneren, wie im äußeren Departement ſo Wichtiges vorgeht!“ „Ja, Unangenehmes genug, und ich erwarte von Ihnen eher eine Belobung, weil ich es vor der Hand für mich behalten wollte.“ „Graſſer Egoismus und unnütze Vorſicht— glauben Sie denn, eine Geſchichte, welche ſich vor einem guten Theile des Hofes zutrug, habe ſich nicht geſtern ſchon mit den wunderbarſten Zuſätzen ver⸗ breitet wie ein Lauffeuer in dürrem Graſe?“ „Ich kann mir dieſe Zuſätze denken.“ „Nein, das können Sie wahrhaftig nicht, obgleich Sie einige Phantaſie haben.“ „So laſſen Sie mich etwas davon hören.“ „Wozu das? Sie würden ſich nur darüber ärgern.“ „Gewiß nicht, und ich halte es für gut, Nachreden über mich jetzt ſchon kennen zu lernen.“ „Erinnern Sie ſich der würdigen Madame Schmitz, der Mutter unſeres gemeinſchaftlichen Freundes Michel Angelo? Von ihr er⸗ zählten Sie mir einmal, auf welche erfindungsreiche Art man da⸗ mals das Unglück Roderich's vergrößert.“ „O ja, brachte man doch ſogar das Skelett in ſeinem Atelier mit dem Verſchwinden ſeiner Frau in Zuſammenhang.— Sie Der Tag neigt ſich zu Ende. zweifelten vorhin an meiner Phantaſie— ſoll ich Ihnen wieder⸗ holen, was man über mich ſagt?“ „Darauf wäre ich begierig.“ „Zuerſt weiß man ganz genau, daß jener ſchriftliche Befehl des Prinzen, ſeine Briefe zu verbrennen, von mir ſelbſt gemacht war, um mich in den Beſitz wichtiger und werthvoller Papiere zu ſetzen.“ „Getroffen— getroffen!“ ſagte Warren heiter. „Andere, gutmüthigere Leute ließen mich zu gleicher Zeit noch ein paar Hände voll Brillanten mitnehmen, die mir natürlicher Weiſe auf Befehl des Fürſten wieder abgenommen wurden.“ „Weiß Gott, Sie haben die Gabe des zweiten Geſichtes!“ „Die Beſten,“ fuhr Rodenberg gleichmüthig fort,„flüſtern, der Prinz ſei eigentlich keines natürlichen Todes geſtorben, ſondern habe Gift getrunken, das ich ihm gemiſcht.“ „Ausgezeichnet,“ lachte Warren,„ganz vortrefflich, und wenn das ſo fortgeht, ſo erfahren wir morgen früh, Sie hätten das Feuer im Kamine entweder angezündet, um vermitteſt der umhergeſtreu⸗ ten Papiere das Schloß in Brand zu ſtecken, oder damit Ihren Wohlthäter zu röſten und dann zu verſpeiſen— ein ſolcher Ge⸗ brauch, um den Verſtorbenen zu ehren, ſoll noch bei einigen Stäm⸗ men von Wilden Statt finden.“ „Auf alle Fälle ſcheint man freundlich über mich geſtimmt zu ſein,“ ſagte der Maler, indem er gedankenvoll zum Fenſter hinausblickte. „Wundert Sie das? Mich durchaus nicht!“ „Sie ſind noch nicht lange genug hier, lieber Warren,“ fuhr der Andere in ruhigem Tone fort,„als daß ich zu Ihnen ſagen könnte, nennen Sie mir irgend Jemanden, dem ich wiſſentlich Un⸗ recht gethan, oder dem ich nicht geholfen, wenn ich ihm helfen konnte— es würde Ihnen ſchwer werden und wenn Sie Buch geführt hätten über alle meine Thaten und über jeden meiner Schritte, wogegen es mir ein Leichtes wäre, Ihnen Namen zu nennen aus den verſchiedenſten Kreiſen, aus den verſchiedenſten 124 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Ständen, denen ich gefällig war, denen ich geholfen, denen ich Gutes gethan, ſo viel es in meiner Macht ſtand— ich darf das wohl ſagen, da ich mich ja vorhin nicht ſcheute, mit Ihnen über meine jetzigen Nachreden zu ſprechen— doch laſſen wir das— nur wenn Sie etwas Poſitives über mich in Erfahrung gebracht, was mit dem geſtrigen Vorfalle im Zuſammenhange ſteht, ſo er⸗ zeigen Sie mir eine Gefälligkeit, wenn Sie es mir mittheilen.“ „Ich erfuhr nur ſo viel, daß Ihre Feinde bei Hofe— und Sie haben deren eine gute Anzahl— gewaltig heitere Mienen machen, wenn von geſtern und von Ihnen die Rede iſt. Sie wer⸗ den mir dabei glauben, daß ich einige ſehr verblüffte Geſichter her⸗ vorrief, als ich über Sie ſprach, wie es aus meinem Herzen kam.“ „Sie ſollten das in Ihrer Stellung nicht thun.“ „Pa, meine Stellung— habe ich ſie mir ſelbſt gewählt?— Ich ließ mich durch meinen Vater in die diplomatiſche Car⸗ rière lanciren, um aus England fortzukommen, weil es mir dort langweilig war und weil ich mit Sicherheit darauf rechnen konnte, im Auslande Euch, meinen lieben Freunden, zu begegnen und daß wir Beide berechtigt ſind, uns mit dieſem Namen zu nennen, daran werden Sie auch wohl nicht zweifeln.“ Er reichte bei dieſen Worten Rodenberg ſeine beiden Hände, die Jener herzlich ſchüttelte, worauf Warren fortfuhr:„So, das wäre das innere Departement; jetzt wollen wir zum äußeren über⸗ gehen, und von dem will ich Ihnen eine kleine Idyllle erzählen, welche alle Schatten, alle Falten von Ihrer Stirn ſcheuchen wird— aber ſetzen wir uns, oder vielmehr, ſetzen Sie ſich, denn ich muß auf und ab gehen, wenn ich Ihnen das erzähle, ich muß hinaus⸗ lachen können, hinausjubeln, vielleicht auch hier und da vor Freude einen Luftſprung machen! „Aber wie ſoll ich anfangen, um im Style einer hübſchen No⸗ velle Ihnen der Reihe nach zu erzählen, wie ſich Alles das be⸗ geben?“ ſprach Lord Warren in ſichtlicher Erregung zu ſeinem Freunde Rodenberg.„Ich ſah Sie ja noch, ehe ich zu Pferde Der Tag neigt ſich zu Ende. 12⁵ 6 ſtieg, dann ritt ich fort durch das friſche Grün, und, berauſcht von 8 Frühlingsluft, verſtand ich das Murmeln des Waſſers, die Sprache 8 eines Glöckleins, den Geſang der Vögel, das Duften der Blumen— kurz, wurde ganz unſinnig vor Freude!“— Das Alles ſprach, jubelte er vielmehr in toller Haſt heraus, und als er ſah, wie ihn der Andere kopfſchüttelnd betrachtete, ſchlug er ſich vor die Stirn und ſagte nach einem tiefen Athemzuge:„Ich habe es ja wohl ge⸗ wußt, daß es mit dem Erzählen ſo nicht geht— hier im Herzen und da in der Kehle ſteckt mir der Schluß meiner Novelle, und ehe ich dieſen nicht hinausſprudle, wird es mir nicht möglich ſein, Ihnen etwas in einer anſtändigen Folge zu erzählen!“ „Nun, ſo ſprudeln Sie denn in Gottes Namen zu— es iſt wahr, Ihre Mittheilungen ſind ein wenig verwirrt.“ „Vor Freude— und auch Sie werden verwirrt werden— be⸗ reiten Sie ſich denn vor, etwas ganz Außerordentliches zu vernehmen!“ 1„Nur zu— ich bin vorbereitet genug— mein Inneres iſt dürr und trocken und kann durch ein großes, freudiges Ereigniß nur erfriſcht und gehoben werden!“ 4„Aber Sie haben gar keine Idee davon, was Sie hören werden,“ ſagte Warren, indem er ſich vor den Freund hinſtellte die Hände gefaltet und ihn kopfnickend betrachtend—„halten Sie ſich feſt, Rodenberg— halten Sie ſich feſt!“— Er legte ihm die Rechte auf die Schulter und rief ihm mit lauter Stimme zu: „Denken Sie ſich, ich⸗ habe Edelweiß wiedergefunden!“ „ A— ah, die junge Dame, die Sie in Zürich trafen und für " die Sie ſich intereſſirten!“ „Was junge Dame— was intereſſiren?— Edelweiß— einzig in ihrer Art wie ihre Blumenſchweſter— Edelweiß, die ich ganz toll und raſend liebe!“ „Nun, nun, das überraſcht mich wohl und freut mich auch einiger Maßen, ich fürchte aber, wir werden in Folge davon von einem unüberlegten Streiche hören.“ Hackländer's Werke. 56. Bd. 9 5 126 Siebenundvierzigſtes Kapitel. „Möglich, möglich— aber hören Sie weiter.“ „Noch eine Ueberraſchung? Ich hoffe auf eine noch angeneh⸗ mere,“ bemerkte Rodenberg lächelnd. Warren hatte ſich gegen ihn geworfen, hatte mit ſeinem Arme den Hals des jungen Malers umfangen und den Mund ſeinem Ohre genähert, als wolle er ihm etwas zuflüſtern, rief ihm aber bebend vor Aufregung mit lauter Stimme zu:„Ich habe Edel⸗ weiß gefunden, und Edelweiß iſt Margarethe, unſere kleine Marga⸗ rethe von damals— Olfer's Margarethe!“ „A— a—ah, Warren! Und deſſen ſind Sie gewiß?“ „So gewiß ich es über mich ſelbſt bin!“ „Margarethe wiedergefunden— und iſt kein Irrthum möglich?“ „Unmöglich— ich bin der Wahrheit ſicher durch die liebſten und wahrſten Zeugen— nennen Sie auch dieſe Neuigkeit unbe⸗ deutend?“ „Sie iſt ſo groß, daß ich ſie kaum zu faſſen vermag— Mar⸗ garethe wiedergefunden!“ „Und wie— ſchön und liebenswürdig über alle Beſchreibung!“ „Margarethe— welches Glück für unſern guten Roderich!“ „Und für uns!“ rief Warren begeiſtert—„ein Hurrah dafür, und noch eines und noch eines!“ „Ja, ein Hurrah aus vollem Herzen und einen Freudenſprung dazu!“ rief der junge Maler auffahrend, und da ihn der Andere nicht losließ und der Freudenſprung doch gemacht werden mußte, ſo entſtand daraus eine ganze Kette von Freudenſprüngen, welche einem tollen und wilden, durch das ganze Zimmer raſenden Walzer außerordentlich ähnlich ſahen. Endlich ſtanden die Beiden, hoch aufathmend und dabei lachend, ſo gut es eben gehen wollte, ſtill und waren nicht wenig erſtaunt, einen Zuſchauer zu haben, der ſeinerſeits ein noch größeres Er⸗ ſtaunen an den Tag legte. Unter der Thür ſtand nämlich der Kammerherr Freiherr von Schenk, und das ſtereotype Lächeln ſeines glatten Geſichtes, das auch jetzt noch nicht gewichen war, brachte, Der Tag neigt ſich zu Ende. 127 gemiſcht mit dem angedeuteten Erſtaunen, auf ſeinen Zügen einen höchſt ſonderbaren Ausdruck hervor: dabei hatten ſich ſeine Augen⸗ brauen ſehr hoch emporgezogen, während ſeine Unterlippe ſehr tief herabhing. „A— a— a— ah— Sie verzeihen— meine— Herren— der Bediente führte mich herein!“ „Und das bedarf durchaus keiner Entſchuldigung, Herr Baron,“ ſagte Rodenberg, auch jetzt noch ein heiteres Lächeln um die Lippen— „ich läugne es nicht, daß wir luſtig waren.“ „Bei offenen Thüren,“ warf Lord Warren ein,„alſo ohne daraus ein Geheimniß machen zu wollen.“ „Ich bin entzückt von Ihrer Fröhlichkeit und bedaure nur, dieſelbe geſtört zu haben; doch dürfen Sie überzeugt ſein, daß ich dies ohne einen triftigen Grund gewiß nicht gethan haben würde, und hätte auch mit demſelben noch gewartet, wenn ich nicht durch Ihren Diener hereingeführt worden wäre— bitte alſo nochmals um Entſchuldigung!“ „Unnöthig, Herr Baron— auch kann ich meinem Diener keine Schuld geben, denn er weiß am beſten, daß in meiner Woh⸗ nung Alles bei offenen Thüren verhandelt wird!“ „Ich laſſe Sie jetzt, Rodenberg,“ ſagte Warren, indem er dem Freunde die Hand reichte,„behalte mir aber ganz genaue Mit⸗ theilung bis ſpäter vor— ich muß meine reizende Novelle an den Mann bringen.“ „Und ich freue mich ſehr darauf!“ Der Lord machte dem Kammerherrn eine abgemeſſene Ver⸗ beugung, welche dieſer in der Art erwiederte, wie ein Nußknacker zu machen pflegt, wenn man ſeinen ſteifen Zopf hinten aufhebt.— „Ein charmanter junger Herr!“ ſagte er aber, dem jungen Eng⸗ länder nachſchauend, als dieſer im Vorzimmer verſchwunden war. „O ja, und ein guter zuverläſſiger Freund!“ warf Rodenberg leicht hin, indem er mit der Hand nach einem kleinen Fauteuil wies, auf den ſich der Kammerherr Freiherr von Schenk langſam ——ſ 128 Siebenundvierzigſtes Kapitel. und ſehr bedächtig, ſeiner ſtramm angezogenen Beinkleider wegen, niederließ.—„Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Baron?“ Der Kammerherr hatte ſeine ſchwere goldene Uhrkette um den ausgeſtreckten Zeigefinger gewickelt und ließ jetzt ſeine Augenlider leicht herabfallen, während ſich ſeine Brauen abermals hoch empor⸗ zogen; es giebt dies dem Geſichte eine gewiſſe Wichtigkeit und ſoll in der Anleitung für junge Hofherren vorgeſchrieben ſein. „Ich erlaubte mir ſchon, Ihnen zu bemerken, Herr Rodenberg, daß ich in einem Auftrage zu Ihnen komme, und zwar— im höchſten Auftrage unſeres allergnädigſten Fürſten.“ Der junge Maler machte eine Verbeugung, worauf ſich die Augen des Kammerherrn beinahe ganz ſchloſſen, als er fortfuhr:„Mich dieſes allerhöchſten Auftrages zu entledigen, bin ich gezwungen, auf einen Vorfall hinzudeuten, der wohl noch in Ihrer Erinnerung ſteht.“ „Gewiß, Herr Kammerherr, ſo lebhaft in meiner Erinnerung, daß ich mich vollkommen in der Verfaſſung fühle, Alles anzuhören, was Sie mir zu ſagen haben.“ „In allerhöchſtem Auftrage— ich bitte das nicht zu ver⸗ geſſen—, und ich darf wohl hinzuſetzen, daß Seine Königliche Hoheit in der allergnädigſten Abſicht die Frage an Sie ſtellen laſſen, ob es Ihnen nicht genehm wäre, durch einen kleinen mehr⸗ wöchentlichen oder, wenn Sie wünſchen, mehrmonatlichen Urlaub Ge⸗ legenheit zu erhalten, dieſen— eigenthümlichen Vorfall in Ver⸗ geſſenheit zu bringen?“ Rodenberg betrachtete den Sprecher lächelnd und fing auf dieſe Art einen forſchenden Blick ab, den jener unter den herabgeſenkten Augenwimpern nach ihm richtete. „Sollten Sie mich vielleicht verſtanden haben,“ fragte der Freiherr von Schenk nach einer kleinen Pauſe mit einem ſüßlichen Tone, welcher Wohlwollen ausdrücken ſollte—„oder würden Sie vielleicht die Güte haben, mich verſtehen zu wollen?“ „Obgleich einige Jahre bei Hofe, bin ich doch noch nicht ganz auf der Höhe der Situation, um Ihnen mit Beſtimmtheit ſagen Der Tag neigt ſich zu Ende. 129 zu können, daß ich Sie vollkommen verſtanden; doch fängt es bei mir an zu dämmern, und dürfte ich mir vielleicht erlauben, Ihnen verſuchsweiſe anzudeuten, ob ich Sie verſtanden?“ „Thun Sie das, mein verehrter Herr Rodenberg, thun Sie das.“ „Ich ſoll um einen mehrwöchentlichen Urlaub anhalten— beſſer noch um einen mehrmonatlichen— einen Urlaub, den ich natürlicher Weiſe fern von der Stadt, vielleicht ſogar fern vom Lande zubringe?“ Der Kammerherr nickte beiſtimmend mit dem Kopfe. „Nach Verlauf dieſes mehrmonatlichen Urlaubs finde ich, daß es ſchwer werden wird, mich wieder in meine früheren Verhältniſſe zu ſchicken, und komme um meinen Abſchied ein— iſt's nicht ſo, Hekr Baron?“* „Gewiß, gewiß,“ erwiederte dieſer mit einer Lebhaftigkeit, welche ihm in der Freude ſeines Herzens entſchlüpfte, die er aber im nächſten Augenblicke dadurch wieder gut zu machen ſuchte, daß er ſich ernſtlich auszuſehen bemühte, in Wahrheit aber zienlich albern ausſah, und hinzuſetzte:„Im allerhöchſten Auftrage, den ich auszuführen die Ehre habe, iſt dies durchaus nicht vorgeſehen; ſollten Sie, verehrter Herr Rodenberg, aber freiwillig, gänzlich ungezwungen, nach einem ſolchen mehrwöchentlichen Urlaube, ja ich möchte ſagen, ſogleich um Ihren Abſchied einkommen, ſo glaube ich, daß dies allerhöchſten Ortes aufs allergnädigſte angeſehen und belohnt würde.“ Rodenberg konnte ſich nicht enthalten, hierauf einen raſchen Gang durch das Zimmer zu machen, während welchem er die Hände in ſeine Hoſentaſchen ſteckte und im Vorüberkommen hier und da einen Blick ſcharf und zuckend wie ein Blitz auf den An⸗ deren warf, was dieſer aber nicht zu bemerken ſchien, da er ſich angelegentlich damit beſchäftigte, die Quaſten ſeines Stockbandes, welche etwas in Unordnung gerathen waren, ſorgfältig zu glätten. Plötzlich blieb Rodenberg ſtehen und ſagte in einem ruhigen, feſten, aber ſehr entſchiedenen Tone:„Herr Kammerherr, Sie haben 130 Siebenundvierzigſtes Kapitel. ſich des allerhöchſten Auftrages mit einer Genauügkeit entledigt, die nichts zu wünſchen übrig läßt und mir auch nicht den leiſeſten Zweifel über die Lage der Sache geſtattet. Da ich aber darin ſo außerordentlich hell ſehe, ſo muß ich mir ſchon erlauben, Ihnen zur Antwort zu geben, daß ich es für unverantwortlich gegen mich ſelbſt gehandelt hielte, ja, für feige, wenn ich durch das Verlangen eines Urlaubs meine Stellung hier verließe, auf der ich, wie mir ſcheint, ſehr mißliebig geworden bin; ich zweifle nicht, daß man den Willen und die Macht hat, mich davon zu entfernen, und werde auch in dieſer Richtung die Befehle Seiner Königlichen Hoheit erwarten und pflichtſchuldigſt erfüllen.“ „Sie ſind argwöhniſch, Herr Rodenberg, und ſuchen im Schatten Dinge, die nicht vorhanden ſind.“ „Gewiß nicht, Herr Baron; aber ſchon der Schatten an ſich, unter dem man mich verſchwinden laſſen möchte, ohne irgend welches Geräuſch, ohne einen erklärten Abſchied, wie eine unnütz gewordene Luſtſpiel⸗Figur— dieſer Schatten an ſich iſt mir unangenehm— denn als ein Künſtler liebe ich das gute, ehrliche Tageslicht, die Helle, die Durchſichtigkeit, und mit dieſen herrlichen Freunden will ich Alles erwarten, was man über mich zu beſchließen für gut findet. Es wäre doch ſchade,“ ſetzte er ironiſch lächelnd hinzu, „wenn Ihnen der Anblick entginge, wie ich an einem ſchönen Morgen, den Wanderſtab in der Hand, mein Skizzenbuch unterm Arme, zum Thore hinaus wandere, und dabei leiſte ich Ihnen das Verſprechen, Herr Kammerherr, daß ich nicht einmal den geradeſten Weg zum Thore nehmen will, ſondern an Ihrer Wohnung vor⸗ über, ſowie an denen mancher anderen guten und lieben Freunde, und daß ich dabei nicht einmal betrübt ſein werde, wenn ich auf Ihren heiteren Geſichtern leſe, wie glücklich Sie dieſer Wechſel alles Irdiſchen macht.“ Freiherr von Schenk zuckte leicht mit den Achſeln, und während er ſich langſam erhob, gönnte er dem jungen Manne einen beinahe vollen Blick ſeiner matten Augen, zugleich mit den ſanft ausge⸗ Der Tag neigt ſich zu Ende. 131 ſprochenen Worten:„Sie thun Unrecht, Sie thun ſich ſelbſt großes Unrecht!“ „Sei es darum,“ entgegnete ihm der Andere mit heiterem Sinne;„ein beliebtes Sprüchwort heißt freilich:„Es iſt beſſer, Unrecht leiden, als Unrecht thun! Doch wollen wir es einmal umkehren, wenn es Ihnen ſo recht iſt, und was hintendrein kommt, ruhig abwarten.“ „Sie haben mir nichts weiter zu ſagen?“ „In dieſer Angelegenheit nicht, Herr Kammerherr; aber viel⸗ leicht freut es Sie, zu erfahren, daß Ihr Vetter, Herr Maler Roderich Olfers, dieſer große, berühmte Künſtler, in kurzer Zeit hier eintreffen wird— ſeinen Briefen nach ſcheint er ſeine Reiſe ſo viel als möglich zu beſchleunigen.“ Der Freiherr von Schenk, ſchon im Abgehen begriffen, hatte ſeinen Hut mit beiden Händen erfaßt und ſchien das Fabrikzeichen in demſelben angelegentlichſt zu ſtudiren, war aber trotzdem nicht im Stande, eine leichte Röthe zu verbergen, welche über ſeine Züge flog: die Worte des jungen Malers beantwortete er nur mit einer Verbeugung und verließ alsdann das Zimmer, in dem ſich nun zwei andere und willkommenere Geſichter ſehen ließen. „Hier riecht's wie auf einem Hochgerichte,“ Fagte Walter, dem Davongehenden finſter nachblickend;„auch fliegen ſchon die Raben davon— biſt Du gelinde geröſtet worden oder ein wenig von unten herauf gerädert?— Eines davon iſt doch unſer Schickſal, habe ich geſtern den großen Räuber Moor ſagen hören.“ „Wir ſtehen am Vorabende großer Ereigniſſe,“ entgegnete ihm Rodenberg lachend,„und da iſt man beſonders glücklich, gute Freunde um ſich zu haben— wie geht's Ihnen, Schlegel— merken Sie ſchon Gegenwind?“ „Vor der Hand erſt Windſtille— die Segel ſchlappen am Maſte und ich kann nicht vorwärts kommen: was die Decorationen, mit denen ich zu einer neuen Oper beauftragt war, anbelangt, meinte mein hoher Chef, es könnten Verhältniſſe eintreten, welche andere Schauſpiele wünſchenswerth machten.“ , 5 5 p 132 Siebenundvierzigſtes Kapitel. „Doch erſt nach der Trauerzeit für den Prinzen Heinrich?“ „Die wird verdammt kurz dauern!“ brummte Walter. „Hat aber ihre nach dem Hof⸗Reglement beſtimmte Zeit, und man wird nicht ſo gegen Sitte und Herkommen handeln, um die Trauerzeit für einen der nächſten Verwandten abzukürzen.“ „Man wird einen Vorwand finden, darauf kannſt Du Dich verlaſſen, und die Frau Fürſtin⸗Mutter iſt in dieſen Dingen ſehr erfinderiſch.“ „Haſt Du etwas darüber gehört?“ „Allerdings— etwas, das meine Worte beſtätigt.“ „Vielleicht in irgend einer Kneipe?“ ſagte Rodenberg, achſel⸗ zuckend. „Ich habe nie geläugnet,“ ſprach Walter in einem barſchen, trotzigen Tone,„daß ich in Kneipen manche gute Erfahrung ge⸗ ſammelt! So eine Kneipe mit ihrem Inhalte kommt mir vor wie ein Waſſer⸗Filtrir⸗Baſſin: da hinein läuft die trübe, ſchwammige Fluth des Tagesgeſchwätzes, und wenn ſie ſich durch die verſchie⸗ denen Zungen abgeklärt hat, dringt unten nicht ſelten ein Tropfen klarer Wahrheit durch! In dieſen Kneipen, wie Du es zu nennen beliebſt, ſitzen Leute, die am Morgen ihrem Herrn die Hoſengurten feſtzogen und es mit anhörten, wie ein guter Freund, der dabei ſtand, freilich flüſternd, aber doch laut genug davon ſprach, daß man die Verheirathung des Fürſten beſchleunigen werde, um ſo mit guter Manier die Hoftrauer abkürzen zu können!“ „Armer Prinz Heinrich,“ ſagte Nodenberg vor ſich nieder⸗ blickend,„ſo wollen ſie Dir das nicht einmal gönnen, was doch der geringſte Bettler für ſeinen Verwandten übrig hat!“ „Pah, was kann ihm das nutzen oder ſchaden?“ „Er hielt auf Formen,“ fuhr der junge Mann, wie mit ſich ſelbſt redend, fort,„und hatte beſonders in ſeiner Stellung Recht, daß er es that— aber Du haſt falſch gehört: ſie werden nicht tanzen und jubiliren an dem kaum geſchloſſenen Grabe!“ „Und doch habe ich meine Nachrichten aus der allerbeſten Quelle!“ — — — Der Tag neigt ſich zu Ende. „Pah— gib mir Beweiſe dafür!“ „Gut— Beweiſe für die Richtigkeit meiner Vertrauensmänner, indem ich Dir ſage, was jener Rabe von Dir gewollt!“ „Darauf wäre ich begierig!“ „Er bot Dir einen Urlaub an, damit es leichter werde, Dir aus der Entfernung Deinen Abſchied zu geben— ſpare eine Ant⸗ wort und ein beſcheidenes Läugnen, Dein Geſicht verräth es mir, daß mein Vertrauensmann die Wahrheit ſprach— und willſt Du wiſſen, wer der Vertrauensmann iſt?— Der Leibkutſcher Seiner Excellenz des Herrn Ober⸗Hofmarſchalls— er hat vortreffliche Ohren und hörte geſtern bei der Spazierfahrt deutlich, wie ſein Herr über dieſe Angelegenheit ſprach; er meinte, der Herr nämlich, nicht der Knecht, Du müßteſt ſehr bornirt ſein, wenn Du nicht mit beiden Händen darnach griffeſt, Deine Stellung auf ſo ange⸗ nehme Art verlaſſen zu können— biſt Du wirklich ſo bornirt?“ „Leider— ich kann es nicht läugnen!“ „Ich habe es nicht anders erwartet und es freut mich— laß ſie ankommen und zeige ihnen die Zähne ſo lange als möglich. Unterdeſſen wollen wir unſere Bündel ſchnüren— ich das meinige, ſowie Du das deinige.“ „Wahrſcheinlich werde ich mich anſchließen,“ ſagte der De⸗ corationsmaler—„Sie wiſſen es am beſten, Rodenberg, wie ſehr mein Chef gegen meine Anſtellung war, und wenn Sie fortgehen, habe ich allen Halt verloren.“ „Den Teufel auch haben Sie verloren!“ brauste Walter auf —„welch beſſern Halt wollen Sie haben, als Ihre Kunſt? Haben nicht Ihre neuen Decorationen für das Hoftheater glänzend durchge⸗ ſchlagen? Wurden Sie nicht in jedem Acte ſtürmiſch gerufen, und ſprach ſich nicht die geſammte Preſſe,“ ſetzte er hinzu, indem er auf höchſt komiſche Art ſeine Backen aufblies,„dahin aus, wie ſehr man dem erhabenen Herrſcher, dem geliebten Fürſten dafür dankbar ſein müſſe, daß er durch das Heranziehen Ihres auffallend großen Talentes einem längſt gefühlten Bedürfniſſe abgeholfen? Mich freut es nur, wie 134 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Sie nach Rodenberg's Sturze finden werden, daß dieſe Lumpen⸗ blätter ſich ſelbſt wieder einmal aufs Maul geſchlagen und ſie ſich winden werden wie der Wurm an der Nadel, bis ſie eingeſtehen, man habe ſich doch in Ihrer Kunſt geirrt und man müſſe aber⸗ mals die Weisheit des erhabenen Herrſchers und geliebten Fürſten anſtaunen, der ſchon den Befehl gegeben habe, Sie als einen un⸗ fähigen Menſchen zu entlaſſen!“ „Was Rodenberg nicht gethan und nicht thun konnte,“ ſagte der Decorationsmaler,„kann ich in meiner beſcheidenen Stellung wohl thun: um einen Urlaub nachſuchen und mich wo anders umſchauen.“ „Ja, Sie können das thun und Sie müſſen das thun!“ knurrte Walter und ſagte dann, indem er einen Blick ungeheuchelter Weh⸗ muth, ein Gefühl, das ſich bei ihm ſo ſelten ausſprach, auf Roden⸗ berg richtete:„O, wäreſt Du ein Künſtler geblieben, nichts als ein Künſtler, dann würde ich auch Dir den Rath gegeben haben: wirf ihnen Deine Palette vor die Füße und ſtecke Deinen Maler⸗ ſtock zum Fenſter hinaus mit der ſtolzen Inſchrift:„Rodenberg lebte hier und Rodenberg iſt gegangen, weil man den Künſtler in ihm nicht geachtet!“ „Ja, Du haſt Recht,“ erwiederte ihm der junge Maler mit leiſer Stimme—„Rodenberg der Künſtler hätte gehen können, freiwillig, mit hoch erhobenem Kopfe, aber Rodenberg der Höfling muß bleiben, bis man ihn fortſchickt.“ „Nimm's nicht zu Herzen, mein Junge,“ entgegnete ihm Walter gutmüthig;„es läuft am Ende auf Eines hinaus, und wenn man auch eine Zeit lang den kurzgeſchwänzten Frack getragen und das Halsband mit der Kette unter einer weißen Halsbinde verborgen, ſo ſind wir doch immerhin rechte Kerls geblieben und wollen den ſehen, welcher uns das Gegentheil beweist. Doch nun zu etwas Vernünftigem und Geſchäftlichem— ich hatte noch eine gute An⸗ zahl Copieen für den Prinzen Heinrich angefangen, dem Gott die ewige Ruhe auf ſo ſanfte Art als möglich ſchenken möge, doch wur⸗ Der Tag neigt ſich zu Ende. den mir dieſe Arbeiten augenblicklich abbeſtellt— wogegen ich eine Vergütung anzuſprechen hätte für bereits aufgewandte Zeit, für Leinwand und Oelfarben,“ ſetzte er mit komiſcher Würde hinzu, „ungefähr ſo, wie man den Schneider für ein verpfuſchtes Kamiſol belohnt; die Sache wäre mir ſehr unangenehm geweſen, da fand ſich zum Glücke ein anderer Beſteller, für den ich nun dieſe Ar⸗ beiten unter noch beſſeren Bedingungen beendige— wer, glaubſt Du wohl, iſt dieſer neuer Beſteller?“ „Vielleicht der Kaiſer von China?“ „O nein, der erhabene Vater des himmliſchen Reiches leidet eben ſo gut an Geldmangel, wie manche ſeiner höchſten und aller⸗ höchſten Vettern— nein, nein— eine Collegin nahm ſich meiner an— eine große Künſtlerin half einem bedeutenden Künſtler— ich male nicht mehr für eine allerhöchſte Perſon, ich bin ge⸗ ſtiegen, denn ich male für eine Künſtlerin, für die Marcheſa de Monterey!“ „Wie mich das freut!“ ſagte Rodenberg, indem er ſich um⸗ wandte und nachſinnend zum Fenſter hinausſchaute. „Und auf welche liebenswürdige Art ſie mich erſuchte, die Bilder für ſie fertig zu machen, um ſo ein Andenken an den ver⸗ ewigten Beſteller zu haben, der ihr ſo freundlich geſinnt geweſen! — Ich war einige Mal bei ihr, und ſie fragte mich jedes Mal nach Dir, Rodenberg— ſie ſcheint mit den Verhältniſſen hier ſehr bekannt zu ſein und wollte von mir wiſſen, ob ſich Deine Stellung nicht auf eine unangenehme Art verändern würde— und ſie fragte mich, ob es Dich unglücklich machen werde.“ „Unglücklich gewiß nicht— warum glaubte das die Marcheſa?“ fragte Rodenberg, ohne ſich umzuwenden, mit angenommener Gleichgültigkeit. „Nun, ſie meinte nur ſo— vielleicht dachte ſie, Du habeſt Dich ſo vollkommen in Deine Stellung gefunden und in ſie hin⸗ eingelebt, daß es Dir ſchwer werden würde, wieder mit Bleiſtift und Papier umzugehen.“ 136 Siebenundvierzigſtes Kapitel. „Glaubt ſie das von mir?“ „Sie ſagte das nicht deutlich, aber wenn es ſo wäre, ſo be⸗ daure ſie Dich.“ „Ich danke ihr für dieſe Theilnahme,“ brachte der junge Mann mühſam zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen hervor,„ſie kommt etwas ſpät, zu ſpät— doch ich freue mich aufrichtig, Walter, daß Deine Arbeiten nicht unterbrochen werden— und was ſie betrifft, Schlegel, ſo würde ich mich an Ihrer Stelle beſinnen, einen Wir⸗ kungskreis zu verlaſſen, an dem Sie Großes leiſten können.“ „Um ſo mehr, da ihm die Ehre zu Theil geworden iſt,“ warf Walter in knurrendem Tone ein,„die Decorationen zu den Bei⸗ ſetzungsfeierlichkeiten unſeres verewigten Wohlthäters auszuführen.“ „So viel ich mich erinnere,“ ſagte Rodenberg lebhaft,„hat der Prinz ſtets gewünſcht, ſo einfach als möglich zur Ruhe ge⸗ bracht zu werden.“ „Und dieſen Wunſch in ſeinem Teſtamente ausdrücklich wieder⸗ holt— aber trotzdem wird eine feierliche Ausſtellung in einem der Säle des Schloſſes ſtattfinden.“ „Auf den ausdrücklichen Wunſch der Frau Fürſtin⸗Mutter, der es ſchwer fällt ſich ſo raſch von der geliebten, entſeelten Hülle zu trennen.“ „Das kann nicht Ihr Ernſt ſein, Schlegel!“ „Sie halten mich doch nicht für fähig, über ſolche Dinge zu ſcherzen?“ „Ich finde dieſe Ausſtellung ſo begreiflich:“ bemerkte Walter mit einem ironiſchen Lächeln—„vor der ganzen Welt ſein Mit⸗ gefühl und ſeine Theilnahme zu zeigen und als Gegenleiſtung wieder⸗ erzeigt zu erhalten, iſt bei einem Todesfalle wie dem gegenwärtigen ſchon deßhalb ein ganz beſonders anſprechendes Geſchäft, weil wir es mit einer nicht unangenehmen Thatſache zu thun haben!“ Rodenberg ſchüttelte mit dem Kopfe:„Für das, was da viel⸗ leicht verfehlt wurde, muß man die Umgebung verantwortlich machen; wo Rechte ſind, da gibt es auch Pflichten, und wer ſich behaglich Der Tag neigt ſich zu Ende. im Scheine allerhöchſter Gunſt ſonnt, der ſoll auch den Muth haben, für ein offenes, freies Wort vielleicht eine finſtere Wolke herauf⸗ zubeſchwören!“ „Ueber die Ausſchmückung des Saales,“ ſagte Schlegel„hätte ich gern Ihren Rath gehört; doch begreife ich wohl, daß dies eine ſonderbare Zumuthung iſt.“ „Geſchähe es, um den mir ſo theuren Verſtorbenen wirklich zu ehren, ſo wäre ich mit Freuden bereit dazu, doch da die ganze Ceremonie gegen ſeinen ausdrücklichen Willen iſt, ſo begreifen Sie wohl, daß ich kein Gemüth dazu habe.“ „Schlegel iſt ein undankbarer Kerl,“ ſagte Walter;„ich gab ihm ſchon Andeutungen, wie er es zu machen habe, um den wahren Sinn durch die Trauer⸗Decorationen ſchimmern zu laſſen und ſich ſelbſt dadurch für die Zukunft beliebt zu machen; er ſoll nämlich alle Trauer⸗Draperieen mit luſtigem Roth und gemüthlichem Gelb unterfüttern, und wenn die Geſchichte vorbei iſt, braucht man nur Alles umzukehren, um den gewünſchten heitern Anblick zu haben, in der gleichen Art, wenn auch ganz anders, wie ſie es beim Militär zu machen pflegen: hinaus mit dumpfem Trommelſchall und feierlichen Klängen, ernſt und leidtragend; zurück unter rau⸗ ſchenden, heitern Weiſen, mit den Gefühlen glücklich lachender Erben!“ XLVIII. „Ich möchte hingehn wie das Abendroth.“ Binige Tage waren vergangen, und Rodenberg hatte den Verſuch gemacht, ſeinen Geſchäften wie früher nachzugehen, das heißt, er beſuchte ſeine Kanzlei, wie er bisher immer gethan und ohne ſich dadurch irre machen zu laſſen, daß es auf dieſer Kanzlei, die ſonſt mit Geſchäften überhäuft war, jetzt faſt gar nichts mehr zu thun gab; es war gerade ſo, als ob die Flut der Angelegen⸗ heiten, die er früher zu beſorgen hatte, durch irgend eine geheim⸗ nißvolle Macht in einen unſichtbaren Nebencanal abgeleitet worden wäre: er ſaß mit ſeinem Schreiber förmlich auf dem Trocknen und hatte Muße genug, über den Wechſel alles Irdiſchen nachzudenken. Wie man in der Welt gegen ihn geſinnt ſei, konnte er nicht er⸗ fahren, denn die Trauerzeit um den verſtorbenen Prinzen und der begonnene Frühling hatten alle Geſellſchaft eingeſtellt; Beſuche, die er machte, galten nur genauen Freunden oder ſolchen, von deren Wohlwollen er überzeugt war; doch blieb er deßhalb nicht im Zweifel, was ihm die nächſte Zeit bringen würde, denn Leute, die ihn noch vor Kurzem mit den tiefſten Bücklingen beehrt, berührten jetzt kaum noch den Rand ihres Hutes, andere bogen ſchon von der Ferne in eine Seitengaſſe ein, ſobald ſie ihn kommen ſahen, und ſolche, die es bei einer zufälligen Begegnung nicht vermeiden konnten, bei ihm ſtehen zu bleiben, ja, ihm die Hand zu reichen und mit Ich möchte hingehn wie das Abendroth. 139 ihm zu ſprechen, thaten dies mit ſauerſüßen Mienen und mit einem verlegenen Umherblicken, welches ſein tiefſtes Mitleid erregte und ihn veranlaßte, ſo bald als möglich eine ſolche peinliche Unterhaltung abzubrechen. Gemeine Seelen grüßten ihn auch gar nicht mehr und thaten überhaupt, als ſei für ſie ein Weſen, Rodenberg genannt, gar nicht auf der Welt, Das waren aber meiſtens Subjecte, denen er Wohl⸗ thaten und Gefälligkeiten erzeigt, und die ihn noch vor Kurzem ihrer unwandelbaren Dankbarkeit und Anhänglichkeit verſicherten. Wir können dabei nicht verſchweigen, daß ihm ſolche Begegnungen nicht den geringſten Schmerz oder Kummer verurſachten, höchſtens ein Gefühl des Eckels gegen die Erbärmlichkeit dieſer Menſchen. Der Fürſt, bei dem er ſich, wie bisher regelmäßig geſchehen, zum Rapport anmelden ließ, hatte wenigſtens die Artigkeit, ihm mit dem Zuſatze danken zu laſſen, daß er ihm keine Befehle zu er⸗ theilen habe, und wenn der Kammerdiener, Herr Mathieu, dem jungen Manne dieſe Botſchaft brachte, ſo unterließ dieſer nicht, in freundſchaftlichem Tone hinzuzufügen:„Das iſt ein Gewitterſturm, Herr Rodenberg, der vorüberziehen wird und vorüberziehen muß!“ wogegen die kummervollen Mienen des getreuen Mannes aber das Gegentheil ausſprachen. „Ja, es war ein Gewitterſturm, der über ſeinem Haupte her⸗ anzog, und nach ſo vielem unſchädlichen Wetterleuchten vernahm Rodenberg jetzt zum erſten Male das Rollen des Donners, als er von einem ſeiner Freunde gehört, daß die Frau Fürſtin⸗Mutter in einer Soirée intime ganz en petit comité geſagt hätte:„Mein Sohn muß dieſe Geſchichte jetzt einmal zu Ende bringen; es iſt mir unerträglich, dieſen Herrn nach wie vor im Schloſſe aus⸗ und eingehen zu ſehen.“ Rodenberg befand ſich in ſeiner Wohnung und horchte lächelnd Warren's begeiſterter Erzählung eines Beſuches, den dieſer geſtern, wie jetzt täglich, droben auf der kleinen Einſiedelei gemacht. Nach⸗ dem er ihm des Breiteren erzählt, wie er durchaus nicht mehr im 140 A’htundvierzigſtes Kapitel. Zweifel ſei, daß ihn Edelweiß liebe und daß Conchitta dieſe Zu⸗ neigung gutheiße, verſicherte er ihn des tiefſten Mitgefühls der Damen droben und ſetzte hinzu, Margarethe habe geſagt: ‚Wenn Rodenberg denn nicht eher zu uns kommen will, bis drunten ſein Schickſal entſchieden iſt, ſo wünſche ich, das geſchähe lieber heute als morgen, und dann ſoll er zu uns kommen, wir haben Platz genug, ihn aufzunehmen. „Die andern Damen lächelten darüber,“ fuhr Warren fort, „Conchitta, Mercedes und Juanita.“ „Auch ſie war dort?“ „Allerdings, und ſie verſchloß mit der Hand den reizenden Mund meiner geliebten Edelweiß, als dieſe allerlei in nicht ganz ehrerbietiger Weiſe über hohe und höchſte Perſonen herausſprudelte.“ „Natürlich, denn auch in den Augen der Marcheſa de Mon⸗ terey werde ich ein ſchlimmes und undankbares Geſchöpf ſein?“ „Darüber habe ich Sie ſchon oft des Gegentheils verſichert, und wenn ſie auch gerade keine beſondere Neigung zu dem bis⸗ herigen Günſtlinge des Fürſten an den Tag legte, ſo ſpricht ſie nicht nur gern, ſondern mit der lebendigſten Theilnahme von dem Künſtler und deſſen Vergangenheit.“ In den Augen des jungen Malers zuckte es lebhaft empor, und ſchon oft, wenn er ſich an das ſeltſame Betragen dieſes wunder⸗ baren, ungeſtümen und doch ſo charakterfeſten Weibes erinnerte, fuhr ein zündender Funke in ſein Herz, welcher es ſchneller ſchlagen ließ und ihn, wenngleich nur auf Secunden, mit einem leidenſchaftlichen Entzücken erfüllte— wäre ſie vielleicht dem einfachen Künſtler näher geblieben, als ihm in ſeiner falſchen Stellung? Doch wozu unzählige Male eine ſolche Frage an ſich ſelbſt richten, deren Beantwortung ihm unmöglich war? Während Rodenberg finſter vor ſich niederſchaute, betrachtete Warren mit einem ſeligen Blicke den leuchtenden Himmel und fuhr alsdann mit der Hand über die Augen, als wolle er ſich gewaltſam zu anderen Gedanken zwingen, worauf er ſagte:„Von Olfers habe — Ich möchte hingehn wie das Abendroth. 141 ich heute Morgen einen Brief erhalten, er iſt abgereist und muß in den nächſten Tagen hier ſein; beinahe fürchte ich mich vor dem Augenblicke, wo eine ſolche Maſſe von Glück über ihn herfallen wird, auch ſind wir noch nicht einig darüber, ob ich ihn hinauf⸗ führen werde oder ob wir ihm Edelweiß hier unten ans Herz legen ſollen— ich bin für Letzteres,“ fuhr der lebhafte Freund fort, „und hoffe auch, mit meiner Anſicht durchzudringen; ich will ſie zu ihm führen und ſagen: Roderich, da iſt deine Tochter, unſere kleine Margarethe, die ich eigentlich aufgefunden habe und die ich deßhalb auch ſehr Willens bin, für mich zu behalten.“ Dann wechſelten abermals die Bilder ſeines Geiſtes: er drückte herzlich lachend ſeine beiden Hände vor's Geſicht und ſagte:„Denken Sie ſich, Rodenberg, meine Beſuche dort oben ſind ausgekundſchaftet worden und werden mit ſehr mißliebigen Augen betrachtet— rathen Sie, von wem? O, es würde mich glücklich machen, wenn man vielleicht auf mich eiferſüchtig wäre, und ich vermuthe ſo etwas.“ „Wer denn? Wer könnte das ſein?“ „Unſer gemeinſchaftlicher Freund, der Freiherr von Schenk.“ „Ah,“ machte der junge Maler,„ich finde es ſchon außerordent⸗ lich angenehm, wenn Ihre Beſuche droben ihn ärgern— ſollte ſich aber ein Gefühl von Eiferſucht beimiſchen, ſo könnten wir in der That nicht mehr verlangen— der gute, freundliche, gemüthliche Kammerherr Freiherr Schenk von Schenkenberg verliebt in ſeine Baſe Margarethe Olfers— oder in deren Vermögen— was gäbe ich um eine ſolche Gewißheit!“ „Die wird zu erlangen ſein, denn ſo wie meine Sache droben ſteht— ich bin davon überzeugt—, brauche ich mich nicht mehr ſo gewaltig in Acht zu nehmen und lauere mit Begierde, dem glat⸗ ten Kammerherrn auf eine halbwegs bezügliche Frage eine ſehr offene und dabei pikante Antwort zu geben.“ „Welche er nicht verſtehen wird— iſt er doch wie mit Oel ge⸗ ſalbt und ſchlüpft Ihnen zwiſchen den Fingern durch wie ein Aal.“ Hackländer's Werke. 56. Bd. 10 v·· B 142 Achtundvierzigſtes Kapitel. „Und doch wird es wohl noch ein Mittel geben, ihm wenigſtens für einmal dieſes Entſchlüpfen unmöglich zu machen, und gebe Gott, daß ich der Glückliche bin, der das Netz über ihm zuſammen⸗ zieht— ſchon für den Gedanken, ſeine matten, geiſtloſen Augen zu Edelweiß erheben zu wollen, verdient er Strafe!“ Rodenberg's Bedienter trat ein und überbrachte ein Schreiben und eine große Karte. Der junge Maler nahm das erſtere und betrachtete das Siegel— es war aus dem Cabinette des Fürſten. —„Es iſt roth geſiegelt,“ ſagte er zu ſeinem Freunde;„alſo hat die Hoftrauer ſchon aufgehört?“ „Natürlich, in Folge des freudigen Ereigniſſes, wovon ja Hof, Stadt und Land über alle Maßen entzückt ſind, wie die Zeitungen ſagen. Ein außerordentlicher Geſandter iſt vor drei Tagen an den benachbarten Hof abgegangen und ein eben ſo außerordentlicher Courier, welcher geſtern Abend eintraf, hat die allerhöchſten Wangen mit Gluth der Freude übergoſſen, welche ſich nun natürlicher Weiſe auf dieſem Siegel wiederſpiegelt.“ Rodenberg betrachtete nachſinnend das Siegel, dann die Auf⸗ ſchrift und dann abermals das Siegel:„In der linken Ecke des Umſchlages ſteht der Name des Staatsraths Stumpfenfels— ich weiß, was dieſes Schreiben zu bedeuten hat.“ „Ich weiß es auch, und da dieſe Gewißheit uns Beiden keine ſchweren Herzen machen wird, ſo wollen wir den Inhalt mit leich⸗ tem Herzen leſen.“ Der junge Mann riß den Umſchlag ab, durchflog die Zeilen und reichte das Blatt alsdann ſeinem Freunde, der es ebenfalls las und dann kopfnickend ſagte:„Kurz und bündig; man könnte die Abfaſſung dieſer Zeilen etwas grob nennen, wenn das nicht gegen den allerhöchſten Reſpect wäre; man ſagt weder etwas von Ihren Verdienſten, mein lieber Rodenberg, noch wird die Ihnen gegebene Entlaſſung durch den Ausdruck des Bedauerns und fort⸗ währender Gnade gemildert— ſuchen Sie ſich zu faſſen,“ ſetzte er lachend hinzu. * Ich möchte hingehn wie das Abendroth. 143 „Ob ich gefaßt bin!“ gab der Andere mit einer ungeheuchel⸗ ten Heiterkeit zur Antwort.„Was mir bis jetzt einiger Maßen drückend auf der Bruſt lag, war die ſchwüle Ungewißheit; jetzt, wo der Blitz eingeſchlagen hat, fühle ich nichts mehr, als die herrliche Einwirkung der elaſtiſchen, beglückenden Freiheitsluft, der Bann iſt von mir genommen, meine Feſſeln ſind gebrochen, und ich ſage dem Himmel, welcher ja einen guten Künſtler niemals untergehen läßt, meinen innigſten Dank dafür!“ „Amen!“ verſetzte Warren und fügte darauf mit einer komiſch klingenden Bedächtigkeit hinzu:„Verzeihe mir der freie Künſtler und vortreffliche Freund eine etwas proſaiſche Frage.“ „Ich kann ſie mir denken,“ fiel ihm der Andere raſch ins Wort,„und möchte ſie lieber unbeantwortet laſſen— es war von je her mein Fehler, nicht für den kommenden Tag zu ſorgen, doch — verſtehen Sie mich recht, Warren, ich möchte um Alles in der Welt nicht unter dem Nachrufe eines zu geordneten Geſchäftsmannes, eines Mannes von einigen Mitteln von dannen gehen; was meine Schulden anbelangt, nach denen Sie doch wohl fragen wollten, ſo ſind dieſelben gerade nicht bedeutend und können von dem Eigen⸗ thum in meinen Zimmern hier ganz gut gedeckt werden, und es ſoll mir ein außerordentliches Vergnügen machen, mich dieſes Eigen⸗ thums in einer öffentlichen Verſteigerung zu entäußern. Hoffentlich kommen alsdann manche meiner Freunde und Feinde, um dieſes oder jenes Stück mit einem prix d'affection zu bezahlen— wobei ich auch auf Sie rechne, lieber Warren!“ „Wie in allen Stücken,“ gab ihm der junge Engländer zur Antwort, indem er ſeine Hand ergriff und ſie herzlich ſchüttelte— „eine ſolche Künſtler⸗Auction iſt ein wunderbarer Gedanke, ſo bei lebendem Leibe zuzuſehen, wie das Volk mit unſerem Nachlaſſe um⸗ ſpringt— ein reizender Gedanke, den ich Luſt hätte, nachzuahmen— bis das aber ſo weit iſt, hoffe auch ich fertig zu ſein, und vielleicht ziehen wir mit einander davon— was haben wir denn da noch für eine Karte?“ 144 Achtundvierzigſtes Kapitel. Rodenberg hatte dieſelbe mit einem ſeltſamen Lächeln über⸗ flogen und las dann laut vor:„Der Miniſter des Hauſes gibt ſich die Ehre, Herrn Rodenberg auf morgen Abend einzuladen; man vereinigt ſich um acht Uhr.“ Darauf ſagte er:„Der Mann wird ſich ſehr ärgern, er ſcheint keine Ahnung davon gehabt zu haben, daß jenes Schreiben heute an mich abgegangen iſt; ich finde es von dem Staatsrathe von Stumpfenfels unverantwortlich, ſeine Freunde in Verlegenheit zu bringen.“ „Seien Sie ruhig, er wird ſeine Einladung widerrufen.“ „Möglich, doch werde ich alle Schritte thun, damit dieſer Widerruf nicht in meine Hände gelangt,“ entgegnete Rodenberg mit größter Ruhe. „Und zu welchem Zwecke?“ „Weil ich mir feſt vorgenommen habe, von dieſer Einladung Gebrauch zu machen und meinen guten Freunden nochmals Auge in Auge gegenüber zu treten.“ „Das wollten Sie thun?“ „Das will ich thun.“ „Bei Gott, ich will Ihnen nicht abrathen: es iſt ein auf⸗ regendes Spiel, und ich finde eben ſo viel Muth darin, als eine feindliche Batterie zu ſtürmen, natürlich werde ich dort ſein, damit Sie auf alle Fälle Jemanden haben, der Ihnen die Hand zum Gruße reicht!“ „Nur darin keine Unvorſichtigkeit, lieber Warren— denken Sie an Ihre Stellung!“ „Pah, meine Stellung!“ lachte der junge Mann—„wäre ich ſtatt eines unbedeutenden Legations⸗Secretärs Chef der Geſandt⸗ ſchaft, ſo könnte es mir vielleicht Vergnügen machen, auf dieſen Brief hin meine Päſſe zu verlangen, mich natürlicher Weiſe vom auswärtigen Amte in London desavouiren zu laſſen, um zur Hei⸗ lung meiner überſpannten Nerven in die milde Luft Italiens ge⸗ ſandt zu werden, was ja mit meinen Wünſchen vollkommen zu⸗ ſammenträfe; ſo aber kann ich in der That nichts thun, als Ihnen, Ich möchte hingehn wie das Abendroth. wenn Sie in den Salon treten, nicht eine, ſondern beide Hände entgegenſtrecken.“— Er zog ſeine Uhr hervor.—„Es iſt eilf Uhr, ich muß zum Frühſtücke nach Hauſe und meinem verehrten Chef dieſe Geſchichte auf meine Art vortragen; er muß mir ſchon den Gefallen thun, einige ſeiner Collegen zu veranlaſſen, daß ſich die⸗ ſelben morgen Abend perſönlich nach Ihrem Befinden erkundigen: es wird das einen guten Eindruck machen und einigen Aerger ver⸗ urſachen— halt,“ ſetzte er, ſich umſchauend, mit leiſer Stimme hinzu,„da kommt ein neues Schreiben, Kanzleiformat, großes Siegel— ich will abwarten, bis Sie daſſelbe geleſen.“ Der Diener brachte aber nicht nur ein, ſondern ſogar zwei neue Schreiben, welche er in die Hände Rodenberg's legte, wobei er mit den Augen einen Blick ſeines Herrn zu erhaſchen ſuchte und, als ihm dies nicht gelang, mit einer betrübten Miene das Zimmer verließ. „Mir ſcheint es, ich empfange heute Morgen Schreiben von allen Hofſtäben und Departements, natürlich Beileidsbezeigungen, es kann nicht anders ſein— ſehen wir zuerſt, was mein ſpecieller Freund, der Ober⸗Hofmarſchall von Hardenberg, zu ſagen hat.“* „Darauf bin ich auch begierig, und um Ihnen vielleicht einen guten Rath zu geben, bleibe ich da.“ Rodenberg las:„Euer Wohlgeboren! Im allerhöchſten Auf⸗ trage habe ich Ihnen die Mittheilung zu machen, daß die von Ihnen bisher inne gehabte Wohnung zur Verfügung des unter⸗ zeichneten Amtes geſtellt iſt, und da daſſelbe vorausſetzt, daß die Räumung derſelben binnen drei Tagen keine Schwierigkeit hat, ſo werden Sie benachrichtigt, daß über die betreffende Wohnung nach Ablauf dieſer Friſt anderweitig beſtimmt worden iſt.“ Warren konnte ſich eines lauten Lachens nicht enthalten.— „Jetzt zum zweiten— wir werden wahrſcheinlich ähnliche Freund⸗ lichkeiten in ähnlichem Style finden.“ „Dieſes iſt von dem Staatsrathe von Stumpfenfels und der äußeren Form nach ein vertrauliches Schreiben, hat auch kein amt⸗ liches Siegel.“ 8 — — ä“ “ * 146 Achtundvierzigſtes Kapitel. „Euer Wohlgeboren! Nachdem ich mich des allerhöchſten Auf⸗ trages in amtlicher Eigenſchaft entledigt, beehre ich mich, privatim Ihnen den Wunſch meines allergnädigſten Herrn auszudrücken, welcher aus leicht begreiflichen Gründen darin beſteht, daß Sie die Stadt und das Land in möglichſt kurzer Zeit verlaſſen möchten. „Ueberzeugt, daß dieſer allerhöchſte Wunſch von Ihnen ver⸗ ſtanden und getheilt werden wird, erſuche ich Sie, ſich mit mir, Ihre Abreiſe betreffend, im's Einvernehmen zu ſetzen, wobei Sie überzeugt ſein mögen, daß Alles geſchehen wird, um billigen An⸗ forderungen Ihrerſeits zu genügen.“ „Ah, das iſt ſtark, und ich freue mich in der That, daß ich indiscret genug war, hier zu bleiben und ſo den Inhalt dieſer bei⸗ den liebenswürdigen Schreiben zu erfahren.“ Rodenberg hatte die Hand mit den beiden Briefen ſinken laſſen und ſtarrte zum Fenſter hinaus: ſeine Züge waren von einer er⸗ ſchrecklichen Bläſſe überzogen, er hatte die Lippen feſt auf einander gebiſſen und athmete mühſam. Warren trat dicht an ihn heran, legte ihm ſeine Rechte auf die Schulter und ſagte mit weicher Stimme:„Keine Erregung— wir haben bis jetzt Alles mit ſo gutem Humor getragen, daß es eine Schande wäre, denen da jetzt noch den Gefallen zu thun, ſich zu grämen, ſelbſt nur für Einen Augenblick. Ich verſtehe wohl, daß das Sie angegriffen hat, aber es darf nicht nachhaltend ſein; thun Sie es ſich und Ihren Freunden zu lieb und verrathen nicht durch eine Miene, nicht durch eine Falte Ihrer Stirn, daß Ihnen dieſer Schlag unerwartet gekommen.“ „Dieſer Schlag kam mir auch nicht unerwartet,“ brachte der Maler mühſam hervor,„aber die Art, wie er geführt wurde,“ ſetzte er zähneknirſchend hinzu;„es ſoll Einer kommen und ſein Gewehr auf mich anſchlagen oder mir die Mündung eines Piſtols vor die Stirn halten, es wird mich weiter nicht aufregen oder be⸗ unruhigen— aber können Sie das Gefühl, Lord Warren, wenn man den Stock wider uns aufhebt?“ — Ich möchte hingehn wie das Abendroth. 147 „Ich kann mich auch in dieſes Gefühl hineindenken und Ihnen dennoch ſagen: beruhigen Sie ſich; ich will Ihnen nicht den Rath geben, mit gleichen Waffen zu antworten, Ihnen aber, obgleich jünger und unerfahrener als Sie, die Antwort auf das letzte Schreiben dietiren— ſetzen Sie ſich an Ihren Schreibtiſch, Ro⸗ denberg.“ Es lag etwas ſo Eigenthümliches, ſo Gebieteriſches in dem Tone, womit Warren dieſe Worte ausſprach, ſowie in dem Leuchten ſeiner Augen, daß der Andere, nachdem er ihn einen Augenblick erſtaunt angeſehen, langſam an ſeinen Schreibtiſch ging, ſich nieder⸗ ſetzte und ohne Weiteres die Feder in die Hand nahm. „Euer Hochwohlgeboren privates Schreiben von heute iſt eine ſo außerordentliche Steigerung zweier anderer Zuſchriften, welche ich kurz zuvor zu empfangen die Ehre hatte, daß vielleicht eben da⸗ rin der Grund zu ſuchen iſt, wenn ich augenblicklich noch nicht im Stande bin, die in demſelben ausgedrückten freundſchaftlichen Ge⸗ ſinnungen gegen mich in ganz gleicher Weiſe zu erwiedern. Vor der Hand kann ich nur aufrichtig bedauern, den ausgeſprochenen Wunſch nicht erfüllen zu können, da mich noch dringende Geſchäfte hier zurückhalten, und ſollte vielleicht Euer Hochwohlgeboren noch irgend etwas mit mir zu verhandeln haben, ſo wäre ich vorerſt in dem königlich großbritanniſchen Geſandtſchaftshotel zu erfragen, wo ich bei meinem Freunde, Lord Warren, Wohnung genommen habe.“ „So,“ ſagte der junge Lord, nachdem er dieſes Dictat been⸗ digt,„jetzt wollen wir doch einmal ſehen, ob der Wunſch, daß Sie die Stadt verlaſſen ſollen, wiederholt wird. Würde dies aber dennoch geſchehen, ſo nehme ich Sie für die Geſandtſchaft in Dienſte, als Dolmetſcher für irgend ein paar unbekannte barbariſche Spra⸗ chen, und mache mir gar keine Sorge darüber, irgend eine Ver⸗ antwortung zu übernehmen.“ „Ich habe geſchrieben, was Sie verlangt,“ ſagte Rodenberg, nachdenklich das Blatt überleſend,„doch ſollten Sie ſich meinetwegen auch nicht der kleinſten Verdrießlichkeit ausſetzen— den Gefallen, . AA äͤ 148 Achtundvierzigſtes Kapitel. Stadt und Land zu verlaſſen, werde ich ihnen ohnehin thun, ſobald mir das irgend möglich iſt.“ „Und wenn auch, ſo wollen wir gehen, wenn es uns beliebt, und nicht, ſobald man es für gut findet, uns fortzuſchicken. Wie Sie dieſe Zeilen geſchrieben haben, ſind ſie ganz in Ordnung, jetzt dieſelben in Umſchlag gebracht und ohne weitere Ueberlegung fort⸗ geſchickt, was ich durch meinen Diener beſorgen laſſen werde. Ueber⸗ flüſſig iſt es dabei wohl, Ihnen zu wiederholen, lieber Rodenberg, daß ſogleich Zimmer für Sie bei mir in Bereitſchaft ſein werden, und will ich nur hoffen, daß Sie ſo viel Freundſchaft für mich haben, um baldigen Gebrauch davon zu machen— alſo auf Wie⸗ derſehen in ganz kurzer Zeit!“ So war denn der Schlag gefallen, den Rodenberg vorausge⸗ ſehen, und jetzt, wo er vor der vollendeten Thatſache ſtand, mußte er ſich eingeſtehen, daß namentlich die Art und Weiſe, wie man denſelben geführt, ihn tief erſchüttert habe. Dabei war es nicht das Gefühl eines in Ungnade Gefallenen, eines ſeiner Macht Be⸗ raubten, was ihm peinlich war— nein, es war mehr das jähe Losreißen aus ſeinen jetzigen Verhältniſſen in Anbetracht ſeiner Schöpfungen, die er einestheils als fertig noch überwachte und die er anderentheils noch vollenden zu können gehofft hatte— ſie er⸗ ſchienen ihm wie liebe Freunde, die ſeines Schutzes ſo ſehr bedurften und deren Zukunft mehr als ungewiß war. Wenn er auch das Gerede der Welt in Folge ſeiner Entlaſſung nicht fürchtete, ſo machte doch der Gedanke daran einen widrigen Eindruck auf ihn, und die Fabel vom Fußtritte des Eſels trat le⸗ bendig vor ſeine Phantaſie: er empfand ſchon im Voraus die Gehäſſigkeit, mit der ihn der entfeſſelte Stadtklatſch an öffentlichen Orten, in Thee⸗ und Kaffeegeſellſchaften zerfleiſchen würde, ſowie die zarten Ergüſſe eines Theiles der Preſſe, jener augendieneriſchen Schand⸗ und Schmutzblätter, die in ſchmatzender Unterthänigkeit Koth auf ihn werfen würden, nur um ihre Loyalität und Anhäng⸗ lichkeit zu beweiſen. „ Ich möchte hingehn wie das Abendroth. 149 Ja, ſo vorbereitet er auch auf Alles das zu ſein glaubte, ſo hatte es doch, als es nun ſo plötzlich geſchah, in ſeinem Nerpen⸗ ſyſteme eine Erſchütterung hervorgebracht, wie wenn man ein kräftig umherſauſendes Rad durch Eingreifen in die Speichen mit Einem Ruck zum Halten bringt— die ganze, ſonſt ſo gut gebaute Ma⸗ ſchine bebte in ihren Fugen und der gewaltſam aufgeregte Schlag ſeines Herzens machte ſeinen Körper momentan erzittern. Rodenberg warf einen Blick in den Spiegel, als er an dem⸗ ſelben vorüberſchritt, und erſchrack über die Bläſſe, die auf ſeinen Zügen lag. Er rieb ſich die Stirn, er ſchritt mehrere Male im Zimmer raſch auf und ab, er legte ſein noch immer bleiches Spie⸗ gelbild dem vielleicht trüben Glaſe zur Laſt, er ſchellte ſeinem Diener, und als dieſer eintrat und ihn unverkennbar mit einem Ausdrucke des Schreckens anſah, fragte er ihn haſtig und barſch: „Was betrachteſt Du mich ſo? Habe ich etwas Auffallendes an mir?“ „Das gerade nicht, Herr von Rodenberg, nur ſehen Sie ziem⸗ lich blaß aus, was man ſonſt nicht an Ihnen gewohnt iſt.“ „Ja, ja,“ antwortete er dem Diener mit leiſer Stimme,„es kann wohl ſein, ich fühle mich nicht ganz wohl, ich ſpüre einen Druck auf dem Herzen, der mich hindert, tief Athem zu holen— doch wird das vorübergehen— Du weißt ſchon, daß ich ent⸗ laſſen bin?“ Der Diener ſenkte den Kopf und zuckte die Achſeln mit einer traurigen Geberde. „Es thut mir Leid um Dich— Du warſt mir anhänglich, und ich bin überzeugt, man wird Dir daraus kein Verdienſt machen, doch wenn Du willſt, empfehle ich Dich einem der mir wohl noch gebliebenen Freunde— ich würde Dich gern bei mir behalten, doch weiß ich ſelbſt noch nicht, wie ſich meine nächſte Zukunft ge⸗ ſtaltet— keinesfalls aher ſo, daß ich von hier einen Diener mit mir nehmen kann.“ „Wir hoffen immer noch, dieſe— Sache werde wieder beige⸗ legt werden können.“ 3 8 150 Achtundvierzigſtes Kapitel. „Wir?“ fragte Rodenberg lächelnd—„lieber Joſeph, Du wirſt eine ſehr geringe Minderzahl haben; was Dich ſelbſt anbe⸗ langt, ſo bin ich von Deiner Theilnahme feſt überzeugt, und da ich das bin,“ ſetzte er mit weicher Stimme hinzu,„ſo erſuche ich Dich, Deine traurige Miene aufzuheitern und mir meine ruhige Ueberlegung zu laſſen— da kommt ohnehin Jemand,“ ſetzte er aufblickend hinzu,„der Dich leider in dem Geſchäfte, mich zu be⸗ dauern, ablöſen wird.“ „Iſt es denn wahr, Herr Rodenberg?“ „Ja, mein lieber Rafael, und eben ſo ſchnell wie das Unheil ſelbſt, ſcheint mir auch die Verbreitung deſſelben zu ſchreiten— wer hat Dir anvertraut, daß ich eine gefallene Größe bin?“ „Wer?“ ſagte der kleine Schriftſteller, die Hände zuſammen⸗ ſchlagend—„da iſt vor der Hand kein Name zu nennen: es ſaust in der Luft, die Steine erzählen davon und die Brunnen plätſchern die ganze Geſchichte!“ „Ich hätte nimmermehr gedacht, daß ich eine ſo wichtige Per⸗ ſon ſei, und bin ich jetzt ſehr begierig darauf, in einem Nekrologe, der mein Amt betrifft, meine Verdienſte kennen zu lernen— Du ſchüttelſt mit dem Kopfe, Du wirſt mich doch im Ernſte nicht für ſo eitel halten, an eine gute Nachrede zu glauben— wenigſtens vorläufig nicht— vielleicht ſpäter einmal, nach Jahren,“ ſetzte er hinzu, indem er mit über einander geſchlagenen Armen am Fenſter ſtehen blieb und hinausſchaute,„wenn die zahlloſen Bäume, die ich pflanzen ließ, luſtig heranwachſen, wenn das Waſſer, das ich her⸗ leiten half, angenehme Kühlung verbreitet, ſo ſagt vielleicht der Eine oder der Andere: ‚zer war doch keiner von den Schlimmſten!— Aber jetzt zu etwas Anderem,“ fuhr er, ſich entſchuldigend fort— „findeſt Du ebenfalls, daß ich bleich ausſehe?“ „Das iſt nicht zu läugnen, und es wundert mich auch nicht — ach, Herr Rodenberg!“ ſprach der kleine Mann, die Hände fal⸗ tend, mit einer ſehr wehmüthigen Miene. „Ach, mein lieber Rafael, weßhalb die ſo unmotivirte Trauer? Ich möchte hingehn wie das Abendroth. 151 Ich möchte Dich lieber heiter ſehen, da ich jetzt wieder im Begriffe bin, ganz der Kunſt anzugehören, und was unſere Zukunft anbe⸗ langt, ſo glaube ich wahrhaftig, ich habe ſchon an Dich gedacht: Deine kleine Geſtalt wenigſtens ſchwebte an meinem inneren Auge vorüber, und es war mir gerade zu Muthe, als gäben wir zuſam⸗ men ein illuſtrirtes Journal heraus.“ „Sie ſcherzen, wo ich weinen möchte!“ „Spare Deine Thränen für etwas Wichtigeres— auch ſcherze ich in der That nicht: denke Dir, wenn ich Deine kleinen, boshaften Artikel mit paſſenden oder unpaſſenden Randverzierungen verſähe — doch gehen wir vor der Hand auch darüber hinweg und beant⸗ worte mir die Frage, wie es Dir geht, das heißt, ob Deine nächſte Zukunft als geſichert zu betrachten iſt.“ „Ich habe einen guten Contract auf zwei Jahre— Alles, was ein armer Schriftſteller nur verlangen kann.“ „Einen Contract ſchwarz auf weiß, ohne Clauſel, ohne Hin⸗ terthür, ohne Wenn oder im Falle aber? Nimm Dich vor den Buchhändlern in Acht!— Alſo Du kannſt mir die Verſicherung geben, daß der Deinige nicht an einem ſchönen Tage Deinen Con⸗ tract auflöſen kann, weil vielleicht die Biene nicht mehr ſo viel Geld abwirft, als es ſeine Gefräßigkeit erwartet?“ Rafael ſchüttelte mit dem Kopfe—„ſeien Sie unbeſorgt,“ ſagte er alsdann,„mein Contract iſt feſt und bündig, vor der Hand fliegt die Biene noch hoch und ſicher, und daß ſie auch zu ſtechen im Stande iſt, ſollen Ihre Feinde bald erfahren!“ „Darin keine Uebereilung, mein lieber Rafael— kein frucht⸗ loſes Geplänkel mit dem Feinde, wo man ſeine Munition verſchießt, die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich lenkt, um am Ende doch kein Reſultat zu erzielen; nein, ruhig abgewartet, bis ſich der Feind Blößen genug gegeben hat, und dann einen ſicher treffenden, verheerenden Kartätſchenſchuß mit offenem Viſir— vor der Hand ſchweige mich todt: es iſt der beſte Dienſt, den Du mir zu leiſten vermagſt.“ 7 152 Achtundvierzigſtes Kapitel. „Und wenn man Sie angreift, was nicht ausbleiben wird?“ „Auch dann haue Dich nicht mit Ihnen herum— was würde es nützen, wenn die Biene den ſüßeſten Honig für mich verträufelte? Würden ſie nicht rufen: ‚das iſt ganz natürlich, daß der ſeinen Freund nicht im Stiche läßte— und mein Freund biſt Du und bleibſt Du, nicht wahr, mein lieber Rafael?“ „Bis in den Tod!“ rief der kleine Mann mit überſtrömendem Gefühle, indem er mit ſeinen beiden Händen Rodenberg's Rechte erfaßte und ſie herzlich drückte—„und da ich weiß, wie gut Sie es mit mir meinen, ſo will ich, wenn Sie es verlangen, meine beiden Jahre hier aushalten, dann aber ſuche ich Sie auf und werde Sie finden, wo Sie auch ſein mögen— ach, Herr Roden⸗ berg, es war damals auch ſchön!“ „Ja, Rafael, es war damals ſchön und ſchöner!“ „Als wir noch im Reichsapfel wohnten und ich Ihre Kleider und Pinſel putzte, als Herr Knorx noch da war und Herr Rüding!“ „Figaro's nicht zu vergeſſen,“ ſagte der Maler, mit einem trüben Lächeln vor ſich niederſtarrend. „Ach, unſere luſtige Zeit und unſere ſchönen Feſte, meine Rolle als Zwerg, als ich Ihnen das ſchöne Horn überbrachte!“ „Dort hängt es mit ſeiner Inſchrift: ‚Teme y esperae— ich habe gehofft und es iſt ſchlimmer gekommen, als ich gefürchtet! — Fürchten Sie meinen Dolch!“ rief Rodenberg plötzlich wild ausbrechend, wobei er ſeine Rechte ballte und ſeine Zähne zuſam⸗ menbiß—„da ſtehe ich nun, losgeriſſen von Allen und allein, nach einigen unnütz verlebten Jahren der Jugendzeit, ohne Freund⸗ ſchaft, ohne Liebe— allein— allein— o, das iſt ſehr traurig! „So— ſo,“ fuhr er nach einer ziemlich langen Pauſe fort, ſich mit der Hand langſam über das Geſicht fahrend,„auch der Anfall wäre vorüber, ein kleiner Gewitterſturm, der die Luft rei⸗ nigt; es iſt mir leichter, auch athme ich freier— komm, Rafael, ſetze dich nieder, ich werde Dir eine ganz vortreffliche Cigarre geben, vieleicht ſelbſt ein paar Züge verſuchen, denn es verjagt die Sorgen.“ Ich möchte hingehn wie das Abendroth. 153 Der kleine Schriftſteller, ohne der Weiſung Rodenberg's, ſich zu ſetzen, ſogleich Folge zu leiſten, wandte ſich raſch nach der ge⸗ öffneten Thür und warf einen fragenden Blick auf den Maler, denn im Vorzimmer vernahm man einen eilig ſich nähernden Tritt und das Rauſchen eines Damenkleides. „Beſuche auf Beſuche,“ ſagte Rodenberg lächelnd—„wie Un⸗ recht thue ich, wenn ich ſage, ich hätte keine Freunde mehr!“ „Soll ich Sie verlaſſen?“ „Im Gegentheil, ſetze Dich dorthin— Du weißt, wo die Cigarren ſind.“ Es rauſchte heran, es rauſchte herein, es blieb auf der Schwelle ſtehen in ſeiner ganzen üppigen Schönheit, dieſes Mal ſchwarz gekleidet, mit ſchwarzem Hute und ſchwarzem Schleier. „Ihr Anblick ſagt mir vollkommen, was in Ihrem Herzen vorgeht, ſchöne Leonie!“ rief Rodenberg der Sängerin in heiterem Tone entgegen—„aber wie unvorſichtig, ſich ſo zu zeigen, da man doch weiß, daß Ihnen kein naher Angehöriger geſtorben iſt!“ „Sie finden das unvorſichtig, Rodenberg— nun, Gott ſei Dank, daß Sie meine Abſicht verſtehen! O, könnte ich noch mehr für Sie thun, als aller Welt auf dieſe Art meine Theilnahme zeigen.“ „Und doch wäre es klüger, wenn Sie das nicht gethan haben würden!“ „Klüger vielleicht, aber feige: vor einer Stunde war ich bei meinem hohen Chef in himmelblauem Atlaß, von ihm erfuhr ich Ihre Entlaſſung— was konute ich Richtigeres thun, als nach Hauſe fahren, mich umzukleiden, um ſo, wie Sie mich da ſehen, in der Probe zu erſcheinen!“ „Das wird ein artiges Gerede werden— verzeihen Sie, daß ich Sie tadeln muß— Ihr Name iſt ſo ſchon ſchwarz genug an⸗ geſchrieben, Sie hätten dieſes Trauer⸗Anzuges nicht bedurft!“ „Ich weiß das und bin ſtolz darauf, und iſt es mir gleichviel, ob Sie mich tadeln— ich werde ſo, wie ich da bin, in die Probe gehen, ich werde den Capellmeiſter zur Verzweiflung bringen, indem 154 Achtundvierzigſtes Kapitel. ich alle Arien in Moll ſinge, dann werde ich mich auf der Pro⸗ menade ſehen laſſen, eine lebendige Anklage für Ihre Feinde, und mein Taſchentuch an die Augen drücken, ſo oft ich irgend einer der betreffenden Perſonen begegne— ach, Rodenberg, Sie hätten ſich nicht ſollen verabſchieden laſſen!“ rief Sie jetzt in einem wirk⸗ lich traurigen Tone—„ich ſage das durchaus nicht aus Selbſt⸗ ſucht, weil ich für meine Exiſtenz fürchte— früher habe ich im Geheimen intriguirt, jetzt werde ich einen offenen Krieg führen: ich werde heiſer werden, ſo oft ich ſingen ſoll, und recht laut ſingen, wo man wünſcht, daß ich ſtillſchweigen ſolle!“ „Dieſes Vergnügen, theure Leonie, wird von kurzer Dauer ſein!“ „Das iſt ja mein Beſtreben, und ich bin noch nicht recht mit mir im Reinen, mit welch' unerhörtem Eclat ich mich hier un⸗ möglich machen will, ob ich an einem allerhöchſten Geburtstage, wenn das Haus recht beſetzt iſt, vor meinem erſten Auftreten ohn⸗ mächtig werde, oder ob ich auf offener Scene dem Capellmeiſter eine ihm gebührende Grobheit mache, weil er mich unverſchämter Weiſe nie grüßt, ſo oft er mir begegnet— Eines davon thue ich, darauf können Sie ſich feſt verlaſſen!“ „Und glauben Sie mir irgendwie damit nützen zu können?“ „Nein, lieber Freund,“ gab ſie achſelzuckend zur Antwort,„ich fürchte faſt, es kann Ihnen von keinem Nutzen ſein; betrachten wir es als eine Grabſchrift, die ich Ihnen widme, wie einen Nach⸗ ruf, den ich Ihnen halte!“ „Ich danke für einen ſolchen Nachruf, liebe Leonie!“ „Aber ich kann einmal nicht anders,“ rief die Sängerin, ihre Hände ausbreitend,„ich muß einen kleinen Scandal machen, oder ich gehe zu Grunde, und Letzteres wäre mir bei meiner Jugend doch unangenehm! Aber einen Scandal ſo oder ſo wird's geben, und die Journale ſollen darüber reden, nicht wahr, das verſprechen auch Sie mir, Herr Rafael? Sie widmen mir in einem Artikel einige Variationen über das Thema, daß der Bogen endlich bricht, den man zu ſtark ſpannt!“ ———— ———— ————— Ich möchte hingehn wie das Abendroth. 155 Der kleine Schriftſteller verbeugte ſich lächelnd, und Roden⸗ berg ſagte in ruhigem Tone:„Seien Sie vernünftig, Leonie, warum ſich und mich bloßſtellen? Durch einen Scandal, von dem alles Unrecht auf Sie ſelbſt zurückfällt, werden Sie doch nichts ändern.“ Sie nickte heftig mit dem Kopfe, dann zog ſie auf eine er⸗ ſchreckende Art den Athem an ſich—„ich weiß das, aber es thut wohl, ich hätte mit Ihnen gar nicht darüber reden ſollen, beachten Sie nicht weiter, was ich geſagt, und ſeien Sie von meiner innigſten Theilnahme überzeugt— morgen werde ich Sie beſuchen, um Ihnen zu ſagen, welchen Eindruck mein Trauer⸗Anzug gemacht!“ „Ich kann Ihnen nur noch einmal wiederholen, theure Leonie, ſeien Sie vernünftig!“ „Gewiß, Jeder ſo gut er kann!“— Damit rauſchte ſie, ihr Taſchentuch vor den Augen, hinaus. „Das iſt auch eine von denen,“ ſagte Rodenberg, der jungen Sängerin nachblickend,„über welche würdige Mütter und tugend⸗ hafte, aber ältliche Honoratiorentöchter die Naſe rümpfen, junge Damen aus ſtillen Familien nur mit einem gewiſſen moraliſchen Schauder zu ſprechen vermögen und von der manche ihrer Colleginnen ſagt: ‚ich danke dir, Schickſal, daß ich nicht bin, wie ſie!’— Und doch iſt dieſes Mädchen eine große Künſtlerin und hat in einem Tropfen Blut ihres kleinen Fingers mehr Gefühl, mehr Wärme und Gemüth, ja, mehr Schicklichkeitsgefühl, als manche der eben Genannten, die einen offenen Blick, ein friſches Wort, einen herzlichen Gruß mit ihrer Tugend unvereinbar und nur das für erlaubt finden, was ſie in ſtiller Heimlichkeit zu thun vermögen.“ „Für ſolche Scheinheiligen wäre es eine dankbare Aufgabe, einen Tugendſpiegel zu ſchreiben, wie es einen Narrenſpiegel gibt, in welchem ſie, ſich beſchauend, ihre innerſten Gedanken in erſchrecken⸗ der Wahrheit ſähen.“ „Mit Iluuſtrationen— ich könnte Beiträge dazu liefern.“ „Ich könnte ein Feuilleton unter dem Namen„Tugendſpiegel⸗ 156 Achtundvierzigſtes Kapitel. beginnen und unſere Feinde ſanft ein wenig herkämmen, ohne ihren Namen auch nur zu nennen.“ „Es iſt noch zu früh: das Geiſtreichſte und Pikanteſte, was Du zu ſagen vermöchteſt, ginge im gegenwärtigen Augenblicke ſpur⸗ los ohne Nutzen verloren; laß den Himmel über uns wieder heiter werden und dann fahre gelegentlich mit einem Wetter drein— o, ſo ein Blitzſtrahl aus blauer Luft thut eine ganz abſonderliche Wirkung!— Laß mich aber jetzt allein, mein guter Rafael, ich muß anfangen, meine Papiere ein wenig nachzuſehen: ich habe da Schubladen voll Briefe und Schreiben aller Art, von denen ich vor meinem Weggehen nichts vergeſſen möchte; ich will ein Autodafé halten, bei dem ich nicht wie vor einiger Zeit unterbrochen zu werden hoffe.“ „Leider Gottes, daß Sie damals unterbrochen wurden!“ „Wie ſo?“ fragte Rodenberg, durch den eigenthümlichen Ton, mit dem ſein Freund dieſe Worte ſprach, aufmerlſam gemacht— „ich verbrannte, was ich konnte, und das Uebrige wird hoffentlich in guten Händen ſein!“ „O ja, in guten Händen— man ſpricht in der Stadt davon: in dieſen übrig gebliebenen Briefen und Papieren des hohen Ver⸗ ſtorbenen haben Leute geleſen und ſich über den Inhalt luſtig gemacht, welche bei Lebzeiten desſelben ſich nicht tief genug zu bücken ver⸗ mochten und glücklich geweſen wären, ſeine Schuhriemen löſen zu dürfen!“ „Ah, verflucht, das hätte ich doch nicht erwartet— deßhalb der allerhöchſte Zorn, daß ich gewagt, ein gegebenes Verſprechen zu erfüllen!— Kannſt Du mir irgend einen Namen nennen, an den ich mich vielleicht halten könnte?“ „Das kann ich ſo wenig wie ein Anderer— wer hat es geſagt oder wer wird eingeſtehen, daß er es geſagt? Es klingt durch die Luft deutlich und klar, es erſcheint, obgleich ſchattenhaft, aber mit erſchreckender Wahrheit! Viele wiſſen darum, Viele haben es gehört — ein Gerücht, wie ſo manches andere, das lautlos verſtummt, Ich möchte hingehn wie das Abendroth. 157 ſo wie man hinhorcht, deſſen Bilder in Dunſt verſchwinden, ſobald man ſie mit dem Blicke feſthalten will— daß man es dem Ver⸗ ſtorbenen ſo gemacht, iſt eben der Lauf der Welt!“ „Ja, die Fabel von dem Eſel und dem ſterbenden Löwen!“ Rodenberg reichte ſeinem kleinen Freunde die Hand, welche dieſer herzlich ſchüttelte und alsdann mit leiſen Schritten das Zimmer verließ. Der Maler ging noch einige Male in dem Gemache auf und ab, und man hätte aus ſeinen Geſichtszügen, die ſich jetzt ſeltſam änderten, leſen können, wie ſehr er litt; doch war dieſes Leiden mehr körperlicher Art: er drlückte zuweilen die Lippen feſt auf einander, wie um einen Schmerz zu bekämpfen, dann athmete er tief auf und fuhr auch zuweilen mit der Hand über ſeine Stirn, die jetzt brennend heiß war, was er mit Erſtaunen zu bemerken ſchien, und dann, in den Spiegel blickend, ſah er, wie eine fieber⸗ hafte Röthe ſeine noch vor Kurzem ſo bleichen Geſichtszüge überflog; auch hatte er ein Gefühl von Müdigkeit, ſo wie ein eigenthümliches Ziehen in den Gliedern, ſo daß er kopfſchüttelnd zu ſich ſelber ſagte: was ſoll das Alles ſein? Iſt das Rückwirkung der geiſtigen Erregt⸗ heit und vorübergehend, oder droht mir ſonſt irgend etwas? Wer wird gleich an das Schlimmſte denken!—„Pah,“ ſtieß er nach einer Pauſe mühſam zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen her⸗ vor,„wenn es in ihrer Macht läge, auch auf ſolche Art über mich zu verfügen, ſo könnte ich mich für beſorgt und aufgehoben betrachten — jetzt zu unſeren Geſchäften!“ Er öffnete ſeinen Schreibtiſch, er zog Schublade um Schublade heraus und mußte lächeln, als er dieſen Wuſt von Papieren ſah. War es ihm doch faſt ergangen, wie dem Erzbiſchofe von Cambrai, Groß⸗Almoſenier Ludwig's des Vierzehnten, der Briefe und Acten in den weiten Taſchen unzähliger Beinkleider verwahrte, welche, ſyſtematiſch geordnet, eines der eigenthümlichſten Archive bildeten, während Rodenberg wenigſtens für jeden Jahrgang eine beſtimmte Hackländer's Werke. 56. B d 11 — ſſſ“ —— 1588 Achtundvierzigſtes Kapitel. Schublade hatte, in welcher indeſſen Alles bunt genug durch einander lag; doch handelte es ſich hier allerdings nur um Privatpapiere, während dort der Ehevertrag des Königs von Frankreich erſt nach langem Suchen in den Beinkleidern Seiner Eminenz, Litera H. Nummer ſechszehn, gefunden wurde. An dieſe Geſchichte dachte Rodenberg, als er mit dem Ordnen ſeiner Papiere begann, und ſie heiterte ein wenig ſeine düſtere Gemüthsart auf. Ein Schlag auf die Glocke, die vor ihm ſtand, rief den Diener herbei, welchem er den gemeſſenen Befehl gab, Niemanden, es möge ſein, wer es wolle, zu ihm herein zu laſſen—„ich verlaſſe mich darin auf Deine Anhänglichkeit wie auf Deine Klugheit in einer anderen Sache: es könnte nämlich heute oder morgen früh ein Schreiben des Miniſters des Hauſes kommen, welches ich unter keiner Bedingung zu erhalten wünſche und das mir nicht vor Augen kommen darf, damit ich ſagen kann, ich hätte es nicht geſehen— haſt Du mich verſtanden, Joſeph?“ „Gewiß, Herr von Rodenberg— ſollte dieſes Schreiben kommen, ſo werde ich es ſo einzurichten ſuchen, daß es der Betreffende wieder mitnimmt, indem ich ihm ſage, Sie ſeien ausgegangen und hätten wahrſcheinlich auf ein paar Tage die Stadt verlaſſen.“ „Laß mich überlegen, ob es beſſer iſt, wenn der betreffende Brief wieder zurückgenommen wird— nein, nein, es iſt beſſer, wenn er in Deinen Händen bleibt, doch ſagſt Du dem Beſteller ausdrücklich, Du nähmſt ihn ohne alle Verantwortung und könnteſt durchaus nicht dafür ſtehen, daß dieſes Schreiben heute oder morgen in meine Hände käme— Du verſtehſt mich?“ „Gewiß, Herr von Rodenberg.“ „Mit dem Briefe kannſt Du alsdann anfangen, was Du willſt; am beſten iſt es, wenn Du ihn verlierſt, ſo daß weder Du noch irgend Jemand ihn wiederfindet— kann ich mich auf Dich verlaſſen?“ Ich möchte hingehn wie das Abendroth. 159 „Wie immer, gnädiger Herr.“ „So laß mich allein und ungeſtört.“ „Soll ich nicht etwas zu eſſen für Sie holen?“ „Nein, ich danke— ich habe nicht den geringſten Hunger; doch gib mir Zuckerwaſſer, ich fühle einen eigenthümlichen, brennen⸗ den Durſt.“ Darauf fing er an, ſeine Papiere zu ordnen, das heißt, er nahm die Schreiben eines nach dem anderen hervor, ſah nach Unter⸗ ſchrift und Datum und warf die meiſten neben ſich auf den Boden; nur wenige wurden in ein leeres Käſtchen gelegt, welches offen neben ihm ſtand. So verging Stunde um Stunde, und ſchon einige Male war der Papierhaufen zu einer ſolchen Höhe angewachſen, daß er ſeinen Bedienten hereingerufen hatte und die Briefe im Kamine ver⸗ brennen ließ. Dann war es dunkel geworden: Joſeph hatte Lichter gebracht und ſich jetzt die Frage erlaubt, ob er etwas zum Nachteſſen bringen ſolle, worauf Rodenberg auch dieſes Mal wieder friſches Zuckerwaſſer verlangte und dann in ſeinem Vernichtungsgeſchäfte fortfuhr. Endlich kam der Bediente ungerufen wieder herein, und da er ſich ziemlich auffallend in der Nähe des Schreibtiſches umhertrieb, ſo blickte der Maler, verdrießlich über dieſe Störung, in die Höhe, worauf jener mit leiſer Stimme ſagte:„Es iſt bereits eilf Uhr, Herr von Rodenberg.“ „So geh' zu Bette!“ „Sie haben mir nichts mehr zu befehlen und werden die Lichter ſelbſt auslöſchen?“ „Sohbald ich fertig bin!“ Hierauf nahm er wieder Papiere und Briefe in die Hand, durchflog zuweilen raſch den Inhalt eines derſelben und lächelte trübe oder er blickte auch wohl eine Zeit lang gedankenvoll in den Schein der Kerze, ehe er es zu den übrigen warf. Endlich überkam ihn der Schlaf oder vielmehr eine fieberhafte 160 Achtundvierzigſtes Kapitel. Abſpannung, der er nur gewaltſam zu widerſtehen vermochte; dabei begann ihn ſein Kopf zu ſchmerzen und ſeine Pulſe flogen raſch und heftig; auch waren ſeine beiden Kerzen herabgebrannt, denn es war zwei Uhr in der Nacht geworden. Er begab ſich beinahe ſchwankend in ſein Bett, und als er ſich in demſelben behaglich ausgeſtreckt hatte und mit einem unbeſchreib⸗ lichen Gefühle von Müdigkeit und ſehnſüchtig den Schlaf erwartete, wollte dieſer in erquickender Form nicht kommen, ſondern Rodenberg hatte während eines unruhigen Schlummers das Gefühl, als ruhe er auf einem ſchwankenden Nachen und als ſitze Jemand neben ihm, der, den Mund an ſein Ohr gelegt, ihm die Ereigniſſe des ver⸗ gangenen Tages mit einer ermüdenden Eintönigkeit ohne jede Unter⸗ brechung wiederholte. Hundert Mal fuhr er empor und entſchlum⸗ merte gleich darauf in der Hoffnung, dem unſichtbaren, nervenauf⸗ regenden Quälgeiſte zu entgehen— vergeblich; das Phantom fing augenblicklich wieder an faſt mit denſelben Worten, mit dem gleichen, entſetzlichen, einförmigen Tonfalle. So kam der Tag: die Bäume vor ſeinem offenen Fenſter rauſchten im Morgenwinde, und zuweilen ſtahl ſich ein erquickender Hauch in das heiße Schlafzimmer; die Vögel begannen leiſe zu zwitſchern, und erſt bei dieſen Anzeichen des erwachenden Lebens entfloh der Kobold, der Rodenberg's Schlaf beunruhigt. Als er endlich erwachte, wenig erfriſcht und ausgeruht, blitzte die Sonne durch die Spalten der Fenſterläden, welche Joſeph, leiſe hereinſchleichend, während des feſteren Frühſchlummers ſeines Herrn geſchloſſen hatte. Er brauchte einige Augenblicke, um ſich die Ereig⸗ niſſe des geſtrigen Tages wieder klar zu machen, wobei ihm die Papiere zu Hülfe kamen, welche er durch die geöffnete Thür in ſeinem Schreibzimmer neben dem Kamine liegen ſah. Draußen brannte die Sonne heiß vom wolkenloſen Himmel: es war ein ſchwüler Tag, ſo recht geeignet dazu, um bei zugemachten Fenſterläden zu Hauſe zu bleiben, was Rodenberg denn auch that, und mit jedem Papiere, das er ordnete oder zerriß, mit jedem Ich möchte hingehn wie das Abendroth. 161 Briefe, den er vernichtete, ein weiteres Band löste, das ihn mit der Gegenwart verknüpfte. 6 „Bald werde ich frei ſein,“ ſprach er aufathmend zu ſich ſelber, „ich werde dieſe ſchattenloſe, ſtaubige Stadt verlaſſen, um, aller Feſſeln ledig, meines Weges zu ziehen— durch duftige, kühle Wälder, an murmelnden Bächen vorbei!“ Es war begreiflich, daß gerade heute bei dem raſchen Klopfen ſeiner Pulſe, bei ſeiner brennenden Stirn der Gedanke an ſchattige, kühle Wälder, an friſche, murmelnde Quellwaſſer ſo etwas unendlich Tröſtendes und Erquickendes für ihn hatte. IL. „Merkſt Du der Liebe Flügelſchlag?“ Der Miniſter des Hauſes war ein geiſtreicher Herr, ein be⸗ deutender Beamter und wäre auch ein großer Staatsmann geworden, wenn er, anſtatt das Schiffchen eines kleinen Herzogthums zu leiten, das Glück gehabt hätte, das Ruder eines großen Staatsſchiffes zu führen: er war nicht nur ein kenntnißreicher, ſondern auch ein liebenswürdiger Mann, der die Wiſſfenſchaft ſchätzte, Kunſt und Künſtler liebte und, obgleich Freiherr aus einem ſehr alten Hauſe, doch ſo wenig von Standesvorurtheilen geblendet, daß er ſich in den meiſten Fällen lieber mit einem geſcheiten Künſtler oder Schrift⸗ ſteller, als mit einem beſchränkten Standesgenoſſen unterhielt. Er hatte Rodenberg beſtändig auf das Freundlichſte behandelt, er hatte nie vergeſſen, demſelben Einladungen nicht nur zu größeren, ſondern auch zu kleineren Geſellſchaften zu ſenden— ſo lange der junge Mann beim Fürſten in Gunſt ſtand, und wenn dem Miniſter natürlicher Weiſe die jetzige zweifelhafte Stellung deſſelben nicht unbekannt war, ſo hatte man doch ſchon einige Male erlebt, daß Günſtlinge Seiner Königlichen Hoheit aus ſehr ſtarkem Schwanken wieder das vollkommenſte Gleichgewicht erlangt hatten. Auch war die Einladung durch den Secretär Seiner Excellenz nach der gewöhn⸗ lichen Liſte angefertigt worden, und als nun plötzlich die Entlaſſung Rodenberg's zur unbezweifelten Thatſache ward, ſo wurde der kleine Merkſt Du der Liebe Flügelſchlag? 163 Beamte von ſeinem Chef ziemlich hart angelaſſen, daß er nicht in dieſem ganz ſpeciellen Falle beſondere Inſtructionen eingeholt hätte. Denn der Miniſter hatte neben all' ſeinen glänzenden Eigen⸗ ſchaften nach einer gewiſſen Richtung hin doch einen Mangel an bürgerlichem Muthe und mochte ſich ſogar nicht einmal in Gedanken in die fürchterliche Lage hineinverſetzen, daß der in Ungnade gefallene Rodenberg vielleicht die Luft deſſelben Salons athme, in welchem die allerhöchſten Herrſchaften ihren wunderbaren Lüſtre und fabel⸗ haften Dunſtkreis verbreiteten. Die in Rede ſtehende Soirée war nämlich eine ſehr große, und zu Ehren eines die Vermählung des Fürſten betreffenden, vom benachbarten Hofe angekommenen außerordentlichen Botſchafters ver⸗ anſtaltet, bei welcher der allerhöchſte Hof weder fehlen konnte, noch durfte, noch würde. Seine Excellenz war deßhalb außerordentlich ungnädig, daß der arme Secretär ſo ohne Weiteres die Befehle ſeines Gebieters vollzogen, und erſuchte ihn mit einer ausnehmenden Höflichkeit, welche aber oft ſchärfer zu wirken pflegt, als der ſtrengſte Befehl, ein ſehr diplomatiſches Schreiben an Rodenberg zu ent⸗ werfen, worin dieſem ſo fein als möglich geſagt werde, daß er, der Secretär, ſich einer falſchen Liſte bedient, oder etwas ähnliches Un⸗ glaubliches, wenn es nur den Schein der Wahrſcheinlichkeit für ſich haben konnte. Dieſer Brief war geſchrieben und an ſeine Adreſſe befördert worden; doch erging es dem unglücklichen Schreiben, wie wir im vorigen Kapitel angedeutet: der Bediente Rodenberg's hatte es übernommen, aber ohne alle Verantwortlichkeit, daß es heute oder morgen in die Hände ſeines Herrn gelangen werde, denn dieſer habe für ein paar Tage die Stadt verlaſſen und man wiſſe nicht, ob er morgen zurückkommen werde. Seine Excellenz hatte ſich durch dieſe Meldung, welche ihm der Secretär augenblicklich hinterbracht, einiger Maßen beruhigt gefühlt und ſprach zu ſich ſelber:„Rodenberg iſt trotz alledem ein Mann, der zu leben verſteht, und zu geſcheit, um eine ſolche ganz koloſſale 164 Neunundvierzigſtes Kapitel. Taktloſigkeit zu begehen— denn es wäre Üüber alle Beſchreibung.— Stellen Sie ſich dieſe Scene vor,“ ſprach er zu ſeinem Secretär, „die Frau Fürſtin⸗Mutter im rothen Salon ſitzend und Rodenberg am Eingange erſcheinend— ich bitte Sie um Alles in der Welt, ſtellen Sie ſich das vor!“ Und der Secretär ſtellte ſich das pflichtſchuldigſt vor, ſo gut er konnte, und ſchauderte vom Wirbel bis zur Zehe. Als er dieſen Schauder ſo weit bemeiſtert, daß er wieder reden konnte, fragte er mit einer Grabesſtimme:„Und wenn ſich etwas ſo Fürchterliches wirklich zutrüge, ſollte für dieſen Fall Euer Excellenz Dienerſchaft nicht unſtruirt werden?“ „Um Gottes willen nicht, mein Lieber, das würde den Scandal nur noch vergrößern! Alles, was Sie thun können, iſt, daß Sie ſich im Vorzimmer aufhalten und mich in dem betreffenden, aber nicht denkbaren Falle ſogleich rufen laſſen.“ Darauf trennten ſich Herr und Diener, wobei der Erſtere ſeuf⸗ zend ſagte:„Und bei Allem dem beneidet man uns und will nicht die Klippen bemerken, die uns von allen Seiten entgegen ſtarren und durch welche unſer Privatſchiffchen glücklich durchzurudern gewiß keine kleine Aufgabe iſt!“ Der Tag ging vorüber, an dem die geängſtigte Excellenz einen kleinen Balſam darin gefunden hatte, daß ſie auf einem Nachmit⸗ tagsſpazirgange dem Fürſten begegnet war, der ſie auf die huld⸗ reichſte Art mitten in der Straße vor allen Vorübergehenden an⸗ ſprach und dabei die außerordentliche Gnade hatte, zu verſichern, man freue ſich ſehr auf die heutige Soirée, für deren Veranlaſſung man dem Haus⸗ und Staats⸗Miniſter noch ganz beſonders zu Dank verpflichtet ſei. Der Abend kam und mit ihm die Gäſte; zuerſt das kleine Federvieh zu Fuß und in ein⸗ und zweiſpännigen Droſchken: Salon⸗ futter, Tapetenmaterial, anſtrebende junge Leute, kleine Beamte, Departements⸗Angehörige aller Art, von denen viele ſchon dem impoſanten Portier am Einfahrtsthore die erſte Verbeugung machen ——ꝛ—ꝛ—ꝛ— Merkſt Du der Liebe Flügelſchlag? 165 und ſich ſo fort verbeugend und tief nickend die Treppen hinauf⸗ ſchlängeln durch die Schaar der Lakaien bis an das Veſtibule oben an der Treppe, wo ſich der Kammerdiener Seiner Excellenz befindet, mit dem ſie in ihrer Herzensangſt ein Geſpräch anzuknüpfen ſuchen, worauf ſich aber dieſer kleine Großwürdenträger nicht einlaſſen kann, da er offenbar Wichtigeres zu thun hat. Hier in dieſem Veſtibule zögern die einzeln und ſehr früh Gekommenen mit einer unverkennbaren Abſichtlichkeit, betrachten ihr wohlfriſirtes Haar in einem zwiſchen Blumen aufgeſtellten Spiegel, beſichtigen ihre Handſchuhe, ziehen Weſte und Frack in die Hüfte und warten ſo, bis nach und nach ein Dutzend zuſammengekommen iſt, welche alsdann in dieſer anſehnlichen Maſſe das erſte Vorzimme forciren, um ſich hier nach einer aus beſcheidener Entfernung dem Secretär Seiner Excellenz dargebrachten tiefen Verbeugung augen⸗ blicklich an die Wände und in die Ecken zu verlieren und ſich ſo unſcheinbar und unſichtbar als möglich zu machen, zu welchem Zwecke eine tiefe Fenſterniſche, ein hervorſpringender Ofen, eine breite Gi⸗ randole und dergleichen ſehr geſuchte Gegenſtände ſind. Im Uebrigen iſt eine ſolche verſteckte Ecke des Vorzimmers ein ſehr intereſſanter Platz: man ſieht nach und nach die Gäſte kommen, und hier außen meiſtens noch in ihrer ganzen Natürlichkeit — ein im Wagen angefangenes Geſpräch fortſetzend, eine witzige Bemerkung vollendend, einen freundlichen Gruß oder gar einen ſtillen Händedruck erwiedernd; Bewegungen und Geberden ſind hier noch ungekünſtelt und ohne Heuchelei, und es iſt ergötzlich anzuſehen, wie ſie jetzt mit Einem Male anfangen, ſteifer und förmlicher zu werden, mit einer faſt erſchreckenden Steigerung bis in den rothen Salon, wo nur noch ein officielles Lächeln erlaubt iſt, wo die Damen beim tiefen Complimente mit Eclat rückwärts rauſchen, ſich faſt auf den Boden niederſetzen, und wo die Figuren der Herren mit den tief herabgeſenkten Stirnen faſt einen rechten Winkel bilden. Dabei fängt es an, warm und wärmer zu werden, und in allen Sälen herrſcht eine ſo ſchwere, dunſtige Atmoſphäre vor, daß 166 Neunundvierzigſtes Kapitel. die Kerzen trübe brennen und ſich manche alte Excellenz heimlich den Schweiß von der Stirn wiſcht: man ſteht ſo dicht auf einander und drängt ſich ſo eng um einander herum, daß eine förmliche Unverſchämtheit dazu gehört, ſich von den aufwartenden Dienern 3 eine Taſſe Thee geben zu laſſen, oder den Verſuch zu machen, das* andere Ende des Salons zu erreichen, und dort mit einem Bekannten zu plaudern. Und doch hört man rings umher nur Ausrufe, wie: „ 7 ‚Quelle soirée charmante!’— ‚Délicieuse!— ‚Welch wunder⸗ bares Appartement!’— ‚Ja, aber räuberhaft heiß:— ‚und welch „ reizende Toiletten⸗— ‚haben Sie die Robe der Baronin Harden⸗ 4 berg bemerkt?— ‚Ravissante!’— ‚Ja, krokodilenhaft:— ‚und „ die Gräfin Blendheim ſo einfach wie nie— ‚ſie hat alle Urſache dazu, die arme Gräfin, denn ihre ſchönen Tage ſind nun vorüber.“ o So ſchwirrt es durch einander und plaudert und lächelt, freut ſich und ärgert ſich, und dazu duftet S-Bouquet und Jockey-Glub, Violettes de Nice, New-month-hay nebſt anderen Gerüchen, die nicht gut zu claſſificiren. 3 Und welche Maſſe von Orden und Sternen blitzen hier von den Uniformen und Fräcken, Kleinkreuze, Commandeur⸗ und Groß⸗ kreuze, Bänder in allen Farben, angeſtaunt und beneidet von den Aermſten, deren Knopflöcher noch leer ſind und die ſich höchſtens aus Coquetterie eine kleine Roſenknospe einzuſtecken wagen— welche unſägliche Menge von Verdienſt— glückliches, beneidenswerthes Land! Je mehr man ſich denen nähert, die auf der Höhe des Lebens wandeln, um ſo dichter wird das Gedränge, um ſo heißer die Luft, um ſo geringer das Wohlbehagen, um ſo größer die Ehre; in einem Kreiſe, ſo weit es nur eben möglich iſt, ſtehen die Glücklichen dicht geſchaart, die es wagen dürfen, ſich hier ohne Scheu ſehen zu laſſen, Alle klopfenden Herzens, Alle in ängſtlicher Erwartung, er⸗ füllt mit Furcht, daß ſie mit Blick oder Wort übergangen werden könnten, beſeelt von Neid gegen die Nachbarn, denen ſchon von fern ein gnädiger Gruß zu Theil geworden. Wie charmant und liebenswürdig die Herrſchaften heute ſind— 4 Merkſt Du der Liebe Flügelſchlag? 167 wie genau bekannt mit allen Verhältniſſen, wie treffend in ihren Fragen, wie geiſtreich in ihren Bemerkungen: beſonders Seine Königliche Hoheit iſt heute förmlich bezaubernd und ſpricht mit Jedermann, der in ſeine Nähe kommt und dem er unmöglich ent⸗ gehen kann; er erinnert ſich des Herrn von Mayer und des Herrn von Schültz, er weiß, daß Beide vortreffliche Väter hatten und daß ſie ſich ſelbſt um das Wohl des Staates ſehr verdient machen; er ſagt dem Herrn von Pertzel, daß er von deſſen ſchönen Gemälden gehört, und dem Herrn von Stertzel, daß er hoffe, deſſen braune Stute werde beim nächſten Rennen den Preis davontragen; er erinnert ſich, den Herrn Baum in Baden und den Herrn Strauch anderswo geſehen zu haben— freilich paſſirt es ihm dabei, die Herren von Goldlack und von Roſenholz mit einander zu verwech⸗ ſeln, doch hat das nicht viel zu bedeuten, da Beide gleich lang⸗ weilige und gleich zudringliche Kerle ſind. Endlich reicht die Frau Fürſtin⸗Mutter der glücklichen Excel⸗ lenz, dem Herrn des Hauſes, der neben ihr ſteht, den Arm und läßt ſich von ihm in den großen Saal führen, der, da heute nicht getanzt wird, zu einem Blumengarten umgewandelt und mit zahl⸗ reichen Spieltiſchen beſetzt iſt— ihr folgt der Fürſt, glücklich, end⸗ lich von dem langweiligen Cercle befreit zu ſein, mit einem höchſt gnädigen Rundcomplimente, und ſowie er den Rücken gewandt, löst ſich der Kreis auf, Fächer wedeln, man lächelt, man plaudert; die Damen verſuchen es, ungeſehen ihre zuſammengedrückten Schleppen hinten ein wenig aufzuſchütteln, die Herren betrachten ihre zu⸗ ſammengequetſchten Hüte, und wenn auch die Meiſten darüber einig ſind, die allerhöchſten Herrſchaften noch nie ſo gnädig geſehen zu haben, ſo gibt es doch auch Andere, welche ſich achſelzuckend in eine Fenſterniſche zurückziehen und es unbegreiflich finden, daß man nicht mit ihnen geſprochen, ja, daß man ſie nicht einmal bemerkt habe. Die Vorzimmer haben ſich indeſſen ſchon ein wenig entleert; viele der kleinen Beamten in ihren altmodiſchen Fracks und den ſteifen, hohen Halsbinden, die nun beinahe ſchon zwei Stunden an ee,* 168 Neunundvierzigſtes Kapitel. den Wänden geſtanden, Alles mit einer gewiſſen Freundlichkeit ſtarr anlächelnd, was an ihnen vorüberging und rauſchte, dazwiſchen zu⸗ weilen wie auf Commando tiefe Complimente machend, aus Ueber⸗ müdung dem Zuſammenknicken nahe, haben ſich langſam davon ge⸗ ſchlichen, um ſich in einem ſtillen Wirthshäuschen für die ausge⸗ ſtandene Ehre zu erholen. Und der Secretär Seiner Excellenz, der ſchon ſeit Beginn der Soirée mit einer krampfhaften Aufmerkſam⸗ keit nach dem Veſtibule geſchaut, fängt an, freier aufzuathmen und ſpricht zu ſich ſelbſt:„Gott ſei Dank, das wäre glücklich vorüber⸗ gegangen!“ Ja, er fühlt ſich jetzt ſo ſicher, daß er ſich ins Neben⸗ zimmer begibt und dort eine Taſſe Thee mit ſehr viel Backwerk zu ſich nimmt; alsdann liegt es in ſeiner Abſicht, ſich in den großen Saal zu begeben, um von Weitem den Blick ſeines Herrn zu er⸗ haſchen und ihm durch ein Zeichen bemerklich zu machen, daß alle Gefahr jetzt vorüber iſt; war er doch überzeugt, daß Seine Excel⸗ lenz ſich in eben ſo peinlicher Aufregung befände, als er ſelbſt, ja, in noch peinlicherer; denn der Herr Miniſter war zur Whiſtpartie der Frau Fürſtin⸗Mutter befohlen worden mit dem franzöſiſchen Ge⸗ ſandten und dem außerordentlichen Botſchafter des benachbarten Hofes — er war alſo gefeſſelt, hätte das Schrecklichſte über ſich ergehen laſſen müſſen und wäre nicht im Stande geweſen, den gefürchteten Gaſt durch ein freundliches Wort wenigſtens vom großen Saale fern zu halten. Und hier war Alles Luſt und Freude, Harmonie und unend⸗ liche Glückſeligkeit; dieſes weite, hohe Gemach war mit einer außer⸗ ordentlichen Geſchicklichkeit durch lebende Pflanzen in kleine Partieen abgetheilt, wo man ſich ungeſehen und ungehört hier angenehmem Geplauder hingeben konnte, während dort junge Damen mit unter⸗ nehmenden Officieren ſich mit jeu d'esprit beluſtigten und dabei doch Alle das Glück hatten, ſich mit den höchſten Herrſchaften in gleichem Raume zu befinden und dieſelbe Luft athmen zu dürfen. Die Frau Fürſtin⸗Mutter war eine ausgezeichnete Whiſtſpie⸗ lerin und bekam nebenbei gewöhnlich die beſten Karten: ſie hatte ———, Merkſt Du der Liebe Flügelſchlag? 169 ſoeben mit einer triumphirenden Miene die letzten ſechs Blätter aus ihrer Hand auf den Tiſch hingelegt, da ſie überzeugt war, die Gegner würden nicht im Stande ſein, ihr noch einen Stich davon ſtreitig zu machen. Sie nahm es durchaus nicht ungnädig auf, daß ein paar zuſchauende ältere Herren und Damen einander, aber mit ſehr deutlicher Stimme, zuflüſterten:„Wie wunderbar Ihre Königliche Hoheit dieſes ſchwierige Spiel geleitet haben!“ Sie lächelte ihrem Partner, dem Miniſter des Hauſes, freundlich zu, und Seine Excellenz war eben im Begriffe, dieſes gnädige Lächeln mit einem unverkennbar glücklichen Blicke einzukaſſiren, als er mit Schrecken bemerkte, wie der Blick der hohen Dame plötzlich einen ganz anderen Ausdruck, einen Ausdruck der Gehäſſigkeit, ja, des Zornes annahm. Freilich verſchwand dieſer Ausdruck wie ein Blitz wieder, um derſelben wohlwollenden Miene wie ſo eben Platz zu machen; doch fuhr es ihm brennend heiß durch den ganzen Körper und er hätte viel darum gegeben, wenn er ſich hätte umſchauen dürfen; aber es war an ihm, die Karten für das neue Spiel zu vertheilen, und wir können nicht verſchweigen, er miſchte mit zit⸗ ternden Fingern, ja, er hatte ſogar das Unglück, zu vergeben und nochmals von vorn anfangen zu müſſen, wobei ihm der Angſt⸗ ſchweiß auf die Stirn trat, denn die Frau Fürſtin⸗Mutter huſtete leicht hinter dem vorgehaltenen Fächer, ſie warf einen eigenthüm⸗ lichen Blick auf ihre Ober⸗Hofmarſchallin, welche neben dem preußi⸗ ſchen Geſandten ſtand, und die unglückliche Excellenz glaubte ſogar bemerkt zu haben, daß ſie leicht mit den Achſeln gezuckt. Endlich waren die Karten gegeben, und der Miniſter des Hauſes hatte, wie man zu ſagen pflegt, ein ganz niederträchtiges Papier erhalten— auch das noch! Wenigſtens war es ihm jetzt vergönnt, während ſein Nachbar mit einem Lächeln der Entſchuldigung gegen die Frau Fürſtin⸗Mutter duatre d'hommeur von oben herab ausſpielte, ein wenig auf die Seite zu ſchauen. 3 Gerechter Gott— was er geahnt, war geſchehen— hinter — 170 Neunundvierzigſtes Kapitel. ihm, faſt in der Mitte des großen Saales, den allerhöchſten Augen ſichtbar, ſtand Rodenberg, und nicht einmal allein ſtand der in Un⸗ gnade Gefallene da, neben ihm befand ſich Lord Warren, vor ihm ſtand der alte General von Möllendorf, ihm ſogar die Hand reichend, und jetzt trat ſogar noch der engliſche Geſandte dazu, und die Vier plauderten mit einander, als ob ſich das ganz von ſelbſt verſtände. Dazu blickte die Frau Fürſtin⸗Mutter ziemlich ernſt in ihre Karten, dazu häuften ſich die Tricks der Gegenpartei, dazu hatte er das furchtbare Unglück, an einem Schlemm ſchuld zu ſein, in⸗ dem er ſeine einzige hohe Karte, den Piquebuben, ganz unnöthiger Weiſe auf einen ſchon verlorenen Stich geworfen hatte. Alſo groß Schlemm in jeder Beziehung! Ihre Hoheit entfalteten etwas geräuſchvoll den Fächer und rückten ihren Stuhl ein wenig vom Tiſche ab, zum Zeichen, daß die Whiſtpartie für heute beendigt ſei. Alle erhoben ſich, und während der Ober⸗Hofmarſchall mit einem ſehr ernſten Geſichts⸗ ausdrucke herbeikam, um die Rechnung für die hohe Dame zu bereinigen, trat dieſe nach einer leichten Verbeugung zurück, den außerordentlichen Botſchafter des benacharten Hofes zu ſich heran⸗ winkend, um mit dieſem und ihrer Ober⸗Hofmarſchallin hinter einer der künſtlichen Laub⸗ und Blumenwände zu verſchwinden. Der Herr des Hauſes ſtand einen Augenblick rathlos, ja, trotz ſeiner großen Sicherheit und ſeinem ausgezeichneten Takte war er ſchon im Begriffe, das Unklügſte zu thun, was er hätte thun können, ſich nämlich mit einer pikanten Redensart an Rodenberg zu wenden, als er ſich eines Beſſeren beſann und nun gerades Weges auf den Fürſten zutrat, welcher, neben der Baronin Harden⸗ berg ſitzend, den jungen Maler ebenfalls bemerkt hatte und ihn, wenn auch nicht gerade erzürnt, doch mit einiger Verwunderung anblickte. Auch war Seine Königliche Hoheit gutmüthig genug, dem herantretenden Miniſter, in deſſen Geſicht Schrecken und Be⸗ ſtürzung deutlich zu leſen waren, freundlich entgegen zu treten und Merkſt Du der Liebe Flügelſchlag? die Geſchichte von der widerrufenen Einladung mit ziemlich gläu⸗ biger Miene anzuhören. „Wenn Herr Rodenberg die Stirn hat,“ ſagte er hierauf, indem ein unverkennbarer Schatten über ſeine Züge flog,„ſich hier zu zeigen, wozu er ja als Eingeladener berechtigt iſt, ſo kann ich nichts dawider einwenden.“ Damit wandte er ſich um und ließ Seine Excellenz ſtehen. „Wozu er ja als Eingeladener berechtigt iſt, hatte Seine Kö⸗ nigliche Hoheit geſagt und in einem Tone— o, in einem Tone, welcher noch vieles Andere hinzuſetzte! Jetzt trat auch obendrein noch Rodenberg auf den Miniſter zu, verbeugte ſich und ſagte mit ſeiner tiefen, ruhigen Stimme: „Ich konnte mich nicht entſchließen, Euer Excellenz freundliche Ein⸗ ladung abzulehnen und in einem Hauſe zu fehlen, welches nach Euer Excellenz Verſicherung ſtets ſo gütig war, auch nebenbei den Künſtler in mir zu ehren, und in dieſer Eigenſchaft,“ ſetzte er mit kaum bemerkbarem Lächeln hinzu,„habe ich mir denn auch erlaubt, zu erſcheinen.“ Es war dem Herrn des Hauſes nicht möglich, hierauf etwas Verſtändliches zu erwiedern, denn die Worte quollen ihm ſo im Munde, daß er fürchten mußte, an ihnen zu erſticken; er begnügte ſich deßhalb mit einer leichten Neigung des Kopfes und einer be⸗ zeichnenden Handbewegung, worauf er ſich umwandte und davon ſchoß, um eine ihm ſehr befreundete Hofdame der Frau Fürſtin⸗ Mutter aufzuſuchen— eine geiſtreiche Hofdame, welche vor der feinſten Filigran⸗Arbeit im Fache der Intriguen nicht zurückſchrack und die auch Einfluß genug beſaß, um den armen Miniſter aller⸗ höchſten Ortes als ein bedauernswerthes Opfer darzuſtellen, welches in Folge eines unerhörten Gewebes von Lug, Trug und Ränken, ſo wie einer ganz unglaublichen Frechheit in eine ihm liſtig ge⸗ ſtellte Falle gegangen war. Arme Excellenz!— er machte in der That ein Geſicht, als wenn er ein Fuchseiſen am Fuße hätte. 172 Neunundvierzigſtes Kapitel. Rodenberg war unterdeſſen ſo unbefangen, als es ihm mög⸗ lich war, in Begleitung Lord Warren's, welcher ihm treu zur Seite blieb, an's andere Ende des großen Saales gegangen, und wenn er um ſich geſchaut hätte, was er übrigens nicht that, ſo hätte er bemerken müſſen, daß, wenn auch viele Blicke ihm mit dem Aus⸗ drucke von Haß und Schadenfreude folgten, auch andere auf ihm ruhten, die Intereſſe und Theilnahme ausſprachen; beſonders waren es Frauen⸗ und Mädchenaugen, welche auf letztere Art dem ſchönen jungen Manne folgten, der heute begreiflicher und rühren⸗ der Weiſe ſo außerordentlich blaß ausſah, aber dabei ſo feſt und unbekümmert wie früher auftrat: hinter manchem wedelnden Fächer hervor ſchaute es nach ihm aus und hätte vielleicht ſeinen Gruß erwiedert, wenn er daran gedacht hätte, irgendwo hin zu grüßen. Aber er dachte nicht daran— ſo feſt er anſcheinend auch auf⸗ trat, ſo war ihm doch in Wirklichkeit zu Muthe, als beträte ſein Fuß ſchwankende Bretter, und er hatte Augenblicke, wo er ſtarr geradeaus ſchauen mußte, um ſich zu überzeugen, daß der weite Saal mit ſeinen Menſchen, Lichtern, Blumen und Pflanzen nicht anfange ſich langſam herumzudrehen. Es war dies jedoch keine Folge ſeiner geiſtigen Erregtheit, es war das körperliche Unwohlſein von geſtern Abend, welches ſich heute noch heftiger auf ihn geworfen. Warren hätte ihm gern geſagt, wie furchtbar er zuweilen erbleiche, während im nächſten Augenblicke eine glühende Röthe auf ſeinem Geſichte aufflamme, doch fürchtete er, hiedurch, und nicht mit Un⸗ recht, das Uebel noch ärger zu machen, blieb aber nicht nur mit ausdauernder Treue an ſeiner Seite, ſondern bemühte ſich auch, ihn durch Bemerkungen und allerlei Einfälle zu zerſtreuen. „Sie ſind geſcheit genug,“ ſagte er lächelnd,„daß ich Sie auf drei Geſichter aufmerkſam machen darf, die dort unten halb ver⸗ ſteckt hinter dem rieſenhaften Blumentiſche ſtehen: ein Offizier, ein Arzt und ein nicht bedeutender Beamter— ein würdiges Kleeblatt, von dem Jeder Sie geſtern noch über die breiteſte Straße gegrüßt hätte, ja, Ihnen entgegen geeilt wäre, um einen herzlichen Hände⸗ Merkſt Du der Liebe Flügelſchlag? 173 druck mit Ihnen zu wechſeln, die ſich ſo ſehr freuten, wenn Sie ihnen begegneten, welche nur bedauerten, daß dies nicht viel häufi⸗ ger geſchähe, und welche es dem Schickſale nie verzeihen konnten, daß es ihnen noch keine Gelegenheit gegeben, der Welt zu beweiſen, wie ſehr Sie von ihnen geſchätzt und geliebt werden— heute hät⸗ ten dieſelben die prachtvollſte Gelegenheit dazu, und nun geben Sie Acht, wie ſie dieſe benutzen werden.“ „Ich bin im voraus davon überzeugt.“ „Ich auch— aber es macht mir immer Spaß, ſolcher Er⸗ bärmlichkeit ins Geſicht ſehen zu können.“ „Sie urtheilen zu hart, Warren— Sie müſſen die Stellung dieſer Leute berückſichtigen: der Eine fürchtet, wenn er ſich ferner noch öffentlich zu meinen Freunden rechnet, beim Avancement, wie⸗ der Andere, beim nächſten Ordensſchub übergangen zu werden, und der Dritte hätte alle Ausſicht, ſeine Praxis bei den Kammer⸗ jungfern vornehmer Häuſer zu verlieren— kommen Sie, wir wollen unſeren Strich ändern, um ihnen die Verlegenheit zu er⸗ ſparen, uns grüßen zu müſſen.“ „Beruhigen Sie ſich,“ lachte Warren,„auch das fällt ihnen nicht einmal ein: ſehen Sie die vortreffliche Schwenkung des hoff⸗ nungsvollen Beamten, er läßt ſeine beiden Gefährten die enorme Höhe des Saales bewundern, und wenn wir nahe ſind, werden wir nur die beſte Seite dieſer Herren zu betrachten haben— aber rechts können Sie einen Gruß anbringen— müſſen einen anbringen: da ſehe ich die kleine, liebenswürdige Tellin, die Sie mit ihren großen, ſchönen Augen förmlich auffordert, ihr einen freundlichen Blick zu ſchenken— ich habe mich immer für dieſes reizende Mädchen intereſſirt.“ „Ei, ei, Warren!“ „Nur weil ſie Edelweiß ein wenig ähnlich ſieht— ich wollte, Sie könnten mir darin Recht geben!“ „Ja, wenn ich die gute Margarethe erſt geſehen hätte. Aber ich hatte in den letzten Tagen kein Gemüth dazu.“ Hackländer's Werke. 56. Bd. 12 Neunundvierzigſtes Kapitel. „Begreiflich— aber jetzt grüßen Sie, ſonſt ſind Sie unartig.“ Rodenberg that, wie ihn der Andere geheißen, und das junge Mädchen dankte auf die verbindlichſte Art, ja, es ſchien, als ſei ſie im Begriffe geweſen, einen Schritt gegen die beiden jungen Leute zu thun, welche bloßſtellende Demonſtration aber von der klügeren Mutter, einer knöchernen Perſönlichkeit, dadurch verhindert wurde, daß ſie ungeſehen auf die Schleppe ihrer Tochter trat. Das Kleeblatt hatte ſich in der That ſo gewandt, daß es förmlich lächerlich geweſen wäre, einen Gruß von ihnen zu verlangen. Hinter einer hohen Wand von lebenden Blumen ſaß eine Whiſtpartie, beſtehend aus dem Staatsrathe von Stumpfenfels, dem Baron Hund vom Höllenſteine und dem Kammernherrn Frei⸗ herrn von Schenk. Der letztere machte mit einer zierlichen Hand⸗ bewegung Coeur zu Atout, und da er auffallend hierzu lächelte, ſo fand ſich der Staatsrath veranlaßt, ihm zu ſagen:„Ei, ei, Baron, Sie beſchäftigen ſich heute Abend ſo viel mit dem Coeur⸗Atout, daß ich darin die Stimme des Schickſals erkennen muß!“ „O, das iſt ſchon lange kein Geheimniß mehr, daß er verliebt iſt!“ meinte Hund vom Höllenſteine—„er iſt einer von den Stillen, von den Heimlichthuern, aber man hat ihm den Schleier abgezogen, und alle Welt weiß....“ „Was weiß alle Welt?“ „Nun, von Ihren Spazirgängen zu Fuße und zu Wagen nach einem verborgen gelegenen Landſitze, wo ſich außer ein paar alten Bedienten nichts Männliches befindet und wo Sie alſo vollkommen Hahn im Korbe ſind!“ „Dieſe Bemerkung ſtreift an's Equivoque,“ ſagte der Kammer⸗ herr, indem er die Augenbrauen ſo hoch als möglich emporzog, um ernſt und würdig auszuſehen, was ihm aber durchaus nicht ge⸗ lingen wollte.“. „Und Baron Schenk hat Recht, wenn er ſich in doppelter Hin⸗ ſicht gegen Ihre Bemerkungen verwahrt,“ ſagte der Staatsrath, „denn erſtens haben ſie eiwas Zweideutiges und zweitens iſt es nicht Merkſt Du der Liebe Flügelſchlag? einmal wahr, daß der Kammerherr dort droben allein Hahn im Korbe iſt— ja, ja, Sie haben einen ſehr gefährlichen Nebenbuhler,“ fuhr der Sprecher in ruhigem Tone fort, als ihn der Andere er⸗ ſtaunt anblickte. 5„Pah, ich weiß ſchon, was Sie ſagen wollen,“ meinte er als⸗ dann achſelzuckend—„es iſt allerdings traurig, Zudringlichkeiten gewiſſer Leute ausgeſetzt zu ſein... „Nehmen Sie ſich in Acht, daß Lord Warren Sie nicht hört, er verſteht in ſolchen Dingen keinen Spaß!“ „Meinetwegen kann er mich hören,“ erwiederte der Kammer⸗ herr, ſagte dies aber mit ſehr leiſer Stimme und indem er einen ſcheuen Blick in ſeine nächſte Nachbarſchaft warf. „Alſo darf man Ihnen in der That Glück wünſchen?“ „Ich liebe keine Gratulationen über ungeſchehene Dinge, ich bin der Mann der faits accomplis!“ Die beiden Anderen lachten über die Bemühungen des Kammer⸗ herrn, ernſt und würdevoll auszuſehen, denn dieſes Beſtreben fiel meiſtens ſehr unglücklich aus und verlieh ſeinem Geſichte einen un⸗ ausſprechlich faden Ausdruck. „Es iſt eigentlich ſchade, daß Lord Warren nicht da iſt,“ meinte Baron Hund, vich glaube, er gäbe uns etwas zum Beſten von ſeinen intereſſanten Spazirritten.“ „Iſt er heute Abend nicht hier?“ „Ich glaube kaum, da ſein Freund und beſtändiger Begleiter, dieſer gewiſſe Herr von Rodenberg, abgehalten iſt, hier zu erſcheinen.“ „Darin irren Sie ſich, meine Herren,“ hörte man eine tiefe 3 Stimme in luſtigem Tone ſagen, und als ſie aufblickten, bemerkten ſie den General von Möllendorf, welcher lächelnd näher trat.— „Wahrhaftig, Sie ſind ſchlecht berichtet, denn ich kann Sie ver⸗ ſichern, daß ich ſo eben Lord Warren und dieſen gewiſſen Herrn von Rodenberg geſehen!“ „Unmöglich, Excellenz!“ „Unglaublich!“ 176 Neunundvierzigſtes Kapitel. „Was die Augen ſehen, glaubt das Herz: ſchauen Sie dorthin, wenn ich bitten darf— wer iſt das?“ „Rodenberg— hol' mich der Teufel!“ „Ah, c'est trop fort!“ „Eine unbegreifliche Keckheit!“ „Habe ich Sie falſch berichtet?“ fragte der alte General mit heiterm Ausdrucke—„es iſt Rodenberg, und wenn ich nicht irre, lenkt er ſeine Schritte gerade hieher— er wird Luſt zu einer Partie Whiſt haben, und da Ihnen der vierte Mann fehlt, ſo kommt er ganz à propos— ah, mein lieber Rodenberg,“ rief er mit lauter Stimme,„Sie ſuchen Freunde— hier ſind welche!“ „Excellenz, ich muß dringend bitten,“ ſagte der Staatsrath entrüſtet, aber in gedämpftem Tone. „Um Gottes willen, das iſt ja förmlich compromittirend „Ich wünſche mir keine Partie zu Vieren,“ knurrte Hund vom Höllenſteine. Doch das Unglück war ſchon geſchehen, denn Rodenberg hatte dem Rufe des Generals Folge geleiſtet und trat an den Spieltiſch. Der General reichte ihm die Hand, ſchüttelte ihm dieſelbe vor Aller Augen herzlich und ſagte:„Ich weiß nicht, ob Sie ſpielen wollen, lieber Rodenberg, aber in dieſem Falle werden ſich dieſe drei Herren einer kleinen Whiſtpartie bei Hofe nach den letzten lebenden Bildern erinnern, wo es jeder von ihnen bedauerte, daß Sie nicht mitſpielen wollten, und wo der Herr Kammerherr Frei⸗ herr von Schenk ſagte, bei der nächſten Veranlaſſung hoffe er auf Sie— ich ſelbſt war ja damals dabei und ſtehe auch jetzt wieder zur Verfügung!“ Eine etwas peinliche Stille folgte auf dieſe Worte, doch ge⸗ währte ſie dem jungen Maler eine ganz außerordentliche Genug⸗ thuung, daß er ſich nicht enthalten konnte, die drei Spieler der Reihe nach anzuſchauen und dann, ſich verbeugend, zu ſagen:„Ich fühle mich für dieſe Güte recht verpflichtet, muß aber in der That aufrichtig danken!“ H 1u Merkſt Du der Liebe Flügelſchlag? Der Kammerherr und der Baron Hund athmeten auf, und der Staatsrath, dem es an Tact und Geiſtesgegenwart nicht fehlte, antwortete:„Im Falle es Ihnen Vergnügen macht, Herr Roden⸗ berg, hier einzutreten, bitte ich, Platz zu nehmen!“ „Nein, meine Herren, ich danke recht ſehr!“ wandte ſich dieſer mit unbefangener Freundlichkeit an den General ſo wie an den Staatsrath— wenn ich es auch für dringend nothwendig hielt, dieſe auserleſene Geſellſchaft, zu der ich natürlicher Weiſe eingeladen war, zu beſuchen, ſo werden Sie auch ſelbſt ſehr gut begreifen, daß ich gerade keine beſondere Luſt zu ſpielen habe— alſo nochmals meinen beſten Dank!“ Damit verbeugte er ſich wiederholt gegen den General und verließ die Whiſtpartie, um nach einem anderen Theile des Saales zu gehen. Er fühlte wohl, wie furchtbar aufgeregt er war: ſein Herz ſchlug bang und heftig, ſeine Pulſe flogen, und als er jetzt zufällig an einem Spiegel vorbeikam, warf er einen Blick hinein und erſchrack über die tiefe Röthe, welche ſein Geſicht bedeckte— auch fühlte er wohl, wie trocken ſeine Lippen waren, wobei ihn ein empfindlicher Durſt quälte, weßhalb er ſich von einem vorüber⸗ gehenden Bedienten ein Glas Limonade geben ließ, welches ihn wenigſtens für den Augenblick außerordentlich erfriſchte. Er verließ den großen Saal und trat in eines der Neben⸗ zimmer, die er leer zu finden hoffte, und wo er für eine Viertel⸗ ſtunde ausruhen wollte— er durfte die Geſellſchaft noch nicht ver⸗ laſſen, es waren noch manche Leute da, die er noch einen Augen⸗ blick zu erfreuen wünſchte— er mußte mindeſtens noch eine furcht⸗ bar lange Stunde bleiben, und hierzu bedurfte er der Ruhe und Stärkung: da war ein breiter Fauteuil, der ihm ſeine gaſtlichen Arme öffnete, neben einer großen Epheuwand, ein Winkel wie aus⸗ erleſen, um ſich mit Behagen für eine Viertelſtunde vom Gewühle draußen zurückzuziehen. Es war Niemand in dem Zimmer, als ein älterer Beamter mit ſehr hoher, weißer Halsbinde und vielen Orden. Dieſer wür⸗ * 178 Neunundvierzigſtes Kapitel. dige Mann blätterte in einem Album, deſſen Deckel er aber augen⸗ blicklich zuſchlug, ſowie der junge Mann eintrat, und darauf das Gemach eilfertig verließ. „Es hat etwas Komiſches und doch wieder etwas recht Trau⸗ riges, wie mich die Leute fliehen,“ dachte Rodenberg— ‚dieſer alte Herr fand noch vor kurzer Zeit das größte Behagen an meiner Unterhaltung, wie er wenigſtens ſagte; er liebte es ſo außerordent⸗ lich, mit mir über Kunſt zu plaudern; er meinte, bei ſolchen Hof⸗ feſten iſt es, als ob man einen erfriſchenden Quell in der Wüſte antrifft, wenn man ſich mit Jemandem unterhalten kann, und das über andere Dinge, als man ſonſt hier zu hören bekommt— und jetzt flieht auch er mich, den lebendigen Waſſerquell, und zieht hin⸗ aus in den dürren Sand, dieſes alte Schiff der Wüſte— fahr' hin, wie die Anderen!— O, wie fühle ich mich glücklich, daß mir das Scheiden aus dieſen Kreiſen ſo leicht gemacht wird!““ Er ließ den Kopf in die Hand ſinken und verfiel halb wachend in ein ganz eigenthümliches Traumleben: es erging ihm wieder wie in der vergangenen Nacht, und es war ihm gerade, als neige ſich Jemand zu ſeinem Ohre, um ihm in einem förmlich klagenden Tone allerlei ſeltſame Geſchichten zu erzählen, Geſchichten, die er wirklich erlebt, aber vermiſcht mit ganz wunderbaren und oft ſehr wilden Phantaſieen. „Ich weiß nicht, was in meinem Blute tobt,“ ſagte er un⸗ muthig, indem er auffuhr und, obgleich er wußte, daß außer ihm Niemand im Zimmer war, doch ſcheu und forſchend neben den Fauteuil blickte, als müſſe er dort etwas Geſpenſterhaftes entdecken, das mit ihm geſprochen. „Wohl weiß ich, daß es meine aufgeregten Nerven ſind, aber wenn ich jetzt die Augen ſchließe, ſo flüſtert es mir wieder zu, ſo einförmig, ſo klagend, und was das Schrecklichſte iſt, es flüſtert mir meine eigenen Gedanken zu— o, man könnte darüber wahn⸗ ſinnig werden!“ Er ſtrich ſein dichtes Haar von der heißen Stirn und wandte 92 Merkſt Du der Liebe Flügelſchlag? 179 ſich endlich mit geſchloſſenen Augen unmuthig auf die andere Seite. — Dann zuckte er erſchreckend zuſammen— nein, das war keine Täuſchung, wie die Stimme ſeines Innern, die zu ihm ſprach! Eine Hand hatte, obgleich ſehr leiſe, ſeine Schulter berührt. Eine Secunde dauerte es, ehe er ſeine Augen öffnete, denn in dieſem Momente fürchtete er etwas Entſetzliches zu ſehen— dann fuhr er empor und ſah die Marcheſa de Monterey vor ſich ſtehen. Nein, es war nicht die Marcheſa de Monterey, die vornehme Dame, das verzogene Kind des Hofes— es war Juanita, jene Juanita, deren Blick in früheren, glücklichen Tagen zuweilen eben ſo auf ihm geruht, wie jetzt wieder. Es war wieder die Zeit der Künſtlerfeſte, wo er die ſchöne Jägerin begleiten durfte, es war wieder die Zeit des kölner Carnevals, denn auch jetzt ſtand ſie vor ihm in einer Tracht, die nicht ihre gewöhnliche war, in einem Ge⸗ wande, welches ſo wenig harmonirte mit dieſer reichen Künſtler⸗ natur— o, dieſe wunderbare, ſelige Künſtlernatur, die ihn an⸗ lächelte aus ihren großen, dunkeln, verſchwimmenden Augen, die er fühlte in dem leichten Drucke ihrer zarten Finger auf ſeiner Schul⸗ ter und die ſich für heute wie zu einem Faſtnachtsſcherze umgeben hatte mit ſchweren ſeidenen Stoffen, mit Spitzen, Bändern, falſchen Blumen, Brillanten und Perlen! Oder war es ein ſchöner Traum, der ihn umfing, und mußte er im nächſten Augenblicke erwachen an dem kleinen Kaminfeuer im Hauſe in der Rheingaſſe in Köln, an jenem verhängnißvollen Abende?— Er wußte nicht, warum gerade jener Abend heute, ſüß und furchtbar zugleich, ſo gar lebendig vor ſeine Erinnerung trat und warum ihm der Gedanke kam, er müſſe ein neues Leben mit Uebergehung der letzten, öden Jahre an die Begebniſſe jenes denkwürdigen Abends knüpfen. Las er ſo etwas im Glanze ihrer feuchten Augen oder in dem allerdings traurigen Lächeln um ihren Mund? Er ſprang in die Höhe, doch ſchwankte er ſo, daß er die Lehne des Stuhles ergreifen mußte, um ſich daran zu halten. 180 Neunundvierzigſtes Kapitel. Sie ſagte mit dem herzlichſten Tone ihrer ſchönen, weichen Stimme:„Bitte, bleiben Sie ſitzen— ich ſetze mich neben Sie.“ Er machte einen Verſuch, den Stuhl, nach dem ſie ſich wandte, heranzuziehen, doch winkte ſie ihm faſt gebieteriſch mit der Hand, worauf er in ſeinen Fauteuil zurückſank und mit einem Schauer der Wonne fühlte, wie nahe das geliebte, ſchöne Weib an ſeine Seite rückte, ja, ſo nahe, daß, als ſie ſich jetzt gegen ihn neigte und zu ihm ſprach, er die warmen, duftigen Wellen ihres Athems empfand. „Wiſſen Sie wohl, daß Sie krank ſind, mein lieber Freund,“ ſagte ihm Juanita,„und daß es in dieſer Beziehung von Ihnen unrecht war, hieher zu kommen— daß Sie hätten zu Hauſe blei⸗ ben und dort der Ruhe pflegen ſollen?“ Der Dämon des Mißtrauens zog durch Rodenberg's Bruſt und flüſterte ihm zu: ‚ich muß wirklich recht krank ausſehen, daß die Marcheſa mit mir empfindet und auf dieſe Art zu mir redet; ich muß ſehr krank ſein, ich könnte am Ende hier bewußtlos zu⸗ ſammenbrechen oder gar in Fieberphantaſieen verfallen und unar⸗ tige compromittirende Dinge ausſprechen⸗—„o,“ ſagte er hierauf, indem er ſich aufrichtete, ſich zurückbeugte, ſo viel es ihm möglich war, und die Marcheſa mit ſtarren Augen anblickte,„krank bin ich nicht, es iſt nur ein leichtes Unwohlſein— wenn ich nachher in die friſche Nachtluft komme, wird es mir beſſer werden!“ „O, wie würde ich mich darüber freuen!“ „Wirklich, Frau Marcheſa?“ „Ich verſtehe dieſen Ton, Herr Rodenberg, und muß ihn be⸗ greiflich finden— aber laſſen wir das jetzt— glauben Sie mir, daß es wohl Niemanden auf der weiten Welt gibt, der ſo innigen Antheil an Ihrem Schickſale nimmt, als ich— o glauben Sie es, Arthur— ich bitte, ich flehe darum!“ „Sie beweiſen mir dieſen Antheil etwas ſpät, Frau Marcheſa — vor einigen Monaten hätte mich der geringſte Beweis davon zum glücklichſten Menſchen gemacht!“ „Ich glaube es Ihnen— gewiß, ich glaube es Ihnen....ℳ Merkſt Du der Liebe Flügelſchlag? 181 „Und ſeien Sie verſichert, daß ich gerade jetzt in meiner eigen⸗ thümlichen Stellung Ihren Antheil zu ſchätzen weiß, denn er be⸗ weißt mir, daß die große Künſtlerin wenigſtens im gegenwärtigen Augenblicke den Sieg davongetragen hat über die vornehme Welt⸗ dame— o, über die ſchöne Weltdame,“ ſagte er, indem er mit einem Seufzer die Augen ſchloß,„deren ſtrahlende Brillanten meine Augen blenden— und ich danke dem Zufalle, daß es mir vergönnt war, wieder einmal den Ton Ihrer Stimme gehört zu haben, der mich ſchon ſo unendlich glücklich gemacht— einen Ton, wie er nur den Engeln im Himmel eigen iſt!“ „Danken Sie nicht dem Zufalle— dieſen Dank verdiene ich ſelber.“ „Sie traten nicht zufällig in dieſes Gemach?“ „Beim allmächtigen Gott, nein— vor nicht einmal fünf Mi⸗ nuten verließ ich meinen Wagen, worauf ich durch alle Säle eilte, um Sie zu ſuchen!“ „So ſpät, Frau Marcheſa?“ „So ſpät, Arthur, denn es lag gar nicht in meiner Abſicht, früher oder überhaupt hieher zu gehen, da ich erfahren, Sie, mein Freund, würden nicht anweſend ſein, denn ich wußte, daß der Miniſter die Einladung an Sie widerrufen.“ „Und wer ſagte Ihnen alsdann, daß Sie mich hier finden würden?“ „Don Joſe— er wußte wohl, wie ſehr mich dieſe Nachricht intereſſirte!“ „Don Joſe?— Ihr Gemahl?“ Sie machte eine raſche, ungeduldige Bewegung.„Ich weiß es beſſer,“ ſagte ſie alsdann mit Entſchiedenheit,„Sie haben im Ernſte nie an dieſes Märchen geglaubt— ich brauchte es vor den Augen der Welt, um mich ſicherer und freier bewegen zu können, um läſtige Anträge und noch läſtigere Bewerber fern zu halten— o, Arthur,“ ſetzte ſie mit einem innigen Blicke hinzu, und mit einem ſo zauberhaft weichen Tone der Stimme, daß es ihn tief erſchütterte—„ich war eine treue Wittwe!“ —— 4 3—— 1——— 182 Neunundvierzigſtes Kapitel. Er warf ſich haſtig zurück, er ſchaute ſie ſtarr an, um auch in ihren Blicken die entzückende Wahrheit ihrer Worte finden zu können— und da ſtand es deutlich wiederholt, da lag ihre ganze ſchöne, große, ihre herrliche Seele vor ihm aufgeſchlagen, ſich wie⸗ derſpiegelnd in dem heißen, glänzenden Blicke des ſchönen Weibes! „Juanita!— Juanita meine Seele!“ „Ruhig, mein Freund,“ ſprach ſie, während ſie ihre kleine Hand auf ſeine Stirn legte und ihn ſanft auf den Fauteuil zu⸗ rückdrückte—„ruhig, Arthur, hier haben die Wände Ohren, und wir wollen dieſer Welt kein Schauſpiel geben. O, ich verſtehe Ihren Blick— wenn Sie wollen, ſo reichen Sie mir Ihren Arm und führen mich vor den Augen des ganzen Hofes vorbei an meinen Wagen— o, es würde mich glücklich machen, wenn ich ihnen Allen auf dieſe Weiſe zeigen könnte, wie die Künſtlerin zu dem Künſtler hält! Aber ſie würden dem ein anderes Motiv unter⸗ ſchieben, ſie würden achſelzuckend von unſerem intimen Verhältniſſe reden, das ich unter dem heuchleriſchen Scheine von Kälte, Würde und Tugend bis jetzt recht gut verheimlicht— ſie würden meinen guten Ruf, meinen fleckenloſen Lebenswandel auf ſo leichte Art zerreißen, und das wäre mir ſchmerzlich, auch um Deinetwillen, Arthur, denn in Wahrheit, mein Leben ſeit damals floß rein und klar dahin— ſiehe in mein Auge, und Du mußt es erkennen, daß ich die Wahrheit rede!“ „O, meine Juanita, wie kann man ſo unſäglich glücklich ſein? Doch Du haſt Recht, wie immer— auch damals hatteſt Du Recht — doch hätteſt Du mir gewiß vergeben, wenn Du gewußt, wie ich mich damals, leider nur in Gedanken— ich konnte ja nicht anders—, zu Deinen Füßen wand und um Verzeihung flehte!“ „Ich danke Dir für Deine Worte, mein Arthur— doch ſtill jetzt, man kommt!“. Mit einem Drucke ihres Fußes ſchob ſie den kleinen Seſſel, auf dem ſie ſaß, ſo weit zurück, daß Rodenberg und ſie für den Eintretenden eine ganz unverfängliche Gruppe bildeten. Merkſt Du der Liebe Flügelſchlag? 183 Dieſer Eintretende war der Herr des Hauſes, der einen Au⸗ genblick im Begriffe war, erſchrocken auf der Schwelle ſtehen zu bleiben, als er den jungen Mann erkannte, ſich alsdann aber mit einem forſchenden Blicke rings umher, näherte und in einem ſcherz⸗ haft ſein ſollenden Tone ſagte:„Mein Gott, Herr von Rodenberg, Sie haben mich da vorhin in keine kleine Verlegenheit gebracht!“ „Euer Excellenz werden mir glauben, daß ich das aufrichtig bedaure,“ erwiederte Rodenberg, indem er ſeine Kraft zuſammen⸗ nahm und ſich mühſam erhob.. „In große Verlegenheit— doch zürne ich Ihnen darüber nicht, Sie wiſſen, wie ſehr ich ſtets den Künſtler in Ihnen geſchätzt — nun hatte ich aber zu Ihrem eigenen Vortheile den allerhöchſten Herrſchaften die Verſicherung gegeben, Sie hätten mir für die heu⸗ tige Soirée ſchriftlich in den paſſendſten Ausdrücken ablehnend ge⸗ dankt— was unſer allergnädigſter Herr mit Güte, ja, ich kann ſogar ſagen, mit Wohlwollen für Sie anzuhören die Gnade hatte — nun erſcheinen Sie plötzlich ſelbſt und ſtrafen mich Lügen— doch reden wir nicht weiter davon— die Sache iſt abgemacht, und ich bitte Sie, zu glauben, daß Sie in meiner Achtung und Freundſchaft auch nicht das Mindeſte verloren haben!“ Rodenberg verbeugte ſich, worauf Seine Excellenz, gegen die Marcheſa gewandt, fortfuhr:„Verzeihen Sie mir, daß ich vorher etwas Geſchäftliches— man könnte es ſo nennen— bereinigte, um Ihnen, meine verehrte gnädige Frau, nun mit leichterem Her⸗ zen einen Wunſch der Frau Fürſtin⸗Mutter zu überbringen— ſie wünſcht, Sie in Ihrer Nähe zu ſehen— aus doppeltem Eigen⸗ nutz,“ flüſterte er mit ſchlauem Lächeln hinter der vorgehaltenen Hand,„denn erſtens möchte ſie mit Ihnen plaudern und zweitens möchte ſie ſich entzücken laſſen durch eines Ihrer wunderbaren Lieder.“ Die Marcheſa huſtete leicht in ihren Fächer und machte ein ſehr ernſtes Geſicht. „Perſönlich würden Sie auch mich dadurch auf das außeror⸗ dentlichſte verbinden,“ fuhr die Excellenz in einem etwas verzagten —I 184 Neunundvierzigſtes Kapitel. Tone fort,„denn ich darf Ihnen wohl geſtehen,“ ſetzte der Miniſter mit einem raſchen Blicke auf den jungen Mann, welcher beſcheiden zurückgetreten war, hinzu,„ich befinde mich ein wenig in der Lage des unglücklichen David, ohne im Stande zu ſein, eine allerhöchſte trübe Stimmung durch mein Harfenſpiel verſcheuchen zu können.“ „So bedaure ich Eure Excellenz aufrichtig,“ gab die Marcheſa mit feſter Stimme zur Antwort,„denn ich bin heute Abend durch⸗ aus nicht in der Lage, ſingen zu können.“ „Sie erſchrecken mich!“ „Sie wiſſen, wie bereitwillig ich ähnlichen Wünſchen auch häufig in Ihrem Hauſe entgegenkam, doch heute iſt es mir wahr⸗ haftig unmöglich!“ „Thun Sie mir es zu Liebe,“ flehte der Miniſter—„Sie kennen die Frau Fürſtin⸗Mutter— wenn ich meine traurige Bot⸗ ſchaft überbringe, ſo wird ſie ſich ſelbſt an Sie wenden und dann....“ „Würde ſie von mir die gleiche Antwort erhalten.“ „A— a— a—ah!“ „Gewiß, Excellenz, denn ich bin heute Abend einmal zum Singen nicht aufgelegt, werde alſo nicht ſingen.“ Der Miniſter warf einen eigenthümlichen Blick auf Rodenberg. „Da ich nun aber weiß, wie unangenehm es Ihnen iſt, eine ſolche traurige Botſchaft zu hinterbringen, ſo bitte ich um Ihren Arm, Excellenz, und erſuche Sie, mich zu Ihrer Hoheit begleiten zu wollen— Herr Rodenberg,“ wandte ſie ſich an den jungen Mann,„ich hoffe, Sie morgen früh bei mir zu ſehen!“ Damit verließen Beide das Gemach, und Rodenberg, der zurückgeblieben war, drückte ſeine beiden Hände einen Augenblick feſt vor das Geſicht und ſagte alsdann tief aufathmend und mit einem ſeligen Blicke nach oben:„O, das iſt des Glückes zu viel, und ich bin nicht einmal im Stande, darüber nachzudenken— es ſummt mir im Kopfe wie eine alte, bekannte Weiſe, wie ein Wie⸗ genlied aus der Kindheit, und ich möchte jetzt am liebſten ſchlafen — tief ſchlafen— lange ſchlafen, aber dabei wunderbar träumen!“ Merkſt Du der Liebe Flügelſchlag? 185 Dann raffte er ſich gewaltſam zuſammen und verließ das leere Zimmer, um wenigſtens bis zum Eingange des großen Saales zu gehen und dort noch einmal ihre Geſtalt zu erblicken: wie ſie da⸗ hin ſchwebte, von allen Seiten faſt ehrfurchtsvoll begrüßt, nach allen Seiten hin freundlichſt dankend— ſie, die große Künſtlerin — ſie, im wahren Sinne des Wortes eine Fürſtin dieſer glänzend erhellten Räume— ſeine Königin! Er lehnte an der Thür, er preßte ſeine glühende Stirn an die Einfaſſung und ſchwelgte in dem Anblicke der wunderbaren Frau, welche unter Allen hervorleuchtete wie ein heller Stern in Nebelflecken; dann drückte er die Hand auf ſein Herz, weil es gar ſo wild pochte und weil er befürchtete, es werde auf einmal in einen ungeheuren Jubel ausbrechen und mit lauter Stimme hinaus⸗ rufen, daß es ſeine Juanita ſei, welche von der Fürſtin⸗Mutter wie eine Tochter empfangen wurde, welcher der Fürſt mit einer Verbeugung die Hand reichte— ſeine Juanita! Da wurden ſeine Träumereien durch ein paar Worte unter⸗ brochen, welche im großen Saale dicht neben ihm geſprochen wur⸗ den und die ihn durchzuckten und zornig bewegten; er kannte die Stimme, die da ſprach, ohne eine Ahnung zu haben, daß er in der Nähe war: ſie gehörte dem jungen, hochblonden Grafen, der damals in dem Märchen Dornröschen den Prinzen vorgeſtellt und der ſich jetzt alſo vernehmen ließ: „Wenn es in meinem Salon vorgekommen wäre,“— auf das Wort ‚meinem’ wurde ein bedeutender Nachdruck gelegt—, „daß ſich ein Ueberläſtiger, der überhaupt niemals dahin gehörte, ſehen ließe, obgleich er Tags zuvor aus ſeiner Stellung gejagt worden, ſo würde ich ihm durch einen Lakaien den Weg haben zeigen laſſen.“ Ein Ruck, und Rodenberg ſtand unter der Thür vor einer Gruppe junger Leute, die dort ſaßen und ſtanden und von denen einige mit wohlgefälligen Mienen, andere aber achſelzuckend die Worte des Sprechenden vernahmen. „Dürfte ich mir,“ ſagte der junge Maler mit einer faſt ton⸗ 186 Neunundvierzigſtes Kapitel. loſen Stimme, die aber wie das NRollen eines fernen Donners klang,„eine Erklärung über Ihre Worte ausbitten, Herr Graf? — Doch iſt eine Erklärung Ihrerſeits eigentlich ganz unnöthig, ich habe Ihre Worte gehört— ich habe ſie verſtanden, und nun will ich Ihnen eine Erklärung geben!“ „Aber nicht hier, Herr Rodenberg— ich bitte Sie dringend!“ ſprach einer von den jungen Leuten, welcher ſich von jeher ſehr freundſchaftlich gegen den Maler benommen hatte. „Und überhaupt,“ ſagte der Graf in einem ſehr hohen Tone, „finde ich weder eine Erklärung noch eine Antwort nöthig, denn ich erinnere mich nicht, mit Ihnen geſprochen zu haben, mein Lie⸗ ber—r— r— r!“ „Sie ſprachen allerdings nicht mit mir, mein Lieber—r—r—r,“ erwiederte Rodenberg beinahe lächelnd,„aber Sie ſprachen von mir, mein Lieber—r—r-r, und wenn Sie, mein Lieber—r— r=r, nicht Luſt haben, mir eine Erklärung zu geben, daß Sie Ihre Worte nicht auf mich bezogen, und das vor dieſen Herrn, ſo werde ich Ihnen dagegen die Erklärung geben, mein Lieber—r—rr, daß Sie ein....“ „Um Gottes willen, Herr Rodenberg,“ rief der ſo eben er⸗ wähnte junge Mann, indem er den Maler, ehe er vollenden konnte, faſt mit Gewalt in das Nebenzimmer zurückdrängte,„vollenden Sie Ihre Worte an dieſem Orte nicht— Sie ſollen Ihre Erklä⸗ rung haben, dafür ſtehe ich Ihnen ein! Dieſer kleine Wortwechſel,“ ſagte er, ſich erſchrocken umſchauend,„hat ſchon Aufſehen genug gegeben— ſehen Sie, die Marcheſa de Monterey, die ſo eben mit Ihrer Hoheit ſprach, ſchaut ſich um und macht einen Schritt hieher.“ Dieſe letzte Bemerkung beſänftigte augenblicklich die furchtbare Aufregung Rodenberg's in ſolchem Grade, daß er ſich raſch zurück⸗ zog, um von dem großen Saale aus nicht mehr geſehen zu werden — es wäre ſchrecklich geweſen, hätte ſich die leidenſchaftliche und an ſich ſchon ſo erregte Dame veranlaßt geſehen, ſo ohne allen Beweg⸗ grund näher zu treten! 3 b Merkſt Du der Liebe Flügelſchlag? 187 „Verlaſſen Sie ſich darauf, Herr Rodenberg, Sie ſollen mor⸗ gen früh Ihre Erklärung haben, und eine, die Sie vollkommen zufriedenſtellt— ich kenne den da, aber thun Sie mir die Liebe, heute und hier keinen neuen Zuſammenſtoß mit ihm zu ſuchen!“ Der Maler verbeugte ſich— er hätte für die freundlichen Worte des Anderen gern gedankt, doch war er nicht im Stande, ein Wort hervorzubringen— er konnte ſeine Augen kaum offen halten, und während die Wände des Saales wieder begannen, ſich Tangſam um ihn herum zu drehen, ſchlugen ſeine Zähne wie vor Froſt klappernd auf einander. Noch einen Blick aus der Tiefe des Zimmers, in dem er ſtand, in den großen Saal, und dann dieſes Haus verlaſſen! Da ſtand Juanita immer noch vor der Fürſtin⸗Mutter und dem Fürſten, und der Anblick des ſo heiß geliebten Weſens war ſogar im Stande, für ein paar Augenblicke das Fieber, welches ihn durchtobte, niederzukämpfen und ihn ſo klar ſehen zu laſſen, wie ſonſt bes gänzlich hellen Augen. Der Fürſt machte ein ernſtes, faſt verlegenes Geſicht, und die Frau Fürſtin⸗Mutter, die ihren Kopf ſehr hoch trug, bewegte un⸗ muthig ihre Schultern. Im nächſten Augenblicke wandte ſich die hohe Dame mit einer kaum merklichen Neigung des Kopfes raſch von der Marcheſa ab, und dieſe ſchien ihrerſeits wieder den Fürſten zu entlaſſen, indem ſie ſich mit einem ſehr tiefen Complimente von ihm zurückzog. „Ah, ſie ſingt nicht,“ klang es jubelnd in Rodenberg's Herz, „ſie ſingt nie wieder vor dieſen Leuten, die mir Schmach angethan, die meine treuen Dienſte mit Undank belohnt— o, meire Juanita, heißen, heißen Dank!“ Dann ſiel das häßliche Fieber wieder über ihn her, ſo daß er vor dem Toben ſeines Blutes die Lehne des Stuhles, vor dem er ſtand, faſſen und einen Moment die Augen ſchließen mußte— teer hörte nur noch undeutlich, wie eine Stimme draußen im Vor⸗ gal rief:„Der Wagen der Frau Marcheſa de Monterey!“ Dann 188 Neunundvierzigſtes Kapitel. hatte er ein Gefühl, als werde er fortan in dieſer Welt gar nichts mehr hören— doch ſiegte auch dieſes Mal wieder ſeine kräftige Natur, und nach ein paar qualvollen Secunden war er im Stande, mit langſamen Schritten das Zimmer zu verlaſſen. Er ſchritt durch den Vorſaal, er ging die Treppe hinab, wo⸗ bei er ſich aber auf das Geländer derſelben ſtützte— er verließ das Haus, und als er ſich auf der Straße befand, fühlte er, wie un⸗ endlich wohlthuend, wie erfriſchend die kühle Nacht auf ihn einwirkte. „Wenn nur zufällig irgend ein Fiaker vorüberführe,“ ſagte er kopfſchüttelnd,„es wäre wahrhaftig beſſer, denn ich habe einen weiten Weg nach Hauſe— ſehen wir, wie wir uns forthelfen!“ Er wankte an den Häuſern vorbei, nicht ohne zuweilen mit den Fingerſpitzen die Steine derſelben zu berühren— er nahm einen kürzeren Weg als den, auf dem er vor einigen Stunden her⸗ gefahren, und welcher ihn jetzt durch engere Straßen führte. Auf einmal blieb er ſtehen, ballte ſeine Hände und biß die Zähne auf einander, denn die Schläge ſeines Pulſes und das Klopfen ſeines Herzens wurden ſo gewaltig, daß er fürchtete, unter jedem Schlage zuſammen zu brechen:„Verflucht, wie man ſo ſchwach ſein kann— ich werde kaum nach Hauſe kommen!“ Da bemerkte er, wie er rathlos um ſich her und in die Höhe ſchaute, vor ſich in einem kleinen, unſcheinbaren Hauſe ein pac erhellte Fenſter im oberſten Stockwerke, und ein Lächeln flog üben ſeine bleichen Züge:„Da hinauf werde ich ſchon noch kommen, und dann ſoll Rafael ſehen, wie er mich weiter ſchafft.“ Die Thüre des Hauſes war noch unverſchloſſen— Rodenberg erreichte taſtend die Treppe, faßte das Geländer derſelben und ſtieg nun den ihm wohlbekannten Weg langſam und ſchwer ath⸗ mend hinauf. Lange dauerte es, ehe er oben war, doch hatte er jetzt glücklich die Zimmerthür erreicht, ſie öffnete ſich vom Drucke ſeiner Hand, er ſah die Geſichter von Rafael und Walter, die ihn erſtaunt, faſt erſchreckt anblickten, dann—— ͤ,, 11970, Pvich nicht⸗ Stag, du zitterſt ſehr!4c t 330 Hrd 8 30 5310 ipitlügchise. MNoderich Olfers warraus Italien zurückgekehrt, pegleitet don 3 Lord Warren, welcher ihm eine Tagereiſe entgagen geeilt war. Dieſer hatte ſich feſt vorgenommen, dien glückliche Wendung, welche deſſen Schickſal genommen, unterwegs zu verheimlichen und ihm um einen Preis etwas davon zu verrathen, daß Roderich's geliebtes - Kind wiedergefunden ſei. Doch war das Herz des jungen Mannes z ſoo voll Glück, ſo voll Seligkeit, daß er bei den Bemühungen, ſeine unnbegränzte Heiterkeit, das Leuchten ſeiner Augen allein auf die 3 Freude des Wiederſehens zwiſchen ihnen beiden zu ſchieben, faſt pomiſch erſchien und daß ihm der ältere und ernſtere Mann ſchon 1 nach den erſten Stunden des Beiſammenſeins ruhig, aber beſtimmt d ſagte:„Mein lieber Warren, ich bin überzeugt von Deiner An⸗ hänglichkeit an mich, welche ich auch von Herzen theile, doch iſt Dir g auch ſonſt noch etwas ganz abſonderlich Glückſeliges widerfahren— d mich täuſcheſt Du darin nicht— wenn Du aber Gründe haſt, es ⸗ für Dich zu behalten, ſo reden wir nicht mehr darüber, obgleich r Du verſichert ſein wirſt, daß Niemand ſo mit Dir zu fühlen im e. Stande iſt, als ich, Dein alter, ich könnte faſt ſagen, väterlicher n. Freund.“ 4† Sie ſaßen auf der Eiſenbahn in einem Coupé erſter Claſſe zu⸗ Saclländer's Werke. 56. Bd. 13 8 Fünfzigſtes Kapitel. fällig ganz allein, und da gab ihm der junge Engländer mit einem jubelnden, faſt tollen Ausbruche der Freude zur Antwort:„Hole der Teufel alle Heuchelei und alle Verſtellung, ja, ich bin glücklich, wie es nur ein Menſch zu ſein vermag— aber Du, Roderich, biſt es nicht minder!“ „Wie ſoll ich Deine Aufregung verſtehen?“ „Ich habe es immer geſagt, daß ich durchaus keine Anlagen zum Diplomaten habe, denn ich kann nicht mit meinen Gefühlen zurückhaltend ſein— ich verſtehe es nicht, aus der Mücke einen Elephanten zu machen, und kann etwas Großes, Herrliches und Edles nicht dadurch herabzuwürdigen verſuchen, daß ich davon mit Gleichgültigkeit ſpreche oder es durch Aufdeckung eingebildeter oder wirklicher Fehler in den Augen eines Anderen herabzuſetzen ſuche— 4 gewiß, Roderich, ich will und muß die diplomatiſche Carrière ver⸗ laſſen und wieder ein Künſtler werden, bei Dir, in Deinem Atelier!“ „In meinem Atelier?“ ſagte der Andere achſelzuckend, wobei er mit einem trüben Blicke auf die ſcheinbar vorbeiſauſende Land⸗ ſchaft blickte.„Wo iſt mein Atelier? Wo bin ich zu Hauſe, ich, der ich unſteter bin, als der Vogel auf dem Zweige?“ „Das muß aufhören, Mann,“ gab Warren lachend zur Ant⸗ wort, indem er in der Freude ſeines Herzens mit ſeinen Finger⸗ ſpitzen einen leichten Stoß gegen die Bruſt des Anderen führte, „das muß aufhören; wir müſſen wieder ein Haus haben, und wir wollen wieder ein Haus haben und ein Atelier— was für ein Atelier!“ rief er in komiſchem Pathos.„Phantaſie haben wir beide genug, um uns des Deinigen von damals auf's genaueſte zu erinnern, und gerade ſo machen wir es wieder— Deine Kunſtſchätze ſind alle noch vorhanden, das weiß ich, bis auf den Gobelin, unter dem wir ſo oft aus⸗ und einſchlüpften!“ „Was ſoll aber alles das, Du närriſcher Menſch?“ „Nun, das ſoll eigentlich nicht mehr, als daß ich, wie ich eben ſchon geſagt, wieder ein Künſtler werden und in Deinem Atelier arbeiten will— o, ich erinnere mich mit einer unbeſchreiblicher O, brich nicht, Steg, du zitterſt ſehr! 191 Seligkeit jenes Frühlingsmorgens noch, als wir einen Maitrank bei Dir bekamen— einen wunderbaren, duftigen Maitrank— erinnerſt Du Dich noch daran?“ „O ja, o ja!“ gab Roderich düſter zur Antwort. „Es war ein ſchöner Tag, wie heute.“ „Nein— es war früher— die Roſen zeigten erſt ihre jungen Knospen— o, meine Roſenknospe!“ ſagte er, die Hände vor das Geſicht drückend. „Geduld, Mann, Geduld, ich bringe dieſe Bilder wahrhaftig nicht vor Deine Seele, um ſchmerzliche Erinnerungen in Dir wach⸗ zurufen— gewiß nicht, und wenn Du mich ruhig anhören willſt— ſei ſo gut und thue das,“ bat er,—„ſo ſollſt Du auch zum Schluſſe etwas Gutes zu hören bekommen!“ Olfers reichte dem jungen Manne die Hand, ohne etwas zu erwiedern; dann fuhr dieſer fort:„Ja, Dein Atelier, wie es gerade jetzt lebhaft vor mir ſteht, ſo ſchattig kühl, während draußen die Hitze brütete— Deine jungen Leute hinter dem Carton!“ „Wo ſind ſie geblieben? Wo ſind die Anderen, die ſich damals mit uns luſtig freuten? Wo Alle, die unſeren Herzen lieb und theuer waren?— Vielleicht geſtorben und verdorben!“ „Nicht ſo ganz, wenigſtens nicht Alle— von unſerem Kohlen⸗, Wald⸗ und Nebelmüller habe ich gehört, daß er glücklich und zu⸗ frieden in Köln lebt— Michel Angelo Schmitz ſoll ſich ver⸗ heirathet haben.“ »Ei der Tauſend— das hätte ich ihm nicht zugetraut!“ „Ja, und obendrein eine Wittwe, die ihn köderte— und wo⸗ mit glaubſt Du wohl?“ „Wer kann das wiſſen!“ „Mit einem alten geſchnitzten Schranke und einem Portrait, angeblich von Holbein— er kam auf dieſe Art und mit dieſer vollſtändig in's Fach der Alterthümer hinein.“ „Der arme Kerl! Und Madame Schmitz, ſeine würdige Mutter?“ Fünfzigſtes Kapitel. „Sie ſtarb vor dieſer Kataſtrophe, und als es ſo weit kam und ſich Freunde und Familie ſchon weinend abgewandt hatten, bewegte ſie noch einmal ihren Zeigefinger und winkte ſo ihren Sohn zurück, dem ſie noch die Worte in's Ohr flüſterte: ‚In meinem Leinwandſchranke, in der oberſten Schublade rechts— laß es nicht zu Grunde gehen!⸗— dann ſtarb ſie.“ „Dort hatte ſie wahrſcheinlich ihr Geld verborgen?“ „So dachte Michel Angelo auch, doch als er nachfah, beſtand das, was er nicht zu Grunde gehen laſſen ſollte, in einem Stücke ſchon ziemlich trockenen Kuchens, den Frau Schmitz von einer Kaffee⸗ geſellſchaft nach Hauſe gebracht hatte.“ „Sie ſtarb, wie ſie gelebt— es war eine brave Frau— Gott habe ſie ſelig!— Aber wer hat Dir dieſe Geſchichte erzählt? — In den Noten Deines auswärtigen Amtes kommt dergleichen ſchwerlich vor.“ „Ich hörte ſie von Walter— der gute Kerl, wie habe ich mich gefreut, ihn wiederzuſehen!“ „So iſt er bei Euch?“ „Ja, und auch noch Andere von damals— Du ſiehſt alſo, daß doch nicht Alles geſtorben und verdorben iſt— erinnerſt Du Dich des kleinen Rafael, des Dieners von Rodenberg?“ „Gewiß, und Rodenberg werde ich auch wiederſehen— ich freue mich auf dieſen geſunden, lebenskräftigen Künſtler und Freund — wie geht es ihm?“ „Im Augenblicke geht es ihm nicht gut: er wurde aus ſeiner Stellung bei Hofe entlaſſen.“ „Wozu ich ihm nur Glück wünſchen kann.— Ich bin über⸗ zeugt, ſo lange er dort war, hat er weder Bleiſtift noch Pinſel angerührt— wirklich ſchade um dieſes große Talent— aber Deine Nachrichten freuen mich; ſo werde ich doch wenigſtens Einige wiederfinden.“ „O, Viele, Viele, mein lieber Roderich!“ „Was wollteſt Du mir vorhin von dem kleinen Rafael ſagen O, brich nicht, Steg, du zitterſt ſehr! 1938 — das war doch damals der kleine Diener Rodenberg's? Ich er⸗ innere mich ſeiner noch als Zwerg bei dem Künſtlerfeſte.“ „Aus dem Zwerge iſt ein ganz tüchtiger Kerl erwachſen; Du weißt, daß er zu einem Buchhändler in die Lehre trat, anſtatt aber Bücher zu verkaufen, macht er nun ſelbſt welche, wenigſtens Artikel in Zeitungen, die gern geleſen werden.“ „Es freut mich, doch auch wieder von Einem zu hören, dem es gut geht; gewöhnlich wenn man nach einer Reihe von Jahren nach Hauſe zurückkehrt und ſich fragend an Jemanden wendet, ſo heißt es in der Regel: Dieſer iſt geſtorben, Jener zu Grunde gegangen, ein Anderer hat eine traurige Heirath gemacht, ein Vierter hilft ſich kümmerlich durch, von einem Fünften redet man nicht gern, und ſo fort.“ „Schlegel, deſſen Du Dich wohl noch erinnerſt, ich glaube, Du gabſt ihm ſelbſt den Rath, Decorationsmaler zu werden, hat eine gute Anſtellung bei unſerem Hoſtheater— und das ſind doch nun alles Leute: Bekannte, Freunde,“ ſetzte Warren mit einem eigenthümlich klingenden Tone hinzu,„welche Dein Atelier wieder füllen werden, wenn Du es für gut fändeſt, dasſelbe wieder einzu⸗ richten— darum fiel mir auch gerade jener Frühlingsmorgen ein, wo wir ſangen: ‚Und wüßten wir, wo Jemand traurig läge, Wir brächten ihm den Weinl? 3 Wer weiß, guter, lieber Roderich,“ ſetzte er mit bewegter Stimme hinzu, ob Dir nicht auch Jemand einen recht erfriſchenden, glücklich machenden Trunk reicht!“ „O ja, wenn er aus dem Lethe käme, könnte er mich glücklich machen!“ „Was, Lethe— das iſt für Kopfhänger, für zerrüttete, ver⸗ lorene Gemüther, aber nicht für friſche Leute, wie wir ſind!“ Er bedeckte einen Augenblick ſein Geſicht mit beiden Händen und fuhr dann, ſich gewaltſam bezwingend, in einem ruhigen Tone fort: ——— 194 Fünfzigſtes Kapitel. „Ja, gerade jener Morgen— ich vergeſſe ſeiner nie! Allerdings, der gute Prinz Heinrich kann Dich nicht mehr beſuchen, Du wirſt geleſen haben, daß er geſtorben iſt— aber Werdenberg würde kommen und Alles noch ſo räubermäßig und trichinenhaft finden, wie damals. Noch Einer, der ſuperbe Hund vom Höllenſteine, iſt auch hieher übergeſiedelt: ſeine Familie hat Güter in der Nachbar⸗ ſchaft unſerer Stadt.“ „Ah, die Familie der Hunde mit dem geſtutzten Schweife!“ ſagte Olfers, zum erſten Male ein wenig lächelnd. „Richtig; und wer war denn ſonſt im Atelier?“ Roderich ſah ihn ſeltſam fragend an, dann ſagte er:„Da waren noch andere Freunde, andere, unſerem Herzen Näherſtehende, denen mein Ausdruck von vorhin galt: verdorben und geſtorben.— Was ſollen mir Alle, die Du ſo eben genannt, gegen jene? Da ſie nicht mehr ſind, ſo gibt es Augenblicke, wo ich die ganze Welt für leer und ausgeſtorben halte— verzeihe mir den Ausdruck des Schmerzes, Warren, denn Du weißt, wie lieb ich Dich habe!“ „Wenn ich mich nur erinnern könnte,“ erwiederte der junge Engländer mit einer angenommenen Gleichgültigkeit—„wer war denn damals noch im Atelier?“ „Haſt Du denn, ohne einen anderen Namen zu nennen, Conchitta ſo ganz vergeſſen?“ „Richtig, Conchitta— o, wie mir ſo etwas paſſiren kann!“ „Nun, Warren, was haſt Du denn?“ „O nichts, gar nichts, auf der weiten Welt nichts, als daß ich jetzt in der Freude meines Herzens aus dem Wagen ſpringen, ein wenig neben ihm fortlaufen und mich dann wieder hinein⸗ ſchwingen möchte!“ „Du biſt mir förmlich räthſelhaft!“ „Das bin ich mir ſelbſt auch und bewundere meine Art, mit Dir zu reden— doch hat alles Ding ein Ende, und ſo muß ich Dir denn ſagen, daß Du Conchitta auch wiederfinden wirſt!“ Roderich fuhr aus ſeiner ruhenden Lage von einer Feder —,— — O, brich nicht, Steg, du zitterſt ſehr! geſchnellt in die Höhe.—„Conchitta?— Du treibſt Deinen Scherz mit mir!“ „Gott ſoll mich bewahren! Aber erlaube mir eine Frage, Roderich: wird es Dich freuen, Conchitta wiederzuſehen?“ „Ob es mich freuen wird,“ gab der Andere mit einem innigen Blicke gen Himmel zur Antwort,„iſt mir doch die Erinnerung an ſie unzertrennlich von einem anderen theuren, geliebten Weſen!“ „Ah, ich weiß, was Du meinſt, unſere gute, kleine Margarethe — ſie war ja damals auch in unſerem Atelier.“ „Olfers nickte ſtumm mit dem Kopfe und blickte, die Arme über einander ſchlagend, finſter vor ſich nieder, ſo daß er es nicht bemerken konnte, wie Warren ihn mit weit aufgeriſſenen Augen betrachtete, Augen, die voller Thränen ſtanden, wie er dabei zu lächeln verſuchte und wie er, als ihm dies nicht gelang, die Unter⸗ lippe zwiſchen die Zähne klemmte. „Ja, Margarethe!“ ſagte er nach einer ziemlich langen Pauſe mit einem ſo ſeltſam klingenden Tone, daß Olfers unwillkürlich aufſchaute und ihm nun beide Hände darreichte. „Ich weiß, wie lieb Du das Kind gehabt, und danke Dir für Deine Theilnahme an meinem Schmerze!“ „Für meine Theilnahme kannſt Du mir meinetwegen danken,“ ſprudelte jetzt der junge Mann mit Heftigkeit heraus, daß ihn Roderich erſtaunt anblickte—„aber von Schmerz ſollſt Du nicht reden, nie mehr reden— nie mehr, Mann— nie mehr, mein guter, lieber Freund!— Siehſt Du denn nicht, Künſtler und Menſchenkenner, daß ich im Begriffe bin, vor Freude ganz unerhörte Dinge zu begehen, und wäre ich dazu im Stande, wenn Mar....2“ „Wenn Margarethe?“ fiel ihm der Andere haſtig in's Wort, wobei eine tiefe Bläſſe ſeine Züge überflog. „Wenn Margarethe nicht ebenfalls wiedergefunden wäre?“ „Gerechter Gott! Sprichſt Du die Wahrheit?“ „In alle Wege und ſo wahr mir Gott helfe, wie es in alten Urkunden und bei feierlichen Schwüren heißt!“ 1 *8 — 196 Fünfzigſtes Kapitel. „Meine Margarethe— mein Kind— das iſt des Glückes zu viel!“ „Es iſt allerdings mehr, als wir erwartet und auch vielleicht verdient haben,“ ſprach der junge Engländer, wobei er es ruhig geſchehen ließ, daß ihm die Thränen aus den Augen tropften. Dann hob er auf einmal ſeine beiden Hände gen Himmel und ſang mit lauter Stimme: „Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher Und trinkt ihn fröhlich leer!“ worauf er ſich mit einem jubelnden Lachen unterbrach und ſagte: „Habe ich es nicht recht geſchickt gemacht, daß ich Dich von jenem Frühlingsmorgen im Atelier ſo klug vorbereitend auf unſer höchſtes Glück gebracht?“ Roderich hatte ſich zurückgelehnt, und die Augen mit der rechten Hand bedeckend, ſagte er tief bewegt:„Du haſt Deine Vorbereitung auf meine ſtarken Nerven berechnet, und trotz derſelben bebe ich unter dieſer unerwarteten Seligkeit— erzähle mir etwas darüber, laß mich vor Freude zitternd mit empfinden, wie ſich dieſes uner⸗ hörte Glück begab!“ 5 Worauf der Andere ſo umſtändlich als möglich berichtete, was wir bereits wiſſen: wie er Edelweiß am Zuger See kennen gelernt und ſpäter in Zürich wieder geſehen, ohne zu wiſſen, wen er vor ſich habe, und endlich von jenem glücklichen Tage, wo ihn der Klang des Glöckleins auf den richtigen Weg gebracht. Er erzählte lange und umſtändlich, doch je mehr er ſeine Er⸗ zählung ausſpann, um ſo mehr Einzelnheiten verlangte Olfers. Wie oft hatte er ihm ſchon Margarethe beſchreiben müſſen und Conchitta ebenfalls, und immer hatte der glückliche Vater weitere Fragen zu ſtellen! Dabei ſauste der Bahnzug an einer Station um die andere vorbei, und obgleich Bäume und Häuſer, Mauern und Brücken nur ſo vorüber zu fliegen ſchienen, meinte Roderich doch, der Zug gehe über alle Beſchreibung langſam. .— O, brich nicht, Steg, du zitterſt ſehr! 197 „Das kann man gerechter Weiſe nicht ſagen,“ entgegnete ihm Warren,„obgleich auch ich dieſelbe Empfindung habe— begreiflich, denn wenn wir mit dem Telegraphen flögen, wäre uns das kaum ſchnell genug!“ „Gewiß, Alfred, gewiß!“ „Nach meiner Berechnung kommen wir heute Abend gegen zehn Uhr an— ſchade, daß es zu ſpät iſt, um noch zu Conchitta hinauf zu fahren!“ „So muß ich bis morgen warten, ehe ich Margarethe in meine Arme ſchließen kann?“ „Es wird ſich wohl nicht anders thun, und da ich es vorher berechnet habe, ſo ließ ich die Damen über die genaue Zeit Deiner Ankunft in Ungewißheit— ich glaube, ich habe das klug gemacht.“ „In dieſem Falle, ja; überhaupt, Alfred, muß ich Dir ein⸗ geſtehen, daß Du ein ganzer Mann geworden biſt, was mich mit Freude erfüllt, und darf ich wohl mit Stolz hinzuſetzen: die paar Jahre, in denen ich Dich unter meiner Aufſicht gehabt, haben ihre guten Früchte getragen.“ „Das meinen andere Leute auch,“ entgegnete Warren, indem er mit einem ſchwärmeriſchen Blicke vor ſich niederſah. „Wie es mich glücklich macht, daß gerade Du es biſt, welcher Margarethe aufgefunden!“ „Nicht glücklicher, als es mich gemacht— Du weißt, wie ſehr ich ſchon damals für ſie eingenommen war!“ „Eine gegenſeitige kleine Neigung, über die ich oft gelacht und die Du, wie mir ſcheint, ſo freundlich warſt, dem Kinde zu bewahren.“ „Dem Kinde— ja, ja, hm, hm—“ machte Warren mit einem eigenthümlichen, ſchelmiſchen Lächeln; ja, wir ſpielten damals recht heiter zuſammen, wenn wir in Deinem kleinen Garten zu Mittag aßen und mir Margarethe unverſehens eine Handvoll Roſen⸗ blätter als Grünzeug in die Suppe warf.“. „O, mit welcher Seligkeit ich mich daran erinnere!“ * 198 Fünfzigſtes Kapitel. „Das würde ſie heute nicht mehr thun.“ „Warum nicht? Ich bin vollkommen überzeugt, daß es ſich gleich geblieben iſt, mein gutes Kind!“ „Allerdings iſt es ſich gleich geblieben in den meiſten Dingen, nur in einer Kleinigkeit nicht, was Du überſehen zu haben ſcheinſt — es iſt nämlich kein Kind mehr.“ „A— a— a-—ah, ja, daran habe ich wahrhaftig noch nicht gedacht!“ „Sonſt iſt es ſich ſo ziemlich gleich geblieben, wie geſagt, und doch wieder ganz anders geworden, daß es mir anfänglich Mühe machte, aus den lieben, ſchönen Zügen der Jungfrau die Züge des Kindes wieder heraus zu ſtudiren.“ „A— a— a—ah, Du gabſt Dich dieſen Studien hin?“ „Aus ganzem Herzen und mit voller Seele!“ „Ei, ei, Alfred— und was ſagte Conchitta dazu?“ „O, ſie freute ſich über meinen Schönheitsſinn und hat es oft bedauernd ausgeſprochen, daß ich kein Künſtler geblieben!“ „Richtig, Margarethe iſt kein Kind mehr— und was ſagt denn ſie zu Deinem Studium?“ „Lieber Roderich, Du ſtellſt ganz außerordentlich eigenthüm⸗ liche Fragen.“ „Die Du doch dem Freunde wohl beantworten kannſt,“ ſagte Roderich, indem er das Wort„Freunde“ ſtark betonte. „Gewiß, wenn wir nur allein wären und nicht der Vater da⸗ bei ſäße,“ gab Warren mit einem komiſch ernſten Geſichtsausdrucke Antwort. Doch faßte er gleich darauf mit einer faſt ängſtlichen Haſt Roderich's beide Hände, ſchüttelte ſie herzlich und ſagte:„Laß es für heute genug ſein an dem, was Du erfahren: ſei zufrieden, daß Du die liebe Tochter wieder gefunden, und jetzt, wo ich vom Erzählen und Sprechen ganz müde und matt geworden bin, will ich mich in meine Ecke zurücklehnen und etwas träumen, es däm⸗ mert bereits, und ſo im Zwielicht umflattern uns die liebſten und heiterſten Bilder.“ „Ja wohl, ja wohl!“— O, brich nicht, Steg, du zitterſt ſehr! 199 Es war um ſo raſcher dunkel geworden, als der Zug jetzt durch tiefe Einſchnitte, durch Tunnels und bewaldete Hügelreihen hinſauste; die beiden Freunde ruhten ieder in ſeiner Ecke und keiner konnte des Anderen Geſichtszüge mehr unterſcheiden. Da ſprach der junge Engländer:„Soll ich Dir ſagen, woran Du denkſt, Roderich?“ „Das iſt nicht ſchwer zu errathen— an meine gute, liebe Margarethe!“ „Und ſoll ich Dir auch ſagen, woran ich denke?“ „Ja, laß hören.“ „Ich denke ebenfalls an meine gute, ſchöne, innigſt geliebte Margarethe, und wenn Du etwas dagegen einzuwenden haſt, ſo melde Dich bei Zeiten, denn ſpäter werden keine Einſprachen mehr angenommen.“ Roderich lachte herzlich in ſich hinein, doch leiſe, daß es der Andere nicht hörte; auch ſagte er etwas, das Warren nicht verſtand, denn die Locomotive pfiff jetzt ſo laut und gellend, wie eine Loco⸗ motive aus Freude zu pfeifen pflegt, wenn ſie nach langem, heißem und rußigem Tagwerke endlich ihre behagliche Schlußſtation vor ſich ſieht. Da ſtanden die beiden Freunde auf dem Bahnhofe, und Olfers fragte:„In welchem Gaſthofe werde ich wohnen— was meinſt Du, Alfred?“ 3„Komm' nur mit mir,“ erwiederte Lord Warren lachend, „ich habe den Wagen Deines Gaſthofes ſchon auf den Bahnhof befohlen und Dir natürlicher Weiſe ein Appartement beſtellt: vier Zimmer im Erdgeſchoß, gut ausgeſtattet und nicht zu theuer, unter der Krone von England— biſt Du damit zufrieden?“ „Vollkommen, und ich danke Dir für Deine Sorgfalt.“ Draußen hielt der Wagen des jungen Lords, und während ſie nach deſſen Wohnung fuhren, ſchaute Olfers umher und meinie: „Wie mir das Alles heute um Vieles freundlicher erſcheint, als vor einigen Jahren, als ich hieher kam mit ſo tiefem, tiefem Weh im Herzen!“— — 200 Fünfzigſtes Kapitel. Am anderen Morgen war Lord Warren ſchon ſehr frühzeitig auf, und nachdem er ſich vollſtändig und ſorgfältig angekleidet hatte, ging er ſelbſt in den Stall hinunter und befahl, ſeinen kleinen, ſehr eleganten Brougham anzuſpannen, den er vor einem Jahre aus England erhalten und deſſen weiche Federn und angenehme Art, zu fahren, Alles übertraf, was in dieſer Art bis jetzt noch da geweſen war. Dann blieb er dabei ſtehen, bis dieſer Brougham im langſamſten Schritte, um ſeinen Gaſt nicht zu erwecken, den Hof verlaſſen hatte, worauf er anordnete, daß ihn der Kutſcher vor dem Thore der Stadt zu erwarten habe. Seinem Kammerdiener gab er ſodann den Auftrag, Herrn Olfers ſchlafen zu laſſen, ſo lange es demſelben beliebe, und wenn er erwache und nach ihm, dem Lord, frage, zur Antwort zu geben, er mache einen Morgen⸗ Spaziergang und werde genau zur richtigen Zeit wieder nach Hauſe kommen. Dann ging er davon, lachend ſich die Hände reibend und ſich freuend über den prachtvollen Morgen, der ihm gerade heute den Gefallen that, ſo ſchön über der leuchtenden Erde aufzugehen. Vor der Stadt beſtieg er den Wagen, und welche Richtung derſelbe nahm, brauchen wir wohl nicht zu ſagen; auf der Hälfte des Weges aber, wo der Fuß⸗ und Reitweg die Fahrſtraße kreuzte, ließ er halten, den Wagen ſeinen Weg fortſetzen und ſtieg den kürzeren Pfad zu Fuße aufwärts. Wie gedachte er jenes Morgens, an dem er zum erſten Male hier hinaufgeritten war, wie er droben die Ausſicht bewundert und wie ihm das fliegende Blatt Papier den richtigen Weg gezeigt! Er öffnete die kleine Pforte und ſchritt raſch der Stelle zu, wo er Edelweiß damals geſehen und wo ſie ihn ſeitdem ſo gern erwartete. Auch heute ſaß das liebe Mädchen da und war beſchäftigt, aus üppigen Roſen, die in einem Körbchen zu ihren Füßen lagen, einen Strauß zu binden. Als ſie ſeine Schritte hörte, ſprang ſie lauſchend auf, und als ſie ihn erkannte, flog ſie in ſeine Arme. „Ich wußte, daß Du heute früher als gewöhnlich kommen — O, brich nicht, Steg, du zitterſt ſehr! 201 würdeſt,“ flüſterte ſie mit einem unſicheren, faſt bangen Tone der Stimme—„ja, denke Dir nur, Alfred, Conchitta, Mercedes und ich, wir ſaßen geſtern Abend bis nach Mitternacht auf der Terraſſe und horchten auf das Pfeifen der Locomotiven! Conchitta war ſehr bewegt, und als der Zug einfuhr, auf dem Du Dich befinden mußteſt, da trat ſie an die Brüſtung und faltete ihre Hände zum Gebete— ich konnte mir nicht anders helfen, als daß ich laut zu weinen an⸗ fing— und nun ſage mir, Alfred, haſt Du meinen Vater gefunden und iſt er mit Dir gekommen?“ Lord Warren nickte ſtumm mit dem Kopfe. „Ich hätte das wohl zuerſt fragen ſollen,“ fuhr ſie, ihn mit einem innigen Blicke anſchauend, fort, wobei ihre großen, ſchönen Augen voll Thränen ſtanden,„doch war ich zu bewegt und hätte ohne einige einleitende Worte vor übergroßem Glücke keine Sylbe hervorgebracht.“ „Ja, er iſt da und freut ſich unendlich, Dich in ſeine Arme ſchließen zu können.“ „Und wann werde ich ihn ſehen?“ fragte ſie dringend. „Sogleich, nachdem ich mit Conchitta geſprochen— komm, wir wollen nach ihr ſehen— aber willſt Du nicht vorher Deinen Roſenſtrauß vollenden?“ „Nein, nein, Mercedes wird es thun, ich habe jetzt keine Zeit und keine Laune dazu, obgleich er für Dich beſtimmt war, lieber Alfred, doch will ich Dir die ſchönſte Knospe ausſuchen— da, nimm!“ „So ſchön, wie Du— Dein Bild, meine ſüße Margarethe!“ Und dann nahm er die Roſenknospe aus ihrer Hand, drückte ſie zwiſchen ihre friſchen Lippen und ſteckte ſie hierauf an ſeine Bruſt, indem er ſagte:„So, jetzt iſt dieſe Roſenknospe geweiht und muß mir Glück bringen!“ Sie ſah ihn nach dieſem Spiele heiter lächelnd an, und als er hierauf das junge, ſchöne Mädchen an ſeine Bruſt zog, hob ſie mit halb geſchloſſenen Augen ihr Geſicht zu ihm empor, und ihre heißen, durſtigen Lippen fanden ſich in einem unendlich ſeligen Kuſſe. Fünfzigſtes Kapitel. Der Himmel ſchaute ihnen zu und lachte ſo heiter über ihnen, daß man deutlich ſah, er habe eine innige Freude an dieſen beiden reinen, jungen und ſchönen Menſchen: die Roſen hatten bemerkt, wie ſie ſich küßten, ſowie auch die leicht zitternden Blätter der Bäume, und hatten ebenfalls ihre Luſt daran— aber auch Je⸗ mand anders hatte ungeſehen zugeſchaut und war durchaus nicht entzückt davon. Es war dies ein glattes Geſicht mit einem Paar großer, geiſt⸗ loſer Augen, welches einen Moment über der Mauer ſichtbar geworden war, um alsdann mit einer Schnelligkeit wieder zu ver⸗ ſchwinden, wie der ſpionirende Störenfried in der Marionetten⸗ Komödie, nachdem er ſehr Unliebſames geſehen. Die beiden Glücklichen gingen indeſſen Arm in Arm dem Hauſe zu, auf deſſen Terraſſe ihnen Conchitta entgegen trat: ſie that keine Frage, ſondern ſchaute nur ängſtlich forſchend in das Geſicht Warren's, worauf ſie ſich raſch abwandte, um in ihr Zimmer zu⸗ rückzueilen. Warren folgte ihr und fand ſie mit gefalteten Händen vor dem Bilde Roderich's, zu dem ſie ihre in Thränen ſchwimmenden Augen erhob. „Es iſt ja Alles, Alles gut,“ ſagte er mit weicher Stimme, „Alles, meine gute Conchitta— ſo klar der Himmel über uns ſich wölbt, ſo klar und ungetrübt wird unſere Zukunft ſein— that ich nicht wohl daran, vorauszueilen, um Ihnen Nachricht zu bringen? — Dann habe ich auch noch eine ſehr große und ſchwere Bitte auf dem Herzen, die Sie mir nicht abſchlagen dürfen und welche Sie bei ruhiger Ueberlegung eben ſo begreiflich als zweckmäßig für uns Alle finden müſſen....“ Sie ſah ihn fragend an. „Draußen hält mein Wagen, und ich bin gekommen, Marga⸗ rethe mit mir zu nehmen, um ſie zu ihrem Vater zu geleiten.— Iſt mein Gefühl nicht das richtige,“ fragte er nach einer Pauſe, indem er ihre Hand ergriff,„daß ich dem Vater die Tochter zu⸗ O, brich nicht, Steg, du zitterſt ſehr! 203 führen will, damit er ſich ohne Zeugen über ſein wiedergefundene⸗ Kind freue?“ „O gewiß, gewiß, Lord Warren!“ „Und werden Sie alsdann drei glücklichen Menſchen erlauben, daß ſie in Kurzem hieher eilen, um Sie an dieſem unausſprechlichen Glücke Theil nehmen zu laſſen?“ „Ich werde mit mir zu Rathe gehen, ob mir das möglich iſt,“ ſagte ſie mit leiſe zitternder Stimme;„Ihr Beſuch wird mir auf's höchſte willkommen ſein— ob ich aber vollkommen Theil nehmen kann, das wird Gott in mein Herz legen.“ „O,“ rief Warren im herzlichſten Tone, deſſen er fähig war, „an Ihrem Herzen haben wir einen mächtigen Bundesgenoſſen, davon bin ich überzeugt, und es wird ſich nicht ungern beſtimmen laſſen— in dieſer Hoffnung ſcheide ich auf baldiges Wiederſehen!“ Er nahm ſanft ihre rechte Hand, drückte einen Kuß darauf und bat dann mit ſchmeichelnder Stimme:„Sagen Sie es Mar⸗ garethen, daß ſie mich begleiten darf!“ Sie ging kopfnickend hinaus und er blieb noch einen Augen⸗ blick ſtill lächelnd vor dem Bilde des Freundes ſtehen, wobei er mit einem Anfluge von Luſtigkeit ſagte:„Wie Du da aus dem Rahmen herausblickſt, ſo ſchauſt Du vielleicht drunten auf die Straße und kannſt es nicht begreifen, daß ich ſo lange Morgen⸗Spaziergänge mache und es mir gar nicht ſo eilig iſt, Dich hier heraufzuführen, und doch habe ich klug gethan, es zu machen, wie ich gemacht— trau' Einer dem Herzen eines Weibes— ich bin dieſer Conchitta mit ihrem ſtarken Herzen durchaus nicht ſicher, und es hätte mich gar nicht gewundert, wenn ſie einem Ueberfalle, wie wir ihn vor hatten, aus dem Wege gegangen wäre— ſo kann ſie bei ſich über⸗ legen, und dieſes Mal hoffe ich, ſoll das Herz über den allzu klugen Verſtand den Sieg davon tragen!“ Draußen fand er ſchon Margarethe bei Mercedes, welche ihr den Hut aufgeſetzt und den leichten Paletot zugeknöpft; dann legte ſie ihre beiden Hände auf die Schultern des jungen Mädchens und ——— ꝛꝛ 204 Fünfzigſtes Kapitel. ſagte ihr:„Geh' mit Gott, mein Kind Margarethe— einen ſchöneren und glückſeligeren Morgen wie den heutigen wirſt Du ſchwerlich haben!“ Daß Margarethe eben ſo fühlte, ſah man am freudigen Leuchten ihrer Augen, ſowie an dem unbeſchreiblichen Ausdrucke von Glück, mit dem ſie ihrem Begleiter die Hand reichte, nachdem ſie Mercedes herzlich umarmt.„Nicht wahr, wir gehen eine Strecke zu Fuße?“ flüſterte ſie alsdann, ein Vorſchlag, den Lord Warren mit Ver⸗ gnügen aufnahm, worauf er ſeinem Kutſcher befahl, ihn an der erſten Biegung des Weges zu erwarten. Dann gingen ſie mit einander fort, das glückliche, ſchöne junge Paar, und ſie ſchmiegte ſich ſo feſt an ihn, daß er jedes Mal, wenn ſie ſprach— und ſie ſprach heute Morgen ſehr viel—, den warmen, ſüßen Hauch ihres Mundes empfand. Sie ſchritten durch den Gar⸗ ten und verließen denſelben durch die uns wohlbekannte kleine Pforte. Mercedes ſchaute ihnen mit Segenswünſchen auf den Lippen nach, und als ſie nun neben dem ſprudelnden Bergwaſſer abwärts wan⸗ delten, blickte ihnen, hinter einem Baumſtamme verborgen, auch noch Jemand nach, der aber für ſie keine Segenswünſche auf den Lippen hatte. Es war dies der Freiherr von Schenk, der heute Morgen ganz zufällig einen Spaziergang hier herauf gemacht, wie er öfter zu thun pflegte, welcher vorhin ebenfalls ganz zufällig über die Mauer geſchaut und der nun vor Entſetzen die Hände über dem Kopfe hätte zuſammenſchlagen mögen, wenn er nicht gefürchtet hätte, ſich durch ein Geräuſch zu verrathen. „Ich muß ſchon geſtehen, daß dies über alle Beſchreibung iſt!“ murmelte er mit ingrimmig zuſammengebiſſenen Zähnen, wobei aber ſelbſt jetzt nicht einmal ſein glattes Geſicht eine Falte des Unmuthes zeigte; höchſtens ſtarrten die Augen mit einem etwas lebhafteren Ausdrucke, wie ſonſt.—„Was ſoll das bedeuten und wohin will man ſeine Schritte lenken? A— a— a-—ah, wahrſcheinlich eine kleine Promenade in den Wald, nach irgend einer maleriſchen O, brich nicht, Steg, du zitterſt ſehr! Stelle, zu einem heitern Geplauder— ich werde ſie nicht aus den Augen verlieren, um als Dritter zu erſcheinen und was an mir liegt, die Ehre der Familie zu wahren— denn ich kann ſie nun doch einmal nicht verläugnen— auch hier nicht,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu, indem er mit der geballten Hand heftig an ſeine linke Bruſt ſchlug. Er bewegte ſich nun in ſchlangenartigen Windungen vorwärts, jeden Baum, jeden Strauch zu ſeiner Deckung benutzend, jetzt ſtehen leibend, ſich jetzt niederbückend— eine unnöthige Vorſicht, die er ſich gab, denn die beiden glücklichen Menſchen, denen er folgte, waren ſo mit ſich ſelbſt beſchäftigt und im Geſpräche vertieft, daß ſie wohl kaum umgeſchaut, wenn ſie ſeine Fußtritte auch vernommen haben würden. Jetzt hatten ſie die breite Fahrſtraße und zu gleicher Zeit den Wagen erreicht. Lord Warren öffnete den Schlag, hob Margarethe hinein, und nachdem er ſelbſt raſch gefolgt war, liefen die Pferde im ſcharfen Trabe davon. Hatte der Kammerherr in dieſem Augenblicke wirklich ein lautes ‚Halt, Halt!’ gerufen oder nur ſchreien wollen und hierzu bereits den Mund geöffnet, ſind wir nicht im Stande, anzugeben: er ſtand wenigſtens da mit weit aufgeriſſenem Munde, die Hände von ſich abgeſtreckt, wie Jemand, der ziemlich rathlos iſt— den Pferden nachzulaufen, wäre eine Lächerlichkeit geweſen, und Freiherr von Schenk ſchauderte ſchon bei dem bloßen Gedanken, ſich lächer⸗ lich zu machen. „Eine Entführung— ſoll mich der Teufel holen!— Eine Entführung, und ich nicht im Stande, dieſem jungen, unbeſonnenen Mädchen nachzuſetzen!— Doch kann ich mir nicht denken, daß er direct auf den Bahnhof fahren will— es wäre doch bei allem Uebermuthe dieſes Engländers eine ſchlecht gewählte Tageszeit— thun wir, was wir können— dieſer Fußweg kürzt bedeutend ab, vielleicht daß es mir gelingt, ſo lange den Wagen in Sicht zu be⸗ halten, bis ich drunten zu weiterer Verfolgung eine Kutſche finde!“ Hackländer's Werke. 56. Bd. 206 Fuünfzigſtes Kapitel. „Und ich will ihn verfolgen!“ ſetzte er, abwärts ſtolpernd, hinzu, wobei ſich der raſch laufende Mann mit den hellen, perl⸗ farbenen, ſtramm angeſpannten Beinkleidern, den zierlichen Lack⸗ ſtiefeln, der hellgelben Weſte mit der hin⸗ und herfliegenden golde⸗ nen Kette und dem leichten Morgen⸗Fracke ziemlich komiſch ausnahm, nicht zu gedenken ſeines Geſichtes, welches, allmählich röther und röther werdend, den würdigen kammerherrlichen Ausdruck krampfhaft feſthielt und ſo in ſeiner gleichgültigen Miene, in ſeiner tadelloſen Glätte, wohl raſirt und friſirt, ausſah, als habe es mit den haſtig davonrennenden Beinen durchaus keine Gemeinſchaft! Als der Baron ziemlich außer Athem gekommen war, denn er lief ſehr raſch, ſchöpfte er Luft, nicht auf plebejiſche Art wie andere gewöhnliche Menſchen, die den Mund auf gemeine Weiſe aufreißen, ſondern nur ſeine Backen arbeiteten wie ein Blaſebalg, wobei übrigens ſeine ſtarren Augen etwas ſtark hervortraten: indeſſen hatte er Glück in ſeiner Verfolgung, denn als er das Thal erreichte und den betreffenden Wagen ſchon in einer ziemlichen Entfernung von ihm der Stadt zueilen ſah, traf er einen Fiaker, der, von einer Spazierfahrt leer heimkehrend, ihn bereitwillig aufnahm und Alles zu thun verſicherte, um die elegante Equipage mit den raſchen Pferden wenigſtens nicht aus den Augen zu verlieren. Nachdem ſich der Kammerherr, ausgeſtreckt in dem Wagen ruhend, von ſeinem Rennen wieder ſo weit erholt hatte, daß er eines geordneten Gedankens fähig war, verſicherte er ſich ſelbſt zu wiederholten Malen, daß es ſeine Pflicht und Schuldigkeit ſei, das entlaufene Mädchen, welche trauriger Weiſe durch ihre unglückliche Mutter mit ihm verwandt war, zur Vernunft und auf ihr ſtilles Landhaus zurückzubringen.— Es war nöthig, daß er ſich ſelbſt beruhigte, denn er hatte ſchon einige Male Gelegenheit gehabt, zu bemerken, daß Lord Warren etwas heftiger und aufbrauſender Natur war und es durchaus nicht liebte, wenn man ihm moraliſch oder phyſiſch auf die Hühneraugen trat— und er war im Begriffe, ihm ſehr nahe zu treten.—„Doch es muß ſein,“ ſprach er nach O, brich nicht, Steg, du zitterſt ſehr! 207 einer längeren Pauſe der Ueberlegung ſeufzend zu ſich ſelber;„auch müßte dieſer junge Mann ein Barbar ſein, wenn er nicht aner⸗ kennen wollte, daß ich ein Recht habe, mich um die Aufführung dieſer jungen Dame zu bekümmern, und wenn er es auf's Aeußerſte ankommen laſſen wollte— auf's Aeußerſte?“— Der Baron hatte hierbei ein Gefühl, wie wenn man unverhofft auf ein tüchtiges Sandkorn beißt oder ſich erhitzt einem kalten Zugwinde ausſetzt— „auf's Aeußerſte?“— Dieſes Aeußerſte gegenüber einem jungen, aufbrauſenden Menſchen, dem man ein junges und ſehr ſchönes Mädchen abnehmen wollte, konnte zu ſehr unangenehmen Dingen führen.— Der Kammerherr, welcher raſch einige Blätter Selbſt⸗ betrachtung überſchlug, ſah ſich ſchon im Geiſte abermals ausgeſtreckt in einem gemeinen Fiaker fahren, neben ſich einen Mann vom Fache, welcher mit ſehr beſorgten Mienen hier und da einen Verband befühlte— ſchauderhaft! Der geſunde Kammerherr klopfte dem davonraſenden Kutſcher auf die Achſel, um ihm eine andere Richtung anzuempfehlen; doch hieb dieſer mißverſtehend auf ſeine Pferde und zeigte mit einem triumphirenden Lächeln nach vorn. „So nimm, Gerechtigkeit, denn deinen Lauf!“— Der Kammer⸗ herr ſtärkte ſich an dem Gedanken, ſeine Pflicht zu thun, dieſes junge, unerfahrene, ſchöne und reiche Mädchen vielleicht doch noch den Krallen ihres Verführers entreißen zu können, und dabei dachte er an die vielen Spöttereien ſeiner Bekannten, wenn ſie von den Spaziergängen Lord Warren's, die, wie wir bereits wiſſen, kein Geheimniß mehr waren, ſprachen. In dieſem Augenblicke hielt der Fiaker, ſeine Pferde ſcharf parirend, und der Kammerherr ſah, hinausblickend, daß er ſich vor dem engliſchen Geſandtſchaftshotel befand. „Alſo hat dieſer junge, unbeſonnene Menſch die Kühnheit gehabt, das unerfahrene Mädchen nach ſeiner Wohnung zu bringen — und ſie iſt ihm gefolgt— o,“ ſeufzte er ausſteigend,„ſie hat keinen Tropfen vom blauen Blute der Schenk von Schenkenberg— ſie verläugnet ihre plebejiſche Abſtammung von Seiten ihres Vaters Fünfzigſtes Kapitel. nicht, und für dieſes gemeine Blut ſoll ich vielleicht in den Fall kommen, mein edles zu verſpritzen?“ Doch es war zu ſpät zur Umkehr. Der Portier des Geſandt⸗ ſchaftshotels hatte den Kammerherrn bemerkt, und da er ihn auch erkannte, die Hausthür weit vor ihm geöffnet. Da ſtand er denn etwas ſtark klopfenden Herzens und mußte das Erſuchen ſtellen, dem Lord Warren gemeldet zu werden. Dieſer Portier war ein vortrefflicher Diener: er hatte neben der ſo nöthigen unerſchütterlichen Ruhe und Kaltblütigkeit ein ſo nichtsſagendes Geſicht, daß es durchaus unmöglich war, auf dem⸗ ſelben, um mich eines gangbaren Ausdruckes zu bedienen, zwiſchen den Zeilen zu leſen; als er deßhalb zur Antwort gab, Seine Herr⸗ lichkeit würden kaum aufgeſtanden ſein, ſeien aber jedenfalls noch nicht ſichtbar geworden, ſo hätte dies dem Geſichtsausdrucke nach wahr ſein können. Da aber der Herr von Schenk genau unter⸗ richtet war, ſo wiederholte er mit kurzen, aber dringenden Worten ſeinen Wunſch, augenblicklich gemeldet zu werden, zu welchem Zwecke er dem Portier ſeine Karte behändigte. Dieſer rief durch einen Klingelzug einen Lakaien herbei, welcher mit der Karte hinter einer anſtoßenden Thür verſchwand, um nach höchſtens einer Minute wiederzukommen und zu ſagen, Seine Herrlichkeit mache ſich ein außerordentliches Vergnügen daraus, den Herrn Baron von Schenk ſelbſt zu ſo früher Stunde bei ſich zu empfangen. Einen Augenblick ſpäter, und der Kammerherr ſtand in dem Schreibzimmer des jungen Diplomaten, welcher, ihn durchaus nicht warten laſſend, ſogleich von der anderen Seite eintrat. „Ah, Herr Baron— freue mich ſehr, Sie bei mir zu ſehen, obendrein noch zu ſo früher Stunde, was mir nebenbei noch anzeigt, daß dieſer Beſuch für mich wahrſcheinlich von ganz beſon⸗ derer Wichtigkeit ſein wird— darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen?“ Der Kammerherr ließ ſich mit einer etwas ſteifen Verbeugung nieder, und als er jetzt ſaß und auf ſeine Glanzſtiefel hinabblickte, bemerkte er erſt, wie ſtaubig dieſe waren und wie ſehr ſein ſonſt 4 4 ſo zierlich angeſpanntes Beinkleid auch nicht annähernd mehr das war, was es früher geweſen: ſein Stolz und der ſeines Schneiders. —„Sie verzeihen,“ konnte er ſich nicht enthalten, dem jungen Manne, der ihn lächelnd betrachtete, zu ſagen, und zwar in ſehr ausdrucksvollem Tone,„daß mein Anzug etwas derangirt iſt, aber ich komme ſoeben von einem großen und bedeutenden Morgen⸗ Spazirgange zurück!“ „Ah, Sie haben den herrlichen Sommermorgen ebenfalls benutzt?— Ganz wie ich!“ „Vielleicht, Mylord,“ ſagte der Freiherr von Schenk in ſehr trockenem Tone—„ich darf demnach wohl annehmen, daß Eure Herrlichkeit ebenfalls ſpaziren gegangen ſind?“ „Allerdings— ſpaziren gegangen, ſpaziren gefahren, wie Sie wollen!“ Der Kammerherr hob ſeinen Kopf etwas hoch empor, bemühte ſich, ernſt und würdevoll auszuſehen, und ſagte dann:„So habe ich mich alſo nicht getäuſcht?“ „Ich weiß nicht, worin Sie ſich nicht getäuſcht haben— aber ich erlaube mir, aus angeborener Artigkeit ganz Ihrer Anſicht zu ſein.“ „Sie machten Ihren Spazirgang von heute Morgen wohl nach jener Gegend zu, wohin Sie in der letzten Zeit häufig Spazir⸗ gänge zu machen pflegten?“ „Gewiß, denn ich liebe jene Gegend— ſie bietet mir Alles, was ich wünſche: einen ſchattigen Weg, ein erfriſchendes Waſſer, und oben auf dem Berge welch wunderbar elaſtiſche Luft— welche Ausſicht!“ 5 „Ich war auch heute Morgen dort oben— es iſt allerdings eine ſchöne Ausſicht, entzückend— wenn man ſie in Geſellſchaft genießt.“ „So waren Sie heute Morgen nicht allein dort oben?“ „O ja, ich war ſehr allein— doch Eure Herrlichkeit, welche ich das Glück hatte, zu ſehen, ſchien mir dort in ſehr angenehmer Geſellſchaft zu ſein.“ O, brich nicht, Steg, du zitterſt ſehr! K 209 4 3 9 1 1 3 1 3 210 Fünfzigſtes Kapitel. „Ich könnte das abläugnen, mein lieber Herr Baron, denn ehrlich geſagt, glaube ich nicht, daß ich irgend Jemandem über meine Spazirgänge Rechenſchaft ſchuldig bin; aber in dieſem ganz beſonderen Falle will ich zugeben, daß ich dort oben in ſehr liebens⸗ würdiger und angenehmer Geſellſchaft war.“ „Sie finden dieſen Fall alſo in der That ganz beſonders?“ „Ihnen gegenüber, ja!“ „Ich danke Ihnen, Mylord— Sie erſparen mir durch dieſes Geſtändniß die detaillirte Erzählung meines Morgen⸗Spazirganges von dem Augenblicke an, wo ich Sie nach einer kleinen Luſtwand⸗ lung in den Wagen ſteigen ſah, bis zu jenem, wo ich dieſem Wagen bis vor Ihr Hotel folgte.* „Mit großem Vergnügen erſpare ich Ihnen dieſe Details und will mir nicht einmal die Frage erlauben, aus welchem Grunde überhaupt meine Morgen⸗Promenade Sie ſehr intereſſirt, denn ich kann mir dieſe Frage ſelbſt beantworten.“ „Ah, ich danke Ihnen auch für dieſe Erleichterung, und brauche Eurer Herrlichkeit wohl jetzt nicht mehr zu erklären, in welcher Ab⸗ ſicht ich mich eigentlich hier befinde!“ „Darüber bin ich doch nicht ſo ganz im Klaren— iſt es ein Intereſſe, welches Sie an mir nehmen, oder iſt es freundliche Theil⸗ nahme für meine liebenswürdige Begleiterin?“ „Mylord, Sie ſprechen dieſes Wort mit einer Gelaſſenheit aus, welche ich mir kaum zu erklären im Stande bin!“ fagte der Kammer⸗ herr, indem er eine gelinde Entrüſtung in den Ton ſeiner Stimme legte—„fern ſei es von mir, mich auch nur im geringſten um die Spazirgänge Eurer Herrlichkeit zu kümmern; da Sie aber ein⸗ mal Ihrer Begleiterin erwähnt haben, ſo muß ich mir ſchon die Bemerkung erlauben, daß dieſe Begleiterin zu meiner ſehr ehren⸗ werthen Familie gerechnet werden kann und daß ich deßhalb nicht ganz im Unrechte bin, wenn ich Sie in Betreff dieſer jungen Be⸗ gleiterin um eine genügende Erklärung erſuche!“ Der Freiherr von Schenk hatte ſich bei dieſen Worten erhoben, — 7— „ O, brich nicht, Steg, du zitterſt ſehr! 211 denn nach dem, was er jetzt geſagt, hielt er es für paſſender, dem jungen Manne aufrecht in ſeiner ganzen Größe gegenüber zu ſtehen. Doch folgte dieſer ſeinem Beiſpiele nicht, ſondern blieb mit voller Behaglichkeit ſitzen, während er lächelnd antwortete:„Ah, Sie verlangen eine Erklärung von mir, doch nur in verwandt⸗ ſchaftlichem Sinne?“ „Ich weiß nicht recht, wie ich das zu verſtehen habe, überhaupt wäre mir eine ernſthaftere Behandlung dieſer Angelegenheit ſehr erwünſcht— nehmen Sie mir nicht übel, Mylord, Alles hat ſeine Gränzen: ich verſtehe,“ ſagte er achſelzuckend,„daß es Ihrer Liebens⸗ würdigkeit gelungen iſt, ein unerfahrenes, junges Mädchen für ſich einzunehmen— ich begreife ferner, daß Sie ſich kein Gewiſſen daraus gemacht, dieſes junge, unerfahrene Mädchen zu einem Morgen⸗ Spazirgange zu veranlaſſen, ja, ich will Ihnen ehrlich geſtehen, daß eine Entführung in die weite Welt hinaus mit einem allenfallſigen anderweitigen Erſatze für Gretna Green zu verzeihen geweſen wäre; aber, Mylord, ich verſtehe es nicht, wie Sie es über ſich vermochten, ein Mädchen, für das Sie ſich intereſſiren, ihrem Aſyle zu entreißen, um daſſelbe, aller Sitte Hohn ſprechend, hier in Ihre Wohnung zu bringen— ah, Mylord, das iſt eine ſehr häßliche Geſchichte!“ Der junge Engländer hatte ſich jetzt ebenfalls raſch erhoben, ſich dann von dem Kammerherrn abgewandt und blickte nun, ſtatt zu antworten, zum Fenſter hinaus. „Sie werden mir zugeben,“ fuhr dieſer, durch dieſes Still⸗ ſchweigen ermuthigt, fort,„daß ich dieſe Angelegenheit bis jetzt mit aller Schonung beſprochen, ohne die gewiß verzeihliche Heftigkeit eines beleidigten Verwandten, in der Haltung eines Ehrenmannes, der Ihre genügende Vorſchläge hören möchte, auf welche Art dieſe etwas ſcandalöſe Geſchichte wieder gut zu machen wäre!“ „Ich muß einem Verwandten dieſes Recht einräumen, wiederte Lord Warren in einem außerordentlich ruhigen Tone und indem er ſich langſam herumwandte,„wußte aber in der That nicht, daß dieſes junge Mädchen ſo ehrenwerthe Verwandte hatte, 8 4 er⸗ —'—— 212 Fünfzigſtes Kapitel. die ſich um ihr Wohl oder Weh auch nur im entfernteſten be⸗ kümmerten— ich hielt daſſelbe für eine arme Waiſe— arm in⸗ ſofern, als ſie, ohne von Vater⸗ oder Mutterliebe beſchützt zu ſein, in dieſer Richtung gewiſſer Maßen von der Gnade fremder Leute abhing— ich hielt ſie für eine Verlaſſene, eigentlich keiner Familie angehörig; denn was ich ſo unter der Hand über dieſes junge Mädchen gehört, ſagte mir, ſie ſei das Kind einer Mutter, welche dieſe einzige Tochter in früher Jugend dem eigenen Vater ſtehlen ließ, und dies nicht ohne Vorwiſſen der Familie eben dieſer Mutter!“ „Das würde ſchwer zu beweiſen ſein!“ „Allerdings, und es hätte dieſer Beweis auch jetzt keinen großen Nutzen mehr— doch laſſen Sie mich Ihnen weiter erzählen, was ich gehört: der Vater, auf's furchtbarſte betroffen von dem Ver⸗ luſte ſeines lieben Kindes, ſuchte dasſelbe mit einem an Verzweif⸗ lung gränzenden Kummer vergeblich. Bei dieſem Suchen fand er ſich häufig ſehr nahe dem Orte, wo ſich die Mutter mit ihrem Kinde verborgen hielt— das wußte jene Familie, der auch Sie anzugehören die Ehre haben, und kein Mitglied derſelben hatte ſo viel Herz, ſo viel Gefühl, die Partei eines unglücklichen Vaters und dabei eines braven Mannes zu nehmen. „Endlich ſtarb die Mutter und unnatürliche Gattin, ihr Kind einer Fremden überlaſſend, während ſie das Vermögen dieſes Kin⸗ des, allerdings nur zur Verwaltung, in die Hände eines Mitgliedes ihrer ehrenwerthen Familie übergeben ließ.— Das Glied dieſer Familie übernahm die Verwaltung dieſes Vermögens, ohne ſich um das verlaſſene Kind weiter zu bekümmern.“ „Erlauben Sie, Mylord....“ „Später kommt auch an Sie die Reihe, Herr Kammerherr, doch bitte ich, vorher meine Erzählung beendigen zu dürfen; man nahm vielleicht an, das Kind befinde ſich in ganz guten Händen, was denn auch, dem Himmel ſei es gedankt! der Fall war,— doch es hätte auch anders ſein, es hätte in ſchlimme Hände gerathen, es hätte zu Grunde gehen können— aber es wuchs heran, kör⸗ O, brich nicht, Steg, du zitterſt ſehr! 213 perlich und geiſtig, zu einer wunderbaren Vollendung, wie Sie ſelbſt wohl wiſſen werden.“ Freiherr von Schenk verbeugte ſich. „Zu einer Vollendung, welche mich für ſie intereſſirte, als ich ſie das erſte Mal ſah, die mich antrieb, ſie näher kennen zu lernen und hier muß ich nun geſtehen, daß ſich dieſes Intereſſe bei mir gar bald in eine Neigung verwandelte, die unbewußt in eine glü⸗ hende Leidenſchaft überging— und in dieſer Leidenſchaft,“ ſetzte er mit einem eigenthümlichen Lächeln hinzu,„habe ich vielleicht anders gehandelt, als ich hätte handeln ſollen, und bin bereit, Ihnen, Herr Kammerherr, dem ehrenwerthen Verwandten dieſes jungen Mädchens, jede Genugthuung zu geben, wie ſie unter Männern von Ehre und Muth immer noch gebräuchlich iſt— ſelbſt dann noch, nachdem ich Ihnen den Beweis geliefert, daß ich den Ruf dieſes jungen Mädchens auch nicht im mindeſten bloßgeſtellt dadurch, daß ich mir erlaubte, ſie hieher in meine Wohnung zu bringen!“ „Ein Beweis, der ſchwer zu führen iſt!“ „Durchaus nicht,“ erwiederte Lord Warren mit einer bewegten Stimme, indem er auf das Nebenzimmer zuſchritt und die Thür deſſelben weit öffnete—„wie Sie hier ſehen, habe ich das junge Mädchen, um welche es ſich handelt, habe ich meine Braut in die Arme ihres Vaters gelegt. „Sollten Sie aber, Herr Kammerherr, noch eine andere Er⸗ klärung und Genugthuung wünſchen, ſo ſeien Sie verſichert, daß ich auch darin mit allem Vergnügen zu Ihren Dienſten ſtehe!“ Lord Warren machte hierauf eine ſo tiefe und nicht zu miß⸗ kennende Verbeugung, daß der Freiherr von Schenk es für das Beſte fand, ſtatt aller weiteren Erörterungen dieſe Verbeugung eben ſo tief zu erwiedern und darauf das Gemach ſchleunigſt zu verlaſſen. S„ LI. „Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb!“ Das Haus, in welchem ſich die Wohnung Rafael's befand, hatte eine Aehnlichkeit mit dem ‚Reichsapfele in der Wurſtgaſſe glorreichen Andenkens und war von dem kleinen Schriftſteller in dankbarer Erinnerung der Vergangenheit vielleicht gerade deßhalb gewählt worden: es zeigte eine eben ſolche ausgezackte Giebelwand, unten befand ſich gleichfalls leerer Raum, angefüllt mit Kiſten und Fäſſern, welcher einem im Hauſe wohnenden Stärkefabrikanten als Magazin diente. Dieſe Aehnlichkeit der beiden Häuſer war auch Walter auf⸗ gefallen, als er zum erſten Male hieher kam, und hatte auch ihn vermocht, ſich hier einzumiethen, und bewohnte letzterer nun im zweiten Stocke zwei Zimmer, während Rafael noch ein Stockwerk höher zwei ganz behagliche Giebelgemächer, eines nach vorn heraus und eines in den ruhigen Hof hinein, inne hatte und hier ſeine unſterblichen Artikel für das weit verbreitete Journal,„Die Biene⸗, ſchrieb. Die Setzerjungen aus der Druckerei, welche häufig mit Ma⸗ nuſcripten und Correcturbogen hier heraufklettern mußten, hatten über die hohe Lage dieſer Wohnung ſchon oft ihre bitteren An⸗ ſpielungen gemacht und dabei nicht einmal die tröſtlich ſein ſol⸗ lende Bemerkung des jungen Schriftſtellers verſtanden, daß der Weg 9 Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb! 215 auf den Parnaß ſteis ein ſehr mühevoller ſei; da aber Rafael hierzu lächelte, ſo nahmen ſie es als etwas Freundliches auf und verließen bei ſolchen Gelegenheiten den Parnaß auf eine ziemlich ungehörige und geräuſchvolle Art, indem ſie rittlings das Treppen⸗ geländer hinabrutſchten oder mit ihren pantoffelartigen Schuhen ſo auf den Stufen klapperten, daß ſich die unteren Hausbewohner ſchon öfter darüber beſchwert hatten. Auf einmal aber, und erſt vor wenigen Tagen, war ihnen dieſer und aller ähnliche Lärm, wie zum Beiſpiel Singen und Pfeifen, von Rafael auf's ſtrengſte unterſagt worden, ja, wenn er einen ſeiner Trabanten heraufkommen hörte, ſo eilte er ihm an die Treppe entgegen und empfahl ihm durch ein nicht zu ver⸗ kennendes Zeichen mit aufgehobenen Händen die größte Ruhe an, packte auch wohl einen beim Ohrläppchen und flüſterte ihm zu, daß der Erſte, der noch einmal geräuſchvoll die Treppe hinabſpränge, mindeſtens aufgehängt würde. Das war die Zeit, wo Rodenberg in der hinteren Stube der Wohnung Rafael' ſchwer erkrankt und ein paar Tage beſinnungs⸗ los in den heftigſten Fieberanfällen lag. Er war an jenem Abende kaum in's Zimmer getreten, als er vor den erſchreckten Blicken der beiden Freunde zuſammenbrach und von ihnen mühſam zu Bette gebracht wurde. Der herbeigerufene Arzt ſprach von einem Nerven⸗ fieber, das im Anzuge und kaum wohl noch abzuwenden ſei. Rafael hatte ſich in der vorderen Stube ein Bett gemacht und er und Walter wichen in der erſten Nacht nicht von dem Lager des kranken Freundes, an deſſen erregtem Geiſte die Begebenheiten der letzten Tage in tollen Bildern vorüberzogen. Den andern Tag war er wohl etwas ruhiger geworden, und anſtatt, wie in der vergangenen Nacht, mit Heftigkeit zu reden, lag er jetzt ruhig da, mit geſchloſſenen Augen, kaum ſeine Lippen bewegend. Rafael und Walter ſaßen an dem Bette des Kranken und be⸗ rathſchlagten mit einander, ob es nicht gut für ihn wäre, jede Störung, ſei ſie welcher Art ſie wolle, von ihm fern zu halten und 216 Einundfünfzigſtes Kapitel. deßhalb den Bekannten Rodenberg's in den erſten Tagen nichts von ſeiner Krankheit mitzutheilen; nur Eine Ausnahme beſchloß der kleine Schriftſteller zu machen, vergaß aber dabei, daß gewöhn⸗ lich eine Ausnahme das Umſtoßen der ganzen Regel herbeiführt; er ſagte zu Walter:„Was meinen Sie, Herr Profeſſor, wenn wir auch unſeren guten Herrn Rodenberg mit der ganzen, großen Liebe pflegen, die wir für ihn im Herzen haben, ſo ſind wir doch nicht ſo anſtellig und geſchickt dabei, wie die Hand eines weiblichen We⸗ ſens— eines weiblichen Weſens obendrein, welches an dem zu Pflegenden innigen Antheil nimmt?“ Walter, der eben etwas eingeſchlummert, knurrte halb im Schlafe zur Antwort:„Was willſt Du mit dieſen confuſen Redens⸗ arten? Mach's kurz und deutlich, ich haſſe alle Umſchweifungen!“ „Ich meine, Herr Rodenberg ſollte eine Krankenwärterin haben.“ „Das meine ich ebenfalls und bin dabei der Anſicht, daß wir uns heute Nacht ſo linkiſch als möglich benommen.“ „Wir haben gethan, was wir konnten,“ verſetzte der kleine Schriftſteller mit einem wehmüthigen Blicke auf den Kranken, in⸗ dem er deſſen heiße Lippen mit einem feuchten Tuche kühlte. „Allerdings, darüber können wir uns tröſten; aber zur Kranken⸗ pflege gehören gewiſſe Handgriffe, wie ich mir habe ſagen laſſen, und vor allen Dingen eine Sorgfalt, wie ich ſie von mir nicht rühmen kann.“ „Deßhalb habe ich an eine Krankenwärterin gedacht.“ „Ja, woher eine nehmen, ohne ſie zu ſtehlen?“ „Ich könnte in's Hoſpital oder in die Diakoniſſen⸗Anſtalt gehen— aber wie ich Herrn Rodenberg's Gemüth kenne, ſo bin ich überzeugt, daß es ihn raſch wieder geſund machen wird, wenn er ſich hier und da von einem Weſen bewacht ſieht, das— wenn er ſich von einer Hand gepflegt ſieht, die...“ „Nun, was iſt mit Deinem Das und Die? Drücke Di doch einmal deutlicher aus!“ „Haben Sie ihn heute Nacht nicht reden hören?“ Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb! 217 „O ja, er hat viel dummes Zeug geſprochen.“ „Das möchte ich im Allgemeinen nicht behaupten; für mich lag in Manchem, was er ſagte, ein tiefer Sinn.“ „In Fieberphantaſieen ein tiefer Sinn— ihr Leute vom Gänſekiel ſeid doch ein unverbeſſerliches Volk!“ „Haben Sie nicht gehört, wie Rodenberg, zuweilen auffahrend und uns ziemlich vernünftig anſtarrend, mehrmals wiederholte: „Sie weiß es ja nicht, daß man mich in's Gefängniß geworfen und mit Ketten gefeſſelt— ach, ſie weiß es nicht und wird mich ver⸗ geblich erwarten!““ „Hm—m-m,“ brummte Walter,„das hat er allerdings ge⸗ ſagt, wer iſt aber dieſe Sie? Ich fürchte, er wird von Vielen er⸗ wartet, und wenn wir etwas darauf geben wollten, ſo könnten wir hier eine ſchöne Muſterkarte zuſammen bekommen.“ Rafael ſchüttelte mit dem Kopfe, als er zur Antwort gab: „Er wird nicht von Vielen erwartet, das weiß ich beſſer; ich möchte auch errathen, wer ſie iſt, und wenn man es ihr ſagt, kommt ſie gewiß.“ „Blamire Dich nicht, guter Rafael, Du haſt immer noch zu viel kindliches Gemüth und glaubſt an die Fortdauer einſtigen In⸗ tereſſes— ich möchte lachen, wenn ich es hier thun dürfte— aber Du wärſt dazu im Stande.“ „Und warum nicht? Sie iſt nicht ſchöner, als ſie gut iſt, und daß ſie Herrn Rodenberg immer noch liebt, weiß ich ganz genau, obgleich er ſich nie viel aus ihr gemacht hat.“ „Umgekehrt, willſt Du ſagen, Bürſchlein— umgekehrt— glaube mir, guter Rafael, Du kennſt die Menſchen nicht und noch viel weniger die Weiber, welche in mancher Beziehung kaum unter die Menſchen zu rechnen ſind— Du fühlſt Dich noch immer als Leibzwerg dieſer verwunſchenen Prinzeſſin, und da ſie Dir einmal ein paar ſchöne, freundliche Worte geſagt, Dich vielleicht damals auf die Schulter geklopft, worauf ſie ſich aber ſicher nachher die Hände mit Seife gewaſchen, ſo träumſt Du, guter Kerl, von ihrem 4 Einundfünfzigſtes Kapitel. 218 edlen Herzen und biſt überzeugt, daß ſie zur Pflege dieſes armen Kranken herbeieilen wird, dieſe hochmüthige Marcheſa, ſobald Du— nun, was ſiehſt Du mich denn ſo mit allen Zeichen des Er⸗ ſtaunens an?“ 1 „Weil ich es nicht begreife, Herr Profeſſor, wie Sie mich ſo mißverſtehen konnten.“ „Ah, ich habe Dich mißverſtanden, die gewiſſe Sie war eine Andere, als die Marcheſa? Nun, da können wir noch einig wer⸗ den. Wen meinte alſo Rodenberg, indem er ſagte: ‚ſie erwartet mich und ich kann doch nicht kommen“?“ „Nun, eine junge Dame vom Theater, die ſich viel und mit großem Intereſſe um ihn bekümmerte, obgleich Herr Rodenberg, wie ich vorhin bemerkt, dieſes Intereſſe in keiner beſonderen Weiſe erwiedert hat— Fräulein Leonie Gerhold.“ „Ah, eine ſchöne Perſon,“ machte Walter, mit dem Kopfe nickend,„und hat ein gutes Geſicht mit ehrlichen Augen; ſo eine Krankenwärterin ließe ich mir auch gefallen— vergiß das nicht, mein Sohn, wenn ich einmal in einen ähnlichen Fall komme.“ „Trotz allem Intereſſe, welches Fräulein Leonie für Herrn Rodenberg hat,“ fuhr der kleine Schriftſteller fort, ohne die Worte des alten Malers zu beachten,„ſo würde ich ihr doch nicht die Zu⸗ muthung ſtellen, nach unſerem Kranken zu ſehen, wenn er es nicht ſelbſt gewünſcht hätte, denn als ich ihn in einem lichten Augen⸗ blicke fragte, antwortete er mir: ‚Ja, laß es ſie wiſſen!⸗“ „Thue, was Du willſt,“ murrte Walter nach einer Pauſe, „aber ſei verſichert, daß die Theaterprinzeſſin, trotz ihrer Theilnahme und Güte, nicht hieher kommen wird, um ſein zu pflegen.“ „Möglich und ſogar ſehr glaublich, daß ſie die Pflege Herrn Rodenberg's nicht übernimmt, aber daß ſie uns eine ganz tüchtige Perſon beſorgen wird, deſſen können wir ſicher ſein— ich kenne ſie: wenn es ſein muß, macht ſie dem Leibarzte des Fürſten einen Beſuch und läßt ſich von dieſem den Namen der beſten Kranken⸗ wärterin aufſchreiben.“. —— Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb! 219 „Nun, meinetwegen,“ ſagte Walter, mit ſchläfrigem Blicke in den Tag hinausſchauend;„es iſt ſo ſpät geworden, daß Du mit Anſtand Beſuche machen kannſt, während ich die Krankenwache hier fortſetze, das heißt, da der arme Kerl ziemlich wacker ſchläft, ſo werde ich ebenfalls ein wenig ſchlummern.“ „Nur nicht zu feſt!“ „Unbeſorgt!“ Rafael zog ſich raſch an, doch war er damit noch nicht zu Ende, als er Walter im Nebenzimmer ſo furchtbar ſchnarchen hörte, daß er eine alte Frau, welche bei ihm das Amt eines Dieners verſah, in das Krankenzimmer ſchickte, um den ſo ſanft Schlummernden aufzuwecken, damit der Kranke ungehindert ſchla⸗ fen könne. Fräulein Leonie Gerhold war zu Hauſe und eben im Be⸗ griffe, in einige Magazine zu fahren, um unnöthige Einkäufe zu machen. Nachdem ſie Rafael flüchtig angehört, nahm ſie ſich kaum Zeit, ihre Toilette zu vollenden, und wenige Minuten nachher hielt ihr Wagen vor dem alten Hauſe, deſſen drei Treppen ſie mit einer un⸗ glaublichen Leichtigkeit emporſtieg; dann ſchlich ſie, von dem kleinen Schriftſteller geführt, in das Zimmer, wo Rodenberg lag, und ge⸗ brauchte obendrein die Vorſicht, bei der engen Thür des Zimmers ihr rauſchendes Seidenkleid auf die rückſichtsloſeſte Art zuſammen zu drücken. „Mein armer Rodenberg!“ flüſterte ſie, als ſie ſich über ihn hingebeugt hatte, als ſie ſeinen ſchweren Athem vernahm und ſeine heiße Stirn befühlte. Walter hatte ſich von der alten Frau beſtimmen laſſen, ihr ſeinen Wächterdienſt abzutreten, und ſchlief nun unten auf ſeinem Lager einen faſt unglaublichen Schlaf. „Welchen Arzt haben Sie?“ „Den Doctor Windler, den Arzt Rodenberg's.“ „Er ſoll nicht ſchlecht ſein,“ erwiederte Leonie,„doch werden Sie nichts dagegen haben, daß ich heute Nachmittag, wenn ich 220 Einundfünfzigſtes Kapitel. wiederkomme, den Leibarzt des Fürſten mitbringe; man kann nicht vorſichtig genug ſein, und ich fürchte, der arme Rodenberg iſt am Anfange einer ſehr ſchweren Krankheit.“ „Ich rechne auf ſeine gute und kräftige Natur.“ „Danach fragt ein ſolches Fieber nichts— ich kenne das, mein Lieber— ja, ſchauen Sie mich nur erſtaunt an— ich kenne das, denn es hat mir von je her ein großes Vergnügen gemacht, medi⸗ ciniſche Schriften zu leſen: man weiß nie, wozu das dienen kann— ſein Puls macht hundertunddreißig Schläge, das heißt, er iſt ganz enorm— was haben Sie zu trinken für ihn?“ „Etwas Zuckerwaſſer, wir wußten nicht.... „So laſſen Sie eine Citrone holen, daß ich ihm eine leichte Limonade machen kann; auch iſt es viel zu hell in dem Zimmer— haben Sie keine Fenſterläden?“ „Nein, mein Fräulein.“ „Und nur dieſen dünnen, weißen Vorhang? Ueberhaupt,“ meinte ſie, ſich rings umſchauend— ſie wollte hinzuſetzen: ‚ſehe ich hier ſehr wenig Comfort'; doch dachte ſie im gleichen Augen⸗ Augenblicke an die beſcheidenen Verhältniſſe des jungen Schrift⸗ ſtellers, die ihr bekannt waren—„überhaupt müſſen wir dieſes Zimmer dunkler machen, dieſes blendende Licht thut den Augen weh— was haben wir denn dazu?“ Da ſie aber im Zimmer nichts Zweckentſprechendes fand, ſo warf ſie raſch ihre weite Mantille von ſchwerem, ſchwarzem Seiden⸗ ſtoffe von der Schulter, reichte Rafael ein Ende, und nun machten die Beiden einen ziemlich genügenden Vorhang, wobei der ſchwere Seidenſtoff übrigens ſtark in Anſpruch genommen wurde. „So,“ ſagte die junge Sängerin hierauf, indem ſie ſich auf einem Stuhle vor dem Bette niederließ,„jetzt beſorgen Sie eine Citrone, und ich will unſern armen Freund ein paar Stunden lang beobachten, um dem Arzte ſagen zu können, für was ich ſeine Krankheit anſehe— haben Sie nichts zu leſen? Es iſt gleichviel, was es iſt, meinetwegen eine Correctur der neueſten Biene— Sie 4 Lebe wohl, leb wohl, mein Lieb! brauchen ſich nicht zu geniren, wenn ich auch ſelbſt darin ein wenig ſchlecht behandelt bin— ich mache mir nicht viel daraus.“ Rafael verließ das Zimmer, nachdem er der ſchönen Kranken⸗ wärterin die neueſte Nummer ſeines Journals eingehändigt. Da ſaß nun dieſes Bild üppiger Kraft und Schönheit neben dem Lager des Schwerkranken, und ihre glänzenden Blicke verließen jeden Augenblick die Zeilen, welche ſie laſen, um alle Bewegungen Rodenberg's zu überwachen; zuweilen ſtöhnte er auf, dann erhob ſie ſich raſch, flößte ihm etwas Zuckerwaſſer ein oder wiſchte ihm mit ihrem eigenen Taſchentuche den perlenden Schweiß von der Stirn. Dabei ſchaute ſie zuweilen lange und nachdenkend in dieſe edeln, jetzt ſo matten Züge, wobei ihre Blicke den Ausdruck innigſter, ja, liebevoller Theilnahme zeigten; einmal beugte ſie ſich ſogar neben ihn auf das Kiſſen und legte ihre Lippen leicht auf ſein blon⸗ des Haar. „Wenn Du ſo jung ſterben müßteſt,“ flüſterte ſie alsdann, „ſo hätte ich keine Ruhe mehr und könnte mir ein ſtilles Plätzchen in irgend einem Kloſter ſuchen— ſo etwas iſt ſehr in Aufnahme gekommen und gäbe unſerem vortrefflichen Rafael Stoff zu den ſchönſten Artikeln— wie pikant wäre es,“ ſagte ſie lächelnd,„wenn es eines Tages hieße, Fräulein Leonie Gerhold iſt unter die barm⸗ herzigen Schweſtern gegangen!“— In der nächſten Secunde aber verlor ſich dieſes Lächeln wieder, und ſie liſpelte, gegen den Kranken gewandt:„Und wenn Du am Leben bleibſt, was ich ſo ſehr hoffe und wünſche, ſo wirſt Du mir eines Tages kaum eine Karte zum Abſchiede ſenden— das iſt nun einmal der Lauf der Welt— ach, Du weißt es nicht, Arthur, wie unendlich glücklich Du hätteſt ſein können!— Doch weg mit dieſen Gedanken— leſen wir lieber in der Biene von Unglücksfällen, Diebſtählen und verlorenen Arm⸗ bändern— fort mit der Selbſtſucht!“ Rafael kam mit der verlangten Citrone zurück, und auch der Arzt kam, ſchüttelte den Kopf, ſchrieb etwas auf und ging. Auch 5 Hackländer's Werke. 56. Bd. 222 Einundfünfzigſtes Kapitel. die Stunden kamen und gingen, wie das ſo ihr Brauch iſt: die Mittagszeit war längſt vorüber, und Leonie ließ ſich einen Wagen holen, um nach Hauſe zurückzukehren, dann den Leibarzt aufzu⸗ ſuchen, ſo wie für heute Nacht die beſte Krankenwärterin zu be⸗ ſorgen, welche aufzutreiben war.—„Ich kann ohne meine Man⸗ tille nicht zu Fuße gehen,“ ſagte ſie,„und ſie von dem Fenſter wegzunehmen, wäre eine Sünde— wie prächtig ſie das Zimmer verdunkelt! Da ſoll ſie bleiben, bis er wieder geſund iſt, und dann gelobe ich feierlich, ſie in der Freude meines Herzens der Erſten Beſten zu ſchenken, welche mir auf der Straße begegnet“— daß ſie im anderen, traurigen Falle feſt entſchloſſen war, ihn in dieſer ſelben ſchwarzen Mantille zu begleiten, das ſagte ſie nicht, aber ſie dachte es. Am anderen Tage kam der Leibarzt des Fürſten, ein berühmter Mediciner, in Begleitung der jungen Sängerin und ſagte dasſelbe, was ſein minder berühmter College, der Doctor Windler geſagt, daß man nämlich noch gar nichts ſagen könne und die Entwicklung der Krankheit abwarten müſſe. Ob Gefahr vorhanden ſei, hatte Leonie gefragt, worauf der Leibarzt mit einem Achſelzucken geantwortet und den Zuſtand Roden⸗ verg's allerdings für ſehr bedenklich erklärt hatte; er entfernte ſich mit dem Verſprechen, über den Vorfall nicht zu reden, denn auch Leonie hielt es für unnöthig, all das Gerede der jüngſten Zeit über den Maler noch durch das Bekanntwerden ſeiner Krankheit zu vermehren.. Dabei hatten die Betheiligten aber nicht bedacht, wie ſo häufig das, was man verheimlichen will, ſeinen Weg in die Oeffentlichkeit findet; doch vergingen immerhin ein paar Tage, während welcher ſich der Zuſtand des Kranken ziemlich gleichblieb, bis man über⸗ haupt von der Krankheit Rodenberg's ſprach, eine Nachricht, die indeſſen von Manchem mit einem ungläubigen Kopfſchütteln auf⸗ genommen wurde. „Was gibt es doch für Menſchen!“ ſagte Rafael eines Tages zu Walter, als er aus der Druckerei nach Hauſe kam—„halten 8 Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb! Sie es wohl für möglich, daß man mit Achſelzucken von der an⸗ geblichen Krankheit Rodenberg's ſpricht, daß man mitleidig lächelnd ſich ſo ſtellt, als wolle man mir den Gefallen thun, an dieſes Märchen zu glauben?— Hole der Teufel dergleichen ſchlechte Seelen!“ „Du nimmſt Dich in Deinem edlen Eifer ſehr gut aus, aber was Du mir da ſagſt, wundert mich nicht im geringſten: die Menſchen ſind immer geneigter, eine Schlechtigkeit oder wenigſtens eine Zweideutigkeit anzunehmen, als ein Unglück, und ſo werden ſie von Rodenberg wahrſcheinlich ſagen, er ſei durchgegangen, und begreiflicher Weiſe mit Hinterlaſſung koloſſaler Schulden.“ „O, noch Schlimmeres, noch Schlimmeres!“ „Richtig, ſie werden ſagen, er habe Gelder veruntreut, geſtohlen und betrogen— dieſe Kerle, ſelbſt gut genug zum Galgen, können es nicht begreifen, daß Jemand, der vielleicht ungeſtraft Schlechtig⸗ keiten begehen konnte, ein ehrlicher Mann bleibt! Aber man ſollte doch dagegen auftreten und ihnen ſagen, daß und wo Rodenberg ſchwer erkrankt liegt.“ „In der Biene habe ich es bereits veranlaßt, doch da ſie wiſſen, wie bekannt ich mit Herrn Rodenberg bin, ſo wird man auch über meine ſchriftliche Verſicherung mitleidig lächeln— was nun meine Herren Collegen anbelangt,“ ſagte der kleine Schrift⸗ ſteller nach einem tiefen Athemzuge,„die Redacteure anderer Blät⸗ ter hieſiger Stadt, ſo fand ich auch ſehr wenig Bereitwilligkeit— die meiſten dieſer Kerle ſind feige, ſchmutzige Seelen, die gegenüber ihren allerhöchſten Gönnern ihre Hundenatur ſo ſchweifwedelnd zur Schau tragen, um eine berichtigende Notiz meinerſeits über den in Ungnade Gefallenen entweder gar nicht oder nur verſtümmelt geben zu wollen!“ „Dieſe gemeinen, im Staube kriechenden, ſpeichelleckeriſchen Seelen, die ſchlimmſte Art von Götzenanbetern, denn ſie verwirren nicht nur den Geſchmack und richtigen Sinn des Volkes, ſondern beſtärken ihren Jupiter in ſeinem Wahne, als habe er wirklich „* 224 Einundfünfzigſtes Kapitel. einen Donnerkeil in der Hand, während das, womit er droht und blendet, doch nur ſchlechte Vergoldung iſt!“ „Bei Lord Warren war ich auch,“ ſagte Rafael;„er war ab⸗ gereist, dem Herrn Olfers entgegen, der von Italien zurückkehrt— ich mache mir jetzt Vorwürfe darüber, nicht früher zu ihm, einem der beſten Freunde Rodenberg's, gegangen zu ſein.“ „So machſt Du auch mir indirect Vorwürfe,“ knurrte Walter, „und ſagſt, ich alter Eſel hätte geſcheiter ſein ſollen, als Deine zarte Jugend— aber ich kann Dir nicht Recht geben— wir wären wahrſcheinlich mit Beſuchen überhäuft worden, während er jetzt einer ganz wohlthuenden Ruhe genoſſen und ſeiner Pflege, Dank ſei dieſem liebenswürdigen Frauenzimmer, gewiß nichts ge⸗ mangelt hat.“ „Letzteres muß ich zugeben.“ „Ja, wie ſie Alles das angreift und vollbringt,“ meinte der alte Maler—„ſo viel Ausdauer, Sorgfalt und dabei ſo viel Jugend und Schönheit! Wenn die alte Hexe ſie ablöst, die auch eine ſehr brave Perſon iſt, ſo meine ich immer, es müſſe Nacht werden, eine Sonnenfinſterniß kommen oder ſonſt eine unangenehme Naturerſcheinung eintreten— dieſe Leonie hat mir's angethan und wäre im Stande, mich zu einem Verehrer des ganzen weiblichen Geſchlechtes umzuwandeln.“ „Eine ſtarke Wandlung,“ entgegnete Rafael, denn ich erinnere mich noch zu gut der Zeit, wo Sie, wenn auch nur vorübergehend, den Entſchluß faßten, nur männliche Heilige zu malen, indem Sie behaupteten, daß das weibliche Geſchlecht ſelbſt auf der Leinwand voller Launen, Ränke und Schwänke ſei.“ „Habe ich geſagt: auf der Leinwand, junger Menſch?“ „Oder gemalt— das iſt doch gleichviel!“ „Nicht ganz, Freund Rafael, aber gleichviel, ob gemalt oder auf der Leinwand; Du ſprachſt ein großes Wort gelaſſen aus, und ich hatte Recht, wenn ich ſagte, in beiden Fällen ſind Sie voller Launen, Ränke und Schwänke— und wenn ich meinen nächſtens 4 Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb! nicht einmal mehr melirten Bart betrachte, ſo halte ich es für klüger, zu meiner damaligen Anſicht zurückzukehren und mich nur mit männlichen Heiligen einzulaſſen.“ „Lord Warren wird uns Vorwürfe machen, wenn er zurück⸗ kehrt, und mit vollem Rechte— wie ich vernahm, war er auf's höchſte beunruhigt über das Verſchwinden Rodenberg's und hat ſo⸗ gleich energiſche Schritte gethan, daß deſſen Wohnung unangetaſtet bleibt, bis er zurückkehrt.“ „Ich werde natürlicher Weiſe morgen früh hingehen, Roderich begrüßen und ihm, ſowie Warren, die ganze Sache auseinander ſetzen.* Leonie trat in dieſem Augenblicke in's Zimmer, und ihr vor Freude ſtrahlendes Geſicht zeigte, daß ſie eine gute Nachricht bringe. —„Vor ein paar Stunden war der Arzt da,“ ſagte ſie,„und ſchien ſehr zufrieden mit dem Zuſtande des Kranken; ich mußte ihm mehrmals ſeine Arznei reichen und er ſchied mit dem Wunſche, daß der Kranke einſchlafen möge. Dies iſt nun geſchehen, und es iſt nicht mehr jener unſtete, qualvolle Fieberſchlummer, bei dem er ſich raſtlos hin und her warf, vielmehr ſchläft er mit ruhigem Ge⸗ ſichtsausdrucke und athmet in langen, feſten Zügen— o, wie mich das glücklich macht!“ „GCott ſei gedankt!“ ſagte Walter in rauhem Tone, doch klang etwas wie Rührung durch ſeine Stimme. „Ehe er entſchlief, öffnete er ſeine Augen und ſchien mich zu kennen, doch war er zu matt, um ſeine Gedanken ſammeln zu können,“ ſprach Leonie;„ich werde bei ihm bleiben, wenigſtens ſo lange, bis er erwacht, und dann, je nachdem ſein Befinden iſt, noch zum Leibarzte gehen— ich glaube übrigens, wir haben eine be⸗ deutende Kriſis hinter uns.“ „Wie mich Ihre Worte freuen,“ erwiederte Rafael,„und da ich unſern lieben Herrn Rodenberg in ſo vortrefflichen Händen weiß, ſo werde ich mir erlauben, ein paar kleine Ausgänge zu machen, die ich ſchon lange verſchob— wenn ich aber da bleiben ſoll, ſo bitte ich, es mir zu ſagen, mein verehrtes Fräulein!“ 226 Einundfünfzigſtes Kapitel. „Im Gegentheil, je mehr Ruhe— deſto beſſer iſt's für ihn— Ihre alte Dienerin iſt ja da für den Fall, daß ich etwas brauche.“ „Dann werde auch ich für einige Stunden meiner Wege gehen, um ein paar Schoppen friſcher Luft einzuathmen; ich weiß, was ſo ein Schlummer nach einer Kriſis zu bedeuten hat: man hat mir erzählt, bei einer ähnlichen Gelegenheit hätte ich einmal vierund⸗ zwanzig Stunden geſchlafen, ſei alsdann aufgeſtanden und habe mir augenblicklich meine Palette zugerichtet— das macht eine geſunde, kräftige Natur, und unſer guter Rodenberg beſitzt Gott ſei Dank keine ſchlechtere, als ich!“ Damit gingen die Beiden fort, und Leonie öffnete langſam die Thür des Nebenzimmers und ſetzte ſich in den alten Lehnſtuhl, welchen Walter vorhin verlaſſen, und gerade ſo, daß ſie das Bett des Kranken im Auge hatte, nachdem ſie der alten Frau, die draußen einige Geſchäfte beſorgte, die größte Stille anbefohlen. Es war gegen den Abend eines ſchönen Sommertages, es war obendrein ein Feiertag, weßhalb die ſonſt ſo geräuſchvolle Nachbar⸗ ſchaft in einer tiefen, wohlthuenden Ruhe begraben lag; nur das eigenthümliche Brauſen, welches das Leben einer großen Stadt her⸗ vorbringt, ſchlug an das Ohr des jungen Mädchens und wiegte ſie unwillkürlich in Schlummer. Sie fühlte das, und da ſie ſich des Schlafes erwehren wollte, ſo nahm ſie ein Buch, um darin zu leſen; doch ruhte es im nächſten Augenblicke in ihrem Schooße, während ihr ſchöner Kopf langſam gegen die Lehne des hohen Seſſels zurück⸗ ſank. Ausnahmsweiſe war Leonie heute ſehr einfach angezogen und trug ein Kleid von einem leichten, dunkeln Sommerſtoffe, ein Ge⸗ wand, welches ſie in keiner Weiſe an den häuslichen Verrichtungen hinderte, die ſie in der kleinen Küche draußen und auch an dem Lager des kranken Freundes zu beſorgen hatte. Jetzt, wo ſie ſich ganz allein wußte, hatte ſie es ſich bei der heißen, drückenden Luft, die im Zimmer herrſchte, bequem gemacht und eine Schleife gelöst, welche ihr Kleid über den Schultern zuſammenhielt. So lag ſie da und ſchlief, ein reizendes Bild üppiger Schön⸗ 1 8 Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb! heit, leiſe athmend, die Wangen ſanft geröthet, eine Folge ihres tiefen Schlafes, ſowie auch des Wiederſcheines eines Sonnenſtrahles, der, ſchräg durch das Fenſter einfallend, ihre feinen, zuſammen⸗ gefalteten Hände roſig beſtrahlte. Da wurde ihr Schlaf geſtört durch ein leiſes Geräuſch, und als ſie raſch ihre Augen öffnete, um nach dem Bette des Kranken hinzuſchauen, ſah ſie auf der Schwelle des Zimmers eine Dame ſtehen, welche offenbar zögerte, dieſe Schwelle zu überſchreiten. Das Geſicht dieſer Dame war ſo ſchön und ausdrucksvoll, ſo eigenthüm⸗ lich, daß man es nicht vergeſſen konnte, wenn man es nur einmal geſehen und Leonie hatte es ſchon häufig geſehen— ja, ſie erinnerte ſich im nächſten Augenblicke dieſer Züge ganz genau und alsdann auch noch des Namens der jungen Damen die vor ihr ſtand. Es war die Marcheſa de Monterey, jene große Künſtlerin, deren Stimme Leonie ein paar Mal mit dem größten Entzücken gehört, aber zugleich auch mit tiefer Wehmuth, wenn auch mit keinem Gefühle des Neides. Sie erhob ſich lebhaft, und da ſie in der Ueberraſchung ver⸗ gaß, die Schleife ihres Kleides zu knüpfen, ſo ſank dasſelbe von ihren blendend weißen Schultern herab, was auf die Dame an der Thür einen ganz eigenthümlichen Eindruck zu machen ſchien, denn ſie erbleichte ſichtbarlich und drückte ihre feinen Lippen einen Augen⸗ blick feſt auf einander, ehe ſie tief aufathmend ſagte:„Man hat mir wohl nicht das richtige Zimmer gezeigt?“ Hatte ſie dabei die leuchtenden Blicke ihrer großen, glänzenden Augen etwas auffallend über die volle Figur des ſchönen Mädchens gleiten laſſen, oder erinnerte dieſe ſich ſelbſt des Mangels ihrer Toilette— genug, Leonie zog raſch die Schleife zuſammen und knüpfte ſie, nicht ohne dabei zu erröthen; dann erwiederte ſie:„Und darf ich fragen, wer das Glück hat, von der Frau Marcheſa de Monterey aufgeſucht zu werden?“ „Sie kennen mich? Darf ich um Ihren Namen bitten?“ „Leonie Gerhold, ein unbedeutendes Mitglied des hieſigen Theaters.“ 228 Einundfünfzigſtes Kapitel. „Ah, jetzt erinnere ich mich Ihrer— ich hatte das Vergnügen, Sie zu hören!“— Die Marcheſa betonte das Wort„Vergnügen“ ſehr ausdrucksvoll und ihre Züge hatten ſich offenbar erheitert, als ſie hinzuſetzte:„So bin ich alſo in Ihrer Wohnung, und ſo an⸗ genehm es mir auch iſt, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben, kann ich mich doch nur darüber freuen, daß ich fehlgegangen bin— entſchuldigen Sie!“ Leonie wußte ſelbſt nicht, woher es kam, daß dieſe Worte einen peinlichen Eindruck auf ſie hervorbrachten, und ihre Stimme klang etwas unſicher, als ſie erwiederte:„Es iſt dies nicht meine Woh⸗ nung, Frau Marcheſa, es iſt die Wohnung eines meiner Bekannten, und ich verſehe hier nur das Amt einer Krankenwärterin, welche,“ ſetzte ſie mit einem entſchuldigenden Lächeln hinzu,„aus Ermüdung ein wenig in Schlaf gefallen war.“ „Und dieſer Kranke?“ fragte die Andere mit einer Haſt und einem Ausdrucke der Stimme, welche auffallen mußten. Leonie begnügte ſich, mit der Hand nach dem Nebenzimmer zu zeigen, und ſah darauf zu ihrem Erſtaunen, wie ſich die Marcheſa der Thür deſſelben leidenſchaftlich in ihren Bewegungen, ſowie im Ausdrucke ihres Geſichtes näherte; doch war ihr Gang dabei ſo leiſe, ſo unhörbar, daß er unmöglich den Schlafenden ſtören konnte, auch wenn dieſer nicht in einem ſo feſten Schlafe, dem erſten ſeit einigen Tagen und Nächten, gelegen hätte. Er hörte nicht das Rauſchen ihres ſeidenen Kleides, er merkte es nicht, daß ſie ſich über ihn beugte, ſein Herz ſchlug nicht heftiger, als nun die Ge⸗ liebte ſeiner Seele, das Endziel aller ſeiner glühenden Wünſche, ſich über ihn hinbeugte und einen Kuß auf ſeine heiße Stirn hauchte; ja, die plötzlichen Thränen, die dabei aus ihren Augen rollten und auf ſeine Hände tropften, ſchien er nicht zu fühlen. Vielleicht waren es auch Thränen jener Art, die ſich im Niederfallen verflüchtigen und von Engeln aufwärts getragen werden. Wir ſind berechtigt, dies anzunehmen, denn ſie kamen aus einem reinen, edlen, aber faſt vor Schmerz brechenden Herzen— hatte ſie doch den, den ſie ſo Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb! lange Jahre treu geliebt, den ſie vor wenigen Tagen endlich wieder⸗ finden durfte und worüber ihre Seele gejauchzt, heute nun für ewig verloren— nicht als ob ſie ſchon die Hand des Todes erblickt hätte, welche ſich nach dieſer jungen, ſchönen Beute ausſtreckte— daran dachte ſie nicht, ſondern ſie fühlte beim Anblicke und den Worten Leonie's, daß ſie ihn verloren habe!“ O, hätte er in dieſem Augenblicke ſeine Augen aufgeſchlagen und ihre feuchten Blicke mit dem wunderbaren Ausdrucke von Liebe und Schmerz, von Treue und Entſagung auf ſich gerichtet geſehen — hätte er ſeine Arme um ihren Hals legen, ſie an ſein Herz drücken und ihr mit dem unverkennbaren Ausdrucke der Wahrheit ſagen können, was und wie wenig ihm Jene ſei, ſo würde ſie in voller Ueberzeugung dem Himmel gedankt und ihm ihr Glück, ihre Seligkeit geſtanden haben! So aber richtete ſie ſich langſam empor, drückte einen Augen⸗ blick ihr Taſchentuch vor die Augen, und als ſie hierauf langſam mit demſelben über ihr Geſicht hinabfuhr, hatte ſie mit gewaltiger Kraft den Ausdruck des tiefen Schmerzes auf demſelben verwiſcht und war im Stande, ruhig, ja, ſogar mit einem, wenn auch trüben Lächeln um die Lippen in das andere Zimmer vor die Glücklichere hinzutreten. Sie ſagte alsdann mit leiſer Stimme:„Sagen Sie mir, mein Fräulein, wie kommt es, daß ſich Herr Rodenberg, ein vortrefflicher Künſtler, für den ich mich ſehr intereſſire, hier befindet?“ „Seine Krankheit erfaßte ihn, von einer Abendgeſellſchaft heim⸗ kehrend, ſo plötzlich, daß er kaum noch dieſe Zimmer, die Woh⸗ nung....“— die Marcheſa machte eine abwehrende Handbewegung —„die Wohnung eines ſeiner Bekannten, erreichte, um alsdann bewußtlos zuſammenzuſinken; auch war ſein Zuſtand ſo gefährlich, daß nicht daran zu denken war, ihn nach ſeiner Wohnung zu bringen, doch hat der Arzt, der ihn vor einer halben Stunde ver⸗ ließ, die beſten Hoffnungen gegeben, und es ſoll der tiefe Schlummer, in den er geſunken iſt, entſcheidend ſein,“ 230 Einundfünfzigſtes Kapitel. „Ich danke Gott dafür!“ ſprach die Marcheſa kaum hörbar, wobei ſie ihr ſchönes Auge nach oben wandte und die Hände faltete—„dürfte ich eine Bitte gegen Sie ausſprechen, mein Fräulein?“ „Ich würde mir ein Vergnügen daraus machen, ſie zu erfüllen!“ „Sie ſehen wohl, welches Intereſſe ich an Herrn Rodenberg nehme, und möchte für die beiden Tage, welche ich noch in der Stadt verweile— ich bin nämlich im Begriffe, abzureiſen—, Nachrichten von ſeinem Befinden haben— würden Sie wohl ſo freundlich ſein, mir dieſe zukommen zu laſſen?“ „Mit dem größten Vergnügen, da ich verſichert bin, Ihnen ſchon heute Abend oder morgen früh Erfreuliches mittheilen zu können!— Der Schlaf des Kranken iſt ſo tief und ruhig, daß er ſich dadurch wunderbar geſtärkt fühlen wird, weßhalb ich ſeinem Erwachen mit der größten Spannung entgegenſehe.“ „Ich begreife das und beneide Sie um dieſen erſten Blick— alſo ich darf darauf rechnen, Nachrichten von Ihnen zu erhalten?“ „Gewiß— wünſchen Sie, daß ich Herrn Rodenberg, ſobald er erwacht, von Ihrem Beſuche Kenntniß gebe?“ „Ich bitte Sie dringend, dies nicht zu thun, ja, ich fordere als eine Gunſt, die eine Frau der anderen nicht abſchlagen wird, Herrn Rodenberg meine Gegenwart ſtrengſtens zu verheimlichen— heute, morgen, überhaupt die nächſten Tage, bis er vollkommen wieder hergeſtellt ſein wird— es könnte ihn beunruhigen, wenn er weiß, daß ich da geweſen bin,“ ſetzte ſie mit leiſer, faſt bebender Stimme hinzu—„er hatte mir eine Zeichnung verſprochen und könnte glauben, ich hätte ihn deßhalb aufgeſucht— Sie verſprechen mir Stillſchweigen?“ „Gewiß, Frau Marcheſa!“ „So danke ich Ihnen herzlich!“ Sie reichte Leonie die Hand, und als jene die ihrige hineinlegte, zuckte die Marcheſa kaum merk⸗ lich zuſammen, zog ſie alsdann aber raſch zurück, um von ihrem Handgelenke zwei Armbänder abzuſtreifen, von denen ſie eines, über⸗ Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb! 231 reich mit Brillanten beſetzt, dem jungen Mädchen mit den Worten übergab:„Für Sie, mein Fräulein, zum Andenken an dieſe Stunde und als Zeichen meiner innigſten Erkenntlichkeit für die Erfüllung meiner zweiten Bitte: dieſen einfachen Reif Herrn Rodenberg zu übergeben, ſobald er gänzlich hergeſtellt iſt und ſobald Sie erfahren, daß ich abgereist bin— er iſt ſo einfach, dieſer goldene Reif,“ fügte ſie mit ganz leiſer Stimme hinzu,„und doch das Koſtbarſte, was ich beſitze.“* Hierauf wandte ſich die Marcheſa zum Abgehen, und als Leonie ſie begleiten wollte, ſagte ſie haſtig:„Bleiben Sie, bleiben Sie— ich finde meinen Weg allein!— Allein,“ wiederholte Juanita mit ſchmerzlich bewegter Stimme, als ſie die Treppen hinabſtieg— „allein— allein— und immer allein— o, mein Gott!“ Leonie ſtand droben neben dem Tiſche, auf welchen ſie eine Hand aufgeſtützt hatte, während ſie in der anderen die beiden Armſpangen hielt, und blickte der Marcheſa, in tiefe Gedanken ver⸗ ſunken, nach. „Was war das?“ ſprach das kluge Mädchen zu ſich ſelber— „hätte ich ſie nicht nöthigen ſollen, da zu bleiben, bis Rodenberg erwachte? Hätte ich ſo nicht beſſer an ihm gehandelt? Ja, wenn ich ihm nur eine treue Freundin ſein wollte— und doch möchte ich ihm mehr ſein— Alles!“ ſetzte ſie ſeufzend hinzu. Dann warf ſie einen Blick in den Spiegel, ſtrich ihr reiches Haar von den Schläfen zurück—„und warum bin ich ihm nicht mehr und kann ihm nicht mehr ſein— wer weiß?— Es iſt gut, daß ich ſie gehen ließ, und mein Verſprechen, verſchwiegen zu ſein, will ich unverbrüchlich halten!“ Sie trat an das Fenſter, um hinauszuſchauen, während ſie die beiden Armbänder über ihre Handgelenke ſchob. Der Kranke hatte ruhig und ununterbrochen mehrere Stunden fortgeſchlafen, und als er nun endlich erwachte, war es bereits Nacht geworden und Walter und Rafael ſaßen um den Tiſch im Zimmer des letzteren, mit ihrem Abendeſſen beſchäftigt, welches aus Thee 232 Einundfünfzigſtes Kapitel. und Brod beſtand und das in ſeiner Einfachheit ſehr an die kleinen Soupers im Reichsapfel erinnerte. Eine angenehme Zugabe hier war das ſchöne Mädchen, die mit dem Anſtande einer vornehmen Dame zuweilen, gegenüber dem ärmlichen Service und dem mehr als beſcheidenen Hausgeräthe, dieſen Anſtand carikirte, was dann zu gegenſeitiger, faſt ausgelaſſener Heiterkeit Veranlaſſung gab, und dieſe Heiterkeit war verzeihlich, denn der Arzt hatte, nachdem Rodenberg ein paar Stunden geſchlafen, nochmals ſeinen Kopf zur Thür hereingeſtreckt und, den Kranken von Weitem betrach⸗ tend, geſagt:„Wenn er ſo noch eine Zeit lang fortſchläft, ſo ſind wir über alles Schlimme hinüber und müſſen es nur zu verhüten ſuchen, daß er, ſich zu kräftig fühlend, keine unnöthigen Anſtren⸗ gungen macht.“. Als nun der Kranke endlich erwacht war, hatte er eine Weile ruhig gelegen, ſo die Drei in dem Nebenzimmer im Glauben laſſend, als ſchlafe er noch fort. Er that das aber nicht mit Abſicht, ſon⸗ dern er blickte verwundert um ſich her und konnte ſich im erſten Augenblicke durchaus nicht erinnern, wo er ſich befand. Langſam und nach und nach klärten ſich ihm die Erlebniſſe der vergangenen Tage auf. Doch als er ſich der letzten Abendgeſellſchaft, wo er ſich ſchon unwohl gefühlt, bewußt wurde, ſo wie ſeines Eintrittes in die Wohnung Rafael's, die er endlich erkannte, glaubte er nicht anders, als daß alles dies erſt vor einigen Stunden geſchehen wäre, und beſonders deßhalb, weil er die beiden Freunde beim Scheine einer Lampe, gerade wieder ſo wie bei ſeinem Eintritte, um den Tiſch ſitzen ſah; nur was die Gerhold hier zu thun hätte, beſchäftigte ſeine Gedanken. Als er ihre ſchönen, lachenden Züge ſah und ihr ſtrahlendes Auge, da machten dieſe Züge auf ihn einen unangeneh⸗ men Eindruck, denn jetzt trat mit Einem Male das Bild Juanita's mit der Erinnerung an die herzlichen Worte, die ſie im Salon des Miniſters vor wenigen Stunden erſt, wie er glaubte, zu ihm ge⸗ ſprochen, vor ſeine Seele— und welcher Unterſchied zwiſchen der herausfordernden Schönheit Leonie's und den edlen Zügen Juanita's, Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb! 233 und hundert Mal verſchiedener als das Aeußere dieſer Beiden war deren Inneres— ganz unvergleichbar! Endlich rief er mit ſehr vernehmlicher Stimme den Namen Rafael's, und dieſer Ruf brachte bei den Dreien eine außerordent⸗ liche Wirkung hervor: Leonie war die Erſte an ſeinem Bette, und während ſie dahineilte, ſchaute ſie flüchtig nach, ob die beiden Arm⸗ bänder unter ihren anſchließenden Aermeln auch ſorgfältig verſteckt ſeien; ſie ergriff prüfend ſeine Hände, und als ſie fand, daß dieſe kühl anzufühlen waren und der Puls fieberfrei, ſo konnte ſie ſich nicht enthalten, aufſchluchzend vor Freude ihre Lippen auf die Hand des Kranken zu drücken, ſo daß dieſer faſt unwillig zuſammenzuckte und ſich mit der Frage an den herbeieilenden Rafael wandte, was denn dies Alles zu bedeuten habe. „Dies hat zu bedeuten,“ gab ihm Walter zur Antwort, deſſen Stimme dumpf und umflort wie nie klang,„daß Du nach einem feſten und ruhigen Schlummer nun wieder dem Leben angehörſt und daß wir uns darüber freuen.“ „Ah ja, ich erinnere mich jetzt, wie krank ich mich vor einigen Stunden gefühlt.“ „Hm,“ machte Walter. „Als ich zu Euch in's Zimmer trat, muß ich ſogleich bewußt⸗ los niedergefallen ſein, denn ſeit jenem Augenblick weiß ich nichts mehr von mir.“ „Eine recht lange Zeit,“ ſagte Rafael. „So— wie viel Uhr iſt es denn eigentlich? Dann muß es ja faſt Morgen ſein?“ Der alte Maler ſah Leonie mit einem fragenden Blicke an, worauf ſich dieſe auf Rodenberg niederbeugte und ihm mit weicher Stimme ſagte:„Forſchen Sie darüber heute nicht; wie wir Ihnen ſchon vorhin bemerkt, waren Sie ſehr krank und bedürfen auch jetzt noch der außerordentlichſten Ruhe.“ „Ich fühle mich nicht ſehr ſchwach.“ „Gott ſei gedankt dafür!“ 234 Einundfünfzigſtes Kapitel. „Auch habe ich bedeutend Hunger.“ „Wofür auch nach Umſtänden geſorgt werden kann„“ ſagte Walter mit gerührter, bewegter Stimme—„ſchau dorthin, mein guter Kerl, wo wir beim Thee ſaßen, und wenn Du dieſe Anſtalt betrachteſt, ſo wirſt Du Dich gewiß der luculliſchen Mahle erinnern, die wir Anno dazumal hielten, und zu einer ſolchen Schlemmerei biſt Du auch jetzt höflichſt eingeladen: Thee und etwas Brod, aber das Brod iſt geröſtet, ein Luxus, den wir uns damals nicht erlaubten.“ „Ach, jene alte, glückliche Zeit!“ ſprach der Kranke mit bewegter Stimme leiſe vor ſich hin—„wollte ſie doch noch einmal wieder⸗ kehren mit ihren kleinen Leiden und großen Freuden!“ „Sie wird wiederkehren,“ brummte Walter,„ſie wird es, da Du jetzt wieder nichts als Künſtler biſt! Sei nur ganz ruhig und freue Dich auf die Zukunft— wenn Du wieder feſt auf den Beinen biſt, ſo ziehen wir zuſammen in die Welt hinaus, Du und ich, denn auch mir fängt es an, hier mißbehaglich zu werden! Wenn wir auch das erhabene Kurzholz nicht bei der Hand haben, ſo wird irgend ein grüner Baum aufzufinden ſein, an dem wir noch einmal einen Rückblick halten auf die Stadt, ſo wir zu verlaſſen gedenken!“ „Vielleicht gehen wir Beide nicht allein,“ verſetzte Rodenberg mit einem glückſeligen Lächeln,„vielleicht finden ſich noch andere Freunde, die mit uns ziehen!“ „Du haſt Recht und ſprichſt ſo ruhig und verſtändig, auch ſo wenig angegriffen, daß man mit Dir wohl reden kann wie mit einem richtigen Menſchen— Noderich iſt hieher unterwegs!“ „Wie mich das freut— ach, wer dabei ſein könnte, wenn er ſein liebes Kind an ſein Herz ſchließt!“ „Ich glaube wahrhaftig,“ knurrte Walter,„das könnte ſelbſt meinen alten, trockenen Augen ein Bischen aufhelfen— weiß der Teufel,“ fuhr er, ſich ſchüttelnd, fort,„ich ertappe mich oft auf Gemüthsſchwächen, wie ich ſie ſeit vierzig Jahren nicht mehr gekannt, und ich könnte faſt jetzt ſchon vor Freude flennen, wenn ich denke, Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb! 235 daß wir wieder einmal Alle zuſammen gemüthlich wirthſchaften können!“* „Dabei dürfte ich wohl auch ſein?“ fragte ſchüchtern der kleine Schriftſteller. „Das verſteht ſich, mein guter Rafael, wenn Du uns folgen willſt und kannſt!“ „O, ich betrachte das als eine glückliche, lichte Zukunft!“ ſagte Rafael, indem er leicht ſeine Rechte auf eine von Rodenberg's Händen legte. Das junge Mädchen ſprach gar nichts zwiſchen dieſen Reden der Freunde, ja, ſie hatte ſich um ein paar Schritte zurückgezogen und ſtand da mit feſtverſchlungenen Händen, den Kranken mit einem ſeltſamen Blicke betrachtend. Dieſer Blick hatte einen un⸗ beſchreiblich traurigen Ausdruck, während ihre Oberlippe trotzig aufgeworfen erſchien. Rodenberg hatte bis jetzt kein Wort, keinen nur halbwegs guten Blick für ſie gehabt; nur ein Mal, als ſie ſich vorhin über ihn gebeugt, hatte er flüchtig zu ihr aufgeblickt und dann war ein un⸗ angenehmer Schatten über ſeine Züge geflogen. ‚Er wird nicht einmal bemerken, daß ich fortgegangen bin!⸗ und dies bei ſich denkend, zog ſie ſich langſam in's andere Zim⸗ mer zurück. Allerdings hätte er das ſehen müſſen, beſonders jetzt, wo ſie auf der Schwelle der Thür ſtand und wo ihre Geſtalt die Stube, in welcher er lag, verdunkelte. Aber er ſah es nicht oder wollte es nicht ſehen, und nun drückte ſie ihre linke Hand feſt auf das Herz und hatte die Kraft, ſich zu einem heiteren Tone zu zwingen, in welchem ſie ſagte:„Es iſt ſpät für mich, ich gehe jetzt nach Hauſe— hoffentlich finde ich unſeren Kranken morgen aus dem Bette!“ So wandte ſie nicht einmal die Worte direct an ihn— damit er nicht nöthig habe, zu ant⸗ worten, dachte ſie ſchmerzlich bewegt. Rodenberg antwortete auch nicht, ſondern nickte nur ein wenig 236 Einundfünfzigſtes Kapitel. mit dem Kopfe, was ſie aber allerdings nicht ſehen konnte; doch eilte ihr Walter an die Thür nach und bot ihr ſeine Begleitung an, welche ſie dankend ablehnte. „Iſt ſie fort?“ fragte der Kranke, als der alte Maler zu⸗ rückkehrte. „Freilich iſt ſie fort!“ murrte dieſer—„doch hätteſt Du ſie wohl mit einem freundlichen Worte entlaſſen können— es iſt Zeit, daß Du wieder vollſtändig einer der Unſrigen wirſt, denn Du haſt Dir ſchon ſehr ſtark die Manieren eines großen Herrn zugelegt— Undank iſt der Welt Lohn!“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Iſt auch für heute gar nicht nöthig!“ „Und doch, wenn Du mir Vorwürfe machſt, ſo theile mir auch deren gerechten Grund mit— Rafael weiß, daß die Gerhold ſich häufig zu mir gedrängt hat, was ich ihr beſtändig auf die freundſchaftlichſte Art widerrieth— ſonſt habe ich nichts gegen ſie und habe ihr Dienſte geleiſtet, wo und wie ich konnte.“ „Die ſie Dir vielleicht einiger Maßen dadurch vergelten wollte, daß ſie während Deiner Krankheit Nächte lang hier an Deinem Bette gewacht und Dich gepflegt, wie man ein kleines, hülfloſes Kind nur pflegen kann— o, das iſt eine vortreffliche Perſon!“ „Nächte lang?“ fragte Rodenberg mit einem ungläubigen Lächeln. 3 „Nächte lang, da Du mich nun einmal zum Reden zwingſt, denn ſeit Du an jenem verhängnißvollen Abende hier in's Zimmer tratſt, ſind ſechs Tage verfloſſen!“ Der Kranke blickte auf Rafael, der ſtumm mit dem Kopfe nickte. „Dieſe Tage waren naturgemäß an einander gereiht durch Nächte,“ fuhr der alte Maler brummend fort,„und von dieſen Nächten hat Fräulein Leonie vier vollſtändig vor dieſem Bette zu⸗ gebracht, nicht zu gedenken, daß ſie auch während des Tages aus⸗ und einlief, um nach Dir zu ſchauen!“ „Walter, ſprichſt Du die Wahrheit?“ ——ö ——õ—ꝛ—2— Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb! 237 „Die reine Wahrheit— nichts, als die Wahrheit— nur Wahrheit!“ „So hätte ich ſechs Tage hier in dieſem Bette zugebracht?“ „Elend und krank!“ „Ohne Beſinnung?“ „So ſcheint es, denn ſonſt müßteſt Du Dich jedenfalls der ſorgfäligen Pflege dieſer armen Gerhold erinnern!“ „Ich habe ihr alſo Unrecht gethan, das ſchmerzt mich— ich werde ſie um Verzeihung bitten, ſobald ich aufſtehen kann— aber ſagt mir, iſt denn das möglich, ſechs Tage hätte ich hier ohne Bewußtſein gelegen?“ „Nun, hier und da haſt Du wohl einen lichten Augenblick ge⸗ habt, wenigſtens haſt Du uns zuweilen ziemlich verſtändig angeſchaut, auch wohl zu trinken verlangt, um alsdann gleich darauf wieder in wilder Flucht auf dem tollſten Roſſe der Phantaſie durchzugehen.“ „So habe ich wohl viel geſprochen— Unzuſammenhängendes?“ „Das iſt nicht zu läugnen, Unzuſammenhängendes und Zu⸗ ſammenhängendes, tolles Zeug— doch kannſt Du Dich beruhigen, fremde Leute waren nicht bei Dir, und wir, Rafgel und ich, haben nicht beſonders darauf geachtet.“ Der Kranke ſtreckte ſich lang und behaglich in ſeinem Betie aus, worauf er mit ſeinen beiden Händen die Rechte Walter's er⸗ faßte und ziemlich kräftig ſchüttelte—„wie danke ich Euch für Eure Liebe und Sorgfalt— ja, ich muß ſehr krank geweſen ſein, und die fürchterliche Zeit, wo ich nach jener Geſellſchaft durch die Straßen ſchlich, ſteht lebhaft vor mir: wie verzehrendes Feuer durch⸗ zuckte es meinen Körper, und die Pulsſchläge in meinem Gehirn kamen mir wie gewaltige Keulenſchläge vor, ſo daß ich jede Secunde fürchtete, unter ihrer Wucht zuſammenzubrechen!“ „Was Du aber kluger Weiſe aufſparteſt, bis Du zu uns in's Zimmer getreten wareſt; dann ſtürzteſt Du aber nieder, wie vom Blitze getroffen!“. Hackländer's Werke. 56. Bd. 16 Einundfünfzigſtes Kapitel. „Wie wir erſchraken, lieber Herr Rodenberg!“ ſagte Rafael— „nachdem wir Sie zu Bette gebracht, lief ich zu Ihrem Arzte, dem Doctor Windler, der auch ſogleich kam und von einem Nerven⸗ fieber ſprach!“ 3 „In welch angenehmer Hoffnung er uns bis geſtern erhalten hat!“ knurrte der alte Maler—„es iſt ein garſtiges Volk, dieſe Aerzte, und es kommt ihnen gar nicht darauf an, aus einer Mücke einen Elephanten zu machen!“ „Nun, in dieſem Falle war es ſchlimm genug, und da Doctor Windler ſogleich eine Krankenwärterin für Sie verlangte,“ ſprach der kleine Schriftſteller,„ſo wußte ich nichts Beſſeres zu thun, als mir bei Fräulein Gerold Raths zu erholen!“ Rodenberg meinte lächelnd:„Ich bewundere Deine Phantaſie, Rafael— mir wäre es ſelbſt im Traume nicht eingefallen, mich in Krankenwärters⸗Angelegenheiten an Leonie zu wenden!“ „So erkenne jetzt Dein Unrecht, denn ich kann Dich verſichern, ſie hat dieſes Geſchäft bei Dir undankbarem Ungeheuer mit einer Geſchicklichkeit verſehen, daß der Doctor Windler ſehr oft zugeſehen und ihr die glänzendſten Anerbietungen für eine Carrière als barm⸗ herzige Schweſter gemacht!“ „Das glaube ich wohl,“ ſagte der Kranke heiter—„Windler, ſo verdrießlich er auch gewöhnlich ausſieht, iſt ein Schäker, und die Damen vom Theater ſind ihm immer gefährlich geweſen.“ „Alſo auch hier keine Tugend,“ brummte Walter—„ich komme immer mehr zu der Anſicht, daß unſer guter Knorx damals den beſten Theil erwählt, als er in's Kloſter ging!“ „Vor Kurzem dachte ich auch noch ſo, doch fühle ich mich ſeit geſtern wieder von neuer Lebensluſt durchglüht!“. „Seit geſtern?“— Du meinſt wohl, ſeit heute?“ „Ah, ich vergeſſe immer jene unglücklichen ſechs Tage— nun denn, ehe mich die Krankheit erfaßte— o, damals loderte die Luſt zum Leben wieder in den hellſten Flammen in mir auf, trotz des Gefühls von Krankheit, welches mich umſtrickte, und jetzt, wo auch —yyy—ÿxͦ⸗⸗-X-— Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb! 239 dies verſchwunden iſt, wo ich mich wieder wie neugeboren fühle, liegt mir nichts ferner, als der Gedanke an klöſterliche Einſamkeit — im Gegentheil, ich will erſt recht anfangen, zu leben, heiter leben, glücklich leben— o, es ſoll ein Leben werden voll unbeſchreib⸗ licher Seligkeit!“ Rafael blickte beſorgt auf Walter, doch ſchüttelte dieſer ſeinen Kopf und meinte trocken:„Unbeſorgt, dieſes Mal phantaſirt er nicht— nun, mich ſoll es in Wahrheit freuen, wenn Dein künftiges Leben voll Glück und Seligkeit iſt, und es iſt möglich, da Du jetzt wieder ein Künſtler geworden biſt— wenn Du aber jetzt nichts dagegen einzuwenden haſt,“ fuhr der alte Maler fort, „ſo ſtopfe ich mir ein Pfeifchen, denn wiſſe, ich habe ſeit ſechs Tagen keinen Zug in Deiner koſtbaren Nähe thun dürfen!“ „Genire Dich nicht, mein guter Walter, habe ich doch ſelbſt eine, freilich noch etwas unklare Anſicht von einem köſtlichen Dinge, welches man Cigarre nennt!“ „Nun, wenn Du ſo weit biſt, dann iſt das Schwerſte überſtanden!“ Als Walter in's Nebenzimmer gegangen war, winkte Roden⸗ berg den kleinen Schriftſteller zu ſich heran und ſagte ihm mit leiſer Stimme:„Du mußt mir einen Gefallen thun, Rafael— ich bin auf's tiefſte erſchrocken, als ich vernommen, daß ich ſechs Tage ohne Bewußtſein gelegen, und doch hatte ich ihr verſprochen, ſie am an⸗ deren Tage zu beſuchen!“ Rafael ſah ihn fragend an. „Die Marcheſa de Monterey, Juanita— o, Du wirſt Dich doch der holdſeligen Prinzeſſin erinnern, glücklicher Leibzwerg?“ Dann bedeckte der junge Maler ſein Geſicht mit beiden Händen und flüſterte mit weicher, leiſer Stimme, wie in ſüße Erinnerungen verſunken: „Die Fürſtin zog zu Walde Mit Jägern und Marſchalk, Da ſah ſie reiten balde Ein junger Cdelfalk; Einundfünfzigſtes Kapitel. Er ſprach: wie ſtrahlt Dein Mieder, Wie glänzt Agraff' und Treſſ, Wie lächelſt Du hernieder, Holdſelige Prinzeß! „O, Rafael, Rafael, mein guter Junge, an dem Tage, wo ich mit Dir wieder einmal durch den Wald reiten werde, ſchenke ich Dir eine kleine Million— und wenn es auch etwas weniger iſt— Du ſollſt zufrieden ſein!“ „O gewiß, ich werde zufrieden ſein!“ gab der kleine Schrift⸗ ſteller zur Antwort, wobei er den Kranken mit einem beſorgten, beinahe ſcheuen Blicke anſah. „Du haſt ſie auch verehrt, Rafael, und ich weiß, ſie hat Dich gern gehabt— o, Juanita!— Denke Dir, geſtern ſah ich ſie wieder!“ „Das iſt— ganz— erſtaunlich!“ „Und nicht ſo, wie ich ſie ſchon ſeit lange wiedergeſehen, ſon⸗ dern ganz anders, Rafael— ganz glückſelig anders— o, mir fehlen die Worte, um zu ſagen, wie anders! Deßhalb fühle ich mich auch ſo unendlich glücklich, daß die Krankheit von mir ge⸗ wichen und mich wieder ein behagliches Gefühl von Geſundheit durchſtrömt— jetzt zu ſterben, wäre ſchrecklich— ich will und muß leben— glücklich, glücklich leben!“ „Gewiß, gewiß, Herr Rodenberg, das hat der Arzt auch geſagt — aber Sie müſſen ſich doch noch ein wenig ruhig verhalten.“ „Du weißt, wo ſie wohnt,“ fuhr der Kranke flüſternd fort, nachdem er einen forſchenden Blick in's Nebenzimmer geworfen, wo Walter am offenen Fenſter ſtand und mächtige Rauchwolken in die Nacht hinausblies—„Du wirſt mir den Gefallen thun und morgen früh zu ihr gehen?“ „Gewiß, Herr Rodenberg.“ „Und wirſt Dich nicht abweiſen laſſen?“ „Gewiß nicht.“ „Dann erzählſt Du ihr Alles, wie es mir ergangen, daß ich Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb! 241 nach der Geſellſchaft kaum noch bis zu Euch gekommen, daß ich ſehr krank geweſen und daß ich hoffe, ſie übermorgen beſuchen zu können— das bleibt aber unter uns, Rafael, Du brauchſt Walter nichts davon zu ſagen— ſo gut er iſt, ſo fehlt ihm doch in dieſen Sachen das richtige Verſtändniß— alſo morgen früh gegen zehn Uhr.“ Der kleine Schriftſteller nickte mit dem Kopfe und nun ſtreckte ſich der Kranke mit dem wohlthuenden Gefühle einer angenehmen Ermüdung und beruhigten Herzens aus. „Das Sprechen hat mich müde gemacht, und ich glaube, wenn ich etwas zu eſſen bekäme, würde ich wieder vortrefflich ein⸗ ſchlafen können.“ Es war gerade, als hätte die alte Frau draußen nur auf dieſen Wunſch gewartet, denn ſie erſchien unter der Thür und brachte einen Teller voll kräftiger Fleiſchbrühe, in welcher ſich die zarteſten Stückchen eines Huhns ſorgfältig verſchnitten befanden; ſie breitete ein Tiſchtuch vor dem Kranken aus, der ſich mit freund⸗ lichem Blicke aufgerichtet hatte, und als ſie ihm den Teller vor⸗ hielt, ſagte ſie:„Das Fräulein hat es geſchickt; ſie hat Doctor Windler geſprochen, und der hat geſagt, Sie möchten die Suppe nur eſſen, er käme ſpäter noch und werde nachſehen.“ Rodenberg aß mit einem köſtlichen Appetite aus dem Teller, welchen ihm die alte Frau vorhielt, und bemerkte nicht einmal, daß Rafael in das Vorzimmer gegangen war, wo er in beſorgtem Tone zu Walter ſagte:„Er iſt doch noch kränker, als wir gedacht; er hat ſo eben wieder phantaſirt.“ „Aus Ermüdung vielleicht!“ „Wohl möglich; er ſprach von der Marcheſa de Monterey und daß er ſie geſtern geſehen und geſprochen.“ „Natürlich in ſeinen Phantaſieen.“ „Und beauftragte mich, morgen früh zu ihr hinzugehen und ihr zu erzählen von Rodenberg's Krankheit und daß er hoffe, ſie übermorgen beſuchen zu können.“ — 242 Einundfünfzigſtes Kapitel. „Ja, hat ſich'was,“ brummte Walter,„nun, Du warſt hoffentlich geſcheit genug, ihm Alles zu verſprechen, was er verlangte?“ „Ja wohl.“ „Eine Fieberphantaſie, weiter nichts, und wenn er vielleicht morgen, ſelbſt bei vollem Bewußtſein, ſeinen Auftrag wiederholte, dürfteſt Du doch nicht hingehen.“ „Auch dann nicht?“ fragte Rafael. „Auch dann nicht, mein gutes Vürſchlein,“ ſagte der alte Maler, indem er eine große Wolke aus ſeiner Pfeife blies—„ſiehſt Du, Nodenberg's Körper iſt ſehr ſchwach, und das hat auch ſeinem Geiſte an Schärfe und Spannkraft Abbruch gethan— er iſt weich geworden im Gemüth, und deßhalb will er ſich vielleicht morgen, ſogar bei klarem, aber ſchwachem Verſtande, jener ſtolzen, hoch⸗ müthigen Spanierin wieder nähern, die ihn ſo ſchlecht behandelt, will vor ihr ſchwänzeln und ſcharwenzeln, um vielleicht wieder zu Gnaden angenommen zu werden. Doch hoffe ich,“ ſetzte er mit finſterem Blicke hinzu,„dazu wirſt Du Deine Hülfe nicht bieten, denn ſonſt müßte ich recht ſehr bedauern, daß ich Dir nicht in jener ſchönen Zeit, wo Du noch ein vortrefflicher, treuer Diener warſt, bei irgend einer paſſenden Gelegenheit den Hals umgedreht habe — ich glaube, ich habe mich hinlänglich deutlich ausgedrückt?“ „Gewiß, gewiß,“ lachte der kleine Schriftſteller;„allerdings etwas hausbacken und grobknochig, aber wir ſind das ja Alle an Ihnen gewohnt, und ich weiß trotzdem, wie gut und ehrlich Sie es mit Ihrem Freunde meinen.“ Dieſer Freund, der gute Rodenberg nämlich, hatte ſeine Suppe nicht einmal ganz gegeſſen, ſo ſank er ſchon mit einem ſüßen Ge⸗ fühle der Mattigkeit in die Kiſſen zurück und fiel augenblicklich wieder in einen feſten Schlaf— beruhigt und— hoffnungsreich— da er es ja nicht wußie, wie gut es ſeine Freunde mit ihm meinten. 8 LII. „Gib mir die Hand, den Berg zu ſteigen!“ Welch glückſelige Zeit iſt doch die des Brautſtandes—— von ihr hätte der Dichter eigentlich den Wunſch ausdrücken ſollen: „O daß ſie länger grünend bliebe!: Denn mit ihrem Abſchluſſe, der Heirath nämlich, ändert ſich Manches bei Manchen oft ſo plöt⸗ lich und vollkommen, daß wir nach einiger Zeit mit ſchmerzlicher Verwunderung rückwärts ſchauen und jene wunderbare Zeit für eine trügeriſche Fata Morgana, für einen gleißenden Traum halten müſſen, von dem auch nicht die Spur übrig geblieben iſt. Dieſe Bemerkungen ſind eigentlich hier vollſtändig unpaſſend, denn wir wollten des Brautſtandes eines Paares erwähnen, von dem wir überzeugt ſind, daß demſelben eine der glücklichſten und wonnevollſten Ehen folgen wird, und der zweite Theil unſeres Satzes iſt uns eigentlich ganz unwillkürlich entſchlüpft, weßhalb wir nochmals, uns verbeſſernd, anfangen wollen: welch glückſelige Zeit war die des Brautſtandes von Alfred und Margarethe. Mit Verkündigung deſſelben hatte Lord Warren nur ſo lange gewartet, bis er auf telegraphiſchem Wege die Einwilligung ſeines Vaters erhalten; ſie wurde aufs bereitwilligſte gegeben, da Roderich Olfers als Mann dem alten Herrn aus den begeiſterten Schilde⸗ rungen des Sohnes ſchon früher vertraut geworden war und da er ihn als Künſtler aus eigener Anſchauung kannte und verehrte. — Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Es gab nicht leicht ein ſchöneres Brautpaar, als dieſe beiden jungen Leute, und ſie waren ſo glücklich, daß Olfers als Vater kaum glücklicher genannt werden konnte, und doch war dieſer im Uebermaße des Glückes in den wenigen Tagen ſeines Hierſeins beinahe wieder zu einem jungen Manne geworden. Dabei war es komiſch, wie jeder der beiden Männer es dem anderen an Auf⸗ merkſamkeiten und Geſchenken für die liebliche Braut zuvorthun wollte: brachte ihr Roderich einen hübſchen Strauß Roſen, ſo hatte man es ſchon erlebt, daß oben vor dem kleinen Landhauſe, wo Margarethe wohnte, wie durch Zauberei eine Gruppe der üppigſt blühenden Roſen entſtanden war; kaufte der glückliche Vater irgend etwas von Schmuckſachen für die geliebte Tochter, ein Armband mit Smaragden oder ſo'was dergleichen, ſo war es ſelbſtverſtänd⸗ lich, daß ſie am anderen Tage von Alfred eines mit Rubinen oder Brillanten erhielt, ſo daß Olfers endlich lachend ſagte, er dürfe ſich gar nicht mehr unterſtehen, ſeiner Tochter irgend ein Geſchenk zu machen, um nicht ſchuld zu ſein an dem Ruine ſeines künftigen Schwiegerſohnes. Doch machte er dabei eine glückſelig heitere Miene, welche deutlich anzeigte, daß er irgend etwas im Rückhalte habe, um die Bemühungen des Bräutigams zu überflügeln, und dies gelang ihm auch ſo vollkommen, daß Warren nicht umhin konnte, lachend die Verſicherung abzugeben, es ſei dies einer der gelungenſten, aber hinterliſtigſten Ueberfälle, welche ihm in ſeinem Leben vorgekommen. Roderich hatte nämlich im Laufe mehrerer Stunden, ſobald er ſich ohne Alfred auf dem kleinen Landſitze befand was, obgleich ſelten, doch hier und da vorkam, angefangen, ein lebensgroßes Bild ſeiner Tochter zu malen und hatte ſchon in kurzer Zeit mit ſeiner Meiſterhand eine ſo vollendete Arbeit geliefert, daß Warren in lautes Entzücken ausbrach, als ihm endlich erlaubt wurde, das Bild zu ſehen. Und Conchitta?— Sie war dem Freunde, als ſie ihn nach langen Jahren wiederſah, mit einer ſolch offenen Herzlichkeit, mit Gib mir die Hand, den Berg zu ſteigen! 245 einer ſo tiefen Bewegung in Auge und Stimme entgegen getreten, daß er, ihren bittenden Blick verſtehend und auf die Zukunft bauend, ſein Verhältniß zu ihr ſo einrichtete, daß dieſe glücklichen Menſchen im Stande waren, in ungetrübter Heiterkeit, im feſten Glauben an einander, ja, in hoffender Liebe zuſammen zu leben. War es doch gerade jetzt, wo Roderich droben malte, als ſeien die vergangenen Jahre wie finſtere Wetterwolken vorüber gezogen — dieſelbe Sonne, welche damals durch drohende Wolken ſcharf und unheimlich hervorblitzte, glänzte ihm jetzt von einem heiteren, klaren Himmel! Roderich hatte ſeine Staffelei in Conchitta's Atelier aufgeſtellt und gebrauchte mit ganz beſonderer Vorliebe die Malergeräth⸗ ſchaften ſeiner ehemaligen Schülerin. Er konnte zuweilen ſinnend auf die Palette blicken, welche ſo oft in ihrer feinen Hand geruht, und manchmal mußte er ſich geſtehen, daß er nicht ohne Abſicht einen der Pinſel, mit denen ſie gemalt, zwiſchen ſeine Lippen nahm. Da ſtand ſie neben Margarethe, ordnete etwas an deren Haar oder an dem einfach weißen Kleide, in welchem der Vater ſie dar⸗ ſtellte— da ſaß Mercedes häufig in der Ecke des Zimmers und ergriff nicht ſelten ihre Mandoline, um zuweilen zwiſchen das heitere Geſpräch der Anderen hinein heitere Accorde erklingen zu laſſen— da ſtand Alfred, nachdem ihm endlich der Eintritt erlaubt worden, ſein Skizzenbuch in der Hand, und zeichnete wie damals ein Profil; doch war es heute das ſeiner geliebten Braut, welche aber dabei ſo häufig ihren Kopf nach ihm umwandte, daß ihn Roderich end⸗ lich zur Beendigung ſeiner Zeichnung auf eine ſpätere Zeit ver⸗ weiſen mußte— da ließ Margarethe, wenn ſie ausruhen durfte, ſich ſo gern auf ein kleines Tabouret zu den Füßen Conchitta's nieder und ſagte ihr, ſie mit den ſchönen, hellen Augen glückſelig anblickend:„Bitte, liebe Conchitta, erzähle mir noch einmal die Geſchichte von der Katze mit der rothen Halsbinde!“— da trat ein altes, bekanntes Geſicht in das Gemach, Andreas, der Gärtner, der treue Diener und Begleiter ſeines Herrn, ſchelmiſch lachend und 246 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. mit dem Kopfe nickend, wenn ihm Margarethe mit beiden Händen freundlich entgegenwinkte, und meldete, daß der Wagen der Frau Marcheſa de Monterey ſoeben angefahren ſei. Da erſchien Juanita. Es war gerade der Tag nach ihrem Beſuche bei Rodenberg. Mit der Gewalt, welche ſie über ſich ſelbſt, beſonders über ihre Mienen beſaß, war es ihr möglich, mit einem heiteren Ausdrucke in den Zügen einzutreten, während ſie noch ſo⸗ eben finſter in der Ecke ihres Wagens geruht, ihre Lippen zuſam⸗ mengepreßt, ſchmerzlich bewegt.— Sie grüßte nach allen Seiten, reichte Olfers flüchtig ihre Hand und ging dann zu Margarethe, welche ſie in ihre Arme ſchloß und leidenſchaftlich küßte.„Mein gutes Kind, es iſt mir ſo wohlthuend, Dich zu ſehen, Deine liebe, holdſelige Miene macht mir immer das angenehme Gefühl eines verſöhnenden Accordes zwiſchen den Mißklängen dieſes Lebens— aber laßt Euch nicht ſtören,“ ſetzte ſie rund um ſich herblickend hin⸗ zu.—„Guten Tag, liebe Merced, behalte Deine Mandoline in der Hand und laß zuweilen einen Ton hören— es hat das für mich etwas Beruhigendes.“ Sie warf ſich in einen kleinen Fauteuil, der am Fenſter ſtand, und blickte in die lachende Gegend hinaus. Conchitta trat an ihre Seite und beugte ſich ſanft zu der Schweſter hinab, mit ihrer Stirn deren Haar berührend.—„Du biſt heute trau⸗ rig, Juanita, Dir fehlt etwas,“ ſprach ſie alsdann mit leiſer Stimme. „O ja, und ich läugne es nicht!“ „Darf man die Urſache wiſſen?“ „Warum nicht, liebe Conchitta, ſo weit Du ſie verſtehen wirſt: Du weißt, ich hatte noch eine Verpflichtung für dieſen Sommer eingegangen, den Leuten in London etwas vorzuſingen— ah, wie mir das zuwider iſt!“ „Du willſt alſo doch hingehen?“ fragte die Andere erſtaunt. „Beauftragteſt Du nicht neulich Don Joſe, ſich nach der Summe zu erkundigen, welche Du als Strafe zahlen müßteſt, wenn Du nicht hinkämeſt?“ 4 Gib mir die Hand, den Berg zu ſteigen! 247 „Das that ich allerdings— damals— doch— habe ich Urſache, meinen Entſchluß zu ändern. Sie verlangten eine unge⸗ heure Summe, eine Summe, mit der man ein Paar glückliche Menſchen machen könnte, und nebenbei würden ſie in der ganzen Welt ein unangenehmes Geſchrei über meine Wortbrüchigkeit machen, und ich mag das nicht haben am Schluſſe meiner Künſtlerlauf⸗ bahn.— Verſtehſt Du jetzt, liebe Schweſter, warum ich verdrieß⸗ lich bin?“ ſagte ſie nach einer Pauſe, während welcher ſie die Rechte Conchitta's zwiſchen ihre beiden Hände nahm und leidenſchaftlich drückte.—„Verſtehſt Du jetzt, warum ich verdrießlich, ja, traurig bin?— Singen zu müſſen, wenn man nicht mag, heiter und lachend zu erſcheinen in den großen, glanzerfüllten Räumen, wenn man ſtill bei ſich ſitzen möchte in einer dunkeln Ecke und denken an Dieſes und Jenes, Gutes und Böſes träumen, und vor allen Dingen, wenn man ſtill und glücklich bei Euch hätte ſein können!“ „Du dauerſt mich, Juanita, und es ſchmerzt mich für uns Alle — wie hatte der gute Warren bei ſeinem Feſte auf Dich gehofft!“ „Und nicht vergebens,“ erwiederte die Marcheſa raſch;„ich reiſe morgen Abend nach Paris, um den Vertrag, welchen Don Joſe für den nächſten Winter eingeleitet, ſelbſt zu löſen.“ „Du haſt Dich raſch dazu entſchloſſen.“ „Allerdings, doch trieben mich dazu auch noch andere Gründe, die Du verſtehen wirſt, wenn ich Dir ſage, daß man ſich neulich erlaubt hat, mir ungnädig zu begegnen, da ich nicht ſingen wollte, weil ich keine Luſt dazu hatte und nachdem man....4 Ohne dieſen Satz zu vollenden, fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe fort:„Da ſah ich auf einmal dieſes ganze Leben und Trei⸗ ben in ſeiner nackten Wirklichkeit, und es widert mich an— über⸗ haupt will ich nicht mehr länger in dem kalten Deutſchland ver⸗ weilen, es friert mich,“ ſagte ſie mit leiſe bebender Stimme und ſetzte leidenſchaftlich haſtig hinzu:„ich ſehne mich nach meiner Heimath, dorthin wollen wir, Conchitta, wir Alle, die wir uns lieben, die wir uns angehören dürfen— erröthe nicht, meine gute 248 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Schweſter— o, könnteſt Du fühlen, wie ich mich über Dein Glück freue, und es iſt ein Glück, o, ein unendliches Glück, ihn endlich beſitzen zu dürfen, den man lange, lange geliebt— endlich— end⸗ lich!— Und wie werde ich mich erſt über Euer Glück freuen, wenn wir wieder in unſerer Heimath ſind, in dem ſchönen, ſchönen Spanien, auf der Bergeshöhe, wo ich mir ein Schloß gebaut, hinab⸗ ſchauend auf das wunderbare Thal des Xenil!“ Conchitta hatte ſich langſam neben ihrer Schweſter auf den Boden niedergelaſſen und ſie ſanf ſchlungen; dabei hatte ſie den Kopf an Juanita's Bruſt gelegt und ſagte nun mit dem weichen, beruhigenden Tone ihrer Stimme: „Wie heftig Dein Herz klopft— o, beruhige Dich!“ „Laß mir wenigſtens dieſe Aufregung, die heiße, ungeſtüme Freude, welche ich haben werde, Euch glücklich zu ſehen!“ Conchitta hob den Blick empor und betrachtete ſie kopfſchüt⸗ telnd.„Du biſt nicht ganz aufrichtig!“ ſagte ſie alsdann. „Laß mich— laß mich— ich bin, wie ich ſein kann, wie ich ſein darf! Geſtern erhielt ich Zeichnungen und Pläne aus Granada,“ fuhr ſie, das Geſpräch plötzlich ändernd, nach einer kleinen Pauſe fort;„ſie liegen in meinem Wagen— ah, wie ſchön das geworden ſein muß, wie Ihr da glücklich und zufrieden wohnen könnt!“ „Ihr? Juanita, ich glaubte, Du wollteſt ſagen: wir?“ „So dachte ich auch einmal, aber ich habe jetzt einen anderen Entſchluß gefaßt: ich will in Caſtillo de Monterey wohnen.“ „In dem alten, öden Schloſſe mit ſeinen fürchterlichen Er⸗ innerungen?“ 4 „Gerade da— ich ſehne mich nach Stille, nach Ruhe, nach gänzlicher Abgeſchiedenheit, und werde dieſe finden, wenn ich die Zugbrücke aufgezogen habe und wenn ich jedem Boote verbiete, ſich den Mauern des Schloſſes zu nähern.“ Conchitta ſah die Schweſter mit einem Blicke an, welchen dieſe wohl verſtand, denn ſie legte ihre Hand auf den Arm Conchitta's und ſagte mit bittender Stimme:„Laß mich, laß mich— lege t mit ihren beiden Armen um⸗ . ——y ͤͤͤͤ 8 4 4 4 Gib mir die Hand, den Berg zu ſteigen! 249 nicht dieſe bittende Frage in Deinen Blick— Du weißt, ich kann Deinen Bitten nicht widerſtehen, doch wenn ich reden wollte, müßte ich meine Worte in wildem Schmerze hinausſchreien— ſpäter— ſpäter!— Ich gehe alſo heute Abend nach Paris,“ fuhr ſie nach einer längeren Pauſe in ruhigem Tone fort,„und dort erwarte ich Euch; Warren's Vater kommt dorthin, um der Vermählung ſeines Sohnes anzuwohnen— mich freut es, daß Olfers in dieſem Punkie nachgegeben; im Grunde konnte es ihm ja auch gleichgültig ſein, ihm, der doch eigentlich keine Heimath mehr hat— ein ſtarker und großer Geiſt, wie der ſeinige, ein Gemüth, das ſo viel gelitten, findet ſich glücklich, wo es im Vereine mit ſeinen Lieben leben kann— und wie denkt er über Spanien?“ „Neulich ſagte er auf meine Frage: ‚Ich glaube, man könnte dort ſehr glücklich ſein— was hält mich hier in Deutſchland zu⸗ rück— was könnte mich an eine Stadt feſſeln, welche meine Tochter und meine Freunde verlaſſen haben?“ „Und Warren?“ „In ſeinem glücklichen Uebermuthe meinte er neulich, er müſſe allerdings für den Anfang des Herbſtes ſeine Güter beſuchen, wolle ſich aber bei den umliegenden Gutsbeſitzern, ſowie bei ſeiner eigenen Familie ſo unleidlich machen, daß man es für ein Glück anſehen würde, wenn er den Winter im Süden zubrächte.“ So ſprachen die beiden Schweſtern leiſe flüſternd mit einander, während die Anderen, welche Roderich umgaben, ihr eigenes Ge⸗ ſprächsthema mit lauter Stimme verhandelten, ohne daß man bis jetzt irgend etwas geredet, was die Aufmerkſamkeit der Beiden am Fenſter erregt hätte. Da ſagte Warren im Laufe des Geſpräches: „Der arme Rodenberg!“ Die Nennung des Namens Rodenberg durch Lord Warren fiel in ein längeres Stillſchweigen der beiden Damen, während welchem Juanita zum Fenſter hinausſchaute und Conchitta den Arm ihrer Schweſter in ihren Händen ruhen ließ. Plötzlich ſagte die Letztere, Lohl nur, um das peinliche Stillſchweigen zu unterbrechen:„Ich 250 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. vermiſſe Dein mauriſches Armband, von dem Du Dich nie trennſt — iſt etwas daran zerbrochen?“ „Es iſt drunten,“ gab jene zur Antwort, wobei ſie ſich raſch erhob und an die Staffelei neben Warren trat, welcher zu ſprechen fortfuhr: „Ich war heute Morgen in aller Frühe bei ihm: dieſe Krank⸗ heit konnte unſern armen Freund nicht ungeſchickter überfallen; ſein plötzliches Verſchwinden gab begreiflicher Weiſe zu dem Ge⸗ rüchte Urſache, er habe die Stadt verlaſſen, und er habe Grund gehabt, dieſelbe heimlich zu verlaſſen— welche Nahrung das dieſen böſen Zungen gab!— In den letzten Tagen hatte ich mehrmals Veranlaſſung, wenn die Rede auf ihn kam, ſeine Partie zu nehmen, mir Erklärungen auszubitten und einigen dieſer edeln, wohlwollen⸗ den Menſchen zu ſagen, wenn ſie nicht die Güte haben wollten, meine Worte für vollſtändige Wahrheit anzunehmen, ſo ſähe ich mich genöthigt, jeden Zweifel ſo aufzufaſſen, als ſei er gegen meine eigene Glaubwürdigkeit gerichtet.“ „Das war recht, Alfred,“ ſagte Olfers—„und wie fandeſt Du Rodenberg?“ „Beſſer— wenigſtens außer aller Gefahr, wie mir der Arzt ſagte, den ich dort traf; übrigens hat ihn dieſer Anfall furchtbar mitgenommen und er bedarf noch ein paar Tage unbedingter Ruhe.“ „Darf man ihn beſuchen?“ „Gewiß, und er freut ſich wie ein Kind darauf, Dich zu ſehen — auch von der guten Margarethe ſprach er und ſchilderte mir lebhaft die Vergangenheit, wo er begreiflicher Weiſe an mir einen entzückten Zuhörer hatte, obgleich er mir nicht viel Neues ſagte, doch was man gern hört, kann man nicht oft genug hören. Auch Ihren Namen nannte er, Juanita.“ „Als er von der Vergangenheit ſprach?“ fragte dieſe in gleich⸗ gültigem Tone. „Aus Vergangenheit und Gegenwart; er erſuchte mich nämlich,“ Ihnen von ſeiner Krankheit zu erzählen und wie glücklich er ſich . Gib mir die Hand, den Berg zu ſteigen! ſchätzen würde, wenn es ihm vergönnt wäre, Sie wiederzuſehen— ich hätte Ihnen das gleich geſagt, als Sie eintraten, wenn ich nicht gewußt hätte, wie wenig Intereſſe Sie an unſerem Freunde nehmen — oder wäre es wahr, was mir erzählt wurde und worüber ich Sie noch nicht befragte, Juanita, weit es mir unglaublich ſchien, daß Sie auf jener Soirée bei dem Miniſter des Hauſes mit Roden⸗ berg lange und angelegentlich geſprochen hätten?“ „Ja, ich ſprach mit ihm, ob lange und angelegentlich, weiß ich nicht mehr— ich hielt es für meine Pflicht, dem vortrefflichen Künſtler meine Freude darüber auszudrücken, daß er wieder ein freier, unabhängiger Mann geworden ſei.“ Nach dieſen Worten wandte ſich die Marcheſa gegen das Bild Margarethens und bezeigte mit heiterer Miene ihr Vergnügen über die wundervolle Aehnlichkeit deſſelben.—„Wenn ich noch eitel wäre,“ ſagte ſie,„oder unbeſcheiden ſein wollte, ſo würde ich Sie bitten, lieber Roderich, Ihre Kunſt auch einmal an mir zu verſuchen.“ „Er würde kein ſchöneres Bild von Ihnen machen,“ warf Warren ein,„als er früher ſchon gemacht.“ „Und wann wäre das geweſen?“ fragte Juanita erſtaunt. „In jenen ſchönen, glücklichen Tagen, die jetzt wiederkehren werden,“ gab der junge Mann zur Antwort, indem er mit einem leuchtenden Blicke rings um ſich her ſchaute—„in jenen erhabenen, romantiſchen Künſtlertagen, wo die reizendſte aller Jägerinnen an das Hoflager des Prinzen Maiwein kam!“ „Damals hätten Sie mich gemalt?“ „Ja, und es war keine ſchlechte Arbeit,“ erwiederte Roderich lächelnd;„freilich ſaßen Sie mir nicht dazu, doch ſtanden Ihre Züge,“ ſprach er mit einem innigen Blicke auf Conchitta,„lebhaft genug vor meiner Phantaſie.“ „Und wo iſt dieſes Bild? O, ich gäbe viel darum, wenn ich es haben könnte!“ „Ich ſchenkte es damals Rodenberg— ich ließ ihn, den treuen, anhänglichen Freund, unter meinen Sachen etwas auswählen, und ‧‧uu———ſ 2⁵52 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. — er wählte keinen Augenbick, ſondern nahm mit einer leiden⸗ ſchaftlichen Haſt jenes Bild.“ „Ich ſah es oft bei ihm,“ ſagte Warren—„es hing in ſeinem Zimmer, und da ich wußte, daß es ihm das Koſtbarſte von allen Sachen ſei, die er beſitzt, ſo ließ ich dieſes Bild mit Deinem Stoßdegen, Roderich, und jenem Horne, welches er als wilder Jäger führte, aufs pünktlichſte einpacken, während ich Sorge trug, daß alle ſeine übrigen Sachen unberührt blieben. Wie mich ſein Arzt ver⸗ ſicherte, darf er in den nächſten Tagen ausgehen, und ſein erſter Gang wird zu Dir ſein, Roderich, da er ſich unendlich darauf freut, Dich wiederzuſehen.“ „Ich würde ihm gern darin zuvorkommen und ihn noch heute aufſuchen, wenn Du mir nicht eben geſagt hätteſt, daß er der Ruhe bedürfe; doch hoffe ich, ihn morgen zu ſehen, und freue mich ſehr darauf!— Glaubſt Du, daß Rodenberg in der Lage ſein wird, über ſeine Zukunft unabhängig verfügen zu können?“ fragte er nach einer Pauſe. „Dieſe Frage möchte ich Dir lieber nicht beantworten,“ ent⸗ gegnete Alfred,„denn wenn ich es thue und Dir mittheile, was ich zu thun für meine Pflicht halte, ſo könnte es prahleriſch erſcheinen.“ „Pah,“ machte Olfers,„unter Freunden, welche daſſelbe Ziel verfolgen— doch wie ich Rodenberg kenne, wird ihm in dieſer Richtung ſchwer beizukommen ſein; auch hat er Ruhm und Geld in ſeiner Hand, wenn er ſein Talent ausbeuten will.“ „Das wird er, davon bin ich überzeugt!“ „Hat er Schulden?“ „Er hatte welche, doch wurden ſie bezahlt, da man in dem Teſtamente des Prinzen Heinrich die Beſtimmung fand, an Roden⸗ berg, den er ſeinen Freund nannte, eine gewiſſe Summe zu bezah⸗ len, damit ſich derſelbe bei einer Entlaſſung aus dem Dienſte von läſtigen Verbindlichkeiten befreien könne— man legte dieſer Be⸗ ſtimmung einen anderen Sinn unter und ließ allerhöchſtfelbſt das Bezahlen von Rodenberg's Schulden beſorgen.“ Gib mir die Hand, den Berg zu ſteigen! „Mich freut es, daß er mit Schulden von ſeinem Amte abge⸗ treten iſt, und in dieſer Richtung iſt es mir lieb, daß er während der Jahre ſeines Hierſeins als Künſtler nichts gearbeitet und ohne viel Ueberlegung in den Tag hinein gelebt hat— es wird das ſeinen Feinden einigen Kummer verurſachen.“ „Noch mehr Kummer hat es ihnen gemacht,“ ſagte Lord Warren lachend,„daß man in ſeinen Papieren und Rechnungen auch nicht das Mindeſte gefunden, was auch nur einen Schatten auf ihn zu werfen im Stande geweſen wäre— o, Ihr hättet ſehen ſollen, mit welcher Gier man in ſeiner verlaſſenen Wohnung umherſtöberte und wie man erſtaunt war, ſeine Correſpondenz und Rechnungsbücher unverſchloſſen und in beſter Ordnung zu finden! Ich betrachtete es beinahe als ein Glück für Rodenberg, daß ihn ſeine Krankheit fern von ſeinem Hauſe überfiel und daß er auf dieſe Art gewiſſer Maßen gezwungen war, Alles ohne Einſchränkung denen Preis zu geben, welche gewiß nicht unterlaſſen haben, ängſt⸗ lich nach irgend etwas zu forſchen, was ihn hätte bloßſtellen können! Ich vermochte den Oberſt⸗Hofmeiſter des Fürſten, der für Roden⸗ berg nicht unfreundlich geſinnt iſt, mich nach deſſen Wohnung zu begleiten, und fand die Beauftragten damit beſchäftigt, Briefe und Rechnungen zu durchſuchen. Mit der Hülfe Seiner Excellenz er⸗ wirkte ich, daß ſeine Privatſachen unangetaſtet blieben.“ Die Marcheſa hatte ſich liebevoll mit Margarethe beſchäftigt; jetzt drückte ſie ihre Lippen auf die Stirn des jungen Mädchens und ſagte, ohne ſich an die Sprechenden zu wenden:„Ich ſchätze in Herrn Rodenberg den vortrefflichen Künſtler, ſowie den treuen Freund meiner Freunde; wenn Sie glauben, Alfred, daß ich etwas für ihn thun darf, ſo bitte ich über mich zu verfügen.“ „Dafür muß ich aufrichtig danken, meine liebe Freundin— ich fürchte ohnehin ſchon, daß Rodenberg nicht zu beſtimmen ſein wird, unſere Hülfe, die Hülfe ſeiner alten Kameraden, anzunehmen, noch viel weniger aber....“ Hackländer's Werke. 56. Bd. 17 254 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. „O, vollenden Sie nicht,“ unterbrach ihn Juanita mit einem Anfluge von Bitterkeit,„Sie ſind eigennützig und eiferſüchtig— ich hoffe ohne Ihre Vermittlung handeln zu können!“ Sie warf das leicht hin, als handle es ſich für ſie um eine gleichgültige Sache, worauf ſie zu Olfers trat und, ſich ſanft an ſeine Schulter lehnend, in's Anſchauen des lieblichen Bildes, das einer glücklichen Braut, tief verſunken erſchien. Wenige Tage darauf hatte Roderich dieſes Gemälde vollendet und in einem einfachen, geſchmackvollen Rahmen in ſeinem Zimmer in der Wohnung Lord Warren's aufgeſtellt, wo es in den vertrauten Kreiſen, in welchen es gezeigt wurde, enthuſiaſtiſche Bewunderung fand. Dieſer Kreis aber war außerordentlich eng gezogen, und Warren ſchien ſich ein Vergnügen daraus zu machen, Beſuche, welche zahlreich kamen, um dieſes Kunſtwerk zu ſehen, einfach und ohne Weiteres abzulehnen. „Es thut Einem ordentlich wohl,“ ſagte Walter, der vor dem Bilde ſaß,„daß Unſereins einmal etwas voraus hat vor Titel und Ordensband bei einem ſo vornehmen Herrn, wie Lytton geworden iſt!“ „Das verſteht ſich doch wohl von ſelbſt,“ ſagte der junge Lord heiter—„häuft Titel und alle Orden der Welt auf einander, und laßt ſehen, ob das eine Wirkung hervorbringt, wie das zarte Weiß der Fliederblüthen in ihrem Haar!“ „Der ſpricht, wie ein Verliebter ſprechen muß,“ brummte der alte Maler,„und doch hat er Recht— es iſt wahrlich eine Kleinig⸗ keit, Titel und Orden zu verleihen, aber um einen Künſtler zu machen, dazu braucht es eines Höheren, als des Allerhöchſten!“ „Dafür hat dieſer aber ein anderes, ſchöneres Vorrecht,“ meinte Olfers hinzutretend,„Kunſt und Künſtler zu unterſtützen und zu belohnen!“ „Wie das zuweilen geſchieht,“ knurrte Walter,„ſieht man dort an dem bleichen Geſichte unſeres guten Rodenberg— doch ich habe Unrecht, indem ich das ſage— er hatte den Künſtler bei Seite ——— —— Gib mir die Hand, den Berg zu ſteigen! 25⁵ gelegt und war auf dem beſten Wege, in der Allgemeinheit unterzu⸗ gehen— nicht wahr,“ſetzte er, den Kopf umwendend, hinzu,„Du witterſt Morgenluft, wenn Du wieder einmal ein ſo prachtvolles Bild ſiehſt!“ „Ja, ja, es iſt mir zu Muthe, als ließe ich eine lange Nacht hinter mir— der Morgen dämmert auf....“ „Und mir iſt zu Muthe,“ grollte der alte Maler,„als müſſe ich mich bei den Ohren packen und ſelbſt zur Thüre hinauswerfen — ich fühle es ſchmerzlich, daß ich nichts bin, als ein alter Narr und ein miſerabler Stümper— was mitch tröſtet, iſt allein der Gedanke, daß nicht Jeder ein großer Meiſter ſein kann!“ „Und daß die deutſche Kunſt doch noch nicht todt iſt— nicht wahr, Walter?“ ſagte Rodenberg—„wie wohl mir dieſe lieblichen Züge thun: wie hat ſich Margarethe verändert, und doch finde ich immer noch einen Anklang an das herzlich liebe Geſicht des kleinen Mädchens— Sie ſind in der That glücklich zu nennen, Lytton, doch gönne ich Ihnen Ihr Glück von Herzen!“ Er ſagte das in einem innigen, aber ſehr ruhigen Tone, und wenn man auch den düſtern Blick ſeiner ſonſt ſo glänzenden, lebens⸗ friſchen Augen noch einer Nachwirkung der eben überſtandenen ſchweren Krankheit zuſchreiben konnte, ſo lagerte doch ein ſchmerz⸗ licher Zug um ſeine Lippen und etwas Stilles, faſt Theilnahmloſes in ſeinem ganzen Weſen, was man wohl einem andern Grunde zuſchreiben mußte und auch mit Recht zuſchreiben konnte. Sein erſter Gang, als er Zimmer und Haus verlaſſen durfte, war zu Juanita geweſen, denn Rafael, den er mit einem Auftrage an die Marcheſa geſandt, hatte ihm nur geſagt, er habe ſie nicht zu Hauſe getroffen, und ſtatt ſie wiederzuſehen, mußte er erfahren, daß ſie abgereist ſei, ohne irgend eine Nachricht für ihn zu hinter⸗ laſſen. Es war das ein fürchterlicher Schlag geweſen, der in ſeiner faſt vernichtenden Wirkung nicht gemindert werden konnte durch die Herzlichkeit, mit welcher er am andern Tage von Conchitta em⸗ pfangen wurde, nicht durch die rückhaltloſeſte Freude, durch den Jubel, mit dem ihm Margarethe entgegeneilte, ſeine beiden Hände 256 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. ergriff und auf's herzlichſte mit ihm plauderte und lachte, wie man es nur mit dem treueſten Freunde, mit einem lieben Anverwandten zu thun vermag— allerdings hatte ihm auch die Freundſchaft wohl gethan, mit der ihn Olfers und Warren empfangen, trotzdem aber fühlte er ſich allein, ſo troſtlos allein, als ſei er aus einem fremden Sterne jetzt erſt in dieſe Welt geſchleudert worden— es war ihm, der bis dahin ein ſo bewegtes Leben geführt hatte, ſo ſchmerzlich ungewohnt, jetzt nichts mehr zu thun zu haben. Häufig ging er, etwas ihm ſelbſt Unbewußtes ſuchend, bald hierhin, bald dorthin; oftmals fand er ſich in der Wohnung Rafael's, auch wenn dieſer nicht da war, und konnte alsdann, plötzlich aus langem Dahin⸗ brüten auffahrend, ſich erſtaunt an dem Bette ſitzen ſehen, in dem er während ſeiner Krankheit gelegen. Auch Leonie hatte er auf⸗ geſucht, hauptſächlich auf Walter's Drängen, um ihr für die freund⸗ liche Sorgfalt zu danken, die ſie ihm bewieſen. Wie überraſcht aber war er, als er ihre Wohnung verſchloſſen fand und als ihm die Hausbeſitzerin ſagte, Fräulein Gerhold ſei abgereist und würde wohl nicht wieder zurückkehren; auf Befragen an anderer Stelle erfuhr er dann, daß ſie plötzlich ihre Entlaſſung gefordert und er⸗ halten habe. Auch das machte ihm ein unbehagliches Gefühl, ohne daß er ſelbſt wußte, weßhalb; er hatte ihr ja nur ſeinen Dank ſagen und mit ihr, wie früher ſo oft, über gleichgültige Dinge plaudern wollen, und nun war auch ſie verſchwunden, ohne ihm ein Wort des Abſchiedes geſagt zu haben! Es hatte. Rodenberg's krankhaft empfindliches Gemüth faſt bis zu Thränen gerührt, als ihn Lord Warren in ein Zimmer ſeiner, Warren's, Wohnung führte, wo er von ſeinen eigenen Sachen fand 3 und wo er dem Freunde verſprechen mußte, ſeinen Aufenthalt zu nehmen, ſo lange er überhaupt noch hier bleiben wolle—„wir werden einander um ſo weniger geniren,“ hatte Jener geſagt,„als Olfers und ich in den nächſten Tagen abzureiſen gedenken; mein Urlaub hat bereits angefangen, und während wir uns in Paris aufhalten, ſteht mein ganzes Appartement zu Ihrer Verfügung.“ Gib mir die Hand, den Berg zu ſteigen! 257 Darauf hin hatte Rodenberg zu bleiben verſprochen,„doch nur für kurze Zeit,“ wie er ſagte—„was könnte mich länger hier zurückhalten?“ Walter hatte ſich auf ſeinem Stuhle lang ausgeſtreckt und die Hände in die Taſchen ſeiner Hoſen verſenkt, als er kopfſchüttelnd ſagte:„Es iſt eigentlich ſchade, daß wir nun hier wieder aus einander geſprengt werden, es hätte ſich ganz gemüthlich zu einem tüchtigen Künſtlerleben angelaſſen— ein würdiges Haupt hatten wir in Dir, Olfers, da iſt Rodenberg, Schlegel iſt in ſeinem Kreiſe auch zu gebrauchen, Andere wären nachgekommen, und bald wäre der ganze Bienenſchwarm bei einander geweſen— die da oben ver⸗ ſtehen ihren Vortheil nicht!“ „Nun, man gab ſich Mühe genug, Roderich zu halten,“ ſagte Warren,„und wer weiß, ob er unter anderen Verhältniſſen nicht geblieben wäre!“ „Ich glaube kaum,“ warf der Betreffende ein;„in den acht Jahren, in denen ich nicht hier war, hat ſich ſo Manches geändert, und nach meiner Anſicht nicht zum Vortheil!“ „Du warſt beim Fürſten?“ „Ja, er ließ mich rufen, und ich kann nicht anders ſagen, als daß er mich ſo liebenswürdig empfing, als möglich: er fragte nach meiner Tochter, er fand ſich ſogar bewogen, über Dich, Alfred, verſchiedenes Gutes zu ſagen, und als er wiſſen wollte, ob ich nicht geſonnen ſei, hier zu bleiben, nahm ich Gelegenheit, Rodenberg's Namen zu nennen; ich ſagte nämlich Seiner Königlichen Hoheit, ich ſei noch nicht entſchloſſen, wo ich mich vor der Hand nieder⸗ laſſen wolle, und hinge dabei von Freunden ab, mit denen ich gern zuſammenleben möchte.“ „Da machte er wohl ein Geſicht, wie wir anderen armen Sterblichen zu thun pflegen, wenn wir unverſehens auf ein Sand⸗ korn beißen?“ „Nicht einmal auffallend; er ſcheute ſich nicht, Rodenberg's Namen auszuſprechen, wobei er hinzuſetzte, er ſei ein vortrefflicher 258 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. 4 Künſtler und es ſei eigentlich ſchade, daß man ihn verliere— darauf führte er mich zur Frau Fürſtin⸗Mutter.“ „A— a-—a-—ah,“ machte Rodenberg,„ich bin überzeugt, Sie wurden auch dort vortrefflich empfangen!“ „Das kann ich nicht läugnen— Ihr wißt, ich malte vor acht Jahren das Portrait Ihrer Königlichen Hoheit, und da ſie nun der Anſicht war, ein paar Stellen in dieſem für ſie unſchätzbaren Bilde....“ „O— o— o—oh!“ machte Walter. „Hätten ein wenig nachgedunkelt, ſo bat ſie um meinen Rath. — Ich bereue nicht, bei ihr geweſen zu ſein, denn ich ſah dort jenen wunderbaren Murillo aus der Sammlung des Prinzen Hein⸗ rich wieder— ein prachtvolles Bild, unvergleichlich, hinreißend ſchön! Ach, wenn man ſo etwas ſieht, ſollte man den Pinſel weit von ſich werfen....“ „Nun, wenn Du das ſagſt,“ murrte Walter,„ſo können wir anderen Künſtler nichts Beſſeres thun, als Schwefelhölzer machen— zu einem Wirthshausſchilde langt es nimmer!“ „Olfers hat Recht,“ miſchte ſich Rodenberg in's Geſpräch;„vor dieſer Madonna könnte ich Stunden lang ſitzen, und nach und nach würde mir die Bruſt ſo leicht, das Herz ſo rein werden, daß ich mich zum Kinde zurückträumen könnte und anbetend niederknieen im Glauben, als ſähe ich in der That den Himmel offen und würde beſeligt von einem überirdiſchen Glücke!“ „Alſo auch dieſes Bild iſt in den Beſitz der Frau Fürſtin⸗ Mutter gelangt?“ „Nein, und das iſt gerade ihr Kummer— eine Verfügung des Teſtaments ſagt ausdrücklich, dieſes Bild, der koſtbarſte Schatz ſeiner Sammlung, ſolle öffentlich verſteigert werden.“ Auf Rodenberg's bleichem Geſichte erſchien ein trübes Aäih ln „Gönnt Alles ſeinen Erben, Den Becher nicht zugleich! Er wußte wohl,“ ſagte er,„welch leidenſchaftliche Verehrerin dieſes Bildes ſie war!“ Gib mir die Hand, den Berg zu ſteigen! 259 „Nun, und was weiter?“ fragte Walter—„das werden ſie ganz unter ſich abmachen: der Verſteigerer bietet das Bild aus zu tauſend Thalern, ein ſchüchterner Liebhaber ſchlägt vielleicht zehn Groſchen darauf, um alsdann durch den geſtrengen Blick irgend einer Excellenz daran erinnert zu werden, daß dieſes Daraufbieten im gegebenen Falle eigentlich eine Unverſchämtheit ſei!“ „So wird es doch wohl nicht kommen,“ meinte Olfers;„eine weitere Beſtimmung beſagt, daß der Verkauf dieſes Bildes in ſechs Zeitungen bekannt gemacht werden ſolle. Das iſt nun allerdings ziemlich raſch geſchehen und die Verſteigerung wird in den nächſten Tagen Statt finden.“ „Hätteſt Du keine Luſt dazu?“ fragte Warren mit leuchten⸗ dem Blicke;„wie wäre es, wenn wir einige Tauſend Pfund daran wendeten?“ „Und die allerhöchſte Ungnade, junger Diplomat— Du würdeſt Dich nicht nur hier unmöglich machen, ſondern auch an manchen anderen Höfen als ſehr rückſichtslos mit Achſelzucken empfangen werden!“ „Du weißt, daraus mache ich mir nicht viel, und was meine diplomatiſche Laufbahn betrifft, ſo fürchte ich, daß ſie am längſten gedauert hat— ich will mein Leben auf andere Art genießen, mit und bei Euch genießen, und wenn ich auch ſelbſt kein großer Künſt⸗ ler werden kann, ſo werde ich ſtolz ſein auf den Titel eines Be⸗ ſchützers der Kunſt!“ Er hatte das mit komiſchem Pathos geſagt und ſetzte nun in ſeinem gewöhnlichen Tone hinzu:„So weit es meine Mittel erlauben.“ „Reſpect davor— Warren hat alles Zeug, ein kleiner Me⸗ dicäer zu werden!“ „Ja, aber vor der Hand nicht genug, um einen ſolchen ächten Murillo zu kaufen— die Perle aller Bilder dieſes unvergleichlichen Meiſters, welche ſich außerhalb ſeines Vaterlandes befinden— zwei⸗ tauſend Pfund— fünfzig⸗ bis ſechszigtauſend Franken iſt allerdings eine hübſche Summe, doch werden ſie das Bild dafür nicht fortlaſſen.“ 260 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. „So ſoll jeder von uns noch einen Thaler zehn Silbergroſchen darauf legen— ſeid Ihr damit einverſtanden?—— Doch glaub⸗ ich, Olfers hat Recht— wenn die richtigen Leute hieherkämen und das Bild nur annähernd bis zu ſeinem Werthe hinaufgetrieben würde, ſo könnten wir von hundert⸗ bis hundertfünfzigtauſend Thalern hören!“ „Die Marcheſa hatte Luſt, es zu kaufen, und ich bedauere jetzt beinahe, daß ich ihr nicht zugeredet habe— ſie möchte ihren be⸗ rühmten Landsmann nicht hier laſſen, ſagte ſie— ich brachte das Geſpräch nicht wieder darauf, und da ſie vor ihrer Abreiſe andere Sachen im Kopfe zu haben ſchien, ſo muß ſie Bild und Verſteigerung vergeſſen haben; jetzt thut es mir leid— ihr wäre es gleichgültig geweſen, ſo ein hunderttauſend Thaler daran zu wenden.“ „Gott erhalte ſie!“ ſagte Walter, indem er ſeine Hände aus den Taſchen hervorzog und feierlich zuſammenlegte, wobei er auf ſeinem Stuhle eine tiefe Verbeugung machte—„das iſt eine wür⸗ dige Dame, eine erhabene Beſchützerin der Kunſt, in Wahrheit eine höchſte und allerhöchſte Perſon— hätte ich nur meine verdammte Beſcheidenheit laſſen können, ſo ſäße ich faſt als ein wohlhabender Mann vor Euch, denn als ihr Oheim, jener vortreffliche Hidalgo, meine Rechnung regelte, erſuchte er mich, irgend eine beliebige Summe als Vorſchuß für künftige Bilder anzunehmen— ſo was iſt einem deutſchen Künſtler noch nie vorgekommen!“ „Und das Neue, Ueberraſchende daran vermochte Dich auch wohl, dieſen Vorſchlag abzulehnen?“ „Ich ſchämte mich ein wenig, denn der edle Don Joſe hatte meine kleine Rechnung ohnehin aus freien Stücken ſchon um etwas ganz Erhebliches vermehrt; deshalb verbeugte ich mich und ſprach: Walter, mein theurer Don, iſt ein gewiſſenhafter Künſtler— Walter könnte ſterben, ehe er ſeine Aufträge beendigt hat, und es wäre dieſem Walter ſehr unangenehm, wenn er darob im Grabe keine Ruhe fände und als malendes Geſpenſt umgehen müßte!““ „Eine gräßliche Idee— ein malendes Geſpenſt— ſchade, daß Rüding nicht da iſt— es gäbe ihm Stoff zu einem Bilde!“ Gib mir die Hand, den Berg zu ſteigen! 261 „Gewiß,“ fuhr Walter mit ausnahmsweiſe heiterem Geſichte fort,„und man würde alsdann dieſem Malergeſpenſte anſehen, daß es Hunger gelitten, wie Rüding's berühmte Zigeunerknaben von damals!“ „Was macht Rüding?“ warf Olfers ein. „Man ſagt, er ſei von der Kunſt zur Mechanik übergegangen, irgendwo Director einer großen photographiſchen Anſtalt geworden und habe für ein paar gelungene Photographieen einen Orden bekommen— das Ziel aller ſeiner Wünſche— doch ich bin noch nicht zu Ende mit meinem begeiſterten Lobe für die ſchöne Marcheſa und ihren unvergleichlichen Oheim: ‚Gut,“ ſprach dieſer würdige Mann, nachdem ich abgelehnt und mit ſtolzem Bewußtſein vor ihm ſtand, ‚doch werden Sie mir erlauben, daß ich im Auftrage meiner Nichte bei deren Bankier eine Summe deponire, genügend für Sie, zu einer Reiſe nach Spanien, denn es könnte wohl vorkommen, daß die Marcheſa Sie dort zu ſehen wünſcht, um mit Ihnen über neue Kunſtwerke zu reden:— was ſagt Ihr nun?“ Rodenberg ſagte gar nichts, da er mit verſchränkten Armen dicht vor deren Bilde ſtand. Olfers meinte, die Marcheſa ſei eine Dame von eben ſo viel Geſchmack als Geiſt, welche einen richtigen Gebrauch von ihrem un⸗ geheuren Vermögen mache. Und Warren fragte mit einem heitern Lachen:„Wißt Ihr denn auch ſchon die wunderbare Geſchichte mit Schlegel?“ „Was iſt es mit ihm?“ klang es aus dem Munde Rodenberg's, ohne daß er ſich umwandte. Doch murrte Walter dazwiſchen:„Wie kann man mich mit dieſem Schlegel unterbrechen, während ich noch ſehr Vieles zum Lobe meiner hohen Dame zu ſagen habe?“ „Es betrifft ja ebenfalls Deine hohe Dame, wie Du ſogleich hören wirſt— Schlegel wurde vor ſeinen erhabenen Chef beordert und ihm mit geziemender, vornehmer Weiſe angekündigt, daß man allerdings die Gnade haben wolle, ſeine Anſtellung fortbeſtehen zu 62 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. laſſen, daß man aber höheren Ortes erwarte, er werde ſich durch Fleiß und vor allen Dingen durch ein ſtrenges dienſtliches Betragen dieſer allerhöchſten Gnade würdig machen.“ „Nun?“ fragte Rodenberg, ſich raſch umwendend. „Ich meine, ich könnte Schlegel ſehen,“ warf Walter dazwiſchen, „wie er in jenem Augenblicke vor ſeinem hohen Chef ſtand, in baumwollenen Handſchuhen, an denen ſich verſchiedene Farbenſpuren zeigten, ſeinen breitrandigen Hut in der Linken, auf den er mit der Rechten wie auf ein Tamburin ſchlug.* „Ja, ja,“ fuhr Warren fort,„und dazu ſprach er mit ſeiner tiefen Baßſtimme: ‚Ich danke dem Herrn Baron für die gute Meinung, für die allerhöchſte Gnade und für das dienſtliche Be⸗ tragen— lieber aber wäre es mir, wenn mir mein Abſchied gegeben würde— ich habe keine Luſt, länger da zu bleiben!““ „Das iſt unvorſichtig von Schlegel!“ meinte Rodenberg in einer ſchmerzlichen Erregung. „Ganz und gar nicht, denn er hat eine viel beſſere Anſtellung bekommen: er wurde von Don Joſe unter fabelhaften Bedingungen nach Granada geſchickt, um dort die letzte Hand anzulegen an die Ausſchmückung eines Schloſſes, welches die Marcheſa de Monterey gebaut hat!“ „A— a— a—ah,“ machte Rodenberg,„deßhalb ſah ich ihn nicht mehr— ich dachte ſchon, er hätte mein vergeſſen!) „Der Dich vergeſſen?“ brummte Walter—„ich ſage Dir, nach Deiner Kataſtrophe, während Du krank lagſt, lief er umher wie ein angeſchoſſener Eber, war gegen Jedermann grob, rannte auf der Straße nicht ſelten gegen die vornehmſten Perſonen und hatte es ganz beſonders auf die Hühneraugen ihm mißliebiger Leute abgeſehen— mir iſt es ein großer Troſt, daß, wenn ich einmal nach Spanien gehe, ich ihn dort finde— in dem Falle gingeſt Du auch mit, nicht wahr, Rodenberg?“ „Ich?“ fragte dieſer achſelzuckend—„was ſoll ich dort machen? Sobald meine kleinen Angelegenheiten hier geordnet ſind, will ich —,— Gib mir die Hand, den Berg zu ſteigen! ein paar alte Erinnerungen auffriſchen, ich will unſere Akademie⸗ Stadt wiederſehen und den Wald, wo wir oft ſo glücklich und heiter waren; ich will den Reichsapfel beſuchen und ſehen, welch junger Nachwuchs in unſeren Zimmern haust; dann will ich ein paar Tage in Köln verweilen und dort jener Stunden gedenken, die wir in dem alten Hauſe in der Rheingaſſe zuſammen verlebt.“ „Das ſind Fledermaus⸗Ideen, die zu gar nichts Geſcheitem führen.“ „Dann will ich mir einen ſtillen Wald aufſuchen, mir dort bei irgend einem Förſter ein Zimmer miethen und meine Zeich⸗ nungen zu den deutſchen Märchen wieder vornehmen.“ Roderich war dicht an ihn herangetreten, hatte ihm eine Hand auf die Schulter gelegt und ſagte ihm nun mit ſeiner zu Herzen dringenden Stimme:„Vor allen Dingen aber werden Sie Ihre Freunde in Erinnerung behalten und mir das feierliche Verſprechen geben, mich wiſſen zu laſſen, wo Sie Ihren ſtillen Wald und Ihr Förſterhaus gefunden haben.— Glauben Sie denn, Egoiſt, wir würden Sie allein die Seligkeit eines ſolchen Waldaufenthaltes genießen laſſen? Nein, wir wollen dabei ſein— wir wollen an irgend einem paſſenden Orte ein neues, fröhliches Künſtlerleben beginnen!“ „Ja, nachdem wir den wunderbaren Quell gefunden, der uns vergeſſen hilft!“ „Den Quell tragen wir in uns— es iſt unſere erhabene, göttliche Kunſt— machen Sie ihm Bahn, indem Sie Kummer und Sorgen verſcheuchen, und er wird emporſprudeln, friſcher und kräftiger denn ehemals!“ „Ja,“ rief Walter mit komiſcher Gravität, indem er rings um ſich her ſchaute,„trinken wir Lethe in Ermangelung von etwas Beſſerem!“ Und es war gerade, als habe der Kammerdiener des Lord Warren auf dieſen feinen Wink gewartet, denn er öffnete die Thür des Speiſeſaales und meldete, daß das Diner ſervirt ſei. LIII. „Fahre wohl, o goldne Sonne!“ Das kleine Landhaus auf der Höhe des Berges ſtand leer: Conchitta, Mercedes und Margarethe waren abgereist und Olfers und Warren ihnen den Tag darauf gefolgt. Nur durch das dringende Bitten der letzteren hatte ſich Roden⸗ berg beſtimmen laſſen, wenigſtens noch ſo lange zu bleiben, bis er Nachricht von den Freunden erhalten werde, wohin ſie ſich von Paris aus begeben würden, und dabei hatte der junge Lord geſagt, eine längere Hochzeitsreiſe läge nicht in ſeinem Plane, und wenn er ſich auf eines ſeiner Güter nach England begeben würde, ſo hoffe er zuverſichtlich, daß Rodenberg ihm folgen werde, hinzufügend: „Dort ſinde ich ſchon einen Wald, wie Sie ihn brauchen können, und ein Förſterhaus mit einiger Bequemlichkeit,“ und Roderich hatte hinzugeſetzt:„Laſſen Sie ſich im Bewußtſein eines guten Gewiſſens ſo häufig und ſo öffentlich ſehen, als Ihnen nur möglich iſt; daß Sie ihnen damit keinen Gefallen thun, brauche ich nicht zu wiederholen, aber thun Sie es mir zu lieb und geben Sie auf die ſauerſüßen Mienen Acht, die ſie machen werden, wenn man Sie hier und da erblicken wird.“ „Und vor allen Dingen, lieber Rodenberg,“ fügte Warren hinzu,„ſchonen Sie meine Pferde und Wagen nicht, dieſe edlen ¹ 1 Fahre wohl, o goldne Sonnel Thiere müſſen Bewegung haben, und hoffe ich mich auch in dieſem Punkte auf Sie, den vortrefflichen Reiter, verlaſſen zu können.“ So war er denn allein zurückgeblieben und fühlte ſchmerzlich dieſe Einſamkeit; Walter hatte ſich zu einer kleinen Reiſe genöthigt geſehen, und wenn er auch Rafael ſo häufig als möglich ſah, ſo war doch die Zeit des kleinen Schriftſtellers ſo ſehr beſchränkt, daß dieſer ſie nur in den Abendſtunden ſeinem hochverehrten Freunde widmen konnte. Der Maler ſah ſich faſt in der gleichen Lage, wie einſt, als eer, von jenen Faſchingstagen heimkehrend, die Freunde ebenfalls nach allen Richtungen aus einander geſtoben fand; doch war er damals um ſo viele Jahre jünger, und die Hoffnung, ſie, die er ſo heiß liebte, wiederzufinden, ihre Verzeihung zu erlangen und dadurch doch noch glücklich zu werden, hielt ihn aufrecht. Das war jetzt Alles verſchwunden; er hatte Juanita aller⸗ dings wiedergeſehen, ſie hatte ihm ſogar ein herzliches, liebes Wort geſagt, doch wenn er an jene Fendgeſellſchaft dachte und an jenr Krankheit, welche ihn gleich dar auf befallen, ſo kam ihm Alles das wie ein Traumbild vor, u es gab Augenblicke, wo er über ſich ſelbſt lächeln mußte, d s er nur habe glauben können, die ſtolze Narcheſa de Monterey abe ſich ihm in Wirklichkeit genähert, habe mit ihm geſprochen And der Vergangenheit erwähnt.. Ja, ja, es mu te ein Traum geweſen ſein, eine Fieberphantaſie, entſprungen aus j lber Bewußtloſigkeit, von ſchwin⸗ 8. 4enem Zuſtande ha di zu delhaften Viſion die er an jenem Abende mehrmals gehabt zu haben ſich eri 1⸗ hätte ſie ſonſt die Stadt verlaſſen können, ohne ihm nur ei urde 18 n zu geben, ohne ſich nach ihm zu erkun⸗ dinen, uh, e inenen— Und wenn er auch wohl fühlie, ſ wanc furchtbarem Schmerze ihn dieſe getäuſchte Hoff⸗ gac üllte, ſo hatte er andererſeits wieder Augenblicke, 3 d de 4 d frei in dem Bewußtſein afdimdii bes ud u bdi 3 F iſſen ſei, die im ir ind ſtärkſte der Feſſeln geri deneien frei ihn 1 Kreiſe ſeiner Freunde zurückzuhalten, und daß er m rei Zweige. und ledig ſei, wie der Vogel auf dem Zweige 266 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Es war dieſes aber eine Philoſophie der Verzweiflung, und um in der gewaltigen Gegenſtrömung, welche ſein Herz erbeben ließ, nicht hoffnungslos unterzugehen, malte er ſich in ſeiner leb⸗ haften Phantaſie ein künftiges freies und unabhängiges Leben mit den glänzendſten Farben aus. In ſolchen Seelenzuſtänden ordnete er ſeine Sachen, packte Kiſten und Koffer, ſtellte Alles das bei Seite, was er nicht mitzunehmen gedachte, und war hoch erfreut, als er ſah, auf wie wenig er ſich zu beſchränken im Stande war— ein einfaches Gewand mit weichem Hute, einen tüchtigen Stock, einen Plaid, in den die nothwendigſte Wäſche gewickelt, und ſein Skizzenbuch. Seinem gegebenen Verſprechen gemäß— er halte es mit ſeinem Ehrenworte bekräftigen müſſen— wollte er nur die Briefe der Freunde abwarten und dann hinausziehen in die weite, weite Welt. Seine ehemalige Wohnung hatte er nun gänzlich geräumt, zird wonn er ſich in ſine ee eigentlich Warren's Wohnung umſchaute, ſo konnte er ſich eines Mächelns bei dem Gedanken nicht erwehren, daß er ſich für eine in u nade gefallene Größe, für nan armen Maler in ganz anſtändige Umgebung befände: die Gemächer des jungen Lor reich und elegant als 3 9 rds waren eben. geſchmackvoll möblirt, und ei 6 ätze, die er während jeines A. eine Menge Kunſtſeh;— ſeines Aufenthaltes hier ſchon erworben hatt ildeten einen Haupt⸗ ſchmuck der koſtbaren Einrichtung; dazu uer as ganze Haus in der comfortablen und praktiſch 2 d wie man es nur bes ei 4 raktiſchen Art ausgeſtattet ei einem jungen Engländer aus vor„Nder über außer⸗ 4 4 r aus vornehmem Hauſe ordentliche Mittel zu verfügen hat, findet Obgleich Warren nur den un 3 en unt 4 bewohnte, ſo hatte er doch auch di eeren Stock des gr Küche und Keller inne umdn e uenedehnin Sune 1 d konnte eigentlich der Herr genannt werden, denn ſein Ch r Herr de 5. hef, der Geſandte, j 4 ſtolz, der orlge Sr 9 die, war ein alt er 1 oft Bim 8 enige Himnner in erſen Stott beſchrint 1, rlau ging, als es ihm nur möglich w 4 ar er eben ſo, wie ſein Attaché, wieder al h war. Au aché, wieder abweſend, und di zen Holels rains mit Hauſes r Hage⸗ e, weil Fahre wohl, o goldne Sonne! ſchäfte der Geſandtſchaft wurden durch den erſten Secretär beſorgt, welcher aber verheirathet war und nicht im Hauſe wohnte. Regelmäßig jeden Morgen erſchien der Haushofmeiſter Lord Warren's, um ſich nach den Befehlen Rodenberg's zu erkundigen, und unterließ das niemals, ſo oft auch Rodenberg ſchon darum gebeten hatte.„Ich habe keine Befehle zu geben,“ ſagte der Maler dem alten, ernſten Manne mit der weißen Halsbinde,„man verſieht mich ja auf's verſchwenderiſchſte mit Allem, was ich brauche und nicht brauche: man ſervirt mir ein reiches Frühſtück und noch ein reicheres Diner; man fragt, ob ich reiten oder fahren will, in meinem Vorzimmer ſitzt einer der Leute, der ſtets zu Ausgängen für mich bereit iſt.— Sie ſollten mich nicht ſo verwöhnen, mein lieber Herr Augier, ich komme mir vor, wie der verwünſchte Prinz im Märchen, nur mit dem Unterſchiede, daß ich den Zeitpunkt ganz genau vorausſehe, in welchem dieſe zauberhafte Umgebung für mich nicht mehr da ſein wird und ich von dannen pilgere mit jenem einfachen Wanderſtabe dort in der Hand.“ „Und doch hörte ich Seine Herrlichkeit mehrmals ſagen,“ ant⸗ wortete der Haushofmeiſter mit einer tiefen Verbeugung,„daß Herr von Rodenberg uns die Ehre erzeigen würde, mit Seiner Lordſchaft nach England zu gehen; Seine Lordſchaft haben daraufhin ſchon befohlen, das Wald⸗Cottage bei Lyttonhall für Sie einzurichten.“ „Das iſt eine große Güte von Seiner Herrlichkeit, doch werde ich wohl in der nächſten Zeit keinen Gebrauch davon machen können.“ Der eben erwähnte Diener trat in dieſem Augenblicke aus dem Vorzimmer herein und überbrachte auf einem ſilbernen Teller eine Karte. »Madame la Comtesse de Ternichieff,“ las Rodenberg— „ich kenne dieſe Dame nicht, es iſt vielleicht ein Irrthum, wahr⸗ ſcheinlich ſucht ſie Lord Warren.“ „Die Dame, welche noch im Wagen ſitzt, nannte Ihren Namen, Herr von Rodenberg.“ „So laſſen Sie die Frau Gräfin eintreten, und ich will hören, was ſie will.“ ——* —— — —— —— 268 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Der Diener ging hinaus, und gleich darauf rauſchte es im Vorzimmer, die Ankunft einer ſehr vornehmen Dame oder wenigſtens eines ſehr weiten Gewandes von ſchwerem Seidenſtoffe anzeigend. „Leonie!— Fräulein— Gerhold— oder Frau Gräfin Ter⸗ nichieff— Sie ſehen mein Erſtaunen!“ „Und finde es vollkommen gerechtfertigt,“ erwiederte ſie mit einer heiteren Miene, wobei ſie auf Rodenberg zueilte, ihm ihre beiden Hände entgegenſtreckte und hinzuſetzte:„Ehe ich Ihnen aber dieſes Räthſel löſe, will ich Ihnen meine herzliche Freude ausdrücken, Sie ſo wiederzuſehen— Undankbarer!“ „Sie ſchwächen dieſe Theilnahme durch eine Ungerechtigkeit ab, ich bin nie undankbar— einer meiner erſten Gänge war, einen Beſuch bei Ihnen zu machen, um Ihnen meinen beſten Dank ab⸗ zuſtatten für die freundliche Sorgfalt, die Sie mir bewieſen.“ „Reden wir lieber nicht darüber, oder wenn ich mein Wort von vorhin vertheidigen darf, ſo erinnern Sie ſich jenes Abends, wo Sie nach tagelanger Bewußtloſigkeit Ihre Freunde wiedererkann⸗ ten. Mit dieſer Benennung meine ich Walter und Rafael, denn daß ich Ihnen eine Zudringliche, eine Ueberläſtige war, ſah ich deutlich an dem erſten und einzigen Blicke, den Sie auf mich warfen.“ „Sie rechnen zu hart mit mir, Leonie— Sie ſagten ja ſo⸗ eben, ich ſei damals kaum zum Bewußtſein erwacht.“ „Ja, nach einem erquickenden Schlafe ſo geſtärkt, daß Sie herzliche Worte des Dankes fanden für die Theilnahme, die man ihnen bewies.— Worte, die aber nicht an mich verſchwendet wurden.—— Laſſen Sie mich einen Augenblick darüber reden,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe, plötzlich ernſt werdend, hinzu;„ich muß darüber reden, denn die Härte, mit der Sie mich damals behan⸗ delten, iſt mit ſchuld daran, daß wir uns ſo wiederſehen.“ „Daß ich die Gräfin Ternichieff vor mir ſehe? Ich hoffe nicht, Leonie.“ „Ja, Arthur— doch ich will Ihnen darüber keine Vorwürfe machen— was ich gethan, lag ja in meinem freien Willen, und Fahre wohl, o goldne Sonne! 269 hoffe ich, auf dieſe Art glücklich, wenigſtens zufrieden leben zu können. — O, ich war an jenem Abende ſo ſelig,“ fuhr ſie in einem weichen Tone fort,„als ich, Ihre Hand faſſend, fühlte, daß das garſtige Fieber verſchwunden war, o, ſo entzückt, daß ich mich nicht ent⸗ halten konnte, meine Lippen auf dieſe Hand zu drücken— ein Glück für mich, daß ich es that; denn Sie zerriſſen auf einmal alle meine Illuſionen und ſagten mir mit einem einzigen Blicke, den ich beſſer begriff, als früher Hunderte Ihrer Worte, wie fern ich Ihrem Herzen ſtand.“ „Ich wußte es damals nicht, Leonie, daß Sie mich ſo treu gepflegt.“ „Und wenn Sie es gewußt hätten, lieber Rodenberg, ſo würde ich wahrſcheinlich mein beſcheiden Theil des Dankes erhalten haben, vielleicht auch ein paar innige Worte, die mich in dem alten Wahne gelaſſen hätten.— Doch gehen wir darüber hinweg,“ ſagte ſie und ſetzte mit ihrem gewöhnlichen, muthwillig heiteren Tone hinzu: „ich hielt es für nöthig, Ihnen das ſentimentale Fundament zu zeigen, auf das ich meine jetzige Größe gebaut, und nun werden Sie mir erlauben, daß ich mich für ein paar Augenblicke ſetzen darf— lange werde ich Sie nicht beläſtigen, denn wenn Sie auch heute vielleicht mehr Zeit für mich hätten, als dieſes wohl früher der Fall war, ſo ſind meine Augenblicke leider gezählt.“ Ob in dieſen Worten eine kleine Bosheit zu finden war, darüber hatte der Maler keine Luſt, weiter nachzudenken; er rollte für die Frau Gräfin einen Fauteuil herbei, auf den ſie ſich mit dem ihr eigenen Anſtande niederließ, wie das keine geborene Fürſtin beſſer gemacht haben könnte. Dabei wußte ſie mit einer reizenden Coquetterie ihre Robe wie eine Wolke um ſich auszubreiten, den ächten indiſchen Shawl von den Schultern herabfallen zu laſſen und ihren Fächer beſcheiden in der Hand zu halten, während ſie für ein paar Secunden mit einem leichten Seufzer ihre Augen niederſchlug.„Ja,“ ſagte ſie alsdann mit einem etwas affectirten Hackländer's Werke. 56. Bd. 18 270 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Tone,„ſo ſehen wir uns wieder; ich hätte das vor Kurzem nicht gedacht, und Sie gewiß auch nicht.“ „Ich geſtehe Ihnen, Leonie, daß ich vor Erſtaunen gar nicht zu mir kommen kann, und harre mit Begier der Erklärung, die Sie mir zu geben verſprachen.“ „Das iſt ſo einfach und doch ſo bedeutend: es war ver⸗ gangenes Jahr in Baden, daß ich zufällig den Grafen Ternichieff 4 kennen lernte.“ „Ein Ruſſe?“ „Vollblut,“ gab ſie mit einem ſo komiſchen Augenaufſchlage zur Antwort, daß Beide unwillkürlich in ein lautes Lachen aus⸗ brachen,„aber ein recht braver und reſpectabler Edelmann; jung iſt er nicht mehr, näher an den Sechzigen als den Fünfzigen— ſchön?— das kann man auch gerade nicht ſagen; es wäre mir auch nicht möglich geweſen, die Frau eines ſchönen Mannes zu werden; es paßt das nicht zu einer Convenienz⸗Heirath.“ „Ich verſtehe.“ „Der Graf nahm ſich vor einem Jahre die Freiheit, mir Anträge machen zu laſſen,“ fuhr ſie achſelzuckend fort,„worauf ich ihm mit einer koloſſalen Unverſchämtheit antwortete und augen⸗ blicklich abreiste. Er folgte mir hieher, um meine Verzeihung zu erlangen, doch nahm ich ihn nicht an. Da erkrankten Sie, lieber Rodenberg, und wie ich Sie pflegte, wiſſen Sie— ach, ich hatte dabei Augenblicke, wo ich wähnte, doch noch glücklich werden zu können— Augenblicke....* „Halt! Leonie,“ fuhr er ihr raſch in's Wort,„Sie wiſſen, wie gut ich es ſtets mit Ihnen gemeint; Sie werden nicht vergeſſen haben, wie gern ich mich bemühte, Ihnen kleine Dienſte zu leiſten; aber Sie werden dagegen folgerecht ſein und mir eingeſtehen, daß ich mich Ihnen nie, auch nicht einmal im Scherze, näherte und Ihnen Veranlaſſung gab, zu glauben, in meinem Herzen ſpreche eiwas mehr für Sie, als das Gefühl der Freundſchaft.“ „Ich will die Wahrheit Ihrer Worte mit einem Eide bekräf⸗ —y— Fahre wohl, o goldne Sonne! tigen, und doch gab es Augenblicke, in welchen ich mich einem anderen, ſchöneren Glauben hingab— warum ſoll ich es Ihnen nicht ſagen, Rodenberg, was Sie doch ſchon lange gewußt, daß ich Sie liebte, heiß und innig liebte, wie dieſes wilde Herz nur zu lieben vermag. Freilich hat es ſich etwas beruhigt, dieſes arme Herz; es iſt eine friedliche, aber feſt verſchloſſene Ruheſtätte gewor⸗ den, und wenn ich einmal hoch im Norden bin unter Schnee und Eis, da wird die Sache ſchon werden, wie ſie ſein ſoll.— Dann wurden Sie wieder beſſer,“ fuhr ſie in ruhigem Tone fort,„und als ich darauf, zur Erkenntniß gekommen, nach Hauſe ging und dort mit tief betrübtem Herzen in meinem Fauteuil lag, kam das Schickſal in Geſtalt eines förmlichen Heirathsantrages des Grafen Ternichieff mit einem leidenſchaftlichen Briefe, daß er ja zu Allem gern bereit ſein, ſich allen meinen kleinen und großen Launen fügen wolle, und ſo willigte ich ein.“ Rodenberg war dicht neben ſie getreten, und da er ſich etwas hinabbeugte, reichte ſie ihm ihre Rechte, die er ſtumm an ſeine Lippen drückte; er ſah, wie ihr Auge ſeltſam flimmerte, und wußte es ihrem ſtarken Herzen Dank, daß ſie trotzdem heiter lachend fort⸗ fuhr:„Ich habe ihm meine Bedingungen geſtellt, von denen ich glaubte, daß ihm einige hart erſcheinen würden; doch glitt er über Alles das mit einer wunderbaren Zuvorkommenheit hinweg, ver⸗ ſprach mir, an ſeinem Palais zu Moskau einen Wintergarten bauen zu laſſen, in welchem ich bequem ſpaziren reiten könne, und als ich ihm ſagte, ich gebrauche täglich zu meinem Bade ein Dutzend Flaſchen Lau de Gologne, fand er dieſe Idee ent⸗ zückend.... „Und Sie ſind da, um von mir Abſchied zu nehmen, Leonie?“ „Es ſcheint mir ſelbſt ſo,“ erwiederte ſie achſelzuckend,„doch was man ſo unter Abſchiednehmen verſteht, wollen wir vernünftiger Weiſe bleiben laſſen; wir reichen uns die Hände und ſagen: auf Wiederſehen!— Ehe dieſes aber geſchieht,“ fuhr ſie zögernd fort, „muß ich mich eines wichtigen Auftrages entledigen, den ich an 272 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. 4 Sie übernommen; es war vielleicht eine kleine Rache, daß ich ihn bis jetzt nicht ausführte.“ 4 „Von wem rührt dieſer Auftrag her?“ „Von einer Dame.“ Rodenberg wurde aufmerkſam, doch ſagte er kopfſchüttelnd: „Ich wüßte keine Dame unſerer Bekanntſchaft, die ich mit einem wichtigen Auftrage an mich zuſammenreimen könnte.“ „Es war an jenem Abende, wo Sie wieder zum Leben er⸗ wachten, als eine Dame Sie beſuchte. Sie lagen noch in Ihrem tiefen Schlafe. Ich empfing dieſe Dame....“ „In welcher Eigenſchaft empfingen Sie dieſe Dame?“ fragte er mit einem ſonderbaren Tone. „Ich ſprach mich darüber begreiflicher Weiſe nicht aus; doch ſchien ich auf jene Dame den ganz richtigen Eindruck zu machen.“ „Und welchen richtigen Eindruck?“ „Nun, den eines jungen Mädchens, die einen Geliebten pflegt,“ gab ſie in dem ihr natürlichen leichtſinnigen Tone zur Antwort. „Sie erkundigte ſich angelegentlich nach Ihnen; ich bemerkte tiefe Theilnahme in ihren ſchönen Zügen, ſie trat an Ihr Bett, während Sie feſt ſchliefen, und wenn ich mich nicht irre, ſo berührte ſie Ihre Stirn mit ihren Lippen.“ „Und wer war es?“ fragte er wiederholt und mit großem Ernſte. Die Gräfin Ternichieff hatte ihre Rechte in eine verborgene Taſche ihres Kleides verſenkt und brachte jetzt etwas daraus hervor, was ſie Rodenberg darreichte, welcher haſtig das Papier abriß und alsdann einen flammenden Blick auf Leonie warf— er erinnerte ſich, das Armband geſehen zu haben, er ahnte die ganze fürchterliche Wahrheit, und eine glühende Röthe bedeckte ſeine Stirn. „Die Dame ſagte mir, ſie verlaſſe in den nächſten Tagen die Stadt, und bat mich dringend, ihr, ſo oft es mir möglich ſei, Nachrichten von Ihrem Befinden zu geben.“ „Und wer war die Dame? Nach Allem dem, was Sie gethan, bitte ich Sie, auch damit nicht zurückzuhalten!“. ————— * Fahre wohl, o goldne Sonne! 273 „Es war die Marcheſa de Monterey.“ „O, mein Gott,“ rief Rodenberg,„ich habe es geahnt!— Warum haben Sie mir das gethan?“ Die Gräfin Ternichieff hatte die Hände zuſammengefaltet in den Schooß gelegt und ſchaute ihn, ſtatt zu antworten, mit einem langen Blicke an. Er verſtand dieſen Blick und wandte ſich raſch von ihr ab gegen das Fenſter und verharrte dort eine Zeit lang im ſchmerz⸗ lichſten Nachſinnen. „Glauben Sie nicht, Arthur,“ ſagte ſie nach einer peinlichen Pauſe,„daß es damals Rache von mir war, ſo zu handeln— wäre es ſpäter geweſen, ſo hätten Sie es ſo nennen können— damals wagte ich noch zu hoffen, damals hatte mir Ihr kalter, verletzender Blick noch nicht geſagt, daß ich Ihnen an Ihrem Krankenlager läſtig und zudringlich erſchien— warum beeilte ſich auch die Marcheſa ſo ſehr, ihren Beſuch abzukürzen, und warum verließ ſie ſchon nach zwei Tagen die Stadt, wenn ſie in der That ſo großes Intereſſe an Ihnen nahm?— Ich würde das nicht gethan haben— mich ſtießen Sie zurück, Arthur, und doch blieb ich in Ihrer Nähe, bis Sie gänzlich wieder hergeſtellt waren, ob⸗ gleich Sie mich nicht mehr ſahen!“ Nodenberg hätte ſie wohl darüber aufklären können, warum die Marcheſa mit ihrer ungeſtümen, leidenſchaftlichen Natur ihn und die Stadt ſo raſch verlaſſen, nachdem ſie in Leonie ſeine Ge⸗ liebte zu ſehen geglaubt; denn wie mußte er vor ihr erſchienen ſein, nachdem er kurz zuvor ſo innige, herzliche Worte mit Juanita gewechſelt— und doch war er nicht im Stande, ſich ſelbſt dieſe Frage zu ſeiner Beruhigung zu beantworten— nein, Juanita liebte ihn nicht— Juanita hatte ihn nie geliebt, denn ſonſt hätte ſie nicht zum zweiten Male, kurz, abbrechend, ihm die Gelegenheit geraubt, Aufklärungen zu geben, die zu einem glücklichen, beſeligen⸗ den Ende geführt haben müßten— ſie war ihm verloren, unwieder⸗ bringlich verloren!“ 274 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Die Gräfin Ternichieff hatte ſich erhoben, ſtützte ſich auf die Lehne des Fauteuils und ſchaute nach Rodenberg hin, der mit raſchen Schritten im Zimmer auf und ab ging.—„Die Marcheſa ſagte mir noch,“ ſprach ſie nach einer längeren Pauſe,„daß, ſo einfach der goldene Reif auch ſei, es doch das Koſtbarſte wäre, was ſie beſitze.— Und nun habe ich Ihnen Alles geſagt, Arthur, und nichts mehr zu thun, als Ihre Verzeihung zu erflehen— o, gehen Sie nicht ſo hart mit mir um,“ ſetzte ſie, ihre Hände zuſammen⸗ faltend, hinzu,„laſſen Sie uns nicht ſo, wahrſcheinlich für immer, von einander ſcheiden!“ Er hatte ſeinen Schmerz gewaltſam niedergekämpft, er hatte eine Thräne in ſeinem Auge zerdrückt, und als er ſich jetzt gegen das ſchöne Weib umwandte, vermochte er es über ſich, ſie mit einem ruhigen, faſt freundlichen Blicke anzuſehen und ihr ſeine beiden Hände entgegen zu ſtrecken. Da brachen aber ihre Thränen gewaltſam hervor, da ſchwellte ſich ihre Bruſt unter der Gewalt eines ungeheuren Schmerzes: ſie warf ſich ihm entgegen, ſie umſchlang ihn mit ihren Armen, ſie bedeckte ſeine Lippen mit heißen, glühenden Küſſen, doch riß ſie ſich im nächſten Augenblicke eben ſo leidenſchaftlich ungeſtüm wieder empor, hob die beiden Hände zuſammengefaltet hoch über ihr Haupt, und nachdem ſie das Bild des heißgeliebten Mannes mit einem langen, langen Blicke noch einmal in ſich aufgenommen, klang es von ihren bebenden Lippen:„So leb' denn wohl!“ und im nächſten Augenblicke war ſie ihm entſchwunden. Drunten rollte ihr Wagen davon mit dumpfem Dröhnen, und Rodenberg, der ſich in den Lehnſtuhl geworfen hatte, horchte mit einem langen, ſchmerzlichen Gefühle auf dieſes immer leiſer werdende Geräuſch, bis auch der letzte Ton verhallt war und Alles wieder ſtill um ihn geworden, ſo furchtbar ſtill!— Es erſchien Rodenberg als ein Glück, daß ſeine ſich wild kreuzen⸗ den Gedanken, die ihm zuweilen einen Ausruf des tiefſten Schmerzes, ja, der Verzweiflung entlockten, durch den Eintritt Rafael's unter⸗ — Fahre wohl, o goldne Sonne! brochen wurden. Der kleine Schriftſteller hatte das Recht, unan⸗ gemeldet zu kommen; doch als er jetzt unter der Thüre ſtand und Rodenberg's verſtörte Geſichtszüge ſah, ſo wie ſeine zuckenden Finger, die er in ſeinem dichten Haar vergraben, da blieb er ſchüchtern am ſ Eingange ſtehen und zog, wie zu ſeiner Legitimation oder wie um Entſchuldigung bittend, ein Schreiben aus der Taſche, und erſt als ihn der Maler mit einem Kopfnicken begrüßt, kam er lang⸗ ſam näher. „Ich freue mich, Dich zu ſehen, mein guter Rafael,“ ſagte Rodenberg mit tonloſer Stimme—„haſt Du etwas an mich?“ „Ja, ein Schreiben, welches mir mit dem Erſuchen überſandt wurde, es ſicher in Ihre Hände gelangen zu laſſen.“ „Es wird wohl nichts Wichtiges ſein— wirf es dort auf den Tiſch und erzähle mir irgend etwas— ſei es, was es wolle.“ Rafael behielt aber den Brief in ſeiner Hand und erwiederte: „Es wäre doch vielleicht der Mühe werth, ihn gleich zu leſen.“ „Weißt Du, von wem er kommt?“ „Von Don Joſe, dem Oheim der Frau Marcheſa de Monterey.“ Rodenberg ſprang in die Höhe und ließ dem kleinen Manne keine Zeit, das Schreiben zu übergeben, ſondern er nahm es ihm haſtig ab und trat an's Fenſter. Der Andere blickte ihm erſtaunt nach, und dieſes Erſtaunen wurde nicht gemäßigt, als er bemerkte, wie Rodenberg den Brief raſch durchlas, dann die Hand mit dem⸗ ſelben ſinken ließ und dabei auf eine eigenthümlich erſchreckende Art laut hinauslachte— ſo hatte der kleine Schriftſteller weder ihn, noch überhaupt jemals einen Menſchen lachen hören. Es dauerte wenigſtens fünf bis ſechs Minuten, ehe ſich der Maler, am Fenſter ſtehend, zu erinnern ſchien, daß außer ihm noch 1 Jemand im Zimmer ſei. Er las das Schreiben, welches er in ſeiner Hand hielt, zu wiederholten Malen durch, und jedes Mal folgte demſelben ein neues, krampfhaftes, aber immer ſchwächer werdendes Lachen; dann warf er es weit von ſich, und erſt als er hierbei dem Papiere mit den Augen folgte, ſchien er Rafael zu 276 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. bemerken, und ſagte mit zuſammengebiſſenen Zähnen:„Nun be⸗ haupte Einer noch, daß man durch gar nichts mehr überraſcht werden könne!“ „Sie find furchtbar aufgeregt, mein lieber Herr Rodenberg,“ gab der kleine Schriftſteller ſchüchtern zur Antwort:„ich bemerkte das ſchon, als ich eintrat, und deßhalb mag Ihnen der Inhalt dieſes Schreibens wohl auch ſo zu Herzen gegangen ſein.“ „O nein, das iſt es nicht— bei Gott, das iſt es nicht, wenn ich auch vielleicht durch meine Aufregung, die ich nicht läugnen will, empfindlicher als ſonſt bin— nimm dieſen Brief, mein guter, lieber Rafael— lies Du ihn als gänzlich Unparteiiſcher, und wir wollen ſehen, ob Du das Blatt nicht auch von Dir wirfſt, als brenne es Dich wie glühende Kohlen!“ Da Rafael unſchlüſſig war, ob das Verlangen Rodenberg's ernſtlich gemeint ſei, hob er das Papier zwar auf, behielt es aber in der Hand und entfaltete es erſt dann, als ihm der Andere zurief: „Ich bitte Dich, lies, Rafael— lies laut, vernehmlich und mit dem ſchönſten Ausdrucke, deſſen Du fähig biſt!“ Rodenberg warf ſich nach dieſen Worten in ſeinen Lehnſtuhl nieder, legte ſeine zuſammengefalteten Hände unter den Kopf und blickte an die Decke empor. „Mein lieber Rodenberg!“ las der kleine Schriftſteller.„Unſere unerwartet ſchnelle Abreiſe beraubte mich des Vergnügens, mich bei Ihnen perſönlich verabſchieden zu können. Man wird Ihnen in⸗ deſſen geſagt haben, daß ich den Verſuch machte, Sie zu ſehen, ohne begreiflicher Weiſe bis zu Ihnen zu gelangen, da Sie ſich damals noch zu leidend befanden, um überhaupt Beſuche annehmen zu können.“ „Davon hat man mir nichts gefagt, auch Du nicht, Rafael!“ „Ich kann feierlich betheuern, daß ich weder Don Joſe geſehen, noch von deſſen Beſuch irgend etwas erfahren!“ „Walter— Walter und ſie!“ brachte Rodenberg mühſam zwiſchen den zuſammengepreßten Lippen hervor—„doch lies weiter!“ Fahre wohl, o goldne Sonne! „Ich kam nicht allein aus eigenem Antriebe, ſo ſehr es mich auch intereſſirte, über Ihr Befinden, verehrter Freund, günſtige Nachrichten zu haben, ſondern auch im Auftrage meiner Nichte Juanita, welche unruhig war, direct nichts Weiteres von Ihnen zu hören, obgleich ſie dringend gebeten, daß man ihr Nachricht über Ihr Befinden zukommen laſſen möge.“ „Abermals ſie!“ Rafael hatte die letzten Zeilen mit etwas unſicherer Stimme geleſen, und ehe er fortfuhr, warf er einen Blick auf Rodenberg, den dieſer auffing und wie in Gedanken zu ſich ſelber ſprach:„Es war viel Unglück dabei— es war, als hätte es ſo ſein müſſen, daß Juanita keine Nachricht von mir erhielt— daß ſie es ver⸗ hinderten, finde ich begreiflich; Walter ſprach ſich beſtändig gegen die Marcheſa aus, aber es war traurig, daß Du ſie nicht zu Hauſe treffen konnteſt, Rafael, oder nicht vor ſie gelaſſen wurdeſt!“ „Ja, das war ſehr traurig!“ pflichtete der kleine Schriftſteller in leiſem, ſchüchternen Tone bei. „Und Du würdeſt Dich doch ſo ſehr gefreut haben, Deine ſchöne Prinzeſſin wiederzuſehen?— Doch iſt das vorbei— Alles vorbei!— Lies weiter.“ „Unruhig iſt das rechte Wort,“ fuhr Rafael zu leſen fort, „und ich nehme es nicht zurück— ja, ſie war trotz Allem dem, was ſie erfahren, unruhig, einen Freund in Gefahr zu wiſſen, und beſonders zu einer Zeit, wo ſie nicht umhin konnte, eine längere Reiſe anzutreten.— Juanita beauftragte mich, Ihnen Alles das zu ſagen und hinzuzufügen, wie ihr das Scheiden von dort, von manchen geſellſchaftlichen Verhältniſſen, von Freunden und Bekann⸗ ten unbeſchreiblich ſchwer geworden ſei, und wie nur ein Troſt für ſie darin liegen könne, wenn ſie überzeugt ſein dürfe, daß die Be⸗ nennung eines Freundes von Ihnen erwiedert würde und daß Sie, mein lieber Rodenberg, Manches vergeſſend, unſerer, der Scheiden⸗ den gedenken würden mit dem innigen Gefühle einer herzlichen Freundſchaft. Da aber wahre Freundſchaft aufopfernd iſt, ſo 278 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. komme ich zugleich, um von der Ihrigen ein Opfer zu verlangen: wir gehen nach Spanien zurück, nach Granada, wo Juanita ein Schloß erbauen ließ, um dort einen großen Theil des Jahres zu⸗ zubringen. Sie wünſchte aber ſehr, mit Deutſchland in künſtkeriſcher Beziehung in Verbindung zu bleiben, und, um mich gegen Sie genau auszudrücken, möchte ſie von Ihnen Zeichnungen, überhaupt Alles das erhalten, was Sie in den nächſten Jahren auszuführen im Stande ſein würden.— So weit geht der Auftrag meiner Nichte Juanita, welche Ihnen ſchließlich noch tauſend herzliche Grüße ſagen läßt, und darf ich, als trockener Geſchäftsmann, mir wohl noch erlauben, Ihnen die eingebogene Anweiſung zu behändigen, wobei ich noch die Bemerkung hinzufüge, daß Juanita unglücklich wäre, wenn Sie ſich durch dieſe kleine Beſtellung veranlaßt ſähen, mehr zu arbeiten, als es überhaupt in Ihrer Abſicht gelegen— verſtehen wir uns recht, mein lieber Freund und hochgeſchätzter Künſtler, zeichnen Sie für uns etwas, wenn Sie ſich einmal ſehr dazu aufgelegt fühlen, und ſeien Sie verſichert, daß Sie im anderen Falle durch einen mit Bleiſtift beſchriebenen Zettel: ‚Ich befinde mich wohl und denke gern an vergangene Zeiten!⸗ auf's höchſte erfreuen würden eben ſo wohl Juanita als auch Ihren ganz er⸗ gebenen Diener Don Joſe de Monterey y Vizcarro.“ „Und Du lachſt nicht, Rafael?“ fragte Rodenberg, als der Andere zu Ende geleſen. „Ich darf mir vielleicht erlauben,“ gab Jener nach einer kleinen Pauſe zur Antwort,„darin durchaus nichts Lächerliches zu finden — es iſt das ein ſehr herzliches und wohlgemeintes Schreiben.“ „Ah ja, ich vergaß, daß Du anders denken mußt, als ich, und doch haſt auch Du ſie ein klein wenig lieb gehabt— geſtehe das, mein guter Rafgel!“ „Mit tauſend Freuden gebe ich das zu!“ entgegnete der kleine Schriftſteller, indem er ſeine Augen ſchwärmeriſch gegen den Himmel erhob. —yj—— — —VO⏑ÿ;ꝛℳ————————.—.—es Fahre wohl, o goldne Sonne! 279 „Ich aber habe ſie geliebt, wie das ungeſtüme, unverdorbene Herz eines Mannes nur zu lieben vermag, mit dem ganzen Feuer einer erſten Liebe— ich habe ſie mit einer Liebe geliebt, Rafael, über deren Ausdehnung, über deren Gluth Du erſchrecken müßteſt, wenn ich ſie Dir begreiflich machen könnte— und ich liebe ſie noch eben ſo— das wußte ſie, das weiß ſie! Und anſtatt mir ſcheidend mit zwei Worten zu geſtehen, daß auch ich ihrem Herzen theuer geweſen, wagt ſie den Verſuch, mir meine Liebe, meine ſeligen Erinnerungen abkaufen zu wollen!— Du ſiehſt mich zweifelnd an, Dein Kopfſchütteln ſagt mir, daß Du anderer Anſicht biſt, und ich begreife das und kann darüber mit Dir nicht ſtreiten!“ „Ich glaube,“ erwiederte Rafael nach einem langen Still⸗ ſchweigen,„wenn Walter hier wäre, ſelbſt der würde über dieſen Brief nicht ſo hart urtheilen.“ „Gewiß nicht, er würde ihn von der praktiſchen Seite nehmen — und findeſt Du dieſe praktiſche Seite,“ fuhr er mit einem ver⸗ ächtlichen Lächeln fort,—„einer ſo vornehmen und reichen Dame nicht würdig?“ „Ich bin faſt erſchrocken, als ich die Summe las: viermal⸗ hunderttauſend Franken auf den erſten Banquier unſerer Stadt, von demſelben angenommen nach Sicht— o, es muß doch etwas Schönes ſein, ein ſolches Papier ſchreiben zu können!“ „Gewiß, ſchöner, als es anzunehmen— ſo viel ich mich er⸗ innere, iſt unten am Briefe die Adreſſe des Schreibers angegeben, alſo nahm er kluger Weiſe den Fall an, ich würde das Papier zurückſenden.“ „Es kann ſein, daß Sie dieſe Abſicht haben, Herr Rodenberg,“ ſagte Rafael in einem beſorgten Tone,„doch erfüllen Sie mir vorher eine Bitte!“ „Und welche?“ „Laſſen Sie wenigſtens drei Tage vorübergehen, ehe Sie dieſe Anweiſung zurückſenden!“ „Glaubſt Du, ich könnte meine Anſicht ändern?“ ——— 280 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. „Ich wage das nicht zu behaupten, doch werden Sie nach drei Tagen freundlicher, herzlicher ſchreiben, als Sie es heute zu thun im Stande ſind.“. 2. „Ja, ja, mein Kopf iſt angegriffen und wüſt— ich leide ſehr!“ „So laſſen Sie uns von etwas Anderem plaudern,“ verſetzte Nafael in herzlicher Gutmüthigkeit, und dann nahm er ein kleines Tabouret, trug es hin zu dem Fauteuil, in welchem der Maler ruhte, und kauerte ſo neben denſelben, indem er die Hände auf ſeine Kniee legte und ihm freundlich in die Augen ſah. „Ja, plaudern wir— von Dir, Rafael; Du bleibſt vor der Hand in Deiner Stellung?“ „Ich muß wohl— habe aber ſeit ein paar Tagen Hoffnung zu einer kleinen, für mich ganz angenehmen Aenderung.“ „Und worin beſteht dieſelbe?“ „Es wäre ein Avancement— unſer Bienenſtock ſoll vergrößert werden: wir wollen ein wenig in Politik und Länderkunde machen, und ich bin dazu beſtimmt, einen Flug ins Freie zu thun, fremde Wunderpflanzen aufzuſuchen und von dort Honig heimzutragen.“ „Du haſt Dich recht poetiſch ausgedrückt,“ meinte Rodenberg mit einem trüben Lächeln,„doch freut es mich für Dich, und wenn Du mich alsdann wiſſen läſſeſt, welche Gegend Du beglücken wirſt, ſo komme ich gelegentlich, um nach Dir zu ſehen.“ „Zu dieſem Vorſchlage habe ich auf einem kleinen Umwege gelangen wollen,“ ſagte der kleine Schriftſteller mit einem ſehr pfiffigen Geſichtsausdrucke— unſer Journal nämlich ſoll nicht nur vergrößert werden, ſondern auch illuſtrirt erſcheinen.“) „Vortrefflich, Rafael— auf die Art kann es mir nicht fehlen, und es würde mir wahrhaftig ein Vergnügen machen, mit Dir zuſammen zu arbeiten— beſſer iſt das immer, als die Beſtellung der Frau Marcheſa de Monterey.“ „Daß ich den Vorſchlag, für eine Zeit lang fortzugehen, mit beiden Händen ergriff, brauche ich Ihnen wohl nicht zu ſagen, denn Sie ſind im Begriffe, abzureiſen, und dann,“ ſetzte er mit komiſcher Fahre wohl, o goldne Sonne! Gravität hinzu, bin ich noch mißliebiger geworden, als ich es früher ſchon war.“ „Ei der Tauſend, Rafael— auch Du ein Opfer hoher Politik?“ „Ja, ich bin ſtolz darauf— ich beſaß mit dreien meiner Collegen ein Freibillet in's hieſige Hoftheater, bin aber von dieſer Begünſtigung in Folge einer neueren, höheren Anordnung ausge⸗ ſchloſſen worden.“ „Man hat Dich an meinem Grabe geopfert, guter Rafael!“ „Möglich— doch habe ich das provocirt, wie Sie das aus dieſem kleinen Artikel erſehen werden.“ Er zog ein Blatt ſeiner Zeitung aus der Taſche, und während Rodenberg las, fuhr er fort: „Ich habe das gewiß nicht geſagt, um mich einer Freundlichkeit gegen Sie zu rühmen; es kam aus meinem Herzen, und ich muß geſtehen, die Anerkennung für das, was Sie geleiſtet, wurde von unſerem Haupt⸗Redakteur noch möglichſt verſchärft.“ „Ich danke Dir, doch hätteſt Du es bleiben laſſen ſollen— was ich allenfalls hier gethan und gewirkt, kommt ſpäter einmal zur Geltung, und wenn Andere vielleicht in Zukunft Hunderttau⸗ ſende hinauswerfen, um durch glänzende Feſte koſtſpielige Reiſen, Geſchenke an Vertraute und Günſtlinge, durch unnöthige luxuriöſe Einrichtungen von ſich reden zu machen, ſo wird man finden, daß wir mit beſcheidenen Mitteln Größeres und Segensreicheres gewirkt. — Daß Euer Journal in die Höhe kommt, freut mich; auch ſehe ich,“ fuhr er, das Blatt umwendend, fort,„daß Ihr bedeutend an Anzeigen zugenommen habt,— eine Haupteinnahme jeder Zeitung.“ „Nur werden nicht alle bezahlt,“ meinte Rafael lächelnd;„hier iſt zum Beiſpiel eine Anzeige, die ich jetzt während vierzehn Tagen aus ganz beſonderer Liebhaberei täglich umſonſt habe einrücken laſſen, und zwar mit der größten Schrift, die wir in der Druckerei haben— dieſe da: Verkauf eines unſchätzbaren Kunſtwerkes, eines der ſchönſten Originalbilder von Murillo.“ Warum fuhr Rodenberg raſch und energiſch in die Höhe, als ſein Blick jetzt auf die angedeutete Stelle fiel? Warum glänzte ſein 2— 282 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Auge plötzlich, wie es ſeit lange nicht geglänzt? Warum zeigte ſich um ſeine Lippen ein heiteres, ja, glückſeliges Lächeln?. Rafael ſah dieſe Veränderung, legte ihr aber einen anderen Grund bei und ſagte, indem er ſich ſchmunzelnd die Hände rieb: „Ich komme mir vor, wie ein ganz kleiner David, der die finſtere Laune ſeines theuren Königs Saul verjagt hat, und der glücklich darüber iſt. Dabei bitte ich Sie aber nur um Eines— ſchicken Sie nach mir, wenn Sie mich in dieſer oder jener Richtung ge⸗ brauchen können.“ „Gewiß, gewiß,“ ſagte der Andere, haſtig das Zimmer durch⸗ ſchreitend. „Vielleicht behält mein harmloſes Geplauder ein Bischen die Kraft, Sie zu erheitern, oder wenn nicht mehr, ſo greifen wir weiter zurück in jene Tage, wo ich meine Soli tanzte vor dem unvergleichlichen Pudel Figaro— ich glaube, auch darin noch etwas leiſten zu können.“ „Gewiß, gewiß,“ wiederholte Rodenberg, zurückkehrend; dann ſagte er, wie aus tiefen Gedanken auffahrend, indem er in das Zeitungsblatt ſah, welches er immer noch in der Hand hielt:„Alſo heute um drei Uhr iſt die Verſteigerung? Ah, da habe ich nicht mehr viel Zeit übrig, denn es iſt zwei Uhr vorüber. Entſchuldige mich, guter Rafael,“ wandte er ſich an dieſen, indem er ihm beide Hände auf die Schultern legte,„daß ich Dich eines dringenden Geſchäftes wegen verlaſſen muß— lebe wohl!— und noch Eines — ich bin in einer unzurechnungsfähigen Gemüthsſtimmung— es könnte mir einmal in den Sinn kommen, davon zu rennen, ohne vorher nach Dir geſehen zu haben; nimm mir eine ſolche Hand⸗ lungsweiſe alsdann aber nicht übel; Du weißt wohl, wie gern ich Dich gehabt, wie lieb ich Dich habe und wie anhänglich ich Dir immer ſein werde— ſollte ſich aber der eben erwähnte Fall er⸗ eignen, ſo ſei verſichert, daß ich Dir von der erſten beſten Wald⸗ ſchenke, wo ich mein Haupt niederlege, ſchreiben werde, um Dir Nachricht zu geben von meinen Planen für die Zukunft— wirſt Du mir das übel nehmen?“. —.— Fahre wohl, o goldne Sonne! 283 Statt aller Antwort ſchüttelte der kleine Schriftſteller, der ſich durch die Worte Rodenberg's und beſonders durch den Ausdruck, mit dem er ſie ſprach, tief bewegt fühlte, den Kopf, nahm dann die beiden Hände ſeines Freundes, drückte ſie feſt zuſammen und alsdann gegen ſein Herz. „So lebe denn wohl— auf baldiges Wiederſehen!“ „Gott behüte Sie, Herr Rodenberg!“ Und nun war dieſer allein im Zimmer, allein in der ganzen Stadt, allein in der Welt. Abgeſtreift hatte er alle Feſſeln der Freundſchaft und Liebe und konnte ſo mit leichtem Herzen einen Gang thun, der Manchem ſchwer erſchienen wäre, von dem er ſich aber eine doppelte, ſüße Rache verſprach. Er klingelte dem Bedienten, er verlangte einen Wagen, und als ihn der Eintretende fragte, ob er das kleine Coupé oder den Stadtwagen Seiner Herrlichkeit verlange, entgegnete er faſt unge⸗ duldig:„Nichts vom Hauſe, nichts von Lord Warren— laſſen Sie mir vom nächſten Stande einen Fiaker holen.“ Dann ging er in's Nebenzimmer, kleidete ſich raſch, aber mit äußerſter Sorgfalt an, warf ſich in den unterdeſſen herbeigekom⸗ menen Wagen und fuhr davon, nachdem er dem Kutſcher ſeine Anweiſung gegeben..... LIV. „Wohl bin ich frei nun, wie der Falk'! ℳ₰s war nach halb drei Uhr, als ſich in einem der kleinen Höfe des fürſtlichen Schloſſes, da, wo ſich früher die Gemächer des Prinzen Heinrich befanden, eine für dieſe Tageszeit unverhältniß⸗ mäßig große Anzahl vornehmer und glänzender Equipagen ſehen ließ, die ſich ihres Inhaltes an einer der Treppen entleerten, um darauf zu einer dicht geſchloſſenen Colonne zuſammenzufahren, welche in der Mitte des Hofes wartend hielt,— ein Beweis, daß die Be⸗ ſitzer dieſer Equipagen nicht gar zu lange zu verweilen gedachten. Alle Ausgeſtiegenen waren durch einen dienſtthuenden Kammer⸗ lakaien nach dem großen gelben Saale gewieſen worden, und wer da eintrat, fand ſich im Angeſichte einer ſehr excluſiven Geſellſchaft. Da waren im Hintergrunde des Saales verſammelt nicht nur die oberſten Hofchargen mit ihren Damen und erwachſenen Töchtern, nicht nur die Miniſter, nicht nur Mitglieder fremder Geſandtſchaf⸗ ten und die Spitzen der Beamten, ſondern da war auch von älteren und jüngeren Kammerherren, von Militärs, von Privatperſonen, ausgezeichneten Fremden Alles, was darauf Anſpruch machte, zu den Cercles les plus recherchés zu gehören; kurz, die Créme der Geſellſchaft— lauter blaues Blut. Allerdings befand ſich auch gewöhnliches Volk, Kunſtfreunde, reiche Banquiers und Kaufleute, gewöhnlich im Gegenſatze zu den —õ— Wohl bin ich frei nun, wie der Falk'! 285⁵ Hochgeſtellten dieſer Erde, in dieſem gelben Saale; doch war dieſes, ſeiner niedrigen Stellung bewußt, beſcheiden genug, ſich rechts und links an den Eingangsthüren aufzuhalten, und nur zuweilen wagte es eine kecke Natur, bis zu dem langen Tiſche vorzudringen, auf welchem die zu verſteigernden Gegenſtände aufgeſtellt waren. Wir haben abſichtlich von Gegenſtänden in der Mehrzahl geſprochen, die neben dem Bilde von Murillo zur Verſteigerung kommen ſollten, und waren dieſes kleine Nippſachen, unbedeutende Dinge aus der Verlaſſenſchaft des Prinzen Heinrich, durch deren Verkauf den zahl⸗ reichen Verehrern des Verſtorbenen Gelegenheit gegeben werden ſollte, ſich ein Andenken an ihn zu erwerben, ſowie es auch loyalen Unterthanen dadurch ermöglicht wurde, ihre tiefe Ergebenheit für das fürſtliche Haus an den Tag zu legen. Das Bild des großen ſpaniſchen Malers ſtand auf einer Staffelei neben dem Tiſche und war mit einem grünſeidenen Vorhange verhüllt. Man wußte in den Hofkreiſen ganz genau, daß die Frau Fürſtin⸗Mutter den Befehl gegeben hatte, das Bild für ſie zu er⸗ werben, daß ſie zu dieſem Zwecke eine ſehr hohe Summe beſtimmt, ja, eine ſo außerordentliche Summe, daß der Ober⸗Hofmarſchall, der ſo glücklich war, mit dieſem Ankaufe betraut zu werden, lächelnd geſagt hatte:„Eure Königliche Hoheit ſcheinen mir doch, wenn ich mir dieſe Bemerkung allerunterthänigſt erlauben darf, dieſe Summe etwas zu hoch angenommen zu haben— ein Bild für fünfzigtau⸗ ſend Thaler— undenkbar!“— ‚Wird es überhaupt Jemand wagen,“ hatte Seine Excellenz, zufrieden lächelnd, gedacht, ‚mir gegenüber zu treten und mich zu ſteigern, wenn ich ihn mit dem gewiſſen Blicke von oben herunter oder, wenn dieſer nichts hilft, mit dem noch ſchärferen von unten herauf anſchaue?— So dachte der Ober⸗Hofmarſchall, und doch gab es am anderen Ende des Saales Leute, welche in der feſten Abſicht gekommen waren, das berühmte Bild nicht weggehen zu laſſen, ohne darauf zu bieten, was in ihren Kräften ſtand. Allerdings waren dies gemeine, rück⸗ Hackländer's Werke. 56. Bd. 19 “ — 286 Vierundfünfzigſtes Kapitel. ſichtsloſe Naturen, Kunſthändler oder dergleichen; doch können wir hier nicht verſchweigen, daß ſich zuweilen aus den recherchirten Kreiſen Einer oder der Andere, doch mit wenigen Ausnahmen faſt nur Angehörige der fremden Geſandtſchaften, gegen den Eingang hin verloren, um dort mit einem bekannten Banquier oder Kunſtfreunde zu ſprechen, dabei aber nicht unterließen, im Vorbeigehen irgend einem der eben erwähnten Händler ein paar vertrauliche Worte zuzuflüſtern. Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Fürſtin⸗Mutter war an der Erwerbung dieſes Bildes ſo außerordentlich viel gelegen, daß ſie, da es gegen den Anſtand geweſen wäre, höchſtſelbſt dem Ver⸗ kaufe beizuwohnen, wenigſtens in der Nähe bleiben wollte, um von dem günſtigen Reſultate ſogleich Kenntniß zu erlangen. Zu dieſem Zwecke befand ſie ſich zu Wagen in den angränzenden ſchattigen Baumgängen des Schloſſes, langſam auf und ab fahrend, von wo aus eine ihrer Hofdamen das Fenſter des Saales, in welchem die Verſteigerung abgehalten wurde, im Auge behielt und von welchem Fenſter aus der Kammerherr Freiherr von Schenk durch Schwen⸗ kung ſeines weißen Taſchentuches ein Zeichen zu geben hatte, ſobald der Hammer zum dritten Male niedergefallen war. Die Verſteigerung begann, und als der hierzu beorderte Beamte das erſte Stück zum Verkaufe ausſette, näherte ſich auch die Maſſe der an der Thür Befindlichen mit ziemlicher Rückfichtsloſigkeit dem großen Tiſche, denſelben auf der einen Seite umringend, während ſich der größte Theil der Geſellſchaft⸗ auf der anderen Seite auf zahlreiche Stühle niederließ, welche von den Lakaien für ſie in Be⸗ reitſchaft gehalten worden waren. Bei dieſem Anfange des Gefechtes hatte der Verſteigerer keine große Mühe— die Kleinigkeiten, welche ausgeboten wur⸗ den, waren ſich in ihrem mäßigen Werthe ziemlich gleich, und da es ⸗Seiner Excellenz dem Miniſter des Hauſes ganz gleich⸗ gültig war, ob er ſtatt einer Reitpeitſche oder einer Cigarren⸗ taſche eine kleine Porcellanvaſe oder eine Theetaſſe erſteigere, ſo —y— —— ——y— Wohl bin ich frei nun, wie der Falk! 287 wurde das mit collegialiſcher Freundlichkeit abgemacht, und die eine Excellenz trat gern zurück, wenn die andere Excellenz ein Angebot gethan. Daß die zu löſende Summe hiedurch nicht bedeutend wurde, verſteht ſich von ſelbſt, doch war das ja nur Nebenſache; lag ja der Schwerpunkt der Verſteigerung, wie wir oben ſchon er⸗ wähnt, ganz wo anders. Zu bedauern war dies immerhin, da der ganze Erlös, inbegriffen der für das Murillo'ſche Bild, durch die Güte des verſtorbenen Prinzen zu einer mildthätigen Stiftung be⸗ ſtimmt war. Die Vorſteher dieſer wohlthätigen Stiftung, ernſte Herren in ſchwarzen Röcken, welche ſich bei dieſer feierlichen Gelegenheit mit hohen, weißen Cravatten herausgeputzt hatten, ſtanden dicht am Tiſche, und ihre bekümmerten Mienen zeigten deutlich, daß es ihnen wohl lieber geweſen wäre, wenn die eine Excellenz der anderen dieſe Reitpeitſche oder jenen Theekeſſel unter keiner Bedingung gegönnt hätte. Dieſe kleinen Plänkeleien mochten eine halbe Stunde gedauert haben, während welcher Zeit die Anweſenden ihre Aufmerkſamkeit zwiſchen der Verſteigerung und dem ungenirten Geſpräch mit ihren Nachbarn getheilt hatten— es war noch kein rechter Ernſt bei der Sache, und auf beiden Seiten ſah man Gruppen plaudernd fern vom Tiſche ſtehen, und andere, welche an den beiden Enden des Saales auf und ab ſchritten und nur zuweilen einen gleichgültigen Blick hinüberwarfen. Jetzt aber hatte ſich der Auclionator umgewandt, die Stirn mit einem rothcarrirten Sacktuche abgewiſcht, und als er ſich jetzt wieder der Verſammlung entgegendrehte, war im Gegenſatze zu früher— er hatte nämlich bis dahin zuweilen kleine ſchelmiſche Aeußerungen in die Verſteigerung einfließen laſſen— ſein Geſicht von einem feierlichen, würdevollen Ausdrucke umfloſſen, und er ſtützte die rechte Hand auf den Tiſch, was ſein Anſehen vermehren ſollte, und ſagte:„Meine hohen Herrſchaften und verehrungswür⸗ diges Publikum! Wir kommen jetzt zu dem zweiten Theile unſeres 288 Vierundfünfzigſtes Kapitel. Geſchäftes, in welchem das unvergleichliche Meiſterwerk eines der berühmteſten Maler aller Zeiten und aller Völker dem Verkaufe ausgeſetzt wird. Ich kann hierbei die Bemerkung nicht unterlaſſen,“ fuhr der Beamte fort, nachdem er von einem der ſchwarzen Herren mit der weißen Halsbinde, welcher dicht hinter ihm ſtand, einen ſanften Rippenſtoß empfangen,„daß der Erlös dieſes koſtbaren Bildes, eines ächten Murillo, durch die Munificenz Seiner Hoheit des hochſeligen Prinzen Heinrich für eine mildthätige Stiftung be⸗ ſtimmt worden iſt.“ „Eine ſehr überflüſſige Bemerkung,“ murmelte der Oberhof⸗ marſchall, welcher dicht an den Tiſch getreten war und jetzt ſchon durch furchtlos umhergeſandte Blicke eine vorläufige, gelinde Ein⸗ ſchüchterung verſuchte. 4 Das Bild wurde jetzt von zwei Lakaien neben den Auctiona⸗ tor geſtellt, und als es nun von demſelben mit einer gravitätiſchen Handbewegung enthüllt wurde, brach von allen Seiten ein förm⸗ licher Beifallsſturm los und man applaudirte mit Begeiſterung dieſes wunderbare Kunſtwerk. Nach einer ziemlich langen Pauſe, während welcher der Ver⸗ ſteigerer ſein rothearrirtes Taſchentuch wie in einem Anfluge von Rührung ein paar Mal an ſeine Augen gedrückt, blickte er, den aufgeſtemmten Hammer in der Hand, wie Ruhe gebietend um ſich her und ſagte alsdann mit ſeiner ſchrillen Stimme:„Dieſes Bild, ein ächter Murillo, wird um den Preis von zehntauſend Thalern zum Verkaufe ausgeſetzt.“ Allgemeines Stillſchweigen, dann eine Stimme aus dem Hinter⸗ grunde:„Und fünfhundert Thaler.“ Der Hofmarſchall nickte lächelnd dem Beamten zu, welcher hierauf verkündigte:„Eilftauſend Thaler.“ „Und fünfhundert.“ Daſſelbe Spiel—„Zwölftauſend Thaler.“—„Und fünf⸗ hundert.“ Und eine Minute darauf wieder das gleiche Spiel:„Drei⸗ Wohl bin ich frei nun, wie der Falk'! 289 zehntauſend Thaler“—„und fünfhundert“— nur mit dem kleinen Unterſchiede, daß dem Lächeln des Ober⸗Hofmarſchalls jetzt ein klein wenig Entrüſtung beigemiſcht war und daß ſchon mehrere Lorgnetten an hochadeligen Augen den unſichtbaren Bieter zu entdecken ſuchten. Doch blieb dieſer nicht allein, und nachdem das Bild die Summe von achtzehntauſend Thalern erreicht hatte, vernahm man auch noch andere Bieter, am Tiſche ſtehend, ſowie aus dem Hinter⸗ grunde, welche das Gemälde in Kurzem auf die Summe von fünf⸗ undzwanzigtauſend Thalern hinaufbrachten. Der Kammerherr Freiherr von Schenk, welcher an dem be⸗ zeichneten Fenſter ſtand, hatte ſchon ein paar Mal angefangen, ſein weißes Sacktuch herauszuziehen, daſſelbe aber in die Rocktaſche zu⸗ rückfallen laſſen, wenn er bemerkte, wie Seine Excellenz zuweilen mit den Achſeln zuckte und wie ſich die Gegner deſſelben mit jedem Angebot mehrten. „Dreißigtauſend Thaler.“ „Einunddreißigtauſend Thaler.“ „Zweiunddreißigtauſend Thaler.“ „Fünfunddreißigtauſend Thaler,“ hörte man die Stimme des Ober⸗Hofmarſchalls und ſah ihn, wie er, die Arme über einander geſchlagen, etwas rückwärts gebogen da ſtand, die Naſe hoch er⸗ hoben, ein leichtes Lächeln um die Lippen und die Augen feſt ge⸗ heftet auf einen Kunſthändler, welcher ihm gerade gegenüber ſtand und gegen ihn bot, aber nicht ohne Zeichen einiger Verlegenheit und Unbehaglichkeit. Fünfunddreißigtauſend Thaler,“ wiederholte der Beamte, und einer der ſchwarzen Herren neben ihm ſagte kopfſchüttelnd mit ge⸗ falteten Händen halblaut zu ſeinem Nachbar: „Das iſt ein ſehr niedriger Preis für dieſes Kunſtwerk.“ Und es war, als hätte dieſe Bemerkung die Bruſt des Kunſt⸗ händlers mit neuem Muthe umpanzert, denn er ſagte:„Sechsund⸗ dreißigtauſend Thaler.“ „Und fünfhundert,“ klang es abermals aus dem Hintergrunde. 290 Vierundfünfzigſtes Kapitel. „Siebenunddreißigtauſend.“ „Und fünfhundert.“ „Achtunddreißigtauſend.“ „Wir müſſen der Sache ein Ende machen,“ ſprach nun der Ober⸗Hofmarſchall mit einer vor Aerger zitternden Stimme;„ich finde dieſes Ueberbieten von einer unbeſchreiblichen Rückſichtsloſigkeit.“ „Horrible, da man weiß, für wen Seine Excellenz das Bild kauft!“ „G'est un manque de dévouement impardonnable!“ „G'est une honte!“ „Auf Ehre, ſcheußlich— man ſollte dem Beamten einen Wink geben, daß er raſch zuſchlägt!“ „Das darf man nicht thun— es ſind zu viel Augen hier, die den Vorgang ſcharf beobachten!“ „Nicht zu gedenken jener beiden Schwarzröcke, die bald blaß, bald roth werden und von denen der eine ſchon einmal Miene machte, dem Verſteigerer in den Arm zu fallen, als er zuſchlagen wollte.“ 3 „Vierzigtauſend Thaler.“ Der Kunſthändler ihm gegenüber blickte rückwärts, und als er, wie es ſchien, aus dem Hintergrunde des Saales ein Zeichen er⸗ halten hatte, ſagte er:„Einundvierzigtauſend Thaler.“ „Und fünfhundert,“ klang es abermals aus dem Gedränge. „Soll mich der Teufel holen,“ hörte man einen jungen Garde⸗ Officier einem anderen zuflüſtern,„daß mich jene Beſtie, die dort aus dem Hintergrunde beſtändig unſichtbar ihr ‚und fünfhundert⸗ ruft, noch mehr ärgert, als dieſer infame Kunſthändler!“ „Gewiß, es geht mir eben ſo— ſehen Sie nur Seine Excel⸗ lenz an, ſie iſt daran, ſich ernſtlich zu fachiren.“ „Es iſt aber auch eine noch niemals da geweſene Rückſichts⸗ loſigkeit!“ „Wer iſt denn dieſer Kunſthändler?“ „Irgend ein Herr Müller oder Maier, handelt aber natürlich —jy⁴j—— ————;;-———— Wohl bin ich frei nun, wie der Falk'! 291 im Auftrage Anderer. Leider habe ich ſchon ein paar Herren aus der Geſellſchaft bemerkt, die zuweilen abſeits ſchleichen und ihm indirect einen Wink geben laſſen— ich will nur nicht indiscret ſein.“ Der Ober⸗Hofmarſchall hatte ſich gegen den Freiherrn von Schenk gewandt und ihn durch einen bezeichnenden Blick an ſeine Seite gerufen.„Eilen Sie zur Frau Fürſtin⸗Mutter, mein lieber Baron,“ flüſterte er ihm zu—„Sie finden Ihre Königliche Ho⸗ heit in der großen Allee—, ſagen Sie ihr, es würde hier mit einer Rückſichtsloſigkeit auf das Bild geboten, die— die.. nun, ſagen Sie ihr, was Sie gehört und geſehen haben, und ich ließe ſie um eine neue Limite bitten, wie weit ich im ſchlimmſten Falle gehen könne— aber ich beſchwöre Sie, Baron, eilen Sie!“ Nachdem hierauf der Kammerherr mit dem Anſtande eines Hofmannes langſamen Schrittes zum Saale hinausgegangen war, um ſich vor dem gemeinen Volke keine Blöße zu geben, ſchoß er, vor der Thür angekommen, wie ein Pfeil über die Treppen hinab und war ſo glücklich, den Wagen der Frau Fürſtin⸗Mutter an der bezeichneten Stelle dicht beim Schloſſe zu finden. »Quel manque d'égards!“ ſagte die hohe Dame, nachdem ſie die Botſchaft Seiner Excellenz angehört—„ſollte man nicht glauben, unſer theurer Schwager Liebden mache ſich aus dem Grabe heraus noch das Vergnügen, uns dieſe Freundlichkeit zu erweiſen?“ „Darf ich Eure Königliche Hoheit um einen Befehl bitten?“ drängte der Kammerherr. „Sagen Sie meinem Ober⸗Hofmarſchall, wenn es nicht anders ſein könne, ſo ſolle er bis auf achtzigtauſend Thaler gehen— ein horribler Preis— doch kann und will ich das Bild einmal nicht laſſen— es wäre mir zu ſchmerzlich!— Sagen Sie ihm das und ſetzen Sie hinzu, ich verließe mich ganz auf ſeinen mir be⸗ kannten Aplomb und wäre ruhig!“ Mit dieſer Botſchaft ſtürmte der Baron von Schenk ſeinen Weg zurück und behielt kaum Athem genug, dieſelbe in das Ohr Seiner Excellenz zu flüſtern. 292 Vierundfünfzigſtes Kapitel. Die Verſteigerung war unterdeſſen langſam fortgegangen, denn nicht bloß der Ober⸗Hofmarſchall hatte nur in kleinen Summen geboten, ſondern der Kunſthändler war ein paarmal zurlkgetreten, um mit einem Bekannten zu flüſtern, ehe er wieder weiter bot. Dadurch war einmal eine ſo gefährliche Pauſe entſtanden, daß der Hammer ſchon zum drittmaligen Zuſchlage in der Luft ſchwebte und wohl auch niedergefallen wäre, wenn nicht einer der ſchwarzen Herren den Arm des Beamten berührt hätte. „Ich muß ſehr bitten, das künftig zu unterlaſſen!“ hatte ihn der Ober⸗Hofmarſchall angeherrſcht, und Jener darauf erwiedert: „Verzeihen mir Eure Excellenz, ich dachte an meine Armen und an meine Kranken!“ „Das kümmert mich wenig— wenn dergleichen wieder vor⸗ kommt, ſo werde ich den Auctionator dafür verantwortlich machen — weiter, wenn ich bitien darf!“— Dieſes ‚weiter“ aber ſprach er in einem ſolchen Tone und begleitet von einem ſo herausfordern⸗ den Blicke, daß ſich der Kunſthändler achſelzuckend abwandte und ſich auch die Fünfhundert⸗Thaler⸗Stimme nicht mehr hören ließ. „Fünfundvierzigtauſend Thaler zum erſten Male!“ ſagte der Auctionator—„und fünfundvierzigtauſend Thaler zum zweiten Male!“ „Uebereilen Sie ſich gar nicht,“ ſprach jetzt der Oberhofmar⸗ ſchall mit einer Würde, welche einen Beifall verdient hätte— „übereilen Sie ſich nicht; man ſoll uns nicht nachſagen, als hätten wir nicht mit großer Ruhe ein neues Gebot erwarten können.“ „Bravo— unvergleichlich!“ hörte man flüſternde Stimmen aus der Geſellſchaft. „Ich wiederhole alſo: fünfundvierzigtauſend Thaler zum zweiten Male— und fünfundvierzigtauſend Thaler zum.... Statt das Wort ‚dritten Male“ aber auszuſprechen, blieb der Beamte mit offenem Munde da ſtehen, als eine bis jetzt noch nicht gehörte Stimme in ſehr ruhigem Tone ſagte: „Fünfzigtauſend Thaler.“ Wohl bin ich frei nun, wie der Falk“ Die ſchwarzen Herren mit der weißen Halsbinde fuhren wie der Blitz zurück, um einem jungen Manne Platz zu machen, welcher dieſes letzte Angebot gethan. „Ah, Herr Rodenberg!“ tönte es von der Lippe des Ober⸗ Hofmarſchalls, wobei man bemerkte, wie das Antlitz Seiner Excel⸗ lenz von tiefer Zornesröthe übergoſſen wurde. Rodenberg verbeugte ſich auf eine gefällige Art und entſchul⸗ digte ſich bei dem Auctionator, daß er leider gekommen ſei, um ihm weitere Mühe zu machen. Der Name Rodenberg's hatte ſich, allerdings in Ziſchlauten, mit der Schnelligkeit eines Lauffeuers durch die anweſende Geſell⸗ ſchaft verbreitet und manchen Herrn und manche Dame, die bis jetzt behaglich in ihren Sitzen geruht, um mit großer Genugthuung das dritte letztmalige Aufſchlagen des Hammers zu vernehmen, von ihren Sitzen emporgeſchnellt und ihnen Veranlaſſung gegeben, in ſprachloſer Ueberraſchung den frechen Eindringling durch Lorgnetten und Gläſer aller Art zu betrachten. „Iſt denn das möglich?“ „Ja, es war ſo, und wenn ſich auch der Ober⸗Hofmarſchall mit der Hand über die Augen fuhr, wie um das verhaßte Bild des jungen Mannes verſchwinden zu laſſen, ſo bemerkte er dieſen doch in der nächſten Secunde wieder mit einem ruhigen Lächeln vor ſich ſtehen und ſah an dieſem ruhigen Lächeln, daß er es mit einem Gegner zu thun habe, der wahrſcheinlich gut gerüſtet ſei und den er nicht im Stande war, durch Stirnrunzeln und finſtere Blicke zu verſcheuchen. Faſt hätte Rodenberg das Bild um fünfzigtauſend Thaler ge⸗ habt, doch trat hier abermals der freundliche ſchwarze Herr in's Mittel, indem er den Auctionator flüſternd darauf aufmerkſam machte, Seine Excellenz ſeien überraſcht, ja, förmlich beſtürzt, und er möge ſich um Gottes willen nicht übereilen. „Fünfundfünfzigtauſend Thaler!“ ſagte der Ober⸗Hofmarſchall. „Sechzigtauſend Thaler!“ ſprach Rodenberg. — 294 Vierundfünfzigſtes Kapitel. Die Sache wurde jetzt ſo intereſſant, daß von allen Seiten ein förmliches Gedränge um den Tiſch entſtand; überall ſtreckten ſich die Hälſe, um die beiden Kämpfer in's Auge zu faſſen. Dieſe aber boten einen ſehr verſchiedenartigen Ausdruck: der Ober⸗Hofmarſchall hatte die rechte geballte Fauſt auf den Tiſch geſtützt und gab ſich, aber auf keine täuſchende Art, jene ſorgloſe Miene von Gleichgültig⸗ keit, welche der Andere ihm gegenüber durchaus nicht zu affectiren brauchte, ſondern in Wirklichkeit beſaß. Dabei dürfen wir aber nicht verſchweigen, daß die Linke des Hauſes entſchieden für den jungen Mann Partei nahm und daß, ſo oft er ſein Gegenüber mit einer immer größeren Summe ſchlug, ein beifälliges Gemurmel, ja, gelindes Bravo erſcholl. „Fünfundſechzigtauſend Thaler!- 3 „Zweiundſiebenzigtauſend Thaler!“ betonte Rodenberg eiwas ſchüchtern. „Dieſer Herr dort,“ vernahm man jetzt die etwas unſichere Stimme des Ober⸗Hofmarſchalls,„kam ſehr ſpät und kennt vielleicht nicht die Bedingung, welche, den Verkauf dieſes Bildes anbelangend, zu Anfang der Verſteigerung vorgeleſen wurde.“ „Darf ich Sie um den Inhalt dieſer Bedingung bitten?“ wandte ſich Rodenberg mit außerordentlicher Höflichkeit an den Beamten. „Das Bild muß innerhalb vierundzwanzig Stunden baar be⸗ zahlt werden.“ „Ah!“ machte der junge Mann, und das Herz Seiner Excel⸗ lenz klopfte ſtärker, denn er glaubte nicht nur eine kleine Verlegen⸗ —— heit in deſſen Zügen bemerkt zu haben, ſondern er ſah zu ſeiner 4. großen Genugthuung, wie Jener in der That Miene machte, ſich zurückzuziehen. Der Feind war im Weichen begriffen, alſo Victoria! mit einer tüchtigen Salve: „Achtzigtauſend Thaler!“ „Achtzigtauſend Thaler zum erſten Male!“ wiederholte der Beamte, —— — Wohl bin ich frei nun, wie der Falk“! „Achtzigtauſend Thaler zum zweiten Male!“ Der Kammerherr von Schenk zog ſein Schnupftuch aus der Taſche. „Und achtzigtaufend Thaler zum— dritten....“ Der Kammerherr von Schenk war voreilig genug, ſein weißes Tuch flattern zu laſſen, ehe er den verhängnißvollen Schlag gehört. Und dieſer erfolgte nicht, denn ehe der Beamte im Stande war, den Hammer niederfallen und zu gleicher Zeit die zwei letzten, Alles beendigenden Sylben ertönen zu laſſen, vernahm man die Stimme Rodenberg's, welche in ruhigem Tone, als handle es ſich um eine Kleinigkeit, zwiſchen den beiden entzückt da ſtehenden ſchwarzen Herren die Worte ſprach:„Hunderttauſend Thaler!“ Zu gleicher Zeit, und das war wohl das Kränkendſte für fein Gegenüber, legte er, ohne den dritten Hammerſchlag abzuwarten, eine Anweiſung von viermalhunderttauſend Franken vor den Beani⸗ ten hin und zog ſich alsdann beſcheiden wieder vom Tiſche zurück, ruhig in der ſicheren Vorausſetzung, daß ihm das Bild zugeſchlagen werden müſſe. So geſchah es denn auch, nachdem der Verſteigerer möglichſt lange gezögert und Seine Excellenz zu verſchiedenen Malen mit den Blicken befragt. „Hunderttauſend Thaler zum dritten Male!“ Und während auf der einen Seite ein lautes Ahl der Be⸗ friedigung und der Freude die dicht herangedrängte Zuſchauermenge durchflog, rauſchte es auf der anderen von den Stühlen empor und ſo eilig wie möglich zum Saale hinaus, ſo daß in wenigen Minu⸗ ten von der ganzen Geſellſchaft nichts mehr übrig geblieben war, als der Ober⸗Hofmarſchall und der Kammerherr Freiherr von Schenk. Der letztere ſchlug ſeine Hände wie in Verzweiflung zuſammen und ſein ſonſt beſtändig glattes und zufrieden lächelndes Geſicht zeigte jetzt Schrecken und Beſtürzung.„Um Gottes willen,“ ſtieß er mühſam hervor,„wir haben das Bild nicht, Excellenz!“ „Nein, wir haben es nicht!“ 296 Vierundfünfzigſtes Kapitel. „So bin ich ein verlorener Mann, denn ehe ich das Wort zum dritten Male“ hörte, ließ ich mein weißes Taſchentuch zum Fenſter hinausflattern!“ „Gerechter Gott, was haben Sie gemacht?“ „Ihre Königliche Hoheit die Frau Fürſtin⸗Mutter winkten äußerſt gnädig und fuhren davon!“ „Eine Uebereilung, mein Lieber, welche Sie Ihre Stelle koſten muß,“ erwiederte Seine Excellenz der Ober⸗Hofmarſchall mit einem kalten, unheilverkündenden Tone—„ich werde ſogleich Ihre König⸗ liche Hoheit die Frau Fürſtin⸗Mutter aufſuchen und darf es ihr nicht verſchweigen, mit welcher Uebereilung Sie gehandelt!“ Er wandte ſich raſch um und ließ den unglücklichen Kammer⸗ herrn ſtehen— als ein Bild des Erbarmens in ſeines Nichts durchbohrendem Gefühle.— Nachdem die Theilnehmer und Zuſchauer dieſer intereſſanten Verſteigerung nach und nach den Saal verlaſſen hatten, nicht ohne daß eine große Anzahl derſelben unter den herzlichſten Glückwünſchen von Rodenberg geſchieden war, wobei die Herren mit den weißen Halsbinden mit aufgehobenen Händen noch ganz beſonders betonten, daß einer ſolchen That der Segen des Himmels unmöglich fehlen könne, traf der Maler die nothwendigen Anordnungen zur Zahlung des Bildes, ſowie um daſſelbe an die Adreſſe der Frau Marcheſa de Monterey gelangen zu laſſen. Er fuhr zu dieſem Zwecke mit dem Beamten, welcher die Verſteigerung geleitet, nach dem Bank⸗ hauſe, das den Wechſel acceptirt und auch ſeit längerer Zeit Ge⸗ ſchäfte für die Frau Marcheſa beſorgt hatte. Er erſuchte den Chef des Hauſes, dieſer Dame über den Ankauf des Bildes und mit demſelben zugleich eine Notiz zugehen zu laſſen und ſich die Be⸗ ſtimmung zu erbitten, was mit der übrig gebliebenen Summe geſchehen ſolle. Daß des Verſteigerers dabei nicht vergeſſen wurde, ſondern daß er durch ein reiches Geſchenk belohnt ward, brauchte hier eigentlich nicht erwähnt zu werden; doch wollen wir auch in dieſer Kleinigkeit unſere bekannte Wahrheitstreue nicht verläugnen, —— —— Wohl bin ich frei nun, wie der Falk'! 297 Rodenberg hatte Alles das beſorgt mit einer faſt unerklärlichen Ruhe, im Gegenſatze zu der Aufregung, die man wohl bei ihm hätte vorausſetzen können; doch war dieſe Ruhe keine erkünſtelte, vielmehr hatte ſich ein Behagen über ihn ausgegoſſen, welches wir zu empfinden pflegen, wenn wir uns nach einem ermüdenden Tage⸗ werke endlich aller Sorgen entſchlagen haben und in angenehmem Nichtsthun die Bilder der letzten Vergangenheit an uns vorüber⸗ gleiten laſſen. Unter dieſen Gefühlen fuhr Rodenberg nach Hauſe und lächelte ſtill in ſich hinein, als er an dem Schloſſe vorüberkam, als er die Straßen alle ſah, durch die er ſchon unter ſo wechſelnden Ver⸗ hältniſſen gewandelt war, als er endlich ſeine ehemalige Wohnung erblickte, im Aeußern bis auf die an der Thür lungernden Be⸗ dienten unverändert, wobei er ſich indeſſen des eigenthümlichen Gedankens nicht entſchlagen konnte, als kehre er heute wieder nach jahrelanger Abweſenheit zurück. Und dabei fühlte er, wie fremd ihm Alles geworden— ja, ſo fremd, daß er den Augenblick kaum erwarten konnte, wo ihm geſtattet wäre, der Stadt den Rücken zu kehren. Glücklicher Weiſe konnte er dieſen Augenblick beſchleunigen, und er that es mit einer faſt ängſtlichen Haſt. 4 In der Wohnung Lord Warren's angelangt, vertauſchte er ſeinen Anzug mit dem, von welchem wir weiter oben geſprochen, und als er ſich in der einfachen Sammtblouſe ſah, um den Hals das loſe geknüpfte ſeidene Tuch, als er ſeinen weichen Hut ſchief auf ſein reiches Haar drückte und wie zur Probe ſeinen ſchweren Wanderſtab ſchwang, da flog ein behagliches Lächeln über ſeine Züge und er beeilte ſich, den kleinen Koffer, den er ſchon lange gepackt hatte, vollends anzufüllen, zu verſchließen und mit einer Aufſchrift zu verſehen, wohin ihm derſelbe nachgeſchickt werden ſolle— und eben dahin, ſagte er dem hereintretenden Haushof⸗ meiſter, möge er auch die Güte haben, ihm alle einlaufenden Briefe zu ſenden. 298 Vierundfünfzigſtes Kapitel. „Ich mache nur eine kleine Reiſe,“ ſagte er zur Beſchwichtigung des alten Herrn, welcher ſtets zuvorkommend gegen ihn geweſen war und auch jetzt mit freundlicher, bittender Miene einige Ein⸗ wendungen nicht unterlaſſen konnte. „Seine Herrlichkeit werden betrübt ſein, Sie nicht mehr hier zu finden!“ „Vielleicht kehre ich raſcher hieher zurück, als Sie ſich ein⸗ bilden, mein lieber Herr Augier— ſenden Sie mir die Briefe Lord Warren's, welche an mich einlaufen, und ſollten Sie Seiner Herrlichkeit ſchreiben, ſo bitte ich, ihm zu ſagen, daß ich meines Verſprechens eingedenk ſei und ihm ſo bald als möglich Nachrichten von mir geben würde.— Nun leben Sie wohl und empfangen Sie meinen innigſten Dank für alle Güte, welche Sie gegen mich gehabt!“ Der alte Haushofmeiſter drückte ihm herzlich beide Hände und ſah ihm darauf kopfſchüttelnd nach.„Es iſt doch etwas Eigen⸗ thümliches um ſo eine Künſtlernatur— könnte behaglich wohnen in einem der comfortabelſt eingerichteten Hotels, wo ihm Alles zur unbeſchränkteſten Verfügung ſteht: Dienerſchaft, Reitpferde, Equi⸗ page im Hauſe ſeiner Herrlichkeit des Lords Warren— bei mir— und rennt da, den Stock in der Hand, den Plaid auf der Schulter, in die Welt hinaus!“ Als Rodenberg die Treppe hinabſprang, dachte er an Rafael.— Warum nochmals von dieſem guten Kerl einen vielleicht wehmüthigen Abſchied nehmen? Ich werde ſeiner gedenken, wie er auch meiner gewiß nicht vergeſſen wird, und daß wir uns wiederſehen, davon bin ich feſt überzeugt!“ So ſchritt er durch die Straßen, ſein Skizzenbuch unter dem Arme, den Stock in der Hand, ſeinen zuſammengewickelten Plaid auf der Schulter, im Beſitze einer Baarſchaft, welche ge⸗ ringer war als die, mit der er vor ſo und ſo viel Jahren hier eingewandert. So lange er rechts und links Häuſer hatte, ging er langſam, Wohl bin ich frei nun, wie der Falk'“! 299 nach allen Seiten behaglich ausſchauend z als er ſich aber vor der Stadt befand, ſchritt er rüſtig von dannen in die Berge hinein. Da oben war ein Punkt, wo ſich die breite Fahrſtraße ſcharf um eine Felsecke herumbog, und dort blieb er, rückwärts gewandt, einige Minuten ſtehen, nochmals hinabſchauend auf die Häuſermaſſen, denen er jetzt wohl für immer Lebewohl ſagte— da lag für ihn eine traurige Vergangenheit: und dorthin, dem weiten Thale zu, an deſſen ſcheinbarem Horizonte ſich gewaltige Bergmaſſen auf einander thürmten— eine ungewiſſe Zukunft. „Wohl bin ich frei nun, wie der Falk', Der über die Berge fliegt, Vor dem die Welt, die ſchöne Welt, Hellſonnig offen liegt; Doch hat der Falk' ſein heimiſch Neſt, Und wo wird mir einſt Ruh'? Ach, Keine, Keine find' ich je, Die mich geliebt, wie Du!“ Der Künſtlerhof von Granada. As war im Monat Mai irgend eines Jahres— die bezeich⸗ nende Zahl thut nichts zur Sache, doch wollen wir hinzufügen, es war das Jahr, welches jenem gefolgt, in dem wir im vergangenen Kapitel vom freundlichen Leſer Abſchied genommen—, als ein Reiſender mit wenigem, aber anſtändig ausſehendem Gepäcke die Cannebière von Marſeille hinabſchritt, dann in die Straße Des Ambaſſadeurs einbog und ſich den Gaſthof gleichen Namens ein wenig beſchaute, ehe er in den finſteren Thorweg desſelben trat. Der Reiſende hatte ſich einen anderen Begriff gemacht von den Gaſthöfen dieſer ſüdlichen Stadt und von einem wenngleich beſchei⸗ denen Zimmer— aber mit der Ausſicht auf das blaue Meer, die weißen Felſen der Küſte, auf Chateau d'If mit einem tüchtigen Stücke glänzenden Himmels dazu, welchem entlang ſeine Gedanken ſo bequem nach Spanien, ja, nach Afrika hätten ſegeln können, und nun die enge Gaſſe mit dem düſtern Hauſe! Er trat achſelzuckend ein, mußte aber einen Augenblick warten, ehe er ſich an den Portier wenden konnte, da dieſer im Begriffe war, ſich von einem Fremden, welcher gerade ausgehen wollte, den Schlüſſel einhändigen zu laſſen. Unſer Reiſender würde dieſen Fremden weiter auch nicht beachtet haben, wenn derſelbe nicht im reinſten Deutſch geſagt hätte:„Ich gehe nach dem Hafen, um mich Der Künſtlerhof von Granada. noch einmal genau nach der Abfahrt des ſpaniſchen Schiffes zu erkundigen.“— Und mit welchem Klange der Stimme ſagte er das, ja, ſo mächtig ergreifend für den ſo eben Eingetretenen, daß dieſer, nachdem er einen Augenblick ſprachlos geſtanden, auf den Fremden zuſtürzte, ihn am Kragen nahm und raſch gegen ſich drehte, was indeſſen keinen großen Kraftaufwand erforderte, da der Fremde ein kleiner und ſchmächtiger Mann, unſer Reiſender dagegen eine ziemlich breite und große Perſönlichkeit war. „Rafael— oder iſt es irgend ein Geſpenſt, das Deine Geſtalt angenommen hat?“ „Gott ſteh' mir bei— Herr Profeſſor Walter— die Freude, Sie wiederzuſehen!“ „Und die meinige doppelt, weil Du Dich ſo eben nach den ſpaniſchen Schiffen erkundigt und ich daraus erſehe, daß wir Ein Reiſeziel haben!“ Der Portier des Gaſthofes, welcher als Elſäßer vollkommen Deutſch verſtand und dem ſolche Erkennungsſcenen wohl ſchon häufig vorgekommen waren, gab dem Fremden ſeinen Schlüſſel wieder, und dieſer ſtieg mit dem Anderen, nachdem auch ihm ein Zimmer angewieſen, die Treppen hinauf. „Aber nur um den Reiſeſtaub abzuſchütteln und mich etwas anſtändig zu machen, dann gehen wir irgendwo hin, wo wir friſche Luft und Sonnenſchein haben— denn ich kann Dir nicht ſagen, Rafael, wie ich mich freue!“ „Sie kommen ſo eben an?“ „Vor einer Viertelſtunde— aber Eines geht nicht mehr,“ ſagte er, plötzlich ſtehen bleibend und den kleinen Schriftſteller betrachtend, „daß ich nämlich als Anklang längſt vergangener Zeiten Du zu Dir ſage, oder wir müſſen die Gleichheit dadurch herſtellen, daß wir irgendwo bei einem Glaſe guten Weins ſchmolliren— Du weißt gewiß dazu einen paſſenden Ort und wirſt hiermit angewieſen, mich augenblicklich dorthin zu führen.“ Hackländer's Werke. 56. Bd. 20 302 Der Künſtlerhof von Granada. Da Rafael ſchon einige Tage in Marſeille war, ſo wußte er allerdings einen ſolchen Ort auf dem Wege nach Notre Dame de la Garde, eine kleine Kneipe, wie ſie ein deutſcher Künſtler nur wünſchen mochte: auf den Felſen gelegen, die hier ſteil in's Meer abfallen, war das ein kleines Häuschen mit einer Veranda aus rohen Baumſtämmen, welche durch eine gewaltige Weinrebe zur dichten und kühlen Laube umgeſtaltet war. Da ſaßen die Beiden an einem roh gezimmerten Tiſche, der aber mit weißem Brode, ſaftigem Schinken, vortrefflichem Käſe und dunkelrothem Weine be⸗ ſetzt war, wurden angehaucht von dem kühlen Seewinde, vernahmen das einförmige und ſo beruhigende Anſchlagen der Meereswellen an den Felſen drunten und ſahen vor ſich die dunkelblaue Salzflut mit aus⸗ und einfahrenden Schiffen bedeckt: ſchwarzen Dampfern, die, wie Seeungeheuer tief die Wellen furchend, unaufhaltſam ihren Weg verfolgten, während kleinere Boote mit leuchtend weißen Segeln gleich Möven über das Waſſer dahin zu fliegen ſchienen. Dort lag das maleriſche Chateau d'If und Ratonneau, links zogen die hellen Felſen an der Küſte gen Italien zu und rechts über La Joliette hinaus verſchwammen die Ufer in weicheren Formen in der Rich⸗ tung gen Spanien. „Dorthin fahren wir morgen Abend,“ ſagte Rafael.— Das war aber auch Alles, was von den Beiden heute bei dieſem erſten Wiederſehen über ihr gemeinſchaftliches Reiſeziel geſprochen wurde, Ihre Gedanken folgten nicht den Augen, denn während dieſe entzückt im Anblicke jenes prachtvollen Seegemäldes ſchwelgten, flogen jene nach der Heimat zurück und verſenkten ſich dort in enge, ſchattige Straßen, in ſtille deutſche Häuſer, beſchäftigten ſich mit vergangenen Tagen und mit Freunden, die ihrem Geſichtssiſe entſchwunden. „Und Rüding?“ fragte Walter. „Hat ſich lange gegen die Feſſeln der Ehe gewehrt, iſt ihnen aber endlich im vollen Sinne des Wortes verfallen: ſeine Gattin, eine ältere Witwe, ſchnitt ihm das Lockenhaar ab, worauf er ſo Der Künſtlerhof von Granada. ſtolz war; er hat ſich darüber gegrämt, nahm aber trotzdem an Leibesumfang zu wie ſeine photographiſche Anſtalt an Renommée.“ „Alſo es geht ihm gut?“ „Ja und nein; er wandelt mit ſo vielen Anderen die breite, ausgetretene, gewöhnliche Fahrſtraße dieſes Lebens; zuweilen ſoll er ſich noch der vergangenen Künſtlerzeit erinnern und dann hier und da leiſe mit ſeiner Kette klirren.“ „Dem Kohlenmüller iſt es, wie ich gehört, beſſer ergangen?“ „Gewiß, und dieſe friſche, geſunde Natur hat es auch verdient: er malt und zeichnet große und, kleine Landſchaften, hat ſich nach dem Tode ſeiner Schwiegermutter in Düſſeldorf ein kleines Häuschen gebaut und viele Kinder in die Welt geſetzt.“ „Davon hörte ich,“ ſagte Walter, indem er lächelnd in ſein Glas ſchaute;„und dieſer dankbare Kerl hat ſie alle nach uns benannt: er beſitzt einen Michel Angelo, einen Rafael, einen Walter, einen Arthur, dem er obendrein noch den Spitznamen, Der wilde Jäger' zugelegt hat, und eine Tochter, die er Juanita genannt.“ „Ach, wie freue ich mich, die ächte Juanita, meine Prinzeſſin, wiederzuſehen,“ rief der kleine Schriftſteller enthuſiaſtiſch— auf ihr Wohl!“ Beide erhoben die Gläſer, ſtießen an und tranken aus, nachdem ſie mit einer leichten Handbewegung gegen die ſpaniſche Küſte gewinkt. „Wann haſt Du die letzten Nachrichten von Rodenberg erhalten?“ „Ich fand hier einen Brief von ihm vor— Du aber warſt im vergangenen Winter längere Zeit mit ihm in Rom zu⸗ ſammen?“ „Das war ich, und wenn ich ſchon früher alle Achtung vor dem großen Talente unſeres Freundes hatte, ſo muß ich Dir ſchon geſtehen, daß dieſelbe zur Bewunderung wurde, nachdem er mir erlaubt, ſeine Mappen durchzublättern— welche Compoſitionen — wie tief und poetiſch aufgefaßt, wie wunderbar ausgeführt! Ich möchte mir ſelbſt ein Compliment machen, daß ich es war, 304 Der Künſtlerhof von Granada. welcher ihn damals veranlaßt, die leidige Farbenſchmiererei an den Nagel zu hängen— erinnerſt Du Dich, kleiner Rafael?“ „Wohl erinnere ich mich.“ „Ja, ja, es war dieſelbe Zeit, wo ich auch Dir eine moraliſche Kopfnuß gab, welche bei Dir gut angeſchlagen hat. Aber um wieder auf Rodenberg zu kommen, ſo erſchienen damals die erſten Liefe⸗ rungen ſeiner prachtvollen Illuſtrationen über Don Quixote— nun, Du wirſt davon gehört haben?“ „Und mit welcher Freude ich davon gehört, darüber geleſen, darüber geſchrieben habe! Hat doch ſelten etwas ein ſo ſchnelles, ungeheures Aufſehen gemacht; Rodenberg wäre ein gemachter Mann, wenn auch das Andere anders gekommen wäre. Alſo Du ſahſt Beide in Rom?“ „Ja,“ erwiederte der alte Maler, träumeriſch vor ſich nieder⸗ blickend,„ich war dabei, als ſie ſich wiederſahen, und ich werde das nie vergeſſen.“ „O, erzähle mir das— Rodenberg ſchrieb mir wohl darüber, aber ſeine Worte kamen aus einem ſo von Glück berauſchten Herzen, daß er ſich nur in Ausrufungen erging und ich mir mühſam den Faden der Begebenheit zuſammenſuchen mußte.“ „Daß Juanita mit ihrem Oheim Don Joſe in Rom war, wußte ich von Schlegel, der ſich bei ihr befand und ihr im Ankaufe von Kunſtwerken aller Art behülflich war, auch daß ihr derſelbe genau und bündig erklärt hatte, welch harmloſes Verhältniß da⸗ mals zwiſchen Rodenberg und ſeiner ſchönen Krankenpflegerin Leonie beſtanden— wir wiſſen das ja ebenfalls. Nun war aber Arthur ſo eigenihümlich und ſcheu geworden, daß ſie überzeugt ſein konnte, er würde Rom augenblicklich verlaſſen, wenn er Kunde erhielte, daß die Marcheſa de Monterey ebenfalls dort ſei. Da waren wir an einem ſtillen Nachmittage faſt allein in dem Dome von Sanct Peter: Rodenberg hatte ſeine Blicke erhoben zur Wölbung der majeſtätiſchen Kuppel, und ich, der wußte, was ſich begeben ſollte, hatte mich an einen der Pfeiler zurückgezogen— ich ſah ſie wohl Der Künſtlerhof von Granada. 30⁵ kommen: ganz allein und unhörbar ſchritt ſie daher; ſie trug ein Kleid von kornblauer Farbe, einen eben ſolchen Sammetmantel und einen Hut von gleicher Farbe. Es wird Dir eigenthümlich vorkommen, daß ich, der ſonſt für Toiletten kein Gedächtniß hat, die der Marcheſa ſo genau behielt; doch war ſie gerade ſo ange⸗ zogen, als ich ſie zum letzten Male damals in Köln ſah— es war am Aſchermittwoch.— Sie trat alſo an Rodenberg heran, legte ihre Hand auf ſeine Schulter und ſagte zu ihm: Laß es jetzt genug ſein, mein Freund, da hinaufzuſchauen, wende Dich der Gegenwart wieder zu und begleite mich nach Hauſe.: Da ſah ich ihn zuſam⸗ menzucken, ſah, wie er ſeine Hände einen Augenblick vor das Ge⸗ ſicht preßte, und fürchtete ſchon, er würde ſie ſtehen laſſen und davonlaufen.“ „Nun, nun?“ „Er war aber geſcheit genug, das nicht zu thun; hätte er es aber gethan, ſo wären ihm von mir unermeßliche Grobheiten zu Theil geworden, denn ich war über ſeine Halsſtarrigkeit geladen bis oben hin— wie war ſie ſo ſchön, wie ſah ſie ihn ſo bittend und ſo demüthig an! Und doch dauerte es einige für mich ſehr peinliche Secunden, ehe er ihr den Arm reichte und dem Ausgange des Domes zuſchritt. Gewonnen, gewonnen! jubelte es in mir, und ich alter Narr fühlte, daß es mit der Trockenheit meiner Augen nicht ganz richtig ſei, fühlte aber auch zu gleicher Zeit, wie mich Jemand leiſe am Arme berührte— und wer glaubſt Du wohl, daß es geweſen ſei?“ „Nun, wahrſcheinlich Schlegel?“ „Weit gefehlt— es war ihr alter Haushofmeiſter, der uns damals in Köln ſo wunderbar gepflegt und der lächelnd, aber mit zwinkernden Augen zu mir ſagte: ‚Welch ſchönes Paar!— Und was man ein Paar nennt, wurden ſie bald hernach— es war ein ſtilles, aber vergnügtes Hochzeitsfeſt, zu dem auch Roderich mit ſeiner Frau von Florenz herüber kamen.“ „Das ſchrieb mir Rodenberg und eben ſo, daß ſie beim Be⸗ 306 Der Künſtlerhof von Granada. ginne des Frühlings Alle nach Spanien gehen würden— wo wir nun erwartet ſind,“ ſetzte er mit Stolz hinzu. „Auf denn, nach Valencia!“ rief jovial der alte Maler— „vor der Hand nach Marſeille und dort Erkundigungen eingezogen, ob morgen Abend ein Schiff nach Barcelona und Malaga fährt.“ Das war nun leider nicht der Fall, ſondern der Dampfer hatte ſeine Abfahrt um mehrere Tage verſchoben, weßhalb die beiden Freunde am anderen Morgen in ſehr verdrießlicher Stim⸗ mung auf dem Quai von La Joliette ſtanden und den ankommen⸗ den wie den abfahrenden Schiffen zuſchauten. „Wenn ich ein kleiner Millionär wäre,“ brummte Walter, „dann ließe ich mir für meine Perſon ſo ein Dampfſchiff ein⸗ ſpannen und führe allein davon.“ „Oder kaufteſt Dir eine kleine, elegante Dampfyacht, wie da draußen eine liegt— es iſt ein Engländer, man ſieht's an der Flagge; das Schiff hat geheizt und ſcheint bald in See gehen zu wollen.“* „Natürlich,“ knurrte der alte Maler,„die da reiſen und wir müſſen zurückbleiben— es iſt keine Gerechtigkeit in der Welt, denn ſonſt führen wir dort mit dem Schiffe und der langweilige Eng⸗ länder bliebe hier und hätte alsdann hinlängliche Muße, ſich Mar⸗ ſeille noch einige Tage anzuſchauen.“ „Da kommt ein Boot von der Dampfyacht,“ ſagte Raphael, „bemannt wie das Fahrzeug eines Kriegsſchiffes— wie ſauber die Matroſen ausſehen mit ihren breiten, umgelegten Hemdkragen und ihren ſchwarzen, lackirten Hüten; das Boot iſt größer, als man vermuthet, es führt acht Ruder.“ „Und kommt gerade auf uns zu, als wolle es uns zur Mit⸗ fahrt einladen; auch greift der rothnaſige Kerl im Hintergrunde an ſeinen Theerhut, als wolle er uns begrüßen— wer weiß,“ ſetzte Walter lächelnd hinzu,„ob ich nicht während der Nacht in irgend einen Mylord verwandelt worden bin, es hat mir nämlich was der Art geträumt.“ ͤ Der Künſtlerhof von Granada. „Für dieſes Mal nicht,“ erwiederte Rafael, ſich umwendend;„dort ſteigen die, denen der Gruß gilt, aus einem ſehr eleganten Wagen.“ „Wir wollen ihnen aus dem Wege gehen.“ „Du, Walter!“ „Was ſoll's, berühmter Schriftſteller?“ „Schau Dir'mal den Herrn genau an.“ „Welchen?“ „Nun, den, von dem ich eben ſprach, der ſich mit jener jungen Dame auf das Schiff zu begeben ſcheint.“ „Gott ſtehe uns in Gnaden bei!— wenn das nicht Lytton oder vielmehr Lord Warren iſt, ſo will ich ein Schwefelholz ſein!“ Hatte nun der Fremde den ziemlich lauten Ausruf des alten Malers vernommen oder zufällig hinübergeblickt, genug, er blieb ſtehen, eine lebhafte Röthe überflog ſein Geſicht, er wechſelte ein paar Worte mit ſeiner ſchönen Begleiterin und eilte dann raſch auf die beiden Freunde zu. „Walter, ſind Sie es in der That?“ „So lebendig, als möglich!“ „Wie ich mich darüber freue— und was machen Sie hier?“ „Ich bin mit meinem Begleiter Don Rafael, deſſen Sie ſich vielleicht noch erinnern, nach Granada gewünſcht und ſtehe hier ziemlich verdrießlich am Ufer, da das Schiff, welches heute ab⸗ dampfen ſollte, erſt in acht Tagen fährt.“ „Nun,“ rief Lord Warren,„da hat es doch auf dieſer Welt nie ein glücklicheres Zuſammentreffen gegeben: dort liegt unſere Dampfyacht und wartet nur auf uns, um nach Malaga abzugehen — alſo nach Hauſe geeilt, Gepäck geholt, wozu Sie den Wagen nehmen können, der mich hieher gebracht— mein Boot ſoll Sie hier erwarten, und wenn wir dann ſpäter auf dem Verdeck ſitzen und von der Vergangenheit plaudern, da wollen wir vergnügt ſein, wie lange nicht— o Margarethe,“ rief er der Lady Warren ent⸗ gegen,„da iſt unſer Freund Walter, und Herr Rafael, deſſen Du Dich gewiß noch erinnern wirſt!“ 308 Der Künſtlerhof von Granada. Und auf welch herzliche, liebenswürdige Art erinnerte ſich die ſchöne junge Frau der Bekannten ihres Mannes und ihres Vaters, ja, auf ſo gewinnende Art, daß, als nun die Beiden nach der ele⸗ ganten Equipage eilten, der kleine Rafael, welcher tief in Gedanken verſunken war, beſtändig über Dieſes oder Jenes ſtolperte, während Walter ſeltſame Grimaſſen ſchnitt. Eine Stunde darauf befanden ſie ſich auf dem Deck der kleinen Yacht, die den Namen Roderich führte, und dampften gen Süden. Es war das eine entzückende Fahrt bei prachtvollem Wetter und ruhiger See. Als die Nacht kam, koſtete es die Freunde Mühe, ſich zu trennen, und beim erſten Strahle der Morgenſonne waren ſie ſchon wieder auf dem Verdecke, um das ſtolze Barcelona mit dem die Stadt beherrſchenden Montjuy zu betrachten. Den dritten Tag in der Frühe erreichten ſie Malaga, von wo ſie auf buntgeſchirrten, kräftigen Maulthieren die Straße nach Loja einſchlugen, welche ſich ſtundenlang an jähen Felswänden hinaufwindet, ſchwindelerregend als Weg, prachtvoll aber durch die maleriſch zerklüfteten Felſen und den ſich immer vergrößernden Rückblick auf das unendliche Meer. Nachdem die Reiſenden in Loja übernachtet, näherten ſie ſich am Nachmittage des anderen Tages dem Ziele ihrer Reiſe. Doch ging die Sonne ſchon unter, als ſie ſich endlich Granada ſo weit genähert hatten, um die charakteriſtiſchen Einzelheiten der verwor⸗ renen Häuſermaſſen dieſer Stadt erkennen zu können. Der ſchlechte Weg, auf dem die Maulthiere bisher nur mühſam gegangen waren, verwandelte ſich in eine gut erhaltene Straße, von Baumreihen und Büſchen eingefaßt, zwiſchen denen hier und da auch ſchon einzelne Häuſer ſichtbar wurden— und welche Bäume, welche Büſche, welch maleriſche Häuſer! Wären unſere Freunde langſam durch Spanien nach dem Süden vorgedrungen, ſo hätten ſie ſich an Alles das nach und nach ge⸗ wöhnt; ſo aber erſchienen ihnen wie in einem Märchen mit einem Male die Wunder Andaluſiens hier in Granada, auf dem lieh⸗ ——— — 1 — Der Künſtlerhof von Granada. 309 lichſten Fleck der Erde, hier, wo die Vegetation des Südens und des Nordens wunderbar lieblich gemiſcht iſt, wo neben gewaltigen Eichen und Buchen Oleander und Lorbeer ſtehen, neben Granat⸗ büſchen mit den dunkelroth blühenden Blumen, duftender Flieder, über welchen hinaus faſt ſchwarze Cypreſſen hoch in die Luft empor⸗ ragen, und eben ſo ſind Frühling und Sommer in der Vega von Granada verſchmolzen: ſchwarzblauer Himmel, poetiſches Abendlicht, warme, koſende Malluft, ſo hell und ſo durchſichtig, daß die Seh⸗ kraft verdoppelt ſcheint und die Perſpective ſich in überraſchender, nie erlebter Wirkung darſtellt. Und dazu die ſchöne, altersgraue Stadt, deren Geſchichte ſo lebhaft vor unſer Gedächtniß tritt und wie ein wunderbares Märchen erſcheint, voll Kampf, Gedicht und Liebe.— Granada La Hermoſa mit ihren zahlloſen Thürmen und Kuppeln und den keck geſchnittenen Giebeln ihrer Häuſer, eingefaßt von einem Halbkreiſe blaugrüner Berge, welche ſich rechts nach den Schneegipfeln der Sierra Nevada hinaufziehen, während die Stadt ſelbſt an mehreren Stellen die ſteilen Abhänge hinanſteigt. „Dort liegt die Alhambra,“ rief Walter, wobei aus den Blicken des alten Malers eine außerordentliche Begeiſterung blitzte; „ich erkenne die Torres Vermejas an ihrer rothbraunen Farbe, ein Entzücken jedes Künſtlers— wie oft habe ich von ihnen geleſen, wie oft ſie in Zeichnungen geſehen und in meiner Phantaſie! Dort iſt auch der Torre de la Vela, von welchem herab der ſpaniſche Feldherr im Namen der Kronen von Caſtilien und Arragon von dem eroberten Granada Beſitz nahm.“ Lord Warren, der zu Fuße gegangen war, trat, als nun Alle wie auf Verabredung ſtill hielten, neben Margarethe, küßte ſchmei⸗ chelnd ihre Hand und verſtand die ſtumme Sprache ihres großen, glänzenden, feuchten Auges. Vom großen Dome herunter tönte jetzt feierlichen Klanges die Abendglocke, und als die Reiſenden nun weiter zogen, ſahen ſie, wie Alles mit jedem Schritte auf maleriſch eigenthümliche Art lebendig wurde, und hörten das dumpfe Gebrauſe der großen Stadt 310 Der Künſtlerhof von Granada. ſtärker und immer ſtärker an ihr Ohr tönen. Neugierige Mädchen⸗ geſichter ſchauen dort aus der Weinlaube über die Gartenmauer erſtaunt und freundlich auf die Fremden— aus jenem Kiosk klingt eine ſchöne Männerſtimme hervor, kaum hörbar von der Guitarre begleitet; dazu goldener Himmel gen Weſten, auf dem ſich der mächtige Schneekegel des Mulhacen geiſterhaft bleich abhebt, hier und da ſchon ein einſamer Stern in der Höhe, unten aber auf der Erde Geſang und Guitarrenklang, und ſo drang von allen Seiten der Odem eines warmen, poeſievollen Lebens auf die Reiſenden ein. Ohne ein Wort mit einander zu ſprechen, ſtaunend, ſinnend, entzückt, ritten ſie ſchweigſam bei dämmerndem Abend in die Stadt der Sagen und Wunder ein über die Vivarambla, durch die Calle del Darro, von dem die Straße ihren Namen hat, dann aufwärts dem Ufer des murmelnden Flüßleins entlang, geführt von einem der Maulthiertreiber, welcher nicht nur die Stadt genau kannte, ſondern auch das Landhaus vor dem Thore derſelben, wo ſie von den Freunden erwartet wurden. Endlich hatten ſie es erreicht: dort über der hellen Umfaſſungs⸗ mauer hoben ſich die Kronen mächtiger Bäume; dort war das weit geöffnete Eingangsthor des Gartens, dort ſank Margarethe mit einem lauten Ausrufe der Freude in die Arme ihres Vaters, dort breitete Rodenberg die Arme aus, um entzückt die Freunde ab⸗ wechſelnd an ſeine Bruſt zu drücken; dort ſtand auch Schlegel mit gerührtem Blicke, und daß dieſes Gefühl auch ſein Herz bewegte, bewies er dadurch, daß er bald die Rechte Walter's, bald die des kleinen Rafael ergriff und dieſelbe faſt übermäßig ſchüttelte. Dort waren auch Diener mit brennenden Fackeln, dort war der Haus⸗ hofmeiſter der ehemaligen Marcheſa de Monterey, der freundliche alte Mann mit ſeinem weißen Haar und dem gemüthlichen Lächeln, der nun ſeinen Leuten Anweiſung wegen der Maulthiere und des Gepäckes gab und dann den hochgeehrten Fremden voran dem Schloſſe entgegenſchritt. Sanft führte der Weg aufwärts an leuchtenden Blumenpar⸗ Der Künſtlerhof von Granada. 311 tieen vorbei, zwiſchen duftenden Büſchen dahin, unter mächtigen, leiſe rauſchenden Bäumen, an murmelndem Waſſer vorüber, das ſie hörten, ohne es zu ſehen, und mündete endlich in einen großen, halbkreisförmigen Raſenplatz, an deſſen Ende ſich das ſchloßähnliche Landhaus erhob. Hier machte ſich Margarethe ſanft von der Hand ihres Vaters los und flog den Weg hinan dem hell erleuchteten Portale zu, wo ſie im nächſten Augenblicke in den Armen der beiden Schweſtern ruhte, von ihnen zärtlich umarmt und geküßt, wie eine lang vermißte, innig geliebte Tochter; dann kam auch Mercedes und Don Joſe, und keiner von Allen war vor Rührung und Freude zu ſprechen im Stande, am wenigſten Margarethe, die entzückt um ſich her ſchaute, bald in die freudigen Augen ihrer Lieben, bald an den dunkeln Nachthimmel empor zu der feinen Mondſichel und den glänzenden Sternen, wobei ſie in Einem fort ausrief:„O, wie ſchön iſt es hier bei Euch, wie wunderbar ſchön und herrlich, und wie glücklich bin ich!“ 4 Dann kamen auch die Anderen nach und nach, und der Em⸗ pfang, der ihnen zu Theil wurde, war gerade ſo, wie er ſein ſollte: aufs herzlichſte, wie man ſeine Lieben empfängt, die man lange nicht geſehen und die von nun an bei uns bleiben wollen. Da war Lord Warren ſo über alle Beſchreibung glücklich, daß er gern irgend einen tollen Streich ausgeführt hätte, wozu er aber keine Veranlaſſung fand; da bemühte ſich Walter, ernſthaft und würdig, faſt trotzig auszuſehen, um die naſeweiſen Thränen zurückzudrängen, welche ſeine grauen Wimpern befeuchteten; da glaubte Rafael in Einem fort zu träumen, wobei er ſich vor einem unangenehmen Erwachen fürchtete. Da fuhr der alte Maler plötzlich zuſammen, als eine lange, dunkle Geſtalt auf ihn zutrat, ihm die Hand auf die Schulter legte und ihn mit den Worten anredete: ‚Pax tecum!— jubelte aber im nächſten Augenblicke laut auf, als er in der Capucinerkutte Knorx er⸗ 4 kannte, der ihm nun ſeine Hände entgegenſtreckte und ihn willkommen hieß mit ſo freundlichem Ausdrucke, als das ſein hageres Geſicht zuließ. 3 312 Der Künſtlerhof von Granada. Dann dauerte es noch eine Zeit lang, ehe wieder Ruhe ein⸗ gekehrt war in dem großen, prächtigen Gebäude, und war dies erſt dann der Fall, als alle in der weiten und hohen Halle beim Abend⸗ eſſen verſammelt waren; recht gemüthlich fanden es aber die Freunde erſt ſpäter, als ſie in einem kleinen, reizenden Zimmer Rodenberg's plaudernd und rauchend bei einander ſaßen: da wurde der ent⸗ fernten Freunde und Bekannten gedacht, überhaupt der Vergangen⸗ heit, und die Erinnerung an ſie wurde mächtig unterſtützt durch Bilder und Geräthſchaften: da war der Toledaner Roderich's und das Hüfthorn des wilden Jägers; da hing an der Wand das Bild, welches Olfers damals für Arthur gemalt: Juanita beim Künſtler⸗ feſte, und Murillo's prachtvolles Bild, welches Rodenberg in jener denkwürdigen Verſteigerung erſtanden. Der Mond war untergegangen, die Sterne erbleichten und die Blüthenbüſche vor dem offenen Fenſter ſtrömten berauſchender ihren Duft aus, als ſich die Freunde endlich trennten. Am Morgen war es Knorx, welcher Walter und Rafael um⸗ herführte und ihnen die prächtige Beſitzung zeigte, wobei er ihnen erklärte, das Schloß habe Juanita bauen laſſen, die mächtigen Bäume des Gartens aber ſtammten noch aus der Zeit der Mauren, wo hier einer jener fürſtlichen Paläſte geſtanden, mit denen ſämmt⸗ liche Höhen um Granada gekrönt waren;„auch iſt von dem da⸗ maligen Prachtbau noch ein ſchönes Stück erhalten und durch Schlegel wieder hergeſtellt worden,“ ſagte er;„dort glänzt es her⸗ vor zwiſchen den Lorbeerbüſchen und bietet ſchon von hier, über⸗ ragt von den ſchwarzen Cypreſſen, einen maleriſchen Anblick— dort ſind unſere Ateliers und dort iſt auch eines für Dich, Walter.“ Ehe ſie aber dort eintraten, hatte Walter noch die Freude, einen guten Bekannten begrüßen zu dürfen, den alten Gärtner Andreas, der ihnen mit einem Veilchenſtrauße in der Hand ent⸗ gegentrat und ihm nach den erſten Begrüßungen mit vor Ver⸗ gnügen ſtrahlendem Geſichte ſagte:„Erinnern Sie ſich noch, Herr Profeſſor, jener Tage, wo ich damals die Kiſten verpackt und wo Der Künſtlerhof von Granada. 313 Sie die Hoffnung ausſprachen, daß das Atelier unſeres guten Herrn wohl doch wieder im alten Glanze erſtehen würde? Nun, ich ſehe, Herr Knorx führt Sie dahin— ich ſage Ihnen, Sie werden ſtaunen und ſich freuen!“ „Aus Staunen und Freude komme ich hier ſchon gar nicht mehr hinaus,“ gab Walter heiter zur Antwort,„doch muß ich vor der Hand Alles über mich ergehen laſſen, wie ein ausgedorrtes Land den wohlthätigen Regen; erſt wenn ich einmal mit Luſt und Freude gehörig durchweicht bin, kann ich ſelbſt wieder mittheilſam werden, und dann ſuche ich Euch auf, Andreas, und erzähle Euch von da drüben.“ Er reichte dem alten Gärtner ſeine Rechte, und als dieſer ſie mit ſeinen beiden Händen ergriff und innig drückte, zuckte es ſelt⸗ ſam auf Walter's Geſichte; dann folgte er raſch dem vorange⸗ gangenen Freunde. Und welch prachtvolle Räume betraten ſie jetzt, ganz dazu ge⸗ eignet, der übermüthigſten Künſtlerphantaſie zu genügen: das Haus ſelbſt war ein mächtiges Viereck mit einem reizenden Hofe in der Mitte, deſſen rings umher laufender Gang aus hufeiſenförmigen, durchbrochenen Bogen beſtand, die von ſchlanken Marmorſäulen getragen wurden. In der Mitte des aus buntem Moſaik beſtehen⸗ den Fußbodens des Hofes befand ſich eine weiße Brunnenſchaale, aus der ein Waſſerſtrahl in die Höhe ſtieg, um mit einem ſanften Geplätſcher rings umher das Echo wach zu rufen; blühende Gra⸗ natbäume und duftende Orangen bildeten kleine Ruheplätze in den Ecken des Hofes, wo ſich niedere Tiſche und bequeme Stühle fanden, die dem Ganzen einen um ſo wohnlicheren Anſtrich gaben, als hier noch eine Menge Gegenſtände verrieth, daß der Hof häufig beſucht, ja, förmlich bewohnt wurde. Da ſtanden rieſenhafte Veilchen⸗ ſträuße in den bunten Vaſen, dort hing eine grellfarbige Manta über einem der Stühle, da lag ein breitkrämpiger Strohhut auf einem Skizzenbuche; hier befanden ſich Cigarren und lange Türken⸗ pfeifen, dort eine Laute auf dem prächtigen Tiſchteppiche, der in 314 Der Künſtlerhof von Granada. den lebhafteſten Farben und den wundervollen arabiſcheu Zeich⸗ nungen leuchtete. Knorx ſagte hier, als er mit großer Genugthuung das Stau⸗ nen der Freunde ſah:„Dies hier iſt im engeren Sinne der Künſt⸗ lerhof von Granada; Donna Juanita belegt freilich zuweilen ſcherzhaft unſere ganze Anſiedlung mit dieſem Namen, doch ſollte es eher heißen: Künſtler⸗Republik, denn von Allem, was zu einem Hofe gehört, findet Ihr hier keine Spur: wir kennen hier weder Neid noch Mißgunſt, Jeder freut ſich über das Glück und Wohl⸗ ergehen des Andern, Verleumdung iſt ein Begriff, der aus unſerem Wörterbuche geſtrichen iſt; ein Orden beſteht bei uns allerdings auch: der Granatblüth⸗Orden; Donna Conchitta hat ihn geſtiftet, und Jeder, der ſich deſſelben würdig glaubt, darf ihn ſich nehmen, aber noch hat Keiner davon Gebrauch gemacht, und ſo leben wir frei und glücklich, heute einfach und beſcheiden, morgen vornehm, faſt verſchwenderiſch, aber immer in wohlthuender, republikaniſcher Gleichheit, und deßhalb ſprach ich von einer Republik.“ „Falſch, falſch!“ rief der alte Maler mit ſtrahlenden Augen — pes iſt keine Republik! Wenn Du meine Bemerkungen auch für profan hältſt, ſo möchte ich doch Euer göttliches Zuſammenleben einen Prieſterſtaat nennen: Eure Gottheit, Euer beglückendes Sym⸗ bol iſt die hohe, heilige Kunſt, ſie hat Euer irdiſches Paradies hier erſchaffen, ſie, die ich einſtens erſtorben geglaubt und die nun in unvergleichlichem Glanze auch über mein armes, ſterbliches Haupt emporflammt— wir beten ſie an, Jeder auf ſeine Weiſe, und während unſere ſchönen Prieſterinnen ihren Altar mit Blumen bekränzen, wollen wir ihr dienen mit Pinſel, Griffel, Meißel und Feder— und wenn ich das nur eine Zeit lang in ſolch entzücken⸗ der Weiſe gethan, ſo möchte ich ſterben, denn ich habe den Höhe⸗ punkt meines Künſtlerlebens erreicht 16 „Du ſollſt aber leben, mein Freund, und noch lange glücklich leben!“ ſagte Knorx mit ſeiner ernſten Stimme—„hier iſt das Atelier.“ 4 Der Künſtlerhof von Granada. 315 „Prächtig!“ jubelte Walter. „Dort wird Rafael hauſen und die Chronik unſeres Künſtler⸗ hofes ſchreiben.* Der kleine Schriftſteller ſagte nichts, aber während er ſo mit gefalteten Händen dahinging, waren ſeine Blicke um ſo beredter. „Hier, Roderich's Atelier iſt der Mittelpunkt unſeres Künſtler⸗ lebens— nun, was ſagſt Du, Freund Walter? Glaubſt Du nicht, Du beträteſt wieder jenen Raum in der luſtigen Stadt Düſſeldorf, wo Roderich ſein ſchönes Bild gemalt?“ „Wahrhaftig, Knorx, ich bin wie ein altes Kameel, nachdem es zu viel Waſſer getrunken, denn die Tropfen rinnen mir unauf⸗ haltſam wieder heraus— das iſt ja wie Zauberei: hier iſt der Gobelin, unter dem wir eintraten, dort ſeine Staffelei, an der Wand ſeine Skizzen und Bilder, ſeine Waffen, ſeine Möbel, ſeine Geräthſchaften— drehe mich ein paarmal um mich ſelbſt herum, und ich werde darauf ſchwören, wir ſeien Alle um viele Jahre jünger geworden!“ „Das wohl nicht, aber anders, vielleicht beſſer,“ ſagte der Capuciner, wobei ſeine harten Geſichtszüge durch eine ruhige Milde förmlich verſchönert wurden—„ich wenigſtens fühle in meinem Herzen ſo etwas, und wenn Ihr eine Zeit lang hier unter dieſen guten und edlen Menſchen gelebt habt, bei dieſen herrlichen Künſt⸗ lernaturen, ſo werdet Ihr erfahren, welch ein himmliſcher Friede über Euch kommt— hier iſt Rodenberg's Atelier: an den Wänden ſiehſt Du die Originale ſeiner wunderbaren Zeichnungen, mit welchen er ſich in der unglaublich kurzen Zeit einen ſo großen Namen ge⸗ macht.— In dieſem Raume hauſe ich, und wenn Du Dir die Mühe geben willſt, meine angefangene Statue Moſes', die Tafeln des Geſetzes emporhebend, prüfend anzuſchauen, ſo wirſt Du mir ſagen, ob ich Fortſchritte gemacht habe.“ „Und welche Fortſchritte, mein lieber Knorx!“ rief der alte Maler freudig, nachdem er die Statue lange beſchaut—„Du biſt ein ganzer Kerl geworden!“ 316 Der Künſtlerhof von Granada. „Vieles davon mußt Du auch auf Rechnung des prächtigen Materials bringen,“ ſagte beſcheiden der lange Bildhauer;„es war das ein außerordentlich ſchöner Marmorblock.“ „Nein, nein, Du haſt ihn ausgezeichnet bearbeitet— ja, ja, mein lieber Freund,“ fuhr er nach einem längeren Stillſchweigen kopfnickend fort,„wenn ich an Roderich's neues Bild denke, das ich, kaum angefangen, auf ſeiner Staffelei ſah, oder an die Zeich⸗ nungen Rodenberg's, oder wenn ich Deine Statue betrachte, ſo ver⸗ geht mir der Muth, Bleiſtift oder Pinſel in die Hand zu nehmen — was meinſt Du, Rafael?“ 3„Ich möchte mich beinahe darüber freuen,“ ſagte der kleine Schriftſteller demüthig,„daß ich kein Künſtler geworden, ja, daß ich eigentlich ſo wenig bin, daß man an mich nur beſcheidene An⸗ forderungen ſtellen darf.“ „Und doch,“ rief der alte Maler mit leuchtenden Augen, „wollen wir nicht verzagen— laß es gut ſein, mein Junge, bei ſolchen Freunden, in ſolcher Umgebung muß man was Tüch⸗ tiges leiſten!“ Weiter ſchreitend, zeigts Knorx den Freunden noch ein paar ſtattliche leere Räume für Gäſte, und zuletzt warfen ſie noch einen Blick in Schlegel's Werkſtatt, wie er ſein Atelier zu nennen pflegte. Und bei dieſer Benennung hatte er nicht ganz Unrecht, denn hier ſchien Kunſt und Handwerk vereinigt zu ſein: da ſah man neben Bauplänen und Decorations⸗Entwürfen, welche die Wände bedeckten oder ſich halbfertig auf den Reißbrettern befanden, eine Hobel⸗ und eine Drehbank mit den dazu nöthigen Werkzeugen. Als ſie hierauf durch den Garten zurück nach dem Hauſe gingen, führte ſie Knorx auf die große Terraſſe vor demſelben, wo alle Uebrigen ſchon verſammelt waren: Olfers und Conchitta, Roden⸗ berg und Juanita, Lord Warren und Margarethe, ſowie Don Joſe und Mercedes, welch letztere es ſich trotz des Kopfſchüttelns des alten — Haushofmeiſters nicht hatte nehmen laſſen, heute Morgen die Sorge für den Frühſtückstiſch zu übernehmen. 4 Der Künſtlerhof von Granada. 317 Der lange Bildhauer hatte Walter und Rafael an die Brüſtung der Terraſſe geführt, und ohne zu ſprechen, deutete er durch eine Bewegung mit der Hand auf das Rundgemälde, welches ſich hier vor ihren Blicken aufthat. In dieſem Augenblicke trat Juanita, auf Rodenberg's Arm geſtützt, zu ihnen und ſagte mit heiterem, glückſeligen Lächeln: „Es iſt mein Hausrecht, das ich mir unter keiner Bedingung neh⸗ men laſſe, lieben Freunden die Ausſicht zu erklären!“ „Und wie ſie das verſteht!“ ſagte Rodenberg, ſie mit leuchten⸗ den Augen betrachtend—„gib Acht, Rafael, und ſuche jedes ihrer Worte im Gedächtniß zu behalten, Du wirſt das gut gebrauchen können für Deinen erſten, unſterblichen Artikel von hier.“ Sie lachte ein paar Augenblicke ſo heiter und glücklich zu Ar⸗ thur empor, als er auf dieſe Art mit ihr ſprach, dann aber wandte ſie ſich mit einem ernſten Geſichtsausdrucke zu den Freunden:„Wir befinden uns hier auf dem rechten Ufer des Nenil, der dort unten, verdeckt durch Lorbeer⸗ und Granatbüſche, durch das Thal fließt; vor uns iſt die Albaycin, die ehemalige Ritterſtadt Granada's, jetzt etwas verödet und verfallen, mit verwilderten Gärten und ruinenhaften Häuſern, aber maleriſch durch ihren Pflanzenwuchs, durch ihre hellgrünen, mächtigen Cactushecken, durch die Pracht ihrer Mantelbäume, durch ihre hochſtämmigen, ſchwarzgrünen Cypreſſen. Aber wir laſſen ſie hier unten liegen und er⸗ heben unſern Blick zur Alhambra, ein Wort, das in ſeinem Be⸗ griffe mich immer tief bewegt, denn ich kann es nicht ausſprechen, ohne dabei jene wundervollen, phantaſtiſchen Räume vor mir zu ſehen, die Höfe mit den murmelnden Springbrunnen, Alles das angefüllt mit dem prachtvollen Leben jener glänzenden Zeit; ich kann es nicht ausſprechen, ohne vor mir zu ſehen die Blüthe ſpaniſcher und mauriſcher Ritterſchaft, kämpfend um jeden Zoll breit dieſes blutgetränkten Bodens, glücklich als Sieger, ja, ſelbſt noch glücklich als Beſiegte mit dem Gefühle, wenigſtens Hackländer's Werke. 56. Bd. 21 Der Künſtlerhof von Granada. hier in dieſem irdiſchen Paradieſe ſterben zu dürfen. Dort liegt ſie vor uns mit ihren mächtigen, röthlichen Thürmen, von denen ſie ihren Namen hat, eingeſchloſſen durch halbverfallene Mauern, ein wunderbares Chaos von Gärten und Parkanlagen, Feſtungswerken, Trümmern von Paläſten, beſcheidenen Privathäuſern und armſeligen Hütten; nur wenige ihrer Thürme ſtehen noch auf⸗ recht da und die anderen ſind in ihren Trümmern noch ſchön und maleriſch, bedeckt mit freundlichem Grün, mit Feigenbäumen und Aloe, umklammert von Rebgewinde. So liegt die Alhambra vor unſern Augen wie eine rauhe Schale, die aber wunderbar Schönes in ihrem Innern verbirgt— wir werden Alles das ſehen, die Höfe und die Gemächer in fabelhaft mauriſcher Pracht, die Fiſch⸗ teiche mit Blumen umgeben, den Löwenhof mit ſeinem berühmten Brunnen und ſeinen leichten mauriſchen Arcaden. Und dann der köſtliche Mittelpunkt des Ganzen, der Garten der Lindaraja, im Herzen des Baues, mit ſeinen Roſen⸗ und Citronenbüſchen, wie ein Smaragd in goldener Einfaſſung. Rechts von der Alhambra liegt die Stadt, liegt Granada, ehrwürdig und doch jugendfriſch, durch⸗ flochten von friſchem Grün, durchrauſcht von kryſtallhellem Waſſer. Nach jener Seite hin erheben ſich in weiter Ferne die kahlen, ver⸗ brannten Felſenſtirnen der Sierra Elvira, eine prächtige Abwechs⸗ lung gegenüber den üppigen Reizen der Vega von Granada, welche ſich bis zum Fuße der Gebirge vor unſern Augen ausbreitet, jener blühenden Wildniß von Bäumen und Gärten und fruchtbaren Obſt⸗ wäldern, durch welche ſich der Kenil in ſilberner Schlangenlinie windet, ſein Waſſer rechts und links den alten mauriſchen Canälen mittheilt und ſie ſo in beſtändiges Grün kleidet; dort ſind die Gärten mit murmelndem Waſſer, die ſchattigen Laub⸗ und Bogen⸗ gänge, die kleinen, reizenden Wohnungen, für welche die Mauren mit ſolch verzweifelter Tapferkeit fochten— ſieht man doch heute noch an den Prachthäuſern und Hütten, welche nun von den Bauern bewohnt werden, die Spuren von Arabesken und anderen prächtigen Verzierungen, die uns erzählen, daß dieſe alten Mauern ſchönere Der Künſtlerhof von Granada. Tage geſehen und zur Zeit der Araber zierliche Wohnungen geweſen ſind!— Dort rechts am Ende der Bergſtadt ſehen wir einen allein⸗ ſtehenden, eigenthümlich geformten Bergkegel: der letzte Seufzer des Mauren, von wo herab König Boabdil einen letzten Blick auf ſein verlorenes Paradies warf.“ „Wunderbar, unvergleichlich ſchön— in der That ein Paradies auf Erden!“ „Nun wenden wir nochmals den Blick aufwärts über die Al⸗ hambra hinweg nach jenem Bergabhange, wo zwiſchen Baumgruppen und Weinlauben kleine, weiße Pavillons hervorglänzen, und deſſen Höhe gekrönt iſt mit jenem luftigen Palaſte, der ſich mit ſeinen ſchlanken, weißen Thürmen, ſeinen langen Arcaden und Säulen⸗ gängen von hier wie feine Elfenbeinſchnitzerei ausnimmt: es iſt die Neneralifa, der Sommerpalaſt der mauriſchen Könige, und hoch über ſeinen zahlreichen, dunkeln Cypreſſen, hoch über den tiefgrünen, üppigen Laubmaſſen, welche das kleine Schloß in einem friſchen Kranze umgeben, thront oben am dunkelblauen Himmel der Mul⸗ hacen mit ſeinen Schneemaſſen, die höchſte Spitze der Sierra Nevada, der Stolz und die Freude Granada's, die Quelle ſeiner erfriſchen⸗ den Winde, ſeines ewigen Grüns, ſeiner unerſchöpflichen Brunnen, ſeiner ſtrömenden Bäche. „Noch heute wollen wir zur Neneralifa hinaufreiten, nicht wahr, Arthur, um das kleine Zauberſchloß den Freunden in der Nähe zu zeigen?“ bat das ſchöne junge Weib in ſchmeichelndem Tone. „Gewiß, Juanita, wenn es Dir Freude macht,“ erwiederte Rodenberg und ſetzte lächelnd, gegen Walter gewandt, hinzu:„Es iſt einer ihrer Lieblingsplätze, es zieht ſie, wie faſt alle Frauen, mächtig dorthin, und wenn ſie droben ruht am Fuße jener tauſend⸗ jährigen Cypreſſe, wo die ſchöne Königin den kühnen, ritterlichen Mauren ſah, da fühlt ſie inniges Mitleid mit den unglücklich Lie⸗ benden, und in ihrem Herzen erklingen alle die wunderbaren Sagen von dem Glücke und dem blutigen Ende des Abencerragen.“ „Ja, ja,“ ſagte Juanita, ſinnend in das Auge Arthur's blickend, —x —— 320 Der Künſtlerhof von Granada. „aber auch Anderes erklingt in mir, wenn ich da oben ſitze an dem erfriſchenden Waſſer unter der Lorbeerhalle, wenn es um mich her ſprudelt, ſchäumt, leuchtet und ſchimmert, klingt und duftet, dann denke ich, wie glücklich ich ſelbſt geworden bin, wie ſelig in Deiner Liebe, mein Arthur!“ „Ja, glücklich geworden und Andere glücklich gemacht,“ ſprach Roderich, der mit Conchitta leiſe näher getreten war—„wie hat ſich für uns Alles ſo unausſprechlich und ſo unerwartet ſchön gefügt: vereinigt in Glück und Liebe, umgeben von theuren Freunden, nur der Kunſt leben zu können, ohne jede beengende Schranke!“ „Ein wahrer Künſtlerhof!“ rief Walter laut, mit überſtrömen⸗ dem Gefühle.—— Und hier wollen wir Abſchied nehmen von Granada, von jenen Glücklichen, die wir für eine Zeit lang begleitet haben auf ihrer wechſelvollen Lebensbahn, und ich auch für dieſes Mal von Dir, geneigter und vielgeliebter Leſer, wobei ich Dir wohl anvertrauen darf, daß das Glück der Freunde ein dauerndes iſt und daß der Künſtlerhof, wie ich ihn Dir geſchildert, heute noch beſteht. Sollteſt Du je nach Granada kommen, ſo ſuche ihn auf: er heißt im gewöhnlichen Leben Villa de Monterey, und Du wirſt ſicher ſein, an jenem Hofe eine freundliche Aufnahme zu finden, auch wenn Du keine Ahnen nachzuweiſen haſt, auch wenn Deine Bruſt nicht geſchmückt iſt mit unverdienten oder verdienten Orden— auch brauchſt Du nicht demüthig um die Protection eines Ober⸗ Hofmeiſters oder um die oft noch wichtigere einer erſten Kammer⸗ frau nachzuſuchen. Du mußt nur beweiſen, daß Du die Kunſt liebſt und die Künſtler verehrſt, vor allen Dingen aber die Ver⸗ ſicherung geben, daß Du meine freilich etwas lange, aber wahre Geſchichte weder zu lang, noch zu langweilig gefunden. ———= ſſſſſſſſſiſſſmſnnnnnſſſſſſſnnſſſſſſſſſſſnſſ nnniiiſſe 11 12 14 15 16 17 18