*——— 3 Leiybiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen 2. Lesepreis. Bei Müagebe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. ünbekannte Verſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinter rlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 9 hennement Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und de äcgchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: uf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3. Answärtige Zbonnenten„545 fü r Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ruseihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gen ngacht, daß das Weſterrerleihen 4 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, we lche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— J. W. Hackländer's Werke. Erſte Geſammt⸗Ausgabe. — — —— b Fünfundfünfzigſter Band. Stuttgart. Verlag von A. Kröner. 1873. Druck von Gebrüder Mäntler in Stuttgart. Vierter Band. —————— — —2= XXXIII. „Allen wohl und Niemand weh!“ Während ſich Jeder, der zu den Carnevalstagen nach Köln gekommen oder in der altehrwürdigen Stadt einheimiſch war, in der Zeit zwiſchen dem Weiber⸗Carneval und dem Faſchings⸗Sonn⸗ tage mit ſeinen eigenen Intereſſen beſchäftigte, ohne dabei die Be⸗ drängniß des Vaterlandes aus den Augen zu verlieren, hatte der Kleine Rath und die Regentſchaft, um den Muth der belagerten Bürger zu heben und das Volk durch einige außergewöhnliche Ereig⸗ niſſe zu zerſtreuen, ihr Möglichſtes gethan und auch zu dieſem Zwecke nochmals die dringendſte Aufforderung erlaſſen, es möchten doch einige patriotiſche Spione die außerordentliche Gewogenheit haben, ſich zu allgemeiner Zerſtreuung und Heiterkeit einfangen und aufhängen zu laſſen, zu welchem Zwecke ein ganz neuer und reich verzierter Galgen bei„Neu⸗Zintervilgen“ errichtet werden ſollte— umſonſt. Trotz aller Aufopferungsluſt und allem Heldenmuthe fand ſich doch Nie⸗ mand, welcher dem Kleinen Rathe in dieſer Bedrängniß durch ſich ſelbſt hätte auf dieſe Art zu Hülfe kommen mögen, und der Regent⸗ ſchaft wäre doch irgend ein unvorhergeſehenes Ereigniß zur Auf⸗ heiterung des Volkes und als Hoffnungspfand für die kommenden Tage gar zu erwünſcht geweſen. So ſaß dieſelbe denn am Samſtage vor Carneval in der Dämmerung des Abends betrübt um den leeren Thronſeſſel herum, Dreiunddreißigſtes Kapitel. und es war nicht einmal der ſüß duftende Scharlachberger und der gewichtige Rüdesheimer oder das liebliche Moſelblümchen im Stande, von der Stirn die ſorgenvollen Falten zu verjagen, als der Com⸗ mandant der Funkenwache in den Sitzungsſaal trat und mit freu⸗ dig erregter Miene die Meldung machte, von Deutz herüber ziehe das wirkliche und wahrhaftige wilde Heer, den Rodenſteiner an der Spitze, der Stadt zu Hülfe gegen Neidhart und Iſegrimm. Und ſo war es in der That. Ein Theil der erfreuten Regent⸗ ſchaft warf ſich in die bereitſtehende Staatscaroſſe des Helden Carne⸗ val und gelangte, umfluthet von einer ungeheuren Menſchenmenge, bis zur Friedrich⸗Wilhelms⸗Straße, während die andere Hälfte des Kleinen Rathes im Sitzungsſaale zurückblieb, um dort die tapfern Odenwälder mit gebührendem Danke zu empfangen. Von Deutz herüber erſchallten indeſſen die brauſenden Klänge einer wilden, aufregenden Jägermuſik, und aus dem geräumigen Garten des Marienbildchens heraus betrat eine von unzähligen Fackeln begleitete phantaſtiſche Schaar die knarrenden Bretter der langen Schiffbrücke, umjubelt von der Volksmenge, welche dieſe eben ſo unerwartete als ſchöne nächtliche Scene mit Erſtaunen und Neu⸗ gier verfolgte. 4 Die Spitze bildete die Muſikbande einer zahlreichen Schaar reitender Jäger, denen kräftige Geſtalten mit wilden, trotzigen Ge⸗ ſichtern in der gleichen Tracht zu Fuße folgten, die Armbruſt auf der Schulter oder den Jagdſpieß und den Hirſchfänger in den Hähnden. Eine zahlreiche, kläffende Meute wurde von Troßbuben geführt, und hinter dieſen kamen phantaſtiſche Figuren, fabelhafte wilde Männer, Thierfelle auf den Schultern, Kränze von Eichen⸗ laub in die zottigen Haare gedrückt und mit lang herabwallenden Bärten; ſie trugen rieſige Keulen in den Fäuſten oder lange Aexte auf den Schultern und ſchienen die unmittelbaren Vorläufer des Rodenſteiners ſelbſt zu ſein, welcher ihnen nun auf einem großen, unruhigen, in den Zügel knirſchenden Rappen folgte. Faſt unheim⸗ lich erſchien dieſe beinahe ganz verhüllte Geſtalt des wilden Jägers. Allen wohl und Niemand weh! 9 Ein weißer Mantel umfloß ihn von den Schultern bis zur Spitze der mächtigen Sporen, und unter dem herabgekrämpten Hute mit der ſchwarzen Feder bemerkte man nur zuweilen das Blitzen ſeines Auges. Ein auserleſerner Trupp von Jägern war ſein Geleite; reich und geſchmackvoll coſtumirte Geſtalten, den Jagdſpieß in der Hand, das Hüfthorn an der Seite, denen ſich eine Schaar ſeltſam aus⸗ ſehender Weſen anſchloß, in langen, grauen Gewändern, den Leib mit einem Stricke oder einer Kette gegürtet, auf dem Kopfe weit vorfallende Capuzen, die an der linken Seite mit einer blutrothen Hahnenfeder verziert waren. Es war, als bildeten dieſe den Ueber⸗ gang von der wilden, kräftig⸗trotzigen Geſchichte des Rodenſteiners zum düſtern, unheimlichen Ende der Sage. Denn dieſen ſchweig⸗ ſamen, langſam reitenden Phantomen folgten kleine, verwachſene, unheimlich anzuſehende Kobolde und Zwerge, hinter denen nun mit Einem Male die überraſchte, ja, erſchrockene Volksmenge den Teufel in Begleitung des Todes erſcheinen ſah— ſo die wilde Jagd würdig beſchließend. Beſonders war es der Tod, der auf die gaffende, ſcheu zurückweichende Menge einen ſo außerordentlichen Eindruck machte; er ritt einen magern Falben, und ein langer, zerfetzter, grauer Mantel ließ nur hier und da die ſchreckliche Knochen⸗ geſtalt durchſchimmern. Dabei ſaß er müde und verdrießlich im Sattel, auf der Schulter einen langen Spieß, welcher unterhalb der Spitze ſtatt bunter Farben einen Trauerflor zeigte; um die magere, weiße Stirn trug der Tod ſtatt jeder anderen Kopfbedeckung, als grellen Contraſt, einen Kranz von Eichenlaub— er, der Be⸗ ſieger des trotzigen wilden Jägers. Einen unbeſchreiblichen Anblick gewährte der Zug, als er ſich auf der langen Rheinbrücke befand: zahlloſe Fackeln und farbige Laternen, in den Händen von Jägern und zur Jagd gehörigen Treibern, umringten auf beiden Seiten die wilde Jagd, beleuch⸗ teten auf's eigenthümlichſte und lebendigſte den Rodenſteiner und ſein Gefolge und ſpiegelten ſich feenhaft in dem ruhig dahinfließen⸗ den Strome, deſſen dunkles Waſſer bis weit hinaus blibartig und Haclländer's Werke. 55. Bd. 10 Dreiunddreißigſtes Kapitel. mit zitterndem Lichte beſtrahlt wurde. Es war überhaupt etwas Seltſames und Eigenthümliches in dieſem ganzen Aufzuge, von dem Niemand noch kurz vorher eine Ahnung hatte und der gerade ſo plötzlich erſchien, als habe ihn der Nachtwind vom Odenwalde hergeweht. Auch ſonſt geſchah hierbei noch allerlei Seltſames und Unerklärliches; denn als der Zug das linke Stromufer er⸗ reicht hatte, blieb die vorausreitende Muſikbande einen Augenblick in der Friedrich⸗Wilhelms⸗Straße ſtehen, worauf der wilde Jäger ſeinen Rappen anhielt, allein links abbog und, von Hunderten neu⸗ gieriger Blicke gefolgt, an einen verſchloſſenen Wagen ritt, der un⸗ ter den Fenſtern des großen Rheinbergs hielt. Dort beugte er ſich zum Schlage hinab, ſprach flüſternd ein paar Worte, und die Tra⸗ dition aus dem Munde der Zunächſtſtehenden fügte hinzu, er habe eine kleine Hand, die aus dem Wagen zum Vorſchein gekommen, ehr⸗ furchtsvoll an ſeine Lippen gedrückt. Dann wandte er ſein Pferd wieder um und folgte dem Muſikkorps und den Vorausſchreitenden. Trotz der breiten Straße bis zum Heumarkte konnte die dicht zuſammengedrängte Zuſchauermaſſe kaum Platz laſſen für den Zug des wilden Heeres, ſo ſehr hatte ſich hier Alles zuſammengedrängt, und noch immer ſtrömten aus allen Theilen der Stadt Hunderte und Hunderte von Neugierigen herbei und verengten die an ſich ſchon ſchmalen Straßen. Der ganze Zug hatte aber auch etwas wirklich Außerordentliches und ſetzte durch ſeine gelungene maleriſche Zuſammenſtellung alle Welt in das höchſte Erſtaunen.— Auch Nacht und Fackelbeleuchtung thaten das Ihrige, um das Intereſſe zu vergrößern, um die ſeltſamen Geſtalten noch unheimlicher er⸗ ſcheinen zu laſſen und die Großartigkeit des Zuges zu erhöhen. Wie ernſt und feierlich, ſo ganz ihrem Charakter gemäß zogen die wilden Geſellen des Rodenſteiners einher, ohne rechts und links zu ſchauen, nur mit ſich ſelbſt beſchäftigt— und eben ſo der wilde Jäger, der in ſeinem weißen Mantel aufrecht, ohne Bewegung, wie eine Geiſtererſcheinung auf ſeinem Rappen ſaß, die Rechte mit der gewaltigen Hetzpeitſche regunglos auf den Schenkel geſtützt. 54 4 1 1.. Allen wohl und Niemand weh! 11 Der Teufel allein hatte ſeinem Charakter gemäß etwas Leben⸗ digeres, ja, Freundliches, Zuthuliches, indem er zuweilen ſein Pferd gegen einen Haufen Weiber lenkte, die von der Zuſchauermaſſe vor⸗ geſchoben waren, oder indem er hier und da hinauf an die Fenſter blinzelte, wo ſich hübſche Mädchenköpfe ſehen ließen. Schauerlich war dagegen der Tod anzuſehen mit einer gleich⸗ gültigen Ruhe in ſeiner zuſammengeſunkenen Haltung, und es machte in der That eine furchtbare Wirkung, wenn er zuweilen ſein Haupt erhob und mit dem bleichen Geſichte um ſich ſchaute— vor dem Geſichte und vor dem Blicke wichen die Zuſchauer förmlich zurück. Langſam ging der Zug hinauf durch die nun überall mit „Menſchen vollgepfropften Straßen bis zum Domhofe vor den Palaſt der Regentſchaft und der Carnevals⸗General⸗Verſammlung, wo ein Reiter aus dem Gefolge abſtieg und eine Depeſche des wilden Jägers abgab, worin derſelbe ſeine Hülfe zuſagte bei Vertheidigung der Luſt und Freude und bei Verjagung des Neides und des Griesgrams; dann ging's weiter nach der Marzellenſtraße und dem Eigelſtein, umringt und gefolgt von gewaltigen Zuſchauermaſſen, bis zum Thore der letzt⸗ genannten Straße, durch welches die wilde Jagd wieder ins Freie zog. Hier aber wandte ſich der Tod langſam um gegen die nach⸗ ſtrömende Menge, die vor ihm erſchrocken zurückwich, und es war faſt wie Zauberei anzuſehen, als nun die Fackeln und Lichter draußen mit Einem Male erloſchen und ſich der geſpenſtiſche Zug, jetzt lauter ſchattenhafte Geſtalten, in der dunkeln Nacht verlor und die Er⸗ ſcheinung des Todes im langſamſten Schritte folgte. Wenn auch der größte Theil der wilden Jagd hierauf vielleicht durch die Lüfte nach dem Odenwalde zurückkehrte, ſo müſſen wir doch, um bei der Wahrheit ſtehen zu bleiben, weiter berichten, daß der Rodenſteiner ſelbſt mit einigen ſeiner Geſellen kaum eine Stunde ſpäter, wenn auch in anderer Tracht, wieder unter den Lebenden erſchien, und zwar in dem uns wohlbekannten Salon des Hauſes Rheingaſſe 54, wo er ſchon längſt erwartet und mit großer Freude begrüßt wurde. ——, 12 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Die ſchöne Stellvertreterin der gaſtlichen Hauswirthin hatte ſämmtliche Freunde zu einem Souper eingeladen, und hier wurden ihr auch nicht nur van der Maaßen und Knorx vorgeſtellt, ſondern auch Bergmüller, deſſen Emancipation ſich ſogar bis zur Verwirk⸗ lichung der kühnen Idee, den Maskenzug mitzumachen, ausgedehnt hatte. Er war es geweſen, welcher am Domhofe die Depeſche des wilden Jägers überbracht. Juanita war entzückt, ſowohl über die Zuſammenſtellung des Zuges, als über die Coſtumirung der Einzelnen. „Worin wir für Montag dadurch eine Steigerung hervor⸗ bringen,“ ſagte Rodenberg,„daß die wilde Jagd alsdann ihren finſtern, nächtlichen Charakter verlieren und erſcheinen muß, als habe der Wild⸗ und Rheingraf ſo eben ins Horn geſtoßen und zöge mit den Geſellen zur luſtigen Jagd— wir bringen dieſe Wirkung hervor durch kleine Aenderungen in den Trachten, durch Laubzweige auf den Hüten der Jäger, durch Hörnerklang und luſtiges Bellen der Rüden.“ 3 „Vor allen Dingen aber muß der Tod ſeinen fürchterlichen Charakter von heute Abend mäßigen,“ bemerkte van der Maaßen, „denn auf mot d'honneur, es wurde mir ein paar Mal ſelbſt gruſelig neben ihm!“ „Was man thut, ſoll man recht thun,“ verſetzte der lange Bildhauer mit ſeiner dumpfen Stimme—„ich glaube, daß ich als nächtlicher Tod, als ſchleichender Würger meine Rolle nicht ganz ſchlecht geſpielt habe!“ „Vortrefflich,“ rief Juanita,„obgleich mich bei Ihrem Anblicke ein eigenthümliches Grauen überfiel! Ich glaube, es ging allen Zu⸗ ſchauern ſo— nicht wahr, Herr Walter?“ „Gewiß, mein gnädiges Fräulein,“ antwortete der alte Maler, indem er ſich bemühte, ſeinem ruhigen Tone einen Anſtrich von Freundlichkeit zu geben, denn er war entzückt von der Güte und der Liebenswürdigkeit der ſchönen jungen Dame—„ich ſchaute zu, im dickſten Haufen ſtehend, und der unheimliche Geſelle übte auf M Allen wohl und Niemand weh! mich die gleiche Wirkung, wie auf alle Anderen.— Apropos,“ wandte er ſich lächelnd an Rodenberg, ich vernahm bei dieſer Ge⸗ legenheit hinter mir Worte, welche mich die Sprecher ſogleich er⸗ rathen ließen; eine Stimme fand den Zug eben ſo überraſchend als ſuperbe und magnifique, was eine andere Stimme mit dem Aus⸗ drucke: eräuberhaft, trichinenhaft!⸗ beſtätigte.“ „Das iſt herrlich,“ rief Juanita freudig, indem ſie in ihre Hände ſchlug,„ſo wird mir der Prinz zugeſtehen müſſen, daß ich meine Wette gewonnen habe!“ Sollte ſich einer der geneigten Leſer ganz beſonders für das nun folgende Souper intereſſiren, ſo bin ich gern bereit, ihm nach⸗ träglich das Menu deſſelben zu überſenden, will aber hier, um den Gang unſerer wahrhaftigen Geſchichte nicht unnöthig aufzuhalten, nur noch beifügen, daß es vortrefflich war und zur vollſten Zu⸗ friedenheit aller Betheiligten verlief; vorzüglich war Walter über daſſelbe, beſonders über den ausgezeichneten, frappirten Ch. und vor Allem über die Geſellſchaft echter Künſtler, in der er ſich befunden, ſo in Extaſe gerathen, daß er, im gemeinſchaftlichen Schlafzimmer angekommen, Rodenberg eine große Rede hielt, worin er allerdings ſeine ſchon oft ausgeſprochene Bemerkung über den Tod der deutſchen Kunſt wiederholte, jedoch zu gleicher Zeit die tröſtliche Ahnung ausſprach, daß eine Wiedergeburt derſelben nicht unmöglich ſei. So war denn der Carnevals⸗Sonntag herangekommen, und im Verlaufe dieſes erſten Feſttages fand eine der reichſten Kap⸗ penfahrten Statt, welche Köln je geſehen. Hunderte von offenen Wagen jeder Art mit zahlreichen Muſikbanden, alle beſetzt mit luſtigen Gecken, welche die bunte Schellenkappe auf dem Kopfe trugen, durchzogen die Hauptſtraßen und begaben ſich alsdann durch das Severinsthor nach dem„Todten Juden“, bei der ſüdlichen Barrière, um den dort erſcheinenden Vortrab der verbündeten Heere bange wartende feren Hülfsarmee, vom ampagner feierlichſt zu empfangen und in die bedrängte, Stadt zu führen. Dieſer Vortrab der tap 14 Dreiunddreißigſtes Kapitel. warmen Süden kommend, war mit allen Vertheidigungsmitteln eines Faſchingskrieges verſehen und brannte vor Begierde, dem von Griesgram bedrängten Norden zu Hülfe zu eilen. Für heute wurde allerdings nur zwiſchen den Ankommenden und denen, die ſie mit begeiſtertem Beifalle empfingen, aufs gründlichſte fraterniſirt, und das einzige Blut, das heute überhaupt floß, war Blut der Trauben, welches indeſſen in Erwartung des morgenden heißen Schlachttages durchaus nicht geſpart wurde. Der Zug des verbündeten Vor⸗ trabs beſtand aus luſtigen Courieren verſchiedener Abſtammung: Dülkener, Clever, Gascogner, Abderiten, Cochemer, Schwaben wech⸗ ſelten in bunter Miſchung, wetteifernd unter ſich und mit den Pferden im Laufe der Sehnſucht, um das Gebiet der Stadt zu betreten, wo Tauſende von Zungen nach ihnen fragen, ſogar die des Gabbek auf dem Rathhausthurme, der ſchon verſchiedene Male wie ſehnſüchtig den Rachen geöffnet, Tauſende von Flaſchen ſie er⸗ warten. Die Couriere umgaben einen Zug, gebildet aus einem vierſpännigen Wagen, worin ſich die hohen Abgeordneten von Venedig und Rom beſinden, zwei dreiſpännigen mit den Bundes⸗ genoſſen von Cleve, Dülken, ſowie von Schwaben und der Gas⸗ cogne, einem zweiſpännigen, welcher die Freunde von Abdera Przlautſch umſchließt, und einem Rüſtwagen, mit allen Attributen der Freude und Narrheit beladen. Unter anhaltendem Volksjubel und ſchmetternder Muſik zogen nun die lebensfrohen Verbündeten, begleitet von zahlloſen Zuſchauer⸗ maſſen, über die Severinſtraße, den Waidmarkt, die Hochpforte unter Pfannenſchläger und Hochſtraße triumphirend ein, mit herz⸗ lichem Zuruf von ſchönen Lippen begrüßt, ſowie durch das Wehen der Taſchentücher in den Händen Tauſender lieblicher Mädchen⸗ geſichter, mit denen alle Fenſter vom Erdgeſchoſſe bis zum Dach⸗ ſtocke beſetzt waren. Nachdem ſie den gefährlichen Engpaß an den Vier Winden glücklich hinter ſich hatten und ſich hier dem vom Feinde beſetzten nördlichen Stadttheile näherten, ſchlugen die tapfern Verbündeten ihr Hauptquartier im Kaiſerlichen Hofe auf und trafen Allen wohl und Niemand weh! 15 durch Ausſtellung von Wachen, ſowie durch Schleichpatrouillen in alle bekannten Wirthshäuſer der Umgegend jene militäriſchea Vorſichtsmaßregeln, welche in der Nähe eines ſo ſtarken und gefähr⸗ lichen Feindes niemals außer Acht gelaſſen werden ſollten. Durch den glückverheißenden Einzug des Vortrabs der Hülfs⸗ truppen hatte ſich denn auch die Stimmung der bedrängten Bürger⸗ ſchaft beträchtlich gehoben, und man ſah dies am deutlichſten in der letzten General⸗Verſammlung aller Carnevalsfreunde, deren Sitzungen heute, mit dem Faſchings⸗Sonntage, ihr Ende erreichten. Und der Montag kam— der Carnevals⸗Montag— der Roſen⸗ Montag; ein Name, nicht abzuleiten von Roſe, der duftigen Blume, ſondern von dem altdeutſchen Raſen, was hier, in Verbindung mit dem Namen des Wochentages, deutlich den Charakter deſſelben anzeigt. Wenn auch unſere Freunde nicht wie damals, als es galt, ſich zu dem Künſtlerfeſte vorzubereiten, ſchon um fünf Uhr Morgens in bangender Sorge nach dem Wetter ausſchauten, ſo war es doch noch eine recht frühe Tageszeit, als dieſelben durch den heute ſehr aufgeregten, unruhigen Rüding vom Lager getrieben wurden, und wo diejenigen unter ihnen, welche ans Fenſter traten, zu ihrer großen Freude bemerkten, daß das Wetter ſo günſtig als nur immer möglich ſei. Der vollkommen klare Himmel mochte wohl ſchuld daran ſein, daß es ein wenig gefroren war; doch war dieſer Froſt ſo gering, daß er ſich nicht einmal halten konnte vor den erſten Strahlen der Morgenſonne und daß er jetzt ſchon, zu dicken Thränen ſchmelzend, von den Dächern herabtropfte, um es der Erde wieder zu verkündigen, wie ſich das übermüthige Geſtirn da oben ſogar während der Monate, die doch der Herrſchaft ſeines Vaters, des Winters, eingeräumt ſeien, ſo höchſt anmaßende Ein⸗ griffe erlaube. Walter allein dehnte ſich noch gähnend auf ſeinem Lager und brummte über das lächerliche Geſcheuche des ſanften Eduard, dem, wie er murrte, die Zeit noch früh genug herbeikomme, wo er ſich zu Pferde ſetzen und blamiren werde. 16 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Rüding fuhr bei dieſer Rede zornig herum, und es würde wahrſcheinlich ein kleines Wortgefecht gegeben haben, wenn Roden⸗ berg nicht in nachdrücklichen Worten zur Ruhe gemahnt hätte. „Laßt doch endlich einmal dieſe ewigen Neckereien,“ ſagte er, indem er ſich nicht ohne Abſicht mit einem bezeichnenden Blicke gegen Walter wandte;„ich bin feſt überzeugt, daß Rüding ſich ſo vortrefflich ausnehmen wird, wie jeder Andere, und ſchaut um Euch — iſt hier nicht Alles wie durch Zauberei für uns auf's vortreff⸗ lichſte eingerichtet? Braucht von Euch wohl Einer zu fragen: wo ſind meine Stiefel— wo iſt mein Collet— wo meine Waffen? Hier iſt Alles geordnet, als wenn Jeder von Euch ſeinen eigenen Kammerdiener hätte— habe ich nicht Recht?“ „So iſt's, mein Feldherr,“ gab Knorx zur Antwort, der gerade in ſeinem Schlafrocke von ſchwarzem Sarſenet unter der Thür erſchien—„allerdings iſt's wie Zauberei oder wie in einem Märchen— möchte uns nur der Schluß nicht ſo erſcheinen, daß ſich das blanke Gold in dürre Blätter verwandelt, oder wo der Zauberpalaſt zuſammenſinkt und man ſich plötzlich an einem rußigen, ausgebrannten Herde befindet!“ „Alte, melancholiſche Unke!“ brummte Walter.„Ich glaube, der Kerl denkt, er ſei in einem Wirthshauſe und könnte am Ende ſeine Rechnung nicht bezahlen!“ Der lange Bildhauer nickte ernſt mit dem Kopfe, ehe er ihm erwiederte:„Du haſt Recht, Walter, ohne es zu wiſſen; es gibt in dieſem Leben allerlei Rechnungen zu berichtigen, ohne daß man ge⸗ rade Geld dazu braucht.— Ich hatte heute Nacht einen wilden Traum.“ „Wir wollen von Deinen Träumen nichts hören,“ ſagte ver⸗ drießlich der ſanfte Eduard;„daß Du nichts Heiteres träumſt, wiſſen wir Alle— aber ſo viel weiß ich für meine Perſon, daß ich nicht Luſt habe, mir durch Deine Phantaſieen den heutigen Tag zu verderben!“ „Rüding hat Recht,“ ſprach Walter mit einem grämlichen Lächeln—„jage dem ſanften Eduard keine Furcht ein, daß er „— Allen wohl und Niemand weh! 17 vom Pferde fiele, oder daß ihm der Sattelgurt platzt, oder daß ſein Gaul ſtürzt, oder daß er auf irgend eine andere Art zum all⸗ gemeinen Gelächter wird!“ „So was kam in meinem Traume nicht vor!“ „Erzähle ihn uns,“ entſchied Rodenberg, indem er ſein ſchönes Jagdhorn betrachtete;„ich erinnere mich mit Freuden daran, wie Dein zweites Geſicht mir dieſe herrliche Gabe hier prophezeihte.“ „Deiner Aufforderung folge ich gern, denn Du kamſt in meinem Traume ganz beſonders vor.“ „So laß hören.“ „Mir träumte, wir ſeien gegen Abend auf einem prachtvollen Schloſſe verſammelt, jeder mit der Beſchäftigung, wie er ſie gerade liebt; Walter zum Beiſpiel malte eine Sündfluth der Alltäglichkeit, in der die echte deutſche Kunſt untergeht. Rüding ließ in der Abend⸗ ſonne eine Hand voll Gold glänzen, die er für ein unſterbliches Werk erhalten, und ich meißelte aus einem Marmorblocke die rieſen⸗ hafte Statue des heiligen Petrus.“ „Und ich?“ fragte Rodenberg. „Du kamſt aus einer Seitenhalle des Schloſſes jauchzend, freudetrunken, Deine Augen glänzten von Seligkeit und Du riefſt uns entgegen:„Freunde, ich habe den Höhepunkt meines Glückes erreicht!!— Das war ein böſes Wort, Arthur, denn wenn man den Höhepunkt erreicht hat, ſo iſt es folgerichtig, daß es von da an abwärts geht. Und es ging abwärts mit einer erſchreckenden Schnelligkeit. Meine Bildſäule trat fertig aus dem Marmorblocke hervor, legte mir die ſchwere ſteinerne Hand auf mein Haupt und ſagte:„Mache, daß Du fortkommſt, mein Sohn!““ „Sprechen ſo die Apoſtel?“ brummte Walter;„ich hatte eine andere Rede erwartet.“ „Mache, daß Du fortkommſt!“ fuhr der lange Bildhauer fort, indem er den Spötter ernſt anſah.„Es war wahrlich keine Zeit, lange ausgeſuchte Reden zu führen, denn kaum hatte er aus⸗ geſprochen und kaum war ich Deinem eigenen Beiſpiele, Walter, 2 18 Dreiunddreißigſtes Kapitel. ſchleunig gefolgt und befand mich vor dem Schloſſe— Dich, Rü⸗ ding, ſah ich indeſſen ſchon mit einem Geldbeutel in der Hand in weiter Entfernung über das Feld laufen—, da krachte es furchtbar hinter mir, das Schloß ſtürzte in ſich zuſammen, und ohne daß ich mich von demſelben entfernt hätte, ſchwand es davon in un⸗ abſehbare Weiten.“ „Das iſt kein ermunternder Traum für mich,“ meinte Roden⸗ berg,„denn da Du mich nicht draußen bei Euch geſehen haſt, ſo erſcheint es wohl, als ſei ich allein in dem zuſammengeſtürzten Schloſſe zurückgeblieben.“ „Ja, ſo kam es mir auch vor,“ gab Knorx zur Antwort, „und es war mir in einem ſpäteren Traume ſo, als hätte ich Dich wirklich unter den Ruinen geſehen, allein, verlaſſen, ſehnſüchtig nach uns ausſchauend.“ „Ein wunderbarer Traum,“ ſagte Rodenberg—„wer ihn zu deuten wüßte! Denn ſo, wie Du ihn uns erzählt haſt, kann er wenigſtens in der nächſten Zeit nicht gut in Erfüllung gehen; vergebens denke ich darüber nach, wo das prachtvolle Schloß ſein könnte— und wenn es einmal ſo käme, wie Du geſehen, ſo ſchreckt mich Dein Traum immer noch nicht, wenn er nämlich gerade ſo in Erfüllung geht. Du ſagteſt doch, ich ſei vorher unbeſchreiblich glücklich geweſen, habe den Becher der Seligkeit bis auf den letzten Tropfen geleert— meinetwegen,“ ſetzte er leiſe hinzu, indem er langſam mit der rechten über ſeine Augen fuhr,„danach mag kommen, was will!“ Walter hatte ſich unterdeſſen auch nothdürftig in ein Gewand geworfen und meinte, verdrießlich herbeiſchleichend:„Ich wäre in der That dafür, daß man dem Knorx verböte, ſeine Träume zu erzählen— wozu auch? Wenn Du, Rodenberg, nicht eine ſo glück⸗ liche Philoſophie beſäßeſt, ſo müßte Dir alsdann ſeine melancholiſche Geſchichte doch eine unbehagliche Stimmung zurücklaſſen, und das wäre gewiß ſehr unpaſſend am heutigen Tage— wir wollen luſtig ſein, ſo luſtig als möglich!“ — ½ 3 Allen wohl und Niemand weh! 19 „Ein Wunſch, in den ich von Herzen einſtimme,“ hörte man jetzt die dünne Fiſtelſtimme van der Maaßen's ſagen und ſah ſeine große, dicke Geſtalt unter der Thür ſtehen—„fort mit allen Grillen— Vive le Carnaval!— Aber Du, Walter,“ fuhr er in gemüthlichem Tone fort,„ſiehſt mir eigentlich nicht aus, wie der Anfang eines luſtigen Tages!“ „Er präbarirt ſich auf den Drachen Griesgram, den er im Zuge vorſtellen wird,“ meinte Rüding;„er wird mit ſeinem wunder⸗ baren Coſtume, das wir vom Künſtlerfeſte her kennen, hier das ungeheuerſte Aufſehen erregen!“ „Liebes Kind, das wird er auch,“ entgegnete Walter, wobei er dem ſanften Eduard auf die Schulter klopfte;„es iſt das ein Coſtume, tief erdacht und ſinnig ausgeführt; aber um es zu be⸗ greifen, muß man nicht ſchwach auf der Bruſt ſein, wie gewiſſe Leute!“ Er tippte bei dieſen letzten Worten leicht mit ſeinem Zeige⸗ finger auf die Stirn. „Jungens,“ ſagte van der Maaßen im heiterſten Tone,„es iſt draußen ein prachtvolles Wetter, klarer Himmel und durchaus nicht kalt; auch wird es ſchon in allen Ecken und Winkeln des alten Köln lebendig. Ich ſage Euch, einen grandioſeren Maskenzug wie den heutigen hat die alte Stadt niemals geſehen, und wir werden Aufſehen machen— wüthendes Aufſehen; denn Alles iſt ſchon von dem entzückt, was es geſtern Nacht von der wilden Jagd zu ſehen bekam. Aber um Eines bitte ich Dich, Knorx, halte Dich nicht gar ſo ſchleichend und melancholiſch, ſei ein etwas heiterer, vergnügterer Tod, ſo ein Tod auf dem Schlachtfelde oder nach einem luſtigen Gelage, nur nicht wie geſtern, ſo ein ſtill ſchleichen⸗ der, nächtlicher Würgengel!“ „Das war geſtern Abend ganz am Platze,“ erwiederte der lange Bildhauer in gemeſſenem Tone;„heute werde ich ſchon mit ein wenig Humor auftreten!“ „So iſt's recht!“ rief van der Maaßen vergnügt.„Und mir mußt Du erlauben,“ wandte er ſich an Rodenberg,„daß ich auf 20 Dreiunddreißigſtes Kapitel. meine ſchwarze Perrücke eine Schellenkappe ſetze— es wird von ungeheurer Wirkung ſein!“ „Aber nicht ganz paſſend für den Charakter der wilden Jagd, mein lieber Kerl; ſpare Deine Schellenkappe für heute Abend auf den Gürzenich— das iſt eine Steigerung.“ „Chez ma foi Tu as droit!“ Alle lachten, ſo daß ſich van der Maaßen nicht enthalten konnte, mit einzuſtimmen, indem er ſagte:„Ihr ſeid wohl erſtaunt über mein Franzöſiſch und daß ich es darin ſchon zu einem Reime gebracht habe— oui, oui, j'aperçois mes avantpas avec tres beaucoup plaisir.“ „Aber ſo, daß man Dich wenigſtens für einen geborenen Pa⸗ riſer halten wird,“ konnte Rodenberg ſich nicht enthalten, ihm mit luſtigem Lachen zu ſagen;„das iſt aber gleichviel, Du bleibſt bei allem dem doch ein vortrefflicher Kerl und guter Freund!“ „Man hat mir geſtern erzählt,“ warf Rüding nach einer Pauſe leicht hin,„ſie hätten Dir in Deinem Hotel gekündigt, van der Maaßen.“ „Comment? me? pour que pour une cause?“ „Du hätteſt Deiner alten Leidenſchaft gefröhnt und überall Schrauben ausgezogen, beſonders an der Kammerthür eines der Stubenmädchen.“ »Monstre, c'est non vrai, de puis long temps j'ai pas tiré un seul coup de vis et pour la porte des filles d'appar- tements, j'ai jamais eu un sentiment, mes désirs montent in- ſini plus hautement— haſt Du mich vielleicht verſtanden?“ ſchloß er in einem Tone der Geringſchätzung gegen den kleinen Maler. „Ich prophezeihe Dir einen Fauteuil in der franzöſiſchen Aka⸗ demie,“ ſagte Walter augenſcheinlich erheitert,„und es iſt wahr, Du haſt in der That raſende Fortſchritte gemacht!“ „»Pourquoi je vous prie autour un déjenner— denn ich ſehe, dort wird eben für Euch der Frühſtückstiſch gerichtet, und mit welchem Aufwande— ah, das laß ich mir gefallen, Thee, Auſtern und Champagner in Eis— je tirerais avant votre hotol.“ Allen wohl und Niemand weh! 21 „Es iſt Rüding's Galgenmahlzeit,“ warf Walter leicht hin; „der arme Kerl, er geht einen ſehr bitteren Gang!“ „ von dem die Rede war, unter der Thür des Nebenzimmers, wohin er gegangen war, um einen Theil ſeines Coſtume's anzuziehen, und ſagte mit freundlicher Miene, indem er wohlgefällig ſeine ſchönen Tricots, ſowie die feinen Stiefel mit Sporen zeigte:„Sage, was Du willſt, guter Drache Griesgram, ich verſtehe vollkommen Deine Worte voll Gift und Galle, Du mußt Dich doch auf Deine heutige Rolle vorbereiten; wenn Du aber erſt mein ganzes Coſtume geſehen haben wirſt, ſo bin ich überzeugt, daß Du vor Neid aus der Haut fährſt, und haſt alsdann die beſte Gelegenheit, Dir mit Deinem borſtigen Drachenfell Deinen alten Koffer überziehen zu laſſen!“ „Aber ſaftig ſind Eure Freundſchaftsverſicherungen, das iſt nicht zu läugnen!“ ſagte van der Maaßen.—„Weißt Du vielleicht, Rodenberg,“ wandte er ſich an dieſen,„wohin man meine Sachen gebracht? Ich will auch anfangen, mich anzuziehen.“ „Thue das, Dein ganzer Anzug liegt im hinteren Zimmer, und wenn Ihr Alle ſo weit fertig ſeid, daß uns nur noch die letzte Verſchönerung fehlt, ſo wollen wir frühſtücken.“ „Und tüchtig frühſtücken,“ pflichtete van der Maaßen bei— »Chez ma foi nous voulons déjeüner, comment les empereurs et les rois.“ Wir können dem geneigten Leſer die Verf die Künſtler dieſen Vorſ ſie, um mit den Worten villard el Gompagnie les empereurs et icherung geben, daß atz auf's gewiſſenhafteſte ausführten und daß n du digne employé de la maison Beau- zu reden, firent un déjeüner es rois“, gutes Muthes wurden, daß ſelbſt kaum eerwarten konnte, wo die Pferde den erſtaunten Freunden einen ungariſt gab, wobei er ſelbſt den Czardas pfiff. „»Comment und daß ſie darauf ſo heiter und der ſanfte Eduard den Augenblick kamen und er unterdeſſen chen Sporentanz zum Beſten XXXIV. „Der Narrheit Reich iſt neu begründet!“ Inzwiſchen hatte in den Straßen der alten Colonia ein ganz außerordentliches Leben begonnen. Die von der Sonne freundlich beglänzten Straßen füllten ſich mehr und mehr mit Menſchen an, und die Vorderſeiten der alten, grauen Häuſer begannen ſich ſo heiter als möglich zu ſchmücken— hier mit luſtig lachenden Mädchenköpfen in den offenen Fenſtern, von denen eine oder die andere eine klingelnde Schellenkappe auf die blonden Locken gedrückt hatte, dort mit farbigen Kiſſen, um beim Zuſchauen die Arme darauf zu legen, auch mit bunten Teppichen zum gleichen Zwecke; dazwiſchen ſah man Fähnchen in Weiß und Roth oder Gelb und Grün; auch bemerkte man jetzt auf der Straße zwiſchen der Menſchen⸗ menge einzelne Masken, ernſthaft ausſehende Männer in langen, dunkeln Damaſtröcken aus dem vorigen Jahrhundert, mit un⸗ geheuren Vatermördern und wehenden Jabots, das kleine Hütchen auf der weißen Perrücke, ein großes Buch unter dem Arme. Tief nachſinnend gehen ſie daher, um vielleicht dicht vor einer Truppe ihnen begegnender junger Damen ſo plötzlich und furchtbar zu ſtolpern, daß dieſe mit einem lauten Schrei aus einander fahren. Zuweilen bleiben ſie auch vor einem Hauſe ſtehen, öffnen ihr Buch, drohen einer hartherzigen Schönen mit einem gefährlichen Proceſſe, oder declamiren ihr mit großem Pathos ein melancholiſches Liebes⸗ Der Narrheit Reich iſt neu begründet! lied. Auch unechte Orgelmänner, laſſen ſich an den Ecken der Straße Mitte derſelben eine Schaar von K und her wankend, unter anzüglich Schau tragen. 23 Inhaber von Mordgeſchichten n ſehen, ſowie wir jetzt in der appesbauern bemerken, die, hin en Reden unerhörte Räuſche zur „Zum zerum, zerum Zafferon, Der Puckel en Papeer gedonn, Zum zirrewiddewit, zum zirrewiddewit, um zerum, zerum Zafferon!“ ſchreien die Buben aus voller Kehle. Sie ziehen an uns vorüber, um vielleicht der Geſtalt eines mit ausgeſuchter Aermlichkeit geklei⸗ deten Bänkelſängers Platz zu machen, an deſſen fadenſcheinigem, blauen Schwalbenſchwanzfracke der eine Schooß fehlt, während ſeine viel zu kurze, bunt carrirte Hoſe Flecken in den auffallendſten Far⸗ ben zeigt; er hat eine Guitarre mit einem himmelblauen Bande um die Schultern gehängt, und während er ſich von der nachdrängen⸗ den Menge fortſchieben läßt, ſingt er in melancholiſchem Tone: „Oh, do ſitz en Fleeg an der Wand, Fleeg an der Wand!“ Zuweilen bleibt er auch vor irgend einem ihm Begegnenden ſtehen, zieht demüthig ſeine Mütze und bitt um ein Almoſen, wobei er verſichert, daß er ſeit ſechs Wochen keinen warmen Löf ß er nicht nur das jüngſte von zwanzig hungrigen Kindern ſei, ſondern obendrein noch ſeine Wittwe mit acht unverſorgten Würmern zu erhalten habe. dem vielfarbigen Menſchen⸗ reich verzierten, mit vier und ſechs 3 nach ihrem Verſammlungsorte ziehen. So reiht ſich auf dem Wege, den wir bis zum Neumarkte zurückzulegen haben, ein buntes Bild an das andere; überall Luſt — 24 Vierunddreißigſtes Kapitel. und Heiterkeit, überall Scherz und Lachen; alle Straßen und Plätze ſo dicht mit Menſchen bedeckt, daß man nicht begreift, wie es eine halbe Stunde ſpäter der große Maskenzug machen ſoll, ſich einen Weg durch dieſes unbeſchreibliche Gewühl zu bahnen. Der Neumarkt, am weſtlichen Ende der Stadt gelegen, iſt der größte und ſchönſte Platz der Stadt; er iſt unbepflaſtert, rings mit Bäumen reich beſetzt, etwas erhöht gelegen und ſowohl auf ſeinen vier Seiten, als auch auf ſeinen vier Ecken münden Haupt⸗ und Verkehrsſtraßen der Stadt; er iſt alſo außerordentlich zugänglich, was beſonders heute, wo er zum Verſammlungsorte der großen Maskenzüge dient, von beſonderer Wichtigkeit iſt. Für den heutigen Tag iſt er auf allen Seiten durch leichte Schranken abgeſperrt, und nur im Oſten und Weſten ſind breite, aber bewachte Eingänge offen gelaſſen, um die Carnevalszüge ein⸗ zulaſſen. Unter dem Schutze dieſer Carnevalswachen, meiſtens dem tapfern Funkenheere entnommen, wird hier ein Wegzoll entrichtet für Alle, die nicht zu dem Zuge gehören, welche den Neumarkt betreten wollen, um ſich die großartige Maskerade in nächſter Nähe anzu⸗ ſehen. Es iſt aber auch der Mühe werth, hier in dieſem Central⸗ punkte des kölner Faſchingslebens die einzelnen Maskenzüge an⸗ kommen zu ſehen und das luſtige Leben und Treiben der Ver⸗ mummten zu Fuße, zu Pferde und zu Wagen zu beobachten. Bei dem heitern, blauen Himmel und dem behaglichen Sonnen⸗ ſcheine könnte man faſt glauben, auf dem Marcusplatze in Venedig zu ſein, ja, in einem koloſſalen Ballſaale, wo ſich Unzählbare zu einem glänzenden Maskenfeſte vereinigen, umringt und umjubelt von Tauſenden und abermals Tauſenden von Zuſchauern. Wenn auch der Neumarkt Kölns nicht mit ſolch prächtigen Gebäuden umgeben iſt, wie der Platz des heiligen Marcus, wenn ihm auch der wundervolle Hintergrund jener maleriſch ſchönen Ka⸗ thedrale und der ſtolz aufſteigende Glockenthurm fehlt, ſo hat da⸗ gegen der Neumarkt die Zierde der hochſtämmigen, allerdings jett entlaubten Bäume, ſowie den Anblick anſehnlicher alterthümlich Der Narrheit Reich iſt neu begründet! 85 Häuſer, auch der ſchlanken Thürme der Kirche von St. Apoſteln, und nicht zu vergeſſen eine Merkwürdigkeit Kölns, die rieſenhaften Köpfe der beiden bekannten Schimmel, welche dort aus dem Söller⸗ fenſter auf die Straße hinabſchauen. Wir haben den Neumarkt ſo früh erreicht, daß wir uns dort mit aller Behaglichkeit umſchauen und bewegen können, bis die Maskenzüge nach und nach eintreffen. An der öſtlichen Seite des Platzes ſehen wir eine Tribüne aufgeſchlagen, mit weiß und rothen Fahnen decorirt, und überhaupt von einer Menge von Standarten mit den Farben aller der Länder, die geſonnen ſind, ihre Diplo⸗ maten hieher zur Gecken⸗Verſammlung und zu einem Verſöhnungs⸗ Congreſſe zu ſchicken— ja, wie ſchon geſtern der Präſident der General⸗Verſammlung kund und zu wiſſen that, ſo ſollen Friedens⸗ unterhandlungen angebahnt und alles Mögliche zur Ausſöhnung der feindlichen Parteien verſucht werden, ehe man zum Schwerte und zur Pritſche greife. Auch hier haben die Funken eine Ehrenwache gegeben, und der Poſten vor dem Gewehre, der vor der Tribüne ſteht, hat ſeine alte Muskete neben ſich an das Geländer gelehnt und ſtrickt an einem ungeheuren Strumpfe. Nicht weit davon ſehen wir das Hauptquartier der Funken, ihre Wachſtube, ihr Arreſtlokal, die Marketenderin mit ihrem Eſel und den Commandanten dieſer alten, ehrbedürftigen Schaar auf einer Trommel ſitzend und ein kleines Frühſtück zu ſich nehmend. Da die Funken, wie es ſich von ſelbſt verſteht, die Erſten auf dem Platze ſind, ſo vereinigt ſich in ihnen die Auf⸗ merkſamkeit der Zuſchauermaſſe rings umher, und ſind ſie bis jetzt die alleinige Zielſcheibe des ſpitzigen Witzes aller kölniſchen Jungen, was ſie aber mit doppelten Zinſen heimzahlen oder mit dem Aus⸗ drucke der Verachtung zurückweiſen. Von allen Kirchthürmen hat es zehn Uhr geſchlagen, die Stunde, wo ſich ſ ämmtliche Züge nach dem Neumarkte in Bewegung erklang indeſſen der Ruf aus ſetzen werden, und ſchon hundertmal Hackländer's Werke. 55. Bd. 26 Vierunddreißigſtes viter allzeit fertigen Kehlen:„Do kütt gett!“ oder ein gellendes Hurrah verſuchte die Aufmerkſamkeit der Menſchenmenge auf irgend einen Platz hinzulenken. Endlich aber ſchien in der That etwas zu kom⸗ men. Die Zuſchauer an der nördlichen Seite des Platzes verließen die Schranken des Neumarktes, um ſich gegen die Straße zu wenden, und in der Schildergaſſe deutete das Hin⸗ und Herwogen der Maſſe auf etwas Außerordentliches hin. Jetzt vernahm man auch ſchmet⸗ ternde Trompetenmuſik, und wenige Minuten darauf erſchien eine ſtattliche Reiterſchaar, Stadtwehr in den kölner Farben, roth und weiß. Sie begleitete einen vierſpännigen Wagen, in welchem ſich das feſtordnende Comite befand, welches am Neumarkte ausſtieg, ſogleich die Funkenwache inſpicirte, alle Vorbereitungen in Augen⸗ ſchein nahm und dann an allen vier Ecken des Platzes reitende Vedetten zum Empfange der verſchiedenen Züge aufſtellte. Unterdeſſen haben ſich alle die unzähligen Fenſter der umher⸗ liegenden Häuſer mit Zuſchauern gefüllt, die mit weißen Tüchern einem Bekannten auf der Straße oder von Haus zu Haus einander zuwinkten, von denen auch hier viele die bunte Schellenkappe auf dem Kopfe trugen und ſo das Lebhafte, Heitere der ganzen groß⸗ artigen Scene vermehrten. Die Aufmerkſamkeit der Zuſchauer war getheilt zwiſchen der rauſchenden Muſik der ſoeben angekommenen Reiterſchaar und dem Lärm auf der Straße mit ſeinen unaufhör⸗ lichen Hurrahs und dem weithin vernehmlichen Rufe:„Do kütt gett!“— Und jetzt kam in der That wieder etwas, und zwar von der Cäcilienſtraße her der kölniſche Zug unter Anführung des be⸗ rühmten Ritters Jan von Werth, deſſen Hofcapelle auf einem reich geſchmückten ſechsſpännigen Wagen vorausfuhr; der rüſtige Feld⸗ herr, ſeines Sieges über Iſegrimm, den feindlichen General, im voraus gewiß, hielt es unter ſeiner Würde, ſich hinter Panzer und Helm zu verkriechen. Pulver hatte er im dreißigjährigen Kriege ſchon genug gerochen. Hiebe abzuwehren oder ſie derb wiederzu⸗ geben, zumal wenn es ſich um geiſtige handelte, wußte er ſich als Kölner handfeſt genug, und ſo erſchien denn in leichter, blauer, Der Narrheit Reich iſt neu begründet! 27 ſammtner Jacke und in gelbem Koller, in hohen Reiterſtiefeln und in einem Hute mit breiten Rändern, deſſen Federn ſowie eine Feldbinde Kölns Farben, weiß und roth, zeigten. Hinter den Rittern ſeines Gefolges, kräftigen Reitergeſtalten, erſchien das Ge⸗ leite, welches Colonia dem tapfern Ritter beigegeben, unter Till Eulenſpiegel, der den Narrenſpiegel auf der Bruſt hatte, während ihm die Eule auf der Schulter ſaß. Mit lautem Jubelrufe wurde dieſer Zug von der Zuſchauer⸗ maſſe empfangen, nicht nur, weil er der erſte war, er gewiſſer Maßen Köln repräſentirte und weil das guten Gecken und Bürgers höher ſchlug beim Anblicke dieſes berühm⸗ ten kölniſchen Kindes, das ſeinen Namen zu großen Ehren gebracht und dadurch auch den ſeiner Heimat verherrlicht— gewiß, Jan von Werth iſt in Köln geboren; die Tradition bezeichnet das auf der Gereonsſtraße Nr. 36 gelegene, unter dem Namen„Das neue Kümpchen“ bekannte Haus, worin noch zwei auf den berühmten Feldherrn bezügliche Gemälde vorhanden ſind, als ſeine Geburts⸗ ſtätte. Ferner erzählt die Chronica, daß er in ſeiner Jugend, als er noch in geringem Stande geweſen, einer jungen kölniſchen Obſt⸗ händlerin Heirathsvorſchläge gemacht habe, aber von dieſer zurück⸗ gewieſen worden ſei; als er nun ſpäter in ſeinem Glanze dieſelbe Perſon wieder geſehen, habe er, an ihr vorüberreitend, in kölniſcher Mundart ihr zugerufen:„Griet, wer et gedonn hätt!“ Darauf habe ſie geantwortet:„Jan, wer et gewoß hätt!“ 4 Die einzelnen Masken dieſes reichen Zuges waren theils hiſto⸗ riſche, theils phantaſtiſche, wobei ſich überall der frohe, originelle, tüchtige Geiſt der Kölner auszuſprechen wußte ſowohl in der Hin⸗ deutung auf das, was Köln in der Vorzeit geweſen, als auch auf ſondern weil Herz jedes das, was es in der Gegenwart Tüchtiges und Großes leiſtet. Das ſah man an dem ehrenfeſten Stadtfähnrich Wackerſchwenk, in voll⸗ ſtändiger Amtstracht, die große Faſtnachtsfa darauf gemalten Narrenperſonal tragend; links eine dichte Bubenſchaar, welche ſich ſo hne mit dem zahlreich ihn umgab rechts und nahe, als es Pferd und 28 Vierunddreißigſtes Kapitel. Wagen erlaubten, zu ihrem Lieblinge hindrängte und ſo oft die Muſik ſchwieg aus voller Kehle ein bekanntes Lied ſang: „Minge Mann, minge Mann es Fänderich, Frau Fänderich ben ich! Un wann minge Mann dat Fändel ſchwenk, Dann ſpringen ich üvver Stöhl un Bänk. Minge Mann, minge Mann es Fänderich, Frau Fänderich ben ich!“ Hinter dem Fähnrich ritt Herr Gryn, der berühmte kölner Bürgermeiſter und Held, der Sieger in der worringer Schlacht, im Kettenpanzer von Kopf bis zu Fuß; zwei Trabanten führten ſein Pferd. Ihm folgte ein Stück Nibelungenlied, der gehörnte Sieg⸗ fried, die Fahne mit dem kölner Stadtwappen in der Hand, um⸗ ringt von mannlichen Recken. Von der goldenen Sage zur göttlichen Kunſt übergehend, erſchien nun ebenfalls ein kölner Kind, Meiſter Rubens, ſein Ge⸗ folge bekannte Künſtler ſeiner Zeit in ſpaniſchen und niederländiſchen Trachten; dann folgte der kölniſche Bauer mit ſeinem Sinnſpruche: „Halt faß, do kölſchen Boor, Am Rich— fall et ſöß of ſoor! Der tapfere Kämpfer in der oben erwähnten worringer Schlacht, wo die Kölner ihre Stadtſchlüſſel in tollkühnem Uebermuthe auf einem offenen Wagen bei ſich führten, war in halbrothe und halb⸗ weiße Beinkleider und Jacke gekleidet, mit der Helmkappe um Hut und Wappenkamm. In der Hand hielt er den Dreſchflegel und auf die Aermel hatte er die Stadtſchlüſſel geſtickt. Vor Wurrigen auf dem weiten Plan Ließ ich meinen Flegel umbher gahn, Erwarb damit die Schlüſſel fein Und trag' ſie noch am Arme mein. Er diente als perſonificirte Standarte einer nachfolgenden Heldenſchaar, den Vertretern der das Recht beſchützenden Ritter⸗ geſchlechter, derer zur Steſſen, von Spee, Overſtolzen, Leparten, von N=B — Der Narrheit Reich iſt neu begründet! 29 Juden, Hardevuyſt, Hyrzelin, Mommersloch und Anderer, und da⸗ mit ward eine ernſte Vergangenheit an uns vorübergeführt; und unter Anführung der bekannten luſtigen Perſonen: Beſtevader, Mariezebell und Hänneschen, erſchienen die Vorſteher der Zünfte, welche beim Drange ſchwerer Zeiten im Harniſch und der Pickel⸗ haube eben ſo gut Schwert und Spieß zu führen wußten, als in luſtiger Zeit beim Mummenſchanz die Pritſche. Da ſah man unter Anführung des Bannerherrn der Steinmetzenzunft den Amtsmeiſter der Harniſchmacher, dann paarweiſe: Schwabbelich den Brauer⸗, Kleienfaß den Bäcker⸗, Pechklotz den Schuſter⸗, Beihau den Metzger⸗, Polterklopf den Faßbinder⸗, Tubalkain den Schmiede⸗, Fipps den Schneider⸗, Tomback den Goldſchmiede⸗, Rümpchen den Fiſchmenger⸗ Amtsmeiſter, alle im Sonntagsrocke, an einem Stabe, der mit Epheu umkränzt, Attribute ihres Zunftgewerbes tragend, auf dem Hute die Faſtnachts⸗Cocarde, gelb und grün. Und da das Beſte immer zuletzt erſcheint, ſo folgten jetzt in mehreren vierſpännigen, mit Folianten und rieſenhaften Dintenfäſſern geſchmückten Wagen die zur Unterhandlung mit dem Feinde erkorenen Diplomaten, der Bürgermeiſter Hardenrath, Syndicus Kronenberg, die Herren von Lyskirchen und von Hagen. Kaum haben wir Zeit, um für den geneigten Leſer die Einzel⸗ heiten des kölner Zuges aufzuzeichnen und ihm nachzublicken, wie er ſich auf dem weſtlichen Ende des Platzes aufſtellt, als unſere Aufmerkſamkeit durch eigenthümliche Töne aus dem Bereiche der zuſchauenden Bubenſchaar in Anſpruch genommen wird; es iſt ein Ruf, der wie Hohn oder wie ein verkümmertes Hurrah klingt und dem zuweilen Laute folgen, die zwiſchen Grunzen und Brummen die Mitte halten. Der Zug der Feinde erſcheint von der Schilder⸗ gaſſe her; ihn eröffnet eine zahlreiche Hornmuſik, ſechszehn ſchwarz⸗ gekleidete Derwiſche, die eine ernſte, faſt melancholiſche Weiſe vor⸗ tragen; hinter ihnen reitet Mephiſtopheles, der Repräſentant aller böſen Mächte. Er trägt eine rothe Fahne, auf derſelben als Sinn⸗ bild den Raben; die Masken, welche ihn umgeben und ihm folgen, — 30 Vierunddreißigſtes Kapitel. ſind Carricaturen und Darſtellungen aller böſen, dem frohen Genuſſe entgegenſtehenden Principien und auf dieſe Art die geeignetſten Vorläufer für die lange Wagenreihe, an deren Spitze ſich der Generaliſſimus Iſegrimm, Raugraf von Fahlhauſen, befindet, an deſſen Seite wir einen windigen Franzoſen, den Marquis de la Bile, erblicken. Aus den Mienen des feindlichen Generals ſprach ſehr deutlich Verdruß und Mißmuth, und nur zuweilen flog ein leichtes Lächeln über ſeine ſauertöpfiſchen Züge, wenn der Franzoſe ihn hier und da aufmerkſam machte auf irgend einen Bundes⸗ genoſſen mit lichtſcheuem, verdrießlichem Geſichte, das hinter den halbzugezogenen Fenſtervorhängen auf die Straße hinabblickte. Die Diplomaten⸗Kanzlei des feindlichen Zuges erſchien unter Leitung des Hofmarſchalls von Kalb; an ſeiner Seite ſah man den Bürger⸗ meiſter von Krähwinkel und als Secretäre fungirten die bekannten Aſſiſtenten Grielächer und Mohnegrößer. Unter einem ſehr bezeich⸗ nenden Schweigen der Zuſchauermaſſe, wovon nur, wie ſchon oben bemerkt, die Jugend indiscreter Weiſe eine Ausnahme machte, bewegte ſich der Zug nach dem öſtlichen Theile des Neumarktes, wo er ſich finſter und ſchweigend aufſtellte. Horch, welch' luſtig Schmettern erklingt jetzt von der Apoſteln⸗ ſtraße her; eine Muſikbande originellſter Art, geflügelte Hanswürſte in gelber und grüner Tracht an der Spitze des vermittelnden Zuges. Ihn eröffnete die Geißel aller Dunkelmänner, Ulrich von Hutten, mit ſeinem Adjutanten Schlichtegroll. Der berühmte Anführer erſcheint in der Doppelgeſtalt eines Ritters und gekrönten Dichters; Aeſop trägt im Namen aller Satiriker die Bundesfahne. Es iſt das ein heiterer, vergnügter Zug, beſtehend aus den luſtigſten Perſonen vieler Jahrhunderte, ausgeſchmückt mit all' den berühmten Namen, welche Licht und Glanz geliebt, welche der Freude ergeben und abgeſagte Feinde aller verdrießlichen Launen und heimlicher Muckerei waren. Hier ſah man beſonders den Carneval der vorzüglichſten Städte in ſeinen ausgeſuchteſten Per⸗ ſönlichkeiten vertreten: da war der Spanier Arlequino mit ſeiner V — — Der Narrheit Reich iſt neu begründet! 31 Gemahlin Gracioſa, der Italiener Arlequino mit Columbine, neben Truffaldino der deutſche Hanswurſt, Pierrot und Pierronette mit Polichinell; ihnen folgten zu Pferd und zu Wagen bekannte Figuren aus heiteren Opern und anderen luſtigen Theaterſtücken, Figaro mit Suſanne, denen der Page Cherubim folgt, Don Juan mit Leporello, Fallſtaff und Don Pedro mit dem hölzernen Beine; berühmte Satiriker, unter ihnen Plautus, Pasquino, Marforio, Vertreter der Mummerei, Rebekka, die den Jakob als Eſau mas⸗ kirte, Abigail, die ihren Gemahl David durch eine Maske rettete, Aeſchylus, Erfinder der Theatermasken, Suſarion, Stifter der alten Komödie, und ſo weiter; ihnen folgt Noah, der Entdecker des Weines, mit ihm Anakreon, der Sänger des goldenen Rebenſaftes. Der vermittelnde Zug beſetzte die Nordſeite des Platzes, und jetzt fehlten nur noch die Bundesgenoſſen, die dann auch unter klingendem Spiele durch die Straße Im Laach einrückten. Ihre Muſikbande beſtand aus Schellennarren in den kölner Farben, und der Anführer dieſes Zuges war Adolf, Graf zu Cleve. Wie bekannt, ſtiftete er im Jahre 1381 mit dem Grafen von Mörs und noch vierunddreißig anderen Herren und Rittern die cleviſche Narren⸗ geſellſchaft. Ihr Kennzeichen war ein Narr mit roth und weiß gewürfeltem Kleide und einer gleichen Kappe mit goldenen Klingel⸗ bellen, gelben Strümpfen, ſchwarzen Schuhen mit Klingelbellen an den Spitzen und mit einer vergoldete Früchte enthaltenden Schüſſel; die Brüder trugen dieſe Narren in Silber oder Gold geſtickt als Ordenszeichen auf der Bruſt. Das Panier des Zuges der Ver⸗ bündeten wurde vom Ritter von Schwanenfeld getragen und zeigte in himmelblauem Felde einen Schwan; ihm folgten drei reitende Herolde, und dann kam, von ſechs reich geſchirrten Roſſen gezogen, das Schloß zu Cleve, an welches ſich die Sage vom Schwanen⸗ ritter knüpft. Auf jedem der ſechs als Vorſpann dienenden Pferde ſaß eine jener Geſtalten, mit welchen die dichteriſche Phantaſie die Tiefen der Gewäſſer bevölkert, ein Tritone mit ſchilfbekränztem Haupte, in der Rechten den Dreizack tragend. Ueberragt wurden 32 Vierunddreißigſtes Kapitel. die Pferde, welche den Wagen zogen, von einem großen Schwane, welcher mit weit ausgeſpannten Flügeln auf den unter ihm befind⸗ lichen ſilbernen Wogen dahinzuſegeln ſchien. Dieſer majeſtätiſche Vogel war an eine reich verzierte große Muſchel geſchirrt und wurde von einem kleinen Kinde in Amorgeſtalt an goldenen Zügeln gehalten. Der Inſaſſe der Muſchel war der Schwanenritter, in herrlicher Rüſtung prangend, ſehnſüchtig hinaufſchauend nach dem Altane des mit Fahnen geſchmückten Schloſſes, wo die ſchöne Beatrix, die ver⸗ waiste Erbin von Teuſterband, das Ziel ſeiner romantiſchen Fahrt, hold lächelnd zwiſchen Blumen herunterblickte. Die Verbündeten, welche wir ſchon vor ein paar Tagen bei ihrem Einzuge begrüßt, folgten nun in langer, bunter Reihe, und dabei gewährte es einen heiteren Anblick, wenn man ſah, wie ſich zwiſchen die ernſthaften Abgeſandten der Narrenzünfte von Schilda, Venedig, Dülken, Abdera und Cochem die ſieben Schwaben in großer Action eingeſchoben und, der Jockele mit den gelben Füßen voran, alle den gewaltigen Speer angefaßt hatten, uni auf den Haſen, das furchtbare Unthier, loszugehen. Oder wenn man den ſinnreichen Junker von der Mancha, unſern alten Bekannten, ſah mit langer Lanze auf einer furchtbar dürren Mähre, während hinter ihm ſein Schildknappe Sancho, mit einer langen Cervelat⸗ wurſt bewaffnet, auf einem dicken Eſel ritt. Nachdem die Ver⸗ bündeten die ſüdliche Seite des Neumarktes beſetzt hatten, gab dieſer mit der Zuſchauermaſſe rings umher, mit den bunt beſetzten Fenſtern, unter dem ſchönen, blauen Himmel, überſtrahlt von Sonnenglanz, ein ſo reiches, heiteres und lebendiges Bild, wie etwas Aehnliches ſelbſt hier noch nie geſehen worden iſt; dazu die brauſende Muſik der zahlreichen Banden, welche zuerſt abwechſelnd ſpielten und ſich alsdann auf ein Zeichen des Carnevals⸗General⸗Muſikdirectors Radikati, der in ſeinem mit Noten verzierten Coſtume in die Mitte des Platzes ſprengte, um ihn in einem weiten Kreiſe zuſammen⸗ zogen und das Carnevals⸗Bundeslied anſtimmten, in deſſen bekannte Weiſe Tauſende und Tauſende von Stimmen einfielen. Eine Der Narrheit Reich iſt neu begründet! 33 großartigere Einleitung zu den diplomatiſchen Verhandlungen, die nun folgten, war nicht gut denkbar; auch ſah man deutlich, wie der ungeheure Enthuſiasmus aller guten Bürger und Gecken Kölns ſeine Wirkung auf den General des feindlichen Heeres und deſſen Adjutanten nicht verfehlte. Iſegrimm bedeckte eine Secunde lang ſeine Augen mit der Hand, und der Marquis de la Bile, deſſen franzöſiſche Zunge bis jetzt keinen Augenblick geſchwiegen, verſtummte plötzlich unter einem beſtürzten„Ach!“ und ſeine Züge erbleichten ſichtbar. Nun verließen die Diplomaten ganz bedächtig ihre Wagen, näherten ſich gravitätiſch einherſchreitend, der Berathungstafel mit der Miene von Männern, auf denen das Schickſal der Welt ruht. Sie beginnen die Unterhandlung und ein Corps von Abgeſandten aus allen Zügen ſammelt ſich um dieſe Schickſalsmänner, um ſie in einem diplomatiſchen Quodlibet zu ermahnen, wohl zu reflectiren, voranzuſchreiten, zu prüfen, zu nießen, zu wanken, aufzuwachen und endlich zu enden. Aber die feindlichen Diplomaten ſind nicht alſo geſinnt, ſie ſehen das Siegelwachs ſieden, den Groß⸗Siegelbewahrer die Siegeljuffer ſchwingen, Sandeſel und Dintenverkäufer unter ihrer Laſt ſchwitzen, und nichts deſto weniger machen ſie tauſend Einwürfe und drohen ſogar, die Unterhandlungen abzubrechen. Da tönen neue, gewaltige Klänge über den Neumarkt dahin mit ſeinen Tauſenden und Tauſenden von Zuſchauern, und unzählige Köpfe drehen ſich erſtaunt gegen die Schildergaſſe hin, aus der man es hört Näher und näher brauſen, Das iſt Lützow's wilde, verwegene Jagd— und kaum erklingt die bekannte hinreißende Weiſe, ſo wird ſie mit Begeiſterung aufgenommen und mitgeſungen von unzähligen Stimmen: 3 „Das iſt Lützow's wilde, verwegene Jagd.“* Und ſie zieht heran, wie wir ſie genau kennen, wie wir ſie noch neulich Abends auf der Rheinbrücke ſahen, heute Morgen noch 34 Vierunddreißigſtes Kapitel. durch zahlreiche Reiter und Fußgänger vermehrt, prächtig coſtumirt, nicht ſo düſter und ernſt wie damals bei Fackelſchein, ſondern heiter und luſtig, glänzend im Sonnenſcheine, Hüte und Barette geſchmückt mit grünen Eichenkränzen. Und wo ſie vorbeireitet, die ſinnig geordnete Schaar, da erhebt ſich lauter Jubel, da begrüßen ſie wehende Tücher aus den Fenſtern der Häuſer, da werden ſie bewill⸗ kommt durch laute, nicht enden wollende Hurrahs; denn jedes Herz ſchlägt lauter bei dem Gedanken, daß der wilde Jäger mit ſeinen tapferen Geſellen bei den langweiligen Verhandlungen am Diplo⸗ matentiſche kräftig den Ausſchlag geben werde. „Hurrah, die wilde Jagd!“ Und dabei ſchaut manches ſchöne Augenpaar ſo tief und an⸗ dauernd, als es ihm möglich iſt, auf die ſchlanke Geſtalt des Roden⸗ ſteiners, bewundert die Haltung, mit der er zu Pferde ſitzt, die Leichtigkeit, mit der er den ſtolz tanzenden Rappen regiert, die Schönheit ſeines Geſichtes und ſeiner ſtrahlenden Blicke. Auch die beiden zierlichen Pagen, welche ihm zur Seite reiten, bleiben von Frauen und Mädchen nicht unbemerkt und manch' freundliches Wort wird über ſie geſprochen. Und wie trefflich ſie ihrem Charakter gemäß erſcheinen; der mit den blonden Locken auf dem weißen Pferde, der gute Geiſt des wilden Jägers, wie reitet er ſo ſchüchtern, faſt ängſtlich, wie läßt er ſein Pferd nur im kürzeſten Schritte gehen, wie wagt er kaum, ſeine Augen aufzuſchlagen, während der Andere auf feuerfarbenem Roſſe ſo vollkommen ein Bild des böſen Princips, des Trotzes und Uebermuthes iſt! Wie bleich und doch ſo edel und ſchön erſcheinen deſſen Züge unter den rabenſchwarzen Locken, wie glänzen ſeine ruheloſen Augen, mit denen er die Menge in den Straßen und an den Fenſtern bis in's oberſte Stockwerk hinauf muſtert! Wie keck und ſicher regiert ſeine Hand die Zügel, läßt jetzt den Rothſchimmel tanzen, zuweilen links aus der Reihe brechen, das muthige Thier courbettiren, um, wenn er hiedurch zurückbleibt, alsdann ſeinen Platz an der Linken des Rodenſteiners durch eine tolle Lançade wieder zu gewinnen. Wie ſinnig iſt auch Der Narrheit Reich iſt neu begründet! 3⁵ alles Uebrige hier im Zuge geordnet, wie ſicher kann man auch jetzt ſchon das Schickſal des wilden Jägers vorausſagen; denn während er den guten Geiſt auf ſeiner Rechten mit Kälte, ja, mit Gleichgültigkeit behandelt, iſt ſeine ungetheilte Aufmerkſamkeit dem ſchlimmen Geſellen mit dem dunkelglühenden Blicke zugewandt; ihn läßt er nicht aus dem Auge, ihn ruft er zuweilen näher an ſeine Seite, um ihm ein Wort zuzuflüſtern oder ihn freundlich anzulächeln. Und dann das maleriſche Gewühle im ganzen Zuge, die Reiter mit ihren Jagdſpießen, die Jäger zu Fuß mit ihren Armbruſten, die zuſammengekoppelten Hunde, welche zuweilen kläglich aufheulen beim Klange der Hörner, endlich die Moral der Sage, Tod und Teufel, mit ihrem ſeltſamen, fabelhaften Gefolge. Dieſes hat ſich um vier unheimlich anzuſehende Reiter vermehrt, welche das engere Geleite des Teufels bilden und eigenthümlich ausſchauen, da ſie vom Kopfe bis zu den Füßen in anliegende Tricots gekleidet ſind, jeder in einer beſonderen Farbe, roth, weiß, gelb und grün; ihre Pferde haben weder Sattel noch Decken, der Griff ihrer Schwerter iſt mit einem Todtenkopfe verziert, während die Parir⸗ ſtangen derſelben aus zwei kreuzweiſe gelegten Knochen beſteht. Die Köpfe dieſer letzten Reiter, an denen man kaum Spuren von Haar entdeckt, ſind mit einer einzigen langen Hahnenfeder in der gleichen Farbe wie der ganze Anzug geſchmückt. „Hurrah, die wilde Jagd!“ Ehe ſie noch erſcheint, dringt dieſer brauſende Ruf auf den Neumarkt und ſchlägt erſchreckend an das Ohr der widerſpenſtigen Diplomaten; beſtürzt ſchauen ſie um ſich, geben endlich vernünftigen Gründen Gehör, und in demſelben Augenblicke, als die wilde Jagd in den glänzenden Ring des Neumarktes einreitet, wird das Unter⸗ werfungs⸗Inſtrument unterzeichnet. Da für den Rodenſteiner und ſeine Geſellen keine der Seiten mehr frei geblieben iſt, ſo wird ihm vom feſtordnenden Comite eine Stelle in der Mitte des Platzes angewieſen, die er einnimmt, nachdem er vorher einmal rings bei ſämmtlichen Maskenzügen vor⸗ — 36 Vierunddreißigſtes Kapitel. beigeritten, ſie freundlich begrüßt und von ihnen mit Jubel empfangen worden iſt. Als ſie bei dieſem Umritte an dem feindlichen Heere vorüberzogen, konnte ſich der Tod nicht enthalten, den General Iſegrimm feſt in's Auge zu faſſen, und der Teufel van der Maaßen machte eine ſchnalzende Bewegung mit den Lippen, als freue er ſich ſchon im Voraus auf einen köſtlichen Braten. Der wilde Jäger aber hatte ſich hier in den Steigbügeln er⸗ hoben und winkte mit der Hand nach einem der Wagen, in welchem ſich die fabelhafte Geſtalt des Drachen Griesgram befand. Hierauf bezog die wilde Jagd ihr Standquartier, und weil dadurch der innere Platz des weiten Marktes theilweiſe bedeckt wurde, ſo gewann das bunte Leben und Treiben hier noch an Großartigkeit. Wenn auch die Züge unter ſich geordnet blieben, ſo verließen doch Viele zu Fuße und zu Pferde die Reihen, um Beſuche bei Bekannten zu machen oder irgendwo an einem kleinen Frühſtücke Theil zu nehmen, zu welchem Zwecke die mitgenommene kalte Küche in Anſpruch genommen wurde und bei dem die Champagnerpfropfen knallten, wetteifernd mit der luſtig ſchmetternden Muſik. Die unterzeichneten Documente waren unterdeſſen ausgetauſcht worden, worauf von der Mitte des Platzes ein farbiger Luftballon emporſtieg, um dem Helden Carneval, welcher, wie wir wiſſen, in fernen Landen weilte, die glückliche Botſchaft von der Errettung und Befreiung ſeiner Haupt⸗ und Reſidenzſtadt zu bringen; zugleich krachten Freudenſchüſſe von allen Seiten, Schwärmer praſſelten, Raketen ſtiegen ziſchend in die Luft, und eine neue Ueberraſchung ſteigerte den Jubel der Tauſende und Tauſende der heitern Theil⸗ nehmer dieſes ſchönen Feſtes in's Unglaubliche: wie durch einen Zauber erſcheint plötzlich von einer der Nebenſtraßen her auf einem durch acht Pferde gezogenen Mauerwagen die kölner Jungfrau. Ihr überreicht eine Deputation das werthvolle Actenſtück, worauf ſich nach wiederholtem Abſingen des Bundesliedes die ſämmtlichen Züge zum Triumphmarſche durch die Stadt in Bewegung ſetzen. Es iſt eigenthümlich, wie beſcheiden hier die großartigſten Der Narrheit Reich iſt neu begründet! 37 Carnevals⸗Aufzüge in ihrer Einleitung und Eröffnung ſind; ſtatt einer der rauſchenden Muſikbanden oder einer der vielen glänzenden Reiterſchaaren ſchreitet, nach althergebrachter Ordnung, all den Hunderten, die ſich zu Wagen und zu Pferde verſammelt haben, eine kleine, unbedeutende Geſtalt voraus in weiß und rothem An⸗ zuge, in der Linken einen Schild, in der Rechten einen hölzernen Säbel ſchwingend, das altberühmte Gecken⸗Bänchen, eine geſchichtlich gewordene Figur aus den früheſten Zeiten Kölns, wo ſie bei ge⸗ wiſſen Proceſſionen vor dem Venerabile tanzte, vielleicht als An⸗ ſpielung auf König David vor der Bundeslade. Das Gecken⸗ Bänchen ſchreitet, wie eben angedeutet, nicht gravitätiſch oder ſtolz einher, ſondern mit heitern Bewegungen und in tanzendem Schritte nach dem Tacte von Trommeln und Querpfeifen, die ihm folgen und welche die Muſik einer ebenfalls ſehr bekannten Genoſſenſchaft, der Heiligenknechte und Heiligenmädchen, im alterthümlichen, ſchwarzen Anzuge bilden; die Mädchen mit großen, weißen Hauben und weißen Schürzen, die Knechte mit breiten, dreieckigen Hüten, kurzen Hoſen und ſchwarzen Strümpfen. Sie gehen paarweiſe und ahmen den Gang des Gecken⸗Bänchens nach, tanzend zu der Melodie des alten kölner Nationalmarſches, welchen Trommeln und Pfeifen an der Spitze ihres Zuges ſpielen. Ihm folgen die überwundenen Feinde, hierauf der vermittelnde Zug, die tapfern Verbündeten, die Kölner, endlich die wilde Jagd vor dem Triumphwagen der kölner Jungfrau, welche letztere den Schluß des ungeheuren Zuges bildet. Er ging, mit der Schilder⸗ gaſſe und der Hochſtraße beginnend, durch faſt alle größeren Straßen Kölns, über alle bedeutenden Plätze, und auf jedem derſelben wurde ein Halt gemacht, um den eben ſo erſtaunten als erfreuten Ein⸗ wohnern die Unterwerfungsacte des Feindes vorzuleſen. Trotz dieſer außerordentlichen Wegelänge, welche der Maskenzug auf dieſe Art zurücklegen mußte, blieben ſich die Theilnehmer deſſelben nicht nur gleich in Heiterkeit, Frohſinn und Laune, ſondern man bemerkte auch in manchen Abtheilungen, beſonders in den ſpäteren Nachmit⸗ Vierunddreißigſtes Kapitel. tagsſtunden, eine faſt zur Aufgeregtheit gewordene Luſtigkeit, welche wohl mit der Menge der unterwegs geleerten Flaſchen und Schöpp⸗ chen, ſowie der Maſſe der auffliegenden Champagnerpfropfen in Zuſammenhang gebracht werden konnte. Wer aber auch in den Straßen, wo die Zuſchauermaſſen kaum rechts und links an den Häuſern Platz machen konnten für die hindurchſchreitenden Züge, mit anſah, in welchem geiſtigen Rapport coſtumirtes und gewöhn⸗ liches Publikum mit einander ſtand, wie man ſich im Vorbeireiten und Vorbeifahren die Hände ſchüttelte, einen luſtigen Zuruf wechſelte, ſowie volle Flaſchen und Gläſer, wie man ſich bei der ungeheuren Höhe der vorbeiziehenden Wagen faſt bis in die oberen Stockwerke Blumenſträuße und Confect zuwerfen konnte, und wenn man durch alles dies auf's deutlichſte fühlte, wie ſich die Freude des Einen an der Luſt des Andern immer wieder neu entzündete und bis zum tollen Uebermuthe ſteigerte, der konnte es wohl begreiflich finden, daß der Jubel am heutigen Tage in der alten, heiligen Colonia zu einer wahren heidniſchen Tobung, wie der Carneval ja früher auch genannt wurde, ausartete. Und doch ging dabei Alles friedlich und anſtändig von Statten; Alle waren von dem Wahlſpruche:„Gleiche Brüder, gleiche Kappen!“ auf's innigſte beſeelt, und der Zuruf:„Geck, lohs Geck elans!“ fand heute hier ſelbſt in den ausſchweifendſten Variationen ſeine Be⸗ rechtigung. Wer es mit nüchternen Sinnen nicht begreifen kann, daß ſich ſelbſt ernſte, geſetzte Männer in dieſe tollen Strudel nicht nur mit ſortreißen laſſen, ſondern ſich auch noch bemühen, wo es angeht, extravagante Bläschen zu bilden, der betrachtete mit offenem Herzen und friſchem Sinne eine Zeit lang von irgend einem Fenſter herab eine dieſer engen Straßen mit ihren hohen Häuſern, bis zum Ueber⸗ fluthen angefüllt mit dem ungeheuerſten Carnevalsjubel— ja, über⸗ fluthet iſt das rechte Wort, denn die rieſenhaften, hohen, verzierten Wagen mit ihren flatternden Fahnen und jubelnden Masken ſcheinen aus lauter Luſt in die Höhe zu ſchwellen, und wir glauben den Der Narrheit Reich iſt neu begründet! 39 Augenblick zu erleben, wo der ganze buntfarbige Menſchenſtrom vorn durch irgend etwas geſtaut werden wird, um alsdann, langſam aufſteigend, die Straßen, die Dächer oder anſtoßenden Häuſer, ja, ganz Köln mit ihrer ſchäumenden, ſchillernden Fluth zu bedecken; dabei ſtehen die Zuſchauermaſſen ſo dicht gedrängt und fließen ſo hinein zwiſchen die Pferde⸗ und Wagenreihen des Maskenzuges, daß Alles nur eine einzige compacte, bunte, ſchreiende, tobende Maſſe bildet, eine Maſſe, die ſich auch an den Fronten der Häuſer bis hoch oben unter das Dach eben ſo lärmend und beweglich fortzu⸗ ſetzen ſcheint; denn auch auf der Straße ſind alle Treppen, alle Eckſteine, alle Steinvorſprünge mit Menſchen bedeckt. Von dem Parterrefenſter an bis zum höchſten Dachladen bemerken wir an allen Oeffnungen Kopf an Kopf, ſehen wir bunte Tücher wehen und farbige Schärpen, und unter der Kopfbedeckung, ſelbſt bei den Kindern, iſt die grüne und rothe Schellenkappe vorherrſchend. Alles das deckt die grauen Häuſerfronten und läßt ſie in bunter Aus⸗ ſchmückung erſcheinen, ja, um unſer Bild von vorhin wieder auf⸗ zunehmen, es iſt gerade ſo, als brande der wilde Carnevalsſtrom rechts und links an ſeinen Ufern, ſchäumend bis hoch an den Himmel hinan. Und dabei eine dröhnende Muſik vor uns, eine andere hinter uns, während die ſchmetternden Klänge einer dritten und vierten aus der Mitte herüberklingen— und dazu die tolle Beweglichkeit aller derer, die den Zug mitmachen, auch wenn derſelbe Minuten, ja, Viertelſtunden lang ſtockt; da verlaſſen Reiter ihre Pferde, Masken klettern behende von den Wagen herab, um in irgend ein befreun⸗ detes Haus zu dringen, von wo man ihnen aus den offenen Fenſtern mit vollen Gläſern gewinkt— ja, alle Fenſter, an denen der Zug vorüberkommt, ſind am heutigen Tage weit geöffnet, und wenn es einmal zufällig ein Bischen kalt iſt, ſo haben ſich die Damen mit leichten Pelzen ſo gut als möglich verwahrt, und ihre hübſchen Geſichter ſehen, vom Froſte angehaucht, friſch und roſig aus. Aber heute iſt von Kälte durchaus nichts zu ſpüren— es iſt 40 Vierunddreißigſtes Kapitel. ein gottvolles Wetter, gerade wie ein warmer Frühlingstag, und das vermehrt den Jubel in's Unglaubliche. Alles iſt luſtig und auf⸗ geräumt— Leute, die uns gänzlich unbekannt und fremd ſind, werden von den offenen Fenſtern mit Wein und Kuchen bewirthet, die Muſikbanden ſpielen die heiterſten Weiſen, und vorn an der Spitze des Zuges tanzen die Heiligenknechte und Heiligenmädchen luſtig bei den Klängen derſelben, während das Gecken⸗Bänchen ſeine verwegenſten Sprünge macht. Und die wilde Jagd— welch unerhörtes Aufſehen erregt ſie nicht überall, beſonders wenn ſie eine Zeit lang halten muß in den engeren Straßen, wo Frauen und Mädchen förmlich die Augen niederſchlagen, wenn ſie der Rodenſteiner gar zu dreiſt anblickt oder wenn ſeine beiden allerliebſten Jagdpagen, beſonders der auf dem Rothſchimmel, ſo außerordentlich nahe an den Fenſtern vorbeireiten! Und doch fühlt ſich manches Mädchenherz auf eine unerklärliche Weiſe zu dieſem ſchlanken, ſchwarzgelockten Reiter mit den eigen⸗ thümlichen, dunkeln, ſammtartigen Augen hingezogen, und manches junge Kind bietet ihm aus dem Fenſter heraus ein volles Glas und erſchrickt gleich darauf, daß es das gethan, noch mehr aber, wenn ihm der luſtige Jagdpage die kleine Hand mit dem feinen Handſchuh zum Dank entgegenſtreckt. Kenner hört man hier und da beim Anblicke des Reiters auf dem Rothſchimmel murmeln, es ſei das ein verkleidetes Mädchen; doch wenn derſelbe alsdann im nächſten Augenblicke ſein Pferd hoch aufſteigen läßt oder einen gar zu tollen Sprung mit demſelben macht, ſo werden dergleichen Be⸗ merkungen kopfſchüttelnd zurückgenommen. Was den blonden Pagen anbelangt, ſo hatte man auch ihn häufig im Verdachte, dem ſchönen Geſchlechte anzugehören, wozu ſein ſchüchternes, ängſtliches Weſen Veranlaſſung gab, deßhalb reite er auch nach Damenart— wenn man aber alsdann ſieht, mit welcher Fertigkeit er ein paar große Gläſer nach einander austrinkt, oder den Ton ſeiner Stimme hört, mit dem er ſich bedankt, ſo zweifelt man nicht mehr an ſeiner vollkommenen Berechtigung, einen Jagdpagen darſtellen zu dürfen. Der Narrheit Reich iſt neu begründet! 41 Auch Tod und Teufel gefallen außerordentlich in ihrer gelun⸗ genen Erſcheinung, und wenn man ſich auch hier und da vor dem unheimlichen Anblicke des Todes ſcheu zurückzieht, ſo ſöhnt man ſich doch wieder aus durch das gemüthliche Ausſehen ſeines Nach⸗ folgers, denn einen heitereren, wohlwollenderen und luſtigeren Teufel, als den dicken van der Maaßen, konnte es nicht leicht geben. So durchzog man Straße um Straße, ſo verrann Stunde um Stunde, und als man endlich am Pauli'ſchen Hofe angekommen war, wo die Abtheilungen ſich trennten und vereinzelt in ihre ver⸗ ſchiedenen Standquartiere zurückkehrten, fingen dämmerige Schatten ſchon an, ſich auf dem feuchtgewordenen Straßenpflaſter niederzu⸗ laſſen, und die ſcheidende Sonne vergoldete nur noch die höchſten Firſten der Dächer. Die wilde Jagd zog über den Heumarkt, und dort bemerkte man den einen Jagdpagen, welcher den Rothſchimmel ritt, ſein Pferd gegen einen geſchloſſenen Wagen lenken, der neben der Börſe hielt, ſich aus dem Sattel ſchwingen und in dem Wagen verſchwinden, der dann augenblicklich in ſcharfem Trabe davonfuhr. Der Rodenſteiner ſelbſt hatte den Pagen bis an den Schlag des Wagens geleitet und dort von ihm Abſchied genommen; er zog dann die Friedrich⸗Wilhelms⸗Straße hinab bis zur Rheinbrücke, über welche ſich der größte Theil der wilden Jagd nach Deutz begab. Nur der wilde Jäger ſelbſt mit dem Tod und dem Teufel, dem blonden Jagdpagen mit Bergmüller im Coſtume eines Jägers und mit ein paar Reitern, welche die Pferde zurücknehmen ſollten, ritten über den Thurnmarkt nach Hauſe. „Gott ſei Dank!“ ſagte Rüding, als die Künſtler hierauf in ihr angenehm durchwärmtes Zimmer traten—„ich bin ſo froh, als wenn mir Einer fünfzig Thaler geſchenkt hätte, daß dieſe Ge⸗ ſchichte glücklich abgelaufen iſt!“ „Was machen wir jetzt?“ fragte van der Maaßen—„bleiben wir in unſeren Coſtumes, bis wir auf den Gürzenich gehen, oder was iſt überhaupt über uns im Rathe der Götter beſchloſſen?“ „Was mich anbelangt,“ meinte Knorx,„ſo habe ich wahr⸗ Hackländer's Werke. 55. Bd. 4 42 Vierunddreißigſtes Kapitel. haftig keine Luſt, den Ball als Tod zu beſuchen; ich habe den Leuten heute ſchon Schrecken genug eingejagt, und es iſt kein angenehmes Gefühl, ſo von Jedermann gemieden zu werden.“ „Aha, alter Schwede,“ lachte der Teufel,„Du willſt wohl auf dem Balle irgend welche Eroberung machen? Dazu taugt frei⸗ lich Dein Coſtume nicht!“ „Und das Deinige?“ antwortete fragend der lange Bildhauer. „Mit dem Meinigen iſt es etwas ganz Anderes; ich ſage Dir, die Weiber haben oft ganz verzwickte Neigungen, und wenn ſie ſich mit mir gut halten, ſo legen ſie vielleicht Capital für die Zukunft an— nun, wie iſt's, Rodenberg?“ wandte er ſich hierauf an den wilden Jäger—„bleiben wir, wie wir ſind?“ „Macht es Euch vor der Hand wenigſtens ſo bequem als mög⸗ lich, ohne Euch förmlich auszukleiden; legt Eure Waffen ab, ich werde mich ein wenig auf Kundſchaft legen.“ „O, Du verfluchter Kerl,“ ſagte van der Maaßen mit leiſer Stimme in ſeiner heiteren Weinlaune,„gelt, gelt— Du willſt den Dank für unſere vortreffliche Aufführung allein eincaſſiren, va⸗ Egoiste!“ „Im Gegentheil,“ erwiederte Arthur, einen gleichgültigen Ton annehmend,„ich ſorge nur für Euer Vergnügen und möchte nur, daß der Schluß des Tages ſo ſchön und glänzend iſt, als der Anfang.“. Während er ſo ſprach, hatte er die Hetzpeitſche von ſich ge⸗ worfen und ſeinen langen Stoßdegen abgeſchnallt; ehe er aber hierauf das Zimmer verließ, winkte er Bergmüller an das Fenſter und ſagte, nur für ihn verſtändlich:„Haſt Du allein Deiner Frau den Wunſch meiner Anverwandten ausgerichtet?“ „Gewiß, das will ich meinen!“ „Und nahm ſie keinen Anſtand?“ „Pah, nicht den geringſten!“ „Meine Baſe hätte ihr natürlicher Weiſe einen Beſuch machen müſſen; doch nimmt man es im Carneval nicht ſo genau“ Der Narrheit Reich iſt neu begründet! 43 „Ich ſage Dir, meine Frau iſt ein ganz vernünftiges Weib, ſie wird zu der beſtimmten Stunde kommen und freut ſich wie ein Kind auf die Maskerade auf dem Gürzenich.“ „Und Deine Schwiegermutter?“ „Iſt wie umgewandelt; ich glaube, wenn ich ihr ein kleines, gutes Wörtchen gäbe, ſie ginge ebenfalls mit.“ „Gut— ſo wäre das im Reinen; laßt Euch nieder und raucht, ich will Euch einen guten, ſtarken Kaffee beſorgen.“ „Eine vortreffliche Idee!“ rief van der Maaßen, der die letzten, laut geſprochenen Worte gehört hatte—„un café après la maniére du sous-monde— heiß wie die Hölle, ſchwarz wie der Teufel und ſüß wie die Sünde!“ Rodenberg warf noch einen Blick in den Spiegel, ſtrich ſein blondes, lockiges Haar aus der erhitzten Stirn und verließ das Zimmer. Draußen traf er denn auch den Haushofmeiſter, der ihn mit der größten Freundlichkeit nach dem kleinen Saale neben dem Eß⸗ zimmer geleitete und hier einen Augenblick zu warten bat, bis er ſeine Herrin benachrichtigt. Rodenberg brauchte indeſſen nicht lange hier zu warten, denn bald darauf erſchien Juanita, welche ihn herz⸗ lich willkommen hieß, wobei ſie dem jungen Manne ihre Hand entgegenſtreckte. Sie hatte ihr Barrett mit der rothen Hahnenfeder abgelegt und einen weiten, faltigen Burnus von weißer Farbe über ihr Coſtume geworfen. 3 „Ich wußte, daß ich Sie ſehen würde,“ ſagte ſie in herzlichem Tone,„obgleich ich bei unſerem Abſchiede vergeſſen habe, darum zu bitten— ach, was war das für ein ſchöner Tag— er wird nie aus meinem Gedächtniſſe ſchwinden— ich habe mich göttlich unterhalten— Sie doch auch, mein Freund?“ „Gewiß, Juanita,“ entgegnete er mit leuchtendem Blicke,„und beſonders iſt es Ihre Freude, die mich ſo glücklich macht!“ „Und Sie müſſen mir zugeſtehen, daß ich mich ganz gut auf⸗ geführt und meine Rolle wenigſtens erträglich geſpielt habe?“ 44 Vierunddreißigſtes Kapitel. „Vortrefflich haben Sie ſie geſpielt— aufrichtig geſagt, ich habe nie einen luſtigeren, wilderen Pagen geſehen, als Sie, und der auch als böſes Princip ſo vollkommen in ſeiner Rolle bleibt!“ „Wie ſo?— Wie ſoll ich das verſtehen?“ „Nun, der ſo viele Veranlaſſung zu wilden, glühenden Ge⸗ danken gibt, ohne ſelbſt eines ſolchen theilhaftig zu werden, und der ſich alsdann lachend zurückzieht, wenn er Unheil angerichtet!“ „Wann hätte ich Unheil angerichtet?“ fragte ſie in einem ſo komiſch⸗ernſten, weichen und zugleich bittenden Tone, daß es ihn förmlich durchſchauerte und er einen Augenblick unſchlüſſig war, ob er nicht ſeine Rolle eines wildeſten aller Jäger aufnehmen, die ſüße, ſchlanke Geſtalt gewaltſam in ſeine Arme faſſen und davon⸗ tragen ſolle; doch begnügte er ſich, in einem tiefen Athemzuge zu ſagen: „Ah, Juanita, Sie ſind hart und grauſam— Ihr Herz iſt keiner Erwärmung fähig, oder, wenn tief in demſelben ein Funke glüht, ſo iſt er mit einer dicken Aſchenſchicht bedeckt!“ „Ein vortreffliches Bild!“ gab ſie zur Antwort und lachte alsdann ſo herzlich und glückſelig, daß man die weißen Zähne zwiſchen ihren rothen Lippen durchglänzen ſah—„ich werde es Ihnen wiederholen, wenn Sie einmal wieder Gelegenheit nehmen, an dieſes kalte, mit Aſche bedeckte Herz zu appelliren— doch Scherz bei Seite, Sie werden müde ſein, lieber Freund, und auch ich ſehne mich ein wenig nach Ruhe; Sie wiſſen, daß wir heute Abend noch große Feſtlichkeiten vor uns haben.“ „Den Ball auf dem Gürzenich....“ „Ja, ich freue mich wie ein Kind darauf— die Frau Ihres Freundes verſprach, zu mir zu kommen, und ich habe einen köſt⸗ lichen Spaß vor— finden Sie zwiſchen ihr und mir irgend eine Aehnlichkeit?“ „Nicht die geringſte!“ gab er mit einem leichten Seufzer zur Antwort, wobei er dem jungen, ſchönen Mädchen innig in die Augen blickte. Der Narrheit Reich iſt neu begründet! 45 „Ich meine nicht eine Aehnlichkeit mit meinem Geſichte, ſon⸗ dern mit meiner Geſtalt.“ „Darüber kann ich ja nicht urtheilen,“ gab er zögernd, mit einem eigenthümlichen Lächeln zur Antwort—„der weite, neidiſche Mantel verhüllt Sie vollſtändig.“ War es nun in dieſem Augenblicke das Spiel des Zufalles oder half Juanita demſelben ein wenig nach, genug, die zu einer Schleife verbundene Schnur des Burnus hatte ſich aufgelöst und der glatte, geſchmeidige Stoff glitt raſch von ihrer Schulter herab, den ſchönſten, ſchlankeſten, entzückendſten Jagdpagen entwickelnd. Im gleichen Augenblicke lag der wilde Jäger zu ihren Füßen, die kleinen Hände ergreifend, ſie abwechſelnd küſſend und dann, als ſie ihm dieſelben halb ärgerlich, halb verſchämt haſtig entzog, ihren ſchlanken Leib mit einer ſolchen Gluth umfaſſend und an ſich drückend, daß eine tiefe, glühende Röthe auf ihrem Geſichte aufflammte. „Ah, Rodenberg,“ ſagte ſie in einem ſeltſam zitternden Tone, „das iſt nicht recht! Hätte ich Sie für ſo unbeſonnen gehalten, ſo würde ich Sie jetzt nicht empfangen haben— o, mein Freund, ich bitte Sie, bleiben Sie beſſer in Ihrer Rolle! Wie darf der tapfere Ritter von Rodenſtein vor ſeinem Jagdpagen knieen? Seien Sie ruhig und vernünftig, Arthur!“— Sie ſagte dies in einem Tone, der kalt und beſonnen klingen ſollte, aber nicht frei von innerer Bewegung war, worauf er ihr haſtig erwiederte: „Ja, wer's über ſich vermöchte, ſo ruhig und vernünftig zu ſein wie Sie! Wir haben die Rollen gewechſelt— ich, der kalte Deutſche, liege erglühend zu Ihren Füßen, während Sie, die heiße Spanierin, mit kalter Miene von Ruhe und Beſonnenheit reden — doch Sie haben Recht, Juanita, ich will nicht zu Ihren Füßen liegen, weil Sie es mir verboten, ich will aufſtehen und die Frage beantworten, welche Sie mir vorhin gethan.“ Er that ſo, wie er geſagt; er hob ſich langſam in die Höhe und zu gleicher Zeit den weißen Mantel des ſchönen Mädchens, den er nun, aufrecht neben ihr ſtehend, ſanft um ihre Schultern legte. 46 Vierunddreißigſtes Kapitel. Daß ſie ihm dadurch wieder ſehr nahe kam, war wohl aber⸗ mals ein Spiel des Zufalls, und es lag auch wohl nicht in ihrer Abſicht, ſeine eben ſo innige als ehrerbietige Liebe zu verletzen. Sie hätte nur einen Schritt zurückzutreten brauchen, was ſie nicht that, ſie hätte nicht nöthig gehabt, ihr erglühtes Geſicht emporzuheben, was ſie doch that, und da half denn wieder der Zufall nach, viel⸗ leicht auch das wilde Klopfen dieſer beiden jugendlichen Herzen, weßhalb es wohl nicht zu verwundern war, daß ſich ihre Lippen einen einzigen, aber über alle Beſchreibung ſeligen Augenblick vereinigten. Nur eine Secunde, dann wand ſie ſich haſtig aus ſeinen Armen, und ſtampfte mit ihrem kleinen Fuße vor ihm auf den Boden, in unwilligem Tone ſagend:„Sie haben ſich Ihr Maskenrecht ge⸗ nommen— nun gut, aber ich bitte Sie dringend, Herr Rodenberg, ſehen Sie meine freundliche Schwäche für gar nichts Anderes an — bei Gott, für nichts Anderes— und nun laſſen Sie mich ein wenig ausruhen, vielleicht ſehen wir uns auf dem Maskenballe wieder.“ Sie warf bei dieſen Worten das eine Ende ihres weißen Mantels über die linke Schulter, nickte dem jungen Manne kurz und vornehm zu und verließ das Zimmer. Rodenberg ſtarrte ihr düſter nach, indem er ſich auf die Lippe biß.„So— bis an Dein kaltes, ſtolzes Herz dringt keines meiner innigen Worte,“ grollte er ihr nach,„und was Du mir gibſt, iſt eine ärmliche Zahlung auf ein mir gebührendes Maskenrecht— ſo erklärſt Du es mir wenigſtens,“ ſetzte er mit einem ſchmerzlichen Ausrufe hinzu,„in einem Augenblicke, als ich glaubte, Dir nahe zu ſein!— Und habe ich denn ein Recht, mich zu beklagen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„haſt Du mich nicht beſtändig vor Dir ſelber gewarnt, haſt Du es mir nicht zur Genüge wiederholt, ich ſolle mich in Acht nehmen vor den Tücken der Waldfee— habe ich es hier nicht an meinem Hüfthorne in Silber eingravirt: ‚espera y teme?— Und trotz alledem, ich will nach dieſer Deviſe handeln, hoffen und meinetwegen auch fürchten— thue Du aber daſſelbe!“ Die letzten Worte hatte er in heftiger, trotziger Erregung aus⸗ — Der Narrheit Reich iſt neu begründet! 47 geſtoßen, wobei er ſich abwandte, um das Zimmer zu verlaſſen; doch ehe er die Schwelle überſchritt, ehe er für heute den Theil des Hauſes verließ, in welchem ſie wohnte, überfiel ihn noch einmal eine tiefe Wehmuth; er drückte ſeine beiden Hände vor das Geſicht und rief mit einem ſchmerzlichen Tone:„O, warum liebe ich Dich ſo über alle Beſchreibung— warum wäre ich glücklich, für Dich ſterben zu können, und wie überſelig, mit Dir leben zu dürfen!“ Er zwang ſich, heiter auszuſehen, als er wieder in das Zimmer zu den Genoſſen trat, die es ſich auf ſeine Aufforderung ſo bequem als möglich gemacht; auch waren ſie jetzt vollſtändig bei einander, denn der Drache Griesgram war ebenfalls erſchienen und hatte ſich bereits ſeines fabelhaft ſchönen Coſtume's entledigt, mit welchem er den Zug der Feinde verherrlicht. „Solch eine Fahrt mit drei Kölnern in einem Wagen ſoll der Teufel holen!“ brummte er.„Jeder von Euch muß mir das Zeug⸗ niß geben, daß ich vor ein paar Flaſchen Wein nicht zurückſchrecke, aber wie das Volk zu ſaufen vermag, geht über alle Beſchreibung! Zuerſt hatten ſie unten im Wagen ſo viele Flaſchen, daß man die Füße nicht ſtellen konnte, weßhalb es ein Werk der Barmherzigkeit war, raſch zu trinken, um Platz zu gewinnen; auch dachte ich, dann würden ſie endlich genug haben, doch weit gefehlt— wie die Pferde bei der Extrapoſt, ſo hatten ſie ſich förmliche Weinſtationen einge⸗ richtet, und bald wurden von rechts, bald von links Flaſchen in den Wagen hineingereicht— ah, das war ein hartes Stück Arbeit! Jetzt ſoll mich aber Niemand aus meinem bequemen Stuhle her⸗ ausbringen, und ich möchte darauf ſchwören, heute keinen Tropfen mehr zu trinken!“ „Thue das lieber nicht,“ ſagte der muthwillige van der Maaßen; „draußen trifft man ſchon Anſtalt zu unſerem Diner, und dabei wirſt Du doch ein Tröpfchen nicht verſchmähen dürfen— zur Ehre des Hauſes— à honneur du maison!“ „Was macht unſer Album?“ wurde Bergmüller von Roden⸗ berg gefragt.„Haſt Du heute danach geſehen?“ 48 Vierunddreißigſtes Kapitel. „Ich gab es bei einem chriſtlichen Meiſter in Arbeit, der nicht daran denkt, dem Carnevalsſchwindel nachzulaufen, und heute deßhalb doppelt fleißig daran arbeiten wird z geſtern Abend habe ich nach⸗ geſehen und kann Dir wohl verſprechen, daß er ſeine Zeit einhalten und es morgen abliefern wird.“ „Ich hoffe, es ſoll ſchön werden!“ meinte Rodenberg nach⸗ ſinnend. von Silber genommen. Der Einband kann leicht auf fünfzig Thaler kommen.“ „Gut, und wenn wir dazu unſere Blätter rechnen, ſo haben wir uns anſtändig revanchirt!“ warf Rüding ein. „Anſtändig allerdings,“ murrte Walter;„doch möchte ich da⸗ für nicht bezahlen, was Du unſere liebenswürdige Hauswirthin allein gekoſtet— läßt ſich doch der Kerl jeden Tag zweimal friſiren, und alles das auf Unrechtskoſten.“ „Das iſt nicht wahr,“ brauste der ſanfte Eduard auf,„we⸗ nigſtens lag es nicht in meiner Abſicht, mich, wie Du Dich gemein genug ausdrückſt, auf Unrechtskoſten friſiren zu laſſen! Gleich am erſten Morgen habe ich dem Friſeur fünf Silbergroſchen in die Hand drücken wollen— kann ich dafür, daß er dieſelben zurück⸗ wies und geſagt, es ſei ihm ſtreng verboten, irgend etwas zu nehmen?“ „Ja, ja,“ brummte Walter, indem er, auf einem Fauteuil lang ausgeſtreckt, behaglich den Dampf einer Cigarre von ſich blies und an die Decke hinaufſchaute—„es iſt dies ein ungeheuer an⸗ ſtändiges Haus; ſchade, daß wir es nicht mit einer Fürſtin oder einer Königin zu thun haben, die ſich ein Vergnügen daraus machte, uns an ihrem Hofe zu beſchäftigen!“ „-Ah! a fut une grande idée— superbe!“ würde der Be⸗ gleiter des Prinzen Heinrich ſagen, oder; räuberhaft, brigandable!““ meinte van der Maaßen. „Eines iſt ſicher,“ fuhr Walter fort, indem er ſich mit großer „Schön und theuer; wie Du angeordnet, hat er alle Beſchläge Der Narrheit Reich iſt neu begründet! 49 Ruhe gegen den Employé des Hauſes Beauvillard u. Co. wandte, „Du bleibſt nicht lange in Deinem würdigen Hauſe, denn Dir blüht in Paris der erſte vacante Lehrſtuhl für franzöſiſche Literatur!“ „Warum nicht? So einen Poſten nähme ich auch gern bei unſerer liebenswürdigen Hauswirthin an,“ antwortete van der Maaßen;„mir gefällt Deine Idee, ihren Hofſtaat zu bilden.“ „Da wüßte ich doch noch einen beſſeren Platz für Dich,“ ſagte Walter mit einem eigenthümlichen Lächeln,„beſonders in dem Falle, wenn ſie eine morgenländiſche Prinzeſſin wäre— ich würde Dich alsdann unbedingt zu ihrem Kislar Aga machen— ein ſchöner Poſten, Oberſter der— Gartenwache!“ „Auch das nähme ich an,“ rief van der Maaßen heiter;„doch müßte mir Rüding als College beigegeben werden!“ „Ich würde Director der Bildergallerie,“ fuhr Walter träu⸗ meriſch fort;„unſer Bergmüller da, der ein gewaltiger Nimrod iſt, bekäme das Departement der Wälder und Jagden, Rüding würde unter ihm Ober⸗Aufſeher der allerhöchſten Leithunde und Knorx erhielte eine Stelle als Hofcaplans⸗Aſſiſtent.“ „Und ich?“ fragte Rodenberg.— „Für Deine Anſtellung ließe ich Ihre Majeſtät ſelbſt ſorgen, und ich glaube, Du würdeſt Dich nicht ſchlecht dabei befinden!“ Knorx ſaß vor dem Kaminfeuer; er hatte ſeine Füße auf eine eiſerne Stange deſſelben geſtellt und ſagte, indem er unverwandt in die ſpielenden Flammen blickte:„Das ſtimmte ungefähr mit meiner Neigung überein; wenn es auch gerade nicht die Stelle eines Hofcaplans⸗Aſſiſtenten ſein müßte, ſo wäre mir doch ein ſtilles, beſchauliches Leben äußerſt angenehm, und ehrlich geſagt, habe ich auch in dieſer Richtung ſchon meine Schritte gethan.“ „Wie ſo,“ fragte Rodenberg erſtaunt,„Du willſt doch nicht etwa ins Kloſter gehen?“. „Ja und nein. Ich ſagte Euch neulich ſchon, daß ich einen guten Freund bei den Capucinern aufgeſucht; geſtern war ich wieder dort, und ich kann Euch nicht verſchweigen, wie wohlthuend mir 50 Vierunddreißigſtes Kapitel. der Contraſt von dem tollen Leben auf der Straße mit der Stille in dem ſchönen Kreuzgange und der friedlichen Kloſterzelle war.“ „Knorx, Knorx,“ rief Walter aus,„wenn Du ein Capuciner wirſt, ſo ſollſt Du an mir ein eifriges Beichtkind haben!“ „Das hat vor der Hand ſeine Schwierigkeiten— auch möchte ich meine Kunſt nicht an den Nagel hängen. Um aber dort....“* Hier ſchwieg er, als hätte er ſchon zu viel geſagt, was auch in der That der Fall war, denn Walter wandte ſich haſtig nach ihm um, indem er ſagte: „Heraus mit der Sprache, Knorx, Du haſt in dieſer Richtung einen Entſchluß gefaßt, den Du mir hoffentlich nicht verheim⸗ lichen willſt!“ „Dazu habe ich auch keine Urſache, denn mein Entſchluß iſt kein ſchlechter; ich habe im Kloſter der Capuciner eine Beſtellung zu einem lebensgroßen Crucifix angenommen, eine Arbeit, die mich wohl ein Jahr beſchäftigen kann und die ich im Kloſter ver⸗ fertigen ſoll.“ „A— a— a-—ahl“ machten Alle in mehr oder minder erſtaun⸗ tem Tone, und Rodenberg fragte: „Du gehſt alſo nicht mit uns zurück?“ „Schwerlich!“ „Schade drum,“ ſagte Rodenberg,„ich hatte mir unſere Rück⸗ fahrt recht angenehm gedacht, plaudernd über das Geſchehene, mit⸗ theilend über Alles, was wir Intereſſantes erlebt haben!“ Rüding ſtieß bei dieſen Worten die Aſche von ſeiner Cigarre und ſprach, ohne aufzublicken, mit einem affectirten, gleichgültigen Tone:„Knorx hat eigentlich Recht, ſich einen andern Wirkungs⸗ kreis zu ſuchen, da unten kommen doch nur magere Beſtellungen an ihn— was mich betrifft, ſo beabſichtige ich ein Gleiches, wie er!“ „Auch Du, Brutus?“ rief Walter in komiſchem Tone.„Spürſt Du auch Neigung zum Kloſterleben in Dir, und willſt Du es viel⸗ leicht bei den Nonnen verſuchen?“ „Wenn Du nur einmal Deine ſchlechten Witze laſſen könnteſt!“* —— Der Narrheit Reich iſt neu begründet! 51 gab der ſanfte Eduard in beinahe gekränktem Tone zur Antwort. „Ich war geſtern Abend in einem der vielen vornehmen Häuſer meiner Bekanntſchaften, wo man mich begreiflicher Weiſe mit Aus⸗ zeichnung empfängt, wo mir zwei Bilder beſtellt wurden. Zugleich bat mich einer der Beſteller, ihn nach dem Carneval auf ſein Land⸗ haus zu begleiten, um dort den Frühling, Sommer, Herbſt, ſo lange es mir gefalle, bei ihm zuzubringen.“ „Das freut mich in der That,“ ſagte Rodenberg in herzlichem, wohlwollendem Tone,„und wenn es mir auch leid thut, dadurch noch einen Freund zu verlieren, ſo haſt Du vollkommen Recht, eine ſo vortreffliche Gelegenheit nicht unbenutzt zu laſſen!“ „Da es mir mein Beſteller obendrein mit größter Liberalität überläßt, den Preis für meine Bilder ſelbſt zu beſtimmen.“ „Der arme Beſteller!“ konnte ſich Walter nicht enthalten, in den Bart zu murmeln.„Mache es gnädig mit ihm, Rüding, und vergiß nicht die guten Lehren, welche ich Dir ſtets gegeben und die Dich ſowohl als Künſtler wie als Menſchen in der rechten Bahn erhalten!“ Statt zu antworten, zuckte Rüding die Achſeln mit verächt⸗ licher Miene und ſagte erſt nach einer längeren Pauſe:„Für alle die bitteren Bemerkungen, mein lieber Walter, bin ich doch gut⸗ müthig genug, Dir ähnliche Freunde und Kunſtkenner zu wünſchen, ſowie einen reichen Liebhaber für Deine heilige Cäcilie!“ „Leider iſt dieſelbe unſchätzbar,“ verſetzte der alte Maler mit großer Ruhe;„ich denke oft daran, welche Bildergallerie reich genug iſt, um ſie zu bezahlen. Doch ſteigt ſie ja jeden Tag im Werthe.“ „Als letztes großes Meiſterwerk, da die deutſche Kunſt todt iſt!“ lachte der ſanfte Eduard. „Allerdings iſt ſie todt, mein guter Freund,“ antwortete Walter,„und das wird Dein Beſteller zu ſeinem großen Schmerze baldigſt einſehen!“ „Laßt genug ſein des grauſamen Spiels,“ rief van der Maaßen luſtig,„da kommt was Beſſeres— voilà, Messieurs, notre manger!“ XXXV. „Köln am Rhein, du frohe Stadt!⸗ Das Kaufhaus Kölns— der Gürzenich— liegt am Abende des Roſenmonats vor uns, eine gewaltige, aber einfache Maſſe, wenig geſchmückt durch zierliche, emporſtrebende Eck⸗ und Wacht⸗ thürmchen, und doch glänzt es heiter in die Nacht hinaus mit ſeinen koloſſalen, blendend hell erleuchteten Fenſtern, ſeinen vom rothen Lichte der Pechpfannen in warmem Tone angeſtrahlten Steinmauern und dem gemüthlichen Faſtnachtsleben, welches ihm durch ſeinen weiten Eingang das Bild eines phantaſtiſchen, tollen und wildſchwärmenden Bienenſtockes verleiht. In langen Reihen ſtehen die Wagen bisweilen in die nächſten Straßen hinein, und nur langſam vorrückend ſind ſie im Stande, ſich ihres bunten In⸗ halts zu entledigen. Doch da das Wetter gleich gut und ſchön geblieben iſt, auch die Straßen faſt frei von Schnee ſind, ſo iſt die Zahl derjenigen, welche ſich zu Fuß zum Balle begeben, bei Weitem größer, als die, welche anfahren und, langſam vorrückend, oft Stunden lang warten müſſen. Auch unſere Freunde, mit Ausnahme Rüding's, befinden ſich unter der Maſſe der Erſteren, obgleich der Haushofmeiſter nicht verſäumt, ihnen Wagen anzubieten. Rodenberg war der Letzte, der aus dem Hauſe trat, und er hätte ſich gar zu gern in der dunkeln Straße aufgehalten, da er ſah, wie vor der Nebenthür ein vierſitziger geſchloſſener Stadtwagen — Köln am Rhein, du frohe Stadt! 53 mit leuchtenden Laternen hielt; doch gedachte er in gleichem Augenblicke des kurzen, förmlichen Kopfnickens, mit dem ihn Juanita heute Nach⸗ mittag entlaſſen, und dieſe Erinnerung machte nicht nur, daß er die Zähne heftig aufeinander biß, ſondern daß er raſch ſeinen Arm unter den Bergmüller's ſchob und mit dem luſtigen Jäger davonging. „Meine Frau iſt pünktlich zur beſtimmten Zeit gekommen,“ ſagte dieſer in heiterem Tone;„es war rührend anzuſehen, wie ſich das Weibchen auf die Maskerade gefreut.“ „Und du weißt nicht, worin dieſe beſteht?“ „Ich habe keine Idee davon— als ich ſie hinbegleitete, wurde mir ſehr höflich, aber ſehr beſtimmt die Thür vor der Naſe zuge⸗ geſchloſſen; es iſt das eigentlich hart für einen Ehemann,“ ſetzte er lachend hinzu,„wenn man ſeine Frau ſo mir nichts dir nichts ab⸗ geben muß, ohne zu wiſſen, was mit ihr geſchieht.“ „Obendrein in Rüding's gefährlicher Geſellſchaft, denn dieſer Spitzbube wurde ebenfalls hinübergeholt und ſoll jetzt noch wieder⸗ kommen.“ „Darüber mache ich mir die kleinſte Sorge,“ erwiederte Berg⸗ müller lachend;„aber ſage mir,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „haſt Du Dir Knorx recht angeſchaut?“ „Allerdings, er ſieht unheimlich aus.“ „Schauerlicher, als wenn er in ſeiner Maske geblieben wäre — es iſt das aber bei alledem ein alter Practikus mit ſeinem ein⸗ fachen Coſtume.“ „Und wie das bequem ſein muß, ſo in einem Schlafrocke auf den Ball zu gehen!“ 3 „Aber wenn Du Dir das lange blaſſe, ausdrucksvolle Geſicht mit dem angeklebten Barte betrachteſt und dazu die lange, dürre, ſchwarze Geſtalt mit dem hänfenen Stricke um den Leib, ſo iſt doch ein gewiſſes Chie in ſeiner ganzen Maskerade.“ „Denke Dir nur,“ ſagte der wilde Jäger, einen Moment ſtehen bleibend,„er hat den Todtenkopf in ſeinem Koffer bei ſich und wollte ihn mit auf den Ball nehmen; natürlich habe ich es ihm ausge⸗ 54 Fünfunddreißigſtes Kapitel. redet, denn ich bin überzeugt, ſie hätten ihn mit demſelben gar nicht hineingelaſſen.“ „Walter ſieht gut aus, er hat ſich eine Capuzinerkutte beſor⸗ gen laſſen.“ „Was ihm Knorx übel nehmen wollte; doch nun wandeln ſie in Freundſchaft neben einander, Arm in Arm, gefolgt vom dicken van der Maaßen, der es nicht unterlaſſen kann, zuweilen einen kleinen Griff nach dem Halſe des Mönches zu thun.“ „Da ſind wir an Ort und Stelle,“ ſagte Bergmüller,„das iſt ein ſchönes Gedränge; wir wollen uns dicht hinter dem Teufel halten, vor dem haben ſie immer einen gewaltigen Reſpekt.“ Jetzt betraten ſie die Treppe und wurden, eingekeilt in eine compacte Menſchenmaſſe, langſam vorwärts geſtoßen; von oben herab drang durch die geöffneten Thüren blendender Lichterſchein und die taktmäßigen Klänge einer rauſchenden Muſik, welche aber beſonders gedämpft erſchien durch den eigenthümlichen Ton, den Tauſende von Stimmen hervorbrachten, die ſich plaudernd, lachend, rufend und in bekannten hohen Maskentönen quiekend vernehmen ließen. „Man glaubt zu ſchieben und man wird geſchoben,“ ſagte der wilde Jäger, und Bergmüller ſetzte hinzu:„Ich bin noch froh darüber, daß wir die breite Maſſe des van der Maaßen vor uns haben.“ „Wenn ich aber zufällig rückwärts falle, was wohl geſchehen kann, ſo erdrücke ich Euch Beide.“ „Halte feſt, wackerer Teufel, bald ſind wir oben!“ „So— das war ein ſchweres Stück Arbeit.“ Aber auch welche Belohnung durch dieſen wahrhaft prächtigen Anblick. Da lag der weite, weißglänzende Saal in feenhafter Beleuch⸗ tung von hundert und abermals hundert Lichtern vor ihnen— eine Welt für ſich, eine bunte, heitere, glänzende, ſtrahlende, ent⸗ zückende Welt; man glaubte zu träumen, man glaubte ſich in ein Zauberreich verſetzt; ſtatt der gewaltigen Säulen, welche die Decke Köln am Rhein, du frohe Stadt! 55 des Saales ſtützen, ſah man jetzt an deren Stelle rieſenhafte Cham⸗ pagnergläſer, aus deren weiten Oeffnungen der geiſtige Schaum bis zur Decke giſchte und ſich an derſelben in der mannichfachſten und ſeltſamſten Geſtaltung der Phantaſie ausbreitete. Da flogen bunte Schmetterlinge und zerrten Blumen⸗Guirlanden aus einander; da rankten ſeltſam geformte Stengel im maleriſchen Gewirre durch einander und zeigten fremdartige Blüthen in den grellſten Farben; da ſchwebten koloſſale Libellen mit durchſichtig glänzenden Flügeln und trugen auf ihrem Rücken Amoretten und Genien, welche ſie an goldenen Zügeln regierten; hier hatte der weiße, wolkige Champagner⸗ ſchaum rieſige Perlen an die Decke geworfen, dort vertheilte er ſich zu richtigem Gewölke und zeigte ein dunkelblaues Firmament mit ſtrahlenden Sternen. Und wo am Rande der Champagnergläſer das koſtbare Naß übergefloſſen war, da hatte es ſich ebenfalls in Blu⸗ men und Blüten verwandelt, welche in zierlichen Feſtons bis auf das Maskengewühl herabhingen. Zwei ſtark beſetzte Muſikbanden ſpielten abwechſelnd in dem Saale, und von den Orcheſtern am unteren und oberen Theile desſelben gingen terraſſenförmige Tribunen herab mit dem bunte⸗ ſten Maskengewühle angefüllt und ſo das glänzende Leben des Saales mit der phantaſtiſch geſchmückten Decke in Verbindung ſetzend, wobei man den General⸗Muſikdirektor des Prinzen Carne⸗ val, den Maeſtro Radikati, mit blitzſchneller Geſchäftigkeit von Orcheſter zu Orcheſter eilen ſah, eine Rieſenuhr in der Hand, um zu vermitteln, daß der Takt der Töne mit dem Takte der Freude gleichen Schritt ging. Es war in der That ein feenhafter Anblick. Der weite Saal mit ſeinen zahlloſen Lichtern, welche auf kryſtallenen Kronleuchtern funkelten, die rieſigen, blühenden Guirlanden, welche ſich in ge⸗ ſchmackvoller Eintracht von Pfeiler zu Pfeiler ſchlangen, die an den weiten Enden des Saales ſich alsdann in Bogenform durchkreuzten, ein duftiges Gewölbe bildend über förmlichen Gärten von Lorbeer, Orangen und Granatbäumen, deren Fontainen kryſtallhelles, küh⸗ 56 Fünfunddreißigſtes Kapitel. lendes, aber gewöhnliches Waſſer emporwarfen, während an der andern Seite ein kleiner Springbrunnen aus dem echteſten, wohl⸗ riechendſten kölniſchen Waſſer einen wunderbaren Duft ringsum verbreitete— ein herrlicher Orangenduft, welcher lebhaft an den ſchönen Süden erinnerte, wo ſich der Held Carneval in dieſem Au⸗ genblicke befand. Aber dabei war der Saal mit ſeinem Faſtnachtsleben ein An⸗ blick, den Mancher ſchüchtern und zögernd von fern genoß, ehe er es wagte, ſich muthig in dieſen wilden Strudel, und zwar von den Nachdrängenden, ſtürzen zu laſſen; denn ein langes Beſinnen war nicht geſtattet, ſelbſt nicht einmal für die große und breite Geſtalt van der Maaßen's, der, wie ſo viele Andere, erſtaunt an der Thür ſtehen blieb und ſich darauf mit Einem Male, ohne eigentlich zu wiſſen wie, im dichteſten Gewühle befand. Auch blieb er nicht lange allein, denn nach den wenigſtens nicht ſehr einſchmei⸗ chelnden Worten:„Du biſt allerdings ſehr häßlich, aber als Teufel eine vortreffliche Schutzwehr!“ hatte ſich eine niedliche Gärtnerin an ſeinen linken Arm gehangen, während ſich gleich darauf eine verſchämt blickende Tyrolerin ſeines rechten Armes bemächtigte. So ſehr ſich auch unſere Freunde Mühe gaben, einiger Maßen bei einander zu bleiben, ſo waren ſie doch in kurzer Zeit ſo nach allen Seiten aus einander geſtreut, daß ſie ſich wohl ſchwerlich für den heutigen Abend wieder gefunden hätten, wenn Rodenberg nicht den glücklichen Gedanken gehabt, eine Säule zu beſtimmen, wo ſie um zwölf Uhr zuſammentreffen ſollten. Wie es van der Maaßen ergangen war, ſo geſchah es auch mit Walter, Knorx und Bergmüller: ſie wurden häufig angehalten, intri⸗ guirt, eine Strecke weit begleitet. Auch hatte ſich Rodenberg kaum in dem Saale ſehen laſſen, ſo wurde der wilde Jäger, der Glanzpunkt des heutigen Zuges, von eleganten Masken und Dominos umringt, die ihm angenehme, freundliche Worte zuflüſterten und von denen ſich die meiſten gern an ſeinen Arm gehangen, wenn er nicht gar ſo ſchroff und unempfindlich vorübergegangen wäre, oder wenn er Köln am Rhein, du frohe Stadt! 57 nicht jedes zarte Wort der Anſpielung mit einem faſt finſtern Blicke beantwortet hätte. So lange er draußen mit den Freunden allein durch die nächtlich ſtillen Straßen gegangen war, hatte er des letz⸗ ten Wortes, welches Juanita zu ihm geſagt, im Geſpräche faſt ver⸗ geſſen; jetzt aber, wo er ſich hier unter den Tauſenden ſo allein fühlte, ſah er das heiß geliebte Mädchen ſo deutlich vor ſich ſtehen, hörte ihr mehr als ruhiges Wort und ſah an Einem fort ihr kaltes, vornehmes Kopfnicken. Und doch war er ja gewiß nicht deßhalb auf den Ball gegangen, um beſtändig daran zu denken, nein, gewiß nicht— wollte er ſich doch erheitern, wollte er doch luſtig ſein, wie die Anderen, und in dieſen tollen Stunden vergeſſen, was ſein Herz ſo tief verletzt! Wenn man nur nicht von allen Seiten ſo aufdringlich in ihn hineingeredet und ihn auf dieſe Art veranlaßt hätte, etwas zu er⸗ wiedern, wo er doch lieber geſchwiegen! Meiſtens waren es freund⸗ liche Worte über den heutigen Maskenzug, Lobſprüche über die Schaar, die er geführt, über ihn ſelbſt, ſein Pferd, ſeine ritterliche Haltung. Wäre ſein Herz nicht befangen geweſen, ſo müßte es ihn gefreut und intereſſirt haben, an der verſchiedenen Art und Weiſe, wie man mit ihm ſprach, den ſtärkeren oder ſchwächeren Grad einer wirklichen Theilnahme zu ermeſſen. Zuweilen auch drang irgend ein leiſe geflüſtertes Wort tief in ſeine Seele, ſo daß er ſtehen blieb oder ſich raſch nach der Sprecherin umwandte. Wenn er aber alsdann forſchend in die Augenöffnungen der betreffenden Maske blickte, ſo ſah er wohl, daß es nicht die glänzenden Sterne waren, die ſeinem Liebeshimmel ein ſo wunderbares Licht verliehen. Hätte er dabei alle die Blumen, alle die kleinen, ſcherzhaften Gegenſtände in Zucker⸗ werk und ſonſtigen Spielereien annehmen wollen, welche ihm dar⸗ geboten wurden, er hätte ſie nicht bei ſich unterzubringen vermocht, und deßhalb wies er auch Alles bald ernſt, bald freundlich von ſich; nur ein einziges Mal nahm er ein Epheublatt, welches ihm ein Mönch mit weißem Haar und Barte bot und der zu ihm ſprach: „Nimm dies, mein Sohn, möge es Dich ſchützen vor dem ſchreck⸗ Hackländer's Werke. 55. Bd. 5 58 Fünfunddreißigſtes Kapitel. lichen Ende des wilden Jägers! Leider aber bleibt mir wenig Hoff⸗ nung, denn ich bemerkte wohl, wie ſehr Du heute geneigt warſt, Dich dem böſen Principe zu Deiner Linken zuzuwenden— aber nimm immerhin dieſes Epheublatt zu Deinem Schutze, und möge es Dir ein Talisman ſein!“ Rodenberg, der hierin eine kleine Anſpielung an ſie und an vergangene Tage fand und der dadurch aus ſeiner Theilnahmloſig⸗ keit ſogleich auf's lebhafteſte aufgeſtört wurde, wollte den Mönch durch eine Antwort zu einem längeren Geſpräche feſthalten, als er wenige Schritte vor ſich im dichteſten Gewühle, obgleich im nächſten Au⸗ genblicke mit der Schnelligkeit eines Blitzes wieder verſchwindend, ſeine beiden Jagdpagen ſah, weßhalb er den frommen Mann ſo⸗ gleich ſtehen ließ, um jenen nachzueilen; doch vergebens durchbrach er die dichten Reihen der Masken mit einer faſt unanſtändigen Heftigkeit; vergebens warf er ſeine Blicke rings um ſich her, ver⸗ gebens ſchlüpfte er wie ein Aal durch die Menge, ſich bald rechts, bald links windend! Und doch konnte er ſich nicht geirrt haben— er hatte die beiden Pagen zu deutlich geſehen und erkannt, Juanita mit Rüding; wenn es auch kein Gefühl war, welches mit Eiferſucht nur die entfernteſte Aehnlichkeit hatte, ſo war ihm doch der Ge⸗ danke peinlich, ſie am Arme eines Anderen zu wiſſen, ja, mehr als peinlich: verletzend, aufregend; ihm hätte auch dieſes Schickſal zu Theil werden können und er wäre vielleicht am heutigen Abende doch glücklich geweſen. Vergebliches Hoffen und Sehnen— die beiden Jagdpagen waren verſchwunden, und er mußte davon ab⸗ ſtehen, ſie wiederzufinden; es hätte, trotz der ungeheuren Menge, zu großes Aufſehen gegeben, wenn der Jäger ſeine wilde Jagd noch länger fortgeſetzt hätte. So traf er athemlos, erhitzt von dieſer Verfolgung, von dieſem vergeblichen Suchen, zufällig auf Walter, bei dem er ſtehen blieb. „Was zum Teufel,“ ſagte der alte Maler,„Du ſchießeſt ja daher wie ein Pfeil— wem gilt's? Vielleicht jenem weißen Domino mit der ſchwarzen Sammtmaske, der dort hineilt?“ Köln am Rhein, du frohe Stadt! „Er kümmert mich nicht im geringſten,“ entgegnete der wilde Jäger raſch und ſetzte fragend hinzu:„Haſt Du nicht meine beiden Jagdpagen geſehen?“ „Doch, es mag eine Viertelſtunde her ſein— ſtandeſt Du nicht bei ihnen— nicht? Nun, ſo war es ein anderer Jäger, mit dem ſie ſprachen.“ auf Maskenbällen nur mich meiſtens wie des Färbers Gaul im kleinen Kreiſe umherzutreiben— es iſt dies eine ſehr praktiſche Maßpregel, bei der, wie Du überzeugt ſein kannſt, Alles an Dir vorüberſtrömt— ich rathe ſie Dir an.* 3 „Und will ſie mir künftig merken,“ gab Rodenberg ungeduldig zur Antwort—„doch ſage mir, biſt Du überzeugt, daß es Rüding und— der andere Page war?“ „Gewiß, der oder die,“ verſetzte Walter lachend,„obgleich ſie Larven trugen— die ſüße Geſtalt unſeres Cupido werde ich doch nicht verkennen! Er trug eine weiße Halbmaske, der oder die An⸗ dere eine rothe.“ verſchieden wie ein eckiges Lineal von der Schön⸗ heitslinie— Du ſprachſt die Beiden alſo noch nicht?“ „Nein, möchte ſie aber einen Augenblick ſehen.“ „Gut, wenn ich ſie wiederfinde, was bei meinem untrüglichen Syſteme nicht fehlen kann, ſo werde ich ſie feſthalten und Dir zu⸗ führen— wo finde ich Dich aber?“ „Ich werde mich eine Zeit lan auf der erhöhten Tribune aufſtellen.“ „Thue das— von dort kannſt Du auch mit Deinem ſcharfen Auge das Gewühl überſehen und mir, der ich hier in dieſer Gegend g dort bei dem letzten Pfeiler 60 Fünfunddreißigſtes Kapitel. bleibe, mit einer Bewegung die Richtung anzeigen, wo Du Deine leichtſinnigen Jagdpagen gewahr wirſt— ich ſage, leichtſinnig, weil es die Pflicht und Schuldigkeit dieſer beiden Bürſchlein geweſen wäre, Dich, ihren Herrn und Meiſter, aufzuſuchen.“ „Ich danke Dir für dieſen Rath— es iſt alſo abgemacht; ich gehe ſogleich auf meinen Poſten.“ Rodenberg eilte davon, ſo raſch er konnte, wurde aber nach ein paar Schritten von einem ſchwarzen Domino angehalten, der ihm mit verſtellter Stimme ſagte:„Wilder Jäger, man hat Dir gewiß heute ſchon Artigkeiten genug geſagt, und doch kann ich es nicht unter⸗ laſſen, Dir die meinige beizufügen— ich habe nie etwas Gelungeneres geſehen, wie Deine famoſe Schaar— auf Ehre, räuberhaft!“ Rodenberg mußte lachen; obgleich es ihm im erſten Augen⸗ blicke ärgerlich geweſen war, aufgehalten zu werden, entgegnete er in heiterem Tone:„Ich danke Dir, ſchwarzer Domino, mit dem Namen Werdenberg, für Deine Anerkennung.“ Damit eilte er fort und hörte noch, wie der Andere verwun⸗ dert ſagte:„Kennt mich der ſo plötzlich— das iſt doch wahrhaftig trichinenhaft!“ Der wilde Jäger hatte für ſeine Beobachtung einen prächtigen Platz erwählt. Da lag der ganze Saal vor ihm, und wenn dieſes Meer von Masken auch für den erſten Anblick wie eine einzige wogende, brauſende Maſſe ausſah, ſo vermochte er doch in kurzer Zeit die einzelnen Geſtalten von einander abzuſondern und in ihren Eigenthümlichkeiten zu erkennen. Hier waren Masken, Charaktere, Anzüge, wie ſie nur die Phantaſie des Einzelnen ſo wie des Maskenverleihers zu erfinden im Stande war. Hier ſah man die ſchönſten Coſtumes und die hervorragendſten Figuren aus ſämmtlichen Zügen. Da erſchienen bunte Hanswürſte hier und da wie leuchtende Blitze, denen das Klatſchen der Pritſche als Donner folgte; da zeichneten ſich wein⸗ ſelige Pierrots durch ihre weißen Anzüge und ihr täppiſches Weſen aus; da waren zahlloſe Gärtner und Gärtnerinnen, zierliche Ita⸗ Köln am Rhein, du frohe Stadt! 61 lienerinnen mit wunderbaren Banditen; da waren junge Ritter in Baumwolle und Tricots, geſtickten Mänteln und dem unendlichſten Wohlbehagen über ihren ſchönen, geſchmackloſen Anzug; da waren alle Nationen und alle Stände vertreten, vom weißen Müller bis zum ſchwarzen Schornſteinfeger; da war der berühmte Türke, der ſeine Sclaven an der Kette führt; da war die ſchreckliche Maske,. die über und über mit gefährlichem Zuckerzeuge behangen war; da ſpazirte der harmloſe Ofen, deſſen aufrecht ſtehendem Rohr ſüße Düfte entquollen, mit der, kleinen Thür auf der hinteren Seite, die von neugierigen Masken geöffnet, aber eben ſo raſch wieder geſchloſſen wurde; da ſah man den kleinen, dicken Paſcha von drei Roßſchweifen mit dem ſo eigenthümlichen, breiten Geſichte und ſonſt noch eine Unmaſſe ſchöner und ſinnreicher Masken, deren ſich gewiß noch Mancher aus der damaligen Zeit erinnern wird. Und zwiſchen all' dieſen bunten, farbigen Anzügen bildeten die unzähligen hellen und dunkeln Dominos eine angenehme Abwechslung von Licht und Schatten. Dabei dröhnten die brauſenden Klänge der Muſikbanden durch den Saal; dabei ſah man an verſchiedenen Orten ſchwache Verſuche, auf einem winzig kleinen Platze eine Quadrille zu tanzen; dabei probirten heldenkühne Tänzer mit einer unglaublichen Aus⸗ dauer, ſich vermittels eines Galopps oder eines Walzers Bahn zu brechen durch die eingekeilten Menſchenmaſſen. So ſehr ſich aber Rodenberg abmühte, um eine Spur der beiden Jagdpagen zu erblicken, ſo war das doch gerade ſo vergeb⸗ lich, als wenn er nach einer Stecknadel geforſcht hätte, die zu Boden gefallen wäre. Walter erblickte er zuweilen in dem kleinen Kreiſe, den dieſer inmitten des Saales beſchrieb. Und wenn er auch von hier aus ſah, daß deſſen Theorie richtig war, ſo bemerkte er aber auch eben ſo gut, daß die Geſuchten nicht in den Bereich des dort aufgeſtellten Spähers kamen. 3 „Ah, wilder Jäger, Dich habe ich lange geſucht!“ hörte er jetzt eine Stimme ſagen und erblickte einen ſchwarzen Domino, der tiefer wie er ſtand und zu ihm aufſchaute. Der Domino trug eine 62 Fünfunddreißigſtes Kapitel. ſtahlblaue Geſichtsmaske und hatte eine Schleife von derſelben Farbe an ſeiner Capuze.—„Du haſt Dir nicht umſonſt dieſen erhöhten Standpunkt ausgeſucht— ſage mir, auf welch' edles Wild Du fahndeſt?“ 4 Der Angeredete war recht im Zuge, eine verdrießliche Antwort zu geben, und erwiederte achſelzuckend:„Mein lieber Domino, Du ſtellſt eine indiscrete Frage an mich oder Du mußt mich für einen ungeſchickten und leichtſinnigen Jäger halten, der ſich ein Vergnügen daraus macht, dem erſten beſten Unbekannten auf die Fährte ſeines Wildes zu helfen!“ „Der Erſte bin ich wohl nicht, aber einer von den Beſten, darauf kannſt Du Dich verlaſſen, wenigſtens im freundſchaftlichen Gefühle für Dich, und wenn auch Deine Antwort nicht zuvorkom⸗ mend iſt, ſo muß ich Dir doch Recht geben und die Klugheit des Jägers bewundern; aber— wenn meine Frage nur ſo eine Frage geweſen wäre, wie man ſie zur Einleitung eines Geſpräches ſtellt, wenn ich dem Jäger ſagen könnte, auf welches Wild er lauert?“ Rodenberg ließ ſeinen Blick abwärts gleiten auf den ſchwarzen Domino; doch ſah er nichts, als das gewöhnliche Leuchten eines Augenpaares aus den Augenhöhlen der gänzlich ausdrucksloſen Larve. „Nun, ſoll ich Dir Dein Wild näher bezeichnen?“ „Wenn Du das könnteſt,“ erwiederte Rodenberg,„ſo müßte ich Dich allerdings mit einigem Intereſſe betrachten; doch wirſt Du mir im anderen Falle nicht übel nehmen, daß ich Dir ſage: Du ſtiehlſt mir hier eine koſtbare Minute, indem Du meine Aufmerk⸗ ſamkeit von Wichtigerem ablenkſt!“ „Von Wichtigerem und Schönerem, da haſt Du Recht; wo⸗ gegen ich es für unrecht finde von Deinen beiden Jagdpagen, daß ſie ſich ſo hartnäckig Deinem Blicke entziehen— ſuchſt Du ein anderes Wild, Rodenſteiner? Antworte mir ehrlich.“ „Beim Himmel, ich will ehrlich ſein und ja ſagen— aller⸗ dings forſche ich nach meinen beiden Jagdpagen!“ „Nimm Dich in Acht, Rodenſteiner,“ fuhr der ſchwarze Do⸗ 4 Köln am Rhein, du frohe Stadt! 63 mino fort,„daß dieſelben Dir nicht treulos werden und einen anderen Dienſt ſuchen!“ „Hätteſt Du vielleicht Luſt, ſie in den Deinigen zu nehmen?“ „Wer weiß!“ „Darüber könnte man reden!“ ſagte Rodenberg haſtig, und indem er nicht unterließ, ſeine Blicke wie bisher über das Masken⸗ gewühl ſchweifen zu laſſen, ſetzte er hinzu:„Aber vor allen Dingen müßte man wiſſen, wo ſie ſich aufhalten.“ „Das iſt allerdings ſchwer zu ſagen, denn ſie ſtreichen umher nach Art leichtſinniger Pagen; doch will ich Dir ſie ſuchen helfen.“ „Ich danke Dir, uneigennützige Maske, oder knüpfſt Du viel⸗ leicht an dieſen Vorſchlag irgend eine Bedingung, wenn wir ſie finden?“ „Allerdings. Aber eine billige Bedingung— ich ſchlage Dir eine Theilung vor.“ Rodenberg lachte laut auf; doch war es kein Lachen der Heiter⸗ keit, vielmehr klang es recht ingrimmig hervor zwiſchen den zu⸗ ſammengebiſſenen Zähnen; dabei machte er eine Bewegung mit der Hand, welche der Domino mit der ſtahlblauen Maske recht gut für eine Abweiſung halten konnte, dieſes Geſpräch abzubrechen. Doch ſchien die Maske hierzu keine Luſt zu haben, denn ſie näherte ſich ſo dicht als möglich dem wilden Jäger und flüſterte ihm zu:„Thuſt Du doch gerade, als ſeien die Jagdpagen Deine Sclaven und läge es in Deinem Belieben, ihre Kette länger oder kürzer zu machen— oder,“ fuhr er in einem auffallend luſtigen Tone fort,„geht die Kette vielleicht von ihnen aus und biſt Du am Ende der Gefeſſelte— armer Rodenſteiner!“ Der junge Maler wandte ſich raſch gegen jenen Domino mit einer heftigen Antwort auf der Zunge; doch dachte er an den Car⸗ neval, und die trotzdem noch ſehr ſpitzige Antwort, welche er geben wollte, wurde ihm abgeſchnitten durch die Worte einer vermummten Dame, die ſich gegen den ſchwarzen Domino wandte und ihm ſagte: „Ich hoffe, Du biſt ſo artig, um mir für eine halbe Stunde Deinen Arm zu reichen?“ 64 Fünfunddreißigſtes Kapitel. „Ich fürchte, ich bin es nicht,“ gab die blaue Larve zur Ant⸗ wort—„verzeihe mir, ſchöne Unbekannte, aber Du biſt vielleicht die Zwölfte, welche dieſes Verlangen an mich ſtellt— bei den erſten ſechs war ich allerdings galant, ohne jedoch beſonders dafür belohnt zu werden.“ „Mit anderen Worten, ich komme alſo zu ſpät für Dich, was ich aufrichtig in Deinem Intereſſe bedaure— ich glaube in der That, Du wäreſt belohnt worden!“ „Vielleicht— vielleicht auch nicht; aber verzeihe mir, ſchöne Unbekannte, Du unterbrichſt mich gerade hier in einer wichtigen Unterhandlung mit dem wilden Jäger!“ „Ah— das iſt der wilde Jäger?“ ſagte die Dame, indem ſie langſam ihren Kopf erhob und Rodenberg anſchaute. Lag etwas in dem Tone ihrer Stimme oder im Glanze ihres Auges, was ihn aufmerkſam machte— genug, er betrachtete die, welche zu ihm ſprach, mit einer ihm ſelbſt unerklärlichen Aufmerk⸗ ſamkeit. Es war eine Figur von mittlerer Größe in einem Domino von weißer Seide und in einer weißen Larve, ohne irgend eine Bandſchleife oder ſonſtige Auszeichnung, ſo glaubte er im erſten Augenblicke; doch als ſie bei der Frage, die ſie vorhin that, ihren Kopf gegen ihn wandte, ſah er, daß ſie auf die rechte Seite ein einziges, kleines Epheublatt geſteckt hatte. Wie war es möglich, daß ihm dieſes unbedeutende Zeichen ſo plötzlich und heftig das Blut ins Geſicht trieb, daß es ſein Auge aufleuchten, daß es ſein Herz heftiger ſchlagen ließ— ja, ein Epheu⸗ blatt, wäre es möglich?— Ja, es war möglich— die Unbekannte hatte die Größe ihrer Figur; es war ein eigenthümlicher Blitz geweſen, der vorhin aus der weißen Larve in ſein Auge fiel. Während er dies dachte und ſich haſtig gegen den weißen Do⸗ mino wenden wollte, fiel ihm noch zum Glücke die ſtahlblaue Larve ein, welche ihre Blicke forſchend auf ihn geheftet hielt und welche er um Alles in der Welt auf keine richtige Spur führen mochte. Er legte deßhalb die Hand über ſeine Augen, wie um beſſer ſehen — Köln am Rhein, du frohe Stadt! zu können, in Wahrheit aber, um die Erregung auf ſeinem Ge⸗ ſichte zu verdecken, und ſagte alsdann:„Um Deine Anſpielung von vorhin, die Ketten betreffend, wieder aufzunehmen, ſo kann ich Dir darauf nur mit einem Gemeinplatze dienen, indem ich Dir entgegne: wer, mein Freund, trägt nicht irgend eine Kette? Es kommt nur Alles darauf an, ob ſie uns drückt oder ob ſie uns wie ein Roſen⸗ band erſcheint.“ „Gott helfe Deiner Poeſie!“ erwiederte die ſtahlblaue Larve. „Und Deiner Galanterie! Denn ich finde es unverantwortlich, einer Dame die Bitte, ihr für eine halbe Stunde den Arm zu reichen, abzuſchlagen— hätte ſie mich erſucht, ich würde mir ein Vergnügen daraus machen!“ „Wenn Du Dich einer Abgewieſenen erbarmen willſt, ſo werde ich Dir dafür dankbar ſein, wilder Jäger!“ Jetzt litt es Rodenberg nicht eine Secunde länger auf ſeiner Tribune, er ſprang mit Einem Satze in den Saal hinab, auf die Gefahr hin, ein paar Masken niederzuwerfen, und ſtand ſo im nächſten Augenblicke neben dem weißen Domino. „Ich danke Dir, wilder Jäger,“ ſagte dieſe,„für Deine Be⸗ reitwilligkeit, auf kurze Zeit meinen Ritter zu machen, nachdem mich dieſer ſchwarze, unfreundliche Domino abgewieſen, und daß er mich abgewieſen, wirſt Du mir vor aller Welt bezeugen können!“ Damit legte ſie ihren Arm in den des wilden Jägers und ging an ſeiner Seite davon. Die ſtahlblaue Larve blickte den Beiden einen Augenblick nach und ſagte:„Wenn ich nicht ſo genau wüßte, daß ſie als Jagdpage in ihren Wagen geſtiegen iſt und auf dem geraden Wege hieher fuhr, ſo könnte ich zweifelhaft werden; denn wenn dieſer junge Menſch es mir auch verbergen wollte, ſo trieb ihm doch der Anblick der weißen Maske das Blut ins Geſicht — doch ich bin thöricht— warum ſollte er nicht andere kleine Engagements hier haben?“ Kaum hatte Rodenberg den warmen Druck ihrer kleinen Hand verſpürt, ſo konnte er es nicht unterlaſſen, ihre zierlichen Finger 66 Fünfunddreißigſtes Kapitel. ſanft gegen ſeine Bruſt zu drücken, zu ihr zu ſagen:„O, Juanita, wie glücklich bin ich, Sie endlich gefunden zu haben!“ „Wer iſt dieſe Juanita?“ fragte der weiße Domino in einem recht natürlichen Tone. „Dieſe Juanita,“ gab er in einem Tone zur Antwort, in welchen er die ganze Seligkeit ſeines Herzens zu legen verſuchte,„iſt ein ſeltſames Weſen, halb guter Engel, halb böſe Fee, eine wunder⸗ bare Künſtlerin; eben ſo gut, ſo herzlich, ſo lieb wie hartherzig, böſe und launiſch— dieſe Juanita iſt ein Weſen, das mich ſchon unendlich glücklich und auch wieder namenlos unglücklich gemacht hat, ein Weſen, das....“ „Halt, halt, wilder Jäger, Du ſchilderſt mir da ein kleines Ungeheuer! Reden wir nichts mehr über dieſe Juanita.“ „O, ſchöne Maske, laß mich von ihr reden— ich traue Dir ein fühlendes Herz zu und möchte mit Dir über Juanita ſprechen — Alles, Alles, wie es mein Herz erfüllt, was ich ihr vielleicht doch ſelbſt niemals ſagen kann!“ „Das könnte gefährlich werden, wilder Jäger!“ „Unbeſorgt— in Juanita's Herz werden meine Worte ja doch nicht dringen, wie ich fürchte, und doch muß ich ſie ausſprechen, damit meine Bruſt nicht zerſpringt!“ „Und warum das? Ich kenne dieſe Juanita nicht!“ „Deſto beſſer, ſo kannſt Du unparteiiſch urtheilen— o, wie ich ſie liebe, dieſe Juanita, wie ich ſie liebe und fürchte, meine Sirene, meine Waldfee— ah, und ſie weiß, daß ich ſie liebe!“ „In der That, weiß ſie das?“ fragte der Domino in einem ſehr heiteren Tone—„ich meine, es muß ſie ſtolz machen, ſich vom wilden Jäger geliebt zu wiſſen, wenn ſie anders Neigung hat für eine eben ſo berühmte als außerordentliche Geſellſchaft!“ „Ja, ſie liebt eine ſolche phantaſtiſche Geſellſchaft— iſt ſie doch aus gleichem Blute entſproſſen, dieſe böſe Waldfee, welche den armen Sterblichen erſcheint, um ihre Sinne zu verwirren, die in den wunderbarſten Tönen zu ſingen verſteht— ach, ein Geſang, — 4 Köln am Rhein, du frohe Stadt! 67 der unſer Herz verzehrt und uns elend macht! Sie iſt eine neckende Fee, die uns an ſich feſſelt durch die Erinnerung an ihre wunder⸗ bare Schönheit, an ihren Geiſt und an ihre Liebenswürdigkeit, und die uns von ſich abhängig erhält, indem ſie uns verzauberte Epheu⸗ blätter ſchenkt, die uns gefeſſelt halten an ſie, an ſchöne vergangene Stunden, und die unſere höchſte Seligkeit darin beſtehen läßt, daß wir uns zurückträumen dürfen in den duftigen Wald, wo wir ſie zum erſten Male geſehen!“ 3 Sie antwortete nicht, doch fühlte Rodenberg mit Entzücken den leichten Druck ihrer feinen Finger auf ſeinem Arme, und er bat: „O, Juanita, ſage nur ein einziges liebes, freundliches Wort zu mir— ich weiß ja, daß Du es biſt, die an meiner Seite geht! Aber wir haben in den letzten Tagen ſo viel mit Zaubereien geſpielt, ſo viel Umgang gehabt mit phantaſtiſchen, dämoniſchen Geſtalten, ja, mit dem Tod und dem Teufel verkehrt, daß es am Ende kein Wunder wäre, wenn irgend ein ſchattenhaftes Weſen, um mich noch mehr zu quälen, Deine Stimme angenommen hätte!“ „In dem Falle würde dieſes ſchattenhafte Weſen ja mit der Stimme Juanita's fortreden können, und Du hätteſt auch mit irgend einem zuſtimmenden Worte nichts gewonnen!“ „O doch— es gibt ein Wort, das derartige Weſen eben ſo wenig auszuſprechen vermögen, als ſie im Stande ſind, den Anblick des Kreuzes zu ertragen!“ „Auf dieſes Wort wäre ich in der That begierig!“ „O, es ſind die Worte, die ich Dir tauſendmal wiederholen möchte, die Worte: zich liebe Dich!— welche von Deinen Lippen zu hören mich zum ſeligſten Menſchen machen müßten— und Du biſt ſie mir ſchuldig, dieſe Worte, Juanita, als eine Belohnung für die Kälte, mit der Du mich heute Abend entlaſſen!“ „Schade, daß Dich Juanita nicht hört, wilder Jäger, aber wenn ich je ihre Bekanntſchaft machen ſollte, ſo verſpreche ich Dir, ihr Deine Worte zu wiederholen, ja, wenn es mir möglich iſt, eben ſo herzlich, eben ſo innig und mit dem ganzen Tone der Wahr⸗ 68 Fünfunddreißigſtes Kapitel. heit, der durch Deine Worte zittert— vielleicht fühlt ſie dadurch ihr hartes Herz erweichen und ſagt Dir, wenn ſie Dich wiederſieht: „Arthur, ich liebe Dich!“ 3 „O, Juanita, Juanita!“ ſagte er in einem gedämpften Tone, aber dabei mit einer ſolchen Heftigkeit und unverkennbaren Anſtrengung, dieſe Heftigkeit zu unterdrücken, daß ſie deutlich fühlte, wie ſein Arm, mit dem er den ihrigen an ſich preßte, zitternd bebte—„könnte ich Dir doch mit Worten die Seligkeit ausdrücken, die mein Herz erfüllt— o, dürfte ich vor Dir niederfallen und den Saum Deines Kleides küſſen!“ „Wilder Jäger, wilder Jäger,“ gab ſie ihm leiſe zur Antwort, „dieſe Worte höre und verſtehe ich, auch ohne daß Du es ausdrückſt! Aber für Deinen Schrei muß ich mich bedanken— wir erregen ſo ſchon Aufſehen genug bei den uns Begegnenden, und da ich von Vielen, die mich hier kennen, unerkannt bleiben möchte, ſo erfülle meine Bitte und verlaß mich für eine kurze Zeit!“ „O, Juanita, das ſpricht wieder die grauſame Waldfee!“ „Ja, ſie ſpricht es,“ erwiederte ſie in ernſtem Tone,„und ver⸗ langt Gehorſam. Du weißt, daß ich Dich nur in dem Falle wieder⸗ ſehen darf, wenn Du meine Bedingungen erfüllſt.“ „Dieſe grauſamen Bedingungen— und wann ſehe ich Dich wieder?“ „Stellen wir's dem Zufalle anheim!“ „O nein, Juanita, nicht das!“ bat er herzlich—„ich habe es heute Abend ſchon erfahren, wie uns der Zufall zum Beſten haben kann! Suche ich Dich doch unter einer anderen Maske ſchon lange raſtlos, ehe ich das Glück hatte, Dich zu finden!“ „Und daß Du mich fandeſt, dafür ſei dem Zufalle dankbar!“ „Im Gegentheile— der Zufall führt uns nicht zuſammen— Du warſt ſo unendlich lieb, mich aufzuſuchen!“ „Deine Einbildungskraft iſt ſtark, wilder Jäger— doch trennen wir uns jetzt und forſche mir nicht nach, denn Du weißt aus Er⸗ fahrung, wir Feen des Waldes können das nicht leiden!“ „Gut, ich forſche Dir nicht nach; aber wo ſehe ich Dich heute Abend wieder?“ —.,— Köln am Rhein, du frohe Stadt! 69 „In einer Stunde auf derſelben Stelle, wo ich Dich gefunden.“ „Ich danke Dir, Juanita!“ Sie hatte ihre Hand aus ſeinem Arme gezogen und war im nächſten Augenblicke im Gewühle der Masken verſchwunden. Rodenberg blieb tief aufathmend ſtehen und hörte jetzt erſt wieder, wie gewaltig die Klänge der Muſik durch den Saal braus⸗ ten, wie die Masken rings um ihn her lachten, plauderten und mit verſtellten Stimmen fragten und antworteten. Jetzt erſt bemerkte er wieder den gewaltigen und rauſchenden tollen Strom, in dem er ſich nun auf einmal vorkam, wie der Schiffer ohne Compaß und Steuer auf wildem Meere. Der ſchwarze Domino mit der ſtahlblauen Larve hatte den wilden Jäger mit der weißen Vermummten am Arme kaum ver⸗ ſchwinden ſehen, denn ſeine Aufmerkſamkeit war in dieſem Augen⸗ blicke auf eine ſchwarze Maske mit derſelben ſtahlblauen Larve gerichtet, welche ſich alle Mühe gab, raſch durch das Masken⸗ gewühl zu ihm zu gelangen. Endlich hatte ſie ihn erreicht und ſagte, mühſam Athem ſchöpfend:„Das iſt doch auf Ehre ein räuberhaftes Gedränge!“ „Haben Sie die beiden Masken gefunden?“ rief ihm der Andere haſtig entgegen. „Schon mehrere Male, aber eben ſo oft verſchwanden ſie mir auch wieder.“ „Und jetzt?“ „Sitzen ſie in der Laube hinter der kleinen Fontaine, die das Eau de Gologne ſpendet.“ „Ich danke Ihnen! Wenn ich ſie nur dort noch ſinde— ich will auf dieſer Seite des Saales zu ihnen zu gelangen ſuchen; nehmen Sie die andere Seite für den Fall, daß ſie ihre Wanderung fortſetzten.“ „Unbeſorgt; ſie ſcheinen ermüdet und wollen ein wenig ausruhen.“* „Wenn wir ſie finden, thun wir nach unſerer Verabredung!“ rief der, welcher vorhin mit Rodenberg geſprochen, und verſchwand hierauf ſogleich zwiſchen den Masken. XXXVI. „Seht der Masken froh Gewimmel!“ war keine Kleinigkeit, den ungeheuren Saal mit einiger Schnelligkeit zu durchmeſſen, denn es war unmöglich, gerade vor⸗ wärts zu kommen; bald rechts, bald links die kleinſte Lücke benutzend, traf der ſchwarze Domino jeden Augenblick auf förmliche Masken⸗ knäuel, die er in einem Bogen umgehen mußte, wurde auch hin und wieder durch eine lange Reihe Harlequins und Pierrots, die Arm in Arm daher kamen, nicht nur aufgehalten, ſondern eine weite Strecke zurückgedrängt, ehe er an ihnen vorüberſchlüpfen konnte; und dabei hatte die ſtahlblaue Larve in kurzer Zeit ſo total ihre Richtung verloren, daß ſie auf einmal zu ihrem großen Aerger an den beiden Springbrunnen mit dem gewöhnlichen Waſſer ſtand und nun fluchend ſich noch einmal durch den ganzen Saal kämpfen mußte. Endlich erreichte er die kleine Fontaine und ſah dort zu ſeinem großen Vergnügen den andern ſchwarzen Domino, mit dem er vor⸗ hin geſprochen, neben den beiden Jagdpagen ſitzen. Seine Schritte hatte er bedeutend gemäßigt, um nicht durch haſtiges Hinzueilen eine unnöthige Aufmerkſamkeit zu erregen— ja, ehe er vollends näher trat, betrachtete er den kleinen Springbrunnen, beugte ſich auch einen Augenblick über den Rand deſſelben, um den ſüßen Duft des wohlriechenden Waſſers einzuathmen; dann erſt näherte er ſich, die Drei mit einem raſchen Blicke überſchauend, und ſagte, ſich zu 3 —— Seht der Masken froh Gewimmel! 71 dem der zierlichen Pagen wendend, unter deſſen Jagdbarrett dunkles, glänzendes Haar hervorquoll:„Wenn es dem liebenswü nicht unangenehm iſt, ſo darf ich mir viellei blick an ſeiner Seite Platz zu nehmen?“ Der andere ſchwarze Domino hatte beim Herannahen ſeines Ebenbildes dem Jagdpagen mit blonden Locken, neben dem er ſaß, etwas ins Ohr geflüſtert, worauf dieſer ſagte:„Wir ſind nicht ſo egoiſtiſch, einen Sitz für uns allein in Anſpruch nehmen zu wollen, der noch für Andere Raum bietet.“ „Ach, und welche Wohlthat Sie mir dadurch in jeder Hinſicht erweiſen!“ entgegnete die ſtahlblaue Larve, ſich neben den Pagen mit dem ſchwarzen Haare niederlaſſend.„Und auch Sie mißgönnen mir dieſes Plätzchen nicht?“ fragte er den letzteren. Dieſer ſchüttelte den Kopf und antwortete mit einer offenbar und ſehr geſchickt verſtellten Stimme:„Gewiß nicht, es wäre grau⸗ ſam, einen Ermüdeten um ein Haus weiter zu ſchicken!“ „Und woher weißt Du, ſchöner Jagdpage, daß ich müde bin?“ „Weil ich es gefehen, wie raſtlos Du den Saal durchſucht, wie Du bald hier, bald dort warſt. Haſt Du endlich gefunden was Dich ſo in Unruhe ſetzte?“ „Ja— ich glaube, es gefunden zu haben— doch was Du ſo eben geſagt von meinem raſtloſen Erſcheinen bald hier und bald da, ſo haſt Du nicht vollkommen Recht. Wie Du ſiehſt, iſt mein Freund dort in ganz gleicher Tracht, und da haſt Du beide Perſonen für Eine genommen.“ „Gewiß nicht; Deinen Freund habe ich früher eben ſo gut bemerkt, wie jetzt, und Euer Anzug iſt allerdings ziemlich gleich, unter Tauſenden rdigen Jäger cht erlauben, einen Augen⸗ 3 doch würde ich Dich als den echten Prinzen heraus kennen.“ „A— a— a— ahl“ kennbaren Ausdrucke hö lichem Tone hinzu: page, wie ich erſtaune machte die ſtahlblaue Larve mit dem unver⸗ chſter Ueberraſchung und ſetzte in ſehr freund⸗ „Ich wollte, Du könnteſt ſehen, ſchöner Jagd⸗ zaber,“ fuhr er leiſe fort,„wie ſehr ich mich 72 Sechsunddreißigſtes Kapitel. freue, Dich endlich gefunden zu haben, kannſt Du wohl am Klange meiner Stimme entnehmen!“ „So haſt Du alſo mich geſucht?“ fragte der Jagdpage, und als er jetzt ſeine rothe Halbmaske gegen den Anderen wandte, be⸗ merkte dieſer deutlich das Leuchten eines glänzenden Augenpaares. —„Und es war nicht Ermüdung oder Zufall, was Dich an meine Seite geführt?“ „Dieſe Frage iſt eigentlich unverzeihlich, entzückt mich aber wieder durch ihre liebenswürdige Coquetterie. Ja, ich habe Dich geſucht, ſchöner Page, und jetzt, da ich Dich gefunden, empfinde ich erſt, daß dieſer ſonſt an ſich ſo langweilige Maskenball ganz außer⸗ ordentlich reizend iſt, daß ich anfange, mich göttlich zu amuſiren, und daß ich auf dem beſten Wege bin, meine Wette zu gewinnen!“ „Welche Wette, mein edler Prinz?“ „Die Wette, die wir vor ein paar Tagen eingingen, ent⸗ zückende Spanierin!“ „Ich wiederhole meine Frage: welche Wette?“ „Du erinnerſt Dich nicht?“ „Nein, mit dem beſten Willen!“ „Obgleich der Vorſchlag von Dir ausging, Du wollteſt auf dieſem Maskenballe dreimal mit mir reden, und wenn ich Dich nicht erkennen würde, hätte ich meine Wette verloren!“ „Und wenn dem ſo wäre, wenn ich mich vielleicht erinnerte, was folgte daraus?“ „Daß Du Deine Wette verloren hätteſt. Ich habe jetzt zum erſten Male das Glück, mit Dir zu reden, und habe Dich gleich erkannt— erlauben Sie mir, daß ich Ihre Hand küſſe, Donna Juanita!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, hatte er die zierlichen Finger des Jagdpagen ergriffen und einen recht warmen Kuß auf die kleine Stelle ſeines Armes gedrückt, die zwiſchen Handſchuh und Aermel ſichtbar war. Der andere ſchwarze Domino hatte in dieſem Augenblicke zu Seht der Masken froh Gewimmel! 73 dem blonden Jagdpagen geſagt:„Finden Sie nicht, mein Freund, daß es bei dieſer trichinenhaften Hitze köſtlich wäre, ein Glas kühlen Champagners zu trinken? Kommen Sie, geben Sie mir Ihren Arm, und was Ihren Gefährten anbelangt, ſo können Sie ſicher ſein, wir finden ihn bei unſerer Rückkehr hier oder anderswo wieder.“ Der Jagdpage mit dem ſchwarzen Haare, von welchem die Rede war, wandte ſich bei dieſen Worten an ſeinen Gefährten, als wollte er bitten, ihn nicht allein zu laſſen; doch ſchien Ein Wort zu genügen, ihn förmlich zu beruhigen, worauf die beiden Anderen nach der Richtung des Buffets zu verſchwanden. „Ziehen Sie es nicht vor, noch einen Gang durch den Saal zu machen, ſtatt hier ſitzen zu bleiben und von allen Vorübergehen⸗ den angegafft zu werden?“ „Wie Sie wollen!“ Die ſtahlblaue Larve erhob ſich raſch und ſchien es kaum erwarten zu können, bis der zierliche Jagdpage ſeinen Arm in den ſeinigen legte; dann gingen ſie mit einander fort, worauf jener ſich durchaus keine Mühe zu geben ſchien, das Gedränge zu vermeiden, im Gegentheile das dichteſte Gewühl aufſuchte, dann aber die zärt⸗ lichſte Sorgfalt entwickelte, um die feine Figur vor jeder unſanften Berührung zu bewahren, wobei er bald deren Arm feſt an ſich drückte, bald ſeine Hand um deren ſchlanke Taille legte; ein un⸗ nennbar angenehmes Gefühl durchſtrömte ihn dabei, und um ſo mehr, da er wohl fühlte, wie ſich ſeine Gefährtin nicht durch ſcheues Zurückweichen undankbar für die innige Sorgfalt erwies, mit der er ſie führte. „Ah, Juanita,“ ſagte der ſchwarze Domino endlich, als ſie an der anderen Seite des Saales eine eiwas ruhigere Stelle erreicht hatten,„wie glücklich macht mich dieſe Begegnung und wie dankbar bin ich Ihnen für die Erlaubniß, Sie geleiten zu dürfen!“ „Ein Geleite, das Sie mit eben ſo viel Umſicht als Sorgfalt ausführten, das iſt nicht zu läugnen,“ gab der Jagdpage heiter zur Antwort—„wenn ich aber nicht Juanita wäre?“ 3 Hackländer's Werke. 55. Bd. 6 74 Sechsunddreißigſtes Kapitel. „O, Du biſt's, laß jetzt Deine Neckereien, ſei gut und geſtehe mir zu, daß ich meine Wette gewonnen!“ „Und wenn Du Deine Wette verloren hätteſt?* „Unmöglich— nimm Deine Maske ab, laß mich Deine ſchönen Züge ſehen und läugne dann noch, daß Du nicht Jua⸗ nita biſt!“ „Ich nehme gar keinen Anſtand, Dein Verlangen zu erfüllen,“ ſprach der Jagdpage, indem er die Hand an ſeine Larve legte, „und da ich Dich, ſchwarzer Domino, genau kenne, ſo verlange ich nicht einmal, daß Du Dich ebenfalls demaskirſt. Fühlſt Du Dich wirklich ſtark genug, eine furchtbare Enttäuſchung zu ertragen?“ „Ich bitte nur, dieſe Larve ſo raſch als möglich zu entfernen, damit ich endlich Deine ſchönen Züge ſehe!“ „Wohlan denn— Du zwingſt mich!“ Es iſt bei ähnlichen Demaskirungen vorgekommen, daß man nach Entfernung der Larve ein ſolides, erhitztes Mädchenantlitz zu ſchauen glaubte und in alternde Züge blickte, welche uns die glühende Röthe ins Geſicht trieben, wenn wir an all' die ſüßen Worte dach⸗ ten 6 vermittelſt deren wir dieſen unangenehmen Zeitpunkt herbei⸗ geführt— unangenehmer noch aber erging es dem ſchwarzen Domino mit der ſtahlblauen Larve; denn unter der Maske des Jagd⸗ pagen erſchien das ziemlich gewöhnliche Geſicht eines jungen, ſchmäch⸗ tigen Menſchen, deſſen, wenn auch unbedeutender Anflug von Bart ſo abſchreckend auf den Anderen zu wirken ſchien, daß ſich dieſer, ohne ein Wort zu erwiedern, umwandte und in der größten Eile unter den Masken verſchwand. Der wilde Jäger hatte, nachdem ihn der weiße Domino ver⸗ laſſen, ſeine Wanderung durch den Saal, ohne Zweck und Ziel, wieder aufgenommen; dabei hatte er im Vorbeigehen zu Walter geſagt, er ſolle ſich keine Mühe mehr geben, die beiden Jagdpagen ausfindig zu machen, denn er habe ſchon mit ihnen geſprochen, worauf der ehemalige Drache Griesgram den Arm des Roden⸗ ſteiners genommen und mit ihm davongeſchlendert war, natürlicher — — Seht der Masken froh Gewimmel! Weiſe, dem Drange ſeines Herzens folgend, zu einem der Buffels in den Nebenſälen. „Da haben wir ja, was wir geſucht,“ ſagte Walter, als ſie näher traten,„dort ſteht einer Deiner Jagdpagen und trinkt ein Glas Champagner, das heißt, eigentlich trinkt er nicht, ſondern nippt nur daran nach Frauenzimmer Art, was ich auch begreif⸗ lich finde.“ „Ich nicht,“ ſagte Rodenberg lachend;„der gehört ſo wenig zum ſchönen Geſchlechte, wie Du und ich! Mich freut es nur, die ſtahlblaue Larve bei meinem Jagdpagen wieder zu finden— er hat nicht minder nach demſelben geſucht, wie ich ſelber.— Ah, ſchwarzer Domino,“ fuhr er, an das Buffet tretend, fort,„ich gra⸗ tulire Dir, Du haſt Deinen Zweck erreicht!“ „So halb und halb,“ entgegnete jener;„aber ich habe es da mit einer ſtummen Perſon zu thun, ſie ſpricht nicht und trinkt nicht.“ „Den blonden Locken nach iſt's Rüding,“ flüſterte Walter ſeinem Freunde ins Ohr. „Möglich, doch würde der ſprechen und trinken.“ „Ich werde mit ihm anſtoßen und ihm dabei ein paar Schmeicheleien ſagen, die er nicht unbeantwortet läßt— laß Du nur Champagner kommen.“ Der Wein kam und ſchäumte in den Gläſern. „Auf Dein Wohl, meine blaue Larve,“ ſagte der wilde Jäger, „und auf das Deines Doppelgängers, denn Ihr ſeid Eurer Zwei und verfolgt wohl Beide den gleichen Zweck, der Eine, um mich waidgerecht auszudrücken, als Treiber, der Andere als Schütze— welchen habe ich vor mir?“ Der ſchwarze Domino ſtieß mit dem worauf er erwiederte:„Daß die Treiberei gnügen iſt, deſſen kann ich Sie verſichern!“ ich freue mich, Sie hier zu fin⸗ r Hitze die Larve ablegen?“ „Ich darf ja nicht,“ gab der Adjutant Seiner Hoheit in Rodenſteiner luſtig an, ein räuberhaftes Ver⸗ 76 Sechsunddreißigſtes Kapitel. klagendem Tone zur Antwort,„ich muß ja vorſtellen, was ich nicht bin, um das nicht zu ſein, was ich vorſtelle; und dabei ennuyire ich mich wie ein Mops— ſcheußlich, auf Ehre— ganz immens trichinenhaft!— Aber wo iſt mein Jagdpage geblieben? Hol' mich der Teufel, er iſt verſchwunden!“ Allerdings war er verſchwunden, und das bemerkte jetzt auch Walter zu ſeinem großen Bedauern, als er nach dem vierten Glaſe endlich anfangen wollte, dem vermeintlichen Rüding einige Schmeiche⸗ leien zu ſagen. Rodenberg ſagte lachend:„Das ſoll Sie nicht beunruhigen— oder hatten Sie Auftrag, ihn zu hüten?“ „Allerdings hatte ich das, da mein Doppelgänger mit dem andern Jagdpagen unterwegs iſt. Jener trug eine rothe Larve und hatte dunkles Haar. Das iſt mir ein ſauberes Vergnügen, wenn man ſogar auf dem Maskenballe ſeinen Dienſt verſehen muß! Ich will nur wenigſtens an den Platz zurückgehen, wo wir die beiden Jagdpagen gefunden.“ „Und das war?“ fragte der wilde Jäger. „An der kleinen Fontaine.“ „Aber zuerſt wollen wir unſern Champagner in aller Gemüths⸗ ruhe trinken, und dann helfen wir Beide Ihnen den Flüchtling einfangen.“ Darauf tranken ſie ihren Champagner und kehrten alsdann in erheiterter Stimmung wieder in den Saal zurück, wo ſie ſich mit dem Verſprechen trennten, den leichtſinnigen Jagdpagen, ſobald ſie ihn gefunden, nach der kleinen Fontaine zurückzubringen. Sich hierauf ſo gut es gehen wollte, durch das Gewühl, welches immer noch zuzunehmen ſchien, wendend, blieb der wilde Jäger plötzlich wie angewurzelt ſtehen, änderte alsdann ſeine Richtung und ſtürzte einem weißen Domino nach, der wenige Schritte vor ihm aufleuchtete, um eben ſo raſch wieder zu verſchwinden— jetzt ſah er ihn wieder und bemerkte, wie derſelbe durch eine Schaar Hans⸗ würſte aufgehalten wurde, und als die Maske, um ihnen zu ent⸗ Seht der Masken froh Gewimmel! 77 gehen, ſich umwandte, entdeckte er mit Entzücken an der Seite ihrer Capuze das Epheublatt. Ohne Schonung Alles, was ſich in ſeinem Wege befand, auf die Seite drückend, hatte er in Kurzem den weißen Domino er⸗ reicht, und ſich an ſeine Seite drängend, ſagte er ihm flüſternd: „Obgleich die Stunde noch nicht verſtrichen iſt, ſo wirſt Du mir doch erlauben, ſchöne Maske, Dir ein freundliches Wort zuzuflüſtern, ſchon aus Erkenntlichkeit wegen meines muſterhaften Gehorſams, denn ich bin Dir nicht gefolgt, ich habe Dir nicht nachgeforſcht!“ „Was Du mir da ſagſt, verſtehe ich nicht,“ gab der weiße Domino in einem leiſen, faſt flüſternden Tone zur Antwort. „O, ſei ſo gut, es zu verſtehen!“ „Mit Vergnügen, wenn ich könnte; aber ich wiederhole Dir, ich bin nicht im Stande, es zu thun— ich kenne Dich nicht!“ „Ah, Du kennſt mich nicht? Haſt mich auch wohl heute noch nicht geſehen?“ „O ja, wilder Jäger, ich ſah Dich heute ſchon und ſah Dich gern!“ „Für dieſes Wort danke ich Dir; aber verſtehen willſt Du mich nicht?“ „Ich kann nicht!“ „Ah, ſtrenge Waldfee, ich ſehe wohl, Du haſt große Luſt, mich dafür zu beſtrafen, daß ich Dir in den Weg getreten bin, ehe die mir beſtimmte Friſt abgelaufen war!“ „Wohl möglich!“ „Nun gut, ich verlaſſe Dich, aber zum Zeichen, daß Du mir verziehen, reiche mir Deine Hand!“ Das that denn auch der weiße Domino, ja, er litt es ſogar, daß der wilde Jäger dieſe Hand an ſeine Lippen drückte und dann ſtehen blieb, um der davoneilenden Maske lange nachzuſchauen. Im nächſten Augenblicke aber feſſelte etwas Anderes ſeine Aufmerkſamkeit in ſo heiterer Art, daß er ſich eines Lächelns nicht enthalten konnte, denn er ſah einen der beiden ſchwarzen Domino's Sechsunddreißigſtes Kapitel. in ſeiner ſtahlblauen Larve, gewiß den räuberhaften Adjutanten, wie eine Rakete an ſich vorbeiſchießen und verſchwinden— ver⸗ geblich rief er ihm nach; jener ſetzte in höchſter Eile ſeinen Weg fort, bis er den weißen Domino erreicht, mit dem der wilde Jäger ſoeben geſprochen und deſſen Hand er geküßt. „Halt, ſchöne Maske,“ ſagte er alsdann;„einmal war ich ſo unverantwortlich verblendet, Deinen Arm nicht anzunehmen, als Du ihn mir freiwillig boteſt, doch ſei gnädig, verzeihe mir, ich bin furchtbar dafür beſtraft worden!“ „Du irrſt Dich, ſchwarzer Domino,“ gab die vermummte Dame in ſehr leiſem Tone zur Antwort,„ich habe Dir nie meinen Arm angeboten!“ „Sei gut und läugne nicht; Du boteſt mir Deinen Arm an, dort an jener Stelle, vor nicht langer Zeit, und als ich ihn leider ablehnte, da ich Dich in einer andern Geſtalt ſuchte, ſo beglückteſt Du den wilden Jäger und erlaubteſt ihm, Dich zu begleiten!“ „Ich ſage Dir, Du irrſt Dich!“ „Gut, ich will mich denn geirrt haben; aber ſei ſo freundlich und reiche mir Deinen Arm, damit ich meine Unart gegen Dich wenigſtens in etwas wieder gut machen kann— willſt Du?“ „Warum nicht?“ ſagte die weiße Maske;„obgleich ich Dir wiederhole, daß Du Dich täuſcheſt!“ Dieſes Mal aber war die ſtahlblaue Larve ihrer Sache gewiß; hatte doch auch ſie vorhin das kleine Epheublatt bemerkt, das ſie jetzt an der Capuze wiederſah. Doch war der ſchwarze Domino, in Erinnerung an den unangenehmen Vorfall von vorhin, ſo klug geworden, mit ſeiner Hand die Finger des weißen Domino's zu faſſen und dadurch zu der feſten Ueberzeugung gelangt, daß er es dieſes Mal mit einer Damenhand zu thun habe, ja, mit einer kleinen, feinen Damenhand. „Grauſame Juanita,“ ſagte er, an ihrer Seite gehend,„war es wohl recht, mich für meine Ablehnung ſo entſetzlich zu beſtrafen? — Fühlen Sie keine Reue darüber?— Wollen Sie mir nicht ein Seht der Masken froh Gewimmel! 79 freundliches Wort ſagen, das mich tröſtet, mir kein Wort der Er⸗ wiederung gönnen, nicht einmal einen Ihrer ſchönen, ſüßen Blicke?“ „Ich wüßte nicht, warum ich Sie anſehen ſollte, noch viel weniger, was ich Ihnen zu erwiedern hätte!“ „O, Sennora, das iſt mehr als grauſam, das iſt verletzend, hart— Sie wiſſen ja, wer mit Ihnen ſpricht— Ihr bewußter Anhänger und Verehrer— Ihr Sclave, wenn Sie wollen!“ „Wenn ich Sie aber verſichere, daß ich nicht weiß, wer Sie ſind!“ gab der weiße Domino mit lauterer Stimme zur Antwort und dadurch in einem ſo natürlichen Tone derſelben, daß die ren Beſtürzung ſtehen blieb en, ein paar Secunden lang anſtarrte. „Sie wiſſen in der That ni Ahnung davon?“ „In der That, ich weiß es nicht!“ „Das iſt derſelbe weiße Domino— das iſt das kleine Epheu⸗ blatt— es iſt dieſelbe vermummte Dame, mit der der wilde Jäger noch eben ſo angelegentlich geſprochen,“ dachte der ſchwarze Domino, dann ſagte er laut:„Wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?“ „Warum nicht, wenn ich kann!“ „Wollen Sie ſich einen Augenblick demaskiren, ſ Larve abnehme?“ „Ich habe keinen Grund, Nein zu ſagen!“ „So erſuche ich Sie darum...— Ach, ich bitte um Ver⸗ gebung— ſo etwas iſt mir noch nie begegnet!“ Wenn auch die ſtahlblaue Larve dieſes Mal nicht auf ſo un⸗ angenehme Art enttäuſcht wurde, wie vorhin— denn aus der weißen Capuze ſchaute ihm ein friſches, allerliebſtes Geſicht mit lebhaften Augen entgegen, um deſſen hübſchen Mund ein ſchelmiſches Lächeln ſpielte—, ſo war es doch nicht die Dame, die er geſucht; o war es wohl n, daß der gewandte Weltmann, ſeine Larve cht, wer ich bin? Sie hätten keine obald ich meine er hatte ſich abermals vergebens bemüht, und ſ nicht zu verwunder 80 Sechsunddreißigſtes Kapitel. wieder haſtig aufſetzend, mit einer etwas verlegenen Verbeugung den weißen Domino ſtehen ließ. „Dergleichen,“ murmelte die ſtahlblaue Larve vor ſich hin, „könnte Einem den ganzen Ball, auf den ich mich ſo ſehr gefreut, verleiden, und doch bin ich ſicher, daß ſie ſich in ihrem Coſtume als Jagdpage in den Wagen geſetzt! Sollte es vielleicht der Andere geweſen ſein, bei dem Werdenberg zurückblieb?— doch hatte jener blonde Haare und dieſer ſchwarze— ah, und ich hätte darauf ſchwören mögen, es ſei ihre Figur!— Und dann wieder dieſer weiße Domino, obgleich ich mir dies allenfalls erklären kann; ich bin da zu einer Bekanntſchaft des jungen Malers hingerathen— ſie war wahrhaft nicht ſo übel, und wenn mich dieſes verführeriſche Weſen nicht förmlich in Feſſeln gelegt hätte, ſo wäre ich dem Zu⸗ falle dafür dankbar geweſen, ein ſo allerliebſtes Geſichtchen kennen gelernt zu haben— wie wird ſie, die mein Abenteuer gewiß erfährt, über mich lachen!— Ah, Werdenberg— Sie in der Geſellſchaft?“ Das Erſtaunen, welches ſich im Tone der Stimme ausdrückte, mit dem der Prinz jene Worte ſprach, galt begreiflicher Weiſe der Maske, bei der ſich das Ebenbild Seiner Hoheit befand und welche Niemand anders war, als der Jagdpage mit dem ſchwarzen Haare, den jener ſich obendrein bemühte, auf's ſorgſamſte und angelegent⸗ lichſte zu führen und auf's lebhafteſte zu unterhalten. „Wieder dieſer verfluchte Burſche!“ murmelte der Prinz ärger⸗ lich.„Sollte man nicht darauf ſchwören, wenn man dieſe Figur, dieſen Gang betrachtet, das ſei ein Mädchen und obendrein ein ſchön gewachſenes Weib!“ „Ich habe Dich wie eine Stecknadel geſucht, ſchwarzer Domino,“ ſagte die zweite ſtahlblaue Larve, haſtig hervortretend,„ich und dieſer liebenswürdige Page!“ „Was dieſen liebenswürdigen Pagen anbelangt,“ gab der Prinz trocken zur Antwort,„ſo hätte er ſich wohl denken können, daß mich ſein Wiederſehen nicht beſonders glücklich macht!“ Seht der Masten froh Gewimmel! 81 „Unerklärlich,“ erwiederte der Doppelgänger des Anderen,„und doch haben wir ihn den ganzen Abend ſo lebhaft geſucht! Ich dachte, er wäre Dir entſchlüpft, und war glücklich, Dich wiederzufinden!“ „Habe ich es Dir nicht geſagt,“ ſprach jetzt der Jagdpage mit leiſer Stimme, aus welchem aber unverkennbar ein Ton der Heiterkeit klang,„daß Du mit mir bei Deinem Freunde wenig Ehre einlegen würdeſt? O, unſere Wünſche ändern ſich von Minute zu Minute, und was wir ſo eben noch ſehnlich erſtrebt, ſind wir jetzt bereit, ohne Weiteres wegzuwerfen!“ „Bei Gott, Du ſprichſt ganz vernünftig,“ erwiederte Seine Hoheit,„und da das Wort„wegwerfen’ etwas ſtark iſt, ſo wollen wir dafür verlaſſen ſagen!“ „Alſo, ich ſoll Dich verlaſſen?“ „Wenn es Dir gefällig iſt!“ „Und Du willſt nicht noch einmal ſo freundlich ſein, mich wie vorhin durch den Saal zu geleiten?“ „Mein lieber Jagdpage,“ ſagte Seine Hoheit in einem Tone des Ueberdruſſes,„es gibt in allen Dingen eine Gränze, die man nicht überſchreiten ſoll. Du haſt mich einmal angeführt, und es iſt wahrlich kein Compliment für mich, daß Du den Verſuch machſt, dieß zum zweiten Male zu thun. Amuſire Dich gut und grüße mir Deinen wilden Jäger— kommen Sie, Werdenberg!“ Und nun erzählte der Prinz dem Adjutanten, nicht ohne einigen Aerger dabei zu verrathen, ſein Abenteuer mit eben demſelben Jagdpagen, ohne dabei zu bemerken, wie ihn Herr von Werdenberg mit großem Erſtaunen anblickte, und ohne ihn, ſo oft er reden wollte, zu Worte kommen zu laſſen. „Sagen Sie, was Sie wollen,“ rief er im Eifer des Ge⸗ ſpräches, während ſie dahingingen,„es war frech von dieſem jungen Burſchen, und von jener Dame, die ich ſo hoch verehre, gelinde geſagt, etwas rückſichtslos!“ „Aber jene Dame?“ ſagte der Adjutant. „Jene Dame hätte unter einer Verkleidung, wie ſie ſie wählen 82 Secſendbreihigſtes Kapitel. mochte, ſich mir nähern können, mich intriguiren, mir alle möglichen ſcharfen Dinge ſagen— meinetwegen; aber mich dem ausſetzen, daß ich einen jungen Burſchen für ſie halte und an ihn hübſche Redensarten und dergleichen verſchwende— ah, mon cher, c'est trop fort!“ „Es iſt allerdings immens räuberhaft— aber jene Dame hat...“ „Jene Dame,“ fiel ihm der Prinz eifrig in's Wort,„hat nicht den Muth gehabt, mir gegenüber zu treten, noch viel weniger, mich anzureden— würde ich ſie ſonſt nicht augenblicklich beim erſten Worte erkannt und ſo meine Wette glänzend gewonnen haben?“ „Eure Hoheit wollen mir verzeihen,“ entgegnete der Adjutant im Tone des höchſten Erſtaunens,„ich verſtehe Ihre Worte eben ſo wenig, als die kurze Abfertigung, die Sie vorhin meinem ſchönen Jagdpagen zu Theil werden ließen!“ „Bitte, lieber Werdenberg, berühren Sie dieſen Kerl nicht mehr!“ „Dieſen Kerl, Hoheit? Sie können allerdings unter der Larve meine Verwunderung nicht ſehen, aber ich verſichere Ihnen, daß ich im höchſten Grade erſtaunt bin! Welchen Kerl meinen Eure Hoheit?“ „Nun, Ihren Jagdpagen, dieſen ekelhaften Burſchen!“ „Mein Jagdpage, Hoheit— war ja eben jene Dame, von der Sie ſprachen und die Sie ſtundenlang vergeblich geſucht!“ „Machen Sie keine ſchlechten Späße, Werdenberg!“ rief der Prinz, indem er ſtehen blieb und ſeinen Arm raſch aus dem ſeines Begleiters zog. „Der Himmel ſoll mich bewahren, daß ich Euer Hoheit gegen⸗ über mit ernſten Dingen ſcherze! Der Jagdpage, den ich nach langem Suchen und nach einigen Fehlgriffen endlich ſo glücklich war, aufzufinden, war...“ „Nun— nun, war?“ „Die Marqueſa Sennora Vizcarro.“ „Alle Teufel, wie iſt das möglich! Sind Sie Ihrer Sache gewiß?“ „So gewiß, als daß ich mit Ihnen rede— ſie gab ſich mir Seht der Masken froh Gewimmel! 83 ſogleich zu erkennen, ſie lüftete ihre Maske und zeigte mir ihr reizendes Geſicht!“ „Aber, Werdenberg,“ rief Seine Hoheit, die Hände zuſam⸗ menſchlagend,„wie konnten Sie ſo gegen mich handeln?“ „Ich verſtehe Sie nicht, gnädiger Herr!“ „Sie mußten doch hören, daß ich eine andere Perſon vor mir zu haben glaubte! Warum klärten Sie mich nicht auf?“ „Eure Hoheit ließen mich ja kaum zu Worte kommen und ſprachen ſo beſtimmt Ihre Anſicht aus, daß ich, da ich nicht wußte, was vorhergegangen, darin irgend ein mir allerdings unerklärliches Intriguenſpiel ſah!“ „O, das iſt ganz verflucht— aber Sie hätten mir mit Ge⸗ walt meinen Irrthum benehmen ſollen!“ „Ich vermochte das um ſo weniger, da mich die Dame auf den Empfang, wie er ihr zu Theil werden würde, ſehr richtig auf⸗ merkſam gemacht hatte; ſie ſagte nämlich: ‚Ihr Doppelgänger wird mich nicht kennen wollen, und hat er dafür ſeine Gründe, die ich achten muß le⸗ „Ganz verflucht, das muß ich ſagen— ſaubere Gründe!— Nun, da iſt nichts zu machen,“ fuhr er nach einer längeren Pauſe in ruhigem Tone fort:„wir haben es mit einer ſehr ſchlauen Perſon zu thun und können nur Liſt gegen Liſt anwenden. Thun Sie mir die Liebe, Werdenberg, und ſuchen Sie des Jagdpagen nochmals habhaft zu werden; ſagen Sie ihm, ich hätte ihn aller⸗ dings erkannt, mich aber als kleine Strafe für ſeine Verrätherei ſo gegen ihn benommen, und was die Wette anbelange, ſo wolle ich großmüthiger Weiſe auf dreimaliges Anſprechen verzichten, und der ſoll gewonnen haben, der den Anderen bei der nächſten Be⸗ gegnung bei ſeinem richtigen Namen nennt; ich hoffe, ſie wird das eingehen, und dann wollen wir ſehen. Sie haben doch dafür geſorgt, daß ich einen meiner Leute mit dem blauen Domino an der bezeich⸗ neten Stelle finde?“ „Gewiß, gnädiger Herr!“ 84 Sechsunddreißigſtes Kapitel. „Nun gut, machen Sie Ihre Sache vorſichtig; es wäre doch eine Schande, wenn wir nicht als Sieger aus dieſem Kampfe her⸗ vorgehen würden,— ein Kampf, der mich ganz müde gemacht hat! Ich muß mir einen Platz zum Sitzen ſuchen und hoffe ihn an der kleinen Fontaine zu finden! dort ſuchen Sie mich auf, wenn ich bitten darf!“ Die Beiden trennten ſich und der Prinz ſchritt dem Aus⸗ gange des Saales zu. Der wilde Jäger war ſchon lange vor der abgelaufenen Stunde an dem Platze, wo der weiße Domino mit dem Epheublatte ver⸗ ſprochen, ihn wiederzufinden, und hatte unterdeſſen vergeblich nach demſelben ausgeſpäht. Es iſt doch eigenthümlich, dachte er, wie man im Leben gerade wie auf einem Maskenballe oft ſo vergeblich die Begegnung eines geliebten Weſens herbeiwünſchen kann, während uns andere, gleichgültige Perſonen jeden Augenblick in die Hände laufen! Wie oft war er in der letzten Zeit den beiden Jagdpagen begegnet, wie oft hatte er mit Walter ein paar Worte geſprochen oder dem langen Knorx in ſeinem Anzuge von ſchwarzem Sarſenet zugewinkt, welcher ruhig und ohne viel Theilnahme zu verrathen durch das Gedränge der tollen Masken ſchritt und von allen durch ſein eigenthümlich ſtilles Weſen gemieden zu werden ſchien! Den Teufel hatte er nur ein einziges Mal geſehen, was ſeinen Grund darin hatie, daß dieſer luſtige Geſelle einer Schaar toller Zech⸗ brüder in die Hände gefallen war, mit denen er in einem der Nebenzimmer tüchtig trank und heitere Lieder ſang— aber den weißen Domino hatte er ſeit lange nicht mehr erblickt, und wo er einen ſah und ihm nacheilte, da fehlte das bewußte Epheublatt. — Sollte ſie ihr Wort nicht halten— ſie hatte es ihm doch ſo feſt und ſicher verſprochen!— Da ſah er wieder einen der Jagd⸗ pagen auf ſich zutreten, Rüding, deſſen ſchöne, blonde Locken man unter ſchwarzen Haaren verborgen hatte; er ſchlenderte langſam näher, ſetzte ſich auf die Tribune zu den Füßen Rodenberg's nieder und ſagte mit leiſer Stimme:„Ich bin wahrhaftig müde; es — Seht der Masken froh Gewimmel! 85⁵ ſcheint mir, Du haſt noch immer nicht genug und kannſt Dich an dem Gewühle nicht ſatt ſehen.“ „Das Gewühle kümmert mich wenig,“ gab Rodenberg zur Antwort, wobei er übrigens dem Gefährten wenig Aufmerkſam⸗ keit ſchenkte. „Ah, ich verſtehe, Du ſuchſt etwas in dieſem Gedränge— nimm mir's nicht übel, das iſt eine langweilige Art, ſich auf Bällen zu amuſiren!“ „Das verſtehſt Du nicht!“ „Du ſuchſt einen weißen Domino?“ „Und wenn auch, was geht's Dich an?“ „Allerdings, es geht mich nichts an— aber Du, nach dem ſich Aller Blicke richten, der von Hunderten von ſchönen Mädchen⸗ augen verfolgt wird, Du könnteſt was Geſcheiteres thun, als Dich einer Einzigen widmen, die ſich ſtundenlang amuſirt, um Dir raſch im Vorbeigehen ein flüchtiges Wort zu ſagen!“ „Und Du thäteſt klüger, Dich um Deine eigenen Sachen zu bekümmern, als mir mit verſtellter Stimme gute Lehren zu geben!“ „Ich gebe das zu; aber erkläre mir das Angenehme einer ſo flüchtigen Begegnung.“ Der wilde Jäger hörte nur mit halbem Ohre, denn er glaubte den weißen Domino in der Ferne zu ſehen, ſagte aber mit einem glücklichen Lächeln:„O, es iſt etwas Entzückendes um ſo eine flüchtige Begegnung! Merke Dir das, Cupido, die leichte Berührung einer Hand ſagt Dir oft mehr, als tauſend geſprochene Worte!“ „So reiche mir einen Augenblick Deine Hand,“ ſagte der Jagd⸗ page mit dem ſchwarzen Haare und in einem plötzlich ſo veränderten Tone, daß Rodenberg betroffen niederblickte, die ihm dargebotenen kleinen Finger in ſeine Rechte nahm und in glückſeligem Tone ausrief: „Ah, nun laß ich Dich nimmer!“ 1 „Und doch mußt Du mich wieder entlaſſen— ich habe hier ein köſtliches Durcheinander angerichtet, mein wilder Jäger, und will Dir ſpäter Alles auf's genaueſte berichten!“ 86 Sechsunddreißigſtes Kapitel. ——jjj——ͤͤͤͤͤͤͤͤͤnnͤ „Nein, nein, ich laſſe Dich nicht!“ „Denke nur an Deine eigenen Worte, wie viele gleichgültige Reden die leiſe Berührung einer Hand aufwiegt!“ „Aber ich will mit Dir nichts Gleichgültiges reden, ich möchte Dir einmal lange, lange ſagen, wie ſehr ich Dich liebe, ſchöner Jagdpage, und wie glücklich es mich machte, Dir dies ſagen zu dürfen!“ „Aber nicht hier— jetzt nicht, ein Maskenball mit ſeinem wilden Treiben iſt kein Ort dazu.“ „Ah, darin haſt Du nicht Unrecht, und ich will Dich laſſen, wenn Du mir das Verſprechen gibſt, mich nur ein einziges Mal anhören zu wollen!“ „Die Erfüllung dieſes Verſprechens könnte gefährlich werden!“ „Bei Deinem ruhigen, ſtarken Herzen gewiß nicht— o, ver⸗ ſprich es mir, und ich laſſe Dich!“ Seit er ſie erkannt, hatte er ihre kleine Hand feſtgehalten und war, von der Tribune herabſteigend, neben ſie hingetreten, wobei er mit heißen Blicken ihre ſchlanke Geſtalt betrachtete und alsdann ſeufzend ſagte:„Und Dich ſoll ich jetzt wieder von mir laſſen, Du reizendes, verrätheriſches, wunderbares Geſchöpf, ſage mir nur Eines: wirſt Du mir endlich einmal in Deiner wahren Geſtalt erſcheinen, in einer Geſtalt, wo Du mich gern anhören wirſt, damit ich Dir ſage, wie ſehr ich Dich liebe?“ „Vielleicht— doch entlaſſe mich jetzt!“ „Vielleicht iſt ein trauriges Wort— ſage ein ehrliches Ja!“ „Ja denn— ja, Du wilder Menſch und böſer Jäger!“ hauchte ſie mit leiſer Stimme. Und ehe er ein weiteres Wort ſagen konnte, ſah er ſie behende durch die Masken ſchlüpfen. Mittlerweile hatte ſich das Maskenleben im großen Saale des Gürzenich zur vollſten Blüte entfaltet. Eine Menge Theilnehmer der Züge waren ſpäter erſchienen, nachdem ſie ſich von den Müh⸗ ſeligkeiten des Tages erholt, und die Regentſchaft des Helden Carne⸗ val, zwiſchen den beiden Springbrunnen aufgeſtellt, hatte die Hul⸗ Seht der Masken froh Gewimmel! 87 digung der Geſandten fremder Staaten hier entgegen genommen, ſo wie ſich ausgezeichnete Perſönlichkeiten vorſtellen laſſen. Auch wurden Gnaden verſchiedener Art ſo wie zahlreiche Orden an ver⸗ diente Männer und an die Mitglieder des diplomatiſchen Corps vertheilt, worauf das Wohl des Kleinen Rathes von den dankbaren Fremden aus großen ſilbernen Pokalen getrunken wurde. Auch das tapfere Funkenheer war aufgezogen mit Muſik und Fahne und hatte mit großer Mühe Spalier gebildet um einen kleinen Platz vor der Regentſchaft, wo jetzt von hohen und höchſten Perſonen unter Paukenwirbel und Trompetenſchall eine feierliche Quadrille getanzt wurde. Unter großem Jubel erſchien nun die berühmte Geſellſchaft „Zum Hahnen“, begleitet von zahlreichen Käfigen, in denen ſich das Sinnbild ihrer Genoſſenſchaft in ſtattlichen lebendigen Exemplaren befand, die an verſchiedenen Stellen des Saales aufgeſtellt wurden, um ſpäter durch ihr helles Krähen den Glücklichen, welchen keine Stunde ſchlägt, das Herannahen des Tages zu verkündigen. Doch wurden dieſe Aufzüge und Vorſtellungen nur je von einem kleinen Theile der gewaltigen Maſſe bemerkt, verſtanden und mitgefeiert. Die übrige bunte, tolle Menge, die ſich wieder in Hunderte von kleinen Kreiſen und Wirbeln auflöste, bildete nach wie vor eine brauſende, farbige Flut, die alle Einzelheiten, kaum erſchienen, auch wieder ſpurlos verſchlang und die von den eben erwähnten Auf⸗ zügen, Tänzen und Feierlichkeiten in der nächſten Minute nichts weiter auf ihrer ſchillernden Oberfläche übrig ließ, als ein ver⸗ mehrtes Drängen und Bewegen, den Waſſerkreiſen vergleichbar, die ein in die Flut geworfener Stein hervorgebracht hat. Und über dieſem wildhewegten Meere brausten fort und fort die Klänge der Muſik, hier und da den ab⸗ und zuflutenden Wogen etwas Takt⸗ mäßiges verleihend. Folgen wir einem blauſeidenen Domino, der von dem Neben⸗ zimmer herkam und den Saal während einer halben Stunde mit einer Raſtloſigkeit durchſuchte, die wohl eines beſſeren Erfolges 88 Sechsunddreißigſtes Kapitel. werth geweſen wäre; endlich aber lehnte er ſich ſichtbar ermüdet an einen der koloſſalen Kamine, die ſich auf der Längewand des Saales befinden, nahm hier ſeine Larve ab und zeigte ein ſehr erhitztes und verdrießliches Geſicht mit einer von Schweiß befeuch⸗ ieten Stirn, welche er ſich bemühte, mit ſeinem Taſchentuche abzu⸗ wiſchen und ſich alsdann Kühlung zufächelte. In dieſer Beſchäfti⸗ gung ließ er ſich auch nicht ſtören, als eine der ſtahlblauen Larven, von denen wir vorhin geſprochen, dicht vor ihn hintrat. „Es iſt gerade ſo, als wenn ihn die Erde verſchlungen hätte,“ ſagte der im blauen Domino; ich habe den Saal ſo nach allen Richtungen durchmeſſen, daß er mir nicht hätte entgehen können! Haben Sie etwas von ihm bemerkt?“ „Vor einer halben Stunde ſah ich ihn mit dem wilden Jäger plaudern.“ „Ah, man machte ſich vielleicht über mich luſtig; doch unbe⸗ ſorgt, ich hoffe auch noch zum Lachen zu kommen, und gerade da⸗ durch, daß ich die ganze Jagd fallen laſſe und wie ich von Anfang an hätte thun ſollen, meinem eigenen Vergnügen nachlaufe!“ „Verzeihen mir Eure Hoheit, wenn ich einen ſehr gewöhnlichen Ausdruck gebrauche, aber Sie ſprachen da ſo eben eine räuberhaft ſchöne Idee aus,“ erwiederte der Adjutant im Tone der Befriedi⸗ gung,„die Anderen haben leicht mit uns Maskerade ſpielen, ſie ſind ihrer Drei und Vier und...“ „Sind von einem klugen Kopfe regiert— nein, nein, Werden⸗ berg, wir wollen ehrlich ſein, tüchtig in die Karten haben wir uns ſehen laſſen; doch wie geſagt, ich gebe meine Jagd auf und meine Wette verloren; amuſiren Sie ſich noch ſo gut, als Sie können. Sehen Sie, da haben wir unſern weißen Domino wieder, denſelben, mit dem ich vorhin ſprach, eine allerliebſte Perſon— ich werde ein wenig in ihrer Geſellſchaft umherſchlendern, wer weiß, welches Abenteuer uns noch ſchadlos hält!“ Damit ſetzte der Prinz ſeine Larve wieder auf und näherte ſich raſch der Maske, von der er ſo eben geſprochen und welche 7 —= Seht der Masken froh Gewimmel! 89 durchaus keine Miene machte, als wolle ſie ihm entgehen, ja, die ihn faſt zu erwarten ſchien. „Schöne Maske,“ ſagte der blaue Domino,„verzeihe mir, daß ich nochmals in Deinen Weg trete!“ „Ah, Du biſt es, der artige Ritter von vorhin mit der dunkel⸗ blauen Larve; ſcheint Dir meine Geſellſchaft jetzt wünſchenswerth?⸗ „Gewiß, und mir ſelbſt zur Strafe bin ich ſeitdem allein ge⸗ blieben und hatte Zeit über meine Unart nachzudenken, Dich vor⸗ hin ſo ohne Weiteres verlaſſen zu haben!“ „Das hat mir allerdings auch zu denken gegeben, und in dieſen tiefen Gedanken verſäumte ich es, meine Begleitung aufzuſuchen, „Ein herrlicher Zufall, den wir dadurch nützen können, wenn wir uns jetzt für eine kleine halbe Stunde vereinigen— wärſt Du großmüthig genug, meinen Arm anzunehmen?“ „Warum nicht, armer Ritter, denn Du dauerſt mich von Herzen— es iſt hart, zu einem einmal verſchmähten Gegenſtande zurückkehren zu müſſen!“ „Zu müſſen? Darin irrſt Du Dich! Wirſt Du mir wohl glauben, wenn ich Dir ſage, daß ich Dich ſeither überall geſucht, weil Dein freundliches Geſicht, Dein ſchönes Auge, Deine friſchen Lippen, vor Allem Dein blondes Haar einen außerordentlichen Ein⸗ druck auf mich gemacht— wirſt Du mir das glauben?“ „Nein,“ erwiederte der weiße Domino lachend,„denn als Du mich vorhin betrachteteſt, ſah ich in Deiner Miene nichts, als daß Du gränzenlos beſtürzt warſt, ſo un ngenehm enttäuſcht zu ſein!“ „Du übertreibſt; obgleich ich Dir allerdings zugeben will, daß ich Dich für Jemand anders hielt, ſo war doch von Beſtürzung keine Rede, denn jene Perſon, die ich ſuchte, iſt mir im Grunde höchſt gleichgültig. Es betraf nur eine Wette, und wenn ich ihr allenfalls zu danken verpflichtet bin, ſo iſt es nur, weil ſie mir, ohne es zu wollen, Gelegenheit gab, Dich, reizende Blondine, kennen zu lernen!“ Hackländers Werke. 55 Bd. — 90 Sechsunddreißigſtes Kapitel. „Du gehſt raſch, blauer Domino, Du gibſt mir da Namen, die mir doch für unſere gar zu kurze Bekanntſchaft nicht paſſend erſcheinen!“ „So ſage mir, wie ich Dich nennen ſoll. Es hat etwas Ge⸗ ſpenſterhaftes, Jemanden zu lieben, der keinen Namen hat.“ „Du wirſt ſo raſch vorwärts gehen, daß Du über Deine eigenen Worte ſtrauchelſt und fällſt— ich habe durchaus nicht die Abſicht, von Dir geliebt ſein zu wollen!“ „Du wirſt doch einen Maskenſcherz verſtehen?“ „O gewiß, und wenn Du als ſolchen einen Namen für mich brauchſt, ſo nenne mich meinetwegen bei dem Namen jener, die Du geſucht und gefunden!“ „Nein, das wäre mir eine unangenehme Erinnerung!“ „Mir ſcheint, man muß ſich vor Dir in Acht nehmen, Du biſt eben ſo vergeßlich als undankbar!“ „Stelle mich auf die Probe, ob ich das wirklich bin— nenne mir Deinen Namen und Deine Wohnung, und Du wirſt morgen ſehen, ob ich vergeßlich oder undankbar bin.“ „Schon wieder im Galopp, Ritter vom blauen Domino; ich ziehe einen langſamen Schritt vor!“ „Sei nicht ſo grauſam, mir Alles zu verweigern und mir Deine kleine Hand zu entziehen, wie Du eben thuſt; es iſt mir leichter und ſüßer, Dich ſo zu führen!“ „Wenn es mir aber nicht ſüßer iſt, ſo geführt zu werden?— Erlaube mir überhaupt eine Frage, blauer Domino: wohin führſt Du mich eigentlich?“ „Dort zu der kleinen Fontaine— es iſt dies ein allerliebſter Platz, um auszuruhen und zu plaudern, und dagegen wird Deine Grauſamkeit wohl nichts einzuwenden haben?“ „Gewiß nicht, ſetzen wir uns!“ Sie ließen ſich auf die Bank nieder, wo vorhin der ſchwarze Domino mit dem Jagdpagen geſeſſen, etwas, das der blaue Domino ganz vergeſſen zu haben ſchien, denn er bemühte ſich, ſeine Nach⸗ Seht der Masken froh Gew umel! 91 barin durch die füßeſten Worte von dem uf rdentlichen Ein⸗ drucke zu überzeugen, welchen ſie auf ihn t; ja, im Eifer des Geſpräches hatte er ihre Hand genommen, und da er ein voll⸗ kommener Kenner war, ſo ſah er mit großer Genugthuung ſowohl die Feinheit der Finger als die Eleganz des tadelloſen, hellen Handſchuhes. „Und Deinen Namen ſoll ich nie erfahren?“ fragte er dringender. „Und wenn es ein Name wäre, der Dich erſchreckte?“ Der blaue Domino ſtutzte, denn es gab allerdings ſolche Namen, die, hier ausgeſprochen, ihn hätten erſchrecken können; doch faßte er ſich raſch und entgegnete:„Sei unbeſorgt, ſchöne Maske, um mich zu erſchrecken, müßteſt Du mir ein anderes Wort ſagen, als irgend einen beliebigen Namen; vielleicht ein Wort des Abſchiedes oder F Verabſchiedung.“ „Ei, ei, Prinz Heinrich,“ ſagte jetzt der Domino in Tone,„Du verleugneſt ja jetzt auf einmal Deine ganze Vergangen⸗ heit, und ich bin doch überzeugt, daß ich nur irgend einen Namen zu nennen brauchte, um Dich an eine heitere oder an eine dunkle Stunde zu erinnern.“ Der blaue Domino ſehr ruhigem war unwillkürlich etwas zuſ doch lachte er in der nächſten Secunde hell und lu er zur Antwort gab:„Ich muß hier Jemanden haben, der mir merkwürdig ähnlich ſieht, oder der ein ähnliches Coſtume trägt; ich habe ſchon einige Male für meinen Doppelgänger pikante Bemer⸗ kungen aushalten müſſen.“ „Allerdings haſt Du falſche, während Du der echte biſt!“ „Laß den Scherz, ſage mir lieber Deinen Namen!“ „Der Dich erſchrecken müßte!“ „O, unbeſorgt, ich habe ſtarke lieben Namen, damit ich ihn innig gedenke!“ ammengefahren, ſtig auf, worauf einen Doppelgänger, doch er iſt der Nerven— nenne mir Deinen ausſpreche, wenn ich Deiner „Nein, nein, Du biſt zu wandelbar, um Dir trauen zu dürfen — wie oft haſt ute Abend ſchon die gleichen Redensarten angewandt!“ 3 „Nicht ein einziges Mal, das könnte ich beſchwören!“ „Und wenn ich jene hörte, die Du vorhin aufgeſucht und der Du gewiß nicht minder innige Worte zugeflüſtert, wie jetzt mir!“ „Möchte ſie mich hören— ich verſichere Dich, reizende Maske, Du haſt mich in einem ganz falſchen Verdachte!“ „Nun denn,“ gab der weiße Domino lachend zur Antwort, indem er langſam ſeine Larve vom Geſichte entfernte,„ſo wollen wir den Scherz beendigen, um von Eurer Hoheit die Verſicherung zu erhalten, daß ich meine Wette glänzend gewonnen habe!“ Der Prinz war ein vollendeter Weltmann, ein vortrefflicher Fechter, bekannt durch ſeine Geiſtesgegenwart. Jeden Anderen, als ihn, müßte der Anblick Juanita's ziemlich aus der Faſſung gebracht haben; denn, um der Wahrheit die Ehre zu geben, er hatte nicht im entfernteſten daran gedacht, ſie unter dem weißen Domino zu finden. Auf ſeinen Zügen erſchien auch für eine Sekunde ein eigen⸗ thümlicher Ausdruck, welcher ſich aber, ſtatt in Erſtaunen und Ueber⸗ raſchung, in eine außerordentliche Heiterkeit verwandelte, mit welcher er lachend ſagte:„Das ganze Maskenſpiel von heute Abend, theuerſte Marqueſa, nenne ich doch ein pikantes Anziehen und Abſtoßen— erlauben Sie mir, daß ich Ihnen als großer Meiſterin in der In⸗ trigue die Hand küſſe, geſtatten mir dabei aber, zu bemerken, daß in dem eben geſpielten Acte Ihres Luſtſpiels die Verwicklung von mir ausging— ich wußte genau, wen ich diesmal zur kleinen Fontaine führte!“. „Prinz, Prinz!— Wollen Sie mir abſtreiten, daß ich meine Wette gewonnen?“ „Das nicht, aber Sie werden dagegen ſo großmüthig ſein und mich bei ſich ſelbſt vor der Beſchämung erretten, Sie dreimal verkannt zu haben?“ „Und die reizende Blondine!“ „Spotten Sie nicht! Sie war hübſch genug, um es allenfalls Seht der Masken froh Gewimmel! glaublich zu finden, daß man ſich in Kummer und Schmerz über Ihren Verlnſt ein paar Augenblicke mit derſelben beſchäftigte.“ „Wofür ich ihr dankbar bin,“ erwiederte Juanita,„und da ich nun meine Wette gewonnen habe, ſo iſt es doch in der That eine höchſt gelinde Strafe, welche ich über Sie verhänge, daß ich, an unſerer Uebereinkunft feſthaltend, Sie erſuche, eben dieſe hübſche Blondine ein Zeit lang durch den Saal zu führen!“ „Und ſo müßte ich Sie jetzt ſchon wieder v kenne keine grauſamere Strafe— ſ Sie dabei haben, mich ſo meiner Strafe?“ „Laſſen Sie mich nachſinnen— d ja, ich wüßte eine!“ „Die mich nicht von Ihrer Seite verbannt?“ „Das kann ich Ihnen nicht verſprechen— Sie verſchmähen alſo meine hübſche Blondine, eine ſo reizende, kleine Frau?“ „Sie iſt verheirathet?— Um ſo mehr muß ich mich entfernt halten— ich möchte ſie nicht compromittiren— hoffentlich kennen Sie meine Grundſätze, Marqueſa?“ „Ich bin in Verzweiflung, „wie ich diesmal Ihre ſtrengen Wette vereinigen ſoll!“ „O, wenn Sie nur wolle es nie an einem Mittelwege!“ Juanita dachte einen Augenblick nach, dann ſagte ſie:„Ich glaube in der That, Eurer Hoheit diesmal Recht geben zu dürfen — aber wenn ich Ihnen einen anderen Vorſchlag mache, ſo hoffe ich auf keine Widerrede zu ſtoßen!“ „Mein Wort darauf, da ich von Ihrer liebenswürdigen Dis⸗ eretion überzeugt bin!— Was ſoll ich thun?“ „Einen tüchtigen Künſtler, den Mann meiner kleinen Blondine, * herlaſſen?— Ich agen Sie nur, welchen Zweck zu quälen— wiſſen Sie keine Aenderung “¹ ſagte Juanita im heiterſten Tone, Grundſätze mit meiner gewonnenen — Ihrem ſcharfen Verſtande fehlt protegiren.“ „Mit Vergnügen— was habe ich zu thun?“ „O, eine Kleinigkeit— ihm zu erlauben, daß er ſich morgen — ———— 94 Sechsunddreißigſtes Kapitel. früh bei Ihnen meldet, worauf Sie ihm ſagen: Sie hätten ſich ſchon lange darauf gefreut, einen Künſtler von ſo bekanntem und gutem Namen kennen zu lernen.“ „Und wie heißt dieſer mir ſo genau bekannte Künſtler?“ fragte lachend Seine Hoheit. „Er heißt Bergmüller,“ fuhr Juanita fort, ohne ſich im min⸗ deſten an das leichte Kopfſchütteln des Prinzen zu kehren—„Berg⸗ müller, ein junger Mann, der hübſche Landſchaften malt und dem geholfen iſt, wenn er ſagen darf, Eure Hoheit habe ihm ein Bild beſtellt— verſtehen wir uns, Prinz?“ „Vollkommen,“ entgegnete der blaue Domino und ſetzte galant hinzu:„Theuerſte Marqueſa, ich weiß nicht, was ich an Ihnen mehr bewundern ſoll, Ihre Schönheit, Ihren Verſtand oder Ihre Herzensgüte! O, laſſen Sie mich vor der letzten, köſtlichſten Eigen⸗ ſchaft anbetend niederfallen, indem Sie mir die Erlaubniß geben, Sie ſtatt der reizenden Blondine einmal durch den Saal führen zu dürfen!“ „Wenn dieſes ‚Einmal“ wörtlich zu verſtehen iſt, ſo will ich meine Herzensgüte leuchten laſſen— aber nur einmal, denn ich habe noch andere Verpflichtungen, und auf einem Maskenballe liebe ich ſchrankenloſe Freiheit!“ „DO, der Glückliche, dem Sie ſich verpflichtet!“ „Es iſt ein Act der Dankbarkeit,“ entgegnete das ſchöne Mädchen in gleichgültigem Tone; dann legte ſie den Arm in den des Prinzen und ſchritt mit ihm durch den Saal.— Walter war mit Bergmüller zuſammengetroffen, und letzterer führte einen der Jagdpagen am Arme. „Wenn es Dir recht iſt,“ ſagte der alte Maler,„ſo ſchlängeln wir uns ein wenig in die Nebenſäle; ich muß Dir ſchon geſtehen, daß dieſes koloſſale Lärmen anfängt, bedeutend auf meinen Kopf zu wirken. Suchen wir van der Maaßen auf— das iſt gewiß der glücklichſte Teufel unter allen hölliſchen Heerſchaaren!“ „Ich will Dich für einen Augenblick hin begleiten,“ entgegnete Seht der Masken froh Gewimmel! Bergmüller und ſetzte mit einem Blicke auf ſeinen Gefährten hinzu: „dann aber nach Hauſe gehen— meine Frau iſt müde und auch ich ſehne mich nach Ruhe.“ „Eigentlich könnte ich Deinem Beiſpiele folgen, doch muß ich vorher nach Rodenberg ſehen; wir wollten uns bei der dritten Säule dort treffen.“ „Vor der Hand thuſt Du ihm keinen Gefallen, wenn Du ihm in den Weg trittſt,“ ſagte Bergmüller, indem er ſich lächelnd um⸗ ſchaute;„ſieh', dort kommt er eilig daher, nicht weil er uns hier ſieht, ſondern weil er angelegentlich jenen beiden Dominos folgt, dem blauen und dem weißen.“ „Er bleibt als der wildeſte der Jäger in ſeiner Rolle und jagt die weiße Hindin,“ verſetzte Walter und fragte gleich darauf: „Haſt Du den ſanften Eduard und Knorx nicht geſehen?“ „O ja, Rüding vor einer halben Stunde am Arme einer dicken Tyrolerin.“ „Haſt Du ſie gekannt, Waſſermüller?“ „Hm,“ machte jener mit einem eigenthümlichen Blicke auf ſeine Frau. „Nun, wir werden morgen ſchon erfahren, welche vornehme Dame ihn beglückt hat; wenigſtens war's eine Prinzeſſin— doch wo iſt Knorx geblieben?“ Er langweilte ſich und iſt ſchon vor einer Stunde nach Hauſe.“ „Doch ſieh', Rodenberg hat ſeinen Zweck erreicht, der blaue Domino iſt abgefahren, und er führt die weiße vermummte Dame mit einer Ruhe und Behaglichkeit, die mir zu denken gibt— welche Zeit iſt es eigentlich?“ „Ein Uhr vorüber,“ ſagte der Page am Arme Bergmüller's in einem bittenden Tone. „Da können wir es nach einem ſo angeſtrengten Tagewerke verantworten, wenn wir uns zurückziehen; doch bleibe noch einen Augenblick, Nebelmüller, der wilde Jäger kommt gerade auf uns zu, vielleicht daß er uns des Verſprechens, ihn zu erwarten, entbindet.“ 96 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Rodenberg näherte ſich in der That, den weißen Domino am Arme, welcher dem Jagdpagen die Hand darſtreckte und in freund⸗ lichem Tone ſagte:„Ich danke Ihnen für Ihre Hülfe und hoffe, Sie werden es erfahren, wie erkenntlich ich Ihnen bin— gute Nacht, Herr Walter, morgen ſehen wir uns wieder!“ „Sollen wir Dich hier erwarten?“ fragte der ehemalige Drache Griesgram. „Sei ſo gut— ich bringe nur dieſe Dame an ihren Wagen und bin ſogleich wieder hier.“ So war es auch. Rodenberg kam nach einigen Minuten wieder und war mit dem Vorſchlage Walter's, nach Hauſe zu gehen, voll⸗ kommen einverſtanden. Wenn man nur Rüding's hätte habhaft werden können! Doch war der vormalige Cupido nirgends vorzu⸗ finden, was dem alten Maler abermals und noch auf ganz andere Art zu denken gab, wie er ſagte—„was meinſt du, Nebelmüller?“ „Nun, er wird hoffentlich bei dem Wageſtück nicht verloren gehen!“ „Aber van der Maaßen müſſen wir mitnehmen,“ meinte der wilde Jäger. „So viel ich vorhin geſehen, wird das ſchwerlich angehen; er iſt zu ſehr geiſtig erheitert, um ſein Gelage jetzt ſchon zu verlaſſen, und noch nicht erheitert genug, um uns gutmüthig nach Hauſe zu folgen— auch haben wir eigentlich keine Verpflichtung, dieſen Teufel in's Bett zu liefern.“ „Als die allgemeinen Freundespflichten,“ ſagte Rodenberg. „Nun, die will ich erfüllen,“ fuhr Walter fort,„indem ich an ſein Horn eine Viſitenkarte ſpieße mit ſeiner Adreſſe: ‚Mainzer Hof, Zimmer Vierzehn“; dahin wird ihn ſchon ſeiner Zeit eine mitleidige Seele abliefern.“ „Ich habe nichts dagegen; aber vorher müſſen wir nach ihm ſehen.“ „Nach ihm hören, wird geſcheiter ſein; denn wenn er uns ſieht, wie wir ihn, ſo wird er wehmüthig und läßt uns nicht mehr los — da iſt er in ſeiner ganzen Größe und Dicke!“ Während des letzten Geſpräches hatten ſie den Ballſaal ver⸗ — Seht der Masken froh Gewimmel! laſſen und erblickten, unter der Thür des Nebenzimmers ſtehend, den höchſt glücklichen Employé des lyoner Hauſes, wie er ſich in einem Kreiſe luſtiger Zecher bemühte, beim Genuſſe guten franzöſiſchen Champagners ſchlechte deutſche Lieder zu ſingen, und zwar von einer Sorte, welche deutlich anzeigte, daß er, wie Walter vorher geſagt, noch nicht in jenen Zuſtand gekommen war, wo er ſich ſeufzend und mit einem wehmüthigen Schluchzen der Führung eines guten Freun⸗ des unbedingt anvertraute; er ſchien noch vollkommen die Ahnung ſeines eigenen Ichs zu haben, denn er ſang, wahrſcheinlich in Be⸗ ziehung auf ſeine Maske, mit ſeiner haarſcharfen Discantſtimme den Refrain eines berühmten Liedes: — „Wir brauchen keinen Schneider, Kein' Schneider in der Höll', juchhe!“ XXXVII. „Seid froh begrüßt, ihr muntern Brüder!“ MNodenberg und Walter hatten nach dem Balle, vor dem Kaminfeuer ſitzend, eine gute Cigarre geraucht und die Erlebniſſe des verfloſſenen Tages beſprochen— ein zweites und oft nicht minder angenehmes Genießen vergangener, ſchöner Stunden. Knorx, der ſchon früher nach Hauſe gekommen war, hatte ſich zu ihnen geſellt, da er, wie er ſagte, mit dem tollen Lärmen im Kopfe nicht ſchlafen könne. Sie hatten die Abſicht, Rüding zu erwarten; doch als dieſer immer noch nicht kam, gingen die Drei zu Bette, um, müde wie ſie waren, bis tief in den nächſten Tag hinein zu ſchlafen. Der lange Bildhauer hatte nicht einmal gehört, wann Rüding nach Hauſe gekommen, und war ſehr erſtaunt, beim Erwachen den ſanften Eduard ruhig ſchlummern zu ſehen. Da ſich Niemand beſonders beeilte, ſein Lager zu verlaſſen, auch in dem Hauſe ſelbſt eine ſo außerordentlich wohlthuende Ruhe herrſchte, ſo verkündeten ſchon die Glocken der zahlreichen Kirchen Kölns die Mittagsſtunde, ehe ſich unſere Freunde um den Früh⸗ ſtückstiſch verſammelt hatten, welcher vom umſichtigen Haushofmeiſter mit Speiſen und Getränken beſetzt war, wie man ſie nach einer Ballnacht gern ſieht und genießt.. „Wenn ich denke, daß morgen Aſchermittwoch iſt,“ ſagte Walter Seid froh begrüßt, ihr muntern Brüder! 99 kopfſchüttelnd, nachdem er ſeine Auſtern verzehrt und ein Glas Chablis dazu getrunken,„ſo möchte ich blutige Thränen weinen!“ „Beſonders, daß die ſchönen Tage von Aranjuez alsdann vorüber ſind,“ meinte Rüding mit einem leichten Seufzer. „Wobei man, was Dich anbetrifft, hinzuſetzen darf: ‚Euer Hoheit verlaſſen es nicht heiterer, erwiederte der alte Maler;„denn ich bemerkte an Dir trübe Augen und ein melancholiſches Herab⸗ hängen Deiner Unterlippe— he, Bürſchlein, was war denn das geſtern Abend mit einer gewiſſen Tyrolerin?“ „Habe ich Dich ſchon nach Deinen Abenteuern gefragt, oder hältſt Du mich für indiscret genug, über Sachen zu reden, die mich nicht allein betreffen?“ „Ich glaube, da könnteſt Du Deine Discretion aus dem Spiele laſſen und erzeigteſt ihr einen Dienſt, wenn Du ſo indiscret als möglich wäreſt.“ „Darf ich wohl fragen, wen Du unter der Benennung jihr verſtehſt?“ ſagte Rüding in ſehr hochnäſigem Tone. „Nun, ‚ſie, die Eine, Kleine, Meine,“ würde van der Maaßen ſagen— doch, Scherz bei Seite, ſanfter Eduard, ich mache Dir mein Compliment; mich müßte Alles trügen, oder ſie war aus einem guten— Hauſe.“ Die Anderen lachten, mit Ausnahme Rüding's, welcher, nach⸗ dem er einen tüchtigen Biſſen niedergekaut, ernſthaft zur Antwort gab:„Sie iſt aus einer ſehr guten Familie; ihre Mutter iſt bei einem Wechſelgeſchäfte betheiligt.“ „En gros ou en détail— ah, ich verſtehe und habe immer geſagt, Rüding iſt ein verfluchter Kerl, der ſtets das Fett von der Suppe ablöffelt!“ „»Bon jour, Messieurs, comment vous portez-vous?“ hörte man jetzt die feine Stimme van der Maaßen's ſagen, während er ſeinen dicken Kopf zur Thüre hereinſtreckte—„darf man näher kommen?“ „Auf dieſe beſcheidene Frage hin,“ ſagte Rodenberg lachend, 100 Siebenunddreißigſtes Kapitel. „kann man Dir den Eintritt nicht verweigern, obgleich Du ſonſt durch Deine geſtrige Aufführung wohl verdient hätteſt, daß man für Dich in einem anſtändigen Hauſe nicht mehr ſichtbar wäre!“ „Mais comment? J'ai feté le carnaval comme diverses Messielns Francais que je connaitre apres nous avons boiré et nous avons chanté.“ „Ja wohl, wunderſchöne Lieder— ‚Wir brauchen keine Schnei⸗ der, keine Schneider in der Höll', juchhe!— Sei ehrlich, van der Maaßen, und ſage, um welche Zeit hat man Dich hinausgeworfen?“ „Ich kann das nicht genau angeben, ob und wann; genug, ich fand mich auf der Straße wieder und weiß nur noch, daß ich an den Häuſern hinaufſtarrte, um irgend einen Straßennamen leſen zu können.“ „Bei ſtockdunkler Nacht— bei Dir muß es gut ausgeſehen haben!“ „Ich geſtehe das— ich war ſtark bekneipt.“ „Und wer brachte Dich zu Bette?“ „O, ſo weit ſind wir noch lange nicht! Ehe ich dazu kam, habe ich einen entſetzlichen Vorfall erlebt, der mich ziemlich nüch⸗ tern machte.“ „Setz' Dich nieder und erzähle, van der Maaßen— willſt Du ein Glas Wein trinken?“ „Ich ſehe da vortreffliche Sardellen, kühle, ſalzige Sardellen, die mich ſo einladend anſchauen.... „Ich war alſo auf der Straße,“ fing van der Maaßen an, nachdem er tüchtig gegeſſen,„und weiß nicht ganz genau, ließ mich meine Geſellſchaft im Stiche oder ich die Geſellſchaft— genug, als ich keinen Straßennamen unterſcheiden konnte, ſetzte ich mich auf einen Eckſtein und wäre wahrſcheinlich eingeſchlafen, wenn mich nicht ein paar kreiſchende Weiberſtimmen aufgeſchreckt hätten.“ „Die ſich vor dem Teufel auf dem Eckſteine fürchteten?“ „Wahrſcheinlich— ich zog alſo weiter durch die kalten Straßen, ſchauernd und fröſtelnd, denn ich hatte vergeſſen, meinen Paletot in der Garderobe abzuholen; ich glaube, ich zog dahin wie ein naß Seid froh begrüßt, ihr muntern Brüder! 101 gewordener Hund mit eingezogenem Schweife, gerade aus, dann rechts, dann links, dann wieder links oder rechts, bis ich mir end⸗ lich einbildete, zu Hauſe zu ſein. Doch war dieß eine Täuſchung, welche durch einen ſchwachen Lichtſchein hervorgebracht wurde, der mir ſo recht behaglich aus einem Parterrezimmer entgegenleuchtete; ich glaubte, ich ſei am Mainzer Hofe und der Portier erwarte mich mit Schlüſſel und Licht.“ „Aha,“ meinte Walter,„da biſt Du vieleicht einer dicken Tyrolerin begegnet, welche dem ſanften Eduard heimleuchtete?“ „Das weniger; es wäre mir lieber geweſen, als was ich fand. Als ich im Zickzack auf die Hausthür losging, dieſelbe offen fand und in einen ſchmalen, dunkeln Gang kam, an dem ich mit den Händen forttappte, bis ich den Drücker einer Thür erfaßte, die ebenfalls aufging und mich in ein ſchwach erhelltes, aber angenehm erwärmtes Zimmer treten ließ— ich weiß nicht, wie mir war— aber trotz meines Nebels ſah ich hier etwas, das mir unheimlich vorkam: in der Mitte des Zimmers ſtand ein langer Schragen und darauf lag etwas Schmales und Eckiges mit ſeltſamen Formen, das mit einem weißen Tuche zugedeckt wax; hinten in der Ecke des Zimmers aber bemerkte ich eine alte Frau auf einem Lehnſtuhle ſitzen, die wohl eingenickt ſein mochte, nun aber bei meinem Eintritte aufſchaute, ihre Augen weit aufriß und dann mit einem gellenden Schrei ins Nebenzimmer verſchwand. „Ich fand das komiſch, und da ich keine Ahnung hatte, wo ich mich befand, mich auch die Wärme unwiderſtehlich ſchlaftrunken machte, ſo ſetzte ich mich in den Lehnſtuhl, wo ich augenblicklich einſchlief. Wie lange ich hier geruht, weiß ich nicht; aber ich er⸗ wachte, weil man mir kaltes Waſſer ins Geſicht ſpritzte, und als ich nun meine Augen aufriß, ſah ich eine Menge Menſchen vor mir im Zimmer ſtehen, ein paar brennende Kerzen, die ich vorher nicht bemerkt, und vor mir einen Mann, der ein weißes Hemd über ſeiner Kleidung trug und dem ich durch das Anſpritzen mit dem kalten Waſſer nicht nur mein Erwachen zu verdanken hatte, ſondern 1⁰² Siebenunddreißigſtes Kapitel. auch, daß ich ziemlich nüchtern geworden war— wo war ich— wer war ich? Ich fühlte dabei an meinen Kopf, und als ich dort die Hörner meiner Maske entdeckte, mich auch unter ſonderbaren Worten als Teufel anreden hörte, auch den Schragen etwas näher ins Auge faßte, da ging mir ein koloſſales Licht auf, und bei mir denkend: ‚Sauve qui peut!’ ſprang ich in einem gewaltigen Satze von dem Seſſel auf gegen die Thür zu, wobei ich den Mann mit dem weißen Gewande beinahe auf den Boden geworfen hätte, und erreichte unter einem fürchterlichen Gezeter und Gekreiſche glücklich die Straße, wo ich aufs Gerathewohl davonlief, ſo raſch mich meine Beine tragen wollten. Der Morgen dämmerte herauf und von vielen Kirchthürmen klangen die hellen Glocken— ich kam mir recht ſündhaft vor.“ „Das biſt Du auch,“ ſagte der lange Bildhauer in bedenklichem Tone—„nimm das als eine Mahnung und kehre bei Zeiten um; überhaupt,“ ſetzte er, ſich rings umſchauend, hinzu,„könnte uns ein Bischen andere Lebensweiſe nicht ſchaden!“ „Sprichſt Du wieder wie Dein Todtenkopf?“ brummte Walter —„nimm mir nicht übel, Du fängſt an, ein altes, unausſtehliches Kameel zu werden! Da macht er den Carneval mit, Maskenzug und Ball, wie der jüngſten Einer, und iſt darauf Prediger in der Wüſte!“ „Allerdings habe ich das Alles mitgemacht, aber mir ſelbſt gleichſam zur Buße, und morgen, wo die wilden Tagé vorüber ſind, werde ich ein muſterhaftes Leben beginnen.“ „Morgen, morgen, alter Heuchler— aber heute gehſt Du noch mit auf die Hochſtraße und treibſt Unſinn wie die Anderen!“ „Mitgehen werde ich, doch keinen Unſinn treiben; ich werde mich in ein ſchwarzes Gewand hüllen, ich werde den Todtenkopf unter meinen Arm nehmen und werde den Begegnenden mein „Mene, Mene!’ zurufen.“ Walter hatte ſeine Rechte um den Arm des langen Bildhauers gelegt und ſagte ihm mit ernſtem Tone:„Mein lieber Freund, es iſt wahrhaftig Zeit, daß Du Dich morgen ins Kloſter ſperrſt!“ Seid froh begrüßt, ihr muntern Brüder! 103 „Gewiß, und ich werde für Dich dort ein Plätzchen vorbereiten.“ „Wer weiß, was geſchieht!“ erwiederte der alte Maler nach⸗ denkend—„wenigſtens kannſt Du es mich wiſſen laſſen, wie es Dir drinnen bekommt.“ „Guten Morgen, ihr Leute,“ hörte man jetzt Bergmüller luſtig ausrufen, und als er ins Zimmer getreten war, ſchauten ihn Alle verwundert an: er trug einen ſchwarzen Frack, eine weiße Halsbinde und ſein dichtes, emporſtehendes Haar war aufs ſauberſte mit einem tiefen Scheitel verſehen. „Nebelmüller, wo kommſt Du her?“ „Waſſermüller, was iſt mit Dir vorgegangen? Du ſiehſt ja ſo glücklich und heiter aus wie ein Bräutigam!“ „Biſt Du irgendwo Profeſſor geworden, Kohlenmüller?“ „Oder hat man Dir vielleicht ein Bild beſtellt?“ fragte der ſanfte Eduard in etwas neidiſchem Tone. „Dein gutes Herz hat es getroffen!“ rief Bergmüller luſtig— „wie Ihr mich da ſeht, komme ich von einer Audienz bei Seiner Ho⸗ heit dem Prinzen Heinrich— Höchſtdieſelben geruhten, mir ein großes Bild zu beſtellen, und erlaubten mir, dafür den Preis zu beſtimmen!“ „Da wünſche ich Dir Glück!“ rief Rodenberg mit Herzlichkeit —„das freut mich aufrichtig, denn ich bin überzeugt, es gibt Deinem Leben eine ganz andere Wendung!“ „Gott geb's!— Ich war zu Hauſe, und ich ſage Euch, mein kleines, gutes Weib hat eine ganz unſinnige Freude gehabt, und was die theure Schwiegermutter anbelangt, ſo betrachtet ſie meine Perſönlichkeit von nun an mit ſolcher Ehrfurcht, daß ſie die Kattun⸗ jacke ſogleich dem Lehrling geſchenkt hat!“ Rodenberg hatte leiſe ſein Glas erhoben und trank einen Toaſt ohne Worte, die aber in ſeinem Herzen ſo nachzittern mochten, daß er es nicht unterlaſſen konnte, die Rechte auf ſeine Bruſt zu drücken. —„So wäre denn ſür Manchen von uns dieſer Aufenthalt von recht guten Folgen geweſen, nur Walter und ich gehen vor der Hand leer aus!“ — 104 Siebenunddreißigſtes Kapitel. „Du?“ erwiederte der alte Maler mit einem eigenthümlichen Blicke—„ſei ehrlich und laß— uns ſchweigen.“ „Ich wollte auch nur noch hinzuſetzen, daß wir unſerer liebens⸗ würdigen Wirthin für alles das zu Dank verpflichtet ſind und daß es nicht zu viel iſt, wenn wir ihr Morgen unſer Album übergeben.“ „Wozu auch ich noch ein Aauarell beitragen werde,“ ſagte Bergmüller;„den Einband ſah ich heute Morgen, er iſt in einer Stunde fertig und wird prachtvoll ausfallen— übergeben wir ihn in corpore?“ „Ich denke ſo— morgen um dieſe Zeit.“ „Und ſpenden dazu unſern Dank für freundliche Aufnahme,“ ſagte Walter. „Und jetzt hinaus auf die Hochſtraße!“ rief van der Maaßen — wir eſſen doch zuſammen?“ „Ja, wir wollen uns gegen ſechs Uhr im Kaiſerlichen Hofe treffen.“* „Abgemacht— gehen wir mit einander fort und ſehe Jeder, wie er's treibe,“ ſprach der lange Bildhauer, worauf Walter den ſanften Eduard auf die Schulter klopfte und hinzuſetzte:„Und wer ſteht, daß er nicht falle!“ Am Faſtnachts⸗Dienſtag hat das Leben in den Straßen Kölns viel von den Carnevals Italiens, namentlich der Städte Venedig und Rom. Wenn auch die meiſten Plätze und Straßen von mehr oder minder luſtigem Maskentreiben erfüllt ſind, ſo kann man doch die Hochſtraße als den Corſo Kölns betrachten, wo die dichtgedräng⸗ ten Maſſen in Einem fort ab⸗ und zuſtrömen. Von irgend einer allgemeinen Idee, die ausgeführt wird, iſt nicht mehr die Rede; Jeder amuſirt ſich für ſich, und wenn ſich hier und da eine kleine Geſellſchaft zuſammen gethan hat, ſo iſt es, um irgend etwas Ver⸗ einzeltes aufzuführen, was aber mit dem ganzen Leben und Treiben durchaus in keinem Zuſammenhange ſteht. Und nicht nur einzelne Alters⸗ oder Standesklaſſen ſind hier vertreten, Jeder, ohne Unterſchied des Ranges, und ſowohl die — Seid froh begrüßt, ihr muntern Brüder! Jugend wie das Alter genießt den Carneval. Achtbare Kaufleute und Fabrikanten, die Träger bedeutender Firmen, welche in gewöhn⸗ lichen Zeiten von Morgens bis Abends ernſthaft vor ihrem Haupt⸗ buche ſitzen oder auf ihrer Wiegkammer beſchäftigt ſind, treiben ſich heute in den abenteuerlichſten Coſtumes auf den Straßen umher, um dort ihre Bekannten zu finden oder Beſuche zu machen in be⸗ freundeten Häuſern, und finden es dabei ganz in der Ordnung, wenn ſich ihr jüngſter Commis oder Lehrling einen guten Witz erlaubt mit dem geſtrengen Principal. Solide Handwerker haben ſich aufs tollſte vermummt, ſuchen ihre Kunden auf und geniren ſich durchaus nicht, ihnen mit der Freiheit der Maske tüchtig die Wahrheit zu ſagen, wobei es aber nicht ſelten vorkommt, daß ihnen von den eigenen Geſellen zuweilen arg mitgeſpielt wird. Dabei erſcheint die Jugend im ausgelaſſenſten, tollſten Jubel, bald in anſtändigem Maskenanzuge, bald verkleidet mit Allem, was ihnen gerade in die Hände gefallen. Und ſelbſt die Lehrlinge und Buben, deren Geſchäft ihnen nicht erlaubt, den ganzen Tag auf der Straße herumzulaufen, ſtehen maskirt vor den Ladenfenſtern, an der Fleiſchbank oder der Druckerpreſſe und benutzen jeden Augen⸗ blick, um auf die Straße hinauszuſtürzen und dort ihr lärmendes Weſen zu treiben. Nimmt man hierzu den größten Theil der ſchönen Trachten und Charaktermasken, die wir bereits in dem Carnevalszuge geſehen, und bedenkt man, daß die Theilnehmer und Mitſpieler an dem heutigen Carnevalsfeſte auf Straßen und Plätzen nicht nach Hunderten, ſondern nach Tauſenden und aber Tauſenden zu zählen ſind, ſo kann man ſich vielleicht einen Begriff machen, welches ungeheure Leben und Treiben jetzt die alte Colonia erfüllt. Dazu kommt Muſik in allen Ecken und Enden, in den Häuſern, auf den Straßen, auf Plätzen, bald gut zuſammengeſetzte Banden, bald kleine Trupps, vielleicht aus zwei Streich⸗ und zwei Blas⸗ inſtrumenten beſtehend; hier ein paar Dilettanten mit Violine und Clarinette, dort ein paar Andere mit Guitarre und Flöte, ein Hackländer's Werke. 55. Bd. 8 106 Siebenunddreißigſtes Kapitel. einzelnes Waldhorn oder eine ſchmetternde Trompete, auch wohl Trommeln und Triangel, ohne jede andere Begleitung von ein paar Mohren gehandhabt; hier ein Bärentanz mit dem dazu paſſenden Geleier, dort eine Hundekomödie mit Tamburin, Piccolo⸗ Flöte, an der Straßenecke eine Mordgeſchichte mit verſtimmtem Leierkaſten und noch verſtimmterer Geſangbegleitung. So hört man durch all' dieſes Gewühl und Gebrauſe den Klang unzähliger Inſtrumente und Stimmen, oft in der furcht⸗ barſten Disharmonie, welche noch verſchärft wird durch das Grunzen der Rummelspötte, das Klatſchen der Pritſchen und das weithin ſchallende Geräuſch der hölzernen Klappern. „Geck, lohs Geck elans!“ tönt es in unſern Ohren, und da wir uns beeilen, raſch einer Truppe kölniſcher Bauern, welche Arm in Arm kommen, auszuweichen, ſtoßen wir mit einem Quackſalber zuſammen, der ſein Mordinſtrument augenblicklich auf uns richtet und uns ſo ſeitwärts treibt, vielleicht in den Arm eines Hans⸗ wurſtes, der klatſchend von ſeiner Pritſche Gebrauch macht und uns ſo unwillkürlich gegen einen ernſthaften Advocaten anrennen läßt, welcher uns erbost am Kragen faßt und für dieſes Attentat auf ſeinen ausgeſtopften Bauch mit einem ſchweren Proceſſe droht. „Do kütt gett, do kütt gett!“ hören wir vor uns lärmen und erblicken einen der aufgeputzten Wagen, welche geſtern den Zug mitgemacht, dicht mit Masken beſetzt, die vielleicht ſingen oder muſiciren, oder welche gedruckte Zettel oder ſonſtige Scherze unter das Volk vertheilen oder an langen, hölzernen Scheeren ihren Be⸗ kannten ins zweite oder dritte Stockwerk hinaufreichen. „Zum zerum, zerum, Zafferon, Der Puckel en Papeer gedonn!“ lärmt uns eine Bubenſchaar entgegen, die mit weißen Hemden, blauen Blouſen und bunten Kattuntüchern, Schlafmützen und rothen Regenſchirmen aufs tollſte coſtumirt und welche als freiwilliger Vortrab und Begleitung einer allerliebſten Maskerade dienen, be⸗ — Seid froh begrüßt, ihr muntern Brüder! 107 ſtehend aus einer zahlreichen Schaar kleiner Matroſen, ganz famoſe Theerjacken, aufs richtigſte angezogen, die ihre eigene Muſik bei ſich führen, aus Violinen und Trommeln beſtehend, und durch die Straßen ziehend, hier und da in die Häuſer von Bekannten ein⸗ treten, um einen Seemannstanz auszuführen. Dabei ſind Wirths⸗ und Privathäuſer bis oben an mit luſtigen Leuten gefüllt, in den Fenſtern lachende, neugierige, ſtaunende Ge⸗ ſichter, ſchöne Mädchen in Coſtume, Scherze und Blumen in Empfang nehmend und wieder austheilend; man ſieht Tauſende von Aus⸗ wärtigen, aber keinen Fremden— es müßte denn Jemand durch eigene Schuld fremd bleiben wollen; und wie auf den Straßen, ſo treiben auch in den Häuſern Masken einzeln und in Banden ihr luſtiges Weſen. Advocaten und Quackſalber drängen ſich in die ihnen fremdeſten Familienkreiſe und werden mit Jubel empfangen, wenn ihren Worten nur nicht Witz und Laune fehlt und wenn ihre Anſpielungen glücklich ſind. Kartenſchlägerinnen bieten jungen Mädchen ihre Dienſte an, Marketenderinnen empfehlen ſich für den nächſten Feldzug dem dicken Major, der dort im Kreiſe der Seinigen lachend zum Fenſter hinausſchaut, und zudringliche Trödeljuden verfolgen einen unglücklichen Lieutenant, der trotz ſeines Civils ſogleich erkannt worden iſt. Auf unſerer Wanderung durch die Stadt haben wir auch wieder einmal den Altenmarkt erreicht, der ungeachtet ſeiner Breite und Länge eben ſo mit luſtigem Getreibe angefüllt iſt, wie die ſchmale Hochſtraße oder Schildergaſſe, aber trotz einem Carnevals⸗ leben niederen Nanges deßhalb nicht minder luſtig und ergötzlich; hier ſieht man kölniſche Bauern in großer Anzahl, Bauerndirnen, Obſt⸗ und Milchweiber, dazwiſchen Barbiere und Friſeure, Ecken⸗ ſteher und Leuchtenträger, von denen namentlich die letzteren mit ihren brennenden Laternen all den Witz und Humor eines heiteren Volkscharakters entwickeln; hier vernimmt man die ohrenzerreißendſte Muſik, ſieht die furchtbarſten Mordgeſchichten. Wer, der dieſe Carnevalstage häufig mitgemacht hat, erinnert ſich nicht des privi⸗ 108 Siebenunddreißigſtes Kapitel. legirten und patentirten geheimen Ober⸗Katzenmuſik⸗Orcheſters, welches gegen mäßige Vergütung für vorkommende Fälle ſeine Dienſte bei Tag und Nacht anbot, jener grotesken, abenteuerlichen Geſtalten mit wahren Lumpen maslirt, mit ihren grellen, geſchmink⸗ ten Geſichtern, ihren durchlöcherten Hüten und ihren Inſtrumenten, aus Caſſerolen und Keſſeln beſtehend, aus Blechtrichtern, großen Deckeln, Hackbrettern und Gießkannen, welche als Trommeln dienen? Wer denkt nicht an den wunderbaren Rundtanz von einem Dutzend Kappesbauern um einen großen Papageikäfig mit einem ausge⸗ ſtopften Kanarienvogel nach dem Klange einer alten Straßenorgel⸗ dieſes grotesken Tanzes der wunderbaren Siebenſprünge nach dem Rhythmus des berühmten Liedes: „Hansjörgelche, ſühs Do nitt, Dat Vüggelchen, dat weld ſterve, Hevv imm enns dat Stätzchen op, Dat Stätzchen op, dat Stätzchen op, dat Stätzchen op Un blohß imm en et Kervche!“ Wer denkt nicht an jene furchtbare Bude auf dem Heumarkte, wo. der große Holofernes unentgeldlich zu ſehen war? „Geck, lohs Geck elans!“ Durch das Bechergäßchen führt uns abermals unſer Weg, doch koſtet es heute noch größere Mühe, hier durchzukommen. Schon am Eingange deſſelben ſehen wir uns durch einen Zank aufgehalten, den ein koloſſales Obſtweib mit einem natürlicher Weiſe unechten Polizeibeamten hat, und endlich in die Gaſſe gelangt, finden wir ſie in der Mitte geſperrt durch einen der dickbäuchigſten Türken, den wir in unſerem Leben geſehen und an welchem ſich vorbeizu⸗ drücken kaum möglich iſt; hier haben die Buben ihren großen Zeit⸗ vertreib, denn da der Muſelmann mit ausgeſpreizten Beinen geht, ſo kriechen ſie mit ungeheurem Halloh unter ihm durch, nicht ohne dabei ſeine Rückſeite aufs empfindlichſte zu berühren. Glücklich haben wir dieſen Engpaß hinter uns und gehet die breite Straße Am Hofe hinauf, wo das Funkenheer ſein er⸗ Seid froh begrüßt, ihr muntern Brüder! 109 götzliches Weſen treibt. Vor einem Wirthshauſe haben ſie hier ihr Lager bezogen, da ſteht ihre Wachtſtube, da ſteht ihr Arreſtlocal und vor demſelben ein hölzerner Eſel. Wehe dem nunſchuldigen Zuſchauer, der ſich harmlos dieſem Thiere nähert! Augenblicklich wird er erfaßt und auf den ſcharfen Rücken des Thieres geſetzt, wo er nicht eher wieder herunterkommt, als bis ihm der Corporal der Wache die drolligen Kriegsartikel des Funkenheeres vorgeleſen. Auch Zuſchauerinnen, die ſich gar zu neugierig in die Nähe des Wachtpoſtens gewagt, werden zwar nicht auf den Eſel geſetzt, aber trotz ihres Widerſtrebens für eine Viertelſtunde in das Arreſtlocal geſperrt, was jedes Mal unter der zahlreichen Bubenſchaar ein außerordentliches Halloh hervorbringt; doch halten ſich dieſe echten Lotterboven Kölns kluger Weiſe in ſehr anſtändiger Entfernung von dem Wachtpoſten, da man ihnen im Falle des Ergriffen⸗ werdens Eſelritt und Arreſt, durch Peitſche verſchärft, mit mathe⸗ matiſcher Gewißheit vorausſagen kann. Wie heulende Wölfe um⸗ ſtehen ſie in weitem Kreiſe das Funkenheer, höhnen die beſtraften Unglücklichen, ſingen zuweilen im ſchauerlichen. Chor ein Carne⸗ valslied oder begrüßen den Funken⸗General, ſo oft er ſich ſehen läßt, mit dem einſtimmigen Geſchrei:„Wat hät dä Kähl en Nas!“ Ziehen wir leiſe vorbei, um über den Wallrafsplatz wieder in die Hochſtraße einzurücken, in den brauſenden Menſchenſtrom, deſſen Gedränge ſich hier von Stunde zu Stunde vermehrt. Leiden wir es geduldig, wenn eine unſichtbare Hand uns von hinten den Cylinder eintreibt, und halten wir geduldig die Umarmung eines wilden, verlumpten Kerls aus, der uns wiederholt an ſeine Bruſt drückt und dabei ſein Entzücken ausſpricht, endlich ſeinen Vetter aus Dülken oder aus Schwaben wiedergefunden zu haben. Wir wollen auch nicht murren oder uns ärgern, wenn ein paar anſcheinend total Betrunkene uns in ihre Mitte nehmen, uns mit dem ſcheuß⸗ lichſten Tabak anſtänkern und uns zwingen, mit ihnen das heitere Lied zu ſingen: Siebenunddreißigſtes Kapitel. „Oh, do ſitz en Fleeg an der Wand, Fleeg an der Wand“ u. ſ. T Auch die ſtilleren Straßen, welche hene nicht mit hineinge⸗ zogen ſind in den tollen Zauberkreis des Faſtnachtstreibens, ſind deßhalb nicht ohne luſtiges Leben; auch hier ſieht man kleine Banden umherziehen und einzelne Masken ihr Weſen treiben, oft zum Schrecken der Bewohner irgend eines Hauſes, vor deſſen Fenſtern eine oft ſehr anzügliche Geſchichte in Bild und Wort gezeigt und abgeſungen wird. Hier ſieht man zuweilen die eingefleiſchteſten Carnevalsfreunde, einen ſcheinbar verlorenen Poſten wählend, ernſte Leute, die ruhig ihres Weges zu ziehen gedenken, mit in den Strudel hineinziehen. Und ſehr oft ſind dieſe vereinſamten Masken ſolche, die im gewöhnlichen Leben eine Unzahl Arbeiter beſchäftigen und voor denen die Börſenmäkler ehrfurchtsvoll ihren Hut ziehen. Da — ziehen ſie einher, einzeln oder zu Zweien, als Advocat und Quack⸗ Salber ihre Dienſte anbietend, oder als Bänkelſänger und Sängerin, oft in grellfarbenem Florkleide mit hochroth geſchminkten Backen, die Haube mit flatternden Bändern auf dem Kopfe, unter dem Arme eine kleine Drehorgel; auch in phantaſtiſchem Coſtume einen Shawltanz aufführend, vielleicht vor einem unglücklichen Officier zu Pferde, dem es nicht möglich iſt, ſein ſtutzendes Pferd an einem ſolch fabelhaften Weſen vorüberzuzwängen, und der endlich, aufs tiefſte in ſeiner Würde gekränkt, umkehren und ſich einen andern Weg ſuchen muß. Unſere Freunde hatten ſtundenlang dieſes Treiben auf den Straßen mitgemacht, dann waren Walter, Knorx und Rüding nach Hauſe zurückgekehrt; erſterer hatte ſich mit einigen Stücken ſeines 3 Coſtume's des Drachen Griesgram vermummt, Rüding ſeinen Jagd⸗ pagen⸗Anzug angelegt, und der lange Bildhauer war nicht abzu⸗ halten geweſen, ſeinen Sarſenet⸗Schlafrock überzuwerfen, ſeine Lenden mit einem Stricke zu gürten und ſeinen Todtenkopf unter den Arm zu nehmen. So war er in der That nicht minder ſchauerlich an⸗ zuſehen als geſtern, wo er hoch zu Pferde den Tod dargeſtellt. Seid froh begrüßt, ihr muntern Brüder! 111 Auch Rodenberg war ein paar Mal zu Hauſe geweſen, doch nicht, um ſich zu vermummen, ſondern um nach Juanita zu ſehen, die aber mit Don Joſe ausgegangen war und die für ihn ein kleines Billet zurückgelaſſen hatte, worin ſie in ein paar freundlichen Worten ihr Bedauern ausſprach, ihn während des Tages nicht ſehen zu können, ihm aber die Nummer ihrer Loge bezeichnete, wo er ſie auf dem Theaterballe finden könne. So ſehr er auch bedauerte, ſie nicht geſehen zu haben, ſo be⸗ griff er dies doch vollkommen bei dem tollen, intereſſanten Treiben des heutigen Tages, und war dabei entzückt durch die Ausſicht, am Abende in der Loge ein trauliches Wort mit ihr wechſeln zu können. Auch er warf ſich aufs Neue in das Straßengewühle, um ſich hier durch den Strom, ohne Zweck und Abſicht, forttreiben zu laſſen; ihn intereſſirte Alles und gar nichts, er lachte über den heiteren Scherz irgend einer hübſchen Maske, um dieſelbe im nächſten Augen⸗ blicke wieder vergeſſen zu haben; er ſchaute an den Fenſtern empor, nicht, um dort von ſchönen Augen und Lippen ein freundliches Wort, einen gelungenen Scherz zu erhalten und zu erwiedern, ſon⸗ dern indem er immer hoffte, Juanita's edle Züge irgendwo zu ſehen. Im Uebrigen betrachtete er das ganze Faſchingsleben mit den Augen des Künſtlers, wie eine maleriſche Studie, aus der er Figuren, Gruppen, Farbenzuſammenſtellungen ſeinem Gedächt⸗ niſſe einprägte. Walter war zufällig mit van der Maaßen zuſammengetroffen, welcher übrigens heute nicht in der Tracht als Teufel erſchienen war; doch hatte derſelbe in ſeinem Gefolge einige der luſtigen Zech⸗ brüder von geſtern Abend, unter deren Leitung der ehemalige Drache Griesgram das Straßenleben ſehr häufig durch die Fenſter der verſchiedenartigſten Wirthshäuſer betrachtete. Rüding hatte ſein Barett kühn auf die blonden Locken gedrückt und ging auf Eroberungen aus, zu welchem Zwecke er ſich bemühte, vor Häuſern, deren Fenſter mit hübſchen Mädchen beſetzt waren, möglichſt vortheilhaft zu erſcheinen und, ſo viel es ihm möglich, 112 Siebenunddreißigſtes Kapitel. den Niedlichen zu machen. Dabei können wir nicht läugnen, daß es ihm auch gelang, von einer heiteren Familie zu einer Taſſe Kaffee eingeladen zu werden, wo man ſich erinnerte, ihn geſtern im Zuge als kühnen Reiter geſehen zu haben, und wo er alsdann auch nicht verfehlte, ſeinen Namen zu nennen und ſich als Künſtler vorzuſtellen, und überaus glücklich war, als ihn der Hausherr verſicherte, dieſen Namen ſchon auf einem vortrefflichen Bilde ge⸗ ſehen zu haben. Da ihm eine der hübſchen Töchter des Hauſes eigenhändig den Kaffee ſervirte und ihn dabei ſchalkhaft lächelnd anſah, ſo war er überzeugt, einen tiefen Eindruck gemacht zu haben, und verließ das gaſtliche Haus mit dem feſten Vorſatze, die Bekanntſchaft des⸗ ſelben fortzuſetzen. Da aber unſer Leben aus einer wechſelvollen Kette von Ange⸗ nehmem und Unangenehmem beſteht, ſo hatte der ſanfte Eduard, als er aus dem Hauſe trat, das Unglück, gerade in die Hände jenes ihm höchſt fatalen Orgelmannes zu laufen, der ihn ſofort wieder erkannte, und er mußte es erleben, von dem pöbelhaft ausſehenden, faſt un⸗ anſtändig ſtarken Weibsbilde, welches denſelben begleitete, vor den Augen jener jungen Damen ſtürmiſch umhalst zu werden. Leider war er hierbei nicht verſtändig genug, den Scherz als ſolchen an⸗ zunehmen und lachend zu erwiedern, vielmehr gab er ſeine Ent⸗ rüſtung auf eine verletzende Art kund, wodurch er aus dem Regen in die Traufe gerieth, denn das gemein ausſehende Weibsbild forderte die Umſtehenden unter jammervollem Schluchzen auf, ihm beizuſtehen und dieſen hartherzigen Böſewicht, der an ſeinem Zu⸗ ſtande ſchuld ſei, feſtzuhalten. Dieſer verletzenden Scene ſchaute das Ungeheuer von einem Orgelmanne nicht nur gemüthlich zu, ſondern ſpielte und ſang im höhniſchen Gegenſatze zu den Thränen des Weibes die Fortſetzung jenes furchtbaren Liedes: „Weine nicht, ſprach ſie mit ſanfter Stimme, Ach, mein Vielgeliebter, weine nicht; Seid froh begrüßt, ihr muntern Brüder! Ich erſcheine nicht vor Dir im Grimme, Deiner neuen Liebe fluch ich nicht!“ Und dabei hatte er die Frechheit, bei den Worten‚deiner neuen Liebe ſeine zerlumpte Mütze gegen das gaſtliche, Kaffee ſpendende Haus zu ſchwingen. Daß der ſanfte Eduard, ſobald ihn das ſcheußliche Weibsbild losließ, dem Hauſe und der Straße entfloh, als wäre er von Furien gejagt, brauchen wir kaum zu bemerken; auch hatte er allen Ge⸗ ſchmack an dieſem Treiben des Faſtnachts⸗Dienſtages auf den Straßen verloren und eilte nach Hauſe, um das Jagdpagen⸗Coſtume mit dem gewöhnlichen Anzuge zu vertauſchen. Knorx war durch die Reihen der lachenden und luſtigen Masken gewandelt mit ſeinem langen, ſchwarzen Schlafrocke von Sarſenet, einen härenen Strick um den Leib, die dunkle Capuze, welche er noch obendrein mit Aſche beſtreut hatte, über das lange, bleiche Geſicht gezogen und den Todtenkopf unter dem Arme, einſam, ein Bild des Schreckens, und überall ſo ſehr gemieden, daß es kaum ein kecker Geſelle gewagt hatte, ihn mit leiſen, ſchüchternen Worten zu verhöhnen; doch fühlte er ſich glücklich in der Rolle, die er ſpielte; lag es doch in ſeiner Abſicht, als Schatten zu erſcheinen in dem Glanze allgemeiner Fröhlichkeit, als ein Sinnbild jener ernſten Tage, die mit dem Schlage der Mitternacht eintraten, als ein lebendiger Aufruf zur Buße nach den tollen Freuden der Faſtnacht, als ein verkörperter Aſchermittwoch! Recht ausgelaſſene Hanswürſte oder ganz beſonders lebensfrohe Gärtnerinnen oder Marketenderinnen waren wohl ſchon an ihn herangeſprungen, aber ehe ſie ihren Scherz mit ihm treiben konnten, vor dem ernſten Blicke ſeines Auges ſcheu auf die Seite gewichen. Die verwegenſten Buben hatten es kaum gewagt, ſeine Naſe in den Kreis ihrer Bewunderung zu ziehen, und durch dieſe Zeichen einer allgemeinen Achtung oder Furcht recht zufrieden, war der lange Bildhauer etwas weniger erſtaunt, als ſich ihm endlich eine Perſon näherte und ihn mit einer grinſenden Freundlichkeit anſprach. 114 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Dieſe Perſon war weder vermummt noch maskirt, ſie war ſchwarz, aber etwas ſchäbig gekleidet, hatte einen cylinderartigen Hut mit breitem Rande auf dem Kopfe und an den Händen ſchwarze, etwas fuchſig gewor dene Handſchuhe; einen Hemdkragen, der heuch⸗ leriſcher Weiſe friſche Wäſche vorſtellen ſollte, hielt eine ſtrickartige Binde zuſammen und war das einzige Weiße, das man an der ganzen Figur ſah, mit Ausnahme des Weißen in ihren Augen, welches dieſe Geſtalt bei häufigen Verdrehungen ſichtbar werden ließ. Sie ging mit gebeugtem Kopfe einher, und als ſie zu Knorx trat, blickte ſie ihn von unten herauf an und ſagte mit einer un⸗ ſichern, gedämpften Stimme:„Mitbruder im Glauben! Du wan⸗ delſt als abſchreckendes Beiſpiel einher, als ſtummer Warner unter der gottloſen Schaar derer, die das goldene Kalb des Carnevals anbeten— ſollte ich Dich nicht richtig verſtanden haben?“ Der lange Bildhauer blickte die Geſtalt von der Seite an, die ſich ihm wie ſchwebend genähert hatte und ohne feſt aufzutreten ſich förmlich ſchattenhaft neben ihm bewegte, einem jener Nacht⸗ ſchmetterlinge vergleichbar, welche bei der erſten heftigen Bewegung gegen ſie davonflattern. „Ich weiß nicht recht,“ gab er ihm mißtrauiſch zur Antwort, „ob mir an Deinem Verſtändniſſe etwas gelegen iſt— auch möchte ich mich geradezu keinen Warner nennen, halte es vielmehr als echter und gerechter Künſtler für meine Pflicht, auf das allzu grelle Licht dieſer tollen Luſt einen wohlthuenden Schatten zu ſetzen.“ „Vorirefflich geſagt, ſehr gut geſagt,“ erwiederte die Geſtalt, „und wenn man Dich ſo anſieht, ernſt und mahnend, ſo müßte es von größter Wirkung ſein, wenn Du Dich entſchließen wollteſt, den ſündhaften Menſchenkindern im Vorbeigehen dieſe Zettel in die Hand zu drücken, welche ich Dir hiermit übergebe.“ Ehe noch Knorx dieſes Anſinnen zurückweiſen konnte, hatte ihm der Andere ſchon ein Paketchen Papier in die Hand gedrückt und war raſch, wie er herangekommen, auch wieder davongeflattert. Der lange Bildhauer betrachtete einen dieſer Zettel und las: ———— Seid froh begrüßt, ihr muntern Brüder! 115 „Bedenke es wohl! Wer Du auch biſt, dem dieſes Blatt in die Hände fällt, reich oder arm, alt oder jung, gelehrt oder unwiſſend, warum biſt Du ſo beſorgt, für Andere den Schalksnarren zu machen, und denkſt nicht an das einzige Nothwendige, Dein Seelenheil? Deßhalb frage ich Dich nochmals durch dieſes Blatt: willſt Du nur ſo gedankenlos dahinleben, immer Gott und Deine Seele vergeſſen?⸗ Dann ſchaute er um ſich her, wo die ſchwarze Geſtalt zu finden wäre, und als er ſie nicht mehr entdecken konnte, ging er in eine ſtille Nebengaſſe, um die Schrift zu Ende zu leſen. Er lachte nicht darüber, wie es Walter oder Rüding vielleicht gethan hätten, ſon⸗ dern er dachte nach, wie wohl Jener gerade auf ihn verfallen ſei und ihn für fähig gehalten, als Verbreiter dieſer Schriften zu dienen. Es war ihm eigenthümlich zu Muthe, als er weiter und weiter darin las und als zu gleicher Zeit der Lärm des Faſtnacht⸗ treibens immer ſchwächer und ſchwächer an ſein Ohr ſchlug, was übrigens mit ganz natürlichen Dingen zuging, da er ſich leſend immer weiter von den belebten Straßen entfernte. „Du ſagſt vielleicht bei Dir ſelber, Du ſeiſt nicht ſchlechter, als Andere, Gott ſei barmherzig und er werde nicht mehr von Dir fordern, als Du leiſten könnteſt— Ungläubiger! Für wen iſt denn die Hölle? Biſt Du nicht ein Aufrührer gegen Gott, voll Unge⸗ rechtigkeit, Unreinigkeit, Feindſchaft, Neid, Zorn, Geiz und Hoffart? Weil Du dem menſchlichen Richter und ſeiner gerechten Strafe ent⸗ gangen oder weil Du Deine Ehre bei den Menſchen nicht verloren haſt, glaubſt Du wohl, Du ſeiſt kein Mörder oder Dieb und Deine Strafe ſei Dir geſchenkt...“ „Ich habe niemals geglaubt,“ murmelte Knorx,„daß mir meine Strafe geſchenkt ſei, und ich fühle wohl, daß mir Buße noth thut; aber wenn ich auch ein Unrecht beging und dieſes Unrecht wie lebendig vor mich hintritt, ſo oft ich ein Gewand zeichne oder eine Draperie modellire, ſo bin ich deßhalb doch kein Mörder oder Dieb!— Aber Buße iſt mir allerdings nöthig, und ich weiß einen ſtillen Ort, wo ich mich mit meinem Seelenheile beſchäftigen kann, 116 Siebenunddreißigſtes Kapitel. wo ich zu gleicher Zeit ein Künſtler bleibe, wo man meiner auf⸗ richtigen Reue freundlich die Hand reicht und mich nicht ohne Weiteres zu Mördern und Dieben ſtößt, wie hier in dieſem Blatte geſchieht!“ 3 Der leiſe Ton einer Glocke ſchlug an ſein Ohr; es war ein ſchüchterner Klang, als fürchte er ſich förmlich, mit dem tobenden Jubel der übrigen in Berührung zu kommen. Knorx ſtand hier auf dem Scheidewege, beide Töne vernehmend, und zum Ueberfluſſe trat hier noch einmal der Carneval verkörpert vor ihn hin, und zwar in Geſtalt eines luſtigen Harlequins, der mit einer zierlichen, vollbuſigen Columbine am Arme aus einer der Straßen heraus⸗ ſprang, um ſich in das lebhafte, wilde Getümmel zu ſtürzen. „Ha,“ rief der Harlequin,„trübſelige Maske, wo kommſt Du her und wo willſt Du hin?“ „Ich komme von dort, wohin Du Dich gerade begeben willſt,“ erwiederte der Mann mit dem Todtenkopfe in ernſtem Tone,„und ich gehe dem Orte zu, wohin Du mir gewiß nicht folgen willſt!“ „Ei das wäre— vielleicht ein ſtilles Wirthshaus? Nenne mir ſein Schild, und ich finde mich ſpäter ein.“ „Später— ja, ſpäter kommen wir Alle zur ſelben Stelle. Behüte Dich der Himmel, luſtiger Harlequin, und grüße mir die Anderen!“ erwiederte Knorx. „Schade, daß Du ſchon nach Hauſe willſt; Du ſcheinſt mir ein heiterer Burſche zu ſein, obgleich Du ſo trübſelig ausſchauſt und wie Dein Todtenkopf ſprichſt: memento mori! Komm' mit uns wieder zurück, wir nehmen Dich in die Mitte— nicht wahr, Columbine?“ „Gewiß,“ ſagte die weibliche Maske,„aber er muß ſeinen garſtigen Todtenkopf wegwerfen!“ „Das iſt wahr,“ lachte der Harlequin;„Deine Capuze ſchlägſt Du zurück, ſetzeſt meine bunte Mütze auf und biſt alsdann eine prächtige Maske— komm' mit, Knorx, und ſei geſcheitl“ Als ſich der lange Bildhauer bei ſeinem Namen anreden hörte, zeigte er gerade keine große Ueberraſchung; er lächelte ein wenig — u Seid froh begrüßt, ihr muntern Brüder! 117 und nickte mit dem Kopfe, während er ſagte:„Habe ich doch gleich gedacht, die Stimme ſollte ich kennen— Du biſt es alſo, Kohlen⸗ müller, mit Deiner allerliebſten Müllerin? Nun, ich freue mich in der That, daß Ihr ſo luſtig ſeid!* „Und wo willſt Du denn eigentlich hin?“ fragte Bergmüller. „Ich habe es dem Harlequin ſchon geſagt und will es dem Freunde nicht wiederholen!“ „Du biſt ein eigener Kerl— nun, morgen früh ſehen wir uns wieder!“ „Vielleicht— vielleicht auch nicht— reicht mir noch einmal Eure Hände— ja ſo, ich habe ja meine Linke nicht frei wegen dieſer Papiere.“ „Was haſt Du für Papiere, Knorx?“ „Er, der ſie mir gab, wünſchte auch wohl, daß ich Dir und anderen frohen Menſchen davon mittheilen ſollte; aber ich will es nicht thun, Nebelmüller— warum ſoll ich einen Schatten in Deinen luſtigen Tag werfen— was in dieſen Papieren ſteht, iſt überhaupt für Niemanden gemacht, der ſich mit heiterem Sinne an der Luſt und Freude ſeiner Mitmenſchen vergnügt; das iſt nur für ſcheue Nachtvögel, die hinter jedem glücklichen Lächeln den Teufel hervor⸗ grinſen ſehen; es ſind Bibelſprüche, mein lieber Bergmüller, die recht ſchön und nützlich ſind— aber Alles zu ſeiner Zeit, hat der große König Salomo geſagt, und ein größerer König ſagte: Seid fröh⸗ lich mit den Fröhlichen— danach handle Du und Deine Columbine.“ Bei dieſen Worten, die er langſam ſprach, hatte der lange Bildhauer die Papiere in kleine Stücke zerriſſen, dieſelben auf die Straße geſtreut, und als er nun die Hände frei hatte, reichte er ſie den beiden jungen Leuten, von denen jeder eine nahm und ſie herzlich ſchüttelte.. Dann wandte ſich Knorxr langſam um und ſetzte ſeinen Weg bedächtig fort. Harlequin und Columbine ſchauten ihm noch ein paar Augenblicke nach und eilten dann ebenfalls davon. 3 Inn den Straßen Kölns tobte das luſtige, wilde Leben in geicher Weiſe fort und fort, lachend und plaudernd, ſchreiend und 1 4 118 Siebenunddreißigſtes Kapitel. jubelnd, ſingend und klingend— Stunde um Stunde, und mit jeder ſchien ſich die allgemeine Luſt zu ſteigern— ja, als endlich der Abend niederſank, that dies den Freuden des Carnevals keinen Eintrag. Ueberall entzündeten ſich Lichter, ſah man leuchtende Fackeln, bunte Lampen, und fort und fort jubelte, rauſchte und klang es auf Plätzen und in den Gaſſen. Wenn auch die Stimmen etwas heiſer geworden waren und die Muſik etwas disharmoniſch klang, ſo ſtimmte das vollkommen zu der ſich immer mehr ſteigern⸗ den tollen Ausgelaſſenheit; dabei waren alle Wirthshäuſer über⸗ füllt und in den Wohnungen der luſtigen Kölner wurde bei glän⸗ zendem Lichterſcheine heiter und gemüthlich bankettirt. Rodenberg war der einzige von den Freunden, der zur ab⸗ geſprochenen Stunde ſich im Kaiſerlichen Hofe eingefunden, und hatte dort, als Niemand von den Anderen erſchien, allein ſein kleines Diner eingenommen; dann ſchlenderte er nochmals auf die Straßen hinaus, um dort vielleicht durch einen günſtigen Zufall irgend einen von den Anderen zu finden. Das tolle Treiben fing an, ihm zu mißfallen, und er war eigentlich froh darüber, ſo da⸗ hingehen zu können, ohne iber das, was ihn umgab, reden zu müſſen, und ſo im Stande zu ſein, ſeinen Gedanken nachzuhangen. Er hatte in den letzten Tagen wenig Zeit dazu gehabt, um es ſich klar zu machen, daß jetzt die heitere und für ihn gewiſſermaßen glückliche Zeit vorübergerauſcht ſei und daß mit der morgenden ſtillen Zeit auch für ihn nun ſtillere, leere, ja, traurige Tage ein⸗ treten würden. War doch ſein Herz ſo ganz erfüllt von der innigen Liebe zu dem ſchönen, räthſelhaften Weſen, das ihm nun dreimal erſchienen war, immer wunderbarer, immer feenhafter, immer ſtrah⸗ lender, daß er ſich ſelbſt ſagen mußte, beim plötzlichen Erlöſchen all' des Glanzes, beim Verſchwinden ihrer leuchtenden Augen müßte ſeine Seele wie von einer kalten, traurigen Nacht umgeben ſein! Dieſe Betrachtungen zuckten ſchmerzlich durch ſein Inneres und würden ihm noch tieferes Weh verurſacht haben, wenn ihn nicht der leichte Sinn der Jugend tröſtlich angeweht hätte und wenn niſht Seid froh begrüßt, ihr muntern Brüder! 119 der Gedanke an ſeine ſchöne Kunſt wie ein heller Stern geleuchtet und ihn hätte fühlen laſſen, daß er ja noch immer ein freier und glücklicher Menſch ſei, an keine Scholle gebunden, an keine Stadt, an kein Band grfeſſelt. Genügten ihm doch ein Blatt Papier und ein Bleiſtift— konnte er doch ſeine Habe in ein leichtes Ränzchen packen und in die weite, weite, ſchöne Welt hinausziehen— ihr nach— ihr nach!— „Zum zerrum, zerrum, Zafferon!“ jubelte eine luſtige Buben⸗ ſchaar, an ihm vorüberziehend, indem ſie lachend und ſingend einen Trupp Maskirter umtanzten. Es waren dies vielleicht ein Dutzend vierſchrötiger Weiber, die, eben ſo toll jubelnd, einen wohlbeleibten Türken umgaben, welcher gravitätiſch in ihrer Mitte ging— van der Maaßen. Rodenberg hatte ihn augenblicklich erkannt und konnte ſich nicht enthalten, der Schaar nachzuziehen. Nicht weit davon, wo er ſie getroffen, fielen ſie in ein kleines Wirthshaus ein, wo ſie mit größtem Beifallsgeſchrei von zahlreichen Coſtumirten, die ſich dort ſchon befanden, ſowie von einer kläglichen Muſik, Geigen, Clarinetten und einer raſſelnden Trommel, empfangen wurden—„türkiſche Muſik, türkiſche Muſik! Hurrah, der Paſcha zieht ein!“ Wie ſtrahlten die kleinen Augen van der Maaßen's ſo über⸗ glücklich, wie glänzten ſeine fetten Backen, wie klang ſeine dünne Stimme ſo krähend, als er alle Anweſenden in einer ſchönen Rede ſeiner Huld und Gnade verſicherte— ja, die Weiber, die ihm folgten und unter welchen Rodenberg mit größtem Erſtaunen auch Freund Walter erkannte, waren von dieſer Anſprache ſo gerührt, daß ſie den dicken Türken mit einem Stuhle auf den Tiſch hoben, dann einen furchtbaren Rundtanz um denſelben veranſtalteten, nach deſſen Beendigung ſie ſich im Kreiſe umherſetzten und die Champagner⸗ propfen knallen ließen. Rodenberg hätte auf ſich ſelbſt zürnen mögen, daß er ſo gar keine Luſt in ſich verſpürte, einzutreten und an dem tollen Leben Theil zu nehmen; aber er fühlte einen förmlichen Widerwillen da⸗ 120 Siebenunddreißigſtes Kapitel. gegen— er, der ſonſt bei einer ähnlichen Gelegenheit mit gleichen Füßen in einen ſolch' luſtigen Kreis geſprungen wäre, ihn zog es anderswo hin, wo ſie verſprochen hatte, daß er ſie ſehen dürfe, und gewiß auch ſprechen, flüſterte ihm die Hoffnung zu— und doch fühlte er, daß die hier in ihrem kleinen Wirthshauſe glücklicher 1 ſeien, ſie, die ſo luſtig zechten, ohne an morgen zu denken, ohne ſich um die ganze Welt zu bekümmern! Er konnte nicht anders, er mußte tief aufſeufzen, als er noch aus der Ferne den Refrain ihres luſtigen Liedes hörte: Kölſche Junge blieve junk, Se ſinn nit zo bedoore— Su lang noch ſchmeck'ne gooden Drunk, Ließ keiner ſich verſchmoore! Das Wetter ſchien ſich ändern zu wollen; durch das Rheinthor blies ein naßkalter Wind und am Himmel ſah man zerriſſene Wolken eilig gen Oſten fliehen. Zu Hauſe fand Rodenberg es ſehr einſam: Niemand war dort, mit dem er ein Wort hätte ſprechen können; er zog ſich deß⸗ halb raſch an und ging auf den Theaterball— hier daſſelbe Ge⸗ tümmel, faſt das gleiche Leben wie geſtern auf dem Gürzenich, nur in verkleinertem Maßſtabe und deßhalb nicht ſo anregend, nicht ſo intereſſant. Anmuthig erſchienen die Logenreihen, mit Damen in blendenden Toiletten beſetzt; doch hatte er nur Augen für eine Parterreloge, die aber noch unbeſetzt war. Die Bühne war mit dem Parterre zu einem einzigen Raume zuſammengezogen worden, auf ihr ſetzten ſich die Logenreihen fort bis zum Hintergrunde, welcher eine vortrefflich gemalte und glänzend erleuchtete Fernſicht zeigte, den Blick auf den Rhein, auf Köln mit ſeinem Dome ſo täuſchend arrangirt, daß man ſich verſucht ſah, bis dicht an die Baluſtrade zu treten, welche jene Ausſicht von dem Saale ſchied, um im Stande zu ſein, die Täuſchung zu entdecken. Brauſende Muſik erfüllte den glänzenden Raum und Alles ſchien ſich außerordentlich zu amuſiren, faſt unbegreiflich für Roden⸗ 8 Seid froh begrüßt, ihr muntern Brüder! 121 berg, der zwiſchen den plaudernden, lachenden, hier ſchüchternen, dort zudringlichen Masken ohne alles Intereſſe hindurchſchritt. Ja, wenn er an geſtern dachte, wie er als wilder Jäger ohne Raſt und Nuhe das koſtbarſte Wild gejagt, ſo konnte er darüber lächeln, und es erſchien ihm faſt unbegreiflich, beſonders wenn er ſich der immer efand, wo ſie erſcheinen werde, o er ſie ohne Mühe ſehen und ſprechen könne. Wo blieb ſie aber ſo lange— gewiß befand ſie ſich in einer Geſellſchaft, wo man ſie begreiflicher Weiſe ſo lange als möglich zurückhielt— Rodenberg hatte ſie heute Morgen flüchtig geſehen, wo ſie heiter eine Menge Häuſer aufgezählt, in denen ſie heute Abend unfehlbar erwartet würde—„wenn ſie in jedem auch nur eine Viertelſtunde bleibt,“ ſprach er verdrießlich zu ſich ſelber,„ſo wird ſie nicht vor Mitternacht kommen, und jetzt iſt es erſt eilf Uhr!“— Da öffnete ſich die Thür zur Parterreloge; da trat ſie ein in einfacher, aber doch blendender Toilette, hinter ihr Prinz Heinrich, dem Don Joſe und Werdenberg folgten, und durch die offene Thür bemerkte man noch einige Officiere in Civil, die ſi üllt, die Thür wieder geſchloſſen, chlichen Schönheit, glänzte vorn an Stern erſten Ranges durch Nebelflecken. Alles, „ verneigte ſich heiter und achtungsvoll vor dem wohlbekannten hohen Herrn, der mit ſeinem freundlichen Grüßen s durchaus nicht ſparſam war, und ebenſo vor Juanita, die, anmuthsvoll und glücklich lächelnd Königin erſchien. Für Rodenberg wäre es , wie eine in der erſten halben Stunde ein ver⸗ gebliches Bemühen geweſen, wenn er ſich der Loge hätte nähern wollen, um dort ſtehen zu bleiben, denn der immerfort vorbei⸗ wogende Strom hätte ihm das jedenfalls unmöglich gemacht. End⸗ Hackländer's Werke. 55. Bd. 9 1 122 Siebenunddreißigſtes Kapitel. lich, nach Beendigung eines Tanzes, entſtand dort für ein paar Augenblicke eine kleine Lücke, welche er raſch benutzte, um ſich der Brüſtung zu nähern. Seine Hoheit, welche gerade mit Juanita ſprach und dabei nicht unterließ, Alles um ſich her zu beobachten, entdeckte ihn ſogleich und grüßte ihn auf's herablaſſendſte mit dem Zurufe:„Ah, unſer wilder Jäger von geſtern!“ worauf der Prinz, gegen ſeine ſchöne Nachbarin gewendet, hinzuſetzte:„Wußten Sie, Marqueſa, wie auch er mich geſtern Abend geplagt mit fürchterlicher Ausdauer— doch da das wahrſcheinlich in Uebereinſtimmung mit Ihnen geſchah, alſo auf Ihren Befehl, ſo will ich es ihm gern verzeihen!“ ſetzte er galant hinzu. Rodenberg hatte erwartet, daß ihm Juanita ihre Hand reichen werde, aber ſie that das nicht; allerdings grüßte ſie ihn mit einem freundlichen Lächeln, und bei ihrer Frage, wie er ſich amuſire, berührte ſie ſeine Hand leicht mit der Spitze ihres Fächers. Rodenberg gab ihr zur Antwort:„Was heute mein Amuſe⸗ ment betrifft, ſo ſindet ſich das bekannte Sprüchwort: ‚Die Tage folgen ſich wohl, aber ſie gleichen ſich nicht,“ nie mehr gerechtfertigt, als bei einer Reihe dergleichen glänzender Feſte, wie wir ſie hier erleben; vielleicht hat ſchon zu viel davon auf mein Herz und meine Sinne gewirkt— wir Künſtler fühlen gar beſonders ſcharf— und hat mich müde gemacht. Dieſes Leben, welches mich geſtern noch auf's höchſte anſprach, rauſcht heute faſt ſpurlos an mir vorüber— ich fühle mich einſam und verlaſſen!“ „Ja, ja,“ ſagte Juanita beiſtimmend, und wenn ſie auch kein weiteres Wort hinzufügte, ſo drang dieſes einfache ‚Ja' doch tief in das Herz Rodenberg's, und er hätte jetzt auf einmal aufjauchzen mögen vor Glück und Seligkeit, denn es war wieder derſelbe leuch⸗ tende, unſäglich innige Blick, mit dem ſie ihn dabei anſchaute. Wenn nur nicht bei allem dem, was dieſes räthſelhafte Weſen that und ſprach, ſtets ſo tiefe Schatten auf helles Licht gefolgt wären! Denn als er ſich jetzt raſch mit einem dankenden Blicke gegen ſie wandte, ſchien ſie denſelben durchaus nicht zu verſtehen, Seid froh begrüßt, ihr muntern Brüder! 123 ſondern ſchaute kalt und gänzlich theilnahmlos an dem jungen Manne vorüber auf das Getümmel und ſagte alsdann:„Ich möchte doch einen Augenblick das Treiben im Saale anſehen— wollen mich Eure Hoheit begleiten?“ „Mit dem größten Vergnügen! Ich bin ſtolz darauf und freue mich wie ein Kind, den allgemeinen Neid zu erregen— aber ehe wir gehen, erlauben Sie mir wohl, an unſern Freund, den wilden Jäger da, eine kleine Einladung zu richten; es betrifft ein beſchei⸗ denes Diner, welches ich auf morgen Abend ſieben Uhr meinen verehrten Künſtlern und ein paar anderen guten Freunden zu geben gedenke— haben Sie Zeit für mich, Herr von Rodenberg?“ Dieſer verbeugte ſich, indem er ſagte:„Gewiß, Euer Hoheit, ich werde morgen Abend um ſieben Uhr die Ehre haben!“ „So darf ich Sie auch wohl bitten, meine Einladung den Freunden, mit denen Sie zuſammenwohnen, zu wiederholen— wir ſind ganz unter uns Männern, alſo ganz sans cérémonie. Nodenberg verbeugte ſich abermals, und als ſich jetzt in der Loge Alles erhob, zog er ſich zurück. Er war verſtimmt; dieſer auffallende Wechſel von Schatten und Licht hatte ihn empfindlich berührt; er dachte ſchon daran, den Ball zu verlaſſen, da er nicht Luſt hatte, mit anzuſehen, wie der Prinz ſie durch den Saal führe und wie Aller Augen beneidend und bewundernd dem Paare folgten. Da fühlte er, wie Jemand den Arm unter den ſeinigen ſchob, und wie er ſich umſchaute, bemerkte er den Major von Werdenberg, der ihm lachend ſagte: „Wenn es Ihnen recht iſt, ſo verſuchen wir ein Bißchen, vereint durch dieſes räuberhafte Gewühl zu kommen; ich bin froh darüber, daß Seine Hoheit die glückliche Idee hatte, im Saale ſpa⸗ zieren zu gehen. Alſo morgen Abend ſehen wir uns?“ „Gewiß; doch können Sie mir vielleicht ſagen, was der Prinz unter Einladung zu einem Diner sans cérémonie verſteht?“ „Ohne Stern und Orden.“ „Ja, dem Befehle lönnen wir leicht nachkommen!“ 124 Siebenunddreißigſtes Kapitel. „Und ohne weiße Halsbinde— mit Einem Worte: in trichinen⸗ hafter Einfachheit.“ „Hat Seine Hoheit einen beſonderen Grund, uns zu dieſem Diner einzuladen?“ „Lieber Freund, Sie ſind ein viel zu geſcheiter Menſch, um ſo etwas nicht zu verſtehen; in unſerer Zeit coquettirt man mit Kunſt und Künſtlern, und in öffentlichen Blättern wird es ſich ganz gut machen, wenn es vom Aufenthalte unſeres Prinzen heißt: ‚Und am letzten Abende ſeines Hierſeins verſammelte Seine Hoheit einen Kreis ausgezeichneter Künſtler um ſich'— es iſt Alles Schwindel in der Welt! Wir, die wir hinter den Couliſſen ſtehen und die Lampen anzünden helfen, ſehen deutlich die Fäden, von denen die ganze Harlequinade bewegt wird!“ „Das muß außerordentlich intereſſant ſein!“ „Sehr— nebenbei hat Seine Hoheit eine ganz außerordentliche Leidenſchaft für dieſe Spanierin gefaßt, eine Leidenſchaft, die nicht ver⸗ borgen bleiben kann und für welche er fürchtet, in betreffenden allerhöch⸗ ſten Kreiſen ein Bißchen aufgezogen zu werden— verſtehen Sie mich?“ „O ja, ich verſtehe Sie,“ erwiederte Rodenberg, wobei es ihm Mühe machte, dieſe Worte in gleichgültigem Tone vorzubringen. „Sie iſt ja auch eine Künſtlerin, eine große Künſtlerin!“ „Und da dienen wir Anderen, minder große Künſtler, ein klein wenig als Deckmantel bei dieſer Geſchichte.“ „Iſt das nicht ganz ſuperb, räuberhaft amuſant!“ „Vortrefflich erdacht!“ „Aber dabei von reellem Nutzen für Sie und Andere— Seine Hoheit iſt dankbar, und wenn ſich der Prinz für Jemanden inter⸗ eſſirt, ſo kann man auf ihn zählen— ich bin feſt überzeugt, ſollten Sie je die Abſicht haben, zu uns zu kommen und bei Hofe etwas zu erreichen, ſo können Sie ſich auf ſeinen Einfluß verlaſſen!“ „Wer weiß, was ſpäter einmal geſchieht!“ „Es wäre das Geſcheiteſte, was Sie thun könnten; ſo ſehr ich Ihre Kunſt achte und ſchätze, ſo kann ſie doch der Protection nicht Seid froh begrüßt, ihr muntern Brüder! 12⁵ entbehren, wir ſehen das ja täglich; es iſt traurig, aber wahr— Ihr Künſtler müßt Euch in die Mode bringen laſſen; dabei iſt es allerdings ſcheußlich, daß die Mittelmäßigkeit auch vorwärts kommt, 8 wenn ſie protegirt wird oder gerade Mode iſt. Nehmen Sie einen Maler, einen wahren Albrecht Schmierer, der ſich aber einer aller⸗ höchſten Protection erfreut und der das Glück hat, das jüngſte Erzeugniß einer hochſtehenden Excellenz malen zu dürfen— dieſer Kerl, ſo ſcheußlich er auch ſudelt, iſt im Handumdrehen geſuchter Kindermaler der allerhöchſten Geſellſchaften!“ „Das iſt aber fürchterlich!“ „Nehmen wir einen Virtuoſen oder eine Virtuoſin, deren Künſtlerſchaft der Art iſt, daß man ſie als Rattenvertilgungsmittel gebrauchen könnte; dieſes Weſen ſpielt protectionsweiſe bei Hofe, und Sie können mir auf's Wort glauben, went daſſelbe hierauf 8 ein Concert für ſich gibt, ſo fehlt es ihm kaum an einer brillanten Einnahme und immenſem Applaus, und die inſpirirten Journale ſprechen alsdann von einem großen, bis jetzt ganz verkannten Genie — ich erinnere mich eines Vorleſers, der das Glück hatte, einen adeligen Namen zu führen, deſſen Vorleſungen aber eben ſo lang⸗ weilig wie er unangenehm und häßlich waren, dem aber die Damen aus der hohen Geſellſchaft abwechſelnd ſich beeilten, zu ſeinen Vor⸗ leſungen Blumen und Sophakiſſen zu ſchicken— ich verſichere Sie, lieber Freund,“ fuhr Werdenberg geſchwätzig fort, als der Andere ſchwieg,„Sie müſſen ſich das einmal in der Nähe anſehen, und ich bin feſt überzeugt, Sie, ein vortrefflicher Künſtler, mit Pro⸗ tectionen, mit Ihrem angenehmen Aeußern, müſſen eine glänzende 4 Carrière machen— doch ich muß Sie im Stiche laſſen; Seine Hoheit haben mir ſo eben gewinkt— alſo bis morgen!“ Rodenberg ſchritt noch ein paarmal wie willenlos durch den Saal, immer wieder zum Umkehren genöthigt, ſobald er von fern ihren leuchtenden Mantel erblickte, und dann wieder mit ſich ſelbſt 3 unzufrieden, daß er dem allgemeinen Strome folgte— was that er auch noch hier? Es mit anſehen, wie der Prinz, vollkommen 126 Siebenunddreißigſtes Kapitel. glücklich, ſie durch die bewundernden Reihen führte, ſie, die kein freundliches Wort für ihn gehabt— ſie, die ihn nach jenem ein⸗ zigen Blicke gar nicht mehr beachtete!— Und doch mußte er ſich faſt Gewalt anthun, um, raſch durch die Thüre eilend, den Ball zu verlaſſen; dann aber nahm er haſtig ſeinen Ueberrock und trat ſo raſch als möglich in die dunkle Nacht. Wenn auch in den Straßen hier und da der Carneval lärmte, ſo waren es doch nur einzelne Masken oder kleine Trupps, die ſingend und lachend vorüberzogen. Wäre das Wetter ſchön geblieben, wie es den Tag über war, ſo würde ſich wohl auch jetzt noch mehr Leben gezeigt haben; doch führte der dunſtige Wind nun Regen und Schnee mit ſich und hatte das Pflaſter naß und ſchlüpfrig gemacht. Rodenberg fühlte übrigens nicht viel davon, denn ſeine Ge⸗ danken waren bei ihr und flatterten immer wieder um die glänzende Erſcheinung, ſo ſehr er ſich auch bemühte, ſie von dem gefährlich glänzenden Lichte zurückzurufen— war das ganze Spiel, das ſie mit ihm getrieben eben nur ein Spiel geweſen, um einer vorüber⸗ gehenden Laune zu folgen, um ein paar heitere Tage durch ſeine und ſeiner Freunde Geſellſchaft noch glänzender aufzuputzen— waren die innigen Worte, die ſie ihm vergönnt, die heißen Blicke, mit denen ſie ſein Herz getroffen, nur goldene Fäden geweſen, mit welchen ſie ihn an ihren Triumphwagen gefeſſelt— hatte ihr Herz nichts dabei gefühlt?—„Und wenn ſie vielleicht morgen, übermorgen von Dir Abſchied nimmt,“ dachte er,„wird ſie wohl heiter hinzu⸗ ſetzen: wahrſcheinlich auf Nimmerwiederſehen!“ und mich zurücklaſſen wie ein angenehmes Spielzeug, deſſen man überdrüſſig geworden iſt — Juanita, Juanita!“ murmelte er zwiſchen zuſammengepreßten Lippen hervor,„nimm Dich in Acht, daß Dir das Spielzeug nicht gefährlich wird, wie Du ſelbſt es ihm geworden biſt— ja, gefähr⸗ lich, gefährlich,“ rief er in ſchmerzlichem Tone,„denn ich bin ja nicht im Stande, Dich zu vergeſſen oder aus meinem Herzen das entzückende, gefährliche Gift zu entfernen, das ich von Deinen Lippen getrunken!“ XXXVIII. „Sah ein Knab' ein Röslein ſtehn.“ Aſchermittwoch!— Welch ernſtes Wort, welch trübſeliger, nüchterner Begriff, der ſich damit verbindet, welch ſchneidender Contraſt zwiſchen geſtern und heute, ein Contraſt, fühlbarer, wie ſo viele andere, denn er hat keinen Uebergang; welch grau in grau gemaltes Bild von dem Abſterben einer lebensfrohen, heiteren Zeit; es iſt gerade dieſer plötzliche, wenn auch nicht unvorhergeſehene Tod des luſtigen Helden Carneval, der uns erſchreckt; iſt es doch kein allmähliches Verſchwinden mit freundlichem Abſchied und wieder⸗ holtem Händedruck; es iſt ein ſo erſchreckendes Abreißen jener ſtraff geſpannten Schnur, an der noch ſo eben unter dem Schalle luſtiger Muſik die ganze tolle Welt umhergewirbelt; es iſt das plötzlich ſtillſtehende Rad des tollen Faſchings, das nun mit einem fühlbaren Nucke ſtockt, wenn der nüchterne, bleifarbene Aſchermittwoch mit ſtarker Hand in ſeine ſauſenden Speichen greift— halt!— halt! — und wer nicht ſo plötzlich halten und dabei aufrecht auf ſeinen Beinen ſtehen kann, den findet der trübſelig anbrechende Morgen hingeſtürzt, kaum im Stande, ſeine fünf Sinne zuſammenzubringen, ruhend auf dem Straßenpflaſter, im Winkel einer Treppe, auf einem bequemen Fauteuil, hinter einem ſchwarzen Vorhange, auf einem fremden Bette. Halt, luſtige Maske von geſtern, Deine Lebenskraft iſt Dir plötzlich durchſchnitten, ſtarre nur mit trübem Achtunddreißigſtes Kapitel. Auge um Dich, ziehe Dein leichtes, buntes Gewand feſt um Deine Schultern, wenn Du frierend nach Hauſe wandelſt— greife mit unſicherer Hand nach der entfallenen Larve, nach der verloren gegangenen Peitſche, ſchleiche ſo gut als möglich im Schatten der Häuſer dahin, damit Dich Niemand ſieht und Dich der herauf⸗ dämmernde Tag nicht überraſcht, der Tag des Aſchermittwoch! Ja, Aſchermittwoch, wir wiſſen, daß Du unfehlbar kommen wirſt, und erſchrecken doch, wenn wir ſo plötzlich, in vollem Genuſſe des heißen Vergnügens, Deine kalte Hand fühlen! Du trittſt auch ſo ſchonungslos an uns heran, und das Grauenhafteſte für den armen Helden Carneval, unſern heiteren, lebensluſtigen Freund, iſt wohl das, daß er ſeine Todesſtunde ſo genau vorher weiß und daß Du alsdann ohne ein mahnendes Wort, ſo mit Einem Schlage herfällſt über ſeine kräftige Jugend! Oder war es eine Mahnung, als der Himmel, der während der verfloſſenen Tage ſo heiter glänzte und ſo freundlich auf unſer tolles Treiben herabſah, ſich mit Einem Male verfinſterte, als es in der Natur tief aufſeufzte und als der naßkalte Wind nicht nur unſer Haar verwirrte, ſondern uns auch Schnee und Regen ins Geſicht jagte?— Ja, es war dies eine kleine Mahnung— ein Aſchermittwochs⸗Wetter, welches ſeinem kalten, ſtrengen Gebieter erbarmungslos vorauszog, um den tollen Menſchen zu verkündigen, was ihrer Morgen warte— Aſcher⸗ mittwoch!— Und die ganze Nacht hatte das ſchlimme Wetter fortgetobt, mit Schnee und Regen, mit Sauſen und Brauſen, und Rodenberg, der während der Nacht einige Mal erwachte, hüllte ſich halb im Traume fröſtelnd in ſeine Decke, wenn er den Wind hörte, wie er klagend durch den Kamin herabfuhr und mit rauher Hand an den Fenſterſcheiben raſſelte; dann wohl fällig wach werdend und ſeiner Freunde gedenkend, war es ihm eine große Beruhigung, Walter mit ſeiner tiefen Stimme zuweilen leicht huſten, ſowie ein feines, faſt zierliches Schnarchen zwiſchen den Lippen des ſanften Eduard hervor zu hören. = — Sah ein Knab' ein Röslein ſtehn. Endlich kam der Tag herauf, unfreundlich, kalt und naß; er war eingehüllt in graue Regenſchleier, die er verdrießlich über ſein Haupt zuſammenzog, ſo daß man nur wenig ſah von ſeinem nüch⸗ ternen, mürriſchen Aſchermittwochs⸗Geſicht! „Das heiße ich geſchlafen und geträumt,“ ſagte Walter gegen eilf Uhr, aufrecht in ſeinem Bette ſitzend und mit ziemlich matten Blicken in dem Zimmer umherſchauend, wo Rodenberg bereits an⸗ gezogen am Fenſter ſaß und das bewußte Album zuſammenrichtete, indem er die verſchiedenen, ſauber aufgezogenen Zeichnungen in gehöriger Reihenfolge hineinlegte; doch unterbrach er dieſes Geſchäft bei dem erſten Worte, das der alte Maler ſprach, um in ein ſchallen⸗ des Gelächter auszubrechen. Es war aber auch in der That nicht leicht etwas Komiſcheres zu ſehen, als der Anblick, den Jener bot. Auf ſeinem Kopfe hatte er eine Weiberhaube, aus der das blaſſe Geſicht mit den wirren Haaren und dem ſtruppigen Barte ſchauerlich herausblickte, und was man ſonſt von ihm ſah, war ein buntes Kattunkleid, wie es die Marktweiber zu tragen pflegen, und das, verſchoben und zerfetzt, hier und da ſeinen gewöhnlichen Anzug ſehen ließ. „Bin ich es ſelber, oder haben ſie mich geſtern Abend ſchmäh⸗ lich vertauſcht?“ fragte der alte Maler brummend mehr ſich ſelber, als Jemanden anders, wobei er mit ſcheuem Blicke um ſich herum⸗ ſah.„Wenn ich nicht ausgetauſcht wurde, ſo haben ſie wenigſtens das Beſte von meinem Gedächtniſſe zurückbehalten, denn ich weiß gar nichts mehr, als daß ich ein gewiſſenloſer, alter, verſoffener Narr geweſen bin,— ſchade um dieſes ſchöne Bett, ſonſt würde ich Dich bitten, Rodenberg, mir eine Flaſche kalten Waſſers über meinen Kopf zu gießen.“ 3 „So bemühe Dich heraus, und Dein Wunſch ſoll gleich in Erfüllung gehen,“ ſagte Rodenberg in heiterem, hellklingen⸗ dem Tone. „Aber warum lachſt Du wie ein Narr?“ „Nun, über Dein wunderbares Ausſehen!“ ——O 130 Achtunddreißigſtes Kapitel. „Dein Anblick iſt freilich anders,“ ſagte der alte Maler, ihn erſtaunt anſehend—„Du haſt keinen Katzenjammer?“ „Nicht im geringſten.“ „Du warſt alſo geſtern Abend nicht betrunken?“ „Durchaus nicht— und Du?“ „Schrecklich— ſchrecklich— ſchrecklich!“ entgegnete der Andere, indem er den Kopf in die Kiſſen zurückfallen ließ;„ich fiel unter eine Bande liebenswürdiger Kölner Mörder, Mörder gegenüber der gefüllten Flaſche, ſie nahmen mir mein Bewußtſein und ließen mich liegen.“ „Und wer war der Samariter, der ſich Deiner annahm?“ „Ich glaube, es war ein braver Nachtwächter.“ „So ließ Dich alſo van der Maaßen, dieſer Türke und Heide, im Stiche?“ „Es iſt mein Troſt,“ fuhr der alte Maler fort,„daß dieſes Ungeheuer, das mich verführt, ſich in einem noch viel jammervolleren Zuſtande befand; ſo viel ich mich ganz dunkel erinnern kann, haben wir ſein Begräbniß gefeiert!“ „Dummes Zeug!“ „Nein, nein, in aller Form Rechtens! Als er nicht mehr gehen und ſtehen konnte, legten wir ihn auf eine Tragbahre und trugen ihn nach Hauſe, wobei ich vermuthe, daß wir ein paar Mal mit ihm hingefallen ſind— o— o— o—oh, dieſe Carnevalsnacht— ich werde ihrer nie vergeſſen!“ „So mach', daß Du herauskommſt, um die ſchauerlichen Spuren an Dir ſelbſt zu verwiſchen; ich muß Dir geſtehen, Walter, daß Du ein fürchterliches Weibsbild biſt!“ 4 „Guten Morgen,“ vernahm man jetzt Rüding's Stimme und ſah den ſanften Eduard, die Hände in die Hoſentaſche geſteckt und beim Anblicke Walter's ſüß lächelnd, auf der Schwelle des Neben⸗ zimmers erſcheinen—„guten Morgen— ah, da haben wir noch ein ſchönes Stück Faſtnacht!“ „Ja wohl, junger Aſchermittwoch!“ brummte ihm Walter —— 2— — [.O—— Sah ein Knab' ein Röslein ſtehn. 131 verdrießlich entgegen.„Was man iſt, ſoll man recht ſein— aber bei Dir weiß man nie, ob man es mit Fiſch oder Fleiſch zu thun hat; gehe mir aus dem Wege, damit ich aus dem Bette ſpringen kann!“ „Auch ich habe meinen Carneval genoſſen, eben ſo gut als Du,“ erwiederke der ehemalige Cupido,„aber auf eine andere Art, und freue mich darüber; ich habe ſchöne Bekanntſchaften gemacht, die ich fortſetzen werde— aber Du ſiehſt merkwürdig aus, Walter!“ „Gefalle ich Dir?— glaub's wohl. Gib nur Acht, Roden⸗ berg, was das wieder für ein Bild gibt: ein Marktweib vom Carneval heimkehrend und dabei ein Kreuz ſchlagend, als ſie die heiligen drei Könige ſieht. Oder könnteſt Du mich auch darſtellen als Mutter Deines hungrigen Zigeunerknaben?“— Nach dieſen Wor⸗ ten ſchob er knurrend und murrend ins Nebenzimmer ab. „Du,“ ſagte Rüding zu Rodenberg,„Knorx iſt nicht nach Hauſe gekommen.“ „Knorx?“ fragte der Andere in faſt beſtürztem Tone.„Das könnte mich unruhig machen, denn er iſt nicht der Mann dazu, Nächte lang durchzuſchwärmen.“ „Beruhige Dich; als ich geſtern Abend allein zu Hauſe war, ſchickte er einen Zettel, worin er bat, ſeine Sachen dem Ueberbringer deſſelben verabfolgen zu laſſen— er ſei ins Kloſter gegangen, um dort die Arbeit anzufangen, von der er uns geſagt.“ „Und will nicht wieder hieher kommen, um Abſchied von uns zu nehmen? ſprach Rodenberg gedankenvoll wie zu ſich ſelber;„es ſieht ihm ſchon ähnlich, aber thut mir leid!“ „Da iſt ſein Zettel.“ Wenn Einer von Euch zu Hauſe iſt, ſo ſei er ſo gut und packe meine Habſeligkeiten zuſammen und gebe ſie dem Ueberbringer mit; ich gehe ins Kloſter, um dort zu arbeiten. Abſchied wollen wir nicht von einander nehmen, denn ich weiß ganz genau, daß wir uns irgendwo wiederſehen. Indem ich Rodenberg noch ganz beſonders grüße, bin ich Euer Knorx, Bildhauer. 132 Achtunddreißigſtes Kapitel. „Das iſt kurz und bündig wie ein Teſtament,“ meinte Roden⸗ berg;„es thut mir in der That leid, daß er uns ſo verläßt.“ „Im Grunde hat er Recht; auch ich haſſe alles Abſchied⸗ nehmen, und wenn es nicht in meiner Abſicht läge, Dich zu bitten, unſerer liebenswürdigen Wirthin meinen beſten Dank zu ſagen, ſo würde ich mich auch auf franzöſiſch empfehlen.“ „Richtig, Du bleibſt hier in Köln?“ „Ja, und will noch heute zu meinem freundlichen Bekannten überſiedeln, um morgen mit ihm auf's Land zu gehen.“ „Willſt Du nicht dabei ſein, wenn ich das Album übergebe?“ fragte Rodenberg nach einer längeren Pauſe.„Sieh' es Dir an, es iſt ganz prächtig geworden.“ „Ich ſah es geſtern Abend ſchon, als Bergmüller es ſchickte; er hat eine hübſche Zeichnung hineingelegt, nicht wahr?“ „Sehr hübſch; und ich glaube wohl, die Empfängerin kann mit unſerer Gabe zufrieden ſein!“ „Gewiß— ich habe das geſtern Abend zuſammengerechnet: der Einband fünfzig Thaler, dazu ſechs Arbeiten von tüchtigen Leuten, das Stück gering zu vier Friedrichsd'or angeſchlagen, macht zweihundert Thaler.“ „Und dazu die Erinnerung an die ſchönen Tage dieſes Carne⸗ vals!“ meinte Rodenberg mit einem eigenthümlichen Lächeln.„Wenn Du alſo nicht mit hinübergehen willſt, ſo werde ich's allein überbringen, wofür mir Walter in ſeinem jetzigen Zuſtande dankbar ſein wird.“ „Gewiß,“ ſagte dieſer, unter die Thür tretend,„ich hätte ganz andere Wünſche, als ſchöne Redensarten zu ſpinnen und Süßholz zu raſpeln— ganz andere Wünſche; in mir entwickelt ſich ein un⸗ widerſtehlicher Drang nach einem friſchen, ſaftigen Häring!“ „Pfui, Du biſt ein materieller Kerl!“ „So muß ich denn wohl allein hinüber!“ „Wird's nicht noch zu früh ſein?“ „Darauf rechne ich beinahe, denn ich nehme nicht gern einen Dank in Empfang.“ — — Sah ein Knab' ein Röslein ſtehn. 133 Unter der Thür, im Weggehen begriffen, wandte ſich Roden⸗ berg nochmals zu ſeinen Freunden und ſagte ihnen:„Bald hätte ich vergeſſen, Euch zu ſagen, daß wir auf heute Abend zum Diner eingeladen ſind.“ „Ich haſſe dieſe Diners!“ brummte Walter. „Gewöhnlich haben ſie gar keinen Zweck!“ meinte Rüding. „Diesmal könnteſt Du Dich irren; wir ſind zu Seiner Hoheit dem Prinzen Heinrich eingeladen, zu einem Diner auf heute Abend ſieben Uhr im Kaiſerlichen Hofe.“ „A— a— a—ah, das iſt etwas Anderes!“ bemerkte der ſanfte Eduard. „Um ſieben Uhr?“ knurrte der alte Maler—„nun, das iſt ſpät genug, da werde ich wieder etwas leiſten können; auch muß ich geſtehen, ich kann den Prinzen ſchon leiden. Geſtern traf ich auf der Straße deſſen Adjutanten, den Major von Werdenberg, der mich verſicherte, daß Seine Hoheit ſich außerordentlich für Kunſt und Künſtler intereſſiren.“ „Für die todte deutſche Kunſt!“ ſagte Rüding ironiſch;„dieſes Intereſſe kommt etwas ſpät.“ „Ja, tyroler Seppel, beſſer ſpät als gar nicht. Und der An⸗ theil, den der Prinz an der Kunſt nimmt, iſt dabei auf würdige Gegenſtände gerichtet, ernſte, religiöſe und würdige Compoſitionen; allerdings nicht auf hungrige Rüben und heilige drei Könige nach Rafael!“ Rodenberg mußte lachen und verließ alsdann das Zimmer, in⸗ dem er noch ſagte:„Alſo Ihr kommt etwas vor ſieben Uhr in Frack und ſchwarzer Halsbinde; Du, Walter, da Du ein ſolches Kleidungsſtück nicht haſt, als würdige Perſönlichkeit, wie damals bei der berühmten Soirée.“— Der junge Maler ſchritt über den kleinen Corridor nach dem bekannten Eckzimmer, wo er denn auch den alten, freundlichen Haus⸗ hoſmeiſter fand, der ihm aber im Tone des Bedauerns ſagte, daß ſeine Herrin noch nicht zu ſprechen ſei; ſie habe aber dieſen Fall Achtunddreißigſtes Kapitel. vorgeſehen und laſſe Herrn von Rodenberg auf zwei Uhr zum Früh⸗ ſtücke einladen.—„Unſere ſchönen Tage hier ſind vorüber,“ ſetzte er wohlwollend hinzu;„ich glaube, wir werden morgen oder über⸗ morgen reiſen.“. „Und wohin, wenn man ſich dieſe Frage erlauben darf?“ „Wer kann das wiſſen! Don Joſe liebt es durchaus nicht, über die Plane der Sennora zu ſprechen, und da ich das weiß, ſo frage ich nie danach. Die Marqueſa liebt es, oft zu verſchwinden wie durch Zauberei. Der Herr beſtellt die Poſtpferde gewöhnlich ſelbſt, ohne zu ſagen, wohin, und das hat auch ſein Angenehmes. Ueberraſchungen, welcher Art ſie auch ſein mögen, haben immer etwas Aufregendes in dem einförmigen Leben, wie ich es zu führen pflege.“ „Ich werde gewiß nicht ermangeln, mich um zwei Uhr einzu⸗ finden; würden Sie aber ſo gut ſein und dieſes Album in meinem und meiner Freunde Namen Ihrer Herrin zu übergeben? Es iſt ein kleiner Zoll der Dankbarkeit für die liebenswürdige Aufnahme, welche uns hier im Hauſe zu Theil geworden; und dabei geſtatten Sie mir auch wohl, Ihnen, mein lieber Herr, noch ganz beſonders zu danken für die Sorgfalt, mit der Sie ſich unſer angenommen! Was die Dienerſchaft des Hauſes anbelangt,“ ſetzte der junge Mann hinzu, indem er das Wort Dienerſchafte ſtark betonte,„ſo ſind Sie vielleicht ſo gütig, mir zu ſagen, an wen ich mich zu wenden habe, um unſere Erkenntlichkeit....“ „Nichts der Art,“ fiel ihm der Haushofmeiſter in ernſtem Tone ins Wort,„ich bitte Sie dringend, Herr von Rodenberg, nichts der Art; ich würde es zu verantworten haben und von Don Joſe eine unangenehme Scene erleben. Das Haus der Sennora, obgleich ſie für die große Welt eine Sängerin iſt,“ ſetzte er mit Stolz hinzu,„iſt ein ſehr vornehmes Haus, was wenigſtens nach ſpaniſchem Begriffe mit— dem Anderen unvereinbar iſt!“ Rodenberg reichte dem alten Manne die Hand, ſchüttelte ſie herzlich und verließ ihn alsdann mit den Worten:„So bitte ich Sah ein Knab' ein Röslein ſtehn. Sie alſo nochmals, unſern beſten Dank entgegen zu nehmen, wobei ich den Wunſch ausſpreche, daß es mir bei einer ſpäteren Begeg⸗ nung, worauf ich feſt und innig hoffe, vergönnt ſein möge, Ihnen meine Dankbarkeit beſſer beweiſen zu können!“— Auf ſein Zimmer zurückgekehrt, fand Rodenberg dort van der Maßen und Bergmüller, erſteren etwas verdrießlich und leidend, den anderen guter Dinge. „Schweige mir über die verfloſſene Nacht!“ rief der Muſel⸗ mann von geſtern;„es gibt Dinge, deren man ſich erſt nach jahre⸗ langer Vergeſſenheit wieder erinnern mag. So traurig auch wohl Manchem der Aſchermittwoch erſcheint, ſo iſt er für mich wie ein Theatervorhang, der uns mit Einem Male und plötzlich von der tollen Poſſe trennt, in der wir allzu wild mitgeſpielt. Ich bin gekommen, Abſchied von Euch zu nehmen— mein Koffer iſt gepackt, hier in der Taſche habe ich mein Eilwagen⸗Billet nach Brüſſel— Allons enfants de la patrie, Le jour de gloire est arrivé!“- „Nun, Gott helfe Dir zu Deiner Gloire,“ brummte Walter, „Du kannſt ſie brauchen!— Du warſt ein arger Verführer, van der Maaßen, mich, einen ſoliden, alten Künſtler, in ein liederliches Weibsbild umzuwandeln; ich ſchäme mich vor mir ſelber und zum erſten Male vor Rüding— das iſt das Fürchterlichſte, was ich über mich auszuſprechen vermag!“ „Gehen wir darüber hinweg, allons sur ce va-t-en!— Mit dieſen Worten habe ich einen dicken Strich unter die Vergangenheit gemacht und bin nur noch der Employé du maison honorable Beauvillard et Compagnie— o, ich verſpreche Euch, Ihr Kerls, daß ich Euch alle Ehre machen will; und wenn Ihr von drüben herüber einmal ein ganz verrücktes Stoffmuſter zu ſehen bekommt, ſo könnt Ihr darauf fluchen, das hat van der Maaßen gemacht!“ „Erfinder eines trübſeligen Aſchermittwochſtoffs,“ entgegnete ihm Walter,„der wird bei uns reißenden Abſatz finden,„denn trotz alledem fühle ich immer mehr.... 4 Achtunddreißigſtes Kapitel. „Daß die deutſche Kunſt todt iſt!“ fiel ihm van der Maaßen lachend ins Wort.—„Und nun kommt und bringt mich an den Eilwagen; etwas friſche Luft wird Euch wohl zuträglich ſein.“ „Wenn wir das erhabene Kurzholz da hätten,“ meinte Rüding, worauf ihm Walter mit einem verdrießlichen Blicke zur Antwort gab: „Du kannſt daſſelbe immerhin vorſtellen; kurz genug biſt Du und auch vielleicht unten und oben angebrannt— doch allons sur ce va-t-en! wie van der Maaßen ſagt.“— Der dicke, gute, luſtige van der Maaßen war mit feuchten Augen abgereist; Rüding ſuchte ſeinen anſtändigen Freund und Gönner auf— Walter ging am Rhein ſpaziren, ſo viel er konnte gegen den Wind, um ſein Aeußeres und Inneres zu erfriſchen, und Rodenberg allein war nach Hauſe zurückgekehrt. Es ſchlug zwei Uhr, als er in den kleinen Eckſalon trat, wo er Juanita am Kamin ſtehend und ſeiner wartend fand. Auf dem Tiſche ſah man nur zwei Gedecke. Sie ging ihm entgegen, reichte ihm ihre Hand, indem ſie mit heiterem Geſichte ſagte:„Wir ſind heute allein, mein lieber Freund. Joſe macht eine kleine Tour, von der er vor Abend nicht zurück⸗ kehren wird, und ich muß Sie deßhalb bitten, für heute meinen Geſellſchafter, meinen Tiſchgenoſſen, meinen Cavalier, kurz, Alles in Allem vorſtellen zu wollen, und zu gleicher Zeit erlauben Sie mir, Ihnen meinen gerührteſten und innigſten Dank zu ſagen für das wunderbare Album, das Sie und Ihre Freunde mir verehrten. Ich finde die Blätter deſſelben eben ſo vortrefflich ausgeführt als ſinnig erdacht; wie mich dabei die Erinnerung an Ihr herrliches Künſtlerfeſt ſo tief erfaßt, vermag ich Ihnen nicht auszudrücken— alſo nochmals meinen beſten, beſten Dank!“ Er hatte ſich vorgenommen, mit einem ernſten Geſichte vor ſie hinzutreten und eben ſo förmlich und fremd heute anzufangen, wie ſie ihn geſtern auf dem Balle entlaſſen; doch er vermochte es nicht, als er ihre heiteren und faſt glücklichen Blicke ſah, als er ihren herzlichen Dank vernahm, als ſie ſo unbefangen plaudernd vor ihn b Sah ein Knab' ein Röslein ſtehn. 137 hintrat und als ſie ſogar nicht daran zu denken ſchien, ihre Hand aus der ſeinigen zu ziehen— nein, er konnte es nicht, er fühlte bei ihrem reizenden Anblicke ſein Herz ſo ungeſtüm und heftig ſchlagen, und wenn er etwas hätte thun mögen, ſo wäre es das geweſen, ihr zu Füßen zu fallen und ihr hundert Mal nach ein⸗ ander zu wiederholen: ‚Ich liebe Dich, Juanita!“ „Setzen wir uns,“ ſagte ſie mit ihrer weichen, melodiſchen Stimme,„und vor Allem bitte ich Sie, ein ſtrenges und würdiges Geſicht zu machen, damit ich in kindlicher Ehrfurcht zu Ihnen auf⸗ blicken kann; Sie dürfen das gar nicht verſäumen, damit ich nicht ausgelaſſen werde.“ „O, werden Sie ausgelaſſen— nur ein Mal— ich glaube nicht, daß Sie Talent dazu haben!“ „Ich nicht— ah, par exemple?“ „Sie mögen wohl Augenblicke haben, wo Sie Ihrer Laune ein Bißchen die Zügel ſchießen laſſen, aber als eine vortreffliche Reiterin, wie Sie ſind, können Sie das ohne alle Gefahr thun; Ihre heitere Laune oder Ihre Ausgelaſſenheit, wie Sie vorhin ſelbſt ſagten, wird nie dem Zügel ungehorſam ſein und da anhalten, wo Sie es wollen.“ „Wer weiß!“ „O, ich bin davon überzeugt!“ „Mein lieber Herr und Gebieter, befehlen Sie, wie ich den Thee machen ſoll— ſchwach oder ſtark?“ „Wie Sie wollen; er wird jedenfalls vortrefflich ſein.“ „Nein, nein, bei ſo ernſten Dingen wollen wir uns nicht mit Com⸗ plimenten abgeben— wie wollen Sie ihn haben, ſchwach oder ſtark?“ „Nun denn, ſtark, wenn ich bitten darf!“ Man konnte nichts Reizenderes und Eleganteres ſehen, als die Art, wie das junge und ſchöne Mädchen den Thee zubereitete, wie ſie Alles ſo zierlich und ſicher angriff und wieder an ſeinen Ort brachte, wie ſie nie etwas vergaß oder zweimal nach einer Sache Hackländer's Werke. 55. Bd. 10 138 Achtunddreißigſtes Kapitel. langte, und wie das Alles ſo raſch, pünktlich und ſicher von Statten ging, wobei ſie es nicht einen Augenblick unterließ, mit ihrem Gaſte heiter zu plaudern. Sie erzählte, wie ſie den geſtrigen Tag zuge⸗ bracht, was ſie Alles geſehen und wo ſie es geſehen; ſie berichtete in äußerſt komiſcher Art von einem ſehr ernſten Diner und von einer erſtaunlich langweiligen Soirée—„dann kam der Theaterball, auf dem ich Sie ja geſehen habe.“ „Hatte ich wirklich das Glück, Sie dort zu ſehen?“ fragte er mit einem gut gemachten Erſtaunen—„ich erinnere mich nicht ganz genau.“ „Ah, das iſt amuſant— Sie ſtanden an meiner Loge und ſprachen mit mir!“ „Allerdings, ich erinnere mich, mit einer ſehr vornehmen, einer ſehr ſchönen und ſehr glänzenden Dame geſprochen zu haben; ſie befand ſich in der allerhöchſten Geſellſchaft und ſprach mit mir, wie man in dieſem Falle mit einem ſo ganz gewöhnlichen Sterblichen zu ſprechen pflegt.“ Juanita ſchaute ihn ein paar Secunden mit ihren großen, dunkeln Augen an und es zuckte um ihre Lippen, als wollte dort ein verdrießlicher Zug zum Vorſchein kommen; doch ſiegte ihre gute Laune und ihr lieblicher Mund kräuſelte ſich zu einem herz⸗ lichen Lachen.„Ich habe es mir eingebildet,“ ſagte ſie in luſtigem Tone,„daß ich dieſe Lection bekommen würde, und doch haben Sie Unrecht, mein lieber Freund— gewiß Unrecht; wenn Sie wüßten, was ich ſchon Alles über meine eigenthümliche Idee, Sie hier in Köln zu ſehen, habe hören müſſen, ſo würden Sie mir nicht zürnen, und wenn Sie vernommen hätten, wie ich mich ſo gut als möglich herausgeredet, hier künſtleriſches Intereſſe eingeſtanden, das mich veranlaßte, Sie zu ſehen, dort gerade zugegeben, daß....“ „Was, Juanita?“ „Nun, daß mich ein Verſprechen band, Sie hier wiederzuſehen, und daß....“ „Was, Juanita?“ Sah ein Knab' ein Röslein ſtehn. 139 „Ah, mit Ihrem ewigen Fragen— verſuchen Sie, ob Ihr Thee ſtark genug iſt....“ „Der Thee iſt vortrefflich, ſtark, aufregend.— Und als ich Sie geſtern Abend verließ, ging ich allein nach Hauſe, traurig und doch aufgeregt. Ich beneidete die, welche mir begegneten, die jubelnd und ſingend an mir vorüberkamen, nur die Luſt des Carnevals im Herzen— jene haben dieſe tollen Tage recht genoſſen— man ſollte nicht hieher kommen mit einer hoffnungsloſen Liebe im Herzen!“ „Nehmen Sie von dieſen Mandarinen,“ ſagte die ſchöne Spanierin—„ſie ſind ſo kühlend und erfriſchend, für mich die liebſten Früchte meines Heimathlandes, und dann, geſtrenger Herr und Gebieter, will ich mir erlauben, Ihnen einen kleinen Vorſchlag zu machen— wie ſchon geſagt, ich bin heute ganz allein und auf Ihren Schutz und Ihre Hülfe angewieſen— darf ich mich der⸗ ſelben bedienen, wie und wo ich will?“ „Je vollſtändiger Sie über mich verfügen, deſto glücklicher machen Sie mich!“ „Wollen Sie mich auf einem Gange durch die Stadt begleiten, mit mir in den Dom gehen?“ „Mit dem unendlichſten Vergnügen!“ „Gut denn— unſer kleines Frühſtück iſt beendigt, der Himmel hat ſich ein wenig aufgeklärt, obgleich er immer noch verdrießlich genug herabſchaut, und ich begreife das vollkommen nach all den Tollheiten, die er in den letzten Tagen mit angeſehen. Trotz dem Regen von heute Nacht ſoll es nicht ſehr ſchmutzig ſein, wie mir meine Kammerfrau geſagt. Der heftige Wind trocknet auf— iſt es Ihnen recht, ſo gehen wir.“ „Darf ich mir die Frage erlauben, ob dieſes Gehen buchſtäblich zu verſtehen iſt?“ „Verſteht ſich,“ erwiederte ſie in glücklichem Tone—„ich freue mich, mit Ihnen herumlaufen zu können— und Sie?“ „Ich finde das herrlich, ich bin entzückt darüber!“ „Nehmen Sie Ihren Ueberrock, es iſt kalt und windig, und 140 Achtunddreißigſtes Kapitel. ſobald Sie von Ihrem Zimmer zurückkommen, finden Sie mich draußen im Corridor.“ Sie reichte ihm ihre Hand, und während er ſie langſam an ſeine Lippen führte, begegneten ſich ihre Augen in einem eigenthüm⸗ lichen Blicke, der einen ganz beſonderen Ausdruck hatte.— Der alte Haushofmeiſter lächelte ſo ſtill vergnügt, als er drunten die Thür öffnete und das ſtattliche, ſchöne junge Paar auf die Straße ließ; ja, er ſchaute ihnen, auf der Treppe ſtehend, lange nach und ſchien mit ſeiner Beobachtung zufrieden zu ſein.„Sie haben Beide ein recht vornehmes Anſehen,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, „und auch er würde das nobelſte Haus, dem ich die Ehre habe, vorzuſtehen, auf's würdigſte repräſentiren.“ Juanita war einfach angezogen, aber ausgeſucht elegant gerade in dieſer Einfachheit; ſie trug ein dunkelbaues Kleid von ſchwerem, doch weichem Seidenſtoffe, darüber einen Sammtmantel von derſelben Farbe, die nur durch das eigenthümliche Leuchten des Sammts von dem Kleide vortrefflich, harmoniſch abſtach— ein reizender Anzug, den der kleine, ebenfalls dunkelblaue Atlashut mit ſeinem koſtbaren, ſchwarzen Spitzenſchleier auf's ſchönſte vervollſtändigte. Sie hatte ihren Arm unter den ſeinigen geſchoben und ſchmiegte ſich feſt an ihn an, während er ſie ſorgſam führte. Lange ſprach Keines ein Wort; endlich ſagte der junge Mann mit einer eigenthümlich tiefklingenden Stimme:„O, Juanita, ich bin unbeſchreiblich glücklich!“ „Und das macht Sie ſo ſtumm?— Ich möchte gern in meinem Glücke heiter und luſtig plaudern!“ „O, wie danke ich Ihnen für dieſes ſüße, ſüße Wort— ja, wir wollen plaudern über Alles, was uns einfällt, was uns begegnet, was wir ſehen und denken!“ „Geſcheites und Ungeſcheites, wie es gerade kommt,“ erwiederte ſie lachend. „Ich habe eine prächtige Idee, Juanita— ſtellen wir uns vor, geſtern Abend ſeien wir hier in Köln eingetroffen und heute 7 Sah ein Knab' ein Röslein ſtehn. 141 Morgen führe ich Dich herum, um mit Dir die Merkwürdigkeiten der Stadt anzuſehen!“ Sie ſah ihn mit einem forſchenden Blicke an, und erſt als ſie ihn zu verſtehen ſchien, gab ſie ihm zur Antwort:„Auf einem Spazirgange kann ich mir dieſe Idee ſchon gefallen laſſen und ſie in ſcherzhafter Weiſe erwiedern— alſo, hoher Herr und Gebieter, wo befinden wir uns?“ „Auf dem Thurnmarkte, umeine Theure, einer engen Straße, die übrigens mit einem Markte durchaus keine Aehnlichkeit hat. Hier befinden ſich die größten Gaſthöfe der Stadt— hier mein Freund Dietzmann im Königlichen Hofe, dort der Hof von Holland; bemerken Sie auf der anderen Seite der Straße die unglaublich große Anzahl von kleinen Wein⸗ und Bierhäuſern.“ „Sehr intereſſant!“ Sie gingen über die Friedrich⸗Wilhelms⸗Straße nach dem Heumarkte, wo Rodenberg ſeiner Begleiterin das Börſengebäude und die ſehr feſte Hauptwache zeigte. Von Oben Marspforten traten ſie auf den Platz vor dem Rathhauſe und bewunderten dieſes herrliche Gebäude aus den älteſten Zeiten Kölns mit ſeinen reichen, in Stein ausgehauenen Bildwerken, unter Anderem den tapfern Bürgermeiſter Gryn, wie er mit ſeinem leichten Schwerte und in dünnem Mantel mit einem Löwen kämpft. Auf der andern Seite jenes Thurmes, gegen den Altenmarkt zu, befindet ſich der Kopf des ſogenannten Gabbeck, der den Mund aufſperrt, ſo oft die Glocke ſchlägt. „Begreiflich,“ entgegnete ihm Juanita,„denn er muß ſich fürchterlich langweilen, der Aermſte, und müde ſein, uns undank⸗ baren, gedankenloſen Menſchen in Einem fort die Zeit zu verkündigen.“ „Er hat glänzendere Zeiten geſehen in dem alten Köln und auf dem Altenmarkte— die Erinnerung daran mag ihn auch wohl verdrießlich ſtimmen. Gehen wir weiter. Wollen Sie Kirchen ſehen?“ „Heute nur eine einzige, den Dom, welchen ich übrigens, ſeit ich hier bin, jeden Tag beſucht.“ 142 Achtunddreißigſtes Kapitel. „Nicht Sanct Peter mit dem berühmten Bilde von Rubens?“ „Ich war vorgeſtern mit Don Joſe dort; erſt nach langer Unterhandlung zeigte man uns das Original— ſie wünſchten, wir ſollten uns mit der Copie begnügen.“ „Alſo gehen wir zum Dome, der Krone aller Bauwerke.“ Da trat er hervor, nachdem die Beiden ein paar enge Straßen durchſchritten hatten, und hob ſich majeſtätiſch empor, die gewaltige Maſſe, ſo rieſenhaft groß in ihrem Umriſſe und wieder ſo wunder⸗ bar zierlich in allen ihren Einzelheiten— dieſe reiche Blüthe der deutſchen Baukunſt, ein feingegliederter, zierlich aufgeführter Heiligen⸗ ſchrein, verſteckt in einem Strauße von Steinblumen! Seine Thüren waren geöffnet, und als Rodenberg und Juanita eintraten in den majeſtätiſchen Bau, fühlten ſie ſich wunderbar erregt und ergriffen von dem Dämmerlichte des trüben Tages, das obendrein noch gedämpft wurde durch die bunten Glasfenſter; ſie fühlten ſich eigenthümlich angehaucht von der warmen Luft, ver⸗ miſcht mit Weihrauchduft, die ſie umgab; ſie empfanden tief in ihrem Herzen die klagenden Töne der Orgel und das halblaute Gebet der Prieſter an den Altären, welches von der andächtigen Menge mit einem unverſtändlichen Geſumme beantwortet wurde. Rodenberg tauchte ſeine Hand in das Weihwaſſerbecken und benetzte Juanita's Finger damit, die ihm durch leichtes Aufſchlagen der Augen dafür dankte, dann ſeinen Arm losließ und ſich hierauf raſch einer Gruppe Betender näherte, um neben denſelben auf das Steinpflaſter niederzuknieen. Arthur trat rückwärts und lehnte ſich dort an einen der mäch⸗ tigen Steinpfeiler, das knieende Mädchen betrachtend; ſeine Gedanken, getragen von Weihrauchduft und Orgelton, umkreisten die Betende und ſchwangen ſich alsdann, in bunte Träume und ſüße Phantaſie verwandelt, hoch empor an das graue Steingewölbe, wo ſich vor ſeinen inneren Blicken die leuchtenden Goldpunkte in echte Sterne verwandelten, die mild lächelnd auf ihn und ſein Glück herabſchauten. Es kam ihm vor, als ſei er in eine milde Sommernacht verſetzt Sah ein Knab' ein Röslein ſtehn. 143 und ſehe zwiſchen den dichten Bäumen eines dunklen Parkes hin⸗ durch die glänzenden Lichter eines fern liegenden Schloſſes und höre Muſik von dort ertönen. Faſt betäubend umfloß ihn der Duft der Blumen; eine ſüße Vorahnung durſchauerte ihn und er bebte faſt, als eine liebliche Geſtalt nun an ihn herantrat, die Hand auf ſeinen Arm legte und mit ihrer ſüßen, ſchier zauberhaften Stimme ſagte: „Wir wollen jetzt nach Hauſe gehen!“ Was das Letztere anbelangte, ſo hatte er übrigens nicht voll⸗ ſtändig geträumt, denn Juanita bewegte ſich in ihrem leichten, ſchwebenden Gange gegen ihn und ſagte:„Wenn es Ihnen recht iſt, Arthur, ſo kehren wir jetzt nach Hauſe zurück.“ „Gewiß, meine einzig Geliebte!“ gab er ihr flüſternd zur Ant⸗ wort und ſetzte dann, ſich entſchuldigend, hinzu:„Hier darf ich ja nicht lügen und heucheln, hier muß ich ſprechen, wie es mir um die Seele iſt, und auch Du, Juanita....“ „Auch ich, Arthur— gewiß, auch ich; doch fürchte ich mich faſt, ein lautes Wort zu reden, und es iſt mir, als müßte es laut vom Gewölbe wiederhallen und aller Welt verkündigen, was ja aller Welt verborgen bleiben ſoll!“ Sie gingen mit einander fort, und erſt draußen ſagte Arthur: „So oft ich den Dom verlaſſe, iſt es mir, als nähme ich Abſchied von einem theuren Freunde, ohne zu wiſſen, wann und ob ich ihn wiederſehe— bin ich doch mit ſeinem Bilde im Herzen aufgewachſen, habe ich mich doch ſchon als Kind über die Heiligen gefreut, welche uns aus ihren Steinniſchen ſo ernſt anblicken, und über die unge⸗ heuerlichen Geſtalten der fabelhaften, waſſerſpeienden Thiere da droben— ja, ſelbſt über die grünen Gebüſche und Geſträuche freute ich mich, die aus den Steinritzen der alten Thürme wuchſen. Und beſonders liebte ich den Domkrahnen, den Zeigefinger des Münſters, der, wie mir meine alte Amme ſagte, gen Himmel weist.— So oft ich ſpäter wiederkehrte, freute ich mich wie ein Kind über jeden neuen Stein, den ich aufgeſetzt fand, über jedes Mauerwerk, das man zur Vollendung des Domes aufgeführt, und wenn ich als 144 Achtunddreißigſtes Kapitel. Menſch und als Künſtler einen recht übermüthigen Wunſch aus⸗ ſprechen dürfte, ſo wäre es der, den Dom in ſeiner ganzen Voll⸗ endung zu ſehen, die himmelanſtrebenden Thürme vollſtändig fertig bis auf die rieſenhafte Steinroſe, welche ihre Spitze krönen ſoll!“ „Dazu ſage ich Amen und hoffe, wir erleben das und wir 3 ſehen es.“ „Wir, Juanita? Ah, das wäre ein noch größeres Glück, wenn wir Beide, wie heute, vereint den Thurm in ſeiner Vollendung ſehen könnten!“ Sie ſchüttelte leicht mit dem Kopfe, ehe ſie erwiederte:„Was bedeuten unſere Wünſche und Hoffnungen gegenüber der Beſtimmung unſeres Schickſals— ich fürchte, daſſelbe hat uns ganz verſchiedene Bahnen vorgezeichnet!“ „Das wäre ſchrecklich, Juanita!“ „Und doch iſt es ſo, mein Freund— was Ihnen die Fee 3 des Waldes damals ſagte im berauſchenden Dufte des friſchen Laubes, erfüllt von der Poeſie Ihres Künſtlerfeſtes, muß ich Ihnen heute, an einem der ernſteſten Tage des Jahres, an dem kalten und proſaiſchen Aſchermittwoch, wiederholen: ich fürchte in der That, es war mir von der Feenkönigin vergönnt, Sie nur dreimal zu ſehen!“ „Und ſo wäre es heute das letzte Mal— unmöglich! Ich kann nicht mehr von Dir laſſen, Juanita, und wenn das Schickſal es ſo wollte— wir müſſen dem Schickſal Trotz bieten!“ „Es wäre das eines Verſuches werth,“ gab ſie mit einem trüben Lächeln zur Antwort;„aber bei dem Verſuche würde es bleiben, Arthur— ich fürchte, wir ſind nicht für einander beſtimmt!“ „Daß Du das fürchteſt, meine Juanita,“ erwiederte er leiden⸗ ſchaftlich,„ſtärkt meinen Muth, es mit jedem Schickſal aufzunehmen; hat es uns doch bis jetzt freundlich gelächelt!“ „Fürchte die finſtern Mächte, ſie ſtreuen Roſen auf unſern Weg, um dadurch einen tiefen Abgrund zu unſern Füßen zu ver⸗ decken— fürchte die Roſen....“ So plauderten ſie zuſammen mit langen Zwiſchenpauſen in Sah ein Knab' ein Röslein ſtehn. ihrem Geſpräche, wo er alsdann ihren Arm innig an ſeine Bruſt drückte und ſie freundlich zu ihm auflächelte. „Das Wetter war bis jetzt zu unſerem Spazirgange günſtig,“ meinte das ſchöne Mädchen;„aber mir ſcheint, die Friſt, die uns gegeben, iſt abgelaufen. Der Wind, der bisher verſchwunden war, läßt ſich wieder ſpüren in naßkaltem Hauche— es iſt gut, daß wir bald zu Hauſe ſind.“ „Und dann, Juanita?“ „Dann treten Sie noch einen Augenblick zu mir ein— Sie müſſen mir ein paar Blätter meines lieben Albums erklären, und dann nehmen wir Abſchied von einander, ſtill und bewegt.“ „Doch nur für heute?“ rief er erſchrocken. „Ich fürchte, für länger, mein Freund— doch warum jetzt damit ſchon anfangen? Wir wollen uns dabei gegenſeitig nicht betrüben— ein herzlicher Handſchlag, ein freundliches Wort und dann wenigſtens die Hoffnung auf ein glückliches Wiederſehen!“ „Du nimmſt Alles ſo leicht, Juanita,“ ſagte er in einem faſt vorwurfsvollen Tone, worauf ſie ihm in Worten keine Antwort gab, dagegen langſam ihr Geſicht emporhob und ihn ein paar lange, lange Secunden in ihre leuchtenden Augen ſehen ließ. Ueber das, was er las, mußte er aufſeufzen aus tiefem Herzen im Uebermaße ſtiller Seligkeit, und es war ihm unmöglich, ſeine Blicke wieder von ihr hinwegzuwenden. O, er hätte mit ihr ſo ſtundenlang fortwandeln mögen, Hand in Hand, Auge in Auge! Da waren ſie aber an Ort und Stelle angelangt, da ließ er ſie mit einer leuchten Verbeugung die Treppe hinaufgehen und ſchritt alsdann hinter ihr drein. Da öffnete ſich die Hausthür, und Juanita ging in ihre Wohnung hinauf, wobei ſie heiter mit ihm redete. Oben angekommen, gab er einem der Bedienten Ueber⸗ rock und Hut und folgte der jungen Dame durch das Eckzimmer in den hintern Theil des Hauſes, den ſie bewohnte, in das kleine reizende Cabinet, wo ſie ihn am erſten Tage ſeines Hierſeins empfangen⸗ Es war ſchon ſpät am Nachmittag, und der kurze Wintertag 1 4 2* Achtunddreißigſtes Kapitel. hatte ohnedies ein ſo grämliches Ausſehen, war jetzt wieder ſo finſter und verdrießlich, daß man nicht zu ſagen vermochte, wo er aufhörte und die Nacht anfing. Um noch etwas von dem letzten Scheine des Tages zu be⸗ nutzen, legte Juanita das Album auf ein Tiſchchen in der Fenſter⸗ niſche, ſetzte ſich davor und bat Rodenberg, neben ihr Platz zu nehmen. Dann betrachteten ſie zuſammen die einzelnen Blätter; bei Vielem fragte ſie, und er erklärte ihr Alles auf's umſtändlichſte. Ach, er hätte ihr ſtundenlang erklären mögen, ſo ganz dicht in ihrer Nähe, daß er, wenn er ſich auf das Buch hinabbeugte, mit ſeiner heißen Wange ihr Haar berührte und den entzückenden Hauch ihres Mundes fühlte. Dabei ſaß ſie ſo zutraulich an ſeine Seite geſchmiegt, ſo ohne alle Scheu vor einer Berührung mit ihm, daß es ihn mächtig durchſchauerte. Häufig erſuchte ſie ihn, auf irgend einem der Blätter eine einzelne Stelle ganz genau zu betrachten; dann bog ſie ſich zurück, daß er ſich mit weniger Mühe hinab⸗ beugen konnte, und legte dabei ihre Hand auf ſeine Schulter, wo⸗ bei es ihm ein paar Mal vorkam, als berührten ihre feinen Finger ſein dichtes, krauſes, blondes Haar. 3 „Gewiß,“ ſagte Juanita nach einer langen Pauſe,„dieſes Album wird mir eine liebe Erinnerung ſein an heiter verlebte Tage, und wenn ich es durchblättere, ſoll Ihr Bild, Arthur, leben⸗ dig vor mich hintreten!“ Er ſchüttelte mit dem Kopfe und entgegnete:„Es iſt traurig für mich, Juanita, daß Ihre Reden dahin gehen, als müßten wir durch weite Länder von einander getrennt bleiben— o, Juanita, es liegt ja in Ihrer Macht, mich an Ihre Fußſtapfen zu feſſeln, mir das Wiederſehen zu geſtatten, wann und wo Sie wollen!“ „Läge es wirklich in meiner Macht, wer weiß, ob ich es nicht thäte; doch glauben Sie mir, Arthur, auch ich bin nicht unab⸗ hängig, auch ich muß mich beugen vor Geſetz und Sitte— ſelbſt ich, eine Künſtlerin, eine Fee,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu. Dann ſchloß ſie das Album, erhob ſich raſch und machte einen Gang * „—————d —— ⁴⁴y Sah ein Knab' ein Röslein ſtehn. 147 durch das kleine Zimmer, aus welchem die Schatten des Abends das falbe Licht des Tages faſt verdrängt hatten, ohne daß es darum dunkel geworden wäre, denn im Kamine loderte ein helles Feuer und aus dem geöffneten Nebenzimmer, zwiſchen dem ſchweren Thür⸗ vorhange hindurch bemerkte man das bleiche Licht einer Lampe mit matter Glaskugel. „Und ſo bald ſchon müſſen wir ſcheiden?“ fragte er.„Wie entſetzlich raſch ſie vorübergegangen ſind, dieſe glücklichen Tage!“ „Ich hatte gehofft, ſie verlängern zu können; aber Verhält⸗ niſſe, mächtiger als ich, rufen mich hinweg.“ „Und wann, Juanita?“ „Schon morgen— und deßhalb wollen wir heute— jetzt— Abſchied nehmen!“ Als er nicht antwortete und auch ſie nicht weiter ſprach, war es ſo ſtill in dem kleinen Gemache; man hörte nur zuweilen das Kniſtern und Knattern der brennenden Kohlen im Kamin und das Rauſchen des ſchweren Seidenſtoffes an Juanita's Kleide, wenn es, indem ſie auf und ab ſchritt, zuweilen an einem der Möbel ſtreifte. Rodenberg ſtand am Fenſter und ſchaute in die dämmernde Nacht hinaus, wobei es ihm doppelt behaglich vorkam, daß er hier, aus dem ſanft erwärmten Raume, das tolle Spiel ſah und hörte, welches der Wind mit Schneeflocken trieb, die er draußen in wil⸗ dem Uebermuthe durch einander miſchte und zuweilen, ehe ſie den naſſen Boden berühren konnten, wieder hoch in die Luft führte. Juanita war an ſeine Seite getreten, berührte ſeinen Arm leicht mit ihrer Hand und ſagte:„Jetzt müſſen wir ſcheiden, Arthur!“ „Und in ſolches Wetter wollen Sie mich hinausſtoßen, aus Ihrer lieben, lieben Nähe in Regen, Schnee und Wind!“ „Sie übertreiben, mein Freund, Sie betrüben mich, indem Sie ſo reden; es iſt ein Abſchied, den wir beide vorausſahen und der kommen mußte!“ „Ja,“ antwortete er im ſchmerzlichen Tone,„ein Abſchied, der mich von Ihrer Seite hinweg zurück in das wilde Leben ſtößt, in — 148 Achtunddreißigſtes Kapitel. ein Leben voll vergeblicher Sehnſucht, voll Gleichgültigkeit, in ein Leben, wahrhaftig kälter und trauriger, als die Nacht da draußen mit ihrem Schnee und Regen! Und warum mich jetzt ſchon fort⸗ ſchicken, Juanita, warum mir nicht erlauben, noch eine kleine, kleine Weile bei Ihnen zu bleiben? Ich will Sie ja nur anſehen, nur den Wohllaut Ihrer Stimme vernehmen, in Ihrer Nähe athmen dürfen!“ „O, gehen Sie, Arthur, gehen Sie,“ bat Juanita mit leiſer Stimme,„es iſt beſſer für uns beide, wenn Sie gehen; gehen Sie mit der Hoffnung, daß wir uns wiederſehen!“ „O, ich ſoll die trügeriſche Hoffnung,“ rief er traurig aus, „für die lebendige, heiße Gegenwart nehmen! O, Juanita, Sie ſind ſchön und entzückend, aber ich glaube wirklich, eine neckiſche Fee, trügeriſch wie Fata Morgana, den Armen, der ſie ſieht, mit allen Reizen verlockend, um ihm für immer und ewig zu verſchwinden!“ „Gehen Sie, Arthur, wir müſſen uns trennen— o, laſſen Sie mich Ihnen dabei ſagen, daß mein Herz unter dieſer Trennung eben ſo fürchterlich leidet, wie das Ihrige— aber gehen Sie, ich beſchwöre Sie darum! Auf meiner Seele laſtet eine unbeſchreibliche Angſt und mein Herz zittert unter meinen tiefen Athemzügen!“ „Ja, ja, ich fühle das, Juanita, ich fühle die ſtürmiſchen Schläge Deines Herzens, und ſie erfüllen mich mit einer unendlichen Seligkeit— o, verſtoße mich noch nicht!“ „Doch, doch, Arthur, es muß ſein!“ Sie wand ſich ohne Heftigkeit, aber mit einer unwiderſtehlichen Gewalt aus ſeinen Armen; er wagte es, getroffen von ihrem flammen⸗ den, zürnenden Blicke, nicht, ſie zu halten, und bat nur in flehen⸗ dem Tone:„Nur noch eine Viertelſtunde, Juanita!“ „Es wäre eine Seligkeit für mich,“ gab ſie ihm offen und ehrlich zur Antwort,„Sie den ganzen Abend bei mir zu ſehen, wenn Don Joſe bei mir wäre— o, wie würden wir vergnügt und doch verſtändig zuſammen plaudern!“ „Das können wir auch ohne Don Joſe, vergnügt plaudern und derſtändig ſein— gewiß, Juanita— o, nur noch eine kleine Sah ein Knab' ein Röslein ſiehn. 149 Viertelſtunde— iſt es nicht ein beſcheidener Wunſch vor einer Trennung— Gott mag wiſſen auf wie lange!“ „Es widerſtrebt mir, Ihnen nachzugeben! Doch nehmen Sie mit Ihrem Fauteuil dieſen Kaminwinkel ein, ich ſetze mich in den anderen!“ „Gut, und ſo wären wir durch eines der wildeſten Elemente, durch das Feuer, von einander getrennt, aber glauben Sie nicht, Juanita, daß meine Liebe zu Ihnen auch eine echte Feuerprobe beſtehen könnte?“ Wir wollen den Verſuch nicht machen, ſondern verſtändig zu⸗ ſammen plaudern!“ Sie ließ ſich auf der einen Seite des Kamins in einem tiefen Fauteuil nieder, während er ſeufzend auf der anderen Seite Platz nahm. Das ſchöne Mädchen nahm von dem Geſimſe einen grünen Fächer, um vermittelſt desſelben die Gluth des Feuers von ihrem Geſichte abzuhalten; ihre beiden Füßchen über einander gelegt, ruhten auf einem Kiſſen, das ſich vor dem Kamine befand. Wie ſauste der Wind zuweilen durch den Kamin herab und blies zu⸗ dringlich in die Flammen, daß dieſe vor Zorn dunkelroth aufglühten, wo⸗ rauf alsdann der tolle Geſelle draußen brauſend um die Ecke des Hauſes flog oder an den Fenſtern herumfuhr, daß ſie ängſtlich klirrend erzitterten! Rodenberg ſchaute in die Gluth des Feuers und ſagte nach einer längeren Pauſe in ruhigem erzählendem Tone:„Es war einmal ein wilder Bube, der hatte ein kleines Mädchen verlockt, mit ihm in den Wald zu gehen.“ „Das Mädchen hätte ihm nicht folgen ſollen,“ meinte ſie. „Sie folgte ihm aber doch, obgleich ſie obendrein die Tochter des Königs war und er nur ein armer, unbedeutender Geſelle— denn ſie liebten ſich!“ „A— a— a—ah!“ „Im Walde wurden ſie durch ein furchtbar wildes Wetter über⸗ raſcht, ſo ungefähr wie das, welches da draußen tobt, und fanden nach langem Suchen eine verlaſſene Hütte, wo es dem Geſellen nach vieler Mühe gelang, ein hell loderndes Feuer anzuzünden, vor welches ſie ſich hinſetzten, ſtumm und traurig, wie wir hier.“ Achtunddreißigſtes Kapitel. „Jedes in ſeiner Ecke— ich finde das von der Königstochter ſehr verſtändig.“ „Aber der wilde Bube blieb nicht lange ſo ſitzen, denn ihm wollte das Herz faſt zerſpringen aus Liebe zu der ſchönen Königs⸗ tochter und vor Kummer, daß er ſie wieder verlieren ſolle.“ „Die Königstochter aber befahl ihm wahrſcheinlich, er ſolle ruhig ſitzen bleiben?“ „Sie befahl es ihm allerdings, und ſo gern er ihr auch ge⸗ horſam geweſen wäre, er konnte ſich nicht enthalten, zu ihren Füßen niederzuſtürzen und ihr auf's Neue von ſeiner heißen, innigen Liebe zu reden!“— Bei dieſen Worten that der junge, glühende Mann ſo, wie er erzählte; er kniete zu Juanita's Füßen nieder, und als ſie ſich raſch erheben wollte, umfaßte er ihren Leib und hielt ſie ſanft zurück. „O, Juanita,“ flehte er,„meine ſüße, innig geliebte Juanita! wie kann ich in der letzten Stunde unſeres Beiſammenſeins Dir ſo kalt gegenüber ſitzen; es iſt grauſam, dies zu verlangen, und Du ſelbſt willſt nicht, daß ich Deinen Worten Folge leiſte, denn dieſe Worte entſprangen Deinem Verſtande, während Dir Dein Herz ſagt, daß Du mich liebſt, ja, daß Du mich eben ſo heiß und innig liebſt, als ich Dich! O, Juanita, geſtehe es mir, mit einem einzigen Worte, oder wenn Du nicht reden willſt, ſo lege Deine beiden lieben Hände auf mein Haupt, ſo neige Dein Geſicht zu mir herab und laß mich die ſüßen Worte in deinen ſchönen, glänzenden Augen leſen!— O, meine Juanita, Du ſagteſt mir, das Schickſal werde uns aus einander reißen, ich hätte nicht das unendliche Glück, Deinen Lebenspfad wandeln zu dürfen— ſchrecklich, wenn es ſo wäre! Doch ich will Dir glauben, denn Du biſt eine Seherin, eine Heilige— aber, wenn es ſo iſt, ſo ſage mir, ehe wir vielleicht für immer ſcheiden: haſt Du mich wirklich geliebt und willſt meiner nicht vergeſſen?“ Er hatte ſich bei dieſen Worten, die er in leidenſchaftlicher Haſt ausſtieß, feſt an ſie geſchmiegt, und ſie litt es geduldig; ſie Sah ein Knab' ein Röslein ſtehn. 151 that, wie er gewünſcht, ſie umfaßte ſein Haupt mit ihren kleinen Händen, ſie beugte ſich auf ihn herab mit offenen, glänzenden Augen, ſie näherte langſam ihre heißen, durſtigen Lippen den ſei⸗ nigen, ſie küßte ihn zu wiederholten Malen mit einer unſagbaren Gluth und Innigkeit. „Ah, Juanita,“ ſeufzte er,„Deine Lippen ſind Roſen!“ „Fürchte die Roſen!“ „Wunderbare, duftige Roſen, ſie ziehen uns zauberhaft mächtig an— o, ich möchte meine Seele in die Roſen verſenken!“ „Fürchte die Roſen, Arthur, ich ſagte Dir das ſchon früher; ſie verdecken trügeriſch einen Abgrund, der uns auf ewig ſcheiden muß!“ „Nein, nein, Juanita!“ „Arthur, gewiß— höre mich einen Augenblick ruhig an.“ — Sie drückte mit ihren kleinen Händen ſeinen Kopf etwas von ſich und lehnte ihr Haupt zurück.—„Das Märchen, welches Du vorhin erzählteſt, iſt noch nicht zu Ende. Allerdings litt es die Königstochter ein paar Augenblicke, daß der wilde Knabe vor ihr kniete; dann aber ſagte ſie: Fürchte die Beherrſcherin der Feen, die über meinem Haupte wacht— dringe nicht weiter in mich mit Deiner Liebe und ſei verſichert, daß ſonſt dieſes Dach, das uns Schutz verliehen, über uns zuſammenbricht und wir mit bitterer Reue und Vorwürfen im Herzen in die wilde Nacht hinausfliehen müſſen, Jedes ſeinen einſamen, dunkeln Pfad, und daß wir uns alsdann niemals, niemals wiederſehen werden!“ „Das iſt nicht möglich!“ rief er aus und ſetzte aufjauchzend hinzu:„Sie liebt mich, ſie liebt mich, ſie muß mich wieder ſehen!“ Und von Neuem zog er das ſich ſträubende Mädchen in ſeine Arme, ſuchte ihre Lippen und fand ſie auch zu einem langen, lan⸗ gen, ſeligen Kuſſe. Da war es, als wenn die Feenkönigin ſelbſt mahnend, war⸗ nend, rettend ihre mächtige Hand zwiſchen die beiden Liebenden aus⸗ ſtreckte. Ein gewaltiger Windſtoß fuhr durch den Kamin herab, ließ Myriaden Funken aus dem Feuer auſfſteigen und öffnete eines —’ 15²2 Achtunddreißigſtes Kapitel. der ſchlecht verſchloſſenen Fenſter des Gemaches, um alsdann heulend und brauſend einzudringen. Juanita hatte dieſen Moment benutzt und war raſch in die Höhe geſprungen.—„Hörſt Du, wie ſie uns drohen, die unſicht⸗ baren Mächte?“ rief ſie, indem ſie ihre Hände abwehrend gegen Arthur ausſtreckte.„Verſtehſt Du dieſen Ruf, dieſe Klage? Laß ſie Eingang finden in Dein Herz— ſei zufrieden und glücklich in der Erinnerung— lebe wohl— lebe wohl— unſer Märchen iſt zu Ende geſpielt!— Wenn Du mich liebſt, ſo verlaß mich um dieſer Liebe, um Deiner Ehre willen— fürchte den Abgrund, der uns auf ewig ſcheiden muß— Du ſollſt und mußt mich verlaſſen— ich will es— lebe wohl!“ Sie faltete ihre Hände gegen ihn, und als ſie dieſelben darauf erhob, um ſie an ihre Lippen zu drücken, ſah er ihr Auge in feuchtem Glanze— nur einen kleinen, kurzen Augenblick, ehe ſie ſich umwandte und raſch im Nebenzimmer verſchwand. Er wußte nicht wie ihm geſchehen; wild raste das Blut durch ſeine Adern, und wenn er auch die Hand auf ſein Herz drückte, er vermochte nicht, das ungeſtüme Klopfen deſſelben zu bewältigen. Tief auf athmete er, und wohlthuend war ihm dabei die kalte Nachtluft, die in das Zimmer drang. Er warf einen glühenden Kuß nach der geöffneten Thür des Nebengemaches und wandte ſich darauf, um in gewaltiger Anſtrengung das Zimmer zu verlaſſen. — Sollte er aber nicht vorher das Fenſter ſchließen? Erwartete Juanita nicht, daß er, wenn auch nur mit einem einzigen Worte, Abſchied von ihr nehme?“ Einen letzten Abſchied, wer weiß, auf wie lange? Da war es ihm, als hörte er im Nebenzimmer einen leiſen Ton, einen Seufzer, ein unterdrücktes Weinen— oder täuſchte er ſich— vernahm er den Wind, der durch den Kamin ſauste, oder war es das Rauſchen ihres Gewandes.—„Arthur, ich will, daß Sie mich verlaſſen, um des Himmels Barmherzigkeit willen, Arthur — fürchten Sie meinen Zorn— fürchten Sie meinen Dolch!“ XXXIX. „Es ſind bereitet Dir drei harte Schläge!“ Menn man von der naßkalten, windigen Straße, wo Regen und Schnee unbedingt regierten, wo ein ſcharfer Nordweſtwind an den Ecken lauerte und die harmlos Daherwandelnden meuchlings überfiel, um ſie erſt nach tüchtigem Durcheinanderſchütteln und heftiger Gegenwehr wieder ihres Weges ziehen zu laſſen; wenn man dabei die zerriſſenen Wolken an dem dunkeln Nachthimmel dahin⸗ jagen ſah, tückiſch bemüht, jedes Sternlein auszulöſchen und den wohlthuenden Glanz des Mondes zu verdecken,— in einen der kleinen Eckſalons des Kaiſerlichen Hofes eintrat, ſo konnte man ſich eines unendlich behaglichen Gefühls nicht erwehren, indem man in dieſem von Blumen durchdufteten, angenehm erwärmten Raume die kleine Tafel für acht Perſonen mit allem Comfort, aller Eleganz, allem Raffinement ſervirt fand: das reiche Kryſtall⸗ und Silber⸗Service, worin ſich zahlreiche Lichter blendend wiederſpiegel⸗ ten, das rieſenhafte Bouquet auf der Spitze des Tafelaufſatzes, welcher eine förmliche Pyramide bildete, deren Fundamente aus derben Früchten, Orangen, Mandarinen, Feigen und dergleichen beſtehend, oben mit zierlichen, herabhangenden Weintrauben gekrönt waren, und noch höher hinauf die feinſten Zuckerwerke, beſonders Fondants, im Geſchmacke aller nur erdenklichen feinen Obſtſorten Hackländer's Werke. 55. Bd. 11 Neununddreißigſtes Kapitel. zeigten. In geſchliffenen Caraffen glänzten weiße und rothe Weine, deren Goldglanz, oder deren dunkelrothe Gluth etwas Ausgezeich⸗ netes verſprach, während noch vornehmere ihres Geſchlechtes, mit ſtattlichen Etiquetten verſehen, auf Nebentiſchen kalt und warm frap⸗ pirt ſtanden, bis ſpäter die Reihe an ſie kommen würde. In einer Ecke des Gemaches, auf zierlichem Unterſatze, ſtand ein ſilberner Flaſchenkühler, ein wahres Kunſtwerk, der Stolz des Hauſes, wo aus ſchimmerndem Eiſe die grün verpichten Hälſe von einem halben Dutzend Champagnerflaſchen hervorſchauten. Auf dem Ecktiſche, bei jedem Gedecke, zu welchem eine Unmaſſe von Gläſern der verſchie⸗ denſten Formen und Farben, Löffel, Meſſer und Gabeln in allen erdenklichen Größen, ſo wie ſonſtige fabelhafte Handwerkszeuge gehörten, lag, in einfacher Weiſe gedruckt, das Menu des heuti⸗ gen Diners. Eigentlich iſt es uns noch nicht vergönnt, einen Blick in die⸗ ſen Speiſeſalon zu werfen; doch da die Flügelthür zum Neben⸗ zimmer, in welchem wir uns gerade befinden, offen ſteht, ſo konn⸗ ten wir uns nicht enthalten, neugierig hineinzuſchauen. Hier in dem Nebenzimmer befindet ſich der Major von Wer⸗ denberg, um Seiner Hoheit Gäſte zu empfangen, von welchen aber noch Niemand vorhanden iſt, als Walter, der etwas früher von Hauſe fortgegangen war und, in einer benachbarten Hausthür ſtehend, mit Sehnſucht die Zeit erwartet hatte, die ihm allenfalls erlaubte, ſich zum Diner einzufinden; doch war dies immerhin noch ſo früh geſchehen, daß er faſt eine kleine Viertelſtunde warten mußte, ehe der Adjutant des Prinzen erſchien, um ſich als außer⸗ ordentlich höflicher Mann dringend zu entſchuldigen. 4 Walter aber fühlte ſich ſelbſt einer ſolchen Entſchuldigung höchſt benöthigt und machte ſie ſogleich in doppelter Hinſicht wegen ſeines zu frühen Erſcheinens und wegen des mangelnden Frackes. Ueber Beides aber beruhigte ihn Werdenberg auf die freund⸗ lichſte Art von der Welt, indem er ſagte:„Herr von Rodenberg wird Ihnen mitgetheilt haben, daß der Prinz bei ſeiner Einladung Es ſind bereitet Dir drei harte Schläge! 155 ausdrücklich hinzuſetzte, ein kleines Diner sans cérémonie- alſo im Anzuge, wie es Einem gutdünkt— ein kleines einfaches Mittageſſen.“ Der alte Maler konnte ſich hierbei nicht enthalten, einen er⸗ ſtaunten Blick in das Nebenzimmer zu werfen und bei ſich zu denken: zwenn das die Anſtalten zu einem einfachen Mittageſſen ſind, ſo möchte ich wirklich einem beiwohnen, das mit einiger Feierlichkeit gegeben wird!“ „Was nun Ihr frühes Kommen anbelangt, mein lieber Herr Profeſſor, ſo kann ich Sie verſichern, daß mir dies außerordentlich erwünſcht iſt, indem es mir die Muße gönnt, mit Ihnen vor un⸗ ſerem kleinen Diner ein wenig zu plaudern.“ Walter verbeugte ſich geſchmeichelt. „Ich ſagte Ihnen neulich ſchon,“ fuhr der Adjutant fort,„daß Seine Hoheit, wie Sie auch bereits wiſſen werden, ein ganz außer⸗ ordentlicher Kunſtfreund iſt; nicht ein ſolcher, welcher Bilder, Bron⸗ zen, Waffen, alte Möbel nur deßhalb kauft, weil es Mode iſt, der⸗ gleichen zu beſitzen, ſondern einer, der mit Kunſtſinn und einem geläu⸗ terten Geſchmacke nur das wirklich Schöne erwirbt und der dies bei der Einrichtung ſeines Schloſſes am Mittelrheine auf's glänzendſte bewieſen hat.“ „Ich hörte davon reden,“ entgegnete Walter,„und es erregte in mir mächtig die Luſt, dieſe Herrlichkeiten einmal anſchauen zu dürfen.“ „Dazu iſt Hoffnung vorhanden,“ gab Werdenberg mit einem pfiffigen Lächeln zur Antwort und ſetzte hinzu, indem er ſein Ge⸗ genüber mit dem Zeigefinger leicht auf die Bruſt tippte:„Hoffnung, — große Hoffnung!“* „Ich wäre entzückt darüber!“ „Und dazu haben Sie alle Urſache, denn ich kann Sie ver⸗ ſichern, das iſt eine ganz ſuperbe Einrichtung, räuberhaft— Seine Hoheit haben ſchon längſt die Abſicht, eine kleine Kapelle im dor⸗ tigen Schloßhofe al fresco ausmalen zu laſſen, und als neulich wiederholt die Rede auf dieſen Gegenſtand kam, erlaubte ich mir Ihren Namen zu nennen.“ Neununddreißigſtes Kapitel. „Wofür ich Ihnen außerordentlich dankbar bin!“ ſagte erfreut der alte Maler. „Keine Urſache, mein lieber Herr Profeſſor; ich habe Ihre heilige Cäcilie geſehen und ich muß Ihnen geſtehen, daß Zeichnung, Colorit, Stimmung, geniale Auffaſſung, Schwung der Geſtalten ganz außerordentlich immens ſind— auf Ehre trichinenhaft— ich war förmlich gerührt von dem Bilde, und es war mir zu Muthe, als höre ich ebenfalls die Engel ſingen!“ 4 Walter verbeugte ſich abermals. „Wahrhaftig, als hörte ich ſelbſt die Engel ſingen!“ wieder⸗ holte Werdenberg—„natürlich war das eine Täuſchung, wie ſich bald herausſtellte, und nur der Klang einer entfernten Straßenorgel — aber Sie können daraus ermeſſen, in welche räuberhafte Stimmung mich Ihr wunderbares Bild verſetzte!“ „Sie ſind zu freundlich, Herr Major!“ „Nein, nein, es iſt ein vortreffliches Bild! Seine Hoheit ſind ganz derſelben Anſicht, und Seine Hoheit,“ ſetzte der Adjutant flüſternd hinzu,„haben mir befohlen, bei Ihnen leiſe anzuklopfen, aber ganz leiſe und diplomatiſch, ob Sie vielleicht geneigt ſeien, die kleine Kapelle, von der ich vorhin ſprach, al fresco auszumalen.“ „Ich würde glücklich über einen ſolchen Auftrag ſein!“ „Ein Auftrag,“ erwiederte der Adiutant, indem er mit ver⸗ traulicher Miene ſeinen Mund dicht an das Ohr des Andern brachte, „bei dem allerdings viel Ruhm und Ehre zu gewinnen wäre, wenn Ihre Forderungen, mein lieber Herr Profeſſor, mäßig geſtellt würden, das heißt mäßig, ohne dabei Ihrem Verdienſte zu nahe treten zu wollen. Sie werden mich verſtehen und meine freundſchaftlich ge⸗ meinten Worte in eben ſolcher Art aufnehmen.“ „Gewiß, Herr Major, und ich bin hoch erfreut darüber!“ „Es kommt nur darauf an, ob Sie im Augenblicke frei ſind denn Seine Hoheit drängen ein wenig mit der Ausführung!“ Walter war ſchon im Begriffe, hierauf zu entgegnen, daß er frei ſei wie der Vogel auf dem Dache; doch fiel es ihm noch zur Es ſind bereitet Dir drei harte Schläge! 157 rechten Zeit glücklicher Weiſe bei, eine etwas bedenkliche Miene zu machen, leicht den Kopf zu ſchütteln und nach einer Pauſe zu ſagen:„Allerdings müßte ich einige bedeutende Aufträge ſo lange bei Seite ſchieben; doch was thue ich nicht, um mich Seiner Hoheit zu verbinden!“ „Alſo in den Grundzügen wären wir einig; Sie ſind geneigt, die Bilder zu übernehmen, und laſſen, was die Bedingungen betrifft, mit ſich reden, ſobald Sie die kleine Kapelle geſehen?“ „Das wäre jedenfalls ſehr nothwendig.“ „Und könnte ſogleich geſchehen, wenn Sie ein paar Tage Zeit hätten, uns ſofort zu begleiten.“ „Und wann, wenn ich fragen darf?“ „Heute Abend noch. Seine Hoheit werden nach unſerem kleinen Diner vielleicht gegen eilf Uhr abreiſen; ich folge ihm eine halbe Stunde ſpäter und würde mich glücklich ſchätzen, wenn Sie einen Platz in meinem Wagen annehmen wollten— wir führen alsdann ganz behaglich die Nacht durch, wir plauderten und rauchten, ſchliefen auch hier und da ein wenig, tränken in Coblenz unſeren Kaffee und kämen zum Diner nach Falkenſtein— was meinen Sie dazu?“ „Die Beſchreibung Ihrer Fahrt iſt ſehr verlockend!“ „Wir würden uns räuberhaft amuſiren— auch da oben,“ ſetzte er hinzu, indem er pfiffig lächelnd die Augen zukniff— ſagte aber darauf in einem faſt erſchrockenen Tone:„Sie ſind doch nicht verheirathet?“ „Unbeſorgt,“ lachte Walter—„ich bin ſo ledig, als man nur ſein kann, und hauptſächlich aus dem Grunde kann ich Ihnen die Zuſage geben, noch heute Abend mit Ihnen abreiſen zu wollen.“ „Ah, das iſt ſuperb, trichinenhaft— alſo abgemacht! Doch da kommen von unſeren Gäſten.“ Er eilte nach der Thür, wo man Sporen⸗ und Säbelgeklirr vernahm, und kehrte gleich darauf mit zwei Huſaren⸗Officiren zurück, denen er den Profeſſor Walter, 3 einen ausgezeichneten Künſtler, mit beſonderen Aufträgen Seiner Koheit beehrt, vorſtellte und dann demſelben die Namen der beiden 158 Neununddreißigſtes Kapitel. 2 Officiere nannte:„Major von Prittwitz und der Rittmeiſter von Strachwitz.“ Letzterer reichte dem Maler, als einem alten Bekann⸗ ten, die Hand und ſagte alsdann, ſich umſchauend:„Ich vermiſſe Freund Rodenberg, der, wie mir Werdenberg ſagte, doch ebenfalls zum Diner befohlen worden iſt— hat er ſich verſpätet oder ſind wir zu früh daran?“ „Bis jetzt keines von Beiden,“ gab der Adjutant des Prinzen zur Antwort;„wir haben noch vier Minuten bis ſieben Uhr. Und wenn ich nicht irre, kommt dort Herr von Rodenberg.“ „Nein, es iſt Herr...“ „Rüding,“ ſagte Walter. „Richtig, Herr Rüding, unſer vortrefflicher Cupido, unſer be⸗ neidenswerther, räuberhafter Jagdpage!“ Der ſanfte Eduard trat mit einer tiefen Verbeugung in's Zimmer. Er ſah faſt elegant aus und wäre es in der That geweſen, wenn er zu ſeinen wohlfriſirten Locken, ſeinem tadelloſen Fracke und was dazu gehörte, Glanzſtiefel getragen hätte; er wurde vor⸗ geſtellt und hielt ſich neben Walter, während er den Hut auf ſeinen Bauch drückte. 3 „Du mußt mir zugeben, von Prittnitz,“ ſagte Werdenberg, „daß der wilde Jäger im diesjährigen Maskenzuge die gelungenſte Abtheilung war— haſt Du Herrn Rüding als blonden Jagdpagen bemerkt?— O, ich ſage Dir, räuberhaft! und jener ſchwarze Page...“ „Vigoureux im Sattel, wie man nur was ſehen konnte,“ pflichtete der Rittmeiſter von Strachwitz bei,„und dabei von einer faſt mädchenhaften Zierlichkeit— auch ein Maler— wie heißt er?“ „Ah, da kommt der wilde Jäger ſelbſt,“ ſagte Werdenberg, „der kann uns die beſte Auskunft geben— wenn er will,“ ſetzte er mit einem feinen Lächeln hinzu. „Guten Abend, Rodenberg!“ „Guten Abend, Baron Strachwitz— guten Abend, meine Herren!“ Es ſind bereitet Dir drei harte Schläge! 1⁵⁹ „Wir ſangen eben Ihr Lob,“ ſagte der Rittmeiſter,„Ihnen vielleicht gleichgültig, das Sie wahrſcheinlich aus ſchönerem Munde ſchon genugſam gehört haben werden; aber eine Wiederholung ſchadet immer nichts. Ihr Zug war ganz außerordentlich und wäre das Vollendetſte geweſen, wenn Sie meinen Rappen geritten hätten.“ „Natürlich,“ lachte der Huſaren⸗Major,„Ihr Rappe würde der Sache allerdings erſt die rechte Weihe gegeben haben— übrigens ritt Herr von Rodenberg kein ſchlechtes Pferd.“ „Sie, mein theurer, wilder Jäger,“ ſagte der Rittmeiſter, in⸗ dem er vertraulich ſeine Hand auf die Schulter des jungen Mannes legte,„wir ſprachen eben von Ihrem ſchwarzen Jagdpagen, ein allerliebſter Burſche— kann man ſeinen Namen erfahren?“ „Warum das nicht,“ entgegnete der Gefragte anſcheinend mit großer Offenheit;„es war ein junger Künſtler Namens Schmitz, mit dem eigenthümlichen Vornamen Michel Angelo.“— Dieſer Name fiel ihm natürlicher Weiſe am erſten bei, da ſich ſeine Ge⸗ danken in dem Zauberkreiſe bewegten, den die beiden Schweſtern um ihn geſchlungen. „Für einen ſolchen Jagdpagen gefällt mir der Name ganz und gar nicht,“ meinte Strachwitz;„doch da iſt Seine Hoheit...— Der Prinz trat in's Zimmer, und während er die Anweſenden freundlich begrüßte, hatte der junge Bergmüller, der im Vorzimmer ſein widerſpänſtiges Haar etwas lange friſirt hatte, Zeit, hereinzu⸗ ſchlüpfen und ſich hinter Walter aufzuſtellen. Der Prinz wechſelte mit jedem der Herren ein paar freundliche Worte und nahm dann Werdenberg einen Augenblick auf die Seite, leiſe mit ihm ſprechend.“ Walter ſagte indeſſen zu Rodenberg:„Denke Dir, ich bin eingeladen worden, den Prinzen noch heute Abend nach ſeinem Schloſſe Falkenſtein zu begleiten— es ſollte dort eine Kapelle al fresco ausgemalt werden.“ „Das freut mich von Herzen!“ „Was der Kerl für ein Glück hat!“ 160 Neununddreißigſtes Kapitel. „Ich ſoll ſogleich nach dem Diner mit dem Major Werdenberg fahren, und biſt Du vielleicht ſo freundlich, morgen früh meinen kleinen Nachtſack zu packen und ihn dem Dampfboote mitzugeben.“ „Mit Vergnügen!“ „Aber vergreife Dich dabei nicht zu meinen Gunſten an Rü⸗ ding's koſtbarer Garderobe, ſo lieb es mir auch ſonſt wäre, ein Andenken von ihm mitzunehmen.“ „Mache Dir darüber keine Sorge!“ erwiederte der ſanfte Eduard in einem giftigen Tone—„ich habe heute Nachmittag ſchon meine Sachen gepackt und abgeſchloſſen!“ „Und nun zu Tiſche!“ rief der Prinz in heiterem Tone— „wenn ich ein Zauberer wäre, würde ich Ihnen hierzu die Ouver⸗ ture der Oper Zampa ſpielen laſſen— ich kenne nichts Aufregenderes, nichts, was mich mehr zu Luſt und Heiterkeit begeiſtern kann!“ Alle Acht nahmen nun um den kleinen Tiſch Platz und rüſteten ſich zum Anfange, wobei Walter und Bergmüller in ihrer natür⸗ lichen Ungezwungenheit viel freier und behaglicher erſchienen, als Rüding, der ſich Seine Hoheit als Vorbild genommen hatte und Alles, was dieſer that, auf eine faſt komiſche Art nachäffte. Auſtern mit Chablis! Rüding hatte das Unglück, eines dieſer ſchlüpfrigen Thierchen durch eine gar zu elegante Bewegung mit der Auſterngabel auf den Teller ſeines Nachbars, des Rittmeiſters von Strachwitz, zu ſchleu⸗ dern, während Rodenberg dieſe Schüſſel nicht anrührte, dagegen haſtig einen großen Kelch des feurigen Weines trank. „Wie ich von Werdenberg mit Vergnügen höre,“ ſagte der Prinz zu Walter,„ſo wollen Sie uns heute Abend begleiten— Sie kennen Falkenſtein noch nicht?“ „Nein, Hoheit— ich kenne noch nicht das Innere des Schloſſes, wohl aber ſeine entzückende Lage.“ „Es iſt ſchade, daß uns jetzt noch das Grün der Waldungen fehlt, die es umgeben; doch hoffe ich,“ ſetzte der Prinz verbindlich hinzu,„daß Sie meine kleine Beſitzung auch im Schmucke der Es ſind bereitet Dir drei harte Schläge! 161 ſchönen Jahreszeit ſehen werden.— Lieben Sie keine Auſtern, Rodenberg?“ „O doch, Hoheit,“ entgegnete dieſer, aus tiefen Gedanken auf⸗ fahrend,„doch iſt das Mennu ſo reichhaltig und ſo mit Lieblings⸗ ſpeiſen von mir angefüllt, daß ich behutſam vorgehen möchte!“ „Auſtern reizen den Appetit, und ein Mann von gutem Ge⸗ ſchmacke ſollte nie verſäumen, welche zu eſſen.“ „Gewiß nicht,“ pflichtete der Major von Prittwitz bei;„ich meinestheils würde es für eine Sünde halten, welche vorbeigehen zu laſſen!“ „Es iſt die einzige Speiſe, nach welcher man eine Begierde ſehen laſſen darf,“ ſagte der Prinz lächelnd;„denn ſchon eine alte Lebensregel ſagt, man ſoll ſtets mit drei Auſtern beſchäftigt ſein, die eine muß man in der Hand, die andere im Munde und die dritte im Auge haben— aber laßt unſern wilden Jäger; er gedenkt der verfloſſenen ſchönen Tage des Carnevals und findet mit Schrecken, daß es Aſchermittwoch geworden— habe ich nicht Recht?“ „Gewiß, Hoheit— ich kann das nicht läugnen— die ver⸗ gangenen Tage boten mir des Schönen ſo viel, daß ich ſie mit Wehmuth ſcheiden ſah!“ „Uns Anderen geht es auch nicht beſſer,“ erwiederte der Prinz mit einem leichten Seufzer;„doch haben Sie als Künſtler ſehr viel vor uns voraus. Während wir wieder ins gewöhnliche proſaiſche Leben zurück müſſen, dürfen Sie ſich erlauben, mit Bleiſtift und Farbe die Vergangenheit in glühenden Bildern zurückzuzaubern— laſſen wir ſie leben, dieſe Vergangenheit, die vergangenen lichtvollen Tage des kölner Carnevals!“ Obgleich das Diner nach den Regeln der Kunſt noch nicht bis zum Champagner vorgerückt war, ſo ſtürzten doch die Bedienten eilig herbei, als der Prinz ſein Kelchglas berührte, um den ſchäu⸗ menden Champagner einzugießen. Und darum war es Seiner Hoheit eigentlich zu thun. Der Prinz wollte ſeine Gäſte luſtig und heiter fehen. 162 Neununddreißigſtes Kapitel. Die Gläſer klangen zuſammen und in keinem derſelben blieb auch nur ein Tropfen übrig. „Nodenberg,“ flüſterte der Prinz nach einer kleinen Pauſe dem Maler, welcher an ſeiner Seite ſaß, zu,„ich ſchlage Ihnen einen kleinen Separat⸗Toaſt vor— Sie werden mich verſtehen— trinken wir ganz im Stillen auf das Wohl der liebenswürdigſten Dame, die ich ſeit lange kennen gelernt!“ Der ehemalige wilde Jäger würde auf dieſen Trinkſpruch hin ein kleines Meer von Champagner ausgetrunken haben, wenn man es von ihm verlangt hätte, ſo ſchwärmeriſch gedachte er ihrer und ſo heiß glühte ſein Inneres. „Eigentlich ſollte ich Ihnen böſe ſein,“ fuhr Jener fort,„denn Sie boten die Hand dazu, daß mir auf dem Gürzenich⸗Balle ein wenig ſtark mitgeſpielt wurde!“ „Das iſt wahr,“ lachte der Major Werdenberg;„es war das kein Maskenſcherz mehr, es war eine Maskenverfolgung. Ich erinnere mich keines Manövertages, bei welchem ich ſo in Bewegung geweſen wäre.“ „Ja, und der wilde Jäger war ſchuld daran, daß von mir ſtatt einer ſchönen Dame eine ganz andere Perſönlichkeit ſpaziren geführt wurde.“ Der ſanfte Eduard blickte ſchüchtern auf ein großes Stück wälſchen Hahns nieder, das er ſich nebſt einigen Trüffeln zugelegt hatte, und wagte es kaum, die Augen aufzuſchlagen. „Doch habe ich Alles das verziehen,“ ſagte der Prinz heiter, „und trinke ſogar denen zu, die gegen mich ſich verſchworen.“ „Da wir das in einem ähnlichen Falle wahrſcheinlich Alle gethan hätten,“ ſagte der Baron Strachwitz lachend,„ſo müſſen Sie uns erlauben, ebenfalls mit anzuſtoßen.“ „Und ein zweites Mal,“ fügte Major von Prittwitz heiter bei, „indem ich die Hoffnung ausſpreche, daß es uns vergönnt ſein möge, noch oft ähnliche harmloſe Verſchwörungen gegen Eure Hoheit in's Werk zu ſetzen, mit Einem Worte, auf Ihr Wohl, gnädigſter Herr!“ Es find bereitet Dir drei harte Schläge! 163 Jetzt klangen die Champagnerkelche erſt recht zuſammen, und die zahlreiche Dienerſchaft konnte kaum mit dem Auffüllen derſelben fertig werden. „Ich nehme Ihren Toaſt dankbar an; ehe ich ihn aber erwiedere, muß ich zuerſt hier mit unſerem ſchweigſamen Profeſſor anſtoßen und möchte ihn wohl fragen, warum er ſo ernſt in unſer heiteres Gelage hineinblickt.“ „Darin iſt er wahrhaftig das Spiegelbild unſeres Freundes Rodenberg, den ich heute Abend kaum wiedererkenne,“ rief Strach⸗ witz;„der wilde Jäger ſtarrt trübſelig auf ſeinen Teller, und nur zuweilen, wenn die Gläſer klingen, fährt er auf wie ein edles Schlachtroß, das die Trompete hört.“ „Was mich anbelangt,“ erwiederte Walter, den Champagner⸗ kelch gegen Seine Hoheit erhebend,„ſo fühle ich allerdings, daß ich ein wenig einſylbig bin; und daß ich nicht anders zu ſein vermag, iſt allein die Schuld eines hohen Beſchützers der Kunſt, auf deſſen Wohl ich mir noch ganz beſonders erlaube, mein Glas auszutrinken.“ „Bravo, nur ausgetrunken, das iſt die Hauptſache!“ „Aber bei Allem dem hat der wilde Jäger ſchlecht an mir gehandelt, mißgünſtig im höchſten Grade!“ „Ja, ja, Rodenberg, das können Sie nicht läugnen,“ lachte Werdenberg;„es war ein räuberhaftes Betragen— Sie handelten ſchlecht an uns!“ Im Innern des jungen Malers, der ſcherzhafter Weiſe alſo angeredet wurde, tönten dieſe Worte wie ein ſchmerzlicher Klageruf wieder— ‚Fürchten Sie meinen Dolch!— und er war glücklich, mit dem Glaſe Werdenberg's anſtoßen zu müſſen und dann das ſeinige austrinken zu dürfen. Rüding's Syſtem hatte ſich bis jetzt vortrefflich bewährt und er den Prinzen in Behandlung der aufgetragenen Speiſen auf's glücklichſte nachgeahmt; doch wurden jetzt Artiſchocken ſervirt und unglücklicher Weiſe gerade bei ihm der Anfang damit gemacht— wir ſagen, unglücklicher Weiſe, indem der ſanfte Eduard ſich einige 3 164 Neununddreißigſtes Kapitel. dieſer ihm unbekannten Früchte nahm und keiner der übrigen Herren ſeinem Beiſpiele folgte, was ihn ſchon deßhalb in große Verlegenheit ſetzte, weil die Dienerſchaft mit dem Wechſeln der Teller warten mußte, bis er mit ſeinen Artiſchocken fertig geworden und er ſo ein Dutzend erwartungsvoller Augen auf ſich gerichtet ſah. Er hatte nicht verſäumt, ſie tüchtig mit Sauce zu begießen, und fing dann, nach einem kummervollen Blicke rings umher, mit dem Muthe der Verzweiflung an, die Artiſchocken mittelſt Meſſer und Gabel zu zerſchneiden, die Biſſen zu kauen, ſo gut ihm das gelingen wollte, und dann hinunterzuwürgen. Zu verſchweigen iſt indeſſen dabei nicht, daß er faſt einem Erſtickungsanfalle unterlegen wäre und nur dadurch gerettet wurde, daß ihm einer der mitfühlen⸗ den Bedienten raſch den Teller wegnahm und daß ihm Walter, dem dieſe Scene wieder zu ſeiner Heiterkeit verholfen, mit einem gelinden Rippenſtoße zuflüſterte, raſch eine Rede zu halten und ſich ſo auf geiſtreiche Art aus der Affaire zu ziehen. Wäre Rüding nicht ſo gänzlich verdutzt geweſen, ſo hätte er dieſem boshaften Rathe gewiß keine Folge geleiſtet; ſo erhob er ſein Glas, öffnete den Mund, als ob er ſprechen wollte, wodurch ſein Geſicht das Ausſehen eines Karpfen bekam, der zufällig auf den Sand gerathen iſt, ſtarrte ein paar Secunden lang mit einem wirklich blödſinnigen Lächeln die Anweſenden an und ſetzte alsdann das Glas, indem er tief und haſtig ſchluckte, wieder nieder. „Ah,“ rief der gutmüthige Strachwitz,„ich verſtehe dieſe ſtille Mahnung unſeres kleinen, vortrefflichen Künſtlers— ſein Herz war zu voll, um einem Trinkſpruche Worte zu leihen— ‚Was wir lieben!— ein Toaſt, der gewiß Jedem aus der Seele geſprochen iſt— alſo, was wir lieben!“ Warum klangen dabei immerfort, und jetzt wieder ſtärker als vorher, in Rodenberg's Seele jene unglückſeligen Worte wieder: Fürchten Sie meinen Dolch!— jetzt dachte man ſeiner in Haß und Verachtung! Er hatte während des Diners faſt nichts gegeſſen, aber mit Es ſind bereitet Dir drei harte Schläge! Abſicht Champagner getrunken, um ſich zu betäuben— doch gelang es ihm nicht— ſein verzehrender Durſt mehrte ſich mit jedem Glaſe, ſein Bewußtſein wurde immer klarer, ſeine Gedanken richteten ſich immer mehr mit einer für ihn erſchreckenden Schärfe auf die jüngſte Vergangenheit— ‚Fürchten Sie meinen Dolchl⸗ Das kleine Diner näherte ſich ſeinem Ende; ein prachtvoller Aufſatz von Gefrorenem, in Form, Farbe und Geſchmack der ver⸗ ſchiedenartigſten Früchte, kühlte für einen Augenblick die Hitze des Weines, um dieſelbe gleich darauf wieder flammender emporlodern zu laſſen. „Nehmen Sie, meine Herren, nehmen Sie!“ rief der Prinz heiter—„das Eis iſt vortrefflich, ich liebe es ganz beſonders und freute mich ſchon im Voraus während des ganzen Diners darauf— mein lieber Profeſſor,“ wandte er ſich an Walter,„verſuchen Sie dieſe Schnitte Ananas, und Ihnen, Rodenberg, rathe ich dieſe kleine Melone mit Champagnerſchaum gefüllt!“ „Warum mir, Hoheit?“ „Um Sie ſelbſt ein wenig zum Schäumen zu bringen— Sie ſind verzweifelt ernſt— hat das vielleicht ſeine Urſache?“ ſetzte er mit einem auflauernden und aufleuchtenden Blicke hinzu—„waren wir unglücklich?— Ja, mein lieber, junger Freund, man darf den Weibern nicht zu viel trauen! Erlauben Sie,“ fuhr er mit lauter Stimme, aber mit einem lächelnden Seitenblicke auf ſeinen Nachbar fort,„daß ich Ihnen in Betreff des Gefrorenen den Aus⸗ ſpruch einer Südländerin— ich glaube, einer Spanierin— mit⸗ theilte: ‚Es iſt ſchade, meinte dieſe, ‚daß das Eiseſſen keine Sünde iſt, dann würde ich's noch einmal ſo gern thun!““ „Ein ſuperber Ausſpruch— trichinenhaft! Die Südländerinnen ſollen leben!“ „Damit bin ich einverſtanden,“ ſagte Seine Hoheit ſtill lächelnd — vor allen die Spanierinnen!“ Und wieder ſtießen die Gläſer zuſammen, lauter und klingen⸗ der, und wieder wurden dieſelben mit einer außerordentlichen Ge⸗ Neununddreißigſtes Kapitel. ſchwindigkeit gefüllt. Lachen und Scherz tönten um die kleine Tafel, und da der Zeitpunkt gekommen war, wo faſt Alle zuſammen ſprachen, ſo war es begreiflich, daß Jeder nicht nur die Frage ſeines Nachbars beantwortete, ſondern ſeine Einfälle und Bemerkungen bald Dieſem, bald Jenem Preis gab; ja, dieſe luſtigen Einfälle, oft von ſchallendem Gelächter begleitet, nahmen die Gäſte ſo ſehr in Anſpruch, daß faſt keiner von ihnen bemerkte, wie der Prinz langſam ſeinen Stuhl zurückſchob und in's Nebenzimmer verſchwand. Eine Stunde um die andere war ſeit dem Beginne des hüb⸗ ſchen Gelages verronnen, und als endlich die Standuhr über dem Kamine abermals anſchlug, zog der Major von Werdenberg mit einer etwas ſchwerfälligen Bewegung ſeine Uhr aus der Taſche und überzeugte ſich, obgleich mit unſicherem Blicke, daß es ſchon um die eilfte Stunde ſei. „Alle Weiter, meine Herren,“ rief der Adjutant des Prinzen, „ſo leid es mir thut, muß ich doch zum Aufbruche blaſen— nur nicht haſtig, nur nicht haſtig— ich muß für ein paar Augenblicke nach meinen kleinen Angelegenheiten ſehen und komme gleich wieder!“ Alle hatten ſich erhoben. Die beiden Offiziere zündeten ſich eine Cigarre an, und während Rüding, mit eigenthümlichem Lächeln vor einem Spiegel ſtehend, durch ſeine blonden Locken ſtrich, war Roden⸗ berg an den Kamin getreten und blickte finſter in die Gluth deſſelben. Walter trat neben ihn, legte ſeine Hand auf die Schulter des Freundes und ſagte in einem viel weicheren Tone, als man es ſonſt an ihm gewohnt war:„Warum biſt Du ſo traurig, mein Junge — thut es Dir leid, daß wir heute Alle aus einander gehen?“ „Auch das, Walter!“ „Und was ſonſt noch?“ „Wenn ich es Dir ſagen könnte, würde ich es gewiß thun— doch kommt auch die Zeit vielleicht— ja, ſie kommt, und ich ſehne mich darnach, wo ich mein Haupt an Deine Bruſt legen werde, Du treuer Geſelle, und mich ausweinen, wie ich es heute thun möchte und nicht thun darf!“ Es ſind bereitet Dir drei harte Schläge! 167 Der alte Maler ſchüttelte bedenklich mit dem Kopfe, als er in das ſonſt ſo heitere, fröhliche Geſicht ſeines Freundes ſchaute, als er die zuſammengepreßten, ſchmerzlich zuckenden Lippen ſah und den feuchten Glanz in Rodenberg's Augen. „Kann ich Dir irgendwie helfen?“ fragte Walter haſtig. „Sag'’ es mir, mein Junge, und ich werde nicht daran denken, Dich zu verlaſſen!“ „Im Gegentheil, ich bitte Dich, mich zu verlaſſen— mich allein zu laſſen— ich werde alsdann ein wenig toben, ein wenig nachdenken und dann ſchließlich ruhiger werden— hoffentlich ſehen wir uns ja bald wieder!“ „Gewiß, mein Junge— wer ſollte daran zweifeln?“ „Alſo auf baldiges Wiederſehen— ohne Abſchied, mein Freund! Deine Sachen werde ich Dir morgen nach Falkenſtein beſorgen.“ Werdenberg war wieder eingetreten, hinter ihm ſein Diener mit Mänteln auf dem Arme. „Ich habe auch einen für Sie mitgebracht, mein lieber Pro⸗ feſſor,“ ſagte der Adjutant luſtig;„obgleich wir einen verſchloſſenen Wagen haben, ſo könnte es während der Nacht doch frieren.— Und nun, meine Herren, Verzeihung, daß ich Sie verlaſſen muß, Sie kennen das große Wort ‚Dienſt'.“ „Du brauchſt wahrhaftig keine Entſchuldigung,“ entgegnete lachend der Baron Strachwitz;„wenn man vier Stunden lang ſo dinirt hat, dann ſehnt man ſich nach friſcher Luft— nicht wahr, Rodenberg?“ „Gewiß— ganz gewiß— ich bin vollkommen Ihrer Meinung,“ erwiederte dieſer, aus ſeinem Hinbrüten auffahrend—„wollen Sie keine Cigarre?“ „Ich danke!“ Jetzt trat Rüding zu den beiden Freunden und machte einen verunglückten Verſuch, wehmüthig auszuſehen. Auch Bergmüller, der mit ſtillem Behagen viel gegeſſen und im Verhältniß dazu getrunken hatte, erhob ſich aus einem Fauteuil in der Ecke des Zimmers. —— 168 Neununddreißigſtes Kapitel. „So wollen auch wir hier von einander Abſchied nehmen,“ ſagte der ſanfte Eduard—„behaltet mich im Andenken!“ „Das wollen wir gewiß thun,“ entgegnete Bergmüller, bei dem der kleine Champagnerrauſch plötzlich in eine tiefe Rührung über⸗ ſchlug, ſo daß er mit ſchluchzender Stimme fortfuhr:„Ich bin Euch ſehr viel Dank ſchuldig— namentlich Dir, guter Rodenberg— denn aus einem geknechteten, armen Kerl— in bunter Kattunjacke — bin ich wieder ein Künſtler geworden— mit famoſen Be⸗ ſtellungen— und das drückt mir das Herz ab vor Wehmuth!“ „Sei geſcheit, Kohlenmüller,“ brummte Walter,„und mache hier keine Scene; ſei fleißig, ehre Deine Schwiegermutter, liebe Deine Frau und ziehe Deine Kinder gut, wenn Du zmal welche haſt!“ „So laßt uns dieſen ſuperben Abend mit einem letzten Glaſe beſchließen,“ rief Werdenberg;„ich habe mich räubermäßig amuſirt — auf Ehre, trichinenhaft!“ Damit ſchieden ſie von einander. Der Adjutant und Walter fuhren davon. Rüding und Bergmüller zogen Arm in Arm nach dieſer Richtung, die beiden Oſſiciere nach einer anderen, und Roden⸗ berg ſah ſich allein in der dunkeln, ſtürmiſchen Nacht. Langſamen Schrittes ging er dahin durch die ſtillen Straßen; hatte er doch durchaus keine Urſache, ſich zu beeilen, gab es doch nichts, was ihn heute nach Hauſe zurückgezogen hätte, wußte er doch, daß er, wenn auch behagliche, doch leere Räume finden würde daß ihn keiner der Freunde erwarte, daß Niemand da ſein würde, um noch eine Stunde angenehm mit ihm zu verplaudern— da⸗ gegen aber graute es ihm förmlich vor dem ſtillen Hauſe, vor jenen ſchönen friedlichen Räumen, zu welchen es ihn noch heute Nachmittag ſo mächtig hingezogen hatte— zu ihr, zu ihr!— Und wenn er jetzt an ſie dachte, ſo hemmte ſich ſein Schritt, und er hätte lieber fort und fort durch die Nacht gehen mögen, als unter das Dach zurückkehren, wo jener Ruf erklungen war: Fürchte meinen Dolch!' Und wenn er ſo dachte und darauf zögernd dahin ſchritt, ſo trieb er ſich ſelbſt im nächſten Augenblicke wieder raſcher vorwärts, Es ſind bereitet Dir drei harte Schläge! 169 nicht trotzig, ſondern verzweiflungsvoll, zu ihr.— Ja, ja,“ rief es alsdann in ihm, ‚hin zu ihr, zu ihren Füßen Verzeihung erbetteln will ich, muß ich! Auf der Schwelle ihrer Thür werde ich mich lagern und ſo lange ihren Namen flüſtern in tiefem Schmerze und leidenſchaftlicher Liebe, bis ſich ihr Herz erweicht und ſie mir ein Wort der Verzeihung gönnt— ah, ſie muß mir verzeihen, ſie muß! Ich werde ihre Kniee umfaſſen, ich werde eine ihrer lieben Hände ergreifen und die ſüßen Finger ſo lange an mein Herz, an meine Stirn, an meine Augen, an meinen Mund drücken, bis ſie durch Thränen lächelt und das Wort der Vergebung ausſpricht!⸗ Wie war die Stadt im Vergleiche zu geſtern Abend heute ſo ſtill und ruhig! Rodenberg begegnete keinem lebenden Weſen, und wo er irgend ein Geräuſch zu vernehmen glaubte, da war es der Wiederhall ſeiner eigenen Fußtritte auf dem Pflaſter oder ein Wind⸗ ſtoß, der ſich heulend an einer Hausecke brach. Dabei war es kälter geworden, der Regen hatte aufgehört und der Schnee wehte dem einſam Dahinwandelnden in's Geſicht und begann ſich ſchon hie und da auf Dächern und in trockenen Winkeln zu einer leichten, weißen Decke anzuſetzen. Rodenberg dachte ſo lebhaft an jenen Abend, wo er mit den Freunden hier eingetroffen war; an jenen dadurch unangenehmen Abend, daß ſie, ungewiß des ihnen zu Theil werdenden Empfanges, durch die Straßen zogen. Und doch, welcher Unterſchied zwiſchen damals und jetzt, welcher Unterſchied zu Gunſten der Nacht ihrer Ankunft!— Was hätte er darum gegeben, heute nochmals ſo durch die nächtlichen Straßen ziehen zu dürfen in heiterer Laune, ſeinen kleinen Nachtſack in der Hand, im Geleite der Freunde! Er war jetzt wieder in jene Straße gekommen, durch die er auch damals vom Eigelſtein hergewandelt war; dort links ging es zum Rheine hinab, da war der Thurnmarkt und das Fenſter des kleinen Wirths⸗ hauſes, zu welchem heraus damals das Mädchen geſungen hatte: „Faſtelovend kütt eran!“ Hackländer's Werke. 55. Bd. 12 170 Neununddreißigſtes Kapitel. Vorbei.— vorbei— alles das vorbei!— Vorbei die glück⸗ liche Zeit, wo man ihn erwartet, wo man vielleicht in der ſtillen Nacht an das Fenſter geeilt war und hallenden Fußtritten gelauſcht, wo man gewiß mit Vergnügen und Herzlichkeit die Meldung ent⸗ gegengenommen, daß die Freunde angekommen ſeien— vorüber die ſelige Stunde des Empfanges, all' die wunderbaren Augen⸗ blicke, die er dort verlebt— vorbei die Zeit, wo er überzeugt war, ſie freue ſich, wenn ſie ſeinen Tritt auf dem Corridor vernahm— vorbei— vorbei die glänzenden Tage des Carnevals— vorbei das heitere Zuſammenleben mit den Freunden— vorbei all' die Tage und Stunden ſeines Glückes— und er nun allein ſtehend in der kalten unheimlichen Nacht, die einem ſo kalten, trüben Aſcher⸗ mittwoch gefolgt war! „s iſt begreiflicher Weiſe jetzt zu ſpät, um auch nur den Verſuch zu machen, noch etwas von Juanita zu exrfahren,“ dachte er dahinſchreitend; ich muß die lange, lange Nacht dahingehen laſſen, aber nicht ohne mich mit ihr zu beſchäftigen— ich werde ihr ſchreiben, einen langen, langen Brief ſchreiben, worin ich meine Selbſtanklage, die wilden Vorwürfe, die ich mir mache, an ihr gutes Herz lege, worin ich ſie um Verzeihung anflehe. Und dieſes Schreiben muß das Erſte ſein, was morgen früh ihren Blicken begegnet—„ja ſchreiben will ich ihr,“ rief er mit einem Athem⸗ zuge der Erleichterung,„und aus meinen Worten ſoll ſie erſehen, zwiſchen den Zeilen ſoll ihr reiner Sinn leſen, wie unglücklich ich mich ſelbſt gemacht!“ Da ſtand er vor dem Hauſe, und es ſchaute ihn ſo finſter und unbewohnt an wie vor einigen Tagen, als er mit den Freun⸗ den hier geſtanden; doch machte das finſtere Ausſehen des alten Gebäudes heute nicht die gleiche Wirkung auf ihn, wußte er doch, wie freundlich, wie wohlthuend behaglich es im Innern ausſah,— ah, das Innere deſſelben— wahrſcheinlich jetzt ſein verlorenes Paradies! Er rührte nur leicht den Klöpfer, er kannte ja die aufmerk⸗ ſame Bedienung des Hauſes; brauchten er und ſeine Freunde doch Es ſind bereitet Dir drei harte Schläge! 171 nur das geringſte Zeichen ihrer Anweſenheit zu geben, und augen⸗ blicklich öffnete ſich die Thür, um Eintritt zu geſtatten in den ſanft erwärmten, angenehm erhellten Vorplatz. Heute nicht— das war doch eigenthümlich; man mußte ihn doch gehört haben— es war ſchon ſpät. Er klopfte wieder und lauter, als das erſte Mal— er mußte zum dritten Male klopfen und zum vierten Male, und als er end⸗ lich zum fünften Male den ſchweren Thürklöpfer in Bewegung ſetzte, ſchüttelte er leicht und nachdenklich mit dem Kopfe.„Was iſt das — was hat das zu bedeuten?“ Endlich rührte ſich etwas im Hauſe, es waren langſame ſchlep⸗ pende Fußtritte, die ſich der Thür näherten, und dann fragte eine dünne, zitternde Stimme:„Wer iſt da, und was will man ſo ſpät in der Nacht?“ Als ſich Rodenberg von ſeiner Verwunderung über das, was ihm begegnet, und über dieſe ſeltſame Frage einiger Maßen erholt, war es ſein erſter Gedanke, er habe, vor ſich hinträumend, das rich⸗ tige Haus verfehlt, weßhalb er einen raſchen Blick auf daſſelbe warf und ſogleich ſah, daß er ſich nicht geirrt habe; es war das richtige Haus mit ſeinem hohen Giebel, er erkannte die Form der Fenſter, den Steinkopf mit dem grinſenden Geſichte, der ihn un⸗ verwandt anſtarrte, die Treppe, auf der er ſtand, und vor Allem die ſchildhaltenden Löwen zu beiden Seiten, welche auch heute wie⸗ der leichte Perrücken von weißem Schnee auf ihren grimmig blicken⸗ den Köpfen hatten. „Wer da ſei?“ antwortete er ungeduldig;„eine ſonderbare Frage— natürlich Jemand, der in's Haus gehört; macht nur auf, daß wir uns verſtändigen.“ Darauf hörte er, wie langſam der Schlüſſel im Schloſſe umge⸗ dreht wurde; dann öffnete ſich die Thür zu einer kleinen Spalte. Doch als Rodenberg jetzt raſch eintreten wollte, fand er, daß die Thür ſich nicht weiter öffnete, indem von innen eine Kette vor⸗ gelegt war. Se iie Bee Heöeei anKand 172 Neununddreißigſtes Kapitel. „Was ſoll das heißen?“ fragte er ärgerlich. „Was wollen Sie in einem leeren, unbewohnten Hauſe machen?“ fragte die dünne, zitternde Stimme eines alten Weibes. „Ich wohne ja hier im erſten Stocke.“ „O— und bei wem?“ „Nun, bei der Herrſchaft, die das ganze Haus bewohnt!“ „O— die Herrſchaft iſt ſchon lange abgereist!“ „Nicht möglich!“ rief der junge Mann erſchrocken. „O, es iſt möglich und es iſt wahr— was wollt Ihr ſonſt noch?“ „Seltſame Frage— auf mein Zimmer will ich, wo ſich meine Sachen noch befinden, dort ſchlafen, wenn es möglich iſt, und mor⸗ gen früh, wenn der Tag graut, davonfliehen,“ ſetzte er ſchaudernd hinzu und ſagte leiſe für ſich:„es kommt mir alles das ſo un⸗ heimlich vor, ſo zauberhaft, faſt wie das Ende eines ſchlimmen Märchens— ach ja, das iſt's— das iſt's!“— „Habt Ihr Angſt, mich einzulaſſen?“ rief er nach einer Pauſe. „O, Angſt gerade nicht, denn ich und er fürchten uns vor gar nichts.“ „So laßt mich denn ein, und ich will Euch gut belohnen.“ Es dauerte noch eine gute Weile, ehe darauf hin etwas ge⸗ ſchah; nur hörte der junge Mann, als er durch die Thürſpalte aufmerkſam in's Haus hineinlauſchte, tiefe, kurze, ſeltſame Aihem⸗ züge, die wie das Murren und Knurren eines wilden Thieres klangen. Endlich raſſelte die Kette im Innern nieder und die Thür öffnete ſich weit, um den jungen Mann einzulaſſen. Bei dem Anblicke, der ſich ihm hier bot, hätte er faſt vorge⸗ zogen, wieder in die Nacht zurückzukehren; er blickte um ſich her, ob das vielleicht nicht Alles ein Traum ſei, er rieb ſich die Stirn, er ſchloß für ein paar Secunden die Augen, in der feſten Ueber⸗ zeugung, wenn er ſie wieder öffnen würde, ſtände ein ganz anderes Bild vor ihm— umſonſt: es war allerdings das bekannte Trep⸗ penhaus, aber ohne Wärme und Helle, ohne Teppich und Blumen, ohne ein freundliches Geſicht, das ihn herzlich willkommen geheißen Es ſind bereitet Dir drei harte Schläge! 173 hätte.— Vor ihm ſtand die Geſtalt eines alten Weibes, erſchreckend in ihrer Häßlichkeit, mit borſtigen, grauen Haaren, die unter einem ſchmutzigen, dunkeln Tuche hervorſtarrten, mit rothen triefenden Augen, eingefallenem zahnloſem Munde, ſpitzig hervorragendem Kinn, und dabei ſo maleriſch in ihrem ärmlichen, zerfetzten Anzuge, daß ſie dem jungen Manne das höchſt willkommene Modell zu einer Hexe geweſen wäre. Heute aber ſchauderte er förmlich vor ihrem Anblicke zurück und ſuchte vergeblich nach einem freundlichen Worte. Die Alte trug einen rothen, zerriſſenen Rock und eine Art von grauem Mantel, von dem ſie auch einen Zipfel über ihren Kopf geſchlagen hatte; ſie hatte in ihrer Rechten einen Stock, auf den ſie ſich ſtützte, und hielt mit der Linken eine qualmende Oel⸗ lampe hoch empor, womit ſie das Geſicht des jungen Mannes beleuchtete. Dieſer verſtand jetzt auch den ſchweren Athem, den er vorher gehört, das eigenthümliche Murren und Grunzen; denn neben der Alten ſtand ein rieſenhafter Hund mit zottigen Haaren, der mit ſeinen tiefliegenden glühenden Augen die Geſtalt des Eingetretenen in Einem fort zu umkreiſen ſchien. Das Geſicht Arthur's ſchien der Alten übrigens nicht zu miß⸗ fallen, ja es zeigte ſich in ihren Mienen ein Glänzen, das man mit einiger Phantaſie für ein Lächeln hätte halten können. „So, Ihr hattet auch hier gewohnt, ſchöner, junger Herr, und Euch gehören die Sachen, die oben noch umherliegen? Ich dachte, auch Ihr wäret plötzlich verſchwunden, wie die verzauberte Prinzeſſin.“ „Die Herrſchaft, welche droben gewohnt hat, iſt alſo abgereist?“ fragte er dringend. „Es muß wohl ſein, denn das ganze Haus iſt leer; wann und wie ſie aber verſchwunden ſind, weiß ich nicht. Der Hauseigen⸗ thümer ließ mich heute Abend rufen und befahl mir, die Wache wieder zu übernehmen, bis andere Leute einzögen.“ „Darf man ſich droben in den leeren Räumen, wo die Herr⸗ — ꝗ ⁴ůoſ— 174 Neununddreißigſtes Kapitel. ſchaft gewohnt, umſehen?“ fragte Rodenberg.„Begleitet mich, ich will Euch dafür gut belohnen.“ Und als die Alte nichts dagegen zu haben ſchien, wollte er raſch die Treppe hinaufſpringen; doch erſuchte ſie ihn, dies lang⸗ ſam, recht langſam zu thun.„Denn,“ ſagte ſie,„mein Hündchen da nimmt es übel, wenn man ſo raſch davonſpringt— ruhig, Packer!“ Dann gingen ſie langſam mit einander hinauf, und Roden⸗ berg ſchritt durch die Zimmer oben mit einem tiefen, wilden Weh im Herzen.— Waren das noch dieſelben lieben, freundlichen Räume, dieſe düſteren Zimmer mit den kahlen Wänden, dieſe Kamine und Oefen ohne freundliche Gluth, dieſe ſchwarzen, ächzenden Fußböden, ſo öde, ſo verlaſſen, wo der Nachtwind durch die offen ſtehenden Fenſter heulend ſeine Klagelieder erſchallen ließ?— Nur einen ſcheuen Blick wagte er hineinzuwerfen in das Zimmer, wo er ſie zuletzt geſehen, wo ſie, am flackernden Kaminfeuer ſitzend, ihm das Ende des Märchens prophezeit—— es war ſo eingetroffen, wie ſie geſagt; mit ſchwarzem Schleier bedeckt erſchien ihm die Ver⸗ gangenheit, troſtlos ſeiner Liebe Zukunft, denn eingeſtürzt über ſeinem Haupte waren die glänzenden Luftſchlöſſer, die ſich ſeine Phantaſie erbaut, und drohten ihn zu begraben unter ihren Trümmern. Er wandte ſich gegen das Fenſter, er lehnte ſeine heiße Stirn an die kalten Scheiben und vermochte es nicht, einzelne ſchwere Thränen zurückzuhalten, die aus ſeinen Augen tropften. Vorbei— vorbei— Alles vorbei! Nach einer Weile ging er äußerlich ziemlich gefaßt nach den Zimmern, die er und ſeine Freunde bewohnt hatten. Auch hier dieſelbe Zerſtörung, dieſelbe Oede— Alles kahl und leer. In einer Ecke ſtand ſein Koffer und auf demſelben lagen ſeine und Walter's Habſeligkeiten. Die Alte mit ihrem zottigen Hunde war ihm kopfſchüttelnd gefolgt, zuweilen unverſtändliche Worte murmelnd.—„Da wären wir, wo Ihr gewohnt,“ ſagte ſie,„und daß Ihr dieſe Nacht noch hier zubringt, dagegen habe ich nichts einzuwenden.“ — Es ſind bereitet Dir drei harte Schläge! 175 „Ich kann wohl nicht anders!“ rief er in ſchmerzlichem Tone aus—„gar zu gern würde ich, ſo ſpät es auch iſt, eine andere Unterkunft ſuchen, aber ich müßte ja doch morgen früh zurückkehren, um meine Sachen zu holen, und ich vermöchte es doch nicht, noch einmal dieſe Schwelle zu überſchreiten!“ „Ihr ſeid wohl ebenſo verwöhnt als ſchön,“ ſagte die Alte lächelnd,„denn ſonſt würde ich es wagen, Euch einen Strohſack anzubieten.“ „Ich danke Euch— es iſt nicht die erſte Nacht und wird auch nicht die letzte ſein, die ich, in meinen Mantel gehüllt, auf dem Bo⸗ den liegend zubringe— könnt Ihr mir nicht eine Leuchte geben?“ „Es iſt nur dieſe einzige im Hauſe!“ „Auch gut,“ erwiederte er, indem er ſich mit einem leichten Seufzer darein ergab—„ſo laßt mich allein, und morgen früh — will ich Euch dafür belohnen, daß Ihr mir dieſe Unterkunft gegeben.“ Die Alte verließ kopfnickend das Zimmer; doch ſagte ſie noch unter der Thür:„Thut Euch ſelbſt den Gefallen, ſchöner, junger Herr, und geht heute Nacht nicht auf den Gang hinaus; Packer macht ſeine Spaziergänge durch das Haus und könnte böſe werden.“ Rodenberg befand ſich jetzt im Dunkeln und blieb eine gute Weile mit über einander geſchlagenen Armen auf derſelben Stelle ſtehen; dann fuhr er empor, und da ihm die hellere Nacht draußen ſo viel Licht gewährte, um die Gegenſtände um ſich her einiger Maßen erkennen zu können, ſo wickelte er Einiges von ſeinen Habſeligkeiten zu einem Kopfkiſſen zuſammen und legte ſich, nachdem er noch lange, lange ruhelos umhergeſchritten war, in ſeinen Mantel ge⸗ wickelt auf den Boden hin.— Glückliche Zeit der Jugend! Er entſchlief nicht nur, ſondern er träumte einen ſchönen Traum. Als er erwachte, blickte der helle Tag in's Zimmer, und da brauchte er eine geraume Zeit, ehe er wußte, wo er war, und ehe er ſich der Vorfälle der geſtrigen Nacht erinnern konnte: ſein Geiſt war wieder elaſtiſch geworden, und wenn auch ſchmerzlich bewegt, ſo machte er ſich doch ruhig daran, ſeine und Walter's Habſelig⸗ 176 Neununddreißigſtes Kapitel. keiten einzupacken. Bald erſchien auch die Alte wieder, um ihm zu ſagen, daß Packer an der Kette liege und er nun das Haus unge⸗ hindert verlaſſen könne. Das that er denn auch in einer faſt fieberhaften Haſt, nach⸗ dem er die Alte belohnt, und war ſo glücklich, auf der Straße einen gerade vorüberfahrenden Miethwagen anzutreffen, den er mit ſeinem Koffer belud und alsdann hineinſprang, ohne noch einen Blick auf das alte finſtere Haus zu werfen. „Wohin fahren wir?“ „Nach dem blauen Ochſen auf dem Eigelſteine.“ Rodenberg hätte einen beſſeren Gaſthof wählen können— aber es machte ihm in ſeinem Seelenzuſtande eine, wenngleich ſchmerzliche, doch angenehme Erinnerung, damit hier, in Köln, ſeinen Kreislauf zu vollen⸗ den; auch fürchtete er, anderswo vielleicht Bekannte zu finden, die ihn anreden könnten, was ihm ſchrecklich geweſen wäre; denn ſeine Stimmung war ſo weich, daß er bei dem geringſten Anklange an die vergangenen Tage nur mühſam ſeine Feſtigkeit behaupten konnte; traten ihm doch die Thränen in die Augen, als er durch die heute ſo ſtillen Straßen fuhr, in denen er mit ihr gewandelt — beſonders als er den Dom wiederſah und aus dem Thurme deſſelben die tiefen Glockentöne an ſein Ohr ſchlugen. In dem kleinen Wirthshauſe, wohin er ſich gewandt, unter lärmenden Fuhrleuten, die ſich zur Abfahrt rüſteten, befand er ſich wohler und war hier ſo glücklich, denſelben Kutſcher zu finden, der ihn und die Freunde nach Köln gebracht und welcher ſich gerade zu einer Fahrt rheinabwärts anſchickte. Für die Sachen ſeines Freundes Walter hatte er bald alles Nöthige beſorgt und fuhr kurze Zeit darauf durch das Eigelſteiner Thor über die knarrende Zugbrücke auf der geraden, ſchmutzigen Landſtraße dahin, die mit ihren gleichförmigen Pappelbäumen im trüben Dunſte des Mor⸗ gens, überweht von Regen und Schnee, vortrefflich ſtimmte zu dem traurigen Zuſtande ſeines Gemüthes. XL. „Wie biſt Du doch ſo ſtill geworden!“ Diesmal hatte der Kutſcher, welcher den jungen Maler fuhr, durchaus kein Verſprechen gemacht, das Reiſeziel in erſtaunens⸗ werther Schnelligkeit zu erreichen; im Gegentheil, als er auf den Bock ſtieg, wobei ihm ein College aus dem Norden geſagt hatte: „Du kletterſt ja da hinauf wie die Kuh auf den Appelboom!“ hatte er im ſchläfrigen Tone zur Antwort gegeben:„Ich möchte mich lieber in's Bett legen; wenn ich das Wetter betrachte und an den Schmutz auf der Chauſſee denke— na, wie der heilige Anton will!“ Ob ſie langſam oder raſch vorwärts kamen, war indeſſen Ro⸗ denberg höchſt gleichgültig; ja, wenn er ſah, wie der Kutſcher draußen die ſehr verdächtige Bewegung des Einſchlafens machte oder wie die Pferde, traurig mit dem Schweife wedelnd, im lang⸗ ſamſten Schritte dahinſchlichen, ſo gab er ſich nicht die Mühe, etwas darüber zu ſagen— war es ihm doch höchſt gleichgültig, ob er eine Reihe von Stunden früher oder ſpäter nach Hauſe zurückkäme. Die Fahrt wurde denn auch, wie ſie angefangen, mit großer Bedächtigkeit fortgeſetzt, und es dunkelte bereits ſtark, als ſie Neuß erreichten. Von da ging es etwas geſchwinder, wahrſcheinlich aus eigenem Antriebe der Pferde, die nun, auf bekanntem Terrain, die Nähe ihres Stalles zu ahnen ſchienen. 178 Vierzigſtes Kapitel. Endlich ſah Rodenberg durch den Abendnebel des regneriſchen Tages eine Reihe Lichter vor ſich ſchimmern und einen breiten, durch die Nacht im falben Schimmer leuchtenden Streifen— den Rhein. Die Bohlen der Fähre ächzten unter den Rädern des Wa⸗ gens, dann ſtand dieſer ſtill, die Pferde ſchüttelten ſich, ſo daß der Meſſingzierrath an ihrem Geſchirre erklang; dann verhielten ſie ſich ruhig, worauf man nichts weiter vernahm, als das einförmige Rauſchen des Waſſers auf dem breiten Strome. Da waren ſie angekommen, und der Wagen hielt vor einem kleinen Wirthshauſe von ungefähr dem gleichen Range, wie der laue Ochſe in Köln, worauf Rodenberg von einem Packträger begleitet, nach Hauſe ging— wohlthuendes Gefühl der Heimath! — Wenn auch Rodenberg hier weder ein beleuchtetes noch erwärm⸗ tes Treppenhaus, noch Teppiche und Blumen weder erwarten konnte noch erwartete, ſo erſchien doch das alte, finſtere Stiegenhaus mit ſeinen Ballen und Kiſten, mit ſeinem eigenthümlich ſcharfen Geruche wie zu ſeinem Empfange geſchmückt. Hinaufſteigend legte er die Hand auf jeden Pfoſten der Treppe, ihn ſo begrüßend, und als er oben an der Thür vorbeikam, wo Rüding gehaust, war er faſt geneigt einzutreten und ſich mit einer herzlichen Erinnerung in dem kleinen Gemache umzuſchauen. Doch trieb es ihn nach ſeinem ei⸗ genen Zimmer; er öffnete die Thür, zündete ein Licht an, und als er ſich nun wieder inmitten der wohlbekannten Gegenſtände befand, als er das alte Hausgeräthe wieder ſah: Tiſche, Stühle Schränke, ſeine Staffelei, und in der Ecke die geheimnißvolle Niſche, wo ſich das erhabene Kurzholz befand, da war es ihm zu Muthe, als ſei er nach jahrelanger Abweſenheit wieder nach Hauſe zurückge⸗ kehrt— nichts fehlte ihm, als irgend einer von den Freunden; am liebſten wäre es ihm geweſen, wenn er den alten Walter da ge⸗ habt hätte, und er würde ſich in dieſem Augenblicke nicht geſcheut ha⸗ ben, demſelben ſeine ganze Liebes⸗ und Leidensgeſchichte zu erzählen. Doch war er nicht allein— und darin liegt gerade das ſüße Gefühl der Heimath, daß die bekannten, lieben Gegenſtände um Wie biſt Du doch ſo ſtill geworden! 179 uns her ihre eigene ſtumme und doch ſo beredte Sprache mit uns ſprechen, daß ſie uns erinnern an vergangene angenehme und trübe Stunden, daß ſie uns dabei von den erſteren lebhafter erzählen, während die anderen discret genug ſind, ſich beſcheiden in den Hin⸗ tergrund zurückzuziehen. Das Auge Rodenberg's fiel auf das Bild, welches ihm Olfers geſchenkt, jene Scene aus dem Künſtlerfeſte, ſo wundervoll gemalt; das allein war er nicht im Stande, anzuſehen, er nahm es her⸗ unter und ſtellte es verkehrt gegen die Wand. Obgleich er den Tag über wenig gegeſſen und getrunken hatte, ſo fühlte er weder Hunger noch Durſt; doch jetzt, nachdem er eine Stunde lang in dem Zimmer auf und ab gegangen war, Alles in dem⸗ ſelben doppelt und dreifach begrüßend, erlaubte er ſich die erſte Ci⸗ garre des heutigen Tages, und wie er den feinen Duft in ſich zog und dann die bläulichen Rauchwölkchen wieder ausſtieß, ſo ſchienen ſeine tiefen Sorgen mit denſelben langſam aufwärts zu ſteigen und es wurde ihm freier um Kopf und Herz. Auf dem Tiſche hatte er Briefe liegen ſehen, die er jetzt erſt zu unterſuchen wagte. Von einem, deſſen Aufſchrift die Hand Roderich's zeigte, riß er haſtig den Umſchlag ab und las: „Mein lieber Freund! Von dem innigen Antheile überzeugt, den Sie an meinem Schickſale nehmen, weiß ich wohl, daß die Beantwortung der Frage Sie am meiſten anſpricht, ob ich in meiner Nachforſchung glücklich geweſen bin, und um Sie darauf nicht warten zu laſſen, ſage ich Ihnen leider— nein,— obgleich ich es an Mühe und Klugheit nicht fehlen ließ. Wenn ich auch früher durchaus nicht im Zweifel war, daß ſich meine kleine Mar⸗ garethe in den Händen ihrer Mutter befindet, ſo glaube ich jetzt darüber vollkommen Gewißheit erlangt zu haben, und ebenſo werden hier die Verſuche fortgeſetzt, mich glauben zu machen, daß die Fa⸗ milie meiner Frau bei dieſem unverantwortlichen Raube nicht nur durchaus unthätig und ohne alle Mitwiſſenſchaft wäre, ſondern daß ſie über dieſelbe entrüſtet ſei und daß ſie die Thäterin und ihre 180 Vierzigſtes Kapitel. That verabſcheue.— Sollte ich dieſer Familie Unrecht thun, ſo möge mir Gott verzeihen; aber ich vermag ſo wenig ein Zutrauen zu ihren Betheuerungen zu faſſen, daß, als mir vor Kurzem von jener Seite ein Wink gegeben wurde, ſie, deren Namen ich nicht auszuſprechen vermag, ſei wahrſcheinlich nach der Schweiz gegangen, ich nicht einmal am ſelbigen Tage meinen Koffer packte und ab⸗ reiste, mich vielmehr auf ſchriftliche Nachforſchungen beſchränkte, um,— beobachtend in der Nähe zu bleiben. „So bin ich denn dadurch, ſowie auch durch tauſend Aufmerk⸗ ſamkeiten, die man mir von allen Seiten erzeigt, hier gefeſſelt und würde mich unter anderen Verhältniſſen behaglich fühlen können— aber ſo ſitze ich ohne Luſt, mich irgendwie häuslich einzurichten, ohne allen Drang, einſam beobachtend, wie auf einer hohen Warte, vergeblich nach dem Aufſteigen einer Staubwolke ſſpähend, welche für mich gleichbedeutend mit einer guten Nachricht wäre. „Zu Euch zurückkehren kann und will ich auch nicht, ja, ich vermöchte es nicht, ſelbſt wenn ich mein geliebtes Kind wieder in meinen Armen hätte; ich bin dort zu gewaltſam aus allen meinen Verhältniſſen herausgeriſſen worden, und ein Baum von meinen Jahren vermag wohl nicht zum zweiten Male auf dem gleichen Grunde feſte Wurzeln zu ſchlagen— vielleicht auch anderswo nicht — gut, dann habe ich wenigſtens nicht die Qual, ſtündlich durch Erinnerung an immerhin glücklicher verlebte Zeiten gepeinigt zu werden— lange aber halte ich es hier nicht aus, das fühle ich, denn ich merke wohl, daß man ſich bemüht, nach und nach ein ſtarkes Netz um mich zu ſpinnen, das mich hier feſthalten ſoll; aber eines Tages, wenn ich den Augenblick für günſtig halte, werde ich daſſelbe, ſowie alle hinterliſtigen Bemühungen, mich hier zu feſſeln, mit ſtarkem Arme zerreißen, meinen Wanderſtab ergreifen und von Ort zu Ort ziehen, bis ich mein Kind gefunden— doch genug über mich. Sie haben alſo den Carneval in Köln zugebracht und ſich vortrefflich amuſirt. Sollten Sie Zeit finden, mir näheres dar⸗ über zu ſchreiben, ſo wäre ich Ihnen ſehr dankbar dafür. —— —— Wie biſt Du doch ſo ſtill geworden! 181 „Für die Zeilen, welche Sie mir ſandten, meinen innigen, herzlichen Dank! Sie haben mich ziemlich ruhig gelaſſen, denn ich bin ſo mit dem Schickſale meines Kindes beſchäftigt, daß ich nicht einmal den Verſuch gemacht habe, zwiſchen den Zeilen zu leſen, die mir Conchitta geſchrieben— ah, es war dies ein ſchöner Traum, aus dem ich traurig und fröſtelnd erwacht bin!— Was machen Sie? Sind Sie fleißig?— Ohne Sie von dort wegziehen zu wollen, möchte ich, der Ihr großes Talent anerkennt und der Sie lieb hat, Ihnen den Rath geben, in einer größeren Stadt einen weiteren Wirkungskreis aufzuſuchen. Wäre ich nicht hier der Vogel auf dem Zweige, ſo würde ich Ihnen ſagen: kommen Sie zu mir! „Mein Geſchäftsmann ſchreibt mir, er habe meine Wohnung in der Stadt glücklich vermiethet und mein Atelier nebſt Garten verkauft; es ſchmerzte mich tief, als ich das betreffende Document unterſchrieb. Sie werden dort meinen treuen Andreas mit dem Einpacken beſchäftigt finden, und dankbar wäre ich Ihnen, wenn Sie ſo freundlich ſein wollten, ihn mit Ihrem Rathe zu unterſtützen. Sollten Sie in den ſchönen Räumen, die auch Ihnen ſo lieb waren, etwas ſinden, was Ihnen gefällt an Waffen, Gefäſſen, Geräthſchaf⸗ ten oder Studien, ſo nehmen Sie es unbedenklich und ſeien Sie überzeugt, daß Sie mir einen Gefallen damit thun; denn es wird lange dauern, ehe ich mich wieder an den ſo werthen Gegenſtänden erfreuen kann, da die gepackten Kiſten, der Himmel mag wiſſen, auf wie lange, dort deponirt bleiben ſollen. „Und nun leben Sie wohl, Rodenberg, verwenden Sie recht bald eine Stunde an mich und ſchreiben Sie mir über Alles, was Sie wollen, wobei ich Ihnen verſichere, daß auch das Geringfügigſte, was Sie mir von dort mittheilen, mich anſpricht und meine Dank⸗ barkeit gegen Sie vermehrt.“ Rodenberg las dieſen Brief zwei Mal durch und dachte dar⸗ über nach, beſonders über die Stelle, mit welcher ihm Olfers den Rath gab, eine größere Stadt zu ſeinem Aufenthalte zu nehmen, und da war es mit Einem Male, als kläre ſich ein dichter Nebel Vierzigſtes Kapitel. auf, der ſeine Seele umfangen hielt, und als erblicke er ein glän⸗ zendes Ziel jetzt klar und deutlich vor ſich, wonach er unbewußt geſtrebt. Was konnte ihn hier auch zurückhalten, nachdem ihn ſeine Freunde verlaſſen? Was konnte ihn noch feſſeln an einen Ort, wo ihm ſo Vieles von vergangenen Tagen ſprach, von glücklichen Stun⸗ den, die nun ſelbſt in der Erinnerung jetzt allen Reiz für ihn ver⸗ loren hatten? „Ja, auch ich möchte,“ ſprach er nach einem tiefen Athemzuge zu ſich ſelber,„den Wanderſtab ergreifen, die Zeichenmappe unter dem Arme, und ziehen. Weit in die Welt hinaus Und ſingen meine Weiſen Und gehn von Haus zu Haus. Ich möcht' als Reiter fliegen Wohl in die blut'ge Schlacht, Am ſtillen Feuer liegen Im Feld bei dunkler Nacht Hör' ich das Mühlrad gehen, Ich weiß nicht, was es will— Ich möcht' am liebſten ſterben, Da wär's auf einmal ſtill!“ So entſchlief er und träumte, daß er wirklich in die Welt hin⸗ ausgezogen ſei und daß er das geliebte Mädchen, dem all ſein Hof⸗ fen, all ſein Sehnen galt, endlich wiedergefunden habe— dann aber ging ein finſteres Bild durch ſeinen Traum, er ſah ſie vor ſich bleich und mit verweinten Augen, ſie wandte ſich zürnend von ihm ab und ſagte:„Fürchten Sie meinen Dolch!“ Als er am anderen Morgen erwachte, hätte es ihm wohlgethan, wenn der kleine Rafael bei ihm eingetreten wäre mit ſeinem ver⸗ ſchmitzten Lächeln und zugleich zum Willkomm irgend einen Schel⸗ menſtreich ausgeführt hätte. Mit Rafael hätte er plaudern können über Dies und Das, auch über deſſen Leiſtung bei dem Künſtler⸗ feſte, wo er als Zwerg der Waldfee erſchienen war, und wenn ihn Wie biſt Du doch ſo ſtill geworden! dieſe Erinnerung ſelbſt ſchmerzlich berührt hätte, ſo hätte er doch ihren Namen nennen und von ihr reden dürfen. Er würde nach Figaro gefragt haben und nach Michel Angelo Schmitz. Aber ſtatt des kleinen, beweglichen Burſchen trat Schwemmer in das Zimmer, ſteif und plump, mit der ganzen Grandezza eines Infanteriſten gehorſam ſeinen guten Morgen wünſchend. Rodenberg kleidete ſich raſch an, und ſein erſter Gang war begreiflicher Weiſe in Olfers' Atelier, wo er den Gärtner Andreas fand, das Ein⸗ packen all der unzähligen Gegenſtände leitend, welcher früher dieſe Räume ſo behaglich, ſo maleriſch, ſo künſtleriſch ſchön gemacht hat⸗ ten.— Wie ſchmerzlich fand ſich der junge Maler berührt, als er hier eintrat, und es war ihm faſt, als ſei er von nun an da⸗ zu beſtimmt, überall, wohin er komme, Zerſtörung zu finden! „Wie freue ich mich, daß Sie endlich da ſind!“ rief ihm An⸗ dreas entgegen—„iſt das nicht ein troſtloſer Anblick, Herr Roden⸗ berg? Mir iſt es gerade zu Muthe, als hätte ich meine ganze Familie begraben, und wenn ich hier fertig bin und draußen zum letzten Male den Schlüſſel umdrehe, ſo ſehe ich es ſchon kommen, daß ich alter Eſel mich auf die Schwelle des Gartenthores nieder⸗ ſetze und bei den Vorübergehenden Almoſen einſammle, bis ich genug beiſammen habe, um mich ſelbſt einſcharren zu laſſen!— Sie, der Sie doch das ſchöne Atelier ſo lebendig im Gedächtniſſe haben, er⸗ lebten wohl nie einen größeren Contraſt?“ „Einen größeren wohl nicht, aber einen eben ſo großen,“ er⸗ wiederte Rodenberg und ſetzte ganz leiſe hinzu:„Noch vor ganz Kurzem....— doch beruhigen Sie ſich, Andreas, was man hier einreißt, kann man ja anderswo wieder aufbauen.“ „Aber wo und wann? Da hat ſich's was aufzubauen, wenn man Befehl ertheilt, Alles einzupacken und in ein finſteres Magazin zu ſtellen— doch wie Gott und der Herr will!— Jetzt habe ich ſchon zwanzig Kiſten bei einander und brauche immer noch ein paar Tage, ehe ich fertig werde; dabei fällt mir ein, Herr Rodenberg, daß Herr Olfers mir geſchrieben hat, Sie würden ſich von den 184 Vierzigſtes Kapitel. Sachen hier etwas ausſuchen— thun Sie es ja— ſuchen Sie ſich aus, was Sie wollen; ich gönne es Ihnen von Herzen, denn ich weiß wohl, Sie wiſſen Alles das zu ſchätzen.“ Rodenberg ſchaute um ſich her, um in der That ein Andenken zu finden, das er mit ſich nehmen wolle. „Was meinen Sie zuerſt zu dem alten Kryſtallpocale hier?“ fuhr der Gärtner nach einer Pauſe fort, indem er das ſchöne, kunſt⸗ voll geſchliffene Gefäß herbeibrachte. Die Herren tranken ſo oft daraus, zum letzten Male an jenem Tage, als ich draußen den Mai⸗ trank angeſetzt hatte; ich glaube aber, Sie waren damals nicht hier.“ „Ich war damals nicht hier, doch erzählte mir Walter davon.“ „Unter uns: es war das letzte Mal, wo man hier heiter und vergnügt war. Von da an ging's abwärts, ſteil abwärts; ich höre die Herren noch ſingen: Bekränzt mit Laub den liebevollen Becher!“ Ja, ja, und jetzt wüßte ich wohl Einen, dem man den Wein geben ſollte, darum, weil er ſehr traurig liege!“ Rodenberg konnte ſich trotz ſeiner ernſten Stimmung nicht ent⸗ halten, über des Gärtners„liebevollen Becher“ zu lächeln, ſtellte alsdann das Kryſtallgefäß, welches ihm Andreas in die Hand ge⸗ geben, ſtumm auf einen Tiſch und ging raſch nach einer Ecke des Gemaches, wo er den Degen aus Toledo bemerkte, den er damals beim Künſtlerfeſte geführt.—„Den will ich mit mir nehmen, und ſonſt nichts,“ ſagte er, die Waffe aufnehmend. „Und daran thun Sie wohl, Herr Rodenberg, es iſt ein ſchönes Stück, nur wird der Herr zanken, daß ich Ihnen geſtattet habe, ſo beſcheiden zu ſein, und Sie ſollten ſich in der That auch noch andere Sachen ausſuchen— du mein lieber Gott, wer weiß, wie lange die ſchönen Dinge da in den Kiſten verſteckt bleiben; bei Ihnen hätten ſie doch fröhliche Geſichter und Sonnenſchein.“ Der junge Maler ſchüttelte langſam mit dem Kopfe, ehe er zur Antwort gab:„Dafür könnte ich nicht einmal einſtehen; was die luſtigen Geſichter anbelangt, ſo ſind ſie auch zuweilen ſelten bei mir, und da ich faſt glaube, daß auch ich in der nächſten Zeit Wie biſt Du doch ſo ſtill geworden! 185 die Stadt verlaſſe, ſo müßte ich ſie auch in eine finſtere Kiſte ſchließen.“* „So, Sie wollen auch von hier fort?“ rief der Gärtner mit einem Freudentone;„na, ſehen Sie, es freut mich, daß rechte Leute, welche gute Freunde meines Herrn waren, von hier weggehen! es muß doch Allem was fehlen, wenn ſie hier herauskommen und ſehen ihn nicht mehr arbeiten. Ich bin kein Künſtler, nur ein Gärtner und ein anhänglicher Menſch; aber mich fängt es jedes Mal im Herzen an zu drücken, ſo wie ich mich dem Garten nähere— ach, der ſtille, einſame Garten, wo Niemand mehr erſcheint, um nach meinem Herrn zu fragen, dem großen, berühmten Künſtler, und,“ ſetzte er flüſternd hinzu,„wo das kleine, liebe Mädchen nicht mehr herumſpringt und ſo heiter lacht!— Was das Lachen anbelangt, Herr Rodenberg,“ fuhr er nach einer Pauſe ſehr ernſthaft fort,„ſo iſt es damit hier im Garten nicht ganz richtig: denn wenn ich zu⸗ weilen draußen in der Laube ſtehe oder am Hauseingange lehne, ſehr mit meinen Gedanken beſchäftigt, ſo fahre ich auf einmal in die Höhe, denn ich höre es deutlich neben oder hinter mir lachen— herzlich lachen, wie nur unſere Margarethe lachen konnte— ach, das war ein liebes Kind, Herr Rodenberg— Cott beſchütze ſie, wo ſie auch ſein mag, und möge mir die Freude machen, die da ein⸗ mal unter meine Finger zu kriegen— die Mamſell, wiſſen Sie, das war eine abgefeimte, lächelnde, heuchleriſche Galgencreatur— o, hätte ich ſie ſo vor mir, wie dieſen Nagel, Herr Rodenberg, Gott ſtraf' mich, ich bin ein guter Chriſt, aber...“ Damit ſpuckte er in ſeine rechte Hand, ergriff alsdann den Ham⸗ mer und trieb einen langen Nagel in die vor ihm ſtehende Kiſte ein, daß die Schläge laut durch das öde Gemach hallten. „Und der Herr weiß nichts von der Kleinen,“ fuhr Andreas alsdann aufblickend fort,„nicht das Geringſte; aber warten Sie nur, Herr Rodenberg, die Sache kommt ſchon anders. Wie ich hier mit dem Einpacken fertig bin, ſo gehe ich zu Herrn Olfers, und Hackländer's Werke. 55. Bd. 13 186 Vierzigſtes Kapitel. dann wollen wir dieſe troſtloſe Geſchichte an allen vier Zipfeln an⸗ packen— denken Sie an mich, wir werden die Kleine finden!“ „Das gebe der Himmel, und bald!“ „Ja, bald iſt die Hauptſache!— Alſo Sie gedenken nicht mehr lange hier zu bleiben?“ fragte der Gärtner nach einer Pauſe.„Und was macht der Herr Profeſſor Walter? Und der magere, komiſche Bildhauer? Klotz hieß er, wenn ich nicht irre.“ „Er hieß nicht gerade ſo, mein lieber Andreas, aber er beſin⸗ det ſich wohl und iſt in Köln geblieben, eben ſo wie Walter.“ „Ei ſieh' mal, das freut mich— ſie kommen alſo nicht ſo bald wieder— aha,“ fuhr er mit einem eigenthümlichen Lächeln fort, indem er ſich vergnügt die Hände rieb,„das wird dann hier recht einſam werden!“ „Wer hat Olfers Atelier gekauft?“ „Ein Handelsgärtner,“ entgegnete Andreas,„und das iſt mir lieb; einem anderen Künſtler hätte ich's nicht gegönnt.“ Rodenberg warf noch lange aufmerkſame Blicke in dem Ge⸗ mache umher, betrachtete noch Dies und Das von Waffen und Ge⸗ räthſchaften, Vieles dabei denkend, ſo wie ſich lebhaft vergangener Stunden erinnernd, und als er endlich fortgehen wollte, reichte er ſeine Rechte dem Gärtner, der zuerſt ſeine beiden Hände an der Schürze abwiſchte, ehe er die dargebotene Hand nahm und dieſe herzlich ſchüttelnd ſagte:„Das ſoll doch wohl kein förmlicher Ab⸗ ſchied ſein?“ „Gewiß nicht, mein lieber Andreas, um ſo weniger, als ich Sie erſuchen wollte, mir dieſen Degen morgen früh in meine Woh⸗ nung zu bringen— wollen Sie?“ „Mit dem größten Vergnügen!“ „Meinen Dank im voraus.“ Da der Gobelin am Eingange des Ateliers nicht mehr vor⸗ handen war, ſo konnte der junge Maler von draußen noch einen Blick in das ſonſt ſo trauliche Gemach werfen, ehe er die Schwelle des Hauſes überſchritt. Auch hier wandte er ſich noch einmal um, Wie biſt Du doch ſo ſtill geworden! 187 und das„Salve“ zu ſeinen Füßen betrachtend, ſagte er:„Du wirſt mir wahrſcheinlich nie mehr freundlich grüßend erſcheinen— lebe wohl!“ Und hierauf langſam durch den Garten ſchreitend, pflückte er ſich von einem Beete ein ſchon aufgeblühtes Schneeglöckchen, welches er in ein kleines Skizzenbuch legte, das er immer bei ſich zu tra⸗ gen pflegte. Als er draußen im Parke war, dachte er: ‚So reißen einer nach dem anderen die Fäden, welche mich ſonſt ſo gewaltſam hier feſthielten, und je mehr ſich dieſe Bande löſen, je freier beginne ich wieder aufzuathmen, ja, ich fühle es jetzt, es wäre mir entſetz⸗ lich geweſen, hätte ich hier bleiben müſſen unter der Wucht ſo vieler ſchmerzlicher Erinnerungen— ach, ich bin noch ein freier Menſch,“ rief er, tief aufathmend, ‚Gott ſei Dank, daß ich es bin— mein Skizzenbuch unterm Arme, meinen Wanderſtab in der Hand, wenig Geld in der Taſche, will ich ausziehen, ſo heiter als es mir mög⸗ lich iſt, mit dem Wahlſpruche Espera y teme in die weite herr⸗ liche Welt!⸗ Während er ſo dahinging in gehobener Stimmung— er hatte die Straßen der Stadt wieder betreten—, ſah er vor ſich eine Ge⸗ ſtalt, die zu erreichen er ſich mit raſchen Schritten beeilte; es war ein kleiner Mann mit unverhältnißmäßig hohem, ſpitzigem Hute auf dem Kopfe, der mit dem linken Fuße ein wenig hinkte und ſich deß⸗ halb auf einen dicken Stock ſtützte; neben ihm lief ein ſchöner, weißer Pudel. „Michel Angelo, grüß' Dich Gott!“ rief Rodenberg, als er den kleinen Mann erreicht hatte, der ſich raſch umwandte und den Gruß eben ſo freundlich erwiederte. Auch der Pudel blieb ſtehen und betrachtete den Herangekommenen, wobei er ein klein wenig mit dem Schweife wedelte. „Wie geht es Dir, mein lieber Schmitz?“ Bei dieſer Frage fuhr ein recht düſterer Schatten über die ſonſt ſo freundlichen Züge des kleinen Mannes, und ſtatt zu antworten, fragte er:„Wie lange warſt Du eigentlich fort?“ . f Vierzigſtes Kapitel. „Es werden über zehn Tage ſein.“ „Ja ſo, dann weißt Du es noch nicht,“ ſagte Michel Angelo traurig.. „Und was denn? Iſt bei Dir etwas Schlimmes vorgefallen? Ich hoffte, Dich in Glück und Freude zu finden— iſt Deine Mutter..“ „Nein, nein,“ ſiel ihm der kleine Schmitz raſch in's Wort, „Gott ſei Dank, meine Mutter iſt wohl, aber...“ „A— a-—ah, mein lieber Freund!“ ſagte der junge Maler mit einem Blicke, der für Michel Angelo ſo verſtändlich war, daß dieſer kopfnickend erwiederte: „Ja wohl, a—a— ah— Du wirſt es begreiflich finden, wie tief mich das ſchmerzen mußte! Daß es Leute giebt, die mich höh⸗ niſch lachend anſchauen und dann ſagen:„Das war auch von dem kleinen, unbedeutenden Schmitz eine übermüthige Idee, ſo ein ſchö⸗ nes Mädchen heirathen zu wollen— iſt mir ſehr gleichgültig.“ „Alſo Conchitta?“ „Iſt mit ihrer Schweſter abgereist.“ „Und das kam ſo plötzlich?“ 3 „Man kann es wohl plötzlich nennen,“ gab Michel Angelo in wehmüthigem Tone zur Antwort.„Heute ſind es gerade acht Tage, da fand ich meine Mutter— Du weißt, was für eine ruhige Frau ſie iſt— in ziemlicher Aufregung. Mercedes war bei ihr geweſen, hatte einen halbjährigen Miethzins vorausbezahlen wollen und dabei angezeigt, daß ſie und ihre Schweſter abreiſen müßten.“ „Ich will nicht indiscret ſein, lieber Michel Angelo,“ ſagter der junge Maler in theilnehmendem Tone;„aber Du wirſt mir die Frage erlauben, ob Conchitta Dir ſchuldig war, genaue Gründe für ihre plötzliche Abreiſe anzugeben.“ „Ah, ich verſtehe; nun, ehrlich geſagt, war ſie mir das nicht ſchuldig. Alles, was über die gewiſſe Geſchichte zwiſchen uns ver⸗ handelt wurde, ging in ſcherzhaftem Tone, obgleich es mir ungeheuer ernſt war“— er legte bei dieſen Worten die Hand auf ſein Herz S Wie biſt Du doch ſo ſtill geworden! 189 —,„ſehr, ſehr ernſt, und dabei hoffte ich, ſie werde es auch ſo anſehen!“ „Sei froh, Michel Angelo, daß es ſo gegangen iſt,“ erwiederte Rodenberg mit einem Gefühle der Erleichterung, deſſen er ſich nicht erwehren konnte, das er aber, um dem Freunde nicht wehe zu thun, weder durch Wort noch durch Miene verrieth—„es iſt beſſer ſo— glaube mir, der das beſſer verſteht, als Du mit Deinem weichen, vertrauensvollen Herzen, voll Glauben und Liebe! Es iſt allerdings eine ſchmerzliche Enttäuſchung— aber wer muß unter ähnlichen nicht leiden?“ „Du doch nicht, Rodenberg?“ „O, ich auch, und ſchmerzlicher, als Du glaubſt!“ erwiederte der junge Maler mit einem tiefen Seufzer.„Wie Du mich hier ſiehſt, habe ich in letzterer Zeit ſo herbe Erfahrungen gemacht, daß mir die ganze Stadt zuwider geworden iſt und ich deßhalb fort will, um mich in der Welt umzuſchauen.“ „Darin haſt Du recht,“ verſetzte der Andere haſtig,„ſehr recht — o, ich wollte, ich könnie auch mit!— Wirſt Du meine Mutter beſuchen?“ fragte er nach einer Pauſe. „Wenn es Dir recht iſt, gehen wir zuſammen zu ihr hin.“ „Leider kann ich Dich im Augenblicke nicht begleiten; ich muß in den Breidenbacher Hof zu einem pariſer Kunſthändler, mit dem ich Geſchäfte habe.“ „Gut, gut, das wird Dich zerſtreuen; ſo will ich allein zu Deiner Mutter gehen— vielleicht kommſt Du bald nach?“ „Wenn es mir möglich iſt— ſonſt ſuche ich Dich morgen früh in Deiner Wohnung auf.“ „Darum bitte ich Dich dringend, denn Du könnteſt mir einen großen Gefallen erzeigen. Ich habe noch eine Menge Zeichnungen und Skizzen von mir und Anderen, die ich verkaufen möchte, auch will ich von meinen Sachen da laſſen, welche Du wohl ſo freundlich biſt, für einige Zeit in Deinem Hauſe unterzubringen?“ „Das hat gar keinen Anſtand; auch nicht, was die Zeichnungen 190 Vierzigſtes Kapitel. betrifft,“ fuhr der kleine Mann mit geheimnißvoller Miene fort, wobei ſich aber ſein Geſicht auffallend erheiterte.„Willſt Du mir den Verkauf Deiner bedeutenden Gemäldeſammlung anvertrauen? — Dabei läßt ſich etwas machen an klingendem Nutzen, und viel⸗ leicht gelingt es mir, auch meine kleine Gallerie durch ein werth⸗ volles Stück zu vergrößern.“ „Alſo bis nachher oder auf morgen.“ Michel Angelo wollte ſich gerade entfernen, doch wandte er ſich noch einmal um und ſagte lächelnd:„Du haſt dem Figaro noch gar kein freundliches Wort geſagt— o, das iſt ein geſcheites, liebes Thier! Er war faſt immer bei ihr; als ſie aber abreiste und das Haus verließ, ging er mit ihr nur bis an die Thür, worauf er ſie allein ziehen ließ. Meine Mutter, die von oben zuſchaute, behauptete, er habe mißbilligend mit ſeinem Kopfe geſchüttelt. Willſt Du ihn jetzt wiedernehmen?“ fragte er mit einiger Aengſtlichkeit. „Ich denke, wir laſſen Figaro ſelbſt darüber entſcheiden; gehe Du ruhig Deines Weges, und wir wollen ſehen,“ er folgen will.“ Michel Angelo that, wie ihn ſein Freund a wn. und obgleich ſich der Pudel ein paar Mal nach ſeinem alten Herrn umſchaute, folgte er doch dem kleinen Manne, und erſt als die Entfernung der Beiden bedeutend geworden war, pfiff Rodenberg dem Hunde, wie er gewöhnlich zu pfeifen pflegte, worauf Figaro plötlich ſtehen blieb, ſich herumwandte, ein paar Schritte gegen den jungen Maler machte, dann aber ſtehen blieb, um gleich darauf ſeinem neuen Herrn in vollem Laufe zu folgen. Rodenberg konnte ſich eines leichten Lächelns nicht enthalten, das aber doch einen bitteren Beigeſchmack für ihn hatte; dann ſetzte er ſeinen Weg zur Fingerſtraße fort und trat bald darauf in die Stube der Madame Schmitz. Die alte Frau ſaß auf ihrem gewöhnlichen Platze am Fenſter, und als der Maler eintrat, reichte ſie ihm kopfnickend ihre Hand und ſagte mit geheimnißvoller Miene:„Dachte ich doch vorhin, — Wie biſt Du doch ſo ſtill geworden! 191 als ich in meinem Spiegel bemerkte, daß Sie um die Ecke kamen: ich will doch einmal ſehen, ob Herr Rodenberg gar nicht zu uns kommt!“ „Ich war verreist, Madame Schmitz, und bin erſt geſtern zurückgekommen.“ „Ah, richtig, richtig, das hatte ich vergeſſen— Sie waren in Köln zum Carneval— wiſſen Sie denn ſchon...244 „Ich ſprach vorhin Michel Angelo auf der Straße, der hat mir Alles geſagt.“ „Pſt?“ machte die alte Frau und winkte ihren Beſuch ſo dicht zu ſich heran, daß ſie ihm bequem in's Ohr ſprechen konnte.„Es hat Michel recht angegriffen, dieſe Geſchichte; aber ich“— hier ſchaute ſie vorſichtig um ſich her, ob auch Niemand in der Nähe wäre, der lauſchen könnte—„bin im Grunde ganz zufrieden da⸗ mit. Ich will nicht behaupten, daß die Beiden nicht anſtändig geweſen ſeien, aber es war von einer fremden Unbekannten ein etwas ſtarkes Verlangen, ſich ſo mir nichts dir nichts in ein geord⸗ netes Hausweſen meinzuſetzen— habe ich Recht oder Unrecht?“ „Ich will Leusrgeß gerade nicht behaupten; doch bei der Liebe, die Ihr Sohn empfunden, wäre es doch wohl eine glückliche Ehe geworden.“ „Möglich; aber es war doch etwas gar zu Phantaſtiſches dabei, etwas zu ſehr Künſtleriſches, wenn Sie mir dieſen Ausdruck nicht übel nehmen wollen. Die Schmitz haben ſeit undenklichen Zeiten immer in geordnete Familien hinein geheirathet, und wenn ich einmal eine Schwiegertochter haben will, Herr Rodenberg, ſo möchte ich auch gern, daß ich eine anſtändige Verwandtſchaft zum Kaffee einladen könnte!“— „Allerdings iſt dieſer Geſichtspunkt nicht unwichtig, und wie ich Michel Angelo kenne, wird er ſich zu tröſten wiſſen— reden wir nicht mehr darüber.“ „Sie ſind ein verſtändiger junger Mann, das habe ich immer geſagt. Was haben Sie von Herrn Olfers gehört? Weiß man 192 Vierzigſtes Kapitel. noch nichts Näheres von dem armen Herrn und ſeinem kleinen Mädchen? Was die Frau anbelangt,“ fuhr ſie flüſternd mit den bekannten Vorſichtsmaßregeln fort,„ſo wollen die Einen wiſſen, ſie habe ihren Mann wegen einer Liebſchaft mit einem fremden, vor⸗ nehmen Herrn verlaſſen, wogegen Andere auf's beſtimmteſte verſichern, ſie ſei in's Kloſter gegangen— welches iſt Ihre Anſicht darüber?“ „Ich glaube keines von Beiden— doch ſo viel iſt gewiß, daß Olfers bis jetzt noch nicht weiß, wo ſeine Tochter hingekommen iſt.“ „Der arme Herr! Er hat ſein Anweſen hier verkauft und wird wohl nicht mehr zurückkehren. Was nun dieſes Anweſen an⸗ belangt, Herr Rodenberg, ſo erzählt man ſich allerlei darüber.“ „Und was, Madame Schmitz, wenn ich fragen darf?“ „Verſtehen Sie mich recht, ich glaube ſo was nicht; aber gräuliche Dinge erzählt man ſich: man will in der Ecke des Ateliers Todtengebeine und gräßliche Gerippe gefunden haben— hm, was denken Sie darüber?“ Rodenberg zuckte die Achſeln und ſchüttelte mit einer ſehr bedächtigen Miene den Kopf.—„Es gibt allerdings Sachen,“ erwiederte er nach einem kleinen Stillſchweigen,„über die man nicht hinausreden darf.“ „Wirklich, Herr Rodenberg?“ „In der That, Madame Schmitz, es haben dort ſolche Ge⸗ rippe exiſtirt!“ „Das iſt ja im höchſten Grade ſchauerlich!“ „Aber was denkt man von dieſen Gerippen?“ „Wiſſen Sie, auf Redereien gebe ich nicht viel, denn ich weiß, was man vom Geſchwätze der Leute zu halten hat; aber in dieſem Falle, wenn Sie ſelbſt, ein Freund von Olfers, es zugeſtehen, daß man dort Gerippe gefunden hat, ſo gewinnt dieſe Sache allerdings an Wahrſcheinlichkeit.“. „Es iſt wohl etwas Furchtbares, Madame Schmitz?“ „Es iſt, daß Einem die Haut ſchaudert; aber kommen Sie näher zu mir, ich rede nicht gern darüber und möchte um Alles Wie biſt Du doch ſo ſtill geworden! 193 nicht, daß mein Sohn Michel, wenn er zufällig in der Nähe wäre, mich darüber reden hörte— mein Sohn Michel kann es durchaus nicht leiden— ſo, Herr Rodenberg, kommen Sie ganz nahe. Man fragt alſo,“ fuhr Madame Schmitz fort, nachdem ſie nicht nur einen vorſichtigen Blick im Zimmer umhergeworfen, ſondern auch durch ihren Spiegel vor dem Fenſter die Straße auf und ab geſpäht,„man ſagt, Herr Olfers habe ſeine Frau in das Atelier hinausgelockt, dort umgebracht und begraben— ich bitte Sie, Herr Rodenberg!“ „Pſt!“ machte hierauf der junge Maler, wo möglich mit noch geheimnißvollerer Miene, als die der alten Frau war, worauf er mit den Achſeln zuckte und alsdann ſehr bedeutungsvoll mit dem Kopfe nickte. „ Herr Rodenberg,“ ſagte Madame Schmitz zurückfahrend,„Sie ſehen, wie ich mich entſetze— um des Himmels Barmherzigkeit willen, es wird doch wohl nichts Wahres daran ſein?!“ „Ich halte Sie für eine verſchwiegene Frau,“ erwiederte der junge Mann, indem er mit einer tiefen Bewegung ſeine Hand aus⸗ ſtreckte, um die der Madame Schmitz zu ergreifen,„und da ich doch in Kurzem die Stadt verlaſſe, ſo kann ich wohl mein Gewiſſen er⸗ leichtern, indem ich Ihnen das Geſtändniß ablege, daß an dem Gerippe etwas Wahres iſt!“ „O— o— o— oh!“ „Denken Sie deßhalb nicht ſchlechter von mir, Nadame Schmitz,“ fuhr Rodenberg augenſcheinlich gerührt fort,„es war Freundespflicht; ja, wir haben es gethan, und Ihr Sohn Michel Angelo war auch mit dabei!“ Darauf machte er eine Bewegung mit dem Schooße ſeines Ueberrockes, als wolle er mit demſelben in gänzlicher Zerknirſchung ſein Haupt verhüllen, und verließ raſch das Zimmer. Zu Hauſe angekommen, blickte Rodenberg mit wahrer Be⸗ friedigung um ſich her, nicht an die Unthat denkend, von welcher er Madame Schmitz erzählt, ſondern weil er nun mit ſich völlig 194 Vierzigſtes Kapitel. im Reinen war, die Stadt zu verlaſſen, und indem er zu dieſem Zwecke ſeine Habſeligkeiten überſchlug, was wohl des Mitnehmens der Mühe werth ſei und was hier zu veräußern wäre. Ja, durch den nun gefaßten Entſchluß fühlte er ſich ſo erleichtert, daß er mit Behagen daran ging, die Zerſtörung im Kleinen nachzuahmen, die er draußen in Olfers' Atelier im Großen geſehen. Allerdings brachte er es nicht ſo weit, eine Anzahl Kiſten anfüllen zu können, brauchte auch nicht beſonders viel Zeit, um mit Einpacken fertig zu werden. Und als es Abend geworden war, hatte er mit Bei⸗ hülfe Schwemmer's den größten Theil ſeiner Habſeligkeiten ſo weit geordnet, daß er ſeinen Koffer nur noch zuzuſchließen und einen Packträger herbeizurufen brauchte, um zwei mäßige Kiſten in das Haus ſeines Freundes Schmitz zu befördern. In einer dieſer Kiſten befand ſich auch die Klinge aus Toledo, welche ihm Andreas im Laufe des Tages gebracht, in der anderen Olfers' Bild, welches der junge Maler mit Recht ſeinen größten Schatz nannte. Am folgenden Morgen ſtellte ſich Michel Angelo pünktlich ein, und nachdem er Rodenberg einige ſanfte Vorwürfe gemacht über die letzte Unterredung mit ſeiner Mutter und dabei verſichert, es habe ihn keine kleine Mühe gekoſtet, der alten Frau die fürchterliche Geſchichte auszureden, betrachtete der kleine Kunſthändler die ihm vorgelegten Skizzen und Zeichnungen mit prüfendem Blicke, und bald wurden die Beiden handelseinig, worauf Rodenberg ſogleich ausging, um ſeine kleinen Schulden zu bezahlen. Auf der Straße nahm er von Michel Angelo Abſchied, wobei wir geſtehen müſſen, daß es in den Augen des kleinen Malers verdächtig flimmerte— „ſo verſchwindet Einer nach dem Anderen, und ich bin nachgerade zu alt geworden, um mich an den jungen Nachwuchs anzuſchließen! — Ach, Rodenberg, Du biſt ein beneidenswerther Kerl— d, wäre ich doch wie Du ein Künſtler und könnie in die Welt hinaus mit dem ſeligen Bewußtſein, daß mir ein Blatt Papier und ein Bleiſtift genüge, um Ruhm und Geld zu verdienen!“ „Das hat nun alles ſeine zwei Seiten: die weite, weite Welt Wie biſt Du doch ſo ſtill geworden! 195 hat allerdings des Schönen viel für ein Künſtlergemüth; aber es iſt doch ein wildes, ungeſtümes Meer, und wer weiß, ob es mein Schifflein nicht zertrümmert und mich verſchlingt, ehe ich eine ſichere Bucht gefunden, und ob ich nicht längſt tief da drunten liege, wäh⸗ rend Du am Abende Deines Lebens behaglich im ſichern Hafen ſitzeſt und vielleicht hier und da an den verſchollenen Rodenberg zurückdenkſt!“ „Wir wollen uns nicht weich machen, alter Freund; eines Jeden Leben beſteht aus Licht und Schatten, und Zufriedenheit iſt das höchſte Gut. Ich wäre es wahrhaftig im vollſten Umfange, wenn Alles ſo geblieben wäre, wie vor vier Wochen— wann reiſeſt Du?“ 3 „Ich denke, morgen.“ „Und Niemand von den Freunden da, der Dir bis zum Grünen Baume das Geleite gibt?“ ſprach der kleine Mann im Tone der Wehmuth—„aber ich komme, darauf kannſt Du Dich verlaſſen, Rodenberg!“ „Wenn Du mir eine Liebe erzeigen willſt, lieber Schmitz, ſo kommſt Du nicht; wir könnten doch nicht heiter zuſammen ſein und es würde mir den Abſchied nur erſchweren— reich' mir Deine Hand— ſage, Du wolleſt meiner nicht vergeſſen, und dann lebe wohl— vielleicht nur für kurze Zeit; denn wenn ich es nirgendwo angenehmer finde, ſo komme ich wieder.“ Michel Angelo reichte ihm ſtumm ſeine beiden Hände, die der Andere herzlich ſchüttelte und darauf ſagte: „Grüße mir auch noch Deine Mutter und entſchuldige mich, daß ich mir geſtern einen kleinen Scherz erlaubt— behüt' Dich Gott?“ „Leb' wohl, Rodenberg!“ Nach dieſen Worten trennten ſie ſich äußerſt eilfertig. Doch als Rodenberg die Ecke der Straße erreicht hatte, blieb er ſtehen, und als er ſich raſch umwandte, ſah er, daß es Michel Angelo Schmitz an der anderen Ecke der Straße gerade ſo gemacht hatte. Beide winkten ſich noch einmal mit der Hand zum Abſchiede. Vierzigſtes Kapitel. Als Rodenberg ſpäter wieder in ſein Zimmer trat, weidete er ſich förmlich an den kahlen Wänden und den leeren Schränken und Schubladen, an der Abweſenheit der mannigfachen Sachen und Geräthſchaften, die ihm ſonſt ſein Zimmer ſo angenehm gemacht hatten, die ihn mit tauſend Fäden an ſeine Häuslichkeit gebunden, Fäden oder Bande, die nun alle zerriſſen waren— da befand ſich aber noch eines der Dinge, welches ſo manche heitere Stunde mit erlebt und mit angeſehen hatte, das erhabene Kurzholz, in ſeiner altarähnlichen Niſche. Rodenberg hatte anfänglich die Abſicht gehabt, es an Michel Angelo Schmitz zu übergeben; da aber derſelbe eigent⸗ lich kein Künſtler war, ſo ſtand eine ſolche Vererbung im Wider⸗ ſpruche mit den Satzungen der Brüderſchaft, der das erhabene Kurzholz als Fahne gedient. Von der jüngeren Generation wußte er auch Niemanden, der Poeſie genug gehabt hätte, die Myſterien dieſer Fahne auszuüben und den nachfolgenden Geſchlechtern zu überliefern, weßhalb er beſchloß, das erhabene Kurzholz von der Erde verſchwinden zu laſſen, nicht indem er es den Flammen über⸗ lieferte, ſondern indem er es dem Schooße der Erde anvertraute. Er nahm es aus der Niſche heraus, trennte es von der langen Stange, an der es getragen wurde, umwickelte es mit den farbigen Bändern, die ſonſt ſo zierlich von ihm herabgeflattert waren, und verpackte es ſorgfältig in Papier. Ein leiſes Klopfen an der Stubenthür erweckte ihn aus den Träumereien, in die er verfallen bei der Erinnerung an all' die heiteren Stunden, die er unter Vortragen jener Fahne mit den Freunden verlebt. Auf ſeinen Ruf trat Jemand in's Zimmer, an den er in den letzten Tagen öfters gedacht und den vor ſich zu ſehen er ſich jetzt aufrichtig freute— Rafael. „Ah, Herr Rodenberg,“ ſagte der ehemalige Diener des Malers, „ich habe gehört, Sie wären zurückgekommen und wollten auch wieder abreiſen— da konnte ich es nicht unterlaſſen, nach Ihnen zu ſehen!“ „Wofür ich Dir dankbar bin,“ erwiederte der junge Maler, — Wie biſt Du doch ſo ſtill geworden! 197 indem er dem jetzigen Laufburſchen einer anſtändigen Kunſt⸗ und Buchhandlung freundlich ſeine Hand reichte. Rafael ſah auffallend wohlhabend aus; wenn auch ſeine Kleider nicht nach neuem Schnitte waren und noch weniger den jungfräu⸗ lichen Glanz neuen Tuches zeigten, ſo waren ſie doch ſauber und verliehen ihm ein ganz gutes Ausſehen; dabei erſchien er rein ge⸗ waſchen und hatte ſogar den Verſuch gemacht, ſeinem etwas ſtruppigen Haare einen durchlaufenden Scheitel aufzuzwingen. „Und wie geht es Dir, mein Junge?“ „Nicht ſchlecht, Herr Rodenberg— allerdings helfe ich mir ziemlich kümmerlich durch, doch lerne ich dabei und habe einen Zweck vor Augen.“ „Welchen Zweck, wenn ich fragen darf?“ „Etwas Rechtes zu lernen und mich auszubilden.“ „Das iſt ſchön von Dir, Rafael. Du haſt alſo die gute und große Idee, Dich zum Buchhändler auszubilden?“ „Ja—a— a— a—a, Herr Rodenberg,“ gab Jener ſtockend zur Antwort,„und wenn ich Talent hätte, was ich faſt zu glauben mich unterſtehen darf...“ „So haſt Du doch wohl nicht die Abſicht, vielleicht ein mittel⸗ mäßiger Künſtler zu werden? Nimm Dich vor dieſer gefährlichen Klippe in Acht!“ „Das thue ich gewiß und danke beſonders Herrn Walter dafür— aber...“ „Ah, ich erinnere mich,“ rief der junge Maler lachend,„Walter hatte die Unklugheit, mit Dir über Schriftſtellerei zu reden— er wird Dir doch dadurch keine Fliegen in den Kopf geſetzt haben?“ „Das nicht, Herr Rodenberg; aber würden Sie es denn für ſo unrecht halten, wenn ich in meinen Freiſtunden, nachdem ich gelernt, daß mir der Kopf brennt, kleine Verſuche mache?“ Rodenberg betrachtete ſeinen ehemaligen Diener kopfſchüttelnd, ehe er zur Antwort gab:„Ich glaube, es iſt ſchade um Dich, daß Du Dich ein paar Jahre bei uns herumgetummelt und von unſeren 198 Vierzigſtes Kapitel. Reden mehr gehört haſt, als Dir zuträglich war; doch ſprechen wir nicht mehr darüber— thue, was Du nicht laſſen kannſt, was Dir zu ſagen unnütz iſt; denn wenn Du wirklich einen Funken in Dir haſt, ſo wird derſelbe doch fortglimmen und entweder Dein Inneres verbrennen oder ein Leuchter für Andere werden— ver⸗ ſtehſt Du mich?“ „Ich glaube, ja, Herr Rodenberg, und ich werde mich glücklich ſchätzen, Ihnen ſpäter einmal beweiſen zu können, daß ich wirklich etwas von einem Funken in mir habe— erlauben Sie mir jetzt wohl noch eine Frage?“ „Mit Vergnügen, mein Junge.“ „Haben Sie nichts mehr von jener ſchönen Prinzeſſin gehört, der ich ſo unendlich zu Dank verpflichtet bin?“ Das Geſicht des jungen Malers verdüſterte ſich und er wandte ſich gegen das Fenſter, ehe er zur Antwort gab:„Ja, ich ſah ſie wieder!“ „Und ſie erinnerte ſich noch an das ſchöne Künſtlerfeſt?“ „Sogar an Dich, Rafael!“ „Wie mich das freut— wenn ich mir denken könnie, die ſchöne Dame noch einmal wiederzuſehen und in anderer Geſtalt vor ſie hintreten zu dürfen, als damals, wie ein armer, unwiſſender, zerlumpter Bube— ja, der Gedanke,“ fuhr er mit einem leuchten⸗ den Blicke fort,„treibt mich an, Tag und Nacht unabläſſig zu arbeiten!— Kann ich Ihnen wohl irgend einen Dienſt erweiſen?“ fuhr Rafael nach einer Pauſe fort, als Jener ſchwieg. „Ich danke Dir— doch warte einen Augenblick.“ Der junge Maler ging in's Nebenzimmer und kehrte bald darauf mit einem Papier zurück, das er in Rafael's Hände legte. „Nimm das von mir als Andenken; es iſt nicht viel, doch füge ich den unich bei, es möchte tauſendmal mehr ſein!“ „Deßhalb inm ich gewiß nicht her!“ „Das weiß ich wohl. Denke immerhin, Du ſeiſt der Rafael von ehemals oder ich mache Dir eine kleine Anleihe, die Du mir vielleicht einſtens mit Zinſen heimzahlen kannſt.“ Wie biſt Du doch ſo ſtill geworden. 199 „O, wenn ich das könnte!“ „Der Menſchen Wege ſind wunderbar,“ entgegnete Rodenberg, indem er ſich zu einem heitern Lächeln zwang;„es geht bald auf⸗ wärts, bald abwärts, und wenn wir uns einmal wiederſehen, ſo wünſche ich Dir und mir, es möchte auf der Höhe ſein— und nun gehab' Dich wohl!“ Rafael ergriff mit ſeinen beiden Händen die Rechte Rodenberg's und ſchaute ihm ein paar Secunden lang feſt in's Auge, worauf er ſich raſch abwandte und das Zimmer verließ. Der junge Maler ſchritt eine Zeit lang ernſt und gedanken⸗ voll im Zimmer auf und ab; er wunderte ſich faſt, daß ihn der Abſchied von ſeinem ehemaligen Diener in eine ſo trübe Stimmung verſetzt hatte, und doch war das wieder ſo begreiflich. Trat doch mit einem Male der wundervolle Tag im Walde wieder vor ſeine Seele und beſonders jener Augenblick, wo ihm der Zwerg der Fee das Horn überreicht hatte—„Espere y teme!“— Vor⸗ bei— vorbei! Vorbei— vielleicht zerriſſen für immer jeder Zuſammenhang mit dem räthſelhaften, ſo heiß geliebten Weſen— vorbei ein ſchöner, entzückender Traum der Jugendzeit! XLI. „Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit!“ Beim Beginne dieſes Capitels, theurer und geneigter Leſer, ſind wir um eine Reihe von Jahren älter geworden, einen Zeit⸗ raum, deſſen Begebenheiten, was die handelnden Perſonen unſerer wahrhaftigen Geſchichte anbelangt, vielleicht für den Gang derſelben nicht bedeutend genug waren, um Dir zuzumuthen, vielleicht lange, einförmige Flächen mit uns zu durchwandeln, um noch hier und da von jener kleinen Anhöhe eine ſchöne Ausſicht zu genießen in weite, maleriſche, aber noch unerreichte Fernen, oder mit uns aus⸗ zuruhen in der Gluth der Mittagshitze im Schatten uralter Bäume, an einem murmelnden Quell, um dort zu träumen von der Ver⸗ gangenheit oder Hoffnungen zu faſſen für die Zukunft, da die Ge⸗ genwart nicht viel bietet, weil ſie uns zeitenlang durch ſtille, öde Flächen von entſetzlich glattem Druckpapier führt, eine oft troſtloſe Ebene, wo wir, mit unſeren Gedanken vorauseilend, gar haſtig Blatt um Blatt umſchlagen, weil wir fern am Horizonte dunkel⸗ blaue Gebirge aufſteigen ſehen, die uns in Berg und Thal, in Wald und ſchäumendem Waſſer eine vergnügliche Abwechslung zu verſpre⸗ chen erſcheinen. Ja, es gibt in jeder Geſchichte ſolch troſtloſe Ebenen, die man entweder durchwandern oder überſpringen muß, ſchattenloſe Ebenen, durchglüht vom Sonnenbrande des Lebens, wo Jeder ohne Be⸗ Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit! 201 rührung mit dem Anderen ſeinen einſamen Pfad zieht, entweder in ſtiller Glückſeligkeit zehrend von dem, was ihm die letzten ſeligen Stunden geboten, entweder niedergebeugt, mit zerriſſenem Herzen, in wilden, düſteren Träumen über eine ſchreckliche Vergangenheit— hoffnungslos— oder auch vielleicht hoffnungsvoll, muthig in das Leben hineinwandernd, ſelbſt der dürren Gegenwart poetiſche Seiten abgewinnend und vor allen Dingen den feſten Blick auf die am Horizonte erſcheinende Bergkette geheftet, wo der Wanderer ſicher iſt, vor einem kleinen Hauſe ein ſchattiges, mit Weinlaub überranktes Dach zu finden, wo er behaglich ausruhen wird, heiter auf die zu⸗ rückgelegte ſteinige und ſandige Ebene ſchauend, und von wo er erſt am Abende weiterziehen wird unter dem Geläute aus der nicht fernen Stadt, welche ſolcher Art ſeinen Einzug feiert. Ja, ſo ziehen ſie dahin, die bunten Geſtalten unſerer Geſchichte, jede ihren eigenen Pfad, das Herz von verſchiedenen Wünſchen und Hoffnungen erfüllt, jede nach einer anderen Richtung, als ſei es auf Nimmerwiederſehen! Ob und wie ein ſolches Wiederſehen ſtattfindet, dürfen wir im Intereſſe unſerer wahrhaftigen Geſchichte dem geneigten Leſer noch nicht verrathen; Alles, was wir jetzt zu thun im Stande ſind, iſt, ihn auf einige nebelhafte oder wie im Nebel dahinziehende Ge⸗ ſtalten aufmerkſam zu machen. So ſehen wir Rodenberg einſam dem„Grünen Baume“ zuwandern, wohin er ſein leichtes Reiſege⸗ päck vorausgeſchickt hat; unter dem Arme aber trägt er wohlver⸗ packt das erhabene Kurzholz und geht mit demſelben ſeitab von der Landſtraße, wo er in einer unfruchtbaren Verſenkung aus früheren Zeiten her einen Steinhaufen kennt. Dieſen höhlt er künſtlich aus, gräbt unter ihm die Erde auf, verſcharrt das erhabene Kurzholz und baut den Steinhaufen über demſelben zu einem förmlichen Grabhügel auf. Dort mag es ruhen, das erhabene Kurzholz, das ſo oft einer luſtigen Künſtlerſchaar gedient als Zeichen freudiger Vereinigung, Hackländer's Werke. 55. Bd. 14 29 38 Einundvierzigſtes Kapitel. als weithin ſichtbare Standarte, das ſo viele leere Flaſchen und volle Köpfe erlebt, das ſo oft mit dabei war, wenn die Gläſer klan⸗ gen und luſtige Lieder ertönten!. Dort liegt es auf der Anhöhe, nicht weit vom„Grünen Baume“ unfern der heiteren Stadt Düſſeldorf. Ein leichter Wind, der durch die Felder ſtreicht, ſtreift die Gräſer rings umher flüſternd an einander und ſpricht in tröſtlichen Worten von einer einſtigen Auferſtehung. Rodenberg ſteigt ohne Begleitung in den Eilwagen und kann es doch dabei nicht unterlaſſen, wenngleich kaum ſichtbar, nach ver⸗ ſchiedenen Seiten hin zu grüßen, und das gilt den Freunden, die er wenigſtens in Gedanken vor ſich ſieht. Er erreicht Köln, nachdem es ſchon dunkel geworden, was ihm äußerſt angenehm iſt, da er ſich, ohne die Stadt zu berühren, auf das Dampfboot begeben kann, um durch die Nacht ſtromaufwärts zu fahren. Als es ſchon längſt Tag geworden, verläßt er den Dampfer an einem jener kleinen, maleriſch gelegenen Städtchen am Rheine, um dort einige Tage bei ein paar Freunden zuzubringen. Dieſe Freunde, Künſtler und Dichter, fand er aber nicht zu Hauſe, da ſie ſchon am frühen Morgen bei dem entzückend warmen Frühlingstage in die Berge hinaufgezogen waren. Doch ließ ſich Rodenberg in ihrem Zimmer nieder, um ihre Zurückkunft abzuwarten, und ſich hier umſchauend, mußte er unwillkürlich lächeln über die maleriſche Unordnung in Büchern, Kleidern, alten und neuen Bil⸗ dern, vor Allem aber über einen großen, grünen Römer, der auf dem Tiſche ſtand, gefüllt mit weißem Weine, in welchem ein Strauß duftender Veilchen ihr junges Leben ſo unnatürlich verzehrten. Nachdem er einige Tage bei den Freunden verweilt, zog er weiter, unter anderm auch an Falkenſtein vorüber, dieſer kleinen zierlichen Burg, welche wie ein Schwalbenneſt an einen Fel⸗ ſen geklebt iſt. Dort blickte er hinauf mit ſeinem ſcharfen Auge, und als er hoch auf dem Thurme neben der wehenden Fahne Je⸗ manden ſtehen ſah, glaubte er, es ſei Walter, und winkte mit ſei⸗ nem weißen Taſchentuche. — Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit! 203 Vergebens, der dort oben blickte wohl auf den weiten, ſchönen Rhein, aber nicht auf das vorbeifahrende, ſo klein erſcheinende Schiffchen. Rodenberg wandte ſich ſeufzend ab; er fühlte es deutlicher als je, daß er von jetzt ab wohl dazu beſtimmt ſei, einſam und allein ſeinen Pfad zu ziehen, allein und ohne Hülfe eine neue Exiſtenz zu gründen. Und dazu fühlte er die Kraft und den Muth in ſich und be⸗ hielt beide auch im vollſten Umfange, als er einige Zeit danach, wenige Kreuzer in der Taſche, auf geringem, ſtoßendem Fuhrwerke in die große Reſidenzſtadt einfuhr, wo er vorläufig zu bleiben gedachte. Walter war es allerdings geweſen, der an jenem Morgen auf dem Thurme ſtand, nicht ahnend, daß Rodenberg unten vorüberfuhr. Er führte ein behagliches Leben auf der alten, ſo wohnlich einge⸗ richteten Burg und erſchrak durchaus nicht davor, nachdem er über⸗ ſchlagen, daß er mit dem Ausmalen der Capelle drei bis vier Jahre vollauf zu thun hatte. Auch ſein fürſtlicher Gönner hatte dagegen nichts einzuwenden, da der alte Maler keine zu großen Bedingungen ſtellte; ja, er that noch mehr, er ſandte nach Verlauf eines Jahres den jungen Bergmüller mit einem tüchtigen Auftrage nach Falken⸗ ſtein, und durfte derſelbe ſeine Frau während der Sommermonate mitnehmen, und ſo führten denn die Beiden da oben in der ſchönen Natur ein ſo beneidenswerthes Künſtlerleben, wie es Walter in ſei⸗ nen kühnſten Träumen nie zu denken gewagt. Auch kam er hier wieder zu der Anſicht, daß die deutſche Kunſt doch nicht ganz er⸗ ſtorben ſei und daß die heilige Flamme derſelben bei tüchtigem Brenn⸗ materiale wieder hoch aufzulodern vermöge. Noch ein anderes Bild ſehen wir, rückwärts blickend, wie ein wirkliches Nebelbild: es iſt ein einſamer Schlitten, von raſchen Pfer⸗ den gezogen, auf weiter Schneefläche dahinjagend. Die vereinzelt ſtehenden Tannen am Wege, mit niedergedrückten, ſchneebedeckten Zweigen, ſowie die kahlen Aeſte einſamer Birken ſchauern im ſcharfen Lufthauche und blicken ſehnſüchtig den grauen Wolken und Nebel⸗ 1 204 Einundvierzigſtes Kapitel. maſſen nach, die, mit Schnee vermiſcht, von einem eiſigen Nord⸗ winde gegen Süden getrieben werden. Und entgegen dieſem eiſigen Nordwinde fährt der bedeckte Schlit⸗ ten, in dem ein junges, ſchönes, aber bleiches Mädchen an der Seite eines älteren, großen und hageren Mannes ſitzt. Beide ſind in warme Pelze gehüllt, und doch ſchauert das junge Mädchen zuweilen zuſammen; aber es iſt eigenthümlich, daß dies jedes Mal nur dann geſchieht, wenn ſie, aus tiefem Nachſinnen aufſchreckend, um ſich her ſchaut. Hier Schnee, Eis und kalter Nordwind— anderswo heiße Sonnengluth: dort, auf dem Platze vor Sanct Peter in Rom, wo die majeſtätiſchen Brunnen rauſchen und über welchen jetzt ein Mann in etwas gebückter Haltung ſchreitet, als ſuche er etwas auf den Steinplatten des Bodens. Er tritt ein in den gewaltigen Dom, aber ſtatt in demſelben umherzuſchauen und ſein Künſtlerauge zu erfreuen an den gewaltigen und doch ſo herrlichen Verhältniſſen dieſes Wunderbaues, geht er langſam nach einer der Bänke, die ſich unter den Tauben mit dem Oelzweige an den Pfeilern befinden, welche man mit der Hand erreichen zu können glaubt und die doch, wenn man näher kommt, hoch über unſeren Köpfen ſchweben. Dort läßt er ſich nieder und träumt. Vielleicht von einem Garten, der in voller Frühlingspracht zwiſchen leichten Anhöhen ſo überaus heimlich verſteckt liegt, wo Flieder und Veilchen duften, in deſſen Mitte um ein kleines Haus gewaltige Kaſtanienbäume ſtehen, deren friſch hervorſproſſendes, ſo gleichförmig grünes Laub zwiſchen den ſchwarzen Aeſten ausſieht wie ein ſanft herniederrieſelnder Blätterregen. Auch träumt er da⸗ bei von einer hellen, friſchen, lieblichen Mädchenſtimme, erſchrickt aber auf einmal mitten in ſeinen Phantaſieen, als er ein großes, dunkles Augenpaar mit ſtrengem Blicke drohend auf ſich gerichtet ſieht. Dann beſchäftigt ihn plötzlich ein anderes Bild, eine Landſchaft im Süden: am Ufer eines See's wachſen uralte Steineichen, und mitten aus dem ſtillen Waſſer erhebt ſich ein graues Schloß mit vier ſtarken Eckthürmen— in den ſtillen Gängen dieſes alten Schloſ⸗ ———— Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit! ſes wandelt eine weißgekleidete, jugendliche Geſtalt mit ernſtem, trübem Blicke und verſchwindet unter der Thür einer Capelle. Er erſchrickt, als er das in wachem Traume ſieht, und möchte ihr zu⸗ rufen, ſich in Acht zu nehmen vor der Fallthür am Altare— doch 1 lächelt er gleich darauf über ſich ſelber. Es war das kein altes Märchen, das ihm plötzlich in den Sinn kam und das ihn wie ein unvergeßlicher Blumenduft an eine glück⸗ liche Zeit erinnerte— wie ſah er ſie ſo lebhaft vor ſich, die alten, bekannten Geſichter, wie ſah er ſie ſo lebendig vor ſich, die ganze trauliche Umgebung, das weite Gemach, in dem er ſo glücklich ge⸗ weſen, ſeine Bilder und Zeichnungen, ſeine alten Waffen und ſel⸗ tenen Geräthſchaften, das heitere Lächeln der Freunde— Conchitta's ſeelenvoller Blick— und vor Allem die lieben Züge ſeines kleinen, unvergeßlichen Mädchens, ſeiner lieben Margarethe. „ „Und wüßten wir, wo Jemand traurig läge, Wir brächten ihm den Wein!“ So brach plötzlich die bekannte Weiſe in ſeine wildbewegten Träume hinein und ließ ſich nicht verbannen, trotz Orgelton und Chorgeſang, welche gewaltig durch die hohen Räume von Sanct Peter dröhnten.— Ja, eine Reihe von Jahren iſt ſeitdem verfloſſen, und die Bil⸗ der, welche wir dem geneigten Leſer vorhin in leichten Umriſſen gezeigt, haben ſich mannigfach geändert und anders geſtaltet, ohne indeſſen viel von dem Charakter zu verlieren, unter dem ſie ſich ſo⸗ eben gezeigt. Die meiſten der Perſonen, die uns vielleicht in den 8 vorliegenden Blättern werth geworden ſind, wandern immer noch ohne inneren Zuſammenhang ihre einſame Straße, und wenn wir jetzt wieder anfangen, uns nach ihnen umzuſchauen, ſo geſchieht dies einestheils, weil ſonſt der Antheil an ihnen in deinem Herzen, ge⸗ liebter Leſer, vielleicht erkalten würde, und weil wir doch nicht bis „ zu einem neuen Geſchlechte warten dürfen, um Dir vom vergangenen Geſchlechte weiter zu berichten. 8 206 Einundvierzigſtes Kapitel. Ein ſolches Wiederſehen nach Jahren, ſei es im Leben oder im Roman, hat immer etwas Anziehendes, Aufregendes und ge⸗ wiſſermaßen Angenehmes. Mit welch' lebendigen Erinnerungen durch⸗ wandern wir eine Stadt nach langer Abweſenheit, in der wir viel⸗ leicht unſere Jugend zugebracht— wie ſchrumpft ſie in Wirklich⸗ keit zuſammen gegenüber dem Phantaſiebilde, das wir von ihr im Kopfe und Herzen getragen haben: iſt das die Straße oder der Hofraum, der damals ein ganzes Knabenheer in ſich aufnahm, wenn wir, in Inſelgriechen und Trojaner getheilt, auf einander lospauk⸗ ten?— iſt das in Wahrheit derſelbe Hof, den wir jetzt mit drei Schritten durchmeſſen, und die Häuſer, die uns ſo bedeutend er⸗ ſchienen, und die großen Zimmer, welche damals ſo verſchwende⸗ riſchen Platz boten und die heute faſt ausgefüllt erſcheinen durch die wenigen Möbel, die in ihnen ſtehen, und welche neben ſich auf dem Fußboden gar keinen Platz zu bieten ſcheinen zum Aufbauen von hölzernen Häuſern und zum Herumfahren mit beſpannten Ka⸗ nonen?— Und doch haben wir hier Häuſer gebaut und Artillerie⸗ Manöver geleitet, während die älteren Schweſtern noch neben der Haushälterin am Tiſche ſaßen und der Vater auf dem kleinen So⸗ pha über ſein Buch hinweg uns häufig zuſchaute— eine ganze Welt in ſo kleinem Raume! „Ach, und wie ergreifend ſprechen all dieſe Zeugen aus der Jugendzeit mit uns: die Hausthür in derſelben dunkelgrünen Farbe wie vor langen, langen Jahren, die abgenutzte Steinbank, auf der wir geſeſſen und an welcher wir mit ſteinernen Kugeln geſpielt, der alte, meſſingene Thürklopfer des Nachbars, an dem wir nächtlich unbefugter Weiſe zogen! Wie traulich plaudert das Alles mit uns von guten und ſchlimmen Tagen, von Luſt und Leid, wie iſt es doch ſo, als wollte jedes es ſich überbieten im Zurückrufen längſt vergangener Tage! Die kleinen, matten Fenſter des Hauſes, die ausgetretene Thürſchwelle, der enge Garten, die Bank gegenüber der Straße, wohin wir in den erſten aufkeimenden Gefühlen das Schönſte brachten, das wir — 1 Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit! 207 auf den Fluren geſucht— wenn ich mich recht erinnere, hieß meine erſte Flamme Roſalie und wollte nicht verſtehen die ſtummen Zeu⸗ gen meiner erwachenden Liebe. Doch das verſchnörkelte eiſerne Treppengeländer mit ſeinen ſcharfen Spitzen ruft mir einen recht kummervollen Tag in's Ge⸗ dächtniß zurück: eine zerriſſene Hoſe und das erſte Gefängniß— da ſehe ich wieder ſo deutlich vor mir das blaſſe Geſicht meines Vaters mit den ernſten, dunkeln Augen und fühle ſchaudernd, wie ſich dieſe Augen langſam ſchließen und er zurückſinkt und verſchwin⸗ det unter dem grünen Raſenhügel, der überſchattet iſt von einem vieläſtigen Strauche weißer Roſen. Weiter— weiter! Und wem gewährt es nicht ein ganz beſonderes Vergnügen, nach jahrelanger Abweſenheit Bekannte und gute Freunde wieder⸗ zuſehen, mit ihnen zu plaudern, von ihrem vergangenen Leben zu erfahren, wenn ſie es für gut finden, uns etwas darüber mitzu⸗ theilen— und wie ſich die meiſten verändert haben zu ihrem Vor⸗ theile oder zu ihrem Nachtheile, wie von manchen Blüthen und Blätter abgeſtreift erſcheinen, wenn wir ſie ein paar Jahre nicht geſehen, während uns andere dagegen in unverwüſtlicher Kraft und Geſundheit erſcheinen. Aber immerhin erregt es in uns ein wohl⸗ thuendes Gefühl, wenn ſich unſer Pfad nach einer Reihe von Jah⸗ ren wieder mit dem eines guten Bekannten kreuzt oder gar eine Zeit lang harmoniſch zuſammenläuft, und da wir das gleiche Ge⸗ fühl auch bei Dir vorausſetzen, theurer und vielgeliebter Leſer, ſo wollen wir in unſerer wahren Geſchichte getroſt fortfahren. Es iſt nach verſchiedenen Wintern, die unterdeſſen vorüberge⸗ gangen ſind, wieder einmal Hoffnung vorhanden, daß es in nicht gar zu langer Zeit Frühling werden könnte, wenigſtens dem Ka⸗ lender nach, der den Anfang des März zeigt, obgleich in der Natur von einem erwachenden Leben noch durchaus nichts zu ent⸗ decken iſt. Es iſt ſogar heute Morgen bitter kalt, da ein heftiger, trockener Wind durch die breiten Straßen der Reſidenz fegt unds K 3 Einundvierzigſtes Kapitel. mit heulendem Hohngelächter alle Hoffnungen zu Schanden macht, welche ein paar wärmere Tage geſtern und vorgeſtern in den Herzen der Wintermüden hervorgerufen. Die Straße, auf der wir wandern, zeigt uns ein langes Ge⸗ bäude mit kleinen, halbrunden Fenſtern, die uns einen Marſtall anzeigen, was wir beſtätigt finden, da wir jetzt an einem breiten Thore vorübergehen, durch welches wir, da es nur angelehnt iſt, das Schnauben und Stampfen der Pferde vernehmen und einen Augenblick angehaucht werden von der warmen, dunſtigen Stall⸗ Atmoſphäre. An dieſes Gebäude ſtößt ein hohes eiſernes Gitter, durch welches wir eine offene, mit zierlich angeſtrichenen Planken bedeckte Reit⸗ bahn ſehen, hinter der ſich die hohen Bäume eines Parkes erheben. Dem Gitter folgend, kommen wir an ein ſtattliches Gebäude, deſſen der Straße zugekehrte hohe Giebelwand ein ſteingemeißeltes Relief, eine Hirſchjagd vorſtellend, zeigt; dann folgen abermals Gitter und Park, dann eine breite Einfahrt mit einer Avenue, die zu beiden Seiten mit uralten, rieſenhaften Kaſtanienbäumen beſetzt iſt und in gerader Linie zu dem großen Schloſſe führt, das, aus hellen Stei⸗ nen erbaut, mit ſeinen hohen Fenſtern, ſeinen von Statuen gekrön⸗ ten Dächern und einer Kuppel, über welcher eine weiße und rothe Fahne flattert, durch die kahlen Aeſte der Bäume und Geſträuche hervorleuchtet. Wenn wir in dieſen Baumgang hineintreten und uns dem Schloſſe nähern, ſo werden wir bald bemerken, daß wir uns an der Rückſeite desſelben befinden, wo ſich der Marſtall, die Hofjägerei und die Wohnungen höherer und niederer Hofbeamten befinden. Einige derſelben wohnen in einem Seitenflügel des Schloſſes, an⸗ dere in kleinen Häuſern am Ende des Parks an der Gränze der ſämmtliche Schloßgebäude umſchließenden Straße. Dorthin führt uns unſer Weg, und zwar an ein kleines ele⸗ gantes Haus, welches etwas zurückgezogen von der Straße ſteht, aber dadurch den Vortheil eines kleinen Gärtchens hat. In dieſem iſt Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit! 209 freilich jetzt nicht viel zu ſehen, als kahle Geſträuche, glatt und zierlich eingefaßte Kieswege, ein Raſenplatz mit einer weißen Mar⸗ morſchale und etwas Sonnenſchein, der durch die zerriſſenen Wolken gerade in dieſem Augenblicke die vordere Seite des kleinen Hauſes beleuchtet. Dort befindet ſich über der Eingangsthür ein Vordach von Glas, auf ſchlanken, eiſernen Säulen ruhend, unter das von der Straße her ein halbkreisförmiger, breiter Sandweg führt, für Wagen breit genug— das ſehen wir an dem eleganten kleinen Coupé, beſpannt mit einem einzelnen ſtarken Pferde, das etwas zurückgezogen von der Anfahrt ſteht, aber nicht ſo weit entfernt, daß der Kutſcher auf dem Bock nicht im Stande geweſen wäre, mit einem unter der Thür ſtehenden Bedienten ein kleines Geſpräch zu führen. Coupé, Pferd, Geſchirr und Kutſcher ſahen vornehm aus, letzterer ſogar würdevoll, wie er ſo da ſaß, in der Linken die Zügel haltend, in der Rechten die Peitſche, welche er auf den Schenkel aufgeſtützt hatte. Der Bediente an der Thür ſah einfach aber ſehr anſtändig aus, dunkler Rock mit dunklen Knöpfen, dazu eine blendend weiße Hals⸗ binde und hellgraue Gamaſchen; er lehnte, den wärmenden Son⸗ nenſtrahl benutzend, an der Thür und brach von einem Stücke Brod, das er in der Hand hatte, kleine Stückchen ab, die er weit von ſich in den Fahrweg warf zwiſchen eine Schaar ſchöner Tauben, welche von hungrig zwitſchernden Sperlingen umſchwärmt waren. „Alſo droben im Vorzimmer darfſt Du nie bleiben, wenn Be⸗ ſuch da iſt?“ fragte der Kutſcher. „Nie, und darauf wird ſehr ſtreng gehalten.“ „Nun, was das Strenghalten anbelangt,“ lachte der auf dem Wagen,„darüber könnt Ihr Euch überhaupt nicht beklagen— man ſagt, Ihr hättet einen verdammt harten Dienſt und müßtet donner⸗ mäßig aufpaſſen!“ Der Lakai an der Thür hatte ein offenes und doch ſehr pfiffi⸗ ges Geſicht. Ehe er jetzt die Frage des Andern beantwortete, kniff er leicht ſein rechtes Auge zu und ſpitzte darauf den Mund, als ob er 210 Einundvierzigſtes Kapitel. pfeifen wollte; doch ließ er es dabei bewenden und antwortete nach einer Pauſe:„Streng, wie man's nimmt— aufpaſſen muß man allerdings, doch nur, bis er zum Diner geht; dafür hat man aber auch ſeine Abende frei.“ „So, Abends habt Ihr keinen Dienſt?“ „Nein, ſein Reitknecht muß auf ihn warten, bis er Abends nach Hauſe kommt.“ „Und auch im Uebrigen iſt leicht mit ihm umzugehen, wie man ſagt.“ „Sehr leicht; er gibt ſeine Befehle deutlich und beſtimmt; nur darf man mit keiner Sylbe widerſprechen und nicht vergeßlich ſein.“ „Das bilde ich mir ein, denn wenn man bei Euch vergeßlich wäre, ſo könnte es dort oben ſchwer empfunden werden.“— Bei dieſen letzten Worten zeigte der Kutſcher mit ſeiner Peitſche nach dem Schloſſe hin. Dann fuhr er kopfſchüttelnd fort:„Es iſt doch eine ganz eigene Geſchichte mit dieſer Freundſchaft— man ſagt, Dein Herr habe Seiner Hoheit in früheren Zeiten einmal das Leben gerettet.“ „Das weiß ich nicht, glaub's auch nicht. Ueberhaupt was iſt denn daran ſo Unbegreifliches— nicht wahr, wenn wir auf unſerem Wagen eine Grafenkrone führten, oder auch eine nur von fünf oder ſieben Zacken, ſo würde man Alles das begreiflich finden— ich ſage Dir, Anton,“ fuhr der Lakai in vertraulichem Tone fort,„was der da oben befiehlt, angibt oder arrangirt, hat Hand und Fuß, und wer das nicht merken und anerkennen will, muß es abſolut nicht thun wollen— habe ich Recht oder Unrecht?“ „Ich will das zugeben— aber warum miſcht er ſich in Alles?“ „Er nicht, es fällt ihm gar nicht ein— warum ſoll er aber nicht einen guten Rath geben, wenn er darum gefragt wird?— Aber daß wir Euch ein Dorn im Auge ſind,“ ſetzte er lachend hinzu, „das iſt durchaus kein Geheimniß!“ „Dein Vorgänger ſprach anders,“ erwiderte der Kutſcher, indem er bedeutſam mit dem Kopfe nickte. —,— F · V Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit! 211 „Das war von ihm eben ſo dumm und eben ſo ſchlecht als begreiflich.“ „Warum das?“ „Weil er von der Frau Fürſtin⸗Mutter hieher empfohlen und befohlen wurde und weil ſein Hauptdienſt war, nicht hier, ſondern dort zu dienen.“ „Du biſt ein verfluchter Kerl, Joſeph, und doch nicht geſcheidt genug, denn Du denkſt nicht an Deine Zukunft!“ Der Lakai zuckte mit den Achſeln, indem er erwiderte:„Viel⸗ leicht denke ich beſſer daran, als Du begreifſt,“ und ſetzte dann lachend hinzu:„Wer weiß, ob ich Dich nicht ſpäter einmal zum Leibkutſcher vorſchlagen kann— doch ſo eben hat es oben geklingelt — fahre vor, denn Deine alte Excellenz wird ſogleich erſcheinen.“ Damit ſprang er eilfertig in's Haus und die Treppen hinauf in das Vorzimmer ſeines Herrn, wo er nur ein paar Secunden zu warten brauchte, bis ſich die Thüre in das anſtoßende Gemach öffnete und ein älterer, kleiner und dicker Herr heraustrat, welcher einem Anderen, der ihm folgen wollte, mit der freundlichſten Miene zurückwinkte und die Thür hinter ſich in's Schloß zog, um ſo zu verhindern, daß der Andere ihm folge oder vielleicht bis zur Treppe ihn begleitete. Das freundliche, faſt grinſende Lächeln auf dem rothen Ge⸗ ſichte des dicken, älteren Herrn verſchwand aber augenblicklich und machte einem finſtern Ausdrucke Platz, der ſich nur ein klein wenig aufhellte, als der im Vorzimmer ſtehende Lakai herbeieilte, um Seiner Excellenz beim Anziehen des ſchweren Pelzes behülflich zu ſein. Seine Excellenz ſchritt darauf die Treppe hinab, in der Hand eine brennende Cigarre, die er, unten vor dem Hauſe angekommen, mit einer faſt heftigen Bewegung auf die Seite warf, ehe er in ſein Coupé ſtieg und davonfuhr. „Ei, ei,“ ſagte der Lakai, der den Wagenſchlag geſchloſſen hatte, zu ſich ſelber,„ſchade für die echte Havannah⸗Cigarre— ich will ſie nur aufheben, um gelegentlich einen armen Kerl 212 Einundvierzigſtes Kapitel. damit glücklich zu machen— nachdem ich ſie droben gezeigt,“ ſetzte er mit einem bedeutſamen Kopfnicken langſam hinzu— „ja, nachdem ich ſie droben gezeigt— denn er iſt mir wahrhaf⸗ tig zu lieb, um ihm nicht eine ſolch kleine Warnung zukommen zu laſſen!“ Er ſtieg hierauf langſam die Treppe wieder hinauf bis in das Vorzimmer, wo er die angebrannte Cigarre in irgend einer Ecke unterbrachte. 3 An dieſes Vorzimmer ſtieß ein Schreibcabinet, denn daß dieſes kleine Gemach häufig zu dieſem Zwecke benützt wurde, ſah man an dem mit grünem Tuche bedeckten, ziemlich großen Tiſche, der mit der ſchmalen Seite an das Fenſter ſtieß und der beladen war mit Schreibzeug, Siegellack, Petſchaft, Leuchter, Papieren verſchiedener Art und zierlich geordnetem Briefpapier mit dazu gehörigen Um⸗ ſchlägen. Jetzt war indeſſen Niemand hier beſchäftigt, überhaupt Niemand in dem kleinen Cabinet, weßhalb wir uns in das an⸗ ſtoßende Gemach begeben. Dieſes war geräumig; eben ſo elegant als geſchmackvoll eingerichtet, machte es auf den Eintretenden wohl dadurch einen ſo wohlthuenden Eindruck, daß man hier weder Gold noch prächtige Stoffe ſah und daß der angenehme Eindruck dieſes Raumes nur allein hervorgebracht wurde durch die ſo fein zuſam⸗ menſtimmende Farbe der Tapeten, Teppiche und Möbel, ſowie die einfache aber geſchmackvolle Form der letzteren. Sie beſtanden aus hellem Eichenholze mit Polſterungen aus grauem, mattem Seiden⸗ zeuge; dazu zeigte der ſmyrnaer Bodenteppich in ſeinem Gemiſch von unzähligen Farben ein möglichſt wenig erkennbares Deſſin, und in den einfachen Tapeten war ein ſanftes Blau vorherrſchend. Auch in dieſem Zimmer befand ſich ein kleiner Schreibtiſch, ſchräg gegen das Fenſter geſtellt, und dicht unter dem letzteren ein Behälter aus zierlichem Strohgeflechte, der mit größeren und klei⸗ neren Papierrollen angefüllt war. Das Gemach hatte einen Kamin von weißem Marmor, in dem ein luſtiges Feuer brannte, und dieſem gegenüber befand ſich ein Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit! 213 niedriger, ovaler Blumentiſch mit ſeltenen Blattpflanzen, die ſo arrangirt waren, daß ein großes Bild, welches an der Wand hinter dem Blumentiſche hing, wie mit den phantaſtiſchen Ranken und Blättern deſſelben im Zuſammenhange zu ſtehen oder aus denſelben herauszuſteigen ſchien. Dieſes Bild ſtellte eine dichte Waldgegend vor, und es waren die knorrigen Stämme der Bäume, ſowie das ſaftige Grün ſo friſch und keck gemalt, daß ihm die lebendigen Pflanzen durchaus nicht wehe thaten; doch blieb der Blick hier nicht lange auf Bäu⸗ men und Sträuchern haften, ſondern wandte ſich ſogleich einer ſchö⸗ nen Mädchengeſtalt zu, die, als Jägerin gekleidet, auf ihren Jagd⸗ ſpeer geſtützt, dem luſtigen Treiben einer bunten Schaar zuſchaute, die unten zwiſchen den Bäumen ein heiteres Gelage feierte. Hinter der Jägerin und ſo weit zurück, daß ſie das Enſemble durchaus nicht ſtörten, bemerkte man vier wilde Männer, phantaſtiſch geklei⸗ det, als ſeien ſie eben erſt von Wappenſchildern herabgeſtiegen — doch all dieſes Beiwerk betrachtete der Beſchauer nur flüchtig, und ſein Auge kehrte immer wieder zurück nach dem Bilde der wunderlieblichen, entzückenden Jägerin. Der Bewohner des kleinen Hauſes ſaß neben dem Kamin in einem bequemen Fauteuil und mochte wohl ſoeben in einem Pa⸗ pier geleſen haben, denn er hielt es noch halb geöffnet in der linken Hand; dieſe aber ruhte jetzt auf ſeinem Knie, während er nach⸗ denkend vor ſich hinblickte: es iſt dies ein ſchöner, ſtattlicher Mann von vielleicht etwas mehr wie dreißig Jahren mit hellblondem, krauſem Haupthaare, angenehmen Geſichtszügen und einer breiten Stirn.— 3 Seit wir ihn zum letzten Mal geſehen, ſind einige Jahre vor⸗ übergegangen, wie wir Eingangs dieſes Kapitels erwähnten; und dieſe Zeit mit ihren Freuden und Leiden iſt auch an Rodenberg nicht ganz ſpurlos vorübergegangen. Seine Geſtalt iſt etwas ſtärker ge⸗ worden, ſeine Bewegungen ſind nicht mehr ſo haſtig, nicht mehr ſo friſch als damals, wo ſich der wilde Jäger in den Sattel ſeines ————— —z — —— 214 Einundvierzigſtes Kapitel. Rappen ſchwang, wo er in derſelben Viertelſtunde eine Skizze aufs Papier warf, einen Brief zu ſchreiben anfing und ehe dieſer noch halb beendigt war, eine Cigarre anzündete, um einem Freunde nachzueilen, der eben vorübergegangen. War Rodenberg damals das Bild eines ſchönen, blühenden jungen Menſchen geweſen, eine ſprudelnde Künſtlernatur mit allen Tugenden und Fehlern einer ſolchen, ſo hat er jetzt das Ausſehen eines ſchönen, vorneh'nen Mannes, deſſen feine Lippen häufig ſchweigſam geſchloſſen waren, deſſen Stirn Ernſt und Offenheit zeigte und um deſſen Mund nur ſelten jenes reizende Lächeln er⸗ ſchien, das damals im Verein mit den dunkelblauen, leuchtenden Augen ſein Geſicht ſo häufig mit dem glänzenden Sonnenſcheine der glücklichſten, übermüthigſten Laune überzog. Häufiger als jenes Lächeln zeigte ſich jetzt ein bitterer Zug um ſeinen Mund, ein Ausdruck des Unbehagens, des Ueberdruſſes, und wenn dieſer Zug erſchien, ſo kam es nicht ſelten vor, daß er raſch in die Höhe ſprang und alsdann lebhaft mit der Rechten durch ſein krauſes, blondes Haar fuhr. So auch jetzt, und als er aufſprang, warf er das Papier aus ſeiner Hand mit einer Miene des Verdruſſes auf ſeinen Schreibtiſch. Dann ging er haſtig ein paar Mal im Zimmer auf und ab und ſprach endlich, vor dem Fenſter ſtehen bleibend, zu ſich ſelber: ⸗Wie ſagte doch die alte Excellenz— mein intimer und ganz be⸗ ſonderer Freund, der mich als Menſch liebt und als Künſtler hoch⸗ ſchätzt— obgleich er weder den einen noch den anderen kennt! Was geruhte er doch im allerhöchſten Auftrage der Frau Fürſtin⸗Mutter mir mitzutheilen? Es ſei nur eine Kleinigkeit, um welche man mich erſucht, und gerade weil es nur eine Kleinigkeit ſei, wäre man ſicher, daß ich mich beeilen würde, dem allerhöchſten Wunſche gerecht zu werden— eine Kleinigkeit!— es ſind das allerdings eine ganze Kette von Kleinigkeiten: unſere Bauprojecte und Ver⸗ ſchönerungs⸗Ideen, unſere lebenden Bilder und Theater⸗Vorſtellun⸗ gen, unſere phantaſtiſchen Bälle und maskirten Schlittenfahrten— Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit! 215 freilich nur Kleinigkeiten; aber wenn man dieſe Kleinigkeiten für große Thaten anſieht, ſo iſt es doch nicht ſo leicht, ſie dem aller⸗ höchſten Wunſche der geſtrengen Frau Fürſtin⸗Mutter gemäß zu unterlaſſen— für mich wenigſtens iſt das nicht ſo leicht,“ ſetzte er mit einer ungeduldigen Bewegung hinzu,„und jeder Wink, der von dort kommt und dem ich Folge leiſte, wird mir hier mit einem Blicke des Mißtrauens belohnt!“ „Soll ich ſie vergeſſen, die Aeußerungen, die ich ſchon ein paar Mal gehört, die man gegen mich, wenngleich mit lachendem Munde, gethan: ‚Rodenberg, Ihre Kraft läßt nach, Sie ſind nimmer ſo friſch, wie früher, Ihre Einbildungskraft iſt erlahmt ſchon beim dritten Balle dieſer Saiſon— Neues, Neues! Ich will Neues, man ſoll von meinen Feſten nicht ſagen, daß ſie an Glanz nachlaſſen, daß ſie matter werden, wir wollen uns das Renommee der Di⸗ ſtinction erhalten“!?— „O, was meine Phantaſie anbelangt,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher er auf die Straße hinausgeſchaut,„ſo iſt ſie noch lange nicht zu Ende— ſie iſt im Aufblühen begriffen! Aber hängt ſich mir nicht die Ungnade der Fürſtin⸗Mutter wie Blei an meine Glieder, jede freie Bewegung hemmend und beſon⸗ ders das zurückhaltend, was ich wirklich Großes und Schönes aus⸗ führen möchte, weil ich darin ſo wenig Unterſtützung finde! „Alſo nur eine Kleinigkeit wünſcht man von mir: die Auf⸗ führung dieſes albernen Märchens— ſie nennt die wunderbare Poeſie des Dornröschens ein albernes Märchen!“ fuhr er mit bit⸗ terem Lachen fort—„ſoll auf dem nächſten großen Balle unter⸗ bleiben— dieſer allerhöchſte Wunſch einer Kleinigkeit!“ ſetzte er laut, im Tone der Ironie redend, bei. „Ich brauchte ja nur zu ſagen, meinte ſeine Excellenz, die Aufführung bis dahin ſei unmöglich— unmöglich! ein Wort, das bis jetzt im Wörterbuche meines Dienſtes nicht zu finden war und durch das, da ich es nicht kenne, ich geworden bin, was ich bin! „Unmöglich— und wenn ich dieſes Wort wirklich auf meine ———— 216 Einundvierzigſtes Kapitel. Fahne ſchriebe, wenn ich, anſtatt raſch an die Ausführung eines mir gegebenen Befehls zu gehen, achſelzuckend eine Unmöglichkeit zugebe, wenn ich dadurch den erſten Schritt abwärts thäte, um von meiner äußerlich ſo glänzenden Stellung herabzuſteigen, ver⸗ möchte ich es über mich, mein künftiges Leben zu ertragen, ſo wie es ſich alsdann geſtalten würde und müßte— könnte ich, abwärts gehend, wieder aufwärts ſteigen in den dritten, vierten Stock eines unſcheinbaren Hauſes, dort das vergilbte Papier, die beſtaubten Bleiſtifte wieder in die Hand nehmen, um ein neues Fundament zum künftigen Glücke zu legen? „Schande über mich, wenn ich es nicht könnte!“ rief er mir aufloderndem Blicke—„traurig genug,“ ſetzte er leiſer hinzu,„daß ich es ſo weit kommen ließ, daß mein Papier vergilbt iſt undt meine Bleiſtifte verſtaubt! „Mit welchen Hoffnungen zog ich in dieſe Stadt ein, wie glänzend haben ſich dieſe Hoffnungen erfüllt und wie einſam und elend hat mich die Erfüllung der Künſtlerphantaſieen zuweilen ge⸗ macht— ſo elend, da die Verwirklichung meiner ausſchweifendſten Träume mich meinem Ziele nicht näher gebracht! „Wie glückſelig athmete ich auf, nachdem ich die erſten, m ſamen Schritte aufwärts gethan, als ich mich endlich erhoben fühlte über das gewöhnliche Treiben der Menſchen, als ich wähnte, ib⸗ dadurch näher zu kommen, die von ſchwindelnder Höhe auf n herabblickte, der ich meine wilde, leidenſchaftliche Liebe und auch ein wenig meinen Werth dadurch zu beweiſen hoffte, daß ich, armer, unbekannter Künſtler, einen Weg gemacht, der mich ih nahe führt, daß ſie ſich keine zu große Mühe zu geben bre mir ihre liebe Hand zu reichen! „Doch verſchwunden iſt das liebliche Bild meiner Jugendtr. — mir von damals nichts geblieben, als eine ſchmerzliche Erit rung: ich fühle mich einſamer auf meiner zweifelhaften Höhe, damals, wo ich noch dem Laufe des ſtillen Thales folgte! „Und dieſe Höhe, das glänzende Leben, in dem ich mich be⸗ Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit! 217 3 3 wege, füllt es mich aus, genügt es mir?— Nein, nein! Es be⸗ friedigt meine Eitelkeit, es füllt mit ſeinem Glanze, mit ſeinem wilden Treiben mir kaum all' die Stunden aus, deren qual⸗ volle Leere mich verzehren müßte, verfolgt von dem Gedanken an ſie— an ſie!— Er machte einen raſchen Gang durch das Zimmer und blieb alsdann mit über einander geſchlagenen Armen vor dem Bilde, dem Kamine gegenüber, ſtehen. Lange ſchaut er in die lieblichen Züge der ſchönen Jägerin, dann ſagt er, tief aufſeufzend:„Komme, was kommen mag, wenn mich auch die Woge des Lebens, die mich jetzt hoch auf ihrem unſicheren Rücken trägt, wieder hinabſchleudert in die Tiefe oder auf ein ödes, felſiges Eiland!— Muth genug ühle ich in mir, auch dann wieder eine neue, beſſere und vielleicht ſegensreichere Laufbahn zu beginnen!— Doch ſo lange ich noch das Steuerruder in der Hand habe,“ ſetzte er mit ſtolz erhobenem Haupte hinzu,„will ich meinen Curs feſthalten, Wind und Strö⸗ mung benntzen ſo lange als möglich, nur dem Befehle eines Ein⸗ zigen gehorchend, ihm, der mich mit Wohlthaten überhäuft, dem ich Dank ſchuldig bin! 8„ Und deßhalb,“ ſchließt er mit einem ironiſchen Lächeln,„bedauere h ſehr, Euer Excellenz dieſes Mal nicht gefällig ſein zu können!“— Nachdem Nodenberg dieſes Selbſtgeſpräch, das er bald lauter, balg leiſer geführt, mit langen Pauſen untermiſcht, in denen er die abgebrochenen Sätze, die er ausſprach, durch Gedanken an ein⸗ ander reihte, zu Ende geführt hatte, nahm er das Papier, das er auf den Schreibtiſch geworfen, und ſchloß es ſorgfältig ein, worauf er wisger vor dem Kamine Platz nahm, ein auf dem Boden liegen⸗ des tungsblatt aufhob und darin zu leſen begann. „ Hoch dauerte es nicht lange, ſo trat der Lakai, den wir vor⸗ hin or dem Hauſe geſehen, mit ſo unhörbaren Schritten ein, daß er ſich hinter der vorgehaltenen Hand leiſe räuſpern mußte, um ſeinen in's Leſen vertieften Herrn aufmerkſam zu machen. Hackländer's Werke. 55. Bd. 15 Einundvierzigſtes Kapitel. „Was gibt's, Joſeph?“ Der Lakai näherte ſich mi eine Karte lag. „Baurath Zweckel— was will der?— Ich glaube nicht, daß ich zu Hauſe bin.“ „Der Herr Baurath glaubt aber das Gegentheil, gnädiger Herr, und zwar mit vieler Gewißheit; denn er ſagte mir, da Euer Gnaden noch nicht ausgegangen ſeien, würden Sie wohl einen Augenblick die Güte haben, ihn zu ſehen.“ „Wenn ich nun aber nicht will?“ „Das iſt natürlicher Weiſe etwas Anderes,“ entgegnete der Lakai, ſich langſam zurückziehend—„ſo ſoll ich alſo ſagen, Sie ſeien ausgegangen?“ Rodenberg dachte eine t einem ſilbernen Teller, auf dem i Augenblick nach, warf einen Blick in die Zeitung, aber an eine andere Stelle, als an die, wo er gerade geleſen, erhob ſich dann lebhaft und ſagte mit einem ſcharfen Lächeln, das raſch über ſeine Züge flog:„Wir wollen heute Morgen nicht lügen, Joſeph, ſelbſt nicht zur Noth, was ja häufig vorkommt— laß ihn hereinkommen.“ Joſeph ging hinaus, in der Hand behalten hatte, daß er der Thür des Vorzimm ſchien er ſo in's Leſen vertieft zu ſein, Huſten hinter ſich überhörte und ſich erſt na umwandte. „Ah, Herr Baurath, was verſchafft mir das Vergnügen? Sie verzeihen, wenn ich Sie bitte, ohne weitere Vorrede bei dem an⸗ zufangen, was Sie mir mitzutheilen wünſchen, denn ich bin gerade heute Morgen ſo ſtark beſchäftigt, daß ich ſogar auf das Vergnügen. verzichtet haben würde, Sie zu ſehen, wenn Sie nicht ſo genau ge⸗ wußt hätten, daß ich zu Hauſe ſei— Sie ſehen, ich bin offenherzig — gerade ſo wie Sie.“ Ein Bild der Offen und Rodenberg, der das Zeitungsblatt lehnte ſich ſo an die Ecke des Kamins, ners den Rücken zuwandte; auch daß er ſogar ein zweimaliges ch einem dritten Male herzigkeit bot nun das Geſicht des eben — Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit! 219 Eingetretenen nicht. Dieſes Geſicht befand ſich an einem dicken, etwas viereckigen Kopfe, der mit ſchwarzen Haaren bedeckt war, welche Zierde auch als leichter Auswuchs unter dem fetten Kinn des Bauraths erſchien; die kleinen, unſtäten Augen hatten etwas außerordentlich Verſchmitztes, und, um von der ganz gewöhnlichen Naſe zu ſeinem ziemlich breiten Munde überzugehen, ſo umſpielte die Lippen deſſelben gewöhnlich ein freundlich ſein ſollendes Lächeln, das aber auf den Beſchauer einen ganz anderen Eindruck zu machen pflegte. Komiſch war es indeſſen, daß dieſes Geſicht ſich alle Mühe gab, würdevoll auszuſehen, und zu dieſem Zwecke die kleine, unter⸗ ſetzte Figur des Bauraths zu Hülfe nahm, deren übertrieben auf⸗ rechte Haltung mit dem unverhältnißmäßig hoch getragenen Kopfe dem Gange dieſes kleinen Mannes wohl etwas komiſch Geſpreiztes und doch durchaus nichts Würdevolles und Imponirendes verlieh. Dabei war er ſchwarz gekleidet, und wenn man zu gleicher Zeit auf ſeinem Scheitel eine kleine, verdächtig runde Lichtung ſah, den gravitätiſchen Gang vermittels eines großen Stockes mit goldenem Knopfe und die nach rechts und links geſpendeten huldvollen Grüße, ſo hätte man glauben können, einen wackern Landgeiſtlichen vor ſich zu ſehen. „Nehmen Sie Platz, Herr Baurath, und dann ſagen Sie mir, womit ich Ihnen dienen kann.“ Dieſes Wort„dienen“ ſchien auf den kleinen Mann eine un⸗ angenehme Wirkung auszuüben, und er ſetzte ein paar Mal ver⸗ geblich an, es hinabzuſchlucken, ehe er erwiederte:„O, Herr Baron!“ „Bitte, Herr Baurath; ich bin eben ſo wenig Baron oder ſonſt etwas dergleichen, wie Sie.“ „Was nicht iſt, Herr von Rodenberg, kann noch werden,“ ent⸗ gegnete der kleine Mann, indem er eine ſehr tiefe Verbeugung geſchickt dazu benutzte, um ſich in den hingeſchobenen Stuhl gleiten zu laſſen. „Ah, Sie meinen, bei dem unbegreiflichen Einfluſſe, den ich genieße, bei dem unverdienten Glücke, das ich habe, Seiner König⸗ lichen Hoheit nahe zu ſtehen!“ 220 Einundvierzigſtes Kapitel. Bei dieſen Worten, welche Rodenberg ausnahmsweiſe ſtark be⸗ tonte, flog eine dunkle Röthe über das Geſicht des Anderen; doch war er gewandt genug, eine beginnende Verlegenheit nicht auf⸗ kommen zu laſſen, ſondern wußte ſie geſchickt in ein ſanftes Lächeln aufzulöſen:„Gewiß, Herr von Rodenberg, bei dem ſegensreichen Einfluſſe, den Sie haben, bei Ihrem ſo ſehr verdienten Glücke.“ „Halten wir uns bei dieſer heutigen Variation nicht auf,“ ſagte Rodenberg in kaltem Tone,„ſondern erlauben Sie mir, meine Frage zu wiederholen: womit kann ich Ihnen dienen?“ „dOffen und ehrlich geſprochen, Herr von Rodenberg— offen und ehrlich, wie Sie es ſo ſehr wünſchen und wie ich es mir ſtets zur Pflicht mache, gerade durch Ihren ſo gaten und ſegensreichen Einfluß bei Seiner Königlichen Hoheit— ja, ich rede offen und ehrlich und ich handle auch ſo; der Beweis dafür iſt, daß ich im Bewußtſein meines Werthes und meiner Unſchuld gerade zu Ihnen, meinem— gerade zu Ihnen komme.“ „Zu Ihrem perſönlichen Feinde, wollen Sie ſagen— ich be⸗ wundere wirklich Ihren Muth für die— nun, für die Angelegen⸗ heit, die Sie vertheidigen— erlauben Sie auch mir, ein Wort zu verſchweigen.“ Der Baurath that einen Blick gen Himmel und machte eine demüthig ſein ſollende Bewegung mit ſeinen beiden Händen, als wollte er ſagen: Domine, fiat tua voluntas! Dann ſchluckte er an⸗ haltend tief und ſagte:„Ich werde verleumdet, Herr von Rodenberg.“ „Das heißt, man ſagt Ihnen unangenehme Dinge nach in Be⸗ treff Ihrer Kirchenbau⸗Angelegenheit; ob das Verleumdung iſt, weiß ich nicht— auch darin, wie in ſo vielen anderen Dingen, bin ich ein vollkommener Ignorant.“ Auch dieſes letzte Wort betonte er wieder auf eine eigenthüm⸗ liche Art, und wieder verwandelte ſich die auf's Neue erſcheinende Verlegenheit auf dem Geſichte des Anderen in ein mattes Lächeln, dieſes Mal in ein Lächeln der Ergebung. „Es iſt eigenthümlich, mein lieber Herr Baurath, daß ſo etwas — — 2 Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit! 221 ſporadiſch auftritt, um gleich darauf epidemiſch zu werden; oben⸗ drein ſcheint es mir, haben Sie unter den Journaliſten auch Ihre Feinde, wenn Sie auch Alles ausgebeutet, um die öffentliche Mei⸗ nung zum Schweigen zu bringen, wenn Sie und Ihr Beſchützer, der Herr Cultus⸗Miniſter, auch das Mögliche gethan haben, um den Bericht einer gewiſſen Commiſſion todtzuſchweigen— ich las ſo eben über dieſe Angelegenheit.“ „Wo?“ fragte der kleine Mann mit einer Haſt und Aengſt⸗ lichkeit, welche natürlicher klang als Alles, was er bis jetzt geſagt. „Hier im ‚Warner', mit Hinweiſung auf einen längeren Ar⸗ tikel in einer anderen Zeitung.“ „Dürfte ich Sie vielleicht bitten, Herr von Rodenberg?“ „Wenn Sie mir geſtatten, leſe ich Ihnen das Wichtigſte aus dem kleinen Aufſatze vor— nur einige Zeilen, aber ſie geben zu denken.“ „Haben Sie die Güte,“ entgegnete der kleine Mann, wobei er, um ſein Geſicht nicht ſehen zu laſſen, ſich tief vornüber beugte, dabei den Knopf ſeines Stockes gegen den Bauch drückte und auf dieſe Weiſe ausſah wie ein von unten geſpießter ſchwarzer Käfer. „Wir ſehen uns gezwungen, las Rodenberg und unterbrach ſich dann, indem er das Blatt mit ſeiner Hand einen Augenblick nieder⸗ ſinken ließ,„ſo ſagt nämlich der Correſpondent des ‚Warners⸗, und Sie wiſſen, daß dieſe gemeinen Perſonen oft die unverſchämte Manier haben, wie die allerhöchſten Herrſchaften per Wir zu ſprechen — ‚wir ſehen uns gezwungen, den eben erwähnten Bauvorgang im großen Ganzen zu verurtheilen, indem wir nachgewieſen haben, daß die Anlage der Strebebogen und Gallerieen ſowohl in conſtructiver als äſthetiſcher Beziehung verfehlt iſt und daß namentlich die am Baue ſelbſt erhaltenen Anzeichen über die richtige, urſprüngliche Intention der alten Meiſter in unverantwortlicher Weiſe außer Acht gelaſſen wurden:—„in unverantworlicher Weiſe,“ ſetzte der Vorleſer hinzu und ſchloß mit den Worten:„das war ſchon vor acht Tagen gedruckt und zu leſen, ohne daß eine Erwiederung da⸗ auf erſchienen wäre.“ 222 Einundvierzigſtes Kapitel. Der Baurath war dieſer Vorleſung kopfnickend gefolgt, wobei er immer tiefer in ſich zuſammenſank, unſer gewagtes Bild von ſo eben vervollſtändigend; jetzt aber richtete er ſich ſo engeriſch und anhaltend auf, daß er, obgleich mit ſeinem Gegenüber ſprechend, bequem die Zimmerdecke betrachten konnte— ſeine gewöhnliche Hal⸗ tung—, und ſagte alsdann, obwohl im Tone gekränkter Unſchuld, doch dabei mit der Feſtigkeit eines guten Gewiſſens:„Verleumdung, Herr von Rodenberg— die ſcheußlichſte, gemeinſte Verleumdung, zu gering, um darauf zu antworten!— Wer entgeht einer ſolchen, wenn ich fragen dürfte?“ „Ich nicht,“ erwiederte der Angeredete,„wie Sie am beſten wiſſen werden; doch ſeien Sie in dieſem Punkte ſtark und unan⸗ greifbar, wie ich es bin, und machen Sie ſich nichts aus dem, was der Stadtklatſch von Ihnen ſagt— was die Zeitungen ſchreiben — was gute Freunde mit bedauernden Worten, aber händereibend einander zuflüſtern— folgen Sie dabei dem Ausſpruche eines un⸗ ſerer größten deutſchen Dichter.“ „Schiller's vielleicht?“ „Dieſes Mal nur Goethe's, den ich ebenfalls hochſchätze. Goethe ſagt nämlich irgendwo: Und wenn man mich beſchuldigte, ein Dutzend ſilberner Löffel geſtohlen zu haben, ich würde mich nicht darüber vertheidigen!— Machen Sie es eben ſo, mein lieber Herr Baurath, obgleich die Verleumdung noch nicht ſo weit gegangen iſt, Sie etwas Aehnlichem zu beſchuldigen— aber“— Rodenberg ſah auf ſeine Uhr—„ich weiß immer noch nicht, womit ich Ihnen dienen kann; gerade heraus mit der Sprache, offen und ohne Rückhalt, wie ja der Wahlſpruch lautet, den wir auf unſere Fahne geſchrieben!“ 3 „Gut denn, Herr von Rodenberg— Ihrem Befehle gemäß gehe ich gerade auf mein Ziel los: Sie wiſſen, daß Seine Königliche Ho⸗ heit gerade im Begriffe ſteht, ein neues Papageienhaus zu bauen...“ „A— a— a-—ah, dazu ſoll Ihnen mein Einfluß verhelfen?— Bei Ihren Fähigkeiten, Herr Baurath, bei Ihren bekannten groß⸗ F Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit! 223 artigen Leiſtungen bin ich überzeugt, daß Sie allein zu dieſem Ziele gelangen werden!“ „Ich weiß wohl,“ fuhr der andere fort, ohne mit mehr als einem ſanften Lächeln etwas auf die Worte Rodenberg's zu erwie⸗ dern,„daß dieſes Bauwerk an ſich von keiner außerordentlichen Bedeutung iſt, aber da ich erfahren, daß es mit großer Pracht 4 ausgeführt werden ſoll, ſo wäre mir die Uebertragung aus dem ein⸗ zigen Grunde wünſchenswerth, um Seiner Königlichen Hoheit zeigen zu können, was ich in Anwendung reicher und geſchmackvoller De⸗ corationen zu leiſten im Stande ſein würde.“ Rodenberg hatte beide Hände in die Taſchen ſeiner Beinkleider verſenkt, ſich dabei lang in ſeinem Fauteuil ausgeſtreckt und betrach⸗ tete nun ſein Gegenüber mit einem ſo anhaltenden und eigenthüm⸗ lichen Lächeln, daß ſich die breite und niedere Stirn des kleinen Mannes langſam zu röthen begann, daß er mit den Augen zwin⸗ kerte und daß ein auf's Neue verſuchtes Lächeln nicht im Stande war, den Ausdruck von Verlegenheit und Unruhe zu verjagen, der ſich ſeiner Züge bemächtigt. „Sie wünſchen mein Fürwort,“ ſagte Rodenberg—„Sie, der Mann des Tages, der große Baumeiſter, der treue Freund ſeiner Freunde?— Bedürfen Sie eines Fürworts, nachdem Sie geleiſtet, was Sie geleiſtet, nachdem Sie Häuſer gebaut, die in ſtolzem Selbſtbewußtſein auch nicht den geringſten Verſuch machen, ihre unergründliche Harmonie durch eine regelrechte Front zu verdecken, und welche das Problem gelöst, auf allen vier Seiten Hinterge⸗ bäude zu ſein— Sie, der Sie aus drei Plänen befreundeter Ar⸗ 4 chitekten einen vierten zu Stande brachten, dem Sie als Preisrichter ſo uneigennützig waren, den Vorzug zu geben?— Sie ſehen, ich bleibe bei unſerer Fahne, doch, da ich in Ihren Mienen ſehe, daß Ihnen unſer Wahlſpruch nicht mehr ganz angenehm erſcheint, ſo werde ich mich bemühen, durch wenige Worte Heiterkeit auf Ihrem Geſichte hervorzuzaubern— ich werde feurige Kohlen auf Ihr Haupt * ſammeln: man wird Ihnen das Bauweſen übertragen.“ F 224 Einundvierzigſtes Kapitel. „Mir, Herr von Rodenberg— wiſſen Sie das gewiß?“ „So gewiß als der Tag ſcheint, und dabei kann ich Sie noch mit der Verſicherung erfreuen, daß Sie meinem Einfluſſe nicht das Geringſte dabei verdanken!“ „Ich bin überraſcht und, ich geſtehe es, hoch erfreut— laſſen Sie mich Ihnen meine Dankbarkeit ausſprechen, denn ich bin nun feſt überzeugt, Sie haben als großmüthiger Feind an mir gehandelt!“ „Gewiß nicht, Herr Baurath— die Sache iſt ſehr einfach, und da ich fortwährend offen und ehrlich gegen Sie ſein will, ſo werde ich Ihnen nicht verſchweigen, daß Ihre Königliche Hoheit die Frau Fürſtin⸗Mutter beſchloſſen hat, meinem allergnädigſten Herrn durch die Erbauung des Papageienhauſes eine kleine Freude zu machen, und da nun Höchſtdieſelbe ihren Baumeiſter ſelbſt zu wählen hat, ſo werden Sie den Bau erhalten.“ „A— a— a— ahl“ machte der kleine Mann mit einem tiefen Athemzuge, wobei ſein Geſicht förmlich ſtrahlte. „Hätten Sie das eine Stunde früher gewußt, ſo wäre Ihnen der ſaure Gang zu mir erſpart geblieben, und wie die Sachen nun einmal ſtehen, ſo gratulire ich Ihrer Königlichen Hoheit, Ihnen ſo wie dem Papageienhaus— dieſer Auftrag hätte in keine beſſeren Hände fallen können, und Sie werden darin Alles verdunkeln, was Sie bisher geleiſtet!“ „Glauben Sie in der That, daß mir der Auftrag ertheilt wird?“ „Kein Zweifel, denn man kennt allerhöchſten Ortes zu genau Ihre Talente, Ihre fabelhafte Bereitwilligkeit; Sie ſind ein Mann, wie man ihn wünſcht und brauchen kann, der ohne viel Ueber⸗ legung durch Dick und Dünn geht, der die Werke ſeiner noch leben⸗ den Freunde auf's unglaublichſte verbeſſert, wenn es von oben her⸗ ab gewünſcht wird, und ſogar dann, wenn Sie ſelbſt überzeugt ſind, dem guten Geſchmacke tüchtig eins auf den Kopf zu geben!“ „A— ah, Herr Rodenberg, ich weiß, man muß Ihrem Scherze ſchon etwas zu Gute halten und darf ſich in Betracht Ihrer vortrefflichen Eigenſchaften durch ein raſches Wort nicht verletzt fühlen, ſonſt... 8 —— 8 8 Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit! 225 „Scheuen Sie ſich gar nicht, Herr Baurath, mir Ihre Ge⸗ danken auch einmal frei in's Geſicht zu ſagen; ich gebe Ihnen ja keine Schuld, wenn Sie eigenthümliche Befehle eigenthümlich aus⸗ führen, und daß Sie darin keine Schonung kennen, werden Sie mir zugeben— haben Sie je eine Zeichnung von mir geſehen?“ „Geſehen und bewundert, Herr von Rodenberg, wie Sie ſelbſt am beſten wiſſen, denn Sie erklärten ſich einverſtanden mit dem Rahmen, den ich zu Ihrem großen Blatte gezeichnet, welches in den Zimmern Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Fürſtin⸗Mutter hängt.“ „Hing, wollen Sie ſagen— reden wir von dieſer Zeichnung: wenn man Sie heute beauftragte, vor derſelben ein tüchtiges eiſernes Gitter anzubringen— natürlicher Weiſe, um es zu ſchützen—, würden Sie ſich weigern?“ „Gewiß, Herr von Rodenberg!“ „Bleiben Sie bei unſerem Wahlſpruche, mein lieber Herr Bau⸗ rath— Sie würden ein ſolches Gitter mit großem Vergnügen anfertigen, aber noch mehr Vergnügen würde es Ihnen verurſachen, wenn Sie den allerhöchſten Auftrag erhielten, um meine geringe Perſon ein ähnliches, recht ſtarkes Gitter anbringen zu dürfen— dabei würden Sie nicht einmal die Koſten der Vergoldung ſcheuen — habe ich Recht?“ Rodenberg ſagte dies mit ſo außerordentlich heiterem Geſichts⸗ ausdrucke und gefolgt von einem ſo herzlichen Lachen, daß der An⸗ dere es gerathen fand, bereitwillig auf eine ſo ſcherzhafte Wendung ihres ernſten Geſpräches einzugehen, und ebenfalls zu lachen anfing. Aber es lag in dieſem Lachen des kleinen Baumeiſters etwas Hyänen⸗ artiges; doch verhinderte ihn das Gefühl, welches dieſen ſeltſamen Ausdruck der Freude hervorbrachte, nicht, dem Anderen die Hand darzureichen und zu ſagen, als Jener ſie unter fortgeſetztem Lachen annahm und ſchüttelte:„Jeder thut ſeine Pflicht, Herr von Ro⸗ denberg, und auch Sie würden vielleicht ein Gitter für mich zu finden wiſſen!“ „Allerdings; aber mir würde es leid thun, hinter dieſem Git⸗ 226 Einundvierzigſtes Kapitel. ter ſo große Fähigkeiten, wie man ſie Ihnen nicht abſprechen kann, zu verſchließen, und dann würde ich hingehen und hinter Ihrem Rücken ganz andere und beſſere Dinge über Sie verbreiten, als ich mir erlaubt, Ihnen hier in's Geſicht zu ſagen!“ „Ganz mein Fall, und ich hoffe, davon ſollen Sie ſich noch überzeugen, Herr von Rodenberg!“ „Ich bin davon überzeugt und wünſche Ihnen recht guten Morgen!“ Dabei war es merkwürdig, mit welcher Behendigkeit der kleine, dicke Baumeiſter mit einer kurzen, aber lebhaften Neigung des Kopfes aus dem Zimmer verſchwand; noch merkwürdiger aber war die plötzliche Veränderung in ſeinem ganzen Weſen, nachdem er die Straße erreicht und in unglaublich, faſt komiſch weiten Schritten davoneilte— es war, als gleite er auf Schlittſchuhen dahin, wo⸗ bei er ſeinen Kopf ſo hoch erhoben hatte, daß ein Rückwärtsfallen zu befürchten geweſen wäre, wenn er nicht durch eine halbkreisförmige Schwingung ſeines rechten Armes, der mit dem langen Stocke be⸗ waffnet war, glücklich das Gleichgewicht behauptet hätte. Er dachte dabei nicht an das Papageienhaus, ſondern ſein Geiſt war mit ſtarken Gittern und feſten Schlöſſern beſchäftigt, welche er mit einem unausſprechlichen, wolluſtähnlichen Gefühle doppelt verſchloß. XILII. „Sie ſagen ohne Feuer ſeiſt Du ganz.“ Nodenberg ſchritt in ſeinem Zimmer auf und ab, nachdem ihn der kleine Baurath verlaſſen, mit einem äußerſt heiteren Lächeln auf den Lippen, ja, zuweilen die abgeriſſenen Tacte einer luſtigen Weiſe pfeifend.—„Wie das wohlthut,“ ſagte er dazwiſchen,„ja, wie angenehm eine ſolche kleine Aufregung wirkt, und welches Ge⸗ fühl der Genugthuung, hier und da einem ſolchen guten Freunde einen allerdings etwas ſcharf geſchliffenen Spiegel vorhalten zu dürfen! O, wenn ich jetzt ſo allmächtig wäre, in weite Entfernungen ſehen und hören zu können, wenn ich ihn unſichtbar begleiten dürfte, dieſen kleinen, lieben Jeſuiten, wenn ich es mit anſehen könnte, wie er in das Zimmer der erſten Kammerfrau Ihrer Königlichen Ho⸗ heit tritt, ſprachlos, empört, wie er ſich erſt ſammeln muß, um ſeinen Schmerz am Buſen ſeiner treuen Freundin auszuleeren— Buſen kann man eigentlich nicht ſagen,“ verbeſſerte er ſich lächelnd, indem er ſtehen blieb—„doch gleichviel— was da in Wirklichkeit fehlt, erſetzt ihm ſeine üppige Phantaſie, und er braucht welche— er braucht welche! „Ah, wenn ich es mit anhören könnte, mit welcher Liebe, mit welcher Anerkennung meiner gedacht wird, meiner, des ganz gemei⸗ nen Emporkömmlings, des intriguanten, unwiſſenden Menſchen, des Räubers und Mörders— freilich,“ ſetzte er ironiſch lachend hinzu, 228 Zweiundvierzigſtes Kapitel. „meinen Raub weiß ich ſo vortrefflich zu verſtecken, daß ich ihn ſelbſt nicht mehr wiederfinden kann, und was die Leichen meiner Erſchlagenen anbelangt, ſo habe ich ein chemiſches Mittel, um ſie in Luft und in unſichtbare Atome aufzulöſen! „Ah, wie köſtlich, wenn dieſe hochgebietende erſte Kammerfrau im überwältigenden Strome ihrer Rede ihre eigene Perſon mit der allerhöchſten verwechſelt und anſtatt zu ſagen: ‚ſeien Sie ruhig, treuer Freund, die Frau Fürſtin wird ihn ſchon noch zu faſſen wiſſen! das Verſprechen gibt: ‚warten Sie, mein Lieber, ich werde ihn ſchon zu faſſen wiſſen!— und bei Lichte beſehen, iſt eine Drohung aus dieſem Munde noch weniger zu verachten, als gehaßt zu ſein von oben herab. Dort iſt man noch häufig mit anderen und wichtigeren Dingen beſchäftigt, man hat das Glück, zuweilen vergeſſen oder wenigſtens nicht beachtet zu werden— aber wehe, wenn eine rachgierige Kammerfrau Deinen Namen unter freundlichen Bemerkungen in das Ohr ihrer Gebieterin flüſtert, abſichtlich da⸗ durch üble Laune hervorrufend, die ſich langſam zu einem furcht⸗ baren Gewitter anſammelt, das nur einer kleinen Reibung bedarf, um ſich unheilbringend über Deinem Haupte zu entladen! „Meinetwegen, komme es, wie es mag, auf Regen folgt doch wieder Sonnenſchein, und wie der Menſch nun einmal iſt, wenn man zu lange unter heiterer Luft gewandelt, ſehnt man ſich nach umwölktem Himmel, und daß dieſer nicht fehlen wird, dafür werden meine Freunde und meine Feinde ſorgen!— „Was gibt's ſchon wieder, Joſeph?“ Eine andere Viſitenkarte wurde auf dem ſilbernen Teller dar⸗ gereicht, und nachdem Rodenberg den Namen auf derſelben geleſen, ſagte er in faſt muthigem Tone:„Was will ſie denn von mir?“ Joſeph zuckte mit den Achſeln, wie es jeder kluge Diener an ſeiner Stelle gethan haben würde. „So laß ſie hereinkommen, ſage ihr aber, ich ſei im Begriffe, auszugehen.“ Joſeph verſchwand, und ehe er noch kurze Zeit darauf die 1 Sie ſagen, ohne Feuer ſeiſt Du ganz. 229 Thür wieder geöffnet hatte, rauſchte es hinter derſelben wie von ſchweren Seidenſtoffen; dann trat eine junge Dame in den kleinen Salon, von blendender, wenn auch nicht gerade edler Schönheit. Ihre Toilette war etwas auffallend, etwas zu reich, und obgleich ſie im Vorzimmer ihren Ueberwurf von Zobel nachläſſig in die Arme des Lakaien hatte gleiten laſſen, ſo trug ſie unter demſelben zum Ueberfluſſe noch eine anſchließende Mantille von tiefblauem Sammt, einem Stoffe von außerordentlicher Schönheit in Farbe und Glanz, der nur ein wenig ſcharf abſtach gegen ihr Kleid von weißem Damaſt, das mit den breiteſten ſchwarzen Spitzen beſetzt und dabei rings umher von ſolcher Ausdehnung war, daß, als ſie im Zimmer angekommen und Rodenberg ihr die Hand darreichte, dieſer ſcheinbar den vergeblichen Verſuch machte, über den ungeheuren Umfang hinweg ihre Fingerſpitzen zu erreichen, wobei er ſagte: „Welche Schutzmauer für weibliche Tugend, dieſer ſo ſehr verſchrieene ſteifrock; wahrhaftig, wenn ich ein Ehemann oder auch nur ein eiferſüchtiger Liebhaber wäre, ſo würde ich mich bemühen, meiner Schönen die größtmöglichſte Ausdehnung zu geben, um jede An⸗ näherung unmöglich zu machen!“ „Und wozu— welchen Nutzen brächte das?“ fragte die junge Dame mit einem ſecundenlangen Aufblitzen ihrer Augen und einem ſchalkhaften Lächeln, wobei in ihrem Geſichte ein paar reizende Grübchen ſichtbar wurden, ſowie Zähne, die in ihrer Friſche und Klarheit jeder Beſchreibung ſpotteten. „Wozu, fragen Sie? Nun, ich ſagte es ja deutlich, um jede Annäherung zu verhindern.“ Die Dame zuckte unter einem mitleidigen Lächeln die Achſeln. —„Als ob man nicht jede Ringmauer überſteigen, jedes Hinderniß beſeitigen könnte— doch wenn Sie es erlauben, lieber Rodenberg, ſo reden wir ein wenig von ernſthaften Dingen.“ „Können Sie das?“ „Zuweilen ſehr; auch iſt das eine angenehme Abwechslung, und der Ernſt ſollte billig dem Scherze vorangehen; das wurde 2 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Vergnügen— darf ich mich ſetzen?“ man um dieſe Stunde.“ nehmen wird.“ zu finden, als an meiner Stimme— nicht wahr, zwei Jahre?“ Zeit verändert?“ „Sie ſind ſchöner geworden.“ uns ſchon in der Schule gelehrt: zuerſt die Arbeit und dann das Rodenberg lächelte über ihre Worte und die Frage, welche ſie that, und jeder Andere würde an ſeiner Stelle gelächelt haben; denn es lag in der Art und Weiſe der jungen Dame, zu ſprechen, ſich zu bewegen, in ihrem Blicke, in ihrem Coqueitiren mit den jeden Augenblick zum Vorſchein kommenden Grübchen und blendenden Zähnen etwas ſo Friſches und Natürliches und dabei ſo berechnet Komiſches, daß man Allem dem wie einem anderen deliciöſen Schau⸗ ſpiele mit Vergnügen zuſah: ſo auch Rodenberg, der, ſo gern er auch ernſt und würdig geblieben wäre, nun doch mit einem heiteren Blicke ſagte:„Meine theure Leonie, vielleicht hat Ihnen draußen mein Diener geſagt, daß ich im Begriffe bin, auszugehen— daß ich ausgehen muß; Sie ſind viel zu geſcheit, um mich mißzuverſtehen, wenn ich Ihnen ſage, ich muß in's Schloß, ich werde dort erwartet.“ „Jetzt, um eilf Uhr? O, Herr von Rodenberg, nicht gern auf einer Lüge ertappen— allerhöchſten Orts dejeunirt ich möchte Sie „Gewiß, auch rühme ich mich keiner Einladung, beſuche viel⸗ mehr meine Kanzlei, wo ich ſicher bin, ein wohlgefüll anzutreffen, welches meine Zeit bis gegen ein Uhr in Anſpruch tes Vorzimmer „Die können Alle warten,“ ſagte ſie in einem luſtig über⸗ müthigen Tone;„ich habe ja auch einmal warten müſſen— erinnern Sie ſich noch, Rodenberg— es ſind ſchon ein paar Jahre her, und ich ſuchte um Ihren Schutz nach, weil mein Geſanglehrer die eigen⸗ thümliche Idee hatte, mehr Gefallen an meiner kleinen Perſönlichkeit es ſind das ſchon „Ich glaube faſt, es ſind vier, meine verehrte Leonie.“ „Sie erſchrecken mich— vier Jahre? Habe ich mich in der Sie ſagen, ohne Feuer ſeiſt Du ganz. 231 „Gehen Sie, Rodenberg, keine Schmeicheleien, ſie ſind von Ihnen doch nicht ernſt gemeint; Sie haben mich nie ſchön gefunden — nie,“ ſetzte ſie mit einem leichten Seufzer hinzu—„ſchade, wir Zwei hätten die Welt regiert!“ „Ich war immer Ihr Freund, Leonie— Sie können das nicht läugnen, ich habe Ihnen immer den beſten Rath gegeben.“ „Es gibt verſchiedenerlei Arten von Freunden,“ ſagte ſie achſel⸗ zuckend und mit einem faſt ernſten Geſichtsausdrucke,„wie es auch verſchiedenerlei Arten von Gewittern gibt; Ihre Freundſchaft für mich wetterleuchtet nur ſo am Horizonte herum, und ich habe gern, wenn es donnert und blitzt, fürchte mich auch durchaus nicht vor dem Einſchlagen— alſo die im Vorzimmer ſollen warten,“ ſetzte ſie mit einem raſchen Kopfaufwerfen hinzu, wonach ſie gegen den Fauteuil am Kamin ging und ſich in denſelben hineinwarf, ohne die geringſte Rückſicht auf ihr Kleid von ſtarrender Seide, ſowie auf ihre Sammtmantille zu nehmen.„Es iſt ſchade,“ fuhr ſie dabei ſich umſchauend und mit einer gleichgültigen Miene fort,„daß Sie in gewiſſen Dingen durchaus keine Belehrung annehmen.“ Rodenberg lachte ſo anhaltend, daß ſie in einem vorwurfsvollen Tone fortfuhr:„Sie mißverſtehen mich vollkommen: was eine Belehrung anbelangt, die von mir kommt, ſo betrifft ſie nur die mangelhafte Einrichtung Ihres Zimmers, mit Ihren langweiligen kleinen Fauteuils— wie machen Sie es denn, wenn Sie leſen und ſich behaglich ausſtrecken wollen?“ „Nun, ich ziehe einen Stuhl heran und lege die Füße darauf.“ „Das iſt ſehr unbequem— haben Sie ſchon die Chaises- longues von meiner Erfindung geſehen?“ „Ich war lange nicht bei Ihnen, wie Sie ſich erinnern werden — ich bin zu ernſt, ich möchte faſt ſagen, zu alt für Ihre heitere Unterhaltung.“ „Man iſt nie zu alt, um zu lernen,“ ſagte ſie mit großer Würde—„ich werde Ihnen eine Chaises-longue von meiner Er⸗ findung beſtellen und hieher ſenden.“ 232 Zweiundvierzigſtes Kapitel. „Laſſen Sie das, theure Leonie— ich fürchte die Chaises- longues im gleichen Verhältniſſe, wie ich die Reifröcke verehre.“ „Sie ſind doch ſonſt ein Mann von Geſchmack— wie kann man aber auch nur(haises-ongues und Crinolinen zuſammen⸗ bringen?— Doch weiter— die im Vorzimmer werden alſo warten?“ „Ich fürchte, ſie werden nicht warten; und dann habe ich auch um zwei Uhr eine Probe unſerer lebenden Bilder— Sie wiſſen, daß wir beim nächſten Hofballe lebende Bilder haben?“ „Ich habe davon gehört,“ ſagte ſie gähnend—„das muß unendlich langweilig ſein.“ „Erlauben Sie mir— ich arrangire die lebenden Bilder.“ Er betonte das ich ziemlich ſtark. „Allen Reſpect vor Ihren Arrangements, und doch muß es entſetzlich langweilig ſein— wen haben Sie in Ihren lebenden Bildern zu verwenden?“ „Wir haben reizende Damen in der Geſellſchaft.“ „Sprechen Sie auch ſchon von der Geſellſchaft?“ fragte ſie mit einem verächtlichen Aufwurf ihrer Oberlippe.„Was iſt denn Ihre ſogenannte Geſellſchaft, von der Sie ſo viel Weſens machen — die Geſellſchaft— iſt das ein beſſerer und würdigerer Theil des Ganzen, zu dem wir auch gehören? So wird das wenigſtens verſtanden; mir wird es, ich weiß nicht wie, wenn ich hören muß: er gehört zur Geſellſchaft, er geht in die Geſellſchaft. Wäre die Geſellſchaft das, was ſie ſich zu ſein einbildet, ſo würde ſie nicht einmal den Verſuch machen, durch den ewigen Gebrauch dieſes Wortes eine Schranke zu bezeichnen, die eigentlich gar nicht beſteht und über welche als Corporation wir, die Canaille, uns luſtig machen müſſen, wenn Einzelne darunter auch ganz charmante Leute ſind. Was iſt Eure Geſellſchaft? Ein kleines Häuflein, welches lacht, tanzt und freundlich iſt, ſo wie es von oben gewünſcht wird, und das trauernd die Ohren hangen läßt und den Schweif einzieht, wenn die Allergnädigſten Kopfſchmerzen haben oder übel gelaunt ſind.“ 3 Sie ſagen, ohne Feuer ſeiſt Du ganz. 233 „Kommt ein ähnlicher Erguß in Ihrer nächſten Rolle vor?“ fragte Rodenberg lachend. „Ich würde mir gern etwas Derartiges einlegen— auch käme es mir auf die Strafe für's Extemporiren nicht an; doch bin ich ohnehin ſchon ſo im ſchwarzen Buche, daß es klüger jſt, ein wenig nachzugeben— es iſt der gleiche Grund, warum ich Sie heute Morgen beläſtige.“ „So reden Sie denn auf die Gefahr hin, ein ganzes Vorzimmer voll Leute warten zu laſſen.“ Bei den letzten Worten, welche die junge Dame vorhin ge⸗ ſprochen, war ſie ein wenig ernſt geworden, und auch jetzt noch, als ſie fortfuhr:„Nein, laſſen Sie die armen Leute im Vorzimmer nicht warten, aber die von der Probe der lebenden Bilder. Ach,“ fuhr ſie übermüthig fort,„wie groß würde Rodenberg ſein, wenn er, ſtatt um zwei Uhr zu kommen, ſagen ließe, er hätte keine Zeit und bäte die Geſellſchaft, eine Stunde zu warten— Alle würden warten, Alle mit lächelnden, freundlichen Mienen, wenn ſie ihm auch mit Wolluſt ein Meſſer im Herzen umdrehen würden! Was ſagten Sie vorhin, Sie hätten reizende Damen in der Geſellſchaft? Das iſt wahr, das iſt nicht zu läugnen, aber trotzdem werden Eure lebenden Bilder langweilig ſein!“ „Zur Sache, zur Sache, Leoniel“ Sie machte eine abwehrende Handbewegung, ehe ſie fortfuhr: „Ja, langweilig, ich wiederhole das, weil Jugend und Schönheit ſich nicht voranzuſtellen wagt, ſondern mit tiefen Knixen der altern⸗ den Grandezza, der verblühten Schönheit, der erſten Rangelaſſe den Vortritt läßt.“ „Zur Sache, zur Sache!“ „Sie führen Dornröschen auf, dieſes wunderbare Märchen— gäbe es dafür wohl eine prachtvollere Darſtellerin, als Fräulein von Tellin, die auch zur Geſellſchaft gehört— und wer hat dagegen dieſe Rolle? Die gelbe Tochter Seiner Excellenz des Herrn Ober⸗ Hackländer's Werke. 55. Bd. 16 234 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Hofmarſchalls, die ſich einbildet, eine Aehnlichkeit mit Dornröschen zu haben, weil ſie ſelbſt wie ein dürrer Dornſtrauch ohne Roſen ausfieht!“ Rodenberg zuckte mit den Achſeln. „Und den Prinzen macht der Sohn des preußiſchen Geſandten. Wenn derſelbe auch durchaus nicht elegant iſt und wenn ich auch überzeugt bin, daß er das, was ihm an Fühigkeiten zu dieſer Rolle abgeht, durch Eigendünkel erſetzt, ſo hätte ich ihm doch den Geſchmack zugetraut, ein ſolches Röslein ruhig unter ſeinen Dornen ſchlum⸗ mern zu laſſen.“ „Wenn Sie nicht zur Sache kommen, Leonie, ſo begehe ich wahrhaftig die Unhöflichkeit und laſſe Sie hier ſitzen!“ „Immerhin— da ich weiß, wo Ihre Cigarren ſtehen und auch ein paar Bücher nach meinem Geſchmacke zu finden ſind, ſo will ich Sie erwarten!“ „Seien Sie ernſthaft, und wenn Sie mir etwas zu ſagen haben, ſo ſprechen Sie denn.“ „Meinetwegen, mit Ihnen iſt doch ja ſonſt nichts anzufangen — ach, Rodenberg, und das iſt ſchade: es gab eine Zeit, wo ich unendlich für Sie geſchwärmt habe!“ „Ich hoffe, dieſe Zeit iſt vorüber!“ „Wo ich für Sie jede Thorheit begangen hätte!“ „Nun, was das anbelangt, ſo haben Sie ſich auch ohne mich durchaus nicht geſcheut!“ „Sie ſind wirklich ein Ungeheuer!“ „Ich muß es glauben, da mir das ſo häufig geſagt wird— aber nun....“ Er zog ſeine Uhr hervor. „Alſo— geſchäftsmäßig; Sie waren ſo gut, Ihren großen Einfluß für mich zu verwenden und mir einen neuen fünſjährigen Contract zu verſchaffen— ich hoffe, Sie thaten das für mich aus Freundſchaft oder aus....“ „Wenn Sie wollen, aus Freundſchaft,“ fiel ihr Rodenberg raſch in die Rede,„aber nur, weil ich Sie für eine gute Künſtlerin halte, die ihre Rollen vortrefflich ausführt.“ Sie ſagen, ohne Feuer ſeiſt Du ganz. 235 „Andere denken anders— ich habe allerdings einen fünf⸗ jährigen Contract, aber, wie Sie ſelbſt wiſſen werden, läßt man mich nicht ſingen!“ „So müſſen Sie Schritte beim Regiſſeur der Oper thun.“ „Unmöglich, lieber Rodenberg,“ entgegnete die Sängerin mit einem eigenthümlichen Lächeln;„dieſer Würdige bemüht ſich, ſo viele Schritte bei mir zu thun, daß die geringſte Zuvorkommenheit von meiner Seite ihm Hoffnungen erregen müßte, die ich verabſcheue!“ „So protegirt er Sie alſo?“ „Er würde mich protegiren, wenn....“ „So wenden Sie ſich an Ihren Intendanten.“ „Geht auch nicht,“ ſagte ſie kopfſchüttelnd—„er findet mich nicht tugendhaft genug.“ „Hat er Beweiſe dafür?“ „Pfui, Rodenberg, eine ſo tugendhafte obere Hofcharge! An⸗ fänglich hielt er mich allerdings für bildungsfähig, doch glaubte er mit der Zeit einzuſehen, ich ſei zu flatterhaft, nicht ernſthaft genug — leider hat er Recht!“ „Aber an Ihrem Geſange ſetzte er durchaus nichts aus, was ich von ihm ſelber weiß.“ „Aber an meiner Figur— denken Sie ſich, man hat mir geſtern eine meiner Lieblingsrollen abverlangt, den Orſini in der Lucrezia Borgia!“ „Ah, das iſt ſchade, Leonie, eine ſo ausgezeichnete Leiſtung, was Stimme und Figur anbelangt!“ „Eine ſchändliche Kabale, und um dieſes zu verhindern, müſſen Sie ſchon ſo gut ſein und Ihren Einfluß aufwenden!“ „Und Ihr Capellmeiſter, ſchützt der Sie nicht?“ Die junge Sängerin zuckte ihre Achſeln mit dem unverkenn⸗ baren Ausdrucke von Geringſchätzung in ihren Mienen, dann ſagte ſie:„Sie wiſſen doch, daß er einer meiner Hauptgegner iſt, daß er es nicht der Mühe werth findet, mich von ſeinem Pulte aus auch nur durch den kleinſten Blick zu ermuthigen, ja, daß er mir 236 Zweiundvierzigſtes Kapitel. die Tempi mit einer Nachläſſigkeit angibt, die mich ſchon häufig in Verwirrung hätte bringen müſſen, wenn das überhaupt möglich wäre; hat er doch neulich, als ich meine Cavatine ſang, während das Ballet auf der Scene war, ohne mich zu beachten, ſeinen Tactir⸗ ſtock niedergelegt, da er es unter ſeiner Würde findet, einen Tanz zu dirigiren— wie ſich auch darin die Zeiten ändern— er, der...“ „Passons laà-dessus!“ „Seit aber Fräulein Berger da iſt....“ „Wer iſt das?“ „Gott lohne Ihnen dieſe Frage, lieber Rodenberg— aber alle Welt fragt das und Niemand weiß es. Sie wurde von Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Fürſtin⸗Mutter dringend empfohlen; ſie iſt ſehr tugendhaft, dabei aber auch ſehr mager; ſie ſoll einen alten Vater zu ernähren haben und einen Bräutigam, der ein junger Theologe iſt— nun, dergleichen Schwindel kennen wir ſchon — das wäre Alles recht, wenn ſie Stimme hätte und etwas gelernt; aber thun Sie mir die Liebe und urtheilen Sie ſelbſt, wenn ſie das nächſte Mal ſingt— ſie hat ein paar gute Mitteltöne, aber die ganze Stimmlage iſt ungleich, arm, und wenn ſie ſingt, ſo klingt es gerade, als wenn ſie hinter einer wattirten Thür ſtände, die zuweilen geöffnet wird. Dabei iſt an ihrem Geſichte nichts Bemerkenswerthes, als ihr Mund, welcher, wenn ſie ſingt, eine täuſchende Aehnlichkeit mit dem Maule einer Heuſchrecke hat.“ „Brrr— Gott ſtehe ihr in Gnaden bei! Und ſie wird vom Capellmeiſter protegirt?“ „Mehr noch von der Capellmeiſterin, denn Fräulein Berger macht in ihren Freiſtunden dort die Kammerjungfer oder Dienſt⸗ magd, beſorgt auch kleine Aufträge und kann auf dieſe Art mit vollem Rechte als ein höchſt brauchbares Mitglied des Hoftheaters bezeichnet werden.“ 3 Joſeph hatte leiſe die Thür geöſfnet und ſich die Bemerkung erlaubt, daß eilf Uhr vorüber ſei. Die junge Sängerin hatte ſich hierauf raſch erhoben und ſagte, Sie ſagen, ohne Feue⸗ während ihr Rodenberg ſeine beiden Hän Sie vergeſſen nicht, was ich Ihnen geſagt, Es wird Ihnen das nicht ſchwer werden.“ „Ich will ſehen, was ich thun kann.“ „Nur meinen Orſini ſoll man mir zurückge meiner liebſten Rollen— und was meinen Dank an Rodenberg, ſo...“ „Den Dank, Dame, begehr' ich nicht!“ entgegnete wobei er den Anfang dieſes Satzes ſo ſcharf betonte, d obgleich in affectirter Entrüſtung, von ihm abwandte und Ausrufe:„Sie haben wahrhaftig viel zu thun, um mich ſöhnen!“ zum Zimmer hinausrauſchte. Rodenberg blickte der Sängerin einen Augenblick nach, als ſie außer Gehörweite war, ſagte er:„Ich muß etwas für ſie thun, ſie iſt mir zu wichtig als lebendige Chronique scandaleuse der Hof⸗ und Künſtlerwelt.“ Dann ließ er ſich von dem Lakaien ſeinen Ueberzieher und Hut geben, und als dieſer ihm bemerkte, es ſei kein Wagen beſtellt, erwiederte er:„Deſto beſſer; es iſt mir ein wahres Bedürfniß, zu Fuße zu gehen— beſorge dieſen Brief an ſeine Adreſſe, und wenn der Herr, für den er beſtimmt iſt, Dir eine zuſtimmende Antwort gibt, ſo gehe in die goldene Kanne und beſtelle mir auf ſieben Uhr heute Abend ein gutes Diner zu zwei Gedecken, bemerke aber dabei, ich wünſche das Zimmer Nummer vier und man ſolle ein gutes Feuer in den Kamin machen, auch zu gehöriger Zeit einige Flaſchen Cliquot in Eis ſtellen.“ Nach dieſen Worten verließ er das Haus und ging mit ziem⸗ lich raſchen Schritten die Straße hinauf, an Stallungen und Neben⸗ gebäuden vorbei; wo hier Schildwachen ſtanden, zogen ſie das Ge⸗ wehr an, und Hoſdiener, die ſich an den Thüren befanden oder ihm begegneten, grüßten ihn mit tiefer Verbeugung. Als er das Schloß erreicht hatte, trat er durch eine kleine Seitenthür ein, ging in das zweite Stockwerk, wo er ſich gegen eine Flügelthür wandte, welche ein davorſtehender Lakai eiligſt vor ihm rzigſtes Kapitel. zimmer eintreten ließ, welches von einer verſchiedenen Alters und Geſchlechtes an⸗ g, den Hut in der Hand, hindurch, indem er ugungen, welche ihm von allen Seiten zu Theil ll hin mit freundlichem Gruße erwiederte und trat in anderes Zimmer, wo ſich ein Secretär befand. ins Vorzimmer gekommen, zu ihm eintraten: auch wäre er wenig Erquickliches zu berichten: die Meiſten hatten Bitt⸗ Mlche der verſchiedenſten Art oder klagten über erlittenes Unrecht, welches Rodenberg durch unmittelbaren Vortrag wieder gut machen ſollte, was aber häufig weder in ſeiner Macht noch in dem ihm ange⸗ wieſenen Wirkungskreiſe lag.— Da waren Künſtler, die ihn einluden, ihre Bilder oder ſonſtigen Kunſtwerke zu ſehen; da waren Andere, die ſich für Raphaele und Tiziane hielten und welche über die unver⸗ diente Zurückſetzung klagten, die ihnen dadurch zu Theil geworden, daß der Fürſt nicht jedes ihrer Bilder gekauft, und die es unbe⸗ greiflich fanden, daß man das Meiſterwerk eines deutſchen Auslän⸗ ders der Arbeit eines deutſchen inländiſchen Stümpers vorgezogen. Da präſentirten würdige Mütter ihre tugendhaften Töchter und ſuchten für irgend eine vacant gewordene Kammerjungferſtelle um Rodenberg's Fürſprache nach, wobei ſie es nicht unterlaſſen konnten, ihren gerechten Entrüſtungen Worte zu leihen über andere würdige Wittwen mit eben ſo tugendhaften Töchtern, die trotz pi⸗ kanter Vorfälle im Vorzimmer in gleicher Abſicht zu warten ſchie⸗ nen. Da waren junge Erfinder der verſchiedenartigſten nutzloſen Maſchinen, welche nur um die Kleinigkeit von ein paar Tauſend Gulden baten, um die Welt durch ihr Geiſtesprodukt in Erſtaunen ſetzen zu können. Da waren Geſchäftsleute aller Art, vom kleinen Handwerker bis zum großen Capitaliſten, welche, Jeder auf ſeine Sie ſagen, ohne Feuer ſeiſt Du ganz. 239 Art, die Hülfe des Vielgeplagten in Anſpruch zu nehmen, ſich erlaubten. Und für Alle hatte Rodenberg ein freundliches Wort, einen guten Rath, und wo er ein Anliegen geradezu abweiſen mußte, that er das meiſtens mit Humor und in ſo guter Laune, daß den Abgewieſenen die bittere Pille wenigſtens verſüßt wurde und ſie ſich in ihr Schickſal ergaben. Volle zwei Stunden dauerten dieſe Unterredungen, und es war kein Wunder, daß ſich Rodenberg hierauf ermüdet an ſeinen Schreib⸗ tiſch niederließ, um dort noch Ausfertigungen durchzuleſen und zu unterſchreiben, ſowie Rapporte entgegen zu nehmen von Gärt⸗ nern, Decorateuren, Theater⸗Maſchiniſten, Waffenſchmieden und Schneidern, deren Dienſte er bedurfte zur heutigen Probe der le⸗ benden Bilder. Als auch dies vorbei war, blickte er ſehnſüchtig in die aller⸗ dings noch kahle Landſchaft hinaus in die weite Ferne, welche man auf dieſer Seite des Schloſſes vor ſich hatte, deren noch braune Raſen und kahle Sträuche jetzt aber wenigſtens freundlich vergoldet wurden von einem hellen Strahle der Nachmittagsſonne. Am Ho⸗ rizonte erhoben ſich dunkelblaue Berge, und Berge waren von jeher die Leidenſchaft des Malers geweſen, ein Ruhepunkt für Körper und Gedanken, wenn man dort oben ruhte oder wenn die geſchäf⸗ tige Phantaſie über die zackigen Gipfel ſchwärmte und mit den Augen des Geiſtes hinabſchaute in die weite, weite Ferne, wohin die Sehnſucht trieb und wo es gegen hier ſo unvergleichlich ſchön ſein mußte. Und doch ſchwärmten Rodenberg's Gedanken jetzt ſelten in un⸗ bekannte Fernen, gewöhnlich kehrten ſie zurück in die Vergangenheit, zu jenen Tagen, die erfüllt waren von ſo vieler Freude und ſo wenig wirklichem Leide, zu jenen Tagen des Reichsapfels, wo man für heute ſorgte und ſich um morgen wenig kümmerte, wo man in ſprudelndem Uebermuthe und in der Hoffnung auf glänzende Zeiten, die nächſtens eintreffen mußten, weder leere Taſchen ſpürte, 240 Zweiundvierzigſtes Kapitel. noch das Gefühl der Armut wo Knorx den Thee zubereitete und wo Brod und Wurſt für ein vortreffliches Nachteſſen galt— ach, jene herrliche, glückliche Zeit, wo der junge Maler auf geborgtem Pferde in den friſchen, dufti⸗ gen Wald hinausritt, in eine verkörperte Märchenwelt, wo ihm die murmelnde Quelle erzählte, wo ihm die ſäuſelnden Wipfel berich⸗ teten— wo ihm die wunderbare Fee erſchienen— ſie— ſie! Ach, wenn ihr Bild wie jetzt wieder ſo recht lebendig vor ſeine Seele trat, das Bild, wie er ſie damals im Walde geſehen, friſch, na⸗ türlich, voller Uebermuth, als ſei ſie zwiſchen duftigen Kräutern dem Boden entſtiegen, oder als habe ſie ſich ſo eben der rauſchen⸗ den Quelle enthoben— ſo riß dieſes Bild plötzlich alle ſeine Phan⸗ taſie mit einem ſchrillen Mißtone entzwei! Er ſchaute um ſich her und alsdann wühlte ein tiefes Weh in ſeinem Herzen, daß er ſtatt des friſchen, grünen Waldes, ſtatt der Räume, wo er gezeichnet und gemalt, ſtatt der lieben Geſichter der alten Geſellen ſich hier umgeben fand von den glänzenden Räumen des Reſidenzſchloſſes, von ſeidenen Tapeten, Malereien, Spiegelſcheiben und Vergoldungen. „Es iſt zwei Uhr,“ vernahm er jetzt die leiſe Stimme ſeines Secretärs, welcher hinzuſetzte:„Wie ich ſo eben gehört, werden Seine Königliche Hoheit der Probe der lebenden Bilder ſelbſt anwohnen.“ Darauf ſchritt Rodenberg langſ Marmorſaal des Schloſſes, wo das unter ſeiner Leitung Alles zur hergerichtet war. Da heute die theilweiſe Coſtumes angelegt w kommene Wirkung der eigens hi rationen geprüft werden ſollte, Saale ausgeſchloſſen und derſ zen erhellt. Der dritte Theil des ungeheueren Raumes genommen worden, auf der die le am hinunter in den großen Ballfeſt ſein ſollte und wo Aufführung der lebenden Bilder letzte Probe ſtattfand, wozu auch urden, beſonders aber die voll⸗ ezu gemalten prachtvollen Deco⸗ ſo war das Tageslicht von dem elbe mit Hunderten von Wachsker⸗ war zur Bühne benden Bilder dargeſtellt werden h kannte— zu jener glückſeligen Zeit, —y —— —. Sie ſagen, ohne Feuer ſeiſt Du ganz. 241 ſollten und hier hatte es Rodenberg nach vielen Kämpfen mit dem Oberhofmarſchall und dem Baurath Zweckel durchgeſetzt, daß Gas eingeführt wurde, um mit ſtarker Leuchtkraft die Decorationen zur Geltung bringen zu können. Dieſe war für einige der Bilder die Hauptſache und Rodenberg hatte dabei die Abſicht, einen jungen Decorationsmaler zu empfehlen, dem es nicht gelun gen war, auch nur zu einer Probe ſeiner Kunſt beim Hoftheater zugelaſſen zu werden, nicht weil man ihn für keinen guten Künſtler hielt, ſon⸗ dern weil er die Ungeſchicklichkeit begangen, der Bruder einer Schwe⸗ ſter zu ſein, welche ſich erkühnt hatte, gegen den Willen der erſten Kammerfrau der Frau Fürſtin⸗Mutter nach einem kleinen Dienſte bei Hofe zu ſtreben. Ihm zu Liebe hatte ſich Rodenberg dieſes Mal mit den Arrangements die außerordentlichſte Mühe gegeben. Das Proſcenium war aus natürlichen Pflanzen hergeſtellt, und Palmen, ſchlanke Drakaenen, blühende Granaten und duftende Orangen bildeten, untermiſcht mit Blumen und kleinen Sträuchern, die weite Einfaſſung der Bühne, in der ſich der Vorhang wie duf⸗ tiger Morgennebel zeigte, der auf einer reizenden Fernſicht lagerte, die man nur in einzelnen Umriſſen erkennen konnte. Dieſer Vor⸗ hang war die Erfindung und das Geheimniß des jungen Decora⸗ tionsmalers und erhob ſich nicht in die Höhe, ſondern zertheilte ſich, ſeinem Charakter als feuchter Nebel treu bleibend, auf eine faſt unbegreifliche Art, zuerſt den Mittelpunkt des dahinter aufge⸗ ſtellten Bildes zeigend, was von außerordentlicher, faſt zauberhafter Wirkung war. In der Nähe der Bühne war hinter ſpaniſchen Wänden ein kleiner Salon eingerichtet worden, der mit einem großen Theetiſche verſehen war, welchen Sopha's, Seſſel und Fauteuils aller Art umringten. Hier befand ſich der größte Theil der mitwirkenden Damen und Herren bereits verſammelt, und hier ſah man die majeſtätiſche Geſtalt der Gräfin Blendheim, welche einestheils die Honneurs machte, anderntheils die jungen Damen aus der Geſellſchaft 242 Zweiundvierzigſtes Kapitel. chaperonnirte, deren Eltern oder Anverwandte vielleicht verhindert waren, zu Anfang der Probe zu erſcheinen oder derſelben über⸗ haupt beizuwohnen. Auch an der Gräfin Blendheim, deren ſich der geneigte Leſer gewiß noch erinnern wird, iſt die Zeit nicht ganz ſpurlos vorüber⸗ gegangen: ſtärker iſt die ſchöne Frau nicht geworden, auch läßt der Glanz ihrer lebhaften Augen noch nichts zu wünſchen übrig, aber...— doch ſtill, wir ſind bei Hofe, und ſchon ein ſolcher Gedanke, wie wir ihn zu faſſen ſoeben im Begriffe waren, könnte von nachtheiligen Folgen für uns werden, denn die geiſtreiche Gräfin iſt noch immer ſtark mit dem Hofe liirt und immer noch die intime Freundin und verſtändige Rathgeberin des Prinzen Heinrich, wel⸗ chen wir auch jetzt an ihrer Seite in einem ſehr niedrigen Fauteuil, beſchattet vom grünen Schirme einer Lampe ausgeſtreckt ſehen. Auch Seine Hoheit haben bedeutend ge—, wir wollten ſagen, auch Seine Hoheit haben ſich zur Probe eingefunden, denn dieſel⸗ ben ſind ein leidenſchaftlicher Verehrer von derartigen Schauſpielen, ſei es auf der hell erleuchteten Bühne des Schloſſes oder im Halb⸗ dunkel der Hofbühne. Wer ſich von den Mitwirkenden oder von den ganz wenigen Auserwählten, denen das Glück zu Theil wurde, einer Probe bei⸗ wohnen zu dürfen, nicht am Theetiſche befand, ſpazirte, mit Ande⸗ ren plaudernd, im großen Saale auf und ab. An der Thür traf Rodenberg den jungen Decorationsmaler, einen hübſchen Mann mit ſchwarzem, lockigem Haar und energiſchen Mienen und Bewegungen, der ihm entrüſtet ſagte: „Sollten Sie es wohl glauben, daß ich vier Stunden zu thun gehabt habe, um meine Aufſtellung hier in Ordnung zu bringen, mit der ſich eine fremde Hand in der ſchlechteſten Abſicht beſchäftigt hatte? Es iſt gut, daß ich dem Landfrieden hier nicht getraut — wir hätten uns furchtbar blamiren können!“ „Und jetzt?“ fragte Rodenberg nicht ohne einige Beſorgniß. „Jetzt iſt Alles wieder in Ordnung: an den Eingängen ſtehen Sie ſagen, ohne Feuer ſeiſt Du ganz. 243 von meinen Leuten, Jeder mit einem großen Lattenſtücke, und haben den ſtrengſten Befehl, wo ſo ein betreßter Halunke die Naſe hinein⸗ ſteckt, gleich draufzuſchlagen, denn es iſt Niemand, als die Bande des Ober⸗Hofmarſchall's, welche uns, gewiß auf höheren Befehl, all' dieſen Schabernack ſpielte— hol' ſie der Teufel!“ „Wozu ich demſelben guten Appetit wünſche— aber jetzt bitte ich Sie dringend, nehmen Sie ſich zuſammen, daß Alles gut geht!“ „Unbeſorgt; ich weiß, was für mich auf dem Spiele ſteht— auch war der ganze Saal voll Gasgeruch, als ich heute Morgen hereintrat.“ „Sie erſchrecken mich, Schlegel!“ „Angebohrt hatten ſie die proviſoriſche Leitung— angebohrt! Soll mich der Teufel holen— aber ich begab mich ſogleich auf die Kanzlei des Ober⸗Hofmarſchallamts, ich verlangte zu Protokoll vernommen zu werden, und zwar im Beiſein aller diſponiblen Dienerſchaft— ſie machten Schwierigkeiten, aber ich ſetzte es durch, und da ich ihnen an ihre Dickſchädel ſagte, daß ein infamer Ha⸗ lunke heute Morgen abſichtlich die Gasleitung angebohrt habe, und zwar mit einem Propfenzieher— das habe ich bemerkt—, und wie ich das mit der größten Beſtimmtheit ſagte, wußte ich auch ſchon, wer es gethan hatte! Darauf erklärte ich ihnen einfach, wenn das wieder vorkomme und es träte hierauf Jemand mit Licht in den Saal, ſo flöge das ganze Schloß in die Luft! Das Geſchmier unterſchrieb ich und bat dringend, es durch Seine Ex⸗ cellenz vor den Fürſten bringen zu laſſen!“ „Daran thaten Sie ganz wohl, und auch ich will nachher Seiner Königlichen Hoheit darüber berichten— alſo bis nachher — behüt Sie Gott, Schlegel, und machen Sie Ihre Sachen gut!“ Rodenberg ſchritt gegen den Tiſch, an dem ſich die Gräfin Blendheim befand, machte ihr und dem daneben ſitzenden Prinzen eine Verbeugung und grüßte dann die übrigen Anweſenden mit einer leichten, ungezwungenen Neigung des Kopfes, auch wohl mit irgend 244 Zweiundvierzigſtes Kapitel. einem Worte oder einer Handbewegung. Eigenthümlich war es dabei, wie ihm dieſer Gruß, je nach der Parteiſtellung der Be⸗ treffenden zurückgegeben wurde, wie einige denſelben freundlich er⸗ widerten, wie Andere dem jungen Manne ſogar freundlich die Hand reichten, Einige mit ſehr froſtigen Mienen kaum mit dem Kopfe nickten, Andere ſogar thaten, als hätten ſie von Rodenberg's Begrüßung durchaus nichts geſehen— ſo die allerdings ſehr gelbe Tochter des Ober⸗Hofmarſchalls, welche zu ihrer Nachbarin im Tone der Langenweile ſagte:„Nachgerade werden mir dieſe vielen Proben unausſtehlich.“ Rodenberg hatte ſich um den Tiſch herum dem Prinzen ge⸗ nähert, der ihm ſeine Hand reichte und dann zur Gräfin Blend⸗ heim im lauten Tone ſagte:„Es freut mich immer, wenn ich dieſen guten Rodenderg ſehe; abgeſehen von ihm ſelbſt, dem ich kein Lob in's Geſicht ſagen will, ſo erinnert er mich immer an eine ſo angenehme Zeit, die wir damals am Rheine verbrachten— wiſſen Sie noch Gräfin?“ „Ob ich das je vergeſſe?“ entgegnete ſie freundlich lächelnd— „wo ich mich dazu hergeben mußte, um...—* „Bſt,“ machte Seine Hoheit,„nicht aus der Schule plaudern— in meinem Herzen riefen Sie dadurch neben allen anderen Gefühlen auch noch das der Dankbarkeit hervor— a—a—a—ah!“ „Am wunderſchönen, grünen Rhein, Als alle Knoſpen ſprangen!“ ſagt Heine.— Apropos, Rodenberg, ehe ich's vergeſſe, ich habe Ihnen nachher unter vier Augen etwas zu ſagen, was Sie inter⸗ eſſiren wird— erinnern Sie mich ſpäter daran.“ „Gewiß— ich werde es nicht vergeſſen!“ „Wenn es den Herrſchaften gefällig iſt,“ ſagte Rodenberg miit lauter Stimme,„ſo wollen wir mit der Probe beginnen!“ „Ehe Seine Königliche Hoheit erſcheint?“ fragte der Ober⸗ Hofmarſchall mit wichtiger Miene herantretend. Sie ſagen, ohne Feuer ſeiſt Du ganz. 245 „Wir können vielleicht die einzelnen Bilder einmal durchpro⸗ biren, ehe Seine Königliche Hoheit kommt,“ erwiederte Rodenberg, ſich an die Geſellſchaft wendend,„und es geht dann ſpäter um ſo beſſer.“ „Ja, ja, fangen wir an— er hat Recht— ein paar Proben können nichts ſchaden— aber zweimal die ganze Geſchichte— wie langweilig— das ſind meine letzten lebenden Bilder, in denen ich mitwirke!“ hörte man verſchiedene Stimmen in ſehr verſchiedenem Tone ſagen. „Ehe Sie anfangen, lieber Rodenberg,“ rief die Gräfin Blend⸗ heim,„nehmen Sie hier einen Brief, der an Sie gekommen und in welchem, wie ich fürchte, nicht viel Angenehmes ſteckt— er iſt von der Baronin Stockhauſen!“ „A— a— a-—ah, die Baronin iſt noch nicht hier?“ „Nein, aber ihr Brief!“ Rodenberg riß den Umſchlag ab und las mit lauter Stimme, nachdem er die Zeilen durchflogen:„Euer Wohlgeboren bedauere ich unendlich anzeigen zu müſſen, daß es mir unmöglich iſt, der heu⸗ tigen Probe beizuwohnen, ja, daß ich mich wahrſcheinlich zu meinem großen Leidweſen verhindert ſehen werde, bei der eigentlichen Auf⸗ führung mitzuwirken. Sie hatten die außerordentliche Güte, mir die Rolle der alten Frau anzuvertrauen, an deren Spindel ſich die Prinzeſſin verletzt und alsdann in ihren langen Schlaf ſinkt. Ob⸗ gleich im Märchen, bleibt es doch immer eine Prinzeſſin, und ich wäre die, wennſchon unſchuldige Urſache an ihrem Unglücke, was aber meinem Gefühle ſo ſehr widerſtreitet, daß ich deßhalb die Rolle des ſonſt ſo intereſſanten alten Weibes nicht zu übernehmen vermag. Höflichſt— Adelgunde Baronin von Stockhauſen.“ Hätte Rodenberg in dieſem Augenblicke um ſich geſchaut, ſo wäre ihm die triumphirende Miene des Hofmarſchalls nicht entgan⸗ „gen, ſowie ein raſcher Blick, welchen derſelbe mit ſeiner Tochter wechſelte. Dieſe erhob ſich hierauf mit einer gelangweilten Miene und verſchwand zwiſchen Orangenbüſchen, welche einen kleinen Ein⸗ gang zur Bühne verdeckten. 246 Zweiundvierzigſtes Kapitel. „Das iſt gerade das erſte Bild!“ rief Rodenberg ärgerlich— „will keine der anweſenden Damen die Freundlichkeit haben und nur für heute die Rolle der Frau Baronin von Stockhauſen übernehmen? — Ich bitte dringend darum!“ „Ich würde es recht gern thun,“ rief die Gräfin Blendheim, doch darf ich meinen Poſten als surveillante générale nicht verlaſſen!“ „Will keine von den Damen ſo freundlich ſein?“ bat Roden⸗ berg, und da Alle ſchwiegen, wandte er ſich gegen eine ihm nahe ſtehende außerordentlch ſchöne, junge Dame und ſetzte in feſtem Tone hinzu:„Ich bin überzeugt, Fräulein von Tellin, Sie haben die Güte!“ „Ich hätte mich ſchon angeboten,“ erwiderte das junge Mäd⸗ chen freundlich, doch..„— ſie ſtockte lächelnd und fuhr als⸗ dann fort:„Wenn Sie mich brauchen können, ſtehe ich gern zu Dienſten.“ „Ich danke Ihnen und bitte, mir zu folgen.“ Er betrat mit der jungen Dame die Bühne und bat den De⸗ corationsmaler Schlegel, ſie zur Aushülfe für heute Stellung neh⸗ men zu laſſen. Die Tochter des Oberhofmarſchalls machte große Augen und eine unmuthige Bewegung, als ſie dieſer alten Frau gegenüber aufgeſtellt wurde. Rodenberg gab das Zeichen mit der Klingel, und darauf ſchoben ſich die Vorhänge geräuſchlos und präcis auseinander, was bei der nun ſtattfindenden allmäligen und doch raſchen Enthüllung des Bildes von ſo überraſchendem Effecte war, daß ſelbſt die Gegner des jun⸗ gen Mannes nicht unterlaſſen konnten, ihr Intereſſe kund zu geben. Aber das Bild ſelbſt, welches nun erſchien, war von ſo ganz ent⸗ gegengeſetzter Wirkung, daß es faſt komiſch war und man hätte glauben können, das alte Weib und Dornröschen hätten ihre Rollen vertauſcht. Alles lachte, und die ohnehin ſchon unmuthige Tochter des Ober⸗Hofmarſchalls warf einen giftigen Blick auf ihr Gegen⸗ Sie ſagen, ohne Feuer ſeiſt Du ganz. 247 über und wandte ſich raſch um, indem ſie ſagte:„Auf dieſe Art iſt keine Probe möglich— ich wenigſtens bedanke mich dafür und erlaube mir, das ganze Arrangement horribel zu finden!“ Rodenberg konnte ſich eines bitteren Lächelns nicht enthalten, vermochte es aber auch nicht, die Bemerkung zu unterdrücken, daß wenn etwas horribel zu finden ſei, ſo läge es einzig in der Rückſichts⸗ loſigkeit, mit der man ſein Nichterſcheinen bei einer Probe erſt beim Beginne derſelben anzeige; doch bin ich das zu ändern nicht im Stande und bitte zum zweiten Bilde überzugehen: ‚Der Prinz mit ſeinem Jagdgefolge!““ rief er mit lauter Stimme. Der Vorhang hatte ſich eben ſo geräuſchlos wieder geſchloſſen, und es erſchienen etwa ein halbes Dutzend junger Herren, von denen einer, ein großer, ſchlanker, etwas magerer junger Mann mit auf⸗ fallend blondem Haar, vor Rodenberg hintrat und mit einer ſchnar⸗ renden Stimme ſagte, wobei er ſich, die Hände in den Taſchen ſeiner Beinkleider, auf ſeinen geſpreizten Beinen hin und her bewegte und die Naſe bedeutend hoch trug:„Erlauben Sie mir—r-r, mein Lieber— r— r—....“ Rodenberg wandte ſich langſam um und ſchaute hinter ſich, ob dort vielleicht noch Jemand ſtehe, der mit der Anrede: ‚Mein Lieber gemeint ſein könne; als ſich dort aber Niemand befand, fragte er den langen, jungen Mann mit ſcharfem Tone:„Ah, Sie ſprachen mit mir, Herr Graf von Donnitz?“ „Ganz gewiß, und wollte Ihnen nur—r—r meine Bemer—rkun⸗ gen machen, daß ich unmöglich im Stande bin, das mir—r vor—rgeſchr—riebene gr—rüne Coſtume zu accepti— ren— un⸗ möglich, denn es paßt zu meinem Haar— r-r wie— wie— nun, es paßt gar=r nicht,“ ſetzte er hinzu, da ihm kein paſſender Ver⸗ gleich einfallen mochte—„ich habe an Blau gedacht... „Der Prinz, welcher das Glück hat, von Ihnen vorgeſtellt zu werden, Herr Graf, entgegnete Rodenberg in gefälligem Tone, „iſt auf der Jagd, und auch damals ſchon waren alle Jäger⸗An⸗ züge grün.“ 248 Zweiundvierzigſtes Kapitel. „Aber—r-r er-rlauben Sie mir—rer, mein Lieber—r=r, ein Prinz wird doch wohl das Recht haben, einen blauen Jagd⸗ anzug zu tragen, wenn es ihm beliebt— ich wenigſtens habe mich zu einem ſolchen entſchloſſen!“ „So werde ich Ihren Wunſch Seiner Königlichen Hoheit vor⸗ tragen, welche nach meiner Anſicht geruhten, grüne und graue An⸗ züge für den Prinzen und ſein Jagdgefolge zu beſtimmen.“ „Ja, nach Ihrer—r—r Anſicht, mein Lieber—r—r! Ihre Anſicht iſt aber—r—r durchaus nicht maßgebend für—r—r uns, und wenn Seine Königliche Hoheit dagegen meine Gründe hören, ſo werden Sie nicht ermangeln....“ „Ihnen einen hellblauen Anzug mit Silber, ſowie ein weißes Barett mit hochrothen Federn zu geſtatten,“ konnte ſich Rodenberg nicht enthalten, in unmuthigem Tone zu erwidern, worauf der lange junge Herr ſeine Augen weit aufriß und in noch ſchnarrenderem Tone ſagte: „Es wär—re mir—r-r ſehr—rr angenehm, wenn Sie mich künftig ausreden ließen— haben Sie mich ver—r—rſtanden, mein Lieber—r—r?“ „Gewiß, und werde Ihrem Wunſche willfahren, ſobald ich Zeit dazu habe— übrigens iſt mein Name Rodenberg, und wenn es den Herren nun gefällig iſt, ſo erſuche ich Sie freundlich, zu dem zweiten Bilde zuſammenzutreten: ‚Der Prinz auf der Jagd ſieht in der Morgendämmerung das dicht verwachſene Schloß vor ſich liegen, in welchem Dornröschen ſchläft!„Lieber Schlegel!“ rief er in die Couliſſen hinein,„wir probiren jetzt ohne Decorations⸗ wechſel nur die Stellungen der Figuren!“ „Ein verfluchter Kerl, dieſer Rodenberg,“ ſagte der lange Graf, der den Prinzen vorſtellte, zu ſeinen Cavalieren, nachdem ſie von dem Decorationsmaler geſtellt worden waren und der Andere weit zurückgetreten war, um den Effect aus der Ferne beurtheilen zu können— ein ganz arroganter Burſche!“ ſetzte er hinzu—„ich begreife auf Ehre nicht, wie man ſich hier—r—r ſo etwas gefallen Sie ſagen, ohne Feuer ſeiſt Du ganz. 249 laſſen mag! Bei uns werden auch wenn je ein Bürgerlicher dazu gelaſſen wird, ſo hat er aus reſpect⸗ voller Entfernung zu bitten, und wenn es meiner—r—r Anſicht nach beſſer—r—r iſt, es anders zu machen, ſo thue ich es, ohne lange danach zu fragen, und dabei haben unſere lebenden Bilder noch immer ſo reuſſirt, daß alle Welt davon entzückt war!“ „Man muß hier das ganz beſondere Verhältniß berückſichtigen, in welchem dieſer Herr Rodenberg zu Seiner Königlichen Hoheit ſteht.... „Stand, mein Lieber— ſtand; wir von da draußen wiſſen zuerſt, wo der Wind herkommt, und daß er hier im Begriffe iſt, ganz gewaltig zu changiren— darauf kann man ſich verlaſſen!“ „Alſo deßhalb machen Sie Ihre Oppoſition?“ lachte ein Dritter—„ich dachte es gleich, daß Sie Ihre Gründe hätten— armer Rodenberg!“ „Ich danke Ihnen, meine Herren,“ des jungen Malers ſagen,„und wenn ich bitten darf, wollen wir nun das dritte Bild ſtellen— auch ohne Decorationswechſel, da wir nachher vor Seiner Königlichen Hoheit doch noch einmal mit Allem durchprobiren müſſen: ‚Der Prinz ſteht am Fuße der Schloß⸗ treppe, auf welcher oben einer von der Dienerſchaft ſchlafend liegt!⸗ — Es wird Ihnen dieſes Bild ſehr mager vorkommen,“ fuhr Ro⸗ denberg fort,„aber allerdings müſſen beim dritten und vierten Bilde die Decorationen die Hauptſache thun, und kann ich Ihnen davon eine wunderbare Wirkung verſprechen— ſo, ich danke Ihnen. — Jetzt zum fünften Bilde:„Der Prinz im Schloßhofe, wo am Ein⸗ gange zu demſelben Pagen, Jäger und Dienerſchaft aller Art, von Schlingpflanzen umrankt, in tiefem Schlafe liegen!— Herr Graf, darf ich Sie wohl bitten, etwas mehr Erſtaunen auszudrücken, denn was Sie als Königsſohn da ſehen, muß Ihnen ungewöhnlich vorkom⸗ men— ſo, heben Sie die rechte Hand etwas auf, wenn ich Sie ganz ergebenſt bitten darf— vortrefflich, ich danke Ihnen, meine Herren! „Nun zum ſechsten Bilde!— Die Damen, wenn ich bitten Hackländer's Werke, 55. Bd. 17 lebende Bilder arrangirt, und hörte man die helle Stimme 250 Zweiundvierzigſtes Kapitel. darf: ‚Der Königsſohn tritt in das Innere des Schloſſes und ſieht hier den Hofſtaat der Punzeſſin, ihre Damen, Edelknaben und Ritter, Alles in tiefem Zauberſchlafe!’— Ein Bild von zauberiſcher Wirkung, wenn es gut geſtellt und beleuchtet iſt— ſo, meine Da⸗ men— ich danke Ihnen— Sie haben die vorige Probe nicht ver⸗ geſſen— Fräulein von Tellin, dürfte ich Sie wohl bitten, den Kopf etwas mehr dem Publicum zuzuwenden— Herr Baron Hund war im Begriffe, der Dame, neben der Sie ſtehen, die Hand zu küſſen, und bitte ich, dieſe Bewegung ein wenig mehr zu nuanciren — ſo, ich danke Ihnen— vortrefflich! Mit dem Bilde im Coſtume und richtig beleuchtet, müſſen wir die größte Ehre einlegen— ich danke den Herrſchaften!— Jetzt kommt noch das Schluß⸗Tableau: „Der Königsſohn findet Dornröschen ſchlafend auf ihrem Lager; durch die Fenſteröffnungen haben ſich lange Ranken wilder Roſen in das Gemach geſtohlen und ſo über der Schlafenden eine Roſenlaube gebildet!’— Darf ich bitten— wo iſt die Baronin Hardenberg?“ „Meine Tochter iſt hinausgegangen, um friſche Luft zu ſchöpfen — der Dunſt der Lichter und der Geruch der Decorationen fing an, ihr unerträglich zu werden— iſt es nöthig, daß ich nach ihr ſehen laſſe?“ „Durchaus nicht,“ gab Rodenberg ihr in ſehr ruhigem Tone zur Antwort;„Fräulein von Tellin iſt wohl ſo gütig, auch für dieſe Rolle noch einmal einzutreten— darf ich Sie wohl bitten?“ „O, ich thue es recht gern, Herr Rodenberg!“ Der Königsſohn und Dornröschen nahmen ihre Stellung, und als hierauf der Decorationsmaler Schlegel plötzlich einen Lichtſtrahl auf das reizende Geſicht des ſchönen, ſchlafenden Mädchens fallen ließ, konnten ſich die Zuſchauer im Saale nicht enthalten, ſtürmiſch zu applaudiren. Seine Excellenz der Herr Ober⸗Hofmarſchall war neben Roden⸗ berg getreten und ſagte mit leiſer, aber etwas ärgerlich klingender Stimme:„Sie haben wohl, gemäß unſerer Unterredung von heute Sie ſagen, ohne Feuer ſeiſt Du ganz. 251 Morgen, nichts gefunden, um dem Wunſche Ihrer Königlichen Ho⸗ heit der Frau Fürſtin⸗Mutter gerecht zu werden?“ „Leider nein, Excellenz, ſo ſo ſehr ich die Sache auch bedacht und hin und her überlegt habe; mein gnädigſter Herr verſprechen ſich ſo viel von dieſen lebenden Bildern und freuen ſich ſo auf den Abend der Ausführung, daß ich es faſt für grauſam gehalten hätte, auch nur einen Verſuch zu machen, ihm dieſe Freude zu verderben — auch wüßte ich wahrhaftig dafür keinen halbwegs triftigen Grund anzugeben!“ „ Das bedaure ich aufrichtig,“ entgegnete der Ober⸗Hofmar⸗ ſchall in eiskaltem Tone;„es wäre für Sie ſelbſt, mein lieber Herr Rodenberg, nicht ganz unerſprießlich geweſen, der Frau Fürſtin⸗Mutter durch dieſe Kleinigkeit eine freundliche Bereitwilligkeit zu zeigen!“ „Ich glaube, Euer Excellenz werden ſich erinnern, ich habe das ſchon bei wichtigeren Dingen mit wahrer Aufopferung gethan!“ „Und dies hätte Sie eigentlich keine Mühe gekoſtet— Sie hätten Seiner Königlichen Hoheit nur zu ſagen brauchen, die Sache geht nicht, wie ſie gehen ſollte, wir müſſen die Ausführung verſchieben!“ „Wenn die Schuld davon mich allein betroffen hätte, ſo würde ich es vielleicht gethan haben; aber es ſteht dabei der Name, ja, die Zukunft eines jungen Künſtlers auf dem Spiele, der glücklich iſt, vor dem Fürſten zeigen zu können, daß er etwas verſteht!“ „Mit Ihrem jungen Künſtler,“ entgegnete der Hofmarſchall unmuthig,„mit Ihrem ewigen Protegiren von Leuten, denen man, gerade heraus geſagt, von oben herab nicht wohl will!“ „A— a—a—ah!“ machte Rodenberg. „Sie ſchaden ſich ſelbſt damit, ohne Ihren Schützlingen zu nützen— oder glauben Sie, der Hoftheater⸗Intendant wird ſich von Ihnen einen Decorationsmaler octroyiren laſſen?“ „Von mir nicht, aber vielleicht doch von unſerm gemeinſchaft⸗ lichen Herrn.“ „Wir wollen ſehen.“ ——————————B—ÿ—ÿ———-— 2 2⁵2 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Damit verließ ihn Seine Excellenz, und Rodenberg, der ihm lächelnd nachgeſchaut, ſprach zu ſich ſelber:„Alle Welt hier prote⸗ girt und intriguirt— warum ſollte ich mich in dieſen Fächern nicht auch verſuchen? Denken wir ein wenig an die kleine Leonie, wie wir ihr nützlich ſein können.“ Er trat an den Tiſch, wo die Gräfin Blendheim ſaß, und wurde hier von dem Prinzen mit den freundlichſten Worten des Lobes und der Anerkennung empfangen —„ich bin ſtolz auf Sie,“ ſagte Seine Königliche Hoheit,„und habe ein Recht dazu, denn Sie können nicht läugnen, daß ich es eigentlich war, der Sie erfunden— erfunden, ein ganz ſuperbes Wort in dieſer Richtung— nicht wahr, Gräfin? Und die Erfin⸗ dung macht mir alle Ehre— wie deliciös haben Sie das Pro⸗ ſcenium durch lebende Pflanzen hergeſtellt, wie zauberhaft öffnet ſich der Vorhang, und welch wunderbaren Licht⸗Effect wir uns verſpre⸗ chen dürfen, haben wir beim Schluß⸗Tableau geſehen— ſah doch die kleine Tellin aus wie ein verklärter Engel!“ „Ich danke Euer Königlichen Hoheit für dieſe Anerkennung,“ erwiederte der junge Mann, ſich tief verbeugend,„und glaube in der That, verſprechen zu dürfen, daß unſere lebenden Bilder von guter Wirkung ſein werden— wir haben bis jetzt nur probirt und ohne Decorationen und Coſtumes— denken ſich Euer Königliche Hoheit die reichen Gewänder, dazu die kräftige Beleuchtung und die Geſichter der Mitwirkenden ein wenig— wie ſoll ich mich doch ausdrücken, um nicht zu ſagen: geſchminkt— ein wenig mit Farbe arrangirt!“ „Iſt das nöthig?“ fragte Prinz Heinrich. „Unbedingt— bei der grellen Beleuchtung, die wir nöthig haben. Euer Königliche Hoheit ſahen gewiß, wie entſetzlich bleich Fräulein von Tellin ausſah, ſo ſchön ihre Züge auch erſchienen.“ „Ich bemerkte das wohl,“ warf die Gräfin ein—„es war nicht mehr der Schlaf, es war deſſen ernſterer Bruder, der Tod.“ „Außerordentlich richtig bemerkt, gnädigſte Gräfin, und da ich einmal der Schminke als etwas durchaus Nothwendigem gedachte, Sie ſagen, ohne Feuer ſeiſt Du ganz. ſo müſſen wir auch auf Jemand denken, der es über ſich nimmt, in dieſer Richtung den Damen behülflich zu ſein— bis jetzt wurde ſtets eine von den Damen des Theaters gebeten, bei der Vorſtellung gegenwärtig zu ſein, auch um kleine Winke beim Ankleiden zu ge⸗ ben, was durchaus nichts ſchaden kann.“ „Was meinen Euer Königliche Hoheit dazu?“ wandte ſich die Gräfin an den Prinzen. „Darin erlaube ich mir weder einen Rath, noch einen Vor⸗ ſchlag; es iſt ein ſehr delicater Punkt, von dem man ſich fern⸗ halten muß, um Vorwürfe zu vermeiden.“ Seine Königliche Hoheit ſagten das mit einem eigenthümlichen Lächeln und indem ſie der Gräfin feſt in die noch immer ſchönen Augen blickten. „Und Sie, Rodenberg?“ „Ich muß mich gänzlich der Anſicht des gnädigſten Herrn an⸗ ſchließen— Euer Exellenz, als surveillante générale, als Ober⸗ Intendantin der kleinen Vergnügungen Seiner Königlichen Hoheit, haben darin allein zu beſtimmen— es fragt ſich vielleicht nur, ob man eine von den älteren oder eine von den jüngeren Damen nehmen ſollte.“ „Darum handelt es ſich allerdings,“ ſagte Prinz Heinrich. „So nennen Sie einige von den älteren und einige von den jüngeren Damen des Theaters, die Sie für paſſend halten.“ „Nennen Sie einige, nennen Sie einige,“ ſagte der Prinz, als Jener achſelzuckend ſchwieg. „Nun, da wäre Frau Balſers oder Frau Scherbeck.“ „Von den älteren,“ bemerkten Seine Königliche Hoheit— „recht alt.... „Da wäre Frau von Lüders— Fräulein Leonie Gerhold von den jüngeren.“ „Und wen würden Sie von dieſen Vieren vorſchlagen?“ „Geſtatten Sie mir, gnädigſte Gräſin, keinen Vorſchlag zu machen, um gänzlich neutral zu bleiben; denn,“ ſetzte Rodenberg 254 Zweiundvierzigſtes Kapitel. in einem bezüglichen Tone hinzu, als er ſah, wie ſich der Ober⸗ Hofmarſchall näherte, ich ſtehe ſo ſchon im Verdachte des Protegirens!“ „Das Beſte wäre wohl,“ meinte der Prinz,„man ließe die jungen Damen ſelbſt entſcheiden, und ſo wird kein Menſch ſagen können, daß hier Jemand eingewirkt habe.“ „So müſſen wir die jungen Damen zuſammenrufen.“ „Thun Sie das,“ ſagte die Gräfin Blendheim laut und ſetzie ſehr raſch mit leiſer Stimme hinzu:„Unter uns, für wen ſind Sie eigentlich?“ Rodenberg ſah die Gräfin achſelzuckend an, und erſt als ſie ihren Kopf anmuthig aufwarf und dabei ſprach:„So reden Sie doch!“ ent⸗ gegnete er:„Ich glaube, es wäre maßgebend, die Dame auszuwählen, die es am beſten verſteht, ſich ſelbſt anzuziehen und zu ſchminken.“ „Das iſt wohl die Gerhold?“ Rodenberg begnügte ſich, leicht mit dem Kopfe zu nicken; dann rief er die jungen Damen zuſammen und zog ſich nun, um auch den Schein einer Einwirkung zu vermeiden, hinter die Couliſſen zurück. Mit den jungen Damen waren auch die Herren erſchienen, de⸗ nen aber die Gräfin bedeutete, daß ſie bei der Verhandlung nicht zugelaſſen werden könnten. Darauf trug ſie den jungen Damen das Nothwendige vor und ſtellte es ihnen anheim, ob ſie eine der älteren oder der jüngeren Damen bitten wollten, Ihnen beim An⸗ kleiden behülflich zu ſein. „Unbedingt eine von den jüngeren!“ vernahm man mit bei⸗ fälligem Gemurmel aus dem Kreiſe der Herren. „Sie haben hier durchaus keine Stimme,“ rief die Gräfin ernſt,„und ich will es nicht dulden, daß die Gallerieen einen Ein⸗ fluß auf unſere wichtige Verhandlung ausüben!“ „Was eine der älteren Damen des Theaters anbelangt,“ ſprach die Baronin Hardenberg, die Tochter des Ober⸗ Hofmarſchalls, welche nun draußen genug Luft geſchöpft hatte,„ſo hat eine ſolche allerdings die größere Erfahrung für ſich, aber auch den meiſten künſtleriſchen Eigenſinn, und wir werden uns gänzlich unterordnen Sie ſagen, ohne Feuer ſeiſt Du ganz. 255 müſſen, ohne auch nur das Recht zu haben, unſere Meinung zu ſagen— ich kenne das.“ „Ja, wir kennen das— wir kennen das!“ „Und eben ſo bin ich überzeugt,“ fuhr die Sprecherin fort, „daß wir im Falle einer Meinungsverſchiedenheit durchaus keine Hülfe an Herrn Rodenberg hätten— ich wäre deßhalb für eine der jüngeren Damen, die uns beſſer verſtehen und mit ſich reden laſſen.“ „Aber Frau Balſers verſteht es, ſich anzuziehen und zu ſchmin⸗ ken,“ ſagte eine andere der Damen,„und Frau Balſers iſt eine ſehr würdige Frau.“ 1 „O— o—oh!“ hörte man die Herren ſagen, worauf ihnen die Gräfin Blendheim mit komiſch⸗ſtrengen Blicken zurief:„Bei der nächſten Einmiſchung werde ich die Gallerieen räumen laſſen!“ „Wollen Euer Excellenz nicht ſelbſt einen Vorſchlag machen?“ meinte die Baronin Hardenberg. „Mas meinen Sie zu Fräulein von Lüders?“ „Man kann gerade nicht ſagen, daß ſie ſich geſchmackvoll an⸗ zieht— gewiß nicht— und wie Kenner behaupten, verderbe ſie ihr nicht unſchönes Geſicht durch falſches Schminken.“ „Was meinen Sie zu Fräulein Bretten?“ ſagte die Baronin Hardenberg. „Nur dieſe nicht— ſie iſt allerdings immer reich gekleidet, beſonders in Converſationsſtücken; aber ſie wählt die Farben ihres Anzuges ſchlecht— trug ſie doch bei der geſtrigen Vorſtellung zu einem Hute mit rothem Bande einen Shawl mit rothem Grunde — es ſah in der That abſcheulich aus!“ „Und neulich war ſie ein wandelnder Blumengarten mit Ro⸗ ſen und Bouquet— wo im Haar und auf dem Kleide nur irgend ein Platz zu finden war— es ſah ſchrecklich geſchmacklös aus!“ „Wenn Sie ſo fortfahren,“ ſprach die Gräfin,„ſo werde ich mit meinen Vorſchlägen bald zu Ende ſein— was meinen Sie zu Fräulein Gerhold?“ Aus den Reihen der Herren ließ ſich trotz der vorher em⸗ —— 256 Zweiundvierzigſtes Kapitel. pfangenen Drohung ein ſo beifälliges Gemurmel vernehmen, daß die Gräfin ſich nicht enthalten konnte, warnend ihren Zeigefinger zu er⸗ heben; doch ſagte ſie dabei:„Daß Fräulein Gerhold immer ge⸗ ſchmackvoll und reizend angekleidet erſcheint, kann man ihr nicht abſprechen— was meinen Sie zu ihr?— Laſſen Sie uns zum Schluſſe kommen, meine Damen!“ „Sie iſt im gewöhnlichen Leben ein wenig auffallend,“ meinte die Baronin Hardenberg;„auch ſpricht ſie viel und verſchweigt nicht gern eine pikante Bemerkung.“ „Aber man ſagt, ſie ſei außerordenlich amuſant, und daß ſie tadellos angezogen iſt und ſich vortrefflich ſchminkt, muß man ihr laſſen.“ „Alſo bitten wir Fräulein Gerhold, wenn es den Damen recht iſt,“ ſagte die Gräfin Blendheim, und da hierauf keine Einwen⸗ dungen mehr vorgebracht wurden, erlaubten ſich die Herren, lachend der unparteiiſchen und ſtrengen Präſidentin ihre Bewunderung auszudrücken. Rodenberg, der herbeigerufen wurde, vernahm anſcheinend mit großer Gleichgültigkeit, daß die Wahl der jungen Damen für eine freundliche Hülfe bei den lebenden Bildern auf Fräulein Leonie Gerhold gefallen war, und ließ ſich von der Gräfin Blendheim be⸗ auftragen, die junge Künſtlerin hiervon in Kenntniß zu ſetzen. Mit einer Verbeugung zurücktretend, ſprach er dann zu ſich ſelber:„Mehr konnte ich nicht für ſie thun, und ich bin überzeugt, daß ſie es ſich zum Nutzen machen wird, vor dieſem ausgeſuchten Kreiſe von jungen Damen plaudern zu dürfen, und daß ſie über ihren Intendanten, über Capellmeiſter und Capellmeiſterin und ver⸗ ſchiedene Colleginnen Pikantes genug liefern wird, um ſich ſo als ein von Intriguen verfolgtes ſchutzloſes Lamm darzuſtellen.“ Ein Lakai trat in dieſem Augenblicke an ihn heran, um ihm die Meldung zu machen, daß Seine Königliche Hoheit in dem näch⸗ ſten Augenblicke eintreten würde. Gleich darauf wurden die Flügelthüren des Saales geöffnet und der Fürſt trat in Begleitung einiger Herren ein. XLIII. „Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten!“ Heine Königliche Hoheit gingen, ohne viel nach rechts oder links zu ſchauen, mit ſehr aufrechtem Gange, aber etwas verlegener Miene gerade auf die Gräfin Blendheim los, reichten ihr die Hand und ſagten alsdann:„Es iſt ſehr gütig von Ihnen, Gräfin, daß Sie ſo freundlich ſind, die Beſchützerin dieſer jungen Damen zu machen.“ Die jungen Damen, welche rings im Kreiſe herumſtanden, bedankten ſich für ihre Erwähnung durch einen tiefen Knix. „Und daß Sie,“ fuhr der Fürſt fort,„auch dabei die jungen Herren ein klein wenig im Auge behalten.“ Die jungen Herren bedankten ſich hierauf durch eine tiefe Ver⸗ beugung ebenfalls, und nur einer derſelben, der wohlgelitten war und ſich ſchon etwas herausnehmen konnte, erlaubte ſich die Be⸗ merkung, daß die Gräfin außerordentlich ſtreng ſei und die ganze Sache zu ernſthaft nehme. Worauf ſich Seine Königliche Hoheit die Hände rieben und dieſe Aeußerung des Wohlgelittenen ganz außerordentlich amuſant fanden. „Wo iſt Rodenberg?“ fragte der Fürſt.“ „Zu Eurer Königlichen Hoheit Befehl,“ ſagte jener, jetzt erſt in den Kreis tretend, der ſich um den Theetiſch verſammelt hatte. „Wie weit ſind wir, lieber Rodenbeeg?“ 258 Dreiundvierzigſtes Kapitel. „Wir haben die lebenden Bilder einmal durchgegangen, aber mit der Decorationsprobe auf Eure Königliche Hoheit gewartet.“ „Das iſt mir ſehr angenehm— ich habe mich den ganzen Tag darauf gefreut— glauben Sie, daß die Decorationen ge⸗ lingen werden?“ „Ich bin davon überzeugt.“ „Unſer Hoftheater⸗Intendant, den ich mitgebracht habe, iſt es nicht ſo ganz— nun, wir wollen ſehen, wer Recht behält, die alte oder die neue Zeit.“ „Eure Königliche Hoheit thun mir Unrecht, wenn Sie mich als Gegner der neuen Zeit bezeichnen,“ ſagte der Hoftheater⸗Intendant Freiherr von Wurzen, ein ſchon älterer Herr mit einer gelben Weſte und einer weißen Halsbinde;„ich bin nur dafür, das Alte nicht eher wegzuwerfen, bis man ſich von dem Beſſeren des Neuen hin⸗ länglich überzeugt hat.“ „Davon wollen wir uns gerade überzeugen,“ gab der Fürſt heiter lächelnd zur Antwort;„kommen Sie, Rodenberg, ich habe Ihnen etwas zu ſagen.“ Seine Königliche Hoheit wandte ſich nach dieſen Worten raſch um, der Kreis der Damen und Herren, die ihn umgaben, öffnete ſich ſchnell und ehrfurchtsvoll, ihn mit Rodenberg durchlaſſend, worauf er den jungen Mann am Arme nahm und mit ihm nach dem anderen Ende des Saales ging. Die Zurückbleibenden ſchauten den Beiden mit ſehr verſchiedenem Ausdrucke in Blicken und Mienen nach; einige lächelten mit gleich⸗ gültiger Sanftmuth, als zeige ſich ihnen ein gewöhnliches und durch⸗ aus nicht unerwartetes Schauſpiel; andere ſahen befremdet drein und ſuchten fragend die Blicke ihrer Nebenſtehenden. Seine Excellenz, der Herr Ober⸗Hofmarſchall, welcher neben ſeine Tochter getreten war, flüſterte derſelben achſelzuckend hinzu:„Kann man ſich wohl noch auf das Wort von Jemandem verlaſſen, ſelbſt wenn dieſer Jemand zu den höchſtgeſtellten Perſonen gehört?— Nein, wahr⸗ haftig nein! Den Aeußerungen nach, die mir heute Morgen gemacht Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! 259 wurden, hätte ich gewiß denken müſſen, man ſcheue ſich nicht, etwas von einer beginnenden Ungnade durchblicken zu laſſen, und nun bras dessus, bras dessous— man muß ſich in Acht nehmen, man muß nicht leichtſinnig ſein, noch weniger aber leichtſinnig ver⸗ trauen, am allerwenigſten aber leichtſinnig reden, ma cheère, und darin biſt Du zuweilen recht ſtark— mache es doch wie ich und behalte Deine Abneigung für Dich— er müßte ſchon verflucht geſcheit ſein, wenn er mich nicht für einen zuverläſſigen Freund halten wollte!“ „Ich haſſe ihn!“ ziſchte die Baronin Hardenberg. „Ich weiß das,“ entgegnete Seine Excellenz in ſehr gleich⸗ gültigem Tone;„Du haſſeſt ihn aber nicht aus höheren Rückſichten, nicht aus Gründen der Politik— ein Mädchenhaß.“ Der Darſteller des Königsſohnes in den lebenden Bildern, der lange, blonde Graf, wandte ſich an den Baron Hund vom Höllen⸗ ſteine und ſagte ihm in ärgerlichem Tone:„Wie oft die beſten Nachrichten täuſchen— ich hätte eine Million gewettet gegen eine Bratkartoffel, daß der da hinten nicht mehr der liebe Rodenberg des Fürſten geweſen wäre!“ 3 „Und deßhalb nannten Sie ihn: Mein Lieber— r— r?“ gab der Baron Hund lachend zur Antwort. „Was wollen Sie, ein Diplomat muß zu nuanciren verſtehen und ſich dabei doch retiré halten— er konnte das ‚Mein Lieber⸗ nehmen, wie er wollte.“ „Aber er nahm es, wie Sie es meinten, denn, mon cher, c'est le ton, qui fait la chanson.—* Seine Königliche Hoheit waren am Ende des Saales in eine Fenſterniſche getreten und ſagten zu Rodenberg, der vor ihm ſtand: „Unſere lebenden Bilder müſſen reuſſiren, müſſen glänzend ausfallen!“ „Ich wünſche das auch, da es der Wunſch Eurer Königlichen Hoheit iſt, und nebenbei meinem Decorateur zu Liebe, der gewiß zeigen wird, daß er'was Rechtes verſteht.“ „Nebenbei, Rodenberg— ja, nebenbei, lieber Rodenberg, iſt 260 es mir aber um die Sache ſelbſt zu thun; ich glaube, daß die lebenden Bilder eine große Zukunft haben und daß, wenn man ſie in verſtändige Verbindung mit unſerer gewöhnlichen Oper oder mit dem Neues und Ausgezeichnetes entſtehen könnte; ich beſchäftige mich ſehr damit— vielleicht zu ſehr— meine Mutter beliebt das zu ſagen, und meine Miniſter erlaubten ſich in dieſer Beziehung An⸗ ſpielungen. Ich war heute Morgen allerdings etwas zerſtreut bei ihrem Vortrage— ich dachte darüber nach, ob wir nicht den Ver⸗ ſuch laſſen, um das Ganze mit einer Auſprache an das Publikum zu beſchließen.“ berg Bewegung—„wir wollen froh ſein, wenn ſie ſich glücklich hinaus⸗ hilft, ohne den Mund aufzuthun— ich hätte gern die kleine Tellin genommen.“ Mutter zuſchaut, ſo thut ſie es nur, weil ihr Liebling die Haupt⸗ rolle hätten thun können zur Verwirklichung meiner diſtinguirten Idee, lebende Bilder mit Oper oder Luſtſpiel zu verbinden— finden Sie nicht auch?“ Herren Miniſter wollen— man ſollte es anerkennen, wenn ich mich bemühe, einen neuen Styl, um mich ſo auszudrücken, für dramatiſche Werke zu finden, wie man zum Beiſpiel einen neuen Bauſtyl findet — habe ich nicht Recht?“ der junge Maler,„ſich in Ihren Freiſtunden mit ſo etwas zu be⸗ ——— Dreiundvierzigſtes Kapitel. Melodrama, ſelbſt mit Luſtſpielen bringt, daraus etwas ganz machen ſollten, Dornröschen ſich im letzten Bilde erheben zu „Die Baronin Hardenberg als Dornröschen?“ fragte Roden⸗ in einem Tone des Zweifels. „Ich weiß wohl,“ entgegnete der Fürſt mit einer ungeduldigen „Ich auch.“ „Daran iſt nun nichts mehr zu ändern, und wenn meine hat— aber es wäre ſchön geweſen, wenn wir einen Schritt „Gewiß,“ gab Rodenberg etwas zerſtreut zur Antwort. „Ich weiß gar nicht, was meine Mutter und was meine „Eure Königliche Hoheit haben allerdings Recht,“ entgegnete Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! 261 ſchäftigen; doch darf ich mir wohl allerunterthänigſt die Bemerkung erlauben, daß Ihre Herren Miniſter ſo wichtige Dinge zum Vor⸗ trage bringen, daß denſelben wohl eine ungetheilte... „Aufmerkſamkeit,“ erwiederte der Fürſt in gelangweiltem Tone, „zu Theil werden ſollte— o, ich weiß, was Sie ſagen wollen, und es könnte mich faſt verdrießen, daß Sie immer und ewig auf ſo etwas zurückkommen!“ „Es iſt aber doch das Wichtigſte!“ „Aber auch das Langweiligſte und geht auch ſo— wofür habe ich meine Herren Miniſter— wofür habe ich meinen Staats⸗ rath?— Soll ich vielleicht für ſie arbeiten?— Doch laſſen wir das jetzt— in dieſem Augenblicke habe ich eine Freiſtunde— will ich eine Freiſtunde haben— das werden Sie mir doch wohl er⸗ lauben— nicht wahr, mein lieber Herr Rodenberg?“ Dieſes Einſchieben des„Herrn’ zwiſchen Beiwort und Namen war immer der Anfang eines beginnenden Unwillens, und da Roden⸗ berg aus Erfahrung wußte, daß er ſich denſelben doch unnöthiger Weiſe zuziehen würde, ſo ſagte er lachend:„Verzeihen mir Eure Königliche Hoheit, man wirft mir immer vor, ich gebe ſo oft einen ſchlechten Rath, daß ich mir wohl einmal erlauben könnte, einen ausgezeichnet guten mitzutheilen!“ „Ja, ja, und ich glaube, daß Sie Recht haben. Aber laſſen wir das jetzt und beginnen wir unſere Proben; ich freue mich wie ein Kind darauf— alſo die Decorationen ſind in der That gelungen?“ „Dafür kann ich ſtehen.“ „Und ſonſt nichts Neues?“ „Nichts von Wichtigkeit: die jungen Damen unter Vorſitz der Frau Gräfin von Blendheim haben den Beſchluß gefaßt, Fräulein Leonie Gerhold zu bitten, ihnen bei der Toilette behülflich zu ſein — wenn Eure Königliche Hoheit nichts dagegen haben.“ „Durchaus nichts— ich mag die kleine Perſon wohl leiden— elle est si amusante— si drele.“ 262 Dreiundvierzigſtes Kapitel. „Und eine ſo vortreffliche Sängerin.“ „Gewiß, gewiß.“ „Unbegreiflich, daß man ſie verfolgt und ihr die beſten Rollen nimmt!“ „Wer verfolgt ſie? Wer nimmt ihr ihre Rollen?“ „Ich nenne nicht gern Namen— doch möͤchte ich Eure König⸗ liche Hoheit ganz ergebenſt bitten, an geeigneten Orten nur den Wunſch auszuſprechen, daß die kleine Gerhold die Rolle als Orſini in der Lucrezia behalten möge.“ „Das will ich recht gern thun; aber Sie wiſſen, daß mein Intendant ein großer Herr iſt, mit dem ich nicht gern Kirſchen eſſe, er liebt es ſehr, uns anderen armen Leuten nur die Stiele und Steine zu laſſen— und Gründe weiß er vorzubringen— nun, ich denke, gerade wie meine Mutter— aber Ihnen zu Gefallen will ich den Wunſch ausſprechen; doch wollen wir froh ſein, wenn wir unſeren Decorationsmaler glücklich durchbringen— und nun vorwärts— laſſen Sie einige Seſſel, drei, vor's Proſcenium ſtellen, für mich, für meinen Oheim und für die Gräfin Blendheim— die Anderen können das ſtehend anſchauen.“ Rodenberg trat mit einer tiefen Verbeugung zurück, traf die befohlenen Anordnungen und begab ſich dann hinter den Vorhang. Die Probe begann, nachdem ſich der Fürſt über die Einrichtung des Proſceniums und die Aufſtellung der lebenden Pflanzen ſo wie über den ſo kunſtvoll ſich öffnenden Vorhang lobend ausgeſprochen. Dann erſchien das erſte Bild: das Gemach der alten Frau, wo Dornröschen dem Spinnen zuſieht, ſich an der Spindel verletzt, um alsdann in den hundertjährigen Schlaf zu fallen. Da Fräulein von Tellin abermals die alte Frau machte, ſo glaubte der Fürſt, man habe das Bild falſch geſtellt, und war ſchon im Begriffe, die gelbe Tochter des Ober⸗Hofmarſchalls auf's gröblichſte zu beleidigen, als ihm die Gräfin Blendheim noch zu rechter Zeit lachend zuflüſterte: „Ich bitte unterthänigſt, leiſe zu reden; Fräulein Tellin iſt nur aus Gefälligkeit für die Baronin von Stockhaußen eingetreten.“ Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! „Ah ſo,“ erwiederte der Fürſt in ſehr heiterer Laune und eben ſo leiſe;„bei meinem Worte, ich habe ſchon geglaubt, die Harden⸗ berg mache die alte Frau und ſei falſch geſtellt worden— es wäre auch ſo ganz vortrefflich gegangen.“— Dann ſchaute er hinter ſich und rief dem Hoftheater⸗Intendanten zu:„Das zweite Bild iſt es, wo wir dieſe ausgezeichneten Decorationen zu ſehen bekommen wer⸗ den; geben Sie Achtung, genau, aber unparteiiſch.“ Das zweite Bild ſtellte einen dichten Wald vor beim erſten Grauen des Tages: rechts auf einer Anhöhe lagerte der Königsſohn mit ſeinem Jagdgefolge, er ſelbſt lehnte am Stamme einer rieſen⸗ haften Eiche und ſchaute in ein Thal, welches ſich im Hintergrunde ausbreitete und aus dem man nebelhaft eine bis jetzt noch unbekannte Maſſe emporſteigen ſah— waren es Baumgruppen— waren es Gebäude— waren es Felſen?— Unmöglich, dies jetzt ſchon bei den tiefen Schatten, in die das Thal gehüllt lag, ſo wie bei dem kaum anbrechenden Tageslichte zu erkennen; hoch oben in der Luft glänzte ein einſamer Stern. „Das iſt der Stern der Liebe, Den ich da flimmern ſeh'“ recitirte Prinz Heinrich, worauf ihm der junge Fürſt nicht ohne Beziehung erwiederte:„Ganz gewiß, lieber Oheim, aber mir ſcheint, er iſt im Begriffe, zu verſchwinden.“ Und ſo war es auch.— Der Stern erblaßte eben ſo langſam und allmählich, wie ſich die Landſchaft aufzuhellen ſchien; man ſah förmlich, daß der Morgen⸗ duft wie von einem friſchen Winde dahingetrieben dem Thale ent⸗ lang floh und langſam verſchwand vor dem anbrechenden Tageslichte, das, mit der größten Natürlichkeit und den ſanfteſten Uebergängen Berg und Thal erhellend, jetzt deutlich ſehen ließ, daß das, was ſich aus dem Hintergrunde erhob, ein altes, großartiges, prächtiges Schloß war, welches aber auf die wunderbarſte und wunderlichſte Weiſe eingehüllt erſchien in Laubmaſſen und Schlingpflanzen— 264 Dreiundvierzigſtes Kapitel. wie mit grünen Schleiern war es zugedeckt, und nur hier und da ſah man eine Fenſteröffnung hervortreten, einen Theil der Mauer⸗ zinnen, die Spitzen der Dächer über rieſenhaften Baumkronen und den oberen Theil der großen Treppe, welche ſich in einem zierlichen Bogen von einem Felſenvorſprunge auf die Höhe einer ausgedehnten Terraſſe ſchwang. Hierbei war aber Alles: Malerei, Beleuchtung, von ſo vollendeter Wirkung, daß man hätte glauben können, durch einen großen Bogen in's Freie zu ſehen; da waren die Abſtufungen des Lichtes ſo fein gewählt und durchaus nicht ſtörend, da war es, als könne man ſehen, daß ſich nun links im Thaleinſchnitte die Sonne erhebe und mit ihren glänzenden Strahlen das alte Mauerwerk vergolde, daß ſeine Fenſter ſtrahlten, daß ſeine Metalldächer zwiſchen dem über⸗ wuchernden Grün röthlich glänzten, daß die Wetterfahne auf dem Hauptthurme wie ein leuchtender Punkt ausſah, daß das ganze ver⸗ ſammelte Publikum, der Fürſt zuerſt, in einen lauten Ruf der Bewunderung ausbrach und ſo anhaltend applaudirte, wie es nur ein Parterre von gewöhnlichen Kunſtenthuſiaſten zu thun im Stande iſt. „Ich muß geſtehen, das iſt das Schönſte in Decorationen, was mir bis jetzt vor Augen gekommen— habe ich Recht?“ wandte er ſich an den Hoftheater⸗Intendanten. „Allerdings, von großer Wirkung, doch muß ich geſtehen, etwas zu ſehr Diorama.“ „Pah, das iſt mir ganz gleich, wenn ich damit nur erreiche, was ich erreichen will!“ „Ob aber ein ähnlicher Effect bei unſeren gewöhnlichen Theater⸗ einrichtungen zu erreichen iſt, wäre doch eine andere Frage.“ „Gewiß, Herr Baron,“ hörte man hier die Stimme Rodenberg's, welcher leiſe in den Kreis hinter den Fürſten getreten war;„der Decorationsmaler Schlegel, welcher dieſe Decorationen gemalt und aufgeſtellt hat, verpflichtet ſich, ohne viel Mühe und große Koſten eiwas ganz Aehnliches auf der Hofbühne herzuſtellen.“ Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! 265 „Er verpflichtet ſich allerdings,“ ſagte der Hoftheater⸗Intendant in ſcharfem Tone;„ob er aber dieſer Verpflichtung nachkommen kann?* „Aufmerkſamkeit, meine Herren,“ rief der Fürſt,„unſer Bild iſt noch nicht zu Ende— bis jetzt ſah man nur die Decoration, doch tritt nun das lebende Bild in ſeine Rechte; ſehen Sie, wie prachtvoll der Glanz des Morgens das Geſicht unſeres Königsſohnes erhellt, wie er erſtaunt und forſchend hinüberſchaut— vortreffliche Stellung— und das Jagdgefolge— wie maleriſch geordnet— ah, ausgezeichnet— wunderſchön!“ Jetzt ſtand das Bild in der That in vollem Glanze und bot eine ſolche Fülle von Licht, gab Alles mit einer ſo unbeſchreiblichen Klarheit, daß man erſtaunt ſein mußte, wie es möglich ſei, eine ſolche Lichtmaſſe wirken zu laſſen— dann ſchloß ſich der Vorhang mit einer friſchen Jagdfanfare. Für die Eingeweihten war das Räthſel einfach zu löſen; Roden⸗ berg hatte dafür Sorge getragen, daß der Saal durch Auslöſchung einer Menge Kerzen verdunkelt war, und Schlegel hatte die glänzende Nachmittagsſonne zu Hülfe genommen und durch ihre glühenden Strahlen, die er im Hintergrunde der kleinen Bühne durch ein geöff⸗ netes Fenſter einfallen ließ, dieſe zauberhafte Wirkung hervorgebracht. Darin lag allerdings etwas von den Kräften, deren ſich das Diorama bedient, wie der Freiherr von Wurzen ganz richtig bemerkt; doch waren in dieſem Falle die Mittel gleichgültig, da der Zweck erreicht war. Seine Königliche Hoheit ſagten in ſehr beſtimmtem Tone: „Schon nach dieſer Probe von der Kunſt Ihres Empfohlenen wäre es unverantwortlich, einen ſo talentvollen jungen Künſtler wieder ziehen zu laſſen— ich hoffe, man iſt meiner Anſicht— doch fahren wir fort!“ Das dritte Bild: ein ſchattiger Laubgang, an deſſen Ende man von einem einfallenden Sonnenſtrahle den Eingang zum inneren Schloſſe beleuchtet ſah. Hackländer's Werke. 55. Bd. 266 Dreiundvierzigſtes Kapitel. „Bravo— bravo!— Außerordentlich ſchön!— Auf Ehre, räuberhaft!—“* Und eben ſo wurden die anderen Bilder, in denen nun die Perſonen mehr in den Vordergrund traten, durch rauſchenden Bei⸗ fall belohnt— vor Allem das Schlußtableau: das Gemach der Prinzeſſin, wo die reiche Ausſchmückung, die Pracht des Geräthes und der Tapeten in wunderbaren Einklang gebracht war mit der maleriſchen Zerſtörung, die ſich nach hundertjähriger Verödung zeigte durch eingedrungene Schlingpflanzen, die alles mit Grün umſponnen, ſo wie durch weiche, glänzende Mooſe, welche die Steinverzierungen bedeckten und auf dem Boden einen förmlichen Teppich bildeten. Und wie war hier wieder das einfallende Licht benutzt, glänzte es doch faſt nur auf dem Lager der Prinzeſſin, ſo daß ſie wie von einer Strahlenglorie umgeben ihrer Erweckung entgegenträumte! Nach einem letzten rauſchenden Beifalle erhob ſich der Fürſt, und ſich halb gegen Rodenberg, halb gegen den Hoftheater⸗Inten⸗ danten wendend, ſagte er:„Laſſen Sie Ihren Zauberer hervortreten, ich muß ihm ſelbſt meinen Dank ſagen, ſo wie den Wunſch aus⸗ ſprechen, ſeine Kunſt auch künſtig verwenden zu dürfen.“ „Wollten Eure Königliche Hoheit mir nicht erlauben, vorher noch einige Renſeignements einzuziehen oder mir wenigſtens über⸗ laſſen, mit dem jungen Manne in Unterhandlung zu treten, ehe Eure Königliche Hoheit ihm vielleicht Hoffnung machen?“ Der Fürſt warf unmuthig den Kopf empor, während er dem Sprecher in einem trockenen Tone in die Rede fiel:„Wie ſo, Hoffnungen machen? Davon kann gar nicht die Rede ſein, ſondern ich will ihn bei mir behalten— ich will!“ Einen Augenblick darauf ſtellte Rodenberg den jungen Künſtler vor, der vom Fürſten auf's beſte empfangen wurde, dem derſelbe ſeinen Dank ausſprach und alsdann hinzuſetzte:„Der Hoftheater⸗ Intendant ſoll durch Rodenberg die Wünſche erfahren, unter denen Sie bei uns bleiben wollen, und ich werde dafür ſorgen, daß Sie bald einer der Unſerigen ſind— nochmals meinen beſten Dank!“ Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! 267 Rodenberg drückte ſeinem Schützlinge herzlich die Hand und beeilte ſich, ihn einigen Herren und Damen vorzuſtellen, von deren Wohlwollen für ſich ſelber, alſo auch für den Anderen er überzeugt ſein zu können glaubte. Auch hier empfing Schlegel Worte der Anerkennung, und man freute ſich, ein Talent zu beſitzen, das im Stande ſei, an manchem alten Schlendrian zu rütteln. Der Adjutant des Prinzen Heinrich, welcher in den vergangenen Jahren nicht nur viel ſtärker, ſondern auch Oberſt geworden war, drückte am herzlichſten ſeine Freude aus, einen ſo außerordentlichen Künſtler perſönlich kennen zu lernen:„Fragen Sie Rodenberg, wie gern ich mich in Ihren Kreiſen bewege— wie glücklich ich bin, da ein freies Wort zu hören, eine friſche Anſicht— und auch noch aus anderen Gründen bin ich entzückt, daß Sie bei uns bleiben: als der Fürſt zuerſt über Sie und dann zu Ihnen ſprach, ſahen wir Geſichter, nicht wahr, Rodenberg, die ſo vergnügt ausſahen, als ſei man im Begriffe, ihnen einen hohlen Zahn auszuziehen— trichinenhaft, auf Ehre!— Ich hoffe, Sie beſuchen mich,“ ſagte er zu Schlegel und wandte ſich alsdann an Rodenberg, dem er zuflüſterte:„Ich glaube, der Prinz will Sie nachher auf einen Augenblick ſprechen, wenn er es nicht vergeſſen hat, was er Ihnen ſagen möchte; auf alle Fälle treten Sie ihm in den Weg, wenn er fortgeht.“ 8 „Rodenberg!“ rief es aus dem Saale herüber. „Gehen Sie, der Fürſt ruft Sie— ſchmieden Sie Ihr Eiſen, ſo lange es warm iſt, das iſt der Rath eines guten Freundes— aber Sie thun es doch nicht— Sie können es nun einmal nicht laſſen, für alle Welt die Kaſtanien aus dem Feuer zu holen!“ „Alſo halten Sie mich für dumm?“ ſagte Rodenberg, indem er lachend hinübereilte. „Nein, nein, aber für räuberhaft gutmüthig und für trichi⸗ nenhaft beſcheiden!“— „Sie baten mich vorhin um etwas,“ fragte der Fürſt, welcher 268 Dreiundvierzigſtes Kapitel. mit der heiterſten Miene und die Hände reibend die Decoration des Proſceniums betrachtete, den Herbeieilenden—„was war das doch?“ „In Betreff der kleinen Gerhold.“. „Richtig, aber das iſt ſchlimm, noch einmal mit dem Inten⸗ danten anzubinden— wir haben ihm ſchon ſtark auf den Fuß getreten.“ „Das kommt auf meine Rechnung.“ „Und ſo meinen Sie, ich ſolle die Gerhold über mich nehmen?— Wäre nicht ſo übel— aber Sie können meine Grundſätze, und ich möchte nicht gern in's Gerede kommen—gttade jetzt nicht.“ „So darf ich mir vielleicht erlauben, lin dieſem Falle Eure Königliche Hoheit zu bitten, mich als ganz unverſchämten Bittſteller und Querulanten zu bezeichnen— ich habe ſchon ſo viel auf meiner Rechnung, daß mich das Bißchen mehr auch nicht unglück⸗ lich macht.“ „Meinetwegen, und Sie haben Recht, im Grunde ſind Sie auch ein unruhiger Querulant, aber nur im Intereſſe Anderer— denken Sie nie an ſich ſelber?“ „Gewiß, Eure Königliche Hoheit, und dann habe ich aller⸗ dings einen ſehnlichen Wunſch.“ „Und welcher iſt das? Ich wäre begierig, ihn kennen zu lernen.“ „Daß Eure Königliche Hoheit gegen mich ſo geſinnt bleiben, wie bisher!“ 8 „Ich glaube, davon können Sie überzeugt ſein,“ entgegnete der Fürſt.—„Doch können wir nicht verſchweigen, daß er bei dieſen Worten dem jungen Manne nicht ſo offen und frei in's Geſicht ſchaute, als er ſonſt wohl zu thun pflegte; auch ſagte er etwas haſtig:„Kommen Sie, ich will jetzt mit Wurzen reden.“ Der Hoftheater⸗Intendant war klug genug, auf ſeiner Stirn auch nicht mehr die geringſte Falte ſehen zu laſſen, ja, er lächelte wohlwollend und heiter, als der Fürſt mit Rodenberg auf ihn zutrat, und ſein Blick verdüſterte ſich auch dann nicht, als ihm der Fürſt mit lachendem Munde ſagte:„Wir kommen mit einer Bitte Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! 269 zu Ihnen, eigentlich Rodenberg— es betrifft die kleine Gerhold, gegen die Sie ja ſo außerordentlich hartherzig ſein ſollen— was ich in der That nicht begreifen kann.“ Jetzt flog ein leichter Schatten über das Geſicht des Hoftheater⸗ Intendanten, doch blieb in ſeinen Mundwinkeln immer noch ein kleines Lächeln ſtehen, unter deſſen Einfluß er zur Antwort gab:„Hart⸗ herzig bin ich gewiß nie, mein allergnädigſter Herr, aber ſtets gerecht.“ „Nennen wir es meinetwegen ſo, doch hat auch die ſtrenge Gerechtigkeit ihre Gränzen, und gegen eine ſchöne Sängerin darf man wohl zuweilen milde ſein— was hat denn die kleine Gerhold verbrochen?“ „Durchaus nichts, Königliche Hoheit— ich ſah mich nur veranlaßt, ihr ein paar Rollen zu nehmen, für die ihre Stimmlage nicht recht paßt.“ „Aber Sie haben ihr den Orſini genommen, für den ſie ſo vortrefflich paßt.“ „In der äußeren Erſcheinung vielleicht.“ „Gewiß, und ihr Trinklied ſang ſie allerliebſt.“ „Ich mußte dieſe Rolle einem neuen Mitgliede geben, König⸗ liche Hoheit, Fräulein Berger, welche als Altiſtin engagirt iſt; ihre Simme iſt ſchön und ſtark.“ „Aber ſie ſelbſt iſt häßlich und mager, und ich hätte in der That lieber die Gerhold geſehen.“ „Eure Königliche Hoheit ſehen mich untröſtlich,“ ſagte der Hoftheater⸗Intendant, indem er ſeine Hände demuthsvoll zuſammen⸗ legte—„untröſtlich— aber es würde dieſes neu eingetretene Mitglied außerordentlich kränken, wenn man ihm eine übertragene Rolle wieder abnähme!“ „Aber es kränkt ein ſchon länger engagirtes Mitglied nicht minder, wenn man ihm eine Rolle nimmt, in der es vortrefflich iſt,“ erlaubte ſich Rodenberg einzuwerfen, wofür ihn ein ſprühender Blick des Freiherrn von Wurzen belohnte, worauf dieſer ſich gegen den Fürſten wendend ſagte:. 270 Dreiundvierzigſtes Kapitel. „Eure Königliche Hoheit ſind gewiß nicht dafür, ein neues, vortreffliches Mitglied auf dieſe Art zu kränken!“ „Gewiß nicht— haben Sie denn die Lucrezia auf dem Repertoire?“ „Sie ſoll ſogar am nächſten Sonntage gegeben werden.“ „Eine Oper, die ich überhaupt nicht beſonders mag,“ meinte der Fürſt achſelzuckend—„man könnte das ja ändern.“ „Es iſt unangenehm, ein Stück abzuändern,“ entgegnete der Hoftheater⸗Intendant. „Eine ſehr richtige Bemerkung des Herrn Barons,“ warf Rodenberg in zuſtimmendem Tone ein,„denn auch das Publikum empfindet auf's unangenehmſte dieſe beſtändigen Abänderungen.“ „Ja, das iſt wahr,“ ſtimmte der Fürſt bei,„in Abänderungen ſind wir ſtark; man hat mir neulich eine Liſte vorgelegt, ich weiß nicht mehr, wer, aus der ich erſehen, daß man ein Stück nicht nur ſelten an dem Abende gibt, an dem es auf dem Repertloire ſtand, ſondern daß oft zwei bis dreimal geändert wird, ehe wir überhaupt etwas zu ſehen bekommen.“ „Oh weh,“ dachte Rodenberg,„die Liſte kommt auch auf meine Rechnung— für Leonie iſt heute nicht viel mehr zu machen — vielleicht helfen wir uns auf eine andere Art.“ Und als nun der Fürſt ſagte:„Iſt es nicht ſo, Rodenberg?“ Und dann zu dem Oberhof⸗Marſchall, der hinzugetreten war: „Nicht wahr, Excellenz, wir leiden Alle ſehr unter den ewigen Veränderungen?“ ſo konnte ſich der junge Mann nicht enthalten, zu antworten: „Ja, es iſt ſo, und deßhalb laſſe ich meine Bitte fallen, um mich nicht auch der Schuld theilhaftig zu machen, eine neue Ab⸗ änderung auf dem Gewiſſen zu haben.“ „Uebrigens hatten wir geſtern eine brillante Vorſtellung,“ ſagte der Fürſt in ſeiner Gutmüthigkeit, ehe er ſich abwandte,— „Adieu, meine Herren!“ Er verließ den Saal, und hierauf ſtob Alles mit der größten Eilfertigkeit aus einander. Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! 271 Einer der Letzten war Prinz Heinrich, dem Rodenberg dienſt⸗ fertig die große Flügelthür zur angränzenden Gallerie öffnete, über welche derſelbe in ſeine Wohnung gelangen konnte. Ehe der Prinz aber den Saal verließ, blieb er ſtehen, ſchaute dem jungen Manne einen Augenblick feſt ins Geſicht und ſagte nach einigem Beſinnen:„Beinahe hätte ich wieder vergeſſen, was ich Ihnen ſchon ſeit einigen Tagen ſagen wollte; kommen Sie einen Augenblick mit mir, wenn Sie Zeit haben. Guten Abend, Werdenberg— ich danke Ihnen!“ Nachdem der Prinz und Rodenberg hierauf die Gallerie, ſowie ein paar Corridore durchſchritten, gelangten ſie zu den Gemächern des Prinzen und hier in ein kleines, behaglich eingerichtetes Cabinet, das mit Kunſtſachen in ſeltenen Bronzen, Elfenbeinſchnitzereien, alten Waffen angefüllt war, deſſen reichſte Verzierung aber in einem wundervollen Bilde von Murillo beſtand, welches über einem breiten Divan hing. Hier ließ ſich der Prinz nieder und bedeutete dem jungen Manne, ſich auf einen kleinen Fauteuil zu ſetzen, der an der Seite ſtand; dann lehnte er ſich in die Ecke des Divans zurück, faltete ſeine dünnen, weißen Finger in einander, und als er hierauf ſeine Augen ſchloß und den Kopf hinabſinken ließ, wurden die Züge ſeine Geſichtes ſchlaff, und er ſah alt, recht alt aus. Die Jahre, welche zwiſchen jenem Carneval in Köln und dem heutigen Tage lagen, waren an Seiner Königlichen Hoheit nichts weniger als ſpurlos vorübergegangen, und gerade daß er ſich außer⸗ ordentliche Mühe gab, dies ſeine gewöhnliche Umgebung nicht merken zu laſſen, veranlaßte ihn zu einer Kraftverſchwendung, auf die dann häufig eine ähnliche Abſpannung folgte. Er war plötzlich eingeſchlafen, und Rodenberg, welcher vor ihm ſaß, wartete, die Arme über einander geſchlagen, geduldig, wartete recht gern und wartete mit Liebe auf das Wiedererwachen ſeines Gönners und Freundes. Ja, das Letztere war er ihm in vollem Maße geweſen, ſeit 272 Dreiundvierzigſtes Kapitel. er den jungen Mann an den Hof gebracht, ſeit er ſeine erſten Schritte geleitet und ſeitdem er ihm alsdann immer noch durch gute Winke, auch zuweilen noch durch leiſe Ermahnungen bei ſeinem Fortkommen behülflich war. Und dabei war er ehrlich genug geweſen, dem jungen Maler damals die beiden Wege zu zeigen, 3 welche vor ihm lagen, um auf dem einen mit Sicherheit, auf dem anderen vielleicht eine glänzende Carriére zu machen. Der letztere war der Weg des Künſtlers, ein mühſamer, dornenvoller und weniger lohnender Weg, und ihn hätte auch Rodenberg unbedingt einge⸗ ſchlagen, wenn ihm bei dem anderen nicht ebenfalls ein künſtleriſches Streben möglich geweſen wäre und wenn er hier nicht die Ausſicht gehabt hätte, raſch die ſogenannten Höhen des menſchlichen Lebens zu erklettern. Weßhalb es ihn da hinaufzog, wiſſen wir bereits und wollen auch nicht verſchweigen, daß der natürliche Ehrgeiz des ſtrebenden und mit dem Leben kräftig ringenden jungen Mannes es vorzog, ſich jener ſtarken Hand anzuvertrauen, die ihn raſch aufwärts führte, als in der mühevolleren Künſtlerlaufbahn einem Pfade zu folgen, der vielleicht doch nur die höchſte Höhe umkreiste, ſtatt auf ihre Spitze zu führen. Dabei war ſein Beſchützer für ihn gleich gut, gleich beſorgt geblieben, hatte ihm weder Lob noch Tadel geſpart, hatte ihn über eingebildete Gefahren beruhigt, ihm dagegen wohl wirkliche Klippen und Abgründe gezeigt. Daß eine der gefährlichſten Klippen in der Abneigung lag, welche die Mutter des regierenden Herrn gegen Rodenberg gefaßt hatte, und daß dieſe Klippe ihm früher oder ſpäter gefährlich werden, ja, ſeinen Untergang herbeiführen konnte, verſchwieg er ihm eben ſo wenig, als er ihm auch die beſten Anleitungen gab, ſein gebrech⸗ liches Schifflein zu ſteuern. „Meine Schwägerin,“ hatte ihm der Prinz öfters geſagt, „welche natürlicher Weiſe jeden Einfluß eines Anderen auf ihren Sohn, den regierenden Herrn, mit ſcheelen Blicken anſieht, was ich Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! 273 auch ſehr begreiflich finde, bemüht ſich in Folge davon, dieſen Ein⸗ fluß ſo ſchädlich als möglich darzuſtellen; deßhalb können Sie über⸗ zeugt ſein, daß Sie von ihr und ihrem Anhange mit den grellſten Farben als ein Ungeheuer der erſten Claſſe gezeichnet werden: Sie ſind ein Leichtſinniger, der den Fürſten zur Verſchwendung antreibt — Sie ſind ein Verleumder, der ſich unterſteht, nicht nur die edlen Eigenſchaften der Frau Fürſtin⸗Mutter zu verkleinern, ſondern der es ſogar wagt, und das iſt noch viel ſchlimmer, in unehrerbietigem Tone von Allerhöchſtderen Kammerfrau und anderen Günſtlingen zu reden.— Sie ſind dabei ein höchſt eigennütziger Menſch, der den Fürſten zu großen Ausgaben veranlaßt, um ſelbſt ſein Schäfchen in's Trockene zu bringen— vor allen Dingen aber ſind Sie ein lockerer Geſelle, der den Fürſten zu allen möglichen Ausſchweifungen verführt, und das iſt die Klippe, an der Sie ſtran⸗ den werden.“ Rodenberg hatte darauf wohl geantwortet:„Aber alle dieſe Beſchuldigungen ſind falſch, wie Eure Königliche Hoheit es wiſſen und der ganze Hof, vor Allen aber der Fürſt.“ Und Seine Hoheit hatten ihm dann mehr als einmal lächelnd erwiedert:„Wer das wiſſen will, muß es allerdings wiſſen— aber wie können Sie die Leute zwingen, wie können Sie ſie überreden, von Ihnen etwas Gutes zu glauben?“ „Aber was ich geleiſtet, was ich gethan, was an ſchönen und großen Einrichtungen auf Befehl Seiner Königlichen Hoheit durch meine Hand entſtanden— wie kann man etwas verneinen, etwas abläugnen, was vor aller Welt Augen liegt?“ „Die Sache an ſich wird man Ihnen auch nicht abläugnen — aber wiſſen Sie, aus welchen Motiven Sie gearbeitet? Vor allen Dingen, um den Fürſten auf eine angenehme Weiſe zu beſchäftigen, um ihn von ernſten Dingen abzubringen, ſeinen Neigungen zu ſchmeicheln und ſich unentbehrlich zu machen— aus Eitelkeit, um ſich einen Namen zu erwerben, dann, um andere Leute Ihrer Klaſſe zu protegiren und emporzubringen, endlich, und das iſt die Haupt⸗ 274 Dreiundvierzigſtes Kapitel. ſache, um ſich auf unrechtmäßige Weiſe ein großes Vermögen zu ſammeln.“ „Schändlich, abſcheulich!“ hatte Rodenberg geantwortet und dann mit bitterem Lächeln hinzugeſetzt:„Leider vermag ich nur zu gut zu beweiſen, daß, wenn ich heute den Dienſt Seiner König⸗ lichen Hoheit des Fürſten verlaſſe, meine erſte und ſehr ſchwere Sorge ſein muß, die Schulden zu bezahlen, welche ich während dieſer Dienſtzeit gemacht.“ „Aber was der Pöbel, vornehmer und geringer, über derglei⸗ chen Dinge ſpricht,“ hatte der Prinz entgegnet,„eben ſo, was Ihre Schulden anbelangt, das ſind lauter Kleinigkeiten, die hier nicht in Betracht komm en; doch wovor ich Sie nochmals mit vollem Recht warne, das iſt die Klippe, von der ich Ihnen vorhin ſprach, das iſt der Vorwurf, den man Ihnen, und gewiß mit Unrecht, machen wird, durch Anleitung zu Ausſchweifungen aller Art auf das Leben des Fürſten eingewirkt zu haben.“ 8 „Daß dieſer Vorwurf eine infame Lüge iſt, wird der Fürſt glänzend beweiſen.“ „Und wenn er dieſen Beweis glänzend ſchuldig bleibt?“ „So iſt er edel und hochherzig genug, zu ſagen:„Rodenberg war mir bei meinen erlaubten Phantaſieen nützlich und behülflich — wir haben als junge Leute heiter und vergnügt zuſammen ge⸗ lebt, wir haben die Kunſt gepflegt und dadurch Künſtler in jeder Rich⸗ tung unterſtützt— wir haben allerdings dabei viel Geld ausgegeben, aber auch Schönes geſchaffen— wer aber behaupten wollte, Rodenberg habe mich zu unerlaubten Handlungen, zu Ausſchweifungen verleitet oder auch nur verleiten wollen, iſt ein ſehr ehrloſer Verleumder und Lügner!— ſo wird der Fürſt reden, und ſo muß er reden.“ In dieſem Augenblicke erwachte Prinz Heinrich und ſchaute ſein Gegenüber mit einem matten und erſtaunten Lächeln an; dann fuhr er mit der Hand über ſeine Stirn und fragte:„Sprachen Sie ſo eben zu mir, lieber Rodenberg, oder hat mir das nur geträumt?“ „Meine Gedanken waren wenigſtens mit Eurer Hoheit be⸗ Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! ſchäftigt— ich dachte an Ihr Wohlwollen, Ihre Güte, die Sie mir ſtets bewieſen, an die vortrefflichen Rathſchläge, ſowie auch an die Warnungen, welche Sie mir ertheilt.“ „Ah ja, ah ja, daran dachten Sie alſo— Sie ſind ein dank⸗ bares Gemüth; und ich träumte von dergleichen— ein Traum, der viel Wahrheit enthielt,“ ſetzte er ſeufzend hinzu—„mir träumte, ich ſei alt geworden, ſehr, ſehr alt, oder noch beſſer geſagt, mir träumte, ich ſei das geworden, wo man aufhört alt oder jung zu ſein.“ „Verſtehe ich Eure Hoheit recht, ſo hatten Sie einen Traum, der ein langes Leben verheißt.“ „Man ſagt ſo,“ erwiederte der Prinz kopfnickend;„aber daß ich recht alt geworden bin, erkenne ich daraus, daß ich in Ihrer Gegenwart einſchlief— enſchuldigen Sie mich!“ „Bedürfen Eure Hoheit eines ſolchen Wortes gegen mich?“ fragte Rodenberg in einem faſt vorwurfsvollen Tone.„Und es iſt doch ſo begreiflich, daß Sie ermüdet ſind— Sie ſtehen ſo früh auf, Sie haben gewiß einen langen Spazirritt gemacht, viel ge⸗ arbeitet, und dann die Probe lebender Bilder— der dunkle Saal, das macht unwillkürlich ſchläfrig.“ „Sie find ſehr freundlich, und es fällt mir ja auch nicht ein, vor Ihnen mein Alter abläugnen zu wollen— aber ich habe in der That von Ihnen geträumt, einen für uns Beide nicht ſehr an⸗ genehmen Traum— ich war nicht mehr im Stande, Ihnen nütz⸗ lich zu ſein— meine Hand über Ihr Haupt halten zu können— wie ich ſo gern thue,“ ſagte der Prinz mit weicher Stimme— „und da kam Alles ſo, wie ich es gefürchtet— doch beſſer, wir reden jetzt nicht mehr darüber— es war ja nur ein Traum.“ „Gewiß; doch beweist mir auch dieſes Leben im Traume, wie freundlich ſich Eure Hoheit mit mir beſchäftigen.“ Der Prinz hatte ſich wieder in die Ecke des Divans zurück⸗ gelehnt, hielt ſeine Hände gefaltet, und während er einen Daumen um den anderen herumgehen ließ, betrachtete er den jungen Mann nnit einem langen, freundlichen Blicke, ehe er ſprach:„Ich habe 276 Dreiundvierzigſtes Kapitel. Sie gern, lieber Rodenberg, ich läugne das vor Niemanden und ſpreche es ſo oft und öffentlich aus, als mir nur möglich iſt; Sie haben vortreffliche Eigenſchaften, Sie ſind anhänglich und dankbar. Doch iſt es das nicht allein, was mich zu Ihnen hinzieht— wenn ich Sie ſehe, wenn ich mit Ihnen ſpreche, ſo tritt die Zeit, wo ich Sie kennen lernte, mit einer ſo friſchen Lebendigkeit vor mich hin, daß ich auffahre und ſuchend um mich her ſchaue, um— um Je⸗ manden anders zu finden— Sie verſtehen mich.“ „Gewiß— gewiß.“ „Eigenthümlich, lieber Rodenberg, daß wir uns damals in dem gleichen Gefühle trafen, Sie, der ganz junge Mann, ich ſchon in vorgerücktem Alter— noch ſonderbarer aber, daß ich damals Ihr Gefühl ſchon erkannte— ohne eiferſüchtig zu ſein— bei Gott, ich war nicht eiferſüchtig, obgleich ich dieſes ſonderbare Geſchöpf liebte, wie ich früher oder ſpäter niemals mehr etwas geliebt, und das, glaube ich, war und iſt bei Ihnen der gleiche Fall.“ „Es war und iſt bei mir der gleiche Fall.“ „Ah, jene Zeit,“ rief der Prinz mit einem Blicke des Glückes, „wie war ſie ſo ſchön— ich fühlte, daß ich noch lieben konnte, daß ich noch hätte glücklich ſein können— wenn— wenn— das überhaupt möglich geweſen wäre?“ „Und warum hätte eß nicht möglich ſein können?“ fragte Ro⸗ denberg mit leiſer Stimme und forſchendem Blicke, nachdem er langſam und ſchwer geathinet. „Weil— weil— werden Sie es glauben, wenn ich Ihnen ſage, daß ich damals die feſte Abſicht hatte, mich mit jenem wunderbaren Weſen dauernd zu verbinden— daß ich die erſten Schritte dazu that?“ Rodenberg zuckte unwillkürlich zuſammen. „Was wollen Sie?— Sie war eine Marcheſa de Monterey, von einem alten, ſehr vornehmen Hauſe, und ich frei und unab⸗ hängig genug, um eine morganatiſche Ehe mit ihr ohne große Schwierigkeiten eingehen zu können— wie geſagt, ich that Schritte dazu— ich ließ ihr einen Vorſchlag machen.“ Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! 277 „Den ſie ablehnte?“ licher Spannung. „Ja, den ſie ablehnte— weil ich zu ſpät kam.“ „A— a— a-—ah, weil Sie zu ſpät kamen— und wie iſt das wohl zu verſtehen?— liebte denn Sennora bereits einen Anderen?“ „Das glaube ich nicht, dazu hatte es nicht den Anſchein.“ „Oder hatte ſie bereits ihr Wort gegeben?“ „Mehr als das— ich kam zu ſpät, da die Marcheſa bereits verheirathet war.“ Glücklicher Weiſe war Rodenberg auf etwas ganz Außer⸗ ordentliches gefaßt und konnte deßhalb ohne einen Ausbruch des grenzenloſeſten Erſtaunens die eben geſagten Worte anhören, welche ſein Gegenüber ausſprach und ihn dabei ruhig und nicht einmal forſchend betrachtete. Nur glaubte der junge Mann zu fühlen, daß er auf eine Secunde furchtbar erbleichte und daß ihm im nächſten Augenblicke das Blut gewaltſam zum Kopfe ſtieg. „Das überraſcht Sie einiger Maßen,“ fuhr der Prinz, mild lächelnd, fort—„ging es mir doch im erſten Augenblicke eben ſo; doch muß ich geſtehen, daß ich halb und halb darauf vorbereitet war und daß mir das Verhältniß der ſchönen Sennora mit ihrem ehrwürdigen Begleiter beim näheren Betrachten etwas anders er⸗ ſchien, als ein Verhältniß zwiſchen Oheim und Nichte.“ „Oheim und Nichte,“ murmelte Rodenberg, dieſe Worte müh⸗ ſam nachſprechend—„ſollten Eure Hoheit nicht irren?— Es wäre ja entſetzlich!“ „Entſetzlich fand ich es gerade nicht, nur erſchien es mir da⸗ mals recht ſtörend— recht unangenehm eingreifend in meine Plane; doch habe ich mich getröſtet, und wenn ich mich jetzt betrachte und bei mir denke, wie weit während der letzten vergangenen Jahre ihr Alter und das meinige aus einander gegangen wäre, ſo glaube ich, dem Schickſale ſogar danken zu dürfen.“ „Verheirathet— die Marcheſa mit Don Joſe?— Ah, un⸗ möglich!“ fragte der junge Maler in unbeſchreib⸗ 278 Dreiundvierzigſtes Kapitel. „Sie ſind ſehr ungläubig, lieber Rodenberg— das macht Ihr glückliches Alter— auf der einen Seite leichtgläͤubig bis zum Ex⸗ ceß, auf der anderen das nicht glaubend, was wir mit Händen greifen können.— Es wundert Sie wohl,“ fuhr der Prinz nach einer kleinen Pauſe fort,„daß ich bis jetzt nie mit Ihnen darüber ſprach— wozu auch? Sie erwähnten nie des Namens unſerer reizenden Zaubererin, und deßhalb ſchwieg ich aus Zartgefühl, denn Sie werden mir nicht läugnen, daß Sie ſehr verliebt in die Marcheſa waren.“ „Ich läugne es nicht, und da ich es nicht thue, ſo werden mir Eure Hoheit verzeihen, daß ich nochmals im Tone des Zweifels frage, ob Sie wirklich überzeugt ſind, daß Sennora Juanita mit Don Joſe verheirathet war.“ „So überzeugt, als daß Sie vor mir ſitzen— aber ich hätte vielleicht auch jetzt noch nicht darüber geſprochen, wenn die Marcheſa, die für mich, vielleicht glücklicher Weiſe, ſo lange Jahre unſichtbar blieb, in ihrer raſtloſen, kometenartigen Künſtlerlaufbahn jetzt nicht wieder als ein Stern erſter Größe an unſerem Horizonte auf⸗ zudämmern drohte.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte Rodenberg in einem Tone des Erſchreckens, wie es unſer Herz bewegt, wenn wir uns vor einem Glücke, einer Freude fürchten. „Auf die einfachſte Weiſe von der Welt— mein Neffe, unſer allergnädigſter Fürſt und Herr, der, wie Sie eben ſo gut als ich wiſſen, für das Theater außerordentlich eingenommen iſt, hat durch ſeinen Geſandten ſchon ſeit langer Zeit die Marcheſa de Monterey zu einem Gaſtſpiele einladen laſſen, was aber die vornehme Dame und große Künſtlerin bis jetzt dankend ablehnte, da ſie in anderen kleinen Städten, wie London, Paris, Petersburg, New⸗York, zu ſehr beſchäſtigt war.“. „Und jetzt?“ fragte Rodenberg in athemloſer Spannung. „Scheint ſie dem hartnäckigen Erſuchen, ja, Bitten nachgeben zu wollen, um uns hier zu beglücken; doch nur als Concertſängerin, Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! 279 da ſie die Bühne nicht mehr betreten zu wollen ſcheint— he, mein junger Freund, was ſagt Ihr Herz dazu?“ „Mein Herz hat ſo lange geſchwiegen,“ erwiederte Rodenberg 1 mit einem trüben Lächeln,„daß ich überhaupt nicht weiß, ob es nicht ganz die Sprache der Liebe verloren hat— dann ſagten mir Eure Hoheit ja auch, die Marcheſa ſei verheirathet.“ „Schäker— das iſt allenfalls ein Grund für mich, aber nicht für Sie.... Rodenberg fühlte, wie dieſe harmlos ausgeſprochenen Worte tief ſchneidend, ſchmerzend in ſeine Seele drangen, und ein wilder Ausruf aus verfloſſener Zeit, der nur noch in Stunden ſchwerer Traurigkeit aus der Vergangenheit herüber tönte oder vielleicht in ſeltenen Fällen in Flammenſchrift ſichtbar ſeine wirren Träume beunruhigte, klang auf einmal wieder in ihm hell und lebendig: „Fürchten Sie meinen Dolch!“ „Ich weiß, daß die Marcheſa Ihnen zugethan war, und glauben Sie mir, ich war anſtändig genug, keinen Neid darüber zu empfinden.“ „Alſo Eure Hoheit glauben, ſie komme hieher?“ fragte der junge Mann wie aus einem tiefen Traume auffahrend. „Ohne allen Zweifel.“ „Mit— Don Joſe?“ „Mit ihrem Gemahl, allerdings, und wenn ich mein altes Herz frage, ſo iſt daſſelbe ſo ruhig geworden, um ſich in Erwartung der Marcheſa auf einen ſeltenen Kunſtgenuß zu freuen. Daneben wollen wir von vergangener Zeit plaudern und recht herzlich über unſere 8 Jugendthorheiten lachen— Sie doch auch, Rodenberg?“ „Ich weiß das noch nicht ganz genau, ob ich lachen oder— nicht lachen werde; ehrlich geſagt,“ fuhr er mit leiſer Stimme fort, „iſt dieſe wunderbare Sängerin für mich immer noch eine Sirene, und wenn ich kann, werde ich ihrem Zaubergeſange fern bleiben.“ Der Prinz hatte abermals die Hände gefaltet und bhlickte nach⸗ ſinnend auf ſeine Daumen, welche die erfolgloſe Jagd um ſich 280 Dreiundvierzigſtes Kapitel. herum wieder auf's Neue begonnen hatten.„Eigenthümlich,“ ſagte er alsdann,„daß Sie von der Nachricht, die ich Ihnen mittheilte, noch nichts gewußt— ſprach denn der Fürſt nicht mit Ihnen darüber?“ „Mit keiner Sylbe— er erwähnte wohl früher eimal der Sen⸗ nora de Monterey, ſprach auch wohl den Wunſch aus, ſie zu hören, gab mir aber nie einen Auftrag in dieſer Richtung.“ „A— a— a-—ah, ich verſtehe— ein kleines gelungenes Ma⸗ növer meiner hochverehrten Schwägerin— die Marcheſa iſt nicht nur eine große Künſtlerin, ſondern auch eine vornehme Dame, die jedem Salon zur Ehre gereicht, die man ſogar en petit comité empfan⸗ gen kann und empfangen wird.“ „Ich verſtehe nicht ganz, was Eure Hoheit meinen.“ „Sie ſind oft ganz erſchrecklich unſchuldig— begreifen Sie denn nicht, daß man es vermeiden will, die Marcheſa von Ihnen hergebeten, von Ihnen eingeführt zu ſehen— aber es gefällt mir durchaus nicht, daß der Fürſt von dieſer Angelegenheit gegen Sie geſchwiegen— bemerken Sie ſonſt eine Veränderung an ihm?“ „Zuweilen glaube ich allerdings eine Zurückhaltung an ihm zu bemerken, doch nur vorübergehend und immer nur gewiſſe An⸗ gelegenheiten betreffend.“ „Und bei welchen Angelegenheiten iſt das zum Beiſpiel? Hal⸗ ten Sie mich wegen dieſer Frage nicht für neugierig oder indiscret — ich thue ſie nur in Ihrem Intereſſe.“ „Beſonders ſeine Vermählung betreffend— nach welcher doch ſo Manches anders werden wird und ſich wohl auch meine Stellung ändern kann.“ „Ja, ja,“ machte der Prinz nachdenklich, indem er mit dem Kopfe nickte,„da wird ſich allerdings Manches ändern und auch in Ihrer Stellung, mein lieber Rodenberg— ich will damit durch⸗ aus nicht geſagt haben, zum Schlimmen, aber Sie werden mir die Wahrheit des Sprüchwortes zugeben: ein jeder Wechſel ſchreckt den Glücklichen.“ Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! 281 „So halten mich Eure Hoheit für glücklich?“ „Annähernd ja— Sie haben eine höchſt angenehme Stellung, Sie haben Macht ohne Verantwortung, Sie ſind einer der Günſtlinge des Fürſten und doch dabei Künſtler geblieben— nur mit dem für Sie ſehr angenehmen und belohnenden Unterſchiede, daß Sie Ihre Entwürfe und Pläne, welche Sie früher nur dem Papier anver⸗ trauen durften, jetzt in Wirklichkeit ausführen können.“ Rodenberg ſchaute den Prinzen mit einem langen Blicke und einem eigenthümlichen Lächeln an, dann erwiederte er fragend: „Halten mich Eure Hoheit in der That für glücklich? Trauen Sie mir nicht das volle Bewußtſein zu, an einem tiefen Abgrunde zu wandeln, in den mich ein einziger unvorſichtiger Schritt hineinſtürzen muß?“ „Es iſt gut, daß Sie Ihre Lage kennen, wenigſtens werden Sie nicht unvorbereitet ſtürzen und ſo, daß Sie, unten angelangt, wieder auf Ihre Füße zu ſtehen kommen: in dieſem ſchlimmſten Falle haben Sie eine höchſt intereſſante Epiſode hinter ſich und Manches gelernt— doch wir ſind von unſerem Geſprächsthema abgewichen, die Vermählung des Fürſten betreffend, und daß es bei derſelben allerdings Veränderungen, und große Veränderungen geben wird, darüber wollen wir uns nicht täuſchen laſſen— vor allen Dingen müſſen Sie, mein lieber Rodenberg, an dem bewußten Ab⸗ grund noch bewußter wandeln, als Sie bisher ſchon gethan— komme aber, was kommen mag, ſo ſollen Sie erfahren, daß Sie an mir einen treuen und aufrichtigen Freund haben!“ Nach dieſen Worten reichte der Prinz dem jungen Maler ſeine Hand, und da er dazu ſehr bezeichnend mit dem Kopfe nickte, ſo erhob ſich Rodenberg und verließ nach einem herzlich ausgeſproche⸗ nen Danke das kleine Cabinet. Draußen im Vorzimmer erwartete ihn einer der Kammer⸗ Lakaien des regierenden Fürſten, um ihn vor der Tafel, die um ſechs Uhr Statt fand, noch zu dieſem zu beſcheiden. Rodenberg durchſchritt das Schloß ſeiner ganzen Länge nach, Hackländer's Werke. 55. Bd. 19 282 Dreiundvierzigſtes Kapitel. aber er wandelte wie im Traume— wie hatte er während des letzten Theiles ſeiner Unterredung mit dem Prinzen Heinrich ſeine Gedanken gewaltſam zuſammenhalten müſſen, um nicht vielleicht eine ganz unpaſſende Antwort zu geben! Wie athmete er tief auf, als ſich nun die Thür hinter ihm ſchloß und er über das Unerhörte, was man ihm mitgetheilt, wenigſtens einige Minuten ruhig nachdenken konnte! Juanita verheirathet— damals ſchon verheirathet, als er ſie in den luſtigen Carnevalstagen geſehen— ja früher ſchon, als ſie ihm, ſich ſelbſt eine Waldfee nennend, erſchienen war!— Daher das neckiſche Spiel, welches man mit ihm getrieben, daher die arg⸗ loſe Zuverſicht, mit der ſie ihn angezogen und wieder abgeſtoßen, daher in dieſem Augenblicke ihr heiteres Sichgehenlaſſen, ihr herz⸗ liches Annähern, um im nächſten Momente, wie alles das wieder vergeſſen habend, ihn faſt verwundert wie einen förmlichen Fremden zu betrachten— daher das Aufſuchen der Gefahr, die ſie wohl in ihrem ganzen Umfange nicht kannte, und daher ihr wilder, ſchreckens⸗ voller Aufſchrei— als es zu ſpät war! Der junge Mann hatte ſich jetzt durch eine Reihe leerſtehender Zimmer den Gemächern des Fürſten genähert und brauchte nur noch den Salon zu durchſchreiten, wo die täglichen Rapporte abgegeben wurden und ſich die Miniſter aufzuhalten pflegten, ehe ſie in das Kabinet des Fürſten gerufen wurden, da traf er an der Thür zu dieſem Salon auf den erſten Kammerdiener Seiner Kö⸗ niglichen Hoheit, Herrn Mathieu, der zwiſchen den ſchweren Thür⸗ vorhängen hervor, wie aus der Wand gekommen, plötzlich auf ihn zutrat und ihm mit ſeinem gewöhnlichen, leiſen, gefälligen Tone ſagte:„Herr Rodenberg werden es vielleicht vorziehen, heute den Weg durch das kleine gelbe Vorzimmer zu nehmen?“ „Und warum, mein lieber Herr Mathieu?“ „Weil ich weiß, daß es Ihnen nicht angenehm iſt, mit dem Staatsrathe von Stumpfenfels im Vorzimmer zuſammenzutreffen — der Herr Staatsrath waren bei Seiner Königlichen Hoheit, berichteten Alleerhöchſtdemſelben etwas, und dann mußte ich Sie Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! 283 rufen laſſen, jetzt unterhalten ſich der Herr Staatsrath im Vor⸗ zimmer mit dem dienſtthuenden Kammerherrn⸗ Freiherrn von Schenk auf höchſt angenehme, ſehr animirte und vergnügte Art.“ „A— a— a— ahl“ machte Rodenberg, aufmerkſam werdend, denn er wußte, daß die beiden eben genannten Herren durchaus nicht zu ſeinen guten Freunden zählten—„gehen wir durch das kleine gelbe Zimmer!“ Sie verließen das Gemach, in dem Sie ſich befanden und tra⸗ ten in einen langen und leeren Corridor. Hier blieb der Kam⸗ merdiener, nachdem er vorſichtig um ſich her geſchaut, ſtehen und ſagte flüſternd zu ſeinem Begleiter:„Ich danke Ihnen, Herr Ro⸗ denberg für Ihre freundliche Protektion meines Anverwandten, Schlegel's nämlich— des Decorationsmalers Schlegel, dem Sie, wie ja ſchon ſo Vielen, zu einer guten Anſtellung verhelfen werden!“ „Das bedarf gar keines Dankes, mein lieber Herr Mathieu — ich habe Schlegel empfohlen, weil ich ihn als einen ansgezeich⸗ neten Künſtler kenne, und ohne zu wiſſen, daß er überhaupt ir⸗ gend Jemandes Vetter iſt.“ „Ich konnte mich dieſes Dankes nicht enthalten, obgleich ich Ihnen Wichtigeres mitzutheilen habe, was aber ebenfalls Schlegel betrifft— ich brauche Ihnen wohl nicht zu ſagen, daß man Alles daran ſetzen will, um ihn zu der gewünſchten Anſtellung nicht gelangen zu laſſen.“ „Ich weiß das, aber der Fürſt hat ſie ihm verſprochen.“ Der Kammerdiener ſah Rodenberg mit einem ganz eigenthüm⸗ lichen Blicke an; es lag etwas wehmüthig oder mitleidig Lächelndes darin; dann ſagte er mit noch leiſerer Stimme:„Verſprochen allerdings, aber Sie wiſſen eben ſo gut, wie ich, daß der zuletzt Kommende gewöhnlich Recht behält!“ „A—ah, und der zuletzt Gekommene war der Staatsrath von Stumpfenfels?“ „Leider, Herr Rodenberg, und ich hörte Seine Hoheit deutlich ſagen: ‚Ah, wenn dieſer Schlegel ein ſolcher Monſieur iſt, ſo werde ich mich doppelt beſinnen!“ „Das hörten Sie, Herr Mathieu?“ fragte der junge Maler lächelnd. 284 Dreiundvierzigſtes Kapitel. „So deutlich, wie ich jetzt Sie höre.“ „Nun, dann hörten Sie auch noch Anderes, was ich in dieſem Falle bitte, mir nicht vorzuenthalten, ſonſt wiſſen Sie wohl, bin ich nicht neugierig.“ „Der Herr Staatsrath berichteten Seiner Hoheit über Schle⸗ gel, nannten ihn einen gefährlichen Menſchen, der, wie man jetzt ganz genau wiſſe, mit dem Redakteur der Zeitſchrift Biene in ge⸗ nauer Verbindung ſtehe— Sie kennen die Biene, Herr Rodenberg?“ „Allerdings, kenne ich ſie und leſe ſie mit großem Vergnügen.“ „Dieſes Blatt ſoll ſich heftige Ausfälle gegen die Perſon Seiner Königlichen Hoheit und über Allerhöchſtdeſſelben Regierungs⸗ handlungen erlaubt haben— ſo berichteten der Herr Staatsrath und legten ſogar ein paar Nummern des Blattes Seiner Hoheit vor.“ „Wie kann man aber Schlegel damit zuſammenbringen? Und wenn er wirklich den Redacteur kennt, ſo bin ich feſt überzeugt, er ſpricht nie mit ihm über ſolche Dinge— Schlegel denkt nur an ſeine Kunſt, weiß von dem Fürſten ſo gut wie gar nichts und von deſſen Regierungshandlungen noch weniger— ja, wenn die bewußten Artikel über Kunſt und Künſtler ſprächen, über Verſchö⸗ nerungen von Gärten und Paläſten, über unſere Neubauten, über das Theater, da würde ich Schlegel am Ende ſchon zutrauen, daß er einen Artikel durch ein ſchonungsloſes Wort pikanter gemacht hätte — aber da fällt mir etwas ein— ah, mir flammt ein helles Licht auf— gewiß iſt es das Feuilleton der letzten Nummer der Biene, das der Clique unſeres freundlichen Staatsrathes ſo ſehr in die Naſe gefahren iſt— habe ich die Nummer nicht bei mir?— Ja, da iſt ſie, und ſoll mir trefflich dienen!“ Der Kammerdiener ſah ihn fragend an. „Nicht ſchlecht ausgedacht— meinen armen Schlegel bei dem Fürſten zu verdächtigen, als treibe dieſer eingefleiſchte Künſtler und Kunſtenthuſiaſt, der ſich um ſonſt nichts bekümmert, ſchnöde Politik, und wie ſie, um mehrere Fliegen mit einem Schlage zu treffen, ihn um ſeine Anſtellung zu bringen, mich zu verdächtigen und an Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! 285 dem ihre Wuth auszulaſſen, den ſie für fähig halten, ihren unſaubern Pelz auszuklopfen, mit Artikeln wirken wollen, die, wie ich mich jetzt genau erinnere, vor ein paar Tagen erſchienen ſind, ſo—— doch ich danke Ihnen ſehr für Ihre Nachricht, lieber Herr Mathieu, und will gerüſtet mit derſelben und mit dieſem Blatte vor Seine König⸗ liche Hoheit treten— da ſind wir,— melden Sie mich an!“ Einen Augenblick darauf ſtand Rodenberg in dem kleinen Ar⸗ beitszimmer des Fürſten; dieſer ſelbſt war aber noch nicht anweſend, woraus er den richtigen Schluß zog, daß allerdings ein kleines Wet⸗ ter im Anzuge war, denn in ſolchen Fällen liebte es der junge Herrſcher, etwas haſtig einzutreten, mit dem erſten Worte die frag⸗ liche Angelegenheit zu berühren, ohne aber den Betreffenden dabei anzuſehen, vielmehr betrachtete er in ſolchen Augenblicken die Bäume vor dem Fenſter oder die Wolken am Himmel, welche alsdann trotz ihrer nachweisbaren Unſchuld manches raſch geſprochene und harte Wort auf ſich beziehen konnten. „Ah, da ſind Sie, Herr Rodenberg— ich habe Sie zu ſo ungewöhnlicher Zeit rufen laſſen, da mir elwas ganz Ungewöhn⸗ liches paſſirt iſt— ich mache mir perſönlich nichts daraus, wenn man mich angreift, wenn man direct oder indirect mit meinen Feinden in Verbindung tritt— ich mache mir wirklich nichts daraus, denn ich bin von meinem inneren Werthe überzeugt— vollkommen überzeugt, trotz boshaften Schreibern, die nie im Stande ſein wer⸗ den, meine Größe anzuerkennen— nie— niel“ Da Seine Königliche Hoheit hier eine Pauſe machte und dem jungen Manne, der aufrecht vor ihm ſtand und ihn mit einem verwunder⸗ ten Blicke anſchaute, jetzt in's Geſicht blickte, ſo war für dieſen die Zeit gekommen, zu ſagen:„Ich begreife Eure Königliche Hoheit nicht vollkommen— Eure Königliche Hoheit ſprachen von Schreibern, doch weiß ich das mit mir nicht in Verbindung zu bringen.“ „Nicht direct, aber indirect— kennen Sie nicht ein Blatt, welches die Biene heißt?“ „O ja, ich kenne es!“ 286 Dreiundvierzigſtes Kapitel. „Laſen Sie darin keine Artikel, die mich betreffen, das heißt, die mich und meine Handlungsweiſe auf eine niedere lügneriſche Art angreifen?“ „Auch dieſe las ich.“ „Und ſprachen mir nie darüber?“ „Weil ich ſie eben ſo wie Eure Königliche Hoheit für niedrig, gemein und lügneriſch halte, und weil ich wahrhaftig nicht einſehen kann, warum ich Ihnen durch ein ſolches Geklatſch eine unangenehme Minute bereiten ſoll!“ 4 Der Fürſt hatte ſich ſeinem Schreibtiſche genähert und die be⸗ treffenden Blätter in die Hand genommen; er durchflog die mit Roth angeſtrichenen Stellen raſch noch einmal, um ſich wieder in die nöthige Aufregung hinein zu verſetzen, welche bei ſeiner angebore⸗ nen Gutmüthigkeit ſchon wieder zu verſchwinden im Begriffe war. „Empörend, in hohem Grade empörend,“ ſagte er alsdann,„und am meiſten ärgert mich der ironiſche Ton, in dem Alles geſagt iſt, und der Schein von Gutmüthigkeit, mit dem man mich für gering⸗ fügige Dinge belobt: kann es zum Beiſpiel etwas Anderes als Spott ſein, wenn man von dem gränzenloſen Jubel ſpricht, mit dem meine Rede neulich aufgenommen worden ſei, als ich die neue Ackerbauſchule eröffnete, wo ich mit ſo tiefer Sachkenntniß, ſo all⸗ umfaſſendem Wiſſen die Vortheile dargelegt, welche dieſe neue An⸗ ſtalt dem Lande bringen werde— iſt es nicht eine verwerfliche Heuchelei, wenn man von Sachen, die ich ins Leben gerufen, eine ſchwache und vielleicht unbedeutende Seite hervorzieht— und an welchen Dingen gibt es keine ſchwachen, unbedeutenden Seiten, die aber doch zur Vervollſtändigung des Ganzen dienen?— und gerade ſolches als das Vortrefflichſte darzuſtellen, wie man zum Beiſpiel in der neuen Adjuſtirung meines Heeres hervorgehoben, daß man mit tiefer Sachkenntniß dem Spornrade der Reiterei eine fünfte Spitze angefügt— gibt es wohl eine größere Grobheit, eine bodenloſere Frechheit, als zu ſagen, man bemühe ſich, alles früher Beſtandene, alles Dageweſene umzuwerfen, um Platz für neuere, großartigere Schöpfungen zu gewinnen— Schöpfungen, welche wohl die Welt Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! 287 eben ſo in Erſtaunen ſetzen würden, als das, was bis jetzt ſchon geleiſtet worden ſei— finden Sie das nicht, als Nachſatz zum gan⸗ zen Artikel, aller Bosheit die Krone aufgeſetzt?“ „Darf ich vielleicht Eure Königliche Hoheit bitten, mir ein einziges dieſer Blätter zu erlauben?“ „Gleich, gleich— hören Sie aber vorher noch einiges Lobens⸗ werthe über ſich ſelbſt.“ „Iſt mir auch ſchon bekannt,“ ſagte der junge Maler lächelnd. „Von der Verſchwendung, mit welcher Sie, ein Ausländer, mit meinen Geldern umgehen, von unſeren neuen Einrichtungen und Bauten aus dem Marke des Landes— doch laſſen wir das; ich bin zu gutmüthig und es liegt nicht in meiner Abſicht, Ihnen mit ſolchen Erdichtungen eine Kränkung zuzufügen.“ „Eure Königliche Hoheit,“ erwiederte Rodenberg in ſehr ernſtem Tone,„ſind dazu allerdings zu gutmüthig und— zu gerecht, denn Sie wiſſen am beſten, ob das, was ich auf Ihren Befehl geſchaffen, eine Geldverſchwendung war, und Eure Königliche Hoheit ſo wie alle verſtändigen Menſchen haben es nie verkannt, daß der Zweck dieſer Schöpfungen ein großartiger und edler war, daß Sie dadurch Kunſt und Induſtrie gehoben, dem Grunde und Boden größeren Werth verliehen und daß ein großer Theil dieſer Schöpfungen nicht nur zu den geſchmackvollſten, ſondern auch zu den wohlthätigſten gezählt zu werden verdient!“ „Das will ich gewiß nicht läugnen, doch bin ich ganz von meinem Wege abgekommen; es fiel mir nicht ein, Ihnen darüber Vorwürfe zu machen, wogegen ich Ihnen Angeſichts dieſer Blätter nicht verhehlen darf, daß Sie mir Leute empfohlen, die mit dem Urheber dieſer Schändlichkeiten in ſo innigem Zuſammenhange ſtehen.“ „Von welchen Leuten reden Eure Königliche Hoheit?“ „Nun, unter Anderen von Ihrem Decorationsmaler Schlegel— einem genauen Freunde des ſaubern Redacteurs dieſer ſaubern Blätter.“ „Ob Schlegel ein genauer Freund deſſelben iſt, kann ich mit Beſtimmtheit nicht ſagen, möchte es aber entſchieden verneinen— 288 Dreiundvierzigſtes Kapitel. daß jedoch Schlegel mit der Entſtehung dieſer Artikel in durchaus keinem Zuſammenhange ſteht, dafür glaube ich mich verbürgen zu können: Schlegel iſt durch und durch Künſtler, ein tüchtiger Künſtler, der ſich um das, was außer dieſer Künſtlerſphäre liegt, durchaus nicht bekümmert, dabei harmlos wie ein Kind, ohne eine Spur von Ironie oder Bosheit, all' jenem Treiben fremd, und dabei ein Mann, der Eure Königliche Hoheit aufrichtig verehrt, von dem ich bei meinem Ehrenworte nie etwas Anderes, als Worte der höchſten Anerkennung über Sie gehört habe!“ „Und doch iſt es ſo— ich habe es aus zu guter Quelle.“ „O, ich kenne dieſe Quelle ſehr genau!“ erlaubte ſich der junge Mann in trockenem Tone zu ſagen. „Was beliebt?“ „Ich habe geſagt, ich kenne dieſe Quelle ſehr genau, aus der Eure Königliche Hoheit geſchöpft haben, das heißt, geſchöpft haben iſt nicht das richtige Wort, man könnte viel eher ſagen: eine Quelle, die Ihnen abſichtlich vor die Füße gelaufen iſt— ſie entſprang in dem Herzen eines mir ſehr freundſchaftlich geſinnten Mannes, des Herrn Staatsraths von Stumpfenfels, was unverkennbar iſt, da das Waſſer in der Quelle ſo ganz genau das Spiegelbild jener Partei wiedergibt, die mich beſtändig anfeindet, wie das Eure König⸗ liche Hoheit ganz genau wiſſen!“ „Pah, dieſes Mal werden Sie ſich irren— ich erhielt meine Mittheilung von anderer Seite.“ „Mir kann es im Grunde gleichgültig ſein, da die Wirkung die gleiche iſt, das Mißtrauen Euer Königlichen Hoheit gegen mich hervorgerufen zu haben; doch möchte ich nochmals ganz gehorſamſt bitten, mir einen Augenblick Einſicht in jene Blätter zu geſtatten— ich möchte nur ſehen, ob ſie auch ganz vollſtändig in Eurer Kün g⸗ lichen Hoheit Hände gelangt ſind.“ „Da— nehmen Sie, aber ich muß ſie wiedererhalten.“ „Gewiß— ah, es iſt ſo, wie ich gedacht!— Nummer drei dieſes Artikels, die Fortſetzung und Ergänzung dieſer beiden erſten, Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! 289 hat man nicht in Ihre Hände gelegt; vielleicht darf ich mir erlauben, dies hiermit zu thun.“ Der Fürſt nahm das Blatt aus Rodenberg's Hand; doch ſtatt hineinzublicken, ſchüttelte er unmuthig mit dem Kopfe und ſagte: „Noch mehr?— Ich meine, es wäre an den beiden erſten genug geweſen!“ „Und doch hat dieſe Fortſetzung ihren Nutzen— denn Schiller's bekanntes Wort: Aber wie ſoll man die Knechte loben, Kommt doch das Aergerniß von oben! wendet ſie um und meint, wenn auch der Gebietende den beſten Willen hat, ſo iſt er doch nicht immer im Stande, ihn gegen klein⸗ liche Cabalen und eigennützige Abſichten durchzuſetzen: man entwirft in dieſer dritten Nummer das Bild einer Camarilla, ſo ausgezeichnet zuſammengeſtellt und ſo ſyſtematiſch im eigenen Intereſſe wirkend, wie das ſonſt wohl nur in Romanen oder in Schauſpielen vor⸗ kommt— einer Camarilla, die wunderbar organiſirt iſt, wo ein Glied das andere ergänzt und wo alle geſchickt zuſammenwirken, um oft auf wirklich ſchamloſe Art zu intriguiren, zu protegiren und zu miniren und hier und da Jemanden, der ihnen hinderlich iſt, in die Luft zu ſprengen!“ „Sie brauchen da harte Ausdrücke!“ „Ich nicht, ſondern ich wiederhole nur, was jene verleumderiſchen Blätter ſagen, welche die Frechheit ſo weit treiben, die Behauptung aufzuſtellen, daß es Fürſten gebe, die durchaus keinen eigenen Willen hätten, oder vielmehr keinen eigenen Willen geltend machen könnten, und die es ſehr bequem fänden, ſich von ſolch' klugen Leuten leiten zu laſſen!“ „Das iſt ja ein Horreur— ſo werde ich ja dargeſtellt wie eine Gliederpuppe, von unſichtbaren Händen gelenkt— ſo ſpricht man mir die Kraft und Fähigkeit ab, mein Land ſelbſt zu regieren, ſo wären die eigentlichen Herrſcher desſelben...“ „Ein kluger Staatsrath, ein ehrgeiziger General, ein paar 290 Dreiundvierzigſtes Kapitel. intrigante Hofdamen und vor allen Dingen der ſtarke Geiſt der höchſten Dame des Landes!“ „Ah, ich verſtehe— und wenn ich mich recht lebhaft in die Verhältniſſe hineindenke, ſo muß ich Ihnen im Vertrauen geſtehen, daß die Fortſetzung dieſer abſcheulichen Artikel allerdings nicht ganz die Unwahrheit ſpricht, daß man in der That Verſuche macht, mich zu lenken und mich zu veranlaſſen, ſo oder ſo zu handeln, wenn ich eigentlich ganz anders gewollt!“ „Doch nur in Kleinigkeiten, denn was wichtige Dinge anbelangt, ſo handeln Eure Königliche Hoheit ſteis nach eigener Entſchließung!“ „Ich ſchmeichle mir damit, aber ich will auch nicht, daß man mich in kleinen Dingen lächerlich machen ſoll, und das bezweckt dieſer abſcheuliche Artikel!“ „Den man ſich deßhalb wohl hütete, vor die Augen Eurer Königlichen Hoheit zu bringen, wie man es ſo bereitwillig mit ſeinen beiden Vorläufern gethan. Auch gibt er einige pikante No⸗ tizen, wie vortrefflich jene kleinen Machthaber im Rohre zu ſitzen verſtehen und ſich dort allerliebſte Pfeifen zuſchneiden, wie ſie durch⸗ aus nicht blöde ſind, die Stufenleiter der Ehren und Würden im Sturmſchritte zu erklettern, und wie wohl es ihnen iſt unter dem ſanften Regen von bedeutenden Stellen, Orden und Geſchenken aller Art, der auf ſie herabrieſelt!— Darf ich mir wohl erlauben, das Blatt in den Händen Eurer Königlichen Hoheit zu laſſen? Der Artikel in demſelben geht nachher auch auf das Theater, auf Künſt⸗ ler und Kunſtbeſtrebungen über und will zeigen, wie auch hier die oben genannte Camarilla ihre Kreaturen emporhebt und zur Gel⸗ tung bringt, wie es durchaus nicht darauf ankomme, Talente und Fähigkeiten zu beſitzen, ſondern wie es nur einer gewichtigen Em⸗ pfehlung bedürfe, um auch ohne künſtleriſche Befähigung zu einer bedeutenden Stellung zu gelangen, und wie wahre Künſtler nur dann zur Geltung kommen, wenn ſie es verſtehen, mit gekrümmtem Rücken den Unterthänigen zu ſpielen und den Schooßhund irgend einer gnädigen Frau zu liebkoſen.“ Ich werde nicht mit Dir, Du Süße, rechten! 291 Der Fürſt machte ein paar haſtige Schritte durch das Zimmer, trat dann an's Fenſter und ſagte nach einer ziemlich langen Pauſe:„Gut, ich will das Blatt behalten; aber wird es Ihnen unangenehm ſein, wenn ich, daſſelbe benutzend, ſage, ich hätte es von Ihnen erhalten?“ Rodenberg hatte große Luſt, mit einem mitleidigen Lächeln die Achſeln zu zucken, doch unterließ er das aus leicht begreiflichen Gründen und ſagte nur in ziemlich kaltem Tone:„Ganz nach dem Belieben Eurer Königlichen Hoheit; denn wenn Sie mich auch nicht nennen würden, ſo würde man doch bei dem erſten Worte, welches Sie über dieſe An⸗ gelegenheit laut werden laſſen, ſogleich errathen, daß ich es ſei, der dieſe Fortſetzung vor Ihre Augen gebracht— etwas mehr oder weniger Haß von dieſer Seite iſt mir am Ende vollkommen gleichgültig!“ „Alſo bis morgen,“ ſagte der Fürſt zum Fenſter hinaus⸗ ſchauend, und ſetzte, ſich auch jetzt noch nicht umwendend, hinzu: „Sie halten wohl keine Probe der lebenden Bilder mehr?“ „Ich glaube, es iſt unnöthig.“ „Alſo bis morgen oder übermorgen!“— Es war eigenthümlich, aber bei der Gemüthsſtimmung Roden⸗ berg's leicht begreiflich, wie er ſo gar nicht darüber nachdachte, daß ihn der Fürſt etwas ungnädig entlaſſen— ja, daß er nach einem kurzen Abſchiede von Herrn Mathieu, durch die langen Gänge des Schloſſes ſchreitend, im nächſten Augenblicke ſogar die ganze Unter⸗ redung völlig vergaß und ſich mit ganz anderen, ihm für den Augenblick viel wichtigeren Dingen beſchäftigte— mit ihr— mit ſeiner glücklichen Vergangenheit. War es ihm doch, als habe er bis jetzt lange Jahre hindurch in tiefer, unerquicklicher Nacht gewandelt und als bräche jetzt auf einmal in ſein kaltes, düſteres Leben wieder ein hellleuchtender Strahl einer aufſteigenden, hoffnungsreichen Morgenſonne, ſondern vielmehr das rothglühende, faſt traurig ſcheinende Licht des ſinken⸗ den Tagesgeſtirns, wenn es, faſt verlöſchend unter ſchweren Wolken, noch einmal über dem Rande des Horizontes wehmüthig lächelnd in unſere Augen zuckt, ehe es für immer verſchwindet! XLIV. „Wohl eine Ueberraſchung iſt mein Kommen!“ odenberg war eine jener biegſamen, elaſtiſchen Naturen, die im Stande ſind, Leid und Weh zeitweiſe im Tiefſten des Herzens zu verſchließen, ſo daß dieſe traurigen Geſellen alsdann nicht an die Oberfläche zu dringen vermochten, um ſeine ruhige, wenn auch nicht heitere Laune, die er gewaltſam herbeigerufen, zu zerſtören. Auf dem Wege durchs Schloß und nach ſeiner Wohnung, wo er ſeinen Frack mit einem unſcheinbaren Rocke und den hohen, ſchwarzen Hut mit einer leichten, weichen Kopfbedeckung, die ihn in ihrer maleriſchen Form ſo angenehm und doch wieder ſchmerzlich an vergangene Zeiten erinnerte, vertauſchte, ſowie auch von ſeiner Wohnung nach dem kleinen Gaſthauſe, welches das Schild ‚Zur goldenen Kanne’ führte, hatte er ſich unabläſſig mit Juanita und mit dem beſchäftigt, was er vom Prinzen über ſie gehört.— Wie oft ſeit jenen Tagen hatte er ſie der Härte, der Liebloſigkeit, der Grauſamkeit beſchuldigt, wie oft hatte er verſucht, ſie zu haſſen, wenn er an das traurige, kalte Ende jenes wunderbaren, duftigen Märchens gedacht, wenn ihr letzter Ruf wieder ſo lebendig in ihm erklang, wenn er bedachte, daß ſo manches Jahr verfloſſen war, eine ſo lange, lange Zeit, in der ſie ihm abſichtlich fern geblieben, in der ſie alle ſeine Schritte vereitelt, ſich ihr zu nähern und ſie ſeiner tiefen Reue und ſeiner unwandelbaren Liebe zu verſichern. Wohl eine Ueberraſchung iſt mein Kommen! 293 Und jetzt, wie konnte er noch daran zweifeln, daß Alles ſo kommen mußte, wie es gekommen— wie mußte er jetzt einſehen, daß ihre Härte Nothwendigkeit war, daß es ein Verbrechen geweſen wäre, wenn ſie ihm eine weitere Annäherung, ſei es auch nur eine ſchriftliche, geſtattet hätte! Wenn er das bedachte, ſo athmete er leichter, als er in langen Jahren gethan in Erinnerung an jene ſchrecklich ſchöne Zeit, ſo konnte er nicht anders als unzählige Male ihren geliebten Namen ausſprechen mit der ganzen Gluth und Innigkeit einer neu erwachten Liebe— ſo war ſie wieder ſeine Juanita geworden, das ſchöne, glühende Weib, das ihn einſt beglückt, um dann auf ewig für ihn verloren zu ſein. Wenn er davon träumte, ſo verſchwand das Herbe, das ſich bis jetzt beſtändig in die Erinnerung an ſie gemiſcht, und wie er jetzt auf ſeinem Wege durch die dunkeln Straßen ſanft glänzende Sterne über ſich flimmern ſah, ſo redete er ſie an mit dem geliebten Namen Juanita, und es war ihm, als ſähe er ihre ſüßen, leuch⸗ tenden Blicke. „Ja, unerreichbar wie die Sterne war ſie jetzt für ihn ge⸗ worden, und das goß einen Troſt in ſein Herz, über den er hätte laut aufjubeln mögen— brauchte er doch jetzt nicht mehr in wahn⸗ ſinniger Haſt aufwärts zu klimmen, um ihr ſo einſtens vielleicht näher zu kommen; konnte er doch bewundernd und auch liebend zu ihr aufblicken, aus tiefem, beſcheidenem Thale eben ſo gut, als von der Höhe des Lebens.— Und wie ſehnte er ſich hinweg von dieſer Höhe, die mit anderen Höhen das gemeinſam hat, daß ſie immer öder und ſteiniger wird, je mehr man ſich dem Gipfel nähert, wo die Strahlen der Sonne wohl glänzen, aber nicht erwärmen! Er befühlte ſeinen Sammtrock und ſeinen weichen Hut; er lachte herzlich in ſich hinein, als er an die Schadenfreude ſeiner Feinde dachte, die ſie ihm nicht verhehlen würden, wenn er wieder in dem beſcheidenen Thale angekommen, und daß er es eigentlich ſei, der alsdann ſchadenfroh zu lachen vermöge; denn er war über⸗ 294 Vierundvierzigſtes Kapitel. zeugt, daß der göttliche Funke der Kunſt, der in ihm lebe, wieder zu hellen Flammen aufſchlagen und ihm reichlich erſetzen werde, was er ſcheinbar verloren.— In dem Augenblicke, als Rodenberg über die Schwelle des Gaſthauſes ‚Zur goldenen Kanne’ treten wollte, ſah er Jemanden auf der Straße daher kommen, den ſein ſcharfes Auge ſogleich er⸗ kannte und der ihm zu keiner gelegeneren Zeit hätte erſcheinen können: es war Herr Eichner, der erſte Tenor des Hoftheaters, der, den Günſtling des Fürſten ebenfalls erkennend, mit einem ehrfurchts⸗ vollen Gruße vorübergehen wollte. „Guten Abend, Herr Eichner,“ rief ihm Rodenberg, ein paar Schritte entgegen tretend, zu;„woher ſo ſpät des Weges in däm⸗ mernder Nacht?“ „Aus reinem Pflichtgefühle, Herr Rodenberg, gehe ich um dieſe Stunde aus, wo ich faſt ſicher ſein darf, von Niemandem er⸗ kannt zu werden— ich ſtehe als unpäßlich auf dem Zeitel und darf mich deßhalb nicht am hellen Tage zeigen.“ „So ſind Sie krank?“ „Nur eine kleine Heiſerkeit, die mich vorgeſtern hinderte, den Raoul zu ſingen.“ „Und dann gehen Sie bei dieſem ſcharfen Oſtwinde aus und obendrein ohne cache-nez— ah, wie leichtſinnig!“ Der erſte Tenor lächelte auf eine eigenthümliche Art und ſagte:„Streng genommen war ich nur für vorgeſtern heiſer, der Aerger war mir ein wenig in die Kehle gefahren: da haben ſie ein junges Ding engagirt und wollen ſie zur Probe die Valentine ſingen laſſen, die Valentine— zur Probe, ich bitte Sie, Herr Ro⸗ denberg! Sie wird von oben herab protegirt. Natürlich machen ſich die nichts daraus, wenn ſo eine Probe mißlingt; aber Unſer⸗ einer, der dabei auf der Bühne ſteht, befindet ſich in einer ſcheuß⸗ lichen Lage— morgen früh aber werde ich mich geſund melden, da es der Intendant dringend wünſcht....“ „Um am Sonntag den Gennaro zu ſingen?“ Wohl eine Ueberraſchung iſt mein Kommen! 295 „Auf beſonderen Befehl des Fürſten— das kann man nicht abſchlagen.“ „Gewiß nicht, wenn es wirklich der Befehl Seiner Königlichen Hoheit iſt; es könnte aber auch wohl ſein, daß man die Lucrezia Borgia dran bringen will, um eine junge Dame, von der ich ſpre⸗ chen hörte, als Orſini auftreten zu laſſen.“ „Die Berger— eine mittelmäßige Sängerin— doch iſt mir das gleichgültiger, als bei der Valentine, da ich mit ihr eigentlich nichts zu thun habe.“. „Mich dauert nur die arme Gerhold— ich weiß in der That nicht, warum man ſie zurückſetzt.“ „Ich auch nicht, und es iſt eine ihrer beſten Rollen.“ „Wie ich hörte,“ ſagte Rodenberg in gleichgültigem Tone,„hat ſie ſich darüber bellagt, und da die Gerhold gute Freunde hat, ſo kamen dieſe Klagen ſogar zu den Ohren des Fürſten.“ „Nun, und Seine Königliche Hoheit?“ „Können ſich um dergleichen Kleinigkeiten nicht bekümmern; doch ſagte der Fürſt, wie ich mit meinen eigenen Ohren gehört, er mache ſich durchaus nichts aus der Luerezia Borgia.“ „Das haben Sie wirklich gehört, Herr Rodenberg?“ fragte der Sänger in einem pikirten Tone. „Wie ich Ihnen ſage— ich ſtand dabei.“ „Gut, gut,“ erwiederte Herr Eichner, indem er mit einer würdevollen Bewegung die Zipfel ſeines langen Radmantels dichter um ſeinen Hals ſchlang;„ſo ſind wir armen Künſtler immer der Spielball aller möglichen Launen— auf meine Wünſche nimmt man keine Rückſicht, und ich ſoll dieſen langweiligen Gennaro ſingen, damit es jenem Fräulein Berger möglich wird, durch das unver⸗ wüſtliche Trinklied einen Applaus zu bekommen, und damit Herr Beil, der Liebling des Capellmeiſters, Gelegenheit erhält, dem Publi⸗ kum mit ſeiner heiſeren Stimme wieder einmal zubrüllen zu können, daß er Venedig's Macht nicht fürchte; aber ich fürchte eine andere Macht auch nicht, und da ich jetzt in der That wieder ein ſehr 296 Vierundvierzigſtes Kapitel. unangenehmes Kratzen in der Kehle fühle, ſo glaube ich, daß Lu⸗ crezia Borgia dieſes Mal nicht giftmiſchen wird.“ „Worin ich Ihnen durchaus nicht Unrecht geben kann,“ ent⸗ gegnete Rodenberg;„und wenn Sie wirklich eine kleine Heiſerkeit geſpürt, ſo iſt es bei dem ſcharfen Oſtwinde räthlich, ſich zu ſchonen.“ „Ich danke Ihnen recht ſehr für dieſen Rath und werde ihn befolgen.“ „Gute Nacht, Herr Eichner!“ „Halte mich beſtens empfohlen, Herr Rodenberg!“ Unter der Hausthür des Gaſthauſes erwartete den Maler ein Kellner und führte ihn in das Zimmer Nummer vier, wo Roden⸗ berg ein Eſſen zu zwei Perſonen beſtellt hatte. Die ‚Goldene Kanne⸗ war ein recht altes Haus, etwas dunkel und düſter von außen; aber im Innern hatte es ſehr wohnliche und behagliche Räume, nament⸗ lich am Abend, wenn die niedrigen Zimmer mit den alten, ge⸗ bräunten Holzdecken vom Kerzenſcheine freundlich erhellt waren und wenn, wie jetzt hier in Nummer vier, in dem großen, ſchmuckloſen Kamine ein loderndes Feuer brannte. Vor dem Kamine ſtand der Eßtiſch mit zwei Gedecken, woraus zu erſehen war, daß Rodenberg einen Gaſt erwartete, und dieſer Gaſt befand ſich auch bereits im Zimmer: er ſtand an den Kamin gelehnt und näherte ſich dem raſch eintretenden Maler mit einem freundlichen Gruße. Dieſer Gaſt war ein kleiner, ſchmächtiger und noch ſehr junger Mann mit einem klugen, man könnte ſagen, ſchlauen Geſichte, das aber für ſeinen Körper etwas zu alt ausſah: es zeigte eine gefurchte Stirn und über derſelben dichtes, ſtraffes Haar, welches ſichtbar un⸗ bewegt blieb gegen die Verſuche, ihm durch Kamm und Pommade eine gefällige Form zu verleihen. 4 „Haſt Du ſchon lange auf mich gewartet?“ fragte der Ein⸗ getretene. „Ich bin erſt eine kleine halbe Stunde hier; doch da ich weiß, Wohl eine Ueberraſchung iſt mein Kommen! 297 daß Sie nicht immer Herr Ihrer Zeit ſind, ſo kann ich nicht ſagen, daß ich gewartet habe, was man nämlich unter Warten verſteht— es iſt das hier ein ſo behagliches Zimmer,“ ſetzte der kleine Mann händerei⸗ bend hinzu,„und es träumt ſich ſo angenehm, wenn man in die ſpielen⸗ den Flammen ſchaut— darf ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen?“ „Sieh' mich an,“ erwiederte Rodenberg, indem er ſich breit vor ſeinen Gaſt hinpflanzte,„wenn ich in dieſem Rocke ſtecke und meinen alten, grauen Hut auf dem Kopfe habe, ſo geht es mir immer vortrefflich, denn ich kann mir alsdann einbilden, wir haus⸗ ten noch zuſammen im ‚Reichsapfel.““ „Ja, ja, und Sie riefen dem kleinen Rafael, um ihm den Text zu leſen für irgend eine Dummheit oder einen muthwilligen Streich, den er begangen.“ „Leider ſind jene Zeiten vorbei— ich ſage, leider für mich, denn was Dich anbelangt, ſo hätteſt Du wohl heute keine Luſt mehr, wie damals den Diener von ein paar armen Malern zu machen, die Dich recht oft geplagt und geknufft, Dir aber dafür auch ſparſam zu eſſen gegeben haben.“ „Was das Letztere betrifft,“ lachte der ehemalige Diener Roden⸗ berg's,„ſo ſuchen Sie das, wie ſo vieles Andere, auf glänzende Art wieder gut zu machen.“— Damit zeigte er auf den gedeckten Tiſch und ſetzte mit heiterem Blicke hinzu:„Der Kellner hat mir etwas verrathen von einer echten Gänſeleber⸗Paſtete, was mich heute beſonders glücklich macht, denn ich ſchreibe an einem Artikel über die merkwürdigen Einwirkungen einer echten Gänſeleber⸗Paſtete auf den Humor des Menſchen und möchte dabei den Beweis führen, daß die Unverdaulichkeit dieſer an ſich ſo vortrefflichen Speiſe viel zu übeln, finſtern Launen und dadurch zum barſchen und herriſchen Auftreten hochgeſtellter Perſonen beiträgt.“ „In dieſem Falle rathe ich Dir, nicht davon zu eſſen.“ „O, unbeſorgt, ich bin keine hochgeſtellte Perſon und bei mir könnte ein Bißchen herriſches und barſches Auftreten niih ſchaden, Hackländer's Werke. 55. Bd. 298 Vierundvierzigſtes Kapitel. zumal an Tagen, wie heute, wo ich weich geſtimmt bin, ja, wo ich mich beſtändig in einem Anfluge von Rührung befinde.“ „Und warum, mein lieber Rafael— iſt Dir etwas ſo außer⸗ ordentlich Angenehmes zugeſtoßen? Fängt Dein Chef⸗Redacteur endlich an, Deine großen Verdienſte zu begreifen, oder hat Dir Dein hartherziger Buchhändler einen Pfennig mehr für die Zeile bewilligt?“ „Auf ein ſo großes Avancement darf ich ſo bald nicht hoffen, und was meinen Chef⸗Redacteur anbelangt, ſo war er heute biſ⸗ ſiger, als je, und ſchnappte und biß in Einem fort, bildlich wenig⸗ ſtens, nach ſeiner ganzen Umgebung. Der Mann hat ſeine Be⸗ ſtimmung verfehlt— er hätte eigentlich ein Kettenhund werden ſollen; aber ich bin nicht Egoiſt genug, um mich nur über das Gute zu freuen, das mir begegnet, im Gegentheil, es macht mich auch glücklich, wenn ich weiß, daß Anderen eine Freude bevorſteht.“ „Nun, ſo wollen wir uns freuen, mein lieber Rafael, denn ich glaube, daß uns ein vortreffliches Eſſen bevorſteht— ſetzen wir uns— aha, Hunger haſt Du auch— ich habe Dich ſchon ein paar Mal darüber ertappt, wie Du nach der Thür ſchielteſt und Deine Uhr zu Rathe zogſt.“ „Im Gegentheil, Herr Rodenberg, was mich anbelangt, ſo würde ich mit großem Vergnügen noch warten und gern noch ein wenig plaudern, wenn es Ihnen genehm iſt.“ „Nein, nein, ich habe bedeutend Hunger— und mein Diner redlich verdient,“ ſetzte er nach einem tiefen Seufzer hinzu;„ich achte es auch für eine Belohnung, nach dem, was ich heute Alles erlebt, ſo angenehm ſpeiſen zu dürfen, mit Dir allein in einem ſo behaglichen Zimmer, und vor allen Dingen in meinem bequemen Sammtrocke. Läute dem Kellner, wenn es Dir gefällig iſt, der Kerl iſt heute wie eine Schnecke— ah, es lebe das Bißchen Frei⸗ heit, das ich zuweilen habe! Wie läßt doch Schiller ſeinen melancho⸗ liſchen Major in ‚Kabale und Liebe'’ ſagen,“ fuhr er fort, indem er ſeinen Rock aufknöpfte und weit von der Bruſt zurückwarf: „Gute Nacht, Herrendienſt!“ — Wohl eine Ueberraſchung iſt mein Kommen! 299 Rafael hatte der erhaltenen Weiſung zufolge geklingelt und ſtand nun vor dem Tiſche, an welchem Rodenberg bereits ſaß, über die Lehne des Stuhles gebeugt und den Anderen lächelnd betrachtend. —„Ein Diner zu Zweien iſt allerdings etwas Schönes,“ ſagte er, „aber es gibt doch Fälle, wo die Unterhaltung ſtockt.“ „In dem Falle ißt man mit um ſo größerer Ruhe und Be⸗ haglichkeit.“ „Drei iſt eine vortreffliche Zahl— Zwei eſſen und der Dritte kann ſie unterhalten.“ „O ja, wenn ich nur einen Dritten herzaubern könnte, der mir angenehm wäre.“ Der kleine Mann blickte über Rodenberg hinweg abermals nach der Thür und zog dann verſtohlen wieder ſeine Uhr hervor; dann ſetzte er ſich und ſchaute ſeinen freundlichen Wirth an, der in Er⸗ wartung der Suppe ein Stück in Salz getauchtes Brod aß und den ſanft erwärmten Rothwein dazu verſuchte. „Dein Vergleich von vorhin iſt in der That nicht ohne,“ ſagte er alsdann.„Dein Chef⸗Redacteur hat ſich wieder auf Tod und Leben mit uns herumgebiſſen— ich mußte heute viel darüber hören, und gelegentlich kannſt Du ihm ſagen, ſeine beiden erſten Artikel ſeien maßlos grob geweſen, und es ſei ein Glück, daß er den dritten als magenerwärmendes Mittel darauf geſetzt— trinke doch, Rafael, und ſei luſtig— ich weiß nicht, Du ſchneideſt heute abſonderliche Geſichter und Dein Schmachten mit der Thür will nicht aufhören— nun, da iſt der langſame Kellner— biſt Du jetzt zufrieden?“ „Wir werden bald zufrieden ſein, denn die Suppe ſcheint vortrefflich.“ „Angenehm erwärmend— wie Euer dritter Artikel und— ich brauche heute etwas Erwärmendes und Aufregendes— deßhalb wollen wir trinken.“ Und ſie ſtießen die gefüllten Gläſer an einander. Rodenberg lehnte ſich darauf in ſeinen Stuhl zurück, ſah an die Decke empor und ſagte:„Heute wurde ich auf eine eigenthüm⸗ 300 Vierundvierzigſtes Kapitel. liche Art an jene glückliche Zeit erinnert, wo wir im ‚Reichsapfel“ wohnten, und wenn Du mir einen großen Gefallen thun willſt, ſo erzähle mir nachher beim Deſſert noch einmal die Geſchichte von der ſchönen Prinzeſſin, von Deiner Vorſtellung als Zwerg, womit Du Deine Künſtlerlaufbahn ſo glorreich begonnen haſt— wir wollen überhaupt von jenen Tagen plaudern— ich hatte ſo lange nicht Luſt und Gelegenheit, mir dieſelben wieder einmal lebendig in's Ge⸗ dächtniß zurückzurufen— plaudern wir alſo jetzt davon, mein Junge.“ „Ja, das wollen wir,“ erwiederte Rafael mit einem ſo eigen⸗ thümlich weichen Tone und einem ſo auffallenden Hinſtarren nach der Thür, daß Rodenberg lachend fortfuhr: „Wenn es nicht gegen alle Ordnung wäre, ſo müßte ich glauben, Anton brächte jetzt ſchon die Gänſeleber⸗Paſtete, nach der Du ſo lüſtern biſt, denn Dein Geſicht iſt förmlich verklärt und Deine Augen leuchten.“ „Wozu ich meine Urſachen habe,“ ſagte der kleine Mann mit einer vor Rührung zitternden Stimme—„ach, Herr Rodenberg, Anton bringt dort eben etwas Beſſeres, als die Paſtete!“ „Nun, darauf bin ich neugierig,“ ſagte der Andere in ruhigem Tone, indem er langſam den Kopf gegen die Thür wandte, der er den Rücken zudrehte. „Um Alles in der Welt, ſehe ich recht,“ rief Rodenberg als⸗ dann aufſpringend—„biſt Du es, Walter, oder iſt es Dein Geiſt?“ „Dieſes Mal bin ich es noch ſelber,“ gab derjenige, welcher ſoeben in's Zimmer getreten war, zur Antwort, wobei der eigen⸗ thümliche Ton ſeiner tiefen Stimme die Bewegung ſeines Herzens verrieth;„wenn es aber wieder ſo lange dauert, bis wir uns be⸗ gegnen, ſo glaube ich ſchon, daß wir alsdann etwas Nebelhaftes an uns haben.“ „Walter— welche Freude!“ „Rodenberg— mein guter Kerl!“ Die beiden Freunde ſtürzten einander in die Arme und hielten 8—— —C—-———— 3 Wohl eine Ueberraſchung iſt mein Kommen! 301 ſich eine Zeit lang ſchweigend umſchlungen, wobei es ſonderbar an⸗ zuſehen war, welch' finſtere Grimaſſen der alte Maler ſchnitt, um ſeine Rührung zu verbergen, wogegen Rodenberg ſich durchaus nicht ſcheute, laut und vernehmlich zu ſchluchzen. Der kleine Rafael ſtand dabei und griff an ſeinen Kopf, um auf demſelben vielleicht die uns wohlbekannte verzierte, rothe, ſack⸗ ähnliche Mütze zu finden und dieſelbe wie bei früheren heiteren Ge⸗ legenheiten zum Beweiſe ſeines Mitgefühls an die Zimmerdecke zu ſchleudern. Da er dieſe Kopfbedeckung begreiflicher Weiſe nicht fand, ihm aber jenes wunderbare Lied eigener Dichtung und Compoſition einfiel, ſo konnte er nicht umhin, dieſes anzuſtimmen und dazu ein ausgezeichnetes Solo zu tanzen. „Nun ſetze Dich, Walter, und erzähle, welch glücklicher Zufall Dich hieher gebracht— Anton, ein Gedeck— hier iſt ein Stuhl— ah, welche Freude!“ „Einen Zufall will ich das gerade nicht nennen,“ ſagte der alte Maler—„heute Mittag angekommen, wollte ich mich gerade auf der Eiſenbahn nach Dir erkundigen, als ich ſah, wie eine Geſtalt, die mir bekannt vorkam, einige Briefe in die Brieflade ſtopfte.“ „Rafael?“ „Ja, er war es, und wenn der Kerl auch ſo verwandelt aus⸗ ſieht, wie der Engerling im vierten Jahre, ſo erkannte ich ihn doch augenblicklich wieder an ſeinem ſchaukelnden Gange und dann an ſeinem kindlichen Lächeln, das er noch nicht verloren hat.“ „Und ob ich Herrn Walter erkannte— augenblicklich aus dem ganzen Menſchenſtrome heraus, der an mir vorbeikam— meine Freude könnte ich unmöglich beſchreiben!“ „Das muß ich ihm bezeugen— es war rührend anzuſehen— ich glaube, es gab Zuſchauer genug, die mich für ſeinen lang ent⸗ behrten Vater hielten.“ K „Dann wollte er zu Ihnen, Herr Rodenberg; doch wußte ich von Ihrem Diener, daß Sie nicht zu Hauſe ſeien, und dann er⸗ 302 Vierundvierzigſtes Kapitel. laubte ich mir, Herrn Walter auf heute Abend hieher einzuladen— habe ich es recht gemacht?“ „Vollkommen, mein Junge— eine größere und liebere Ueber⸗ raſchung hätteſt Du mir nicht bereiten können— ich ſage Dir, Walter, Rafael hat ſich ganz vortrefflich gemacht.“ „Das habe ich heute Mittag ſchon bemerkt und mich darüber gefreut— es war mir eine wahre Genugthuung, ihn ſo wiederzu⸗ finden— denn ich bin es doch eigentlich, der Talente in ihm ent⸗ deckte und ihn auf den richtigen Weg brachte, als dieſer Kerl da⸗ mals den einen heiligen Dreikönig malte— ah, wenn ich an jene Zeit denke!“ „Rafael iſt Mitarbeiter an einem hieſigen Journale von ſo rother Färbung, daß ich ihn leider nur verſtohlen ſehen kann.“ „Und Du?“ wandte ſich Walter an Rodenberg.„Ich hätte geglaubt, Dich anders wiederzuſehen, und war der feſten Meinung, Du erſchienſt nur in ſchwarzem Fracke, weißer Halsbinde und mit einem kleinen Bandladen im Knopfloche— wie wohl mir nun Dein Sammtrock thut, kann ich Dir gar nicht ſagen— nennt man Dich Excellenz oder gnädiger Herr?“ „Laß dieſe Scherze und trübe damit nicht unſern heiteren Abend. Nun will ich Dich aber auch einmal betrachten— er hat kaum gealtert, dieſer Walter, Dein Haar und Bart ſind etwas weißer ge⸗ worden— Dein Geſicht röther.“ „Das macht die ſcharfe Frühlingsluft.“ „Im Uebrigen ſiehſt Du ſo wohlhabend aus, wie ich's mir nur wünſchen kann.“ „Es iſt mir auch ganz gut gegangen— ich komme aus Italien, aus Rom, wo ich, ſtatt eigenhändig geringe Bilder zu malen, die Meiſterwerke der Alten nicht ſchlecht copirte, mir damit einen an⸗ ſtändigen Namen machte und viel Geld verdiente.“ „Das weiß ich— es war mir jedes Mal wie ein Gruß von Dir, wenn ich beim Prinzen Heinrich von Deinen vortrefflichen Copieen ſah; doch ſagte er mir, Du ſeieſt auf dem Wege nach Wohl eine Ueberraſchung iſt mein Kommen! 303 Spanien, und ich fürchtete wahrhaftig, Dich ſo bald nicht wieder⸗ zuſehen.“ „Es war auch nur die Sehnſucht nach Euren Geſichtern und nach deutſcher Luft, die mich zurückführte— die ſpaniſchen Bilder laufen mir nicht davon; doch will ich vorher noch ein Jahr herum⸗ ziehen und ſehen, was es hier bei Euch Neues gibt— was weißt Du von den alten Freunden?“ „Leider nicht viel— Bergmüller, der ein tüchtiger Landſchafter geworden iſt, ſchickte zuweilen Einiges zur Ausſtellung hieher— war auch ſelbſt einmal da— er iſt dicker geworden und ſchon einige Male Vater; ſeine Schwiegermutter ſtarb, und ſo geht es ihm auch in dieſer Richtung vortrefflich— aber trinken mußt Du, Walter, trinken— wir wollen luſtig ſein— ein Glas dem An⸗ denken unſerer Freunde!“ „Aus vollem Herzen!“ „Nun ſage mir vor allen Dingen, was weißt Du von Olfers? Von ſeinen prachtvollen Bildern ſahen wir verſchiedene hier, aber von ihm ſelbſt habe ich keine Sylbe erfahren.“ „Er hatte Rom verlaſſen und war nach Florenz gegangen— dort ſah ich ihn ſpäter— er empfing mich herzlich und freundlich, doch vermied er es, von vergangenen Tagen zu reden.“ „Unſer armer Freund, wie einſam er in der Welt herumzieht „Aber ſie thut ihm wohl, dieſe Einſamkeit, ſie lindert ſeine trübe Stimmung, da ſie ihn träumen läßt von einer glücklichen Vergangenheit und ihm erlaubt, immer noch Luftſchlöſſer für die Zukunft zu bauen. Er ſagte mir das gerade und ehrlich heraus, und deßhalb ſah ich ihn auch nur ſelten. Wie furchtbar ſchön drückt ſich ſein umdüſtertes Gemüth in den großartigen Com⸗ poſitionen aus, die ich von ihm ſah; er entwarf gerade ein präch⸗ tiges Bild, die Peſt in Florenze, gewaltig und ergreifend in der Anlage: eine Proceſſion, die hohe Geiſtlichkeit an der Spitze, durch⸗ zieht die Straßen, in denen man die grauenhafteſten Gruppen von Todten und Sterbenden ſieht, um den Himmel anzuflehen, daß er 14 Vierundvierzigſtes Kapitel. die ſchreckliche Krankheit aufhören laſſe— da ſtürzt aus einem Haufen Volkes ein verzweifeltes Weib hervor und wirft ihr todtes Kind zu den Füßen des voranſchreitenden Biſchofs.“ „Ein ergreifender, aber furchtbarer Vorwurf.“ „Wie in Allem, was er jetzt componirt und malt.“ „Und er hofft immer noch, ſeine Tochter wiederzufinden?“ „Es ſcheint mir ſo— ihn geradezu fragen mochte ich nicht; doch als ich ihm eines Tages ſagte, es ſcheine mir, er halte alles weitere Suchen für überflüſſig, da er ſich jahrelang in Italien aufhalte, ohne mit der Heimaih in Verbindung zu bleiben, gab er mir zur Antwort, das heißt, er ſprach eigentlich mehr zu ſich ſelber, als zu mir: ‚Ich werde ſie ſicher machen und ſie vielleicht veran⸗ laſſen, unvorſichtig zu werden. Dann blickte er raſch auf, legte ſeine Hand auf meine Schulter und fragte mich: ‚Nicht wahr, Walter, ich habe es mit einem treuen Freunde zu thun?— Und Ihr hier außen,“ fuhr der alte Maler nach einer Pauſe fort,„habt Ihr gar nichts mehr von dieſer räthſelhaften Geſchichte erfahren?“ „So gut wie gar nichts,“ ſagte Rodenberg;„nur einmal, es ſind ſchon einige Jahre her, glaubte ich etwas zu erfahren— aber es war eine Nachricht ohne Anfang und Ende, etwas, das wie ein Blitz erſchien, das eben ſo ſpurlos wieder verſchwand und keine Erkundigungen geſtattete. Ich hörte nämlich eines Tages von einer Frau reden, die wenige Stunden von hier mit ihrer Tochter in tiefſter Verborgenheit lebe, um ſich Nachforſchungen zu entziehen, die ihr höchſt gefährlich werden könnten; ich ſchrieb darüber an Olfers, ſowie auch, daß ich Alles anwenden würde, der Sache auf die Spur zu kommen, gab mir auch alle erdenkliche Mühe, und als ich einen Faden gefunden, der mich dahin führte, wo jene Frau gewohnt, ſo war ſie verſchwunden und Niemand wußte, wohin ſie gegangen ſei.“ „Und konnteſt Du keine Schilderungen über Mutter und Tochter erhalten?“ 3 „O ja, aber ſie paßten nicht— hatte ich doch Frau Hildegard — Wohl eine Ueberraſchuug iſt mein Kommen! 305 noch ſo gut im Gedächtniß, daß es mir möglich war, ihr Geſicht mit ein paar Bleiſtiftſtrichen zu ſkizziren, und ebenſo die lieben Züge der kleinen Margarethe.“ „Nun?“ „Von der Frau, die dort gewohnt, ſagte mir Jemand, der ſie häufig geſehen, ſei keine Spur in meiner Zeichnung zu finden, und wenn auch das Geſicht des jungen Mädchens eine Aehnlichkeit mit meiner Skizze zeige, ſo wäre dieſelbe keinenfalls ſtark hervortretend und mehr dem Umſtande zuzuſchreiben, daß ein jugendliches Geſicht dem andern immer etwas ähnlich ſehe.“ „Wie hieß doch der gewiſſe Kammerjunker, der zur damaligen Zeit ſtark bei der Geſchichte betheiligt war und dem wir Alle mit einander nichts Gutes zutrauten?“ „Freiherr von Schenk, Kammerherr Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Fürſtin⸗Mutter, ein Mann von Bedeutung im Departe⸗ ment der allerhöchſten Unterröcke.“ „Und dieſem Manne, deſſen Gewiſſen ſo faltenreich iſt, wie eines der gerade erwähnten Kleidungsſtücke, haſt Du nie verſucht, ihm auf den Zahn zu fühlen, ihm ein unbedachtes Wort zu entlocken?“ „Es war das ſehr ſchwierig, da er, einer andern Partei bei Hofe angehörend, mir ſtets ſo ſteif und förmlich entgegentrat, wohl abſichtlich, um jede Annäherung zu verhüten.“ „Und Du biſt ihm nie auf den Leib gegangen?“ „O ja, das habe ich gethan, und ziemlich derb, indem ich ihm in Ausſicht ſtellte, in einer guten Stunde ſeine Königliche Hoheit ſelbſt von dieſer Angelegenheit zu unterhalten. Da gab er denn endlich zu, er wolle nicht läugnen, daß er um den Aufenthalt Hildegard's und ihrer Tochter gewußt, ohne aber auch nur im geringſten bei der Entführung des jungen Mädchens betheiligt geweſen zu ſein. Feierlich gab er dabei ſein Ehrenwort, daß er von ihrem gegenwärtigen Aufenthalte nichts wiſſe, und ſetzte als⸗ dann mit ſehr geſprächigem, hochmüthigem Weſen hinzu, er hoffe 306 Vierundvierzigſtes Kapitel. und wünſche aber, daß ich ihn in Zukunft mit ähnlichen Fragen verſchonen möge.“ „Den Teufel auch— und das gab Dir keine Veranlaſſung, ein Bißchen Händel mit ihm zu ſuchen?“ „Zum Schein wahrlich nicht; aber in allem Ernſte entgegnete ich ihm, ich werde es mir nicht verbieten laſſen, eine ähnliche Frage an ihn zu ſtellen, und zwar ſo oft es mir beliebe.“ „Und dann?“ „Spitzte er ſein Maul, ſchloß die Augen und entgegnete mit einer unvergleichlichen Grazie lächelnd: ‚Wenn es Ihnen Vergnügen macht, ſpäter nochmals zu fragen, ſo werde ich Ihnen doch keine andere Antwort geben können.: Daß ich ihn dadurch noch mehr zum Feinde bekam, merkte ich wohl, und deßhalb, wie auch als treuer Diener ſeiner Herrin und aus manchen anderen Gründen iſt er einer von den Leuten, die mich lieber heute als morgen aus dem Lande gejagt ſähen.“ „Und haſt Du Ausſicht, auf ſo anerkennende Weiſe Deine hieſige Carrière zu beſchließen?“ „Wer kann das wiſſen— bei dem ſchlüpfrigen Boden, auf dem wir wandeln, und bei der allerhöchſten Laune, von welcher wir Alle mehr oder minder abhängig ſind, kann Einem alles Mögliche begegnen.“ „Aber das iſt ein trauriges Handwerk,“ meinte Walter, indem er ſeinen Freund mit einem ernſten, ſorgenvollen Blicke anſah— „doch konnteſt Du Dich ſonſt ſicher ſtellen? Deine Einkünfte ſind ſo bedeutend, daß Du Dir etwas Tüchtiges zu erübrigen vermochteſt, obgleich Sparen früher nicht Deine Stärke war.“ „In welchem Punkte ich mich. auch nicht beſſern konnte, denn erſtens verſtehe ich das nicht, und dann ſind meine Einkünfte der Art, daß ich mit dem beſten Willen nicht nur nichts erſparen kann, ſondern daß ich, wenn einmal eine Kataſtrophe eintritt, Alles, was ich habe, verkaufen muß, um meine Schulden zu bezahlen.“ „Du biſt ein unverbeſſerlicher, leichtſinniger Kerl— aber wie Wohl eine Ueberraſchung iſt mein Kommen! 307 konnteſt Du Dir unter ſolchen Bedingungen das goldene Halsband umlegen laſſen?“ „Es glänzte ſo ſchön, es wurde angeſtaunt und beneidet und ſchien mir den Weg zu zeigen nach einer ſchwindelnden Höhe, von wo ich auf eine wunderbare und beglückende Ausſicht hoffte— doch reden wir nicht davon,“ rief er in einem Tone der Ungeduld und des Ueberdruſſes—„in der Welt geht es auf und ab! Glaubſt Du vielleicht, ich würde mich nicht glücklicher fühlen, wenn ich an einem ſchönen Morgen, mein Skizzenbuch unter dem Arme, einen einfachen Stock in der Hand, die Stadt verließe?“ „Mit dem traurigen Gedanken, eine Reihe von Jahren nutzlos vergeudet zu haben!“ „Warum nutzlos? Ich habe doch ein reiches Material geſammelt für den Bleiſtift und die Feder; ich werde meine Memoiren ſchreiben und ſie vortrefflich illuſtriren— doch Scherz bei Seite— gebt mir meine freie Zeit wieder, ein Blatt Papier und einen Bleiſtift, und ich will Euch zeigen, ob ich heute nicht ein beſſerer Künſtler bin, wie damals— aber laßt uns heute darüber ſchweigen, wir wollen luſtig ſein, trinken— he, Rafael, ſchneide den Bindfaden durch, der den Pfropfen auf der Flaſche hält— ſo, ah, wie das vortrefflich knallt, und nun nichts mehr von der Gegenwart— ein Glas des ſchäumenden Weins der Vergangenheit und zwei der Zukunft, ja, der Zukunft, wie ich ſie mir wünſche, bei gleichgeſtimmten guten Freunden, bei Menſchen mit warmen, ehrlichen Herzen, bei wahren Künſtlern, nicht dort, wo man des Gedankens nicht los wird, nur geduldet zu ſein, und bald erſchrocken, bald ſcheel betrachtet wird über ein freies, friſches Wort, das man ſpricht, wo man ſich un⸗ behaglich fühlt, wo Einem das nöthige Waſſer zum Schwimmen fehlt und man, ſtatt frei auszuholen, mühſam laviren muß, wo man ewig fremd und verlaſſen bleibt, unter Larven die einzig fühlende Bruſt— alſo der Zukunft, mein Junge, zwei volle Gläſer— aber laſſet uns dabei der glücklichen Vergangenheit nicht vergeſſen!“ Walter hatte ſich eine von Rodenberg's Cigarren angezündet — Vierundvierzigſtes Kapitel. und ſagte, behaglich in ſeinen Stuhl zurückgelehnt:„Wie gern erinnere ich mich jenes letzten Abends unſeres Beiſammenſeins und meiner nächtlichen Fahrt mit dem Herrn Major von Werdenberg, den ich morgen aufſuchen werde.“ „Vergiß nicht, daß er Oberſt geworden iſt!“ „Aber wahrſcheinlich ein eben ſo räuberhaft guter Kerl, wie ehemals. Auf der alten, prachtvollen Burg, wohin er mich damals brachte, verlebte ich einige wunderbare Jahre— ich malte ſtill und fleißig und kann Dich verſichern, keine ſchlechten Bilder.“ Rafael lächelte ſtill vergnügt in ſein Glas hinein, und Roden⸗ berg ſagte:„Ganz vortreffliche Bilder ſind es, die Du dort gemalt, und jener kleine Schelm, der ſich im vergangenen Jahre eine Rhein⸗ reiſe erlaubt, hat darüber einige unſterbliche Artikel geſchrieben.“ „Danke Dir, mein Sohn— Gott möge es Deinen Kindern vergelten! Bei meinen Arbeiten, meiſtens allein, mit Ausnahme eines Jahres, in dem ich mit Bergmüller gemeinſchaftlich arbeitete, gewöhnte ich mich ſo an die Einſamkeit, daß ich wahrhaftig ein Mönch geworden wäre, hätte ich ein paſſendes Kloſter in der Nähe gewußt.“ „Und Knorx, mein guter Knorx,“ rief Rodenberg, raſch ſein Glas erhebend,„wie konnte ich ſo vergeßlich ſein und nicht ſchon lange nach ihm fragen? Die letzten Nachrichten, welche ich von ihm aus Köln erhielt, ſagten, auch er ſei nach Italien gezogen, er habe eine Römerfahrt gemacht.“ „Und in der vollſten Bedeutung dieſes Wortes: er ging nach Rom und trat dort als Bruder in das Capucinerkloſter.“ „Und warum wühlte er ſich gerade einen ſolchen Ort?“ „Um frei zu ſein und Zeit zu ſeinen Arbeiten zu haben; er meißelt Euch jetzt ganz wunderbare Heilige in Stein und ſogar in Marmor— im Kloſter haben ſie ihm ein Atelier hergerichtet, wo ich ihn öfters beſuchte und bei den braunen Kutten manche heitere Stunde verlebte; auch fehlte es alsdann nie an einem vortrefflichen Glaſe Orvieto, natürlich nur mir, dem Gaſte, zu Ehren, doch hielten „ Wohl eine Ueberraſchung iſt mein Kommen! 309 die frommen Brüder wacker mit; ein paar Mal zupfte es mich gewaltig, dort zu bleiben, aber wenn man nackte Göttinnen und dergleichen laſterhafte Geſchichten copirt, ſo paßt man doch nicht gut in ein Kloſter.“ „Gedachte Knorx oft der Zeit im Reichsapfel und unſer Aller?“ „Gewiß, und wenn der prophetiſche Geiſt über ihn kommt, was immer noch zuweilen geſchieht, ſo konnte er ſagen:„Laßt ſie nur flattern und ihre Bahnen ziehen, den Einen nach Oſten, den Anderen nach Weſten, Alle, die dazu berufen ſind und denen ich es im Grünen Baume prophezeiht, tragen einen goldenen Faden am Fuße, der ſie an den gewiſſen Ort zuſammenführen wird!““ „Und was meint er mit dem gewiſſen Orte— vielleicht das Grab?“ „Dieſelbe Bemerkung machte ich ihm auch einmal, doch ſchüttelte er lächelnd ſein Haupt und ſagte: ‚Um dahin zu gelangen, braucht man kein wahrer Künſtler zu ſein und keinen goldenen Faden am Fuße zu haben— nein, wo wir uns noch einmal wiederſehen werden, das iſt am Hofe eines gewaltigen Königs unter Marmor⸗ hallen, die auf einem hohen Berge liegen, von wo man rings um⸗ her eine entzückende Ausſicht genießt, während duftende Orangen uns umgeben und murmelnde Springbrunnen wohlthätig die Hitze kühlen, wo lieben wird, wer zu lieben vermag und lieben darf!““ „Die letztere Verheißung ſcheint mir im Munde eines Mönches etwas ruchlos zu ſein.“ „„Wer lieben darf! ſagte er ja.— Es that mir leid, als ich den guten Knorx endlich verließ.“ „Haſt Du ihn nicht in ſeiner Ordenstracht ſkizzirt?“ „Er verbot es mir, denn er wollte nicht, daß man ſich hier außen über ihn luſtig mache.“ „Guter Knorx, ich hätte ſo gern Dein ehrliches deutſches Ge⸗ ſicht wieder einmal geſehen!“ „Und wem biſt Du in all der Zeit von den früheren Freunden hegegnet?“ 310 Vierundvierzigſtes Kapitel. Rafael lächelte wie Jemand, der gern eine Mittheilung machen möchte, in das Geſpräch eines Anderen hineinlächelt, und der doch zu beſcheiden iſt, dies ohne Aufforderung zu thun. 4„Ich ſprach vorhin ſchon von der Rheinreiſe unſeres kleinen Freundes— laß Dir erzählen, mit wem er auf dem Dampfboote zuſammentraf.“ „Nun, mit wem denn? Rafael, laß hören!“ „Wir fuhren von Mainz an einem heißen Tage den Rhein abwärts,“ erzählte Rafael,„das Schiff war ſehr voll, und ich war 1 froh, ein ſchattiges Plätzchen hinter einem der Radkaſten gefunden zu haben— die Paſſagiere gingen an mir vorüber und ſprachen von Biebrich, an dem wir vorüberkamen, von Geiſenheim mit ſeinen rothen Kirchthürmen, vom Johannisberge, bewunderten die 4 alte Brömſer Burg, die von außen wie ein unwirthbarer Stein⸗ haufen erſcheint und im Innern die zierliche, reizende Wohnung 6 der Gräfin Ingelheim verbirgt. Sie erklärten einander den Weg 6 von Rüdesheim nach dem Niederwalde, erzählien die Sage vom Mäuſethurm und dergleichen.“ „Mir ſcheint, Rafael gibt uns einen Auszug aus ſeinem 4 Reiſeberichte.“ „Vielleicht!“ „Aber nur in der Abſicht, um Sie in die Stimmung zu ver⸗ ſetzen, in die ich durch dieſes Geplauder rechts und links kam und dem tactförmigen Rauſchen der Räder nur noch wie im Traume 60 eeinfach zu verſtehen, und auf ihr beruht das Syſtem der Propeller. „Van der Maaßen!“ „Allerdings war er es, den ich, raſch aufſpringend, vor mir ſah; er war äußerſt elegant gekleidet und neben ihm ſtand eine nicht mehr ganz junge, aber immerhin noch recht hübſche Dame.“ in der ich alle dieſe Reden, dieſe Ausrufe der Bewunderung bei hörte. Plötzlich aber ſchlug eine Stimme an mein Ohr, die auf einmal meine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm; es war eine hohe Fiſtelſtimme, welche ſagte: ‚Die archimediſche Schraube iſt ſehr Wohl eine Ueberraſchung iſt mein Kommen! 311 „Van der Maaßen verheirathet? „So war es, und er machte ſeine Hochzeitsreiſe. Anfangs kannte er mich nicht; als ich ihn aber bei Seite zog, meinen Namen nannte und raſch meine Erlebniſſe erzählte, auch von Herrn Roden⸗ berg ſprach, da war er ganz wie früher, ſchüttelte mir kräftig die Hand und ſtellte mich ſeiner Frau vor, und dann blieben wir den ganzen Tag beiſammen, wo er mir, behaglich hinter dem Rad⸗ kaſten ſitzend, aus ſeiner Vergangenheit erzählte, während wir das Erzeugniß der berühmten Weinberge, an denen wir vorüberfuhren, gewiſſenhaft verſuchten. Van der Maaßen hatte die erſten Jahre Muſter gezeichnet, dann war er Chef d'atelier geworden und endlich durch einen merkwürdigen Zufall Inſpector der großartigen Appretir⸗ Anſtalt der Fabrik: man hatte eine Maſchine neueſter Conſtruction bekommen, die aber nur mangelhaft ihren Dienſt verſah, worauf van der Maaßen ſie eines Tages unterſuchte und, wie er behauptete, mit voller Ueberzeugung eine Schraube auszog, die ihm im Trieb⸗ werke hinderlich erſchien, worauf die Maſchine ſofort ihren Dienſt that und vortrefflich arbeitete.“ Die beiden Freunde lachten, und Walter ſagte:„Ich bin über⸗ zeugt, der gute dicke Kerl hat die Schraube auf's Gerathewohl ausgedreht; doch freut es mich für ihn, daß er ſeine Eichel ge⸗ funden.“ „Er verſprach, uns hier zu beſuchen, wie Rafael mir mittheilte; doch kam ſtatt ſeiner ein ſehr humoriſtiſcher Brief, worin er mir die Mittheilung machte, daß ſeiner Frau eine weitere Reiſe eigen⸗ thümlicher Verhältniſſe wegen nicht zuträglich geſchienen und er deß⸗ halb nach Hauſe zurückgekehrt ſei, aber dabei die Hoffnung ausſprach, in nicht zu langer Zeit auch uns ſehen zu können.“ „Und der ſanfte Eduard— was weißt Du von ihm?“ „Nicht viel, doch ſoll es ihm ganz gut gehen: er ſchrieb ein⸗ mal an mich, da er gehört, es ſei in unſerer Gemäldegallerie eine Inſpector⸗Stelle offen; doch war ich nicht im Stande, eiwas für ihn zu thun— nach Lytton wollie ich Dich auch ſchon fragen— 312 Vierundvierzigſtes Kapitel. Du erkundigteſt Dich gewiß während Deiner Anweſenheit in Florenz bei Olfers nach ihm?“ „Allerdings that ich das— ich gedenke immer noch mit großer Anhänglichkeit jenes friſchen, lebensfrohen jungen Mannes, der ein tüchtiger Künſtler geworden wäre, wenn er nicht ſo viel Geld zur Verfügung gehabt hätte.“ „Ja, er war ein guter, anhänglicher Kamerad— was wußte Olfers von ihm?“ Walter zog ſeine Stirn in düſtere Falten, ſtützte den Kopf in die Hand und ſagte mit einem affectirten, ernſten und hohlen Tone: „Lytton exiſtirt nicht mehr!“ „A— a— a—ah!“ rief Rodenberg auffahrend—„wär's mög⸗ lich, Lytton geſtorben?— Doch nein, ich ſehe den Schalk in Deinem Blicke, Deine Mundwinkel verziehen ſich— warum ſo traurige und ſchlechte Späſſe, mein alter Geſelle?“ „Was habe ich denn Trauriges geſagt? Ich berichtete nur, Lytton exiſtire nicht mehr, und darin ſprach ich die Wahrheit— Lytton als ſolcher hat aufgehört zu leben, athmet nicht mehr im roſigen Lichte, wie der Dichter ſagt.“ „Und wie ſollen wir das verſtehen?“ „So ein Engländer hat ein zähes Leben,“ entgegnete der alte Maler lachend,„er ſtirbt als Lytton und ſteht als Lord Warren wieder auf!“ „Ah, das freut mich— ſo ſtarb ſein Oheim, der ältere Bruder ſeines Vaters?“ „Er ſtarb, nachdem er vorher zum Heile des Lytton einen ſchwächlichen Sohn begraben. Olfers ſagte mir das, und es war das Einzige, was er mir mit reger Theilnahme erzählte; dabei lächelte er wieder einmal und ſeine Augen glänzten wie früher— ſchade um ihn!“ 1 „Um wen?— Um Lytton?“ „Nein, um Olfers— welch kerniger Mittelpunkt wäre er für uns geblieben, wie belehrend, wie anregend— ich glaube, wenn Wohl eine Ueberraſchung iſt mein Kommen! mir die Urheberin ſeiner Leiden, jene verkniffene, gallichte, bittere Perſon je zu Geſicht käme, ich glaube, ich würde ihr mit einer theatraliſchen Attitude ſagen: Madame, ich verachte Sie!“ „Das würde ich nicht thun— ich würde ihr ſtillſchweigend folgen— ah, wie oft habe ich davon geträumt und welche Luſt wäre es mir geweſen, in dieſer Richtung für den guten Olfers wirken zu können— aber ich glaube, der Frau Hildegard folgt in dieſem Leben Niemand mehr!“ „Wie verſtehſt Du das?“ „Ich glaube, daß ſie geſtorben iſt— ich weiß nicht, ſoll ich ſagen: ich fürchte das, oder ich hoffe das?“ „Mir iſt nur Eines an der ganzen Sache unklar, daß nämlich Margarethe, die ja ihren Vater ſo innig liebte, nicht endlich einmal feſt auftrat, nachdem ſie herangewachſen war— und herangewachſen iſt ſie— laßt mich einmal rechnen— wie alt war das kleine Mädchen damals?“ „Acht oder neun Jahre, ſo viel ich mich erinnere.“ „Nun, ſo iſt ſie jetzt ſechzehn oder ſiebenzehn und wird wohl Verſtand genug haben, ſich ihres treuen, guten, ehrlichen Vaters zu erinnern.“ „Ob ſie ſich aber ſeiner unter dieſen von Dir angeführten Benennungen erinnert, iſt wohl eine andere Frage— laß Du einmal lange Jahre in Dich hineinreden, über einen Abweſenden reden, der ſich nicht vertheidigen kann— höre Du täglich alles mögliche Böſe über ihn an, das heißt, wenn Du ein Kind von acht Jahren wäreſt, das noch nicht Urtheilskraft und Charakterſtärke genug hat, um unter dem Einfluſſe einer übelgeſinnten Mutter an den erſten, ihr damals ſo lieben Erinnerungen der Jugend feſtzu⸗ halten— laß Du Dir durch Worte und Thränen, durch Klagen und Vorwürfe das Bild irgend Jemandes, den Du wirklich geliebt, trübe und unſcheinbar machen, und wir wollen ſehen, ob Du nicht auch am Ende der Anſicht Deiner ausſchließlichen Umgehuns würdeſt!“ Hackländer's Werke. 55. Bd. 300 Vierundvierzigſtes Kapitel. „Möglich— aber es wäre ſchrecklich!“ „Schrecklich allerdings, und beſonders in den Folgen für den armen Olfers— ich habe ſchon oft den furchtbaren Gedanken gehabt, es könne einmal vorkommen, daß er dicht an ihr vorüber⸗ ginge, daß ſeine Hand ihr Gewand ſtreife, ja, daß Margarethe ihn ſogar erkennen würde und daß ſie, wenn auch vielleicht mit tiefem Schmerze, ſich abwenden, ihn auf's Neue fliehen würde— denn darauf kannſt Du Dich verlaſſen, Frau Hildegard hat nichts ver⸗ ſäumt, dem Kinde den eigenen Vater als ein Ungeheuer von Lieb⸗ loſigkeit und Falſchheit darzuſtellen.“ „Aber er würde ſein Kind unbedingt erkennen, wenn er ſie mit ſeinem ſcharfen Auge ſähe.“ „Vielleicht— vielleicht auch nicht— denke Dir, es ſind acht Jahre verfloſſen; aus dem damaligen kleinen, ſchwächlichen Mädchen iſt vielleicht eine blühende Jungfrau erwachſen, deren Geſichtszüge ſich vollkommen verändert haben— man hat genug Beiſpiele der Art.“ „So wäre ſie alſo ewig für ihn verloren?“ „Ich fürchte faſt— und ſo grauſam es klingt, ſo möchte ich für ſeine Ruhe wünſchen, er vermöchte es über ſein Herz und ſeinen Verſtand, ſich an dieſen Gedanken zu gewöhnen— das allein könnte ihn der Welt und uns wiedergeben; doch wird er zu dieſer Ruhe ſchwerlich gelangen. Wie ich vorhin ſchon ſagte, ſo hat er ſich ab⸗ ſichtlich ſo lange von der Heimath fern gehalten und faſt alle Ver⸗ bindungen mit ihr abgebrochen.“ „Das iſt wahr, denn auf ein paar lange und ausführliche Briefe, die ich ihm ſchrieb, erhielt ich einige ſpärliche, wenn auch nicht gerade unfreundliche Zeilen zur Antwort, zwiſchen denen ich aber deutlich leſen konnte, daß er eine Fortſetzung unſeres Brief⸗ wechſels nicht verlange und wünſche— ich muß Dir geſtehen, das ſchmerzte mich!“ „Aber mit Unrecht— denn ich kann Dich verſichern, er ſprach von Dir mit der größten Wärme und mit den Ausdrücken herzlicher Wohl eine Ueberraſchung iſt mein Kommen! 301 Anhänglichkeit— freilich bedauerte er Deine jetzige Stellung und ſagte unverhohlen, die Hofluft, in der Du lebeſt, habe einen tüch⸗ tigen Künſtler umgebracht.“ „Umgebracht kann ich nicht zugeben— glaube mir, Walter, ich fühle das heilige Feuer ſtark und kräftig unter der Aſche lodern, die ſich auf mein Herz gelagert, und hoffe auf einen wohlthätigen Ausbruch, der mich vielleicht unſanft in die Höhe ſchleudert, aber mich wieder verjüngt erſtehen läßt.“ „Ein glänzender Phönix— ich hoffe das auch.“ „Doch reden wir nicht von mir— wir kamen ganz von Lytton ab, oder von Lord Warren— wo iſt er und was treibt Seine Herrlichkeit?“ „Er hat die diplomatiſche Laufbahn ergriffen, wie mir Olfers ſagte, da es ihm wahrſcheinlich in ſeinem Vaterlande zu langweilig iſt; er hoffte damals, nach Italien verſetzt zu werden, worauf ſich Olfers wie ein Kind freute— wie möchte ich es ihm wünſchen, daß unſer armer Freund dieſen friſchen, lebensluſtigen Kerl an ſeiner Seite hätte!“ Walter trank langſam und behaglich ſein Glas aus, dann ſtrich er ſeinen vollen Bart und ſagte, indem er dem Rauche ſeiner Cigarre nachblickte:„Wie doch durch die Nennung von all' den Namen der guten Freunde von damals wieder jene Zeit ſo lebendig vor mich hintritt; ich befinde mich wieder in den winkligen Straßen und ſehe an jedem Fenſter ein bekanntes Geſicht— Apropos, Michel Angelo Schmitz hat nicht geheirathet, wie ich ſchon auf Falkenſtein hörte.— Was wurde denn aus der ſchönen Conchitta, unſerer liebens⸗ würdigen Collegin, und was weißt Du von unſerer vortrefflichen Wirthin in Köln? Die Dankbarkeit hätte mich eigentlich veranlaſſen ſollen, ſchon lange nach den beiden Schweſtern zu fragen, doch hielt mich ein gewiſſes Zartgefühl ab, denn aufrichtig geſagt, ich dachte, Du würdeſt ſogleich davon anfangen— weißt Du, guter Kerl, daß eine meiner erſten Fragen an den kleinen Rafael die war, ob Du ver⸗ heirathet ſeieſt?“ ——j— ſſ 4**—— Vierundvierzigſtes Kapitel. „Dummes Zeug— wie kommſt Du auf einen ſolchen Gedanken?“ „Nun, bei Gott iſt Alles möglich, und bei verliebten Weibern ebenfalls!“ „Zugegeben— aber die Bedingung der Liebe fehlte.“ „Den Teufel auch, ſo viel bin ich doch wohl noch Kenner eines weiblichen Herzens oder eines Paares ſo ſchöner weiblicher Augen!“ „Die Kennerſchaft in Ehren— wir irrten uns damals außerordentlich!“ „Du auch!“ fragte der alte Maler achſelzuckend—„nun, dann tröſte Dich mit dem Gedanken, daß es doch hätte ſein können und es vielleicht beſſer iſt, daß es kam, wie es kam!“ „Von Conchitta erfuhr ich nichts mehr,“ ſprach Rodenberg mit leiſer Stimme, indem er vor ſich niederſchaute,„und was die Andere anbelangt, ſo hat ſie gehalten, was ſie verſprochen.“ „Alſo doch— ei, Du Heuchler!“. „Sei ſo gut und laß mich ausreden— ſie wurde eine große, berühmte Sängerin und entzückte durch ihre Kunſt die halbe Welt — wie ich neulich hörte, ſoll ſie auch nächſtens dieſen kleinen Erden⸗ winkel hier mit ihrer Gegenwart beglücken.“ „Du ſagſt das mit einer ganz verfluchten Ruhe!“ gab der alte Maler zur Antwort, indem er ſeinen Freund ſtarr und forſchend anblickte. „Warum ſollte ich nicht? Wenn ich mich ſchon auf den Kunſt⸗ genuß freue, der mir bevorſteht, freue auch Du Dich: Volkslieder ſoll ſie mit einer ganz merkwürdigen Bravour ſingen— ich hoffe nicht, daß Du geizig geworden biſt und ein paar Thaler anſiehſt — doch nun genug des Vergangenen und Begrabenen!“ rief er mit einer gewaltſam ausbrechenden Luſtigkeit—„auch die Gegen⸗ wart hat ihr Recht, das heißt die gegenwärtige Stunde— ſtoßt an und laßt dieſen ſchäumenden Wein für uns in mancher Be⸗ ziehung zum ächten und unverfälſchten Lethe werden!“ ene