Leihbibl deutſcher, engliſcher und Eduard Oktm Schloßgaſſe Lit. Aeih- und 1. Offensein der Bibliothek. 5 pfangnahme und Rückgabe der Bü Ihr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe e jedem Tag 5 Pf. bezahlt. den angenommen. „3. Caution. Unbekannte eines Buch hinterlegen wird. es, eine dem Wert 4. Abonnement. beträgt: 4 für wöchentlich auf 1 Monat: 3 5. Aus der Büch defecte Ladenp orene der L. Daſſelbe muß 2 Büchen: 1 Mk.— Pf. s zerriſſene —z iothek franzöſiſcher Literatur ann in Gießen, A. Nr. 256. eſebedingungen. D cher ines Die Zeit e Perſonen mü ie Bibliothek ſteht zur Em⸗ jeden Tag von Morgens geliehenen Buches wird von ines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſſen, bei E he deſſelben „ welche bei deſſen Zurückg voraus bezahlt werden 4 Bücher: und 6 Bücher: 2 Mk.— Pf. „—„ und Zurückſendun ör ſelbſt zu ſorgen. „verlorene und Kupfern ꝛc.) muß der te, beſchmutzte, ver⸗ größeren Werkes, ſo iſt chtet. nes J. W. Hackländer's Werke. Erſte Geſammt⸗Ausgabe. Vierundfünfzigſter Band. Stuttgart. Verlag von A. Kröner. 1873. Druck von Gebrüder Mäntler in Stuttgart. Künſtlerroman. Dritter Band. —— —— XXIII. „Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht.“ Heit dem Beginne unſerer wahrhaftigen Geſchichte ſind Mo⸗ nate vorübergegangen, und da wir den geneigten Leſer an einem ſonnigen Frühlingstage empfingen, ſo brauchen wir kaum zu ſagen, daß jetzt der Herbſt mit ſeiner maleriſchen Pracht Beſitz von Wald und Feld genommen. Liebten wir es, ſelbſt auf Koſten der Wahr⸗ heit, uns in ſchroffen Gegenſätzen zu ergehen, ſo könnten wir viel⸗ leicht paſſender für den Gang dieſer Erzählung von einem ſtür⸗ miſchen, düſtern Herbſttage reden; doch haben wir uns ſtreng vor⸗ genommen, unter allen Umſtänden der Wahrheit getreu zu ſein, und können deßhalb nicht anders als von einem goldig glänzenden Herbſttage ſprechen, der mit aller nur möglichen Pracht der Fär⸗ bung, mit einem wolkenloſen, tiefblauen Himmel unſere Erde beglückte. Einige Stunden von der Stadt, in der unſere wahrhafti Geſchichte ſpielt, befindet ſich ein kleines Dörfchen, freundlich von ſaftig grünen Wieſen umkränzt und in geſchützter Lage durch einen Höhenzug, welcher die rauhen Nord⸗ und Weſtwinde abhält; durch die blumigen Wieſen ſchlängelt ſich ein klarer, ſilberheller Bach, hier und da leicht überbrückt. Die reinlichen Häuſer des Dorfes haben rothe, weithin leuchtende Dächer; ſie ſind von Obſtbäumen Dreiundzwanzigſtes Kapitel. umſchattet, deren Zweige ſich in jetziger Jahreszeit förmlich unter der Laſt der Früchte beugen. Zwei Kirchen mit ihren Thürmen ragen über ihre Häuſer empor, von denen eine, ein alter Bau in ſchönen Verhältniſſen, ſchon fünf Jahrhunderte der Zeit und den Elementen Trotz geboten und ſelbſt die langen und ſchweren Kriegs⸗ jahre ſiegreich überſtanden. Dieſes kleine Dorf heißt Erkrath und iſt weiter von keiner rein hiſtoriſchen oder von keiner culturgeſchichtlichen Bedeutung, obgleich als Niederlaſſung unſerer älteſten deutſchen Vorfahren, ſowie als römiſche Colonie bekannt und benannt; auch kann man ſich beim Anblicke der heute noch prachtvollen Eichenwälder mit ihren mäch⸗ tigen, hundertjährigen Stämmen des Gedankens nicht erwehren, daß in dieſen damals heiligen Hainen Teut, Wodan, die Sonne an⸗ gebetet wurden und daß eigenthümlich geformte Steine, die man noch hier und da auf der Höhe trifft, Opferaltäre der Druiden waren. Für den Verfaſſer dieſer Blätter hat aber Erkrath doch noch eine ganz beſondere Bedeutung, welche hier zu verſchweigen er nicht beſcheiden genug iſt, denn ſein Großvater lebte dort als ehrwürdiger Pfarrherr und ſeine gute Mutter hat dort auf den grünen Wieſen gewiß manche Blume gepflückt— ein Gedanke, der etwas Trauriges in ſich ſchließt: dort liegen die Wieſen vor uns, ſaftig grün, von der Sonne beglänzt wie damals, und werden wahrſcheinlich nach Hunderten von Jahren ſo erſcheinen; auch Blumen werden in jedem Frühlinge unter dem Kuſſe der warmen Sonne dort hervorſprießen; aber die freundlichen, guten Augen, welche einſt dieſe Blumen be⸗ trachtet, haben ſich zum ewigen Schlafe geſchloſſen, und die lebens⸗ warmen Hände, welche ſie gepflückt und Kränze daraus gewunden, ſind längſt erkaltet und erſtarrt—— Vorüber— vorüber! Wir verlaſſen das weite Thal mit ſeinem friedlichen Dörfchen, und in kurzer Zeit nimmt uns der Schatten prächtiger Buchen⸗ und — — Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht.. 9 Eichenwälder auf. Wir haben vor uns eine hohe Bergwand, welche wir ſteil hinanklimmen müſſen, um von der Höhe derſelben eine Ausſicht zu erlangen auf das weite, herrliche Rheinthal; doch waren die Fluthen jenes klaren Bergwaſſers, von dem wir vorhin ſprachen, ſeit Jahrtauſenden geſchäftig, im Herabſtürzen von jenem Berg⸗ gelände dort eine tiefe Schlucht einzureißen, Höhlen aufzudecken, prachtvoll geformte Felſen abzuſpülen und ſo eine Felſenſchlucht zu erſchaffen, die wir ſanft aufwärts ſteigen können und in der wir faſt bei jedem Schritte verwundert ſtehen bleiben möchten, um die Schönheiten dieſer ungeahnten wilden Natur recht in uns aufnehmen zu können. Heute noch wie vor vielen Tauſend Jahren fließt das ſchäumende, brauſende Bergwaſſer durch dieſes enge Thal, hier auf einer ebeneren Stelle leiſe murmelnd über breite, glatte Kieſel hin⸗ weg, dann einen gewaltigen Abhang hinabjagend, aufs Neue und toller brauſend und ſchäumend, wild und trotzig. Rieſenhafte Fels⸗ wände ragen zu beiden Seiten empor und zeigen uns ſeltſame Vor⸗ ſprünge, Schluchten und Höhen, welche die Poeſie des Volkes mit den verſchiedenartigſten Namen belegt hat: dort iſt die Engels⸗ und die Teufelskammer, die Wolfsgrube und der Rabenſtein, die Neander⸗ höhle und der Neanderſtuhl— letzterer eine Felsſpitze, auf der vor zweihundert Jahren ein deutſcher Dichter häufig ruhte und, begeiſtert von der großartigen Natur, Lieder zum Lobe Gottes dichtete. Von der höchſten Spitze der Felſen, wo noch mächtige Eichen und Buchen wachſen, bis Ihe ins Thal hinab ſind die Steinwände maleriſch unterbrochen und berziert mit einzelnen Baumrieſen, mit Sträuchern, welche freundlich herabnicken, mit Blumen, mit Gräſern und Mooſen, und dabei welche Abwechslung in der Vegetation der nördlichen und der ſüdlichen Felswand: hier der heiße Sonnenſtrahl, dort ewiger Schatten! So nahe bei einer größeren Stadt gelegen, wo zahlreiche Künſtler häufig darauf angewieſen ſind, der Natur ihre verborgenen 10 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Schönheiten abzulauſchen und auf ihre Art zu verwerthen, wird man durchaus nicht erſtaunt ſein, hier in dieſer prachtvollen Schlucht neben dem Geſange der Vögel und dem Geſchrei eines langſam kreiſenden Raubvogels einen friſchen Jodler zu vernehmen, oder ein luſtiges Lied, an den Felswänden wiederhallend. Aufwärts blickend, ſieht man ſie dann ſitzen, die emfigen Zeichner, auf dem kleinen Feldſtuhle, das Skizzenbuch auf den Knieen, den zugeſpitzten Hut auf dem Kopfe, oft im Schatten eines koloſſalen Sonnenſchirmes eine ſeltſam geformte Klippe, eine maleriſche Felsſchlucht oder einen alten, knorrigen Baumſtamm copirend, dabei luſtig und guter Dinge einander zurufend und mit lauter Stimme von einer Spitze zur anderen Bemerkungen austauſchend. An dem ſchönen Herbſttage, von dem wir eben reden wollen, war das ‚Geſteins⸗, wie dieſe Gegend im Munde des Volkes heißt, nicht belebt in der eben erwähnten Art, denn die Beiden, welche wir hier gewahren, übertönten weder durch lauten Ruf noch durch Geſang das einförmige Brauſen des Waſſers. Der Eine ſaß zeich⸗ nend ziemlich hoch über dem ſchäumenden Bache auf einer Felſen⸗ ſpitze, während der Andere an den Ufern deſſelben ſtand, und zwar an einer Stelle, wo die klare Fluth weniger raſch dahinſchoß. Letzterer hatte einen jener zierlichen und complicirten Angel⸗ ſtöcke in der Hand, wie ſie von England zu uns herüber kommen, während neben ihm auf einem bemoosten Steine ein kleines Etui lag mit jenen künſtlich gemachten Inſarten, welche für die arme Forelle verführeriſcher erſcheinen, ourme wirkliche Fliege; eine größere Lachsforelle, blau und roth geneirt, ſowie ein paar kleine Steinforellen mit dunklem Rücken lagen ſchon als Opfer neben der argliſtigen Lockſpeiſe. Die ſchlanke Geſtalt Lytton's, denn er war es, welcher den Angelſtock in der Hand hielt, erhob ſich jetzt mit einer kaum merk⸗ lichen Bewegung elaſtiſch auf die Fußſpitzen, während er mit vor⸗ geſtrecktem Halſe ſcharf in das Waſſer hinabſchaute; dann löste er Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht. 11 das kleine Rad am Griffe des Angelſtockes, ſo die Schnur verlängernd, worauf denn die kleine, farbige Fliege dicht über der Spitze des Stahlhakens luſtig tanzend auf dem glänzenden Waſſer dahin zu ſchweben ſchien— doch nur noch einen Augenblick, denn mit Einem Male verſchwand ſie unter dem Waſſer, die Angelſchnur wurde ſo heftig angezogen, daß ſich das ſchlanke Ende des Stockes ſcharf herabbog, und darauf zeigte ſich im Waſſer eine ſprudelnde, kreis⸗ förmige Bewegung mit ſilberglitzernden Puncten. „Halloh,“ rief jetzt der glückliche Angler, aufwärts ſchauend, „unſer Diner für heute iſt nun glänzend bei einander, und Du wirſt nicht wieder ſagen können, ich vertrödle unnütz meine Zeit!“— Damit ſtieß er den Angelſtock, der unten eine ſcharfe eiſerne Spitze hatte, feſt neben ſich in den Boden, zog die Schnur durch Um⸗ drehung des Rades behutſam an ſich und hob dann vermittelſt eines kleinen Netzes eine zweite und noch ſchönere Lachsforelle aus dem Waſſer. Ohne eine Antwort abzuwarten, welche auch nicht erfolgte, pfiff er alsdann leiſe eine Weiſe vor ſich hin, packte ſein Angel⸗ geräth ſorgfältig zuſammen, und es war dieſes ſo vortrefflich ein⸗ gerichtet, daß Köder und Schnur mit der Maſchinerie derſelben zum Aufwickeln in ein kleines Täſchchen ging, welches er um die Schultern hangen hatte, und daß der ſehr lange Angelſtock ſich zu einem Spazirſtocke zuſammenſchieben ließ. Dann ſchnitt er eine kleine Weidenruthe ab, drehte ſie ſtrickartig zuſammen und befeſtigte ſeine Jagdbeute daran, miohe er alsdann in die klare Fluth des Baches verſenkte, um ſie ſoulr mitzunehmen. Nachdem dies Alles geſchehen, ſtieg er langſam aufwärts bis zu der Stelle, wo ſein Freund ſaß, ſtreckte ſich neben dieſem behaglich ins Moos und blickte auf die Zeichnung, mit welcher Olfers gerade beſchäftigt war. „Nun,“ fragte der Letztere, nachdem ſie längere Zeit neben einander geſeſſen, mit einem lächelnden Seitenblicke,„haſt Du bald genug ausgeruht von Deinen Mühen um die edle Fiſcherei, —᷑—᷑—᷑—᷑—ᷣ—Oñ— N 12 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. oder willſt Du heute Dein Skizzenbuch wieder nicht zur Hand nehmen?“ Lytton hatte ſich lang ausgeſtreckt auf den Bergabhang nieder⸗ gelaſſen und beide Hände unter ſeinen Kopf gelegt.—„Ich weiß nicht,“ ſagte er nach einer Pauſe, den Himmel betrachtend,„woher es kommt, daß ich ſo gar keine Luſt habe, etwas zu zeichnen, und ich hatte mir doch vorgenommen, eine tüchtige Ausbeute mit nach Hauſe zu bringen— ich glaube, ich hätte die Angelgeräthſchaften zu Hauſe laſſen ſollen!“ „Der Anſicht bin ich auch: es geht Dir wie dem Löwen, nachdem er einmal Blut geleckt— ehrlich geſagt, ich verſtehe es nicht, wie man im Stande iſt, ſo ausdauernd, ſo mühevoll, ja, ſo mit Anſtrengung nichts zu thun!“ „Nachher im Gaſthofe, wenn man Dir meine wunderbaren Forellen auftiſcht, wirſt Du nicht mehr der Anſicht ſein, ich hätte meine Zeit vertrödelt— da Du kein Angler biſt, kannſt Du auch nicht darüber urtheilen; verzeihe mir— o, es iſt ein großer Unter⸗ ſchied, an irgend einem trüben Waſſer zu ſtehen und aufs Gerathe⸗ wohl die Angelſchnur hineinzuwerfen, oder eine dieſer glänzenden, beweglichen und eleganten Forellen, die Du im klaren Waſſer ſtehen ſiehſt, förmlich zu überliſten— und genieße ich dabei weniger die herrliche Natur um mich her? Gewiß nicht, Jeder beutet ſie auf ſeine Art aus: Du bringſt wundervolle Zeichnungen mit nach Hauſe, ich ganz vortreffliche Fiſche— ich darf ihnen dieſes Bei⸗ wort geben, da ich ſie nicht ſelbſt erſchaffen habe.“ „Und macht Dir Dein Gewiſſen keine Vorwürfe, daß Du ſo Deine Zeit vergeudeſt?“ „Ehrlich geſagt: nein— iſt mein Zeichnen und Malen doch nur Nebenſache!“ „Aber wenn man ein ſolches Talent hat wie Du, ſo ſoll man es ausbilden!“ „Ja, wenn mein Talent bedeutend genug wäre, um ſpäter 2 Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht. 13 in der Kunſt etwas ganz Außerordentliches leiſten zu können! Für das, was ich ſpäter in dieſem Fache gebrauche, darf ich mir wohl erlauben, meine Herbſtferien hier in dieſem wunderbaren Thale vollſtändig zu genießen, und müßig gehe ich ja trotz alledem nicht!“ „Nein, Du fängſt Fiſche.“ „Nur als Nebenbeſchäftigung; hauptſächlich aber vervollkommne ich mich in der deutſchen Sprache und treibe Poeſie.“ „Ah, Du treibſt Poeſie?“ entgegnete Olfers lachend.„Nun, wie Du das anfängſt, möchte ich wiſſen oder wenigſtens ein Product Deiner poetiſchen Beſtrebungen ſehen!“ „Ich treibe Poeſie, indem ich dieſe herrliche Natur betrachte und in mich aufnehme; ich könnte ſagen, es iſt eine Art maleriſcher Poeſie, der ich mich nirgends mit ſo gutem Erfolge hingeben kann, als gerade hier. Schau' dort um Dich her, iſt nicht Alles, was Du ſiehſt, maleriſche Poeſie oder poetiſche Malerei?“ „Ja, Du haſt Recht, eine Fülle unendlicher Poeſie „Blicke hinab auf das Waſſer des Baches, wie ſeine klaren Fluthen leuchten, obgleich er tief im Schatten dahinfließt; betrachte die Sträucher mit ihren hier grünen, dort ſchon buntfarbigen Blättern, mit ihren dunkelblauen und hochrothen Beeren; ſchau' dazwiſchen die feinen Gräſer und die beiden moosbedeckten Steine — gibt es eine prächtigere und wirkſamere Ufereinfaſſung, könnteſt Du etwas Schöneres und Zuſammenſtimmenderes componiren?“ „Ich gewiß nicht!“ „Und auch ſonſt Niemand!— Ach, wie ſich dieſe Felſen, ſo willkürlich uns ihre Formen auch erſcheinen, doch ſo planmäßig und majeſtätiſch aufbauen, und wie wohlthuend, wie ſtolz ihre helle Farbe leuchtet, umſäumt von dunklem Grün! Und weiter oben die mächtigen Stämme der uralten Eichen und Buchen mit ihren lang ausgeſtreckten Aeſten, ſo ein Schattendach bildend über die enge Schlucht herüber— verzeihſt Du mir nun, daß ich ſonſt nichts thue, um mich in derartiger Poeſie zu ergehen?“ 14 14 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Gewiß, ich finde es ſogar für mich anregend, und mein Bleiſtift bewegt ſich raſcher auf dem Papier, wenn ich Dich ſo ſchwärmen höre.“ „Und ich habe dadurch mehr Ausbeute, als wenn ich ein Dutzend vielleicht mittelmäßiger Zeichnungen mit nach Hauſe brächte; ja, wenn ich das aufs Papier werfen könnte, wie ich es vor mir ſehe, oder vielmehr wie ich es mit meinen Gedanken zu erfaſſen vermag oder zuſammenſtellen kann, oder aus dem allgemeinen Ganzen herausnehmen— Alles, was Du rings um Dich ſiehſt, iſt es nicht wunderbar ſchön? Nicht nur dieſes große Stück Land⸗ ſchaft, das da vor uns in ſo breiten Strichen angelegt iſt, dieſe herrliche Schlucht mit ihrem leuchtenden Waſſer, mit ihren pracht⸗ vollen Felsmaſſen, mit den Baumrieſen hoch auf der Höhe und mit dem dunkelblauen Stück Himmel, das wir über alles dies aus⸗ geſpannt ſehen, ſondern irgend eine Kleinigkeit aus dieſem koloſſalen Reichthume— ſieh' dieſe halbverwitterte, kleine Steinmaſſe, die ich mit der Hand berühre, betrachte ſie genau, mit dem tiefen Ver⸗ ſtändniß, womit Du Alles anſchaueſt, und geſtehe mir, daß eben dieſe Steinmaſſe ſo reizend und herrlich ausgeputzt iſt, daß nian laut aufſchreien möchte vor Freude.— Sieh', wie naſeweis das ſo zierliche Moos hier aus der Spalte hervorlugt, die einförmige Fläche unterbrechend, während dort unten das rankende Epheu den Block zu drei Vierteln umgibt, wie eine goldene Einfaſſung den Edelſtein, und damit es dieſer Einfaſſung nichz an reicher Mannig⸗ faltigkeit fehle, ſo iſt ſie unten eingeſäumt mit rothblühenden Eriken und dem anderen Pflänzchen mit gelben Blumen, deſſen Namefl. ich nicht weiß, da ich leider kein Botaniker bin; auch eine Unteylage fehlt meinem koſtbaren Steine nicht— iſt's doch gerade, als habe das hellgrün ſchimmernde Moos ſich hier abſichtlich handdick angeſetzt, damit der Felſen weich ruhe, und als ſeien gerade an dieſer Stelle die ſchwanken, zierlichen Gräſer ſo hoch aufgeſchoſſen, um ihm, wenn der Nachtwind durch die Schlucht zieht, leiſe flüſternd ein Schlummerlied zu ſingen!“ ————— Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht. 15 „Vortrefflich!“ ſagte Olfers,„ich werde Dir den kleinen Felsblock zeichnen, und Du ſollſt mir Deine Poeſie darunter ſchrei⸗ ben— willſt Du?“ „Leider bin ich nur ein armer Improviſator, dem die beſten Gedanken entfliehen, ſowie er die Feder ins Dintenfaß taucht.“ „Verſuch's immerhin, es wird mir in ſpäteren Zeiten beſonders für dieſe Tage eine liebe Erinnerung ſein.“ „Sprich mir nicht von ſpäteren Zeiten, das klingt mir gerade wie Trennung von Dir, und ein ſolcher Gedanke hat etwas zu Trauriges für mich— s iſt gar nicht möglich!“ „Es iſt möglich— es wird ſo kommen— und man muß ſich an dieſen Gedanken gewöhnen!“ „Das iſt nicht meine Anſicht; ſoll Unangenehmes, Trauriges über uns kommen, ſo mag es plötzlich erſcheinen, wann es Luſt hat; aber ich bin nicht geſonnen, dem Leid, welches in mein Herz einziehen will, ſchon im Voraus eine melancholiſche Unterlage zu bereiten.“ 4— „Haſt Du Briefe aus England?“ fragte Roderich nach einer Pauſe, wie um das Geſprächsthema zu ändern. 6 „Ja, es geht Alles gut auf gytton Hall;„mein Großvater, der Right honorable Lord, beſchäftigt ſich abwechſelnd mit ſeiner Gicht und ſeiner Jagd, wenn er gicht gerade einer Parlaments⸗ ſitzung beiwohnt, und die Briefe meines Vaters werden ihren Bei⸗ geſchmack von Mißvergnügen, ja, Kummer nicht verlieren darüber, daß er zufällig der Zweitgeborene iſt; doch Gott ſei Dank bin ich nicht ſo ehrgeizig, um ſeinen Kummer zu theilen! Daß meine Schweſter Alice heirathen wird, habe ich Dir ſchon geſagt— ein freudiges Ereigniß, denn ſie liebt ihren Bräutigam von Herzen und macht eine ausgezeichnete Partie, wie man das ſo zu nennen pflegt. Für mich hat die bevorſtehende Hochzeit das nicht gekade Angenehme, daß ich mich zu derſelben nach London verfügen muß, und ich fürchte alsdann, mein verehrungswürdiger Vater könnte es für 16 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. nützlich finden, mich anderswo hin zu dirigiren, anſtatt mir die Rückkehr hieher zu befehlen.“ „Und Dein Vater hätte nicht ganz Unrecht, Alfred; Deinen Zweck, Dich in der deutſchen Sprache zu vervollkommnen, haſt Du erreicht.“ „Ja, durch Deinen Umgang, auf die angenehmſte Art und ohne den Lehrer zu langweilen oder mich von ihm langweilen zu laſſen.— Warum ſagteſt Du vorhin, mein Vater habe Recht, mir die Rückkehr hieher nicht mehr zu erlauben?“ fragte er nach einer Pauſe, indem er ſich plötzlich aufrichtete. „Nun, weil Du felbſt in einer andern Abſicht hieher kamſt, als nur eine Künſtlerlaufbahn einzuſchlagen.“ „Wozu ich nicht genug Talent beſitze— leider weiß ich das!“ „Nun, da Du geſcheit genug biſt, das einzuſehen, ſo brauchſt Du nicht zu ſagen: leider weiß ich das!“ „Du gibſt mir vollkommen Recht?“ „Worin?“ „Daß ich die Kunſt nur als Dilettant betreibe?“ „Gewiß, bei Deinem Verſtande und Deinem Ehrgeize. Zu etwas Großem, zu etwas ganz Außerordentlichem würdeſt Du es doch nicht bringen, und ein mittelmäßiger Künſtler zu bleiben, müßte Dich unglücklich machen.“ „Ja, ja,“ pflichtete der Andere mit einem leichten Seufzer bei, „und das iſt es ja gerade, warum ich nicht gern nach Hauſe gehe; ich werde meinem Vater keine überzeugenden Gründe entgegenſetzen können, wenn er mich anderswo hinſchickt— doch fort mit dieſem Geſpräche von Abſchied und Trennung!“ rief er aufſpringend und ſetzte, die Arme ausbreitend, hinzu:„Laß uns lieber dieſen pracht⸗ vollen, herrlichen Herbſttag vollkommen genießen, indem wir in den unausſprechlichen Schönheiten ſchwelgen, welche uns umgeben— ſchließe Dein Skizzenbuch, Roderich— komm, laß uns eine Wan⸗ derung auf die Höhe machen.“ Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht. 17 „Meinetwegen denn,“ ſagte der Andere, wobei er ſich zurück⸗ bog, um das Blatt, an dem er eben gezeichnet, aus einiger Ent⸗ fernung zu betrachten;„ich bin auch gerade ſo ziemlich fertig geworden, und was da noch fehlt, kann ich, wenn ich will, zu Hauſe nachholen.“ „Ein ſchönes Blatt,“ meinte Lytton, die Zeichnung betrachtend; „Du haſt aber etwas dazu componirt; denn ſo furchtbar wirr und dabei majeſtätiſch erſcheint die Kluft doch nicht.“ „Wollte ich doch auch keine Anſicht derſelben machen, ſondern ich zeichnete nur etwas zuſammen, was ich irgendwo werde gebrauchen können.— Aber nun komm, Dein Vorſchlag iſt vortrefflich; wir wollen aufwärts ſteigen, um bei vollem Sonnenlichte noch einen Blick auf das Rheinthal zu werfen. Wie iſt's mit der Ausbeute Deiner Fiſcherei?“ fragte Roderich aufſtehend. „Ich habe ſie drunten im Kühlen verwahrt, bis wir ſpäter wieder vorbeikommen.“ Damit warf er ſeine kleine Taſche über die Schulter, der Andere nahm ſein Skizzenbuch unter den Arm, und ſo gingen ſie aufwärts, dem herabbrauſenden Bache entgegen. Eine gute halbe Stunde ſtiegen ſie empor in der gleichen wilden, maleriſchen Natur, immer durch die Felsſchlucht, faſt be⸗ ſtändig am Ufer der klaren Düſſel, ſchweigend, betrachtend, denn wohin ſie ihren Blick wandten, die intereſſanteſten Felsformen, die mannigfaltigſte und herrlichſte Vegetation. Iſt es hier doch gerade ſo, als habe die Natur auf den verſchiedenen Felſenabſtufungen Alles bereit gelegt, um das Auge des Malers zu erfreuen und die Hand des Botanikers zu beglücken! Von der kräftigen Eiche an, die hoch oben emporgewachſen in klaffenden Spalten des Geſteines ſtand, vom dichten Geſträuche, das bedeckt iſt mit Beeren in allen Farben und wieder ſchützend ragt über der röthlichen Erika, ſehen wir Hunderte von Pflanzenarten maleriſch die Felſen bekränzen: Hackländer's Werke. 54. Bd. 2 18 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. die ſaftige Wolfsmilch, den zierlichen Schierling, den duftenden Thymian, den Stechapfel, Veilchen und Waldmeiſter, kryptogamiſche Pflänzchen an den ſchroffen Wänden, die uns von fern wie Riſſe und Schatten erſcheinen, bis tief hinab, wo an den feuchten Ufern des Baches die breitblätterige Brunnenkreſſe wächst und wo wir neben dem lieblich blühenden Vergißmeinnicht die ſchöne, anlockende Beere der giftigen Belladonna ſehen. Nach langſamem Aufwärtsſteigen blieb Roderich jetzt einen Augenblick ſtehen und ſagte, auf einen kleinen Fleck zeigend, wo junge Tannen emporwuchſen:„Wie wahr iſt es doch, was Du vorhin ſprachſt, daß Alles, was uns in der Natur entgegentritt, maleriſch und voll Poeſie iſt!“ „Ja, man muß es nur zu finden wiſſen und die ſtumme Sprache der Pflanzen und des Steines verſtehen— und wir beide kennen das, nicht wahr, Roderich?“ „Gewiß, mein Freund.“ „Deßhalb iſt es mir auch ein ſo unausſprechliches Vergnügen, mit Dir durch Feld und Wald zu wandern.“ „So ſieh' denn hier die kleinen Tannen an,— es ſind noch wahre Säuglinge gegenüber ihren Eltern und Voreltern dort auf der Höhe. Sie ſcheinen hieher auf dieſen beſſeren Boden in Koſt und Wohnung gethan worden zu ſein— nun betrachte einmal zwiſchen ihnen dieſe langaufgeſchoſſenen, dürren Gräſer, die ſo pedan⸗ tiſch mit ihren hohlen Köpfen ſchütteln oder ſich beiſtimmend auf und ab neigen. Iſt es nicht gerade ſo, als ſeien ſie den kleinen Tannen zur Aufſicht dahin geſetzt, als ſeien dieſe ſteifen, dürren Demoiſelles die Lehrerinnen dieſer friſchen, luſtigen Waldkinder?“ „Ja, ja,“ lachte Lytton,„ſchau nur, wie gravitätiſch ſie ſich verbeugen und ſich bedanken für das Compliment, welches wir ihnen ſo eben gemacht; aber da habe ich noch etwas Prächtigeres für Dich. Schau Dir dort jene herrliche Nadelholz⸗Cultur an, von ſo tief⸗ grüner und zarter Farbe, daß es Dir zwiſchen den hellgrauen Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht. 19 Felſen faſt zu dunkel erſcheint; zwiſchen ihnen hoch empor ragt eine einzige Birke mit ihrem weißen, glänzenden Stamme.“ „Gewiß— ſehr ſchön! Sie erſcheint in ihren goldgelben Blättern wie ein flammender Buſch, wie ein Leuchtzeichen, im Sonnenglanze wie wirkliches Feuer, gewiß weithin ſichtbar.“ Die beiden Freunde hatten in Kurzem die Höhe zwiſchen der Düſſel und dem Meittmanner Bache erklommen, eine ſchauerlich wilde Gegend, deren Höhe durch die ſie umgebenden Felſenſpitzen ein kleines Thal bildet. Und nicht nur der Zufall allein hatte dem kleinen Thale dieſe Geſtalt gegeben; Erdwälle und Reſte von Mauern, die man zwiſchen den aufſtrebenden Steinen bemerkt, ſind von Men⸗ ſchenhänden erbaut. Hier oben wachſen Eichen, welche Jahrhunderte geſehen und daſelbſt mit ihren Wurzeln die Urfelſen erfaßt wie auch das Mauerwerk durchſchlungen haben, von dem wir eben ſprachen: es iſt uns dies der beſte Beweis von dem hohen Alter des letzteren. „Wäre ich Archäologe,“ ſagte Roderich, indem ſie das Thal durchſchritten, um den ſüdlichen Rand desſelben zu erſteigen,„ſo würde es mir ein großes Vergnügen machen, hier die ſorgfältigſte Nachforſchung anzuſtellen, um vielleicht doch zu erfahren, ob hier unſere deutſchen Vorfahren mit den Römern kämpften oder ob Witte⸗ kind hier oben im unwegſamen Urwalde ſeine Penaten vertheidigte, oder ob, wie man annimmt, die Hunnen des Attila die damaligen Bewohner des Landes zwangen, hier im einſamen Walde eine Zu⸗ fluchtsſtätte zu ſuchen.“ „Läßt ſich aus dem Namen dieſer Höhe nichts errathen?“ „Schon die Benennung Hunns⸗ oder Hunnenklippe ſpricht für meine zuletzt ausgeſprochene Anſicht. Dort oben,“ fuhr er, auf den Wald am nördlichen Gebirgsabhange zeigend, fort,„haben wir das Jammerthal, welches unbedingt eine traurige Fortſetzung der Ge⸗ ſchichte dieſes Felskeſſels iſt.“. „Du ſprachſt vorhin den Wunſch aus,“ meinte der Engländer, 20 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. weiter ſchreitend,„dieſe Gegend erforſchen zu nnen; Sau ein guter Wunſch, doch bin ich überzeugt, daß dies in nicht gar zu langer Zeit auf die praktiſchſte und gründlichſte Art geſchehen wird. Ich kenne einen Archäologen, der damit umzuſpringen verſteht; ſeine Vorfahren ſind Landsleute von mir,“ ſetzte er lachend hinzu,„und er heißt mit ſeinem Familiennamen Eiſenbahn⸗Ingenieur. Ich möchte jede Wette machen, daß es nicht zehn Jahre dauern wird, und es werden durch Einſchnitte, die man durch dieſe Berge macht, und durch Tunnels, welche man durch dieſe Felſen treibt, auch die Geheimniſſe dieſes Bodens blosgelegt.“ „Leider— und wir werden alsdann keine Zeit mehr finden, tagelang in dieſer herrlichen Felsſchlucht zu verweilen, ſo anregend, ſo erfriſchend, ſo genußreich, wie wir es jetzt thun; wir werden durch das keuchende Ungethüm Dampfwagen durchgeriſſen werden, das Reiſebuch in der Hand, in dem wir nachleſen können, hier habe es einſtens ein ſtilles, prachtvolles, maleriſches Thal gegeben.“ „Und einen berühmten Maler, der es mit ſeinem unberühmten Freunde beſucht,“ lachte Lytton und ſetzte hinzu, indem er ſeinen Hut luſtig über dem Kopfe ſchwang:„Doch was kümmert mich heute die Zukunft, wir wollen der Gegenwart leben!“ „Ja, ja, wenn man auch nur mit der Vergangenheit ſo raſch fertig werden könnte!“ meinte Roderich ernſt. „Verſuchen wir es mit einem untrüglichen Mittel: dort oben ſehe ich einen Felsblock wie für uns zu einer Bank hergerichtet; da wollen wir uns lagern, hinaus in die Gegend ſchauen und eine gute Cigarre rauchen. Ich erinnere mich eines Bildes, wo ein Araber, auf einer Felsſpitze ſtehend und den Aufgang der Sonne begrüßend, ihr als Morgenopfer den bläulichen, gekräuſelten Rauch aus ſeiner Pfeiſe darbringt— den Mann habe ich immer beneidet.“ Der Felsblock, von dem der Engländer geſprochen, erwies ſich in der That als einen behaglichen Sitz; auch glühten im nächſten Augenblicke ein paar ausgezeichnete Cigarren, und welche Ausſicht —, 4„ Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht. 21 hatte man von da oben! Zur Linken die Rheinebene mit dem Schlangenlaufe des majeſtätiſchen Stromes, deſſen Waſſer hier dun⸗ kel beſchattet iſt, dort ſpiegelhell aus dem grünen Thale hervor⸗ blinkt. An ſeinen Ufern Dörfer und Städte. Am vorderen Rande ausgedehnte, goldgelbe Fruchtfelder, während ſich an der rückwärts liegenden Gränze derſelben ſanfte Anhöhen erheben, Weinberge mit jetzt noch dunkelgrünem Laube, welche ſcheinbar anſteigen bis zu den Gebirgen der Eifel und der Maas. Und gerade vor uns im bläu⸗ lichen Sonnenduft, umgeben von einem unermeßlichen, leicht wogen⸗ den, hell leuchtenden Getreidemeere, aus welchem hervor, von hier aus am ſichtbarſten, der ſilberne Strom blitzt— und wie in einer rieſigen Fruchtſchale gelegen, das alte, heilige Köln mit ſeinen Hunderten von Thürmen und mit ſeinem maſſiven Dome, der wie ein eigenthümlich geformter Fels über die weitgedehnte Häuſermaſſe emporragt. Und wenn wir unſern Blick nun höher hinauf erheben, ſo haben wir die lieblichſten Punkte des majeſtätiſchen Rheinthales vor uns, die ſieben Berge wie blaue Wolken, Rolandseck und die ganze Gebirgskette bis zu dem freundlichen Bonn. „Ich weiß nicht,“ ſagte Olfers nach einer Pauſe,„ſo oft ich ¹ das Siebengebirge betrachte, kommt eine unendliche Reiſeluſt über mich; ich ſehe alsdann den grünweißen Dampfer ſo lebhaft vor mir, auf deſſen Verdeck ich mich befinde, aufwärts fahren, dem Süden zu, den gewaltigen Bergen der Schweiz entgegen, um von ihnen wieder hinabzuſteigen nach den herrlichen, milden Ebenen Italiens.“ „Das iſt wohl die Sehnſucht des Malers, die Du ja doch ſo manchmal geſtillt haſt.“ „Geſtillt nicht,“ erwiederte Roderich nachdenkend;„ich habe wohl ſchon einige Male den ſchäumenden ſüdlichen Becher an meine Lippen geſetzt, aber ehe ich einen tüchtigen Zug daraus gethan, ſtellte ich ihn wieder bei Seite als guter, bedächtiger Deutſcher.“ ——-—-—-—/„/— 22 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „So laß uns einmal zuſammen dorthin gehen; ich werde es den Meinigen zu beweiſen ſuchen, wie nothwendig für mich eine Reiſe nach Italien iſt, und auch Du biſt ja jetzt ein freier Mann.“ „Und Margarethe?“ „Ah, die Kleine ſoll uns begleiten als ein lieblicher Schutz⸗ engel, und ſie wird unſere Freundſchaft mit einem noch feſteren Bande zuſammenweben.“ „Das brauchte es wohl eigentlich bei uns nicht,“ gab Roderich zur Antwort, indem er dem Freunde die Hand reichte;„doch bin ich ſo müde vom vielen Arbeiten in der letzten Zeit, daß ich nicht einmal mit Genuß an eine größere Reiſe denken mag. Lieber möchte ich ſo mit Dir Tage, ja, Wochen und Monate lang im eigenen ſchönen Lande herumfahren; ich möchte das Kind mit ſei⸗ nem ehrlichen Gemüthe nicht gern für längere Zeit mit mir in die Fremde nehmen, und es verlaſſen könnte ich noch weniger; ſeine guten, treuen Augen feſſeln mich an die Stadt da unten ma⸗ giſch wie der Ring der Faſtrada den großen Kaiſer an ſein heimat⸗ liches Aachen.“ „Ich verſtehe Dich,“ erwiederte Lytton, der, ſich gegen Nor⸗ den wendend, ſeine Blicke hinabgeſandt hatte nach der Stadt, welche die Beiden bewohnten und deren Thürme dort am Rande des Gebirges ſichtbar waren—„iſt ſie mir doch auch faſt eine zweite Heimat geworden!“ Roderich warf noch einen flüchtigen Blick nach der Gegend, wo Lytton mit der Hand hinwies, dann wandte er ſich wieder gegen das prachtvolle Rundgemälde, das wir ſo eben zu ſchildern ver⸗ ſuchten, und ich ſagte nach einem längeren Stillſchweigen, im An⸗ ſchauen verſunken:„Ich weiß nicht, woher es kommt, daß der bunte Glanz dieſer herrlichen Gegend in mir eine faſt wehmüthige Stimmung hervorruft— eigentlich nur eine Sehnſucht, des Win⸗ ters ertödtender Hand, welche in Kurzem hier Blätter und Beeren abſtreifen wird, zu entfliehen.— Schau da oben jene Zugvögel— —— —— Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht. 23 o, wer mit ihnen ziehen könnte, von einer Bergſpitze zur andern, immer weiter und weiter, der Sonne nach—— O, daß kein Flügel mich vom Boden hebt, Ihr nach und immer nach zu ſtreben! Ich ſäh' im ewigen Abendſtrahl Die ſtille Welt zu meinen Füßen, Entzündet alle Höh'n, beruhigt jedes Thal, Den Silberbach in goldne Ströme fließen. Nicht hemmte dann den göttergleichen Lauf Der wilde Berg mit allen ſeinen Schluchten; Schon thut das Meer ſich mit erwärmten Buchten Vor den erſtaunten Augen auf. Doch ſcheint die Göttin endlich wegzuſinken; Allein der neue Trieb erwacht, Ich eile fort, ihr ew'ges Licht zu trinken, Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht, Den Himmel über mir und unter mir die Wellen, Ein ſchöner Traum, indeſſen ſie entweicht! Ach, zu des Geiſtes Flügeln wird ſo leicht Kein körperlicher Flügel ſich geſellen! Doch iſt es Jedem eingeboren, Daß ſein Gefühl hinauf und vorwärts dringt, Wenn über uns, im blauen Raum verloren, Ihr ſchmetternd Lied die Lerche ſingt, Wenn über ſchroffen Fichtenhöhen Der Adler ausgebreitet ſchwebt Und üÜber Flächen, über Seeen Der Kranich nach der Heimath ſtrebt.“ — —— — „Welch wunderbare Poeſie,“ ſagte Lytton, der, auf Roderich's Schulter geſtützt, lange ſchweigſam neben ihm ſtand und die Blicke ſchweifen ließ auf das herrliche Rundgemälde zu ihren Füßen— „welch' wunderbare Poeſie— wir haben doch in der Art nichts Aehnliches!— Doch laß uns zurückkehren, die langen Schatten, welche Bäume und Felſen gegen uns werfen, mahnen uns an den hereinbrechenden Abend.“ —— 24 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. 3 „Wir machen den gleichen Weg ins Thal hinab?“ fragte Roderich. 3 „Ei, das will ich meinen, ich werde doch meine Jagdbeute nicht im Stiche laſſen! Auch Du würdeſt es mir wenig Dank wiſſen, denn trotz der Poeſie unſeres Spazierganges wirſt Du Dich nach einem kleinen Diner ſehnen, bei deſſen Anfertigung ich ſelbſt meine ganze Kochkunſt entwickeln werde.“ Langſam ſtiegen ſie abwärts; unten im Thale an der Stelle angekommen, wo Lytton gefiſcht, fand er ſeine Beute noch unverſehrt, gerade da, wo er ſie im Bache verborgen hatte. Roderich war einige Schritte an der Bergwand hinaufgeſtiegen, um von dem Platze, wo er vorhin geſeſſen, noch einen Blick auf die Felsmaſſe zu richten, die er aufs Papier geworfen, und ſie alsdann noch einmal mit ſeiner Zeichnung zu vergleichen. „Hollah ho!“ rief der Andere von unten herauf, um ſeine Auf⸗ merkſamkeit zu erregen.„Ich will Dir etwas ſagen: da Du mir Luſt zu haben ſcheinſt, nochmals jene allerdings maleriſche Stein⸗ gruppe vorzunehmen, ſo will ich Dich in dieſer Arbeit nicht ſtören, vielmehr vorauseilen und unſer Diner beſorgen— iſt Dir's recht?“ „Gewiß!“ entgegnete ihm Roderich, dem es erwünſcht war, ernſten Gedanken, trüben Bildern, die ſich ihm aufdrängten, nach⸗ hängen zu können, ohne geſtört zu werden. Der Blick, den er dort oben in die herrliche Natur gethan, hatte ſein Herz weit geöffnet, dasſelbe aber in Erinnerung an die letztvergangenen Tage und an die zweifelhafte Zukunft, wenn er ſeiner Häuslichkeit gedachte, trübe geſtimmt. Er hatte ſein Skizzenbuch aufgeſchlagen, blickte längere Zeit G über die Blätter hinweg, und als er ſeiner Zerſtreuung endlich inne wurde, ſchlug er das Bnch zu und begab ſich ebenfalls auf den Heimweg.. In kurzem hatte er das Ende der Schlucht erreicht, und dort. erweiterte ſich der Fußweg, um alsdann in die Straße einzubiegen, —— — — Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht. 25 welcher nach dem Dorfe Erkrath führte. Hier war noch ein reizender Punkt, wo man das freundliche Dörfchen vor ſich liegen ſah, beſonders ſchön in Abendbeleuchtung wie jetzt. Roderich hatte ſchon öfters von dieſer Stelle aus eine Zeichnung machen wollen und blieb auch jetzt wieder ſtehen, indem er im Geiſte die Gränzen zu einem kleinen Bilde beſtimmte, ja, er öffnete ſein Skizzenbuch und warf ein paar Linien auf das Papier, wobei er aufrecht ſtehen blieb. Wenige Schritte vor ihm lief die Straße gegen das Dorf zu, derer wir ſo eben erwähnten und wo Leute hin und her giengen, die er aber nicht beachtete und welche eben ſo wenig auf den un⸗ bekannten Maler Rückſicht zu nehmen ſchienen— und doch gieng jetzt eine Bäuerin vorüber, an deren Seite ſich eine andere Frau befand, welche beim Anblicke Roderich's eine faſt ungeſtüme Bewe⸗ gung machte und ihren Kopf plötzlich rückwärts wandte. Dieſe Bewegung konnte ihm nicht entgehen, ja, ſie beſchäftigte ihn mit Einem Male ſo ausſchließlich, daß er Hand und Skizzen⸗ buch herabſinken ließ und haſtig einige Schritte vorwärts machte; dann blieb er aber eben ſo raſch wieder ſtehen und blickte mit Ver⸗ wunderung und Staunen auf eine Dritte, welche, den Anderen folgend, vorübergieng, eine Geſtalt, welche er augenblicklich erkannte, ein ernſtes Geſicht mit großen, glänzenden Augen, die ihn befremdet, faſt traurig anſchauten. „Conchitta!“ Sie war es, und er ſprach ihren Namen laut genug aus, daß ſie ihn hätte vernehmen können, ſich umſchauen müſſen und ſtehen bleiben. Da ging ſie ruhig ihres Weges weiter, nicht raſcher, nicht langſamer, nach einem leichten Kopfnicken. Roderich brauchte ſich übrigens nicht ſehr zu beeilen, um mit wenigen ſeiner größeren Schritte an Conchittas Seite zu ſein. „Wie ich überraſcht bin, Sie hier zu ſehen, Conchitta,“ ſagte er mit bewegter Stimme,„o, ſo freudig überraſcht— hatte ich doch keine Ahnung davon, daß Sie hieher gegangen ſeien!“ 26 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Auch ich hätte nicht erwartet, Sie hier zu finden, Herr Olfers, ſonſt...“ 3 Da ſie dieſen Satz nicht vollendete, ſo that dies der Maler mit einem gezwungenen Lachen, indem er ſagte:„Sonſt würden Sie ſich wahrſcheinlich gehütet haben, hieher zu kommen; es gehört nämlich nicht viel dazu, dieſen Gedanken zu errathen, er paßt ſo ganz zu der Vernachläſſigung, die ich in neuerer Zeit von Ihnen erfahren— ach, eine Vernachläſſigung, die mich ſchmerzlich berührte! Wir haben ſo ſehnlichſt gewünſcht, Sie noch bei uns zu ſehen, ich und meine kleine Margarethe.. „Ach ja— Margarethe,“ erwiederte das junge Mädchen, ihre Stimme ſchmerzlich erhebend,„o, ich habe an das Kind gedacht, viel, ſehr viel an es gedacht!“ „Und doch wäre es Ihnen ſo leicht geweſen, dieſe Gedanken in ein paar freundliche Worte zu verwandeln, was uns erfreut, glücklich gemacht hätte! O, was hätte ich darum gegeben, Conchitta, an einem gewiſſen Tage Ihre gute, ſanfte Stimme zu vernehmen!“ Die junge Spanierin machte einen raſchen Schritt, wie um von ſeiner Seite zu kommen, wobei ſie ſagte:„Dort vor uns geht Mercedes, ſie wird nicht wiſſen, wo ich bleibe.“ „O, beunruhigen Sie ſich nicht darüber,“ gab der Maler zur Antwort:„Mercedes hat ſchon ein paar Mal rückwärts geſchaut und mich gewiß erkannt; wir ſind ja alte Bekannte, ſie vergißt ihrer guten Freunde nicht ſo leicht!“— Er ſchaute ſie mit einem langen Blicke an, und als ſie, anſtatt irgend etwas zu erwiedern, vor ſich auf den Boden niederſah, fuhr er mit einer anmuthigen Bewegung fort:„Darf ich vielleicht fragen, Conchitta, ob Sie einen längeren Aufenthalt hier nehmen wollen?“ „Wir wollten ein paar Tage bleiben.“ „Ah, Sie wollten— doch jetzt wollen Sie das natürlicher Weiſe nicht mehr?“ „Das habe ich gerade nicht geſagt.“ — Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht. 27 „Es iſt dies ein ſo glücklicher und angenehmer Zufall, Con⸗ chitta,“ fuhr er mit einem herzlichen Tone fort;„erinnern Sie ſich wohl, daß wir vor längerer Zeit davon ſprachen, eine kleine Partie zu⸗ ſammen zu machen? Natürlich Sie mit Mercedes und ich mit einem Freunde. Lytton iſt bei mir, er iſt mir vorausgegangen und wird ſich unendlich freuen, Sie zu ſehen. Wir hatten es damals beſprochen, irgend etwas gemeinſchaftlich zu zeichnen, und Sie wollten alsdann Ihr Blatt nach dem meinigen corrigiren— war es nicht ſo? O, Sie müſſen ſich erinnern!“ Er ſagte das ſo mit dem Ausdrucke inniger Freude, daß ſie wohl nicht anders konnte, als langſam ihre Augen erheben und ihn einen Moment anzublicken; doch war es nicht der offene, ruhige Blick von früher; ihr Auge erſchien unſtet, verſchleiert, und ſtatt ſich deſſen, was er ſagte, mit einer heiteren Miene zu erinnern, ſah ſie ihn ernſt und trübe an, wobei ſie ihre feinen Lippen feſt auf einander preßte. „Der Zufall regiert die Welt und uns Alle,“ ſagte er hierauf mit einem angenommenen Frohſinne;„was wir ſo lange über⸗ legten, ich wenigſtens, woran ich ſo oft und ſo gern gedacht und was nie zur Ausführung kommen wollte, da gelingt es mit Einem Male, da iſt es der Zufall, welcher mir das Glück verſchafft, Sie an einem ſo wundervollen Tage, in Glanz und Sonnenſchein, in göttlicher Freiheit, umgeben von Berg und Thal wiederzuſehen— o, wie ich mich darüber freue! Laſſen Sie mich ſehen, was Sie gezeichnet haben.“ Sie reichte ihm zögernd ihr Skizzenbuch, welches er, ſtehen bleibend, öffnete und eine Partie aus der Felsſchlucht fand, die ihm bekannt war. „Das iſt der Blick aus der Neanderhöhle ins Freie,“ ſagte er —„ſehr gut, Conchitta, richtig gezeichnet und mit kräftigen Strichen behandelt. Waren Sie ſo eben dort?“ „Wir kommen gerade daher.“ 28 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Das war nun aber nicht liebenswürdig von dem eben noch ſo geprieſenen Zufalle; auch ich hatte mir heute Morgen vorge⸗ nommen, jene Anſicht zu zeichnen, blieb aber weiter unten, weil Lytton fiſchen wollte.“ Sie ſtreckte die Hand nach ihrem Buche aus, da ſich die Ent⸗ fernung zwiſchen ihr und Mercedes durch Roderich's Stehenbleiben bedeutend vergrößerte. „Wäre es nicht ſchön geweſen, wenn wir dort gemeinſchaftlich gezeichnet hätten? Es würde alsdann doch etwas in Erfüllung ge⸗ gangen ſein von jener hübſchen Idee!— Wo wohnen Sie im Dorfe?“ 3 „Wir nahmen keine Wohnung,“ erwiederte das junge Mädchen in ruhigem, feſtem Tone;„wie ich vorhin ſchon ſagte, hatten wir anfänglich wohl die Abſicht, ein paar Tage hier zu bleiben; doch meinte Mercedes, es ſei viel beſſer, Abends nach der Stadt zurück⸗ zukehren und auch ich bin vollkommen ihrer Anſicht.“ „Nur verlieren Sie dadurch den entzückenden Morgen mit ſeinem herbſtlich prächtigen Dufte,“ gab er mit großer Ruhe zur Antwort—„und auch am Abende entgeht Ihnen viel; denn während Sie im Wagen auf der ſtaubigen Chauſſee fahren, haben wir hier das Aufſteigen der Nacht in den reizendſten Abſtufungen — ah, und erſt den Waſſerfall dort drüben im Mondſcheine, man kann nichts Entzückenderes ſehen!“ Er ſprach das mit einzelnen Pauſen, während er langſam an ihrer Seite dahinging, umſonſt erwartend, daß ſie ihm irgend eine Antwort geben würde, um ein weiteres, lebhafteres Geſpräch mit ihr anzuknüpfen. Doch war ſie entſetzlich einſilbig, und alles, was er vernahm, war vielleicht ein kaum hörbares Ja oder eine zweifel⸗ hafte Zuſtimmung, indem ſie ſagte:„Ich glaube es, Herr Olfers.“ Er fühlte es dabei deutlich, wie dieſe kalte Ruhe ſein Herz ſchneller ſchlagen machte und ihm das Blut raſcher nach den Schläfen trieb; wäre ſie unbefangen geweſen, wie früher, mittheil⸗ Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht. 29 ſam, hätte mit ihm geplaudert, wie ſie es ſonſt wohl zu thun ge⸗ wohnt war, ſo würde ſich ſeine trübe Stimmung vielleicht in eine linde, wohlthuende Wehmuth verwandelt haben, und er hätte ihr offen ſein Leid geklagt, hätte ihr wie einer Freundin von den letzten traurigen Tagen erzählt und würde ſich durch ein tröſtendes Wort glücklich gefühlt haben; ſo aber wurde er durch ihre ſcheinbare Theilnahmloſigkeit, durch ihre abſtoßende Kälte tief verletzt, eine Bitter⸗ keit, welche ſeinem Herzen ſonſt fremd war, ſtieg in ihm auf und verwandelte ſich auf ſeinen Lippen in Worte, die er ſonſt gewiß nicht geſprochen hätte. „Ah,“ fragte er in einem Tone, der wie Hohn klingen ſollte, jedoch einen tiefen Schmerz nicht verkennen ließ,„Sie ziehen ſich wohl von Ihren alten Freunden zurück, Fräulein Conchitta, weil Sie neue gefunden haben, deren Umgang Ihnen paſſender, ja, lohnender erſcheint?“ „Ich weißt nicht, was Sie damit ſagen wollen.“ „Was Jedermann ſagt, was Alle ſagen, welche Sie zu kennen das Glück haben!“ „Deren Zahl iſt gering,“ erwiederte ſie mit ſanfter Stimme, „Sie wiſſen am beſten, daß ich wenige Bekannte habe— und Freunde,“ ſetzte ſie mit einem raſchen Aufblicken hinzu,„vielleicht gar keine!“ „Sie weichen mir aus,„wodurch ich am beſten fühle, wie Recht ich hatte, vorhin zu ſagen, daß Sie Ihre bewährten Freunde, ohne ſich einen Vorwurf zu machen, einer neuen, gelinde geſagt, eigenthümlichen Wendung ihres Schickſals opfern!“ „In der That, Herr Olfers, ich verſtehe Sie nicht, und Sie würden mich verpflichten, wenn Sie in offenen, deutlichen Worten, wie ich es ſonſt an Ihnen gewohnt war, zu mir reden wollten!“ „Es gibt Dinge,“ entgegnete er mit einer eigenthümlich klingenden Stimme,„die man nicht anders ſagen kann, als vor Aufregung zitternd oder indem man laut und luſtig hinauslacht!“ 30 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „So thun Sie es in der letzten Weiſe,“ erwiederte ſie ſeſt und entſchloſſen;„ich liebe es, meine Bekannten heiter zu ſehen!“ „Und Sie haben das wunderbar getroffen, von der Sache läßt ſich auch am beſten lachend ſprechen!“ „Nun denn, ſo erzählen Sie mir lachend.“ „Man ſagt, Sie ſeien im Begriffe, ſich zu vermählen.“ „Ei, man intereſſirt ſich in ſo weit für mich?“ O, man intereſſirt ſich noch mehr für Sie, man beſchäftigt ſich ſehr mit dieſer Ihrer ſonderbaren Idee, man lacht darüber, man ſpöttelt darüber, man findet es unbegreiflich— ah,“ ſetzte er hinzu, indem er ſeine Stimme gewaltſam zur Ruhe zwang,„es gibt Leute, die toll vor Vergnügen darüber werden könnten!— Aber nicht wahr, Conchitta,“ fuhr er auf einmal in ganz verändertem weichem Tone fort,„es iſt das eine Lächerlichkeit, was man ſagt, Sie haben nicht die Ambition, Madame Schmitz zu werden?“ Er legte ſeine Hand auf ihren Arm, und da er im gleichen Augenblicke ſtehen blieb, ſo ſah auch ſie ſich zum Verweilen ge⸗ zwungen. Doch wandte ſie ihr Geſicht dem Strauße von Feld⸗ und Waldblumen zu, den ſie in ihrer Hand trug, und erſt nachdem ſie ein paar Secunden ſo geſtanden und er ſeine Frage mit einer beängſtigenden Dringlichkeit wiederholt hatte, drehte ſie ihren Kopf herum und ſchaute ihn mit ihren großen, glänzenden Augen an, anfänglich nicht ernſt, nicht traurig, ſogar mit einem aufblitzenden Humor, und dabei kräuſelten ſich ihre Lippen, als wollte ſie ihm eine heitere Antwort geben; doch als ſie ſah, wie der ſonſt ſo ruhige Mann mit der feſten, ſicheren Haltung finſter, faſt drohend vor ihr ſtand und wie ſeine Lippen zuckten, da erwiederte ſie in derſelben kalten Ruhe, wie früher: „Jedermann ſucht ſein Schickſal zu verbeſſern— warum ſollte ich es nicht auch thun?“ „Ah, das iſt nicht Ihr Ernſt, Conchitta, Sie wollen ſich über — Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht. 31 mich luſtig machen, Sie ſahen, wie ſehr mich dieſe Sache angriff, und Sie trieben Ihren Scherz weiter, als Sie vieleeicht ſelbſt gewollt!“ „Man ſcherzt nicht mit ſo ernſten Dingen.“ „Gewiß nicht, oder man geſteht es gleich darauf, und nicht wahr, Sie geſtehen mir, daß Sie geſcherzt haben? Sie ſahen mich verdrießlich, traurig— ich erwähnte dieſes lächerlichen Gerüchtes in unverantwortlicher Heftigkeit, und um mich zu erheitern, zu zerſtreuen, gaben Sie mir jene beiſtimmende Antwort— gewiß nur deßhalb, Conchitta?“ fuhr er in einem leidenſchaftlichen, vor tiefer Wehmuth zitternden Tone fort.„Sie wollten mich durch dieſen Scherz erheitern, denn Sie wußten ganz genau, wie ernſt, wie traurig mich die letzten Erlebniſſe geſtimmt, Sie wußten, was mich betroffen — mein Haus iſt verödet!“ Das junge Mädchen zuckte zuſammen und wandte ſich zu raſcherem Gehen; doch legte er ſanft ihren Arm in den ſeinigen, und ſo mußte ſie ihre Schritte mäßigen. „Sie wußten, was mich betroffen?“ wiederholte er ſeine Frage, „und Sie werden es begreiflich finden, daß ich es vorzog, hier in der ſchönen Natur zu leben, als bei mir, mich vergeblich umſchauend, durch die leeren Zimmer zu ſchreiten— ich bitte Sie um Alles, was werth und heilig, beantworten Sie mir meine Frage: Sie wußten, was mich betroffen?“ „Ja, ich wußte es— o, es iſt fürchterlich, daß es dahin kommen mußte! Könnten Sie in mein Herz ſehen, Herr Olfers, o, könnten Sie es mit mir fühlen, wie tief ich dieſes entſetzliche Ereigniß beklage!“ „A— a— a-—ah! Auch Sie finden, wie dieſes Ereigniß ſo beklagenswerth für mich, für mein Kind, für mein Haus, für meine Zukunft ſei?“ „Und für Alle, die es gut mit Ihnen meinen; Sie werden doch nicht daran zweifeln, daß ich zu dieſen gehöre?“ ——x E ——.—. —— —— — —— 32 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Und Sie glaubten nicht an die Nothwendigkeit, dieſes un⸗ glücklichen Ereigniſſes, wenn wir es ſo benennen wollen!“ „Nie, nie— gewiß nicht!“ „Sie halten es nicht, wie Alles, was uns begegnet, für eine Fügung, die ſich zum Guten und Beſſeren wenden kann?“ „Ich nicht— gewiß nicht!“ „Vor Ihnen liegt alſo meine Zukunft, wenn Sie die Güte haben wollten, ſich mit derſelben einen Augenblick zu beſchäftigen, trüb und finſter, troſtlos finſter, Sie laſſen mir nicht die Hoffnung auf einen einzigen freundlichen Lichtſtrahl, auf einen Stern, der doch wieder aufſteigen könnte, um mein nächtliches Leben zu er⸗ hellen?— O, ehe Sie antworten, Conchitta, laſſen Sie mich noch zwei Worte zu Ihnen reden: Seit jenem Ereigniſſe, dachte ich wie Sie, all' die vergangenen Tage, geſtern noch, heute, die anſcheinend ſo lachende Natur hatte für mich einen Grundton von Trauer: der klare, glänzende Himmel ſchien mir umflort, wenn ich an meine Zukunft dachte— da mit Einem Male ſah ich Sie, und mit Ihnen erſchien mir ein heller, verheißender Stern!“ 4 „Nicht dieſe Worte, Herr Olfers, aus Barmherzigkeit nicht ſolche Worte!— Habe ich denn eine übermenſchliche Kraft, um das zu ertragen?“ ſetzte ſie leiſe mit ſich ſelbſt redend hinzu. „Und jetzt geben Sie mir eine Antwort auf meine Frage von früher— gibt es keine Hoffnung für mich, Conchitta?— Nicht für heute und morgen,“ fügte er haſtig bei,„nicht für die nächſten Monde, meinetwegen nicht einmal für die nächſten Jahre— gibt es keine Hoffnung für mich?“ „Keine,“ erwiederte ſie mit ruhiger, feſter Stimme, indem ſie ſanft und langſam ihren Arm aus dem ſeinigen zog. „Keine“— wiederholte er mit tonloſer Stimme—„wenn Sie das ſagen, muß es wahr ſein— alſo keine.“ Trotzdem ſie fürchtete, ihn anzuſchauen, wollte ſie ihm doch zeigen, daß ſie nach den eben ausgeſprochenen Worten keine Scheu Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht. 33 habe, ihn anzublicken; doch bemerkte ſie wohl, wie furchtbar er litt: ſeine Rechte, mit der er ſich über die Stirn ſtrich, war feucht von Schweiß. „Eine traurige Wahrheit,“ ſagte er alsdann,„iſt immer beſſer, als ein langer Zweifel— darf ich um Ihren Arm bitten, mein Fräulein, um Sie nach Hauſe zu begleiten? Seien Sie überzeugt, daß ich mit Ihnen von meiner Zukunft nicht mehr reden werde; wir wollen uns nur mit der Ihrigen beſchäftigen, und ich thue dieſes gern, indem ich mir erlaube, Ihnen aufs herzlichſte zu gratuliren.“ Während er ſo ſprach, blickte er das junge Mädchen nicht an, ſondern ſchaute an den weſtlichen Himmel, welcher ſo klar und glanzvoll erſchien und auf dem ſich alle entfernten Gegenſtände ſchwarz wie auf Goldgrund abhoben. Die Sonne war verſchwunden, und trotz des immer noch grellen Lichtes, welches über dem Hori⸗ zonte flammte, ſah man doch ſchon einen Stern ſilbern glitzernd in dem flüſſigen Golde des Abendhimmels glänzen. „Ah,“ ſagte der Maler, nach einer langen Pauſe auf den Stern Wernd,„wie denkt man dort droben milder und gütiger für mich!— Und nun reichen Sie mir Ihren Arm, Fräulein Conchitta,“ wiederholte er„ohne Sorge, ohne Unruhe, ich werde Sie nur von Dingen unterhalten, die Ihnen angenehm ſind.“ Sie legte ſchüchtern ihren Arm in den ſeinigen, ſie ging ein paar Schritte ſchweigend neben ihm her, und erſt als er mit ge⸗ waltſam angenommener Heiterkeit, ſeine Aeußerung von vorhin wiederholend, ſagte:„Gewiß, wir wollen dieſen kurzen Reſt unſeres Weges noch luſtig ſein, ich will Sie unr von Schönem und Ange⸗ nehmem unterhalten“— antwortete ſie in weicherem Tone als bisher:„Das können Sie nicht und das verlange ich auch nicht, Herr Olfers; denken Sie von dem, was die Leute ſagen, wie es Ihnen gutdünkt, halten Sie mich meinetwegen für kalt, für gefühl⸗ Hackländer's Werke. 54. Bd. 34 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. los, nur um Eines beſchwöre ich Sie, glauben Sie mir, daß die Antwort, welche ich Ihnen vorhin gab und die ich Ihnen geben mußte, von mir vollkommen überlegt war!“ „O, daran habe ich nie gezweifelt— wer würde es wagen,— Sie mit Ihrem ruhigen Gemüthe und Ihrem kalien Nachdenken einer Uebereilung anzuklagen? Ich gewiß nicht!“ „O, Herr Olfers,“ ſagte ſie mit bebender Stimme,„ſagen Sie mir nicht ſolche Worte, ſprechen Sie nicht mehr mit mir!“ „Und warum ſollte ich nicht mehr mit Ihnen ſprechen bei einer ſo paſſenden Gelegenheit, an einem ſo ſchönen Abende?“ „Weil mir der Ton Ihrer Stimme weh thut!“ „Es iſt traurig genug für mich, daß Ihnen Alles an mir mißfällt, ſogar der Ton meiner Stimme!“ „O, ſchweigen Sie— ich beſchwöre ſie bei Allem, was Ihnen heilig iſt!“ „Gut denn, ich werde Ihnen gehorchen, mein Fräulein.“ Und abermals fuhr er mit der Hand über ſeine von Schweiß befeuchtete Stirn. Conchitta fühlte an ſeinem bebenden Arme und am zitternden Klange ſeiner Stimme, wie ſchmerzlich bewegt er war, und da ſie die ruhige, feſte, ſo ſchwer aus dem Gleichgewichte zu bringende Natur wohl kannte, ſo hatte ſie das tiefſte Mitleiden mit ſeinem Zuſtande und mußte ſich daher gewaltſam zwingen, um nicht in Thränen auszubrechen, und dieſes um ſo mehr, da ſie wohl fühlte, daß ſie etwas Verſöhnliches zu ihm ſprechen mußte.—„Ich habe Sie immer für meinen Freund gehalten,“ ſagte ſie deßhalb nach 8 einer Pauſe, indem ſie ihn mit einem innigen, herzlichen Blicke anſchaute—„ich habe ſo wenig Freunde— wohl nur einen ein⸗ zigen— laſſen Sie mich meinen einzigen Freund nicht verlieren!“ „Ihren einzigen Freund? Einen Ihrer vielen Freunde, wollen Sie ſagen, und einen, deſſen Verluſt Sie bald verſchmerzen würden!“ „O, nie, nie— Roderich!“ rief ſie in leidenſchaftlichem Tone Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht. 3⁵ — es war heute zum erſten Male, daß ſie ſeinen Namen ſo ohne ohne alles Weitere ausſprach. „O Conchitta, meine geliebte Conchitta, haben Sie Mitleid mit mir!“ 3 Das junge Mädchen zuckte ſchauernd zuſammen und wandte ſich ſo raſch von ihm ab, daß ihre Hand aus ſeinem Arme glitt. „Conchitta.“ Sie ſtand einen Augenblick wie unentſchloſſen da, ja, als wollte ſie ſich gegen ihn wenden, doch nur eine Secunde, als ſie, aufſchauend, ihre Schweſter gewahrte, welche zurückgekommen war, um nach ihr zu ſehen. „Ah, Merced,“ rief ſie in einem bebenden Tone—„komm, laß uns von Herrn Olfers Abſchied nehmen, der ſo freundlich war, mich bis hieher zu geleiten!“ Worin der Abſchied beſtand, den die beiden Schweſtern von ihm nahmen, wußte er ſpäter nicht mehr ganz genau; war es doch ſo dunkel geworden in ſeinem Innern wie in der Natur, nur der glänzende Himmel ſtand noch vor ihm in all' ſeiner Pracht, und während der Stern ſeiner Hoffnung untergegangen war, ſtrahlte jener Siern am nächtlichen Himmel immer noch in unveränderter Klarheit. — „Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen!“ Der Herbſt hatte ſich aus einem ältlichen, heiteren, zierlichen, geputzten, fruchtſpendenden, Näſcherei verſchenkenden, behaglichen Junggeſellen, aus einem Lebemanne, welcher gern mit vollen Hän⸗ den ausſtreut, was gut und theuer iſt, welcher ſelbſt dann noch herzlich zu lachen pflegt, wenn man ihn auf verwelkte Blätter auf⸗ merkſam macht,— der trotzdem, daß ſein Haar ſchon bedeutend anfängt, zu ergrauen, doch gern mit jungen, hübſchen Mädchen ſchäkert, lockeren Buſentüchern gefährlich wird mit ſeinen indisereten Windſtößen, der beſonders mit dem reichlich niedergeſtreuten Thau eine wahre Perfidie treibt und junge Damen, welche an einem ſchönen herbſtlichen Morgen durch das Gras ſchreiten, nöthigt, von ihren weißen Strümpfen mehr ſehen zu laſſen, als gerade ihre Ab⸗ ſicht war,— ja, der Herbſt, jener ſchlimme Geſelle, jener Verführer von Alt und Jung, mit ſeinem ſüßen Moſt und ſeinem brauſen⸗ den, jungen Weine, den er, luſtig tänzelnd, mit einem anakreon⸗ tiſchen Lächeln auf den grell geſchminkten Wangen, in blinkender Schale, mit den letzten Roſen bekränzt, ältlichen Damen und be⸗ jahrten Herren credenzt oder auch jungen Mädchen zur Zeit der Weinleſe, daß ſie ſchelmiſch lächelnd, mit allerliebſt geröthetem Ge⸗ ſichte die friſchen, weißen Zähne zeigen und das Grübchen im Kinn STa e Ken en„ he d3 1 Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen! 37 wenn ſie ſich ſo, ſcheinbar widerſtrebend, nach irgend einer be⸗ gangenen Unthat zur Strafe dort hinter der immer noch grünlichen Weinlaube fangen laſſen— ja, dieſer Herbſt, dem wir Alle gut ſind und den wir nach dem heißen, ſtaubigen Sommer ſo gern em⸗ fangen und damit eine alte, liebe Bekanntſchaft erneuern, er hatte auch einmal wieder ausgetobt, der gute, alte Junge, und ſich nach leichtem Froſte weniger Nächte in einen grämlichen, lebensmüden, ſchwerathmenden, verdrießlichen Alten verwandelt. Vorüber war der Schimmer jener ſcheinbar zweiten Jugend, des Alte⸗Weiber⸗ Sommers mit ſeinen warmen Tagen, mit ſeinem Glanze und ſeiner Pracht, mit den letzten Schmetterlingen, den letzten Roſen und jenen weißen, leuchtenden Sonnenfäden, den Blüthen des Herbſtes. Da ſaß der alte Herbſt, verdrießlich eingehüllt in Regenmantel und Nebelſchleier, ſeit den wenigen Tagen nicht mehr zu kennen, mit feuchten Augen und Tropfen an der Naſe, mit gefurchter Stirn, Runzeln im Geſichte und eingefallenen Wangen, ein grämlicher, keifender, alter Mann, der ſich ſchauernd nach ſeinem Kaminwinkel umſieht und der auf die ganze Welt böſe iſt, weil ſie ihn nicht mehr ſchön und angenehm findet, weil er nicht mehr im Stande iſt, ihre Freuden zu theilen, und der ſeinen Arzt haßt, weil er ihn auf Flanell und Hühnerbrühe geſetzt. Und wie er jetzt murrt und ſchillt, der unausſtehliche Alte, wie er die Regenſchirme mißhandelt und Hüte, die etwas locker auf den Köpfen ſitzen, wie pöbelhaft er mit den Damen umgeht, ſeine Späſſe mit Buſentüchern und Röcken übertreibt, um auf ſolch' indiscrete Art noch ein letztes Lächeln hervorzulocken!„ Pfui, dieſer alte, häßliche Herbſt! ⸗ ree Kee ⸗ Wie freue ich mich, wenn dieſe trüben, nebeligen Regentage ein⸗ mal vorüber ſind und eine geſunde Kälte kommt! So dachten und denken Viele und ſprechen das auch wohl aus, ebenſo wie unſer Freund Walter im gemeinſchaftlichen Wohn⸗ ————— —— 38 Vierundzwanzigſtes Kapitel. zimmer des Hauſes zum Reichsapfel, wo er an einem der Fenſter ſaß und mit dem kleinen Tiſchchen, auf dem ſich ein Zeichenbrett mit einem angefangenen Aquarell befand, unmuthig hin und her rückte, wobei er finſter an den wie mit einem grauen Säleier über⸗ zogenen Himmel emporſah. „Iſt das ein Wetter,“ brummte er—„nein, ich behaupte, es iſt gar kein Wetter! Der gute Stoff an blauem Grunde iſt da oben ausgegangen, und bis ein neues Stück vom Lager herunter⸗ gegeben wird, müſſen wir uns mit dem trübſeligen Unterfutter begnügen; da mag ich meinen Tiſch rücken, wie ich will, immer habe ich falſches Licht— zu malen wäre rein unmöglich.“ Rodenberg ſaß am anderen Fenſter und zeichnete eine ſeiner kunſtvollen Compoſitionen auf Holz.„Mir geht's auch nicht beſſer,“ ſagte er,„und dabei ſchillern die Bleiſtiftſtriche wie toll auf der glatten Fläche.“ „Doch brauchſt Du Dich mit Schatten und Licht nicht ſo abzu⸗ quälen, wie ich bei dieſen verfluchten Aquarellen; ich möchte mich ſelbſt bemaulſchellen, daß ich eine ſolche Arbeit übernommen.“ „Dir ſchadet das gar nichts,“ entgegnete der Andere, ruhig fortarbeitend,„wie oft haſt Du die Naſe gerümpft über unſere kleinliche Zeichnerei, wie Du es nannteſt, und dagegen gerühmt, welche Wonne darin läge, den Pinſel zu führen mit großartiger Handbewegung— ſo ungefähr!“— Er beſchrieb lachend mit ſeinem Bleiſtifte eine große Curve in der Luft. „Ich habe Euch zeigen wollen, daß das Aquarelliren gar keine ſo große Kunſt iſt— und der Teufel ſoll die großen Bilder holen! Da malt man Jahr aus und Jahr ein, ſchickt hundert Quadratellen Leinwand auf allen Ausſtellungen herum, wird gut und ſchlecht recenſirt und kann Hungers ſterben, bis der Meſſias kommt, der uns von unſerem Bilde erlöst! Und was gut iſt, wird überhaupt nicht mehr gekauft— Alles Protection, Alles Schwindel— es iſt nie etwas Wahreres geſprochen worden, als was ich ſo oft geſagt: 0— V 882— Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen! 39 die deutſche Kunſt iſt todt, und wenn wir nicht ſo feige wären, ließen wir uns mit ihr begraben!“ „Du biſt eigentlich ein übermüthiger Kerl,“ gab ihm Roden⸗ berg nach einer Pauſe zur Antwort,„und treibſt die Malerei wie ein großer Herr, jetzt, wo das Licht nimmer ausreicht; um Dein Bild fertig zu machen, ſtellſt Du es bei Seite und läſſeſt Dich herab, für ſehr viel Geld, das man Dir bezahlt, ein Aquarell zu malen— he, Rafael,“ rief er, indem er das Geſicht der Thür zu⸗ wandie—;„für das, was man Dir bietet,“ fuhr er alsdann fort,„hätte ich ebenfalls mit großem Vergnügen ein paar wäſſerige Wolken gemalt mit der heiligen Cäcilie, nach himmliſchen Tönen lauſchend.“ „Verſucht würdeſt Du es allerdings haben, hätteſt Dich aber dabei erbärmlich blamirt— es iſt ein großer Unterſchied, das ge⸗ duldige Papier mit einem langweiligen Bleiſtifte zu mißhandeln, oder ein kleines Bild in Waſſerfarben mit Kraft und Tiefe aus⸗ zuführen, und ich hoffe, es ſoll mir gelingen,“ ſetzte er mit Stolz hinzu, indem er mit einer leichten Neigung des Kopfes ſeine Arbeit von der Seite betrachtete. „Und zu welchem Zwecke wurde das Aquarell bei Dir beſtellt?“ „Es gibt ein Titelblatt zu einem Album— weißt Du, ‚der dankbare Liederkranz ſeinem hochverehrten Capellmeiſter’, oder der⸗ gleichen— eine Weihnachtsgabe.“ „Ah, jetzt verſtehe ich erſt die lauſchende Cäcilie, die Aermſte möchte gern einmal einen guten Geſang hören— es wäre famos, Walter, wenn Du irgend einen Zug von Melancholie in ihr Ge⸗ ſicht legen könnteſt!“ „Ich bekomme dafür acht Louisd'ors— gut zu gebrauchen beim Jahreswechſel,“ ſetzte er mit einem leichten Seufzer hinzu— „nicht wahr, das iſt nicht ſchlecht bezahlt? Sonſt hätte ich mich auch dafür bedankt.“ Rodenberg pfiff leiſe vor ſich hin, und da auch Walter, außer —————————— 40 Vierundzwanzigſtes Kapitel. einigem unverſtändlichen Murren und Brummen, das vorige Ge⸗ ſprächsthema nicht weiter fortzuführen Luſt zeigte, ſo vernahm man eine Zeit lang nichts mehr, bis endlich Rodenberg mit noch lauterer Stimme als vorhin, gegen die Thür gewandt, ſchrie:„He, Rafael— wo ſteckt denn dieſer infame Schlingel wieder?“ „Was willſt Du denn eigentlich? Warum dieſes mörderiſche Geſchrei?“ „Ich brauche dort von dem Kaſten ein paar Bleiſtifte und mag nicht aufſtehen, denn ich kenne mich— ich trödle alsdann herum und verliere zu viel Zeit.“. „Nun, da ich mir gerade eine Pfeife ſtopfen will, kann ich Dir Deine Bleiſtifte mitbringen.“ „Ich danke Dir, Walter— Numero zwei und vier, wenn Du ſo gut ſein willſt— dort aus meinem Faber'ſchen Etui.“ „Da haſt Du ſie.“ „Merci!“ Walter zündete ſeine kurze Pfeife an und ſtellte ſich alsdann hinter den Stuhl ſeines Freundes, um deſſen Holzzeichnung zu betrachten. „Dieſes Blatt vom Wettrennplatz iſt Dir recht gelungen— wie ausgezeichnet der Vordere den breiten Graben nimmt!“ „So war es auch, ich habe nie ſchöner reiten ſehen, der ganze Mann unbeweglich bis auf die rechte Hand, die er, um das Gleich⸗ gewicht beſſer zu erhalten, beim Sprunge langſam in die Höhe hob— ah, ich hätte lieber mitgemacht, ſtatt zu zeichnen!“ „Und hätteſt bei dem erſten Preiſe wahrſcheinlich auch mehr verdient.“ „Das weiß Gott— es iſt ein Scandal, wie man bezahlt wird, oder wie dieſe verfluchten Buchhändler wenigſtens den Ver⸗ ſuch machen, uns zu bezahlen! Bot mir doch neulich ſo ein ſchäbiger Filz an, er wolle mich für meine Blätter nach dem Quadratzoll honoriren! Ich hab' ihm aber heimgegeigt— und die ewigen Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen! 41 Ausſtellungen, die man ſich gefallen laſſen muß, die Veränderungen⸗ welche ſie verlangen— ach, wenn ich jetzt einen Brief erhalte mit dem Poſtſtempel Leipzig oder Stuttgart, dann eröffne ich ihn nur, wenn ich ohnehin ſchon ſchlecht gelaunt bin!“ „Was bei Dir jetzt häufig der Fall iſt.“ „Ich kann es nicht läugnen,“ ſeufzte der Andere,„habe aber meine Urſache dazu!— In den Briefen heißt's alsdann:„Sie haben unſere Ideen nicht richtig aufgefaßte— als wenn ſo ein Kerl überhaupt Ideen hätte— oder:„FIch bedaure, Ihnen Ihre Zeichnung zurückſchicken zu müſſen, da Sie auf unſere Intentionen durchaus nicht eingegangen ſinde— und was Dir das für In⸗ tentionen ſind! Das betrifft vielleicht irgend einen vornehmen Herrn, der bei dieſer oder jener Gelegenheit recht vornhin geſtellt ſein wollte, oder vielleicht auch das Portrait irgend eines ſogenannten großen Staatsmannes, bei dem es trotz aller Kunſt nicht möglich war, ihm irgend einen angeborenen dummen Zug zu nehmen, ohne der Familien⸗Aehnlichkeit zu ſchaden. In ſolchen Fällen muß man ſich aufs hohe Pferd ſetzen und ſchreiben: ‚Ich bitte um meine Zeich⸗ nunge, wenn man auch den Betrag dafür ſehr ſehnlich erwartet.“ „Dein Blatt über unſer Künſtlerfeſt hat großes Auſſehen ge⸗ macht, Du haſt mich ſehr gefréut.“ „Ich wollte, ſie hätten lieber meine Illuſtrationen zu Don Quixote genommen— ſiehſt Du, Kerk, Du, der über Alles ſchimpft, haſt mir doch ſchon öfter geſagt, es ſeien tüchtige Blätter darunter!“ „Und mit Recht.“ „Ja, was nutzt es mir aber? Die Sammlung wird zurück⸗ gewieſen, weil, wie ſie mir ſagen, die Herausgabe dieſer an ſich vortrefflichen Blätter uns zu weit führen würde, oder weil unſere Preſſen gerade ſtark in Anſpruch genommen, oder weil anderweitige Unternehmungen uns zu ſehr beſchäftigene— hole ſie alle mit einander der Teufet! Ich habe kein Glück, das iſt eine alte Ge⸗ ſchichte.“— 42 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Da kommt Einer, der Glück hat,“ ſagte Walter lachend, in⸗ dem er mit dem Kopfe gegen die Thür winkte, zu welcher eben Rüding hereintrat. Der ehemalige Cupido und Bekannte der Dame in Lila ſah in der That wie Jemand aus, dem es augenblicklich gut zu gehen ſcheint: er trug einen ſehr wohlhabend ausſehenden neuen Winter⸗ rock und ſehr weite Beinkleider, in deren Taſchen er im Gefühle einer gewiſſen Behaglichkeit ſeine Hände tief verſenkt hatte. Dazu hatte er auf dem Kopfe eine blauſammtne Morgenmütze mit gol⸗ dener Troddel, die herrlich ſaß auf ſeinem ſorgfältig gelockten langen Haar, und zwiſchen den Lippen bewegte er von einem Mund⸗ winkel zum anderen mit jener unnachahmlichen Grazie, die elegan⸗ ten Rauchern eigen iſt, eine ſoeben angebrannte Cigarre. „Lord Rüding,“ ſagte Walter, während der kleine Künſtler mit großer Ruhe und viel Behagen näher kam—„Du biſt doch ein immenſer Kerl, ſanfter Eduard; ich möchte nur wiſſen, woher Du alle die famoſen Ideen zu Deinen Bildern haſt?“ „Ja, Du mußt in letzter Zeit offenbar Jemanden haben, der Dir mit einem Bischen Geiſt aushilft!“ „Ich habe Rafael im Verdachte, daß er ihm zu ſeinen Com⸗ poſitionen verhilft— Rafael iſt ein ganz geſcheidter Kerl.“ Kodenberg lachte, und ſelbſt der ſanfte Eduard ließ ſich herab, ein klein wenig zu lächeln; dann ſprach er:„Ich bin endlich da⸗ rauf gekommen, zu Bildern einen ganz natürlichen, ungekünſtelten Vorwurf zu nehmen.“ „Kindlich, kindlich!“ „Allerdings kindlich, und ich habe damit durchgeſchlagen.“ „In dieſer Richtung war allerdings die Erfindung Deines letzten Bildes gelungen zu nennen, zwei hungrige Zigeunerknaben mit einer Rübe.“ „Gelungen, aber hartherzig— ein Künſtler von Gemüth hätte ein menſchlicher gedachtes Bild gemalt, zum Beiſpiel einen hungrigen * “ Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen! 43 Zigeunerknaben mit zwei Rüben; aber Rüding iſt ein Neid⸗ hammel, der ſelbſt im Bilde ſeinen Nebenmenſchen nichts Rechtes gönnt.“ „Wer hat Dein Bild gekauft?“ fragte Rodenberg. „Ein Herr von Schmetterer,“ erwiederte der ſanfte Eduard würdevoll. „Ein Geizhals, der ſeinem verſchwenderiſchen Sohne beweiſen wollte, mit wie Wenigem ein Menſch auskommen könnte: zwei hungrige Zigeunerknaben mit einer einzigen Rübe— koloſſal!“ „Ach was,“ lachte Rodenberg,„ein Geizhals kauft keine Bil⸗ der; dieſer Herr von Schmetterer iſt offenbar ein wohlwollender, gutmüthiger Mann... 2 „Ganz recht, da er Dir Bilder abkauft.“ 3 „Hängt Dein Bild bei ſich auf als verkörperte Deviſe: Wohlthun bringt Zinſen!““ „Ich würde mich für dieſe Rübenzinſen bedanken,“ meinte Walter;„doch kann man ihm in ſeinem Bilde ein Plagiat nach⸗ weiſen,“ wandte er ſich an Rodenberg—„denke nur an die Sa⸗ voyardenknaben mit dem Stücke von einer Waſſermelone— plus heureux qu'un roi.“ „Wenn man ſo will, iſt Alles Plagiat zu nennen— dann beſtiehlt der Hiſtorienmaler die Weltgeſchichte, der Landſchafter unſern bieben Herrgott und der Thiermaler die Arche Noah's— es iſt Alles ſchon dageweſen.“ „Da hat Rüding ganz Recht,“ wandte ſich Rodenberg mit einem leichten Augenzwinkern gegen Walter—„laß ihn im Frie⸗ den; Du nannteſt ihn vorhin einen Neidhammel und biſt doch ſelbſt einer— er wäre froh,“ ſetzte er, ſeine Worte an Rüding wendend, hinzu,„wenn er ſeine große Cäcilie verkauft hätte.“ „Das wäre mir ein Leichtes,“ brummte Walter,„wenn ich mich zur Genremalerei erniedrigen wollte; läge der Sinn für die wahre Kunſt nicht in den letzten Zügen, ſo hätte man auch noch —— 44 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Sinn für etwas Großes, und du ſammt Deinen hungrigen Zigeuner⸗ knaben, Ihr könntet Hunde führen bis Bautzen!“ „Was haſt Du jetzt zu malen angefangen?“ fragte Rodenberg nach einer Pauſe. Rüding zog die Hände aus ſeinen weiten Hoſentaſchen hervor und legte ſie auf dem Rücken zuſammen mit der wohlhabenden Miene eines Mannes, der ſein Schäfchen im Trocknen hat und der nun ſo aus vollem Säckel ausgeben kann, wann er will:„Ich habe der Ideen mehrere, daran fehlt es mir überhaupt nicht, nur hin ich ein Bischen wähleriſch im Puncte der Ausführung.“ „Ich hoffe, Du haſt Deine Wahl ſchon getroffen,“ meinte Walter. „Das habe ich, und wahrlich keine ſchlechte.“ „So laß hören, ſanfter Eduard.“ „Um abermals Euren Neckereien zu dienen?“ „Lache darüber und denke, wer zuletzt lacht, lacht am beſten— alſo Deine Idee?“ Rüding ſetzte zuerſt ſeine Cigarre wieder in Brand, die ihm ausgegangen war, dann ließ er ſich rittlings auf einen Stuhl nie⸗ der und ſagte, offenbar erfreut, eine vortreffliche Idee Preis geben zu können:„Ich male eine ländliche Scene: drei Bauernburſche, welche Abends beim Scheine einer Laterne durch Schnee und Wind nach Hauſe zurückkehren....“ „Darin ſehe ich nichts Beſonderes!“ rief Walter, als der An⸗ dere jetzt ſchwieg. „Dieſe drei Burſche ſind coſtumirt,“ fuhr Rüding ſelbſtgefällig fort,„denn ſie haben in dem benachbarten Dorfe die heiligen Drei⸗ könige vorgeſtellt.“ „Hoho,“ machte Walter—„es iſt doch wohl ein Mohr da⸗ runter?“ 3 „Das will ich meinen!“ „Mit einer goldenen Krone auf dem Haupte?“ Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen! „Allerdings!“. 4 „A=C=a. a ahl Das iſt rein zum Todtſchießen!“ jubelte Waller ſehr gegen ſeine gewöhnliche, mürriſche Art, in der er ſich auszudrücken pflegte—„ein heiliger Dreikönig! Ich weiß, wer der Vater Deines Mohren iſt— Rafael hat Dir die Idee dazu an⸗ gegeben!“ „Ich kann Dir verſichern,“ erwiederte Rüding in einem ärger⸗ lichen Tone,„die Späſſe fangen an, abgeſchmackt zu werden— was geht mich Euer Rafael an— Rafael iſt ein dummer Kerl!“ „Rafael iſt ein Talent,“ erwiederte der alte Maler,„Rafael hat Ideen!“— Und nun erzählte er, was er lange verſchwiegen, wie er den kleinen Bedienten entdeckt, als derſelbe, wie er ſich aus⸗ vrückte, das gleiche Sujet gemalt, von dem Rüding ſoeben ge⸗ ſprochen— allerdings nur in der Einzahl, und wie es begreiflich ſei, daß er auf die Vermuthung gekommen, Rafael habe bei der Geburt jener übrigens gar nicht übeln Idee Rüding zu Gevatter geſtanden. Daß ſich indeſſen Rodenberg hier ſeines Collegen auf's eifrigſte annahm und Walter ſeine lächerliche Anklage verwies, verſtand ſich ganz von ſelbſt, wodurch es ihm auch gelang, Rüding inſofern zu beruhigen, daß er nicht, wie er im Begriffe zu thun war, das Zimmer mit allen Zeichen der Entrüſtung verließ. „Dieſer Rafael,“ fuhr Rodenberg nach einer längeren Pauſe fort,„iſt allerdings ein ganz merkwürdiges Subject und ſeit einiger Zeit wie umgewandelt; von all' den loſen Streichen hier im Zimmer, natürlicher Weiſe hinter meinem Rücken oder ſobald er allein war, bemerkt man keine Spur mehr. Wenn er mir vordem einmal abhanden gekommen war, ſo konnte ich ihn ſicher an der Ecke der Straße finden, wo er ſich mit anderen Buben von ſeinem Schlage herumpuffte, oder auf dem Markte hinter den Obſtweibern, wo er jede Gelegenheit wahrnahm, einen Apfel, eine Birne oder etwas Aehnliches zu entführen. Jetzt habe ich ihn ſchon zweimal vergeb⸗ 46 Vierundzwanzigſtes Kapitel. lich gerufen, und möchte ich darauf wetten, wenn ich mich nach ihm umſehe, ſo finde ich ihn unten in dem kleinen Comptoir im Hofe, wo die Lehrlinge ihr Weſen treiben, bei denen er Schreib⸗ ſtunde nimmt, oder in einem Winkel der Treppe ſitzen und in einem Buche leſen— ich weiß nicht, wodurch dieſer Kerl ſo zum Duck⸗ mäuſer geworden iſt; früher war er allerdings ein Schlingel, aber wenn ich ihm pfiff und nur mit den Augen eine Bewegung machte nach dem Dache des gegenüberliegenden Hauſes, ſo konnte ich ſicher ſein, ihn nach ein paar Minuten zu irgend einem Bodenfenſter hinauskriechen zu ſehen— der Bube iſt offenbar verdorben worden!“ „Wie kann man ſo gottlos ſein,“ ſagte Walter,„und das verdorben nennen, wenn ein junger Menſch wie Rafael ſich mit Schreiben und Büchern abgibt, ſtatt der Nachbarſchaft zum Schrecken zu leben und die Obſtweiber zu beſtehlen! Ich verſichere Dich, wir Alle nben uns in Rafael ſehr getäuſcht, hinter dem ſteckt was ganz Beſonderes— und wäre das unmöglich, ſind wir ſelbſt denn als Künſtler geboren worden? Ich nicht und Du, Rodenberg, auch nicht, und der ſanfte Eduard eben ſo wenig— ja, was Dich an⸗ belangt, Rüding, ſo denke nur an Deine erſte Oelfarben⸗Verſchwen⸗ dung: ein Knabe, der ſich im blanken Schilde ſeines Vaters, eines edlen Ritters, abſpiegelt— Gott der Gerechte, beide Köpfe ſahen aus, als ſeien ſie Spiegelbilder, aber nicht vom Geſichte des Ritter⸗ knaben, ſondern von einem viel weniger edeln Theile deſſelben— nun, ich wollte eigentlich ſagen, der heilige Dreikönig Rafael's, den ich geſehen— leider iſt er jetzt verſchwunden—, war auch nicht viel ſchlechter.“ „Wenn das wahr iſt,“ erwiederte Rüding in gereiztem Tone, „ſo hätteſt Du den jungen Menſchen ermuntern ſollen, ſein Talent auszubilden!“ „Davor ſoll mich Gott bewahren, wir haben Stümper genug, die ſich Künſtler nennen— und warum das Handwerk noch mehr verderben? Ich habe ihm vielmehr den Rath gegeben, ſich zum 4 2 Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen! 47 Literaten, beſonders zum Kritiker auszubilden— wer weiß,“ ſetzte er mit einem pfiffigen, lächelnden Seitenblicke auf Rüding hinzu, „ob er unſern ſpätern Bildern nicht noch von Nutzen ſein kann!“ Rodenberg lachte laut auf, und ſelbſt Rüding, welcher offen⸗ bar erfreut war, daß des heiligen Dreikönigs nicht mehr weiter gedacht wurde, lächelte ebenfalls ein wenig. „Habt Ihr ſchon Knorx' neue Holzſchnitzerei geſehen?“ fragte Rüding nach einem ziemlich langen Stillſchweigen und als ſich auch Walter wieder zu ſeinem Aquarell niedergeſetzt. „Nein,“ erwiederte Rodenberg,„er thut geheimnißvoll damit; doch Walier kann uns etwas darüber ſagen.“ „Ja, wenn er will!“ brummte der alte Maler. „So viel ich weiß,“ ſagte der ſanfte Eduard,„ſchnitzt er für einen Seitenaltar in Sanct Paul die Apoſtel Petrus und Paulus.“ „So iſt's,“ ſtimmte Walter bei,„und ſie werden nicht tehlecht, deſſen kann ich Euch verſichern!“ 3 „Er plagt ſich aber auch furchtbar daran und beginnt des Morgens nicht eher, als bis er ſeine Meſſe gehört hat.“ „Das iſt ſchön von ihm, dadurch kommt er in die Stimmung.“ „Ja— allerdings— das iſt nicht übel,“ meinte Rüding, „aber dadurch wird er noch finſterer und abſtoßender, wie bisher; man kann nicht mehr zu ihm kommen, ohne eine Strafpredigt über fortgeſetzten Lebenswandel zu erhalten.“ „Darin hat er bei Dir nicht Unrecht, Du biſt ein arger Strick, Rüding; Du hätteſt nicht den Cupido ſpielen ſollen, der Liebesgott iſt Dir in die Glieder gefahren, und man ſagt, Du ſeieſt der Schrecken aller Liebhaber und Ehemänner geworden.“ Der ſanfte Eduard zuckte die Achſeln mit einer ſehr ſelbſt⸗ gefälligen Miene, während er ſagte:„Es iſt das nicht halb ſo arg, als es die Leute machen!“ „Durch dieſe Arbeit, welche bei ihm beſtellt iſt, und für welche er einen guten Preis hat machen dürfen, wird ſich übrigens der 48 Vierundzwanzigſtes Kapitel. gute Knorx aus ſeiner trübſeligen Stimmung herausreißen können,“ ſagte Rodenberg;„ſo ein Bildhauer hat doch eine verzweifelt un⸗ angenehme Stellung: ohne Aufträge zu haben, kann er nicht gut arbeiten und nicht einmal die prächtigſten Gedanken ſelbſtſtändig ausführen; denn während wir ein paar Quadratellen Leinwand oder ein Stück Papier immerhin noch zu erſchwingen vermögen, kann er es ſich nicht einfallen laſſen, einen Block Marmor anzu⸗ ſchaffen.“ In dieſem Augenblicke wurde die Thüre raſch geöffnet und Rafael ſtreckte ſeinen Kopf herein, wobei er, halb rückwärts blickend, ſagte:„Der Herr Profeſſor Olfers kommt gegen das Haus; und ich habe nur fragen wollen, ob Herr Rodenberg zu Hauſe iſt.“ „Schau' mir Einer dieſen Kerl an,“ erwiederte der Herr des Zimmers in einem ſehr lauten Tone;„hatte ich nicht Recht, als ich vorhin geſagt, er ſei total umgewandelt? Iſt's ihm früher wohl eingefallen, uns vor läſtigen Beſuchen zu bewahren, und jetzt unterſteht er ſich, einen ſolchen Künſtler erſt anzumelden! Mach', daß Du hinabkommſt und ſorge dafür, daß der Herr Profeſſor ohne den geringſten Aufenthalt heraufſteige!— Was ich ſonſt an dieſem Burſchen geſchätzt habe,“ fuhr Rodenberg fort, als dieſer verſchwunden war,„eine Umſicht aus Klugheit und Inſtinct, auch davon iſt nichts mehr vorhanden, ſeit er ein Bücherwurm geworden — und wie er faſt anſtändig ausſieht,“ ſetzte er ärgerlich hinzu, „ſein Haar tadellos gekämmt, Geſicht und Hände friſch gewaſchen, ſeine Schuhe gewichst, allerdings Zeichen der Sauberkeit, die aber in beſtändiger Anklage ſind gegen ſeine mangelhafte Kleidung— ich hätte beinahe Livrée geſagt— und welche mir, ſeinem Herrn, förmlich Vorwürfe macht; entweder muß ich ihm einen neuen Anzug anſchaffen, was mir ſehr ſauer wird, oder ich ninß mich nach einem andern Bedienten umſehen— es iſt traurig, ich habe mich an den Buben ſo gewöhnt und verkenne durchaus nicht ſeine guten Eigen⸗ ſchaften, ſeine Anhänglichkeit und Treue.“ Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammenn 49 Nach dieſen Worten erhob er ſich raſch, um an die Thür zu eilen, da er den Angemeldeten kommen hörte. Dieſer trat herein, die Anweſenden freundlich grüßend und dann die Zeichnung Rodenberg's und das Aquarell Walter's be⸗ trachtend; auch nahm er während deſſen eine Cigarre aus der neuen und eleganten Cigarrentaſche Rüding's, welche dieſer ſich beeilte, ihm anzubieten. Nachdem er über die Arbeiten der beiden Künſtler einfach und freundlich anerkennend geſprochen, ſagte er zu Rodenberg:„Ich komme mit einer Bitte zu Ihnen. Man hat mich erſucht, von meinem neuen Bilde eine Zeichnung zu machen, um es nach der⸗ ſelben in Holz zu ſchneiden; nun habe ich angefangen, komme aber nicht recht damit zu Stande. Sie werden das verſtehen, lieber Rodenberg, die Hand wird Einem ſchwer, wenn man ſeit lange gewohnt iſt, die großen Kartons mit Kohlen zu bearbeiten und ausgedehnte Leinwandflächen mit Farben zu bedecken— da habe ich an Sie gedacht, der Sie ſo vortrefflich zeichnen, ob Sie mir nicht freundlich helfen wollten. Ehe Sie mir antworten, erlauben Sie mir, noch hinzuzuſetzen, daß ich dieſe Bitte nur in der Art gegen Sie ausſpreche, wie man einen guten Freund um etwas bittet, denn ſonſt müßte mein Wunſch, von einem nicht ſchlechten Künſtler an einen guten gerichtet, wenigſtens lächerlich erſcheinen.“ „Ohne alle Umſtände, lieber Olfers,“ entgegnete Rodenberg, „und ehrlich geſtanden, es ehrt mich, daß Sie mich für fähig halten, eine Zeichnung von Ihrem Bilde zu machen, für die Sie, als unter Ihren Augen eniſtanden, jedenfalls verantwortlich ſind.“ „Was das anbelangt, ſo verpflichte ich mich, jedes Blatt Zeichen⸗ papier in Blanco mit meinem Namen zu unterzeichnen!“ „Laßt die gegenſeitigen Complimente unterwegs,“ murrte Walter, wobei er indeſſen dieſen Ton der Stimme durch einen freundlichen Seitenblick mäßigte;„Du, Roderich, könnteſt Niemanden Hackländer's Werke. 54. Bd. 50 Vierundzwanzigſtes Kapitel. beſſer die Arbeit anvertrauen und Rodenberg macht ſich mindeſtens ein Vergnügen daraus.“ „Dabei bedaure ich nur, daß wir ſo ungünſtiges Wetter haben und daß ich Sie begreiflicher Weiſe bitten muß, bei mir zu arbeiten.“ „Ich verſtehe das vollkommen,“ verſetzte Rodenberg,„und um Ihnen einen Beweis zu geben, wie ſehr mich die Sache intereſſirt, will ich gleich mit Ihnen gehen, um mir Ihr ſchönes Bild wieder recht ins Gedächtniß zu prägen, wenn Sie im Augenblicke nichts Beſſeres zu thun haben.“ „Im Gegentheile, die Sache eilt ein Bischen, und je raſcher wir anfangen, deſto lieber iſt es mir.“ „Das kann ſogleich geſchehen!“ „Aber dort Ihre angefangene Arbeit?“ „Wenn Sie nichts dagegen haben, ſo nehme ich das Blatt mit und zeichne zuweilen an dieſer leichten Arbeit weiter, wenn meine Augen müde geworden ſind beim Betrachten der gewaltigen Geſtalten Ihres großen Bildes.“ „Ich nehme Ihre Bereitwilligkeit dankbar an und freue mich recht darauf, einen heitern Geſellſchafter in meinem Atelier zu haben; es iſt jetzt zuweilen bei mir etwas ſtill und einſam,“ ſetzte er nach einem tieferen Athemzuge hinzu—„und auch Du, Walter, könnteſt zuweilen nach mir ſehen; wenn es Deine Zeit erlaubt oder wenn es anfängt, dämmerig zu werden, ſei ſo freundlich und laß Dich hier und da den Weg zu mir hinaus nicht gereuen, komm, wann es Dir gefällt— und es wird mich auch ſehr freuen, Sie bei mir zu ſehen!“ wandte er ſich an Rüding. „Ich komme gern, wenn man Dich nicht genirt,“ ſagte Walter „beſonders in den Nachmittagsſtunden, wo man hier in der enge. Gaſſe doch nicht mehr recht arbeiten kann. Du ſiehſt, ich bin verwünſcht fleißig— mein Aquarell hier muß ich vor Weihnachten fertig haben, und es hat auch ſeine guten Seiten,“ fügte er brum⸗ mend bei,„wenn man an einen Zeitpunkt gebunden iſt; überhaupt — — —— Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen! 51 arbeitet es ſich auf Beſtellung am beſten, oder wenn es heißhungerige Kunſtkenner gibt, welche Einem die Bilder warm von der Staffelei wegnehmen— nicht wahr Rüding?“ Rodenberg hatte indeſſen Hut und Stock genommen, und er und Roderich gingen mit einander fort. Auf der Straße ſchob der letztere ſeinen Arm unter den des jüngeren Künſtlers, und ſo gingen Sie mit einander dahin. Es war, wie ſchon Eingangs dieſes Kapitels bemerkt, ein ver⸗ drießliches Herbſtwetter, der Wind blies, wenngleich nur mit einzelnen Stößen, doch recht tückiſch um die Ecken herum, ſo daß man oft uur mit Mühe ſeinen Hut auf dem Kopfe behalten konnte. Draußen im Parke, den die beiden Künſtler jetzt durſchritten, war der Boden mit welken Blättern bedeckt, die Aeſte und Zweige der Bäume ſtarrten melancholiſch gen Himmel, und wenn hier und da ein letztes gelbes Blatt, vom Windhauche abgeriſſen, langſam auf den Boden herabwirbelte, ſo war es ein recht trauriger Anblick und man glaubte Blatt und Baum ordentlich zuſammen ſeufzen zu hören. Der Garten vor dem Atelier Roderich's war natürlich dem all⸗ gemeinen Schickſale nicht entgangen, doch hatte wenigſtens hier die emſig ſchaffende Hand des Gärtners Andreas ſo viel als nur möglich den Anblick der herbſtlichen Zeit erträglich gemacht; die kleinen Wege und Plätze waren von dem herabgefallenen Laube befreit, ebenſo wie die Blumenbeete von den abgeſtorbenen, vertrockneten Pflanzen, ja, hier und da erblickte man ſchon wieder Rabatten, wo durch Einſetzen von Frühlingspflanzen bereits für das kommende Jahr geſorgt war. Dabei fanden ſich Gartenbänke und Tiſche noch an ihrem Platze, an den Monatroſen ſah man noch grüne Blätter, ſowie hier und da noch eine letzte Roſe. Das immergrüne Epheu an der Wand des Hauſes rankte noch immer freundlich über der Eingangsthür, und durch alles dies ſah es hier weniger troſtlos aus, als in anderen größeren Gärten oder im Parke, wo es nicht 52 Vierundzwanzigſtes Kapitel. möglich war, ſo mit aller Sorgfalt dem verdrießlichen, zerſtörungs⸗ luſtigen Herbſte entgegen zu treten. Dies empfand auch Roderich, ſo oft er in die Nähe ſeines kleinen Beſitzthumes kam, ja, ſeine Bruſt hob ſich freier und leichter, ſowie die Gartenthür hinter ihm ins Schloß gefallen war, und es war ihm alsdann, als hätte er dadurch eine Schranke zwiſchen ſich und der feindſeligen Welt aufgerichtet. Schon früher hat er dieſes Gefühl gehabt und es begreiflicher gefunden; damals, als ihm die traurigen häuslichen Scenen ſo manche bittere Stunde gemacht und ihn ſo oft aus ſeinem eigenen Hauſe verjagt, da hatte er in der That freier, ja, faſt glücklich aufgeathmet und mit einem unbeſchreiblich angenehmen Gefühle der Genugthuung den Schlüſſel hinter ſich im Schloſſe zweimal herum⸗ gedreht, zugleich ein Zeichen für Andreas, daß er ganz allein ſein wolle, und in ſolchen Stunden hätte der treue Gärtner nicht ein⸗ mal des Königs Majeſtät in den Garten gelaſſen und wenn er achtſpännig vorgefahren wäre. Aber auch jetzt, da in ſeinem Hauſe tiefe Ruhe und goldener Friede herrſchte, fühlte er ſich hier in der einfacheren Umgebung behaglicher, ja, glücklicher als in den reichen Zimmern ſeiner Stadt⸗ wohnung— dort ging immer noch ihr Geiſt um, dort wurde er durch ſo vielerlei Gegenſtände an ſie erinnert, die ihn verlaſſen— dort fühlte er ſich immer noch bald unheimlich, bald traurig, bald ärgerlich, von tauſend Erinnerungen angeregt. Er war ſchon öfter mit der Abſicht umgegangen, ſein Atelier vollſtändig zu bewohnen; doch hatte er dieſen Gedanken mit Rücck⸗ ſicht auf Margarethe wieder aufgegeben: hing doch das kleine Mädchen durch ihren Schulunterricht, durch ihre Geſpielinnen, durch eine Menge kleiner Bedürfniſſe zu feſt mit der Stadt zuſammen, als daß er ſie gänzlich mit ſich hätte herausnehmen können, und wenn ſie auch, als er ihr einmal ſcherzhaft den Vorſchlag hierzu gemacht, jubelnd in ihre Hände ſchlug und ſich auch die erſten Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen! 53 Tage hier gewiß recht glücklich und behaglich gefühlt hätte, ſo war er doch überzeugt, daß ſie ſich in Kurzem nach der Stadt zurück⸗ geſehnt. Auch wäre ihm die beſtändige Gegenwart der Gouvernante Margarethens, Mamſell Eliſens, nicht gerade angenehm geweſen. Von jener Reiſe war ſie mit dem kleinen Mädchen am beſtimmten Tage, und zwar in Begleitung des Kammerjunkers von Schenk, zurückgekehrt, welch letzterer einen neuen vergeblichen Verſuch gemacht, um den Maler zu beſtimmen, die Tochter bei der Mutter zu laſſen, und hatte ſie dabei entſchieden inſofern Partei gegen ihre Herrin genommen, als ſie ſich erlaubt, mit wenigen, aber unzwei⸗ deutigen Worten von dem ſchlimmen Einfluſſe zu ſprechen, den Madame dadurch auf ihre Tochter ausübe, daß ſie ſich bemühen würde, jede gute Erinnerung an den Vater aus dem Herzen des Kindes zu verdrängen.— Auch bei verſchiedenen anderen Ge⸗ legenheiten hatte ſich Mamſell Eliſe ſehr beeifert, ihre Anhänglichkeit an Margarethe, ſowie an den Vater derſelben aufs deutlichſte an den Tag zu legen, ja, ſie liebte es, durch Wort und Miene kund zu thun, wie ihr endlich die Augen aufgegangen und wie ſie es jetzt ganz genau wiſſe, wer die Schuld daran trage, daß im Hauſe ihrer Herrſchaft nicht ſchon früher die Ruhe und der Friede herrſchten, die Jedermann jetzt den Aufenthalt dort zu einem wahren Hochgenuſſe machten. Dabei war ſie von einer unermüdlichen Sorgfalt, und nicht nur für das, was das Kind anbetraf, ſondern für das ganze Haus⸗ weſen, deſſen ſie ſich mit einem Fleiße und einer Umſicht annahm, welche Roderich veranlaßten, ſie ſchalten und walten zu laſſen; er hatte weder Zeit noch Luſt, ſich ſelbſt in dieſe inneren Angelegen⸗ heiten zu miſchen, und da er an der Art, wie er jetzt lebte, durch⸗ aus nichts auszuſetzen hatte, ſo mochte er vor der Hand nicht an eine Aenderung denken, die ihn mit neuen Geſichtern in Berührung gebracht hätte. Obendrein erſchien ihm alles das, was das Hausweſen anbelangte, von ſehr untergeordneter Natur, und was ihn allein Vierundzwanzigſtes Kapitel. interreſſirte, war das Wohl ſeines Kindes, deſſen Unterhaltung und Belehrung er jede Freiſtunde widmete. Man konnte aber auch uichts Reizenderes ſehen, als die Glückſeligkeit, welche aus den ſchönen, klaren Augen des Mädchens ſtrahlte, wenn ſie bei ihrem Vater war und ihm mit altkluger Geſchäftigkeit kleine Dienſte erweiſen wollte, wobei die Worte liebender Sorgfalt rührend an⸗ zuhören waren, womit ſie ſich um Alles bekümmerte, was ihn betraf. Wenn ſie zuſammengekauert auf ihrem Bänkchen ſaß vor einem ſeiner Bilder, ſo machte es ihm das größte Vergnügen, ſie um Rath zu fragen über dieſe oder jene Farbe, ja, über irgend eine Haltung und Stellung der betreffenden Figuren, wobei er meiſtens eben ſo erſtaunt als entzückt war über ihre natürlichen und oft ſo richtigen Antworten. Wie oft er ſie zeichnete und malte, iſt kaum aufzuzählen, und er hatte eine ſolche Fertigkeit erlangt, ihre Geſichtszüge auf dem Papier oder der Leinwand in ſprechendſter Aehnlichkeit wiederzu⸗ geben, daß ihm dies in ein paar leichten Strichen gelang, auch ohne ſie gerade vor Augen zu haben. Lytton ſagte ihm hierüber einmal lachend:„Wenn einſtens ſpäter ein anderer großer Künſtler Deines Namens auftaucht, ſo wird man Dich, zum Unterſchiede gegen jenen, ‚den mit dem Portrait ſeiner Tochter nennen.“ Und doch hatte auch der junge Engländer ſeine größte Freude an dieſen verſchiedenartigſten Anſichten des reizenden Kopfes des kleinen Mädchens und munterte ihn ſogar häufig auf, noch ein neues Bildchen zu ſkizziren, wenn Margarethe wieder einmal recht zierlich mit ihren Puppen ſpielte, oder wenn ſie mit leuchtenden Augen einer Erzählung lauſchte, oder wenn ein hereinfallender Lichtſtrahl ihrem Geſichtchen eine beſonders eigenthümliche Färbung gab. Als an dem Tage, von dem wir vorhin geſprochen, die beiden Künſtler das Atelier Roderich's betraten, war Margarethe ebenfalls da, und eilte, wie ſie immer zu thun pflegte, mit Jubel in die Arme ihres Vaters. Dieſer hob ſie hoch zu ſich empor, küßte ſie Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen! 55 herzlich auf die Stirn und den Mund, und als er ſie darauf wieder auf den Boden niedergleiten ließ, behielt er ihre kleine Hand in der ſeinigen und machte ſie mit Rodenberg bekannt. „O, ich kenne Herrn Rodenberg ganz wohl,“ ſagte ſie,„er war auch mit bei Eurem Feſte draußen am Walde und kam mehrmals an unſerem Wagen vorbeigeritten!“ „Es freut mich,“ erwiederte der junge Maler lächelnd,„daß Du mich nicht vergeſſen.“ „Gewiß nicht, und eben ſo wenig die beiden häßlichen Reiter, welche bei Dir waren!“ Mamſell Eliſe ſaß beſcheiden in der Ecke des Ateliers, mit einer weiblichen Handarbeit beſchäftigt, und auf ihrem Schooße hatte ſie ein franzöſiſches Leſebuch Margarethens, woraus ſie dieſelbe wiederholen ließ, was in den Unterrichtsſtunden des heutigen Tages vorgekommen war. An die Gouvernante ſeiner Tochter wandte ſich der Vater jetzt und forderte ſie in freundlichem Tone auf, mit Margarethe in das kleine Gewächshaus zu gehen; er liebte es nicht, wenn das Kind gegenwärtig blieb, ſobald er Beſuche von anderen Malern hatte.„Da draußen iſt es viel heller und ſchöner für Dich,“ ſagte er;„auch plätſchert der Springbrunnen, was Du ſo gern hörſt, und ſpäter gehen wir Alle mit einander nach Hauſe zum Eſſen!“ „Alle mit einander— auch Herr Rodenberg?“ fragte das kleine Mädchen. „Gewiß, auch Herr Rodenberg,“ erwiederte der Gefragte mit einem Blicke auf den jungen Maler,„und es ſoll mir recht lieb ſein, wenn er mit uns gehen will.“ „Ah, das iſt herrlich— und Herr Lytton kommt auch, da wollen wir recht vergnügt ſein!“ „Ja, ja; aber jetzt geh' auch, Du kleine Schwätzerin.“ „Hier iſt mein Bild“, ſagte Roderich, nachdem die Gouver⸗ nante mit Margarethe das Zimmer verlaſſen,„und hier habe ich auch ſchon angefangen, den Entwurf einer Zeichnung auf s Papier zu —— Vierundzwanzigſtes Kapitel. machen; doch wie ich Ihnen vorhin ſchon ſagte, ich habe den Blei⸗ ſtift nicht mehr in meiner Gewalt und die Linien fahren mir unwillkürlich nach allen Richtungen aus einander.“ Rodenberg betrachtete das Bild mit großer Aufmerkſamkeit und konnte ſich alsdann nicht enthalten, ſich darüber wiederholt anerkennend, ja, bewundernd auszuſprechen. Dann ſagte er⸗„Da die kleine Copie, welche ich Ihnen machen ſoll, für den Holzſchnitt beſtimmt iſt, ſo ſehe ich nicht ein, warum wir es nicht gleich auf Holz zeichnen ſollen.“ „Glauben Sie, daß dies geht?“ „Gewiß, und um ſo beſſer, da Sie mit Ihrer angefangenen kleinen Zeichnung, an der ich indeſſen durchaus nicht ſehe, wo die Linien willkürlich aus einander fahren, ſo vortrefflich vorgearbeitet haben, beſonders wenn wir die gleiche Größe beibehalten können.“ „Allerdings, denn ich habe mir den Halzſchnitt in dieſer Größe gedacht.“ „Wenn er gut geſchnitten wird, kann es ein ſchönes Blatt werden, und was mich anbetrifft, ſo werde ich mir die größte Mühe geben. Sie erlauben doch, Olfers, daß ich hier auf Ihrer Zeichnung nachtragen darf, was mir nöthig erſcheint? Mit ein paar Stunden Arbeit kann ich ſie vollkommen benutzen, um die Umriſſe, gerade wie ſie ſind, auf das Holz zu übertragen, und ich will mich gleich daran machen.“ Nach dieſen Worten wählte er ſich ein paar Bleiſtifte aus und begann ſogleich mit ſicherem Auge und geübter Hand die allerdings leichten Striche Roderich's deutlich und ſcharf hervortreten zu laſſen. „Es iſt eine wahre Freude, hier zu arbeiten,“ meinte er nach einiger Zeit—„das große Fenſter läßt ſo viel Licht herein, daß man kaum etwas von dem trüben Novembertage merkt!“ „Das iſt wahr,“ erwiederte Roderich;„ich kann mich keines ſo dunkeln Wetters erinnern, an welchem ich nicht wenigſtens einige Stunden hätte arbeiten können, und dabei iſt noch Platz genug für - Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen! 57 uns Beide; ich rücke meine Staffelei ein wenig auf die Seite, und es kann alsdann keine Rede davon ſein, daß Einer dem Anderen auch nur im geringſten hinderlich wäre, und was mich anbelangt, ſo habe ich dabei außerordentlich viel gewonnen; es arbeitet ſich zu angenehm, wenn man hier und da ein Bischen plaudern kann, wobei es natürlicher Weiſe ſehr darauf ankommt, mit wem man plaudert.“ Da er hierbei gegen Rodenberg eine freundliche Handbewegung machte, ſo dankte ihm dieſer mit einer Neigung des Kopfes und fragte alsdann, indem er zu zeichnen fortfuhr: „Sie malen etwas Neues?“ „Ja und Nein— ich habe keine Luſt, ſogleich wieder eine größere Arbeit vorzunehmen, und mag auch nicht müßig gehen; da ebauchire ich dann zu meinem eigenen Vergnügen hier und da Kleinigkeiten, nicht immer, um dieſelben auszuführen, ſondern häufig nur, um mir eine vergnügte Stunde zu machen. Es iſt für mich ein höchſt angenehmes Gefühl, vor einer reinlichen, glatten Leinwand zu ſtehen und auf dieſelbe, beſonders mit dem Pinſel, eine Skizze zu entwerfen— aber, um von etwas Aehnlichem zu reden,“ unterbrach er ſich plötzlich, die Staffelei verlaſſend, um in der Ecke des Ateliers ein Bild zu holen, welches er, ohne es vorerſt ſehen zu laſſen, herbeitrug— da habe ich vor einiger Zeit in einer gleichen Anwandlung etwas entworfen, über das ich Ihr Urtheil hören möchte— ſehen Sie her!“ Er ſtellte das Bild auf und trat dann, den Anderen ſcharf beobachtend, etwas auf die Seite. „A— a— a— ah!“ rief Rodenberg überraſcht—„wie das ſchön und ähnlich iſt!— Roderich, Sie ſind ein glücklicher Mann, die Vergangenheit, welche für uns Andere unwiederbringlich davoneilt, wenigſtens auf dieſe Art feſthalten zu können!“ Das Bild— man konnte es keine Skizze nennen, da es, wenn auch mit flüchtigen, kecken Strichen, doch ziemlich ausgeführt 58 Vierundzwanzigſtes Kapitel. war— ſtellte eine hochgelegene Waldlichtung vor, auf deren rechter Seite dicht an den Bäumen, welche die Scene einrahmten, die be⸗ kannten vier wilden Männer aus dem Gefolge der ſchönen Jägerin ſtanden, während ſich dieſe ſelbſt in der Mitte des Bildes befand, auf ihren Jagdſpeer geſtützt, und hinabzublicken ſchien auf das be⸗ wegte Leben im Lager des Prinzen Maiwein, welches ſich allerdings in den flüchtigſten Umriſſen links zwiſchen den Bäumen zeigte. „Finden Sie eine Aehnlichkeit?“ fragte RNoderich. „Eine außerordentliche, unverkennbare— es iſt gerade, als hätte Ihnen die Dame zu Ihrem Portrait geſeſſen— wahrhaftig, Roderich, ich beneide Sie um Ihre große Kunſt— ja, die Aehn⸗ lichkeit iſt ganz außerordentlich, und mit wie wenig Strichen das Geſicht gemalt iſt!“ „Gewiß, ſo flüchtig und nachläſſig, daß man es nur aus der Entfernung anſehen darf— es iſt die Frucht der Laune eines Vormittags, wo ich ſonſt nichts zu thun hatte und wo ich mich im Geiſte gerade ſehr lebhaft mit unſerem hübſchen Künſtlerfeſte be⸗ ſchäftigte— wenn Ihnen die unbedeutende Skizze Freude macht, ſo ſchicke ich ſie in Ihre Wohnung.“ „Das kann ich unmöglich annehmen!“ rief Rodenberg freudig überraſcht— und doch ſetzte er gleich darauf hinzu, indem er dem Anderen ſeine rechte Hand entgegenſtreckte:„So gegeben, kann und darf ich es annehmen, beſonders da ich ja nie ein Hehl daraus machte, wie innig und herzlich ich für das räthſelhafte Original dieſes Bildes geſchwärmt und noch immer ſchwärme— alſo meinen beſten Dank mit der Bitte, mich als Ihren großen Schuldner an⸗ zuſehen!“ 3 „Es iſt nicht der Rede werth,“ ſagte Roderich und ſetzte nach einer Pauſe hinzu:„Wenn Sie es betrachten, ruft es in Ihnen eine angenehme Erinnerung wach, während, wenn ich es anſehe, ich freilich ebenfalls jenes ſchönen Tages gedenke, aber dabei auch, wie ſeit demſelben ſo Manches anders geworden iſt— alſo — „ 4 5 Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen! 59 ich ſende es Ihnen mit der einzigen Bedingung, daß Sie es nicht als die geringſte Verbindlichkeit gegen mich betrachten.“ Roderich hatte die Skizze auf der Staffelei ſtehen laſſen, und wie in Gedanken nahm er Palette und Pinſel und malte an der Hauptfigur derſelben, wobei er zuweilen einen Blick auf ſein großes Bild warf, aus dem Conchitta's Züge in einer unverkennbaren, wenn auch nicht angenehmen Aehnlichkeit hervortraten.„Haben Sie etwas darüber erfahren,“ fragte er nach einiger Zeit,„wohin ſich Sennora Juanita gewendet?“ „Nicht das Geringſte.— Ich nannte ſie vorhin ein räthſel⸗ haftes Weſen, das iſt ſie für mich im höchſten Grade.“ „Eine große Künſtlerin, mit allen Vorzügen und Launen einer ſolchen.“ „Mich hat ſie hauptſächlich mit der zuletzt genannten, nicht eben angenehmen Eigenſchaft bekannt werden laſſen; wenn ich mir die Sache mit ruhigem Blute überlege, ſo muß ich geſtehen, daß ſie mich eigentlich ausgezeichnet ſchlecht behandelt hat— und trotz alledem liebe ich ſie, gelinde geſagt, mit jener Leidenſchaft, die uns zu allen tollen Streichen aufgelegt macht. Ich bin nie ein beſon⸗ nener, ruhiger Menſch geweſen, mit einer ſehr erregbaren Phan⸗ taſie, die nur zu geneigt iſt, mit meinem Verſtande durchzugehen — da ſehe ich dieſes wunderbare Weſen zum erſten Male an einem ſchönen Morgen mitten in einem grünen, duftigen Walde plötliich vor mich hintreten, als ſei ſie vom Himmel herabgeſtiegen oder als habe ihre Feen⸗Equipage ſie aus irgend einem Fabellande her⸗ geführt. Und dieſe Rolle ſpielte ſie fort; ſie nannte ſich eine Waldfee, und während ſie mich durch kluge und verſtändig ſein ſollende Worte von ſich fern hielt, zog ſie mich mächtig in ihren Zauberkreis und hat mich heute noch nicht daraus entlaſſen.“ Roderich nickte mit dem Kopfe, worauf er in ſich hinein murmelte: „Ja, ja, ein Zauberkreis— unvermerkt umſchlingt er uns, und während wir noch des ſchönen Gedankens voller Freiheit leben, 60 Vierundzwanzigſtes Kapitel. ſind wir bereits für alle Ewigkeit gefeſſelt— und doch muß ich Sie beneiden!“ „Und warum, wenn ich fragen darf?“ „Um einen Blick aus dieſen ſchönen, dunkel glühenden Augen, den ich zufällig bemerkte.“ „Und wo war das, wenn ich fragen darf „Bei jener Soirée des Prinzen Heinrich— Sie ſahen nichts davon, wohl aber Seine Hoheit und ich, der zufällig neben ihm ſtand. Der Prinz wandte ſich an die junge Dame und ſagle ihr mit einem eigenthümlichen Lächeln: ‚Sie denken wohl mit Be⸗ dauern an Ihre verlorene Waldfreiheit?*“ „Sie haben Recht, ich ſah nichts davon; gerade an dieſem Abende, wenige Tage nachdem mir die Ehre zu Theil geworden, ihr Cavalier ſein zu dürfen, war ich gar nicht mehr für ſie auf der Welt— nun, daß ich mich der von aller Welt Gefeierten weiter nicht aufdrängte, werden Sie mir glauben.“ „Gewiß, und ich bemerkte das.— Alſo ſie erfuhren nichts mehr von ihr?“ 3 „Wie ſchon geſagt, nicht das Geringſte, obgleich es mir ein Leichtes geweſen wäre, ihren jetzigen Aufenthalt zu erfahren; ſelbſt ihre Schweſter Conchitta würde, wie ich glaube, kein Geheimniß daraus machen.“ „Sehen Sie dieſelbe zuweilen?“ Nie, wenn ich ihr nicht zufällig auf der Straße begegne, und das kommt nicht oft vor.“ „Ja, ſie ſcheint ſelien ihre Wohnung zu verlaſſen.“ 3 „Sie ſahen ſie doch früher häufig bei ſich hier in Ihrem Atelier?“ „O ja— früher kam ſie zuweilen; es iſt das ein eben ſo eigenthümlicher Charakter wie ihre Schweſter.“ „Ja, und doch wieder ganz anders, ich fürchte, Sennora Jua⸗ nita iſt im Stande, mit der innigen Liebe eines Mannes zu tändeln, 24 — —— Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen! 61 ja, nach Laune ein leichtfinniges Spiel damit zu treiben, indem ſie ſich in dieſem Augenblicke von dem kalt und ſchroff abwendet, den ſie ſoeben durch einen heißen Blick mächtig angezogen; dazu halte ich Conchitta nicht für fähig.“ „Weil ſie überhaupt nicht zu lieben verſteht?“ „Ja, dieſes iſt das richtige Wortv; ſie verſteht es vielleicht nicht, zu lieben, aber lieben kann ſie gewiß, dafür ſpricht die un⸗ ergründliche Tiefe ihrer ſchönen, ſammtartigen Augen.“ „Kann man lieben und nicht zu lieben verſtehen?“ „Ganz gewiß, man kann heiße Liebe im Herzen fühlen und doch nicht im Stande ſein, dieſe Liebe kund werden zu laſſen: es gibt Herzen, deren Rinde um ſo dichter und kälter wird, je heftiger ſich die Gluth in ihrem Innern entzündet— natürlich ſpreche ich hier nur vom Herzen eines Mädchens, aber es iſt ſehr ſchwer zu unter⸗ ſcheiden, aus welchen Gründen ſie ſich kalt von uns abwendet— hat es doch dafür ſo vielerlei Motive: das der Unſchuld, der Co⸗ quetterie oder auch des Pflichtgefühls.“ 5 „Sie ſind ein vortrefflicher Lehrmeiſter, Rodenberg,“ ſagte der Andere lächelnd, doch war dieſes Lächeln nicht ganz unbefangen— „und wenn Conchitta, von der Sie ſoeben ſprachen, eine tief em⸗ pfundene Liebe verheimlichte, aus welchem Grunde würde ſie es wohl thun?“ „Sie hat einen merkwürdig feſten und entſchiedenen Charakter,“ gab der jüngere Maler, ruhig fortzeichnend, zur Antwort;„man ſieht es an ihrem geſetzten Weſen, erkennt das, wenn man auch nur wenig mit ihr umgegangen iſt, ja, es ſpricht unverkennbar aus ihrem ganzen Betragen, aus ihrem ſichern Auftreten, und vor allen Dingen leuchtet es aus ihrem Auge; ich halte viel auf die Sprache der Augen, und ich habe nie einen Blick geſehen ſo Ver⸗ trauen erregend, aber auch ſo Vertrauen fordernd, wie bei dieſem ſchönen Mädchen.“ Roderich malte ſchon ſeit einigen Secunden nicht mehr; den Arm 62 Vierundzwanzigſtes Kapitel. auf den Rahmen ſeines kleinen Bildes geſtützt und den Kopf in die Hand gelegt, betrachtete er mit einem eigenthümlichen, forſchenden Geſichtsausdrucke die offenen Züge des jungen Mannes, der unver⸗ kennbar aus vollſter Ueberzeugung ſprach.—„Und wenn Conchitta Jemanden liebte,“ fragte er endlich,„und das Niemanden geſtehen wollte, wäre ihr Beweggrund hierzu Coquetterie, Unſchuld oder Pflichtgefühl? Scheint Ihnen dieſe Frage ſchwer zu beantworten?“ ſetzte er hinzu, als Rodenberg nicht ſogleich Antwort gab. „Nein, nein,“ erwiederte der junge Maler heiter,„die Beant⸗ wortung Ihrer Frage iſt mir wahrhaftig nicht ſo ſchwierig, als hier das edle Geſicht der jungen Dame, von der wir reden, auf dem Papier wiederzugeben, womit ich gerade beſchäftigt bin. Coquetterie kennt ſie nicht, dazu iſt ſie zu natürlich und ſelbſtbewußt. Was ihre Unſchuld in einer ſolchen Herzensangelegenheit betrifft, ſo iſt ſie zu ſehr Spanierin, um nur einen Augenblick in Zweifel zu bleiben über einen Blick der Liebe, wenn man ſie mit einem ſolchen betrachtet.“ „Alſo bleibt uns nur das Pflichtgefühl?“ „Ja, allerdings, und bei dieſem Charakter ſetze ich einen ſolchen Einfluß des Pflichtgefühls auf ihren Verſtand, ja, auf ihre Leidenſchaft voraus, daß eher ihr Herz brechen, bevor ſie ihren Grundſätzen untreu würde.“ „Ich glaube, Sie haben Recht,“ ſagte Roderich mit ſehr leiſer Stimme,„es iſt eine merkwürdige Kraft und Entſchloſſenheit in dieſem ſeltenen Mädchen.“ „Haben Sie auch von dem lächerlichen Gerüchte gehört, das üͤber ſie im Umlaufe iſt?“ fragte Rodenberg. „Ja, ich hörte davon— nennen Sie es lächerlich?“ „Dieſe Frage kann nicht Ihr Ernſt ſein!“ „Und warum nicht? Ich glaube, Sie haben unſere liebens⸗ würdige Collegin ſehr richtig beurtheilt; Sie halten ſie fähig, aus Pflichtgefühl eine tiefe Neigung zu unterdrücken, ja, einer ſolchen Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen! 63 zu entſagen— gut denn, warum ſollte ſie aus Pflichtgefühl nicht fähig ſein, eine tolle Heirath einzugehen?“ „Wie ſo aus Pflichtgefühl?“ „Nehmen wir an,“ ſprach Roderich mit einer eigenthümlich bewegten Stimme,„ſie dürfe irgend eine Neigung nicht erwiedern, könnten wir nicht vorausſetzen, ihr Pflichtgefühl gehe ſo weit, um jenem, der ſie liebt, durch eine unüberlegte Heirath alle Hoffnung abzuſchneiden?“ „Ob ein Pflichtgefühl ſo weit gehen kann,“ erwiederte Roden⸗ berg lachend,„weiß ich wahrlich nicht; doch wäre es mir um unſerer liebenswürdigen Collegin willen lieber, ein ſolch' poetiſches Motiv unterlegen zu können— ja gegenüber anderen Beweggründen faſt glaublich.“ „Und was ſind das für andere Beweggründe?“ „Die angenehme und höchſt liebenswürdige Perſönlichkeit unſeres Freundes Michel Angelo, deſſen berühmte Gemälde⸗Galerie, ſowie das Vermögen der Madame Schmitz. Die letztere hielt bis⸗ her ihren kleinen Sohn ſo hoch, daß ſie eine ſaure Miene gemacht haben würde, wenn es irgend einer Prinzeſſin eingefallen wäre, das Auge zu Michel Angelo zu erheben.“ „Und Conchitta würde ſie als Schwiegertochter annehmen?“ „Man ſagt ſo, und darauf kann ſich die Fremde, die Spanierin, etwas einbilden. Schon ſeit einiger Zeit habe ich mir vorgenommen, der Madame Schmitz einen Beſuch zu machen, um etwas Genaueres zu erfahren, doch die Lächerlichkeit dieſes Gerüchtes hält mich davon ab.“ „Das Herz des Weibes iſt ein beſtändiges Räthſeli“ „Mit deſſen Auflöſung wir uns ſo gern die unglaublichſte Mühe geben!“ „Um häufig durch dieſe Auflöſung unangenehm überraſcht zu werden!“ Dergleichen Unterredungen über die verſchiedenartigſten Themen 64 Vierundzwanzigſtes Kapitel. hielten die beiden Maler in den nächſten Tagen häufig mit ein⸗ ander, während der Eine mit verſchiedenen Entwürfen, der Andere mit ſeiner Zeichnung ſo fleißig beſchäftigt war, daß letztere, ſauber auf Holz übergetragen, raſch ihrer Vollendung entgegenging. Ro⸗ derich fühlte ſich angenehm angeregt durch den heiteren, geſunden Sinn des Anderen, durch ſein ungenirtes, aber immer taktvolles Weſen, durch ſeine drolligen Einfälle und launigen Schilderungen, und er befand ſich durch ſeine häuslichen Angelegenheiten gerade in der Stimmung, den Werth eines ſolchen freundlichen Geſellſchafters doppelt zu würdigen, denn der Kammerjunker Freiherr von Schenk war vor Kurzem wieder erſchienen und zwar in Begleitung eines rechts⸗ kundigen Freundes, unter welchem Titel er einen Fremden, der mit ihm gekommen, vorſtellte, um die Angelegenheit ſeiner Couſine end⸗ gültig zu regeln. Was die Scheidung ſelbſt anbelangte, ſo lief dieſe ihren langwierigen, geſchäftlichen Weg, wogegen Roderich aufs be⸗ reitwilligſte damit einverſtanden war, die Vermögensverhältniſſe ſo raſch als möglich zu ordnen. Er hatte nur, dem faſt heftigen Ver⸗ langen Lyttons nachgebend, jenem rechtskundigen Freunde, den er, wie der praktiſche Engländer ſagte, als einen rechtskundigen Feind zu betrachten habe, einen bekannten Advocaten gegenüber geſtellt. Zwiſchen dieſen beiden Herren wurde die Sache um ſo ſchneller in Richtigkeit gebracht, als ja das, was der Maler den Wünſchen ſeiner Frau gemäß ſchon im Voraus genehmigt hatte, nur in rechtskräftige Form gebracht zu werden brauchte. Im Verlaufe dieſer Verhandlung verſuchte es Lytton noch einmal, wenigſtens an den Beſtimmungen ſo diel zu ändern, daß das Jahreseinkommen der Mutter Margarethens als eine jährliche Rente beſtimmt würde, ſtatt ihr das Capital ein für alle Mal in die Hand zu geben, aber vergebens— Roderich, in ſeiner großen Art zu denken, und jett, da die Trennung ſactiſch vollzogen, milderen Geſinnungen mehr als nöthig zugänglich, war nicht dazu zu bewegen, und ſo mußte denn Lytton kopfſchüttelnd den Unterhandlungen ihren Verlauf laſſen. Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen! 65 „Warum,“ hatte Roderich gefragt,„ſolle ich auch nur den Schein annehmen, als wolle ich ihr etwas von dem, was ich ihr zugeſtanden, in irgend einer Art verkümmern? Warum ein Miß⸗ trauen gegen ihre künftige Handlungsweiſe ſchon im voraus kund werden laſſen, ein Mißtrauen, das ich gar nicht habe?“ „Leider haſt Du es nicht,“ hatte ihm Lytton geantwortet, „und hätteſt Du auch nach allem dem, was Dir jene Familie ſchon angethan, volle Urſache gehabt, mißtrauiſch zu werden! Und be⸗ denke nur Eines, Du haſt es jetzt nicht mehr mit Deiner früheren Frau allein zu thun, ſondern mit einem ganzen Heere von Anver⸗ wandten, die ſich alle bemühen werden, jedes Theilchen einer Schuld von Deiner Frau ab und auf Dich zu wälzen, und die Alles, was ſie gegen Dich unternimmt, im voraus gutheißen würden!“ „Und was könnte ſie gegen mich unternehmen?“ „Das weiß ich nicht, aber ſo viel weiß ich, daß ich dieſer Familie Schenk gegenüber mein Recht in der Hand behalten würde!“ Doch, wie ſchon geſagt, alle dieſe vernünftigen Vorſtellungen fruchteten nicht das Geringſte, ſogar ein ſtärkeres Argument nicht, welches Lytton vorbrachte, indem er ſagte:„Und wenn nun Deine Frau das ihr übergebene Vermögen, welches auch zugleich das Deiner Tochter iſt, in leichtſinniger Verſchwendung verthun würde?“ — Worauf Roderich erwiederte: „Sie wird das nicht thun— Luſt zur Verſchwendung gehört nicht zu ihren Fehlern, und wenn es wäre, ſo hätte ſie in dem Falle ja ganz allein zu ihrer eigenen Strafe gehandelt, denn was mein Kind anbelangt, ſo hoffe ich im Stande zu ſein, auch ohne jenes Capital glänzend für ſeine Zukunft ſorgen zu können.“ Da war denn nichts weiter zu thun, und der redliche und umſichtige Freund Roderich's mußte der Sache ihren Lauf laſſen, worauf denn dieſe auch ſehr bald in Ordnung kam, da es den Maler drängte, die Anweiſung zu unterzeichnen, welche Frau Hackländer's Werke. 54. Bd. 5 5 66 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Hildegard in den Beſitz eines Capitals von über hunderttauſend Thalern ſetzte. Die Zinſen konnte ſie ganz nach ihrem Gefallen verwenden, und nebenbei hatte ſie unterſchriftlich verſprochen, das Capital ungeſchmälert zu laſſen und als das Eigenthum ihrer Tochter Margarethe zu betrachten. XXV. „O Tannenbaum, o Tannenbaum, Wie treu ſind deine Blätter!“ Noderich war herzlich froh, als die Sache endlich in Ord⸗ nung und der Bevollmächtigte, Freiherr von Schenk, mit ſeinem rechtskundigen Freunde wieder abgezogen war; hatte er doch im gegenwärtigen Augenblicke ſo außerordentlich viel zu thun, denn es rückte die Weihnachtszeit heran, um die er ſich früher nur inſofern bekümmert, als er um dieſe Zeit einen ziemlich großen Geldbetrag an die Haushaltungskaſſe abgab, aus der alsdann Frau Hildegard ſämmtliche nöthige und unnöthige Beſcherungen beſtritt. Sehr gern hätte er ſich früher ſchon das Vergnügen gemacht, allerlei kleine Einkäufe ſelbſt zu beſorgen, doch wurde ihm ein ſolches Verlangen ſehr übel ausgelegt und als ein förmlicher Eingriff in die Rechte der Hausfrau betrachtet; war es ihm doch kaum möglich geweſen, die zufriedene Beiſtimmung derſelben für das zu erlangen, was er ſpeciell für ſie ſelbſt gekauft, und war er jedes Mal durchgefallen, wenn er eigene Ideen, die kleinen Gaben für ſeine Tochter betreffend, zur Geltung hatte bringen wollen— jetzt aber hatte er auch hierin freie Hand, und dieſer Theil ſeiner wiedergewonnenen Freiheit war es, der ihn förmlich entzückte. Mit welchem Intereſſe ließ er ſich die kleine Garderobe Mar⸗ 68 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. garethens vorlegen und ſich dabei ſogar den Rath von Mademoi⸗ ſelle Eliſe über Anſchaffungen und Aenderungen gefallen; dann muſterte er ſämmtliche Spielſachen und entdeckte dabei eine Menge alten Rumpelwerks, welches dem ſtrengen Spruche gänzlicher Ver⸗ bannung nur dadurch entgehen konnte, daß die Gouvernante ver⸗ ſicherte, dieſe halbzerſtörten Sachen ſeien es gerade, welche von der Kleinen und ihren Geſpielinnen am meiſten beachtet und werih⸗ geſchätzt würden. Hierauf entwarf der Maler eine ziemlich lange Liſte von neuen, größtentheils ſehr unnöthigen Dingen, welche das bevor⸗ ſtehende Weihnachtsfeſt verherrlichen ſollten, und dann beſchloß er, ſich am Tage des feſtlichen Abends das ganz beſondere Vergnügen zu machen, die Weihnachtsmeſſe zu beſuchen und, dort umher⸗ ſchleudernd, alles das einzukaufen, von dem man nur annähernd glauben konnte, daß es dem kleinen Mädchen Vergnügen machen würde. ⸗ Andreas mußte den größten Tannenbaum einkaufen, der nur aufzutreiben war, und hatte den eingekauften ein paar Mal um⸗ wechſeln müſſen, ehe er einen gebracht, welcher von pyramidaliſch tadelloſer Form war. Da der Gärtner ſchon früher beim Auf⸗ putzen des Weihnachtsbaumes hülfreiche Hand geleiſtet, ſo wurde er auch jetzt zu dieſem wichtigen Geſchäfte beigezogen, ſah aber ziemlich ſauer darein, als auch Mademoiſelle Eliſe erſchien und es ſich nicht nehmen laſſen wollte, die betreffenden Bonbons mit Fäden zu verſehen. Es war ihr überhaupt bis jetzt trotz aller Anſtrengung nicht gelungen, ſich die Gunſt oder auch nur die gute Meinung von Seiten Andreas' zu erringen; ſeit die Veränderung im Hauſe vorgegangen war, behandelte er ſie noch ſchroffer und abſtoßender, als er früher gethan, und dies in ſo auffallender Weiſe, ſogar in Gegenwart des Herrn, daß dieſer ſich ſchon veranlaßt geſehen, ſeine Verwunderung darüber auszuſprechen, worauf ihm Andreas ent⸗ gegnete: O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu ſind deine Blätter! 69 „Warum ſoll ich gegen ſie anders ſein? Wird ſich die doch eben ſo wenig ändern, wie ein Moor weiß wird und eine Elſter das Hüpfen vergißt— das heißt innerlich, wenn ſie auch äußer⸗ lich das vollkommenſte Lamm geworden iſt!“ Eine ähnliche kleine Scene hatte auch heute Statt gefunden; obgleich ſich Mademoiſelle Eliſe bemühte, den Anordnungen des Gärtners in Betreff des Baumes aufs ſchleunigſte Folge zu leiſten, hatte ſie ihm doch nichts recht machen können, und er brummte in Einem fort. Roderich hätte ihm gern etwas darüber geſagt, doch fürchtete er, ihn hiedurch noch mehr gegen die Gouvernante auf⸗ zubringen, und ſprach er deßhalb in murmelndem Tone, als jener einen Augenblick hinausgegangen war: „Machen Sie ſich nichts daraus, es iſt ſo ſeine Art, über Alles zu brummen!“ Wie erſtaunte der Maler aber, als das Mädchen ihn hierauf einen Augenblick ſtarr anſah, dann in Thränen ausbrach und da⸗ rauf haſtig das Zimmer verließ. So entſtand denn ein ſo ausgezeichneter Chriſtbaum, daß ſelbſt Roderich mit ſeinem Sinne für das Schöne und Geſchmackvolle eine wirkliche Freude daran hatte: vergoldete Reife, die nach oben zu immer kleiner wurden, hielten die Zweige aus einander und gaben dem Baume etwas Nettes, Abgedrehtes; an dieſen Reifen hing unten das Zuckerwerk und oben waren die Wachskerzchen befeſtigt, ſo daß der Baum mit den angezündeten Lichtern wie eine leuchtende Pyra⸗ mide auszuſehen verſprach. Die Geſchenke für das kleine Mädchen wurden nun auf dem großen Tiſche, der den Baum trug, maleriſch ausgebreitet, und auf kleinen Tiſchen an der Wand des Zimmers befanden ſich die Gaben für die Dienerſchaft. Mit ſtrahlendem Blicke überſchaute der glückliche Vater noch⸗ mals das Ganze und weidete ſich ſchon im voraus an der Selig⸗ keit des großen Augenblickes, wenn er die Thür zu dem finſtern Nebenzimmer öffnen würde und wenn Margarethe hereinkäme, die 70 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. großen, glänzenden Augen weit geöffnet und ſtrahlend vom Wieder⸗ ſcheine der zahlloſen brennenden Wachskerzchen. Und wie geblendet mochte ſie wohl ſtehen bleiben vor allen den herrlichen Sachen, die hier ausgebreitet lagen, zweifelnd, prüfend und wählend, durchaus nicht mit ſich im Reinen, wonach ſie zuerſt greifen ſollte, ihr kleines, glücklich ſchlagendes Herz getheilt zwiſchen ſo vielerlei Dingen, beſonders aber zwiſchen einer Puppe in Kinder⸗ lebensgröße, deren vergißmeinnichtblaue Augen ein ſanftes Gefühl bekundeten, ſowie in rührender Erkenntlichkeit über bewieſene Mutterliebe glänzten, und einem Garten, der mit der großen Puppenſtube Margarethens durch eine Glasthür in Verbindung ſtand und nicht nur Blumenbeete und Bäume in einer unbeſchreib⸗ lichen Natürlichkeit zeigte, ſondern auch Stühle und Bänke, eine kleine Schaukel, ja, ſogar einen lebendigen Springbrunnen— und daneben die reiche Auswahl an eigenen wie an Puppenkleidern, ferner die Küche mit dem erfindungsreichſten Kochapparate, die Bügelſtube mit Teppich und Bügeleiſen und der große Salon des Puppenhauſes mit Chriſtbäumchen und einer ganzen Beſcherung en miniature. Das Alles überſchaute Roderich unzählige Male mit heiterem Sinne und glücklichem Herzen, ehe er ſich davon zu trennen ver⸗ mochte; dann verſchloß er die Stube ſorgfältig, um noch den oben erwähnten Gang über den Weihnachtsmarkt zu machen, zu welchem Zwecke ihn Lytton abzuholen kam. Vorher aber trat er nochmals ins Zimmer ſeiner kleinen Tochter, die auf einem Bänkchen gegen⸗ über dem Fenſter ſaß und, die gefalteten Hände auf den Knieen, nachſinnend an den Himmel hinaufblickte. Doch machte dieſer an dem heutigen heiligen Abende kein freundliches Geſicht; er hatte ſich in graue Wolkenſchleier gehüllt und ſandte hier und da vereinzelte dicke, weiße Flocken herab als Vorboten tüchtigen Schneewetters, welche ein naßkalter Wind, der ſtoßweiße durch die dürren Aeſte ſauste, herbeizublaſen ſchien. O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu ſind deine Blätter! 71 „Woran denkſt Du, mein Herz?“ ſagte der Vater, indem er den Kopf des Kindes ſanft erhob und es auf ſeinen kleinen, friſchen Mund küßte. „Ich denke an heute Abend, Papa, und möchte gern errathen, was mir das Chriſtkind beſcheren wird.“ „Die guten Kinder dürfen ſich etwas wünſchen und bekommen es alsdann, und da Du, wie ich glaube, ein gutes Kind biſt, ſo wird auch bei Dir irgend ein kleiner Wunſch in Erfüllung gehen.“ „O, ich habe mir ſchon viel gewünſcht!“ 4 „So viel darf es gerade nicht ſein; man muß ſich dem Chriſt⸗ kinde gegenüber ja in Acht nehmen, nicht unbeſcheiden zu ſein!“ „Weißt Du was, Papa,“ erwiederte das Kind mit einem herzlichen Lächeln, ich will mir lieber gar nichts wünſchen, ſondern erwarten, daß ich ſehr viel bekomme!“ „Das iſt recht klug von Dir,“ ſagte Roderich lachend,„und dieſe Beſcheidenheit wird gewiß belohnt werden! Nun, behüte Dich Gott, ich gehe noch ein paar Stunden aus, und wenn ich zurück⸗ komme, wollen wir ſehen, was uns das Chriſtkindchen beſchert hat — ich freue mich eben ſo ſehr darauf, als Du!“ Mademoiſelle Eliſe war bei dieſem kleinen Geſpräche zugegen geweſen und hatte ebenſo wie Margarethe an den Himmel hinauf⸗ geſchaut, aber nicht mit dem Ausdrucke ſanfter Träumerei oder „glückſeliger Erwartung. Sie hatte ihre Lippen feſt über einander gepreßt und ihre Augen ſtarrten gerade vor ſich hin mit einem Ausdrucke, der vollkommen als Spiegelbild der troſtloſen, grauen Schneewolken erſcheinen konnte. Dabei war ſie außergewöhnlich bleich, und nur zuweilen flammte eine plötliche Röthe auf ihrem Geſichte, wenn ſie ſich, was ein paar Mal vorkam, raſch gegen ihren Herrn umwandte, als derſelbe ſo voller Liebe und Herzlich⸗ keit mit dem kleinen Mädchen plauderte. Jetzt küßte er das Kind noch einmal aufs innigſte, worauf er ſagte: „Alſo ich gehe jetzt und bin um ſechs Uhr zur Beſcherung ————— 72 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. wieder da— das wird ein prächtiger Abend werden!“ ſetzte er, vergnügt die Hände reibend, hinzu. Dann wandte er ſich um und ſchritt gegen die Thür. Auch Mademoiſelle Eliſe wandte ſich raſch, ſchaute ihm nach und ſagte alsdann in einem bewegten, wenngleich lauten Tone zu Margarethe:„Ach, wie Dein Vater ſo lieb und gut für Dich denkt; gib ihm noch ſchnell einen Kuß und ſomit einen Dank im voraus!“ Bei dieſen Worten nahm ſie das kleine Mädchen, welches freu⸗ dig aufgeſprungen war, an der Hand und führte es raſch zu ſeinem Vater, der unter der Thür ſtehen geblieben war und ſeine Arme ausbreitete, um das liebe, kleine Geſchöpf, das heiter an ihm em⸗ porſprang, nochmals in ſeine Arme zu ſchließen. Ein Blick auf die Gouvernante zeigte ihm Thränen in deren Augen. „Was haben Sie, Mademoiſelle Eliſe?“ „Der heutige Abend bewegt mich immer und ſtimmt mich ernſt und trübe; ich gedenke alsdann meiner Jugendzeit und be⸗ ſonders tief der Menſchen, die mich geliebt und mir freundlich ge⸗ weſen ſind!“ „Sie erinnern ſich derſelben mit einem Gefühle des Dankes, aber nicht gerade der Trauer?“ „O doch, o doch, mit einem Gefühle tiefer Trauer und Weh⸗ muth, denn ich war nicht immer dankbar, ich vergaß Güte, die man mir bewieſen, Wohlthaten, die man mir erzeigt— und dieſes Unrecht, welches ich begangen, drückt mir das Herz zuſammen!“ Roderich war ſo heiter, ſo weich, ſo wohlwollend für die ganze Welt geſtimmt, daß er nicht umhin konnte, in einem herzlichen Tone zu erwiedern:„Und wenn Sie ein begangenes Unrecht erkennen, ſo bereuen Sie es auch, und wer bereut, findet Verzeihung— ver⸗ derben Sie ſich deßhalb den heutigen feſtlichen Abend nicht mit Kummer und Thränen!“ —uõõͤͤͤ O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu ſind deine Blätter! 73 „Und würden Sie mir ein Unrecht vergeben, das ich gegen Sie begangen hätte?“ „O gewiß,“ erwiederte er lächelnd;„ich wäre ein guter oder, wenn Sie wollen, ein ſchlechter Beichtvater geworden und hätte bei der geringſten Spur von Reue die vollſte Verzeihung gewährt!“ „Wie danke ich Ihnen für dieſes Wort!“ rief das Mädchen mit einem Ausdrucke von Freude, der ihm unerklärlich ſchien und über den er ſie wahrſcheinlich befragt haben würde, wenn Made⸗ moiſelle Eliſe nicht in dieſem Augenblicke haſtig ſeine Hand er⸗ griffen und auf dieſelbe, ehe er es hindern konnte, zwei ſich raſch folgende heiße Küſſe gedrückt hätte. Faſt ärgerlich zog er ſeine Hand zurück und konnte ſich nicht enthalten, ihr zu ſagen:„Laſſen Sie dergleichen bleiben, Mademoi⸗ ſelle Eliſe— ich habe keine Idee, aus welchem Gefühle eine Em⸗ pfindung entſpringen konnte, die ſolches rechtfertigte; thun Sie Ihre Pflicht wie bisher mit Umſicht und Treue, und auf dieſe Art wer⸗ den Sie auch am beſten mit traurigen Erinnerungen Ihrer Ver⸗ gangenheit ins Reine kommen— bhis nachher! Adieu, meine liebe Margarethe!“ Er verließ das Zimmer und ſtieg langſam die Treppe hinab, ohne zu bemerken, wie die Gouvernante, das kleine Mädchen an der Hand, ihm auf den Gang hinaus gefolgt war, wie ſie droben, ihm nachſtarrend, ſtehen blieb, wie ſie dem Kinde zuflüſterte: „Winke Deinem Vater noch einmal!“— wie ſie alsdann ins Zimmer zurückwankte und in einer Ecke deſſelben unter convul⸗ ſiviſchem Schluchzen auf einen Stuhl niederſank. Drunten im Hauſe erwartete Lytton ſeinen Freund und rief ihm entgegen:„Beinahe wäre ich trotz meiner ſchmuziigen Stiefel hinaufgekommen, um das erwartungsvolle Geſichtchen und das ge⸗ wiß jetzt ſchon vor Freude leuchtende Auge Deiner Kleinen zu ſehen!“ „Ja, ja, das war ſchon im voraus belohnend,“ entgegneie 74 5 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Roderich;„doch wirſt Du alles das nachher doppelt genießen, ihr Glück wird unbeſchreiblich ſein.“ „Und auch das Deinige— es iſt doch etwas Beneidenswerthes, Vater zu ſein!“ 3³ „Ganz gewiß, Vater einer ſolchen Tochter— aber komm' jetzt, ich muß noch verſchiedene Kleinigkeiten ſuchen.“ „Mir ſcheint, Du wirſt den ganzen Weihnachtsmarkt zu⸗ ſammenkaufen.“ 4 1 „Wenigſtens wollen wir allen beſcheidenen Genüſſen den Zügel ſchießen laſſen, dabei an die Glückſeligkeit der Jugend denkend, wo wir unſere paar Groſchen aufs ängſtlichſte zu Rathe hielten und doch ſchließlich nur das Unnöthigſte gekauft hatten.“ „Nun, vielleicht machen wir's heute eben ſo.“ Damit gingen ſie durch die ſchon halb dunkeln Straßen, aber nicht allein, denn vor und neben ihnen zogen andere würdige Fa⸗ milienväter oder Mütter in Shawl und Caputze, gefolgt von ihren Dienſtmädchen, um ebenfalls noch eine Menge ſehr überflüſſiger Nothwendigkeiten einzukaufen. Da war auch ſchon der Markt mit ſeinem geheimnißvollen Treiben, mit den hölzernen Buden, von denen jede die andere durch reicheren Lichterglanz überbieten zu wollen ſchien,— war ihnen doch nur noch eine kurze Friſt vergönnt, bis die Buden geſchloſſen wurden, weil die Käufer gewöhnlich mit dem vollen Eintritte der Nacht plötzlich verſchwanden, wie Geſpenſter mit dem erſten Hahnenſchrei. Vor dem Markte auf einem kleinen Platze befanden ſich ganze Reihen von Tannenbaum⸗Verkäufern, die keine beſonderen Geſchäfte gemacht zu haben ſchienen. Gewöhnlich waren es Kinder, welche die immergrünen Bäumchen feilboten, und dies erſchien Roderich um ſo trauriger; er fühlte mit ihnen, wie ihre Hoffnungen, ſelbſt einen heiteren Weihnachtsabend zu feiern, wenn ſie ihre Waaren frühzeitig los geworden wären, jetzt wohl verſchwunden waren— er ſah das an ihren betrübten Blicken, mit denen ſie vergeblich zum —— 9 Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu find deine Blätter! 75 Kaufen einluden, um alsdann den haſtig Davoneilenden traurig nachzuſchauen. Gern hätte er eine ganze Tannenpflanzung zu⸗ ſammengekauft, wenn er nur gewußt hätte, was er damit anfangen ſolle; doch konnte er es nicht unterlaſſen, hier einem armen Weibe mit einigen frierenden Kindern ein Geldſtück in die Hand gleiten zu laſſen und dort einem kleinen Mädchen eine Gabe zu reichen, die ihrem jüngeren Bruder eine— allerdings ſehr ärmliche— Weihnachtsfeier dadurch veranſtaltete, daß ſie ihm von Zeit zu Zeit mit einem angezündeten Streichhölzchen die Bäume beleuchtete. Sie that es, um ihn zum Schweigen zu bringen, denn der kleine, ärmlich angezogene Bube weinte, wahrſcheinlich vor Hunger und Kälte. Auch zufriedenere Geſichter ſah er hier im Vorbeigehen und freute ſich mit ihnen, da ein paar Kinder, die ihr gewonnenes Geld zählten, dort eine ganze, zahlreiche Familie, die beim Scheine einer Laterne ihr ſpärliches Brod verzehrte, deſſen einzige und beſte Würze die Worte der Mutter waren:„Wartet nur— in einer Stunde ſind wir zu Hauſe und dann ſollt ihr ſehen, was das für einen Weihnachtsabend gibt!“ Roderich kaufte noch die verſchiedenartigſten Spielereien, die er entweder ſelbſt entdeckte oder auf die er ſich von Lytton aufmerkſam machen ließ, der ebenfalls in die Wuth des Kaufens hineingerathen war. Daß von all' den Dingen, welche ſie erhandelten, ſich wenig⸗ ſtens drei Viertel durch Unzweckmäßigkeit auszeichneten, verſteht ſich wohl von ſelbſt, da den Beiden in ihrer frohen Laune nur eine glänzende Außenſeite zu gefallen brauchte, um nicht lange nach ſeinem Nutzen zu fragen. „Wenn wir zwölf oder vierzehn Jahre alt und von einem recht verſchwenderiſchen Vater mit vollem Geldbeutel zur merry christmas auf den Weihnachtsmarkt geſchickt wären, ſo könnten wir es nicht toller machen,“ lachte der junge Engländer. „Eine tiefe Wahrheit, das will ich Dir bereitwilligſt zugeſtehen, ohne deßhalb meinem Vergnügen Einhalt zu thun.“ 76 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. „Und was willſt Du denn noch kaufen?“ „Komm' nur noch mit dort zu der großen Spielwaarenbude, der letzten in der Reihe, deren Inhalt uns ſo verführeriſch ent⸗ gegenglänzt.“ „Nun meinetwegen, doch haben wir bereits alle Taſchen voll.“ „Weißt Du, was ich noch kaufen könnte?“ ſagte Roderich nach einer Pauſe, als ſie vor der Bude ſtanden, deren Eigenthümer dieſen beiden ſpäten und ſo wohlhabend ausſehenden Kunden ſeine heiterſte Miene als Köder entgegenwarf—„ich werde ein Schatten⸗ ſpiel kaufen, das wird Margarethe außerordentlich amuſiren.“ „Ah, das laß ich mir gefallen— kaufen wir ein Schattenſpiel!“ „Morgen nach unſerem kleinen Diner— Rodenberg iſt ſelbſt⸗ redend da und Walter wird auch kommen— machen wir uns das kindliche Vergnügen mit einem Schattenſpiele an der Wand.“ „Bei uns in England ſehr beliebt, eine meiner erſten Jugend⸗ Erinnerungen.“ Das ſchönſte Schattenſpiel aus dem ganzen Waarenlager wurde gekauft und bezahlt; Lytton nahm die kleine Blechlaterne unter den Arm, während Roderich die Schachtel mit den Glastafeln einſchob. „So, jetzt könnten wir zufrieden fein.... „Und nach Hauſe gehen, das heißt zuerſt einen Augenblick zu mir,“ ſagte der junge Engländer,„wir ſind ja ganz in der Nähe; ich möchte, um ſpäter nach Hauſe zu gehen, einen Regenſchirm nehmen— der Wind haucht uns ſo warm ins Geſicht, daß ich überzeugt bin, es dauert nicht lange, ſo haben wir ſtatt des Schnee⸗ geſtöbers einen tüchtigen Regen.“ „Gut, holen wir Deinen Regenſchirm.“ Sie hatten bald das Haus erreicht, wo Lytton im erſten Stocke eine, wenngleich kleine, doch ziemlich elegante Wohnung hatte; er zündete Licht an, da ſein Diener ausgegangen war, und bot dem Freunde eine Cigarre, die dieſer bereitwilligſt annahm. Dann, als er nach einer Ecke des Zimmers ging, um einen Regenſchirm O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu ſind deine Blätter! 77 zu holen, bemerkte er auf einem Seitentiſche ein paar Briefe liegen, die von der Poſt gebracht worden waren; er betrachtete die Auf⸗ ſchriften und ſagte, das Geſicht mit einem ernſten Ausdrucke gegen Roderich wendend:„Der eine iſt aus England von meinem Vater und muß etwas nichts Gewöhnliches enthalten, da es in dieſen Tagen nicht ſein Termin iſt, an mich zu ſchreiben— ſehen wir, was es gibt. Er zerriß den Umſchlag und las. Der Brief mußte nur wenige Zeilen enthalten, denn Lytton warf ihn nach wenigen Secunden etwas derb auf den Tiſch. „Ich habe das ſchon lange erwartet,“ ſagte er alsdann un⸗ muthig,„und ſprach Dir auch ſchon davon; mein Vater wünſcht, daß ich nach Hauſe zurückkehre und ſo bald es mir thunlich er⸗ ſcheint, das heißt aber aus unſerer Familienſprache ins Allgemeine überſetzt: mit dem erſten Schiffe, das ich in Calais oder Boulogne erreichen kann.“ „Vermutheſt Du irgend etwas Unangenehmes?“ „Im Gegentheil, er wünſcht meine Zurückkunft wegen eines nicht unintereſſanten Familien⸗Ereigniſſes— es thut mir recht in der Seele weh, Dich ſo raſch verlaſſen zu müſſen!“ Er reichte dem Freunde die Hand, welche dieſer herzlich drückte und ihm erwiederte: „Du kannſt mir glauben, Lytton, wie ſchmerzlich ich gerade jetzt Deine Abweſenheit empfinden werde, doch werden wir uns bald wiederſehen, ich bin feſt davon überzeugt— und wann wirſt Du reiſen?“ „Laß mich nachrechnen— am erſten nächſten Monats geht ein Schiff von Boulogne, welches ich erreiche, wenn ich am achtund⸗ zwanzigſten von hier gehe.“ „Eine kurze Friſt, aber wir wollen, hoffe ich, die paar Tage noch recht vergnügt mit einander verleben.“ „Dem Schickſale zum Trotz, das uns aus einander reißt— ja, das wollen wir!“ 2 „So laß uns jetzt zu mir gehen— zuerſt die Beſcherung, 78 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. dann ein kleines Souper, zu welchem ich Rodenberg geladen habe.— Rodenberg iſt auch Dir ganz recht?“ „Gewiß, ſowohl in großer Geſellſchaft wie in kleinem Kreiſe; er iſt ein guter und in jeder Beziehung durch und durch anſtän⸗ diger Kerl, dieſer Rodenberg— ſchade, daß auch ihm die kleine Million fehlt, das wäre ein Beſchützer der Kunſt und aller Künſtler geworden, trotz dem Mäcen und den Medicäern.“ Sie gingen mit einander nach dem Hauſe Roderich's, und dieſer öffnete die Hausthür mit einem kleinen Schlüſſel, den er immer bei ſich trug. Gegenüber dem unangenehmen Schneegeſtöber und dem naßkalten Winde betrat man die behaglich erwärmte und beleuchtete Hausflur mit einer außerordentlich wohlthuenden Em⸗ pfindung, und nicht nur Auge und Gefühl fanden ſich hier an⸗ genehm beſchäftigt, auch Geruch und Gehör erhielten ihren Theil, wie Lytton behauptete, denn in der Küche hörte man die Köchin irgend eine unbekannte Arie ſingen, während aus der halb geöff⸗ neten Thür ein höchſt angenehmer Duft ſtrömte. Die Sängerin erſchien einen Augenblick unter der Thür ihres Departements, als ſie Tritte in der Hausflur vernahm, um ſogleich wieder zu verſchwinden, als ſie ihren Herrn erkannte. „Wo iſt Andreas?“ fragte dieſer. „Er iſt vor einer Stunde nach dem Atelier gegangen, um das Gewächshaus zu decken und nach dem Ofen zu ſehen.“ „Sobald er kommt, ſchicken Sie ihn hinauf.“ „Gut,“ ſagte die Köchin und kehrte in ihre Küche zurück, wo ſie ihren Geſang mit großer Meiſterſchaft da wieder aufnahm, wo ſie ihn vorher unterbrochen hatte. „Es iſt beinahe ſechs Uhr,“ ſagte der Maler mit leiſer Stimme zu ſeinem Freunde, während Beide ſo geräuſchlos als möglich die Treppe hinaufgingen—„Du wirſt mir helfen, den Weihnachts⸗ baum anzuzünden, und wir wollen das thun, ehe ſie noch erfahren, daß wir zurückgekommen ſind— die Ueberraſchung wird um ſo O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu ſind deine Blätter! 79 größer ſein, wenn ſie auf einmal ſo ganz unvermuthet den Ton der Klingel hört.— Ich ſage Dir, Alfred, mit derſelben Heiterkeit wie heute erinnere ich mich in langen, langen Jahren keinen Weih⸗ nachtsabend begangen zu haben!“ „Auch ich hatte mich ſo darauf gefreut, doch habe ich ja ſchon eine Beſcherung erhalten, deren Unangenehmes ich zuerſt über⸗ winden muß.“ „Denke nicht mehr daran— wenigſtens heute nicht— mir zu Liebe und der Kleinen wegen— ihre Freude wird Dich aufheitern.“ „Das hoffe ich auch.“ 1 „So— da ſind wir im Zimmer— nur kein Geräuſch ge⸗ macht, bleibe an der Thür ſtehen— ich werde Licht anzünden, es ſteht hier Alles ſo voll, daß ich mich kaum durchwinden kann.— Nun, was ſagſt Du zu der Ausſtellung?“ fragte Roderich mit leuchtenden Augen, als nun das Licht brannte, bei deſſen Scheine Lytton alle die vollen Tiſche ſah. „Was ich ſage?— Nun, daß es hier einen wunderſchönen Anblick geben wird und daß wir bei dieſem Ueberfluſſe unſere Pro⸗ menade über den Weihnachtsmarkt hätten ſparen können.“ „Zugeſtanden; aber es war eine ſo angenehme Ausfüllung der Zeit,“ ſagte Roderich, ſich gewiſſer Maßen entſchuldigend,„und dann mußte ich auch ein wenig friſche Luft ſchöpfen.“ „Ich verſtehe, ich verſtehe,“ lachte Lytton,„aber jetzt komm, laß uns ans Werk gehen; Du nimmſt jene Seite des Chriſtbaumes, ich dieſe; obgleich unverheirathet und deßhalb noch nicht Selbſt⸗ erſchaffer von Weihnachtsfreuden, werde ich doch im Anzünden der Lichter mit Dir concurriren.“ „Das wollen wir ſehen.“ Und damit begannen die beiden Männer mit einer Haſt, mit einem Eifer die Lichter anzuzünden, daß es eben ſo komiſch als rührend ausſah; ihre Augen glänzten, ſie wagten kein Wort mehr zu reden, denn von einem leichten Huſten des jungen Engländers —— 80 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. waren ſogleich ein paar Dutzend Weihnachtskerzchen ausgelöſcht, was indeſſen jenen unvergleichlichen Geruch erzeugte, der uns ſo⸗ gleich mitten in die Weihnachtszeit hineinverſetzt. Nun waren ſie fertig, und der Baum ſah in der That wahr⸗ haft prächtig aus: er bildete eine zierliche Feuer⸗Pyramide, von den goldenen Reifen unterbrochen, an denen das Zuckerzeug in maleriſcher Beleuchtung hing, einen ſoliden Kern bildend, während wehende Fahnen von Rauſchgold und blinkende Ketten von vergoldetem und verſilbertem Papier, die ſich zierlich um die äußerſten Spitzen der Zweige ſchlangen, von einem unermeßlichen, wenngleich märchen⸗ haften Reichthume zeugten. „So, jetzt werde ich ins Nebenzimmer hineinklingeln,“ ſagte Roderich;„Margarethe iſt drüben, ich ſah von unten die Fenſter des Wohnzimmers erleuchtet, und wenn Du ihre Tritte hörſt, öffneſt Du beide Flügelthüren.“ „Mit dem Aplomb eines königlichen Portiers.“ „Es gibt doch wahrhaftig nichts Belohnenderes für die kleine Mühe, die wir gehabt, als dieſen Augenblick,“ ſagte der glückliche Vater, indem er die Klingel ergriff. Und er ließ die Klingel ertönen, während Lytton in komiſcher Haltung die beiden Flügelthüren mit den Händen erfaßt hatte. Dann horchten Beide, um die raſchen Tritte und die jubelnde Stimme des kleinen Mädchens zu vernehmen.— „Klingle etwas lauter,“ ſagte Lytton,„und ich will die Flügel⸗ thüren ein wenig öffnen, es ſind ja zwei Zimmer zwiſchen dieſem und dem, wo ſich Margarethe befindet.“ „Ja, Du haſt Recht.— Das iſt doch ſonderbar,“ meinte Ro⸗ derich,„ſie werden doch nicht Beide eingeſchlafen ſein!“ „In einer ſolchen Erwartung kaum möglich!“ „Bleibe Du hier, ich will doch nachſehen.“ Damit eilte Roderich raſch hinaus und der junge Engländer blieb zurück. j 9 Tannenbaum, o Tannenbannn V eu ſind deine Blätter! 81 Dieſer ſtellte ſich unter die hörte die Schritte ſeines Freu püfneien Flügelthüren und hallen, dann lauſchte er an⸗ den nächſten Zimmern ver⸗ der Kleinen zu vernehm⸗ 3f. um endlich den jubelnden Ruf würde, wenn der ge“ au die Thür ihres Zimmers geöffnet nun eilig mit ihr⸗ Sater auf der Schwelle erſchien und ſie Sonderbe dfommen würde. Doch drüben Alles ſtill blieb!— Und noch immer. Margar ete er etwas, aber nicht die helle, klingende Stimme die„ſondern die aufgeregte Stimme ſeines Freundes, der 2 hinab nach der Dienerſchaft rief. 8 eilte Lytton nach dem Wohnzimmer, deſſen Thür er eehen fand; wie gewöhnlich brannte hier die Lampe auf dem ², aber eben ſo wenig war etwas zu ſehen von Margarethe, „ von Mamſell Eliſe. 7 Die Köchin war beim Rufe ihres Herrn raſch die Treppe naufgeſprungen, gefolgt von dem Stubenmädchen, das ihr in der üche Geſellſchaft geleiſtet. „Wo iſt Margarethe?“ fragte Roderich, der auf der Treppe tand, wobei er ſeine Stimme gewaltſam mäßigte—„und wo iſt die Gouvernante?“ Die Beiden, an welche dieſe haſtig ausgeſprochene Frage ge⸗ 8 richtet war, ſahen ſich zuerſt überraſcht an, dann mit einem unge⸗ künſtelten Erſtaunen auf ihren Herrn und ſagten nun wie aus 3 Einem Munde:„Margarethe und die Eliſe müſſen ja in ihrem Wohnzimmer ſein!“ Roderich ging ihnen dorthin voran und öffnete die Thür ſo weit als möglich. „Allerdings ſind ſie nicht da— aber wie lange iſt's her, daß ſie nicht da waren?“ 4 Abermals ſahen ſich die Beiden mit dem gleichen Erſtaunen an, dann ſagte das Stubenmädchen zu ihrem Herrn:„Sie waren Hackländer's Werke. 54. Bd. 6 „A— a— a—ah, ſie ſind nicht da!“ ſagten die Beiden. 3 ——— 82 Funfundzwiſgſtes Kapitel. h hinauf, um das Kaffeegeſchirr kaum fortgegangen, da ging hinanf, abzuräumen.“ ietzt iſt es ſechs Uhr vorüber— „Das war um halb dund tkan ent uhgr dd. dn und keine von Euch war in der Zwiſceen,⸗ ſagte das Stuben⸗ „Nein, Herr, wir wurden nicht geruſesnamſſell Eliſe liebte mädchen und ſetzte etwas ſpitzig hinzu:„Und P. es nicht, wenn man ungerufen kam!“ mit großer Der junge Engländer hatte ſich indeſſen im Zimmer Marga⸗ Ruhe umgeſehen und ſagte jetzt:„Laß doch nachſehen, ob n fin⸗ rethens Mantel und Tuch und der Hut ihrer Gouvernante 8 den ſind, oder ob ſie ſich ſonſt noch im Hauſe befinden.“ n⸗ Die beiden Mädchen rannten augenblicklich nach dem betreffe den Schlafzimmer, und während deſſen näherte ſich der Maler ſeinem Freunde, legte ſeine Rechte auf deſſen Schulter und fragte ihn mit einem eigenthümlich klingenden Tone:„Was denkſt Du davon? Sage mir ohne Rückhalt, was Du darüber denkſt!“ „Noch nicht das Schlimmſte.“ „Ah, es könnte alſo etwas Schlimmes geben, etwas Entſetz⸗ liches für mich?“ „Wer wird gleich an ſo etwas denken! Wenn die Beiden nicht im Hauſe ſind und man auch ihre Mäntel und Tücher nicht findet, ſo wollen wir annehmen, die Gouvernante habe ſich vielleicht von der Kleinen erbitten laſſen, den Weihnachtsmarkt zu beſuchen— es wäre das allerdings unverantwortlich!“ „Gewiß, unverantwortlich, und doch, wenn ſie jetzt zurückkämen, wie wollte ich ſie mit keinem Blicke dieſen Fehler entgelten laſſen — wenn ſie aber nicht auf den Weihnachtsmarkt gegangen ſind?“ ſetzte Roderich fragend hinzu, wobei ſein Blick einen unbeſchreib⸗ lichen Ausdruck des Schreckens annahm. „So ſind ſie vielleicht zu einem Beſuche in die Nachbarſchaft gegangen.“ „Oder.... 9 Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu ſind deine Blätter! 838 „Ei, wer kann in einem ſolchen Falle alle dergleichen Oder beantworten,“ entgegnete Lytton, indem er ſich, um dem ſtarren Blicke ſeines Freundes zu entgehen, nach der Thür wandte—„dort kommen die beiden Dienſtmädchen zurück.“ Ja, ſie kamen, und Beide athemlos von raſchem Laufen. „Wir waren im ganzen Hauſe,“ ſagte die Köchin,„ſogar oben auf dem Söller!“ „Und ich habe in den Keller hinabgerufen!“ „Sie ſind im ganzen Hauſe nicht zu finden?“ „Nicht in dem Hauſe und nicht draußen im Gärtchen, ich habe den Namen der Mamſell mehrmals laut gerufen!“ „Und der Mantel von unſerem kleinen, lieben Mädchen iſt auch nicht da,“ ſagte die Köchin, indem ſie mühſam Athem ſchöpfte —„auch nicht das Tuch der Mamſell, nicht ihre Ueberſchuhe, und es fehlt auch ihre Reiſetaſche!“ „Aber ihr Koffer— ihr Koffer?“ rief Roderich. „Der ſteht oben auf ſeinem gewöhnlichen Platze, verſchloſſen, aber die Kleider hangen im Kaſten!“ „Wer wird gleich an ſo etwas denken,“ meinte Lytton, doch war ſein Blick nicht ſo feſt und ſicher, wie gewöhnlich— Du hörſt ja, ihr Koffer und ihre Kleider ſind da!“ „Koffer und Kleider ſind ſchwer wegzuſchaffen,“ ſagte der Maler mit tonloſer Stimme,„ohne daß man etwas davon merkt— und Koffer und Kleider wären einer ſo treuen Dienerin leicht zu erſetzen!“ „Ei was, mach' mich nicht toll!“ „Eine von Euch geht in die Nachbarſchaft, wo ſie vielleicht ſein könnten, und wenn es Dir recht iſt,“ bat er ſeinen Freund mit einer Innigkeit, die dieſem tief ins Herz ſchnitt,„ſo laufen wir nochmals über den Weihnachtsmarkt!“ „Ja, ja, das wollen wir!“ „Wenn nur Andreas da geweſen wäre!“— Nach dieſen Wor⸗ ten eilte der Maler hinaus, um ſeinen Ueberrock zu holen. 84 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. „Und Ihr habt Niemanden die Treppe hinabgehen hören?“ fragte Lytton. „Keine Seele— aber wenn ſie ausgegangen ſind, ſo haben ſie, wie gewöhnlich, Gummi⸗Galoſchen angehabt, und da hört man keinen Tritt!“ „Das iſt richtig!“— Dann eilte auch er fort, und bald darauf verließen die beiden Männer eilig das Haus. Ach, wie ganz anders waren die Gefühle, mit denen Olfers und Lytton jetzt dem ſchon ziemlich dunkel gewordenen Markte zuſchritten! In den meiſten Buden waren die Lichter ausgelöſcht, und wo man Helle ſah, da war es der Schein einer Laterne, bei welchem die Kaufleute eilig ihre Waare zuſammenpackten. Nur bei den Tannenbäumen ſah man noch ein paar der armen Ver⸗ käufer geduldig wartend ſitzen. Da war das kleine Mädchen mit ihrem frierenden Bruder. Hier blieb der unglückliche Vater einen Augenblick ſtehen und dachte: ach, wenn es doch Margarethe wäre, kalt, durchnäßt, wie wollte ich ſie jubelnd auf meinen Arm nehmen und nach Hauſe zurücktragen!— Dort war auch noch die zahl⸗ reiche Familie, deren Mutter den Kindern einen heiteren Weih⸗ nachtsabend verſprach und die nun aufbrach, um nach ihrem be⸗ nachbarten Dorfe zurückzukehren. Roderich zählte ängſtlich die Schaar der Kleinen, alle waren noch da, wie er ſie vor kaum einer Stunde geſehen— keines fehlte.— Zwiſchen den Budenreihen war es ganz leer geworden und Niemand mehr zu ſehen, und doch durcheilten die Beiden jede Reihe mehrere Male, ja, ſie blieben an jeder Bude ſtehen, wo noch Licht war oder ein letzter Käufer. Nirgends eine Spur von dem kleinen Mädchen. Der Wind fuhr in heftigen Stößen gegen die Straßenecken und überſchüttete diejenigen, welche eiligſt ihres Weges gingen, um ſo bald als möglich ein ſchützendes Obdach zu erreichen, mit em⸗ pfindlichen Schauern von Regen und Schnee, dabei heulend und ——-——— O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu ſind deine Blätter! 85 pfeifend, als wollte er ſeinen Verdruß ausſprechen, von all den tauſend Lichtern, all den vergnügten Geſichtern durch die tückiſchen Fenſterſcheiben abgeſperrt zu ſein. „Komm, laß uns nach Hauſe zurückkehren,“ ſprach Lytton zu ſeinem Freunde;„was da auch geſchehen ſein mag, es wäre Wahn⸗ ſinn, zu glauben, die Kleine bei dieſem furchtbaren Wetter im Freien zu finden— Alles hat ſeine Gränzen!“ „Ja, Alles hat ſeine Gränzen!“ erwiederte der Maler mit dumpfer Stimme—„auch der Verſtand eines Menſchen, und es iſt mir gerade zu Muthe, als ſollte ich mit dem Sturmwinde um die Wette ſchreien und heulen nach meinem armen, verloren gegangenen Kinde!“ „Wer weiß, ob wir ſie nicht heiter und vergnügt zu Hauſe finden!“ „Du weißt eben ſo gut wie ich, daß dies nicht der Fall ſein wird— o, ſeit wir in der Finſterniß umherſuchen, iſt es erſt recht hell in mir geworden, denn um die Thaten gewiſſer Menſchen zu begreifen, zu verſtehen, muß man von Nacht umgeben ſein, muß man vom Winde umheult werden, von kaltem Regen überſchüttet— ja, komm nach Hauſe!“ Und damit gingen ſie den Weg zurück, den ſie gekommen — ein paar ſtumme, einſame Wanderer, mit hallenden Schritten in den nun ganz verödeten Straßen. Als ſie die Wohnung Olfers' erreicht, wurde die Hausthür geräuſchlos geöffnet, ohne daß ſie nothwendig gehabt hätten, anzu⸗ läuten oder ſelbſt aufzuſchließen. Andreas befand ſich in dem Haus⸗ flur mit einem recht kummervollen Geſichte, unter der Küchenthür ſtand das Stubenmädchen, leiſe in die vorgehaltene Schürze weinend. „Da brauche ich nicht weiter zu fragen,“ ſagte der unglückliche Vater mit einem traurigen Lächeln—„alſo Ihr habt gar nichts erfahren? Keine Spur von ihr?“ „Mit Gewißheit iſt darüber nichts zu ſagen,“ gab Andreas 86 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. zur Antwort;„das Einzige, was ich mittheilen kann, iſt, daß ein verſchloſſener Wagen längere Zeit an der Ecke unſerer Straße und der Promenade gehalten hat, vielleicht von halb fünf bis halb ſechs Uhr, denn um dieſe Zeit hat man ihn fortfahren ſehen.“ „Wer ſagte Dir das?“ „Ein Vetter von mir, der auf der Promenade vor dem Hauſe des Generals Helwig auf dem Poſten ſtand; ob aber Jemand ein⸗ geſtiegen ſei, konnte er bei der Dunkelheit nicht ſehen.— Herr Rodenberg iſt oben.“ „Ich danke.“ Nach dieſen Worten ſtieg der Maler die Treppe hinauf und Lytton folgte ihm. Oben fanden ſie Rodenberg, der ihnen ent⸗ gegenkam, die Hand des älteren Freundes erfaßte und, dieſelbe herzlich drückend, ſagte:„Es iſt das ein ſchlechter Streich, den man da aufgeführt; nur glücklicher Weiſe ſind die Thäter zu errathen, und Sie haben den Schutz der Geſetze für ſich!“ „Rodenberg hat den Thäter ſogleich errathen und uns ſiel. das erſt in den finſteren Straßen ein, als wir bedachten, daß dort ſo gar kein Aufenthalt für ein armes, kleines Mädchen ſei.“ „ Nun, ſchwer zu errathen war das gerade nicht; warum Dir aber einen ſchwachen Hoffnungsfaden grauſam abſchneiden? Geradezu unmöglich war es nicht, daß die Gouvernante der Neigung des Kindes nachgegeben und den Weihnachtsmarkt beſucht hätte.“ „Nein, nein, es war ſogar ſehr glaublich,“ ſagte Rodenberg und ſetzte gleich darauf in einem fragenden Tone hinzu:„Ob man auch wohl bei allen unſeren Bekannten nach ihr geforſcht hat?“ „Bei allen, Herr,“ erwiederte Andreas, welcher gefolgt war. „So— bei allen? Wer weiß, ob Margarethe nicht Luſt be⸗ kommen, ihre Freundin aufzuſuchen, die ſie lange nicht geſehen, Mademoiſelle Conchitta— wäre das nicht möglich?“ „Auch daran habe ich gedacht, Herr,“ verſetzte der Gärtner, „und unterließ es nicht, bei Herrn Schmitz vorzuſprechen.“ —y———— O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu ſind deine Blätter! 87 „Nun?“ „Sie feierten gerade luſtig und vergnügt ihren heiligen Abend, die Madame Schmitz, ihr Sohn und die beiden ſpaniſchen Damen.“ „Ah, ſie waren heiter und vergnügt?“ „Es ſchien ſo, und da widerſtand es mir von Herzen, die ſeltſame Frage nach unſerem kleinen Mädchen zu thun; denn daß ſie nicht da war, ſah ich ja, und daß ſie nicht dageweſen, merkte ich doch wohl daran, daß mir Fräulein Conchitta ein Paketchen für unſere kleine Margarethe gab und daß ſie dazu ſagte: ‚Gern hätte ich es ihr ſelbſt gegeben, aber ich habe ſie ſo lange nicht mehr geſehen!““ „Alle Welt iſt heiter und vergnügt,“ ſagte Olfers,„und warum ſollte alle Welt nicht heiter und vergnügt ſein? Kommt, auch wir wollen verſuchen, unſere finſteren Gedanken wenigſtens auf ein paar Stunden zu vergeſſen!“ Er ſchritt dem Zimmer zu, wo ſich die Weihnachtsbeſcherung befand, doch vertrat ihm Lytton den Weg, indem er ihn ſanft hei der Hand nahm und ihm mit weicher Stimme ſagte: „Nicht da hinein, Roderich— wozu nutzt das jetzt? Gehen wir nebenan in Dein kleines Atelier, um ruhig zu ſprechen, be⸗ ſonnen zu überlegen.“ „Gut, ich folge Dir, aber vorher laß mich noch einen einzigen Blick in das Zimmer werfen, Andreas ſoll mir leuchten! Es iſt kindiſch von mir, was ich jetzt ſagen werde, aber ich ſage es doch: wäre es nicht möglich, daß die Kleine mit mir Verſteckens geſpielt hätte und jetzt irgendwo lachend unter dem Tiſche hervorſpringt — ah, wie der Tannenbaum und die verbrannten Wachskerzen duften!“ Er blieb noch eine kleine Weile in dem Zimmer, und als er herauskam, zeigte er durchaus keine überraſchte Miene, daß er das nicht gefunden, was er geſucht. Andreas ſagte ihm, während ſie nun nach dem kleinen Atelier im Hauſe gingen: „Als ich heimkam und alles das erfuhr, löſchte ich ſogleich — 88 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. die halb abgebrannten Wachskerzchen, damit ſie den Baum nicht anzünden möchten.“ „Das war ganz klug von Dir gehandelt, und da ſich die Kleine heute nun einmal nicht daran erfreuen ſoll, ſo können wir uns ja noch ein Vergnügen damit machen— nachher— morgen— über's Jahr!“ In dem Atelier ließen die drei Freunde ſich nieder, und Roden⸗ berg und Lytton mußten rauchen auf den ausdrücklichen Wunſch Roderich's, der übrigens nicht lange in ſeinem Fauteuil blieb, ſon⸗ dern bald wieder aufſprang und mit zuſammengefalteten Händen in dem Zimmer auf und ab ging. „Hätte man nur eine Idee davon gehabt,“ ſagte Rodenberg nach einem längeren Stillſchweigen,„wohin ſich der Wagen ge⸗ wandt, den Andreas' Vetter geſehen, ſo hätte man ihm vielleicht nachreiten können— ich würde mir ein unbeſchreibliches Vergnügen daraus gemacht haben.“ „Es wäre wohl unmöglich geweſen, ihn heute Nacht einzuholen, denn er wird in einem großen Umwege auf ſein Ziel losgehen.“ „Aber wir kennen das Ziel,“ ſagte Lytton nach einem tiefen, heftigen Athemzuge.„Ich werde morgen nach Hauſe ſchreiben, daß man mich in den nächſten Tagen nicht erwarten ſoll, denn Du wirſt mir wohl erlauben, daß ich Dich begleite.“ „Auch ich ſchließe mich von Herzen dazu an!“ „Ich habe es gewußt, Lytton, daß Du mich nicht verlaſſen wirſt, und auch Ihnen, Rodenberg, danke ich herzlich für Ihr Aner⸗ bieten; doch iſt es beſſer, Sie bleiben in der nächſten Zeit hier, laſſen ſich unbefangen überall ſehen, wie Sie es bisher gewohnt waren, beſuchen draußen mein Atelier wie bis jetzt, gehen auch zu⸗ weilen hier ins Haus und ſchreiben mir alsdann ſelbſt über Kleinig⸗ keiten, die Ihnen bedeutſam erſcheinen; dadurch würden Sie mich außerordentlich verpflichten.“ „Ich wollte, ich könnte mehr für Sie thun!“ O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu ſind deine Blätter! 89 Nach dieſem kleinen Geſpräche, das in langen Unterbrechungen geführt wurde, hatte ſich Roderich an das große Fenſter geſtellt, die heiße Stirn an die Scheibe gedrückt und ſtarrte ſo lange, lange in die dunkle, ſtürmiſche Nacht hinaus. Endlich wandte er ſich mit einem Ausrufe tiefen Schmerzes herum und ſagte haſtig, während er beide Hände vor die Stirn preßte:„Ein Gedanke iſt mir bei dddieſem Unglücke am fürchterlichſten und unerträglichſten: die ver⸗ eitelte Hoffnung meines armen, lieben, kleinen Mädchens; wie hat ſich ihr Herz auf den heutigen Abend gefreut, wie hat ſie ſich alles das, was man ihr beſcheeren würde, mit ihrer lebhaften 2 Phantaſie ausgemalt! Ich konnte es ja in meinem Glücke nicht 3 unterlaſſen, ihr wie ein rechter Schwätzer kleine Andeutungen zu geben, gedachte ich doch, ſo mein Vergnügen zu verdoppeln— d mein Gott, Du armes, armes Kind, mit deinem warmen, em⸗ pfänglichen, liebevollen Gemüthe! Da ſitzt ſie in einem kalten Wagen in finſterer Nacht, umſaust von Wind, Schnee und Regen, ſtarrt in die Dunkelheit hinaus und denkt an mich, an unſer Haus, an jenes warme Zimmer mit ſeinen unzähligen Lichtchen, mit der ganzen Pracht und Herrlichkeit eines reichen Weihnachts⸗ abends, wie ihn nur das übervolle Herz eines glücklichen Vaters veranſtalten konnte— o mein Gott, iſt das nicht zum wahnſinnig werden?“. „Allerdings iſt es hart— entſetzlich, unerträglich, aber warum dergeſtalt in ſeinem Schmerze wühlen?“ „Glaubſt Du nicht, daß Margarethe alles das nicht gefühlt hat, wie Du es kennſt, dieſes verſtändige, lebhafte, phantaſie⸗ reiche Kind?“ „Ja, ſie wird ſo gedacht haben— eine halbe Stunde lang, eine ganze Stunde lang, dann wird man ihr das trügeriſche Verſprechen machen, ſie würde morgen wieder hieher zu Dir zurückkehren, um alsdann ihren Weihnachtsabend noch viel glänzender zu feiern— ſie wird klagen und weinen— eine Zeit lang— dann wird ſie 90 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. ihr Köpfchen in die Ecke des Wagens legen und jeht ſanft einge⸗ ſchlummert ſein— ſo ſtelle ſie Dir vor, im ſüßen Schlummer, alles Traurige vergeſſend, in einem Traume von Glanz, Glück und Herrlichkeit.“ „Amen! Ich werde mich bemühen, dieſes reizende Bild ſo lange als möglich feſtzuhalten!“ Und nun war es gut, daß das Stubenmädchen meldete, das Abendeſſen ſei aufgetragen, und daß ſich nun alle Drei aus dem halbdunklen Atelier in das freundliche, hell erleuchtete Speiſezimmer begaben. Obgleich indeſſen alle Speiſen vortrefflich waren, ſo nahmen doch die beiden Freunde des Hauſes ſehr wenig und Ro⸗ derich aß nur ein Stück Brod und trank ein paar Tropfen Wein dazu. Früh ſchieden ſie von einander, denn es wollte kein einiger Maßen erquickliches Geſpräch aufkommen, und Roderich hielt die beiden Anderen mit keinem Worte auf, als Lytton ſeine Anſicht ausſprach, es ſei wohl beſſer, jetzt nach Hauſe zurückzukehren. „Auf morgen alſo— wann kommſt Du, Lytton?“ „Ich werde gegen acht Uhr reiſefertig bei Dir ſein.“ „Und auch Sie, Rodenberg, ſehe ich noch?“ „Gewiß, um dieſelbe Stunde.“ „Ich danke Ihnen— gute Nacht!“ Die beiden jungen Leute gingen fort, ohne den Muth zu haben, dieſen Wunſch zu erwiedern; ſie begnügten ſich mit einem einfachen wohlverſtandenen Händedrucke. Als ſie das Haus verlaſſen hatten, kehrte Roderich nach dem Zimmer zurück, wo er vor wenigen Stunden ſo unausſprechlich glücklich geweſen war, und abermals nahm er das Licht und zündete die Kerzen am Weihnachtsbaume an, dieſes Mal allein, ohne ſeinen Freund, aber in Geſellſchaft ſeines unendlichen Kummers und zahl⸗ reicher, ſchwerer Thränen, die aus ſeinen Augen in den dichten Bart niedertröpfelten. § Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu ſind deine Blätter! 91 Nun leuchtete der Weihnachtsbaum in voller Pracht, und er betrachtete ihn mit gefalteten Händen; dann ſprach er halblaut vor ſich hin, als unterhalte er ſich mit Jemanden, der anweſend ſei, während er nach einem der Fenſter zu ging und es weit öffnete: „Ich habe die Lichter nicht deßhalb wieder angezündet, um meinen Schmerz zu erneuern, ſondern es wäre ja möglich, daß die im Wagen, ihren ungeheuren Frevel einſehend, umkehren würden und mir mein Kind wieder brächten.— Wie würde Margarethe jubeln, wenn ſie ſchon von Weitem, ſich aus dem Wagen neigend, dieſes erleuchtete Fenſter ſähe!“ So mit ſich ſelbſt redend, ſtand er am offenen Fenſter und lauſchte hinaus, ob er nicht das Rollen eines Wagens vernehme. Aber Alles blieb ruhig und ſtill in Nähe und Ferne— ſelbſt der Wind ſchien ausgetobt zu haben und ſein Wehen klang nur noch wie leuchte Seufzer.— Es war in der Natur ſo feierlich ruhig ge⸗ worden an dem heiligen Abende, und ſo auch draußen in Har⸗ monie mit all' der Glückſeligkeit im Innern der Häuſer. Ueber⸗ all, wohin der Maler blickte, bemerkte er, aus der dunklen Nacht hervorleuchtend, die leicht mit Schnee bedeckten Häuſer und in den verſchiedenen Stockwerken hell erleuchtete Fenſter, auch wohl Schatten an den Fenſtern raſch und anſcheinend freudig vorüber huſchen und hie und da das Glitzern der brennenden Kerzen an den Weihnachtsbäumen. An ſeinem Weihnachtsbaume, den kein glückliches Kinderauge geſehen, begannen jetzt die Kerzen nach und nach zu erlöſchen, zu⸗ weilen die Tannenzweige anzündend und alsdann wieder jenen lieblichen, bekannten, erinnerungsreichen Duft verbreitend. Doch war eine geſchäftige Hand in der Nähe, welche der⸗ gleichen kleine Brände augenblicklich löſchte, damit ſie nicht gefähr⸗ lich um ſich griffen, die des treuen Gärtners, welcher hinter ſeinem Herrn leiſe ins Zimmer geſchlichen war und der nun eben ſo ge⸗ räuſchlos an das Fenſter trat und es ſachte ſchloß. „Warum das, Andreas?“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. „Warum ſollen Sie ſich erkälten, lieber Herr?“ „Du haſt Recht— gute Nacht!“ Damit verließ der Maler das Gemach, um ſich in ſein Schlaf⸗ zimmer zurückzuziehen. Andreas löſchte die übrigen Kerzchen ſachte aus, ohne Ueber⸗ eilung, eines nach dem anderen, und dabei ſah er ſo aufgeregt aus, ſo ingrimmig, dabei murmelte er zwiſchen den Zähnen:„O, könnte ich eben ſo gut etwas Anderes auslöſchen, Alles, Alles, bis Ihr in finſterer Nacht ſitzen müßtet und ebenſo ſchwarz würdet, wie Eure verbrannten, räucherigen Seelen!— Und habe ich nicht Recht ge⸗ habt,“ ſetzte er mit einer triumphirenden Miene hinzu,„daß ich der nicht getraut?— O, vollkommen Recht, denn eine Mohrin kann man nicht weiß waſchen und eine Elſter läßt nicht vom Hüpfen!“ XXVI. „Ich hab' eine alte Muhme!“ s war im Verlaufe unſerer wahrhaftigen Geſchichte eine— Nacht vorübergegangen, welche ſelbſt im eivilen Leben, man könnte ſagen, einen militäriſchen Anſtrich hat. Es hat eine Ablöſung ſtattgefunden, wie bei einem wichtigen Poſten vor dem Gewehre, zu einer genau vorherbeſtimmten Stunds und mit einer gewiſſen wohlbekannten, geräuſchvollen Feierlichkeit. Ein neues Jahr hatte das alte abgelöst, hatte ſich Parole und Feldgeſchrei übergeben laſſen und bezog nun in der ſternenhellen Januarnacht wohlgemuth den Poſten, von dem ſein Vorgänger abgeſpannt und lebensmüde in die Vergangenheit ſchlich, nicht be⸗ gleitet von Segenswünſchen, ſondern verfolgt von dem Ausrufe: „Das war ein ſchlechtes Jahr, Gott ſei Dank, daß es vorüber iſt!“ — Die neue, junge Schildwache am Thore der Ewigkeit blickte ihm heiter lachend nach und dachte ſich wahrſcheinlich: Wir wollen das Ding ſchon beſſer angreifen und dafür ſorgen, daß, wenn wir einſt ſcheiden müſſen, nur Blicke des Kummers und der Betrübniß folgen. Es waren das die Gedanken, wie ſie jeder Anfänger hat, der in ein neues Amt eintritt, ohne zu bedenken, daß wohl alle ſeine Vor⸗ gänger mit gleich gutem Vorſatze ihr Amt ebenſo begonnen, und daß das Pflaſter der Hölle aus unausgeführten guten Vorſätzen beſteht. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Ja, Neujahr war vorüber, über eine Woche ſchon, ohne daß ſich in dieſer Zeit etwas begeben hätte, was für die verehrten Leſer unſerer Geſchichte von beſonderem Intereſſe geweſen wäre. Roderich war mit Lytton abgereist und hatte bis jetzt keine Nachricht von ſich gegeben. Rodenberg beſuchte täglich das Atelier ſeines Freundes, wie dieſer es gewünſcht und fand ſich gerade nicht unbehaglich da⸗ bei, was wohl hauptſächlich ſeinen Grund darin hatte, daß der Gärtner Andreas den heiteren, lebensluſtigen Künſtler auf ſeine Weiſe prote⸗ girte und ihm deutlich zu verſtehen gab, ſein Herr müſſe es als ein Opfer anſehen, daß er jeden Tag den weiten Weg hier heraus nicht ſcheue.„Was das bischen Heizen anbelangt,“ hatte er hinzugeſetzt, „ſo iſt das nicht der Rede werth und müßte ja ohnehin geſchehen, denn ich kann nicht wiſſen, an welch ſchönem Morgen Herr Roderich plötzlich zurückkommt, und da würde ich ein ſchönes Geſicht bekom⸗ men, wenn er eine Arbeit vornehmen wollte und ſich in die Hände hauchen müßte, um warm zu werden. Auch heize ich eigentlich ſehr wenig, denn der Ofen im Gewächshauſe brennt ſo gewaltig, daß ich ſtundenlang die Thüren öffnen und die warme Luft ins Atelier laſſen muß. Rodenberg fühlte ſich um ſo behaglicher hier, als er gerade eine Arbeit unternommen hatte, die er in ſeinem beſchränkten Zimmer nicht hätte ausführen können; er war nämlich beauftragt worden, verſchiedene große Cartons eines alten, berühmten Meiſters in ſehr verkleinertem Maßſtabe zu zeichnen, zu welchem Zwecke er hier in dem großen Gemache die Originale bequem und im hellſten Lichte aufſtellen konnte; auch ein ſelbſtſtändiges Werk hatte er unternommen, und zwar in Gemeinſchaft mit Walter, die Compoſition zu den Glasmalereien eines Kirchenfenſters nämlich, die er im Kleinen entwarf und nun in den nothwendigen koloſſalen Dimenſionen ausführte, während Walter das Colorit beſorgte. Auch hierzu hatte Andreas aufgemuntert und die unbedingte Zuſtimmung ſeines Herrn verheißen, da Rodenberg gezaudert, dieſe Arbeit zu unter⸗ Ich hab' eine alte Muhme! 95 nehmen, ehe er von ſeinem Freunde die Erlaubniß erhalten, ſie in deſſen Atelier anzufertigen, indem er ſagte, ſein Herr habe aus⸗ drücklich befohlen, ihm, Rodenberg, das Atelier vollſtändig zur Verfügung zu ſtellen. So arbeiteten Beide in behaglichſter Ruhe, und Rodenberg, wenn er bei eintretender Dämmerung aufhören mußte, ſeinen Hut aufſetzte und eine Cigarre anzündete, ertappte ſich nicht ſelten auf dem angenehmen Gefühle eines Eigenthümers, wenn er durch den Garten ſchritt und den herzlichen Gruß des Gärtners mit einer herablaſſenden Freundlichkeit erwiederte. Wenn es nicht gerade Jahreswechſel geweſen wäre, ſo würde er dieſes allerdings falſche Gefühl von Wohlhabenheit vielleicht auch mit ſich in ſeine beſcheidene Wohnung getragen haben, doch war dies jene unangenehme Zeit, wo widerwärtige Noten und ver⸗ dächtige Briefe einliefen, welche von ehrwürdigen Saldo's ſprachen, die ſehnlich auf Erlöſung harrten, oder von der unangenehmen Nothwendigkeit, langmüthige Nachſicht aufhören laſſen zu müſſen, um kleine fatale Verbindlichkeiten vermittelſt klingender Annäherung harmoniſch zu vergleichen,— wenn nicht die ſtill lauernde Gerech⸗ tigkeit eines ſchönen Opfers gewiß ſein ſolle. Es iſt das eine harte Zeit bei kleinem Einkommen und deß⸗ halb leerer Geldkaſſe, welche Rodenberg durch Benutzung des Ateliers ſeines Freundes und häufige Beſuche ſo geſchickt als möglich zu umgehen ſuchte. So ſchlenderte er denn auch am heutigen Tage nach der Fingerſtraße, anſtatt direct zum Reichsapfel heimzukehren, und trat dort in das Haus Michel Angelo's, um dieſem Kunſtfreunde und ſeiner würdigen Mutter einen jener Beſuche zu machen, wie ſie uns beim Jahreswechſel oft zu unangenehmer Pflicht und harter Nothwendigkeit werden. Daß übrigens die eben angeführten Beweggründe nicht die waren, welche den jungen Mann veranlaßten, das Haus zu be⸗ ſuchen, in welchem Conchitta wohnte, glauben wir ſchon durch die 96 Sechsundzwanzigſtes Kupitel. Nennung die Namens zuzugeben. Wir wiſſen, daß er das Ver⸗ ſprechen gegeben hatte, die junge Dame weder aufzuſuchen, noch Erkundigungen bei ihr über Juanita einzuziehen, welches er auch ſo redlich gehalten, daß er jetzt ſich wohl einen Beſuch bei Ma⸗ dame Schmitz nur aus Veranlaſſung des Jahreswechſels, wie er ſich ſelbſt einredete, erlauben konnte. Die alte Dame ſaß wie gewöhnlich an ihrem Fenſter und hielt vermittelſt des Spiegels ihre Straßenbetrachtungen ab.—„Ah, Herr Rodenberg,“ rief ſie dem jungen Manne entgegen, als er nach beſcheidenem Anklopfen ins Zimmer trat,„ich habe mir ſchon vorhin geſagt, als ich Sie auf der Straße gehen ſah, wir wollen doch einmal ſehen, ob Herr Rodenberg ſeinen Freund, meinen Sohn, in der Neujahrszeit beſuchen wird, nachdem Michel, wie er es immer zu thun pflegt, zuerſt bei Ihnen war, um Ihnen ein glückſeliges neues Jahr zu wünſchen! Was eine alte Frau, wie ich bin, anbelangt, ſo kann ich natürlicher Weiſe auf den Beſuch junger Herren keinen Anſpruch machen— nun, es freut mich doch, daß Sie gekommen ſind, ſetzen Sie ſich— wie geht es Ihnen? Wie haben Sie die Neujahrsnacht zugebracht?“ „Ich danke recht ſehr für ihre freundlichen Fragen, es geht mir ſo weit ordentlich, und was die Neujahrsnacht anbelangt, ſo war ich mit ein paar guten Freunden bei einem kleinen Punſche zuſammen.“ Nachdem der junge Maler dies geſagt, nahm die alte Frau ihre uns ſchon bekannte geheimnißvolle Miene an und ſagte, als ſie ſich durch einen Rundblick Überzeugt, daß Niemand im Zimmer ſei, der ſie hören könne, und nachdem ſie durch einen Blick auf die Straße in ſehr überflüſſiger Weiſe dort nach einem unberufenen Horcher geſpäht:„Michel hatte die Abſicht, Sie auch dieſes Jahr wieder zu uns einzuladen— dießmal ganz unter uns, natürlicher Weiſe—, doch hielt ich das nicht ganz für paſſend, da die Leute ſo gern dummes Zeug ſchwatzen— Sie verſtehen mich wohl, wegen der Dame droben.“ Ich hab' eine alte Muhme! 97 „Das bedarf durchaus keiner Entſchuldigung,“ erwiederte Ro⸗ denberg lächelnd,„ich verſtehe Sie vollkommen; bei ſolchen Gele⸗ genheiten, wo man ganz unter ſich in der Familie iſt, kommt ſelbſt ein genauer Bekannter nicht immer angenehm.“ „Nun, ganz in der Familie kann man ſo eigentlich nicht ſagen.“ „Vielleicht noch nicht ſagen, Madame Schmitz— aber was nicht iſt, kann ja werden, und mich würde das außerordentlich freuen!“ „Ach,“ ſeufzte die alte Frau, indem ſie zur Bekräftigung deſſen, was ſie ſagte, ſehr ausdrucksvoll mit dem Kopfe nickte,„was es mir ſchon für Kummer gemacht hat, daß alle Welt meinen Michel heirathen will, das vermag ich Ihnen gar nicht auszudrücken, und andererſeits finde ich es wieder ſo begreiflich: er hat ein kleines Haus, ein allerdings mäßiges Vermögen und dann die ſchöne Ge⸗ mäldegalerie— das Alles zuſammen macht ein warmes Neſt aus, wornach man ſchon Verlangen trägt!“ „Sehr begreiflich, und es iſt mir eigentlich räthſelhaft, wie es möglich war, daß der gute Michel Angelo bis jetzt nicht einge⸗ fangen wurde.“ „Ja, Herr Rodenberg, da haben Sie Recht,“ erwiederte Ma⸗ dame Schmitz mit lebhaftem Tone— neingefangen wurde, das iſt das richtige Wort! Aber daß dies nicht geſchah, hat ſeine natür⸗ liche Bewandtniß!“ „Das kann ich mir wohl denken.“ „Das Herz muß doch auch ein wenig mitſprechen, und bis jetzt war es meinem Michel ganz gleichgültig, ob ſie ihn mit noch ſo ſchmachtenden Augen von allen Seiten betrachtet!“ „Und nun hat ſeine Stunde geſchlagen?“ „Gott der Herr mag es wiſſen— ich fürchte faſt, daß es ihm die blaſſe Spanierin mit ihren großen Augen angethan hat!“ Nachdem Madame Schmitz dies geſagt, beugte ſie ſich mit einer unausſprechlich wichtigen Miene vorwärts, um ihrem Gaſte näher zu kommen, und winkte dieſem auch noch obendrein; dann ſprach Hackländer's Werke. 54. Bd. 7 98 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. ſie mit leiſer Stimme:„Wenn es denn in Gottes Namen einmal geheirathet ſein muß, dann meinetwegen dieſe Spanierin, die doch ein anſtändiges Frauenzimmer iſt— meinetwegen ſie und ſo bald als möglich, damit nicht am Ende noch ein ſchrecklicher Traum, den ich neulich gehabt, in Erfüllung geht! Mir träumte nämlich, Michel habe eine Mohrin geheirathet und Kinder gehabt— meine Enkel— denken Sie ſich, Herr Rodenberg—, die umherliefen, ſchwarz und weiß gefleckt wie die Meerſchweinchen— ſagen Sie ſelbſt, kann es eine fürchterlichere Ausſicht geben für die Nachkommen einer achtbaren Bürgerfamilie, als ſchwarz und weiß gefleckt auf die Welt zu kommen?“ „Das iſt allerdings wahr,“ meinte der junge Mann;„aber man könnte es auch als eine hübſche und ſehr gelungene Anſpielung auf die Landesfarben betrachten.“ „Ach was, Landesfarben— meinetwegen, wo ſie hingehören, aber ſonſt bin ich ſehr dafür, daß, was weiß ſein ſoll, auch weiß iſt und ſich nichts ungehörig Schwarzes darunter menge!“ „Ja, ja, ich muß mich zu Ihrer Anſicht bekennen,“ pflichtete Rodenberg, nachdem er ſcheinbar ein wenig nachgedacht, der alten Dame bei—„alſo die Sache wäre in Ordnung? Fräulein Con⸗ chitta liebt unſeren Freund Michel Angelo, wie er es verdient, ge⸗ liebt zu werden, und danach macht ſich das Andere von ſelbſt. „Es wird ſich allerdings ſchon machen,“ meinte Madame Schmitz, indem ſie ſich mit ziemlicher Gleichgültigkeit in ihren Seſſel zurücklehnte;„ob ſie ihn gerade ſo heftig liebt, das weiß ich nicht, denn ich habe keine Idee davon, wie die Spanierinnen lieben — mir ſcheint, ſie müſſen das ziemlich kühl betreiben.“ „O nein,“ ſeufzte Rodenberg in ſich hinein,„wenn ſie anders wollen, gewiß nicht!“ Dann ſetzte er laut hinzu:„Das kommt auf die Verhältniſſe an— wie ſoll man ſich auch anſcheinend glühend lieben, ohne Raſt und ohne Ruh', immer zu, wie der Dichter ſagt, wenn man des gegenſeitigen Beſitzes ſo ſicher iſt, wie hier der Fall?“ „Wenn es ſein muß,“ ſprach die Mutter Michel Angelo's mit Ich hab' eine alte Muhme!. 99 großer Würde,„ſo ſage ich Ja und Amen— wie geſagt, wenn es ſein muß! Doch wenn ich meine Wünſche ausſprechen darf, hätte ich mir wohl eine andere Schwiegertochter gewünſcht, als gerade eine Künſtlerin— Sie werden mir dieſe Aeußerung verzeihen!“ „O gewiß,“ lachte der junge Maler,„ich für meine Perſon mache einen großen Unterſchied zwiſchen Künſtler und Künſtlerinnen!“ „Sie ſind ein verſtändiger junger Mann,“ entgegnete die alte Frau,„luſtig und heiter allerdings, aber nicht ſo unüberlegt, wie ſo viele Andere— es freut mich immer, wenn ich Gutes von Ihnen und Ihren Arbeiten höre.“ „Es iſt ſchade, Madame Schmitz, daß Sie keine Tochter haben!“ lachte Rodenberg. „O, ich hatte eine, Herr Rodenberg— leider iſt ſie geſtorben — ſprechen wir nicht darüber! Sie war der Liebling des ſeligen Schmitz, und als ſie in das Himmelreich einging, ſagte er zu mir: „Gib Acht, Altee— wiſſen Sie, er nannte mich ſcherzhaft auch in früheren Jahren ſo—, ‚ich folge unſerer Friederike bald nachl⸗ Und wie in Allem, hat er auch darin Wort gehalten, der arme Schelm— aber reden wir von Ihnen. Wie mir Michel geſagt hat, malen Sie mit Herrn Walter ein prächtiges Glasfenſter, und das im ſchönen Atelier von Herrn Olfers— ah, es iſt viel Ehre für Sie, daß Ihnen ein Künſtler wie Herr Roderich dieſes Zutrauen ſchenkt! Aber iſt das ein Schickſal, welches dieſen Herrn betroffen— Gott ſtehe mir in Gnaden bei, das iſt doch rein zum Verrücktwerden!“ Rodenberg pflichtete der alten Frau achſelzuckend bei, ohne ſonſt eine Antwort zu geben, da er, obgleich ſie eine kleine Pauſe des Mitgefühls machte, doch an ihrem geöffneten Munde ſah, daß ihre Rede noch nicht geſchloſſen ſei. „Ja, iſt das ein Schickſal,“ fuhr ſie fort—„Du Herr des Himmels, und Sie waren dabei, Herr Rodenberg, wie mir Michel erzählt hat, Sie kamen gerade um die Ecke, als man das kleine Nädchen mit Gewalt entführte, ja, Sie hätten noch einen fürchter⸗ 100 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. lichen Schrei gehört, verſicherte mir meine Hausfrau, und da wäre Ihnen plötzlich ein Licht aufgegangen und Sie dem Wagen nachge⸗ rannt bis auf die Landſtraße, und dort hätten Sie gerade den Pferden in die Zügel fallen wollen, als ein vermummter Kerl, der auf dem Bocke ſaß, Ihnen mit einem ſechsläufigen Piſtol gedroht hätte— o je, o je, ſind das Geſchichten für unſere ſonſt ſo ruhige Stadt!“ Da die alte Frau hier einen tiefen Athemzug that, ſo hatte Rodenberg Zeit, ihr zu erwiedern, daß die Sache ſich nicht ganz genau ſo, wie ſie erzähle, verhalte, worauf ſie entgegnete: „Das iſt ganz gleichgültig, es hätte aber doch ſo ſein können, und ich bin von Ihnen überzeugt, daß, wenn Sie jenen fürchterlichen Schrei gehört hätten, Sie dem Wagen nachgelaufen wären!“ „Gewiß, Madame. Schmitz!“ „Und was die Hauptſache iſt, das arme, liebe, kleine Kind iſt verſchwunden, und man hat noch nicht das Geringſte von ihm gehört!“ „So iſt es.“ „Auch von Herrn Roderich haben Sie keine Nachricht? Gott wie die Leute ſind— die Einen haben geſagt, er ſei verrückt ge⸗ worden, die Anderen wollten wiſſen, er habe zuerſt ſich, dann ſeiner Frau und dann dem armen Wurme ein Leid angethan!“ „Ich glaube nicht, daß Jemand hierüber Nachricht haben wird, und was das Leidthun anbelangt, ſo kann ich Ihnen ver⸗ ſichern, Madame Schmitz, daß ihm wohl ſelbſt das größte Leid an⸗ gethan worden iſt.“ „Ganz meine Anſicht, Herr Rodenberg,“ gab die alte Frau eifrig zur Antwort,„ganz meine Anſicht; hören Sie ein Wort im Vertrauen“— hierbei näherte ſie ihren Kopf dem ihres Gaſtes ſo, daß dieſer das ſanfte Wehen ihrer Haubengarnitur an ſeiner Stirn ſpürte—„die Frau war eine böſe Sibylle, ein Reibeiſen, ein Läſtermaul— was hat ſie ſich unterſtanden, von meinem Hauſe zu ſagen— o, es drückt mir das Herz ab, es zu wiederholen!“ Ich hab' eine alte Muhme! 101 „Ich verzichte darauf, Madame Schmitz— gewiß, ich verzichte darauf, denn ich möchte Ihnen keinen Schmerz verurſachen!“ „Nein, Sie ſollen es hören, ich will mich ſtark machen— Sie ſind ein zu geſcheidter junger Mann— ſie ſagte, als die Spanierinnen bei mir einzogen, ſie hätte nicht gedacht, daß die Schmitz noch in ihren alten Tagen eine Gelegenheitsmacherin würde — die Schmitz!“ fuhr ſie mit voller Entrüſtung fort—„bin ich die Schmitz?— Ich bin die Frau Wittwe Damian Schmitz, ge⸗ borene Schellenberger, und ſo in der ganzen Stadt ehrenhaft be⸗ kannt— freilich nicht das Freifräulein von Schellenberger! Dafür aber, als ich heirathete, konnte ich auf meine Taſche klopfen und fragen, was koſt' die Butter— ich brauchte mich nicht in meinen Adelsbrief zu wickeln, um doch irgend etwas auf dem Leibe zu haben! Die Schmitz— und Gelegenheit machen!— Haben Sie eine Idee davon, Herr Rodenberg, was ſie damit ſagen wollte?“ „Allerdings, den kleinen Schein einer Idee davon habe ich ſchon; doch was ſo in den Tag hinein geſprochen wird, das muß man vergeſſen.“ „Ich habe es auch vergeſſen, Herr Rodenberg, ſchon längſt vergeſſen, und mich hat die Frau faſt gedauert, als ſie ſo aus dem Hauſe ihres Mannes abzog, ja, ich war nahe daran, die Sünde auf mich zu laden und dem guten Herrn Roderich Unrecht zu geben, bis ich dieſe Weihnachtsbeſcherung erfuhr— aber der Verluſt dieſes Kindes, ſo ein herziges Mädchen, das einem geſtohlen wird— ſehen Sie, Herr Rodenberg, das ſchlug mir in alle Glieder!“ „Ich bin davon überzeugt, Madame Schmitz, vollkommen überzeugt!“ „Nein, Herr Rodenberg, das iſt nicht möglich— Sie können nicht vollkommen überzeugt ſein, wie mich dieſe Nachricht zuſammen⸗ geſchlagen, denn ich weiß, was es heißt, Einem ein Kind ſtehlen!“ „So iſt Ihnen auch ſchon ein Kind geſtohlen worden?“ „Das will ich meinen, und ich will es Ihnen erzählen, wenn Sie noch einen Augenblick Zeit haben.“ 102 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Da der junge Maler noch viele Augenblicke Zeit hatte und er ſeinen Beſuch ſo ſehr als möglich zu verlängern wünſchte, in der Hoffnung, Michel Angelo würde nach Hauſe kommen oder Conchitta vielleicht erſcheinen, ſo lehnte er ſich mit einer ſehr aufmerkſamen Miene in ſeinen Stuhl zurück, ſchlug die Arme über einander und ſchaute die alte Frau erwartungsvoll an. „Dazumal,“ erzählte Madame Schmitz,„als Michel ein Bube von ungefähr acht Jahren, war er ein ſehr ſchwächliches Kind mit ſchmächtigen, krummen Beinen und mit feiner Gemüthsſtimmung, das, was man einen Mauzer zu nennen pflegt; er weinte nämlich, wenn er Hunger und Durſt hatte, aber auch wenn er aß und trank, eben ſo, wenn er ſpielte, oder wenn er auf die Naſe fiel, das war Alles gleichgültig— ich ſage Ihnen, es war gerade ſo, als wenn der Bube irgendwo im Leibe eine heimliche Quelle gehabt hätte, die beſtändig irgendwo hätte heraustropfen müſſen. Aber geſcheit war er damals ſchon und gab auf Alles Achtung, namentlich was ſein Vater, der ſelige Schmitz, that.— Du lieber Gott, ich ſehe die Beiden heute noch einander gegenüber ſttzen und rauchen, Michel natürlich, indem er ſich einen Spazierſtock in den Mund geſteckt hatte, aber die Idee war doch ſchon vorhanden; dabei war er ſchüchtern über alle Beſchreibung und ging nie auch nur einen Schritt von der Hausthür fort.— Da eines Tages wird die Suppe aufgetragen, und Michel iſt nicht da— wir rufen ihn, keine Antwort, wir durchſuchen alle Zimmer— Michel iſt ver⸗ ſchwunden! Nun, Sie können ſich den Schrecken denken, Herr Ro⸗ denberg, ein einziges Kind, und ein ſo gutes und hübſches Kind! Weißt du, ſagte der ſelige Schmitz zu mir, ‚der Bube iſt auf die Straße gelaufen, um die Muſik der Parade zu hören, und da hat ihn am Ende irgend ein Zigeuner mitgenommen, das Volk ſtiehlt gern ſchöne Kinder.’— Den Schrecken, Herr Rodenberg! Wir Alle ſtürzen aus dem Hauſe, ſuchen in den benachbarten Straßen, fragen alle Vorübergehenden, ob ſie keinen kleinen Vuben von un⸗ gefähr acht Jahren geſehen hätten, der verloren gegangen ſei; dann Ich hab' eine alte Muhme! 103 raſen wir wieder nach Hauſe, ich zuerſt, und als ich in's Zimmer trete, ſitzt Michel in der Ecke des Sopha's und weint eine doppelte Portion.— Was ein Mutterherz fühlt, wenn ihm ſo ein verloren geglaubtes Kind wieder gegeben wird, davon haben Sie keine Idee! Zuerſt küßte ich ihn gehörig ab und dann fragte ich ihn: Michel⸗ chen, wo biſt Du geweſen? Lange wollte der Schelm mit der Sprache nicht heraus, endlich aber erfuhren wir die ganze ſaubere Geſchichte.— Doch das im Vertrauen, Herr Rodenberg,“ fuhr die alte, würdige Frau mit gedämpfter Stimme fort, nachdem ſie ſich rings umher durch einen ſcharfen Blick gegen mögliche Lauſcher ſicher geſtellt,„Michel hat es nicht gern, wenn man davon ſpricht — er hatte ſich eine von ſeines Vaters Pfeifen genommen und war auf den Söller gegangen, um dort wirklich zu rauchen— wirklich, ſage ich Ihnen, und mit aller Wirkung, die das haben kann. Droben fanden wir die Beſcherung— was ſagen Sie dazu?“ „Es hätte mich beunruhigen können,“ meinte der junge Maler lächelnd,„wenn ich nicht ſchon im Voraus gewußt hätte, daß Michel Angelo bei dieſem Vorfalle nicht verloren ging.“ „So, das wußten Sie?“ „Ich konnte es mir denken; aber ſein Verſchwinden hätte ja andere ernſte Folgen haben können!“ „Und das hatte es auch!“ ſagte Madame Schmitz mit großer Wichtigkeit.„Denken Sie ſich, was Nachmittags geſchieht: da bringt man uns aus allen Ecken der Stadt kleine, ſchreiende Buben, auch Mädchen darunter, die man Gott weiß wo auf der Straße gefunden, und wir ſollten ſie anſehen, ob eine von dieſen heulenden Creaturen nicht unſer Michel ſei— ich ſage Ihnen, zu Dutzenden wurden ſie uns gebracht, und dies dauerte zwei, drei Tage— den Aerger, den wir darüber hatten, und die Trinkgelder, die der ſelige Schmitz geben mußte, will ich all' mein Lebtage nicht vergeſſen!“ Auf den Schluß dieſer intereſſanten Geſchichte hatte Rodenberg indeſſen nur mit halbem Ohre gelauſcht, denn er vernahm leichte 104 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Tritte im Nebenzimmer, ſo wie das Rauſchen eines Damenkleides, und als er ſich jetzt, nachdem Madame Schmitz geendigt, umwandte, ſah er Conchitta unter der geöffneten Thür ſtehen. Sie erſchien einfach angezogen, wie immer, in einem grauen Kleide, ſah aber bleicher aus, als gewöhnlich; ſie grüßte den jungen Maler mit einer freundlichen Neigung des Kopfes und kam, als er aufſtehend den Gruß ehrfurchtsvoll erwiederte, raſch und un⸗ befangen näher, während ſie ſagte:„Ich freue mich, Sie zu ſehen, ja, ich hörte, Sie ſeien hier, und kam deßhalb, um Sie zu be⸗ grüßen.— Sie werden entſchuldigen, Madame Schmitz,“ wandte ſie ſich an die alte Frau,„daß ich ſo ohne Weiteres eintrete, aber Sie haben mir die Erlaubniß dazu gegeben!“ „Und wohl mit vollem Rechte, mein Fräulein,“ ſagte der junge Maler in einem ſehr ruhigen, faſt kalten Tone;„wie ich vernommen, darf man Sie ja ſchon als zur Familie gehörig betrachten?!“ Das junge Mädchen warf ihm einen ſchmerzlichen Blick des Erſtaunens zu, einen Blick, der ausdrücken mochte, wie ſehr ſie überraſcht ſei, auch aus ſeinem Munde den Wiederhall des Gerüchtes über ſie zu vernehmen; und obgleich er faſt fragend zu ihr ge⸗ ſprochen, beantwortete ſie doch dieſe Frage mit keinem Worte, mit keiner Miene, ſondern fuhr nach einer Pauſe in einem Tone leich⸗ ten Vorwurfs fort:„Wie dankbar wäre ich geweſen, Herr Roden⸗ berg, wenn Ihre Zeit es Ihnen geſtattet hätte, mich ſchon früher aufzuſuchen und mir eine freundliche Mittheilung zu machen von jenem entſetzlichen Vorfalle, über den ich von fremden Leuten hier und dort das Widerſprechendſte gehört; bin ich denn dem Gedächt⸗ niſſe Ihres Freundes ſo gänzlich fremd geworden, daß er es nicht der Mühe werth fand, mir auch nur Ein Wort ſagen zu laſſen über das Verſchwinden des kleinen, guten Mädchens, das ich ſo herzlich geliebt und welches dieſes Gefühl aus voller Seele er⸗ wiederte?“ Obgleich ſie das mit einer eigenihümlich gepreßten Stimme Ich hab' eine alte Muhme! ſprach und dabei in ihren großen, ſchönen Augen eine tiefe Be⸗ wegung zu leſen war, ſo konnte ſich der junge Mann doch nicht enthalten, ihr in einem leicht hingeworfenen Tone zu antworten: „Meiner Treu, Fräulein Conchitta, ich glaube faſt, daß mein Freund Roderich Ihnen kein allzu großes Intereſſe für ſeinen ſchweren Ver⸗ luſt zutraute, denn ſonſt hätte er mich wahrſcheinlich beauftragt, Ihnen hiervon Mittheilung zu machen!“ Sie wollte hierauf etwas antworten, das ſah man an der raſchen Bewegung ihrer Lippen, während eine tiefe Röthe ſchnell über ihre Züge flog; doch ſchien ſie ſich eines Andern zu beſinnen und ſagte erſt nach einer ziemlich langen Pauſe:„Vielleicht ſind Sie ſo gütig, mir eine Frage zu erlauben?“ Nodenberg verneigte ſich, worauf ſie fortfuhr: „Iſt es wahr, daß bei jener unglückſeligen Trennung das kleine Mädchen laut Vertrag dem Vater bleiben ſollte?“ „Laut Vertrag und nach dem Geſetze, ja wohl, mein Fräulein!“ „Und daß ſich Herr Olfers ausdrücklich ausbedungen, ſein — Kind zu behalten?“ „Dies iſt eben ſo wahr, als daß er hiefür freiwillig ſehr ſchwere Opfer brachte!“ „Und ſie, ſeine Frau, gab ihre Zuſtimmung, daß Margarethe bei ihrem Vater bleibe?“ „Freiwillig— nachdem ſie allerdings Verſuche gemacht, neben dem größten Theile des Vermögens ihres Gatten auch noch das kleine Mädchen zu behalten!“ Es fuhr etwas über die Zunge der jungen Spanierin, das ſich wie Haß und Verachtung anſah— nur eine Secunde lang, worauf ſie ihre Lippen feſt auf einander preßte und ihre Augen⸗ lider ein wenig ſchloß, ſo daß man hätte glauben können, ſie ſenke ihre Blicke zu Boden; doch gewahrte Rodenberg zu gut den leuch⸗ tenden Glanz derſelben, als ſie mit leiſer Stimme ſagte:„Ich weiß, daß Sie mit Herrn Olfers in. Verbindung ſtehen; würden Sie vielleicht die Güte haben, ihm zu ſagen, wie ſehr, wie tief— 106 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. o, wie unausſprechlich ſchmerzlich mich das Ungeheure berührt, das man ihm angethan, wie ich das Alles mit ihm fühle und wie es mein heißeſter Wunſch wäre, in kürzeſter Zeit gute Nachrichten über ihn zu erhalten!“ Rodenberg verbeugte ſich abermals, ehe er ihr zur Antwort gab:„So gern ich Ihren Wunſch ſogleich erfüllen möchte, ſo kann ich dies leider im Augenblicke nicht ihun, da ich bisher von Roderich noch keine Nachricht erhalten und deßhalb ſeinen Aufenthalt noch nicht kenne; ſobald ich aber an ihn ſchreibe, werde ich nicht er⸗ mangeln, ihm Alles mitzutheilen, was ich hier erfahren.“— Bei dem Worte hier konnte er es nicht unterlaſſen, einen Seitenblick auf Madame Schmitz zu werfen, was Conchitta nicht entging, denn wie ſie ſeinen Blick auffing und auffaßte, ſah man deutlich an einem düſtern Blitze, der aus ihren Augen ſprühte. Unbewegt hiervon fuhr indeſſen Rodenberg im Tone der Höf⸗ lichkeit fort:„Verlaſſen Sie ſich auf mich, mein Fräulein: wie ſchon geſagt, werde ich Ihren ſo eben ausgeſprochenen Wunſch auf's pünktlichſte zu erfüllen mich beſtreben, doch dürfte ich Sie wohl dagegen ebenfalls um eine kleine Freundlichkeit bitten: mich näm⸗ lich Ihrer Fräulein Schweſter in einem Ihrer nächſten Briefe ehr⸗ furchtsvoll zu Füßen zu legen!“ Um Conchitta's Lippen ſpielte es wie ein leichtes Lächeln, als er dies geſagt; dann erwiederte ſie:„Wie ſollte ich Ihnen eine kleine Gefälligkeit abſchlagen können, ähnlich einer gleichen, um welche ich Sie ſo eben gebeten! Doch wenn es Ihnen recht iſt, wollen wir Eines dem Anderen weniger Mühe machen, indem ich mir erlauben werde, Ihnen ein paar Zeilen an Herrn Olfers ein⸗ zuhändigen, wogegen ich mich gern der Beförderung eines Briefes von Ihnen an meine Schweſter Juanita unterziehen werde.“ Rodenberg empfand bei dieſem Vorſchlage ein unausſprechlich angenehmes Gefühl, welches auch ſo deutlich aus ſeinen Augen leuchtete, daß Conchitta ihren Worten von ſo eben hinzuſetzte: „Mir ſcheint, Sie ſind geneigt, auf meinen Vorſchlag einzu⸗ Ich hab' eine alte Muhme! 107 gehen; ich bitte Sie alſo nur noch, mich es wiſſen zu laſſen, ſobald Sie ein Schreiben von mir beſorgen können, und mir dann das Ihrige zum Austauſche dagegen zu bringen.“ „Und wir Beide, mein Fräulein,“ ſagte Rodenberg nach einer kleinen Pauſe lächelnd,„übernehmen die Verantwortlichkeit dieſer beiden Schreiben?“ „Wie ſo? Ich verſtehe Sie nicht ganz!“ „Nun, in ſo fern, als wir Beide ja nicht wiſſen, ob unſere Briefe den Empfängern angenehm ſind; ich meinestheils wenigſtens möchte mich nicht der allerkleinſten Indiscretion ſchuldig machen!“ „Unbeſorgt, Herr Rodenberg; laſſen Sie mein Schreiben mit ſo guten, aber mit ſo wenig Worten als möglich abgehen, wie ich es mit dem Ihrigen machen will, und wir werden Beide zu⸗ frieden ſein!“ Sie reichte ihm bei dieſen Worten ihre kleine Hand mit einem Blicke voll Güte und Würde, ſo daß er, der mit einem aus⸗ geſprochenen Gefühle gegen ſie in das Haus gekommen war, ſich doch nicht enthalten konnte, ihre zarten Finger mit ſeinen Lippen zu berühren. Madame Schmitz hatte während dieſes kleinen Geſpräches, deſſen Worte ſie wohl verſtand, ohne jedoch in die Tiefe derſelben eindringen zu können, zum Fenſter hinausgeſehen und ſagte jetzt, als Conchitta ſich ihr genähert hatte und ihre Hand leicht auf die Schulter der alten Frau legte:„Da habe ich doch keine Idee da⸗ von, wo Michel bleibt; nun, er wird irgendwo aufgehalten worden ſein. Durch meinen Spiegel kann ich ihn ſchon ſehen, ſo wie er da oben an der Ecke der Alleeſtraße erſcheint, und von dort kommt er meiſtens her, wenn er es ſich auch einen kleinen Umweg koſten laſſen muß; ja, er iſt ein guter Sohn, ein treues, anhängliches Herz!“ Sie blickte bei dieſen Worten die Spanierin vielſagend an, Fie mit einem eigenthümlichen Lächeln nun ebenfalls in den Spiegel ſchhaute, um die Ecke zu ſehen, an welcher Michel Angelo Schmitz (röhnlich zu erſcheinen pflegte; dann ging ſie nach einer Ver⸗ 108 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. beugung gegen Rodenberg ſo ruhig und geräuſchlos in das Neben⸗ zimmer zurück, als ſie von dorther gekommen war. Der junge Maler blickte ihr einen Augenblick nach und würde bedeutſam ſeinen Kopf geſchüttelt haben, wenn er allein geweſen wäre. So aber begnügte er ſich mit den halblaut ausgeſprochenen Worten:„Das begreife ein Geſcheiterer!“ und wandte ſich alsdann Abſchied nehmend gegen Madame Schmitz:„Bitte, Michel Angelo bei ſeiner Zurückkunft beſtens von mir zu grüßen, ich würde ſchon wieder nach ihm ſehen; doch ſolle er ſich auch einmal in Olfers' Atelier blicken laſſen, um uns ein paar paſſende Worte über unſeren Glasfenſter⸗Carton zu ſagen.“ „Das werde ich nicht vergeſſen, ihm auszurichten,“ erwiederte die alte Frau;„es wird ihn freuen!“— Dies ſprach ſie in ihrer gewöhnlichen Weiſe, um gleich darauf eine geheimnißvolle Miene anzunehmen, wobei ſie ihm mit dem Zeigefinger winkte, näher zu treten— näher— noch näher; dann faßte ſie ſeinen Arm und zog ihn langſam ſo weit nieder, daß ſie mit ihrem Munde ſein Ohr berühren konnte, worauf ſie ihm zuflüſterte:„Ich habe vor⸗ hin von der Ecke da oben an der Alleeſtraße geſprochen; von da her kam auch der ſelige Schmitz, wenn er es nur eben möglich machen konnte, und ſo wie er an der Ecke erſchien, zog er ſein roth⸗ carrirtes Sacktuch hervor, um mir zu ſagen, daß er an mich denke — ach, Herr Rodenberg, das iſt nun ſchon lange vorüber, und jetzt noch kann ich mich der Thränen kaum erwehren...“ Da die gute alte Frau hier eine Pauſe der Rührung machte, ſo hielt ſich Rodenberg für verpflichtet, ihren Satz zu vollenden, indem er ſagte:„Wenn Sie jene Ecke betrachten!“ Worauf ſie ihm, kopfſchüttelnd erwiederte: „Nein, Herr Rodenberg, aber ſo oft ich ein rothcarriries Sacktuch ſehe.“ „Das iſt allerdings ein rührender Anblick, Madame Schmitz⸗ aber man muß ſich ſelbſt an ein rothearrirtes Taſchentuch zu ge⸗ wöhnen ſuchen— nun leben Sie wohl!“ Ich hab' eine alte Muhme! 109 „Sie haben es gar eilig, Herr Rodenberg, und doch hätte ich Ihnen noch etwas Wichtiges mitzutheilen!“ „So laſſen Sie hören, Madame Schmitz.“ „Was nämlich die Leute ſagen.“ „Nun?“ „Die Gouvernante des Herrn NRoderich nämlich hätte nicht nur das Kind mitgenommen, ſondern auch das ganze Silberzeug des Hauſes, und hätte im Schlafzimmer des Herrn Feuer angelegt— iſt eiwas Wahres daran?“ Nun konnte ſich Rodenberg nicht enthalten, mit einem ſehr ernſthaften Geſichte zu erwiedern:„Sie hat ſich ſogar vermittels einer der geſtohlenen ſilbernen Kaffeekannen an dem angelegten Feuer Kaffee gekocht, ehe ſie das Haus verließ— iſt das nicht fürchterlich?“ „Gehen Sie— Sie haben mich zum Beſten!“ „Ich nicht, aber die Leute, welche jede Sache vergrößern und in's Ungeheuerliche ziehen!“ 3 „Das iſt wahr, Herr Rodenberg, die Welt iſt ſo ſchlecht, nun— leben Sie wohl!“ „Adieu, Madame Schmitz!“ Der junge Maler lachte noch auf der Treppe und gelangte lachend auf die Straße. Hier aber, als ihm mit Einem Male ein anderer Gedanke durch den Kopf fuhr, wurde er plötzlich ſehr ernſt.„Wäre es denn möglich,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, indem er raſch die Straße dahinging,„daß das Mädchen da oben, dieſes feine, vornehme, elegante Geſchöpf, dieſe reiche Künſtlernatur, ſolche moraliſche Selbſtmordgedanken haben könnte, um Madame Schmitz werden zu wollen— o, o, es iſt unmöglich, und wenn ich ſie am Hochzeitsmahle ſitzen ſähe, ſo könnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, irgend ein pfiffiger Dämon habe die Geſtalt Michel Angelo's angenommen, um dem Himmel einen Engel zu ſtehlen!“— Seitdem waren vierzehn Tage vergangen, und Rodenberg hatte während dieſer Zeit einen Brief von ſeinem Freunde erhalten, aller⸗ dings mit wenig tröſtlichem Inhalte. 110 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Olfers hatte aus der Reſidenz, wo er ſich befand, geſchrieben: „Meine Bemühungen, Margarethe wiederzufinden, ſind bis jetzt fruchtlos geblieben, obgleich ich feſt überzeugt bin, daß die Spur, der ich folgte und die ich auch jetzt nicht verlaſſen habe, die richtige iſt. Denken Sie ſich, lieber Freund, mit welcher entſetzlichen Klug⸗ heit gegen mich verfahren wird: ich kam hieher und fand die Fa⸗ milie jener Frau, der ich einſt meinen Namen gegeben, anſcheinend in tiefer Betrübniß— Madame Hildegard, ſagte mir die alte Tante, bei der ſie bis jetzt ihren Aufenthalt genommen, ſei ver⸗ ſchwunden und Niemand wiſſe, wohin; ob ſie es war, die mein Kind rauben ließ, wiſſe man natürlich nicht, doch wolle man die Möglichkeit einer derartigen, an ſich wohl erklärlichen Ueberſchreitung des Muttergefühls nicht abläugnen.— Denken Sie ſich, ſo etwas mußte ich mit anhören und konnte nichts thun, als in ohnmächtiger Wuth meine Fäuſte ballen! Weit entfernt davon, feindſelig gegen mich aufzutreten, verſuchte es dieſe Familie, mich mit Auszeichnung zu behandeln, ja, jene alte Tante ſchwatzte mir mancherlei vor von einer doch noch möglichen Wiedervereinigung, man beklagt mich, man findet die Handlungsweiſe, mit der man mich betrogen, jenen entſetzlichen Bruch des Vertrauens allerdings ſehr unſtatthaft und beklagenswerth; aber im Uebrigen zuckt man die Achſeln und ver⸗ wahrt ſich auf's feierlichſte gegen jede Mitwiſſenſchaft.— Was unſeren Kammerjunker, den Freiherrn von Schenk anbelangt, ſo entgeht er mir mit einer aalartigen Geſchicklichkeit— er iſt es, welcher mich am aufrichtigſten beklagt, mich verſichert, wie ent⸗ rüſtet die ganze Familie bei jener Nachricht geweſen ſei und wie man Alles aufbieten werde, um den Aufenthaltsort der Geflohenen zu entdecken.— Natürlich glaube ich allen dieſen ſchönen Worten und bleibe vor der Hand hier, denn nur ſo kann es mir vielleicht gelingen, einige jener Fäden zu entdecken, mit denen die Familie hier mit ihr in Verbindung ſteht.— Möge mir der Himmel daagu beiſtehen, und er ſoll alsdann ſeine Freude daran haben, wie ich, ein einfacher, armer Künſtler, dieſem vornehmen Pöbel gegenüber⸗ 6 — Ich hab' eine alte Muhme! treten will. Auch von Oben herab verſucht man Alles, um mich zu beſchwichtigen, zu beruhigen; man ernannte mich gleich nach meiner Ankunft zum Profeſſor und ſtellte mir nicht undeutlich das Directkorium der Maler⸗Akademie in Ausſicht, und ich glaube und verſtehe Alles. „Lytton war bis vor wenigen Tagen bei mir, doch mußte er der dringenden Aufforderung ſeiner Familie nachgeben und nach England zurückkehren. Wie leid mir dieſer zweite, empfindliche Verluſt thut, brauche ich Ihnen kaum zu ſagen.— Was mein Haus und mein Atelier dort anbelangt, ſo wäre ich Ihnen ſehr zu Dank verpflichtet, wenn es vor der Hand bei unſerer damaligen Abſprache bliebe, daß Sie ſich zuweilen in unſerer Wohnung ſehen laſſen und das Atelier ganz als das Ihrige betrachten. Wie es ſpäter damit werden wird, weiß ich ſelbſt noch nicht. An eine Rückkehr zu denken, iſt mir unmöglich. Die troſtlos leeren Räume meines Hauſes würden mich entſetzlich tief verwunden, und was mein Atelier anbelangt, ſo würde ich Lytton's Abweſenheit dort noch ſchmerzlicher vermiſſen, eben ſo wie den Verluſt ſo manches lieben Bekannten, die uns ja von den Wogen des täglichen Lebens ſo raſch und ſo unverhofft entführt werden.— Mit den herzlichſten Grüßen an Alle, die ſich meiner freundlich erinnern, nehme ich für heute von Ihnen als einem treuen, erprobten Freunde Abſchied.“ Rodenberg hatte ihm hierauf geantwortet, was er ihm ant⸗ worten konnte, dabei aber natürlicher Weiſe nichts über die wich⸗ tigſte Angelegenheit. Er hatte auch einen Brief von Conchitta eingeſchloſſen und derſelben dagegen ein kleines Schreiben an Juanita anvertraut. Im Hauſe Roderich's ging Alles ſoweit ſeinen gewöhn⸗ lichen Gang, nur war Andreas auf den Befehl ſeines Herrn ein eifriger Aufſeher, ohne deßhalb Atelier und Garten aus dem Auge zu verlieren, indem er dort die meiſten Stunden des Tages zu⸗ brachte und dabei auf's Gewiſſenhafteſte für die kleinen Bedürfniſſe Rodenberg's ſorgte. Dieſer hatte ſchon mehrere Male Einſprache erhoben, daß das große Gemach für ihn geheizt werde, und that 112 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. das jetzt abermals, als der Carton zu dem Glasfenſter beendigt, doch hatte es der Gärtner wiederholt als einen dringenden Wunſch ſeines Herrn dargeſtellt, daß das Atelier benutzt werde, worauf die Sache wie ſeither verblieb. So war der Januar vorübergegangen und Rodenberg an einem kalten, ſtürmiſchen Februar⸗Abende zum Reichsapfel in ſeine Wohnung zurückgekehrt, wo er Walter und Rüding behaglich am praſſelnden Ofen ſitzen fand, während Knorx in ſeinem Schlafrocke von ſchwarzem Sarſenet, die lange Pfeife rauchend, mit gemeſſenen Schritten auf und ab ging. Walter ſaß vor der geöffneten Thür des kleinen Ofens und arbeitete mit einem Schüreiſen wacker in den Kohlen herum, um ſie in größere Gluth zu ſetzen, wozu ihm jetzt der durch den Kamin herabſauſende Nordweſtwind ſo kräftig zu Hülfe kam, daß der Ofen Kohlen, Dampf und Funken wie tiefe Seufzer von ſich ſtieß. „Bei dieſem Wetter ſollte man keinen Hund hinausjagen,“ meinte Rodenberg, indem er ſeinen naſſen Mantel abwarf,„und ehe ich mich heute in ein Wirthshaus bemühe, will ich lieber hier hungern und durſten!“ 2 „Da haſt Du Recht,“ erwiederte ihm Walter, der die Thür des Ofens haſtig wieder verſchloſſen hatte;„wir wollen einen famoſen Thee brauen, ein Tröpfchen Cognac hineinthun, feſt bei⸗ ſammen ſitzen und uns Geſpenſtergeſchichten erzählen. Dazu iſt das Wetter ſo ſchön, wie es nur ſein kann— wie der Wind durch den Kamin ſaust— das iſt eine Nacht, Rüding, um zwiſchen zwölf und ein Uhr auf einem Kirchhofe Wache zu ſtehen! Was meinſt Du dazu?“ „Ich?“ fragte der Blondgelockte—„ich meine gar nichts dazu— was ſoll ich mir mit ſolchen Gedanken meine behagliche Abendruhe verderben!“ „Und behaglich genug ſitzt Ihr hier beiſammen,“ ſprach Roden⸗ berg, indem er an den Ofen trat und ſich die Hände wärmte— „Alles ſchon in Pantoffeln, und ich ſehe mit Vergnügen, Ihr Ich hab' eine alte Muhme! 113 habt die Idee des Zuhauſebleibens auch ohne mich ſchon gefaßt gehabt.“ „Und die noch vortrefflichere Idee, einen guten Thee zu trinken,“ erwiederte Walter, indem er mit dem Daumen auf Rüding zeigte —„kommt von daher, von unſerem guten, ſanften, lieben Eduard; er hat es nicht anders thun wollen, als uns heute Abend zum Souper einzuladen.“ „Seine Schuldigkeit,⸗ ſagte Knorx, indem er auf ſeinem Spaziergange durch das Zimmer einen Augenblick am Ofen ſtehen blieb und die Aſche in ſeinem Pfeifenkopfe mit dem Finger zu⸗ ſammenſtieß—„ſeine Schuldigkeit, er hat es damals gelobt, als er ſeine hungernden Zigeunerknaben verkaufte.“ „Und mache mir ein Vergnügen daraus,“ entgegnete Rüding, wobei er ſich behaglich in ſeinen Stuhl zurücklegte und die Hände in die Taſchen ſeiner weiten Hoſen vergrub; er hätte zu gleicher Zeit außerordentlich gern mit einigen dort befindlichen Fünfgroſchen⸗ ſtücken geklimpert, aber er wagte es nicht, dies vor Walter zu thun —„ja, ich mache mir eine Ehre daraus, Euch zu einem beſcheidenen Nachteſſen einzuladen: Thee mit Cognac, Butter und Brod und eine kalte Hammelskeule— ich glaube, das wird Euch ſchon recht ſein, und ſelbſt Walter wird mir zugeben, daß in dieſer Zuſammen⸗ ſtellung ein feiner Sinn liegt.“ „Natürlich— natürlich,“ brummte der alte Maler;„für eigentlich unſinnig habe ich Dich noch nie gehalten; Du haſt eben⸗ falls Deine guten Eigenſchaften, doch ſind dieſelben leider ſehr häufig ſo mit todter Aſche zugedeckt, daß der innere Funke ſchwer zum Durchbrechen kommt— das war ſchön geſagt!“ „Sehr ſchön,“ lachte Rodenberg,„doch finde ich Rüding's Souper⸗Idee unbedingt ſchöner; aber ich ſehe noch keine Anſtalt, merke aber wohl, Du willſt erſt dann ſerviren laſſen, wenn auch ich es mir bequem gemacht habe— he, Schwemmer!“ rief er zur Hackländer's Werke. 54. Bd. 8 114 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Der geneigte Leſer, welcher den ſtrebſamen Rafael gewiß nicht vergeſſen hat, wird über dieſen Ruf erſtaunt ſein, noch mehr aber, wenn er jetzt ſtatt des kleinen Bedienten im verblichenen Malerkittel einen himmellangen Kerl in der Uniform eines Infanteriſten ein⸗ treten ſieht.— Ja, Rafael hatte ſeinen Herrn, an dem er mit einer rührenden Anhänglichkeit hing, verlaſſen, oder, beſſer geſagt, das Verhältniß zwiſchen Herrn und Diener hatte ſich nach gemein⸗ ſchaftlicher Uebereinkunft auf's harmoniſchſte gelöst, indem Rafael auf die Fürſprache Rodenberg's in einer demſelben befreundeten Kunſt⸗ und Buchhandlung zu einem Mitteldinge zwiſchen Lehrling und Laufburſche aufgenommen worden war. Mit welchem Stolze er jetzt ſeine Bücher packte, durch die Straßen trug, iſt kaum zu beſchreiben, eben ſo der grenzenloſe Eifer, mit dem er auch ſeinen übrigen Geſchäften oblag und mit dem er an Sonn⸗ und Feier⸗ tagen mit der Emſigkeit einer Biene in dem großen Laden von Buch zu Buch flog, um ſich vor der Hand wenigſtens mit den Titeln all' dieſer unſterblichen Werke bekannt zu machen. Alſo Rafael war in der Haushaltung des jungen Malers nicht mehr vorhanden und Schwemmer trat ſtatt ſeiner in's Zim⸗ mer. Daß die Bedienung deſſelben ſchon ein anderes Anſehen hatte, war nicht zu läugnen: auf ſeinen breiten Händen trug er nicht nur das ganze Souper, wie es Rüding angegeben, ſondern an ſeinem linken Arme hing auch noch ein friſch gefüllter Waſſereimer, während er unter dem anderen Arme die Pantoffeln ſeines Herrn trug. Während Rodenberg dieſelben anzog, bereitete Knorx den Thee, und darauf ſetzten ſich alle Vier um den Tiſch, mit dem guten Appetit der Jugend und eines geſunden Magens zulangend. „Wenn Du früher gekommen wärſt,“ ſagte Walter nach einiger Zeit zu Rodenberg,„ſo hätteſt Du aus Rüding's Munde erfahren können, daß dieſes ſtrebſame Bürſchlein ſein neues Bild, die heiligen drei Könige des Dorfes, bereits auf der Staffelei verkauft hat.“ „Und gut verkauft hat!“ ſagte der ehemalige Cupidd mit großer Genugthuung. . Ich hab' eine alte Muhme! 115 „Dies freut mich, zu hören,“ ſprach Rodenberg,„und Du wirſt Dich erinnern, Rüding, wie oft ich Dir den guten Rath gegeben, Deine hiſtoriſchen Compoſitionen bei Seite zu laſſen und Dich mit dem alltäglichen Leben der Gegenwart zu beſchäftigen: Greif' nur hinein in's volle Menſchenleben, Da, wo ihr's anpackt, iſt es intreſſant— wie Göthe ungefähr ſagt,— Du biſt jetzt im Zuge, und die Freude über ein einziges gut verkauftes Bild gibt Dir ein Dutzend heitere und neue Ideen.“ „Nun, an Ideen fehlt es mir überhaupt nicht,“ ſagte der kleine Künſtler wohlgefällig;„ich habe wieder drei, vier auf's Papier hingeworfen— auch ein paar größere Compoſitionen—, und ſobald ich meine drei Könige fertig habe, werde ich eine bedeutendere Arbeit vornehmen.“ Er ſagte das mit der Miene eines Titian oder eines Rubens, worauf er ſeine Taſſe Thee ſachte ausſchlürfte und die Freunde mit einem etwas hochmüthigen Blicke anſah. „Ich bedaure nur,“ meinte Knorx mit einem leichten Seufzer, „daß ich mich nicht auch der Malerei zugewandt habe— Ihr habt gut hineingreifen in's volle Menſchenleben, und es iſt ein dankbares Geſchäft, Geſtalten zuſammenzuſtellen, wie ſie uns tagtäglich auf der Straße begegnen— aber Unſereiner: zuerſt muß man lauern, bis eine kleine Beſtellung einläuft, und dann iſt es in unſerem ſparſamen Jahrhundert immer dieſelbe Geſchichte, ein hölzerner Petrus oder Paulus, oder, wenn es hoch kommt, eine heilige Ka⸗ tharina in Gyps— ich habe das nächſtens ſo ſatt, daß ich mich entweder bei einem Möbelſchreiner verdinge oder in's Kloſter gehe.“ „Siehſt Du, Knorx, das iſt eine prachtvolle Idee!“ rief Walter. „Pfui,“ meinte Rüding,„bei einem Möbelſchreiner!“ „Was Möbelſchreiner! Kameel, die mit dem Kloſter meine ich— ich ſage Dir, Knorx, eine glückkiche Idee, wie mir lange keine vorgekommen, und man nimmt Dich ohne alle klingende Ein⸗ 4 116 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. lage in Italien, Frankreich oder Spanien, wo Du willſt, Du ver⸗ pflichteſt Dich, die Bildſäulen aller Heiligen und das Schnitzwerk in der Kirche gehörig in Ordnung zu halten, zu putzen, friſch zu vergolden, wie es gerade nothwendig iſt— ich verſichere Dich, Du würdeſt in Kurzem Bruder Guardian ſein oder irgend ein anderes Avancement haben!!? „Es wäre in der That nichts Schlechtes,“ ſprach der lange Bildhauer, wobei er einen düſtern Blick auf ſeine mageren Hände warf, die er zuſammengefaltet auf dem Tiſche vor ſich hielt. „Nichts Schlechtes?“ meinte Walter—„etwas Vortreffliches, und wenn Du mal irgendwo recht feſtſitzeſt in einem Kloſter mit guter Küche, in einer angenehmen Gegend, ſo empfiehlſt Du mich als Jemanden, der außerordentlich gut im Stand wäre, die alten Bilder zu reſtauriren, und ſomit wäre alsdann für uns Beide geſorgt— ich heiße Bruder Hilarius, Du Bruder Balthaſar, und würden wir uns in unſeren Freiſtunden, deren wir, wie ich an⸗ nehme, ſehr viele hätten, vortrefflich amuſiren.“ „Ein ſolches Kloſterleben hat mir immer als etwas höchſt An⸗ muthiges vorgeſchwebt,“ ſprach Knorx nach längerem Beſinnen, „nicht gerade, wie Du es zu verſtehen ſcheinſt, Freund Walter, ſondern ernſthaft, würdig, andächtig und vor allen Dingen bußfertig.“ „Iſt das Dein Ernſt?“ fragte Walter in faſt erſchrockenem Tone. „Mein völliger Ernſt— das Leben, wie wir es führen, widert mich an und verſchafft mir keine Genugthuung, und Dir ſollte es eben ſo gehen; etwas Andächtigwerden könnte Dir nicht ſchaden, und was die Buße anbelangt,“ ſetzte er nach einem tiefen Seufzer hinzu,„ſo muß Jeder wiſſen, ob er ſie nothwendig hat.“ „Wenn Du wirklich im Ernſte ſprichſt,“ knurrte Walter,„ſo iſt es nichts mit unſerem Kloſterleben, und ich rathe Dir alsdann, es bei einem Möbelſchreiner zu verſuchen— aber es iſt wahrhaftig ſchade um Dich, Knorx, daß Du nächſtens nicht einmal mehr im Stande biſt, eine heitere Idee aufzufaſſen; doch gleichviel, man muß an ſeine Zukunft denken, und ich wiederhole es nochmals: in einem 3 fetten Kloſter wären wir Beide gut untergebracht— laßt uns jetzt auch Nodenberg und Rüding unterbringen.“ „Doch nicht ebenfalls in einem Kloſter?“ fragte der Erſtere.“ „Nein, nein, ſo gottlos bin ich doch nicht, um daran zu denken,“ meinte der alte Maler;„auch haſt Du wahrſcheinlich eine glänzende Carrière vor Dir.“ „Ein armer Zeichner!“ „Den Teufel auch, ein Kerl wie Du, mit einem ſolch' im⸗ menſen Talente und der das Glück hat, daß ſich alle Welt für ihn intereſſirt— allerdings, wenn Du hier bleiben willſt, haſt Du alle Ausſicht, als ein armer Zeichner zu verſauern, Du mußt in die große Welt, an einen glänzenden Hof, Geſellſchafter irgend eines Prinzen werden, der für die Kunſt ſo viel Sinn hat, um Dich einem hochadeligen Kammerjunker vorzuziehen, der aber anderentheils von Deinen eleganten geſellſchaftlichen Formen eben ſo beſtochen wird, wie von Deinen geiſtreichen Zeichnungen,— Du arrangirſt Komödien und Bälle, ſtellſt lebende Bilder, zeichneſt in Deinen Frei⸗ ſtunden reizende Albums und baueſt als ein zweiter Michel Angelo vielleicht Villen und Paläſte, Du wohnſt in einem fürſtlichen Schloſſe, haſt Dienerſchaft und Equipagen zu Deiner Verfügung, und wenn Dich alsdann ein armer alter Freund beſucht, widmeſt Du ihm eine Viertelſtunde Deiner koſtbaren Zeit, eine gute Havannah⸗Cigarre und einen Fünf⸗Thaler⸗Schein— iſt das nicht eine glänzende Zu⸗ kunft für Dich und mich?“ „Ausgezeichnet,“ ſagte Rodenberg lächelnd,„ich geſtehe Euch offen, daß ich mich in ein ſolch' Leben und Treiben ſchon hinein⸗ finden würde; auch ſollte meine Kunſt darunter gerade nicht leiden, und wenn eine ſolche Herrlichkeit auch nur ein paar Jahre dauerte, würde ich doch Gelegenheit genug haben, Material für ein ganzes Leben zu ſammeln.“ „Das würdeſt Du allerdings,“ meinte Knorx mit ſeiner tiefen, melancholiſchen Stimme,„aber es wäre Dir auch vielleicht Gelegen⸗ heit gegeben, in ein paar Jahren ein anderes Material zu ver⸗ Ich hab' eine alte Muhme! 1172 118 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. geuden, welches beſtimmt iſt, für ein ganzes Leben auszuhalten,— fürchte die Weiber, halte Dich fern von ihnen!“ „Von den Weibern gewiß, aber für eine Einzige leben und ſterben, des Gedankens kann ich mich unmöglich entſchlagen,“ wandte ſich Rodenberg gegen Walter,„da Du ſo freundlich biſt, eine ſo glänzende Zukunft vor mir zu entrollen, ohne ſie kein Glück, keine Zukunft!“ „Somit wärſt denn auch Du verſorgt,“ meinte Walter mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln,„eine herrliche Verſorgung mit Glanz und Liebe, und haben wir jetzt nur noch für unſeren guten Rüding zu ſorgen,— das Beſte kommt immer zuletzt,“ wandte er ſich an dieſen,„laß uns Deine Neigung hören, und wir wollen auch für Dich ein Luftſchloß aufbauen.“ Der ſanfte Eduard blickte zufrieden lächelnd mit einem ge⸗ wiſſen Hochmuthe um ſich her und wartete ein paar Minuten lang, ehe er erwiederte:„Ich meine, Jeder, und vor allen Dingen ein wahrer Künſtler, ſolle ſeines eigenen Glückes Schmied ſein und weder die Abſicht haben, ſich in ein Kloſter zu verkriechen, noch unter die Fittiche eines Hofes zu begeben.“ „So ſage mir denn, Du wahrer Künſtler, welchem Ziele Du zuſteuerſt; ich hoffe aber, Du wirſt beſcheiden ſein.“ „Wie man es nimmt,“ erwiederte Rüding zufrieden lächelnd; „jedenfalls ſteuere ich einem poſitiveren Ziele zu. Ihr müßt mir zugeben, daß meine kleinen Bilder geſucht und gut bezahlt werden und daß ſie mir in Kurzem einen Namen verſchaffen müſſen, man wird aufmerkſam auf mich, man ſticht meine Gemälde in Kupfer und Stahl, ich erhalte einen Ruf an irgend eine Kunſtſchule, ich werde Profeſſor, und man krönt mein Verdienſt, indem man meine Bruſt mit Orden ſchmückt.“ „Und das nennſt Du als wahrer Künſtler ein poſitiveres Ziel — eine magere Profeſſur und Orden?“ „Laß den guten Rüding,“ meinte Rodenberg,„es iſt ein Traum à la Königin von Golkonda.“ Ich hab' eine alte Muhme! Jetzt aber konnte ſich der ſanfte Eduard im Gefühle ſeiner Verdienſte und ſeiner ſchon recht anſehnlichen Baarſchaft nicht ent⸗ halten, mit ſeinem Silbergelde in der Taſche zu klimpern, und ſagte in einem etwas herausfordernden hochnaſigen Tone:„Nennt das immerhin Träume, für Euch würden es allerdings welche ſein, aber ich habe die Bahn betreten, die mich zu dem vorgeſteckten Ziele bringen muß.“— Walter that, als hätte er weder das Geldgeklimper noch die Worte Rüding's gehört, und erwiederte gegen Rodenberg gewendet: „Mit der Königin von Golkonda kann man ihn nicht vergleichen, die hatte ein warmes, liebendes Herz und träumte von allen Schätzen der Welt, um ſie mit ihrem Geliebten zu theilen,— Rüding's Streben hat vielmehr große Aehnlichkeit mit dem des Königs Wiſchwa Mitra— haſt Du je vom Könige Wiſchwa Mitra gehört?“ fragte er den ſanften Eduard. „Das muß ein netter Kerl geweſen ſein,“ erwiederte dieſer. „Natürlicher Weiſe, denn er hatte Aehulichkeit mit Dir, be⸗ ſonders in ſeinen Beſtrebungen. Er wollte durch Kampf und Büßung Erwerben Waſiſchta's Kuh. Und dieſe Kuh hatte für ihn denſelben Begriff, wie für Dich Profeſſur und Orden.“ „In dem Falle war ſein Streben eben ſo anerkennenswerth, wie das meinige.“ „Leider urtheilt die Nachwelt nicht ſo darüber, denn der un⸗ ſterbliche Dichter ſingt von dieſen Beſtrebungen: O König Wiſchwa Mitra, 3 Was für ein Ochs biſt Du, Daß Du ſo viel kämpfeſt und büßeſt, Und alles für eine Kuh!“ Rodenberg lachte, ſelbſt Knorx lächelte ein wenig, doch Rüding ärgerte ſich ſichtlich und würde wahrſcheinlich dieſes Thema noch 120 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. weiter fortgeſponnen haben, wenn man darauf nicht ſchwere Schritte vernommen und Jemand raſch die Thür geöffnet und ſeinen Kopf mit einem freundlichen Ausdrucke ins Zimmer geſteckt hätte. „Van der Maaßen!“ „Grüß' Euch Gott, Ihr Kerls mit einander!“ ſagte der Ein⸗ tretende, wobei ſeine Stimme durch die freudige Aufregung, welche ſie verrieth, noch dünner und ſchärfer als gewöhnlich klang— „nach dem, was ich ſehe und rieche, glaube ich, daß mich ein guter Geiſt in den Reichsapfel geführt!“ „Du haſt eine wunderbare Naſe,“ ſagte Rüding und ſetzte im Gefühle ſeiner Würde als Feſtgeber hinzu:„Doch biſt Du auf alle Fälle willkommen!“ „Mir ſcheint, Du machſt die Honneurs hier,“ ſagte van der Maaßen, indem er näher trat. „So iſt es,“ ſagte Walter;„Du ſiehſt hier drei hungrige Zi⸗ geunerknaben mit einer einzigen, magern Rübe.“ Rüding zuckte verächtlich die Achſeln und wollte etwas erwiedern, doch kam ihm van der Maaßen zuvor, indem er mit einem lüſternen Blicke auf die Hammelskeule ſagte:„Nun, was ſolch' eine magere Rübe anbelangt, die kann man ſich ſchon gefallen laſſen.“ „So laß ſie Dir gefallen und ſetze Dich,“ warf Rodenberg ein, wobei er ſich erhob, um eine Cigarre zu holen. Gleich darauf zurückkommend, betrachtete er van der Maaßen, der ſich, wie es ſchien, abſichtlich noch nicht geſetzt hatte, vielmehr in ſeiner ganzen Größe im Scheine der Kerzen ſtehen geblieben war—„aber zum Henker, van der Maaßen, was iſt denn los? Du biſt ja ganz verwandelt— Dein Aeußeres macht einen verflucht behäbigen Eindruck!“ „Gelt— Kleider machen Leute!“ „Das will ich gerade nicht behaupten; Du biſt immer ein hübſcher Burſche geweſen— aber verzeihe mein Erſtaunen beim Anblicke Deiner friſchen Wäſche, Deiner ſauberen Handſchuhe und dieſes wohlhabenden Paletots!“ —— — Ich hab' eine alte Muhme! „Meiner Treu, Du haſt Recht,“ brummte Walter;„mit van der Maaßen iſt etwas vorgegangen, er hat gute Stiefel an!“ „Ja, erſtaunt nur,“ erwiederte der alſo Angeſprochene, wobei er wohlgefällig lächelte und ſich alsdann langſam auf dem Abſatze herumdrehte, um von allen Seiten betrachtet werden zu können— „erſtaunt nur über die Veränderung, welche Ihr an mir ſeht!“ „Erzähle, wie das kommt, van der Maaßen.“ „Erſt laßt mich einen Biſſen nehmen, ſonſt thue ich den Mund nicht auf.“ „Wie unlogiſch dieſer Kerl iſt,“ knurrte Walter;„er will einen Biſſen zu ſich nehmen, ehe er das Maul aufthut— na, laß Dich immerhin nieder und zeige dieſes Kunſtſtück!“ Van der Maaßen zog mit einer ungemeinen Behaglichkeit ſeinen wohlhabenden Paletot aus, ſchnippte hier und da mit den Fingern daran, wo er vermuthete, es könnte eine Schneeflocke ſitzen geblieben ſein, und legte alsdann das nagelneue Kleidungsſtück zier⸗ lich zuſammengefaltet auf einen Stuhl. Auch einen neuen Rock trug er und neue, grau carrirte Hoſen, welche Theile ſeines An⸗ zuges er ſchmunzelnd ſtreichelte, als er ſich an dem Tiſche niederließ, um ſogleich einen wüthenden Angriff auf das kalte Schöpſenfleiſch zu machen. „Innerlich iſt er noch der Alte!“ ſagte Walter, wobei er dem Freunde ein großes Glas voll Thee eingoß und ihm hinſchob. Mit beiden Backen kauend, ſagte dieſer:„Ich hatte wahrhaftig heute noch keine Zeit, einen Biſſen zu mir zu nehmen, und wollte gerade in die drei Reichskronen zum Nachteſſen gehen, als mir glücklicher Weiſe einfiel, ich könnte Euch hier vielleicht beiſammen antreffen.“ „Ei, der Tauſend,“ fragte Rüding argwöhniſch,„ſeit wann ſind denn die drei Reichskronen Deine tägliche Kneipe?“ „Erſt ſeit Kurzem— ich will Euch das ganz genau erzählen, aber laßt mich vorher noch einen Biſſen nehmen— Dein Schöpſen⸗ lleiſch iſt gut, Rüding.“ 3 122 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Drück' Dich beſtimmter aus,“ ſagte Walter,„ſolche Unge⸗ nauigkeit nimmt der ſanfte Eduard übel; unter civiliſirten Völkern ſagt man nicht, Dein Schöpſenfleiſch', ſondern, dieſes Schöpſenfleiſch.““ „Schade, daß Du nicht früher kamſt,“ ſprach Rodenberg; „Walter hat unſer Prognoſtikon geſtellt, und zu unſer Aller Zu⸗ friedenheit: ich werde mächtiger Günſtling eines Fürſten, Knorx und Walter gehen ins Kloſter.“ „Und Rüding wird König Wiſchwa Mitra,“ brummte der alte Maler in den Bart, worauf der ſunft⸗ Eduard achſelzuckend erwiederte: „Sei zufrieden, van der Maaßen, daß er Dir nichts prophe⸗ zeiht— ſolide Beſtrebungen werden hier doch nicht anerkannt.“ Van der Maaßen trank ruhig ſeine Taſſe aus, wobei er mit ſehr vergnügten Aeuglein vom Einen zum Andern blickte, that einen tiefen Athemzug und verſetzte:„Vor der Hand brauche ich keine Prophezeihungen mehr für die Zukunft; die meinige hat ſich ſeit acht Tagen glänzend feſtgeſetzt.“ „Darum hat man Dich nicht mehr geſehen?“ „Sprich, van der Maaßen, was biſt Du geworden?“ „Ich habe eine Anſtellung erhalten— rathet einmal.“ „Zum Henker, wer kann das errathen— biſt Du vielleicht Poſt⸗Secretär geworden? Ich vermuthe das, weil Du wegen Ueber⸗ fluſſes an Zeit bei allen ankommenden Eilwagen gegenwärtig warſt.“ „Oder vielleicht Steuer⸗Aufſeher?“— Van der Maaßen war ein bekannter Schmuggler in Brod und Kalbfleiſch. „Es iſt eine räuberhafte Zeit, wie der Adjutant des Prinzen Heinrich zu ſagen pflegt; ich fürchte faſt, van der Maaßen wird ein Waldmuſikant, der den Leuten an der Kehle herumſpielt.“ „Oder königlich preußiſcher privilegirter Schrauben⸗Auszieher.“ „Oder er hat eine vornehme Liebſchaft,“ ſagte Rüding nicht ohne einen Anflug von Neid, wobei er die Fiſtelſtimme van der Maaßen's ſo natürlich nachahmte, daß alle lachten, ſogar der Be⸗ treffende in ſeiner unergründlichen Gutmüthigkeit. —— ——nᷓAǽ Ich hab' eine alte Muhme! 123 „Alles gemein, Alles alltäglich, Alles eines Künſtlers unwürdig!“ „Nun, ſo rede und erzähle uns, auf welche Art Dir die ge⸗ bratene Taube in's Maul geflogen iſt!“ „Darin irrſt Du gewaltig,“ wandte ſich van der Maaßen an Walter, der zuletzt geſprochen;„es iſt hier von keinem Zufalle die Rede, ſondern von ernſten Beſtrebungen, die mich glücklicher Weiſe zu einem guten Ziele leiteten— ich brauche es Euch gegenüber eigent⸗ lich gar nicht zu erwähnen, daß es mit meiner Malerei nicht viel war.“ „Das weiß Gott!“ „Wer ſeine Fehler einſieht, iſt ſchon halb gebeſſert,“ erwiederte van der Maaßen;„aber was nutzt mir alle Beſſerung, wenn ich nicht weiß, womit ich ein anderes Leben beginnen ſoll? Ich habe es mit der Lithographie verſucht und mit der Holzſchneiderei, Alles vergebens— nun wißt Ihr aber ſelbſt, daß ich von je her eine Force im Entwerfen der wahnſinnigſten Arabesken hatte.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Walter;„er machte Verſchlingungen, über welche ein arabiſcher Baumeiſter hätte toll werden können.“ „Gebt mir eine Cigarre, damit ich behaglich erzählen kann— ſo, jetzt kann's losgehen! Im erſten Stocke des Hauſes, wo ich wohne, lebt ein kränklicher Franzoſe, deſſen Bekanntſchaft ich auf der Treppe gemacht, indem ich ihm häufig meinen Arm anbot, um ihn hinauf zu ſchleppen. Der arme Teufel hatte die Schwindſucht, war ſchon überall geweſen und behauptete, die Luft des unteren Rheinthales thue ihm am beſten. Auch ſonſt erzeigte ich ihm eine Menge kleiner Gefälligkeiten, und ſo ſah er ſich veranlaßt, mir vor ein paar Monaten, was eigentlich ganz unnöthig war, in meinem vierten Stocke einen Höflichkeitsbeſuch zu machen. Da ſah er dann zufällig, auf Tiſchen und Stühlen herumliegend, meine Arabesken⸗ Zeichnungen, die ihm zu gefallen ſchienen; ein paar Tage nachher ließ er mich bitten, zu ihm hinab zu kommen, und nach einigen Worten, die wir zuſammen gewechſelt, ſchlich er an ſeinen Secretär und holte eine kleine Mappe hervor, die er öffnete und deren In⸗ halt er mich ſehen ließ.“ 124 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Lauter Tauſend⸗Francs⸗Billets?“ fragte Rüding. „Nichts dergleichen; es waren ebenfalls Zeichnungen, faſt wie meine Arabesken, nur nicht ſo phantaſiereich und willkürlich, mit Einem Worte, es waren auf Papier gezeichnete farbige Muſter, nach denen man die Seidenſtoffe anfertigt.“ „Würden Sie ſich wohl getrauen,“ fragte der Franzoſe,„etwas Aehnliches zu erfinden?“ „Warum das nicht!“ 3 „Verſuchen Sie es, es wird Ihr Schaden nicht ſein.“ Er gab mir ſeine Mappe mit und ich machte meine Verſuche, ein paar Dutzend in ganz kurzer Zeit, die ich ihm ſchon den andern Tag vorlegte und die ihm behagten, namentlich einer derſelben, zu deſſen Motiv ich die Gänge der Schrauben genommen hatte.“ „Darin biſt Du allerdings Meiſter.“ „Er corrigirte meine Blätter, gab mir Anleitung, ließ mich unter ſeinen Augen danach arbeiten und machte mir vor acht Tagen Vorſchläge, die ich annahm und mit deren Hülfe ich mich in dem wohlhabenden Zuſtande befinde, worin Ihr mich ſeht.“ „Und was für Propoſitionen? Ich will nicht hoffen, daß Du— ein ehrlicher Deutſcher— Dich mit Leib und Seele an Frankreich verkauft haſt!“ „Mein alter Franzoſe, Beſitzer einer der erſten Seidenfabriken von Lyon, engagirte mich als Muſterzeichner mit einem jährlichen Gehalte von 3000 Francs und mit der Ausſicht auf ein noch viel höheres Einkommen, wenn es mir gelänge, mich vollkommen in die Art und Weiſe der franzöſiſchen Muſterzeichnung hineinzuarbeiten.“ „Und dann ſegnete er Dich und ſtarb in Deinen Armen? Ein recht hübſcher Roman,“ ſagte Rüding in mißgünſtigem Tone. Doch lächelte hierüber van der Maaßen mit der unbeſchreib⸗ lichſten Gutmüthigkeit, und während er langſam ſeine neue Brief⸗ taſche herauszog, erwiederte er:„Mein guter Franzoſe, Monsieur Beauvillard de Lyon, grand fabricant de soirées, qui a me engagé pour trouver modèles de étoffes, reiste nach Hauſe und Ich hab' eine alte Muhme! 125 behändigte mir dieſe tauſend Francs Reiſeentſchädigung hier, pour faire la voyage après France.“ „Dieſe Bankbillets ſind echt,“ ſagte Walter und meinte mit einem lächelnden Seitenblicke auf Rüding:„Nicht wahr, ſanfter Eduard, was die Augen ſehen, glaubt das Herz.“ „Und das meinige freut ſich darüber,“ erwiederte Rüding, „das weiß van der Maaßen ganz genau.“ „Ja, ich glaube das von Euch Allen— Ihr ſeid gute Kerls, und wenn Ihr'mal nach Frankreich kommt und mich aufſucht, ſo könnt Ihr überzeugt ſein, daß Euch van der Maaßen mit offenen Armen empfängt!“ Der gute Kerl ſagte dies mit einer vor Rührung zitternden Stimme, und es hätte wenig gefehlt, ſo wären ihm die Thränen in die Augen getreten.—„Ihr habt mir Alle„“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„ſo viel Gutes und Liebes erwieſen, daß ich Euch nicht genug dafür dankbar ſein kann— Du, Knorx, vor Allen,“ wandte er ſich an den langen Bildhauer, indem er ihm ſeine Rechte entgegenſtreckte, die jener herzlich drückte und ihm zur Ant⸗ wort gab: „Auch habe ich Dir prophezeiht, daß es Dir noch einmal recht gut gehen wird; ja,“ ſetzte er mit einem ſeltſamen Tone hinzu, „meine Prophezeihungen gehen größtentheils in Erfüllung!“ „Nun, ſo prophezeihe mir auch, aber etwas Gutes,“ rief Rodenberg,„und etwas, das bald eintrifft; meine Ausſichten ſind trübe, die verfluchten Buchhändler ſchicken meine ſchönſten Zeich⸗ nungen zurück, und was mein Glück an irgend einem Hofe an⸗ belangt, ſo kann ich eher Hungers ſterben, bevor ich dies erreiche!“ Der Bildhauer mit ſeiner langen, hageren Geſtalt und ſeinen bleichen, eingefallenen Wangen hatte ſich langſam erhoben und blickte mit ſtarren, glanzloſen Augen in die flackernden Kerzen.— „Man kann eigentlich nur mit Glück prophezeihen, wenn der Geiſt über Einen kommt, doch ſehe ich gerade da etwas, das Dir Glück vorausſagt: hier der Feuerpunkt im Lichte, der Dir zugemandt iſt— 126 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. ein untrügliches Zeichen, daß Dich noch heute eine angenehme Nachricht erwartet!“ Rodenberg ſchüttelte ungläubig ſein Haupt und erwiederte: „Daß das Glück ſo raſch an mich herantrete, habe ich nicht ver⸗ langt, ich wünſchte durch Deinen prophetiſchen Geiſt nur einen heitern Blick in die Zukunft zu erlangen; doch da mir nun ein⸗ mal, wie Du ſagſt, eine angenehme Nachricht bevorſteht, ſo will ich ſie gern erwarten.“ „Und wir werden ſie hoffentlich ebenfalls erfahren,“ meinte Rüding und ſetzte in einem wegwerfenden Tone hinzu:„um daraus zu erſehen, was in Deinen Prophezeihungen Wahres iſt!“ Knorx blickte den kleinen Maler mitleidig an, dann fuhr er mit der Hand über ſeine hohe Stirn und ſagte:„Ja, wir werden ſie erfahren, Alle mit einander, wie wir hier beiſammen ſind; denn ſchaut nur ſelbſt, wie ſich der Lichtfunke bläht, wie er jetzt in der rothen Flamme da ſteht wie ein hellglänzender Stern— horch!“ Da that es drei gleichförmige Schläge an die Stubenthür, und obgleich dies an ſich nichts Außergewöhnliches war, auch nichts Unheimliches hatte, da der Abend noch gar nicht weit vorgerückt und die Geiſterſtunde noch ſehr fern war, ſo ſchauten ſich doch die Künſtler erſtaunt, wenn auch nicht betroffen an, und als Rodenberg lachend ſagte:„Nun, Rüding, Du biſt der Zweifler, gehe Du deß⸗ halb hin und öffne dem Schickſal die Thür!“ ſo zögerte dieſer ſo auffallend, daß ihn der lange Bildhauer mit einem äußerſt mit⸗ leidigen Lächeln anſchaute und ſelbſt ging, um die Thür mit einer gewiſſen Feierlichkeit zu öffnen. Alle lachten, als dies geſchehen war und das Schickſal nun herein⸗ trat in der Geſtalt des in der Straße wohlbekannten Briefträgers. „Guten Abend, meine Herren— ein Brief an Herrn Rodenberg.“ Daß der Poſtbeamte ſein Notizbuch, welches er unter dem Arme trug, nun geöffnet auf den Tiſch legte, zeigte an, der Brief ſei recommandirt, alſo von Wichtigkeitz, und da er obendrein, während er das ziemlich große Schreiben mit fünf Siegeln her⸗ Ich hab' eine alte Muhme! 127 vornahm, ſagte:„Ich gratulire, Herr Rodenberg!“ ſo erlaubte ſich Rüding, einen langen Hals zu machen, um die Adreſſe zu leſen: „An den Maler Herrn Rodenberg, einliegend zweihundert Thaler in Kaſſen⸗Anweiſungen.⸗—„Auch nicht übel,“ bemerkte er hierauf mit einem nicht ganz heiteren Lächeln—„gewiß Vorſchuß auf irgend eine buchhändleriſche Beſtellung.“ „Das iſt kaum möglich,“ erwiederte Rodenberg,„ich müßte doch auch wiſſen, wenn ich Vorſchuß verlangt hätte; zudem iſt dieſer Brief ſchwerlich von irgend einer großen Buchhandlung, da käme er aus Leipzig oder aus Stuttgart, während dieſer hier den Poſt⸗ ſtempel Köln trägt— nun, wir werden ſehen.“ Der Briefträger war fürſtlich belohnt worden und hatte ſich entfernt, worauf ſich Rodenberg an Knorx wandte und ihm zurief: „Siehſt Du, alter Freund, wie raſch Deine Prophezeihung in Er⸗ füllung gegangen iſt!“ „Das muß ich ſelbſt zugeben,“ meinte der ſanfte Eduard, „zweihundert Thaler ſind immerhin ein freudiges Ereigniß.“ „Man ſoll den Tag nie vor dem Abend loben,“ brummte Walter,„und einen Brief nie als etwas Angenehmes preiſen, ehe man ihn bis zum letzten Buchſtaben geleſen— wer weiß, was man von ihm für dieſe zweihundert Thaler verlangt!“ „Ja, wer kann das wiſſen!“ pflichtete auch Rüding eifrig bei. Der lange Bildhauer hatte ſich wieder an den Tiſch geſetzt, blickte nachdenklich in die Flamme der Kerze und ſagte:„Der Stern, welcher hier erſchienen, war ſo ſchön, klar und rein und zerging, ohne Kohle zurückzulaſſen— es kann nichts Schlimmes dahinter ſtecken!“ 4 „Das gibt mir doppelt Muth,“ lachte Rodenberg;„ich ver⸗ ſpreche Dir einen Theil dieſer Summe und mache Dich ſo für alle Folgen mitverantwortlich!“ Er riß den Umſchlag ab, ließ die vorhandenen Kaſſenſcheine gleichgültig auf den Tiſch fallen, um raſch das Billet zu leſen, welches beigefügt war. 1 128 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Das iſt doch ſeltſam,“ ſagte er,„hört, was dieſes Schreiben enthält: Nach dieſem Eingange ſchaute er kopfſchüttelnd die Freunde der Reihe nach an, wobei er bemerkte:„Ich hatte keine Ahnung davon, daß ich eine Verwandtſchaft in Köln beſäße!“ „Lies weiter,“ ſprach Walter,„ein verwandtſchaftlicher Brief mit zweihundert Thalern kann nichts Uebles enthalten!“ „Mein lieber Vetter! Schon lange drängt es mich, Ihnen ein Lebenszeichen von mir zu geben, doch, obgleich ich Ihre Anverwandte bin, wußte ich nicht, wie Sie einen ſolchen Schritt aufnehmen würden. Ihnen dieſe Verwandtſchaft ſchriftlich aus ein⸗ ander zu ſetzen, ginge über die Gränzen eines beſcheidenen Schreibens, und muß ich mir dies alſo für eine mündliche Mittheilung auf⸗ ſparen. Genug alſo für jetzt davon: ich bin Ihre Verwandte, darauf können Sie ſich verlaſſen, und dabei eine ſo alleinſtehende alte Frau— das Wort alt habe ich abſichtlich unterſtrichen— daß ich mich ſehr danach ſehne, mit Ihnen, mein lieber Herr Vet⸗ ter, einmal auf freundliche Art zu plaudern. Ich hatte die Ab⸗ ſicht, Sie dort aufzuſuchen, doch wußte ich nicht, wie Sie eine zu⸗ dringliche alte Anverwandte aufnehmen würden, weßhalb ich es vorzog, Sie für einige Tage, Wochen, Monate, wie Sie wollen, nach Köln einzuladen. Verſchmähen Sie dieſe Einladung einer alten Frau und Verwandten nicht, kommen Sie in der nächſten Zeit— kommen Sie zu unſerem weltberühmten Carneval, damit deſſen Luſt und Freude Sie einiger Maßen entſchädigt für die Stille meines einſamen Hauſes. „In der Hoffnung, daß Sie dieſe Zeilen mit derſelben Herz⸗ lichkeit aufnehmen wollen, wie ich ſie geſchrieben, bin ich Ihre freundſchaftlich ergebenſte Baſe „Pauline v. Schack, geb. Rodenberg.“ „P.§. Wie vergeßlich das Alter iſt! Ich vergaß, Ihnen zu ſagen, daß ſich mein Haus in der Rheingaſſe befindet, Nr. 54, Ich hab' eine alte Muhme! 129 und daß ich Sie dringend bitte, ſich gleich dorthin zu wenden, ſo ſpät Sie auch ankommen mögen. Auch glaube ich noch beiſetzen zu dürfen, der bewohnbaren und leer ſtehenden Gelaſſe meines großen Hauſes ſind ſo viele, daß es mich nur erfreuen würde, wenn Sie zwei, drei, vier Ihrer Bekannten mitbringen wollten, die recht luſtig und heiter wären. Wie würde mir das ein paar fröhliche Tage machen und wie würde ſich das alte, öde Haus darüber wundern!“ „Das iſt eine ſehr anſtändige Verwandte,“ meinte Walter, welchem Rodenberg den Brief zur Durchſicht einhändigte;„laß mich einmal nachdenken,“ ſetzte er, an die Decke hinaufſchauend, hinzu.„Die Rheingaſſe iſt am Ende des Thurnmarktes, Nr. 54 muß auf der rechten Seite ungefähr in der Mitte liegen; da ſind allerdings alte, aber von ſehr anſtändigen Familien bewohnte Häuſer.“ „Du warſt früher lange genug in Köln, um zu wiſſen, welche Klaſſe von Leuten dort wohnt,“ ſprach Rüding. „Darüber kannſt Du Dich beruhigen, es wohnen dort reiche Kaufleute, Eigenthümer von Schiffen und Nachkömmlinge alter kölner Patricierfamilien. Was meinſt Du, ſanfter Eduard, ſo eine Pauline von Schack, geborene Rüding ließeſt Du Dir auch gefallen?“ „Das iſt eine gentile Dame— une gentille Dame,“ be⸗ merkte van der Maaßen, der ſich zuweilen auf ſchwachen Verſuchen, franzöſiſch zu ſprechen, ertappen ließ,„une cousine comme il faut — und wie famos Dir dieſer gute Knorx prophezeiht hat!“ „Haſt Du gar keine Idee von dieſer Anverwandten?“ fragte Walter, indem er ihm den Brief zurückgab. „Ehrlich geſagt, nein, und deßhalb hätte ich auch beinahe Luſt, die zweihundert Thaler zurückzuſchicken— es iſt mir unangenehm, ſie zu behalten!“ „Von einer alten Dame und Baſe— Du biſt komiſch!“ „Darin aber hätte er Recht,“ meinte Knorx bedächtig,„daß er das Geld zurückſchickte, wenn er es nicht zu dem angegebenen Zwecke einer Reiſe nach Köln verwenden wollte!“ Hackländer's Werke. 54. Bd. 9 130 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Mit der Anſicht bin ich auch einverſtanden— ſonſt aber finde ich das Schreiben gänzlich unverdächtig und in einem unge⸗ künſtelten, herzlichen Tone abgefaßt; ich würde mich nicht beſinnen, die Bekanntſchaft einer ſo anſtändigen Baſe zu machen!“ „Ich gewiß nicht,“ ſagte van der Maaßen,„certain non pas!“ „Und alſo auch Du, Knorx, würdeſt das Geld behalten und hingehen?“ „Gewiß, ohne alles Bedenken!“ „Nun gut denn, ihr Kerls,“ ſprach Rodenberg nach einer Pauſe,„ſo will ich Euch einen Vorſchlag thun: machen wir zu⸗ ſammen den kleinen Ausflug nach Köln; auf gemeinſchaftliche Koſten,“ fuhr er lächelnd fort, indem er die Kaſſenſcheine in die Höhe hob —„iſt etwas an der Sache nicht ganz, wie es ſein ſollte, ſo geht auch das in vier Theile, eben ſo wie das Vergnügen, welches wir vielleicht ausſtehen werden. Bekneipen wir das Haus in der Rhein⸗ gaſſe 54, und es müßte komiſch zugehen, wenn wir nicht etwas Leben hineinbrächten, um ſo den Wunſch meiner theuren Anver⸗ wandten zu erfüllen. Was meint Ihr zu dem Vorſchlage— Du, Knorx, Walter und Rüding? Was Dich anbelangt, mein guter van der Maaßen, ſo biſt Du en qualité d'employé distingué de la maison Beauvillard et Gompagnie kein freier Mann mehr und kannſt uns nicht begleiten.“ „Im Gegentheile— au contraire,“ lachte van der Maaßen, „ich kann Euch ſehr begleiten und werde Euch begleiten, denn das trifft gerade mit meiner Abreiſe nach Lyon zuſammen— nur werde ich höchſtens einen oder zwei Tage in Köln bleiben, und da Ihr obendrein zu Vieren ſeid, ſo finde ich es ſchicklicher, in einen Gaſthof zu gehen, gerade que employé bon payé du maison Beauvillard et Compagnie.“ „Und Ihr Anderen— nun, Knorx, was meinſt Du?“ „So'ne kleine Abwechslung bei dem langweiligen Leben, welches ich jetzt führe, kann wohl nichts ſchaden; auch hätte ich etwas in Köln zu beſorgen.“ Ich hab' eine alte Muhme! 131 „Und Du, Walter?“ „Frage zuerſt den ſanften Eduard.“ „Nun, Rüding, was meinſt Du dazu?“ „Ich ſetze voraus,“ erwiederte dieſer,„daß das Haus Deiner Baſe ein anſtändiges Haus iſt, und in dieſer Vorausſetzung gehe ich mit.“ „Dann werde ich gewiß nicht zurückbleiben,“ lachte Walter, „denn ich könnte es mir Zeit meines Lebens nicht verzeihen, wenn ich es nicht mit angeſehen, welche Verwüſtung er in den Herzen der kölniſchen Jungfrauen anrichten wird!“ „So werde ich den liebenswürdigen Brief in dieſem Sinne beantworten— aber dann ſind wir alle Viere gebunden!“ „Das verſteht ſich— es wird und darf Keiner zurücktreten!“ „Gut, ſo gehen wir zum Carneval nach Köln!“ XXVII. „Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein.“ Jür den, der des Reiſens gewohnt iſt, bedarf es ſelbſt zu einer längeren Tour in entferntere Länder keiner großen Vorberei⸗ tungen, oder er weiß die allenfalls nöthigen ohne irgend eine Schwierigkeit zu treffen: ſein Nachtſack mit Toilette⸗Gegenſtänden iſt in Ordnung, der Koffer braucht nur hervorgeholt zu werden, warme Stiefel, Pelz⸗ und Reiſemütze hangen im Schranke, wann Poſt, Dampfboot, jetzt vor allen Dingen die Eiſenbahn abgeht, weiß man ganz genau, und ſo iſt es, wie oben ſchon bemerkt, für den, der das Ding verſteht, eine Kleinigkeit, es zu beſtimmen und auszuführen: ich reiſe morgen nach Paris oder London. Unſern Künſtlern machten dagegen die Vorbereitungen zu der kleinen Tour nach Köln nicht geringe Schwierigkeiten. An Reiſe⸗ geräthſchaften waren außer einem alten Koffer, mit dem Rüding aus der Heimath angekommen war und der ſich als ziemlich bau⸗ fällig erwies, nur ein paar geringe Nachtſäcke vorhanden und eine alte, aber ſehr große Hutſchachtel, welche dem langen Bildhauer gehörte und die er indeſſen für genügend erklärte, um ſein Bißchen Wäſche unterzubringen. Die Berathung über die Vertheilung des Koffers und der Nachtſäcke würde wahrſcheinlich zu keinem Reſultate geführt haben, wenn Rodenberg nicht einen neuen, anſtändigen Koffer für ſich an⸗ Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 133 geſchafft hätte. Auch was warme Kleidungsſtücke für eine Winter⸗ fahrt anbelangte, zeigten ſich bedeutende Mängel, namentlich bei Walter und Knorx, denen nur dadurch abzuhelfen war, daß Jedem aus der allgemeinen Reiſekaſſe eine dicke wollene Decke beſchafft wurde, die ja ſpäter als Teppich oder Bettvorlage wieder gebraucht werden konnte. Auch an ſonſtigen Schwierigkeiten gab es noch alles Mögliche zu überwinden: da mußte Schwemmer vorläufig zur Dispoſiton geſtellt werden, da wurde im Koſthauſe für einige Zeit aufgeſagt, da wurde dem Hausherrn die in einigen Tagen fällige Miethe für das ablaufende Quartal bezahlt, denn derſelbe würde im anderen Falle wahrſcheinlich ein ernſtes Geſicht gemacht haben zu dieſer Reiſe, die einem förmlichen Auszuge ſehr ähnlich ſah; denn als die beiden Koffer, Nachtſäcke und die Hutſchachtel gepackt waren, war von beweglichem Vermögen der Künſtler im Reichsapfel nicht viel mehr zu ſehen, beſonders da Knorx eine Zeit lang mit allen ſeinen Geräthſchaften auswärts gearbeitet und da Walter ſeine heilige Cäcilie, die als vollendet zu betrachten war, einem Kunſthändler anvertraut hatte; nur Rodenberg's und Rüding's Kleiderſchrank und Commode zeigten noch etwas Sommergarderobe ohne beſon⸗ deren Werth. Kurz vor der Abreiſe entſtand noch eine neue Schwierigkeit dadurch, daß Rodenberg den Vorſchlag machte, Jeder ſolle ſein Co⸗ ſtume mitnehmen, das er beim Künſtlerfeſte getragen, indem es wohl möglich ſei, daß davon bei dem kölner Carneval Gebrauch gemacht werden könnte; doch wurde auch vermittelſt Opferns einiger Thaler dieſe Klippe glücklich umſchifft, und es blieb nun einzig noch zu überlegen, auf welche Art die Reiſe nach Köln gemacht werden ſollte. Von einer Eiſenbahn war damals noch keine Rede, die Dampf⸗ boote hatten des Treibeiſes wegen ihre Fahrten eingeſtellt; es blieb alſo nur noch Poſtwagen oder Hauderer. Was den erſteren betraf, ſo war es vorausſichtlich, daß in der jetzigen Jahreszeit, wo viel ge⸗ reist wurde, die Freunde von einander getrennt zu ſitzen kamen, 4 4 3 3 6 134 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. vielleicht vertheilt in einige Beichaiſen, und wenn ſie ſich auch auf die heiteren Carnevalstage im alten Köln freuten, ſo hielten ſie doch eine gemeinſchaftliche Fahrt dorthin für eine zu angenehme Einleitung, um darauf ſo ohne Weiteres zu verzichten. Da traf es ſich glücklich, daß Walter in einem Localblatte las, es gehe in den nächſten Tagen ein vierſitziger, ſehr bequemer Reiſewagen nach Köln und es würden ſolide Paſſagiere zu den anſtändigſten Bedingungen mitgenommen; allerdings ging dieſer Wagen von einem bekannten Wirthshauſe auf der linken Seite des Rheines ab und paſſirte die alte Stadt Neuß. Doch hatte dieſer kleine Umweg nicht viel zu bedeuten, wogegen es angenehmer war, am hellen Tage bei der Abfahrt über den eisbedeckten Strom zu ſetzen, als wenn dies Abends erſt in der Dunkelheit, müde von der Fahrt, ſchläfrig, frierend zu geſchehen hätte. Ein anderes, wich⸗ tigeres Bedenken war, daß der Reiſewagen nur vier Plätze enthielt und der Reiſenden mit van der Maaßen fünf waren; doch wurde auch dies dadurch gehoben, daß man lachend übereinkam, abwechſelnd müſſe immer Einer auf dem Bocke ſitzen, der da nicht nur die freieſte Ausſicht und die friſcheſte Luft habe, ſondern welcher auch im Stande ſei, den Kutſcher zu beaufſichtigen, daß er nicht einſchlafe und Un⸗ glück anrichte. So kam denn der Tag der Abreiſe heran, und van der Maaßen hatte die Freunde zu guter Letzt noch zu einem Frühſtücke ein⸗ geladen, welches in dem kleinen Wirthshauſe zum Freiſchützen in der Nähe des Rheines vor ſich ging. Vorher hatte der gute Employé distingué de la maison Beauvillard& Co. noch einen warmen Abſchied genommen von den freundlichen Räumen des Reichsapfels, wo er ſo manche gemüthliche Stunde verlebt und ſo manchen koſtenfreien Thee getrunken. Als er die Vorausſetzung ausſprach, er werde dieſe Zimmer wohl in ſeinem ganzen Leben nicht mehr zu ſehen bekommen, ſchien er förmlich von Rührung überwältigt—„denn wenn ich einmal vielleicht nach Jahren zu⸗ rückkehre,“ ſagte er,„ſo werden hier Kerls wohnen, die mir gänz⸗ 7 Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 13⁵ lich unbekannt ſind und mich deßhalb zu keinem Beſuche veran⸗ laſſen;“ er nahm dabei ſo wehmüthig Abſchied von allen Gelaſſen, zuletzt auch von dem Kurzholze, daß keiner der Freunde that, als bemerke er es, wie van der Maaßen hierauf, unter dem Vorwande, auch von dem ausgeſtopften Papagei Abſchied zu nehmen, ins Neben⸗ zimmer ſchlich und dort heimlicher Weiſe am Fenſter eine große Schraube auszog. Dann frühſtückten ſie mit einander und ſetzten hierauf in einem Nachen über den Rhein. Es war ein prächtiger, klarer Wintermorgen, der Dienſtag vor Carneval, rings umher Alles mit tiefem Schnee bedeckt, auf dem die Sonne am hellblauen Himmel blendend wiederſtrahlte, dabei war die weite, weiße Landſchaft hier ſo maleriſch belebt durch den majeſtätiſchen Strom mit ſeinen funkelnden, glitzernden Eismaſſen, die, wie leuchtende Kryſtalle langſam hinabſchwimmend, die breite, grüne Waſſerfläche bedeckten. Die Fährleute arbeiteten ſich mühſam durch die Eismaſſen hindurch, und wenn auch Alles gut von Statten ging, ſo prallten ſie doch zuweilen hier und da derb mit den mächtigen Schollen zu⸗ ſammen. Als ſie glücklich am andern Ufer angekommen waren, ſagte Rüding, der bei der Ueberfahrt ziemlich kleinlaut im Nachen geſeſſen:„Es war in der That eine geſcheidte Idee, am Tage überzufahren— das hätte in der Nacht eine ſchöne Geſchichte werden können.. Da ſtand auch ſchon der ſehr anſtändige Reiſewagen und ſah nicht ſo übel aus; allerdings mangelten auf einer Seite die Scheiben, doch wäre es ja auch unmöglich geweſen, in einem ge⸗ ſchloſſenen Wagen bei vier brennenden Cigarren auszuhalten. Da der Außenpaſſagier nach dem Alphabet beſtimmt wurde, ſo kam zuerſt Knorx an die Reihe und ſetzte ſich, in eine der wollenen Decken gewickelt, neben den Kutſcher. Es war faſt zehn Uhr, als es endlich vorwärts ging in ſanf⸗ tem Trabe der Pferde, klingelnd über die ſchneebedeckte Landſraßee 3 136 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. dahin. Die Pappelbäume rechts und links hoben ſich faſt ſchwarz ab von dem grellen Weiß der Mauern der hellen Häuſer, die Mauern hoben ſich dagegen kaum von der Schneedecke ab, und ſo ſchien es faſt, als ſchwebten die rothen Ziegeldächer in der Luft. Das und noch viel Anderes mehr beobachtete der lange Bildhauer auf ſeinem Außenſitze und freute ſich darüber, wie Alles ſelbſt in dieſer winterlichen Natur ſo maleriſch zuſammenpaßte. Was die Paſſagiere im Innern anbelangte, ſo waren ſie, nach ihrem guten Frühſtücke warm beiſammen ſitzend, kreuzfidel und unterhielten ſich mit guten und ſchlechten Anekdoten. Da es beinahe zwölf Uhr war, als man Neuß erreichte, ſo fand der Kutſcher hier einen Aufenthalt zum Mittageſſen, ſowie ein kleines Ausruhen der Pferde durchaus angezeigt und beant⸗ wortete die Frage Rodenberg's, ob man denn auch verſprochener Maßen um acht Uhr nach Köln gelangen werde, mit einem förm⸗ lichen Lächeln der Geringſchätzung und mit den Worten:„Um acht Uhr hoffe ich, daß meine Pferde im ‚blauen Ochſen warm im Stalle ſtehen; das ſollte mir fehlen, länger als zehn Stunden zwiſchen Düſſeldorf und Köln zu fahren— haben wir erſt Neuß hinter uns, dann ſollen Sie ſehen, wie es vorwärts geht!“ Es iſt merkwürdig, wie ſchnell auf Reiſen, namentlich in einem ſchaukelnden Wagen die Verdauung vor ſich geht, und da der Wagen unſerer Freunde nicht nur ſchaukelte, ſondern auch bedeutend ſtieß, ſo waren ſie im Stande, dem Mittageſſen alle Ehre anzuthun. Ein Uhr war längſt vorüber, als ſie Neuß hinter ſich hatten, und Rodenberg, der ſich jetzt ausnahmsweiſe den Kutſcherbock aus⸗ bedungen hatte, erwartete vergebens, daß es nun endlich einmal raſch vorwärts gehe— die kleinen mageren Pferdchen ſchlichen müde dahin, und wenn ſie auch mit der Peitſche häufig angetrieben wurden, ſo hatte dies keine weitere Wirkung, als daß ſie ihre Köpfe ſchüttelten und daß die Schellen an ihrem Kopfgeſtelle klingelten. Rodenberg zog ſeine Uhr und zeigte ſie dem Roſſelenker mit einer eernſten Miene, welche dieſer aber mit eben ſolcher Zuverſicht beant⸗ — 3 Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 137 wortete, als die frühere Frage des jungen Malers. Rodenberg hatte allerdings nach Köln geſchrieben und ſeine und ſeiner Freunde Ankunft auf heute angezeigt; doch wäre es unangenehm geweſen, wenn ſie der alten Dame ſo gar ſpät ins Haus hätten fallen müſſen. Die im Innern der Kutſche waren indeſſen ſo vergnügt wie möglich, lachten und ſangen luſtige Lieder im Chorus und rauchten erſchrecklich viel Cigarren, was man deutlich an dem lang⸗ ſam in die kalte Winterluft hinausſchwebenden Rauche ſah; dann ſchienen ſie ſich wieder Geſchichten zu erzählen, wozu van der Maaßen mit ſeiner dünnen Stimme förmlich krähend lachte. Dann ſchien Rüding zur Abwechslung von Walter etwas gehänſelt zu werden, und dann erklang die Stimme des ſauften Eduard ins Freie hinaus: ‚der Wagen ſolle halten, denn er wolle jetzt auch einmal draußen ſitzen! Nachdem nun die Plätze gewechſelt waren, ging es wieder vorwärts, und Rodenberg ſchlug eine Whiſtpartie vor, zu welchem Zwecke er die Karten zu ſich geſteckt hatte. Das war eine ganz famoſe Idee, und ſie ſpielten verſchiedene Rubber nach einander, bis endlich der Wagen wieder hielt zu einer nothwendigen, aber ſehr raſchen Fütterung, wie der Kutſcher verſicherte. Dieſe Abfütterung zog ſich aber doch etwas mehr in die Länge, als man gedacht, und ehe es wieder recht vorwärts ging, fing es ſo raſch und ſtark an zu dunkeln, daß der Kutſcher abermals halten mußte, um eine Laterne anzuzünden, womit er indeſſen geraume Zeit nicht zu Stande kam. Endlich war auch dieſe Schwierigkeit überwunden, doch zeigte jetzt Rodenberg's Uhr ſchon die ſechste Stunde, und es war dem⸗ nach keine Möglichkeit mehr, Köln um acht Uhr zu erreichen. Dies gab denn der Kutſcher jetzt auch achſelzuckend zu, wobei er den tiefen Schnee und den ſchwerbeladenen Wagen vorſchob.„Weiß der Teufel,“ ſagte er,„was heute in die Pferde gefahren iſt, denn ſonſt rennen ſie dahin wie die Drachen, und ſind heute kaum vorwärts zu bringen“— eine Behauptung, die leider ſehr gerechtfertigt war, denn die müden Gäule ſchlichen nur im erbärmlichſten Hundetrabe weiter. ————— 138 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Die Ausſicht, viel ſpäter anzukommen, ſowie die raſch zuneh⸗ mende Kälte lähmte die heitere Laune der Künſtler; hier und da wurde wohl noch eine Geſchichte zum Beſten gegeben, auch noch eine Cigarre geraucht, aber es war kein rechter Humor mehr bei der Sache; jeder drückte ſich ſchauernd in ſeine Ecke, ſtreckte die Füße aus, ſo gut als es eben ging, und verſuchte zu ſchlafen. Kaum aber, daß die müden Augen eben zugefallen waren und daß ſich das Schaukeln des Wagens in unbeſtimmte gaukelnde Traumbilder auf⸗ gelöst, ſo klopfte auch ſchon der betreffende Außenpaſſagier an die Scheiben und verlangte raſchere Abwechslung, da man bei dem kalten Winde Gefahr laufe, die Füße zu erfrieren. Auch ſtellte ſich immer mehr die Unannehmlichkeit der fehlenden Scheiben dar, und als es acht Uhr geworden war, als die Pferde wie matte Fliegen dahin⸗ ſchlichen, als die Räder auf dem Schnee den gewiſſen ſeufzenden, knirſchenden Ton von ſich gaben, da beſchloſſen alle fünf Künſtler zu gleicher Zeit, eine halbe Stunde neben dem Wagen herzulaufen und ſich wieder inwendig zu erwärmen. Sie dehnten dieſe Fuß⸗ partie aus, bis ſie ein einzeln ſtehendes Wirthshaus erreichten, zu deſſen vor der Thür ſtehendem Futtertroge die Pferde augenblick⸗ lich ablenkten. Hier fand noch eine abermalige Fütterung von Menſchen und Thieren Statt, worauf Walter den klugen Vorſchlag machte, ſich nach genoſſenem guten, alten Steinhäger zu Fünf in den Wagen zu ſetzen und bei alſo vermehrter Wärme zu dem lang erſehnten Schlafe zu gelangen. Eine glückliche Idee, die Rodenberg noch dadurch vervollkommete, daß er mit einem der wollenen Teppiche die offenen Wagenfenſter verſchloß. So behaglich in der Wärme ſitzend und langſam fortſchaukelnd, verſuchte es Dieſer oder Jener noch ohne großen Erfolg, die An⸗ deren für eine pikante Geſchichte zu intereſſiren, ſtimmte auch wohl den Anfang eines Liedes an, um aber wegen mangelnder Theil⸗ nahme nicht über die erſte Strophe hinauszukommen. Dabei ver⸗ nahm man hier und da einen leiſen Seufzer, ein tiefes Gähnen, auch zuweilen den Ausruf:„Ja, ja, die amuſanteſte Fahrt kann 4 — Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 139 am Ende langweilig werden!“ Dann wurde es ſtill im Wagen, immer ſtiller. „Und man hört nur wie verſtohlen Unarticulirte Laute Und ein tiefes Athemholen.“ Wie wahr ſagt Freiligrath in einem ſeiner ſchönen Lieder, daß es Poeſie ſei, wenn nach langer, nächtlicher Fahrt der Huf der Pferde endlich auf dem Straßenpflaſter klirre, ſo das erſehnte Ziel begrüßend, und dieſer bekannte Klang verfehlte auch ſeine Wirkung auf das Ohr unſerer Freunde nicht. „Wo ſind wir?“ rief der Eine. „Wie mich däucht, zwiſchen den Befeſtigungswerken Kölns,“ ſagte Rodenberg, indem er den Teppich von der Fenſteröffnung wegzog und hinausſchaute—„ja, richtig, hier iſt das Glacis, wir kommen ſogleich an die erſte Brücke!“ „Endlich— nun, Gott ſei Dank!“ Ja, unſere Künſtler hatten die alte Colonia erreicht, und die Pferde, jetzt dem Stalle ſo nahe, ſchienen neu gekräftigt zu ſein, und ſo raſſelte der Wagen munter zwiſchen den Glacis⸗Einſchnitten hindurch, dann mit dröhnendem Klange über die Holzbrücke, um jetzt unter dem erleuchteten Bogen des Eigelſteiner⸗Thores zu einer kleinen Mauthdurchſuchung zu halten. Zum Glücke war der Kutſcher ein Bekannter des dienſthabenden Steuer⸗Aufſehers, und es genügte ſeine Verſicherung, ſeine Paſſa⸗ giere, fünf Maler, hätten ſo wenig Gepäck bei ſich, daß an eine Beeinträchtigung der Zollgeſetze durchaus nicht zu denken ſei, weß⸗ halb der Wagen ohne längeren Aufenthalt weiterfahren konnte und nach wenigen Minuten vor ſeinem Ziele, dem Wirthshauſe zum „blauen Ochſen“, hielt. „Das war eine Fahrt!“ rief der dicke van der Maaßen, in⸗ dem er langſam aus dem Wagen kletterte—„ich weiß nicht, ob ich noch meine eigenen Beine habe, ſie kommen mir ſo fremd und unbeholfen vor— wahrhaftig, ich bin wie gerädert!“ ————— — r ·—·— 140 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Und ich erſt!“ ſeufzte Rüding mit einem kläglichen Geſichte, wobei er ſich ſchüttelte, wie ein Pudel, der eben aus dem Waſſer kommt—„Ihr habt doch Jeder eine Ecke gehabt, aber ich ſaß in der Mitte zwiſchen Walter und van der Maaßen wie in einem Schraubſtocke.“ „Was nutzt das Lamentiren?“ brummte Walter—„fröhlich, mein Junge, wir ſind angelangt, ohne umgeworfen zu werden und dergleichen Geſchichten— pah, wie ich mich auf ein warmes Zimmer freue und ein gutes Abendbrod!“ „Damit wird ſich heute Abend viel haben,“ ſagte Rodenberg unmuthig, als er an der Laterne des Hausknechtes ſeine Uhr zu Rathe gezogen—„zehn Uhr vorüber; ehe der Wagen abgeladen iſt und wir in die Rheingaſſe kommen, iſt es eilf Uhr, eine ſo ſpäte Stunde, daß man weder ein warmes Zimmer noch ein Abend⸗ eſſen verlangen kann.“ „Das wäre furchtbar!“ ſeufzte der ſanfte Eduard, der in ſeiner matten Bewegung etwas von einer geknickten Lilie hatte. „Es iſt doch Jemand da, der unſere beiden Koffer in die Rheingaſſe tragen kann?“ fragte Rodenberg den Hausknecht; doch zuckte dieſer die Achſeln und meinte, dazu ſei es zu ſpät, er ſchlüge den Herren vor, die Koffer bis morgen früh da zu laſſen. Es gibt Seelenzuſtände, in denen man mit nichts zufrieden und doch wieder mit Allem einverſtanden iſt, und da bei unſeren Freunden das letztere Gefühl vorherrſchend war, ſo entſchloſſen ſie ſich, ihre Koffer bis morgen früh im„blauen Ochſen“ zu laſſen und mit den Reiſeſäcken in der Hand das Haus Nr. 54 in der Rheingaſſe aufzuſuchen. Bis zur Trankgaſſe ging van der Maaßen mit, dann ſchritt er nach einem herzlichen Abſchiede dieſe hinauf, während die vier Anderen unter Walter's Führung, der ſchon früher eine geraume Zeit in Köln zugebracht, ihren Weg über den Domhof fortſetzten. Der Employé distingué de la maison Beauvillard& Co. glaubte an ſich ſchuldig zu ſein, im Mainzer Hofe abzuſteigen. —õ Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 141 Jedermann wird es begreiflich finden, daß die vier Künſtler einen Augenblick vor dem Domchore ſtehen blieben und ſich das majeſtätiſche Gebäude mit Bewunderung anſchauten, da bei der ſternhellen Nacht und dem Leuchten des Schnee's ſchon etwas von den grandiöſen Verhältniſſen der Kathedrale zu ſehen war, dann ſetzten ſie ihren Weg fort durch das Bechergäßchen über den Altenmarkt, wo ſie die Rathhaus⸗Uhr in hellen Schlägen die eilfte Stunde verkündigen hörten. „Es gränzt eigentlich an Unverſchämtheit,„knurrte Walter, „der freundſchaftlichen Einladung einer alten Dame folgend, der⸗ ſelben gegen die Mitternachtsſtunde vier Kerls hoch in's Haus zu fallen!“ „Aber Rodenberg hat uns ja angezeigt!“ meinte Rüding kleinlaut. „Allerdings angezeigt— aber wie angezeigt: ‚Ich werde mir das Vergnügen machen, theuerſte Baſe, Ihrer Einladung Folge zu leiſten,“ ſprach er mit komiſchem Pathos,„und nach Ihrer gütigen Erlaubniß ein paar meiner Freunde mitbringen, den berühmten Rüding, den bekannten Walter und Knorx, den geprieſenen Bild⸗ hauer— ja, und darauf hat die gute Frau ſich eingebildet, dieſe bekannten und berühmten Künſtler müßten unfehlbar vor Einbruch der Dunkelheit in einer vierſpännigen Extrapoſt⸗Chaiſe ankommen; vielleicht hat ſie auch an den Eilwagen gedacht— dann ſah ſie uns aber ſchon im Geiſte mit einer Unzahl von Packträgern, die unſere ſchweren Koffer trugen, und nun ſchleichen wir heran mit durchnäßten Stiefeln, erfrorenen Naſen, jeder ſein mageres Bündel in der Hand— ich fürchte, die Dame läßt uns gar nicht ein, ſondern macht es wie die militäriſchen Quartiergeber, und läßt uns irgendwo, im ‚naſſen Schwamm’ oder im ſſtillen Vergnügen’ auf ihre Koſten unterbringen.“ Rüding, der ſeine Spannkraft in dem Maße zu verlieren ſchien, wie ſich ſeine blonden Locken durch die Feuchtigkeit in lange, ſtraffe Stränge auflösten, ſeufzte aus tiefem Herzen:„Das wäre ja ent⸗ ſetzlich— ach, wenn ich lieber zu Hauſe geblieben wäre!“ 142 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „So klingt ein altes Lied,“ ſchnauzte Walter ihn an,„und dies hat nachher ſchon Mancher geſagt! Jetzt heißt es auch bei Dir: mit eingebrockt, mit ausgegeſſen— da hilft kein Lamentiren mehr!“ „So arg, wie Du uns das vorſtellſt, iſt es nicht,“ erwiederte Nodenberg;„doch hat uns der verfluchte Kutſcher mit ſeinem jammer⸗ vollen Geſpann allerdings in Verlegenheit gebracht— wißt Ihr aber, was ich Euch vorſchlagen möchte? Wir wollen uns nach einem kleinen Wirthshäuschen umſehen und dort etwas zu Nacht eſſen, damit wir wenigſtens ſagen können, wir haben ſchon ſoupirt.“ „Ja, das wollen wir!“ Unter den angeführten Geſprächen waren ſie über den Alten⸗ markt gegangen, hatten die Friedrich⸗Wilhelms⸗Straße und dann den Thurnmarkt erreicht, wo ſie indeſſen vergeblich nach einem erleuchteten Fenſter ſpähten. Da war allerdings der Hof von Holland und der Königliche Hof, durch deren bereits verſchloſſene, mit Gittern verſehene Hausthüren noch Lichtſchein drang; doch konnte es nicht in ihrer Abſicht liegen, in eines dieſer Hotels erſten Ranges zu einem ſpärlichen Nachteſſen einzufallen. Leider waren indeſſen alle übrigen Häuſer, in deren beſcheidenen Mauern ſich wohl hier und da ein kleines Weinkneipchen befinden mochte, nächt⸗ lich dunkel,— nur dort in der Nähe der Rheingaſſe, ihrem Ziele, ſahen ſie ein hell erleuchtetes Fenſter neben einer allerdings ver⸗ ſchloſſenen Thür, über welcher Rodenberg's ſcharfes Auge ein ſo lang erſehntes Wirthshausſchild erblickte. Sie eilten voller Hoff⸗ nung dorthin, um unangenehm getäuſcht zu werden: es war dies allerdings eine Weinſtube, doch ſtand das hell erleuchtete Fenſter weit offen, und als ſie von der Straße hineinſchauten, bemerkten ſie ein Dienſtmädchen, welches, das Gemach auskehrend, mit ihrem Beſen mächtige Staubwolken aufwirbelte und dazu mit lauter Stimme ſang: „Faſtelovend kütt eran, Spille mer op der Büſſe; Alle Mädcher krigge'ne Mann, Ich un och mi Söſter.“ — Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 143 Zum Ueberfluß erkundigte ſich Rüding, dicht an das Fenſter tretend, in ſehr demüthigem Tone, ob man noch Einlaß haben könne, doch erwiederte ihm die ſtämmige Magd, indem ſie ihren Beſen wie eine Hellebarde in die Hand nahm, heute ſei Alles im Bette, ſie möchten morgen wiederkommen. „So, das hätten wir auch noch verſucht,“ ſagte Rodenberg in einem luſtig ſein ſollenden, aber ärgerlich klingenden Tone,„jetzt aber vorwärts und unſer Heil an der richtigen Thür verſucht!“ Sie traten in die Rheingaſſe, um Nr. 54 zu finden, doch war dies bei mangelhafter Beleuchtung kein ſo leichtes Geſchäft. „Ich glaube faſt,“ brummte Walter,„die Nummern verſtecken ſich förmlich vor uns, ich ſehe doch ſonſt gerade nicht ſchlecht!“ „Hier iſt zweiundfünfzig,“ ſagte Rüding. „Und da vierundfünfzig,“ rief Rodenberg, der ein paar Schritte vorausgegangen war. Da ſtanden ſie denn vor einem großen, finſtern Hauſe mit drei Stockwerken, über welcher ſich eine verſchnörkelte Giebelwand noch einmal ſo hoch erhob. Fenſter hatte das Haus genug, aber aus keinem derſelben drang ein einladender Lichtſtrahl— ach, und es thut ſo wohl, wenn man müde und hungrig ſein Reiſeziel er⸗ reicht hat, erleuchtete Fenſter zu ſehen, die uns freundlich grüßen und die zu uns ſprechen: Geſchwind herein, hier ſind gute Freunde die euch erwarten! Eine breite, ausgetretene Steintreppe führte auf die Gaſſe hinab, und rechts und links von derſelben befanden ſich unten auf Poſtamenten ein Paar ſchildhaltende, grimmig blickende ſteinerne Löwen, die einen ſonderbaren Anblick gewährten, weil der gefallene Schnee auf ihren breiten Köpfen förmlich weiße Perrücken bildete. „Es iſt mir gerade, als wären wir die vier Haymonskinder,“ brummte Walter,„und gerade in dem Augenblicke, als ſie vor der aufgezogenen Zugbrücke des Schloſſes des Herzogs Gilbert hielten und vergebens Einlaß verlangten.“ „Darin liegt doch noch ein Unterſchied,“ meinte Knorx.„Die 7 144 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. vier Haymonskinder kamen wenigſtens nicht zu Fuß, ſondern ritten, freilich nur auf einem einzigen Pferde; aber man ſah ſie vom Thurme und meldete dem Herzoge wenigſtens ihre Ankunft. Hier aber bemerke ich nicht einmal eine Klingel, die uns anzukünden im Stande wäre.“* „Es iſt das eine unheimliche Gaſſe,“ ſeufzte Rüding.„Die hohen, finſteren Häuſer ſchauen ſich mit den zackigen Giebeln ſo ergrimmt an, als wollten ſie wüthend über einander herfallen— und wie der kalte Wind vom Rheine heraufpfeift! Wie hat's der van der Maaßen ſo gut, der Kerl liegt in ſeinem warmen Bette im Mainzer Hofe— o, ol“ ſagte er in fröſtelndem Tone und ſetzte nach einer Pauſe, während welcher er an dem Hauſe hinauf⸗ geſchaut hatte, hinzu:„Iſt es mir doch gerade, als ſchaue dort oben Jemand heraus und blicke unſerm Jammer gleichgültig zu.“ „Was Du für Jemanden hältſt,“ brummte Walter,„iſt ein Kopf von Stein, ſo viel ich im Halbdunkel ſehe— eine ſchlimme Vorbedeutung für uns, im Falle nämlich dieſe kalte, ſteinerne Be⸗ grüßung im Einklange ſteht mit der Gaſtfreundſchaft der Bewohner dieſes düſtern Hauſes.“ Rodenberg war indeſſen die Treppe hinaufgeſtiegen und hatte den verſchnörkelten Thürklopfer gefunden; ehe er ihn aber in Be⸗ wegung ſetzte, rief er den Gefährten nochmals mit halblauter Stimme, aber in gutem Humor zu:„Ich muß mit Euch noch⸗ mals Kriegsrath halten, und Eure Anſicht ſoll gelten, da ich es war, der Euch hieher gebracht. Das finſtere Haus erſcheint mir wie die Burg des Rieſen im Märchen— entſcheidet denn, wollen wir uns eine andere Nachtherberge ſuchen? Soll ich anklopfen dder nicht?“ „Ich denke, wir beſtehen das Abenteuer,“ ſprach der lange Bildhauer;„einen unangenehmen Empfang können wir ſchon hin⸗ nehmen zur Verbüßung unſerer Sünden.“ „Klopfe nur an,“ ſagte Walter,„man muß Alles verſuchen!“ worauf ſich der ſanfte Eduard, ohne ſeine Meinung zu äußern —— Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 145⁵ hinter den langen Knorx ſtellte, denn er hatte ganz abſonderliche Ideen von ausgeleert werdenden Kübeln und hinabgeworfenen Beſen, ſobald ſein muthigerer College vermittels des Thürklopfers den tiefen Frieden jenes ſtillen Hauſes ſtöre. Da erklang dieſer Thürklopfer ſchallend durch die Nacht, ſo beſcheiden auch Rodenberg angeklopft hatte, und obgleich er gewiß nicht unvorbereitet dicht an der Thür ſtand, ſo hätte er doch faſt durch einen Schritt rückwärts ſich auf unfreiwillige Art mit den Freunden unten vereinigt, da ſich nach dem erſten Tone des Klopfers die Thür ſo raſch und weit öffnete, als ſeien die Ankommenden längſt erwartet geweſen, was ja eigentlich auch der Fall war. Vor dem Blicke des jungen Malers zeigte ſich eine weite, erleuchtete Hausflur und in derſelben ſtand ein alter, freundlich ausſehender Mann mit ſchneeweißem Haare und einem Kleide aus ſchwarzem Sammt nach dem Schnitte jener Zeit, als noch die Overſtolzen und andere mächtige Geſchlechter des alten Köln hier in der Nähe der Rheingaſſe reſidirten. Der alte Mann hatte ein wohlwollendes, ſehr gutmüthiges Geſicht und hob den ſilbernen Armleuchter mit drei Kerzen, den er in der Hand hielt, hoch empor, theils um den Angekommenen den Eintritt zu erleichtern, anderentheils auch wohl, um einen Schein auf die Treppen fallen zu laſſen, deren Stufen Knorx und Walter jetzt emporſtiegen, etwas ſpäter von Rüding gefolgt, der, wie er nachher ſagte, beim Oeffnen der Thür aus Langerweile gegen die andere Seite der Straße zurückgewichen war, um das alte, in⸗ tereſſante Haus beſſer betrachten zu können. Neben der Hausthür ſtand ein Diener in derſelben alterthüm⸗ lichen Tracht wie der mit den weißen Haaren, an den ſich nun Rodenberg wandte, ſein tiefes Bedauern ausſprechend, daß ein Zu⸗ ſammentreffen aller möglichen unangenehmen Umſtände ſchuld an dieſem ſpäten Eintreffen ſei und daß er und ſeine Begleiter es gewiß nicht gewagt hätten, noch in dieſer Stunde zu kommen, wenn Hackländer's Werke. 54. Bd. 10 146 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. er nicht hätte fürchten müſſen, man erwarte ihn vergeblich, worauf der alte Mann mit einem milden und freundlichen Lächeln erwiederte: „Ich darf von dieſer Entſchuldigung durchaus nichts annehmen und anhören, da meine Gebieterin es mir ſehr übel deuten würde, und vorausſetzen müßte, ich hätte Sie nicht mit den Worten em⸗ pfangen, daß man ſich außerordentlich freut, Sie endlich hier zu ſehen. Was die ſpäte Stunde anbelangt, ſo iſt das auch nicht im Geringſten der Rede werth— meine Gebieterin, die ſich ſchon längſt in ihre Zimmer zurückgezogen hat, wird dadurch in keiner Weiſe geſtört, und uns gab das die angenehme Gelegenheit, ſo werthe und liebe Gäſte erwarten zu dürfen.“ Unter dieſer Anrede, die der alte Mann mit einer gewiſſen vornehmen Feierlichkeit ſprach und nach deren Beendigung er, ſich tief verbeugend, voraus die Treppen hinanſtieg, waren unſere vier Freunde in das Haus getreten, deſſen Thür alsbald wieder von dem Diener geräuſchlos geſchloſſen wurde. Rodenberg ging hinter dem ehrwürdigen Führer mit ſeiner wiedergewonnenen, ganz ſorgloſen Heiterkeit, Knorx in dem Ge⸗ danken, Alles geduldig hinnehmen zu wollen, was ſich da begeben würde, Walter beobachtend und Rüding ſchüchtern, mit dem Gefühle eines gefangenen Vogels, jeden Augenblick aus irgend einer dunkeln Ecke die langen Rieſenfinger erwartend, welche ihm den Hals um⸗ drehen würden. Daß die Hausflur trotz der ſpäten Nachtſtunde noch ſo angenehm erwärmt war, daß die Stufen der Treppe mit dicken Teppichen bedeckt, vor Allem aber ein ausgezeichnet ſüßer Duft nach irgend etwas Gutem, das irgendwo gebraten wurde, hob allerdings ſeine gedrückte Stimmung ein wenig, doch nicht ſo weit, um aus ſeinem halb erfrorenen und zuſammengerüttelten Kopfe die Gedanken an verrätheriſche Lockſpeiſen, an Henkersmahl⸗ zeiten mit gräßlichem Schluſſe, ſo wie an öde, ſtille Häuſer mit allen Schrecken der Mitternachtsſtunde zu verbannen. Rodenberg ſcherzte indeſſen mit dem alten, würdigen Haushof⸗ meiſter, als den ſich der alte Mann im ſchwarzen Sammtkleide zu Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 147 erkennen gegeben hatte, und verſicherte, einen ſo wunderbaren und herr⸗ lichen Contraſt, wie den dieſes gaſtlichen Hauſes mit der nächtlichen Dunkelheit und der kalten Gaſſe draußen, habe er nie erlebt, und wenn er ſich darüber ſchon für ſeine Perſon glücklich fühle, ſo thue er das doppelt für ſeine guten und lieben Freunde, die ihm gefolgt, da er ihnen das Liebſte und Schönſte von der Freundlich⸗ keit ſeiner ihm allerdings noch unbekannten Baſe geſagt. „Und worin Sie nicht zu viel gethan,“ gab der Haushof⸗ meiſter mit einer Verbeugung, wodurch er die abweſende Herrin ehren zu wollen ſchien, zur Antwort;„ſie iſt die Güte und Herz⸗ lichkeit ſelbſt, und wer ſie einmal geſehen, muß ſie lieben und verehren!“ „Darauf freue ich mich wie das Kind auf eine Weihnachts⸗ beſcherung,“ erwiederte der junge Maler in ſeinem aufrichtigen, herzlichen Tone—„morgen früh hoffe ich das Glück haben zu dürfen, meine verehrte Baſe zu ſehen!“ 1 „Gewiß, morgen früh!“ verſetzte der alte Mann mit einer abermaligen Verbeugung. Dann ſagte er in einem ſehr ehrerbie⸗ tigen Tone:„Und hier ſind Ihre und dieſer Herrſchaften Gemächer.“ „A— a— a—ah!“ machte Rodenberg, als ſie nun durch ein Vorzimmer in einen nicht zu großen, aber allerliebſt möblirten, behaglich erwärmten Salon traten, wo eine kleine Tafel für vier Perſonen auf's reichlichſte gedeckt ſtand. „A— a— a— ahl“ knurrte auch Walter vor ſich hin, als ſie in das nächſte Gelaß traten, ein großes Zimmer mit flackerndem Kaminfeuer, deſſen elegante Einrichtung mit hohen Spiegeln, wohl⸗ verſehenen Toilettetiſchen, bequemen Ruhefauteuils, vor Allem aber mit zwei mächtigen Betten ſeine Beſtimmung ſogleich errathen ließ. Daneben befand ſich ein zweites Zimmer, faſt eben ſo möblirt und wie das erſte ein ſo unbeſchreiblich angenehmes Enſemble bildend, daß ſich bei ſeinem Anblicke ſelbſt das geängſtigte Herz Rüding s in einem ſtillen Seuſzer der Befriedigung Luft machte. „Wenn es Euch recht iſt,“ ſagte Rodenberg,„vertheilen wir 148 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. uns ſo, daß der ſanfte Eduard und Knorx hier in dieſem Zimmer bleiben und ich das andere mit Walter beziehe.“ „Einverſtanden!“ murmelte der alte Maler.„Ah,“ rief er aus, ſich behaglich in einen der weichen Lehnſtühle ſetzend,„was iſt das für eine Wonne, nach einer ſolchen Fahrt in einem warmen Zimmer die kalten Glieder ſtrecken zu können!“ „Wenn es den Herren gefällig iſt,“ ſagte der freundliche Haushofmeiſter,„ſo will ich befehlen, daß ein kleines Souper ſervirt werde.“ „Wobei ich recht ſehr bedaure, daß wir dieſem gaſtlichen Hauſe noch in ſo ſpäter Nacht eine ſolche Unruhe verurſachen!“ Dieſe Worte erwiederte der Haushofmeiſter nur mit einem Kopfſchütteln und einem freundlichen behaglichen Lächeln, wobei er ſich zufrieden die Hände rieb, als wollte er ſo ausdrücken: eine ſolche ſei gar nicht der Mühe werth und es verlohne ſich nicht darüber weiter zu reden. Es war ein glücklicher Zufall, daß die vier Künſtler ihre warmen Pantoffeln in den Nachtſäcken bei ſich hatten und es ihnen dadurch möglich war, ſich nach jeder Richtung hin behaglich an den kleinen Eßtiſch zu ſetzen. Rodenberg's Auge ſtrahlte vor Vergnügen; durfte er ſich doch gewiſſer Maßen als Vermittler zwiſchen ſeinen Freunden und allen dieſen Herrlichkeiten betrachten. Walter meinte mit zufriedenem Lächeln, daß ihm die ganze Geſchichte mit dem coſtumirten Haus⸗ hofmeiſter und dem Bedienten in ihrer alten Tracht jetzt ſchon als Anfang eines luſtigen Carnevals erſcheine. Das Auge des alten Bildhauers ſchwebte heiter und neugierig über die verſchiedenen zierlichen Geräthſchaften, womit der Tiſch gedeckt war. Und nach⸗ dem ſich Rüding behaglich hingeſetzt, verſicherte er: ein ſo guter und reich gedeckter Tiſch ſei ihm immer eine angenehme Jugend⸗ Erinnerung. Daß das Souper, wie es nun folgte, dem eleganten Service auch Ehre machte, brauchen wir kaum zu erwähnen; es war leicht Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 149 und ausgeſucht, wie es ſich für eine ſo ſpäte Nachtſtunde paßt. Der Bediente ſchenkte einen leichten Rheinwein ein, und die paar Kelche Champagner, die er darauf gab, waren gerade genug, um die angenehme Stimmung der vier Künſtler zu erhöhen. Als ſie geendet hatten und jeder mit zufriedener Miene der eben verlebten angenehmen Stunde gedachte, ſagte Rodenberg, in⸗ dem er ſeine Freunde der Reihe nach lächelnd betrachtete:„Jetzt weiß ich ganz genau, was Euch noch zur vollkommenen Glückſelig⸗ keit fehlt; doch werdet Ihr es billig finden, dem für heute Abend und noch ſo lange zu entſagen, bis ich hierüber die Neigung meiner Baſe erfahren.“ Doch ſchienen ſie heute Abend den Kelch des Behaglichen bis auf die Neige leeren zu dürfen; denn kaum hatte Rodenberg jene Worte geſprochen, als der Haushofmeiſter noch einmal eintrat, um auf den Tiſch ein Cigarrenkäſtchen von einem angenehmen, ver⸗ ſprechenden Aeußern niederzuſetzen. Dann empfahl er ſich, den Herrſchaften eine gute Nacht wünſchend, wobei er die Bitte aus⸗ ſprach, ohne alles Bedenken und zu jeder Stunde die Klingel zu benutzen, falls ſie irgend etwas wünſchen ſollten. Als er die Thür hinter ſich geſchloſſen hatte, faßte der lange Bildhauer ſein Glas und ſagte, indem er, wie immer bei ſolchen Veranlaſſungen, ſtarr in das Licht blickte:„Es ziemt ſich wohl, daß man mit einem dankenden Worte der gütigen Herrin dieſes Hauſes gedenkt. Mir kommt Alles faſt wie ein Traum vor und habe ich immer noch die Befürchtung, plötzlich auf der kalten Land⸗ ſtraße zu erwachen; oder iſt am Ende das ganze Leben, welches wir ſeit einer langen Reihe von Jahren geführt, ein Traum ge⸗ weſen, mit vielen Unannehmlichkeiten und Entbehrungen, und ſind wir jetzt erſt wieder daraus aufgethaut und genießen nun wieder unſer urſprüngliches, behaglicheres Daſein— vier wackere Künſtler, die in dieſem Hauſe gemalt und gemeißelt und denen die dank⸗ erfüllte Beſitzerin dieſes herrliche Mahl geſpendet? Doch Traum oder nicht Traum— ich weihe ihr dieſes Glas!“ 150 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Und ich weihe ihr ein zweites,“ rief Rodenberg,„aber nicht in Deinem Sinne, ohne Phantaſie die Gegenwart genießend, und hoffe dabei auf einige helle, angenehme Tage in dieſem alten Hauſe, das uns noch vor einer Stunde ſo finſter angeblickt!“ „Carneval,“ ſagte Walter ſchmunzelnd,„es iſt Carneval, der alte, ehrwürdige, herrliche kölner Carneval— merkt Ihr denn das nicht? Die alte Dame weiß mit Künſtlern umzugehen, ſie verſetzt uns gleich in die richtige Stimmung und wird uns bis zum grauen Aſchermittwoch in einem koloſſalen Freudenrauſche zu erhalten wiſſen — das nenne ich Gaſtfreundſchaft— das nenne ich die Freunde ſeiner Freundſchaft würdig empfangen; ich muß auf ihr Wohl zwei Gläſer leeren, und ich ſehe es dem ſanften Eduard wohl an, wie ſehr er danach brennt, mir in gleichem Sinne Beſcheid zu thun!“ „Beſcheid allerdings,“ entgegnete Rüding in einem etwas geringſchätzenden Tone, aber nicht in gleichem Sinne;„Du haſt Dich freilich nicht wie ich von Jugend auf in vornehmen Häuſern bewegt und ſiehſt das für Maskerade an, was wir ganz natürlich finden. Daß die Tracht des Haushofmeiſters und des Bedienten von unſerer jetzigen abweicht, liegt wohl in der Laune ihrer alten, vornehmen Gebieterin, und es iſt wahrſcheinlich kein Compliment für dieſelbe, das mit dem Carneval in Verbindung zu bringen— habe ich nicht Recht, Rodenberg?“ Walter wollte auf ſeine Art etwas erwiedern; doch legte Roden⸗ berg die Hand auf ſeinen Arm und ſagte, gegen Rüding gewandt: „Dieſe Stunde iſt wahrlich zu ſchön, um über die Entſtehung der⸗ ſelben zu ſtreiten; es iſt gewiß beſſer, wenn wir ſie ohne Reflexionen annehmen!“ „Ja,“ ſtimmte Walter zu,„nehme ſie Jeder an, wie er kann. Du als Vetter des Hauſes, Knorx mit ſeinen eigenthümlichen Phantaſien, ich als den Anfang des luſtigen Carnevals, und Du, Rüding, mit vornehmer Gleichgültigkeit, etwa eben ſo gleichmüthig wie der Hund den Regen!“ So unterhielten ſich die vier Freunde noch eine Zeit lang Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 151 lachend und einander neckend, und als die Flaſchen leer und die Cigarren zu Ende geraucht waren, gingen ſie in der heiterſten Stimmung von der Welt in's Bett; ſelbſt Knorx ſummte ein Lied vor ſich hin, während er ſich auszog; und als ſich Rüding auf der weichen Matratze behaglich ausſtreckte, überkam ihn, wie häufig bei ſolchen Angelegenheiten, das wehmüthige Gefühl an ein fernes, ihm aber ſelber unbekanntes Lieb, das aus ſeinem keuſchen Bette des ſüßen, blondgelockten deutſchen Künſtlers in inniger, hingebender Liebe gedachte. So entſchlief er; doch waren, wie er am andern Morgen erzählte, ſeine Träume nicht ganz ſo angenehmer Art geweſen. Die Furcht, mit der er das Haus betreten, griff geſpenſterartig in ſeinen Schlaf, und er träumte die alte bekannte Geſchichte, wo jener un⸗ glückliche Reiſende in eine Mördergrube gerathen war und wo ſich der Betthimmel langſam auf ihn herabgeſenkt hatte, um ihn zu erſticken. Alle Anderen hatten eben ſo vortrefflich geſchlafen als herrlich ge⸗ träumt, und ihre gute Laune wurde dadurch noch bedeutend erhöht, daß ſie in ihrem kleinen Salon beim ſpäten Aufſtehen nicht nur einen vortrefflichen Kaffee ſervirt fanden, ſondern auch ihre Koffer ſahen, welche der umſichtige Haushofmeiſter in aller Frühe ſchon aus dem„blauen Ochſen“ hatte holen laſſen. Daß er es wußte, wo die Freunde abgeſtiegen waren, darin lag gerade keine Zauberei, denn Walter hatte geſtern Abend im Geſpräche des Wirthshauſes auf dem Eigelſteine erwähnt und dabei nicht ohne Abſicht ſein Bedauern ausgeſprochen, daß man ſein Gepäck nicht ſogleich habe mitbringen können. 3 Da ſtanden ſie denn, die vier glücklichen Künſtler, vor einem ſo wohl ſervirten Frühſtücke, wie keiner von ihnen— Rüding na⸗ türlicher Weiſe ausgenommen— in ſeinem Leben geſehen. Da duftete ein delicater Kaffee, da ſprudelte Waſſer in einem zierlichen Keſſel für den, welcher lieber Thee trinken wollte; da lagen unter einer zuſammengeſchlagenen Serviette Eier von erſtaunenswerther Größe neben einem kaum angeſchnittenen weſtphäliſchen Schinken; 15⁵² Siebenundzwanzigſtes Kapitel. da ſah man goldgelbe Butter, durchſichtigen Honig, Gebäck von der allerverſchiedenſten Form und Feinheit, vom groben Schwarz⸗ brode an bis zum leichtgebräunten Milchbrödchen. Dazu hatten alle vier, wie ſchon oben bemerkt, vortrefflich geſchlafen und kamen aus ihren Schlafgemächern in das ſanft erwärmte Eßzimmer in einem, wenn auch nicht eleganten, doch höchſt bequemen Negligé. Wer von ihnen Luſt hatte, zum Fenſter hinauszuſchauen, der be⸗ merkte die ſchneebedeckte Straße mit wenig Leben darauf, weßhalb auch rings umher eine wohlthuende Ruhe herrſchte, die ſo angenehm zuſammenpaßte mit dem ſo feiertäglich anzuſehenden, dunkelblauen Winterhimmel und dem glänzenden Sonnenlichte, das mit dem glitzernden Schnee ſo anmuthig buhlte. Die Vier nahmen Platz und ließen es ſich abermals vortrefflich ſchmecken, wobei Rüding meinte: jetzt erſt trete ſein Appetit recht wieder hervor, der ihm geſtern Abend durch das Schütteln des alten Wagens gänzlich abhanden gekommen wäre— eine Bemerkung, welche ihm einen ſpöttiſchen Seitenblick Walter's eintrug. Knorx ſagte kopfſchüttelnd, indem er ſich zu einem gewaltigen Stücke weſtfäliſchen Schinkens eerhalf:„Der Anfang dieſes unſeres neuen Lebens iſt zu ſchön, um auf einen gleichen Fortgang und ein angenehmes Ende hoffen zu laſſen!“ worauf ihn aber Roden⸗ berg halb im Ernſte und halb im Scherze erſuchte, ſeine düſteren Prophezeihungen für ſich zu behalten:„Sprich doch nicht immer 1 wie ein Todtenkopf: ‚Memento mori!l““ „Wie kann er anders,“ pflichtete Walter bei,„iſt doch ein Todtenkopf ſein Wappen und Wahrzeichen— ich glaube, Kerl, Du haſt ihn geſtern ſogar in den Koffer gepackt!“ „Und warum ſollte ich nicht?“ fragte der lange Bildhauer— „trägſt Du doch auch Deinen Todtenkopf bei Dir!“ „Ich habe es geſehen,“ rief Rüding eifrig,„er hat ihn in ein altes Sacktuch gewickelt und in den Koffer gelegt!“ „Laßt ihm ſein Vergnügen,“ warf Rodenberg achſelzuckend ein und ſetzte alsdann, das Geſprächsthema ändernd, hinzu:„Laßt V Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. uns aber vor allen Dingen einen Plan machen über das, was wir heute vornehmen wollen; es verſteht ſich von ſelbſt, daß es mein erſtes Geſchäft iſt, mich meiner Baſe vorſtellen zu laſſen und ſie zu fragen, wann ſie Euch ſehen will.“ „Wann eſſen wir heute,“ fragte Rüding,„und wo?“ „Vor allen Dingen nicht hier,“ erwiederte ihm Walter,„denn ſelbſt Du wirſt nicht ſo unverſchämt ſein, um Dich den ganzen Tag hier abfüttern zu laſſen!“ „Habe ich das vielleicht geſagt?“ entgegnete der ſanfte Eduard in gereiztem Tone. „Laßt dieſe Geſchichten,“ ermahnte Rodenberg,„ſagt lieber, was Ihr vorhabt und wo wir uns treffen werden!“ „Vor allen Dingen ſollten wir erfahren,“ meinte Walter,„ob heute ſchon etwas los iſt, was den Carneval betrifft, damit wir gar nichts verſäumen!“ „Fragen wir den Haushofmeiſter, und dann können wir unſern Schlachtplan entwerfen!“ Nodenberg erhob ſich raſch, um nach dem würdigen Beamten zu ſehen; doch kaum hatte er die Thür geöffnet, als er ſich gegen die Freunde umwandte und lachend mit aufgehobener Hand und halblauter Stimme ſagte:„Seid einen Augenblick ruhig und hört zu— van der Maaßen iſt unten an der Treppe und unterhält ſich mit dem Haushofmeiſter in franzöſiſcher Sprache— das iſt rein zum Davonlaufen!“ Leider ſchien die Unterredung in dieſem Augenblicke beendigt zu ſein und man hörte den Employé des Lyoner Hauſes nur noch mit ſeiner dünnen Kinderſtimme ſagen:„Je merci vous extra- ordinaire, Monsieur, je inventerai la chambre, merci!“ Damit ſtolperte er die Stufen hinauf und ſtand im nächſten Augenblicke vor den laut lachenden Freunden; doch blieb er mit einem erſtaunten Geſichte an der Schwelle ſtehen, nicht über das Lachen, welches ihm entgegenſchallte, ſondern ob dem gränzenloſen Comfort, der ſeine Augen blendete. Hatte er ſich doch im Mainzer Hof ein Zimmer * 154 Siebenundzwanzigſtes Kapilel. im zweiten Stocke geben laſſen, ausdrücklich in der Abſicht, den Freunden zu imponiren; ein Zimmer, nicht hinten, ſondern vorn heraus— non pas derrière, ſondern par avant, wie er geſagt hatte; ein Zimmer mit Teppich und rothen Plüſchmöbeln, mit einem Waſchtiſche aus Mahagoniholz und einer Bettvorlage mit türkiſchen Deſſins— und nun war alles dies gar nicht mehr an⸗ zuſehen gegen die Einrichtung dieſes Zimmers! Doch hatte der dicke van der Maaßen ein viel zu gutes Ge⸗ müth, um nur einen Augenblick darüber etwas wie Neid zu fühlen; vielmehr freute er ſich wie ein Kind über den Salon und die Schlafzimmer, wobei er kaum wagte, in den dicken Teppich hinein⸗ zutreten, und die Größe der Betten und deren weiche Matratzen anſtaunte, eben ſo die reichen Toilettetiſche und die ſeidenen Fenſter⸗ vorhänge, deren Deſſins er mit Kennermiene betrachtete. „Rodenberg,“ ſagte er alsdann, an den Frühſtückstiſch zurück⸗ kommend,„meine Achtung vor Dir iſt auf eine unglaubliche Art geſtiegen— prend moi le Diable, hat das Alles hier ein wohl⸗ habendes Ausſehen! Ich bedaure faſt, nicht mitgegangen zu ſein— und wie der Kaffee duftet— Du, Walter, leih' mir Deine Taſſe; obgleich ich ſchon ſehr ſtark gefrühſtückt habe, möchte ich doch noch ein Tröpfchen. Darauf verſuchte er nicht nur mehrere Tröpfchen Kaffee, ſon⸗ dern auch ein Brod mit Butter und Honig, ein paar Eier und ein tüchtiges Stück des ganz immens ausſehenden Schinkens— ma speciale passion, wie er behauptete; dann wiſchte er ſein breites Maul ab, langte nach einer Cigarre, die er anzündete, um nach dem erſten Zuge eine Miene der größten Befriedigung zu machen—„bon, bon— tout bon!“ Die Uebrigen ſahen ihm mit großer Heiterkeit zu, und als er nun, ſeine Cigarre ruhig genießend, wie eine gut geheizte Loco⸗ motive regelmäßig den Dampf ausſtieß, ſagte Rodenberg:„Ich bin überzeugt, wir brauchen den Haushofmeiſter nicht zu bemühen; van der Maaßen wird ſich ſchon erkundigt haben über das, was wir zu ſehen bekommen.“ Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 155⁵ „Das habe ich auch, Jungens, und ich kann Euch verſichern, es gibt dieſes Jahr einen ganz ausgezeichneten Carneval— Köln ſoll leben! Es war die glücklichſte Idee, hieher zu gehen— une idée superlative— heute Nachmittag ſchon.. „Sage mir Eines,“ unterbrach ihn Knorx in bedächtigem Tone,„warum haſt Du es Dir angewöhnt, unſer gutes Deutſch mit Deinen franzöſiſchen Redensarten zu verwäſſern?“ „Nun, das kann doch ein Kind einſehen— es iſt lange her, daß ich mein gutes Franzöſiſch nicht getrieben; ſoll ich vielleicht nach Lyon kommen und mich mit der Frage einführen: Comment vous portugal? Merci fortepanio— im Gegentheil, ich will Euch Ehre machen und deßhalb werdet Ihr mir ſchon erlauben, de parler de temps de temps qnelquechose bon français.“ „Er hat Recht, laßt ihn zufrieden,“ brummte Walter— „alſo zur Sache und befleißige Dich einer chronologiſchen Ord⸗ nung, das heißt, wenn das, was Du erfahren, gründlich genug dazu iſt.“ „Ob es gründlich iſt!“ rief der dicke van der Maaßen;„ich habe aus der edelſten Quelle geſchöpft, aus einer Champagner⸗ Quelle— alſo Du ſollſt die chronologiſche Ordnung haben. Als ich geſtern Abend in meinem Gaſthofe ankam, verſpürte ich einen großen Drang nach einem anſtändigen Souper, und da ſich im Saale des Mainzer Hofes noch eine luſtige Geſellſchaft befand, ſo geſellte ich mich dazu und war ſo glücklich, einen Platz zu finden gegenüber einem liebenswürdigen Champagner⸗Reiſenden, der die Geſellſchaft mit den köſtlichſten Witzen, mit erſtaunenswerthen Kunſtſtücken aller Art auf's ergötllichſte amuſirte— ein ganz ver⸗ fluchter Kerl! Ich verſichere Euch, er ließ Euch Gabel, Meſſer und Gläſer verſchwinden, daß es eine Freude war, er trank aus einer Flaſche, ohne den Stöpſel herauszuziehen, er legte einen Strohhalm ſo auf den Boden, daß man nicht darüber wegſpringen konnte, und zuletzt ſchlug er eine Wette vor— zwei Flaſchen Champagner—, ich ſei nicht im Stande, allein meinen Rock auszuziehen!“ Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Und die Wette nahmſt Du an und verlorſt ſie?“ fragte Nodenberg lächelnd. 3 „Ich verlor ſie auf's glänzendſte, wußte mich aber zu tröſten, denn auch die Anderen hatten verloren— es ſtanden ſchon viele leere Cham. 8 1 „Weiter, weiter!“ rief Walter— langweilig— behalte die Vorreden fü wir zu erwarten haben!“ Van der Maaßen blickte faſt gekränkt auf den alten Maler, denn er hätte ſo gern mit ſeiner Champagner⸗Suite vor ſeinen Freunden großgethan; doch war er viel zu gutmüthig, um hierauf etwas zu erwiedern, ſondern zuckte nur leicht mit den Achſeln, als er fortfuhr:„Ihr wißt, daß ſich durch den kölner Car ſchöne vaterländiſche Feſt mit ſeinen lungen, ſeinem Straßenleben und Luſtbarkeiten, ein ſchöner ſinniger Gedanke zu ziehen pflegt, wodurch er ſich vortheilhaft unterſcheidet von den ebenfalls berühmten Carnevals zu Rom und Venedig, ja, wodurch er vor dieſen den Vorzug verdient; denn dort in den beiden italieniſchen Städten beſchränken ſich die Faſchingsluſtbar⸗ keiten auf ein Leben in den Straßen, bei dem die Aufzüge und Masken jedes Jahr dieſelben ſind, während hier in Köln gerade durch eine ſtets neue Idee auch neue Handlungen und neue Cha⸗ raktere bedingt werden. Die Idee zum diesjährigen Carneval iſt nun der Kampf der Freude, der Luſt und Heiterkeit mit den böſen Geſellen Kummer, Neid und Griesgram.“ „Dazu hätte ja unſer kleines Künſtlerfeſt vom vergangenen Sommer zum Vorſpiel dienen können,“ meinte Rüding. „Gewiß,“ pflichtete Rodenberg bei,„und ſo wie ich die Be⸗ kanntſchaft Eines vom Kleinen Rathe der Carnevals⸗Geſellſchaft mache, werde ich Walter als würdigen Repräſentanten des Gries⸗ grams empfehlen.“ „Und wie ſoll dieſer Kampf ausgeführt werden?“ fragte Knorx. „Wie Ihr wißt, hat die Prinzeſſin Venetia, aufmerkſam ge⸗ „Kerl, Du biſt bodenlos r Dich und ſage uns, was neval, dieſes Maskenaufzügen und Vorſtel⸗ Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 157 worden durch die in den italieniſchen Zeitungen erſchienenen Berichte der unerhörten Feſtlichkeiten des kölner Faſchings und des glänzen⸗ den Hofes des Prinzen Carneval, vor einigen Jahren einen Beſuch hier in Köln gemacht, den Held Carneval jetzt in angeborener Courtoiſie zu erwiedern gedenkt.“ „So würde er ja in dieſem Jahre in ſeiner getreuen Stadt am Rheine fehlen!“ „Leider— und darüber herrſcht Kummer in den Herzen aller getreuen Kölner.“ „Vielleicht iſt die Abreiſe deſſelben nur ein Gerücht.“ „Das zur ſchrecklichen Wahrheit geworden iſt— es erſchien vor ein paar Tagen eine Proklamation, worin Prinz Carneval ſeine Gründe auseinander ſetzt, die ihn zu ſeiner italieniſchen Fahrt veranlaßt haben, und wie er für die Dauer ſeiner Abweſenheit den Kleinen Rath als Regentſchaft beſtellt.“ „Es iſt doch bei alledem traurig,“ brummte Walter,„daß ſo⸗ gar ein deutſcher Geckenfürſt es nicht einmal unterlaſſen kann, nach Wälſchland zu ziehen!“ „Die guten Kölner ſind auch um ſo mehr über dieſe Abreiſe betrübt, als alle Anzeichen vorhanden ſind, daß eine feindliche, lichtſcheue Partei, die im ſteten Kampfe liegt mit Luſt und Freude, die Abſicht hat, das verwaiste Reich in ſeinen Grundveſten anzu⸗ greifen— ſchon ziehen ſich feindliche Schaaren aus der Barbarei, aus Neidheim, aus den Ländern der Melancholie und Finſter⸗ niß und dem Staate der Superklugen auf die Gränzen von Cleve, unter ernſtlichen Demonſtrationen gegen die Provinz Dülken, zuſam⸗ men, indem ſie dieſe Stadt, kraft aller Rechte und eines beigebrachten Stammbaumes, in Anſpruch nehmen. Die bedrohten Provinzen, unter der Schutzherrſchaft des Prinzen Carneval ſtehend, haben Eilboten an die Regentſchaft geſandt und bitten um Schutz. Da⸗ rauf hat die Regentſchaft zum Troſte aller ehrlichen Narren erklärt, daß ſie unter keiner Bedingung gewillt ſei, eine ſo koſtbare Provinz unvertheidigt zu laſſen; ſie rüſtet ſich und entbietet zu Schutz und Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 15⁵8 Trutz die Bundesgenoſſen von Abdera, Rom, Gascogne, Cleve, Beckum, Schwaben, Cochem, Schilda, Schöppenſtädt nach Köln und prägt zur Beſtreitung der Kriegsunkoſten, da die Stände die nöthigen Geldmittel verweigern, eine Sede⸗Vacanz⸗Münze— ſo ſtehen die Angelegenheiten, und obgleich der General der kölner Funken ent⸗ ſchloſſen iſt, ſich bis auf die letzte Stricknadel und den letzten Tropfen Schnaps zu ſchlagen, fürchtet man doch, daß der Feind in einem ernſten, verzweifelten Anlaufe die Stadt beſetzen werde, um aber natürlicher Weiſe gleich darauf durch die mit impoſanter Macht auftretende Bürgerſchaft überwunden zu werden, und beſorgt man dieſen Angriff auf morgen, und zwar auf das Eigelſteiner⸗Thor.“ „Gut,“ ſagte Walter;„dabei werden wir ſie und uns, na⸗ türlicher Weiſe für die Vertheidigung Kölns, zum Danke für ge⸗ noſſene Gaſtfreundſchaft, ebenfalls bis auf den letzten Tropfen irgend eines Getränkes ſchlagen.“ „Heute Nachmittag nun,“ fuhr der Berichterſtatter fort,„werden die tapferen Gecken der Stadt ſo wie die zur Hülfe herbeigekom⸗ menen Fremden unter Muſik und Abſingung patriotiſcher Lieder durch die Stadt ziehen, den Kleinen Rath an der Spitze, um ſich von der Stärke der bedrohten Feſtungswerke zu überzeugen, und zugleich mit der Laterne nach berühmten Generalen ſuchen, woran auch jetzt wieder, wie ſchon ſo oft, ein großer Mangel ſein ſoll.“ „Dabei haben wir alſo die beſte Gelegenheit, uns unter die Schaaren der tapfern Kämpfer einreihen zu laſſen,“ ſagte Rodenberg. „Uns wenigſtens von fern zur Verfügung zu ſtellen,“ meinte der lange Bildhauer,„denn ich möchte doch das luſtige Getreibe ſo viel wie möglich mit anſehen.“ „Man iſt Mithandelnder und ſieht es zu gleicher Zeit an, wie bei all' dieſen Carnevals⸗Vergnügungen,“ ſagte van der Maaßen; „Jeder amuſirt ſich über den Anderen, während er dabei ſelbſt zur allgemeinen Unterhaltung beiträgt. Ich ſchlage vor, daß wir gegen zwei Uhr im Schweizer Café an den Vier Wänden zu⸗ ſammentreffen.“ Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 15⁵9 „Gut, und bis dahin macht Jeder noch ſeine eigenen noth⸗ wendigen Gänge.“ „Und eſſen wir heute zuſammen?“ fragte Rüding. „Ich denke, daß Jeder heute ſür ſich ſelbſt ſorgt,“ entgegnete Walter,„ſonſt verlieren wir zu viel Zeit.“ „Damit bin ich einverſtanden,“ ſtimmte Rodenberg bei,„doch zuerſt will ich mich raſch anziehen und der Herrin des Hauſes einen Beſuch machen, und Ihr bleibt ſo lange hier, bis ich zurück⸗ komme, damit Ihr bei der Hand ſeid, im Falle Euch die alte Dame ſogleich ſehen will— van der Maaßen, Du biſt wohl ſo gut, mir im Auspacken meines Koffers zu helfen.“ „Mit Vergnügen, und ebenfalls, Deiner Toilette zu aſſiſtiren — comme un vrai chambre serviteur!“ Rüding und Knorx waren in ihr Schlafzimmer verſchwunden, um ihrem Morgenanzuge einige Aufmerkſamkeit zu widmen, wobei der letztere dem kleinen Maler mit großer Genugthuung zeigte, welche Unmaſſe von Gegenſtänden bei pünktlicher Behandlung in einer Hutſchachtel unterzubringen ſeien. Walter nahm murrend die nothwendigen Gegenſtände aus ſeinem Koffer, wobei er die feierliche Betheuerung gethan, es ſei nur halb gelebt und höchſtens ein Viertel gewiß, wenn man keinen Bedienten habe. Trotzdem Rodenberg auf ſeinen Anzug außerordentliche Sorg⸗ falt legte, ſo war er doch bald mit demſelben ſo weit, um van der Maaßen, der ſich ein wahres Vergnügen daraus machte, ihm zu helfen, bitten zu können, nach dem Haushofmeiſter zu ſehen, damit dieſer ihn der Herrin des Hauſes melde;„wenn es Dir gleichgültig iſt,“ fügte Rodenberg bei,„ſo richte meinen Auftrag in deutſcher Sprache aus, welche dieſer würdige Beamte vollkommen verſteht.“ Der gefällige van der Maaßen eilte davon, um ſogleich mit der Verſicherung wiederzukommen, der Haushofmeiſter werde ſeine Herrin von dem Wunſche des jungen Mannes benachrichtigen, und er wolle dann ſelbſt kommen, um ihm die Antwort der Dame zu bringen. 160 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Bald darauf erſchien denn auch der alte, freundliche Mann, um ſich zuerſt pflichtſchuldigſt zu erkundigen, wie die Herren ge⸗ ſchlafen, und dann zu ſagen, daß ſeine Gebieterin ſich das größte Vergnügen daraus machen würde, den Herrn Rodenberg bei ſich zu empfangen. Dieſer knöpfte nur noch ſeine Handſchuhe zu und nahm ſeinen Hut, während er einen raſchen Blick in den Spiegel warf, worauf er, mit ſich ſelbſt nicht ganz unzufrieden, dem vorausſchreitenden Haushofmeiſter folgte. Van der Maaßen lieh dieſem Gefühle der Zufriedenheit Worte, indem er, ſeinem jungen Freunde nachblickend, zu Walter ſagte: „Schade, daß die Herrin dieſes gaſtlichen Hauſes eine Verwandte von Rodenberg iſt, und noch obendrein eine alte Verwandte— es iſt doch ein hübſcher Burſche, dieſer Rodenberg: wenn ich ein Mädchen wäre, wer weiß, ob meine Grundſätze...“ „Du und Grundſätze!“ ſiel ihm der alte Maler polternd in die Rede—„was weißt Du von ſolchen für Dich unnützen Ge⸗ ſchichten— reiche mir lieber die Kleiderbürſte herüber, damit ich meinen Rock ausputzen kann!“ Rodenberg ging indeſſen mit ſeinem Begleiter über die lange Flur des Hauſes und folgte demſelben hier in ein hübſch einge⸗ richtetes, mit altem, dunklem Eichenholze getäfeltes Zimmer, welches mit ſeinen beiden Fenſtern auf einen ſtillen Hof ging. „Dieſer kleine Salon,“ ſagte der alte Mann,„wird gewöhn⸗ lich zum Speiſen benutzt und dient zu gleicher Zeit als Verbindung zu dem kleinen Apartement, welches Sie bewohnen, und dem meiner Herrin, zu welchem jene Thür führt.“ Er zog bei dieſen Worten einen kleinen Schlüſſel aus der Taſche, öffnete die bezeichnete Thür und ſagte, indem er den jungen Mann vorangehen ließ:„Sie werden ſich über die unverhältniß⸗ mäßige Breite der Thürſchwelle und damit auch der Mauer wundern; doch iſt dieſes ein Doppelhaus und die übermäßig ſchwere eiſerne Thür wahrſcheinlich dazu da, um nöthigenfalls eine Scheidewand zu bilden.“ ———-——— Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 161 Drüben war ein Salon, ähnlich dem, den ſie ſo eben verlaſſen, dann kam eine gleiche Flur, und der Haushofmeiſter näherte ſich einer Thür, die am Ende der Flur gerade ſo gelegen war, wie jene, welche auf der anderen Seite zu dem Zimmer des jungen Malers führte. Die beiden Hälften dieſes Doppelhauſes ſchienen ganz gleich gebaut zu ſein. Hier auf dieſer Seite war die Hausflur mit feinen Strohmatten bedeckt und die Treppenſtufen mit einem dicken Tep⸗ pich, welcher drüben mangelte; auch ſonſt gab es hier noch kleine Verſchiedenheiten, an denen man merkte, daß andere Hände hier walteten, als drüben, wo wahrſcheinlich Alles von der Dienerſchaft beſorgt wurde. Eigenthümlich feiner, aber ausgeſprochener Veilchen⸗ duft erfüllte den Corridor, der dabei ſo angenehm erwärmt war, daß ſich ein weißer Papagei dort am Fenſter in ſeinem großen Meſſingkäfig nothwendiger Weiſe behaglich fühlen müßte, und das um ſo mehr, da er in einer Gruppe der prachtvollſten, immer grünen⸗ den Pflanzen ſtand, die mit ihren ſeltſam geformten und noch ſelt⸗ ſamer gefärbten Blättern, ſo wie anderen mit ihren palmenartigen Kronen den weißen Vogel mit dem goldgelben Buſche gewiß auf's lebhafteſte an ſein Heimathland erinnerten. „Darf ich bitten, hier einzutreten,“ ſagte der alte Mann, in⸗ dem er die Thür öffnete, von der wir ſo eben geſprochen,„und dann bitte ich Sie, nur einen Augenblick zu warten, bis ich meine Herrin benachrichtigt.“ Rodenberg machte eine ſtumme Verbeugung, und als ſich hier⸗ auf der Haushofmeiſter mit unhörbaren Schritten nach dem Nebenzimmer entfernt, beſchaute er ſich die eben ſo reiche als zier⸗ liche und elegante Einrichtung des Zimmers, wobei er bei ſich dachte, es ſei in der That ſchade, daß er erſt ſo ſpät die Bekannt⸗ ſchaft einer ſo angenehm wohnenden und ſo gaſtfreundlichen Ver⸗ wandten mache. Daß es ihm natürlich nicht möglich war, ſich ein richtiges Bild von ihr zu entwerfen, iſt erklärlich. Seiner Phantaſie Hackländer's Werke. 54. Bd. 11 162 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. nach mochte es eine kleine, etwas gebückte Dame ſein mit einem feinen, weißen, ſehr klugen Geſichte, mit freundlichen, lebhaften Augen und mit einer angenehmen, zum Herzen gehenden Stimme; er ſtellte ſich vor, ſie käme raſch auf ihn zu, gekleidet in ein hüb⸗ ſches, aber altmodiſches Gewand— vielleicht von feinem Wollen⸗ ſtoff oder von weicher Seide—, reiche ihm beide Hände, wobei ſie ihn vergnügt mit ihren geſcheiten Augen anblicke, und freue ſich ſehr... Da rauſchte es im Nebenzimmer, und dieſer Ton zerriß mit Einem Male die gemüthlichen Bilder ſeiner Phantaſie, da er ihm anzeigte, der Augenblick, eine neue, ſehr verehrungswürdige Be⸗ kanntſchaft zu machen, ſei gekommen— ja, dort erſchien die Herrin des Hauſes, aber ehe ſie das Zimmer betrat, wo Rodenberg war⸗ tete, und faſt ſchon auf der Thürſchwelle ſtehend, wandte ſie ſich um, zu dem Haushofmeiſter, welcher ihr ehrerbietig gefolgt, einige leiſe Worte ſprechend. Der junge Mann blickte ſtarr auf dieſe Thür, rieb ſich die Augen und ſchüttelte leicht mit dem Kopfe— ah, die Dame, welche dort ſtand, noch halb verdeckt von der Portière, glich nicht dem Bilde, das er ſich von ſeiner Baſe gemacht, ja, glich überhaupt eben ſo wenig einer alten Frau, wie er dem würdigen Haushof⸗ meiſter.— Wie ſie ſo aufrecht da ſtand, eine ſchlanke, elegante und doch wieder volle Geſtalt, in einem Kleide nach dem neueſten Schnitte von ſchwerem, veilchenfarbenen Seidenſtoffe! „Das kann ſie nicht ſein,“ dachte er bei ſich—„vielleicht ihre Tochter, vielleicht eine ſonſtige jüngere Anverwandte.“ Es machte ihm kein behagliches Gefühl, das zu denken; er wußte ſelbſt nicht genau, warum; er hatte es ſich ſo angenehm vorgeſtellt, hier nur eine alte, würdige Frau zu finden, mit der er Morgens, oder auch während des Eſſens, oder auch zuweilen des Abends ein vaar Stunden behaglich und lehrreich verplaudern werde, um ſeine übrige Zeit für ſich zu haben, um ſich ungeſtört den Freuden des Carnevals widmen zu können oder dem Umgange — Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 163 mit ſeinen Bekannten, und um auch durch nichts gehindert zu ſein, in ſeinem Herzen ein geliebtes Bild zu verehren. So ändern ſich die Gedanken— noch vor einem halben Jahre wäre ihm unter ähnlichen Verhältniſſen die Vermehrung der Fa⸗ milie durch eine junge, hübſche Couſine gewiß nicht angenehm geweſen. Da rauſchte es wieder im Nebenzimmer, da trat ſie vor ihn hin und ſchaute ihn heiter lächelnd an— „Juanita!“ Ja, ſie war es, das Bild ſeiner glühenden Träume; ſie trat ihm unbefangen entgegen, ſie reichte ihm ihre kleine Hand und ſagte:„Sie müſſen ſich ſchon mit mir begnügen, Herr Rodenberg — Ihre Baſe, die würdige Herrin dieſes Hauſes, war genöthigt, eine unvorhergeſehene Reiſe zu machen, was ſie auf's lebhafteſte bedauert und erſucht mich, in ihrer Abweſenheit Ihnen und Ihren Freunden die Honneurs des Hauſes zu machen— ich hoffe, Sie ſind nach meinen Anordnungen empfangen worden und haben keine Ur⸗ ſache, ſich über den Haushofmeiſter Ihrer Baſe zu beklagen.“ So gränzenlos auch die Ueberraſchung des Malers geweſen war, ſo freudig, ſo tief bewegt ſein Herz auch ſchlug, ſo hatte er doch Hal⸗ tung genug, um ſein Gefühl nur durch ein raſches Aufleuchten ſeiner Blicke zu verrathen; dann führte er die Hand des jungen Mädchens ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen und ſagte hierauf in einem heiteren, aber ſehr ruhigen Tone:„Da ich annehmen muß, daß auch Sie zu meiner theuren Baſe in einem verwandtſchaftlichen Verhältniſſe ſtehen, ſo darf ich mir wohl erlauben, Sie meine liebe Couſine zu nennen.“ „Leider muß ich einen für mich ſo angenehmen Verwandt⸗ ſchaftsgrad ablehnen; es ſind nur Bande der Freundſchaft, die mich an das gaſtliche Haus feſſeln.“ „So muß ich mich denn mit Ihrem Ausdrucke des Bedauerns begnügen,“ ſagte Rodenberg,„was mir, im Grunde genommen, Ihnen gegenüber nicht ſchwer wird; denn Sie haben es mich ſchon 164 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. früher gelehrt, wie man genügſam ſein und Verzicht leiſten muß auf irgend ein unausſprechliches Glück.“ „Es iſt wahr, Sie haben meine Lehren beherzigt, Sie waren ſo folgſam, wie ich es nur wünſchen konnte, und haben dadurch bei mir ein Kapital des Vertrauens zu unerhörten Zinſen angelegt.“ „Ah— ſo fühlen Sie, daß Sie in meiner Schuld ſind?“ rief er erfreut. „Allerdings, ich erkenne meine Schuld an, bin auch bereit, ſie zurückzubezahlen.“ „O, Juanita!“ „O, Herr Rodenberg,“ antwortete ſie lächelnd—„blicken Sie aus dieſem Fenſter, und Sie werden Häuſer mit kaltem, weißem Schnee bedeckt finden— es iſt nicht mehr die Zeit der Frühlings⸗ feſte, nicht mehr die Zeit des Umherſchwärmens im duftigen Walde; die Feen ſind geflohen vor dem eiſigen Hauche des Winters.“ „Aber es wird doch für die Waldfeen auch wieder Frühling werden.“ „Auch für ſie kann es vielleicht wieder grünen und blühen, wenn des Winters Kälte die Blüthen nicht im Keime zerſtört.“ „Sie weichen mir aus, jetzt wie damals,“ ſagte der junge Maler mit einer Miene der Enttäuſchung.„Ihre Worte ſind wie flatternde Blumengewinde— ich ſehe ſie wohl, aber ich kann ſie nicht erfaſſen.“ „So halten Sie ſich an das, was Sie zu erfaſſen vermögen.“ „An Ihre mir eingeſtandene Schuld?“ „Die ich Ihnen heimzahle, wie ich Ihnen verſprochen.“ „Und womit, ſchöne Fee?“ „Ich ſagte Ihnen ſchon, daß die Feen nicht mehr auf dieſer ſchneebedeckten Erde hauſen.“ „Ganz richtig— ſie verließen Berg und Thal, den murmeln⸗ den Waſſerfall und die glatte, mondbeſchienene Fläche des Sees, um ſich einige Zeit zurückzuziehen zwiſchen Wohlgerüche und künſt⸗ lich zum Blühen gebrachte Blumen!“— Bei den letzten Worten „— e Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 165 ſchaute er um ſich her und machte eine leichte Handbewegung gegen einen reichen Blumentiſch, der auf's prachtvollſte mit blühenden Pflanzen bedeckt war. „Ich komme nicht dazu, Ihnen zu erklären, auf welche Art ich Ihnen meine Schuld abbezahlen will.“ „Die Schuld mit unerhörten Zinſen, wie Sie vorhin ſagten.“ „Ganz richtig, und in der gleichen Münzſorte, wie ich ſie er⸗ halten; ein Kapital des Vertrauens kann nur mit Vertrauen zu⸗ rückbezahlt werden.“ „Ah— Sie wollen mir endlich vertrauen?“ „Gewiß— und deßhalb vertrat ich freiwillig die Stelle Ihrer Baſe, ich lud Sie hieher nach Köln, um mit Ihnen den berühmten Carneval, dieſes närriſche Feſt zu ſehen— fühlen Sie keine Reue, der Einladung Ihrer alten Verwandten Folge geleiſtet zu haben?“ „O, ich bin entzückt darüber, wie Sie wohl an meinem Blicke ſehen können, und nehme auch auf dieſe Art dankbar die Heim⸗ zahlung meiner Schuld an— Vertrauen gegen Vertrauen, und ich betrachte das Vertrauen, welches Sie mir ſchenken, als ein Samen⸗ korn, das ſich bei richtiger Pflege entfalten muß zu einer köſtlichen, beglückenden Blume!“ Rodenberg hatte bei dem letzten Worte mit einer raſchen Be⸗ wegung ihre rechte, kleine Hand ergriffen, die er innig an ſeine Lippen drückte; doch nur eine Secunde lang, dann zog ſie ſie ſanft zurück und ſagte lächelnd:„Halt mein Freund! Sie bauen wieder Luftſchlöſſer und haben vergeſſen, was Ihnen die Fee des Waldes ſagte, womit ſie Ihnen gedroht, als ſie damals mit Ihnen ſprach, als ſie Ihnen zur Erinnerung an ihre Worte ein Epheublatt gab — haben Sie dieſes Epheublatt noch?“ fragte ſie raſch. „Ich verwahre es auf meinem Herzen, ſonſt habe ich aber Alles vergeſſen,“ rief er ſtürmiſch,„Alles, Alles, beim Anblick der himmliſchen Fee, und mich nur Tag und Nacht beſchäftigt mit ihrem ſüßen Bilde!“ „So muß ich Ihnen wiederholen, was die Fee damals ſagte.“ Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Ihre Züge erſcheinen plötzlich ſo ernſt, daß ich fürchte, nichts Heiteres zu hören.“ „Es iſt der Machtſpruch eines Schickſals, welches mächtiger iſt, als wir, und vor dem ſich ſelbſt die Feen beugen müſſen; nur dreimal iſt es uns vergönnt,“ fuhr ſie mit einem eigenthümlichen Lächeln fort,„einen Sterblichen wiederzuſehen, unſere Gedanken im Geſpräche mit den ſeinigen auszutauſchen.“ „Ah, ſchöne Fee,“ rief der junge Mann aus, indem er ſie mit leuchtenden Blicken betrachtete,„ſo erbarmungslos iſt das Schick⸗ ſal nicht, um reizende Märchen auf dieſe Art kalt und nüchtern zu beſchließen; alle, die ich kenne, haben einen beſſern und befriedigen⸗ deren Schluß— ſie enden,“ fuhr er in innigerem Tone fort,„mit Glück oder mit Unglück, ohne kalten, gleichgültigen Mittelweg: Ja, ja, ich erinnere mich jetzt dunkel, daß mir die Fee des Waldes ein dreimaliges Wiederſehen in Ausſicht ſtellte, aber nicht, um mich alsdann kalt und gleichgültig zu fliehen! Und wenn ſie wirklich die Abſicht gehabt hätte, nach dem dritten Wiederſehen auf immer zu verſchwinden, ſo bin ich von ihrem warmen Herzen überzeugt, ſie hätte dieſes letzte Wiederſehen dadurch gemildert, daß ſie dem armen Sterblichen, Abſchied nehmend, in einer blaſſen Nebelgeſtalt erſchienen wäre, oder im Traume an ſeinem Lager vorüberſchwebend, ſeine Stirn leicht mit ihren Lippen berührend!“ „Wer weiß, ob das nicht noch geſchieht,“ ſagte Juanita, ernſt vor ſich niederblickend—„wer weiß!“ „O nein, das iſt jetzt unmöglich! Nachdem meine ſüße Fee zum dritten Male ſo lebendig warm, ſo wunderbar ſchön vor mich hingetreten iſt, kann ſie mir nicht wieder entſchweben wie ein körper⸗ loſer Schatten— gewiß, Juanita,“ rief er glühend aus,„das Ende des Märchens muß und wird anders ſein!“ „Dann müßte ich ja bereuen, Sie zum dritten Male wieder⸗ geſehen zu haben!“ ſagte ſie, wobei ihre Stimme nicht den gewöhn⸗ lichen klaren, ungetrübten Klang hatte. „Oder Sie müßten mir eine gütige Fee ſein wollen und nicht 4 Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 167 die Abſicht haben, Ihr warmes, fühlendes Herz zu verleugnen, und ſo wird es und ſo muß es noch ſein!“ ſetzte er ſtürmiſch hinzu, indem er wiederholt die kleine Hand des jungen Mädchens ergriff und darauf, fürchtend, ſie möchte ſie abermals zurückziehen, plötzlich den Ton ſeiner Stimme änderte und einem freundlichen Lächeln, als ſpräche nur die Courtoiſie aus ihm, ſagte:„Laſſen Sie dem lieblichen Märchen ſeinen Lauf, laſſen Sie es ſich entwickeln unter der Luſt des Carnevals mit dem Schluſſe, wie er zu einem lieben⸗ den, treuen Herzen paßt: Halb zog ſie ihn, halb ſank er hin!“ So ſchloß er, indem er ſich langſam auf ein Knie vor dem ſchönen Mädchen niederließ und indem er den Ausdruck ſeiner Stimme mit aller Kraft mäßigte. Daß aber ſeine Augen leuchtend zu ihr aufblickten, daß ſeine Hände, welche ihre kleine Rechte umſpannt hielten, bebten, dafür konnte er nicht, und eben ſo wenig, daß nach einer Pauſe der Name Juanita mit einer unbeſchreiblichen Innigkeit zwiſchen ſeinen halbgeöffneten Lippen hervordrang. Im erſten Momente ſchien ſie auf einen Scherz gefaßt und darauf eingehen zu wollen, denn ein heiteres Lächeln ſpielte um ihren Mund und ihre Blicke ſenkten ſich mit freundlichem Ausdrucke auf ihn nieder; doch war's gleich darauf, als habe die Innigkeit, mit der er ihren Namen ſprach, einen Widerſpruch in ihrem Herzen gefunden. Plötzlich ernſt werdend, füllten ſich ihre großen, glänzen⸗ den Augen mit Thränen; ſie verſuchte, ihre Hand raſch an ſich zu ziehen, und da ihr dies nicht gelang, ſchien ſie im nächſten Augen⸗ blicke wie willenlos dem Zuge ſeines Armes zu folgen, der ſich raſch um ihre ſchlanke Taille gelegt hatte und ſie zu ſich niederzog. Nur eine halbe Secunde, aber eine göttliche, unvergeßliche halbe Secunde, wirkend wie eine Leuchtkugel, wie der plötzliche Klang eines Waldhorns im tiefen Walde, wie ein zündender Blitz — und doch war es nur eine halbe Secunde, daß ihre Lippen die ſeinigen berührt hatten! 168 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Er hätte laut aufjubeln können vor Freude, als er nun raſch aufſprang, als er ſie anſchaute, ſie, das wunderbare Mädchen, welches hoch erröthend und ſich raſch abwendend vor ihm ſtand; doch begnügte er ſich mit einem tiefen Athemzuge, ſo tief, als wollte ſeine Bruſt zerſpringen, und ſagte dann, indem er ihre Hand faßte und ehr⸗ furchtsvoll an ſeine Lippen führte:„Und wenn das der Schluß des Märchens wäre, ſo würde ich glücklich ſein für mein Leben lang— wie danke ich Ihnen, Juanita, für die reichen, unſchätz⸗ baren Zinſen, die Sie meinem Capital zugelegt!“ Es war gerade keine unfreundliche Bewegung, mit der ſie ihre Hand zurückzog, obgleich ſie ihn dabei nicht anſah; dann machte ſie ein paar Schritte gegen ihren Blumentiſch, drückte ihr Geſicht in eine aufblühende Roſe und ſagte nach ziemlich langer Pauſe: „Eigentlich hätte ich ſparſamer ſein ſollen mit der Rückzahlung Ihres Capitals oder hätte es vor Zeugen thun ſollen! denn bei Ihrem Ungeſtüm, fürchte ich, ſind Sie im Stande und läugnen mir die ganze Rückzahlung!— Doch genug des Scherzes, wir wollen jetzt ernſt reden und vernünftig, wenn es Ihnen gefällig iſt— nehmen Sie Platz, ich bitte Sie darum— dort auf dem kleinen, rothen Fauteuil!“ ſetzte ſie heiter lächelnd hinzu, als ſie bemerkte, wie er ſich nach einem Stuhle in der Nähe des Blumen⸗ tiſches umſchaute.—„Ich habe Sie alſo hier im Hauſe willkommen geheißen...“ Er wollte ſagen:„O, auf eine mir unvergeßliche Art!“ Doch fand er es für angemeſſener, dieſe Worte durch eine Verbeugung auszudrücken, während er es indeſſen nicht unterlaſſen konnte, die Rechte auf ſein heftig klopfendes Herz zu legen. „Ich danke Ihnen nicht nur herzlich dafür, daß Sie gekommen ſind, ſondern auch beſonders dafür, daß Sie einige von Ihren Freunden mitgebracht! Wer ſind die, welche Sie begleiten? In der Schilderung des Haushofmeiſters konnte ich ſie nicht wieder⸗ erkennen.“ „Das glaube ich wohl, da Ihnen bei meinen Freunden die 8 Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 169 Geſtalten unſeres Künſtlerfeſtes vorſchweben, in denen ſie damals erſchienen.“ „Ganz richtig, und wenn Sie mir dieſe nennen, werde ich mich erinnern.“ „Ich erlaubte mir alſo, den Drachen Griesgram mitzubringen, Maler Walter.“ „Ah, ich weiß, ich weiß— er kam mit den Gefangenen aus der überwundenen Veſte und ſah allerdings finſter und griesgrämig aus.“ „Das iſt auch im gewöhnlichen Leben ſeine Gewohnheit; er iſt ſonſt ein guter und zuverläſſiger Freund. Dann iſt der kleine Cupido da.“ „Ach ja, eine komiſche Figur mit langen, blonden Locken.“ „Und ferner Tod und Teufel.“ „Die waren vortrefflich coſtumirt und werden ſelbſt hier Auf⸗ ſehen erregen, wenn ſie im großen Maskenzuge erſcheinen.— Sie ſehen mich fragend an, mein lieber Freund, ja, ich habe es mir in den Kopf geſetzt, die wilde Jagd nicht nur noch einmal zu ſehen, ſondern ſogar mit ihr auszuziehen!“ „Im großen Maskenzuge?“ fragte Rodenberg in einem deutlich ausgeſprochenen Tone des Zweifels. „Und warum nicht? Erſtens bin ich hier gänzlich unbekannt und zweitens werde ich ein Coſtume wählen, daß mich die ge⸗ naueſten Bekannten nicht wiedererkennen würden— und mit welcher Freude denke ich an Ihr ſchönes Feſt, und beſonders, weil ich mich nicht davon abbringen ließ, es ſo mitzumachen, wie ich gethan!“ „Das iſt hier etwas Anderes,“ erwiederte der junge Mann in einem beſorgten Tone.„Damals, im warmen Sommer, war es allerdings eine Luſt, eine Stunde durch den Wald zu ziehen; hier aber dauert der Maskenzug von Mittag bis Abend in eiſiger Winterluft, in Kälte und Schnee, in einer namenloſen Aufregung durch die Anſpannung unſerer Nerven, durch den betäubenden Lärm, der uns umgibt, durch die rauſchende Muſik.“ „Eben dieſe Aufregung iſt es, die ich mir wünſche, und was 4 170 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. die gefürchtete Kälte anbelangt, ſo ſorgt gerade die rauſchende Muſik und die allgemeine Heiterkeit dafür, ſie uns nicht empfinden zu laſſen.— Ich bitte, Herr Rodenberg,“ ſagte ſie lächelnd und mit einer flehenden Geberde die Hände faltend,„machen Sie mir nicht die gleichen Einwendungen wie mein Oheim!“ „Allerdings muß auch er meiner Anſicht ſein, und ich freue mich, einen Bundesgenoſſen an ihm zu haben!“ „Alſo eine förmliche Verſchwörung gegen mich— gut denn, ich laſſe Sie ruhig Ihre Gründe entwickeln und ſetze jedem derſelben ein eigenſinniges Nein entgegen! Seien Sie doch nicht ſo kindiſch, mein lieber Freund,“ fuhr ſie nach einer Pauſe in weichem Tone fort—„ich will mich ja ganz Ihrer Leitung anvertrauen— ich will folgſam ſein wie ein Kind!“ „Und allem dem, was ich ſage, ein eigenſinniges Nein ent⸗ gegenſetzen, wie Sie eben ſelbſt geäußert!“ „Nur den Gründen, die mich abhalten wollten, ſonſt gelobe ich, allen Ihren Befehlen aufs pünktlichſte zu gehorchen!“ Wie hätte Rodenberg dieſer Bitte widerſtehen können, die ſie ſo kindlich erregt, ſo lebhaft vortrug, und dann dachte er es ſich auch als ein unausſprechliches Vergnügen, ſo an ihrer Seite dahin ziehen zu dürfen— ihr Pferd zu leiten, wo es nothwendig ſei, dicht an ihrer Seite zu bleiben vielleicht in dem wilden Gedränge, um ſchützend hier und da ſeine Hand auf die ihrige legen zu dürfen. Freilich ſchüttelte er, gedankenvoll vor ſich niederblickend, mit dem Kopfe, doch lächelte er dabei, indem er dachte, wie wir oben aus⸗ geſprochen, und gerade dieſes Lächeln war ein gefährlicher Riß in ſeine noch ſo eben ausgeſprochenen Grundſätze. Dies dachte auch das kluge Mädchen; ſie ſprang herzlich lachend auf und rief mit großer Heiterkeit:„O, ich habe es gewußt, Sie würden mir meine kleine Bitte nicht abſchlagen, und ich verdiene es, mein lieber Freund, denn ich war ehrlich genug, Ihnen zu verſchweigen, daß mir mein Oheim ſagte: Wenn Rodenberg uns begleiten will, ſo will ich Dich auch dieſe tolle Laune ausführen Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 171 laſſen!— Alſo die Sache iſt abgemacht— reden wir von etwas Anderem.“ „Noch einen Augenblick laſſen Sie uns bei dieſer Angelegenheit verweilen, es ſind Vorbereitungen zu treffen.“ „Und welche, wenn ich fragen darf? Wollen Sie mir aufs Neue Schwierigkeiten machen?“ „Gewiß nicht. Was unſere Coſtume anbelangt, ſo hatten wir den glücklichen Gedanken, dieſelben mitzunehmen— aber damit ſind wir noch lange nicht zu Ende— wir brauchen Pferde, Gefolge; denn,“ ſetzte er mit angenehmem Ernſte hinzu, wenn der Roden⸗ ſteiner in ſolcher Geſellſchaft auszieht, ſo muß es auch in gehörigem Glanze geſchehen— überlegen Sie das wohl!“ „Pah, was hat ſich da zu überlegen, das ſind ja alles Neben⸗ ſachen, deren Arrangements Ihrem Talente und Ihrem Geſchmacke eine Kleinigkeit ſein werden! Da ich nicht an Ihrer freundlichen Einwilligung zweifle,“ fuhr ſie in einem einſchmeichelnden Tone fort, „ſo beauftragte ich meinen Haushofmeiſter, Ihre Befehle in dieſer Richtung entgegen zu nehmen; er iſt ein verſtändiger Mann, er wird Sie verſtehen und Ihnen nicht die Spur einer Schwierigkeit machen.“ „Gut denn, der wilde Jäger fügt ſich Ihren Wünſchen, und Tod und Teufel werden Ihnen gehorſam ſein. Was den Drachen Griesgram anbelangt,“ fügte er nachſinnend bei,„ſo wird er bei dem Zuge willkommen ſein, der herbeizieht, die Stadt zu bekriegen und Luſt und Freude zu feſſeln. Jetzt aber haben wir noch den blondgelockten Cupido.“ „Es iſt das ein kleiner Mann mit einem glatten Geſichte— 4 o, ich habe eine prächtige Idee! Ihr Freund wird in gleichem Coſtume wie ich einen Jagdpagen vorſtellen; er blond, ich ſchwarz, das gute und das böſe Princip, Engel und Tenfel, paſſend zum Auszuge des Rodenſteiners.“ „Nach dem Gedichte allerdings: 4 Des Rechten Roß war ſilberblinkend, Ein feuerfarbnes trug den Linken. 172 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Dabei habe ich allerdings noch ein Bedenken,“ ſetzte er hinzu, indem er das ſchöne Mädchen mit glänzenden Blicken betrachtete— „das Herz meines Freundes Rüding iſt weich geformt, oder, um mich anders auszudrücken, es beſteht aus dem entzündbarſten Brenn⸗ ſtoffe— nur ein Funke aus ſo ſchönen Augen braucht hinein zu fallen, und wir haben einen Menſchen unglücklich gemacht.“ „Rodenberg, Sie können in der That unausſtehlich ſein,“ gab ſie ihm ſchmollend zur Antwort, wobei ſie ſich für eine Secunde von ihm abwandte;„doch verzeihe ich Ihrer lächerlichen Rede, in⸗ dem ich weiß, was dahinter ſteckt— neue Schwierigkeiten, die Sie mir machen wollen.“) „Diesmal nicht— gewiß nicht, Juanita, und mag Rüding meinetwegen ſelbſt ſehen, wie er der ihm drohenden Gefahr ent⸗ geht— ſein Herz iſt nicht bei mir verſichert; doch eine andere Frage darf ich mir vielleicht noch erlauben?“ „Eine neue Schwierigkeit betreffend?“ fragte ſie. „Vielleicht!— Ich muß mir erlauben, Ihnen zu bemerken, daß wir in einem oft tollen Gedränge zu Pferde ſind und daß 3 Sie, wenn auch geſchützt von nicht ganz ſchlechten Reitern, doch ſelbſt der Führung Ihres Pferdes ziemlich ſicher ſein müſſen— ich ſetze voraus, daß....“ „Ich meinen Reitcurs durchgemacht,“ unterbrach ſie ihn lachend —„ich hoffe, Sie davon zu überzeugen, indem ich Sie auf über⸗ morgen zu einem Spazierritt einlade; wir können’ alsdann auch die Pferde probiren, die mein Oheim für uns ausgeſucht hat.“ „Wer kann da widerſtehen,“ erwiederte der junge Maler, ſich verbeugend,„da Sie alle meine Bedenken auf eine ſo reizende und+ gewinnende Art beſchwichtigen! Ich bin nicht ſtark genug, es Ihnen zu verſchweigen, daß ich ganz zu Ihren Dienſten bin— ich hätte lieber geſagt, mit welcher Seligkeit ich mich zu Ihren Füßen lege; aber ich fürchte einen gewiſſen eigenthümlichen Blick, den ich ſchon ein paar mal aus Ihren ſchönen Augen blitzen ſah.“ „Wenn Sie dieſen Blick in der That fürchten, ſo würden Sie Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein. 173 weniger ſüße Reden an mich verſchwenden— oder gehört das Alles ſchon mit zum Carneval?“ 6„Nein, wahrhaftig nicht, theure Juanita, das iſt keine Maske! + Doch finde ich, daß es Ihnen gegenüber ſehr nützlich iſt, ſein heißes 5 Gefühl zu maskiren.“ Sie reichte ihm mit einem unausſprechlichen freundlichen Lächeln ihre beiden Hände und erlaubte es ſogar, daß er eine nach der andern küßte. „Und wann ſehe ich Ihre Freunde?“ ſagte ſie. „Es iſt wohl beſſer, heute Morgen nicht?“ bat er—„ich muß ſie doch darauf vorbereiten, wenn ſie ſtatt meiner alten, ehr⸗ würdigen Verwandten Sie hier ſinden werden.“ „Sagen Sie einfach, wie ich Ihnen geſagt— Ihre Baſe ſei genöthigt geweſen, zu verreiſen, und habe mich, eine Anverwandte, 4 unter dem Schutze meines Oheims und meiner älteren Schweſter hier zurückgelaſſen.“ „Zwei meiner Freunde werden das glauben, zwei mit ſehr 4 kindlichem Gemüthe, der alte Knorx und der junge Rüding; was aber den dritten und vierten anbelangt....“ „Ah, den Drachen Griesgram!“ „Ja, ihn ſowie den Teufel; es hat ſich der letztere wohlweislich Ihrem Hauſe fern gehalten— denn wenn es nicht verboten wäre, blumenreich zu reden,“ ſetzte er mit einer eleganten Handbewegung hinzu,„ſo würde ich ſagen: wo Engel walten....“ „Und ſo weiter und ſo weiter!“ rief ſie. „Alſo in gewöhnlicher Rede— den Teufel ſtelle ich Ihnen + erſt beim Maskenzuge, ohne irgend eine Erklärung, vor; aber mein alter Freund Walter wird die Geſchichte meiner ehrwürdigen An⸗ verwandten, die ſich ſo plötzlich in dieſelbe ſchöne junge Dame ver⸗ wandelt, welche er bei unſerem Künſtlerfeſte zu ſehen das Glück hatte, nicht glauben; er wird ein Einverſtändniß vorausſetzen— ein Einverſtändniß, das mich natürlich, wenn es beſtanden hätte, zum ſeligſten Menſchen gemacht haben würde.“ 174 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Bſt, bſt,“ machte Juanita, indem ſie ihre kleine Hand erhob, „erſchöpfen Sie ſich nicht in Vorausſetzungen, die vielleicht trügeriſch ſind— und wenn er ungläubig iſt, wir können es nicht ändern und wollen es nicht ändern,“ ſetzte ſie treuherzig hinzu. Ihre erhobene Hand, die nun langſam herabſank, machte zu gleicher Zeit eine Bewegung des Abſchiedes. „Und wann darf ich Sie wiederſehen?“ „Wir ſpeiſen wohl zuſammen heute in ganz kleiner Geſellſchaft um ſechs Uhr, wenn es Ihnen recht iſt. Don Joſe wird ſich ſehr freuen, Ihre nähere Bekanntſchaft zu machen— Adieu, mein lieber Freund! Nicht wahr, Sie verzeihen mir, daß ich ein klein wenig Komödie mit Ihnen geſpielt— ach, man läßt ſo ſchwer von ſeinem Handwerk!“ „Ich bin mit dem erſten Acte unendlich zufrieden— darf ich doch bei einer ſo großen Künſtlerin, wie Sie ſind, auf eine wunderbare Steigerung hoffen!“ „Hüten Sie ſich vor dem dritten und letzten Acte— er ent⸗ ſcheidet, wie das Stück endigen wird.“ „O, heiter, o, glücklich— gewiß— wer vermag daran zu zweifeln?“ „Wenn es nun aber doch ein Trauerſpiel würde?“ ſagte ſie mit ganz leiſer Stimme, daß er dieſe Worte nicht verſtand, und um ſo weniger, da er gerade ihre kleine Hand noch einmal an ſeine Lippen drückte, ehe er ſie verließ. XXVIII. „Faſtelovend kütt eran.“ Nle fünf Künſtler hatten das gaſtliche Haus in der Rhein⸗ gaſſe verlaſſen, nachdem ihnen Rodenberg in aller Kürze von der eben ſtattgehabten Unterredung das mitgetheilt, was er für nöthig hielt, ſie wiſſen zu laſſen, und gingen auf dem knirſchenden Schnee gegen den Thurnmarkt zu. Rüding war vorher einen Augenblick unten an der Treppe ſtehen geblieben und hatte, an dem dunkeln Gebäude hinaufſchauend, zu van der Maaßen geſagt:„Ich kann es Dir nicht beſchreiben, mit welch unangenehmem Gefühl ich geſtern Abend hier ſtand; es war mir wahrhaftig zu Muthe, als ſei ich ohne alle Hülfe in die weite Welt hinausgeworfen worden.“ „Und jetzt denkſt Du anders,“ brummte Walter, der dieſe Worte gehört;„es iſt das auch begreiflich, in einem vortrefflichen Bette haſt Du geſchlafen, wie der Dachs in ſeinem Baue; Du haſt gefrühſtückt, wie noch nie in Deinem Leben, Du rauchſt eine für Deine Verhältniſſe unerhört gute Cigarre und biſt zu Deiner eigenen Verwunderung hier auf einmal in Köln, um den Carneval mit⸗ zumachen— Herz, was willſt Du mehr?“ Auf dem breiten Rheinſtrome, den ſie durch den Thorbogen vor ſich erblickten, ſpiegelte ſich die glänzende Sonne in dem hellgrünen Waſſer, ſowie in den weißblinkenden Eisſchollen, die langſam den Fluß hinabtrieben. 176 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Da auf dem Thurnmarkte war auch das kleine Weinhäuschen, wo man ſie geſtern Abend zu ihrem Glücke abgewieſen. Die Rolle der ſingenden Magd hatte heute ein kleines Mädch ernommen, das trippelnd vor der Hausthür ſtand und mit vor Froſt geröthe⸗ tem Geſichte denſelben Vers ſang—„wie die Alten ſungen, ſo zwitſchern auch die Jungen.“ Carneval in Köln— ein ſo wichtiges und großes Ereigniß, daß es ihm gelingt, ſchon in ſeiner Vorahnung die Phyſiognomie der ernſten, alten, grauen Stadt weſentlich zu verändern; es iſt dies ein Volksfeſt im wahren und ſchönſten Sinne des Wortes, das mit ſeinen wenigen, bunten, tollen, geräuſchvollen Tagen, auch ohne jede beſondere andere Einwirkung von außen, plötzlich als eine üppige Saat närriſcher Freude emporſchießen würde; denn jeder gute Kölner hat das keimfähige Samenkorn dazu in ſeinem Herzen ruhen. Und ſobald die Weihnachtslichter erloſchen ſind, ſobald das müde, alte Jahr mit dem Schlage der Mitternacht ſchauernd in ſich ſelbſt zuſammenſinkend, ſtehen bleibt, um einem neuen Herrſcher der Welt ſein gewaltiges Scepter zu hinterlaſſen, da fängt auch das kleine Samenkorn, von dem wir oben ſprachen, an, zu keimen und zu ſproſſen und wird in ſeinem Wachsthum befördert durch die glorreiche Erinnerung an die Carnevals vergangener Zeiten, durch närriſche Reden Gleichgeſinnter, durch die rauſchenden Klänge der Muſik, welche beim Klingeln der Schellenkappe Lieder begleiten mit bekannten volksthümlichen Melodien, durch die blinkenden Römer voll goldenen Rheinweins, deſſen duftige Blume ſo angenehm auf⸗ regt und die Menſchenſeele fähig macht, für eine kurze Zeit des Lebens Mühen und Sorgen zu vergeſſen und aus vollem Herzen einzuſtimmen in die allgemeine, göttliche Narrheit— ja, „Faſtelovend kütt eran.“ Das kleine Häuschen bei St. Urſula, wo die Wiege des großen Helden Carneval geſtanden, hat nun wieder dieſelbe Bedeutung, wie ein anderer königlicher Palaſt, wo der Thronerbe des Reiches zwiſchen goldgeſtickten Windeln ſchreit. Da Alles im großen Narren⸗ 3 — Faſtelovend kütt eran. 177 reiche viel raſcher von Statten geht, ſo iſt der Held, in den erſten Tagen des Januar geboren, ſchon nach wenigen Wochen zu einem kräftigen Jünglinge herangewachſen und zeigt ſeine vortrefflichen Gaben des Herzens in ſo echtem kölner Humor, daß alle alten und jungen Gecken ſeinem Regierungsantritte mit größerer Hoffnung entgegenzuſehen berechtigt ſind, als dies ſonſt wohl in der Welt der Fall ſein mag. „Faſtelovend kütt eran.“ Der Große und der Kleine Rath haben ſich conſtituirt, und der letztere befaßt ſich als Regentſchaft für den minderjährigen Hel⸗ den Carneval, mit voller Zuſtimmung ſeiner Mutter Colonia, mit der Führung der Geſchäfte und ernennt zu dieſem Zwecke Abthei⸗ lungen, Comite's und Deputationen. Seine Mitglieder bilden das Finanz⸗Comite, das Decorations⸗Comite, das Ball⸗Comite und die Plankammer, welch' letztere die große Aufgabe hat, die eingelaufenen Vorſchläge zu verſchiedenen Carnevalsfeſten, zu Bällen und Masken⸗ zügen dem Großen Rathe, ſowie der General⸗Verſammlung aller Gecken vorzulegen und dabei irgend eine glückliche Idee zu em⸗ pfehlen. Auch kleine Geſellſchaften haben ſich neben ihm her ge⸗ bildet, die ſich zuweilen die Aufgabe ſtellen, eine kleine, wohlthätige Oppoſition zu bilden, die dann den Zweck haben, am Carnevals⸗ Dienſtage zum Beſten irgend einer wohlthätigen Anſtalt ſich ein Privatplaiſirchen zu machen. Sie treten unter den ſeltſamſten Titeln auf, bilden häufig in größeren Maskenzügen eigene Abthei⸗ lungen und vereinigen ſich auch hier und da zu ganz eigenthüm⸗ lichen Aufzügen und Vorſtellungen. Der Kleine Rath, durchdrungen von der Schwierigkeit der Aufgabe, alle Gecken unter Einen Hut zu bringen, läßt es ſich nun angelegen ſein, unter den dem Comite vorgelegten Kappenmuſtern ein paſſendes für den diesjährigen Carneval herauszuleſen. Es iſt dies keine kleine Arbeit; doch wird ſie, inſpirirt vom Geiſte des Carnevals, glücklich vollbracht und in der betreffenden Sitzung der Hackländer's Werke. 54. Bd. 12 178 Achtundzwanzigſtes Kapitel. ſtaunenden Geckenverſammlung die neue Kopfbedeckung vorgezeigt. Es iſt dies eine Schellenkappe in den Stadtfarben, weiß und roth, denen noch das Gelb und Grün der Narrheit beigefügt worden iſt, auch mit einem Stempel des Stadtwappens verſehen, und hat nun Jeder, welcher der Verſammlung beiwohnt, die Verpflichtung, von dieſer Kopfbedeckung Gebrauch zu machen— ja, „Faſtelovend kütt eran.“ Wer Köln früher einmal in ruhiger Zeit beſucht hat und nun zur Zeit des Carnevals wiederkommt, kann ſich gar nicht wieder⸗ finden, denn der lebensheitere, frohe Sinn des echten Kölners iſt dann zur höchſten Potenz geſteigert; die ganze Stadt und ihre Be⸗ wohner haben andere Geſichter, und über der alten, grauen, ſonſt ſo ernſten Colonia ſcheint eine heitere, ſüdliche Luft zu wehen. Wo⸗ hin man blickt, Zeichen des herannahenden Carnevals, des auf⸗ blühenden Narrenthums. Aus den Schaufenſtern der großen Läden ſind die Stoffe mit den ernſten Farben des gewöhnlichen Lebens verſchwunden, und dort ſchillert Alles in Weiß, Gelb, Grün und Roth. Die Maskenverleiher, und ihre Zahl iſt Legion, locken an durch die bunteſten und ſeltſamſten Coſtume. Hinter den Harle⸗ quins mit den ſchwarzen Halbmasken ſchaut das Kleid des täp⸗ piſchen Pierrot heraus, Türken, Indianer, Griechen, Ritter⸗Coſtume und alle möglichen phantaſtiſchen Verkleidungen haben die dunkeln Schränke und Kiſten verlaſſen und ſehnen ſich nach Luft des Faſchings. Und dazu die Legion der Masken, die man reihenweiſe in den ver⸗ ſchiedenartigſten Boutiken ausgeſtellt findet: dieſe ſtarrend, lachend oder verdrießlich dreinſchauenden, glänzenden Geſichter mit dem un⸗ beweglichen Ausdrucke und den leeren Augenhöhlen— die Freude und Sehnſucht aller Kinder. Auch das Getreibe auf den Straßen iſt ſchon ein anderes und lebhafteres geworden; man hört ſich zuweilen von einem Freunde anrufen, indem er an uns vorübereilt:„Geck, lohs Geck elans!“ oder von ihm das bekannte„Do geiht gett, do ſteiht gett!“ Ge⸗ wiſſe Weinhäuſer, wo man Beſprechungen zu halten pflegt, faſſen —— — Faſtelovend kütt eran. 179 kaum die Zahl der Gäſte, und neben den melancholiſchen Klängen der Straßenorgeln hört man jetzt ſchon zuweilen aus einer Seiten⸗ gaſſe heraus das Gebrumme ſogenannter Rummelspött, ſteinerner Töpfe, denen vermittels eines Stäbchens, welches ſich an einer trommelfellartig über denſelben befeſtigten Schweinsblaſe befand, ein eigenthümlicher Ton entlockt wurde. Ja,„Faſtelovend kütt eran“, und die aufregende Luſt, die ihm voranzieht, der Trieb zur Freude, der ſich in Allem zu entwickeln ſcheint, dringt auch in die Tiefe der ſtillſten Haushaltung. In allen Bürgerhäuſern die rührigſte Thätigkeit; die Woche vor Faſt⸗ nacht iſt eine allgemeine Scheuerwoche, vom Keller bis zum Speicher wird in den Häuſern gefegt. Nach der Reinigung wird geſchmort und gebacken; denn auch beim geringſten Bürger wird es nicht ver⸗ geſſen, das kölniſche Faſtnachtsgericht, die Muzen, zu bereiten, ganz dünn gerollte, ſüße Mehlkuchen, die in Butter geſchmort werden, dann Muzemändelcher,„Krabben“, die ſüddeutſchen Faſchingskrapfen, trockene und naſſe Waffeln. Ganze Körbe dieſer Herrlichkeiten wer⸗ den fabricirt und in dem Heiligthume des Hauſes, auf dem ſo⸗ genannten Saale, für die Feſttage aufbewahrt. Junge und alte Kinder, letztere bis zu dreißig Jahren, unter⸗ laſſen nicht, jetzt ſchon nach den Coſtumeſchäten zu ſchauen, die viel⸗ leicht während der letzten Carnevals angeſchafft wurden oder die ſich ſeit undenklichen Zeiten in der Familie fortgeerbt haben; alte, ſchwerſeidene Damenkleider mit langer Schleppe und kurzer Taille, ſowie geſtickte Röcke, vielleicht vor hundert Jahren der Stolz irgend eines jungen Dumont, Farina, v. Wittgenſtein, welche damals nicht dachten, daß ihr Staatskleid von den Urenkeln in ſolch' luſtig närriſcher Zeit gebraucht werden würde. Haben doch in dieſer Periode ſelbſt die Lehrer in den Elementarſchulen doppelte und dreifache Mühe mit den ungezogenen Rangen, die jetzt ſchon an⸗ fangen, allerlei Carnevalsſpuk zu treiben, ſich Schnurr⸗ und Backen⸗ bärte von Dinte zu malen, dem Nachbar einen Papierzopf drehen oder ſich ſogar, wenn der Lehrer einmal die Schulſtube verläßt, — 180 Achtundzwanzigſtes Kapitel. aus dem beſten Papier des Schreibheftes einen Hut à la Napoleon machen— ja, dieſe Luſt zum Carneval tritt mit Einem Male epidemiſch und in allen Winkeln des alten, heiligen Köln auf; es liegt ein Miasma des Geckenthums in der Luft und dringt durch die verſchloſſenen Thüren und Häuſer; ſind doch ſogar um dieſe Zeit die Gefangenen hinter Schloß und Riegel von einer auffallen⸗ den Unruhe behaftet und iſt es doch unläugbar, daß kleine Kinder in den Spitälern den Carneval mitmachen, indem ſie, matt lächelnd, mit zitternden Händchen ihren Krankenkittel über den Kopf ziehen, um ſich zu verkleiden.— Unſere Freunde hatten ſich zur anberaumten Zeit beim Schweizer an den Vier Winden eingefunden. Hier herrſchte ſo⸗ wohl wegen der herannahenden Feiertage, als auch wegen des be⸗ vorſtehenden Zuges der Käppler ein außergewöhnliches Leben. Die bekannte Straßenkreuzung, zu den Vier Winden genannt, welche, trotzdem ſie einer der Hauptknotenpunkte des Straßenverkehrs Kölns iſt, ſich durch eine unbehagliche Enge auszeichnet, war heute um die oben angegebene Stunde mit einer hin und her wogenden Menſchenmenge ausgefüllt, ein bunter, lebendiger Strom, der lachend und plaudernd, pfeifend und ſingend auf und ab fluthete, ſo raſch und ſo langſam es ihm möglich war, und die einzelne Woge hier und da in Geſtalt von Straßenbuben ans Ufer, das heißt auf die Treppenvorſprünge oder die Eckſteine warf, von wo aus dieſe tolle Brut, die dichten Reihen durchſpähend, einen Höllenlärm anhob, wenn ſie etwas auffallend Intereſſantes bemerkte, oder vielleicht einen Geſinnungsgenoſſen entdeckte, der ſich, ſo ſehr es ihm möglich war, gegen den Menſchenſtrom ſtemmte und ſich ſo von dieſem mit fortreißen ließ, oder der auch vielleicht den Verſuch machte, einem vor ihm herwandelnden ehrbaren Bürger eine Papierſchleife anzuheften oder gar vermittelſt eines Fidibus einen Zopf herzuſtellen. Von dieſen jugendlichen Zuſchauern auf den Eckſteinen wurde die Menge in immerwährender Aufregung, meiſtens von einem er⸗ götzlichen Lachen begleitet, erhalten. Von dieſen erhöhten Stand⸗ Faſtelovend kütt eran. 181 punkten tönte in Zwiſchenpauſen:„Do geiht gett, do ſteiht gett!“— von da wurde Einem, der vielleicht ein wenig zu nahe vorbeiging und der ſich zufällig umſchaute, der Hut eingetrieben, von da flog auch nicht ſelten ein Apfel, in dem dichten Gedränge ſein richtiges Ziel findend, vielleicht die Naſe irgend Eines, der gerade im Begriffe war, mit einem ſüßen Blicke nach den Fenſtern empor zu ſchauen, wo ſich friſche Mädchengeſichter herrabbeugten, freundlich lachend und grüßend. Hier ſtockte der Menſchenſtrom zuweilen auf bedenkliche Art, um aber gleich darauf nach dem Klange einer entfernten Straßenorgel oder nach einem angeſtimmten Car⸗ nevalsliede für ein paar Secunden lang in eine hüpfendtanzende Bewegung zu gerathen und dann unter lautem, jubelndem Zu⸗ rufe:„Geck, lohs Geck elans!“ ſeinen natürlichen Ablauf wieder zu finden. Knorx hatte ſich einen Platz an den großen Scheiben des Kaffeehauſes erobert und ließ Rüding unter ſeinem Arme durch⸗ ſchauen, indem ſich Walter und van der Maaßen an einem Tiſche der Ecke befanden und um ihren Kaffee eine Partie Imanuel ſpielten. Rodenberg kam zuletzt zur Zuſammenkunft, und als er eintrat, betrachtete er mit beſorgter Miene ſeinen Hut, welchem bei einem der eben erwähnten Eckſtein⸗Attentate übel mitgeſpielt worden war; dann trat er zu den Freunden. Der lange Bildhauer, der mit einem hier bei der allgemeinen Luſt komiſch erſcheinenden ernſten Blicke auf das Gewühl draußen ſtarrte, meinte kopfſchüttelnd:„Wo will das enden, wenn das heute erſt der Anfang des Carnevals iſt? Ich habe wahrhaftig kaum mehr Luſt, mich da hinaus zu wagen!“ „Du biſt doch wenigſtens ſo glücklich, einen weichen Hut zu be⸗ ſitzen; aber ſchau' einmal den meinigen an— heute Morgen noch nach ſauberer Bürſtung die Zierde eines wohlgekämmten jungen Mannes, ſieht er jetzt aus, als hätte ich ihn ſchon ein paar Nächte auf Maskenbällen herumgeſchleppt— es iſt eine höchſt läſtige Leiden⸗ ſchaft, Einem den Hut einzutreiben!“ 182 Achtundzwanzigſtes Kapitel. „Davor bin ich ſicher mit meinem alten Schlapphute,“ brummte Walter;„aber weiß der Henker, was ſie an meinem Geſichte auszuſetzen haben? Wo ich irgend Einen etwas aufmerkſam be⸗ trachte, ſieht er mich an, läßt einen grunzenden Ton hören und macht ſich über meine Naſe luſtig, und doch habe ich an derſelben noch nie etwas Auffallendes bemerkt!“ „Gewiß nicht,“ erwiederte van der Maaßen höchſt freundlich, da er die Partie Imannel und ſeinen Kaffee gewonnen hatte— „Du haſt eine ganz gewöhnliche Naſe.“ „Etwas lang,“ meinte Rüding,„mit einer ſonderbaren Schwen⸗ kung an der Spitze und zuweilen auffallend roth gefärbt.“ Der alte Maler zuckte mit einer Miene der Verachtung die Achſeln und erwiederte:„Wenigſtens ſind wir Leute, die man der Beachtung werth findet, was nicht Jeder von ſich ſagen kann!“ worauf der ſanfte Eduard erwiederte: „Dieſe Art von Beachtung will ich Dir gern überlaſſen; ich liebe es, wenn man mich auf andere Art ſchätzt und auszeichnet.“ „Darin hat er Recht,“ ſagte van der Maaßen;„aber um nicht als Aufſchneider da zu ſtehen, ſoll er ſagen, wer ihn heute geſchätzt und ausgezeichnet hat.“ „Ich könnte dieſe Forderung einfach zurückweiſen,“ entgegnete Rüding würdevoll;„doch habe ich kein Hehl, daß ich in mehreren anſtändigen Häuſern war und daß ich von zwei der bedeutendſten Bangieurs Kölns zu Tiſche eingeladen worden bin.“ „Das iſt ſehr glaublich,“ ſprach Walter trocken;„aber zu welchem Tiſche biſt Du eingeladen?— Erinnert Ihr Euch noch, wie er der hübſchen Kammerjungfer des Banquiers Zeichenunter⸗ richt gegeben und uns weismachen wollte, daß....“ „Ich will Dir was ſagen,“ fiel ihm Rüding erbost ins Wort,„wenn Du dieſe ewigen Hänſeleien nicht laſſen willſt, ſo trenne ich mich von Euch, ſo unangenehm es mir auch wegen der Anderen wäre!“ 3 „Friede— Friede!“ ermahnte Rodenberg.„Du, Walter, Faſtelovend kütt eran. 183 ſollteſt vernünftiger ſein, und Du, Rüding, ſollteſt bedenken, daß man während des Carnevals ein freies Wort nicht übel nimmt.“ „Das thue ich auch nicht, und ich habe ihm auch noch nie etwas übel genommen; aber da er ſelbſt kein Gefühl hat, ſo ver⸗ ſteht er auch nichts von den heiligſten Gefühlen des Anderen.“ „Ganz recht,“ flüſterte Rodenberg;„aber wenn Ihr ſo fort macht, ſo erſcheint nächſtens einer von den Gäſten da hinten und hält uns eine Carnevalspredigt aus dem ff— wo warſt denn Du?“ fragte er den langen Bildhauer, um den Streit der beiden Anderen zu beendigen. „Ich habe einen eigenthümlichen Beſuch gemacht,“ ſagte Knorx mit einem ſonderbaren Lächeln;„ich war im Kloſter der Capuciner, um einen Landsmann aufzuſuchen, der ſchon ein paar Jahre die braune Kutte trägt. Das Kloſter liegt in einem entfernten Stadt⸗ theile, wo man von dem Lärm, der hier herum herrſcht, nicht die Spur vernimmt— ach, und es hat auf mich eine unendlich wohl⸗ thuende Wirkung ausgeübt!“ „Das iſt aber keine Carnevalsſtimmung,“ meinte van der Maaßen. „Nein, aber es iſt ein wunderbarer Contraſt, all' dieſes Lärmen, dieſes Gejohle, die bunten Masken an den Läden, die lachenden Geſichter wie einen tollen, geſpenſterhaften Traum hinter ſich zu⸗ rückzulaſſen und mit Einem Male von dem wunderbaren Frieden eines ſtillen Kloſtergartens umgeben zu ſein.“ „Das begreife ich,“ ſagte Rodenberg—„und trafſt Du Deinen Freund?“. „Ja, und er freute ſich ſehr, mich zu ſehen; ich ließ mir von ſeinem Kloſterleben erzählen, und es that mir über alle Beſchreibung wohl, aus dieſen Erzählungen heraus zu fühlen, wie glücklich und zufrieden er ſei.“ „Knorx, Knorx,“ warnte van der Maaßen,„nimm Dich in Acht, daß ſie Dich dort nicht einfangen— es iſt mir immer, als ſähe ich Dich doch noch in der Kapuze durch die Straßen ziehen!“ 184 Achtundzwanzigſtes Kapitel. „Einfangen? Was einfangen? Deſſen bedürfte es gar nicht, und ich habe auch ſehr im Sinne auf meine Art ins Kloſter zu gehen.“ „Wie ſo?“ „Nun, vor der Hand als Künſtler, der ich ja in erſter Linie bin; es fehlt den Capucinern noch für die Kirche an einem großen Crucifix, und den Auftrag dazu will mir mein Landsmann verſchaffen.“ „Ah, auf die Art habe ich nichts dagegen,“ ſagte van der Maaßen—„und wo warſt denn Du?“ wandte er ſich fragend an Rodenberg. „Ich war bei einem Bekannten, der mir in ſeiner liebens⸗ würdigen Art eine Platte der vortrefflichſten Auſtern vorſetzte, wo⸗ bei ich noch den Vortheil hatte, daß ſeine pikanten, witzigen Be⸗ merkungen Citronenſaft und Pfeffer überflüſſig machten, denn ich mußte unmäßig lachen, was die Verdauung mehr als alles Andere befördert. Er hatte die Freundlichkeit, mich und Euch für einen der nächſten Abende in eine geſchloſſene Geſellſchaft Zum Hahnen einzuladen, von der ich ſchon außerordentlich viel Rühmenswerthes gehört und wo ſich die echte kölniſche Heiterkeit im ſchönſten Glanze entfalten ſoll.“ „Das iſt recht,“ ſagte Walter eifrig,„dort mußt Du uns, auf dieſe freundliche Einladung hin, einführen. Das iſt eine von dieſen famoſen kleinen Geſellſchaften, wo der Wirth immer vom beſten Faſſe hergibt, wo die ausgetrunkenen Flaſchen nicht gezählt werden, wo man die herbeigebrachten Flaſchen nicht aufſchreibt, ſondern nur die Propfen in einen gemeinſchaftlichen Korb wirft, nach deren Zahl alsdann der Betrag der Zeche, gemäß der längſt bekannten Qualität dieſer Stammgäſte, umgelegt wird— ich bin ſehr für den Hahnen, dieſes würdige Sinnbild für feſtſitzende Gäſte, ihre Uhr, ihre Glocke; denn es wäre eine Schande, eher aufzu⸗ brechen, ehe derſelbe gekräht!“ „Der Menſchenſtrom draußen,“ ſagte Knorx, der immer noch am Fenſter ſtand,„bewegt ſich lebhaft gegen die Hochpforte hin.“ „Ja, ja, wir müſſen ihm folgen, wenn wir etwas ſehen — — — Faſtelovend kütt eran. 185⁵ wollen,“ meinte Rodenberg:„der Zug der Käppler wird vom Alten Kuhberge her anrücken.“ „Gehen wir alſo.“ „Mit dem Gefühle des Schiffers, der den ſichern Hafen ver⸗ läßt, um ſich dem wogenden Meere anzuvertrauen!“ ſeufzte der lange Bildhauer. „Befolgt nur meinen Rath,“ meinte Rodenberg,„ſchaut nicht ſo auffallend um Euch her, und wenn Jemand einen Witz mit Euch macht, ſo gebt ihn ihm auf die gleiche Art heim oder lacht darüber. Da aber bei der Menſchenmaſſe draußen wir Fünf nicht wohl ungetrennt bleiben werden, ſo wollen wir uns für den Fall des Auseinanderkommens in einer Stunde hier wieder an der Ecke treffen— natürlicher Weiſe ohne alle Verbindlichkeit. Wer aus⸗ bleibt, den entſchuldigt der Carneval.“ Damit verließen ſie das Haus, den langen Bildhauer mit dem erüiſten Geſichte an der Spitze, und es war gerade, als ob ein kleiner Trupp Buben, die draußen ſtanden, auf ihn gewartet hätten, denn einer rief:„Wat hätt dä Kähl en Nas!“ worauf ein Anderer mit dem Ausrufe höchſter Verwunderung hinzuſetzte:„Die Nas!“ und ein Dritter ſagte:„Größer, als dem ſteine Mann ſing Nas!“— „Da kommt auch ein Engländer mit falſchen Locken!“ meinte ein Vierter, als Rüding erſchien, worauf ein Fünfter hinzuſetzte:„Das iſt kein Engländer, das iſt ein verkleidetes Mädchen— ich ſehe es an den krummen Beinen!“ Der ſanfte Eduard wollte empört etwas antworten, doch winkte ihm Rodenberg, zu ſchweigen, und zog ihn raſch vorüber, was auch das Geſcheiteſte war, denn ſo begnügten ſich die jungen Spottvögel, im Chorus und ſehr taktgemäß noch einmal zu rufen:„Do geiht gett, do ſteiht gett!“ um ſich darauf andere Schlachtopfer zu erwählen!“ Die Menſchenmenge hatte ſich noch mehr verdichtet, doch war es leichter, mit ihr fortzukommen, da keine Gegenſtrömung mehr ſtattfand; nur unweit der Ecke von Oben Marspforten, wo Alles 186 Achtundzwanzigſtes Kapitel. einen Augenblick gehemmt war, blieb Jeder unwillkürlich eine Se⸗ cunde ſtehen. Jeder Mund lachte, und da Jeder, aufs Neue fort⸗ geſchoben, ſeinen Kopf noch einmal umwandte, ſah dies wie ein Wirbel aus im allgemeinen Menſchenſtrome, denn da ſtand ein Orgelsmann, dem man, obgleich er vortrefflich und durchaus nicht auffallend coſtumirt war, doch die Mummerei anſah, neben ſeiner ſehr intereſſanten, ſtarken Ehehälfte, unter deren flatternden Hauben⸗ ſtreifen ein breites, unglaublich gemeines Geſicht mit unraſirtem Barte die Vorübergehenden anlachte, indem ſie ſechs neue Lieder, gedruckt in dieſem Jahre, feilbot, während er unermiüdlich ſeine quiekende, verſtimmte Orgel drehte und dazu mit kreiſchender Stimme und ſehr bezeichnenden Pantomimen ſang: „Heinrich ſchlief bei ſeiner Neuvermählten, Einer reichen Erbin an dem Rhein.“ Nach jeder Strophe unterbrach er ſeinen Geſang, um dem verehrlichen Publikum die demſelben dunkel gebliebenen Stellen dieſes berühmten Liedes ſo deutlich als möglich zu erklären. Hier, an dieſer Stelle, ging der ſanfte Eduard ſeinen Freunden für eine Stunde verloren, denn Geſang und Declamationen feſſelten ihn ſo ausnehmend, daß er ſich von dem allgemeinen Strome trennte und an der Straßenecke neben dem Orgelsmanne hängen blieb, welcher die anmuthige Erſcheinung des jungen Künſtlers mit den blonden Locken augenblicklich für ſeinen Zweck benutzte und nach der nächſten Strophe mit einer ſehr deutlichen Handbewegung gegen dieſen ausrief:„Sehen Sie, meine verehrten Herren und Damen, das iſt Heinrich, der bei ſeiner Neuvermählten ſchlief, ehe er vom Schlangenbiſſe gequält wurde— ſpäter ſah er betrübt aus— brrr, ein anderes Bild!“ Rüding, der Hunderte lachender Augen auf ſich gerichtet ſah, glaubte vor Scham vergehen zu müſſen und war glücklich, hinter dem Orgelmanne entſchlüpfen zu können, wodurch er allerdings der gaffen⸗ den Menge außer Augen, aber auch von ſeinem richtigen Wege kam. — Faſtelovend kütt eran. 187 Dies wußte er anfänglich nicht, denn auch gegen den Heumarkt fluthete eine große Menſchenmenge eilig hinab, die durch Seiten⸗ gaſſen die Hochſtraße wieder zu gewinnen trachtete, und wenn er es auch gewußt hätte, ſo wäre er doch nicht wieder umgekehrt, weil er eine unüberwindliche Scheu fühlte, nochmals bei dem Orgels⸗ manne vorüber zu gehen, denn dieſer hatte für Rüding etwas Dä⸗ moniſches in ſeinem Blicke gehabt, was ihn faſt noch mehr durch⸗ ſchauert hatte, als die unpaſſenden Worte. Auch den anderen Freunden war es nicht möglich, lange Zeit von dem Strome vereint dahingeriſſen zu werden; ſie waren bald aus einander getrieben, was wohl hauptſächlich daher kam, daß zu⸗ weilen eine Reihe von fünf bis ſechs jungen Leuten Arm in Arm mit unwiderſtehlicher Gewalt daherſtrömten und ſo rechts und links alles Andere zwangen, ſich an die Häuſer zu drücken, bis jene vorüber waren. Rodenberg ſtieg auf eine Haustreppe, um ſich nach den Gefährten umzuſchauen; weit vor ihm an der Ecke ſtand van der Maaßen, mit ſeinem dicken Körper jedem Anpralle widerſtehend, dort im tiefſten Gedränge kämpfte der lange Bildhauer mit einem ſehr ernſten Geſichte, während Walter, der zurückgeblieben war, ſich langſam von der Menge fortſchieben ließ; vom ſanften Eduard war natürlich keine Spur zu ſehen. Jetzt vernahm man vor ſich die brauſenden Klänge einer luſtigen Muſik; freilich konnte man noch nicht viel von dem geſpielten Stücke unterſcheiden, denn die große Trommel, Triangel und Becken waren vorherrſchend und wurden in ihrem Rhythmus noch verſtärkt durch die Kehlen Hunderter von Buben jeden Alters, welche luſtig mit⸗ machten: ‚Rumbidibum— bidibumbum“, und welche, als man endlich die geſpielte Weiſe als die Nohberſch⸗Melodie erkannt hatte, mit einer ohrenzerreißenden Vielſtimmigkeit und mit pantomimiſchen Anſpielungen auf Vorübergehende und Begegnende aus dem be⸗ kannten Texte die Worte ſangen: „Süch ens geng, do geiht de Gans, Kick, et Minchen, hee elans! ————— 188 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Spreiz ſich nit dä domme Puut Op vun Huffath we een Schruut? Och, it lick och ſchwatzen Hunger För dä Putz un Stoht zo Huus. Süch ens, wat dä Juſſep unger Knüſ'lig küt eruus!“ Rodenberg hatte ſich zu van der Maaßen durchgearbeitet, welcher behauptete, es werde ihm ganz ſchwindelig bei dem Lärmen, und der ſich ganz glücklich fühlte, als ihn nun ſein Freund unter den Arm nahm, um, mit der maſſigen Geſtalt des guten Employés halb rechts marſchirend, den Menſchenſtrom vor ſich zu durchbrechen und raſcher vorwärts zu kommen; dies gelang ihnen auch nach ver⸗ zweifelten Anſtrengungen, und ſo erreichten ſie den Waidmarkt, als der Zug der Käppler von der Severinſtraße heraufkam, voran eine große Fahne, die Schellenkappe im weißen Felde, dann ein zahl⸗ reiches Muſikcorps und hinter demſelben, die bunte Kappe auf dem Haupte, zu Zwei und Zwei Arm in Arm daherkommend, mit großem Ernſt und vieler Würde ſtattliche Geſtalten aus allen Kreiſen der ſoliden kölner Bürgerſchaft: Banquiers und Handels⸗ herren, Künſtler, Beamte und Handwerker, Leute, deren Unterſchrift auf allen Wechſelplätzen Europa's gekannt und reſpectirt wird, um⸗ ſichtige Geſchäftsmänner, die es ſehr übel vermerken würden, wenn ihnen im gewöhnlichen Leben durch eine Nachläſſigkeit, durch Mangel an Umſicht oder durch müßiges Geplauder ein Pfennig verloren ginge oder eine koſtbare Minute geſtohlen würde, die ſich aber heute, am Carneval, im Verbande des heiteren Geckenthums nichts daraus machen, einige Stunden bei dieſem Umzuge zu verlieren. Obgleich es am hellen Tage war, ſo war doch der ganze, lange Zug auf beiden Seiten von Leuchtenträgern mit brennenden Laternen begleitet, die es ſich angelegen ſein ließen, ihre Herren auf gefährliche Stellen in der Straße oder wo Goſſen zu paſſiren waren, aufmerkſam zu machen, und welche nebenbei ſich und das zu⸗ ſchauende Publikum mit den originellſten kölner Witzen beluſtigten. ———— Faſtelovend kütt eran. 189 Häufig ſprang einer dieſer Leuchtenträger in das Reich der Zu⸗ ſchauer, dieſem oder jenem in das Geſicht leuchtend, um einen Bekannten zu erkennen, und ſobald dies geſchehen, ſeines Irrthums wegen um Verzeihung zu bitten. Auch kam es nicht ſelten vor, daß Jemand, der ſich unter der Menge rechts und links an der Straße unbemerkt glaubte, von dem ſcharfen Auge eines Käpplers erkannt und ſofort durch die Laternenmänner zum Mitziehen requirirt wurde. Welche Menſchenmenge, die hier die ziemlich breite Straße bedeckte! Dicht an die Häuſer gedrängt, ſtanden ſie Kopf an Kopf und konnten doch kaum auf dieſe Art Platz laſſen für den langen Zug, der ſich mit den bunten Kappen und den brennenden Laternen zu beiden Seiten wie eine ſchillernde Rieſenſchlange zwiſchen den uncoſtumirten Zuſchauern hinwand; dabei wurde von beiden Seiten mit der Hand, mit dem Hute, mit der Mütze gewinkt und mit weißen Taſchentüchern aus den zahlloſen Fenſtern der Häuſer, von wo blühende Mädchengeſichter heiter lachend den Käpplern zuſchauten, hier einem Bekannten eifrig zunickend, dort ſelbſt bemerkt und durch das Zuwerfen einer Kußhand freundlich gegrüßt werdend. Dazu die rauſchende Muſik, der begleitende Geſang der Straßen⸗ jungen, ihr gellendes Juchhe und Halloh— es war in der That ein überwältigender Lärm, und als der Zug vorüber war, den eine originelle Muſik ſchloß, beſtehend aus einer Geige, einer Trompete und einer großen Trommel mit nur Einem Fell, welche mit einer leeren Flaſche geſchlagen wurde, mochte weder Nodenberg noch van der Maaßen dem dichten Gedränge folgen, ſondern ſie ſchlugen eine Seitengaſſe ein, die ſie nach wenigen Schritten ſchon in ein ſo ſtilles Quartier führte, daß man hätte glauben können, an einem ganz anderen Orte zu einer ganz anderen Zeit zu ſein. „Das greift die Nerven an,“ meinte der dicke Employé; „man muß den Höllenſpectakel hier gewohnt werden, ehe man, ohne müde zu werden, mitthun kann.“ „Man darf nur nicht Zuſchauer bleiben,“ entgegnete Roden⸗ n 2 — 2 S 2 190 Achtundzwanzigſtes Kapitel. berg;„wenn Du am Ufer ſtehſt und den Strom dahinfließen ſiehſt, ſo iſt Dein Auge bald von der immer gleichen Strömung ermüdet, wirfſt Du Dich aber in die Wellen, um mit kräftigem Arme zu rudern, ſo genießeſt Du mit wachſender Luſt.“ „Für jetzt ziehe ich indeſſen das ſtille Ufer dem brauſenden Strome vor und kann Dich verſichern, die ruhige Phyſignomie dieſer alten Häuſer mit gar keinem Kopfe an den Fenſtern thut mir über alle Beſchreibung wohl— würdeſt Du mir obendrein eine Deiner vortrefflichen Cigarren anvertrauen, ſo könnte ich ſagen, ich befände mich in einem Zuſtande, der nichts zu wünſchen übrig räßt.“ „Dazu will ich gern das Meinige beitragen; hier iſt eine echt ſein ſollende Havannah, die ich vorhin gekauft und welche nicht ganz ſchlecht ausſieht— doch kannſt Du mir dagegen auch eine Bitte erfüllen.“ „Mit Vergnügen, du weißt, daß ich immer für Dich bereit bin— edler Cigarrenſpender!“ „Mein Wunſch hängt eigentlich mit der in keiner Verbindung; es iſt vielmehr eine Verpflichtung, die auf mir laſtet und zu deren Erfüllung ich Deine Hülfe gebrauche.“ „Sprich, mein Lieber; Deine Cigarre iſt wirklich vortrefflich, und ich bin milde geſtimmt.“ „Es handelt ſich um das gaſtliche Haus, wo wir eingekehrt ſind, und ich möchte der Beſitzerin desſelben irgend eine kleine Er⸗ kenntlichkeit beweiſen; da habe ich denn gedacht, ich zeichne ihr ein paar Blätter aus dem Carnevalsleben. Rüding muß ebenfalls etwas thun, auch Walter und Knorx. Wenn Du nun dazu ein Titelblatt machen wollteſt in Deiner zierlichen Arabesken⸗Manier, irgend eine Schlußvignette, ſo hätten wir ein hübſches Album bei einander— was meinſt Du dazu?“ „Das iſt eine glorioſe Idee und bin ich mit Vergnügen bereit; da ich aber, que employé du honorée maison Beauvillard et ompagnie, höchſtens bis zum Dienstag Abend hier bleiben kann, Faſtelovend kütt eran. 191 ſo wollen wir uns gleich ans Geſchäft machen; wenn ich nicht irre, ſind wir nahe bei Deinem Hauſe.“ „Ganz nahe, dort iſt ſchon die Rheingaſſe.“ „Haſt Du etwas Handwerkszeug?“ „Ich habe alles Nöthige mitgenommen.“ „Gut denn, gehen wir hinauf.“ „Aber die Kerls, die wir in's Café beſtellt? Laſſen wir die denn im Stiche?“ „Die Beſtellung galt ausdrücklich ohne Verbindlichkeit, denn es iſt nicht möglich, ſich in den Carnevalstagen ſo gar beſtimmt an Ort und Stunde zu binden.“ Vor der Hausthür angekommen, öffnete ſich dieſe geräuſchlos auf den leiſeſten Schlag des Klöpfers, und dann empfanden die beiden Künſtler mit außerordentlichen Behagen die Annehmlichkeit des erwärmten Treppenhauſes ſo wie ihres comfortablen kleinen ſtillen Salons, in deſſen Kamin ein luſtiges Feuer brannte. „Angenehmer wäre es wahrhaftig,“ ſagte van der Maaßen, „ſich jetzt in einem dieſer kleinen, weichen Fauteuils in ſüßem Nichtsthun zu dehnen— doch iſt dies nur eine einfache Vorrede; an dem Eifer, mit welchem ich ſogleich das Titelblatt entwerfen werde, ſollſt Du meine Freundſchaft für Dich und Deine nicht genug zu ſchätzende Anverwandte ermeſſen.“ Nach dieſen Worten ſuchte er ſich unter dem Vorrathe Roden⸗ berg's ein paſſendes Papier aus, und Beide fingen mit einer Emſig⸗ keit zu zeichnen an, als ſäßen ſie wie vordem auf ihrer Stube im Reichsapfel, um eine Beſtellung aus leicht begreiflichen Gründen ſo ſchnell als möglich fertig zu machen. Als es anfing, zu dämmern, hatte Rodenberg Lichter angezündet und Beide darauf ihre Arbeit fortgeſetzt. Die Uhr ſchlug Fünf, dann halb Sechs, und jetzt erſt warf Rodenberg den Bleiſtift aus der Hand und ſagte, auf das Zifferblatt blickend:„Meine An⸗ verwandte hat mich auf ſechs Uhr zum Eſſen befohlen— gern würde ich Dich mit hinüber nehmen, doch müßte ich Dich zuerſt 192 Achtundzwanzigſtes Kapitel. vorgeſtellt haben; auch bin ich überzeugt, daß Du um ein Uhr der Table d'hote im Mainzer Hofe alle Ehre angethan haſt.“ „Das iſt ſelbſtredend; aber da Du in dieſem Hauſe ein Tiſchchendeckdich zu haben ſcheinſt, ſo ſieh', ob Du mir einen Kaffee verſchaffen kannſt— ich arbeite alsdann gemüthlich weiter, bis Du wieder kommſt.“ „Ich bin überzeugt, daß der freundliche Haushofmeiſter Dir einen Kaffee mit einem Tröpfchen Cognac auf meine Bitte bringen läßt,“ erwiederte Rodenberg, vor dem Spiegel ſtehend und beſchäftigt, ſeinem krauſen, blonden Haare einen ordentlichen Scheitel aufzu⸗ zwängen.— So, jetzt raſch in den Frack geſchlüpft und....“ „Der Schmetterling iſt ausgeſchlüpft,“ lachte van der Maaßen —„Du biſt doch ein glücklicher Kerl!“ „Wie ſo?“ „Nun, wer von der Natur ſo gut behandelt iſt, wie Du, iſt auch glücklich zu ſchätzen. Wir haben jetzt Beide die gleiche Zeit gearbeitet, und wenn ich mich nun zu einem feinen Diner parat machen ſollte, ſo brauchte ich wenigſtens eine Stunde. Mein Haar iſt in Unordnung, der Bleiſtiftſtaub iſt mir bis hoch hinauf in die Aermel gefahren, und wenn ich nicht der unteren Partie meines Körpers durch ein Paar ausgezeichnete Lackſtiefel einiger Maßen nachhelfe, mein Haupt dem Friſeur anvertraue, kurz, eine vollſtändige Toilelte mache von unten bis oben, ſo bin ich nicht präſentabel. Du aber fährſt ein Bischen durch die Haare, klopfſt mit einem Handtuche den Staub von Deinen Stiefeln, ſpülſt die Finger ein wenig ab und biſt, nachdem Du den Frack angezogen, wie aus einem Ei geſchält— das nenne ich ein Glück!“ „Ja, wenigſtens erſpart man viel Zeit dadurch,“ erwiederte Rodenberg, indem er einen flüchtigen Blick in den Spiegel und dann auf die Uhr des Kamins warf, welche fünf Minuten vor Sechs zeigte.—„Adieu, van der Maaßen— ich denke, das Diner ſoll nicht viel über eine Stunde dauern, vielleicht finde ich Dich noch!“ Faſtelovend kütt eran. 193 „Wohl möglich, wenn Du nämlich meinen Kaffee und das verſprochene Tröpfchen Cognac nicht vergeſſen willſt!“ „Sei unbeſorgt!“ In dem kleinen, hübſchen Salon, welcher die Appartements des Doppelhauſes mit einander verband oder, wenn man will, von einander trennte, wurde geſpeist, nachdem die Herrin des Hauſes im Beiſein Don Joſe's in einem kleinen anſtoßenden Gemache ihren Gaſt empfangen. Rodenberg hätte gewünſcht, daß dieſer Empfangs⸗ ſalon ſo weit als möglich von dem Eßzimmer entfernt geweſen wäre; denn als einziger und deßhalb vornehmſter Eingeladener durfte er ſich ja erlauben, Juanita ſeinen Arm anzubieten, hier leider ein kurzes Glück— aber immerhin ein Glück, und es durch⸗ ſchauerte ihn eigenthümlich, als ſie ihre kleine Hand auf ſeinen Arm legte, als er das unbeſchreiblich ſelige Gefühl hatte, ſie ſei ihm ſo nahe wie nie zuvor, als er den elaſtiſchen Druck ihres ſeidenen Gewandes ſpürte, als der ſüße Hauch ihres Mundes, während ſie mit ihm ſprach, flüchtig ſeine Wange berührte— ach es war nur der Zeitraum einer halben Minute, aber er vergaß ihn nie in ſeinem Leben! Das Diner zu drei Gedecken war einfach, aber ausgeſucht, wenige Gänge, aber Alles vortrefflich zubereitet und mit der höchſt angenehmen Ruhe und Pünttlichkeit ſervirt, wie man ſie in vor⸗ nehmen und anſtändigen Häuſern findet. Der würdige Haushofmeiſter, welcher, nebenbei geſagt, für van der Maaßen aufs bereitwilligſte geſorgt hatte, ſtand während des Diners neben dem Buffet und gab den Dienern, wo es nöthig war, eine Anweiſung, aber nur durch eine kaum merkliche Bewegung mit der Hand oder durch einen Wink der Augen. Anfänglich hatte es Rodenberg überraſcht, daß der alte Mann Don Joſe mit der Benennung Monsieur le Comte anredete und zu Juanita Comteſſe ſagte; doch bald fand er dies ſchon durch die glänzende Umgebung vollkommen gerechtfertigt und würde ſich ſogar Hackländer's Werke. 54. Bd. 13. 194 Achtundzwanzigſtes Kapitel. im Verlaufe des Diners nicht gewundert haben, wenn der Haus⸗ hofmeiſter ihn ſelbſt mit Monsieur le Baron angeſprochen hätte. Dabei war es eigen, wie der Haushofmeiſter in verſchiedener Betonung zu den Beiden ſprach; zu Don Joſe in einem ruhigen und höchſt ehrerbietigen Tone, zu Juanita mit einem Ausdrucke von Verehrung, die aus jedem ſeiner Worte klang, ja, ſogar aus ſeinen Blicken leuchtete. Begreiflicher Weiſe wandte ſich die Unterhaltung bei Tiſche, nachdem der Carneval ſo gründlich als möglich beſprochen war, durch eine natürliche Ideenverkettung auf das Künſtlerfeſt des ver⸗ gangenen Sommers und damit auch auf die Stadt, wo Conchitta lebte. „Ich werde nächſtens mit Mercedes wieder zanken müſſen,“ ſagte Juanita zu ihrem Oheim,„daß die Beiden ſo gar wenig von ſich hören laſſen.— Sahen Sie meine Schweſter zuweilen in der letzten Zeit?“ wandte ſie ſich mit einer raſchen Bewegung gegen Rodenberg. „Nur ein einziges Mal,“ entgegnete dieſer mit einem leicht verſtändlichen Lächeln,„und auch dieſes eine Mal nur durch Zufall; ich beſuchte meinen Freund Schmitz oder vielmehr deſſen Mutter aus Anlaß des Jahreswechſels und hatte dann das Glück, Sennora Conchitta zu ſehen.“ „Es geht ihr gut? Sieht Sie wohl aus?“ „Ich kann das Gegentheil nicht behaupten— eine blühende Farbe hat meine verehrte Collegin nie, und der Ernſt, welcher meiſtens ihre Züge überſchattet, dämpft die ſonſt ſo jugendliche Friſche ihres Geſichtes.“ „Ja, ja, ſie wird förmlich düſter und melancholiſch in dieſer kleinen Umgebung— ſie muß bei uns leben— ich habe deßhalb wiederholt an Mercedes geſchrieben. Du biſt doch meiner An⸗ ſicht, Joſe?“ „Vollkommen,“ erwiederte der gravitätiſche Spanier;„aber meine Anſichten kommen bei Dir und bei Deiner Schweſter nicht immer zur Geltung.“ Faſtelovend kütt eran. 195 „Von mir kannſt Du doch wohl ſo etwas nicht ſagen,“ meinte die Sängerin lächelnd, ich bin ſo folgſam und ſo nachgiebig, als nur möglich!“. „Deinem eigenen Willen allerdings, oder wenn ich mit Deinen Phantaſien zufällig einmal harmonire— denk' an den bevorſtehen⸗ den Carneval; Du wirſt mit Herrn Rodenberg geſprochen haben, und er muß mir Recht geben!“ „Pfui, Oheim, auf dieſe Art gegen mich zu conſpiriren!— Doch gehen wir darüber hinweg. Herr Rodenberg ſoll mir eeine wichtige Frage beantworten: Was iſt aus Ihrem ſchönen Pudel geworden— hat ihn meine Schweſter noch?“ „Ja, mein Fräulein, er hat das glückliche Loos, bei Sennora Conchitta ſein zu dürfen!“ „Warum nennen Sie dieſes Loos glücklich?“ ſagte ſie mit einem Aufleuchten ihrer Blicke. „Weil Sennora Conchitta ihn mit außerordentlicher Sorgfalt und Freundlichkeit behandelt.“ „ Ich finde es vollkommen begreiflich, ein ſo ſchönes und kluges Thier— und hatte er es bei Ihnen nicht eben ſo gut?“ „Nicht ſo ganz, um ehrlich zu reden, wie es meine Gewohnheit iſt; ich kaufte ihn ſeiner Schönheit wegen und weil es einmal eine Zeit lang Mode war, daß wir jungen Leute Hunde bei uns hatten. Als das, wie ſo Vieles, vorüberging, wurde Figaro der beſtändige Geſellſchafter meines kleinen Dieners Rafael, der deſſen Erziehung auf eine außerordentliche Art vollendete.“ „Richtig, richtig,“ rief Juanita mit herzlichem Lachen,„dabei fällt mir unſer weiſer Zwerg ein— was macht Rafael? Ich hatte gehofft, Sie würden ihn mitbringen!“ „Ich wäre nicht ſo unbeſcheiden geweſen, auch wenn ſich Rafael noch bei mir befände; doch hat er meinen Dienſt verlaſſen.“ „Schade— und warum? Es war das ein intelligenter Burſche, ein Kopf von beſonderen Fähigkeiten; wie leicht begriff er die Rolle, die ich ihm einſtudirt und wie vortrefflich führte er ſie aus!“ X Achtundzwanzigſtes Kapitel. „Natürlich, bei einer ſolchen Lehrerin!“ konnte ſich Rodenberg nicht enthalten, zu ſagen.„Aber Sie haben Recht, Rafael iſt einer Ausbildung fähig, und da ich das überhaupt einſah, ſo verhalf ich ihm zu einer Stelle in einer Buchhandlung, wo er es beim Leſen guter und ſchlechter Bücher weit eher zu etwas bringen kann, als beim Putzen der Palette und Pinſel eines armen Malers.“ „Glauben Sie nicht, daß er Talent zum Zeichnen hat?“ „Ja und Nein. Ich glaube, Rafael würde in einer Reihe von Jahren im Stande ſein, ein Bild zu empfinden, vielleicht es auch im Kopfe zu componiren— mein Freund Walter behauptet es wenigſtens...“ „Ah, der Drache Griesgram!“ „Derſelbe— doch würde es ſeine Hand nie ſo weit bringen, um eine ſolche Compoſition nur halbwegs erträglich auf die Lein⸗ wand zu werfen. Ich habe viele Collegen, denen es gerade ſo geht, und bin ſelbſt gewiſſer Maßen im gleichen Falle; an Farbenſinn fehlt es mir ſo wenig, daß ſelbſt bewährte Künſtler in dieſer Rich⸗ tung meine Meinung einholen, ja, daß ich augenblicklich den kleinſten Mißton an den Bildern Anderer entdecke, ohne im Stande zu ſein, bei meinen Compoſitionen die richtige Farbe anzuwenden.“ „Die Beſcheidenheit ſpricht aus Ihnen, mein lieber Herr Rodenberg,“ ſagte Don Joſe;„wer ſolche Bilder ſo farbenreich und gewählt in Wirklichkeit zuſammenſtellen kann, wie Ihr Zug des wilden Jägers, dem muß es doch noch viel leichter werden, ein Bild in gleicher Gluth und Lebendigkeit auf die Leinwand zu werfen.“ Der junge Maler verbeugte ſich für das ihm geſpendete Compliment dankend, doch gab er darauf zur Antwort:„Ich bin durchaus nicht beſcheiden und möchte das, was an meinen Arbeiten allenfalls gut iſt, weder von mir, noch von Anderen geläugnet wiſſen, muß aber, um auch gegen mich gerecht zu ſein, bei meiner Behauptung bleiben, daß es mir zum Malen in gewiſſer Beziehung an dem richtigen Farbenſinne gebricht, oder wenn ich mich anders Faſtelovend kütt eran. 197 ausdrücken darf, ich kann das, was mir vorſchwebt, nicht in ſolchen Tönen auf der Leinwand feſthalten, wie es vielleicht meiner Phan⸗ taſie vorſchwebt. Was nun jenen Maskenzug anbelangt, den Sie zu erwähnen die Freundlichkeit hatten, ſo iſt das ein gegebenes farbiges Material, und aus ſo einem getraue ich mir ſchon die richtige Zuſammenſtellung zu machen.“ „Ah, ich verſtehe Sie jetzt,“ gab der Spanier zur Antwort, „Sie haben das Talent des Componirens und Zeichnens— gewiß — gewiß in hohem Grade, und dabei einen ſo ausgebildeten Farbenſinn, daß Sie im Zuſammenſtellen eines vorhandenen Ma⸗ terials nicht irre gehen.“ „Ich getraue mir zu, dies zu beſtätigen,“ verſetzte Rodenberg und fügte mit einer lächelnden Verbeugung gegen Don Joſe hinzu: „Wenn Sie bei irgend einem Hofe oder ſonſt bei einem phantaſie⸗ reichen, großen Herrn eine Stelle für mich wüßten, den eben er⸗ wähnten Fähigkeiten angemeſſen, ſo glaube ich, daß Sie mit Ihrem Empfohlenen keine Unehre einlegen werden, und nicht nur wäre ich verwendbar für Maskenaufzüge, Theatervorſtellungen, lebende Bilder und dergleichen, ſondern ich würde mir auch getrauen, den Ent⸗ wurf eines Palaſtes richtig zu beurtheilen, ſo wie die Anlage eines Gartens zu projectiren und auszuführen.“ „Das iſt vortrefflich,“ rief die junge Sängerin, indem ſie heiter ihre Hände zuſammenſchlug,„ich werde Rodenberg ſeiner Zeit bei mir anſtellen!“ „In der That, ich wüßte mir kein ſchöneres Loos, mein Fräulein!“ „Du kannſt doch nicht eine Viertelſtunde lang bei einer Sache ernſthaft bleiben!“ ſagte Don Joſe in einem verweiſenden Tone. „Ich mache durchaus keinen Scherz,“ erwiederte Juanita, ohne ihrer Heiterkeit Einhalt zu thun;„ich denke an meine Erbſchaft und an das große Schloß mit den prachtvollen Parkanlagen, das ich bei Granada bauen laſſen will— meinen Künſtlerhof.“ „Un chateau en Espagne,“ bemerkte Don Joſe achſelzuckend; „man überſetzt das im Deutſchen, glaube ich, mit Luftſchloß.“ Achtundzwanzigſtes Kapitel. „Spotte nur, Tio Joſe— wüßte ich nur Alles ſo genau, als daß wir unſeren Proceß gewinnen und als daß ich meinen Künſtler⸗ hof bei Granada bauen werde— ah, er ſoll ſchön werden, neben oder ein wenig oberhalb der Neneralifa, die ich als Zuthat zu kaufen gedenke! Dieſes wunderherrliche kleine Feenſchloß aus weißem Marmor, im edelſten mauriſchen Styl, halb verborgen, ſchneeweiß hervorſchimmernd aus dem dunkeln Grün des Lorbeers und der Cypreſſen, mit der großartigen Ausſicht auf die Alhambra, auf das herrliche Granada und das Thal des Xenil— wäre das nicht prächtig?“ „Eine bezaubernde Ausſicht in jeder Beziehung,“ ſagte Roden⸗ berg lächelnd—„und beim Bauen dieſes Feenpalaſtes würden Sie an mich denken?“ „Gewiß, gewiß— auch beim Bauen meines Zauberpalaſtes werde ich Ihrer gedenken.“ Obgleich ſie über das Wörtchen„auch“ im vorigen Satze leicht hinweggeglitten war und es nur wie einen Hauch aus⸗ geſprochen hatte, ſo war es doch ſeinem ſcharfen Ohre nicht ent⸗ gangen und hatte ihn mit Entzücken erfüllt; doch war es ihm nicht möglich, an dieſes Wort irgend eine Bemerkung zu knüpfen, die ſie vielleicht verſtanden und ihm zurückgegeben hätte; denn jetzt, nachdem Juanita auf ihr Lieblingsthema, den Bau ihres Künſtler⸗ hofes, gekommen war, plauderte ſie über dieſes Project mit einer reizenden, kindlichen Natürlichkeit und ohne einen Einwurf zu hören oder genügend zu beantworten. Wie ein Schmetterling um duftende Blumen, ſo flogen ihre Worte um Spaniens Perle des Glanzes und echter Ritterlichkeit, um Granada herum, erzählend, beſchreibend, prüfend und w der verwerfend. Und ihre kleinen Finger machten es im gleichen Augenblicke eben ſo um die Früchte des aufgeſtellten Deſſerts, indem ſie ſüße Datteln, ſaftige Feigen und goldglänzende Orangen nahm und ihre beiden Tiſchgenoſſen damit verſorgte. Endlich machte ſie gegen Rodenberg eine freundliche Verbeugung, reichte ihrem Oheim die Hand und ſprang dann ſo haſtig auf, —— Faſtelovend kütt eran. 199 daß der alte Haushofmeiſter kaum Zeit hatte, ihren Stuhl zurück⸗ zuziehen, worauf ſie an den Kamin trat und eines ihrer zierlichen kleinen Füßchen auf die eiſerne Stange vor der helllodernden Glut ſtellte. „Onkel Joſe war ſo unvorſichtig,“ ſagte ſie nach einer längeren Pauſe, während welcher ſie ihre leuchtenden Blicke in die ſpielenden Flammen verſenkte,„Briefe, die er für hier hatte, abzugeben, und nun iſt die Folge davon, daß ich für heute, für morgen, für über⸗ morgen Einladungen habe, die ich leider nicht ablehnen kann— was machen Sie?“ wandte ſie ſich an Rodenberg. „Ich ſuche ſpäter meine Freunde auf, um mit ihnen vielleicht in ein paar kleinen, originellen Wirthshäuschen etwas von der Phyſiognomie der Stadt in dieſen Tagen des Carnevals zu ſehen.“ „Und darüber erzählen Sie mir morgen, nicht wahr?“ „Gewiß, mein Fräulein.“ „Ach, wenn ich doch ein Bube wäre und mit Ihnen herum⸗ ziehen könnte, wie würde mich das amuſiren— und könnte mich jetzt ſchon maskiren und mit Ihnen ziehen,“ ſetzte ſie mit einem neckiſchen Blicke auf Don Joſe hinzu,„wenn ich nicht einen gar ſo böſen Oheim hätte, der über ſolche Extravaganzen, wie er es nennt, bedeutend den Kopf ſchüttelt!“ Der Bediente brachte den Kaffee und der Haushofmeiſter eine kleine ſilberne Schale mit Papier⸗Cigarren, von denen Juanita eine nahm, ſie aufdrehte und dann wieder feſter zuſammenwickelte, ehe ſie dieſelbe an Rodenberg gab; dann machte ſie eine auf gleiche Art für Don Joſe zurecht und zuletzt für ſich. „Ach, es iſt ein ſo gar kurzes Vergnügen um dieſe Cigarritos, ſie brennen ſo raſch und ſind ſchon nach wenigen Zügen zu Ende!“ Juanita ließ den glimmenden Reſt der rorigen mit einem nachdenklichen Blicke in die Kohlen fallen, wobei ſie einen Athem⸗ — ug that, der wie ein leichter Seufzer klang; dann erhob fie raſch ihre großen, glänzenden Augen gegen den jungen Maler, ſah ihn eine Secunde lang warm und durchdringend an, worauf ſie ihm 200 Achtundzwanzigſtes Kapitel. ihre Rechte reichte, welche an ſeine Lippen zu führen er nicht unter⸗ laſſen konnte. „Gute Nacht, mein lieber Freund— Sie werden doch morgen früh nach uns ſehen?“ Rodenberg fand es für beſſer, ſich mit einer ſtummen Ver⸗ beugung zu begnügen, ja, ſeine Lippen feſt auf einander zu preſſen, um denſelben nicht vielleicht überſprudelnde Worte entquillen zu laſſen; ſein Blut wallte, ſein Herz ſchlug heftig. Hatte er doch einen leiſen Druck ihrer feinen Finger gefühlt, ehe dieſe ſeiner Draußen hätte er laut aufjauchzen mögen in der Erinnerung an den eben vergangenen Augenblick; er fühlte ſich wie berauſcht von ihren Blicken, von ihren Worten: ‚Spanien und Granada, der Künſtlerhof und die Xeneralifa, füdlicher Himmel und ſüdliche Sonne, der Glanz von Orangen und ihr herrlicher Duft!« Alles das hatte ein Zaubernetz um ſeine Sinne gewoben. Er dachte nicht mehr daran, daß ja der Carneval begänne; er nahm Alles für echtes, wirkliches Leben, und während er ſo durch die alter⸗ thümliche Hausflur dahinſchritt, kam er ſich vor wie Don Arthurio, von dem Balkone ſeiner Geliebten kommend, liebend und geliebt — glücklich, fiegesgewiß, zu allen Tollheiten aufgelegt, in über⸗ müthiger Laune: Auf, Page, folge meinen Pfaden, inaus mit Tambourin⸗Geklirr,, Heut' Abend will ich ſerenaden,— Daß fluchen ſollen die Alcaden Bis an den Guadalquivir! /· —— XXIX. „Wie? Wer ſpricht da noch vom Frieden?“ So war denn der Donnerſtag vor Carneval, die Weiber⸗ Faſtnacht, herangekommen, und unſere Freunde hatten ſich früher als gewöhnlich um ihren Kaffeetiſch verſammelt, um nach einigen Stunden Arbeit nicht zu ſpät aufzubrechen und von dieſem feſtlichen Tage nichts zu verlieren. Was dieſe Arbeit anbelangt, ſo wird ſich der geneigte Leſer erinnern, daß Rodenberg und van der Maaßen damit begonnen hatten, ein paar Blätter zu zeichnen, welche man in der Form eines Albums und als Zoll der Dankbarkeit bei der Abreiſe der freundlichen Wirthin übergeben wollte. Der würdige Employé hatte ein hübſches Titelblatt entworfen, deſſen Idee etwas Ver⸗ wandtes hatte mit der Sage vom Dornröschen, nur daß es hier eine kleine Waldfee war, die, umgeben von den phantaſtiſchſten Ranken, im wirrſten Dickicht ſchlief, während wie eine Fata Mor⸗ gana hoch in der Luft die Fahnenburg in ſchwachen, wolkenähn⸗ lichen Umriſſen ſichtbar war. Rodenberg hatte ihm den Gedanken dazu gegeben und auch den Kopf der Fee gezeichnet. Er ſelbſt hatte mit Waſſerfarben die Scene gemalt, wo der Zwerg dem wil⸗ den Jäger das Jagdhorn überreicht, und zwar den Augenblick, wo er das koſtbare Geſchenk mit einem dankbaren Blicke an ſeine Bruſt drückte. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Daß Walter, Knorx und Rüding ebenfalls gern bereit waren, das Ihrige zu dem Album beizutragen, verſtand ſich ganz von ſelbſt— und ſo malte denn der Erſtere eine Copie ſeines großen Bildes, die heilige Cäcilie, während Knorx mit ſeiner etwas ſchweren Hand den Apoſtel Petrus, den er ſo oft in Holz geſchnitzt, darzu⸗ ſtellen verſuchte. Der ſanfte Eduard war am längſten mit ſich zu Rathe ge⸗ gangen über den Vorwurf ſeines Aquarells und hatte ſchon allerlei unfruchtbare Ideen preisgegeben, unter denen ihm die Wahl ſchwer wurde; ſo eine Scene aus der gewiſſen Soirée beim Prinzen Hein⸗ rich, wo die Dame in Lila eine Rolle geſpielt hätte, oder er wollte ſich ſelbſt als Liebesgott darſtellen, wie der abgeſchoſſene Pfeil, vom Buſen eines hübſchen Mädchens abprallend, in ſein eigenes Herz zurückfährt; doch hatte er bei einem jedesmaligen Kopfſchütteln Walter's ſeinen Bleiſtift mit der Frage niedergelegt:„Und warum nicht, findeſt Du meine Idee nicht vortrefflich?“ „Ich müßte lügen, wenn ich Dir das zugeben wollte,“ brummte der alte Maler;„was geht es eine fremde Dame an, ob Dein unbedeutendes Herz von einem Liebespfeile getroffen wurde oder ob Du Dich in einer Soirée blamirt? Male etwas aus der Gegen⸗ wart— ſchau' um Dich her, auf der Straße huſcht in dieſen Zei⸗ ten ein Bild nach dem anderen an Dir vorüber.“ „Er ſoll den Orgelſpieler malen,“ meinte van der Maaßen, „von dem er uns erzählt und vor dem er geſtern Reißaus genommen.“ „Hm,“ meinte Rüding,„es wäre nicht ſo übel; damit jage ich vielleicht dieſen verfluchten Kerl aus meinem Kopfe heraus, wo er ſich mit ſeinem gemeinen Geſichte und ſeinen herausfordernden Augen geſpenſterhaft feſtgeſetzt hat.“ „Ja, ja,“ ſagte Walter,„es iſt dies ein ganz richtiges Mittel und kann eine gute Skizze des kölner Carnevalslebens werden; fange nur gleich an, und um Dich in der richtigen Stimmung zu erhalten, werde ich Dir alle Verſe des treuloſen Heinrich vorſingen.“ — ——— —.— Wie? Wer ſpricht da noch vom Frieden? 203 „Nun, das muß ich mir alles Ernſtes ausbitten,“ erwiederte der ſanfte Eduard in gereiztem Tone—„ein ſolches Gedudel könnte ich brauchen, um meine Gedanken zu ſammeln!“ „Ja, laß ihn, laß ihn,“ ermahnte Rodenberg—„es iſt dies überhaupt kein Lied, das man in der Wohnung einer alten Dame ſingt, bei der man zu Gaſt geladen iſt!“ „Höre Du,“ erwiederte Walter, ihn mit einem eigenthümlichen Bläcke anſchauend,„was Deine Anverwandte, die alte Dame be⸗ trifft, ſo wollen wir lieber darüber ſtillſchweigen; ich glaube, Du biſt ein Seelenverkäufer und haſt uns in die Wohnung der Circe geführt!“ „Wer war die Circe?“ fragte Rüding, ohne gerade viel dabei zu denken. „Die Circe war eine griechiſche Jungfrau aus guter Familie,“ gab Rodenberg raſch zur Antwort, um von der Bemerkung Wal⸗ ter's abzulenken,„die junge Leute, welche ſich leichtſinniger Weiſe bei ihr eingefunden, in garſtige Schweine verwandelte.“ „Walter braucht ſich alſo nicht zu fürchten!“ ſagte der ſanfte Eduard, indem er emſig fortzeichnete. „Und auch Du nicht, unreifes Spanferkel!“ „Walter, wie biſt Du heruntergekommen,“ ſagte Rüding— „bedienſt Dich der Retourkutſchen! Pfui, den ſchlechten Witz möchte ich nicht um eine ganze Million gemacht haben!“ „Ich auch nicht,“ pflichtete van der Maaßen bei;„ich nicht um ganz Perſien mit Aſtrachan!“ Der alte Mann zuckte gleichgültig die Achſeln; dann trat er auf die andere Seite Rodenberg's, und während er ſich tief auf deſſen Zeichnung hinabbeugte, wie um ſie genauer zu betrachten, flüſterte er ihm zu:„Du biſt in der That ein verrätheriſcher Kerl!“ „Wie ſo?“ „Geſtern Abend,“ fuhr Walter fort,„kam ich gegen acht Uhr hieher, und da hielt vor dem Nebenhauſe ein Wagen mit brennen⸗ 204 Neunundzwanzigſtes Kapitel. den Laternen; da ſich im ſelben Augenblicke die Hausthüre öffnete, ſo blieb ich unwillkürlich ſtehen.“ „Die Thür des Nebenhauſes, ſagteſt Du doch?“ „Allerdings, des Nebenhauſes. Dieſe Thür wurde geöffnet und eine Dame trat heraus, gehüllt in einen Pelz und in eine Capuze, die ſich weich um ihren Kopf legte. Als ſie auf die Treppe heraustrat, wurde ſie heller von den Wagenlaternen beſtrahlt, und ich ſah, daß die Dame ein junges, ſchönes Mädchen war, die....“ „Nun— die?— Was ſoll's denn?“ „Die ich vor Kurzem noch geſehen.“ „Ei, das wäre intereſſant!“ rief Rodenberg mit erkünſteltem Erſtaunen.„Und im Nebenhauſe, ſagſt Du?“ „Ja, Heuchler, im Nebenhauſe. Und weißt Du, wer die junge, ſchöne Dame an ihren Wagen brachte und den Schlag hin⸗ ter ihr ſchloß?“ 8 „Davon habe ich keine Idee.“ „Nun, ſo will ich Dir's ſagen— derſelbe alte, würdige Herr, der uns neulich Abends empfing.“ „Das iſt erſtaunlich, und im Nebenhauſe, ſagſt Du?“ „Ja, im Nebenhauſe,“ fuhr Walter in trockenem Tone fort, „im Nebenhauſe, das allerdings eine eigene Treppe hat, aber doch mit dem, was wir bewohnen, zuſammenhängt.“ „Glaubſt Du wirklich?“ fragte Rodenberg lachend, und ſetzte gleich darauf mit leiſer Stimme hinzu:„Du glaubſt es alſo in der That— vermutheſt ein Geheimniß dahinter?“ „Etwas der Art!“ brummte der Andere. „Es iſt auch ein Geheimniß, vor der Hand aber nicht mein Geheimniß allein, ſonſt hätte ich es Dir gewiß ſchon mitgetheilt— Du wirſt es auch erfahren, aber ſchweige vor den Anderen!“ 3 Walter betrachtete ſeinen Freund kopfſchüttelnd eine kleine Weile, dann ſagte er in ſehr nachdenklichem Tone:„Sei es, wie es ſei, Rodenberg, Du biſt ein verfluchter Kerl; doch wünſche ich Dir alles Glück zu Deinem Abenteuer!“ — 3—— Wie? Wer ſpricht da noch vom Frieden? 205 „Wenn ich Deinen Wunſch annehme, ſo glaube Du dagegen meiner Verſicherung, daß es ſich hier nicht um ein Abenteuer in Deinem Sinne handelt!“ Rodenberg hatte die letzteren Worte, ohne zu wollen, lauter geſprochen, ſo daß van der Maaßen aufblickte und die Frage ſtellte: „Was für ein Abenteuer— duoi pour un aventure?“ „Er hat zufällig auf der Straße eine Bekannte wiedergeſehen,“ gab Walter in gleichgültigem Tone zur Antwort. „Apropos, um von Bekannten zu reden,“ warf Rüding nach einer kleinen Pauſe ein,„ſo habe auch ich einen geſehen— unſern Freund Nebelmüller.“ „Du allein— haſt ihn doch nicht beſucht?“ „Nein, nein, das wäre gegen die Abrede geweſen, da wir ja heute gemeinſchaftlich hingehen wollen; aber als ich durch jenen unangenehmen Orgelkerl von Euch weg kam....“ „Als Du vor ihm flohſt oder flohteſt!“ kicherte van der Maaßen. „Meinetwegen, wie Ihr wollt; das Gedudel wurde mir nach⸗ gerade zu arg und ich war froh, in eine ſtille, lange und ziemlich dunkle Straße zu gelangen. Unter den ernſten Häuſern, die mich, den einſam Wandelnden, faſt traurig anblickten, war eines, das förmlich trübſelig ausſah. Das Schild über der finſtern Haus⸗ thür zeigte eine Papierhandlung und Lithographie an, und dieſe Handlung im Parterreſtock war in einem großen, gewölbten Raume, dem ein einziges ſchmales Fenſter Licht und Luft gab— ein trauriger, melancholiſcher Aufenthalt; denn obgleich draußen noch die Sonne über Berg und Thal ſchien, ſo hatte man hier doch ſchon Licht angezündet. Es war eine rauchige Lampe, die auf dem Ladentiſche ſtand und bei deren Schein ich unſern armen Waſſer⸗ müller ſah, ein wahrhaft erbarmungswürdiger Anblick. Er trug einen alten, traurigen Rock mit Schreibärmeln bis an die Ellen⸗ bogen hinauf; ſein Geſicht ſah blaß und abgehärmt aus und ſein Haar war ſo kurz geſchoren, daß es große Aehnlichkeit hatte mit den Borſten eines Igels.“ 206 Neunundzwanzigſtes Kapitel. „Du wirſt Dich geirrt haben— warum ſollte es ihm ſo ſchlecht gehen?“ ſagte der gutmüthige van der Maaßen. „Ich ſollte unſern Kohlenmüller nicht wieder erkannt haben? Geh' mir doch, ich konnte ihn ja mit Muße auf zwei Schritte Ab⸗ ſtand betrachten beim Scheine einer Lampe, während ich draußen auf der Gaſſe ſtand; er blickte in die trübe Flamme mit großen Augen und ſah dabei ſo wehmüthig aus, wozu er ſeine Lippen bewegte, als ſänge er ein für ſeine Verhältniſſe paſſendes Lied, zum Beiſpiel:„Im Grabe iſt Ruh“, oder eines dergleichen. Es war das gegenüber der lauten Carnevalsfreude ein Contraſt, der mir tief ins Herz ſchnitt!“ „Armer Kerl!“ brummte Walter.„Ja, ſeine Schwiegermutter ſoll in ihrer knöchernen Hand ein furchtbares Scepter führen.“ „Und die kleine Kröte, die er geheirathet hat, iſt ein bösartiges, hartherziges Ding,“ ſagte van der Maaßen—„dafür habe ich meine Proben!“ „Du hätteſt ſie heirathen ſollen,“ meinte Rüding,„Du, ein Kerl wie ein Rieſe!“ „Bis auf ſeine Stimme und ſein weiches Herz,“ knurrte Wal⸗ ter—„Du wäreſt noch ein beſſeres Freſſen für die alte Haupt⸗ männin geweſen! Aber beſuchen müſſen wir den Bergmüller und recht heiter thun und ihn auffordern, mit uns zu gehen und ſich einen luſtigen Tag zu machen!“ „Nicht nur auffordern,“ ſagte Knorx düſter,„ſondern wir müſſen ihn mit uns nehmen und dieſe arme Seele für ein paar Stunden wenigſtens aus ihrem irdiſchen Fegefeuer erlöſen!“ „Ja, das wollen wir, das wollen wir!“ lachten Alle, und Walter meinte:„Wenn ihn die Schwiegermutter oder Frau nicht gutwillig ohne Weiteres hergibt, ſo ſoll einer von uns ſo lange bei den beiden Weibern im Verſatz bleiben, bis der Nebel⸗ müller zurückgeliefert iſt, und zu dieſem Fauſtpfande ſchlage ich Rüding vor— er weiß mit Damen umzugehen.“ Dieſe letztere Verabredung verſetzte Alle in große Heiterkeit, Wie? Wer ſpricht da noch vom Frieden? 207 und da es unterdeſſen zehn Uhr geworden war, ſo legten die Künſt⸗ ler ihre Arbeiten weg, um ſich im beſten Humor auf die Straße zu begeben. Der Himmel ſtrahlte nicht nur heiter, ſondern ſogar mild auf die Stadt herab, und wenn nicht noch hier und da an den Häuſern und in den Höfen Schnee gelegen hätte, ſo würde man geglaubt haben, nicht weit von Frühlingsanfang zu ſein. Dazu war die Phyſiognomie der Straßen eine heitere, lebendige und bewegte, ohne daß man hätte genau angeben können, woher dieſe Heiterkeit und Beweglichkeit eigentlich entſtanden ſei; es mochte wohl heute an der Weiber⸗Faſtnacht in der Luft liegen, es zog wie ein Hauch der Freude durch die engſten Gaſſen. Wo man Jemanden begegnete, und man begegnete heute vielen Leuten, da wurde man ſo freund⸗ lich gegrüßt, daß man nicht anders konnte, als einen ſolchen Gruß mit gleicher Heiterkeit zu erwiedern. Hier und da ſah man Trupps von kleinen Buben und Mädchen, die erſteren häufig mit Schellen⸗ kappen früherer Jahre, lachend und ſingend: „Faſtelovend kütt eran.“ Andere zogen von Haus zu Haus, einen jener bereits früher er⸗ wähnten Rummelspött voran, deſſen dumpfes Gebrumme auf höchſt originelle Art ein anderes Carnevalslied begleitete, das die kleinen Mädchen aus vollem Halſe ſangen: „Aennche, Zuſännche, Wat häß do en dingem Kännche? Ruhde Wing ofi wieße Wing, Morge ſalls do Bruck ſinn.“ Aeltere, geſetzte Herren, würdige Beamte und ehrbare Kauf⸗ leute ſchritten eilfertig ihres Weges, um vielleicht noch ein wich⸗ tiges Geſchäft zu beendigen, ehe man ſich erlauben durfte, im be⸗ kannten Weinhauſe einen Special zu ſich zu nehmen und dort das Nähere zu erfahren über die Erſtürmung des nördlichen Theiles der Stadt, die auf heute angeſagt war, und zu welch' großem 208 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Ereigniſſe die Regentſchaft ſelbſt die allgemeine Theilnahme in Luſt und Freude aufgefordert hatte. Häufig wechſelten heute Morgen nähere Bekannte, die ſich be⸗ gegneten, den Ruf:„Do geiht gett, do ſteiht gett!“ oder Einer, der haſtig dahineilte, konnte bei ein paar guten Freunden nicht vorüberkommen, ohne durch das bekannte:„Geck, lohs Geck elans!“ ſeine Anweſenheit kund gethan zu haben. Dazu waren alle Orgelmänner ſchon in der Frühe auf den Beinen und ſpielten ihre luſtigen Weiſen, die aber häufig, gerade weil ſie ſo trübſelig aus dem Kaſten hervorquiekten, melancholiſch hätten wirken müſſen, wenn heute nicht Alles mit Luſt und Freude aufgenommen worden wäre; ſo Bänkelſänger aller Arten, echte und falſche; denn es kam ſehr häufig vor, daß Maslirte mit einer furchtbaren, erdichteten Mordgeſchichte, die aber gewöhnlich eine verdeckte Anſpielung hatte, durch die Straßen zogen und ſich damit vor den Häuſern der betreffenden Bekannten aufſtellten. Guitarre⸗ ſpielerinnen und Harfeniſtinnen zogen jetzt ſchon von einem Wirths⸗ hauſe zum anderen und wurden an dieſem heiteren Tage für ihre Bemühungen meiſtens glänzend belohnt. XXX. „Es flog ein ſchwarzer Rabe wohl über den Rhein.“ Doch gab es in dieſen Tagen in dem alten heiligen Köln auch Straßen, wo, da ſich der größte Theil des lebhaften Verkehrs anderswo hingezogen hatte, eine förmlich unheimliche Oede herrſchte. Was ſich ſelbſt hier von pfiffigen Geſellen und muthvollen Lehr⸗ jungen von der Arbeit wegſtehlen konnte, hatte nicht verſäumt, dies zu thun, und ſo kam es denn, daß in mancher Werkſtätte wider den Willen des Meiſters gefeiert wurde und daß ſich in manchem Ladengewölbe der Herr deſſelben allein befand, gerade nicht in beſter Laune über das Verſchwinden ſeines Commis oder das Ausbleiben ſeines Lehrlings, welchen er unüberlegter Weiſe in dieſer ſtürmiſchen, drangvollen Stunde auf die Poſt geſandt. Um vom Allgemeinen in das Einzelne überzugehen, ſo befand ſich in der eben erwähnten Lage der Herr eines ziemlich dunkeln Ladens, wo Stöße weißen Schreibpapiers, bunte Bogen in allen Farben, Briefpapier und Couverts in allen Größen und Litho⸗ graphieen von ſehr verſchiedenem Werthe anzeigten, welche Art von Geſchäften hier betrieben wurde. Auch der Beſitzer dieſes Gewölbes hatte wahrſcheinlich ſeinem Lehrlinge oder einem ſonſtigen dienenden Geiſte irgend einen Auftrag ertheilt, von welchem ſich dieſer nicht beeilte, zurückzukommen, und daher wohl kam die verhaltene Un⸗ Hackländer's Werke. 54. Bd. 3 14 210 Dreißigſtes Kapitel. geduld, mit welcher der Ladenbeſitzer, bewaffnet mit einem großen Lineal, vor dem Ladentiſche auf und ab ſpazierte. Zuweilen klatſchte er mit dieſem Lineal auf die Handfläche, zuweilen auf einen ſeiner Schenkel, dann nahm er eine Ecke des Holzes zwiſchen die Zähne und machte hierzu einen vergeblichen Verſuch, gen Himmel zu blicken — wir ſagen: vergeblich, weil die Enge der Gaſſe, die hohen Häuſer und die niederen Fenſter des Ladengewölbes es nicht er⸗ laubten, auch nur das kleinſte Stückchen Himmel zu ſehen. Ja, dieſes Ladengewölbe war außerordentlich niedrig, außer⸗ ordentlich räucherig und dadurch von ſo troſtloſem Ausſehen, daß es unmöglich erheiternd auf das Gemüth ſeines Bewohners wirken konnte. Derſelbe war ein junger Mann, einfach gekleidet; er trug, wahrſcheinlich zur Schonung eines beſſeren Rockes, eine Jacki von dunklem Kattun, die obendrein noch mit Schreibärmeln vetz war. Sein höchſt verdrießliches Ausſehen mochte wohl eine Wun des Augenblicks ſein, denn weder zeigte ſein Geſicht die Züge ind Falten eines grämlichen Charakters, noch waren ſeine Augen matt und erloſchen oder in hoffnungsloſer Betrachtung auf den Boden geheftet; ſein Geſicht war allerdings etwas blaß und mochte in früheren Zeiten röther geweſen ſein, trug aber nicht die Spuren eines tiefgehenden Kummers, ſondern nur die einer momentanen Aufregung, eben ſo wie ſeine Augen, mit denen er gereizt umher⸗ ſchaute, als ſuche er einen paſſenden Gegenſtand, um ſeinen Zorn an ihm auszulaſſen. Er hatte mehr vom Löwen an ſich, als von der tückiſchen Hyäne, und merkwürdiger Weiſe glich auch ſein eigen⸗ thümliches, etwas borſtig nach allen Seiten hinausſtehendes Haupt⸗ haar der Mähne des Königs der Thiere; aber er war ein gefeſſelter Löwe, ein Löwe mit einer langen, ſchweren Kette am Fuße, ein Löwe in einem eiſernen Käfig, durch deſſen Stäbe hindurch man ungeſtraft allerlei Kurzweil mit dem gutmüthigen Thiere treiben konnte. Jetzt ließ er, am Fenſter ſtehend und auf die Gaſſe hinaus⸗ ſchauend, einen knurrenden Ton von ſich hören, worauf er das Es flog ein ſchwarzer Rabe wohl über den Rhein. 211 Lineal wie ein Römerſchwert in die Hand nahm und verſchiedene wüthende Streiche gegen unſichtbare Feinde ausführte, während er ſagte:„Nein, das iſt nicht zum Aushalten, Gefangener zu ſein, ohne vorher irgend ein angenehmes oder lohnendes Verbrechen begangen zu haben— angefeſſelt zu ſein von dem Worte eines böſen Weibes, und nicht einmal den Muth zu haben, dieſe unſicht⸗ bare Kette zu zerreißen— pfui, Bergmüller, Du biſt ein ganz miſerabler Kerl geworden! O, es iſt noch ein Glück, daß mich keiner meiner Bekannten ſieht!— Und was habe ich denn eigentlich ſo Außerordentliches gewollt? Habe ich mich in das Narren⸗Comite aufnehmen oder zum großen Maskenzuge einſchreiben laſſen, oder trinke ich Vormittags und Abends meinen Special bei Reichard, wie es ſich für einen guten Geſchäftsmann geziemt? Nein, nein! O, an ſo etwas nur zu denken, haben ſie mir ſchon ab⸗ gewöhnt, dieſe beiden ſchrecklichen Weiber!— Und mir nicht einmal das kleine Vergnügen zu laſſen, den Einzug des Feindes mit an⸗ zuſehen!“ fuhr er fort, indem er ſeine Zähne auf einander biß und ſeine Mähne ſchüttelte.„Allerdings hatte die Alte Recht,“ ſetzte er mit einem unheimlichen Lachen hinzu,„als ſie behauptete, ich brauche weder den Störenfried zu ſehen, noch den Iſegrimm, noch den Drachen Griesgram; da ſprach ſie, ohne es vielleicht zu wollen, ein ſehr wahres Wort, denn dieſe drei böſen Geiſter und eine hölliſche Sieben dazu und ein Kratz⸗ und Reibeiſen, einen Gallenſack und eine Haderkatze habe ich ja Alles zuſammen in Einer Perſon vereinigt täglich in meiner theuren Schwiegermutter vor Augen!“ Dieſe zarten Prädicate, die er der theuren Anverwandten bei⸗ legte, betonte er nicht nur mit einer außerordentlichen Gehäſſigkeit, ſondern bei jedem Worte, das er ſprach, führte er einen gewaltigen Streich mit dem Lineal, und mit einer ſolchen Genauigkeit immer auf dieſelbe Stelle hin, als ſähe er das Ziel, welches er treffen wollte, deutlich vor ſich— die hölliſche Sieben, das Krateiſen, die Haderkatze.—„Ja, Ha— der—katze,“ wiederholte er nochmals, Dreißigſtes Kapitel. „das iſt der richtige Ausdruck, denn ſonſt wäre am Ende noch mit meiner Frau auszukommen!“ „Aber ich will mich aufraffen, ich will das Ding nicht mehr länger dulden— zum Teufel mit der Gelaſſenheit!“— Damit riß er ſich einen Schreibärmel herunter und warf ihn hinter den Ladentiſch.—„Zum Henker mit der Geduld!“— Damit folgte der andere Schreibärmel.—„Ich will Ihnen einmal zeigen, wer Herr im Hauſe iſt!“— Er knöpfte ſeine Kattunjacke auf, um ſie abzuſtreifen.—„Ich will, ich will!“ „Und was willſt Du denn, lieber Friedrich?“ hörte man plötz⸗ lich aus dem Hintergrunde des Zimmers eine ſanfte Stimme ſagen. Wir können es leider nicht verſchweigen, daß Bergmüller bei dieſer Frage nicht nur zuſammenfuhr, ſondern daß er auch die drei ſchon geöffneten Knöpfe an der Kattunjacke wieder haſtig zuknöpfte. „Nun, was willſt Du denn— Deinen Kaffee? Den bringe ich Dir ſoeben.“ „Was— Kaffee?“ rief er herumfahrend.„Wahrſcheinlich wieder Kaffee mit eingegoſſener Milch, wie gewöhnlich!“ „Und mit Zucker— Mama trifft Deinen mack ja ſo gut.“ „Ja, ſie trifft ihn— ja, ſie trifft ihn, daß ſich Gott erbarm'!“ „Auch eine Muze und Mändelchen habe ich es iſt ja Carneval.“ „Iſt es Carneval?“ fragte er mit verbiſſenem Zorn, wobei er das Lineal auf ſeinem Rücken heftig hin und her bewegte.„Nun, es iſt mir lieb, daß Du mir ſagſt, daß es Carneval iſt, ſonſt hätte ich es wahrhaftig nicht gewußt!“ Die kleine Frau, welche den Kaffee auf den Ladentiſch ſetzte, war in ihrem Aeußern ſo übel nicht, nur hatte ſie einen etwas ſcharfen Blick und einen moquanten Zug um den Mund; im Uebrigen that ſie ſehr freundlich, ja, ſie näherte ſich jetzt ihrem Manne und legte eine Hand auf ſeine Schulter, als ſie mit einem etwas ſpitzigen Tone ſagte:„So, Du haſt nicht gewußt, daß es Carneval iſt— ach, geh' doch, Friedrich, das iſt wieder eine von Dir mitgebracht, 8 —————— α Es flog ein ſchwarzer Rabe wohl über den Rhein. 213 Deinen Anſpielungen, die Mama nicht gut vertragen kann, wie Du weißt!“ „Mama und immer Mama— warum redeſt Du denn nicht von Dir? Warum ſagſt Du denn nicht, Du findeſt es für beſſer, mir das Getränk da, Kaffee, Milch und Zucker, zuſammenzugießen wie einem Hausknechte, und Du könnteſt es auch nicht leiden, wenn ich Anſpielungen mache?“ „Du biſt wieder einmal in einer ſchlechten Laune!“ „Ja, das bin ich auch, beim Teufel, und ich habe alle Ur⸗ ſache dazu!“ „Pfui, Friedrich— Du weißt wohl, daß Mama ſolche Worte nicht hören dürfte!“ Er knöpfte mit einer ſehr heftigen Bewegung den unterſten Knopf ſeiner Jacke wieder auf.. „Du haſt Urſache dazu, ſchlechter Laune zu ſein?“ fragte die Frau im Tone des größten Erſtaunens, wobei ſie ihre Hände zu⸗ ſammenſchlug.„Worüber haſ t zu klagen? Was fehlt Dir?“ „Was mir fehlt? Frage mich lieber, was mir nicht fehlt! 8 Schau' um wo ich bin, ſieh' mich an in meiner ſchönen Kattunjacke, welche iih, wie Alles, der Güte Deiner theuren Mama verdanke— ſſ das die Stellung, die ich mir vor einem halben Jahre träumen ließ?“ „Wieder eine Anſpielung, und ich verſtehe ſie!“ „Gott ſei Dank, daß Du ſie verſtehſt und gewiß auch gerecht⸗ fertigt findeſt— wenn Du mich einmal mit gutem Herzen verſtehen und mir zugeben wollteſt, Eliſe, daß Vieles ſo ganz anders gekommen, als ich es mir vorgeſtellt!“ Die junge Frau ſah ihn fragend an, ohne etwas zu erwiedern. „Sagte mir damals Deine theure Mutter nicht, ich ſollte als Künſtler in einer lithographiſchen Anſtalt thätig ſein? Und war ich nicht gutmüthig, ja, dumm genug, Alles das zu glauben, ſtatt mich nach dem Stande Eurer lithographiſchen Anſtalt zu er⸗ kundigen?“ 3 Dreißigſtes Kapitel. wenn das Mama hörte!“ vorgeſchwebt, gediegene Werke zu ſchaffen!“ Friedrich?“ ſich fragend an ſeine Frau wandte. Friedrich!“ ſelben auf!“ „So mußt Du nicht ſprechen, Friedrich— um Gottes willen, „Zu Euren Wein⸗Etiquetten und Krämer⸗ ſich die Anſtalt beſchäftigt, hättet Ihr wahrlich keinen Künſtler gebraucht, noch viel weniger zu den miſerablen Bilderbogen, bei deren Anfertigung mich Deine Mutter allerdings verwenden wollte, mich, einen Künſtler, einen Landſchafter, dem es in ſchönen Träumen Rechnungen, womit „Aber waren dies nicht Alles Mittel zum Zwecke, lieber „Ja wohl, zum Zwecke, mich zum Laſtthier zu machen, mir dieſe wunderbare Kattunjacke anzuziehen und mich in den Laden zu ſtellen, um für ſechs Pfennige Poſtpapier oder Bilderbogen zu einem Silbergroſchen zu verkaufen— ah, es iſt ein Gedanke, der mich noch wahnſinnig machen wird!“— Er fuhr bei dieſen letzten Worten mit der linken Hand in ſein buſchiges Haar. „Und einen andern Zweck hatteſt Du nicht vor Augen, als Mama ſo liebevoll war und unſere Verbindung genehmigte?“ fragte die junge Frau in einem ſehr ſchmerzlichen Tone. „O ja, ich hatte noch einen andern Zweck dabei! Du weißt, wie lieb ich Dich hatte und daß es mein ſehnlichſter Wunſch war, Dich zur Frau eines tüchtigen Künſtlers zu machen; dazu mir alle Hoffnung— o, man baute ein prächtiges Geb mir auf, man ſprach von einer bedeutenden lithographiſ von Geſchäftsführer in derſelben, von großen wiſſ Werken, die unter meiner Leitung daraus hervorgehen ſollten— that man das vielleicht nicht?“ unterbrach er ſich ſelbſt, indem er „Ja, man that das— aber gewiß gegen meinen Willen, „Man machte ſo eine hübſche Falle zurecht, eine wahre Mau falle, ein hölliſches Fuchseiſen, und ſtellte Dich als Köder in dem⸗ N Es flog ein ſchwarzer Rabe wohl über den Rhein. 215 „Pfui, Friedrich, das iſt ein abſcheulicher Vergleich!“ ſagte die Frau, ohne indeſſen die Hand von ſeiner Achſel zu entfernen; vielmehr verkürzte ſie langſam ihren Arm und legte leiſe ihren Kopf auf ſeine Schulter. „Aber ein wahrer! Man erkannte meine Liebe zu Dir, man fing rrich ein wie einen Bären, und jetzt, da man mich hat, muß ich nach dem Befehle Deiner theuren Mama aufwarten und Purzel⸗ bäume machen, wie es ihr gerade einfällt!“ „Du übertreibſt— Du übertreibſt!“ „Aeußerlich ſichtbar vielleicht, aber nicht, wie es mir innerlich zu Muthe iſt— hier in dem Ladengewölbe zu ſitzen— eine ſolche Kattunjacke zu tragen— jedem naſeweiſen Schulbuben, der für einen Pfennig Papier braucht, ganze Päcke vorzeigen zu müſſen, das iſt viel ärger, als wenn ich in der That ein Bär geworden wäre und auf der Straße an der Kette tanzen müßte! O— o— o, und dabei bin ich ein Künſtler, und nicht einmal einer von den ſchlechteſten! Hat die Alte da oben— Deine Mutter, wollte ich ſagen,“ verbeſſerte er ſich, als er einen vorwurfsvollen Blick der kleinen Frau bemerkte—„hat ſie nicht geſagt, ich dürfe mich auf künſtleriſche Art beſchäftigen, und hat ſie nicht ihre Bosheit ſo weit getrieben, mir zu erklären, die Anfertigung miſerabler Bilderbogen ſei auch eine künſtleriſche Beſchäftigung— Bilderbogen mit ge⸗ treuer Anſicht der preußiſchen Garde, oder dem lehrreichen ABC für Kinder, oder dem Figaro aus der Zauberflöte und dem Freiſchütz?“ „Ja, ja! 4 „Hab' ich ihr nicht vorgeſchlagen, Bilderbogen anfertigen zu laſſen wie die Münchener Bilderbogen? Hat ſie mich nicht mitleidig angelächelt und verſichert, von der Feinheit des Geſchäftsverkehrs habe ich durchaus keine Ahnung?— Natürlich, wie kann ein Bär auch von ſo etwas eine Ahnung haben, er tanzt und macht Purzel⸗ bäume und ißt und trinkt— pfui Taufa— pfui Teufel— pfui Teufel!“ 1u Dreißigſtes Kapitel. „Aber, Friedrich!“ ſagte ſie mit einer bittenden Miene, indem ſie ſich feſt an ihn ſchmiegte. „Nun, was ſoll's?“ „Du weißt, daß Mama über das Geſchäft nicht allein zu ver⸗ fügen häͤt!“ „Und wer denn ſonſt?“ „Mein Onkel, er iſt ja der Eigenthümer!“ „Der arme Onkel, ja, wenn ich an ihn denke, ſo könnte ich mich wahrhaftig tröſten— ihm iſt es noch ſchlechter gegangen, als mir; ſitzt da in der behaglichen Wolle und nimmt eine liebende Schweſter ins Haus, um ſich zu Tode quälen zu laſſen; aber er iſt alt und ſchwach, ſonſt hätte ich mich ſchon lange mit ihm verbündet!“ „Friedrich, Du führſt in der That gottloſe Reden!“ „Im Gegentheil, es würden gottgefällige Reden ſein, wenn ſie auch am richtigen Orte gehört würden, und habe ich nicht Recht— iſt Dein Onkel nicht ein armes Thier? Lebt er nicht wie die Schnecke in ihrem Hauſe, ſeit man ihm weis gemacht, er könne es durchaus nicht mehr vertragen, Abends ſein Glas Wein außer dem Hauſe zu trinken— und hat man ihn nicht ſo weit gebracht, daß er zu Allem Ja ſagt?“ „Friedrich! Friedrich!“ „Daß er zu Allem Ja ſagt, was ihm die Alte vorträgt!— „Lieber Bruder,““ fuhr er mit einer ſehr komiſchen Pantomime und einer ſchnarrenden Stimme fort, durch welche er gewiß irgend Jemand zu copiren ſuchte—„findeſt Du es nicht auch für über⸗ flüſſig, daß Bergmüller Abends ausgeht?—„Ja, ich ſinde es für überflüſſig!’— ‚Oder daß er brodloſe Künſte treibt?—„Gewiß, mein Kind!—„Nicht wahr, es geht Dir recht ſchlecht, lieber Bru⸗ der?— Ja, recht ſchlecht!’— ‚Du möchteſt wohl gern ſterben?⸗ — Ja, meine Liebe!⸗— Und begraben ſein?—„Gewiß, ſo bald als möglich!«— Und das wäre auch,“ fuhr er in laut aus⸗ brechendem Tone fort,„der ſehnlichſte Wunſch der Alten, und in dem Falle würde ſie vor Freude einen Hopſer machen, was 6 6 Es flog ein ſchwarzer Rabe wohl über den Rhein. 217 ſie ſonſt wohl aus guter Laune in ihrem ganzen Leben nicht ge⸗ than hat!“ 3. Kaum hatte Bergmüller dieſe kühne Behauptung ausgeſprochen, als diejenige, welche er in ihrer Abweſenheit ſtets als„die Alte“ zu bezeichnen ſich erlaubte, angelockt durch den lauten Ton der Rede ihres Schwiegerſohnes, in's Zimmer trat und mit verſtellter Freund⸗ lichkeit ihren Eintritt entſchuldigte, indem ſie mit ſcharfer Betonung jedes einzelnen Wortes hinzufügte:„Es war doch wohl von mir die Rede?“ Die junge Frau ſchien bei dieſer Unterbrechung einen Augen⸗ blick zweifelhaft, ob ſie bei ihrem Manne ſtehen bleiben ſolle oder nicht; doch ſiegte die Gewalt, welche die Mutter auf ſie ausübte, ſie ließ ihren Arm von der Schulter Bergmüller's herabgleiten und trat ein paar Schritte zurück. „Darf ich wohl bitten, Herr Schwiegerſohn, mir zu ſagen, worin ich Ihnen gefällig ſein kann?“ Statt zu antworten, wandte ſich der Gefragte gegen das Fenſter, legte das Lineal an ſeinen Mund und pfiff über den Rand deſſelben hinweg, was einen eigenthümlichen Ton gab. „Die alte Komödie,“ fuhr die Hauptmännin, nachdem ſie ein paar Secunden gewartet, in ärgerlichem Tone fort;„wahrſcheinlich Klagen, unbegründete Klagen, wie ich ſie ſchon ſo oft gehört, und nur aus dem Grunde gethan, um die koſtbare Zeit zu vertrödeln und in ſeligem Nichtsthun im Laden herumzuſchlendern— nein, Herr Schwiegerſohn, ſo kann es nicht fortgehen!“ „Das war ein vernünftiges Wort,“ knurrte Bergmüller, ohne umzuſchauen,„ſo kann es allerdings nicht fortgehen!“ „Und Du,“ wandte ſich die Hauptmännin mit einer ſo raſchen Wendung gegen ihre Tochter, daß der breite Strich ihrer Haube ihr förmlich auf der einen Seite in's Geſicht ſchlug,„Du ſtehſt dabei und hörſt es mit an, wie dieſer undankbare Menſch über Deine Mutter loszieht, und gewiß nicht nur über dieſe arme Mutter, ſondern auch über Dich ſelbſt und über den alten, kranken Mann Spectakel des Carnevals nachlaufen k 218 Dreißigſtes Kapitel. da oben und über dieſes ſtille, friedliche Haus, wo allerdings Zank und Hader nicht aufkommen können und nur ein demüthiges und friedfertiges Weſen geduldet wird!“ „Friedrich hat eigentlich nicht geklagt!“ ſagte Madame Berg⸗ müller in ſchüchternem Tone. 4 Jetzt aber ſchien in dem ſo geduldigen Künſtler etwas von einer löwenartigen Stimmung zum Durchbruch zu kommen; er drehte ſich raſch herum, machte ein paar Schritte gegen die Schwieger⸗ mutter und ſagte in nachdrücklichem Tone:„Ja, er hat geklagt, und mit vollem Rechte geklagt, daß er aber deßhalb die Zeit ver⸗ trödelt, brauchen Sie nicht zu denken; was gibt's auch an meiner Zeit zu vertrödeln, ich habe genug davon übrig, die ich ja doch nicht beſſer anwenden darf, als um hinter dem Ladentiſche hin und her zu ſchlendern und mit meinem Lineal Fliegen todtzuſchlagen!“ „Sie ſind ein glücklicher Menſch,“ gab die Hauptmännin lang⸗ ſam zur Antwort, wobei ihre ſtechenden, grauen Augen raſch durch das Gewölbe flogen,„Sie haben vortreffliche Anſichten, die man aber leider nicht immer zu theilen vermag! Sie wiſſen nicht, was mit Ihrer Zeit anfangen, und doch herrſcht hier im Laden die bodenloſeſte Unordnung! Sehen Sie nicht zum Beiſpiel überall auf dem Boden Papierſchnitzel herumliegen?“ „Das hat die Magd zu verantworten, die ſo ſchlecht auskehrt.“ „Und iſt es nicht für ein Auge, welches an Ordnung gewöhnt iſt, förmlich beleidigend, die Papierpäcke da oben ſo unordentlich durch einander liegen zu ſehen?“ „Das iſt Sache des Lehrlings!“ „Gut, ſo halten Sie den Lehrling an, daß er ſeine Schuldig⸗ keit thut, und von Dir, Eliſe, hoffe ich, daß Du der Magd beſſer auf die Finger ſiehſt! Wo iſt denn der Lehrling, das ſaubere Früchtchen?“ „Er trägt ein Packetchen in die Marzellenſtraße.“ „Vortrefflich, Herr Schwiegerſohn; damit er dem goitloſen ann!“ Es flog ein ſchwarzer Rabe wohl über den Rhein. 219 „Wenn er es thut, nehme ich's ihm wahrhaftig nicht übel; jeder Menſch ſehnt ſich nach friſcher Luft und nach heiteren Geſichtern!“ „Nach heiteren Geſichtern?“ wiederholte die Hauptmännin mit einem ſehr bedeutſamen Kopfnicken und einem ſehr verſtändlichen Blicke auf ihre Tochter.„Hörſt Du es wohl, Eliſe? Man ſehnt ſich nach heiteren Geſichtern, die man natürlicher Weiſe in ſeinem eigenen Hauſe nicht findet— man ſehnt ſich nach friſcher Luft, da Einem die Luft in ſtiller, ſolider Häuslichkeit wie verpeſtet erſcheint! — O, mein armes Kind, ich hätte das voraus wiſſen ſollen!— Doch Sie,“ wandte ſie ſich gegen Bergmüller, wobei ſie verſuchte, durch Streckung ihres dürren Körpers ein paar Zoll höher zu werden—„Sie ſollten ſich ſchämen, mit frecher Stirn ſolche un⸗ dankbare Aeußerungen zu thun— Sie, ein hergelaufener, ſogenannter Künſtler, dem man die Ehre angethan hat, ihn in eine ſolide Familie aufzunehmen!“ 4 1 Das war denn aber doch zu viel, ſelbſt für die große Geduld Bergmüller's; er ſchob ſeine Frau, die ſich ihm weinend entgegen⸗ geworfen, unſanft bei Seite, trat dicht vor die Hauptmännin hin und rief ihr mit flammendem Blicke zu:„Sie unterſtehen ſich, mir ſolche Dinge zu ſagen, und obendrein im Beiſein meiner Frau, Sie, die mich förmlich in dieſe Mörderhöhle hineinverlockt, wo ich zu Grunde gehen muß an Leib und Seele!“ „Um Gottes Willen, Friedrich!“ „Sie, die mich eingefangen haben, heraus aus dem heiteren, fröhlichen Sonnenſcheine, wo ich ein glücklicher Künſtler war— Sie Spinne, die mich mit ihren Fäden umgarnt, um mir langſam das Herzblut auszutrinken!“ „Ich beſchwöre Dich, Friedrich, höre mich!“ Doch er hörte ſie nicht, indem er ſprudelnd fortfuhr, der theuren Schwiegermutter ein allerdings ſehr gerechtes Sündenregiſter vorzuwerfen; er hörte auch nicht den Ton der Ladenklingel, obgleich dieſe gegen ſonſtige Gewohnheit derb läutete; er ſah auch nicht die 220 Dreißigſtes Kapitel. angſtvollen Blicke, welche ſeine Frau nach dem Eingange warf, und erſt als wie ein Klang aus früheren, beſſeren Zeiten der Ruf an ſein Ohr ſchlug:„Bravo, Nebelmüller, ſo iſt's recht— vortrefflich, Waldmüller, ſage dieſem alten Geſpenſte nur tüchtig Deine Mei⸗ nung!“ da erwachte er wie aus einem tiefen Traume, preßte, vor gewaltiger Aufregung an allen Gliedern zitternd, ſeine Hände vor die Augen und ſtand ein paar Secunden bewegungslos, ehe er ſeine Arme wieder niederſinken ließ. „Grüß Dich Gott, Kohlenmüller!“ „Siehſt Du, wir halten Wort, Waſſermüller, wir beſuchen Dich!“ „Alle zuſammen, Bergmüller, wie wir es Dir verſprochen!“ „Aber ſteh' nicht ſo verſteinert da, Kerl,“ ſagte der dicke van der Maaßen, indem er ihn an der Schulter packte und ſanft ſchüttelte; „Du haſt auf jeden Fall Recht gehabt, der Alten da die Meinung zu ſagen— wahrſcheinlich eine ſchlechte Zahlerin, die Dir obendrein Deine Rechnung abſtreiten wollte!“ „Du warſt gut im Zuge,“ brummte Walter—„ſchade, daß wir Dich geſtört haben!“ Rodenberg, der zuletzt hereingetreten war und deſſen richtiges Gefühl die Scene mit ihren handelnden Perſonen augenblicklich begriff, drängte ſich durch, reichte Bergmüller die Hand und ſagte in ruhigem Tone:„Wir ſind nur gekommen, um einen Augenblick nach Dir zu ſehen, van der Maaßen, Rüding und Walter; auch Knorx iſt mitgekommen, doch betrachtet er draußen vor dem Hauſe eine alterthümliche Conſole, die ihm, dem Bildhauer auffiel.— Das iſt wohl Madame Bergmüller?“ fragte er nach einer artigen Verbeugung gegen die kleine Frau.„Darf ich bitten, uns vor⸗ zuſtellen?“ Bergmüller ſchnappte nach Athem wie Jemand, der aus einem tiefen Strome an's Tageslicht gezogen worden iſt. Hier war es der bodenloſe Strom der Leidenſchaft, in welchem er wahrſcheinlich auf eine für ſich und die Schwiegermutter höchſt unangenehme Art untergegangen wäre, wenn ihn nicht die Ankunft der Freunde Es flog ein ſchwarzer Rabe wohl über den Rhein. 221 errettet und zu vernünftigem Bewußtſein gebracht hätte. Ja, ein mildes Gefühl von Wohlbehagen, ſelbſt von wehmüthiger Freude zog durch ſein zuckendes Herz, als er die alten, bekannten Geſichter vor ſich ſah und ſich nun plötllich der glücklichen Zeit erinnerte, wo er ihres Gleichen war— ein freier Künſtler. Aber er war nicht im Stande, ſie gleich ſo zu bewillkommnen, wie er es als ſolcher gethan hätte. Seine Augen ſchienen umflort zu ſein, ſeine Lippen zuckten, und es dauerte eine gute Weile, ehe er, der Auf⸗ forderung Rodenberg's gemäß, die Namen der Eingetretenen halb gegen ſeine Frau gewendet ausſprechen konnte. Die Hauptmännin hatte mit einem Sprunge, der einer gereizten Tigerin Ehre gemacht haben würde, die Ladenthür zu erreichen geſucht, um hinter derſelben zu verſchwinden; doch trat ihr der dicke van der Maaßen in übergroßer Gefälligkeit gegen ſeinen Freund raſch in den Weg und hielt ſie mit den Worten zurück:„Halt da, ma chère, man entwiſcht nicht wie der Marder vom Taubenſchlage! Oder iſt es Dein Wille, Bergmüller, daß ſie verſchwinden ſoll?“ Auch hier trat Rodenberg, den Madame Bergmüller mit ein paar Worten verſtändigt hatte, in's Mittel, indem er mit einer künſtlichen Heiterkeit ausrief:„Sei geſcheit, van der Maaßen, wir kamen gerade zu einem Carnevalsſcherze— die Dame iſt Berg⸗ müller's Schwiegermutter!“ „Die Frau Hauptmännin?“ ſprach Rüding ſchüchtern, indem er ſich ein paar Schritte zurückzog. „A— a-— a—ah,“ machte der würdige Employé des franzöſiſchen Hauſes in einem ſehr verblüfften Tone—„ſeine Schwiegermutter!“ „Alle Wetter,“ brummte Walter,„dieſer Carnevalsſcherz war verflucht natürlich geſpielt!“ Jeetzt hatte auch Bergmüller ſeine ganze Beſonnenheit wieder erlangt, und raſch dergeſtalt an die Thür tretend, daß ihn ſeine Schwiegermutter anhören mußte, ſagte er:„Dies, Madame, ſind meine guten und lieben Freunde, tüchtige Künſtler, welche gekommen ſind, den kölner Carneval zu feiern, und in deren Geſellſchaft ich 222 Dreißigſtes Kapitel. mir jetzt erlauben werde, dieſes ſtille, friedliche Dach für heute zu verlaſſen!“ Hierauf war es faſt erſchreckend anzuhören, in welch' furchtbar klingendes Lachen die Hauptmännin ausbrach, wobei ſie gegen jeden der Anweſenden einen ſehr tiefen und ausdrucksvollen Knix machte. —„Ah,“ rief ſie alsdann mit einer kreiſchenden Stimme,„jener würdige Herr dort hatte ganz Recht, wenn er von einem Carnevals⸗ ſcherze ſprach— gewiß, ein Carnevalsſcherz! Hoffentlich ſiehſt Du das ein, Eliſe, wie von Deinem Herrn Gemahl und ſeinen ver⸗ ehrungswürdigen Freunden ſo freundlich mit uns geſcherzt wird— ſiehſt Du dieſes abgekartete Spiel?— Deßhalb zog man einen Zank an den Haaren herbei, um eine Ausrede zu haben, den Carneval mitmachen zu dürfen— o, er wußte es zum voraus, daß dieſe würdigen Herren kamen! Merkſt Du es nun, Eliſe, welch' ſchlechtes Spiel beſtändig mit uns getrieben wird? Nur zu, nur zu, werther Herr Schwiegerſohn“— dabei knixte ſie abermals—„nur zu, würdige Freunde dieſes ſauberen Herrn“— und dabei knixte ſie noch tiefer—„doch wollen wir ſehen, wer am Ende Recht behält!“ Als ſie nach dieſer Anſtrengung mit einer faſt wahnſinnigen Haſt in der Taſche ihres Rockes herumwühlte und einen großen Bund Schlüſſel hervorzog, den ſie mit triumphirender Miene klirrend zeigte, wußte der arme Bergmüller wohl, was dies zu bedeuten hatte, denn an dieſem Bunde befand ſich auch der Schlüſſel zu ſeinem Kleiderſchranke, den die vorſorgliche Frau aus Furcht vor Dieben, wie ſie ſagte, abzuziehen und für alle Fälle bei ſich zu führen pflegte. „Nur zu, nur zu,“ jauchzte ſie,„man beluſtige ſich, man amuſire ſich auf's beſte, und ich wünſche dazu das außerordentlichſte Vergnügen!“ Sie machte einen abermaligen Verſuch, den Laden zu verlaſſen, und dieſes Mal in der Art eines ziſchenden Schwärmers, indem ſie einen großen Bogen um van der Maaßen herum beſchrieb; doch ſtellte ſich ihr an der Thür ein neues Hinderniß entgegen, und zwar Es flog ein ſchwarzer Rabe wohl über den Rhein. 223 in der Geſtalt ihrer Magd, die draußen im Gange mit aufgehobe⸗ nen Händen ſtand und lange nichts herausbringen konnte, als die Worte:„Ach, Madame, ach, Madame!“ „Und was will Sie denn von mir— Sie Gans?“ ſchnaubte die Hauptmännin.„Brennt es denn irgendwo im Hauſe— oder iſt ein Schornſtein eingefallen?“ „Ach, Madame— ach, Madame!“ „Halte Sie Ihr Maul und mach' Sie, daß Sie fortkommt!“ „Ach, Madame, ich kann ſchon fortkommen, aber die Anderen werden herkommen!“ „Was für Andere? Was faſelt Sie für wahnſinniges Zeug?“ „Die Anderen— die vom Carneval— hören Sie nur!“ Und in der That vernahm man jetzt von der Straße her den ſummenden Lärm Hunderter von Stimmen, dazwiſchen kreiſchendes Lachen und Gejohle, und tactmäßig begleitet vom Gebrumme einiger, wahrſcheinlich rieſenhafter Rummelspötte, das ausdrucksvolle Lied einiger Dutzend Straßenjungen, welche aus vollem Halſe brüllten: „Zum zerum, zerum Zafferon, Der Puckel en Papeer gedonn, Zum zirrewiddewit, zum zirrewiddewit, Zum zerum, zerum Zafferon!“ „Hören Sie, Madame? Das iſt der Carnevals⸗ mit die Carnevalsmägd!“ „Was geht mich der ganze Carneval an— ſchließ' Sie die Hausthür und mache Sie, daß Sie in Ihre Küche hinaufkommt!“ „Um Gottes willen, Madame, laſſen Sie die Hausthür nicht ſchließen— es iſt heute Weiber⸗Faſtnacht, und wenn ſie an einem Hauſe, worauf ſie's abgeſehen haben, die Hausthür verſchloſſen finden, ſo reißen ſie ſo lange an der Klingel, bis man aufmacht!“ „Wer ſoll ſich das unterſtehen? Was geht mich überhaupt die ganze Faſtnacht an?“ „Jeſus, Maria, Joſeph— da ſind ſie ſchon!“ Commiſſär 224 Dreißigſtes Kapitel. Und in der That kam durch die Gaſſe ein ganz eigenthümlicher, grotesker Zug daher. Voraus auf einem dicken Pferde ritt ein Mann in einer Uniform, welche eine entfernte Aehnlichkeit mit der eines Polizeibeamten hatte; ihm folgte auf einer ſchrecklich mageren Mähre ein noch magerer Schreiber, eine rieſenhafte Feder hinter dem Ohre, Schreibärmel an den Armen, mit einem gewaltigen Buche vor ſich. Hinter dieſen beiden Beamten des Helden Carneval zog eine Schaar von dreißig bis vierzig Dienſtmädchen, deren robuſte Körperformen mit den eckigen Bewegungen ſowie die frechen, furcht⸗ bar geſchminkten Geſichter unter den Käppesplättchen, beſonders aber die höchſt unzarten Scherze und Bemerkungen deutlich genug zeigten, daß man es mit verkleideten Männern zu thun hatte. Es lag etwas unausſprechlich Gemeines in der Art, wie ſie mit ihren breiten Schuhen in dem Schnee und in den Schmutzlachen herum⸗ tappten, wie ſie dabei ihre Röcke mit einer Hand emporhoben, während die andere Beſteck, Kochlöffel, Waſchlappen, Kohlenſchaufeln und ſonſtige Attribute des Haus⸗ und Küchen⸗Departements ſchwang, wie ſie an die Fenſter hinauf coquettirten und wie dabei zahlreiche Flaſchen von Hand zu Hand gingen. Es waren dies, wie die Köchin der Hauptmännin richtig be⸗ merkt, die Carnevalsmägde, welche an der Weiber⸗Faſtnacht durch die Straßen Kölns zogen und vor den Häuſern Halt machten, in welchen ſich eine als geizig, hart und zänkiſch verſchrieene Frau befand. Da hielt der Commiſſar ſein dickes Pferd an, pflanzte ſich vor dem Hauſe auf, und der Schreiber öffnete ſein großes Vuch, um Straße, Hausnummer und ſonſtige, oft ſehr deutliche Anſpielungen auf die Namen der Betreffenden vorzuleſen; dann erfolgte die Frage an den Mägdehaufen: ‚wer hier bei wenig Lohn und viel Arbeit in den Dienſt gehen wolle“, worauf alsdann nach einem unbeſchreib⸗ lichen Halloh faſt jede der Mägde irgend eine Eigenſchaft gegen die Betreffende vorbrachte, welche ſie veranlaßte, nicht hier in den Dienſt zu treten. 3 So zogen dieſe Racheſchaaren denn auch jetzt durch dieſe ſtille Es flog ein ſchwarzer Rabe wohl über den Rhein. Gaſſe, wo ſonſt vom Leben des Carnevals ſelten etwas gehört wurde, und der betäubende Lärm, den ſie dabei verurſachten, das Gelächter und Gejohle, das Gebrumme der Rummelspötte und das„Zum zerum, zerum Zafferon“ der Buben machte auf die Hauptmännin und deren Magd einen ganz verſchiedenartigen Eindruck. Letztere konnte ſich nicht enthalten, ſeitwärts einen boshaften, triumphirenden Blick auf ihre Herrin zu werfen, denn durch ihr haßerfülltes Gemüth zog, freilich mit anderen Worten, der poetiſche Gedanke des wunderbaren Liedes: „Hirtenknabe, Hirtenknabe, Dir auch ſingt man dort einmal!“ In der Hauptmännin dagegen ſtieg eine Ahnung auf, daß es ſich hier um etwas Unangenehmes handle, dem allerdings dadurch zu ent⸗ gehen wäre, daß man ſich mit zugehaltenen Ohren in irgend einen gehei⸗ men Winkel des Hauſes flüchte; doch gibt es Augenblicke, wo wir durch⸗ aus das nicht zu thun im Stande ſind, was wir gern thun möchten. So können wir ja häufig einen unangenehmen Brief nicht auf die Seite werfen, deſſen erſte Zeile uns ſchon ſchwer verletzt— ſo lauſchen wir vielleicht widerſtrebend einem Zwiegeſpräche, das uns tief verwundet, oder wohnen einer Scene bei, der wir beſſer gethan hätten, zu entgehen. „Zum zerum, zerum Zafferon, Der Puckel en Papeer gedonn, Zum zirrewiddewit, zum zirrewiddewit, Zum zerum, zerum Zafferon!“ brüllten die Buben jetzt dicht vor dem Hauſe mit einem furchtbaren Taktgefühle, und es klang das in der engen Gaſſe, als ſängen die Pflaſterſteine und Häuſer ebenfalls mit: „Bum zirrewiddewit, zum zirrewiddewit, Zum zerum, zerum Zafferon!“ Die Hauptmännin ſtand da wie feſtgebannt, ſie war nicht im Stande, in einen ſtillen Winkel des Hauſes zu fliehen, noch viel niger aber mochte ſie in den Laden zurücktreten, und am aller⸗ nigſten war die Köchin dazu zu bringen, die Hausthd zu ſchließen. Hackländer'’s Werke. 54. Bd. 226 Dreißigſtes Kapitel. Der Commiſſar hatte ſein Pferd gegen das Haus gewandt, der Schreiber ſein Buch geöffnet, und die vierzig Mägde umgaben die beiden Beamten im Halbkreiſe und ſtarrten mit weit aufgeriſſenen Augen, in Unordnung gerathenen Röcken, zerzausten Perrücken und verſchobenen Hauben das Haus an; ein paar der frechſten hatten ſich auf die Haus⸗ treppe gemacht und lachten grüßend in den halbdunkeln Flur hinein. So weit man ſehen konnte, war die enge Gaſſe mit Neugierigen vollgepfropft und an den Fenſtern der meiſten Häuſer drängte ſich Kopf an Kopf. Der Commiſſar machte jetzt bedächtig eine Viertels⸗ wendung gegen ſeine Untergebenen und rief mit einer fetten Stimme: „In derſelbigten Straße das Haus Numero 46!“ worauf der Secre⸗ tär ſein Buch auflegte, es bequem vor ſich auf den Sattelknopf nahm, eine ungeheure Kneipbrille aufſteckte und unter deren Einfluß in näſeln⸗ dem Tone ablas:„Bewohnt von einer Wittfrau, deren Mann in ſeinem ganzen Leben nicht zu ſagen brauchte: ‚Gott ſtraf' mich!— Hat auch einen Bruder, dieſelbigte Wittfrau, den ſie pflegt für viel Geld mit ſchlechte Wort— hat auch eine Tochter, die Angſt hatte, eine alte Quiſſel zu werden, und der ſie einen Mann kaufte, ein armes Lamm, das des Hauſes Sünde trägt!— Wer will hier in Dienſt gehen?“ Ein nicht zu verkennendes Murren und Grunzen erſcholl aus der Schaar— ſelbſt die Rummelspötte gaben durch einen tief⸗ brummenden Ton ihr Mißfallen zu erkennen. „Hurrah!“ jauchzten die Buben. Der Commiſſar erhob ſich in ſeinen Steigbügeln, ſchaute mit einem ernſten Geſichte um ſich her und winkte dann, wobei er rief:„Du, Drück⸗ chen, komm' heran, Du ſcheinſt mir hier ins Haus zu paſſen— an Deinem Leibe haſt Du ſchon was zuzuſetzen, und was Deine Zunge anbelangt, ſo wird man ſogar in dem Hauſe davor Reſpekt kriegen!“ „Ich, Herr Commiſſar?“ ſchrie eine gewaltige Stimme aus dem Haufen, worauf ſich die Beſitzerin derſelben, eine vierſchrötige Perſon, vorſchob—„ich habe nicht ſo viele Sünden in m we Leben begangen, um bei dem Hausteufel da nur acht Tage Buße zu thun— daß man nichts zu eſſen kriegt und arbeiten mi Es flog ein ſchwarzer Rabe wohl über den Rhein. 227 zehn Pferde, davon wollt' ich gar nichts reden, aber in dem Hauſe hat man am Tage keine Gemüthsruhe und Nachts keinen Frieden!“ „Ja, ja, das iſt bekannt,“ ſchrie ein Dutzend Stimmen aus der Schaar—„wenn man am Tage nicht ſelbſt geſcholten wird und geſchunden wie ein Poſtpferd, ſo muß man mit anſehen, wie Andere von dem Hausteufel bis aufs Blut geplagt werden, und was nun die Nacht anbelangt, da geht er um— der Hausteufel nämlich—, ſtiehlt ſich ſelbſt Brod, Kartoffeln und Kaffeebohnen und ſagt am anderen Morgen, die armen Dienſtboten hätten's gethan!“ „Hurrah, der Hausteufel!“ „Alſo Du willſt hier nicht in Dienſt treten?“ „Gott ſoll mich bewahren, Herr Commiſſar! Der kann man ja nicht einmal wünſchen, daß ſie der Teufel holen ſoll, denn ſie kann ſich ja nicht ſelbſt mitnehmen!“ „Und ſonſt iſt Niemand da, der hier in Dienſt will?“ Abermaliges Murren und Grunzen folgte dieſer Frage des Com⸗ miſſars, und eine helle Stimme rief:„Nicht für einmalhunderttauſend Thaler!“* „So wollen wir weiterziehen,“ ſagte der Carnevals⸗Beamte;„wir haben noch viel zu thun, ehe wir fertig ſind— vorwärts marſch!“ „Muſik, Muſik!“ jauchzten die Buben. Und auf dieſes Commandowort hin fingen die Rummelspötte wieder an zu brummen. Der Commiſſar und ſein Schreiber ritten voran und die Mägde folgten Arm in Arm zu Dreien und Vieren in einer langen Reihe, die nun ihr„Zum zerum, zerum Zafferon“ jauch⸗ zend wieder begannen und unermüdlich fortſetzten, bis dieſer Geſang, allmählich ſchwächer und ſchwächer werdend, ſich in der Ferne verlor. „Zum zirrewiddewit, zum zirrewiddewit, Zum zerum, zum Zafferon!“ Hierbei dürfen wir der Wahrheit gemäß nicht verſchweigen, daß der lange Bildhauer bei dieſer ganzen Verhandlung vor dem Hauſe ſtehen geblieben war und, trotzdem er ſich ſo dicht wie mög⸗ lich an daſſelbe gedrückt, doch die Aufmerkſamkeit der Mägde er⸗ 228 Dreißigſtes Kapitel. regt hatte, von denen eine der größten und ſtärkſten ihn plötzlich unter dem Arme faßte und trotz ſeines Widerſtrebens zum Mit⸗ ziehen zwang, nachdem ſie ihm einen Beſen in die Hand gedrückt hatte, was den Jubel der Buben noch bedeutend vermehrte. „Ach, Madame,“ rief jetzt die Köchin, mit ſehr geheuchelter Enirüſtung die Hände zuſammenſchlagend,„hat man ſeiner Lebtag ſo was Schändliches gehört! Ach, Madame, Madame, haben Sie auch Alles recht verſtanden?“ Die Hauptmännin nickte ſtumm mit dem Kopfe— ſie hatte ſich gegen die Wand des Ganges gelehnt und war nicht im Stande, Ein Wort hervorzubringen. „Maria und Joſeph— haben ſie die Frau Hauptmännin das allerſchlechteſte geſchimpft, was man Jemanden ſchimpfen kann!“ „Mich— ja— mich—— ich ſei— ein— Hausteufel.“ „Ja, Madame, das haben ſie geſagt— und Sie gäben mir nicht fatt zu eſſen und Sie thäten ſich ſelbſt beſtehlen und ſagten, ich hätte es gethan!“ „Ja— das— haben ſie Alles geſagt.“ „O, noch viel mehr, noch viel mehr, Madame!“ rief die Köchin mit einer Lebhaftigkeit, welche Mitgefühl ausdrücken ſollte, aber genau wie Schadenfreude klang. „Gebe ich Dir nicht ſatt zu eſſen?“ „O doch, Madame— dann und wann doch— aber machen Sie ſich nichts daraus, was ſie geſagt haben; dies geſchieht bei allen Häuſern ſo, wo eine böſe Frau iſt, wie ſie ſagen.“ „So, ſo,“ ſagte die Hauptmännin mit böſer Stimme und ſetzte hinzu:„Rufe mir meine Tochter heraus!“ Madame Bergmüller hätte übrigens, um zu ihrer Mutter zu eilen, auf dieſen Ruf nicht gewartet, wenn ihr Mann ſie nicht zurückgehalten hätte; jetzt aber eilte ſie hinaus, und als ſie ihre Mutter draußen ſtehen ſah, zuſammengeſunken an der Wand lehnend und langſam mit dem Kopfe nickend, da brach ſie in Thränen aus, faßte ſie unter dem Arme und führte ſie dann mit Beihülfe der Köchin hinauf in ihr Zimmer. In dem Laden waren indeſſen die Künſtler, mit Ausnahme Berg⸗ Es flog ein ſchwarzer Rabe wohl über den Rhein. 229 müller's und Rodenberg's, der grotesken Scene draußen mit außerordent⸗ lichem Intereſſe gefolgt, ja, der ſanfte Eduard hatte ſein Skizzenbuch her⸗ vorgenommen, um den Commiſſar, den Schreiber und einige Mägde in flüchtigen Strichen aufs Papier zu werfen. Rodenberg hatte ſich zu Berg⸗ müller und deſſen Frau gehalten und den Verſuch gemacht, dem ängſtlich zitternden jungen Weibe dieſe Sache von der komiſchen Seite darzuſtellen. Als dieſe nun auf den Ruf ihrer Mutter das Zimmer ver⸗ laſſen hatte und der Lärm der Bande verklungen war, ſagte Roden⸗ berg zu ſeinem Freunde, indem er die Hand auf ſeine Schulter legte:„Ar⸗ mer Kerl, ſo hoffte ich Dich nach unſerem luſtigen Abſchiede im Grünen Baume nicht wiederzufinden! Deine theure Schwiegermutter ſcheint ja eine böſe Sieben zu ſein in des Wortes verwegenſter Bedeutung!“ „O, eine ſchlimme Vierzehn, wenn dieſe Benennung ſo ausgedehnt werden kann! Ich habe ſchon hier auf Erden den Vorgeſchmack der Hölle!“ „Zugeſtanden,“ brummte Walter, der ſich mit einem ausdrucks⸗ vollen Kopfnicken näherte—„ich bin ſonſt gerade nicht furchtſam, aber die Augen, welche die Alte machte, als ſie uns wie wahnſinnig an⸗ knixte, haben mir einen gewaltigen Reſpect eingeflößt; es liegt darin etwas Klapperſchlangenartiges, und ich glaube, ich hätte in dem Momente nicht zugreifen können, wenn ich auch gewollt und gedurft hätte.“ „Und wie ſtehſt Du mit Deiner Frau?“ fragte Rodenberg— „ſie ſcheint mir nicht übel zu ſein.“ „Gewiß nicht; ſie hat das gute Gemüth ihres Vaters, der ein ſtiller Dulder war, bis er ausgeduldet hatte, und der wohl im Jenſeits keine andere traurige Idee mehr hat, als die, ſeine Gattin einſtens wiederſehen zu müſſen!“ „Nun, ich freue mich, daß Dein Humor wenigſtens nicht ganz in die Brüche gegangen iſt,“ bemerkte Walter.„Sage mir aber Eins, haſt Du nie einen kräftigen Verſuch gemacht, Dich ein wenig zu emancipiren? Denk' an das Wort unſeres großen Schiller: „So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten, Was durch die ſchwache Kraft entſpringt, Den ſchlechten Mann muß man verachten, Der niemals in die Keite ſpringt.“ Dreißigſtes Kapitel. „Als wir eintraten, machteſt Du allerdings einen glücklichen Verſuch dazu; aber Verſuchen und Vollbringen iſt häufig weit ge⸗ trennt durch ein weiches Gemüth, und Du warſt niemals der Ener⸗ giſchſte, lieber Waſſermüller!“ „Leider Gottes— und darin habe ich gefehlt!“ „Was wollte denn die Alte mit ihrem Schlüſſelbunde?“ fragie der alte Maler.„Sie ſah mit demſelben aus wie die Pförtnerin zur Hölle— was bedeutete die Pantomime?“ Statt zu antworten, faßte Bergmüller mit beiden Händen den unteren Rand ſeiner Kattunjacke und zog heftig daran. „Ah, ich verſtehe, bin aber begierig, ob die etwas derbe, aber höchſt paſſende Carnevals⸗Anſpielung nicht wohlthätig auf dieſes harte Gemüth einwirkt!“ „Ich fürchte das Gegentheil.“ „Wer weiß— ich bilde mir doch ein, es hat ihre Nerven erſchüttert; doch da kommt Deine Frau zurück und mit einer Miene, welche gerade nichts Schlimmes verſpricht.“ Und ſo war es auch in der That. Madame Bergmüller trat eilig in den Laden mit Blicken, die ſo heiter leuchteten, daß von dem früheren ſcharfen Ausdrucke ihrer Augen gar keine Spur zu⸗ rückgeblieben war; auch war der moquante Zug um ihre Lippen einem freundlichen Lächeln gewichen. Als ſie ſich raſch ihrem Manne näherte, zogen ſich die beiden Freunde discret zurück, und dann ſagte ſie haſtig:„Ich komme von der Mama, lieber Fried⸗ rich, die ſich niedergelegt hat! Die Scene, welche die unartigen Leute vor unſerem Hauſe aufſpielten, hat ſie angegriffen— ſehr angegriffen,“ ſetzte ſie mit einem bedeutſamen Ausdrucke in Blick und Ton hinzu—„hier ſind— Deine Schlüſſel, geh' mit Deinen Freunden, und wenn Du nachher— ſpäter— heute Abend zurück⸗ kommſt, ſo ſollſt Du von mir jedenfalls ein freundliches Geſicht ſehen!“ Nach dieſen Worten gab ſie ihm die Schlüſſel und auch ſonſt noch etwas in die Hand, worauf er ſich eines leichten Seufzers Es flog ein ſchwarzer Rabe wohl uͤber den Rhein. 231 nicht enthalten konnte, dann aber die kleine Frau in einem Ge⸗ fühle des Dankes auf ihren friſchen Mund küßte. Nun wandte ſich Madame Bergmüller gegen die Künſtler, welche angelegentlich zum Fenſter hinausſchauten, und ſagte ihnen in verbindlichem Tone, wie ſie hoffe, dieſelben noch vor ihrer Ab⸗ reiſe von Köln bei ſich zu ſehen, und wie ſie ihnen bei dem jetzigen heiteren Leben Kölns alles mögliche Vergnügen wünſche. Dann verſchwand ſie nach einer freundlichen Verbeugung. Auch Bergmüller verließ nach ihr den Laden, um gleich darauf in einem hübſchen Anzuge wieder zu erſcheinen, den er unter der Thür des Ladens dadurch vervollſtändigte, daß er mit einer herausfordernden Miene ſeinen Hut etwas ſchräg aufſetzte und durch einen leichten Klaps in ſein dickes Haar drückte—„ſo, jetzt gehen wir mit einander, die gerechte Sache hat geſiegt, und darauf wollen wir ein paar Flaſchen austrinken!“ Mittlerweile war auch der Lehrling ſchüchtern eingetreten, und der Herr des Ladens wollte gerade beginnen, ihm tüchtig die Mei⸗ nung zu ſagen, als Walter ihn mit dem Ellenbogen anſtieß und leiſe brummend ſagte:„Sei gerecht, Nebelmüller, ſchenk' dem armen Teufel lieber zehn Silbergroſchen, daß er ſich amuſiren kann!“ „Ja, Kohlenmüller,“ lachte Rodenberg,, als Opfer der Dankbarkeit auf den Altar Deiner Penaten; denn wenn Du jetzt ohne Uebermuth, wie ein kluger Menſch handelſt, ſo kannſt Du die Zügel in die Hand bekommen!“ „Gehen wir, gehen wir,“ drängte Rüding, nachdem er ſein Skiz⸗ zenbuch eingeſteckt hatte;„wir müſſen ſehen, wo Knorx geblieben iſt, den ſie mit fortgeſchleppt haben— ein armes, wehrloſes Schlachtopfer!“ Die Komödie der carnevaliſtiſchen Mägdeverdingung ſchien mit der eben erzählten Scene vor dem Hauſe ſechsundvierzig zu Ende geſpielt zu ſein, und unſere Freunde, ſo ſehr ſie ſich auch beeilten, die ganze Schaar noch einzuholen, erreichten dieſelbe doch erſt auf dem Heumarkte, als ſie im Begriffe waren, aus einander zu gehen, nachdem ihnen der Commiſſar von ſeinem Pferde herunter noch eine Rede gehalten über weibliche Tugenden im Allgemeinen, ſowie über die Pflichten und Rechte einer Dienſtmagd. XXXI. „Ich wähle mir den Liebesgott zum Schenken!“ Der lange Bildhauer befand ſich noch immer am Arme einer dieſer robuſten Geſtalten und ſchien derſelben durchaus nicht mit Widerſtreben zu folgen. Bergmüller, welcher in ſeiner Eigenſchaft als kölner Bürger hier zu Gunſten des Freundes glaubte auftreten zu müſſen, wunderte ſich ſehr, als ihm Knorx mit freundlicher Miene zur Begrüßung ſeine Hand entgegenſtreckte, ohne aber den Arm ſeiner Gefährtin loszulaſſen. Und als dieſe jetzt mit der einen Hand die breiten Striche ihrer Haube in die Höhe warf und ihr Geſicht lachend dem jungen Papierhändler zuwandte, zog dieſer mit einem eben ſo verblüfften als erſtaunten Geſichte ehrfurchtsvoll den Hut und ſagte:„Herr Commercienrath', wer hätte ſich das denken können!“ „Sind wir nicht im Carneval, Herr Bergmüller?“ erwiederte die rieſenhafte Köchin, einen gewaltigen Staubbeſen ſchwingend— „im kölner Carneval, den Jeder mitfeiern ſoll und muß, Hoch und Gering, Arm und Reich, Alles durcheinander, und haben wir unſere Maskerade hier nicht zu einem ſehr löblichen Zwecke unternommen? — Ich meine, auch Sie werden davon profitirt haben! aber jetzt vorwärts, wenn es Ihnen gefällig iſt— Ihren Freund da laß ich heute nicht mehr los; jetzt wollen wir uns irgendwo eine gute Flaſche kriegen und luſtig ſein!“ Ich wähle mir den Liebesgott zum Schenken! 233 „Ja, das wollen wir,“ erwiederte Bergmüller freudig„wenn Sie mir alſo, Herr Comm—....“ 4 „Laſſen Sie das unterwegs,“ fiel ihm der Andere raſch ins Wort;„heute bin ich nur Oeſchelchen ohne elftauſend Jungfrauen, denn ſie find im jetzigen Jahre ſchwer zuſammenzubringen.— He,“ rief er einigen anderen der Dienſtmädchen zu, die im Begriffe waren, ſich Arm in Arm zu entfernen,„Ihr geht doch auch zu Reichard? Alſo vor⸗ wärts! Das ſind wohl Freunde von Ihnen, Herr Bergmüller?“ wandte er ſich wieder an dieſen—„wenn ſie ein luſtiges Geſpräch und ein gutes Glas Wein vertragen können, ſo ſollen ſie nur mitkommen!“ „Es ſind Künſtler und allerdings Freunde von mir, die den Carneval mitmachen wollen!“ „Das iſt gut. Dem Anderen hier, den ich am Arme habe und den wir von Ihrem Hauſe mitgenommen, wo er gar zu melancholiſch in die Welt hineinſtarrte, habe ich ſchon einige Lebensregeln gegeben, und ich glaube, daß, wenn wir noch ſo einige zwanzig Flaſchen zuſammen trin⸗ ken, ſo fängt er an aufzuthauen, wie ein Eiszapfen in der Sonne!“ „Geck, lohs Geck elans!“ rief eine von den drei anderen ver⸗ kleideten Weibern, welche Arm in Arm vor ihnen hergingen, als ſie einigen Officieren begegneten, die dann auch, freilich mit hoch em⸗ porgezogenen Naſen und verdrießlichen Mienen, auf die Seite traten. „Ich habe ſchon angefangen, meinem ſtillen Freunde hier etwas von der kölner Carnevals⸗Philoſophie beizubringen. Einer der Haupt⸗ ſätze derſelben liegt in dem Ausſpruche, den unſere Freundinnen da vorn ſoeben den ſo verdrießlich dreinſchauenden Lieutenants gegeben: Geck, lohs Geck elans!’— und darin liegt ungeheuer viel carne⸗ valiſtiſche Weisheit begraben und es entwickeln ſich daraus die praktiſchſten Lebensregeln: Wenn Du mich ungeſtört läßt, ſo laſſe ich Dich ebenfalls ungeſtört Deinen Vergnügungen nachgehen; thue Jeder im Narrenthum ſeine Schuldigkeit, und was ich an Geckerei und Lotterboverei Preis gebe, ſoll Dich durchaus nicht kümmern, inſofern es nur zur allgemeinen Heiterkeit beiträgt. Geck, lohs Geck elans! Verſtehe meinen Scherz, nimm ihn als ſolchen auf und 234 Einunddreißigſtes Kapitel. laß ihn paſſiren, wie ich ihn ausgeſandt, aus närriſchem Herzen zu närriſchen Herzen— haben Sie mich verſtanden?“ „Ich glaube ſo, ich fange an zu begreifen,“ antwortete der lange Bildhauer mit einem leichten Lächeln. „So kann ich mir ſchon erlauben,“ fuhr Oeſchelchen fort, in⸗ dem ſie, um eine naſſe Stelle der Straße zu überſchreiten, ihre Röcke höher aufhob, als gerade nothwendig war,„Sie über einen zweiten, nicht minder wichtigen Grundſatz aufzuklären, welcher aber ſo faßlich geſetzt iſt, daß er eigentlich keines Commentars bedarf; im gegenwärtigen Augenblicke iſt er überdies ſehr paſſend, da er ſich auf unſer nächſtes Vorhaben bezieht: ‚Laßt uns noch einen Schoppen kriegen! Wer weiß, ob wir morgen noch ſind, und wenn wir morgen todt ſind, dann bringt uns kein Menſch was nach!’— Bedürfen Sie darüber einer Aufklärung?“ „Nein— ich glaube, ich kann es begreifen.“ „Das iſt mir lieb, und ich zweifle nicht länger, daß aus Ihnen einmal ein tüchtiger Geck werden kann, und zur Belohnung für Ihr raſches, richtiges carnevaliſtiſches Faſſungsvermögen will ich Ihnen noch einen bisher von Ihnen gewiß ungeahnten Spruch unſerer Lebensweisheit mittheilen. Sehen Sie— vor uns, das iſt der Rhein, und dem Reinen iſt Alles Rhein, und wir vor Allem in unſerem Carneval. So kann man auch von dieſem Spruche ſagen: Tiefer Sinn liegt oft im kind'ſchen Spiele— denn wenn Du Alles am Rheine mit kindlichem Gemüthe und richtigem Ge⸗ ſchmacke verſuchſt, ſo wirſt Du auch unterſcheiden, ob am Rhein der Wein rein oder unrein iſt, und dieſes Verſtändniß iſt von der un⸗ geheuerſten Wichtigkeit, da es nach einer luſtig vertrunkenen Nacht den Leiendecker von Deinem Kopfe fern hält. Vielleicht klingt Dir dies noch ein wenig dunkel, theurer Freund Bildhauer; doch haben die Regeln unſerer Lebensweisheit dies mit der ganzen übrigen Philoſophie gemein, und wenn Du erſt einmal über das ABC der ſämmtlichen Carnevals⸗Vergnügungen hinausgekommen biſt, ſo geht Dir ein wahres Lichtmeer auf, eine Helle wie von zehntauſend Fackeln.“ — Ich wähle mir den Liebesgott zum Schenken! 235 Während ſo Knorx, Bergmüller, Rüding mit Oeſchelchen, Drückchen und wie ſie Alle heißen mochten, auf irgend eine famoſe Weinkneipe losſteuerten, folgten ihnen Rodenberg und Walter Arm in Arm, lachend über die ſeltſamen Geſtalten, namentlich über die ihres langen, dürren Freundes, der im gegenwärtigen Augenblicke ein zu komiſches, aber wahres Bild gab: Don Quixote mit der Dulcinea von Toboſa. Nachdem ſie nun eine Zeit lang hinter den Anderen drein⸗ geſchlendert waren, fragte Rodenberg:„Hat Rüding und Knorx noch keine Bemerkung gemacht in Betreff meiner Anverwandten? Haben ſie noch kein Verlangen ausgeſprochen, ihr vorgeſtellt zu werden?“ „Knorx nicht— Du weißt, er ſcheut ſich überhaupt vor Damenbekanntſchaften. Der ſanfte Eduard aber wollte es geſtern ſonderbar finden, daß wir von der Herrin des Hauſes noch nicht empfangen worden ſeien. Ich habe ihm aber auseinandergeſetzt, wie eine alte, vielleicht auch kränkliche Dame nicht immer in der Laune ſei, ſich auf einmal ein halbes Dutzend Fremde vorſtellen zu laſſen— das würde Alles ſeiner Zeit ſchon kommen— verſtehe mich wohl, ich ſprach nur von einer alten Dame.“ „Wofür ich Dir beſtens danke; doch müſſen wir ſie auch der jungen Dame, deren Exiſtenz ich Dir, dem bewährten Freunde, ja ſogleich zugeſtanden habe, vorſtellen.“ „Ich habe nicht weiter nach Ihr gefragt— Du wirſt meiner Discretion alle Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ „Wie immer,“ ſagte Rodenberg lachend—„aber da wir uns ſtark dem Carneval nähern und ſich dieſe junge Dame nun einmal in den Kopf geſetzt hat, den großen Maskenzug mitzumachen... 4 „Ah— bahl“ unterbrach ihn Walter. „Zu Pferde mitzumachen, ſo kann ſie nicht unſichtbar bleiben, und ich muß Euch ihr je eher je lieber vorſtellen.“ „Darin ſehe ich keine Schwierigkeit; Knorx hat ſchon lange vergeſſen, daß von einer alten Anverwandten die Rede war.“ „Aber Cupido, unſer ſanfter Eduard— glaubſt Du, daß er 236 Einunddreißigſtes Kapitel. ſich noch der ſchönen Sängerin auf jener Soirée bei dem Prinzen Heinrich erinnern wird, die uns Alle ſo entzückte, oder jener reizen⸗ den Jägerin, die beim Künſtlerfeſte mit mir am Hoflager des Prinzen Maiwein erſchien?“ „Ich glaube kaum,“ gab Walter zur Antwort, nachdem er eine Weile nachgedacht—„bei jener Soirée war er zu ſehr mit der Dame in Lila und ihrem Mops beſchäftigt, und was jenen Zeitpunkt unſeres Künſtlerfeſtes anbelangt, ſo war er des ſüßen Weines ſo voll, daß er den Himmel für eine Baßgeige anſah.“ „Das iſt mir lieb, denn ich möchte in dieſer Richtung alle Combinationen vermeiden— und van der Maaßen?“* „War gar nicht bei jener Soirée und befand ſich damals im Walde ebenfalls in einer ſo gehobenen Stimmung, daß er ſich um alle gegenwärtigen Schönheiten nicht mehr bekümmerte und nur noch an ein Liebchen dachte weit in nebelgrauer Ferne.“ „Das iſt Alles ſehr gut, aber etwas haben wir doch vergeſſen: die auf⸗ fallende Aehnlichkeit dieſer jungen Dame mit ihrer Schweſter Conchitta.“ „Unbeſorgt. Ich glaube nicht, daß einer von den Beiden unſere liebenswürdige Collegin öfter geſehen hat— was macht ſie — ſahſt Du ſie in den letzten Tagen vor unſerer Abreiſe?“ „Flüchtig— ich hatte meine Gründe dazu, das Haus unſeres theuren Michel Angelo zu meiden.“ „Und glaubſt Du an eine Heirath zwiſchen Conchitta und ihm?“ Rodenberg zuckte mit den Achſeln, ehe er antwortete:„Es iſt mir ſchrecklich, daran zu glauben, und doch, wer verſteht die Launen eines Mädchenherzens— eines ſo feſten, verſchloſſenen, in ſich ſelbſt zurückgezogenen Charaklers!“ 1„Du haſt Recht, ſo iſt ſie, und doch hatte ich, ein alter Fuchs und ſchlauer Beobachter, Gelegenheit, zu ſehen, wie ein nicht zu mißdeutender Strahl ſüdlicher Gluth aus dieſem ſo ruhigen, ja, kalt blickenden Auge brach.“ „Wo war das, wenn es kein Geheimniß iſt?“ fragte Roden⸗ berg mit großer Theilnahme und begierig, zu erfahren, ob die Vermuthung des Freundes mit der ſeinigen zuſammentraf. — Ich wähle mir den Liebesgott zum Schenken! 237 „In Roderich's Atelier.“ „A— a— a-—ah, ſo!“ „Da erzählte uns Conchitta einmal eine Geſchichte, der wir Alle, aber mit verſchiedenartiger Aufmerkſamkeit lauſchten— ich, indem ich mich für ihre Erzählung intereſſirte; Lytton aber, der gegenwärtig war, und jener Baron Mops vom Höllenſteine.... „Du meinſt, Hund vom Höllenſteine.“ „Mops— Mops, laß mir dieſe Grille; ich habe mir ihn ſo carikirt mit ſeinem Glasſcherben im Auge.“ „Vergiß Deine Rede nicht.“ „Nun ja, die Beiden, ſowie auch Nebelmüller, dem ich es gar nicht zugetraut hätte, ſchauten das junge Mädchen mit ſo gluth⸗ vollen Blicken an, daß ſie ihre Augen förmlich niederſchlug; wenn ſie dieſelben alsdann aber wieder öffnete, ſo geſchah das nur, um Olfers anzuſehen, aber mit einem Ausdrucke, den ich nicht vergeſſen werde, und wenn ſich alsdann ihre Blicke zuweilen trafen, ſo war es gerade, als ſprühten ein paar Blitze gegen einander.“ „Du biſt ja ein aufmerkſamer Beobachter!“ „Zuweilen.“ „Alſo Du glaubſt, Conchitta habe Olfers geliebt?“ „Gewiß— vielleicht unbewußt.“ „A— a— a—ah!“ machte Rodenberg lebhaft—„und könnie plötzlich zum Bewußtſein gekommen ſein?“ „Das iſt möglich.“ „Und in dieſem Falle könnte ſich dieſer ſeltſame Charakter vielleicht aus Pflichtgefühl entſchließen, Michel Angelo zu heirathen — das wäre ſchrecklich!“ 4 „Aber Roderich iſt von ſeiner Frau geſchieden!“ „Er wird geſchieden werden— aber wer weiß, ob Madame Olfers nicht eine Gelegenheit wahrgenommen hat, um dem jungen Mädchen die Schuld dieſer Scheidung aufzubürden— bei Gott, es ſähe ihr ähnlich, und mir wird ein kleiner Vorfall klar, über den ich in dieſer Beziehung noch nicht nachgedacht— erinnerſt Du Dich, 238 Einunddreißigſtes Kapitel. daß ich am Abende unſeres Künſtlerfeſtes in dem Garten unſeres Vereins Conchitta's Skizzenbuch fand?“ „Dasſelbe, welches ihr Figaro zurückbringen mußte?“ Rodenberg nickte mit dem Kopfe—„ich erkundigte mich bei dem Gärtner, wie es dorthin gekommen ſein möchte, und er ſagte mir, zwei Damen hätten auf der Steinbank, wo ich das Buch fand, nach unſerem Abzuge geſeſſen, und eine von dieſen ſei Frau Olfers geweſen. Wer die andere war, darüber herrſchte kein Zweifel, und daß dieſe, welche ihr Skizzenbuch und auch einen Strauß Maiblumen vort liegen ließ, den Garten in großer Aufregung verlaſſen, geht wohl aus dem eben erwähnten Umſtande hervor— doch bei alle⸗ dem hoffte ich, daß Conchitta ihre Gewiſſenhaftigkeit nicht ſo weit treiben werde, um ſich zeitlebens unglücklich zu machen.“ „Sie und unſer guter, kleiner Schmitz— das wäre gerade ſo, als wenn ſich der Paradiesvogel mit der Krähe verheirathen wollte!“ „Roderich hörte auch von dem Gerede, ich weiß das genau, und es drückte ihn ſchwer.“ „Glaubt er daran?“ „Es ſchien mir ſo, und ich denke faſt, es erleichterte ſeinen Entſchluß, abzureiſen.“ „Er reiste doch nur, um ſein Kind aufzuſuchen— wenn er es gefunden hat, wird er gewiß zurückkehren.“ „Wer weiß— ich fürchte beinahe, als ob die Vorfälle der letzten Zeit, auch Conchitta's Benehmen, welche ſich zuletzt gänzlich von ihm zurückgezogen, ihm den Aufenthalt bei uns verleidete; auch iſt Lytton nach Hauſe gegangen, und an dem hing er mit einer ſchwärmeriſchen Freundſchaft.“ „Armer Roderich!“ knurrte Walter mit einem Anfluge von Rührung.„Es iſt ſchrecklich, wenn man bedenkt, wie ſo mit Einem Schlage eine ganz glückſelige Exiſtenz aus einander fliegen kann— er führte doch ein beneidenswerthes Leben!“ „Als Künſtler— in ſeinem Atelier.“ „Ganz recht— ich kannte ihn eigentlich nur da. War es Ich wähle mir den Liebesgott zum Schenken! 239 nicht ein herrlicher Aufenthalt, dieſes Atelier, dieſe Sammlung von ſo viel Schönem und Geſchmackvollem, durchweht vom beſten Künſtler⸗ geiſte ſeines Beſitzers? Mir altem Kerl war es in ſeiner Ruhe und behaglichen Stille wie eine Capelle, wohin ich gern in Künſtler⸗ andacht zog. Dieſer im Winter ſo ſanft durchwärmte Raum mit der Pflanzenpracht des Südens und den murmelnden Spring⸗ brunnen, während draußen Alles von Schnee und Eis ſtrotzte! Und im Sommer, welche erfriſchende Kühle, welch ſüßes Nichtsthun in einem der alten Lederſeſſel, bei einer prächtigen Cigarre und einem kühlenden Gemiſche von Waſſer und Cognac— dahin— dahin! Auch dieſer kleinen Lebensfreude, die mir noch blieb, iſt der Nerv abgeſchnitten, wenn er nicht zurückkommt und bei uns bleibt, und ich fürchte, er kommt nicht zurück!“ „Ich fürchte es auch!“ „Er fort— Lytton, der auch ein guter Kerl war, fort— van der Maaßen fort, Knorx fort, der auch eine Miene macht, als wenn er nicht mehr zu lange bei uns aushalten würde, Du fort, denn ich traue Dir zu, daß Du Luſt haſt, Dich in der Welt um⸗ zuſchauen— die deutſche Kunſt am Verſchwinden! Das ſind nette Ausſichten für mich! Da könnte ich am Ende noch in den Fall kommen, mit Rüding eine Farbwaarenhandlung zu gründen oder Roderich's leerſtehendes Atelier zu miethen zu einer Fabrik für Corſetten ohne Naht; es ſoll dies ein ſehr lucrativer Erwerbszweig ſein, und der eleganten Form wegen wäre es ſehr empfehlend, wenn das ein tactvoller Maler unternähme!“ Rodenberg lachte über dieſen Einfall, worauf er nach einigen Schritten umherſchauend ſtehen blieb und ſagte:„Wo ſind die An⸗ deren geblieben— noch vor einigen Augenblicken ſah ich ſie vor uns.“ „Der Abgrund irgend einer Weinſchenke wird ſie verſchlungen haben— ich ſchlage vor, ſie nicht aufzuſuchen, wenn Du nicht gerade beſonders Luſt dazu haſt.“ „Gewiß nicht, ich möchte auf ein paar Stunden nach Hauſe gehen; mir ſchwindelt der Kopf von allem dem, was ich heute ſchon 240 Einunddreißigſtes Kapitel. geſehen und gehört. Es gehören ganz beſondere Nerven dazu, um den ſchäumenden Pocal des kölner Carnevals, ohne abzuſetzen, bis auf den letzten Tropfen zu leeren.“ „Das will ich gerade nicht behaupten; es iſt ein Geſchäft wie ein anderes, nur muß man ſich ihm ungetheilt, mit Luſt und Liebe hingeben— was man von Dir,“ ſetzte er mit einem komiſchen Seitenblicke auf Rodenberg hinzu,„allerdings nicht verlangen kann. Du biſt nur zur Hälfte bei der Geſchichte. Jeder Lärm, der Dich umſaust, erinnert Dich an die ſüße Stille im Hauſe Deiner theuren Anverwandten, und jedes hübſche Geſicht, das Dir von irgend einem Fenſter entgegenlacht, nimmt unwillkürlich bekannte Züge an, welche Deine Gedanken gewaltſam abziehen von dem luſtigen Treiben, das Dich umgibt; doch nehme ich es Dir nicht übel, was ich von ihr geſehen, früher und auch geſtern hier, entſchuldigt vollkommen Deine Träumereien.“ Unter ähnlichen Reden hatten ſie ihre Wohnung erreicht und dort kaum ihre Zimmer betreten, als der Haushofmeiſter erſchien mit einem freundlichen Gruße von der Herrin, um Rodenberg zu erinnern, daß um ſechs Uhr dinirt würde. „Wir haben ſonſt noch Gäſte,“ ſetzte er mit einem freundlichen Lächeln hinzu.„Seine Hoheit Prinz Heinrich, welcher den Carneval beſucht, thut dem Hauſe die Ehre an, hier zu diniren, und gerade deßhalb wünſcht die gnädige Gräfin, Sie, Herr Rodenberg, möchten ein paar Ihrer Freunde zum Diner mit hinübernehmen.“ „Wenn ich die jetzt nur finden könnte,“ erwiederte der junge Maler—„das iſt wohl nicht ſo leicht, als man es ſich denkt— wir haben ſchon fünf Uhr vorüber und nicht mehr viel Zeit; jeden⸗ falls wird mein Freund Walter hier die Ehre haben!“ Der Haushofmeiſter empfahl ſich mit einer ehrerbietigen Ver⸗ beugung, und dann rief Walter aus dem Nebenzimmer:„Das hätteſt Du mir erſparen können!“ „Warum? Einmal muß es doch ſein!“ „Aber gerade heute, wo die Ehrfurcht gegen Seine Durchlaucht Ich wähle mir den Liebesgott zum Schenken! 241 Schuld daran ſein wird, wenn mir kein kleiner Biſſen ſchmeckt— und dann meine Toilette!“ „Unſinn— der Prinz iſt ſchon von ſeiner Soirée her gewohnt daß Du im Ueberrocke und mit Schlapphut kommſt, und meine Anverwandte wird Dir das nicht übel nehmen!“ „Nun, meinetwegen, ich habe einen Capitalhunger und hoffe, dem Diner in jeder Beziehung alle Ehre anzuthun!“ Als ſie ihren Anzug beendigt, war es kurz vor ſechs Uhr, und ſie gingen hinüber. Rodenberg nicht mit denſelben Gefühlen wie geſtern und vorgeſtern, wo er ſich ſo innig darauf gefreut, in ganz kleiner Geſellſchaft mit dieſem wunderbaren Weſen ein paar Stunden ſein zu können.— Was wollte auch dieſer vornehme Herr in dem Hauſe der Künſtlerin? Ihr ſeine Ehrfurcht bezeigen? Dazu hätte er einen anderen und, wie es ihm ſchien, paſſenderen Ort wählen können.— Und ſie, die ſich in allen Verhältniſſen ſo unbefangen bewegte, die ſo gern ihren feinen Spott ausgoß über die Hohen und Allerhöchſten dieſer privilegirten, oft ſo anmaßenden Beſchützer der Kunſt, die, mit wenig ehrenvollen Ausnahmen, nur dann ihr Schutzamt ausüben, wenn ſie die Künſte zur Ausführung eines egoiſtiſchen Zweckes oder als Würze der langweiligen Stunden ihres Daſeins benutzen— machte es ihr doch wohl Vergnügen, eine Hoheit zu bewirthen, und hatte auch ſie in der That Stunden, wo ſie mehr Gräfin als Künſtlerin war? In dem Herzen des jungen Künſtlers regte ſich etwas wie Eiferſucht, und wenn er ſich auch bemühte, dieſes Gefühl hinweg⸗ zuſpotten, und verſtändig genug war, ſich ſelbſt zu ſagen, er habe ja nicht das leiſeſte Recht, eiferſüchtig zu ſein, ſo war er doch nicht im Stande, ſich davon zu befreien, und betrat dadurch etwas er⸗ regt den kleinen Salon, wo ſich Juanita mit ihrem Oheim und ſchon in Geſellſchaft des Prinzen befand, der gerade eingetreten zu ſein ſchien; wenigſtens führte er eben die Hand der ſchönen Sängerin mit einer ehrerbietigen Verbeugung an ſeine Lippen. Hackländer's Werke. 54. Bd. 16 242 Einunddreißigſtes Kapitel. Es ſchien Rodenberg, als dauere dieſe Begrüßung länger als gerade nothwendig ſei; dann wurde auch der Adjutant des Prinzen, Major von Werdenberg, vorgeſtellt, und dann erſtwandte ſich Juanita allerdings mit einem herzlichen, gewinnenden Lächeln gegen den jungen Maler und freute ſich ſehr, die Bekanntſchaft des Drachen Griesgram wieder zu erneuern. Auch Seine Durchlaucht waren enchantirt, die beiden Künſtler wiederzuſehen und ſich ſo d'une manière plus vive jener ſchönen Zeiten erinnern zu können, wo der ganze duftige Wald mit ſeinen maleriſch phantaſtiſchen Geſtalten in einer großen Guirlande die köſtlichſten Blüthen gab, die ihm ſo zauberhafter Weiſe erſchienen. Rodenberg würde ſich nicht erlaubt haben, ähnliche Worte an die junge Dame zu richten; er wäre ſich dabei ſchaal und abge⸗ ſchmackt vorgekommen und überzeugt geweſen, ſie müſſe es eben ſo aufgenommen haben. Doch als er ſie jetzt anſchaute, bemerkte er ein freundliches Lächeln auf ihren Zügen und fühlte ſich ſchmerzlich davon berührt. So hell und glänzend, ſo glücklich und ſonnenreich ihm auch bis jetzt die paar Tage erſchienen waren, die er in ihrer Nähe zugebracht, ſo ſüßen Hoffnungen er ſich auch hingegeben, ſo glaubte er doch jetzt mit Einem Male dunkle Wolken am Horizonte ſeines Glückes aufſteigen zu ſehen, und es war ihm zu Muthe, als werde ihm nie die Seligkeit zu Theil, einen Kranz der Liebe um ihr ſchönes Haupt winden zu können, wie er wohl in ſeinen kühnſten Phantaſieen geträumt, und als ſei er nur ein unbedeutendes Blatt in dem Bouquet ihrer Triumphe, das ſie ſich heute an die Bruſt ſteckte, um es vielleicht morgen achtlos wegzuwerfen. O, über die Macht des Weibes auf ein liebendes Herz! Das ſchöne Mädchen brauchte nur langſam ihre Augenlider zu erheben, eine Serunde lang ihre wunderbar leuchtenden Blicke mit einem Ausdrucke unverkennbarer Innigkeit auf ihm ruhen zu laſſen, um ſogleich wieder in ſeinem Herzen hellen, laut aufjauchzenden Sonnen⸗ ſchein hervorzurufen— zu erwecken die Hoffnung auf ein ſeliges Glück, trotzdem ſie im gleichen Momente den Arm des Prinzen nahm, um ſich von dieſem in den Speiſeſaal führen zu laſſen. 3 Ich wähle mir den Liebesgott zum Schenken! 243 Der Major von Werdenberg, welcher ein ungemeines Ver⸗ — gnügen an den Tag legte, die beiden Künſtler hier, bei dem famoſen Carneval, wieder zu treffen, flüſterte Rodenberg zu, daß er von dem Herumlaufen auf den Straßen einen räuberhaften Hunger mit⸗ gebracht habe und ſich trichinenmäßig auf ein gutes Diner freue. Er erhielt ſeinen Platz zur Linken Juanita's, während ſich der Prinz zu ihrer Rechten befand. „Ihre Anweſenheit in Köln erfuhr ich ganz zufällig,“ fagte dieſer,„und bin entzückt von Ihrer Liebenswürdigkeit, mir auf meine ergebenen Zeilen Ihre freundliche Einladung zuzuſchicken!“ „Was ich mir nur aus Discretion erlaubte,“ erwiederte Juanita, „denn ich hätte es für Unrecht gehalten, Euer Durchlaucht in den jetzigen bewegten Tagen eine andere Stunde zu ſtehlen, als die des . Diners, welche ja doch in gleicher Weiſe verbracht wird, ſei es in Ihrem Hotel oder in meiner beſcheidenen Wohnung.“ „Ich bin entzückt über Ihre beſcheidene Wohnung,“ ſagte der Prinz,„und wenn ich mir erlauben darf, zu ſagen, ſo hätte ich ſolch' reizenden Comfort niemals unter der düſtern Außenſeite dieſes Hauſes geſucht; Sie ſind eine Fee, wohin Ihre Hand rührt, ſproſſen ſelbſt im Winter die köſtlichſten Blumen— es iſt ganz mährchenhaft!“ „Wenn ich auch keine Fee bin,“ lachte Juanita heiter,„ſo liebe ich doch die Mährchen!“ Sie warf bei dieſen Worten einen Blick, kurz wie ein Blitz und leuchtend wie ein ſchöner Gedanke, nach Rodenberg hinüber. „Aber warum ſpielen Sie ein derartiges Verſtecken mit der Welt und Ihren Freunden? Jedermann wußte, daß Sie von Lon⸗ don nach Petersburg gegangen ſeien!“ „Ich war in London während der Saiſon, verließ Petersburg, weil es mir dort zu kalt wurde, und da ich mir ſchon lange ge⸗ wünſcht hatte, den kölner Carneval zu ſehen, ſo ging ich für eine kurze Zeit hieher.“ „Ich muß zugeben,“ erwiederte der Prinz lächelnd,„Sie ver⸗ ſtehen es, ſich das Leben angenehm zu machen, und ich bewundere ——— ́ùò —— 244 Einunddreißigſtes Kapitel. Ihren Sinn dafür, ſo wie Ihren Geſchmack, ſich für die kurze Zeit Ihres Ausruhens ein ſo reizendes Chez-soi zu arrangiren!“ „Warum ſollte ich nicht?“ warf Juanita in gleichgültigem Tone hin.„Das ganze Jahr hindurch bin ich gezwungen, in den unangenehmen und langweiligen Hotels zu wohnen, weßhalb ich mir ſchon erlauben darf, etwas für die Ausſchmückung meiner beſcheide⸗ nen Wohnung zu thun, wenn ich einmal ein paar Wochen ganz für mich bin und ausruhen will; und dann thun Sie meiner Be⸗ ſcheidenheit viel zu viel Ehre an— betrachten Sie dieſelbe genau, und Sie werden finden, daß es eine zuſammengeſuchte Geſchichte iſt, wie man ſie ja nicht anders haben kann, wenn man ſich für kurze Zeit eine kleine Wohnung einrichten läßt.“ „Sie iſt reizend, dieſe kleine Wohnung,“ ſagte Seine Hoheit und ſetzte leiſe hinzu:„wunderbar ſchön durch Ihre Gegenwart, durch den künſtleriſchen Geiſt, der Alles durchweht, und was mir bei derſelben ſo pikant und deliciös erſcheint, iſt die heimliche Abgeſchie⸗ denheit dieſes Hauſes— magnifique— nicht wahr, Werdenberg?“ Worauf der Adjutant, nachdem er ſich beeilt, ein Glas Bor⸗ deaux auszutrinken, erwiederte:„Auf Ehre, superbe!“ „Euer Hoheit wohnen hier in einem Hotel?“ fragte Don Joſe. „Ja, im Kaiſerlichen Hofe; es iſt das für mich in Anbetracht der paar Tage, die ich hier bleibe, bequemer, als wenn ich eine eigene Wohnung nähme.— Apropos,“ fuhr er nach einem augen⸗ blicklichen Stillſchweigen, während er über etwas nachgedacht, gegen den alten Herrn gewandt fort:„Ich ſprach vor Kurzem in der Reſidenz unſern ſpaniſchen Geſandten. Ohne indiseret ſein zu wollen,“ fuhr er lächelnd mit einer Verbeugung gegen Juanita fort,„nannte ich ihm Ihren Namen, das heißt den Namen Ihrer Familie, und erfuhr zu meiner großen Freude, daß dieſelbe im Be⸗ griffe ſei, einen ganz koloſſalen Proceß gegen die ſpaniſche Regierung zu gewinnen. Darf ich Ihnen darüber meine Gratulation machen?“ „Wenn der Proceß erſt gewonnen,“ erwiederte Don Joſe mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe,„ſo würden wir erfreut ſein von der A ————öhbhöhöhöhöſͤſöſſſ Ich wähle mir den Liebesgott zum Schenken! 245 ☛ Theilnahme Eurer Hoheit; aber ſo weit iſt dieſe Angelegenheit noch nicht gediehen. Die Familie de Monterey verſucht allerdings ihre gerechten Anſprüche der ſpaniſchen Regierung gegenüber geltend zu machen, und wenn ich auch an eine endliche glückliche Beendigung dieſes Proceſſes glaube, ſo erhebt doch unſere hohe Gegnerin in Einem fort Einreden und findet neue Streitpunkte, um das Urtheil hinzuhalten— ich finde das übrigens begreiflich, denn es handelt ſich wahrlich um keine Kleinigkeit!“ „Das gebe ich Ihnen zu,“ rief der Prinz aus,„denn wie mir unſer Geſandter mittheilte, ſo ſteht eine Summe auf dem Spiele, deren Intereſſe die Einnahme manches unſerer kleinen Fürſten⸗ thümer weit überſteigen. Ja, Werdenberg,“ ſetzte Seine Hoheit kopfnickend hinzu,„unſere liebenswürdige Wirthin wird eine der reichſten Erbinnen Europa's ſein!“ „A— a— a-—ah, in der That— räuberhaft!“ Unterdeſſen war Champagner ſervirt worden und Seine Hoheit faßte den ſchäumenden Kelch auf's zierlichſte mit den Fingern der rechten Hand, neigte ſich gegen Juanita und trank auf ihr Wohl⸗ ergehen in jeder Beziehung. „Wiſſen Sie aber auch,“ fuhr er nach einer Pauſe heiter fort, „daß die Geſellſchaft der Reſidenz, alle Kunſtkenner, ja, das ganze Publikum empört über Ihre Grauſamkeit iſt?“ „Wie ſo, Hoheit? Ich verſtehe Sie nicht!“ „Wurden Sie nicht bei Ihrer Durchreiſe auf's dringendſte gebeten, uns mit ein paar Vorſtellungen zu beglücken? Ich habe es aus dem Munde meines allerhöchſten Herrn und Neffen, an deſſen Wort zu zweifeln ich nicht leichtſinnig genug bin!“ „Woran Euer Hoheit ſehr wohl thun,“ entgegnete Juanita, „denn es wurden mir allerdings glänzende Anerbietungen gemacht!“ „Welche Sie rundweg ausſchlugen, Grauſamſte! Darf man Ihre Gründe wiſſen?“ „Ich ſollte dieſelben nicht verrathen, denn ſie ſind ſo komiſcher Art, daß Sie mich auslachen werdenl? 246 Einunddreißigſtes Kapitel. unmöglich,“ meinte der Prinz—„ich würde viel eher Thränen über Ihre Grauſamkeit vergießen; ſagen Sie mir Ihren Grund und laſſen Sie mich, wenn derſelbe haltbar iſt, wenigſtens darin einigen Troſt finden!“ „Meinetwegen— aber wenn Sie über mich lachen, ſollen Sie beſtraft werden! Ich mochte bei Ihnen nicht ſingen, weil mir Ihres Hoftheater⸗Intendanten Weſte mißfiel!“ „Ah!“ machte der Prinz mit einem verblüfften Geſichte, und während der Major von Werdenberg förmlich beſtürzt ausſah, konnte ſich Rodenberg nicht enthalten, ſtill vor ſich hinzulächeln. „Die Weſte unſeres Hoftheater⸗Intendanten? Ah, Gräfin, das iſt ja rein unmöglich!“ rief der Prinz nach einer Pauſe. „Ich ſagte Ihnen ja, es ſei ein komiſcher Grund, doch jetzt, da ich ihn einmal ausgeſprochen, würde ich ihn um keinen Preis der Welt wieder zurücknehmen!“ „Die Weſte unſeres Hoftheater⸗Intendanten!“ wiederholte der Prinz in einem Tone, dem man deutlich anhörte, daß er nicht im Stande war, ſich von ſeinem Erſtaunen zu erholen.—„Sie hätten mir manches Andere von dieſem Manne ſagen können, was Ihnen nicht gefiele, und ich würde Ihnen auf's Wort geglaubt haben: ſeine nicht immer correcten Manieren, ſeine enthuſiaſtiſchen Be⸗ theuerungen, ſeine eigenthümliche Art, ein Verſprechen auszulegen, daß es ganz wie das Gegentheil erfcheint, ſeine kleinen Paſſionen— doch passons là dessus— aber ſeine Weſte, ich habe nie etwas Außerordentliches an ſeiner Weſte bemerkt!“ „Auch rede ich nicht von ſeinen Weſten überhaupt,“ lachte Juanita,„ſondern von der Weſte, in welcher ich das Glück hatte, ihn zu ſehen; es war auf meiner Durchreiſe von Petersburg, da ſtellte er ſich mir vor in einer gelben Weſte— ach, und ich ver⸗ abſcheue die gelbe Farbe gränzenlos!“ „Aber, Gräfin, Sie ſind von einer ungeheuer zarten Con⸗ ſtitution,“ meinte Seine Hoheit. „Das bin ich auch, kann aber nichts dafür. Er ſprach mir Ich wähle mir den Liebesgott zum Schenken! 247 von der unerhörten Freude, welche ich ihm durch ein buſher ſtellungen bereiten würde, von dem Wunſche hoher und allerhöchſter Herrſchaften in dieſer Nichtung. Ich ſchüttelte verdrießlich meinen Kopf, nicht ſo ſehr über ſeine Worte, als über ſeine gelbe Weſte. Gelb iſt, wie Sie wiſſen, die Farbe der Falſchheit, und ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich nun einmal auf die verrückte Idee kam, der Mann ſei innerlich von der gleichen Farbe, wie ſeine Weſte und was er ſagte, ſei gelb, und was er betheuerte, ſei falſch— falſch ſein gegen mich ſo lebhaft ausgeſprochenes Wohlwollen für jedes Talent, falſch die Verſicherung ſeiner ſtrengſten Unparteilichkeit und unbeſtechlichen Gerechtigkeit. Und als ich ihn Abends im Theater ſah, erſchien er mir wieder in einem gelben Scheine, ob⸗ gleich er die unglückſelige Weſte nicht anhatte. Aber Alles, was er that, erſchien mir gelb gefärbt: ſein fades Lächeln, welches nur dem Publikum galt, denn er drehte der Bühne und ſeinen Künſtlern mit einer bewunderungswürdigen Hartnäckigkeit den Rücken zu— und das war ſo gelb, ſo gelb!— Später bediente er hohe und allerhöchſte Herrſchaften in höchſtderen Logen— er rückte ihnen den Fußſchemel zurecht, reichte ihnen das Opernglas und Schaalen mit Gefrorenem— ah, das war entſetzlich gelb!“ Obgleich ſich der Prinz bei dieſen Worten der ſchönen Sängerin ein wenig auf die Lippen biß, konnte er es doch nicht unterlaſſen, zu lachen, worauf die Anderen es eben ſo machten, vor Allem Roden⸗ berg, welcher dies mit einem Blicke der Anerkennung gegen Juanita that. Der Major, welcher wohl wußte, daß er ſich in dieſer Richtung keine laute Bemerkung erlauben durfte, murmelte etwas in ſeinen Champagnerkelch hinein, was eben ſo gut der Ausdruck ſuperb als das Prädicat räuberhaft ſein konnte; dann trank er ſein Glas leer mit einer leichten Neigung des Kopfes gegen den jungen Maler, welcher neben ihm ſaß. „Alſo eine gelbe Weſte— ei, ei!“ ſagte der Prinz nach einer längeren Pauſe.„Ich werde mir das merken und dem Intendanten den guten Rath geben, dieſes Kleidungsſtück aus ſeiner Garderobe 248 Einunddreißigſtes Kapitel. zu entfernen, dann dürfen wir für ſpäter vielleicht doch noch hoffen, Sie einmal für eine Zeit lang die Unſrige zu nennen. Aber dabei ſchwebt Ihr Proceß, ſchöne Gräfin, über unſern Häuptern, fürchter⸗ lich wie das Schwert des Damokles; mit den Einkünften, wie die eines kleinen Herzogthums, werden Sie nicht weiter ſingen wollen!“ „Und warum nicht,“ fragte Juanita heiter,„wenn es mir Vergnügen macht? Ich würde vielleicht ein wenig mehr Verſchwen⸗ dung treiben, als ich jetzt ſchon thue und worüber mein guter Oheim ſo gern zankt, und ich würde vielleicht andere Bedingungen machen, als jetzt; ich würde durch wirkliche und angenommene Capricen das Uebermögliche leiſten, um gegenüber gewiſſenloſen Theater⸗Unternehmern und hochmüthigen Intendanten, die mit einer ſo unausſprechlich nichtsſagenden Miene des hochgeborenen Cavaliers, welcher ſonſt gar nichts iſt, auf Kunſt und Künſtler herabſchauen, ein wenig Vergeltung zu ſpielen. Ich würde zum Beiſpiel in keinem Theater ſingen, wo ſich ein gelber Vorhang befände, und wenn ich beim Auftreten irgendwo eine gelbe Weſte, ſei es ſogar in der Hofloge, ſähe, würde ich augenblicklich in Ohnmacht fallen, und das Stück könnte nicht ausgeſpielt werden. An Tagen mit geradem Datum würde ich niemals ſingen, noch weniger aber an allerhöchſten Geburtstagen oder bei feſtlich beleuchteten Häuſern. Der Theater⸗ Director oder Intendant müßte jeden Morgen Schlag neun Uhr in meinem Vorzimmer ſtehen, um meinem Befehle gewärtig zu ſein.“ „Der arme Intendant,“ meinte Seine Hoheit,„er hätte die Hölle auf Erden— und welch' ein Widerſpruch in Ihrem Weſen — Sio, ſonſt ſo gut und engelmild!“ „Das bin ich ganz und gar nicht oder doch nur im gewöhn⸗ lichen Leben; ſo bald die erhabene Kunſt, jene göttliche Macht, auf mich einwirkt, bin ich ein ganz anderes Weſen!“ „Allerdings, noch größer, noch edler!“ „Vielleicht— vielleicht aber auch im Widerſtrahle meiner künſtleriſchen Umgebung, die oft ſehr troſtloſer Art iſt, eigenſinnig, verdrießlich, hochmüthig und launenhaft über alle Maßen!“ ——O—V———QOQ—ęO˖ñ—3 Ich wähle mir den Liebesgott zum Schenken! 249 „Um Gottes willen, hören Sie auf!“ rief der Prinz, ein komiſches Erſchrecken affectirend.„Die Galanterie gebietet mir, Ihnen zu glauben, und wenn ich Ihnen glaube,“ ſetzte er leiſe mit einem ſchmachtenden Augenaufſchlage hinzu,„ſo müßte ich ja das göttliche Bild zerſtören, welches ich von Ihnen tief im Herzen trage!“ Während Seine Hoheit noch ſprach, hatte Juanita ein Glas ergriffen, und es gegen Rodenberg erhebend, ſagte ſie:„Ah, ich finde es in der That anmaßend, immer von mir und über mich zu ſprechen; wir wollen der Tage gedenken, die wir hier vor uns haben— der heiteren Tage des kölner Carnevals— auf eine fröhliche Feier deſſelben!“ Die Gläſer klangen zuſammen, worauf die Herrin des Hauſes heiter fortfuhr:„Ich habe mir vorgenommen, von dem Carneval mitzumachen, was ich mitmachen kann!“ Don Joſe warf einen bezeichnenden Blick zu Rodenberg hinüber. „Wie intereſſant war das Leben heute in den Straßen,“ fuhr Juanita fort;„leider war ich nicht im Stande, zu Fuße dem Auf⸗ zuge zu folgen und mich in's Getreibe zu miſchen, und daß ich trotzdem recht viel ſah, verdanke ich meinem Kutſcher, einem ge⸗ borenen Kölner, der mich mit einem außerordentlichen Geſchick immer an die Punkte brachte, wo es etwas zu ſehen gab.“ „Es iſt das ein ganz vertrauter Menſch,“ ſagte Don Joſe, „von einer unverwüſtlichen Heiterkeit, von einer außerordentlichen Geiſtesgegenwart; ein paar Mal waren wir ſo in dem Volkshaufen drin, daß man nicht vor⸗ und nicht rückwärts konnte, wo er als⸗ dann anfing, das Publikum auf eine ſo unwiderſtehliche Art zu haranguiren, daß man uns lachend Platz machte.“ „Um den großen Maskenzug anzuſehen, der dieſes Jahr ſehr glänzend werden wird, haben Sie wohl Häuſer genug zur Verfügung?“ Jetzt war es Juanita, welche dem jungen Maler verſtohlen einen Blick zuwarf, ehe ſie antwortete:„Gewiß, Euer Durchlaucht, und mich abermals auf meinen Führer verlaſſend, hoffe ich, den Maskenzug an verſchiedenen Orten zu ſehen.“ 250 Einunddreißigſtes Kapitel. Don Joſe, welcher leicht vor ſich hinhuſtete, hätte wohl gewünſcht, daß Juanita ihr eigenthümliches Project, den Maskenzug nicht nur anzuſehen, ſondern auch mitzumachen, zur Sprache gebracht hätte; denn dadurch, daß ſie ſchwieg, bemerkte er wohl, daß ihr Entſchluß feſtſtand und daß ſie ſich in keine neuen Erörterungen einlaſſen wollte. Rodenberg’s Herz klopfte ſtärker; er war entzückt darüber, mit dem ſchönen, jungen Mädchen, das er ſo innig liebte, ein Geheim⸗ niß theilen zu dürfen, das ſie jenem vornehmen Herrn verſchwieg. „Sollten Sie aber an irgend einer Richtung über mich ver⸗ fügen wollen,“ wandte ſich der Prinz an die junge Dame,„ſo würden Sie mich außerordentlich beglücken— ſei es für eine Loge des Theaters oder für einen der Bälle.“ „Dafür muß ich herzlich danken, denn ich habe mir vorgenom⸗ men,“ erwiederte Juanita mit komiſcher Gravität,„gänzlich in⸗ cognito zu bleiben, zu ſehen, ohne geſehen zu werden, und zu intriguiren, ohne erkannt zu werden. Nehmen ſich Euer Hoheit in dieſem Sinne vor mir in Acht, daß ich nicht plötzlich vor Ihnen erſcheine und Ihnen von Ihren Geheimniſſen erzähle!“ „Ohne von mir erkannt zu werden? Ich erlaube mir, das zu bezweifeln!“ „Nun, wir wollen ſehen!“ „Ja, wir wollen ſehen; wenn ich Sie erkannt habe, müſſen Sie meinen Arm nehmen und mir für eine Stunde erlauben, Ihr Cavalier zu ſein!“ „Gewiß, gnädiger Herr; doch wenn Sie mich, nachdem ich drei⸗ mal mit Ihnen geſprochen, nicht erkennen, darf ich Ihnen eine Dame vorführen, welcher Sie dann denſelben Ritterdienſt leiſten müſſen?“ „Das iſt eine etwas harte Bedingung, aber ich gehe ſie ein!“ Wie zum Danke verbeugie ſich die junge Dame leicht gegen den Prinzen; doch da ſie dieſe Verbeugung hierauf gegen alle Uebrigen ausdehnte, indem ſie ſich erhob, ſo gab ſie damit das Zeichen zur Beendigung ihres kleinen Diners. 4 —— XXXII. „O, ſtille dies Verlangen!“ Man findet es lächerlich, wenn man bei Eröffnung eines Geſprächs über das Wetter redet, und wohl mit Unrecht; denn gutes oder ſchlechtes Wetter iſt ja immer der Hintergrund, auf dem ſich unſer Leben abſpiegelt und der nie ohne Einwirkung auf das⸗ ſelbe bleibt; ja, wie wir einander zu fragen pflegen: ‚Wie geht's Ihnen? mit demſelben Rechte dürfen wir uns erkundigen: ‚Wie wirkt das Wetter auf Sie ein?: Denn es gibt nichts, von dem unſere gute oder ſchlechte Laune ſo abhängig iſt, als das Wetter, wenn wir auch häufig zu hochmüthig ſind, das einzugeſtehen. Wenn wir uns nun hier nicht abſtreiten laſſen wollen, daß eine Wetter⸗ betrachtung im gewöhnlichen Leben häufig am Platze iſt, ſo haben wir dieſelbe Eingangs dieſes Capitels für ganz unumgänglich nothwendig gehalten, denn der Glanz und die Heiterkeit des Carnevals hängt zu neunundneunzig Procent davon ab, ob der Himmel ein freund⸗ liches Geſicht macht und ob ſich dieſes freundliche Geſicht des Him⸗ mels auf der Erde nicht im Schmutze und Waſſerlachen abſpiegelt. Nun ließ aber das Wetter in dieſem Jahre während des Carne⸗ vals auch für die Ungenügſamſten nichts zu wünſchen übrig. Der Froſt hatte nicht nur nachgelaſſen, ſondern ſich während der Nacht in einen warmen Wind verwandelt, der, in Verbindung mit einem gemüthlichen Sprühregen, den Schnee in ſeinen verborgenſten Ver⸗ 5 252 Zweiunddreißigſtes Kapitel. ſtecken aufgeſucht und vertilgt hatte; darauf hatte es tüchtig gewindet, und als am Freitage die Sonne erſchien, koſtete es ſie keine große Mühe, das Straßenpflaſter zu trocknen. Es gibt auch in unſerem kalten, deutſchen Winter zuweilen Frühlingstage, welche uns mit einer innigen Sehnſucht erfüllen nach ſproſſendem Grün und duftenden Blüthen; wo die Erde ihre Wohlgerüche ausſtrömt, gerade wie in ihrer bräutlichen Zeit, wenn ſie den allbelebenden Kuß des Geliebten erwartet, wo der Himmel ſo wonnig und heiter lacht, als ſei es gar nicht möglich, daß ſein klares Antlitz je wieder durch Wolken getrübt werden könne. Solch' ein Himmel lachte am Freitage über der alten Colonia, was Rodenberg mit großer Freude ſah, als er, früh am Morgen von dem hellen Sonnenſcheine verlockt, das Fenſter öffnete und mit einem unbeſchreiblichen Behagen die herrliche Luft einathmete. Dort links ſah er über die Dächer der tiefer liegenden Häuſer hinweg den Rhein, gänzlich vom Eiſe befreit, leuchtend an den grauen Mauern Kölns vorüberziehen, und wenn er ſeinen Blick etwas herabſenkte und das Rheinthor betrachtete, ſo erſchien ihm das helle, bewegliche Waſſer unter dem dunkeln Steinbogen wie ein blitzender Kryſtall; die Straßen waren trocken und ſauber, und wer vorüberging, machte ein freundliches Geſicht, wie im Wieder⸗ ſcheine des klaren Himmels, der aber auch auf Alles einen un⸗ beſchreiblichen Schimmer herabgoß und ſogar den ſchwarzen Giebeln der gegenüber liegenden alten Häuſer einen freundlichen, goldenen Anſtrich gab. Rodenberg haite am vergangenen Abende, als die Anderen zu Bette waren, den ſanften Eduard noch ganz beſonders vorgenommen und ihm anvertraut, daß ſeine Anverwandte, die alte Dame, eine nothwendige Reiſe in dringenden Familien⸗Angelegenheiten hätte unternehmen müſſen und daß ſie die Tochter eines Freundes, welche zum Carneval gekommen ſei, unter dem Schutze und der Aufſicht eines älteren Vetters zurückgelaſſen habe; daß ferner das junge Mädchen vor Begierde brenne, den Carnevalszug mitzumachen, und —— —— — —— ͦ-—-——jjjjjjj ſ O, ſtille dies Verlangen! 253 daß es hierzu nur ein Mittel gebe, wenn die Künſtler nämlich die Darſtellung der wilden Jagd aus ihrem ſommerlichen Feſte hier wiederholen wollten.„Du wirſt Dich erinnern,“ hatte er weiter geſagt,„daß ich damals ſchon, als wir abreisten, den Rath gab, Eure Coſtume mitzunehmen, und als ich geſtern bei hieſigen Freun⸗ den, Mitglieder des Kleinen Rathes, darüber ſprach, wurde die Idee, den Zug des wilden Heeres zu wiederholen, außerordentlich freund⸗ lich aufgenommen und mit auf das Programm geſetzt. Walter und Knorx ſind mit Freuden dabei, und von Seiten der Regent⸗ ſchaft hat man uns mit der liebenswürdigſten Bereitwilligkeit Alles, was wir an Gefolge, an Jägern und dergleichen zu Fuße und zu Pferde brauchen, zur Verfügung geſtellt.“ „Auch ich halte dieſe Wiederholung für eine glückliche Idee,“ ſagte Rüding;„doch was ſoll ich dabei thun? Ich kann mich doch nicht als Cupido unter die wilden Geſellen des Rodenſteiners miſchen!“ „Nun, ein bischen Liebe könnte den tollen Geſellen allenfalls auch nicht ſchaden— doch Du haſt Recht; es denkt auch Niemand an Deine Cupido⸗Rolle, wogegen Du mir zugeben wirſt, lieber Rüding, daß man in einem Zuge, wo es gilt, etwas Außerordent⸗ liches zu leiſten, Deine Perſönlichkeit nicht gern vermißt.“ „Doch paſſe ich in der That nicht zu einem bärtigen Jäger oder zu irgend einer anderen wilden Erſcheinung,“ entgegnete Rü⸗ ding geſchmeichelt, worauf der Andere fortfuhr: „Gewiß nicht; aber, um ehrlich zu ſein, die ſchöne Bekannte meiner Anverwandten hofft ganz beſonders auf Dich, um unerkannt den Zug mitmachen zu können, und hat die glückliche Idee gehabt, ihr Beide ſolltet den Rodenſteiner als Jagdpagen begleiten— Du weißt, daß in dem ſchönen Gedichte Bürger's dieſer Jagdpagen als gutes und böſes Princip gedacht iſt—, Du mit Deinem ſanften Geſichte und Deinen blonden Locken würdeſt auf weißem Pferde die Lichtgeſtalt darſtellen, während das Mädchen mit ihrem ſchwarzen Haare das böſe Princip vertritt— es wird ein herrliches Bild 254 Zweiunddreißigſtes Kapitel. geben,“ fuhr Rodenberg fort, indem er ſeinen Freund mit einem Blicke der Zufriedenheit von unten bis oben betrachtete—„Ihr habt faſt die gleiche Geſtalt und Ihr würdet vortrefflich zuſammen⸗ paſſen— ſie iſt ebenfalls außerordentlich ſchön gewachſen,“ ſetzte er, wie mit ſich ſelbſt redend, hinzu. Darauf hatte der ſanfte Eduard geantwortet, daß er noch niemals ein Spaßverderber geweſen ſei und daß es auch jetzt an ihm nicht fehlen ſolle—„doch werde ich reiten müſſen,“ hatte er alsdann mit einiger Bedenklichkeit geäußert,„und wenn ich mich auch früher auf dem Sattel nicht ſchlecht ausgenommen, ſo bin ich doch außer aller Uebung und möchte mich nicht gern vor aller Welt blamiren.“ „Du haſt doch früher geritten?“ „O ja, warum denn das nicht?“ „Nun, ſo wird's ſchon gehen. Wenn es Dir recht iſt, ſo können wir morgen in Begleitung der jungen Dame eine kleine Probe machen; es wird das zu Deiner Sicherheit dienen und Du dich dann beim Maskenzuge behaglich fühlen.“ Dann waren ſie zu Bette gegangen und Rodenberg hatte am andern Morgen kaum die oben angegebenen Wetterbetrachtungen beendigt, als der ſanfte Eduard ſchon aus ſeinem Schlafzimmer trat und auf des Anderen Frage verſicherte, er habe nicht beſonders gut geſchlafen. Es waren Träume durch ſeinen Geiſt gegangen, die mit dem Vorhaben des heutigen Tages, dem Spazirritte in Geſellſchaft der ſchönen jungen Dame, in einiger Maßen ſchauerlichem Zuſammen⸗ hange ſtanden. Wir wollen das nicht weiter ausführen, denn mancher unſerer geneigten Leſer iſt vielleicht unter gleichen Bedin⸗ gungen mit ähnlichen Traumgeſchichten geplagt worden. Der ſanſte Eduard hätte gar zu gern ſein Verſprechen noch geſtern Abend zurückgenommen. Da aber Rodenberg Anſpielungen in dieſer Richtung durchaus nicht zu verſtehen ſchien, ſo gelangte Rü⸗ ding vermittels eines kleinen Umweges auf den für heute projectirten 2 —— O, ſtille dies Verlangen! 255 Spazirritt und meinte, es wäre ihm ſehr wünſchenswerth geweſen, das für ihn beſtimmte Pferd einmal allein ohne Zeugen zu probiren. „Du kannſt Dich auf mich verlaſſen,“ erwiederte Rodenberg; „ich kann mir denken, daß Du außer aller Uebung gekommen, wenn Du auch früher ein ausgezeichneter Reiter geweſen biſt, und habe ich in dieſer Hinſicht alle Anordnungen getroffen. Du erhältſt einen kleinen, zierlichen Schimmel, ein Damenpferd, welches oben⸗ drein an den Nappen, den ich reiten werde, ſo gewohnt iſt, daß es ihm nicht von der Seite geht. Da Du in Deiner Eigenſchaft als⸗ Jagdpage eine Hetzpeitſche führſt, ſo haſt Du nicht nöthig, Sporen anzuſchnallen, und brauchſt Dich deßhalb nicht zu geniren, Deine Abſätze feſt anzuſchließen.“. „Sporen würden mir keinen Kummer machen,“ meinte Rü⸗ ding,„doch verſicherte mir mein Reitmeiſter,„ich habe eine etwas ſchwere Hand, und wenn das Damenpferd fein geritten iſt, ſo weiß ich denn doch nicht, ob...“— bei den letzten Worten kratzte er ſich bedenklich hinter den Ohren—„dann möchte ich auch wiſſen,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„ob das Pferd Muſik und den Lärm und das rohe Geſchrei der Menge vertragen kann.“ „Auch darnach habe ich mich in Deinem Intereſſe erkundigt. Das Pferd wurde einer Kunſtreiter⸗Geſellſchaft abgekauft; da wurde es zur Genüge an Muſik und Spektakel gewöhnt; obendrein ſprang es durch Reifen, an denen alles mögliche Feuerwerk losging.“ „Glaubſt Du, das Pferd habe Neigung, auch ohne daß man es gerade will, über irgend einen Gegenſtand hinwegzuſpringen?“ fragte der ſanfte Eduard nachdenklich. „Ich glaube das nicht; es iſt überhaupt nicht mehr in der erſten Jugendblüthe und wird froh ſein, wenn man es in Ruhe läßt.“ Den gleichen Wunſch mochte auch Rüding in ſeinem Herzen tragen, denn er ſeufzte und ſagte erſt nach einem längeren Still⸗ ſchweigen:„In Gottes Namen denn, ich will Euch den Gefallen thun! Um welche Zeit werden wir ſpazieren reiten?“ „Um Mittag, denke ich.“* Zweiunddreißigſtes Kapitel. „So werde ich vorher nicht ausgehen und mein Albumblatt beendigen.“ Rüding ſagte das mit einem Tone, der wohl gepaßt hätte, wenn er von der Anfertigung ſeines Teſtaments geſprochen. Da aber der ſanfte Eduard ein Gemüth war, welches nicht andauernd durch irgend eine äußere Einwirkung niedergebeugt wurde, ſo gewann er ſchon während des gemeinſchaftlichen Früh⸗ ſtücks ſeine gute Laune in ſolchem Maße wieder, daß er, als Ro⸗ denberg einen Augenblick das Zimmer verlaſſen, beim Geſpräche über den bevorſtehenden Maskenzug gegen Walter gewendet zu ſagen wagte:„Ich bedauere nur, daß man mir, um der jungen Dame nicht vorauszukommen, ein älteres, ſehr frommes Pferd ausgeſucht; doch ſoll dieſer alte Kerl ein famoſer Springer ſein, und wenn ſich mir eine Gelegenheit bietet, ein wenig nebenhinaus zu gehen, ſo...” — hier machte er einen bezeichnenden Zungenſchlag—„ſo ſollt Ihr ſehen, daß Rüding von der Reitbahn nichts vergeſſen hat.“ Rodenberg hatte unterdeſſen mit dem alten Hofhausmeiſter ver⸗ kehrt, der von ſeiner Herrin den Befehl erhalten, für alles, was Coſtume anbelange, Sorge zu tragen, und welcher dieſen Auftrag mit ſeiner gewohnten pünktlichen Gewiſſenhaftigkeit ausführte. Der Morgen verging; Bergmüller war mit van der Maaßen gekommen, um die Freunde zum Bummeln abzuholen; erſterer ſah ſehr vergnügt aus und verſicherte händereibend, der geſtrige Auf⸗ tritt habe auf die Nerven ſeiner Schwiegermutter eine ſehr günſtige Wirkung ausgeübt. „Doch hat ſie ſich, wie ich hoffe, von ihrer Aufregung erholt?“ fragte Rodenberg,„und Du wirſt geſtern Abend bei Deiner Rück⸗ kunft als ein verſtändiger Kerl gehandelt haben?“ „Das habe ich auch— ich war kaum ein Bischen geiſtig er⸗ heitert und ſchon vor zehn Uhr zu Hauſe, was Madame Berg⸗ müller mit ſo großer Befriedigung aufnahm, daß ſie mich heute Morgen dringend erſuchte, nach Euch zu ſehen.“ „Nachdem wir die Verſöhnung des gewiſſen Jemand aus der Novelle des Boccaccio gefeiert,“ ſagte Walter—„o, ihr Ehe⸗ O, ſtille dies Verlangen! männer habt es nicht ſo ſchwer, für Vieles Verzeihung zu er⸗ langen— nicht wahr, Windmüller?“ „Was meine Frau anbelangt,“ erwiederte dieſer lachend,„ſo lebte ich mit ihr nie in einem ſchlechten Einverſtändniſſe; doch war mein Zuſammenſein mit der Schwiegermutter ein beſtändiger Kampf mit dem Drachen!“ „Das Loos vieler Schwiegerſöhne, namentlich in Deinen Ver⸗ hältniſſen,“ meinte van der Maaßen—„ich hoffe, Du emancipirſt Dich gänzlich und ziehſt Deine bunte Kattunjacke nie mehr an.“ wrfſ aber um ſo öfter Deinen Malerkittel,“ ſagte Roden⸗ berg in ernſtem Tone:„die einzige geſcheite Art, Dich dauernd zu emancipiren, wenn Du Deine Kunſt eifrig treibſt und Deiner Schwiegermutter zeigſt, daß Du im Stande biſt, ohne ihre Hülfe Deine Frau zu ernähren— ſei geſcheit!“ „Habe ſchon angefangen,“ erwiederte der Angeredete heiter; „anſtatt des Morgens in den Laden zu gehen, nahm ich ein tüch⸗ tiges Stück Leinwand und retouchirte eine famoſe Winterlandſchaft.“ „Und Deine Frau hatte ihre Freude daran?“ „Das will ich meinen; ſie folgte meinem Pinſel mit dem größten Intereſſe Strich um Strich— ihre lachenden Augen und die freundliche Miene, mit der ſie mir zuſah, ſpornten mich an, und als ich endlich die Palette wegwarf, um zu Euch zu gehen, ſagte das gute, kleine Weib, ſie wolle mir einen Gefallen thun.“ „Hm,“ machte Walter mit einem eigenthümlichen Lächeln. „Sie wolle mich auf den Gürzenich zum Maskenballe be⸗ gleiten und werde dazu die Erlaubniß ihrer Mutter ſchon heraus⸗ ſchlagen.“. „Bravo, Windmüller!“ „Ja, das bin ich wieder— nicht nur Waſſermüller, ſondern auch Kohlen⸗, Berg⸗ und Nebelmüller!“ „Und der Himmel ſei für dieſe Aenderung zu Deinen Gunſten geprieſen!“ ſagte Rodenberg.„Geſtern fanden wir Dich in einem Hackländer's Werke. 54. Bd. 4 17 258 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Zuſtande, der mir tief in der Seele weh that, als ein gar trübſeliger Kattunmüller!“ „Un triste Müller de cotton!“ rief der Zeichner des Hauſes Beauvillard u. Co., worauf Alle herzlich lachten. Rüding hatte am Geſpräche wenig Theil genommen, ſondern war ruhig an ſeinem Aquarell ſitzen geblieben, dem er durch einige Striche hier und da noch die letzte Vollendung gab. Er befand ſich durchaus in keiner heiteren Stimmung, das ſah man an dem trübſeligen Blicke, mit dem er zuweilen an den Himmel hinauf⸗ ſchaute, und hörte einen tiefen Seufzer, den er alsdann ausſtieß, wenn er bedachte, daß das klare, glänzende Blau deſſelben ſich ſchwerlich innerhalb einer Stunde mit einem tüchtigen Schneeun⸗ wetter überziehen würde— hier und da ſpitzte er auch das Maul wie ein Karpfen, indem er ſeine Zeichnung von der Seite betrach⸗ tete, und pfiff leiſe vor ſich hin, aber lauter traurige Melodieen. Die Freunde, außer Rodenberg, waren ſchon lange fortge⸗ gangen, da ſchrak der ſanfte Eduard ſichtbar zuſammen, als es von dem benachbarten Kirchthurme zwölf Uhr ſchlug— o, was hätte er darum gegeben, wenn er gewaltſam die Zeit um ein Viertel⸗ dutzend Stunden hätte vorrücken können! Denn, ehrlich geſagt, fürchtete er ſich ſo entſetzlich vor dem Spazirritte, zu dem er ſich ſo unverantwortlicher Weiſe hatte beſtimmen laſſen, daß ihm jetzt ſchon, trotzdem es nicht ſehr warm im Zimmer war, der Schweiß auf die Stirn trat und er es nicht über ſich vermochte, mit ſeinem gewöhnlichen feſten und ſicheren Schritte einherzugehen. „Zwölf Uhr,“ ſagte Rodenberg—„da kommen auch ſchon die Pferde.“ Ja, die Hufe derſelben klapperten auf dem Pflaſter— wie das ſo unangenehm klang, ſo markdurchbohrend, gerade ſo, als wenn Jemand mit einem Nagel auf einer Fenſterſcheibe kratzt! „Haſt Du Sprungriemen an Deinen Beinkleidern?“ fragte Rodenberg. „Niemals— wozu auch?“ O, ſtille dies Verlangen! 259 „Ich meine nur ſo— es iſt beſſer, wenn man einmal in die Lage kommt, ſcharf auszutraben— doch wird's auch ſo gehen.“ „Hoffentlich wird's auch ſo gehen,“ erwiederte der ſanfte Eduard in gereiztem Tone,„und dabei erlaube ich mir, Dir zu bemerken, daß ich durchaus keine Sehnſucht habe, mich durch ſcharfes Aus⸗ traben oder durch allerlei dumme Reiterkünſte auszuzeichnen! Wenn ich auch ſchon öfter zu Pferde geweſen bin, ſo habe ich doch den Sattel nie als meine Beſtimmung angeſehen— weißt Du das, Rodenberg— und verſtehſt Du mich auch?“ „O, ich verſtehe Dich vollkommen, und Du ſollſt ſehen, was Du für einen treuen Freund an mir haſt!“ „Ja—a—a—a, wir wollen das ſehen!“ erwiederte Rüding; aber dieſe ſeine Antwort klang wie ein tiefer Seufzer, denn die Thür hatte ſich geöffnet, und der Haushofmeiſter, der auf der Schwelle erſchien, lud die Herren freundlich ein, hinabzugehen, da ſeine Herrin bereits unten warte. Von allen Thürmen der Stadt läuteten die Glocken heiter und freundlich zur Mittagsſtunde, und das klang dem ſanften Eduard ſo in den Ohren, als erzählten ſie einander laut und geſchwätzig: „Der Maler Rüding reitet ſpaziren, ſpaziren— ſpaziren reitet der Maler Rüding— Rüding— das iſt gut— das iſt gut,“ brummte die Domglocke. Juanita ſtand drunten auf der Treppe, reizend anzuſchauen in ihrem dunkelblauen Reitkleide, deſſen lange Schleppe ſie über den linken Arm geſchlagen hatte; die ſchöne, ſchlanke Figur ſo ſtolz er⸗ ſcheinend wie eine Königin, in den glänzenden Augen und auf den friſchen Lippen das heitere, glückſelige Lächeln eines Kindes. „Was wir für einen göttlichen Tag haben!“ rief ſie Roden⸗ berg entgegen, indem ſie ihm die Hand reichte—„ah, das iſt Ihr Freund, Herr Rüding— unſer Freund!“ ſetzte ſie mit einem ſo gewinnenden Lächeln hinzu, daß die Einbildungskraft des ſanften Eduard ſicherlich einen tollen Seitenſprung gemacht hätte, wenn er nicht gar ſo niedergedrückt geweſen wäre. —-—·-·,——. 260 Zweiunddreißigſtes Kapitel. „Ja, das iſt mein Freund Rüding,“ antwortete Rodenberg und ſetzte mit einer ehrfurchtsvollen Handbewegung auf Juanita hinzu:„Fräulein von Königsberg, ſehr befreundet mit unſerer verehrten Hauswirthin!“ Juanita lachte herzlich über ihren ins Deutſche überſetzten Namen, dann fragte ſie den ſanften Eduard:„Sie ſind gewiß, eben ſo wie Herr Rodenberg, ein vortrefflicher Reiter?“ „Mein Freund Rüding wird aus Beſcheidenheit Nein ſagen; doch verſteht er ſich vortrefflich auf dieſen Theil der noblen Paſſion, liebt aber, im Gegenſatze zu mir, die ſanfte, ruhige Gangart.“ „So hat man ja vortrefflich für Sie gewählt,“ ſagte Juanita, „Sie werden ein Damenpferd reiten, mit einem höchſt angenehmen Temperament, mein Rothſchimmel dort, den ich der Farbe zu lieb genommen— Sie wiſſen ja, Rodenberg,“ ſetzte ſie leiſer hinzu, „ein Feuerfarbener trug den Linken, wie Sie mir geſagt—, ſcheint weniger geduldig, und ich will ſehen, wie ich mit ihm fertig werde, wobei ich mich ein wenig auf Ihre feſte Hand verlaſſe.“ Rodenberg verbeugte ſich, wobei er nicht unterlaſſen konnte, ſeine rechte Hand, in der er die Reitpeitſche hielt, gegen das Herz zu drücken; dann gingen ſie zu den Pferden hinab, die auf der Straße aufgeſtellt waren. Der große, elegante Rappe, den der wilde Jäger reiten ſollte, um ein paar Häuſer Länge voraus, wurde mühſam gehalten von einem ſtarken Reitknechte, der es trotzdem nicht verhindern konnte, daß er zuweilen ſeinen Kopf herumwarf und alsdann luſtig wieherte; einige Schritte hinter ihm hielt Rüding's Schimmel mit dem ruhigſten Ausſehen— das Pferd bewegte weder Kopf noch Schweif, obgleich es von Niemanden gehalten wurde, indem der Stallknecht, welcher es gebracht, mit einem anderen beſchäftigt war, den ſtarken und doch zierlichen Rothſchimmel vor der unteren Stufe der Treppe feſtzuſtellen, was ihnen aber nicht vollkommen gelang, denn bald trat er vor⸗, bald rückwärts und hob ſich auch zuweilen aus lauter O, ſtille dies Verlangen! 261 Uebermuth; ein kräftiger Brauner für Don Joſe befand ſich nicht weit von Rüding's Schimmel. „Ah, wie heiter mein Pferdchen iſt!“ ſagte Juanita—„mir iſt wohl, wenn ich einmal droben ſitze!“ Sie wandte ſich bei dieſen Worten mit einem reizenden Lächeln gegen Rodenberg, welcher ihr nun die Fläche ſeiner rechten Hand darbot, auf die ſie ihren zierlichen, kleinen Fuß ſetzte und alsdann, theils ſich ſelbſt emporſchnellend, theils von dem jungen Maler ge⸗ hoben, der ſich dabei nicht enthalten konnte, leicht ihren Fuß zu drücken, in der nächſten Secunde auf ihrem Damenſattel ſaß. Dann faßte ſie die Zügel, während Rodenberg ihr Kleid ordnete, und ließ hierauf ihrem Pferde etwas Luft, um faſt im gleichen Augenblicke den Verſuch deſſelben zu einer kleinen Lançade durch eine kräftige Parade zu unterbrechen. Rüding hatte dieſen Moment auf das Geſchickteſte benutzt, in⸗ dem er die beiden disponiblen Stallleute zu ſich heran neben den kleinen Schimmel winkte, jedem mit der Schnelligkeit des Gedankens ein Zehnſilbergroſchenſtück ſpendete und ſie flüſternd bat, ihm beim Aufſitzen behülflich zu ſein. Es war dies ſehr klug manövrirt, denn kaum hatte er ausgeſprochen, ſo fühlte er ſich ſchon von handfeſten Fäuſten in die Höhe gehoben und ſaß im Sattel, ehe er es ſich ſelbſt dachte. Die Zügel wurden ihm in die Hand gegeben, ſeine Steigbügel raſch etwas kürzer geſchnallt, und dann ſagte ihm einer der gutmüthigen Stallleute mit leiſer Stimme:„Das Pferd geht ruhig wie ein Lamm, und wenn Sie je einmal mit ihm ſetzen wollen, ſo brauchen Sie es nur vor eine Hecke oder einen Graben zu bringen und es durch einen Zungenſchlag zu ermuntern.“ Davor ſoll mich der gütige Himmel bewahren! dachte Rüding, hatte ſich aber trotzdem ſchon ſo weit geſammelt, daß er mit Inter⸗ eſſe, ja, faſt mit Schadenfreude ſeinem Freunde Rodenberg zu⸗ ſchaute, der den Sattel ſeines unruhigen Rappens nur dadurch ge⸗ winnen konnte, daß er, ohne den Bügel zu gebrauchen, hineinvolti⸗ girte; dann aber faßte er ihn ſo kräftig zwiſchen Zügel und Schenkel, 262 Zweiunddreißigſtes Kapitel. daß das unruhige Thier mit einem heftigen Kopfſchütteln ſeinen Meiſter erkannte. Juanita ritt voraus, Rodenberg, auf einen Wink Don Joſe'’s, neben ihr; dann bewegte ſich Rüding's Schimmel vorwärts, ohne eine Hülfe abzuwarten, und neben ihm ritt der alte Herr. Sie paſſirten das Rheinthor und wandten ſich alsdann gegen den Bayenthurm, um ſo die breite Landſtraße nach Bonn zu erreichen. Hier, auf dieſem belebten Wege, ließ man die Pferde im Schritte gehen, was für Rüding ſehr erwünſcht war und was auch bei der allerdings ſanften Bewegung des kleinen Schimmels, bei der friſchen Winterluft, bei dem luſtigen, lebendigen Treiben am Ufer und am Strome ſeinen Muth etwas hob, ja, ihm ſogar ſo viel Sicherheit verlieh, daß er es nicht nur wagte, kühn um ſich zu ſchauen, ſondern ſogar an den Fenſtern hinaufzublicken, und den Verſuch machte, ſeine rechte Hand elegant auf ſeinen Oberſchenkel zu ſtützen. „Da iſt der Bayenthurm,“ ſagte Rodenberg zu der jungen Dame, als ſie am Fuße des mächtigen, finſteren Baues vorüber⸗ ritten,„die Wohnung ſchwerer Verbrecher, welche, an Ketten ge⸗ ſchmiedet, wie die Galeerenſträflinge zu öffentlichen Arbeiten ver⸗ wandt werden. Ich erinnere mich dabei eines Vorfalles vor einigen Jahren, als ich auf kurze Zeit in Köln war und einen Bekannten von mir, einen einjährigen Freiwilligen, beſuchte, als er ſich gerade hier auf Wache befand. Gar zu gern hüätte ich dieſe Gefangenen in ihrer Behauſung geſehen, und um das möglich zu machen, zog ich zur nächſten Viſitation die Uniform meines Freundes an, nahm deſſen Muskete und gelangte ſo in den Thurm. Aber es war ein unerquicklicher, troſtloſer Anblick, dieſe Unglücklichen in langen Reihen auf ihrem breiten Lager zu ſehen. Mit dem rechten Fuße waren ſie vermittelſt einer ſchweren Kette an eine unten vorbeilaufende Eiſenſtange geſchloſſen. Die meiſten derſelben erwachten, als der Schein unſerer Laternen in ihre Augen fiel, warfen ſich ſeufzend, ſtöhnend oder auch Verwünſchungen murmelnd, von einer Seite O, ſtille dies Verlangen! 263 auf die andere, wobei ihre Ketten unheimlich in dem hohen, ge⸗ wölbten Gemache raſſelten.“ „Vorbei— vorbei!“ entgegnete Juanita, einen ernſten Blick auf den gewaltigen Bau werfend, der wie eine Wache an den Ufern des Rheines ſtand und auch den Zweck hatte, mit ſeinen Wallgängen und Schießſcharten das alte Köln zu beſchützen.„Der Contraſt, dort das finſtere Thurmgefängniß mit ſeinen gefeſſelten Bewohnern, wir hier unten frei und fröhlich in den klaren, ſchönen Tag hinein⸗ reitend— zufrieden— glücklich!“ „Sind Sie das in der That, Juanita?“ fragte der junge Mann in einem weichen, ſchmachtenden Tone, indem er ſeinen unruhig vorwärts ſtrebenden Rappen mit ſtarker Hand ſo dicht an das Pferd der jungen Dame heranbrachte, daß er ſich nur ein wenig zu bücken brauchte, um den Trenſenzügel des Rothſchimmels, der etwas herabgeglitten war, wieder in Ordnung zu bringen, in⸗ dem er ihn leicht durch ihre Finger zog, wobei es nicht anders möglich war, als daß ſeine Hand die ihrige berührte.—„Fühlen Sie ſich wirklich froh und glücklich?“ „Gewiß,“ entgegnete ſie lebhaft und ſah ihn dabei mit ihren leuchtenden Augen innig an;„ich lebe in der Gegenwart ſo unend⸗ lich froh und glücklich, daß ich weder an Vergangenheit noch Zu⸗ kunft denken mag und der Zeit gebieten möchte, eine gute Weile ſtill zu ſtehen!“ „Sie ſind gern zu Pferde?“ fragte er. „Sehr gern, ſehr gern— alsdann fühle ich mich aller geſell⸗ ſchaftlichen Feſſeln ledig, ſo frei und unabhängig— nur reite ich nicht gern im Schritte, wie wir jetzt!“ „Armer Rüding!“ dachte Rodenberg, indem er, ihrem aus⸗ geſprochenen Wunſche nachkommend, ſeinen Rappen in einen kurzen Galopp ſetzte, dem der Rothſchimmel augenblicklich folgte. „Ah, herrlich, herrlich!“ jubelte Juanita—„wie liebenswür⸗ dig die Bewegungen meines kleinen Pferdchens ſind, ich muß dafür Onkel Joſe einen Kuß zuwerfen!“— Sie wandte hierauf ihren 264 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Oberkörper ein wenig und grüßte mit einer herzlichen Geberde rück⸗ wärts; doch lachte ſie heiter, als ſie nun ihr Geſicht gegen Roden⸗ berg wandte. „Joſe und ihr Freund traben hinter uns drein,“ ſagte ſie; „doch macht Ihr Freund, wie ich flüchtig ſah, ein ganz eigenthüm⸗ liches Geſicht und ſcheint ſich nicht ſo behaglich zu fühlen, wie ich.“ „Er iſt lange nicht mehr geritten, wird ſich aber nach und nach daran gewöhnen.“ „Geht Ihr Rappe angenehm?“ fragte ſie nach einer Pauſe. „Er hat harte Bewegungen, weil ich ihn ſtark zurückhalten muß— ich glaube, wenn ich ihn ausgreifen ließe, ſo würde er eben ſo ſchnell als angenehm ſein.“ „Wollen wir?“ fragte ſie mit ſchelmiſchem Lächeln und blitzen⸗ den Augen. 3 „Später,“ erwiederte er;„wir haben dort rechts am Thore noch einen Engweg mit Fußgängern, Reitern und Marktkarren— ſehen Sie das Gewühle—, aber hinter dem Fort, deſſen Werke dort zwiſchen den Bäumen hervorſehen, ſteigt die breite Chauſſee ſanft aufwärts.“ „Sie haben Recht, wir wollen bis dahin warten.— Dieſe kleinen Feſtungswerke,“ fragte ſie nach einer kurzen Pauſe,„dienen zur Vertheidigung Kölns?“ „Allerdings— es ſind ſogenannte Montalembert'ſche Thürme, einer vom anderen unabhängig, einen weiten Kreis um die Stadt bildend— Feſtungen en miniature, mit kleinen Gräben und zier⸗ lichen Zugbrücken, angenehm beſchatteten Glacis und einem Hof⸗ raume wie in einer alten Ritterburg. Ich war damals zuweilen in einem dieſer Werke, und immer regte ein ſolcher Beſuch meine Phantaſie an. Es war mir, als müſſe des Thürmers Lied zum Willkomm erklingen oder zur Abwehr, als müſſe mich irgend ein biderber Rittersmann unter dem Thorbogen willkommen heißen oder aus einem der vergitterten Fenſter mich eine Dame mit ihrem weißen Schleier zu ihrer Befreiung heranwinken— doch Scherz bei — O, ſtille dies Verlangen! 265 Seite, wir haben in einigen dieſer Forts, und gerade in dem dort vor uns liegenden, manche vergnügte Stunde verlebt. Damals wurde die Wache dort von der Artillerie gethan, unter deren Frei⸗ willigen ich ein paar Freunde hatte, und wie gern fanden wir uns dort zum Beſuche ein bei einem ſelbſtgemachten Kaffee oder Punſch oder auch an ſchönen Frühlingstagen zum ſeligen Nichtsthun; ich erinnere mich noch gern dieſer glücklichen Zeit, wo die ganze Wache nebſt ihrem Beſuche draußen auf dem Glacis im Schatten der weißglänzenden Birken lag und träumend in den Himmel ſchaute, wenn er ſich ſo blau und klar wie heute über uns wölbte. Auch laſen wir zu jener Zeit Taſſo's befreites Jeruſalem und waren trotz Säbel und Wehrgehänge noch kindiſch genug, den Sturm auf die Mauern Zions an dem kleinen Thurme darzuſtellen, ſehr zum Entſetzen eines wohlbeleibten Majors du jour, welcher dazu kam und meinen Freunden einige Tage Arreſt in Ausſicht ſtellte.“ „Ach, dieſe Erinnerungen,“ ſagte Juanita,„wie lieb ſie uns ſind und wie ſie ſo lebhaft, über irgend einer Gegend, um irgend ein Gebäude ſchwebend, uns beim Anblicke derſelben längſt vergangene Tage ſo lebendig auffriſchen, als ſei alles das erſt geſtern geſchehen!“ „Ja, ja, erwiederte er, vor ſich hinlächelnd,„tritt doch Taſſo's wunderbares Werk jetzt wieder ſo gewaltig vor meine Seele, werde ich doch die grauen Mauern zwiſchen den weißen Birkenſtämmen hervorblinken ſehen, während ich ſo glücklich bin, an Ihrer Seite reiten zu dürfen!“ Sie hatten jetzt die Chauſſee vor dem Severinsthore erreicht und mußten hier, wie Rodenberg vorhin geſagt, im langſamſten Schritte reiten, um durch das Gewühl der Fußgänger, reitenden und fahrenden Landleute, die vom Markte nach Hauſe zurückkehrten, ohne Anſtoß durchzukommen, wobei man aber doch allerlei Be⸗ merkungen über die Madame, welche ſpaziren ritt, und den jungen Herrn an ihrer Seite, beſonders aber über den ernſthaften alten Herrn, ſowie über die zuſammengeknickte Geſtalt des ſanften Eduard nicht entgehen konnte Ueberhaupt ſchienen die meiſten dieſer Leute CQC—————ÿ—᷑—x————— 266 Zweiunddreißigſtes Kapitel. von der Luft des Carnevals, welche über Köln wehte, angeſteckt zu ſein. Hier ging ein Paar Arm in Arm, ein luſtiges Lied ſingend und dabei den ſchwankenden Gang ſchwer Betrunkener außerordent⸗ lich glücklich copirend; denn daß es eine Nachahmung war, hörte man an ihrem luſtigen Lachen, mit dem ſie jetzt ruhig ſtehen blieben und die Reiterſchaar vorbeiließen. Dort ſah man auf ſeinem leeren Marktkarren einen älteren Bauern ſitzen, eine Carnevalsmütze vom vergangenen Jahre auf dem Kopfe, die er vielleicht irgendwo zum Geſchenk erhalten, während ein junger Burſche neben ihm herſchritt und ſich nicht wenig auf ſeine ungeheure falſche Naſe zu Gute that. Einem luſtig gemeinten„Geck, lohs Geck elans“, welches Roden⸗ berg einem vierſchrötigen Reiter zurief, der vor ihm auf der Mitte der Straße hielt, wurde lachend Folge geleiſtet und nur im Geiſte der Tage dadurch erwiedert, daß der Reiter, Don Joſe ſtarr an⸗ ſehend, ausrief:„Wat hätt dä Kähl en Nas!“ Rüding war tief aufathmend und etwas bleich ausſehend neben ſeinen Begleiter nun wieder dicht aufgerückt und erwiederte auf Rodenberg's Frage, wie es ihm gehe: er ſei zufrieden, wenn es nicht ſchlimmer komme; worauf ein Lächeln über die Züge des alten, ſonſt ſo ernſten Spaniers glitt, und er in gutmüthigem Tone zu Juanita ſagte:„Du wirſt es uns nicht übel nehmen, mein Kind, wenn wir nicht immer dicht hinter Euch bleiben, der kleine Schimmel da geht einen gar zu langſamen Trab!“ Wenn auch der ſanfte Eduard für dieſe Worte mit einem ſtummen Blicke dankte, ſo konnte er ſich doch nicht enthalten, in einem etwas unwilligen Tone einzuſetzen:„Warum auch in die Welt hinausſtürmen, wie Rodenberg es ſo gern thut? Es iſt doch viel behaglicher, ſo in Ruhe des ſchönen Tages genießen zu können!“ „Gut, daß der Geſchmack auch darin verſchieden iſt,“ erwiederte die junge Dame lachend;„was mich betrifft, ſo athme ich ſo wonnig und frei, wenn ich mit meinem Pferde in einem raſchen Tempo dahinfliegen kann!— Du haſt doch nichts dagegen,“ wandte ſie ſich an Don Joſe,„wenn wir einmal verſuchen, wie unſere Pferde ausgreifen?“ O, ſtille dies Verlangen! 267 Rüding blickte ſeinen Begleiter mit einer wahren Jammermiene an und athmete freudig auf, als dieſer ſagte:„Nur zu, was Euch anbelangt; ich und mein junger Freund hier, wir wollen indeſſen mit einem behaglichen Schritte fürlieb nehmen.“ Dahin flogen der Rappe und der Rothſchimmel, daß es eine Freude war, ihnen zuzuſehen, und Rüding glaubte ſich für dieſes Mal ſchon gerettet, als der kleine Schimmel mit einem gänzlich unvorhergeſehenen Sprunge, vor deſſen Folgen ſich der Reiter nur durch ein krampfhaftes Erfaſſen des Sattelknopfes retten konnte, die rechte Kantare zwiſchen die Zähne nahm, dann den Kopf auf⸗ warf und in einem geſtreckten Galopp folgte. Es war Rüding's Glück, daß er noch im Stande war, einen lauten Ruf:„Zu Hllfe, zu Hülfe!“ auszuſtoßen und daß dieſer Ruf von Don Joſe gehört und verſtanden wurde. Augenblicklich ließ er ſeinen großen Braunen folgen und hatte in wenigen Sätzen nicht nur den kleinen Schimmel erreicht, ſondern ſich auch des Zügels bemächtigt und das Pferd mit einem tüchtigen Ruck zum Stehen gebracht. Daß der ſanfte Eduard bei dieſer plötzlichen Parade das Gleichgewicht verlor und mit weit wegfliegendem Hute dem Schimmel um den Hals fiel, wobei er einen unnennbaren Theil ſeines Körpers auffallend erhob, hätte auch einem beſſeren Reiter geſchehen können. Doch war er für dieſes Mal von gänzlichem Sturze gerettet, krabbelte ſich wieder in ſeinen Sattel hinein und warf alsdann einen ſcheuen Blick auf ſeinen Hut, welcher glücklicher Weiſe dieſſeits des Straßengrabens liegen geblieben war. Don Joſe, der in ſeiner Gutmüthigkeit dieſen Blick wohl ver⸗ ſtand, ritt ein paar Schritte ſeitwärts und hob mit ſeiner Reit⸗ peitſche die Kopfbedeckung Rüding's vom Boden auf. „Ich— danke— Ihnen— herzlich— für meine Rettung — Sie— haben— mich— vor— einem großen Unglücke bewahrt! Dieſer Schimmel ſcheint mir ein gefährlicher Durchgänger zu ſein!“ „Ich glaube das nicht,“ erwiederte Don Joſe mit großer Ruhe; „die Pferde ſind an einander gewohnt, und als die Beiden davon 268 Zweiunddreißigſtes Kapitel. ritten, hätten Sie nur Ihren Schimmel etwas feſter in die Hand nehmen ſollen; auch der Braune hier hatte eine Neigung, mit fort⸗ zugehen, doch mochte ich Sie nicht allein laſſen.“ „Wofür ich Ihnen aus tiefſter Seele danke! Allerdings bin ich früher häufig geritten und ſcheue mich auch nicht vor einem kleinen, ſoliden Trabe, ja, nicht einmal vor einem anſtändigen Ga⸗ lopp; aber wie im gewöhnlichen Leben, ſo haſſe ich auch auf dem Sattel alle rohen, unvorhergeſehenen Aufregungen!“ Juanita und Rodenberg waren indeſſen in einem geſtreckten Jagdgalopp über die ſanft anſteigende Chauſſee geritten und hatten ſchon nach wenigen Minuten das Gewühl der Marktleute, ſowie ihre beiden Begleiter weit hinter ſich gelaſſen. Die junge Spanierin athmete tief auf, nicht aus Anſtrengung über dieſen ſcharfen Ritt, ſondern aus Entzücken über die ungebändigte Freiheit der Bewegung ihres Pferdes, über die Schnelligkeit, mit der ſie dahinflog, über das Wohlbehagen, welches ſie empfand, indem ſie ſo wie ein Vogel in ſeinem Fluge die Luft durchſchnitt. Sie hätte laut aufjauchzen mögen vor Entzücken; ihre Augen leuchteten und ihr Geſicht glühte von der ſcharfen Luft, mehr noch aber von ihrer Aufregung. „Wollen wir langſamer reiten, Juanita?“ fragte er. „Nein, nein, noch nicht,“ gab ſie zur Antwort,„nur noch bis zu jener Baumgruppe dort vor uns auf der Wieſe, die ſich ſanft nach dem Rheine hinabſenkt, und wenn der Chauſſeegraben nicht zu breit iſt, wollen wir hinüberſetzen und ein wenig auf dem grünen Raſen halten; ich bin zu allen Tollheiten aufgelegt!“ „Wofür ich die Verantwortung übernehmen muß!“ antwortete Arthur. „Davon entbinde ich Sie— und ängſtlich ſind Sie auch nicht, wie ich weiß— alſo vorwärts!“ Sie berührte ihren Rothſchimmel leicht mit der Reitpeitſche, und in verſtärktem Galopp flogen ſie der bezeichneten Baumgruppe zu. Rodenberg, welcher die Zügel ſeines Pferdes in die rechte Hand genommen hatte, hielt ſich an der rechten Seite der kühnen O, ſtille dies Verlangen! Reiterin, und zwar ſo dicht, daß er im Stande war, ſogleich die Zügel ihres Pferdes zu ergreifen, ſobald er es für nothwendig hielt. Da hatten ſie die Baumgruppe dicht zu ihrer Linken, getrennt von der höher liegenden Straße durch einen allerdings mäßigen Graben. „Hopp, mein Pferdchen,“ machte Juanita mit einem leichten Zungenſchlage, und der Rothſchimmel flog mit der ſchönen Reiterin ſo zierlich und gewandt auf den weichen Raſen hinüber, daß es eine Wonne war, ihr zuzuſchauen. Der junge Maler hätte ſich auch gar zu gern dieſes Schauſpiel vergönnt, doch trieb es ihn, dicht an ihrer Seite zu bleiben, und das gelang ihm auch mit ſolcher Genauigkeit, daß er im Stande geweſen wäre, ſeinen Arm um ihre Taille zu legen, wenn ſie nur im geringſten im Sattel gewankt hätte. Sie bemerkte dies auch wohl und lächelte ihm heiter, ja, glückſelig zu. Da hielten die Beiden neben einander auf ihren ſchnaubenden Pferden, ſelbſt tief aufathmend. Athur legte ſeinem Rappen, der nun vollkommen ruhig ſtand, die Zügel auf den Hals, nahm Juanita's rechte Hand, zog langſam ihren Reithandſchuh ab, was ſie lächelnd geſchehen ließ, und küßte mit großer Bedächtigkeit die vier roſigen Grübchen oben auf ihrer Hand, als Zeichen der tiefſten Ver⸗ ehrung, wie er ſagte, für eine ſo ausgezeichnete und gewandte Reiterin. „Wie wohlthuend iſt eine ſolche Bewegung, wie erregt ſie unſer Blut, ſo daß man deutlich fühlt, wie leicht und wonnig es in den Pulſen klopft— A— a—ah,“ ſetzte ſie, tief aufathmend, hinzu, „welche würzige und prächtige Luft! Sie müſſen mir ſchon zugeben, mein lieber Freund, daß ich Sie hier, freilich unbewußt, an einen wunderſchönen Punkt geführt habe— blicken Sie um ſich her!“ „Ich bin entzückt, einer ſo liebenswürdigen Führerin folgen zu dürfen, und in der That, die Ausſicht von hier iſt prächtig! Sehen Sie dort vor uns den majeſtätiſchen Strom mit ſeinem ſanft fließenden, grünlich ſchillernden Waſſer? Allerdings ſind die Ufer hier flach, doch gewähren ſie uns dafür auch einen Blick auf das maleriſch ſchöne Siebengebirge, das dort am Ende der weiten Ebene ——— 270 Zweiunddreißigſtes Kapitel. in ſeinen prächtigen Formen und in ſo wunderbarer Färbung empor⸗ ſtrebt— ſchade, Sennora, daß wir noch keinen Frühling haben, um dort ein wenig zwiſchen den Bergen umherſchweifen zu können!“ „Man ſagt, die Thäler, welche ſie umſchließen, ſeien reizender in ihrer heimlichen Lieblichkeit, als ſelbſt der Anblick des ſchönen Gebirges von außen.“ „O, ſie ſind entzückend ſchön— was gäbe ich darum, an Ihrer Seite vor der alten Kloſterruine Heiſterbach weilen zu dürfen — ſtellen Sie ſich ein kleines Thal vor, rings von dichtbewaldeten Bergen ſo eng umſchloſſen, daß man ſich in einer wonnigen Ab⸗ geſchiedenheit von der Welt fühlt; dort, am Ende eines weiten Raſenplatzes, hebt ſich die maleriſche Ruine eines reichen gothiſchen Kirchenchores mit der röthlichen Farbe ihres Steines ſo prächtig von dem tiefen Grün des Eichenwaldes ab: vom ehemaligen Kloſter⸗ garten iſt nichts mehr übrig, als mitten auf dem Raſenplatze eine mächtige Steinſchale mit einem hoch emporſpringenden klaren Waſſerſtrahle, der heute noch, begleitet vom heiteren Geſange der Vögel, eben ſo murmelt und rauſcht, wie damals bei den Klängen der Frühmeſſe und dem Läuten des Ave Maria— o, Juanita, dort eine Stunde allein mit Ihnen in tiefer, ſüßer Waldeinſamkeit!“ „Wie Sie ungenügſam ſind,“ erwiederte ſie in ſanftem Tone; „ich führe Sie auf dieſen ſchönen Punkt, ich zeige Ihnen den präch⸗ tigen Rheinſtrom, ich wollte gerade Ihren Blick lenken auf die alte, ſchöne Stadt dort vor uns, die von hier mit dieſem ihrem rieſen⸗ haften Thurme einen wahrhaſt überwältigenden Eindruck macht, und Sie haben auch an dem nicht genug, ſondern verlocken meine Sinne nach einer einſamen Waldwieſe!“ „O, wäre ich im Stande, dieſe Sinne zu verlocken und zu feſſeln!“ ſagte Rodenberg. 3 „Schauen Sie lieber auf den luſtigen grünen und weißen Dampfer, wie er den Strom hinabfliegt,“ erwiederte ſie mit heiterer Miene und ſetzte nach einer Pauſe ernſter hinzu:„bald werde ich mit einem ziehen, der aufwärts geht!“ O, ſtille dies Verlangen! 271 „Das weiß ich, verſetzte er traurig,„und da ich es weiß, möchte ich Sie entführen, fern von den Menſchen, und gefangen halten viele, viele Jahre lang!“ „Eine freundſchaftliche Idee— ich danke dafür!“ „Möchte ich Sie doch zu gern wieder in das Gebiet verſetzen, dem Sie ja als Fee des Waldes angehören, an eine murmelnde Quelle unter duftendem Schattendache, ach, an eine Stelle wie jene, wo ich ſo unendlich glücklich war!“ „Wer kann das Glück halten,“ gab ſie träumeriſch zur Antwort, „es flattert davon wie ein Sonnenſtäubchen!“ „Nein, wir können's nicht halten, wenn es einmal entflattert; aber es zurückzurufen liegt ja in unſerem Willen, wenn wir es mit aller Macht der Seele wollen!“ „Der Winter iſt gekommen, hat die Blumen getödtet und die Bäume entblättert; ſind Sie ein Zauberer, mächtig genug, um Alles rings umher wieder blühend und grün zu machen?“ „Nein, das bin ich nicht, aber was Sie eben ſagten, Juanita, iſt unrichtig. Der Winter iſt vergangen und es will Frühling werden; merken Sie das nicht an dem entzückenden Dufte, den die Erde ausſtrömt unter dem warmen Kuſſe dieſer Sonne?— Sehen Sie es nicht an den ſchwellenden Knoſpen der Bäume?— O, könnten Sie es fühlen an dem Klopfen meines Herzens—“ „Mein Herz, es klopft beweglich, Es klopft beweglich wild. Ich liebe Dich unſäglich, Du ſchönes Menſchenbild! ſagt einer Ihrer Dichter,“ gab ſie lachend zur Antwort;„aber im Grunde haben Sie Recht!“ 1 „Warum, Juanita?“ fragte er raſch. „Nicht im unſäglichen Klopfen Ihres Herzens, denn daran glaube ich leider immer noch nicht, aber im Gedanken vom an⸗ brechenden Frühling.“ „In unſerem Innern?“ 272 Zweiunddreißigſtes Kapitel. „Nein, vor der Hand nur auf Erden; es iſt wahr, die Knoſpen ſchwellen, die Erde duftet himmliſch, und wenn mich mein gutes Auge nicht trügt, ſo ſehe ich dort vor mir im Graſe ein ſchüchtern emporgeblühtes Veilchen!“ „Wo?“ rief er aus, indem er ſich mit der Schnelligkeit des Gedankens von ſeinem Pferde ſchwang. „Da, neben dem kleinen, weißen Steinchen— hatte ich Recht?“ „Wie immer, Juanita,“ entgegnete er, indem er ſich wieder aufrichtete und ihr die gepflückte kleine Blume darreichte. Bei der raſchen Bewegung war ihm ſein Hut entfallen, und zu ihr auf⸗ ſchauend, fuhr er mit der Hand über ſeine glühende Stirn. „Ach, wie das ſo ſüß riecht— wie in uns dieſer Blumenduft ſo lebhaft die Erinnerung an eine ſchöne Vergangenheit wachruft!“ — Sie ſchaute ihn unter ihren langen Augenwimpern hervor mit einem träumeriſchen, unausſprechlich innigen Blicke an. „O, Juanita!“— Er hob flehend ſeine Hände zu ihr empor, und ſie legte langſam ihre Rechte mit der kleinen Blume hinein. „O, Juanita,“ wiederholte er in innigem Tone,„es ſoll und muß Frühling werden— oder wollen Sie mich zu einem ewigen, troſtloſen Winter verdammen? Die Erde duftet, die Knoſpen ſchwellen und mein Herz klopft wild bewegt, denn ich liebe Dich, Juanita— ich liebe Dich, wie eine Menſchenſeele nur zu lieben im Stande iſt— und meine Liebe iſt Dir nicht verborgen geblieben, Du haſt es gewußt, mein füßes Geheimniß— o, theile es mit mir!“ In ihrem Auge glänzte es ſo warm und ſeltſam— ſie hatte ihre kleine Hand auf ſeine Schulter geſtützt— er fühlte den Druck derſelben, als ſie eine Bewegung machte, ſich langſam zu ihm herabzubeugen. Er hob tief aufathmend ſein glühendes Geſicht empor, er fühlte den Hauch ihres Mundes; er hatte kaum noch eine Linie bis zu der unbeſchreiblichen Seligkeit, ihre Lippen auf den ſeinigen zu fühlen, da verſchwanden ſie wie ein roſiger Schimmer vor ſeinem flimmernden Blicke und ihre heiße Wange ruhte eine kleine Secunde lang auf ſeinem lockigen Haar. 3 O, ſtille dies Verlangen! „O, Juanita, Du biſt entſetzlich grauſam!“ „Arthur, Arthur, es kann und darf nicht ſein!“ Wie würden ihn dieſe letzten Worte geſchmerzt, verletzt, zurück⸗ geſtoßen haben, wenn er nicht zugleich gefühlt hätte, wie krampf⸗ haft ſie mit ihren kleinen Fingern ſeine Hand feſthielt und drückte — nur einen Augenblick, denn alsdann trennte ſie ihr Pferd durch eine raſche Wendung von ihm. „Juanita!“ bat er. Doch ſchon hatte ſie ihr vollkommenes Gleichgewicht wieder erhalten.„Arthur, danken Sie Gott,“ rief ſie dem jungen Manne ſcherzend zu,„daß dieſer ſchreckliche Augenblick für uns Beide ſo gefahrlos vorüberging! Ich ſagte es Ihnen ja ſchon bei unſerer erſten Zuſammenkunft, wie gefährlich es für einen Sterblichen iſt, der verrätheriſchen Waldfee zu trauen— o, glauben Sie mir und nehmen Sie ſich für die Zukunft in Acht!“ „O, Du biſt keine Waldfee!“ gab er ihr wohl im Scherze, aber mit einem düſtern Geſichtsausdrucke zur Antwort—„jene Weſen, die ihr Leben verbringen in heiterem Sonnenſcheine, an murmelnder Quelle, im Schatten des heiligen Waldes, fühlen tief und warm, und wenn ſie, wie ich glaube, einer Liebe fähig ſind, ſo laſſen ſie ſich auch von derſelben hinreißen— nein, nein, Juanita — ein ſolches Weſen, ein Geſchöpf des lichten Tages und des Sonnenſcheins biſt Du nicht!“ „Wie Du mich richtig erkannt haſt,“ gab ſie ihm kopfnickend zurück, nachdem ſie für einige Secunden die Hand auf Ihr Herz gedrückt hielt,„und wie ich Dir leider Recht geben muß— ja, ich bin ein Gebilde der Nacht, eines jener ſchattenhaften Weſen, die nur in der Stunde der Geſpenſter für Augenblicke zu einem heißen Liebesleben erwachen, ein Vampyr— wenn Du willſt— nimm Dich in Acht, Arthur, vor einem ſolch entſetzlichen Ungeheuer — ein Wort aus meinem Munde, wie Du es wünſcheſt, würde gefolgt ſein von ewiger Trennung!“ Hackländer's Werke. 54. Bd. 18 274 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Er hatte ſich ihr kopfſchüttelnd wieder genähert, nahm ihre herabhängende Rechte in ſeine beiden Hände und ſagte mit weicher Stimme:„O, Juanita, man ſollte auch im Scherze nicht ſolche Dinge ſagen! Doch weiß ich es wohl, ich trage die Schuld— ich fing an, und Du hatteſt doch ſo Recht, Dich hier— hier auf dieſer Stelle, vor meinem Ungeſtüm zurückzuziehen! O, ich war ein Wahnſinniger, dem der ſüße Hauch Deines Mundes die Sinne verwirrt— verzeihe mir, Juanita— und laß mich hoffen!“ Sie ſchauten ſich an, Auge in Auge; Eines verſenkte ſeinen Blick in den des Anderen mit dem Gefühle einer unbeſchreiblichen Seligkeit, langſam in demſelben untergehend— und erſt nach einer langen Pauſe erwiederte ſie:„Zwei ſchwere Bitten auf einmal!“ „Von denen eine aus der anderen folgt.“ „Ohne daß ich das zugeben kann, will ich doch Ihre erſte Bitte erfüllen.“ „Dank, Dank, tauſendmal Dank!“ rief er entzückt und hätte ihre Hand abermals an ſeine Lippen gedrückt, wenn das junge Mädchen nicht mit einer raſchen Bewegung des Kopfes geſagt: „Dort ſehe ich unſere Freunde— auch ich ſage meinen Dank — aber nicht für Ihre wilden Worte, Arthur, ſondern ich ſage meinen Dank für dieſe Unterbrechung— beſteigen Sie Ihr Pferd und laſſen Sie uns ihnen entgegenreiten.“ Rodenberg konnte ſich nicht enthalten, einen harten Gedanken gegen den unglücklichen Rüding zu faſſen, als er ſich in den Sattel ſchwang; doch müſſen wir geſtehen, daß ſich derſelbe ſogleich in ein Gefühl tiefen Mitleids verwandelte, als er die Jammergeſtalt ſeines Freundes herantraben ſah. Es war nur ein kleiner, kurzer Hundetrab, in dem die beiden Reiter daherkamen; doch genügte er, um Rüding's Ellenbogen in einer fliegenden Bewegung zu erhalten, um ſeinen Oberkörper auf eine faſt gefährliche Art vornüber zu beugen, um ſein Geſicht mit einer fahlen Röthe zu überziehen und um ſeinem Hute eine ent⸗ ſchiedene Neigung zu geben, von ſeinem Hinterkopfe herabzugleiten. O, ſtille dies Verlangen! 275 Leider war Don Joſe ein paar Schritte voraus und ſah deß⸗ halb nichts von den entſetzlichen Bemühungen des unglücklichen Reikers, der Bügel, Schluß und Haltung in ſolchem Grade verloren hatte, daß nur die geringſte außergewöhnliche Bewegung des Pferdes genügen mußte, ihn zu Fall zu bringen. Der ſanfte Eduard ſah übrigens dieſes ſein Schickſal ſelbſt voraus und hatte trotzdem Seelenſtärke genug, zu lächeln; denn er erkannte es als eine Güte der Vorſehung, daß der Braune vor ihm nun mit einem tüchtigen Sprunge auf die grüne Wieſe ſetzte, wo es ſich jedenfalls weicher liegen mußte, als hier auf der harten Landſtraße. Trotzdem war es ein entſetzlicher Augenblick, ſo mit jeder Secunde der gewiſſen Niederlage näher und näher zu kommen, einer unfehlbaren Niederlage, einer glänzenden Niederlage. Und dabei hatte Rüding, wie wir eben bemerkt, noch Seelenſtärke genug, um krampfhaft zu lächeln. Auch ſeine Geiſtesgegenwart verließ ihn ſo wenig, daß er, unter Anklammern an die dichte Mähne des Pferdes, ein paarmal mit den Füßen ſtrampelte, um ſich zu über⸗ zeugen, daß er von den Bügeln befreit ſei; denn es überfiel ihn der ſchreckliche Gedanke, hier vielleicht in ſeiner Jugendblüthe zu Tode geſchleift zu werden. Da machte der kleine Schimmel eine Bewegung von der Straße ab, dem Braunen zu folgen; da ſchloß Rüding die Augen, hatte aber doch noch Seelenkraft genug, ungefähr mit denſelben Gefühlen, unter denen der Selbſtmörder ſeiner Piſtole eine doppelte Ladung gibt, einen Zungenſchnalzer zu verſuchen, der übrigens vollkommen überflüſſig war. Da kam das Schickſal, roh und kalt Faßt's des Freundes zärtliche Geſtalt Und wirft ihn unter den Hufſchlag ſeiner Pferde. Rüding war in einem tüchtigen Bogen vom Sattel auf das Gras niedergefallen und dort blieb er ein paar Secunden lang liegen, nicht als ob er die Beſinnung verloren hätte, ſondern weil er ſich fürchtete, durch eine Bewegung allzu früh zu erfahren, ——II 276 Zweiunddreißigſtes Kapitel. welches der zwölf Gliedmaßen er zerbrochen und welchen edlen Theil ſeines Körpers er verletzt. Endlich öffnete er auf einen Zuruf Rodenberg's ſeine Augen, und dann ſah er den Freund neben ſich ſtehen, und es beruhigte ihn einiger Maßen, daß er keine unterdrückte Thräne in deſſen Augen ſah, vielmehr eine gewiſſe Heiterkeit, welche ihn ermuthigte, die dargereichte Hand zu ergreifen, um ſich ſo auf die Beine zu helfen; ja, er konnte ſtehen, er konnte gehen, er konnte ſeine Arme bewegen und mit dem Kopfe wackeln, was er am eifrigſten verſuchte, denn er hatte nur eine ſehr ſchwache Idee, was unter einem ge⸗ brochenen Halſe zu verſtehen ſei. Hierauf ſchritt er mehrere Male hin und her, glaubte auch den beruhigenden Worten Rodenberg's, wobei er ſich aber doch nicht enthalten konnte, ſeine ſchreckliche Vermuthung kund zu thun, er könne doch vielleicht irgend etwas heimlich zerbrochen haben, ein Unglück, was erſt ſpäter zum Vor⸗ ſchein kommen würde. Don Joſe hatte die Freundlichkeit, ſich auf's herzlichſte zu entſchuldigen; aber es ſei ihm nun einmal unmöglich geweſen, der Luſt, mit dem Braunen über den Graben zu ſetzen, zu widerſtehen. Auch die junge Dame ritt herbei, und indem ſie das Vor⸗ gefallene aufrichtig bedauerte, gab ſie feierlich die Verſicherung, nur im langſamſten Schritte nach der Stadt zurückkehren zu wollen, um ſo jedem weiteren Vorfalle vorzubeugen. Daß Rüding hierauf ſeinen kleinen Schimmel mißtrauiſch an⸗ ſah, ſich ihm auch mit großer Vorſicht näherte, wird Jedermann, der ſich in gleicher Lage befunden hat, begreiflich finden; doch war Rodenberg klug genug, ihm keine Zeit zu großer Ueberlegung zu laſſen. Nachdem nun Rüding's Anzug wieder ein wenig hergeſtellt— glücklicher Weiſe war der Grasboden ziemlich trocken—, auch ſein Hut herbeigeholt war, zog Rodenberg den Schimmel herbei und zwang ſeinen kleinen Freund, trotz deſſen Widerſtrebens, in den Sattel, wobei er ihm zuflüſterte:„Ich will Dir etwas ſagen: bei einem Grabenſprunge kann auch ein guter Reiter aus dem Sattel O, ſtille dies Verlangen! 277 kommen, und hat das durchaus nichts zu ſagen; übrigens haſt Du Dich famos gehalten, was ich den Anderen erzählen werde— denke Dir aber das Gelächter von Walter und vom dicken van der Maaßen, wenn Du zu Fuße nach Hauſe zurückkehrteſt!“ „Darin haſt Du allerdings Recht,“ gab der ſanfte Eduard nicht ohne eine tiefe Bewegung zu verrathen, trotzdem er ſich ge⸗ ſchmeichelt fühlte, zur Antwort;„ſei Du aber auch ſo gut und reite nicht wieder wie ein Verrückter in die Welt hinein— denke, wenn mir ein ſolches Unglück in Köln vor einer gaffenden Menge paſſirt wäre!“ „Wahr— wahr,“ entgegnete der Andere;„aber ich gebe Dir mein Wort, daß wir im Schritte reiten, wenigſtens bis ans Rhein⸗ thor; denn die paar Schritte von da bis zur Hausthür müſſen wir im Trabe zurückkommen, um Walter und die Anderen in Reſpect zu ſetzen— Du nimmſt im Nothfalle den Sattelknopf.“ „Aber wie komme ich aus der verfluchten Wieſe heraus?“ „Nichts leichter als das. Du hältſt Dich an meiner Seite, ich faſſe die Zügel Deines Schimmels, Du nimmſt tüchtig Mähne in die Hand, klemmſt die Waden an und wirſt alsdann ſehen, wie leicht ſich ein ſolcher Sprung aufwärts macht; dadurch ſtellſt Du auch Deine Reputation bei unſern Begleitern wieder her.“ „In Gottes Namen denn!“ Diesmal ging auch Alles ohne Unfall vorüber, wie Rodenberg geſagt. Der Rothſchimmel flog mit ſeiner kühnen Reiterin, gefolgt von dem Braunen, mit einem prachtvollen Satze auf die Chauſſee hinüber, und der Schimmel, der, von der Hand eines geübten Reiters geleitet, eigentlich mehr kletterte als ſprang, brachte den ſanften Eduard ebenfalls glücklich auf die Straße, und dann ritten ſie im Schritte mit einander der Stadt zu. Juanita wandte ſich freundlich an Rüding und erſuchte ihn, mit ſeinem Pferde an ihre Seite zu kommen, was ihm auch unter Beihülfe von Rodenberg's Reitpeitſche gelang. „Sie haben doch keine unangenehmen Folgen von Ihrem kleinen Un⸗ falle?“ fragte ſie alsdann mit der ihr eigenthümlichen Liebenswürdig⸗ 278 Zweiunddreißigſtes Kapitel. keit—„ich würde es mir nicht verzeihen können, da ich mich doch als die Urſache anſehen muß— denn ich hätte eigentlich auf der geraden Straße bleiben ſollen— ja, ja, das wäre viel beſſer ge⸗ weſen,“ ſetzte ſie mit einem Blicke auf Rodenberg hinzu—„aber fühlen Sie in der That keine Schmerzen?“ „Nicht die geringſten, mein gnädiges Fräulein,“ erwiederte der kleine Maler.„Aufrichtig geſagt, kam mir mein Sturz nicht unvorbereitet; denn wenn ich mich auch gerade nicht vor dem Sattel und einem unruhigen Pferde fürchte, ſo iſt es doch eigenthümlich, daß ich faſt jedesmal beim Springen über einen Graben oder über eine Barrière Unglück gehabt— ich habe einmal keinen Tact hierzu, und als ich nun ſah, wie der Schimmel dem Braunen nachſetzte, da ließ ich meine Bügel fahren und traf meine Vorbereitung ſo gut als möglich.“ „Ja, Du fielſt recht geſchickt, das iſt nicht zu läugnen,“ ſagte Rodenberg—„ein Anderer hätte ſich vielleicht furchtbar weh gethan.“ „Und wohl allen Muth verloren, wieder zu Pferde zu ſteigen,“ warf Don Joſe ein.„Ich habe Sie dabei bewundert und mache Ihnen mein Compliment.“ Rüding verbeugte ſich geſchmeichelt und wagte einen gelinden Verſuch, um den Kopf des Schimmels durch Anziehen der Zügel etwas in die Höhe zu nehmen; dann verſetzte er:„Mein gnädiges Fräulein, ich würde es wohl nicht verdienen, heute ſo wie in einigen Tagen in Ihrer Geſellſchaft zu reiten, wenn mich ein ſo kleiner Unfall abgeſchreckt hätte— im Gegentheil, es macht mich glücklich, weil ich dadurch den Beweis führen kann, daß nichts im Stande iſt, mich abzuſchrecken, wenn es gilt, Ihnen gefällig zu ſein, und nebenbei freue ich mich wie ein Kind auf unſeren Maskenzug— o, er muß großartig und glänzend werden!“ „Das hoffe ich auch,“ antwortete Juanita,„und mein guter Oheim, der nun einmal ſieht, daß ich von meiner kindiſchen Idee nicht laſſe, iſt ſo freundlich, die beſten Vorbereitungen zu treffen— doch habe ich noch eine extravagante Idee, über die Sie vielleicht ————= —— O, ſtille dies Verlangen! 279 lachen werden, Rodenberg, die aber eigentlich ganz verſtändlich iſt— ich möchte eine Probe von unſerem Zuge ſehen— Sie wiſſen, wir Künſtlerinnen halten viel von einer Generalprobe!“ „Aber wie wäre das möglich, ohne daß wir uns ſelbſt zum großen Maskenzuge um alle Ueberraſchung brächten?“ fragte Rodenberg. „Wir würden uns eine kleine Variation erlauben— die wilde Jagd müßte morgen Abend, ohne daß irgend Jemand vom Publi⸗ kum davon wüßte, von Deutz her, unter Fackelſchein und Muſikbegleitung plötzlich in Köln erſcheinen, an meinem verſchloſſenen Wagen vor⸗ überziehen, und hätte ich dabei Gelegenheit, zu ſehen, ob der Zug impoſant genug iſt und wie er ſich in ſeiner Reihenfolge ausnimmt.“ „Sie würden uns alſo bei dieſer Probe nicht begleiten?“ er⸗ wiederte Rodenberg in einem Tone getäuſchter Erwartung. „O, gewiß nicht,“ ſagte Don Joſe ernſt—„denken Sie doch, beim Dunkel der Nacht, und dann iſt's ja Iuanita's Zweck, die Wirkung des Zuges zu prüfen!“ „Mein Oheim hat Recht,“ pflichtete das Mädchen, mit dem Kopfe nickend, bei und ſetzte leiſe hinzu, indem ſie ſich gegen Roden⸗ berg hinneigte:„Ich habe dabei noch eine kleine Nebenabſicht. Der Prinz, der mich oft dadurch langweilt, daß er ſich in jeder Beziehung für unfehlbar hält und auch hier gerade ſo thut, als erhielte er von Allem, was geſchieht, die genaueſten Rapporte, ging eine Wette mit mir ein, es ſei nicht möglich, daß ohne Vorwiſſen des Kleinen Rathes ein nur halbwegs bedeutender Maskenzug arrangirt werden und ſeinen Auszug halten könne— ſoll ich meine Wette verlieren?“ „Gewiß nicht,“ gab Rodenberg zur Antwort;„aber ich wäre entzückt über dieſen Vorſchlag, wenn Sie nicht unſichtbare Zu⸗ ſchauerin wären.“ „Für Sie nicht,“ entgegnete ſie ganz leiſe, indem ſie ihren Rothſchimmel dicht neben den Rappen leitete;„ich werde links vom Thore in meinem Wagen halten— ſeien Sie mir nicht wider⸗ ſpenſtig,“ fuhr ſie darauf mit lauter Stimme fort,„Sie machen 280 Zweiunddreißigſtes Kapitel. es ja ärger, als mein guter Don Joſe, der am Ende ebenfalls nachgeben mußte!“ „Ja, mußte!— das iſt das richtige Wort,“ ſagte der alte Herr. „Und der, wie ich ſchon vorhin ſagte, Alles aufs wunderbarſte arrangirt hat— nicht wahr, Don Joſe, Du biſt ſo liebenswürdig und verdirbſt mir meine Freude nicht— wogegen ich Dir aber erlaube, den Herren alles Nöthige mitzutheilen, und jetzt kein Wort mehr davon, denn ich ſelber will ein klein wenig überraſcht werden!“ Sie ſang ein paar luſtige, heitere Töne in die Luft hinaus und war gerade im Begriffe, ihrem Rothſchimmel die Zügel ſchießen zu laſſen, als ſie glücklicher Weiſe noch zu rechter Zeit an Rüding dachte und ſich deßhalb mit Bewilligung deſſelben nur einen ganz kurzen Galopp erlaubte, dem die anderen Pferde in einem mäßigen Trabe folgen konnten. So gelangten ſie glücklicher Weiſe um das Glacis herum an den Bayenthurm zurück. Dann ging's wieder im Schritte bis an das Rheinthor, und hier hatte Rüding ſo viel Vertrauen in ſeine Reitkunſt gewonnen, daß er ſeinen Nachbar um einen gelinden Hieb mit der Reitpeitſche auf die Croupe des Schimmels erſuchte und ſo in einem wirklichen Galopp die Hausthür erreichte, wo er ſich alsdann aber bei der plötzlichen Parade des Pferdes in einer unbegreiflichen, einiger Maßen verdächtigen Schnelligkeit aus dem Sattel ſchwang. Doch hatte er ſeinen Zweck glänzend erreicht. Aus den Fenſtern ihrer Wohnung ſchauten Walter, van der Maaßen und Bergmüller — und der kühne Reiter war nicht nur glänzend angaloppirt, ſondern er ſtand auch aufrecht neben ſeinem Pferde und warf ſeine Zügel mit einer eleganten Leichtigkeit dem Stallknechte zu; ja, er klopfte dem Schimmel auf den Hals und hatte die Genugthuung, zu hören, wie Walter ſagte:„Ich hätte es in meinem Leben nicht geglaubt, daß der ſanfte Eduard im Sattel nach Hauſe zurückkehre!“ worauf van der Maaßen herabrief:„Bravo, mon ami, tu es un immense monteur de cheval!“ eens “ ——— —.