Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. .2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Srun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird... b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für füchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — * 1 7—„ u1 uI— 5. Auswärtige Abonnenten hahey für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſtefk und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Lützow's wilde, verwegene Jagd!“ hatten die Buben in einem fort geſchrieen und geſungen, bis ſie heiſer geworden waren und bis ihnen die beiden wilden Rothhäute am Fuße des Gebirges, das der Zug jetzt endlich erreicht, alles Ernſtes bedeutet hatten, hier müſſe Geſchrei und Begleitung auf⸗ hören, und ihnen dabei gedroht, daß im anderen Falle Laſſo und Wurfſpieß auf kräftige Art bei ihnen in Anwendung gebracht würden. Ein paar hievon abgelegte tüchtige Proben hatten denn auch bewirkt, daß ſich die Bubenſchaar den vernünftigen Fußgängern und Zuſchauern anſchloß, welche den Wagen folgten, um auf dem breiten Fahrwege die Höhe neben der Fahnenburg zu erreichen, von wo man dem glorreichen Kampfe und der Erſtürmung dieſer für uneinnehmbar geglaubten Bergpeſte ſchönſtens zuſehen konnte. Roderich, der als oberſter Kriegsherr ſo wie als Leiter des Angriffes bis jetzt noch nicht viel zu thun gehabt hatte, nahm nun mit Eifer und großem Geſchicke den Feldherrnſtab in die Hand, wobei ihm ſein Adjutant, der junge Bildhauer auf ſeinem flinken Ungarn, unterſtützt von den Rothhäuten, vortreffliche Dienſte leiſtete. Ein kühler, ſchattiger Grund, wo der Wildbach, deſſen Be⸗ Zwölftes Kapitel. kanntſchaft wir vor einigen Tagen bei einem höher gelegenen, trau⸗ lichen Plätzchen gemacht, das Thal erreichte, wurde dem ganzen Zuge als Lager angewieſen und zuerſt ein Sonnendach ausgeſpannt aus rothem Stoffe mit Goldfranſen für den Prinzen Maiwein und deſſen nächſtes Gefolge, unter dem ſich jetzt ein paar Köche bemerk⸗ lich machten, welche die vergoldete Bowle von dem Wagen herab⸗ nahmen, um das Lieblingsgetränke Seiner Hoheit, alſogleich aus friſch gepflückten Kräutern bereitet, zu überreichen. Wie es in dieſer verderbten Welt häufig zu geſchehen pflegt, ſo hatte Seine Hoheit beſchloſſen, hier in dieſem kühlen Grunde in Allerhöchſter Ruhe dem Kampfe ſeiner Tapfern, ſowie der Erſtür⸗ mung der Fahnenburg zuzuſchauen und ſic erſt dann glorreich zu betheiligen, wenn der Drache Griesgram glücklich überwunden ſei und ihm die entfeſſelte Freude ins Lager gebracht würde. Für dieſen großen Augenblick befand ſich auf dem Wagen Seiner Hoheit ein ganzer Waſchkorb voll Ordenszeichen, die in verſchiedene Claſſen getheilt waren und mit denen nach Maßgabe einer geringeren oder höheren Protection die Betreffenden decorirt werden ſollten. Der Ochſenkarren mit dem Weine, ſo wie umfangreiche Körbe voll Lebensmittel lagen abgeſondert unter der ſtrengen Aufſicht eines großen, handfeſten, unbeſtechlichen Reiters, zum großen Mißver⸗ gnügen des luſtigen Gottes Bacchus und des alten, trübſeligen Pan, welche beide gehofft hatten, wie im Zuge hieher, ſo auch auf der Lagerſtelle mit der Proviant⸗Colonne vereinigt zu bleiben. Damit aber die Völker Seiner Hoheit, ehe ſie in Kampf und Tod gingen, einigermaßen geſtärkt würden, ſo wurde der Marke⸗ tenderin anempfohlen, mit ihrem Eſelskarren auf einem ſichtbaren Platze aufzufahren, wo den Unterthanen des Prinzen Wein und Brod abgegeben werden ſollte, nach Belieben eines jeden Einzelnen, aber vorausgegangene gute Bezahlung. Die reiche, in Reſerve gehaltene, auf gemeinſchaftliche Koſten angeſchaffte Proviant⸗Colonne hatte nämlich den Zweck, nach — Was blaſen die Trompeten? Huſaren, heraus! 9 beendigtem Kampfe ſowohl für die Sieger als für die Beſiegten ein großes, allgemeines Freudenmahl anzurichten. So weit war nun Alles in beſter Ordnung. Olfers halte dem wilden Jäger den Befehl ertheilt, mit ſeiner Schaar unter mög⸗ lichſt großem Spectakel das Terrain zu recognosciren und dabei, ſo wie ſie von der Fahnenburg aus ſichtbar ſei, Tod und Teufel voran zu ſenden, um dort einen heilſamen Schrecken zu verbreiten. Wir brauchen wohl nicht zu ſagen, daß die wilde Jagd dieſem Befehle alle Ehre machte. Sogleich ging es im Galopp das Ge⸗ ſtrüpp aufwärts, was Pferde, Menſchen und Eſel laufen konnten, und dabei bemühten ſich die Waldhörner, irgend eine unerkennbare Melodie zu blaſen. Die Gewehre krachten, aufs Gerathewohl in die Luft abgeſchoſſen, die Hetzpeitſchen knallten, die Rüden bellten, kurz, es war ein ganz paſſender Höllenlärm, mit dem der wilde Jäger in die Berge zog. Seine Hoheit nippten dabei an ihrem Maitrank und ließen Allerhöchſtihren Ordenskanzler die vorausſichtlich Tapferſten der Reiter, Jäger, Pferde und Hunde für den Orden vom ſüßen Mai⸗ wein notiren. Die wilde Jagd machte aber auf die Belagerten durchans keinen Eindruck, vielmehr flog von der Zinne des Thurmes beim Anblicke von Tod und Teufel eine große, ſchwarze Flagge auf, was ſo viel heißen mochte, als: man werde ſich bis aufs Meſſer und bis zum letzten Schwanzriemen vertheidigen— letzteres eine⸗ höhniſche Anſpielung auf ſattellos gewordene Reiter. Darauf befahl Seine Hoheit, die Burg in großem Style förmlich zur Uebergabe aufzufordern, zu welchem Zwecke ſich der Befehlshaber ſelbſt in Begleitung eines Standartenträgers mit weißer Fahne und gefolgt von dem ganzen Muſikcorps zu Fuß bis zu jenem Platze am Fuße der Fahnenburg hegab, wo Rodenberg ſeine Skizze von der kleinen Veſte gezeichnet. Dort Rellie ſich das Hackländer's Werke. 53. Bd. Zwölftes Kapitel. Muſikcorps auf, um die grimmigen Bewohner der Burg durch die bekannten Klänge des ſchon einige Mal gehörten Volksliedes: Was iſt des deutſchen Vaterland? zur Nachgiebigkeit und zur brüderlichen Uebergabe der Burg auf⸗ zufordern. Es war eigenthümlich, daß dieſes an ſich ſo ſchöne Lied hier eben ſo wenig wie anderswo den beabſichtigten guten Zweck er⸗ füllte, vielmehr erſchien nach Beendigung deſſelben der Burgherr Neidhart von Iſegrimm auf der Zinne ſeines Thurmes in kohl⸗ ſchwarzer Rüſtung, einen feuerfarbenen Buſch auf dem Helme, den Rücken bedeckt mit einem Scharlachmantel, nicht nur mit über einander geſchlagenen Armen und einem Hohnlächeln auf den Lippen, trotzig, übermüthig, ſiegesbewußt— man war einander ſo nahe, daß man dies wahrnehmen konnte—, ſondern er machte auch ſeinem Gefühle gegen die Belagerer alsbald dadurch Luft, daß er in dreimal drei Abſätzen ein koloſſales Hohngebrülle erſchallen ließ, welches um ſo verſtärkter ins Thal hinab ſchallte, da er es durch ein rieſenmäßiges Sprachrohr von ſich gab. Nichts deſto weniger erfüllte der biedere und treue Kriegs⸗ hauptmann des Prinzen Maiwein ſeine Obliegenheit aufs er⸗ ſchöpfendſte, indem er vortrat, die weiße Fahne in der Hand, und die Burg in aller Form Rechtens zur Uebergabe aufforderte, wobei er hervorhob, daß der als Biedermann bekannte, eben ſo tapfere wie großmüthige Burgherr Neidhart von Iſegrimm es ſelber gegen die Regeln aller Ritterlichkeit halten werde, daß ein, wenngleich be⸗ kannter, doch in keinem Märchen⸗ und Fabelbuche mit irgend einer guten Eigenſchaft rühmend erwähnter Drache Griesgram dort oben die holde Freude gefangen halte, welche, dem ganzen Menſchen⸗ geſchlechte angehörend, auch von dem ganzen Menſchengeſchlechte, welches hinter ihm, dem Herold, ſtehe, zurückgefordert werde. Hierauf erklang die Donnerſtimme des Burgherrn, aus deſſen Auge ein verzehrendes Heldenfeuer loderte, und während er ſein Was blaſen die Trompeten? Huſaren, heraus! 11 zweihändiges Ritterſchwert auf die Steinplatten neben ſich nieder⸗ ſtieß, daß es förmlich dröhnte, rief er:„Ha, Ihr da unten wagt es, von Uebergabe zu reden, Ihr Abgeſandten eines eben ſo feigen, wie weichlichen Souverains, der wahrſcheinlich ſüßen Maitrank ſchlürft, während ſich ſeine Helden unter Muſikbegleitung gegen mich, den Tapferſten der Tapferen, aufmachen! Entflieht bei Zeiten aus dem Bereiche meiner Geſchoſſe, oder ich könnte mich nach glor⸗ reichen Vorgängen bewogen fühlen, die weiße Flagge nicht zu achten! Schaut aber hin auf den Söllerraum meines Schloſſes, und was Ihr dort ſeht, mag Euch als genügende Antwort dienen!“ Damit machte der Unhold eine impoſante, nicht ganz verſtänd⸗ liche Geberde, bei der man jedoch ein Bedeutendes von ſeinem Schar⸗ lachmantel zu ſehen bekam, und verſchwand. Wir brauchen eigentlich nicht zu ſagen, daß der tapfere Feld⸗ hauptmann vor der Burg mit einem bang erwartungsvollen Blicke nach dem Altan der Fahnenburg ſchaute, welche der ſchwarze Ritter droben als ſeinen Söllerraum bezeichnet.— Dort erſchien der Drache Griesgram in dem uns bekannten, vortrefflich gewählten Anzuge, die mit einer langen Kette gefeſſelte Freude hinter ſich drein ſchleppend.— Die Freude, eine weiße, verhüllte Geſtalt, ſehr lang und ſchmächtig, zuſammengebrochen und trippelnd, ſchien in dieſen Räumen zu einer verkümmerten, ſehr ungeſunden Freude geworden zu ſein. Der geneigte Leſer wird erwartet haben, es werde über dieſen jammervollen Anblick ein Schrei der Wuth und der Rache aus⸗ gebrochen ſein;— doch fand das Gegentheil Statt, als ſich nun der Drache Griesgram der Balluſtrade des Söllerraumes näherte und mit tiefer, murrender Stimme ſo wie mit ſehr geſpreiztem Weſen anhob zu reden: „Ja, wir halten die Freude gefeſſelt, weil das verdorbenẽ Menſchengeſchlecht, zu dem Ihr gehört, keiner Freude mehr werth iſt— wir halten.. 4 12 Zwölftes Kapitel. Weiter kam er nicht, denn ein ungeheures Gelächter aus dem Gebüſche rings umher, wo Rodenberg, der dem tapferen Kriegs⸗ hauptmann gefolgt war, ſein wildes Heer gelagert hatte, ſchnitt ihm ſeine Rede entzwei und ſteckte nicht nur den eben ſo biederen wie ernſten Herold an, ſondern auch die ſämmtlichen Muſiker, welche, aufwärts ſchauend, ihre Freude gleichfalls auf die lauteſte Art kund gaben bei dem furchtbar komiſchen Anblicke des Drachen, wobei es der Kriegshauptmann für das Gerathenſte hielt, ſein Geſchäft als beendigt anzuſehen und abzuziehen. Er that dies unter den Klängen der Muſik, welche, zuweilen geſtört durch einen ſchrillen, unpaſſenden Ton, wenn einer der Muſiker über eine Baumwurzel ſtolperte oder lachend an den Drachen Griesgram zurückdachte, die erhebende und für die vor⸗ liegenden Verhältniſſe paſſende Melodie ſpielte: „Schmeißt ihn'naus den Juden Itzig, Juden Itzig, Denn der Kerl war gar zu hitzig—“ ein Hohn und eine Mißachtung, von denen wir glauben, daß ſie bis jetzt in der Weltgeſchichte einzig da ſtehen. Seine Hoheit der Prinz Maiwein empfing mit großer Be⸗ friedigung den Bericht von dieſer glorreichen Waffenthat und fand ſich veranlaßt, ſeinem Kriegshauptmann dafür das Commandeur⸗ kreuz zweiter Claſſe Allerhöchſtihres Ordens zu überreichen, auch empfahlen Allerhöchſtdieſelben Ihren umhergelagerten Völkern in Anbetracht des bevorſtehenden Kampfes die größtmöglichſte Fröh⸗ lichkeit und forderten die Muſikcorps auf, das Lagerleben durch. heitere Weiſen zu verſchönern. Unterdeſſen erſchien die Sonne höher am Himmel und ſandte ſchon forſchend neugierige Strahlen durch die Lücken des Blätter⸗ daches, gewiß in der Abſicht, an dem luſtigen Treiben da unten auf dem moosbedeckten Boden im kühlen, ſchützenden Schatten Theil zu nehmen. Die Proviant⸗Colonne hatte ſich hinter Barricaden Was blaſen die Trompeten? Huſaren, heraus! 13 verſchanzt, den mitgebrachten Mundvorrath zu ordnen, ſo wie die Fäſſer von dem Wagen herabheben zu laſſen und an einen kühlen Ort auf den Boden zu legen und gegen die Hitze mit friſchen Zweigen zu bedecken. Zum Schutze gegen die eigenen Truppen, namentlich gegen kühne Marodeurs, wurden die Tüchtigſten aus der Schaar der Waldteufel ausgewählt, ihnen ein Baumaſt in die Hand gegeben und ſie rings um die lagernde Proviant⸗Colonne vertheilt. Es war ein prächtiger Anblick, wenn man ſo von irgend einer kleinen Erhöhung dieſes romantiſche Lagerleben betrachtete; den Mittelpunkt bildete das rothe Zeltdach des Prinzen, unter welchem er mit ſeinem Hofſtaate um die große, vergoldete Bowle gelagert war und wo es beſtändig ab⸗ und zuſtrömte wie in einem Bienen⸗ korbe. Seine Hoheit liebte es nämlich, zahlreiche Gnaden an Aller⸗ höchſtihre Unterthanen auszutheilen, und wußte dies mit der feinſten Nuancirung zu thun, indem ſie dieſem einen Trunk Maiwein, Jenem ein tüchtiges Butterbrod und einem Anderen eine Cigarre verabreichen ließen. Ein gleicher, faſt noch größerer Zulauf fand bei dem Marke⸗ tenderkarren Statt, nur daß es hier, etwas entfernt vom Hofe, begreiflicher Weiſe luſtiger und ungezwungener herging. Da klirrten die Gläſer, da klang zuweilen ein bekanntes Lied in kräftigem Chore, oder ſich jubelnd anlehnend an eine Melodie, welche die Muſikeorps ſpielten. Letztere befanden ſich an dem ſchattigſten Platze aufgeſtellt und verfehlten nicht, durch Kriegs⸗ und andere Lieder die Kampf⸗ luſt zu erhöhen und zu allgemeiner Fröhlichkeit zu begeiſtern. Dies gelang denn auch vortrefflich, und wenn man ſo das ganze, tolle Getreibe anſchaute, ſo hätte man viel eher glauben ſollen, es werde hier ein friedliches Feſt gefeiert, als auf ſolche Art ſich vorbereitet zum heißen Kampfe mit einem erbitterten und blutgierigen Feinde. Zuweilen dröhnte ein Schuß von der Veſte herüber, deſſen Kugeln über die Köpfe der fröhlich Lagernden hätten dahin ſauſen 14. Zpoölftes Kapitel. oder einſchlagend Tod und Verderben bringen können, hier aber nur einen erneuerten Jubel hervorrief. Wenn ſich das Ohr an den heitern Liedern und der rauſchen⸗ den Muſik erfreute, ſo ergötzte ſich das Auge an dem bunten Durcheinander der lebhafteſten Farben, dem Golde der Treſſen und Quaſten, dem Leuchten und Blitzen der Waffen, dem Wehen der Federbüſche, beſonders aber an der tiefgrünen Waldumgebung, die bei aufſteigender Sonne immer mehr und mehr wie mit Gold durchwirkt erſchien und ſo einen glänzenden, reichen Rahmen bildete zu dem bewegten Lagerleben der Künſtler. Rodenberg's Jäger hatten ſich zu den Reitern geſellt und lagerten am entfernteſten vom Marketenderkarren, nicht aber ohne die in ſtrategiſcher und anderer Hinſicht ſo wichtige Verbindung mit demſelben aufrecht zu erhalten, und es geſchah dies auf ſehr ſinnreiche Art durch große, wohlgefüllte Trinkhörner, die durch eine förmliche Vorpoſtenkette hin und her befördert wurden. Auch das Haupt der wilden Jagd bediente ſich, an eine Eiche gelehnt, eines ſolchen Trinkgefäßes, deſſen Inhalt es mit dem Tod und dem Teufel theilte. Letzterer ſaß auf einer Baumwurzel und ſchaute, das breite Geſicht zu einem freundlichen Lachen verziehend, an dem Trinkhorn empor, wogegen Knorx etwas abſeits ſtand und mit über einander geſchlagenen Armen ernſt und gedankenvoll auf das Ge⸗ treibe zu blicken ſchien. „Woran denkſt Du?“ ſagte der wilde Jäger gegen Knorx gewandt, nachdem er dem Teufel das Trinkgefäß eingehändigt— „Du ſchauſt ſo gar trübſelig aus!“ „Er denkt an den bevorſtehenden Kampf,“ verſetzte van der Maaßen heiter,„und freut ſich auf ſeine Art über die Ernte, die er dann machen wird.“ „Iſt es ſo?“ fragte Rodenberg. „Der Teufel hat zuweilen Recht,“ gab der Tod zur Antwort, „ich dachte an dergleichen und ſtellte es mir recht lebendig vor, 3 * ———— 57 — Was blaſen die Trompeten? Huſaren, heraus! 15 als wäre das Ganze hier nicht ein heiteres Spiel, ſondern blutiger Ernſt. Da würde ich allerdings eine reiche Ernte halten, und es kam dabei etwas wie ein zweites Geſicht über mich, ſo daß ich hätte vorausſagen können, Der und Der werde mit heiler Haut davonkommen, während man Dieſen und Jenen drunten einſcharrt.“ „Knorx hat immer ſo trübſelige Phantaſieen, er hat etwas von der Gabe der Prophezeihung. Wenn es ihm irgend unbehag⸗ lich wird, ſo iſt es beſſer, man folgt ihm und geht nach Hauſe.“ „Und es iſt Dir heute unbehaglich?“ fragte der wilde Jäger. „Ganz und gar nicht; ich bin ſo heiter, als es mir mög⸗ lich iſt.“ „Ja, ja, ſein Ausſehen iſt ſo,“ bekräftigte van der Maaßen, nachdem er einen tüchtigen Schluck gethan.„Jemand, der ihn nicht kennt, würde behaupten, er ſei nicht guten Humors; aber ſein Auge leuchtet, und das iſt mir ein Beweis, daß er ſich wenigſtens innerlich freut.— Da trink' einmal und dann prophezeie uns was Gutes!“ Knorx that einen langen Zug, und als er das Horn abſetzte, blickte er gedankenvoll in den Wein, der aus der dunklen Tiefe des Gefäßes röthlich hervorleuchtete.—„Nun gut, Ihr ſollt eine Weiſſagung hören, die ſich noch vor Euren Augen erfüllen wird.— Woran dachteſt Du in dieſem Augenblicke?“ fragte er, den wilden Jäger anſehend. „Ich?“ gab dieſer mit einer kleinen Verwirrung zur Antwort— „ich dachte— nun, woran ſoll ich gedacht haben?— an unſer Lager, an unſere Fahnenburg, an den glorreichen Sieg oder an einen ſchönen Reitertod.“ „Ha,“ machte der Tod bedenklich,„letzteres wäre mir nicht lieb, denn ich ſage Dir, Rodenberg, das, woran Du jetzt eben ge⸗ dacht, wird ſich Dir nähern und mit Dir auf irgend eine Art in Verbindung treten!“ Der wilde Jäger lächelte ungläubig, obgleich er ſo gern den 16 Zwölftes Kapitel. Worten des Anderen geglaubt. Er hatte in dieſem Momente, während er ſeine Blicke von der Fahnenburg herabgleiten ließ, an jenes wunderbare Zuſammentreffen vor einigen Tagen gedacht, an das Verſprechen, welches ſie ihm halb und halb gegeben, ihn wieder⸗ zuſehen,— an den Blick von heute Morgen, als er an ihren Fenſtern vorbeigeritten. Er ſchaute forſchend durch den Wald hin⸗ auf gegen die Landſtraße, wo die Wagen der Zuſchauer ſtanden, wo ſich dieſe ſo wie die Reiter und Fußgänger einem faſt eben ſo vergnügten Lagerleben hingaben, wie das kampfbereite Heer drun⸗ ten, indem ſie unter den Klängen der vortrefflichen Muſik die mit⸗ gebrachten Vorräthe verzehrten. „Ah, wenn Du Recht hätteſt mit Deiner Prophezeiung!“ „Darauf kannſt Du dich verlaſſen,“ erwiederte Knorx;„es iſt heute der Tag der Künſtler, alſo der Tag der Ueberraſchung und Wunder, und es ſollte mich durchaus nicht in Erſtaunen ſetzen, wenn die Gnomen hervorkämen aus ihren Erdlöchern oder wenn uns irgend eine mächtige Fee auf ihrem Zauberwagen erſchiene.“ „Du als wilder Jäger ſollteſt eigentlich ein Waldhorn be⸗ ſitzen, auf deſſen Ton Dir die Geiſter der Erde und der Luft dienſt⸗ bar wären,“ ſagte van der Maaßen,„ich fände das ſo begreiflich. Du haſt bei Deinen wilden Zügen einmal und irgendwo die Be⸗ kanntſchaft einer Feenkönigin gemacht und von ihr ein ſolch wunder⸗ thätiges Horn zum Geſchenk erhalten.“ „O, wäre es ſo!“ ſeufzte Rodenberg;„aber dieſes Horn— nenne es Jagdhorn oder Wunderhorn— iſt die Stelle, wo ich ſterblich bin und worin meine Ausrüſtung mangelhaft iſt; ich ver⸗ lor es beim Aufſitzen, und mein kleiner Schlingel, der es mir nachbringen ſollte, treibt ſich Gott weiß wo in der Welt herum. An dieſes Horn und was ein Zauberton deſſelben, wenn es die Kraft des Zaubers beſäße, herbeirufen könnte, daran dachte ich ſo eben.“ „Du wirſt das Horn wiedererhalten,“ ſprach der Teufel mit Was blaſen die Trompeten? Huſaren, heraus! 17 großer Beſtimmtheit—„Knorx hat es prophezeit, und darauf kannſt Du dich verlaſſen.“ 1 „Schade, daß Du es nicht haſt,“ meinte der Tod nachdenklich, „ich vermiſſe dieſes Wunderhorn mit ſeinem weichen, lang nach⸗ klingenden, melancholiſchen Tone— einem Tone...“ „Horch', einem Tone, wie jener, der dort vor uns aus der Tiefe des Waldes dringt!“ rief Rodenberg. „Ja, ja, einem ähnlichen Tone,“ ſagte der Tod. Und er erklang abermals, näher kommend— weich nach⸗ klingend, melancholiſch. „Lagert dort Jemand von den Unſrigen?“ fragte Knorx, der aufmerkſam hinlauſchte. „Niemand.“ Da tönte es zum dritten Male. „Ah— was iſt das?“ Die Blicke der Drei waren auf eine mächtige Buche vor ſich gerichtet, deren untere, dicht belaubte Aeſte mit einer nebenſtehenden Eiche ein förmliches Thor bildeten, durch welches jetzt etwas ſo Sonderbares hervortrat, daß man es an jedem anderen Tage mit Staunen, ja, wohl mit Schrecken betrachtet haben würde. Aber heute, am Künſtlertage, am Tage der Wunder, gab es ja nichts Uebernatürliches, und ſo blieh denn auch Rodenberg an ſeinen Baum gelehnt ſtehen, der Teufel behaglich zu ſeinen Füßen ſitzen, und nur der Tod trat etwas auf die Seite, wobei er mit einer feierlichen Handbewegung auf den wilden Jäger zeigte, als wollte er ſagen:„Das iſt der Mann, den Ihr ſucht.“ Aus dem Walde hervor traten fünf bis ſechs Jäger, kräftige gedrungene, bärtige Geſtalten mit wild⸗verwegenen Geſichtern und blitzenden Augen. Sie waren coſtumirt wie die Schaar des Roden⸗ bergers, nur ſah Alles an ihnen ſo abgenutzt, ſo gebraucht und doch wieder ſo echt aus, als ſeien ſie ſämmtlich nach einer langen, ermüdenden, nächtlichen Jagd vom Pferde geſtiegen. Auf den Zwölftes Kapitel. Schultern trugen Einige kurze, ſcharfe Jagdſpieße, während Andere die Armbruſt mit den Stahlreifen und den ſchweren Bolzen führten. Eine ſolche Jägerſchaar wäre am heutigen Tage durchaus nichts Ungewöhnliches geweſen, doch folgten derſelben vier rieſen⸗ hafte wilde Männer, wie man ſie als Wappenhalter zu ſehen ge⸗ wohnt iſt, braun und von ſehnigem Körperbaue, ſpärlich bekleidet mit Baumzweigen und Thierfellen, trotzig und grimmig blickende Geſtalten mit ſchweren Keulen in der Hand, Eichenkränzen um das ſchwarze, ſtruppige Haupthaar. Langſam gingen ſie vorwärts, und erſt als ſie ſo nahe gekommen waren, daß die voranſchreitenden Jäger rechts und links auf die Seite traten, um ihnen Platz zu machen, gewahrte man in ihrer Mitte einen Zwerg mit einem faſt unförmlich dicken Kopfe, ſchneeweißem Haar und Bart, aber ſehr unen und lebhaften Augen. Er hatte ein Gewand an von grünem ammt, das von einem goldenen Gürtel zuſammengehalten wurde, und obgleich dieſes Kleid ziemlich weit und faltig war, ſo konnte es doch einen großen Höcker nicht verbergen, den der Zwerg auf der linken Schulter hatte. Als die wilden Männer dicht vor Rodenberg angekommen waren, blieben ſie ſtehen und ſenkten ihre Keulen, um ſich auf die⸗ ſelben zu ſtützen. Der Zwerg that einen Schritt vorwärts und der wilde Jäger bemerkte mit Erſtaunen, daß er ſich nicht nur direct an ihn wandte, ſondern daß er ihm auch ein reich gearbeitetes Hüfthorn entgegenhielt, das an einer glänzenden Kette befeſtigt war. Nach einer Pauſe allgemeiner Erwartung ſagte der Zwerg mit einer möglichſt tiefen Stimme:„An Dich bin ich geſandt, eben ſo tapferer als wilder Jäger; meine hohe und erhabene Gebieterin, die mächtige Fee, die Beherrſcherin verſchiedener Geiſterreiche, deren Name Dir vor der Hand unbekannt bleiben ſoll, befahl mir, hie⸗ her zu gehen, wo ich Dich, den wilden Jäger, finden würde, an einen Baum gelehnt und in Geſellſchaft von eben ſo mächtigen wie gefürchteten Begleitern,— dem Tod und dem Teufel.“ Was blaſen die Trompeten? Huſaren, heraus! 19 Rodenberg war durch dieſe Anrede um ſo mehr auf eine ſelt⸗ ſame Art überraſcht, da der Zwerg dasjenige in den Händen trug, wonach er ſich noch vor wenig Augenblicken geſehnt, beſonders aber, da ihm die Stimme des Zwerges außerordentlich bekannt vorkam. Dieſer ließ ihm indeſſen nicht lange Zeit zur Ueberlegung, denn er fuhr fort:„Da ich Dich nun gefunden, werde ich mich raſch des Auftrages meiner hohen Gebieterin entledigen, indem ich Dir dieſes Jagdhorn als ein Geſchenk überreiche und wie mir befohlen iſt, alſo dazu ſpreche: dieſes Horn, welches während tauſend Jahren bei anderen Schätzen begraben lag, hat ganz außerordentliche Eigen⸗ ſchaften, welche Du bei richtigem Gebrauche kennen lernen wirſt. Ueber dieſen Gebrauch aber Dich zu belehren, iſt mir verboten. Sei tapfer und klug, beharrlich und verſchwiegen, ſo wird ſich alles Uebrige von ſelbſt finden.“ Damit legte der Zwerg das Horn in die Hände des wilden Jägers und wollte ſich entfernen, doch hielt ihn dieſer zurück, indem er vortretend ſagte:„Warte einen Augenblick, o weiſer Zwerg und treuer Diener einer ebenſo erhabenen als großmüthigen Gebieterin, und erlaube mir wenigſtens, Dir meinen Dank zu ſagen und den⸗ ſelben durch Dich zu den Füßen dieſer ſo gütigen und hoffentlich auch ſchönen Fee niederzulegen. Sprich ihr dabei meinen heißen Wunſch aus, ſie von Angeſicht zu Angeſicht kennen zu lernen, um wiederholen zu dürfen, was mein eben ſo heißes wie dankerfülltes und tapferes Herz für ſie fühlt.“ 3 Ob die Rolle des Zwerges hier ausgeſpielt war, oder ob derſelbe ſonſt Urſache hatte, ſich dem forſchenden Blicke des wilden Jägers zu entziehen,— genug, er verbeugte ſich und zog von dannen, wobei ihn die trotzigen wilden Männer umringten und ihm die Jägerſchaar den Rücken deckte. Einige Augenblicke ſpäter, und das Dickicht des Waldes hatte die ganze märchenhafte Erſcheinung ſpurlos verſchlungen, ſo daß Rodenberg Alles für einen Traum hätte halten können, wenn ihm nicht das Jagdhorn als ſichtbares 20 Zwölftes Kapitel. Zeichen der Wahrheit in der Hand geblieben wäre. Und es war ein prachtvolles Horn, wie er es ſich wohl gewünſcht, wie er ein faſt ähnliches geſehen zu haben glaubte, dieſes aber noch reicher und geſchmackvoller verziert fand; es war von Elfenbein, mit Silber eingelegt und mit einer Kette von gleichem Metalle verſehen. Auf einer der Verzierungen, die ſich wie ein feines Band um das Horn herumſchlangen, ſtanden die Worte:»Espere y teme!«—(Hoffe und fürchte!). Nachdem die drei Freunde das Jagdhorn aufmerkſam betrachiet, ſagte van der Maaßen, indem er den Tod mit einem Blicke ſcheuer Verehrung betrachtete:„Alles das, was wir ſoeben erlebt, die märchen⸗ hafte Geſandtſchaft, das Geſchenk dieſes Hüfthorns, finde ich nicht ſo außerordentlich, als daß die Prophezeihung Knorx ſo raſch und plötzlich in Erfüllung gegangen iſt, doch habe ich nie daran ge⸗ zweifelt, denn ich kenne ihn.“ „He, wilder Jäger,“ rief der Kriegshauptmann Rodenberg an, indem er ſich vom Gezelte des Prinzen Maiwein her näherie, „Seine Hoheit haben da etwas bemerkt von fremden Völkern, die ſich Euch genähert und, wie es ſcheint, eine Botſchaft gebracht! Seine Hoheit wünſchen von dem Inhalte derſelben unterrichtet zu ſein!“ „Das ſoll mit dem größten Vergnügen geſchehen,“ gab Roden⸗ berg zur Antwort, indem er ſein Horn über die Schulter hing unnd mit ſeinen beiden Begleitern dem Kriegshauptmann folgte. Der Prinz Maiwein hatte aus der großen vergoldeten Bowle ſo viele Gnade ausgetheilt, daß dieſelbe leer geworden, wobei es eigenthümlich anzuſehen war, wie ſich der flüchtige Geiſt dieſes Inhaltes auf einigen zart gerötheten Wangen, beſonders in Gunſt ſtehender Hofbeamten zeigte. Der wilde Jäger trat vor und erzählte das erlebte Abenteuer, wobei er hinzufügte, daß es ihm hoffentlich gelingen werde, die erhabene Geberin aufzufinden, um ihr ſeinen Dank bezeigen zu ——Q——— Was blaſen die Trompeten? Huſaren, heraus! 21 können. Dabei nahm er das Horn von ſeiner Schulter und über⸗ reichte es Seiner Hoheit, welche es ringsum aufmerkſam betrachtete, und alsdann ihrem Feldhauptmann gab, indem ſie die Worte. ausſprach, die auf der ſilbernen Verzierung gravirt waren:»Espere y teme!« „Da die Inſchrift ſpaniſch iſt,“ ſagte Olfers, nachdem er das Horn zurückgegeben und einen flüchtigen Blick mit dem Prinzen Maiwein gewechſelt,„ſo läßt ſich vermuthen, daß die großmüthige Geberin aus dem Wunderlande Spanien ſtammt, vielleicht eine Nach⸗ kommin iſt von irgend einer alten arabiſchen Feenkönigin)“ „Oder eine ſolche ſelbſt,“ meinte Rodenberg mit großem Ernſte;„ich glaube Beweiſe zu haben, daß ich mich der Gunſt einer ſolchen Fee erfreue.“ „Es iſt höchſt eigenthümlich und ſpricht gerade nicht für die Verdienſte unſerer Polizei, daß uns der Aufenthalt ſolcher Weſen in dem Bereiche unſeres Staates unbekannt geblieben,“ ſagte Prinz Maiwein, der einen Augenblick ernſt vor ſich niedergeſchaut, dann aber ſeine fröhliche Laune wieder gewonnen hatte.—„Und um dieſen Fehler wieder gut zu machen, beauftragen wir hiermit unſern wilden Jäger, es an Nachforſchung nicht fehlen zu laſſen, um im glücklichen Falle die erhabene Fee zu veranlaſſen, daß ſie ſich auch vor unſerem hoheitlichen Angeſichte zeige. Und nun, glaube ich, wäre es Zeit,“ wandte ſich der heiter geſtimmte Souverain an ſeinen Feldhauptmann,„wenn wir zur großen Action blaſen ließen.“ Rodenberg verbeugte ſich und wollte eben das Gezelt verlaſſen, als einige Waldteuſel aus dem Gefolge Pan's eilfertig herbeiſprangen und einen Reiter meldeten, der an der Umgebung des Lagers ſich gezeigt und mit dem Höchſtcommandirenden zu ſprechen verlangte. Dieſer Reiter, berichtete einer der Waldteufel, müſſe aus einem anderen Jahrhundert und von einem anderen Volke ſtammen, als ſie ſelber, denn er trage ein höchſt einfaches, geſchmackloſes Kleid und habe etwas auf dem Kopfe, das ausſehe wie ein umgeſtürzter, ſchwarz 22 Zwölftes Kapitel. angeſtrichener Feldkeſſel. Sein linkes Auge ſei von Glas und habe er daſſelbe vermittelſt einer ſchwarzen Schnur am Halſe befeſtigt. Was ſeine Sprache anbelange, ſo ſei ſie ein wunderliches Gemiſch von verſchiedenen Sprachen und von Verſtändlichkeit und Unver⸗ ſtändlichkeit. So habe er unter Anderem den Wald ſuperbe ge⸗ funden und vom Lager Seiner Hoheit geſagt, es ſei dies ein ganz trichinenhafter Anblick. Nachdem der Prinz entſchieden, daß dieſes räthſelhafte Weſen augenblicklich vorgelaſſen werde, ſtürzte der Waldteufel davon und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Reiter zurück, deſſen Pferd Einige am Zügel führten, während Andere ſeinen Steigbügel hielten und ein paar der Beherzteſten ſogar das Ende des Schweifes gefaßt hielten. Der Fremde, welcher auf dem Pferde ſaß, trug einen dunklen Oberrock, einen ſchwarzen, runden Hut und hatte in das linke Auge ein Glas gedrückt, Alles nach der Mode des neunzehnten Jahrhunderts. Mittlerweile war im Gezelte des Prinzen für ein gut gefülltes Trinkhorn geſorgt worden, welches man dem Ankömm⸗ linge zum Willkomm credenzte und woraus derſelbe einen be⸗ merkenswerthen Zug that. Dann wiſchte er ſich den Schnurrbart ab, klemmte ſein Glas, welches ihm während des Trinkens heraus⸗ gefallen war, wieder ins Auge und ſagte in heiterem Tone:„Auf Ehre— ſuperbe!— Dieſes Künſtlerleben iſt wahrhaftig eine Welt für ſich!— Ah, mein lieber Herr Rodenberg, wie geht's?— Unſer Freund Lytton da ſieht wahrhaft räuberhaft aus!“ Seine Hoheit erhob ſich aber mit Würde und ſprach in ernſtem Tone:„Man frage dieſen Fremdling, was er in unſerem Revier zu ſuchen hat.“ „Auf Ehre— trichinenhaft!“ rief der Reiter unter herzlichem Lachen.„Richtig, das iſt ja der Hofſtaat des Prinzen Maiwein! Bitte Eure Hoheit tauſendmal um Entſchuldigung, daß ich ſo ohne alles Ceremoniel hier hereingebrochen bin, aber“— ſetzte er mit — Was blaſen die Trompeten? Huſaren, heraus! 23 Wichtigkeit hinzu—„ich erſcheine hier in der Eigenſchaft eines Abgeſandten, eines Botſchafters, und dieſe Art Leute kann ſich ſchon etwas herausnehmen!“ „So erſuchen wir den Botſchafter, ſeine Creditive zu über⸗ reichen.“ „Ich kann mich leider nur mündlich legitimiren: es gebrach an Tinte und Schreibmaterial, um mich mit dem nöthigen Be⸗ glaubigungsſchreiben zu verſehen. Draußen vor dem Lager Eurer Hoheit befindet ſich mein allerdurchlauchtigſter Herr, Prinz Heinrich, und ſendet ſeinem verehrten Vetter, Euer Liebden, ſeinen freund⸗ lichen Gruß, wobei er den Wunſch ausſpricht, es möge ihm geſtattet ſein, mit ein paar anderen befreundeten, höchſt tapferen Reitern den Sturm auf die Fahnenburg mitzumachen.“ Hierauf entgegnete Seine Hoheit der Prinz Maiwein in großem Style und mit gehöriger Action: Wir erwiedern den freundlichen Gruß des Prinzen Heinrich, unſeres hochverehrten Vetters, mit gehöriger Genugthuung und können nicht umhin, ſeinem Abgeſandten auszudrücken, wie es uns zur großen Befriedi⸗ gung gereicht, daß unſer Vetter und Liebden geſonnen iſt, unſern glorreich werdenden Feldzug gegen den grimmigen Ritter Neidhart von Iſegrimm mitzumachen, zur Beſiegung des Drachen Griesgram mitzuwirken und die holde Freude entfeſſeln zu helfen.— Dieſe Bitte,“ fuhr er majeſtätiſch auf,„iſt alſo in aller Form gewährt, und wir erſuchen das tapfere Hülfscorps, ſich an unſern Feldhaupt⸗ mann zu wenden, der ihm beim Sturme einen Ehrenplatz anweiſen wird. Bevor Ihr aber unſere Antwort zurückbringt, werden wir Euch eine kleine Decoration überreichen, die Ihr fortan zur Erin⸗ nerung an uns und an den heutigen Tag tragen möget.— Man reiche uns ein Commandeurkreuz erſter Klaſſe mit Schwertern.“ Auf einen Wink Seiner Hoheit ritt hierauf der beglückte Ab⸗ geſandte ſo nahe heran, daß er die Decoration aus den Händen des Prinzen in Empfang nehmen konnte, worauf letzterer zu ſprechen 24 Zwölftes Kapitel. fortfuhr:„Wir ertheilen Euch dieſe Decoration nicht nur für Eure uns bis jetzt gänzlich unbekannt gebliebenen Verdienſte, ſondern mit der kleinen Nebenabſicht, daß, wenn wir uns ſpäter in dem Falle befänden, junge, harmloſe Ofſiziere und ehrbedürftige Hofbeamte bei großen Staatsactionen, als da ſind: Thronbeſteigung, Hochzeit und Allerhöchſte Kindtaufe, an den Hof unſeres Vetters und Liebden, des Prinzen Heinrich, zu ſenden, es dieſem ebenfalls gefallen möge, die Bruſt unſerer jungen, harmloſen Offiziere und ehrbedürftigen Hofbeamten mit Orden und Bändern zu ſchmücken.“ „Wie das der Gebrauch iſt bei allen civiliſirten Nationen und zur Vervollſtändigung der Toilette dient,“ ſetzte der Oberhofmeiſter des Prinzen Maiwein hinzu, indem er ſeine Backen aufblies und ſo ſeinem etwas faden Geſichte ein Anſehen gab. „Allerdings, ſo ſei es.— Wir bleiben Euch in Gnaden ge⸗ wogen und befehlen unſeren gehorſamen Waldteufeln, Euch an die Gränze unſeres Reiches zu bringen und ſpäter mit Eurer tapfern Schaar hieher zu geleiten. Der Reiter, gerührt und überraſcht von ſo viel Glück, ſtam⸗ melte etwas von unverhoſfter Gnade, ſowie von einem wahren Trichinenglücke und verließ hierauf die prinzliche Hofhaltung. Der Feldhauptmann Roderich hatte die lebhafte Aufmerkſam⸗ keit, mit der Hof und Volk dieſen großartigen Act der Ordens⸗ vertheilung anſtaunten, dazu benutzt, ſich unbemerkt dem Allerhöchſten Kreiſe zu entziehen und ſich auf ſein Pferd zu ſchwingen, worauf er gegen den Fahrweg galoppirte, den Wagen der Zuſchauer zu, die ſich dort aufgeſtellt hatten. Bald hatte ſein ſcharfer Blick in einem derſelben gefunden, was er ſuchte, und auch er war im gleichen Augenblicke geſehen worden. „O, mein Papa, mein Papa!“ rief jubelnd eine helle Kinder⸗ ſtimme, und eine ältliche Dame, auf deren Schooß das kleine Mädehen ſaß, konnte es kaum zurückhalten, ſich aus dem Wagen zu ſtürzen.—„O, mein Papa, mein Papa!“ wiederholte es, während —-——— 2² Was blaſen die Trompeten? Huſaren, heraus! 25 es dem herankommenden Reiter ſeine Aermchen entgegenſtreckte, wobei ſich ſein ſonſt ſo bleiches Geſicht lebhaft röthete. Roderich grüßte die Dame im Wagen, eine Bekannte des Hauſes, ehrfurchtsvoll, dann trieb er ſein Pferd ſo nahe an den Wagen hin, daß das kleine Mädchen mit ſeinen Händchen ihn um den Hals faſſen konnte, worauf er es ſanft emporhob, zu ſich auf den Sattelknopf ſetzte und ihm einen herzlichen Kuß auf die Lippen drückte. „Haſt Du ſchon Vieles geſehen, mein Kind?“. „O ja, Papa, all' die ſchönen Reiter und Soldaten mit ihren bunten Federn und langen Lanzen, auch den Mohren, die Indianer und Herrn Rodenbergs wilde Jagd; dabei war der Tod und der Teufel.“ „Haſt Du Dich gefürchtet?“ „Beinahe, aber doch nicht, ſie ſind ja nur verkleidet.“ „Nun mußt Du recht Achtung geben; jetzt werden die Sol⸗ daten die Burg ſtürmen. Haſt Du Angſt, wenn ſie ſchießen?“ „Ich werde mir die Ohren zuhalien.“ „Ein gutes Mittel im Kampfe,“ ſagte Roderich lächelnd. „Jetzt will ich Dich wieder in den Wagen heben und hoffe, daß Du recht lieb und und artig biſt, auch der Mama Alles erzählſt, ſobald Du nach Hauſe kommſt.“ „Kommſt Du auch bald nach Hauſe?“ „Wohl nicht vor Abend, Kind,“ erwiederte Roderich, wobei ein Schatten über ſeine Züge flog. Dann hob er das Mädchen noch⸗ mals in ſeinen Armen empor und drückte ihr feines Geſicht an ſeinen vollen Bart, ehe er ſie wieder in den Wagen ſetzte.— „Adieu, mein Herz!“ „Adieu, Papa!“„ Er grüßte nochmals die ältere Dame, die ihm freundlich zunickte, und galoppirte nach dem Hoflager zurück, wo Seine Hoheit Hackländer's Werke. 53. Bd. Zwölftes Kapitel. der Prinz Maiwein, ein volles Römerglas in der Hand, ihm mit leuchtenden Blicken entgegenrief: „Und nun zum Kampfe und zum Siege! Unſer muthiges Heer iſt durch Speiſe und Trank geſtärkt und wird unter unſerer, ſowie unſeres braven Feldhauptmanns Führung Wunder der Tapferkeit verrichten! Man laſſe die Fahne des Reiches flattern, man gebe den Befehl zum Angriffe!“ Es war dies ein erhebender Moment, wie er jeder großen Feldſchlacht, jedem verwegenen Sturme voranzugehen pflegt. XIII. „Glück auf, mein Feldherr, führe den Streich!“ Wer dem Gezelte des Prinzen Maiwein auf einer hohen Stange wurde die goldene und geleerte Maitrank⸗Bowle aufgeſteckt, was für die umherlagernden Völker als Zeichen galt, ſich zum Kampfe bereit zu machen. Die Führer begaben ſich zu ihren Truppentheilen, die Conſtabler und Büchſenſchützen ſchauten nach Kraut und Loth, die Reiterei ſchwang ſich in ihre Sättel, und als ſich die Marketenderin mit ihrem Lager zu dem trübſeligen Pan zurückgezogen und die Trompete auf den directen Befehl des Feld⸗ hauptmanns ertönte, ging es auf allen Seiten zum Angriffe gegen die Fahnenburg, wobei die Muſikcorps, an paſſenden Plätzen auf⸗ geſtellt, begeiſternde Vaterlandslieder ſpielten. 5 Büchſenſchützen und Hellebardiere bildeten den Vortrab, und bald meldete das Geknatter der Gewehre, ſowie der Ruf der Lands⸗ knechte:„Hie Maitrank und Freude!“ daß die Plänkerketten an einander gerathen waren, zugleich aber auch brachte ein Reiter die Nachricht ins Lager zurück, datz der Feind ſich am Fuße des Berges verſchanzt habe und daß es nöthig ſei, grobes Geſchütz aufzufahren. Ein Hurrah für die Conſtabler! Was ziehen konnte, hatte ſich vor die kleinen Feldgeſchütze geſpannt, ein huntes Gemiſch von Landsknechten, Bauern und Waldteufeln. Im Galopp ging es Dreizehntes Kapitel. vorwärts, eine kleine Erhöhung hinan, wo Roderich ſtand, und bald donnerten die Feldſchlangen auf den Feind, der ſich grimmig wehrte, der aus ſeinen Verſchanzungen tapfer herausſchoß und der den Ruf der Angreifer:„Hie Maitrank und Freude!“ mit„Hie Griesgram und ſaurer Wein!“ erwiederte. Obgleich auf beiden Seiten der Schießbedarf nicht geſpart wurde, ſo tobte doch hier der Kampf längere Zeit unentſchieden, da es keine Todten und Verwundeten gab und ſich deßhalb die Zahl der Kämpfer hüben und drüben nicht verminderte. Freilich verſuchten es die Angreifer, ſtürmend in die Schanzen zu dringen, doch waren dieſelben feſt aus Baumſtämmen gemacht und mit Dornen durchflochten, ſo daß hier bei den verſchiedenen vergeblichen Verſuchen das Blut in Strömen floß. Endlich ſchien der Sturm gelingen zu wollen; die Hellebardiere hatten mit ihren langen Lanzen eine Lücke in die Verſchanzung geriſſen und wollten gerade eindringen, als ſich ihnen, grauſig anzuſehen, der Burgherr Neidhart von Iſe⸗ grimm mit einer Handvoll Tapferer entgegenwarf und erſterer mit ſeinem zweihändigen, biegſamen Holzſchwerte ſo gewaltig um ſich droſch, daß die tapferen Landsknechte nicht nur nicht Stand hielten, ſondern unter einem unendlichen Hohngeſchrei der Feinde in das Lager zurückflohen. Entſetzlicher, trauriger Moment! Roderich hatte ſich auf ſein Pferd geworfen und eilte an der Spitze ſeiner ſchwergewappneten Reiter heran, bei deren Anblick ſich nun der Feind allerdings in die Schanzen zurückzog, aber dort mit Geberden, welche wenig Achtung ausdrückten, ruhig ſtehen blieb, während Arbeiter eifrig beſchäftigt waren, die entſtandene Breſche wieder zu verſtopfen. Die Reiterſchaar drang ſo tapfer drauf los, als es ihr nur möglich war; ſie ſchoß ihre Piſtolen auf den Feind ab, wobei es indeſſen vorkam, daß die ruhigen Miethgäule, ſtutzig über das ungewohnte Schießen, plötzlich anhielten oder gar zu raſch Kehrt machten, wodurch in beiden Fällen von den tapferen Reitern — Glück auf, mein Feldherr, führe den Streich! 29 Sattelknopf und Mähne ſtark in Anſpruch genommen wurden und es trotz alledem hier die erſten Gefallenen gab. Auch wurde kein Reſultat erzielt; der Ruf„Hie Maitrank!“ wurde ſchwächer und kleinlauter, wogegen die Anderen ihr„Saurer Wein!“ um ſo kräftiger brüllten. Vergeblich ſtanden die Muſikcorps nicht weit vom dichteſten Geſchütz⸗ und Gewehrfeuer und ſpielten mit heldenmäßiger Auf⸗ opferung die anfeuerndſten Melodien— es war ein Augenblick an dieſem heißen Schlachttage, wo die Wagſchaale faſt ſchwankte und wo es den Anſchein hatte, als ſollte der Drache Griesgram ſiegen und die Freude auf ewig gefeſſelt bleiben. Die zahlloſen Zuſchauer, namentlich die Buben unter ihnen, waren jubelnd und ſchreiend dem Kampfe gefolgt, ja, die letzteren hatten ſich das Feldgeſchrei der beiden Heere zu eigen gemacht, und wo eine Anzahl ſchrie:„Hie Maitrank!“ da konnte man ſicher ſein, daß eine andere Schaar unter dem Rufe:„Hie ſaurer Wein!“ über ſie herfiel.. Der Prinz Maiwein, der ſich auf einen gedrungenen Braunen geſchwungen hatte und neben Roderich hielt, ſah mit großer Freude zu, wie muthig ſich ſeine Völker für ihn opferten, und wollte der wilden Jagd lange nicht den Befehl geben, ſich am Kampfe zu be⸗ theiligen. Vergeblich hatte Roderich ſogar ſeinen Adjutanten mit der Meldung zurückgeſchickt, daß die Schlacht ganz verzweifelt ſtehe, und erſt als nun der Ritter Neidhart von Iſegrimm mit ſeinem blutrothen Mantel hoch auf der Schanze erſchien und hohnlachend ſeine ſchwarze Fahne ſchwang, da erlaubte Seine Hoheit erſt, daß die wilde Jagd hervorbreche. „Hurrah, die wilde Jagd!“ erſcholl es aus hundert Buben⸗ kehlen—„Hurrah!“ Ja, ſie ſtürmte heran unter Hörnerklang und Peitſchenknall, unter dem Gebelle der Rüden, unter dem Halloh der Jäger, un⸗ aufhaltſam, kein Hinderniß achtend. Mit einer wahren Wuth Dreizehntes Kapitel. warfen ſich die Jäger zu Fuß auf die Verſchanzung, rißen ſie aus einander und ſchwangen ſich, ihre langen Jagdſtöcke als Spring⸗ ſtangen benutzend, über die Baumäſte hinüber, ihnen nach die Reiter, Rodenberg auf ſeinem Rappen, der kaum mehr zu halten war, voran. Nur eine geringe Aufmunterung brauchte er dem edeln Thiere zu geben, und es trug ihn in Einem Satze in die Verſchanzung hinein bis dicht vor den Ritter Iſegrimm, der, dieſer Tapferkeit weichend, ohne ſein zweihändiges Schwert auch nur noch einmal zu gebrauchen, dem Burgthore zufloh mit einer Geſchwindigkeit, die durch den wehenden Scharlachmantel und die wallenden rothen Federn einen erhabenen Anblick bot. Doch war ihm das Verhängniß dicht auf den Ferſen: Roden⸗ berg nämlich folgte ihm über alle Hinderniſſe hinweg und erwiſchte an der Zugbrücke einen Zipfel von dem rothen Mantel des Burg⸗ herrn— leider nur dieſen, denn der tapfere Neidhart von Iſegrimm verſchwand mit Zurücklaſſung ſeines Kleidungsſtückes durch das Burgthor, welches donnernd hinter ihm zugeſchlagen, verriegelt und verrammelt wurde. 3 Da hörte der wilde Jäger, daß in der Burg die Signalhörner außerordentlich ermunternd zum Angriff blieſen und daß die Zu⸗ ſchauer, die oberhalb der Fahnenburg poſtirt waren, ihm eifrig zuriefen. Er wandte ſeinen Blick raſch gegen die letzteren und be⸗ merkte mit Vergnügen, wie manch' weißes Taſchentuch in zarter Frauenhand ihm entgegenwehte, aber er ſah auch nicht ohne einige Beſorgniß, daß ihm andere Hände haſtig Zeichen machten, zurück⸗ zukehren. In der richtigen Vorausſetzung, daß vor der Burg das Geſchütz zu ſpielen anfange, oder daß man vielleicht im Begriffe ſei, die Angreifer von den Mauern aus mit Balken oder ſiedendem Oel zu bedienen, ließ er ſeinen Rappen raſch einen Satz ſeitwärts machen und hatte ſich auf dieſe Art eben in Sicherheit gebracht, als von den Zinnen der Burg eine mächtige Feuerſpritze zu ſpielen anfing und die nahe ſtehenden Hellebardiere und Büchſenſchützen Glück auf, mein Feldherr, führe den Streich! 31 mit einem tüchtigen Strahle gehörig durchnäßte; auch die Reiter⸗ ſchaar erhielt ihren Theil von dieſer gut gerichteten Ladung, wo⸗ bei es traurig anzuſehen war, wie manches Wamms ſchwer durch⸗ näßt wurde, wie an manchem tapfern Schwerte Waſſer ſtatt Blut herablief und wie die langen Straußenfedern auf manchem breit⸗ krämpigen Hute ſchlaff und geknickt herabhingen; es war eine furchtbare Batterie, die da oben ſpielte, um ſo wirkungsvoller für manches Coſtume, als gleich darauf aus einer Balliſte oder ſonſt einer Wurfmaſchine weißes Mehl und Gypskörner in hohen Bogen herüberſausten. 4 Da die angreifende Truppe ungedeckt in dieſem gefährlichen Geſchützfeuer ſtand, ſo war nichts zu thun, als zum Rückzuge zu blaſen, weiter unten eine gedeckte Stellung zu nehmen und alsdann vorſichtiger und vielleicht auf einer anderen Seite wieder zum An⸗ griffe vorzugehen. „Die Attaque war famos,“ hörte man eine Stimme aus der Reiterſchaar ſagen, deren Beſitzer in der Kleidung des neunzehnten Jahrhunderts den Geharniſchten folgte,„auf Ehre, ſuperbe! Aber der Waſſerguß und die Mehlpuderung iſt doch eine etwas gar zu trichinenhafte Art, einen Sturm abzuſchlagen.— Seine Durchlaucht haben auch tüchtig etwas abgekriegt?“ „Es iſt nicht ſo bedeutend,“ erwiederte der Gefragte;„mein Pferd ſtieg im richtigen Augenblicke ein wenig und hat mich ziem⸗ lich beſchützt.— Bah, was ſchadet auch uns jungen Leuten ein klein wenig Durchnäſſung?“ Nach dieſen Worten berührte ſeine Durchlaucht mit der Hand ſeinen Schnurrbart und ſein Haupthaar, fuhr auch leicht an ſeinen Wangen herunter und betrachtete alsdann aufmerkſam ſeine Fingerſpitzen; da er aber, weil die Farbe recht feſt hielt, ein günſtiges Reſultat fand, ſo warf er ſein Pferd aus der Reihe heraus gegen einen Wagen voll ſchöner Zuſchauerinnen und grüßte ſie, in kurzem Galopp vorüberreitend, mit einer graziöſen Handbewegung. Dreizehntes Kapitel. Der wilde Jäger war der Einzige, welcher einen Vortheil bei dem verunglückten Angriffe davon getragen hatte, den rothen Mantel des Ritters Iſegrimm nämlich, welchen er als Schabracke auf ſeinen Sattel legte, was prachtvoll ausſah, die Freude der Zu⸗ ſchauer erhöhte, aber einen eben ſo heftigen Schmerz in der Bruſt des tapferen Ritters hervorrief. Man entnahm dies aus einigen nicht gut wiederzugebenden Rufen, welche Neidhart von Iſegrimm durch das Sprachrohr mit ſeiner Stentorſtimme herabrief. Der jetzt abgehaltene Kriegsrath beſchloß, daß ein Theil der Truppen, namentlich die Konſtabler, den Feind von der Stelle aus, wo ſie ſtanden, mit einem mörderiſchen Feuer bedienen ſollten, während ein Theil des Heeres, worunter die beſſeren Truppen, die Fahnenburg in größter Stille und Heimlichkeit zu umgehen hätten, um ſie auf einer anderen zugänglichen Seite zu erſtürmen. Um die Belagerten möglichſt zu täuſchen, blieben die Muſik⸗ corps bei den Conſtablern ſtehen und ſpielten, um das Sieges⸗ bewußtſein des dieſſeitigen Heeres auszudrücken, allerlei angenehme und ſcherzhafte Weiſen, was alsdann in der Burg einen wunder⸗ bar beruhigenden Eindruck ausübte, denn nicht nur hörte die Batterie auf, zu ſpielen, ſondern man bemerkte auch, wie auf der Plattform des Thurmes ein Tiſch aufgeſtellt wurde, wie man den⸗ ſelben mit Eßwaaren aller Art und mit Humpen bedeckte, und wie der Ritter Neidhart von Iſegrimm mit ſeinem Burgcaplan, der Drache Griesgram, ja, ſogar die gefeſſelte Freude daran Platz nahmen und fröhlich tafelten. Während deſſen aber ſchlich das nimmer raſtende Verhängniß ſtill, heimlich, aber ſicher auf einem großen Umwege um die Burg herum, von einem ortskundigen Landmanne geführt, und dieſes Verhängniß, vertreten durch die Muthvollſten des wilden Heeres und angeführt durch Rodenberg, der ſeinen Rappen, wie auch die Uebrigen ihre Pferde, im Lager zurückgelaſſen hatte, begann jetzt langſam einen kleinen Fußweg hinaußzuſchleichen, der oben zu einer Glück auf, mein Feldherr, führe den Streich! 33 ſchmalen Pforte führte, die, wie man hoffte, in dieſem Augen⸗ blicke nicht ſorgſam bewacht war. Leider für die Belagerten war dies auch der Fall: es iſt nur zu wahr, daß ſchlechtes Beiſpiel die vortrefflichſten Sitten verdirbt, und kaum hatten die tapferen Kriegsknechte auf der Zinne der Burg und im Hofe erfahren, daß ihr unerſchrockener Anführer im Angeſichte des Feindes behaglich tafele, ſo ſetzten ſie nicht nur Küche und Keller des Schloſſes in Contribution, aßen und tranken jubelnd nach Herzensluſt, ſondern ſie öffneten auch wie zum Hohne das Burgthor, um die Muſik beſſer hören zu können. Und als die⸗ ſelbe nun draußen gar den Bacio⸗Walzer ſpielte, da hielten ſich die Hellebardiere, Büchſenſchützen und Conſtabler in der Burg nicht länger, ſie holten die Burgmägde herbei und tanzten, daß es eine Freude war. Dies war der ſchreckliche Moment, wo es mit dem Geſchlechte der Neidhart von Iſegrimm zu Ende gehen, wo der Drache Gries⸗ gram überwunden zu Boden liegen und die holde Freude entfeſſelt werden ſollte. Die kleine Pforte an der Hinterſeite der Burg war allerdings geſchloſſen, aber das Schloß gab dem mächtigen Drucke von Rodenbergs Schultern nach, und ihrem wilden Führer folgend, ſtürmten die Tapfern mit hochgeſchwungenen Schwertern und dem donnernden Rufe:„Hie Maitrank! Hie Freude!“ in den Schloß⸗ hof unter die Tanzenden. 3 Spätere Geſchichtſchreiber haben erzählt, daß der Ritter Neidhart von Iſegrimm gerade im Begriffe geweſen ſei, den ge⸗ füllten Pokal zu leeren, als er den verhängnißvollen Schlachtruf ſeiner Feinde im Innern der Burg vernahm— ja, daß er dieſen Pokal mit größter Seelenruhe wirklich geleert, ſich die Lippen ab⸗ gewiſcht, alsdann nach ſeinem zweihändigen Schwerte gelangt und die großen, in ſeinen Verhältniſſen ſo denkwürdigen Worte ge⸗ ſprochen habe:„So nimm, Gerechtigkeit, nun deinen Lauf!“ Den Kampf würdig zu ſchildern, der ſich nun entſpann, ſo⸗ Dreizehntes Kapitel. wohl im Schloßhofe ſelbſt als in den Gängen und Treppen der Burg, iſt eine Aufgabe, die wohl die Kraft meiner Feder überſteigt. Durch das offen gebliebene Burgthor ſprengte der ſinnreiche Junker von der Mancha mit eingelegter Lanze, gefolgt von Sancho Panſa, in den Hof, und während die Blume ſpaniſcher Ritterſchaft bei jedem noch ſo leichten Zucken ſeines Armes mit der gewaltigen Lanze einen Feind hätte zu Boden ſtrecken können, zerbläute ſein treuer Schildknappe die Rücken der Fliehenden mit einer ellenlangen Cervelatwurſt.— Ja, ſie flohen, die Tapfern, nach einer ſehr kurzen Gegenwehr; doch kamen ſie nicht weit, da ſich vor dem Burgthore die indianiſchen Reiter befanden, welche jeden, der ſich blicken ließ, mit dem Laſſo einfingen und dem auf ſolche Weiſe zum Gefangenen Gemachten die Hände banden. Während nun auch Roderich mit ſeiner Reiterſchaar erſchien, um die Burg in Beſitz zu nehmen, tobte auf einer Terraſſe unter⸗ halb des großen Thurmes vor den Augen der jauchzenden Zuſchauer ein eben ſo mörderiſcher wie intereſſanter und wüthender Kampf zwiſchen dem wilden Jäger und dem grimmigen Neidhart. Sah man auf dieſer Seite mit Schaudern und Entſetzen die rohe, gewaltige Kraft wüthen, wenn der von Iſegrimm ſeinen Zweihänder unter dem leichten Angſtrufe mancher der zuſchauenden Damen durch die Luft ſauſen ließ, ſo mußte man auf der andern Seite die Gewandtheit bewundern, mit der der Rodenberger dieſen wuchtigen Hieben auswich und dafür den Panzer ſeines Gegners mit krachenden Schlägen ſeines kurzen Hirſchfängers bediente. Dabei ſah man wohl, daß der wilde Jäger die Abſicht hatte, ſeinen Gegner an die Thurmtreppe hinzudrängen, wo demſelben der lange Zwei⸗ händer von keinem Nutzen mehr ſein konnte. Jetzt ſchien dieſer Augenblick, wenn auch auf andere Weiſe, gekommen, denn ein furcht⸗ barer Hieb, den der wilde Jäger auf den ſchwarzen Ritter führte, traf die Klinge des Zweihänders ſo gewaltig, daß ſie abſprang, worauf der von Iſegrimm, ſich mit dem Griffe wehrend, in dem Glück auf, mein Feldherr, führe den Streich! 3⁵ Eingange der Treppe verſchwand, der zum Thurme führte. Unter lautem Halloh folgte ihm der wilde Jäger; man hörte die beiden tapferen Kämpfer die Stufen der engen Treppe zerſtampfen. Athemlos horchten die Zuſchauer und blickten hin mit weit aufgeriſſenen Augen. Jetzt wurde auf der Mauerzinne der rothe Federbuſch des Burgherrn ſichtbar, hart bedrängt von ſeinem Gegner, der ihn an der Gurgel gefaßt zu haben ſchien, denn nach der Sitte edler Ritterlichkeit hatte der wilde Jäger ſein kurzes Schwert ebenfalls weggeworfen, nachdem der Andere entwaffnet war, und ein wüthendes Ringen der beiden kräftigen Geſtalten verwandelte den ſchlacht⸗ und thatenreichen Tag in einen Einzelkampf, von deſſen Ausgang das Schickſal der Burg abhing. Da zeigten ſich Beide, eng umſchlungen auf der Plattform des Thurmes; doch ſchien die Kraft Neidhart's von Iſegrimm er⸗ ſchöpft; unter dem rieſigen Griffe ſeines Gegners war er beſiegt, geknickt, wehrlos— ſeine Arme hingen ſchlaff am Leibe herunter, aber fort und fort drängte ihn der wilde Jäger zuerſt empor, dann, an der Mauerzinne— Schaudern ergriff der Zuſchauer Menge—, hob er ihn wie einen Federball auf und ſtürzte ihn von dem hohen Thurme hinab auf die zackigen Felſen, wo er leblos lange ausgeſtreckt liegen blieb. Ein Aufſchrei aus tauſend Kehlen— dann momentane Grabes⸗ ſtille—— Manches Auge hatte ſich in der That ſchaudernd abgewandt, um nach ein paar Secunden ſcheu und vorſichtig hinzublicken, wo die entſetzliche That geſchehen. Landsknechte waren eilfertig hinab⸗ geſtiegen, um den Körper des Gefallenen aufzuheben und empor zu tragen; ſie handhabten die anſcheinend ſchwere Maſſe mit einer erſtaunenswerthen Leichtigkeit, ja, der Eine warf dem Andern den ganzen Neidhart von Iſegrimm mit Rüſtung und Federhut in die Arme; dann wurde er mit ſteifen Gliedern auf eine raſch zu⸗ Dreizehntes Kapitel. ſammengebundene Bahre gelegt, um im Siegeszuge nach dem Lager gebracht zu werden. Da er im Kampfe um ſeine Burg, alſo in allen Ehren ge⸗ fallen war, ſo deckte man ihn mit der Flagge ſeines Schloſſes zu, und die vorausſchreitende Muſik ſpielte zur Erheiterung und Auf⸗ klärung der Zuſchauer: „Was kommt dort von der Höh? Was kommt dort von der Höh? Was kommt dort von der ledernen Höh, Ca ca ledernen Höh? Was kommt dort von der Höh?“ Worauf die Träger jubelnd ſangen: „Es iſt der Iſegrimm, Es iſt der Iſegrimm, Es iſt der lederne Iſegrimm, Qa ca Iſegrimm, Es iſt der Iſegrimm.“ Dem Gefallenen folgte der Sieger, wobei es ſich Rodenberg nicht nehmen ließ, den Drachen Griesgram an der Kette, mit welcher er ſeither die Freude gefangen gehalten, neben ſich her zu führen. Der Jubel der Zuſchauer über die Erſcheinung des Drachen war ſo außerordentlich und rauſchend, daß ſich Walter einiger Maßen gekränkt fühlte und feierlich ſchwor, ſobald er im Lager angekommen ſei, wolle er ſich die Tracht des geringſten Troßknech⸗ tes zu verſchaffen ſuchen, denn mit dem Ausſterben der Kunſt ſei auch der Sinn für alles Edle und Schöne bei den poeſieloſen Menſchen erloſchen.. Die entfeſſelte Freude, mit einem Blumenkranze geſchmückt, 3 wurde von einer Art Tragſeſſel, aus Zweigen und Laubgewinden beſtehend, in der Mitte der ſiegreichen Schaar von derſelben getragen. Drunten waren unterdeſſen auf die erſte Nachricht des Sieges Glück auf, mein Feldherr, führe den Streich! 37 hin die großen Weinfäſſer angeſtochen, die Proviantkörbe ausgepackt, kurz, Alles zu dem großen Freudenmahle hergerichtet worden, bei welcher Veranlaſſung ſich Bacchus und der nicht mehr trübſelige Pan, Freudenthränen vergießend, einander in die Arme ſtürzten. Daß die Gefangenen ſogleich freigegeben und bei dem nun folgenden Verbrüderungsfeſte in das ſiegreiche Heer eingereiht wur⸗ den, verſteht ſich ganz von ſelbſt, und ſo war denn mit einem Male der eben noch ſo kriegeriſche Schauplatz der unerhörteſten Helden⸗ thaten in ein heiteres Gelage verwandelt. Seine Hoheit der Prinz Maiwein hatte ſein Gezelt ebenfalls verlaſſen und ſich mit den fremden Gäſten, welche muthig am Kampfe Theil genommen, unter die Fröhlichen gemiſcht, wobei er jedoch mit dem Feldhauptmanne und dem ohne Rüſtung wieder zum Vor⸗ ſchein gekommenen Ritter Neidhart von Iſegrimm der Mittelpunkt des Ganzen blieb. Der Drache Griesgram, der leider kein Coſtume eines Troßknechtes auftreiben konnte, hatte ſich eilig ſeiner be⸗ zeichnendſten Embleme entledigt, wodurch die bei ſeinem Anblicke ſtets rege werdende Lachluſt gelegt und er wieder ein Menſch unter anderen Menſchen geworden war, obgleich er ſich noch ſehr verkannt vorkam— wie unter Larven die einzig fühlende Bruſt. Einen kleinen Troſt gewährten ihm die rieſigen Humpen und Krüge voll lieblichen Weines, welche unabläſſig aus den großen Fäſſern gefüllt wurden. Wo war aber der eigentliche Sieger des letzten großen Kampfes geblieben? Mit dem Zuge der Gefangenen im Lager angelangt, hatte ihm Seine Hoheit ſelbſt einen ſchäumenden Pocal credenzt; dann begab ſich der wilde Jäger zu ſeinen Reitern und ſorgte da⸗ für, daß die Pferde im kühlen Schatten angebunden und nach der Anſtrengung des heutigen Morgens gehörig verpflegt wurden. Seinem Rappen widmete er dabei die größte Sorgfalt und gab einem der Huſaren, die bei ihm waren, die beſtimmteſten Befehle, dafür Sorge zu tragen, daß der Rückzug Abends zur Stadt in 38 Dreizehntes Kapitel. gehöriger Ordnung vor ſich gehen könne. Hierauf ſah er ſich nach ſeinen beiden Gefährten um, von denen der Teufel ſich auf dem Feſte gütlich that, während der Tod nicht weit von ſeinem Pferde mit über einander geſchlungenen Armen an einer Buche lehnte und ernſt auf das luſtige Treiben blickte. „Ich kann mich nicht entſchließen,“ ſagte er zu dem heran⸗ tretenden Rodenberg,„mich unter die Fröhlichen zu miſchen. Mit dem Anzuge, den ich auf dem Leibe habe, iſt jener düſtere Geiſt wieder über mich gekommen, der mir ſonſt nur in tiefer mächtiger Stunde, wenn ich einſam bin und mich ſehr allein fühle, zur Seite ſchreitet.“ „Bah, wer wird ſolche Gedanken an einem ſo heiteren Tage haben! Gehe hinab zu den Luſtigen, ſetze dich mitten in ihren Kreis und ſinge ihnen: Mihi est propositum, In taberna mori— das wird in dem Munde des Todes von ſchlagender Wirkung ſein!“ „Warum ſagteſt Du: geh' hinab,“ fragte Knorx mit einem forſchenden Blicke auf den Anderen,„und nicht: komm' herab? Haſt Du etwas Beſonderes vor, das Dich abhält, mit dabei zu ſein?“ „Im Gegentheil,“ lachte der wilde Jäger,„ich hoffe, ſpäter noch ſehr dabei zu ſein; doch hielt ich es für meine Pflicht, nach den Pferden zu ſehen, und um ehrlich zu ſein, will ich Dir ge⸗ ſtehen, daß ich mich ein wenig in die Waldeinſamkeit zurückziehen möchte. Mich hat dieſer Kampf, obgleich es ja nur ein Scherz war, tüchtig aufgeregt. Ein Trinker bin ich leider ohnehin nicht, wie Du weißt, und da werde ich mir ein ſtilles Plätzchen auf⸗ ſuchen, wo ich mich auf den Rücken lege, um an den Baum⸗ wipfeln hinauf zu ſchauen. Und ich liebe es ſehr, ſo von unten herauf in die Laubmaſſen zu blicken, beſonders wenn ſie von der Glück auf, mein Feldherr, führe den Streich! 39 Sonne goldenen Fäden durchzogen ſind; darin liegt ein eigener Zauber. Verſtehſt Du mich?“ „O ja, ich verſtehe Dich,“ gab der Tod mit einem leichten Seufzer zur Antwort.„Auch ich ruhe gern unter der Eiche rauſchen⸗ den Baumgipfeln, doch liebe ich es, wenn ſie vom Mondlichte beſchienen ſind; ich kann mir dabei einbilden, ich läge im Grabe.“ „Nun, das ſind Gedanken, die Deiner heutigen Maske alle Ehre machen, die Einem aber den heiteren Tag verderben könnten. Nein, nein, ich will nichts von dem Grabe und von Dir, ich will ein Stück duftenden Waldes, einen glänzenden Sonnenſtrahl und...“ Was der wilde Jäger ſonſt noch wollte und wünſchte, verſchloß er wohlweislich in ſeiner Bruſt. „So will ich Dich begleiten,“ ſagte Knorx, und mich zwingen, Geſchmack zu finden an Deinem zudringlichen Sonnenlichte.— All' das Licht und all' das Gedudel von heute hat mir ſchon genug Qual verurſacht, und wenn ich nicht hätte herabſchauen können auf mein beruhigendes Gerippe, ſo hätte ich es kaum ausgehalten. Komm', laß uns gehen.“ 3 „Mit Dir?— Der Himmel ſoll mich bewahren; da laß ich mich lieber vom Teufel holen, der Dir da unten mit Glas und Kopf entgegengenickt. Denke doch, wie würde ein harmloſer Spa⸗ ziergänger erſchrecken, wenn er dem Tode und dem wilden Jäger begegnete!“ 3 „Ah, Du hoffſt harmloſen Spaziergängern zu begegnen? Das iſt etwas Anderes. Ich bin nicht indiscret— alſo bis nachher!“ Damit wollte der Tod ohne Weiteres davongehen, doch hielt ihn Rodenberg am Arme zurück, indem er ihm lachend ſagte: „Trotz Deiner rauhen Außenſeite biſt Du doch ein feiner Kerl und vortrefflicher Menſchenkenner. Ich danke Dir; ſei aber nicht nur discret, ſondern thue mir noch einen anderen Gefallen.“ „Iſt Dir Jemand im Wege,“ erwiederte der Tod mit einem — 40 Dreizehntes Kapitel. melancholiſchen Grinſen,„den ich vielleicht niedermähen ſoll? In dieſer Richtung thue ich Dir ſchon etwas zu lieb.“ „Im Gegentheile, ich brauche Deine Hülfe, um meine wilde Jagd vor allen unſeren dicken, ſaufluſtigen Teufeln da unten auf⸗ recht zu erhalten. Thue mir die Liebe und ermahne ſie in Deiner bekannten eindringlichen Manier, des Guten nicht zu viel zu thun; ich möchte gern meinen Rückzug heute Abend in die Stadt in an⸗ ſtändiger Verfaſſung halten.“ „Ich will die Kerls ermahnen,“ verſetzte Knorx, indem er ſeinen Blick düſter über die Gruppe der Trinker hinſchweifen ließ—„aber werde ich mehr vermögen, als unſere Prediger, die ihren Laſtern vergebens den zeitlichen und ewigen Tod gegenüber ſtellen? Aber ich will's verſuchen— nun denn, auf Wiederſehen!“ Der Tod ging langſamen Schrittes von dannen und wurde drunten im Lager nicht nur mit großem Jubel empfangen, ſondern Nodenberg hörte auch gleich darauf die Weiſe des demſelben vorhin empfohlenen Liedes von einem der Muſikcorps ſpielen. Wie kräftig und wohlthuend brausten die Töne durch den Wald, und welch' lachendes Bild gab dabei das Lager der Künſtler, die kleine Waldwieſe, wo ſie um die großen, mit Laubgewinden verzierten Fäſſer lagerten, dicht geſchaart, in ſeliger Eintracht, der Troßknecht neben ſeinem Heerführer, ein jubelnder Landsknecht, das Glas hoch erhoben und mit ſeinem Souverain anſtoßend; der Burg⸗ herr neben dem Bauersmann, ein paar ernſte Conſtabler zwiſchen einer Schaar von Waldteufeln. Dabei hatte Jeder ſein Haupt um⸗ wunden mit einem Kranze von Farrenkräutern oder Eichenlaub, dabei blitzten die Augen und glänzten die gerötheten Geſichter, da⸗ bei tanzten Bacchus und Pan um eines der Fäßchen herum, und über all' dem Jubel, über all' dem Geſange aus hundert Männer⸗ kehlen, über lautes Gelächter und einen ſchrillen Ausruf der Freude tönten die ernſten, gemeſſenen Klänge der Muſik weit, weit in den Wald hinauf. XIV. „Du biſt wie eine ſtille Sternennacht.“ Ja, weit, weit in den Wald hinauf tönten die Muſtikklänge, das Echo wachrufend, und waren dort noch deutlich vernehmbar— weit vom Lagerplatze, wo jetzt der wilde Jäger ſtand, ſein Barrett abnahm und das lockige Haar aus der glühenden Stirn ſtrich. Dann warf er einen Blick auf ſeinen Anzug, zog die herabgeſunkenen hohen Reiterſtiefel etwas hinauf, rückte den Schwertgurt zurecht und nahm ſein Hüfthorn von der Schulter. Hoffe und fürchte! war die Inſchrift deſſelben, und er dachte: ein ſchöner Spruch; wie froh bin ich, daß es nicht umgekehrt heißt: Fürchte und hoffe!— Wenn ich auch vor etwas Unangenehmem gerade nicht viel Angſt habe, ſo iſt es doch ermunternder, wenn man zuerſt hoffen kann und ſich dann erſt zu fürchten braucht. Und was habe ich zu fürchten, nachdem ich gehofft und meine Hoffnung in Erfüllung gegangen iſt— die Hoffnung, ſie wieder⸗ zuſehen! Unter dieſen Gedanken war er an den Fuß der Fahnenburg gelangt, an denſelben Platz, wo er damals gezeichnet. Hier unten ſo wie auch droben auf der Veſte war Alles ſo ruhig und ſtill, daß man nicht hätte glauben ſollen, hier habe vor kaum einer Stunde ein erbitterter Kampf gewüthet. Die zahlreiche Zuſchauer⸗ 4 Hackländer's Werke. 53. Bd. ———— ——— — 42 Vierzehntes Kapitel. maſſe, welche noch vor Kurzem die breite Fahrſtraße beſetzt gehalten hatte, war verſchwunden, die meiſten von ihr nach Hauſe zurück⸗ gekehrt, und nur Wenige hatten ſich drunten in der Nähe des Lagers der Künſtler abermals aufgeſtellt. Rodenberg athmete aus tiefer Bruſt in dem wohlthuenden Gefühle, mit ſeinen Gedanken allein zu ſein. Dieſe Gedanken aber eilten geſchäftig hin und her, flogen zur Fahnenburg hinauf, wo er ſie zum erſten Male geſehen, zeigten ihm das Blatt Papier, das er für ſie gezeichnet, ſie riefen ihren Namen: Juanita, ſie zogen und ſchoben ihn vorwärts zur Moosbank an der Quelle, ſie flüſterten ihm zu, daß das ſchöne Mädchen ihn erwarte, daß ſie ihm zum Zeichen ihres Wunſches, ihn wiederzuſehen, das Horn geſandt, und daß er nichts zu thun habe, als dieſes Horn an ſeine Lippen zu ſetzen, um ihr in einem weichen, ſanft anſchwellenden Tone zu ſagen, daß er da ſei. Da nun dieſe ſeine Gedanken mit dem heißen Wunſche ſeines Herzens übereinſtimmten und er fand, daß ſie mit ihrem Rathe vollkommen Recht hatten, ſo ſetzte er das Horn an den Mund und entlockte ihm einen ſanft klingenden Ton. Alles blieb ſtill um ihn her. Er erinnerte ſich aus alten Geſchichten und Mährchen, daß ähnliche Zeichen dreimal gegeben würden, und da er auch zum zweiten Male vergeblich geblaſen hatte, ſo entlockte er zum dritten Male ſeinem Horn einen mächtigen, weithin klingenden Ton. Wie ſchlug ihm das Herz in Erwartung einer Antwort, und wie klopften ſeine Pulſe, als er nun dieſe lang erwartete Antwort vernahm: den Ton eines Horns, weich nachklingend, melancholiſch! Woher der Klang des Hornes kam, wußte der wilde Jäger ganz genau, er konnte nicht fehlen. In raſchen Sätzen mit hoch⸗ klopfendem Herzen, mit gerötheten Wangen und blitzenden Augen eilte er den kleinen, geſchlungenen Pfad hinab, der uns ſchon wohl bekannt iſt. Schon hörte er das Rauſchen der Quelle, ſchon er⸗ Du biſt wie eine ſtille Sternennacht. 43 blickte er durch die Büſche den Glanz des Waſſers, da ſtand er noch einen Augenblick ſtill, ſich gewaltſam zurückhaltend, wobei er die rechte Hand feſt auf ſeine Bruſt drückte. Er fühlte, wie ſein Blut heftig durch die Adern ſtrömte, wohl in Folge des aufregenden Kampfes, auch vielleicht des Trunkes, den er haſtig gethan. Wohl war er es ſelbſt, der hier hoch aufathmend ſtand, und doch ein ganz Anderer als der, welcher vor einigen Tagen hier gewandelt. Wie er an ſich herunterblickte und ſein ritterlich Gewand ſah, das ſchimmernde Wehrgehänge, das glänzende Horn, da kam es ihm vor, als ſei er zurückverſetzt in jene Zeit der ritterlichen Minne, wo ein ganzes Leben ausgedrückt war in die Worte: Alles für Gott und meine Dame!— wo man ſich der Geliebten zu Füßen warf, wenn man ſie nach langem, vergeblichem Bemühen endlich gefunden, wo man ihre Hand mit Küſſen bedeckte, indem man ausrief: welch' ſeliger Tod, hier zu enden! Es waren abermals ſeine Gedanken, dämoniſchen Geiſtern gleich, die ihm ſolches zuraunten und die ihm verſtohlen und leiſe flüſternd von geöffneten Armen erzählten, von glühenden Lippen und von den drei ſüßen Worten: Ich liebe dich! So bewegt und erregt ſtürzte er vorwärts. Da war der ſtille, trauliche Platz mit der Moosbank und dem natürlichen Dache von Schlingpflanzen, da rauſchte die Quelle, da flüſterten die Zweige, von einem leichten Winde bewegt, da blickte er rings um ſich her — ach, die er ſuchte, ſie, an die er ſo glühend gedacht, war nicht da! 8 Es gibt Augenblicke der Erwartung, wo wir eine Täuſchung für unmöglich halten, wenn wir auch gar nicht berechtigt ſind, die Erfüllung unſerer Wünſche zu verlangen. So ging es Rodenberg: er konnte den Gedanken, ſie nicht hier zu finden, ſo wenig faſſen, daß er, heftig mit dem Fuße ſtampfend, nach allen Seiten forſchend um ſich blickte, und daß er mit allen Zeichen der Ungeduld, ja, wir müſſen geſtehen, der zornigen Erregung jeden Winkel bei der Vierzehntes Kapitel. Quelle unterſuchte, ob ſie nicht irgendwo zu finden ſei; er blickte hinter die Moosbank, er hob die Ranken der Schlingpflanzen auf; er meinte, ſie an Orten finden zu müſſen, wo gar kein Verſteck möglich geweſen wäre, und als er endlich, des vergeblichen Suchens müde, abließ, auf dem kleinen Platze hin und her zu rennen, warf er ſich mit einem tiefen Seufzer über ſeine getäuſchte Erwartung auf die Moosbank, wo er den Kopf in die Hand ſtützte und, nach⸗ dem er das Barrett weggeworfen, ſeine Finger in heftiger Bewe⸗ gung tief in ſein blondes, grauſes Haar vergrub. „A- a- a-=h,“ machte er, nach einer langen Pauſe auffahrend, „wie feſt habe ich an ſie geglaubt, wie feſt auf ſie vertraut!— Und nicht auf ein Wort, leicht hingeworfen, das ganz zweideutig geweſen wäre, wie man gewollt— im Gegentheil, ſie hat mir mit klaren Worten verſprochen, ich dürfe ſie wiederſehen! Sie hat heute Morgen, als ich an ihrem Fenſter vorüberritt, meinen Gruß ſo bedeutungsvoll erwiedert, als es nur möglich war, und — was die Hauptſache iſt— ſie und Niemand anders hat mir dieſes Horn geſchickt, ſie hat mich aufgefordert, zu hoffen, freilich auch zu fürchten, und als ich vorhin aus dieſem Horn einen Ton in den Wald hinein erklingen ließ— eine weithin ſchallende Frage nach ihr—, erhielt ich eine Antwort, eine Aufforderung, ſie zu be⸗ ſuchen!— Und da bin ich nun!“ rief er haſtig emporſpringend, „und will ſie ſuchen hinter jedem Stamme, hinter jedem Buſch, und will ihr folgen wie ein ächter wilder Jäger bis ans Ende der Welt!“ Horch', was war das?— War es der Laut eines Vogels, war es vielleicht eine Nachtigall, die, von dem Lärm und dem Waffengeklirr im Walde aufgeſchreckt, am hellen Mittag ihren wundervallen Triller ertönen ließ? Nodenberg blickte erſtaunt und verwundert um ſich her, er athmete tief und ſchwer, doch ruhiger als einen Augenblick vorher. War es doch gerade, als wirke hier an dieſem traulichen Orte Du biſt wie eine ſtille Sternennacht. 45⁵ derſelbe Zauber abermals und noch mächtiger auf ihn ein, der ihn vor Kurzem gefeſſelt! Da erklang der himmliſche Ton dieſer Stimme auf's Neue, ein Triller, kaum vernehmbar, Anfangs ſüß, melodiſch, verlockend, dann anſchwellend zu Luſt und Freude und neekiſch lachend. Der Ton kam von oben, unverkennbar war die Richtung, wo⸗ her er kam. Rodenberg blickte aufwärts, und was er ſah, ließ ihn unwillkürlich ſeine Hände zuſammenfalten und wie bittend an die Lippen drücken. Da ſaß ſie, die er geſucht, nach der er ſich ſo heiß geſehnt, hoch über ſeinem Haupte auf einem Vorſprunge des Felſens, wunderbar anzuſchauen in ihrem Gewande als Göttin des Waldes oder als Jägerin. Merkwürdiger Weiſe paßte ihr Anzug bis auf die kleinſten Einzelnheiten zu dem ſeinigen; der Schnitt, der Stoff, die Farbe. Um ihre Schultern hing an einer ähnlichen Kette, wie er ſie hatte, ein kleines Horn, dem ſeinigen gleich; an ihrem Gürtel war neben dem Waidmeſſer ein kleiner Köcher mit Pfeilen befeſtigt und auf den Knieen hielt ſie eine Armbruſt. Anſtatt des Barretts hatte ſie ihr Haupt mit einem Kranze aus Epheu verziert, unter dem ihr dichtes ſchwarzes Haar nach allen Seiten hervorquoll und der mit ſeiner dunklen Farbe ihrem Geſichte einen ernſten Ausdruck verlieh, obgleich die großen und ſchönen Augen ſo ſchalkhaft heiter wie früher blitzten und obgleich ihre ippen das raizendſie Lächeln zeigten, während ſie ſang, und „Sie ſang ein Lied dabei, Das hatt' eine wunderſame, gewaltige Melodei.“ Wir könnten hier füglich in den bekannten Verſen fortfahren, denn der Anblick des ſchönen Mädchens übte auf Rodenberg die gleiche Wirkung, wie der Anblick der Waſſernixe auf den unglück⸗ lichen Schiffer: ſein Herz ſchlug in einem gewaltigen und doch ſo ſüßen Weh, und wenn er ein Schiff zu ſteuern gehabt hätte, ſo 46 Vierzehntes Kapitel. würde es ſicher an dem Felſen zerſchellt ſein, auf dem ſie ſaß und von wo herab ſie ihn mit ihren ſilberreinen Tönen wie mit einem Meere von Perlen überſchüttete. „O, halt' ein, halt ein!“ rief er endlich aus, wobei er die rechte Hand flehend zu ihr erhob und mit der linken die geblendeten Augen bedeckte.„O, halte ein und ſchone mich armen Sterblichen! Dein Anblick, ſchöne Waldgöttin, allein wäre genug, um mich wahn⸗ ſinnig zu machen, und wenn ich auch meine Augen ſchließe, ſo dringt doch Dein zauberhafter Geſang durch das Ohr in meine Bruſt und verzehrt mein Herz mit heißer, ungeſtillter Sehnſucht!“ Ungefähr ſo drückte er ſich aus, und was ſeiner Bitte allen⸗ falls in richtiger Folgerung der Sätze abging, das erſetzten ſeine flammenden Blicke und der innige Ausdruck ſeines ſchönen, glühenden Geſichtes. „Ich erfülle mein Verſprechen. Du ſiehſt mich wieder.“ „Ah,“ rief er in beinahe ſchmerzlicher Bewegung aus,„traue Einer den falſchen räthſelhaften Worten dieſer Waldnymphen und neckenden Feen! Sie erſcheinen, um unſere Sinne zu verwirren, und entſchweben lachend, nachdem ſie uns für das Leben unglück⸗ lich gemacht haben!“ „Dieſe Anklage iſt unrichtig,“ gab ſie ihm zur Antwort,„wir warnen Euch mit redlichem Gemüthe und geben nur halb gezwungen Euren Bitten nach, Euren flehenden Bitten, uns wiederzuſehen.“ „Und das nennſt Du ein Wiederſehen?“ rief er ärgerlich— „ein Wiederſehen, nach dem ich mich ſo innig geſehnt, das nur als Hoffnung im Stande geweſen wäre, mein Leben erträglich auszu⸗ füllen?— Doppelſinnige Fee, das iſt Dein Wiederſehen. Warum haſt Du mir nicht lieber geſagt: ſchaue in tiefer Nacht dieſen oder jenen glänzenden Stern an und bilde Dir ein, es ſei mein Auge — o, ich wäre glücklich geweſen, hätte ich ſtatt Dir ein Sternbild angebetet, es würde mich ruhig und mild anſchauen, allmählich, langſam und in ſeinem milden Glanze mich tröſtend über mein Du biſt wie eine ſtille Sternennacht. 47 Haupt dahinziehen, während Du erſcheinſt wie ein glänzendes, blitzendes Meteor, die Sinne betäubend, das Herz verzehrend! Sie lachte laut und luſtig, ehe ſie erwiederte:„Haſt Du etwas Anderes von mir verlangt, wilder Jäger, als ein Wiederſehen? Nun gut, das habe ich Dir bewilligt— was willſt Du mehr, unerſättlicher Sterblicher?“ Rodenberg hatte vorhin, während er ſprach, mit prüfendem Blicke die Wand betrachtet, auf deren Höhe ſie ſaß, und hatte ge⸗ funden, daß es für ihn, als gewandten Kletterer, ein Leichtes wäre, bis zu ihren Füßen zu gelangen; ob ſie aber bei einem derartigen Beſuche ruhig auf ihrem Platze bleiben oder in den grünen Büſchen hinter ihr verſchwinden und ihm entgehen würde, war eine andere Frage, die er indeſſen ſo allmählig und unverdächtig, als es ihm möglich war, zu löſen beſchloß.—„Das alſo nennſt Du ein Wiederſehen, herzloſe Waldnymphe?“ ſagte er, indem er mit einem Lächeln auf den Lippen auf die Moosbank ſprang, den ſtärkſten der darüber hängenden Zweige erfaßte und ſich mit Leichtigkeit ſo weit in die Höhe ſchwang, um ſeinen Fuß auf die knorrige Wurzel einer Fichte zu ſetzen, die neben der Quelle emporwuchs.—„Wir Sterbliche,“ fuhr er aldann fort,„verſtehen mehr unter einem Wiederſehen!“ „O, wilder Jäger,“ erwiederte ſie lachend von droben,„ſo hätteſt Du Dir ein Wiederſehen ausbedingen ſollen nach Deiner Art, wie es bei Euch Sterblichen gebräuchlich iſt! Vielleicht hätte ich es bewilligt, wenn ſolche Bedingung mir nicht zu hart erſchienen wäre— laſſe ſie mich aber nachträglich hören, während Du Dich mir auf ſo anmuthige Weiſe näherſt.“ Er hatte nämlich an der Fichte einen abgehauenen Zweig be⸗ merkt; allerdings war derſelbe ſehr kurz und ſehr glatt, doch war es ihm bei der ganz außerordentlichen Gewandtheit, die er beſaß, gelungen, ſich hinaufzuſchwingen, während er den Stamm des Baumes mit dem rechten Arme umſchlang, und ſo ſchwebte er 48 Vierzehntes Kapitel. zwiſchen Himmel und Erde, ihr ſchon um ein Bedeutendes näher gekommen, ein gewinnendes Bild an Schönheit, Kraft und Ge⸗ wandtheit. „Ein Wiederſehen,“ ſagte er nach einem leichten Athemzuge, „beſteht bei uns Sterblichen aus drei ſchönen Einleitungsmomenten; der erſte iſt, wo man den theuren Gegenſtand ſieht, der zweite, wo man ein herzliches Wort mit ihm wechſelt, der dritte, wo man ſeine Hand ergreift und an die Lippen drückt.“ „Ah,“ erwiederte ſie mit einem ernſthaften Kopfnicken,„das alſo iſt die Einleitung...“ „Darauf,“ fuhr er fort, indem er mit einem innigen Blicke aufwärts ſchaute... „Halt, halt,“ rief ſie mit einer abwehrenden Bewegung ihrer kleinen, rechten Hand,„bei dieſer Einleitung, von der bereits zwei Punkte erledigt ſind, wollen wir ſtehen bleiben!“ „Und der dritte?— O, wenn ich nur die Fingerſpitzen Ihrer ſchönen Hand küſſen dürfte!“ „Damit Sie ſehen, daß wir Waldgeiſter nicht gar zu hart⸗ herzig ſind, ſo kann dazu vielleicht Rath werden; ich habe die Ge⸗ wandtheit und die liebenswürdige Unbefangenheit bewundern müſſen, mit der Sie ſich mir genähert, fahren Sie in dieſem ſchönen Streben ſo fort, ohne aber,“ ſetzte Sie mit aufgehobenem Zeigefinger und ernſtem Tone hinzu,„über Ihr Ziel hinauszugehen, denn dies müßte mein augenblickliches Verſchwinden zur Folge haben.“ „Wie glücklich macht mich Ihre Erlaubniß,“ rief er begeiſtert aus,„und wie leicht ſoll es mir werden, dieſes wundervolle, dieſes entzückende Ziel zu erreichen!“— Bei dieſen Worten ſchwang er ſich von der Fichte gegen die Felswand, griff kräftig in eine der Spalten hinein und arbeitete ſich ohne große körperliche Anſtrengung in kurzer Zeit ſo hoch empor, daß ſein Kopf in gleicher Höhe mit ihrem Fuße ſtand. Sie blickte mit Wohlgefallen auf ihn herab, wobei es unter 4m Du biſt wie eine ſtille Sternennacht. 49 ihren halbgeſchloſſenen Augenlidern ſo eigenthümlich heiß hervor⸗ leuchtete und wobei ſie raſch und tief athmete, ſichtbar ſeiner An⸗ ſtrengung folgend. Mochte er nun in ihrem Blicke etwas Ermuthigendes finden, genug, er klammerte ſich einen Augenblick an der Felswand feſt, und raſch, ehe ſie dies vorherſehen konnte, drückte er ſeine Lippen auf ihren kleinen Fuß. „Ei, ei, wilder Jäger,“ rief ſie ihm in ernſtem, verweiſendem Tone zu,„davon war nichts bemerkt in den drei Punkten, die ſie mir vorhin bezeichnet!“ „Verzeihung, ſchöne Waldfee,“ erwiederte er in ſanftem Tone, indem er ſein erhitztes Geſicht mit bittendem Ausdrucke gegen ſie wandte,„es war nur ſo eine kleine Unterabtheilung.— Doch kommen wir jetzt zu Punkt drei!“ jubelte er laut und fröhlich, indem er ſich zum letzten Male aufſchwang und nun neben ihr auf dem bemoosten Steine Platz nahm.—„Dieſer Sitz,“ ſagte er heiter lachend,„iſt allerdings auch nicht ausbedungen, doch wenn die ſchöne Waldfee ſo außerordentlich gnädig ſein will, einen Blick da hinunter zu werfen, ſo wird ſie mir nach dem zurückgelegten Wege dieſe kleine Erholung ſchon gönnen! Darf ich ſitzen bleiben?“ „Ich bewillige es,“ ſprach ſie würdevoll.„Um nun den dritten Punkt in der Weiſe von Euch Sterblichen raſch zu erledigen, iſt hier meine Hand.“ „Ah, Juanita!“ Den Weg von der Moosbank hier herauf hatte er in weniger Zeit zurückgelegt, als er jetzt zu brauchen ſchien, ſeinen ehrfurchts⸗ vollen Handkuß auszuführen. Es war ein ſehr langer und ſehr inniger Kuß oder vielmehr eine angenehme Kette von kurzen und langen Küſſen, die mit der Schnelligkeit des Blitzes auf einander folgten.—„Ahl“ wiederholte er, aber jetzt in traurigem Tone, als ſie ihm endlich ihre Hand entzog; doch konnte er trotzdem nicht anders als ſie mit einem dankbaren Blicke anzuſchauen, denn ſie 50 Vierzehntes Kapitel. hatte die Zeit dieſes Handkuſſes„nicht karg zugemeſſen“—„o mein Gott,“ rief er aus,„wie raſch entſchwinden die wenigen ſeligen Augenblicke dieſes Lebens!“ „Freut Euch darüber, Ihr Sterblichen, daß die Zeit ſo gleich⸗ mäßig dahinrollt,“ verſetzte das ſchöne Mädchen,„über heitere und traurige Stunden hinweg; ſo wenig Ihr im Stande ſeid, ein lang andauerndes Leid zu ertragen, eben ſo gleichgültig müßte Euch nicht unterbrochene Luſt und Wonne werden.“ „Ich glaube doch im letzteren Falle etwas leiſten zu können,“ gab er mit einem Seufzer zur Antwort, worauf ſie erwiederte, ihre kleine Hand betrachtend: „Nun ja, ich zweifle nicht daran. Doch, da ich nun die drei verlangten Punkte erfüllt habe,“ fuhr ſie, plötzlich ſehr ernſt werdend, fort,„und da es, wie ich vorhin andeutete, für Euch Sterbliche beſſer iſt, Euch in heilſamem Wechſel der Gefühle zu erhalten, ſo muß ich dem wilden Jäger erklären, daß hiermit unſer Wiederſehen beendigt ſein muß.“ „Schon jetzt?“ rief er, erſchrocken aufſpringend—„o, ſo uner⸗ bittlich wird die Fee des Waldes nicht ſein!“ „Sie muß unerbittlich ſein, denn ſie gehorcht Geſetzen, die mächtiger ſind, als ſie.“ „Alſo dies war ein Wiederſehen ohne Hoffnung auf die Zukunft?“ „Haben Sie den Spruch auf Ihrem Jagdhorn geleſen: Hoffe und fürchte!?“ „Ja, ſchöne Fee, und bei der Seligkeit dieſes Augenblicks ver⸗ gaß ich bis jetzt, Dir meinen innigen Dank für Dein ſchönes Ge⸗ ſchenk zu ſagen.“— Er benutzte dieſe Gelegenheit, um abermals einen Kuß auf ihre Hand zu drücken, die ſie ihm abermals entzog. „Hoffe und fürchte!“ „So darf ich alſo auf's Neue hoffen.“ „Und fürchten!“ Du biſt wie eine ſtille Sternennacht. 51 „Was habe ich zu fürchten, wenn mir das Glück in Ausſicht— ſteht, Dich nochmals wiederzuſehen?“ „Gerade dieſes Wiederſehen!“ ſagte ſie in feierlichem Tone; „ich habe Dir ſchon neulich geſagt, ungenügſamer Sterblicher, daß es uns Feen nur vergönnt iſt, Einen Deines Geſchlechtes, für den wir Intereſſe fühlen, drei Mal wiederzuſehen.“ „So nimmſt Du Intereſſe an mir?“ rief er in jubelndem Tone—„o, wie danke ich Dir für dieſes Wort!“ „Daß aber dieſes dritte Wiederſehen mit Deinem Verderben endigt.“ 4 „Sei es darum! Ich hoffe und fürchte nicht, ich hoffe auf dieſes dritte Wiederſehen— ein Wiederſehen abermals, wie die Sterblichen es feiern, unter Hinzufügung eines vierten Punktes!“ Ein leichtes Lächeln flog über die ſchönen Züge der Jägerin, während ſie von dem Kranze auf ihrem Haupte ein kleines Zweig⸗ lein abriß und dann ſagte:„Bei einem abermaligen Wiederſehen werde ich mich leider auf keinen weiteren Punkt einlaſſen können; nimm dieſes Epheublatt, und wenn Du es betrachteſt, ſo bedenke, daß ich Dich vor einem dritten Wiederſehen gewarnt— willſt Du alsdann daſſelbe vermeiden, ſo ſende mir dieſes Blatt zurück und ſei verſichert, daß ich der wenigen Stunden, die ich mit Dir in dieſem Walde verbracht, gern und freundlich gedenken werde.— Und nun lebe wohl, wilder Jäger, meine Zeit iſt um— keine Widerrede, keine Bitte! Sei folgſam, denn nur ſo kann es mög⸗ lich werden, daß ich Dir ein drittes Wiederſehen bewillige.“ Rodenberg hatte das Epheublatt ſorgfältig auf ſeiner Bruſt verborgen, und als das ſchöne Mädchen ſich raſch erhob und ihm nun nicht nur die eine Hand, ſondern beide Hände zum Abſchiede entgegenſtreckte, ſo ließ er ſich vor ihr auf ein Knie nieder und drückte zuerſt ſeine Lippen auf ihre kleinen Finger, dann ſeine Augen, während ſie, ohne daß er es bemerken konnte, mit einem unausſprechlich innigen Ausdrucke lächelte. 52 Vierzehntes Kapitel. „Und nun ſollſt Du ſehen, ſchöne Waldfee, wie folgſam ich gegen Deine Befehle bin— Du verlangſt doch, daß ich auf dem⸗ ſelben Wege zurückkehre, auf dem ich gekommen bin?“ „Wenn es möglich iſt, ja.“ „Möglich iſt alles, was Du mir befiehlſt,“ rief er im Tone der Begeiſterung—„ich werde in wenigen Sätzen da unten ſein!“ Damit faßte er einen der ſchwanken Zweige, die über ſeinem Haupte herabhingen, um durch dieſen leichten Halt den Sprung in die Tiefe, welchen er vorhatte, etwas zu ſchwächen. Schon wollte er ſich mit einem letzten ſehr ausdrucksvollen und innigen Blicke auf das junge Mädchen hinabſchwingen, als er zu ſeinem nicht geringen Vergnügen fühlte, wie ſie nicht nur ihre Hand auf ſeinen Arm legte, ſondern wie ſie ihn auch durch einen leichten Druck zurück⸗ hielt. Ihre Augen begegneten ein paar Secunden feſt einander, und es mochte wohl der heiß aufleuchtende Ausdruck in dem Auge Rodenberg's daran ſchuld ſein, daß ſie ihre Augen langſam ſchloß und ihr hoch erröthendes Geſicht etwas abwandte, während ſie ſprach: „Ich bin mit dem Beweiſe von Folgſamkeit, den Sie mir gegeben, ſo zufriedengeſtellt, daß ich Ihnen geſtatten will, zur Be⸗ lohnung dafür noch länger in meiner Geſellſchaft zu verweilen, wenn dies nämlich eine Belohnung für Sie iſt.“ „O, die größte und entzückendſte!“ rief er begeiſtert aus. „Wenn Sie mir verſprechen wollen, auch künftig meinem Wunſche mit gleicher Bereitwilligkeit nachzukommen.“ „Ich verſpreche es Ihnen feierlich und ſchwöre es Ihnen bei allem, was mir heilig iſt— und ſo geſtatte mir denn, ſchöne 84 Waldfee, daß ich mich zu Deinen Füßen niederſtrecke, um hier in der ſtillen Waldeinſamkeit noch eine koſtbare Zeit in Deinem An⸗ V blicke ſchwelgend zu verleben!“ 8 Darauf ſchüttelte ſie lächelnd ihr Haupt und gab ihm zur Antwort:„Von Ausruhen zu meinen Füßen, von Schwelgen in 4A Du biſt wie eine ſtille Sternennacht. 53 meinem Anblicke und wie alle die extravaganten Ausdrücke heißen mögen, welche Du ſchon gebraucht haſt, wilder Jäger, und noch zu gebrauchen gedenkſt, kann durchaus keine Rede ſein; überall ſcheint mir ein ausruhender wilder Jäger ein Unding zu ſein. Und da⸗ mit Du ſiehſt, wie unbegränzt das Vertrauen iſt, welches ich in Dich ſetze, ſo geſtatte ich Dir nicht allein, in meiner Geſellſchaft zu bleiben, ſondern ich habe mir vorgenommen, Dir eine Zeit lang zu folgen, Dir und Deiner wilden Jagd.“ „Ah!“ machte Rodenberg und ſchaute ſie mit glänzendem unausſprechlich glücklichem Blicke an. Sie vermied abermals ſein Auge, während ſie fortfuhr:„Du weißt's vielleicht, wilder Jäger, daß wir armen Feen des Waldes häufig von einer unbegränzten Neugierde befallen werden, dem Treiben von Euch Menſchenkindern zuzuſchauen. Nun aber iſt dies Euer Getreibe heute ſo ganz beſonderer Art, daß eine Neugierde meinerſeits verzeihlich erſcheint.“ „O holde Waldfee,“ ſtammelte er, überraſcht von ſo viel Glück,„Du wollteſt mich begleiten zum Hoflager des Prinzen Mai⸗ wein? Ich ſollte heute noch einmal einen langen, langen Tag an Deiner Seite durch den ſchönen grünen Wald ziehen dürfen?“ „Nicht ſo ganz wie damals,“ erwiederte ſie lächelnd;„dem Prinzen Maiwein, der eigentlich mein Untergebener iſt, kann ich mich nur mit großem Gefolge nahen, und wenn es mir auch viel⸗ leicht lieber wäre,“ ſetzte ſie mit leiſerer Stimme hinzu, die Stunde von damals zurückzurufen, ſo muß ich Dich doch bitten, mich heute mit Deiner ganzen Schaar zum Hoflager Seiner ſüß duftenden und graziöſen Hoheit zu begleiten.“ „O Glanzpunkt dieſes Tages,“ rief der junge Mann ſtürmiſch, „und Du geſtatteſt mir alſo, mich für einen Augenblick zu ent⸗ fernen, um mein Gefolge zu ſammeln, daß wir Dich würdig be⸗ gleiten!“ „Ja, wilder Jäger, ich geſtatte es Dir, aber ich wünſche, daß Vierzehntes Kapitel. Du einen andern Weg nimmſt als den, auf welchem Du zu mir gekommen. Stürze Dich nicht ſo unvorſichtig hier hinunter,“ ſagte ſie mit weicher Stimme;„ich will nicht, daß Du Dich ſo leicht⸗ ſinnig in Gefahr begibſt.“ „Und ich will keinen Umweg machen, um mit der Erfüllung Deiner Befehle nur eine Secunde länger als nöthig iſt zu zögern — lebe wohl, ſchöne Waldfee, in wenigen Minuten ſoll das Ge⸗ folge Deiner Knechte bereit ſein!“— Und auf ſeine Körperkraft und Gewandtheit vertrauend, ſchwang er ſich, ehe ſie es hindern konnte, gegen den Stamm der Fichte, benutzte dort die Aeſte, die ihm ſchon vorhin gedient, zum flüchtigen Stützpunkte ſeines Fußes und ſtand mit einem zweiten Sprunge unten auf der Moosbank. —„Auf Wiederſehen!“ rief er jubelnd, indem er ſein Barrett ſchwang gegen die ſchöne Jägerin, die ihm, mit der rechten Hand winkend, nachſchaute. Darauf verſchwand er auf dem ſchmalen Fußwege in dem dichten Gebüſche. Er löste insgeheim das Horn von ſeiner Schulter und blies darauf ein Mal, zwei Mal, drei Mal laut tönend und weithin ſchallend. „Hurrah, wilde Jagd!“ riefen die Jäger unten im Walde, als ſie die Horntöne vernahmen, und ſprangen raſch in die Höhe, nach ihren Hunden und Pferden zu ſehen und Armbruſt und Jagd⸗ ſpieß ergreifend. Hurrah, wilde Jagd! So angenehm es war, im Grünen zu liegen und zu ſingen, ſo that den unruhigen, lebensluſtigen Geſellen doch eine kleine Ab⸗ wechslung noth, irgend ein Abenteuer, von dem ſie geträumt und geſprochen, irgend ein glorreicher Kampf wie der von heute Morgen, den ſie ſo ſiegreich beſtanden hatten. „Ah, der wilde Jäger regt ſich!“ ſagte der Tod zum Teufel, wobei er demſelben einen freundſchaftlichen Rippenſtoß gab und ihn mit einem heimlichen Winke erſuchte, ſich mit ihm von dem luſtigen, Du biſt wie eine ſtille Sternennacht. 55 tollen Hoflager wegzuſchleichen. Hier waren auf die leichten Plänk⸗ ler Maitrank, ſowie auf die ſchweren Colonnen Rheinwein, an dem ſich beſonders der weite Umkreis des Hofes gütlich that, für den Kern des Hofes andere Truppen gefolgt, und während dort der brauſende Chor erſcholl: „Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſre Reben“ knallten hier die Champagnerpfropfen räubermäßig und trichinen⸗ haft, eine angenehme Ueberraſchung des tapfern Mitſtürmers auf die Fahnenburg, des Prinzen Heinrich. „Mir ſcheint, die wilde Jagd zieht aus,“ bemerkte der Feld⸗ hauptmann Roderich in froher Weinlaune.— So trübſelig er An⸗ fangs in den Becher geſchaut, ſo hatte er ſich doch von der all⸗ gemeinen Luſtigkeit mit fortreißen laſſen, und er nahm den ſchäumen⸗ den Wein als einen Lethetrunk.—„Es will Krieg werden,“ fügte er bei. „Auf Ehre— ſuperbe!“ ſagte Einer mit ſchluchzender Stimme. „Dabei ſollten wir nicht fehlen— ein räubermäßiger Krieg gegen einen trichinenhaften Nachbarſtamm!— Was meint die Hoheit?“ Seine Hoheit Prinz Maiwein entſchied, ruhig da zu bleiben, den Ausgang eines allenfallſigen Kampfes zu erwarten, die Beute zu vertheilen und zahlreiche Orden zu vergeben— ein weiſer Ent⸗ ſchluß, dem die andere Hoheit, welche ſich in der altrbenten Laune von der Welt befand, lachend beiſtimmte. 3 „Ein herrlicher Tag!“ rief Lytton, indem er ſein fhennendes Glas ſchwang—„ich bin ein glücklicher Regent, und ſtatt langer, wechſelvoller Jahre concentrire ich meine ganze Regierung in einen einzigen, glänzenden, heiteren Tag! Ah, könnte man es mit dem Leben auch ſo machen, mit Bewußtſein das Glas an die Lippe geſetzt, um alles Schöne, was uns beſchieden iſt, mit einem einzigen Zuge in uns hineinzuſchlürfen, wie ich jetzt dieſen perlenden Wein, und dann: Fare well!“(Fahre wohl!)— Er warf bei den letzten Vierzehntes Kapitel. Worten das Glas hinter ſich, daß es an einem der alten Baum⸗ ſtämme in tauſend Scherben zerbrach. Olfers hatte mit ſinnendem Auge die Lagernden rings umher überſchaut, welche, maleriſch gruppirt, in ſo mannigfaltiger, präch⸗ tiger Färbung, dort vom tiefen Dunkel des Waldes überſchattet, hier vom Sonnenglanze überblitzt, wie ein prachtvolles Rund⸗ gemälde ſich ausnahmen. Sein ausgebildeter und tiefer Künſtler⸗ ſinn fand Gruppen und einzelne Figuren, die ihm ſo wunderbar in Farbe und Bewegung erſchienen, daß er ſich Mühe gab, ſie ſeinem Gedächtniſſe einzuprägen, ja, er bedauerte es, kein Skizzen⸗ buch mitgenommen zu haben. Gab's etwas Phantaſtiſcheres, als dort das tolle Gelage und den Rheinweinkarren, davor die behaglich ruhenden und wieder⸗ käuenden weißen Stiere mit den vergoldeten Hörnern, hoch oben Bacchus ſtehend neben dem Faſſe, das er mit ſeinem Thyrſusſtabe wie eine große Trommel bearbeitete: „Rum bum, rum bum, bum“— ſo die Muſik begleitend, welche eine luſtige Polka ſpielte, zu der Pan und der Liebesgott inmitten eines Kreiſes jubelnder Waldteufel einen höchſt grotesken Tanz aufführten. Auch Stillleben ſah man von der verſchiedenſten Art und behaglichſten Ruhe einer Waldeinſamkeit. Dort hatten ſich über ein halbes Dutzend Hellebardiere und Landsknechte einen tiefſchattigen Punkt ausgeſucht und ſaßen um einen alten, abgehauenen Stamm herum, der mit Moos ausgefüllt war und aus dem Flaſchenhälſe hervorblinkten; während einer den Becher vollſchenkte und ihn fleißig die Runde machen ließ, vertheilte ein anderer Brod und zerſchnitt einen ſaftigen Schinken. Nicht weit davon lagerten andere um einen weißen Reitermantel, der wie ein Tiſchtuch auf dem Boden ausgebreitet war und auf dem Gläſer und Flaſchen, ſowie eine angebrochene, große Paſtete eben⸗ falls einen behaglichen Anblick boten. Du biſt wie eine ſtille Sternennacht. 57 Auch Einſiedler gab es in der Nähe des luſtigen Gelages: dort lag einer der Länge nach auf dem Bauche ausgeſtreckt, den Kopf auf die Arme gelegt, und rauchte vergnügt eine Cigarre, wäh⸗ rend ein anderer wie der Vogel auf einem Zweige hockte und, hei⸗ ter trillernd und ſingend, häufig die Flaſche an den Mund ſetzte. „Hurrah, die wilde Jagd!“ Es war dies ein Ruf, der ſeit heute Morgen geläufig gewor⸗ den war und den nun Viele wiederholt hatten, als die luſtigen Geſellen aus dem Gefolge des Rodenbergers mit ihren Pferden und Hunden in den Wald hineingezogen waren, wobei die Trom⸗ peter das bekannte Jagdlied blieſen und ein kräftiger Chor einfiel: „Das iſt Lützow's wilde, verwegene Jagd!“ So ging es fort, trinkend und ſingend, jubelnd und lachend, ein ſo heiteres, fröhliches, ja, glückſeliges Treiben, wie es die alten Bäume gewiß noch nie geſchaut, ſprudelnd von übermüthigem Hu⸗ mor,— ein fremdartiges, tolles, über alle Beſchreibung ſchönes Künſtlerleben! Hackländer's Werke. 53. Bd. 5 XV. „Ach, wenn Du wärſt mein eigen!“ Da erklangen abermals die Hörner im Walde, dann— näher und näher, und als ſei die Muſik im Lagerplatze mit ihr im Ein⸗ verſtändniß, ſo ſetzte ſie rauſchend ein mit den wundervollen Weiſen des Marſches aus Precioſa. Man hätte in der That glauben ſollen, es entwickle ſich der bekannte Zug aus jener romantiſchen Oper. Die Spitze bildete ein Haufen Reiter Rodenbergers, ihm folgten die kräftigen Jägergeſtalten zu Fuß, mit Armbruſt, mit Jagdſpieß, mit der kläffenden Meute an der Leine, und nun ſah der erſtaunt ſich umwendende Lytton ein eben ſo neues als liebliches Bild. Vier rieſenhafte wilde Männer trugen einen aus Zweigen und Laubwerk geflochtenen Tragſeſſel, von dem eine ſchöne Mädchengeſtalt mit ihren großen, glänzenden Augen heiter lächelnd auf das Ge⸗ treibe hinabſchaute; ſie hatte ihre linke Hand in die Rechte des wilden Jägers gelegt, der neben ihrem Tragſeſſel einherſchritt und 4. ſie mit leuchtenden Blicken betrachtete, ſo oft er nicht mit einem leicht begreiflichen Stolze umherſchaute. „Was iſt das?“ rief Lytton, indem eine tiefe Röthe ſein ohne⸗ hin erhitztes Geſicht überflog und nachdem er einen Blick mit Ro⸗ derich gewechſelt, welcher, raſch aufſpringend, die Näherkommende mit einem eigenthümlichen Geſichtsausdrucke anſtarrte. — Ach, wenn Du wärſt mein eigen! 59 „Conchitta!“ murmelte er dann leiſe, und es klang, als ver⸗ möchte er kaum dieſen Namen zwiſchen den zuſammengepreßten Lippen hervorzubringen.. „Ja, Conchitta,“ ſagte Lytton eben ſo leiſe, doch mit auf⸗ loderndem Blicke,„Conchitta, die unſern dringenden Bitten ſo viele vernünftige Gründe entgegenzuſetzen wußte....“ „Conchitta, die uns ſo innig bat, ſie nicht in unſer luſtiges, ihr ſo wenig behagendes Getreibe zu ziehen....“ „Ja, bei Gott, Conchitta!“ „Und die ſich nun unter den Tollen das Tollſte ausgeſucht hat und ſich recht behaglich zu fühlen ſcheint als wilde Jägerin an der Seite des wilden Jägers.“ „Ein wundervolles Bild, dieſe Beiden!“ rief Prinz Heinrich. „Auf Ehre, ſuperbe!“ „Sehen Sie, Olfers, betrachten Sie es ganz genau, davon müſſen Sie mir eine Skizze malen; verſprechen Sie mir das?“ „Ich will dieſe ſchöne Gruppe ſo tief meinem Gedächtniſſe ein⸗ prägen, daß ich ſie nie, nie vergeſſen werde!“ „Damn, trau' Einer den Weibern!“ Seine Hoheit hatte ſich von dem Adjutanten ein Glas bringen laſſen und fühlte ſich als der echte Prinz in ſeinem Rechte, dem Zuge entgegenzutreten und der holden Jägerin den ſchäumenden Wein anzubieten, was er auch mit außerordentlich viel Grazie, mit einem leichten, zierlich tänzelnden Schritte that. 6 Die wilden Männer hatten den Tragſeſſel niedergeſetzt, und Juanita ſtand aufrecht da, umgeben von grünem Laubgewinde, eine reizende, wunderliebliche Erſcheinung. Als der Prinz nun vor ihr ſtand, machte er mit dem Glaſe eine kleine Bewegung gegen ſeine Bruſt, was andeuten ſollte, die Huldigung komme von Herzen, worauf er es hoch über ſein Haupt erhob, womit er ausdrücken wollte, er huldige als Sclave ihrer Schönheit, und dann erſt reichte er ihr das Glas. 8 Fünfzehntes Kapitel. Sie nahm es mit einem freundlichen Lächeln, ſetzte es an ihre Lippen und trank ein paar Tropfen daraus, worauf ſie es Roden⸗ berg reichte, der ein wenig trotzig, faſt finſter den Fremden, den er nicht kannte, anſchaute; doch erheiterte ſich ſein Blick ſofort wieder bei ihrer Gabe, er nahm das Glas und trank es auf Einen Zug leer. „Ach,“ ſeufzte der Prinz, in den Anblick des ſchönen Mädchens wie verſunken, mit einem raſchen Blicke auf den jungen Mann, „wer auch ſo glücklich ſein dürfte, ihrem Gefolge anzugehören und mit ihr durch den grünen Wald ziehen zu dürfen, oder hinaus in die weite Welt,“ ſetzte er leiſer hinzu;„aber dies ſind thörichte Hoff⸗ nungen, da ſie ſich meiner gar nicht einmal mehr zu erinnern ſcheint!“ Die Jägerin ſah ihn forſchend und leicht mit dem Kopfe ſchüttelnd an. „Und doch hatte ich vor wenigen Tagen das Glück, Ihnen vorgeſtellt zu werden— gewiß mein Fräulein, im Atelier unſeres hochverehrten Freundes und berühmten Künſtlers Roderich Olfers; es iſt recht traurig für mich, daß Ihnen die Erinnerung an meine Züge ſo ganz entfallen iſt, und muß ich mich durch abermalige Nennung meines Namens auffriſchen— Prinz Heinrich!“ Wenn auch der Prinz ein zu guter Menſchenkenner war, um nicht überzeugt zu ſein, daß die Nennung ſeines erlauchten Namens irgend eine Bewegung zu ſeinen Gunſten bei dem jungen und, wie er vorausſetzte, unerfahrenen Mädchen hervorbringen mußte, ſo hatte er ſich doch geirrt, wenn er geglaubt, ſie werde etwas von dieſer Bewegung merken laſſen. „Ah, Prinz Heinrich,“ gab ſie heiter zur Antwort, indem ſie langſam ihre Augenlider öffnete, ihn eine Secunde feſt anſah und alsdann dieſe glänzenden Augen wieder auf die den Spanierinnen eigenthümliche, reizende, ſchläfrige Weiſe halb zuſchloß—„im Ge⸗ folge des Prinzen Maiwein; ich glaube mich zu erinnern, Sie geſehen zu haben.“ Ach, wenn Du wärſt mein eigen! 61 „Ich bin entzückt darüber, daß Sie ſich meiner erinnern, und darf mir wohl erlauben, der ſchönen Jägerin meine Hand anzu⸗ bieten, um ſie zu dem Prinzen Maiwein zu führen, der nun ein⸗ mal heute unſer Aller Gebieter iſt und dem ſelbſt ich für dieſe Stunde mich unterordnen muß!“ Ehe die Jägerin ihm ihre Hand reichte, warf ſie einen Blick auf Rodenberg, und als dieſer haſtig vortreten wollte, legte ſie raſch ihre kleine Hand in die des Andern, wobei ſie ſagte:„Einem Prinzen, der gekommen iſt, um ein ſcheinbar ſo unbedeutendes Weſen, wie ich ſelbſt, an den Thron des erhabenen Fürſten Mai⸗ wein zu führen, darf ich unmöglich einen Korb geben.“ Sie machte dabei dem echten Prinzen eine beinahe ehrfurchts⸗ volle Verbeugung, wodurch ſie anzeigte, daß ſie ihn verſtanden, als er ſich ihr vorher vorgeſtellt, und fuhr alsdann, obgleich in neckiſchem Tone, doch mit einer außerordentlichen Hoheit und Würde fort, während ſie neben ihm hinſchritt:„Ich habe geſagt, ſcheinbar ein unbedeutendes Weſen, denn obgleich ich dieſen Wald im ſtrengſten Incognito durchziehe, ſo bin ich doch als Fee des Waldes ihm eine mehr als ebenbürtige Königin.“ „Und Beherrſcherin aller Herzen,“ ſagte der Prinz, indem er ſich wie aus Ehrfurcht tief herabbeugte und alsdann dieſen Augen⸗ blick geſchickt benutzte, um ihre kleine Hand zu küſſen.—„O, ſie iſt delicibs!“ flüſterte er ſeinem Adjutanten zu, als er dicht an ihm vorüberſchritt. Lytton ſah die Jägerin herannahen, geführt von dem Prinzen und begleitet von Rodenberg; die Wolken von der Stirn des Prinzen Maiwein waren verſchwunden und er lächelte den Ankom⸗ menden huldvoll entgegen, wobei er das junge Mädchen forſchend be⸗ trachtete. Roderich, der bis jetzt an ſeiner Seite geweſen, war verſchwunden. Ja, es war Conchitta, darüber konnte kein Zweifel beſtehen! nur die ganz andere Tracht, beſonders die völlig veränderte Friſur 62 Fünfzehntes Kapitel. war es, die ihrem Geſichte einen etwas fremdartigen Zug gab; ihr ſtrahlender Blick, das an ihr ungewohnte heitere Lächeln auf ihren Zügen kamen von der Aufregung des Tages her und wurden her⸗ vorgerufen durch alle die bewundernden Blicke, welche ſich der Ge⸗ ſtalt des reizenden jungen Mädchens zuwandten. Ja, es war Conchitta— unbegreiflich! Der Prinz führte ſie mit einer triumphirenden Miene, und als er ganz nahe war, ſagte er nach einer ceremoniöſen Verbeu⸗ gung:„Ich habe das Glück, die ſchöne Beherrſcherin dieſes Waldes, eine mächtige Fee, zu Eurer Hoheit zu begleiten; möge ſie Gefallen finden an dieſem luſtigen, heiteren Lager!“ „Sie ſoll uns willkommen ſein,“ antwortete der Prinz Mai⸗ wein—„ich erſuche Sie an unſerer Seite Platz zu nehmen; mögen alsdann die Beſtrebungen unſeres Hofes in Geſang und Tanz im Stande ſein, Ihre Aufmerkſamkeit ein wenig zu feſſeln!“ „Leider bin ich nicht gekommen, um längere Zeit an dieſem glänzenden Hoflager zu verweilen,“ gab die Jägerin zur Antwort; „ich befand mich zufällig in dieſem Walde, als ich das Wüthen des Kampfes vernahm und den vorüberziehenden wilden Jäger, eine alte Bekanntſchaft, bat, mich in ſeinen Schutz zu nehmen. Er that dies und verſprach mir auch, mich ſicher in meine Burg zurückzu⸗ begleiten; doch mochte ich es nicht unterlaſſen, im Vorübergehen Eure Hoheit zu begrüßen!“ „Doch wird uns die ſchöne Fee hoffentlich ein paar Augen⸗ blicke ſchenken,“ erwiederte Lytton und ſetzte in einem Tone, in welchem eine Anſpielung hätte unverkennbar ſein müſſen, hinzu: „vielleicht findet ſie auch in uns einen alten Bekannten.“ Die Jägerin betrachtete ihn mit ihren großen Augen forſchend einige Zeit, dann ſchüttelte ſie leicht mit dem Kopfe und verſetzte: „Wenn ich auch ſchon das Glück hatte, Einige Ihres Erlauchten Geſchlechtes kennen zu lernen, ſo habe ich Eure Hoheit ſelbſt doch noch nie geſehen!“ Ach, wenn Du wärſt mein eigen! 63 Lytton preßte ſeine Lippen zuſammen und gab einenm ſeiner Vaſallen einen Befehl, worauf dieſer forteilte und gleich darauf die Muſik wieder anfing zu ſpielen; auch ließ er ſeinen Sammt⸗ mantel über einen Baumſtumpf ausbreiten und bat die Jägerin, wenn auch nur für kurze Zeit, dieſen Sitz als den beſten Thron einzunehmen, den er ihr anbieten könne. Sie ließ ſich darauf nieder, und während ſich alsdann Prinz Heinrich mit ſeiner Geſellſchaft, ſowie eine Menge der herangekom⸗ menen Künſtler um ſie herum lagerten, gingen Andere wieder, nachdem ſie ihre Neugierde geſtillt und den fremden Gaſt flüchtig be⸗ trachtet, an ihre Lagerplätze zurück, und bald begann überall auf's Neue das luſtige, tolle Treiben, wie wir es vorhin geſchildert. Dem ſchaute das junge Mädchen, die großen, glänzenden Augen weit ge⸗ öffnet, mit unverkennbarem Behagen zu, ja, ſie konnte ſich nicht enthalten, zuweilen einen leiſen Ausruf hören zu laſſen oder eine Frage über dieſes und jenes, was ihr fremdartig erſchien, an den Prinzen Maiwein und Rodenberg zu ſtellen. Erſterer war zu feſt überzeugt, Conchitta ſitze an ſeiner Seite, als daß hierüber nur der leiſeſte Zweifel in ihm hätte aufſteigen können; es war ihre Geſtalt, ihr Auge, der Ton der Stimme, nur klang die⸗ ſelbe in der ſo natürlichen Aufregung ihres ganzen Weſens friſcher, lebhafter und dadurch vielleicht etwas anders; da ſie einmal den Schritt gethan, ſich hier im Coſtume zu zeigen, nachdem ſie jede Betheiligung an dem Feſte ſo entſchieden abgewieſen, ſo fing er an, es begreiflich zu finden, daß ſie die Rolle einer Fremden, welche ſie einmal angenommen, auch conſequent durchführe, und er hätte es anmaßend gefunden, ſie darin zu ſtören. Wie ſie gerade mit Roden⸗ berg zuſammengetroffen, das allein war ihm unerklärlich, denn er wußte, daß ſie den jungen Maler früher nicht gekannt, und Rode⸗ rich hatte ihm nicht erzählt von dem Zuſammentreffen am Fuße der Fahnenburg.. Tod und Teufel ſchienen ſich förmlich als die Leibtrabanten ——— 64 Fünfzehntes Kapitel. der Jägerin zu betrachten und hatten ſich gleich dienenden Geiſtern hinter ihr aufgeſtellt: der Teufel, in unver kennbarem Behagen über dieſen Dienſt, frei und ſtolz um ſich herblickend, wobei er hier und da einem Bekannten, der ſchüchtern aus der Entfernung zuſah, ermuthigend winkte, näher zu kommen; der Tod dagegen, offenbar in einer Anwandlung ſeiner melancholiſchen Laune, ſtand mit über einander geſchlagenen Armen und finſter blickend an der Seite ſeines Freundes und Collegen und lächelte nicht einmal, als der ehemalige Drache Griesgram in heiterer Weinlaune, die ſeinem ſonſt ſo ernſten Charakter komiſch genug anſtand, herbeikam, um der ſchönen Jägerin ſein Compliment zu machen. Dabei war aber auch Walter einigermaßen erſtaunt, daß ſich Conchitta ſo gar nicht mehr erinnern wollte, wie ſie ihn im Atelier Roderich's geſehen, wo der köſtliche Maitrank gebraut worden war und wo ſie ſo luſtig das ſchöne Lied: „Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſere Reben,“ mitgeſungen hatte. Als er ſie daran erinnern wollte und die heitere Scene be⸗ ſchrieb, ſah ſie ihn lächelnd mit ihren großen Augen fragend an und gab zur Antwort:„Das muß allerdings recht ſchön geweſen ſein.“ Walter zog ſich kopfſchüttelnd zurück und ſagte, neben Knorx tretend:„Sie ſchaut ſo klar aus ihren ſchönen Augen und ſpricht ſo ruhig und correct, daß ich es nicht begreife, wie ſie alles das vergeſſen hat, und vergeſſen muß ſie es haben, denn ihre Miene iſt ſo aufrichtig, als ich je etwas ſah.“ „Merkſt Du denn gar nicht, daß wir uns in einem ver⸗ zauberten Walde befinden?“ ſagte der Tod, indem er einen düſteren Blick über die Gruppe vor ſich gleiten ließ.„Die reizende Jägerin iſt nichts Anderes, als der verkörperte Zweifel, der beſtändig kalt an uns herantritt, wenn wir im Begriffe ſind, uns recht unbefangen der Luſt und der Fröhlichkeit hinzugeben. Wie es Dir erging, ſo * Ach, wenn Du wärſt mein eigen! 65 wird es noch Manchem gehen; ſo ſchön ſie erſcheint, ſo liebens⸗ würdig ſie iſt, tritt ſie doch als ſchwarzer Schatten in unſere Heiterkeit!“ „Das kommt mir beinahe auch ſo vor,“ ſagte der Teufel, „denn ſeit ich dieſen dunkeln, glühenden Blick ſehe, erſcheint mir alles Andere matt und farblos und meine Gedanken ſind nicht mehr hier. Mein Herz iſt im Hochland,“ recitirte er mit einem ſchwärmeriſchen Blicke. „Schau Dir doch unſern Prinzen Maiwein an,“ fuhr der Teufel nach einer Pauſe fort,„und den tapferen Feldhauptmann.“ „Den letzteren anzuſehen, wird Dir unmöglich ſein, denn er iſt verſchwunden; aber Lytton, der bis jetzt in wahrem Vergnügen ſtrahlte, iſt ruhig und ſtill geworden, und das Lächeln, welches zuweilen auf ſeinen Zügen erſcheint, iſt ſo froſtig, daß ich ihn darum beneiden könnte. Sieh' Dir auch die anderen Kerle an, wie ſie ſcheu aus der Entfernung auf die ſchöne Unbekannte hinſtarren, darunter ſind Burſchen mit ganz geſundem Herzen und richtigem Sinne, die etwas Geſpenſterhaftes ſpüren.“ „Narrheit,“ erwiederte Walter, indem er ſich wegwandte; „Du haſt wieder eine Deiner traurigen Anwandlungen.“ „Es iſt mir gerade, als ſcheine die Sonne durch einen feinen Nebel, ſeit die wilde Jägerin da iſt,“ ſagte der Tod in ſehr düſterem Tone,„und als wollte der Abendnebel aufſteigen, obgleich ſich die Sonne erſt einige Stunden abwärts geneigt hat— ja, ja, die Fee des Waldes iſt es, welche die zu frühe Dämmerung in der Natur und eine gleiche in unſeren Herzen hervorgebracht hat.“ Und es mochte etwas Wahres an dem ſein, was der Tod hier ausſprach, mehr für ſich ſelber, als daß es Andere hören ſollten, denn auch der Teufel ſagte mit einem tiefen Seufzer:„Bis noch vor Kurzem war ich, wie ich ſein mußte, teufelmäßig luſtig, und dachte nur an unſer fröhliches Trinkgelage nach dem wilden Kampfe 66 Fünfzehntes Kapitel. und dem erfochtenen glorreichen Siege; ſeit ich aber das ſchöne Weib geſehen, ſind meine Gedanken davon geflogen und flattern ängſtlich und verlangend um ein kleines Häuschen, wo ſie vielleicht in dieſem Augenblicke zu einem Fenſter hinausſchaut, ach, ſo mild und wunderſchön!“ 3 Der Tod ſchenkte ſeinem Nachbar einen ſpöttiſchen Seitenblick, dann ſagte er mit einem ironiſchen Lächeln:„Und findeſt Du nicht gar eine Aehnlichkeit zwiſchen jener, die aus dem Fenſter hinausſchaute, ach, ſo mild und wunderſchön, und dieſer hier mit dem dunkeln, verzehrenden Blicke?“ „Wenn ich ſie recht betrachte,“ verſetzte der Teufel mit einent tiefen Seufzer,„ſo glaube ich, Du haſt Recht.“ „Armer Kerl,“ flüſterte ihm Knorx ins Ohr: „Das iſt die Zauberei, Du leicht verführter Thor, Denn Jedem kommt ſie wie ſein Liebchen vor.“ „Hörſt Du,“ fuhr er nach einer Pauſe mit einem ſonderbaren Grinſen fort,„Trinklieder wollen ſie keine mehr; ſeit ſie dieſe Zauberin geſehen, denken Alle gerade wie Du, und das Herz in der Bruſt klopft ihnen ſtürmiſch von der entfernten Geliebten.— Hörſt Du, was die Muſik ſpielt? Steh' ich in finſt'rer Mitternacht So einſam auf der ſtillen Wacht, So denk' ich an mein fernes Lieb, Ob's mir auch treu und hold verblieb. Und daran denkt jetzt Jeder, und vorbei iſt die Luſtigkeit, ha, ha, ha,“ lachte er, während in ſeinem umherſtreifenden Blicke ein un⸗ heimliches Feuer brannte;„die dort haben nicht einmal genug bei dem Gedanken an das ferne Lieb, denn ich höre ein Dutzend Kehlen fingen: Ach, wenn Du wärſt mein eigen, Wie lieb ſollſt Du mir ſein! Ach, wenn Du wärſt mein eigen! 67 Jetzt ſind wir auf der rechten Höhe,“ ſetzte er in dumpfem Tone hinzu,„und nun möchte ich abwärts ſteigen, abwarts, immer ab⸗ wärts, bis ein paar Schuh unter den Erdboden, wo wir eigentlich alle hingehören!“ Damit wandte ſich der Tod um und ſchritt dem Walde zu. Der Teufel blickte ihm nach, bewegt von einem unangenehmen Gefühle, das ihn fröſtelnd durchflog; doch zuckte er gleich darauf die Achſeln und ſprach zu ſich ſelber:„Pah, er iſt immer ſo, dieſer melancholiſche Kerl, und obendrein muß er doch heute auch ſeiner Rolle getreu bleiben!“ Der ächte Prinz hatte unterdeſſen einen Trinkſpruch ausge⸗ bracht, und als er ihn beendigt und ſein Glas, nachdem er es ausgetrunken, hoch in die Luft geworfen, ertönte ein donnerndes Hoch aus hundert Kehlen, es zerriß die Muſik mitten in dem ernſten Liede und veranlaßte ſie dagegen zu einem lärmenden Tuſche:„Hoch! Hoch! und abermals Hoch! Und Hoch! der heutige Tag, und Prinz Maiwein Hoch! und unſer tapferer Anführer Hoch! und die Freude Hoch! und alles, was wir lieben, Hoch! und abermals Hoch!“ 3 Und dann erhob ſich die ſchöne Jägerin, in der Hand den ſchäumenden Champagnerkelch, und ſagte mit klarer, weithin tönender Stimme, ſie trinke auf das Wohl aller Künſtler, die ein ſo wunder⸗ bares Feſt erdacht und ſo glänzend ausgeführt, ſie leere ihr Glas, hoffend auf die Wiederkehr eines ſo ſchönen Tages. Unzählige Stimmen vereinten ſich, nachdem ſie geſprochen, zu einem lauten Ausbruche und einem allgemeinen Rufe der Freude, welchen ein theilnehmendes Echo, in den Bergen wiederhallend, weit, weit fortpflanzte, wozu die Conſtabler ihre Kanonen lösten, wozu Federhüte, Helme und Schärpen geſchwenkt wurden, wozu man die Gläſer erhob oder jubelnd an den nächſten beſten Baum warf, daß ſie klirrend zerſprangen, wozu die Muſikcorps vereinigt mit aller Anſtrengung blieſen und wozu ſich Alles rings umher 68 Fünfzehntes Kapitel. herandrängte, mit leuchtenden Blicken das ſchöne Mädchen betrach⸗ tend, welches alle die ſtürmiſchen Zurufe, die nur ihm galten, mit freundlichen Winken ſeiner beiden kleinen Hände erwiederte, ſo pan⸗ tomimiſch ſeinen Dank ausdrückend und alsdann eben ſo Abſchied nehmend. Ja, es nahm Abſchied und reichte dabei ſeine Linke dem Prinzen Maiwein, ſowie die rechte dem ächten Prinzen, während Rodenberg mit den wilden Männern herbeikam, die den Tragſeſſel zu ſeinen Füßen niederſetzten. Als es ihn beſtieg und nun, auf die Schultern ſeiner Träger gehoben, hoch über Alles ſichtbar wurde, erklangen fort und fort die ſtürmiſchen Hochrufe, ſo daß es ſich dankend erhob und, um ſo einige Augenblicke aufrecht ſtehen bleiben zu können, ſeine Hand in die des wilden Jägers legte, der neben ihm herſchritt. Es ließ ihm auch ſeine Hand, als ſich ſchon Sträucher und Bäume zwiſchen es und den wildbewegten Lagerplatz geſchoben, als die lärmenden Rufe kaum noch hörbar waren, und ſelbſt dann noch, als die Muſik nur noch in ſchwachen Klängen zu ihnen herüberdrang. Rodenberg hatte ſein großes Gefolge zurückgelaſſen, und nur die unbekannten Begleiter der ſchönen Jägerin ſchritten in ange⸗ meſſener Entfernung vor und hinter dem Tragſeſſel. Juanita war in tiefes Nachdenken verſunken; doch muß das, was ihre Gedanken bewegte, ſehr angenehmer, zuweilen auch ſehr heiterer Art ſein, denn bald lächelte ſie mit einer unausſprechlichen Innigkeit vor ſich hin, bald aber auch zuckte es luſtig um ihren ſchönen Mund. Das alles ſah Rodenberg, während er ſtumm an ihrer Seite ging, denn er hatte ſein Geſicht aufwärts gerichtet und betrachtete ſie unverwandt; er ſchritt wie im Traume dahin, aber wie in einem ſüßen, glücklichen, beſeligenden Traume,— fühlte er doch ihre feine, weiche Hand in der ſeinigen und ließ ſie ihm doch dieſe Ach, wenn Du wärſt mein eigen! 69 Hand ohne Widerſtreben. Ja, ſie that noch mehr, worüber er freudig hätte hinausjubeln mögen und worüber er nur mühſam ſein laut klopfendes Herz zu beſchwichtigen im Stande war; er hatte es gewagt, hoffend und fürchtend, ſeine Hand, welche die ihrige hielt, leicht zu öffnen, ſo daß es vollkommen in ihrer Macht lag, ihre feinen Finger aus den ſeinigen gleiten zu laſſen; aber ſie hatte das nicht gethan— nein, nein, o nein, vielmehr fühlte er mit einem unausſprechlichen Entzücken, wie ſie ihre Hand leicht um die ſeinige bog, ja, noch mehr, dabei warf ſie einen wenngleich flüch⸗ tigen, doch herzlichen Blick über ſein aufglühendes Geſicht. Ach, wäre der Weg, den der kleine Zug auf ihren Wunſch einſchlug und der auf die große Landſtraße führte, nur noch zehn⸗ mal länger geweſen! Doch ſchon lichteten ſich die Bäume vor ihnen, ſchon ſah man, wie nach wenigen Schritten der Fußpfad auf die Straße mündete. Dort hielt ein geſchloſſener Wagen und neben demſelben ſtand jener alte Herr, den Rodenberg beim erſten Zuſammentreffen mit Juanita ſah. Der junge Maler konnte ſich jetzt nicht enthalten, einen ſo tiefen und ſchmerzlichen Seufzer auszuſtoßen, daß Juanita ihn fragte:„Warum dieſer Ausdruck der Trauer?“ und dann, als ſie in ſein Geſicht blickte, lächelnd hinzuſetzte:„O, wilder Jäger, Du biſt ungenügſam, wie ich nie Aehnliches erlebt!“ „Und habe ich nicht ein Recht dazu, ſchöne Waldfee, gab er zur Antwort,„da Du im Begriffe biſt, mir vielleicht ſpurlos zu. verſchwinden.“ „Ich bin Dir ſchon einmal eben ſo ſpurlos verſchwunden, und trotzdem haſt Du mich doch wiedergeſehen!“ „Ja, es beliebte Dir, mich armen Sterblichen noch tiefer zu verwunden, unheilbar, tödtlich!“ 8 „Nein, nein,“ rief ſie mit leichtem Spotte,„Du wirſt nicht daran ſterben!“ „O doch, doch!“ 70. Fünfzehntes Kapitel. „Nun denn, ich will den ſchlimmſten Fall annehmen, es wäre wirklich ſo, dann verſpreche ich, Dir in dieſem Falle tröſtend und beruhigend zur Seite zu ſtehen!“ „Alſo nur in dem Falle ſolle ich Dich wiederſehen?— Sei es darum, es iſt wenigſtens eine Hoffnung— doch nein, nein,“ rief er in allem Ernſte ſchmerzlich aus,„laſſen wir dieſen trau⸗ rigen Scherz, ich will und muß Dich wiederſehen, ja, ich habe ein Recht, es zu verlangen, denn Du verſprachſt es mir!“ „Daß ich nicht wüßte, wilder Jäger!“. „Erinnere Dich, Du ſagteſt mir, es ſei Euch Feen erlaubt, uns Sterbliche drei Mal zu ſehen.“ „Zu Eurem Unglück, es iſt Euer Verderben, ſobald wir Euch zum dritten Male ſehen.“ „So gönne mir dieſes Verderben,“ rief er mit zitternder, tief bewegter Stimme,„laß mir die Hoffnung, nur noch einmal in Dein ſchönes Auge zu ſehen, nur noch einmal den Ton Deiner lieblichen Stimme zu hören, die ſüße Wärme Deiner Hand zu fühlen!“ „Ah, Du erinnerſt mich daran,“ gab ſie etwas verwirrt durch die Gluth, die aus ſeinen Augen leuchtete, zur Antwort,„daß ich jetzt Deiner Stütze nicht mehr bedarf!“ Damit wollte ſie ihre Finger zurückziehen. „Nur noch einen Augenblick!“ bat er.„Wiederhole mir Dein Verſprechen, daß ich Dich noch einmal wiederſehen darf, o, wieder⸗ hole es mir und mache mich zum glücklichſten der Menſchen!“ Sie betrachtete ihn nicht ohne Bewegung, dann erwiederte ſie: „Das dritte Mal iſt das letzte Mal, vergiß das nicht, wilder Jäger!“ „Alles Glück auf dieſer Welt muß ja doch einmal zu Ende gehen, wie unſer Leben ſelbſt, und ich wäre ſelig, wenn ich in vollem Glücke untergehen könnte!“ „In vollem Glücke?“ „In vollem Glücke, Dich zu ſehen und...“ — Ach, wenn Du wärſt mein eigen! 71 „Halt!“ rief ſie raſch und wollte ihre Hand zurückziehen, die er aber nicht losließ.„Ich will mein Verſprechen nicht zurück⸗ nehmen, ich will Dich ein drittes Mal ſehen, aber vergiß nicht, daß ich Dich davor gewarnt!“ 3 „Dank, herzlichen Dank!“ rief er entzückt und bedeckte ihre kleine Hand ſo lange mit ſtürmiſchen Küſſen, bis ſie ihm dieſelbe faſt gewaliſam entzog. „Ah, ſchöne Waldfee,“ rief er ſchmerzlich bewegt aus,„weißt Du, wie mir jetzt zu Muthe iſt?“ „Ich habe keine Ahnung davon.“ „Leider, leider! Mir iſt zu Muthe, wie Jemanden, der aus dem glücklichſten, dem ſchönſten, dem ſeligſten Traume unſanft auf⸗ gerüttelt wird und der nun aus dem Himmel herab in die kalte, nüchterne Wirklichkeit zurückfällt— ah, wie es mich friert!“ ſagte er zuſammenſchauernd. Sie ſah ihn eine lange Weile an mit einem freundlichen Blicke, der zu einem herzlichen, ja, zu einem innigen wurde, dann ſagte ſie mit wunderbar weichem Klange der Stimme:„Ja, es war ein guter Traum!“ ehe ſie ihren Kopf emporwarf und dann in ganz verändertem Tone hinzufügte:„Wir haben ausgeträumt, die Maskerade iſt zu Ende! Leben Sie wohl!“ „Und ſo ſollen wir ſcheiden, ohne ein weiteres Wort?“ „Ah, Sie erinnern mich an Etwas, das ich faſt vergeſſen,“ fuhr ſie ernſt, faſt kalt fort,„eine Bedingung, die ich Ihnen auf⸗ erlegen muß, eine Bedingung, von deren ſtrenger Erfüllung allein unſer Wiederſehen abhängt.“ Rodenberg blickte ſie aufmerkſam mit einem fragenden Blicke an. „Wir Feen des Waldes,“ ſagte ſie,„erſcheinen auf dieſer Erde in allerlei Geſtalt und haſſen dabei nichts ſo ſehr, als wenn man uns nachſpürt, uns in den Weg tritt und unſeren Aufenthalt, den wir zu verheimlichen gezwungen ſind, zu erforſchen ſtrebt— ver⸗ ſtehen Sie mich vielleicht?“ 72. Fünfzehntes Kapitel. „Ich glaube, Sie zu verſtehen.“ „Nun gut denn— Sie haben heute erfahren, daß ich Sie nicht vergeſſen und daß ich mein Verſprechen, Sie wiederzuſehen, gehalten— wollen Sie es mir alſo möglich machen, das auch für die Zukunft zu thun, ſo forſchen Sie nicht nach, wo ich geblieben, vermeiden Sie es, Straßen zu beſuchen oder Häuſer anzuſchauen, in der Abſicht, mich dort wiederzuſehen, wie Sie es in den letzten Tagen gethan.“ Er wollte etwas antworten, doch fuhr ſie lächelnd fort:„Ja, ja, Sie haben mir nachgeforfcht, glauben Sie meiner Verſicherung, daß ich allwiſſend bin und daß ich den leiſeſten Ihrer Schritte in der angedeuteten Richtung erfahre— verſprechen Sie alſo, mich zu vergeſſen!“ „Das iſt mir unmöglich; aber ich verſpreche Ihnen, Ihrem wenngleich harten Befehle Folge zu leiſten und mein Nachforſchen nach Ihnen zu unterlaſſen! aber wenn wir uns zuſällig ſehen?“ „So ſollen Sie mich nicht kennen, oder Sie müßten denn Willens ſein, eine vielleicht ſehr flüchtige Begegnung für unſer drittes und letztes Wiederſehen zu nehmen!“ „Nein, nein,“ rief er faſt erſchrocken,„der Preis wäre zu theuer; ich werde Ihre Befehle erfüllen, ich will Ihren Ruf erwarten— in treuer, inniger, herzlicher Liebe, das können Sie mir nicht ver⸗ bieten!“ ſetzte er tief bewegt hinzu. „Dort iſt mein Wagen und mein Begleiter; leben Sie wohl!“ ſetzte ſie, raſch enteilend, hinzu.. Sie winkte ihm mit der Hand, wie zum Abſchiede, aber auch wie ihren Wunſch wiederholend, er möge ſie nicht weiter begleiten. Und ſo blieb er denn folgſam ſtehen und ſchaute ihr nach, wie ihr der alte Herr die Hand reichte, wie darauf Beide in den Wagen ſtiegen, wie die Pferde anzogen und wie alsdann Alles ver⸗ ſchwunden war. Ja, Alles, all' das Schöne, all' das Unverhoffte, welches ihm Ach, wenn Du wärſt mein eigen! 73 am heutigen Tage begegnete, war für ihn verſchwunden, ſie, die wunderbare Waldfee, das reizende Lächeln ihres Mundes, der Glanz ihrer ſchönen Augen, und als er nun, wie aus einem Traume er⸗ wachend, um ſich her blickte, auf die Begleiter des ſchönen, räthſel⸗ haften jungen Mädchens, die wilden Männer mit dem Tragſeſſel, die Jäger, das ganze Gefolge— Alles war ſpurlos verſchwunden. Und wie wohl that ihm jetzt die Einſamkeit, die ihn umfing, die tiefe Stille, welche ihn umgab, die kaum unterbrochen wurde durch einen fernen Klang der Muſik von dem Lagerplatze her, oder einen kaum vernehmbaren Freuderuf! Wie dachte er faſt mit Widerwillen an die Scenen toller Luſt, die dort drüben ihren rechten Verlauf nahmen, die von Minute zu Minute wilder, bacchantiſcher wurden und die nicht einmal dann ein Ende zu nehmen verſprachen, wenn die Nacht auf die Erde herabſank und allen Müden Ruhe brachte, denn es waren Pfannen und Pechfackeln mitgenommen worden, theils um das Feſt nächtlicher Weile noch fortzuſetzen, ſowie auch⸗ den Aufbruch des Lagers zu erhellen, theils um auf dem Heimwege zu leuchten. Wie gern wäre er allein in den Wald gegangen, Fuß um Fuß auf dem Pfade, den er heute an ihrer Seite gewandelt, Schritt für Schritt an ſie denkend, an jedes Wort, das ſie ge⸗ ſprochen, an jeden Blick, den ſie ihm gegönnt, an das Lächeln ihres Mundes, ja, ſelbſt an ihre abwehrende Bewegung, wenn er es hier und da gewagt, ihre Hand berühren zu wollen! Wie gern wäre er zurückgeeilt an jenes trauliche Plätzchen, wo er ſie heute gefunden, mit welcher Luſt hätte er nochmals den Felſen erklettert, um ſich dort, wo ſie geruht, niederzuwerfen und nach einem von ihrem Fuße zertretenen Grashalme zu ſuchen! Ah, dachte er, wie iſt eine kleine Reihe erbärmlicher Minuten im Stande, ſo traurig unſere Lage zu verändern; ſo eben noch glücklich, ſo ſelig an ihrer Seite, iſt jetzt der dort vor mir auf⸗ 6 Hackländer'’s Werke. 53. Bd. 74 Fünfzehntes Kapitel. wirbelnde Staub Alles, was mir von dieſer glänzenden, liebes⸗ warmen Erſcheinung übrig geblieben iſt! Er ging geſenkten Hauptes in das Lager zurück, wo noch immer die lauteſte Fröhlichkeit herrſchte, wo lärmende Muſik er⸗ brauste, Trinklieder erſchallten, Toaſte ertönten und Gläſer er⸗ klangen und klirrten, wo wilde Tänze aufgeführt wurden um die nicht leer werden wollenden Fäſſer. Die Geſichter der jungen, hei⸗ teren Künſtler waren glücklich vor Luſt und Fröhlichkeit, um ihre Köpfe hatten ſie Eichen⸗ und Epheukränze gewunden, ihre Stöcke, Degen und Schwerter in Thyrſusſtäbe umgewandelt— es fehlte nichts als eine aus dem Dunkel des Waldes hervorſtürzende Schaar leichtgeſchürzter Ngymphen und Bacchantinnen, um das Feſt des großen Gottes vollſtändig zu machen. Der wilde Jäger ging langſam durch die Reihen, hier ein Glas annehmend, um es, einen herzlichen Gruß erwiedernd, aus⸗ zutrinken, dort mit leichtem Kopfſchütteln einen leiſen Spott ver⸗ nehmend, hier beneidet und dort befragt. Aber die erhitzten Köpfe der Neider kamen heute nicht dazu, über das Glück des jungen Mannes weiter nachzudenken, und die Frager hatten keine Zeit, eine Antwort abzuwarten. Toll und bunt trieb ſich Alles durch einan⸗ der— Evoe! Evoe! Rodenberg fand Knorx auf einer Baumwurzel ſitzend und neben ihm van der Maaßen auf dem Rücken liegend, der, einen halbleeren Weinkrug neben ſich, in die Höhe ſtarrte und in ſi ller Seligkeit allerlei verliebte Lieder ſang. „Wie froh bin ich,“ ſagte der Ankommende,„Euch hier etwas abſeits zu finden, an einem ſtillen Platze, wo man ein wenig aus⸗ ruhen kann, vielleicht ſchlummernd träumen!“ Er warf ſich der Länge nach neben den Tod auf den Boden hin. Dieſer ſchaute ihn bedenklich an, wiegte langſam ſein Haupt auf und nieder und meinte:„Es wäre ſchon recht, wenn Du Dich hieher zurückzögeſt aus Ueberdruß an dem tollen Treiben da unten, Ach, wenn Du wärſt mein eigen! 75 aber es iſt ein ſchlimmerer Wurm der Dein Herz benagt und Dich in die Einſamkeit treibt—, o, ich kenne meine Würmer!“ ſetzte der Tod mit kaltem Grinſen hinzu.„Beſchau Dir einmal dieſen dicken Teufel daneben, auch er iſt von einem ähnlichen Wurme be⸗ nagt, wie er mir unter dem Einfluſſe ſeines großen Weinkruges geſtand; daß dieſer Kerl Schrauben auszieht, iſt wahrhaftig ſchon albern genug, aber verliebt zu ſein, und nun Du erſt, Rodenberg— ich hätte Beſſeres von Dir erwartet! Nenne mir einen vernünftigen Menſchen, dem das, was Ihr Liebe nennt, einen Erſatz geben kann für die koſtbare Zeit, die dabei vertrödelt wird! Was findet Ihr an ſo einem Unterrocke? Die Liebe und was darum und daran hängt, iſt ein imaginäres Vergnügen, ein reines Spiel einer er⸗ hitzten Phantaſie, eine lächerliche Komödie, in der die Puppen im Augenblicke ſchlaff ihre Glieder herunterhangen laſſen, ſobald ſie nicht mehr von Euren Gedanken regiert werden.“ „Ja— Du— haſt— Recht,“ ſagte ſchläfrig der wilde Jäger. 4 „Eine Gliederpuppe iſt die Liebe,“ fuhr der unerbittliche Tod fort,„von Euren Leidenſchaften glänzend ausſtaffirt, beſeelt mit dem, was Ihr ſelbſt glaubt und denkt, verziert mit ſchmachtenden Blicken und zauberiſchem Lächeln, ein Spiegelbild Eurer eigenen dummen Gedanken.“ „Gewiß— gewiß— Knorx— Du— haſt— Recht!“ „Aber der innere Kern von dem, was Ihr Liebe nennt,“ ſagte der Tod, indem ſeine ſtarren Blicke auf einmal leuchteten,„iſt immer daſſelbe, vielleicht ſüß und verführeriſch, aber berauſchend und langſam tödtend. Ich muß das wiſſen— ich, der Tod.“ „Ja— ſchön— und— berauſchend,“ murmelte der Jäger, während van der Maaßen auf der anderen Seite ſchmerzlich ſtöhnend in die Luft hinausſummte: 3 „Sie hat die Treu' gebrochen, Das Ringlein ſprang entzwei.“ Fünfzehntes Kapitel. Dem wilden Jäger träumte, er ſei hoch zu Roß und ziehe mit ſeinem Gefolge hinweg über die höchſten Gipfel der Bäume— er reite vorwärts in athemloſer Haſt, er wollte die Sonne er⸗ reichen, die vor ihm zu fliehen ſchien und die ſich immer verbergen wollte hinter den nächſten und dann wieder hinter den nächſten Hügel. Wie ſpornte er ſeinen Rappen, wie ſchwang er ſauſend die gewaltige Hetzpeitſche, wie trieb er ſich ſelbſt vorwärts, ſein Roß und ſein Gefolge mit lautem Halloh! Halloh! Er fühlte es wohl, daß er das Licht der Alles belebenden Sonne nicht aus den Augen verlieren dürfe, ach, jener Sonne, die nicht nur in ſeine Augen, die auch in ſein Herz ſchien!— Dahin raste die wilde Jagd über Berg und Thal, er weit voran, mit ſtarrem Blicke an der Sonne hangend, die jetzt mit einer erſchreckenden Schnelligkeit ab⸗ wärts zu ſinken ſchien. Doch war ſein Pferd noch nicht er⸗ mattet, haſtig griff der Rappe aus und ſauste dahin in fabelhaften Sprüngen. Da fühlte der wilde Jäger, wie ſich plötzlich eine kleine Hand auf ſeine linke Fauſt legte, in der er krampfhaft die Zügel hielt, und wie eine wunderbar klingende Stimme zu ihm ſagte:„Schau' mich doch an, ich bin ja ſchon lange an Deiner Seite, ohne daß Du mich ſiehſt, und es iſt doch das dritte und letzte Mal, daß wir uns wiederſehen!“ Raſch warf er ſeinen Kopf herum, um ſie anzuſchauen, und er ſah ſie auch eine Secunde lang, wie ſie ihn betrachtete, ein mil⸗ des Lächeln um den feinen Mund, mit den großen, glänzenden Augen— aber ach, nur eine Secunde, denn plötzlich war die Sonne vor ihm, die er magnetiſch mit ſeinem Blicke feſtgehalten, ver⸗ ſchwunden, und durch die troſtloſe Finſterniß, die ihn nun mit Einem Male rings umher umgab, ſtürzte er aus ſchwindelnder Höhe unaufhaltſam hinab, tiefer und immer tiefer, bis er, auf der Erde angekommen, mit einem lauten Schrei erwachte. „Ah, ich habe geſchlafen, nicht wahr, Knorx, geſchlafen und Ach, wenn Du wärſt mein eigen! 77 ſchwer geträumt? Oder iſt die Sonne wirklich untergegangen, nach⸗ dem ich ſie zum dritten Male geſehen?“ „Die Sonne hat gethan, was ſie alle Tage zu thun pflegt,“ gab der Tod zur Antwort,„in der That, ſie iſt untergegangen, wie wir Menſchen uns irrthümlicher Weiſe ausdrücken.“ „Und ſie, war ſie abermals hier?“ fragte Rodenberg, ſich emporrichtend; doch beantwortete ihm das ſpöttiſche Geſicht ſeines Freundes die Frage ſo genügend, daß er aufſpringend ſagte:„Ach, ich habe ſehr lebhaft geträumt, Gott ſei Dank, daß es nur ein Traum war!“ Drunten ſtand Roderich auf einem abgehauenen Baumſtamme und ſprach zu den herandrängenden Künſtlern kräftige Worte von der gelungenen Vollendung des ſchönen Künſtlertages.„Das Licht,“ rief er,„iſt der Grundgedanke und die Seele alles Lebens in allen Künſtlern; mit dem verſchwindenden Lichte dieſes Tages laßt uns unſer heutiges Feſt beendigen, hoffend auf einen glänzenden Morgen, ſtrahlend über unſere Genoſſenſchaft, ſtrahlend über die herrliche deutſche Kunſt.“ Gewaltiger Beifallsſturm belohnte die Worte des geliebten An⸗ führers, und als er nun gleich nachher das Zeichen zum Aufbruche gab, ordnete ſich die Schaar trotz der geleerten Weinkrüge und Champagnerflaſchen faſt auf eine unbegreifliche Art, und als die Muſtk, einen luſtigen Marſch ſpielend, voranritt, entwickelten ſich aus dem tollen Knäuel von Menſchen, Pferden und Wagen die Züge faſt eben ſo genau und gleichförmig zum Rückzuge, als ſie heute Morgen ausgezogen waren. Zahlreiche Fackeln warfen ihr rothglühendes Licht auf die phantaſtiſchen Geſtalten, von denen allerdings ganze Gruppen heute Abend Arm in Arm marſchirten, ein luſtiges Lied ſingend, ob dieſes zu den Klängen der Muſik paſſe. Am ruhigſten zog die wilde Jagd dahin, in Ordnung ge⸗ halten von der Energie ihres Anführers, dem der Tod dabei hülf⸗ reich zur Seite ſtand. Was dagegen van der Maaßen anbelangte, Fünfzehntes Kapitel. ſo war derſelbe nicht mehr beſonders zurechnungsfähig, und Roden⸗ berg hatte dafür Sorge getragen, daß ein kräftiger Reiter an ſeiner Seite war, der ihn in zweifelhaftem Falle unterſtützte und aufrecht erhielt. Des Teufels Seele war untergegangen im Weine und einem Gefühle unglücklicher Liebe, deſſen Gegenſtand zu nennen ihn aber keine Macht der Erde zwingen würde, ſo behauptete er mehrere Male, obgleich es Niemanden einfiel, ſich nach dieſem Gegenſtande zu erkundigen. In dem Garten, von dem der Zug ausgegangen war, ſollte das Feſt beſchloſſen werden. Dort waren Vorkehrungen getroffen zur Abgabe der Waffen und Pferde, und der geräumige Saal der Künſtlergenoſſenſchaft zeigte ſich glänzend erhellt, um diejenigen aufzunehmen, die noch forttrinken mochten oder die ſich zuſammen thaten, um in heiterem Geſpräche die Erlebniſſe des heutigen Tages noch einmal an ſich vorüberziehen zu laſſen. Olfers hatte die Standarte der Genoſſenſchaft, wie es bei ähn⸗ lichen Veranlaſſungen von je her der Gebrauch war, feierlich wieder an ihrem Platze aufſtellen laſſen und ſich dann mit Lytton entfernt. Rodenberg hatte dem Tode die Sorge für ſeinen Freund Teufel überlaſſen, und der bedächtige Knorx hatte auch ein ſolches Uebergewicht über den dicken, gutmüthigen van der Maaßen, daß dieſer ſich von jenem unter den Arm nehmen und ruhig nach Hauſe führen ließ.. Hierauf trat der wilde Jäger allein in den dunkeln Park hinaus, erſt da tief und beruhigt Athem ſchöpfend, als er ſich allein unter den ſtillen Bäumen befand, entfernt von allem Lichterglanze und dem Geräuſche des noch immer lärmenden Treibens. Es war ein einſam gelegener Raſenplatz, dem er zuſchritt; um denſelben herum ſtanden uralte Bäume, über deren im Nachtwinde leicht erzitternde Blätter der Mond ſeinen ſilbernen Schimmer aus⸗ goß und, an ihnen niedergleitend, phantaſtiſche Schattenbilder auf den hellen Grasboden zeichnete. Hier befand ſich eine Steinbank, Ach, wenn Du wärſt mein eigen! 79 auf der ſich Rodenberg niederließ, denkend an ſie, die ihn fort⸗ während beſchäftigt, träumend von ihr. Dabei war er ſo ruhig und bewegungslos und ſein dunkel⸗ grünes Gewand ſo von dem tiefen Schatten aufgenommen, daß es begreiflich war, wie ein anderer Mann, der dicht neben ihm aus dem Gebüſche hervortrat, ihn nicht bemerkte; es war Olfers, der ſich ebenfalls gegen die Steinbank wandte und der erſt, als er dicht vor dem Anderen ſtand, ihn, faſt zuſammenfahrend, erkannte. „Ah, Rodenberg?“ „Ich bin's, hier ganz in der Abſicht, noch ein wenig Ruhe zu genießen nach dem tollen Treiben des heutigen Tages.“ „So wird Ihnen meine Gegenwart vielleicht läſtig ſein?“ „Im Gegentheile; wir finden uns wahrſcheinlich hier in der⸗ ſelben Abſicht, und ich ſchätze mich nur glücklich, mit Ihnen Ge⸗ danken austauſchen zu können!“ Nach dieſen Worten, die aus ſeinem Herzen kamen, denn er verehrte den großen Künſtler aufrichtig, rückte er bei Seite, um ihm Platz zu machen; dabei aber berührte ſeine Hand einen Gegen⸗ ſtand, den er bis jetzt nicht bemerkt— ein Buch, das fühlte er, als er ſeine Finger leicht darüber weggleiten ließ. Sollte er darüber reden? Er ſah die Nothwendigkeit nicht ein und ſchwieg; das Buch zog er aber näher an ſich. „Waren Sie mit dem heutigen Tage zufrieden?“ fragte Roderich. „Gewiß, und vor allen Dingen mit Ihren Arrangements— Niemand verſteht es ſo, Feſte zu leiten, wie Sie.— Jedermann muß das heutige als ein vollkommen gelungenes betrachten,“ fuhr er fort, als der Andere nichts erwiedert hatte. „Darf ich eine Frage an Sie ſtellen?“ fragte endlich Ol⸗ fers nach einer Pauſe;„eine Frage, die Ihnen vielleicht un⸗ beſcheiden vorkommt, es aber in der That nicht iſt. Es bringt mich faſt in Verlegenheit, ſie auszuſprechen.“ „So will ich dieſe Frage beantworten, ehe ſie ausgeſprochen,“ 80 Fünfzehntes Kapitel. ſagte raſch der junge Maler;„ſie gilt der jungen Dame, die ich ſo glücklich war, in unſer Lager begleiten zu dürfen.“ „Allerdings gilt ſie ihr,“ fiel ihm Noderich haſtig in's Wort; „doch ſoll meine Frage nicht ſo unbeſcheiden ſein, um in Ihre Ge⸗ heimniſſe zu dringen. Ich möchte nur wiſſen,“ fuhr er ſtockend fort, „ob Ihnen der Grund bekannt iſt, aus welchem unſere geehrte und liebenswürdige Künſtlerin ſich ſo ſpät entſchloß, unſer Feſt mit⸗ zufeiern.“ „Das bin ich Ihnen zu beantworten außer Stande,“ erwiederte Rodenberg, unverkennbar im Tone der Wahrheit und Aufrichtig⸗ keit.„Als ich vor einigen Tagen in Ihrem Atelier war, erzählte ich Ihnen ohne Hehl mein Zuſammentreffen mit jener jungen Dame und füge jetzt hinzu, daß ich dieſelbe ſeitdem nicht wieder geſehen, noch etwas von ihr gehört habe. Heute Morgen, nach Beendigung unſeres Kampfes, ſtreifte ich durch den Wald und hatte das Glück, ſie zufällig aufzufinden.“ „Zufällig?“ „ Zufällig, auf mein Wort! Wie erfreut ich darüber war, will ich nicht läugnen, eben ſo wenig, daß ich allerdings den Wald in der Hoffnung durchzog, die junge Dame da noch einmal zu finden, wo ich ſie zum erſten Male geſehen, ach, ich hatte es nicht ver⸗ geſſen!“ ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu. „Es war ein höchſt angenehmer Ritterdienſt, den Sie ihr leiſteten, ſie wird dafür dankbar ſein.“ 3 „Vielleicht— vielleicht auch nicht; leider muß ich es dem Zu⸗ falle anheimſtellen, ob ſie überhaupt im Stande ſein wird, ſich in Betreff meiner dankbar dieſes herrlichen Tages zu erinnern!“ „Wie ſo, Rodenberg?“ „Nun, wie ſchon geſagt, es war nichts wie Zufall, daß ich ſie heute ſah, und als ich Abſchied von ihr nahm, bezeichnete ſie aber⸗ mals den Zufall als die Gottheit, die vielleicht allein im Stande ſei, uns nochmals zuſammenzuführen.“ Ach, wenn Du wärſt mein eigen! 81 „Eigenthümlich,“ gab Roderich mit einem tiefen Athemzuge zur Antwort,„ja, es iſt ein ſeltſamer Charakter, dieſes junge Mädchen— aber unternehmend, wie ich Sie kenne, lieber Roden⸗ berg, halte ich Sie für fähig, dem Zufalle nachzuhelfen und hier und da ein Bischen nach ihr zu forſchen.“ „Das hat ſie mir ſtreng verboten,“ entgegnete der junge Maler mit großer Aufrichtigkeit. „Ei, ei, das iſt hart von ihr!“ verſetzte Olfers nach einer Pauſe, wobei etwas wie Freude in dem Tone ſeiner Stimme klang; auch bückte er ſich in dieſem Augenblicke, um einen Gegenſtand aufzuheben, den er zu ſeinen Füßen liegen ſah und von dem er nicht wußte, was es war. „Ja, ja,“ meinte der junge Maler heiter,„ſie hat mich dem Zufalle überwieſen, und ich habe leichten Sinn genug, um mich dieſem unſichern, gefährlichen Fahrzeuge anzuvertrauen; als Segel will ich meine Wünſche aufſpannen, und wenn ein guter, friſcher Wind hineinbläst und das Glück ein wenig das Steuer regiert, ſo hoffe ich ſchon an's Ziel zu kommen!“ „Ja, wer Glück hat, wird an's Ziel kommen!“ erwiederte der Andere mit einer etwas unſicheren Stimme; er hatte das, was vor ihm auf dem Boden lag, emporgehoben und fand, daß es ein verwelkter, zertretener Blumenſtrauß war.— Ah, er glaubte ihn zu kennen, dieſen Blumenſtrauß! „Es iſt ſpät geworden, und ich bin müde— gute Nacht, Rodenberg!“ „Gute Nacht, Olfers!“ „O Herz, ſei endlich ſtille!“ ie beiden Männer verließen den Park in der gleichen Rich⸗ tung, ohne aber mit einander zu gehen. Roderich war voraus⸗ geeilt; er hielt den Blumenſtrauß, von dem er jetzt ganz genau wußte, daß es derſelbe ſei, den er heute Morgen an Conchitta ge⸗ ſchickt, noch ein paar Augenblicke in der Hand, dann ſchleuderte er ihn mit einer haſtigen Bewegung weit von ſich. Rodenberg hatte das Buch, welches er neben ſich auf der Bank gefunden, ebenfalls zu ſich genommen, und als er auf ſeinem Heimwege bei der erſten Gaslaterne vorüberkam, öffnete er es und ſah, daß es ein Skizzenbuch war. Wer es dort liegen gelaſſen hatte, wußte er nicht; er nahm es gleichgültig unter den Arm und ſetzte den Weg fort. Als er in die Nähe der Wurſtgaſſe kam und er ſich bei der Biegung um die Straßenecke vorher zufällig umſchaute, ſah er eine kleine, ſeltſame Geſtalt ſeinen Schritten folgen, die jedoch ſtehen blieb, als er ſich umwandte, und erſt dann wieder vorwärts huſchte, als er ſelbſt weiterſchritt. Rodenberg achtete indeſſen nicht darauf und würde auch nicht weiter daran gedacht haben, wenn dieſelbe kleine Geſtalt nicht wenige Schritte von ſeiner Wohnung, dem Reichsapfel, entfernt mit der Behendigkeit einer Katze an ihm O Herz, ſei endlich ſtille! 83 vorübergeſchoſſen wäre, das bereits geſchloſſene Thor mit dem Haus⸗ ſchlüſſel geöffnet hätte und dann, wie ihn erwartend, regungslos ſtehen geblieben wäre.. „Alle Teuſel, wen haben wir da?“ „Es iſt Rafael,“ hörte man die Stimme des kleinen Bedienten ſagen—„Rafael, Herr Rodenberg, der ſoeben nach Hauſe kommt.“ „Daß Du nach Hauſe kommſt, ſehe ich wohl, aber woher Du kommſt, möchte ich wiſſen, auch Deinen ſonderbaren Anzug näher betrachten, denn mir ſcheint, Du ſteckſt nicht in der Livrée, die Du gewöhnlich trägſt; aber komm' herauf ans Licht, daß wir die Sache beſſer unterſuchen können! Mir ſcheint, dahinter verbirgt ſich wieder irgend eine Teufelei!“ „O, diesmal keine Teufelei, Herr Rodenberg,“ erwiederte der kleine Bediente mit einer ſo demüthigen, ja, weichen Stimme, wie man bisher nicht an ihm gewohnt war—„etwas ſehr Schönes, Herr Rodenberg, vielmehr, ja, vielmehr etwas ſehr Schönes!“ Herr und Diener gingen mit einander die Treppen hinauf, und letzterer trat droben etwas ſchüchtern in das erleuchtete Zimmer, wo der Drache Griesgram und Knorx am Tiſche ſaßen und etwas tranken, das wie Zuckerwaſſer ausſah. Walter hatte ſeinen alten Flausrock an, und von dem grauenhaft ſchönen Coſtume des Todes war auch nichts mehr zu ſehen, denn der lange Bildhauer ſtak in ſeinem Schlafrocke von Sarſenet.— „Guten Abend, liebe Leute!“ ſagte der wilde Jäger und ſetzte hinzu, indem er ſich ermüdet auf einen Stuhl warf:„Gott ſei Dank, daß das vorüber iſt!“ „Dazu ſagen wir Amen!“ meinte Walter—„wie dieſe Pfeife Tabak, die ich hier rauche, hat mir den ganzen Tag noch nichts geſchmeckt. Aber was iſt denn das?“ fuhr er fort, die rechte Hand wie einen Schirm über die Augen haltend und nach der Ecke des Zimmers ſchauend—„Du bringſt ja noch ein ganzes Stück Maskerade mit heim!“ Sechzehntes Kapitel. „Ganz richtig— Rafael,“ ſagte Rodenberg gähnend, ohne ihn anzuſehen.„Dieſer Burſche hat ſich den freien Tag zu Nutzen gemacht und Carneval geſpielt— na, komm' heran und laß Dich anſchauen!“ Rafael war neben der Thür ſtehen geblieben, freundlich be⸗ willkommt von dem Pudel ſeines Herrn, denn dieſes gute Thier, ohne der vielen kleinen Mißhandlungen eingedenk zu ſein, mit denen es jener ſo häufig bedachte, hatte ſich ſchmeichelnd genähert und ſeine Freude über das Wiederſehen nach tagelanger Abweſenheit zu erkennen gegeben. War es nun die Herzensgüte, welche das Thier hierüber bezeigte, oder befand ſich Rafael's Gemüth ſonſt in guter Stimmung— genug, er liebkoste den Pudel ſeinerſeits, wie er's bisher nie gethan, ja, er umhalste ihn zärtlich und drückte den zottigen Kopf deſſelben an ſein Geſicht. Jetzt trat Rafael, dem Rufe ſeines Herrn folgend, langſam gegen das Licht und ſtellte ſich ruhig, ja, unverkennbar mit einem Ausdrucke von Selbſtvertrauen vor den jungen Maler hin, welcher, ihn betrachtend, mit einem Ausrufe des Erſtaunens von ſeinem Stuhle emporſprang. „Was— Du warſt es, der mich im Walde angeredet?“ „Ja, ich war es.“ „Der mir eine freundliche Rede hielt und dies ſo famos that, daß ich glaubte, hinter dem dickköpfigen Zwerge müſſe was Rechtes ſtecken! Ah, das iſt drollig— Du warſt es, Rafael?“ „Ich war's, Herr Rodenberg, Rafael, der vor Ihnen ſteht,“ erwiederte der kleine Diener mit zuverſichtlichem Tone, da ihn das heitere Lachen ſeines Herrn ermuthigte—„und wenn ich mir er⸗ lauben darf, zu ſagen, ſo ſteckt doch was Nechtes, wenn auch nicht in, ſo doch hinter mir.“ „Und was war das, wenn ich fragen darf?“ „Nun, die ſchöne Prinzeſſin, auf deren Befehl ich die Maske⸗ rade machen mußte und in deren Auftrag ich Ihnen das ſchöne Horn übergab!l“ O Herz, ſei endlich ſtille! 85 „A— a— a—ah, ganz richtig!“ gab der junge Maler mit einem eigenthümlichen Tone zur Antwort, indem er mit der Hand an ſeine Hüfte griff, wo das Horn Juanita's hing. „Ja, die ſchöne Prinzeſſin,“ fuhr Rafael fort,„die mich nicht nur alles das lehrte, was ich ſagen mußte, ſondern mir auch an⸗ gab, wie ich es ſagen ſollte!“ „Du ſahſt ſie alſo mehrere Male?“ fragte Rodenberg haſtig. „Sechsmal!“ erwiederte der kleine Bediente mit Stolz—„un⸗ gerechnet zweimal, wo ſie durch die Voͤrhänge der Thür mit mir ſprach!“ „Was der Burſche für ein Gedächtniß hat!“ meinte Walter— „aber das Ganze mit Deiner Prinzeſſin und ihrem großen und kleinen Gefolge iſt eine ganz geheimnißvolle Geſchichte.“ „Das iſt ſie auch für mich,“ ſagte Rodenberg, der, ſtatt den kleinen Bedienten hier vor den Anderen weiter auszufragen, beſchloß, dieſes bei einer paſſenden Gelegenheit zu thun. Er begnügte ſich alſo, zu ſagen:„Ich bin mit Dir zufrieden, Rafael; Du haſt die Sache recht brav gemacht.“ „Das hat mir die ſchöne Prinzeſſin auch geſagt,“ erwiederte der Kleine, indem er die Augen niederſchlug,„und....“ „Ihr Lob hat ihm beſſer gefallen, als das Deinige,“ ſprach Walter—„habe ich Recht, Du Schelm?“ „Ja, Herr Profeſſor, vollkommen Recht. O,“ fuhr er mit einer warmen Begeiſterung fort,„ſo was läßt ſich gar nicht wieder⸗ erzählen, mit welcher Geduld, mit welcher Freundlichkeit, mit welcher Herzlichkeit die ſchöne Prinzeſſin mir jedes Wort vorſagte, und als ich es ihr das letzte Mal gerade ſo wiederholen konnte, wie ich es heute geſagt, da meinte ſie, ich hätte ein hübſches Talent zur Nach⸗ ahmung!“. „Ja, ja, Du warſt immer ein geſchickter Affe,“ warf der lange Vildhauer dazwiſchen. „Und ſie ſetzte hinzu: wenn ich auch ſonſt wohl Talent hätte, 86 Sechzehntes Kapitel. ſo könnte ich noch einmal ein Künſtler werden. Ach, Herr Roden⸗ berg, das war mir gerade ſo, als hätte es mir unſer Herrgott ſelbſt geſagt!“ Die Augen des Knaben leuchteten, und er hatte ſeine Hände vor der Bruſt gefaltet. „Und daran glaubſt Du?“ fragte Walter in ſeinem mürriſchen Tone, durch welchen aber doch etwas wie Theilnahme klang. „Daran glaube ich und will's beweiſen!“ Rodenberg hatte den Kopf in die Hand geſtützt und blickte vor ſich nieder, ein unnennbar ſeliges Gefühl durchzog ſeine Bruſt. Für wen hatte ſie ſich alle dieſe Mühe mit dem Knaben gegeben? Nur für ihn, nur um ihm einen heiteren Augenblick zu verſchaffen! — Und hatte ſie nicht tagelang daran gedacht, ſich tagelang damit beſchäftigt? Alſo mit ihm ſich beſchäftigt? Ja, ohne Eitelkeit, ohne Selbſtüberſchätzung durfte er ſich zitternd vor Freude geſtehen, ſie nehme Antheil an ihm, ſie werde ihm die Gelegenheit geben, ſie wiederzuſehen, und wie ſie ſeiner vor dem heutigen Tage gedacht, gern und..— das andere Wort wagte er doch nicht einmal in Gedanken auszuſprechen—, ſo werde ſie auch künftig ſeiner ge⸗ denken.—„Es iſt gut ſo, Rafael,“ ſagte er in freundlichem Tone; „morgen reden wir weiter darüber. Lege jetzt Deine Maskerade ab und hebe ſie ſorgfältig auf, damit Du ſie pünktlich wieder ab⸗ liefern kannſt.“ „Das brauche ich nicht— das darf ich ja nicht,“ erwiederte der Knabe traurig;„ich hätte die Sachen gar zu gern zurückge⸗ geben, um ſie noch einmal zu ſehen, aber da ſie mir geſagt, ich ſolle Alles behalten und nur dann wieder zu ihr kommen, wenn ſie mich rufen ließe, ſo muß ich geduldig darauf warten.“ „Ja, ja, warten wir geduldig,“ ſagte der junge Mann,„nach Umſtänden— alſo bis morgen!“ „Gute Nacht Herr Rodenberg, gute Nacht Herr Profeſſor Walter, gute Nacht Herr Knorx!“ O Herz, ſei endlich ſtille! Damit ſchloß der Knabe hinter ſich die Zimmerthür, bis wo⸗ hin ihm der Pudel ſchweifwedelnd das Geleite gegeben. „Der kleine Kerl iſt ganz verändert,“ meinte Walter;„ich glaube, die Prinzeſſin, wie er ſie nennt, hat ihm ein famoſes Trinkgeld gegeben.“ Knorx ſchüttelte auffallend lange und bedächtig ſeinen Kopf, dann wandte er ſeine Augen mit einem mitleidigen Lächeln gegen Walter und ſagte:„Was Trinkgeld, alter Bär— das macht der zauberhafte Einfluß eines ſchönen Weibes— o, wir kennen das! Das Gemüth dieſes Knaben war ein Acker mit gutem und ſchlech⸗ tem Samen, im tiefen kalten Schatten unſeres Umganges— leider muß ich es ſagen— ging bisher nur von dem letzteren üppig auf; aber jetzt hat der Glanz eines milden, ſchönen Auges wie warmes Sonnenlicht gewirkt.“ „Was meinſt Du dazu, Rodenberg?“ „Ja, ja,“ ſagte dieſer, wie aus einem Traume auffahrend, und wiederholte mechaniſch die Worte des langen Bildhauers:„der Glanz eines ſo milden, ſo ſchönen Auges wirkt belebend wie Sonnenlicht.“ „Hm, hm, meinetwegen— vor der Hand gehe ich zu Bette,“ ſagte Walter und ſetzte, nachdem er aufgeſtanden war, hinzu:„Hat Niemand unſern Cupido geſehen, den ſanften Eduard? Man ſollte doch ein Licht brennen laſſen, bis er nach Hauſe kommt.“ „O, der liegt lange in ſeinem Bette!“ verſetzte Knorx in einem melancholiſchen Tone.„Der arme Rüding, der durchaus nichts vertragen kann, hatte ſich ſchon heute Morgen zu viel zugemuthet. Ehe Du,“ wandte er ſich an Rodenberg,„draußen im Lager zu uns zurückkamſt, ſuchte ich ihn und fand ihn auch, aber in einem traurigen Zuſtande— er fuhr auf dem Ochſenkarren zurück und ich habe ihn ſelbſt zu Bette gebracht.“ „Das war edel von Dir— alſo löſchen wir alle Lichter aus, und träumen vom heutigen Tage.“. So thaten ſie denn auch, doch hatten ſie im Schlafe begreif⸗ 88. Sechzehntes Kapitel. licherweiſe verſchiedene Geſichte: Rodenberg das angenehmſte, Knorx das unangenehmſte; denn letzterer hatte die ganze Nacht mit dem Tode, den er vorgeſtellt, zu ſchaffen und ſah dieſen unheimlichen Gaſt beſtändig neben ſich ſtehen, wie er mit aufgehobenen Knochen⸗ fingern ſagte:„Knorx, das hätteſt Du nicht thun ſollen, ohne mich vorher zu fragen; man muß weder den Tod, noch den Teufel an die Wand malen.“ Dieſer Traum hatte ſeine ernſte Wirkung auf das ohnehin düſtere Gemüth des langen Bildhauers nicht verfehlt, und als er ſich am Morgen zu ſeinem ſchmalen Frühſtücke niederſetzte, legte er den Todtenkopf, den er in der Schublade hatte, vor ſich hin und verſank dabei in traurige Gedanken. Das Erwachen Rüding's war ebenfalls nicht erfreulicher Art, doch wollen wir ſeines gehaltloſen und entſetzlich nüchternen Blickes, mit dem er den Himmel anſtarrte, nicht weiter gedenken und bei Rodenberg eintreten, der am Fenſter ſaß, eine Cigarre rauchte und dazu mit ſicherer Hand von den phantaſtiſchen Geſtaltungen des geſtrigen Tages auf ein großes Blatt Papier warf. „So iſt's recht,“ ſagte Walter, der im Begriffe ſtand, auf ſein Atelier zu gehen;„es iſt eine Freude, zu ſehen, wie das unter Deinem Bleiſtifte hervorſpringt, und ſo viel ich aus dem Umriſſe ſehen kann, haſt Du einen ganz famoſen Augenblick: wie die wilden Männer mit ihrem Tragſeſſel und der jungen Dame vor dem Prin⸗ zen Maiwein erſcheinen— ganz vortrefflich. Alles drängt neugierig herbei, und ſo bekommen wir ein prächtiges Enſemble. Wenn Du ſo weit biſt, ſo mußt Du die Sennora bitten, daß ſie Dir zu ihrem Portrait ſitzt.“. „Das wird ſie kaum thun,“ erwiederte Rodenberg, indem er ruhig weiter zeichnete.. „Pah, warum nicht? War ſie doch einmal bei Roderich und ſaß ihm mit einer bewundernswerthen Geduld; auch Lytton hat ſie damals gezeichnet.“ O Herz, ſei endlich ſtille! „Ja, das ſind große Herren, berühmte Künſtler; in dem welt⸗ bekannten und von allen Fremden beſuchten Atelier Roderich's macht man durchaus keine Schwierigkeit, ſich ſehen zu laſſen— aber könnte ich wohl eine Dame hieher zu uns einladen?“ 3 „Das brauchſt Du auch gar nicht, Du gehſt einfach zu ihr hin.“ 3 „Auch das hat ſeine Schwierigkeit.“ „Du biſt doch ſonſt nicht ſo ängſtlich, haſt auch die beſte Ge⸗ legenheit, ſie zu beſuchen und ihr das Skizzenbuch wiederzubringen, welches Du geſtern Abend mit nach Hauſe gebracht.“ „Welches Skizzenbuch?“ fragte Rodenberg aufmerkſam werdend. „Nun, das dort auf dem Tiſche! Ich blätterte heute Morgen darin herum und erkannte es augenblicklich; als ſie neulich bei Roderich war, hatte ſie es bei ſich, und er ſkizzirte die Haltung ihres Kopfes hinein, wie er ihn auf ſeinem Bilde zu gebrauchen gedachte— dort, auf dem letzten Blatte.“ Rodenberg war aufgeſprungen, an den Tiſch geeilt und hatte das dort liegende Skizzenbuch in die Hand genommen.„Ei ſieh' doch,“ ſagte er nach einer Pauſe,„wie hübſch und elegant ſie zeichnet, mit welcher Meiſterſchaft ſie Bäume, Häuſer, kurz, Alles aufs Papier hinwirft! Es iſt ja ein wahrer Schatz, den ich geſtern Abend mit nach Hauſe gebracht!“ „Und ſie wird dieſes Buch ſchwer vermiſſen,“ meinte Walter mit einem bedeutſamen Kopfnicken;„denn ich ſah neulich, wie großen Werth ſie darauf legt. Nachdem ihr Roderich den kleinen Kopf ſkizzirt, drückte ſie es förmlich an ſich und wollte es uns kaum zum Betrachten erlauben.“ „So-—o,“ machte der Andere mit faſt verdrießlichem Geſichte, unter dem Einfluſſe eines unbehaglichen Gefühls—„nun, im Grunde ſinde ich dies begreiflich! Es können ſich wenig Leute rühmen, daß Roderich ihnen etwas in ihr Album oder Zeichenbuch ſkizzirte...— Und mich ſo zum Beſten halten,“ ſagte Roden⸗ Hackländer's Werke. 53. Bd. 7 90. Sechzehntes Kapitel. berg, nachdem er eines der Blätter längere Zeit betrachtet,„das iſt ja faſt die gleiche Anſicht von der Fahnenburg, die ich für ſie gezeichnet und worüber ſie ſich ſo gefreut!— Wie falſch war es von ihr, mir zum Danke für meine Freundlichkeit die mir ſo glaubwürdig erſcheinende Verſicherung zu geben, ſie verſtehe nicht zu zeichnen!“ „Das iſt ſo Weiberart,“ erwiederte Walter achſelzuckend. „Hätteſt Du ſie dringend gebeten, ſo würde ſie Dir am Ende doch ihr Skizzenbuch gezeigt und ſich an Deinem Erſtaunen geweidet haben.“ „Warum mag ſie nur faſt jedesmal den Namen Conchitta unter ihre Zeichnungen ſchreiben?“ meinte der junge Maler, nach⸗ dem er das Buch durchblättert. „Das iſt doch ſehr einfach, weil ihr Vorname Conchitta iſt, — allerdings ein eigenthümlicher ſpaniſcher Name, wird von dem Worte Conception hergeleitet,“ erwiederte Walter würdevoll im Tone eines Profeſſors. „Sie heißt nicht Conchitta,“ gab Rodenberg in entſchiedenem Tone zur Antwort,„ſie heißt Juanita!“. „Wie ſo? Was willſt Du damit ſagen?“ „Nun, damit will ich ſagen, daß ſie Juanita heißt und nicht Conchitta!“ „Sie, der das Buch da gehört?“ „Ja, ja!“ „Die im Hauſe von Michel Angelo Schmitz wohnt?“ „Ja, ja, dieſelbe!“ „Wirklich, ungeheuer komiſch! Ich weiß aufs genaueſte, daß ſie Conchitta heißt, und ſo wurde ſie in Olfer's Atelier von ihm, von Lytton, ja, von Allen genannt.“ „Von Allen?“ wiederholte Rodenberg ärgerlich—„Du thuſt ja gerade, als wenn ſie Allerwelts⸗Conchitta wäre! So ſage mir denn ihren Zunamen, Du, der Du Alles ſo genau weißt.“ — O Herz, ſei endlich ſtille. 91 „Den habe ich nicht behalten, er iſt mindeſtens eine halbe Elle lang, verbunden durch lauter y und y.“ „Warum ſagte ſie mir denn, daß ſie Juanita hieße? Was bezweckte ſie mit dieſer Unwahrheit?“ „Vielleicht um Dich zu veranlaſſen, vergeblich nach einer Juanita zu forſchen.“ „Dies wäre möglich, und um mir ſo anzudeuten, daß Con⸗ chitta für mich nicht auf der Welt ſei; hat ſie das doch ſpäter noch mit viel klareren Worten gethan.“ „Dazu mag ſie wohl ihre Gründe haben.“ „Gewiß— und ich werde ſie achten,“ ſagte der junge Maler ſeufzend, indem er das Buch auf den Tiſch legte und ſich dann wieder an ſeine Arbeit machte. Er blieb auch noch eine Zeit lang ruhig daran ſitzen, nachdem Walter ſchon längſt das Zimmer verlaſſen; doch war er offenbar mit einem Gedanken beſchäftigt, der gerade nicht mit ſeiner Zeich⸗ nung im Einklange ſtand, denn ſtatt daran fortzumachen, ließ er den Bleiſtift ruhen und blickte zum Fenſter hinaus. Rodenberg ſchien endlich über etwas mit ſich ins Reine ge⸗ kommen zu ſein; er ſprang haſtig empor, nahm das Skizzenbuch wieder in die Hand, betrachtete abermals die Blätter, wobei er nicht verſäumte, hier und da ſeine Lippen auf eine Stelle zu drücken, wo muthmaßlich ihre Hand geruht; dann wickelte er das Buch ſorgfältig in ein Zeitungsblatt und ſetzte ſich damit in eine Ecke des Zimmers, ſo entfernt als möglich von ſeinem ſchönen Pudel, der ſchon lange mit den klugen Augen ſeinen Herrn betrachtete und nicht wohl zu begreifen ſchien, warum man heute Morgen noch keines ſeiner zahlreichen Kunſtſtücke verlangt. So erwartend, brauchte es auch nur des leiſeſten Zungenſchlages, um das Thier ſofort zu den Füßen ſeines Herrn zu bringen. Hier gab ihm dieſer das Skizzenbuch ins Maul und ging dann ans andere Ende des Zummers, um es ſich dort von ihm wiedergeben zu laſſen. Nach Sechzehntes Kapitel. zwei⸗ bis dreimaliger Wiederholung übergab das geſcheite Thier das Skizzenbuch mit einer ſolchen Gewandtheit, ja, man hätte ſagen können, mit einem Bewußtſein deſſen, was es auszurichten hatte, ohne Haſt, ohne Uebereilung, mit eleganter Leichtigkeit und doch dabei mit der den gut erzogenen Pudeln eigenen Grandezza. Zufrieden mit dem Erfolge der ertheilten Lifſan war es dem jungen Maler unangenehm, daß nun Rafael hereintrat, um die ihm obliegenden kleinen Geſchäfte zu beſorgen. Anſtatt aber ihn heute damit zu beläſtigen, oder ihm ſeine täglichen, nicht unnöthigen Er⸗ mahnungen zukommen zu laſſen, rief ihn Rodenberg zu ſich in einem freundlichen Tone, und als er ihn hierauf anſah, war er erſtaunt über die vortheilhafte Aenderung, die auch im Aeußern des Knaben vor ſich gegangen; er hatte ſeine Haare gut gekämmt und geſcheitelt, ſich auch ausnahmsweiſe recht ſauber gewaſchen und eine faſt unbegreifliche Sorgfalt auf ſeine Kleider verwandt, ſo daß der Malerkittel kaum mehr zu lang und zu weit erſchien und auch heute ſeine Fußbekleidung wie die eines anſtändigen Menſchen ausſah. Da dies alles ganz beſonders zu der Abſicht ſeines Herrn paßte, ſo griff dieſer in ſeine Weſtentaſche und machte ihm mit einem Fünfgroſchenſtücke ein ungeheures Geſchenk, ungeheuer für den Knaben, ungeheuer für ſeine eigenen Verhältniſſe, da es faſt die Hälfte ſeines augenblicklichen Vermögens ausmachte. „Du weißt das Haus in der Fingerſtraße, wo Herr Schmitz wohnt— Du kennſt doch Herrn Schmitz— ein kleiner Herr? Wenn er kommt, hat er gewöhnlich eine Mappe unter dem Arme oder ein altes Oelbild.“ „O ja, ich kenne ihn,“ ſagte der Knabe,„und auch das Haus.“ „Schön— dorthin gehſt Du mit Figaro, ſetzeſt Dich auf die Treppe des Hauſes, als erwarteſt Du Jemanden, und ſtreichelſt den Hund und lobſt ihn, wenn er ſich ruhig neben Dich hinſetzt. ,— 1 O Herz, ſei endlich ſtille! 93 Nicht wahr, Du thuſt mir das zu Gefallen, Rafael, und biſt vor allen Dingen freundlich mit Figaro? Denn von dem, was ich 3 will, würde gerade das Gegentheil geſchehen, wenn Du den Hund, 3 wie gewöhnlich, plagſt und neekſt.“ 2 Rafael nickte verſchiedene Male mit dem Kopfe, ehe er mit einem pfiffigen Lächeln ſagte:„Und Sie wollen, daß ich Figaro 3 an das Haus gewöhnen ſoll? Wie vor einem halben Jahre an das Haus der....“ „Ja, ja, ungefähr ſo!“ unterbrach ihn haſtig ſein Herr— „ja, ja, er ſoll ſich an das Haus gewöhnen, um dort etwas hin zu tragen, wenn man ihn das thun heißt!“ „O, das iſt ſehr leicht zu machen, in einer ganz kurzen Zeit! Wenn Sie erlauben, will ich ſogleich gehen und mit ihm anfangen, wozu ich für Figaro ein Stückchen Wurſt kaufen werde.“ „Recht ſo, mein lieber Rafael— thue das ſogleich und pünkt⸗ 4 lich; es ſoll mich überhaupt freuen, wenn Du, wie es den Anſchein hat, jetzt ein anderer und beſſerer Menſch werden willſt.“ „Ja, das will ich, und nur der Prinzeſſin zu lieb.“ „Ach ja, der Prinzeſſin,“ gab der junge Maler mit einem Tone der Vertraulichkeit zur Antwort, den ſein kleiner Diener bis jetzt noch nie von ihm gehört—„eigentlich iſt es keine Prinzeſſin,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich mit über einander geſchlagenen Armen in ſeinen Stuhl zurücklehnte—„über ſie möchte ich Dich etwas fragen.“ v „Fragen Sie lieber nicht, Herr Rodenberg,“ jagte Rafael in einem Tone von Demuth, aber dabei zugleich mit einer Entſchloſſen⸗ heit, welche ſeinen Herrn förmlich überraſchte.„Ich bitte Sie, fragen Sie nichts,“ wiederholte der Knabe,„denn ich dürfte ihnen doch nicht die Wahrheit ſagen.“ „Ei, den Teufel auch, und warum nicht?“ „Sie hat mir's verboten!“ „Mir die Wahrhett zu ſagen?“ —— 2 8 94 Sechzehntes Kapitel. „Ja, überhaupt von ihr zu ſprechen, zu ſagen, wo ſie wohnt, wie ſie ausſieht, was ich von ihr geſehen habe, was ſie zu mir geſagt hat. Und darüber wollten Sie mich wahrſcheinlich doch et⸗ was fragen, Herr Rodenberg?“ „Ja, ja, ungefähr über ſo etwas.“ „Thun Sie es lieber nicht, Herr Rodenberg, denn, wie geſagt, ich kann und darf Ihnen darauf keine Antwort geben!“ „Und wenn ich Dich für dieſen Ungehorſam beſtrafe und nach Hauſe ſchicke!“ brauste der junge Mann auf. „So muß ich eben gehen,“ erwiederte Rafael, ſetzte aber im vertraulichen, ſchalkhaften Tone hinzu:„Sie werden mich nicht fortſchicken, ich weiß das beſſer; denn welchen Nutzen hätten Sie davon? Dann erführen Sie eben ſo wenig und hätten Niemanden, welcher Figaro auf eine ſo vortreffliche Art dreſſirt, wie ich es kann, wenn ich will.“ Rodenberg wandte ſich gegen das Fenſter, denn er mußte un⸗ willkürlich lachen über die richtige Logik ſeines kleinen Dieners.— „So mache, daß Du fortkommſt,“ ſagte er, mit der Hand nach der Thür weiſend. „Soll ich allein fort?“ fragte der pfiffige Junge. „Nein, mit Figaro, Du Spitzbube, und mache, daß Du bald wiederkommſt!“ Der kluge Hund ſchien durch die freundliche Behandlung, welche ihm geſtern und heute durch Rafael zu Theil geworden war, all' die früheren rückſichtsloſen Kränkungen und Neckereien vergeſſen zu haben und folgte bereitwillig dem Knaben, nachdem er denſelben vorher ein paar Secunden lang mit ſeinen verſtändigen Augen betrachtet. 3 Rodenberg rieb ſich vergnügt die Hände und pfiff eine heitere Weiſe vor ſich hin, als er ſich wieder zu ſeiner Zeichnung ſetzte, an der er jetzt mit einem außerordentlichen Fleiße zu arbeiten fortfuhr. — O Herz, ſei endlich ſtille! 95 Da ſich am heutigen, ſowie auch an den nächſtfolgenden Tagen nichts Bemerkenswerthes, auf den Gang unſerer Geſchio ze Bezug Habendes zutrug, ſo wollen wir nur bemerken, daß Roden⸗ herg mit fortgeſetztem und angeſtrengtem Fleiße an ſeiner Zeichnung fort⸗ arbeitete und daß dieſe nicht nur von den täglich ab⸗ und zugehen⸗ den Freunden bewundernd betrachtet wurde, ſondern daß auch Roderich, der nach einigen Tagen kam, um nach der dem jungen Maler aufgetragenen Arbeit zu ſchauen, ihr das höchſte Lob ſpendete. Auch er konnte ſich nicht enthalten, dem tüchtigen jungen Künſtler zu ſagen, was ihm ſchon Walter geſagt hatte, daß nämlich die Specialität der Zeichnung das ihm durch ſein großes Talent von der Natur angewieſene Fach ſei, daß er Pinſel und Farbe nur noch in Erholungsſtunden in die Hand nehmen möge, wenn er es nämlich nicht unterlaſſen könne, Leinwand zu verderben, und daß er ſich ohne allen Zweifel durch ſein großes Zeichentalent einen be⸗ rühmten Namen und Vermögen machen müſſe. Rodenberg hatte dem berühmten Künſtler ſeine Illuſtrationen zu Don Quixote gezeigt, und dieſer hatte die einzelnen Blätter faſt noch eifriger gelobt, als es Walter vor einigen Tagen gethan. Er hatte darauf auch die an den Wänden hangenden Skizzen be⸗ trachtet und war dann von ungefähr an einen kleinen Nebentiſch getreten, wo Conchitta's Skizzenbuch lag. An ſeiner plötzlich ver⸗ änderten Miene, beſonders an dem Zuſammenpreſſen ſeiner Lippen erſah Rodenberg's flüchtig auf ihn geworfener Blick, daß er es er⸗ kannt, und wunderte ſich durchaus nicht, als jener das Buch wie ſpielend in die Hand nahm und auſſchlug. Vielleicht hatte Roderich noch gezweifelt, ob es auch wirklich das Zeichenbuch Conchitta's ſei, das er hier ſo offen in dem Zim⸗ mer des jungen Mannes liegen ſah.— Ja, es war ihr Buch: er warf nur einen einzigen Blick auf die letzte Seite, um das Köpfchen zu ſehen, das er ſelbſt nach ihr ſkizzirte— er, Roderich, jene leichten Bleiſtiftſtriche, welche ſie damals ſo werth zu halten ſchien, — Sechzehntes Kapitel. welche ſie an ihre Bruſt gedrückt und die nun hier lagen, wegge⸗ worfen vergeſſen, wie jener Blumenſtrauß, den er neulich Abends gefund 1 „hl lächelte er, als er das Buch mit einer Bitte um Entſchul⸗ digung wieder an ſeinen Platz legte; doch hätte Rodenberg nicht ein ſo genauer Kenner des menſchlichen Geſichtes und ein ſo ſcharfer Beobachter ſein müſſen, wie er es in dieſem Augenblicke war, um nicht, wenn auch nur in einem flüchtigen Zucken, zu ſehen, welch tiefer und gewaltiger Schmerz die Bruſt des ſo ſtarken Mannes durchwühlte. Er bereute es jetzt, das Buch nicht in ſeinem Umſchlage ge⸗ laſſen zu haben; doch wer mochte es ihm verdenken, wenn er täg⸗ lich unzählige Male den geliebten Namen, den ſie ihm verheimlicht, betrachtete! Roderich hatte ſich indeſſen augenblicklich wieder gefaßt und ſprach ſich fortwährend aufs günſtigſte, ja, mit großer Anerkennung über die Arbeit des jungen Freundes aus und blieb ſogar eine geraume Zeit, ehe er unter einem herzlichen Händedrucke die Woh⸗ nung Rodenberg's verließ, nicht ohne ihn freundlich zu einem Be⸗ ſuche in ſein eigenes Atelier einzuladen. Rodenberg blieb einen Augenblick am Fenſter ſtehen und blickte auf eine eigenthümliche Art, mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, an dem ſchmalen Streifen Himmel empor, der zwiſchen den Häuſern ſichtbar war; dann zuckte er die Achſeln, pfiff halbleiſe eine Me⸗ lodie vor ſich hin und ſetzte ſich wieder vor ſein großes Blatt Papier nieder, an dem er emſig zu zeichnen fortfuhr, ohne ſich durch den Eintritt Rüding's im mindeſten ſtören zu laſſen. Der ſanfte Eduard ſah etwas blaß aus, hatte, gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, eingefallene Augen und blickte grämlich in die Welt — alles Symptome, daß er noch an den Nachwehen des Künſtler⸗ tages zu leiden hatte. Er war überhaupt auf dieſes Feſt nicht gut zu ſprechen. Denn da alle Damenwelt fehlte, ſo war er als Cupido „ ——— § Herz, ſei endlich ſtille! 97 nicht auf ſeine Koſten gekommen. Im Kampfe hatte er ſich auch nicht hervorthun können, ein ſonderlicher Trinker war er ebenfalls nicht, und wir wiſſen bereits, daß das Bischen, was er nothge⸗ drungen zu ſich genommen hatte, ihm gewaltig viel zu Haffen gemacht. In ſeiner Hand hielt er drei große Briefumſchläge wie einen großen Fächer ausgebreitet, mit denen er hier und da gegen ſein blaſſes Geſicht wedelte.—„Da ſind drei Schreiben,“ ſagte er mit einer halbunterdrückten Stimme,„drei verdächtig ausſehende Schreiben mit großem Siegel und einem Wappen, welches eine Umſchrift hat, die ich nicht entziffern kann; ich liebe dieſes Brief⸗ format nicht und dieſe verdächtig ausſehenden Siegel, ſie riechen nach dem Rathhauſe und dem Executionsamte.“ „Hm, was gibt's?“ fragte Rodenberg, einen Augenblick auf⸗ ſchauend. „Einer iſt an Dich, einer an Walter, einer an mich; aber da ich immer ein generöſer Kerl bin— ich kann das nun einmal nicht laſſen—, ſo könnt ihr obendrein meinen noch theilen.“ „Dank Dir!— quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes.« „Was heißt das zu Deutſch?“ fragte der junge Mann mißtrauiſch. „Das heißt frei überſetzt:„Alles, was Du verſchenkſt, hat ein rauhes Endee— und ein rauhes Ende läßt ſich ſchwer anpacken; doch gib meinen Brief her. Ich erinnere mich im gegenwärtigen Augenblicke nicht, von irgend Jemanden verklagt worden zu ſein, brauche mich alſo auch vor keiner Execution zu fürchten. Iſt es eine Rechnung, ſo nagle ich ſie ausgebreitet an die Stubenthür, wie in früherer, nicht ſchlechterer Zeit die geſchoſſenen Eulen und Sperber— gib her.“ „Da haſt Du alle drei.“ Rodenberg nahm den Brief, der ſeine Aufſchrift trug, und warf die anderen beiden auf den Tiſch; er riß gleichgültig den 98 Sechzehntes Kapitel. Umſchlag ab und zog eine große Karte hervor, auf welcher theils gedruckt, theils geſchrieben zu leſen war:»Son Altesse le prince IHenri prie le peintre Rodenberg de passer la soirée du seize courant chez lui. On se réunira vers les huit heures du soir. Costume: frac et cravatte blanche.« Rüding, der genug Franzöſiſch verſtand, um das, was ihm ſein Freund vorlas, zu verſtehen, griff langſam nach dem Briefe, welcher ſeine Aufſchrift trug, öffnete ihn mit einer gewiſſen Würde und ſagte, nachdem er den Blick gleichgültig über die Karte hatte hinfliegen laſſen:„Du biſt ein ganz verfluchter Kerl, Rodenberg, man kann Dich weder anführen, noch in Angſt ſetzen; doch finde ich es diesmal begreiflich, denn Umſchlag und Siegel hatten ein zu ariſtokratiſches Anſehen. Es iſt übrigens ganz nett von dem Prinzen, daß er uns dieſe Einladung zuſchickte. Wir gehen doch hin?“ ſetzte er fragend hinzu. »Costume: frac et cravatte blanche!« ſagte Rodenberg lachend—„können wir das leiſten? Damit iſt natürlich ein ſchwarzer Frack gemeint.“ „Es wird ſich auch im Reitfracke thun,“ warf der ſanfte Eduard hin.„Und diesmal werde ich mir erlauben, die Erbſchaft meines Engländers anzutreten.“ „Darin haſt Du ganz Recht,“ erwiederte der Andere in ganz gleichgültigem Tone;„wenn ich hingehe, was noch zweifelhaft iſt, ſo werde ich Zeit finden, mir bis morgen einen neuen ſchwarzen Frack bringen zu laſſen, denn zu einer ſolchen Soirée geht man entweder gar nicht oder quite fashion.“ „ Und Walter?“ fragte Rüding kleinlaut—„der wird's doch auch mit dem Anzuge nicht ſo genau nehmen können?“ „Walter iſt ſchon ein älterer Mann mit grauem Haar, bei dem man es nicht ſo genau nimmt, ob ſein Frack etwas zu weit oder zu eng iſt.“ „Was mag es für eine Geſellſchaft ſein?“ 1 O Herz, ſei endlich ſtille! 99 „Wahrſcheinlich eine Revanche auf unſer Künſtlerfeſt, wo ſich Seine Hoheit angenehm unterhalten.“ „Ich möchte wiſſen, ob Knorx und van der Maaßen auch Karten erhalten haben?“ „Ohne Zweifel!“ „Meinſt Du, ſie gehen hin?“ „Ich glaube nicht; Knorx haßt dergleichen Vergnügungen, und van der Maaßen hat ſo ſpät im Jahre Schwierigkeiten mit ſeinem Anzuge.“ „Wahrſcheinlich werden Damen dabei ſein,“ ſagte der ſanfte Eduard, indem er mit den Fingern durch ſeine langen, blonden Locken fuhr. „Das verſteht ſich doch von ſelbſt— weißt Du wohl, Rüding, daß ich an Deiner Stelle als Cupido hinginge— warſt Du je in einer derartigen Soirée?“ Der ſanfte Eduard lächelte etwas mitleidig in ſich hinein, als wollte er ſagen: das iſt in meinen Verhältniſſen eine höchſt unnöthige Frage.—„Ob ich ſchon in derartigen Soiréen war!“ meinte er alsdann.„Ich weiß wahrhaftig nicht, was Du unter dem Namen ‚derartige Soiréen“ verſtehſt; daß ich mich aber in den allerfeinſten und alleranſtändigſten bewegt, darauf kannſt Du Gift nehmen! Zu den renommirteſten Soiréen, die ich gekannt, gehört die des Commerzienraths Schmiedefeld— ah,“ machte er mit einem Zungenſchlage,„fein, was man fein nennen kann— die reichſten Kaufleute, Offiziere, Barone und Grafen, und was für Damen!“ „Da warſt Du wohl der Hahn im Korbe?“ fragte Rodenberg. „Ich kann das nicht läugnen, daß ich ein wenig verhätſchelt wurde; ich beſaß damals eine wunderbare Tenorſtimme, und wenn dann ſo eine Soirée recht im Gange war und noch höher geſteigert werden ſollte, da hieß es gewöhnlich: ‚Rüding muß ſingen!“ „Ah, und da ſangſt Du? 100 Sechzehntes Kapitel. „Und wie, lieber Freund— ich kann Dir verſichern, man ſprach wochenlang darüber mit Enthuſiasmus!“ „Nun, in dem Falle iſt eine Geſellſchaft wie die, zu der wir morgen eingeladen ſind, für Dich durchaus nichts Beſonderes.“ „O Gott, nein!“ gab Rüding mit großer Gleichgültigkeit zur Antwort—„als ich noch bei mir zu Hauſe war, wurde ich bei⸗ nahe jeden Tag in ähnlicher Art ausgebeten! Alſo Du biſt der Meinung, wir gehen hin— übermorgen iſt ſchon der ſechzehnte.“ Rodenberg hatte einen Bleiſtift quer in den Mund genommen, und blickte gedankenvoll zum Fenſter hinaus, ohne die Frage ſeines Freundes zu beantworten. Er dachte, der Prinz veranſtaltet aus Artigkeit dieſe Soirée, weil er ſich bei unſerem Künſtlerfeſte amuſirt; was ihm aber an eben dieſem Künſtlerfeſte am beſten gefallen, iſt ſie, meine wilde Jägerin, und deßhalb wird ſie auch die erſte Ein⸗ ladung erhalten haben. „Du überlegſt, ob wir hingehen ſollen?“ wiederholte der Andere ſeine Frage. „Nein,“ entgegnete Rodenberg,„ich dachte an etwas Anderes — allerdings gehen wir hin.“ „Was meinſt Du?“ fragte der ſanfte Eduard nach einer kleinen Pauſe,„ſollen wir Walter bereden, mitzugehen?“ „Warum nicht? Walter iſt ein guter und amuſanter Kerl.“ „Allerdings, aber er hat ein Bißchen barſche und abſtoßende Manieren und dann, haſt Du ihn ſchon einmal im Frack geſehen?“ „Ich erinnere mich nicht.“ „Das heißt in dem, was er einen Frack nennt?“ „Wie ſo?“ „Nun, es iſt eigentlich ein ſchwarzer Ueberrock, deſſen Schöße er umſchlagen und zuſammennähen ließ— es ſah ganz verflucht aus!“ „Dazu hatte er wahrſcheinlich ſeinen zugeſpitzten Hut auf?“ „Ja, es war freilich komiſch.“ 4 „Ihm läßt man ſchon ſo etwas hingehen; das war eine Art —aA O Herz, ſei endlich ſtille! 101 Coſtume, das zu ſeinem Weſen vollkommen paßte. Ich bin über⸗ zeugt, er macht darin größeres Aufſehen, als wir, wenn wir uns noch ſo große Mühe mit unſerem Anzuge geben.“ „Ja, Aufſehen wird er machen,“ ſeufzte Rüding.— „Und dann haſt Du gut fragen, ob wir Walter überreden ſollen; iſt er der Mann, ſich überreden zu laſſen? Wenn es ihm überhaupt nicht unangenehm iſt, mit Damen zuſammenzukommen, ſo kannſt Du Dich darauf verlaſſen, daß er hingeht.“ Ueber dieſen Zweifel wurden die beiden Maler in möglichſter Bälde aufgeklärt, denn Walter erſchien in kurzer Zeit und hatte nicht ſobald die Ein ladung geleſen, als er erklärte, dieſe Soirée auf alle Fälle beſuchen zu wollen.„Man lernt immer etwas da⸗ bei,“ ſagte er;„man erblickt die ſogenannte Welt in ihrer glänzen⸗ den Außenſeite; man ſieht Leute freundlich grüßen, die lieber auf⸗ ſchreien möchten, wie ein Hund, wenn er auf den Schwanz getreten wird; man tapezirt die Wände, den Hut vor ſeinen Bauch gedrückt, man ſchwimmt in einem unendlichen Ocean von Langerweile, hof⸗ fend auf die kleine Inſel, Souper genannt. Und wenn man der Sache obendrein noch eine verſtändige Seite abgewinnen will, ſo gibt es noch immer ein paar prächtige Weiberköpfe, ein paar weiße Schultern und dergleichen in wunderbarer Beleuchtung, wobei man etwas lernen kann, was ich Dir, Rüding, ganz beſonders anem⸗ pfehle; denn um junge Mädchen bei der Ampel, oder Prinzeſſinnen am Kaminfeuer malen zu wollen, muß man dergleichen bei will⸗ kürlicher, brillanter Beleuchtung geſehen haben und nicht unter Talglicht⸗Effect malen.“ Der ſanfte Eduard zuckte ein paarmal verächtlich die Achſeln, ehe er würdevoll zur Antwort gab:„Spare dieſe Lehre für Deine künftigen Schüler, wenn Du einmal wieder Akademie⸗Director geworden biſt. Sage mir lieber, ob Du die Einladungskarte genau ſtudirt haſt.“ „Wie ſo, junger Menſch?“ fragte der Andere in ſeinem ge⸗ wöhnlichen mürriſchen Tone. Sechzehntes Kapitel. „Weil darin von einem Frack die Rede iſt.“ „Wagſt Du dieſe Bemerkung als Menſch, als Künſtler oder vielleicht als zukünftiger Schneider?“ „Frack und weiße Halsbinde, und dazu gehört auch eine weiße Weſte,“ erwiederte Rüding mit großer Ruhe. 4 „Walter hatte ſich rittlings auf einen Stuhl niedergelaſſen, und während er ſich mit den Armen auf die Lehne deſſelben ſtützte, kraute er ſich behaglich in ſeinem vollen Barte eine ziemliche Weile, ehe er zur Antwort gab:„Ich will Dir eine Wette an⸗ bieten, bei der die drei unſerer Freunde, die das Ding verſtehen — ſagen wir Roderich, Lytton und dort Rodenberg—, bei der Soirée entſcheiden ſollen, wer von uns Beiden am eleganteſten und würdigſten ausſieht; darüber wetten wir nun einen famoſen Punſch — biſt Du damit zufrieden?“ „Auf alle Fälle,“ ſagte Rüding, indem er ſüß ſchmunzelte— „verſtehen wir uns recht, Du haſt geſagt: elegant.“ „Und würdig.“ „Und würdig,“ wiederholte Rüding, indem er einen Blick in den Spiegel warf und dann mit großer Genugthuung hinzuſetzte: „Nun, Rodenberg wird mir ſchon im Voraus das Zeugniß geben, daß ich mich elegant anzuziehen und elegant zu betragen verſtehe.“ „Abgemacht, wir wetten alſo!“ adi— Nicht nur in dieſem und anderen Künſtlerkreiſen gab die Ein⸗ ladung des Prinzen Heinrich, beſonders in Betreff der Tollette, genugſam Veranlaſſung zu Beſprechungen, zu Berathungen, ſondern ſie hatte auch hier und da Erörterungen unangenehmer Art zur Folge. Unter Anderem im Hauſe Roderich's, der die Einladung des Prinzen beim Mittagstiſche neben ſeinem Teller liegen fand, den Umſchlag des Briefes und die Karte ſeiner Frau mit den Worten hinüberreichte:„Was denkſt Du darüber?“ Frau Hildegard warf einen Blick darauf; ihr ſchien die Ein⸗ O Herz, ſei endlich ſtille! ladung vollkommen bekannt zu ſein, doch machte ſie eine ziemlich lange Pauſe, ehe ſie in mehr als froſtigem Tone zur Antwort gab, in einem Tone, der übrigens ſehr glücklich ein Erſtaunen ausdrückte:„Was ich darüber denke! O, ich bin ſo lange nicht mehr gewohnt, um meine Meinung gefragt zu werden, daß ich wirklich nicht im Stande bin, hierauf eine genügende Antwort zu geben— weiß ich doch nicht anders, als Befehle zu erhalten, die ich mich dann ſo ſehr bemühe, nach meinen ſchwachen Kräften auszuführen!“ Frau Hildegard hatte ſeit der letzten peinlichen Unterredung mit ihrem Manne ihre Taktik inſofern verändert, als ſie es ſorg⸗ fältig zu vermeiden ſchien, in irgend welcher Weiſe durch Wort und Blick angreifend zu verfahren. Sie ſpielte jetzt vollkommen die leidende, ſtille Dulderin, das unterdrückte Weib, welches nur durch unglaubliche Härte, durch die unerhörteſte Tyrannei zu einem ver⸗ zweiflungsvollen Schritte getrieben wird, und einen ſolchen Schritt hatte ſie allerdings feſt beſchloſſen. Auch in ihrem Aeußern ließ ſie mit einer unglaublichen Natür⸗ lichkeit ihren Seelenzuſtand erkennen; ihre Wangen waren von einer faſt verdächtigen Bläſſe, ihre großen Augen hielt ſie meiſt nieder⸗ geſchlagen, und während ſie beſonders vor gefühlvollen Freundinnen häufig ſchmerzlich hüſtelte, zeigte ſich doch dabei ein ſo ſtill ergebenes Lächeln um ihre Lippen, daß mitfühlende Seelen aus vollem Herzen ſprachen:„Dieſe Frau iſt ein Engel!“ „Ich habe nur fragen wollen,“ ſagte nach einer längeren Pauſe das Ungeheuer von einem Manne,„ob Du entſchloſſen biſt, die Soirée zu beſuchen, und in dieſem Falle würde und müßte ich Dich begleiten.“ „Ob ich entſchloſſen bin?“ fragte ſie mit einem Lächeln, welches ſo nahe an den Himmel ſtreifte, daß es den Beſchauer eiſig überrieſelte— „ob wohl mein Entſchluß etwas gilt, ob derſelbe wohl auf die Beglei⸗ tung irgend eines anderen Menſchen einwirken kann— o, mein Gott!“ Sechzehntes Kapitel. „Aus all' dem ſcheint mir herauszuklingen,“ ſagte Roderich mit großer Ruhe,„daß es Dir kein Vergnügen macht, die Soirée zu beſuchen— gut denn, ſo bleiben wir zu Hauſe.“ „Mir Vergnügen machen? Gewiß nicht— überhaupt darf ich mir wohl erlauben, erſtaunt zu ſein, daß Jemand in der weiten, weiten Welt ſich um etwas bekümmert, das mir Vergnügen macht! Nein, gewiß und wahrhaftig nicht, Vergnügen macht mir dieſe Einladung nicht! Aber ich halte es für eine Pflicht der Artigkeit, ſie anzunehmen, und da ich überhaupt gewohnt bin,“ ſetzte ſie mit einem ſchärferen Tone hinzu,„meine Pflicht gegen Jedermann zu erfüllen, ſo will ich auch noch dieſes Opfer bringen!“ „Gott ſoll mich bewahren,“ erwiederte der Herr des Hauſes, „daß ich ein ſo großes Opfer von Dir verlangen ſollte! Du gehſt nicht gern dort hin— gut, ſo bleiben wir zu Hauſe!“ „Es kommt mir nicht zu, über Dich und Deine Handlungs⸗ weiſe beſtimmen zu wollen— o, mein Gott, nein! Thue, was Du willſt, aber ich werde der Einladung folgen, da ich dies für eine Pflicht der Artigkeit gegen den Prinzen halte, und ſo lange ich überhaupt noch....“— ſie ſprach dieſen letzten Satz nicht aus, man hätte ſagen können, ſie dachte ihn überhaupt nur halb⸗ laut; denn für ihren Mann war er nur ein unverſtändliches Murmeln. „So gehen wir alſo hin,“ ſagte der letztere, anſcheinend in großer Gleichgültigkeit;„ich werde den Wagen um acht Uhr beſtellen, wenn Dir meine Begleitung gefällig iſt.“ Frau Hildegard huſtete hinter ihrer vorgehaltenen Hand ein Mal, zwei Mal und drei Mal mit einiger Anſtrengung; dann ſagte ſie:„Was die Begleitung anbelangt, ſo möchte ich mir erlauben, offen und ehrlich darüber zu reden.“ „Dieſe Art wäre überhaupt von jeher die beſte geweſen.“ „Du wirſt auf Deinem Zimmer die Karte meines Vetters gefunden haben, des Freiherrn Schenk von Schenkenberg,“ fuhr ſie O Herz, ſei endlich ſtille! 105 mit einem ſehr verſtändlichen Achſelzucken fort—„Du warſt nicht zu Hauſe, als er Dir ſeinen Beſuch machen wollte. Er wird eben⸗ falls bei der Soirée des Prinzen ſein, und er bat mich dringend, mich dorthin begleiten zu dürfen.“ 4 Roderich fuhr faſt ſichtlich empor, ſeine Stirn röthete ſich und er war ſchon im Begriffe, ein empfindliches Wort zu erwiedern, als er ſich eines Beſſern beſann und nach gewaltiger Anſtrengung und tief aufathmend ſagte:„Ah, ich verſtehe das! Es macht ſich allerdings beſſer, am Arme eines Freiherrn die Soirée eines Prinzen zu beſuchen; ob es aber paſſend iſt, wollen wir dahin⸗ geſtellt ſein laſſen.“ „Ich würde Dir vorgeſchlagen haben, zuſammen hinzufahren, doch da Du meine Familie nicht liebſt“— ſie betonte das Wort „meine“ ſehr ſtark—,„ſo unterließ ich es.“ Roderich beugte ſich ſtillſchweigend tief auf ſeinen Teller hinab, und als er wieder aufſchaute, bemerkte er, wie das große, ſchöne Auge ſeines kleinen Mädchens mit einem eigenthümlichen Ausdrucke feſt auf ihn gerichtet war. Das Kind hatte ſich zu ſeinem Nach⸗ tiſche mit einer Birne beſchäftigt und ſchien die Unterredung ſeiner Eltern gar nicht gehört zu haben; jetzt aber ſagte es mit ſeiner weichen und melancholiſchen Stimme:„Neulich, als ich bei Bertha zu Mittag gegeſſen habe“— Bertha war eine ſeiner kleinen Freundinnen—„da ſprach Bertha's Vater und Bertha's Mutter auch miteinander gerade ſo, wie Du Mama mit Papa, nur ganz anders; ſie wollten auf die Rheininſel fahren und Kaffee trinken. Aber da Bertha's Vater nicht ſo früh von ſeinem Bureau gehen konnte, ſo ſagte Bertha's Mutter, dann ginge ſie auch nicht— gewiß ginge ſie nicht, auf keinen einzigen Fall, und da ſagte der Vater von Bertha und lachte dazu, Bertha's Mutter wäre noch ein kleines Kind, und wollte ſie an der Hand nehmen und hin⸗ führen, und dabei lachte ſie und Bertha lachte und Wich lachte und Hackländer's Werke. 53. Bd. 106 Sechzehntes Kapitel. wir alle mit einander lachten— warum lacht denn Ihr niemals mit einander?“ Das war nun allerdings eine ſehr einfache Frage, und doch wieder ſchwer zu beantworten. Roderich biß ſich auf die Lippen, nahm das kleine Mädchen von ſeinem Stuhle auf ſeinen Schooß, und ſeinen Mund auf ſein Haar drückend, ſagte er mit einer eigenthümlich bewegten Stimme: „Wir lachen doch auch oft mit einander, iſt das nicht wahr?“ „Ja, wir beide, Papa, wenn Du hübſches, dummes Zeug mit mir machſt, wenn wir im Zimmer mit einander ſpaziren gehen und Du dann ſo plötzlich ſtehen bleibſt, daß ich an Dich hinpurzle, oder wenn Du mir komiſche Sachen zeichneſt!“ „Nun, ſiehſt Du wohl, daß wir auch zuſammen lachen können.“ „Ja, es iſt aber doch nicht ſo, denn Mama lacht nie⸗ mals mit!“ „Leider haſt Du Recht, mein liebes Kind,“ ſagte Frau Hilde⸗ gard in düſterem Tone;„ich habe das Lachen vergeſſen und werde es auch wohl nie wieder lernen.“ „O, verſuche es einmal, liebe Mama— ſiehſt Du, Du kannſt es noch!“ bat das Kind ſchmeichelnd, indem es ſich vom Schooße ſeines Vaters gegen die Mutter beugte, um ſie an ſich heranzuziehen. Es war dies ein großer und wichtiger Augenblick; es flog der Schutzengel des Hauſes über die Häupter der Familie, der in feſt verſchloſſener Hand hielt den Samen des Friedens, der Verſöhnung, neu zu erblühenden Glückes; er ſchien ängſtlich zu warten auf einen guten Blick, auf ein freundliches Wort, ja, nur auf ein mildes Lächeln, um ihn hinabzuſtreuen in das Herz der drei unglücklichen Menſchen— aber er wartete vergebens. Frau Hildegard erhob ſich raſch und ungeſtüm vom Tiſche, worauf der Vater ſeine kleine Tochter einen Moment feſt in ſeine Arme ſchloß, ſie dann mit einer unendlichen Innigkeit küßte und hierauf ſanft von ſeinen Knieen hinabgleiten ließ. XVII. „Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten.“ Der Abend, an welchem die Soirée bei dem Prinzen Statt fand, war gekommen, und in der Wurſtgaſſe oder dem Reichsapfel zeigte ſich die hier ſeltene Erſcheinung eines verſchloſſenen vierſitzigen Wagens. Dieſer Luxus war auf Rüding's Veranlaſſung geſchehen, welcher in den letzten Tagen ein kleines Bild verkauft hatte und dem es ſehr unpaſſend, ja, vollkommen unanſtändig erſchien, daß ſich drei deutſche Künſtler im Frack und weißer Halsbinde zu Fuß zu einer Soirée begeben ſollten— zu einer Soirée bei einem Prinzen— zu einer Soirée mit Damen. Er hatte ſich, wie er auf ſein Wort verſicherte, noch niemals zu Fuß zu einer Soirée mit Damen begeben, und doch hatte er ſeinen Willen in Betreff eines geſchloſſenen vierſitzigen Wagens nur einestheils dadurch durch⸗ geſetzt, daß er ſich großmüthig erbot, die ganze eine Hälfte der Unkoſten zu bezahlen, anderentheils, weil es am Vormittage geregnet hatte und auf der Straße ſehr kothig ausſah. In dem Zimmer ſtand Rodenberg vor einem großen Spiegel und gab ſich viele Mühe, ſeinem krauſen, blonden Haare mittelſt Kamm und Haarbürſte einen Scheitel zu corrigiren, den ihm der Friſeur vor einer Stunde gemacht, der aber bei dem Anziehen 108 Siebenzehntes Kapitel. wieder ein wenig in Unordnung gekommen war. Hinter ihm ſtand Rafael, den ſchwarzen Frack auf dem Arme und einen Bericht machend über die Dreſſur des Pudels, welcher in den letzten Tagen außerordentlich vorgeſchritten ſein ſollte. „Es iſt eigentlich kein Verdienſt dabei,“ ſagte der kleine Diener mit außerordentlicher Beſcheidenheit,„es iſt gerade ſo, als ob das gelehrige Thier Menſchenverſtand hätte, und ich nehme auch an, er hat Verſtand; denn gerade ſo rede ich mit ihm und ſage ihm, was ich will und was er thun ſoll. Sie ſollten nur ſehen, Herr Rodenberg, wie geſcheit er mich anblickt und wie er dabei aufpaßt.“ „Und was iſt die Frucht dieſes Aufpaſſens, ich wollte ſagen, wie weit ſeid Ihr mit einander gekommen?“ „O, ſo weit, daß, wenn ich ihm irgend etwas, wenn es nur wie ein Buch ausſieht, in's Maul gebe und ihm ſage: Allons, Figaro!e ſo läuft er in das Haus, wo Herr Schmit wohnt, und kratzt im oberſten Stockwerke an der Thür, die ich ihm bezeichnet.“ „Ah, Du haſt ihm eine Thür bezeichnet, Monſieur Rafael?“ „Gewiß, Herr Rodenberg, und ich bilde mir ein, meine Sache recht gemacht zu haben.“ „Doch nicht die Thür zu dem Zimmer unſeres kleinen Angelo, oder die, wo deſſen würdige Mutter, Madame Schmitz, wohnt?“ Nafael ſchüttelte lächelnd unter einem ſo viel ſagenden Blicke den Kopf, daß ſich Rodenberg, nachdem er ſeinen Frack genommen und angezogen, nicht enthalten konnte, dem kleinen Bedienten leicht auf den Kopf zu pätſcheln; er hätte ſich noch vor wenigen Tagen geſcheut, dies zu thun, doch war das Haar Rafael's, ſeit er am Künſtlertage die Rolle des Zwerges geſpielt, faſt in einer eben ſo muſterhaften Ordnung wie das ſeines Herrn, roch auch merkwür⸗ diger Weiſe nach der gleichen Pomade. Rodenberg ſtand nun fertig da, und wir glauben dem ſchönen ungen Manne über ſein Aeußeres kein beſſeres Compliment machen zu können, als wenn wir die Ueberzeugung ausſprechen, er werde Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten. 10⁰9 in dem feinſten, eleganteſten Zirkel auch nicht durch das Geringſte auffallen, ſondern ſich ganz ſo ausnehmen, als bewege er ſich in gar keiner anderen Geſellſchaft als in der allerbeſten. Rodenberg ſchien auch mit ſich ſelbſt zufrieden; er zog ſeinen Frack in die Taille, betrachtete ſich, ſo viel als es ihm möglich war, von der Seite in dem kleinen Spiegel und mußte ſich in Gedanken über die kunſtvolle Arbeit des Schneiders lobend aus⸗ ſprechen. Freilich hatte dieſes Kunſtwerk einen guten Theil der Einnahme verſchlungen, welche der junge Künſtler für ſein vortreff⸗ lich gelungenes Blatt des Künſtlertages erhalten hatte, eine ſinnig und ſchön durchgeführte Arbeit, der das ungetheilte Lob aller derer zu Theil wurde, die ſie geſehen. Zwar hatte Rodenberg daran unabläſſig von Morgens früh bis ſpät in die Nacht gearbeitet, und das alles für einen neuen Frack; doch tröſtete er ſich damit, daß er zu ſich ſelber ſprach:„Pah, Papier und Bleiſtift ſind wohl⸗ feil, und ich fühle eine Armee in meiner Fauſt!“ „Soll ich vielleicht Herrn Rüding ſagen, daß Sie fertig ſind?“ fragte der kleine Diener nach einer Pauſe, als er bemerkte daß ſein Herr mehrere Male ungeduldig auf ſeine Uhr ſchaute und dann nach der Thüre ſah. „Ich fürchte, wenn wir ihn treiben, wird er mit ſeiner Toi⸗ lette niemals fertig.— He, Walter, wie weit biſt Du? Wir haben nur noch eine Viertelſtunde Zeit.“ „Ich kann mich im nächſten Augenblicke ſehen laſſen,“ hörte man die tiefe Stimme des alten Malers ſagen,„und glaube, daß ich eine ganz famoſe Erſcheinung abgeben werde.“ Rodenberg dachte an das Coſtüme des Drachen Griesgram und lachte in ſich hinein. „Nach genauer Prüfung meiner Garderobe,“ fuhr die Stimme Walters fort,„fand ich, daß es mir trotz aller Phantaſie und allem Geſchmacke nicht gelingen werde, in jener Art zu erſcheinen, die man elegant nennt; auch iſt die Idee des Aufnähens der Ober⸗ ——— Siebenzehntes Kapitel. rockſchöße, um denſelben ſo zu einem Fracke umzuwandeln, ſchon ſehr abgenutzt. Ich habe deßhalb die Rolle eines vollkommen älteren Herrn angenommen, habe meinem an ſich ſchon grau melirten Haare mit etwas Puder nachgeholfen und werde mit einem Stocke gehen, ungefähr ſo, als ſei ich von der Gicht geplagt oder als habe ich mich bei der Maskerade neulich zu ſehr angeſtrengt— ſo, 3 nach dieſer Vorrede kannſt Du mich nun anſchauen.“ Damit trat er unter die Thür, und Rodenberg, welcher ihm erwartungsvoll entgegenblickte, mußte über die Erſcheinung lächeln, aber durchaus nicht lachen. Walter hatte wirklich in ſeiner Er⸗ ſcheinung etwas durchaus Anſtändiges, faſt Würdiges. Er ſah aus wie ein alter gedienter Militär in Civil, der es mit ſeiner Toilette nicht mehr ſo genau nimmt, der wohl weiß, daß man ihn und ſeine Vergangenheit genugſam kennt und ihm den nicht mehr ganz neuen Rock, ſo wie die breiten, aus einan der getretenen Schuhe gern nachſieht. Er war eine jener Erſcheinungen, wie man ſie in allen Bädern, wo geſpielt wird, herumgehen ſieht, in gleicher Art gekleidet, am Tiſche der Roulette und des trente et quarante, gleich energiſch und rückſichtslos auftretend, dagegen ſehr beſcheiden in der Reſtauration, voll Courtoiſie gegen die Damen auf der Promenade, im Allgemeinen aber eben ſo bekannt als unbekannt; denn ſeinen eigentlichen Namen weiß Niemand, es iſt der Herr General, der Herr Oberſt oder der Herr Marquis. So dachte auch Rodenberg, welcher ihn nach einigem Betrach⸗ ten mit den Worten anredete:„Ah, Herr General, wie glücklich ſchätze ich mich, Ihre Bekanntſchaft zu machen!“ „Nun, was meinſt Du,“ ſagte Walter mit einem der Lächeln, y die bei ihm ſo ſelten waren,„werde ich nicht ein gewiſſes Auf⸗ ſehen erregen?“ „Das wirſt Du in der That, beſonders aus der Entfernung, wo man die kaum aus dem Knopfloche hervorlugende rothe Roſen⸗ knoſpe für ein Ordensband halten wird.“ Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten. 111 „Man könnte mich in der That für einen alten, würdigen General halten, der mit ſeinem Sohne, das biſt Du, einem leicht⸗ ſinnigen, aber eleganten jungen Menſchen, in Geſellſchaft geht— komm' alſo!“ „Wir müſſen ja auf Rüding warten; doch ich höre ihn ſo eben kommen— da iſt er ſchon.“— Der ſanfte Eduard trat wirklich in's Zimmer mit der Miene eines Siegers, mit der Miene jeder Ueberlegenheit, mit der Miene, welche deutlich ausſprach: ‚Seht mich an und verſtummt!' Und er ſah auch in der That merkwürdig genug aus. Ueber die Bekleidung des unteren Theiles ſeines Körpers war nicht viel zu ſagen geweſen, ſie war wie die jedes anderen anſtändigen Menſchen: ſchwarze Beinkleider, ja, er hatte ſich ſogar bis zu lackirten Stiefeln verſtiegen; auch über die rothe Sammtweſte hätte man allenfalls ein Auge zudrücken können, als poetiſche Licenz eines jungen Künſt⸗ lers. Aber der Reitfrack des abweſenden Engländers war durch Einnähen an den Seiten zu einem gar zu ungeheuerlichen Mach⸗ werke geworden, beſonders da es nicht möglich geweſen war, die Taille zu verkürzen, deren untere Knöpfe dem kleinen Rüding deß⸗ halb bis zu jenem Theile gingen, den man in guter Geſellſchaft nicht zu nennen pflegt. Eine weiße, viel zu hohe Halsbinde mit wild aus einander ſtehenden Zipfeln rahmte das blaſſe, ſchmachtende Geſicht ein und machte im Verein mit dem Kopfe Rüdings nur wohl dadurch eine ſo ungeheuer komiſche Wirkung, weil ſein langes, 3 blondes⸗Haar zu ſo compacten und gleichförmigen Locken zuſammen⸗ gearbeitet war, wie man es nur bei den jungen Mädchen zwiſchen zwölf und vierzehn Jahren zu ſehen ertragen kann. Ein zuſammengeklappter Hut, den Rüding irgendwo entlehnt und unter dem Arme trug, ſo wie neue, leuchtend weiße Handſchuhe vollendeten das Ganze. „Ah, Schockſchwerenoth,“ machte Walter,„Du biſt ſchön, Rüding!“ 112 Siebenzehntes Kapitel. Dieſer zuckte verächtlich die Achſeln und ſagte:„Ich weiß wohl, daß Du immer etwas an mir auszuſetzen haſt; doch ohne unbeſcheiden oder eitel zu ſein, ich bin mit mir zufrieden— wer zuletzt lacht, lacht am beſten,“ ſetzte er mit Würde hinzu;„denke Du nur an unſere Wette.“ „So laßt uns denn gehen,“ ſagte Rodenberg,„es ſchlägt ſo eben acht Uhr und wir kommen gerade zur rechten Zeit hin.“ Prinz Heinrich wohnte nur vorübergehend während einiger Sommermonate in der Stadt und den übrigen Theil des Jahres ſtand ſein großes Haus, in einem hübſchen kleinen Parke gelegen, leer. Da der Prinz nicht verheirathet war, ſo hatte er nur wenige Zimmer zu ſeiner Wohnung einrichten laſſen, und die übrigen ſchönen Räume des Hauſes dienten ihm dazu, die Gemälde und Kunſtgegenſtände aller Art, die er auf ſeinen vielen Reiſen an⸗ ſchaffte, hier aufzuſtellen. Es hätte dies eine ganz hübſche Samm⸗ lung werden können, wenn der Prinz bei ſeinen Ankäufen mit einem beſſeren Geſchmacke verfahren wäre und nur allein auf die Kunſt Rückſicht genommen hätte; ſo aber ſpielte die Protection gewiſſer Künſtler eine Hauptrolle und anderentheils war dieſes oder jenes Genre ſo beliebt, daß oft mehr auf den Gegenſtand des Gemäldes als auf den Kunſtgegenſtand Rückſicht genommen wurde. An leichtgeſchürzten Nymphen, unbekleideten Göttinnen und baden⸗ den Mädchen war durchaus kein Mangel. Von den drei Freunden war Rodenberg ganz ruhig in den Wagen geſtiegen, weniger an die Soirée ſelbſt denkend, als an ein einziges Weſen, das er doch wenigſtens zu ſehen hoffen durfte. Walter befand ſich in einer höchſt gleichgültigen Stimmung; er fürchtete Langeweile und daß das Souper gar zu ſpät ſervirt werden möchte. Rüding ließ ſich ſelbſtgefällig auf einen Sitz nieder und benutzte die Scheibe des Wagens dazu, das Spiegelbild ſeines gelockten Kopfes, wenn auch mit einiger Verzerrung, zu betrachten. Dabei gab er ſich ganz das Anſehen, als gehörten große Geſellſchaften, Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten. 113 beſonders bei Prinzen und mit Damen, zu ſeiner allabendlichen Beſchäftigung; ob er tanzen würde, wußte er noch nicht ganz ge⸗ nau, und was das Souper anbelangte, ſo fürchtete er nur, daß die dicke Generalin, deren Schooßhund er im vergangenen Jahre in einer blühenden Jasminlaube gemalt hatte, ihn bei ſeinem Er⸗ ſcheinen abfangen und zu Tiſche ſchleppen werde. „Es wäre dies ſchade,“ meinte er,„da ſo viele ſchönere, jüngere Damen nach mir ſchmachten werden.“ „Jedenfalls haſt Du die Vorhand,“ meinte Walter,„denn ſie werden Deine Rolle als Cupido nicht vergeſſen haben und ſich mit Dir auf guten Fuß ſtellen.“ So fuhren ſie weiter, ziemlich langſam, denn es war ein alter Wagen mit alten Pferden und einem ſehr alten Kutſcher. „Wenn man in den Soiréen, wo ich früher war,“ ſagte der ſanfte Eduard nach einer längeren Pauſe,„Durſt verſpürte, ſo ließ man ſich von dem Dienſtmädchen ein Glas Waſſer geben. Das iſt wohl überall ſo?“ „Allerdings, wo es Dienſtmädchen gibt; wo aber Bediente herumlaufen mit großen Präſentirtellern voll Thee, Gefrorenem und dergleichen, da wartet man bis Einem etwas präſentirt wird.“ „Natürlich,“ entgegnete Rüding,„und greift nicht gleich zu, ſondern wartet, bis man höflich eingeladen wird.“ „O nein, in dem Falle greift man zu.“ „Ja, ja, man greift zu,“ flüſterte der ſanfte Eduard, doch nicht mehr in dem beſtimmten Tone wie früher. In ſeiner Stim⸗ mung und in ſeinem Blicke machte ſich eine gewiſſe Beklommenheit bemerkbar, je näher ſie ihrem Ziele kamen. „Man redet doch den Prinzen immer mit Eure Hoheit an?“ fragte er nach einer Weile, ſich direct an Rodenberg wendend. „Man redet einen Prinzen niemals an, ſondern wartet, bis er uns anſpricht, dann aber ſagt man ſo oft als möglich Eure Hoheit.“ — —— 111 Siebenzehntes Kapitel. „Natürlich, ſo oft als möglich, denn er freut ſich, ſeinen Titel zu hören.“ „Ganz gewiß,“ ſagte Walter—„doch da ſind wir ja ſchon!“ „A— a—ah, da ſind wir!“ Der Wagen rollte nun ſanft auf dem weichen Sandboden des Parkes, da das Haus zurückgezogen von der Straße lag. Rechts und links an dem weit geöffneten Gitterthore ſtanden Schildwachen, Gewehr bei Fuß, und ſchauten neugierig in den vor⸗ beifahrenden Wagen, der nun am Eingange zur großen Vorhalle hielt, wo ſich Bediente in reicher Livrée befanden. Rafael, der mitgenommen worden war, öffnete den Schlag, und zuerſt ſtieg Rodenberg aus mit einer gleichgültigen Miene und dem Benehmen eines Mannes, dem Equipage, Vorhalle und betreßte Dienerſchaft nichts Neues ſind. Walter, der nun folgte, war ſo klug, ſich ſo weit es ihm möglich war, nach dem Vorbilde ſeines jüngeren Freundes zu rich⸗ ten; doch da er deſſen leichte, elaſtiſche Tritte nicht nachahmen konnte, ſo benutzte er jetzt ſchon den mitgenommenen Stock und hinkte ein wenig, was eine ganz gute Wirkung hervorbrachte. Rüding dagegen wartete, bis die Beiden in die Halle ein⸗ getreten waren; er hatte beſchloſſen, den Wagen vor den Augen der gaffenden Dienerſchaft mit einer Leichtigkeit und Grazie zu verlaſſen, die dem jungen, eleganten Manne eigen iſt, und hüpfte nun ohne Benutzung des Trittbrettes hinaus. Es wäre dies auch wahrſcheinlich ganz gut von Statten gegangen, wenn nicht an der Thür des alten Wagens eine verrätheriſche Nagelſpitze heraus⸗ geſchaut hätte, welche ſich leider in den Taſchen des zu langen Frackes verfing und einen ſo klaffenden Riß hervorbrachte, daß das Unter⸗ futter ſichtbar wurde. 1 „Das fehlte mir noch!“ verſetzte Rüding, an den verletzten Theil greifend, worauf er Rafael mit einer beſorgten Miene fragte, ob der Schade deutlich ſichtbar ſei. Dieſer war ſo gutmüthig, dies ——————— Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten. 115 entſchieden zu verneinen, worauf Rüding mit klopfendem Herzen in die Vorhalle trat. Hier wimmelte es ſchon von Eingeladenen: Damen, Herren vom Civil, Militärs; da wurden Fräcke und Uniformen feſter in die Taille gezogen, an der Säbelkoppel gerückt, ſich mit den Fingern leicht durch die Haare gefahren, die Handſchuhe betrachtet. Es war ein lebendiger Strom, der die Treppe hinaufſtieg, ein Strom ohne Ende und Anfang, oben in den Vorzimmern verſchwindend und ſich immer neu ergänzend aus den heranrollenden Wagen. Unſere drei Freunde gingen ebenfalls die Treppe hinauf; Rüding war der Letzte, denn er hatte gar zu viel zu thun. Bald betrachtete er ſeinen verletzten Frackſchooß, bald zog er ſeine rothe Sammtweſte herab, daß ſie recht ſichtbar ſei, bald befühlte er die Spitzen ſeiner weißen Halsbinde, und dazu hielt er es für ſeine Schuldigkeit, die ſteife, der Etiquette gemäße Kopfneigung der Dienerſchaft mit den freundlichſten Grüßen nach rechts und links zu erwiedern, wobei er ſeinen Klapphut ſchwenkte und ſich bemühte, ſehr liebenswürdig und herablaſſend zu ſein. Oben paſſirte ihm noch ein kleines Unglück, aber es war un⸗ bedeutend; er verwickelte ſich auf eine unerklärliche Art in eine der Meſſingſtangen des Treppenläufers und ſtolperte, wobei er mit ſeinem Kopfe die Beine eines vorausſchreitenden Lieutenants berührte und dafür mit einem ſehr ernſten Blicke belohnt wurde. Daß Rüding indeſſen ängſtlich nach Luft ſchnappte und ihm dabei das Waſſer im Munde zuſammenlief, dürfen wir nicht ver⸗ ſchweigen; er wollte ſich des letzteren als ein höflicher Mann ent⸗ ledigen, ehe er in das Zimmer trat, und ſpuckte zur Seite aus, leider aber auf die glänzend ſchwarze Sammthoſe eines dort auf⸗ geſtellten Lakaien; doch machte er den angerichteten Schaden ſogleich wieder gut, indem er auf den Bedienten zueilte, ihn freundlich um Entſchuldigung bat und raſch entſchloſſen mit ſeinem Frackärmel über die beſchmutzte Stelle fuhr. 116 Siebenzehntes Kapitel. Der Lakai lächelte eigenthümlich ſeinem Nebenmanne zu, und als Rüding, dies ſehend, ſich etwas betroffen umwandte, bemerkte er ein höchſt zufriedenes Lächeln der Zuſtimmung auf den Geſichtern ſämmtlicher Lakaien die ganze Treppe hinab. Doch hatte er nicht Zeit, ſich viel darum zu kümmern, denn er war beſchäftigt, mit einer ängſtlichen Haſt ſeine Einladungskarte hervorzuziehen, um ſie einem würdig ausſehenden Herrn in ſchwarzſeidener Kniehoſe, ſchwarzem Fracke und weißer Halsbinde zu präſentiren, der oben am Eingange des Zimmers ſtand. Dieſer wies die Karte lächelnd zurück und winkte dem jungen Manne einzutreten. Da aber Rüding das koſtbare Document vorher wieder ſorgfältig verwahrte, ſo hätte dies einen kleinen Aufenthalt gegeben, wenn die nachfolgende Menge der Gäſte wie eine unaufhaltſame Woge Rüding nicht vorwärts geſchoben und ihn faſt gewaltſam in das Vorzimmer gedrängt hätte. Um bei unſerem nicht ganz unrichtigen Bilde von der Woge zu bleiben, befand ſich der ſanfte Eduard hier ungefähr mit dem Gefühle eines Fiſches, der ſich hülflos auf den Sand geſchleudert ſieht und ängſtlich nach Waſſer ſchnappt. Da ſtand er nun, von dem Strome der haſtig Nachdrängenden ſeitwärts geſchoben, krampfhaft lächelnd, ſeinen zuſammengeklappten Hut in der Hand und rings um ſich ſchauend nach einem freund⸗ lichen Winke, einer rettenden Hand, die ihn mit gutem Rathe zurücklenkte auf die ſchlüpfrige Bahn, auf der ſich zu bewegen er nun einmal gezwungen war; aber er ſah wohl Menſchen und Augen, mitunter ſehr ſchöne Augen, doch keine freundlichen Blicke; es ſtrahlte an ihm vorüber in allen Farben, in Gold und Silber, in Spitzen und Brillanten; es plauderte und lachte, und doch fühlte er ſich hier werthlos, einſam, verlaſſen— unter Larven die einzig fühlende Bruſt. „Da iſt er ja,“ hörte Rüding endlich eine Stimme ſagen, und als er ſich bemühte, mit den Augen irgend einen Punkt zu Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten. 117 erfaſſen in dem Gewühle derer, die dem anderen Zimmer zu⸗ ſtrömten, da entdeckte er Rodenberg, der von dort lachend zurück⸗ kam, ihn unter die Arme faßte und vorwärts zog. „Wenn wir ſo langſam vorwärts machen,“ ſagte er,„ſo kommen wir vor Mitternacht nicht in den Hauptſalon— aber was haſt Du denn? Fehlt Dir etwas! Du ſiehſt ſo blaß aus!“ „Nein,“ gab der ſanfte Eduard mit einem erzwungenen Lächeln zur Antwort,„ich befinde mich kreuzfidel; ich hatte draußen nur ein wenig verweilt, um die Leute an mir vorüberziehen zu laſſen; man lernt immer etwas dabei.“ „Ja, ja, nun aber komm', dort iſt Walter, der ſchon un⸗ geduldig wird.“ „Wird der Prinz ſchon im nächſten Zimmer ſein?“ fragte Rüding in recht beſcheidenem Tone. „Ich glaube nicht; erſt im zweiten oder dritten.“ „So, ſo, geh' nur voran, ich folge Dir.“ Damit traten ſie in ein glänzend erleuchtetes Vorzimmer mit einem Ueberfluſſe an reich möblirten Spiegeln, an Sitzgelegenheiten aller Art, an blühenden Pflanzen und Blumen. An der Ecke des mit Eleganz ausgeſtatteten Vorzimmers befand ſich nicht weit von der Thür der Adjutant des Prinzen, Major von Werdenberg, in einer glänzenden Dragoner⸗Uniform, ein un⸗ unterbrochenes Lächeln auf dem Geſichte, die freundlichſten Worte auf den Lippen, die Hände vergnügt reibend, die Sporen bei jeder Verbeugung klirrend zuſammenſchlagend, und das Alles ging in einem gewiſſen Tempo ſo außerordentlich paſſend zu den Worten, die er ſprach:„Auf Ehre, gnädige Frau, außerordentlich erfreut, Sie einmal wiederzuſehen— Ganz entzückt, mein Fräulein— Seine Hoheit der Prinz wird ganz enchantirt ſein— Ah, Herr Baron— Guten Abend, beſter Kammerjunker— vortrefflich gemacht, die neue Uniform— räuberhaft ſchön— Ah, gnädigſte Gräſfin, erlauben mir mit tiefſtem Reſpect mein Compliment zu 118 Siebenzehntes Kapitel. machen— darf ich mir erlauben, Sie zu Seiner Hoheit zu geleiten— Seine Hoheit werden ganz enchantirt ſein— Ah, bon soir, Baron, charmé de vous voir, déjà rétabli de la dernière course aux chevaux, je n'ai jamais rien vu de si beau.— Auf Ehre,“ wandte er ſich an einen nachfolgenden Officier,„es war ein ſuperbes Rennen— trichinenhaft— Ah, Herr von Roden⸗ berg— unſer vortrefflicher wilder Jäger von neulich. Ich kann Sie verſichern, ein fabelhaft unvergleichliches Feſt; ich werde es in meinem ganzen Leben nicht vergeſſen— wahrhaft räuberhaft ſchön!“ „Darf ich mir erlauben, Herr Major, Ihnen den Herrn Maler Walter und Herrn Maler Rüding vorzuſtellen?“ „Entzückt, Ihre Bekanntſchaft zu erneuern— vortreffliche Rolle gehabt in Ihrem wunderbaren Feſte und ausgezeichnet durch⸗ geführt.— Herr Walter machte, wenn ich nicht irre,“ fuhr Major von Werdenberg, die Hand an die Stirn legend, fort,„den— 3 den— den...“ „Den Drachen Griesgram, Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter.“ „Ah, richtig, den Drachen Griesgram, vortrefflich gemacht; Seine Hoheit war ganz entzückt.“ „Und der Herr Major werden ſich gewiß hier des Herrn Malers Rüding noch als Cupido erinnern?“ „Wie könnte man eine ſo unvergleichliche Leiſtung vergeſſen— ganz Cupido— jeder Zoll Liebesgott— die Damen,“ ſetzte er ſchalkhaft lächelnd hinzu,„ſollen viel darunter zu leiden gehabt haben!“ Rüding fühlte ſich durch dieſes Lob geſchmeichelt, beruhigt, 2 etwas ſicherer gemacht, und er athmete in der nächſten Secunde— weniger krampfhaft und weniger tief. Neben dem Major von Werdenberg ſtand ein junger Mann in ſchwarzem Fracke, der ſehr vornehm aber auch ſehr gelangweilt ausſah; er trug das Commandeurkreuz irgend eines Ordens um K den Hals, ſtocherte ſich häufig zwiſchen den Zähnen, wenn gerade Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten. 119 keine Dame vorüberging, und ſtarrte, ohne irgend ein Intereſſe zu verrathen, gerade aus, wenn er nicht hinter der vorgehaltenen Hand gähnte. „Es iſt ſchade, Baron Schleiden,“ wandte ſich der Major zu jenem Herrn,„daß Sie dem Künſtlerfeſte nicht beiwohnten. Dieſe drei Herren, Herr von Rodenberg, Herr Maler Walter und Herr Maler Rüding, als wilder Jäger, Drache, Griesgram und Cupido, waren wirklich ausgezeichnet.— Herr Baron von Schleiden,“ fuhr er mit einer Handbewegung gegen dieſen fort:„der Kammerherr Schleiden wird Veranlaſſung nehmen, die Herren dem Prinzen ſpäter vorzuſtellen.“ Der Kammerherr neigte ſeinen Kopf ein klein wenig, aber ſehr langſam, und ſtarrte gleich darauf wieder in irgend einen unbekannten Welttheil hinüber. Rüding hätte die höchſt angenehme und ſchmeichelhafte Con⸗ verſation mit dem freundlichen Adjutanten gewiß zu deſſen großer Unterhaltung gern noch lange fortgeſetzt. Doch ging Rodenberg raſch dem anderen Zimmer zu, worauf der ſanfte Eduard durch einen Ellenbogenſtoß Walters ermahnt wurde, ein Gleiches zu thun, was er nach unzähligen Verbeugungen, wobei der Claquehut wieder eine große Rolle ſpielte, that. Der Adjutant verbiß gewaltſam ſein Lachen, und ſelbſt der gelangweilte Kammerherr lächelte. „Gehen wir auch dorthin?“ fragte Rüding beſorgt, als ſie nun an den beiden offenen Flügelthüren zum erſten Salon ſtanden, wo der größte Theil der Gäſte nicht mehr durchſtrömte, ſondern rechts und links Poſto gefaßt hatte, beſonders die älteren Herren und Damen, erſtere in ſchwarzen Fräcken und hier und da mit Ordensbändern im Knopfloche. Auch gediente Militärs aller Grade waren hier und glänzende elegante Lieutenants von unvergleichlicher Tournure, ſporenklirrend, ſäbelraſſelnd, mit jungen und alten, ſtark decolletirten Damen lachend und plaudernd, tänzelten vorwärts 120 Siebenzehntes Kapitel. dem großen Saale zu, an deſſen Thür Seine Hoheit ſelbſt ſtand, mit eben ſo freundlicher und liebenswürdiger Miene, als die des Adjutanten draußen, und mit eben ſo charmanten, anerkennens⸗ werthen Worten ſeine Gäſte empfangend. Unter unzähligen Begrüßungen nach rechts und links, die ſich allenfalls für einen König geſchickt hätten, wenn er durch ſeine ſich tief verbeugenden Gäſte geſchritten wäre, gelangte der gute Rüding, dem etwas ſchwindelig zu Muthe war, auch in dieſen Vorſaal, aber nur bis in die Mitte desſelben; dort entdeckte ſein ängſtlich ſpähender Blick eine Lücke zwiſchen einem dicken Infanterie⸗Major und einem hageren Regierungsrathe, eine Lücke, gegen die er ſich mit der unwiderſtehlichſten Gewalt der Verzweiflung warf und glücklich durch dieſelbe hindurch in den Hintergrund drang, wo er mit einem unausſprechlichen Gefühle für den Augenblick Ruhe und Frieden fand, nichts mehr von dem nervenaufregenden Lichter⸗ glanze ſah und vor ſich nur die Rückſeite ſanfter ſchwarzer Fräcke hatte. Auch Walter wäre, ehrlich geſagt, gern dem Beiſpiele ſeines Collegen gefolgt, doch war ſein Auftreten zu würdevoll, um ſo gänzlich aus der Rolle zu fallen; innerlich aber fluchte er in Einem fort und nicht in den zarteſten Ausdrücken auf Rodenberg, der nie genug haben konnte und immer in erſter Reihe ſtehen mußte. Dieſer ſchritt auch in der That ſo unbefangen vorwärts, daß es eine Freude war, ihm zuzuſchauen; auch wechſelte er hie und da einen Händedruck und ein freundliches Wort, jetzt dicht vor der Thür des großen Saales mit einem beſonderen Freunde, dem Rittmeiſter von Strachwitz, der ihn lachend unter den Arm nahm und ſo mit ihm in den großen Sau⸗ vor den Prinzen hintrat. „Ah, unſer wilder Jäger,“ ſagte Seine Hoheit außerordentlich herablaſſend, wobei er dem jungen Manne ſogar mit einer gewiſſen Cordialität ſeine linke Hand darreichte—„ich freue mich ſehr, Sie zu ſehen! Haben Sie dem Künſtlerfeſte beigewohnt, Baron Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten. 121 Strachwitz? Sie müſſen zugeben, daß er der Glanzpunkt dieſes unvergeßlichen Feſtes war, einer der gelungenſten wilden Jäger, wie ſie nur eine glückliche Phantaſie erdenken konnte, und dabei von einem immenſen Glücke. Ja, ja, mein lieber Rodenberg,“ fuhr er mit ſchalkhaftem Lächeln und aufgehobenem Zeigefinger fort,„ich will Ihrem Verdienſte und Ihren perſönlichen Vorzügen durchaus nicht zu nahe treten, aber Glück gehört doch dazu, mein lieber Freund, Glück, ſehr viel Glück! Er hat ſie entdeckt, unſere ſchöne Unbekannte,“ flüſterte er hinter der vorgehaltenen Hand dem Rittmeiſter halblaut zu—„entdeckt— eingeführt— nein, entdeckt iſt das richtige Wort; denn als wir dieſe wunderbare Blume geſehen, zögerten wir nicht, uns derſelben mit ächtem Ritterſinn anzunehmen.“ „In dieſem Punkte ſind Eure Hoheit zu bekannt und gelten als leuchtendes Vorbild!“ ſagte der Rittmeiſter von Strachwitz mit tiefer Verbeugung. „Ach, mein lieber Baron,“ ſeufzte der Prinz,„Sie ſind zu gütig, von dieſen Dingen noch immer in der Gegenwart zu reden; es müßte heißen: galt, denn es war die vergangene Zeit!“ Er ſagte dies mit einer außerordentlichen Coquetterie und indem er den Oberkörper ſehr lebhaft, faſt energiſch auf ſeinen Hüften hin und her bewegte.„Ach ja, vergangene Zeit!“ Rodenberg hätte ſich gern zurückgezogen, das heißt, er wäre gern in den Saal weiter vorgeſchritten, um Anderen Platz zu machen, die nach einem Worte mit Seiner Hoheit ſchmachteten; doch ſo oft er zu einer tiefen Verbeugung anſetzte, um rückwärts davon zu gehen, faßte ihn der Prinz am Handgelenke und hielt ihn feſt, wobei derſelbe nicht nur in Einem fort weiter plauderte, ſoidern auch noch Zeit genug hatte, die an ihm vorüberſchreitenden Gäſte auf ſeine Art zu empfangen, indem er den Titel oder Namen mit oder ohne freundliche Handbewegung in ſeine Converſation einflocht. Hackländer's Werke. 53. Bd. 9 ——— ——— — ——— 122 Siebenzehntes Kapitel. „Beneidenswerther junger Mann, dieſer Rodenberg— habe ich Recht, Strachwitz?— Ah, guten Abend Baron— Künſtler zu ſein, alſo ein freier Mann— Enchanté de vous voir Madame la comtesse— und ein ſo junger Mann— jung wie wir beide, Baron— Herr Oberſt, ich freue mich, Sie bei mir zu ſehen—, ja, jünger als wir beide, leider Gottes— Guten Abend, Gräfin, wenn Sie ſpielen wollen, bitte ich, auf mich zu reflectiren.— Ich hoffe, ſie vergißt mich,“ flüſterte er dem jungen Künſtler zu, nach⸗ dem er der abgehenden Gräfin eine tiefe Verbeugung gemacht. „Und was macht die ſchöne Unbekannte?“ wandte er ſich ſpecieller an Rodenberg, wobei er einen Schritt zurücktrat und dadurch den Rittmeiſter von Strachwitz frei ließ, der ſich auch alsbald unter die Gäſte miſchte. „Leider weiß ich Euer Hoheit darüber gar nichts zu ſagen; ich ſah die allerdings für mich gänzlich Unbekannte ſeit jenem Tage nicht mehr.“ „Mais comment? Sie haben ſie in der That nicht wisber geſehen, ſeit Sie ſie an den Wagen begleitet?“ „Leider nein; überhaupt war mein Zuſammentreffen mit ihr nur ein rein zufälliges, nur ein Glück, wie Eure Hoheit vorhin ganz richtig bemerkten, das auch jeden Anderen hätte treffen können; ſie fand mich und erſuchte mich, ſie zu dem Lager zu begleiten, was ich allerdings mit großem Vergnügen gethan.“ „Alſo nicht wieder geſehen!“ meinte der Prinz, und ſein Lächeln bei dieſer Frage war kein unfreundliches. „Leider nein!“ „So ſollen Sie ſie heute Abend ſehen,“ flüſterte Seine Hoheit dem jungen Manne zu,„hier bei mir ſehen.“— Er rieb ſich ver⸗ gnügt die Hände und fuhr alsdann fort:„Ich freue mich wie ein Kind darauf. Unſere ſchöne Unbekannte iſt keine Unbekannte mehr, ſobald man ihren Namen weiß, eine große, berühmte Künſt⸗ lerin; unſere Damen hier werden Augen machen— Anen, und ——————— ÿ·—————— — ———;—— Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten. 123 nachher werden ſie entzückt ſein, deſſen bin ich ſicher.“— Er ſchaute auf die große Uhr und fuhr dann, als er die noch frühe Zeit bemerkte, gleichmüthig fort:„Sie kamen vorhin mit einem älteren Freunde, wo iſt er geblieben? ich ſah ihn noch nicht ein⸗ treten.“ Walter hatte ſich unter der Eingangsthür gehalten und dort mit einem bekannten Infanterie⸗Officier geplaudert. Rodenberg ſah ihn wohl und winkte ihm jetzt, näher zu treten. Walter folgte auch augenblicklich dieſem Winke und wurde dem Prinzen als Drache Griesgram vorgeſtellt, der ſich etwas den Fuß verletzt und ſich deßhalb erlaubt, mit ſeinem Stocke hieher zu kommen. Seine Hoheit war auch gegen ihn außerordentlich gnädig und erinnerte ſich mit Vergnügen ſeiner Leiſtungen bei dem Künſtlerfeſte. „Ah, meine liebe Freundin,“ ſprach jetzt der Prinz mit einem ſehr lebhaften Tone, indem er auf eine hohe und etwas ſtarke ältere Dame zuging, die jetzt in Begleitung ihres dem Aeußern nach noch viel unbedeutenderen Mannes hereingerauſcht kam, und ſtreckte ihr ſeine beiden Hände entgegen.„Ich bin in der That entzückt, daß Sie Ihre deliciöſe Villa verließen, um mich durch Ihren Beſuch heute Abend zu beglücken! Darf ich mir erlauben, meine theure Gräfin, Sie an den Theetiſch zu führen?“ Er bot ihr ſeinen Arm an, worauf ſie geſchmeichelt lächelte und den ihrigen einlegte. „Prinz, Sie ſind ein Schalk,“ ſagte ſie im Weiterſchreiten mit einer außerordentlichen Vertraulichkeit,„gewiß, ein Schalk, den ich durch und durch zu kennen das Glück habe, und weil ich Sie kenne, kam ich. Es iſt ein Opfer, an einem ſolch' ſchönen Anende die herrliche Natur zu verlaſſen und ſich in einen heißen Salon einzuſchließen; aber ich bin da, wie Sie ſehen.“ „Und ich küſſe Ihnen dafür die Hand.“ „Al ich kam nicht aus Freundſchaft für Sie, Prinz, bilden 124 Siebenzehntes Kapitel. Sie ſich das ja nicht ein, ich kam nur aus Neugierde, um zu ſehen, was es hier gäbe. „Wie ſo, theure Gräfin, aus Neugierde?“— Er ſragt⸗ dies anſcbeinend mit dem größten Erſtaunen. „Eure Hoheit befahlen uns zu einer ſo ganz ungewöhnlichen Jahreszeit zu einer Soirée— das muß einen Grund haben, und den zu erfahren, darf ich doch wohl neugierig ſein.“ „Sie ſind eine entſetzliche Frau,“ erwiederte der Prinz mit gut geſpieltem Schrecken;„ich hätte daran denken ſollen, daß man vor Ihnen keine zweifelhaften Schachzüge machen darf.“ „Und mich nicht einladen, dazu hätte ich Ihnen ſelber gerathen.“ „So iſt es alſo unmöglich, etwas vor Ihnen zu verheimlichen?“ „Unmöglich!“ „Armer Blendheim!“ Blendheim war der Name des kleinen, unbedeutenden Gatten dieſer majeſtätiſchen Frau, welche nun raſch ihren Fächer ausbreitete, um hinter demſelben dem Prinzen mit einem nicht zu beſchreiben⸗ den lebhaften Ausdrucke ihrer Augen zuzuflüſtern:„Wollen Sie denn niemals verſtändig werden?“ „Leider habe ich ſo wenig Anlage dazu.“ „So ſeien Sie wenigſtens ehrlich und laſſen Sie mich wiſſen, was dieſe Soirée bedeutet.“ „Haben Sie die Sängerin Signora Vizcarro gehört?“ „Von ihr gehört allerdings, aber ſie ſelbſt noch nicht.“ „Eine wunderbare Künſtlerin, jung wie ein Mädchen aus der Penſion, ſchön wie ein Engel, vornehm wie eine Prinzeſſin!“ „A— a—ah,“ ſagte die Gräfin lachend,„ich fange an, zu verſtehen!“ „Nein, nein, Eveline, ſo nicht, davon kann keine Rede ſein! Dieſes Mal bin ich ganz Kunſtenthuſiaſt und betrachte dieſes wunderbare Geſchöpf, wie man überhaupt ein Wunderwerk betrachtet. —,— Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten. 125 Sie wurde mir dringend empfohlen, wiſſen Sie, von oben herunter, doch machte ich mir nicht viel daraus, bis ich ſie ſelbſt kennen lernte, aber dann— war ich ganz hingeriſſen— er küßte begeiſtert die zuſammengelegten Fingerſpitzen ſeiner Hand—, ja, hingeriſſen wie nie!“ „Sie ſind unverbeſſerlich wie— wie— nun, wie ein Prinz!“ „Und nachdem ich ſo offenherzig war,“ fragte er in ſchmeicheln⸗ dem Tone,„ſind Sie mir böſe, daß ich Sie hergebeten?“ „Ganz und gar nicht, das kann recht pikant werden. Und wird Ihr Mädchen aus der Fremde, Ihr Engel, Ihre Prinzeſſin uns etwas ſingen?“ „Wenn Sie ſie darum erſuchen, gewiß, theure Gräfin!“ „Ich— wie käme ich dazu?“ „Ich darf mir doch erlauben,“ ſagte er mit einem faſt de⸗ müthigen Tone,„Ihnen meine kleine Protegée vorzuſtellen, eine in jeder Beziehung höchſt anſtändige junge Dame, die Tochter einer bekannten altadeligen ſpaniſchen Familie, eine Marquiſe de Mon⸗ terey?“ ſagte er in flüſterndem Tone.„Seien Sie ganz ruhig, Sie wiſſen, im Punkte des Bekanntmachens bin ich meinen Freunden gegenüber von einer rühmenswerthen Gewiſſenhaftigkeit— was nämlich Damen anbelangt,“ ſetzte er in leichterem Tone hinzu— „nicht wahr, ich darf Ihnen die Kleine vorſtellen?“ „Nun, wir wollen ſehen, wie ſie auftritt.“ „Ah, dann bin ich meiner Sache mehr als gewiß!“ „Man iſt für die Jahreszeit heute enorm zahlreich bei Ihnen,“ ſagte die Gräſin, nun an dem großen Theetiſche ſtehend, um den auf einem breiten Divan ſchon einige der vornehmen Damen ſaßen, die ſich aber in dieſem Augenblicke alle ehrfurchtsvoll grüßend eerrhoben hatten—„ſehr zahlreich; doch bemerke ich eine Menge ganz fremder Geſichter.“ „Aber mitunter hübſche, intereſſante Köpfe,“ erwiederte der Prinz;„es ſind meine jungen Künſtler von hier, die neulich das 126 Siebenzehntes Kapitel. prachtvolle Feſt arrangirten— ſchade, daß Sie nicht dabei waren! Darf ich Ihnen ſpäter einige derſelben vorſtellen?“ „Sie haben heute die Wuth des Vorſtellens.“ „Darf ich?“ fragte er mit einem bittenden Blicke. „Nun, meinetwegen!“ Nachdem der Prinz mit der Gräfin fortgegangen war, ſagte Walter, indem er ſich in die Bruſt warf und ſeinen weichen Hut etwas verwegen ſchwang:„Ich habe mir dieſe großen Geſellſchaften doch viel unangenehmer, viel peinlicher gedacht; ich fühle es gar nicht ſo ſchwer, mich hier zu bewegen— man muß nur natür⸗ lich ſein, gehen, wie man zu gehen gewohnt iſt, und plaudern, wie Einem der Schnabel gewachſen.“ „Ja, aber auch dieſe Natürlichkeit muß ihre Gränzen haben,“ verſetzte Nodenberg und fragte dann, in das Vorzimmer blickend: „Aber wo iſt Rüding geblieben? Laß uns den ſanften Eduard nicht aus den Augen verlieren, ich fürchte, er findet ſich ſchwerer als Du.“ „Ja, weil der Kerl nie natürlich iſt, nie einen geſcheiten Rath annimmt, immer groß thut, wenn auch gar nichts dahinter ſteckt. Dort ſehe ich ihn, wenigſtens eine ſeiner blonden Locken; ich will ihn heranſchleppen.“— Und damit machte ſich Walter ziemlich ungenirt Bahn durch die im Vorzimmer ſtehenden Herren, faßte Rüding am Handgelenke und zog ihn trotz deſſen Widerſtreben⸗ mit in den großen Saal. „Ich weiß nicht, was Du von mir willſt,“ ſagte Rüding in verdrießlichem Tone:„reißeſt mich da aus einer höchſt angenehmen Converſation hinweg. Man geht nicht in Soiréen, um ſich zu verkriechen oder ſtumm die Wände zu tapeziren, ſondern man ſucht mit geiſtreichen Leuten bekannt zu werden— was willſt Du denn eigentlich?“ „Rodenberg will Dich dem Prinzen vorſtellen, der ſchon mehrere Male angelegentlich nach Dir gefragt hat.“ „ Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten. 127 „So, er hat nach mir gefragt?“ erwiederte der ſanfte Eduard, wobei auf ſeinem blaſſen Geſichte ein ſtilles Lächeln blitzte. „Natürlich hat er nach Dir gefragt; er gibt ja dieſe Soirée einzig und allein uns Künſtlern zum Dank für unſer Feſt, bei dem Du eine ſo hervorragende Rolle geſpielt. Ich verſichere Dich, er iſt ganz begierig darauf, den kleinen ſchalkhaften Liebesgott wieder⸗ zuſehen— ſei nur nicht gar zu blöde!“ „Ich bin niemals blöde!“ erwiederte Rüding mit einiger Entrüſtung. Es war gerade ein günſtiger Moment für die beabſichtigte Vorſtellung, denn der Prinz kam ſoeben, ſich lächelnd die Hände reibend von dem Theetiſche zurück, wohin er die Gräfin begleitet. „Wer iſt das?“ fragte er Rodenberg, als er die kleine, auffallende Geſtalt mit dem blonden Lockenkopfe erblickte. „Einer meiner Bekannten, der Maler Rüding; er machte bei unſerem Feſte den Liebesgott.“ Der ſanfte Eduard, welcher ſah und hörte, daß von ihm die Rede war, hielt es für ſeine Pflicht, ſchon aus der Entfernung einen tiefen Bückling um den Anderen zu machen. „Schade, daß er nicht in Tricots gekommen iſt,“ ſagte der Prinz zu Rodenberg,„er hätte ſeine Rolle hier trefflich fortſpielen können.“— Dann trat er auf Rüding zu und freute ſich ſehr, den Mann in ſeinem Salon zu ſehen, der ſo viel zum ſchönen Ge⸗ lingen des Künſtlerfeſtes beigetragen. Rüding ſchnappte ein paar Mal wie nach Luft, dann ſagte er:„Euer Hoheit— ja, Euer Hoheit— dieſes Feſt, Euer Hoheit — hat, wie Euer Hoheit bemerkten, glücklicherweiſe die huldvolle Aufmerkſamkeit Euer Hoheit auf ſich gezogen— Euer Hoheit werden gewiß....“ Der Prinz nickte ſehr herablaſſend mit dem Kopfe und wandte ſich dann um, indem er jetzt mit einer etwas ernſteren Miene auf die große Uhr über dem Kamine blickte. 128 Siebenzehntes Kapitel. „Euer Hoheit werden gewiß— ja, gewiß werden Euer Hoheit,“ fuhr Rüding fort, die Luft anzureden— er war wie ein rollendes Rad, das gewaltſam feſtgehalten werden mußte, und dies beſorgte Walter, indem er ihn am Arme ſchüttelte und ihm zuflüſterte: „Es iſt genug— Du haſt Dich ganz vortrefflich aus der Affaire gezogen.“ „Euer Hoheit meinen?“ „Ja wohl, Seine Hoheit meinen und meine Hoheit meint auch, und nun wollen wir mit Deiner Hoheit Erlaubniß jenen betreßten Lakaien dort anhalten, der mit ſeinem Theebrette und ſeinem einladenden Backwerke Miene macht, an uns vorüber zu ſchreiten, komm', mein Sohn, Du ſollſt belohnt werden.“ „Ich glaube nicht, daß ich mich blamirt habe?“ „Nicht gerade, und wenn Du ſo fortmachſt, ſo werden ſich die Damen um die Gunſt reißen, mit Dir bekannt gemacht zu werden. So, jetzt nimm Deine Taſſe Thee— Du brauchſt aber dabei nicht den Löffel auf den Boden zu werfen— da haſt Du auch Zucker und etwas Backwerk— ja, lieber Junge, bei dieſer Gelegenheit könnte man ſechs Hände gebrauchen— ſo, nun komm' dort in die Ecke, damit wir dort unſern Raub verzehren.“ „Vortrefflicher Thee,“ ſagte Rüding,„aber ſchmeckt faſt wie Punſch.“ „Ich habe der Rumflaſche, welche dabei ſtand, vielleicht ein wenig zu ſtark zugeſprochen, aber es macht eine gute Wirkung, er⸗ wärmt das Eingeweide und hebt den Muth.“ „Kommen Sie,“ hatte während deſſen der Prinz zu Roden⸗ berg geſagt,„ich will Sie raſch einer Dame vorſtellen, welche nicht nur hier in der Geſellſchaft von außerordentlichem Gewichte, ſon⸗ dern ſelbſt bei den allerhöchſten Perſonen des Hofes von gutem Einfluſſe iſt, dabei eine liebenswürdige Frau, welche es gern hat, wenn junge, hübſche Leute ihr ein wenig den Hof machen— nun, Sie werden mich verſtehen, man muß immer vorwärts ſtreben, ——— —,— Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten. 129 junger Mann, und es gibt kein wahreres Sprüchwort als das: Jeder Menſch iſt ſeines Glückes Schmied.“ Damit hatte der Prinz, Rodenberg zur Seite, den Saal raſch durchſchritten, und erſterer ſagte zu der majeſtätiſchen Gräfin: „Erlauben Sie mir, Ihnen einen vortrefflichen Künſtler und char⸗ manten jungen Mann vorzuſtellen, Herr Rodenberg!“ Dann ſetzte er ſchalkhaft lächelnd hinzu:„Nehmen Sie ſich vor der Gräfin Blendheim in Acht, vor ihren Kenntniſſen, wollte ich ſagen; ihr Wiſſen, auch auf dem Gebiete der Kunſt iſt eben ſo umfaſſend als gediegen.“ Während er ſo ſprach, hatte er ein paar Mal raſche Blicke auf den Eingang des Saales geworfen und als er von dort ſeinen Adjutanten Werdenberg etwas eilig auf ſich zukommen ſah, verab⸗ ſchiedete er ſich und verſchwand mit ſeinem Adjutanten im Vor⸗ zimmer. Bei der raſchen Aufeinanderfolge der eben beſchriebenen kleinen Ereigniſſe dieſer Soirée haben wir noch nicht Zeit gefunden, uns nach anderen Bekannten umzuſchauen, wie es doch unſere Pflicht geweſen wäre, und müſſen uns nun beeilen, das Verſäumte nach⸗ zuholen. Roderich war mit Lytton hieher gefahren, und zwar, um vor den Leuten den Anſtand zu bewahren und nicht wieder zu einem Gerede Veranlaſſung zu geben, dicht hinter dem Wagen, in dem ſeine Frau mit ihrem Begleiter ſaß, ſo daß alle Vier zu gleicher Zeit das Geſellſchaftszimmer betraten. 3 Nach verſchiedenen Begrüßungen mit anderen Familien aus der Stadt, ſowie mit Freunden und Kunſtgenoſſen Roderich's nahm Frau Hildegard den erſten Augenblick wahr, um nach allen Regeln der Höflichkeit, aber mit einer eiſigen Kälte ihren Vetter, den Freiherrn Schenk von Schenkenberg, mit ihrem Manne bekannt zu machen. 4 Der Kammerjunker befand ſich in einer untadelhaften Toilette, 130 Siebenzehntes Kapitel. von den lackirten Stiefeln an bis zur blendend weißen Halsbinde, über welcher ein Geſicht mit einer außerordentlich wichtigen Miene erſchien. Ja, dieſe Miene war von einer ſolchen Wichtigkeit, daß jeder, der ſie anſchaute, auf den Gedanken kommen mußte, der Freiherr Schenk von Schenkenberg werde ihn in dem nächſten Augenblicke auf die Seite nehmen, um ihm irgend ein unge⸗ heures Ereigniß mitzutheilen, oder er werde, ſobald er den Mund öffne, eine politiſche Neuigkeit von unermeßlicher Trag⸗ weite verkünden. Von allem dem aber geſchah gar nichts und der Kammerjunker war trotz ſeiner impoſanten Miene ein gewöhn⸗ licher Menſch, wie viele andere gewöhnliche Menſchen, der nur die außerordentliche Klugheit hatte, ſich durch häufiges Schweigen aus⸗ zuzeichnen und ſich ſo das Anſehen gab, als denke er über das eben verhandelte Geſprächsthema nach. Dabei hatte er ein voll⸗ kommen glatt rafirtes, nicht gerade unſchönes Geſicht, dem aber leider die allzu große Entfernung der Naſenſpitze vom Munde etwas Nichtsſagendes, ja, Albernes gab. „Es hat mir ſehr leid gethan,“ ſagte Roderich,„nicht zu Hauſe geweſen zu ſein, als Sie mir die Ehre Ihres Beſuches zuge⸗ dacht; doch bin ich in der Regel Vormittags auf meinem Atelier und würde mich recht freuen, Sie dort einmal bei mir zu ſehen.“ Der Kammerjunker blickte ihn hierauf mit einer Miene an, als nehme er Veranlaſſung, in dieſem Augenblicke ſich ſehr gediegen über Ateliers im Allgemeinen auszulaſſen; doch begnügte er ſich, nach einer ſehr langen Pauſe zu ſagen:„Ebenfalls aufrichtig be⸗ dauert und wünſche in der That, Zeit zu finden, ein ſo berühmtes Atelier zu beſuchen— wünſche es in der That.“ Darauf wandte er das Geſicht gegen Frau Hildegard und ſagte zu ihr:„Schöne Räume hier— brillant, faſt ſo ſchön, wie bei uns in der Reſidenz — auch iſt viel gute Geſellſchaft da, wie mir ſcheint.“ Frau Hildegard zuckte die Achſeln und erwiederte:„Für ge⸗ wöhnlich hält es ſehr ſchwer, Zutritt zu den Geſellſchaften Seiner Hoheit —— — Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten. 131 zu erhalten, heute aber ſehe ich eine Menge, wenn auch nicht un⸗ bekannter, doch nicht hieher gehörender Geſichter. Seine Hoheit haben ſich neulich bei dem Künſtlerfeſte amuſirt und nun zur Revanche die Künſtler, bis ziemlich tief hinab, eingeladen. Haben unbedeu⸗ tendere Künſtler auch bei Euch in den recherchirten Häuſern Zutritt?“ „Es gibt einige aus der Geſellſchaft, die eine Art Liberalität darin ſuchen, auch dergleichen einzuladen und wie ihres Gleichen zu behandeln; aber man kennt ſie und geht auch mit dem Ge⸗ danken hin, dort ein ſehr gemiſchtes Publikum zu finden. In an⸗ dern Häuſern von echtem, gutem Tone, wo man zuweilen nicht umhin kann, zum Amuſement der Geſellſchaft Künſtler und Künſt⸗ lerinnen einzuladen, verſteht man es dagegen, die gehörige Unter⸗ ſcheidung zu machen, und dort iſt man nicht dem ausgeſetzt, mit einem primo tenore oder einem basso assoluto im gleichen Zimmer ſoupiren zu müſſen. Ich kann mich nun einmal nicht ſo weit herablaſſen, um es begreiflich zu finden, wie man ſich in ſo intimem Umgange mit dieſen Leuten wohl fühlen kann— nun, ja, ſie machen vielleicht hübſche Sachen, dafür bezahlen wir ſie, ohne nöthig zu haben, ſie deßhalb in unſere Intimität zu ziehen. Am Ende könnte man noch verlangen, ich ſoll meinem Schneider und meinem Schuſter ebenfalls eine Einladung zuſchicken— auch Künſtler in ihrem Fache.“ „Dieſe Worte hätten mich vor Jahren verletzt,“ entgegnete Frau Hildegard,„heute thun ſie mir wohl— o, ich fühle, wie ſehr Du Recht haſt— vergeblicher Wahn, dieſe Leute zu uns heraufziehen zu können; wollen wir mit ihnen leben, ſo müſſen wir zu ihrer Sphäre hinabſteigen!“ „Pfui, ich haſſe alles Hinabſteigen! Kannſt Du mich ſpäter mit einigen diſtinguirten Familien bekannt machen oder ſoll ich mich an den Adjutanten Seiner Hoheit wenden?“ „Das iſt unnöthig, ich habe viele Bekannte hier und Du brauchſt mir nur Deine Wünſche zu ſagen!“ 132 Siebenzehntes Kapitel. „Wer iſt jene große und immer noch ſchöne Frau, ſie ſaß vorhin an dem Theetiſche und macht nun einen freundlichen Cercle? Ein recht vornehmes Aeußeres, ich meine, ich hätte ſie ſchon bei uns geſehen.“ „Es iſt die Gräfin Blendheim, die Frau des Regierungs⸗ Präſidenten, einſtens— die genaue Freundin Seiner Hoheit.“ „Ah, ich begreife das— ein ſehr diſtinguirtes Aeußeres. Du kannſt mich nachher mit ihr bekannt machen.“ „Mit Vergnügen.“ „Und wer iſt der junge Mann, der neben ihr ſteht? Sie lacht in Einem ſort mit ihm und ſtellt ihn all' den jungen Damen vor — vielleicht ihr Sohn oder Verwandter ihres Hauſes?“ „O nein, ſehr im Gegentheil, es iſt dies Herr Rodenberg, ein kleiner, unbedeutender Maler.“ „Nun ſieh' einmal an, Couſine,“ ſagte der Kammerjunker im Tone der Entrüſtung, indem er ſeine Hände mit dem Ausdrucke des Erſtaunens zuſammengelegt an ſeinen Leib drückte—„ſoll man ſich über ſo etwas nicht ärgern— ſieht das nicht aus wie aus einem guten Hauſe und iſt doch nur ein ganz gewöhnlicher Menſch, und mit welcher Freiheit das lacht und plaudert und ſich vor die Damen hinſtellt— laß es nur ſein mit der Präſentation bei der Gräfin Blendheim, es kann doch keine feine Frau ſein— o, die Provinz, die Provinz, hier verflachen doch ſo leicht die recherchirteſten Tournuren!“ 3 Olfers hatte ſich mit Lytton zurückgezogen und letzterer ſagte: „Dieſer Kammerjunker hat ein höchſt naſeweiſes und dabei dummes Geſicht. Haſt Du wohl bemerkt, wie er Dich von oben herunter mit halbgeſchloſſenen Augen betrachtete? So ein Kerl, der doch auf unſeres Herrgotts weiter Welt nichts iſt, als daß vielleicht ſein Urahn auf irgend einer Landſtraße tüchtig drein geſchlagen und geplündert hat, oder daß auch vielleicht ſein Urgroßvater ein braver Mann geweſen iſt. Und was ſich dieſes Volk heute noch auf ſeinen ——„» .— Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten. 133 erbärmlichen Adel einbildet! Doch iſt es begreiflich, der junge Herr Baron hört ſich ſchon in der Wiege ſo nennen und lernt ja als Bube, daß alles Andere Nebenſache iſt. Da lob' ich mir doch wieder einmal unſere engliſche Inſtitution, wo der Sohn des Her⸗ zogs von ſo und ſo, der einfache Miſter, gar nichts iſt und ſich ohne alle Titel, ohne einen beſonders bevorzugten Stand Jahre lang herumtummeln muß und das Leben unter dem rechten Ge⸗ ſichtspunkte anſehen lernt, ehe er ſich unter der Grafenkrone zur Ruhe ſetzt.“ Roderich hatte, offenbar zerſtreut, nur mit halbem Ohre zu⸗ gehört und antwortete jetzt:„O, ich kenne ſie, Deine Ausfälle ge⸗ gen unſern Adel, wenn Du ihn mit dem Eurigen vergleichſt: doch biſt Du Partei und parteiiſch— dann werde ich wohl auch noch einmal das Glück haben, Dich als Lord ſo und ſo anzureden?“ „Schwerlich,“ lachte der Andere;„meine älteren Brüder ſind von einer vortrefflichen Conſtitution, und wenn dem trotzdem wirk⸗ lich ſo wäre, ſo mußt Du doch geſtehen, daß ich lange Zeit als ein Vollblutbürgerlicher gelebt.“ „Und als vortrefflicher Kamerad,“ ſagte Roderich, indem er ihm die Hand reichte.„Doch von etwas Anderem, das mich be⸗ ſchäftigt. Erinnerſt Du Dich genau der Worte, die der Prinz zu uns ſprach, als wir in den Saal traten?“ „Ich glaube, ja; er ſagte, er ſei ſehr erfreut, Dich zu ſehen, und glaube, ſich für das ſchöne Künſtlerfeſt in jeder Beziehung revanchiren zu können.“ 3 „Ja, ja, in jeder Beziehung revanchiren zu können— ſo ſprach er. Ich wollte nur wiſſen, ob ich ihn recht verſtanden. Was hat er wohl mit dem Ausdrucke iin jeder Beziehung’ gemeint 2* „Glaubſt Du denn, ein hoher Herr nehme ſich die Mühe, jedem ſeiner Worte einen tieferen Sinn unterzulegen?“ „Nein, das glaube ich nicht; aber im vorliegenden Falle ſagte das der Prinz nicht ohne Abſicht.“ Siebenzehntes Kapitel. 134 „Wenn Du Recht hätteſt,“ ſprach Lytton haſtig und mit Einem Male die Idee ſeines Freundes erfaſſend,„wenn er die ſchöne wilde Jägerin eingeladen hätte!“ „Conchitta?“ „Ja, und wenn ſie die Einladung angenommen hätte— o, ſie ſcheint ſich zu emancipiren!“ „Ich ſehe immer noch die Augen des Prinzen vor Entzückung leuchten, als er mit ihr ſprach.“ „Seine Hoheit ſind ein Kenner und wiſſen auch ſchöne Blü⸗ then im Verborgenen aufzufinden— ich glaube wahrhaftig, Du haſt Recht!“ „Ob ich Recht habe, ſchau dorthin!“ Ddie letzteren Worte hatte er lauter ausgeſprochen, als man gewöhnlich in einem Saale zu ſprechen pflegt, ja, ſo laut, daß ſie deutlich an das Ohr Hildegards ſchlugen, welche triumphirend lächelte, als ſie bemerkte, wie er ſeinen Freund ungeduldig bei Seite ſchob und, einen Schritt vortretend, nach dem Eingange des Saales ſtarrte. XVIII. „Auf Flügeln des Geſangs.“ Am Eingange des Saales erſchien Prinz Heinrich an der Seite zweier jungen Damen, ſo angelegentlich mit ihnen plaudernd und lachend, ſo voll Courtoiſie in jeder Bewegung und dabei ſo leuchtende Blicke um ſich her werfend, welche zu ſagen ſchienen: „Ja, ſchaut nur Alle hieher, ich zeige Euch etwas außergewöhnlich Reizendes!“ daß dies alles gewiß die beabſichtigte Wirkung nicht verfehlte und es kein Auge in dem großen, weiten Saale gab, das ſich nicht mit Erſtaunen oder Vergnügen gegen die Kommenden richtete. Ja, es waren zwei junge Damen, auffallend ſchön und dabei von einer Aehnlichkeit, daß es keinem Zweifel unterliegen konnte, man habe Schweſtern vor ſich— nur um einen Gedanken war die eine größer und ſchlanker, als die andere. uUnd wie ſie dahin⸗ ſchritten, mit einer Leichtigkeit, mit einer Grazie in allen Be⸗ wegungen, ſo gänzlich ungenirt, obgleich Hunderte von Augen ſich prüfend gegen ſie wandten! 3 „Conchitta!“ ſagte Roderich—„und wer iſt denn die Andere?“ „Nun, ohne Zweifel unſere wilde Jägerin— das Räthſel iſt gelöst.“ 136 Achtzehntes Kapitel. „Ja, es iſt gelöst,“ flüſterte Roderich mit einem leuchtenden Blicke ſeinem Freunde zu. 6 Selbſt der Kammerjunker war von der eben ſo lieblichen als vornehmen Erſcheinung der beiden Schweſtern entzückt und eben im Begriffe, ſich über ſie bei ſeiner Couſine zu erkundigen, als er an deren feſt zuſammengekniffenen Lippen ſo wie an dem eigenthüm⸗ lichen, ſtechenden Glanze der Augen mit dem ſie auf die Ankommen⸗ den blickte, deutlich ſah, daß es mit dieſen beiden jungen Damen eine ganz beſondere Bewandtniß haben müſſe, weßhalb er ſich be⸗ gnügte, zu ſagen:„In der That, nicht übel!“ „Nicht übel? Sage lieber: auffallend ſchön— entſetzlich ſchön — verführeriſch ſchön! Wer begreift ſolche Naturſpiele? Dieſe blendende Außenſeite...“ „A— a— a—ah, ſo!“ „Künſtlerinnen!“ ſagte Frau Hildgard mit einer Langſamkeit, welche deutlich bewies, wie ſchwer es ihr wurde, dieſes Wort aus⸗ zuſprechen—„die eine nennt ſich eine Malerin— welche edle Kunſt die andere betreibt, weiß ich nicht— möglich, daß ſie auf dem Seile glänzt oder auf dem Pferde!“ „Mir ſcheint,“ erwiederte der Kammerjunker,„daß ich hier in eine ganz beſondere Geſellſchaft gerathen bin— werden wir lange bleiben?“ „Nein, nein, ich gewiß nicht— Du amuſirſt Dich vielleicht ſpäter noch ganz außerordentlich!—“ Es war ein förmlicher Triumphzug, den der Prinz mit den beiden jungen Damen durch den Saal machte; ihm hatten ſich der Kammerherr Baron Schleiden ſo wie ein paar jüngere Offiziere angeſchloſſen. Dieſen folgte der Major von Werdenberg, welcher ſich angelegentlich mit dem älteren Begleiter Juanita's, den wir neulich kennen gelernt, unterhielt. Don Joſe, mit ſeiner Gravität und Würde, hatte vollkommen das Anſehen eines ſehr vornehmen Herrn, wozu auch wohl der Auf Flügeln des Geſangs. 137 Stern des Alcantara⸗Ordens beitrug, der ihm von der Bruſt leuchtete. Der Prinz brachte ſeine neuen Gäſte direct zur Gräfin Blend⸗ heim, und alle Welt war geſpannt, zu ſehen, wie dieſe als ſehr vornehm bekannie Dame dieſelben aufnehmen würde; doch nahm ſie die Vorſtellung mit einer ſo außerordentlichen Güte, ja, mit einer Herzlichkeit entgegen, welche manche ſcrupulöſe alte Dame und manche für ihren Ruf ſehr beſorgte adelige junge Frau offen⸗ bar beruhigte. Denn mochten die Fremden ſein, wer ſie wollten, der Prinz hatte ſie ja Höchſtſelbſt vorgeſtellt und Gräfin Blendheim hatte ihnen nicht nur die Hand gereicht, ſondern hatte ſie auch zur Rechten und zur Linken neben ſich Platz nehmen laſſen. Es wäre uns unmöglich, die gränzenloſe Ueberraſchung und das Erſtaunen Rodenberg's zu ſchildern, der ſich noch immer in dem Kreiſe befand, den die Gräfin um ſich gebildet, und welcher den beiden jungen Damen mit einem Blicke außerordentlicher Ver⸗ wunderung entgegenſchaute. Conchitta war ſchweigſam wie gewöhnlich, wogegen Juanita mit einer liebenswürdigen Ungezwungenheit plauderte, Antwort gab, Fragen ſtellte und für jede Dame, mit der ſie bekannt ge⸗ macht wurde, ſo wie für jeden Herrn, den man ihr vorſtellte, ein ungezwungenes, freundliches Wort hatte; begreiflicher Weiſe wurde ihr auch Rodenberg's Name genannt, und zwar durch den Prinzen ſelbſt, welcher lächelnd hinzuſetzte:„Einer Ihrer Bekannten!“ Der junge Mann bebte förmlich, als nun ihr dunkler, glän⸗ zender Blick feſt auf ihn fiel und als ſie nun vollkommen ruhig, ohne irgend welche Bewegung zu verrathen, ſagte:„Ah, ich erinnere mich, Herrn Rodenberg ſchon geſehen zu haben!“— Wie hatte er gehofft, geglaubt, wenigſtens im Ausdrucke ihres Auges irgend eine Wärme, eine Herzlichkeit zu leſen— vergebens!— Sie ſchaute ihn an, wie ſie auch die Uebrigen anſchaute, und ließ in der nächſten Secunde ihren Blick ben ſo freundlich, aber auch eben ſo gleich⸗ Hackländer's Werke. 53. Bd. 10 138 Achtzehntes Kapitel. gültig auf ſeinen Nachbar, einen jungen Officier, gleiten, der ihr alsdann vorgeſtellt wurde. Rodenberg zog ſich nun aus dem Kreiſe der Damen, in dem die beiden Schweſtern glänzten, langſam zurück; er hätte um Alles in der Welt keinem zweiten Blicke, dem erſten ähnlich, begegnen mögen. Es durchfröſtelte ihn förmlich und er ſprach zu ſich ſelber: ‚Ja, ſie iſt nicht von dieſer Welt, aber ſie iſt wahrlich ein böſer Geiſt, gekommen, um Einem das Herz aus der Bruſt zu ſtehlen und uns dann durch Kälte und Gleichgültigkeit zu verderben.“ Er für ſeine Perſon hatte ihre Schweſter Conchitta durchaus nicht beachtet; hatte er doch nur Augen für die Andere, deßhalb fuhr er auch ſtaunend aus ſeinen Träumereien, als er Roderich's Stimme vernahm, der ihm ſagte: „Nun, lieber Rodenberg, welches iſt Ihre ſchöne Waldbe⸗ kanntſchaft?“ „Ah,“ gab der junge Mann nach einem tiefen Athemzuge zur Antwort,„ich ſprach mit Ihnen darüber— ja, ganz richtig, ich erzählte Ihnen mein kleines Abenteuer!“ „Nun denn, welcher der beiden Schweſtern waren Sie ſo glücklich, zu begegnen?“ „Der beiden Schweſtern? Ah, richtig, es ſind zwei Schweſtern, und von ihnen ſah ich jene, die ſo lebhaft ſpricht und dabei ſo kalt und gleichgültig blickt!“ „Von Letzterem kann ich nichts gewahr werden— alſo war es nicht Conchitta, unſere liebenswürdige Malerin, für die Sie ge⸗ ſchwärmt? Denn Conchitta iſt die, welche neben der anderen ſo ſtill und gedankenvoll ſitzt.“ „Nein, es war nicht Conchitta, es war Juanita, ſo iſt ihr Name.“ „Aber— verzeihen Sie mir noch eine Frage, lieber Freund— das Skizzenbuch Conchitta's war es doch, das ich auf Ihrem Zimmer ſah?“ —————BB—FO:—:OUB—Bñ—— Auf Flügeln des Geſangs. 139 „Allerdings— o, jetzt erinnere ich mich, ja, ja, das Skizzen⸗ buch— es muß das der Anderen ſein, und ich behielt es, be⸗ wahrte es wie ein Heiligthum, weil ich die Eine für die Andere hielt, oder die Andere für die Eine, oder weil ich glaubte, es gäbe überhaupt nur eine Einzige— das hat mich ganz verwirrt gemacht— ſagen Sie mir aufrichtig, lieber Freund, ſind Sie über⸗ zeugt, daß das in der That zwei Schweſtern oder zwei Weſen ſind — ſollte es nicht bloß eine Einzige ſein, die es in ihrer Macht hat, ſich zu verdoppeln, wenn ſie will?“ „Aehnlich genug ſehen ſie ſich allerdings, und ich finde es be⸗ greiflich, daß wir uns neulich unter dem Einfluſſe der fremdartigen Tracht täuſchen konnten— nicht wahr, Lytton?“ „Gewiß, gewiß,“ erwiederte dieſer,„und man muß auch jetzt noch förmlich anfangen, ſie Zug um Zug zu vergleichen, um große Verſchiedenheit zu entdecken.“ Und darin hatte er Recht; wenn Juanita einen Augenblick ſtill ſaß und ſchwieg und Conchitta ſprach, ſo daß ſich ihre Züge belebten und dann ihr weit geöffnetes Auge blitzte, ſo konnte man zweifelhaft ſein.. Die gleiche Bemerkung machten alle, welche die beiden Schwe⸗ ſtern anſtaunten, und eben ſo war man rings in dem großen Saale, die Damen nicht ausgenommen, der gleichen Anſicht, daß die bei⸗ den Fremden von einer außerordentlichen und höchſt angenehmen Schönheit ſeien. „Und wie geſchmackvoll ihre Toiletten ſind,“ ſagte eine alte Generalin, welche für ihre Perſon über allen Neid erhaben war und auch keine Tochter mehr zu verheirathen hatte—„ja, in der That einfach und elegant!“ Und das mußte wahr ſein; die Toiletten Beider waren von einer ausgeſuchten, man hätte ſagen können, von einer herausfordern⸗ den Einfachheit und eben dadurch hervorleuchtend neben den reichſten Anzügen. Achtzehntes Kapitel. Juanita trug ein Kleid von matter Seide, jonquillefarbig, deſſen Ausputz aus kleinen Epauletten in Ponceau⸗Sammt und ein⸗ facher Verſchnürung ſo wie aus unzähligen Knöpfchen beſtand; an den Aermeln und der feinen Taille ſah man dieſe Schnüre zu Zeichnungen zuſammengeſtellt, welche dem Ganzen den Charakter eines ſpaniſchen Coſtumes gaben. Dazu hatte ſie auf ihrem vollen Haare einen kleinen ſchwarzen Spitzenſchleier, der auf beiden Seiten mit dunkelglühenden Granatblüthen aufgeſteckt war. Als einzigen Schmuck trug ſie ein Halsband von Perlen, deren ſchöne Farbe, Stärke und Gleichheit Kenner und Kennerinnen entzückte. Conchitta hatte eine Robe von weißer Seide an, deren einziger Ausputz hier und da aus kleinen Schleifen von gleicher Farbe, deren Enden glänzende filberne Stiftchen hatten, beſtand. Durch ihr ſchwarzes Haar waren ein paar weiße Roſen geſchlungen, und das einzige Farbige an ihrer ganzen Erſcheinung war eine Korallen⸗ ſchnur um ihren blendenden Hals. Der Prinz hatte außerordentlich klug manövrirt, als er die beiden Damen ſogleich unter die Aegide der Gräfin Blendheim ſtellte, und dieſe war freundlich genug, den beiden Schweſtern ihren mächtigen Schutz in der ausgiebigſten Art angedeihen zu laſſen. Sie brachte dieſelben nicht nur mit ihren älteren Bekannten aufs zuvorkommendſte zuſammen, ſondern ſie ſorgte auch für einen Kreis jüngerer Damen, die ſie bereitwilligſt in ihre Mitte nahmen, und animirte junge, ſchüchterne Lieutenants und verſchämte Aſſeſſoren, ſich dieſen ausgezeichneten Fremden vorſtellen zu laſſen. Und dies Alles that ſie mit dem beſten Erfolge; denn Jeder⸗ mann war entzückt von Juanita und Conchitta. Daß Beide Künſtlerinnen waren, hatte die Gräfin ebenfalls eifrigſt verbreitet und dabei gerade ſo gethan, als wenn es nicht geradezu im Bereiche der Unmöglichkeit läge, daß Juanita vielleicht bewogen werden könnte, ein Lied zu ſingen, und hegte doch auch Seine Hoheit ähnliche Gedanken, denn nicht umſonſt befand ſich ein Auf Flügeln des Geſangs. 141 prachtvoller Flügel in einer Ecke des großen Saales, und nicht um⸗ ſonſt langweilte ſich im Vorzimmer ein blaſſer junger Mann, der, mit allen möglichen Muſikalien verſehen, für alle Fälle hieher be⸗ ſchieden worden war und der ſich ſo beſcheiden draußen in einer dunklen Ecke hielt, daß ſelbſt der Kammerjunker Freiherr Schenk von Schenkenberg ſeine Freude daran gehabt hätte. Einige der keckſten jungen Damen aus der Geſellſchaft hatten gegen Juanita ſchon Anſpielungen gewagt, welche dieſe aber freund⸗ lich lächelnd parirte und ihnen beſcheiden verſicherte, ſo gänzlich un⸗ vorbereitet in einer ſo glänzenden Geſellſchaft unmöglich ſingen zu können. Vergeblich hatten ein paar der kühnſten Officiere hoch und theuer verſichert, ſchon ſo oft ihren berühmten Namen gehört zu haben, daß ihre Sehnſucht, die gefeierte Künſtlerin endlich ein⸗ mal zu hören, geſtillt werden müſſe, wenn man nicht Schrecklichem entgegenſehen wolle— vergeblich. Juanita hatte dazu gelächelt und ihnen verſichert, in ihrem, der Officiere, eigenem Intereſſe und um ſie vor einer argen Enttäuſchung zu bewahren, müſſe ſie ihnen ihren Wunſch abſchlagen. Da erſchien Seine Hoheit ſelbſt und trug ihr im Namen der Gräfin Blendheim ſo wie in ſeinem eigenen die gleiche Bitte vor. Juanita verneigte ſich mit einer zuſtimmenden Geberde, und wie ein Lauffeuer lief es durch den Saal: ‚Sie wird ſingen!’ „Sie wird ſingen!“ flüſterten ſich ein paar ältere Damen, deren Töchter ebenfalls ſangen, mit ſehr bezeichnenden Geberden zu. „Sie wird ſingen!“ ſprachen geſetzte Herren, indem ſie hin⸗ zufügten:„Nun, wir wollen ſehen, ob ſie ihren großen Ruf rechtfertigt!“ „Sie wird ſingen!“ ſeufzte Rodenberg und fühlte, wie ſich ſein Herz ängſtlich zuſammenzog. Oh, er hätte ſich etwas von dem Wachſe gewünſcht, mit dem Odyſſeus, der göttliche Dulder, das Ohr ſeiner Gefährten verſtopfte, um ſie nicht untergehen zu laſſen durch den Geſang der Sirenen. 142 Achtzehntes Kapitel. „Sie wird ſingen!“ riefen enthuſiaſtiſche junge Leute, indem ſie ſchon im Voraus begeiſtert gen Himmel blickten und gewiß den jungen Damen ſo gegenüber ſtellten, daß es ihnen möglich war, bei dem zu Herzen gehenden Geſange ihre Blicke mit den Tönen in Einklang zu bringen und ſo ihre betreffenden Gefühle kund zu thun. „Sie wird ſingen!“ ſagte der Kammerjunker Freiherr von Schenkenberg zu Frau Hildegard—„ich finde das ſehr principiel!“ „Natürlich wird ſie ſingen!“ erwiederte die Frau des Malers etwas zerſtreut, denn ſie ſchaute in dieſem Augenblicke auf Roderich, der ſich Conchitta langſam näherte, welche nun beinahe allein auf dem Platze ſaß, wo ſich noch ſo eben der glänzende Kreis von Damen und Herren um ihre Schweſter bewegt. Der Adjutant von Werdenberg hatte einigen Lakaien gewinkt, den Flügel aus der Ecke des Saales herbeizurollen; doch ſtürzte im gleichen Momente ein Dutzend junger Leute in ſolcher Haſt auf das Inſtrument los, daß ſie auf dem glatten Parquet des Saales wie auf dem Eiſe förmlich dahinſchliffen. Keiner wollte der Letzte ſein und alle umringten den Flügel und ſchoben ihn mit einer unglaublichen Geſchwindigkeit in die Mitte des Saales. Es war dies eine Huldigung, die einige Aehnlichkeit hatte mit dem Ausſpannen der Pferde vor dem Wagen einer großen Künſtlerin. Wir können hier nicht verhehlen, daß der Kammerjunker Frei⸗ herr von Schenk ſehr bedeutſam und entſchieden mmißbilligend ſeinen Kopf ſchüttelte. Auch der beſcheiden ausſehende junge Mann aus dem Neben⸗ zimmer mit ſeinen Muſikalien war herbeigeholt worden und der Sängerin vorgeſtellt, welche ſcheinbar auf eine höchſt komiſche Weiſe erſchrack, als ſie dieſe unglaubliche Menge von Notenpapier erblickte. Doch hatte ſie ſich bald mit demſelben verſtändigt, worauf er ſich an das Inſtrument ſetzte, eines der Notenhefte herauszog und es Auf Flügeln des Geſangs. 143 Juanita überreichte. Nachdem ſie es flüchtig durchgeſehen, gab ſie es ihm kopfnickend zurück, und er legte es vor ſich auf das Noten⸗ pult und blickte alsdann zu dem ſchönen jungen Mädchen auf, ein Zeichen von derſelben erwartend. Obgleich der Prinz Juanita noch nie eine Note hatte ſingen hören, ſo war er doch ihres Triumphes ſo vollkommen ſicher, daß er ſich mit halb zugeſchloſſenen Augen behaglich lächelnd zurück⸗ lehnte in die Ecke des Sopha's, auf dem er neben der Gräfin Blendheim ſaß, nur zuweilen umherblinzelnd auf die Gruppe ſeiner Gäſte, die in einem weiten Kreiſe um die Sängerin herum ſaßen oder ſtanden— geſpannt, in höchſter Erwartung. Und ſie begann— nicht etwa mit einem einfachen, beſcheidenen Liede oder einer jener großen Concert⸗Arien, deren einleitendes Adagio der Künſtlerin vollkommen Zeit läßt, ihre Stimme zu prüfen und ſich des Publikums zu verſichern, ſondern mit Varia⸗ tionen über ein glänzendes Thema, welche mit ihren raſchen Tempi, mit ihren neckiſch ſprudelnden, wild aufjauchzenden Tönen das Ohr des Zuhörers blenden und berauſchen, wie ein brillantes Feuerwerk unſere Augen— ja, ſie begann mit einer jener gewagten Varia⸗ tionen, wo ſich Triller an Triller reiht, ein Chaos von Tönen aus dem uns ein regelrechter Ausweg unmöglich erſcheint, wo wir immer fürchten, mit einer Diſſonanz unſanft aus unſerem Entzücken geweckt zu werden, und wo ſich endlich dieſes Entzücken zum Enthu⸗ ſiasmus ſteigert, wenn wir hören, wie ſcheinbar leicht und mit ſo ſicherer Hand uns die Künſtlerin aus dieſem Urwalde von Tönen mit ſeinen phantaſtiſchen Verſchlingungen in die weite, freie Ebene, zu einem ſanften Schlußpunkte führt. Und wie ſang das Juanita, wie blickte ſie mit ihren halb geſchloſſenen Augen, mit einem ſo eigenthümlichen Lächeln, in der ruhigſten Haltung von der Welt, auf den Kreis ihrer Zuhörer, ehe ſie begann, ſcheinbar ohne alle Anſtrengung, lächelnd, als führe ſie eine einfache Converſation— wie ſtreute ſie ihre vollen, runden — moſſ —— 144 3 Achtzehntes Kapitel. Töne leicht um ſich her, wie glänzende, glatte Perlen, die man aus reichen Händen ſpielend gleiten läßt— wie ſtand ſie da, wie blickte ſie zuweilen um ſich her aus ihren großen, glänzenden Augen, heiter, zufrieden, glücklich, wie in dem beſcheidenen Gedanken, ihren Zuhörern vielleicht eine kleine Freude zu bereiten! Und als ſie nun geendet mit einer leichten Verbeugung rings umher, da war der blaſſe, beſcheidene junge Menſch am Flügel, übrigens ein tüchtiger Künſtler, hoch erröthet vor Entzücken und konnte ſich nicht enthalten, wüthend zu applaudiren. Da erhob ſich der Prinz von ſeinem Sopha, ſchritt ruhig und gemeſſen auf die Künſtlerin zu, trat dicht vor ſie hin und machte ihr eine ſo tiefe Verbeugung, als ſtehe er vor den höchſten Herrſchaften, ehe er ihr mit großer Freundlichkeit die Hand küßte und ihr ſagte: „Mein Fräulein, heute Abend habe ich zum erſten Male in meinem Leben Geſang gehört!“ Da eilte die Gräfin Blendheim herbei und ſchloß das junge Mädchen ſtürmiſch in ihre Arme. Da avancirte der ganze weite Kreis, der ſich rings um Juanita gebildet, im Sturmſchritte ſich dicht zuſammenſchließend und die Künſtlerin mit einer Flut des begeiſtertſten Lobes und der aus⸗ ſchweifendſten Verehrung überſchüttend. Da hörte man Ausrufe von allen Seiten:„Wunderbar— welcher Genuß— welche Kunſt— welche Stimme— auf Ehre, ſuperbe— trichinenhaft!“ Da erwachte Rodenberg aus ſeinem ſüßen, milden Traume, der ihn mitten in den Wald geführt, an jene Stelle, wo der Quell neben der Moosbank vorüberrauſchte, wo er ſie wiedergeſehen hatte, freundlich, innig lächelnd wie damals, wo ſie ihm— und nur ihm ganz allein— in den wunderbarſten Tönen zuflüſterte, daß ihre Zeit vorüber ſei und daß ſie ihm entſchweben müſſe auf Nimmer⸗ wiederſehen— ach, ſie entſchwebte ihm in einer phantaſtiſchen Ver⸗ ſchlingung wunderſam leuchtender und ſüß duftender Ranken! Es Auf Flügeln des Geſangs.. 145 war ihm, als müſſe er ihr folgen aus dem dichten Walde hinaus, langſam hinabſteigen zur Ebene, wo eben die Sonne untergegangen war und Alles noch im Wiederſcheine, im ſanften, warmen Lichte wie verklärt erſchien.— Da ſtand er einſam und verlaſſen, denn ſie war ja verſchwunden von der weiten, weiten Ebene, die er nun ohne ſie durchwandern ſollte! Und nirgends ein Troſt, eine Er⸗ innerung an ſie— auch nicht an dem ſtillen, ſanftſchimmernden Abendhimmel, der doch ſonſt ſo tröſtend in unſer Herz blickt— o doch, o doch! Vor ihm flammten Sterne auf, unausſprechlich glänzend und ihm ſo mild und tröſtend entgegen leuchtend— ihre Augen, Juanita's Blicke, welche ſich durch das Gewühl der ſie Um⸗ drängenden zu ihm hingefunden hatten und ihn durch herzlichen Ausdruck zur höchſten Luſt entzückten. Er hätte aufjauchzen mögen über das ſtumme, ſelige Wort, welches ſie ihm damit zugeflüſtert, und über das entzückende Ge⸗ heimniß, welches ſie ihm erlaubte, mit ihr zu theilen. Juanita konnie ſich kaum retten vor der Maſſe Lob und Dank, welche man auf ſie häufte, ja, ſie wußte kein anderes Mittel, um ſich von dem gar zu engen Kreiſe ihrer enthuſiaſtiſchen Verehrer zu befreien, als daß ſie dem jungen Mann am Flügel ein Zeichen gab, der nun anfing, leicht zu präludiren, was auf die Andrängen⸗ den augenblicklich von glücklichſter Wirkung war— Alles rauſchte zurück und auseinander und Jeder nahm, aufmerkſam lauſchend, ſeinen früheren Platz wieder ein. Juanita ſang Adelaide von Beethoven; das war für die älteren Herren und für die ſogenannten Kunſtkenner, die an ruhigem, getragenem Geſange die Stimme und das Talent einer Künſtlerin erproben wollen, die ſich Triller und Läufe wohl gefallen laſſen, aber ſich gegenſeitig zuflüſtern:„Verzierungen dieſer Art ſind ganz geſchickt, den Mangel an Kraft und Glätte der Stimme zu ver⸗ decken, vor allen Dingen aber das feſte, gediegene Metall zu erſetzen.“ „ 1 Achtzehntes Kapitel. Aber auch dieſe ſahen ein, daß an dieſer Stimme nichts fehlte und daß auch, was die Kunſt der ſchönen Sängerin anbetraf, durchaus nichts zu verdecken war— auch dieſe ſtrengeren Richter waren überwunden, und als Juanita geendet, näherte ſich mancher dieſer älteren Herren, um ihr, wenn auch weniger enthuſiaſtiſch als die große Menge, doch in gediegeneren Worten ihre Anerkennung auszuſprechen. Die junge Sängerin, obgleich ſie ſchon manche Triumphe ähn⸗ licher Art erlebt hatte, fühlte ſich doch heute Abend ganz beſonders davon bewegt und ſchloß ihre Schweſter, die ſich ihr zuletzt näherte, herzlich in die Arme, wobei Juanita's Blicke, welche ſie einen Augenblick gedankenvoll in den Saal hinausgeſandt, nun mit feuch⸗ tem Glanze auf dem Geſichte der Schweſter ruhten. Waren es trübe Gedanken, die ſie bewegten, oder hatte auch ſie dort in der Ecke des Saales etwas aufleuchten geſehen, das zu ihrem Herzen ſprach— irgend etwas beſchäftigte ihren Geiſt, und wenn auch nicht unangenehm, doch auch nicht beruhigend. „Nun zu etwas Anderem,“ ſprach ſie mehr zu ſich ſelbſt als zu Conchitta, und dann dankte ſie dem jungen Manne am Clavier für ſeine Begleitung und bat ihn, ihr ſelbſt einen Augenblick ſeinen Platz zu laſſen. Ringsum herrſchte die tiefſte Stille, als man nun bemerkte, daß ſie ſich ſelbſt an den Flügel geſetzt. Und als ſie nun anfing, zu einem ſpaniſchen Liede eine jener Einleitungen zu ſpielen, welche den gleichförmigen Klang der Mandoline nachbilden, da klopfte manches Herz aus der Zuhörerſchaar und hätte darauf gern laut aufgejauchzt, als ſie nun in jener friſchen, kecken, wunderbaren, originellen Weiſe einſetzte und ſang. Ach, wie war ſie hier in ihrem Elemente, wie ſprudelten die Worte in der ſchönen ſpaniſchen Sprache ſo kräftig und doch ſo lieblich von ihren reizenden Lippen, wie neigte ſie ihr Köpfchen nach rechts und links, wie graziös und dem Tacte folgend bewegte Auf Flügeln des Geſangs. 147 ſie ihren Oberkörper, wie leuchteten ihre Augen und wie glänzten ihre weißen Zähne zwiſchen den friſchen, ſchelmiſch lächelnden Lippen! Da ging aber auch nur ein einziger Ruf der Bewunderung durch den Saal, als ſie geendet, und ihm folgte wieder dieſelbe tiefe Stille: ſie blieb ja ruhig an dem Flügel ſitzen, ſang ja alſo gewiß noch einmal. Und das that ſie dann auch zum Schluſſe, und ſang originelle Seguidillas⸗ und Zigeunerliedchen, deren letztes ſie variirte und dann mit einem ſo langen, ſo gleichförmigen, ſo fein ausgearbeiteten Triller ſchloß, daß die Töne den entzückten Zuhörern, welche mit einiger Phantaſie begabt waren, wie ein milder, leuchtender Perlen⸗ regen erſchienen. Jetzt war es aber genug; hatte doch der Prinz ſeinen Gäſten eine muſikaliſche Soirée gegeben, wie ſich wohl Keiner rühmen konnte, einer ähnlichen je beigewohnt zu haben, und fürchtete er doch alles Ernſtes, ſeinen lieben und geehrten Gaſt zu ermüden, obgleich Juanita's heiter lächelnde Miene durchaus nicht ſo erſchien, als habe ſie alles das auch nur die geringſte Anſtrengung gekoſtet; das verſicherte ſie auch alles Ernſtes Seine Hoheit, als dieſe ſie um ihren Arm bat und in einen der anſtoßenden Salons zum Souper führte. Der Kammerjunker Baron von Schleiden forderte in dieſem Augenblicke eine kleine und ausgeſuchte Geſellſchaft auf, dem Herrn des Hauſes zu folgen; für die übrige Geſellſchaft begann das Souper in den anderen Räumen eine Viertelſtunde ſpäter.— Um unſere genaueren Freunde, mit denen wir hiehergekommen, nicht ganz zu vergeſſen, halten wir es für unſere Pflicht, uns nach Walter und Rüding umzuſchauen; daß auch die Beiden aufmerk⸗ ſame Zuhörer geweſen waren, brauchen wir eigentlich nicht zu erwähnen; beſonders hatte ſich Walter, wie es ein poetiſches Ge⸗ müth zu machen pflegt, allerlei phantaſtiſche Klangfiguren zu dem 4 148 Achtzehntes Kapitel. Geſange Juanita's gebildet. Rüding war mit weniger Gefühl zu Werke gegangen; er hatte die Töne, wenn auch nicht ohne Behagen, doch ruhig über ſich dahinrieſeln laſſen und fühlte ſich ebenfalls bewegt, weniger, müſſen wir jedoch geſtehen, durch die Gewalt der Muſik, als durch den gar zu ſtarken, mit Rum verſetzten Thee, den Walter ihm ceredenzte. Der alte Maler hatte ſich behaglich an einen der Kamine gelehnt, über dem ein rieſenhafter Spiegel prangte und auf dem leuchtende Girandoles rechts und links neben einer Uhr ſtanden, welche den Gott Neptun in Bronze zeigten, wie er, in ſeinem Muſchelwagen ruhend, mit gewaltigem Dreizack auf irgend etwas Unſichtbares zielt. Walter, der nicht gewohnt war, in ſeinen Händen etwas zu tragen, hatte ſeinen weichen, oben zugeſpitzten Hut auf den Kopf dieſes Neptuns geſtülpt, was eine ſehr angenehme Wirkung hervorbrachte. „Hör' einmal, Rüding,“ ſagte er jetzt zu dem Anderen,„ein unnützeres Möbel als Du in einer Geſellſchaft habe ich in meinem ganzen Leben nicht geſehen! Meinſt Du, man wäre nur deßhalb eingeladen, um Thee mit Rum zu trinken und ſpäter zu ſoupiren? O, ſchweige ſtill, ich weiß ſchon, was Du ſagen willſt— ſpare Deine Retour⸗Chaiſen— das iſt bei mir etwas ganz Anderes! Ich ſtelle hier den älteren, geſetzten, würdigen Mann vor, der als ruhiger Beobachter zur hübſchen Staffage dient und hier vollkommen ſeine Pflicht erfüllt; aber Du, ein junger Menſch, der es ſo gewohnt iſt, ſich in großen Geſellſchaften zu bewegen, der ſogar ohne Anſtand mit ſeiner vortrefflichen Tenorſtimme bei ähnlichen Gelegenheiten große Arien ſingt, Du hätteſt Dich ſchon lange nützlich und ange⸗ nehm machen ſollen!“ 3 „Du willſſt doch nicht, daß ich, nach dem, was wir hier gehört, den Leuten etwas vorſingen ſoll?“ „Das gerade nicht, der Contraſt würde zu ſtark ſein; aber Du ſollteſt nicht in Einem fort hinter mir drein laufen wie der 4 Auf Flügeln des Geſangs. 149 Affe hinter dem Bären! Du ſollteſt Deine Bekannten auſſuchen und auf angenehme Art von Dir reden machen! Vorhin hörte ich eine Dame ſagen: zich kenne dieſen intereſſanten Lockenkopf dort— ſchade, daß dieſer charmante junge Menſch ſo wenig ſpricht!““ „Und wer iſt denn die Dame, die das geſagt?“ „Dort ſitzt ſie an dem Theetiſche.“ „Die dort, im Lilakleide?“ „Ja— ſie hat einen ganzen Herbſt auf dem Kopfe— einen Korb voll Weintrauben.“ „Ah, das iſt die Generalin, deren Mops ich gemalt!“ „Und die Dich gewiß gut bezahlt— ſiehſt Du, undankbares Geſchöpf, der hätteſt Du ſchon lange eine Artigkeit ſagen und Dich ſogleich im Mittelpunkte der Geſellſchaft feſtſetzen ſollen!“ „Meinſt Du?“ „Ob ich meine— aber Du befolgſt nie einen freundſchaft⸗ lichen Rath.“ „Es iſt ſo weit dorthin,“ meinte Rüding ſchüchtern,„man erregt zu großes Aufſehen, wenn man ſo allein durch den Saal geht.“ „Nun, ich will Dich bis dorthin begleiten— komm 12 Der ſanfte Eduard ſah durchaus nicht vergnügt aus, als er ſo gezwungen war, ſeinem Freunde zu folgen; doch machte er äußerſt kleine Schritte und blieb zuweilen, mit Walter plaudernd und ſich rings umſchauend, ſtehen. „Ich glaube wahrhaftig, Kerl, Du fürchteſt Dich vor dieſer ſo wohlwollend ausſehenden Dame— hätte ich ihren Mops gemalt, ich ſäße ſchon lange neben ihr.“ „Soll ich mich ſogleich neben ſie hinſetzen?“ „Nach Umſtänden— ſie wird Dich ohne Zweifel dazu ein⸗ laden oder eine bezeichnende Handbewegung machen; darnach haſt Du dich zu richten.“ „Ja— ich werde mich— darnach— richten. Soll ich Dich ——— 150 Achtzehntes Kapitel. vielleicht vorſtellen?“ ſetzte Rüding fragend hinzu und mit einer ſolchen Haſt, wie ſich Jemand, der in Gefahr iſt, zu ertrinken, an einen Strohhalm anzuklammern verſucht. „Später vielleicht, wenn es die Converſation mit ſich bringt— das weißt Du ja zu beurtheilen.“ „Ja— ich— weiß— das— zu— beurtheilen.“ „Nun komm'— die Leute ſchauen ſchon auf uns hin, daß wir in der Mitte des Saales ſtehen und ſo angelegentlich mit einander plaudern.“ „Ja, gewiß.“ Damit machten die Beiden noch einige weitere Schritte und dann brachte Walter ſeinem jüngeren Freunde, von den Anderen ungeſehen, einen ſo kräftigen Rippenſtoß in entſprechender Richtung bei, daß der ſchwächliche Rüding raſcher, als er es vielleicht beab⸗ ſichtigte, vor jene Dame in Lila gelangte, welche einen ganzen Herbſt auf dem Kopfe trug. Da ſtand nun Rüding, ſchluckte verlegen und drückte ſeinen Claquehut ängſtlich gegen den Leib, da ſtand er eine Secunde und zwei Secunden, und jede däuchte ihm eine kleine Ewigkeit zu ſein, denn in jeder bearbeitete er mit blitzartiger Schnelligkeit die Frage: Was ſoll ich reden, womit ſoll ich die Unterhaltung beginnen?— und begonnen mußte ſie werden, wenn nicht allenfalls eine ägyptiſche Finſterniß ſich zu ſeiner Rettung einſtellen wollte. Die Dame in Lila ſchaute auf, als die kleine, ſeltſam aus⸗ ſehende Figur mit den künſtlich friſirten Locken vor ſie hintrat. Und wenn auch im erſten Momente ein nicht geradezu unangenehmes Lächeln, welches, ehe Rüding kam, auf ihren Lippen ſpielte, ſicht⸗ bar blieb, ſo verlor dieſes Lächeln doch viel von ſeiner Anmuth durch den harten, verwunderungsvollen Ausdruck der Augen, welcher kurz und etwas barſch zu fragen ſchien: ‚Was beliebt? Rüding's Schutzgeiſt flüſterte ihm zu, noch ſei es Zeit, ſich mit. einer Verbeugung zurückzuziehen und dafür allenfalls ein mitleidiges Auf Flügeln des Geſangs. 151 Lächeln einzuernten; doch fühlte er förmlich die Augen Walter's höhniſch auf ſich ruhen, und ſo zwiſchen Scylla und Charybdis, verneigte er ſich ſo gut als möglich und ſagte:„Gnädige Frau, ich habe mich nur nach dem Befinden Ihres Mopſes erkundigen wollen.“ Nun war aber jene Dame in Lila nie die Beſitzerin eines Mopſes geweſen und mußte es daher doppelt ſonderbar finden, daß der junge Menſch, der ihr nicht einmal vorgeſtellt worden war, dieſe, gelinde geſagt, alberne Frage an ſie that. Hierzu kam noch, daß die Dame eine etwas mopsähnliche Naſe hatte, die ſie, wie ihre Bekannten behaupteten, auf ihren kleinen, etwas tölpelhaften Sohn vererbt. „Erlauben Sie, mein Herr,“ ſagte ſie deßhalb mit einem Tone der Stimme, in dem ſich Befremden mit Entrüſtung miſchte,„ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen; ich finde es darum um ſo eigenthümlicher, ſich bei mir nach etwas zu erkundigen, was ich gar nicht beſitze!“ „Sollte ich denn im Irrthume ſein,“ ſtotterte Rüding ſchüchtern, „und nicht das Glück gehabt haben, dieſen Ihren kleinen, aller⸗ liebſten Mops vor einem Jahre gemalt zu haben?“ Die Dame in Lila warf dem Künſtler einen furchtbaren Blick zu, denn ſie hatte bemerkt, daß ihre Nachbarin, eine wohlwollende Bekannte ihres Hauſes, bei der Frage des jungen Mannes höhniſch gelächelt.„Sie werden mir glauben, wenn ich Ihnen die Ver⸗ ſicherung gebe, daß ich in der That keinen Mops beſitze!“ ſagte ſie in ſo entſchiedenem Tone, daß der ſanfte Eduard ohne allen Zweifel ſeine Miſſion als beendigt anſehen konnte. Er beabſichtigte deßhalb auch, das Klügſte zu thun, was er in dieſer Lage thun konnte, ſich nämlich zurückzuziehen, nachdem er die nothwendige tiefe Verbeugung gemacht; doch verwirrt, wie er war, über die keineswegs gnädige Aufnahme, die er gefunden, machte er bei dieſer Verbeugung unwillkürlich eine halbe Schwenkung gegen rechts, wo⸗ 1⁵5² Achtzehntes Kapitel. durch er das Ende des halbkreisförmigen Sopha's, in deſſen Mitte die Dame ſaß, ohne es zu wiſſen, in ſeinen Rücken bekam, was zur Folge hatte, daß Rüding, als er ſich nun zurückziehen wollte, ziemlich heftig gegen das Sopha anſtieß und dann, da es ſehr weich gepolſtert war, ſo tief in die Kiſſen deſſelben hineinfiel, daß er im erſten Augenblicke ſeine kurzen Beinchen hoch in die Höhe ſtreckte. Wünſche Niemand von jenem Blicke getroffen zu werden, den nun die Dame in Lila auf den unglücklichen jungen Künſtler ſchleuderte, oder die Zielſcheibe des boshaften, höhniſchen Lächelns zu ſein, das jetzt auf den Geſichtern von einem guten Dutzend Damen erſchien! Wenn nur die Kiſſen des verhängnißvollen Sopha's weniger tief und weniger weich geweſen wären! Es war ein jammervoller Anblick, zu ſehen, wie ſich Rüding bemühte, mit Anſtand wieder in die Höhe zu kommen. Freilich dauerten dieſe Beſtrebungen nicht eine Minute, aber ſie endeten fürchterlich. Rüding griff, aufs äußerſte verwirrt und geängſtigt, nach einem Halte, um ſich daran aufzuhelfen, und ſeine Hände erfaßten auch irgend etwas, leider aber keinen feſtſtehenden Gegen⸗ ſtand, und als er nun eine letzte Anſtrengung machte, hörte er einen gellenden Aufſchrei und ſah mit Entſetzen, wie er das Thee⸗ tuch, womit der Tiſch gedeckt war und auf dem ein paar Dutzend ganz und halb geleerter Taſſen, Theemaſchine, Waſſerflaſchen nebſt Gläſern, Backwerk und dergleichen ſtanden, herabgeriſſen und ſo eine unbeſchreiblich entſetzliche Scene herbeigeführt hatte. „Horreur!“ kreiſchte die Dame in Lila—„das iſt ja ein Attentat— in welche Geſellſchaft ſind wir gerathen!“ „Iſt denn Niemand zu unſerer Hülfe da?“ jammerte eine Andere. Rüding blickte um ſich mit einem faſt blödſinnigen Lächeln— ein Lächeln der Verzweiflung. In ſeinem Geiſte ſpiegelten ſich die Auf Flügeln des Geſangs. 153 nächſten Augenblicke, die nun nothwendig folgen mußten, als ganz eniſetzliche Bilder ab. Was ſollte er thun? Kniefällig um Ver⸗ zeihung flehen oder mit der Wuth einer geängſtigten wilden Katze auf die Herandrängenden losſtürzen, um ſich gewaltſam Bahn zu machen— o, es war ein fürchterlicher Zuſtand! Da hörte er wie einen Ruf aus himmliſcher Sphäre die Stimme Walter's, der nahe zu ihm hingetreten war, flüſternd an ſein Ohr ſchlagen: „Mache die Augen zu und ſtelle Dich ohnmächtig!“ Ein glücklicher Gedanke— eine vortreffliche Idee, welche der ſanfte Eduard augenblicklich befolgte. Er ſchloß die Augen, und es war ihm ein wonniges Gefühl, ſo durch die Dunkelheit, die ihn rings umgab, von der ſchrecklichen Außenwelt getrennt zu ſein. Dann ließ er ſein Haupt auf die Bruſt hinabſinken, und die ganze kleine, dürre Figur ſchnappte zuſammen wie ein Taſchenmeſſer. Hätte er nur auch ſeine Ohren verſtopfen klönnen, denn es war nichts Schmeichelhaftes, was über ihn geſagt wurde; Aeuße⸗ rungen, wie zabſurd, empörend, unanſtändig!“ war das Geringſte, was er vernahm, und es gereichte ihm dabei durchaus nicht zum Troſte, als er Walter mit tiefer Stimme beſchwichtigend ſagen hörte: „Dieſer arme junge Menſch hat häufig dergleichen Anfälle; ſein kleiner Verſtand ging förmlich unter in dem Glanze dieſer Umgebung— erlauben Sie mir, daß ich ihn auf eine ſanfte Art entferne.“ Und das erlaubte man dem alten, würdig ausſehenden Herrn, der den höhniſch lächelnden Blick eines jungen Officiers durch ein derbes und ſehr bezeichnendes Anſtarren erwiederte, mit großer Be⸗ reitwilligkeit. Und Rüding, der um eine Million die Augen nicht geöffnet hätte, fühlte ſich aufgehoben und fortgetragen, eine ziem⸗ liche Strecke weit, dann niedergeſetzt, und vernahm erſt nun wieder die Stimme ſeines Freundes, der ihm ſagte: „So, jetzt öffne Deine dummen Augen und erkläre mir, wie Hackländer's Werke. 53. Bd. 11 154 Achtzehntes Kapitel. ein Kerl mit fünf geſunden Sinnen ſich ſo viehmäßig ungeſchickt benehmen kann!“ „Ich weiß es nicht und ich kann es Dir nicht ſagen— das kam alles wie ein Blitzſtrahl. Aber wo ſind wir hier?“ „An einem Orte, der für ſolch ein Mondkalb, wie Du biſt, viel zu gut iſt; aber es war ein vortrefflicher Inſtinct, der mich dieſes Zimmer finden ließ— ſchau' um Dich!“ Rüding hatte jetzt erſt den Muth, ſeine Augen weit zu öffnen, und bemerkte, daß ſie ſich in einem ziemlich großen, angenehm er⸗ hellten Gemache befanden, wo kleine Tiſche ſtanden, die zum Souper gedeckt waren.„Ach,“ ſagte er,„nach der Hölle, in der ich ſo eben geweſen, habe ich jetzt das Gefühl, als ſeien wir im Himmel ange⸗ kommen— ich danke Dir, Walter, in der That, ich danke Dir für Deine Freundſchaft— doch warſt Du ſie mir ſchuldig, denn Du mußt geſtehen, daß ich mich auf Deinen Rath jener ſchrecklichen Dame in Lila genähert!“ „Weil Du renommirt hatteſt, es wäre eine Bekanntſchaft von Dir, deren Mops Du gemalt.“ „Es geſchieht mir ſchon recht,“ ſagte der Andere nach einem tiefen Seufzer,„ich habe von jeher eine Averſion gegen die Lila⸗ farbe gehabt, ich hätte dieſem Gefühle folgen ſollen! Aber begreifſt Du es, wie man ſo ungebildet ſein kann, eine höfliche Frage ſo zu beantworten— ſage mir die Wahrheit, Walter— nicht wahr, ich habe mich fürchterlich blamirt?“ „Man könnte es allenfalls ſo nennen— aber beruhige Dich, Aehnliches iſt ſchon größeren Charakteren begegnet und meine Geiſtesgegenwart hat Vieles wieder gut gemacht, das mußt Du doch geſtehen; denn es war eine famoſe Idee von mir, Dich für einen unzurechnungsfähigen Menſchen auszugeben.“ „Ja, ich danke Dir dafür,“ erwiederte Rüding kleinlaut, und ſetzte nach einer Pauſe fragend hinzu:„Nicht wahr, Seine Hoheit hat mich nicht geſehen? Es wäre mir das wahrhaft leid für ſpätere Einladungen.“ Auf Flügeln des Geſangs. 155 „Was das anbelangt, ſo kannſt Du Dich in jeder Beziehung beruhigen; doch nun richte Dich auf, arrangire Deine ſchönen Locken ein wenig und ziehe Deine rothe Weſte herab; ich höre Leute und hoffe zu Gott, daß wir endlich etwas zum Soupiren bekommen.“ Walter hatte richtig vermuthet. Auf eine Einladung des Ad⸗ jutanten und des Kammerherrn vertheilten ſich die Gäſte mit großer Haſt in die anſtoßenden Zimmer, wobei es ſich glücklich fügte, daß das Gemach, in dem ſich unſere beiden Freunde befanden und welches eines der letzten in der Reihe war, von Bekannten aufge⸗ ſucht wurde, die es liebten, ohne Damen und ohne geiſtreiche Un⸗ terhaltung zu ſoupiren. Es iſt ein glückliches Vorrecht der Jugend, Unangenehmes raſch und gründlich zu vergeſſen. Und ſo erging es auch dem gu⸗ ten Rüding, nachdem er einige Gläſer vortrefflichen Bordeaux zu ſich genommen und ſich an guter kalter Küche gelabt, ja es dauerte keine halbe Stunde, da hatte er die Verwegenheit, an Walter die Frage zu ſtellen, was ihm denn eigentlich hätte geſchehen können, wenn er bei dem Vorfalle drinnen im Saale zufällig nicht ohn⸗ mächtig geworden wäre.—„Ich hätte ja mit großer Entſchieden⸗ heit ſagen können: ‚Meine Damen, ein Unglück iſt nun einmal ein Unglück— ich bitte Sie allerdings um Verzeihung, wünſche aber, daß von dieſer Angelegenheit nicht mehr geſprochen wird! — Nun, was wäre die Folge geweſen? Hätte man mich vielleicht aufgefreſſen?“ „Das wohl nicht,“ antwortete Walter mit großer Ruhe,„aber man würde Dich einfach zur Thüre hinausgeworfen haben— glaube mir, ich bemerkte einige blutdürſtige Lakaien, welche die entſchiedenſte Luſt an den Tag legten, ſich mit Deiner Beförderung zu beſchäftigen— doch da kommen Rodenberg und Lyiton, die mir von Seiner Hoheit abgeſandt zu ſein ſcheinen, um ſich nach Deinem Befinden zu erkundigen.“ 3 Achtzehntes Kapitel. In der That traten die beiden Maler ein, und nachdem ſie Walter und Rüding geſehen, ſetzten ſie ſich zu ihnen hin. Der ſanfte Eduard blickte ſie fragend und etwas ſchüchtern an; doch waren Rodenberg und Lytton viel zu fein und freund⸗ ſchaftlich, um ihren Bekannten durch irgend eine Frage zu de⸗ müthigen. „Hier kann man doch in aller Gemüthlichkeit ein Glas Wein trinken,“ meinte Lytton.„Es war von mir ein ganz geſcheiter Gedanke, gegen die Damen galant zu ſein und mich von dem ſtark beſetzten Tiſche da drinnen zu entfernen. Hier wollen wir eine Zeit lang ſitzen bleiben und uns den zweiten Theil der Soirée ſchenken— nicht wahr Rodenberg?“ 3 Dieſer ſchien zerſtreut und ſeinem Freunde nur mit einigem Widerwillen hieher gefolgt zu ſein. Wenn er auch begreiflicher Weiſe nicht ſo glücklich geweſen war, in daſſelbe Zimmer mit Juanita zum Souper eingeladen zu werden, ſo hatte er ſich doch die Freiheit genommen, eine kleine Rundreiſe durch das ganze Ap⸗ partement zu machen, und war auch ſo glücklich geweſen, ſie aus der Entfernung zu ſehen, ohne daß er von ihr bemerkt worden wäre. Der Prinz wußte ſeine Gäſte zu ehren, das mußte man ihm laſſen, und wußte beſonders dieſen Gäſten zu zeigen, welchen Werth er auf ihre Anweſenheit legte. Die kleine Tafel zu vielleicht ſechzehn Perſonen, an welcher ſich Seine Hoheit mit den beiden Schweſtern und einer auserleſenen Geſellſchaft befand, ſtand in einem mit Blumen beſetzten Pavillon an der Ecke des Hauſes und war ein reizend eingerichtetes Gemach. Wie geſagt, Rodenberg hatte einen Blick hineingeworfen und ſich dabei geſtehen müſſen, es wäre ſchon eine kleine Seligkeit, dort in Geſellſchaft eines ſo ſchönen Weſens, wie Juanita war, ſein zu dürfen, beſonders, wenn man mit demſelben ein ſüßes Geheimniß theilen dürfe— ein Geheimniß, das vielleicht hier und da dem Eingeweihten kurdd gegeben würde durch ein Wort, einen Blick, O.ͤ—— Auf Flügeln des Geſangs. 15⁵7 durch ein bezeichnendes Anfeuchten der Lippen mit ſprudelndem Champagner, durch hundert andere Kleinigkeiten, in deren Erfindung die Liebe ſo reich iſt und deren Bedeutung ein glückliches Herz ſo leicht erräth. Doch würde Juanita, ſelbſt wenn er eine Einladung in den kleinen Blumenpavillon erhalten hätte, wohl ſchwerlich geneigt ge⸗ weſen ſein, mit ihm ein freundliches Wort oder bezeichnende Blicke zu wechſeln; ſie war an ihm vorübergegangen am Arme des Prin⸗ zen, als jener ſie zum Souper geführt, und ſie hatte ihn, als Seine Hoheit vorüberſchritt und er wie alle Uebrigen eine tiefe Verbeu⸗ gung gemacht, mit einem ſo unendlich gleichgültigen Blicke ange⸗ ſehen, daß es ihm zweifelhaft war, ob vorhin jener entzückende Strahl aus ihrem Auge auch wohl ihm und nicht vielleicht einem Anderen gegolten hätte. Rodenberg, der wegen ſeines angenehmen Aeußern und des Anſtandes, mit dem er ſich zu benehmen wußte, von einem großen Theil der Damen beachtet, ja, aufgeſucht wurde, hätte vor oder nach dem Geſange leicht die Gelegenheit finden können, der Sängerin ein freundliches Wort zu ſagen; an geſellſchaftlichem Muthe, um den Kreis jener faden Lobſprecher, welche ſich um Juanita drängten, zu durchbrechen, hätte es ihm wahrhaftig nicht gefehlt; was ihn aber zurückhielt, war jenes Wort, das ſie im Walde beim Abſchiede zu ihm geſagt, ihre Ermahnung oder ihre Bitte, ſie nicht zu kennen, wo er ihr auch begegnen würde. An dieſe ihre Bitte denkend, verletzte es ihn einestheils, anderen⸗ theils tröſtete es ihn wieder, daß er denken konnte, es liege eine Abſicht zu Grunde, warum ſie ihn als einen vollkommen Fremden behandle, warum ſie mit dieſer ausgeſuchten Gleichgültigkeit an ihm vorübergehe— und um Jemanden abſichtlich ſo zu behandeln, muß man ſich in Gedanken mit ihm beſchäftigt haben. Walter hatte dem Souper ſo kräftig als möglich zugeſprochen, und auch Rüding vermochte ein Gleiches zu thun.„Hier genirt ————:J—— w 15⁵8 Achtzehntes Kapitel. man ſich nicht,“ ſagte er mit einem Anfluge von Humor,„und je mehr man ißt und trinkt, je größere Ehre erzeigt man dem Wirthe, und nebenbei war Alles ſo vortrefflich, daß mir dieſe Ehrenbezei⸗ gung im allergrößten Maßſtabe nicht ſchwer wurde— ſchade, daß man nicht eins ſingen oder zu dieſem Agezeichneten Weine eine Cigarre rauchen kann!“ Der ſanfte Eduard war ſo weit wieder aufgethaut, daß er ſich ſchon einen kleinen Scherz erlauben konnte und deßhalb die Kühnheit hatte, die von ihm vorgeſchlagene Wette in Anregung zu bringen. Lytton ſchüttelte lächelnd den Kopf, als er davon gehört, und mochte wohl das mitleidige Lächeln Walter's verſtehen, als dieſer ſich in die Höhe ſtreckte und behaglich ſeinen langen Bart ſtrich. „Es wäre allerdings die Frage,“ ſagte Rodenberg darauf,„wie der Wortlaut jener Wette geweſen; wenn Rüding geſagt, er würde auf der Soirée mehr Aufſehen erregen als Du, ſo hat er ge⸗ wonnen.“ „Vortrefflich ausgelegt!“ jauchzte der alte Maler—„ja, er hat ein koloſſales Aufſehen gemacht, daß ich ihm ſchon um deſſentwillen nicht zumuthen werde, obendrein noch einen Punſch zu bezahlen!“ „Lieber Freund,“ entgegnete ihm Rüding mit großer Würde, „der Zweck heiligt die Mittel, und da es mir überhaupt darum zu thun war, einiges Aufſehen zu erregen— ich haſſe nämlich die flache Alltäglichkeit, wo man ſich herumtreibt wie des Färbers Gaul im Ringe—, ſo hoffe ich, Du wirſt die Mittel gelten laſſen, die ich dazu angewandt.“ „Gott ſteh' mir bei,“ rief Walter,„es iſt Zeit, daß wir auf⸗ hören, ſonſt beweist uns dieſer unverſchämte Kerl noch, wie fein und anſtändig er ſich benommen! Und was den verlorenen Punſch anbelangt....“ ſetzte er lachend hinzu— „Du gibſt die Wette alſo verloren?“ fragte Rüding. „So werde ich meinen Freund, den Prinzen, beauftragen, die⸗ ſen Punſch ſerviren zu laſſen!! —————— —— —— Auf Flügeln des Geſangs. 159 „Ein vortreffliches Arrangement,“ meinte Lytton;„doch rathe ich Euch, nicht mehr zu lange hier ſitzen zu bleiben, denn bei der Soirée des Prinzen wird der Punſch kurze Zeit nach dem Souper ſervirt— bis nachher!. „Addio ich dieſen kleinen Weinreſt vollends trinken und ich folc E ſte Walter, indem er eine noch faſt volle Bordeauxflaſche Kit ſich zog. An der Thüt des großen Saales, in den nun von allen Seiten die Gäſte wieder hineinſtrömten, traf Lytton auf Roderich. „Wo warſt Du denn?“ fragte der letztere. „Da drinnen mit Rodenberg und ein paar Anderen— zuerſt wurde ich in einen mir ſehr gleichgültigen Damenkreis geworfen, wo es aber etwas eng herging— und Du?“ „Ich hatte die Ehre, von dem Prinzen an ſeinen Tiſch gezogen zu werden.“ „Glücklicher— Du ſoupirteſt in Geſellſchaft der beiden ſchönen Schweſtern?“ „In einem Zimmer mit ihnen. Das war aber auch alles; ich fand kaum Gelegenheit, Conchitta zu grüßen und ihr ein flüch⸗ tiges, höchſt gleichgültiges Wort zu ſagen— ſie erſchien mir ſo ſonderbar....“ „Wie ſo?“ „Nun, wenn ich auch von meiner ſonſt liebenswürdigen Schü⸗ lerin keine Vertraulichkeit erwarte, ſo doch ein freundliches Wort, eine herzliche Begrüßung.“ Lytton ſchaute ihn fragend an. „Nichts von dem, nichts von ihrem ſonſt ſo offenen und zu⸗ traulichen Benehmen.“ „Unbegreiflich— Conchitta iſt doch ſonſt kein Mädchen, die viel Werih darauf legt, von einem Prinzen eingeladeu und zu Tiſche geführt zu werden.“ „So erſchien ſie mir früher auch nicht; aber Umſtände und 8 160 Achtzehntes Kapitel. Verhältniſſe ändern leicht das Gemüth eines Menſchen. Ich hätte ſchon von ihr nicht erwartet, daß ſie uns überhaupt verſchwiegen, jene große Sängerin, deren Name ſo raſch und ſo glänzend bekannt wurde, ſei ihre Schweſter.“ ℳ 4 „Und jener braune Don mit dem ſtrahlelden Orden iſt wohl ihr Oheim?“ 16 „So iſt es— ein höchſt gebildeter Mann, der verſchiedene Sprachen mit großer Geläufigkeit ſpricht.— Nach dem Souper, als wir umherſtanden und den Blumenreichthum des Pavillons, in dem wir ſoupirten, betrachteten, näherte ich mich Conchitta ohne irgend welches Aufſehen, auf die natürlichſte Art von der Welt, und fand ſie einſylbig und verlegen. Sie ſtellte mich ihrer Schweſter vor, welche mich mit Dank überſchüttete für die Güte und Feund⸗ lichkeit, mit der ich Conchitta behandelt; es war gerade,“ ſetzte er in nachdenklichem Tone hinzu.„als ſei dieſe unſere Bekannte und jene die Fremde.“ „Mir ſcheint, dieſes veränderte Benehmen Conchitta's liegt in der für ſie ungewohnten Umgebung, welche ihr bei ihrer Ein⸗ fachheit nicht ſympathiſch ſein kann.“ „Und doch benimmt ſie ſich mit einer Ungezwungenheit, ja, mit ſo taktvoll ſicherem Weſen, als ſei ſie auf glatten Salon⸗ Parquetten aufgewachſen.“ „Das mag auch wohl der Fall ſein, wenigſtens iſt ihre Fa⸗ milie eine, die im goldenen Buche des ſpaniſchen Adels mit großer Auszeichnung genannt wird— nur die Nachkommen mächtiger Häuſer gelangen zum Stern jenes Ordens, welchen Don Joſe trägt.“ Roderich ſchüttelte nachſinnend mit dem Kopfe, ehe er ſagte: „Dergleichen macht keinen Eindruck auf Conchitta; wer ihre Fa⸗ milie war, wußte ſie auch früher und Du mußt mir zugeſtehen, daß in ihrem Benehmen auch nicht die leiſeſte Anſpielung zu finden war, ſie wolle etwas Anderes ſein, als wozu ſie ihre Kunſt berechtigte, und wie beſcheiden und kümmerlich lebte ſie!“ Auf Flügeln des Geſangs. 161 „Große Namen und Reichthum findet man nicht immer zu⸗ ſammen— es iſt wahr, Conchitta lebte beſcheiden, faſt kümmerlich, wogegen mir ihre Schweſter gewohnt ſcheint, einen großen Train zu führen.“ „Das ſpricht wieder für Conchitta's Beſcheidenheit, wenigſtens für ihre Genügſamkeit; denn bei der Liebe der beiden Schweſtern zu einander kannſt Du Dir wohl denken, daß es von der einen Seite nicht an Anerbietung gefehlt hat.“ „Allerdings ſchien Conchitta ihren Stolz darin zu finden, von dem zu leben, was ſie durch ihre Kunſt verdient, und gefiel ſich, ihren häufigen Aeußerungen nach, am allerwohlſten in einem ganz beſcheidenen Kreiſe— erinnerſt Du Dich der Schwärmerei des kleinen, guten Schmitz für ſie?“ „Ja, ja, es liegt etwas Rührendes in ſeiner Anhänglichkeit.“ „Und auch etwas, das ſie gerührt; denn wenn ſie uns freund⸗ lich und herzlich behandelt, ſo iſt ihr Umgang mit dem kleinen, glücklichen Michel Angelo ſo innig und vertraulich, daß das ſchon meine Eiferſucht erregt. Haſt Du dergleichen nie bemerkt?“ „O ja, o ja— er behandelt ſie aber auch mit unendlicher Sorge und Aufmerkſamkeit.“ „Mir hat man ſchon einmal erzählt, Schmitz habe ihr ſeine Hand angeboten.“ „Pah— Unſinn!“ „Schmitz iſt ein vermöglicher Mann.“ „Sagſt oder denkſt Du ſo etwas im Ernſte?“ „Ich wiederhole nur das Gerede der Leute, und ohne auch nur im Entfernteſten daran zu glauben, wollte ich nur damit ausdrücken, daß man Conchitta nach ihrem bisherigen Auftreten für ſehr beſcheiden und genügſam halten muß.“. „Ja, und dabei halte ich ſie noch für ſtolz und unbeugſam.“ „Zwei ausgezeichnete Eigenſchaften, wenn ſie von einem ſo guten und edlen Herzen regiert werden, wie das unſerer eben ſo 162 Achtzehntes Kapitel. ſchönen als lieben Collegin iſt,“ bemerkte Lytton und ſetzte, ſich umſchauend, nach einer Pauſe hinzu:„Aber wo iſt Deine Frau? Ich halte es für nothwendig, noch ein wenig mit ihr zu plaudern, wie ich ſelbſtredend ſchon vor dem Souper gethan.“ Roderich's Stirn hatte ſich verdüſtert, er biß ſich auf die Lippen, ehe er entgegnete:„Meine Frau ließ mir vorhin durch einen Lakaien ſagen, ſie habe unerträgliche Kopfſchmerzen und ſei nach Hauſe gefahren, ich ſolle mich durchaus nicht ſtören laſſen.“ „Hm,“ machte Lytton, indem er ſeinen Freund mit einem be⸗ deutſamen Blicke anſah. „Genire Dich durchaus nicht,“ ſagte dieſer;„ſage mit klaren Worten, was Du denkſt.“ „Laß mich Dir vielmehr wiederholen, was alle Welt ſpricht und was Dir auch wohl ſchon zu Ohren gekommen ſein muß.“ „Die Betheiligten erfahren das, was ſie intereſſirt, gewöhnlich zuletzt; doch kann ich wohl eine Ahnung haben von dem Gerüchte, welches über uns im Umlaufe iſt, deßhalb gib ihm immerhin Worte, ohne alle Schonung.“ „Man ſagt, Du ſeieſt am Vorabende Deiner Scheidung.“ „Und ſchildert mich als einen Tyrannen, bei dem es eine rechtſchaffene Frau nicht aushalten kann?“ „So ſpricht allerdings ein großer Theil der Weiber; aber ich habe auch über Deine Verhältniſſe zu Hauſe ſchon die anſtändigſten und geſcheiteſten Anſichten gehört.“ „Es mußte ſo kommen, und ich werde mich nach und nach an das Schreckliche gewöhnen.“ „Darf ich, ohne indiscret zu ſein, fragen, ob es wirklich ſo nahe bevorſteht, wie die Leute ſagen?“ „Ich weiß es nicht, ehrlich geſagt; ich habe darüber nur eine einzige Aeußerung meiner Frau, die mich, als ſie ſie that, faſt zu⸗ ſammenſchmetterte. Wie weit ſie nun im Geheimen fortgearbeitet hat, kann ich mit Beſtimmtheit nicht ſagen; daß ſie aber Schlimmes Auf Flügeln des Geſangs. 163 im Schilde führt, glaube ich weder mir ſelbſt noch Dir verheim⸗ lichen zu müſſen.“ „Glaubſt Du, daß die Anweſenheit ihres Vetters, des liebens⸗ würdigen Kammerjunkers, damit im Zuſammenhange ſteht?“ „Spricht man auch darüber?“ fragte Roderich mit großer Aufmerkſamkeit. „Ja; doch nur in ſo fern, als der Freiherr gekommen ſei, um Deine Frau bei der Auflöſung ihr unerträglich gewordener Bande zu unterſtützen.“ „Ich bin zu arglos für dieſe Welt. Daran dachte ich in der That nicht; ich hielt ſie für zu klug, ſich einen ſo unklugen Bei⸗ ſtand zu wählen.“ 3 „Wenn man Kammerjunker iſt und Freiherr Schenk von Schenkenberg, ſo hält man ſich für klug genug, einen einfachen, harmloſen Künſtler, wie Du biſt, zu Überliſten.“ „Wäre es nöthig, bei dieſer traurigen Angelegenheit gegen mich irgend eine Liſt anzuwenden? Hat ſie einmal ihren Entſchluß gefaßt, gut, ſo ſoll ſie mich finden, wie ſie mich immer gefunden hat— offen, ehrlich und anſtändig.“ „Nur nicht zu anſtändig und nicht zu nachgiebig.“ „Wie ſo?“ „Der Freiherr Schenk von Schenkenberg wird für ſeine Cou⸗ ſine einen hübſchen Theil Deines Vermögens verlangen.“ „Er mag das ganze nehmen— laß mir meine Leinwand, meine Farbe, unter Befreiung von all' den kleinlichen Neckereien und tauſendfachen Nadelſtichen, die meine Laune verderben und meine Kraft lähmen, und ich erwerbe mir genug, um mehr als anſtändig leben zu können.“ „Aber— wenn ſie ihre Tochter fordert....“ Roderich zuckte zuſammen und faßte den Arm ſeines Freundes, den er krampfhaft drückte und dann, obwohl in leiſem Tone, aber mit erſchreckender Heftigkeit ſagte:„Nie und nimmermehr!“ — — — 164 Achtzehntes Kapitel. Walter trat mit Rüding aus dem Nebenzimmer zu den Bei⸗ den heran. Der erſtere hatte den ſanften Eduard feſt am Arme gepackt und ſo den ſich ängſtlich Sträubenden herangezogen. „Man muß dem Teufel keck in das Geſicht ſehen,“ ſagte der alte Maler in luſtiger Weinlaune,„und wenn auch die Dame in Lila dort drüben keine freundlichen Blicke auf Dich abſendet, ſo iſt das ganz gleichgültig— warum ſich zurückziehen vor der erhabenen Gattin eines Generals, wir als Künſtler rangiren höher hinauf— nicht wahr, Roderich?“ „Ganz gewiß,“ warf Olfers begütigend ein;„aber Du kannſt das eben ſo gut leiſe ſagen.“ „Eigentlich brauchte ich es gar nicht zu ſagen, denn es ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt; ich kam auch deßhalb nicht daher, ſondern wollte Euch einladen, zuzuſchauen, wie ich dieſem kleinen, blond⸗ gelockten Ungeheuer in rother Weſte den großmüthig verlorenen Punſch ſpendire— dort kommt ſo eine lebendige Livrée und brennt vor Luſt, uns zu bedienen— he da, mein guter Freund!“ „Komm,“ ſagte Roderich zu Lytton mit leiſer Stimme,„hilf mir die Beiden ohne Aufſehen in das Vorzimmer bringen. Walter iſt eine viel zu gute Seele, um ihn hier vor dieſer Geſellſchaft einem höhniſchen Lächeln auszuſetzen— kommt,“ wandie er ſich hierauf an die beiden Anderen,„wir wollen ſehen, wie Ihr Eure Wette ausgleicht; aber nicht hier, ich weiß dort nebenan einen prächtigen, ſtillen Platz dazu.“ „Olfers iſt ein Mann von eben ſo viel Takt als Ueberlegung; ich folge Dir unbedingt, und wenn es in die Hölle ginge. Laßt uns aber dieſen kleinen Miſſethäter in die Mitte nehmen; ich habe die eniſetzlichſte Angſt, er möchte ſich noch einmal nach dem Mops jener Dame in Lila erkundigen, und das wäre fürchterlich— aber, daß uns ja der Punſch in Livrée begleitet!“ „Unbeſorgt,“ antwortete Olfers, während die Drei durch den großen Saal dem Ausgange zuſchritten,„ich bringe ihn ſchon.“ Auf Flügeln des Geſangs. 165⁵ Roderich führte die beiden Anderen nicht nur in das erſte Vorzimmer, ſondern ſchritt, in vernünftiger Erwägung des etwas erheiterten Zuſtandes Walter's, bis in jenes Gemach dicht am Veſtibule, wo der Adjutant vor einigen Stunden die Gäſte em⸗ pfangen. Hier fanden ſich noch einige frühzeitige Ausreißer, die den günſtigen Augenblick, wo ſich Niemand im Vorzimmer befand, wahrnehmen wollten, um ſich in aller Stille zu entfernen; als ſie aber die jetzt noch günſtigere Gelegenheit wahrnahmen, hier in aller Gemüthlichkeit noch einen Abſchiedspunſch trinken zu können, ſo umringten ſie den Mann in der Livrée, der ein großes Tablett mit ein paar Dutzend gefüllten Gläſern trug. Doch ſchien Walter mit dieſer Art der Erledigung der Punſchwette durchaus nicht ein⸗ verſtanden, ſondern nahm vielmehr den Bedienten mit ſeinem Präſentirteller für ſich allein in ſo fern in Beſchlag, als er bei einer nochmaligen Auseinanderſetzung des ſtreitigen Objectes in einer ſehr weiiſchwegenede ein Glas um das andere ruhig zu ſich nahm und austrante ein ſehr eigenthümliches Verfahren, welches ſich übrigens bei Walter's außerordentlichem Ernſte, mit dem er die Sache behandelte, ſo komiſch machte, daß ihm Roderich und Olfers, ſelbſt Rüding lachend und mit großer Befriedigung zuſahen. „So war alſo die Wette,“ ſagte er nach dem letzten Glaſe, „und darum hat es ſich gehandelt, wobei mir Jedermann zugeben muß, daß ich mit eben ſo viel Rückſicht für meinen Freund Rü⸗ ding als Unparteilichkeit gegen die Zeugen bei dieſer Wette ver⸗ fahren, und wenn ich jetzt,“ ſetzte er, ſich umſchauend, hinzu,„im Beſitze meines Hutes wäre, ſo würde ich noch ein Uebriges thun und dieſen kleinen Eduard, den ich nun heute Abend einmal nicht verlaſſen darf, nach Hauſe begleiten.“ Lachend exinnerte ſich Olfers, etwas Aehnliches wie Walter's ihm wohlbekannte Kopfbedeckung auf der Uhr drinnen im großen Saale geſehen zu haben, und beauftragte einen Lakaien, dieſelbe Achtzehntes Kapitel. herbeizuholen, worauf die beiden Bewohner des Reichsapfels herz⸗ lichen Abſchied nahmen und dann langſam die Treppe hinabſtiegen, Walter, wie er ſagte, mit einem ungeheuer behaglichen Gefühle in Erwartung einer Cigarre, Rüding dagegen mit der Verſicherung, daß er ſich nach Beendigung einer ſolchen höchſt angenehmen und unterhaltenden Soirée immer etwas einſam fühle und noch lange und faſt ſchmerzlich zehre von der Erinnerung des genoſſenen außer⸗ ordentlichen Vergnügens. XIX. „Komm, tritt mit mir ins enge Stübchen ein.“ Der Prinz war ſich in ſeiner Liebenswürdigkeit gegen die beiden Schweſtern bis zum Ende der Soirée ſo gleich geblieben, daß er ſie ſogar bis an die Treppe begleitete, in ſo außergewöhn⸗ licher Artigkeit, welche den Adjutanten von Werdenberg und den Kammerherrn von Schleiden veranlaßte, die Höflichkeit noch weiter zu treiben und die beiden jungen Damen bis an ihren Wagen zu begleiten. „Ein paar ſuperbe Mädchen,“ ſagte der Eine, als der Wagen davongerollt war. „Auf meine Ehre— räuberhaft,“ erwiederte der Andere— „ſchon zwölf Uhr, Baron, das hat verflucht lange gedauert! Wir gehen doch noch in unſern Club?“ „Das will ich meinen, nach einer ſolchen Langweilerei braucht ein geſcheiter Menſch dringend eine Reſtauration.“ Hätte man alles das perſtanden, was beinahe jeder der Gäſte, nachdem er das gaſtfreie Haus des Prinzen verlaſſen, irgend einem Anderen zuflüſterte, oder hätte man die Gedanken der meiſten er⸗ rathen können, ſo würde man gefunden haben, daß ſich alle faſt in der gleichen Meinung begegneten und daß alle die Soirée, mit Ausnahme des wunderbaren Geſanges, über alle Beſchreibung lang⸗ 168 Neunzehntes Kapitel. weilig gefunden— wie geſagt, ſo dachten die Gäſte, ſo dachte der Gaſtgeber hier wie in faſt allen ähnlichen Fällen, und es iſt deßhalb eine höchſt undankbare Aufgabe, viele Leute zu ſo langweiligem Vergnügen zuſammen zu laden. Aehnlich klang es auch in dem Wagen, der die beiden Schweſtern nach Hauſe führte, und Conchitta ſagte:„Ich habe Dich noch nie um Dein Leben in der großen Welt beneidet, und nach ſolchen offenbar verſchleuderten Stunden wie die des heutigen Abends kann ich Dich nur bedauern.“ „Und doch iſt es lange nicht ſo arg, als Du denkſt,“ erwiederte Juanita. Dieſe großen Geſellſchaften erſparen und, die wir viele Menſchen ſehen und ſprechen müſſen, eine Menge unnöthiger Beſuche und dadurch außerordentlich viel Zeit— frage nur unſern guten Joſe. Sobald wir in eine größere Stadt kommen, läßt er ſich dort in ein paar Häuſer einführen und macht dann Abends im Frack bei Soupers und Spielgeſellſchaften unſere kleinen Geſchäfte ab.“ „Alſo gibſt Du mir Recht?“ ſagte Conchitta;„denn ich für meinen Theil pflege Geſchäfte und Vergnügungen ſtreng von einander zu ſcheiden.“ „Alſo Eines nach dem Anderen— wie Du es wünſcheſt, meine gute Schweſter, und da wir uns denn heute Abend bis zur jetzigen Stunde— natürlich mit Ausnahme meines Geſanges, ich ſage es ſelbſt, da Du es ſagen wollteſt— gründlich gelangweilt haben, ſo wollen wir uns jetzt noch ein Bischen amuſiren und Dich deßhalb nach Deiner Wohnung begleiten— keine Einrede— die würdige Sennora, bei der Du wohnſt, wird ſchlafen, und wenn auch der kleine Michel Angelo aus ſeinen Träumen aufwacht, wenn er uns die Treppen hinauf gehen hört, ſo wird er entzückt ſein, ſeinen Schützling, wie er Dich zu nennen pflegt, wieder unter ſeinem Dache zu wiſſen; auch habe ich Mercedes heute noch nicht geſehen, was mich ſchmerzt, beſonders, da ich Euch doch bald wieder ver⸗ laſſen muß.“. Komm, tritt mit mir ins enge Stübchen ein. 169 „Schon ſo bald, Juanita?“ „In den nächſten Tagen; ich habe einen ehrenvollen und höchſt angenehmen Ruf, dem ich Folge leiſten muß. Aber warum willſt Du uns nicht begleiten? Ich habe Dich ſchon ſo oft und ſo dringend darum gebeten.“ „Laß das, Juanita, Du kennſt meine Gründe, und Du mußt ſie achten; wenn ich auch keine ſo große Künſtlerin bin, wie Du, ſo iſt mir doch meine Kunſt eben ſo lieb als Dir die Deinige.“ Der Wagen hatte jetzt das Haus erreicht, wo Conchitta wohnte, und hielt kaum vor dem Hauſe, als die Thür desſelben auch ſchon von Mercedes geöffnet wurde, welche außerordentlich erfreut war, als nun alle Drei eintraten und ſich die Treppe hinauf in die Wohnung begaben. Mochte Michel Angelo Schmitz zufällig aufgeblieben ſein oder abſichtlich, wir wiſſen das nicht genau anzugeben, doch iſt es That⸗ ſache, daß er in der geöffneten Thür ſeines Zimmers erſchien, und zwar mit zwei brennenden Lichtern, welche er mit einer freundlichen Verbeugung ſo hoch als möglich hielt, um die etwas dunkle Treppe für die Geſellſchaft zu erleuchten. Nachdem er einen dankenden Gruß von den beiden Schweſtern, auch von Don Joſe dafür erhalten, ſchaute er noch eine Zeit lang in die Höhe, wie die weiße, ſylphen⸗ artige Geſtalt Conchitta's langſam verſchwand, und ging dann in ſeine Wohnung zurück, mit ſich ſelber redend:„War es mir doch gerade, als ſei der Segen aus dem Hauſe gewichen, es erſchien mir Alles ſo leer, ſo unheimlich— jetzt hoffe ich aber, ganz aus⸗ gezeichnet zu ſchlafen.“ Drinnen in ihrem Schlafzimmer war übrigens Madame Schmitz ebenfalls noch wach, obgleich dieſe würdige Dame bereits ſeit längerer Zeit im Bette lag. 1 „Iſt Mamſell Conchitta nach Hauſe gekommen?“ fragte ſie ihren Sohn. „Ja, Mutter, mit ihrer Schweſter und dem alten Herrn.“ Hackländer's Werke. 53. Bd. 12 Neunzehntes Kapitel. 2 „Haſt Du ſie noch geſehen 2“ „Im Vorbeigehen.“ „So iſt es, ja, ja.“ „Ja wohl, Mutter.“ herkinkommen?“ das Bett ſeiner Mutter. Sohn Michel!“ „Gute Nacht, Mutter!“ „Gewiß,“ erwiederte zuvorkommend der Sohn „Nicht wahr, ich irre doch nicht, unſere Mamſell iſt in einem weißen Kleide und ihre fremde Schweſter in einem gelben?“ „Und der Herr hat einen Stern auf dem Rock?“ „Willſt Du nicht ſo gut ſein und einen Augenblick zu mir und trat an Dieſe richtete ſich etwas in die Höhe, dann ſagte ſie mit großer Wichtigkeit und leiſe flüſternd, als wolle ſie es vermeiden, daß das, was ſie ihrem Sohne mitzutheilen habe, irgend Jemand auf dieſer Welt höre:„Dein ſeliger Vater hatte einen Widerwillen gegen die gelbe Farbe, und meinen erſten Streit mit ihm bekam ich deß⸗ halb, weil ich Dir gelbe Höschen machen ließ, und zwar von einem Gelb, welches durchaus nicht ſchreiend war— iſt das nicht merkwürdig?“ „Es iſt erſtaunlich, Mutter, was Du für ein Gedächtniß haſt!“ „Aber es reibt mich auf, dieſes ausgezeichnete Gedächtniß und die beſtändige ſchmerzliche Erinnerung— nun, wir wollen darüber ſchlafen und es hoffentlich bis morgen früh vergeſſen haben. Dein Vater war ein ganz guter und vernünftiger Mann, aber iſt's nicht erſtaunlich, wegen einer gelben Hoſe Streit anzufangen?“ „Gewiß, Mama, ich kann das durchaus nicht begreifen.“ „So ging es mir auch— nun, Gott habe ihn ſelig, er wird in Frieden ruhen, denn da drüben, wo er jetzt iſt, gibt es keine gelben Hoſen— das weiß ich ganz gewiß.— Gute Nacht, mein Im oberen Stocke hatte unterdeſſen Mercedes ein paar Lichter mehr als gewöhnlich angezündet und lud die Angekommenen ein, Komm, tritt mit mir ins enge Stübchen ein. 171 um den runden Tiſch Platz zu nehmen, auf dem ein koloſſaler Roſenſtrauß ſtand; auch brachte ſie eine Flaſche friſchen Waſſers, dazu die nöthigen Gläſer und eine Kryſtallſchale mit Zuccarillos. „Ah, Zuccarillos!“ ſeufzte Juanita.„Du biſt doch eine theure, liebe, ſtets ſorgſame Schweſter, Mercedes. Ach, wenn ich Zuccarillos ſehe, ſo denke ich faſt ſchmerzlich bewegt und mit einer Lebhaftigkeit an Sevilla, daß es mir gerade iſt, als ſäßen wir in unſerem Pateo neben dem murmelnden Springbrunnen, umduftet von Orangen⸗ blüthen, und ich hörte nichts als Mandolinenklänge und Caſtagnetten⸗ geknatter— ach, mein ſchönes Spanien!“ „Die gute Mercedes läßt die Zuccarillos hier machen,“ ſagte Conchitta;„ſie hat es einen Conditor gelehrt, und der bereitet ſie ganz ordentlich— ſchau' nur her, wie ſie zerſchmelzen.“— Und damit nahm ſie eine der langen, dünnen Stangen aus ſchaumigem Zucker und Citronenſaft und ſtellte ſie in ein Glas voll Waſſer, worauf der weiche Zucker augenblicklich zu ſchmelzen anfing und der Zuccarillo in ein paar Secunden in ſich zuſammenſinkend ver⸗ ſchwunden war. „Und Cigarren?“ fragte Don Joſe, der ſich mit einer ſicht⸗ baren Behaglichkeit in einem Lehnſtuhle ausdehnte.„Iſt es außer⸗ ordentlich ſtreng verboten, bei Euch zu rauchen?“ „Im Gegentheil,“ erwiederte Mercedes lachend, indem ſie ein Paketchen Cigarritos herbeibrachte,„fange immerhin an, und ich fürchte, wir erleben es, daß ſchlechtes Beiſpiel gute Sitten verdirbt.“ Dieſes ſagte ſie mit einem launigen Blicke auf Juanita, welche ihr mit großem Ernſte und mit wirklicher Grandezza erwiederte: „Schlechte Beiſpiele können auf mich gar nicht einwirken; ich glaube, es iſt unmöglich, mich zu etwas zu verführen, aber ſich einem ſo kleinen, niedlichen Laſter aus freien Stücken hinzugeben, dazu kann man mich jederzeit geneigt finden.“— Dies ſagend, nahm ſie eine der dünnen Papiercigarren, öffnete ſie mit ihren niedlichen Fingern, um ſie gleich darauf feſter und mit einer ſolchen —-— 172 Neunzehntes Kapitel. Gewandtheit zuſammenzudrehen, daß man deutlich ſah, es geſchehe dies nicht zum erſten Male. Auch Mercedes langte zu, ohne ſich beſonders nöthigen zu laſſen, und ſagte mit einem lächelnden Seitenblicke auf Conchitta: „Man ſollte glauben, Du ſeieſt keine echte Spanierin.“ „Es macht mir nun einmal kein Vergnügen; ich hoffe, Du kennſt mich genügend, um zu wiſſen, daß ich nicht aus Ziererei das Rauchen einer kleinen Cigarre unterlaſſe.“ „Ich bin gutmüthig genug,“ ſagte Don Joſe, ſich zurück⸗ lehnend,„um Euch von Herzen den Genuß einer ſo vortrefflichen Puros, beſonders nach ſtundenlanger Soirée, zu wünſchen; man fühlt ſich dabei förmlich der trockenen Wirklichkeit entrückt und in ein wonnevolles Fabelland verſetzt, man iſt Herrſcher auf irgend einem Throne, und während man in ſüßen, betäubenden Düften ſchwelgt, führen die aufſteigenden zarten Rauchwolken ſchattenhafte, phantaſtiſche Tänze vor unſern Augen auf. Ah, ich bin der Ueber⸗ zeugung, ein Herrſcher, welcher eine gute, milde Cigarre raucht, iſt nicht im Stande, irgend ein ſchweres Strafurtheil zu unterſchreiben.“ Don Joſe hatte dieſe kleine Schwärmerei mehr zum digenen Ergötzen wie für die Damen hören laſſen, weßhalb ſich Mercedes gegen Juanita wandte, ihre beiden Hände ergriff, ihr mit innigem Blicke in die Augen ſchaute und in beinahe traurigem Tone fragte: „Iſt es denn wahr, daß Ihr uns ſo bald verlaſſen wollt?“ Juanita nickte mit dem Kopfe, dann ſagte ſie:„Von meinem Wollen hängt es ja nicht ab, ich habe Verpflichtungen, die ich erfüllen muß.“ „Und warum gehſt Du die Verpflichtungen ein? Du ſollteſt nicht ſo viel ſingen, Dich mehr ſchonen!“ „Ich werde mich ſchonen und nicht mehr ſo viel ſingen,“ ent⸗ gegnete Juanita lachend, ſobald es mir meine Stimme gebietet; jetzt aber ſtrengt mich das durchaus nicht an, im Gegentheil, es übt mich und hilft meiner Kunſt— ſagen doch die Leute, meine Komm, tritt mit mir ins enge Stübchen ein. 173 Töne ſeien koſtbare Perlen, lauteres Gold— nun ja, das ſoll es für uns werden.“ Conchitta hatte eine Roſe aus dem Bouquet, das vor ihr auf dem Tiſche ſtand, gezogen und ſpielte damit, indem ſie Blättchen um Blättchen abzupfte und dabei ſehr ernſt vor ſich niederſah. „Und nicht wahr, Joſe, es fehlt uns nicht an koſtbaren Perlen und werthem Golde?“ „Ja, der Himmel iſt Dir günſtig, wir nehmen große Summen ein, um— große Summen wieder auszugeben.“ „Pah, zu einem guten Zwecke!“ ſagte Juanita. „Allerdings,“ ſprach Joſe ſeufzend,„zu einem guten und großen Zwecke, und ich bin es, der Dich dazu ermuthigt— Gott aber mag wiſſen, ob ich es jetzt noch einmal thun würde!“ „Ei, Don Joſe, ein ſpaniſcher Grande und den Muth verlieren!“ „Nicht gegen ſichtbare Gegner oder ein mühevolles Leben oder harte Schickſale; aber gegen ein Phantom, das allen unſeren Streichen ausweicht, und das, wenn wir es feſt gepackt zu haben glauben, uns ausweicht, um von rechts, von links, von oben, von unten uns hohnlachend unſere Ohnmacht vorzuwerfen.“ Juanita ſchüttelte leicht mit dem Kopfe, dann ſagte ſie zu ihrer jüngeren Schweſter:„Da wir einmal bei dieſer Angelegen⸗ heit ſind, ſo darf ich Dir wohl ſagen, Conchitta, wie ſehr es mich gewundert, daß Du nie über den Stand unſeres Proceſſes gefragt — und auch Du nicht, Merced* fuhr ſie fort, als ſie den eigen⸗ thümlichen Blick bemerkte, den ihre ältere Schweſter mit Conchitta wechſelte;„Du mußt nicht ſagen, nicht einmal denken,“ fuhr ſie mit lebhaftem Tone fort,„daß die Sache Dich nichts angehe, ja, ſie betrifft Dich ſo gut wie mich ſelber, und wenn ich alle An⸗ ſtrengung mache, um dieſen ungeheuren Proceß zu gewinnen, und wir müſſen ihn gewinnen, ſo thue ich es, um eines Tages Millionen vor Dir ausbreiten zu können, Millionen, die unſerer Familie rechtmäßig gehören, mit denen ich unſere Stammſchlöſſer wieder ——·——ÿ 174 Neunzehntes Kapitel. ankaufen und unſerer erlauchten Familie den Glanz wieder ver⸗ leihen werde, der ihr gebührt. Joſe,“ ſchloß ſie mit einer un⸗ geduldigen Bewegung,„ſage doch dieſen Ungläubigen, daß wir Hoffnung haben!“ „Aber ich hoffe nicht,“ entgegnete Conchitta ſanft;„auf was man hofft, danach muß man auch Verlangen fühlen, und ich trage kein Verlangen nach großem Reichthume.“ „Immerhin,“ verſetzte Juanita, die Achſel zuckend,„ſage ihnen immerhin, was wir zu hoffen haben; aber glaube mir,“ wandte ſie ſich in bitterem Tone an Conchitta,„daß es auch nicht meine Sucht nach großem Reichthume iſt, weßhalb ich die ſchwere Erb⸗ ſchaft dieſes Proceſſes, den uns Vater, Großvater und Urgroßvater hinterließen, übernommen habe und mit aller Kraft weiter führe; nur unſer gutes Recht will ich verfechten, und nicht einmal gegen⸗ über lebenden Perſonen, die Vortheile oder Nachtheile haben könnten beim Gewinnen oder Verlieren dieſes Rechtsſtreites, ſondern gegen⸗ über der todten Hand einer Staatsverwaltung.“ „Wenn dieſer Proceß einmal entſchieden wird,“ ſagte Don Joſe, indem er ſich in ſeinem Lehnſtuhle aufrichtete,„ſo muß das ein förmliches Aufſehen geben, denn der Anfang deſſelben klingt wie ein Märchen.“ „Ach ja,“ ſagte Conchitta,„und als ſolches war es mir ſtets intereſſant. Ich habe es ſchon aufmerkſamen Kindern erzählt,“ fuhr ſie nach augenblicklichem Nachſinnen mit heiterem Lächeln fort;„es gibt kein Märchen, welches ſie ſo gern hören, wie die Geſchichte von der Katze mit der rothen Halsbinde.“ „Wie mir mein Sachwalter aus Madrid ſchrieb, hat dieſe Angelegenheit für uns eine durchaus günſtige Wendung genommen, woran ich auch von vorn herein nie gezweifelt, weßhalb wir uns jedoch noch keiner großen Illuſion hingeben dürfen, daß der Proceß bald beendigt werde; im Gegentheil, es kann noch Jahre dauern, denn unſere ſpaniſchen Advokaten ſind ihrer Zähigkeit wegen berühmt Komm, tritt mit mir ins enge Stübchen ein. 175 und laſſen ſich höchſt ungern einen ſo fetten Biſſen wie das Plai⸗ doyer für die Staatsverwaltung aus den Zähnen reißen.“ „Jahre lang!“ rief Juanita unmuthig;„das habe ich ſchon Jahre lang gehört, und ich muß ſchon geſtehen, wenn mich das Schickſal hart behandeln wollte, ſo müßte es mich den Proceß gewinnen laſſen, wenn ich alt geworden bin.“ „Dann könnteſt Du ein Kloſter ſtiften,“ meinte Mercedes lächelnd,„und wir würden recht heiter und vergnügt zuſammen leben.“ „Und für meine alsdann längſt dahingegangene Seele Meſſen leſen laſſen,“ ſagte Don Joſe—„nein, ich pflichte Juanita voll⸗ kommen bei, es wäre entſetzlich, wenn das Schickſal ſo hart mit uns umginge!“ „Für mich hat die Idee etwas Unheimliches, das Erbe einer Todten, welche hundert Jahre unbeerdigt lag, antreten zu ſollen!“ warf Conchitta gedankenvoll dazwiſchen. „Kindereien, was geht uns die Todte an!“ ſprach Juanita; „wir beerben ihren Oheim, unſern Urgroßvater in gerader Linie. Doch ſind dieſe Einzelheiten kein Geſpräch für die Mitternachts⸗ ſtunde und nach einer ermüdenden Soirée; wie mich Joſe ſchon vor einigen Tagen verſichert, ſteht unſere Sache gut, und das habe ich für unſere Pflicht gehalten, Dir mitzutheilen— ja, meine gute, liebe Conchitta, Du ſollſt und mußt, ſelbſt gegen Deinen Willen, reich und glücklich gemacht werden!“ „Und— Eines ohne das Andere wäre nicht möglich?“ fragte Conchitta ſchüchtern.. „Möglich wohl, aber es gehört zu den Seltenheiten!“ rief Juanita.„Was mich betrifft, ſo kann ich mir ohne großen Reich⸗ thum kein wahres Glück denken; o, es müßte eine Seligkeit ſein, mit tauſend und Tauſenden Millionen um ſich werfen zu können, ſich jede Laune erlauben zu dürfen und als Gottheit da zu ſtehen in den Augen der erbärmlichen Menſchheit, deren Achtung ſich nach Bankbillets abmeſſen läßt.“ 176 Neunzehntes Kapitel. „Ja, Reichthum als Mittel zu irgend einem Zwecke will ich mir gefallen laſſen.“ „Wie kann man es auch anders verſtehen; glaubſt Du, Joſe, es würde mir Freude machen, in Goldhaufen zu wühlen? O nein, ich möchte nur reich ſein, unermeßlich reich, um Mittel zu haben, großartige Phantaſieen auszuführen und um meine Mitmenſchen glücklich zu machen,“ ſetzte ſie, träumeriſch vor ſich hinſtarrend, hinzu.—„Und Ihr könnt mir glauben,“ rief ſie alsdann mit leuchtenden Augen,„ich habe großartige Phantaſieen, herrliche Phantaſieen! Woran ich zum Beiſpiel mit einer innigen Schwärmerei denke, iſt an das Caſtell— bei Granada, gegenüber der göttlichen Alhambra und der reizenden Xeneralifa— erinnerſt Du Dich, Joſe?“ „Ob ich mich erinnere! Es gibt keinen wunderbareren Punkt in ganz Spanien, und das iſt viel geſagt. Aber das Caſtell ſelbſt verdient kaum noch ſeinen Namen, es iſt ein altes, verfallenes Haus, eine Ruine— faſt nur ein Trümmerhaufe mit einem ver⸗ wilderten Parke.“ „Aber wie großartig ſchön in ſeiner Verwilderung, ſeinem murmelnden, klaren, eiskalten Waſſer, das freilich jetzt ungebändigt und ungeleitet unter dem dichten Schatten der faſt zuſammen⸗ gewachſenen Bäume dahinfließt— und dieſe Bäume, Joſe, er⸗ innerſt Du Dich noch? Deutſchland iſt mit Recht ſtolz auf ſeine Buchen⸗ und Eichenwälder, aber zeige mir hier oder in dem ge⸗ prieſenen Frankreich oder im ſchönen Italien etwas Aehnliches,— dieſe mächtigen Eichen und Buchen, ihnen zur Seite Lorbeeren und Orangen!“ „Wie heute, ſchwärmte ſie auch damals, als wir in Granada waren, für dieſen allerdings reizenden Punkt,“ ſagte Don Joſe lächelnd zu den beiden andern Schweſtern.„Ich dachte, Du hätteſt das vergeſſen,“ wandte er ſich nun an Juanita. „Ich das vergeſſen?“ rief ſie mit ſtrahlendem Blicke—„im Gegentheil, es iſt faſt läglich meine liebſte Erholung, dort einſt Komm, tritt mit mir ins enge Stübchen ein. 177 ein irdiſches Paradies zu errichten. Oft ſtundenlang, wenn ich allein bin, oder tagelang, wenn wir reiſen, baue ich in Gedanken an dem Hauſe, welches ich dort oben errichten, an dem Parke, den ich anlegen möchte. O, beides ſteht ſo lebendig vor meinem inneren Auge, daß ich's nur niederzeichnen dürfte, wenn ich überhaupt zeichnen könnte, oder daß ich es meinem Hofbaumeiſter und meinem Hofgärtner nur in die Feder zu dictiren brauchte, den Palaſt mit ſeinen Treppen und Fenſtern, mit ſeinen Altanen und Säulen, den Park mit ſeinen Wegen, ſeinen Gebüſchpartieen, ſeinen Seeen! Ja, wenn ich auf meinen Reiſen irgend ein kleines Kunſtwerk kaufe oder ein größeres gern kaufen möchte, ſo beſtimme ich es ſchon im Voraus für meine Villa bei Granada und bin in Gedanken genau mit mir darüber einig, welche Plätze Bilder oder Statuen einnehmen ſollen.“ „Hoffen wir demnach auf unſere Erbſchaft,“ ſagte Don Joſe lächelnd,„denn ich glaube, Du würdeſt für dieſe Phantaſie allein eine halbe Million nöthig haben.“ „Was iſt eine halbe Million gegenüber der Erbſchaft, die uns mit Recht gehört?— Ach, meine gute Conchitta,“ wandte ſie ſich gegen dieſe,„welch herrliches Leben würden wir führen— Du würdeſt zeichnen und malen, ich würde muſiciren und ſingen, Joſe wäre Chef der Hofhaltung, Mercedes Oberhofmeiſterin— Freunde, die wir hätten, müßten Jahre lang bei uns bleiben, Künſtler fänden Hülfe und Schutz bei uns, und auf dieſe Art würden wir die Höfe Europa's um einen weiteren und würdigeren vermehren, um⸗ den hohen Künſtlerhof von Granada!“ 3 „Dieſe Phantaſie,“ meinte Joſe, indem er lächelnd ſein Haupt ſchüttelte,„müſſen wir Andern von Dir begreiflich finden, Juanita; Du biſt als Künſtlerin ſo oft die Herrin unermeßlichen Vermögens, die Beherrſcherin großartiger Ländereien, die Gemahlin von Fürſten, Königen und Kaiſern, daß es Dir eine Kleinigkeit iſt, mit Millionen zu ſpielen, ja, neue Reiche zu gründen, und wenn es auch nur ein Reich von Künſtlern wäre— Du haſt....“ —————· 178 Neunzehntes Kapitel. „Halt da,“ fiel ihm Juanita ins Wort,„Du ſollteſt beſſer wiſſen, Joſe, daß ich aus dem Lampenlichte, aus dem falſchen Schimmer und aus den werthloſen Flittern nie etwas in mein gewöhnliches Leben hineintrage oder Luftſchlöſſer baue; wäre aber die Idee, die ich Euch eben entwickelt, nicht unbeſchreiblich ſchön— ſprich, Joſe, wäre ſie es nicht?“ fragte ſie dringend. „Allerdings, Juanita, die Idee iſt vortrefflich, und ich möchte an Deinem Künſtlerhofe lieber als an jedem anderen Hofe der Chriſtenheit leben.“ „Ich danke Dir: doch beantworte mir noch eine andere Frage: wäre meine Idee unausführbar, wenn wir unſern Proceß gewinnen würden?“ „Ah, in dem Falle,“ erwiederte Joſe mit heiterer Miene, „könnteſt Du Dir dieſe Kleinigkeit ſchon erlauben, ja, ich möchte ſogar ſagen, in dieſem Falle wäre ſie eine vortreffliche Anwendung der Ueberſchüſſe Deines Nadelgeldes.“ „Nun denn, guter Joſe,“ rief ſie mit leuchtendem Blicke,„Du wirſt unſern Proceß gewinnen, und ich werde ihn gründen, unſern Künſtlerhof von Granada!“ „Vor der Hand wollen wir darüber träumen,“ meinte Don Joſe, indem er auf ſeine Uhr ſchaute—„es iſt Zeit für uns Alle, zur Ruhe zu gehen.“ Damit erhob er ſich, und die Anderen folgten ſeinem Beiſpiele, jeder mit dem ihm angeborenen Naturel: Don Joſe würdevoll und gravitätiſch, wie er Alles zu thun pflegte, Conchitta ruhig und ſtill, Mercedes mit der Haſt der Hausfrau nach den umherliegenden Shawls und Tüchern eilend, Juanita raſch und lebendig ſich um⸗ wendend und die Gegenſtände im Zimmer betrachtend, als komme ſie eben erſt zur Thür herein. „Du biſt fleißig, Conchitta,“ ſagte ſie, die Skizzen und Studien an den Wänden, meiſtens von der Hand ihrer Schweſter, betrach⸗ tend—„und mich freut Deine Liebhaberei für zierliche Möbel Komm, tritt mit mir ins enge Stübchen ein. 179 und Kunſtwerke— alles für unſern Künſtlerhof!“ flüſterte ſie ihr zu.—„Doch was iſt denn das?“ fuhr ſie mit lauter Stimme fort und nach einer Ecke des Zimmers eilend, wo auf einem Stückchen Teppich ein ſchneeweißer Pudel lag, der ſie mit ſeinen klugen, lebhaften Augen aufmerkſam betrachtete. „Ah, das iſt Figaro,“ ſagte Conchitta,„Figaro, unſer Gaſt ſeit heute Morgen.“ „Wie ſo, Euer Gaſt?“ „Es iſt das eine eigene Geſchichte, liebe Juanita,“ ſprach die jüngſte Schweſter mit leiſerer Stimme, als ſie gewöhnlich zu ſprechen pflegte.„Ich zeichnete neulich in einem Garten und ließ, ohne es zu wollen, mein Skizzenbuch liegen. Schon glaubte ich es verloren, denn es war ſchon einige Zeit verfloſſen, ſeit ich es vermißte, als ſich heute Morgen die Thür öffnete und das ſchöne Thier dort hereinkam, in ſeinem Maule mein Skizzenbuch tragend.“ „Wie iſt denn das möglich,“ ſagte Juanita, aufmerkſam werdend,„wie kann ein Hund denn die Thür öffnen?“ „Der Hund öffnete natürlicher Weiſe nicht ſelbſt,“ ſagte Mer⸗ cedes,„das that ein kleiner Burſche, welcher im Auftrage ſeines Herrn den Hund begleitete.“ „Ah, im Auftrage ſeines Herrn! Und wer iſt denn jener Herr, ſo voller Liebenswürdigkeit und ſo voller Eigenheiten gegen Dich, daß er Dir ein verloren gegangenes Skizzenbuch durch ſeinen Hund überbringen läßt, ſtatt ſelber zu kommen?“ „Der Herr dieſes Hundes iſt ein Künſtler Namens Rodenberg, den ich perſönlich kaum kenne und der durchaus keine Veranlaſſung hat, mich zu befuchen.“ „A— a—ah ſo!“ erwiederte Juanita.„Und wie kam es, daß das ſchöne Thier bei Euch blieb? Ach, das iſt wirklich ein ſchönes Thier!“ ſetzte ſie hinzu, ohne eine Antwort abzuwarten, worauf ſie ſich hinabbeugte und den Hund mit weicher, ſchmeichelnder Stimme lockte, hervorzukommen. ——————y 180 Neunzehntes Kapitel. Augenblicklich folgte Figaro dieſem Rufe und kam mit ſo freundlichen Bewegungen dicht an das junge Mädchen heran, daß es vollkommen begreiflich war, wie ſie ihre kleinen Hände um ſeinen Hals legte und ihre Stirn einen kleinen Augenblick in ſein weißes, ſeidenes Haar drückte. „Er iſt wirklich ausgezeichnet ſchön,“ ſagte ſie darauf;„und wie kommt es, daß er bei Euch geblieben?“ „Wir haben uns deßhalb keine beſondere Mühe gegeben,“ er⸗ wiederte Mercedes;„zum Danke für das Ueberbringen des Skizzen⸗ buches gab ihm Conchitta eine Schale Milch, und als man ihm darauf die Thür öffnete, zog er es vor, hier zu bleiben.“ „Nodenberg heißt ſein Herr,“ ſprach Juanita leiſe—„ach, ich kenne ihn wohl, bei dem Küuſtlerfeſte draußen war er freundlich gegen mich. Und wie kam gerade er zu Deinem Skizzenbuche?“ „Das weiß ich Dir nicht genau anzugeben; wahrſcheinlich war Rodenberg der Finder und ſandte es mir.“ „Aber auf eine ſo eigenthümliche Art, daß er auf alle Fälle damit etwas ganz Beſonderes ausdrücken wollte. Fandeſt Du in dem Skizzenbuche nichts von ihm, nicht irgend ein Zeichen, keine Zeile von ſeiner Hand?“ „Danach habe ich wahrhaftig gar nicht geſehen,“ erwiederte Conchitta in vollkommen unbefangenem Tone. „Aber ich blätterte das Buch durch und fand nicht das Ge⸗ ringſte darin,“ ſagte Mercedes lächelnd.. „So iſt es gerade,“ meinte Juanita, indem ſie nachſinnend vor ſich niederſchaute,„als wage er es nicht, ſelbſt zu kommen oder auch nur eine Zeile zu ſchreiben— er hält ſein Verſprechen,“ ſetzte ſie, zu ſich ſelbſt redend, hinzu.—„Gute Nacht, Conchitta!“— Sie reichte bei dieſen Worten ihrer jüngeren Schweſter beide Hände und zog ſie an ſich, um ſie herzlich zu küſſen. Darauf machte ſie es mit Mercedes eben ſo und verließ dann mit Joſe das Gemach und gleich darauf das Haus. XX. „Sahſt Du ein Glück vorübergehen?“ Dinige Zeit nach der im vorigen Kapitel erwähnten Soirée des Prinzen Heinrich befand ſich Roderich in ſeinem Atelier ganz allein, denn auch die ſonſt unſichtbar hinter dem großen Carton arbeitenden Schüler hatten ſich unter der Angabe, draußen in Wald und Feld Studien malen zu wollen, einen freien Tag verſchafft. Es war in dem großen, weiten Gemache kühl und ſtill wie in einer Kirche, auch faſt eben ſo feierlich, und wenn man ſich ähn⸗ lichen Gedanken hingegeben hätte, ſo hätte man jeden Augenblick erwarten dürfen, die tiefen Töne einer Orgel oder die lautſchallenden Worte eines Predigers zu vernehmen. Hoch oben durch das halb offene Fenſter blickte ein Stück des in dunkelblauem Glanze leuch⸗ tenden Himmels herein, wie eine Verklärung, wie ein befruchtender Gruß, den die allliebende Natur in die ſtille Künſtlerzelle ſandte. Roderich ſtand an ſeiner Staffelei vor dem nun faſt vollendeten Bilde, und er war in ſo glücklich künſtleriſcher Stimmung, daß ſein Pinſel kaum die Leinwand zu berühren brauchte, um etwas zu ſchaffen, mit dem er ſich ſelbſt zufrieden erklären mußte. Es waren dies Augenblicke, wie er ſie ſehr liebte, um ein Stück Lein⸗ wand oder ein großes Stück Papier vor ſich hinzuſtellen und irgend eine Compoſition zu entwerfen, ein Zeitvertreib, wie er ihn ſich hier Zwanzigſtes Kapitel. und da an Sonn⸗ und Feiertagen erlaubte. Heute aber durfte er nicht daran denken, denn er hatte feſt verſprochen, ſein Bild in der allernächſten Zeit wegzugeben. Doch flogen ſeine Gedanken, ſo fleißig er auch arbeitete, häufig über Pinſel und Bild hinweg und verführten oft ſeinen Blick, zu-⸗ weilen aufzuſchauen nach dem kleinen Stückchen des ſtrahlenden Himmels, nur um die Gedanken, jene loſen, flatterhaften Geſellen zurückzurufen, wie er ſich ſelbſt einzureden verſuchte; doch wenn er alsdann ſeinen Blick aufwärts wandte zu dem klaren, leuchtenden Blau und ihm ſeine Gedanken zuflüſterten, der weite Himmelsbogen ſpanne ſich über eine ſo unbeſchreiblich ſchöne Erde und es ſei doch zuweilen recht dunkel und kühl hier im Atelier, da kam ihn eine ſolche Sehnſucht an nach einer Wanderung über Berg und Thal, daß er nicht nur ſeine Gedanken hinausließ in alle Weiten, ſon⸗ dern daß er ſich im nächſten Momente darauf ertappte, wie er immer noch ſinnend und brütend aufwärts ſchaute. Aus einer ähnlichen Träumerei riß ihn die Ankunft ſeines Gärtners Andreas, welcher den Gobelin am Eingange ein wenig auf die Seite ſchob und nach vorausgeſchicktem leichten Huſten die Frage ſtellte, ob ein Herr, welcher draußen ſei, hereinkommen dürfe. „Wer iſt der Herr— einer meiner Bekannten oder ein Fremder?“ „Hier iſt ſeine Karte,“ ſagte der Diener, indem er ſchüchtern näher kam. Roderich nahm ſie, und nachdem er ſie geleſen, ſagte er in einem ſehr ärgerlichen Tone:„Ich habe Dir ſchon oft geſagt, daß ich für fremde Leute um dieſe Zeit nicht zu ſprechen bin!“ „Das ſagte ich auch,“ erwiederte Andreas und ſetzte in einem eigenthümlichen, ſtillen Tone hinzu:„Da ihn aber die gnädige Frau bis an den Garten begleitete, ſo mochte ich nicht ſagen, der Herr ſei nicht in ſeinem Atelier.“ „Und Du haſt ganz Recht gehabt,“ ſagte Roderich in einem Sahſt Du ein Glück vorübergehen? 183 begütigenden Tone,„erſuche den Herrn, hereinzukommen; zuerſt aber rücke den großen Lehnſtuhl dorthin.“ Nachdem Andreas dies beſorgt und dann, auf den Zehen ſchleichend, hinausgegangen war, wurde der Gobelin abermals auf⸗ gehoben, und der Kammerjunker Freiherr Schenk von Schenkenberg trat in das Atelier. „Ah, Herr Baron,“ rief ihm der Künſtler entgegen,„Sie erzeigen mir das Vergnügen, in meine Werkſtätte zu kommen— verzeihen Sie mir, daß ich Sie nicht an der Thür bewillkommt— aber ein naſſer Pinſel und ein angenehmes Licht verlangen gebieteriſch ihr Recht!“ „Ich bitte, ſich nicht ſtören zu laſſen,“ entgegnete der Kammer⸗ junker, bedächtig näher kommend, wobei er ſich bemühte, mit ſeinem mantelartigen Ueberwurfe vom feinſten Wollenſtoffe, in einem über⸗ aus zarten Grau, nicht an die etwas ſtaubig ausſehenden Staffe⸗ leien zu ſtreifen oder mit einem Bilde in Berührung zu kommen, deſſen Farbe ja möglicher Weiſe ſo friſch ſein konnte, um unan⸗ genehme Spuren zurückzulaſſen auf ſeinem untadelhaft ſchönen, ſo eben beſchriebenen Kleidungsſtücke. Und nicht blos dieſes Kleidungs⸗ ſtück mußte die Bewunderung eines Kenners erregen, das ganze Aeußere des Kammerjunkers war vielmehr vollkommen Neid er⸗ regend, ja, um uns eines gewöhnlichen, aber ſehr paſſenden Aus⸗ druckes zu bedienen, wie aus dem Ei geſchält. Bewundernswürdig war die Schwärze, der Glanz und die Glätte ſeines Hutes und ſeiner lackirten Stiefel— ſich in letzteren abzuſpiegeln, wäre durch⸗ aus nicht unmöglich geweſen. Dazu trug der Freiherr von Schenk hyacinthfarbige Beinkleider in Grau mit einer Miſchung von Lila, einen braunen Frack mit glänzenden Knöpfen, auf denen unter der Krone die Allerhöchſte Chiffre zu ſehen war. Seine Halsbinde war mit Geiſt und Talent geknüpft, ſeine Handſchuhe über jeden Tadel erhaben. Wenn er nur über der glänzend ſchwarzen Atlasweſte nicht eine ſo auffallend lange und ſchwere goldene Kette getragen ——— — 184 Zwanzigſtes Kapitel. hätte! Aber unwillkürlich heftete ſich der Blick des Beſchauers auf dieſe Kette, und wenn man das ganze gezierte Weſen des Kammer⸗ junkers betrachtete, ſein Bemühen, ſo unnatürlich, als es nur immer möglich war, zu gehen, zu ſtehen, zu ſprechen, ja, zu ſehen, ſo konnte man den frevelhaften Gedanken nicht los werden, dieſe Kette ſei eigentlich eine Feſſel, vermittels welcher der Kammerjunker hier und da feſtgeſchloſſen werde, wenn er ſich gar zu auffallend bemühe, einen wirklichen Menſchen nachzuahmen. Dabei war ſein glattes, ausdrucksloſes Geſicht ſo abgemeſſen ernſt, ſo unausſprechlich würdevoll anzuſehen, daß man unwillkürlich daran denken mußte, wie ſchrecklich dieſe nichtsſagenden Züge aus⸗ ſehen müßten, wenn ſich auf ihnen plötzlich ein heiteres, gemüth⸗ liches Lächeln zeige. Während der Kammerjunker ſo vor dem Künſtler ſaß, konnte ſich der letztere das Vergnügen nicht verſagen, ſein Geſicht mit ein paar kräftigen Zügen auf ein Stück Papier zu werfen, um ſich daſſelbe mit ſeiner überaus langen Oberlippe, dazu der ſchlaff herabhängenden Unterlippe und den halb geſchloſſenen Augenlidern, als den Typus der Albernheit, aufzubewahren. Der Freiherr von Schenk hatte zuweilen ſeine matten Augen geöffnet, umhergeſchaut und halblaut gemurmelt:„Schönes Atelier, ausgezeichnete Waffen, ſuperbe Bilder— ſu— perb.“ Hierauf hatte er ſein Toſchentuch hervorgezogen, leicht hinein gehuſtet und dann ſeine Blicke nicht ohne einen deutlichen Ausdruck der Unbehaglichkeit auf den Maler gerichtet, der jetzt Pinſel und Bleiſtift niederlegte, nach einer Cigarre langte und ſeinem Gegenüber ebenfalls eine an⸗ bot; doch lehnte ſie der Kammerjunker mit einer ſo entſchiedenen Handbewegung und beinahe zuſammenſchauernd von ſich ab, daß Roderich ſagte: „Sie ſind wohl kein Raucher, Herr Baron, und da es Sie alsdann geniren muß, wenn ich mir eine Cigarre anzünde, ſo werde ich es bleiben laſſen.“ Sahſt Du ein Glück vorübergehen? 185 „In Ihrem eigenen Atelier— wo denken Sie hin?“ „Allerdings pflege ich in meinem eigenen Atelier zu rauchen; doch weiß ich, was ich Ihnen ſchuldig bin und ſchätze das Glück zu hoch, Sie endlich einmal perſönlich bei mir begrüßen zu können.“ „Es iſt wahr, wir hatten in unſerem gegenſeitigen Beſuche entſchiedenes Mißgeſchick; meine Karten aber ſind Ihnen hoffentlich doch zugekommen?“ „Gewiß, Herr Baron; aber was iſt eine Karte gegenüber dem Vergnügen, ſich in Wirklichkeit zu ſehen und zu ſprechen!“ gab der Maler nicht ohne einige Bosheit zur Antwort. Der Andere verbeugte ſich wie geſchmeichelt, worauf der Maler fortfuhr: „Waren Sie mit der neulichen Soirée bei Seiner Hoheit zu⸗ frieden? Es intereſſirt mich, darüber etwas aus dem Munde eines Kenners zu vernehmen.“ Der Kammerjunker huſtete leicht und war ſichtbar um eine Antwort verlegen. Daß die Soirée eines Prinzen ihm als miß⸗ lungen erſchienen war, mochte er einem Plebejer gegenüber doch nicht zugeſtehen, und eben ſo wenig konnte er ſagen, daß ſie ihm gerade deßhalb als mißlungen erſchienen, weil Leute wie der, welcher ihm gegenüber ſaß, anweſend geweſen waren. Er half ſich deßhalb, ſo gut er konnte, indem er ſagte:„Hätte man ſtatt zu einer Soirée zu einem Concerte oder zu einer muſikaliſchen Abendunter⸗ haltung eingeladen, ſo würde ich in jeder Hinſicht ausgezeichnet befriedigt geweſen ſein; doch,“ ſetzte er hinzu mit jenem eigenthüm⸗ lichen Zuſammenzucken, welches bei dieſer Art von Leuten die Unter⸗ würfigkeit gegen eine höhere Perſon andeuten ſoll,„Seine Hoheit mit Dero feinem Sinne haben gewiß ſeine vortrefflichen Gründe gehabt, ſo und nicht anders zu verfahren.“ „Sie verließen die Geſellſchaft frühzeitig?“ „Um meine Couſine nach Hauſe zu begleiten, welche über hor⸗ rible Kopfſchmerzen klagte.“ Hackländer's Werke. 53. Bd. 13 ————— 186 Zwanzigſtes Kapitel. „Ah, meine Frau? Da muß ich unendlich bedauern, Herr Kammerjunker, daß Sie ſich veranlaßt ſahen, ein Vergnügen abzu⸗ kürzen, um meine Frau nach Hauſe zu begleiten!“ Nach dieſen Worten wechſelten die beiden Männer einen Blick, worauf Roderich augenblicklich erkannte, daß es ſich hier nicht um einen Höflichkeitsbeſuch handle, mit dem der Freiherr von Schenk ihn zu beglücken die Gewogenheit hatte. „Allerdings— aber,“ ſagte der letztere,„meine Couſine bat mich dringend, ſie nach Hauſe zu begleiten.“ Dieſes„mich“ betonte er ſo auffallend, daß Roderich, welcher ſich, nachdem er Palette und Pinſel niedergelegt, behaglich auf die Ecke des neben ihm ſtehenden Tiſches geſetzt, langſam von dieſem herabglitt und ſeine Arme über einander ſchlug; dann ſagte er in ruhigem Tone:„So gab Ihnen meine Frau, Ihre Couſine, wohl auch die Gründe an, warum dieſelbe gerade von Ihnen, Herr Kammerjunker, nach Hauſe begleitet ſein wollte, während ich, ihr Mann, mich nur wenige Schritte von ihr befand.“ „Sie gab mir dieſe Gründe an.“ „Und beauftragte Sie vielleicht, mir dieſelben zu wiederholen.“ „Gewiß, und deßhalb habe ich mir erlaubt, Sie hier in dieſem Atelier aufzuſuchen, wo wir doch ohne Zeugen ſind, wie ich hoffe.“ „Ganz ohne Zeugen, Herr Baron; doch wenn auch Zeugen da wären, ſo würde mich das durchaus nicht abhalten; denn Gründe, welche die Oeffentlichkeit ſcheuen, wird Ihnen meine Frau wohl nicht anvertraut haben, um ſie mir mitzutheilen.“ Dießmal war es Roderich, der das Wort„Ihnen“ ſehr ſtark betonte. „Und doch iſt es leider ſo,“ erwiederte der Kammerjunker achſelzuckend.„Ich übernahm einen Auftrag, deſſen Beſorgung mir außerordentlich ſchwer fällt.“ „So würde ich ihn vielleicht nicht angenommen haben.“ „Madame Hildegard“— er ſchien es abſichtlich zu vermeiden, Sahſt Du ein Glück vorübergehen? 187 den Namen des Mannes, der vor ihm ſtand, auszuſprechen— „meine nahe Anverwandte— ich, ihr natürlicher Beſchützer....“ „Ei, der Tauſend, Herr Kammerjunker— und was bin ich denn, welcher das Glück hat, ihre Couſine als Frau zu beſitzen?“ „Darf ich mir vielleicht erlauben, von meinem Auftrage zu reden?“ ſprach der Kammerjunker in ſehr ſanftem Tone. „Reden Sie immerhin,“ erwiederte der Maler lebhaft— „aber da Sie nach der Einleitung von ſo eben in einem Auftrage meiner Frau, welche Sie bis hieher an meinen Garten begleitet, zu mir kommen, ſo bitte ich nur um Eines— laſſen Sie Ver⸗ gangenes vergangen ſein und halten Sie ſich an die Gegenwart, oder vielmehr an die Zukunft. Erſparen Sie mir und ſich ſelbſt jede unangenehme Erörterung, wenn es ſein kann. Seien Sie ſo poſitiv als möglich.“— Er ſchaute bei dieſen Worten, anſtatt ſein Gegenüber anzuſehen, rings um ſich her, denn es war ihm gerade, als klängen von allen Wänden, aus allen Ecken die ſchreck⸗ lichen Worte abermals an ſein Ohr, welche er vor Kurzem hier gehört:„Und warum denn nicht früher?“ „Sie ſcheinen mir auf das vorbereitet, was ich Ihnen leider zu ſagen habe— ich wiederhole das Wort leider,“ weil die Be⸗ deutung deſſelben mir aus dem Herzen kommt!“ „Zur Sache, Herr Baron— wir wollen im Geſchäftstone reden und alle Gefühle bei Seite laſſen.“ Der Kammerjunker verbeugte ſich mit einem froſtigen Lächeln, dann betrachtete er aufmerkſam ſeine feinen, hellfarbigen Handſchuhe und ſagte:„Da Sie mich erſucht haben, in unſerem Geſchäftsge⸗ ſpräche die Vergangenheit gänzlich aus dem Spiele zu laſſen, ſo darf ich mir wohl kaum die Bemerkung erlauben, wie leid es mir thut, daß dieſe Vergangenheit gerade ſo war oder ſo geworden, wie es der Fall iſt.“ „In dieſes Bedauern, Herr Baron, ſtimme ich aus vollem Herzen ein.“ 188 Zwanzigſtes Kapitel. „Durch dieſe Vergangenheit,“ fuhr der Andere nach einer kleinen Pauſe fort, während er mit ſeiner ſchweren goldenen Kette ſpielte,„hat ſich denn die Gegenwart ſo geſtaltet, daß für die Zu⸗ kunft eine Aenderung im Intereſſe beider Parteien äußerſt noth⸗ wendig erſcheint.“ Roderich nickte ſchweigend mit dem Kopfe. „Madame Hildegard, meine Couſine, obgleich untröſtlich, in dieſer Aenderung die Initiative ergreifen zu müſſen, ſah ſich trotzdem veranlaßt, mich zu erſuchen, Ihnen über eine ſolche Aenderung die nöthigen Mittheilungen zu machen.“ „Das heißt in klareren Worten, meine Frau hat Ihnen, ihrem natürlichen Beſchützer,“ verſetzte der Maler in einem Anfluge von Ironie,„den Auftrag gegeben, mit mir über eine Scheidung zu unterhandeln.“ „So iſt es, mein werther Herr Olfers,“ gab der Kammer⸗ junker aufathmend zur Antwort;„ganz genau iſt es ſo, und wenn Sie ſo freundlich ſein wollen, mit mir in Unterhandlung darüber zu treten, ſo wird dieſe Sache ſich wohl auf eine leichte und für beide Theile auf die wenigſt peinliche Art machen laſſen.“ „Unterhandeln wir denn,“ ſagte Roderich, dem die geſchäfts⸗ mäßige Art, mit der ſein Gegenüber die furchtbare Angelegenheit behandeln zu wollen ſchien, etwas von der Ruhe wiedergab, die ein tiefer, gewaltiger Schmerz aus ſeinem Herzen zu verjagen drohte, —„unterhandeln wir denn. Wie ich vorausſetze, ſind Sie ein Mann, der die Geſetze kennt und genau zu unterſcheiden weiß, was dem Einen recht und dem Anderen billig iſt.“ Der Kammerjunker verbeugte ſich mit einer Miene, die nicht mißverſtanden werden konnte, dann ſagte er:„Was die hierauf bezüglichen Paragraphen des Geſetzes beſtimmen, würde ich nicht gern zur Grundlage unſerer Unterhandlung nehmen— verſtehen Sie mich recht, verehrteſter Herr— meine Couſine, eingedenk längſt vergangener Zeiten, wünſcht in jeder Beziehung eine vollkommen Sahſt Du ein Glück vorübergehen? 189 gütliche Uebereinkunft— hätte ſie mich ſonſt wohl mit einer ſol⸗ chen Unterhandlung betraut?“— Dieſes„mich“ betonte er abermals wieder ſo ſcharf, daß das einfache Wörtchen ſo klang, wie ſämmt⸗ liche Titel, welche der Kammerjunker beſaß, ſo wie alle jene, die er einſtens zu beſitzen hoffte. „So wäre es denn am beſten, wenn Sie mir in aller Kürze die Wünſche Ihrer Couſine mittheilten.“ Statt zu antworten, bewegte ſich der Freiherr von Schenk mit den untrüglichſten Zeichen des Mißbehagens, und erſt als ihm der Künſtler ſein Anſuchen wiederholte, gab er zur Antwort:„Sie werden mir zugeben, daß es für einen Mann in meinen Eigen⸗ ſchaften peinlich, ja, faſt unmöglich iſt, Wünſche zu formuliren, die mit Geldangelegenheiten in Verbindurg gebracht werden können und müſſen.“ „Und warum nicht, Herr Baron?“ erwiederte der Maler und ſetzte faſt mit Humor hinzu:„Wir unterhandeln als trockene Ge⸗ ſchäftsleute, ohne eine Spur von Gemüth— Sie kennen wahr⸗ ſcheinlich den Ausſpruch eines berühmten Finanzmannes: ‚In Geldangelegenheiten hört alle Gemüthlichkeit auf!““ „Setzen Sie ſich in meine Lage, Herr Olfers, und geſtehen Sie mir zu, daß es für mich wohl unmöglich iſt, einen derartigen Wunſch meiner Couſine auszuſprechen. In dieſer Beziehung ſind Sie über uns ungeheuer im Vortheil— wir haben zu erſuchen, Sie zu bewilligen.“ „Aber würden Sie es auch in dieſem Falle nicht vorziehen, den Buchſtaben des Geſetzes um Rath zu fragen?“ Der Kammerjunker blickte forſchend in die Höhe, doch ſchaute ihm Roderich arglos in die Augen, daß er deutlich ſah, Roderich kenne den hierauf bezüglichen Paragraphen des Eheſcheidungsgeſetzes, welcher der geſchiedenen Frau eine ziemlich mäßige Summe aus⸗ ſetzt, nicht.—„Dieſer Paragraph,“ ſprach er nach einer Pauſe, indem er abermals mit außerordentlicher Aufmerkſamkeit ſeine 190 Zwanzigſtes Kapitel. Handſchuhe beſichtigte,„ſpricht ſich allerdings deutlich genug aus; doch glaubt meine Couſine....“ „Ihn nicht in Anwendung bringen zu dürfen, weil er viel⸗ leicht zu große Forderungen an mich ſtellt?“ entgegnete Roderich raſch, faſt haſtig—„o, geniren Sie ſich durchaus nicht, Herr Ba⸗ ron— ich bitte Sie darum, ich wünſche das, ich muß es zur Grundlage unſerer Unterhandlung machen, daß Ihrer Couſine alles das gewährt wird, was ſie von mir verlangt— ja, mehr noch! Halten wir uns deßhalb an den gewiſſen Paragraphen, den ich leider nicht kenne, wenn es Ihnen gefällig iſt.“ Der Kammerjunker war offenbar in großer Verlegenheit; er kannte den Paragraphen ganz genau, und obgleich er nicht verkennen konnte, daß der Andere aus dem Grunde nur auf die Erfüllung jenes Paragraphen drang, weil er glaubte, derſelbe biete außer⸗ ordentliche Vortheile für Madame Hildegard, ſo fiel es doch dem Hochmuthe des Freiherrn ſehr ſauer, ihn über dieſen Irrihum aufzuklären und doch mußte es geſchehen.—„Ich erlaubte mir früher ſchon einmal,“ ſagte er nach einem längeren Stillſchweigen, „Ihnen zu bemerken, um Alles in der Welt nicht das Geſetz in Anſpruch zu nehmen, mein lieber Herr. Sie werden mich ver⸗ ſtehen, wenn ich Sie frage: was iſt das Geſetz?— Eine Zuſammen⸗ ſtellung von Paragraphen, erfunden von Leuten, die, ohne eine Spur von Zartſinn und Gemüth, Alles auf dem trockenſten Geſchäftswege behandelt wiſſen wollen.“ „Wenn ich nicht irre,“ erwiederte der Maler, aufmerkſam wer⸗ dend,„ſo wollten wir ja nach den gleichen Grundſätzen unſere Unter⸗ handlung führen— doch ehe Sie mir auf dieſe Frage erwiedern, beantworten Sie mir eine andere. Iſt der eben erwähnte Paragraph des Eheſcheidungsgeſetzes für Ihre Couſine günſtig oder ungünſtig?“ „Nicht geradezu günſtig,“ verſetzte der Kammerjunker und be⸗ trachtete zur Abwechslung diesmal mit großer Aufmerkſamkeit ſeine Glanzſtiefel. Sahſt Du ein Glück vorübergehen? 191 „Ah, nun verſtehe ich— Sie wünſchen unſere Unterhandlung auf zweierlei Art geführt zu haben: was die Scheidung ſelbſt an⸗ belangt, ohne alle Empfindlichkeit, ohne Rührung; was aber die darauf folgenden Forderungen betrifft, ſo beabſichtigen Sie hiefür meine ganze Gemüthlichkeit in Anſpruch zu nehmen— bitte, Herr Baron, ohne Umſchweife— haben Sie die Güte, mir einfach mit Ja oder Nein zu ſagen, ob meine Anſicht über Ihre Art zu unter⸗ handeln, die richtige iſt; aber wenn ich Sie dringend erſuchen darf, nur Ja oder Nein!“ „Ja denn— ja,“ gab der Kammerjunker, nachdem der Maler die gleiche Frage mehrmals an ihn geſtellt und ſich auf keine Er⸗ klärung und Worte einlaſſen wollte, zur Antwort, wobei er ſich in ſichtbarem Unbehagen auf ſeinem Stuhle hin und her wand wie ein Wurm an der Nadel—„ja!“— Sein Stolz mußte in dieſen ſauren Apfel beißen, und wie bitter ihm das war, ſah man an ſeinen verdrießlich zuſammengezogenen Mundwinkeln und ſeinen faſt ganz geſchloſſenen Augen. 3 Roderich war nun vollkommen im Reinen, daß ſein Gegen⸗ über durch das Wörtchen„ja,“ ſo hart es ihm auch angekommen war, an ſeine Großmuth appellirt hatte, und dies verurſachte ihm ein ungeheuer wohlthuendes und leicht begreifliches Gefühl. Er machte ein paar Schritte durch das Atelier, blieb einen Augenblick vor der Staffelei, ſein ſchönes Bild betrachtend, ſtehen, dann trat er vor den Kammerjunker hin und ſagte faſt heiter, indem er be⸗ haglich ſeinen vollen Bart ſtrich:„Verzeihen Sie mir, Herr Baron, daß ich Sie durch meine Unkenntniß des Geſetzes faſt in eine kleine Verlegenheit gebracht hätte; ich bin nur ein Maler, allerdings kann ich mit Stolz ſagen, durch und durch ein großer Künſtler, ein Künſtler, deſſen Name durch ganz Europa mit Achtung ge⸗ nannt wird; ich kann Ihnen dabei die Verſicherung geben, daß ich mich früher um Geſetzesparagraphen nie kümmerte, ja, daß ich ſelbſt dann, als Ihre Couſine hier in dieſem Atelier vor nicht Zwanzigſtes Kapitel. 192 langer Zeit ein entſetzliches Wort ausſprach, das nun zur traurigen Wahrheit werden wird, ſo wenig an ernſte Folgen dieſes Wortes dachte, daß es mir nicht einfiel, meine Erfahrungen durch die bezüglichen Paragraphen des Eheſcheidungsgeſetzes zu bereichern. Wohl gab es düſtere Augenblicke, wo mir jenes Wort in traurigen Bildern erſchien; doch wenn ich alsdann nach Hauſe kam und unſer Kind betrachtete, mein lleines, geliebtes Mädchen, ſo ver⸗ ſchwanden jene Bilder wieder und ich konnte lächeln über meine Träume und Phantaſieen—„alſo doch!“ ſagte er nach einem tiefen Athemzuge mit bewegter Stimme.„ZJetzt, da ich weiß, woran ich bin, werde ich mich darein zu finden wiſſen und danke Ihnen, Herr Baron, für die Gewißheit, welche Sie mir zu geben ſo freundlich waren.“ Auf dem Geſichte des Malers zuckte nach dieſen Worten ein gewaltiger Schmerz, und da er das ſelbſt fühlte, wandte er ſich raſch, um nach einem abermaligen und längeren Gange durch das Atelier mit gefaßter, ruhiger Miene vor den Anderen hintreten zu können.„Und nun,“ ſagte er alsdann,„laſſen Sie mich Ihnen meine Anerbietung machen— Ihre Couſine, meine Frau, wird Ihnen wohl der Wahrheit gemäß nicht verheimlicht haben, daß ich bisher Alles redlich mit ihr getheilt— das heißt nicht Alles,“ ſetzte er, bitter lächelnd, hinzu.„Wie viel Trübes, Unangenehmes habe ich ihr verſchwiegen, wie oft habe ich mich auf meinem Wege nach Hauſe gewaltſam bezwungen, um mit heiterer, zufriedener Miene vor ſie hintreten zu können, und was Glück und Freude an⸗ belangt, ſo iſt Gott mein Zeuge, ich habe nach beſten Kräften da⸗ für geſorgt, daß ihr immer der größere und reichere Antheil zufiel!“ Der Kammerjunker verbeugte ſich mit einer Miene, als wolle er ſagen, er zweifle aus Höflichkeit nicht im geringſten an der Wahrheit dieſer Worte, „Und nach dem eben ausgeſprochenen Grundſatze,“ fuhr Rode⸗ rich fort,„will ich Ihnen mein Anerbieten ſtellen. Ich ſchätze Sahſt Du ein Glück vorübergehen? 193 mein jetziges Einkommen auf ungefähr zehntauſend Thaler jährlich, wobei ich indeſſen nicht vorherſagen kann, wie lange Jahre meine Bilder noch verlangt und bezahlt werden, um auf dieſe Einnahme rechnen zu können— doch gleichviel— ich werde mein Anerbieten auf die oben angegebene Summe gründen und ſchlage Ihnen dem⸗ gemäß für Ihre Couſine, meine Frau, ein jährliches Einkommen von ſechstauſend Thalern vor. Sie ſehen, ich bleibe meinem Grund⸗ ſatze getreu; es iſt mehr, als die Hälfte meines jetzigen Einkommens.“ Ein leichter Strahl von Vergnügen zuckte über das ſonſt ſo gleichgültige Geſicht des Kammerjunkers; doch verſchwand er raſch wieder, als er nach einer Pauſe ſagte:„Allerdings Ihres jetzigen Einkommens— aber wenn ſich dieſes Einkommen verminderte— Sie geben dieſe Vorausſetzung zu....“ „Ich bewundere Sie als Geſchäftsmann, Herr Kammerjunker,“ erwiederte Roderich in einem ſcharfen Tone,„freue mich aber, daß Ihre Couſine, bis jetzt meine Frau, einen ſo umſichtigen, gewiſſen⸗ haften Anwalt gefunden; doch habe ich ebenfalls daran gedacht, und da es mir zu gleicher Zeit nicht entgehen konnte, wie ſchmerzlich es für eine geſchiedene Frau ſein muß, von dem Manne, den ſie einſtens ihren Gatten genannt, Zahlungen annehmen zu müſſen, ſo mache ich Ihnen den Vorſchlag, dieſes Einkommen in ein Capital zu verwandeln, welches ungefähr meinem jetzigen Vermögen gleich⸗ kommen wird, und dieſes Capital an Ihre Couſine zu übertragen.“ Jetzt zeigte ſich unverkennbar der Ausdruck eines wirklichen und aufrichtigen Vergnügens auf dem Geſichte des Kammerjunkers; doch fand er für gut, daſſelbe nach der erſten Aufwallung durch eine traurige Miene zu dämpfen, mit welcher er erwiederte:„Sie werden mir zugeben, Herr Olfers, es war für mich außerordentlich hart und unangenehm, mit Ihnen über dieſe ſchmerzliche Ange⸗ legenheit zu unterhandeln; doch muß ich Ihnen die Verſicherung geben, daß ich Sie ſo zugänglich, ſo gerecht, ſo loyal gefunden, wie ich es erwartet.“ Zwanzigſtes Kapitel. „Wenn Sie in der That erwarteten, mich ſo zu finden, Herr Baron, ſo begreife ich es vollkommen, wie ſchmerzlich und unan⸗ genehm es Sie angekommen ſein muß, dieſen Auftrag zu über⸗ nehmen; doch das iſt nun hinter uns, iſt erledigt, und, wie ich alſo glauben und hoffen darf, zu Ihrer und zu— der Anderen voll⸗ ſtändiger Zufriedenheit.“ „Noch eine Frage werden Sie mir erlauben in Betreff des zu übertragenden Capitals: geht daſſelbe als Eigenthum in die Hände meiner Couſine über— oder hat ſie nur die Nutznießung davon?“ „In ſo fern als Eigenthum, als ich es der Mutter meines Kindes übertrage.“ „Ah, ich verſtehe und habe es mir auch nicht anders gedacht! Sie betrachten dieſes Capital als das einſtige Erbe Ihrer Tochter, welches die Mutter bis zu jenem Zeitpunkte für ihr Kind ver⸗ waltet. Dieſe Anſicht freut mich in der That, denn ich glaube, bei dieſer Ihrer Anſicht Sie zu einer andern, durchaus natürlichen Forderung meiner Couſine geneigt zu finden.“ „Einer weiteren Forderung?“ fragte Roderich mit einigem Erſtaunen. „Einer ganz natürlichen und ſelbſtredenden: die Mutter will begreiflicher Weiſe ihr Kind nicht verlaſſen.“ „Und wie wäre das möglich, wenn die Mutter dieſes Kindes mich verläßt?“ ſagte Roderich mit einer eigenthümlichen Haſt und mit einem ſo plötzlichen Aufleuchten ſeiner Blicke, daß der Kammer⸗ junker vorher ein paarmal huſtete und neben dem Maler vorbei an die Wand ſchaute, ehe er erwiederte: „Was eine ſolche Möglichkeit anbelangt, ſo wäre ſie allerdings vorhanden, und wie ich vorhin ſchon bemerkte, ſo gab mir Ihre ſo freundliche Auffaſfung der Sachlage den Muth, zu glauben, daß Sie eine ſolche Möglichkeit nicht nur einſehen, ſondern auch der⸗ ſelben beiſtimmen würden.“ „Ohne Umſchweife, wenn ich bitten darf, Herr Kammerjunker— Sahſt Du ein Glück vorübergehen? 195 Sie haben mich eben ſo beſtimmt als correct gefunden, und ich kann daſſelbe von Ihnen verlangen.“ „Gewiß— aber ich darf mir wohl noch erlauben, vorauszu⸗ ſchicken, daß wir es mit einer Frau zu thun haben, die eine un⸗ geheure Feſtigkeit und Charakterſtärke beſitzt.“ „Ob ich das weiß!“ „Und um mich kurz zu faſſen, wir haben es mit einer Mutter zu thun, die unter keiner Bedingung ihr Kind verlaſſen will.“ „Ah, Herr Baron,“ rief der Maler aufbrauſend,„Sie wagen es, mir eine ſolche Zumuthung zu ſtellen?“ „Als Bevollmächtigter meiner Couſine,“ erwiederte der Freiherr von Schenk mit großer Ruhe.„Ueber die Forderung derſelben dürfen Sie ſich eigentlich eben ſo wenig wundern, als ich darüber erſtaunt bin, daß Sie dieſe Forderung mit Entrüſtung zurückweiſen.“ „Meinen Sie? Und wenn wir Beide dennoch, Ihre Couſine und ich, auf unſerem Willen beſtehen, ſo glauben Sie, daß der Ge⸗ danke an ein geliebtes Kind ſtark genug wäre, um Ihre Couſine von einem voreiligen Schritte zurückzuhalten, der ihr keinen Segen bringen wird?“ „Es gibt kein anderes Mittel.“ „Sie ſagen das mit einer Beſtimmtheit, die mich verletzen könnte— gut denn, ich will mich bemühen, ebenfalls einzuſehen, daß es kein anderes Mittel gibt. Sie wiſſen meine Bedingungen, Sie geſtanden mir ein, dieſelben ſeien ſo loyal als möglich, und damit iſt unſere Unterhandlung beendigt.“ „Vielmehr abgebrochen, wenn es nicht möglich iſt, Sie zu einer freundlichen Beſtimmung in Betreff des anderen Punktes zu veran⸗ laſſen.“ „Nie, Herr Kammerjunker!“ verſetzte der Maler entrüſtet. Der Freiherr von Schenk machte hier eine längere Pauſe und ſchien während derſelben eine Naht ſeiner Handſchuhe mit der größten und andauerndſten Aufmerkſamkeit zu betrachten; dann 196 Zwanzigſtes Kapitel. ſagte er, ohne die Augen aufzuſchlagen, mit einem froſtigen Lächeln und lispelnden Tone:„So wollen Sie dieſe Differenz benutzen, um eine arme Frau mit Gewalt bei ſich zurückzubehalten, die nun ein⸗ mal nicht ferner in Ihrem Hauſe leben kann?“ „Ich hoffe, daß Sie hinzuſetzen, Herr Kammerjunker: wie dieſe Frau mich beauftragt hat, Ihnen zu ſagen— denn ich glaube nicht, daß Sie aus eigener Anſchauung ſprechen können.“ „Gewiß nicht, gewiß nicht; ich bin nur Bevollmächtigter und drücke mich vielleicht nicht ganz richtig aus.“ „Gut, vergeſſen Sie es denn nicht, daß Sie nur Unterhändler ſind, wenigſtens ſo lange wir unterhandeln. Sollten Sie vielleicht ſpäter,“ ſetzte der Maler nach einem kurzen Stillſchweigen und einem eigenthümlichen Lächeln hinzu,„ein Vergnügen daran finden, Ihre eigene Meinung in dieſer Angelegenheit auszuſprechen, ſo bin ich ſehr bereit, mich darüber mit Ihnen in jeder Erörterung, die Sie wünſchen, einzulaſſen.“ „Bitte recht ſehr, Herr Olfers, wenn es Ihnen gefällig iſt, ſo will ich die Unterhandlung nur als Bevollmächtigter fortführen und beendigen.“ „Ich glaube, wir können ſie als beendigt betrachten!“ ſagte der Andere in ſcharfem Tone, indem er aufſtand und, ſich raſch abwendend, ein paar Schritte in das Atelier hinein machte und alsdann, zurückkehrend, mit großer Beſtimmtheit ſagte:„Sparen Sie ſich die Mühe, den letzterwähnten Punkt nochmals zu berühren; berichten Sie Ihrer Couſine über das, was wir abgeredet, und ſetzen Sie hinzu, aber mit vollkommener Ueberzeugung, Herr Kammer⸗ junker, daß Sie mich entſchloſſen gefunden hätten, jedes Opfer zu bringen, um den Wünſchen Ihrer Couſine gerecht zu werden, daß mich aber keine Macht der Erde dazu veranlaſſen könnte, mein Kind von mir zu laſſen— vielleicht,“ ſetzte er aufathmend und mit weicherer Stimme hinzu,„gibt ihr dieſe meine Feſtigkeit den Muth, ein Leben noch länger zu ertragen, das allerdings kein Sahſt Du ein Glück vorübergehen? 197 freudvolles genannt werden konnte, und hält ſie von einem Schritte zurück, den man bei jeder Frau einen moraliſchen Selbſtmord nennen kann.“ Der Kammerjunker preßte ſeine Lippen feſt auf einander und ſchloß ſeine Augen ein paar Secunden lang, ehe er zur Antwort gab:„Ich muß Ihnen geſtehen, Herr Olfers, daß Ihr Benehmen mir gegenüber bis jetzt ſo taktvoll, ſo zart war, um mich über den verletzenden Ausfall hinwegzuſetzen; überhaupt bleiben wir bei unſerer erſten Uebereinkunft: keine Empfindlichkeit, keine Gefühls⸗ ſprache.“ „Verzeihen Sie mir, Sie haben Recht, es würden das zwiſchen uns Beiden doch nur Phraſen ſein.“ „Allerdings— und da ich Sie unbeugſam finde, ſo muß ich leider ſagen, daß unſere Unterhandlungen von keinem günſtigen Erfolge begleitet ſind.“ Er nahm ſeinen Hut von dem Stuhle neben ſich, auf welchen er ihn geſtellt, und blies ſorgfältig ein paar Stäubchen von der ſchwarzglänzenden Fläche; dann erhob er ſich, zog ſeinen hellgrauen Ueberwurf mit großer Bedächtigkeit feſter über die Schultern und ſagte alsdann zögernd:„Ich hätte allerdings geglaubt, Herr Olfers, in unſeren Unterhandlungen glücklicher zu ſein, dieſelben zu einem für beide Theile angenehmen Abſchluſſe zu bringen; auch meine Couſine rechnete feſt darauf, und ich weiß nun in der That nicht, wie es ihr möglich gemacht werden ſoll, ein Leben fortzuführen, das ſchon durch die Eröffnung ſolcher Unterhandlungen einen unheilbaren Riß erhalten.“ „Wenn das Ihnen und Ihrer Couſine Kummer machen ſollte,“ agte Roderich mit großer Aufrichtigkeit in Blick und Ton der Stimme,„ſo gebe ich Ihnen mein Wort darauf, daß man bei mir zu Hauſe auch nicht durch eine Miene ahnen ſoll, welchen Inhalts unſer Geſpräch geweſen.“ „Ich glaube Ihnen, gewiß, ich glaube Ihnen, doch weiß meine ———————⁴jůůü—, 198 Zwanzigſtes Kapitel. Couſine zu genau, daß ich mein Verſprechen gehalten— ah, es iſt ſehr fatal, Herr Olfers, daß es keine Möglichkeit gibt, um uns zu verſtändigen!“ „Keine— ich bin nachgiebig genug geweſen, um erwarten zu können, daß man mich mit ähnlichem Vorſchlage verſchonen würde.“ „Es kommt mich einigermaßen hart an, Ihnen ſagen zu müſſen, daß meine Couſine ſich veranlaßt ſehen wird, Sie um die Genehmigung zu erſuchen, einen Aufenthalt bei ihren Verwandten nehmen zu dürfen, bis ſich vielleicht ein Ausweg findet, um die Angelegenheit zur Zufriedenheit beider Theile zu erledigen.“ Roderich zuckte zuſammen, doch faßte er ſich gewaltſam und erwiederte nach einer förmlichen Verbeugung:„Ich habe Ihrer Couſine, meiner Frau, nie Hinderniſſe in den Weg gelegt, ſo oft ſie Luſt hatte, ihre Verwandten zu beſuchen.“ „Und Sie werden auch nichts dagegen haben, daß Ihre kleine Tochter die Mutter begleiten darf, wie es ja früher immer geſchehen?“ „Allerdings war dies früher der Fall,“ gab Roderich, ohne auch nur eine Secunde zu zögern, zur Antwort,„doch nach unſerer Unterredung werden Sie es begreiflich finden, daß ich meine Ein⸗ willigung dieſes Mal nicht dazu gebe.“ „Das iſt hart!“ „Aber nicht ungerecht!“ Der Kammerjunker zuckte mit den Achſeln und ſagte dann nach einer längeren Pauſe, während welcher er nachſinnend die glänzende Fläche ſeines Hutes betrachtete:„Sie ſind unbeugſam!“ „Unbeugſam— ſo wahr mir Gott helfe!“ „Und nichts iſt im Stande,“ ſagte der Freiherr mit einem lauernden Blicke,„Ihren Entſchluß zu Gunſten meiner Couſine zu ändern?“ „Nichts!“ Sahſt Du ein Glück vorübergehen? 199 Der Andere ſchütielte nachdenklich mit dem Kopfe, verſuchte einen ſchmerzlichen Seufzer, der ihm aber nicht gelang, wandte ſich, wie zum Weggehen und machte ein paar Schritte nach der Richtung der Thür; doch wollte er durch dieſe Bewegung nur ausdrücken, daß er mit ſich ſelber ernſtlich über etwas zu Rathe ging. Auch hatte er ſeine rechte Hand an den Kopf gelegt und rieb ſich die Stirn, wobei ſein Geſicht einen ſehr ernſten Ausdruck angenommen hatte. Jetzt drehte er ſich raſch wieder gegen den Herrn des Ateliers um, warf den Kopf in die Höhe und zeigte die entſchloſſene Miene eines Mannes, der mit ſich ſelbſt über etwas ins Reine gekommen iſt. „Gut denn,“ ſagte er,„obgleich nur Unterhändler und mit keiner Vollmacht verſehen, die mir das Recht gibt, eigenmächtig zu handeln, will ich doch auf eigene Verantwortlichkeit meinen Auftrag überſchreiten, um Ihnen gefällig zu ſein, dieſe leidige Sache zu einem genügenden Abſchluſſe zu bringen. Die von Ihnen freund⸗ lich geſtellten Bedingungen bleiben, wie ſie ſind, die Scheidung wird von Ihrer Seite, ja, mit Ihrer Beihilfe eingeleitet und ausgeführt und— ich wage es kaum auszuſprechen,“ ſetzte er ſeufzend hinzu— „meine Couſine muß überredet werden, auf ihre Tochter zu ver⸗ zichten.“ „Dieſe letztere Bedingung iſt es allein, die für mich von Werth iſt, alles Andere iſt Nebenſache.“ „Leider wird meine Couſine eben ſo denken,“ ſagte der Kammerjunker mit affectirter Traurigkeit—„doch was Vernunft⸗ gründe vermögen, ſoll geſchehen, und da ich Ihnen jetzt zugeſtehen kann und darf, daß ich Ihr Verlangen nicht unbillig finde, ſo werden wir zu einem glücklichen Reſultate gelangen.“ „Zu einem glücklichen?“ fragte der Maler achſelzuckend und mit einer verächtlichen Miene, die er ſich durchaus nicht die Mühe nahm, zu verbergen. „Sagen wir zu einem günſtigen,“ verbeſſerte der Kammerjunker in heiterem Tone. ——————y—·—· 200 Zwanzigſtes Kapitel. „Und ſo raſch wie möglich, wenn es denn einmal ſo ſein ſoll! Sie ſind ein Mann von Einfluß, Herr Baron, nehmen Sie die Sache, welche für Ihre Couſine von ſo großer Wichtigkeit iſt, kräftig in die Hand, bereiten Sie Alles vor, und wenn Sie die außerordentliche Freundlichkeit haben wollten, die nöthigen Docu⸗ mente für die Uebertragung des beſprochenen Capitals ausfertigen zu laſſen, ſo wäre ich Ihnen ſehr dankbar dafür. Zum Unter⸗ ſchreiben brauche ich alsdann keine Minute, was für mich von großer Wichtigkeit iſt.“ Der Andere verbeugte ſich zum Zeichen der Zuſtimmung und ſagte alsdann:„Sie können ſich denken, Herr Olfers, wie ſchmerz⸗ lich es für meine Couſine ſein muß, ein Haus zu verlaſſen, wo ſie Jahre lang gelebt, dieſes Haus allein zu verlaſſen, und deßhalb muß ich mir erlauben, Ihnen nochmals unſere Bitte zu wieder⸗ holen, daß Ihre kleine Tochter die Mutter nur für eine ganz kurze Zeit begleiten darf.“ Roderich machte eine ungeduldige Bewegung. „Ich bitte Sie dringend darum— nur für ganz kurze Zeit — vielleicht für acht oder zehn Tage.“ Der Maler machte einen raſchen Gang durch das Atelier, nachdenklich und bewegt. So ſollte alſo jetzt das entſetzliche Wort von damals in Erfüllung gehen— ſo ſollte ein Band zerriſſen werden, das, wenn es auch kein glückliches geweſen war, doch immer⸗ hin ſein Hausweſen zuſammengehalten hatte, ein Band,„das zu einem glücklichen hätte werden können und das, auf eine ſo gewalt⸗ ſame Art zerriſſen, ſein Herz und das ſeines Kindes unfehlbar aufs tiefſte mitverwunden mußte! Vergeſſen hatte er in dieſem Augen⸗ blicke alle trüben und qualvollen Stunden, welche ihm die oft un⸗ erträglichen Launen ſeiner Frau verurſachten, zurückgedrängt erſchie⸗ nen ihm die tiefen Schatten ſeiner oft ſo troſtloſen Ehe, und nur einzelne Lichtpunkte derſelben glänzten ihm aus der Vergangenheit herüber; vergeſſen hatte er all' die Härte, all' die Liebloſigkeit, mit Sahſt Du ein Glück vorübergehen? 201 der ſie ihn behandelt, und ſein ganzes Denken, ſein ganzes Fühlen war nur von einem traurigen Bilde erfüllt, von dem Bilde ſeiner Frau, der Mutter ſeines Kindes, wie ſie, für ewig Abſchied neh⸗ mend, ein Haus verließ, das ihr eigenes geweſen, von einem Kinde ſchied, das ſie geboren und geliebt— und für das ſie nun fortan eine Fremde ſein ſollte. Er ſah es deutlich, wie ſein kleines Mädchen jammernd ſeine Arme nach ihr ausſtreckte und wie ſie ſich weinend mit verhülltem Antlitze von einer Schwelle abwandte, die ſie einſt hoffend betreten und vor der ſie jetzt hoffnungslos den Staub von ihren Füßen ſchüttelte. Nach mehrmaligem raſchen Durchſchreiten des Gemaches blieb er jetzt plötzlich vor dem Kammerjunker ſtehen und ſagte in weichem Tone:„Und wenn ich auch zu allem dem noch meine Zuſtimmung ertheile, daß meine Tochter die Mutter für eine kurze Zeit begleiten darf, werden Sie ſich in dieſem Falle dafür verbürgen, daß mein Kind nach Ablauf dieſer Friſt, ſagen wir vierzehn Tage, zu mir zurückgebracht werde? Wollen Sie dieſe Verpflichtung übernehmen?“ „Ich will ſie übernehmen.“ „Und verpflichten Sie ſich als Mann von Ehre, nach Verlauf dieſer vierzehn Tage mein Kind in mein Haus, in meine Hände zurückbringen zu laſſen?“ „Ich verbürge mich dafür und verpfände Ihnen darauf mein Ehrenwort.“ „So ſei es denn,“ ſagte der Maler, tief aufathmend,„ich will Alles thun, um ihr das Scheiden von ihrer bisherigen Heimath zu erleichtern; ob Ihre Couſine im ähnlichen Falle gegen mich eben⸗ falls ſo verfahren würde, iſt eine Frage, deren Beantwortung ich Ihnen überlaſſe, Herr Baron.“ Der Kammerjunker machte eine halb zuſtimmende, halb ab⸗ wehrende Bewegung. „Und wann— wird...“ ſprach Roderich, doch konnte er es nicht über ſich gewinnen, dieſen Satz zu vollenden. Hackländer's Werke. 53. Bd. 14 202 Zwanzigſtes Kapitel. „Da dieſe traurige Angelegenheit nun einmal zu Aller Zu⸗ friedenheit geordnet zu ſein ſcheint, ſo wäre es wohl am beſten, ſie ſo raſch als möglich zum Vollzuge zu bringen— wir würden heute Abend reiſen, wenn Sie nichts dagegen einzuwenden hätten.“ „Schon heute Abend,“ ſagte der Maler erſchüttert,„und ohne....“ 1 Da er ſchwieg, blickte ihn der Andere fragend an. „Ohne Abſchied?“ Der Kammerjunker zuckte die Achſeln und machte dazu eine ſo bedenkliche Miene, daß Roderich, den die Rührung zu überfallen drohte, ſich zuſammennahm und, ſeinen Satz von vorhin vollendend, raſch ſagte:„Ohne Abſchied von meiner kleinen Tochter?“ „O, gewiß nicht— wer wird das verlangen?“ erwiederte der Kammerjunker jetzt ſehr freundlich und zuvorkommend.„Sie wer⸗ den vielleicht in Kurzem nach Ihrem Hauſe zurückkehren und dann....“— Dieſes Mal war es gewiß abſichtlich, daß er den Satz nicht vollendete. „Vielleicht oder wahrſcheinlich finden Sie es begreiflich, wenn ich in meinem Atelier bleibe und erſt ſpät am Abende nach Hauſe zurückkehre. Ich werde durch Andreas mein kleines Mädchen holen laſſen und es bei mir behalten, bis die Zeit heranrückt, welche Ihre Couſine zur Abreiſe beſtimmt hat.“ „Ich finde, daß das eine ganz gute Idee iſt, und muß mir erlauben, Sie jetzt zu verlaſſen, um noch einiges Nothwendige zu beſorgen.“ Er näherte ſich dem Künſtler mit ceremoniöſem Schritte und etwas freundlichem Lächeln, indem er ſeine Rechte ausſtreckte, welche der Andere durchaus keine Miene machte, zu erfaſſen.„Sie werden mir dieſe unangenehme Stunde in keiner Weiſe nachtragen?“ „Wie könnte ich in den Fall kommen oder womit hätte ich Gelegenheit, Sie etwas entgelten zu laſſen? Sie reiſen heute nach der Reſidenz zurück— wer weiß, ob ich je das Glück habe, Sie wiederzuſehen!“ Sahſt Du ein Glück vorübergehen. 203 „Aber es wäre mir auch angenehm, verehrter Herr, wenn Sie, ein ſo großer und berühmter Künſtler, meiner in der Erinnerung nicht unfreundlich gedenken wollten. Glauben Sie mir, unſere Familie rechnet es ſich ſtets zur Ehre, einen Mann wie Sie, mit ſo rühmlichſt bekanntem, großem Namen in ihre Mitte aufgenom⸗ men zu haben, und die Familie wird es aufrichtig bedauern, daß die Umſtände ſich geſtaltet, wie ſie ſich leider geſtalten mußten.“ „Wie ſie ſich leider geſtalten mußten?“ wiederholte Roderich mit einem bitteren Lächeln.„Ich hätte vor meiner Verheirathung daran denken ſollen, und hatte auch wohl daran gedacht,“ ſetzte er ſchärfer hinzu;„aber da waren es gerade Mitglieder Ihrer Fa⸗ milie, Herr Baron, welche mich aufs ehrlichſte und aufs überzeugendſte verſicherten, daß nichts vortrefflicher zuſammen paſſe, als jener Adel, den die Kunſt verleihe, und der Glanz eines alten, hochadeligen Hauſes— doch laſſen wir das. Leben Sie wohl, Herr Kammer⸗ junker, und wenn Sie zuweilen an mich zurückdenken, ſo thun Sie es in der Erinnerung an unſere jetzige Unterredung— anders kann und will ich nicht verlangen, in Ihrem Gedächtniſſe fort⸗ zuleben!“ Er machte dem Freiherrn eine ſehr ſtolze Verbeugung und ſchritt dann mit hoch erhobenem Kopfe nach dem Ausgange ſeines Gemaches, wo er eigenhändig den Gobelin von der Thür aufhob, ſo ein Zeichen gebend, daß Unterredung, Verhandlung und Familien⸗ bande abgebrochen und zerriſſen ſeien. 3 Eigenthümlich war es dabei, daß der Maler, den ſchweren Vorhang in der Hand haltend, den Kopf umwandte und mit feſt zuſammengebiſſenen Lippen dem Davongehenden nachſchaute, ihm ſo lange nachſchaute, bis jener den kleinen Garten durchſchritten hatte, bis das Thor deſſelben hinter ihm ins Schloß gefallen und bis der hellgraue Ueberwurf zwiſchen dem dunklen Gebüſche am Wege draußen verſchwunden war. Dann öffnete Roderich die Hand, und als nun der Gobelin ———— 204 Zwanzigſtes Kapitel. langſam ſeinen Fingern entglitt, herniederfiel und ihn auf dieſe Art wieder abſchnitt von der Außenwelt, von den fröhlich grünen⸗ den und blühenden Bäumen, von der blauen, milden Luft, von den glänzenden Sonnenſtrahlen, da fühlte er ſich allein, ſo traurig allein, ſo unſäglich allein. Er preßte beide Hände, einem tiefen Schmerze nachgebend, gewaltſam vor das Geſicht und verharrte ſo Secunden, Minuten lang in einer entſetzlichen Spannung, die ſich erſt dann weich und linde in tiefe Wehmuth auflöste, als er fühlte, wie ein Thränenſtrom ſein Geſicht benetzte. XXI. „O, ſieh' mich nicht ſo lächelnd an!“ Jange ſtand Olfers ſo auf derſelben Stelle— wie lange, wußte er ſelbſt nicht; denn Gedanken und Bilder, welche in buntem Wechſel ſein Inneres beſchäftigt, hatten ihn förmlich umſtrickt und willenlos in die Vergangenheit zurückgeführt, ihn vollkommen der Gegenwart entrückt und ließen ihn jetzt erſt wieder wie aus tiefem Traume erwachen, als eine bekannte Stimme mit der Frage an ſein Ohr ſchlug: „Darf man eintreten— iſt man Dir nicht läſtig?“ „Im Gegentheil, ich bin entzückt, Dich zu ſehen, und glücklich, daß Du gekommen.“ Es war Lytton, der nun eintrat, dem Freunde die Hand reichte und ihn erſtaunt anſchaute. Roderich hielt ruhig dieſen Blick aus, ohne ſich die geringſte Mühe zu geben, ſeine Aufregung oder die Thränenſpuren, welche noch hier und da in ſeinem dichten Barte glänzten, verbergen zu wollen. „Ah, ich verſtehe!“ „Es freut mich, daß Du meine Lage begriffen.“ „So ſchwer iſt es gerade nicht, da Du mich mit einigen Vor⸗ gängen bekannt gemacht haſt und da ich draußen, nicht weit von Einundzwanzigſtes Kapitel. 206 dem Garten, Deine Gattin geſehen, welche mit ihrem hochgeborenen Couſin in mehr als eifrigem Geſpräche verkehrt— darf ich, ohne indiscret zu ſein, fragen, ob Du eine Explication gehabt?“ „Mehr als das— ich empfing einen Unterhändler, mit dem ich über verſchiedene Punkte, unſere Eheſcheidung betreffend, vereinbarte.“ „Man geht ungeheuer raſch zu Werke!“ rief Lytton in be⸗ ſtürztem Tone. „Und man thut gut daran, das gänzlich aus einander zu reißen, was doch nicht mehr zu halten war.“ „Ja, Du haſt Recht, wenn nur nicht durch dieſen Riß Dein ſo vortreffliches Herz verletzt worden wäre— aber wie ich ſehe.... „Es hat allerdings ſehr weh gethan,“ gab Roderich zur Ant⸗ wort, indem er mit der umgekehrten Hand über ſeine Augen fuhr, „aber ich hoffe, es geht vorüber, und mein Leben wird ſich künftig nicht ſo ſchlimm geſtalten, als ich es mir oft vorgeſtellt, wenn ich in letzterer Zeit über den mir angedrohten Schritt nachdachte.“ „Dein Leben wird und muß ſich von nun an vortrefflich ge⸗ ſtalten. Denke der vielen qualvollen Stunden, die ſie Dir bereitet — ich darf ſo reden, denn ich war häufig Zeuge davon—, denke der Feſſeln, die Du getragen, die am Ende noch Deinen Geiſt und Deine künſtleriſche Kraft gelähmt hätten!“ „Ich will nicht das Gegentheil behaupten, lieber Freund; aber oftmals, wenn ich über dieſen Fall nachdachte und mir mein Leben vergegenwärtigte, wie alsdann Niemand mehr da ſei, der meine Schritte ängſtlich und tyranniſch controlire, der meine Miene be⸗ lauſche, um mir etwas Unangenehmes zu ſagen, wenn ich in heiterer Stimmung war, der höhniſch oder ſpottend Fröhlichkeit von mir verlangte, wenn ich gedrückt oder in trüber Laune erſchien,— wenn ich aufathmete in völliger Freiheit aus drückenden Feſſeln, wie Du vorhin geſagt, ſo fiel mir häufig jene Geſchichte ein, wo ein Ge⸗ fangener, der nach langjähriger Haft in Freiheit geſetzt war, ſchon O, ſieh' mich nicht ſo lächelnd an! 207 nach kurzer Zeit ſeine Sehnſucht nach den beengenden Mauern nicht mehr bemeiſtern konnte— gewiſſe Bande, gewiſſe Schranken,“ ſetzte er nach einem träumeriſchen Nachdenken hinzu,„ſind immerhin wie eine Schutzwehr, wie ein Damm gegen die ſtürmiſche Fluth eines oft ſo viel bewegten Künſtlerlebens.“ „Du haſt dieſe Schranken in Deinem feſten Willen, denn Deine Schutzwehr iſt die höhere Kunſt, deren Meiſter und Hoheprieſter Du biſt.“. „Sieh' mein Bild an,“ ſagte Roderich nach einer längeren Pauſe;„ohne jene Unterbrechung wäre ich beinahe fertig geworden. Ich war in ſo prächtiger und ſo gehobener Arbeitsſtimmung, ſo feierlich gerührt von der wunderbaren Stille rings um mich her, von jenem glänzenden Stückchen Himmel, welches dort oben herein⸗ ſchaut, daß ich mich gar nicht gewundert hätte, wenn irgend ein fabelhaft phantaſtiſches Weſen, um nicht zu ſagen, ein überirdiſches, ruhig an meine Seite getreten wäre und mir die Palette gehalten oder den Pinſel gereicht.“ „Jeder Andere als Du würde das Bild ſo für vollendet halten,“ ſprach Lytton, im Anſchauen verſunken;„es iſt ausgezeich⸗ 1 net ſchön, von mächtiger Wirkung, es muß den Beſchauer entzücken, Deinem Namen neuen Glanz verleihen!“ „Und heute Abend will ſie abreiſen,“ ſagte Olfers, als habe er die Worte ſeines Freundes ganz überhört;„auf alle Bedingungen, die man mir geſtellt, bin ich eingegangen.“ „Darf man dieſe Bedingungen wiſſen?“ fragte der Andere kopfſchüttelnd, indem er verwundert aufblickte. „Dir werde ich gewiß kein Geheimniß daraus machen— ich gebe ihr jährlich ſechstauſend Thaler; kann ich doch mein Einkom⸗ men ohne Uebertreibung auf zehntauſend Thaler ſchätzen.“ „Du gibſt ihr alſo mehr als die Hälfte?“ „Ja, und da es wohl einmal vorkommen könnte, daß ſich meine Einnahme nicht auf jene Summe beliefe, ſo werde ich dieſe ſechs⸗ 208 Einundzwanzigſtes Kapitel. tauſend Thaler capitaliſiren und ihr dieſe Summe, einen Theil des Erbes meiner Tochter, ſogleich einhändigen laſſen.“ Auf Lytton's offenem und ſchönem Geſichte zeigte ſich ein ſo beſtimmt ausgeprägter Zug von Mißbilligung, daß Roderich ſich nicht enthalten konnte, danach zu fragen, worauf der Andere achſel⸗ zuckend erwiederte:„Es wird mir ſchwer, Dir darauf eine Antwort zu geben; obgleich ich viel jünger als Du bin, obgleich ich nicht einmal ein Künſtler, ſondern nur ein vielleicht etwas gewandter Dilettant bin, haſt Du, der ältere Mann, der große, berühmte Künſtler, zu dem ich mit Verehrung aufſchaue, mich doch Deines unbegränzten Vertrauens gewürdigt— ja, Du haſt es mir nicht übel genommen, wenn ich über Dies oder Das offen und ehrlich, auch zuweilen rückſichtslos mit Dir ſprach, weil ich es für meine Pflicht hielt, Dir die Wahrheit zu ſagen— aber jetzt....“ „So ſprich auch jetzt Deine Anſicht ohne Rückhalt aus,“ ſagte Roderich,„und ſei verſichert, daß ich gerade in dieſem Augenblicke die ganze Offenheit und dadurch die Treue eines Freundes zu ſchätzen wiſſen werde.“ „Gut denn— Du ſollſt mich finden wie immer. Du trennſt Dich von Deiner Frau?“ „Das heißt, ſie trennt ſich von mir.“ „Im Grunde einerlei.— Ihr trefft Eure Arrangements. Du benimmſt Dich ſo anſtändig wie möglich und läſſeſt Deiner Frau mehr als die Hälfte Deines Einkommens; dagegen habe ich nichts einzuwenden, ich würde wahrſcheinlich eben ſo handeln. Aber jetzt kommt eine andere Frage. Um ein für alle Mal mit dieſer unangenehmen Sache nichts mehr zu thun zu haben, ſo glaubſt Du wenigſtens, übergibſt Du Deiner Frau ein enormes Capital, welches ſie anlegen kann, wo und wie ſie will?“ „Ja, aber mit der gehörigen Sicherheit für meine Tochter.“ „Selbſtredend, aber ſie erhebt die Zinſen, wo und wie ſie will, ohne daß Du eine Quittung darüber zu ſehen bekommſt. Du O, ſieh' mich nicht ſo lächelnd an! 209 machſt ſie vollkommen frei— vollkommen unabhängig, und das iſt es gerade, was mir bei meinem praktiſchen Sinne, den Du ja immer an mir lobſt, nicht gefallen will.“ „Und warum nicht? Sie hat das Band zwiſchen uns Beiden zerriſſen— meinetwegen ſei ſie frei und unabhängig— ſind wir doch für alle Ewigkeiten geſchieden!“ „Und glaubſt Du nicht, daß, trotzdem ihr für alle Ewigkeiten geſchieden ſeid, wie Du Dich ausdrückſt, Fälle eintreten könnten, wo es Dir ſehr erwünſcht ſein dürfte, ſie in einer kleinen Ab⸗ hängigkeit behalten zu haben— ich fürchte, es kommen ſolche Fälle!“ „Und welche?“ „Verzeihe mir, wenn ich ohne Rückſicht über den Charakter Deiner Frau ſpreche. Sie wird Dich verleumden, ſie wird alles mögliche Böſe über Dich ausſagen, ſie wird Deine Stellung in der Welt auf jede Art zu untergraben ſuchen— und wenn dies geſchieht, hielteſt Du es alsdann nicht für wünſchenswerth, ihr ſagen zu können: ‚Madame, ändern Sie Ihr takiloſes Betragen, oder....2* Roderich machte eine unmuthige Bewegung. „Ich weiß wohl,“ fuhr der Andere fort,„wie wenig Du Dir aus dem Gerede der Leute machſt; aber ich will noch einen anderen Fall berühren, der Dich für meine Anſicht gewinnen muß— Deine Tochter wird heranwachſen.“ „Laß mein Kind aus dem Spiele. Verzeihe mir, Roderich,“ erwiederte Lytton mit großer Energie, aber doch in einem ſehr warmen Tone,„Du weißt, wie lieb ich Deine Kleine habe, und wie oft ſprachſt Du ſchon von der Dir ſelbſt unerklärlichen Anhänglichkeit des Kindes an mich; nennſt Du mich doch häufig ihren zweiten Vater, wenn Du mit Deinem ge⸗ waltigen Alter coquettirſt— deßhalb will ich von dem Kinde reden und werde meinen Satz von vorhin vollenden— ja, wenn Mar⸗ 210 Einundzwanzigſtes Kapitel. garethe heranwächst, ſo können Fälle eintreten, wo die Mutter ihr Recht nicht mit Gewalt, aber vielleicht mit Liſt, mit ſchlauer Ueberredung durch dritte Perſonen auf ihre Tochter geltend machen wird, und in einem ſolchen Falle wirſt Du mir doch zugeben, wie höchſt erwünſcht es wäre, durch das Wörtchen oder’ der Madame Olfers ausdrücken zu können, welch' kräftigen Zügel man im Stande wäre, ihren Intriguen anzulegen.“ „Du ſiehſt Geſpenſter— laſſen wir das.“ „Und Du biſt zu gut, zu offen, zu ehrlich, zu großmüthig; — denke wenigſtens, ehe Du den letzten entſcheidenden Schritt thuſt, über meine Worte nach— verſprich mir das, Roderich.“ „Ja denn, ich verſpreche es Dir.“. „Aber mit einer Miene, welche mir deutlich ſagt, Du willſt mir nicht widerſprechen, damit auch ich Dich in Ruhe laſſe— vergiß aber nicht, mein Freund, daß ich Dich gewarnt, ja— ſieh' mich immerhin mit finſterem Blicke an—, ich warne Dich vor Deiner Frau, beſonders aber vor den Ränken ihrer Familie!“ „Pah, ſie werden mich in Frieden laſſen!“ „Nachdem ſie erreicht, was fie gewollt.“ „Da kommt Margarethe, mein kleines Mädchen!“ rief der Maler in einem Tone, welcher deutlich anzeigte, daß er auf die letzten Worte ſeines Freundes durchaus nicht geachtet; auch ließ er ihn ſtehen und verſchwand eilig hinter dem Gobelin. Lytton blickte ihm kopfſchüttelnd nach; dann ſagte er mit einer Stimme, welche ärgerlich klang und doch eine tiefe Rührung nicht verkennen ließ:„Da geht er hin zu ſeinem Schatze, zu dem, was ihm das Koſtbarſte iſt auf der ganzen Welt— glücklich wäre er, 3 wenn er das kleine, allerdings ſo herzige Mädchen den ganzen Tag anſchauen dürfte, ihr Kartenhäuſer bauen oder kleine Bilder malen— ſelig iſt er, wenn er es auf ſeinen Armen tragen oder auf ſeinen Schooß nehmen und ihm Mährchen erzählen darf; ſtrahlt ſein Ge⸗ ſicht doch vor Freude, wenn er die helle Stimme hört, und wirft ————— O, ſieh' mich nicht ſo lächelnd an! 211 er doch Palette und Pinſel wie unnütze Gegenſtände von ſich, wenn er die raſchen Fußtritte vernimmt! Ach, und er hat Recht— ſie iſt eine kleine liebliche Fee, die auch mir das Herz bezaubert— er hat ſo ſehr Recht— aber damit hat er nicht Recht, daß er meine wohlmeinenden, warnenden Worte an ſeinem Ohr vorbeigleiten läßt wie leerer Windhauch! Wenn er es doch laſſen wollte, dieſe Leute an ſeinem eigenen, offenen, ehrlichen, großen Herzen abzu⸗ meſſen!“ Jetzt kam er zurück, und das kleine Mädchen an ſeiner Seite hatte ſein Aermchen unter Roderich's Arm geſchoben und rief Lyt⸗ ton ſchon von Weitem zu:„Siehſt Du wohl, wie ich gewachſen bin? Ich kann meinen Papa ſchon führen wie eine große Dame!“ „Guten Tag, Margarethe— guten Tag, mein liebes Kind!“ „Guten Tag, Herr Lytton!“ „Gibſt Du mir eine Hand?“ „Ja, und auch einen Kuß,“ ſagte lächelnd die Kleine; dann wandte ſie ſich aber verſchämt um und ſetzte, indem ſie ihre Hände vor das Geſicht hielt, hinzu:„Nein, ich thue es doch nicht.“ Das war eine kleine Komödie, die ſie häufig mit dem jungen Engländer ſpielte, aber auch nur mit ihm, da ſie ihn beſonders gut leiden konnte. Alsdann ging er mit großer Freundlichkeit auf ſie zu, nahm ihre Hand und küßte dieſelbe, nachdem er vorher ge⸗ ſagt:„Ich weiß ganz genau, was ich meiner Prinzeſſin ſchuldig bin, ſo auch heute.“ Margarethe klatſchte dann herzlich vergnügt in ihre Hände und lachte ſo heiter und luſtig, wie man es nur von ihr, die oft ſo ſtill und ernſt war, wünſchen konnte. Ueberhaupt lebte das Kind förmlich auf, ſowie es das Atelier ſeines Vaters betrat; hier war Alles für ſie eine bekannte und doch wieder ſo fremde Welt. Da ſtanden die großen Cartons und die bunten Bilder, da blinkten von der Wand die ernſthaften Rüſtungen mit den unheimlichen, geſchloſſenen Viſiren, wohin ſie oft furchtſam blickte, um vielleicht ————— 212 Einundzwanzigſtes Kapitel. ein paar leuchtende Augen zu erſpähen, die ſchrecklicher Weiſe bald erſchienen, bald wieder verſchwanden— ſo dachte ſie nämlich. Da waren alle die alten Geräthſchaften, die ſchweren Seidenſtoffe, Spitzen und goldenes Geſchmeide, Federn, die ſich geheimnißvoll be⸗ wegten— alles Gegenſtände, die auch in ihren Bilderbüchern vor⸗ kamen und durch welche ſie ſich hier mit Leichtigkeit eine Märchen⸗ welt vorſtellte. Die böſen und guten Feen, die ſchönen Ritter und häßlichen Rieſen waren zufällig ausgegangen, und ſie hatte ſich vom Walde als ein armes, verlaſſenes Kind in dieſen Zauberpalaſt ge⸗ flüchtet— ach, wenn ſie wiederkämen und ſie hier fänden! Sie zitterte förmlich, wenn ſie daran dachte. Sobald ſie das Atelier betrat, hatte Roderich nichts Eiligeres zu thun— und es geſchah auch jetzt—, als den großen Ofen⸗ ſchirm vor das Skelett in der Ecke und das Bild nebenan zu rücken. Er hatte das mit einer großen Gewiſſenhaftigkeit ſtets ge⸗ than, während ſich die Blicke des Mädchens anderswo hin richteten, ſo daß Margarethe, welche den Schirm nicht fortzurücken im Stande war, auch gegen den Willen ihres Vaters es nicht gewagt haben würde, nichts von den Gegenſtänden wußte, die er verdeckte. Margarethe hatte ſich auf die unterſte Stufe der beweglichen Treppe geſetzt, welche dem Maler dazu diente, an ſeinen hohen Bildern zu arbeiten, und ſagte, indem ſie vergnügt umherblickte: „Ich kann Dir nicht ſagen, Papa, wie lieb es von Dir war, daß Du Andreas zur Schule geſchickt, um mich abzuholen! Jetzt bleibe ich bei Dir, bis wir zum Eſſen nach Hauſe gehen.“ „Du bleibſt heute noch länger bei mir, wenn es Dir recht iſt.“ Das lleine Mädchen ſah ihn fragend an, dann wiederholte ſie ihre Worte:„Ja, bis wir zum Eſſen nach Hauſe gehen.“ „Noch länger— rathe einmal, wie das möglich iſt?“ Und nun fing Margarethe an, zu rathen, aber recht ſichtbar, recht mühevoll, indem ſie ihre Hand unter das Kinn legte, ernſt⸗. haft vor ſich niederblickte, jetzt nickte, dann das Köpfchen ſchüttelte —,,— O, ſieh' mich nicht ſo lächelnd an! 213 und endlich zu dem Reſultate kam, es ſei durchaus nicht möglich, das zu errathen. .„So will ich es Dir denn ſagen,“ ſprach der Vater mit hei⸗ terer Miene—„wir eſſen heute draußen im Garten in der Laube.“ „Ach, das iſt ſchön! Du und ich und auch Herr Lytton?“ „Ja, wir Drei.“ „Ach, das iſt ſchön! Draußen in der Laube— ich eſſe ſo gern im Freien! Weißt Du noch, Papa, wie neulich ein Blatt in meine Suppe fiel und wie ein Schiffchen darin herumſchwamm?“ „Ja, Du Schelm, und wie Du dann die Suppe nicht mehr eſſen wollteſt.“ Margarethe lachte hell auf, während ſie darüber nachzudenken ſchien, auf welche kluge Art ſie damals der verhaßten Suppe ent⸗ gangen war. Plötzlich aber wurde ſie ſehr ernſt, und ihren Vater mit den großen, glänzenden Augen anſchauend, ſagte ſie:„Wird Mama auch mit uns hier draußen eſſen?“ „Heute nicht; aber vielleicht ein andermal. Du weißt, Mama hat Beſuch, und einen ſolchen Beſuch kann man nicht wohl hier draußen eſſen laſſen.“ „Wenn Mama mit uns äße, wäre mir's ſchon recht; aber den Herrn Vetter mag ich nicht leiden.“ „Und warum nicht?“ fragte Lytton. „Er ſieht mich immer ſo ernſthaft an, hat noch nie ein freund⸗ liches Wort mit mir geſprochen, und als er neulich fortging, ſagte er, ich ſei ein armes Kind— warum bin ich denn ein armes Kind?“ „Er meinte vielleicht, weil Du neulich gehuſtet haſt und etwas blaß ausſaheſt,“ gab Lytton zur Antwort, da Roderich ſich ab⸗ gewandt hatte. „A—— ah ſo? Aber er brauchte es nicht zu ſagen, und ich mag ihn doch nicht leiden— hätten wir nicht der guten Conchitta ſagen können, ſie ſolle mit uns eſſen?“ fragte das Kind nach einer Pauſe, worauf der Vater erwiederte: — Einundzwanzigſtes Kapitel. „Das ginge nicht gut, denn es iſt ſchon zu ſpät.“ „Aber das nächſte Mal?“ „Ja, vielleicht das nächſte Mal,“ meinte Lytton. Roderich wäre nicht im Stande geweſen, darauf eine Antwort zu geben; doch ſetzte er ſich jetzt neben die Kleine auf eine höhere Stufe der Treppe, hob ihr Köpfchen ſanft in die Höhe und küßte ſie auf den Mund; dann ſagte er mit etwas unſicherer Stimme: „Du haſt überhaupt heute einen ſchönen und vergnügten Tag— denke Dir nur, Du ſollſt am Abend mit Deiner Mutter verreiſen!“ „Ich, Papa? Ach, das iſt ſchön— Du gehſt aber auch mit?“ „Ich werde Dich nicht begleiten können, denn ich habe zu viel zu thun. Dort mein Bild muß fertig gemacht werden, ich habe es verſprochen.“ „Ja, wenn Du es verſprochen haſt, ſo mußt Du auch Dein Wort halten,“ ſagte das Kind mit altkluger Miene;„aber es iſt recht ſchade, daß Du nicht mitreiſen willſt; ſo wäre es mir noch viel, viel lieber geweſen— aber wo reiſen wir hin, lieber Papa? War ich ſchon einmal dort, wo wir hinreiſen? Und lange bleiben wir doch wohl nicht aus, weil Du nicht mitgehſt, oder kommſt Du und holſt uns ab— gewiß, Du kommſt und holſt uns ab, und darauf will ich mich am allermeiſten freuen!“ „Du fragſt ſo viel auf einmal, mein liebes, gutes Kind, daß ich Dir unmöglich alles das beantworten kann; zuerſt alſo, wohin Du mit der Mutter reiſen ſollſt— ja, das darf ich Dir nicht ſagen, Du wirſt Dich wundern!“ „Iſt es ſo weit und ſo ſchön, wo wir hingehen?“ „Ja, es iſt ziemlich weit und wird auch wohl recht ſchön ſein.“ „Gehen wir mit dem Dampfſchiffe oder mit dem Wagen?“ „Mit dem Wagen.“ „Mit unſerem großen Wagen, in dem ich ſo gern ſitze, der ſo angenehm ſchaukelt und ſo gut nach Leder riecht?“ „Ja, mein Kind.“ O, ſieh' mich nicht ſo lächelnd an! 215 „Ach, das iſt prächtig, und wir werden einen Poſtillon haben, und der wird blaſen— ah, Du wirſt uns abholen, nicht wahr, Papa— das verſprichſt Du mir?“ „Was man verſpricht, muß man auch halten, wie Du vorhin ſelber geſagt, und da ich noch nicht genau weiß, ob ich Zeit haben werde, Dich abzuholen, ſo kann ich es Dir nicht verſprechen.“ „Kommen wir bald wieder?“ „Es ſoll, hoffe ich, nicht zu lange dauern.“ „Ach, ich freue mich recht, daß ich verreiſen darf!“ rief Mar⸗ garethe luſtig, indem ſie die Hände zuſammenſchlug; plötzlich aber ſagte ſie, ſehr ernſt werdend:„Geht denn der Vetter auch mit?“ „Nur ein paar Tage, dann läßt er Euch ſchon allein.“ „Es wäre mir lieber, er reiste gar nicht mit; denn er ſieht ſo dumm aus, ſo dumm, ſo dumm, ſo dumm, daß ich ihn gar nicht leiden kann.“ „Du mußt nicht ſagen, daß er dumm ausſieht,“ meinte Lytton lachend—„das nennt man in der Hofſprache vornehm und wür⸗ dig ausſehen— o, wenn ich will, kann ich auch ſo ausſehen!“ „Nein, däs kannſt Du nicht! Verſuche es einmal und ſieh' dumm aus— ſiehſt Du wohl,“ rief das Kind nach einer Pauſe mit herzlichem Lachen,„daß Du es nicht kannſt! Wenn man dumm ausſehen will, muß man auch ernſt bleiben, wie der Vetter— Du haſt aber gelacht, und das gilt nicht!“ In dieſem Augenblicke hob Andreas den Gobelin auf, ſtreckte ſeinen Kopf zur Thür herein und ſagte ſo ernſt, wie man es ſonſt nicht an ihm gewohnt war, daß draußen im Garten der Tiſch gedeckt ſei und daß die Suppe ſchon kalt genug wäre, um es nicht länger anſtehen zu laſſen. Margarethe ſprang jubelnd in die Höhe und eilte dem Gärtner nach, den ſie aber erſt im Garten erreichte; dort faßte ſie ihn mit ihren beiden Händchen am Arme, ſchüttelte ihn ſo derb wie mög⸗ lich und ſagte, indem ſie mit ihren großen, leuchtenden Augen zu ihm aufblickte:„Du, Andreas, weißt Du ſchon, daß ich verreiſe?“ ————hö—ö—ö—ö—ö——ä—— 216 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Ja, ich weiß es,“ gab der Diener in einem trübſeligen Tone zur Antwort. „In dem großen Wagen mit meiner Mama— Papa geht nicht mit, er hat keine Zeit; das iſt recht, recht traurig!“ „Ja, das iſt recht traurig!“ „Er kann uns auch nicht abholen— aber ich komme bald wieder!“ 3 „Gott gebe es, daß Du bald wiederkommſt!“ „O, ich freue mich ſo darauf— aber Du freuſt Dich gar nicht, denn Du machſt ein verdrießliches Geſicht!“— Das ſchien auch Roderich bemerkt zu haben, der nun das Ate⸗ lier verlaſſen hatte und mit Lytton in den Garten getreten war.— „Ah, ich verſtehe,“ ſagte der Maler lächelnd, als er, um ſich her ſchauend, Mamſell Eliſe entdeckte—„hat man Dir ſchon gänzlich unnöthige Berichte gemacht— ganz unndöthige, denn ich mag es nicht leiden und ſehe den Nutzen nicht ein, wenn ſich die Dienſt⸗ boten um die Angelegenheiten ihrer Herrſchaft bekümmern.“ „Ach, Herr Olfers,“ antwortete der treue Diener in einem mürriſchen Tone,„was alle Welt erfahren wird, darf ich doch wohl auch hören— es geht mir recht zu Herzen!“ „Was hat denn der Andreas?“ ſagte das Kind, indem es er⸗ ſtaunt von Einem zum Anderen blickte. „Nichts, nichts— er brummt nur, daß die Suppe kalt ge⸗ worden ſei, und darin hat er Recht, und deßhalb wollen wir uns raſch zu Tiſche ſetzen. Lytton, gehe Du mit Margarethe voran!“ „Was will denn die Eliſe?“ fragte er den Gärtner mit leiſer Stimme, als ſich die Beiden entfernt hatten—„warum geht ſie nicht nach Hauſe zurück?“ „Das habe ich ſie auch gefragt; aber ſie meinte, ſie müſſe die Kleine wieder mitnehmen.“ „Sie ſoll nur gehen, ich werde Margarethe ſchon nach Hauſe bringen. Sage ihr, ſie könne gehen.“ O, ſieh' mich nicht ſo lächelnd an! 217 Der Gärtner ging und wiederholte dieſen Befehl allerdings der Kammerjungfer, welche demſelben übrigens keine Folge leiſtete; vielmehr blieb ſie auf der Stelle, wo ſie ſich gerade befand, ruhig ſtehen, wie Jemand, der mit ſich über etwas zu Rathe geht, bohrte die Spitze ihres Sonnenſchirmes in den Sand, blickte ein paar Mal in die Höhe, dann wieder auf den Fußboden und ſchien end⸗ lich einen Entſchluß gefaßt zu haben— den Entſchluß, ſich Rode⸗ rich zu nähern, was ſie denn auch, wenn gleich mit zögernden Schritten, that. „Sie haben mir befohlen, Herr Olfers, nach Hauſe zurück⸗ zukehren,“ ſagte ſie in einem weniger ſchnippiſchen und herausfor⸗ dernden Tone als gewöhnlich,„und ich würde das auch gewiß augenblicklich gethan haben, wenn....“ „Nun— wenn? Was? wenn? So thun Sie, was ich Ihnen befehle! Margarethe bleibt hier bei mir, und ich will ſchon dafür ſorgen, daß ſie gegen drei Uhr nach Hauſe kommt; da wird doch noch vollkommen Zeit ſein, ihr ein anderes Kleidchen anzuziehen!“ „O gewiß, dazu wird vollkommen Zeit ſein,“ ſagte die Gou⸗ vernante, indem ſie ihren Kopf niederſinken ließ und ihre Hände zuſammenlegte. „Und da Sie die Reiſe mitmachen werden und überhaupt viel zu thun iſt, ſo kann man Sie im Hauſe vortrefflich gebrauchen, deßhalb gehen Sie immerhin!“ „Ja, Herr Olfers, ich ſoll die Reiſe mitmachen.“ „Ah, Mamſell Eliſe,“ erwiederte der Maler erſtaunt,„Sie legen einen eigenthümlichen Nachdruck auf das Wörtchen ‚ſolll, auch laſſen Sie ihren Kopf hängen, als ſei Ihnen etwas höchſt Un⸗ angenehmes begegnet— bitte, ſeien Sie natürlich, ich haſſe alle Heuchelei!“ Die Gouvernante ſeufzte leiſe auf, dann entgegnete ſie:„Ja, Herr Olfers, ich ſoll die Reiſe mitmachen, aber ich ſoll ja auch in Kurzem wieder hieher zurückkehren.“ Hackländer's Werke, 53. Bd 15 218 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Ah— und das macht Ihnen Kummer? Nun, beruhigen Sie ſich, Mamſell Eliſe, Sie können bleiben, wo Sie wollen, ich werde Ihr Zurückkommen durchaus nicht verlangen!“ „Das iſt es ja gerade, was ich fürchte— ich ſoll mit meiner kleinen, lieben Margarethe zurückkommen und weiß doch, daß ich Ihnen unangenehm bin! darüber will mir faſt das Herz brechen“ — ſie fuhr mit ihrem Taſchentuche an die Augen. Roderich blickte ſie erſtaunt an; doch trotz der großen Gut⸗ müthigkeit, welche aus ſeinem allzu unbegränzten Vertrauen in die Rechtlichkeit der Menſchen entſprang, konnte er ſich hier doch nicht enthalten, achſelzuckend zu antworten:„Ich habe dieſe Weichheit Ihres Herzens bis jetzt nie bemerkt, halte ſie auch für gänz⸗ lich unnöthig; doch was Ihre Befürchtung anbelangt, ſo beruhigen Sie ſich,“ ſetzte er kalt und ſtolz hinzu—„Sie waren mir weder angenehm noch unangenehm— kommen Sie immerhin mit meiner Tochter zurück, und wenn Sie in Zukunft ihre Pflicht getreu er⸗ füllen, ſo werde ich der Vergangenheit nicht weiter gedenken!“ „Danke herzlich, danke, Herr Olfers!“ rief die Gouvernante mit einer außerordentlichen Lebhaftigkeit—„o gewiß, Sie werden finden, wie trübe, aber auch wie freudig Verhältniſſe auf uns ein⸗ zuwirken im Stande find— o, ich habe ein dankbares Herz, und wie ich meinen kleinen Engel liebe— Ihnen das zu ſagen, wäre mir unmöglich!“ „Gut, gut, laſſen wir das; gehen Sie nach Hauſe und ſagen Sie, Margarethe würde gegen drei Uhr nachfolgen!“ „Und ſonſt habe ich nichts in Ihrem Auftrage auszurichten?“ „Nicht das Geringſte— ſorgen Sie nur auf der bevorſtehenden Reiſe auf das Gewiſſenhafteſte für meine kleine Tochter, natürlich, ſo weit es Ihren Dienſt betrifft, denn— meine Frau wird das Uebrige ſchon anordnen— Adieu!“ „Adieu, Herr Olfers!“ Sie ging raſch hinweg, ohne ſich umzuſchauen, und dann ſetzte O, ſieh' mich nicht ſo lächelnd an! 219 ſich der Maler an ſeinen Platz, an den gedeckten Tiſch unter der ſchattigen Laube, wo er beſonders von Margarethe mit großer Ungeduld erwartet wurde. „Ach, Papa,“ rief das Kind heiter,„heute brauche ich meine Suppe nicht zu eſſen, wenn auch kein Blatt hineingefallen iſt— ſie iſt kalt, ganz kalt!“ „Im Sommer jßt man gern kalte Suppe,“ meinte Lytton, „das iſt nur eine Ausrede von Dir; ich habe die meinige aufge⸗ geſſen, wenn Du ſo fortmachſt, wirſt Du hungrig vom Tiſche aufſtehen.“ „O, es kommt noch etwas für mich,“ erwiederte ſie mit einem Blicke auf Andreas, welcher ihr mit einem traurigen Geſichte, aber doch freundlich zunickte. Roderich bemühte ſich, zu vergeſſen, warum er am heutigen Tage mit ſeiner kleinen Tochter und ſeinem Freunde hier im Garten ſpeiſe, und es gelang ihm auch, da Lytton ruhig und heiter war, wie immer, und das Kind gegen ſeine Gewohnheit luſtig, faſt ausgelaſſen. War es doch auch ſo angenehm ſchattig hier in der Laube, während draußen die Hitze des Sommertages brütete, und hatte man nicht ein kleines, allerliebſtes Diner: ein paar leichte Fleiſch⸗ ſpeiſen, etwas Gemüſe, kalten Pudding mit einer ſüßen, rothen Sauce für Margarethe, auch Erdbeeren und anderes Obſt für ſie und eine Flaſche guten, in Eis gekühlten Wein für die Anderen! 4 Nachher brachte Andreas die Kaffeemaſchine ſeines Herrn, und Margarethe ließ es ſich nicht nehmen, den Spiritus einzugießen und anzuzünden, was ſie mit ihren kleinen Fingern ſo zierlich that, daß es eine Luſt war, ihr zuzuſchauen. Das that beſonders Roderich, und zwar mit einer unbeſchreib⸗ lichen Innigkeit, worauf er in tiefes Nachſinnen verfiel und dann, als das in der Maſchine kochende Waſſer geräuſchvoll aufſprudelte, 220 Einundzwanzigſtes Kapitel. ſagte:„Hoffentlich werden wir noch oft hier draußen zuſammen ſpeiſen— meinſt Du nicht Lytton?“ „Gewiß, und ich meine, daß, ſo trübe uns auch eine Zeit er⸗ ſcheint, ſie doch ihre Lichtpunkte hat und vorüberzieht wie ſchwere Gewitterwolken; wie ſagt doch mein großer Landsmann: Come, what come may, Time and the hour runs through the rougest day. „So, der Kaffee iſt fertig,“ rief Margarethe—„und darf ich ihn in die Taſſen einlaufen laſſen?“ „Aber nur in zwei— für Dich iſt Kaffee nach Tiſch nicht gut; lieber gebe ich Dir etwas Wein mit Waſſer.“ „Gib mir lieber noch ein paar Erdbeeren, ſie ſind hier in unſerm Garten gewachſen, und da ich heute verreiſe,“ ſetzte ſie mit großer Wichtigkeit hinzu,„ſo kann ich ja morgen keine eſſen. Wann werden wir fahren?“ „Ich glaube, um vier Uhr.“ „Und wo werden wir ſchlafen?“ „Wie ich mir denke, werdet Ihr die ganze Nacht durchfahren; man macht Dir auf dem Rückſitze des großen Wagens ein gutes Bett, dann wirſt Du angenehm in den Schlaf geſchaukelt und ſchläfſt ſo fort, bis die Sonne wieder neugierig über die Berge herüber ſchaut und Dich mit ihrem freundlichen Blinzeln weckt; dann hiſt Du weit, weit von hier entfernt— iſt das nicht ſchön?“ „Ach ja, das iſt herrlich!“ „So, da haſt Du auch noch Erdbeeren.“ „Danke, Papa— ich will ſie mit zu Andreas nehmen und ihm ſagen, er ſolle dafür ſorgen, daß ich noch welche finde, wenn ich zurückkomme.“ „Thue das mein Kind.“ Lytton hatte ein Cigarren⸗Etuis hervorgezogen und die beiden Freunde rauchten, in der ſchattigen Laube ruhend, und jeder, mit O, ſieh' mich nicht ſo lächelnd an! 221 ſeinen Gedanken beſchäftigt, blickte längere Zeit ſtillſchweigend dem bläulichen Rauche nach, der eilfertig in die Höhe ſtieg und ſich einen Weg ſuchte durch das dichte Blätterdach der Laube. Draußen ſaß Margarethe, ihren Teller mit Erdbeeren auf dem Schooße, neben dem Gärtner, der den Kopf ſorgenvoll in die Hand geſtützt hatte und mit einem traurigen Lächeln dem Geplauder des kleinen Mädchens lauſchte. Lytton fragte nach einigem Stillſchweigen:„Du haſt wohl Conchitta ſchon lange nicht mehr geſehen?“ „Sehr lange nicht— nicht mehr ſeit jener Soirée. Früher kam ſie zuweilen mit ihrer Schweſter Mercedes ins Atelier, jetzt ſcheint ſie mich zu meiden.“ „Kannſt Du Dir einen Grund dafür denken?“ „Nein.“ „Eigenthümlich— gegen mich that ſie in letzterer Zeit, wenn ich ihr hier und da begegnete, außerordentlich fremd und förmlich.“ „Vielleicht hat die Anweſenheit ihrer Schweſter auf ſie ein⸗ gewirkt.“ „Das glaube ich nicht; wie war ſie ſelbſt ſo heiter, ſo offen, ſo umgänglich, dieſe große Künſtlerin— nein, nein, im Gegentheile, ich weiß ganz genau, daß ſie Conchitta häufig ermahnte, mit der Welt zu leben und gute Geſellſchaft aufzuſuchen.“ „Vielleicht hat ihr Oheim, der ernſte Spanier, ihr Lebensregeln gegeben, die ſie nun in ſeinem Sinne befolgt und ſich von ihren Freunden zurückzieht.“. „Von einem Theile derſelben,“ ſprach Lytton mit Betonung, „während ſie ſich einem anderen Theile bedeutend genähert hat.“ „Du meinſt Rodenberg?“ fragte der Andere, wobei ſein gleich⸗ gültig ſein ſollender Ton der Stimme durch die Haſt, mit der er jene Worte ausſprach, ungewöhnliches Intereſſe verrieth. Lytton ſchüttelte mit dem Kopfe.„Allerdings glaubte Roden⸗ berg anfänglich, Conchitta kennen gelernt zu haben, und machte 222 Einundzwanzigſtes Kapitel. derſelben nach ſeiner Art den Hof, caracolirte an ihren Fenſtern vorüber, ließ Conchitta's Skizzenbuch, das er zufällig gefunden, durch ſeinen ſuperben Pudel überbringen und trieb ähnlichen Unſinn auf ſeine Weiſe. Nachdem er aber beide Schweſtern geſehen, hatte er kein Auge mehr für Conchitta— begreiflicher Weiſe,“ ſetzte er langſam hinzu—„für einen Charakter wie Rodenberg's nämlich. Ah, jene Sängerin iſt eine Sirene, die man nicht genug zu fürch⸗ ten vermag— wahrhaftig, ich mußte mich feſthalten, um nicht ebenfalls in den Strudel mit hineingeriſſen zu werden!“ „Arme Conchitta!“ ſagte Roderich gedankenvoll.„Ich hätte nicht gedacht, daß Du nur einen Augenblick ſchwanken würdeſt zwiſchen dem inneren Gehalte der beiden Schweſtern!“ „Das habe ich auch nicht gethan; doch Du verkennſt die Andere, ſie iſt eine große Künſtlerin.“ „Das iſt ſie.“ „Und verbirgt unter ihrer heitern Außenſeite ein tiefes Gemüth. Ich hatte bei ein paar Gelegenheiten Veranlaſſung, längere Zeit mit ihr zu plaudern, und ich kann Dir verſichern, daß ſie gar nicht auswich, wenn man die Converſation aus ihrem gewöhnlichen Geleiſe brachte.“ „Sie iſt abgereist, nicht wahr?“ „Ja,“ ſagte Lytton und ſetzte lächelnd hinzu:„Ich war bei ihrer Abreiſe zugegen und läugne es nicht, in der Abſicht, ihr noch ein freundliches Wort zu ſagen; doch ſtand ſie wie eine Königin im Kreiſe ihrer zahlreichen Verehrer, und da ich mich nicht zu⸗ drängen wollte, mußte ich mich mit dem kleinen Theile einer freund⸗ lichen Handbewegung begnügen, die freilich uns Allen mit einander geſpendet wurde.“ „Du ſagteſt vorhin,“ fuhr Roderich nach einer Pauſe fort, „Conchitta habe ſich anderen Freunden zugewandt— wen meinteſt Du damit, wenn nicht Rodenberg?“ „Es iſt vielleicht ein Unſinn, aber man ſprach davon.“ O, ſieh' mich nicht ſo lächelnd an! 223 „Nun?“ fragte Roderich ungeduldig, da jener ſchwieg. „Erinnerſt Du Dich noch, als wir vor einiger Zeit dort in der Thür Deines Ateliers ſtanden— es war an jenem Morgen, als uns Prinz Heinrich mit ſeiner hohen Gegenwart beglückt hatte — Conchitta ging nach Hauſe, begleitet von..4 „Ah, von Michel Angelo Schmitz!“ rief Roderich,„wir fanden, glaube ich, Beide damals, daß ſie ſich mit einer Zutraulichkeit, die für Conchitta außerordentlich war, an den Arm des kleinen Mannes hängte— iſt's nicht ſo?“ „Ja, ja, Du wirſt Dich erinnern, wir ſprachen darüber, und was wir darüber ſprachen, hörte ich auch ſonſt wo anklingen.“ „Unſinn, lächerlicher Unſinn 12* „So dachte ich auch; doch hörte ich, wie ein paar unſerer wilden Geſellen den kleinen Schmitz mit ſeiner Liebſchaft neckten und aufzogen und ihn fragten, wann die Hochzeit ſei.“ „Nun?— Er wies das mit Entrüſtung von ſich,“ rief Rode⸗ rich,„er war das Conchitta ſchuldig!“ „Ich erwartete auch, daß er auf eine feine und ſtille Art jenen feinen und naſeweiſen Burſchen Beſcheid ſagen würde; aber nein — er lächelte ſtill vergnügt und rieb ſich die Hände.“ „Er rieb ſich vergnügt lächelnd die Hände?— Und Du?“ „Ich ging achſelzuckend davon. Du ſiehſt mich erſtaunt an— hätte ich vielleicht Händel darüber anfangen ſollen?“ „Du hätteſt dieſem Schmitz ſein unverſchämtes und doch wieder ſo feiges Betragen vorwerfen ſollen,“ rief Roderich entrüſtet— „ich würde es gethan haben.“ „Schlimm genug, wenn Du Das gethan hätteſt; warum jenen Leuten neuen Stoff zum Lachen und Gerede geben? Darf ich mir erlauben, Dir etwas zu ſagen, Roderich?“ ſagte Lytton in ſeiner ruhigen, feſten Weiſe, wobei er den Freund mit einem vollen Blicke anſah. Roderich ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn, preßte ſeine 224 Einundzwanzigſtes Kapitel. Lippen aufeinander und es dauerte eine ziemliche Weile, ehe er ſagte:„Ich verſtehe Dich, Du haſt ganz recht; wir wollen in dieſer harten und ſchweren Zeit nichts thun, um den Leuten Veranlaſſung zu geben, über uns zu reden.“ „Ganz Recht, mein Freund, und da Du hierin meiner Anſicht biſt, ſo kann ich mir wohl erlauben, Dir einen Vorſchlag zu machen. — BZlicke den heiteren, leuchtenden Himmel an— ſieh', wie male⸗ riſch das Laub ſchon anfängt, ſich zu färben— laß uns die Stadt für einige Zeit verlaſſen, nur ſo lange, als dort unſere gute Mar⸗ garethe entfernt ſein wird— nicht wahr, ich ſpreche Dir aus der Seele?“ „Ja, ja,“ rief Roderich erfreut,„laß uns ein wenig umher⸗ ſchwärmen, wie ich es in früheren, glücklichen Zeiten gethan— es graut mir vor meinem verödeten Hauſe!“ ſetzte er mit plötzlich finſter werdendem Blicke hinzu. „Ich denke an keine weite Reiſe,“ ſagte der Andere,„wir wollen uns nur ein wenig in die Berge werfen, den Wanderſtab in der Hand, in der grauen Jacke, ein Ränzchen auf dem Rücken, das Skizzenbuch unter dem Arme und vor allen Dingen mit wenig Geld im Beutel.“ „Ja, das wollen wir,“ rief Roderich mit leuchtenden Blicken; „wir wollen ſie zurückrufen, die erſte Zeit der friſchen Jugend, wo wir mit Luſt einen ſeltſam geformten Stein gemalt und einen alten, knorrigen Baumſtamm, wo wir im Wirthshauſe auf der Ofenbank ſchliefen oder im duftigen Heu, da uns ein Bett zu theuer war— o, jene glückliche, glückliche Zeit, wo wir vor Entzücken laut aufſchrieen, wenn wir einen beſonders maleriſchen Thalgrund vor uns ſahen mit klarem Bergwaſſer, wenn wir dazu rechts und links die Schläge der Axt oder den Ruf des Kukuks hör⸗ ten, wenn wir hinabſchauten, wo, ſo heimlich an die Bergwand geſchmiegt, die kleine Mühle lag mit dem luſtig ſich umdrehenden Rade.“ O, ſieh' mich nicht ſo lächelnd an! 225⁵ „Oder wenn wir auf der Höhe des Berges ſtanden,“ ſprach Lytton,„rings um ſich her eine unermeßliche Ausſicht, wobei man laut und toll aufſchrie vor Freude.“ „Das iſt eine glückliche Idee, Lytton— wohin gehen wir?“ „Ich habe das maleriſche Felsthal, welches Ihr Geſteins nennt, noch nie in ſpätſommerlicher oder herbſtlicher Färbung geſehen— hätteſt Du etwas dagegen, wenn wir uns dort eine Zeit lang um⸗ hertrieben?“ „Gewiß nicht, mein Freund— ich war ſo lange nicht mehr vort, daß auch mir jene großartige Natur wieder neu erſcheinen wird; gehen wir dorthin— ich freue mich wie ein Kind darauf. Aber nicht wahr, wir reden mit Niemanden darüber!“ „Wozu auch— hat doch Niemand ein Recht, unſere Schritte zu überwachen!“ „Ach ja, Niemand hat mehr ein Recht, meine Schritte zu überwachen!“ ſagte Roderich, indem er faſt freudig in die Höhe blickte.—„Die Zeit iſt ſo raſch vorübergegangen,“ fuhr er nach einem längeren Stillſchweigen fort, während deſſen die beiden Freunde über den ſoeben beſprochenen Plan in angenehme Träumereien verſunken geweſen waren, aus denen ſie das Herbeikommen des kleinen Mädchens geweckt—„es iſt in Kurzem drei Uhr.“ Roderich ſprach dieſe Worte, nachdem er tief aufgeathmet, und alsdann zog er Margarethe an ſeine Bruſt und bedeckte ihr Geſichtchen, wo es gerade hintraf, mit heißen Küſſen.—„Du mußt jetzt nach Hauſe,“ ſagte er darauf mit leiſer Stimme. „So wollen wir gehen, Papa— ich muß noch Eliſe fragen, ob ſie alle meine Kleidchen eingepackt hat; die große Puppe will ich auch mitnehmen, ſie kann neben mir im Wagen ſchlafen, und es wird ihr durchaus nichts ſchaden, wenn ſie ſich ein Bischen anderswo umſchaut.“ „Du wirſt mit Herrn Lytton nach Hauſe gehen, ich habe hier noch drängend zu thun.“ 226 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Du kommſt doch auch noch, bis wir fortfahren?“ „Ich hoffe, ja; da ich aber nicht weiß, ob ich nicht Beſuch bekomme, der mich hier zurückhält, ſo will ich Dir auf alle Fälle einen tüchtigen Abſchiedskuß geben.“ Das kleine Mädchen ſchlang ſeine Aermchen um den Hals des Vaters, ſchmiegte ſich feſt an ihn und erſtattete ihm reichlich alle Küſſe, welche ſie ſoeben erhalten.—„Was wird aber Mama ſagen, wenn Du nicht nach Hauſe kommſt, ehe wir abreiſen— haſt Du von ihr ſchon Abſchied genommen?“ „Ja— mein Kind.“ „Aber wenn Du kommen kannſt, ſo kommſt Du?“ „Gewiß mein gutes Herz, meine liebe, ſüße Margarethe— doch ſchau', da iſt Andreas,“ fuhr er fort, indem er ſeine Stimme gewaltſam zu einem feſteren Tone zwang—„ich ſehe es ihm an, er möchte Dir gern Dein Hütchen aufſetzen und von Dir Abſchied nehmen; geh' zu ihm.“ Margarethe glitt von den Knieen ihres Vaters herunter und eilte zu dem Gärtner, der ſie mit zwinkernden Augen an⸗ ſchaute. „Daß ich nicht mit nach Hauſe gehen kann, wirſt Du begreiflich finden, Alfred,“ ſagte Roderich mit ruhigem Tone der Stimme, indem er die rechte Hand auf die Schulter ſeines Freundes legte; nich kann und mag bei dem Abſchiede nicht zugegen ſein, und ſelbſt, wenn es mich mit richtigem Gefühle drängte, es doch zu thun, ſo würde man es auf der anderen Seite herzlos, kalt, heuch⸗ leriſch finden.— Ich weiß das, und deßhalb müßte es mich aufs tiefſte verletzen, ja, ich könnte es nicht ertragen, wenn vielleicht ein herzliches Wort, aus meinem bewegten Herzen kommend, mit Kälte oder mit einem höhniſchen Lächeln aufgenommen würde!“ „Ich glaube, Du haſt Recht, und mit Vergnügen vertrete ich Deine Stelle!“ „Darum will ich Dich auch alles Ernſtes und dringend gebeten O, ſieh' mich nicht ſo lächelnd an! haben; ich kenne Dich, mein Freund, und verlaſſe mich auf Deine Ruhe und Klugheit.“ „Du thuſt gerade, als vertrauteſt Du mir ein ſchwieriges Geſchäft,“ ſagte Lytton und zwang ſich zu einem Lächeln, um ſelbſt, wenigſtens äußerlich, feſt zu bleiben gegenüber dem aufs tiefſte erſchütterten und bewegten Gemüthe Roderich's—„was iſt denn Schweres dabei zu thun? Macht es mir doch Freude, auch heute wieder meine kleine, gute Margarethe nach Hauſe zu begleiten, wie ich ja ſchon ſo oft gethan!“ „Aber das iſt nicht genug, Alfred; ich bitte Dich, in meinem Hauſe zu bleiben, bis alle Drei daſſelbe verlaſſen haben.“ „Gewiß, recht gern!“ Roderich wandte ſich ab mit einer ganz natürlichen Bewegung, als ſchaue er nach Margarethe hinüber, doch that er es abſichtlich, um ſeinem Freunde nicht in die Augen zu ſehen, als er fortfuhr: „Und wenn Du meine Frau ſiehſt, die Mutter meines lieben Kindes, ſo ſage ihr, natürlicher Weiſe, als ſprächeſt Du ganz aus Dir ſelber, ſie würde es begreiflich finden, ja, dankbar anerkennen, daß ich in dieſem wichtigen und traurigen Augenblicke von meinem Hauſe fern geblieben ſei— die Bezeichnung ‚traurig' kannſt Du an⸗ wenden, wenn es Dir paſſend erſcheint; ſetze auch hinzu, ich hätte deßhalb keinen Abſchied genommen, um dieſer Reiſe nicht eine noch größere Wichtigkeit beizulegen— vielleicht verſtehſt Du mich, Lytton — Du kannſt hinzufügen, ſo wie Du mich kennteſt, würde ich nicht erſtaunt ſein, wenn in einiger Zeit....“ 1 „Nun, wenn in einiger Zeit?“ fragte Lytton, da Jener ſtockte. „Nun, wenn in einiger Zeit meine Frau ſelbſt die kleine Margarethe zurückbringen würde— verſtehſt Du mich?“ „Ja, ich verſtehe Dich,“ gab Lytton tief bewegt zur Antwort. „Ich würde in dem Falle nicht erſtaunt ſein, nicht mißvergnügt — nicht— ſage, was Du willſt, ich vertraue Dir wie Nieman⸗ den ſonſt.“ ——— —%%— 228 Einundzwanzigſtes Kapitel. Er machte eine haſtige Bewegung die Laube zu verlaſſen; doch blieb er plötzlich ſtehen wie Jemand, dem etwas Wichtiges einfällt. Ehe er ſich aber wieder gegen ſeinen Freund wandte, fuhr er ein paar Mal ſchnell mit der Hand über die Augen.—„Das Beſte hätte ich ja beinahe vergeſſen,“ ſagte er alsdann,„das Wichtigſte, das, wodurch Du mit Deiner bekannten Feſtigkeit mich als Vater gegen ſie, beſonders aber gegen den Freiherrn von Schenk, zu ver⸗ treten haſt; es betrifft die Rückkehr Margarethens nach acht oder zehn Tagen, ſeien es meinetwegen auch vierzehn Tage. Du mußt ihn verantwortlich machen, daß er ſein mir gegebenes Verſprechen erfülle und nach Ablauf jener Zeit mein Kind hieher zurückbringe. Nur auf dieſe Bedingung hin habe ich überhaupt darein gewilligt, daß Margarethe ihre Mutter begleite.“ „Du mißtraueſt ihm?“ „Das gerade nicht, denn wenn ich das thäte, ſo würde ich ja meine Einwilligung zu der Reiſe nie gegeben haben.“ „Gut denn,“ erwiederte Lytton, wobei ſich ein eigenthümliches Lächeln auf ſeinen offenen Zügen zeigte,„ich habe Dich vollſtändig verſtanden und werde Dich beſſer vertreten, als Du Dich ſelbſt vertreten haben würdeſt. Ich kann nun einmal ein Mißtrauen gegen jene Leute, namentlich gegen den geſchmeidigen Kammerjunker, nicht unterdrücken; ich werde ihm alſo zuerſt das Verſprechen, das er Dir gegeben, ſcharf ins Gedächtniß zurückrufen und dann werde ich ihm andeuten, wie ich in zweiter Linie hinter Dir ſtände und wie und auf welche Art er meinen Beſuch in der Reſidenz zu er⸗ warten habe, im Falle Margarethe in längſtens vierzehn Tagen nicht wieder geſund und wohlbehalten in Deinem Hauſe iſt— iſt's ſo recht?“ „Ja, und ich danke Dir herzlich!“ „Keine Urſache— es macht mir ein wahres Vergnügen, dem Freiherrn von Schenk ein kaltes, ruhiges Wort feſt ins Geſicht ſagen zu können.“ „So gehe denn in Gottes Namen!“ O, ſieh' mich nicht ſo lächelnd an! 229 Roderich verließ die Laube und ging mit raſchen Schritten dem Eingange ſeines Ateliers zu; ehe er aber die Schwelle deſſelben betrat, wandte er ſich um und breitete beide Arme aus, als er ſah, wie ſein kleines Mädchen ihm in vollem Laufe entgegeneilte. „Adieu, mein Kind— adieu, Margarethe— adieu, mein liebes Mädchen!“ „Adieu, mein lieber, guter Papa!“—— Sie hatten ſchon längſt, längſt den Garten verlaſſen, Lytton, das kleine Mädchen und Andreas, der, ohne zu fragen, ſeinen Rock angezogen und ſeinen Hut mit einem gewiſſen trotzigen Ungeſtüm aufgeſetzt hatte, da erſchien Roderich wieder unter der Hausthür; ſein Geſicht war von einer erſchreckenden Bläſſe überzogen, ſeine Augen flimmerten ſeltſam; er hatte die Lippen feſt zuſammen⸗ gepreßt und ging nun mit kurzen, langſamen Schritten der Garten⸗ thür zu. Dort lehnte er ſich an das Gitter und ſchaute unverwandt auf die Biegung der Straße, bei der die Drei verſchwunden waren. Hatte er doch während dieſer Zeit ſo klar und lebendig die Geſtalt des kleinen Mädchens vor ſeinem inneren Auge geſehen, daß es ihm immer war, als leuchte ihr helles Kleidchen dort durch die dunkeln Büſche. Ein paar Mal rieb er ſich die Augen und ſchüttelte dann wie verwundert den Kopf— lange, lange ſtand er da, auf jene Wendung des Weges ſtarrend— umſonſt. Der Weg blieb leer, troſtlos leer, und die Blätter der grünen Büſche ſtanden unbewegt in der ſtillen, warmen Luft.— Die Uhren der Stadt ſchlugen die vierte Stunde.—— —ͤͤ XXII. 7„So leb' denn wohl, du altes Haus!“ Wir haben bereits in einem der früheren Kapitel dieſer außerordentlich wahren Geſchichte bemerkt, daß mit Rafael, Roden⸗ berg's kleinem Diener, ſeit ſeiner Begegnung mit der fremden Dame, beſonders aber, ſeit er nach ihrer Anleitung mit ſo auffallendem Glücke die Rolle eines Zwerges ausgeführt, eine ſo vortheilhafte Aenderung vor ſich gegangen war, daß Walter, welcher dieſe zuerſt bemerkt hatte, brummend ſagte: „Ich weiß nicht, was in den Kerl gefahren iſt— entweder eine große Teufelei oder eine ſchwere Krankheit oder der Drang, etwas Ordentliches zu werden— nun, wir wollen ſehen, was am erſten bei ihm zum Durchbruch kommt!“ Rafael wurde aber nicht krank, erfreute ſich vielmehr einer guten Geſundheit, welche auch wohl dadurch recht offenbar zu Tage trat, daß er ſich bemühte, ordentlich gewaſchen und gekämmt, ſowie in einem anſtändigen Anzuge zu erſcheinen, den er ſich ſelbſt von einem Theile des reichen Geſchenkes angeſchafft, das er von dem Begleiter der jungen Dame, jenem alten, finſter blickenden Herrn, erhalten hatte. Statt neue Teufeleien zu erfinden oder ſeine alten fortzuſetzen, befleißigte er ſich vielmehr eines ruhigen und geſetzten Betragens, reinigte die Kleider ſeines Herrn mit einer großen So leb' denn wohl, du altes Haus! 231 Sorgfalt, vollführte die ihm gegebenen Aufträge pünktlich, prügelte ſich nicht mehr mit den Buben der Nachbarſchaft herum, ließ den ausgeſtopften Papagei keine Unterredungen mehr halten mit den harmlos Vorüberwandelnden, und was Figaro anbelangte, ſo war es an ſich ſchon unmöglich, ſeine alten Späſſe mit dem Hunde zu treiben, da dieſer nur hier und da ſeinen ehemaligen Herrn beſuchte und es für gewöhnlich vorgezogen hatte, bei der ſanfteren Conchitta zu bleiben. Als nun eines Tages Rafael erklärte, er wolle Morgens eine Stunde früher kommen, um ſeinen Dienſt zu beſorgen, da er es für ſehr nothwendig halte, die Schule wieder zu beſuchen, ſo änderte ſich Walter's Anſicht inſoweit, als er den jungen Burſchen entweder für einen großen Heuchler erklärte oder für einen Kerl, aus dem i'mal was Rechtes werden könne. 4,„Ich habe ihn ſchon einige Mal beobachtet,“ ſagte der alte Maler finſter;„er hat ſich ein Skizzenbuch angeſchafft und copirt da hinein von den Studien, die dort an der Wand hangen. Ein⸗ mal gelang es mir, hinter ihn zu kommen, ohne daß er mich gleich bemerkte, und da ſah ich, als ich über ſeine Achſel ſchaute, daß er in daſſelbe Skizzenbuch hinein emfig ſchrieb.“ Wir dürfen dabei nicht verſchweigen, daß das ſo vortheilhaft veränderte Betragen Rafael's für ihn auch ſeine günſtigen Folgen bei Rodenberg hatte, denn dieſer, welcher immer ſeine Späſſe mit der kleinen Vogelſcheuche getrieben hatte, redete jetzt in einem ernſteren, ja anſtändigeren Tone mit ihm, wodurch ſich nun Rafael wieder ſo gehoben fühlte, daß er alles Mögliche that, um ſeinen Dienſt mit Umſicht und Eifer zu erfüllen. Die Sonntage hatte Rafael faſt ganz für ſich; denn nachdem ſich Rodenberg angezogen hatte und mit Walter fortgegangen war, konnte er ziemlich ſicher ſein, weder von dieſen Beiden, noch von Rüding oder Knorx beläſtigt zu werden. An ſolchen Tagen ſpeisten die Künſtler gewöhnlich auswärts, wenn ihre Kaſſe nicht zu ſchlecht — 232 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. beſtellt war, in der Regel auf dem Lande in einem benachbarten Dorfe, hatten an ſolchen Tagen zuweilen auch Einladungen zu Landpartieen und kamen alsdann höchſt ſelten vor ſpät Abends nach Hauſe. Dieſe freie Zeit benutzte Rafael auf ſeine eigene Art: zuerſt brachte er das Zimmer in Ordnung, ſchaute dabei auch gelegentlich auf die Straße, mehr um zu ſehen, ob nicht einer der beiden Herren vielleicht etwas vergeſſen habe und zurückkomme, als um ſeine Neu⸗ gierde zu befriedigen. War alsdann eine ziemliche Zeit verſtrichen, daß er ſich vor Ueberraſchung ſicher glaubte, ſo ging er an Roden⸗ berg's Kleiderſchrank, den dieſer äußerſt ſelten ſelber öffnete, worin ſich neben den täglichen Anzügen alte Coſtume und benutzte Garde⸗ robe befanden, ſchob dieſe ſorgfälltig bei Seite und brachte ein altes Zeichenbrett hervor, das er mit Malerleinwand überſpannt hatte und welches er nicht ohne Stolz auf der Staffelei ſeines Herrn aufſtellte. Dann nahm er ein rothes Fez von der Wand, welches Rodenberg in früheren Zeiten getragen, ſetzte es auf ſein Haupt und ſtellte den Malkaſten ſeines Herrn, den dieſer ſeit lange nicht mehr benutzt, auf einen kleinen Schemel neben die Staffelei; hierauf ſtellte er ſich vor das Bild und betrachtete es mit großer Genugthuung. Ja, es war ein angefangenes Bild Rafael's, ſelbſt componirt, ſelbſt aufgezeichnet, ſelbſt gemalt, und man muß geſtehen, daß er bei der Anfertigung deſſelben ſehr ſyſtematiſch und mit großer Um⸗ ſicht zu Werke gegangen war. Ehe wir die Neugierde des geneigten Leſers befriedigen, müſſen wir, unſere Worte von ſoeben erklärend, noch vorausſchicken, daß Rafael nur einen Kopf gemalt, etwas Hals, ein wenig Schulter und eine Fauſt, die rechts neben dem Kinn zum Vorſcheine kam, daß er alſo gewiſſermaßen ſo klug geweſen war, die Kunſt in be⸗ ſcheidenen Anfängen zu treiben— er hätte ſich ja auch zur Com⸗ poſition eines großen hiſtoriſchen Bildes verſteigen können— und So leb' denn wohl, du altes doch lag in dieſem Kopfe, in Hals und Fauſt eine tiefe Idee ver⸗ borgen; auch hatte er nicht ins Blaue hinein gemalt, ſondern ein Modell zu ſeiner Arbeit genommen, und zwar einen ihm befreun⸗ deten Neger, der ſich im Dienſte eines vornehmen Hauſes der Stadt befand. Der Schwarze, eine gutmüthige Natur, hatte ſich dadurch geſchmeichelt gefühlt und an verſchiedenen Sonn⸗ und Feiertagen mit einer bewunderungswürdigen Geduld und Ausdauer Stunde um Stunde als Modell zu Rafael's Bild geſeſſen, und da der junge Künſtler mit eben ſo großem Fleiße und ähnlicher Ausdauer malte, auch die Farben nicht ſparte, ſo hatte er etwas Anerkennens⸗ werthes geleiſtet. Begreiflicher Weiſe war ein ſchwarzes Geſicht für einen An⸗ fänger viel leichter zu behandeln, als ein weißes— ſchwarz iſt ſchwarz und bedingt nicht die vielerlei Töne einer andern Haut⸗ farbe. Dabei nahmen ſich die kirſchrothen Lippen und die blenden⸗ den Zähne wahrhaft prächtig aus, und das Weiß um die kohlſchwarzen Augen that eine ſolche Wirkung, daß die letzteren förmlich zu rollen ſchienen. Aber es war nicht bloß eine Studie, welche Rafael gemalt— „Tiefer Sinn liegt oft im kind'ſchen Spiel,“ und ſo hatte auch dieſer junge Künſtler um das krauſe Haupthaar des Negers einen goldenen, kronartigen Reif gemalt, dazu eine Halskette von Perlen, und hatte ihm auf die Fauſt einen Vogel geſetzt, zu dem allerdings der ausgeſtopfte Papagei Modell geſtanden, aber durch Anbringung eines hochrothen Kammes, ſowie von Schwanzfedern in allen Farben zu einem Paradiesvogel umgewan⸗ delt worden war. Das Kunſtwerk war an dem Tage, von welchem wir zu reden die Ehre haben, faſt als fertig anzuſehen, und es gerrichte e Rafael Hackländer's Werke. 53. Bd. 16 —— 234 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. zum beſonderen Vergnügen, es durch kühne Pinſelſtriche hier und da noch zu größerer Vollendung zu bringen. Auch hatte das Bild bereits eine erklärende Unterſchrift, welche dem jungen Künſtler nothwendig erſchien, wie wir dem geneigten Leſer jetzt mittheilen wollen und dadurch unſern Anſpruch rechtfertigen, daß Rafael als denkender Künſtler gearbeitet, Auf dem dunkelgrünen Hintergrunde ſtanden nämlich mit rother Farbe die Worte: ‚Ein heiliger Dreikönig“, womit offenbar der ſchwarze königliche Balthaſar gemeint war, welcher neben Myrrhen und Weihrauch auch noch ganz gut einen Paradiesvogel zum Geſchenk hätte bringen können. Das Bild ſah in ſeinen Farben und ſeiner Unterſchrift ge⸗ lungen, ja, prächtig aus; auch hatte Rafael, um den Effect des Rahmens nicht zu vermiſſen, rings herum Streifen von Goldpapier geklebt, die von ſo außerordentlicher Wirkung waren, daß Rafael, ſich mit dem Kopfe zurücklehnend, ſich geſtehen mußte, dieſes ſein Erſtlingswerk ſei keine gewöhnliche Arbeit. Es war dies allerdings ein Irrthum, aber ein verzeihlicher Irrthum, und Aehnliches iſt ſchon beſſeren Künſtlern und größeren Geiſtern vorgekommen, wogegen anderentheils die Beſcheidenheit des jungen Künſtlers nicht genug anerkannt werden kann; hätte er doch unter das Bild ſeinen ganzen Namen ſetzen können: Friedrich Schollinger pinxit“, in der Art, wie er die Namen anderer Maler auf Bildern häufig geleſen, aber er begnügte ſich mit dem ihm von ſeinem Herrn gegebenen Beinamen und ſöriab in die rechte Ecke: ‚Rafael pinxit.“ Soeben erſt hatte er das geſchrieben, und wir müſſen geſtehen, daß er das hiedurch nun ganz vollendete Kunſtwerk mit einem förmlichen Wonneſchauer betrachtete, ja, der Gedanke, vielleicht ein großer Künſtler werden zu können, griff ihn wahrſcheinlich in Ver⸗ einigung mit ſeinem etwas haſtig genoſſenen Frühſtücke ſo ſehr an, daß er das Zimmer auf wenige Augenblicke verlaſſen mußte. Er So leb' denn wohl, du altes Haus! 235 that dies ſingend und ſehr vergnügt; zur Abwechslung pfiff er auch eine bekannte Weiſe, dann ſang er wieder und kehrte hierauf, halb ſingend, halb pfeifend, nach dem Zimmer zurück, deſſen Thür er begreiflicher Weiſe hatte offen ſtehen laſſen. Doch mit welch ſchneidendem Tone brach er mitten im Ge⸗ ſange ab, als er nun, auf der Schwelle ſtehend, Walter vor ſeinem Bilde ſitzen ſah!— Und derſelbe geberdete ſich, ganz gegen ſeine Gewohnheit, förmlich wie unſinnig— er, den man nie anders wie finſter und ernſt zu ſehen pflegte, in ruhigen, abgemeſſenen Be⸗ wegungen, hatte die Haare ſeines Kopfes mit beiden Händen erfaßt und jauchzte vor Freude. Ja, ja, da ſaß Walter, den er am meiſten fürchtete— wenn es noch Rodenberg geweſen wäre oder Rüding— ſelbſt der traurige Knorx wäre ihm angenehmer geweſen— aber der alte, mürriſche Walter! Rafael's erſte Idee war, umzuwenden und davon zu laufen; doch hatte er glücklicher Weiſe Künſtlerſtolz genug, um dies nicht zu thun.— Den Kopf kann er mir nicht abreißen, dachte er bei ſich— einen Puff will ich in Gottes Namen aushalten!— Und ſo blieb er denn groß, gefaßt und erwartungsvoll auf der Schwelle ſtehen. Es dauerte eine Zeit lang, ehe Walter von ſeinem förmlich krampfhaften Lachgebrüll wieder zu ſich ſelber kam, während ihm zahlreiche Thränen aus den Augen ſtürzten und wobei er mehrere Male ausrief:„Nein, das iſt zu toll— was zu arg iſt, iſt zu arg— Gott ſteh' mir in Gnaden bei— und das haſt Du wirklich ſelbſt gemalt?“ „Ja, Herr Walter, das habe ich wirklich ſelbſt gemalt,“ er⸗ wiederte Rafael ruhig und feſt, wie es für dieſen großen und ent⸗ ſcheidenden Augenblick auch vollkommen paſſend war. „Das haſt Du alſo ſelbſt gemalt?— Ja, hier ſteht's ja: Rafael pinxit— ein heiliger Dreikönig— der Himmel ſteh' mir bei, ſo was iſt noch nicht da geweſen, ſo lange die Welt ſteht— Rafael, ich ſtaune Dich an— Du biſt ein unvergleichlicher Kerl!“ 236 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Und als er ſo ſprach, legte er ſeine Hände auf die Kniee und blickte kopfnickend zu dem jungen Künſtler auf. „Verzeihen Sie es mir, Herr Walter,“ ſagte dieſer kleinlaut, „das Stück Leinwand hat mir Herr Rüding geſchenkt und Herrn Rodenberg's Farben wären ohnehin eingetrocknet!“ „Ein unvergleichlicher Kerl!“ erwiederte der alte Maler, indem er bald das Bild, bald deſſen Verfertiger betrachtete— und das haſt Du ganz allein erdacht und ausgeführt?“ „Ja, Herr Walter, ein guter Freund, der zufällig ein Neger iſt, hat mir zum Modell geſeſſen.“ „Und auch drinnen der Papagei?“ „Ja, Herr Walter— wenn Sie ſehr böſe darüber ſind, ſo ſchimpfen Sie mich aus, aber ich bitte Sie dringend, ſagen Sie es den anderen Herren nicht!“ „Ich habe gar keine Urſache, böſe zu ſein und Dich auszu⸗ ſchimpfen, es hat mich das im Gegentheile außerordentlich amuſirt: ein heiliger Dreikönig iſt freilich eine ganz verfluchte Idee— ein Wahnſinn— aber es iſt Methode in dieſem Wahnſinne.“ Rafael athmete aus tiefſter Bruſt auf, er fühlte eine wunder⸗ bare Erleichterung, und Herr Walter ſah dabei ſo ernſt, aber doch ſo gemüthlich aus, daß Rafael es, obgleich mit zögernden Schritten, wagte, ſich in einem großen Bogen zu nähern und hinter den alten Maler zu ſtellen. „Wenn ich vorhin ſagte, es ſei Methode in dieſem Wahnſinne, ſo will ich damit ausdrücken, daß Du eine ganz erträgliche Idee, die ich Dir niemals zugetraut, begreiflicher Weiſe hundemäßig ausgeführt haſt.“ „Ja, es iſt gewiß ſehr ſchlecht!“ ſeufzte der junge Künſtler. „Unter dem Affen, ohne Dir ein Compliment machen zu wollen! Da haben wir eine ſchwarze Scheibe mit rothen und weißen Freßwerkzeugen und mit einem Paar weiteren Oeffnungen, wo ſchwarze Flintenkugeln in einer weißen Umhüllung ſchwimmen, anders So leb' denn wohl, du altes Haus! 237 kann ich das nicht claſſificiren. Da haben wir ein anderes Ding, das wie eine Fauſt ausſieht, weil es zufällig fünf Abtheilungen hat, die wir mit ſehr viel Phantaſie für Finger nehmen können— da haben wir endlich dieſen curios herausgeputzten Galgenvogel— alles ſcheußlich— alles niederträchtig— alles Wahnſinn!— Aber da haben wir ferner,“ fuhr er, ſich umwendend und Rafael mit einem freundlichen Blicke anſehend, fort,„einen jungen Burſchen, früheren Taugenichts, der eine ganz geſcheite Idee und den Muth hat, ſie zu malen— ja, Rafael,“ ſagte er in einem Tone, der wie ein Orakel klang,„hol' mich der Teufel, in Dir ſteckt etwas, und Du ſollſt Beſſeres lernen, als Stiefel putzen und Röcke aus⸗ klopfen!“ Der junge Burſche wäre gern vor dem Maler auf die Kniee gefallen, doch da er wußte, daß ihm dies unfehlbar Ohrfeigen ein⸗ getragen hätte, ſo begnügte er ſich, die Hände zuſammenzufalten und in einem vor Innigkeit zitternden Tone zu ſagen:„Ach, Herr Walter, es iſt mir gerade, als hätten Sie mir etwas Großes ge⸗ ſchenkt, es macht mich doppelt glücklich, daß gerade Sie ſo zu mir ſprechen!“ „Und da ich es gerade ſage,“ erwiederte der alte Maler mürriſch,„kannſt Du es auch glauben; bilde Dir aber nicht ein, daß ich in der koloſſalen Simpelei hier nur eine Spur von Talent erblickt hätte— ehrlich geſagt, was Zeichnung und Malerei an⸗ belangt, habe ich nie etwas Entſetzlicheres geſehen; dafür ſollte man Dich durchhauen, bis Dein Buckel eben ſo ſchwarz wäre wie das Geſicht dieſes Ungethüms— und doch ſteckt Talent in Dir.“ „Das kann ich leider nicht verſtehen, Herr Walter,“ erwiederte Rafael in bittendem Tone;„ich war vorhin ſo froh über das, was Sie geſagt, und könnte jetzt weinen— glauben Sie denn nicht, Herr Walter, daß ich zeichnen und malen lernen könnte, wenn ich ungeheuer fleißig ſein würde?“ „Zeichnen und malen lernen— warum denn nicht? Du würdeſt 238 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. es allenfalls mit Zeit und Ausdauer zu einem ſchlechten Wirths⸗ hausſchilde bringen oder zum Gemälde auf einem Pfeifenkopfe, wie ihn ſich die Soldaten um zwei Silbergroſchen kaufen, mit der Unterſchrift Ida oder Laura— weiter nicht, das ſchwöre ich Dir zu, ſo wahr ich es gut mit Dir meine und ein ehrlicher Mann bin!“ „Aber Sie ſagten doch, ich hätte Talent!“ „Ja, aber nicht zum Zeichnen und Malen.— Apropos, Bürſchlein, ich habe ſchon verſchiedene Male bei Dir ein Ding ge⸗ ſehen, das wie ein Skizzenbuch ausſah— hole es herbei und laß es mich anſehen.“ „Ach, Herr Walter, ſie werden doch noch böſe werden!“ „Da ich es vor dieſem Scheuſale nicht geworden bin, ſo kannſt Du ganz ruhig ſein— hole das Buch.“ Rafael ging zögernd gegen den ebenerwähnten Wandſchrank und brachte noch zögernder das verlangte Buch herbei. Der alte Maler mußte es ihm faſt gewaltſam aus der Hand nehmen; dann ſchlug er es auf und begann, es vom erſten Blatte an durchzuſehen. Dabei ſchüttelte er aber bedeutend den Kopf, ſagte auch zuweilen:—„Pfui Teufel— unglaublich— grauen⸗ haft!“ und dergleichen Ausrufungen mehr, welche aber durchaus nicht geeignet waren, zur Aufmunterung des beinahe zitternd da⸗ ſtehenden jungen Künſtlers beizutragen. „Wie ich vorhin ſchon geſagt,“ brummte Walter, nachdem er ein Dutzend Seiten durchgeſehen.„Talent zum Zeichnen iſt nicht die Spur vorhanden, aber in Allem, was dieſer Kerl hier geſudelt hat, findet ſich irgend eine Idee, eine praktiſche Zuſammenſtellung, ja, wahrhaftig! zum Beiſpiel da die Anlage zu einem ganz erträglichen Bildchen, das heißt, wenn eine geſchickte Hand aus dieſen geſpal⸗ tenen Rettichen Menſchen macht und die Beſen in Bäume ver⸗ wandelt— eigenthümlich— doch da kommt etwas Anderes, worauf ich in der That begierig bin.“ „Ach, Herr Walter,“ bat Rafael, indem er die Hand ſchüchtern So leb' denn wohl, du altes Haus! 239 nach dem Buche auszuſtrecken wagte,„da kommen keine Zeichnungen mehr, wie bisher!“ „So— dieſe Sudeleien haſt Du in der That die Verwegenheit, Zeichnungen zu nennen?“ murrte der alte Maler.„Und jetzt, wo ich auf etwas Vernünftiges zu ſtoßen hoffe, möchteſt Du mich daran ver⸗ hindern?— Ah, Geſchriebenes— darauf bin ich in der That begierig!“ Rafael ergab ſich in ſein Schickſal, war aber ſo klug, ſich ein paar Schritte zurückzuziehen, um die Miene des alten, mürriſchen Mannes aus einiger Entfernung zu beobachten; er war aber faſt erſtaunt, als er nach kurzer Zeit ſah, daß ſich dieſe Mienen nicht verfinſterten, ſondern aufklärten, und daß das Lächeln, welches auf den Zügen Walter's erſchien, durchaus nicht wie Lächeln des Spottes oder der Verachtung ausſah; ja, er hörte ihn darauf vor ſich hinmurmeln: „Gar nicht ſchlecht— gar nicht ſo übel— ei, ei, ſogar Be⸗ merkungen und Reflexionen, die er ſich erlaubt— hat man je ſo was gehört!“— Damit ließ er das Buch mit der Hand auf ſeine Kniee ſinken und ſchaute Rafael mit einem langen Blicke an.— „So,“ ſagte er nach einer Pauſe,„das haſt Du alſo Alles ſelbſt geſchrieben, Rafael?“ „Ja, Herr Walter,“ gab der Andere kleinlaut zur Antwort. „Und wann, wenn ich fragen darf?“ „Morgens und Abends, ſobald ich ein wenig Zeit dazu fand.“ „Geht dieſer Kerl her,“ ſprach Walter, halb zu dem jungen Burſchen, halb zu ſich ſelbſt redend,„und macht da eine Beſchrei⸗ bung unſeres Künſtlerfeſtes, natürlicher Weiſe unter den ſchauer⸗ lichſten Wortverdrehungen und den furchtbarſten Schreibfehlern, welche aber trotz alledem ein förmlich klares und anſchauliches Bild dieſes Tages gibt— und dabei unterſteht er ſich, meinen Anzug zu kritiſiren....“ „Ach, Herr Walter, das habe ich ja Alles nur für mich ge⸗ ſchrieben, es hätte es ja keine Menſchenſeele leſen ſollen!“ ————ꝛhñnñyI0 ua l— 240 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Nennt mich eine Vogelſcheuche und hat nicht einmal einen Begriff davon, wie man das Wort richtig ſchreibt— hier ſteht „Fogelſcheige: Für dieſe Unthat allein, das heißt, daß Du ein ſo grauſam ausſehendes Wort hingeſchrieben, ſollte man Dich durch⸗ hauen— aber ich will auch darüber ein Auge zudrücken, damit Du nicht auf den Gedanken kommſt, als hätte mich die Vergleichung mit einer Vogelſcheuche verletzt. Dummer Kerl, Du haſt wohl keine Idee davon, wie der Drache Griesgram hätte ausſehen müſſen! Nun, ich verzeihe Dir dieſes abſonderlichen Machwerkes wegen, und jetzt, mein Sohn,“ fuhr er mit einem faſt gemüthlichen Tone fort, „muß ich Dir auf mein Gewiſſen wiederholen, daß Du Talent haſt, nicht zur freien, edeln Malerkunſt, ſondern zur Schriftſtellerei.“ „Ach, Herr Walter,“ rief der junge Menſch,„Sie treiben Ihren Spott mit mir!“ „Das fällt mir gar nicht ein,“ erwiederte der alte Maler in ſeinem gewöhnlichen Tone;„ich ſage Dir, Du haſt Talent zur Schriftſtellerei, und wenn ich mich darin nicht irre, und ich irre mich gewiß nicht, ſo werde ich es mir eines Tages für eine gute That anrechnen, Dich erfunden zu haben.“ „Was iſt denn ein Schriftſteller, Herr Walter? Ich weiß nicht recht, was das zu bedeuten hat.“ „Das iſt ſehr ſchwer und ſehr leicht zu ſagen; Schriftſteller ſind Leute, welche gute oder ſchlechte Bücher ſchreiben, ſie drucken laſſen und von dieſem Handwerke leben. Das iſt aber ſchon eine vornehmere Klaſſe von Schriftſtellern, und es gehört ziemlich Talent und Glück dazu: ihre Bücher müſſen dem Publikum gefallen und gekauft werden; das wird wohl nicht für Dich ſein, Rafael, denn um Bücher zu ſchreiben, die geleſen werden, muß man entweder etwas Tüchtiges gelernt oder eine gute Schule des Lebens durch⸗ gemacht haben, und in letzterem Falle daſſelbe erlebt, was Andere ſich mit großer Mühe durch fleißiges Studium angeeignet. Wenn Dein Talent wirklich auch groß genug wäre, ich würde Dir doch So leb' denn wohl, du altes Haus! 241 nicht dazu rathen: dieſe armen Leute ſind von einem gewöhnlich ſehr filzigen Buchhändler abhängig, ſie müſſen ſich die Seele aus dem Leibe ſchreiben, und was ſie eigentlich verdient hätten, kommt ihrem Verleger zu Gute, der wie eine Spinne mitten in ſeinem Netze ſitzt, die unglücklichen Schriftſteller einfängt und ſie ausſaugt, um von dieſem unnatürlichen Raube immer dicker und fetter zu werden. Zuweilen kommt auch das umgekehrte Verhältniß vor, doch ſind dieſe Fälle ſo ſelten, daß ſie gar nicht der Rede werth ſind— ich hoffe, Du verſtehſt mich!“ „Nicht ganz, Herr Walter.“ „Schadet auch nichts, beſonders da wir jetzt zu einer Art von Schriftſtellern kommen, bei denen das Verſtändniß der Sache, über welche ſie ſchreiben, durchaus Nebenſache iſt, und ich fürchte faſt, wir werden Dich in dieſe Kategorie einreihen müſſen. Das ſind die politiſchen Correſpondenten und Kritiker für kleinere Journale, Leute, die über Alles ſchreiben, wenn ſie auch nicht die Spur von einem Begriffe davon haben, heute über Theater, morgen über Kunſtwerke, über die neueſten Erzeugniſſe der Literatur, über gute und ſchlechte Erfindungen, wahre Menſchenfreſſer, die ſich ein Ver⸗ gnügen daraus machen, ihres Gleichen zu zerfleiſchen und lebendig zu verzehren, Vampyre, die ſelbſt kein warmes Blut haben und deßhalb mit entſetzlicher Gier an fremdem Safte ſich erlaben, um hier und da einmal einen warmen, lebendigen Tropfen in ihren kalten, ausgemergelten Körper zu bekommen, Scheuſale, die aber ein gemüthliches Leben führen, viel Geld verdienen und von armen. Künſtlern und Künſtlerinnen gefürchtet und geliebt werden, das heißt geliebt in der Art, wie der Löwe den Löwenbändiger liebt oder die Katze einen unartigen Buben, der ihr Nußſchalen unter die Füße klebt oder eine Schwanzklemme anlegt— ſo ein Kerl ſollſt Du werden, Rafael.“ „Das iſt doch wohl nicht Ihr Ernſt, Herr Walter?“ „Das iſt ſehr mein Ernſt, und Du haſt alles Zeug dazu, ein 242 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. famoſer Kritiker zu werden; es haben ſich in dieſem Fache ſchon viel geringere und viel ungebildetere Leute Geld und Anſehen er⸗ worben. Du biſt ein verſchmitzter, duckmäuſeriger Kerl, Rafael,“ fuhr er fort, indem er abermals in das Skizzenbuch blickte;„ich will Dir damit keine Complimente machen, ſpreche auch von der Vergangenheit— Du biſt ein ſtilles Wäſſerchen— ah,“ rief er, weiter blätternd und laut lachend,„ein Burſche, der beobachtet und, was er geſehen, in Bild und Schrift wiederzugeben verſteht— vor⸗ trefflich, Rüding als Cupido mit Bogen und Köcher und der Unter⸗ ſchrift: ‚Zielt, aber trifft nicht! Ei, was wollteſt Du damit ſagen, mein lieber Freund Rafael?— Doch gleichviel, Du haſt da, viel⸗ leicht ohne es zu wiſſen, eine große Wahrheit geſagt. Um aber wieder auf beſagten Hammel zu kommen, ſo iſt es mein völliger Ernſt, wenn ich Dir anrathe, ſpäter die Laufbahn eines Schrift⸗ ſtellers zu ergreifen, natürlich mußt Du orthographiſch ſchreiben lernen, ſonſt aber haſt du Alles, was dazu gehört— ja, werde Kritiker, mein Sohn; von all' den Dingen, über welche Du als⸗ dann Dein Urtheil abzugeben haſt, verſtehſt Du nicht die Probe, kannſt alſo ſehr unbefangen darüber ſchreiben; ich hoffe, daß Du auch Talent zur Grobheit haſt, und wenn Du Dir dabei eine Partie Unverſchämtheit aneigneſt, ſo wird ſich Deine Sache ſchon machen. Du theilſt das Publikum von vorn herein in zwei Par⸗ teien, Deine Freunde und Deine Feinde: die erſten ſind der Super⸗ lativ des Wunderbaren und Vortrefflichen, die anderen der In⸗ begriff aller Geſchmack⸗ und Talentloſigkeit. Von einem Bilde, welches Du kritiſirſt, haſt Du alsdann nur den Namen unten in der Ecke zu leſen und Dich allenfalls zu erkundigen, wer es gekauft hat, um nach Gefallen dem leichtſinnigen Beſchützer ſchlechter Ma⸗ lerei zu ſagen, daß es eine Schande ſei, für ein ſolches Machwerk ſein Geld hinauszuwerfen, oder dem erhabenen Mäcen den Dank des gebildeten Publikums auszudrücken, daß er ein großes Talent wie dieſes auf ſo edelmüthige Art unterſtützt. Nur mußt Du Dich So leb' denn wohl, du altes Haus! 2483 um Gottes willen in Acht nehmen, daß Du nicht heute den herunterreißeſt, den Du geſtern gelobt. Darum betreibe die Sache ſyſtematiſch, lobe A., C., E., G., tadle B., D. F., H. und ſo fort, und wenn Du das ſtreng und rückſichtslos befolgſt, ſo wirſt Du noch ein gefürchteter Mann werden, bei dem ich mich vielleicht noch einmal im Vorzimmer einfinden muß, ihn um ein freundliches Wort über mein jüngſtes Werk erſuchend— das iſt ſo der Lauf der Welt!“ Walter klappte das Buch zu und warf es gegen Rafael, welcher es mit der uns bekannten Geſchicklichkeit in dieſen Dingen auffing. Dann ſtand der alte Maler auf und bemerkte, während er ans Fenſter trat:„Nun habe ich Dir Angenehmes genug geſagt, ſo daß Du mit Deinem heutigen Sonntage zufrieden ſein kannſt; leider kann ich Dir heute nicht geſtatten, in Deinen künſtleriſchen Be⸗ ſtrebungen fortzufahren, deßhalb wirf das Mohrenſcheuſal dort in die Wolfsſchlucht, nimm das erhabene Kurzholz, wichle eine Ser⸗ viette darum und bringe es in den ‚grünen Baum— Du weißt wohl, das kleine Wirthshaus mit dem großen Garten vor dem Thore auf der Anhöhe an der Landſtraße.“ „Gewiß, Herr Walter, ich weiß das ganz genau und werde ſogleich draußen ſein.“ „Du brauchſt Dich nicht gerade zu arg zu beeilen; es iſt jetzt zehn Uhr, wenn Du nur um Mittag da biſt.“ „Dürfte ich noch um etwas bitten, Herr Walter?“ ſagte Ra⸗ fael ſehr unterwürfig, indem er ſich dem alten Maler geſchmeidig⸗ näherte.„Nicht wahr, Sie ſind ſo gut und ſagen draußen von dem nichts, was Sie hier geſehen? Herr Rodenberg könnte es übel nehmen— und da wird auch wohl Herr Rüding dein, der über Alles ſeine Späſſe macht.“ „Es wäre eigentlich nicht mehr als billig, daß er Dir Gleiches mit Gleichem vergälte: doch ſei ruhig, mein Sohn; um Dir einen Beweis zu geben, wie ſehr ich Dein Talent zu ſchätzen verſtehe, 244 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. will ich dieſen Witz auf meine eigene Rechnung nehmen— ich bin dem Burſchen ſo noch etwas ſchuldig,“ ſetzte er leiſe hinzu,„für die Verlegenheit, in die er mich hätte bringen können bei der Dame in Lila und der verfluchten Mopsgeſchichte; gut, ich will ſchweigen, aber ſei pünktlich Rafael!“ Er verließ die Wohnung; Rafael blieb allein zurück und wollte es alsdann nicht unterlaſſen, ſich vor ſein Bild hinzuſetzen und es zu betrachten, wobei die ſonderbaren Reden Walter's ihm wie ein Dutzend Mühlräder im Kopfe herumſurrten. Da wir es indeſſen für langweilig halten, dem einiger Maßen verwirrten Ideengange des jungen Menſchen Worte zu leihen, ſo begnügen wir uns damit, zu beſtätigen, daß er nach einiger Zeit, aus tiefer, nicht unangenehmer Träumerei erwachend, mit langſamen Schritten nach der Ecke des Zimmers ging, dort die ſonderbare Standarte herunternahm, ſie in ſeine Arme drückte und dazu ſprach:„Erhabenes Kurzholz, ich gelobe Dir feierlich, Alles zu thun, was in meinen Kräften ſteht, um ein tüchtiger Kerl zu wer⸗ den!“— Dann wickelte er dieſes Panier der Künſtlerſchaft in eine alte Serviette und verließ die Wohnung ſeines Herrn, um nach dem ‚grünen Baume’ hinauszuſchlendern. Es war dies ein den Künſtlern wohlbekannter Ort, an der Landſtraße gelegen, wo gewöhnlich die Abſchiedsfeierlichkeiten der⸗ jenigen, welche die Akademie verließen, um nach Hauſe zu reiſen, abgehalten wurden. In dieſem kleinen Wirthshauſe berechnete man für ländliche Mittageſſen ſehr billige Preiſe, das Getränk war gut und nicht theuer, und der geräumige Garten des ‚grünen Baumes⸗ hatte den großen Vortheil, daß er auf einer kleinen Anhöhe lag, von der aus man den aus der Stadt herankommenden Eilwagen, welcher den Abziehenden mitnehmen ſollte, ſchon von Weitem ſehen konnte. Die betreffenden Conducteure waren freundlich genug, hier oben einen Augenblick anzuhalten, um dem Abſchiednehmenden noch eine kleine Friſt zu gönnen und ſelbſt dazu ein Glas Wein zu trinken. So leb' denn wohl, du altes Haus! 245 Es iſt ein Bekannter von uns, Bergmüller, dem heute dieſes ehrenvolle Geleite zu Theil wird. Durch mehr als freundſchaft⸗ liche Vermittlung war ihm eine Stelle in einer bedeutenden litho⸗ graphiſchen Anſtalt in Köln in Ausſicht geſtellt worden, um dort an der Herausgabe eines großen landſchaftlichen Werkes mit⸗ zuarbeiten, eine, wie er ſich ſchmeichelte, angenehme und ergiebige Stellung, die trotzdem anfänglich ein wenig ſeinen Künſtlerſtolz verletzt, welche zu übernehmen er ſich aber doch bereit erklärt hatte, und beſonders aus dem Grunde, weil er im Herzen eine warme Neigung trug für die hübſche Tochter einer verwittweten Haupt⸗ männin, in deren Hauſe er früher gewohnt, die aber ſchon ſeit einem halben Jahre nach Köln zu ihrem Bruder, dem Beſitzer eben jener lithographiſchen Anſtalt, einem alten, kränklichen Jung⸗ geſellen, gezogen war, und da dieſe Liebe ſtark genug war, um alle Vorurtheile zu überwinden, ſo ſehen wir ihn jetzt langſam die Anhöhe hinaufſchreiten mit umgehängter Reiſetaſche, hinter ſich die robuſte Hausmagd, welche auf ihrem Kopfe den ſchmächtigen Koffer des Reiſenden trug. Droben im Garten des ‚grünen Baumes’ war Alles ſo ſchön als möglich zu ſeinem Empfange hergerichtet. Da ſtand auf einem kleinen, freien Platze, unter ſchattenſpendenden Bäumen, die weiß⸗ gedeckte Tafel mit Tellern und blinkenden Flaſchen, da waren in den Zweigen hier und da kleine Fahnen aufgeſteckt mit den ver⸗ ſchiedenen Landesfarben, da prangte an der Gartenthür ein großes B, zierlich aus Laub geflochten, und da war neben dem gedeckten Tiſche die Standarte mit dem erhabenen Kurzholze und ſeinen flatternden Bändern aufrecht in die Erde geſteckt worden. Die verſammelten Freunde empfingen den Helden des Tages bei ſeinem Eintritte in den Garten, und Walter ſagte ihm in wenigen, aber paſſenden Worten, da er nun im Begriffe ſei, das freie und luſtige akademiſche Leben zu verlaſſen und ſich hausbacken und philiſterhaft einzurichten, ſo habe man ihm dieſe kleine Ab⸗ 246 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. ſchiedsfeierlichkeit veranſtaltet, damit er unter einer angenehmen Erinnerung von hier zu ſcheiden im Stande ſei. Nach dieſem offiziellen Empfange drückte Jeder der Anweſenden dem Freunde herzlich die Hand.. Bergmüller hatte ſich ſeinen gewaltigen Haarbuſch ziemlich ſtark verſchneiden laſſen, was den Anweſenden zu allerlei ergötzlichen Bemerkungen Veranlaſſung gab. 4 „Ei, Nebelmüller,“ ſagte van der Maaßen,„Du mußt einer unbarmherzigen Delila unter die Finger gefallen ſein— war es Deine Braut ſelbſt, welche Dir Dein Haupthaar ſo toll ge⸗ „ ſchoren hat?“ „Ich glaube vielmehr, die Hauptmännin⸗Mutter hat ſich, als er neulich in Köln war, ans Werk gemacht,“ meinte Rüding,„um ſeine Kraft für hieſige Verhältniſſe ein wenig zu bändigen, bis er endlich die Tochter heimführt!“ „Dergleichen wäre allerdings bei Dir nicht nöthig,“ erwiederte Bergmüller,„und obgleich Du lange Locken trägſt, ſo hat doch noch nie ein weibliches Weſen von Deiner Kraft etwas zu leiden gehabt!“ „Dafür iſt und bleibt er Suhido, ſagte Walter,„hier ſogleich die Bemerkung Rafael's anwendend,„ein gemalter Liebesgott oder ſo einer, der mit ewig geſpanntem Bogen auf dem Ofen ſteht: zielt, aber trifft nicht!“ „Sehr gut!“ lachte Rodenberg. „Wenn ich auch häufig ins Blaue ziele,“ erwiederte Rüding, „ſo diene ich doch ſehr oft zur Zielſcheibe— Deiner ſtumpfen Witze nämlich, die niemals das Schwarze treffen!“ „Ganz richtig, Du biſt in jeder Beziehung ein würdiger Gegenſtand!“ Rüding war im Begriffe ſich zu ärgern, das bemerkte man an ſeinen zuſammengekniffenen Lippen und an der Art, wie er als⸗ dann haſtig ſeine blonden Locken hinter die Ohren ſtrich; doch So leb' denn wohl, du altes Haus! 247 ſagte ihm Bergmüller lachend:„Laß es gut ſein, ſanfter Eduard, ſteck' das ein, was man Dir geſagt, denn Du warſt es doch, der mit ſcharfen Bemerkungen anfing, und was mich anbe⸗ langt, ſo bin ich viel zu gut gelaunt, um in dieſem Tone fort⸗ zufahren.“ „Waſſermüller hat Recht!“ rief van der Maaßen—„kommt, ſetzt Euch, dort wird auch ſchon die Suppe aufgetragen!“ „Und nicht zu früh,“ meinte Walter;„denn wir haben kaum zwei Stunden, bis der Eilwagen vorüberkommt— haſt Du dem dicken Wirthe geſagt, daß er nicht zu langſam ſervirt, denn ſonſt würde das Poſthorn ertönen, ehe wir mit unſerem kleinen Diner zu Ende ſind!“ „Alles iſt aufs beſte beſorgt.“ „So ſetzen wir uns.“ „Du dort oben an, Kohlenmüller.“ „Es geht mir wie den lieben Kindern,“ ſagte der Gefeierte lächelnd,„ſie haben viele Namen.“ „Und da Du leider fortgehſt, müſſen wir heute noch Gebrauch davon machen.“ „Genirt Euch durchaus nicht.“ „Nimm Dich in Acht, Waſſermüller, wenn wir der Reihe nach auf alle Deine Namen Toaſte ausbringen, ſo glaube ich, daß Dich der Conducteur nicht ins Coupé zu anſtändigen Leuten ſetzt, ſondern er ſchickt Dich oben zwiſchen die Koffer.“ „Meinetwegen, da liege ich denn ganz behaglich und ſchlafe.“ „Die Suppe— wer legt die Suppe vor?“ „Meint Ihr nicht, man ſollte dieſes Geſchäft Rüding über⸗ tragen? Er wird uns alsdann zeigen, wie man das in vornehmen Häuſern zu machen pflegt.“ 4 „Schwacher Kerl!“ „Ich bin für Knorx,“ ſagte Rodenberg—„Rüding würde es allerdings zierlich machen, aber Knorx unparteiiſcher, und da 248 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. ich in der Fleiſchſuppe delicate Klöschen bemerke, ſowie auch Krebs⸗ ſchwänze, ſo bin ich ſehr für Unparteilichkeit.“ „Alſo Knorx.“ „Ja— Knorx, vorwärts ans Werk!“ Der lange Bildhauer erhob ſich mit ernſter Miene, zeigte ſein Haupt nach allen Richtungen hin und ſagte mit dem eigenthümlichen dumpfen Tone ſeiner Stimme:„Ich will das Geſchäft übernehmen, doch unter Einer Bedingung.“ „Laß hören, Knorx.“ „Ihr müßt vorher Euer Tiſchgebet ſprechen; anders thue ich es nicht.“ „O— o— o— ob!* „Knorx hat Recht,“ ſagte Walter nach einer Pauſe;„Ihr Burſchen ſollt Eure Dankbarkeit dafür beweiſen, daß Ihr'mal was Gutes zu eſſen bekommt— aber da leider die Wenigſten von Euch noch etwas von einem Tiſchgebete wiſſen werden, ſo ſoll Knorx es für uns beſorgen, aber ich verlange, daß Ihr mit An⸗ ſtand zuhört.“ Darauf erhob ſich der lange Bildhauer langſam und feierlich und blickte an den blauen Himmel empor, während er, die Hände faltend, ein kurzes Gebet mehr für ſich wie für die Andern murmelte. „So,“ ſagte Walter, indem er ziemlich herausfordernd rings um ſich her ſchaute—„hat Euch das was geſchadet oder wird Euch die Suppe weniger gut ſchmecken?“ „Im Gegentheil— Knorx hatte Recht, uns dazu anzuhalten.“ „Und wir hatten Recht, Knorx zu überreden, daß er die Suppe vertheile— ſeht, er macht das mit einer wunderbaren Genauigkeit.“ „Ich hätte es auch ſchön gemacht,“ meinte Rüding zu einem jüngeren Maler, der neben ihm ſaß und bei dem er ſich ſchon erlauben konnte, hinzuzuſetzen, daß man es ihm nie erlaſſe, in den vornehmen Häuſern, wo er häufig eingeladen ſei, die Suppe vor⸗ So leb' denn wohl, du altes Haus! 251 „Die Hauptmännin hat wahrſcheinlich von Deiner Leidenſchaft gehört, überall Schrauben auszuziehen, und das iſt gewiß ab⸗ ſchreckend.“ „Ein ſchlechter Witz, Walter.“ „Gewiß ein ſchlechter Witz,“ ſagte Rodenberg,„denn van der Maaßen iſt eine ſo reputirliche Perſon wie irgend Einer.“ „Das kommt auf die Jahreszeit an,“ meinte ein Anderer. „Wie ſo?“ rief van der Maaßen in unwilligem Tone. „Zu Anfang des Jahres haſt Du einen neuen Anzug und ſiehſt ziemlich anſtändig aus— hat derſelbe aber einmal Frühjahr, Sommer und Herbſt durchgemacht und iſt zur Winterszeit auch an dem Winter ſeines eigenen Lebens angelangt, ſo iſt er wie die Natur alsdann, kahl und abgemaust, und nicht mehr als Empfeh⸗ lungsbrief zu brauchen.“ Van der Maaßen zuckte verächtlich die Achſeln, hob das gefüllte Glas empor und that etwas ſehr Geſcheites: er trank daſſelbe auf Einen Zug leer, pätſchelte ſich alsdann auf ſeine eigenen, dicken Backen und ſagte:„Ich habe ſoeben auf die Geſundheit eines ganz vortrefflichen Kerls getrunken, eines guten Kerls, veſſen Schale zuweilen meinetwegen unſcheinbar iſt, die aber einen edlen und vor⸗ trefflichen Kern umſchließt— bei Euch iſt leider das Umgekehrte der Fall, wurmſtichiger Kern in glänzender Schale.“ „Trotz des Compliments, das Du uns machſt, kann ich mich doch nicht enthalten, auf die Geſundheit jenes vortrefflichen Kerls ebenfalls mein Glas auszutrinken— van der Maaßen ſoll leben hoch, hoch und abermals hoch!“ „Schnädderdäng däng däng!“ machte der junge Maler neben Rüding, indem er ſeine Hand wie eine Trompete vor den Mund hielt. „Unſer Geſprächsthema von vorhin iſt noch nicht erledigt,“ ſagte Knorx nach einer Pauſe;„ich bin von Bergmüller überzeugt, daß, wenn Einer von uns nach Köln kommt, er von ihm vortreff⸗ lich aufgenommen wird.“ 8 8 2⁵5² Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Bei ihm wohl, aber— Frau Schwiegermutter— o weh, o weh!“ „Wann heiratheſt Du denn eigentlich?“ „Gleich nach Neujahr!“ „Schade, Du hätteſt wohl warten können bis nach Carneval, da hätten wir Dich beſucht,“ ſagte van der Maaßen. „O, was das anbelangt,“ gab Bergmüller in einem keck ſein ſollenden Tone zur Antwort(doch klang derſelbe nicht ſo offen und friſch, als man es ſonſt an dem Sprecher gewohnt war),„auch wenn ich verheirathet bin, ſoll mich nichts hindern, gute Freunde bei mir zu empfangen— natürlich, wenn wir Platz haben!“ „Ah, wenn Ihr Platz habt!“ „Nun, verſucht's einmal!“ „Nimm Dich in Acht, Bergmüller,“ ſagte Knorx,„es wäre mir in der That nicht lieb, wenn Du bei einer ähnlichen Veran⸗ laſſung eine traurige Figur ſpielteſt!“ „Pah ich?“ „Ich kenne das,“ fuhr der lange Bildhauer fort;„man empfängt alsdann ſeine Freunde mit einer ſcheinbar herzlichen Ge⸗ müthlichkeit, wobei man aber verſtohlen und mit verlegener Miene nach dem Nebenzimmer blickt. ‚Freut es Dich, daß ich Dich end⸗ lich einmal beſucht, nachdem Du mich ſo oft eingeladen? ‚O, ungeheuer! ‚Werde ich Dich auch nicht geniren? Große Kunſt⸗ pauſe. Da erklingt aus dem Nebenzimmer eine Stimme, die in ſcharfem und unangenehmem Tone ſagt: ‚Wir würden uns ſehr freuen, wenn wir nur Platz hätten— aber wir haben leider keinen Platz— gewiß, keinen Platz!“ Der ernſte Bildhauer hatte dieſe kleine Scene mit ſolcher Wahrheit unter abwechſelnden Stimmen geſprochen, daß Alle in ein lautes Gelächter ausbrachen, mit Ausnahme des Malers Strö⸗ bel, welcher ſagte:„das iſt zu wahr, um darüber zu lachen,“ und Bergmüller's, welcher vor ſich niederblickte und ſeine ganz be⸗ ſonderen Gedanken zu haben ſchien. — So leb' denn wohl, du altes Haus! 253 „Nach dieſer Antwort,“ fuhr Knorx mit großer Ruhe fort, „nimmt man ſein Reiſegepäck wieder unter den Arm und dann....“ „Zieh', Schimmel, zieh—a—i— a-— ieh',“ intonirte van der Maaßen mit kräftiger Stimme, worauf die An⸗ dern einfielen: „Im Dreck bis an die Knie'.“ „Und trotz alledem lade ich Euch ein, wenn Ihr kommen wollt,“ rief Bergmüller in herausforderndem Tone,„während oder auch nach dem Carneval— ich will Euch dann zeigen, wer Herr im Hauſe iſt!“ „Es wäre auch eine Schande, wenn Du's nicht wäreſt,“ meinie Walter brummend—„ein ſolch vierſchrötiger Kerl, mit einem Haarbuſche wie Simſon, neben einer ſo kleinen, ſchmächtigen Flan — ich habe das Glück, Deine Auserwählte zu kennen, und meine. „Bei dieſen Neckereien fällt mir ein,“ unterbrach ihn Noden⸗ berg, nachdem er mit dem Meſſer an ſein Glas geklopft,„daß wir es ſchändlich vernachläſſigt haben, auf das Wohl der Dame zu trinken, welche ihm ihr Herz geſchenkt! Erlaubt mir, dieſen Fehler wieder gut zu machen,“ ſetzte er aufſtehend hinzu, und fuhr als⸗ dann, nachdem er ſich geräuſpert, fort:„Wir haben einen Mann unter uns, der im Begriffe ſteht, oder vielmehr im Begriffe ſitzt, den Kreis von Freunden zu verlaſſen, die ſich heute hier ſo freund⸗ lich um ihn geſchaart haben— dieſer Mann, unſer Freund Berg⸗ müller, hat aber nicht nur die Abſicht, uns zu verlaſſen und ſich eine neue und hoffentlich ſchönere Exiſtenz zu ſchaffen, ſondern er will ſich auch mit einem Weſen verbinden, welches die Kühnheit hat, mit ihm künftig vereint durchs Leben zu wandeln— da ich nun die Kühnheit aufs höchſte achte, ſo erlaube ich mir, mein Glas auf das Wohl dieſer Dame avezuttinten— ſie lebe hoch, hoch und abermals hoch!“ Alle ſchrieen luſtig und kräftig mit, und das Anklingen der 254 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Gläſer wollte gar nicht aufhören, denn rechts hieß es: ‚Die Wald⸗ müllerin ſoll leben! links: ‚Hoch die Nebelmüllerin!’ und von anderer Seite: ‚Die Kohlenmüllerin!; und als nun gar Einer ſchrie: ‚Auf das Wohl der Waſſermüllerin!’ da nahm das Geſchrei ſo lange kein Ende, bis van der Maaßen die glückliche Idee hatte, den allgemeinen Jubel dadurch in die Gränzen des Geſanges ein⸗ zulenken, daß er anfing: „In einem kühlen Grunde Da geht ein Mühlenrad, Mein Liebchen iſt verſchwunden, Das dort gewohnet hat.“ Dieſes an ſich ſo ſchöne Lied verfehlte auch hier ſeine gewöhn⸗ liche Wirkung nicht: die erſte Strophe wurde mit derjenigen heiteren Begeiſterung geſungen, die Jeder fühlte, indem er dabei an irgend eine Mühle dachte in irgend einem kühlen Grunde, zu der er einſt hinabgeſtiegen war, um dort eine ſchöne Müllerin oder ſonſt etwas Aehnliches zu finden; die zweite, dritte und vierte Strophe gaben ſchon etwas Ernſtliches zu bedenken, denn welchem unter den Sängern hier am Tiſche war es nicht ſchon vorgekommen, daß ihm ein Liebchen ver⸗ oder entſchwunden war! „Sie hat mir Treu' verſprochen, Gab mir ein'n Ring dabei; Sie hat die Treu' gebrochen, Das Ringlein ſprang entzwei.“ Da erblickte man Manchen düſter vor ſich auf den Teller oder an den Himmel hinaufſchauend, und dabei klangen ſämmtliche Stimmen nicht mehr ſo friſch, als zu Anfang des Liedes; doch fand ſich die fröhlichere Stimmung beim beneidenswerthen Leicht⸗ finne der jugendlichen Gemüther mit dem letzten Verſe wieder ein, unnd jeder, der durch ein entſchwundenes Liebchen oder durch ein geſprungenes Ringlein tief gelitten, heiterte ſich bei dem Gedanken wieder auf, als Spielmann durch die weite Welt reiſen zu können und eine Weiſe zu ſingen, wo und wie es ihm gefiele. So leb' denn wohl, du altes Haus! 2⁵55 Ob Knorx, welcher in dieſem Augenblicke den Kopf in die Hand geſtützt und die Augen hoch gen Himmel erhoben hatte, unter ähnlichen Gedanken litt, wiſſen wir nicht genau anzugeben; wenn er aber eines lang entſchwundenen Liebs gedachte, ſo geſchah dies mit Begeiſterung, denn ſeine Augen leuchteten und ſchienen Gedanken in ferne Welten zu tragen, vielleicht auf irgend einen Stern, wo er diejenige vermuthete, welche er einſtens geliebt. Rodenberg, welcher dieſe begeiſterten Blicke bemerkte, konnte ſich nicht enthalten, langſam aufzuſtehen und von einer alten Mauer, welche den Garten einfaßte, einen Epheuzweig abzureißen, den er raſch zu einem Kranze wand und ihn auf das Haupt des langen Bildhauers drückte, was von den Andern mit großem Jubel auf⸗ genommen wurde. „Wahrlich,“ rief Rüding,„ſo habe ich mir immer die alten, biderben Ritter gedacht, wenn ſie, nach abgelegtem Helme, den Siegeskranz ums Haupt, an der Seite holdſeliger Frauen bankettirten!“ „Oder einen jener Minneſänger, der im Kampfe des Geſanges geſiegt und mit dem Eichenkranze geſchmückt wurde!“ rief van der Maaßen ſchwärmeriſch aus—„ach, das muß eine herrliche Zeit geweſen ſein, hätte ich nur damals gelebt, ich bin überzeugt, mit dem Schwerte und der Harfe Wunderbares geleiſtet zu haben!“ „Vielleicht hätteſt Du auch Anlagen zum Tannhäuſer gehabt,“ ſagte der ſanfte Eduard ſpöttiſch;„doch würde mich in dem Falle Frau Venus gedauert haben.“ „Darüber kannſt Du Dich beruhigen,“ gab van der Maaßen in etwas bitterem Tone zur Antwort;„mit einer Frau Venus, die einen ſolchen Liebesgott wie Dich zur Welt gebracht, würde ich mich wahrlich nicht abgegeben haben— pfui Teufel!“ Rüding, der etwas zu viel getrunken hatte, erhob ſich raſch von ſeinem Sitze und ſchleuderte ſeinem Gegenüber einen jener Blicke zu, die wohl im Stande ſind, uns mit Wuth, Zorn, vielleicht Zweiundzwanzigſtes Kapitel. auch mit Furcht zu erfüllen, der bei dem ſanften Eduard aber von ſolch komiſcher Wirkung war, daß van der Maaßen laut auf⸗ lachte und Walter ſich veranlaßt ſah, den kleinen, blondgelockten Liebesgott ruhig am Kragen zu packen und etwas unſanft auf den Stuhl niederzuſetzen, wobei er ihm zubrummte: „Ich bitte mir aus, daß Du Ruhe gibſt— es iſt wahrhaftig um des Teufels zu werden! Will man einmal eine vernünftige Bemerkung machen, ſo fängt dieſes Grobzeug Händel an und ſchneidet Einem die Worte vor dem Maul ab— was wollte ich doch eigentlich ſagen?“ „Ja, wer kann das wiſſen,“ ſagte Rodenberg—„auf etwas könnte ich allenfalls rathen, das Du habeſt ſagen wollen.“ „Und was denn, Bürſchlein?“ „Daß die deutſche Kunſt todt ſei.“ „Nichtig, wir haben das heute noch nicht von Dir ver⸗ nommen.“ „Das könnte man Euch allerdings nicht häufig genug ins Gedächtniß zurückrufen,“ knurrte der alte Maler;„doch es war was Anderes— ich wollte nämlich ſagen, daß Knorx mit einem Epheukranze auf ſeinem merkwürdigen Schädel wie ein alter Druide ausſieht, ungefähr wie der Vater der liederlichen Norma.“ „Wahrhaftig, er hat Recht!“ riefen Bergmüller, Ströbel und ein paar Andere. „Ja, ja,“ meinte auch Rodenberg;„hängen wir ihm ein weißes Gewand um, und der Seher iſt fertig.“ „Ein Tiſchtuch, ein Tiſchtuch!“ ſchrieen einige Andere, und als das Verlangte raſch gebracht worden war, wurde der lange Bildhauer, der, ſtill lächelnd, Alles mit ſich geſchehen ließ, in größter Geſchwindigkeit und mit außerordentlichem Geſchicke von Walter und Ströbel mit dem weißen Tuche trapirt, dann mit einem ſchnell herbeigeholten Stricke umgürtet, ſo daß er nun in der That mit ſeinem hageren, ausdrucksvollen Geſichte zu einem 57 So leb' denn wohl, du altes Haus! vortrefflichen Modell einer jener Prieſter des alten heidniſchen Waldcultus hätte dienen können. 4 Dabei ſtand er aufrecht an ſeinem Platze, hatte die Arme ꝓ über die Bruſt gekreuzt und erhob ſeine Blicke mit einer ſolchen Innigkeit gen Himmel, daß es Einem förmlich zu Muthe wurde, wie Walter flüſterte, als ſtände er vor dem Opferſteine, um aus den Eingeweiden des hingeſchlachteten Rüding oder eines ſonſtigen Opferthieres die Zukunft zu enthüllen. Jetzt erhob er langſam ſeinen rechten Arm, deutete um ſich her auf die ſonnenbeglänzte Landſchaft und ſagte mit ſeiner tiefen, melancholiſchen Stimme:„Schaut um Euch auf Berg und Thal, auf die Bäume und Sträucher dieſes Gartens, ja, Jeder auf ſeinen 1 Nachbar, und Ihr werdet finden, daß der Frühling und Sommer ſowohl in der Natur, als auch mit wenigen Ausnahmen in uns vorüber iſt: der Herbſt will kommen und beginnt das Laub der Bäume und auch das Haar auf unſeren Häuptern zu färben. Wißt Ihr wohl, welches Gefühl mich beſchleicht, wenn ich ſo die gelb gewordenen Blätter anſchaue? Ein Gefühl, das auch in Euren Herzen rege wird, wenn Ihr den ſo maleriſch gefärbten Wald betrachtet oder wenn ein welkes Blatt langſam in der Luft umherwirbelt und dann zu Euren Füßen niederfällt— Ihr habt die Sehnſucht, davonzuziehen in ein glücklicheres Land, wo nicht das, was wir Winter nennen, dem entſchwundenen Herbſte folgt, wo nach dem heißen Sommer und dem fruchtbringenden Herbſte allerdings auch eine andere Jahreszeit eintritt, in welcher ebenfalls hier und da die Blätter von den Bäumen fallen, aber nicht, um die ſchwarzen Zweige beſenhaft erſcheinen zu laſſen, ſondern um Durchſicht zu gewinnen auf den tiefblauen Himmel, auf immer⸗ grüne Bäume und auf weißſchimmernde Marmorbilder— ja, dort⸗ hin geht Euer leicht begreifliches Sehnen— aber Viele ſind berufen, doch Wenige auserwählt, und wenn ich umherſpähe, um an Euch das Zeichen zu entdecken, welches allein wahre, echte Kunſt ver⸗ N 258 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. kündet, ſo ſehe ich nur über wenigen Stirnen die heilige Flamme lodern.... Er ſprach das Alles in ſo eigenthümlicher und eindringlicher Weiſe, und dabei brannte in ſeinen Augen ein ſo ſeltſames Feuer, daß die Meiſten ihn verwundert, faſt beſtürzt anſchauten; nur van der Maaßen allein, der ſich mit einem tüchtigen Schlucke geſtärkt, meinte in gleichgültigem Tone: „Natürlich, Euch kommt das ſonderbar vor— ich aber bin dergleichen ſchon gewohnt und verſichere Euch, es wird noch beſſer kommen.“ „Ich will Euch wahrlich nicht ſagen,“ fuhr der Seher im weißen Tiſchtuche und dem Epheukranze fort,„über welcher Stirn ich eine wirkliche Flamme entdecke, oder wo einen matten Funken wie an einem ausgebrannten Schwefelholze, oder wo ein dünner Rauch, oder wo gar nichts. Und doch iſt alles das hier in unſerem kleinen Kreiſe vertreten; ich wollte Euch auch nicht nur ſagen, daß in dem Herzen der meiſten von Euch jene Sehnſucht nach einem ſchöneren Lande und einer milderen Sonne ruht, dazu braucht man in der That nicht die Gabe des Hellſehens zu haben, wie ich ſie leider empfangen, ſondern, da der Geiſt einmal mächtig über mich gekommen, kann ich nicht anders, als Euch verkündigen, daß nur wenige unter Euch ein glänzendes, ein gutes, ja, ein genügendes Ziel erreichen werden.“ „Natürlich,“ brummte Walter vor ſich hin,„die deutſche Kunſt iſt ja todt— um uns das zu verkündigen, brauchen wir Dich nicht, alter Maulwurf!“ „Laßt ihn doch,'s iſt ja nur ein Scherz,“ rief Bergmüller, „oder vielmehr der Wein, der aus ihm ſpricht!“ Doch ließ ſich Knorx durch dieſe Einreden durchaus nicht ſtören.„Es iſt freilich kein Kunſtſtück, Euch das zu ſagen, dazu braucht man nur Eure Werke zu betrachten,“ fuhr er unerſchütter⸗ lich fort;„das war es auch nicht, was ich mit meinem inneren —. — 427—ÿ So leb' denn wohl, du altes Haus! 259 Auge ſah, nachdem mich Euer eigener Wille zum Seher umge⸗ wandelt— ſchaut dorthin,“ ſagte er nach einer Pauſe, indem er mit der rechten Hand nach Weſten zeigte,„ſeht Ihr dort jene Vogelſchaar, die langſam gen Süden fliegt? Sie zieht dahin über Berg und Thal, über Flüſſe und Seen, über einſame Haiden, über volkreiche Städte, immerfort, immerfort, und wird ſich endlich auf einem jener glücklichen Länder niederlaſſen, von denen ich vorhin ſprach, die in unſerer Phantaſie leben und worauf wir ſehnſüchtig hoffen!— Ja, alle hofft Ihr darauf— alle! Aber ſoll ich Euch ſagen, wie viele von uns ſich dort zuſammenfinden werden? Nur drei— und wenn ich wollte, könnte ich ſie mit Namen nennen!“ „Nenne Sie!“ riefen einige mit erhitzten Köpfen. „Nein, nein, er ſoll ſie nicht nennen!“ ſagten Andere. „Ich werde ſie auch nicht nennen,“ ſagte der lange Bildhauer in ruhigem Tone;„aber denkt an den heutigen Tag, denkt an die heutige Stunde— nur drei von uns, aber dieſe drei werden ein ſchönes, großes, glückliches, langes Künſtlerleben führen. Was die Anderen anbelangt,“ ſetzte er achſelzuckend hinzu,„ſo werden ſie aus⸗ löſchen, wie die Nachtlichter, ohne recht geleuchtet zu haben, und ihre Namen werden verwehen, wie Rauch im Winde.“ Es war eigenthümlich, wie dieſe Worte des melancholiſchen Bildhauers ſo gar keinen Eindruck auf ſämmtliche Anweſende machten: war doch Jeder überzeugt, daß er unter den drei Glück⸗ lichen ſei, die jener im Geiſte geſehen, und als ſich nun Knorx wieder geſetzt hatte und mit einem eigenthümlichen, traurigen Lächeln um ſich ſchaute, bemühten ſich Alle, die Gläſer zu füllen und mit ihm anzuſtoßen, vor Allen Rüding, welcher ſich nicht ent⸗ halten konnte, ſein Glas dreimal nach einander gegen das des Anderen klingen zu laſſen. 3 In dieſem Augenblick trat Jemand durch die Gartenthür herein, der mit allgemeinem Jubel begrüßt wurde, ſowie man ihn erblickt hatte. 8 260 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Michel Angelol“ ſchrieen die Einen. „Schmitz, es iſt famos, daß Du noch kommſt!“ „Aber ſo ſpät, armer Kerl— Du wirſt nichts mehr zu eſſen kriegen!“ „Als ein halber Künſtler,“ ſagte der kleine Mann munter la⸗ chend,„darf ich auch nur in der zweiten Hälfte des Diners kommen.“ „Wenn auch nur ein halber Künſtler, ſo doch ein ganzer Kerl!“ ſchrie Rüding, indem er ihm das gefüllte Glas hinhielt— „komm', wir ſtoßen an: Schmitz ſoll leben!“ „Und auch Du, Rüding!“ „Und die Anderen!“ „Alles ſoll leben!“ „Und vor Allem das, was wir lieben!“ rief Bergmüller.— Und damit ſchien er den beſten Trinkſpruch ausgebracht zu haben, denn die Gläſer klangen und klirrten ſo heftig aneinander, daß mehr als eines in Scherben ging und in einem hohen Bogen auf die Seite geworfen wurde. „Ja, was wir lieben!“ wiederholte Michel Angelo, und dabei leuchteten ſeine Augen ſo glückſelig, daß Walter, neben dem er Platz genommen, den Arm um den Hals des kleinen Mannes legte, ihn näher zu ſich zog und ihm ins Ohr flüſterte: „Man ſagt, daß Du ein kleines Ungeheuer biſt und daß man Dir Glück wünſchen darf— iſt es ſo, dann ſtoße ich mit Dir noch ein⸗ mal leiſe an— die rohen Geſellen dort brauchen nichts davon zu wiſſen.“ Nach dieſen Worten ſchaute Schmitz ſeinen Nachbar auf das freundlichſte an, und ohne etwas zu erwiedern, erhob er ſein Glas und ſtieß es klingend mit dem des Anderen zuſammen. „So leb' denn wohl, du altes Haus!“ brüllte van der Maaßen, wobei er dem Bergmüller ſo kräftig die Hand ſchüttelte, daß dieſer, welcher ohnehin nicht mehr ſtark im Gleichgewichte war, beinahe zu Boden gefallen wäre. „—— * So leb' denn wohl, du altes Haus! 261 „Ich zieh' betrübt aus Dir hinaus!“ „Weiß der Teufel,“ ſagte er alsdann, ſeinen Geſang unter⸗ brechend,„daß ich immer melancholiſch werde, ſo oft ich ein paar Gläſer mehr trinke— auch jetzt wieder muß ich mich hundemäßig in Acht nehmen, nicht an Sie zu denken— Sie, die Eine, Kleine, Meine— denn wenn ich an Sie denke, ſo kann ich mich der tiefſten Wehmuth nicht erwehren!“— Dabei verzog er ſein breites Maul zu einem traurig ſein ſollenden Grinſen. Rodenberg hatte wohl gehört, was Walter ihm gegenüber vorhin dem Andern zugeflüſtert; er hatte es auch verſtanden, und es durchzuckte ihm das Herz eine Secunde lang wie mit wilder Eifer⸗ ſucht, wobei er aber in der nächſten Zeit ſelbſt lächeln mußte. Und wenn das Unglaubliche wirklich wahr wäre, dachte er, was geht's dich an! Kann es den Werth einer Perle verringern, wenn die andere, äußerlich ganz gleiche, in einen Sumpf fällt— und doch wieder, welch unerhörtes, ſchamloſes Glück!“— Er biß heftig die Lippen auf einander und ſprang auf, um einen Gang durch den Garten zu machen. Da klang von der Stadt her der helle Ton des Poſthorns, die Fröhlichkeit mit einem Male zerreißend, die heitere Geſellſchaft gewaltſam aufſtörend. Walter hatte ſich ebenfalls ſo raſch, als es ihm möglich war, erhoben und holte mit breitſpurigen Schritten, welche ſeinem ſchwankenden Gange etwas Feſtigkeit geben ſollten, das erhabene Kurzholz herbei, das nun von ihm, beim letzten Acte des Abſchieds, bis an den Eilwagen der Geſellſchaft vorangetragen werden mußte. Dieſe füllte noch einmal raſch die Gläſer, leerte ſie und behielt ſie alsdann in der Hand, um unmittelbar vor dem Wagen den letzten Trunk zu thun, zu welchem Zwecke Rafael ein paar Flaſchen Wein draußen vor dem Gartenthore hütete. L 8 8 262 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Und das Poſthorn erſcholl näher und näher. Walter ſchritt nun voran, die Fahnenſtange mit dem erhabenen Kurzholze, an welchem die bunten Bänder anmuthig hin und her flatterten, hoch emportragend, und die Freunde folgten paarweiſe, das ſchöne Lied ſingend: „Muß i denn, muß i denn Zum Städtle hinaus— Städtle hinaus, Und Du, mein Schatz, bleibſt hier—“ Waren es die Worte jenes Liedes, oder der Abſchied von den guten, alten Freunden, oder trug der genoſſene Wein auch ſeine Schuld daran, was den Bergmüller plötzlich ſo trübe ſtimmte, ge⸗ nug, er zwinkerte ſo ſtark mit den Augen und zog alsdann, in ein gelindes Heulen ausbrechend, ſein Taſchentuch hervor. Dabei müſſen wir geſtehen, daß dieſe Bewegung anſteckend wirkte, denn Rüding lächelte mit krampfhaftem Grinſen, um ſeine Rührung zu ver⸗ bergen, und van der Maaßen ſchneuzte ſich viel öfter, als noth⸗ wendig war, ſeine dicke Naſe. So gelangte der Zug vor das Gartenthor, wo der Eilwagen eben hielt und ſich der Poſtillon bequem in ſeinen Sattel ſetzte, um aus den Händen Rafaels ein Glas Wein in Empfang zu nehmen, während der Conducteur mit der bekannten Geſchäftigkeit dieſer Leute aus ſeinem Coupé kletterte und mit jener Eindringlichkeit zur Eile antrieb, von der wir im voraus überzeugt ſind, daß ſie nicht ſo böſe gemeint iſt. Auch befolgte dieſer würdige Beamte durchaus nicht ſeine eigenen Ermahnungen, denn als er ſich einmal hinten am Wagen befand, wo er von den Mitreiſenden nicht mehr geſehen werden konnte, da ließ er ſich die Flaſche Wein, welche der Wirth ihm hier überreichte, außerordentlich wohl behagen, ja, er ſah es freundlich ſchmunzelnd mit an, wie nun die ganze Geſell⸗ ſchaft der Künſtler zu zwei und zwei, das erhabene Kurzholz an der Spitze, dem Ritual gemäß dreimal um den Wagen herumzog, wobei wir nicht verſchweigen dürfen, daß van der Maaßen gierige So leb' denn wohl, du altes Haus! 263 Blicke nach einigen hervorragenden Schrauben warf, wie als⸗ dann Walter den Abſchiednehmenden dreimal mit der Spitze der Standarte an der Schulter berührte und zu ihm alſo ſprach: „So entlaſſen wir Dich denn hiermit aus dem engeren Künſtler⸗ verbande, indem wir Dich dabei ermahnen, dem weiten Kreiſe, der ſich um alle Künſtler ſchlingen ſoll, ſo weit die deutſche Zunge klingt, gerecht und treu zu bleiben— fahre wohl!“ Die Paſſagiere, welche im Wagen ſaßen, ſtreckten überraſcht ihre Köpfe, ſo viel deren Platz hatten, zu den Fenſtern heraus, um nach der Urſache dieſes Anhaltens zu ſpähen, und dabei war der Anblick, welchen ihnen der ſonderbare Umzug der Künſtler ge⸗ währte, nicht dazu geeignet, ihr Erſtaunen zu vermindern. Jetzt kletterte Bergmüller, deſſen Rührung in der That den höchſten Grad erreicht hatte, auf ſeinen Platz, und als nun der Conducteur hinter dem Wagen hervorkam und mit auffallend poltern⸗ der Stimme fragte, ob man denn noch nicht fertig ſei und ob der Poſtillon endlich fahren wolle—„Sternelement, ich werde Ver⸗ ſäumniß haben und Strafe zahlen müſſen!“— und ſich alsdann mit der Leichtigkeit eines Vogels auf das Trittbrett ſchwang, da zogen die Paſſagiere ihre Köpfe ein, da ließ Bergmüller, unfähig, zu reden, ſein Taſchentuch flattern, da gewann der Poſtillon wieder ſeinen alten, correcten Sitz, ſchnalzte mit der Zunge und ließ die Peitſchenſchnur, nachdem ſie einen großen Bogen beſchrieben, knallend zwiſchen die Vorderpferde hineinfallen. „Leb' wohl, Bergmüller!“ „Fahr' wohl, Nebelmüller!“ „Behüt' Dich Gott, Kohlenmüller!“ „Auf Wiederſehen, Waldmüller!“ Dahin rollte der Wagen, den leichten Abhang hinab, was die Pferde laufen konnten, eingehüllt in eine Staubwolke, und Alle blickten ihm mehr oder minder wehmüthig nach, ſogar Walter ſchien bewegt, als er ſo da ſtand, ſich an die Standarte wie an eine 264 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Hellebarde lehnend. Wie viele hatte er ſchon hinausgeleitet an den ‚grünen Baumt, und wie oft war das ſchon gleichbedeutend ge⸗ weſen, als hätte er ſie zur ewigen Ruheſtätte geleitet— ſie waren verſchollen und vergeſſen, man hatte nie mehr etwas von ihnen ge⸗ hört! Und nun heute wieder Einer, von dem man ja nicht wiſſen konnte, ob er ſich noch erinnern werde an die getreuen Freunde, die ihm mit feuchten Augen das Geleite gegeben— und dann in einigen Tagen vielleicht ein Anderer, der abreiste, und wieder Einer, und dann wieder ein Anderer, und ſo fort! Und über dieſen Gedanken verfiel der alte Maler in traurige Träumereien, und er ſah ſich als den Letzten, der noch übrig war, und mußte alſo ſelbſt ſeine einzige Begleitung bilden, das erhabene Kurzholz hoch in der Hand tragend, und dann pflanzte er daſſelbe dort am Wege auf einen Steinhaufen, und da blieb es wahr⸗ ſcheinlich ſtehen, lange, lange Jahre, bis ſeine bunten Bänder herab⸗ fielen, bis die Stange in ſich zuſammenbrach und bis das erhabene Kurzholz ſelbſt niederfallend zwiſchen den Steinen verſchwand! Es war gut, daß in der allgemeinen Rührung, welche ſich ſämmtlicher Geſellen bemächtigt hatte— denn Alle waren von ähn⸗ lichen Gedanken wie Walter bewegt worden—, van der Maaßen ſo viel Humor behalten hatte, das hierhin wohl paſſende Lied eines Poſtillons anzuſtimmen— paſſend auf die allgemeine Stimmung und beſonders auf den Ton des Poſthorns, das wie als letzten Gruß des Freundes von fern noch einmal ſchmetternd herüberklang und von welchem eine Strophe heißt: „Ein Mühlrad und ein Menſchenherz Wird ſtets umhergetrieben, Und wenn es nichts zu reiben hat, So wird es ſelbſt gerieben.“ 31 — 4 1 —— —